(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Psychosexueller Infantilismus (Die seelischen Kinderkrankheiten der Erwachsenen). [Störungen des Trieb und Affektlebens. (Die parapathischen Erkrankungen) V. Band]"



PSYCHOSEXUELLER 

INFANTILISMUS. 



(DIE SEELISCHEN KINDERKRANKHEITEN DER ERWACHSENEN.) 



VON 



D R WILHELM STEKEL 

NERVENARZT IN WIEN. 



MIT 8 TEXTABBILDUNGEN. 



URBAN & SCHWARZENBERG 

BERLIN WIEN 

N., FRIEDRICHSTRASSE 105b I., MAHLERSTRASSE 4 

* 1922. 



. 



Verlag von Urban & Schwarzenberg in Berlin und Wien. 



jrxrrTitT 



System der Neurose. 

Von Dr. med. Emil Kugler, Gmunden. 

M 33.— , geb. etwa M 51.— . 

Ein beachtenswerter Versuch, die wechselnden Krankheitsursachen und Krankheilssymptome der Neurose in 
ein synthetisches System zu bringen, auf dessen Grundlage ein wissenschaftlicher Weiterausbau und eine 

Vereinfachung der Diagnose möglich ist. 

Leitfaden der neurologischen Diagnostik. 

Eine Differentialdiagnose aus dem führenden Symptom 
für praktische Ärzte und Studierende. 

Von Dr. med. Kurt Singer/ Berlin. 

Mit 32 Textabbildungen. M 30.—, geb. M 45.— 

Sowohl die mehr oder weniger umfangreichen Lehrbücher wie auch die knapp gehaltenen Kompendien lassen~ 
durchwegs das für den Lernenden, den praktischen Arzt und den Internisten wichtigste: die Methode der neu- 
rologischen Diagnostik, vermissen. Im Gegensätze hiezu , zeigt der Verfasser dieses Leitfadens, wie man 
, aus der Erkenntnis, Verwertung und Abgrenzung eines .Symptome* oder eines dominierenden Symptomen- 
komplexes zu einer konkreten diagnostischen Schlußfolgerung kommen kann, in der ausgesprochenen!' Ab- 
sicht, damit den Praktiker bis zur Grenze eines Wissens und Überlegens zu führen, an der er das Feld dem 
Spezialisten anvertrauen soll. — Die gedrängte Art der Darstellung macht es auch dem vielbeschäftigten 
Arzte möglich, sich stets rasch und sicher über die Lage seiner Fälle zu orientieren. 

Diagnose 
der Simulation nervöser Symptome 

auf Grund einer differentfk$iagnostischen 
Bearbeitung der einze^en.yPhänomene. 

Ein Lehrbuch für'Uen Praktiker von 

.... ... . 

Prof. Dr. Siegmund Erben, Wien. 

Zweite, vielfach ergänzte und erweiterte Auflage. 



Mit 25 Textabbildungen und 3 Tafeln. M 45.—, geb. M 60- 

Eine wertvolle Ergänzung jedes Lehrbuches der Nervenkrankheiten und ein bewährtes Nachschlagebuch zur 
Erleichterung der Diagnose in allen Fällen von Simulationsverdacht. Für die Krankenkassen- und Unfallver- 

sickeriingspraxis kaum entbehrlich. 



Die angegebenen Prelle gelten für Deutschland ohne jeden Zuschlug. 



• 



Lehrbuch der Nervenkrankheiten 

für Studierende und praktische Ärzte in 30 Vorlesungen. 

Von Prof. Dr. Robert Bing, Basel. 

Zweite, vermehrte und vollständig umgearbeitete Auflage. 

Mit 162 zum Teil mehrfarbigen Abbildungen. M 102.—, geb. M 120. — 

Der Student und der praktische Arzt, der über die elementaren Prinzipien und Untersuchungsmethoden in der 

Neurologie unterrichtet ist, findet in diesem von maßgeblicher Seite als das beste der kürzeren Lehrbücher 

bezeichneten Werke einen zuverlässigen, trefflichen Führer. 



V 



STÖRUNGEN 



DES 



TRIEB- UND AFFEKTLEBENS. 



V. 




STÖRUNGEN 



DES 



TRIEB- UND AFFEKTLEBENS 



(DIE PARAPATMSCHEN ERKRANKUNGEN). 



Vi IK 



D R WILHELM STEKEL, 



NKRYEXARZT IN T WIEN. 



T- 

P8YCHOSEXÜELLER INEANTILI8MU8. 



URBAN & SCH WARZENBERG 
BERLIN WIEN 

N., FRIEDRICHSTRASSE 105b I., M AH LERST RASSE 4- 

1922. 



PS YCHOSEXUEI ,1 ,ER 
INFANTIL ISMUS. 



(DIE SEELISCHEN KINDERKRANKHEITEN DER ERWACHSENEN.) 



VON 



D R WILHELM STEKEL 



N'KUVKNARZT IN WIEN. 



MIT 8 TEXTÜäBJLMi'NGEN. 



In der Gesellschaft vollziehen eich gleich 
wio in der Natur all« Veränderungen von 
innen heraus. 

An atol e France. 



URBAN & SCHWARZENBERG 

BERLIN WIEN 

N., FRIEDRICHSTRASSE 105b [., MAHLERSTRASSE 4 

1922. 



Alle Hechte, gleichfalls das fiecht der CbereeMung in. die russische Sprache 

Torbehaltvn. 




Copyright, 1922, by Urban & Schwaiienberg, Berlin. 



' 



Seinem lieben Freunde 

Walter Bachrach 

zur Erinnerung an die schönen Tage in Chicago 

gewidmet 



1 



* 






Vorwort. 



Die „Störungen des Trieb- und Affektlebens" sind nur für Ärzte 
und nicht für Laien bestimmt. Ich warne alle Unberufenen und Un- 
befugten, diese Bücher zu studieren. Ich weiß, daß Laien diese Werke 
aus verschiedenen Motiven lesen. Die einen um sich belehren zu 
lassen und um Trost zu schöpfen, die anderen aber aus sexueller 
Wißbegierde. Ich kann weder die einen noch die anderen Gründe 
gelten lassen. Ich fürchte, daß diese Bücher den Laien mehr Schaden 
als Belehrung bringen können. Halb- Wissen verwirrt und ist oft 
schlimmer als „Nicht-Wissen". 

Der vorliegende Band behandelt die sexuellen Kinderkrankheiten 
der Erwachsenen. Er umfaßt viele Krankheitsbilder, die man bisher 
unter dem Decknamen „Perversion" beschrieben hat. Es handelt sich 
um ein wenig erforschtes Gebiet. Das Material ist sehr schwer 
zugänglich. 

Ich bin in der glücklichen Lage, die Erfahrungen von mehr 
als 25 Jahren verwerten zu können und habe mich bemüht, die 
bisherige „deskripte" Schilderung durch eine psychologische zu 
ersetzen. 

Die Analysen sind alle im Auszuge wiedergegeben. Das Wichtigste 
ist mitgeteilt, Weizen von Spreu gesondert. Ich werde in Band VIII 
die lückenlose, ungekürzte Analyse einer Zwangsneurose wiedergeben. 
Eine solche Analyse erfordert einen ganzen Band für sich. 

Die Vorwürfe der orthodoxen Analytiker, meine Analysen wären 
keine Analysen, muß ich entschieden zurückweisen. Ich möchte die 
Herren Kritiker ersuchen, mir mit gutem Beispiele voranzugehen und 
einmal einen Band von „wirklichen Analysen" zu veröffentlichen. 

Der wiederholten Aufforderung, ein Sach- und Namensregister 
anzulegen, kann ich leider nicht entsprechen. Einerseits fehlt mir 
dazu die Zeit, andrerseits will ich es den Herren doch nicht so 
bequem machen. Jch kenne die Manier mancher Leser, sich die 
Rosinen aus dem Kuchen herauszuklauben und dann ein Urteil 



VIII 

über das ganze Werk abzugeben. Ich werde zugleich mit dem zehnten 
Bande ein Sach- und Namensregister über das ganze Werk ver- 
öffentlichen, das von einigen meiner Schüler vorbereitet wird. 

Eine andere Anregung, die von beachtenswerter Seite gegeben 
wurde, die Krankengeschichten am Schlüsse des Buches gesondert zu 
publizieren, kann ich nicht in die Tat umsetzen. Diese Anregung ver 
kennt den Charakter meiner Bücher. Ich ziehe die Schlußfolgerungen 
aus meinen Beobachtungen. Ich bin kein Philosoph, der Hypothesen 
am grünen Tisch ersinnt. Ich bin ein Naturforscher, der beobachtet 
und aus seinen sichereren Beobachtungen seine Schlüsse zieht 

Der nächste Band behandelt die Themen „Kleptomanie" und 
„retischismus". Ich ersuche alle Kollegen, mir möglichst genaue 
Krankengeschichten (womöglich vollständige Analysen) von Klepto- 
manen, Pyromanen und Fetischisten mitzuteilen. Auch sexualpsycho- 
logisch interessante Beobachtungen von Fetischismus ohne Analvse 
sind mir willkommen. 1 ) 

Ich hoffe in der Lage zu sein, Band VI im nächsten Jahre vor- 
zulegen. Er ist in großen Umrissen schon vorbereitet.' 

Bei dieser Gelegenheit spreche ich allen meinen Freunden die 
sich so fleißig an der Korrektur dieses Werkes beteiligt haben, meinen 
herzlichsten Dank aus. 



Bad Gast ein, im August 1921. 



Der Verfasser; 



')• Adresse: An Urban & Schwarzenterg, Wien. I., Mahlerstraße 4. 



■ 



Inhaltsangabe. 

Psychosexueller Infantilis'mus. 



I. Das Problem der Verjüngung ^° 17 

Mensch und Gott im Kampfe um die Unsterblichkeit. - Die 
Legende der Bibel. - Der mythische Steinach. - Das Märchen vom rot- 
geglühtcn Männlein. - Der Rat Mephistos. - Die Liebe als Verjüngungs- 
m.ttel. - D.e Folgen der Kastration. - Zwei Fälle von Eunuchoidismus 
- D.e verschonen Formen des Infantilismus. - Bin Fall eines infantilen 
Gen.tahsmus - Die Forschungen Steinach,. - Spätinfantilismus er- 
gangener Natur und seine Ursachen. - Psychische Hormone. - 1„- 

Z ' Z1I? Infek ! i0 " Bkra " kh - te "- - D« Forschungen von Sträußt 
übe, Regionen im ^temchen Dämmerzustand. - Verschiedene Falle 

narzißtisches Phänomen? - Die Regression im Traume. 

II. Das Seelenleben des Kindes lg _„ 

Die egozentrische Einstellung des Kindes.'- Das Bedürfnis nach 
Liebe. - Die Bedeutung der Krankheit im Kindesalter. - Das Kind 
als Schauspieler. - Der Wille ZU r Macht. - Noahkompl«. - Dfc 
Kmdsem ebener Gott - Das Kind ein Repräsentant des Urmenschen. 
- Die Kriminalität der Kinder. - Beispiele. - Tagtränme. - Die 
Spiele der Kinder. - Das Spiel nach Freud ein Versuch, passive Unlust 
in aktive Lust zu verwandeln. - Die Allmacht der Gedanken - 
lniantiler Anarchismus. - Die Entstehung des Größenwahnes und' des 
Minderwertigkeitsgefühles. - Kinderfchler. - Ressentiment. - Stehl- 
tneb. - Die Symbolisierung der Umwelt. - Beispiele. - Die Welt 
der Phantasie. - Fixierung an gewisse traumatische Szenen. - Kata- 
tonische Symptome. 

III. Das Geschlechtsleben des Kindes ' 39-63 

Beginn des Geschlechtslebens - Die Säuglingsonanie. - Reizungen ' 
durch Kinderpflege. — Lustquellen des Kindes. — Gefährliche Warte- 
personen. - Reizungen der analen Zone. - Das Kind ist panerotisch. 
- Primäre Ursexualität. - Mysophile Regungen. - Die Bedeutung 
des Abortes. — Analsexualität. — Infantile Sexualtheorien. — Sexuelle 
Kindersprache. — Mixoskopie und Exhibitionismus. — Koitus im Kindes- 
alter — Bekenntnisse nach Liepmann. — Bisexualität der Kinder. — 
Sadismus. — Die fromme Reaktion. - Nebenzimmer-Erotik. - Kinder- 

b 









X Inhaltsangabe. 

Suit« 

lügen. — Die Prüfung der Großen. — Schuldbewußtsein und seine 
Quellen. — Todeswünschc. — Beginn der Zwangsneurose im Kindes- 
alter. — Mangel an ästhetischem Sinn. — Kannibalistische und nekro- 
lihile Instinkte. — Zoophilie. — Latenzperiode der Kinderohanie. — 
Die erste Sexualforschung — Bipolarität der Kinder. — Quellen des 
Geiühlcs der Minderwertigkeit. — Frühes Verlieben. — Aufklärung. — 
Pubertät. — Rolle der Dienstboten. — Das erste Erlebnis. — Der 
Dl ick nach rückwärts. 

IV. Verladung 64—75 

Volksglaube und Aberglaube. — Übertragung und Verladung. — 
Die Katze als Liebesobjekt einer Familie. — Der Sündenboek. — Die 
Magd als Symbol der Mutter. — Verladung auf die Hausgenossen. — 
Ein Fall von Zwangsneurose. — Verladung vom Vater auf den Mieter. 

— Verladung vom Vater auf die Braut. — Der Sammler. — Der Polster. 

— Verladung auf ein Spielzeug. — Die spezifische Szene. 

V. I>er Median Igm us der Regrewwion 7i; -% 

Der Neurotiker ein infantiler Typus. — Embryonale Seelenzellen. 

— Die Angst vor dem Alter. — Tagträumer. — Charakteristik des 
Infantilen. — Regression bis auf den Embryonalzustand. — Das Kind- 
weib. — Mutterleibsphantasieri. — Spermatozocnl räume. 

VI. Ewige Säuglinge .97—111 

Allgemeine Charakteristik. — Ein Beispiel: Der Mann mit der 

Saugflaschc. — Beispiel: Der Mann, der auf den „alten Posten' 4 zurück 

will. — Beispiel: Ein Mann wird zum hilflosen Baby. — Ein Mann. 

der den Säugling in Windeln spielt. — Ein Arzt, der in urinfeuchten 

^ Leintüchern liegt. — Zusammenfassung. 

VII. Aul' der Stufe eines kleinen Knaben 112—129 

Analyse einer Satyriasi6, die zugleich eine Impotenz ist. 

VIII. Wutunfälle . . . 130-155 

Analyse eines Falles von Infantilismus, in dem Wutanfälle eine 
große Rolle spielen'. 

IX. I>er ewige Jüngling und das ewige Mädchen .... laß— 1(50 
Fall eines 41jährigen Mannes, der ewig ein Jüngling bleibt. — 






Ähnliche Fälle von Hirschfeld. 



X. Monopolisierung der Sinne 161—167" 

Der Voyeur. — Der gesehen werden will. — Verschiedene Bei- 
spiele. — Nebenzimmer-Sexualität, — Der Horcher. — Der Riecher. 
— Der Schmecker. — Der Taster. 

XI. Ilrinscxualität •. •. 1(38-192 

Lustgefühle der Miktio. — Enuresis als Lustfaktor. — Myelo- 
dysplasie. — Charakteristik der Enuretiker. — Das Bettnässen als Re- 
gression. — Beispiele aus dem Kindcrleben. — Zwei Analysen kindlicher 
Enuretiker von Emil Gutheil. — Die Enuresis ist die infantile Form der 
Pollution. — Ürin-Neurotiker — Miktio als Höhepunkt der Lust. — 






- 



Inhaltsangabe. 



XI 









Urolagnie. — Sadgers Fälle von Urincrotik. — Dyeuria psychjca. — 
Verschiedene Beispiele. 

XII. Analsexualitat ... 193—220 

Ursachen der Analsexualität. — Mitteilungen von Bloch. — 
Die neurotische Verzerrung der Analsexualität. — Podex-Fetischiston. 

— Ein Bild von Rubens. — Ein Fall von Anilingus. — Ein Fall von 
analer Fixierung an den Bruder. — Charakter und Analerotik. — 
Zwangsneurose und Analsexualität'. — Ein Fall von Gesäßerotik. — Der 
Lustigmachor. — Koprolagnie. — Kasuistik. 

.Viel. Analyse eines Falles von Mysopuilie 221—238 

Vollständige Analyse eines polymorph-perversen Mysophilen. 

XIV. Zoanthropie .■:... 239—263 

Der Tierkult im Altertuine. — Zoanthropischc Neigungen eines 
Knaben. — Identifizierung von Kindein mit Haustieren. — Die sadistische 
Komponente der Zoanthropie. — Fälle von sexuellem Verkehr mit Haus- • 
tieren. — Die Phobie eines 5jährigen Knaben, von Freud analysiert. — 
Der kleine Hahnemann Ferenczis. — Ein Fall von Firö. — Epidemische 
Zoanthropien. — Sadistische Kinder als Zoanthropen. — Lykanthropie. 

— Laien. — Der Vampirglaube. — Schneiders Fäll von Zoanthropie. — 
Der Fall von Koppen, — Ein Fall von Binswanger. — Kasuistik. 

XV. Zoophilio . . ' 264-280 

Die zoophile Periode der Kindheit. — Zoophile Tendenzen der 
Liebenden. — Verbreitung der Sodomie. — Sexuelle Erregung durch 
Fliegen. — Drei Fälle von Onanie mit Hilfe von Fliegen. — Kasuistik. 

XVI. Analyse einer Zoophilic . . . . .... 281—310 

XVII. Pädopliilie ... ; .',..... \ . .311-336 

Verbreitung der Pädophilie. — Das Kind als sexuelles Spielzeug. 

— Kasuistik. — Die Gefahren des Kindcronkels. - - Kinderprostitution. 

— Dienstboten als Verführer. - Kasuistik. - Mysopädie. — Kasuistik. 

XVIII. Gorontophilic . 337 . 

Verbreitung der Gerontophilie. — Die Flucht vor dem Volhnanne 
und dem Vollweibe. — Weiße Ehen. — Der Fall von Firi. — Der Fall 
von Wagner-Jauregg. — Kasuistik. — Fixierung an die Großeltern. — 
Kasuistik. 

XIX. Exhibitionismus . . . . 345_ 

Verbreitung des Exhibitionismus. — Aberglaube und Exhibitionis- 
mus — Die Selbstliebe eine Wurzel des Exhibitionismus. — Der Anfall 
ein Traumzustand. — Die affektative Verblendung für die Partial- 
besetzung. — Kasuistik. — Traum und Exhibitionismus. — Kasuistik. 

— Exhibitionismus und Epilepsie. — Das Wesen der Zwangshandlungen. 

— Das Trauma als Kristallisationspunkt der Phantasie. — Zwangs- 
impulse. — Kasuistik. — Der Glaube an die Unwiderstehlichkeit der 
eigenen Reize. -*- Exhibitionismus als eine Form des Infantilismus. — 
Analyse eines Falles von Exhibitionismus. — Psychologie der Zwangs- 
impulse. — Kanuistik. 

k* 



344 



-370 



Xll Inhaltsangabe. 

XX. Aiial.vsc einer Zwangsneurose. (Ein Fall von Exhi- ^ 
b.i.omsmus) 371 _ 391 

XXI. Die Allmacht der Gedanken 392-403 

XXII. Narzißmus An . ... 

404— 4o4 

Definition de* Narzißmus. — Ein Spiegelmensch. — Wie kommt 
Narzißmus zustande? — Kokette Frauen. — Ein Fall von Ftre. — 
Eine Krankenschwester, die anerkennende Dankbarkeit sucht. — Ein Fall 
von falschem Narzißmus. - Teilnarzißmus. - Freud» Ansichten. - Das 
Ideal. — Analyse eines Narzißten. — Auszüge au.- meinen Memoiren 
und Tagebüchern. — Periodischer Narzißmus. — Narzißmus als Selbst- 
schutz gegen infantile Regression. 

V [\ III. Pluralismus .... ._.. 

4oo — 4/9' 

Definition des Pluralismus. — Psychologie der Orgie. — Psycho- 
logie der Massenseele. — Die Masse als Kind. - Verschiedene Beobach- 
tungen. — Bordellphantasien einer stotternd™ Beamtin. — Die Analyse einer 
Hystcro-Epilcpsie. — Nachhaltige Wirkung einer pluralistischen Szene 

XXIV. Familien- und Lebensgesciiiehie eines Homosexu- 

*' llen 480^48ft 

XXV. Jean Jaques Rousseau. Analyse eines Exhibifio- 

■»*»«'» • • • ■ 490-5(54 

XYVI.Infaiitilisiiius und Paranoia . . 565—589 

Der InfantilismuK der Geisteskranken. — Definition der Paranoia. 

- Symptomatik der Paranoia. — Vergleiche zwischen dem Kinde und 

dem Paranoiker. — Analyse zweier Paranoiker. — Schlußfolgerungen aus 

den Analysen. — Die Ursachen der Paranoia. — Bleuler*, Forschungen. 

— Affekthuhger der Kinder und Paranoiker — Sander* originäre Para- 
noia. — Die Paranoia als Form des psychosexuellen Infanldisnius. 

XXVII. Kückbliek und Ausblieb . .590—598 

Die inneren Feinde des Menschen. — Die Kristallisation der Phan- 
. fasie. — Die Flucht vor der Arbeit. — Die Regression der Menschheit. 

— Der Weltkrieg eine Regression. — Sport und Kunst als Regression. 

— Das Recht des Individuums. — Prophylaxe <hv Infantilismus. 

Appendix. 

XXVIII. Grenzen* Gefahren und Mitibra uebe in der Psvrh- 
*■»■>'"« .--599-616 

Die erste analytische Gesellschaft. - Die analytische Epidemie. 

— Leichtfertige Auffassung der Analyse. - Die Analyse und Massen- 
trieb. — Neurologische Ausbildung des Analytikers. — Zwei Fälle mit 
schwieriger Diagnose. - Der Analytiker als Künstler. - Notwendig- 
keit der Intuition. - Wie lernt man Analyse? - Gefahren der Ein- 
seitigkeit. — Nicht jeder Neurotiker ist heilbar! — Die sekundäre 
(postanalytische) Verdrängung. — Die w iedererrichtete Mauer. — Wie 
muß man die Wahrheiten aufnehmen ? — Die Wahrheit allein kein Heil- 
mittel. — Der analytische Vater und seine Reaktionen. — Die Analyse 
ein Gesellschaftsspiel. — Beispiel einer postanalytischen Verdrängung. ' 

— Psychanalyse und Schizophrenie. — Um geheilt zu werden, muß man 
Heilung6bereitschaft zeigen. — Schlußworte. 



EL 



Psychosexueller Infantilismus. 

i. 

Das Problem der Verjüngung. 

Der Mensch unterscheidet sich von den Göttern durch seine 
Sterblichkeit. Gewöhnlich spricht man von der „ewigen Jugend" der 
Götter. .Das entspricht nicht den Tatsachen. Die Götter °sind im 
wandelbar aber nicht ewig jung. Sie sind ewig alt oder ewig imm 
Sie verändern sich nicht. Gott Vater bleibt in der Vorstellung der 
Menschen der alte ehrwürdige Mann mit dem großen grauen Barte, 
Maria bleibt Jungfrau und Mutter in der Blüte ihrer Jahre fa£ 

^ztt vchdi : v M lk ;f des Mannes ' ^ä/ 

An den Gottern geht die Zeit spurlos vorüber. 

Urewig ist der Kampf des Menschen um seine Unsterblichkeit. 
Schlummert m seinem Hirne noch die Mneme aus der Zeit seines Ein- 
zellenlebens? Denn nur seine Keimzellen, das Spermatozoon und die 
Eizelle sind unsterblich. Er aber verlangt Bewußtsein dieser Un- 
sterblichkeit. Deshalb erweitert er seine Grenzen in das Göttliche und 
besiegt Raum und Zeit durch die Ewigkeit seiner Werke Deshalb hat 
er sich den Glauben erfunden, der durch alle Mythen geht: der Menschen- 
sohn, der zum Gott wurde. Deshalb ringen alle Neurotiker um die 
große historische Mission", die ihrem Namen Unsterblichkeit geben 
soll. Deshalb errichtete seine Phantasie das. Jenseits: den Himmel als 
Sitz seiner Unsterblichkeit und sein Gegengespiel die Hölle. 

. Zwischen Mensch und Gott herrscht ein uralter Kampf um die 
l-nsterblichkeit. In der biblischen Schöpfungsgeschichte ist dieser 
Kampf in naiver Weise dargestellt. Der Mensch lebt im Eden, im 
Garten der Lust. Gott bedient sich einer Lüge, um des' Menschen Un- 
sterblichkeit zu verhindern. Er bedroht Adam mit dem Tode, wenn 
er vom Baume der Erkenntnis essen würde. Das heißt: Ursprünglich 
war die Liebeslust nur den Göttern reserviert. (Wurden doch in baby- 
lonischen Tempeln immer die ersten Freuden der Liebe den Göttern 
geweiht, die sie in Gestalt ihrer Priester entgegennahmen.) Gott will 

Stelcel, Strtrungon de.« Trieh- und AfTektlelieux. V. , 



2 



Psychosexueller Infantilismus. 



nicht, daß der Mensch genießen soll. Was ihm höchste Lust ist, das ist 
für den Menschen Sünde. Aber Adam erfrecht sich, das Gebot zu über- 
treten und wird aus dem Paradiese gejagt. Aber nicht um dieser Über- 
tretung willen, sondern aus Angst, er könnte unsterblich werden. 

Zwei Bäume stehen im Eden: Der Baum der Erkenntnis und der 
Baum des Lebens. Wir kennen die biblische Bedeutung des „Erkennens". 
Es stellt eine geschlechtliche Vereinigung dar. Aber noch ist die Un- 
sterblichkeit nicht an die Zeugung eines neuen Menschen geknüpft. 
Der Baum des Lebens steht selbständig neben dem Baume der Er- 
kenntnis. Gott aber spricht: 

„Adam ist worden als unser einer und weiß, was gut und böse ist. 
Nun aber, daß er nicht ausstrecke seine Hand und breche vom Baume 
des Lebens und esse und lebe ewiglich. Und trieb Adam aus und lagerte 
vor dem Garten Eden die Cherubim mit bloßem hauenden Schwerte, 
zu bewahren den Weg zu dem Baume des Lebens." 

Wenn auch die Analytiker in dieser Szene den Kampf zwischen 
Eltern und Kindern erblicken, so läßt sich nicht leugnen, daß die Götter 
in dieser Darstellung als neidische Mächte geschildert werden, welche 
den armen Menschen weder Lust noch Unsterblichkeit gönnen. 

Der Apfel, das uralte Symbol der Mutterbrust und der Frucht- 
barkeit, ist auch ein Symbol der Weltherrschaft (Reichsapfel). So zeigt 
uns die biblische Legende den Kampf zwischen Mensch und Gott um 
die Herrschaft der Welt. 

Der Apfel aber hat verjüngende Kraft. Freia, die Göttin der 
Liebe, muß aus ihrem Garten den Göttern in Walhall die Äpfel bringen, 
sonst werden sie bleich, mutlos und kraftlos, wie es Wagner in der 
herrlichen Szene in Rheingold schildert. In der nordischen Mythe 
bewahrt Iduna die Äpfel, die Speise der Äsen. Diese Äpfel haben eine 
verjüngende Kraft wie die goldenen Äpfel der Hesperiden, welche als 
Symbol der Fruchtbarkeit galten. 

Immer wieder erstreben die Menschen eine neue Jugend. Alle 
Mythen und Märchen erzählen uns das Wunder der Verjüngung. Oft 
ist es ein wunderbarer Tränk — wie in der Hexenküche Mephistos — , 
der die neue Jugend wiedergibt. Der Glaube des Volkes an Verjüngungs- 
mittel lebt ewig fort. Er drückt sich in den Worten aus, die Faust 
spricht: 

Hat die Natur und hat ein edler Geist 
Nicht irgend einen Balsam ausgefunden? 

Gewissen Brunnen wird eine verjüngende Wirkung zugeschrieben. 
Es gibt Zauberbrunnen, in denen man sich jung badet (Jungbrunnen). 
Noch heute pilgern die Menschen, die dem Alter entgehen wollen, nach 
Gastein, um sich zu verjüngen. Der Volksmund schuf sich das Märchen 



Das Problem der Verjüngung. 



3 



von der Altweibermühle, die man alt betritt und jung verläßt. Schon 
dieses Märchen zeigt uns den Vorgang der Zerstückelung bei der Ver- 
jüngung. Auch der Knopfgießer in Ibsens „Peer Gynt" schmilzt die 
alten Teile ein, um einen neuen Adam erstehen zu lassen. Ebenso wie 
die Griechen die' Verjüngung durch Zerstückelung kannten. Peleas wird 
von seinen Töchtern zerstückelt und gekocht. Medea, die furchtbare, 
hat es geraten, um ihn zu verderben. Silberer macht in seinem Aufsalze 
„Der mythische Steinach" 1 ) darauf aufmerksam, daß Paracelsus von 
seinen Schülern zerstückelt und eingegraben wurde, um verjüngt wieder 
aufzuerstehen, aber um 24 Stunden zu früh ausgegraben wurde. Auch 
das schöne Märlein, das uns • Grimm nacherzählt, „Das rotge,glühte 
Männlein", berichtet uns das Wunder der Verjüngung. 

Christus und Petrus trafen bei einem Schmiede ein altes Männlein. 
Der Herr legte es ins Schmiedefeuer, glühte es ordentlich durch, warf 
es dann ins kalte Wasser, woraus der alte Bettelmann verjüngt empor- 
tauchte. Am nächsten Morgen versuchte der Schmied das gleiche Wunder 
an seiner Schwiegermutter. Das Resultat war ein so klägliches, daß 
seine schwangere Frau und die gleichfalls Mutterfreuden entgegen- 
sehende Schwägerin von Affen entbunden wurden. Auf diese Weise — 
berichtete das Märchen — seien die Affen entstanden. 

Das sinnige Märchen erzählt uns, daß es ein wirkliches Mittel der 
Verjüngung gibt. Wer im himmlischen Feuer erglühen kann, der wird 
jung. Dieses himmlische Feuer kann die Liebe sein, es kann aber ebenso 
die Kunst, der Glaube, kurz überhaupt jede Begeisterung sein. Kinder 
der Liebe sind schön, während die Kinder unechter Leidenschaft häßlich 
werden (Affen) . 

Auch Faust wird durch die Liebe wieder jung. Der wahrscheinlich 
nicht ernst gemeinte Rat des Mephisto wird verschmäht: 

Begib dich gleich hinaus aufs Feld, 

Fang an zu hacken und zu graben, 

Erhalte dich und deinen Sinn 

In einem ganz beschränkten Kreise, 

Ernähre dich' mit ungemischter Speise, 

Leb mit dem Vieh als Vieh, und acht es nicht für Raub, 

Den Acker, den du erntest, selbst zu düngen; 

Das ist das beste Mittel, glaub', 

Auf achtzig Jahr dich zu verjüngen! 
Die Erfahrung zeigt uns, daß dieser Rat des Teufels kein guter 
ist. Der alte Glaube, daß ein Naturleben jung erhält, ist eigentlich 



*) „Psyche and Eros." An international bi-roonthly Journal of Psychanalysis 
(Successor to Zentralblatt für Psychoanalyse). Herausgeg. von Dr. Wilh, Stekel, 
Dr. S. A. Tannenbaum, Herbert Silberer. New York, 1920, Bd. II, Nr. 1. 

1* 



4 Psychosexueller Infantilismus. 

ein Aberglaube. Man merkt, . daß die Bauern und besonders die 
Bäuerinnen sehr früh altern. Auch zeigt die Statistik, daß die Menschen 
in der Stadt länger leben als auf dem Lande. Im Gegenteil! Das höchste 
Lebensalter bei großer geistiger Frische erlangen die Geistesarbeiter. 
Schauspieler erhalten sich auffallend jung, ebenso die Gelehrten und 
die Künstler. Die Schöpfungen eines Verdi, Brückner, Virchow, Mommsen, 
Goethe im hohen Alter sprechen eine deutliche Sprache. 

Alle Mythen betonen, daß die Liebe das einzige Verjüngungsmittel 
ist. Die Liebe ist der Jungbrunnen, der das Wunder der Verjüngung 
zustande bringt. Dadurch verrät der Mythus die Zusammenhänge 
zwischen Verjüngung und Sexualität. 

Dieses Buch behandelt die Störungen der sexuellen Entwicklung. 
Es zeigt uns, wie sich der Wunsch nach Verjüngung in der neuro- 
tischen Karikatur und Verzerrung ausdrückt. 

Auf keinem zweiten Gebiete der Sexualpathologie stoßen Physis 
und Psyche derart zusammen. Dies Werk. behandelt nur die psychischen 
Störungen der Entwicklung, die wir als „psych'osexuellen Infantilismus" 
bezeichnen. Ich habe wiederholt in den früheren Bänden betont, daß es 
auch „seelische Hormone" gibt. Wir sehen bei diesen Zuständen eine 
Wechselwirkung seltsamer Art: die organischen Hormone beeinflussen 
die Psyche und die psychischen Hormone formen den Körper um. 

Die ersten Erfahrungen über die Wirkung der Geschlechtsdrüsen 
haben wir an den Kastraten gemacht. 

Die Folgen der Kastration sind eingehend studiert worden. 
Tandler und Groß *) kommen in ihren „Untersuchungen an den Skopzen" 
(Neur. Zentralbl. 1909) über den Typus des Kastraten zu folgendem Re- 
sultate: Es kommt infolge der Kastration- nicht zum Hervortreten der 
entgegengesetzten Geschlechtsmerkmale, sondern es tritt eine Re- 
gression auf das Infantile ein. Es fallen oft die Körper- 
haare aus, der Fettansatz verändert sich, hier und da kommt Gynäko- 
mastie vor. Aber im ganzen handelt es sich um eine Art von Ver- 
jüngung, um einen Rückschritt auf das Pubertätsalter. Der Kastrat 
wird kein Weib — er wird ein Jüngling. 

Auch Möbius konnte in seinem Werke „Die Kastration" (Leipzig 
1916) diese Verjüngung konstatieren. 

Es gibt aber auch einen angeborenen „Geschlechtsdrüsenausfall" 
(Hirschfeld). Ich war in der Lage, mehrere Fälle von angeborenem : 
„Eunuchoidismus" zu beobachten. Für den Sexualpsychologen, der 
sich mit den verschiedenen Formen des „psychosexuellen Infantilismus" 



*) Die biologischen Grundlagen der sekundären Geschlechtscharaktere. Verlag 
Julius Springer, 1913 



Das Problem der Verjüngung. 5 

beschäftigt, ist es von größter Wichtigkeit, die organischen Formen 
des Infantilismus genau zu kennen. 

Figur 1 zeigt uns das Gesicht eines Eunuchoiden. Figur 2 seine 
charakteristische Gestalt. 

Fall Nr. 1. Der ins Kriegsspital VI wegen nervöser Schwäche und 
Bettnässen aufgenommene Soldat I. N., 25 Jahre alt, Ruthene, verheiratet, 
173 cm hoch, grazile Gestalt, zeigt ein auffallend kleines Genitale. Der 
Penis ist l'/s cm lang, erreicht in erigiertem Zustande eine Länge von 4 cm. 
Die Schamhaare fehlen bis auf geringe Andeutungen am Schamberg. Der 



Fig. 1. 




Hoden ist beiderseits vorhanden, haselnußgroß, links offener Leistenkanal, in 
den der linke Hode bei Kälte verschwindet. Spannweite 180 c/». 

Am ganzen Körper keine . Behaarung. Das Becken breit, weiblich, 
die Hüften ziemlich stark. Andeutung von Gynäkomastie. Die Armspann- 
weite ist um 5 cm größer als die Körperlänge. Schilddrüse nicht tastbar. 

Sehr charakteristisch sind das dichte Kopfhaar und das runzelige 
Gesicht. Außer den Querrünzeln der Stirne zeigt der Mann starke Runzelung 
der Ober- und Unterlippe. Die Ohren stehen ziemlich weit ab. Die Stimme 
ist normal. 

Er gibt an, normalen Geschlechtstrieb zu haben und ist seit vier Jahren 
verheiratet. Er soll angeblich den Koitus ausführen, behauptet Samenent- 
leenmg und Orgasmus zu haben. 



6 Psychosexueller Infantilismus. 

Ähnliche Verhältnisse bietet der nächste Fall: 

Fall Nr. 2. Herr J.L., 45 Jahre alt, bartloses gerunzeltes Gesicht, 
182 cm hoch, Becken weiblich, ausgesprochen weiblicher Fettansatz, außer 
dem dichten Haupthaar, Fehlen der Haare am ganzen Körper. Die Haut 
sehr fein, seidenartig, mit Ausnahme der Gesichtshaut, die gerunzelt ist. 
Der Penis kaum 1 cm lang' soll erektionsfähig sein. Die Hoden beiderseits 
angedeutet, entsprechen mit dem Penis dem Genitale eines 2jährigen Knaben. 
Wie mir seine Frau mitteilte, wurde sie auf Verlangen des Mannes, nachdem 

Fig. 2. 




er sie defloriert hatte, von einem Hausfreund geschwängert. Der Mann 6oll 
Erektionen haben und Koitusversuche machen, die für ihn befriedigend aus- 
fallen, bei der Frau aber gar keinen Reiz hervorrufen. Auffallend ist seine 
leidenschaftliche Liebe zu dem Kinde, von dem er weiß, daß es nicht von ihm 
stammt. Er vergöttert das Mädchen. In seiner freien Zeit gehen sie zusammen 
spazieren, wobei er glücklich ist, wenn sie auffällt und bewundert wird. 

Über die Wirkungen der Kastration sind wir genau unterrichtet. 
Es kommt zu sehr bemerkenswerten Veränderungen. Ich habe schon 
betont, daß die Spätkastration eine Regression auf das Infantile 
bedingt. Die 'Frühkastration verhindert auch nicht die Ausbildung aller 



Das Problem der Verjüngung. 7 

sekundären Geschlechtsmerkmale. Sie bewirkt einen Stillstand der 
Entwicklung. Deshalb wurden Sängerknaben kastriert, weil dadurch 
die Mutation der Stimme in der Pubertät verhindert wurde. 

Ein ganz anderes Bild zeigt der organische Infantilismus. Hirsch- 
feld unterscheidet vier Formen, die er strenge sondert: 
I. Der genitale Infantilismus, 
IL' Der somatische Infantilismus, 

III. Der psychische Infantilismus, 

IV. Der psychosexuelle Infantilismus. 

Diese Vierteilung ist überflüssig. Wir kennen nur einen soma- 
tischen und psycho sexuellen Infantilismus. 

Hirschfeld führt den Infantilismus auf Kryptorchismus zurück. 
Er sagt in seiner Arbeit „Kryptorchismus und Infantilismus" 1 ): 

„OffenbarhabenwirimKryptörchismuseineHaupt- 
form des genitalen Infantilismus zu erblicken. Dafür 
sprechen vor allem die Beobachtungen, die man im Laufe der letzten Jahre 
über einen häufigen Parallelismus zwischen Kryptorchismus und psycho- 
sexuellem Infantilismus gemacht hat. Als erster hat Strohmayer auf diese 
kongruente Hemmungsbildung hingewiesen; neuerdings ist zu dieser Frage 
eine sehr wertvolle Arbeit von dem Oberarzt der Kgl. Landeserziehungs- 
anstalt zu Chemnitz, Dr. Kellner 9 ), unter dem Titel: „Hodenretention und 
Schwachsinn" erschienen. Er fand bei nicht weniger als 29,5% der geistig 
zurückgebliebenen Knaben Störungen des Deszensus. 

Im einzelnen fanden sich unter 558 Knaben der Landeserziehungsan- 
stalt, welche seit deren Eröffnung bis jetzt im Alter von 6—17 Jahren zur 
Aufnahme gelangten: 

Kryptorchismus .• . '. . . . . 54mal 

Monorchismus 44mal 

Leistenhoden beiderseits .... 30mal 

Leistenhoden einseitig ..... 15mal 

Unvollständiger Desz ensus ■ . ■ 22mal 

Summe . % . 165mal 
In der Schrift, die ich 1913 mit Dr. E. Burchard über den „sexuellen 
Infantilismus" a ) erscheinen ließ, habe ich eingehend den Fall eines Volks- 
schullehrers' beschrieben, der zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt war, weil 
er kleinen Mädchen an den Genitalien „gespielt" hatte. Wir hatten ihn wegen 
eines von seinen Angehörigen beabsichtigten Wiederaufnahmeverfahrens zu 
begutachten. Es bestand doppelseitiger Kryptorchismus. Die mikroskopische 
Samenuntersuchung ergab vollkommene Azoospermie. Der Herr Kollege, 
welcher über den Angeklagten in der ersten Hauptverhandlung ein Gutachten 
abgab, hatte den Kryptorchismus nicht bemerkt oder nicht für bemerkenswert 

*) Zeitschrift für Sexualwissenschaft. 3. Bd., H. 1, 1916. 

2 ) Kellner, Hodenretention und Schwachsinn. Zeitschr. f. d. Erforschung U.Behand- 
lung d. jugendlichen Schwachsinns. Bd. VI. Verlag G. Fischer, Jena, 1912. 

3 ) Magnus Hirschfeld u. Ernst Durchard. Der sexuelle Infantilismus. Juristisch- 
psychiatrische Grenzfragen. Bd. IX, Heft 5. Verlag Carl Maihold. Halle, 1913. 



Psychosexueller Infantil! 



jsmns. 



ÄtilÄS^^ ÜbefhaUPt IÜCht -kommen, 
haus bekommen hätte totTeJ^ F»Ä m ^'^ ¥** IÜcht Zueht " 

Verbrechen ans 8 i*7fiq Qf- ^ maru , CKs nicht erwehren, als ob auch bei den 
spiel» als tir LA °? m "* T* Sekreti °" «*» *«« *°"" 

Der somatische Infantilismus kann sich allerdings nur somatisch 
ohne Bete,hgung des Genitales äußern. Aber immer = iet er gen at 
Infant hsmus von somatischen Symptomen begleitet [Hirsch!^] 

Fall von 21": T" **?** «*« von mir beobachteten 
ran von infantilem Genitalismus beschreiben. 

Deprüf fl/der SfrÄ* f ^tf "■* ««« *«■** 

die breiten Schulte™^ ,/ *; 6chk , nk S e <™*<*°- Auffallend sind 
,ZZ n t , 2U der 8' azilen Gestalt in starkem Geuensatre 

Le ls tenkanal offen. Das Becken ist nicht auffallend breit es zeigt seh 'kein 
dem Genitale einen infantilen Eindruck. Schilddrüse sehr klein 

niemals besondere Schwierigkeiten mit LeÜ E t ^ eine r Ähl tS 
sehr sinnheh und hat ein lebhaftes Verlangen nach Lebend tSSLSS 
Er behauptet, nur heterosexueU zu empfinden, bewegt sich ahe ^Z 
Mannergesellschaft. Wegen seiner Schönheit und X> des t Ti " 
Ausdruckes seines Gesichtes bewerben sich viele *S ii abenhaften 
Gunst. Er hat einen gewaltigen EkelW der HWmÜS ^Küf"*? ^ seine 
alle Anträge mit Ä^Ä^ÄSfS \ ^J*** 
daß er homosexuell sei, waf ihn SJSShLKtj» *S "W* 
ihm liebgewordenen Freundeskreis Sl nS "5? lhn bewog > einen 






Das Problem der Verjüngung. q 

Z e m-e^n nn T S ,b in a r d L + e T ht "S ^H ?" Wachstura seiner Genitalien an- 
U 3L ti ^ r F' ,h S '" fe " mC/j ' dei ' miF erklärte ' daß eine °P erati0n 

unmöglich sei Die Einpflanzung eines kryptorchen Hodens würde wohl seine 

Äi£r Wf^ abei " ^ daS *"*^ W7chtnni 
seiner Orenitahen keinen Einfluß mehr ausüben. 

Fmivfin^Ä l äychisc]l f m jJ Ausnahme einer gewissen Wehleidigkeit und 
Empfindlichkeit keine infantilen Züge. 

Die drei beschriebenen Fälle zeigen uns die organischen Verände- 
rungen, welche durch den Geschlechtsdrüsenausfall entstehen Sie 
scheinen die Ansicht von Hirschfeld zu stützen, daß jeder organische 
Infantilismus m der Hauptsache auf Geschlechtsdrüsenausfall oder auf 
einer Mehrleistung der Pubertätsdrüse beruht. 1 ) 

Der Name Pubertätsdrüse ist von Steinach eingeführt worden 
Er bezeichnet damit das in t er s t i ti eile Bindegewebe und die von 
Franz Leidig 1850 beschriebenen zwischen den Samenkanälen befind- 
lichen Zellen. Während die samenbereitenden Organe nach Steinach 
nur extrasekretorisch tätig sind (eine Behauptung, die von vielen 
Forschern bestritten wird), besorgt die Pubertätsdrüse die innere 
Sekretion der Geschlechtshormone. Der kryptorche Hoden ist ein Ge- 
bilde, das für die extrasekretorische Tätigkeit wertlos, aber für die 
mtrasekretonsche Funktion von ausschlaggebender Bedeutung ist 

• In /nT n TT le i Zt f n Forschun S en ü ber »Verjüngung" wird nachge- 
wiesen daß bei Unterbindung des Samenstranges oder nach Einpflanzung 
einer Pubertatsdrüse durch Steigerung der intrasekretorischen Funktion 
eine Verjüngung des Organismus zu erzielen ist. 

Die Verjüngung, wie wir sie auch beim organischen Infantilismus 
beobachten, würde nach Steinach auf eine Überfunktion der Pubertäts- 
drüse zurückzuführen sein. 

Nun scheint dies Kapitel physiologisch und pathologisch noch 
nicht geklart zu sein. Es gibt zweifellos Fälle von thyriogenem Infanti- 
lismus, die sich nach entsprechender Therapie (Einnahme von Schild- 
drusensubstanz) bessern. Aber auch die Hypophyse, die Thymus die 
Nebennieren, die Zirbeldrüse, selbst die Niere zeigen Beziehungen 'zum 
Infantilismus, so daß die Franzosen verschiedene Formen unterscheiden, 
welche keine Beziehungen zu den Geschlechtsdrüsen zeigen. Wir müssen 
aber annehmen, daß erst die Korrelation der verschiedenen Drüsen 
normales Wachstum und die Vorgänge, welche zur Bildung der primären 
und sekundären Geschlechtsmerkmale führen, beeinflußt. Fällt die 

') Diese Ansicht vertrat schon Songues (Origine de l'Infantilisme. Bull, de la 
ßoc. med. des hop.de Paris, 1912). Er polemisiert gegen die von Apert vertretene 
inyriogene Ätiologie des Infantilismus. Ein Infantilismus ohne Schädigung der Genital- 
organe komme nicht vor. Diese Schädigung könne primär (z.B. traumatisch) oder 
auch sekundär. z.B. bei Erkrankungen der Hypophvse erfolgen. 



10 Psychosexueller Infantilismus. 

Schilddrüsensekretion aus, so entfällt ein Reiz auf die Geschlechtsdrüsen, 
so daß sie gleichfalls eine Überfunktion zeigen. 1 ) 

Wir können heute mit Bestimmtheit sagen: Der angeborene 
organische Infantilismus stellt sich als Folge einer Störung der inneren 
Sekretion dar. 

Alle anderen Behauptungen sind noch hypothetisch und bedürfen 
gründlicher Beweise. 

Sehr lehrreich für das Studium 'des Infantilismus sind die Fälle 
von Spätinfantil ismus organischer Natur, wie sie Gandy als erster be- 
schrieben hat.") Bei Männern zwischen 20 und 30 Jahren fallen die 
Haare am ganzen Körper aus, besonders die Schamhaare, die Hoden und 
der Penis werden klein und atrophisch, die Haut wird runzelig, das 
Gesicht nimmt den fatalen Ausdruck der jugendlichen Greise an, wie 
wir ihn bei Zwergen so häufig beobachten können. Bei Frauen ist dieses 
Leiden viel seltener. Bei ihnen bleiben die Menses aus, der Uterus wird 
atrophisch, ebenso bilden sich der Busen und die Ovarien zurück. Die 
Männer werden impotent, die Frauen anästhetisch. 

Solche Fälle von Rückbildung zum Pubertätsstadium kommen 
gleichfalls als Folge von Tumoren und Entartungen der verschiedenen 
intrasekretorischen Drüsen vor (besonders Hypophyse und Hoden, aber 
auch bei Schilddrüsenerkrankungen). Auch nach schweren Infektions- 
krankheiten hat man das Auftreten eines organischen Infantilismus be- 
obachtet. Infektionskrankheiten können auch entwicklungshemmend 
wirken, wie der Fall von Apert und Brouillard beweist. 

Es handelt sich um die Vorstellung eines 38 Jahre alten Mannes, der den 
Typus eines Jünglings in eben beginnender Pubertät darbietet. Die Entwick- 
lung war völlig normal gewesen bis zum Alter von 16 Jahren. Im Anschluß 
an einen Abdominaltyphus blieb die körperlich-sexuelle Entwicklung dann 
genau auf der erreichten Stufe stehen, wie die Verfasser annehmen auf Grund 
einer Schädigung der Sehilddrüsenfunkt.ion durch die genannte Infektions- 
krankheit. Es sind keinerlei Symptome von Feminismus oder Eunuchismus 
oder Akromegalie dazu getreten und es handelt sich in solchen Fällen nicht 
um pluriglanduläre Syndrome, sondern um reine Sehilddrüsenstö rangen. Die 
Testikel sind funktionell rückständig, aber nur sekundär. Bei echtem Dys- 
orchismus. kommen stets eunuchoide oder feminine Züge zur Beobachtung. 
Solche Fälle sind auch nicht als „regressive Infantilismen" nach Glandy zu 
bezeichnen; denn es handelt sich nicht um irgendwelche regressive Vorgänge, 
sondern um ein reines Stehenbleiben auf üer Entwicklungsstufe, die der 
Körper erreicht hatte im Momente, da die Schilddrüse geschädigt wurde. 



*) Diese Hypothese vertritt besonders eindringlich Lorand in seinem Buche 
„Das Altern, seine Ursachen und seine Behandlung". 6. Aufl. Werner Künkhardt, 
Leipzig. 

'"') Henri Bouquet. „Retour ä l'enfance". Le raonde raedical, 15/X. 1911. " 



Das Problem der Verjüngung. 



11 



Auch nach anderen Infektionskrankheiten, selbst nach einer 
Pneumonie 1 ) sah man Infantilismus auftreten. Es handelt sieh offenbar 
um eine schwere toxische Schädigung der endokrinen Drüsen. 

Es sind auch in der Literatur Fälle berichtet, daß sich Menschen 
nach einem Typhus verjüngt haben. Graue Haare sollen schwarz ge- 
worden sein usw. Ich habe derartige Fälle nicht beobachtet. Wohl 
konnte ich oft konstatieren, daß sich nach einem längeren Krankenlager 
ein psychosexueller Infantilismus ausbildete. Der Erwachsene wird durch 
seine Hilflosigkeit in der Krankheit wieder zum Kind. Die Mutter reicht 
ihm Nahrung, die Leibschüssel, wäscht ihn, wobei alle Rücksichten der 
Scham im Interesse der Gesundheit geopfert werden. Alte Lustgefühle 
werden wieder lebendig. Der Erwachsene fühlt dann heiße Ströme aus 
verschütteten infantilen Quellen. Auch die Pflegerin ist glücklich, ihr 
großes Kind wieder klein zu sehen und die bewußten und unbewußten 
Freuden der Pflege, das beseligende Gefühl der Mütterlichkeit gemengt 
mit unverstandenen sexuellen Regungen zu genießen. Auf diese Weise 
können sich die schwersten Fälle von Infantilismus ausbilden, bei denen 
gar keine Störung der inneren Sekretion vorhanden ist. Das beweist 
schon der Erfolg einer energischen Psychotherapie, welche diese Kinder 
wieder zu Erwachsenen ummodelt. 

Die Erfolge der Psychotherapie zeigen, daß es 
zahlreiche Formen von Infantilismus gibt, welche 
mit der inneren Sekretion nichts zu tun haben und 
auf seelische Faktoren zurückgehen. 

' Alle Menschen sehnen sich eigentlich nach ihrer Jugend und können 
sie nicht vergessen. In der Krankheit erwacht das Kindliche und Hilf- 
lose zu neuem Leben. Es ist so süß, sich wieder verhätscheln und be- 
muttern zu lassen. So kommt es, daß manche Menschen aus dieser 
Krankheit nicht mehr den Weg zur Genesung finden können. 

Fall Nr. 4. Herr R. B. erkrankte im 16. Lebensjahre an einer Polio- 
myelitis, die zu einer vorübergehenden Lähmung eines Beines führte. Der 
Jüngling war an das Bett gefesselt und wurde von der Mutter in aufopfernder 
Weise gepflegt. In Folge seiner Hilflosigkeit mußte sie ihm die Urinflasche 
reichen und die Leibschüssel unterlegen. Die Krankheit ging vorüber, aber 
es blieb eine schwere Gehstörung. Er konnte nicht gehen. Die Ärzte er- 
klärten das Leiden für „hysterisch", da sich objektiv kein Zeichen einer 
Lähmung finden ließ. Auch klagte er über große Schmerzen im kranken 
Bein. Er kam nicht mehr in die Schule zurück. Ich sah ihn im 22. Lebens- 
jahre, also nach sechsjährigem Leiden. Er lag mit etwas offenem Munde 
im Bette und spielte mit Ansichtskarten. Die nähere Untersuchung ergab 



*■) Levi (Un cas d'infantili6me tardiv de l'adulte. Ipfantilisme sexuel de retour. 
Paris m6d., 1912) sah nach einer Pneumonie Ausfall aller Körperhaare und voll- 
kommene Frigidität auftreten 






12 Psychosexueller Iufantilismus. 

gar keinen- Intelligenzdefekt. Er bat flehentlich um Heilung, er wolle doch 
ein Mann werden. Überdies litt er unter der Onanie, die er täglich betrieb. 
to i war ihm natürlich unmöglich, zu Mädchen zu gehen. Auch die Mutter 
seinen über seine Onanie sehr verzweifelt zu sein. Es stellte sich heraus, daß 
aer Jiranke ihr täglich von seiner Onanie berichtete und jammernd um Ab- 
üiife bat. (Er sprach auch von Kastration!) Auf meinen sehr energischen 
Mehl verließ er das Bett und; ging taumelnd im Zimmer herum. Ich gab 
ihm den Auftrag (Wächsuggestion), am nächsten Tag zu mir in die Ordina- 
tion zu kommen. Es werde ganz sicher gehen. Er kam auch und wurde von 
der Mutter und dem ebenso mitleidigen Vater die Stiegen mehr getragen 
als gefuhrt. (Zweites Stockwerk.) Nach drei' Tagen blieb er aus. Die Mutter 
war darüber empört, daß ich verlangt hatte, er möge nicht mehr von seinen 
Unameakten reden und er dürfe sich nicht mehr von ihr auf den Abort 
begleiten lassen. „Sie lasse sich nicht die Liebe ihres Sohnes rauben." Auch 
der Vater hatte sich merkwürdiger Weise mit dem Leiden des Sohnes abge- 
£5.0?^ Eltera hatten einen Kultus mit dem Kinde, der sie ganz aus- 
iullte. Sie zitterten, sie könnten ihr Objekt- der Pflege verlieren. Natürlich 
waren ihnen diese Regungen nicht offen bewußt, ebensowenig wie dem 
Jungen sein Wille zur Krankheit. Inzestphantasien, die sich auf die Mutter 
bezogen, wurden offen zugegeben. Die meisten Onanieakte gingen mit dieser 
Phantasie vor sich. Zuweilen wurde das Bild der Mutter von einer Nichte 
abgelost, die sich mit der Mutter in der Pflege des Kranken teilte. 

Häufig sieht man diese Regression auf die Mutterliebe nach 
einer unglücklichen Liebe oder nach einer schweren Liebesenttäuschung, 
nach Verrat und Treulosigkeit des Liebesobjektes entstehen. Alle 
Menschen haben die Tendenz aus einer unerträglichen Gegenwart in 
die Vergangenheit oder in die Zukunft zu flüchten. Die zukünftigen 
Phantasien sind aber nie so gefährlich wie der Blick nach rückwärts. 1 ) 

Dieser Mechanismus der Flucht in die Vergangenheit ist zuerst 
von Ernst Sträußler beschrieben und in aller Schärfe erfaßt worden. 
(Beiträge zur Kenntnis des hysterischen Dämmerzustandes. Über 
eine eigenartige, unter dem Bilde eines psychischen „Puerilismus" ver- 
laufende Form. Jahrbücher f. Psychiatrie. 1911. Bd. 32.) 

Ich halte den von Dupre" (Le puerilisme mental. Revue neur. 1903) 
vorgeschlagenen Ausdruck „Puerilismus" nicht für ausreichend, da das 
Leiden auch bei weiblichen Personen und gar nicht sßlten vorkommt. 

Sträußler macht in allen seinen Fällen die Beobachtung, daß es 
sich um eine Flucht in die Kindheit handelt. Er konstatiert bei allen 
diesen Kranken eine objektiv nachweisbare Einschränkung des Gesichts- 
feldes, ein Phänomen, das Janet bekanntlich durch die Einschränkung 

*) Charpentier und Courbon (Le puerilisme mental et lee effets de r^grcssion 
de la personnalite" [L'Encephale, 1909]) fassen den Zustand als eine Art von Intoxi- 
kation auf. Sie betonen: „Wir kommen zum Schlüsse, daß es sich wahrscheinlich um 
toxisch-infektiöse Phänomene handelt, die von Krampfzuständen und Traumdelirien 
begleitet sind, welche 6ich zu einem förmlichen erlebten Traum steigern können." 
(Zitiert nach Sträußler.) 



Das Problem der Verjüngung. 



13 



des geistigen Blickfeldes erklärt. Er erkennt deutlich, daß es sich um 
eine Flucht in die Kindheit handelt. Er sagt: 

„Der Puerilismus kommt dadurch zustande, 
daß das Nichtwissenwollen sich nicht auf die strafbare 
Handlung, und das Nächstliegende beschränkt, 
sondern weitere Kreise zieht; der Kranke will von 
der ganzen Gegenwart mit all dem Ungemach, 
welches sie birgt, nichts wissen, er will weit, weit 
weg; er flüchtet sich seinem gegenwärtigen Be- 
wußtseingegenüber in die Kindheit zu Mutter und 
Vater." 

Dabei ergibt sich die sonderbare Tatsache, daß die reale Anwesen- 
heit der Mutter unter Umständen übersehen wird, wie ein Fall von 
Sträußler und auch eigene Beobachtungen beweisen. Es handelt sich 
um die infantile Mutter des Tramniebens, nicht um die reale Mutter. 
Das unterscheidet diese hysterischen Dämmerzustände von den wirk- 
lichen andauernden Infantilismen, die ich beschreiben werde. Aber alle 
diese Kranken leiden an Impulsen. (Fugues.) Als Soldaten laufen sie 
davon. Sie sind die typischen Deserteure. Wir werden durch die Analyse 
dieser Zustande zum Verständnis vieler dunkler Triebhandlungen 
(Kleptomanie, Pyromanie, Exhibitionismus usw.) gelangen. 

Alle. diese Zustände sind Traum zustände und 
stellen eine Regression in das Infantile dar. 

Werfen wir jetzt einen flüchtigen Blick auf die verschiedenen 
Fälle, die Sträußler beschreibt. 

Ein Zigeuner, Gewohnheitsdieb, desertiert und erkrankt nach 
seiner Verhaftung an einem Dämmerzustand, in dem er sich wie ein 
Kind benimmt. Er dutzt die Umgebung, alle sind für ihn „Pepik" 
(Peperl) , alle Gegenstände erscheinen ihm neu, als müßte er erst ihren 
Gebrauch lernen, er steckt viele Sachen wie ein Kind in den Mund, 
alle Nahrungsmittel sind ihm „Kuchen und Kaffee", er hat einen merk- 
würdig hüpfenden Gang. Auffallend ist seine Abscheu .vor mehreren 
Gegenständen. Gibt man ihm zu einem Schlüssel einen zweiten dazu, 
so weicht er unter Zeichen von Zorn und Angst zurück. 1 ) Von Wichtig- 
keit ist, daß der Zustand nach einem Typhus aufgetreten ist und die 
Einleitung zu einer protrahierten „hysterisch-degenerativen" Bewußt- 
seinsstörung führte. (Haftpsychose?) 

Auch im Fall II handelt es sich um einen Deserteur, der aber 
einen ernstgemeinten Selbstmordversuch in der Zelle gemacht hatte. 



*) Es scheint sich um Eifersuchtephänomene zu handeln. Er kann es nicht ver- 
tragen, daß zu einem ihm gehörenden Spielzeug (Liebesobjekt) ein zweites hinzutritt 



14 



Psychosexueller Infantilismus. 



Er wurde kurze Zeit nach -seiner Erhängung heruntergenommen. Er 
bot nach seiner Erholung das Bild eines kleinen Kindes. Er vergnügte 
sich mit Zeichnung infantiler Art, von der wir zwei hier wiedergeben. 
(Man beachte die zahlreichen Phallus-Symbole!) 

Seine Sprache nähert sich der Kindersprache (kindlicher Aggram- 
matismus) . 



Fig. 3. 





Das auslösende Moment zweier anderer Fälle bildeten die Er- 
krankung an Skabies und Gonorrhöe. Von Fall III sagt Sträußler: 
„Alle früheren Erfahrungen ßchienen aus dem Seelenleben ausgelöscht 
zu sein, seine Seele glich einem unbeschriebenen Blatte. Mit sorglosen 
Tändeleien verbrachte er seine Tage, alles in der Umgebung betrachtete 
er als neu und interessant und dem kindlichen Staunen gab er in einer 
urwüchsigen, durch keine Hemmungen beschränkten Art freien Aus- 
druck. Sein Gang war tänzelnd, hüpfend, angepaßt der kindlichen 
Rolle." 

Der vierte Patient erkrankt nach einer chronischen Gonorrhöe an 
einem ähnlichen Zustande. Er tollt im Zimmer umher,, klatscht in die 
Hände, spielt mit den glänzenden Uniformknöpfen des Arztes, will ihn 
umarmen. (Andere Kranke hüpfen in diesem Zustande wie Pferde 
umher.) 

Fall VI erkrankt nach einer Kerkerstrafe an einem Dämmerzu- 
stand, in der er sich wie ein Kind von 3—4 Jahren benimmt. Die einzigen 
Worte, die er während der ersten Untersuchung spricht, sind „Hure" 
und „Teufelin", als der Arzt ihm ein Frauenbild zeigt. Zeitweise ver- 
langt er nach der Mutter. Trotzdem erkannte er schon zur Zeit der 
Besserung seine Mutter nicht, agnoszierte aber sofort die Photographie 
seiner Schwester, wobei er vor freudiger Rührung in Tränen ausbrach. 
Entweder er hat eine schwere Enttäuschung durch eine Geliebte durch- 
gemacht (Hure-Teufelin) oder er verdächtigt seine Mutter. 



Das Problem der Verjüngung. 15 

Fall VII erkrankt, nachdem ihm seine Geliebte untreu wurde. Er 
übte ein Attentat (Schwefelsäure) auf sie aus, wodurch sie erblindete. 
Er war wegen Landstreicherei vorbestraft (17mal). Nach erfolgtem 
Abklingen des infantilen Zustandes, der keine besonderen Züge zeigt, 
verlangt er nach seiner „Marie". Genesen verspricht er, sich seiner Ge- 
liebten anzunehmen und für sie zu sorgen. 

Einen einschlägigen Fall beschreibt Janet (Un cas de delire som- 
nambulique avec retour ä l'enfance. L'Encephale, 1908): 

Ein junges Mädchen zeigt somnambule Krisen, während der sie kindliche 
Attitüden annimmt und die Worte verdreht. Sie spielt die Rolle eines sieben- 
jährigen Kindes. 

Mit großem Scharfsinn zeigt uns Janet die Wurzeln dieses Zustandes. 
Mit 6ieben Jahren verlor das Kind seine Mutter, die es maßlos verzärtelte. 
Nach ein paar Jahren heiratete der Vater eine andere Frau. Aber die Tochter 
konnte sich nicht mit ihrer Stiefmutter vertragen. Nach einer schweren In- 
fektion mit Gonorrhoe, worauf sie in eine Korrektionsanstalt kam, machte 
ihr die Stiefmutter heftige Vorwürfe, erinnerte sie an den Tod' ihrer Mutter 
und sagte ihr, daß sie als Waise mehr Rücksicht auf sie nehmen müsse. 

Das führte zu einer Regression in das siebente Lebensjahr. Sie hatte 
dann eine Mutter, sprach von ihr, stieß die Stiefmutter zurück. Sie stand 
unter der Herrschaft einer „fixen Idee". Janet hält den Zustand nicht 
für einen „echten", sondern für einen „gespielten" Puerilismus. 

Ein anderer Fall von Janet: Ein zwanzigjähriges Mädchen wird von 
ihrem Stiefvater mit unsittlichen Anträgen verfolgt. Das stößt sie ab und 
erschreckt sie. Sie wiederholt immer wieder, daß sie glücklich war, als sie 
noch ein Kind von sieben Jahren war. In den hysterischen Krisen wird sie 
wieder ein Kind und spielt mit Puppen. 

Charpentier und Courbon erinnern daran, daß die erste Beschreibung 
eines hysterischen „Puerilisme mental" aus dem Jahre 1584 stamme, die 
Nonne Jeanne Fery betreffend, welche im Anschlüsse an Krampfanfälle in 
den eigenartigen Zustand verfiel. 

Wir wollen die charakteristische Schilderung nach dem Zitate Donaths 
in seiner Arbeit „Über hysterische Amnesie" 1 ) reproduzieren. „Da sie vom 
bösen Geiste besessen war, so wurde dieser durch Beschwörung ausgetrieben, 
was unter einem furchtbaren Erbeben aller ihrer Glieder erfolgte. Nach 
diesem so göttlich errungenen Siege war die Nonne in einen Zustand wahrer 
kindlicher Einfalt versetzt und befand sich in solcher Unwissenheit über 
Gott und seine Geschöpfe, daß sie nur die Worte: „Pere Jean" und „Belle 
Marie" aussprechen konnte. In diesem Zustande begab sie sich in die Kapelle, 
um die Messe zu hören, und als sie dort eingetreten war, verwunderte sie 
sich nach Kinderart gar sehr über die schönen Bilder daselbst. Während 
der ganzen Messe saß sie da wie ein Kind, das von nichts weiß. Nach der 
Messe verlangte sie durch Zeichen, da sie nicht sprechen konnte, daß man 
ihr das Bild gebe, welches die heilige Maria Magdalena darstellt, was ihr 
große Freude bereitete. Sie begann dieselbe, wie Kinder mit den Puppen 
spielen, anzukleiden, an sich zu drücken, als wollte sie ihr die Brust geben . .. . 



') Archiv f. Psych. 44. Bd., 1908. 



16 Psychosexueller Infantilismus. 



Sie mußte alles von neuem lernen und der Erzbischof brachte ihr zuerst bei 
wie sie das Kreuz zu machen und das Vaterunser zu beten habe. Auch mußte' 
sie wieder beim A-B-C anfangen, um lesen zu lernen. Sie sprach anfangs alles 
mit schwerfälliger Zunge aus, wie es Kinder tun. Auch konnte sie durch neun 
läge weder Fleisch noch feste Nahrung zu sich nehmen, sondern nährte 
sich, wie ein Kind, nur von gekochter Milch. Plötzlich wich dieser Zustand 
und sie war wieder so wie früher, infolge des Segens des Erzbischofs, welchen 
er ihr, ihrem Haupt, ihrer Zunge und aUen Teilen ihres Körpers erteilt hatte." 

Ich schließe hiemit diese interessante Kasuistik. Sie beweist uns 

daß vom Leben Enttäuschte immer bereit sind eine 
Regression in die Kindheit vorzunehmen und die 
peini'iche Gegenwart zu vergessen. 

Freud sieht in der Regression ein Rückströmen der Libido auf 
das eigene Ich. Er stellt sich die Libido wie ein Protoplasmatier mit 
vielen Pseudopodien vor. Die Pseudopodien werden ausgesandt (Objekt- 
besetzung) und zurückgezogen (Regression): Die Libido hat die Fähig- 
keit der Emanation und Re-Emanation. Eine solche Re-Emanation 
fandet in der Krankheit und täglich im Schlafe statt: „Ähnlich wie die 
Krankheit bedeutet auch der Schlafzustand ein unerläßliches Zurück- 
ziehen der Libidopositionen auf die eigene Person, des Genaueren, auf 
den einen Wunsch zu schlafen. Der Egoismus der Träume fügt sich 
wohl in diesen Zusammenhang ein. In beiden Fällen sehen wir, wenn 
auch nichts anderes, Beispiele von Veränderungen der Libido Verteilung 
infolge von Ichveränderung." 

Ich kann weder jede Regression noch den Schlaf als narzißtisches 
Phänomen ansprechen. Wir sehen bei der Regression den Kranken zu 
seiner infantilen Lustquelle zurückkehren (Eltern, Geschwister, Pflege- 
personen). Das Phänomen des Narzißmus wird in einem eigenen 
Kapitel später abgehandelt werden." Ich sehe in der ganzen Libido- 
theorie von Freud nur eine geistreiche Spielerei mit einem unklaren 
Begriff. Schon die Definition der Freudschen Libido erfordert eine 
eigene Abhandlung. Sie deckt sich fast — wie die Libido Jungs — mit 
dem Begriffe der psychischen Energie, sofern sie nicht einen Gegensatz 
zu den Sexualtrieben bildet. 

Wir verzichten daher in diesen Büchern auf die Anwendung der 
Libido und ersetzen sie durch den Sexualtrieb. Die Regression bedeutet 
dann eine Rückkehr zu der infantilen Sexualität. 

Diese Regression in die Kindheit kommt nach meiner Ansicht 
durch einen Willensakt zustande. Sie ist eine erzwungene Einstellung 
auf bestimmte Lebensjahre der Vergangenheit. Charakteristischer Weise 
fixierte Fall VI von Sträußler immer mitgebrachte Bilder, die er im 
Spitale beobachtet hatte. Der Scheinwerfer des Bewußtseins wird nur auf 
. bestimmte Erinnerungsbilder eingestellt. Alles andere liegt im Dunkeln. 



. 















Das Problem der Verjüngung. ^7 

Die nächsten Kapitel sollen uns im Gegensatze zu den Beobachtungen 
von Sträußler Dauerzustände zeigen, bei denen das Gedächtnis für die 
Vergangenheit vollkommen erhalten ist. Es ist eine ganz andere Art 
von Amnesie als die eben geschilderte. 

Aber schon diese Beispiele erklären uns die Sehnsucht der Mensch- 
heit nach dem Jungbronnen der Kindheit. Sie beweisen uns, daß der vom 
Leben Gedrückte und Enttäuschte imstande ist, eine Rückwanderung 
zu den Gefilden der Jugend anzutreten und darüber die Gegenwart ganz 
zu vergessen. 

Die Sehnsucht der Menschheit nach ihrer Kindheit erfüllt sich jede 
Nacht im Traume. Freud hat diese retrospektive Tendenz des Traumes 
aufgedeckt und darüber fast die prospektive (Maeder) vergessen. Aber 
diese Traumzustände der vom Leben Enttäuschten beweisen uns, daß 
der Mechanismus der Regression in einem Traum vorhanden ist und 
eine große Rolle im Seelenleben spielt. Die Sehnsucht nach einer Ver- 
jüngung erfüllt sich und damit entschwindet die graue Gegenwart mit 
ihren Sorgen und Demütigungen. Auch die Wachträume der Neurotiker 
zeigen uns die gleiche Tendenz der Menschen. Es gibt eben zweierlei 
Typen von Enttäuschten. Die einen bauen die Luftschlösser der Zukunft, 
die anderen suchen den Weg in das Kinderland, wo sie die freundlichen 
Gestalten der Kindheit umschweben. 1 ) 

^ *) Trefflich drückt diese Sehnsucht nach der Kindheit der Dichter Klaus Gr oth 
in seinem bekannten von Brahma vertonten Gedichte aus: 

wüßt' ich doch den Weg zurück, 

Den lieben Weg zum Kinderland! 

warum sucht' ich nach dem Glück 

Und ließ der Mutter Hand? • 

wie .mich sehnet auszuruh'n, 

Von keinem Streben aufgeweckt, 

Die müden Augen zuzutun, 

Von Liebe sanft bedeckt! 

Und nichts zu forschen, nichts zu späh'n, 

Und nur zu träumen leicht und lind; 

Der Zeiten Wandel nicht zu seh'n, 

Zum zweiten Mal ein Kind! 

zeigt mir doch den Weg zurück, 

Den lieben Weg zum Kinderland! 

Vergebens such' /ich nach dem Glück, 

Ringsum ist öder Strand! \ 



Stekel. Störungen deB Trieb- und Affektleben a. V. ■ 



II. • 

Das Seelenleben des Kindes. 

Wir können die Erscheinungen des psychosexuellen Infantilismus 
nur verstehen, wenn wir das Seelenleben des Kindes genau kennen. Das 
Kind war uns lange eine terra incognita. Zahlreiche Forscher, ich nenne 
nur die Namen Preyer, Freud, Stern, Tiedemann, Scupin, Saupp, Groos, 
Shinn, Hug-Hellmuth, haben uns das Kind näher gebracht. Wir besitzen 
genaue Aufzeichnungen über die ersten Seelenregungen, über die Ent- 
stehung der Affekte, über die Entwicklung der ersten Denkprozesse. 
Es ist nicht die Aufgabe dieses Werkes, das ganze Seelenleben des Kindes 
aufzurollen. Ich möchte nur jene Tatsachen beleuchten, die für das 
Verständnis der folgenden Krankheitsbilder unerläßlich sind. 

Das Kind repräsentiert, uns in den ersten Lebensjahren den reinen 
Triebmenschen. Wenn wir nach dem Kinde urteilen, muß der Trieb- 
mensch absolut egoistisch und zu seiner Umwelt feindlich eingestellt 
gewesen sein. 

Das Kind ist egoistisch. Es ist zur Welt egozentrisch eingestellt, 
Das ist eigentlich jeder Mensch. Aber diese egozentrische Welteinstellung 
verbirgt sich und bricht nur in bestimmten Krankheitsformen hervor. 
Es ist eigentlich falsch zu sagen, das Kind wäre pädozentrisch geartet. 
Das Kind ist selbstsüchtig. Es sieht und fühlt sich als Mittelpunkt 
der Welt. Es liebt nur die Personen, die ihm Gutes erweisen, d. h. ihm 
Lust zuführen. Es wird die Amme ursprünglich genau so lieben wie 
die Mutter, wenn die Amme ihm die Lust der Nahrung vermittelt. Es 
wird unter Umständen das Kindermädchen mehr lieben als seine nächsten 
Angehörigen. Es gibt kein vererbtes Familiengefühl. Das sehen wir 
schon bei. den Tieren, die ihrer Pflegemutter ebenso anhänglich zu sein 
pflegen als ihrer echten Mutter. 

Das Kind ist zur Welt feindselig eingestellt. Es fürchtet sich vor 
allem Fremden und Neuen. Es scheint sich bei dieser Neophobie um 
einen vererbten Instinkt zu handeln. Die Liebe des Kindes entwickelt 
sich erst, wenn es merkt, daß man ihm Lust verschafft. 



Das Seelenleben des Kindes. 

TWK 1 « nd fuMt Sldl meistens aIs Mittelpunkt seiner 

Umgebung und entfaltet seine Kräfte als Tyrann. Wenn etwW mit hm 
***** « ih* nicht recht ist, so kann es schon in Ä" 
^Ä^V^ 6r ^ ( Res P^orische Affektkrämpfe, das ToZ 

• SKSÄ ^ W Spät6r ^^ di6Se 2omreakt"nen 
r.irf , /iL ^ nd VG1 ' keUCht Sich (Stimmritzenkrämpfe), 

Z2 " i f. ?° den Ulld Strampft mit den Beine »> schlägt auf den 
üb" w , S1Ch *? ^ ailCh ZU A ^e ß sionen auf die Un'ebung 
über. Wenn die ersten Kindei-jahre vorüber sind, treten die Trotz 

nn "X Ü S f " ** I3W Und tückischer auf E - 
g nmt seme Umgebung zu strafen. Wenn es merkt, daß die Mutter auf 

?&£ -P^ ist so verweigert es die' Nahrungsaufn",^ 
es ^v 11 d kaufaul, es behalt die Speisen endlos lange im Munde es be- 
kommt bestimmte diosynkrasien, mitunter setz/WW »riehen 
ein, das schon deutlich die Elemente des Ekels zeigt. ™ ecnen 

Es ist unersättlich nach Liebe. Es verlangt Liebe von der ganzen 
Umgebung, besonders von der Mutter. Es scheint, als ob diese Liebom 
bedingt zum Gedeihen des Kindes notwendig sei. Denn in Finde - 
anstalten gehen die Kinder trotz der best n 
hygienischen Verhältnisse zugrunde, wenn ihn n 
nicht das notwendige Maß von Liebe zuteil wird 

1 *a u^ K i n V Bt außerordentli <* erfinderisch, wenn es sich darum 
Det Kind ^ ** ^"^ * Umgebung zu erzwlg n 

^ n KU Z Y f r ? Sen GS ^ W6nn man 8ich nich * mit ihnen be- 
schäftigt. Die Beobachtungsgabe der Kinder und ihre Schlauheit sind 
außerordentlich groß. Sie merken es sehr bald, daß die Umgebung zärt- 
licher wird, wenn sie krank sind. Von dieser Beobachtung bis zur 
Simulierung von Krankheiten fehlt nur ein kleiner Schritt, den die 
meisten Kinder machen Sie haben bald Kopfweh, bald Leibschmerzen, 
bald Angstzusiande, bald andere Leiden, um eben das Mitleid und die 

sll e J er Ll r b r g r ? P T en - Die Sehnsucht nach d <* Krankheit 
stammt aus der Unsitte, Kinder während eines Leidens maßlos zu ver- 
zärteln. Der psychosexuelle Infantilismus ist ein Rückfall in diese 
lendenz. Meistens richtet er sich gegen bestimmte Personen, deren Mit- 
leid gesteigert, deren Liebe erzwungen werden soll. Auch die ver- 
schiedenen Formen der Pflege, welche zugleich als erotische Reizmittel 
wirken dienen dazu, dem Kinde die Flucht in die Krankheit nahezulegen 
AhÜ ^T*** wieder ' das Kind *rf den Topf, sie wäscht es, sie reicht 

SL! m 7^' Sle betFeut GS ' Wie in der Zeit ' da es hil «os auf die 
-l^ebe der Mutter angewiesen war. 



2* 



20 



Psychosexueller Infantilismus. 



Diese besondere Lustquelle der Pflege erzeugt in dem Kinde Sehn- 
sucht nach der Krankheit. Krank sein heißt dann: verzärtelt werden. 
Denn das Kind sucht nicht allein Zärtlichkeit, sondern Verzärtelung. 
Die Krankheit gibt auch die Macht des Herrsehens, die Möglichkeit, 
alle Launen erfüllt zu sehen, sich gegen die Umgebung durchzusetzen. 

Die Krankheit eines der Geschwister erregt im Inneren des Kindes 
einen furchtbaren Neid. Warum wird der Kranke so verhätschelt? Warum 
ist er aller Pflichten enthoben? Weshalb erhält er die besten Bissen? 
Der kranke Bruder oder die kranke Schwester ist Gegenstand des Neides 
und der Eifersucht. Manche Neurose entsteht auf diese Weise: das ge- 
sunde Kind wird krank, um es dem kranken gleichzutun. 1 ) Das ge- 
fährliche Spiel „Wer ist mehr krank" wird oft unter Geschwistern bis 
zu tödlichem Hasse zu Ende gespielt. Wir werden später Fälle von 
Infantilismus kennen lernen, die auf solche kindliche Regungen zurück- 
zuführen sind. 

' Um eine Krankheit zu spielen, muß man ein guter Schauspieler 
sein. Die Eltern unterstützen meist das schauspielerische Talent des 
Kindes. Kinder sind geborene Schaupieler. Ich habe wiederholt darauf 
aufmerksam gemacht, daß alle Neurotiker Schauspieler sind und be- 
stimmte Rollen spielen. Wer Kinder beobachtet, kann leicht feststellen, 
wie scharf ihre Beobachtungsgabe ist, wie sie die Fehler der Erwachsenen 
imitieren, sie mitunter trefflich karikieren und sie zumindest kopieren 
können. Daher kommt es, daß nervöse Eltern urplötzlich die über- 
raschende Entdeckung machen, daß ihre Kinder über die gleichen Be- 
schwerden klagen. 

Ich behandelte eine Dame, die an Magenschmerzen litt und infolge dessen 
sich weigerte, zu essen. Ihr Mann mußte ihr immer sehr viel zureden und sie 
mitunter zum Essen zwingen. Diese hysterische Anorexie bot mitunter ein 
sehr buntes Bild. Es gab Krisen mit heftigen Magenschmerzen. Tage, an denen 
nicht gegessen werden konnte usw. Mit vier Jahren begann das sehr kluge 
Töchterchen an den gleichen Beschwerden zu leiden und wußte sie in einer Art 
und Weise vorzuspielen, daß die Mutter darauf schwören konnte, das Kind 
litte an den heftigsten Magenschmerzen. 

Kinder lernen schon sehr bald durch Weinen, durch Schmerzen, 
durch Husten, durch Klagen über Hitze im Kopf ihre Eltern erschrecken 
und sie in Schach zu halten. Erfahrene Kinderärzte und Mütter wissen 



*) Ein zehnjähriger Junge verlor durch einen Unglücksfall ein Auge. Er war 
im Mittelpunkte des Interesses, wurde bedauert und von den Eltern verwöhnt, die 
allen seinen Launen nachgaben. Der um vier Jahre jüngere Bruder vertrug nicht, 
daß alle mit seinem Bruder beschäftigt waren und er, der bisher der verwöhnte Jüngste 
war, gar nicht beachtet wurde. Er wollte auch bemitleidet und beschenkt werden. 
Er wollte auch ein Auge verlieren und versetzte seine Umgebung in großen Schrecken, 
da er häufig damit „spielte", sein Auge zu verletzen. -Ähnliches wiederholte 6ich später 
bei einer Blinddannoperation des älteren Bruders. 



Das Seelenleben des Kindes. 



21 



es, daß die Kinder oft mit ihrem Rufe „A-a" oder „Ich habe Weh-weh" 
die Umgebung zum besten halten. 

Diese Schauspielernatur führt das Kind bald dazu, sich zu ver- 
stellen und sich vor den Eltern zu verbergen. Daher kommt es, daß 
Eltern auf die Unschuld ihres Kindes schwören, seine Naivität rühmend 
hervorheben, während das Kind längst in die Geheimnisse der Sexualität 
eingeweiht ist. 

Ein Arzt erzählte mir, daß ihm mit sieben Jahren ein obszönes Witz- 
buch in die Hände fiel, das auf dem Nachtkästchen seines Vaters lag. Darunter 
befand sich ein Witz über eine. Einquartierung. Ein Hauptmann wollte bei 
einem Tischler Quartier beziehen, die Tischlersfrau lehnte dieses Ansinnen mit 
folgenden Worten ab: „Ich bitte sehr! Wo soll ich Sie einquartieren. Ich habe 
nur zwei Räume. Der hintere ist dunkel und schmutzig, da kann ich keinen 
hineinlassen, und im vorderen hat mein Mann seine Werkstatt." Diesen Witz 
erzählte der Knabe in einer Gesellschaft und fragte naiv, was er zu bedeuten 
hätte, obwohl er ihn vollkommen verstanden hatte. Das berühmte enfant 
terrible führt seine Schelmenstreiche mit Absicht aus. 

Kinder haben auch geheime Pläne, an deren Erfüllung sie un- 
entwegt arbeiten. . 

Ich konnte ein sechsjähriges Mädchen beobachten, dessen Mutter sich 
von seinem Vater hatte scheiden lassen, um einen geliebten Mann zu heiraten. 
Das Mädchen wußte, daß es sich mit dem künftigen Stiefvater gut vertragen 
müsse, um im Hause bleiben zu können und tat sehr lieb und freundlich mit 
ihm. Aber sie benützte jede Gelegenheit, um die Mutter gegen den Geliebten 
aufzuhetzen und ihn zu entwerten. 

Sie mußten öfters auf den Mann warten, der sehr beschäftigt war. Jedes- 
mal hetzte die Kleine: „Warum mußt Du warten, Mama? Laß ihn einmal 
warten!" . . . Einmal schnitt die Mutter Zwiebel, wobei ihr die Tränen in die 
Augen traten. Die Kleine meinte: „Er soll das einmal machen und dabei 
weinen! Er soll sehen, wie das weh tut!" 

Kinder bauen schon früh ihren Lebensplan auf (Adler), richten 
sich ihre Rolle im Leben und im Kampf der Geschlechter zurecht. Daher 
wirken unglückliche Ehen so verderblich auf die Kinder. 

Jedes Kind steht unter der Herrschaft des „Willens zur Macht". 
Es will nicht nur die Eltern, es will die ganze Welt beherrschen. In 
der Phantasie gehört ihm die ganze Welt, alles ist seih Eigentum, es 
will auch im Leben die ganze Welt erobern und besitzen. Das kommt 
besonders in den Phantasien der Kinder zum Vorschein, in denen sie 
von einem Weltuntergang träumen, bei dem sie als die einzigen zurück- 
bleiben. (Der Noahkomplex Tannenbaums.) Auch die erregende Wirkung 
des Robinson geht auf diese Isolierung von allen anderen Menschen und 
auf die Selbsthilfe zurück. Schon früh bildet sich beim Kinde der Traum 
der „großen historischen Mission". Es wird mehr sein als alle anderen 
und es wird eine große Rolle spielen. Dieser Wille zur Macht treibt das 
Kind dazu, seine Kräfte in der Phantasie ins Göttliche zu erweitern 



Psychosexueller Iufantüismus. 

Aber kein D ei , hnt , km ^-** tÄ te : d t k F 7 e r- 

Sünder zu Verseilungen. ' T den kleinen 

fpTeir™ de 6 em ' ™ n dCT i0h im ***** » ***** 

Da 8 böse Gewissen scheint zum Teil aus vererbten Instinkten zu 
ammen. Andrerserta wird es beim Kinde erzeugt, wenn es 2E?d* 

Das Kmd halt dre anderen für gut und liebevoll, es hat ja nur Se 
empfangen, wemgstens in den meisten Fällen und erkennt s ch als 
egoistisch und schlecht. Wenn es von Kache- und Todesgedankt e 
füllt mt und dabei immer hören muß, wie gut und wie edel dif TOe™ 

den Gartt H r,T™ k t- Dtae Ang6t ^ daB Ki °<> *" 
den Garten des Glaubens. Es sucht Schutz bei Gott vor sich selbst 

Irgend™ Unfall im Hause, eine Krankheit, die erste schlechte Not t 

*) Ein 5jährigcs Mädchen sagt ganz entrüstet zu seiner Freundin- Was danhst 

C honten "T ^ m,6 ° «* ° r8cMttot - * — ' * - -• 

Ich kal E lw riS r, M , ädC,1C '' P8egte ' M °? " Ct "' M verIm « *««* »» «8«: 



■ 



Das Seelenleben des Kindes. 23 

der Schule werden als Zeichen des göttlichen Zornes aufgefaßt. Nun 
will das Kind Gott durch übertriebenen Glauben sich gefügig machen. 
Es versucht nach den strengen Geboten Gottes zu leben. 

In allen Neurosen werden wir die Spuren dieses Kampfes und die 
Reste des Kinderglaubens konstatieren- können. In manchen Formen 
des Infantilismus ersetzt das Leiden den Glauben und wird zur zweiten 
Religion. Die Parapathie dient dazu, die Frömmigkeit zu sichern und 
die. Gebote Gottes zu erfüllen, wobei die Schauspielernatur des Kranken 
sich häufig vollkommenen Unglauben und innere Freiheit vorheu- 
cheln kann. 

Aus der Erkenntnis von der Schlechtigkeit des eigenen Ich er- 
wächst dem Kind die Angst vor dem Fremden und das Mißtrauen gegen 
die Umgebung. „Woher weiß ich, daß du kein Räuber bist?" sagte ein 
fünfjähriger Knabe zu einem Herrn, der in die Wohnimg seiner Eltern 
kam und sich mit ihm freundlich unterhielt. Das Kind projiziert seine 
eigene Kriminalität auf die Umwelt. Sich erkennend glaubt es die Welt 
zu erkennen. Das Kind ist in seiner Phantasie Teufel, Gott, Räuber, 
Mörder, Zauberer, Hexe und Engel. Es fühlt alle diese Kräfte in 
seiner Brust. 

Ich habe immer wieder feststellen können, daß das. Kind uns den 
Urmenschen repräsentiert und alle Urmenschengefühle sich erst langsam 
in Kulturgefühle umwandeln und mäßigen müssen. Seine Angst vor 
Teufeln und bösen Räubern ist begründet. Wir müssen auch die Vorliebe 
der Kinder für die schaurigen und gruseligen Märchen verstehen. Diese 
Märchen entsprechen der Kriminalität des Kindes. Sie lassen dem 
Wunder den entsprechenden Spielraum, sie enden mit dem Siege des 
Schwachen, Kleinen, Unterdrückten, unter welchen Symbolen das Kind 
immer sich selbst erkennt, im Gegensatz zu den Großen. 

Groß und klein, dieser Gegensatz beherrscht das ganze kindliche 
Denken. Es hat nur einen Wunsch : recht groß ■ zu werden, ein Riese 
zu sein, größer, viel größer als alle anderen Menschen dieser Welt. 

Aber die ersten Gedanken über groß und klein sind nur Spiege- 
lungen seiner Ohnmacht der Umgebung gegenüber. Es will groß sein, 
um die Großen beherrschen und nach Willkür bestrafen zu können. 

Die ursprünglich sadistische Veranlagung des Kindes kann jeder 
unbefangene Beobachter feststellen. Sie wird aber meistens übersehen. 
Ich bringe hier nur einige charakteristische Beispiele und Aussprüche: 

Ein 5 jähriges Mädchen sagt: „Ich wünsche mir, wenn ich groß bin, sehr 
viele Kinder, damit ich sie schlagen kann . . ." Nach einem Besuch beim Zahn- 
arzt: „Ich will Zahnärztin werden, damit ich die Leute malträtieren kann." 

Verschiedene Autoren haben meine Mitteilung über die Krimi- 
nalität der Kinder bezweifelt. Ein Kind sollte Mordpläne haben und 



24 • Psychosexueller Infantilismus. 

überhaupt kriminelle Vorgänge verstehen? Ein Kind sollte mit Atten- 
tatsplanen spielen, Phantasien über Vergiftungen hegen, an Mord und 
Brand denken? 

r u v Leid6r k ° mmt GS aUch VOr ' daß diese Phan tasien zur Tat werden 
Ich bringe hier nur die nackte Tatsache zur Kenntnis, wie sie das „Neue 
Wiener Tagblatt" am 5. V. 1913 mitgeteilt hat. 

Selbstmordversuch und Mordversuch eines Dreijährigen 
Wfl, Ak dei * ^Unternehmer Emmerich Ehrenwald gestern abends von einem 
Ausfluge m seine Wohnung zurückkehrte, fand er auf einem Kanapee se£ 
TnX T? SOlmChen md S6in and ^halbjähriges Töchterchen bewußtios auf 

m ald von einem Selbstmord erzählte, den jemand durch Einatmen von Leucht- 
gas beging. Der kleme Knabe hatte der Erzählung aufmerksam gelauscht 
Ein Arzt teilt mir mit: 

der zutlno^Xt? TTT 5!Ä% bewies ein Vetter ™n ***, 
aei zu seinei Mutter, die ihn bestraft hatte, das Folgende sagte- Du bist ear 

keine gute Mutter und wir haben Dich kein'bißchen Lhi 1 eb Idi werde T)1ch 

lZ\^ m T stec S n 1 Und Dir nichts zu essen S eb ^- bist Du tot tot Aber 
dann begraben wir Dich nicht, sondern werfen Dich in den Mülleimer "Dieser 
grausame Wüterich ist übrigens ein höchst gesitteter jufgefS Ä 
Ich halte meine Bekannten an, ihre Kinder genau zu beobachten 
und die ersten erotischen und kriminellen Regungen genau zu re- 
gistrieren Ich gebe im folgenden die Mitteilungen von zwei hoch- 
intel hgenten Eltern, die beide meine Werke genau kennen und vor- 
urteilslos die Tatsachen mitteilen, wie sie sich Urnen aufgedrängt haben 
wieder. Der Vater schreibt mir: 

iL ™-" Idl f ende 1 Ihnen -meine Beobachtungen an meinen Buben Otto wobei 

Die nachfolgenden Schilderungen und zitierten Äußerungen verteilen 
5 Jah" men Zeitl ' aUm V ° n 1Vs Jahl ' en - ^»-rtiges Alte/ des ot i K 

Bei der Geburt des zweiten Knaben war der ältere 3V 2 Jahre alt und in 
keiner Weise vorbereitet. So stand er sprachlos verwundert i dem nse mr 
Abwesenheit erschienenen Ankömmling, stellte auch nachher weSg fSZ 
über seine Herkunft, wenngleich er - wie eben aus mancher Äußerung doh 

erTEn 7n 5 t ^ *** ** *« daS Pr ° blem » achda ^ ™* 
sehen wm ,7 ST 1 T ar Eifers ^ht; niemand sollte das Kind an- 

sehen, beachten; alle Aufmerksamkeit sollte sich auch weiterhin auf den' Erat- 

z^TJT zent % er ^ ^ • 1 Ge 1 danken war er ™ hl bereit ' *?Äte n 

erwarten T„ÄÄ teilnehmen zu lassen und konnte diese Zeit kaum 
erwarten. In Wirklichkeit aber konnte er sich an den Nebenbuhler nicht ge- 



Das Seelenleben des Kindes. ok 

wohnen und machte seinem gepreßten Herzen öfter mit der Frage Luft- Zu 
was ist er da?" ' " 

Es kam eine" Periode der Abneigung gegen das männliche Geschlecht des 
Kindes. „Ich mag ihn nicht, weil er ein Bubi ist und so braun. Ich mag nur 
ein blondes (oder auch weißes) Mädi. Er soll ein Mädi sein." In dem Maße als 
der Kleine heranwuchs, nahm der Haß des älteren gegen den jüngeren Bruder 
zu. Der Wunsch nach dessen Zerstörung nahm einen nicht unbedenklichen 
Charakter an. Verbot man ihm, den Kopf des Kleinen zu berühren, versicherte 
er prompt, daß der Bruder ja nichts spüre, da er „eine Maschine" sei. Oder: 
„Es macht ja nichts, wenn er den Kopf bricht, er ist ja nicht von Glas." „Wir 
sollen ihn hinauswerfen" usw. 

Gefühllosigkeit wird dem jüngeren Kinde von ihm überhaupt in allen 
möglichen Formen zugeschrieben, wenn es sich darum handelt, es zu quälen. 
Er ist „vonGips", „ein Ofen", „aus der Fabrik". Von dort will er auch „ein 
neues Kind" bestellen, wenn man ihm drolvt, daß der Bruder sich seinen 
Quälereien entziehen wird. 

Manche Äußerungen deuten .auf eine ausgesprochene Tötungsabsicht. 
So tauchte plötzlich der Wunsch auf, „das Kindi zu zerhacken". Als einmal 
die Frage des Nachtmahles zur Sprache kam, meinte er in gemütlichem Tone : 
„Wir sollen das Kindi zum Nachtmahl aufessen." „Auf die Frage, wie es ihm 
wohl zumute wäre, wenn er verspeist würde, kam die Antwort: „Mich soll man 
ja nicht essen, nur das Kindi, es lebt ja nicht." Und nach einer Weile inten- 
siven Nachdenkens : „Mama, wenn das Kind 4 Jahre alt sein wird und wird 
mich essen wollen, so sollst Du es in vierzehn Tagen hinauswerfen." 1 ) (Es 
war dies eine Periode, da der Zeitbegriff sein Denken stark in Anspruch nahm.) 
Manchmal werden phantastische Vergleiche zwischen dem jüngeren 
Bruder und dem beim Fleischhauer ausgestellten toten Wild gemacht. Das 
Kind soll beim Fleischhauer gekauft werden, wo man Donnerstag Kindis be- 
kommt. „Das Kind ist zum Essen gemacht." 2 ) Daß die Vorstellungen von 
Leben und Tod nicht einwandfrei geklärt sein dürften, deuten mehrfache Aus- 
sprüche hin, wie z.B.: „Wann werden die Rehe (beim Fleischhauer) wieder 
im Wald herumlaufen?" „Wenn die Leute nicht mehr leben, kommen sie dann 
auch zum Fleischhauer?" 

Parallel mit dem Haßempfinden läuft das Gefühl der Liebe für den 
kleinen Bruder. Der scherzende Versuch einzelner Gäste, den Kleinen mitzu- 
nehmen, wird energisch zurückgewiesen, wobei er manchmal zu Tränen gerührt 
ist. Schmerzäußerungen, medizinische Behandlung des Kleinen stimmen den 
Älteren sehr ernst, bringen ihn fast zum Weinen und reißen ihn zu lauten 
Äußerungen des ' Mitgefühls hin. Er unterrichtet den Kleinen mit staunens- 
werter Geduld im Sprechen, singt ihm gerne seinen Liederschatz vor, freut sich 
an der Vorstellung, daß der Jüngere ihn von der Schule abholen und mit ihm 
spielen wird, ja in letzter Zeit putzt er sogar dem Kleinen die Nase, trotzdem 
sein Reinlichkeitsgefühl sehr stark entwickelt ist und ihm die Berührung mit 
etwas Unreinem sichtbaren Ekel verursacht. Dies alles hindert ihn aber nicht, 
bei nächster Gelegenheit seine Abneigung gegen den Bruder in beschriebener 
Weise zum Ausdruck zu bringen. 3 ) Die unwillkürliche Beachtung, die der 
raschen geistigen Entwicklung des Jüngeren geschenkt wird, regt in dem 

a ) Hier zeigte sich der erste Ansatz der Talion. 

2 ) Durchbruch kannibalistischer Regungen. 

3 ) Wunderschöne Illustration zur Bipolarität aller psychischen Phänomene. 



26 Psychosexueller Infantilismus. 

Älteren den Wunsch, an, auch klein zu sein, und so ahmt er die Sprechweise 
des Kiemeren gewaltsam nach und will in allem ebenso behandelt werden 
Selbstverständlich wird trotzdem auf nichts verzichtet, was eben nur dem 
größeren Kinde zukommt. Wird ihm als gutes Beispiel ein anderes Kind ge- 
zeigt, so läßt er dessen Vorzüge gelten, lehnt aber ein ähnliches Verhalten für 
sich ab: „Aber ich nicht." 1 ) . 

Die meisten Geschichten, die wir von den Kindern zu* hören be- 
kommen, verschweigen die kriminellen Gedanken, an denen die Kinder 
ja überreich sind. Wir müssen jetzt die Kinder besser beobachten und 
auf ihre Aussprüche besser achten. Ich erfahre von einer Dame folgende 
Beobachtung : 

„Ich war als Sommergast bei einem Bauer, der zwei Kinder hatte ein 
achtjähriges Mädchen und einen dreijährigen Jungen. Eines Tages mußten die 
Eltern in die Stadt fahren und ich blieb mit beiden Kindern allein zurück 
Das Madchen bekam die Weisung, den wilden Knaben zu beaufsichtigen Der 
Junge war ungehorsam und wollte seiner Schwester nicht folgen. Er lief dicht 
an einen mit zwei Pferden bespannten Wagen heran. Ich erwischte nun den 
Jungen und gab ihm ein paar sanfte Streiche auf sein Gesäß. Der Kleine ver- 
hielt sich dabei ganz ruhig und sprach auch tagsüber kein Wort darüber. Als 
die Mutter am Abend (die Szene spielte sich am Vormittage ab) nach Hause 
kam, sprang der Knabe auf ihren Schoß und sagte mit vor Zorn bebender 
btimme: „Mutter, wenn ich nur die große Gartenschere vom Vater gehabt hätte, 
dann hatte ich ihren Kopf abgeschnitten (dabei zeigte er auf mich!). Denn sie 
hat mich geschlagen!" • 

Auch die nächste Beobachtung zeigt uns die Grausamkeit der 
Kinder: • 

Der sechsjährige Otto fragt seine Großmutter, wo sie denn einmal be- 
graben sein werde, ob sie in das Grab zum Großpapa kommen werde? Die 
Großmutter meint, dort sei für sie kein Platz. Nun kommt Otto auf folgenden 
Ausweg: „Weißt Du Großmutter, wir rollen Dich so wie einen Hering zu- 
sammen und stopfen Dich fest hinein, dann wirst Du schon Platz haben." 

Ludwig Schleich erzählt in seinem Memoirenwerke 2 ): . 

Es war Weihnachten. Für meinen Bruder und mich war ein großer 
Löwe aus Papiermache mit Uhrmechanismus der Clou der Gaben. Der Löwe 
fast so groß wie ein Pudel, konnte aufgezogen mit höchst schauderhaftem Ge- 
brüll die Zimmer durchlaufen. Nur vor den Türschwellen hemmte er meist 
den starren Wüstengalopp. Was lag näher für unsere Kinderphantasien, als 
eine Löwenjagd, die denn auch auf mein Anstiften mit allen Raffinement des 
Anschleichens von der bedrängten Enge unter dem Sofa inszeniert wurde. Die 
Bewaffnung bestand in Bratenmesser und -gabel, die wir heimlich Mutters 
Büffet entnommen hatten, auch sicherte uns eine große hölzerne Reibkeule gegen 
etwaige Ungemütlichkeiten des Löwentieres. Er brüllte und kam wie auf 

x ) Reaktion gegen die Herabsetzung seiner Persönlichkeit. Er will der ..Ein- 
zige" sein. 

-) Karl Ludwig Schleich, „Besonnte Vergangenheit. Lebenserinnerungen". Verlag 
Ernst Rowohlt. Berlin, 1921 (I.e., p. 55). 



"■■ 



Das Seelenleben des Kindes. 97 

Kommando über die glatten Dielen daher gerollt — einen Abessinierpfiff — 
und wir waren heldenhaft über ihn mit Keule, Langmesser und Gabel! Er 
verstummte jäh und fiel; tiefe schwere Wunden klafften in den Weichen. Wir 
beschlossen, die sofortige Obduktion und wühlten gerade in seinen Einge- 
weiden, als die Tür aufging und mein Vater staunend sah, was wir angerichtet 
Dann sagte er tief traurig: „Und das arme Tier hat 30 Taler gekostet." Ein 
paar tüchtige Katzenköpfe war die einzige Strafe. Dann erkundeten wir alle 
auf Vaters Betreiben, um wenigstens den Unglücksfall auszunützen, die Physio- 
logie der Bewegung der Bestien und des Löwengehrülls. Wie gut wäre uns 
beiden Rangen wahrscheinlich eine viel exemplarischere Bestrafung dieses 
hinterlistigen Mordes bekommen! 1 ) 

Die Neigung des Kindes zu Tagträumen ist unendlich groß. Es 
lebt eigentlich in einer Phantasiewelt und ist imstande, jede Realität 
durch die Phantasie umzugestalten. Diese Phantasiewelt dient der 
ehrgeizigen Erhöhung des Ich und gibt dem Kinde unendliche Macht, 
dient oft nur dazu, die kriminellen Gedanken in bestimmte Bilder zu 
fassen. 

Es ist nicht schwer, die geheimen Gedanken des Spieles zu ent- 
rätseln, wenn man sie nicht .übersehen will. Das Kind ist Soldat, weil 
es eine Schieß waffe und einen Säbel besitzt und töten kann. Es ist 
Kutscher, weil es überfahren kann, es ist Lokomotivführer, weil es dann 
Herr einer gewaltigen todbringenden Maschine ist. Die Brandphantasien 
äußern sich als Feuerwehrspiel usw. 

Interessante Beiträge zu dieser Frage bringt Pfeiffer („Äußerun- 
gen infantil-erotischer Triebe im Spiele" [Psychoanalytische Stellung- 
nahme zu den wichtigsten Spieltheorien], Budapest, Imago) • 

„Das Lieblingsspiel eines Jugendfreundes von vier bis sechs Jahren, 
N. J., war das „Schweinestechen". Alte Krughenkel oder ein Stück Holz hat 
er als Schweine mit einer Sattlerahle abgestochen; er kniete selbst darauf 
und quietschte wie ein Schwein, das eben abgestochen wird. Nachher hat er 
die so hingerichteten Schweine mit großer Pietät begraben, wobei er sich mit 
Vorliebe als Glöckner oder als Fahnenträger gebärdet hat. In diesem Falle 
konnte die Psychanalyse nicht durchgeführt werden, sie läßt sich aber mit 
großer Sicherheit aus den familiären Verhältnissen des spielenden Kindes 

*) Für Psychologe« von. besonderem Interesse ist die Schilderung, die Schleich 
von seinem Vater entwirft: Auf meinem Schreibtisch steht ein Bild: ein Löwenkopf. 
Eine wallende, den Nacken deckend© Mähne. Ein trauerndes, gleichsam nach der 
Hoimat sinnendes Auge: Wehmut in den verwitterten Zügen. Die Ähnlichkeit meines 
Vaters in seinen späteren Jahren mit dem Haupt eines Löwen — er 6tand im 85. Jahre 
als er 1907 verschied — war auffällig. An dem Sofa meines Sprechzimmers befinden 
sich gepolsterte Lehnen, deren vorder© Enden zwei schön in Holz geschnitzte Löwen- 
köpfe tragen. Als uns eine dreijährige Enkelin meines Vaters einst besuchte, sie 
wohnte in Stettin im Hause meines Vaters, nahm sie nach echter Kinderart zunächst 
■eine Generalinspektion meines gesamten' Wohnungsinventars vor. Als sie vor einem 
der Löwenköpfe die Beinchen spreizte, hob 6ie erstaunt die Hände, streichelte den 
einen und sagte mit rührender Zärtlichkeit: „Opapa!" — Schleich (I.e., p. 53). 



28 Psych osexueller Infantilismus. 

ersetzen. Abgesehen davon, daß das Töten eines Tieres mit darauffolgendem 
Betrauern ein Totenritus ist, von dem Freud bewiesen hat, daß er auf typische 
Inzest- und Vatermordwünsche zurückzuführen ist, deuten viele Züge des 
Spieles und der Eltemkonstellation in der Familie des spielenden Kindes 
mit einer erbitterten Gegnerschaft zwischen dem von der Mutter verzärtelten 
Sohn und dem strengen Vater auf den typischen Todeswunsch des Sohnes 
gegen den letzteren. Sehr klar ist in diesem Falle die Identifikation des Sohnes 
mit dem Vater, der als Sattler auch mit der Ahle arbeitet und im Winter 
seine Mastschweine selbst gestochen hat. Es war schon beim Spielen sehr 
auffallend, daß N. J. beim Schweineschlachten mit der Ahle dieselben charak- 
teristischen Sattlerstiche ausgeführt hat, wie sein Vater bei der Arbeit. 
Ebenfalls war sein Vater Fahnenträger bei den Prozessionen der dortigen 
katholischen Kirchengemeinde, besonders bei den Osterfestzügen, wo auch 
viel geläutet wurde, wie auch bei den Begräbnisspielen, in welchen er offen- 
kundig eine Vaterrolle gespielt hat. Aber wenn ein Kind nach einem Totenmord 
sich an die Vaterstelle versetzt, so kann der feierlich Begrabene in einer von 
der Realität nicht gebundenen, frei erdachten Scheintätigkeit nur der ge- 
tötete Vater sein. Das dürfte wahrscheinlich auch der Vater mit vielem 
psychologischen Sinn, doch mit wenig Verständnis nachempfunden haben 
denn regelmäßig ist er auf das Geläute (d. i. Lärmschlagen mit einem Stocke 
auf den Zaun) aus seiner Werkstatt herausgestürzt und hat seinen Sohn 
durchgeprügelt» obwohl er gegen Geräusche gewöhnlich gar nicht empfindlich 
war Wir können auch ganz verläßlich annehmen, daß im Schweinestechen 
ebenfalls ein sadistisch aufgefaßter Koitus der Eltern dargestellt wird, den 
zu beobachten das Kind bei der engen gemeinsamen Wohnung viel Gelegenheit 
gehabt hat. Zur Analyse gehört auch der Umstand, daß das junge Kind mit 
keiner noch so strengen Erziehungsmaßregel des Vaters davon abzubringen 
war, ein ungarisches Schimpfwort zu gebrauchen,' in dem kategorisch ein 
Koitus mit der Mutter angedeutet wird. Der Junge hat sich beim Eintritt 
in die Pubertät aus unglücklicher Liebe erschossen; die analytischen Er- 
fahrungen zeigen, daß auch dieser Umstand nach dem Taliongesetz des Un- 
bewußten auf eine starke Fixierung im Inzestkomplex mit Todeswünschen 
gegen den Vater hindeutet." 

Schleich 1 ) erzählt eine Episode aus seiner Kindheit, in der er 
Wissensdrang mit Grausamkeit verwechselt: 

„Ich weiß mich noch ganz genau einer Stelle auf diesem paradiesi- 
schen Spielplatz kindlicher Romantik zu erinnern, und sehe mich noch 
da sitzen mit Stein auf Steinen eine Taschenuhr zerklopfend, die mir 
Fünfjährigen (Vater-Geist!) mein Papa unverantwortlicherweise ge- 
schenkt hatte. Es war wohl Wissensdrang, der mich zwang, dem kleinen 
Vogel der Zeit die Flügel zu rupfen, wenigstens soll ich, von allen, auch 
von Vater arg beschimpft, diese Missetat, weinend herausgeplärt haben: 
„Jungens müssen doch wissen, was darin is!" (Schleich, I.e., S. 16.) 
In einer seiner merkwürdigsten und letzten Arbeiten „Jenseits des 
Lustprinzips" bringt Freud 2 ) die Analyse des Spieles eines P/Jährigen 

*) Karl Ludwig Schleich, „Besonnte Vergangenheit", Lebenserinnerungen. Verlag 
Ernst Rowohlt. Berlin, 1921 (I.e., p.16). 

") Freud, „Jenseits des Lustprinzips". Beihefte zur Internationalen Zeitschrift für 
Psychoanalyse. Nr. II, 1920. Internationaler Psychoanalytischer Verlag. Wien, 1920. 



Das Seelenleben des Kindes. 29 

Kindes. Es sprach nur erst wenige unverständliche Laute, die aber von 
der Umgebung gut verstanden wurden. Es pflegte im Spiel alles weg- 
zuwerfen und dabei ein langgezogenes o— o— o— o auszustoßen. Nach 
der Auffassung der Mutter hieß das Wort „Fort". Freud beobachtete 
auch, wie das Kind mit einer Holzspule spielte, die mit einem Bindfaden 
umwickelt war. Es spielte nie Wagen damit, sondern warf es weg und 
zog es wieder zu sich. Wenn die Spule weg war, so stieß es sein o— o— o 
aus, zog die Spule wieder ins Bett zurück und begrüßte sie mit einem 
freudigen „Da". 

Das Kind litt unter der zeitweiligen Abwesenheit seiner geliebten 
Mutter. Es weinte zwar nicht und blieb artig, aber schien doch die 
Abwesenheit, das Fort schmerzlich zu empfinden. Es spielte also das 
Verschwinden der Mutter und ihr Wiederfinden. 

Freud macht mit Recht auf den „Wiederholungszwang" aufmerk- 
sam, der sich im kindlichen Spiele äußert und später in den Symptomen 
der Neurotiker wiederkehrt. Das Kind trachtet eben, seinen Konflikt 
zu erledigen, indem es aus einer passiven Rolle in eine aktive kommt. 
Es wirft die Mutter fort, um sie wieder zu finden. Es macht aus seiner 
Unlust ein Spiel und verwandelt sie in Lust. „Indem das Kind aus der 
Passivität des Erlebens in die Aktivität des Spielens übergeht, fügt 
es einem Spielgefährten das Unangenehme zu, das ihm selbst wieder- 
fahren war und rächt sich so an der Person dieses Stellvertreters." 

Diese feine Beobachtung macht uns viele neurotische Erschei- 
nungen verständlich. Der Zwang eine Szene zu spielen, ist ein Versuch, 
sie zu überwinden und auf diese Weise frei zu werden. Merken wir uns 
diesen Standpunkt für die späteren Ausführungen. 

Die Neugierde und der Forschungsdrang des Kindes sind maßlos. 
Alle Märchen erzählen von verbotenen Kammern, die trotz des Verbotes 
betreten werden, was eine schwere Strafe mit sich bringt. Die früh- 
erwachte sexuelle Neugierde des Kindes ist die Wurzel des Forschungs- 
triebes. (Freud.) Sehr häufig spielen die Kinder Vater und Mutter, 
wobei es zu Koitusszenen kommen kann, wenn die Kinder sich selbst 
überlassen sind. Sie wissen dann ganz genau, daß sie diese Spiele geheim 
halten müssen. 

Die Neigung zu Imitation ist unendlich groß. Das Kind, welches 
die Erwachsenen scharf beobachtet, imitiert sie in allen Spielen, die dann 
eine Vorbereitung fürs Leben bedeuten (Groos) oder deutlich einen 
atavistischen Charakter zeigen (Stanley-Hall). Nicht nur Menschen, 
auch Tiere werden imitiert, welche Eigenschaft früher oder später in 
der Parapathie der Zoanthropie zum Vorschein kommt. 

Es glaubt an die Welt der Wunder und belebt die ganze tote 
Welt. Tiere können sprechen und verwandeln sich in Menschen, Bäume 



■ 

30 Psychosexueller Infantilismns. 

sind verzauberte Menschen, der Wind singt bestimmte Lieder oder raunt 

ST3 l ZU , Die ^^ NatUr lGbt Und die Grenzen -is hen to 
und lebendig sind für ihn verschwunden. 

auf dnW b / Sie1 ?' diG ^ dt d6r Wunder ZU erleben und wartet »™ 
auf da Wunder Es möchte selbst die Wunder vollbringen und bemüht 

Tum^lT* dei n Z T hei 'f ZU lernen " Vor allem glaubt es an die 

und Tod V ™ eda f L GB ^ "^ Sich als Hei ' rn über ^ 
und Tod Es grübelt auch über seine Abstammung und läßt sich als 

17* ° der r als einen ande ™ mächtigen Abkömmling zum höchsten 

üfstan , • W ? SPmnt ^ Famili — * ^«fl, indem es die 
Distanz zur Mutter verringert und die zum Vater vergrößert. Es ist 
m unterschobenes Kind, es wurde in der Jugend vertauscht. Jedes Kind 
wartet auf die goldene Karosse mit den silbernen Pferden, die eines 
Tages vorfahrt und es aus seiner niedrigen Stellung erlöst. 

,„,l T\*?, die ii A " macht Gottes P™ft und daran zweifelt, so wird 
u h d,e Allmacht der Eltern zerstört und dadurch der erste Schritt 

ZJl ei ' m a\ US i^ Aut ° rität gemachtl) Erst auf *«* Wege des 
SSÄ 1 »* f h der ***** des Kindes wieder in das Joch 
der Autorität. („So macht Gewissen Feige aus uns allen ") 

ist dip D lV iCht !f ^ QU t e d6r Schuld S efühle ™1 der bösen Gedanken 

Etf^üÄ ^ ?•"? . Kind iSt maßl ° S ****»»* weiß aber diese 
Eifersucht sehr geschickt zu verbergen. Die Nachricht, daß der Storch 

ein Bruderchen oder Schwesterchen bringen werde, macht dem Kind 
keine Freude. Im Gegenteil! Es stellt sich feindlich ein, und wenn es 
merkt, daß sein Anteil an Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit geschmälert 
oder es zu Gunsten des Rivalen vernachlässigt wird, so wird es von 
.allerlei Rachegefühlen beherrscht, denen es auch offenen Ausdruck gibt. 2 ) 
Die kleine Anna sagt zum Vater, der sie fragt: 
„Was wirst Du machen, wenn Du ein Brüderchen bekommst?" 
„Dann werde ich es töten!" (Jung: Konflikte der kindlichen Seele.) 
Kinder pflegen sehr eifersüchtig zu sein, wenn sie an eines der 
Geschw ls ter fixiert sind. Das beweist uns die Bemerkung eines 7jährigen 
Madchens, das zu seiner Freundin sagte: 

i) Hebbel litt unter diesen kindlichen Konflikten. Er schildert sie in seiner Auto- 

Zt Ö ' '^ m °n Z fv VgLdaS KapiteI " Hebbels Träume " in m ™ ^he 
„Die Traume der Dichter". Verlag J. F. Bergmann, 1912. 

2 ) Ein zweijähriges Mädchen fühlte sich von der Mutter zu Gunsten des älteren 

Bruderchen zurückgesetzt. Es wurde hingegen von dem Kinderfräulein maßlos verzärtelt 

SP.?; * ,w f einigen Ta ß en Abwesenheit zurückkehrte, sagte das Kind: 

Ähtrlr' m M r\« hat miCh Sehr S eschla S en "- »™ bemMe gar nicht auf Wahrheit. 

fräu ein Tll l , ' ^ *" Vemeintliche Zurücksetzung strafen. Das Kindor- 

fraulem sollte es bedauern und der Mutter grollen. 



• 






Das Seelenleben des Kindes. 



31 



„Du Mitzi, wenn. Du meinen Bruder lieb hast, dann bin ich böse auf 
Dich." Dieses kleine Geschwisterpaar war auch aufeinander eifersüchtig. Sie 
wetteiferten um die Liebe der Mutter und stritten immer, wer von- ihnen neben 
der Mutter sitzen dürfe. Als nun einmal das Schwesterchen den Platz für sich 
in Anspruch genommen hatte, wurde der Junge sehr böse und sagte zu ihr: 
„Wenn Du mich nicht zur Mama läßt, haue ich Dir den Kopf mit den Füßen 
ein." 

In der Psychogenese der Neurose haben die älteren und jüngeren 
Geschwister eine große Bedeutung und determinieren oft das ganze 
Leben. Das Kind hat eben das Verlangen, alleinherrschend zu sein. Ihm 
allein gehört die ganze Welt. Das Stehlen der Kinder ist nur der sym- 
bolische Ausdruck dieses hypertrophischen Ichgefühles. Das Kind an- 
erkennt nicht die Grenzen zwischen Dein und Mein, weil alles „sein" 
ist. Es zieht die Ichgrenze nur gezwungen zurück und erweitert sie in 
der Phantasie ins Unendliche. (Dem König gehört alles! Gott ist der 
Herrscher der ganzen Welt. Dem Vater gehört die ganze Wohnung.) 

Nur widerwillig fügt sich der kleine Anarchist dem Verbote. Ein 
jedes Verbot reizt ihn, es zu übertreten. Kleine Näschereien zu stehlen, 
ist nicht nur süß, weil man in den Besitz von erstrebten Leckerbissen 
kommt, sondern weil man etwas Verbotenes tut. 

Hier zeigen sich die ersten Spuren der Trotzreaktionen, die im. 
Leben des Kindes von überragender Bedeutung sind. 1 ) Je mehr man das 
Kind dazu erzieht, die Wahrheit zu sagen, desto leichter wird es in die 
Gewohnheit des Lügens verfallen. Zuerst zwingen es seine sexuellen 
Kenntnisse zu lügen, da es mit seiner Offenheit schlechte Erfahrungen 
macht. (Was man bei Kindern durch Offenheit erfahren kann, das be- 
weist uns die Geschichte vom kleinen Hans, die uns Freud berichtet hat. 
Ich werde später noch darauf zurückkommen.) Die Lüge dient nicht nur 
der Erhöhung des Persönlichkeitsgefühles und der Prüfung der Eltern, 
sondern auch der Tendenz, die Autorität herabzusetzen und das Verbot 
zu übertreten. 

Die schon erwähnte Schauspielernatur des Kindes äußert sich 
einerseits in der Identifizierung und Imitation, andrerseits in der Kari- 
kierung und Verspottung der verschiedenen Autoritäten. Manche spätere 
Neurose entstammt einer solchen infantilen Karikatur und ist eine 
nachtragende Strafe, vom bösen Gewissen diktiert. 

Frühzeitig stellen sich die schon erwähnten Relationen „G r o ß" 
und „K 1 e in" ein, welche sich später als G r ö ß e n w a h n des Normal- 
menschen und als Minderwertigkeitsgefühl seelisch äußern. 



*) Ein fünfjähriges Mädchen, das immer in Opposition- zur Mutter war, sagte: 
„Mama, warum sagst Du, daß, Dir mein Kleid gefällt, jetzt gefällt es mir deshalb nicht!" 
— „Du darfßt mir nie sagen, daß ich brav sein soll, denn dann muß ich schlimm sein. 
Ich kann nur brav sein, wenn Du mir gar nichts sagst!" 



32 Psychosevieller Infantilismus. 

Der brennende Wunsch „Groß zu sein" führt zu einer hypertrophischen 
Phantasietätigkeit. Das Kind kann das Alter kaum erwarten. Nur 
selten sehen wir als deutliche Neurose die „Angst vor dem Älterwerden". 
Sonst besteht immer die Sehnsucht alt zu werden. Für die Zukunft 
spart auch das empfindliche Kind seine Kachephantasien auf. Denn 
jedes Kind ist nachträglich neidisch, eifersüchtig, rechthaberisch. 1 ) Wir 
erkennen das zur Neurose disponierte Kind an dem Fehlen des Gemein- 
gefühles und den ethischen Hemmungen, die sich sehr bald entwickeln. 
(„Die Tugenden sind die Bastarde unserer Laster" sagt Hebbel.) Das 
nervöse Kind zeigt sich schon in dem hartnäckigen Festhalten an den 
Kinderfehlern. Solche Kinderfehler sind Einwärtsgehen, Beibehalten 
der Kindersprache, Stammeln, Lispeln, Näseln, Stottern, das durch 
schlechte Maßnahmen fixiert wird, Unreinlichkeit (Bettnässen, Stuhl- 
verlieren), Tics, Wetzen und Unruhe, Lidblinzeln, Grimassieren, Kau- 
faulheit, Erbrechen, Obstipation, allerlei Hyperästhesien (besonders 
gegen Licht und Geräusche) , Lutschen, Nägelbeißen, Hautbeißen, 
Kratzen, Hautsaugen, Zähneknirschen. Auch ein frühzeitiger Zer- 
störungstrieb zeigt die Anfänge der neurotischen Entwicklung. Während 
das normale Kind einen außerordentlich lebhaften Betätigungstrieb 
zeigt, kann sich das neurotische schon früh entweder übertrieben leb- 
haft oder als Träumer und Faulenzer entwickeln. Auch übertriebener 
Lerneifer kann eine Trotzreaktion sein und ist dazu bestimmt, die 
Eltern ad absurdum zu führen. 



*) Wie weit das „Nichtvergessenkönnen" geht, zeigt folgende Beobachtung: 
Die 7jährigc Tochter einer Patientin, ein. neurotisches Kind, pflegte beim geringsten 
Anlaß äußerst erregt zu werden. Sie litt sichtlich unter Konflikten und je heftiger 
diese waren, desto größer war ihre Reizbarkeit. Dia Mutter vermutete, daß sie ihr 
unbewußt grolle. Sie wich aber allen derartigen Fragen aus und fertigte sie immer 
mit den Worten ab: „Ich bin halt zornig und ärgere mich". Nach einem .Zornesausbruch 
sagte sio einmal ganz spontan: „Ich bin böse auf Dich, schon seit 3 Jahren. Ich bin 
böse aus. mehreren Gründen, besondere aus einem Grund, den ich Dir nie verzeihen 
kann. Sagen kann ich es Dir nie, weil ich es nicht herausbringe. Es hat auch keinen 
Sinn es Dir zu sagen, da es schon etwas Vergangenes ist und nicht mehr gut gemacht 
werden kann." Nachdem die Mutter in sie drang, gestand sie nach langem Zaudern, - 
daß sie ihr böse war, weil sie das Jahr vorher ins Pensionat gegeben worden war. 
Die Mutter war Verhältnisse halber gezwungen gewesen, sie in die Fremde zu geben. 
Da das Institut nicht gut war, wurde sie nach einigen Monaten herausgenommen. 
Monatelang hatte sie nun diesen Groll in sich herumgetragen, war aber trotzdem sehr 
zärtlich mit der Mutter. — Die anderen Maßnahmen, die sie der Mutter so übel nahm, 
lagen noch weiter zurück. Obwohl sie ihre Mutter liebte, konnte sie ihr nicht verzeihen. 
Nach der Aussprache nahm ihre Gereiztheit allmählich ab. Sie hatte auch einmal einer 
Bekannten gegenüber geäußert: „Eine Mutter muß man lieb haben, weil es eben 
die Mutter ist, auch wenn sie nicht so ist, wie man si.e haben möchte." Diese Bemerkung 
enthüllt ihren großen Konflikt. Sie wollte der Mutter nichts vorwerfen. Ihr Unbewußtes 
war aber stärker und ließ den unterirdischen Groll hervortreten. 









Das Seelenleben des Kindes. 



33 



In der Tendenz durch Ubergehorsam die Eltern zu entwerten und 
zu entwaffnen, kann das Kind von dem größten Schauspieler kaum über- 
troffen werden. Auch der Diebstahl kann nur eine Trotzreaktion sein, 
zeigt aber deutliche Beziehungen zur Sexualität, die wir im Kapitel 
Kleptomanie 1 ) gesondert und ausführlich besprechen werden. Es ist eine 
wenig bekannte Tatsache, daß fast alle Kinder stehlen und daß sich 
aus diesem Stehltrieb ein übermoralisches Rechtsgefühl für Mein und 
Dein entwickeln kann. 

Die Diebstähle gehen beim Erwachsenen, sofern sie krankhaft 
sind, in einem Traumzustand vor sich. Auch das Kind kann seine Misse- 
taten in einem solchen Traumzustande begehen, sp daß es eigentlich für 
seine amoralischen Handlungen nicht verantwortlich ist. Es wird so- 
zusagen überrumpelt. Die lebhafte Phantasie des Kindes läßt die ge-' 
träumte Szene als real gelten, wie es ja überhaupt für das Kind charak- 
teristisch ist, daß ihm die Grenzen zwischen Realität imd Phantasie 
zeitweilig vollkommen schwinden, welche Eigenschaft der Neurotiker 
mit dem Kinde gemein hat. 

Aus dieser Eigenschaft, die Welt zu symbolisieren und den Sym- 
bolen Realitätswert zu verleihen, entstehen dann merkwürdige Neigungen 
zu toten Gegenständen und allerlei Symbolhandlungen, die in das spätere 
Leben hinübergenommen werden. 

Besonders bei der Onanie ersetzen verschiedene Gegenstände 
Menschen. Ich möchte nur einige charakteristische Beispiele anführen. 

Fall Nr. 5. Ein 45jähriger Mann hat die Gewohnheit, vor dem Ein- 
schlafen ein Kissen zu umarmen und an dem Zipfel des Kissens zu saugen. 
Er gibt au, daß er diese Gewohnheit seit den ersten Kinderjahren hatte und 
sie sich nicht abgewöhnen konnte. Es wurde im Laufe der Besprechungen 
klar, daß ihm das Kissen die Amme ersetzte, die ihn immer zu sich ins Bett 
genommen hatte und bis zu seinem vierten Lebensjahre im Hause geblieben war. 

Fall Nr. 6. Frl. 0. Z., eine 26jährige Kontoristin, onaniert 6eit der 
Jugend mit Gedanken an einen Muff. Sie nimmt einen Muff zwischen die Beine 
und drückt sie dann fest zusammen, bis der Orgasmus eintritt. Ihr Lieblings- 
spielzeug als Kind war ein alter Muff, der der Mutter gehörte. Der Muff war 
ihr lieber als jedes andere Spielzeug. Von dem Muff wollte sie sich nicht 
trennen. Der Muff war für sie ein lebendiges Wesen. Alle ihre Spiele handelten 
von den Erlebnissen und Verzauberungen des Muffs, so daß die Eltern einmal 
scherzweise sagten: „Olga wird sicherlich einmal einen Muff- oder einen Pelz- 
händler heiraten!" Ihre Phantasien beschäftigten sich bis in die letzte Zeit 
mit dem Muff. Der Muff erweist sich als Mutterimago. Sie wiederholt mit dem 
Muff eine Szene, die ihr unvergeßlich geblieben ist. Einmal — sie war 3 oder 
4 Jahre alt — klagte sie über Kälte. Die Mutter nahm sie zu sich ins Bett und 
umklammerte sie mit den Beinen, bis sie warm wurde. Sie fühlte dabei mit 
den Händchen die Schamhaare der Mutter . . . 



a ) Bd. VI der „Störungen des Trieb- und Affektlebens". 

Stekol, Störungen des Trieb- und AffektlebenB. V. 



34 Psychosexueller Iufantilismus. 

Auch eine zweite Szene kommt als determinierende Kraft in Betracht. 
Sie war 5 Jahre alt, als sie mit einem Hunde spielte und ihn zwischen ihre 
Beine nahm. Der Hund machte ihr einen Kunnilingus. Diese Szene wiederholte 
eich einige Male. Bald wurde der Hund krank und mußte erschossen werden. 
Daß sie noch heute an der spezifischen Szene festhält, beweist die Tatsache, 
daß sie viele Jahre ohne Muff nicht einschlafen konnte. 

Die Macht der Phantasie ist bei Kindern so groß 1 ), daß sie im- 
stande ist, die ganze Umwelt zu beleben und allerlei Kleinigkeiten als 
Symbole zu lebenden Wesen zu erhöhen. Solche Beispiele werden wir 
noch genügend kennen lernen. Ich möchte hier nur auf die Hartnäckig- 
keit hinweisen, mit der Kinder an ihren Lieblingen hängen und an die 
Einförmigkeit der Phantasie bei gewissen Kindern, während andere die 
Abwechslung lieben. Doch gewisse Formen des psycho sexuellen In- 
fantilismus werden nur verständlich, wenn man mit dieser Einförmigkeit 
des kindlichen Denkens, mit der Einstellung auf eine bestimmte Szene 
rechnet. Die spezifische Szene und die spezifische Phantasie stammen 
aus der Kinderzeit wie alle diese Beispiele beweisen. 

Fall Nr. 7. Frau T. W., 39 Jahre alt, hat noch immer die Gewohnheit, 
mit ihren bunten Fetzen zu spielen. Obgleich sie schon Mutter großer Kinder 
ist und bald Großmutter sein wird, muß sie zuweilen ihre Lade öffnen, in der 
die kostbarsten Schätze ihrer Kindheit verborgen liegen. Während andere 
Menschen ihren Reliquienkult auf alle Dinge erstrecken, die aus der Kindheit 
stammen, hat sie alle alten Spielsachen, Bücher, Briefe, Geschenke und Zeug- 
nisse vernichtet. Nur die Lappensammlung ist ihr kostbarstes Gut. Diese 
Lappen begann sie schon mit vier Jahren zu sammeln. Nichts machte ihr als 
Kind eine so große Freude, als wenn sie einen bunten Lappen erhielt. Sie 
konnte tagelang mit den Lappen spielen. Sie verwandelte sie in Menschen. 
Der rote Fetzen war eine Prozession, der graue ein Schäfer, der grüne eine 
Wiese usw. Mit diesen Lappen stellte sie sich eine eigene Welt zusammen. Sie 
war ein verträumtes Kind, das schwer lernte und jede freie Zeit bei den Lappen 
zubrachte. Schon erwachsen, konnte sie sich von diesen verblichenen Tuch- 
resten nicht trennen. Da man sie verspottete, zog sie sich heimlich in den 
Garten zurück, oder entfaltete ihre Schätze des Nachts, wenn alles sehlief. 

Sie heiratete mit 19 Jahren, liebte ihren Mann, hatte aber sehr geringes 
Empfinden bei seinen Umarmungen. Sie ist eine gute Mutter und spielte gerne 
mit ihren Kindern, so lange sie klein und niedlich waren. Sie konnte wieder 
ein Kind werden. Sie spielt noch heute gerne mit anderen Kindern und wird 
die „Spieltante" genannt. Aber die Tage, an denen sie mit ihren Lappen spielen 
kann, sind ihre Feiertage. 

Die wenigsten Menschen verraten ihre Fixierung an gewisse Szenen 
und gewisse Phantasien. Oft ist es ein Zufall, daß man die spezifische 
Phantasie eines Kindes erfährt. 



*) Vergl. das Kapitel „Die Welt der Phantasie" in meiner Essay6ammlung 
„Masken der Sexualität". Verlag Paul Knepler. Wien, 1920. 



Das Seelenleben des Kindes. 35 

Ich. teile an dieser Stelle die Krankengeschichte eines nicht ganz 
15jährigen Knaben mit, den ich in der Gesellschaft der Ärzte vorge- 
stellt habe." 1 ) 

Fall Nr. 8. Eine merkwürdige Schlafstörung. Der 15jährige, körperlich 
etwas zurückgebliebene, deutlich das Bild eines somatischen Infantilismus 
bietende Knabe G. R. leidet seit neun Monaten an einer merkwürdigen Form 
der Schlaflosigkeit. Des Abends um sechs Uhr stellen sich heftige Schmerzen 
in den Waden und den Oberarmen, mitunter in der Schulter ein. Er wird 
unruhig und wirft sich auf dem Lager hin und her oder läuft stöhnend und 
jammernd im Zimmer umher. Sein Blick wird mitunter stier, er ist wie geistes- 
abwesend, öfter ruft er den Namen seiner Mutter oder seiner Schwester. 
Gegen Morgen verfällt er in einen tiefen, fast kataleptischen Schlaf, aus dem 
man ihn kaum erwecken kann. Er läßt sich nur zu den Mahlzeiten aufwecken, 
die er rasch verzehrt, um wieder einzuschlafen. . 

Dieser Knabe wurde am 15. Februar d. J. mit der Diagnose „Diphtherie" 
dem St. Annen-Kinderspital eingeliefert. Er zeigte heftige Atembeschwerden, 
fieberte hoch, behauptete, es stecke ihm ein Stück Schleim im Halse, weshalb 
ihn der Hausarzt behufs Operation dem Spitale überwies, da er deutlich alle 
objektiven Zeichen der Dyspnoe, auch Einziehung der Fossa suprasternahs 
bot. Überdies delirierte er heftig. 

Der Status des Spitales vom 15. Februar lautet: „Kleiner, magerer 
Knabe, der choreaartige Zuckungen am Körper zeigt. Während der ärztlichen 
Untersuchung verhält er sich ruhig. Später aber beginnen unruhige Reden 
und Bewegungen von neuem. Cor und Pulmo ohne Befund. Temperatur 37,5. 
Nervenstatus ohne Befund. Die ganze Nacht hindurch war das Kind unruhig, 
führte wirre Reden über seine Kleider, seine Lage und wollte nicht im Bette 
bleiben Früh um acht Uhr begann er auf einmal tief Atem zu holen und er- 
zählte, er könne nun ersticken. Kornealreflexe herabgesetzt. Rachenreflexe 
fehlen." 

Der Zustand bot dann in der Nacht immer mehr das Bild einer Chorea. 
Wiederholt verlangte er, zur Lintscherl (seiner Schwester) zu gehen Nach 
kurzer Zeit verließ er das Spital. Die Diagnose lautete: Grippe, Chorea, 
Psychose. 

• Aber schon nach kurzer Zeit wurde er von den Eltern ins Spital zurück- 
gebracht, Der Knabe schlief immer am Tage und weinte in der Nacht, war 
unruhig, suchte, warf sich hin und her und war so erregt, daß sich die Eltern 
nicht helfen konnten. 

Ich fand ihn vor zwei Wochen am Vormittag schlafend in seinem Bette. 
Er bot nicht das Bild eines normalen Schläfers. Der Zustand glich fast einem 
kataleptischen Schlaf. Bei der Untersuchung bemerkte ich, daß er die Hand 
beim erigierten Glied hielt. Ich. weckte ihn auf, und versetzte ihn in hypno- 
tischen Schlaf, was sehr leicht gelang. Nach einigen Minuten war kataleptiBche 
Starre der Glieder zu erzielen. In der Hypnose gab ich ihm den Auftrag mir 
in allen Dingen die Wahrheit zu sagen. . Meine erste Frage war: Wie lange . 
onanierst du? 

Seit dem 15. Februar! lautete prompt seine Antwort. 



l ) Wiener klin. Wochenschrift. 1920. Nr. 49. 

3* 



36 



Psychosexueller Iufautilismus. 



Am 12. Februar hatte seine geliebte Schwester geheiratet und es lag 
sehr nahe, eine Beziehung zwischen dieser Heirat und seinem Leiden her- 
zustellen, um so mehr, als die Schwester in seinen Delirien und nächtlichen 
Weinereien eine große Rolle spielte. 

Nun erfuhr ich teils in der Hypnose, teils bei vollem Bewußtsein folgende 
Tatsachen. Er war schon vor einigen Jahren von anderen Knaben aufgeklärt 
worden, daß der Mann sein Glied der Frau in ein Loch hineinstecke. Dabei 
kam es auch zu allerlei Spielereien zwischen den Knaben. Als sich seine 
Schwester verlobte, beschäftigte ihn der Gedanke, was der Schwager mit der 
Schwester machen werde. Am Tage der Hochzeit war er sehr aufgeregt. Es 
war die erste Nacht, in der er aufbleiben durfte. Die Hochzeit begann schon 
sehr früh und dauerte bis vier Uhr morgens. Die Schwester war mit dem 
Schwager sehr zärtlich, tanzte auch einmal mit ihm im Zimmer umher. Nach 
vier Uhr verabschiedete sich das junge Paar und zog sich zurück. Da fing der 
Knabe heftig zu weinen an und konnte kaum beruhigt werden. Er gab zur 
Motivierung an: „Weil Lintscherl weggeht!" 

Am 15., also drei Tage nach der Heirat, onanierte er des Mittags zum 
ersten Male auf dem Abort und stellte sich den Verkehr zwischen Schwager 
und Schwester vor. Er hatte von den Knaben gehört, daß der Mann eine Art 
Schleim, „die Natur", absondert. Plötzlich fühlte er beim Orgasmus, der noch 
ohne Ejakulation erfolgte, wie ihm ein Stück Schleim im Halse steckte. Es 
ist dies ein Phänomen, das Freud die Verlegung von unten nach oben genannt 
hat. Es handelte sich um ein hysterisches Konversionssymptom. Er erlebte 
in seinem Munde, was sich in einer anderen Öffnung abgespielt hatte. 

Atemlos, nach Luft ringend, kam er zu seiner Mutter. Der herbeigeholte 
Arzt konstatierte die oben erwähnten Symptome und ließ ihn in das Spital 
transportieren. 

Nachdem er das erste Mal entlassen wurde, ging er in der Zwischenzeit 
beichten. Er ist sehr fromm und Mitglied des katholischen Jünglingsvereines. 
Er beichtete auch seine sündigen Gedanken auf die Schwester und erhielt einen 
strengen Verweis und auch den Auftrag, sich nicht unkeusch zu berühren. Er 
dürfe auch nicht mehr an die Schwester denken, da es eine große Sünde wäre. 
Seit damals verdrängte er die Gedanken an die Schwester, aber an Stelle der 
Gedanken traten die Schmerzen, über die er nun jede Nacht weinte. 

Es ist klar, daß er an der „Idee fixe" (Janet) der Hochzeit seiner 
Schwester leidet. Er annulliert sozusagen die stattgehabte Hochzeit und er- 
lebt sie noch einmal. Und er erlebt auch alles, was sich nach der Hochzeit 
zugetragen hat. Um die Zeit, als die ersten Hochzeitsgäste .kamen, wird er 
erregt und bleibt genau wie in der Hochzeitsnacht die ganze Zeit bis zum 
Morgen auf. Offenbar hatte er sich vorgestellt, daß die Schwester nun im 
Bette liegen werde und bleibt auch bei Tage im Bette liegen, wobei die per- 
manente Erektion seine Gedanken verrät. Gegen Morgen pflegt er dann zu 
onanieren und einzuschlafen. Er schlief auch am Tage nach der Hochzeit fast 
den ganzen Tag. 

Dieser Zustand dauert schon neun Monate. Es -besteht die Gefahr, daß 
er die geistige Entwicklung des Knaben aufhält und der Infantilismus dauernd 
fixiert bleibt. 

Ich versuchte nun, durch starke hypnotische Suggestionen auf den 
Knaben einzuwirken. Ich habe schon erwähnt, daß er für Hypnose sehr 
empfänglich ist. Jeder hypnotische Auftrag, auch jede posthypnotische Hand- 



Das Seelenleben des Kindes. 



37 



hing, wird prompt ausgeführt. Ich hieß ihn aufstehen und tagsüber außer 
Bett bleiben, was er prompt ausführte. Etwas langsam und schlaftrunken, 
aber er verließ das Bett und beschäftigte sich etwas im Zimmer. Nun gab 
ich ihm den Auftrag, am Abend um neun Uhr fest einzuschlafen und bis 
sechs Uhr morgens zu schlafen. Er schlief pünktlich ein, aber wachte schon 
nach einer halben Stunde auf und trieb es so bunt wie alle Nächte vorher. 
Auch die weiteren hypnotischen Aufträge blieben ohne Wirkung. Er steht 
bei Tag auf, er war schon zweimal bei mir, aber er schläft des Nachts nicht 
und lebt in seiner Hochzeitsphantasie weiter. Er lebt immer nur die eine 
Szene. l ) 

Wir ersehen aus diesem Falle, wie hartnäckig der Neurotiker an 
einer bestimmten Phantasie festhält. Diese Trotzeinstellung führt auch 
in der frühen Kindheit zu allerlei Symptomen, welche der Umgebung 
unverständlich bleiben, wenn man ihre Psychogenese nicht kennt. In 
der Psychose, besonders in der Schizzophrenie kommt es dann zur voll- 
kommenen Einstellung auf die spezifische Szene. 

Katatonische Symptome ohne böse Prognose bietet jedes Kind 
genügend. Es gibt Kinder, welche monatelang sinnlos ein Wort her- 
sagen, oder eine bestimmte Bewegung machen, eine besondere Atti- 
tüde einnehmen. 2 ) Mitunter kommen Identifizierungen mit Märchen- 
gestalten vor, wenn sie einer spezifischen Phantasie entsprechen. Alle 
Spiele der Kindheit haben einen geheimen Sinn. Das Kind spricht und 
begeht keinen Unsinn. Oh es sich mit dem Vater identifiziert und ihm 
alles nachmacht oder ob es ein Tier spielt, ob es scheinbaren Unsinn 
lallt, wie ein Echo alles nachspricht, was die Umgebung gerade spricht 
(Echolalie), immer steckt Zweck und Sinn in dem Gehaben. 

Oft lassen sich die Handlungen der Kinder nur als ein Protest gegen 
die Realität erklären. Das Kind annulliert jede Realität und fügt sie in 
seine Phantasiewelt ein, gestaltet sie selbstherrlich nach seinen Wün- 
schen. Es sucht geheime Zusammenhänge mit dem Wunderbaren und 



x ) Hier sehen wir die Machtlosigkeit der Hypnose, die bis zu einer gewissen 
Grenze geht und dann vor inneren Hemmungen und stärkeren Affekten haltmacht. Der 
Knabo benötigt eine analytisch-pädagogische Behandlung. Er muß tagsüber beschäftigt 
werden, er muß abgelenkt werden, es müssen ihm neue Interessen implantiert werden. 
Sonst läuft er Gefahr, sich ganz nach innen zu wenden, zu introvertieren. 

Die gleichen Erfahrungen habe ich in der Privatpraxis gemacht. Die Macht der 
Hypnose wird sinnlos überschätzt. Sie leistet hie und da gute Dienste, aber die Fälle 
sind eigentlich sehr selten. Das Publikum macht sich von der Macht der Hypnose falsche 
Vorstellungen und läuft den verschiedenen Telepathen, Suggesteuren, Hypnotiseuron, 
Laienpsychologen nach, die sich meistens öffentlich produzieren, um Kranke an sich 
zu locken. Es wäro hoch an der Zeit, den Unfug einzustellen. 

2 ) Ein 7jährigo8 Mädchen 6agte eine Zeitlang ununterbrochen zu seinem künftigen 
Stiefvater: „Onkel weißt Du was? Du bist ein Onkel!" Damit wollte es sagen, daß 
er für sie nur ein Onkel sei und ihr nie den geliebten Vater ersetzen werde. Nachdem 
ihr dies erklärt worden war, sagte sie es nie mehr. 



38 



Psychosexueller Infantilismus. — Das Seelenleben des Kindes. 



mit Gott, sieht allerlei Wunder im Natürlichen. Diese Eigenschaft des 
Kindes behält der Dichter bei, der uns in mancher Hinsicht einen 
psychischen Infantilismus verkörpert. Jedes Kind ist ein Dichter. 
Tolstoi ließ einmal in einer Volksschule die Kinder selbstgedichtete 
Märchen erzählen und war so. entzückt, daß er die Behauptung aufstellte, 
kein Dichter könnte schönere Märchen erfinden. Nur glaube man nicht, 
daß die Märchen dem Kinde eine fiktive Welt repräsentieren. Das Kind 
glaubt an seine Märchen. Sie sind seine Realität. 

Viele Zustände von psychosexuellem Infantilismus sind nichts 
anderes als fixierte Märchen. Davon werden die späteren Kapiteln 
handeln. 



III. 

Das Geschlechtsleben des Kindes.;] 

Es gehört zu den merkwürdigsten sozial-psychologischen Phäno- 
menen, daß man jahrtausendelang das Geschlechtsleben des Kindes 
übersehen konnte. Noch heute gibt es unter den Ärzten Zweifler und 
Entrüstete, die sich ihren „heiligen" Glauben an die Kindheit nicht 
rauben lassen wollen. Alle Erfahrungen der bösen Analytiker und der 
von ihnen geschulten Lehrer und Eltern werden als Ausnahmsfälle, 
die man nicht als Schlüssel für das Allgemeine verwenden dürfe, ange- 
sehen, als Folgen einer kranken Anlage oder einer falschen Erziehung. 
Die Eltern wollen sich den schönen Wahn vom unschuldigen Engel 
nicht rauben lassen. Am allerwenigsten, wenn es sich um ihr eigenes 
Kind handelt. 

"Über die Motive dieser sonderbaren Einstellung habe ich an anderer 
Stelle ausführlich gesprochen. 1 ) Ich will mich an dieser Stelle damit 
begnügen, die nackten Tatsachen mitzuteilen, sofern sie für das Ver- 
ständnis des „psychosexuellen Infantilismus" notwendig sind. Nur die 
genaue Kenntnis der Kindersexualität ermöglicht uns das Verständnis 
der verschiedenen Verirrungen und Abbiegungen des Geschlechtstriebes, 
die in vielen Fällen entweder eine Entwicklungshemmung oder eine Re- 
gression auf das Infantile vorstellen. 

Das Geschlechtsleben des Kindes beginnt wahrscheinlich schon 
während des Fötallebens. Es ist anzunehmen, daß der Fötus sexuelle 
Lustgefühle empfindet, obgleich sich diese Behauptung ja nicht be- 
weisen läßt. Denn die zahllosen Vaterleibs- und Mutterleibsphantasien 
der Neurotiker — ich weiß nicht, ob sie beim Normalmenschen vor- 
kommen, aber ich nehme es an — lassen sich als Nachphantasien er- 
klären und bedürfen nicht der Anknüpfung an die realen Erlebnisse 



1 ) Bd. II, S. 135, IL Aufl. — Alle Anmerkungen ohne Autorennennung beziehen 
eich auf meine Arbeiten. Die vorhergehenden Bände der „Störungen des Trieb- und 
Affektlebenß" werden einfach mit B. bezeichnet (z. B.B. 11= IL Band). Die Seitenzahlen 
beziehen sich auf die letzten Auflagen. 



40 



Psycliosexueller Iufautilismus. 



des Fötallebens. 1 ) Aber schon in den ersten Stunden nach der Geburt 
können wir bei einzelnen Knaben Erektionen beobachten. Ja, es wurde 
mir von Frauenärzten erzählt, daß sie die Erektionen sofort nach der 
Geburt beobachten konnten. Wir müssen aber annehmen, daß solche 
Erektionen auch im Fötalleben vorgekommen sein können und durch 
irgendwelche periphere Reize zustande kommen, vielleicht auch rein 
physiologisch durch Erschütterung und Reizung des Erektionszentrums. 
Immerhin ist die Möglichkeit vorhanden, , daß der Embryo libidinöse 
Regungen empfindet; vielleicht daß die Bewegungen als solche schon 
als Lust gewertet werden (Muskel und Hauterotik), ebenso dürfte das 
rhythmische Schaukeln während des Gehens und Führens sich in irgend 
einer Weise auf das Kind übertragen und sich als Lustempfindung 
äußern. 

Doch verlassen wir das Gebiet vager Hypothesen und kehren wir 
zur Wirklichkeit zurück. Ich erwähnte schon die Erektionen der Neu- 
geborenen. Wir sehen aber außer den Erektionen, daß die Neugeborenen 
ihre Hände meistens bei den Genitalien halten und sich durch ona- 
nistische Reizungen Lustgefühle verschaffen. 

Diese Säuglingsonanie ist keine Ausnahme, sondern offenbar ein 
allgemeiner, physiologischer Zustand. Das Kind benötigt unendlich viel 
Libido, um die Gefahren der Säuglingszeit und der ersten Kinderjahre 
zu überstehen. Die Tatsache, daß die Kinder ohne mütterliche Liebe 
in den bestgeleitcten Kinderheimen massenhaft sterben, beweist uns 
die überragende Bedeutung der Liebe in jeder Form für die Entwicklung 
des Menschen. (Auch die Verbrechen sind nur Liebesstörungen, welche 
durch eine entweder lieblose Erziehung oder durch ein Übermaß von 
Liebe hervorgerufen wurden.) 

Das Kind bezieht seine Lust aus zwei Quellen. Es erzeugt sich 
auto-erotisch Lust, entweder durch Reibung der Genitalzone oder 
durch Bewegung. Dazu kommt die Libidomenge, welche von der Mutter 
oder der Pflegeperson zugeführt wird. Schon das Saugen an der Brust 
geht mit starken Lustempfindungen einher. (Das beweisen die Neuro- 
tiker, die ich als ewige Säuglinge bezeichnet habe.) Wenn die Mutter- 
brust fehlt, wird der Lutscher als Lustquelle benützt. Der müßige 
Streit, ob der Lutscher als auto-ero tische Tätigkeit zu werten ist oder 
nicht, ist längst zugunsten von Lindner und Freud entschieden worden. 

Das Kind ist nicht einzig und allein auf die Genitalzone angewiesen. 
Es weist einen Reichtum an erogenen Zonen auf, um den es der Er- 
wachsene beneiden könnte. Die wichtigste erogene Zone des Kindes ist 
der Mund. Die Nahrungsaufnahme ist ein lustbetonter Akt, den 

l ) Besonders Freud und Ferenczi halten an der libidinösen Fötalperiode des 
Menschen fest. Freud verlangt die Ausdehnung der Analyse bis zum Fötalleben. 



Das Geschlechtsleben des Kindes. 41 

Havelock-Ellis mit Recht mit einem Koitus vergleicht. Die Mammilla 
ersetzt den Penis (sie besitzt auch gleich dem Penis erektiles Gewebe), 
der Mund ist eine Vulva, die Milch gleicht dem Sperma. Das Saugen und 
Trinken geht unter ständigem Orgasmus vor sich. (Es ist wenigen 
Ärzten bekannt, daß die Mütter wiederholt beim Stillen zum Orgasmus 
kommen. Das Aufblühen vieler Frauen während des Stillens läßt sich 
durch die intensive Befriedigung erklären. Es handelt sich bei diesen 
Frauen um eine Präponderanz der Erogenität der Mammillen.) 

Die lustspendende Bedeutung des Saugens und Lutschens erhellt 
aus der Tatsache, daß es Menschen gibt, die bis zu ihrem Tode die 
„süße Gewohnheit" des Ludeins (auch „Wonnesaugen" genannt) bei- 
behalten. Wir müssen uns aber vorstellen, daß diese Lust beim Säugling, 
dessen Leben ein echtes ungehemmtes Triebleben ist, viel stärker ist, 
weil ja sein ganzes Leben ein Wechsel von Lust und Unlust darstellt, 
wie es sich in der vegetativen Form seiner Existenz durch alle Phasen 
seines Tages aus Reiz und Befriedigung des Reizes zusammensetzt. ' 

Zu diesen zahlreichen Lustquellen gesellen sich die Reizungen 
der Kinderpflege. Es ist ja naturgemäß, daß die Mutter die von Urin 
und Kot beschmutzten Hautpartien sorgfältig säubern und von Ekzemen 
und Dermatitiden schützen muß. Diese Waschungen und Reibungen 
der Genital- und Analzonen, das Einreiben, Einfetten und Einpudern, 
das Seifen der Genitalien und des Anus im warmen Bade wirken als 
starke sexuelle Reize und sind oft bei Knaben von Erektionen, bei 
Mädchen von onanistischen Wiegebewegungen begleitet. 

Es ist vielleicht notwendig, bei dieser Gelegenheit darauf hinzu- 
weisen, daß viele Mütter sich aus uneingestandenen (unbewußten) 
sexuellen Motiven ein Zuviel an Kinderpflege leisten, was zu einer 
Fixierung dieser infantilen Art der Lustgewinnung führt. Spiele der 
Mutter mit den Genitalien der Säuglinge sind gar nicht selten. Ammen 
und Mütter aus dem Volke benützen die Erogenität der einzelnen 
Genitalpartien, um den ungebärdigen, schreienden Säugling zu be- 
ruhigen. Ist einmal diese Art der Beruhigung eingeführt, so ist ein 
Circulus vitiosus geschaffen. Das Kind verlangt dann nach der Reizung 
der Genitalzone und kommt bald dazu, sich die verlangte Lust durch 
auto-erotische Manipulationen ohne Hilfe der Wartepersonen zu ver- 
schaffen. Werden die Kinder älter, so verlangen sie oft, die Mama möge 
sie im Bade unten ordentlich mit Seife einreiben, weil es juckt oder 
beißt. Ja, sie produzieren Ekzeme, deren Behandlung ihnen die heiß- 
begehrten Berührungen verschafft. 1 ) 



*) Vgl. Bd. I, S. 252, III. Aufl. Nicht jedes Kind ist so offenherzig wie der kleine 
Hans (Freud, Schriften zur Neurosenlehre, Bd. II; „Die Phobie eines fünfjährigen 
Knaben"), der von seiner Mutter verlangt, sie möge die Hand hinunter geben, „weil es so 



42 Psychosexueller Infantilismus. 

Zu den Lustquellen der Kindheit gehört auch das Schaukeln, 
Wiegen und Herumtragen. Die rhythmischen Erschütterungen, die ich 
schon bei Besprechung der Sexualität des Fötallebens erwähnt habe, 
erklären das spätere Interesse des Kindes für alle möglichen Vehikel, 
seine Freude am Fahren, am Getragenwerden, an der Fortbewegung mit 
fremder Hilfe. Diese primitive Wurzel des Reise- und Fortbewegungs- 
triebes mit fremder Hilfe kann sich fixieren und erklärt manche Form 
des psychosexuellen Infantilismus. Es gibt Männer, die nur in der 
Eisenbahn potent sind und nur, wenn sich der Zug fortbewegt. Andere 
werden in der Eisenbahn von förmlicher Satyriasis und von Priapismus 
gequält. Frauen onanieren während des Fahrens. Viele Frauen, die 
sonst unnahbar sind, lassen sich in der Eisenbahn leicht erobern. 

Auch die See- und Eisenbahnkrankheit geht auf die unbewußte 
Abwehr sexueller Regungen zurück. 1 ) 

. Verschiedene Spiele mit dem Säugling, wie Schupfen, in die Höhe 
werfen, forciertes Wiegen, haben eine ausgesprochene sexuelle Bedeutung 
und können sich später als Karikaturen in der Paraphilie äußern. 

Ich habe schon die gefährlichen Wartepersonen erwähnt, welche 
die Reizung der Genitalien benützen, um den „schreienden Störefried" 
zu bändigen und dadurch sich und ihm Ruhe zu verschaffen. Ich darf auch 
die Mütter nicht übersehen, ■ welche den Säugling als „erotisches Spiel- 
zeug" benützen und welche ihr Übermaß an Sexualität auf diese für 
das Kind gefährliche Weise abreagieren. Besonders die unglücklichen, 
liebesenttäuschten Mütter werden dazu gedrängt, ihr ganzes Zärtlich- 
keitsbedürfnis auf das Kind zu übertragen und alle Sexualität in 
„mütterliche Liebe" umzuwerten. Das Kind wird gestreichelt, gekost, 
geherzt, mit tausend zärtlichen Namen belegt, auf die Wangen, das 
Ohr, auf den Bauch, auf die Nates geküßt. (Ich hörte wiederholt von 
Müttern den Ausspruch: „Der Popo meines Kindes ist schöner als 
jedes Gesicht" . . .) 

Max Graf sagt: 

Ich kenne ein ausgezeichnetes Gedicht eines in Deutschland fast unbe- 
kannten französischen Poeten, Auguste Dorchain, das sich „L'Habitude dee 
caresses" betitelt und in unübertrefflicher Weise den Zusammenhang der 
früh geweckten Sexualität und der Neurose schildert. Es beginnt: 

Meres, vous aimez trop ces pauvres petite hommes 

Qu'en souriant vous apaisez: 

A ces rlls, qui seront faibles, comme nous sommes 

Ne prodiguez pas vos baisers; 

Car sur votre ame ainsi vous moulez trop leur ame; 



gut ist". Ebenso das fünfjährige Töchtereben einer Patientin, das sagte: „Mama, kitzU 
mich unten, das ist so gut!" 
J ) Vgl. Bd. I, S. 387. 



Das Geschlechtsleben des Kindes. 43 

Ils pourront un jour en souffrir; 

Ils vous devront im coeur semblable aux coeurs de femme, 

Prompt ä saigner, lent ä guerir. 

Vous leur faites un nid si chaud de vos caresses, 

Toujours vous oubliant pour eux, 

Que le eher souvenir des auciennes tendresses 

Les rendra plus tard malheureux. 

S'ils sentent, chacque soir, sur leur bouche ingenue 

Votre souffle calme fremir, 

Sans le parfum aime d'une haieine connue 

Ils ne pourront plus s'endormir. 

Meres vous les pressez avec inquietude 

En les bercant sur vos genoux; 

Ils se rapelleront cette douce habitude 

Quand ils ne seront plus ä vous . . . 

(In der Sammlung „La Jeunesse ponsivo".) 

„Welche Harmonie der Form, aber auch welche psychologische Er- 
kenntnis! Kann doch die unbewußte Erinnerung an solche in der Kindheit 
empfangene Küsse so stark werden, daß die Rivalität des Knaben mit dem 
Vater zum Haß des Knaben gegen den Vater anwächst und daß die Inzest- 
phantasie den Mann davor zurückschrecken läßt, das geliebte Weib zu um- 
armen. Beides war, um ein charakteristisches Beispiel zu nennen, bei Grill- 
parzer der Fall, dem Sohne einer leidenschaftlichen Mutter, die in einer Ehe, 
wo wenig Liebe zu Hause war, ihr Zärtlichkeitsgefühl mit Küssen befriedigt 
hat, die sie an den Knaben verschwendete." 

Zu den wichtigsten erogenen Zonen des Menschen gehört der 
Anus. Freud hat auf die Bedeutung dieser erogenen Zone hingewiesen 
und aufmerksam gemacht, daß die Kinder den Stuhl zurückhalten, weil 
der Druck der Skybala auf die Schleimhaut des Anus ihnen Lustgefühle 
bereitet. Es scheint aber, daß normaler Weise alle diese erogenen Zonen 
ihre Bedeutung verlieren, sobald mit der Pubertät die Genitalzone das 
Primat übernimmt (Freud). Durch unvorsichtige Manipulationen 
mancher Mütter wird eine Überreizung der Analschleimhaut herbeige- 
führt. Ich mache besonders auf das gänzlich überflüssige Herbeiführen 
des Stuhles durch kleine Irrigation aufmerksam. Die Mütter bilden 
sich ein, für die Gesundheit des Kindes zu sorgen, wenn sie ihm täglich ein 
solches Klysma applizieren. Oft wird das Klysma gegeben, wenn der 
Säugling schreit. Tritt dann die Beruhigung — infolge der onanistischen 
Reizung — ein, so erklärt die stolze Mutter, es seien die Winde abge- 
gangen, das Kind hätte furchtbar gelitten. Jedes bißchen Stuhl, 
das mit dem Klysma zutage tritt, wird als Beweis einer gefährlichen 
Verstopfung angesprochen. Diese überflüssigen Manipulationen, ebenso 
wie das übertrieben häufige anale Temperaturmessen mit dem Thermo- 
meter machen die Kinder zu Analerotikern, die ihr ganzes Leben mit 
Verstopfung kämpfen und ohne Irrigator nicht leben können. In Wahr- 
heit ist noch kein Kind an Verstopfung gestorben. [Auch die Erwachsenen 



44 



Psychosexueller Iufantilismus. 



treiben einen lächerlichen Mißbrauch mit Abführmitteln, blutreinigenden 
Kräutern und Pillen, mit Irrigationen, welche meistens nur ein hygieni- 
scher Vorwand für die onanistische Reizung der Analzone sind. 1 )] 

Mit diesen Vorgängen ist das Arsenal der mütterlichen Reizungen 
noch nicht erschöpft. Es kommt noch hinzu, daß die Kinder ins Bett 
der Erwachsenen genommen werden. Der Säugling liegt oft zwischen 
den Eltern und er behält diese Position oft bis zum sechsten, ja sogar 
bis zum zehnten Lebensjahre. Die Eltern gehen dabei von der Ansicht 
aus, daß „der kleine Wurm" noch keine Ahnung von den sexuellen Vor- 
gängen habe. Sie denken, das kleine Kind versteht nicht, was der Koitus 
der Eltern bedeutet. Aber sein Gehirn ist empfänglich, wie die unbe- 
nutzte weiche Wachsplatte eines Grammophons. Es nimmt die unver- 
standenen Eindrücke auf, um sie später zu reproduzieren und in der 
Neurose zu verwerten. Das gilt für die ersten Lebensjahre. Sehr bald 
beginnt das Kind die Vorgänge zu verstehen und weiß, daß es seine 
Kenntnisse vor den Erwachsenen verbergen muß. 

Das Kind ist eben nur Sexualwesen. Es repräsentiert die Urstufe 
der Menschheit, den reinen Triebmenschen. Freud hat das Kind „poly- 
morph-pervers" genannt. Pervers kann nur etwas Unnatürliches sein. 
Das Kind kann nicht pervers sein, sobald diese Eigenschaft allen Kindern 
zugeschrieben werden muß. Das Kind ist „pan-erotisch". 

Fast alle Kinder onanieren, die einen häufiger, die anderen seltener» 
Es ist merkwürdig, daß den meisten Kinderärzten die Säuglingsonanie 
entgeht. Henoch beschrieb . die Wiegebewegungen des Säuglings als 
Zeichen onanistischer Reizung. Denn nicht immer wird die Onanie 
manuell betrieben, wenngleich die meisten Säuglinge ihre Fingerehen 
am liebsten in der Genitalgegend herumkrabbeln lassen. Am häufigsten 
kommt die Onanie durch Wiegebewegungen, durch Zusammenpressen der 
Schenkel, durch die feuchte Wärme der benäßten Windel zustande. Dabei 
kommen die Kinder zum Orgasmus. Sie verdrehen die Augen, oder ihr 
Blick wird glasig, sie keuchen, sie scheinen einige Sekunden 'ohne Be- 
wußtsein. Dieses „Wegbleiben" der Säuglinge wurde oft als epileptisches 
Äquivalent beschrieben. Viele epileptische Anfälle der Kinder sind nichts 
anderes als auto-erotische Akte mit außerordentlich starkem Orgasmus. 2 ) 
Das Sexualleben des Kindes ist nicht allein durch die all- und 
autoerotischen Bestrebungen gekennzeichnet. Das Kind hat noch die 
Fähigkeit, primäre Ursexualität zu empfinden. Es hat Freude an den 
Gerüchen des Stuhles, des Urines. Auch über das Säuglingsalter hinaus, 



1 ) Vgl. die Ausführungen in Bd. II über „erotische Reizungen als Heilmittel" 
und den famosen „Entcrocleaner". 

2 ) Im Gegensatz zu den meisten Kinderärzten hat der Freudianer Friedjung in 
zahlreichen Arbeiten die Kinderonanie beschrieben. 



Das Geschlechtsleben des Kindes. 



45 



will es alle Gegenstände in den Mund stecken. Aber auch in die 
anderen Öffnungen wie Nase, Ohren und Anus werden Gegenstände ge- 
steckt. Zuerst muß es unterrichtet werden, sich mit seinem Kot nicht 
zu beschmutzen und seine eigenen Sekrete nicht zu verzehren. Der Kot 
ist der Repräsentant des Verbotenen und mit Ekel Belegten. „Pfui! Das 
ist kaka!" sagen bei uns die Mütter. Kaka ist Kot, ist aber alles, was 
unappetitlich und ekelhaft ist. Das heranwachsende Kind läßt sich 
trotzdem die Freude an den eigenen Sekreten und Exkreten nicht rauben. 
Heimlich kostet es von manchen dieser verbotenen Stoffe. Die einen hören 
früher, die anderen später auf. Wir werden in späteren Kapiteln Menschen 
kennen lernen, welche als Erwachsene diese Vorliebe für die eigenen 
Ausscheidungen beibehalten haben und die sich von diesem Infantilismus 
nicht befreien können. Verschiedene Unarten der Kulturmenschen weisen 
auf diese Infantilismen hin. Die Unsitte des Nasenbohrens, die ich bei 
den intelligentesten Menschen beobachtet habe, verschiedene kleine 
Zwangshandlungen auf dem Aborte weisen wie Petrefakte einer früheren 
Periode auf eine frühe und stark betonte Sekret- und Exkretsexuali- 
tät hin. 

Eine außerordentliche Rolle im Sexualleben des Kindes spielt das 
Klosett. Für das Kind ist das Klosett keine Bedürfnisanstalt, sondern 
eine Quelle der erotischen Anregung. Man übersieht leicht die Rolle, 
welche die Defäkation im Leben des Kindes spielt. Ich habe schon er- 
wähnt, daß das Stuhl-Zurückhalten und das -Absetzen mit Lustgefühlen 
verbunden sind. Ebenso wird der Flatus vom Kinde hoch eingeschätzt, 
weil es den Geruch der eigenen Winde und in den ersten Jahren den 
der fremden liebt. Man beachte die Heiterkeit x ), welche unter Kindern 
ein Flatus auslöst und die große Bedeutung, die er im Seelenleben des 
Menschen einnimmt (Jones). Das Kind hält sich gerne im Klosett auf. 
Es benützt verschiedene Gelegenheiten, um ins Klosett zu kommen. 
Es gibt ja Mütter, welche aus Angst, das Kind allein zu lassen, sich von 
ihrer Nachkommenschaft ins Klosett begleiten lassen. 2 ) 

Das Kind liebt die verschiedenen Gerüche seiner Umgebung und 
kann auch sehr schnell unterscheiden, wer vor ihm auf dem Klosett 
war, eine Eigenschaft, die auch hie und da bei Erwachsenen zu finden 

*) Der Simplizissimus brachte einmal eine sehr charakteristisch© Anekdote. Eine 
vom Kommerzienrat N- gegebene Gesellschaft war in flauer Stimmung und mopste 6ich. 
Da kam ein neuer Gast an, der als Witzbold bekannt war. N. apostrophierte ihn mit 
den Worten: „Sprechen Sio das erlösende Wort!" Der so Herausgcf orderte blickte ernst 
im Kreise herum und sprach dann sehr ernst und gemessen: „Meine Damen und Herren! 
Das erlösende Wort heißt — ,Popo'!" — Zuerst herrschte eine namenlose Verblüffung, 
dio sich nach einigen Sekunden in eine unbändige Heiterkeit wandelte. Alles lachte, 
das Eis war gebrochen und dio Gesellschaft blieb in animierter Stimmung. 

s ) In Bauernaborten findet man häufig neben der Öffnung für Erwachsene noch 
eine kleine Öffnung für das Kind. 



46 Psychosexueller Infantilismus. 

ißt. Es bemüht -sich auf jede mögliche Weise, den Defäkationsakt und 
die Mictio der Erwachsenen zu beobachten. Diese Beobachtung führt 
zur Betrachtung der Genitalien der Erwachsenen, die mit den eigenen 
Genitalien verglichen werden, woraus oft ein Gefühl der Minderwertig- 
keit erwächst. (Diese Vorgänge beginnen schon im zweiten und dritten 
Lebensjahre.) In den Spielen der Kinder haben die Exkremente und 
das Klosett eine große Rolle, wenn ihnen die tadelnde Kritik der Er- 
wachsenen nicht die Unbefangenheit geraubt und sie zur Verstelluno- 
gezwungen hat. Die Kinder lassen ihre Puppen defäzieren, führen sie 
aufs Klosett, reinigen sie. Zwangsmäßig tritt das Aussprechen ver- 
botener Worte auf, was auch benützt wird, um die Erwachsenen in 
Verlegenheit zu bringen und Heiterkeitserfolge zu erzielen. Ein fünf- 
jähriges Maderl sagte immer zwangsmäßig: „Popo"! Einige Male kam 
es auch mit entblößtem Hinterteil aus dem Klosett, wobei es mit dem 
Kucken ins Zimmer trat und die Anwesenden durch den unerwarteten 
Anblick verblüffte. Ein kleiner dreijähriger Knabe pflegte, wenn er pro* 
duziert werden sollte, mit einem Flatus aufzuwarten. 1 ) Andere Kinder 
verlangen immer „A-a" oder „Bitte, auf die Seite!", wenn die Situation 
es verbietet, um ihre Eltern in Verlegenheit zu bringen. Oft entwickelt 
sich unter dem Einfluß elterlicher Drohungen und falscher Erziehungs- 
versuche die Angst vor dem Stuhl- und Urindrang, eine der frühesten 
Kmderphobien, die auch den Erwachsenen bleibt und sie sozial unmöglich 
machen kann. Die Urinerotik (Sadger) und die Defäkations (Anal) - 
erotik äußerte sich auch in zahlreichen Kinderphantasien. So spielten 
zwei Knaben immer den „Lulumann" und den „Kakamann". Das waren 
die größten Götter. Der Lulumann konnte die ganze Welt im Urin 
ersäufen 2 ), der Kakamann konnte sich mit Stuhl vollmachen. Diese 
beiden Götter wurden gegeneinander ausgespielt und in stundenlangen 
Spielen und Kämpfen wurde die Gewalt der beiden gemessen und ge- 
schildert. Auch die ersten Geburtsphantasien werden mit der Defäkation 
verknüpft. Das .Kind glaubt, daß die Nachkommen gleich dem Stuhle 
in die Welt gesetzt werden. 3 ) (Infantile Sexualtheorien, Freud) Der 
Stuhl wird oft als Kind betrachtet. Es kommt vor, daß Kinder dem 
Verlangen nicht widerstehen können und heimlich den Stuhl in den 
Mund steck en. (Infantile Urolagnie und Koprophagie.) 4 ) 

*) Ein 5jährigcr Junge, der mit seiner Mutter zu Besuch ist. läßt einen geräusch- 
vollen Flatus von sich und sagt zur Mutter, die in großer Verlegenheit ist: , Mama 
hast Du gehört, ich habe eine Kanone geschossen." 

2 ) Vgl. die Analogie zur Schrift „Gullivers Reisen". 

*) Vgl. in der „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben" von Freud die 
große Bedeutung, die der Stuhl („Lumpf") innehat. 

u E ' n einjähriger Junge pfl,?gto 6ich und alles > *" ai ? um ihn herum war, wie 
Bett, Mauer etc., total mit Stuhl zu beschmieren. Wenn er so recht schmutzig war 
krähte er laut vor Vergnügen. 






Das Geschlechtsleben des Kindes. J.J 

Man bedenke, daß die Mictio der Erwachsenen, die häufig ziemlich 
ungeniert vor sich geht, für die Kinder eine willkommene Gelegenheit 
ist, die Genitalien zu erspähen. Besonders die Mutter wird gerne von 
Knaben beobachtet, aber auch der Vater,- wobei die Stärke des dabei 
entstehenden Geräusches bemerkt und in zahlreichen Phantasien fixiert 
wird. Es würde ermüden, wenn ich immer wieder aufmerksam machen 
würde, daß diese Infantilismen beim Erwachsenen als Neurose oder Para- 
philie wiederkehren. Es gibt Männer, für welche die Mictio der Frau 
eine spezifische und unerläßliche Potenzbedingung ist. Die Dirnen 
können über diese Infantilismen bessere Auskünfte geben als erfahrene 
Sexuologen . . . 

In den Kinderspielen tritt die Eigenschaft hervor, in der Mictio 
und Defäkation den Gespielen zu übertreffen. Kinder spielen, wer stärker, 
länger und weiter urinieren kann, wer mehr Stuhl absetzt, wer häufiger 
und stärker Winde hervorbringen kann. 

Erfahrene Psychologen wissen, welche große Bedeutung diesen 
Kinderspielen innewohnt. Die Kinder spielen auch gerne „Vater und 
Mutter", „Ehe", „Haushalt", Doktor und Patient", wobei das gegen- 
seitige Entblößen eine große Rolle spielt. 

Der Drang zur Exhibition ist bei Kindern unüberwindlich. Erst 
die Macht der Erziehung verwandelt die Schamlosigkeit in Scham. Die 
stärkste Kraft im Kinde ist der Drang alles zu sehen [Voyeur, das 
Zuschauertum 1 ) ] und der Drang sich zu entblößen. (Der Entkleidungs- 
drang, Exhibitionismus.) "Überläßt man Kinder unter 5 Jahren ihren 
Neigungen, so beginnen sie sich zu entblößen und einander die Genitalien 
zu zeigen. Auch Berührungen der Genitalien kommen vor. Diese Vor- 
gänge sind so typisch, daß sie in keiner Lebensgeschichte eines Menschen 
fehlen, außer bei den Neurotikern, die ständig unter Aufsicht der Er- 
wachsenen standen oder ohne kindliche Gesellschaft aufgewachsen sind, 
was zu einer bestimmten Form der Neurose führt, die eine seltsame 
Kombination von Infantilismus und allzufrüher geistiger Veraltung 
darstellt. (Diese Menschen werden oft um ihre Kindheit betrogen und 
bleiben trotzdem ewige Kinder.) 

Die Kinder bleiben aber nicht beim Entblößen und Berühren, beim 
voreinander Defäzieren stehen. Überläßt man die Kinder ihren Trieben, 
so kommt es meistens zu Koitusversuchen mannigfacher Art. 

Nach meinen sicheren Beobachtungen treten diese Koitusversuche 
schon im zweiten Lebensjahre auf. Während es bei Erwachsenen vor- 
kommt, daß sie nicht wissen, wie ein Koitus ausgeführt werden soll 

1 ) Ein dreijähriger Junge wurde gefragt, was er werden wolle. „Ich will Zu- 
«chauer werden." Auf die Frage, was das sei, erklärte er: „Ich will den Frauen beim 
Waschen zusehen, weil sie da immer nackt sind." Die Mutter des betreffenden Kindes 
pflegte sich vor ihm zu waschen. 



48 Psychosexueller Iufantilismus. 

— solche Schilderungen habe ich von Frauen und Männern oft ver- 
nommen — , zeigt sich das Kind als ausgesprochenes Triebwesen, welches 
der Natur viel näher steht und keinerlei Belehrung bedarf. 1 ) 

Koitusversuche der Kinder sind keine Seltenheit. Der früheste 
Fall, der mir bekannt ist, betrifft einen Knaben von 2 Jahren, der mit 
einem dreijährigen Mäderl spielte. Instinktiv, ohne Belehrung, ver- 
suchten sie den Koitus. Ebenso merkwürdig ist der Umstand,, daß die 
Kinder wissen, es handelt sich um etwas, was man nicht erzählen darf, 
was also verboten ist. (In den vorliegenden Bänden dieses Werkes rinden 
sich genügend Beispiele, so daß ich mir die weitere Kasuistik ersparen 
kann.) 

Aus Liepmanns 2 ) trefflichem Buche entnehme ich den „Bekennt- 
nissen der Patienten" eine wahrheitsgetreue Schilderung dieser Vorgänge: 

Ich verlebte meine ganze Jugend in einem Hinterhause im Norden 
Berlins, einem richtigen Arbeiterviertel. Meine Eltern sind arme, unge- 
bildete Leute, mein Vater ist Schuhmacher. Doch sind sie beide fromm 
katholisch und stets besorgt gewesen, ihre Kinder etwas werden zu lassen. 
Zu Hauso habe ich auch nie ein unsittliches Wort gehört. Wir waren 
aber 5 Kinder (vier Knaben, das jüngste ein Mädchen). Ich war der 
zweite und verlebte mit meinem 2 Jahre älteren Bruder eine Jugend 
ziemlich ohne Aufsicht, denn meine Mutter hatte immer viel mit den 
jüngeren Geschwistern zu tun. Die einzige Schranke war bis zum 
9. Lebensjahr die, um 8 Uhr abends oben zu sein, Sonntags durften wir 
aber auch bis um 9 Uhr auf der Straße liegen. Mein erstes Erlebnis auf 
sexuellem Gebiet hatte ich mit 4 Jahren. Ich kann mich noch sehr genau 
"darauf besinnen. Mein damals Gjähriger Bruder nahm sich abends im 
Halbdunkel das Nachbarmädel von 6 Jahren vor, knöpfte ihr die 
Höschen ab und spielte mit den Fingern am Geschlechtsteil herum, wie 
es auch viele der anderen Kinder heimlich machten. Wir nannten das 
damals „Vaterchen und Mutterchen spielen". Das Mädel ließ es sich auch 
. gefallen, legte sich dabei lang auf den Rücken und schien mächtigen Spaß 
daran zu haben. Jedenfalls kam die Sache noch am selben Abend raus, 
denn das Mädel konnte sich die Hose nicht allein auf- und zuknöpfein,' 
so daß die Mutter etwas merkte, das Mädel ausfragte und zu meiner 
Mutter gelaufen kam. Mein Bruder und ich bekamen dafür ganz jämmer- 
liche Prügel, worauf wir das Mädel mit Verachtung straften, weil es 
„gepetzt" hatte. Trotzdem hatte mein Bruder kurze Zeit darauf wieder 
ein anderes Mädel zu diesem Zweck, und trieb es so in der ganzen Zeit 
bis zu seinem 14. bzw. 15. Lebensjahr, wo er als Kaufmannslehrling das 
erste Mal richtigen geschlechtlichen Verkehr hatte. In dieser Zeit kam 
das mehrere Male meinen Eltern zu Ohren und jedesmal bezog er dafür 
die fürchterlichsten Prügel. Trotzdem ließ er es nicht. Ich selbst hatte 
nur die ersten Male mitgespielt, dann unterließ ich es aus Angst vor 

*) Vgl. meine Studio „Über Koitus im Kindesalter". Wiener med. Blätter. In 
Bd. II, S. 4, II. Aufl., teilweise aufgenommen. 

2 ) Wilhelm Liepmann, Psychologie der Frau. Verlag Urban Sc Schwarzenberg, 
Berlin-Wien, 1920. 



Das Geschlechtsleben des Kindes. - iq 

der Strafe, trotzdem ich das weiche, wanne Gefühl an den Fingern auch 
stets angenehm empfunden habe. Gedacht haben wir uns nichts dabei, 
wir taten es nur wegen des Gefühls an den Fingern und weil es die anderen 
auch taten. Diese Art Spielerei scheint mir auch heute noch in meiner 
Gegend modern zu sein. Erst vor einigen Tagen traf ich mittags auf der 
Bodentreppe einen Tjährigen Knaben und ein 5jähriges Mädel, die es auch 
taten. Auf meine Frage, was sie täten, antworteten sie lachend: „Wir 
spielen." Als ich darauf sagte, das wäre doch verboten, und wenn es die 
Eltern erführen, bekämen sie Prügel, sagte mir der Junge mit frechem 
Gesicht: „Das tut mein Vater doch mit meiner Mutter." Sein Vater ist 
allerdings ein ziemlich gewöhnlicher Mensch (Fabriksarbeiter), doch 
kann ich mir nicht denken, daß er sich so wenig in Gegenwart seines 
Jungen versieht. . 

Jedenfalls weiß ich ganz genau, daß die Arbeiterkinder sehr viel 
m dieser Art und Weise spielen und es auch trotz aller Prügel, die sie 
dafür bekommen, nicht lassen können. Sie müssen also nach meiner 
Meinung doch ein bestimmtes Lustgefühl haben, das oft die Angst vor 
der Strafe überwindet. 

Es kommt aber auch vor, daß Knaben eine Aggression auf ältere 
Personen versuchen. Die Mutter, die Tante, das Dienstmädchen, die 
Amme können Objekt der Aggression sein. Es ist wenig bekannt, daß 
diese Aggressionen hie und da wohlwollend geduldet werden, -ja mitunter 
zu einer Art regelrechtem Verhältnis führen. (Die Ablehnung der 
Aggression hat später in der Dynamik der Neurose eine große Be- 
deutung.) Viel häufiger sind Verhältnisse unter den Geschwistern. Die 
Unsitte, oft aber auch der Zwang, hervorgerufen durch soziale Verhält- 
nisse, mehrere Kinder in einem Bette schlafen zu lassen, führen zur 
Anknüpfung sexueller Beziehungen, die sich oft durch die ganze Jugend 
ziehen. Ich kenne genügend Beispiele, daß der im frühesten Kindesalter 
begonnene Koitus unter Geschwistern bis nach der Pubertät und noch 
später fortgesetzt wurde. 

Dabei ist zu berücksichtigen, daß die Kinder ausgesprochen bi- 
sexuell sind und sich zum gleichen Geschlecht ebenso hingezogen fühlen 
wie zum entgegengesetzten. Daher kommt es auch unter Brüdern (unter 
Schwestern) zu zärtlichen Berührungen. Merkwürdig ist dci Zug nach 
paraphilen Befriedigungen. Die Knaben machen einander Fellatio, 
ohne daß sie darüber belehrt werden. Auch der Kunnilingus und der 
Annilingus haben unter Kindern eine große Beliebtheit. Ich kenne einige 
Mädchen, die in der frühen Kindheit von ihren Brüdern durch einen 
Kunnilingus gereizt wurden und nun immer nach dieser Art der Lust- 
gewinnung verlangen. Auch das Hineinstecken von Gegenständen in den 
Anus ist ein beliebtes sexuelles- Spiel. In einem mir bekannten Falle 
steckten 2 Brüder (6 und 7 Jahre) ihrem vierjährigen Schwesterchen 
tfinen Spray-Apparat in den Anus und trieben dann durch Pumpen die 

Stekal, Störungen dus Trieb- und ArTektlol'.-ns. V. . j 



. ' 






50 • Psychoscxueller Infantilismus. 

Luft ein. Bleistifte, Federkiele, alle spitzen Gegenstände werden in den 
Anus gesteckt. 

Ich habe in früheren Schriften wiederholt auf den Sadismus der 
Kinder aufmerksam gemacht. Die Kriminalität der Kinder, die eigent- 
lich gar keine Kriminalität ist, sondern nur eine Art Urmenschentum 
bedeutet, läßt sich erst nach längerem Studium dieser Motive und nach 
eingehender, objektiver Beobachtung feststellen. 

Das Kind ist absolut egoistisch und zur Welt mit Haß eingestellt. 
Es liebt nur die Objekte, die ihm Lust spenden. Es spielt immer mit 
Todesgedänken, möchte alle Rivalen (die Geschwister, die Eltern, die 
Hausfreunde, die Verwandten) aus der Welt schaffen, wenn sie sich 
seinen Trieben hemmend entgegenstellen und die Erziehung auf gewalt- 
same, alle Trotzreaktionen herausfordernde Art, vollziehen. 1 ) 

In den erotischen Spielen der Kinder tritt das sadistische Moment 
deutlich zutage. Der Partner wird gefesselt, gekneift, gepufft, ge- 
schlagen, gestochen. Schläge auf den nackten Popo sind ein beliebtes 
Spiel, dessen Fixierung sadistisch-masochistische Paraphilien verursacht. 
Mitunter fuhren diese Spiele zu schweren Verletzungen, so daß dann 
die Eltern hinter diese „Kindereien" kommen.-') Besonders die psycho- 
pathischen Kinder stechen durch ihren brutalen Sadismus, durch ihren 
stark betonten Egoismus und den Mängel jedes sozialen Gefühles hervor. 

Bei den normalen Kindern bildet sich schon früh unter dem Einfluß 
der Erziehung die Konversion der Urtriebe vor. Sie werden übertrieben 
schamhaft, ekeln sich vor jedem Schmutz, sind krankhaft mitleidig, 
können kein Blut sehen und kein Tier quälen, während sie vorher ihre 
Freude an Tierquälereien hatten, zeigen die ersten Ansätze von Frömmig- 
keit und Reife. Es ist hauptsächlich die Angst vor der Strafe Gottes, 
die aus den kleinen Kindern reuige Moralisten macht. 

Diese erste Reaktionsperiode tritt bei den, Kindern ungefähr um 
das fünfte Lebensjahr auf. Bei einem Kinde früher, bei dem anderen 
später. Das hängt von seiner geistigen Frühreife ab. 

Später, zwischen 11 und 14, kommt es zu einer zweiten frommen 
Periode, die ebenfalls als Reaktionsbildung auf die kriminellen Regungen 
aufzufassen ist. 



*) Vgl. Bd. IV, S. 24. 

s ) Ein lOjähriges Mädchen wußte ihre beiden um weniges älteren Kusins so 
zu reizen, daß sie in Wut gerieten und sich auf sie stürzten. Dann begann eine 
fürchterliche Rauferei.. Sie wurde von ihnen geschlagen, gefesselt, an den Haaren ge- 
zerrt usw. Sic verschwieg das alles. Man kam darauf, weil sie jedesmal nach dem Besuch 
bei ihren Verwandten mit blauen Flecken heimkehrte. Sie war erotisch an diese beiden 
Jungen fixiert und jahrelang wurde dieses „Raufen" fortgesetzt, .das natürlich ihren 
Jahren entsprechend einen anderen Charakter annahm. Aber immer forderte . sie ihre 
Kusins zum Kampf heraus. — Ich entsinne mich auch eines Falles, daß sechsjährige 
Knaben einen Kameraden aufhängten. 






Das Geschlechtsleben des Kindes. 



51 



Doch kehren wir nach dieser Abschweifung zu dem dreijährigen 
Kinde zurück. Das Kind beginnt die Erwachsenen sehr genau zu beob- 
achten, lauscht auf ihre Worte, trachtet womöglich ihre sexuellen Akte 
zu belauschen. Liegen die Kinder im Nebenzimmer, so rekonstruiert 
ihre Phantasie aus den Geräuschen der Nachbarschaft alle Vorgänge 
(Nebenzimmer-Erotik). Gar nicht selten belauscht es den Koitus der 
Eltern. Es bildet sich aus dem Stöhnen der Mutter, aus der Position, 
die auch direkt beobachtet werden kann, eine sadistische infantile Sexual- 
theorie. („Der Vater schlägt die Mutter.") Diese Vorstellungen assozi- 
ieren sich mit einer dunkel-verstandenen, erst später aufgefaßten Ver- 
gewaltigungsphantasie. Zugleich beginnt das Grübeln und Spekulieren 
über das Rätsel der Zeugung und Geburt. Die sonderbarsten infantilen 
Sexualhypothesen werden ausgebrütet. Die Mutter küßt den Vater, der 
Speichel des Vaters kommt in den Bauch und dort wächst ein Kind; 
oder die Eltern urinieren oder def äzieren zusammen ; auch die Berührung 
der Nates, die Vermengung der Flatusse erzeugt nach ihrer Annahme ein 
Kind; das Kind wird aus dem Bauche geschnitten; der Bauch muß auf- 
platzen, damit das Kind herauskommen kann. ' 

Ich habe nur einige spärliche Beispiele gegeben. Es ließen sich 
sicherlich tausende solcher infantiler Geburt s- und Zeugungshypothesen 
sammeln, die von der ebenso restlosen und phantastischen Denkarbeit 
des Kindes in sexualibus Kunde geben. Das Kind beobachtet, meistens 
sehr genau, daß die Mutter dicker wird, wenn man ihm von einem neuen 
Brüderchen oder Schwesterchen zu erzählen anfängt. . Es läßt sich die 
Märlein vom Storche vorerzählen und denkt sich seinen Teil dabei. 

Kinder sind unglaubliche Schauspieler und Heuchler. Haben sie 
sich einmal überzeugt, daß die Eltern lügen, so versuchen sie auch die 
Eltern zu- prüfen, ob sie in Wahrheit allwissend sind und beginnen mit 
kleinen Lügen, die sich bis zu einer ausgesprochenen „Pseudologia 
phantastica" steigern kann, wie wir sie bei erwachsenen Hysterikern 
hie und da begegnen. 

Die Lügen der Kinder sind die gewöhnliche Art, wie die Kinder 
reagieren, wenn sie merken, daß man sie in sexualibus • belügt. Als 
Parallelerscheinung ist die übertriebene Wahrheitsliebe der Kinder .auf- 
zufassen. Diese fanatische Wahrheitsliebe ist eine Überkompensation 
einer einzigen Lüge. Diese Kinder onanieren meistens und verbergen 
diese Onanie vor dem forschenden Blick der Umgebung. 

Die Kinder prüfen früh die Macht der Großen, machen sich über 
ihre Allwissenheit lustig. 1 ) Auch Gott wird auf seine Allmacht geprüft. 



*) Der 7jährigo, überaus frühreife Junge einer Patientin wußte die Mutter durch 
Fragen oft so in die Enge zu treiben, daß 6ie um eine Antwort verlogen war. So 
fragte er sie auch einmal um etwas, was sie nicht wußte. „Du weißt das nicht, Mama. 

4* 



52 Psycbosexueller Infantilismus. 

Blasphemien weisen ausgesprochen und zitternd wird auf die Reaktion 
gewartet. Bleibt die Strafe aus, so beginnt das Kind an Gott und seiner 
Macht zu zweifeln und hält die Erzählungen von Gott für ein Märchen. 
Erst durch die weitere Erziehung und durch das Schuldbewußtsein beugt 
das Kind seinen Nacken und Avird wieder fromm und demütig. Oft 
wechseln die Phasen einander ab. Immer wieder versucht das Kind sein 
Schuldbewußtsein zu überwinden und die Angst vor der Strafe Gottes 
in Trotz gegen Gott und alle Autorität umzuwandeln. 

Das Schuldbewußtsein des Kindes stammt aus seiner maßlosen 
Eifersucht und Rachsucht, aus seiner Empfindlichkeit und den daraus 
resultierenden Rachephantasien. Die meisten Kinder haben den Glauben 
an die Allmacht ihrer Gedanken. Dieser Glaube kann sich durch merk- 
würdige Zufälle verstärken, fixieren- und die Grundlage einer sehr 
schweren Neurose werden. Alle Kinder träumen von übernatürlichen 
Kräften, Tarnkappen, Zauberringen und Zauberstücken. Es handelt sich 
immer darum, im Kampfe gegen die Riesen (die Großen) durch diese 
übernatürlichen Mittel die eigene Kleinheit und Schwäche ins Sieghafte 
und Göttliche umzuwandeln. 

Ich habe schon die Neigung des Kindes zu Todeswünschen erwähnt. 
Es betrachtet z. B. seine ältere Schwester als Bevorzugte und beneidet 
sie um die bevorzugte Stellung. Der ältere Bruder und die ältere 
Schwester spielen in der Neurose eine große Rolle. Eifersüchtig und 
argwöhnisch empfängt das ältere Kind die Nachricht von der Ankunft 
eines neuen Rivalen. Sehr charakteristisch äußerte sich ein Kind von zwei 
Jahren, als ihm sein soeben vom Storch gebrachter Bruder gezeigt wurde: 
„Der soll fort!" Andere sprechen von Töten, Umbringen, Kopf abhacken 
des Rivalen. Diese Reaktion ist bei sanfteren Kindern kaum angedeutet 
und wird bald durch eine übertriebene Liebe kompensiert. Mädchen 
können sich mit der Mutter identifizieren und übertriebene Sorgfalt und 
Liebe für das kleine Kind entfalten. 

Doch Kinder mit einem starken Triebleben hassen den Rivalen, 
der ihnen einen Teil der elterlichen Liebe und Aufmerksamkeit raubt. 
.Um diese Zeit fangen die älteren Kinder an, schlimm zu werden ; um 
die Mutter zu bestrafen, ihre Aufmerksamkeit zu erzwingen und sie 
in Affekt zu bringen. 1 ) (Sie vertragen keine gleichgültige Mutter.) Das 



Du bist doch sonst so gescheit, wieso heute nicht." Auch pflegte er öfters sie direkt 
auszulachen und zu sagen: „Nein, wie kann man eine solche blöde Frage stellen!" 

*) Ich beobachtete in Amerika ein dreijähriges Mädchen, das 6eine Mutter durch 
Kaufaulhe.it und Erbrechen zur Verzweiflung brachte. Sie hielt die Speisen oft eine 
halbe Stunde lang im Munde und gezwungen, sie hinunterzuwürgen, erbrach sie das 
Genossene. Ich erkannte, daß das Kind auf den Smonatlichen Bruder eifersüchtig war 
Es verlangte nach der Flasche und wollte nur aus der Flasche trinken. Im Schlafe 
schrie es nach der Flasche und streckte die Händchen darnach aus. Der kleine Bruder 






Das Geschlechtsleben des Kindes. 53 

gleiche Spiel wird auch dem Vater gegenüber getrieben. Nur kommt 
oft noch die Furcht vor der Strafe hinzu, die infolge früh entwickelter 
masochistischer Einstellung sich in ein Verlangen nach der Strafe wandeln 
kann, besonders wenn die Strafe nicht zu hart ausfällt und infolge der 
dabei entstandenen Reizung der Hautpartien des Gesäßes sich in Lust 
verwandelt. 

Dieser geheime Glaube an die Allmacht seiner Gedanken kann das 
Unglück des Kindes werden. Es wünscht z. B. seinem jüngeren Brüder- 
chen den Tod. Das Brüderchen erkrankt und der erste Gedanke des 
bösen Egoisten drängt sich vor: „0, möge der Bruder sterben!" Wenn 
nun der Bruder zufällig stirbt, dann hält sich das Kind für schuldig, 
führt den Tod auf seine bösen Gedanken zurück. Infolge dessen erzwingt 
das Schuldbewußtsein eine völlige Wandlung des Charakters. Das vorher 
trotzige, wilde, ungebärdige Kind wird gefügig, zahm und scheu. Es 
wird fromm und übertreibt diese Frömmigkeit. Aus Angst vor seinen 
bösen Gedanken kann sich eine kindliche Zwangsneurose entwickeln, 
Reinlichkeitsmanie, Drang zu zählen, zu sammeln, zu ordnen, Angst zu 
vergessen. 

Die Zwangsneurose, diese furchtbare Geißel des Kulturmenschen 
beginnt gewöhnlich im fünften Lebensjahre. Fast alle Kinder zeigen 
mehr oder weniger zwangsneurotische Symptome. Die meisten ver- 
schwinden bald (Grimassieren, Tick», blicken nach der Uhr, Zwangs- 
lachen, Zwangsweinen, Zwangszählen, allerlei merkwürdige Bewegungen, 
zeremonielle, kunstvolle Systeme, Aussprechen sinnloser Worte). Auch 
verschiedene Phobien und Idiosynkrasien zeigen den Kampf in der Seele 
des Kindes. 

Um die Kinder besser zu verstehen, müssen wir uns, so schwer es 
uns erscheint, zur Ansicht bekehren, daß das Kind das genannte Re- 



wurde täglich gebadet. Sie sah mit großem Interesse zu. Aber es bildete sieh bei ihr 
eino Badephobie aus. Jeden Abend schrie sie: „Mutter, bitte nicht waschen! Bitte 
mich nicht baden!" Sie wünschte, der Bruder solle ertrinken und die. Phobie war die 
Angst vor der Vergeltung. (Talion.) Die Eltern stritten jeden Abend. Das Kind war 
Zeuge der häuslichen Szenen. — Ein Arzt hatte den Rat gegeben, das Kind zum Essen 
zu zwingen. Wenn es erbrochen hatte, mußte es die Mahlzeit wiederholen. Ich erkannte 
die Trotzreaktion des Kindes und seinen Wunsch, die Mutter zu quälen, zu strafen und 
zu beschäftigen. Das Mädchen wollte im Mittelpunkte dos Interesses sein. Ich behandelte 
den Mann. Die Ehe wurde glücklich. Eß gab keinen Zwist mehr. Ich gab den Eltern 
den Rat, sich nicht um die Reaktionen des Kindes zu kümmern und es nicht mehr zum 
Essen zu zwingen, in der Erwartung, daß der Hunger das Kind besiegen werde. Die 
Mutter folgte. Der Erfolg war ein verblüffender. Nach ein paar Tagen hörten die Kau- 
faulheit und das Erbrochen auf. Das, Kind wurde ruhig. Es durfte nicht mehr zusehen, 
wenn der Bruder gebadet und gopflegt wurde. Die. Mutter wurde angewiesen, vor dein 
Kinde nicht mit dem Bruder zärtlich zu sein. Auch diese Maßnahme schien die erwartete 
Wirkung nicht verfehlt zu haben. 



54 



Psychosexueller lufantilismus. 



.• 



pertoire der Ursexualität spielt und alle diese Urinstinkte bekämpfen 
und überwinden muß. • 

Das Kind hat kein ästhetisches Unterscheidungsvermögen. Es 
liebt alle Menschen, die ihm Gutes erweisen (Lustspender), ob sie schön 
oder häßlich, alt oder jung sind. Dadurch entstehen die merkwürdigsten 
Gesclimacksverirrungen, welche die Erwachsenen zeigen, Liebe zu Buck- 
ligen, Schielenden, zu Greisen (die Liebe zu den Großeltern als Ursache 
der Gerontophilie) , zu häßlichen nach dem Stuhl riechenden Mägden. 
Das ästhetische Urteil, schön oder häßlich, wird dem Kinde erst aner- 
zogen. Daher finden die Kinder, daß ihr Vater der stärkste Mann und 
ihre Mutter die schönste Frau ist, mit denen man die anderen Menschen 
gar nicht vergleichen kann. Nur in Ausnahmsfällen zeigt sich schon 
früh ein ausgesprochener Schönheitssinn. 

Besonders interessiert die Kinder der Geruch der Menschen. In 
dieser Periode bildet der üble Geruch eine starke Anziehungskraft. Das 
Kind riecht gerne den eigenen Schweiß, der sogar zwischen den Zehen 
entfernt, und zur Nase geführt wird. Es fühlt sich zu stark schwitzenden 
Personen hingezogen. Ein Schweißfuß einer Köchin kann die erste Ur- 
sache eines Fußfetischismus werden (Abraham). 

Auch weibliche Personen, die aus den Achseln stark riechen, werden 
bevorzugt, Diese Neigung kann im späteren Alter erhalten bleiben oder 
sich in Ekel konvertieren, hinter dem sich die alte ungeschwächte An- 
ziehungskraft des Schweißes verbirgt. 

Wenig erforscht sind die kannibalistischen und nekrophilen In- 
stinkte des Kindes. Die Kinder hören die Märchen vom Menschenfresser 
sehr gerne und spielen oft Menschenfresser. Beim Essen verwandeln sich 
einzelne Speisen in kleine Kinder. Die Nudeln verwandeln sich in Finger- 
chen, auch mit Nockerln und anderen Mehlspeisen wird ein ähnliches 
i Spiel getrieben. So weigerte sich einmal ein 12jähriger Junge Zwetschken- 
knödel zu essen mit der Motivierung, sie erinnerten ihn an ange- 
schwemmte Leichen. Das Obst wird zu Menschenseelen verwandelt. Das 
Aufschneiden und; Beißen des Obstes wird in der kindlichen Symbolik 
zu kannibalistischen Akten umgewandelt. 

Aber sehr bald werden diese Triebe, die sich auch als Vampirismus 
äußern, verdrängt und mit Angst und mit Ekel belegt. Die Kinder zeigen 
vor bestimmten Speisen Ekel, wenn sie sie an Kot und Menschenteile 
erinnern. Der gleiche Ekel betrifft Getränke, die an Urin oder Blut 
erinnern. Rote Speisen, die an Blut erinnern, werden verabscheut (z. B. 
rote Rüben, rote Rübensuppe, blutiges Fleisch, Blutwurst, Blutsuppe, 
Himbeeren, Erdbeeren, Himbeersyrup) . Diese Idiosynkrasien sind bei 
den einzelnen Kindern verschieden. Fast allen kleinen Kannibalisten 
ist „Haut in der Milch" und „Haut im Kaffee" ekelhaft, welche Abneigung 






■ 



==3 



Das Geschlechtsleben des Kindes. 



55 



eft durch das ganze Leben verbleibt. Überdies äußert sich der Kanni- 
balismus und der Vampirismus bei Kindern in der Neigung zu beißen, 
das fremde und das eigene Blut zu lecken. In der Neurose äußert sieh 
der Kannibalismus dann als Abneigung gegen Fleisch (Vegetarismus) 
und in einer Uberempfindlichkeit der Mundzone, die sich bis zur nervösen 
Aneroxie steigern kann (Abraham). 

Erwähnenswert ist auch die starke Zoophilie der Kinder. Da sie 
der Natur viel näher stehen, die ganze Natur beleben, haben sie auch 
zu den Tieren ein viel intimeres Verhältnis wie der Erwachsene. Die 
Tiere werden leidenschaftlich geliebt und als Sexualobjekte behandelt. 
Sexuelle Reizungen mit Hilfe von Tieren kommen häufig vor. Hunde 
werden zum Lecken abgerichtet, sogar Fliegen werden zur Onanie 
benützt. 

In den Spielen der Kinder kommt die Identifizierung mit den 
Tieren deutlich zum Vorschein. Die Kinder spielen Hunde, Katzen, 
Bären, Wölfe, Hühnervolk, Löwen, Fische usw. In dem Kapitel über 
Zoantropie werden wir den Verknüpfungen der Zoophilie mit der Se- 
xualität, begegnen und in jedem Falle sehen, daß die Identifizierung mit 
dem Tiere entweder mit sexuellen oder kriminellen Phantasien verknüpft 
ist. Der Hund beißt, die Katze kann kratzen, der Hahn pickt die Augen 
aus, der Wolf saugt das Blut aus. In den Märchen, die uns das Seelen- 
leben des Kindes deutlich widerspiegeln, begegnen wir allen kriminellen 
und sexuellen Motiven. 1 ) Das Tier ist der Bringer des Todes und der 
Rächer der verletzten Eigenliebe. Infolge des Schuldbewußtseins können 
sich dann Tierphobien ausbilden, wie sie Freud besonders beim kleinen 
Hans (1. c.) beschrieben hat. 

Die Zoophobien sind bei Kindern sehr ausgeprägt und verlangen 
eingehendes analytisches Studium, ebenso wie Zoophilien, weil uns auf 
diese Weise viele Infantil ismen der Erwachsenen erst verständlich werden 
können. 

Sehr häufig sind Onaniephantasien mit Tieren verknüpft. Auch 
kommt es vor, daß Kinder beim Orgasmus tierische Laute ausstoßen, 
z. B. Bellen oder Krähen. 

Es gibt Kinder, bei denen die Onanie von dem Säuglingsalter an 
ohne Unterbrechung bis in das spätere Alter (Pubertät und darüber 
hinaus) fortgesetzt wird. Das sind gerade die nicht neurotischen 
Menschen, die sich eben durch eine vollständige Erinnerung an ihre 
Kindheit auszeichnen. Es fehlt ihnen jene Amnesie, welche fast allen 
Neurotikern in bezug auf ihre Kindheit eigen ist. In vielen Fällen hört 
nach der Säuglingsperiode die Onanie auf (Freud nennt diese Zeit die 
..Latenzperiode") , um dann wieder durch Verführung oder durch eigene 



*) Tgl., Wulff en-. Das Kriminelle im Volksmärchen. Arch. f. Kriminalogie. 



^ . Psycboscxuoller Infaurilismus. 

Erfindung neu erweckt zu werden. Diese zweite Önanieperiode hänst 
mit den Spielen der Kinder zusammen. Werden die Kinder ohne Aufsicht 
gelassen, so beginnen ungefähr bis zum Alter der Pubertät die ero- 
tischen Spiele. Gewöhnlich unterrichtet der ältere Knabe den jüngeren 
in den onamstischen Manipulationen. Besonders um das sechste Lebens- 
jahr, wenn die Kinder in die Schule gehen, kommt den Kindern durch 
erfahrene Mitschüler neues Wissen und neues Material zum Phanta- 
sieren zu. 

Das Kind versuchte bisher durch eigenes Nachdenken, scharfe 
Beobachtung, Belauschen der Dienstbotengespräche und direktes Fragen 
der Wahrheit nahe zu kommen. Nun werden die gemeinsamen Beobach- 
tungen und Erfahrungen ausgetauscht. Viele Kinder, welche die Wahr- 
heit nur dunkel geahnt hatten,' erfahren jetzt, wie sich die Erwachsenen 
vergnügen und wie sie es machen, um Kinder in die Welt zu setzen 

Die erste Reaktion des bisher unbelehrten Kindes ist eine Reaktion 
gegen die Vorstellung, daß die eigenen Eltern „so etwas" machen 

t™\,"J m] MeineElte ™ Ebenso eine Schweinerei nicht ge- 
macht, i) Manche Kinder bei denen die Verdrängung der ersten Er- 
fahrungen und Eindrücke bereits vollzogen ist, kommen zur Mutter- 
und teilen ihr das -Gespräch mit, fordern Aufklärung. Viele Kinder 
teilen diese Gespräche in heuchlerischer Absicht mit, die Eltern nochmal, 
auf ihre Wahrheitsliebe zu prüfen. Andere verschließen sich vor den 
Eltern und hängen sich nun an die Kameraden, die immer wieder neue 
Beobachtungen und neue Hypothesen vorbringen. 

Ich möchte bei" dieser Gelegenheit betonen, daß ich diese frühe 
Aufklarung (die Lehrer nennen es das frühe Verderben der kindlichen 
Seele) für harmlos und selbstverständlich halte. Die Reaktion der Eltern ' 
und Lehrer, wenn sie zufällig von diesen Vorgängen erfahren, ist einfach 
lächerlich. Die Seele des Kindes wird weder vergiftet noch geschädigt 
sonst gebe es lauter Kranke auf dieser Welt, 

Im Gegenteil! Ich' habe die schwersten Neurotiker unter Menschen 
gefunden, die nie onaniert haben und immer von den Eltern und Erziehern 
so bewacht wurden, daß sie nie allein waren. Diesen Menschen fehlt 
dann der Sinn für die Realität, sie bleiben immer Phantasiemenschen 
sie sind scheu und sozial unbrauchbar. 

Das Kind entlastet sein Schuldbewußtsein, wenn es merkt daß 
die anderen Kinder auch so „schlimm" sind. Es fühlt unbewußt das' All- 
gemein-Menschliche" dieser Vorgänge, während das von den Gespiele» 
isolierte Kind durch ein hypertrophisches Schuldbewußtsein („anders 
zu sein wie alle") zu Boden gedrückt wird. 

r,.. . , 1) i f /er6er/ Oczeret (Die Nervosität als Problem des modernen Kulturmensch,,, 
Furien, 1918) führt uns diese kindlichen Konflikte vor Augen. 






Das Geschlechtsleben des Kindes. 



57 



Zwei entgegengesetzte Strömungen kämpfen in der Brust des 
Kindes um die Herrschaft. (Die Bipolarität ist auch beim Kinde deutlich 
ausgeprägt und die ersten Zweifel, die aus der endopsychischen Erkennt- 
nis dieser Bipolarität erwachsen, setzen früh ein.) Auf der einen Seite 
steht die Selbsthebe des Kindes, der Narzißmus, der sein Ich ins Gött- 
liche vergrößert und vom „Willen zur Macht" angetrieben, sich nach, 
grenzenloser Kraft und Schönheit sehnt. Das Kind will größer, stärker 
und reicher sein als seine Umgebung. Es lauscht atemlos den Märehen, 
in denen der Kleine,- der Schwache, der Däumling den Riesen besiegt 
und die Königstochter erringt. Es glaubt an seine eigene Zäubergewalt. 
Die bewundernden Aussprüche der Umgebung tragen dazu bei, den Ehr- 
geiz des Kindes anzustacheln. Es ist in sich verliebt und erwartet von 
sich und für sich das Allerhöchste. Kinder können sich stundenlang 
im Spiegel betrachten, besonders wenn sie nackt sind, sie bewundern alles 
an sich und besonders ihre Genitalien. 

Freilich, da fallen ihnen die Genitalien der Erwachsenen ein, die 
sie fluchtig einmal gesehen haben und ihr Größenwahn verwandelt sich 
in ein drückendes Minderwertigkeitsgefühl. Das Bewußtsein der eigenen 
Schlechtigkeit baut dieses Minderwertigkeitsgefühl aus, das sich täglich 
durch den Vergleich mit den Großen verstärkt. So wird das Kind von 
Größenwahn, der sich in den Phantasien auslebt, und dem Minderwertig- 
keitsgefühle, das aus den Quellen der Wirklichkeit gespeist wird, hin und 
her gezogen. Es hat nur einen Wunsch: Zu wachsen und bald groß 
zu sein. Die Seimsucht der Knaben geht dahin, einen großen Penis, ein 
großes Skrotum, einen großen Bart zu haben; Mädchen wünschen sich 
Haare in der Schamgegend, einen schönen Busen, langes, strahlendes 
Haar. Eigene Körperfehler werden entweder in der blinden Vergötterung 
des eigenen Ich übersehen oder zum Ausbau des Minderwertigkeitsge- 
fühles verwertet, dessen Wurzel immer die Erkenntnis der eigenen 
Niedrigkeit und Schlechtigkeit ist. 

Es ist ungemein schwierig, die weitere Entwicklung des Kindes 
zu schildern. Denn es gibt kaum zwei Kinder, die den gleichen Entwick- 
lungsgang nehmen. Ungefähr um das zehnte Lebensjahr ist der Charakter 
des Kindes schon deutlich entwickelt. Man merkt .die Wirkungen seiner 
Trotzeinstellung oder seine, Unterwerfung bei den kleinsten Handlungen. 
Bei Knaben pflegt das Wissen der Sexualität schon gänzlich durchge- 
drungen zu sein. Noch immer bezieht das Kind seine Sexual Objekte aus 
der Umgebung. Die Mutter wird leidenschaftlich geliebt, aber noch 
leidenschaftlicher lieben Knaben den Vater. Die homosexuelle Ein- 
stellung ,der Knaben zum Vater wird meistens übersehen. Die Frend- 
schule weist immer auf den „Oedipus-Komplex" (die Liebe des Sohnes 
zur Mutter) hin und übersieht meistens den homosexuellen Komplex des 



Sfar 

Knaben ver- 



5& Psychosexucller Infantilismus. 

Knaben, der sich in einer Trotzeinstellung gegen den Vater äußert. Diese 
Irotzemstellung kann schon die Ursache schlechten Fortgangs in der 
bcnule und flegelhaften Benehmens sein. Bei Töchtern sind die Verhält- 
nisse ahnhch. Die Eifersucht erstreckt sich nicht nur auf den Vater 
sondern auch auf die Mutter und die Geschwister. 

Doch schon sehr früh versucht -das Kind, von der Liebe seiner 
Umgebung abzuschwenken und seine Liebesobjekte außerhalb der Familie 
zu suchen Es ist uns aus Dichterbiographien^) und eigenen Beobach- 
tungen bekannt, wie früh sich Kinder verlieben können. Bei vierjährigen 
Kindern konnte ich dieses Phänomen bereits beobachten. Knaben ver- 
lieben sich in eine Tante, eine Kusine, eine Freundin der Schwester oder 

ZZ,tt T r h ln dn JÜngeres weibliches Wesen - D^se 

ktnt Ä ^ 7* ^ r ßer ° rdentlich hefti S und kö ™ sehr 
lange andauern (Em schönes Beispiel erzählt Hebbel in seiner Selbst- 

22Ä } l V B l S t le "^ ^ Lehrer ° der die Lehre ™ ** Objekt 
mer leidenschaftlichen Liebe. Besonders charakteristisch für diese Zeit 

em l die Freundschatsverhältnisse der Kinder, die jeden Unbefangenen 
deutlich ihren sexuellen Ursprung verraten. Diese Freundschaften gehen 

ML m c!l em T T tei l '' Verlie * W ' W Ä Ich habe noch keinen 
Menschen gefunden, der sich nicht noch vor der Pubertät (in der un- 

BesIlT V™iA DeSS ° irS) 6inmal homo ^xuell verliebt hätte. 

GemZZ S tl md 14 / ahren tritt diese Neigung zum deichen 
Geflechte deutlich hervor und kämpft mit den heterosexuellen Tenden- 

Z\ f / e Kinder dGr Unnat ürlichkeit der Neigung bewußt 

und kämpfen dagegen an. In den meisten Fällen wird das sexuelle Motiv 
verschleiert. Aber die oft maßlose Eifersucht, die Neigung zu Um- 
armungen und Küssen verraten den sexuellen Charakter. In dieser Zeit 
bleibt es nicht immer bei der seelischen Liebe. Knaben haben ihr erstes 
homosexuelles. Verhältnis. Es kommt zu gegenseitiger Reizung der 

SStSJi" 1 S i Fäll6n ^ ImmiSSi ° in anUm 0der 2U Fe ^io. 

Auch .Madchen können zu Berührungen kommen, wenn sie zufällig in 

einem Bette schlafen oder bei anderen Gelegenheiten (Baden) 
■ In diesem Alter (zwischen 10 und 14) zeigt sich ein großer Unter- 
schiedlichen Knaben und Mädchen. Die Knaben haben entweder die 

WiesbadeiO ieSbeZÜgliChe ^^ *" " Dichtung Und Neurose " ™*Z J.F.Bergmann. 
») Hebbel erzählt: „Ich zitterte am ganzen Körper, wenn sie kam, wenn mir 
ihr Name genannt wurde; ich fühlte mich ordentlich unglücklich, wenn sie einen Ta* 
ausblieb, und dennoch war ich kaum vier Jahre alt; sie schwebte mir vor, wo ich ging 
und stand, und ich wurde nicht müde, still für mich hin ihren Namen auszusprechen 
wenn ich mich allem befand; besonders waren ihre schwarzen Augen und ihre sehr 
roten Lippen mir immer gegenwärtig, wogegen ich mich nicht erinnere, daß auch ihre 
bfamme Eindruck auf mich gemacht hätte, obgleich später gerade hievon alles bei 



mir äbhing." 



Das Geschlechtsleben des Kindes. 



59 



Onanie nie aufgegeben (Fehlen der Latenzperiode Freuds) oder den 
Weg zum Autoerotismus wieder gefunden. Ihr Sexualinteresse ist 
ein ungeheures, sie wissen schon sehr viel und suchen direkt nach ge- 
eigneten Sexualobjekten. Bei Mädchen ist die Verdrängung der ersten 
Sexualperiode eine so vollkommene, daß sie gar nichts wissen und sich 
aufs neue belehren und aufklären lassen. Sie werden viel früher reif, 
zeigen eine stärkere Sexualablehnung. (Natürlich beziehen sich die Aus- 
führungen nur auf den Durchschnitt. In Wirklichkeit gibt es keine all- 
gemeine Regel.) Das erwachende Weib und das Kind bekämpfen ein- 
ander. Die Neigung zum gleichen Geschlechte ist noch deutlicher aus- 
geprägt als bei Knaben. 

Für die Aufklärung sorgen die Mitschülerinnen, das Lexikon und 
in vielen Fällen die Dienstboten. Es fehlt nicht an traumatischen Er- 
lebnissen, auf die die Mädchen auch verschieden reagieren. Merkwürdig 
ist, daß der Sexualdrang bei Mädchen zwischen 13 und 16 Jahren so 
stark ist — offenbar unter dem Einflüsse der Pubertätsdrüse — , daß in 
diesem Alter die Verführung leichter gelingt und die meisten Mädchen auf 
dem Lande und in der Stadt ihre Virginität in dieser Pubertätsperiode 
verlieren, sofern sie nicht schon vorher durch Spiele mit Altersgenossen 
and Verführung durch Erwachsene verloren gegangen ist. In den fol- 
genden Jahren sind die Hemmungen viel besser aufgebaut, das seelische 
Gleichgewicht zwischen Trieb und Hemmungen ist schon wieder her- 
gestellt. 1 ) 

In der Pubertät kommen die Mädchen leicht in ihre zweite Onanie- 
periode. Die erste scheint mit allen ihren Erfahrungen und auch mit der 
ganzen ersten Sexualforschung vergessen zu sein. Es ist eine zweite Auf- 
klärung notwendig, der Sexualtrieb wird so stürmisch, daß die Mädchen 
■das erste sexuelle Erlebnis kaum erwarten können. Als' Reaktion auf 
diesen Trieb kann dann eine exaltierte Frömmigkeit, lächerliche Prüderie, 
eine vollkommene Sexualablehnung eintreten. Diese Mädchen geloben 
dann ewige Keuschheit, sie verkünden stolz, sie würden nie heiraten* sie 
wollen in ein Kloster gehen — - was sie leider auch öfters ausführen — , sie 
haben allerlei utopistische, menschheitserlösende Ideen, sie fliehen die 
Männer und schließen sich stürmisch an eine Freundin an, sie kommen mit 
den Eltern in Konflikt, wenn sie merken, daß diese noch immer zu ein- 
ander sexuelle Beziehungen haben. 

Diese Entdeckung erfüllt die jungen Mädchen mit Ekel. Sie stellen 
sich zu den Eltern mit Trotz ein. Sie können es nicht begreifen, daß man 
in diesem Alter noch solche Schweinereien machen könne. Sie zittern, 



*) Einen ausgezeichneten Einblick in das Seelenleben eines Mädchens der Puber- 
tätsperiode gewährt das „Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens". (Psychoanalytischer 
Verlag, 1919, Wien und Leipzig.) 



«0 



l'sychosexiißller lufuntilismus. 



naßll V, vT "r h Em Kind gebto ""« sic " ** sie dadurch 
n-t ei,t * m v hen ' ° £t blicht b6i der G ^urt eines solchen Spa- 
nes eine schüre Neuro» aus.') Dio Eifersucht kann zur Fluch in 

t fct*?J *"' ° der in eine andere P »™l»Wlio führen Oder . " 

^crtatspcnooe ist bei verschiedenen Mädchen vrt * & ^ 
fahren'Stc ögÄ^^ JT ** ä ° ^ <* 

Ar ^ *ää» «£s 

»W i T ' e 2 "' te fr0mmc Periode «to"*«" (oft schon oini»,. 

?*äST^ f HÖhC dW P«ÄerZaen3 
D?e Te Utnbso "tr '! f ' 6 f n ?*«***>** «**« wird, 
mancfen v d de '" F* "c, Knaben individuell verschieden. Bei 

««Aum verdorbene Kinder ^handelt hat. Neiu! Wi^vatn "st 

tÄS: Analv '" ■*■ Fal "* s ™ **»** H ™' «t. **£& 

™<1 folgt» ib,„ ,„« hL f, T V °° *"""* '" mim ""»»• »nsi„«l,™ 

was ,ie aJimi"' "" "" '"" Z " '""""■ !** * *> *« * ■ 

1 Vgl. eh, Kapitel „Da, Äfc Trauma der Erwach™,.,,« i„ |),l. ,„ 






Das Geschlechtsleben des Kindes. 



61 



Talentierte Burschen, gaben eine Zeitung heraus, gründeten einen lite- 
rarischen Verein „Teut", der nur „schaffende" Mitglieder aufnahm. Die 
meisten haben es sehr weit gebracht. Verkommen oder entgleist ist kein 
einziger. 

Ein großer Teil der Knaben wird in die Mysterien der Geschlechts- 
triebe durch Dienstboten, Erzieherinnen, Kusinen usw. eingeweiht. 1 ) 
Die Paraphilie der Knabenliebe ist unter dem weiblichen Geschlechte 
sehr verbreitet. Auch die Gefahrlosigkeit dieser erotischen Spiele (Weg- 
fall der Befruchtungsmöglichkeit 2 ) und der Angst vor Infektionen) 
trägt sehr dazu bei, daß sich Frauen und Mädchen so gerne mit halb- 
reifen Knaben abgeben. . ' 

Havelock Ellis hat zuerst auf die paradox erscheinende Tatsache 
aufmerksam gemacht, daß viel mehr Männer durch Frauen verführt 
werden als umgekehrt. Läßt man sich von Männern ihre sexuelle Lebens- 
geschichte erzählen, so erfährt man oft von solchen Begebenheiten. 
Zehnjährige Jungen werden von den Gouvernanten ins Bett genommen 
und zum Koitus oder zu irgend einer paraphilen Befriedigungsart; ab- 
gerichtet. 

In der Wiener psychoanalytischen Gesellschaft teilte einst Kollege 
Dr. X. seine Jugenderlebnisse mit. Mit 12 Jahren wurde er von einem 
Stubenmädchen verführt, die mit seinem Gliede spielte, bis sie Orgasmus 
erzielte. Das Verhältnis dauerte ein halbes Jahr. Dann kam ein anderes 
Stubenmädchen. Der an diese Art der Befriedigung schon gewöhnte 
Jüngling brachte sie bald dazu, das gleiche Spiel zu treiben. Bis zu 
seinem 19. Lebensjahre wechselten ungefähr 20—30 Mädchen in seinem 
Hause. Unter allen diesen Mädchen fand sich nur eine einzige, die sich 
weigerte, seinen Penis in die Hand zu nehmen. Dieses Geständnis wirft 
ein grelles Licht auf dunkle Gebiete. Die Sexualfreiheit der unteren 
Klassen ist eine viel größere, als man es gemeiniglich annimmt. Speziell 
die „dienenden Personen" scheinen sich für die mangelnde soziale Frei- 
heit durch ausgiebige Sexualfreiheit zu entschädigen. Dazu kommt noch 
das Moment der Rache an der Herrschaft, der man die Kinder verdirbt. 
Daher verführen die Dienstmädchen so gerne die Söhne, sie lassen sich 



') Ein Patient erzählte mir, daß or und seine o Brüder von der französische« 
Gouvernante seiner Schwestern praktisch aufgeklärt wurden. Sie hatte nacheinander 
mit allen vieren ein Verhältnis, wobei es regelmäßig nach dem Alter ging. Mit 14 Jahre» 
erfolgte die Einweihung am Termin des 'Geburtstages. 

2 ) Ich kenne einige Fälle, in denen 14 — 15jährige Knaben ein Mädchen ge- 
schwängert haben. Ich erinnere mich des Aufsehens in unserer Schule, als eine Mutter 
mit einem Kind sich beim Direktor beklagte, daß die Eltern eines 15jährigen Jungen, 
der die Quinta besuchte, keinen F.atomitätsbeitrag bezahlen wollten. Der arme Bursche 
wurde ausgeschlossen und damit die Sittlichkeit der Anstalt gerettet. Frank Wedekind» 
Drama „Frühlings Erwachen" scheint durchwegs dem Leben entnommen zu sein. 



62 Fsychoscxaeller lufautilismus. 

auch bereitwillig in Verhältnisse mit dem Dienstherrn ein und tragen 
sehr viel -dazu bei, die Mädchen aufzuklären. Bei Verhältnissen machen 
sie ihnen die Mauer und unterstützen sie auf jede mögliche Weise. Ja, 
oft erleichtern sie dem Verführer die Eroberung und helfen ihm durch 
Überredung die moralischen und sozialen Bedenken des Mädchens zu 
überwinden. 

Auch ältere (verheiratete) Frauen erliegen ihrer Pädopliilie und 
suchen sich Liebesobjekte unter schönen, wohlentwickelten Knaben. 
Mütterliche Freundinnen, die sich mit vielen Knaben umgeben, sind 
meistens der Pädophilie verdächtig. 

Einen physischen oder seelischen Schaden durch die frühe Ver- 
führung der Knaben habe ich nie bemerken können. Während Mädchen 
aus den oberen Schichten oft dadurch aus der Bahn geworfen, neuro- 
tisch oder psychotisch werden können, sich vor der Ehe fürchten (weil 
sie die Virginität verloren haben), kommen derartige Erschütterungen 
bei Knaben nicht vor. 

Oft bestimmt das erste Erlebnis die Geschmacksrichtung des Indi- 
viduums. Derartige Fälle sind in der . Literatur sehr häufig mitgeteilt 
worden. 

Moll berichtet über den Fall eines 13jährigen Knaben, der von 
einer Dame in einem Reitkleide verführt wurde und dann sein ganzes 
Leben lang nur bei Frauen potent war, die ein Reitkostüm anhatten. 

Diese Fixierung an den ersten erotischen Eindruck und außerdem 
eine gewisse Verachtung und Geringschätzung der Frauen sind wohl die 
einzigen Folgen, die ich beobachten konnte. Allerdings ist der Schade 
der zynischen Einstellung zum weiblichen Geschlechte nicht gering zu 
veranschlagen. Diesen Menschen fehlt oft die Fähigkeit zur seelischen 
Liebe, sie fürchten sich an eine Frau zu binden („alle Frauen sind 
schlecht"), sie sind oft für die Ehe verloren. Ich habe aber Männer 
keimen gelernt, die trotz ähnlicher Erlebnisse sich nach „Idealen" ge- . 
sehnt, sie gesucht und auch gefunden haben. 

In einer Hinsicht haben diese Erlebnisse der Knaben sogar einen 
Vorteil. Der Weg zum Weibe wird nicht durch Feigheit und Über- 
schätzung oder durch persönliche Minderwertigkeitsgefühle ver- 
rammelt. Unter Männern mit solchen Jugenderlebnissen habe ich wenige 
gefunden, die an seelischer Impotenz gelitten haben. Der Impotente 
hat gewöhnlich eine ganz andere Jugendgeschichte. Er hat lange ona- 
niert und durch die Onanie gewisse Phantasien fixiert, deren Realisierung 
oft unmöglich ist. Oder er war keusch und kann dann als Erwachsener 
den Weg zum Weibe nicht finden. 1 ) 

*) Ausführliches über die Psychogonese der psychischen Impotenz in Bd. IV. 



Das Geschlechtsleben des Kindes. 



63 



Wie schon erwähnt, ist bei den Knaben die Verdrängung lange 
nicht so stark wie bei den Mädchen. Trotzdem wird man bei Neurotikern 
sehr oft Typen finden, die ihre ganze Kindheit vergessen haben und deren 
Erinnerung kaum bis zum zehnten Lebensjahre zurückreicht. Aus der 
Kindheit wissen sie sich angeblich nur ganz belangloser Ereignisse 
zu entsinnen. Die Stärke dieser Amnesie entspricht der Schwere ihrer 
Neurose. 

Denn eines ist sicher: Je lückenloser ein Mensch sein Leben über- 
blicken kann, desto leichter wird es ihm sein, neurotische Einstellungen 
zu überwinden. Viele Menschen erinnern sich aus ihrer Kindheit nur 
der Lustmomente, an die sich kein böses Gewissen knüpft. Sie schaffen 
sich eine reine Vergangenheit und trauern nun dieser verlorenen Rein- 
heit nach, w|e die ganze Menschheit dem verlorenen Paradiese nach- 
trauert. 

In Wirklichkeit hat sich der Mensch aus dem Paradiese der „un- 
beschränkten Lust" in das Leben der Hemmungen und Entbehrungen 
verbannt. Die Kinderzeit bleibt aber unvergeßlich in seinem Innern 
und er sehnt sich ewig nach den vergangenen Tagen zurück. Dieser 
„Blick nach rückwärts" 1 ) ist für den Neurotiker die große Gefahr. 
Gesundsein heißt seine Vergangenheit überwinden. Der Neurotiker klebt 
an seiner Kindheit. Sie determiniert sein ganzes Leben in viel stärkerem 
Maße, als es bei Normalmenschen der Fall ist. 

Dieses Buch wird durchwegs von Kranken handeln, die mit ihrer 
Vergangenheit nicht fertig werden konnten. 

*) Vgl. „Der Blick nach rückwärts" in meinem Buche „Was auf dem Grunde 
der Seele ruht". Verlag Paul Kne'pler, II. Aufl., 1920. 



IV. 

Verladung. 

Im Volksglauben, der sich oft als Niederschlag verborgener 
Weisheiten erwiesen hat, wird der Glaube an eine geheimnisvolle Ver- 
ladung innerer Kräfte und Krankheitsstoffe hartnäckig festgehalten. 
Nicht nur Liebe und Haß, auch Krankheiten, Schicksale, Tod und Leben 
können von einem Menschen dem anderen übergeben werden. Dieser 
Aberglaube fordert noch heute sehr viele Opfer. Ich verweise nur auf 
den schändlichen Aberglauben, man könne eine gefährliche Infektions- 
krankheit einem anderen übergeben. Luetische oder Gonorrhoiker 
suchen eine „reine Jungfrau" oder, was noch schrecklicher ist, ein reines 
Kind, um ihnen die Krankheit zu übergeben und gesund zu werden. 
Die kriminalistischen Blätter wissen viel davon zu erzählen und viele 
Akte von Schändung und Verführung von Kindern gehen auf. diesen 
Aberglauben zurück. Auch die Wirkung verschiedener Liebestränke 
kommt manchmal durch Verladung zustande. Liebestränke, Zaubersäfte ' 
und andere aus Körperteilen bereiteter. Elixiere und Speisen, die Teile 
von unseren Exkreten enthalten, können Krankheiten und Leiden- 
schaften übertragen. Menstrualblut, Sperma, Urin, Kot, Nasen- 
schleim usw. werden noch heute häufig gebraucht und leider nicht nur 
von den tieferen Volksschichten. 

So erzählte mir ein akademischer Neurotiker, er habe einige 
Tropfen seines Urins in einen Liptauer gemischt, um die Haushälterin 
seines Vaters in sich verliebt zu machen. Wiederholt haben mir Pa- 
tienten gestanden, daß sie sowohl den Urin der geliebten Person ge- 
trunken als ihr einige Tropfen vom eigenen zu trinken gegeben haben, 
um eine dauernde Vereinigung durchzusetzen. Das Interessante ist, 
daß diese Handlungen nicht infolge von Überlieferung und von Be- 
lehrung — wie beim Volke — , sondern aus einem dunklen Instinkte 
heraus begangen wurden. 1 ) 






l ) In der von Kraus» herausgegebenen „Anthr-opophyteia" findet der Leser eine 
erschöpfende Darstellung dieser Themen. Auch die schöne Literatur enthält zahlreiche 
Hinweise auf den Glauben aa Verladung. Am deutlichsten ist die Novelle von Jacobson 



Verladung. 65 

Besonders hartnäckig ist der Glaube, daß die Toten uns ihre 
Leiden und ihre Schicksale verladen. Ich behandelte einen impotenten 
32jährigen Mann, an dessen Geburtstage sein Oheim erschlagen wurde. 
Er lebt nun in dem Wahne, den die ganze Familie teilt, daß er das 
gleiche Schicksal wie der Oheim teilen müsse, mitunter glaubt er, daß 
er das Leben des anderen fortsetzen müsse. 

Der Glaube, mit dem Koitus wunderbare Kräfte zu übertragen, 
war den Griechen eigen. Der Liebhaber übertrug mit dem Samen seine 
Seele und seine Tugend und blies sie dem geliebten Jüngling ein. Wir 
glauben auch, daß mit der Milch der Amme verschiedene Eigenschaften 
auf das Kind übergehen. So wurde mir immer vorgehalten, ich hätte 
das Temperament meiner Amme mit der Milch übernommen. 

Die Tatsache, daß ein Magnet geladen werden kann, daß man 
die Elektrizität verladen kann, hat Benedikt dann zur Anschauung 
geführt, daß allen Körperteilen unsichtbare Stoffe (Emanationen) an- 
haften, die verladen werden können. Er hat eine ganze Hypothese der 
Verladung ausgebaut und wollte mit seinen siderischen Pendeln an 
Photographien alter Meisterbilder Echtheit und Fälschung feststellen.'.) 
Den Telepathen und vielleicht auch manchen Radiologen ist die Ver- 
ladung ein geläufiger Begriff. Vielleicht, daß der Glaube an die Mög- 
lichkeit einer Verladung aus dieser im Volksbewußtsein schlummernden 
Erkenntnis stammt. Vielleicht ! Ich glaube an einen anderen Ursprung. 

Im Seelenleben des naiven Menschen spielt die Verladung gewiß 
eine große Rolle. Überraschend war mir die Erkenntnis, daß wir ohne 
Verladung viele psychische Erscheinungen gar nicht verstehen können. 
Erst durch die Analyse kam mir das Verständnis der Verladung. Die 
Patienten verladen ihre alten Begehrungsvorstellungen auf den Arzt. 
Es ist das Phänomen der Übertragung, das Freud entdeckt und als 
erster beschrieben hat. 

Die Erfahrung zeigt, daß diese Übertragung — das Übertragen 
von Liebe und Haß auf den Arzt — keine Eigentümlichkeit der Psych- 
analyse ist. „Die Analyse schafft nicht die Übertragung, sie deckt sie 
nur auf" — um ein treffendes Wort von Freud zu zitieren. 



..Zwei Welten". Ein schwerkrankes Mädchen windet einen Kranz aus Edelweiß, welker 
Raute, brandigen Maiskolben, einer Locke ihres Haares und aus einem Sargsplitter. 
Sie wartet am Flusse, denn sie kann die Krankheit nur einem Mädchen übergeben, die 
im fließenden Wasser vorbeifährt. Es gleitet ein Kahn vorüber, junge Burschen darin, 
lachend und plaudernd, und ein schönes Mädchen am Mast. Die Kranke wirft den 
Kranz ins Wasser und spricht den Wunsch aus, die andere möge die Krankheil über- 
nehmen. Sie wird gesund — wie der Dichter meint infolge der Einbildung — , aber 
die Gewissensbisse treiben sie in den Tod. Sie stürzt sich an dem Tage ins Wasser, 
an dem die ungefährdete Schöne als glückliche Braut wieder an ihr vorbeifährt. 

') Über Verladung als telepathisches Phänomen siehe meine Broschüre ,.Der 
telepathische Traum". Verlag Alexander Baum, Berlin. 1920. 

Stekel, Störungen des Trieb- und Affi ktlebenB. V. JJ 



66 Psychosex ucller Iiifautilismus. 

Ehe ich auf das eigentliche Wesen der "Übertragung eingehe, 
auf ihre Ursachen und Wirkungen, möchte ich einige besonders inter- 
essante Beispiele von Verladung anführen. 

Fall Nr. 9. In einer Familie, in der sich neben den Eltern drei Brüder 
befinden, gibt es eine Katze, die den geistigen Mittelpunkt des Hauses bildet. 
Sie ist nicht nur der erklärte Liebling, sie ist eine Art Hausgott. Alles wirbt 
um die Gunst der Katze. Sie sitzt beim Essen auf den Schultern eines der 
Söhne oder auf den der Eltern. Sie erhält die besten Bissen. Das Gespräch 
dreht sich um die Katze. Man spricht über ihr Aussehen und ihre Bedürfnisse, 
sie ist die unerschöpfliche Quelle der Anregung und Erheiterung. Alles 
streichelt sie und lockt sie mit Kosenamen. Würde die Katze bei Tische 
fehlen, es gäbe eine peinliche Spannung, denn alle Mitglieder der Familie 
stehen zu einander in einem gespannten Verhältnis. Mit Hilfe der Kaitze wird 
der tote Punkt immer überwunden. Es zeigt sich, daß die Katze für jeden 
ein Symbol ist. Den Söhnen bedeutet sie die Mutter, der Muitter den einen 
Sohn. Jeder kann seine Sehnsucht und seine unerfüllten Wünsche auf die 
Katze verladen. Jeder kann Zärtlichkeit emanieren, die eigentlich einem 
anderen gelten. 

Die Katze ermöglicht auch gewisse Roheiten und Freiheiten, die man 
sich der Person, die sie symbolisiert, nicht erlauben kann. Man wirft sie zu 
Boden und sagt: „Marsch weg du Luder!" Oder: „Du bist doch ein gemeines 
Vieh!" So werden Liebe und Haß, Bewunderung und Verachtung auf die Katze 
verladen, die ein unentbehrlicher Blitzableiter für die Affekte des ganzen 
Hauses ist und viele böse Szenen verhindert. 

Es ist ja bekannt, daß Jähzornige plötzlich eine Schale oder eine 
Vase oder dergl. zerbrechen müssen. Dieser Vorgang geht auch auf dem 
Wege einer blitzschnellen Verladung vor sich. Ein Mann streitet mit. 
seiner Frau. Haß erfüllt ihn, er möchte sich an ihr vergreifen, sie sogar 
töten, denn jeder Haß ist tödlich. Da greift er nach einem Teller, auf 
den er seinen Haß verladen hat. Er wirft ihn mit aller Macht zu Boden, 
er klirrt und zerfällt in tausend Scherben und der Zorn verraucht. 
Die Vernichtung des Partners an einem Objekte, das alle Beseitigung*- , 
wünsche an sich gezogen hat. 

Ähnlich handelten die alten Juden, welche alljährlich ihren Haß 
auf einen unschuldigen Bock, den Sündenbock, verladen durften und 
die dann das unschuldige Opfer der Verladung mit Steinen in die Wüste 
jagten.. 

Sehr häufig ist die Verladung eines Inzestwunsches auf einen 
anderen Hausgenossen. Ilarnik hat darauf aufmerksam gemacht, daß 
die Magd in Träumen das Symbol der Mutter darstellt. Diese Auf- 
fassung ist nicht ganz richtig. Die Magd ist sehr häufig die Mutter, 
sie kann aber auch die Schwester und sogar die Tochter bedeuten, 
wie meine Erfahrungen beweisen. Es kommt sehr häufig vor, daß Söhne 
sich in die Mägde verlieben. Die Magd repräsentiert, dann die Mutter. 
Ich habe schon erlebt, daß die große Liebe verschwand, wie die Magd 






Verladung. 



67 



das Haus verließ. Es ist die gleiche Atmosphäre, welche diese Ver- 
ladung begünstigt. (Bei Analerotikern spielt der gemeinsame Abort 
eine große — bisher nicht gewürdigte — Rolle. Der Abort ist bekannt- 
lich die Stätte, in der am meisten onaniert wird — das Bett ausge- 
nommen. Die Verladung auf das Milieu des engen Raumes ermöglicht 
Phantasien, welche außerhalb dieses Ortes schwer möglich sind.) Ich 
habe auch Fälle gesehen, in denen sich ältere Männer in ihre Mägde 
verliebten, nachdem sie eine Verladung von der eigenen Tochter vollzogen 
hatten. 

Jeder Hausgenosse kann das Objekt der Verladung werden. Ich 
führe zwei sehr charakteristische Beispiele an. 

Fall Nr. 10. Ein 45jähriger Arzt knüpft mit der Gouvernante seines 
13jährigen Töchterchens ein Verhältnis an. Was ihn am ineisten reizt, ist 
der Umstand, daß das 40jährige Mädchen noch Jungfrau ist. (Sie ist die 
Schulfreundin seiner Frau.) Er treibt alles mögliche mit ihr, hütet sich aber, 
sie zu dofloneren. Es kommt zu Kunnilingus, er reizt sie mit dem Finger er 
trinkt ihren Urin. Die ganze Art der Befriedigung spielt sich in infantilen 
Formen ab. Dieser Kückfall ins Infantile bei dem sonst ganz normalen Manne 
rührt davon her, daß er sich in sein Kind verliebt hatte. Er konnte das Be- 
gehren auf die Gouvernante übertragen und machte mit ihr diejenigen Zärt- 
lichkeiten, die er gerne mit seinem Kinde gemacht hätte. 

Auch der Zimmerherr, der bekanntlich sehr leicht den Töchtern 
des Hauses (und auch den Söhnen!) gefährlich werden kann, ist mit- 
unter ein Verladungsobjekt und manche seiner Triumphe erklären sich 
nur aus dem Umstände, daß er die Rolle des Vaters oder Bruders über- 
nommen hatte. 

Fall Nr. 11. Ein 23jähriges Mädchen leidet au der quälenden Zwangsvor- 
stellung, sie könnte ihre Jungfernschaft verlieren. Sie fürchtet sicli vor allen 
Ecken und Kanten, sie könnten ihr Hymen verletzen. Sie trippelt mit ganz 
kleinen Schritten über die Gasse. Ein großer Schritt könnte das Hymen zer- 
reißen. Sie wagt es nicht, im Wagen zu fahren. (Die Erschütterung könnte 
sie des Hymens berauben.) Alle spitzen Gegenstände im Zimmer sind ihr ein 
Greuel. Sie könnten unter ihr Kleid kommen und sie aufreißen. Der ganze 
Tag vergeht mit Sorgen um die Virginität. Zahllose Zwangsvorstellungen, 
die an anderer Stelle beschrieben werden sollen, füllen den Tag aus. Ich er- 
wähne noch : Die Angst vor dem Bade und den Samenfäden. Im Bade könnte 
ein Mann gebadet haben, und ein Samenfaden könnte in ihre Vagina kommen, ' 
so daß sie befruchtet würde. Auch auf dem Sofa und auf dem Abtritte können 
Samenfäden sein. Sie muß daher ihre Notdurft stehend verrichten. Dazu 
gesellen sich Angstzustände vor Stocknadeln. 

Überall wittert sie Stecknadeln. Sie bleibt eine Nacht im Zimmer 
•stehen, aus Angst sich auszukleiden und ins Bett zu legen, es könnte 
eine Stecknadel in den, Kleidern stecken und beim Aus- 
ziehen hineinkommen. 

Als Ursache ihrer Neurose finde ich unter anderen Determinationen ihr 
krankhaftes Verhältnis zu ihrem Stiefvater. Er ist ein gewalttätiger, herrsch- 



68 



Psychosexueller Infantilismus. 



süchtiger Mann, vor dem das ganze Haus zittert. Er verfolgt sie mit seinen 
lüsternen Augen. Er wartet, bis sie allein ist und stürzt sich dann in das 
Zimmer, um sie leidenschaftlich zu küssen. Angesichts seiner Frau und der 
anderen Kinder nimmt er sie auf den Schoß und küßt sie stürmisch. Trifft er 
sie allein im Bette, so spielt er mit ihrem Busen und küßt sie auf die Brust 
und, wo er gerade hintrifft. 

Ich lasse ihre Mutter kommen. Ich verlange Abhilfe. Ich verweise 
darauf, daß der Stiefvater verboten hatte, die Türe zur Kammer des Mädchens 
abzusperren. Sie zittert beim Waschen und Umkleiden, der Vater könnte 
hereinkommen. Die Trau ist dem Haustyrannen gegenüber machtlos. 

Die Analyse bringt erst gar keinen Erfolg. Ich schiebe das auf die 
unlöslichen häuslichen Verhältnisse. Der Zweifel plagt sie täglich stärker und 
die Sorge um ihre Jungfernschaft nimmt groteske Formen an. 

Das bringt mich auf die Vermutung, daß sie gar keine Jungfrau mehr 
ist. Aus anderen Fällen von Zwangsneurose wußte ich, daß die Kranken 
oft das bezAveifeln, dessen sie sich erinnern wollen. 

Es sind die Annullierungstendenzen, die in der Neurose eine so große 
Rolle- spielen, eine Rolle, die von den meisten Analytikern bisher nicht ge- 
nügend gewürdigt wurde. Die Kranken annullieren eine unangenehme Realität 
und benehmen sich so, als ob diese Realität vernichtet wäre. 1 ) 

Sollte diese Kranke nicht defloriert sein und diese Tatsache annulliert 
haben, so daß sie die Angst vor dem Verlust der Virginität spielen konnte, 
als ob sie etwas zu verlieren hätte? 

Ich erkläre der Kranken also energisch, sie sei keine Jungfrau mehr, 
sie solle mir das Erlebnis erzählen, bei dem sie die Virginität verloren hatte. 
Und nun erfahre ich, daß in der Tat ein Koitus mit einem Zimmerherrn statt- 
gefunden habe, zu dem sie sogar des Nachts ins Bett geschlichen sein soll. So 
behauptete es der Zimmerherr ihrem Bräutigam gegenüber. (Sie war nämlich 
Braut.) Warum hatte sie sich nicht ihrem Bräutigam hingegeben? 

Weil er kein Hausgenosse war. Er wohnte aus Anstandsgründen außer- 
halb des Hauses. Der Zimmerherr wohnte aber neben ihrem Stiefvater, was 
die Verladung auf ihn ermöglichte. Sie begehrte ihren Vater, wollte des 
Nachts zum Vater, war durch den Vater entzündet und konnte nun diese 
Triebe auf den Zimmerherrn verladen. 

Nach dem Koitus war die Angst vor der Gravidität erst bewußt auf- 
getreten, dann hatte sie das Erlebnis scheinbar vergessen, das heißt sie 
annullierte die Tatsache der Defloration und benahm sich so, als ob sie 
noch etwas zu verlieren hätte. 



Ich habe diesen Fall nur mitgeteilt, um die Verladung auf den 
Haiußgenossen zu demonstrieren. 

Der merkwürdigste Fall von Verladung ist wohl der folgende: 
Fall Nr. 12. Herr T. B., 25 Jahre alt, Jurist, ist nicht imstande zu 
studieren und sich mit irgend etwas zu beschäftigen. Seine Hauptklage ist, 
er habe jede Libido verloren. Ja, vor drei Jahren war das ganz etwas anderes! 
Da lernte erseineBrautl kennen und gab ihr ein einziges Mal einen Kuß, 
bei dem er eine ungestüme Leidenschaft fühlte. Nun sei alles ausgebrannt. 

*) Ausführlich beschrieben in Bd. IV im Kapitel „Die Beziehungen des Neurotikers 
zur Zeit". 



Verladung. ßg 

Er habe keine Leidenschaft mehr. Mit seiner „ewigen Braut" komme er nicht 
ins reine. Er halte um die Hand an, weiche zurück, werde bald zurückge- 
wiesen, bald weise er zurück. Das Schlimmste sei, daß er immer onanieren 
müsse und beim Koitus gar kein Vergnügen habe. Er erziele wohl eine Erek- 
tion, aber es komme nie zur Ejakulation. Er habe eine längere Analyse bei 
Dr. H. hinter sich. Dr. H. sei nicht auf die „spezifische Onaniephantasie" ge- 
kommen. Patient sagt, er stelle sich wohl etwas vor, wisse aber nicht, was er 
sich vorstelle. Allen Frauen gegenüber habe er ein Gefühl der Minderwertig- 
keit. Wer sei daran Schuld? Nur sein Vater. Er habe ihn von allen Frauen 
und Mädchen, ja von jeder Gesellschaft isoliert, er habe ihn immer an Sonn- 
tagen bei sich gehabt, er wäre nie allein gewesen. Nun sei das Jammerprodukt 
fertig. Das wäre nur die Erziehungskunst seines Vaters, eines Mannes, der 
6elbst Lehrer sei und wissen müßte, wie man Kinder zu erziehen habe. 

So geht es in diesem Tone weiter. Er klagt den Vater heftig an, möchte 
ihn am liebsten zur Rechenschaft ziehen. Er spielt mit dem Gedanken, sich 
umzubringen und dem Vater dann in einem Briefe zu schreiben, daß er ihm 
sein ganzes Leben verpfuscht habe. 

Die Anamnese ergibt aber, daß der Vater sich immer liebevoll mit ihm 
beschäftigt hat. Er war wohl strenge, hat ihn aber nie geschlagen. Der 
Kranke war 3 Jahre alt, als seine Mutter starb. Der Vater heiratete nicht 
mehr und widmete sich ganz der Erziehung seines Sohnes. Der Vater ist 
heute 70 Jahre alt, etwas siech und schwachsinnig nach einem Schlaganfall 
und wohnt auf dem Lande, während der Sohn in Wien weilt. Unser Patient 
haust allein in einer großen Wohnung, die er furchtbar vernachlässigt. 
Während er sehr viel auf seine äußere Erscheinung gibt, ist die Wohnung in 
einem grauenhaften Zustande. Auf den Kasten liegt monatelang der Staub. 
Spinngewebe hängt an allen Ecken. 

Er ist stets in materieller Bedrängnis. Er hat keine Mittel und arbeitet 
nichts. Ei- lebt vom Verkaufen seiner Wohnung. Stück um Stück wandert 
zum Händler. Dabei hat er den Sinn für das Geld verloren und gibt oft sinn- 
los Geld aus. Ich merke deutlich, daß dieses Geldausgeben eine bestimmte 
Tendenz hat: Er will ganz arm werden, um schließlich zum Vater auf das 
Land zu kommen. 

Zuerst durchforsche ich sein Verhältnis zu seiner Braut. Es stellt sich 
heraus, daß er gar keine Braut hat, daß das Mädchen ihm erklärt hat, sie 
wolle von ihm nichts wissen, daß er sich aber trotzdem gebunden fühlt. Die 
ganze Begebenheit mit seiner Braut war eine leere Spielerei. Wie er merkte, 
daß es ernst werden konnte, zog er sich zurück. Schließlich durchschaute ihn 
das Mädchen und ließ ihn laufen. Er hat auch gar kein Gefühl für sie, höch- 
stens daß er sich hie und da in eine sentimentale Stimmung hineinredet. 

Alle seine Liebe ist beim Vater fixiert. Es stellt sich das höchst sonder- 
bare Verhältnis heraus, daß er mit dem Vater bis zum 16. Jahre in einem 
Bette geschlafen hatte. Dabei hielt der Vater oft seine Beine umschlungen. 
Irgendwelche vertrauliche Spielereien sind ihm nicht erinnerlich. Dagegen war 
er wahnsinnig eifersüchtig auf alle Köchinnen und Gouvernanten. Er wachte 
als achtjähriger Bub bei Nacht auf. Der Vater war nicht im Bette. Er sprang 
auf und begann zu schreien. Er suchte in der ganzen Wohnung. Der Vater 
war nirgends. Er vermutete, daß er im Dienstbotenzimmer war. Plötzlich 
kam der Vater und sagte ihm, er habe etwas im Speisezimmer gesucht. Er 
glaubte aber, daß der Vater bei der Köchin war und konnte ihm diese Untreue 
nie verzeihen. 



70 



Psycliosexueller Infaiitilismus. 



V, hJS?*^? b ^f immer neue Beweise seiner P «ierung an den Vater. 
üi hatte folgenden Wachträum : 

Ich liege im Bette. Ein Riese will sich über 
mich beugen und an meine Genitalien greifen Ich 
gebe ihm einen Stoß, so daß er zurückfliegt und 
so zu liegen kommt, daß beide Beine in'die Luft 
ragen. Ich stürze mich a uf ihn und fahre mit der 
Hand in seinen Anus. Dort hole ich einen goldenen 
King heraus. Den will ich der Braut bringen, damit 
ich erlöst werde. 

ßxieH 01 ^^"^ iC h t ßt: IC J U l f 1 d6n Vat6r ' imd ™ ar an seine » A »»* 

tben d Tir 7 T ^ befreien ' so kömite ich dann ei " Mäd <^» 
lieben. D ei Ring ,st ein Symbol seiner Vermählung mit dem -Vater. Wie 

der Doge von Venedig einen Ring ins Meer schleuderte, um sich dem Meere 
zu vermählen, so ist sein Ring im Anus des Vaters. Er fühlt sich als „ewige 
xiiaui seines Vaters. 

Es zeigt sich daß er einen großen Teil seiner Liebe zum Vater auf die 
S: g n d f; "»t. Besonders der Abort ist die Quelle seiner größten 
Genüsse. Dascbst onaniert er, wenn er es nicht im Bette macht. Der Abort 
erhält seinen Affektwert (pretium affectionisj, weil der Vater so oft darauf 
fSC k ganz(1 Wohnung ist der Vater. Er erhielt von einer be- 
kundeten Dame einen höchst vorteilhaften Antrag. Sie wollte einen Teil 
der Wohnung mieten, ihm eine hohe Miete bezahlen, überdies die Reinigung 
der ganzen Wohnung übernehmen, ihn mit Frühstück usw. versorgen Er 
konnte sich mcht entschließen, sie in.die Wohnung hineinzunehmen. Es schien 
ton Wie eine Entweihung. Trotzdem nahm er vorübergehend Mädchen in die 
Wohnung und machte vergebliche Koitusversuche. Er kam nie zum Orgasmus' 
hatte wohl Erektionen, aber konnte nie eine Ejakulation erreichen. Sein Sexual- 
ziel war nicht das Madchen, sondern der Vater. Er wollte sich durch schranken- 
lose Lust von der Fessel der Vergangenheit befreien und konnte es nicht 

i\ och deutlicher war die Verladung auf die „Ewige Braut". Die wirk- 
lich ewige Braut war sein Vater. Ihm hatte er im Geiste ewige Treue ge- 
schworen. Er hatte sich vorgenommen, das ganze Leben seinem Vater zu 
weihen. Sie sollten immer zusammen sein und auch fernerhin zusammen 
schlafen. Die ewige Braut suchte er sich, als er merkte, daß der Vater die 
letzte Haushälterin besonders bevorzugte. Er wollte ihn eifersüchtig machen 
und sich retten. Er errichtete aber nur eine Filiale seiner Vaterliebe in dem 
Madchen. Er konstruierte das Verhältnis so, daß es ganz parallel mit seinen' 
Creiuhlen zum Vater ging. Sie war ihm unerreichbar wie der Vater, sie stand 
ihm kühl gegenüber (natürlich infolge seines Benehmens), er konnte sie ver- 
nachlässigen aus der Ferne anschwärmen, von seiner unglücklichen Liebe 
sprechen sich als Verlobten bezeichnen usw. Er machte alle Empfindungen 
Gluck, Hoffnung, Eifersucht, Enttäuschung bei der sogenannten Braut durch' 
obgleich alle diese Empfindungen dem Vater galten. Dabei hütete er sich' 
die Verladung so weit gehen zu lassen, daß das Spiel ernst wurde Er hielt 
immer die Distanz, die ihm zu seiner phantastischen Transponierung not- 
wendig war. 

Warum aber war es zu dieser heftigen unerschütterlichen Trotzein- 
stellung gekommen? Was trieb ihm dazu, seinem Vater Schmerzen zu bereiten 
und sich ihm als verlorenen Sohn, als das Produkt der mißglückten Erziehung 



Verladung. 



71 



darzustellen? Man bedenke, daß er seinem Vater fast nie eine Zeile schrieb, 
daß er die fixe Idee der Abrechnung hatte, daß er oft vor Wut schäumte, 
■wenn er von ihm sprach. 

In seiner Analyse enthüllte sich wieder die ganze Schauspielkunst des 
Neurotikers. Nichts ließ den wahren Grund dieser Einstellung vermuten. Wir 
hören, daß die Wandlung vor drei Jahren eingetreten war, als er nach einer 
Lektüre von Forel zu onanieren begonnen hatte. Natürlich schiebt er seine 
Neurose auf die Onanie. Wir hören -aber, daß er vorher seinem Vater täglich 
geschrieben hatte. Alle Briefe begannen mit: Mein einziger, liebster, guter 
Papa! Sein Vater erlitt den Schlaganfall. Er stand im Felde, nahm Urlaub 
und kam als zärtlichster und sehr besorgter Sohn nach Hause. Erst nach 
dem Leiden änderte sich die Einstellung. Er hatte oft stundenlang einen 
Kampf auszufechten, ob er noch „mein einziger, liebster, guter Papa" schreiben 
sollte. Schließlich verbitterte er immer mehr und schrieb in der Aufschrift 
nur die Anfangsbuchstaben als leere Formel : M. 1. g. e. P. 

Die Analyse brachte die Wahrheit ans Tageslicht. Er war auf die 
Haushälterin eifersüchtig. Sein Vater hatte ihn verlassen und wohnte bei 
der Haushälterin, deren Eltern Bauern waren, auf dem Lande. Der Treulose 
hatte ihm dadurch seinen ganzen Lebensplan zerstört. Und dieser Plan? 
Er war kindisch genug: Die fixe Idee eines Infantilen, die mit dem ganzen 
unerschütterlichen Trotze eines Kindes festgehalten wurde. „Ich möchte mit 
dem Vater leben und ihm ein Weib ersetzen!" Deutliche Fellatiophantasien 
bezeugten diese Identifizierung mit einem Weibe. In seiner Erinnerung 
lebte unzerstörbar die schöne Zeit, da er mit dem Vater schlafen durfte. 
Hatte er damals von Liebesszenen geträumt oder war wirklich etwas vorge- 
fallen? Das war nicht zu ergründen. Verschiedene neurotische Symptome 
— auch ein Zweifel an verschiedenen Vorgängen der Vergangenheit — schienen 
für die letztere Annahme zu sprechen. Nun litt er den entsetzlichen Haß 
des Liebesenttäuschten und Verratenen. Bei der Onanie nahm er Stellungen 
ein, wie er sie im Bette des Vaters inne hatte. Er onanierte auch in demselben 
Bette, in dem er mit dem Vater gelegen war. 

Nach der Auflösung der Verladung verlor die „ewige Braut" jeden 
Wert für ihn. Nur die Wohnung blieb als Zeuge seines einstigen Glückes 
und als Objekt der Verladung. Und auch die Ärzte! Au6 jedem Arzte machte 
er seine Vater-Imago und erwartete von ihm die Zärtlichkeiten, die er noch 
immer von seinem Vater erwartete. 

Er zeigt jenen Typus, wie ihn Freud in seinem anregenden Buche „Jen- 
seits des Lustprinzips" bei den Kindern erwähnt. Er spielt immer die gleiche 
Szene. Der Sinn dieses Spieles ist, daß er das passiv Erlebte nun aktiv be- 
wältigen will. Dies ist auch der Sinn der Phantasie. Er bewältigt den Riesen 
und zieht den Ring aus dem Anus. (Ring der Nibelungen!) Das bestätigt auch 
eine Erinnerung des Kranken, die eine Deckerinnerung sein dürfte. Er be- 
gehrte von seinem 10. Jahre an alle Gouvernanten und Hausfräuleins. Im 
14. Jahre machte ihm sein Vater eine Szene, als er ihm bei einem erotischen 
Spiel mit dem Fräulein überraschte. Nun glaubt er sich zu erinnern, daß sich 
das Fräulein einmal seinem Bette näherte, die Decke aufhob und sein erigiertes 
Glied in die Hand nehmen wollte. Er stieß sie zurück. Er war damals offenbar 
stärker, als er es in den ersten Lebensjahren dem Vater gegenüber gewesen. 
Wahrscheinlich handelt es sich nur um eine Phantasie. Der Kranke berichtete 
diese Erinnerung auch : „Es kommt mir vor, als ob . . . ." 



72 



Psychosexueller Iiifantilismus. 



Er hatte auch Wachphantasien mit allen Frauen zu verkehren, die 
seinen Vater betreuten. So ist er auch mit der jetzigen Haushälterin, auf die 
er so eifersüchtig ist, sehr freundlich. Es besteht eine uralte Phantasie, die 
Frau mit dem Vater zu teilen.- Jedenfalls hat er auch auf die Frauen die 
Verladung vom Vater vollzogen. 

Wir sehen hier ein deutliches Beispiel von „W i e d e r h <> 1 u n g s- 
zw a.ng" (Freud). Auch die Ärzte macht er zu seinen Vätern, kommt 
gegen sie in Opposition, weil sie ihn enttäuschen und seine infantile Ein- 
stellung „Ü, möge Er mit mir spielen!" nicht berücksichtigen. Seine 
Vorwürfe gegen den Vater lauten auch immer, er habe ihm keine Ge- 
spielen gegeben und selbst mit ihm nie gespielt. 

Nach dieser Analyse löst er sich von seiner ewigen Braut, die 
für ihn alle Bedeutung verloren hatte, seit er einsah, daß sie nur eine 
„Vater-Filiale" war. 

Sehr bekannt und außerordentlich häufig sind die Fälle von Ver- 
ladung von einem homosexuellen Objekt auf ein heterosexuelles. Diese 
Fälle kommen besonders in der Übertragung der Analyse vor, aber 
auch in vielen anderen Fällen und entgehen gewöhnlich der Aufmerk- 
samkeit der Analytiker, weil man schwer auf die Vermutung kommt, 
daß es sich um ein Verladungsphänomen handelt. Der nächste Fall 
wird uns diese Tatsachen demonstrieren, die ich übrigens in Band II' 
dieses Werkes eingehend beschrieben habe. 

Fall Nr. 13. Ein 34jähriger Mann steht wegen Zweifelsneurose in meiner 
Behandlung. Er ist in eine Dame verliebt, mit der er seit Jahren ein Ver- 
hältnis hat. Er will sie nun aus „moralischen Gründen" heiraten. Leider ist 
seine Potenz sehr schwankend. In den meisten Fällen hat er eine Ejaculatio 
praecox. Bei der Onanie ist die Potenz ausgezeichnet. Er onaniert noch immer, 
wenn auch seltener als früher, angeblich nur mit heterosexuellen Phantasien.' 
Er entschließt sich, sich zu verloben. Aber schon plagen ihn die Zweifel. Er 
findet allerlei Fehler und Hindernisse. Er weicht zurück. Er bespricht sich mit 
allen Freunden und Verwandten. Sie raten zur Heirat, Darauf verlobt er 
sich. Allein schon am nächsten Tage löst er die Verlobung auf. Das Spiel 
wiederholt sich einige Male. Ei- kommt in meine Behandlung und erklärt, er 
könne ohne die Geliebte nicht leben. Zu seinem Schrecken sei er jetzt bei ihr 
gänzlich impotent geworden. Er will heiraten, sobald er die Potenz wieder 
erlangt hat, 

Es handelt sich — wie die Analyse ergibt — -um eine Verladung 
vom Homosexuellen ins Heterosexuelle. Er war in seinen Freund ver- 
liebt. Eine gewisse Ähnlichkeit der beiden Objekte hat diese Verladung 
ermöglicht. 

Besonders interessant sind die Fälle, in denen die Verladung auf 
einen unbelebten Gegenstand erfolgt. Besonders Puppen, Stöcke, Bilder, 
Möbelstücke, Bücher, ganze Sammlungen, Schmuckgegenstände, Kleider. 
Urkunden, Briefe, welche dem geliebten Objekte gehören, sind zur Ver- 
ladung sehr geeignet. 



— 



• Verladung. 7 g 

Unter den Objekten der Verladung spielt besonders der Polster 
eine große Rolle. Ich beschreibe nur einige der Formen dieser Ver- 
ladung und mache darauf aufmerksam, daß ähnliche Verladungen auch 
auf andere Gegenstände und besonders Instrumente stattfinden können. 
(Der Irrigator!) Der Symbolwert des Polsters ist ein sehr großer. 

Viele Infantilisten saugen an dem Polsterzipf. Es ist eine oft 
berichtete Tatsache, daß manche Neurotiker nur einschlafen, wenn sie 
den Polsterzipf als Lutscher in den Mund nehmen. Der Polster ist 
dann Ersatz der Mutter- oder Ammenbrust. Andere umarmen den 
Polster, glätten ihn, streicheln ihn, behandeln ihn wie ein Liebesobjekt. 
Ein mir bekannter Neurotiker, auf dessen Analyse ich später noch 
zurückkommen werde, schläft nur ein, wenn er den Polster zwischen 
den Beinen hat. Der Polster ersetzt ihm ein Pferd, das den Mittelpunkt 
seiner verschiedenen Phantasien bildet. 

Noch merkwürdiger ist der nächste Fall. Ein 36jähriger Ini- 
potenter leidet an sonderbaren Magenschmerzen, die sich nur lindern 
lassen, wenn er sich vor dem Einschlafen auf den Bauch legt und den 
Polster recht fest gegen den Bauch drückt. Im Traume verschiebt sich 
der Polster und er erwacht mit dem Polster in den Armen. Es handelt 
sich um einen Schwester-Ersatz. 

Manche Patienten schlafen nur gut in ihren Betten, wenn Bie 
ihre eigenen Polster haben. Oft wird auch der Polster geschlagen und 
im Zorn zu Boden geschleudert. Besonders im Traume dient der Polster 
der Haßentladung und mancher Polster, der am Morgen zerrissen und 
zerbissen am Boden gefunden wurde, zeugt von heftigen Kämpfen 
und Streitigkeiten im Traume, bei denen der Polster das Objekt der 
Verladung wurde. 

Bemerkenswert ist der nächste Fall von Verladung auf einen 
toten Gegenstand. 

Fall Nr. 14. Ein 42jähriger Mann hat die Eigenschaft, zuweilen mit den 
Spielsachen seiner Jugend zu spielen. Er beschließt eines Tages, alle Spiel- 
sachen einem Neffen zu schenken und sieh von der Vergangenheit loszureißen. 
Unter den Spielsachen befindet sich auch ein Bajazzo, der der erklärte Lieb- 
ling seiner Jugend war. Der Bajazzo war ein Unikum, weil er ihm Frauen- 
kleider verfertigen ließ. Er konnte als Kind ohne den Bajazzo nicht essen, 
nahm ihn ins Bett und verbrachte viele Stunden mit ihm. Er war schon er- 
wachsen und mußte noch immer mit dem Bajazzo spielen. Er hatte einen 
Ehrenplatz in seinem Zimmer und stand unter einem Glassturz. Er wurde 
nur an gewissen Feiertagen herausgenommen und saß dann beim Tische, be- 
kam ein kleines Tellerchen und erhielt sein Essen vorgesetzt. Als er klein war, 
durfte keines der Geschwister den Bajazzo anrühren, geschweige denn mit 
ihm spielen. Er war wahnsinnig eifersüchtig, wenn sich ein anderer mit dem 
Bajazzo beschäftigen wollte. 



74 



Psyehosexueller Infantilismus. 



In der Analyse trat die merkwürdige Tatsache zutage, daß der 
Bajazzo ein Symbol seiner Mutter war. Er hatte alle Neigung, die er 
für seine Mutter fühlte, auf den Bajazzo „übertragen". Während er 
die Mutter ziemlich kühl behandelte (infolge Eifersucht auf die anderen 
Geschwister) , konnte er mit dem Bajazzo ausnehmend lieb und zärtlich 
sein. Er küßte ihn und überhäufte ihn mit Kosenamen. 

Nach Aufdeckung der Identifizierung zwischen Bajazzo und 
Mutter wurde das Spielzeug ganz wertlos für ihn, er schenkte es dem 
erwähnten Neffen. 



Dem Analytiker ist diese Erscheinung unter dem Namen der 
„Übertragung" bekannt. Aber die Übertragimg, mit deren Entdeckung 
sich Freud ein unsterbliches Verdienst erworben hat, ist nur ein Spezial- 
fall der Verladung und sollte nur auf das Verhältnis zwischen Arzt und 
Patienten angewendet werden, wie es in der Analyse zum Vorschein 
kommt. Man sieht, daß Patienten während der Analyse vor der Über- 
tragung auf den Arzt durch eine Verladung auf andere Objekte sich 
retten. Sie beginnen zu sammeln oder verlieben sich in ein Mädchen, 
suchen einen anderen Freund oder verladen auf irgend ein beliebiges 
Objekt. 1 ) Wir kennen diese Fälle sehr genau. Sie zeigen, daß es 
Menschen gibt, welche vor jeder großen Leidenschaft fliehen, sie durch 
Verladung auf andere zersplittern und zerkleinern. Männer mit starker 
homosexueller Komponente sind dann der Freundschaft mit einem ein- 
zigen Manne nicht fähig. Obgleich sie alles zu einem bestimmten Manne 
hinzieht, entziehen sie sich künstlich der Freundschaft durch Ver- 
ladung auf andere Männer, welche dann ohne innere Berechtigung zum 
Range von Freunden erhoben werden. 

Es ist einer eingehenden Untersuchung wert, weshalb gerade in 
der Psychanalyse die Verladung von Jugendbesetzungen so leicht auf 
den Arzt stattfindet. Die Patientinnen sind manchmal beleidigt, daß 
man ihnen erklärt, ihre Neigung sei nur eine Übertragung und beteuern 
entrüstet, es sei eine echte, tiefe Leidenschaft. Das beweist, wie 
glänzend die Verladung gelungen ist und daß sie sich über den Me- 
chanismus der Verladung keine Rechenschaft geben können. 

Die Liebe in der Analyse kommt durch mehrere Momente zu- 
stande. Das wichtigste ist das Verständnis des Arztes. Zum ersten Mal 
im Leben fühlt sich der Kranke verstanden. Ein französisches Wort 
sagt: „Lieben heißt verstanden sein!" Die Sehnsucht aller Menschen 
nach Verstandensein ist unendlich groß. Verstanden sein bedeutet aber 
auch seelisch nackt stehen. Der Nackte sieht sich erkannt. Deshalb 
hat die Bibel den schönen Ausdruck für den Geschlechtsverkehr: „Er 

*) Während einer Analyse verliebte sich eine Patientin in das Bild von Dehmel. 



Verladung. f 5 

erkannte sie . . . .'" Ein zweites Moment ist die Angst der Menschen 
vor der Einsamkeit. Dies Moment hängt innig mit deim Verstandensein 
zusammen. Der Mensch, der sich verstanden fühlt, ist nicht mehr ein- 
sam. (Storm sagt: Liebe ist im Grunde genommen nichts anderes als 
die Angst vor der Einsamkeit.) 

Endlich kommt noch ein Moment in Betracht, das bisher nicht 
besprochen wurde. Jeder Kranke trägt eine spezifische Szene in sich, 
von deren Erfüllung sein Lebensglück abhängt. Es ist der kategorische 
sexuelle Imperativ, der sich auf eine bestimmte Phantasie versteift. 
Der Kranke zieht den Schluß: „Wenn mich der Arzt so gut versteht, 
so wird er auch wissen, was ich von der Welt und also von ihm er- 
warte." Die Liebe ist dann die Vorwegnahme der Erfüllung („Anti- 
zipierungstendenzen!"). So mancher unüberwindliche Widerstand in 
der Analyse geht auf den Umstand zurück, daß der Analysator nicht 
erkennt, daß die oder der Kranke sich auf die spezifische Szene und 
deren Realisierung versteift hat. Bei der Verladung wird diese 
spezifische Phantasie auf den Arzt projiziert. 

Das Gesetz der Verladung macht uns auch viele Erscheinungen 
des sozialen Lebens verständlich. Die Verschiebung auf das Große und 
Kleine (Freud) ermöglicht Verladungen auf eine Gesamtheit und auf 
ein Symbol der Gesamtheit. Immer wieder können wir die Schauspiel er- 
natur der Neurotiker erkennen und ihr Spiel mit ihren Affekten und 
Trieben. Sie sind noch mehr als Schauspieler. Sie sind Jongleure, die 
sich selber täuschen. Besonders in den Fällen von psychosexuellem 
Infantilismus kommt dem Phänomen der Verladung eine besondere Be- 
deutung zu. 

Dem Kinde erscheint die ganze Welt belebt. Es gibt keine toten 
Dinge. Alles lebt und liebt. Von dem Kinde strahlt die Wärme der 
Liebe auf die ganze Welt, es durchleuchtet und befruchtet sie, gleich 
der Sonne, welche allen Planeten mit ihren feurigen Strahlen Wärme 
und Leben spendet. Der Neurotiker ist ein ewiges Kind. „Lieben heißt, 
sich in dem anderen finden." Der infantile M*ensch kann alle kleinen 
und großen Dinge lieben, weil er sich in sie hineinversetzt. Er ist 
Ring, Polster, Bajazzo, Katze, Hund, Vater und Mutter. Die Verladung 
ist ein Ausströmen der Ich-Strahlen auf die große und kleine Welt. 



V. 
Der Mechanismus der Regression. 
Mutterleibsphantasien und Vaterleibsphantasien. 

Wer viele Jahre mit Neurotikern zu tun hat, dem wird es bald 
auffallen, daß sich viele unter ihnen befinden, die einen ausgesprochen 
infantilen Typus aufweisen. Es sind Männer mit rosigem Teint, einem 
Anflug von Schnurrbart oder ganz bartlos, mit einem kindischen Ge- 
haben, mit kindlichen Eigenschaften; Frauen, die nie recht Weib und 
Mutter werden, die ewig Kinder bleiben, sich aber auch im Äußeren, als 
Kinder manifestieren. Sie haben große Kinder und werden für Geschwister 
gehalten. Ewige Jugend ist ihnen eigen und sie unterstreichen unbewußt 
durch Kleidung und Gehaben diese physischen Eigenschaften. Man könnte 
nun leicht zur Ansicht verführt werden, daß es sich bei diesen Formen 
um eine organische Grundlage handelt. Man trifft in der Tat unter ihnen 
manche Männer mit auffallend kleinem Penis, Kryptorchismus, infantilem 
Bau des Kehlkopfes. Frauen mit infantilem Uterus, mit schwächlicher 
oder oft ausbleibender, mitunter ganz mangelnder Menstruation. 

Sicherlich spielt das organische Entgegenkommen, die Disposition 
bei diesen Zuständen eine große Rolle. Aber zwei Beobachtungen zwingen 
mich, die Konstitution als einen nebensächlichen Faktor anzusprechen. 
Erstens der Umstand, daß ich den psychischen Infantilismus oft bei aus- 
gesprochenen Vollmännern und prachtvollen Weibern, die ein halbes 
Dutzend Kinder geboren haben, beobachten konnte; zweitens, daß 
sich dieser Infantilismus nach einer längeren analytischen Kur ändert. 
Die ewigen Knaben werden Männer, der Bartwuchs kommt später nach, 
aus den Kindweibern entwickeln sich Vollweiber. Wer kann hier ent- 
scheiden, wie weit psychische und organische Einflüsse sich durchkreuzen 
und ergänzen? Wir sehen ja Fälle, in denen sich zuerst ein psy- 
chischer Infantilismus entwickelt und sich später auch die physi- 
schen Symptome des Infantilismus zeigen. Die Männer werden wieder 
zu Kindern, die Haare fallen aus, der Hoden schrumpft ein, bei Frauen 
bleibt die Menstruation aus, das Gesicht wird jugendlicher. Mit den 
Geschlechtsdrüsen allein kann der sexuelle Infantilismus nicht zu- 



Der Mechanismus der Regression. 77 

sammenhängen. Sonst müßte nach Kastration bei Frauen beobachtet 
werden, daß. die Frauen jung bleiben. Es ist aber genau das Gegenteil 
der Fall. Die kastrierten Frauen altern sehr rasch und die Eunuchen 
zeigen auch ein auffallend greisenhaftes Gesicht, das sogar sehr charak- 
teristisch für sie ist. 

Wir wollen die Bedeutung psychischer Kräfte nicht überschätzen. 
Daß aber die umgestaltende Kraft der Psyche von allen Ärzten unter- 
schätzt wird, sehe ich alltäglich. Der Wunsch und der Wille vermögen 
unendlich viel. Wer jung sein will, wer sich jung fühlt, der kann auch im 
Organischen Kräfte der Verjüngung wachrufen. . . . 

Aber wie ich schon betont habe, die organischen Begleiterscheinun- 
gen sind nicht immer vorhanden. Wir haben öfters Gelegenheit, sehr 
ausgesprochene Fälle von sexuellem Infantilismus zu beobachten, die 
sich rein psychogen und mitunter nur so flüchtig abspielen, daß wir ihre 
psychogene Dynamik klar vor uns sehen. 

Ich gebrauche den Ausdruck „psycho sexueller Infantilismus",' den 
Eulenhurg für das Zurückbleiben der sexuellen Entwicklung, eigentlich 
im anderen Sinne geprägt hat. Magnus Hirschfeld und Ernst Burchard 1 ) 
fassen den Begriff „sexuellen Infantilismus" viel weiter und legen das 
Schwergewicht auf die Disharmonie zwischen psychischer Widerstands- 
fähigkeit und den sexuellen Antrieben. 



') Dr. med. Magnus Hirschjeld und Dr. med. Ernst Burchard, „Der sexuelle In- 
fantilismus". (Verlag Carl Marhold, Halle a.S., 1913.) „Die normale Entwicklung der 
Gesamtpersönliehkeit hat zur Voraussetzung, daß die Sexualität in harmonischem Zu- 
sammenhange mit allen physischen und psychischen Funktionen eine Reife erlangt, die 
es ermöglicht, ihre Antriebe in individueller und sozialer Hinsicht zweckmäßig zu 
verwerten. Die physiologischen Vorbedingungen hierzu beruhen auf einer normalen 
Anlage und Entwicklung der in Betracht kommenden anatomischen Elemente, die sich 
aus den nervösen Sexualzentren, ihren zentripetalen Zuleitungs- und zentrifugalen 
Fortleitungsbahnen mit den dazu gehörigen Nervenendapparaten einerseits und ander- 
seits don drüsigen Organen zusammensetzt, welche im wesentlichen durch innere Sekretion 
die biochemischen Anreize sexueller Lebenstätigkeit liefern. — Da dieselben Sekretiions- 
stoffe auch anderweits wichtigen körperlichen und seelischen Funktionen dienen, folgert 
schon daraus der innige Zusammenhang zwischen der sexuellen Entwicklung und allen 
übrigen Lebensvorgängen." 

„Aus den Wechselwirkungen der hier in Betracht kommenden Faktoren ergibt 
sich bei normalem Verhalten das Bild einer gesunden psycho-sexuellen Individualität. 
Unter den mannigfachen Möglichkeiten, welche dieselbe störend beeinflussen und ver- 
zerren, in ihren Äußerungen disharmonische und unzweckmäßige geschlechtliche Per- 
sönlichkeiten bedingen, nehmen die Erscheinungsformen einen breiten Raum ein. deren 
Ursachen wir in einer mangelhaften Evolution zu suchen haben, mag diese sich nun 
auf die psychophy6ische Gesamtentwicklung oder vorwiegend auf den sexuellen Faktor 
derselben beziehen oder schließlich auf einer Disharmonie zwischen psychischer Wider- 
standsfähigkeit und sexuellen Antrieben beruhen." 



78 



l'sychoscxueller Iufantilismus. 



„Die Äußerungen der Sexualität kommen in 
diesen Fällen über das Niveau kindlicher Spiele- 
reien nicht hinau s." 

Ich halte dies Betonen des Mißverhältnisses zwischen Trieb und 
Hemmung nicht für das Wesen des „sexuellen Infantil ismus". Denn, 
das gleiche Mißverhältnis zeigen der Lustmörder, der Nekrophile, der 
Sadist usw. Nun könnte man sich freilich auf meinen Standpunkt stellen 
und die „polymorphe Perversität" und die „universale Kriminalität" 
des Kindes betonen und jede sexuelle Zwangshandlung als einen Rückfall 
in das Infantile bezeichnen. Diese Auffassung ist zweifellos richtig, 
läßt sich aber auf alle Fälle anwenden und dann wären alle Paraphilien 
„sexueller Infantilismus" (denn der differentialdiagnostische Standpunkt 
der beiden Autoren, daß nur die kindlichen Spielereien Infantilismen 
seien, würde eine scharfe Trennung . zwischen aktiven und passiven In- 
fantilismen herbeiführen. Übrigens ist die Exhibition vor Mädchen 
schon mehr als eine kindliche Spielerei.) 

Ich verstehe aber unter „sexuellem Infantilismus" eine Äußerung 
des Sexuallebens in rein infantilen Formen. Während alle anderen 
Autoren auf die psychopathische Persönlichkeit Gewicht legen und meist 
„psychopathische Persönlichkeiten" (Imbezille, Epileptiker, Degene- 
rierte, organisch „sexuell Infantile") beschreiben, handelt es sich in 
meinen Fällen um eine Paraphilie, die wohl Beziehungen zum Organi- 
schen haben kann, aber sie nicht haben muß. 

Diese Neurose kommt in zwei Formen vor. 1. Als Entwicklungs- 
hemmung. Der Neurotiker ist noch ein Kind geblieben. 2. Als Regression 
im Sinne Freuds,. Der Neurotiker ist wieder ein Kind geworden. 

Teilen wir das Sexualleben des Kindes in jene Perioden ein, die 
für unsere Untersuchungen in Betracht kommen, so ergeben sich folgende 
Stadien bei Männern: 

1. Das Embryonalleben bis zur Geburt. 

2. Die Zeit des Säuglingstum (erstes Lebensjahr) . 

3. Die Zeit der ersten Eindrücke vor der Schule (2—6). 

4. Die Zeit der ersten Schuljahre (6—10). 

5. Die Vorpubertätsperiode (10—14).. 

6. Die Pubertät und die Flegel jähre (14—18). 

7. Das Erwachen der Männlichkeit (18—24). 

8. Das Mannesalter. 

9. Das Klimakterium des Mannes (verschieden, meist 50—60). 
10. Das Greisenalter. 

Bei Frauen setzt die Weiblichkeit oft schon mit 16 Jahren ein, 
auch noch früher, wobei sich sehr große Schwankungen zeigen. Das 



Der Mechanismus der Regression. -rq 

Klimakterium und seine seelischen Vorläufer beginnen eigentlich bei 
Frauen schon im 40. Lebensjahre. 

Der psychogene Infantilismus kann sich derart äußern, daß der 
Mensch auf einer bestimmten Stufe stehen bleibt. Meistens handelt es 
sich um ein Stehenbleiben in der Nachpubertätsperiode. 

Ganz anders äußert sich die Regression. Sie kann sogar den un- 
glaublichen Sprung bis zu dem Embryonalleben machen. Die nähere 
Untersuchung zeigt dann, daß in Tagträumen diese 
Tendenz zur Regression schon vor dem Ereignis 
bestanden hat, welches diese Rückbildung aus- 
löste. 

Mit anderen Worten: Die Disposition zu diesen Zuständen besteht 
in einem gewissen körperlichen und seelischen Infantilismus. 

Diese Zustände sind psychisch heilbar, während die organisch be- 
dingten mitunter durch Opotherapie oder Operation heilbar sind. Daß 
es Zwischenstufen und Übergänge gibt, möchte ich noch einmal betonen. 
Wahrend die : ausgeprägten Fälle sehr charakteristisch sind, verbergen 
sich die leichteren Formen und die Übergangsformen hinter anderen 
neurotischen Symptomen, so daß der Infantilismus nicht zum Vorschein 
kommt. Den meisten Ärzten, vielen Neurologen und auch selbst Sexual- 
forschern ist der Zustand sehr wenig bekannt und sogar ein so guter 
Beobachter wie Krajft-Ebing weiß nicht viel über solche Fälle zu sagen. 

Bevor ich auf die Beschreibung der verschiedenen Formen eingehe, ' 
mochte ich betonen, daß alle Neurotiker diese infantilen Züge zeigen. 
Ja, ich kann es ruhig behaupten, daß alle Verliebten den infantilen Zug 
ihrer Liebe deutlich verraten. Der Neurotiker will ewig ein Kind sein 
und der Verliebte wird wieder zum Kinde. Verliebte fallen leicht bei 
ihren Liebkosungen in die Kindersprache zurück. Das Verzärteln der 
Namen stammt aus der Kinderstube. Wiederholt habe ich Liebespaare 
beobachtet, die nur in der Kindersprache ihre Liebesbeteuerungen ge- 
tauscht haben. Das ganze infantile Verhätscheln und Verzärteln die 
blinde Anbetung, das Überwiegen der Affektivität geben ein ganz charak- 
teristisches Bild. Die Zärtlichkeiten nehmen häufig infantile Formen 
an (Saugen, Streicheln, Tiernamen: Katzerl, Mausi, Häsi, Vogerl). Je 
geringer die seelische Komponente der Liebe ist, desto leichter wird sie 
zu einer Regression in das Infantile führen. Je größer der seelische 
Anteil ist, desto mehr werden diese kindlichen Äußerungen der Erotik 
in den Hintergrund treten. • 

Eine fast allgemeine Erscheinung ist das Auftreten der Regression 
im Greisenalter. Alte Menschen werden wieder zu Kindern. Mit dieser 
Umwandlung in das Infantile treten auch die lang verdrängten infantilen 



80 



l'sychosexueller Jufautilismus. 



Paraphilien hervor. Die pathologische Kinderliebe der Greise ist keine 
seelische Neubildung. Sie ist das Erwachen schlummernder Keime. 

Jeder Mensch trägt diese embryonalen Seelenzellen in sich. Wie 
Conheim die Bildung von Neoplasmen auf die Reaktivierung der embryo- 
nalen Zellen zurückführt, so können wir auch im Erwachen paraphiler 
Triebe im Greisenalter eigentlich nur die Wiederbelebung scheinbar 
überwundener infantiler Regungen erblicken. Ob diese Reaktivierung 
auf dem Wegfall der Hemmungen beruht (also auf organischen Vor- 
gängen wie Zerstörungen wichtiger Gehirnzellen), oder ein rein psychi- 
scher Zustand ist, das kann ich heute noch nicht entscheiden. Die Tat- 
sache als solche ist bekannt, aber nicht genügend analysiert und verdient 
eingehende psychologische Untersuchungen. 

Oft sieht man auch im Greisenalter infantile Formen der Onanie 
auftreten. Diese larvierten Formen der Onanie werden dann vor dem 
Bewußtsein verschleiert und rationalisiert. Alte Frauen leiden an 
Pruritis vaginae, der sie zu Reiben und Kratzen verleitet. Alte Männer 
pflegen oft allerlei Manipulationen am After vorzunehmen (Kratzen, 
Finger einführen, häufige Irrigationen usw.). 

Wir haben bei unseren Untersuchungen wiederholt auf die Be- 
deutung des Infantilen für die Entstehung der Paraphilien aufmerksam 
gemacht, Manche Störung der Sexualfunktion ist einfach die Unmöglich- 
keit, die infantile Einstellung aufzugeben. Die Neurose ist eigentlich die 
Forderung nach der ewigen infantilen Lust; die Paraphilie: der Versuch, 
diese Forderung durch eine Zwangsneurose zu befriedigen und die infan- 
tile Lust für alle Ewigkeit zu etablieren. Das macht ja die große 
Schwierigkeit der Therapie aus, daß hinter den Krankheiten des Ge- 
schlechtslebens die Forderungen des Kindes stehen. 

Alle Menschen haben irgend einmal den Wunsch gehabt, ewig ein 
Kind zu sein. Jeder sehnt sich nach dem Paradies der Jugend zurück. 
Jeder fürchtet das Altwerden. Eigentlich hat jedes Lebensalter seine 
eigene spezifische Sexualität. Die Sexualität des Zwanzigers ist ganz 
anders geartet als die des Dreißigers und unterscheidet sich namhaft 
von der des Vierzigers. Das ist eine Erscheinung, gegen die alle Menschen 
innerlich Protest erheben. Die Paraphilien des Klimakteriums sind 
Kämpfe gegen das Altwerden. 

Die Angst vor dem Alter ist eine Zeitkrankheit. Ein flüchtiger 
Blick auf die verschiedenen Zeitkrankheiten beweist uns, wie diese Angst 
die meisten Menschen ergriffen hat und sie zu allerlei Torheiten ver- 
leitet. 1 ) Wie viele Frauen und Männer führen einen erbitterten Kampf 
gegen das Altwerden, helfen sich mit allerlei lächerlichen Schönheits- 

*) Vergl. das Kapitel „Die Angst yor dem Alter" in „Nervöse Leute". Verlag 
Paul Knepler, Wien. 



Der Mechanismus der Regression. gi 

mittein, färben ihre grauen Haare, lassen sieh ihre Runzeln massieren, 
zeigen eine forcierte Jugendlichkeit, die sie lächerlich macht. 

Unsere Zeit z. B. kennt nicht die große Ehrfurcht der Griechen 
und Römer vor dem Alter. Der Alte wird eine komische Figur, während 
er früher eine ehrwürdige Figur war. („Auf dem Dache sitzt ein Greis, 
der sich nicht zu helfen weiß.") Der Alte gilt als dumm („Alter Tepp!"), 
während er früher der Träger der Weisheit war. Noch mehr als der 
alte Mann ist jetzt das alte Weib dem Fluche der Lächerlichkeit ver- 
fallen. Wir erkennen den sexuellen Beigeschmack dieser Lächerlichkeit, 
wenn wir die traurige Rolle überdenken, welche die alte Jungfer spielen 
sollte, während sie eine Lustspielfigur geworden ist. Es ergibt sich die 
merkwürdige Tatsache, daß Menschen lächerlich erscheinen, wenn sie 
ihre Geschlechtsbestimmung nicht erfüllen. Deshalb ist der impotente 
Mann nie eine tragische, sondern stets eine lächerliche Figur. Tragisch 
ist diese Impotenz nur für ihn selbst. Für die Umgebung ist sie die 
Quelle der Heiterkeit und er bleibt stets eine Zielscheibe des Spottes. 

Den potenten Mann und die Liebeskünstlerin umgibt stets eine ge- 
heime Gloriole, wenn es auch die Moral der öffentlichen Meinung nicht 
zuzugeben scheint. Wer feine Ohren hat, kann vernehmen, wie viel Neid 
sich hinter der Verachtung der „Moralischen" verbirgt; wenn sie von der 
großen Kokotte sprechen. (Ich habe viele Frauen kennen gelernt, die mir 
gestanden haben, daß sie die Kokotten stets beneidet haben.) Wäre es 
sonst möglich, daß Kokotten tonangebend sind und die Mode kreieren? 

Die Angst vor dem Alter überfällt alle Menschen, welche nicht 
gelebt haben. Und leben heißt immer nur „lieben". Wer geliebt hat, 
fürchtet das Alter nicht, weil er ja ewig jung bleibt. Aus Angst vor dem 
Alter, erfolgt oft ein Stehenbleiben auf einer bestimmten Stufe der Ent- 
wicklung oder vollzieht sich eine Regression. 

Die Angst vor dem Alter kann schon in den Kinderjahren auftreten 
und die seelische Dominante werden, um die sich die anderen parapathi- 
schen Symptome- gruppieren. 

Fall Nr. 15. Ein siebcniindzwanzigjähriges Mädchen leidet an Schlaf- 
losigkeit und allerlei anderen neurotischen Symptomen. Sie gibt an, daß sie 
schon seit dem 7. Jahre an Angst vor dem Altern litt. Sie wachte oft des 
Nachts auf und zählte die Stunden und sagte sich : „Jetzt bist du wieder um 
eine Stunde älter geworden. Du wirst bald ein altes Mädchen sein." Diese 
Angst verbitterte ihr das ganze Leben. Sie genoß keine Jugend, da sie sich 
schon alt vorkam. Sie war ihren Altersgenossen immer um ein paar' Jahre 
voraus. Sie spielte nicht mit Kindern, weil ihr die Spiele kindisch vorkamen. 
Sie ließ sich von jungen Burschen nicht den Hof machen, weil sie ihr wie 
Kinder vorkamen. Sie suchte reife Männer und fand sie immer zu jung oder 
zu alt. Sie stand im ewigen Kampfe mit der Zeit. 

Diese Beziehung der Neurotiker zur „Zeit" gibt uns das Ver- 
ständnis für den sexuellen Infantilismus. Diese Kranken benehmen sich 

Stckel, Stürungon des Trieb- und Affektlebens. V. (5 



82 



Psychosexueller Infantilismus. 



so, als wenn die Zeit nicht verstreichen würde. Ja, manche haben die 
Empfindung, daß die Zeit stille steht und sie nicht älter werden. Sie 
furchten das Älterwerden und sind nur dann unglücklich, wenn sie die 
Zeit und das Älterwerden fühlen. Sie verhalten sich so, als ob die Zeit 
an ihnen vorübergehen würde. 

Diese Fiktion kann nur durch eine ungeheure Entwertung der 
Realität zustande kommen. Diese Entwertung müßte jedesmal an der 
Realität gemessen werden. Diese Menschen arbeiten nach dem treff- 
lichen Ausdrucke von Freud mit der infantilen Lustwälirung. 1 ) 
Diese infantile Lustwährung wird aber von der Umgebung nicht aner- 
kannt. Sie müssen sich daher eine eigene Welt konstruieren, in der diese 
Währung allgemeine Gültigkeit hat. Sie müssen sich mit allen Sinnen 
und allen Kräften von der Wirklichkeit abwenden. Das machen ja alle 
Neurotiker. Aber der Typus der .sexuellen Infantilisten spannt die 
Brücke, welche die Realität und die Phantasie verbindet, immer weiter, 
sie wird immer schwächer und immer schmäler. 

Diese Kranken sind alle Träumer, schlafen sehr lange und sehr 
tief, haben auch bei Tage das Bedürfnis viel zu schlafen. Sie sind keine 
Tatmenschen, nur verträumte Sonderlinge. Schon in der Schule zeigt 
es sich, daß sie nie recht vorwärts kommen; mit Mühe und Not absolvieren 
sie die nötigsten Studien, sie taugen zu keinem Berufe, möchten am 
liebsten Rentner sein, um immer ihren Träumen nachhängen zu können; 
sie nützen ihre Verwandten schrankenlos aus. Sie werden früh arbeitsun- 
fähig, wenn irgend jemand da ist, der für sie sorgen kann (Eltern, Tanten, 
Vormund usw.), sie sind unselbständig. Dabei kann es in Traumzu- 
ständen zu Affekthandlungen kommen: Exhibition, Betasten von Kindern 
auf dunklen Stiegen, lautes Sprechen unanständiger Worte (psychische 
Exhibition) , fluchtartiges Verlassen der Stellungen (Desertation, Fugues. 
Reisen im Traumzustande). In diesen Traumhandlungen, welche auch 
zu Diebstählen führen können, worüber wir noch ausführlich sprechen 
werden, zeigen alle diese Individuen ein läppisches kindisches Verhalten. 

Dies kindische und kindliche Verhalten äußert sich in allen ihren 
Lebensformen. Die Schrift ist infantil (nicht ausgeschrieben), die 
Sprache zeigt mitunter Kinderfehler, sie fallen bei Zärtlichkeiten leicht 
in die Kindersprache, zeigen in Affekten „Agrammatismus", sie bewegen 
sich wie die Kinder (hüpfen, springen, tänzeln), sind unselbständig wie 
die Kinder, kennen keine Logik, urteilen nur nach Gefühlswerten, lieben 
nur die Menschen, welche ihnen gefällig sind, hassen jeden, der ihnen 
einen Wunsch abschlägt (er wird gleich zu ihrem „Feind" gestempelt), 
jammern und weinen sehr leicht, wollen sich immer bemitleiden lassen, 
sind sehr häufig impotent, zeigen alle möglichen Formen infantiler 






*) Die zwei Prinzipien des seelischen Geschehens. Jahrbuch f. Psychoanalyse. 



Der Mechanismus der Regression. 09 

Sexualität, sind wie schon erwähnt Tagträumer, zerstreut, unfähig zu 
konzentrierter Arbeit, haben kein anderes Interesse als sich selbst Sie 
hassen die Arbeit, welcher sie unter allen möglichen neurotischen V01- 
wänden ausweichen. Unter ihnen findet man die schönsten Fälle von 
Schreibkrampf, Astasie und Abasie, Verdauungsneurosen, die absonder- 
lichsten Beschäftigungsneurosen, weil jede Arbeit sie den lustbetonten 

Träumereien entzieht. 

c 

Es ist unmöglich, alle Typen dieser Krankheit zu schildern. Ich 
. will mich nach dieser allgemeinen Betrachtung auf einige markante 
Formen beschränken. Ich habe schon betont, daß der Infantilismus in 
zwei Formen auftritt. Er kann eine Entwicklungshemmung und eine 
Regression sein. Der Neurotiker kann in seiner Entwicklung stecken 
bleiben und beharrt nun mit Überwindung der Zeit in dieser Phase. 
Er kann sich aber auch in eine bestimmte kindliche Zeit zurückversetzen 
Die Regression, die die häufigere und die interessantere Form ist kann 
sogar, wie schon erwähnt, bis in die Fötalexistenz zurückgehen. ' 

Nur möchte ich nicht wie Ferenczi annehmen, daß diese Regression 
durch lustbetonte Erinnerungen im Mutterleibe verursacht wird E* 
handelt sich um die Wirkung von Phantasien und um ein Hineinleben 
■ in eine bestimmte Rolle. Hinter der Mutterleibsphantasie steckt der 
große gewaltige. Wunsch: Ich möchte mein Leben noch einmal beginnen 
Aber die Phantasie wandert noch weiter zurück. Es war für mich eine 
große Überraschung, als ich die ersten Spermatozoenträume analysieren 
konnte. Man schwelgt in dem Gedanken, ein Samenfaden zu sein, um noch- 
mals ein neuer Mensch zu werden. Doch die Regression geht noch weiter 
und das zeigt eben deutlich ihren psychogenen — vielleicht auch durch Er- 
innerungsspuren unterstützten — Ursprung. Ich glaube nicht, daß die 
Mneme (Semon) des Menschen alle Engramme aufbewahrt hat. Aber 

von der Hand zu weisen ist diese Ansicht keineswegs Es gibt also 

Infantilisten, welche in ihrer Regression durch Jahrhunderte zurück- 
gehen. Sie verwandeln sich in Römer oder Griechen, in Germanen, sie 
haben den Glauben, sie hätten schon einmal gelebt und wüßten ihre 
historische Existenz, sie werden gerne Spiritisten und finden den alten 
Geist, der sie belehrt, Sie werden aber auch Urmenschen und Verbrecher. 
(Ja, der Verbrecher ist sicherlich eine Regression auf einen infantilen 
Zustand der Menschen.) Sie werden aber auch Tiere, sie sind eine Ur- 
zelle im.Urmeere der Menschheit, sie sind der erste Mensch Adam. 
Alle diese Menschen haben den Glauben an die Seelenwanderung und 
an ihre prähistorische Existenz. 

Es ist klar, daß diese Phantasien, die sich immer nach dem Bil- 
dungsgrad des Erkrankten richten (was ihre Abhängigkeit von den Er- 
fahrungen des Lebens beweist ....), nur im Traume vorkommen und 



84 Psychosexueller Infantilismus. 

im Wachleben in einem dem Traume ähnlichen Dämmerzustande. Die 
Bedingung dieser Erkrankungen ist die Annullierung der Zeit; die Über- 
windung der Realität, was nur in Traum- und Phantasiebildern vor sich 
gehen kann. 

Im Mittelpunkte des sexuellen Infantilismus steht das Traum- 
und Schlafleben. Diese Kranken schlafen sehr lange — oft viele Jahre — . 
wachen nur für Stunden auf. Das sind die extremsten Grade. Aber in 
den leichtesten Graden wird man fast immer das Bedürfnis konstatieren 
10 bis 12 Stunden zu schlafen, sonst fühlen sie sich nicht wohl. Es ist . 
mir sehr wahrscheinlich, daß alle pathologischen Schlaf- und Dämmer- 
zustände eine Regression auf das Infantile bedeuten, was ja die Ansicht 
von Freud bestätigen würde, daß jeder Traum auf das Infantile zurück- 
geht (Retrospektive Tendenz des Traumes). 

Es sei hier noch auf die halb wissenschaftliche, halb schöngeistige 
vorzügliche Schilderung von Fritz Witteis 1 ) „Das Kindweib" verwiesen. 
Er schildert die Frau, die Kind geblieben ist. „Das Kindweib ist eine 
Entwicklungshemmung oder eine Entwicklungseinseitigkeit durch Schön- 
heit, Es ist deshalb von zarter Gesundheit und blickt aus großen stau- 
nenden Kinderaugen in die Welt. Es ist unklug wie ein Kind, aber wo 
es um Liebe geht, übertrifft es in jungen Jahren an Weisheit die Er- 
fahrensten. Es ist furchtsam wie ein Wilder, der durch den Wald geht 
und die Welt voll Gespenster sieht, es ist furchtlos wie ein Nacht- 
wandler, der auf dem Dach spaziert. Seine natürliche Unverschämtheit 
ist groß, weil es ungezogen ist in des Wortes wörtlicher Bedeutung." 3 ) 
Ganz vortrefflich hat diesen Typus des Kindweibes Ibsen in seiner „Nora" 
geschildert, die mit Puppen spielt, auf das Wunderbare wartet und die 
Rechtsbegriffe eines Kindes hat. 

Wir sehen also, der Infantilismus kann verschiedene Ursachen 
haben und in verschiedenen Formen auftreten. Er kann, wie schon er- 
wähnt, eine Entwicklungshemmung oder eine Regression sein. Er kann 
psychisch und er kann physisch bedingt sein. Und beide Ursachen können 
zusammenwirken, das macht eben das Verwirrende des Krankheits- 
bildes aus. 

Es wäre noch eine Frage zu entscheiden; Wie wirken die organi- 
schen Faktoren (die Störungen der inneren Sekretion) und die seelischen 
Einflüsse zusammen. Meine Erfahrungen lassen mich hier zu kühnen 
Schlüssen kommen. Ich sah Formen von Infantilismus, die wie schon 



• 



1 ) Die sexuelle Not. Wien und Leipzig, 1909. C. W. Stern. 

-) Wie ich nachträglich gesehen habe, stammt der Ausdruck ..Das Kindweib" 
nicht von Wittete. sondern von Dickens, der in seinem autobiographischen Romano 
„David Coperfield" das Ghildwife in mustergültiger Weise schildert. 



Der Mechanismus der Regression. 



85 



erwähnt, nach der entsprechenden Behandlung, die eigentlich in einem 
„Erwecken" besteht, plötzlich a 1 1 wurden. Nicht nur, daß ihr .Wesen, 
die Schrift sich änderte, nein, es begann der Schnurrbart zu wachsen, 
die Zeichen, der Männlichkeit kamen verspätet zum Vorschein. Das 
bringt mich auf die Vermutung, daß die seelischen Einflüsse auch die 
innere Sekretion beeinflussen und im stärkeren Maße, als wir es bisher 
geglaubt haben. Eigentlich sollten uns die berühmten Versuche von 
Pawloff schon belehrt haben, wie bedeutsam die Psyche die Drüsen- 
sekretion beeinflußt. Sollte der Wunsch „Ich will ein Kind sein!", sollte 
die gewollte Inaktivität der Geschlechtsdrüsen nicht einen gewissen 
Einfluß ausüben können? 

Ich maße mir nicht an, diese Fragen zu entscheiden. Ich will an 
Hand meiner Erfahrung eine Reihe von Infantilismen beschreiben. Hierher 
gehören die seltsamsten Verirrungen der Sexualität, die bisher fälschlich 
als Entartungen aufgefaßt wurden, die koprophilen und urolagnistischen 
Neigungen, die Mysophilie, Exhibitionismus, viele kriminelle 
Impulshandlungen, wie Kleptomanie, Pyromanie. 

Es ist dies ein fast unerforschtes Gebiet der Sexualforschung und 
das möge die Mangelhaftigkeit meines Materiales entschuldigen. Ich 
habe vor Jahren viele Fälle von Infantilismen nicht erkannt. Zu be- 
denken ist ja ferner, daß alle Neurotiker an ihrer Kindheit kranken und- 
deutlich alle infantilistischen Züge zeigen. Nur die extremen Fälle 
kommen hier in Betracht. Sie sind aber so bedeutsam für das Verständnis 
aller Paraphilien, daß der Sexualforscher an ihnen nicht achtlos vorüber- 
gehen darf. Ihre Mannigfaltigkeit ist verblüffend. Auch der praktische 
Arzt muß diese Bilder kennen, weil er sonst ganz falsche Urteile fällen 
und ganz verkehrte Maßregeln ergreifen kann. Ebenso ist die Heilbar- 
keit dieser Zustände durch Analyse und Erziehung zu berücksichtigen. 
Auf diesem Gebiete feiern die Analyse und die Rückerziehung ihre 
schönsten Triumphe. Gerade meine Resultate, die oft verblüffend waren, 
beweisen, daß es sich nicht uin angeborene Zustände handelt, sondern 
um Reaktionen der menschlichen Psyche auf das spezifische Milieu der 
Jugend und die Erfahrungen des Lebens. Denn, es ist interessant zu 
konstatieren, daß die Rückversetzung in die Jugend stets nach den ersten 
größeren Enttäuschungen eintritt, wofern sie nicht eine Entwicklungs- 
hemmung ist. Mit dem Zusammenbruch der Hoffnungen flüchtet die 
Seele in das Paradies ihrer Kindheit. Das ist der Sinn der biblischen 
Legende. Wir alle werden aus dem Paradies der Kindheit vertrieben 
und sehnen uns darnach zurück. Mit der Erkenntnis der Sünde fällt die 
Schuldlosigkeit des Menschen in sich zusammen und die Verantwortung 
für seine Taten beginnt. Kinder sind nicht verantwortlich und Kinder 
können die Zeit nach Belieben verschwenden. Sie quält noch nicht der 



86 



Psychosexueller Infantilismus. 



Vorwurf wehe, wie hast du die Tage verbracht, im pochenden Herzen 
die Reue. % ) 

Ich habe schon betont, daß die Rückphantasie der Menschen bis 
in die fötale Existenz gehen kann. Es erschien mir am Anfang sehr 
phantastisch, als Freud mir einmal gesprächsweise mitteilte, daß er bei 
einem Neurotiker eine Mutterleibsphantasie beobachten konnte Später 
hatte ich m der Analyse oft Gelegenheit, sie zu finden und lernte ihre 
Bedeutung immer mehr und mehr kennen. Noch erstaunter war ich, als 
ich beobachten konnte, daß sich bei manchem Neurotiker auch „Vater- 
leibsphantasien" feststellen ließen. Die Menschen träumen oft von ihrer 
„bpermatozoenexistenz". In den meisten Fällen handelte es sich um 
Mediziner und Ärzte,, welche genaue Kenntnis von den Spermatozoen 
hatten. Der erste von mir beschriebene Fall betraf einen Mediziner 
("Nervöse Angstzustände", Kapitel über Impotenz). Marcinowshi und 
Herbert Silber er haben später diesen Fund bestätigen können. 

Die Mutterleibsphantasien stellen einen ganz eigenen Typus dar 
Es sind sehr verträumte Menschen, die oft darüber klagen, daß ihnen 
das Leben so fremd und unwillkürlich vorkommt. Oft überkommt sie 
unvermutet eine Art Schwindelgefühl. Sie verfallen in eine Wach- 
traumerei, d.e fast einen Schlafzustand mit offenen Augen darstellt 
Sie zeigen eigentümliche Neigungen, die sich auch in neurotischer. Um- 
kehrung manifestieren können. Sie ziehen kleine Räume den großen 
Z.mmern vor. Sie halten sich sehr gerne auf dem Aborte oder im kleinen 
Badezimmer auf. Sie hüllen sich abends fest in ihre Decken, ziehen sie 
über die Ohren und kauern sich wie ein Embryo zusammen. Ihre Träume 
handeln von Geburt und Aufenthalt im Mutterleibe. Während dieses Auf- 
enthaltes sind sie ungesehene Zuschauer aller Geheimnisse des Sexual- 
lebens ihrer Mutter. Oft ist die Mutterleibsphantasie derart, daß sie zu- 
gleich mit dem Vater verkehren. (Goethe wird der Vers zugeschrieben- 
-Das nenn' ich mir ein Weib, das sich im Mutterieibe so zu drehen wußte 

daß sie der Vater v mußte") Die meisten dieser Kranken schütteln 

den Kopf, wenn man sie auf die Muitterleibsphantasie aufmerksam macht 
und finden sie absurd und lächerlich. Manche aber geben zu, daß sie ähn- 
liche Gedanken wiederholt gehabt haben. So erzählte mir ein Neurotiker. 
daß er gerne der Phantasie nachhänge, im Leibe einer Riesin zu leben 
und sich dort nach Belieben zu bewegen. Er habe drinneji eine große 
Schaukel und allen Komfort, den man sich vorstellen könne. 2 ) 

?) Vergleiche das Essay „Ewige Kinder" in meinem Buche „Nervöse Leute". 
(Verlag Paul Knepler, Wien.) 

2 )-Auf die Mutterleibsphantasie läßt sich das folgende Gedicht von Baudelaire 
beziehe n: Die Riesin. 

Ich hätte damals, als der kräftevollen 
Natur noch Kinder wurden wild und groß, 



Der Mechanismus der Repression. 87 

In neurotischer Umkehrung finden wir die Angst vor engen 
Räumen, die Angst vor dem Einsperren (Claustrophobie) , die Angst vor 
dem „Lebendig-begraben-werden". Wir werden in den folgenden Analysen 
mehrere Beispiele von Mutterleibsphantasien kennen lernen. Ich möchte 
an dieser Stelle nur einige Träume von Neurotikern mitteilen, welche die 
Diagnose einer Mutterleibsphantasie gestatteten. 

I. Ich gehe aufs Land, um Mehl zu kaufen. Ich sitze beim Bauern 
in einer düsteren Stube, wo nur durch ein kleines Fenster das helle Grün 
einer sonnenbeschienenen Wiese hereinsieht. Plötzlich fahre ich in 
offenem Wagen und sitze mit dem Rücken gegen den wehenden Schnee. 

IL Es ist Winter. Ich wohne in einem alleinstehenden Hause. 
Komme gerade nach Hause und blicke hinauf, um die Vorhänge beim 
Fenster zu sehen. Merke, daß sie zerrissen sind. Nehme mir vor, der 
Mutter zu sagen, sie soll sie flicken. Beim Eingang ins Tor denke ich: 
Hier in der Einöde zu leben, umsäumt von Feldern und Bäumen ist doch 
ein interessantes Bild und nicht ohne Einfluß auf die Entwicklung des 
Kindes. Vor dem Haustore werfen größere Buben Schneeballen. Einer 
fliegt gerade an mir vorbei. Ich bin im Ungewissen, ob dies eine Be- 
drohung ist. Ich passiere zwei nacheinanderliegende Pforten und komme 
zur dritten, welche etwas verschneit ist. Überlege gerade, ob ich sie 
öffnen können werde; da kommt der Knabe diensteifrig heran und öffnet, 
die Pforte. Ich sehe daraus, daß er mir nichts Böses tun wollte. Komme 
in einen kahlen Garten. Spärlicher (herbstlicher?) Graswuchs. Ein 
Hase läuft auf mich zu. Treffe den Kitzler (ein Bekannter) welcher mich 
fragt : „Haben Sie das Tier schon gesehen?" Ich verneine es. Plötzlich 
bemerke ich ein junges Schwein, welches unter einem Gebüsche friedlich 
schläft. Es dürfte sich verlaufen haben. 

III. Mehrere Personen sind bei uns. Irgend eine Festlichkeit. 
Einige kommen gerade vom Klosett, muß daher warten, da ich auch 
hineingehen will. Endlieh ist das .Klosett frei und ich gehe hinein. Schiebe 
den Riegel vor, damit niemand hinein kommt. Vater steht am Gang. 
Klosett hat ein Oberlichtfenster, das auf den Gang führt und zur Hälfte 
tf offen ist. Ich lasse die Kleider herab. Trotz sehr starken Stuhl- und 
Urindranges setze ich mich mit verschränkten Beinen am Boden nieder. 
Neben mir richte ich einen kleinen Taschenspiegel und kleinen Kamm her, 
um mich daran zu ergötzen. (Patient kämmt oft seine Schamhaare.) 



Bei einer iungen Riesin leben wollen, 
Wie eine Katze auf der Fürstin Schoß. 
Und sehen wollen wie ihr Körper blühte, 
Und Wünsche, frei bei fürchterlichem Spiel.' 
Wie ihr im Herzen dunkle Flamme glühte, 
Am feuchten Dunst, der ihrem Aug entfiel. 
Und über ihre prächtigen Glieder eilen. 
Auf ihrer Riesenkniee Rücken weilen, 
Und manchmal, wenn im giftigen Sonnenschein, 
Sie müd-sich niederläßt im weiten Räume, 
Im Schatten ihrer Brust gebettet sein, 
So wie ein friedlich Dorf am Hügelsaume. 



88 e Psvchosexueller Iiifantilismus. 

Urin drängt, lasse aber nicht los. Ein Tropfen kommt zum Vorschein 
Pollution. (Patient auch Urinerotiker.) 

IV. Befinde mich im Hause meines Firmpaten im Waldviertel 
\ on der Wohnung aus hat man Ausblick auf bewaldete Berge einer der- 
selben ist von einer herrlichen Villa gekrönt. Gehe durch eine Allee in 
der sich \ erkaufsstände mit Bleistiften befinden. Während ich einen 
■ kaufen will geht ein Herr mit Glatze an mir vorüber. 

Betrachten wir diese vier Träume etwas näher. Der erste Traum 
wurde kaum eine Mutterleibsphantasie vermuten lassen. Erst die Analyse 
semer anderen Träume und seines Zustandes, der die oben erwähnten 
Symptome zeigt, läßt die Deutung zu. Die düstere Stube ist der Mutter- 
leib, das Fenster die Vagina. Das Bild wechselt. -Der Mutterleib ist ein 
Wagen (dieser Patient fährt leidenschaftlich gerne in geschlossenen 
Wagen, aber fürchtet sich oft vor engen Kupees). Der wehende Schnee 
symbolisiert das Sperma, das ihn anspritzt. 

Zu diesem Traume möchte ich bemerken, daß ich einen solchen 
Patienten behandelte, der homosexuell eingestellt war und .nur einen- 
Wunsch hatte: Von einem Manne angespritzt zu werden. Seine Analyse 
ergab die Phantasie, im Mutterleib vom Vater angespritzt zu werden. 
Im zweiten Traume sehen wir den Mutterleib als einsames Haus. 
Die Vorhänge sind zerrissen (das zerrissene Hymen). „Das Bild ist 
nicht ohne Einfluß auf die Entwicklung des Kindes!" Deutlich 
genug! Das Bewerfen mit Schneeballen symbolisiert das Bespritzen 
mit dem Sperma. Dort begegnen ihm Knaben und ein Hase (phaUische 
Symbole) . Köstlich ißt der Herr Kitzler, der im Leben wirklich existiert. 
aber hier zur besseren Symbolisierung herangezogen wurde. Das 
Schwein ist er selber ... 

Der dritte Traum zeigt uns die Mutterleibsphäntasie eines Urin- 
sexualisten. Der Mutterleib erscheint hier als Klosett. 

Der vierte Traum bringt Bleistifte als phallische Symbole. * Der 
Herr mit der Glatze ist der Penis. . . . 

Diese Beispiele mögen einstweilen genügen. In allen diesen Fällen 
handelt es sich um Rückphantasien in die Fötalexistenz. Viel merk- 
würdiger und phantastischer sind die Spermatozoenträume. Silberer 
erzählt in seinem Aufsatze „Spermatozoenträume" (Jahrbuch für ana- 
lytische Forschungen, Bd. IV) folgendes. Ich lasse ihm das Wort: 

Kürzlich hatte ich als Traumdeuter ein Erlebnis, das nicht allein 
wegen der psychologischen Merkwürdigkeit des analysierten Falles, 
sondern auch ob des seltsamen glücklichen Zusammentreffens, das mich 
auf den ersten Blick erraten ließ, was sonst vielleicht einer mühsamen 
Analyse bedurft hätte, aufgezeichnet zu werden verdient. Der Fall ist 
um so beachtenswerter, als er mit schlagender Evidenz die Richtigkeit 
einer neuartigen Beobachtung beweist, die, der allgemeinen Beurteilung 
preisgegeben, vielleicht mehrenteils ungläubig aufgenommen werden wird. 



Der Mechanismus der Regression. 



89 



Es handelt sich um Spermatozoenträume oder, um gleich von dem 
extremen Fall zu reden: um den Yaterleibstraum. . Am G.Jänner 1912 
(das Datum ist, wie man später sehen wird, nicht gleichgültig) machte 
mir Dr. Wilhelm Stekel die überraschende Mitteilung, daß es ihm ge- 
lungen sei, den Traum eines Patienten in einwandfreier, beweiskräftiger 
Art als „Vatcrleibsphantasie" aufzudecken. Bekanntlich spielen in den 
Träumen die „Mutterleibsphantasien" eine große Rolle; Phantasien, bei 
denen sich der Träumer in den Mutterleib zurückdenkt. Diese Phantasien 
sind nicht bloß deshalb interessant, weil sie die denkbar weitgehendste 
Durchführung einer sexuellen Annäherung (vollständiges Hineinbegeben) 
an das Weib überhaupt und die Mutter insbesondere darstellen, sondern 
auch darum, weil sie den Gedanken nahelegen, daß dabei vielleicht Er- 
innerungen an das fötale Leben im Spiele sind. Was nun die Vaterleibs- 
phantasien betrifft, so können sie in der letzten wichtigen Beziehung 
natürlich kein Pendant zu den Mutterleibsphantasien bilden; denn man 
kann gewiß nicht annehmen, daß Eindrücke des Spermatozoendaseins zu 
einer psychischen Wirkung solcherart gelangen; Erinnerungsphantasien 
sind die Vaterleibsphantasien also nicht. . Wohl aber steht ihrem Auf- 
treten als Wunschphantasien nichts im Wege; und als solche können 
sie in mehrfacher Beziehung zu den Mutterleibsphantasien in Parallele 
gestellt werden. So können z. B. beide als exzessiver Ausdruck der Rück- 
kehr ins Infantile angesehen werden; als Rückgängigmachen des Lebens 
und somit als Todesphantasien ; als innigste sexuelle Annäherung an die 
Mutter, beziehungsweise den Vater oder, allgemein gesprochen, an Weib 
oder Mann. 

Der Traum, den Dr. Stekel mir erzählte, war dadurch ausge- 
zeichnet, daß in einer Art von Strom zahlreiche kleine Menschen, Männer 
und Weiber, dahinglitten; schließlich sah der Träumer sich selbst unter 
diesen dahintreibenden Menschen. Das Ganze war bildmäßig gesehen. 
Dr. Stekel kam auf die Idee, daß die kleinen Menschlein in dem Strom 
als Spermatozoon im Samenstrom zu deuten seien, und die Analyse be- 
stätigte durch einen unvermuteten Determinationszweig diese Vermutung. 
Da der Träumer sich selbst unter die Spermatozoon in die Samenflüssig- 
keit versetzt, träumt er sich in den Vaterleib; er hat (aus welchen 
Wunschursachen, das ist uns hier gleichgültig) eine Vaterleibsphantasie. 
Dr. Stekel machte mich bei Besprechung eines anderen, ähnlichen 
Traumes *) auch auf die Übereinstimmung aufmerksam, Welche zwischen 
der Traumfassung und manchen Vorstellungen primitiver Zeitalter von 
der Beschaffenheit des Samens besteht. Beide Auffassungen denken sich 
nämlich den Samen von kleinen Menschlein (in ausgeprägter menschlicher 
Gestalt) bevölkert, die später im Mutterleib zur Entwicklung kommen 



J ) Dieser Traum wurde von dem gerade anwesenden Dr. Marcinouski mitgeteilt, 
der von der Traumsituation eine sehr anschauliche Skizze angefertigt hatte. Es handelte 
sich dabei Um ein Menschlein, das an einem aufrechten Turm (erigierten Penis) empor- 
kletterte und den Träumer an einen Töpfer erinnerte. Dr. Stekel löste da6 Rätsel dieses 
Töpfers, indem er ihn (durch weitere Angaben unterstützt) als Spermatozoon agnoszierte. 
Der „Töpfer" stimmt hierzu sehr gut, denn der Töpfer formt und gestaltet den rohen 
Ton, und das befruchtende Spermatozoon ist die Ursache eines ähnlichen Prozesses 
am Keimplasma ; Plasmaplastik. Man behalte die Töpfersymbolik im Auge und vergleiche 
sie mit der später genannten Brotteigsymbolik. 






90 



Psycliosexuoller lufantilismus. 



Men^ g ZU / 0m ; nen >. die dem Geist einer früheren, primitiveren 
Menschheitspenode entspricht; sie kommt zur Geltung, entweder als 

Ä^^S^ 6 ^ 26 ^ 61 **»■*■ oder aber, Kfctfi 

Fsvct n'^ot ',T Gl1 S1Ch d,e f hlafende <*»«**«* geschwächte) 

La4 lc™*?< T 7 n gG f *£* hl die gleiche relativ unbeholfene 

uZSitÄT 6 " Wadl f P T he dGS Primitiven Mensche "= ähn- 
liche Entstehungsbedingungen geben dann ähnliche Resultate 

M™*£ ? dei ' BeurteiIun g der Tr äume stets mit dem Herein- 
agen ,on Elementen aus primitiven Zeiten zu rechnen; ja die ganze Ein- 
richtung des Träumers muß, worauf hinzuweisen übrigens Ä nicht 
vergessen hat, unter entsprechenden Gesichtspunkten äEdtoH*S£ 
wenn man ihr von Grund aus beikommen will ' 

MbT^t^li^^^TT T ückkom ™nd, muß ich noch an- 
turnen, daß ein gemeinsames Material der zwei mir bei Dr Stekel be- 
kanntgewordenen Träume darin bestand, daß eine Andeutung von 
SSSP ° dei " KIebrigm (BeSchaff ^* der SamenflSlS 
T),,n, A l n T Tv' dCh , der Bes P rechu ng mit Dr. Stekel erzählte mir eine 

SS^ÄJÜiS^ A f the lle T einen T ™- Ich habe Ä 

^ rthe d i ? r a ; Ue T ? na,y 1 Siert und bin infolgedessen in ihrer Symbol- 
lautete\v;:1olgt: " K ° mPleXen ZiemliCh ^^ Die »*** 

oder ÄS./«? 6 -fi ine '" *P ! " Ich War auf ' einer Eisenbahnfahrt; 

l,n 1 f 1Ch bm auf einem Sch neefeld gestanden, auf halbge^ 

s chno z enem Schnee; ringsum Winterlandschaft. Ein schmaler, schlangt 

im T^tußt 1 " E, r g *¥£** ein fremdes Land > dessen Namen'h 
Zh i«r % 1° Und mir dabei vorn ahm, ihn mir recht gut zu merken 
(ich habe ,hn aber vergessen). Ich stehe neben dem Weg und schauern 

"ZT -t 1 Zßit ^ auf dem hai>ten ^ -ie mit Ski fit 2 

IMchit.h? m H' d3S 1St r " eUer Sp0rt; ei ^ entlich SS k?efne 
angliche Ivahnc, m denen ein Mann steht. Das ganze Bild ist wt !?,? 

bloßes Gemälde (spätere Angabe: wie Stiche) ul e i W n d n 
Sn" ^ Ä#K un l zart W"**»*. Wo ich stehe, iTeTne groß 

wST *T! Em f hng - FreiwiUige kommen denselben Weg (den EiV 
^veg) zu Fuß herunter. Bei der Biegung weichen sie ein™ TT* w a 

Sä £?*■?* aUS ' i nd6m * aUS L SSThSTS aui s o £ 
Stelle treten, wie die wo ich stehe. Wie der Kahn vorhei i*+ «1 X 

den W> g der m das fremde Land führt, gehen, doch aus einem bestimm 
ten Grund kann ich es nicht Ich befinde mich nun auf eine^SS 

uMbioA^ H S °' alS ° b iCh SCh ° n Mher in der Eisenbahn gewest 
und bloß vorhin ausgestiegen wäre, um zuzuschauen. (Die Eisenbah 
geht in der gleichen Richtung wie der Eisweg.) Ich stehe SS£ 
offenen Fenster und passe auf, wann wir ankommen. Die Kalme sieht 
man immerwahrend den Weg hinuntersausen. Der Zug kommt nichts in 
einem dunklen Bahnhof an. (Datei verspüre ich eine^iStelg und 
eine Sp annung; ob das auch der richtige Bahnhof ist.) Ich kann den 

2 £\ dem iU V0I ' igei ' Anmerkim S erwähnten Fall war das natürlich der Töpferto.i 
) l>. h. nämlich im Korridor des Waggons. 









Der Mechanismus der Regression. 



91 



Namen des Ortes nicht entziffern, trotz meiner Bemühung. Es erscheint 
mir aber sehr wichtig, den Namen zu erfahren. Ich habe einen Kahn in 
der Hand und soll ihn am richtigen Ort den anderen (Kähnen) nach 
hinunterschicken. Wie der Zug hinausfährt, sehe ich wieder den Eisweg, 
und traurig sende ich meinen leeren Kahn aus dem Kupeefenster hinunter! 
In dem Moment bemerke ich, daß es gar kein Kahn, sondern ein Trog 
ist. Ich hoffe, bald in dem fremden Land anzukommen, indem der Zug 
mit mir weitersaust, und da erwache ich." 

- Als Agathe mir die mündliche Darstellung dieses Traumes gab, 
war ich bei der Schilderung der ersten Szene verblüfft; dies gemäldeartig 
gesehene Bild — ist das nicht ein leibhaftiger Spermatozoentraum, von 
der Laune des Zufalls mir zur Bestätigung der gestern gehörten Beob- 
achtungen geschickt?! Die dünnen, zarten Gestalten, die auf glitschiger 
Fährte hinabschießen, in ein verlockendes „fremdes Land" — sind das 
nicht prächtige Spermatozoen? Der schmelzende Schnee, weiß und von 
halbflüssiger Konsistenz (auch klebrig pflegt der schmelzende Schnee zu 
sein) — war das nicht ein treffender Ersatz der menschlichen Samen- 
ilussigkeit? Und daß sich Agathe selbst in dem Schnee befand und in 
das „fremde Land" hineinzubewegen im Begriffe war - läßt das nicht 
gar eine Vaterleibsphantasie vermuten? Ich beschloß indes mich durch 
diese verblüffende Übereinstimmung nicht irremachen zu lassen und jede 
Voreingenommenheit abzulegen. Den Traum weiter erzählen hörend, zog 
ich meine Vermutung vom Spermatozoenthema ab und verfolgte auf- 
merksam die Entwicklung der Dinge. Ich war im Begriff, meine anfäng- 
liche Entdeckung zu verleugnen und als eine bloße Verblüffung über 
einen launigen Zufall zu betrachten, als ich bei dem „leeren Kahne", den 
Agathe hmabsendet, wieder stutzig wurde. Vor allem deshalb, weil mir 
sofort klar wurde, daß es sich hier um ein Beklagen der Sterilität (unten 
begründet) handelt. Der Situation lag also wahrscheinlich ein Gedanke 
zugrunde, der sich auf das Thema „Zeugung" bezog. Näher über das 
rraungsein befragt, gab Agathe an, daß eigentlich sie selbst in so einem 
Kahn ins fremde Land hätte fahren sollen. Und sie sei traurig ge- 
wesen, daß sie das nicht konnte. Das stimmte wieder einigermaßen zur 
Spermatozoen-, ja sogar zur Vaterleibsidee; nur fehlte mir jenes Moment, 
welches hätte andeuten müssen, daß der Inhalt auch dieses Kahnes ein 
unentwickelter Mensch sein sollte; die Gestalten in den übrigen Kähnen 
waren, wie Agathe ausführte, ganz dünn und lang; man konnte also in 
ihnen recht gut Bilder von Spermatozoen erblicken. Ich weiß, daß 
Agathe einige Wochen vorbei- in einem wissenschaftlichen Werk Abbil- 
dungen von Spermatozoen gesehen hat; sie selbst konnte sich (wie ich 
nach vollendeter Traumanalyse konstatierte) dessen nicht erinnern. 

Bei der Durchbesprechung des Traumes lieferte Agathe noch fol- 
gende Ergänzungen. Der Eisweg führt von rechts oben nach links unten, 
zeitweise in.Schlangenwindungen, in das fremde Land. Der Name dieses 
Landes habe sehr poetisch und wie japanisch geklungen; er werde ihr 
wahrscheinlich wieder einfallen. Sie habe sich gewundert, wieso Ski- 
läufer auf dem harten Eis fahren. Der Weg führte weit in die Ferne, die 
Eisenbahn parallel zur Straße, wie nach Triest. Das fremde Land war 
in Dunkel gehüllt. Auch, wo die Fahrer herkamen, war undeutlich. Als 
Agathe ihren Kahn, der eigentlich ein Trog war, aus 'dem Kupeefenster 



™ Psychosexueller Infantilismus. 

ekf C Ü trauri S. dai ;über, daß sie einen teeren Kahn hatte. Es war 
ein I.og, wie einer, in dem man Kinder badet. 

Teil desT^T* v^f^T*' bedeutende Lichtstrahlen auf so manchen 
sie ,ioh hTntT H N 5 Ch Tmst f * ^ gathe mit dnem Ma ™ «fahren, dem 
nac Tri Ä SSJ T ^/ er / 01 *! auch ^hwängerte. Das F ihren 
, uch Pi.est scheint auch wieder darauf zu weisen, daß der Traum die 
Idee des sexuellen Verkehrs sowie der Schwängerung enthält Beides 
wird seine Bestätigung linden. Die Richtung des Weges von rechte »nach 
lmks kommt damit überein, daß sich Agathe wJTdTs£ta£« 
zu jenem Manne jetzt Vorwürfe macht; man kennt ja sei ßÄdS 
bezüglichen Ausfüllrungen die Symbolik von rechts und link! Fi™ 
Folge des sexuellen Verkehrs war aber nicht bloß dt ^ ngersclm 
sondern im weiteren Verlaufe der Dinge ein ÄhArtn* „ ü " angeibCüaft > 

- '™.".t'.!r r ri f ' '- *ä ss.tr— : 

Nähn, k , rS! Klarhc,t zu verschaffen, ersuchte ich Agathe mir 

So t;;r; n ?; og ; m e d scinen häusiichen <**^ « ^K^ 

iedei holte zunächst, daß man in so einem Trog bei ihr zu Hause die 

te Ätd g tÄ h t ; 7 S f her Trog gehöre auch Ä Wascht 
d ser SÄSlTS ,f 7u deS Bi ;? teS - Eine ei »g«hendere Schildermig 
SjLtaÄ g , ' daß A? aUe mit dner mißlichen,, schaumigen 
^TZS If, % gm - { ? r0Ueig) MaS8e zu schaffen haben, die 

konnten? Sie antwortet, die länglichen Kähne wären Penissymbo e der 

&r f m WahrS ? ei ^ Ch daS veiMiche <******■ Nun fälU mir auf 

h t ^ 0d0r T ™f nicht b,0ß Schaum > Nasser und Kind, sondern 

auch Brotteig zugemutet wird. Was ist's mit dem Brot? Auf S 

* R,r g vi! unauf ^ f01 - dert a "> mir umständlich die Ent teTiZ 

w^Jcp 1*7 l?^ 1 ? 1 Wie CS 8ich aus dem ***»* rohe« Teig t 
rekelt aufgeht", geformt wird usw.: kurzum, es liegt ein Entwick- 
lungsgedanke darin so wie aus Teig mit dem Ferment das Brot d 
so bildet sich (auch infolge einer Fermentierung = Befrachtung wohri 
Sperma = Ferment) im Mutterleib das Kind. Agathe CA ^ 

*&££$ n da l ** r* einem Kinde; es ha?auch S2J fo m 5S 

längliche Brot) und man trägt es auch wie ein Kind; sie hat es oft zum 
Backer wie ein Kind im Arm getragen. 

i ^'l Ge ™ ßheit der Gleichung Trog = Uterus stand nunmehr fest 
und da Agathe rm Traum darüber traurig gewesen ist, daß sie e hin 
leeren Trog habe konnte ich für erwiesen nehmen, es müsse cbe er 

Trol htft ^ f U Sr Wa ? n Sle e,gentHch traurig ' als Sie den keren 
Trog hinabsandten? Wer hätte denn darin sein sollen?" (Ich hoffte 

Agathe werde nun irgendwie zu verstehen geben: ein Kind; ich hielt 

namheh unr.chtigerweise die früher getane Angabe, sie selbst hätte im 






Der Mechanismus clor Kegressiou. 



\)d 



Kahn sein sollen, für einen rationalisierenden, die Trauer im Traum er- 
klären sollenden Ersatz dieses Gedankens, ich konnte noch immer nicht 
daran glauben, daß wenigstens ein Teil der Assoziationen auf eine 
Vaterleibsphantasie führen könne, und eine solche kommt ja heraus, 
wenn sich Agathe in den Samenstrom unter die Spermatozoen versetzt,' 
als welche, wie wir noch sehen werden, die dünnen Leute im Traume auf- 
zufassen sind.) Agathe antwortete wieder: „Ich selbst hätte darin sein 
sollen." Dann fügte sie hinzu: „Vielleicht hätte ich auch jemand statt 
meiner hineintun sollen." Nach einigen Augenblicken des Zögerns sagt 
sie dann ; „Ich muß Ihnen noch erzählen, daß ich gestern abends darüber 
nachdachte, wie schade es doch sei, daß ich von- Paul kein Kind bekom- 
men kann; ich hätte gerne ein Kind von ihm; es müßte ein reizendes Kind 
sein. Ich habe mir sogar schon gedacht, Paul sollte, wenn er, der jetzt 
keine Kinder haben will, diese Meinung einmal ablegt, mit irgend einem 
Weib ein Kind zeugen und mir es dann geben." Abermals fand ich also 
einen wichtigen Punkt meiner Vermutungen bestätigt. 

Die weitere Analyse, welche sich um die in den Kähnen fahrenden 
Leute drehte, förderte eine neue Bestimmung zutage. Agathe äußerte 
nämlich plötzlich: „Habe ich nicht schon vorhin erwähnt, daß diese 
dünnen Leute so aussahen, wie wenn sie aus etwas gemacht wären, das 
zerginge sobald man es anrührte?" Unter den Leitgedanken der Ent- 
wicklung, Befruchtung usw., die sich in den übrigen Traumteilen be- 
sonders aber m dem Pendant zu den Kähnen — dem Trog — äußerten 
konnte die Auffassung der dünnen Menschen als Schemen, als Keime zu 
künftigen Menschen u. dgl. nicht ausbleiben. Die Leute in den Kähnen 
sind also wirklich Spermatozoen, natürlich in naiver Auffassung. Agathe 
teilt mir übrigens mit, daß sie meinte; die menschliche Form trete' 
schemenhaft 1 ) gleich nach der Befruchtung im Keim auf. 

Der Eisweg hat Schlangengestalt. Die Schlange ist, wie Agathe 
angibt, ein Symbol des Penis und des Lebens. Der Eisweg ist hart, 
Agathe wundert sich im Traum, daß die Skiläufer dort fahren. Harte 
Schlange = Erektion. Sie meint im Traum, dieses Fahren sei ein neuer 
Sport. In der Tat war dieser „Verkehr" (nämlich der sexuelle) für sie 
etwas Neues auf dem Weg nach Triest. Das gewissermaßen rhythmisch 
„von Zeit zu Zeit" ein Fahrer auf dem Schlangenweg dahersaust (ins 
schöne, dunkle fremde Land hinein) seheint auf die rhythmischen Be- 
wegungen beim Geschlechtsverkehr hinzudeuten. 

Wer sind die Einjährig-Freiwilligen? Ihre Bekleidung weist durch 
den Gleichklang auf den Namen Pauls, der keine Kinder haben will und 
im Traum ausweicht (aus der Eisbahn tritt), wenn die Fahrer (Sperma- 
tozoen) daherkommen (Coitus interruptus) und einen Mantel anhat- 
(Condom); außerdem glaubte auch Agathe den Einjährigen mit Paul 
identifizieren zu sollen. Daß zuerst zwei Einjährige waren, scheint 
teilweise durch die Determination: Hoden bestimmt zu sein. Zu „Ein- 
jähriger" ist noch zu bemerken: Agathe kennt Paul ein Jahr lang. 

. Der Soldat im grauen Mantel hat aber noch eine andere sehr 
wichtige Bedeutung. Er erinnert Agathe (außer an Paul) auch an einen 



1 ) Hierauf dürfte sich auch die Nuance der Traumerzählung beziehen, daß die 
gesehene Szene ein bloßes Gemälde war. „Stiche" (wie es in der zweiten Version der 
Traumdarstellurig heißt) deutet wieder auf Koitus. 



94 . . Psychosexueller Infaiitilismus. 

Herrn F, den sie den „Tod" zu nennen pflegte. Der Soldat im grauen 
Mantel ist der Tod, der nur einen Schritt von Agathens Wege dastand, 
als sie im Gefolge der Triester Erlebnisse operiert wurde. Sie schaute 
damals dem Tod ins Antlitz. Der Soldat im Mantel stellt sich (wie 
Agathe nachträglich angibt) im Traum ihr gegenüber auf. Bei der 
Operation wurde Agathen ein Ovarium entfernt, das andere belassen 
Daher das Verschwinden des einen Soldaten, daß der zweite die Rolle 
des drohenden Todes übernimmt, hat auch eine dem Krankheitsverlauf 
entsprechende Rolle. 

Was soll aber der Tod jn diesem Traum? Welche aktuelle Reo- U n<* 
mobilisiert die düstere Gestalt? Hier sitzt vielleicht der tiefste Gedanke 
des Traumes: Agathe will ihr Leben rückgängig machen. (Ein mir aus 
ihren Analysen wohlbekanntes Thema.) Und sie gebraucht im vorliegen- 
den Iraum drei Hauptsymbole, um das auszumalen: 1. sie will ein fernes 
iremdes Land *) aufsuchen, weil es sie in ihrer Haut nicht leidet, 2. sie 
ruft den Tod zur Hilfe, der sie von dem Lebensweg (Eisweg) gleichsam 
abdrängt (sich ihr gegenüberstellt), 3. endlich stellt sie sich vor sie 
sei überhaupt nicht gezeugt worden und vermeide es, als Spermatozoen 
in den Eisweg des Samenstroms zu geraten, der in das dunkle Land 
(Leib der Mutter) hineinfließt. 

Betrachten wir die dritte Phantasie etwas genauer. Sowohl das 
Ziel der Skiläufer (Triest, Land der Befruchtung) als ihre Herkunft 
(\aterleib) ist dunkel. Hier verliert sich eben die Phantasie ins Ünge- 
. wisse, es fehlen die bestimmten Vorstellungen, auch die Zukunft des 
Lebens ist ungewiß, solange man im Keimstadium sich befindet. Es ist 
undeutlich, ungewiß, woher die Lebensschlange kommt und wohin sie 
geht. Darum ist es besser, man betritt sie (d. h. den Lebensweg) gar 
nicht. Wir haben hier die Todeskomponente der Vaterleibsphantasie 
klar vor uns. Agathe will den Penis nicht passieren, wie die andern 
Spermatozoen, um nicht konzipiert zu werden. Daß die Erfüllung dieses 
Wunsches im Traum als eine unerwünschte Verhinderung erscheint, hat 
in psychischen Konflikten Agathens seinen guten Grund, einer Mechanik, 
auf die ich nicht eingehen kann, ohne sehr weitschweifig zu worden. Der 
"Wunsch nicht ins Land der Befruchtung zu kommen, macht sich aber 
ganz deutlich in der gespannten Stimmung (gemischte Gefühle) beim 
Einfahren des Zuges in die Station geltend. Das Einfahren des Zuges 
drückt natürlich wieder den Koitus aus; die Angst des Verpassens des 
richtigen Ortes (eigentlich der richtigen Zeit) hat vielleicht mit dem 
Coitus mterruptus zu tun.- Eintreffen des Samenstroms, „es kommt", der 
Orgasmus, Angst, den richtigen Augenblick zu verpassen, mögliche 
Konzeption usw. 

Nachträglich fiel Agathen auch der Name des „fremden Landes" 
ein; es hieß Chiuka. Dieses Wort gehört keiner Agathen bekannten * 



*) Ein Märchenland, wo alles sich so verhält, wie wir es wünschen. Der „poeti- 
sche" Name des Landes „klingt japanisch", das hängt mit Agathens Schwärmerei für 
Japan zusammen. Für sie ist Japan das Märchenreich. Jeder Mensch hat irgend so 
ein Wuuschland, in das er sich gerne versetzt sehen möchte. Bei manchen ist es das 
Wunderland Indien, bei andern das Land Amerika, wo alles möglich ist, bei einem' 
andern das Hochgebirge u. s. f. Ebenso ist psychologisch auch das „Jenseits" aufzu- 
fassen. Das „fremde Land" Agathens ist auch das Land des Todes. 



Der Mechanismus der Regression. 



95 



Sprache') an; es erinnert sie bloß an eine ähnliche, klingende Stelle in 
einem Wiegenlied (eine Art eia — popeia). Also wieder eine Anspielung 
auf das Einderzeugen. Meine, neben andern Deutungen gestellte Auf- 
fassung des fremden Landes als Muttersehoß wird also wohl berechtigt 
sein. Agathen fällt übrigens in Verbindung hiermit und zu dem mit 
weichem, schmelzenden Schnee bedeckten Gelände, die für Kinder 
märchenhafte Vorstellung ein, daß das Reich, wo die Kinder herkommen, 
ein Sumpfland ist, wo sie von Störchen herausgeholt werden. 

Die Trauer oder Enttäuschung Agathens, als sie im Traum ent- 
deckt, daß sie keinen Kahn (Penis), sondern einen Trog (weiblichen Ge- 
schlechtsteil) habe, ist nicht erst dadurch bestimmt, daß dieser Trog 
leer ist (worüber ich oben sprach), sondern an und für sich schon be- 
gründet durch Agathens lebhaften Wunsch, ein Mann zu sein. 

Agathe entschloß sich widerwillig zur Erzählung des Traumes. Die 
Widerstände kennzeichnen das aktuelle Vorhandensein jener der Ver- 
borgenheit suchenden Wunschregungen, welche sich in unserer Analyse 
offenbarten. 

Als das Rätsel des Traumes vom 6.-7. Jänner 1912 gelöst war, 
machte Agathe die Bemerkung, es müßten sich unter ihren früheren von 
mir aufgezeichneten Träumen welche befinden, zu deren Geheimnissen 
man mit dem gleichen Schlüssel gelangen könnte wie dieses Mal Die 
Spermatozoensymbolik erscheine ihr als etwas ihrem Gefühl gewisser- 
maßen schon Bekanntes. Zufällig hatte ich einen Traum, den sie mir 
drei Tage vorher geschrieben hatte, noch nicht analysiert und" machte 
mich daran, ihn zu lesen. Ich teile den ganzen Traum mit und hebe darin 
jene Szenen hervor, die mir besonders auffielen. Ich muß noch bemerken, 
daß Agathe vorhatte, zu ihren Eltern nach Frankfrut zu fahren, um 
der Verlobung ihres Bruders Gustav beizuwohnen, diesen Plan aber 
aufgab. 

Traum vom 31. Dezember 1911 auf den 1. Jänner 1912: „Gegen 
12 Uhr in der Nacht komme ich bei meinen Eltern in Frankfurt an. Ohne 
in die Wohnung erst einzutreten, befinde ich mich schon in einem kahlen 
Zimmer 2 ), welches durch üppige Portieren von dem Schlafzimmer meiner 
Eltern getrennt ist. In einer Ecke des Zimmers stehen meine beiden 
Schwestern Martha und Lieschen. 3 ) Beide sind gewachsen und verändert. 
Mich auf die Begrüßung namentlich Marthas (des älteren von den beiden 
Kindern) freuend, breite ich die Arme ihr entgegen. Sie drückt sich, groß 



*) Einige Kollegen aus der Wiener psychoanalytischen Vereinigung machen 
mich darauf aufmerksam, daß ein sehr ähnlich klingendes slawisches Wort das weib- 
liche Genitale und den Hecht (der wieder als Symbol für den weiblichen Geschlechtsteil 
anzusehen ist, weil er Fische, Phalli, verschlingt) bedeutet. Da nun Agathe dem 
einen Elternteil nach slawischer Abstammung ist. und, wenn sie auch keines slawischen 
Idioms mächtig ist, dennoch manchen Brocken eines solchen aufgeschnappt haben mag, 
ist der sprachliche Hinweis zu beachten. 

s ) Agathe kennt die gegenwärtige Wohnung ihrer Eltern nicht, denn diese 
sind in Abwesenheit Agathens umgezogen. Sie leben in ärmlichen Verhältniesen, 
deshalb stellt sich Agathe die Wohnung auch in Wirklichkeit kahl vor. 

s ) Agathe hat noch eine dritte Schwester, mit der sie in reger Korrespondenz 
steht Die beiden hier genannten sind Kinder, die dritte Schwester hat die Pubertät 
bereits überschritten, zählt also gewissermaßen schon zu den Erwachsenen. 



96 Psychosexucller Infantilismus. - Der Mechanismus der Regression. 

und ernst mich anschauend, in die Ecke, wie zurückweichend von mir 
und als ob sie mich nicht erkannte. Lieschen aber läuft mir entgegen und 
umarmt mich; da kommt auch Martha zögernd zu mir und läßt sich auf 
die Wange küssen, sie küßt mich nicht. Gleich öffnet sich auch die 
Sortiere und im Nachtgewand kommt nun der Vater heraus, umarmt 
mich freudig, hebt mich in die Höhe und küßt mich beständig auf den 
-Mund, bis er seine Zunge ganz tief in meinen Mund steckt. Mich ekelt's 
und ich denke mir: „Ach der ist noch immer so leidenschaftlich T und 
mochte mich losmachen. Im nächsten Moment befinde ich mich auf der 
Straße mit. dem Gedanken beschäftigt, daß ich meine Mutter suchen -ehe 

n. a wT , Sti ; aße T nccke - sitzt mei * B'uder Gustav und seine Braut 

Dora und betteln die Leute an. Ich gehe hin und sage ihm- Bitte eil) 
mir etwas Gele 1, ich habe meine Tasche in der großtn E le" ^sen 
Er gre.it bereitwillig ,„ die Tasche und holt eine Handvoll ganz neue 
Silberkronen heraus. Ich bewundere die Schönheit des Geldes und will 

ZdST T T"' ? a S ? e ich ' daß das Silber sich in Elfenb <^ ver- 
wandelt und daß in fremdartiger Plastik kleine dünne Figuren sichtbar 
weiden. Ich bin sehr enttäuscht und denke mir: Ach, die will ich gar 
nicht haben und laufe davon, ohne ein Wort zu sagen. Ich suche meine 
Mutter weiter Endlich glaube ich sie von weitem unter einigen Frauen 
kommen zu sehen. Ich erkenne sie an ihrer frisch gewaschenen Bluse und 
henurze Ich aufe ihr entgegen, von der Nähe waren mir aber alle Frauen 
Hemd. Ich bhe'J traurig nachdenklich stehen und ließ sie an mir vor- 
beigehen. 

Die Begebenheit mit dem Gelde des Bruders, auf dem plötzlich 

kleme dünne Figuren" sichtbar werden, ist um so bemerkenswerter, als 

das Geld besonders das weiße Silbergeld (vgl. das Elfenbein) oft auf 

dT'Zdor ? f f P, T n f nZ deS Geldes aus der Hosentasche 

des Biudei, (der in Agathens Kinderzeit eine sexuelle Rolle bei ihr ge- 

KS * t} ' fUr , Bben J?* - Bedeil t™g spricht. Die „kleinen, dünnen 
Figuren von denen sich dann Agathe abwendet (Verhütung der Kon 

Lloen ^ kaUm äne beSSere Inte '-P re t^iön zu als: Spema- 

Ich sehe von der Analyse der weiteren Träume ab. Auch die Träume 
2" MarcinousJä (Gezeichnete Träume, Zentralblatt für Psychoanalyse 
Bd. III) geben prachtvolle Beispiele dieser Rückphantasie 

lÄhant^ dl f e ? f e 1 MenS f en ™ llen das L ^en rückgängig machen, und 
leben m der fötalen oder vor-fötalen Periode. Oft geht die Regression 
noch weiter bis in die früheren Geschlechter um Jahrtausende zurück 
Doch diese Fälle sind verhältnismäßig selten, während die Mutterleibs* 
Phantasie einen sehr häufigen Typus darstellt, 

') ** ^egt seit jeher seine Kinder wirklich mit eigentümlicher Leidenschaft- 
liehke-it zu küssen. 



VI. 
Ewige Säuglinge. 

In meinem Buche „Die Sprache des Traumes'' habe ich die ewigen 
Säuglinge folgendermaßen charakterisiert: 

„Sie sind unselbständig, brauchen immer eine Stütze, leiden an 
Angst vor dem Alleinsein; die Funktionen des Essens sind abnormal: 
Entweder zu lustbetont oder mit Ekel verbunden. Der Mund spielt die 
Rolle eines Genitales. Sie zeigen einen ausgesprochenen „psychischen 
. Infantilismue", der sich auch im physischen Habitus ausdrückt. Sie legen 
eine kindliche Freude am Fahren, Schaukeln, Reiten,, Segeln und an 
Schiffahrten an den Tag, wenn nicht durch frühe Verdrängung die 
Lustgewinnung aus diesen Bewegungsarten in Angst und Ekel ver- 
wandelt erscheint.. Kurzum: Sie spielen das Kind, das von der Amme 
getragen wird. . . . Ihre Träume bringen Situationen, in denen sie sich 
auf einem beweglichen Hause, einem hohen Wagen, einem Turme, einem 
Balkone befinden. Oder sie leben unter Riesen und werden von diesen 
Riesen herumgetragen. Diese Menschen zeigen das Gefühl der 
Minderwertigkeit, auf das Janet und Adler, die es aus der 
Selbsterkenntnis der physischen Minderwertigkeit ableiten, mit Recht 
so großen Wert legen. Aber die Neurotiketr würden nicht 
so hartnäckig an den Gefühlen der eigenen Un- 
zulänglichkeit, Schwachheit, Kleinheitfesthalten, 
wenn sie nicht einen geheimen Lustgewinn daraus 
ziehenwürden. Dieser Lustgewinn wird ihnen durch die Fiktion ') 
geboten, unter Großen ein Kleiner, also ein Kind zu sein. Dazu kommen' 
die kriminellen Phantasien, die mit schwerem Schuldbewußtsein einher- 
gehen und den Wunsch erzeugen, die vermeintliche Reinheit einer 
Kinderseele zu besitzen. (Die Erfahrungen der eigenen Kindheit, in 
der sie alle universell-kriminell waren, sind verdrängt und vergessen.) 
Sie sehnen sich darnach, die eigene Verantwortung auf die Schultern 

x ) Meine Leser finden hier (1911) deutlich die „neurotische Fiktion", die Adler 
später in „Der nervöse Charakter" (1912) weiter ausbaut, ein Jahr vorher schon in 
meinem Aufsatze „Der Neurotiker als Schauspieler". Zentralhl. f. Psychoanalyse. 
Bd. I, 1910. 

Stekel, Störungen des Trieb- und Affektlebens. V. N 17 



98 



Psychosexueller Infantilismus. 



der Großen abzuwälzen. Sie brauchen immer einen fremden Imperativ. 
Sie wollen geborgen sein, wie das Kind bei der Amme." 

Ich möchte dieser Schilderung, die bereits das Wichtigste sagt, 
noch das spezifische sexuelle Bild hinzufügen. Die Kranken sind 
meistens impotent oder halten sich vom normalen Geschlechtsverkehre 
zurück. Die Männer verlieren beim Weibe die Erektion oder leiden an 
Ejaculatio praecox und die Frauen werden anästhetisch. (Daß es sich 
nicht um organische Einflüsse handelt, beweist der Umstand, daß diese 
Störungen nach einer gelungenen Behandlung verschwinden.) Sie werden 
häufig wieder Onanisten, nachdem sie die Onanie schon viele Jahre 
aufgegeben haben. Sie schenken der Mundzone erhöhte Bedeutung. Des- 
halb kommen Männer auf die Idee, den Kunnilingus auszuführen, sie 
saugen an den Brüsten, werden mehr passiv .in der ganzen Sexualität. 
Ein starkes Interesse an der Miktio und der Defäkation erwacht aufs 
neue und führt zu Polyurie und allerlei Darmstörungen. Um die Fiktion 
des Kindes zu erhöhen, werden allerlei neurotische Symptome kon- 
struiert: Enuresis nocturna, Stuhlabgang im Bette. 

Auffallend ist das kindische, weinerlich-trotzige Gehaben. Alle 
Interessen für die große Welt verschwinden. Alles dreht sich um das 
eigene infantile Ich und durch Angstgefühle und Zwangssymptome wird 
auch die Umgebung gezwungen, „seine Majestät das Kind" immer- 
während zu beachten und seine verschiedenen Launen zu erfüllen. Der 
Tag vergeht in leeren Träumereien und Trödeln, während dem kindische 
Spielereien ausgeführt werden. Stereotypie ist nicht selten, ebenso 
kommen auch Echolalie und Imitation vor. 1 ) 

Auffallend ist der Mangel an Reinlichkeit und die Freude am 
Schmutze. Die Kranken weigern sich unter allerlei Vorwänden, sich 
zu waschen, lassen sich am liebsten von anderen waschen und baden, 
beschmieren sich wie unabsichtlich mit Kot, spielen mit Kot, bleiben 
sehr lange im Aborte, essen auch wie die Kinder den Nasenschleim und 
zeichnen sich durch allerlei ekelhafte Gewohnheiten aus, die sie aber 
meistens vor der Umgebung verbergen, so daß man davon erst in der 
Analyse erfährt. Von dem Reichtum des neurotischen Infantilismus 
und des sexuellen Infantilismus macht sich der Praktiker keinen Begriff. 
Kennt man die Krankheit, so werden einem viele sexuelle Verirrungen, 
viele Ausdrucksformen des sexuellen Lebens klar. Ich will daher mit 
der Schilderung einiger prägnanter Fälle beginnen. 

Fall Nr. 16. Herr Gamma, ein kräftiger Mann im Alter von 28 Jahren, 
erscheint eines Tages mit seiner Mutter in meiner Ordination in einem sehr 
merkwürdigen Aufzuge. Die Mutter führt ihn am Arme einem Sessel zu 



*) Vgl. das Kapitel ..Mali— Mali" in meinem Buche ..Das liebe Ich". Verlag Otto 
Salle; II. Aufl., Berlin 1920. 



Ewige Säuglinge. 



99 



und stützt ihn einen Moment lang. Dann sagt sie: Trink nur, mein Kind, 
damit du sprechen kannst. Der große Mann zieht dann aus der Tasche eine 
Milchflasche mit einem Schnuller daran und trinkt mit innigem Behagen einige 
Schluck Milch, zieht dann aus der Tasche eine Semmel und reicht sie der 
Mutter. Die Mutter bricht . ein Stückchen Semmel ab und steckt sie dem 
Sohne in den Mund. 

„Entschuldigen Sie, Herr Doktor. Mein Sohn muß jede Viertelstunde, 
manchmal noch öfters, einen Schluck Milch nehmen und einen Bissen von 
einer Semmel essen, sonst lallt er zusammen. Er wird von Tag zu Tag 
schwächer. Vor einigen Tagen ist er noch allein ausgegangen, weil mein 
Mann ihm gedroht hat und meinte, er sei ein Simulant, er werde ihn aus 
dem Hause jagen. Da ging er allein aus, ohne Milch und Semmel, und fiel 
auf der Straße um, so daß ihn die Rettungsgesellschaft nach Hause bringen 
mußte. Das Kind* ist schwer krank! Helfen Sie mir, Herr Doktor!" 

So zeigt sich das Bild des psychischen Infantilismus. Wir erfahren, 
daß dieser Schwächezustand schon drei Monate anhält. Vorher war Gamma 
ganz gesund, versah eine gut dotierte Stelle und war in jeder Hinsicht ein 
musterhafter Mensch. Die Mutter betont diesen Umstand besonders weil 
sie noch einen Sohn hat, der ein schwerer Neurotiker ist und das ganze Haus 
entsetzlich quält, nicht arbeiten will, immer Geld verlangt. Gamma war 
bisher der Trost der Mutter. Plötzlich, scheinbar ohne jeden Anlaß brach 
die schwere Neurose bei Gamma aus. Er verkehrte vorher mit Frauen' wurde 
dann viel scheuer, aber dabei hatte er den ganzen Tag die wüstesten ero- 
tischen Phantasien. Er begann wieder zu onanieren und onanierte manchmal 
mehrmals untertags. Er träumte vor sich hin, konnte nicht ins Amt gehen 
und wurde unlähig, sich allein anzuziehen. Sein Tag verlief nach folgendem 
Programm: Am Morgen wollte er das Bett nicht verlassen und träumte 
vor sich hin. Er machte nichts, was ihm nicht angeschafft wurde. Er wäre 
auch den ganzen Tag im Bette gelegen, wenn seine Mutter ihm nicht befohlen 
hatte aufzustehen. (Infantile Aboulie.) Dann aber mußte er von der Mutter 
angezogen und gewaschen werden. Sie behandelte ihn wie ein kleines Kind, 
was er ja wünschte und in jeder Weise provozierte. Er erhielt sein Frühstück 
schon im Bette. Dann folgte er der Mutter wie ein Schatten und hatte Angst 
allein zu bleiben. Die Mutter mußte mit ihm ausgehen und ihn überall mit- 
nehmen, sonst wurde ihm schlecht und er hatte seinen „Anfall". 1 ) Er wurde 
sehr kindisch, lallte manchmal unverständliche Phrasen und lachte unvermutet 
vor sich hin, so daß die armen Eltern sehr erschraken und für seinen Ver- 
stand fürchteten. 

Die Krankheit war ausgebrochen, als er merkte, daß der gehaßte 
Bruder, der mißraten und ein „Unmensch" war (so nannte ihn die Mutter), 
von der Mutter doch geliebt wurde. Die beiden Brüder sprachen seit Jahren 
kein Wort miteinander. Beide waren ganz außerordentlich an die Mutter 
fixiert. Der Vater spielte im Hause keine Rolle. Die Mutter war noch immer 
eine schöne Frau, deren Augen einen besonderen Glanz hatten. Der ältere 
Bruder haßte die Mutter, sie durfte ihm nicht nahe kommen: „Rühr mich 
nicht an, mir ekelt vor dir." Der jüngere vergötterte die Mutter und brachte 



l ) Die- Psychologie der verschiedenen Anfälle ist eines der interessantesten Kapitel 
der Medizin. Jedenfalls erfüllen alle Anfälle eine wichtige Mission: Die Umgebung 
zu erschrecken, durch die Angst zu beherrschen und sich in den Mittelpunkt des Inter- 
esses zu stellen. Der Neurotiker beantwortet Zurücksetzungen gerne' mit einem Anfall 



100 



Psych.osexuoller Infantilismus. 



ihr jeden Heller, den er erwerben konnte. Erst als er merkte, daß der ältere 
.Bruder trotz allem, was er anstellte, im Hause blieb, kam die Reaktion und 
er sagte sich : Da deine Tugenden nicht belohnt werden, wirst du auch krank 
und faul werden wie dein Bruder! Das sagte er sich nur einmal, es schoß 
ihm wie ein Blitz durch die Seele. Aber bald setzte die Krankheit ein und 
machte immer größere Fortschritte. Schon war es vorgekommen, daß es ihm 
auf dem Abort schlecht wurde, daß die Mutter ihn halten und abwischen mußte. 
Die Analyse hatte einen vollen und überraschenden Erfolg. Er 
konnte das Kind überwinden. Die Angstgefühle, es könnte ihm bei einer 
Frau schlecht werden, verschwanden. Er begann sich wieder für Bücher 
und seinen Beruf zu interessieren und wurde wieder ein Mann. Die 
Heilung gelang, ohne daß er das Elternhaus verlassen mußte, was nicht 
hoch genug zu veranschlagen ist. Denn in den meisten ähnlichen 
Fallen muß man auf die Entfernung vom Elternhaus dringen. 

Die Rückversetzung in diesem Falle war sehr groß. Sie ging bis 
in die Säuglingszeit zurück, wie das Spiel mit der Milchflasche zeigt. 
Die ganze Liebe flutete auf die Mutter zurück. Die Krankheit war auch 
ein Mittel, die Affekte der Sorge und des Mitleides, die bisher dem Bruder 
gegolten hatten, auf sich' zu ziehen. Nun war er der schwerere Kranke 
und kostete die Wonnen des Faulenzens und Krankseine. Auf den 
Bruder aber wirkte die Krankheit günstig. Er raffte sich auf und fand 
eine gute Stelle, was bei seinen außerordentlichen Talenten sehr leicht 
war. Nun konnte er zeigen, daß er stärker war als sein Rivale, der ge- 
haßte jüngere Bruder. Nach wie vor sprachen die Brüder kein Wort 
miteinander und die Atmosphäre des Hauses blieb gewitterschwül. 

Interessant ist der Umstand, daß die ersten sexuellen Attraktionen 
des Genesenden auf das Dienstmädchen des Hauses gingen. Dienst- 
mädchen sind oft symbolischer Ersatz für die anderen Hausgenossen. 
In diesem Falle war es noch leichter, weil die Mutter diese Neigung 
unterstützte und ihm sogar dazu riet. Die Mutter wollte durchaus wieder 
einen Mann aus ihrem Sohne machen und sagte mir: „Es ist doch 
besser, als wenn er sich außer dem Hause eine Krankheit holt!" Das 
ist nur Rationalisierung. Sie wollte wissen, wann und mit wem er 
Geschlechtsverkehr habe. Er mußte es ihr immer berichten. Daraus 
scheinen ihr gewisse Anregungen gekommen zu sein, die im tiefsten 
Grunde einer inzestuösen Neigung enteprangen. 

In vielen Fällen ist diese Rückversetzung in die Kindheit mit 
vollkommener Arbeitsunfähigkeit verbunden. Die Arbeit ist der größte 
Feind der Tagträume und hindert diese Menschen in ihren Phantasien. 
Die Krankheit beginnt meist so, daß sie mit der Arbeit unzufrieden 
werden und sich eine andere Stelle suchen. Dabei entwickeln sie ein 
(inszeniertes) Pech und fallen dann ihren Eltern zur Last. Denn zur 
Fiktion des Kindes gehört auch der Umstand, daß man mit dem Er- 
werbe nichts zu tun hat und sich von den Eltern erhalten läßt. Diese 



Ewige Säuglinge. mi 

Form ist außerordentlich typisch. Ich erwähne sie hier, weil zugleich 
mit der Rückversetzung auch eine Änderung des Sexuallebens auftritt. 
Die Menschen fangen entweder zu onanieren. an oder sie ziehen sich 
auf die wichtigste erogene Zone der Säuglingszeit zurück — auf den 
Mund. Sie werden impotent oder verlieren die Lust am Koitus. Dabei 
findet sich organisch manchmal gar keine Veränderung. Wenngleich 
ich die physische Disposition immer betone, möchte ich nicht so weit 
gehen wie Iwan Bloch, der fast alle Fälle von Impotenz als sexuelle 
Insuffizienz auf Grundlage einer Störung der inneren Sekretion auf- 
faßt und organotherapeutisch behandeln möchte. 1 ) Dem widerspricht 
schon — wie erwähnt — das Resultat meiner Behandlungen. Gleich der 
nächste Fall bietet uns ein schönes Beispiel von der Macht der 
seelischen Beeinflussung und Rückerziehung. Denn der Rückversetzung 
in die Kindheit muß eine zweite Rückversetzung in das Alter des Er- 
wachsenen folgen, die man nur in rein organisch bedingten Fällen mit 
Organotherapie erzielen kann. Diese organisch bedingten Fälle sind 
nach meiner Erfahrung eine verschwindende Minorität. 

Fall Nr. 17. Herr J. B., ein kräftiger Mann von 30 Jahren, wird mir 
von seiner Mutter gebracht, da er nicht allein ausgehen kann. Er leidet an 
einer abnormen Schwäche. Er fühlt sich so schwach, daß er ohne zwei 
btocke oder Krücken nicht gehen kann und umfällt, wenn ihn seine Mutter 
nicht stutzt Das ist um so auffallender, weil es sich um einen herkulisch 
gebauten, sehr kräftigen Mann handelt. Penis und Skrotum sehr groß und 
gut entwickelt, Schamhaare reichlich, am ganzen Körper kein femininer Zug 
Seit sechs Monaten liegt er schon zu Hause, hilflos, meist im Bette und läßt 
sich von seiner Mutter bedienen. Die Krankheit ist die Ursache, daß er 
nicht heiraten kann. Er hat eine Braut, die auch ein kleines Vermögen hat 
und in jeder Hinsicht zu ihm passen würde. Er kann aber in diesem Zustande 
unmöglich heiraten und fleht, ich möge ihn heilen, damit er bald ein normaler 
Mensch werden könne und seine Braut ihm nicht verloren gehe, denn sie habe 
schon die Geduld mit ihm verloren. Sie sage ihm jetzt immer: Josef, du bist 
kein Mann! Du bist ein Kind! 

Er war schon einige Male verlobt und noch öfters verliebt und konnte 
sich nie für ein Mädchen entschließen. Immer entdeckte er gewisse Fehler 
oder mußte mit Bedauern konstatieren, daß sie nicht zusammen paßten. Jetzt 
aber gab es kein Zurück mehr, als die Erkrankung auftrat und ihn der besten 
Kräfte beraubte. Das Leiden begann folgendermaßen: Er fühlte plötzlich, 
daß er nicht recht ins Geschäft passe und begann sich nach einem anderen 
Posten zu sehnen. Er fand einen zweiten Posten und nun trat eine krankhafte 
Sehnsucht nach dem alten Posten auf. Er hatte keinen anderen Gedanken, 
als auf den alten Posten zurückzukehren. 

Wer die neurotische Psyche kennt, weiß, daß sich der Kranke Situa- 
tionen schafft, die seinen Gefühlen einen adäquaten Ausdruck geben, die ge- 
statten, daß er sich vor sich nicht zu schämen braucht, daß er alles, was ihn 
bedrückt, offen ausspricht. Dieser Mann hatte Sehnsucht nach der Liebe der 

') Zur Behandlung der sexuellen Insuffizienz. Med. Klinik. 1915, Nr. 8. 



102 



Psychosexueller Infantilismus. 



MRKBIBl, 

BERLIN. 



Mutter. Er wollte wieder ein Säugling sein und an ihrem Busen liegen, 
an dem sie ihn bis zum dritten Lebensjahre gestillt hatte. Der Busen der 
Mutter war der alte Posten 1 ), nach dem er sich sehnte. Er trieb es so 
lange, bis er seinen Posten verloren hatte und sich nun in glühender Sehnsucht 
nach dem alten Posten verzehren konnte. Zugleich war in seinem Sexualleben 
eine große Veränderung vor sich gegangen, über die etwas ausführlicher 
berichtet werden muß. 

Neben der Kraft, die ihn in die Jugend zurückzieht, muß eine andere 
Tendenz sich geltend machen, die ihn bedrängt und von der Jugend und 
der Mutter entfernt. Diese Befreiungstendenzen, .die Heilungstendenzen der 
Neurotiker fehlen in keinem Falle. Wären sie nicht vorhanden, diese Menschen 
müßten alle ihre Neurose in eine Psychose verwandeln. So werden wir immer 
von den Infantilisten hören, daß sie vom Hause fortgelaufen sind, daß sie 
auswandern wollten, manche ziehen sogar nach Amerika, in eine neue Welt, 
um die alte zu vergessen. Auch unser Patient zeigte diese Befreiungstendenzem 
Er emanzipierte sich von der infantilen Form der Befriedigung der Onanie, 
ging zu Dirnen, koitierte mit guter Potenz und befriedigendem Orgasmus und 
verliebte sich in viele Mädchen, von denen ihm keine gefährlich wurde. Es 
war ein Spielen mit den Heiratsgedanken, aus denen er immer einen Ausweg 
wußte. Nun traf er aber ein Mädchen, das ihm sehr gut gefiel, mit dem er 
sich verlobte. Er stand vor der Hochzeit. Da trat die Unzufriedenheit mit 
dem Posten auf. Er müßte viel mehr verdienen — sagte er sich — er könnte 
mit einem so bescheidenen Gehalte seiner lieben Frau kein entsprechendes 
Lehen bieten. Das heißt, er inszenierte sich Hindernisse für die Ehe, immer 
mit dem Vorwande, für die Ehe zu kämpfen. Das können nur die Neurotiker. 
die es in der Kunst, sich und die Umgebung zu täuschen, zur Virtuosität 
gebracht haben. Alle Proteste der Braut und der Mutter halfen nichts. Sie 
versicherte, sie sei bescheiden, sie wolle mithelfen, die Mutter meinte, man 
könne sehr gut mit seinem Gehalte auskommen. ... Er kündigte und ver- 
suchte es bei einer neuen Stelle, die etwas besser bezahlt war, aber seine 
Kräfte waren ihr nicht gewachsen. Er hatte mehr versprochen, als er halten 
konnte. Nun verlor er auch diese Stelle und war frei. Er kam auf aben- 
teuerliche Gedanken. Seine Braut hatte etwas Geld. Sie sollten, sich ein 
Geschäft kaufen. Er wollte aber nur ein einziges Geschäft: ein Milchgeschäft. 
Wieder waren es seine Ammenphantasien, die sich so durchsetzten. Seine 
Braut fügte sich auch dieser Laune. Man suchte ein Milchgeschäft, man 
kaufte es, er sollte darin arbeiten . . . und erkrankte. Er legte sich ins Bett, 
ließ' sich von der Mütter pflegen und lebte nur von Milch. Etwas anderes 
vertrug er nicht, da bekam er seinen Magenanfall . . . 

Schon einige Monate vorher war er vollkommen impotent gewesen. 
Er versagte bei jeder Dirne. Nun wußte er, daß er nicht heiraten dürfe 
und teilte diese Tatsache seiner Mutter mit. Sie übernahm die Mission, die 
Braut von seiner Impotenz zu verständigen und tat es auch. Die Braut 
aber fühlte, daß hinter diesen Leiden und Launen ein Widerstand gegen die 
Hochzeit vorhanden war. Sie tat das Vernünftigste: Sie brach plötzlich alle 
Beziehungen ab. Nun konnte er wieder jammern und klagen und gegen die 
Untreue und Falschheit, der Frauen losziehen. Er, der Edle, der Kranke, 
der Heiratslustige! Er, der vom Schicksal Geprüfte und Geschlagene. Er 



') Vgl. mpine Ausführungen über den Fall in der Sprache des Traumes. Nr. 212 
Verlag .1. P. Bergmann, München, II. Aufl. 



Ewige Säuglinge. 



103 



wurde so schwach wie eine Fliege und konnte bald nichts mehr allein machen. 
Er war wieder ein Säugling geworden. Die Mutter reichte ihm die Urin- 
flasche, sie legte ihm eine Leibschüssel unter, sie reinigte ihn wie ein kleines 
Kind. Vielleicht war sie in ihrem Innern glücklich, daß sie wieder ihren 
einzigen Sohn hatte. 

Für die Krankheit gab es noch ein zweites Motiv. Die Mutter war 
noch eine sehr gut erhaltene Frau von wunderbaren Körperformen. Wenn 
auch ihr Gesicht etwas runzelig war, der Körper war jung und elastisch. 
Sie hatte einen Verehrer, der sie zeitweilig besuchte und unterstützte. Der 
Sohn wußte und kannte diesen Zusammenhang nicht, er glaubte nur, daß 
der Mann die Mutter erobern wolle. Er war aber maßlos eifersüchtig. Auf 
dem alten Posten war er so beschäftigt, daß er erst am Abend nach Hause 
kommen konnte. Da war eine Kontrolle der Mutter unmöglich. Der zweite 
Posten war in dieser Hinsicht viel besser, weil er des Mittags und hie und da 
auch außer der Zeit nach Hause kommen konnte. Er verzehrte sich vor 
Eifersucht. Er hatte sich nur verlobt, um seine Mutter zu bestrafen. Nun 
aber war er immer zu Hause und band seine Mutter so an sich, daß eine 
Untreue unmöglich war. Gegen den Hausfreund jedoch benahm er sich so 
aufgeregt, daß dieser das Haus meiden mußte. Seine Mutter schwieg dazu, 
um sich nicht zu verraten, und hoffte, ihren Freund außer Haus zu treffen! 
Da hatte sie aber die Rechnung ohne das Leiden ihres Sohnes gemacht. Er 
beschäftigte sie den ganzen Tag und mußte immer wieder bedient werden 
Seine Ohnmachtsanfälle waren so schrecklich, seine Schwäche so groß, daß 
sie für sein Leben zitterte. Da der Sohn nur Milch vertrug, kam er' sehr 
herunter und sah fürchterlich schlecht aus. Er bot das Bild eines schwer 
kranken, hilflosen Menschen. 

Interessant waren seine Träume. Ich verweise auf den Traum Nr. 212 
in der „Sprache des Traumes". Ich will noch einige dieser Ammenträunie 
mitteilen : 

„Ich sitze auf einer Gartenbank im Prater. Plötzlich sitzt meine 
Mutter neben mir, öffnet ihre Bluse und sagt: Wenn du durstig bist, 
so kannst du trinken." 

„Ich träume, daß der ganze Körper in Windeln fest eingeschnürt 
ist. Meine Mutter macht mich auf und wäscht mir den ganzen Körper." 

„Ich liege neben einer fremden Dame im Bette. Sie reicht mir 
ihre Brust. Ich trinke mit großem Behagen und denke mir: Wenn nur 
jetzt kein fremder Mensch kommt, Ich würde mich sehr schämen." 

Die Rückversetzung in die Kindheit äußerte sich auch in einer be- 
merkenswerten Mysophilie. Dieser Mensch, der vorher so rein und schmutz- 
feindlich gewesen war, begann sich zu vernachlässigen. Er wollte sich nicht 
waschen und weigerte sich, seine Wäsche zu wechseln. Er ließ sich von der 
Mutter das Gesicht und den ganzen Körper waschen, ließ sich auch von ihr 
ein frisches Hemd anziehen. Es bereitete ihm einen großen Genuß, wenn 
das Hemd stark nach Urin roch und er mit Kot spielen konnte. Er wischte 
sich oft den Anus mit der Hand aus, roch daran und gestand mir später 
unter Widerstreben, daß er den bedreckten Finger in den Mund steckte. Er 
begann wieder den Nasenschleim zu essen, wie er es als Kind gemacht hatte . . . 
Er schnitzte sich gerne aus Holz Figuren und begann mit ihnen zu spielen. 
Auch Papier war ihm willkommen, wenn er eine Sche're hatte und verschiedene 
Figuren ausschneiden konnte. Er schnitt am liebsten Soldaten aus, und als 



104 



Psychosexuellcr Iufautilismus. 



er einmal ein paar Schritte vor das Haus ging, kaufte er sich in der benach- 
barten Papierhandlung Bilderbögen mit Soldaten. 

Für Wasser und Feuer zeigte er großes Interesse. Er ließ die Wasser- 
leitung langsam laufen und tropfen und konnte dieses Spiel stundenlang fort- 
treiben, ohne zu ermüden. Auch in das Feuer starrte er gerne und ließ kleine 
Stückchen Holz und Papier verbrennen. 

Kurz er war wieder ein kleines Kind geworden und gebrauchte auch 
gerne die Kindersprache. Er wurde weinerlich und begann während des 
Weinens und Raunzens, das er bei jeder Gelegenheit produzierte, wie ein 
kleines Kind zu sprechen. Manchmal fielen ihm gewisse Ausdrücke nicht ein 
Er konnte sich nicht vorstellen, daß er wieder in einem Geschäfte sitzen 
und arbeiten könnte. 

Das ist nur eine kleine Auswahl seiner Infantilismen. Zu erwähnen 
wäre noch, daß er das Bett wieder naß machte und dadurch seine Mutter 
zur Verzweiflung brachte. Er behauptete, daß seine Pollutionen nicht mit 
einem bamenerguß, sondern mit einer Enuresis endeten. 

Überraschend war der Erfolg der Behandlung. Er legte langsam 
alle Infantilismen ab und konnte nach zwei Monaten wieder in das 
Geschäft gehen. Während der Behandlung knüpfte er ein Verhältnis 
mit einem Dienstmädchen an und wurde sehr Hebeshungrig. Er suchte 
mit seiner Mutter einen Streit und fand bald einen Anlaß, um sich 
eine eigene Wohnung zu mieten, wohin er mit dem Dienstmädchen zog. 
Er ließ sich von seinem Chef nach Berlin versetzen und heiratete bald 
das Mädchen, von dem er wußte, daß seine Mutter es verachtete und 
haßte. Das war seine Rache und seine einzige Lösungsmöglichkeit. 
Im Guten konnte er sich von der Mutter nicht trennen. Er wurde wieder 
ein Mann und mied alle Anlässe, die ihn wieder in den Zustand des 
Infantilismus versetzen konnten. 

Fall Nr. 18. Herr G. L., ein Mann von 32 Jahren, befindet sich in einer 
erbärmlichen bedauernswerten Lage. Er war bis vor zwei Jahren ein ganz 
gesunder, lebensfrischer Mann, der sich durch seinen großen Fleiß und seine 
besondere Begabung eine schöne Position geschaffen hatte. Jetzt ist er voll- 
kommen gebrochen, sieht erbärmlich aus, wie ein Phthisiker in den letzten 
Zügen, leidet an einer Menge von Angstzuständen. Die wichtigsten sind- 
die Angst vor dem Essen und die Angst vor dem Alleinsein. Er nährt sicli 
nur von flüssigen und breiigen Nahrungsmitteln und zittert vor Blähungen 
und Verstopfung. Überdies kann er nicht allein ausgehen, da er fürchtet, 
auf der Gasse zusammenzustürzen und auch schon ein paar Male umgefallen 
ist, so daß ihn seine Mutter mit einem Wagen nach Hause bringen mußte. 
Er verläßt seine Wohnung nur selten und immer nur in Begleitung seiner 
Mutter. Sein Aktionsradius ist sehr klein, er kommt über die nächsten Gassen 
nicht hinaus. Der ganze Tag vergeht zwischen Arbeit und der Pflege, die 
von seiner Mutter mit besonderer Sorgfalt geleitet wird. Er ist in der' Tat 
wieder ein kleines Baby geworden, das hilflos auf die Pflege der Mutter an- 
gewiesen ist. Morgens bringt sie ihm die Milch zum Bette (den Kaffee hat 
er natürlich als Säugling redivivus aufgegeben) und taucht ihm die Brocken 
in die Milch, da er ja nichts Festes essen darf. Dann wird er gewaschen 
und langsam angezogen, wobei sie ihm Stück um Stück behilflich ist; dann 



Ewige Säuglinge. 105 

geht er an seinen Schreibtisch und liest die Post, Immerwährend kommt 
die Mutter nachsehen, was das kranke Kindchen macht. Vormittags geht sie 
einkaufen. Das ist seine schlechteste Zeit. Meist kommt eine Tante und 
bewacht das arme Baby, da er Angst hat allein zu bleiben. Er kontrolliert 
mit der Uhr in der Hand die Mutter, ob sie nicht zu lange ausbleibt. Die 
Arme hetzt sich so schnell sie kann, um sich wieder der Pflege zu widmen. 
Sie muß dem Kranken am Vormittag sein „Papperl" kochen, das er unter 
keinen Umständen von der Tante kochen lassen würde. Die Tante kennt die 
geheimnisvollen Vorschriften nicht, an die eine so komplizierte Zubereitung 
gebunden ist. Ebenso kindlich ist das Mittagmahl. Ist der Brei etwas dicker, 
so verdirbt er sich den Magen und leidet an Blähungen. Da er infolge der 
geringen Nahrung keinen täglichen Stuhl hat, so hat er eine große Sorge um 
die Defäkation. Hier müssen Klystiere nachhelfen, welche natürlich wiederum 
die Mutter allein verabfolgen muß. So ist der ganze Tag ein intimes Zu- 
sammenleben mit der Mutter und eine nachträgliche Rache an dem Vater. 
Denn der seit drei Jahren verstorbene Vater war längere Zeit sehr leidend 
und nahm die Mutter ganz für sich in Anspruch, so daß für den Sohn keine 
Zeit übrig blieb. Nun holt er die versäumte Pflege gehörig nach und über- 
trifft seinen Vater im Jammern und in den Ansprüchen. 

Es ist sehr merkwürdig, daß die Fälle von episodischem Infanti- 
lismus am häufigsten nach dem Tode des Vaters auftreten. Im vor- 
herigen Falle war es so und in einer Reihe anderer Fälle konnte ich 
dieselbe Wirkung nach dem Tode des Vaters konstatieren. Ich will 
nicht behaupten, daß dies immer der Fall ist, aber ein gewisser Zu- 
sammenhang scheint mir unbedingt zu bestehen. Als wäre ein inneres 
Raisonnement da, das ungefähr so lautete: Kann ich nicht den Vater 
der Mutter ersetzen und vertreten, so will ich wenigstens diese große 
Liebe, die sie mir als Kind hat angedeihen lassen . . . 

In diesem vorliegenden Falle hatte sich der Kranke noch verlobt, 
während sein Vater lebte. Es war, als wollte er sich an der Mutter rächen 
und sich von ihrem Einflüsse befreien. Da starb ziemlich unvermutet sein 
Vater. Sofort quälte ihn der Gedanke: Was wird mit der Mutter geschehen? 
Ohne daß er sich darüber Rechenschaft gab, begann er seine Braut ganz 
anders zu behandeln, wurde nervös, gereizt und kühler. Sie zog sich auch 
in sich zurück, so daß das Verhältnis im gegenseitigen Einverständnisse auf- 
gelost wurde. Er war inzwischen schon erkrankt und konnte es nicht ver- 
tragen, daß seine Braut auf sein schweres Leiden keine Rücksicht nahm. 
Er zog eich dann ganz auf das Infantile zurück. 

Wie alle diese Menschen verlor er das Interesse 
an den Frauen! Er würde impotent und da er ja nicht allein ausgehen 
konnte, so waren seine Keuschheit und seine Infantilität vollkommen ge- 
sichert. 

Er kehrte reuig zu den infantilen Lustquellen zurück. Er begann mit 
der Zunge zu saugen und den Daumen zu lutschen. Er begann leidenschaft- 
lich leckere Süßigkeiten zu essen, die natürlich nur die Mutter bereiten konnte. 
Er ließ eich von der Mutter unter dem Vorwande von rheumatischen Schmerzen 
streicheln und leicht massieren; er mußte dabei hie und da einen Flatus 
lassen; er begann gerne den Stuhl zu beobachten und setzte den Stuhl im 



9 



106 



Psychosexueller Infantilismus. 



™ vor der Mutter auf einem Leibstuhle oder auf der Leibschüssel ab 

riehen konnte F hr *■ ^l to ^ ' —" er die Decke über die <»» 
n tt ko f;, l v b heb auch &™ lange auf dem Abort sitzen, so daß 

ettra wl i Utte1 ' TwJ"* " ^ TÜre P ° Cht€ Und inanchmal ^ 
eintrat, wenn ihm „schlecht war. 

Er hatte wieder eine große Freude an der Koprolalie. Er war sonst ein 
keuscher Mensch, der nie unanständige Worte sprach. Nun freute er sich 
wenn er rech derbe Ausdrücke gebrauchen konnte. Oft wenn er allein war 
begann er allerlei zynische Worte zu sprechen ' 

Seine Träume behandeln immer die Situation des Säuglings (Vel 

£?7 f t m f '" §*?? dGS TraUraeS - } Hie und da bricht die Reue über 
das Aufgeben der Verlobung durch die Traumgedanken. 

P in F^/i 9 ' Aimly ^. tritt eine ™*he Besserung aller Infantilismen 

Z'J TJ , ZU mh " fahren ' dann zu mir S ehe »- Nach zwei 
Monaten verliebt er sich in ein hübsches Mädchen, heiratet nach kurzer 

Zieit erholt sich physisch ganz außerordentlich und befreit sich aus 
der ireiw, lligen Tyrannei der Mutter, die über die Wandlung der Dinge 
überglücklich ist. Sie gehörte zu den klugen herrlichen Müttern, auf 
die meine Belehrung Eindruck machte. Ich erklärte ihr, daß sie ihrem 
Sohne nicht nachgeben dürfte und ihn wieder selbständig machen müßte. 
Sie brauchte keinen Anfall zu fürchten. Sie verstand alles und ging 
willig auf alles ein. Sie leistete auch der Verlobung und Heirat des 
Sohnes keinen Widerstand. Sie zog sich auf den ihr gebührenden Platz 
zurück Nun wurde er bald selbst Vater und sie fand in dtf Pflege 
des Enkels reichen Ersatz für den großen Säugling, der ihr doch manch- 
mal recht unbequem geworden. Denn sie war ja die Gefangene ihres 
Sohnes geworden. Nun konnte sie erst - nach dem Tode des Mannes 
und der Heirat des Solines - die Freiheit ausnützen und auch für sich 
leben. Und dazu ist es vielen Menschen nie zu spät 

Die Fälle zeigen eine gewisse Ähnlichkeit. Die Variation liegt 
nur in der Form der Infantilismen. Es ist nicht leicht herauszufinden 
was hinter der einzelnen Prozedur steckt. Oft verbergen sich die In' 
fantihsmen hinter einer masochistischen Szene. Die beiden folgenden 
Falle, sind nicht periodische Rückversetzungen in die Kindheit, sondern 
regelmäßige Paraphilien. Die höchste Libido ist an eine bestimmte 
infantile Szene geknüpft, die immer wieder aufgeführt wird. 

p f aU ij r - 19 - Herr W.O. kommt in das Lupanar und verlangt folgende 
Prozedur. Er muß in die Leintücher und Decken fest eingeschnürt werden 
Dann deckt ihn die Dirne fest zu und läßt ihn eine Zeitlang liegen. Später 
laßt er sich aufbinden und manuell befriedigen. Am meisten zieht er die 
digitale Reizung des Anus yor. Er spielt den in Windeln eingebundenen 
öaugling, glaubt aber seine Lust daraus zu ziehen, daß er vollkommen der 
Macht einer Frau ausgeliefert ist. Das Einschnüren ist immer. seine größte 
Lust gewesen. Er ließ sich auch lange Zeit in der hydropathischen Kür ein- 
packen, wobei er Pollutionen hatte. ... Er schnürt auch gerne seine Beine 



Ewige Säuglinge. 



107 



und seinen Körper mit Stricken und Fatschen und Binden ein. Seine größte 
Lust kommt aus der Vorstellung eine's Säuglings, der fest eingeschnürt ist 
und diese Szene sucht er immer wieder. 

Der nächste Fall zeigt auch ein ähnliches Motiv. Es tritt der 
Infantilismus nur periodisch auf, sozusagen als ein Anfall. Alle In- 
fantilismen zeigen diesen merkwürdigen triebhaften Charakter. Die 
davon Betroffenen berichten immer über die Kombination eines sonder- 
baren Schlafzustandes, in dem dann der unwiderstehliche Drang auf- 
trat. Da es sich auch um Verbrechen (Kleptomanie und Pyromanie") 
handeln kann, um Akte, welche vom Gesetze bestraft werden, wie z. B. 
Exhibition, ist die Kenntnis dieser Tatsachen von allergrößter foren- 
sischer .Bedeutung. 

Die Arbeitsunlust ist «in hervorragendes Symptom des Infan- 
tilismus. Die Kinder wollen bekanntlich nicht lernen, sondern immer 
nur spielen. Der Infantilist rechnet mit der infantilen Lustwährung. Er 
will nicht arbeiten oder aber nur die Arbeit machen, die ihn gerade 
freut er ist immer in Konflikt wegen der Arbeit. So konsultiert mich 
auch der nächste Patient, den ich hier vorführe, wegen seiner Unfähig- 
keit zu arbeiten. 

Fall Nr. 20. Herr 0. P., ein Arzt von 28 Jahren, sehr kräftig und von 
durchaus männlichem Aussehen, konsultiert mich wegen Unruhe und Un- 
fähigkeit zur Arbeit. Triebhaft tritt bei ihm der Wunsch nach infantiler 
Befriedigung auf, obwohl er sehr häufig mit Dirnen verkehrt. Dann treibt 
er allerlei Spiele mit Stuhl und Urin, mit Einschnüren usw. . . . Lassen wir 
dem Patienten, der einige meiner Bücher gelesen hat, das Wort: 

„Ich bemühe mich, ein Mann zu sein und meine Kindereien zu über- 
winden. Es gibt aber immer wieder Rückfälle und ich mache Dinge, die 
niederzuschreiben ich mich eigentlich schäme. Ich bin zur Überzeugung ge- 
kommen, daß die Eindrücke der Kinderstube zu heftige waren und lebhaft 
in mir nachklingen. Vorher verstand ich diese Sachen nicht und sah sie 
auch in meiner Praxis als Arzt nicht. Ihr Buch „Nervöse Angstzustände" hat 
mir die Augen geöffnet. Wie ein Schleier lag es früher über meiner Jugend. 
Nun habe ich intensiv nachgedacht und habe viel Material gesammelt. Leider 
ist es mir nicht möglich", Sie aufzusuchen. Ich muß Sie daher schriftlich um 
Ihren Rat und Ihre Ansicht ersuchen. 

Ich hatte einen sehr nervösen Vater und eine leidenschaftliche Mutter. 
Ich schlief als Kind im Schlafzimmer der Eltern, belauschte nicht nur öfters 
den Koitus, sondern alle möglichen Perversitäten. Ich haßte schon als Knabe 
von 5 Jahren meinen Vater, fühlte mich als seinen Rivalen und begehrte die 
Mutter so leidenschaftlich wie nur ein Erwachsener begehren kann. Meine 
Mutter fühlte das, denn meine Küsse waren glühend, so glühend, daß sie 
mir abwehren mußte. Besonders den Busen küßte ich und wurde ganz rasend 
vor Leidenschaft, wenn ich ihn entblößt sah. Ich wurde lange von der Mutter 
gestillt und soll nach dem Absetzen viele Wochen krank gewesen sein. Ich 
weiß heute, daß ich wütend darüber war und daß ich später noch immer 
die Phantasie hatte, an der Brust der Mutter zu liegen und zu saugen. Noch 
heute leite ich jeden Koitus mit einem längeren Saugen der Mamillen ein. 
Dann erst kommt es zu einer Erektion. Ich war drei Jahre alt. als mir ein 



108 



Psychosexueller Infantilismus. 



Bruder geboren wurde. Ich haßte diesen lästigen Nebenbuhler und hätte ihn 
am liebsten erdrosselt. Als er nach einigen Jahren starb, hatte ich die fixe 
idee, daß ihn der Vater umgebracht hätte. Das gab mir einen Anlaß, den 
Vater zu hassen. Ich wußte damals nicht, daß ich meine eigenen Mord- 
gedanken auf den Vater projizierte. Doch wird mir auch klar, daß ich den 
Vater liebte. Denn in meinen Phantasien, die sich viel mit den Eltern be- 
schäftigten, spielte ich bald den Vater, bald die Mutter. Ich wollte auch 
gerne ein Weib sein und dem Vater die Mutter ersetzen. Ich glaube, daß 
ich mich noch später gegen homosexuelle Einstellung zum Vater mit' Haß 
sicherte, donn ich war in seiner Gegenwart immer scheu und befangen und 
froh, wenn er mich allein ließ. Die Mutter haßte ich auch zuweilen weil 
sie mir nicht zu Willen war. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich 
versichere, daß dieser Haß noch von dem Trauma der gewaltsamen Ent- 
wöhnung herrührt. Wenigstens spielen in meinen Träumen Szenen, in denen 
ich von der Brust der Mutter oder eines anderen Weibes gerissen werde und 
den btörefried dann ermorde, eine große Rolle. 

Ich war sonst ein ruhiges Kind. Ich träumte still und glückselig vor 
mich hin und saugte stets an den Fingern oder spielte mit den Genitalien. 
Es scheint, daß ich nie ohne erotische Reizung existieren konnte. Das ist 
mir bis heute geblieben. 

Dabei sehwankte ich in meiner Liebe zwischen Vater und Mutter. Bald 
floh ich die Mutter und damit alle Frauen, interessierte mich für die Knaben 
und bevorzugte den Vater; dann wieder floh ich den Vater, der mir noch 
gefahrlicher schien und widmete mich der Mutter. Mein ganzes Leben ist 
ein Pendeln zwischen Mann und Weib und manchmal glaube ich, daß ich nur 
als Grieche gesund geblieben wäre, wenn ich mich hätte homosexuell und 
heterosexuell betätigen können. Solche Erkenntnisse habe ich allerdings erst 
nach der Lektüre Ihrer Werke gewonnen, die mich von vielen lächerlichen 
neurotischen Symptomen befreit haben. 

Doch ich will Ihnen ja von der Schule und meinen Infantilismen erzählen, 
im ersten Jahre der Volksschule war ich noch ein stiller braver Schüler. 
Dann brach der Teufel in mir los. Ich begann zu stehlen und bestahl nicht 
nur Vater und Mutter, sondern auch meine Mitschüler. Ich stahl wo ich 
konnte, es war ein unwiderstehlicher Trieb. Auch andere verbrecherische 
Gedanken kamen mir. Ich wollte die Schule anzünden und erwog diesen 
Plan ganz ernstlich. War der Vater gegen mich strenge, so überlegte ich 
wie ich ihn vergiften oder erschießen könnte, ohne daß jemand davon er- 
fahren sollte. Mein Vater war im Grunde ein guter, gütiger Mensch, glaubte 
sich aber mir gegenüber eine unbarmherzige Strenge schuldig zu sein Damit 
erregte er meinen Trotz und wurde die Quelle vieler böser Gedanken, besondere 
wenn er mich geschlagen hatte. Ich hörte, daß der Talmud den Satz enthält: 
„Wer seinen Sohn schlägt, erzieht ihn zur Sünde." Bei mir war es so der Fall. 
Dann gab es viel Streit zwischen den Eltern. Ich ergriff innerlich immer 
die Partei der Mutter, hauptsächlich weil der Streit sich um mich drehte 
und der Vater immer noch strengere Maßregeln gegen meine Faulheit und 
meinen Trotz ergreifen wollte. Trotzdem machte es mir ein großes Vergnügen 
meine Mutter zu kränken und ihr Tränen der Verzweiflung zu entlocken! 
Ich wollte geliebt und gekost sein wie in den ersten Lebensjahren, und das 
ahnte meine Mutter nicht, die immer gleichmäßig zärtlich zu mir war. 

Ich neigte immer zu Tagträumen und erwähnte, daß ich als ganz kleines 
Kind immer selig vor mich hinträumte. Diese Neigung machte mich in der 



Ewige Säuglinge. 109 

Schule arbeitsunfähig. Wurde ich bestraft, so schäumte ich vor Zorn auf und 
Haß und Kachegedanken erfüllten mein wildes Herz. 

Schon in den ersten Lebensjahren begann ich zu onanieren. Die Onanie 
ersetzte mir die geliebte Mutter. Auch mit meinen Schulkameraden kam es 
zu gemeinsamen homosexuellen und onanistischen Akten. Ich onanierte bis 
zum 22. Lebensjahre, oft mehrere Male täglich. Einen Schaden habe ich 
davon nicht bemerkt. Meine Potenz ist ausgezeichnet. Ich kann Ihre be- 
kannten Ansichten über die physische Harmlosigkeit der Onanie nur bestätigen. 
Den größten Widerstand hatte ich- gegen jede Arbeit, die mich den 
Träumereien entzog, so auch gegen jedes Studium. Doch lernte ich gerne alles, 
was mich interessierte, sofern es mir nicht aufgegeben wurde. Mein Haß 
richtete sich nur gegen jede Aufgabe, gegen jede Pflicht. 

Obwohl ich die Eltern sinnlich liebte und meine Phantasien sich mit 
beiden beschäftigten, hatte ich immer den Hang vom Hause fortzulaufen und 
allein zu sein. Ich fühlte mich zu sehr gebunden und wollte den Neigungen 
die ich bald ebenso wie die Onanie und die Homosexualität als verbrecherische 
erkannte, entfliehen. Ich hatte schon sehr früh Selbstmordgedanken, war aber zu 
feige und liebte das Leben zu sehr, um diese Gedanken in die Tat umzusetzen. 
Ich hatte nur ein übermächtiges Sehnen : Ich wollte ewig jung 
bleiben! Nie altern! Immer ein Kind sein! 

Meine kriminellen Gedanken mußten mich zu einem Angstneurotiker 
machen. Ich litt, immer unter Angstträumen, ich wurde vergewaltigt, er- 
mordet. Ich lief immer hinter etwas Unerreichbaren (der Mutter!) nach 'oder 
wurde von einem Manne verfolgt. (Homosexuelle Gedanken auf den Vater!) 
Ich war im Grunde eine lustige Natur, jammerte aber sehr viel und spielte 
gerne den Kranken, weil ich dann von den Eltern verhätschelt wurde. 

Ich habe in meiner Praxis die Beobachtung ge- 
macht, daß die Kranken alle wieder Kinder werden. 
Auch ich fühlte mich in den Krankheiten als ein kleines 
Kind. 

Bis heute sind mir noch eine Unmenge Infantilismen geblieben, die ich 
leider nicht ausrotten kann. Ich muß zeitweise onanieren, wobei ich mich 
gerne mit Stuhl oder Urin verunreinige. Ich gehe dann in ein Hotel und 
uriniere dort in das Bett, mache auch Stuhl und sage dann am nächsten 
Tage, ich hätte einen Anfall gehabt und bezahle die Kosten dieses für mich 
außerordentlichen Vergnügens. Ich kenne keine höhere Libido als die, in 
einem nassen Leintuch voll Stuhl und Urin zu liegen. Dabei ziehe ich eine 
enge Hose an, die mich sehr spannt, ziehe das Leintuch durch die Beine, 
schnüre mich fest ein, so daß ich die Illusion habe, als -Säugling in den 
Windeln zu liegen. . . . Auch das Sitzen in einem Stuhl, der enge an den 
Tisch gepreßt ist, löst Lustgefühle aus und führt durch wiegende Bewegungen 
zum Orgasmus, wobei ich anscheinend an den Kindersessel denke. 

Zu Hause war ich immer krank vor Aufregung, so daß ich schon früh 
aus dem Hause kam. Mit 16 Jahren verkehrte ich zuerst mit einer Dirne, 
was mir große Freude bereitete. Ich glaubte von den Infantilismen geheilt 
und befreit zu sein, was leider nicht der Fall ist. Denn obwohl ich fast täglich 
mit Frauen verkehren muß (Schutz gegen meine Homosexualität!), unterliege 
ich jeden Monat mindestens einmal den infantilen Trieben und führe die 
Komödie im Hotel auf. Ich versuchte durch Ausschweifung dieser Regungen 
Herr zu werden. Ich verkehrte täglich einige Male mit leichtsinnigen Frauen, 
wozu ich in meiner großen Praxis- Gelegenheit genug hatte. Ich verfügte über 



110 



Psychosexueller Infautilismus. 



ein Dutzend Mädchen und Frauen, die mir zur Verfügung standen, wann ich 
wollte. Nicht daß ich sie verführte. Aber es gibt sicherlich viele Frauen, welche 
die Ärzte nur in der Absicht aufsuchen, von ihren Beschwerden der Abstinenz 
befreit zu werden. Ich habe diesbezüglich merkwürdige Erfahrungen gemacht. 

Aber ich wurde immer nervöser, besonders wenn ich Männer zu unter- 
suchen hatte, wurde ich von einem nervösen Zittern befallen. Nach Lektüre 
Ihrer Bücher wußte ich, daß es homosexuelle Kegungen waren, welche mich 
da aus dem Gleichgewichte brachten, und konnte sie bewußt viel leichter über- 
winden, während ich vorher ganz wehrlos gegen diese nervösen Zufälle war. 

Ich suchte verschiedene Sanatorien auf, wurde auch hypnotisiert, ohne 
daß ich einschlafen konnte. Es war alles ohne Erfolg. Mit dem Zunehmen 
der Nervosität wuchs in mir eine Regung, die ich bisher immer unterdrücken 
konnte: der Sadismus. Jedesmal wenn die Infantilismen siegreich mich be- 
wältigten, wurde die ganze Büchse der Pandora geöffnet und ich mußte mich 
gegen die unglaublichsten sadistischen Phantasien zur Wehre setzen. Ich 
wurde im Verkehre arrogant und selbstbewußt, es machte mir Freude, den 
Leuten Unangenehmes zu sagen. Ich hatte eine Zerstörungswut, die keine 
Grenzen kannte. Ich mußte Holzstücke zerbeißen, Teller zerschlagen, biß 
die Frauen, denen ich beiwohnte. Auch die Phantasie eines Lustmordes ist 
mir bewußt worden, so daß ich lieber den Infantilismus nachgebe und onaniere, 
als daß ich mich bei Frauen befriedige. Ich pflege in diesen Zeiten die Nägel 
zu beißen, mir ein Stückchen Haut abzubeißen, mich zu drücken, durch in- 
tensive Muskelkontraktionen Lustgefühle zu erzeugen. Ich gehe dann ungern 
meinem Berufe nach. Ich bin über jeden Kranken wütend, der mich ruft, 
besonders bei Nacht. Ich gehe wie verschlafen herum und lebe ganz in den 
Tagträumen, 

Bäder, selbst kalte, regen mich immer sexuell sehr auf. Es sind wohl 
die Erinnerungsspuren an die schöne Badezeit der Kindheit in mir noch 
immer vorhanden. In jedem Bade bekomme ich eine Erektion. Baden in 
einem engen -Schwimmanzuge löst selbst den Orgasmus und einen Priapismus 
während des Bades aus, so daß ich. kaum öffentlich baden kann. Jedes Bad 
schließt mit einem onanistischen Akt, so daß ich Bäder gerne vermeide 
In den infantilen Krisen bade ich täglich. Während eines heißen Bades muß 
ich mich hüten, nicht einzuschlafen. 

Ich. habe sehr viel Mutterleibsphantasien. Ich befind'e mich in einem 
engen roten Räume und sehe von der Ferne ein kleines Fenster, durch das 
ein Nachbar seinen riesigen Phallus hereinstreckt; oder ich schwebe in einer 
Kugel wie durch Zauber getragen einen Meter über der Erde und schwimme 
mit großem Behagen wie ein Fisch im Wasser; ich dränge mich durch einen ' 
engen Schacht und fasse einen Haken, an dem ich mich festhalte, als ein 
Hochwasser mich überraschen will. All diese Wachphantasien verstehe ich 
erst, nachdem ich Ihr Kapitel über Mutterleibsträume in der „Sprache des 
Traumes" gelesen habe. 

Manchmal fühle ich mich als Weib und habe Gelüste, Frauenkleider 
anzuziehen. Ich habe ein sehr starkes, weiblich geformtes Becken und nur 
sehr geringen Bartwuchs. Ich dachte schon, daß ich ein Hermaphrodit wäre, 
aber meine Potenz ist so groß, daß ich Frauen auch mehrere Male zum 
Orgasmus bringen kann. Trotzdem möchte ich gerne eine Frau sein, um die 
Empfindungen der Frauen beim Koitus kennen zu lernen. 

Ich möchte noch meine sehr mächtig ausgebildete Analerotik erwähnen, 
die einen durchaus infantilen Charakter hat. Schon als Kind habe ich mir 



, 



Ewige Säuglinge. 111 

Bleistifte etc. in den' Anus gesteckt. Noch heute kann ich heim Onanieren 
den Reiz durch Erregung der Analschleimhaut steigern, wovon ich auch bei 
Frauen Gebrauch mache, indem ich sie ersuche, mich digital vom Anus aus 
zu reizen. Ich ließ mir auch anum lambere. Aber der Reiz ist so stark, daß 
er in Schmerz übergeht. 

Seit zwei Jahren bin ich verheiratet und Vater eines. gesunden kräftigen 
Kindes. Leider hat mich die Ehe nicht geheilt, wie ich es erhoffte. Ich 
hatte drei Monate Ruhe, dann aber brachen nach einem Bade die Infantilismen 
hervor und ich wurde rückfällig. Ich hätte mich gerne einer Analyse unter- 
zogen, meine Praxis gestattet mir aber keine Pause, so daß ich versuchen 
muß, allein mit der Sache fertig zu werden. Es ist doch entschieden besser 
geworden, da die Pausen zwischen den Schmutzperioden sich oft auf drei bis 
vier Monate erstrecken, während ich früher fast jede Woche den Säuglins in 
den Windeln spielen mußte." 

In meinem Briefwechsel mit dem Kollegen spreche ich die Vermutung 
aus, daß die infantilen Perioden als Ersatz für homosexuelle Triebre-ungen 
auftreten. Darauf erhalte ich folgende charakteristische Antwort- 

„Sie sprechen nur aus was ich mir schon lange gedacht habe. Ich 
fluchte in der Tat vor dem Manne in den Zustand des Kindes. Ich fand 
unter meinen alten Träumen einen, der Ihre Ansicht bestätigt: 

Ich bin allein im Zimmer mit Herrn X. Er öffnet seine Kleider 

SfSÄftT Pi" US mit def BittG ' ilm s P eziali *tisch zu behandeln 
*LÄ m P] f 1 ™™^ ^t und sage: Das ist nicht meine 
Spezialität. Dabei werde ich immer kleiner und kleiner, so daß ich ihm 

aas Zimmer" ""* El ' ** "^ "?*** ~ ** SÄ 

ein feil? SÄ Sr*™* des 7 raumes - X - « einer meiner liebsten Patienten, 
In T m L vi T' mit d6m iGh intime Freundschaft geschlossen habe 
flürJiT? Yerl ^lZJ° n mir eine h °™sexuelle Behandlung. Ich aber 
fluchte mich m die Kindheit und werde wieder zum Kinde " 

Wir wollen dieses Kapitel nicht beschließen, ohne die Resultate 
zusammenzufassen. 

1. Wir finden in allen Fällen von sexuellem Infantilismus eine 
Neigung zu Wachträumen und ein erhöhtes Schlafbedürfnis. 

2. Allen diesen Kranken ist Angst und Scheu vor jeder Arbeit eigen. 

3. Bei Männern scheint der Infantilismus durch das Verhältnis 
zum Vater determiniert zu sein. Der Tod des Vaters ist häufig der 
Anlaß des Ausbruches der Krankheit. 

4. Der Infantilismus macht seinen Träger zuweilen bei Frauen 
impotent. 

5. In allen Fällen zeigt sich eine stark verdrängte oder energisch 
bekämpfte Homosexualität. 

6. Die Krankheit ist heilbar und gibt der Rückerziehung die Mög- 
lichkeit einer vollständigen Restitutio in integrum. 

7. Mit dem Infantilismus brechen auch die verdrängten kriminellen 
Triebe durch. 



VII. 

Auf der Stufe eines kleinen Knaben. (Ein Fall von Impotenz 
kombiniert mit Satyriasis.) 

Die meisten Fälle von Infantilismus kommen nicht zur Kenntnis 
der Ärzte, weil die Patienten ihre Infantilismen verschweigen. Sie 
schämen sich ihrer kindischen Spiele und ihrer lächerlichen Phantasien. 
Erst in der Analyse kommen diese Infantilismen zum Vorschein. Der 
nächste Fall bietet uns eine Musterkarte aller Eigentümlichkeiten des 
psycho sexuellen Infantil ismus. Man bedenke dabei, daß es sich um einen 
54jährigen Mann handelt! 

Fall Nr. 21. Herr Lambda, ein sehr jugendlich aussehender Mann von 
54 Jahren, klagt über permanente Erektionen, die aber nur bei Nacht auf- 
treten. Bei Tag wird er von seinen sexuellen Wünschen gar nicht belästigt. 
Wie er sich ins Bett legt, treten solche Erektionen auf, daß die Leisten und 
der Rücken zu schmerzen anfangen. Er leidet abwechselnd an Schlaflosigkeit 
und andererseits an einem zu langen Schlaf, eine Erscheinung, die mit Schlaf- 
losigkeit häufig angetroffen wird. Schlaflosigkeit ist meist Angst vor dem 
Schlafe. Wenn er einschläft, hat er sicher eine Pollution. Seit dem 18ten 
Lebensjahre hat er jede Nacht ein bis drei Pollutionen. Am 
nächsten Morgen ist er wie zerschlagen und vollkommen arbeitsunfähig. Er 
hat deshalb seinen Beruf als Advokat aufgegeben und lebt von seinem kleinen 
Vermögen. Seine Sehmerzen im Rücken sind so groß, daß er wahnsinnig 
werden könnte. Er hat unzählige Kuren gebraucht und alle nur möglichen 
Medikamente angewendet. Die Behandlungen haben ihn fast arm gemacht. 
Nichts hat geholfen. Die Ärzte glauben, daß seine Satyriasis von einer Er- 
krankung des Rückenmarkes herrührt. Er war nie syphilitisch und hat nur 
über nervöse Symptome zu klagen. Von Zeit zu Zeit erkrankt er an einer 
Schwellung im linken Knie, die alle Kapazitäten als eine nervöse inter- 
mittierende Kniegelenksentzündung auf psychischer Grundlage diagnostiziert 
haben. Vor dieser Schwellung sind die Erektionen viel heftiger und die 
Pollutionen viel häufiger. Während der Schwellung ist er sehr gereizt und 
immer libidinös. 

Die einfachste Therapie für die Satyriasis, der Koitus, ist ihm versagt, 
denn er ist trotz der gewaltigen Erektionen, die seinen Penis zu einem Knochen 
machen, impotent. Wenn er zu einer Dirne geht, hat er entweder gar keine 
Erektion oder eine sofort nach ante portas vaginae eintretende Ejaculatio 
praecox. Als er noch jünger war, rieten ihm die Ärzte die Therapie des 
forcierten Koitus an, um seine Pollutionen zu heilen. Er blieb nur einige 



Auf der Stufe eines kleinen Knaben. jjg 

Stunden, manchmal auch eine ganze Nacht bei der Dirne. Nach der ersten 
Ejaculatio praecox ließ er eine zweite folgen und das dritte Mal gelang erst 
der Koitus. Aber wenn er dann nach Hause ging oder bei der Dirne einschlief 
folgte unfehlbar eine Pollution, so daß er diese Therapie aufgab. Bei an- 
ständigen Mädchen machte er einige Versuche und war immer impotent. Er 
hatte auch nur aus diesem Grunde nicht geheiratet. 

Er schiebt sein Leiden auf die Onanie. Er onanierte vom 14. bis zum 
18. Lebensjahre, aber immer sehr mäßig, höchstens zwei- bis dreimal die 
Woche. Er lernte die Onanie durch Kollegen kennen; sie onanierten auch 
gemeinsam. Zu homosexuellen Akten sei es nie gekommen. 

-Nach seinen ersten sexuellen Erlebnissen befragt, antwortete er wörtlich: 
„Ich habe als Kind mit der Mutter geschlafen .... Sonst erinnere ich mich 
an gar nichts, Es ist schon so lange her." 

Das, ist seine sexuelle Lebensgeschichte. Diese merkwürdige Antwort 
führte mich zur Frag© nach der Art der Pollutionsträume. Sie sind sehr leb- 
haft, wild erotisch, schöne Frauen spielen eine große Rolle. Die Frauen 
sind fast immer unbekannte Damen. Er hätte früher auch oft geträumt daß 
er mit der Mutter verkehre. Jetzt in den letzten Jahren und besonders' nach 
dem Tode der Mutter sei dieser Traum ganz verschwunden. 

Er möchte nur eines wissen : Ob sein Leiden ein psychisches oder ein 
organisches wäre .... 

Die Antwort darauf könne ich noch nicht geben. 

Würde dieses Werk die praktischen Ärzte nur soweit belehren, daß 
sie sich nie mit der Anamnese des ersten Tages begnügen sollen, es hätte 
schon eine große Aufgabe geleistet. Ich kann es ruhig behaupten: Das 
Wichtigste wird in der ersten Sitzung verschwiegen. Patient erzählt 
mir am nächsten Tage, er hätte eine schlechte Nacht gehabt, immer 
Erektionen und einen quälenden Traum. Der Traum wiederholt sich 
bei ihm öfters und ist ihm sehr unangenehm. Er lautet: 

Ich gebe meinem Vater einen Auftrag. Er geht aus dem Hause, 
lallt auf der Stiege und wird krank in das Zimmer zurückgetragen. Es 
kommt der Arzt und sagt mir: Ihr Vater hat eine Gehirnerschütterung 
und wird bald sterben. 

ErstnachdemTodedes Vaters trat die Knieschwel- 
lungauf. Vorher war das Knie ganz gesund. Auch die Potenz war besser, 
er konnte damals noch mit Dirnen viermal verkehren und das dritte und 
vierte Mal ganz ohne Störung mit guter Potenz. Nach dem Tode des Vaters 
wurde er einsam und kopfhängerisch. Die Mutter war schon einige Jahre 
vorher gestorben. Ihr Tod ging ihm nicht so nahe. Er hatte mit der MutteY 
oft Streit und Verdruß. Mit dem Vater aber lebte er ganz ausgezeichnet. 
Kurze Zeit nach- dem Tode trat das Gelenksleiden ein. Es ist immer das 
gleiche Bild. Er wird sehr traurig und einsilbig, fühlt sich elend, es herrscht 
in ihm eine Unruhe, er verliert den Appetit und bald kommt es zu der 
Schwellung des Gelenkes. Dabei muß er immer an den Tod und 
den Sturz des Vaters denken. 

Es ist eine hysterische intermittierende Gelenksentzündung. Er spielt 
an seinem Knie den entzündeten geschwollenen Kopf des verletzten Vaters. 
Die Entzündung ist eine fortwährende Mahnung, den Tod des Vaters nicht 

Stekel, Störungen des Trieb- und Affi'ktlebens. V. o 



114 



Psychosexuoller Infantilismus. 



zu vergessen. Es gab nur ein Jahr in seinem Leben seit dem Tode des Vaters, 
in dem er nicht jede Woche sein geschwollenes Knie hatte. Es war dies nach 
einer Wasserkur. Wie es sich herausstellt, hatte er in diesem Jahre einen 
anregenden geselligen Umgang. Er war Mitglied eines Stammtisches. Er 
war jeden Abend im Gasthause, die Freunde redeten ihm sein Leiden aus, 
er trank Bier und aß, was ihm schmeckte und litt auch dieses Jahr nicht 
an Erektionen und Pollutionen. Er konnte offenbar seine Homosexualität 
in kleinen Portionen abgeben und schöpfte so genügend erotische Anregung. 

Das war das einzige ruhige Jahr. Sonst litt er eigentlich seit dem 16ten 
Lebensjahre an Pollutionen und permanenten Erektionen. 

Von größter Bedeutung ist eine andere Angabe. Er erzählt, daß er 
wiederholt träumte, daß er anderen Menschen koitieren zusehe. Dabei gerate- 
er in hochgradige Erregung. Er hatte schon oft solche Phantasien und 
wünschte sich auch, daß man ihm zusehen sollte. In den Träumen jedoch 
ist er immer nur passiver Zuschauer. Überdies träumt er, daß er eine Ejaculatio 
praecox habe und daß ihm- das Mädchen sage: Viel zu früh kam es 
dir!. Viel zu früh. 1 ) 

Viel häufiger aber ist der Traum vom Zusehen. Das führt mich auf die 
Vermutung, daß es sich um einen Nachklang der Kinderstubenerotik handeln 
müsse. Ich frage, ob er den Koitus seiner Eltern belauscht hat. Er bestätigt, 
daß dies sehr häufig der Fall gewesen. Er glaubt, daß er damals zehn Jahre 
alt gewesen sei. Es habe ihn sehr aufgeregt .... 

Wir finden jetzt einen Zusammenhang zwischen seinen Träumen, seinen 
Phantasien und seinen Erlebnissen. Er sucht nach einem Dritten, wenn er 
bei der Dirne ist, er ist Voyeur und erotischer Horcher. Das scheint eine 
spezifische Bedingung seiner sexuellen Einstellung ,zu sein. Er hängt immer 
seinen Phantasien nach und lebt immer die Szenen der Vergangenheit. Deshalb 
zeigt er ein großes Schlafbedürfnis und schläft viel zu lange. Und nach einem 
solchen Überschlaf ist er am nächsten Tage immer wie traumverloren und 
kann 6ich nicht in die Realität hineinfinden. 



Er träumte wieder: 

■ 

Ich traf einen Herrn, der mit einem Hund spazieren ging. Ich 
spielte mich mit dem Hunde längere Zeit. Dann fragte ich den Herrn: 
Lebt Ihr Vater noch? Ja, sagte er; er ist gesund und jetzt 78 Jahre alt. 

In diesem Traume weinte er wieder und dachte darüber nach, wie 
traurig es sei, daß sein Vater nicht mehr lebe. 

Ohne mich auf eine Deutung dieses Traumes einzulassen, erwähne ich 
nur, daß der Patient spontan sagte: „Der Herr, mit dessen Hund ich gespielt 
habe, der sind Sie, Herr Doktor!" 

Ich merke, daß es sich um eine beginnende Übertragung handelt und 
daß latente homosexuelle Kräfte in seiner Neurose wirken müssen. Er zeigt 
mir sein Knie, das heftig geschwollen ist. Es handelt sich- nicht um einen 
Hydrops intermittens, der fälschlich als Hydrops intermittens articulorum 



l ) Ich habe oft gefunden, daß die Ejaculatio praecox auch das frühe Erwachen 
des Geschlechtstriebes symbolisieren kann. Es gibt eine seltsame Gruppe Menschen, 
die mit ihrem Penis ihr Leben spielen. Es mag dies lächerlich klingen, aber die Er- 
fahrung bestätigt diese Lächerlichkeiten, welche ja nur beweisen, auf welche sonder- 
bare Spielereien Neurotiker kommen können. 



H 




Auf der Stufe eines kleinen Knaben. 



den Schleimbeutel Für seine psychogene &*ÄtE&^ £ 
bis vor einigen Jahren im rechten Knie sich lokalisiert nnd daß sich in den 
letzten Jahren ein Transfert auf die linke Seite voll/o*™ W W . 

>st, daß er vor dem Hydrops intermittens an ÄgÄSweisen feS 
und Rmorrhoen gelitten hat, was mit einer ßSKÄ " 

s&?ür Hydrops in Eo — n * «ä^ä 

Gasse spazieren. Plötzlich fühlte er einen intensiven Ä.J k aUf . der 
so daß er sich krümmen maßte. Nun wußte er a e IZl 7 K / euz bein, 
marksleidend war. Damals setzte auch am nächsten e ^™ poteu * und , ™cken- 
ein, dei^ihm bis heute gehliehen is, Ei^df auTe^ SffifiS 

m X^&^Z^^ ?-#>? www- 

angehörte. Sie gefiel ihm bessert alle SÄ&Kfö ft ^^ 
gelernt hatte. Er war bei ihr noch mehr imootent It t ■ ? 5 U ? UM ' kennen 
Potent war er nur, wenn er vorher ÄfflSE ft u *f anderen Diraen - 
man glauben, daß die AnäetSeZfi da Äfn ^ Nmi ***** 
kalte Wasser die gute Potenz herW.fi, V !?'" al ^ hleirahaut durch das 
scheinlicher, daß ÄmSÄS^Ä Es ist aber viel ^hr- 
diener den Erfolg' herv^Sa"^ hff § ?"* *" A, ' Zt oder den Bade - 

sie heiraten. Er mußte sich die SSSffiP? ^V^ fürchtete > « kö ^te 
gänzlich impotent TS ÄnStaSÄS^i e "T Ehe ™ ichten - Er wurde 
so daß er auf die Gnade S ££ v S und ™' Ior •** Stelle als Beamter, 
seine Ehegelüste ÄuS^ÄZ aQgeW,eSen W N ™ ~ er ^ 

Die I^rnn^^ 

an die Vergangenheit und mö^XSrÄ^ £P ??£ 
an allen Todes- und Unglücksfällen in der Fami£ und bei F, "Z^ 
Auch seine Schwester hätte nicht sterben miZ *T„ freunden zu. 

hätte. Immer wieder kommt er darauf zu« w as er fi£ Ifi SP"** 
was er unterlassen hat. Er ist ein Pechvo^l „„H ttTi- tu S ° P? und 

aüSS^ im K,,ic ' die besoudeps bei der Ee ^*"» ■» -- 

Er träumt immer von seiner Kindheit. Er war oft krank Tn ,„i u 
Ze.ton war alles mit ihm lieb. Von der Mutter wurde er t,t t , ^" 



er immer verzärtelt. 
8*. 



116 



Psychosexueller Infantilismus. 



Eine tiefe Sehnsucht nach der Kindheit zieht durch sein Leben. Der Wunsch, 
das Leben noch einmal anfangen zu können, läßt ihn die Zeit verachten und 
verträumen. Er geht an der Gegenwart achtlos vorüber, denkt an die Zukunft 
mit Angst und Grauen und kämpft mit den Gespenstern der Vergangenheit. 
Er bedauert, daß er nicht den Mut findet, dem Leben ein Ende zu machen. . . . 



Die nächste Nacht wieder eine Pollution. Der dazugehörige Traum 
wird nicht erinnert. Diese Träume, enthalten wahrscheinlich das Rätsel seiner 
Neurose. Was in diesen Träumen enthalten sein kann, das Verrät uns sein 
nächster Einfall. „Wie kommt es, daß ich so einen Ekel empfinde, wenn mich 
Männer in der Elektrischen anstoßen oder anstreifen. Eine volle Elektrische 
ist mir ein Ekel. Ich sage immer zu mir: Pfui, wie- ist das ekelhaft! Alles 
kommt mir dann ekelhaft vor. Der Kondukteur ekelhaft, so daß ich ein Grausen 
habe, wenn ich ihm das Geld zahle . . . ." 

Wir merken, wie er die Männer entwertet, um sich gegen sie zu sichern. 
Es ist seine homosexuelle Tendenz, die in solchen Abwehrsymptomen zu- 
tage tritt. • 

Eine ganze Menge anderer kleiner Züge weisen' auf einen ausge- 
sprochenen Infantilismus hin. Er hat großes Interesse für alle skatolgischen 
Vorgänge. Der Duft des Flatus ist ihm bis vor kurzem sehr angenehm gewesen. 
(Alle Patienten verlegen ihre Sünden gerne um eine Spanne Zeit zurück 
und möchten sie gerne als .überwunden darstellen.) Er hüllte sich .öfters tiefer 
in die Decke, damit der kostbare Stoff nicht allzu schnell verflüchtigen könne. 
Dabei zieht er die Decke über den Kopf. (Mutterleibsphantasie?) Andere 
infantile Züge sind: Das Trödeln, das kindische Spielen mit seinen kleinen 
Sachen. So kann ihn ein neues Messer einen Monat beschäftigen. Er nimmt 
es immer wieder in die Hand und vergleicht es mit dem alten. Er betrachtet 
es ganz stumpfsinnig jeden Tag wohl an die vierzig Male. Er kann mit der 
Uhr, mit dem Taschentuch spielen, er kann sinnlose Worte sagen wie ein 
kleines Kind, er kann ein einziges Wort unendlich oft wiederholen. 

Er zeigt täglich Rückfälle in einen Infantilisnuis, der ihn auch zu 
Traum- und Schlafzuständen zwingt. Denn nur in den Träumen kann er 
wieder vollkommen ein Kind sein und vergessen, daß er inzwischen ein alter 
Mann geworden ist. 

Solche Menschen träumen sich bis in den Mutterleib zurück. Auch unser 
Patient hat eine Unmenge Mutterleibsphantasien, ohne zu wissen, daß es sich 
um solche Phantasien handelt. Er sieht ein Auto und denkt sofort: Da möchte 
ich drinnen sein und alle Vorhänge absperren, so daß es recht dunkel ist. 
Dann kauere ich mich in einen Winkel zusammen und lasse mich weiter tragen 
und schlafe dort viele, viele Monate. Oder er sieht einen Wagen und hat die 
gleiche Phantasie. Er möchte sich in einem Koffer sperren und so eine 
weite Reise 1 ) machen. Er wollte sich für Monate in den Abort einsperren 
und sich dort ernähren und nur in dem engen Raum leben. Als Gegensatz 
tritt bei diesen Träumen, so auch in diesem Falle die Angst vor engen Räumen 
und das Bedürfnis nach freien weiten Ausblicken, großen Zimmern und einer 



1 ) Der bekannte Dienstmann Zeitung, der die Reise von Wien bis Paris in einem 
Eoffer machte, muß auch an einer Mutterleibsphantasie gelitten haben. Vergleiche 
übrigens das Märchen von Andersen „Der fliegende Koffer". 



Auf der Stufe eines kleinen Knaben. j ]7 

frei denkenden Umgebung auf. Ebenso wenig vertragen diese Menschen an- 
liegende Kleidungsstücke. 

Sein Infantilismus zeigt sich auch in anderen kindischen Zügen. Er 
hat sich eine neue Kravatte gekauft; Er wird viele Stunden in den Spiegel 
blicken und wenn er dann Bekannte trifft, so lange an der Kravatte richten, 
sie verschieben, daran herumnesteln, bis man ihm sagt: „Sie haben da eine 
sehr schöne Kravatte". Er hat den Stolz auf die neuen Kleider, den nur ein 
kleines Kind hat. Neue Schuhe streckt er vor und betrachtet sie immer wieder, 
bis die anderen darauf aufmerksam werden. Mit der Uhr macht er allerlei 
kindische Spielereien, die ihn sehr lange beschäftigen können. Er wirft 
Schlüssel in die Höhe, um sie wieder zu fangen, wirft auf Ausflügen seinen 
Stock weit vor und holt ihn dann ein, was er unermüdlich einen ganzen Tag 
machen kann. 

Er hat aber auch die kriminellen Gedanken eines Kindes, von denen sein 
Schuldbewußtsein stammt. Er geht über eine Brücke. Vor ihm geht ein un- 
bekannter Knabe. Plötzlich durchzuckt es ihn wie ein Blitz: , Den Knaben 
könntest, ja solltest du jetzt ins Wasser werfen!" Er leidet, wie alle diese 
Menschen, welche den Durchbruch ihrer kriminellen Gedanken fürchten, an 
Angst vor dem Wahnsinn. 

t a ? l™? 1 ? immer T ieder schlafen - Die Realität entwertet er permanent. 

£t Ä A e ir Ä ^f? 'P r6Ck "' is * ekelhafi Wozu di ™t denn 
fZ rlÄ Schaffeirttt lächerlich. Nur das Schlafen ist wirkliches 

Leben schon aus wäre! Wenn es nur schon ein Ende hätte'" 

Er istem ewiger Schüler. Immer will er etwas Neues lernen. Er be- 
ginnt Sprachen Naturwissenschaft, sucht nach neuen Kenntnissen. Es sind 
nur Anfange dann verliert er die Geduld. Aber so lange er lernt, fühlt er 
sich als Schuler und als Kind. 



Plötzlich fallt ihm ein, daß er schon mit acht Jahren an Erektionen 
gelitten hat, wenn er sich bückte, um mit seinem Hunde zu spielen. (Ich ver- 
weise aul seinen Hundetraum S.114.) Nim weicht der Nebel, der auf der 
\ ergangenheit hegt. Seine Erinnerung reicht bis ins 8. Jahr zurück. Das ist 
ein großer Fortschritt., Noch größer ist die Erkenntnis, die er täglich neu 
gewinnt. Er ertappt sich jetzt bei seinen Gedanken vor dem Einschlafen. 
Er beginnt immer Pferderl zu spielen.» Er ist ein kleines Kind und hat ein 
bteckenpferd oder spannt einen anderen als Pferd ein. Mit dieser oder einer 
ähnlichen infantilen Phantasie schläft er ein. Heute Nacht träumte er daß 
ihm kalt war und daß er fieberte. Eine Stimme sagte: „Aber das Kind hat 
ja Fieber! 

Es sind Erinnerungsspuren an die unvergeßliche Kinderzoit, da er 
erkrankte und die ganze grenzenlose Liebe seiner Mutter genießen konnte. 

Dann aber geht er auf ein anderes Thema über, das aber zu diesem 
Thema Beziehungen haben muß. Er spricht von seiner Schlaflosigkeit. Er 
wird immer schlaflos, wenn er bei einem Mädchen gewesen ist, also nach einem 
Koitus ist. Diese Erscheinung tritt immer bei Menschen auf, welche der 
Koitus nicht befriedigt hat. Ebenso ist er schlaflos, wenn das Knie anschwillt 
Sonst schläft er so viel und so tief, daß er sich seiner Träume nicht entsinnt 

Bei den Dirnen hat er nie Orgasmus gehabt. Die Ejakulation erfolgte 
stets ohne Orgasmus. Nur wenn er drei oder viermal den Kongressus ausführte 



118 Psychosexueller Infantilismus. 

konnte er dann das dritte oder vierte Mal den Orgasmus erzielen. Aber lange 
nicht so stark, wie nach einem sinnlichen Traume. Den größten Orgasmus 
hat er, wenn er träumt, daß er bei einer Frau den Busen saugt 
und die Brust in den Mund nimmt. 

Sein Orgasmus ist also an die infantile Form der Befriedigung geknüpft. 
Er ist ein Säugling und sucht die Säuglingslust. Bei Frauen aber habe er diese 
Befriedigung nie versucht. Es sei ihm eigentlich alles gleichgültig. Er ent- 
wertet jede Realität, auch die Frau, die er besitzen kann. Alles ist ihm gleich- 
gültig, Wurst, Pomade. ... Nur seine Schuld ist ihm nicht gleichgültig und 
quält ihn unendlich. Neulich war er im Kino und sah ein Stück, in dem ein 
Vater seinen Sohn erschießt. Das ließ ihm keine Ruhe. Das war sein Bild 
Nur umgekehrt. Auch er ist ein Mörder. Er hat seinen Vater umgebracht. 

Er klagt über zu tiefen Schlaf. Sein Schlaf sei schon eine Narkose und 
kein Schlaf mehr zu nennen. Er habe über seine Kindheit nachgedacht und 
da sei ihm manches Wichtige eingefallen. Seine Mutter wäre mit ihm bis 
zum zehnten Jahre sehr lieb und zärtlich gewesen. Dann änderte sich ihr 
Charakter, sie wurde bissig, zänkisch, launisch. Es gab immer Streit im 
Hause. Wenn er sich nach dem Paradies der Kindheit sehne, so sei das be- 
rechtigt. Denn die eisten zehn Jahre seines Lebens seien glücklich gewesen, 
dann aber. kamen die bösen Jahre. 

Er weiß jetzt ganz genau, daß er früher beim Onanieren nur eine 
Phantasie hatte: Er sah den Koitus der Eltern., Er stellte sich alle Phasen 
vor und so stieg seine Libido und sein Orgasmus war grenzenlos. .,Ich muß 
doch eine abnorme sexuelle Konstitution haben", fährt er fort, „ich stelle 
mir z. B. immer eine Vagina vor. Ich gehe auf der Gasse und sehe das Bild 
einer großen Vagina vor mir. Ich schließe im Cafe die Augen und sehe eine 
Vagina. Heute Nacht habe ich auch so einen Traum gehabt .... Ich glaube 
es wurde jemand geboren und ich war dabei . . . ." 

Er träumt von seiner eigenen Geburt. Er hat die bekannten Geburts- 
phantasien. Er fürchtet sich vor dem Durchzwängen durch enge Räume 
Er wird des Nachts von Atemnot überfallen, weil er träumt, daß er sich durch 
einen engen Kamin durchzwängen muß. 1 ) Geburt und Tod beschäftigen ihn 
den ganzen Tag in den verschiedensten Variationen. Als Kind schon hatte 
er. sehr lebhaftes Interesse für das Rätsel, woher die Kinder kommen. Er 
fragte seine Eltern um tausend Dinge, weil er sich nicht traute, die' eine 
wichtige Frage zu stellen: „Woher kommen die Kinder?" 

Da er beim Onanieren immer den Koitus der Eltern vor sich sieht, so 
dürfte diese Phantasie auch eine Hemmung für seine Potenz abgeben. Er hat 
sich immer vor den Frauen gefürchtet. Er sagte sich schon als Junge: „Du 
wirst nie heiraten, damit dich deine Frau nicht so sekkiert, wie die Mutter 
es mit dem Vater macht." Nach einem Koitus trat immer aus unbekannten 
Gründen ein schweres Schuldbewußtsein auf. Er dachte immer: „Mein Gott, 
was hast du getan? Das ist ja schrecklich!" Er schwor sich dann immer,' 
daß es das letzte Mal wäre und daß er niemals einen Geschlechtsverkehr 
ausüben werde. Auch ist ihm erinnerlich, daß seine Mutter die Flecken nach 
den Pollutionen kontrollierte und ihn verdächtigte, er hätte eine ansteckende 
Krankheit nach Hause gebracht. Sie sprach dann viel (er war damals 14 Jahre!) 

*) Vergleiche das Kapitel Geburtsträume in „Die Sprache des Traumes" 



Auf der Stufe eines kleinen Knaben. j-ig 

von den Gefahren der sexuellen Infektionskrankheiten und wie man sich für 
sein Leben ruinieren könne. 

Wir haben gehört, daß die Menschen, welche an Infantilismus infolge 
der Störungen der inneren Sekretion erkranken, die Haare an den Schamteilen 
und dann alle anderen Haare verlieren. Auch unser Patient empfand seine 
Haare als eine Störung und rasierte sich häufig die Haare an den Crines pubis, 
um die Fiktion des Kindes zu unterstützen. Er haßte aber alle Menschen, 
welche sich wie Erwachsene benahmen. Er sagte immer zu sich: „So eine 
Keckheit! So eine Unverschämtheit!" Er entwertete alle Leistungen der 
Großen. Alles war Spielerei und Fopperei. Dabei zeigte er einen abnormen 
Größenwahn. Er war ein genialer Heerführer, ein großer Dichter, ein kolossaler 
Erfinder. Er wollte nur nicht. Da zeigt sich der Infantilismus als Sicherung 
gegen die Forderung der „großen historischen Mission''. 

Wenn er sich vorstellte, daß er einmal heiraten werde, so sah er sich 
vor der Hochzeit weinend. Er nahm dann Abschied von der Kindheit und 
wurde Mann und Vater. Er schützte sich gegen alle Heiratsgedanken einer- 
seits durch die Impotenz, andrerseits dadurch, daß er den Frauen auswich. 
Er suchte nur Dirnen auf, die für die Ehe nicht in Betracht kamen. Und er 
sagte sich immer: „Du hast noch Zeit! Du hast noch viel Zeit!" Die Zeit 
•verschwendete er, wo er konnte. Gab er sich z. B. einen Rock zum Richten 
und sollte er ihn nach drei Tagen abholen, so holte er ihn nach drei Monaten 
ab. Er sagte sich immer: „Du hast noch Zeit!" Sein Infantilismus ist die 
Erwartung der großen Zukunft und er hat immer noch Zeit, noch ist das Leben 
nicht zu Ende. Dazu stimmt, daß er immer wieder im bipolaren Sinne vor dem 
Einschlafen stammelte: „Wenn es nur schon aus wäre!" 

Seine kriminellen Gedanken brachen sofort hervor, wenn er in irgend 
einer Sache gestört wurde. Wurde er geweckt, so sagte er sich sofort: „Der 
ekelhafte Kerl! Wenn er nur schon hin wäre!" Das sagte er auch, wenn sein 
Vater ihn weckte oder ihm unangenehme Aufträge gab. Deshalb sein über- 
großes Schuldbewußtsein. Er haßte die Arbeit, die ihn an den Träumereien 
hinderte. Er hatte vor jeder Arbeit Angst und schob sie immer so lange als 
möglich hinaus. 

Er träumte immer auch auf der Straße. Er entkleidete alle Frauen, 
die er sah und benützte sie in seinen Phantasien. Er blickte zuerst auf die 
Füße und begann die Entkleidung immer von unten. Kinder sehen ja von 
den ganz Großen zuerst die Füße. 

Er fühlt sich immer zurückgesetzt,- ist sehr leicht beleidigt. Immer tut 
man ihm ein großes Unrecht an. Er sieht wie alle Infantilisten nur sein Recht 
und nie das Recht des anderen. 

Er träumte heute Nacht: 

Ich bin zu Hause und höre, wie die Mutter sagt: Es ist ihm was 
geschehen. Dann war sie sehr zärtlich mit mir .... 

Die Mutter war sehr ängstlich und warnte ihn auch vor den Gefahren, 
welche von den Frauen kommen können. Deshalb war er immer schrecklich 
aufgeregt, wenn er bei einer Dirne war. Er konnte dann die ganze Nacht 
nicht schlafen und hatte sicherlich einige schlechte Tage. Daß dieses Ver- 
halten bei Dirnen, bei denen er ja impotent war, irgendwie mit seinem Ver- 
hältnis zur Mutter zusammenhängt, zeigt uns sein nächster Einfall: 



120 



Psychosexueller Iufautilisnitis. 



„Ich war noch keine 16 Jähre, da hörte ich wie die Mutter bei Nacht 
zum Vater sagte: Mir scheint, du kannst nichts mehr, du bist schon impotent!" 

Diese Erinnerung beweist uns, wie er sich um das Geschlechtsleben 
seiner Eltern kümmerte. Er identifizierte sich mit dem Vater und war infolge- 
dessen impotent. Er spielte immer nur eine Szene: den Koitus seiner Eltern. 
Die Dirne wurde zur Mutter, er selbst zum impotenten Vater. 

. ' Es ist selbstverständlich, daß solche Kranke die Ketten zu sprengen 
versuchen, die sie an die Familie binden. Auch er versuchte vergeblich die 
Befreiung. Er war zu Hause mürrisch, blieb lange aus und sperrte sich oft 
allein in sein Zimmer. Er fand die Luft im Hause schlecht, und stinkend. 
(Freilich, sie war von seinen Phantasien verpestet.) Er wollte weg, weit weg, 
nach Amerika und sprach auch öfters davon. Er hatte aber nie die Kraft, diese 
Pläne auszuführen'. Sein Vater, der sehr lieb mit ihm war, tat ihm leid. Trotz- 
dem ihn der Vater tyrannisierte, war er ihm doch immer gut. Der Vater ließ 
ihn nicht auf einen Ball gehen und warnte ihn vor der Gesellschaft leicht- 
sinniger junger Leute. Da brach auch der ,Haß gegen den Vater durch und 
er wünschte ihm den Tod. („Wenn er nur schon hin war!") .... Er hatte 
Phantasien, nach dem Tode des Vaters, seine Stelle bei der Mutter einzu- 
nehmen. Inzestträume mit der Mutter waren früher außerordentlich häufig. 
Die Mutter starb aber vor dem Vater. Nun wollte er dem Vater die Mutter 
ersetzen. Jetzt versagt seine Erinnerung, wie immer, wenn er auf homosexuelle 
Tendenzen stößt.' .... 



Er hat wieder eine furchtbare Nacht gehabt. Derartig schmerzhafte 
Erektionen, daß ihm die Leistenbeugen weh tun. Am Abend war er in einem 
Vortrag. Er schlief sofort ein und kämpfte erwachend vergebens mit dem 
Schlaf. Er ist immer schläfrig. Die Leistenschmerzen sind so groß, daß er 
kaum gehen kann. Er wollte einen Ausflug machen, muß aber wegen der 
enormen Schmerzen zu Hause bleiben. Die Schmerzen scheinen die Strafe für 
seine Haßgedanken gegen den Vater, zu sein. Denn seihe nächsten Assozia- 
tionen sind: Der Vater hatte einen Leistenbruch. Dann kommt er wieder 
auf den Tod des Vaters und berichtet eine interessante Tatsache. Er macht 
sich die bittersten Vorwürfe. Und, wenn die Vorwürfe am stärksten waren 
und er sich am meisten peinigte, dann lief er zu einer Dirne. Täglich wieder- 
holte sich das gleiche Schauspiel. Nach dem Koitus war er deprimiert und 
schwor sich, es wäre das letzte Mal. Endlich berichtet er einen Traum, wie er 
ihn noch nie geträumt habe: 

Zwei geharnischte Ritter sind aufgetreten, die wollten aufeinander 
mit Speeren losstechen, ich sagte, sie sollen das lieber gehen lassen und 
sich aussöhnen. Es handelt sich nämlich um ein Mädel, um eine Lieb- 
schaft. Da ist die Mutter daneben gesessen, da sage ich: Schauen Sie, 
was das für eine gute Frau ist und söhnen sie sich aus. Darauf hat der 
eine Ritter das Mädel geküßt. Er hat das Visier geöffnet, sie haben die 
Speere weggelegt und sich ausgesöhnt. Dann hat der eine Ritter das 
Mädchen geheiratet und der Traum war zu Ende. 

Die Deutung dieses Traumes ist nicht schwer. In ihm kämpfen zwei 
Kräfte gegeneinander. Es zieht ihn zu den Frauen hin und er fürchtet sie. 
Der Hinweis auf die Mutter soll diesem Kampfe ein Ende machen. Das zeigt 
uns, daß er heiraten würde, wenn er ein Ebenbild der Mutter finden würde. 
Der Traum hat entschieden eine prospektive Tendenz, als wollte er das Ende 






Auf der Stufe eines kleinen. Knaben. 



121 



des inneren Zwistes und die Möglichkeit einer Heilung künden. Andrerseits 
merkt der erfahrene Traumdeuter, daß das Mädchen für die Mutter steht und 
das der Kampf mit dem Vater um die Mutter entbrennt. Er betrachtete den 
Vater als Rivalen in dem Kampfe um die Liebe der Mutter. Der Traum pro- 
pagiert Friedenstendenzen und Versöhnung mit dem Vater., 



Eigentümliche Reaktionen weiß unser Patient nach den verschiedenen 
Bädern zu berichten. Nach einem Dampfbade wird er ebenso schlaflos und ge- 
brochen wie nach einem Koitus. Er hat dann in der schlaflosen Nacht die 
Empfindung, als würde es in seinem Gehirne „regnen". Auch die mit dem 
Bade verbundene Massage regt ihn ungeheuer auf und macht ihn einige Tage 
ganz verwirrt. Diese Reaktion ist typisch für die verdrängte Homosexualität. 
Ebenso wirken auf den Patienten alle Bäder, wo Männer in größerer Anzahl 
nackt zu sehen sind. Auch das lauwanne Bad hat eine unangenehme, aber 
ganz anders gefärbte Wirkung. Er wird schläfrig und traurig und möchte 
am liebsten weinen. Es ist dies die Erinnerung an die Bäder, die er in der 
frühesten Kindheit mit Assistenz der Mutter erlebte. 

Die Badeerotik, die bei vielen Menschen und auch bei ganzen 
Völkern eine so große Rolle spielt, hängt mit diesen infantilen Badeein- 
drücken zusammen. Ich kenne Männer, die nur im Bade potent sind, 
wenn ihre Sexualität mit Hilfe der- kindlichen Eindrücke aufgestachelt 
und aufgepeitscht wird. Andere werden im Bade durch die Erinnerung 
an das Baden mit den Schwestern impotent, wie wir uns immer vor 
Augen halten müssen, daß jede infantile Einwirkung sich als Reiz oder 
als Hemmung äußern kann, oft bei ein und demselben Menschen in beiden 
Reaktionsformen. Daß manche Wirkungen der hydropathischen Kuren 
auf Infantilismen zurückgehen, daß auch die Freude am Baden auch eine 
infantile Wurzel hat, zeigen mir sehr viele Beobachtungen. 

Auf die Schmerzen haben die Bäder keine Einwirkung. Er unterscheidet 
die Schmerzen in zwei Attacken. Zuerst tritt ein Leistenschmerz kombiniert 
mit einem furchtbaren Schmerze im Rücken auf. Dieser wird dann von der 
Entzündung im Knie abgelöst, die mit mathematischer Exaktheit alle 13 1 /» 
Tage erscheint. Also eine weibliche Periode im Sinne von Fließ. 1 ) Hie und 
da kommen beide Attacken zusammen. Das sind seine schlechtesten Zeiten. 
Da wird er unfähig das Haus zu verlassen. 

Interessante Aufklärungen über die Psychogenese dieses Leidens erhält 
man von den nächsten Einfällen des Patienten. Er erzählt, daß sein Vater an 
schwerer Gicht gelitten hat und mit einem Stocke gehen mußte. Er klagte 
gleichfalls über Schmerzen in der Leiste (hatte einen Leistenbruch I) und 
mußte einen Stock gebrauchen. Der Vater. klagte viel über seine Schmerzen, 
und. sein Sohn wollte ihm die Schmerzen nicht recht glauben. Die Schmerzen 
muß er nun am eigenen Körper durchkosten. Denn, diese Schmerzen bestehen 
seit 24 Jahren, d. h. seit dem Tode des Vaters. 



l ) „Die Beziehungen der Nase zu den weiblichen Geschlechtsorganen" und .,Der 
Aufbau des Lebens." Beide Werke im Verlage von Franz Deuticke in Wien. 



122 



Psychosexucller Iufantilismus. 



Die Schmerzen vertreten Vorwürfe! Sie sind 
eineSelbstbeßtrafung und dienen der dauernden 
Fixierung der reuevollen Erinnerung. 

Ich habe ähnliche Fälle in den „Nervösen Angstzustän- 
den" beschrieben. Keiner ist durch eine solche enorme Dauer der Vor- 
würfe ausgezeichnet. Seit dem Kriege hat sich der Zustand bedeutend 
verschlimmert, was durch den Einfluß auf seinen latenten Sadismus 
zu erklären ist. 

Nur dem Nichteingeweihten erscheint der Umstand überraschend, 
daß unser Patient nach einer Nasenoperation zwei Monate vollkom- 
menster Ruhe von allen Schmerzen und Beschwerden genoß. Das hängt 
mit dem Umstände zusammen, daß Neurotiker, die an einem patholo- 
gischen Schuldgefühl und innerer Frömmigkeit leiden, die Operation als 
eine Art Gottesprobe auffassen. Jetzt hat sie Gott in seiner Gewalt 
und kann entscheiden, ob sie würdig sind weiter zu leben oder zu sterben. 
So sieht man nach schweren Operationen verblüffende Besserungen, 
oft auch Verschlimmerungen des Leidens auftreten. Die Blinddarment- 
zündung und die Operation kann als Strafe Gottes aufgefaßt werden, 
das Überstehen der Operation als 'Gnade Gottes. Meist gestehen diese 
Kranken, daß sie vor der Operation gebetet und ein Gelübde geleistet 
haben. Man kann deshalb nach Operationen Veränderungen des Charak- 
ters beobachten, die sehr merkwürdig sind. Daß die Narkose für Frauen 
und auch Männer ein Trauma sein kann und die Vergewaltigungsphantasie 
neu belebt, habe ich in den „Nervösen Angstzuständen" beschrieben. 



Er klagt über einen Schmerz im After. Er hatte die ganze Nacht sehr 
häufige Diarrhoen. In früheren Jahren wurde die Attacke immer durch einige 
Tage profuser Diarrhoen eingeleitet. Diese Symptome lassen auf irgend eine 
Beteiligung des Anus als erogene Zone schließen. Gefehlt wäre es, ohne 
größeres Beweismaterial dem Patienten davon Mitteilung zu machen. Seine 
Assoziationen bleiben bei. dem Thema. Er habe als Kind' an Obstipation ge- 
litten und wurde von der Mutter häufig klystiert. Er leidet auch jetzt an 
starker Gasentwicklung. Ganz wie sein Vater. Sein Vater habe die ganze 
Nacht an Gasen zu leiden gehabt und dieses Leiden machte sich im ganzen 
Zimmer fühlbar und hörbar. 

Er klagt über Kreuzschmerzen und Schmerzen im Rückenmark. Der 
ganze Rücken sei wund. ... 

Auch mit der Nase gehe es ihm schlecht. Sie sei nie normal. Einmal zu 
trocken, als wenn nichts drin wäre, das andere Mal verstopft. 

Plötzlich fällt es ihm ein, daß er schon als Kind an geschwollenen 
Knien gelitten hat. Er sieht jetzt die Szene, wie ein Doktor ihm die Knie 
mißt und nachsieht, ob sie geschwollen sind. 

Sein Knieleiden hat also eine infantile Wurzel, die ihm selbst bisher 
nicht bewußt war. 



Auf der Stufe eines kleinen Knaben. 193 

Ohne Vermittlung springen seine Gedanken auf seine Lieblingspkanta- 
sieh, wie man Geld erwerben könnte, ohne zu arbeiten. Die Arbeit ist sein 
größter Feind. Seine liebste Phantasie ist die eines großen Haupttreffers, 
nicht unter einer halben Million. Da stellt er sich vor, wie er ins Büro geht 
lind dem Vorstand kündigt. Wie er allen Kollegen sein Glück erzählt und 
dann machen kann, was er will. (Natürlich träumen!) 

Scheinbar unvermittelt erzählt er dann, daß er im Cafe sich sehr ge- 
ärgert hat. Er sah einen Mann, für den gesammelt wurde, Karten spielen. 
Da verlor er seine Ruhe und machte ihm einen Skandal. Er kann sich bei 
mir noch immer nicht beruhigen, so daß ich einen Zusammenhang mit dem 
heutigen Material vermute. 

„Spielen Sie auch Karten?" 

„Ich nicht, aber mein Bruder." 

„Sie haben einen Bruder? Sie haben mir ja nichts davon erzählt." 

„Weil ich froh bin, wenn ich an den Kerl nicht denken muß." 

„Warum nennen Sie ihn einen „Kerl"?" 

„Weil er ein „Fallot" 1 ) ist. Er kommt immer zu mir und verlangt 
Geld. Dann sitzt er im Kaffeehause und verspielt alles, was ich ihm gegeben 
habe." 

„Warum geben Sie ihm das Geld, wenn Sie das wissen?" 
„Ich kann nicht anders. Ich glaube ihm immer wieder und falle immer 
wieder herein, wenn er mir seine Geschichten erzählt. Ich schäme mich ihn 
abzuweisen. Dann habe ich eine große Angst. Ich fürchte, der Bruder könnte 
sich etwas antun, wenn ich ihm das Geld nicht gebe. Diese Verantwortung 
kann ich nicht übernehmen." 

Wir kennen schon sein Spiel mit den Todesgedanken. Er fürchtet immer 
an dem Tode anderer Menschen schuld zu sein. Er schenkte vor einigen Tagen 
einem Kinde eine Orange. Sofort dachte er: Das Kind könnte an der Orange 
ersticken, es könnte über eine Orangenschale fallen und sich den Kopf zer- 
schlagen, sterben und dann wirst du dir Vorwürfe machen. Er haßt die ganze 
Welt und wünscht allen, die mit ihm zusammentreffen, den Tod. So bedachte 
er wiederholt seinen Bruder mit Todeswünschen und ist ihm jetzt dadurch 
wehrlos ausgeliefert. 

Andrerseits muß sich seine Bipolarität auch darin äußern, daß er den 
Bruder liebt. Es scheint, daß der Bruder sein Schicksal mächtig determiniert 
hat. Zusammenhänge zwischen seinen ersten Assoziationen und den Einfällen 
vom Bruder sind zu vermuten. 

Sein Bruder ist verheiratet und scheint es auch mit Frauen lustig zu 
treiben. E r muß sich vor allen Frauen hüten. Wenn er bei einer Dirne war, 
wird sein ganzer Zustand schlimmer. Schuld seien die Ärzte, die ihn immer 
zu den Frauen gejagt haben, ihm sogar rieten, mehrere Male zu verkehren. 
Dadurch habe er sich ganz ruiniert. 

Plötzlich: „Habe ich Ihnen schon erzählt, daß ich in der Prostata 
massiert wurde. Es war ein furchtbarer Schmerz. Der Arzt aber meinte, "es 
wäre notwendig, da mein Leiden von einer Vergrößerung der Prostata her- 
rührt." (Wieder Assoziationen vom Hineinstecken in den After. Analsexualität.) 



J ) Wiener Ausdruck für einen Tunichtgut. 



1-4 rsychosexueller Infaijtilismus. 

Er hat einen unruhigen Traum gehabt: 

Er war mit mehreren Herren in einem Vollbade. Die Herren waren 
nackt. 

Mehr weiß er nicht zu sagen. Wir merken, wie die homosexuellen Ten- 
denzen (Schmerz im After!) immer stärker einsetzen. Er berichtet von seinen 
turchtbaren Depressionen. (Wir treffen sie immer bei Menschen, die mit ihrem 
Geschlechte unzufrieden sind. Bei Männern, die gerne Frauen wären und 
umgekehrt. Die Depression ist die Trauer über die unüberbrückbare Kluft 
zwischen Seele und Körper.) 1 ) 

Sein größter Feind ist die Arbeit. Er sagt sich schon im vorhinein: 
„Ls wird nicht gehen! Das bringst du nicht zustande! Dann geht, es wirklich 
nicht. Das hat er oft genug erprobt. Dann verwirrt sich etwas im Gehirn 
??* w , ^' beite ° so11 ( Bei allen Formen des Infantilismus!) Er hat ein 
ode S Gefühl im Gehirn. Er kommt sich wie blöd vor. Wie eine ausgepreßte 
Zitrone. Dabei sagt er gerne bei der Arbeit : „So ein Unglück ! So ein Malheur !" 
• Er hat heute das Gefühl, als ob das Knie „kochen" würde. 

Seine Gedanken wollen immer wieder auf den Bruder gehen. Aber man 
merkt, daß er sich bemüht, die Gedanken von dieser Richtung abzubringen. 
£r zeigt jene „Assoziationsangst" =■'), welche in solchen Momenten immer zum 
Vorschein kommt. 

In solchen Fällen schaffen die Patienten sich in der Analyse- Aktuali- 
täten, welche die retrospektive Tendenz der Analyse unmöglich machen. Es 
werden Konflikte herbeigeschafft oder verstärktem das Bewußtsein ganz auf 
die Gegenwart und die Zukunft zu richten. In diesem FaUe wurde irgend 
ein ^alltäglicher Vorgang benützt, um sich gewaltig aufzuregen und zu betonen, 
daß m solchen Zeiten die Behandlung nichts nütze. Er jammert über sein 
rech und über seine Verwandten. Es sei so schön gegangen er habe sich 
schon viel besser gefühlt, da sei der Neffe gekommen usw 

Trotzdem enthüllt sich sein Bild immer klarer. Es tritt der neidische 
von hypertrophischen Größenwahn erfüllte Mensch zutage. Er ist eine be- 
sondere Person die allen Menschen Unglück bringt. Er ist Attila. Wo er 
hintritt, wachst kein Gras. Wer mit ihm verkehrt, geht bald zugrunde. Wem 
er Böses wünscht der erlebt esi Sein geheimer „Glaube an die All- 
macht der Gedanken" isoliert ihn von allen Menschen. Da er Jedem 
iJoses wünscht, hat er auch alles Böse verschuldet 

Jetzt verstehen wir, warum er nach dem Tode des Vaters zu einem 
Pfarrer beichten g.ng und sich des Mordes an seinem Vater beschuldigte. Er 
bat um recht strenge Strafen, um diesen Mord zu sühnen. Er sagt sich oft- 
„Du bist ein Morder! 

Er kann nicht lieben und fühlt diesen Mangel als eine nicht zu ändernde 
Anlage. Seine Selbstmordgedanken sind die Strafe für seinen ewigen Haß 
der sich gegen alle Besitzenden, alle Glücklichen, alle Liebenden und besonders 

" x ) Vergleiche das Kapitel „Depressionen" in Bd. II, II. Auflage. 
2 ) Der Ausdruck stammt von Otto Groß und ist seinem gedankenreichen Werke 
„Über psychopathische Minderwertigkeiten"' (Wilhelm Braumüller, Leipzig und Wien, 
1909) entnommen. „Die Sensitiven dieser Art" sagt Groß, „u. zw. vor allem die Gebil- 
deten, überwachen gewissermaßen ihre Assoziationen mit ängstlicher Sorgfalt, in 
stärkeren Graden mit einer wirklichen „Assoziationsangst". 






' Auf der Stufe eines kleinen Knaben. 125 

gegen alle Menschen richtet, die gerne und viel arbeiten. Diese beneidet er 
und entwertet ihre Arbeit, um nicht fürder beneiden zu müssen. 



Jetzt gesteht er, daß er ein älteres Fräulein gerne geheiratet hätte. 
Es. ist eine Nichte mütterlicherseits, also eine lmago seiner Mutter. Aber seine 
Impotenz ist das Hindernis. Die Behandlung soll ihn potent machen. Es 
scheint, daß er nun das Leben des einsamen Junggesellen satt geworden ist 
und ein Mann werden möchte 

Die Idee zu heiraten ist eine seiner unzähligen schüchternen Versuche 
sich von seiner Kindheit zu emanzipieren und ein Mann zu werden. Sein ganzes 
Leben besteht aus solchen Vorsätzen, die er nie ausgeführt hat. 

Er fühlt, daß er nie gesund werden wird, weil ihm der Wille zur Ge- 
sundheit fehlt. Wenn er irgend eine Kur macht, so fürchtet er, wenn er eine 
günstige Wirkung bemerkt, er könnte gesund werden. Und eine Stimme sagt 
ihm: „Du verdienst nicht, daß du gesund wirst. So ein Schurke darf nicht 
gesund sein!" ... 

Er wünscht allen Menschen Böses. Alle werden verhungern, weil jetzt 
der Krieg ist und sie verdienen es nicht besser. Alle Menschen sind Trottel, 
sind blöd. Alle sollen hinwerden. 



Hatte diese Nacht entsetzliche Schmerzen im Kreuz und in den Leisten. 
Schon häufig war der Schmerz so heftig, daß er einen Arzt holen lassen 
mußte und sich eine Injektion machen ließ. Es war ein junger sympathischer 
Arzt aus der Nachbarschaft. Diese Injektion war der symbolische Ersatz 
einer immissio penis und einer Injektion von Sperma. Das beweist schon 
seine nächste Assoziation : „Ich kann nie auf dem Bauche liegen. Dann fühle 
ich mich unsicher, als ob jemand das Kreuz eindrücken würde." 

Man lerne auf die Sprache horchen, in. der die Beschwerden der Hypo- 
chonder vorgetragen werden und man wird bald auf die sexuelle Symbolik 
kommen. Unser Patient schildert seine Kreuzschmerzen: „Die Schmerzen 
gehen vom Kreuz in das Gehirn, als ob dort ein höllisches Feuer brennen 
würde. Haben Sie schon so etwas gehört? Als ob eine Kerze im Kreuz (lies 
Anus und statt Kerze Penis!) brennen würde und die Flamme geht dann in 
den Hinterkopf. Ein Schmerz im Anus, als ob dort etwas Hartes, alter Stuhl, 
oder so etwas stecken würde. . . ." 

Die- Beschwerden zeigen also deutlich homosexuelle Phantasien mit 
Betonung des Anus als erogene Zone. Er betont, daß die Homosexualität 
für ihn das Ekelhafteste sei, was es gäbe. Wenn er nur daran denke, so komme 
ihm schon das Brechen an. Wir kennen aber diese negative affektative Ein- 
stellung als verdrängte Libido. Wir fragen, ob er in der Kindheit mit Kanu- 
raden irgend welche homosexuelle Spiele getrieben. Erst will er davon nichts 
wissen, dann aber erinnert er sich verschiedener Szenen, bei denen auch sein 
Bruder beteiligt war. So ist ihm eine Szene erinnerlich, da er und sein Bruder 
sich ein Zelt errichteten und sich dort entblößten. Was in dem Zelte vorge- 
fallen ist, dessen will er sich nicht erinnern: Er lenkt von dem Thema ab. 
fängt zu gähnen an, sieht sich einige meiner Bilder an und meint, es wäro 
schon spät, er müsse ins Büro gehen. 



1^6 Psychosexueller Infantilismus. 

rwW ™% Tf'f tehen f: ber ' warum ^ nach einem Koitus onanieren mußte 

ÖSTi^ Weil 'fr t äDgende Homosexualität nicht T 
2235 . wu,de - El lsfc imi *cr auf der Flucht vor der Homosexualität Fr 

fe iDfantÜe B6friedi ^ - !* -ch ein KindTn™wm doch 

Der Fall zeigt uns alle Momente, auf die ich in den früheren 
Kapiteln hingewiesen habe. Der Tod des Vaters fixiert das Leiden ein 
permanen er Traum- und Schlafzustand ermöglicht ihm die Regnession 
die Unlust zur Arbeit macht ihn früh zum Halbinvaliden, er ist bei 
brauen impotent und leidet doch an Satyriasis 

Ich. bedauere, daß ich die Analyse nicht weiter fuhren konnte 
Aber m diesen Fällen brechen die Patienten häufig ab, wenn ihre latente 

ÄÄ Ti es V, werdea droht - Er versicherte ■*. « wS 

nur aus Geldmangel die Behandlung nicht fortsetzen, die ihm schon sehr 
viel geholfen habe.. Als ich ihm den Antrag stellte, ich wollte ihn un- 
entgeltlich weiterb ehandeln, lehnte er entrüstet ab: „Ich werde doch Ihl 
kostbare Zeit nicht umsonst in Anspruch nehmen " 

i*™, S 2? 1^ f Wahl ' heit WisSen ' WÜ1 nicht S esu » d werden. Er 

ammert jeden Menschen an, dem er begegnet. Er fühlt sich so glücklich 

m seinem Unglück. Und das soll nun anders werden? Er bleibt schon 

T? a — ,7 f Sic 5, wied f * se ™ ^fantilen Spiele, in die kindische 
Traumwelt gleiten: Er geht wieder seufzend zu Bett und jammert- 

N^Tph nU1 ' 7 fT™ 8 Wär ' ! Wenn daS Leben nur ein Ende hätte." 
Nie mehr erwachen! Ewig schlafen . . . das wäre mein Ideal! . . ..« 

Es ist zu spät, um dieses alte Kind zu neuem Leben zu erwecken. 

«diabÄ e Ä ^^ SW* ? T ieder - Er hätte so fonAtbare Schmerzen 
gehabt daß er seh einen Doktor holen und eine Injektion machen ließ Die 
Behandlung sei ihm sehr peinlich, durchaus kein Vergnügen Ich solle n 
nur schnell fragen, was ich noch zu fragen hätte 

bis HÄ5K Äg& nicht auf das Fragen an - Ich ^ ***• 

Unters'ucU^tr?^ ^ff ^ *£? ** VOr & bei *W 

„Das heißt, Sie haben mir wichtige Zusammenhänge verschwiegen und 
wollen sich darum drücken. Ich bestehe keineswegs auf deren Äu£« 

s a ■ wf bat V däS fÜr eiDGn Sinn? Ich wil1 doch g esu "d ^rden. Ich weiß 
daß ich Ihnen alles sagen muß. Fragen Sie!" ' 

+Ail«n 'f eiQ Ti' " ' Icl V f lu ge o nie ' l0h überIasse es Ihrem Ermessen, mir mitzu- 
Kn'J r T €ln / a w Sle c Wlssen aber: Sie «>llen mir alles mitteilen, was 
Ihnen eingefallen ist. Wenn Sie den Mut dazu nicht aufbringen, so können 
wir ja die Behandlung aufgeben." ■ rennen 

»Nein. Das mag ich nicht. Denn es geht mir trotz der Schmerzen ent- 

sssäÄ SS»'* un - ieh habe nicht mehr ein fortwährendee 



Auf der Stufe eines kleineu Knaben. 



127 



Ich schweige .... 

„Nun wenn Sie nicht fragen wollen. Ich habe Ihnen verschwiegen, daß 
ich von Kindheit an immer den Koitus der Eltern belauscht habe und daß 
ich dabei regelmäßig onanierte. Ich hörte alles, alles, was die Eltern sprachen. 
Die Ausrufe der Mutter /„Wie süß" . . . „Ach ist das gut!", was mich rasend 
vor Begierde machte. Ich wünschte mir bald die Mutter, bald der Vater zu 
sein. Ich wollte auch in der Nacht statt des Vaters zur Mutter schleichen . . . 
Ach, es ist soviel Häßliches und Peinliches, daß ich Ihnen fast nicht alles 
erzählen kann. Aber ich weiß jetzt, daß diese Eindrücke der Kindheit mich 
krank gemacht haben und daß ich immer an diese Szenen denken muß. . . ." 

Nach einer Weile fährt er fort: 

„Ich habe auch über meine Homosexualität nachgedacht und muß mir 
leider eingestehen, daß ich keineswegs davon frei bin. Ich habe immer den 
Vater nackt sehen wollen und hatte^viel Gelegenheit dazu, da ich gestehen 
muß, daß der Vater sich vor uns gar nicht genierte. Ich verglich immer seinen 
Penis mit meinem und war unglücklich, daß ich schwächer war als er. Davon 
ist mir die Gewohnheit geblieben, alle Männer auf die Größe des Penis zu 
untersuchen. Mein erster Blick bei einem Mann fällt immer auf die Hose. . . . 
Ich habe auch andere homosexuelle Phantasien, aber lange nicht so andauernd 
wie die heterosexuellen. Ich nenne sie „fliegende Gedanken". Wie ein Blitz 
schießen sie durch meinen Kopf und verschwinden so schnell wie sie gekommen 
sind. Da sehe ich immer einen großen Penis. Ich will aber nicht daran 
denken und dann stelle ich mir eine Vagina vor. Ich sehe 
auch homosexuelle Akte, aber diese sehr selten und nur fliegend wie ein Blitz- 
licht tauchen sie auf und verschwinden. Ist das Homosexualität? . . . Nein . . . 
diese Behandlung ist peinlich. Da soll man über Dinge reden, die man bisher 
nicht sehen wollte." 

„An diesem ,Nichtsehenwollen' erkranken die Menschen. Wer gesund 
sein will, muß alles offen und bewußt sehen. Dann kann er seine bösen Ge- 
danken und seine krankhaften Triebe leichter überwinden. Das Verdrängte 
kommt immer wieder. ..." 

„Ich beginne das zu verstehen. Ich wollte aber von diesen Dingen 
nichts wissen und mußte doch immer daran denken. Es ist spät. Ich habe 
Sie schon zu lange aufgehalten. . . ." 



P 



„Ich fühle jetzt, daß ich nur durch diese Behandlung gesund werden 
kann. Es geht mir viel besser. Ich bin nicht mehr so schläfrig und fange an, 
mir über meine Träumereien Rechenschaft zu geben. Ich weiß jetzt, daß meine 
Mutter in meiner Krankheit eine große Rolle gespielt hat. Ich sah sie wieder- 
holt nackt. Sie genierte sich vor mir nicht und ahnte nicht, daß ich ihren 
Anblick mit gierigen Augen verschlang. Das erste Mal, als ich sie nackt sah, 
trug sie weiße Strümpfe. Nun suchte ich immer eine Dirne, die weiße Strümpfe 
trug und bewog eine mir bekannte Dirne, weiße Strümpfe anzuziehen. Ich 
weiß auch, daß ich die ersten Male immer an die Mutter dachte. Ich hatte auch 
nach dem Verkehr, der ja aus diesem Grunde mißlingen mußte, ein bitteres 
Gefühl und sagte mir immer: „Was hast du gemacht! So eine Sünde! So eine 
Sünde!" Das waren meine Hemmungen und das trieb mich immer wieder zu 
den Dirnen. . . . 



128 Psychosexueller Infantilismus. 

Nun will ich Ihnen noch von den Spielen mit meinem Bruder erzählen. 
Sie waren nicht so harmlos, als ich sie zuerst schilderte. Wir entkleideten 
uns, der Bruder und noch andere Knaben und krochen dann unter das zwischen 
zwei Betten gebildete Zelt. Dort mußte einer dem anderen in den Anus 
schauen und daran riechen. Wir kitzelten uns gegenseitig mit einer feinen 
Feder .... Doch weiter ist nichts vorgefallen. 

Ich weiß, daß er mir noch Wichtiges verschweigt, dringe aber nicht in 
ihn. Er fährt dann fort: 

„Gestern stieg ich iii die Elektrische ein. Hinter mir stand ein- Mann, 
der mich zufällig berührte. Ich bekam eine fürchterliche Wut und hätte ihn 
niederschlagen können. Ich sagte immer wieder: „Ist das ein ekelhafter Kerl!" 
Es war aber ein schöner junger Mann in Uniform. Ich dachte aber nach und 
erkannte, daß ich mich gegen meine homosexuellen Gelüste durch Zorn und 
Ekel schützen wollte. Wie er mich berührte, ging es mir zuerst heiß durch den 
Körper. Dann kam es zu der von Ihnen beschriebenen Reaktion .... Ich will 
ja alles sagen und fühle mich jetzt viel freier, als je im Leben. Ich will ver- 
suchen, nach der Behandlung ein neues Leben zu beginnen. Auch mit der 
. . Arbeit geht es mir besser. Gestern konnte ich schon eine Stunde ohne Störung 
schreiben. Kein Krampf! Ich sagte mir: „Du fauler Hund du! Du willst 
ja nicht schreiben !" und siehe da! Auf einmal ging es ganz tadellos. Dann 
verfiel ich wieder in Träumereien und der Krampf war wieder da. Was soll ich 
machen?" 

„Trachten Sie Ihre Tagträume aufzufangen. Das ist jetzt Ihre nächste 
Aufgabe." 

Ein merkwürdiger Traum! 

Ich bin bei Dr. S. Er zeigt mir im Zimmer eine Menge Photo- 
graphien. Das sind Bilder von Mädchen, die mir alle zur Verfügung stehen. 
Der Arzt gibt mir täglich die Adresse eines, anderen Mädchens und sagt: 
Diese werden Sie alle haben! 

Analyse: Dr. S. ist ein Arzt, den er vor einem Jahre aufsuchte. Dieser 
Arzt behauptete, er hätte eine Entzündung im Rückenmarke. Er solle sich 
einige Injektionen ins Rückenmark machen lassen, dann werde alles sicher 
gut werden. 

Die Injektion ins Rückenmark wird zum Symbol eines homosexuellen 
Aktes und der Arzt steht für mich. Der Traum zeigt uns, wie aus der ver- 
drängten Homosexualität der Don Juanismus entsteht. Ich gebe ihm die 
Adressen der Mädchen. Seit einigen Tagen erwacht in ihm wieder der Drang, 
zu Mädchen zu laufen. Er wartet meine Erlaubnis ab. Ich habe ihm während 
der Behandlung jedes Experiment untersagt. Nun zündet er sich homosexuell 
bei mir, um dann bei den Mädchen zu verbrennen. 

Er betont, daß er immer vor dem Anschwellen des Knies kolossal 
sexuell erregt sei. Es zeigt sieh, daß er zwei Perioden hat: Eine weibliche, 
in der Schmerzen in den Leisten und dem Rücken auftreten und eine männ- 
liche, in der das Knie anschwillt. Die Vergrößerung des Knies scheint der 
Ersatz einer Erektion zu sein. . . Das Knie ist seine erogene Zone. Nackte 
Knie haben ihn immer sexuell erregt und der Wunsch, so stark zu sein wie 
die Tiroler, die ihre Knie nackt zeigen können, war in ihm stets vorhanden. 
Nun hat er das starke Knie und kann es sehen lassen. Deshalb spricht er immer 



Auf der Stufe eiiies kleiueu Knaben. 129 

wieder davon, daß er trotz des geschwollenen Knies Bergpartien unternehmen 
könne. 

Jetzt bricht er die Analyse ab, da er unmöglich sich unentgeltlich be- 
handeln lassen könne. Es geht ihm ausgezeichnet. Er hat sich mit seiner 
Nichte verlobt und will in kurzer Zeit heiraten. Die Knieschwellungen sind 
nicht mehr schmerzhaft. 

Nach einigen Jahren sah ich ihn auf der Straße. Er stellt mir 
seine Frau vor und sagt mir leise: „Erzählen Sie nichts von meinen 
Dummheiten." Dann laut: „Du, Fanny! Das ist der gute Doktor, der 
mich durch Massage von meiner Kniegelenksentzündung geheilt, hat. . . ." 



Stekel. Störimgon des Trieb- und Affaktlebens. T. 



VIII. 
Wutanfälle. 

Viele Kinder leiden an Wutanfällen. In den meisten Fällen handelt 
es sich um die Wirkung einer mächtigen Eifersucht. Als Trotzreaktion 
auf unerfüllte Wünsche treten dann die Wutanfälle auf. Das Kind wirft 
sich zu Boden,- strampelt mit den Beinen, reißt sich bei den Haaren, 
zerbricht "Gläser oder andere zerbrechliche Gegenstände, zerstört das 
Spielzeug, zerbeißt das Taschentuch. Oft kommt es zu Aggressionen 
gegen die Erwachsenen. Mitunter werden Schimpfworte ausgestoßen. 

Diese Wutanfälle werden oft durch ein ruhiges mildes Wesen 
überkompensiert, oder sie führen zu epileptischen Anfällen,, wenn die 
sadistischen Phantasien nicht mehr -bewußtseinsfähig sind. 1 ) 

Ich kenne aber Fälle, in denen sich diese Wutanfälle von der Kind- 
heit an bis in das. Leben der Erwachsenen fortsetzen. Besonders wenn 
diese Wutanfälle dazu dienen, die Herrschaft im Hause zu sichern und 
das Rachebedürfnis der eifersüchtigen Seele zu stillen. 

Bei manchen dieser Neurotiker wird man finden, daß diese Wut- 
anfälle die Reaktion auf einen unerfüllten Wunsch — auf die „fixe Idee" 
darstellen. Merkt der Kranke, daß man seiner fixen Idee entgegen- 
arbeitet, so reagiert er mit Wut. Fast immer ist diese Wut die Reaktion 
auf verschmähte Liebe. Der nächste Fall gibt eine gute Illustration 
dieser Phänomene. 

Fall Nr. 22. Herr Z. 0., ein 23jähriger Jüngling, verlangt Abhilfe vom 
„Laster der Onanie". Er hat mit 21 Jahren spontan zu onanieren angefangen. 
Obwohl er sich die größte Mühe gab, die Onanie zu unterdrücken, mußte er' 
immer wieder in diese Form der Befriedigung verfallen. Er weiß nicht, wie 
er dazu gekommen ist. Er wurde nicht verführt, sondern kam eines Nachts, 
von einem mächtigen Drange getrieben, dazu, sich durch Reibung eine Er- 
leichterung zu verschaffen. Sofort traten tiefe Reue und Ekel vor eich selbst 
auf. Er schwor es sich hoch und heilig, daß das nicht mehr vorkommen 
dürfte. Aber nach einer Woche war der Trieb wieder stärker als seine guten 
Vorsätze. 

Die Erzählungen über sein Sexualleben sind merkwürdig genug, um 
fixiert zu werden. Er war nie wie die anderen Kinder, immer einsam, immer 
ein Sonderling. Er hörte viel von sexuellen Dingen reden, hatte aber Ekel 
vor diesen schmutzigen Dingen und nahm sich vor, nie mit einer Frau zu 

*) Vergl. Bd. I, 3. Aufl., das Kapitel : Die psychische Behandlung der Epilepsie. 







Wutanfälle. |:jj 

verkehren. Ursprünglich sollte er sich dem Handwerk widmen und wurde 
von seinem Vater zu einem Tischler in die Lehre gegeben. Da fühlte er 
sich erst zufrieden, bis der Drang in ihm erwachte, sich als Künstler zu 
betätigen und er es durchsetzte, daß er Geige lernen konnte, worin er es 
. ziemlich weit brachte, obwohl er so spät zu leinen anfing. Mit 15 Jahren, 
als er noch Tischlerlehrling war, erwachte er des Nachts aus einem erotischen 
Traume. Er glaubt, daß er nackte Frauen geküßt hat. Die näheren Details 
sind ihm nicht bekannt. Er hatte damals seine erste Pollution, die sich in 
gewissen Abständen wiederholte und erst aussetzte, als er zu onanieren anfing. 
Wie er lfi Jahre alt war. neckte ihn ein Dienstmädchen, das ungefähr 
20 Jahre alt war, mit den Flecken auf seinem Leintuche und versuchte ihn 
zu verführen. Sie gab ihm Bücher über das Geschlechtsleben, um seine 
Phantasie zu entflammen. Das gelang ihr wohl — wenigstens für eine Zeit- 
lang — , aber er war nicht zu hewegen. sich mit ihr -intimer einzulassen. 
Dann aber kam die Zeit, wo er von Früh bis Abend nur Geige spielte und 
auch Musiktheorie sehr fleißig studierte. Er dachte nie an geschlechtliche 
Dinge. Er war zu sehr abgelenkt. 

Diese Beobachtung werden wir häufig bei Menschen machen, die an- 
geben, asexuell zu sein. Es sind. immer Leute, die so beschäftigt sind resp. 
die sich so viel Beschäftigung aufbürden, daß ihnen keine Zeit bleibt, an die 
sexuellen Dinge zu denken. Sie lenken sich auf diese Weise scheinbar ab. 
Ich sage „scheinbar 4- , weil, wie in diesem Falle, plötzlich die zurückgestaute 
latente Sexualität mächtig durchbricht. 

Jetzt onaniert unser Jüngling öfters mit Gedanken an dieses Mädchen 
und holt die versäumten Szenen nach. Das entspricht seinem Charakter, der 
ein schüchterner, unselbständiger ist. Er hat gar kein Selbstvertrauen und 
leidet an dem Gefühle der Minderwertigkeit. Er ist klein und schon dieser 
• Fehler macht ihn sozial unmöglich. Er traut sich in keine Gesellschaft und 
kann den Gedanken nicht fassen, daß er einem Mädchen gefallen könnte. 
Auch seine eigenen musikalischen Leistungen unterschätzt er und wundert 
sich, daß er die Prüfungen so gut bestehen konnte. Er hatte jedesmal ganz 
sicher geglaubt, daß er durchfallen müsse, weil es ja anders gar nicht möglich 
sei. Dieses für den einsamen Onanisten sehr charakteristische Gehaben isoliert 
ihn von den anderen Menschen. Er sucht keine Gesellschaft auf, hat keine 
Freunde und meidet alle Orte, wo viele Menschen versammelt sind. Er fühlt 
auch die Lücken seiner Bildung. Er könne ja nicht verkehren, wenn die 
Rede auf Kenntnisse komme, die er nicht besäße. 

Charakteristisch sind seine ersten Erinnerungen. Sie zeigen bereits den 
Beginn seines jetzigen psychischen Zustandes. Seine erste Erinnerung bezieht 
sich auf ein Erlebnis, da er sieben Jahre alt war. An die früheren Jahre 
kann er sich nicht erinnern. Das zeigt uns, daß er die ersten Erlebnisse 
und damit auch die ersten onanistischen Erfahrungen der frühen Kindheit 
vollkommen verdrängt hat. Die erste Erinnerung lautet: 

Ich komme von den Großeltern nach Wien. Am Bahnhof erwartet 
mich der Vater mit dem Rade. Er setzt mich in eine Tramway und 
sagt dem Kondukteur, wo er mich aussteigen lassen soll. Ich steige 
allein aus und komme vor das Geschäft des Vaters. Da bleibe ich stehen 
und traue mich nicht hinein, bis ein Arbeiter kommt und mich hineinführt. 

Diese Erinnerung zeigt uns schon das schüchterne, unselbständige Kind. 
Er springt nicht freudig hinaus, um die Mutter und Geschwister zu begrüßen. 

9* 



132 



Psychosexueller InfantiliBmus. 



sondern bleibt ängstlich und schuldbewußt vor dem Hause stehen. So steht 
er noch heute vor den Geschäften und traut sich nicht einzutreten. 

Noch wichtiger ist der Umstand, daß der Vater in seiner ersten Er- 
innerung eine so große Rolle spielt. Auch die zweite Erinnerung sagt: 

Der Vater fährt am Lande Rad und ich darf mit ihm fahren. 
Das macht mir ein sehr großes Vergnügen. 

Er gesteht, daß er seinen Vater immer verehrte. Er hat nur Gutes 
vom Vater erfahren und kränkt sich, daß der Vater infolge eines Unglücks- 
falles so früh gestorben ist. Es hätte ihm sehr wohl getan, wenn der Vater 
seine Erfolge, die er sich erhofft, erleben hätte können. 

Die dritte Erinnerung: Ich blicke als Kind in den Mond und sehe, 
daß im Monde Gestalten von Heiligen sind, die musizieren. Ich sehe 
eine Figur mit einem Heiligenschein, die Cello spielt. 

In dieser Erinnerung sehen wir die Hinweise auf seinen späteren 
musikalischen Beruf« Die sexualsymbolische Bedeutung dieser Erinnerung wie 
der ersten ist uns noch nicht bekannt. Wir können sie nur vermuten und 
erwarten weitere Aufklärungen von der Analyse. Betonen möchte ich nur, 
daß die Möglichkeit der späteren Reaktion dieser Erinnerungen besteht. 
Sie werden aus all den anderen Erinnerungen ausgesucht, weil sie nach dein 
Gesetze des psychischen Parallelismus seiner jetzigen Verfassung entsprechen. 
Eine andere Erinnerimg würde als Disharmonie störend wirken. 



Ich erzähle die Einfälle, wie sie der Patient zwanglos in der Sitzung 
vorbringt. Er weiß jetzt, warum er das erste Mal onanieren mußte. Im 
Nebenzimmer schliefen die Dienstboten und er hörte, wie der Knecht zu, 
einem Mädchen ging und dort mit ihr allerlei trieb. Das war der erste Anlaß 
zur Onanie. Er wurde so erregt, daß er nicht widerstehen konnte und onanieren 
mußte. Er hat jetzt die Überzeugung: Es wird nie wieder vorkommen. Er 
hat seine Vernunft und diese bewahrt ihn vor allerlei Dummheiten. Er war 
17 Jahre alt, da wollte ihn ein anderes Dienstmädchen verführen. Sie sagte 
ihm, daß die jungen Burschen so dumm wären, wenn sie nur wüßten, wie 
gerne ihnen die Mädchen entgegenkommen wollten. Sie habe einen Zither- 
lehrer und der bleibe mit ihr stundenlange allein im Zimmer und der blöde 
Kerl wage es nicht, sie anzurühren. Er machte, als wenn er sie nicht ver- 
stehen würde. Er fürchtete sich, daß der Koitus furchtbar schädlich wäre 
und ihn ganz schwach machen werde. Auch jetzt hätten sie ein Dienstmädchen, 
das sich von ihm küssen lasse und ihm andeutete, daß sie die Türe ihrer 
Kammer nie versperre. Er aber wagt es nicht, zu ihr zu gehen. Er weiß, 
daß die Onanie schädlich ist. Ein Freund hat ihm gesagt, daß sie impotent 
mache und er hat auch in einem alten Lexikon gelesen, daß Auszehrung die 
Folge dieses Lasters sei. Ein Hausarzt riet ihm, Mädchenverkehr zu suchen. 
Und trotzdem bringt er es nicht zusammen. Er wagt keinen Angriff auf ein 
Mädchen, obwohl er viele Bekanntschaften hat. Er fürchtet eine Niederlage, 
die er nie verschmerzen würde. Er weicht den Niederlagen aus. 

Denn er hat einen „schäbigen Stolz", wie er es bezeichnet. Er könnte 
so eine Niederlage nie überwinden. Einmal habe ihm sein Vater ein Buch 
an den Kopf geworfen. Obwohl die Mutter damals schwer krank darniederlag. 
lief er aus dem Hause und blieb eine Woche lang beim Onkel. E6 halte 



Wutanfalle. 



133 



ihn eine rätselhafte Kraft zurück, mit den Mädchen zu beginnen. Er fürchtete, 
etwas Unersetzliches zu zerstören. 
..Sie wollen ein Kind bleiben." 

„Ja! Das ist es. Ich weiß, wenn ich einmal nur verkehre, ist 
meine 1 Kindheit zu End e u n d i c h b in da n n ein M a n n. ' Und 
so merkwürdig das klingen mag: Ich habe keine Sehnsucht darnach, ein Manu 
zu sein. Ich erinnere mich — ich war 14 Jahre alt — und vollendete die 
Schule. Ich war damals sehr traurig und dachte mir: Die schöne Kindheit 
ist, zu Ende. Jetzt hast du für alles die Verantwortung. Jetzt kann dich die 
Polizei verhaften und das Gericht bestrafen, du bist kein Kind mehr. Ich 
hatte immer eine große „Angst vor dem Altwerden". Auch eine 
Angst, für meine Gesundheit. Wenn ich mich in den Finger schneide, sehe 
ich schon eine Blutvergiftung entstehen. Ich sehe auch immer die schreck- 
lichen Folgen eines Beischlafes und fürchte mich vor Geschlechtskrankheiten." 

Wenn wir solche Erzählungen hören, die von einer besonderen Wider- 
standskraft gegen Versuchungen handeln, so können wir sicher sein, daß 
der Trieb nicht allzu mächtig war. Seine Libido muß irgendwo anders fixiert 
sein. Es ist möglich, daß es sich um latente Homosexualität handelt. Wir 
wissen es nicht und wollen den weiteren Verlauf der Analyse abwarten. 

Hier bricht diese Gedankenkettc ab, die uns tief in' die Psychologie 
des Onanisten führt. Scheinbar ohne Assoziation kommt er auf eine Reise, 
die er mit seinem Onkel nach Norwegen gemacht hatte. Ich sage scheinbar! 
Denn das Thema der Infektion hat Beziehungen zur Homosexualität und jetzt 
scheint er auf diese verdrängten Triebregungen zu kommen. Die Reise mit 
dem Onkel wäre sehr schön gewesen, wenn er nicht so außerordentlich gereizt 
gewesen wäre. Bei Kleinigkeiten kam es zu einem Streite. Wenn der Onkel 
seine Söhne lobte, so war ihm das unerträglich. Er sah in diesem Lob einen 
versteckten Tadel. Am Schlüsse der Reise kam es aber zu einer'großen Szene 
und er mußte sich vom Onkel trennen. Es war eine Dummheit von ihm und 
er war entschieden im Unrechte. Aber es war stärker als seine Vernunft. 

Patient erzählt noch, wie mächtig sein Wille sei, ein Kind zu bleiben. 
Er traut sich keine größere Arbeit zu, er glaubt, seine Zeit wäre noch nicht 
gekommen. Er ist schüchtern beim Unterrichten und zweifelt an allen seinen 
Fähigkeiten. Er ist sehr wankend in seinen Entschlüssen und möchte morgen 
das Gegenteil von dem, was er heute ersehnt hat und als das Richtige er- 
kannte. Er läßt schließlich den Zufall walten und führt nie selbst eine Ent- 
scheidung herbei. Auch dieses Symptom ist von Bedeutung. Es verrät uns, 
daß ein heimlicher Wunsch seine Seele beherrscht. Neben diesem Wunsche 
sind alle anderen Wünsche farblos und haben keine psychische Wertigkeit. 

Was mag das für ein Wunsch sein? Auch diese Antwort müssen wil- 
den nächsten Stunden überlassen. 

Er träumt sehr selten und erinnert sich an viele Träume nicht. Er 
hat auch keine stereotypen Träume. In der nächsten Sitzung aber bringt 
er mir einen Traum, der wie alle ersten Träume in der Analyse sehr wichtig 
ist. Diese ersten Träume enthalten entweder das Geheimnis der Neurose oder 
beziehen sich auf das Verhältnis vom Kranken zum Arzt. 

Dieser Traum lautet: 

Ich habe eine Dame gesehen mit einer durchgebissenen Gurgel. 
Ich weiß nicht, ob ich' sie gebissen habe. . . . Ich soll es gemacht haben. 



134 Psycliosexuellcr Infaiitilismus. 

Aul' einmal wurde daraus mein Onkel. Der ist aufgestanden und sagte: 
Ja, bin ich denn tot? Auf einmal bin ich gelaufen und die Dame ist . 
mir nachgelaufen und hat mich an beiden Händen gefesselt. Aber es war 
schlecht, denn ich habe mich ohne weiteres losmachen können. . . . Dann 
bin ich in ein Kohlengeschäft hereingesprungen und dachte mir: Jetzt 
mache ich mich mit einer Tarnkappe unsichtbar. Dann kam ich mit der 
Dame in einem Greislergeschäft zusammen und sprach mit ihr über 
Obertöne. Wieder bin ich gelaufen und die Dame und ein anderer Onkel 
sind mir nachgelaufen. Ich bin dann in einen Brunnen hineingesprungen 
und habe mir gedacht : Ich werde finster lassen . . . und da bin ich 
aufgewacht. 

Wir fragen nach dem auslösenden Erlebnis des Traumes. Das wichtigste 
im Traume scheint ihm das Moment zu sein, daß ein toter Onkel wieder lebendig 
wird. Sein Vater ist erst einige Wochen tot. Nach seinem Tode kam der 
Onkel, der im Traume eine Rolle spielt, und sagte: „Ich kann es mir nicht 
denken, daß dein Vater wirklich tot ist. So ein gesunder blühender Mensch!" 
Jetzt erinnert er sich, daß er vor einigen Tagen, ehe er die Behandlung 
begonnen hatte, auch geträumt hatte, daß der Vater nur scheintot sei und 
wieder lebe. Auch der Onkel hatte damals ausgerufen: „Vielleicht ist der 
Vater nur scheintot. Wir müssen ihm enien Herzstich machen lassen!" 

Diese Träume zeigen uns, daß sein Verhältnis zum Vater, das er so 
harmonisch schildert, nicht das beste gewesen sein muß. Ist es doch schon 
auffallend, daß er sich gestern plötzlich der Szene erinnerte, da der Vater 
ein Buch nach ihm geworfen und er zum Onkel flüchtete, dem gleichen Onkel, 
der auch in diesem Traume eine Rolle spielt. Die sadistische Szene am Anfang 
des Traumes verrät eine latente starke Grausamkeit. Er bereut jetzt, daß 
er mit seinem Vater so wenig lieb gewesen. Oft war der Vater strenge mit 
der Mutter und er haßte ihn dann in solchen Momenten. Er haßte ihn auch, 
weil er ihn nicht frühzeitig genug studieren ließ, weil er ihn und die anderen 
Kinder im Geschäfte verwendete. Dieser Haß ist es, der ihn jetzt so be- 
lastet und ihn bereuen läßt, daß er dem Vater so wenig Gutes erwiesen. 
Er fürchtet die Rache des Vaters, der erscheinen und sich für all die Unbill 
rächen könnte. Was bedeutet die Frau mit der durch bissenen Gurgel? Es 
scheint ihm die Frau seines Lehrers zu sein. Eine große, stolze, blonde 
Schönheit, Sie hatte auf ihn immer einen großen Eindruck gemacht. Sein 
Ideal sind große, blonde Frauen. Dies Ideal ist deutlich durch Differenzie- 
rung von der Mutter, welche klein und schwarz ist, entstanden. Er verehrt 
seine Mutter wie eine Heilige und hat von ihr nur Gutes erfahren. Trotzdem 
macht er sich Vorwürfe, daß er sie so oft schwer gekränkt hatte und bis 
heute noch nicht durch eine große Tat erfreuen konnte. 

Die Metamorphose der Dame in einen Mann zeigt deutlich den bi- 
sexuellen Charakter des Traumes und beweist die Zusammengehörigkeit dieser 
Dame mit dem Onkel. Wir erfahren aus dem Material, daß es sich um Mutter 
und Vater handelt, um seine Eltern, denen er so viel Schmerzen bereitet hat, 
die beide in einem Geschäft tätig waren. Die Mutter (Frau mit durchbissener 
Gurgel) ist hier auch das Symbol der Keuschheit. Er hat sich an seiner 
Keuschheit vergriffen. Die Keuschheit aber bindet ihm die Hände. Das heißt: 
„Du darfst nicht onanieren!' 1 Er weiß jedoch, daß dieser Imperativ nicht 
unüberwindlich ist, daß er die Fesseln sprengen kann. Er macht sich ohne 
weiteres los. Los von der Keuschheit und los von den Eltern. 



Wutanfälle. . J^'5 

Wir merken liier den bipolaren Zug seiner Paraphilie. Heißt die eine 
Tendenz: Ich will ein Kind sein und gebunden sein! — so besagt die zweite: 
Ich will ein Mann sein und frei sein! 

In diesem Traum sind die Rätsel seiner Neurose, die Phantasien seiner 
Onanie geheimnisvoll eingetragen. Wir konstatieren die sadistische Szene und 
möchten gerne Näheres über seinen Sadismus hören. Allein der Traum drückt 
die Tendenz aus zu schweigen. Er trägt eine Tarnkappe, die ihn unsichtbar 
macht. Er springt in den Brunnen und macht finster, um nicht gesehen zu 
werden. Der Brunnen ist ein Symbol der Seele. 1 ) Seine Seele soll nicht 
erleuchtet werden. Er will alle Geheimnisse für sich bewahren . . . 

Am nächsten Tage erinnert er sich, daß der Traum noch ein besonderes 
Ende hatte. Er versteckte sich in dem tiefen Brunnen und blickte vorsichtig 
hinaus, ob noch jemand da wäre. Er lief dann, als niemand da war aus 
dem Brunnen hinaus und erwachte. Sehr schön schildert dieses Bild das Er- 
wachen. (Schwellensymbolik Silberers. Der Brunnen, der Schlaf und das Er- 
wachen als das Verlassen des Brunnens dargestellt.) Wichtig ist aber, daß 
dieser Traum die Tendenz ausdrückt, sich zu verbergen und davonzulaufen. 
So fragt er, ob ich nicht der Ansicht bin, daß ihm jetzt eine Reise gut tun 
würde. Seine Mutter meinte, eine solche Behandlung würde ihm noch mehr 
den Kopf verdrehen. Er aber fühle, daß es keine andere Hilfe für ihn gebe 
und daß er vor sich selbst davonlaufen wolle. Er habe wieder geträumt, 
daß der Vater lebe und nur scheintot sei. Was das wohl zu bedeuten habe? 

Spontan fängt er über sein Liebesleben zu sprechen an. Warum er 
nie so recht verliebt gewesen? Er habe schon bei vielen Mädchen' gedacht : 
„Die könnte ich lieben!" Nie ist es dazu gekommen. 

„Ich fange zu lieben an, icli verehre sie aus der Ferne. Aber ich lasse 
es nie zu einer Liebe kommen. Wie kommt das?" 

„Sie fürchten die Entscheidungen. Sie wollen sich keiner Niederlage 
aussetzen." 

„Das ist richtig. Ich habe das Gefühl einer körperlichen und geistigen 
Minderwertigkeit. Trotzdem kommt es vor, daß mir Mädchen sehr entgegen- 
kommen. Jüngst erst gefiel mir ein Mädchen sehr gut. Wir besuchten einen 
Kurs gemeinsam. Wir hatten den gleichen Weg nach Hause. Ich lief immer 
so rasch als möglich davon, damit sie nicht glauben sollte, ich wolle auf 
sie warten. Sie fragte mich : „Warum laufen Sie immer so rasch davon? Wir 
könnten ja zusammen nach Hause gehen." Da gebrauchte ich eine Ausrede 
und meinte, ich hätte noch einen wichtigen Weg und müßte rasch voraus- 
laufen. Ich fühle meinen „schäbigen Stolz", der mich hindert . . ." 

„Verbirgt sich hinter dem Stolz nicht Ihre Schwäche?" 

„Freilich. Ich habe es mir oft gesagt. Es ist kein Stolz. Du ver- 
birgst nur deine Feigheit. Es ist Angst vor der Liebe . . ." 

„Wovor fürchten Sie?" 

„Ich will ein Kind bleiben. Ich habe auch gelesen, daß man vor- 
zeitig alt wird, wenn man frühzeitig zu verkehren anfängt und daß man 
bald stirbt. Solche Menschen leben nicht lange, die sich so früh ausgeben. 
0, ich habe mich ganz in der Gewalt. Ich würde auch widerstehen, wenn 
unser Mädchen zu mir ins Bett käme. Sonst wäre es mein Ideal, daß ich das 
Weib nicht zu erobern brauche. Das Mädchen sollte zu mir kommen und 

*) Vgl. „Die Träume der Dichter". Kapitel I. 



136 



Psvchoscxueller Infautilisnius. 



mir sagen: „Da bin ich. Nimm mich!" Und trotzdem unser Mädchen mit mir 
sehr kokettiert, so würde ich sie nicht nehmen, weil sie noch unschuldig ist 
Ja, wenn jetzt das erste Mädchen da wäre, die mich vorführen wollte hei 
der wurde ich mir kein Gewissen daraus machen . . ." 

„Ich glaube, Sie würden sie ebenso wenig anrühren wie das jetzige 
:hen. bie haben es sich gelobt, keusch zu bleiben." 
„Ja so lange als möglich. Ich will mir beweisen, daß ich mich be- 
herrschen kann. Ich hoffe auch zuversichtlich, daß ich nicht mehr onanieren 
werde. Wie bin ich am Morgen, nachdem ich onaniert habe, geknickt' Ich 
zerreißen e könnte ^ '•" li, " ; mimenlos ist > und ™ Wut, daß ich mich 

,„. u . oi W ! r 8 * hen ' Wi ? * Sid ! T„ ^ ***"«"«* ^hert und «Ion Mädchen 
ausreicht Er vemchert auch, daß ihm die Sexualität immer tierisch vor- 
komme l,r habe dann nicht das Gefühl, ein Mensch zu sein. Ich mache ihn 
au merksam daß er Angst hat, wenn er einmal beginnen würde, daß e, 
dann über die Grenze des Erlaubten hinausgehen würde. Er bestätigt daß 
er diese ungeheuere Leidenschaft in sich fühle und deshalb dachte: lieber 
lange ich gar nicht an. Da habe ich mich besser in der Hand/' 

Plötzlich kommt er auf die moderne Harmonielehre zu sprechen. Die 
Jte so, langweilig gewesen, sie bestehe aus lauter Konsonanzen. Die moderne 
Harmonielehre quält das Ohr mit Dissoaa,zen, aus denen sich die Konsonanz 
als Erlösung mit ungeheuerer Wirkung heraushebt. Ich mache ihn aufmerk- 
sam, daß er nach dem. Gesetze des psychischen Parallelismus ein schönes Bild 
.uner Psyche gegeben hätte. Alles sei voller Dissonanzen und er warte auf 
die erlösende Konsonanz. Als hätte er sein Leben recht schwer gemacht 
als hatte er sich bescheiden zurückgestellt, um dann seinen endgültige,^ 
doppelt schon zu empfinden. Per aspera ad astra. 8 

™ r u W * S T P ' daß idl Vür einigen ¥o°aten im Begriffe war, mich zu 
verheben? Es kam. eine junge Frau zu uns auf Besuch die sah mich mit 
zwei so feurigen Augen an, daß es mir durch Mark und Bein ging Meute 

Hm'die F, nUner T' n T a , Cht ? ehl kngeS Gedicht « si6 ' Anlasten Ta* 
L m die Frau wieder. Ich aber ging nicht in das Empfangszimmer, obgleich 
ich sie gerne gesehen und gesprochen hätte. Ich sagte mir: Es wird doch 
zu auffallend sein.- So blieb ich mit zitterndem Herzen draußen und na 
einigen Wochen hatte ich die schöne Frau ganz vergessen . . « 

Ich mache den Analysanten auf die fadenscheinige Motivierung -mf- ' 
merksam es wurde auffallen, wenn er ins Zimmer känie Er Yab^ h ei' in 

daß T S v« i in ? ™i7l^ D0n " " *■*»" Bieh - Ä ßXchiung 
laß ei sich verheben konnte. Gegen die Liebe wollte er sich schützen. Er 
wollte wieder einmal beweisen, daß er sich in der Hand habe 

Das gibt k zu und betont, daß er sich als Verliebter als Mann gefühlt 
hatte und er ja ein Kind bleiben will. Auf ihn habe ein Wort von Rosegger 

T^Sfm EindrUck T ^ ma ? h l, : •£!* dem ««te» Flaum der Liebe kommt 
der erste Flaum des Todes." Er habe immer das Gefühl, daß Liebe und 
loa zusammenhängen und er scheine eben an einer inneren Todesangst 
zu leiden. 

Nun fällt ihm ein Traum der letzten Nacht ein. der nach dem Gesetze 
der Assoziation zu den letzten Gedanken Beziehungen haben muß: 



Wutanfftlle. 



137 



Ich sitze an einer langen Tafel, die wahrscheinlich eine Hochzeits- 
tafel ist. Da kommt ein großer dunkler Mann und drängt mich vom 
Platze weg. 

Dieser große dunkle Mann trug ein schwarzes Gewand und sah sehr 
blaß aus. Wer meine Ausführungen über „Todessymbolik" in der „Sprache 
des Traumes" gelesen hat, weiß schon, daß es der Tod ist, welcher sich 
sein Opfer holt. Es klingt wie eine unaufhörliche Warnung in seiner Seele: 
„Wenn du dich mit Frauen einläßt, wirst du sterben!" 

Nach dem Gesetze der Talion muß er aber einen anderen Menschen 
von .seinem Platze verdrängt haben und nun infolge bösen Gewissens die 
Angst erleiden, selbst von seinem Platze verdrängt zu. werden. Er betont, 
daß er immer liebenswürdig und bescheiden ist. daß er sich lieber zurück- 
zieht, als einen anderen Menschen zu verdrängen. Dann fällt ihm ein un- 
angenehmes Erlebnis auf einer Reise ein. Es war die Reise mit dem Onkel, 
von der wir schon gesprochen haben. Da stieg in das Kupee, wo er saß, 
ein Ehepaar mit einem Kinde ein. Der Ehemann war ein älterer Herr. Sie 
suchten nach einem Platze. Er saß draußen auf dem Kondukteursitz, so 
daß sein Platz im Kupee besetzt wurde. Er stand aber auf und machte diesem 
Herrn gegen seine sonstige Gewohnheit einen Skandal, so daß der Herr 
aufstand und ihm Platz machte. Über diesen Vorfall habe er oft nach- 
gedacht und Reue empfunden. Er., kann sich seinen starken Affekt bei diesem 
Vorfall nicht erklären. Er hatte doch einen Platz. Warum vordrängte er 
den alten Herrn? 

Wir können nach unseren Erfahrungen annehmen, daß er Todeswünsche 
gegen seinen Vater hatte. Seine Träume zeigen ja sein böses Gewissen. Doch 
wir haben aus dem Material keine Anhaltspunkte und hüten uns wohl, die 
Analyse in bestimmte Wege zu drängen, ehe das Material uns dazu zwingt. 

Nach einer kleinen Pause beginnt er davon zu sprechen, daß er manch- 
mal unglaublich geizig ist. 

„Ich kann lächerlich kleinlich und geizig sein und ein anderes Mal 
plötzlich das Geld mit" vollen Händen ausgeben. Ich gönne mir oft nicht 
ein Frühstück, obwohl ich hungrig bin. Ich war schon als Kind so. Bekam 
ich ein Geschenk, so hatte ich eine unglaubliche Angst, es könnte ruiniert 
werden und bald hinwerden." 

„Es ist die gleiche Angst, wie vor dem Altwerden. Sie wollen nicht, 
daß Ihr Eigentum sich abnützt, weil es Ihnen die Schrecken des Todes vor 
Augen führt Auch das Sterben eines Geschenkes ist ein „Memcnto mori!" 

„Ja, ich erinnere mich, daß ich einen neuen schönen Ball bekam. Ich 
wagte nicht damit zu spielen und sah ihn immer nur bewundernd an. Er 
lag in der Lade oder auf dem Tische und ich hätte nicht gewagt, mit ihm 
zu spielen. Und o Mißgeschick! Ein einziges Mal fange ich zu spielen an 
und der Ball fliegt in eine zerbrochene Scheibe hinein und reißt sich eine 
Todeswunde auf. Ich war so traurig, als wenn ein Mensch gestorben wäre. - ' 

Er erzählt noch andere lächerliche Beispiele von Geiz und ich mache 
ihn aufmerksam, daß er auch mit seinen Spermatozben geizt. 1 ) Er behandelt 
das Geld wie die Spermatozoon und die Spermatozoon wie Geld. Er be- 
stätigt, daß er bei der Onanie unglücklich ist, wenn er Samen verliert und 
am liebsten „in der Mitte" aufhört, .so daß es zu keiner Samenentleerung 



') Vgl. in der ...Sprache des Traumes" die symbolische Gleichung Geld und Sperma. 



188 



Fsychosexueller Iufautilisinus. 



kommt (Mästurbatio interrupta). Er rechnet immer aus, daß er nun um 
einige Wochen oder Monate kürzer leben werde. Er will lange leben 

Nun verstehen wir seinen Geiz und seine Todesfurcht. Er will Kräfte 
sammeln, um dann desto sicherer sein großes Ziel zu erreichen und über 
alle Konkurrenten zu triumphieren. Es zeigt sich hier jenes typische Zurück- 
weichen des Neurotikers, das Adler das „Problem der Distanz" nennt. Auch 
unser Patient will Distanz gewinnen und alle Entscheidungen des Lebens mög- 
lichst weit hinausschieben. Jetzt verstehen wir auch das „Kind-sein-wollen". 
Als Mann müßte er sich schon im Kampfe des Lebens bewähren. Als Kind 
ist er noch nicht verpflichtet, Erfolge aufzuweisen. Für das Kind sorgen 
die Großen. An welchem Maße jedoch mißt er seine Kräfte? Offenbar an 
seinem "Vater, der ein Selfmademann im wahrsten Sinne des Wortes war 
und es durch seine Tatkraft sehr weit gebracht hatte. 

Ich möchte hier eine Bemerkung einschalten. Die Söhne berühmter 
Männer bringen trotz offenkundiger Begabung gewöhnlich wenig zu- 
sammen und ersticken in ihrer Parapathie. Sie bilden fast alle einen 
ähnlichen Typus wie unser Patient. Die Verpflichtung der Leistung 
paart sich mit einem drückenden Gefühle eigener Minderwertigkeit 
das aber nicht aus einer organischen Minderwertigkeit entsteht. Wo 
die Organminderwertigkeit, vorhanden ist, da wird sie herangezogen, um 
den Entschuldigungstendenzen zu dienen, um das Individuum psychisch 
zu entlasten und das Gefühl der Minderwertigkeit zu stützen. Dies 
Gefühl entstammt einem Differenzgefühl mit dem Vater oder einem 
anderen infantilen Vorbilde („Ich werde ihn nie übertreffen!") und der 
Erkenntnis der eigenen moralischen Minderwertigkeit. (Du wirst nichts 
erreichen, weil ein so schlechter Mensch es nicht verdient!") 

Wir begreifen, daß er sich furchtet, sein Sperma auszugeben, daß er 
sich furchtet, Geld auszugeben. Er hat nur eine Aufgabe: Seine Kräfte zu 
sammeln. 

In der Erkenntnis von seinem Geiz klingt aber noch «in erbitterter 
Vorwurf gegen seinen Vater mit. Sein Vater hatte nicht die Kosten seines 
Studiums getragen. Er verdankte alles seinem Onkel. Nun schweifen seine 
Gedanken zur Mutter, die als gütig und milde gepriesen wird. Wir merken 
den Gegensatz zu seinem Verhalten gegen den Vater. Es ist gerade so, als - 
wäre der Vater als Hivale betrachtet worden. Haben wir dafür einen Beweis 
oder nur einen Anhaltspunkt? Der Analysant sagt spontan nach einer Pause: 

„Wissen Sie, was der erste Traum war, aus dem ich mit einer Pollution 
erwachte? Meine erste Pollution! Ich träumte, daß ich einen Verkehr mit 
meiner Tante hatte ..." 

Es ist die jüngere Schwester der Mutter, ihr zum Verwechseln ähnlich. 
Wir ahnen hier Zusammenhänge mit dem Inzestproblem und können die 
Rivalität mit dem Vater "auch aus dem Sexualen heraus begreifen. Der erste 
Traum deutete ja schon auf die Mutter und auf Geheimnisse, die sich ent- 
hüllen wollen. Er pollutioniert mit Inzestphantasien — denn die Tante ist 
ein durchsichtiger Ersatz der Mutter — und er onaniert wahrscheinlich mit 
den gleichen Ideen. Das macht seinen Widerstand gegen die Onanie und 
gegen das Weib begreiflich. Jetzt frage ich — nach dem Eingang unserer 



Wutaufälle. 139 

Besprechung zurückgehend — wie denn die Augen der jungen Frau beschaffen 
waren, in die er sich so plötzlich vergafft hatte und vor denen er dann floh. 

Er denkt nach und meint dann: „Es waren dunkle feurige Augen von 
seltenem Glanz.'' 

„Kennen Sie einen Menschen, der solche Augen hat?" 

Eine kleine Pause. Er zögert und sagt dann stockend: „Es sind die 
Augen . . . meiner Mutter." 

Er setzt das Thema vom Geiz fort. Er gesteht häßliche Züge, über 
die er sich ärgert. Sein Vater sei so wohltätig gewesen und habe auch viele 
Legate in seinem Testamente festgesetzt. Obwohl er einsieht, daß es arme 
Leute sind, die das Geld brauchen, wurmt ihn das und er denkt: „Ich muß 
mich beschränken und das Geld des Vaters kommt zu fremden Menschen!" 
Wir begreifen seinen inneren Widerstand gegen das Geldverdienen. Er will 
vom Gelde des Vaters leben und möchte das Erwerben möglichst lange 
hinausschieben. Geld bedeutet auch Liebe. Er will von der Liebe der Seinen 
nichts verlieren. Sich verlieben, hieße eine alte Liebe aufgeben! Er ist sich 
bewußt, daß er sehr egoistisch ist. Er zeigt selbst in den kleinen Zügen 
jenen Egoismus, jenes Konzentrieren auf das eigene Ich, das für den Auto- 
erotisten so charakteristisch ist. Er langweilt sich nie, wenn er allein ist. 
Er ist am liebsten allein. Große Gesellschaft ist ihm unangenehm und er 
drückt sich am liebsten, wenn viele Menschen zu ihnen auf Besuch kommen. 
Er ist schüchtern, tritt ungern in ein Lokal, wo schon viele Leute sitzen. 
Er glaubt sich immer beobachtet und der Gedanke: „Was denken die Leute 
von dir?" ist ihm unerträglich. Er kann auch nicht vorspielen. 

Hinter dieser scheinbaren Bescheidenheit steckt ein grenzenloser Ehr- 
geiz. Er möchte etwas Außerordentliches leisten. Er versteht nicht, wie ein 
Künstler zuerst mit Kleinigkeiten heraustreten könne. Er müßte gleich mit. 
einem großen Werke kommen, denn sonst würde er gar nichts publizieren. 

Wieder kommt er auf den Vater. Warum er nicht weinen konnte. ;ils 
der Vater starb? Er beantwortet sich die Frage nach kurzem Nachdenken 
selbst. Er weiß es jetzt in der Analyse, daß die egoistischen Regungen, die 
Schadenfreude und der alte Haß sich auf diese Weise gegen seinen Willen 
durchgesetzt haben. Er versteht, daß die nachträgliche Trauer um so stärker 
ausfallen mußte, weil er damit bestrebt ist, die ursprüngliche Gleichgültigkeit 
zu kompensieren. Er betrachtet sicli als einen schlechten Menschen und kann 
sich über sich so ärgern, daß er sich etwas antun könnte. Das Gefühl seiner 
Minderwertigkeit stammt aus dieser Quelle und überträgt sich auf sein ganzes 
Leben. Er traut sich nichts zu, weil er keinen Erfolg verdient . . . 



Einen sehr langen, merkwürdigen Traum berichtet der Analysant am 
nächsten Tage: 

Ich habe auf der Gasse eine Dame mit einem Kind gesehen. Das 
Kind hat faustgroße Steine geworfen. Dann habe ich auch solche Steine 
geworfen. Ich habe gefürchtet, ich haue eine Auslage zusammen, aber 
es ist nichts geschehen . . . Dann sah ich einen weißen Hasen und 
einen kleinen schwarzen Hund. Die sind auf der Straße herumgegangen 
und gelegen und ich habe mich auch dazugelegt. Aus dem Hasen wurde 
ein kleines Mädchen. Es sagte: Ich will heiraten ein Mädchen oder 
den Hund. Aber der Hund war auch ein Weibchen und ich dachte mir. 



140 



Psychosexueller Infantilismus. 



die weiß selbst nicht, daß sie ein Mädchen ist. Sie war nur im Hemd 
und ich habe mir gedacht, ich kann mich leicht überzeugen, aber ich 
habe es nicht getan Ich bin in Baden mit unserem Dienst- 
mädchen zusammen und habe mich eingehängt. Sie sagte, sie staunt, 
daß ich das tue, da ich sonst so stolz bin. Wir sind durch einen Park 
gegangen. Ich dachte, wenn mich nur nicht der Professor R. da sieht. 
Dann sind wir in ein Museum (Tierhandlung) hineingekommen. Da 
sind drinnen drei Marineoffiziere gesessen. Die waren weiß gekleidet. 
Dort stand ein Pult und hinter dem Pult eine Frau, ärmlich gekleidet. 
Ich sah dort einen Käfig mit kleinen Hunden und Katzen und sie 
sagte: „Sie hat ein 19jähriges Waisenmädchen dort, die hat Geld und 
sie will ausziehen. Ich habe das dem Staat angezeigt und der Staat 
hat sich um das Mädchen nicht gekümmert. Ich habe das Mädchen an 
einen jungen Mann verheiraten müssen." Sie hatte noch ein kleines 
Mädchen dort ... Die kleinen Hunde kosten viel Geld. Das Futter 
ist teuer. Die sind schon neun Jahre dort. Die anderen sind drei 
Monate alt. Dann sind aus diesen Marineoffizieren weiße Hunde ge- 
worden. Die hatten jeder eine Marinekappe. Wie ich wegging, stellte 
•sich der eine auf die Hinterbeine und gab mir die Pfote. Wie ich 
unten war, war ich in Gesellschaft meines Vaters, meines Bruders und 
eines Freundes meines Vaters. Dann sah icli noch meinen Bruder mit 
einem Mitgliedsbuch zurückgehen . . ich weiß nicht, was er wollte . . . 
Nachträglich fällt ihm noch ein: Im Hause war als ein Svmbol 
ein großer (toter?) Fisch in der Höhe von einem halben Meter stehend 
aufgestellt. Er schillerte in verschiedenen Farben, besonders rot und 
gelb. Es schien mir, als ob er mit einem Nagel befestigt wäre 

Ich habe diesen Traum mitgeteilt, weil ich mir vorgenommen habe, 
ganze Analyse wahrheitsgetreu zu berichten und weil ich glaube, daß 
kaum einen schöneren Beweis für die Wichtigkeit der Traumdeutung 
Erforschung derartiger Zustände erbringen könnte. 

Wir können eine Reihe von Details in diesem Traume nicht erklären, 
verfüge auch nicht über den Raum, um die Fülle seiner Einfälle mit- 
zuteilen. Ich will nur auf die wichtigsten Stellen aufmerksam machen und 
behalte mir vor, auf einzelne Details zurückzukommen. Auffallend ist das 
kleine Mädchen, das ein Mädchen heiraten will, und der Zweifel, ob es sich 
um ein Mädchen handelt. Es ist das erste Mal, daß der Patient, etwas von 
homosexuellen Gedanken andeutet. Er berichtet, daß er schon von Homo- 
sexuellen gehört und einen furchtbaren Ekel vor solchen vertierten Menschen 
hätte. Aber er gesteht, daß er sich einmal mit 14 Jahren in einen Mit- 
schüler vergafft und gerne mit ihm Freundschaft geschlossen hätte. Er 
machte es aber wie gewöhnlich in solchen Fällen. Er zog sich frostig zurück 
und mied seine Gesellschaft, damit er nicht glauben sollte, er laufe ihm nach. 
Der bekannte schäbige Stolz. Wir wissen aber, daß es sich um einen Selbst- 
schutz handelt, den er absolut einhalten will, und merken, daß diese Tendenz 
weit in die Kindheit zurückgeht. 

Noch einige Worte über das merkwürdige Museum, in dem Mädchen 
und Katzen gehalten werden. Es ist dies unzweifelhaft ein Bordell und die 
drei Offiziere (eine Erinnerung an Neapel) sind Bordellbesucher. Erst als 
ich ihm diese Deutung gab, erinnert er sich an das Symbol des Museums, 
an den großen stehenden Fisch. Diesen Fisch entlarve ich ihm als ein 



die 
ich 
zur 

Ich 



Wutanfälle. 



141 



Fhallussyipbol, worauf er mir lachend erzählt, er habe in Neapel und Pompeji 
auf den Lupanaren dieses Symbol gesehen. Der Traum berichtet also von 
einem Besuch im Lupanar und die Szene mit dem Dienstmädchen ist als 
ein Entwedei — oder anzusehen. Der Traum kennt kein anderes Entweder— 
oder. Entweder ich lasse mich mit dem Dienstmädchen ein oder ich gehe 
ins Bordell und kaufe mir ein Mädchen. Die drei Offiziere werden aber später 
vom Vater, dem Freunde des Vaters und dem Bruder abgelöst. Es ist fast 
so, als ob er den Vater verdächtigen würde, ein Lupanar besucht zu haben. 
Ich spreche diese Vermutung aus. Mein Patient sagt dazu: 
„Das könnte stimmen. Ich habe etwas nicht erzählt, was ich offenbar 
vergessen habe und was eine große Rolle in meinem Leben gespielt hat. 
Das bewußte Dienstmädchen, das mich mit 14 Jahren aufklärte und mich 
verführen wollte, erzählte mir auch, mein Vater wäre ein sehr unanständiger 
Mensch, er lasse kein Mädchen, in Ruhe, gehe zu Dirnen und verlumpe dort 
sein Geld. Die Wirkung dieser Erzählung war eine furchtbare. Ich machte 
einen Lärm und lief das erste Mal vom Hause weg ... zu meinem Onkel." 
Dunkel und ungern erinnert er sich, daß die Mutter ins Zimmer ge- 
kommen wäre und dem Dienstmädchen eine Szene gemacht hätte. Das be- 
treffende Mädchen .sei aber noch zwei Jahre im Hause geblieben und erst 
entlassen worden, weil die Leute im Hause davon sprachen, sie hätte mit 
ihm ein Verhältnis. 

Die Wirkung dieser Erzählung war aber die gegenteilige, die das 
Mädchen erwartet hatte. Ei- bekam einen Ekel vor dem Vater und den Männern 
und nahm sich vor, solche Schweinereien nicht zu machen. Die ganze Sache 
kam ihm tierisch vor. (Deshalb die vielen Tiere im Museum!) Er differenzierte 
sich von seinem Vater. In diesem Trauma haben wir eine der Ursachen 
semer hartnackig verteidigten Keuschheit zu sehen. 

Solche Differenzierungsprozesse spielen eine ungeheure Rolle 
Wir werden öfters Töchter von Dirnen sehen, die hypermoralisch sind, 
und Töchter von hypermoralischen Frauen, die für freie Liebe 
schwärmen. In der Psychogenese der Sexüalneurosen hat die Differen- 
zierung eine besondere Bedeutung, auf die wir noch öfters zurück- 
kommen werden. 



Emil — so wollen wir den Patienten nennen — berichtet, daß er 
gestern heftige Reue empfand, daß er seinen toten Vater so verleumden 
konnte. Ich mache ihn aufmerksam, daß der gestrige Traum in seiner Ein- 
leitung das Motiv zeigt: Kampf des Kindes mit den Großen. Er erkennt, 
sofort, daß es sich um seine Lieblingsstelle in der Bibel handelt: David, 
der mit einem Steine den Riesen Goliath erschlägt 

Die schon berichtete Verleumdungsszene wird jet'zt noch einmal erzählt 
und manche Einzelheit hinzugefügt. Gestern stand er unter einer Hemmung. 
Er gesteht auch, daß er sich kränkte, daß ihm dies Geständnis entschlüpft 
ist. Er glaubt auch nicht, daß das Gerede über seinen Vater berechtigt war. 
Allerdings erzählt er die Geschichte heute ganz anders und sie wird uns 
erst verständlich. 

Am Abend erzählte ihm das Mädchen, der Vater wäre auch kein 
Heiliger, laufe jeder Schürze nach, habe auch bei ihr sein Glück versucht 
und halte es mit der Köchin. Er habe mit der Köchin ein Verhältnis und 



142 



Psyrhosexueller Infantilismus. 



das ganze Haus rede davon. Er wurde sofort sehr erregt, konnte nicht ein- 
schlafen und weinte heftig. Die Mutter kam zu ihm und wollte den Grund 
der Trauer wissen. Er schwieg aber vorderhand. Am nächsten Vormittag 
stürzte er in die Küche und machte der Köchin einen Skandal. Er fühle 
sich beschmutzt, die Ehre des Hauses sei befleckt, sie sei eine gemeine Person ; 
er schimpfte auch über den Vater. Er schäme sich, so einen Vater zu haben. 
Die Mutter kam bestürzt hinauf und wollte ihn beruhigen. Vergebens! Er 
glaubt auch, daß der Vater alles aus dem Nebenzimmer hörte, aber nicht ins 
Zimmer kam. Er erzählte nicht, daß ihm das Mädchen das 
Verhältnis verraten hatte . . . Damals lief* er aus dem Hause, 
erklärte, er bleibe in diesem Hause nicht einen Tag länger. Er lief zu seinem 
Oheim, der ihn beruhigte und sagte, das alles wäre nur ein blöder Dienst- 
botentratsch, er solle so etwas von seinem Vater nicht glauben. Als der 
Onkel einmal Abends nicht zu Hause war, wäre das Dienstmädchen auch zu 
ihm gekommen. Dies bringt mich auf die Vermutung, daß die Sache mit dem 
Dienstmädchen nicht so harmlos war, als er sie darstellt. Emil behauptet 
zuerst, er hätte das Mädchen nicht verstanden, dann aber gibt er zu, daß er 
schon alles wußte, aber sich stellte, als wenn er nicht verstehen würde. Er 
wollte nicht auf ihre Anträge eingehen, vielleicht weil er- geglaubt habe, daß 
man davon sterben müsse ... Es ist, als ob eine Drohung aus früherer 
Zeit noch nachgewirkt und sein Verhalten bestimmt hätte. Jedenfalls zeigt 
sein Charakter schon' mit 14 Jahren die Züge, die ihm heute eigentüm- 
lich sind. 

Stockend erzählt dann Emil eine Verführungsszene des Dienstmädchens, 
die unsere Annahme bestätigt, es werde mehr vorgefallen sein, als er an- 
fänglich zugeben will. Es war eines Abends. Das Mädchen lag im Bette, 
weil es etwas unwohl war. Er trat in ihre Kammer. (Doch ein Beweis, 
daß auch er sie suchte und das Verhältnis nicht so einseitig aggressiv war.) 
Sie forderte ihn auf, nicht so schüchtern zu sein und sich aufs Bett zu setzen. 
Er tat das. Darauf öffnete sie seine Hose und spielte mit seinem Gliedo. 
Dabei machte sie sehr erregende Bewegungen, die er nicht verstand. Er 
fühlte ein starkes Lustgefühl, verstand es aber angeblich . nicht und weiß 
sich nicht zu erinnern, oh er eine Ejakulation hatte. 

Er ist also nicht allein auf die Onanie gekommen, 
wie. er uns angab. Die Onanie war jedenfalls d i e W i e d e r- 
holung dieses Aktes und wir verstehen, warum die 
meisten Onaniephantasien sich auf dieses Mädchen 
bez o gen. • 

Er berichtet dann von Aggressionen anderer Mädchen, die er aber ab- 
zuwehren verstand. Ein anderes Mädchen habe auch hingegriffen, er aber 
habe sich gestellt, als wenn er es nicht verstehen würde. 1 ) 



*) Es ist das Verdienst von Havelock ElUs, darauf hingewiesen zu haben, daß 
viel öfter Mädchen der aggressive Teil sind als Knaben. In den Erzählungen von 
Normalmenschen hört man es sehr oft, daß sie von einem Stubenmädchen oder einer 
Gouvernante verführt wurden. Ich stehe nicht auf dem Standpunkte, daß solche Ver- 
führungsszenen den jungen Leuten schaden und daß man mit dem Staatsanwalt drohen 
mü6se, wie es tatsächlich Väter in solchen Fällen schon getan haben. Viele Männer, 
die vollkommen gesund sind, haben mir solche Erlebnisse aus ihren Jünglingsjahren und 
sogar aus der Kindheit erzählt. Oft wirkt so ein Erlebnis insoferne günstig, als es 



. 



Wutanfälle. 143 

Emil ist mißgestimmt. Er hat keine Lust zur Arbeit. Die Arbeit hat 
jeden Sinn verloren, seit der Vater tot ist. Ihm zur Ehre und ihm zu Liebe 
hätte er Großes schaffen können. Ja, wenn er nur den frommen Glauben der 
Kinder hätte, daß die Toten leben, daß. sie aus dem Himmel auf uns herab- 
sehen und daß es ein Wiedersehen gibt. Sein Verhältnis zur Religion ist 
so zwiespältig wie sein ganzes Wesen. Er glaubt nicht, spricht vor seinen 
Bekannten gerne atheistisch,, ist freisinnig, weil es sein Vater so war und 
doch ... er fühlt manchmal, daß er fromm ist. Wenn ihm eine Arbeit gut 
gelingt, so denkt er, -es wäre der Segen Gottes. Mißlingt das Werk, dann 
zürnt Gott. Er hat auch eine heimliche Art zu beten. Er wirft nur einen 
flüchtigen dankbaren Blick zum Himmel, in den er alle seine Inbrunst hinein- 
legt. Dann kann er Momente haben, in denen er Gott lästert und mit ihm 
erregte Zwiesprache hält. Er macht sich über die Gläubigen lustig, aber 
schon im nächsten Moment packt es ihn und er empfindet den Widersinn 
dieses Benehmens, er möchte Buße tun und Gott um Verzeihung bitten. 

Emil klagt auch über einen lästigen Zwang zum Lügen, ein Phänomen, 
das wir bei Onanisten, die ja ihre Onanie verschweigen, sehr häufig finden 
ebenso wie ihr bipolares Gegenstück: die fanatische Wahrheitsliebe. Er 
lügt in Kleinigkeiten, nimmt sich vor, es nicht mehr zu tun, ist wütend über 
sich, daß er gelogen hat und benimmt sich mit dem Lügen gerade wie mit 
der Onanie. Immer gute. Vorsätze, dann der triebhafte Rückfall und darauf 
sofort die Reue. Die Lüge ist für ihn eine Prüfung der Menschen und die 
Art wie er sein Überlegenheitsgefühl steigern kann. Er setzt sich immer 
in Szene, schweigt oft, so daß er den Schein großen Wissens erwecken kann 
wenn er seiner Sache nicht sicher ist, er spricht aber viel und paradiert' 
wenn er brillieren kann. Sein ganzes Handeln droht sich um die Wirkung 
die er auf dm anderen macht. Daher geht ihm die Unbefangenheit verloren 

Er klagt, daß er sich leicht begeistert und ebenso bald kalt wird. So 
geht es ihm mit Mädchen und mit den Kunstgenüssen. Rasch entflammt 
und ebenso rasch abgekühlt. Seine eigenen Werke freuen ihn, so lange er 
sie schafft und wenn sein Lehrer sie lobt. Aber es drängt ihn, immer polvphon 
zu schreiben. Er kann nicht homophon komponieren. Er drückt so sein 
seelisches Leben aus. Immer tönen mehrere Stimmen in seinem Innern immer 
ein Kontrapunkt. Spricht er frei von Gott und dem Himmel, so bewegt sich 
die fromme Stimme in einer Gegenführung und droht mit Höllenstrafen und 
mahnt zur Demut, Deshalb schließen seine Werke mit einer Dissonanz mit 
einem mächtigen Septimenakkord, der nicht aufgelöst ist. Alles in ihm ist 
Erwartung, alles dissoniert, und dieser Konflikt äußert sich am stärksten 
in seinem Verhältnis zur Religion. 

Warum er nicht den Mut hat fromm zu sein? Er fühlt eine Ver- 
pflichtung, frei zu sein und nicht rückschrittlicher zu sein als sein Vater. 
Aber die Erziehung bei seinen Großeltern war eine ausgesprochen klerikale! 
Die Folgen dieser ersten Eindrücke leben unzerstörbar in ehernen Gefühls- 

den an die Familie fixierten Jüngling an das fremde Weib gewöhnt und ihn aus den 
Banden der Familiensklaverei und der erotischen Familienhörigkeit frei macht. Einen 
nennenswerten Schaden habe ich von solchen Erlebnissen nach der Pubertät nie gesehen. 
Mütter, die ihre Söhne eifersüchtig bewachen und nie allein mit den Dienstmädchen zu 
Hause lassen, schaden oft den Kindern mehr als sie es ahnen. Warnungen und Verbote 
wirken oft als dauernd« Imperative, welche ins spätere Leben lieriibergenommen werden. 



1 

- 



144 



Psychosexueller Infarftflismus. 



werten in seiner Psyche, unabhängig von der ohnmächtigen Minierarbeit des 
Intellektes. 

Das Thema der nächsten Sitzungen handelt von seinem Ehrgeiz und 
seinen verschiedenen Reaktionen, die dazu dienen, um sein Persönlichkeits- 
bedürfnis zu erhöhen. Er verkehrt gerne mit einfachen Leuten, denen er 
imponieren kann. Schon in der Schule waren immer die schlechtesten und 
ärmsten Schüler sein Umgang. Natürlich ! Diesen Unteren gegenüber konnte 
er sich als Höherer fühlen, während er reichen Kollegen auswich und ihre 
Einladungen konsequent abschlug. 

Sehr charakteristisch für diese Menschen und besonders für Onanisten 
ist der Umstand, daß sie an Lampenfieber leiden. Die ewige Beziehung auf 
das Ich, das krankhafte Beobachten des Eindruckes, den man macht, ver- 
eitelt die Unbefangenheit und macht die Produktion zu einer Qual. Alles 
könnte er ertragen, nur eine Blamage nicht. Er sichert sich gegen alle Nieder- 
lagen, indem er sie antizipiert. Er wird bestimmt durchfallen, er kann ja 
nichts, er wird es in gar keinem Fache zu etwas bringen etc. . . . Doch seine 
Tagträume zeigen die Reversseite dieser übertrieben verlogenen Bescheiden- 
heit. Schon als Knabe sah er sich als Millionär im Auto fahren. Jetzt sieht 
er sich als gefeierten Künstler, als eine der Größen unserer Zeit. Jede 
Prüfung wird ihm eine Probe auf seinen Ehrgeiz und er scheut eine Antwort, 
die sein Minderwertigkeitsgefühl verstärken könnte. Man merkt deutlich, daß 
dieses Minderwertigkeitsgefühl wie ein Anker dazu dient, um ihm einen 
inneren Halt zu geben und seinem pathologischen Größenwahn ein Gegen- 
gewicht zu bieten. Natürlich haßt er alle Kritiker. (Diese Müßiggänger, 
diese impotenten Krämerseelen, diese bezahlten Faulenzer!) Er schützt sich 
schon jetzt gegen die Kritik, indem er sie zu entwerten trachtet. Er fürchtet 
eben die Kritik am meisten und der Wunsch, jung zu bleiben, entspricht der 
Angst, daß er die Verpflichtung der großen historischen Mission nicht er- 
füllen kann. 

Ich übergehe die Einfälle, welche den weiteren Fortschritt der Er- 
kenntnis vorbereiten. Von großem Interesse ist der Traum der letzten Nacht. 

Ich sehe ein Huhn vor mir, das eben aufgeschnitten werden soll. 
Vorne am Bauche hat es eine kleine kreisrunde blutige Stelle: 

Eine Erklärung dieses Traumes kann er nicht geben. Wir merken die 
sadistische Tendenz, die schon in seinem ersten Traume aufzuweisen war. 
Die nächste Assoziation geht auf seinen Widerstand gegen die Frauen. Er 
verliebt sich sehr leicht und ist immer wieder verliebt. Nach einer Zeit 
jedoch entdeckt er an der Betreffenden etwas Häßliches, das ihm die Liebe 
zerstört. 

Es ist der deutliche Selbstschutz gegen seine Leidenschaft. Es ist, 
als ob er sich vor dem W T eibe fürchten würde. Wird sie ihm zu gefährlich, 
so bemüht er sich mit Erfolg sie zu entwerten. 

Es folgen eine Reihe von Einfällen, welche deutlich diese Abwehr des 
Weibes zeigen. Er steht unter der Herrschaft des antisexuellen Instinktes 
(James). 

„Wie ich noch in der Lehre war, da sprachen die Gesellen oft von 
sexuellen Dingen und insbesondere viel vom Koitus. Ich sagte mir: Ich 
werde so etwas nie machen!" 



Wutanfälle. 145 

„Ein Kollege zeigte mir auf der Gasse ein Freimädel. Ich' war damals 
vierzehn Jahre alt. Zu der gehen die Männer hin, wenn sie ein Weib brauchen. 
Sofort durchzuckte es mich: Du wirst nie hingehen!" 

„Ich war noch ganz klein, da las ich in der Bibel die Geschichte von 
Joseph. Sie rührte mich so, daß ich weinen mußte. Die anderen Kinder 
lachten mich aus. Meine Großmutter aber sagte": Er ist klüger als ihr. Ihr 
versteht die Bibel noch nicht. Er aber versteht sie . . ." 

Ich frage, welche Szene auf ihn einen so großen Eindruck gemacht hatte. 

Er sagte: „Die Szene, wie Joseph sich von einem Weibe, der Potiphar,, 
nicht verführen ließ und seinen halben Mantel zurückließ." 

Er war damals 10 Jahre alt. Wir erkennen die gleiche Tendenz der 
Abwehr gegen das Weib, die ihn heute beherrscht. 

Das Dunkel, das über seiner Jugend liegt, beginnt sich zu lichten. Die 
Amnesie wird aufgehoben. Er entsinnt sich, daß er schon mit 7 Jahren die 
Köchin fragte, woher die Kinder kämen. Sie wartete ihm mit dem Storch- 
märchen auf und erzählte lachend seiner Mutter, was er wissen wollte. Seine 
sexuelle Neugier war also schon mit 7 Jahren rege. Ich hoffe, daß es ge- 
lingen wird, noch frühere Erinnerungen zu heben. 

Er bemerkt, daß er immer nur von einem armen Mädchen phantasiert, 
wenn er. sich einen Koitus oder ein Verhältnis vorstellt. Wieder zeigt sich 
die Angst vor einer Niederlage und die deutliche Tendenz, dem Weibe gegen- 
über das Persönlichkeitsgefühl zu behaupten. Einem armen Mädchen im- 
poniert er mehr. Vor reichen Mädchen zieht er sich zurück. 

„Ich habe noch eine kuriose Sache in' der Kindheit gehabt. Ich traute 
mich niemals, ein bekanntes Mädchen auf der Gasse zu grüßen. Ich dachte 
mir: 'Was werden die Leute von dir denken!" 

Er mußte also wissen, daß es verbotene Beziehungen zwischen Buben 
und Mädeln gibt und er wollte nicht in den Verdacht kommen, solche Be- 
ziehungen zu. haben. Er grüßte deshalb die Mädchen prinzipiell nie auf der 
Straße und kam dadurch in den Ruf, ein stolzer, eingebildeter Junge zu sein. 

Er kam frühzeitig, zu seiner Großmutter aufs Land, weil er schwächlich 
und kränklich War. (So mußte natürlich ein Gefühl organischer Minderwertig- 
keit entstehen.) Nach einer Zeit kam seine Mutter auf Besuch. Er erkannte 
sie nicht und sie war ihm ganz fremd. Es ist möglich, daß er trotzig war 
und sie nicht erkennen wollte. Mit Rücksicht auf den biblischen Doppel- 
sinn des Wortes „Erkennen" vermute ich eine erotische Einstellung zur Mutter, 
von der ich aber dem Patienten keine Erwähnung mache. Ich konstatiere 
nur, daß die Bibel eine Lieblingslektüre von ihm ist und daß er die Josephs- 
legendo erst gestern wieder ^gelesen hat. Es war, als wollte er sich wieder 
Kraft gegen die Verlockungen des Weibes Potiphar holen . . . 

Woher stammt diese Angst vor der Sünde und der Sexualität? Wir 
können es noch nicht wissen . und müssen die weiteren Ausführungen des 
Patienten abwarten. Ich lasse nun seine Einfälle zwanglos Revue passieren 
und füge nur in Klammern meine Bemerkungen und eventuellen dem Kranken 
gegebenen Erklärungen bei. Wir erhalten ein unverfälschtes Bild einiger ana- 
lytischer Stunden und ich glaube so am besten den Irrglauben an ein per- 
manentes Verhör zu widerlegen. Die Kranken sagen einem alles, wenn sie 
merken, daß man sie versteht, und die Kunst ist nur, zu erkennen, was sie 
nicht sagen wollen. Nun lassen wir dem Patienten das Wort und bringen 

Stekel, Störungen des Trieb- und Affektlebens. Vj . ]Q 



■ 



146 



Psychoscxuellcr Infantilismus. 



seine Einfälle in jener perspektivistischen Verkürzung, wie sie eine künst- 
lerische Wiedergabe unbedingt erfordert: 

„Ich habe mich vor einigen Tagen in ein Bild verhebt. Ich sab da und 
starrte" es immer wieder an. Die schönen Augen haben es mir angetan. Die 
Köchin war schon eifersüchtig und riß mir das Bild aus der Hand. So kann 
ich mich auch auf Distanz verlieben ... in Frauen, die ich nie gesprochen 
habe und die ich nie sprechen werde. („Es ist dies die sicherste Art sich 
zu verlieben. Gefährlich können Ihnen diese Frauen nicht werden. Hinter 
dieser Liebe verbirgt sich die Angst vor dem Weibe.") Ja, ich verstehe. 
Deshalb ziehe ich mich zurück, wenn ich merke, daß die Liebe zu groß wird. 
Ich finde dann immer einen Fehler. (Entwertungstendenz!) Ich sagte Ihnen, 
daß ich immer erwarte, das Mädchen solle anfangen. Das ist nicht ganz 
wahr. Eigentlich haben viele Mädchen mit mir begonnen und ich reagierte 
nicht. Das Stubenmädchen, die Köchin . . . Selbst ein nettes-, anständiges 
Mädchen, das uns gegenüber wohnt, schrieb mir einen Brief und ließ mir 
sagen, sie wolle mich kennen lernen. Sie ist schön und lebhaft, würde mir 
sehr gefallen. Ich habe nicht geantwortet. Sie suchte die Gesellschaft meiner 
Schwester. Ich kam dann nie in das Zimmer . .. . Bemerkungen über die 
Prüfungsangst (Angst vor Gott und dem Weibe!) und Gedächtnisschwäche. 
(Vergessenwollen!) Warum beeinflußt mich das Wetter so? An schönen 
Tagen bin ich ganz anders gestimmt als an grauen Regentagen. (Eine bei 
Neurotikern häufige Erscheinung. An heiteren Tagen ist Gott fröhlich. Beim 
Donner grollt er. Projektion der Psyche auf die Natur!) Ich habe über- 
haupt kein Talent zum Glück. Ich bin am liebsten allein. Wissen Sie, daß 
ich schon in ein Kloster gehen wollte? (Weltflucht. Askese.) Mein Vater hatte 
recht, Wenn er sagte: Nur der Dumme ist glücklich . . . Warum wird man 
geboren? ... Ich erinnere mich, daß ich als Junge unserer Köchm ein 
Schimpfwort zurief, dessen Sinn ich nicht kannte. Ich schrie ihr zu: Kurva! 
Das heißt Hure ... Ich glaube, sie gab mir eine Ohrfeige und, erzählte es 
der Mutter. Ich erinnere mich nicht an Details. (Erklärung, daß er den Sinn 
gewußt habe.) Vielleicht habe ich mehr gewußt, als ich mich jetzt erinnern 
kann. Denn ich erinnere mich, daß ich auf dem Lande immer zusehen wollte, 
wenn der Gemeindestier die Kühe besprang. (Auf meine Frage:) Ich wußte 
bestimmt nicht, was der Stier macht. Ich wußte es. nicht. Es interessierte 
mich so, daß man mich gewaltsam wegnehmen mußte ... Es machte mir 
einen großen Eindruck, daß ein Dieb in den Gemeindekotter gesperrt wurde. 
(Angst vor der Strafe.) Überhaupt nur nicht öffentlich blamiert werden. 
Wenn ich in der Schule Strafe vor der ganzen Klasse stehen mußte, war 
ich unglücklich und wäre am liebsten in den Erdboden versunken . . . Ach, 
ich konnte außerordentlich lügen. Ich erzählte phantastische Geschichten 
und die Mitschüler glaubten sie mir. So schilderte ich die Kaisermanöver 
am Lande und rühmte mich, auf dem Pferde des Kaisers geritten zu haben. 
(Kaiser ein Symbol des Vaters . . .) Ich hätte mich schon mit den Mädels 
eingelassen, aber ich hatte eine so furchtbare Angst ertappt zu werden. Ja, 
jetzt fällt mir eine große Szene ein. Ich war 10 Jahre alt, als unser Mädchen 
das Haus verlassen mußte, weil sie ein Kind bekommen sollte. Sie kam dann 
mit dem Kinde nieder. Ich stellte mir das als größte Schande vor. Ich 
fürchtete alle Mädchen würden ein Kind bekommen, wenn ich mich mit ihnen 
einlassen würde und meine Schande wäre dann aller Welt offenbar. 

Von dieser Szene mit dem Dienstmädchen scheinen sich Ennnerungs- 
epuren als Warnung bis in die jüngste Zeit erhalten zu haben. Er schildert 



TT 



WutanfäUe. i<- 



seine Angst vor den Folgen des Verkehres: Ein Kind, venerische Krank- 
heiten, von denen er schon früh hörte, Rückenmarksleiden, Blödsinn 
Dann berichtet er einen Traum: 

Dr. Stekel fragte mich: Was gibt es denn Neues? Ich sagte: Gar 
nichts. Dann wollte er in meinen Büchern lesen. Ich machte ihm das 
Buch vor der Nase zu. 

Die Deutung ist klar. Es handelt sich um einen Widerstandstraum. 
Er hat mir gar nichts zu sagen und läßt mich nicht in dem Buche seiner 
Seele lesen. Die schwersten Widerstände rühren von seiner Einstellung; gegen 
den Vater her. Er mußte viel an den Vater denken und machte sich° wieder 
heftige Vorwürfe. Vielleicht hätte man das. Leben des Vaters retten können 
wenn der Arzt energischer eingegriffen hätte. Schilderung der Sterbeszene! 
Weinen. (Diese tiefe Reue stammt von der unterdrückten Erinnerung seiner 
feindseligen Einstellung gegen den Vater.) Er leidet an unbestimmter Angst 
wie wenn ihm etwas Böses geschehen müßte. Schneidet er sich in den Finger' 
so glaubt er, daß er bestimmt an Sepsis erkranken werde. Auf der Gasse 
könnte ihn auch, ein Ziegel erschlagen, der herunterfällt. (Angst vor der 
Strafe Gottes!) 

Was man für närrisches Zeug träumt! Ich bin mit einem Lehrer 
spazieren gegangen. Ich hörte nicht recht zu, wenn er sprach Dann 
war es mein Kusm, der sich in meine Kusine verwandelte. Wir gingen 
(oder war es mit dem Lehrer?) durch eine lange Flucht von Zimmern 
In einem Zimmer stand ein Notenpult, das war schwarz behängen Eine 
alte Frau, m die sich der Lehrer verwandelt hatte, fragt einen kleinen 
Jungen: Was ist das? Ich dachte: Der ist nicht so naiv, der weiß 
viel mehr als du fragst. Dann liefen wir wieder durch eine unendliche 
.biucht von Zimmern, im letzten war schon Deutschland zu Ende und 
wir kamen zu der Zone, wo der Krieg tobt. 

Deutung: Ich bin der Lehrer. Er hört nicht recht zu, wenn ich spreche 
Er setzt meine Erklärungen herunter und macht mich später zu einem alten 
Weibe. (Entwertung der Autorität.) Er ist der kleine Junge, ursprünglich 
der Kusm und die Kusine. (Bald männlich, bald weiblich eingestellt.) Ich 
frage und er will nicht recht antworten; aber er weiß vielmehr als ich 
fragen kann ... Die Zimmer symbolisieren sein Gehirn. Ich verfolge ihn 
durch alle Kammern. Aber er läßt mich seinen tiefsten Konflikt nicht sehen 
Die Zone, wo sein Krieg tobt, soll ich nicht betreten. Für eine Analvse 
schlechte Aussichten! J 

Die nächsten Einfälle paraphieren das Thema der Grausamkeit. Er 
hat ein krankhaftes Mitleid, er kann nicht einmal eine abgerissene Blume 
sehen ohne Trauer zu empfinden. Im Theater regen ihn traurige Stücke so 
auf daß er nicht auf die Bühne sehen kann. Er weint leicht und läßt sich 
leicht rühren. Seme Empfindsamkeit gegen Grausamkeit scheint sich als 
Uberkompensation eines ursprünglichen Sadismus ausgebildet zu haben Hier 
brechen aber seine Erinnerungen ab . . . 

Warum er so wankelmütig ist? Heute gefällt ihm ein Mädchen er 
nndet es wunderschön. Schon morgen hat es ein anderes Gesicht besonders 
wenn es ihm sehr gut gefallen hat. Ob sich alle Gesichter so rasch ändern 
können.'' (Er lernt, daß er sie mit anderen Augen anblickt, weil er sich 

10* 



.. .o Psychosexueller Infantilismus. 

gegen die Liebe schützen will.) Waruni er eine solche Angst vor Infektionen 
hat und warum der Staat nicht Häuser einrichtet, wo die jungen Leute ebenso 
untersucht werden wie die Dirnen? Man hätte ihn in der Kindheit besser 
aufklären sollen. Dann wäre alles anders gekommen So stelle er zitternd 
und bebend vor dem Weibe und schätze das Sexuelle innerlich doch a ls 
Sünde ein. Im Intellekte sagt er sich, es sei ein Lnsinn. Ware die Sexualität 
eine Sünde, dann verdankten alle Menschen ihre Existenz der Sünde und das 
wäre entschieden unlogisch. Im Herzen aber ist er ein Philister und hat die 
Moral seiner Familie ganz akzeptiert. 

Ein Traum zeigt wieder seinen bedeutsamen Widerstand: 

Ich habe eine Krücke. Mit der humple ich von der Großmutter 
weiter über eine lange Landstraße. 

Die Krücke als Symbol der Neurose ist von mir beschrieben worden. 1 ) 
Er will seine Krankheit, die ihm Stütze und Schutz ist, behalten und so 
durch das Leben humpeln. Ich merke, daß er willens ist, die Behandlung zu 
unterbrechen. Er führt aus, daß er alles beginne und nichts zu Ende fuhren 
könne. Unzählige Anlange und nie eine Ausführung. 

Plötzlich kommt er auf eine Sommerreise, die er mit seinem Vater nach 
Norwegen machte. In Prag wurde er so unglaublich traurig und hatte keinen 
Blick mehr für die Schönheiten, die er bewundern sollte. Er hatte nur einen 
Wunsch: 0, wäre es schon zu Ende! In Prag traf sein Vater einen alten 
Freund mit dem er sich viel beschäftigte. Emil war eifersuchtig, wie 
ihm jetzt zu Bewußtsein kommt, Er hatte erwartet, die Reise werde ihm 
den Vater näher bringen, der Vater werde sich um sein intimes Seelenleben, 
auch um seine sexuelle Not kümmern. Der Vater aber blieb auf der Reise 
in der gleichen Distanz wie zu Hause. Es war eine große Enttäuschung, über 
die er sich damals keine klare Rechenschaft geben konnte. 

Wir verstehen jetzt die erste Erinnerung. Er kommt vom Lande nach 
Hause und der Vater erwartet ihn am Bahnhof. Er fährt allein nach 
Hause, der Vater mit dem Rade, und steht lange vor dem Geschäft«, ehe er 
hineingeht. Die Erinnerung ist ein Vorwurf an die Adresse des Vaters und 
heißt:' Du hast mich immer allein gelassen und bist deiner Wege gegangen. 
Er war damals empört über den kühlen Empfang des Vaters. Er hatte er- 
wartet der Vater werde mit ihm nach Hause fahren, ihn ausfragen, zu 
mindestens vor dem Hause auf ihn warten. Aus Trotz wollte er nicht in das 
Haus hineingehen . . . Die zweite Erinnerung aber, in der der Vater mit 
ihm am Rade fährt, fixiert ein Erlebnis, da ihn der geliebte Vater mitr 
genommen hatte, da er die Freuden des Vaters teilte. 

Die Liebe zu seinem Vater führte ihn dazu, sich immer zurückgesetzt 
zu fühlen und dem Vater Vorwürfe zu machen, daß er sich um ihn nicht 
kümmere Was mag er noch alles von der Reise erwartet haben? Welche 
nicht eingestandenen sexuellen Kräfte mögen dies Verhältnis determiniert 
haben 9 Ich spreche davon nicht, weil ich den automatischen Ablaut der 
Erinnerung nicht stören und die Analyse nicht beeinflussen will. 

Immer stärker meldet sich das Schuldbewußtsein dem Vater gegen- 
über. Alle seine Träume erzählen von Schulden," die er hat und daß er 
nachzahlen müsse. 



l ) Die Darstellung der Neurose im Traume. Zbl. f. P. A., Bd. IV. 



II 






Wutanfälle. 149 

Ich bin in einem Kino. Da macht man mich aufmerksam, daß 
ich nicht das volle Entree gezahlt habe und daß ich nun nachzahlen muß. 
Das Leben ist ein Kino. Er darf die wechselnden Bilder nicht ge- 
nießen. Er muß büßen und all das nachtragen, was er dem Vater im Leben 
schuldig blieb. Er will die Kunst aufgeben und sich dem Geschäfte des 
Vaters widmen. Was sollen ihm alle Erfolge, da der Vater nicht mehr lebt? 
Und nun erinnert er sich, daß er nach dem Tode des Vaters ein Ge- 
lände getan hat: Ich werde jetzt die Onanie aufgeben! 

Sein Verhältnis zum Vater kommt im nächsten Traume wieder zur 
Sprache : 

Ich belinde mich mit der Mutter auf einer Tribüne am Hafen. 
Sehr viele Arbeiter. Pfähle werden eingerammt, Gerüste werden auf- 
gestellt. Da - fährt einer in einem Ruderboot. Ein Werkführer. Der 
gibt sich beim Rudern einen sonderbaren Ruck. Es sieht so aus, als 
wenn das Schiff von hohen Wellen fortgerissen würde. Das Meer ist 
aber ganz ruhig. Arbeiter folgen ihm, unnatürlich schnell entschwindet 
er. Die Arbeiter laufen bloßfüßig im Wasser herum. Der eine hat 
die Hose hoch hinaufgezogen, so daß man den unteren. Teil des Ober- 
schenkels sieht. Ein eleganter Herr mit Winterrock und 
schwarzem Bart kommt zu uns auf die Tribüne und zeigt, mit 
dem Stock auf ein turmartiges Gerüst. Die Arbeiter und wir schauen 
hinauf. Oben brennt es. Er sagt, daß da riesiges Gold verbrennt und 
die Arbeiter sind machtlos. Dann sehe ich mich mit meinem Bruder 
wie vor einer Barriere und begrüße durch Verbeugung einen bekannten 
Offizier. Dann gehe ich auf die Straße und trolle ^lort eine schöne 
bekannte Frau, die mit Paketen beladen ist, die ich ebenfalls begrüße, 
aber ich habe so eine Scham vor der Frau . . . Dann gehe ich in ein 
Haustor, dort ist eine Hausmeisterin. Da kommen zwei Hausmeister in 
kapuzenähnlichen Arbeitskleidern und die Hausbesorgerin sagt: Ja, die 
leben davon. Sie meint vom Illuminationsfeuerwerk oder so etwas. 

Ich möchte aus diesem Traume nur die wichtigsten Stellen hervor- 
heben. Der Mann, der sich beim Rudern einen Ruck gibt und so schnell 
entschwindet, ist sein Vater. Am Sterbebette sah er ihn sterben, sah, wie 
ein furchtbarer Riß durch den Körper ging und dann war der Vater tot. 
Wie dieser Mann im Boote so schnell entschwindet, so entschwindet ihm 
das Bild des Vaters. Der Vater war ein tätiger Mann, ein Werkführer im 
wahren Sinne des Wortes. Er hatte unzählige Pläne und war immer mit 
Bauten beschäftigt. (Die Gerüste und Pfähle am Hafen!) Nun sind die 
Kinder (die Arbeiter) allein und wollen es ihm nachmachen .."•. . 

Er aber fühlt seine Ohnmacht dem Bilde des großen Vaters gegenüber. 
Der Arbeiter' mit der auf geschürzten Hose erinnert ihn an eine Episode, 
da er in der Kindheit in einem Bache nach Steinen suchte und mit dem 
Wasser spielte. Er ist es, der sich vor mir entblößt hat und nun im Meero 
seiner Seele halb entdeckt dem Vater nacheilen will. Aber sie trennt das 
Wasser für immer. (Das Wasser als Todessymbol siehe „Sprache des 
Traumes", S. 300.) Die Toten trennt von den Lebenden das Wasser. Aber 
noch zweimal erscheint in dem Traume der Tod. Einmal als der Herr mit 
dem schwarzen Bart, der nach seiner nachträglichen Angabe ganz schwarz 
gekleidet war, und der Offizier . . . 



150 Psychosexueller Infantilismus. 

Der Vater hat ihnen ein großes Vermögen hinterlassen. Das ist der 
riesige Goldbarren, der im Traume verbrennt. So verrinnt sein Geld jetzt, 
da sie nicht mehr erwerben. So lebt er und wärmt sich von dem Gelde des 
"Vaters. Er will nichts erwerben, um immer weiter von dem Gelde des Vaters 
zu leben. Das Geld ist das einzige Band, das ihn noch mit dem Vater ver- 
bindet. Es ist das Geld des Toten und jeder Heller, den er ausgibt, erscheint 
ihm wie eine Liebkosung des Toten. „Die schöne bekannte Frau", die mit 
Paketen beladen ist, ist seine Mutter, die schon am Eingang des Traumes 
erscheint. Er möchte jetzt gerne für die Mutter arbeiten. Aber er möchte 
am liebsten ins Kloster gehen und ein Mönch werden. (Der im kapuzenartigen 
Arbeitskleide ' vom Feuerwerk lebende Arbeiter!) Er lebt von dem Gelde 
des Vaters und möchte nun ganz auf die Liebe verzichten, weil . . . eine 
Liebe ihn einmal dazu geführt hatte, den Vater zu hassen und ihm den 
Tod zu wünschen. Auch die Eifersucht quälte ihn, daß der Vater für andere 
Frauen entbrannte. Erwünschte ihm den Tod, da er ihn allein be- 
sitzen wollte. 

Nun weißer es, daß er dem Vater die ganze Sexua- 
lität opfern wo Ute. Das sollte die Strafe und. die Buße sein. 

Allein es müssen noch andere Hemmungen vorhanden sein, welche sich 
einer aktiven Sexualität entgegenstemmen. In den letzten Tagen ist er sehr 
erregt und hat immer einen Gedanken:' Er möchte das 17jährige Mädchen 
finden, das er einst so schnöde verschmäht hat. Der Gedanke an dieses Mädchen 
beschäftigt ihn Tag und Nacht wie eine Zwangsvorstellung. In einem solchen 
Falle ist es schon a priori anzunehmen, daß hinter diesem Gedanken sich 
ein anderer verbirgt. Zwei Träume bringen uns auf die Fährte. Der erste 
lautet: • 

Meine Schwester manipuliert an ihrer Uhr herum. Ich sage ihr: 
Du wirst dir deine Uhr noch verderben. 

Der zweite Traum: 

Wir sind im Süden an der Adria. Wir- sollen baden gehen, meine 
Schwester und ich. Die Schwester ist nackt und steigt in das Wasser, 
das dort so flach ist wie in einer Badewanne. 

Seine Gedanken beschäftigen sich mit der einzigen Schwester, die jetzt 
17 Jahre alt ist. Der erste Traum enthüllt die Angst, daß die Schwester 
sich ihre Uhr (Symbol für Vagina) ruiniert. Er erinnert sich nachträglich 
daß sie einen falschen Schlüssel (Symbol für den Phallus) gebrauchen wollte.' 
Das ist doch deutlich genug. Die Angst, die Schwester könnte ihre Unschuld 
durch einen anderen verlieren. Er will sie aber deflorieren. Der zweite Traum 
greift auf eine infantile Badeszene zurück und verrät den Wunsch, die 
Schwester nackt zu sehen wie in den schönen unvergessenen Kindertagen. 

Das Dienstmädchen ist der Ersatz für die Schwester. Sie ist Haus- 
genossin, hat das gleiche Alter . . . (Siehe auch Traum mit der Tante, die 
ebenso Ersatz für die Mutter als auch für die Schwester ist. Sie ist ja auch 
eine Schwester.) Er gibt zu, daß er eifersüchtig ist, wenn die Schwester 
eich mit jungen Burschen unterhält, daß er eine Bekanntschaft mit solchen 
„frechen Lausbuben" nicht dulden würde. Wir verstehen auch seine Hemmungen 
den Mädchen gegenüber. Sie haben alle etwas von seiner Schwester. Er 
findet, daß seine Schwester viel schöner ist als die anderen Mädchen. Bewußt 
:<u ihm nie ein Gedanke an die Schwester gekommen. Da sie bei seinen 



Wutanfälle. 151 

onanistischen Akten nebenan im zweiten Zimmer liegt, ist die Vermutung 
begründet, daß sie in den die Onanie begleitenden Phantasien eine große Rolle 
spielt und daß ein Teil des Widerstandes gegen die Onanie auf die begleitende 
Inzestphantasie zurückgeht. Er kämpft ungeheuer mit der Versuchung zu 
onanieren und wäre schon fast erlegen, wenn er nicht wüßte, daß er es mir 

gestehen müßte. 

Wer meine Lehre kennt, weiß, daß ich als primäre Kraft im Menschen 
den Haß annehme. Auch der Inzest der Neuro tiker ist nur eine Über- 
kompensation des ursprünglichen Hasses. Unser Patient muß seine Schwester 
gehaßt haben, wenn er sie jetzt so liebt. Er muß sie als Konkurrentin 
empfunden und ihr den Tod gewünscht haben. Ich sage ihm nichts von 
dieser Annahme und warte ruhig das Material der nächsten Tage ab. Er 
kommt lebensmüde und zugleich schaffensfreudig. Er will ein Drama dichten : 
„Der Mönch". Ein Mönch, der die Askese nicht ertragen kann, stürzt sich 
in das Wasser, um nicht wortbrüchig zu werden. 

Die Beziehung zu seinem Schicksal wird bald klar. Nach dem Tode 
des Vaters hat er sich ein Gelübde gegeben, noch ein Jahr lang keusch zu 
bleiben. Dieses Gelübde ist er im Begriffe zu brechen. 

Der Traum aber erzählt uns von seinen Gedanken über die Schwester : 

Ich sehe eine Amme und meine Schwester, die noch ganz klein ist. 

Die Amme sagt: Das Kind hat Durchfall und wird nicht lange leben. 

Ich komme dann zur Assentierung und will mir noch vorher die 

Füße waschen. 

Sinn des Traumes: Die kleine Schwester hatte als Säugling einen sehr 
schweren Darmkatarrh gehabt und war schon aufgegeben gewesen. Es war 
damals sein Wunsch, daß sie sterben möge. Die Assentierung ist wieder die 
Prüfung vor Gottes Richterstuhl. Er will als reiner Mensch, mit reinen Füßen, 
vor Gott erscheinen. Daß diese Todesgedanken gegen die Schwester innig 
mit seinem Schuldbewußtsein zusammenhängen, ergibt sich noch aus anderen 
Einfällen ". . . Solche Todeswünsche muß er auch gegen den Vater gehegt 
haben. Seine Buße zeigt das Junktim zwischen Sexualität und dem Tode des 
Vaters. Denn sein Gelübde entzog ihm gerade das, was ihm der Tod des 
Vaters früher hätte verschaffen sollen ... 

. . • __ _ — _ __ — — . 

i 

Es kommen neue Seiten seines Wesens zur Sprache. Er überwacht seine 
Schwester sehr strenge. Er kontrolliert ihre Ausgänge und wacht darüber, 
daß sie pünktlich zu Hause ist. Er merkt nicht, daß die Eifersucht ihn dabei 
lenkt. Er glaubt, es wäre seine Pflicht, den Vater zu ersetzen. Er möchte 
sie ernst haben,, sie sollte sich nicht um freche, leichtsinnige Burschen 
kümmern. Er setzt seinen AVillen durch, da sie und das ganze Haus vor 
ihm zittern. Er gerät leicht in große Wut und schreit dann sinnlos wie 
besessen. Mit Hilfe dieser Wutanfälle, in denen er die Besinnung verliert 
und eine Gewalttat vollbringen könnte, hält er die Herrschaft über seine 
Familie aufrecht. Die Schwester fürchtet seinen Zorn und fugt sich seiner 
Bevormundung und seinem Kontrollsystem. „Auch der Vater", setzt er fort 
„wich mir aus, wenn ich meine Wutanfälle hatte. Er sagte wiederholt, daß 
er nur durch mich so nervös geworden sei. Wenn ich zu toben anfing, so 
lief er weg oder schickte jemanden anderen zu mir. um mich zu beruhigen." 

„Warum haben Sie mir bis heute nichts von diesen Wutaufällen 
erzählt?" 



152 



Psychosexueller Infantilismus. 



„Ich dachte, es hätte nichts zu sagen und wäre nicht wichtig. Sie 
glauben . . ." 

„Ich glaube, daß Ihre Vorwürfe nach dem Tode des Vaters sehr starke 
waren. Sie bereuen diese Wutanfälle und sprachen sich nicht frei von aller 
Schuld an dem Tode des Vaters." 

„Das ist richtig. Ich dachte mir: Du hast viel dazu beigetragen, daß 
dein Vater so rasch sterben mußte . . ." 

Wir erkennen jetzt erst, daß sein Schuldbewußtsein und seine über- 
triebene Trauer . in gewissem Sinne berechtigt sind. Die. Zusammenhänge 
zwischen seiner Wut und seiner Sexualität sind noch zu begründen. Eines 
ist sicher: Unbefriedigte Menschen werden leicht wütend. Alle latente Liebe 
wandelt sich bei ihnen in Haß. 

„Mein eigentliches Leiden sind meine Wutanfälle. Ich verstehe nicht, 
warum ich Ihnen noch nie darüber gesprochen habe. Ich weide in meinen 
Anfällen wie ein wildes Tier, wie eine Bestie. Ich kenne keine Rücksicht. 
Ich werde ordinär und gebrauche grobe Worte. Wenn man meinen Willen 
nicht erfüllt, fange, ich zu toben an. Das ganze Haus ziüert vor mir und 
auch mein seliger Vater hat' vor mir gezittert. Ich sehe dann rot vor den 
Augen und könnte ein Verbrechen begehen." 

In diesem Sinne erzählt er mehrere charakteristische Szenen, aus denen 
hervorgeht, daß er ein arger Sadist ist, worauf ja sein erster Traum hin- 
gewiesen hat. Denn er kann sich beherrschen, wenn es sein muß, und der 
Zorn wandelt die Wege nach dem Gesetze des geringsten Widerstandes. Er 
ist stolz auf sein Schreckensregiment und meint, das würde nie besser werden, 
das sei seine Anlage. 

Er ist rachsüchtig wie alle diese Menschen und kann eine einmal ihm 
zugefügte Beleidigung nicht vergessen. Nicht verzeihen können, 
ist die nie fehlende Eigenschaft eines echten Sadis- 
m u s. 1 ) So merkt er sich alle Kränkungen und nimmt dafür tausendfache 
Rache, wenn er die Gelegenheit dazu hat. Ein Dienstmädchen, das einmal 
über ihn eine geringschätzige Bemerkung machte, sekkierte er so lange, bis 
es die Eltern aus dem Hause geben mußten. Deshalb pflegt er auch mit sich 
so strenge ins Gericht zu gehen und sich nicht so leicht etwas zu verzeihen. 
Wir hören aber, daß er eigentlich an dem Vater und an allen Anverwandten 
lieblos gehandelt habe. Wenn der Zorn über ihn kam, dann vergaß er 
alle Rücksicht und alle Grenzen. Da man ihn fürchtete, ließ er sich um so 
eher gehen und hatte einen heimliehen Stolz auf seine Wutanfälle. 

Dagegen kann er sich in sexuellen Dingen ungeheuer beherrschen. Er 
glaubt auch an ein Junktim zwischen seiner Wut und seiner Abstinenz. 
Alles, was er an Beherrschungskraft hat, wird zur Sicherung gegen die 
Sexualität aufgewendet. Die Wut dient ihm auch als Sicherung. Er macht 
sich bei allen Mädchen des Hauses unbeliebt und selbst seine geliebte Schwester 
fürchtet ihn mehr als sie ihn liebt. Auf diese Weise schafft er eine Zone 
des Hasses zwischen sich und den Sexualobjekten, er vergrößert die Distanz 
zwischen sich und den Menschen, die ihm gefährlich werden können. Der 
nächste Traum enthüllt uns neue Tatsachen: 

Ich liege neben dem Bruder und neben mir ist ein Mädchen, hebt 
die Röcke auf und zeigt mir die Waden. Ich greife mit der Hand 






') Die Sadisten halten alle6 fest, was ihnen gestattet, ihren Haß vor sieh /.u 
rechtfertigen. 



. 



Wutanfällfr. 153 

nach dem Fuß, sie hat einen zerrissenen Strumpf, in dessen Loch ich 
hineingreife. Sie zieht sich den Strumpf an und setzt sich mit einem 
Fuß ins Bett. Ich betaste den Fuß. Sie ging weg und der Fuß war noch 
immer im Bett. Dann kommen meine Schwester und die Mutter ins 
Zimmer und ich ziehe mich gerade an. Ich bemerkte, daß im Bette 
ein Hemd und ein Hosenträger geblieben sind. Das stecke ich unbemerkt 
zu mir, damit die Schwester das nicht sehen soll. Ich gehe dann hinunter 
auf die Gasse mit einer Aktentasche und mache so, als wenn ich zum 
Friseur gehen würde. Ich gehe aber ins Parterre zurück. Dort wohnt 
das Mädchen und ich gebe ihm die Sachen zurück. Es sagt: Im Bett 
habe ichs erlaubt, am Diwan hätte ich es nicht erlaubt. Das war so, 
daß man uns am Diwan nicht hätte erwischen können, das wäre dann 
feige gewesen . . . 

Wir konstatieren wieder die Neigung und das Interesse für den Fuß. 
Er ist ein ausgesprochener Fußfetischist und geht deshalb gerne zum Ballett, 
weil ihn der Anblick der vielen weiblichen Beine sehr angenehm stimuliert. 
Der Traum reproduziert aber zwei Tatsachen mit kleinen Veränderungen. Ein 
Mädchen steckte ihm in der Tat das Bein ins Bett, um ihn sexuell aufzuregen. 
Damals war er 15 Jahre. Aber wichtiger ist, daß kurz vor dem Tode des 
Vaters ein anderes Mädchen in sein Bett kam. Er bebte vor Erregung am 
ganzen Körper und hielt sjch doch zurück, obwohl er es liebte und leiden- 
schaftlich küßte. Seit dem Tode des Vaters hat er alle Liebkosungen, auch 
mit diesem Mädchen, aufgegeben. 

Interessant ist auch der Umstand, daß er mit dem Bruder in einem 
Bette liegt. Er lag auch früher öfters mit ihm beisammen. Irgendwelche 
homosexuelle Vorgänge sind ihm nicht erinnerlich. Der Eintritt der Mutter 
und der Schwester besagen, daß sie zum Trauminhalt in Beziehung stehen, 
daß sie irgend eine Beeinflussung seiner Erotik durchgesetzt haben. Alles 
andere hypothetisch und ungewiß.. 

Einen Tag lang erscheint er ganz verändert. Er fühlt eine fortreißende 
Schaffensfreude und ein stolzes Selbstgefühl. Er spricht das erste Mal wie 
ein Mann von dem, was er kann und was er leisten wird. Er rühmt seine 
Vorzüge und. man merkt, daß er das Kind überwinden will. Aber schon am 
nächsten Tage kommt er ganz gebrochen. Er habe einen Sturm erleht wie 
noch nie in seinem Leben. Etwas in ihm schrie nach Erfolg und Arbeit. Aber 
er rang diese Kräfte nieder. Er sagte sich: „Du bist ein Verbrecher! Du bist 
ein schlechter Mensch und darfst es zu nichts bringen! Du wirst nicht arbeiten 
und du wirst nichts leisten. Das ist schon dein Schicksal." 

Seine ganze Wut richtet sich nach innen und zerstört "grausam alle 
Keime, die da sprießen wollen. Er will kein Mann sein. Er will ein Kind 
bleiben. Er will den Tod des Vaters büßen, in dem er ewig mit seinem 
Vater lebt. Er bleibt das gehorsame Kind des Vaters, gerade weil er ge- 
storben ist. Den Lebenden hätte er überwunden, den Toten kann er nicht 
besiegen. Ein Kind hat kein Recht auf Geschlechtsgenuß und ein Kind 
braucht das Schaffen nicht. Er will lernen und wieder lernen, ein ewiger 
Schüler .... 

Er bricht die Analyse ab. Gerade in dem Momente, als seine homo- 
sexuelle Einstellung zum Bruder, als seine Inzestphantasien auf die Schwester 
immer mehr und mehr bewußt werden. „Mir wird nichts helfen. Mir ist 



154 



Psychosexueller Infantilisnius. 



nicht zu helfen. Es wird nie anders werden. Ich will nicht gesund werden. 
Geben Sie sich keine Mühe . . ." 

Wie alle Neurotiker hat er den Stolz auf seine Unheilbarkeit und auf 
die Unerschütterlichkeit der neurotischen Symptome. Er will ein Schüler 
bleiben und verzichtet vorläufig auf alle Freuden, welche das Leben für den 
erwachsenen Mann reserviert hat. ; Er bleibt ein Kind und hält an seiner 
Fiktion fest. 

Überblicken wir die ganze Krankengeschichte, so merken wir, 
daß der Kranke unter der Herrschaft eines mächtigen negativen Im- 
peratives steht. Dieser Imperativ lautet: „Ich will kein Mann 
sei n." Es ist geradezu ein umgekehrter männlicher Protest 
(Adler). Aber läßt sich diese Einstellung allein mit der Angst er- 
klären, den Aufgaben des Lebens nicht gewachsen zu sein und den 
Niederlagen auszuweichen? Läßt sich das Sexuelle aus seinem Leben 
als ein einfacher Modus dicendi in die Gleichung seiner Parapathie 
eintragen? 

Was wir in diesem Falle vor uns sehen, ist die ungeheuerliche 
Wirkung eines infantilen Trotzes. Dieser Mensch will auf seine in- 
fantilen Ideale nicht verzichten. Was er von jedem Familienmitgliede 
erwartete, war Liebe. Liebe suchte er beim Vater, bei der Mutter, beim 
Onkel und bei den Geschwistern. Aber nicht allein die seelische Liebe, 
die ihm ja im überreichen Maße zuteil wurde. Er begehrte als Kind 
diese Menschen und wollte sie zu seinen Sexualobjekten machen. Warum 
verwandeln sich in seinen Träumen die Menschen in andere Menschen? 
W T eil er sie alle liebt und begehrt — Onkel oder Tante. .Schwester 
oder Bruder, es ist ihm gleich. Alle sollen sein werden. 

Nun wird erst der erste Traum verständlich. Die Dame, der er 
die Gurgel durchbeißt, ist seine Schwester. Er will sie deflorieren. 
(Verlegung von unten nach oben.) Er kann den Gedanken nicht ver- 
tragen, daß ein anderer seine Schwester besitzen soll. Oder sie soll ewig 
Kind bleiben. Sie soll unschuldig und rein sein. Er geht ihr mit 
dem guten Beispiel voran. Er schafft sich ein geheimes Junktim 
zwischen seinem Lose und dem Schicksal der Schwester. So lange er 
keusch bleibt, wird die Schwester keusch bleiben. So lange er ein Kind 
ist, wird die Schwester ein Kind bleiben. Die Schwester verwandelt 
sich in den Onkel, wird dann wieder eine Dame und fesselt ihn an den 
Händen. Das heißt: Ich bin ewig an meine Schwester gebunden! Ver- 
gebens läuft er vor den Inzestgedanken davon. Sie verfolgen ihn und 
bringen ihn um den Verstand. Er muß sich ja beherrschen. Wie könnte 
er von der Schwester Abstinenz verlangen, wenn er den Versuchungen 
der Mädchen erliegen würde? 

Wir sehen, er ist auf dem Wege der vollkommenen Regression auf 
die infantilen Ideale. Das Schuldbewußtsein gegen den Vater und die 
Macht des Milieus hindern seine Entwicklung. 



Wutaufälle. 155 

Ich gab ihn bei der letzten Stunde den Rat, das Haus zu verlassen 
und ins Ausland zu gehen. 

Nach Jahren sah ich ihn wieder. Er hatte meinen Rat befolgt 
und wurde in einer kleinen Stadt Deutschlands Kapellmeister. Seine 
ehrgeizigen Pläne zerflatterten in Nichts. Er ist nicht der große Kom- 
ponist geworden, der der Welt die neue Symphonie der Disharmonie 
geschenkt hat. Aber er hat sich mit der Realität ausgesöhnt und eine 
reiche Frau heimgeführt. 

Die Analyse griff zur rechten Zeit in sein Leben ein. Was wäre 
sonst aus ihm geworden? Hätte er den Infantilismus überwinden können 
oder hätte er mit Selbstmord geendet? 

Für die Psychologie der Regression bietet dieser Fall zahlreiche 
neue Erkenntnisse. Er zeigt uns die unheimliche Macht der Eifersucht, 
die sich nicht erkennt. Emil wußte nicht, daß er eifersüchtig war, 
und rühmte, daß er dies Gefühl kaum kenne. Und doch war es Eifer- 
sucht, die sein Leben determinierte und die Unfähigkeit, auf etwas 
zu verzichten, was er sich einmal vorgenommen hatte. 

Sein Geiz wird psychologisch als Geizen mit der Liebe verständ- 
lich. Von der Liebe seiner Familie wollte er nichts hergeben und 
diesen Affekt übertrug er auf das Geld. Ein Kuß der Schwester war 
ihm mehr wert als alle Schätze dieser Welt. Was nützte ihm seine 
befriedigte Herrschsucht im Hause, was nützte ihm der Umstand, daß 
alles vor ihm zitterte und sich seinem Willen beugte? Er herrschte 
mit Haß und sehnte sich nach Liebe. Er wollte mit der Liebe herrschen 
und alle, alle in der Familie besitzen. 

So faßte seine Parapathie alle seine Leidenschaften und Wünsche 
ebenso wie sein Schuldbewußtsein zusammen. Sie war Lust und Strafe 
zugleich. Als Kind hatte er mit der Schwester gemeinsam gebadet. 
Warum sollte das Unmögliche nicht wieder möglich sein? Er wollte 
wieder die Zeit zurückschrauben und wieder zum Kinde werden. Dann 
konnte er das Leben neu beginnen imd nach Erfüllung seiner Sehnsucht 
auch den Traum der großen historischen Mission erfüllen. 



IX. 
Der ewige Jüngling und das ewige Mädchen. 

Gute Beobachter können verschiedene Fälle von Infantilismus m 
den öffentlichen Gärten sehen. Man wird immer Männer oder Mädchen 
finden, die sich nur mit Kindern abgeben und durch ihre jugendliche 
Kleidung auffallen. Sie spielen mit den Kindern, ohne sie sexuell zu 
mißbrauchen. Von ihnen zu unterscheiden sind die Pädophilen, welche 
wohl selbst altern, aber das infantile Ideal festhalten. Der Typus, von 
dem ich hier spreche, ist, ganz anders. Es sind .Männer, die Sport- 
kostüme mit Matrosenkragen tragen, oft direkt Knabenkleider, die sich 
sorgfältig gänzlich rasieren, um das jugendliche Gesicht beizubehalten, 
oder Mädchen (auch Frauen), die ihren Zopf tragen und den ewigen 
Backfisch darstellen. 

Ich will mit der Schilderung eines solchen Falles beginnen. Es 
handelt sich um die briefliche Mitteilung eines Mannes, die eine sehr 
genaue Darstellung seines Wesens enthält, 

k- u F , all .^ Tl ; 23 - • • ■ Ich gehe zu meinem eigentlichen Thema über. Ich 
bin heute 41 Jahre alt und sehe ein, daß es so nicht weiter geht-. Ich kann 
nicht aus der Vorstellung herauskommen, daß ich ein Knabe bin. Ich glaube 
sonst ein ganz normaler Mensch" zu sein und bin mir keiner krankhaften 
Regung bewußt. Ich stamme von gesunden Eltern, hatte vier Geschwister, 
von denen ein Bruder im Alter von 14 Jahren an Diphtheritis gestorben ist, 
als ich 13 Jahre alt war. Ich habe eine ganz normale Kindheit gehabt und 
erinnere mich nicht an besondere Ereignisse. Ich habe mich nach Kenntnis 
Ihrer Werke genau durchforscht und konnte nichts Abnormes bei mir ent- 
decken Ich weiß nur, daß ich sehr gerne die kurzen Hosen trug und daß ich 
mich fürchtete,- es könnte der Tag kommen, an dem ich die mir verhaßten 
langen Hosen anziehen müßte. Diesen Tag werde ich immer in meinem 
Kalender der Erinnerungen schwarz anstreichen. Ich war schon 17 Jahre und 
war der Einzige im Gymnasium, der noch kurze Hosen anhatte. Die Mit- 
schüler machten sich über mich lustig, auch meine Eltern verlangten, ich solle 
mich wie ein Erwachsener tragen. Anfangs hatte meine Mutter das Knaben- 
hafte in mir begünstigt. Ich belauschte einmal ein Gespräch mit einer Nach- 
barin. Die Nachbarin erzählte, daß ihr 19jähriger Sohn eine Geliebte habe. 
Meine Mutter entrüstete sich darüber und meinte, das sei ein Verbrechen. Sie 
wißse es, daß ihr Sohn unschuldig sei und es lange bleiben werde. Sie möchte 
ihn am liebsten als Kind behalten, denn sie fürchte, er .werde durch die Frauen 
verdorben werden. Darauf lachte die Nachbarin und meinte, die Mutter solle 
nur in der Wäsche nachsehen, da werde sie schon sehen, wie weit es mit meiner 



Der ewige Jüngling und das ewige Mädchen. 157 

Reinheit stehe. Es kam jemand und ich konnte das Gespräch nicht weiter 
belauschen. Aber ich wußte, daß ich in der Mutter einen Bundesgenossen 
hatte. Mein Vater aber merkte etwas Krankhaftes an dieser Sache und machte 
kurzen Prozeß. Eines Morgens waren meine Knabenkleider verschwunden und 
es lag ein Anzug mit langen Hosen vor meinem Bette. Ich weinte wie ein 
kleines Kind und wollte erst nicht in die Schule gehen. Dann gab ich nach und 
nahm mir vor, mir möglichst bald wieder ein Sportkostüm anzuschaffen. Das 
setzte ich auch durch und ich gestehe, es war das einzige Kleidungsstück, in 
dem ich mich wohl fühlte. Auf der Hochschule ging ich immer in kurzen 
Beinkleidern herum, trug auch meine Haare .sorgfältig gescheitelt wie als 
Knabe. Bald jedoch trat der Ernst des Lebens an mich heran. Ich mußte 
plötzlich daran denken Geld zu verdienen. Mein Vater starb unvermutet in- 
folge eines Herzschlages und ließ meine Mutter unversorgt zurück. Ich 
mußte Lektionen geben und konnte nicht im Sportkostüm z.u den Schülern 
gehen. Aber auch diese Zeit ging vorbei, ich arbeitete mich durch und bin 
heute ein angesehener Rechtsanwalt, der keine Sorgen kennt. Mein größter 
Genuß ist es, abends in Knabenkleidern (Matrosenanzug) auszugehen. Ich 
habe mich immer sorgfältig rasieren lassen und gestehe, daß ich mir auch alle 
Haare am Körper rasiere. Ich will ein Knabe sein, darum dreht sich mein 
ganzes Denken. Ich habe alle Hefte und Bücher aus der Knabenzeit behalten. 
Es macht mir das größte Vergnügen, des Abends oder an Feiertagen in den 
alten Schulsächcn herumzukramen. Meine größte Freude ist meine Marken- 
sammlung. Ich kann stundenlange, mit den Märken spielen, sie sortieren, sie 
frisch ordnen, Neuerwerbungen entsprechend einkleben. Ich habe mich •in 
dieser Hinsicht gar nicht geändert. Ich bin in Bezug auf Marken der Knabe 
geblieben. 

Ich bin Junggeselle und habe mich nicht entschließen können zu 
heiraten. Das hängt mit meiner besonderen Form der Sexualbefriedigung zu- 
sammen. Ungefähr im 13. Lebensjahre begann ich zu onanieren und stellte 
mir dabei vor, daß ich auf dem Schöße einer Dame sitze und mit ihrem Ohr- 
läppchen spiele. Mitunter greift diese Dame (natürlich nur in effigie!) an 
mein Glied und spielt damit. Versuche bei Dirnen mißlangen alle. Ich ver- 
suchte es, meine Phantasie in Wirklichkeit umzusetzen. Ich sitze auf den 
Knien der bezahlten Dame und lasse sie mit ihrer Hand mein Glied ergreifen. 
Dann kommt es zur erlösenden Prozedur, aber der Genuß ist nie so groß wie 
bei der Onanie. Selbstverständlich suche ich die öffentlichen Häuser nur auf, 
wenn ich mein Knabenkleid anhabe. Der Matrosenanzug ist die Bedingung 
meiner Befriedigung. Hie und da kommt mir der Gedanke, daß ich mit einem 
Knaben etwas machen sollte. Ich interessiere mich für alle Knaben, habe es 
aber bis heute vermieden, Beziehungen anzuknüpfen, da ich als Rechtsanwalt 
die Folgen kenne und ich mich fürchte, ich könnte mich einmal vergessen." 

Nach diesem Berichte erkundigte ich mich brieflich nach einigen 
Einzelheiten und erhielt folgende Antwort: 

„Ich habe lange nachgedacht und bin schließlich daraufgekommen, daß 
in unserem Hause eine Gouvernante war, die mich während einer Krankheit 
öfters auf den Schoß genommen hat. Auch die Mutter nahm mich damals 
auf den Schoß. Es schwebt mir dunkel vor, als ob die Gouvernante mit 
meinem Glicde gespielt hätte. Ich erinnere mich — da Sie mich darum 
fragen — , daß ich sehon öfters davon geträumt habe. 



158 



Psychosexueller Iufantilismus. 



scheinfsicl 7 mCht naCh Wlen 2Ur Anal y ße kommen " Es 

«tart sich um eine Fixierung an die Zeit der Krankheit zu handeln 

:t!n V 1 ' w^ 08 VerZäptelt ™ de ' ° ft i8t diese **'*• Infant 
Luids nur die Wirkung eines Erlebnisses, dem dann auf diese Weise 

S ^™ liehen wird - In di ^er Hinsicht gibt der nächste Fall 
einige Aufklarungen. 



ÄtK^-E. 5it5 BSa 



an Hnd „^ „«** j „7, — °' ,J """" 1U u « eisten öprecnstundc eibt sie 
Sdfr Ir/t • m ? "/^ ° naniert ^ dabei immer OrgasmuB hat gk 

ää;::ä fear s 

m.d dZ?o n ?St"f- , F f' e /ü lt \ mmer mit Mädehenkleiden, umhergehen 

SfiS £T2 MadctenUeider und spielt mit ihren Puppen. Sie 

tot noch heute sehr gerne Märehen und läßt keine Gelegenheit vorbeigehen 

Ich führe noch drei Fälle aus der Beobachtung von HirschfeW) 
an, die uns ein gleiches Bild zeigen mrscnreia ) 

essiere ich mich für Wäsche und sehe mir solche gern an, wenn sie sich in 
ganz sauberem, hübsch .gebundenem, schön awdÄTSSSSffi 
Schrank befindet. Meine Wäsche ist stets in Lsem zTstand und ra ™ 
Jnschjrunen Bändern vorzufinden. Immer bin ich hocherfreut wenn th 



J ) „Sexualpathologie" von Dr.. med. Magnus Hirschfeld, I. Teil Bonn 1917 
A.Marcus und Webers Verlag, Dr. jur. Alb. Ahn (p. 43-44). ' ' 



~rr 



Der ewige Jüngling und das ewige Mädchen. 



159 



meinen Wasch esehrank öffne und mir dieser liebe Anblick entgegenkommt." 
„Ich schwärme sehr für Blumen und eine ganz besondere Liebhaberei 
von mir ist es, diese zu küssen oder aus halb geöffneten Rosen Wasser 
zu trinken. Meine Lieblingsblumen sind folgende: Schneeglöckchen, Him- 
melschlüsselchen, Veilchen und das bescheidene Vergißmeinnicht." 
„Große Freude macht es mir, verschiedene Kleinigkeiten selbst zu nähen, 
wie Kravatten, Kissen und Sportmützen. Letzterer Gegenstand ist nicht 
ganz leicht eigenhändig ohne jegliche Anleitung herzustellen, aber es 
ist mir ganz gut gelungen zwei Mützen zu arbeiten, die ich nun mit Vor- 
liebe trage. Meine Mützen haben sogar. hier in Berlin bei meinen Be- 
kannten so Anklang gefunden, daß ich schon einige Bestellungen ent- 
gegengenommen habe. Meine anderen Brüder im Felde habe ich mit von 
mir angefertigten, mit Daunen gefüllten Schlummerkissen versehen, die 
ihnen beim Empfang eine sehr große Freude bereiteten und wohl auch 
ein nützlicher Gegenstand für unsere armen Soldaten im Feld sind." 

Sehr bezeichnend ist folgende Äußerung dieses Infantilen: „Sehr 
gegen meine Geschmacksrichtung ist es, wenn ich mit dem Wort „Herr" 
angerufen werde. Dann werde ich sofort von nicht zufriedengestellter 
Stimmung überfallen und muß erst eine Zeit ganz allein sein, bis ich 
wieder soweit hergestellt bin, um fröhlichen Mutes sein zu können. Da 
ich mich doch durchaus nicht als die Erscheinung eines Herrn fühlen 
kann, ist es meine Absicht, den nächsten neuen Anzug wieder mit kurzer 
Kniehose zu tragen, damit mir die Anrede Herr weniger zugelegt wird." 

Fall Nr. 2& M., 50 Jahre, findet eich nur in Matrosenanzügen glücklich. 
Er bildet sich dann ein, er wäre noch ein Junge von 12 Jahren. Er zieht 
sich abends zu Hause einen Knabenanzug an, von denen er sieben besitzt 
und setzt sich vor den Spiegel; er ist geschlechtlich erregt, berührt aber 
nicht sein Glied, „weil er dazu noch zu jung sei". Am liebsten spielt 
er mit anderen Knaben Schule. Sonntag nachmittags geht er mit „den 
anderen Jungen" nach den Rummelplätzen zum Karussclfahren und 
Schaukeln." Er schenkt ihnen vorher Geld, dann kaufen sie sich zusammen 
Bonbons und Schokolade; sie spielen auch gerne Ball. Auch geht er mit 
den Knaben in die Volksbadeanstalt ; er fühlt sich den Jungen völlig 
gleichartig. „Willy und Kurt seien seine besten Freunde, zu mir sagen sie 
Louis." Geschlechtliche Handlungen nimmt M. weder mit Kindern, noch 
Erwachsenen vor. Wenn er sich Sonntags lange mit seinen Kameraden 
herumgetummelt hat und den Abend zu Hause dann in seinen Knabenan- 
zügen verbringt, tritt öfters eine sexuelle Entspannnug ein, die ihn völlig 
zufriedenstellt (I.e., p.44): 

Fall Nr. 27. Der 40jährige Bierverleger R. K. ist von uns gemeinsam 
während mehrerer Monate beobachtet, eingehend untersucht und wiederholt 
exploriert worden. K. war ein äußerst schlechter Schüler. Trotz seiner 
großen Anhänglichkeit an die Mutter trat schon in frühen Kinderjahren, 
\ronn er eben nicht an das Krankenlager gefesselt war, eine Neigung 
zu übermütigen Jugendstreichen deutlich zutage. Auch weiß sich K. 
genau zu entsinnen, daß schon damals ein — seiner eigentlichen Ursache 
nach ihm natürlich noch unklarer — Reiz für ihn darin lag, derartiger 
Streiche wegen gezüchtigt zu werden oder auch nur darin, sich eventuelle 
Züchtigungen vorzustellen. Mit 13 Jahren offenbarte sich die sexuelle 
Natur dieses Empfindens noch deutlicher, als K. eines Tages vom Lehrer 



160 



Psychosexueller Iufantilismus. 



auf das Gesäß geschlagen wurde, in der darauffolgenden Nacht, im Traume 
die gleiche Situation nochmals durchmachte und dabei die erste mit 
Wollustgefühl verbundene Pollution hatte. 

An dieses erste Zeichen beginnender Pubertät schlössen sich die 
übrigen Erscheinungen des Entwicklungsalters, Stimmwechsel, Bartwuchs 
und bewußtes Sexualempfinden. Nach Abschluß der Geschlechtsreife war 
eine gewisse Differenzierung bei K. insoferne eingetreten, als seine auf 
effektive Geschlechtsbetätigung zielenden Wünsche und Neigungen auf 
erwachsene Personen weiblichen Geschlechts eingestellt waren. 

Wie erwähni, bildete der Wunsch und die Vorstellung, Kind zu 
sein und als Kind behandelt zu werden, das treibende und die Gesanit- 
persönlichkeit beherrschende Moment in K.s Seelenleben. 

K. ist ein untersetzter, ziemlich kräftig gebauter Mann, an dem 
in Ges.ichtsausdruck und Haltung ständig eine eigenartige Schüchternheit 
und Zaghaftigkeit auffällt. Der Organbefund zeigt keine wesentlichen 
Abweichungen von der Norm. Dagegen ist in der niedrigen, bei der 
geringsten Denkarbeit stark gefurchten Stirn, in dem Mißverhältnis 
• zwischen Hirn-Gesichtsschädel, der asymmetrischen Gesichtbildung und 
dem wenig differenzierten Bau der ungleich gestellten Ohren ein degene- 
rativer Typus ausgeprägt. Von nervösen Erscheinungen fällt' eine — auf 
lebhafter Gefäßerregbarkeit beruhende — Neigung zum Erröten und 
Erblassen neben gesteigerter Erregbarkeit der Sehnenreflexe besonders auf. 
Der psychische Befund bietet auf allen Gebieten das Bild voll- 
kommener Kindlichkeit und mangelnder Reife. 

Alle Interessen K.s drehen .sich um den Angelpunkt dieser kind- 
lichen Einstellung: Aus Kinderbüchern, Märchen und Fabeln einfachster 
Art deckt er seinen geistigen Bedarf, zu Weihnachten füllt er einen langen 
Wunschzettel aus, in dem er neben Spielsachen aller Art, Soldaten, 
Reifen, Ballspiel usw. sich erbittet, wöchentlich feinmal „ins Kino geführt 
zu werden", und auch äußerlich ganz als Knabe gekleidet gehen zu können 
und als solcher behandelt zu werden, ist Inhalt und Ziel- aller persön- 
lichen Wünsche des 42jährigen Menschen. Ihm selbst ist nicht bewußt, 
wie stark sein sexuelles Empfinden in dieser infantilistischen Gesamt- 
individualität begründet und -mit ihr verflochten ist. 

Im Umgange mit Knaben, namentlich in dem Gefühl, auch diesen 
noch untergeordnet, gewissermaßen kindlicher als die Kinder zu sein, 
findet seine Sexualität auch ohne wirkliche geschlechtliche Betätigung 
ihre Entspannung. Hieraus erklärt sich der Genuß, den er darin findet, 
seine äußerst mangelhaften Schreibübungen von Knaben korrigieren und 
sich der darin enthaltenen Fehler halber zurechtweisen und eventuell 
züchtigen zu lassen (1. c, p. 45—46). 

Diese Fälle sind verhältnismäßig häufig. Sie fühlen sich nicht als 
Kranke und suchen selten den Arzt auf. Ich habe in öffentlichen Gärten 
wiederholt diesen Typus beobachten können. Es ist mir bis heute «och 
nicht gelungen, ein solches Exemplar zu einer Analyse zu bringen. Sie 
halten mit unglaublicher Hartnäckigkeit an der Fiktion der ewigen 
Jugend fest und fühlen sich in dieser Fiktion so lange glücklich, bis die 
Zeit ihnen das Spiel unmöglich macht. Ich habe aber schon Männer 
beobachtet, die weißes Haar hatten und den „ewigen Jüngling" spielten. 







X. 

Die Monopolisierung der Sinne. 

Zur normalen Sexualität gehört die vereinigte Funktion aller 
Sinnesorgane im Dienste der Libido. Der Liebende sieht seinen erwählten 
Partner gerne, sein Anblick verschafft ihm freudige Sensationen, er 
riecht ihn gerne, er schmeckt seinen Kuß als höchsten Genuß, er fühlt 
ihn beim Streicheln und bei der Berührung, er betastet ihn mit ge- 
steigerter Wollust. Wenn einer dieser Sinne zu einer Objektwahl in 
Opposition steht, so kann man annehmen, daß er sich in der Objekt- 
wahl getäuscht hat. Frauen, die ihren Mann nicht riechen können und 
behaupten, daß sie ihn lieben, täuschen sich selbst über die Stärke ihrer 
Abneigung. Männer, die angeblich eine Frau lieben und ihre Stimme 
unangenehm empfinden, werden bald den Zusammenbruch dieser Liebe 
erleben. 

Aber jedermann hat eine Sinnesqualität, die er bevorzugt, oft 
ohne sich darüber Rechenschaft zu geben. Dem einen ist die Stimme 
das Wichtigste, dem anderen der Anblick, dem dritten der Geruch, dem 
vierten die Tastempfindung, welche das Streicheln der Haut vermittelt. 

Es kommt aber bei den verschiedenen Formen des psychischen 
Inf'antilismus vor, daß ein Sinn die determinante Kraft darstellt, daß 
er sozusagen das Liebesleben in seinem Dienste monopolisiert. 

Am bekanntesten ist die Paraphilie des Zusehens und Gesehen- 
werdens (Mixoskopie Molk). Diese Voyeurs und Voyeusen stellen viel- 
leicht die harmloseste Form des Infantilismus dar, die ungeheuer ver- 
breitet ist. Fast jedermann hat etwas von dieser Paraphilie an sich. Sie 
wird nur zur Paraphilie, wenn auf die Ausübung des Geschlechtsaktes 
verzichtet wird und das Zusehen und Gesehenwerden (passiver Voyeur) 
schon allein den höchsten Genuß verschafft. Wir haben aus ver- 
schiedenen Krankengeschichten gelernt, daß diese Paraphilie aus der 
Kindheit stammt. Das Kind ist in erster Linie Voyeur und trachtet 
sich die Genüsse des Zugehauene, die auch im Dienste des sexuellen 
Forschungstriebes stehen, mit allen seinen Mitteln zu verschaffen. In 
erster Linie sind es die Eltern, die beobachtet werden. Ist diese Beob- 
achtung eine der ersten Eindrücke des Kinderlebens, so kann es zur 
Monopolisierung des Sehtriebes kommen. 



Stekel, Stürangon dos Trieb- und Affektloben:-. V. 



11 



162 



Psvcliosexueller Infantilismus. 



Der erwachsene Voyeur benimmt sich wie ein Kind. Er trachtet, 
sich um jeden Preis das Vergnügen des Zusehens zu verschaffen. Dieses 
Zusehen erstreckt sich zumeist auf den Koitus, kann aber auch den An- 
blick der Miktio oder den der Defäkation erstreben. Der Variationen 
gibt es unzählige. Es ist gar nicht meine Absicht, alle die Variationen 
der Mixoskopie zu schildern. Einige Beispiele mögen genügen. 

-Eine große Rolle spielt die Beobachtung durch ein Loch in der 
Wand 1 ) oder durch ein Schlüsselloch. In Paris sollen in Lupanaren 
sich für diese Neurotiker vorbereitete Gucklöcher befinden, durch die 
sie für teures Entgelt die verschiedenen Liebesszenen beobachten 
können. Gewöhnlich onanieren diese Zuschauer während des Aktes, 
der beobachtet wird, oder kommen durch den. bloßen Anblick zum 
Orgasmus. 

Fall Nr. 28. Ein 54jähriger, hochgestellter Mann suchte bei mir Abhilfe 
gegen folgenden Trieb. Er rennt stundenlange in den Gassen herum. Endlich 
faßt er den Mut, einen Soldaten anzusprechen, der sich in der Nähe von Bor- 
dellen herumtreibt und fragt ihn, ob er sich einen Koitus bezahlen lassen 
würde, wenn er einen Zuschauer hätte. Oft verspricht er dem Soldaten noch 
eine Extrabelohnung. Er erinnert sich, daß er in der frühesten Kindheit 
wiederholt den Koitus seiner Eltern belauscht hatte. 

Der nächste Fall zeigt ein anderes Bild als Ergänzung: 

Fall Nr. 29. 36 Jahre alt, Advokat, kann nur Libido empfinden, wenn 
er weiß, daß" ihm jemand zusieht. Am liebsten ist es ihm, wenn er mit einem 
Freunde gemeinsam in einem Zimmer koitiert, so daß sie einander sehen 
können. Mitunter werden auch die Frauen ausgewechselt. Er hatte eine sehr 
schöne Geliebte, die sich weigerte, sich in Gegenwart seines Freundes koi- 
tieren zu lassen. Er wollte den Freund im Zimmer verstecken, damit er sie 
sehen könnte. 

Das ähnliche Motiv behandelt Hebbel in „Gyges und sein Ring''. 

Alle diese Voyeurs haben Phantasien, daß sie einen Zauberring 
besitzen, der sie unsichtbar macht. Sie träumen auch, daß sie sich in 
ein kleines Tier verwandeln und alle Vorgänge beobachten können. 
Das Motiv der Tarnkappe kehrt in ihren Phantasien regelmäßig wieder. 
Aber nicht immer geht der Voyeur auf den Anblick des Koitus und 
der vollständigen Entkleidung. Vielen Männern genügt das Raffen des 
Kleides, um bei ihnen wollüstige Empfindungen und sogar Orgasmus 
hervorzurufen. 

Fall Nr. 30. Herr S. A., 52 Jahre alt, Beamter, hat eine bestimmte 
Leidenschaft. Er wartet sehnsüchtig auf einen Regen, um dann hinter Damen 



*) Henri Barbusse gibt in seinem Romane „l'Enfer" eine ausgezeichnete Schilde- 
rung eines Voyeurs und versucht, durch tiefe psychologische Betrachtung eine Vertiefung 
dieses Thema. Er schildert sozusagen einen sublimierten Voyeur. Durch ein Loch in 
der Wand kann ein Hotelgast alle Vorgänge beobachten, die sich im benachbarten 
Hotelzimmer abspielen. Ich kenne solche Voyeurs und weiß aus ihren Geständnissen, 
daß diese Paraphilie außerordentlich verbreitet ist. 



Die Monopolisierung der Sinuc. I(j3 

einherzugehen, welche das Kleid in die Höhe raffen, um sich vor Schmutz zu 
schützen. Er steht am liebsten bei gewissen schmutzigen Übergängen, bei 
denen die Damen gezwungen sind, ihre Waden stärker zu entblößen. Er hat 
ein Loch in seiner Tasche, geht dann hinter diesen Damen einher und onaniert. 
Er hat es niemals gewagt, diese Frauen anzusprechen. Er ist an regenlosen 
Tagen ohne jede sexuelle Erregung. Hat oft bei Dirnen den Koitus versucht 
und hatte niemals eine Erektion. Seine ganze Sexualität ist auf den Anblick 
des Beines monopolisiert, wobei der Regen als unumgängliche Begleiter- 
scheinung gefordert wird. 

* 

Diese Beispiele mögen genügen. Jeder Sexualarzt wird viele der- 
artige Beobachtungen sammeln können. In allen Fällen handelt es sich 
um Infantilismen. Der Sexualakt beschränkt sich auf das Sehen oder 
Gesehenwerden. 

Sehr interessant sind auch die Fälle von Nebenzimmer-Sexualität, 
bei denen es sich um das Hören handelt. Diese Menschen werden nur 
durch das Hören der verschiedenen Geräusche erregt, wie sie den 
Koitus zu begleiten pflegen. Es sind einerseits die bekannten knarrenden 
Bewegungen des Bettes, andrerseits die Laute, welche die Kodierenden 
während des Aktes ausstoßen. Auch das Ohr kann unter Umständen 
monopolisiert werden, wie der nächste Fall beweist. 

Fall Nr. 31. Herr W. H., ein 29jähriger Platzagent, war bisher immer 
bei Frauen impotent. Er onaniert immer mit der Vorstellung, daß er im 
Nebenzimmer ein Paar koitieren hört. Er hat auch diese Phantasien in die 
Tat umgesetzt. Er sucht Stundenhotels auf und wählt ein Zimmer, das 
zwischen zwei anderen Zimmern liegt und dünne Wände hat. Hohe Trink- 
gelder sichern ihm eine anregende Nachbarschaft. Er horcht nun gespannt 
auf alle Geräusche. Zuerst wie das Paar hineinkommt, was sie sprechen, ihr 
Sträuben, sein Zureden, das Flüstern, das Knarren des Bettes, ihr Seufzen 
und Stöhnen. Er gerät in höchste Aufregung, trachtet seinen Orgasmus nach 
dem Orgasmus des Paares einzurichten. 

Dieser Mann erinnert sich, daß er durch viele Jahre den Koitus der 
Eltern belauscht und dabei onaniert hatte. Er macht nichts anderes, als die 
alte Szene neu zu beleben und wieder zu erleben. Alle seine Versuche, diese 
Leidenschaft zu überwinden, scheitern. Es interessiert ihn nur das Zuhören, 
es macht ihm den größten Genuß. 

Seltener sind die Fälle, in denen die Liebesbedingung ein Monopol 
des Geruchsinnes ist. Es kommt sehr häufig vor,, daß ein bestimmter 
Geruch die sexuelle Erregung bringt und dann der normale Koitus 
ausgeführt wird. Aber es gibt auch Geruehsklaven, welche einem be- 
stimmten Gerüche nachjagen und sich an dem Gerüche berauschen, 
wobei sie zum Orgasmus kommen. Ich kenne Männer, die ein bestimmtes 
Parfüm lieben, parfümierte Taschentücher benützen, parfümierten 
Damen nachlaufen und dabei onanieren. Andere werden durch Schweiß- 
geruch angelockt und suchen nur den Geruch bestimmter Körperteile. 
Besonders der Geruch alter Wäsche >und alter Kleider ist sehr behebt., 

11* 



164 



Psychosexueller Infantilismus. 



Fall Nr. 32. Herr T. N., ein 45jähriger Arzt erzählt mir, daß er seit 
seiner Jugend an der Leidenschaft krankt, die Wäsche zu riechen, in der 
ältere Frauen gelegen sind. In der Praxis gelingt es ihm hie und da unbe- 
merkt oder unter dem Vorwande der ärztlichen Untersuchung, seinen Kopf 
unter die Bettdecke zu geben. In diesem Momente erfolgt eine Pollution. Er 
hat nie mit Frauen verkehren können, da er immer impotent war. Er weiß 
es bestimmt, daß er schon als 3jähriger Knabe sich gerne ins warme Bett der 
Mutter legte und die Decke über den Kopf zog. Je stärker der Geruch ist, 
desto größer, wird seine Erregung. 

Fall Nr. 33. Herr C. J., 24 Jahre, Beamter, wird durch den Geruch 
eines uringetränkten Hemdes am stärksten erregt. Er sucht sich um jeden 
Preis solche Hemden zu verschaffen und daran zu riechen und zu onanieren, 
was bisher am leichtesten bei der Mutter und bei zwei Tanten gelungen ist. 
Er berichtet mir das von mir einige Male beobachtete Phänomen, daß er beim 
Niesen diesen Geruch mit aller Deutlichkeit konstatieren kann. (Was mir 
zu beweisen scheint, daß manche Formen von Niesen und Nieszwang 
symbolische Darstellungen des Geschlechtsaktes sind. 1 ) Dieser Geruch ver- 
folgt ihn oft tagelang und er ist unglücklich, wenn die Prostituierten, die er 
aufsucht, reine Wäsche anhaben. Er ersucht sie dann, ein altes, womöglich 
uringetränktes Hemd anzuziehen und kommt beim Riechen und Wühlen des 
Kopfes unter dem Hemde auf dem Bauche zum Orgasmus, ohne jeden Ver- 
such einer Immissio gemacht zu haben. 

Mitunter treten diese Geruchshalluzinationen in Anfällen auf, die 
mit leichtem Schwindel, Ohnmacht oder mit einer Träumerei verbunden 
sind. Ein instruktives Beispiel findet sich bei F6r6. 

Fall Nr. 34. Epilepsie. Subjektive Empfindungen des 
Geruchssinn-es während der Bejxuellen Beziehungen, 
die sich später in der Aura des epileptischen An- 
falles wieder zeigten. Es handelt sich um einen 34jährigen Mann, 
in dessen Familie man keine neuropathischen Anverwandten findet. In seiner 
Kindheit sind keine nervösen Störungen aufgetreten, seine Entwicklung war 
normal, er hat bis zu seinem 28. Lebensjahr keine anderen Krankheiten als 
Masern und Scharlach gehabt. Er ist seit einem Jahr verheiratet. Seine Frau 
hatte vor zwei Monaten entbunden ; als er die ehelichen Beziehungen wieder 
aufnahm, war er erstaunt, beim Orgasmus einen üblen Geruch zu verspüren, 
den er mit dem eines verfaulten Käses vergleicht. Natürlich suchte er die 
Ursache seines Geruches, den er bei jeder Annäherung verspürte, nicht bei 
sich selbst. Die Folge davon waren eine tiefe Abscheu und ein fast unbesieg- 
barer Widerwillen gegen den Koitus. Er hatte beinahe einen Monat lang 
keinen Verkehr ausgeübt, als er eines Nachmittags in seinem Büro plötzlich 
den wohlbekannten üblen Geruch verspürte. Diese Wahrnehmungen war von 
keinem sexuellen Gefühl und scheinbar auch von keinem anderen Symptom, 



1 ) Ich erinnere mich an die Zwangsneurose eines Rabbiners, der darunter litt, 
nicht „abniesen" zu können. Er gebrauchte die stärksten Schnupfmittel, um das Niesen, 
welches mit einem leichten Orgasmus verbunden war, hervorzurufen. Leider versagten 
die Mittel nach einigen Wochen. Es handelt sich um ein Konversionsphänomen und 
um eine Affektverschiebung. Er wollte eine Ejakulation bei einem anderen Weibe als 
dem seinen erleben und machte die Stadien der Sehnsucht und Enttäuschung an aer 
Nase mit. 



Die Monopolisierung der Sinne. 1(35 

begleitet. Es war beiläufig 6 Monate her, daß sich diese Begleiterscheinung 
beim Koitus zum ersten Male fühlbar gemacht hatte. Von diesem Augen- 
blick an, ob er den Verkehr ausübte oder nicht, machten sich die Halluzina- 
tionen des Geruchsinnes alle 10—12 Tage, im Assoziationswege, geltend. 

Während eines Jahres traten dieselben Erscheinungen ohne Änderung 
auf. Eines Abends, als er von einem langen, aber keineswegs sehr ermüdenden 
Spaziergang heimkehrte, trat die Geruchsempfindung plötzlich wieder auf, 
begleitet von einer Verdunkelung des Sehvermögens, welcher beinahe sofort 
eine Ohnmacht folgte. Der Kranke biß sich in die Zunge, urinierte in seine 
Kleider: heftige Konvulsionen dauerten zwar nur kurze Zeit, wurden aber von 
einer unruhigen Schlafperiode mit einem scheintodähnlichen Zustand, der 
mehr als zwei Stunden andauerte, abgelöst. Der Kranke erwachte nur für 
kurze Zeit -aus diesem Schlummer, stellte einige Fragen und verfiel sofort, 
nachdem man ihn ausgezogen und auf sein Bett gelegt hatte, wieder in Schlaf. . 
Diese Anfälle haben sich seitdem mit derselben Aura, ungefähr jede sechste 
Woche oder jeden zweiten Monat, wiederholt, die alten Anfälle blieben aber 
bestehen. 

Da dieser Kranke seine Paraphilie im epileptischen Anfall durch- 
lebte, müssen wir annehmen, daß es sich um kriminelle Regungen 
handelt, deren Bewußtmachung er nicht vertragen würde. Ich würde 
die Diagnose nach meinen Erfahrungen auf „Nekrophilie" stellen. 

Ich kenne ähnliche Fälle, in denen sich die Vorliebe für den 
faulen Geruch und die Idiosynkrasie gegen diesen Geruch auf verdrängte 
nekrophile Regungen zurückführen ließ. Viele Gourmands haben in 
ihre Feinschmeckern die infantilen sexuellen Einstellungen herein- 
getragen. Jedenfalls läßt sich das Rätsel der Idiosynkrasie gegen ge- 
wisse Speisen in den meisten Fällen leicht analytisch aufklären. 

Bekannt sind die Fälle von Pikazismus (Eulenburg), in denen 
sonderbare Geschmacksempfindungen den Orgasmus vermitteln. Ich er- 
innere an den Fall, den Eulenburg schildert. Ein Mann führt Erdbeeren 
in die Vagina ein und verzehrt sie unter höchster wollüstiger Erregung. 
Es kommt bei manchen Infantilieten vor, daß sie gewisse Speisen in 
die Vagina und auch, wie wir gesehen haben, in den Anus stecken und 
sie verzehren. (Fall Nr. 72 wird uns ein lehrreiches Beispiel geben.) 
Hierher gehören die Koprophagen, die Urolagnisten und alle ähnlichen 
Fälle. Es ist sehr schwer, diese Menschen zu einer Analyse, überhaupt 
zu einem Geständnis zu bewegen. Seit ich das große Material an Im- 
potenten habe, das mir Band IV verschafft hat, sehe ich auch solche 
Fälle häufiger. Man versäume in keinem Falle von Impotenz nach 
sonderbaren Geschmacksrichtungen zu fragen und wird dann sehen, 
daß diese Fälle keineswegs so selten sind, wie man a priori annehmen 
würde. 

Fall Nr. 35. Herr G. F., 37 Jahre alt, Ingenieur, muß beim Kuß einen 
merkwürdigen Geschmack wie nach Eiter oder Blut fühlen, um zum Orgas- 
mus zu kommen. Frauen mit schlechten Zähnen und besonders solche mit 



166 



Psychosexueller Infantilismus. 



einem kunstlichen Gebisse vermögen diese Geschmacksempfindung zu ver- 

rflh ^\ G l? mi 'l Sich nißht ' ob eine der p e^onen seiner Jugend diesen 
Geschmack halte. Aber ein entzückend reiner Mund mit Perlenzähnen läßt 
lfm kalt, wahrend schon die Vorstellung eines künstliehen Gebisses ihn sexuell 
•aufregt, beine Befriedigung entsteht durch einen Zungenkuß und Schmecken 
des fremden Speichels durch die Zunge. Beide Eltern hatten schlechte Zähne 
und benutzten Prothesen. 

Fall Nr. 36. Frl. B. D., 25 Jahre alt, ist beim Koitus anästhetisch. Sie 
empfindet nur beim Küssen, und zwar nur, wenn der Mann ein sehr starker 
Raucher ist und unmittelbar vor dem Kusse eine Zigarre geraucht hat, so 
daß sie den bitteren Geschmack auf der Zunge spürt. Ihr Vater war starker 
Raucher. Sie gibt die Möglichkeit zu, daß sie bei seinen ersten Küssen diesen 

dacht' hatte e " 1Un ° bW ° hl *" ™ dieSGn Zusammenhan S nie g* 

Wir kommen nun zum fünften Sinn, dem Tastsinn. Auch der 
Tastsinn wird monopolisiert. In diese Kategorie gehört die sehr an- 
sehnliche Gruppe der Streichler. Es gibt Männer und Frauen, die zum 
Orgasmus kommen, wenn sie gestreichelt werden, während sie sonst 
bei jeder anderen Liebkosung kalt bleiben. Die Fälle sind sehr durch- 
sichtig und' gehen auf die bekannten infantilen Eindrücke zurück. 

Fall Nr. 37. Frau A.S., 42 Jahre alt, Mutter von vier Kindern, ist 
beim Koitus und bei Friktionen des Cunnus ganz anästhetisch. Der Orgas- 
mus wird nur durch Streicheln des ganzen Körpers, besonders des Rückens 
erzeugt. Je ferner das Streicheln ist, desto rascher kommt sie zum Orgasmus. 
S.e schildert den Genuß des Streicheins als den eines heißen Bades bei dem 
es einem kalt über den Rücken läuft. 

Aber auch die verschiedenen Kratzer können zu dieser Gruppe 
gerechnet werden. Schon die Kinder kratzen sehr gerne und oft sogar 
so stark, daß sie sich verletzen und allerlei Ekzeme erzeugen. Viele 
schwer heilbare Kinderekzeme sind nur die Folge des Kratzens. 

Fixiert sich diese aus sadistischen und autoerotischen Kom- 
ponenten zusammengesetzte Leidenschaft (Hug-Hellmuth), so kann es 
zu einer Monopolisierung der Hauterotik kommen. 

Bekannt ist die Empfindlichkeit vieler Menschen gegen das Kitzeln 
Es gibt Menschen mit sehr ausgesprochener Hautsexualität, diese sind 
eben kitzlig. Es kommt aber auch vor, daß das Kitzeln die Einleitung 
zu einem Liebesakte bilden muß, also spezifische Liebesbedingung ist. 
Kitzeln an den Genitalien ist eine Selbstverständlichkeit in der Are 
amandi. Es handelt, sich aber in diesen Fällen um Kitzeln an den Fuß- 
sohlen oder in den Achselhöhlen, am Nacken, dem Rücken usw. Fast 
jeder Mensch hat eine besonders empfindliche Hautstelle, von der aus 
sich die sexuelle Erregung auslösen läßt. 

Fall Nr. 38. Herr D. K., ein 34jähriger Reisender, läßt sich in Lupa- 
naren am ganzen Körper kitzeln. Er läßt oben anfangen und langsam bis 



M 



. 



Die Monopolisierung der Sinne. 



16T 



zu den Fußsohlen kommen. Beim Kitzeln der Fußsohlen tritt der 
Orgasmus ein. 

Auch die 'Massage kann ähnliche Wirkungen hervorrufen. Manche 
magnetische Behandlung erzielt ihre Wirkungen durch die Haut- 
sexualität, 1 ) 

Fall Nr. 39. Herr E. 0., 53 Jahre alt, Vater von sechs Kindern, gibt 
an, daß er nur beim Kratzen zu einem wirklichen Genuß kommen könne. 
Er hat sich ein eigentümliches System zurechtgelegt, bei dem er zugleich der 
Exhibition i'röhnen und allerlei Inzestwünsche verbergen kann. Er zieht 
.-ich des Abends splitternackt aus. Zwei seiner Kinder — meistens die 
Mädchen — müssen ihn am ganzen Körper kratzen, weil er es sonst vor 
Jucken nicht aushält. Dies Jucken ist nur ein Vorwand. Er hält sich wohl 
die Hand vor sein Genitale, aber sonst ist er ganz entblößt und sieht 
strenge darauf, daß kein Körperteil ausgelassen wird. 

Hierher gehören alle Fälle von Haut- und Muskelerotik (Sadger), 
deren nähere Beschreibung ich mir nach den angeführten Beispielen 
ersparen kann. Die Fälle haben große Ähnlichkeit und zeigen uns 
alle die gewaltige Macht der ersten infantilen Eindrücke. 



*) Vgl. Bd. II, das Kapitel „Erotische Heizungen als Heilmittel". 



XL 
Uiünsexualität. 
Es ist leider den Praktikern sehr wenig bekannt, daß die infantile 
Form der Sexualbefriedigung sehr oft auf dem Wege der Miktion er- 
folgt. Nach Freud soll das Primat der Genitalzone erst in der Pubertät 
systematisiert werden, nachdem die verschiedenen erogenen Zonen zu 
sekundären Sexualorganen umgewandelt wurden. Diese im allgemeinen 
richtige Anschauung bedarf einer kleinen, aber sehr wichtigen Korrektur 
Die Genitalorgane können schon in den ersten Lebensjahren eine Art 
Primat ausüben. Ja, ich möchte behaupten, daß es die Regel ist und daß 
die stärksten Sexualgefühle immer von jenen Stellen ausgehen, die 
organisch vorherbestimmt sind im Sexualleben eine überragende Rolle 
zu spielen. 

Allerdings ist zu erwähnen, daß diese Sexualgefühle sich nicht rein 
sexuellen Funktionen anschließen, sondern die täglichen Funktionen der 
Zeugungsorgane, die ja auch die Urinabsonderung zu besorgen haben, 
begleiten. Wir müssen eben annehmen, daß das Leben des Kindes im 
ersten Lebensjahre eine Reihe von Lustgefühlen darstellt, die nur von 
kurzen oder längeren Momenten der Unlust unterbrochen wird. Nicht 
nur das Saugen, auch die Defäkation und die Miktion, die verschiedenen 
Muskelbewegungen, das Bad, das Kratzen, das Liegen in den warmen, 
feuchten Windeln rufen Lustgefühle hervor. 

Man kann es auch beobachten, wie sich das Gesicht des Säuglings 
verklärt, wenn er seine Miktion besorgt. Werden die Kinder älter, so 
kommt es zu allerlei Spielen mit dem Urin. Sie halten ihn zurück, weil 
der Urindrang in den ersten Stadien als Lust empfunden wird. Auch 
das Strömen des warmen Urins durch die Harnröhre scheint mit Lust 
verbunden zu sein. 

Ältere Kinder geben an, daß sie während der Miktion ein sehr an- 
genehmes Kitzeln in der Harnröhre verspüren. Am Schlüsse der Miktion 
kommt es oft zu einem Krampf der Blasenmuskulatur der oft als 
Wollust empfunden wird. Es ist eine Tatsache, die wenige Kinderärzte 
kennen, daß die Miktio die Form der infantilen Pollution igt. Meistens 
endet der autoerotische Akt der Kinder mit einer Miktion, d. h. der er- 
strebte Orgasmus tritt erst mit den Strömen des Urins durch die Harn- 
röhre ein. 



Urinsexualität. jgg 

Diese Tatsachen sind von der allergrößten Bedeutung. Machen 
sie uns doch das Wesen der gefürchteten Kinderkrankheit, der Enuresis 
nocturna, verständlich. Bei dieser Gelegenheit möchte ich darauf auf- 
merksam machen, daß die Unfähigkeit den Harn zu halten, bei vielen 
Kindern auch am Tage auftritt und zu allerlei neurotischen Erscheinungen 
führt, die später besprochen werden sollen. Es ist daher falsch von einer • 
Enuresis nocturna zu sprechen. Wir täten besser, wir würden den Zu- 
stand Enuresis nennen und von diesen Kranken als Enuretikern sprechen. 

Sehr treffend bemerkt Sadger in seiner vortrefflichen Arbeit „Über 
Urethral-Erotik" (Jahrbuch für psychoanalytische Forschungen, Bd. II. 
I. F. Deuticke, Wien und Leipzig) . 

„Man kann die Regel aufstellen: Enuresis über 
die physiologische Zeitgrenze hinaus kommt nur 
dort zustande, wo das Lustgefühl bei der Harnent- 
leerung wesentlich erhöht ist." 

Ich habe Gelegenheit gesucht, die Psychologie der infantilen 
Enuresis genauer zu studieren und ein größeres Material in einem 
Kinderspitale nach dieser Krankheit psychologisch und ätiologisch 
durchforscht. Ich bin dabei zu merkwürdigen Erkenntnissen gekommen 
und habe die vollständige Bestätigung meiner früheren Forschungen 
und Annahmen gefunden. Ich kann Böigen Angaben durchwegs an- 
erkennen. 

Ich möchte erwähnen, daß eine gewisse Gruppe von Enuretikern 
ein konstitutionelles Entgegenkommen für dieses Leiden zeigt. Es findet 
sich bei einzelnen Kindern jener [von anderer Seite 1 ) bestrittene] 
Symptomenkomplex, den Fuchs „Myelodysplasie" 2 ) genannt hat: Eine 
mehr oder minder verborgene Spina biffida, Sphinkterenschwäche, Er- 
scheinungen der Minderwertigkeit in den unteren Extremitäten und 
andere Degenerationszeichen. Doch sind diese Fälle eine Minderheit 
und stellen nach meinen Erfahrungen zirka 2% aller Fälle dar. 

Diese Erfahrungen decken sich mit denen, die ich als Leiter einer 
neurologischen Abteilung eines großen Kriegsspitales machen konnte. 
Nur, daß der Prozentsatz der Myelodysplasie unter den Soldaten, die 
mir als Enuretiker zugeschickt wurden, etwas größer war. 

Die Enuresis der Erwachsenen erweist sich in den meisten Fällen 
als eine sehr bedeutsame Form des psychosexuellen Infantilismus. Sie 
kann nur verstanden werden, wenn wir die Psychogenese der Enuresis 
der Kinder sehr genau keimen. 

Die kindlichen Enuretiker zeigen eine Reihe von gemeinsamen 
Zügen, die ich gleich hervorheben will. Im Gegensatze zu den konstitu- 

l ) Von Zappert (Wiener klin. Wochenschrift, 1920, Nr. 22) bestritten. 
*) Wiener klin. Wochenschrift, 1909. 



170 



Psyche-sexueller Infantilismus, 



tionell bedingten Fällen, die durchs ganze Leben Enuretiker bleiben, 
findet man bei den Kindern meistens eine Latenzperiode der Enuresis. 
Sie sind bald trockene Kinder geworden oder haben es im zweiten Lebens- 
jahre gelernt, ihr Bett rein zu halten. Nach einer Pause von einigen 
Jahren, die sehr verschieden ausfallen kann, fangen sie wieder an, das 
Bett zu nässen. Meistens wenn sie in die Schule gehen, also mit sechs 
oder sieben Jahren. Oft aber erst mit zehn, zwölf Jahren und auch 
noch später. 

Alle gebräuchlichen internen und externen Mittel erweisen sich als 
nutzlos. Hochlagern des Beckens, Urinierenlassen vor dem Einschlafen, 
Plüssigkeitsentziehung, Wecken im Laufe der Nacht, Strafen, Schlagen, 
Medikamente, Liegenlassen in der nassen Wäsche. Das Leiden zeigt 
merkwürdige Launen. Oft setzt die Enuresis einige Tage, eine Woche 
aus, um dann wieder zu kommen. Mitunter besteht eine neurotische 
Furcht vor dem Naßmachen, die Kinder trauen sich aus Angst vor der 
Enuresis nicht einzuschlafen, rufen ängstlich die Mutter, verlangen einige 
Male auf den Topf, wobei sie den Zweck verfolgen, die Mutter zu be- 
schäftigen, sie zu veranlassen, ihr Genitale zu berühren usw. 

Diese neurotische Einstellung zeigt uns, daß es sich um die Abwehr 
eines sexuellen Komplexes handelt und daß die Kinder alle jene Zeichen 
des Kampfes gegen die Sexualtriebe zeigen, welche in ihrem späteren 
Leben eine so verhängnisvolle Rolle spielen können. 

Doch sind die Fälle von neurotischer Angst vor dem Einschlafen 
viel seltener als jene, in denen die Kinder einen außerordentlich 
tiefen Schlaf zeigen. Fast alle Mütter klagen, daß die Kinder 
nicht zu erwecken sind. Aufgeweckt, sind sie so traumverloren, daß sie 
nicht wissen, was man zu ihnen spricht und was man Von ihnen verlangt. 
Ein großer Teil dieser Kinder leidet an Pavor nocturnus. Sie schreien 
aus dem Schlafe, springen wohl auch aus dem Bette. Die Zahl der 
Nachtwandler ist auffallend groß unter den Enuretikern und zeigt, daß 
es sich um verbotene triebhafte Regungen handelt, deren symbolische 
Erledigung im Traume erfolgt. 1 ) 

Diese außerordentliche Schlaftiefe beweist, daß es sich um Vor- 
gänge handelt, gegen deren Bewußtwerden starke Widerstände bestehen. 
Auch das Erwachen ist sehr schwer. Diese Kinder sind kaum zu er- 
wecken und verbleiben noch eine Weile in diesem Traumzustande. Viele 
klagen am Morgen über Kopfschmerzen, oder aber über einen einge- 
nommenen Kopf und über Kopfdruck. 



'*■) Vergl. meinen Vortrag „Der Wille zum Schlaf". Verlag I. F.. Bergmann, Wies- 
baden, und Sadger, „Das Nachtwandeln". Schriften zur angewandten Seelenkunde. 
I. F. Deuticke, Wien und Leipzig. 



Uriusexualität. 171 

Die nächtlichen Ausflüge erfolgen oft zum Bette der Mutter oder 
des Vaters, auch manchmal zu einem der Geschwister. Manche der Kinder 
werden, wenn sie naß sind, in das Bett der Eltern genommen, was natür- 
lich eine Prämie für das Naßwerden darstellt und die Heilung unmöglich 
macht. (Oft kann man die Enuresis heilen, wenn man diese Form der 
Belohnung ein für alle Mal verbietet.) 

In vielen Fällen kann man leicht konstatieren, daß es sich um 
frühreife und sexuell gereizte Kinder handelt. Bei manchen setzt sich 
das Traumleben auch am Tage fort, so daß sie scheinbar dumm sind und 
untalentiert erscheinen, in der Schule stecken bleiben, während sie in 
Wahrheit nur zerstreut und mit ihren sexuellen Phantasien beschäf- 
tigt sind. 

Fast in allen Fällen konnte man Onanie konstatieren. Oft von der 
Mutter beobachtet, oft erst von den Kindern bei längerer pädagogischer 
Behandlung eingestanden. In einer Reihe von Fällen setzte die Enuresis 
mit dem Wiederaufnehmen der Onanie ein. Es sind jene seltenen Fälle, 
in denen eine Latenzperiode im Sinne Freuds zu konstatieren War. (Aus- 
setzen der Säuglingsonanie bis zu einem bestimmten Alter.) 

In vielen Fällen wurde das Bettnässen in einer bestimmten Absicht 
inszeniert. Um die Eltern zu strafen, sie in Schach zu halten, eine un- 
eingestandene Absicht durchzusetzen. Bei Erwachsenen beim Militär, um 
die Befreiung vom Dienste zu erlangen. 

Das wichtigste Moment aber ist der Umstand, daß die Kranken 
aus dem Bettnässen Lust schöpfen. Die meisten hüllen sich schon am 
Abend in ihre Decken, als ob sie im Mutterleib liegen würden. Sie bleiben 
gerne in der Nässe liegen, weil sie damit die alte Säuglingslust wach- 
rufen. Es handelt sich also in den Fällen von Bett- 
nässen um eine Regression auf das Säuglingsalter. 

Ich will zuerst einige Beispiele aus dem Kinderleben geben. 

Fall Nr. 40. Der jetzt 9jährige Knabe Fritz war als kleines Kind 
nicht rein zu bekommen. Wenn er sich auch während des Tages rein hielt, 
nachts näßte er immer das Bett. Er schlief als „erstes Kind" im Schlafzimmer 
der Eltern. Er hatte die Gewohnheit, erst in den Morgenstunden zu schlafen, 
in der Nacht gab er keine Ruhe, litt sehr an Pavor nocturnus. Besonders, 
wenn er naß war, wollte er nicht in seinem Bettchen bleiben und verlangte zu 
seiner Mutter. Die nahm ihn auch zu sich um endlich Ruhe zu haben und 
ungestörter schlafen zu können. Es war für sie uneingestandene Lust, den 
kleinen, warmen, weichen Körper an sich gepreßt zu fühlen. Sie war eine 
unbefriedigte Frau, die ihre ganze Liebe und Zärtlichkeit auf den Knaben 
übertrug. Ja, häufig näßte der Kleine auch ihr Bett, aber sie empfand den 
Mannen Dunst sogar als angenehm. Manchmal nahm ihn der Vater zu sich 
ins Bett, dort blieb er aber nicht, nach einer Weile kroch er zur Mutter hin, 
dort schien es ihm besser zu gefallen. Da er immer schlimmer wurde und die 
Mutter nächtelang nicht schlief, wurde er aus dem Schlafzimmer entfernt. Er 



172 



Psychosexueller Infantilismus. 



schlief nun fortab mit seiner Bonne und verhielt sich des Nachts ruhig, das 
Bett näßte er weiter. Er pflegte noch als zweijähriges Kind sich mit seinem 
Hot zu beschmieren. Der Kleine hing mit übergroßer Liebe an seiner Mutter 
und wollte immer bei ihr sein. So wie viele neurotischen Kinder war er furcht- 
bar „verknauft". Mit Vorliebe kroch er zur Mutter ins Bett und konnte von 
dort nur mit Gewalt entfernt werden. Der Mutter bereitete es ein großes 
Nergnügen, seine krabbelnden Fingerchen am Körper zu fühlen. Inzwischen 
war auch ein Schwesterchen gekommen. Er war nun der „Große", näßte aber 
weiter das Bett, was ihm nicht abzugewöhnen war. Er pflegte sich abends 
ganz fest in seine Decken einzuhüllen, daß man ihn am Morgen schweißge- 
badet in einem warmen Dampf vorfand. Mit der Mutter war er überaus zärt- 
lich, seine Liebkosungen trugen ganz deutlich einen sexuellen Charakter. 
Auf den Vater war er nicht sehr eifersüchtig, weil er fühlte, daß die 
Liebe der Mutter ihm gehörte, auch auf das Schwesterchen hatte er keinen 
Grund eifersüchtig zu sein. Das ging so bis zum 6. Jahre, daß er mit kleinen 
Unterbrechungen noch immer das Bett näßte. Manchmal wachte er des 
Nachts auf und sagte „Mama ich habe Dich lieb'"' und schlief dann weiter 
Von Onanie war bei ihm nichts zu bemerken. Hingegen trieb er alle möglichen 
sexuellen Spiele mit der kleinen Schwester. In diesem Zeitpunkt ging nun 
eine große Veränderung in seinem Leben vor sich. Die Mutter hatte sich vom 
Vater scheiden lassen, weil sie in der Ehe sehr unglücklich war. Schweren 
Herzens mußte sie auf ihn verzichten, da er dem Vater zugesprochen wurde. 
ÜjV kam zu einer Tante väterlicherseits und litt anfangs sehr unter der Trennung 
von seiner geliebten Mutter. Merkwürdig war es aber mit seiner Enuresis 
Sie hatte mit der Entfernung von der Mutter vollständig aufgehört Nach 
einigen Monaten kam die Mutter, die in einer anderen Stadt lebte zu Besuch 
Der Knabe war überglücklich, seiner Umgebung gegenüber aber sehr gereizt 
Die erste Nacht ihres Aufenthaltes, sie wohnte im Hotel, hatte er wieder 
sein Bett genaßt. Das war aber der einzige Rückfall. Seine Enuresis kehrte 
nie mehr wieder. 

Es war ja ganz klar, daß die Enuresis bei ihm den Zweck hatte, 
ins Bett der Mutter genommen zu werden. Er wollte wieder ein Säugling 
sein und machte deshalb sich einen Dampf, da fühlte er sich wieder in 
die schöne Zeit zurückversetzt, wo ihn die Mutter ins Bett nahm. Bei 
diesem Knaben konnte man sehen, wie gut eine Trennung zwischen 
Mutter und Kind ist, wenn eine so starke gegenseitige Fixierung besteht. 
Die Mutter hatte durch ihr Wesen ungemein sexuell erregend, auf ihn 
gewirkt, wodurch er sehr neurotisch wurde. Wie er aus dem Hause 
kam, in einem anderen Milieu lebte, wurde er viel ruhiger. Er entwickelte 
sich zu seinem Vorteil, körperlich und geistig. Er war bis dahin sehr 
zerstreut gewesen, man hielt ihn auch immer für ein minder begabtes 
Kind. Nun zeigte es sich, daß er ein ganz besonders aufgewecktes Kind 
war, er lernte spielend und ist auch jetzt immer der beste Schüler in 
seiner Klasse. Das Verhältnis zu seiner Mutter ist noch immer kein 
ganz normales. Er liebt sie heiß und es gibt Eifersuchtsszenen, wenn er 
auf Besuch bei ihr ist, weil er sie für sich ganz allein haben will. Als 
Achtjähriger sagte er ihr auch einmal, daß er bei ihr im Bette schlafen 



— 



Urinsexualität. 173 

möchte. Dieser Fall zeigt ganz deutlich die Zusammenhänge zwischen 
der Enuresis und der Fixierung an die Mutter. 

Fall Nr. 41. Der Knabe Alfred, 3 1 / 2 Jahre alt, war schon im ersten 
Lebensjahre vollkommen trocken. Er onanierte schon als Säugling und setzte 
das Onanieren trotz des Verbotes der Mutter fort. Als er 27s Jahre alt wurde, 
kam ein Schwesterchen zur Welt, das er nicht sehr freundlich begrüßte. Er 
spielte fortan die zweite Rolle im Hause. Er beschäftigte sich viel mit dem 
Rivalen. Besonders interessierte es ihn zuzusehen, wie das nasse Mädchen 
umgepackt wurde. Wenn es schrie, lief er oft zur Mutter und rief: „Mädi 
umpacken!" Bald aber begann er auch naß zu machen. Er wollte auch von 
der Mutter umgepackt werden. Ließ man ihn in der Näße, so genierte es ihn 
nicht und er blieb „quietschndel" ! Alle Mittel versagten. Ich riet den Eltern, 
sich um das Kind nicht zu kümmern, ihm keine Vorwürfe zu machen. Nach 
einigen Wochen verschwand das Bettnässen, um nie wiederzukehren. 

Es war klar, daß der Knabe die Mutter beschäftigen und sich wieder 
in den Vordergrund des Interesses stellen wollte. Auch wünschte er 
wieder ein Säugling zu sein und machte deshalb den schüchternen Ver- 
such einer Regression. 

Etwas komplizierter ist der nächste Fall: 

Fall Nr. 42. Der siebenjährige Knabe macht seit einigen Monaten das 
Bett naß. Er befindet sich in einem klerikalem Konvikt, wo er sehr strenge 
gelialten wird. Die Kinder müssen fast immer ohne Pause lernen und beten 
und haben selbst am Sonntag keine Ruhe. Er hat allen Grund sich zu 
wünschen, daß er wieder nach Hause kommen möge. Er liebt seine Mutter 
über alles. Aber die Mutter hat wieder geheiratet. Er ist auf seinen Stief- 
vater so eifersüchtig, daß er Zärtlichkeiten in seiner Gegenwart nicht ver- 
tragen kann und die Mutter immer für sich allein haben will. Deshalb kam er 
aus dem Hause. Überdies leidet er an Angstzuständen, die durch die Er- 
zählungen eines geistlichen Lehrers gefördert werden. Der Lehrer erzählt ihnen 
vom Teufel und von Geistern, allerlei Spukgeschichten. Er füttert die Kinder 
auch mit spiritistischen Märchen. Des Abends hat der Knabe Angst vor 
Geistern, und hüllt sich fest in seine Decken. Er träumt von Geistern. Das 
Bettnässen erfolgt immer im Anschluß an einen Angsttraum, in dem er von 
einem Geiste ergriffen wird. (Erlkönigmotiv. Unbewußte Homosexualität.) Er 
wild aus dem Konvikt entfernt und kommt zu einer Tante. Das Bettnässen 
setzt sofort aus. Durch entsprechende pädagogische Behandlung wird voll- 
kommene Heilung erzielt. Auch dieser Knabe hatte den lebhaften Wunsch, 
wieder ein Säugling zu sein und die Mutter ganz allein für sich zu haben. 

Die Motive des Trotzes und der Enttäuschung verbinden sich auch 
mit anderen (Eifersucht, Flucht vor der Sexualität des Erwachsenen, 
religiöse Bedenken), so daß die Enuresis uns einen Reichtum der Sym- 
ptome zeigt, wie kaum ein anderes Leiden. 

Fall Nr. 43. Die zehnjährige, viel älter aussehende, sehr gut entwickelte 
Bürgerschülerin M. B., leidet seit 2 Jahren an Bettnässen. Alle bisherigen 
Mittel vergebens. Sie wird zur heilpädagogischen Behandlung und Er- 
forschung des Falles an Frau H. Holldorf gewiesen. Daselbst kommt ein 
sehr interessantes Krankheitsbild zutage. 



174 



Psychosexueller Infantilismus. 



Sie zeigt die typische Regression in die Kindheit. Sie hatte in der 
Volksschule eine Lehrerin, die sie sehr verhätschelte und deren Liebling sie 
Mar. Sie war die beste in der Klasse. In der Bürgerschule bekam sie vor zwei 
Jahren eine strenge Lehrerin, vor der sie immer Angst hatte. Die Lehrerin 
zog andere Kinder vor. Sie wünschte sich daher, wieder in der ersten Klasse 
zu sein. Dieser Wunsch setzt sich in ihren Spielen und Phantasien durch. 
Sie schreibt mit dem Griffel auf der Schiefertafel, sie spielt mit den alten 
Spielsachen (einem Würfelspiel), sie möchte wie ein kleines Kind aus einem 
kleinen Tellerchen mit einem kleinen Messerchen essen. Sie hat sich von der 
Mutter die Haare kurz sehneiden lassen. Sie hat eine zweijährige Schwester, 
die sie pflegt und mit der sie sehr viel spielt. Offenbar hatte sie die erste 
Eifersucht überwunden und zeigte sie nicht direkt offen. Aber es ist charak- 
teristisch, daß das Bettnässen gleich nach der Geburt des Schwesterchens, 
einsetzte, welches sie um die Freuden der Säuglings jähre beneidete und auf 
das sie eifersüchtig war. 

Die Enuresis geht mit einem charakteristischen Angsttraum vor sich. 
Sie rollt einen großen Berg hinunter in einen Abgrund, wie sie in die Schlucht 
kommt, macht sie das Bett naß. (Typischer Geburtstraum besonders bei 
Enuretikern.) Sie möchte am liebsten -aus der Schulo austreten und zu Hause 
bei der Mutter bleiben und mit ihrem Würfelspiel spielen, was sie stunden- 
lange tun kann, wobei sie in eine Art Träumerei verfällt, und fast geistesab- 
wesend ist. Mit leidenschaftlicher Liebe hängt sie an dem älteren Bruder 
(22 Jajye). Er ist ihr Ideal. Sie onaniert — . angeblich — erst seit einigen 
Wochen. Sie will sich an keine Onaniephantasie erinnern. 

Sie macht den Eindruck, als ob sie manches im Hause erlauscht und 
erlebt hat, über das sie sich nicht aussprechen will. Aber schon die Aufklärung 
ihrer Trotzeinstellung gegen die Mutter und Lehrerin wirkt Wunder. Die 
Enuresis setzt aus. Die Kinderspiele werden aufgegeben. Die Phänomene 
der Regression gehen alle zurück. 

Auch dieses Mädchen gab an, daß es die Nässe im Bette angenehm 
empfinde. Sie hüllte sich wie die anderen Kinder fest in ihre Decken 
und erzeugte einen warmen Dampf, der ihr sehr angenehm war und ihr 
die Illusion eines Säuglings in Windeln erleichterte. 

Zwei eingehende Analysen kindlicher Enuretiker nahm mein 
Assistent stud. med. Emil Gutheil mit meiner Hilfe vor. Ich lasse dem 
jungen Kollegen das Wort: 

Fall Nr. 44. Ein Fall infantiler Enuresis auf 
psycho seXuellorGrundlage. In die Ambulanz des St. Anna-Kinder- 
spitals wurde ein hübscher, aufgeweckter 8jähriger Knabe, Franz H., gebracht, 
der an einer nächtlichen Enuresis litt. Die Krankheit datierte seit seinem 
4. Lebensjahr, Maximalabstinenz 3 Nächte, Intervalle diffus. Nach einem 
einzigen hypnotischen Versuch — die Suggestion reichte kaum für 3 Tage — 
entschloß sich Dr. Stehet zur analytischen Erforschung des Falles und übergab 
mir den Patienten zur Behandlung, die ich unter seiner Kontrolle bei all- 
wöchentlicher Vorführungspflicht durchführen sollte. 

Die Kinder sind selten imstande über ihre Vergangenheit richtige und 
verläßliche Angaben zu machen, weil ihnen das Urteil über Konsequenzen und 
Zusammenhänge ihrer Handlungen abgeht. Auch können sie das typisch- 



Urinsexualität. 175 

infantile Angst- und Schamgefühl (besonders in sexualibus!) dem Erwachsenen 
gegenüber nie ganz unterdrücken und lügen oft unbewußt. 

Ich ging daher bei den Angaben mit größter Reserve vor und trat not- 
gedrungen in Beziehung zum Vater, zur Pflegefrau und Pflegeschwester des 
Knaben, welche das Anamnesematerial ergänzen mußten. 

Franzi ist ein uneheliches Kind. Im 5. Jahre des 8jährigen Verhält- 
nisses der Eltern geboren, hat er mit seinem Erscheinen einen Strich durch die 
Rechnung der Mutter gemacht, die als Hausgehilfin keine Möglichkeit hatte, 
das Kind zu erziehen. 

f Bald wurde er einer Pflegemutter übergeben, bei der ihn die Eltern ge- 
meinsam besuchten. 

Der Vater ist städtischer Feuerwehrmann, einfach, pflichttreu und 
strenge. 

Die Mutter (bereits seit 2 Jahren tot) war laut Angaben des Gatten 
ein cholerisches Temperament. 

Es ist wichtig, der eigentümlichen Streiflichter wegen, die durch die 
Analyse auf die pathogenen Momente des Falles geworfen wurden, die Charak- 
teristik der Eltern sowie die Tatsache der schweren Geburt schon an dieser 
Stelle zu unterstreichen. 1 ) 

3 Jahre vergingen. Der Feuerwehrmann heiratete die Mutter des 
Knaben auf ihr Drängen und nahm den Knaben ins Haus, so daß dessen 
weitere Erziehung einigermaßen gesichert schien. 

Bald kam aber ein Schwesterlein zur Welt und da war es mit der un- 
beschränkten Herrschaft im Mutterherzen für Franzi vorbei. 

Am Tage der Entbindung, die im Gegensatz zur ersten sehr leicht vor- 
lief, weilte Franzi bei einer Nachbarin und als er nächstens ins Haus gebracht 
wurde, erlebte er die erste Enttäuschung: er durfte nicht mehr wie sonst 
zwischen Vater und Mutter schlafen, sondern bekam ein besonderes Bett. 
Auch mußte er kurz darauf das Kind betreuen, welche Tätigkeit er nur höchst 
widerwillig und mürrisch verrichtete. 

Bei der Mutter entwickelte sich aber allmählich eine schwere Neurose, 
deren Ursachen (leider nur durch rekonstruktive Vermutungen gefunden) für 
die Pathogenese der Enuresis von großer Bedeutung waren. Ich werde auf 
dieselben zurückkommen. 

Die Frau wurde außerordentlich reizbar, ließ sich zu Gewalttätigkeiten 
hinreißen und nachdem sie sich allmählich von der Wirtschaft, dem Verkehr 
mit dem Gatten und von dem Knaben gänzlich abgewendet hatte, widmete 
sie sich mit Überschwenglichkeit dem Töchterchen. 

Da passierte dem Kleinen einmal das Unglück, daß ihm die Schwester 
„ganz zufällig" aus der Wiege hinausfiel. 

Die Mutter brach darob in Wut aus und warf den Kleinen aus der 
Wohnung hinaus. Trotz des kalten Wintertages saß Franzi im Stiegenhaus 
bis es Abend wurde und erst der vom Dienste heimkehrende Vater nahm den 
Buben ins Zimmer zurück. 

Die Erklärung des Knaben, er hätte den Einlaß aus Furcht vor der 
Mutter nicht zu erbitten versucht, ist fadenscheinig. Es bedarf vor allem der 
für die Analyse wichtige Verdacht einer Trotzhandlung der psychologischen 
Bestätigung, welche Untersuchung ich im folgenden vornehmen will. 

1 ) Vgl. „Ekel und Hyperämesis gravidarum" in Stekel: Nervöse Angstzustände. 



176 



Psychosexueller Infantilismus. 



Das Malheur mit dem Schwesterlein passierte ihm zum zweiten Mal. 
In maßloser Aufwallung ergriff die Mutter ein Messer und schleuderte es 
gegen den Knaben, zum Glück ohne ihn zu treffen. 

In den nächsten Monaten kam es vor, daß Franzi plötzlich in der Nacht 
angsterfüllt erwachte und erzählte, es habe ihn im Traume ein großer, 
schwarzer Hund beißen wollen. Da er sich nur im Bette der Mutter beruhigen 
konnte, nahm sie ihn gewöhnlich zu sich und so setzte er durch, daß er wieder 
zwischen den Eltern schlafen durfte. 

Der Vater gibt erläuternd an, daß der Bub einmal von einer Hofhündin, 
in deren Hütte er, während sie kleine Hündchen säugte, kroch, gebissen wurde 
und seit jener Zeit vor Hunden großen Respekt habe. 

Diese nächtlichen Angstzustände waren Vorläufer der Enuresis, welche 
in einigen Wochen einsetzte. Er pflegte dabei so fest zu schlafen, daß er nur 
mit Mühe aufgeweckt werden konnte. 

Die Krankheit wurde von 3 Traumtypen begleitet: 

1. er löscht einen Brand; 2. er wird von einem Hunde verfolgt; 3. er 
gleitet sausend bergab auf einem Schlitten. 

Da diese Träume sichere Anhaltspunkte für die Sexualität des Kindes 
geben, so will ich nun dieses Gebiet untersuchen. 

Die Mutter hat ihn in seinen ersten Lebensjahren maßlos verzärtelt. 
Wir wissen, daß dies für das Erwachen und Einstellen der kindlichen Erotik 
von ausschlaggebender Bedeutung ist. 

So war auch Franzi frühreif, spielte fleißig „Doktor", wie es der Vater, 
der ihn dafür einmal empfindlich gestraft, erzählt und. was auch die Pflege- 
frau, die ihn nach dem Tode der Mutter übernahm aus seinen letzten Jahren 
zu berichten weiß. Er pflegte mit Vorliebe den Mädchen das Kleid aufzu- 
heben, begleitete seine Gespielinnen stets auf den Anstandsort und verrichtete 
auch- sonst ähnliche kindlich-sexuell gefärbte Spielereien. 

Der Übergang von der kalten Ziehhausatmosphäre in die liebevolle 
Wärme der mütterlichen Obhut in seinem 3. Lebensjahre bedeutete für das 
Kind die glücklichste Zeit seines Lebens. 

Und dies alles ging plötzlich zugunsten der Schwester verloren. Man 
hörte auf, sich mit ihm zu beschäftigen, er mußte noch der Dioner des ver- 
haßten Objektes werden. 

Was darauf folgte, waren die bekannten Konversionserscheinungen, die 
in dem Seclchen des Kindes angesichts des Verrates an seiner Liebe Platz 
greifen mußten: Haß, Trotz und Sehnsucht nach dem verlorenen Glück. 

Noch einmal versuchte Franzi einen rücksichtslosen Ansturm aufs 
mütterliche Herz, um den verlorenen Thron wiederzuerobern. In halbwill- 
kiirlichon Handlungen konnte sein geheimer kindlicher Wunsch, die Rivalin 
wegzuräumen in Erfüllung gehen. Die Folgen waren Strafen und psychische 
Traumen. 

Das Verharren des Buben im kalten Stiegenhause konnte nur folgenden 
Überlegungen entstammen : 

Sie liebt mich nicht. Tut ihr die Kleine weh, so will ich ihr noch mehr 
weh tun, indem ich hier vor Kälte und Hunger zugrundegehe . . . 

Daß dies keine willkürliche, sondern eine aus dem Material notwendig 
zu folgernde Deutung ist, kann derjenige "bestätigen, der es weiß, auf welche 
Weise Kinder um die Gunst der Eltern zu werben pflegen. 



Urinsexualität. 



177 



Und so finden wir hier die typische Erscheinung des in den Wunsch nach 
Mitleid invertierten, unerfüllten Liebesbedürfnisses, welcher Wunsch in deni 
Satze gipfelt: 

„Wenn sie mich bei meinen Lebzeiten nicht zu schätzen wußte, so mag 
sie meinen Wert erst um den Preis meines Lebens erkennen!" 

Zweierlei will der kleine Starrkopf: Die Mutter strafen und auf dem 
Umwege über das Mitleid der Lust wieder teilhaftig werden. Damit ist die 
Prädisposition für eine Erkrankung gegeben; zur Erfüllung dieser Forde- 
rungen bleibt dem gestörten Selbstmörder nichts anderes übrig, als sich an 
Hilflosigkeit der kleinen Schwester gleichzusetzen, — kurz: noch einmal ein 
Windelkind zu werden! 

Wir wollen uns nun den Träumen zuwenden. 

Der häufigste „nasse" Traum handelt vom Löschen eines Feuers. 

Das Spiel mit dem Feuer gehörte zu den gewöhnlichsten Beschäfti- 
gungen des Knaben. Stundenlang saß er bei der Herdtüre und warf Zünd- 
hölzer ins Feuer. 1 ) 

Viele Kinder tun so, ohne Bettnässer zu sein; viele Bettnässer huldigen 
dieser Gewohnheit Überhaupt nicht. Und so harrt noch das Problem seiner 
Lösung. 

Unser Franzi jedoch benahm sich dabei eigenartig. Er starrte wie 
geistesabwesend in die Gluten und konnte aus diesem Zustande nur mit Mühe 
zum Bewußtsein gebracht werden. 

Jeden Abend pflegte er die kleine Notdurft zu verrichten, welchen Vor- 
gang er bezeichnenderweise „spritzen" nannte und mit großem Vergnügen 
systematisch absolvierte. 

Die Tatsache, daß hier die Miktio gerade als Regressionssvmptom" in 
die lustvolle Säuglingszeit aufgetreten ist - und laut Angaben zu den lust- 
vollen. Prozessen gehörte; das dumpfe, beinahe onanieartige Benehmen beim 
Feuer; und schließlich die durch den Knaben im Worte „spritzen" enthaltene 
Identifizierung des Brandlösehens mit der lustvollen Miktio, lassen die sexuelle 
Natur des ersten Traumtypus außer Zweifel. 

Die Annahme, das pathogene Moment der Trotzreaktionen hätte mit dem 
Tode der Mutter in Wegfall kommen müssen, hält einer näheren Unter- 
suchung nicht stand. Was bis dahin auf Realität basierte, wurde dann zur 
Phantasie; wir kennen die unerschöpflichen Möglichkeiten und die grenzen- 
losen Dimensionen der Lust, die für den kleinen Träumer aus seinen Säug- 
lingsphantasien erwachsen konnten, wir werden uns daher nicht wundern, 
wenn er auf seinem weiteren Lebenspfade von einem einzigen Wunsche be- 
gleitet wurde, und zwar dem, nach der Wiederholung jener Lust. 

Franzis Vater ist, wie erwähnt, Feuerwehrmann. Streng und gerecht 
wurde er bald zum Ideal des Knaben, welches Ideal in demselben Maße zu- 
nahm, in dem die mütterliche Liebe versiegte. Der Knabe soll sich über den 
Tod der Mutter gefreut haben. 

Wenn ich resümierend erwäge, daß Franzi ein unerwünschtes, unter 
Gefahren geborenes Kind war; daß die Frau diejenige war, die zur Heirat 
drängte, um nicht den Weg der Schande gehen zu müssen ; daß wir sie gleich 
nach der Geburt des Knaben in einer hysterisch überschwänglichen Einstel- 
lung zum Kinde finden, welche Einstellung in sprunghafter Objektsverände- 

l ) Im Volksmunde heißt es: Wenn Kinder mit Feuer spielen, dann nässen sie 
in der Nacht. Anmerkung des Verfassers. 

Stekel, Störungen des Trieb- und Affoktlebens. V. ' J2 



178 



Psychosexueller Infantilismus. 



rung item auf das Töchterehen übertragen wurde; daß schließlich während 
der ganzen Zeit der Ehe das Verhältnis der Gatten gespannt und kalt blieb 
— so glaube ich zum folgenden Satze einige Berechtigung zu haben: 

Indem Franzi seine Liebesnot mit der des Vaters identifizierte, wäre er 
auch der Vater, der durch sein „Spritzen"' um die Gunst der Mutter warb. 1 ) 

Ziehen wir das angstauslösende Moment der 2. Traumform : die Ver- 
folgung durch den Hund in diesen Betrachtungskreis und erinnern uns, daß 
der Hofhund, der Franzi seinerzeit gebissen hatte, eine säugende Hündin war; 
daß durch die Roheit der Mutter die Liebe des Kindes in Angst gekehrt wurde, 
so werden wir dem Traumhunde, der die Angst und Urinverluste hervorruft, 
die symbolische Bedeutung subsumieren können. 

Die Analyse, welche als die drei wichtigsten nach Lust gerichteten 
Regressions-Faktoren: die Trotzeinstellung zur Mutter; die Identifizierung 
mit dem Vater und die Wucherung der Angstelemente in der kindlichen Seele 
aufdeckt, erscheint hiemit beendet. 

Die Symptomlösung kann beim Kinde selbstverständlich nicht auf dem 
usuellen Wege des Bewußtmachens durchgeführt werden, sondern muß sich 
durch das zielbewußte pädagogische Verfahren ergeben. 

Dr. Stekel gab mir die Weisung, die nach rückwärts gekehrte Phantasie 
des Kindes allmählich dem Realen zuzuführen, seinen Säuglingsglauben 
systematisch abzutöten und in ihm das Bewußtsein wachzurufen, er sei schon 
groß und gescheit. Nach der Durchführung obiger Aufgaben, sowie ent- 
sprechender Instruktion der Erzieher konnte ich bereits in 14 Tagen das Ende 
der Enuresis berichten. Nachdem weitere 2 Wochen ohne Störung vergingen, 
entließ Dr. Stekel den kleinen Feuerwehrmann. 

Fall Nr. 45. Der nächste Fall der Enuresis nocturna, der mir aus dem 
Patientenmaterial des Kinderspitales St. Anna von Herrn Dr. Stekel zur Unter- 
suchung übergeben wurde, ist Rudolf W, 13jährig, wohlgenährt, subjektives 
und objektives Befinden normal, mittelmäßige Auffasungsgabe, mittlere 
Schulleistungen. Seit 2 Jahren krank, 2— 3mal wöchentlich Bettnässen, meist 
im Anschluß an einen Angsttraum. Vater gesund, Mutter hochgradig 
hysteriseh. Besonderheiten: Außerordentlich tiefer Schlaf des Patienten, 
große Besitzliebe. Patient ist leidenschaftlicher Marken-, Münzen- und Alter- 
tumssammler. Pflegt oft in der Nacht aufzustehen und angsterfüllt nachzu- 
sehen, ob die Türe geschlossen ist. 

Vorgeschichte: Der Erkrankung des Knaben, dessen Gesundheit bis 
dahin nichts zu wünschen übrig ließ, ging die Scheidung der Eltern, neuer- 
liche Heirat der Mutter und die Übersiedlung in eine neue Wohnung unmittel- 
bar .voran. 

Grund der Scheidung war angebliche Untreue des Mannes. Die zweite 
Ehe wurde aus gegenseitigen Utilitätsrücksichten und ohne besondere Neigung 
geschlossen. 

In der ersten Ehe herrschte steter Unfriede. Bei der Scheidung wollte 
der Vater den Buben mitnehmen, gab aber schließlich den Bitten der Mutter 
Folge und ließ ihr den Knaben. Patient drückt sich mit Sympathie über ihn 
aus. Der Vater soll ihm nach der Scheidung begegnet sein, und ihn zum Be- 
suche in seiner Wohnung bewegen wollen, doch habe sich der Bursche aus 
Angst vor der Strafe der Mutter geweigert dem Vater zu folgen. Dieser habe 






*) VergL Sadger, „Urinerotik" 



Urinsexualität. 



179 



sich auch — im Gegensatze zum zweiten Vater — öfter mit den Kindern 
liebevoll abgegeben. 

Patient hat noch zwei jüngere Schwestern, denen er in Tat und Traum 
offene Beseitigungstendenzen entgegenbringt. Im Alter von 3 Jahren hat er die 
schreiende Schwester durch Belegen mit Polstern zu „beruhigen" gesucht, so 
daß erst die herbeieilende Mutter das halberstickte Kind seinen Händen ent- 
riß. Die jüngere Schwester (1 Jahr alt, vom zweiten Vater) wird unter Urin- 
verlust in einem Traume beseitigt. Die Mutter hat den Knaben bis zur An- 
kunft des jüngsten Kindes verhätschelt. 

Nasse Angstträume: 1. (stereotyp!) Ein Krieg. Einer hat es nicht 
gewußt und wird vom Feinde überfallen. Er ergibt sich. Eine Frau läutet 
die Kirchenglocke. Es kommen Eigene und befreien ihn, doch soll er wegen 
des Verrates erschossen werden. (Angst, Urinverlust,) 

2. Krieg. Die Mutter soll vom Brunnen im Hofe Wasser holen. 
Jemand ist dabei. Ich rufe, sie solle nicht hingehen, denn die Feinde könnten 
sie erblicken. (Erektion, Urin.) 

Traum 1 besagt, daß Patient in seinen Phantasien in der lustreichen 
Vergangenheit weilt. Von einem Mißverständnis zwischen den Eltern (Es ist 
Krieg . i .) weiß er nichts. Offenbar weil er es nicht wissen will. (Einer 
hat es nicht gewußt.) Die häutigen absichtlichen Herabsetzungen des Vaters 
seitens der Mutter, ihr Versuch, dem Kinde eine feindselige Haltung dem 
Vater gegenüber beizubringen, scheinen bei ihm keinen Boden gefaßt zu haben, 
denn er erlebt im Traume eine Situation, wo er — Lust ohne Schuld — von 




srgeben?) 

Es liegt tiefer Inhalt in diesem Ergeben, Die Aufhebung einer quälenden 
Potenzialdifferenz, Erfüllung eines durch die Wirklichkeit unterdrückten ge- 
heimen Wunsches, vor allem aber ein Akt der Willensschwäche. In diesem 
Sichergeben liegt ein deutliches pathogenes Moment. Denn ist die Enuresis 
nicht letzten Endes ein „Sichgehenlassen"? Eine durch nachlassenden Energie- 
aufwand unbewußt sich durchsetzende Desinnervation der Konstriktoren? 1 ) 

Die Natur dieser Träume veranlaßt uns die Wurzel der Enuresis auf 
dem psychosexuellen Gebiete zu suchen. 

Sexuelles : Im Vordergrunde der Erkrankung steht seine infantile Se- 
xualtheorie. Unmittelbar an das Storchmärchen, an welches er bis zu seinem 
11. Lebensjahre glaubte, schloß sich die Aufklärung von einem Kameraden, 

*) Dieser vortrefflichen Analyse meines Assistenten möchte ich einige Worte 
hinzufügen Der Krieg tobt in der Seele des neurotischen Knaben. Die Kirchenglocke 
tönt wie eine Warnung seines neurotischen Ich. Seine feindseligen Gedanken gegen dio 
Mutter, die den Vater verlassen hat und die ihm unbewußt" sind („Einer hat es nicht 
gewußt . . ."), scheinen ihn zu einem Verbrechen zu drängen („Er soll wegen Verrates 
erschossen werden"). Der Verräter ist- die Mutter, die den Vater vorlassen hat. Aber 
er selbst ist auch ein Verräter an der Liebe der Mutter. Er möchte sich von den 
kriminellen Regungen befreien. Er möchte seine Infantilismen überwinden. Die Angst 
vor sich selbst führt zu Orgasmus und Enuresis. — fm zweiten Traume schimmert die 
Eifersucht durch, daß die Mutter mit dem Stiefvater Verkehr hat. (Wasser steht hier 
für Feuer.) Sie holt au6 einem anderen Brunnen als dem seinen ihr Feuer. Er möchte 
sie davon abhalten. Er möchte ihr das Feuer (lies AVasser) geben. Seine Enuresis 
ißt eine Pollution infolge einer Inzestphantasie. 

12* 






180 Psychosex neuer InfantilismiLs. 






die Kinder kämen durch da« Hineinuriniereii .seitens des Vaters in den Ge- 
schlechtsteil der Mutter zustande. 

Die nötigen „lokalen" Kenntnisse, hatte er sich bei Mädchen während 
ihrer Spiele im Sande angeeignet. 

Er war auch der Initiator folgenden Knabenspiels : Man gräbt im Sande 
Gruben und verrichtet dort gemeinsam die Notdurft. 

Die Frage der Onanie konnte ich bei meiner Exploitation leider weder 
auf Umwegen, noch durch Suggestionsfragen genügend beleuchten. Von einer 
direkten diesbezüglichen Anfrage habe ich Abstand genommen und berufe 
mich lediglich auf die Aussage der Mutter, sie hätte bemerkt, daß der Knabe 
öfters mit der Hand am Penis schlafe. Der Knabe, der bereits an der Sehwelle 
der Pubertät steht, kann lediglich von Erektionen, die während des Schlafes 
und besonders während der Miktio. störend auftreten, berichten. 

Als Vorläufer der Enuresis trat beim Patienten eine akute Anurie ein, 
die weder durch operative Eingriffe, noch durch Narkotika behoben werden 
konnte, im Verlaufe von 16 Tagen aber spontan aufhörte. 

Es war zweifellos eine Initialleistung der infantilen psychischen Ab- 
wehr. Ein Wink für die pädagogische Therapie: Die Selbstbeherrschung, die 
Willenskraft des Knaben zu heben; eine Warnung vor den Gefahren der 
Zukunft, die in diesen Charaktereigenschaften gelegen sind. 

Es ist die Mutter, der Muttergedanke, der. den Strom der Reuevor- 
stellungen, ob des von ihm begangenen Verrates und zugleich den psychischen 
Konflikt heraufbeschwört. Es- fehlt im Traume auch der Hinweis auf die 
religiös ethische Unterdeterminierung des Konfliktsmomentes nicht. (Eine 
Frau läutet die Kirchenglocke.) 

Und so pendelt die Seele des Kindes rat- und rastlos zwischen Vater 
und Mutter. 1 ) Aus dem Gemisch von Empfindungen bricht die Enuresis durch. 
Wir sehen hier das vorbereitende Lustmoment (Gefangennahme) und später 
die Angst vor den Folgen, die den Gipfel der Erregung (Orgasmus) und Urin- 
verlust verursacht. 

Die infantile Zeugungstheorie hat den Konflikt verschärft. Der Traum 2 
steht im Zeichen der Fixierung an die Mutter, indem Patient hier die Rolle 
des Vaters übernimmt. Er ist ein Brunnen. (Es ist noch jemand dabei . . .) 
Die Tätigkeit der Mutter, die das Wasser holen soll, scheint eine verbotene 
zu sein, wenn sich der Patient bekümmert, daß sie nicht gesehen werde. Die 
auf den Traum gefolgte Erektion und Nässe gibt über den im Traume unter- 
schlagenen Ausgang des Erlebnisses Kunde. 

Die Identifizierung des Knaben mit dem Vater ist noch aus dem fol- 
genden ersichtlich. Meine Frage, was er werden möchte, beantwortet er 
prompt: Schlosser! (Der Vater war Schlosser.) In seinem ganzen Benehmen, 
seinem Hang zur Altertümlichkeit, zu Vergangenem, zu Marken etc., bietet 
er den Beweis, daß er etwas Vergangenes festhalten und sorgsam bewahren 
möchte. Dieser Umstand wäre an sich für die Analyse unwichtig, wenn nicht 
die erwähnte Neigung in merkwürdiger Übereinstimmung mit dem Ausbruch 
der Krankheit des Knaben „ erst in der neuen Wohnung", d. h. während der 
zweiten Ehe, aufgetreten wäre. Diese Aussage des Patienten wird von der 
Mutter desselben aufs Bestimmteste bestätigt. 

Wer würde ferner in dem Vorgange des Knaben, der in die Sandlöcher 
uriniert, Jiicht die Imitation des Zeugungsaktes in infantiler Auslegung er- 

l ) Die Mehrzahl der Träume handelt von einem Krieg. 



Urinsexnalität. 181 

kennen {St ekel: Erde — Mutter), nicht die im Unbewußten des Kindes 
schlummernde Phantasie erraten, die die Erektion beim Urinieren hervorruft? 

Wir haben einen Fall typischer Urinerotik vor uns, als Effekt 
einer falschen sexuellen Aufklärung. Die Krankheitswurzel bildet hier 
nicht, die gewohnte Form einer eindeutigen Fixierung, sondern ist viel- 
mehr der Ausdruck einer Doppeleinstellung des kindlichen Seelenlebens. 

Er ist der Vermittler zwischen den Eltern, in ihm dauert das erste 

Eheverhältnis ungelöst an, er wünscht, der Vater möge in einer stillen 

Nachtstunde kommen und läuft. — sich gleichzeitig des Sündhaften bei 

' diesem Gedanken bewußt — zur Tür, um sich zu überzeugen, ob sie 

gesperrt ist. 

Die Heilung erfolgte nach zweimonatlicher Behandlung durch Zer- 
störung der infantilen Vorstellung, durch sexuelle Aufklärung, Belehrung 
der Mutter über Erziehungswege, insbesondere angesichts des Mankos 
an Selbstbeherrschung etc. Die Autorität und Ratschläge des Herrn 
Dr. Stehet, dem ich den Knaben periodisch vorführte, haben die Enuresis 
endgültig niedergeschlagen. 

Die Bettnässe wurde zuerst auf einmal in der Woche, dann einmal 
in drei Wochen und schließlich vollständig zum Stillstand gebracht. 

Die Beobachtung dieser Fälle und meine sonstige Erfahrung zeigen 
mir, daß die Enuresis der Kinder eine Art von Pollution darstellt. Ja, 
wir können den Satz aufstellen: Die infantile Pollutiongeht 
in Form der Enuresis vor s i c h. Damit stimmen andere An- 
gaben der Kinder. Viele gestehen, daß sie beim Urinieren Lustgefühle 
empfinden. 

Bei manchen Erwachsenen bleibt die infantile Urinsexualität be- 
stehen. Entweder in ihrer Gänze oder nur mit irgend einem Symptom. 
Wir werden bald einige solche Fälle kennen lernen. Oft aber kommt 
es bei Erwachsenen zu einer Regression. Infolge einer Liebesent- 
täuschung wird auf die Sexualbefriedigung, wie sie dem Alter entspricht, 
verzichtet, und eine Regression auf die infantilen Formen der Urin- 
sexualität vollzogen. 

Die Zusammenhänge zwischen der Blasenfunktion und der Sexual- 
erregung sind auch bei Normalen zu beobachten. Es gibt viele Menschen, 
bei denen sich die Sexualerregung sofort auf die Blase überträgt. Sie 
fühlen dann einen heftigen Urindrang. Unbefriedigte Menschen, besonders 
Frauen, müssen sehr oft urinieren. Es ist ein sicheres Symptom 
sexueller Erregungszustände, wenn die Neurotiker angeben, daß sie des 
Nachts und bei jeder Erregung sofort urinieren müssen. Dieses Urinieren 
kann mit mehr oder minder starken Sexualemptindungen kombiniert 
6ein. Kitzeln in der Harnröhre, Krämpfe am Schlüsse der Miktion, die 



182 Psychosextiellor Infautilismus. 

ins Perineum und in die Beine ausstrahlen, ein leichter Schüttelfrost, 
oft aber auch ein mehr oder minder deutlicher Orgasmus, unter Um- 
standen Spermaabgang bei schlaffem Gliede. 1 ) 

In neurotischer Verzerrung und Verdrängung äußert sich die Urin- 
sexualität in sonderbaren Symptomen, die der Ausgangspunkt hypo- 
chondrischer Befürchtungen werden. Die Miktion gelingt nicht, oder sie 
geht nur stoßweise vor sich; mitunter ist besonders starkes Pressen und 
Drängen notwendig. Oder die Urinentleerung geht in Raten vor sich, von 
heftigen Blasenkrämpfen unterbrochen. (Statt des Orgasmus fühlt der, 
Patient Schmerzen.) Diese Konversion von Lust in Unlust führt auch 
dazu, daß der an Urinsexualität Leidende mitunter statt des Kitzeins 
ein Brennen in der Harnröhre empfindet. „Wie wenn Feuer durch die 
Harnröhre flöße" (Preyer). Oft halten das Brennen oder das Kitzeln 
sehr lange nach der Miktion an. 

Ich führe nur einige Fälle aus meiner Erfahrung an, die uns zeigen 
werden, welche große Rolle die Urinsexualität im Leben der Neurotiker 
spielen kann. Sehr häutig sind die Fälle, in denen die Miktion als Ersatz 
des Koitus von Erwachsenen ausgeübt wird. Bekanntlich spielt unter 
den infantilen Sexualtheorien (Freud) die Urinsexualität die Hauptrolle. 
Kinder stellen sich häufig vor, daß der Vater der Mutter in die Scheide 
uriniert. Wenn diese Sexualtheorien trotz neuer Einsichten festgehalten 
werden, sozusagen Petrefakte der Vergangenheit darstellen, so wird der 
höchste Orgasmus nur durch die Miktion erreicht. 

Fall Nr. 46. Frau G. B., 36 Jahre alt, gibt an, beim Koitus fast gar 
nichts zu empfinden. Sie verlangt von ihrem Partner, daß er in ihre Vagina 
uriniert. Beim Einströmen des warmen Urins empfindet sie einen so starken 
Orgasmus, daß sie fast die Besinnung verlier!. 

Fall Nr. 47. Herr S. H., 31 Jahre alt, Gelehrter, verlangt Abhilfe von 
folgender Perversion. Er fühlt homosexuell. Frauen haben ihn angeblich 
nie gereizt. Der männliche Partner muß seinen Bauch mit Urin bespritzen 
und den Strahl am Schluß der Prozedur auch über die Schenkel und den Penis 
fließen lassen. Im Momente, als der Penis von dem Strahle getroffen wird, 
kommt es zur Ejakulation mit starkem Orgasmus. 

Hierher gehören auch die Fälle von Urolagnie, deren Häufigkeit 
ich im Beginne meiner ärztlichen Praxis als Sexualarzt sehr unterschätzt 
habe. Andeutungen von Urolagnie finden sich bei allen Menschen viel- 
leicht in 20%. Schon der Kunnilingus, die am meisten verbreitete, fast 
physiologische Paraphilie, hat deutliche Beziehungen zur Urolagnie. 
Manche Schätzer des Kunnilingus erlauben der Partnerin nicht ihre 
Genitalien zu waschen, ja sie verlangen vor dem Kunnilingus die Voll- 
ziehung der Miktion. 



*) Siehe Bd I, 3. Aufl., Seite 197-199. 



' ■ 



Urinsexualität. 1 83 

Fall Nr. 48. Herr Lambda hat eine Zwangshandlung, der er immer 
wieder unterliegen muß. Er läuft in öffentliche Gärten und wartet in den 
Büschen, bis ein weibliches Wesen kommt, welches die Miktion verrichtet. 
Dann stürzt er sich auf das Stück Erde, das uringetränkt ist, schöpft den 
Urin mit den Händen aus, leckt die Blätter, nimmt die feuchte Erde in den 
Mund. 1 ) 

Von Neurotikern hört man oft, daß sie sich als Kinder in den Mund 
urinieren haben lassen oder anderen in den Mund urinierten. Zu den 
Paraphilien, welche Dirnen wohlbekannt sind, zählt auch diese. Manche 
dieser Kranken lassen sich in den Mund urinieren oder verlangen, daß 
ihnen die Miktion in os gestattet wird. 

Fall Nr. 49. Herr T. W., 47 Jahre alt, kann nur in folgender Weise 
zum Orgasmus kommen. Er legt sich platt auf den Boden. Die Dirne muß 
so sitzen, daß sie mit ihrem Geschlechtsteil sein Gesicht berührt. Sie voll- 
zieht dann die Miktion in seinen Mund. Während er gierig den Urin trinkt, 
tritt der Orgasmus ein. 

Eine Mischung von „Mixoskopie" und Urinsexualität stellen jene 
Fälle dar, bei denen der Anblick der Miktion des Partners Liebesbe- 
din°"ung und oft schon auch alles ist, was zur Erfüllung: des Verlangens 
"enügt. In den meisten dieser Fälle wird der Anblick der Miktion (auch 
das charakteristische Geräusch) benötigt, um die Erektion hervorzu- 
rufen und den Koitus möglich zu machen. In anderen Fällen genügt der 
Anblick der Miktion. 

Fall Nr. 50. Herr G. J., Arzt, 43 Jahre alt, findet den höchsten Genuß 
beim Anblick der Miktion. Sie ist seine Liebesbedingung. Ohne diesen An- 
blick ist er impotent. Er gibt an, daß sein erster sexueller Eindruck der An- 
blick einer Magd war, die sich vor ihm niederkauerte und urinierte. Er war 
damals 5 Jahre alt. 

Sadger berichtet in seiner erwähnten Arbeit über „Urinerotik" 
mehrere eigene Beobachtungen. Aus seinen Krankengeschichten hebe 
ich einige wichtige Stellen hervor. 

Fall Nr. 51. Bericht eines 23jährigen Homosexuellen: ..Mit 12 Jahren 
war ich eines Tages auf dem Klosett", erzählt Patient, „stellte mich auf den 
Kopf und versuchte, mir selbst in den Mund zu schiffen, was aber nicht ge- 
lang. Trotzdem bekam ich nachher ganz von selber Orgasmus mit Erektion 
und das Gefühl des Samenergusses, wenn auch kein wirklicher Samen abging. 
Später dachte ich mir, ich könnte doch einem geliebten Kollegen oder Knaben 
meines Typus am Gliede lutschen und er mir in den Mund urinieren." Dann 
eine andere Form, bei der sich schon deutlich der Übergang zur Retentio 
urinae zeigt, „Mit 14, 15 Jahren trieb ich folgendes Spiel: Wenn ich im 
Bette lag, versuchte ich, in die hohle Hand zu schiffen, aber nur sehr wenig, 
nur ein paar Tropfen, die ich dann auszuschlecken versuchte. Beim Pissen 
in die Hand bekam ich meist eine Erektion, die mir jenen Akt sehr erschwerte. 
Schließlich brachte ich ihn doch fertig, aber ich mußte lange probieren. Mit 

] ) Die ausführliche Beschreibung dieses Falles in meinem Buche „Die Sprache 
des Traumes". I.F.Bergmann, München. 1921, II. Aufl. 



184 



Psychose* tieller Infautilismhs. 



16, 17 Jahren habe ich dann öfters die Vorhaut zusammengenommen und 
hineingeschifft, so daß das ganze Präputium aufgebläht war wie eine Blase 1 ) 
und durch den kolossalen Druck kam mir mit einem Male ein Lustgefühl und 
Samen, ohne daß ich onaniert hätte." Aus früherer Zeit erinnert er, daß er, 
zum Bade ausgezogen, sich manchmal über den ganzen Körper pißte, bisweilen 
auch in den Nabel hinein. „Mit 15 Jahren wünschte ich mir öfters, mit dem 
meistgeliebten Knaben das so zu machen, daß wir die Membra zusammentun, 
die Vorhaut darüber stülpen und in dieselbe hineinschiffen sollten." 

Sehr früh begann er einen Teil seiner mächtigen Harnerotik zu symboli- 
sieren und zu Passionen zu sublimieren. Ich gebe im folgenden seine Äuße- 
rungen in der Psychoanalyse wieder, kontrolliert und gelegentlich zeitlich 
richtiggestellt durch das Tagebuch der Mutter. Die letztere notierte von ihm. 
da er noch nicht volle 2 Jahre zählt : „Sein größtes Vergnügen ist, Steine 
ins Wasser zu plumpsen", was auch im folgenden Jahre besonders vermerkt 
wird. Dann mit 2 1 /» Jahren: „Sein liebstes Spiel ist, mit einer Weinen Gieß- 
kanne, die er endlich erbettelt, unermüdlich Pflanzen zu begießen."' Mit 
2 s /a Jahren amüsiert er sich in einer Ausstellung am meisten über einen 
Automaten. „Wenn man ein 10 Pfennig-Stück hineinsteckt, fließt aus einem 
Hundekopfe Selterswasser heraus. Er war gar nicht wieder fortzubringen und 
bat in seiner Lebhaftigkeit einen neben ihm stehenden Jungen um ein Geld- 
stück, damit noch einmal Wasser laufe." Mit 3 V* Jahren bekommt er zu 
Weihnachten eine langersehnte kleine Pumpe „ordentlich zum Pumpen". ..Er 
freute sich ganz kolossal darüber und war den ganzen Abend nicht davon 
wegzubringen." All diese Sublimierungen der Harnerotik erinnert Patient 
auch deutlich selber als förmliche „Leidenschaften" und fügt noch hinzu: 

') Sadger führt aus: „Die Erotik des peripheren Harnapparates verrät sich, ab- 
gesehen von der schon beredeten leichten Ansprechbarkeit der Corpora cavernosa 
urethrae, noch besonders durch öfters auftretende Kitzelgefühle der Harnröhre, die ver- 
schieden lokalisiert werden, von der Eichelmündung bis in die Prostata und das Peri- 
neum hinein, dann ferner durch akut auftretende urethrale Schmerzen, intist ohne 
jeden anatomischen Befund, endlich noch durch pollutionsartige Gefühle mit oder 
anfangs auch ohne Sekret, doch stets von enormer Wollust begleitet. Man sieht z. B., 
daß besonders Angst jene Kitzelgefühle wachrufen kann. Eine der wenig bekannten 
Ursachen des Masochismus ist, daß Kinder Schläge direkt provozieren, um die dabei 
auftretenden Wollustgefühle in Urethra wieder einmal zu erleben. Nicht selten kommt 
e6, und zwar schon in den allerersten Lebensjahren urplötzlich zu Schmerzen in der 
Harnröhre, denen kein anatomischer Befund entspricht. Sie vergehen auch ebenso rasch 
als sie auftraten, ohne jedes therapeutische Zutun." 

„In späteren Jahren können sie durch eine Gonorrhöe oder durch infolge von 
Schwangerschaft ausgelöste Blasenreizung wieder akut und dann hysterisch festgehalten 
werden. Endlich gibt es noch pollutionsartige Vorgänge bei ganz kleinen Kindern mit 
oder ohne jedes Sekret. Zu ihnen ist auch das einfache Einnässen mit Urin zu rechnen, 
daß 60 häufig bei Angst und Schreck 6ich einstellt, mitunter 6ogar beim Anschreien 
durch geliebte. Personen. Zu beachten ist dabei, was ich ja schon im früheren ausführte, 
daß der Miktionsakt als solcher eine Quelle der Lust und gleichzeitig eine Tröstung 
sein kann, genau wie später die Masturbation. Darum kann man erleben, daß. wenn 
einem Kinde ein Wunsch versagt wird, es nicht bloß weint, sondern eich auch noch 
trosteshalber bepißt. In der späteren Kindheit scheint neben dem Harn auch das Sekret 
verschiedener Drüsen, zumal der CWpersehen und Littreschen sowie der Bartkolinsdien 
mit deutlicher Wollust ausgeschieden zu werden;" 



. 



UTinsexnaJiVät. Ig5 

..Mit 4 Jahren hatte ich in einem Badeorte geradezu eine Schwärmerei für 
Pumpen. Zu jeder Pumpe mußte ich hin und selber pumpen. Das fiel so auf, 
daß meine Eltern mir öfters davon erzählten. Ich kannte auch in Bälde 
sämtliche Pumpen, im ganzen Orte. Dann folgte eine neue Passion für Wasser- 
wagen, die ich durchaus haben wollte. In späteren Jahren kam endlich eine 
Vorliebe für jegliche Art von Wassersport, zumal für das Segeln. Es reizte 
mich besonders, daß, wenn das Schiff durch die Wellen fuhr, das Wasser 
überspritzte oder, wenn es schlecht ging, direkt eindrang. Es war also in 
Wirklichkeit ein Urinsport. Trotzdem die Eltern es mir strenge verboten 
hatten und ich so großen Schwierigkeiten begegnete, daß jeder andere zurück- 
gewichen wäre, ließ ich doch nicht locker. Ich hatte z. B. kein Geld zu all 
diesen Dingen, aber ich fertigte mir alles selber an und richtete mir die 
Sache so billig ein, daß ich es durchführen konnte." 

Wenn Patient mit 14, 15 Jahren ein paar Tropfen in die Hohlhand 
hineinurinierte, bekam er besondere Lustgefühle und eine Erektion, die das 
Wasserlassen besonders erschwerte. Im Verlaufe der Analyse aber stellte sich 
heraus, daß die Harnsperre durch Erektion sich bis in die zarteste Kindheit 
unseres. Kranken mit Sicherheit zurückverfolgen läßt. Schon in seinem 
2. Lebensjahre stellten sich regelmäßig beim Wasserlassen Gliedsteifungen 
ein, die eine Retention bewirkten. Daran erinnert er sich nicht bloß selbst, 
es wird auch von Vater und Mutter bestätigt und ist obendrein in einer 
Amateurphotographie des Vaters fixiert, die ich mit eigenen Augen sah. 
Patient hat ferner die bestimmte Erinnerung, daß er Stuhl und Urin stets 
zurückhielt und sich erst durch vieles Drängen der Mutter auf den Topf zu 
gehen, bewegen ließ. Das verstärkte natürlich die angeborene Neigung zu 
Erektionen noch ganz beträchtlich. 

Dieser Patient Sadgßrs litt auch an „ü ysuria p s y chic a". 
Es ist die bekannte Erscheinung, daß psychische Einflüsse die Miktion 
hindern. Es ist ja bekannt, daß viele Männer nie in Gegenwart von 
anderen Männern urinieren können. Ärzte kennen diese Erscheinung 
und müssen oft hinausgehen oder den Patient hinausschicken, um eine 
Urinanalyse vornehmen zu können. Diese Dysurie kann sich zu einer 
heftigen Harnverhaltung steigern. Ich erinnere mich eines Patienten, 
mit ausgesprochener Urinsexualität, der in seiner Kindheit schon kathe- 
terisiert werden mußte. Später litt er an einer chronischen Gonorrhoe 
und konnte den Urin nur stoßweise herausbringen. Man stellte zuerst 
die Diagnose auf eine Striktur, es zeigte sich aber bald, daß es sich nur 
um eine Dysuria psyc.hica handelte. Dieser hochintelligente Kranke 
pflegte seinen Havelock immer anzupissen. Von diesem stinkenden Have- 
lock wollte er sich nie und nimmer trennen. Er empfand den Geruch 
als einen großen Genuß. Er arrangierte -auch die Miktion so, daß immer 
einige Tropfen auf seine Hand fielen. 1 ) 



') Einen sehr interessanten Fall von Zwangsvorstellungen infolge von Urin- 
sexualität habe ich in der „Med. Klinik" (Zwangszustände, ihre psychischen Wurzeln 
und ihre Heilung. 1910, Nr. 5—7) publiziert. Ein Hausierer suchte mich mit der Zwangs- 
vorstellung auf, er könne nicht urinieren. Er uriniert tadellos, trotzdem trieb ihm 



186 



Psycbosexueller Iufautilisnuis. 



Andere solcher Kranken klagen darüber, daß sie immer ihr Hemd 
und die Hosen annetzen müßten. Manche benehmen sich so ungeschickt, 
daß der Strahl der Miktion gebrochen wird und zurückspritzend sie naß 
macht. Man kann schon die Diagnose aus dem immer mit Urin getränkten 
Hemde stellen, wenn man — wie ich beim Militär — Gelegenheit hat, 
viele Neurotiker ausziehen zu lassen. Sehr charakteristisch ist, daß der 
echte an Urinsexualität Leidende sich niemals die Hände wäscht, wenn 
er sie „zufällig" (der Zufall ist immer Absicht!) naß macht. Diese Züge 
treten schon in der Kindheit auf, wie der von Sadger. beobachtete nächste 
Fall eines 32jährigen Zwangsneurotikers beweist: 

Fall Nr. 52. „Als kleines Kind, sicher schon mit 3, 4 Jahren, wahr- 
scheinlich auch früher, habe ich sehr viel uriniert, und zwar auch bei Tag, 
so daß meine Hosen ganz braun davon waren. Nachts, wenn ich im Bette lag, 
ist es auf einmal losgegangen und ich habe mich gefürchtet, der Vater, der 
sehr jähzorniger Art war, werde mich dann schlagen. 1 ) Trotzdem aber hatte ich 
immer direkt ein Wonnegefühl, wenn der Harn herauskam. Auch bei Tag 
habe ich kolossal uriniert. Mein Hauptvergnügen war, wenn es so heiß heraus- 
floß, mir heiß über meine Beine lief und unten bei den Hosen heraustrat. Ich 
weiß, daß ich als Kind von 3— 5 Jahren die Hosen absichtlich nicht auf- 
machte, um diesen Genuß nicht einzubüßen. Auch ging ich da sehr raffiniert 
zu Werke. Bei Nacht habe ich immer darauf gewartet, daß das Leintuch 
austrockne, damit es am Morgen nur niemand bemerke. Bei Tag aber ließ 
ich Tropfen für Tropfen, damit sich die Nässe nur allmählich verbreite und 
man es nicht sehe. Solang man die braune Verfärbung noch nicht wahrnahm, 
konnte ich hineinurinieren, soviel ich wollte, was ich denn auch nach Herzens- 
lust tat. Erst wenn man das an den Hosen schon merkte, war ich unglücklich." 
Ein andermal berichtet er, schon als ganz kleiner Bub den Koitus der Eltern 
wiederholt belauscht und beobachtet zu haben, da der Vater vor dem jüngsten 
Kinde, welches immer im Bette der Eltern schlief, sich gar nicht genierte. 
„Ich weiß, ich hatte stets den Gedanken, der Vater uriniert die Mutter an. 
Vielleicht ahmte ich dies nach, indem ich in die Hosen und das Bett urinierte." 
Später ergänzte er: „Möglicherweise rührt das Bettnässen auch davon her, 
daß ich ganz zuerst das größte Vergnügen daran fand, auf dem Schöße der 
Mutter oder des Dienstmädchens sitzend, also die weiche Unterlage fühlend, 
zu urinieren. Da ich nun im Bette lag, werden die weiche Unterlage desselben 
und meine eigenen Beine die Ähnlichkeit mit der weichen Unterlage des 
Schoßes und den Beinen der Mutter dargestellt haben." 

Von den übrigen Äußerungen seiner Urethralerotik will ich zunächst 
seinen häufigen Kitzel in membro nennen. Als er z. B.' als achtjähriger Junge 
eine steile Mauer hinaufkletterte und dies sehr schwer ging, hatte er ein 
starkes Gefühl der Angst und gleichzeitig damit ein Kitzelgefühl in Urethra. 
Mit 8, 9 Jahren quälte ihn eine Zeitlang ein fürchterliches Jucken in der Harn- 

die Vorstellung, er könne nicht urinieren, zum Selbstmord. Die Analyse ergab, daß er bei 
seiner Ehefrau impotent war, weil ihm eine andere Frau besser gefiel. Der Gedanke 
ich kann nicht urinieren, ersetzte einen anderen, der heißen sollte: Ich kann meine 
Frau nicht kohabitieren. 

*) Die Verbindung von Urinsexualität und Masochismus ist außerordentlich 
häufig. Anmerkung des Verfassers. 



Urinsexnalität. 187 

röhre, infolgedessen er beständig an seinem Gliede rieb, und zwar offen vor 
allen. Er hat oft schon darüber nachgedacht, ob er eine Ursache wüßte, aber 
keine gefunden. 

Von konstitutionellen und Erziehungsmomenten weiß unser Patient 
nachstehendes zu sagen: „Mutter griff sich häufig hinunter, als wenn sie den 
Harndrang zurückhalten müßte, und lief dann gleich hinaus aufs Klosett. 
Ich sehe das noch förmlich vor mir, als müßte die Mutter den Drang zurück- 
halten. Der Vater wieder hatte die Gewohnheit, alle seine Buben ,aus Zärt- 
lichkeit' am Penis zu ziehen, was als Liebkosung galt. Die älteren Brüder 
machten es dann ebenso bei den jüngeren. Der jeweils Jüngste lag immer 
neben dem Väter im Bette und wurde am Gliede gekitzelt. Ich tat dies gleich- 
falls bei all meinen jüngeren Geschwistern und ebenso später bei meinem 
eigenen Söhnchen vor der Analyse." Dies geschah angeblich immer ohne 
sexuelle Erregung, bloß weil es bei ihnen so üblich war und als selbstverständ- 
lich galt. Andere verderbliche Erziehungseinflüsse gingen noch von den 
Dienstboten aus, die sicher mit seinem Membrum spielten, wenn sie es zur 
Miktion herausnehmen mußten. Er habe darum vielleicht auch absichtlich 
öfter uriniert, als notwendig war. Mitunter zogen sie ihn auch zur Strafe an 
seinem Penis, wenn er sich angeschifft hatte, worauf er jämmerlich schrie und 
dann zur Besänftigung am Gliede gestreichelt wurde, was ihm wieder sehr 

wohl tat. . . 

Ich will hier noch einige seiner hochinteressanten Phantasien an- 
knüpfen. Er hatte das Symptom der hysterischen Vergeßlichkeit, das er also 
erklärt: „Nachts vergaß ich sehr häufig, daß ich im Bette lag, und glaubte, 
ich säße am Klosett oder Nachftopf, und in diesem halb bewußten, halb un- 
bewußten Zustand urinierte ich dann, ja entleerte sogar den Stuhl ins Bett. 
Tch glaube ganz sicher, des Nachts vergessen zu haben, daß ich im Bette lag. 
und in diesem hall) bewußten, halb unbewußten Zustand und dem sich an- 
knüpfenden Kitzelgefühl in der Harnröhre war mir das Urinieren direkt eine 
Wollust, Da dies nur meinem Vergessen entsprang — bei Tag war der Ge- 
danke an die Strafe so stark, daß er mich vom Urinieren, wenigstens vor den 
Meinen* zurückhielt — so habe ich dann das Vergessen als Quelle der höchsten 
Wollust hysterisch fixiert. Bei den Pollutionen in späteren Jahren ergab sich 
ein Analogon dazu. Ich träumte und, da der Erguß kam, wollte ich mich 
heftig dagegen wehren. Doch wußte ich mich durch die Vorspiegelung, dies 
sei ja nur ein angenehmer Traum, dann selber zu veranlassen, den Widerstand 
aufzugeben und den angenehmen Samenerguß erfolgen zu lassen. Ich erinnere 
mich genau, daß auch beim Bettnässen in der Kindheit sich stets derselbe 
Kampf einstellte. Halb schlafend, halb wachend sagte ich mir immer: Du 
darfst nicht urinieren, du bist ja im Bette und das wird bestraft. Aber diese 
Stimme unterlag und ich folgte der andern, welche mir sagte: Du träumst ja 
nur, du kannst nichts dafür, du handelst im Schlafe, also unverantwortlich. 
Wenn ich dann am Morgen die Bescherung sah, war ich tief unglücklich. Ich 
konnte es mir auch gar nicht erklären, da ich doch fest und steif geglaubt 
hatte, in einen Topf zu urinieren oder höchstens im Klosett, In diesem Ge- 
danken war ich glücklich gewesen und hatte mich gehen lassen. Nun sah ich 
zu meinem Schrecken, daß ich doch ins Bett uriniert hatte und damit der 
Strafe verfallen war. Ich konnte also tun, was ich wollte, ich war unrettbar 
der Strafe verfallen, ein Grund meiner jetzigen Zwangsideen." 

Vorerwähnter Kranke hatte ein Mädchen zum Weibe genommen, das 
offenbar gleichfalls mit schwerer Ürethralerotik behaftet war. Selbst jetzt noch 



188 Psychosexueller Infantilismus. 

träume sie gelegentlich davon, daß sie Harndrang habe. Sie wehre sich da- 
gegen mit der Motivierung, sie müsse sich doch vor ihrem Manne schämen, da 
sie ja verheiratet sei. Erwacht, aber, finde sie tatsächlich ein paar Tropfen 
Harn im Bette vor. 

Wir haben schon einmal konstatieren können, wie bei dem Knaben 
Fritz die Anwesenheit der Mutter sofort eine Enuresis hervorgerufen 
hat. Der letzterwähnte Patient Sadgers hatte ein Mäderl, das gleichfalls 
dieses Symptom zeigte und so bestätigt, wie von den Eltern sexuelle 
Reize ausgehen, die sich als Enuresis äußern können. 

Fall Nr. 53. Äußerst bezeichnend ist der Zusammenhang ihres Harn- 
dranges mit der Anwesenheit des geliebten Vaters. Die Familie lebt in L., 
während der Vater in Wien Psychanalyse macht und nur alle 14 Tage zu 
den Seinen fährt. Da merkt nun die Mutter ganz deutlich, daß die Enuresis 
nachläßt oder auch ein paar Tage völlig sistiert, wenn jener längere Zeit ferne 
weilt. Kaum aber kommt der Vater zu Besuch oder weiß nur das Mäderl, daß 
er in der Nacht ankommen soll, so beginnt es tagsüber in die Hosen zu lullen, 
nachts unruhig zu schlafen, sich hin und her zu wälzen und blutig zu kratzen, 
beständig nach der Mutter zu rufen und selbstverständlich auch einzunässen. 
. Der Vater reist ab und sofort ist die Wendung zum Besseren da. Die Enuresis 
sowohl wie das Blutigkratzen läßt erheblich nach. Am charakteristischesten 
ist folgende Episode noch vor ihrem vollendeten 2. Jahre. Der Vater ist 
unerwartet nachts gekommen. Sie hatte auch nicht eingenäßt, wovon sich die 
Mutter frühmorgens überzeugte. Kaum aber vernimmt das erwachende Kind 
im Nebenzimmer die Stimme des Vaters, so belullt sie sofort das ganze Bett, 
was sie vordem noch niemals getan. 2 Jahre und 1 Woche alt, sucht sie 
aus einem Haufen von Photographien zwei heraus, ihre eigene und das Bild 
des Vaters, spielt damit, nimmt beide zu sich. ins Bett und uriniert „fürchter- 
lich". Am nächsten Morgen sind beide Photographien total durchnäßt. Der 
Vater hat die Gewohnheit, nicht bloß alles mit ihr zu besprechen, sondern sie 
auch zu fragen, was sie eigentlich mit dem oder dem wolle, Dinge, die das 
ungewöhnlich geweckte Mäderl anscheinend ausgezeichnet versteht. So 
examiniert er: „Du hast das Bild des Tata ins Bett genommen, du willst dir 
also den Tata ins Bett nehmen und ihn anlullen?" worauf sie ruhig und be- 
stimmt erwidert: „Ja!" Wenn beim Spazierengehen der Vater in einen Laden 
tritt, etwas zu kaufen, beantwortet die Kleine den wenn auch nur kurzen Ver- 
lust des Vaters mit Lullen in die Hose, ihrem alten Trostmittel. Ähnlich 
übrigens auch, wenn die Mutter fort muß oder gar am Abend beide Eltern 
ins Theater gehen. 

Ähnlich wie dies Kind benützen auch die Erwachsenen Affekte der 
Angst und der Erwartung, um ihrer Urinsexualität zu fröhnen. Es gibt 
Männer, die bei jeder Angst, ertappt zu werden oder nicht fertig zu 
werden, ein paar Tropfen Urin lassen müssen (vergl. den Fall 
Kapitel XV) . Oft besteht bei Männern Angst vor dem Samenverlust, so 
daß an Stelle der Ejakulation eine Miktion eintritt: Einer meiner 
Patienten onanierte fast bis zum Eintritte des Orgasmus. Dann setzte 
er aus und urinierte, sobald es das abschwellende Glied gestattete. Dann 
trat ein intensives Kitzelgefühl auf. Es kommt auch vor, daß bei 



ürinsexualität. 189 

Onanisten an Stelle der infolge von strengen Drohungen und Verboten 
aufgegebenen. Onanie ein Kitzelgefühl in der Glans oder Urethra als 
maskierte Form der Onanie und des Orgasmus auftritt. Einen solchen 
Fall beschreibt Galant (Orises clitoridiennes-artige Erscheinungen bei 
einem 14jährigen Knaben. Neur. Zentralbl.. 1912. Nr. 16): 

Fall Nr. 54. „Eine Erscheinung, die ganz dem Symptom der Crises 
clitoridiennes der Frauen entspricht, habe ich bei einem meiner Patienten 
feststellen können. Ich hatte einen 14jährigen Knaben in Behandlung, der 
seine maßlos getriebene Onanie nicht los werden konnte. Ich nahm mit ihm 
eine Entwöhnungskur vor, die auch gelang. Nun stellt sich bei mir der Junge, 
nachdem er längere Zeit nicht mehr onaniert hat, ein und beklagt sich angst- 
voll, daß bei ihm von Zeit zu Zeit jedesmal nach dem Urinieren ein starker 
Orgasmus auftritt, ohne daß es dabei zu Erectio penis oder Samenentleerung 
käme. Er habe dabei keine Gedanken, die eine sexuelle Erregung bei ihm 
hervorrufen könnten, und ist überhaupt nicht sexuell erregt. Der Orgasmus 
tritt ganz spontan, von selbst auf! Ich habe meinen Jungen beruhigt und 
sagte ihm, diese spontanen wollüstigen Entladungen werden ihm nur ver- 
helfen, seine Onanie los zu werden. Die Orgasmuskrisen dauerten etwa zwei 
Monate lang und verschwanden später spurlos." 

„Soweit mir bekannt ist, ist diese meine Mitteilung über spontane 
Olgasmusentladungen beim Manne ohne Erectio penis und Samenentleerung 
als Folge einer übertriebenen Onanie die einzige in der Literatur und dürfte 
darum nicht ohne Interesse sein. Ich führe die spontanen Orgasmen bei 
meinem Patienten auf eine Überreizung des Nervensystems zurück, die zu 
reflektorischen (?) Entladungen der Gefühlssphäre der Genitalien führt." 

Diese Erscheinung ist allen Sexologen wohlbekannt und als infan- 
tiler Typus der Sexualbefriedigung oft beschrieben. In zahlreichen Wer- 
ken der Freudschule wird die Enuresis als Ersatz der Pollution aufgefaßt. 
Ich habe an zahlreichen Stellen meiner Werke auf den . infantilen Typus 
der Sexualbefriedigung (Orgasmus bei der Miktion) aufmerksam ge- 
macht. Diese Form der „larvierten Onanie" belehrt uns, wie illusorisch 
die Entwöhnungskuren der Onanie sind. Statt der offenen Onanie tritt 
eine larvierte ein. Der Gewinn ist für den Arzt nicht groß. Der Patient" 
kann nun nach dem Prinzip „Lust ohne Schuld" weiteronanieren und 
sich vormachen, er kämpfe gegen die Onanie an und so beiden Partial- 
seelen gerecht werden, der Triebseele und der Moralseele. So wird als 
Folge der Onanie gedeutet, was nur eine Folge der „Onanieabstinenz" 
ist. Die Psychologie der Sexualität -ist leider viel zu wenig studiert. 
Galant merkte nicht, daß die Libido aus dem Bewußtsein „verdrängt" 
wurde. 

Wenden wir uns weiteren- Fällen von Urinsexualität zu: 

Fall Nr. 55. A. W., 28jähriges Mädchen, leidet zeitweilig an Bettnässen, 
bei Nacht und auch am Tage. Bei Nacht pflegt sich das Bettnässen an einen 
wollüstigen Traum verschiedenen Inhaltes anzuschließen. Bei Tag an eine 
Phantasie, die ihr nicht klar bewußt ist, mit Angst einhergeht und sich um 



190 l'syehosexneller Infantilismus. 

ein „Nicht-Erreichen" handelt, wie in den meisten dieser Fälle. .Bei der 
Analyse ergibt sich, daß sie seit der Jugend mit Hilfe der Blase onaniert. Sie 
hält den Urin zurück, so daß die Not am höchsten ist. Dann geht sie auf den 
Abort und preßt mit aller Gewalt gegen die Blase, um den Austritt des 
Urins zu verhindern. In diesem Momente tritt ein so gewaltiger Orgasmus 
ein, daß ihr die Tränen über beide Wangen heruntorrinnem Bei der Onanie 
durch Friktion des Kunnus oder beim Einführen des Fingers in die Scheide 
kommt es auch zu einem Orgasmus, aber niemals kommen ihr dabei die 
Tränen. Dieses Weinen ist nur bei der beschriebenen Form aufgetreten und 
stellt einen so großen Genuß dar, daß sich die verschiedenen enuretischen 
Akte als Nachklang der Onanie entlarven lassen. 

Fall Nr. 56. R. B., ein 22jähriger Student pflegt oft stundenlange zu 
onanieren und immer den Orgasmus zu verhindern. Schließlich läßt er einige 
Tropfen Urin durch die Harnröhre rinnen, was einen außerordentlich starken 
Orgasmus ohne Samenentleerung herbeiführt. Es gelingt ihm also die Samen- 
entleerung zu verhindern und die infantile Form der Befriedigung durch- 
zusetzen. 

Fall Nr. 57. Ein 12jähriges Mädchen, das an allerlei Zwangsvor- 
stellungen leidet, gesteht mir, daß es auf Drängen ihrer Eltern die seit der 
frühesten Kindheit betriebene Onanie aufgegeben habe. Sie onaniert aber 
10— 12mal täglich mit Hilfe der Blase. Sie hält den Urin zurück, bis sie einen 
heftigen Drang empfindet. Dann geht sie auf den Abort, drückt die Hand 
gegen die Scheide, so daß sie das Orificium urethrae versperrt und läßt den 
Urin nicht heraus. Der Krampf der Blase erzeugt ein starkes Wollustgefühl, 
das sich zum Orgasmus steigert, Avenn der warme Urinstrahl auf die Hand 
fließt, Sie provoziert durch allerlei Unarten Schläge von ihrem Vater. Sie 
wird auf die Nates geschlagen. Dabei tritt Orgasmus kombiniert mit Urin- 
drang auf. 1 ) 

Viel interessanter ist der nächste Fall: 

Fall Nr. 58. Ein 38jähriger Schriftsteller onaniert seit seiner Jugend 
mit Hilfe der Blase. Er hält den Urin so lange zurück, bis er die Beherrschung 
der Blase verliert. Oft uriniert er in die Hosen, was den höchsten Orgasmus 
erzeugt. Solche Situationen schafft er sich am liebsten in Gesellschaften, im 
Theater, in Museen, in Eisenbahnwagen usw. Er arrangiert es "— wie er be- 
hauptet unbewußt — , daß er in Situationen kommt, wo die Miktion unmöglich 
ist. Er hat bis zum 36. Jahre keinen Koitus vollzogen. Er heiratet und kann 
den Koitus in normaler Weise mit Orgasmus vollführen. Die Urinsexualität 
scheint überwunden zu sein. Nach der Geburt eines Knaben längere Abstinenz 
und Rückfall in die alte Gewohnheit. Es kommt zu Disharmonien in der 
Ehe. Er verliert bei seiner Frau den Orgasmus, wird bald impotent und zieht 
sich auf die gewohnte Form der Sexualbefriedigung zurück. Größten Genuß 
bereitet es ihm, auf der Gasse zu urinieren, wenn er fürchtet, vom Wachmann 
überrascht und angezeigt zu werden. 

Es ist eine nicht seltene Erscheinung, daß Mädchen und Frauen 
bei ihren Urin-Orgien Kitzeln in der Klitoris empfinden. Dieser Kitzel 
kann auch durch einen Schmerz verdeckt sein, er kann sich mit einem 



') Ein ähnlicher Fall wurde sehr ausführlich von Havelock-EUis in „Psycho- 
analyse Review" (1913) beschrieben. 



Uriiisexualität. ■ 191 

Schmerz kombinieren. Oft strahlen die Sensationen von der Klitoris 
in das Perineum und bis in das kleine Becken aus. Sehr charakteristisch 
war das in folgendem Falle zu beobachten: 

Fall Nr. 59. Eine 43jährige Frau klagte mir, daß sie nicht in Gesell- 
schaft gehen könne, weil sie vorher in hochgradige Aufregung gerate und sich 
naß machen müsse. Sie versuche sich umzukleiden und frische Wäsche zu 
nehmen, aber das Mißgeschick wiederhole sich immer. Dabei komme es zu 
Schmerzen in der Schamgegend. Sie fühle es, daß dort etwas steif werde. Die 
Untersuchung, die ein Urologe vorgenommen hatte, der die Frau hatte 
urinieren lassen, ergab, daß in der Tat nach der Miktion eine Erektion der 
etwa V-facm langen Klitoris eintrat. Die Patientin mußte mir zugeben, daH 
sie beim Ankleiden trödle und sehr viel Zeit brauche. Die Analyse ergab ihre 
Neigung zum Phantasieren. Sie war in der Ehe unbefriedigt und hatte die 
lange ausgeübte Onanie infolge der Warnungen einer Hebamme aufgegeben. 
Vor einer Gesellschaft malte sie sich aus, wen sie treffen konnte und erlebte 
einen ganzen Roman. Die Miktion trat mit Angst in dem Momente auf, als sie 
sich ausmalte, daß der Held sie in einer einsamen Ecke küßte, wobei sie von 
ihrem Manne überrascht wurde. 

Sehr häufig sehen besonders die Urologen jene Fälle, in denen 
Mädchen und Frauen über ein sehr störendes Naßwerden bei verschiedenen 
Gelegenheiten klagen. Es zeigt sich- bei näherer Analyse, daß diese 
Neurotiker Träumer sind, die in verschiedenen erotischen Phantasien 
leben, an die sich Angstgefühle schließen. Die Enuresis tritt mit 
Orgasmus und Angst zugleich ein. Ein sehr lehrreiches Beispiel ist der 
nächste Fall : 

Fall Nr. 60. G. V., 24 Jahre altes, sehr kräftiges, vollblütiges Mädchen 
klagt über unwillkürlichen Urinabgang während des Tages und in seltenen 
Fällen während der Nacht. Sie plagt ihre Mutter mit diesem Leiden und ver- 
langt Abhilfe, weigert sich aber, sich. von einem Arzte untersuchen zu lassen. 
Auch einer Ärztin wird die Möglichkeit einer Untersuchung erschwert. Wegen 
anderer neurotischer Symptome kommt sie in meine Behandlung. Es zeigt 
sich, daß sie sich ihre enuretischen Episoden selbst inszeniert. Sie beginnt 
einen sehr langen Roman zu phantasieren. Gewöhnlich, wenn sie einen Be- 
such machen soll. Auf dem Wege zu ihrem Ziele wird der Roman bis zu den 
kritischen Stellen ausgesponnen. Erst wenn sie angeläutet hat, handelt der 
Roman davon, daß sie vergewaltigt werden soll. Sie kann nur mit aller Mühe 
die Klingel erreichen. Wird es nicht zu spät sein? Sie ringt mit dem Ver- 
führer, der Riesenkräfte hat. Endlich — endlich im letzten Momente — ihre 
Kräfte sind zu Ende, er hat ihr das Kleid vom Leibe gerissen und sie auf 
ein Sofa geworfen — erscheint die Hilfe. Dieser letzte Moment erhält einen 
Fetzen Realität durch den Umstand, daß nach dem Läuten irgend jemand 
erscheint, um die Türe zu öffnen. In diesem Momente wird sie mit ziemlich 
starken Orgasmus naß. 

Noch deutlicher ist dieser Mechanismus bei dem nächsten Fall 

eines Mannes: 

Fall Nr. 61. Ein 23jähriger Student, der immer die Angst hat, zu spät 
zu kommen und im letzten Momente einige Tropfen Urin läßt. Nehmen wir 



192 Psychosexueller Infantilismus. — Urinsexualität. 

das letzte Beispiel. Er soll um 4 Uhr auf der Bahn sein. Er zittert schon den 
ganzen Nachmittag, er werde den Zug versäumen. Nun sollte man glauben, 
daß er schon eine Stunde vorher auf dem Bahnhof sein wird. Im letzten 
Moment muß er irgend etwas wichtiges suchen. (Den Paß, die Brieftasche, 
ein Buch usw.) Er kann den Gegenstand nicht linden. (Natürlich eine inszenierte 
Szene, in der er sich künstliche Hindernisse geschaffen hat.) Endlich findet 
er den gesuchten Gegenstand. Nun beginnt die Hetze. Er rennt zur Elek- 
trischen, nimmt eventuell ein Auto, rast, springt über alle Leute zum Zuge, 
kommt im letzten Momente zurecht, wobei ihm unter Blasenkrämpfen und 
Orgasmus ein paar Tropfen Urin in die Hose fallen. 

Dieser Kranke ist an seine Schwester fixiert und spielt die Szene, 
ob er sie erreichen wird. Er erreicht sie im letzten Momente. Er wieder- 
holt dabei eine Szene, die sich in der Kindheit zugetragen hat, wobei 
er mit der Schwester allerlei gespielt und zuletzt versucht hat, einige 
Tropfen in ihre Scheide zu entleeren. 

. Diese Affektentladung bei der nächtlichen Enuresis und bei der 
Enuresis am Tage ist sehr wichtig. Sie liefert uns den Schlüssel zu 
diesem Leiden. 

Ich schließe damit den Reigen der Beobachtungen. In den folgenden 
Krankengeschichten wird uns die Urinsexualität noch öfters begegnen. 
Sie ist oft mit der Mutterleibsphantasie verbunden, was aber nicht 
immer der Fall sein muß. Die charakteristischen Wasser- und Feuer- 
träume erleichtern die Diagnose. Erwähnen möchte ich nur, daß im Alter 
die Regression auf die Urinsexualität sehr häufig beobachtet wird. Im- 
potente Greise kehren gerne zu dieser Form der Libido zurück. Be- 
sonders bei Prostatikern kann man die schönsten Urin-Infantilismen 
beobachten. Die Leidenschaft, mit der sich diese Kranken katheterisieren 
und katheterisieren lassen, verrät oft dem genauen Beobachter, daß 
es sich um eine Hyperästhesie der Urethralschleimhaut handelt, die zu 
leichten Orgasmen führt. Wiederholt kann man auch leiehte Erektionen 
bei der Einführung des Katheters beobachten, wozu das etwas verklärt- 
selige Gesicht des K'atheterisierten zu passen scheint. Mitunter wird 
der Orgasmus durch Schmerzen oder angebliche Schmerzen maskiert. 
Die verschiedenen Windungen und Krümmungen des Kranken, seine Aus- 
rufe sollen durch den „unerträglichen Schmerz" erklärt werden, den er 
sich so gerne zufügen läßt. In Geisteskrankheiten tritt diese Tendenz 
der Greise sehr deutlich zum Vorschein. Sie urinieren ins Bett, de- 
fäzieren auch, schmieren sich mit Kot an, was in das nächste Kapitel 
gehört. Aber Urin- und Analsexualität gehen gewöhnlich zusammen. 



\ 



V 



XII. 
Analsexualität. 

Es ist das Verdienst von Freud, auf die Bedeutimg der infantilen 
Anälsexualität aufmerksam gemacht zu haben. Unter den ver- 
schiedenen erogenen Zonen muß der Analzone eine besondere Be- 
deutung beigemessen werden. Es ist sehr wahrscheinlich, daß schon 
die normale Defäkation beim Kinde ein lustbetonter Vorgang ist. Das 
Kind erstrebt eine Verlängerung und Steigerung dieser Lust dadurch, 
daß es den Stuhl zurückhält (Freud). Der Druck der Skybalamassen 
auf die Analschleimhaut wird als lustvoll empfunden. Der Drang zur 
Stuhlentleerung wird zum Sexualgefühle umgeformt. Wir finden bei 
vielen Formen der infantilen Sexualität diese merkwürdige Mischung 
von Lust und Schmerz (Kratzen, Urinretention, Weinen, Schreien usw.) . 
Auch der Durchgang der harten Skybalastücke scheint Lustgefühle mit 
Schmerzen zu kombinieren (Hitschmann). Das konstitutionelle Ent- 
gegenkommen der Analzone äußert sich auch in einer Xeigung zu 
Diarrhöen, wobei der Drang, der sich zum Tenesmus steigern kann, 
leicht einen lustvollen Charakter erhält, (Erwachsene berichten oft. 
daß sie beim schmerzhaften Tenesmus Erektionen haben.) 

Auch dem primitiven Riechtrieb des Kindes kommt die Anal- 
sexualität entgegen. Die Gerüche von Stuhl und Flatus waren dem 
Urmenschen sexuelle Stimulantia und sind es für manche Naturvölker 
und primitive Menschen bis heute geblieben. Die leidenschaftliche Vor- 
liebe vieler Kinder für den Abort und ihr lebhaftes Interesse für die 
Gerüche der Erwachsenen lassen sich "aus dieser Eigenschaft leicht er- 
klären. 

Die Reizungen der Kinderpflege und Kindererziehung tragen dazu 
bei, die von der Analzone ausgelösten Lustempfindungen zu steigern 
und zu fixieren. Viele Mütter haben die böse Gewohnheit, ihre Kinder 
täglich zu klystieren, der Pflege des Anus eine besondere Sorgfalt zu 
widmen, daran herumzureiben usw. In Erinnerung an diese Reizungen 
und auch von Impulsen stammend, die spontan von der Mastdarm- 
schleimhaut ausgehen, kann die Kinderonanie sich auf die Reizung- der 

Stokel, Störungen das Trieb- nnd Affoktlebens. V. 13 



194 Psychose* ueller Infantilismus. 

Analzone beschränken. Der Finger oder andere spitze Gegenstände 
werden hineingesteckt und hin- und herbewegt. Durch Wetzen wird 
die äußere Partie des Anus gereizt. (Der verbreitete Kinderfehler des 
Wetzens läßt einen sicheren Schluß auf starke Analsexualität zu.) 

Es gibt wohl wenige Menschen, welche die Analsexualität gänzlich 
überwunden haben. Offenbar gehört die sexuelle Empfindlichkeit der 
Analzone zum Inventar der normalen Sexualität. Es ist bekannt, daß 
erfahrene Dirnen impotente Männer dadurch zur Erektion bringen, daß 
sie den Finger in den Anus einführen. 1 ) Auch ist es allgemein bekannt, 
daß nach einer ausgiebigen Stuhlentleerung, bei der harte Skybala den 
Anus passiert haben, die Sexualerregung gesteigert wird und die Potenz 
auffallend gebessert erscheint. Die Neigung zu Päderastie und die 
passive Homosexualität, bei der der Urning seinen Anus dem Partner 
willig darbietet, hat neben den, psychologischen Wurzeln auch diese 
organische Grundlage. Es gibt auch Frauen, die beim vaginalen Koitus 
vollkommen anästhetisch sind, während der anale Weg zu Orgasmus 
und Befriedigung führt. Iwan Bloch berichtet über Analsexualität in 
seinem grundlegenden Werke „Das Sexualleben unserer Zeit": 

Hammond erzählt den Fall eines jungen Zigarrenhändlers aus New 
York, der vom siebenten Lebensjahre an Gegenstände in seinen Anus 
zu stecken pflegte, um sich eine sinnliche Erregung zu verschaffen. An- 
geblich wollte er auf diese Idee durch die Beobachtung der Kohabitation 
seines Hundes mit einer Hündin gekommen sein, die er als eine anale an- 
sah. Er introduzierte sich zunächst einen hölzernen Bleistift, was ihm 
Schmerz aber auch zugleich eine eigentümliche, angenehme Empfindung 
verursachte. Er wiederholte diese Prozedur schon nach einigen Tagen 
mit einem eingeölten Zahnbürstenstiel, den er seitdem sehr häufig zu 
diesem Zwecke benützte. Schon mit 10 Jahren ließ er sich von anderen 
Knaben pädizieren und trieb seitdem passive Päderastie in Konsequenz, 
davon verweiblichte er sich in seinem äußeren Auftreten immer mehr 
(Frauenkleidung, Annahme eines Frauennamens), empfand auch niemals 
die geringsten Gefühle für Frauen. Über einen ähnlichen Fall von 
. frühzeitiger Analmasturbation mittelst eines Bleistiftes berichtet 
Schrenk-Notzing, woraus sich auch hier homosexuelle Neigungen ent- 
wickelten. Sehr häufig wird Analmasturbation und konsekutive Päder- 
astie erst im Verlaufe des späteren Lebens als neuer Reiz und Genuß den 
bisherigen Arten sexueller Befriedigung hinzugefügt. Die Pariser Pro- 
stituierten müssen überaus häufig an ihren Klienten die Analmasturba- 
tion, die als „lepee de Charlemagne' : (indroduetio digiti) und „efeuille 
des roses" (lambitus ani) bezeichnet wird, ausführen, öfters wird dies 
auch durch ein künstliches Membrum virile (Gaude-mihi, „Godmiehe" 
genannt) bewirkt. Von da bis zur passiven Päderastie ist nur ein Schritt. 
In der Tat berichtet Taxil, daß es viele Subjekte gibt, die 6ich in coitu 



J ) Dieser Kunstgriff scheint in der Liebeskunst des Mittelalters eine große 
Rolle, gespielt zu haben. Er wird in den ., Gesprächen" des Aretino ausführlichst 
geschildert. %p: #j 



I 



Analsexualität. iy5 

cum femiiia von deren Zuhalter gleichzeitig pädizieren lassen. Hieraus 
entwickelt sich dann naturgemäß häufig genug ein gleichgeschlechtlicher 
Verkehr, der den ehemals heterosexuellen Wüstling zu einem typischen 
Urning stempeln kann. Diese Verhältnisse waren im klassischen Alter- 
tum recht häufig. 1 ) Auch in anderen Ländern kennt man diese eigentüm- 
liche Vorstufe der Päderastie. Ich erinnere mich an dieser Stelle in der 
Geschichte der Eroberung von Mexiko des Bernard Diaz del Castillo, 
wo es heißt, daß die alten Mexikaner, um sich einen besonderen Genuß 
zu verschaffen, Röhren in den After einführten, durch welche dann Wein 
gegossen wurde. Sie hatten sich auf diese Weise berauscht. Hierher ge- 
hört auch die berüchtigte „Analvioline"' der Chinesen, deren sich meist 
abgelebte Greise oder , Lebemänner bedienen und deren bestialisch 
raffinierte Gebrauchsweise zur Genüge aus dem bloßen Namen ersichtlich 
ist. 2 ) Impotente greifen öfters zu diesem eigentümlichen Erregungs- 
mittel (vgl. Moll, Libido sexualis I., 828), dessen Zusammenhang mit der 
passiven Päderastie bereits erklärt worden ist. 

In neurotischer Verzerrung läßt sich die Analsexualität besonders 
bei Hypochondern und Zwangsneurotikern in den wunderlichsten Formen 
beobachten. Es gibt Menschen, deren ganzes Denken sich um den Stuhl 
dreht. Manche wollen die verschiedenen Stadien de<r Verdauung be- 
obachten, andere haben immer das Gefühl, daß ihnen ein Stück Stuhl 
im Mastdarm oder in der Flexura sigmoidea steckt (Zwangsvorstellung 
eines von mir behandelten Arztes), viele leiden an Verstopfung, 
klystieren sich jeden Tag (oft mehrere Male täglich), beschäftigen 
sich eingehend mit der Pflege des Anus (zwangsmäßiges Waschen 
nach jeder Stuhlentleerung, Angst vor bedrucktem Klosettpapier, In- 
spektion des Stuhles usw.). Manche Analsexualisten halten sich- fast 
den ganzen Tag im Aborte auf. Sie fühlen Stuhldrang, entleeren ihren 
Stuhl unter Abgang zahlreicher Winde in den kleinsten Portionen 
(Aerophagie) . Auch die bekannte „Colica mueosa" ist nur dler Aus- 
druck gesteigerter Analsexualität. 3 ) 

Auch bei den bekannten Phänomenen der Teilanziehung (fälschlich 
Fetischismus genannt) zeigt sich die Bedeutung der Analsexualität, 
Es gibt viele Menschen, denen das Gesicht weniger bedeutet als das 
Gesäß. 4 ) 

Es ist eine bekannte Tatsache, daß es Podexi'etischisten gibt, 
denen schon der Anblick eines gut geformten Hinterteiles einen starken 

L ) Die Stelle aus Petrous „Satyrikon" ist sehr bekannt. Ausführliches über Anal- 
masturbation bei den Alten bringe ich im Teil meines „Ursprung der Syphilis". 

2 ) Vgl. „Untrodaen Fields os Anthropologie", I, 99. „Beiträge zur Ätiologie der 
Psychopathia sexualis" von Dr. Iwan Bloch, 1. Teil, Dresden, Verlag von II. R. Dohrn, 
1902 (1. c, S. 225-227). 

a ) Siehe Bd. I, die Ausführungen über Colica niucosa, besonders die Forschungen 
von Fogts, S. 121, III. Aufl. 

') Eine ausführliche Schilderung findet sich bei Sadger. ..Über Gesäßerotik". 
Intern. Ztschr. f. Psychoanalyse, 1913. 

13* 



196 



Psvchosexueller Infantilismus. 



Orgasmus verschafft. 1 ) Bei Kindern spielt der Podex eine große Rolle, 
er vertritt eigentlich in vielen Fällen das Genitale. Bei Entblößungen 
wird oft statt der Genitalien nur der Podex gezeigt. Oft begucken die 
Kinder einander, und zwar nur a posteriori. Auf die infantile Sexual- 
theorie, daß die Kinder aus dem Podex kommen, möchte ich nur kurz 
hinweisen. 

Skatologische Riten finden sich bei vielen Naturvölkern. (Zahl- 
reiche Belege in den Werken von Bloch.) Aber auch unsere guten Bauern 
leisten sich Erkleckliches. in Skatologibus. (Massenhafte Beweise in den 
Bänden der Anthropophyteia.) Ist es dann zu verwundern, daß in den 
verschiedenen Formen des psychischen Infantilismus die Skatologie und 
die ganze Analsexualität besonders stark betont erscheinen? 

Ich betone nochmals, daß der Urmensch den Ekel vor dem Anus 
und den Endprodukten des Stoffwechsels nicht kennt. Wir sehen, wie 
gerne die Kinder mit Kot schmieren (eines ihrer liebsten Vergnügen) 
und wie Geisteskranke, wenn die anerzogenen Hemmungen der Kultur 
wegfallen, auch in die Unart des Kotschmierens verfallen, weil sie sich 
nur von dem Instinkt leiten lassen. Wiederholt habe ich aus der Kranken- 
geschichte von Xeurotikern gehört, daß sie als Kinder gegenseitig den 
Anilingus ausgeführt haben. Der Anilingus muß einmal als höchste 
Liebesbezeugung sehr geschätzt worden sein. Darauf deuten die 
Redensarten wie „einen gern haben", was in Wien die Aufforderung 
zum Anilingus bedeutet. Das bekannte Zitat v aus dem Goetz von 
Bcrlichingen kommt in allen Sprachen der Welt als beliebtes Schimpf- 
wort vor. Besonders die Südslawen leisten sich großes in diesem Be- 
züge und dehnen die Aufforderung auf die ganze Familie und die 
Ahnen aus. 

In Antwerpen sah ich im Museum ein Bild von Rubens, das im Kataloge 
„Venus frigide"! bezeichnet wird. Im Katalog wird auf die kauernde Stellung 
von Venus und Amor aufmerksam- gemacht. Auch der Satyr im Hintergrunde, 
der auf der Photographie kaum zu sehen ist, hockt sich nieder und zeigt seine 
Zunge. („II semblo se moquer de la deesse en tirant la langue.") Der Ver- 
fasser der Beschreibung meint: Das oft „Jupiter und Antiope" benannte Werk 
ist nur eine Ausführung des Sprichwortes: „Sine Bacho et Cere friget 
Venus" ... Ich halte diese Erklärung für falsch. Der Satyr hat ein mit 
Früchten gefülltos Hörn. Die Stellung aller drei Personen ist die der Defäka- 
tion. (Beim Amor besonders deutlich!) Es ist eine Orgie der Analsexualität 
und die Zunge des Satyrs ein Hinweis auf den Anilingus. Die „Venus frigide" 
ist offenbar nur für den Koitus frigid. (Siehe Abbildung.) 



') Ich entsinne mich der lächerlichen Mode des „Cul de Paris". Jede Frau 
prangte mit einem künstlichen Hinterteil. Man sah oft groteske Hinterteile, die wie 
Fauteuils zum Sitzen einluden. Podex-Fetischisten klagten, daß sie durch d,iene 
Täuschung um den natürlichen Eindruck betrogen würden. 



. 



Analsexualität. 



197 



Der Anilingus gehört zu jenen Paraphilien, die am leichtesten 
der Verdrängung unterliegen und deshalb hauptsächlich bei den ver- 
schiedenen Neurosen aufgedeckt werden. Die nächste Beobachtung gibt 
uns die Schilderung eines solchen Falles: 

Fall Nr. 62. Herr D. S., 37 Jahre alt, Beamter, leidet seit 6 Jahren an 
Platzangst. Die Platzangst trat nach einer Gonorrhoe auf. Er wurde wegen 

Kig. i- 




einer Prostatitis von einem Arzte täglich massiert und fühlte sich nach 
dieser Prozedur so erleichtert, daß er auf Reisen immer Ärzte aufsuchte, um 
seine unentbehrliche Massage durchzumachen. Es ist klar, daß mit dieser 
Massage eine Reizung der erogenen Mastdarmzone hervorgerufen wurde, so 
daß es zu einer Regression kommen konnte. 1 ) Die Regression vollzog sich in 

J ) Über die Bedeutung der Prostataniassage siehe meine Aueführungen über 
., Erotische Heizungen als Heilmittel" in Band II, 2. Aufl., S.SO. 



198 Psychosexueller Infantilismus. 

merkwürdiger Weise. Erst fühlte er, daß ihm die Analgegend sehr häufig 
naß wurde (Über Feuchtwerden des Anus klagen viele dieser Neurotiker). 
Er war genötigt, sich oft abzuwaschen und häufig zu reiben. (Rationali- 
sierung einer larvierten Onanie.) Nach der Stuhlentleerung, die er aus allerlei 
fadenscheinigen Gründen immer hinausschob, und zwar so lange als möglich 
hinausschob, hatte er einen leichten Orgasmus. Immer ein sehr angenehmes 
Gefühl. Zeitweise ein heftiges Jucken im Anus. Wegen dieses Juckens ging 
er zu einer Prostituierten und ließ sich anum lambere. Das verschaffte 
ihm einige Erleichterung und. er fühlte sich etwas besser. Er fürchtete aber 
sich an diese Form der Sexualbefriedigung zu gewöhnen und gab sie auf. Der 
normale Koitus ging mit so geringem Orgasmus vor sich, daß er darauf ver- 
zichtete. Die Analyse ergab Verlangen von einem Manne geleckt zu werden 
und als Selbstschutz gegen diese Triebe Platz- und Straßenangst, so daß 
er nicht allein ausgehen konnte. Als eine seiner ersten Erinnerung ist ihm 
präsent, daß er im vierten Lebensjahre an seiner um 2 Jahre älteren Schwester 
den Anilmgus ausgeführt hatte. Sie schliefen in einem Bette. Diese Art der 
Zärtlichkeit dauerte viele Monate. Die Schwester ließ sich diese Liebkosung 
gerne gefallen, erwiderte sie aber nicht- 
Ich verweise auch auf den Fall von nächtlichem Priapismus, 
den ich in Band IV veröffentlicht habe, und der als Wurzel das Ver- 
langen nach einem Anilingus erkennen ließ. (S. 269, Fall Nr. 91.) 

Die Regression auf den Anilingus ist gar nicht so selten. Dirnen 
lassen sich für diese Liebkosung, die oft verlangt, wird, sehr hoch 
bezahlen. Es ist charakteristisch, daß die Männer oft die Potenz für 
den Beischlaf verlieren, wenn sie sich an diese aufreizende Form der 
Sexualbefriedigung gewöhnt haben. 

Ich habe auch bei Frauen die Neigung zu aktivem und passivem 
Anilingus beobachtet, ohne daß sie eigentlich auffallende neurotische 
Züge gezeigt hatten. 

Fall Nr. 63. Ein Patient berichtet mir, daß seine ganz normale, bild- 
hübsche Geliebte, eine Lehrerin von 24 Jahren, ihn jedesmal bei der Kohabita- 
tion am ganzen Körper küßte und leckte, den Anilingus mit großem Genuß 
vollzog, worauf sie erst für eine Kohabitation zugängliph war. Demselben 
Kranken ist es passiert, daß ihm von zwei Schwestern zugleich der Anilingus 
und eine Fellatio vollzogen wurde — angeblich für Bezahlung, nachdem ihn die 
Schwestern auf. der Gasse angesprochen und ganz außerordentliche Genüsse 
angeboten hatten. 

In manchen Fällen tritt das Verlangen nach dem Anilingus offen 
zutage. Ich habe einige derartige Fälle gesehen. Ich behandelte einen 
Patienten, der zufällig in einem Lupanar diese Paraphilie kennen gelernt 
hatte und nie mehr von ihr loskommen konnte. Eine merkwürdige Ver- 
knüpfung von Infantilismen bringt der nächste Fall. 

Fall Nr. 64. Herr J. L., ein holländischer Advokat, leidet an ver- 
schiedenen Angstzuständen und an merkwürdigen Schmerzen. Er hat zeit- 
weilig die Angst, verloren zu gehen, allein zu sein; auch fürchtet er das 
Erscheinen vor jedem Gerichtshof. Er wird -vor Gericht von furchtbaren 



Analscxualität. 199 

Angstzuständen überfallen, so daß er kaum zusammenhängend sprechen 
konnte. Überdies litt er an quälenden Schmerzen im Kreuz, die ihn nachts 
nicht schlafen ließen. Zeitweilige Entzündungen der Nase mit Schwellung 
und reichlichem Schleimabgang, tägliche Colica mucosa ergänzten das Krank- 
heitsbild, das den Patienten zwang, zahlreiche Ärzte aufzusuchen. Eine 
frühere analytische Kur hatte nicht den erwünschten Erfolg und so kam er 
zu mir. Die Analyse dieses Falles war ganz außerordentlich schwierig, da 
Patient die ganze analytische Literatur kannte und der Heilung und Auf- 
deckung der Komplexe heftigen Widerstand entgegensetzte. Besonders hart- 
näckig sträubte er -sich die Tagesphantasien herzugeben. 

Ich möchte hier nochmals betonen, daß keine Analyse beendet ist, 
bevor nicht die Patienten ihre Tages phantasien mitgeteilt haben. Die 
meisten Neurotiker verschanzen sich hinter der Ausrede, daß sie keine 
Kenntnis von diesen Phantasien haben, daß es ihnen unmöglich ist, 
dieser Phantasien habhaft. zu werden. Das ist eine leere Ausflucht! 
Hinter diesem „Nicht-können" steckt einfach das „Nicht-wollen". Die 
Kranken betrachten diese Tagesphantasien als einen kostbaren Sehatz, 
auf den sie nicht verzichten wollen. Es ist ein sexueller Reliquienkult 
aus der Kindheit. Auch schämen sie sich dieser Infantilismen. Oft 
handelt es sich um Phantasien von Anilingus, von gemeinsamen Abort, 
von Irrigationen, die von der Mutter verabreicht wurden. Trotz großer 
aktueller Liehe kann ein Rest dieser Infantilismen in Phantasien er- 
halten bleiben, ein heiliges Gebiet, zu dem der Partner keinen Zugang 
hat. Manche Liebestragödie entsteht durch einen Verrat an der Gegen- 
wart durch die Regression in die Kindheit. Oft erweist sich die infantile 
„fixe Idee" stärker als der aktuelle Liebeswunsch. Man muß mit aller 
Energie darauf dringen, die Kranken zum Geständnisse dieser Phan- 
tasien zu bringen, die ausgesprochen meist ihren Zauber verlieren und 
durch ihre Lächerlichkeit in Nichts zerfallen. Mitunter erweist sich aber 
die Phantasie — auch nach der Aufklärung — stärker als die Realität. 
Die Kranken erliegen der Macht der infantilen Lustwährung. 

Kehren wir zu unserem Patienten zurück. Er ist heute 38 Jahre alt und 
stammt von gesunden Eltern. Er hat eine glückliche Jugend verlebt, in der 
er keinerlei neurotische Züge zeigte. Seine Neurose ist jüngsten Datums. 
Sie 'brach erst vor zwei Jahren nach seiner Hochzeit aus. Er ist glücklich 
verheiratet und liebt seine Frau über Alles auf der Welt. Allein wir erfahren, 
daß er vor der Hochzeit eine Periode schweren Zweifels überwinden mußte. 
Knapp bevor er zur Trauung fuhr, schlief er ein und mußte von seiner Braut 
aus einem bleiernen Schlafe geweckt werden. Er war die ersten drei Wochen 
seiner Ehe vollkommen impotent. Heute hat er kräftige Erektionen, die 
während der „Vorluststadien" andauern, abea- sofort verschwinden, wenn 
er eine 1 Immissio vollzieht. Er hat den größten Orgasmus bei den kindlichen 
Spielen, Küssen, Tändeln, Streicheln, aber es ist ihm nie gelungen, zu einem 
Orgasmus in der Vagina zu kommen, trotzdem er die Defloration voll- 
ziehen konnte. 



200 



l'svchosexueller lnfautilismus. 



Die Ehe ist mustergültig. Er quält wohl seine Frau mit seineu ewigen 
Schmerzen und Lamentationen, aber es gibt keine Szenen und keine Streitig- 
keiten. Sie ist geduldig und sucht ihn nach ihren besten Kräften zu trösten. 

Die Jugendgeschichte ergibt eine starke Fixierung an seinen um zwei 
Jahre älteren Bruder. Sie waren in der Jugend unzertrennlich. Sie schliefen 
in dem gleichen Bette, sie trugen gleiche Anzüge, sie waren Spielkameraden 
und wählten dann beide den gleichen Beruf. Er weiß sich an keine Spielereien 
mit dem Bruder zu erinnern. Mit anderen Knaben hatte er viele homosexuelle 
Erlebnisse. Er war 14 Jahre alt, als ein Vetter ihm Fellatio aktiv und passiv 
lehrte. Das wiederholte er durch einige Jahre, wobei mehrere Kameraden des 
Vetters teilnahmen. Sein letztes homosexuelles Erlebnis fand im 16. Lebens- 
jahre statt. Niemals kam es zu einer Immissio penis in anum. Mit 18 Jahren 
versuchte er den Koitus bei einer Dirne; die Ejakulation erfolgte während 
der Vorbereitungen zum Koitus. Dann gab es belanglose Liebeleien, bis er 
sich in seine Frau verliebte und sie. heimführte. Unerklärliche Angstzustände 
hinderten ihn, mit seiner Frau zärtlich zu sein. Er sah ein Messer in der 
Küche und zitterte am ganzen Körper bei dem Gedanken, er könnte es seiner 
Frau in den Leib stoßen. 

Durch Traumanalysen gelang es, eine übermächtige Kriminalität als 
Wurzel seiner Angstzustände zu entdecken. Er hatte Mordimpulse. Deshalb 
zitterte er vor dem Gerichtshofe. Er wurde in seinen Phantasien selbst zum 
Mörder, zum Angeklagten und stand vor seinem Richter. Die Wurzel seiner 
Mordimpulse war eine krankhafte Eifersucht. Er war auf alle Menschen 
eifersüchtig, welche ihm die Liebe seines Bruders raubten. Sein Bruder war 
glücklich verheiratet. Er haßte seine Schwägerin und wollte sie umbringen. 

Er hatte seit der Jugend eine fixe Idee: Das Leben seines Bruders 
zu teilen und ihm ein Weib zu ersetzen. Er bot ihm seinen Anus als Ersatz 
für eine Vagina an. Natürlich nur in seinen Phantasien. Die wichtigste 
Rolle spielte für ihn der Abort. Er wollte mit dem Bruder den gleichen 
Abort benützen. Im Aborte hatte er als Kind große Lustgefühle, wenn er 
nach dem Bruder oder dem Vater hinausging. Der Vater hatte die Gewohn- 
heit, auf dem Abtritte zu rauchen. Diese Mischung aus Tabak und Stuhl 
war unserem Patienten unendlich süß. Der Schmerz im Steißbein und der 
Schmerz in der Nase sind Konversions-Symptome. Sie sind der Ausdruck eines 
seelischen Schmerzes, daß er nicht mehr imstande ist, diese Genüsse zu wieder- 
holen. Seine Tagesphantasien beschäftigen sich mit Stuhl und Abort. Vor- 
stellungen, daß er gemeinsam mit seinem geliebten Bruder auf den Abort 
geht, spielen die Hauptrolle. 

Er heiratete aus Liebe und aus Trotz. Er sah seine Pläne, das Leben 
des Bruders zu teilen, in Nichts zerschellen. Die krankhafte Eifersucht auf 
seine Schwägerin quälte ihn. Er rationalisierte und fand, daß sie ihn zu kühl 
behandle und keinerlei Liebe für ihn hatte. Er zog sich von seinem Bruder 
zurück und heiratete unter großen inneren Widerständen ein junges, blühendes, 
reizendes Geschöpf. Er hätte nun glücklich sein können, denn sie liebte ihn 
namenlos — trotz seiner neurotischen Beschwerden und trotz seiner relativen 
Impotenz. Aber zu seinem Unglück starb die Schwägerin an "einer Blutver- 
giftung. Sein Bruder wurde wieder frei. Er tröstete seinen Bruder, öffnete 
ihm sein Haus und war glücklich, daß der Geliebte seine Frau schätzte und 
täglich zu ihnen kam, da er das Alleinsein fürchtete. Er machte seinem 
Bruder den Vorschlag, den Haushalt aufzulösen und zu ihm zu ziehen. Im 
Unbewußten bot er ihm sogar seine Frau an. Er hatte nichts gegen ein Ver- 



Analsexualität. 201 

hältnis seines Bruders mit seiner Frau einzuwenden. Er gestand sich diese 
Gedanken nicht offen, aber er arrangierte alles, um dieses Verhältnis herbei- 
zuführen. Aber' sein Bruder zog sich ein wenig zurück und widmete seine 
Zeit teilweise einem Freunde. Da traten kriminelle Impulse auf. Diesen 
Freund -■ es war ein gemeinsamer Freund — hätte er töten können. Wie 
schon erwähnt, traten auch gegen seine eigene Frau Mordimpulse auf. Er 
begann seine Frau zeitweilig zu hassen. Sie stand ja seinem Lebensplan 
hindernd im Wege. Warum hatte er geheiratet? Wenn er jetzt frei wäre, 
könnte er dos Leben des Bruders teilen. Er meinte darunter das Bett und 
den Abort. Er bat seinen Bruder um jede alte Hose. Er trug sie mit Leiden- 
schaft. Die Vorstellung, daß die Nates des Bruders. in dieser Hose gesteckt 
hatten, reizte ihn. Auch der Duft der Hose scheint ihn erregt zu haben. 
Wenn er Grund hatte, eifersüchtig zu sein, steigerten sich seine Schmerzen 
im Kreuz und im Steißbein zur Unerträglichkeit, seine Angstzustände wurden 
quälend. Er hatte dann Stuhlbeschwerden und mußte oft den Finger in den 
After stecken, um einen unangenehmen Juckreiz zu mildern. (Larvierte 
Onanie.) 

In der Analyse traten erst die fixe Idee und die Einstellung zum Bruder 
zutage. Er lernte sich erkennen und sich überwinden. Erst schwanden die 
Schmerzen in der Nase und im Kreuz, er wurde dann potent. Er konnte vorher 
nicht die Immissio vollziehen, weil in seiner Phantasie der Penis zum Messer 
wurde, das sein Weib durchbohrte. Nun wurde er sehr potent und kam zu 
Orgasmus. Es wurde ihm möglich, die infantile Lustwährung zum Teil gegen 
eine reale umzutauschen. Nun steht er im Kampfe gegen seine Phobie und 
seinen Infantilismus. Wir wollen hoffen, daß es seiner hohen Intelligenz und 
seinem guten Willen gelingen wird, der infantilen Analsexualität Herr zu 
werden und seine fixe Idee aufzugeben. 

Es ist nicht möglich, von Analsexualität zu sprechen, ohne auf 
den Aufsatz von Freud, ..Charakter und Analerotik'' (Kleine Schriften 
zur Neurosenlehre, Band II) näher einzugehen. Nach Freud ergibt 
die Subliiuierung der Analerotik wichtige Beiträge zur Bildung des 
Charakters, so daß man das Recht habe, von einem „analer o tischen 
Charakter" zu sprechen. Die Kennzeichen dieses Charakters seien 
Ordnungs- und Reinlichkeitsliebe. Pedanterie und Trotz. Dieser Aufsatz 
hat eine Reihe von phantastischen Schilderungen des Analcharakters 
zur Folge gehabt. Besonders Sadger und Jones 1 ) haben sich mit dem 
Thema beschäftigt und allerlei kühne Schlüsse zwischen Analsexualität 
und künstlerischem Schaffen. Charakterbildung usw. vollzogen. 

In Wahrheit haben die geschildertem Charaktere sehr wenig mit 
der Analsexualität zu schaffen. Die nüchterne Wahrheit stellt sich 
folgendermaßen dar: Jeder Neurotiker ist eine Rückschlagserscheinung 
und zeigt ein überstarkes Triebleben. Daher muß jeder Neurotiker eine 
verstärkte Analsexualität zeigen, wie sie dem primitiven Menschen eigen 
war. Pedanterie erweist sich als ein Selbstschutz gegen die Forderung 



*) Jones (Haß und Analerotik in der Zwangsneurose. Intern. Ztschr. f. Psycho- 
analyse; 1913) führt sogar die Zwangsneurose auf Analerotik zurück. 



202 



Psychosexueller Iufantilismus. 



des Instinktes. Reinlichkeit eine Überkompensation der Mysophilie 
überhaupt. Sie kann aber auch als moralische Reinlichke.it die Reaktion 
gegen jeden verbotenen Sexualwunsch sein. (Affektverschiebung von 
der psychischen Reinlichkeit auf die physische.) Der Trotz ist ein 
charakteristisches Zeichen aller Neurotiker. Es ist die Stärke des 
Schwachen. Manchmal bildet sich der Trotz als Reaktion auf die Ab- 
lehnung des Anilingus aus, der allgemein als das Zeichen der Unter- 
werfung gilt. In vielen Fällen hat er nichts mit der Analsexualität 
zu tun. 

Alle Zwangsneurotiker sind stark kriminell veranlagte Menschen 
mit einem außerordentlich starken Triebleben. Ihr grenzenloser Ehrgeiz 
führt sie bald dahin, alle sie überragenden Objekte der Umgebung zu 
hassen, wenn sie sich ihren Trieben in den Weg stellen oder ihren Neid 
und die Mißgunst allzusehr herausfordern. Jones betont die eine Wurzel 
des Hasses: „Wir hassen niemals eine Person, die nicht in irgendeiner 
Weise, oft ganz unauffällig, stärker ist als wir oder uns doch in einer 
Hinsicht in der Macht hat." Nun führt der Autor auch sehr treffend aus, 
wie nicht erfüllte Liebesansprüche sich als Haß äußern können. Dagegen 
wäre aber nichts einzuwenden. Im Gegenteil, hier wäre weiter anzu- 
setzen und zu zeigen, wie der nach Unabhängigkeit lechzende Zwangs- 
neurotiker immer wieder mit der Außenwelt zusammenstößt, wie er 
sich bezwingen muß, um nicht zum Verbrecher zu werden und wie die 
Zwangsneurose die Karikatur der Erziehung und jedes Zwanges wird . . . 
Der Autor geht aber auf sein Lieblingsthema, die Analcrotik, zurück 
und versucht, im konsequenten Ausbau der Freudschen Lehren, allen 
Zwang auf die Analerotik zurückzuführen. Die Situation, in der das 
Kind den ersten wirklichen Widerstand in der Welt finde, sei bei der 
Stuhlfunktion (?). Die Erziehung der Sphinkter wäre der erste Zwang 
mit seinen bösen Folgen. Die Einmengung der Mutter in die Analerotik 
des Kindes werde die wichtigste -Quelle für den Haß. „Es kann nicht 
anders erwartet werden, als daß ein Mensch, dessen Liebe zur Mutter 
von Anfang an mit Haß wechselte, diese Abwechslung auch für die 
späteren Liebesobjekte beibehält. Eine solche Überlegung erklärt viel- 
leicht auch, warum die Zwangsneurose bei Männern häufiger auftritt 
als bei Frauen." Das ist nach meinen Erfahrungen gar nicht richtig. 
Auch Frauen erkranken häufig an Zwangsneurosen, nach meiner Statistik 
ebenso häufig, vielleicht etwas häufiger als Männer, die unter gleichen 
Bedingungen eher Fetischisten werden. Doch nun kommt Jones zu den 
kühnsten Schlüssen und beweist, daß der klarste Kopf verloren ist, 
wenn er sich in eine Sackgasse verrennt. „Ich möchte das neurotische - 
Gefühl des Zwanges der übermächtigen Gewalt zuschreiben, mit welcher 
ein analerotisches Begehren auftritt," Jeder Neurotiker zeigt den 



• 



Analsexualität 20# 

* 

Glauben an die Allmacht seiner Gedanken, besonders aber der Zwangs- 
neurotiker. Jones argumentiert nun: „Nun habe ich darauf hingewiesen, 
daß die Vorstellungen von Gedanken und Sprache im Unbewußten mit 
der des Flatus assoziiert sind, die sie im Bewußtsein oft als Symbol 
vertreten, und ich bin geneigt anzunehmen, daß die Entstehung des 
Glaubens des einzelnen an die Allmacht seiner Gedanken dadurch be- 
einflußt wird." Nach Ferenczi habe das" Kind eine Periode der „Allmacht 
mit Hilfe magischer Gebärden." Es verwendet Signale. Unter diesen 
Signalen spielt nun nach Jones der Flatus die Hauptrolle. „Er ist für 
das Kind das Hauptmittel zur Behauptung des Aberglaubens. Diese 
Überlegung wirft Licht auf die obenerwähnte Verbindung zwischen diesem 
Glauben und der Analerotik bei Zwangsneurosen." Schließlich spricht 
Jones den Gedanken aus, „daß der Akt des Flatuslassens für die Ent- 
wicklung der Sprache, beim Individuum sowohl, als auch bei der Art von 
Bedeutung ist." 

Es besteht gar kein Zweifel, daß der Flatus im Seelenleben des 
Neurotikers und bei der infantilen Regression eine gewisse Bedeutung 
hat. Aber die Hypothesen von Jones finde ich — absurd. 

Ich möchte jetzt einen Fall mitteilen, in dem die sogenannte 
Gesäßerotik — wie sie Sadger getauft hat — sehr deutlich hervortritt.' ) 



J ) Für die Art und Weise, wie die Analysen von Sadger vor sich gehen und 
seine suggestive Form, in der er dem Patienten die Antwort auf die Zunge legt, sie 
ihm vorwegnimmt, gibt ein Stück einer Analyse Aufschluß, das in der erwähnten Arbeit 
über Gesäßerotik publiziert wird: 

„In der Volksschule hatte ich die merkwürdige Gewohnheit, beim Schreiben ganse 
Buchstaben wegzulassen. Der Lehrer nannte es direkt eine Auslassungskrankheit. Später 
war es auch noch, aber nicht lange mehr." — „Ließen Sie vielleicht gewisse Buchstaben 
besonders gern weg?" — „An das kann ich mich nicht erinnern. Aber etwas anderes 
fällt mir ein : in den letzten Jahren passierte mir z. B., daß ich 1781 schreiben wollte 
und tatsächlich 1871 schrieb, also die Ziffern umkehrte." — ,,Das wird ein Symptom 
Ihrer Gesäßerotik sein. Sie beabsichtigten eigentlich das Genitale umzukehren, da Sie 
die, Vorderseite nicht interessierte, nur die Posteriora." — „Tch wollte z. B. ,Abend' 
schreiben und setzte statt dessen Abnd mit Weglassung des ,e' oder, noch bezeichnender 
ich ließ dort direkt einen freien Platz." — „Also zwei Hälften und einen freien Raum 
dazwischen, d. h. die Hinterhacken und die Afterspalte. Ließen Sie gewöhnlich die 
Buchstaben in der Mitte weg?" — „Das kann ich nicht beschwören, aber wahrschein- 
lich." — „AVas ist nun mit der Zahl 1781?" — „Da weiß ich gar nichts." - „1+7 
gäbe 8, und die liegende 8 (oo) stellten wieder die beiden Natcs vor mit der Ein- 
schnürung, der Crena ani, in der Mitte. (Die Nates heißen im Volksmunde „die Achter- 
backen".) 1 steht erfahrungsgemäß für das Membrum und Sie liebten ja auch, wie Sie 
mir sagten, den Penis, die 1, zwischen die Hinterbacken zu stecken." — „Ja, in der 
dritten Gymnasialklasse dachte ich sogar, es wäre nicht schlecht, wenn man das eigene 
Glied nach rückwärts in den Anus stecken könnte." 

„Das wären also drei Symptome der Gesäßerotik: 1. Umkehrung einer Zahl in 
Nachahmung eines heimlichen Wunsches, die Posteriora als Genitale zu gebrauchen; 
2. Auslassung eines mittleren Buchstabens, um auf diese Weise zwei Hälften und eine 



204 



Psvchosexueller Ini'autilismus. 



Fall Nr. ö5. Herr S. L., ein 27jähriger Beamter, begibt sich wegen 
schwerer Zwangshandlungen in meine Behandlung. Er ist gezwungen, sich 
immer lächerlich zu machen und den Hanswurst zu spielen. Er stellte sich 
wie ein Tölpel an und verlor infolgedessen jede Stellung. Obwohl er ent- 
schieden talentiert ist und mehrere Sprachen spielend erlernt hat, ausge- 
zeichnet Geige spielt, ein netter, wohlgestalteter Mensch ist, macht er überall 
den Eindruck eines Narren und geistig Minderwertigen. Ihn quält der Drang, 
Frauen von rückwärts zu beobachten und dabei zu onanieren. Dies drängt 
sich als Phantasie in seine Arbeit und erzeugt eine Gedankenflucht und eine 
Rastlosigkeit, die ihn zwingen, die Arbeit zu verlassen, auf die Straße zu 
eilen und ein sexuelles Objekt zu suchen. Sein Vater hat eine große Fabrik. 
Er gilt aber als Narr und kommt als Nachfolger gar nicht mehr in Betracht, 
so daß sein um sieben Jahre jüngerer Bruder die Fabrik übernehmen wird. 
Seine Perversionen bestehen darin, daß er aus der Ferne Mädchen beobachtet, 
die sich bücken, wobei ihre Nates plastisch hervortreten. Dabei onaniert er 
durch ein in der Hose befindliche« Loch, was mehreremale am Tage vorkommt. 
Zwei psychotherapeutische Kuren, eine bei Dr. N., die andere bei Dr. A., hatten 
nicht den geringsten Erfolg. Er übergibt mir folgende Schilderung seines 
Zustandes. 

Lebensbericht. 

Ich entsinne mich schon in frühester Kindheit selbst das Gefühl des 
„Anderssein" gehabt zu haben. Dabei war ich grüblerisch und geistig früh- 
reif, dachte schon mit 12 Jahren über metaphysische Dinge nach. In der 
Schule jedoch lernte ich schlecht und war immer zerstreut und unordentlich. 
Eigenartig war, daß ich dem Vortrage nicht folgen konnte, da ich über den 
tieferen Sinn des Vorgetragenen immer weiter grübelte und nicht fähig war, 
den Stoff flüssig und leicht aufzunehmen, als wenn die Furcht vor Mißver- 
ständnis mich beherrscht hätte. Im allgemeinen war ich schüchtern, verwirrt 
wenn man mich ansprach und mied mit wenigen Ausnahmen jede Gesellschaft. 
Dabei waren meine Freunde immer, wie sich später zeigte, begabte Menschen. 
Schon in der Volksschule wurde ich als Jude viel verfolgt und oft von der 
ganzen ' Schule nach Hause hegleitet unter Steinwürfen etc. Auch oft bis 
zum 20. Jahr auf der Gasse attackiert. Ob meine Persönlichkeit bei den 
Leuten diese Mißachtung und dieses Benehmen hervorrief, ob ich durch diese 
Leute ruiniert wurde, kann ich leider objektiv nicht beurteilen, doch vermute 
ich, daß Beides zusammengewirkt hat. Es wäre ja auch später oft zu Ehren- 
beleidigungsprozessen gekommen, da ich sehr empfindlich war und mir viel- 
leicht die geringschätzigen Mienen der Leute zum Teil einbildete, teils wirk- 
lich hervorrief. Zu Hause hatte ich oft Streit mit meiner überaus nervösen 
Mutter und auch mein Vater sagte immer mit Recht: Das sehe mir ähnlich. 
Er regte sich über meine Fehler viel auf, ohne mich zu bessern, denn gerade 
die Furcht vor den Fehlern ließ mich solche begehen. Ich bemerkte nur, daß 
ein Lob und ein Erfolg in ganz unglaublichem Grade meine Persönlichkeit 
veränderten, ja sogar alle Ausdrucksbewegungen, Haltung, Gang, Mimik, 
Geste und das Wichtigste, das innere Selbstgefühl und Sicherheit oft hervor- 



Lücke zu erhalten, Nates + Crena; und endlieh 3., daß sogar eine Zahl als* Symbol der 
Päderastie bzw.- Inunissio membri intra nates gewählt wird. Sache der weiteren Er- 
fahrung muß sein, den beschriebenen Fall durch analoge zu bestätigen oder zu ergänzen." 
(Das dürfte wohl sehr schwer fallen. Der Verf.) 



Analsexualität. 205 

riefen. Leider hat mich diesbezüglich selten jemand verstanden und das 
Milieu war das denkbar Ungeeignetste. Meine älteste Schwester war über- 
begabt, obwohl wahrscheinlich auch psychiseh nicht ausgeglichen. Jedenfalls 
hatten wir alle von ihr eine an Verehrung grenzende Meinung und sie im- 
ponierte mir sehr. Meine jüngste Schwester, etwas weniger begabt, jedoch 
fleißig und ausdauernd, klug und berechnend, besserte mir immer aus. auch in 
Gesellschaft. Sie war immer sehr herrschsüchtig, weil die Eltern und Ver- 
wandten sie in Schutz nahmen und man das nicht ernst nehmen dürfe bei 
einer jüngeren Schwester, obwohl ich fühlte, daß es mich ruinierte. Es gab 
deshalb viel Lärm und, obwohl ich immer schüchtern und verwirrt bin, 
werde ich oft wie durch einen Druck derartig jähzornig, daß icli mich gar 
nicht hemmen kann. Daher kam ich" viel außer Haus, in Pensionate. Es 
würde zu weit führen, alles zu schildern, was die Entartung meiner Persön- 
lichkeit und meiner geistigen Entwicklung hervorgerufen haben dürfte, oder 
sie kennzeichnet. Nur um die einzige Möglichkeit, die ich schon lange er- 
sehnte, von einem erstklassigen Menschen und Arzte beraten oder vielleicht 
geheilt zu werden, muß ich die Scheu, die ich nie überwunden habe, preisgeben, 
weil das vielleicht zeigen wird, welche Umstände günstig gewesen wären oder 
noch sein könnten. 

Ich war also sehr verwirrt und schüchtern in Gesellschaft, besonders in 
frühester Jueend bis zum 17. Lebensjahr in weiblicher, aber überhaupt vor 
älteren Leuten. Dabei kam ich mir ganz erwachsen vor und dachte, daß sich 
die geistigen Kräfte in fruchtbringender Weise entwickeln müßten, denn ob- 
wohl ungeschickt, ängstlich und ohne Selbstvertrauen, hatte ich sehr bald 
einen guten mündlichen und schriftlichen Gedankenausdruck und sprach über 
Dinge und in einer Weise, wie vielleicht selten einer der Altersgenossen. 
Später ist mir diese Manieriertheit und unfruchtbare Intelligenz geblieben, hin- 
gegen blieb ich praktisch in jeder Beziehung im Existenzkampf zurück, so 
daß das Gute immer weniger, das Schlechte immer mehr Bedeutung erhielt 
und die Minderwertigkeit immer größer wurde. Vor weiblichen Personen 
hatte ich eine besondere Scheu. Es hat mich jeder Erfolg sehr befriedigt, 
wenn ich mich einmal in Gesellschaft behaupten konnte und hätten sich die 
Bedingungen geboten, daß ich wie andere hätte erfolgreich einen Flirt be- 
ginnen können, so hätte sieh bald in mir dieses beglückende Gefühl ausge- 
bildet, einen Menschen, ein Weib besitzen zu können in der Gesamtheit seiner 
Reize. Tatsächlich habe ich oft für einige Zeit diese alles andere verdrängende 
Sensation empfunden, doch merkten die Leute (Mädchen) bald meine Minder- 
wertigkeit, den Mangel an faszinierenden Eigenschaften, das kranke Selbst- 
gefühl und meine Verlegenheit im Benehmen war ihnen unangenehm, so daß 
ich mich verachtet fühlte. Und so wird es mir mit zunehmendem Alter immer 
schwerer, das nachzuholen, ifnd was vielleicht meine Rettung sein Tonnte, ist 
ausgeblieben. Dabei war die Weichlichkeit und Scheu in Form von Zwangs- 
gedanken in Blüte. Manche Person, bei der ich mich manchmal irgendwie 
entgleist glaubte, ließ einen merkwürdigen Zusammenhang entstehen. Ich 
meide heute noch manche Personen, besonders eine verheiratete Cousine, 
bei deren Begegnung ich sofort Blutandrang, Zittern, Verwirrtheit empfinde, 
so daß mein Benehmen aussieht, als wenn ich wirklich etwas empfände. Dabei 
ist sie mir ganz gleichgültig, nur die Furcht, mißverstanden zu werden, be- 
herrscht mich. Desgleichen habe ich oft im Verkehr mit Männern eine Art 
delire du toucher, so daß man mich für homosexuell halten könnte und diese 
Furcht macht mir den Verkehr unmöglich. Es wäre unmöglich, alle abnorm 



206 



Psyehosexueller Infantilismns. 



seheinenden Sensationen zu schildern und die verschiedenen Erfahrungen im 
Verkehr mit einigen weiblichen Personen. Nur daß ich in der Musik allein ein 
manchmal merkwürdiges Temperament entwickle und für mein Leben gern 
mit schönen Mädchen spreche und auch oftmals mir scheint, als wenn ein 
solches Verhältnis mich gesunden lassen könnte — ohne daß es je dazu ge- 
kommen ist, daß ich je ein Mädchen geküßt hätte, was ich ja auch nur selten 
gewünscht habe. Immer ideal, konnte ich auch dort nichts erreichen, da ich 
immer in schwankender Meinung war und mit Elan anfing aber nichts aus- 
führte. Dabei bin ich fast immer müde. Weiters stört die Bildung, die große 
Sugge&tibiljtät, die vielleicht zu meinem Glücke werden könnte durch sug- 
gestive Behandlung. Ich konnte keine Dramen lesen, regte mich im Kino sehr 
auf, und wurde immer leicht von Leuten, welche schnell sehr großen Einfluß 
auf mich hatten, mißbraucht. So wurde ich sehr mißtrauisch, ängstlich und 
traue auch oft den nächsten Anverwandten nicht. Auch war ich immer 
egoistisch und exzentrisch, bis eben durch Lektüre und Nachdenken ich oft 
Furchtgefühl etc. abreagierte, indem ich dachte, wie könne ich den andern 
etwas Gutes tun, oder ihnen gefällig sein, oder aber wie könne ich mich seiner 
konsequent bedienen, um einen Zweck zu erreichen. Letzteres gelingt am 
wenigsten. Ich vergaß, daß ich mit der Lektüre obszöner Bücher perversen 
Inhaltes etc., viel Zeit verlor, normale Liebesszenen ließen mich gleichgültig, 
obwohl mich schon der platonische Verkehr sehr anregte. Meine Eitelkeit und 
mein Ehrgeiz ließen mich vieles korrigieren auch das Äußere. Schließlich 
aber wurde das gerade die Ursache meiner Leistungsunfähigkeit, Die Zersplit- 
terung, wenn ich Satz C schreibe, daß ich nicht Satz AB geschrieben habe 
und noch Satz DE etc. schreiben müßte, macht, daß ich keine Arbeit konzen- 
triert ausführen kann. Dabei Zwangsgedanken, die Zähne aufeinanderzu- 
beißen, in die Tasche zu greifen, ob das Geld dort ist. Dann eine andere 
Hastigkeit des Vergnügens und der Genußsucht, daß ich etwas vom 
Leben versäumen werde, große Genäschigkeit, dabei Einsehen der 
eigenen Minderwertigkeit und Selbstmordgedanken. Unwahrheit und charak- 
terloses Benehmen aus Scheu, Unsicherheit, Eitelkeit, Konflikte. Der 
Zwang, den Eindruck eines Narren zu machen. Melancholie, wechselnd mit 
übertriebener, eigenartiger Lustigkeit, fortwährendes Schwanken. Alles 
Theoretische, Schreiben empfinde ich schädlich, alles gesellschaftlich Erwerbs- 
mäßige, besonders irgendwelcher Personenverkehr als nützlieh, in der unter- 
bewußten Empfindung des Mangels. 

Mit dem 9. Jahre fühlte ich zum ersten Male den Wunsch, geschlagen 
zu werden. Schon mit 14 Jahren hatte ich den Wunsch, kleine Knaben zu 
schlagen, besonders auf prall liegenden Hosen, hatte wirre Träume, Pollu- 
tionen ohne Traum und Bewußtsein, Samenabgänge bei den Muskelkontrak- 
tionen auf der großen Seite, hatte nie den Mut einen Arzt aufzusuchen, da ich 
zu verwirrt war, um darüber zu sprechen. In dieser Zeit rief ich die Sensa- 
tion, einen anderen zu schlagen, oft dadurch hervor, daß ich mich vor einem 
Spiegel schlug. In späterer Zeit, 16./17. Lebensjahr, sagte ich mir, daß ich 
etwas für das Weib empfinden müßte und zog mir enge Weiberröcke an. Da- 
durch übertrug sich meine Begierde auf das Weib und im Alter von 19 Jahren 
hatten auch kleine Knaben in dieser Beziehung für mich nur sehr geringen 
Reiz. Doch blieb bis heute ein erotischer Zusammenhang mit der alten 
Leidenschaft, was mir oft sehr unangenehm wurde. Es scheinen sowohl 
sadistische Triebe als auch masochistische Komplexe zu sein. Ich bevorzugte 
dabei gewisse fetistische Umstände und dachte mir immer kurze, enge Röcke, 
besonders blaue, wozu eine andersfarbige möglichst jugendliche Blouse sein 



Analsexualität. 207 

mußte; auch stellte ich mir mittelgroße, schöne, gut gewachsene Frauen- 
zimmer mit runden Hüften und nicht zu großem Gesäß vor. Infolge einer 
gewissen angeborenen ethischen Veranlagung, trotz aller Unästhetik und 
-Ethik quälte mich das sehr und .brachte mir Gemütskonflikte und nur die 
Hoffnung auf Heilung hielt mich bis jetzt am Leben. Ich habe auch nur 
onaniert, weil ich es für gesünder hielt und mich nachher stets sehr erleichtert 
fühlte. Ich erwähne noch, daß ZAvangsgedanken bei mir wechselten. Eine 
Zeitlang konnte ich kein Bett sehen, dann gab sich das und es trat anderes 
an dessen Stelle, so Gebete, daß Vater und Mutter lange leben, während einer 
Beschäftigung, da ich fürchtete, daß ich nur durch meinen Vater etwas sei, 
und Vieles andere. 

Es ist mir leider nicht möglich, an Alles, zu denken und eine Ordnung 
einzuhalten. 

Mit 16 Jahren in der Handelsakademie in B. lernte ich einen Menschen 
kennen, der vielleicht von durchgreifender Bedeutung für mein Leben sein 
wird. Frühreif und ein eigenartiger Mensch führte er mich zu einer Prosti- 
tuierten, wobei jedoch der Koitusversuch mißlang. Neugierig darüber, 
masturbierte er mein Glied, ohne daß es zu einem Samenabgang kam, sondern 
nur zu einer Erektion, wobei ich gar keine Empfindung hatte, ja auch keinen 
Begriff über mein Tun, sondern lediglich naiv dachte, er wolle meine Potenz 
prüfen, wobei ich von der Sache lediglich einen geistigen Begriff hatte und an 
den philosophischen Zweck der Fortpflanzung dachte; auch er, mit dem ich 
dann mit 20—22 Jahren in Wien zusammen war und mit dem ich um von seiner 
Erfahrung und Gewandtheit zu profitieren, jetzt etwas unternehmen ' will, 
wollte damals angeblich nur experimentieren (ist sexuell normal). Nach 
längerem Bemühen führte er mein Glied zwischen seine Schenkel oder Hinter- 
backen, vielleicht in den After ein. Durch die mechanische Reizung trat nach 
langem Bemühen ein Erguß ein. Ich hatte jedoch keinen Begriff einer sexuel- 
len Erregung. Hiefür belästigte mich der flagellantische Trieb sehr zu dieser 
Zeit und brachte ich es nach Selbstzüchtigung zu anhaltend heftigen, sich 
fortsetzenden Ergüssen. 

Als ich dann bei Prostituierten meine Versuche fortsetzte, hatte ich 
dann bald Erfolg, indem ich mir das Schlagen mit einem spanischen Rohre 
auf die Nates des Weibes vorstellte. Ich kam dann in die Schweiz, machte 
in einem Monat eine schwere Prüfung, lernte sehr schnell Sprachen. Jetzt 
übte'bald das ästhetische Gefühl der kallipygischen Reize eine große Wirkung 
auf mich aus und es genügte der Anblick der mit einem engen blauen Rocke 
bedeckten Nates zu Ergüssen. Besonders reizten mich gewisse Stellungen. 

Eigenartig war, daß ich mich mit 15 Jahren als Erwachsener empfand 
und schon wegen meiner Potenz Befürchtungen hegte. Es hat sich überdies in 
anderer Beziehung vieles erfüllt, was ich damals dachte. Schon mit 16 Jahren 
hatte ich manchmal trotz der Schüchternheit nach dem Zusammensein mit 
einem Mädchen das Gefühl verliebt zu sein, so daß alle perversen Vorstel- 
lungen wichen und ich eine mein ganzes Sein beseligende Spannung empfand. 
Leider kam ich dann wieder in Konflikt oder das Mädchen sah mich in un- 
günstiger Stimmung, und ich mied sie dann immer. Das Perverse und die 
Zersplitterung bekamen dann die Oberhand. Diese Gehobenheit empfand ich 
jedoch nur nach platonischem Zusammensein, unbewußt, wenn ich niemals an 
eine erotische Verbindung dachte. Manchmal begann ja auch schon die ge- 
sunde Sinnlichkeit, die die ewigen Konflikte und Umstände nie entwickeln 
ließen. Es muß jedoch bei mir ausgeschlossen sein, daß der Partner dieses 



208 



Psychosexueller lufantilismus. 



erwartet, dann könnte mich nichts reizen und ich bliebe in einer egoistischen, 
hermetischen Verschlossenheit, an allem teilnahmslos. Ein Mädchen, das mir 
entgegenkommt usw., reizt mich auch nicht. Lediglich ein Mädchen, das wie 
ein Freund Interesse an mir nimmt und mich achtet! Andere reizen mich 
auch ohne das Bedürfnis sie allein zu besitzen, aber nur in perverser Hinsicht. 

Mit 19 Jahren arbeitete ich im Kontor meines Vaters. Dort war ein 
Mädchen angestellt, das meinem körperlichen Genre entsprach und sich auch 
so kleidete. Durch warme Blicke entzündete sie auch meine Sinnlichkeit. 
Doch da sie mich vorher pervers gereizt hatte, so war ich immer sehr 
schüchtern und verlegen, besonders da sie mich herausforderte, also auch 
etwas erwartete. Ich lebte so 2 Jahre in Hangen und Bangen. Dabei litt ich 
an Bewußtseinsstörungen, empfand mich sehr oft pueril und trat wie ein 
Mjähriger auf. Das nahm dann die Form an, daß ich mich manchmal wie 
ein Narr gebärdete. Es waren das manchmal schreckliche krampfhafte Zu- 
stände. Ich war existenzunfähig. Ich erkannte bald als tieferen Grund meine 
Selbstliebe und Willenschwäche und zwang mich bis heute oft selbst zum 
Verzicht auf Genüsse, wiewohl mir die Ruhe fehlt und es mir selten gelang. 

Also das Mädchen verachtete mich bald. Das erregte noch mehr meinen 
Sadismus und ich stellte mir dann bei der Prostituierten dieses Mädchen vor. 
Es war doch ein kokettes Ding, das mir viel hätte nützen können, sich jedoch 
den Narren aus mir machte und mich ruinierte. Ich beobachtete sie dann 
oft von weitem, oder vom, Fenster. Es wurde meine Leitvorstellung. Schließ- 
lich schrieb ich ihr gefühlvolle Briefe, wenigstens solche, wo ich mein Bestes 
gab und die sie nicht verstand. Sie beschwerte sich schließlich, daß ich ihr 
nachlaufe und nachdem ich an Selbstmordgedanken etc. gelitten hatte, wurde 
ich nach H. geschickt. Dort konnte ich mich, obwohl ich vielleicht kein 
schlechtes - Gedächtnis hatte, wegen Zerfahrenheit, Vergeßlichkeit etc. nicht 
behaupten. Es fehlte mir überhaupt der Lebenszweck, weil ich immer dachte, 
es sei schade um die Zeit. Man dürfe dies und jenes nicht verzögern und es 
müsse das richtige Glück jede Minute kommen. Durch diese Hast aber ent- 
artete jeder Genuß und ich versäumte die günstigen Situationen. Ich wechselte 
viermal die Stellung, kam dann nach Hause. In dieser Zeit pflegte ich, wenn 
ich nicht zu verlegen war, Prostituierte in gewissen Stellungen leicht zu 
schlagen. Dann kam ich nach Wien, wo ich auch dreimal die Stellung 
wechselte. Dort fand ich meinen Freund B. Er nahm mich in Gesellschaft 
und machte mich in derselben lächerlich, angeblich um mich zu bessern; in 
Wirklichkeit hemmte er meine Entfaltung, weil ich unter solchen Umständen 
stundenlang mit einem Weib zusammen sein könnte und mich nur befangen 
fühlen würde. Doch>brachte mich B. dahin, daß ich ohne Vorstellungen normal 
bei einer Prostituierten koitierte. Doch bald gebrauchte ich noch stärkere 
perverse Reizmittel. B. koste oft in meiner Gesellschaft mit Mädchen, doch 
das Absichtliche dieser Veranstaltung hemmte meine Gefühle. Ich bin jetzt 
soweit, auch bei Vorstellung des nackten weiblichen Körpers mich sexuell zu 
erregen, habe jedoch für den weiblichen Busen nie eine normale 
Empfindung gehabt. 

Beim Militär fühlte ich mich erst nicht schlecht, nur der ungeheure 
Zwang und der Minderwert des Infanteristen brachte mir große Konflikte. Ich 
salutierte immer krampfhaft und in großer Aufregung, wenn ein Offizier mit 
mir sprach und empfand oft, daß ich mich diesem Zwang nicht so leicht fügen 
könne wie ein Anderer, auch wenn ich bestraft wurde — hatte ich ja noch 
kein Glück gekostet. Dazu waren die Vorgesetzten unverständig und' wollten 






Analsexualität. 209 

durch Tadel und daß sie mich einen Simulanten nannten — zwingen. Es kam 
täglich zu Konflikten. Doch wußte man, daß ich fremde Sprachen spreche 
und intelligent sei und schickte mich nicht zur Konstatierung meines Zu- 
standes. Im' Felde hatte ich keinen sexuellen Gedanken, doch fühlte ich mich 
unglücklich, wie noch nie, da ich von der gesamten Kompagnie als Trottel 
maltraitiert wurde, ja das ganze Bataillon hänselte mich. Ich kam leicht in 
Wut und verletzte dann wohl den Einen oder den Anderen. Doch dann fielen 
■ alle über mich her. Ging ich im Kasernenhofe, rief man immer meinen Namen 
von 1000 Seiten, hatte ich Inspektion, beschüttete man mich mit AVasser; 
ich wurde sehr scheu und hatte von mir selbst das Gefühl eines Narren. 

Darüber gehe ich hinweg — nur daß ich mich besser fühle, wenn ich 
mich sexuell erleichtere, und daß ich glaube, daß meinem Temperament ge- 
wisse Entladungen fehlen. In letzter Zeit freut mich besonders jeder prak- 
tische Erfolg und die Erwerbslust ist da. Nur mache ich sehf viel mit durch 
die Begegnung mit gewissen Menschen, auch mit meinem künftigen Kom- 
pagnon, dem verheirateten Cousin, dessen Frau mir solche Zustände hervor- 
ruft und neben uns wohnt. Die Uniform, das Treffen von Offizieren war mir 
immer peinlich — und hat mich gehemmt. 

Ich flechte noch ein, daß ich unter anderem vor kurzem in ein sehr 
schönes Mädchen verliebt war. Leider war es ebenso kokett. Ich hatte eine 
schlechte Minute und konnte sie dann nicht mehr sehen. Außerdem verlachte 
sie mich und verspottete mich. 

Nachtrag. 

In Ergänzung der Lebensdarstellung sollen im wesentlichen hier die 
bisherigen Voränderungen, resp. die heutigen Zustände und Lebensweise ge- 
schildert werden. Es ist mir auch nicht mehr klar und erinnerlich, inwieweit 
das tatsächlich ist oder tendenziös resp. unbeabsichtigt entstellt oder falsch 
aufgefaßt wurde. 

Das störendste Symptom ist der Mangel an Selbstgefühl. Er geht 
manchmal soweit, daß ich es unbegreiflich finde, wenn mir jemand die selbst- 
verständliche oder gar freundschaftliche oder wohlwollende Aufmerksamkeit 
entgegenbringt. Äußerlich erscheint eine grenzenlose Verwirrtheit, Schwäche, 
Ratlosigkeit, Ängstlichkeit hervorzutreten. Den bekanntesten Freunden gegen- 
über ist sogar die Unbefangenheit unmöglich. Besondere Verlegenheit beim 
Grüßen, Begrüßen, Verabschieden. Ich bevorzuge das Benehmen eines Narren, 
Mienen, Bewegungen der Hand etc., welche auf Perversionen, Homosexualität, 
Flagellantismus hinwiesen. • Lobt mich ein Vorgesetzter, so erfolgt das 
Mienenspiel eines Narren, d. h. als wenn der Vorgesetzte zum Besten gehalten 
worden wäre. 

Manchmal wird eine Bekanntschaft leicht angeknüpft, die Verlegenheit 
erfolgt erst später, d. h. wenn befürchtet wird, daß ich den Erwartungen der 
Person nicht werde nachkommen können. Nicht nur beim weiblichen Ge- 
schlecht, sondern in jeglichem Verkehr tritt Unsicherheit ein, die sich gegen 
das Abschiednehmen steigert. Das Kleinlichkcitsgefühl ist grenzenlos. Ein 
älterer Bekannter hatte mich wohlwollend Herr S . . . tituliert; die Verlegen- 
heit war außerordentlich. Bei Altersgenossen, die mich mit Du angesprochen 
haben, mußte ich das gleiche Benehmen zur Schau tragen. Ein Jugendfreund 
meiner Mutter, unser Hausarzt, hat mich in letzter Zeit teilweise durchschaut 
und manchmal per Du und dann per Sie tituliert. Bei Damen ist solches be- 

Stekel, Störungen dos Trieb- und Affoktlebens. V. 14 



210 Psycliosexucller lnfautilismus. 

sonders peinlich. Ist Gemütlichkeit und Anziehendsein an sich schon un- 
möglich, so wird der beste Wille verdorben. Die meisten Damen, die ich schon 
sehr lange kenne, titulieren mich mit dem Familiennamen, was mir direkt 
unangenehm ist, doch bin ich nie sicher, daß mich die Reflexe überfallen, 
wenn sie den Herr ausließen. 

Im allgemeinen will ich einschalten, daß die Störungen im Laufe der 
Zeit wechselten, sich änderten. Ich glaube alle diese Erscheinungen basierten 
auf einer psychischen Dissonanz. Es sind gute und schlechte Tage resp. 
Momente. Selten reagiere ich normal. Entweder überschätze ich mich ohne ' 
Maß resp. trage ein solches Benehmen zur Schau oder unterschätze mich 
ebenso. 

Das labile Selbstbewußtsein stört daher meine soziale Entwicklung, 
die Rückwirkung auf die innerliche Persönlichkeit schafft Konfusion und 
Zerfahrenheit, Unverläßlichkeit und macht erwerbsunfähig. 

Früher kam noch die Dissonanz der sexuellen Sphäre intensiver hinzu. 
Hiebei wurde ich verschämt und aus dem Konzept gebracht, nicht nur durch 
Anklingen an das „Perverse", sondern jegliche erotische Erwägung, Er- 
scheinung rief Verschämtheit, Verwirrung hervor. Ich konnte in kein Ge- 
schäft gehen und Eier kaufen; mußte auch vorher darüber nachdenken, wie 
ich mich benehmen werde. Die Worte Verkehr, Verhältnis, Schwanz, küssen, 
Liebe, erotisch etc. — aber auch perverse Assoziationen, prügeln, Hintern, 
25, peitschen ete. hatten diese Wirkung etc. 

Bei der Arbeit stört vor allem die Unerfahrenheit, der Mangel an Kon- 
zentration. Die Ambition ist manchmal sehr groß. Es ist unmöglich, die 
erste Arbeit zu machen, weil die zweite und dritte vorschwebt, es verschwinden 
die Arbeitsmomente ineinander, das Resultat ist unbrauchbar, — Ver- 
wechslung und Vergeßlichkeit. 

Ruhe und Konzentration ist im allgemeinen unmöglich. Gelingt an 
guten Tagen die Arbeit, so kann eine gewisse Impulsivität und Konzentration 
eintreten; das ist eine seltene und sicher überschätzte Lustempfindung. Die 
übliche Leistung eines Normalen wird als etwas -ganz Besonderes empfunden. 
Manchmal ist auch eine tatsächliche Ahnung, daß in mir Kräfte latent sind! 
Kombinationsfähigkeit, leichte Auffassung und Urteilskraft, die richtig sein 
mag. Als mein Vater mit mir vor kurzem verreiste, um eine Fabrik zu be- 
sichtigen und mich zu assoziieren, war ich vom Interesse gefangen genommen 
und empfand durch zwei Tage großes Selbstbewußtsein und trug anständiges 
Benehmen und Konzentration zur Schau. 

In der Liebe ist es ebenso. Manchmal dämmert das Normale in mir. 
Ein gewisses unbefangenes Fluidum des Partners überspannt meistens den 
Bogen, die Situation wird zu schwer, dieses langsame Hineinwachsen in eine 
Situation mit Ausweichen der Unter- und Überschätzungsklippen ist prak- 
tisch unmöglich und es gelingt schließlich den schlechten Eindruck hervorzu- 
rufen, den ich erwarte. 

Begleitet sind diese Erscheinungen, resp. ruhend auf einer wechseln- 
den unsichern Weltanschauung. Der Drang nach dem rechten Weg. In diesem 
Sinne erfolgt auch Selbstbefriedigung und Fröhnen perverser Phantasien, der 
Endlust, da nachher Entspannung und manchmal Unbefangenheit zum Teile 
eintritt. 

Merkwürdig ist nur, daß physisch hienach Schwäche eintritt wie eine 
relative Impotenz, obwohl das nicht der Fall sein dürfte. Normaler Verkehr 
außer den anderen Hindernissen aus Furcht vor Kleinheit des Gliedes, resp. 



Analsexualität. 211 

Nichtfinden der Vagina, Ungeschicklichkeit etc., Furcht, vor Teilnahmslosig- 
keit erschwert. 

In der Ratlosigkeit, wozu ich leben soll und welche Ziele noch zu er- 
reichen wären, wurde Zeit und Entwicklungsmöglichkeit verloren, durch 
Träumen und Girren in perverser Richtung. 

Von Frühmorgens rannte ich herum, suchte perverse Bücher zu lesen etc. 
oder Stubenmädchen beimTeppiehklopfen zu überraschen, beim Fensterputzen, 
auf der Gasse beim Handwagen, in der Garderobe nach dem Theater, Schuh 
richten. Es reizten mich Stellungen (Bücken), Bewegungen und besonders, wenn 
ein kurzer enger Rock und eine andersfarbige Blouse einen gut gebauten (nach 
meinem Ideal) Mädchenkörper bekleideten. Das war noch eine neue Störung 
bei und vor der Arbeit. 

In der Elektrischen etc. suchte ich mich auch oft anzudrücken, besonders 
an den Hinterteil der beschriebenen Mädchen. Ich dachte auch oft daran, 
eine entsprechende Partnerin zu finden, zweifle jedoch an der Möglichkeit 
und hoffe andererseits auf normale Regeneration und darauf verzichten zu 
können. Wiewohl mit Perversionen belastete Individuen große und tüchtige 
Persönlichkeiten waren, glaube ich, das- bei mir nicht vereinen zu sollen und 
zu können. 

Daß ich sehr jähzornig bin und in Wut gerate und an allen möglichen 
physiologischen Abweichungen leide, sei noch erwähnt. 

Es dürfte noch viel zu sagen sein, doch hoffe ich; Ihnen ein Bild gegeben 
zu haben. 

Was ich in Ihrem Sinne verdrängt habe, weiß ich natürlich nicht, doch 
scheint mir, daß es auch in diesem Falle Verdrängungen gibt. 

Wiewohl ich in meiner außerordentlichen Eitelkeit fürchte, einen solchen. 
Eindruck zu machen, wird es doch besser sein, ich gebe mich Ihnen wie ich 
bin, resp. mich anderen gegenüber gebe. 

Ich will sagen, daß ich mir von Ihrer Behandlung, sehr geehrter Herr 
Doktor, noch^am meisten verspreche, wiewohl ich anfangs resigniert zu 
werden und mich abzufinden dachte. 

Die Analyse dieses Falles erweist sich infolge des Zusammentreffens 
vieler Momente sehr schwierig. Er weiß immer eine Menge nichtssagender Ak- 
tualitäten zu berichten, weiß aber angeblich nichts aus seiner Vergangenheit. 
Aber allmählich gelingt es ihn zu überzeugen, daß er auch in der Analyse 
den Narren spielt, sich dumm und lächerlich stellt, um auf diese Weise seine 
Überlegenheit über den Arzt zu beweisen. Sein Narrspielen hat mehrere 
Wurzeln. Er fürchtet dumm zu erscheinen und kommt dem andern zuvor, 
dadurch daß er sich dumm stellt. Dabei hat er das Gefühl der Überlegen- 
heit, das ich ungefähr so ausdrücken möchte: du weißt gar nicht, daß ich 
mich über dich lustig mache, während ich vor dir den Hanswurst spiele. Die 
Rolle des Dummen- ist dazu bestimmt, als Kontrastwirkung den Klugen 
doppelt hervortreten zu lassen. Er lauert nur auf den Moment, seine Familie 
von seiner Überlegenheit zu überzeugen, wie er es in der Schweiz getan hat, 
als er in einigen Monaten spielend einen schweren Stoff bewältigt und alle 
Prüfungen glänzend bestanden hat. Das Leiden ist eine Strafe für seine 
Versündigungsideen gegen seinen greisen Vater, dem er wiederholt den Tod 
gewünscht hatte, um die Leitung seiner Fabrik zu übernehmen. Aus diesem 
Grunde macht er sich so dumm, damit er für die Leitung der Fabrik gar nicht 
in Betracht kommt. Dabei konnte er das Mitleid des Vaters, herausfordern 

14* 



212 Psychosexueller Infantilismus. 

und ihn veranlassen, durch eine höhere Rente für seine Existenz zu sorgen. 
Dann wäre er vor aller Arbeit sicher und könnte ungestört seinen Phantasien • 
nachhängen. 

In sexueller Hinsicht ist es, interessant, daß er sich wie ein Homo- 
sexueller gebärdete, daß er eng anliegende Hosen trug, die seine Nates hervor- 
treten ließen und beim Gehen eigentümlich wackelnde Bewegungen des Hinter- 
teils produzierte, welche dazu bestimmt waren, die Aufmerksamkeit der 
Männer auf sich zu lenken. Beim Handreichen macht er mit dem Daumen das 
bekannte Zeichen der Homosexuellen. Ich betone bei dieser Gelegenheit, daß 
seine ersten sexuellen Phantasien die Nates von kleinen Knaben betrafen und 
er sich durch einen Willensakt in die heterosexuelle Bahn zwang. Er wollte 
einfach nicht mehr an Knaben denken und transponierte seine Leidenschaft 
in das Heterosexuelle, trotzdem war seine homosexuelle Komponente schein- 
bar die stärkste Kraft. 

Das können wir an dem Verhältnis zu seinem Freund B. sehen, der- 
auf seine Entwicklung einen unheilvollen Einfluß genommen hat! B. ist ein 
raffinierter, egoistischer, verteufelt schlauer Mensch, welcher systematisch 
daranging, sich aus unserem Patienten einen Sklaven zu machen und durch 
ihn seine hochgesteckten, ehrgeizigen Pläne zu erreichen. Er wollte sein 
Kompagnon werden und dadurch die ganze Fabrik in die Hand bekommen. 
Zu diesem Zwecke machte er sich dem Kranken unentbehrlich. Er über- 
zeugte ihn, daß er ihn zum gesunden Menschen erziehen wolle, wobei er ihn 
systematisch um den Rest der Willensfreiheit brachte. Er isolierte ihn von 
allen Menschen, ließ ihn den Verkehr mit seiner Schwester abbrechen, diktierte 
ihm grobe Briefe an seine Familie, so daß der Kranke ganz auf ihn angewiesen 
war. Dabei steigerte er sein Minderwertigkeitsgefühl, indem er ihm täglich 
vorhielt, wie lächerlich er sich benehme und ihn dahinbrachte, daß er keinen 
Entschluß faßte ohne ihn um Rat zu fragen. Ich brauche kaum zu erwähnen, 
daß er dieses Verhältnis auch materiell in der scheußlichsten Weise ausnützte. 
Er war der einzige, der erkannt hatte, daß S. L. einen homosexuellen Akt er- 
wartete. Er hatte ihn zu diesem Akte gezwungen. Nun beherrschte unseren 
Kranken nur ein Gedanke: 0, möge «ich diese Verführungsszene nur noch ein- 
mal wiederholen. Er war in B. verliebt und betrachtete ihn als den klügsten 
Menschen dieser Zeit. Er wäre vielleicht von B. nicht freigekommen, wenn ihn 
die Eifersucht nicht etwas entzweit und B. in seiner Voreiligkeit nicht einen 
falschen Schachzug begangen hätte. Der Kranke wollte schon seit Jahren zu 
mir kommen, B. hat ihn immer abgehalten, indem er meinte, er müsse allein 
gesund werden (er fürchtete meinen Einfluß, weil er wußte, daß es das Ende 
seiner Herrschaft wäre). Der Bruch kam auf folgende Weise zustande. Unser 
Kranker wohnte in einem elenden Loch und erhielt von einem Bekannten die 
Adresse eines Zimmers. Natürlich teilte er B. diese freudige Nachricht sofort 
mit. Wer war glücklicher als unser Kranker, als ihm B. mitteilte, er werde 
dieses Zinnner mit ihm teilen. Am nächsten Tage bat er ihn um die Erlaubnis, 
daß seine Geliebte auch dort wohnen dürfe, sie könnten beide mit ihr ver- 
kehren. Schließlich brachte er es dahin, daß er mit seiner Geliebten allein das 
Zimmer bezog. S. L. durfte zeitweilig bei Nacht oben sein und zuhören, wie 
er verkehrte. In solchen Nächten produzierte sich B. als sexueller Athlet. 
Sagte immer: „das wirst du nicht zustande bringen", so daß ihm nicht« 
anderes übrig blieb als die Kraftleistungen seines Freundes mit onanistischen 
Akten zu begleiten. Ernste Versuche, der Freundin sich zu nähern, wußte 
B. raffiniert zu verhindern. Schließlich prellte ihn B. noch um eine hohe Sum- 









Analsoxualität. 213 

nie, angeblich um Geschäfte zu machen. In Wirklichkeit um mit der Freundin 
in Saus und Braus zu leben, während S. L. in Gemeinschaftsküchen speisen 
mußte und sich jedes Vergnügen versagte. 

Diese aktuellen Erlebnisse brachten es mit sich, daß eine Analyse nicht 
möglich war. Die infantilen Wurzeln seiner Paraphilie konnten nicht fest- 
gestellt werden. Jeder Tag war B. gewidmet, so daß ich die Behandlung ab- 
brechen mußte. Allerdings behauptet Patient geheilt zu sein. Er ist es nur 
in dem Sinne, daß er arbeitsfähig ist und aufgehört hat, den Wurstel zu 
spielen. Auf dieses Phänomen, eines der wichtigsten in der Psychologie des 
Infantilismus, will ich noch zurückkommen. 

Ich möchte aber nicht unerwähnt lassen, daß die Neurose deutlich einen 
paranoiden Zug aufwies. Die Paraphilie ging in folgender Weise vor sich. 
Unser Patient lief plötzlich von der Arbeit weg, um sich auf der Straße ein 
Sexualobjekt mit einem ihm passenden Gesäß zu suchen. Er ist der festen 
Überzeugung, daß er eine besondere telepathische Kraft besitzt. Wenn er ein 
Mädchen von hinten fixiert, so legt sie die Hand deckend und schützend auf die 
Nates, als ob sie sie verbergen wollte. Oft wählt er seinen Beobachtungsposten 
so, daß er nicht gesehen werden kann. Er steht im Stiegenhause hinter matten 
oder trüben Scheiben, so daß er Mägde, die im Hofe Teppiche klopfen, sehen 
kann, ohne gesehen zu werden. Er wünscht jetzt, daß eines der Mädchen sich 
bücken soll. Nur das Gesäß einer gebückten Frau kann ihn sexuell so erregen, 
daß er zum Orgasmus kommt. (Eventuell stellt er sich vor, daß das Mädchen 
sich bückt.) In dem Momente, in dem er das gebückte Mädchen sieht, drückt 
er den Penis stärker und es kommt zur Ejakulation. Und jetzt geschieht das 
Merkwürdige. Alle Mädchen fühlen seinen Blick und drehen sich um, sehen 
hinauf oder laufen beschämt weg, als ob sie sich hinten entkleidet fühlen 
würden. Es ist sicher, daß er seine Paraphilie benützt, um vor dem Weibe 
zu fliehen. Aber eben so sicher ist es, daß er in seiner Phantasie eine Szene 
der Kindheit neubelebt und wieder erlebt. Er muß eine geliebte Person in 
der bewußten Position gesehen und einen starken Eindruck empfangen haben. 
Von der Gesäßpartie empfängt das Kind starke Reize. Ich muß Sadger be- 
stätigen, der ausführt: 

Nicht selten besteht auch eine organische Disposition, besondere 
Fülle, Massigkeit und Strammheit dieser Partien. Erblichkeit und Er- 
ziehung wirken da gleicherweise bedeutsam. Nicht nur, daß meist die 
Aszendenten, am häufigsten die Mutter, dort ähnliche Üppigkeit oder 
Prallheit besitzen, wird auch durch ihre Liebesbezeugungen just an jenen 
Stellen die Aufmerksamkeit der Sprößlinge stets wieder von neuem dahin 
gelenkt. Nicht wenige Mütter können sich schon ihrem Säugling gegen- 
über nicht entbehren, ihn ad posteriora oder an den feisten Oberschenkeln 
abzuküssen. Sie liebkosen und streicheln, tätscheln oder beißen ihn dort 
und späterhin können sie nicht umhin, den größeren Kindern, ja selbst 
den Erwachsenen einen Klaps an diesen Stellen zu versetzen; oder sie 
entblößen weit öfter als nötig die Kinder hinten, etwa zu überhäufigen 
Klysterien oder aber zu Schlägen. Die Gesäßerotik der Mutter und 
anderer Aszendenten gibt dann durch Vererbung und Erziehung Anlaß 
zur Nachfolge bei den Sprößlingen. Wir sehen, daß solche beispielsweise 
bereits in einer geschlechtlichen Frühzeit, etwa im dritten oder vierten 
Jahre, besonderes Interesse für die Posteriora von Kindern und Erwach- 
. senen zu zeigen beginnen. Sie wenden oft große Schlauheit auf, um dieses 



214 Psych osexuellcr Infantilismus. 

_ Anblickes teilhaftig zu werden, dringen z. B. ins Badezimmer, just wenn 
die Mutter in die Wanne steigt, oder ins Boudoir, wenn jene sieh auszieht, 
oder stürmen plötzlich ins Schlafzimmer hinein, wenn sie ein Klysma 
oder Irrigation bekommt. Noch leichter gelingt die Befriedigung der 
Schaulust bei Geschwistern oder Spielgefährten. Unzweifelhaft verdankt 
das Doktor- wie das Hebammenspielen seine unverwüstliche Beliebtheit 
den Bedürfnissen der Gesäßerotik. Wo mehrere Geschwister mit ihr be- 
haftet sind, kann es passieren, daß sich Bruder und Schwester gegen- 
seitig ihre Globi zeigen und dann all jene Dinge wiederholen, die sie 
selber von ihrer Mutter erfuhren, also nicht bloß Schauen und Entblößen, 
auch Küssen, Tätscheln, Schlagen mit einer Rute und ähnliche Sachen. 
Selbst die immissio membri intra nates sororis nach dem Vorbild der ein- 
geführten Klystierspritze gestand mir ein Kranker in der Analyse als 
in seiner frühen Kindheit geschehen. Gelegentlich zieht sich ein drei- 
jähriger Junge mit seiner . gleichaltrigen Spielgefährtin zurück, um ihr 
etwas wie eine Irrigation zu machen. Ein anderer, der später Urning ge- 
worden, berichtet aus dem nämlichen Jahre, daß ihn schon in den ersten 
Bilderbüchern nur jene Illustrationen anzogen, die Personen — mit 
stark ausgeprägten Nates zeigten. Er selber habe ganz sicher bereits um 
diese Zeit wiederholt sein eigenes naektes Gesäß im Spiegel beschaut und 
davon starke Lust empfunden. 

Die weitere Behandlung führte mein Assistent Med. Emil Gutheil. 
Ich lasse ihm zur ferneren analytischen Aufhellung des Falles das Wort: 

„Patient ging - - und kam nach einiger Zeit wieder. Mit Rücksicht 
auf die praktische Erfahrung, daß die Kranken oft durch Abweisung 
zu größerer Aufrichtigkeit und Preisgabe mancher Widerstands- 
positionen gebracht werden, gestattete mir Herr Dr. Stekel die weitere 
Führung dieser schwierigen Analyse. Aktuelle Fragen wurden erledigt. 
Der Vater des B. bezahlte nach erfolgter Strafanzeige die Schuld dee 
Sohnes; das Verhältnis zur Familie wurde hergestellt; auch gelang es 
dem Patienten, seine Stellung als Beamter zu sichern. Das alte Spiel 
dauerte während der Behandlung noch eine geraume Weile an und erst 
nach vielen Mühen gelang es, den verschütteten Zugang zur Neurose 
freizulegen. 

Für die Analyse war der Umstand wegweisend, daß die sexuelle 
Einstellung des Patienten in der ersten Krankheiteperiode ausschließ- 
lich den Knaben galt. 

Dabei erwies sich das masochistische Moment als das primäre. 
So erinnerte sich Patient, daß die Mißhandlungen, die er seitens der 
Kollegen und anderer Personen in der Kindheit erlitt, nicht mit Un- 
lust aufgenommen worden wären. Er hätte z. B. im 9. Lebensjahre (vgl. 
S. 206) , als ihm ein älterer Kollege drohte, daß er ihn am nächsten 
Tage prügeln würde, nicht etwa den Weg zum Lehrer eingeschlagen, 
sondern begnügte sich damit, daß er — alle übrigen bedrohten Partien 
außer acht lassend — in Erwartung der Exekution den Hosenboden 



Analsexualität. 215 

doppelt anlegen ließ. Diese Vorrichtung wurde, trotzdem sie sich als 
. überflüssig erwies, noch lange beibehalten. 

Ich wußte, daß das krankheitsdeterminierende infantile Erlebnis, 
auf welches Dr. Stekel hinwies, absolut vor dem 9. Lebensjahre gelegen 
sein müßte, denn die erwähnten Tatsachen waren bereits ausgesprochene 
Wunsch regungen masochistischer Tendenz. Seltsamerweise ließ den 
Patienten das Gedächtnis für eben diesen Zeitraum im Stiche. 

Im 14. Lebensjahre trat eine Wendung im Phantasieleben des 
Kranken ein (vgl. S. 206). Er wurde — angeblich um an der Umgebung 
Rache zu nehmen - - Sadist. Mit Knaben, welche sämtlich jünger und 
schwächer waren als er, spielte er auf die Weise, daß er sie mit einem 
spanischen Rohr auf die'Nates schlug, wobei er starke Lust- 
sensationen empfand. (Diesen realen Vorgang konnte schon damals eine 
Phantasie ersetzen, wobei beim Objekte die Altersgrenze beliebig weit 
nach unten verschoben werden konnte.) Er war leidenschaftlicher Rohr- 
stockliebhaber; er schaffte sich deren eine größere Anzahl an und 
handhabte sie mit einer Art Pietät. Als einziges Mädchen prügelte er 
unter großer Lustempfindung seine jüngste Schwester, mit der ihn auch 
gemeinsame sexuelle Erlebnisse verbanden. 

Endlich brachte die Analyse folgende verdrängte Erinnerung aus 
seinem 4.— 5. Lebensjahre: 

Eine Gouvernante, die er verehrte — eine volle Erscheinung — , 
sperrte ihn wegen irgend eines Vergehens im Zimmer ein, wo sie ihn 
vorher mit einem spanischen Rohre empfindlich auf die 
N a t e s schlug . . . Dabei sollen ihn Wut, Schmerz, Scham und zu- 
gleich Rachegefühle beherrscht haben . . . 

Mit dieser Erinnerung war die Krankheitswurzel bloßgelegt. Und 
sei es, daß bei der in der. späteren Zeit erfolgten Konversion zu weib- 
lichen Objekten den Tatsachen entsprochen wurde, daß man die Lust 
in jenen Formen austeilt, in welchen man ihrer selber teilhaftig werden 
möchte, — oder daß hier die Freudscheii Lustmechanismen im Spiele 
waren, bei denen die Abreaktion d e s T r a u m a s durch dessen 
Wiederholung und Übergang in die Aktivität bewirkt wird — es steht 
jedenfalls fest, daß die bewußte Phantasie (später Zwangsvorstellung) 
im Laufe der Zeit sich von den ins Unterbewußtsein gedrängten libidi- 
nösen Primärobjekten entfernt und die Beziehung zu ihnen verloren 

hatte. 

Bezeichnend ist, daß die willkürliche Wendung des Geschlechts- 
triebes zum Weibe noch immer auf dem Wege über die eigene 
Person vor sich ging (vgl. S. 206 die transvestitische Szene) . Wie 
ich erfuhr, waren die weiblichen Röcke, die der Patient, anlegte, um in 
dieser Verkleidung vor dem Spiegel einen flagellantischen Akt auszu- 



216 



Psychose* ucller Infantilismus. 



führen, blau und — da sie seiner jüngsten Schwester angehörten — 
kurz und eng! . . . (Verknüpfung mit inzestuösen Faktoren.) 

Synthese. Patient stellt einen psychoinfantilen Typus vor. Er 
leitet die von einer geliebten Person genossene Schmerzenslust in 
spezifischer Form auf eigene Objekte weiter. Das weibliche Ideal seiner 
Zwangsvorstellung ist eine V e r s c h m e 1 z u n g des verwischten Bildes 
der Gouvernante mit dem eigenen Spiegelbilde und dem der ersten weib- 
lichen Liebesobjekte. Das fortwährende Betonen seines Erwachsenseins 
(vgl. S. 207 und 209) ist eine Bipolaritätserscheinung, eine Kompensation 
des Narrenspiels und als Ausdruck der Amplitude zwischen seiner 
Phantasiewelt (4.-5. Lebensjahr) und der Realität aufzufassen. Hier- 
her gehört seine Behauptung, er habe ein zu kurzes Glied (entspricht 
nicht den Tatsachen!), hieher die Angst vor dem Worte Herr (vgl. 
S.206). Die überaus starke homosexuelle Komponente ist meiner An- 
sicht nach darauf zurückzuführen, daß Patient in seiner spezifischen 
Phantasie die Rolle eines Weibes spielt und ein männliches Wesen, 
sich selbst, sucht. Freund B. hatte dies instinktiv empfunden, den 
dunklen Trieb geschürt und zu eigenen Zwecken ausgenützt. 

Die Analyse endete mit der Zerstörung der Phantasie. Es trat 
zuerst eine Besserung ein, dann ein starker Rückfall mit allen Sym- 
ptomen und dem bekannten Narrenspiel, wobei er beinahe den Posten 
verlor (der letzte Widerstand!), bis schließlich eine durchgreifende 
Wendung im ganzen Wesen des Patienten Platz griff. S. L. berichtete 
mir überdies vor kurzem, daß er einen normalen Koitus cum puella 
publica absolvierte, und zwar ohne jegliche Phantasie, wenngleich mit 
dem Bestreben, ihr durch die Stöße weh zu tun. Potenz gut. volle Be- 
friedigung. Patient steht vorläufig noch in Beobachtung." 

Ich möchte dieser Analyse meines Assistenten: einige Erklärungen 
hinzufügen. Wie haben wir uns die Wirkung der traumatischen Szene 
vorzustellen? Er hatte offenbar neben der starken Lust auch den 
Wunsch, sich für die Schmach zu rächen und die Gouvernante auf 
das nackte Gesäß zu schlagen. Das charakteristische Zeichen unseres 
Patienten ist, daß er in sein eigenes Gesäß verliebt ist. Wenn er Knaben, 
schlug, so identifizierte er sein infantiles Bild mit den Knaben, während 
er, der Erwachsene, die Gouvernante wurde. („Wie entzückt muß sie 
von meinem Popo gewesen sein!") Rachedrang und Lust verschmolzen 
zu einer Empfindung. Besonders reizten ihn Dienstmädchen, wenn sie 
im Hofe Teppiche klopften. Offenbar erregte ihn das heftige Schlagen 
der Teppiche und weckte die alten Erinnerungsbilder. Sein gesteigertes 
Persönlichkeitsgefühl (magischer Blick — er zwingt die Mädchen die 






Analsexualität. 217 

Nate's zu bedecken) läßt ihn die- infantile Szene nun aktiv erleben, wobei 
er der Stärkere ist. 

Die Gesäßfetischisten sind schon an ihrem Gange zu erkennen. 
Sie machen allerlei wackelnde, rhythmische Bewegungen mit ihrem. 
Gesäße, sie wiegen sich in den Hüften, um so die Umwelt auf ihre 
erogene Zone aufmerksam zu machen. 

Ein anderes Phänomen verdient eine eingehende Besprechung. Es 
ist die Eigenschaft ■ vieler Menschen, sich über sich selbst lustig zu" 
machen und den Hanswurst zu spielen. Kinder pflegen diese Eigenschaft 
zu zeigen und dabei übermütige Heiterkeit an den Tag zu legen. Aber 
eine, dem lustigen Treiben gewöhnlich folgende Weinszene zeigt den 
tragischen Charakter dieses Handelns. Auch die Kinder, welche den 
Wurstel spielen, versuchen auf diese Weise ihrer Traurigkeit Herr zu 
werden und durch das Spiel die Aufmerksamkeit der Umgebung auf 
sich zu lenken. So verbinden sich zwei Motive. Sie fürchten ausgelacht 
zu werden, sie haben etwas zu verbergen und legen sich die Maske des 
Hanswurst an. 1 ) 

Bei verschiedenen Formen des Infantilismus kommt als Re- 
gressionserscheinung auch das „Kindische-Lustigmachen" vor. Der Iri- 
fantilismus wird nach einer großen Enttäuschung vollzogen. Die 
Traurigkeit über die reale Niederlage wird durch die forzierte Lustigkeit 
eines Kindes gewissermaßen überkompensiert. 

Auch dieser Patient war eigentlich depressiv veranlagt und sich 
selbst überlassen ein kopfhängerischer mürrischer Geselle. Beim • Zu- 
sammentreffen mit anderen Menschen, die er immer, als Sexualobjekte 
wertete, wußte er die Aussichtslosigkeit seines Begehrens und seines 
Verlangens nach Zärtlichkeit durch die Maske des Hanswurst ins Tragi- 
komische umzuwerten. 

Die verschiedenen Formen des psycho sexuellen Infantilismus, der 
sich in der „Analsexualität" äußert, sind kaum in diesem engen Rahmen 
zu spannen. Ich verweise nur auf einige häufig vorkommende Typen. 
Da ist der Mann mit der ewigen Flatulenz, die durch Aerophagie erzeugt 
wird, so daß es ihm möglich wird, möglichst viele Flatusse zu produ- 
zieren. Wiederholt habe ich von Patienten vernommen, daß sie ihren 
eigenen Flatus gerne riechen und dabei Lustgefühle empfinden. (Viel- 
leicht mag hier auch eine Wurzel der Leidenschaft für Parfüms zu 
finden sein.. Es ist auffallend, daß die als Aphrodisiaca verwendeten 
Parfüms ebenso Caprylsäuren sind wie die Reizstoffe der verschiedenen 



*) Eine meisterhafte Schilderung dieses Typus findet sich bei Dostojewski/ in 
Brüder Karamasof. Es ist der alte Karamasof, welcher den Bajazzo spielt. 



218 



ßsychosexiieller lufantilismus. 



Tiere und die Exkrete mancher menschlicher Drüsen, die in der stummen 
Sprache der Liebe zur Geltung kommen.) 

Fall Nr. 66. Ein Homosexueller erzählte mir, daß er an einer lächer- 
lichen Liebesbedingung kranke. Das begehrte männliche Objekt muß ihm mit 
einem oder einigen Platussen beschenken. Er gibt es zu, daß sein Vater in 
dieser Beziehung Großes leistete. 

Eine merkwürdige Form der „Analsexualität" zeigte ein Zwangs- 
neurotiker, den ich längere Zeit behandelt habe: 

Fall Nr. 67. In seiner Jugend hatte er die Gewohnheit, die verschiedenen 
Klosettpapiere zu sammeln. Er sammelte nicht nur die eigenen, sondern auch 
die der ganzen Familie. Er konnte jedes Familienmitglied am Gerüche ganz 
genau unterscheiden. Die Papiere legte er in einem Haufen hinter einem Sofa 
in seinem Zimmer. In seinem 13. Lebensjahre wurde der Harem entdeckt und 
verbrannt. Er schämte sich sehr und gab die Gewohnheit auf. Mit 32 Jahren 
heiratete er, war in seiner Ehe sehr unglücklich. Er begann wieder zerstreut 
zu werden und eines Tages kam ihn der Gedanke, er müsse wieder die Papiere 
Sammeln. Er sträubte sich gegen diesen Impuls, gab aber schließlich nach und 
begann wieder stundenlange mit diesen Papieren zu spielen. Er verfiel bei 
diesen Spielen m Träumereien. Zugleich meldeten sich andere Infantilismen. 
Er litt an einem eigentümlichen Nasentic, der «ich als eine Fixation des 
Kieehens der Papiere erwies und in der analytischen Behandlung vollkommen 
verschwand. Mit dem Eintritt der Regression meldete sich der Tic wieder. 

In dieses Kapitel gehört auch die Koprolalie. Es gehört zum 
geistigen Inventar vieler Menschen, immer wieder von analen Vorgängen 
zu sprechen. Sie scheissen auf alles, sie befinden sich' im der Scheißgasse 
sie finden einen Gegenstand ganz beschissen. Sie leben immer in analen 
Phantasien,, denen" sie auf diese Weise Ausdruck geben. 

Manche Kinder haben die Gewohnheit, sich immer schmutzig zu 
machen und mit vollen Hosen herumzugehen. Die Eltern ahnen nicht, 
daß es ihnen ein Vergnügen macht und halten das Kind für „verspielt",' 
so daß es nicht merkt, daß es sich „angemacht" hat. Das ist nicht der 
Fall. Es handelt sich um Kinder mit starker Analsexualität. Die Eigen- 
schaft bleibt im geringeren Maße im späteren Leben. Sie haben die 
Unterhosen immer etwas schmutzig. Wenn sie die Analsexualität über- 
wunden haben, kann später im Falle einer Regression die Erscheinung 
. wieder auftreten. 

Fall Nr. 68. Herr U. T. hat schon als Knabe die Gewohnheit gehabt, 
den Stuhl sehr lange zurückzuhalten und dann mit dem Stuhle zu spielen. Er 
ließ den Stuhl durch den Sphinkter etwas hervortreten und zog in dann wieder 
zurück. Dabei hatte er ein Lustgefühl. Auch waren seine Hosen in der Kind- 
heit sehr oft voll, so daß er dafür geschlagen werden mußte. Er wurde erst 
im zehnten Jahre zimmerrein, die Gewohnheit des Spielcns mit dem Stuhle 
blieb bis zum 15. Jahre bestehen. Dann schwanden alle Erscheinungen. Im 
25. Jahre eine große Enttäuschung infolge einer unglücklichen Liebe.. Von 



Analsexnalität. . 219 

da an Träumereien und Wiederauftreten der „Analsexualität". Die Spiele mit 
dem Stuhl wurden wieder aufgenommen. Es machte ihm oft ein großes Ver- 
gnügen, ein kleines Stückchen Stuhl hervortreten zu lassen und stundenlange 
herumzutragen. Die Unterhosen wurden dann verbrannt. 

Die fast unbegreiflichen Formen der .Analsexualität zeigen jene 
Männer, welche der Koprolagnie ergeben sind. Den Übergang zu diesen 
schweren Formen bilden die Männer, welchen der Anblick der Defäkation 
den höchsten Genuß bereitet. In Wien erzählte man von einem Prinzen, 
daß er sich ein gläsernes Tablett habe herstellen lassen. Er legte sich 
unter diesen Apparat, so daß die dazu bestimmte Partnerin den De- 
fäkationsakt über seinem Gesichte vollziehen konnte. Andere begnügen . 
sich mit dem Anblicke. Es handelt sich um Fixierung infantiler 
Eindrücke. 

Hierher gehört auch ein Fall von Moll, von dem ich das Wichtigste 
hier anführe: 

Fall Nr. 69'. „Nachdem, was ich auf den letzten Seiten umständlich 
ausgeführt habe, 'werden Sie sich. ungefähr eine Vorstellung davon machen 
können, in welcher Weise ich Knaben zur Befriedigung meiner Sinnlichkeit 

, verwenden würde oder wenigstens möchte. Nehmen wir einmal an, mir 
stünde ein geeigneter Knabe für diese Zwecke zur Verfügung, und es 
wären mir auch sonst alle Umstände günstig. Ich würde ihn in ein vorher 
dazu eingerichtetes Zimmer bringen, ihn entkleiden, baden und zunächst 
einer eingehenden körperlichen Untersuchung unterziehen. Meine Auf- 
merksamkeit würde sich auf seine untere Körperhälfte konzentrieren. 
Ich gehe die .Oberschenkel entlang nach oben, wo sie zum Damm zusam- 
menstoßen, befühle seinen Unterleib, streichele die Hinterbacken und 
betaste die Afterspalte. Namentlich aber .ist es die Form des Bauches, 
die mein ganzes Interesse in Anspruch nimmt. Je mehr diese auf eine 
größere -Kotanhäufung im Darm schließen läßt, desto höher steigt meine 
Erregung, besonders, wenn eine Frage meine Vermutung bestätigt. Ein 
anderer ist kaum imstande, sich auszudenken, welchen dämonischen Reiz 
die Vorstellung eines schönen nackten Knaben mit einem infolge langer 
Stuhlverhaltuiig gefüllten Darm auf mich ausübt. Der Gedanke daran 
bringt mich in eine sehr heftige Erregung,' eine leidenschaftliche Glut 
strömt durch meine Adern, mir zittern die Glieder vor qualvoller Be- 
gierde. Ich werde nicht müde, diesen Bauch zu Mühlen und zu betrach- 
ten. Meine Leidenschaft äußert sich in stürmischen Liebkosungen; der 
Knabe muß verschiedene Stellungen und Lagen einnehmen, um die 
schönen Formen seines Körpers, namentlich aber die bewußten Teile, 
recht gut zur Anschauung zu bringen. Noch eine Steigerung erfährt der 
sonderbare Genuß durch die Beobachtung der Defäkation. Sollte für eine 
reichliche Stuhlentleerung nicht genug Stoff im Darm des Knaben sein, 
so füttere ich ihn mit allerlei Nahrungsmitteln, die erfahrungsgemäß 

' viel Kot geben, wie Kartoffeln, grobes Brot, Hülsenfrüchte, Obst u. dgl. 
Wenn möglich, suche ich zwei bis drei Tage lang jeden Stuhlgang zu 
verhindern, damit der Leib sich recht fülle und die Defäkation recht 
reichlich ausfalle. Wenn diese schließlich eintritt, ist es mir nun ein 



220 PsychosexueUer Infantüismus. - Analsexualität. 

unbeschreiblicher Genuß, den Austritt des Kotes - der ziemlich fest sein 

17 HTSfi fter ZU be ? baehten - Dabei laßBo ich den Knaben allerlei 

»WS^S^ ^ mÜ ' beS ° ndei ' SViel Reiz Fähren 



Interessant ist folgende eigene Beobachtung: 



Mortem 1 F 1 ? ^ ? ***> ^ 0ffizier ' ist ein ausgesprochener 

E? HÄ V^ "< 1 Un f nl Tf a "! Aborte sitzen und dabei rauchen. 

1IÄSÄS r f - de v borte - Zu seinen größten <*■*•« 

„enort es den Defakationsakt einer Frau zu beobachten. Es gelinet ihm 
manchmal m Dörfern und bei Ausflügen durch Löcher in- der HoÄ zu 

HR ? Z a U *?Pft Er trägt ZU diesem Bd »*> einen kleinen Bohzer 
stets bei sieh Auch bei Dirnen läßt er sich nur die Defäkation vormachen Fr 
behauptet, daß die Leidenschaft sehr verbreitet ist und daß ZE5£*S£ 

iÄfaasr befinden - Er hat auch **** : ^ ** 5Ä 

Einen ganz außerordentlichen Fall führt Merzbach an: 

cri) l+ #£ a S Nr ' 71 ' Dr-X ,-' ein bekanntel - -Junger Lebemann unserer KlienteL 
gibt für Frauen ganz erhebliche Summen aus. Durch seine SebiSiS 

S&Ä dt eleg n ten ^ mi ™ ^ wohlbekannt, .£ÄS 

seta Finnin ^i S ° WOhl u ln den Kreisen dieser Frauen > wie ««* von 
EÄJ besprochen wurde. Dr. X. nämlich führt einen kleinen, 

muß lä 4 Säihf SO emen eb i! n S ,° lchen LöffGl bei Sich - Auf die3era TelW 

?ÄÄ£? w H ahrend er mit dem g0ldenen Löffel die «**« 

ii ? Ch WUrde mir von einem ähnlichen Falle berichtet- 

Ädat BT F P äL U s^ir SPerrt ' * !* ^ *"* * Ä 

Die Unsitte, daß Mütter ihre kleinen Kinder mit auf den Abtritt 
nehmen, weil sie sie sonst nicht bewachen können, führt zur Fixierung 
solcher widerlicher Triebregungen. Hier zeigen sich die Wege zur 
Prophylaxe der Paraphilien. . 

Diese Fälle sind viel komplizierter, als man a priori annehmen 
wurde Das nächste Kapitel bringt uns eine eingehende Analyse eines 
Mysophilen. / 






XIII. 

Analyse eines Falles von Mysophilie. 

Fall Nr. 72. Es wird kaum einen Fall geben, in dem wir eine solch© 
verblüffende Musterkarte der Mysophilie finden, wie der folgende. Es 
handelt sich um einen 37 jährigen, sehr kräftigen -Mann, der einen schweren 
Beruf ausfüllt und geistig ganz normal ist, zahlreiche künstlerische 
Interessen an den Tag legt. Er stammt von etwas neüropathischen 
Eltern. Er bezeichnet sich als einen „Masochisten", der an einer be- 
stimmten Paraphilie leidet. Wenn er weibliche Personen auf der Gasse 
sieht, die ihm gefallen, möchte er den Kopf unter ihren Schoß stecken 
und ihnen Scheide und den Anus (besonders letzteren) lecken. Es gibt 
kaum eine Paraphilie, die er nicht versucht hätte. Ich lasse ihn seine 
Erfahrungen erzählen. 

„Mit 18 Jahren habe ich den ersten Geschlechtsakt ausgeübt. In unserem 
Hause war eine sehr üppige und lüsterne Gouvernante. Ich begann mit ihr 
schlüpfrige Gespräche zu führen. Sie hat. mich wohl dazu herausgefordert. 
Ich kam des Nachts zu ihr ins Bett und vollzog sowohl den Anilingus als 
auch den Kunnilingus. (Er erinnert sich nicht, ob er einen Koitus ausgeführt 
hat.) Nach einiger Zeit wurde ich von Kollegen ins Bordell mitgenommen 
und war das erste Mal impotent. Ich schrieb das der Onanie zu. Ich onanierte 
seit der Jugend zügellos und immer mit den erwähnten masochistischen Phan- 
tasien. Oft mußte ich dreimal an einem Tage und mehrmals in der Nacht 
onanieren. Dabei blieb ich unbefriedigt, wie heute, wo ich trotz aller perverser 
Akte und trotz Onanie immer die Begierde fühle und keine Erlösung finde. 
Ich komme mir wie ein läufiger Hund vor. Es gibt nichts, was ich nicht ver- 
sucht hätte. Ich habe menstruierende Frauen geleckt, ich habe zwischen 
schmutzigen Zehen den Schweiß ausgeleckt, an großen und kleinen Zehen 
gesogen, meine Zunge in feuchte Achselhöhlen gesteckt. Dabei revoltiert 
etwas in mir gegen diesen Zwang. Ich habe zwei Naturen in mir, eine fein- 
einnige und eine ordinäre. Ich glaube, ich bin körperlich nicht normal. (Er 
hat eine kaum angedeutete Hypospadie, sonst ist er ganz normal.) 

Seine erste Erinnerung ist der Beginn seiner Paraphilie. Er war nock 
nicht drei Jahre alt, da spielte er mit einem kleinen Mäderl; sie kam einmal 
heim Spiel mit ihren Nates auf sein Gesieht zu liegen. * 

Die Leidenschaft für diese Position ist ihm bis heute geblieben. Er glaubt, 
daß es ursprünglich der Geruch war, der ihn anzog. Er suchte nach diesem 
Erlebnis, immer unter die Röcke der Dienstboten zu kriechen und an After 



"22 Psychoscxuellcr Infantilisinus. 

und Scheide zu riechen. Besonders beim Versteckenspiel war dieser Aufenthalt 
seine größte Freude. Da gab es Gelegenheit, unter die Hocke zu, kriechen. 

Im achten Jahre spielte er mit Mädchen Pferderl. Er trug ein Mädchen 
und wußte es so einzurichten, daß er hinfiel und dabei mit dem Gesichte 
unter ihren After kam. (Auch bei dem Versteckenspiel unter dem Bette 
arrangierte er es so, daß sein Kopf an den After kam.) Seit dieser Zeit 
spielt auch das Tragen der Frau eine große Rolle in seinen Phantasien km 
meisten reizt ihn ein ungewaschenes, schmutziges Weib. Je ursprünglicher 
ihre Ausdunstung ist, desto großer seine Erregung und sein Genuß Er hat 
bei Dirnen aüe Paraphilien versucht. Er steckt ein Stück Schokolade in den 
After oder in die Scheide und ißt es dann mit großer Begierde. Er leckt den 
Anus unmittelbar nach der Defäkation. Er hat wiederholt Urin getrunken. 
Er nimmt Bissen welche die Dirnen schon gekaut und eingespeichelt haben, 

LT:- A o U S- n? ren u ßr Mikti ° n Und der »Nation, das Zusehen 
durch ein Schlüsselloch machen ihm großes Vergnügen'. 

««* tm"!? SSh S 6r SlCh UaCh Reinheii m 18 Jahren uach seiaen beiden 

Ä m ?rfer te v md ßürdöU) verliebte * * ichi » ™ -Mädchen, 
das ihm wie eine Gottheit erschien. Er verdrängte eine Zeitlang alle myso- 

philen Phantasien und schwelgte in reiner Liebe. Die Episode ging bald 
vorüber und wiederholte sich nicht. 

Ich frage, ob er auch mit seinen Schwestern gespielt habe. Er hat eine 
um o Jahre jüngere Schwester. Im zehnten Lebensjahre" (sie war also vier) 
leckte er sie vorne und hinten, saugte an ihren Zehen und an den kleinen 
Prustwarzen. Der Vorfall soU sich nur dreimal wiederholt haben. Dann fühlte 
er Reue und gab das Spiel auf. 

Er kostete auch das eigene Sperma, hatte manchmal leichte sadistische 
Anwandlungen und versuchte auch Spiele mit mehreren Dirnen zugleich 
(1 luralismus). Er ließ sich zugleich Anilingus und FeUatio machen Be- 
sonders reizen ihn jüngere Mädchen und auch Kinder, wenn sie gut entwickelt 
sind und schöne Waden haben. 

■ ul T>3h i hat 6r iim6re Hemmmi g e n- In den meisten Fällen kommt es gar 
nicht zur Erektion, die bei der Onanie immer sehr kräftig ist. Er hat ein 
schlaffes oder halbsteifes Glied, die Ejakulation tritt oft in den ersten Se- 
kunden ein. Er versucht durch Koprolalie, der er sehr ergeben ist, sich auf- 
zustacheln. Er läßt sich Schweinereien erzählen, gebraucht die ordinärsten 
Ausdrucke, macht allerlei ekelhafte Paraphilien und bleibt unbefriedigt. 

Er gibt zu, daß er manchmal auf seine Paraphilien stolz isi. Er ist 
das größte Schwein der Wel^ Kein Mensch hat wie er den ganzen Kreis 
aller Paraphilien durchschritten. Aber er hat auch Tage und Stunden in 
denen er sich niedrig und gemein vorkommt. Wiederholt wollte er Hand an 
sich legen. 

Er ist sonst übertrieben reinlich und sauber, badet sehr fleißig, hält 
viel auf reine Wäsche, wäscht sich die Hände vor jeder Mahlzeit. Am liebsten 
würde er einer vornehmen Dame dienen, in ihrer Gewalt sein und auf ihren 
Befehl alles ausführen. Sieht er eine Frau auf der Gasse, die sich bückt oder 
das Gesäß auf andere Weise hervortreten läßt, so kann er von dieser Dame 
viele Stunden phantasieren und ihr Eindruck verfolgt ihn durch Jahre. Eigent- 



Analyse eines Falles von Mysophilie. 223 

lieh gruppieren sich alle Symptome um den Anilingus. Dieser bildet den 
Kernpunkt seiner Neurose. 

Er hat einen stereotypen Traum, der sieh 6ehr häufig wiederholt. Er 
ist in einem brennenden Hause und muß Hals über Kopf über eine brennende 
Stiege ins Freie. 

Das brennende Haus ist seine Seele. Er möchte aus seiner Haut heraus- 
kommen und seine Paraphilie loswerden. 

Ich habe schon erwähnt, daß er nie Befriedigung findet. Es gibt eben 
zwei Arten von Paraphilien. Bei der einen treibt es den Menschen zu einer 
bestimmten Form der Befriedigung, nachher ist er ruhig und mitunter glück- 
lich, bis ihn die Begierde wieder antreibt, das Spiel zu wiederholen. Unser 
Kranker kennt die Befriedigung nicht. Er fühlt sich auch nach jedem Akte von 
Begierde getrieben und sucht immer wieder etwas, was er nicht gefunden hat. 
Auch die Impotenz zeigt die inneren Hemmungen und das Fehlen des eigent- 
lichen Sexualzieles. Während des Aktes fühlt er — ein typisches Zeichen der 
Verdrängung — einen Druck im Kopfe. Oft hat er am Tage das Gefühl, als 
ob er im Traume wandeln würde. Die paraphilen Akte vollzieht er aucli in 
dem oft erwähnten Traumzustand. Oft erscheint ihm alles fremd und neu. 
Wiederholt wird er von melancholischen Stimmungen überfallen. Er führt 
eine Art Tagebuch, das mit Betrachtungen über sein unglückliches Leben 
angefüllt ist. 

Mit 25 Jahren verliebte er sich in ein Mädchen und wollte sich mit ihr 
verloben. Er fürchtete, sie unglücklich zu machen und brach alle Beziehungen 
ab. Diese Furcht war nur eine Rationalisierung seiner inneren Widerstände. 
Wir müssen annehmen, daß ihn etwas anderes anzieht und lockt. . . Auch 
eine Witwe wollte er heiraten. Mitunter hat er die Idee, er sollte eine ältere 
Frau heiraten. Sie würde keine solchen Ansprüche stellen und ihn glücklich 
machen. Er fürchtet angeblich, er könnte wegen seines zu dicken kurzen 
Gliedes keine Defloration durchführen. Er brauche eine weite Vagina. Auch 
wolle er keine kranken Kinder in die Welt setzen. 

Die Wahrheit ist: er will seine Mutter, mit der er jetzt lebt, nicht ver- 
lassen. Er behandelt sie und die Schwester elend. Er brüllt sie an, macht 
Szenen, wie alle Neurotiker, welche geheime Inzestwünsche haben, welche von 
den unglaublich behandelten Objekten nicht erfüllt werden. 

Angeblich will er bei seiner Mutter nie einen Beiz empfunden haben. 
Aber gedrängt gibt er zu, daß er ihr im zehnten Lebensjahre einmal die 
Schuhe anziehen mußte. Da sei ihm ein starker Geruch aus der Scheide 
entgegengeströmt, der ihm fast die Besinnung raubte. Das wäre das einzige 
Mal in seinem Leben gewesen. 

Er bringt das Gespräch auf seine femininen Eigenschaften. Er habe 
etwas Gynäkomastie, breites Becken und sehr geringe Behaarung an der 
Brust. Homosexuelle Gelüste hatte er nie. Angeblich nur Ekel. In die Enge 
gedrängt gibt er zu, mit Knaben allerlei getrieben zu haben. (Auch Fellatio!) 
Das sei zwischen 12 und 15 gewesen. Jetzt habe er keinerlei homosexuelle 
Phantasien, er fühle nur Ekel. In der Kindheit hatte er deutliche sadistische 
Anwandlungen. Er sah gerne zu, wenn Tiere geschlachtet wurden. Auch 
das Schlagen der Knaben machte ihm Freude. 



224 Psychosexueller Infantilismus. 



Er wurde viel von seinem Vater geschlagen und stand sein lebelang 
/u ihm in einem sehr schlechten Verhältnis. Er wünschte ihm den Tod, schon 
als er ein kiemer Enabe war. Als er älter war, glaubte er, sein Leiden wäre 
die Isolge einer erblichen Belastung. Er machte seinem Vater heftige Vor- 
wurfe ja er beschimpfte und verfluchte ihn. Er solle abfahren! Der Schlae 
solle ihn treffen! Das schleuderte er dem Vater ins Gesicht. Als der Vater 

Vorwurfe ahren ^ ^"^ ** ^"^ empfand Reue und mach te sich 
Er erinnert sich deutlich, daß er sich vorgenommen hatte, krank zu 
bleiben und nicht zu heiraten, nur um den Vater zu strafen. Er wußte, daß 
der Vater seine Verheiratung sehnlichst erwünschte. Oft fürchtete, er konnte 
ein Verbrechen begehen und oft wünschte er, den Vater dadurch zu strafet 
daß er dem Namen Schande machte. ■ w ' 

Er zeigt allerlei neurotische Zwangssymptome. Er hat die neurotische 
Kondition mit der Todesklausel. Wenn ich bis zum Mittag vier scTwanTere 
Frauen treffe wird die Mutter leben bleiben - war eS Forme? S 
einer Krankheit der Mutter. Solcher Orakel hat er zahllose, so daß alles a^ 
der Gasse zum Spiel und Orakel wird. . 

all* rw!?* dn 6M * bestimmter süßlicher Geruch, dem er nachläuft. Nicht 
alle Gerüche reizen ihn Manche Vagina riecht nach Heringslacke und da. 

ttonT T^ Er ^ diß FmUen in S0lche mit angenehmen und Z 
sShrrl Ti 1 Z' *»"??*« er ™ Mädchen, das diesen bestimmten 
mißlichen Geruch hatte In diese hätte er sich verlieben können. 

fKonro^nt\ F %?&* m J* b "> ibe *> ™d *war die gemeinsten Briefe. 
IKoprogiapnic.) Er tut es aus Feigheit nicht 1 ) 

Ei- ist ein ewiger Sucher". Wie alle Unbefriedigten, die einem Re - 
heimen fiktiven" Ziele nachlaufen, führt er besonders auf der Straß™ d. 
S^JJflÜSü H T ^NichtfndeiiB auf, Er kommt in eine Gioßstadt 
mit dem Gefühl:- Heute wirst du etwas Niedagewesenes, das Große da. 
Wunderbar erleben. Er läuft den ganzen Abend herum. Er sieht schön, 
Frauen und Madchen Aber je mehr sie ihn reizen, desto schwächer erscheint 
seme Aggrcss.onskraft. Er nähert sich ihnen nicht. Er hat eine unerklärfiche 
Scheu. Er rennt dann in Cafes, in Gasthäuser, in Weinstuben. Es kann vor 

SSWW T, 12Stu fr W* und des Morgens todmMe Ä 

kommt. Er geht in solchen Zeiten nicht einmal ins Bordell. 

TT- „ih^ Sei ? Neurose eine unbewußte Homosexualität? Wer ist das Objekt' 
Er gibt zu, daß er mit 16 Jahren sich das Glied eines Kommis hat zLea ' 
lassen und auch sein eigenes Glied zeigte. Er glaubt, er hätte damals kein, 
Erektion gehabt. Er glaubt! Er erinnert sich an die Szene wie im Nebel 
Er glaubt, e r wäre vorher bei Dirnen gewesen, habe sich seines kurzen, hypo- 

•■) Die Koprographie ist eine in der Großstadt ungeheuer verbreitete Paraphilie 
Ich bes.tzo eine Sammlung solcher Briefe. Es ist fast unmöglich, ihren Inhalt wieder- 
zugeben. Der Mensch zeigt sich auf der niedersten Stufe, die Ausdrücke sind immer 
der bprache der Dirnen und der Hefe des Volkes entnommen. Ich kenne sehr fein. 
Madchen", welche durch Jahre eine solche Korrespondenz führten. Oft ist es die einzig« 
Art^ w.e die Paraphilie ausgelebt wird. Mitunter Enden sich die absonderlichsten 
Partner zu gemeinsamer Ausübung ihrer verrückton Phantasien zusammen. 






Analyse eiues Falles von Mysophilie. 225 

spadischen Gliedes geschämt und wollte sich nun überzeugen, wie ein echtes 
gesundes normales Glied aussieht, da die Dirnen ihm sagten, er sei abnorm 

gebaut. 

„Dann kann es nicht stimmen, daß Sie damals 16 Jahre alt waren! 
Sie waren mit 18 Jahren das erste Mal im Bordell." 

„Dann habe ich mich geirrt. Ich werde 19 Jahre alt gewesen sein." 

Wir sehen, wie er sich bestrebt, seine homosexuellen Episoden zurück- 
zudatieren. 

Sein nächster Einfall ist: „Wissen Sie, daß ich meiner Mutter und meinem 
Bruder mitgeteilt habe, daß ich Masochist bin. Einem Menschen muß man 

sich doch anvertrauen." 

Nun kommt das Thema auf den Bruder. Als der Bruder ihn und die 
Mutter mit der Nachricht überraschte, daß er sich verlobt habe, wurde er 
melancholisch. Er weinte mehrere Tage. Er glaubt, weil er den Bruder be- 
neidete. Wir müssen annehmen, daß es gekränkte Liebe war, welche ihm die 
Tränen erpreßte. Er ist ein Familiensklave. Er lebt nur für die Familie. 
Der Bruder sei ein Egoist. .. . . 

Er kann bei keinem offenen Fenster stehen. Er hat Angst in die Tiefe 
zu stürzen. Er könnte sich hinunterwerfen. Er kann leicht von Schwindel 
befallen werden, wie alle Menschen, die ein doppeltes Denken haben und geistig 
in einen Abgrund versinken. 

Er träumte: 

Ich war in einer Vorstellung. Es war ein größerer Saal. Da trat 
also ein Clown auf, ein kleiner Clown mit 2 Damen, gewissermaßen eine 
Szene, um auszufüllen. Er hat in der Art wie die dummen Auguste sich 
belustigt, sich bewußt dumm und blöd gestellt. Dabei mit einer gewissen 
Wichtigtuerei gefragt: Können sie mir sagen, wie ... das und das? — 
Ich weiß nicht, was er da gesagt hat. (Wie das und das riecht?) Die zwei 
Damen haben sich — wie das in solchen Fällen ist — dumm gestellt und 
wollten es nicht wissen und haben immer verneint. Mir kam die Sache 
sehr blöd vor. Weil er auch beim Fragen zwischen die Füße an das 
Genitale griff und so das Riechen markierte. Ich habe diese Zote und An- 
spielung gleich bemerkt und hatte so das Gefühl, als würde das Publikum 
das nicht verstehen, auf was das hinauslaufen soll. Was er wollte, weiß 
ich dann nicht. — Eine zweite Frage — ich erwachte. 
Er wird aufgefordert, zum Traum Einfälle zu sagen. Es fällt ihm nur 
ein, daß er gestern in einem Kabaret war. Zu den beiden Damen will ihm nur 
einfallen, daß sie im mittleren Alter waren, nicht zu jung, nicht zu alt und 
weiße Kleider an hatten. Er wird aufgefordert, zwei Namen zu sagen. 
Er nennt die Vornamen: Berta und Susanne. 
• Berta ist eine Kusine, die ihn seit der Kindheit sehr gefesselt hatte. Er 
dachte oft daran, sie zu heiraten. Wenn er ihr die Hand küßte, hatte er stets 
eine wollüstige Empfindung. Er kam öfters in ihr Haus. Er suchte ihre 
Wäsche zu erhaschen und steckte oft den Kopf in ihr Bett. Einmal warf sie 
beim Spiel ihr Bettzeug über seinen Kopf. Dabei hatte er eine Pollution. Er 
guckte oft durch das Schlüsselloch, um sie beim Aus- und Ankleiden zu beob- 
achten Sie schlief im benachbarten Zimmer. Er schlich sich einmal bei Nacht 
in ihr Zimmer, unter dem Vorwande, daß er das Licht abdrehen wollte oder 

Stekel, Störungen des Trieb- nnd Affektlebens. V. 15 



220 Psychosexueller Infantilismus. 

geglaubt habe, daß es brenne. Er fand sie etwas entblößt, der Hinterteil war 
Backt und ihm zugewandt. Sie schlief. Er wollte sich auf sie stürzen. Aber 
seine Aggressionskraft war gelähmt, wie immer, wenn er etwas ausführen 
wollte. 

Sie -heiratete dann, aber seine Neigung zu ihr blieb immer bestehen. 
In jeder Stadt hat er eine Art Harem. Er kennt gewisse Mädchen, die ihn 
reizen und in seinen Phantasien die Rolle der Liebesobjekte spielen. Er sieht 
sie in verschiedenen Positionen. Der Reigen zieht an seinen Augen vorüber; 
Eine nach der anderen. 

Es ist, als ob sie alle eine andere Person ersetzen sollten. Welche? Er 
weiß es nicht. 

Er wird gefragt, ob er eine Susanne kennt. Ja! Es ist die Schwester 
seines Schwagers und auch eines seiner Objekte. Auch bei ihr fühlt er beim 
Handkuß starke Libido. 

Die Überraschung kommt, als ich frage, wie seine Schwestern heißen 
Jir zögert einige Sekunden und dann sagt er: Berta und Susanne. 

?r war den ganzen Tag müde und schläfrig. Er legt sich bei Tag zu 

?' 4\ etWaS vei '8 essen und nicht sehen. Er flüchtet in seinen Schlaf 

um der Wahrheit zu entgehen. Ich mache ihn auf den Traum aufmerksam' 

Ich erklare, ihm, daß er der Clown ist, der sich eine Komödie vorspielt. Er 

tauscht sich und mich und will die Wahrheit nicht sehen. 

Er träumte: 

Ich bin im Kaffeehaus gewesen (Habsburg?) und habe Weiber ge- 
sucht und war sehr wählerisch. Ich habe lange herumgesucht. Ich bin 
dann von dort m verschiedene Kaffeehäuser gegangen. Ich weiß nicht, 
ob ich ein Weib gefunden habe. 

c- u W £ Se m en hl diesem -Traume wieder das für ihn charakteristische 
buchen. Zum Traume bringt er keinen Einfall. Aber er ergeht sich in Schilde- 
rungen seines Unglückes. Er kann keine Rede halten. Er ist immer verlegen 
und furchtet, daß man ihm sein Leiden ansieht. Er hat keine Geduld ein 
Buch zu lesen. Er sieht in den Auslagen Bücher und kauft massenhaft ein 
Aber er durchblättert sie nur, ohne sich in sie vertiefen zu können. (Er spielt 
mit den Büchern wieder das Suchen nach dem einen Buch.) Er ist in vielen 
Belangen noch ein Kind geblieben. Er wurde Handelsschüler aus Freude eine 
bunte Kappe tragen zu können. Die Uniform als Freiwilliger machte' ihm 
eine närrische Freude. Er ist immer in ängstlicher Erwartung Etwas Be- 
sonderes wird eintreten, ein Wunder, das sein Leben ändern wird. Oft fällt 
ihm ein, wenn er vom Hause fort ist: „Was ist jetzt mit deiner Mutter? Ist 
sie vielleicht gestorben?" 

Nur die Musik macht ihm Freude. (Weil er dabei am besten träumen 
und seinen Phantasien nachhängen kann.) Er wollte auch Kapellmeister- 
werden, hätte sich am liebsten für Musik ausgebildet. In Wirklichkeit kann 
er nur ein wenig Klavierspielen. 

In Konzerten hatte er früher eine merkwürdige Erscheinung. Er hörte 
einen großen Künstler. Plötzlich sah er ihn zu Hause ganz nackt. Er sah 
ihn urinieren und spielte mit seinem Gliede. . . . 

Er hat eine große Reiseleidenschaft. Er möchte immer reisen. Auf der 
Reise ist er sehr aufgeregt und sucht wieder das Wunder und die Erfüllung 



Analyse eines Falles von Mysophilie. 227 

seiner geheimen Sehnsucht. Er sehnt sich auch nach einer reinen Liebe und 
nach einem Zustand, in dem alle seine Paraphilien von ihm abgefallen sind. 

Er litt in der Jugend an schweren melancholischen Zuständen. Er ist 
heute sehr schweigsam und kann nichts reden. Es fällt ihm nichts ein. Ich 
merke, daß die Übertragung eingesetzt hat. 

Unter hartnäckigen Widerständen gibt er zu, daß er sich gestern mit 
meinem Liebesleben beschäftigt hat. Offenbar möchte er mit mir dasselbe 
tun, was er mit den großen Künstlern erträumt hat. Er bestreitet das heftig, 
aber gesteht zögernd, daß ihn der Penis eines jeden fremden Mannes interessiert. 
Beim Fußballspiel tragen die Spieler enge Hosen, so daß man ihr Genitale 
sieht. Er muß hinblicken und fragt sieh, warum sich diese Männer nicht 
schämen. Im Geiste vergleicht er die fremden Glieder mit seinem eigenen. 
Es handelt sich um verdrängte homosexuelle Regungen, die er jetzt prompt 
auf den Arzt überträgt. 



Er träumt: 

Die Mutter und die Schwester wollten wegfahren. Ich glaube, so 
zur Behandlung der Schwester. Wie sie sich irgendwo bei Bekannten 
verabschieden wollen, wird ihnen auf der Straße die Mitteilung gemacht, 
daß eine weitläufig Verwandte in einem Sanatorium gestorben ist. Ich 
ging zufällig vorbei und hörte von dieser Mitteilung. Jetzt schien mir 
die Abreise in Frage gestellt. Es sind da Vorwürfe gefallen gegen irgend 
jemanden, daß man sie nicht hätte dorthin bringen sollen. Sie war schein- 
bar ganz gesund und man hatte sie vor ein paar Tagen erst gesprochen. 
Dunkle Ahnung, als wäre der Binder da. Frage: Als ob er seine 
Schwiegermutter in ein Sanatorium hätte bringen wollen. 

Abrisse aus einem früheren Traume: 

Ich sollte abreisen .... Ich war in Wien .... Konzert? .... 
Die Tochter von Dv.Stekel ist aufgetreten als Pianistin und ich sollte 
Violin spielen. Ich habe aber nicht gespielt, es hat ein anderer gespielt. 
Oder war es nur eine Probe? Dr. St ekel war auch dabei. Ich machte die 
Bemerkung, daß etwas falsch sei. Dr. Stekel hat falsch hineingespielt. 
Etwas sträubte sich das Fräulein, dann spielte sie es doch und ich war 
darüber sehr erfreut. Der homosexuelle Herr N. stand auch dabei und das 
Sträuben seiner Tochter (der Tochter des Arztes) hing damit zusammen, 
daß der Herr N. verraten werden könnte. 

Wir besprechen zuerst den zweiten Traum, die „Abreise". Sein Wunsch 
ist in diesem Traum erfüllt. Er ist ein Künstler. Er tritt öffentlich auf. Er 
ist Mitglied meiner Familie. Daran erkennt man, daß er auf mich überträgt 
und sich in seinen Phantasien mit mir beschäftigt. Mit Herrn N. machte er 
vor einigen Jahren Bekanntschaft. N. klagte ihm, daß er homosexuell sei und 
er riet ihm, zu mir zu gehen und sich behandeln zu lassen. Ich werde aber 
in dem Traum entwertet. Ich spiele falsch hinein. Ich verrate die Geheim- 
nisse meiner Patienten. Er sucht alle möglichen Vorwände, um der Analyse 
zu entgehen. Die homosexuelle Beziehung zu mir ist ziemlich durchsichtig. 
Er will mit meiner Tochter spielen, natürlich auch zweideutig. Der Traum 
wird verständlich, wenn man weiß, daß meine Tochter meine weibliche 
Komponente und Herr N. seine homosexuelle darstellen. 

15* 



228 I'sychosexueller Infantilismus. 

Etwa« komplizierter ist der erste Traum. Er läßt Mutter und 
Schwester abfahren. Das heißt in der Sprache des Traumes, er läßt sie sterben. 
Die Verwandte, die im Sanatorium gestorben ist, ist eine symbolische Dar- 
stellung seiner Neurose. Er hätte nicht zu mir kommen sollen. Nun wird 
seine Neurose sterben. Es zeigt sich der Wille zur Krankheit. Er muß sich 
von Mutter und Schwester lösen, wenn er gesund werden soll. Er muß sie 
seelisch sterben lassen. Das ist jetzt überflüssig. Er hat die Kur bei mir 
abgebrochen. 

Es handelt sich um seine jüngere Schwester, die mit ihm die Wohnung 
teilt. Er hat mit ihr nie etwas ausgeführt, aber es offenbar gewünscht. Und 
wir wissen, wie gewaltig solche „unerfüllte Wünsche" das Seelenleben de- 
terminieren können. Er behandelt sie sehr schlecht. Wie in allen ähnlichen 
Fällen errichtet er einen automatischen Selbstschutz gegen Zärtlichkeiten, 
indem er immer mit ihr streitet, ihr Vorwürfe macht und immer wieder kon- 
statiert, daß sie nicht sein sexueller Typ ist. Es sind das Vorwürfe und Kunst- 
griffe, die dazu dienen, um die Wahrheit vor sich selbst zu verschleiern. 

Er erinnert sich, daß er um das 14. Jahr eine sehr fromme Periode 
hatte. Er betete und wollte Geistlicher werden. Damals scheint die Ver- 
drängung aller Inzestregungen eingesetzt zu haben. Die Schwiegermutter im 
Traume ist eine alte Frau, die momentan in seiner Wohnung weilt. Irgendwie 
zeigen sich Beziehungen zu seinem Bruder, die wir längst geahnt haben, die 
aber bisher nicht bestätigt weiden konnten. 

Langsam geht er auf das Thema der Homosexualität ein. Wenn er 
auf der Gasse hinter einem Mann geht, beginnt er Stellen aus Opern zu pfeifen 
und wartet gespannt, ob der Herr ihn fragen wird, was das für eine Melodie 
ist. Er benimmt sich wie ein Vogel, der den Partner anlocken will. • Dann 
gibt er an, daß ihm hier und da Burschen sehr gefallen. So sah er auf dem 
Bahnhof in B. einen Jungen, der wunderschöne Waden hatte. Sofort aber 
denkt er, es sind Waden wie bei einem Mädchen und wird sexuell erregt. Er 
transponiert seine homosexuelle Regung ins Heterosexuelle. 

Es reizen ihn am meisten das Bein und die Gegend des Knies. Sowohl 
die Kniekehle als auch das vordere Knie sind für ihn erogene Zonen ersten 
Ranges. 

Die homosexuellen Regungen wurden stärker nach einer Gonorrhoe. Er 
glaubt, daß er nach der Gonorrhoe einen Ekel vor den Weibern hatte und die 
Infektion fürchtete. Aber die Verschlimmerung kam — und das weiß er 
nicht — nach einer länger fortgesetzten Prostatamassage. Massagen der 
Prostata sind gewöhnlich sehr gefährlich und können zu Störungen der 
Potenz führen. ■ 

So war es auch bei ihm. Er hatte nie sehr kräftige Erektionen bei 
Frauen, immer nur des Morgens im Bette. Er onaniert aber am liebsten mit 
einem halbsteifen Gliede. Wird das Glied während des Onanierens steif so 
wartet er, bis die Erektion nachläßt. Er bevorzugt den infantilen Tvpus 'der 
Befriedigung. . 

Besonders erregt ihn das Bein. Schöne durchbrochene Strümpfe können 
ihn entzücken und sehr aufregen. Er hat jetzt in seinem Geschäfte ein junges, 
strammes Ladenmädchen. Wenn sie auf die Leiter steigt, so daß er das Bein 






Analyse eines Falles von Mysophilie. 229 

über die Kniekehle hinaus sehen kann, so muß er auf den Abort laufen und 
onanieren, um sich zu beruhigen. 

Seine Phantasie beschäftigt sich viel mit Frauen, die mit ihm sehr viel 
Geduld haben. Geduld ist die Liebesbedingung für diesen infantilen Menschen. 
Bei Licht wird er scheu. Er macht seine Akte am liebsten im Dunkeln. Auch 
reizen ihn speziell braune Strümpfe, während schwarze ihn kalt lassen. Es 
handelt sich um Erinnerungsbilder aus der frühesten Jugend. 



Er träumte: 

Ich habe geschlafen. In dem Momente, wie ich aufkam, saß ein 
Weib auf meinem Gesicht und zwar mit dem Gesichte mir zugewendet. 
Sie schaute auf mich halb lächelnd und halb triumphierend. Sie war in 
der Statin- nach meinem Geschmack, stark gebaut, mittleren Alters, groß 
— nur eines störte mich, daß sie einen zu starken Bauch und zu viel 
Haare am Geschlechtsteil hatte. Die Farbe dieser Haare war schwarz. 
Sie stand dann auf und ging im Zimmer umher und dabei fühlte sie sich 
rückwärts am Popo und bemerkte im Tasten, daß sie ein Wimmerl oder 
so etwas haben müßte. Ich habe ihr dann gesagt, sie solle es mir zeigen, 
wobei ich sie — ich lag noch immer im Bett — indem ich den Kopf 
seitwärts neigte, herunterzog, so daß sie auf mir zu .sitzen kam. Sie stand 
dann auf. Wir haben uns unterhalten. Ich glaube, wir haben von der 
Ehe gesprochen, dann über ihre Neigungen. Ich sagte: In der Ehe kann 
man solche Sachen nicht machen. Sie hat das so aufgefaßt, als hätte ich 
ihr Anspielungen machen wollen, als ob sie mich nicht heiraten wollte. 
Das sagte mir nicht zu. 

Ich wohnte in A bei der Familie, bei der ich als Mittelschüler 
mit meinen damaligen Studienkollegen wohnte. Das Zimmer war genau 
so eingerichtet wie damals, auch unsere Anordnung war die gleiche. Als 
ich nach Hause kam, schlief einer der beiden bereits. Ich wälzte mich dann 
sehr lange im Bette herum und .dachte bei mir: Ich hätte lieber in das 
Hotel schlafen gehen sollen, um ungestört zu sein. Währenddessen kam 
der dritte nach Hause. 

Zuerst bringt er die Einfälle zum zweiten Traum. Er wohnte mit 
2 Kollegen in einem Zimmer. Zu einem faßte er eine starke. Neigung. Er 
war damals 16 Jahre alt. Er benutzte oft die Gelegenheit, den Kopf in seine 
Hosen zu stecken — wenn er unbeachtet war — und daran zu riechen. So 
kommen langsam die homosexuellen Einstellungen hervor, die er. in den 
ersten Stunden hartnäckig bestritten hatte. 

Viel wichtiger sind die Einfälle zu dem ersten Traum. Die Frau, die 
auf ihm saß, erinnert ihn an eine Dirne und — an seine Mutter. Sie ist stark, 
wie die Frau des Traumes, schwarz, hat einen großen Bauch. 

Er beobachtete die Schwangerschaften seiner Mutter mit großem Inter- 
esse. Bei der letzten Schwangerschaft war er 14 Jahre alt. Als er das Wachs- 
tum des Bauches merkte, sagte er es seinem Bruder und schimpfte weidlich : 
„Es ist eine arge Schweinerei vom Vater, daß er die arme Mutter wieder in 
die Hoffnung bringt." Aber auch die früheren Schwangerschaften scheinen 
ihm einen großen Eindruck hinterlassen zu haben. Er ekelt sich jetzt vor 
Schwangeren und fürchtet, sie könnten einen schlechten Geruch haben. 



230 



Psychosexuellcr Infautilismus. 



Wichtige Einfälle bringt er zum „Wimmerl am Popo"". E6 ist ihm 
erinnerlich, daß er ein Wimmerl an der ominösen Stelle hatte und daß ihm 
die Mutter streichelte, darauf blies und küßte. Das war, als er ganz klein 
war. Plötzlich fällt ihm eine Szene ein. Er sieht, wie eine Frau ein kleines 
Kind herzt und auf den Popo küßt. Er weiß jetzt, daß seine Mutter diese 
Gewohnheit hatte. Er hat es bei den Geschwistern bemerkt. Es ist ihm jetzt, 
als ob er als Kind von der Mutter ins Bett genommen und geherzt worden 
wäre. Sie schupfte ihn in die Höhe und Ließ i li n mit de m 
Popo auf ihr Gesicht fallen und küßte ihn. 

Jetzt erklärt sich sein Verlangen, eine Frau möge sich auf sein Gesicht 
setzen. Er spielt die alte Szene mit vertauschten Rollen. Die Frau wird das 
Kind, während er sich mit der Mutter identifiziert. 

Er hat ein eigenes Verhältnis zu Kindern. Er kann mit ihnen nicht 
spielen. Er kann sie nicht in die Hände nehmen. Eine Stimme sagt ihm: 
„Das sollst du nicht! Du hast nicht das reine Gefühl! Du könntest dem Kinde 
schaden!" Offenbar lebt in ihm die Erinnerung an die Zärtlichkeit der Mutter 
und das Verlangen, mit den Kindern die gleiche Szene aufzuführen. 

Deshalb fürchtet er zu heiraten. Er darf keine Kinder haben. Er könnte 
sie krank machen, wie er krank geworden ist. 

Andrerseits zeigt dieser Fall auch einige Mechanismen, die sich auf den 
Kampf der Geschlechter beziehen (Adler). Das Weib ist im Traume oben und 
triumphiert. Es spricht von der Ehe. Er bestätigt mir, daß er sich vor der 
Ehe fürchtet. Was würde seine Frau sagen, wenn er diese Paraphilien aus- 
führen würde? Wie könnte er der Herr im Hause bleiben. Er will nicht ein 
Pantoffelmann sein. Er sah im Hause fürchterliche Szenen zwischen den Eltern. 
Die Mutter war die stärkere. Er muß sich schon in der Kindheit vorgenommen 
haben, sich keinem Weibe zu unterwerfen. Und trotzdem lebt in seiner Seele 
der Wunsch, sich jedem Weibe zu unterwerfen. Wie alle seine Regungen, 
so ist auch diese ausgesprochen bipolar. Neben dem Willen zur Macht steht 
sein Wille zur Unterwerfung. Und er hält an seiner Paraphilie fest, um nicht, 
der Sklave der Frauen zu werden. Ja, bei Dirnen kann er sich unterwerfen, 
sie lecken und ihr Sklave sein. Aber in seinem Hause will er der Herr sein! 



Er zeigt noch eine Reihe von lnfantilismon, die ich nicht erwähnt habe. 
Er saugt vor dem Einschlafen am Polsterzipf und nimmt einen Polster zwischen 
die Füße (S. 73). Er möchte am liebsten- noch Milch von der Amme trinken. 
Er las eine Novelle von Maupassant. Eine junge Frau leidet während einer 
Eisenbahnfahil an ihrem Milchübernuß. Ein mitleidiger Mitreisender befreit 
sie von ihren Beschwerden. Er trinkt die Milch aus. Diese Szene stellt er 
sich oft vor. Er ist auch eine? der ewigen Säuglinge, wie ich sie in diesem 
Buche wiederholt geschildert habe. Wir erinnern uns auch, daß er die jüngere 
Schwester wiederholt an den Brustwarzen gesogen hatte. Auch bei Dirnen 
und anderen Beziehungen pflegt er gerne diese Art von Liebkosung ein- 
zuschieben. 

Er denkt plötzlich an seine erste Erinnerung: Das kleine Mädchen, das 
sich auf sein Gesicht setzt. Es handelt sich um eine Deckerinnerung (Freud). 
Dahinter verbirgt sich die Erinnerung, wie er von der Mutter auf ihr Gesicht 
gesetzt wurde. Er hat immer geglaubt, daß dieser Vorfall seine Geschmacks- 
richtung determiniert hat. Wie wir sehen, hat er recht. Aber nicht dieser 






Analyse eines Falles von Mysophilie. 2ol 

Vorfall, der überhaupt zweifelhaft ist, sondern die Begebenheiten mit der 
Mutter, deren Leidenschaft es war, die Kinder auf den Popo zu küssen. , . . 

Vor dem Einschlafen pflegt er den Polster unter den Ann zu stecken 
und ihn zu drücken, als wenn er einen Menschen umarmen würde. Er glaubte 
auch eine Zeitlang an die Allmacht seiner Gedanken. Er war ein Zauberer. 
Er brauchte nur die Hand in die Tasche zu stecken und sein Wunsch ging in 
Erfüllung. Meistens handelte es sich um das Leben seiner Nächsten, das er 
durch Zauberei retten konnte. 

Er ist sehr leicht erregbar. Oft stört ihn das Ticken einer Uhr, so daß 
er das Zimmer verlassen muß. (Die Sprache seines Gewissens?) 

Er ist in sich verliebt. Er bewundert gerne seinen Körper, besonders 
im Bade, freut sich seiner schönen Formen. Seine Kitzlichkeit ist enorm. 
Er konnte nicht massiert werden, weil die Massage ihn kitzelte. (Verstärkte 
Hautsexualität.) 

Alle Liebesbeziehungen brach er bisher ab, weil ihn, die betreffenden 
Objekte nur physisch gereizt hatten. Er sucht aber auch eine seelische Liebe. 
Es scheint, daß auch die Tendenz besteht, alle Liebesobjekte zu entwerten 
und dadurch vor der Entscheidung zu fliehen. ■ Er sollte mit einem Mädchen 
verlobt werden. Er forderte die Mutter und den Bruder auf, sich das Mädchen 
anzusehen. Die Mutter hatte bisher noch immer gegen- jedes Mädchen etwas 
einzuwenden gehabt, das ihm gefallen hatte. So auch bei diesem Mädchen. 
Sie bemerkte, daß die Auserwählte „ausgetretene Absätze" hatte. Aus diesem _ 
Symptom schloß er, daß sie eine „Schlampen" sein müsse und gab seinen 
Plan auf. 

Er fühlt sich in der Nähe der Mutter gebunden und unfrei. Die Mutter 
fährt jedes Jahr ins Bad. In dieser Zeit ist er freier und selbstbewußter. 
Trotzdem zittert er um die Mutter und zittert davor, die Mutter zu verlieren. 
Seine Angst vor der Ehe stammt zum Teil aus dieser Quelle. 

Er bringt einen langen Traum, der von großer Bedeutung ist: 

Es kam ein junger Mann ins Geschäft, ich glaube es war ein Kellner, 
und suchte ein weißes Hemd mit einer gestreiften Brust in der Weite 41. 
Nach längerem Suchen ging er ohne - gekauft zu haben, weg, da das ge- 
wünschte Muster in der Weite 41 nicht da war. Ich bemerkte dies und 
stellte die Verkäuferin sowie den Verkäufer zur Rede, indem ich darauf 
hinwies, daß man auch bei der Weite 40 hätte nachschauen können, ob ein 
solches Hemd da ist. Ich überzeugte mich selbst am Lager davon, daß es in 
der Weite 40 da war. Hierauf zankte ich mit den Angestellten und sagte 
ihnen, daß ich mich auf sie bisher verlassen habe, daß sie die Kunden 
gewissenhaft bedienen; wenn man der Kunde dieses 40er Hemd gezeigt 
hätte, so hätte er dies sicher auch genommen. Die Angestellten fühlten 
sichtlich ihr begangenes Unrecht. 

Wir richteten ein neues Büro ein; der Schwager hatte spezielle 
Wünsche, die mir nicht alle paßten. Es hat sich, nachdem ich mich trotzdem 
den Wünschen gefügt habe, nach Fertigstellung mancher Fehler heraus- 
gestellt, insbesondere störte mich eine groß angelegte Wendeltreppe, die 
gerade über meinen Schreibtisch hinwegging. Auch war daö ganze Büro 
für unsere Verhältnisse viel zu groß und kompliziert. 

Der Schwager reiste indessen nach Graz und meine Mutter und 
Schwester und ich, wir reisten einige Tage darauf ebenfalls dorthin. Die 



232 Psych osexneller [nfaritilismÖB. 

Reiße schien mit dem Mißlingen des Büros zusammenzuhängen. Wir fuhren 
gegen 1 Uhr mittags weg (Muttef und Schwester fuhren in einem anderen 
Kupee) ; ich traf in meinem Kupee 2 bekannte Herren meines Heimatsortes 
(2 Junggesellen) und im Gespräch sagten mir dieselben auf meine Frage, 
daß wir bis 6 Uhr früh des nächsten Morgens fahren werden, daß es nur 
einen einzigen Zug, u. zw. diesen Personenzug gebe. Ich fürchtete die 
kommende lange Nacht, weil ich einiges Geld bei mir hatte. Von der 
Fahrt selbst weiß ich nichts, kann mich nur an eine - Landschaft erinnern, 
daß wir an einem sehr breiten Fluß vorüberfuhren. Die übrige Fahrtdauer 
dürfte ich geschlafen haben. Zu meiner Überraschung kamen wir statt 
früh bereits am Abend an. Wir gingen (Mutter, Schwester und ich) sofort 
ins Theater zu „Carmen". Das Theater bestand nur aus einem Tanzsaal 
(dabei sah ich einen bestimmten Saal meines Heimatsortes). Ich hatte eine 
sogenannte Loge Nr. 5 (Mutter und Schwester hatten andere Plätze). Beim 
Eintreten der Mutter in den Saal ärgerte sich diese über den Tischler, weil 
er etwas besonders teuer berechnet hatte; es war mir peinlich, daß die 
Mutter öffentlich ihrem Unwillen Ausdruck gab; Anlaß waren' auch die 
teuren Plätze im Theater. Nach kurzem Warten begann die Ouvertüre, 
jedoch mitten drin und nach einigen Takten trat der Tenor auf die Szene! 
Während seines Gesanges (der ganz gut war), gingen durch den Saal in 
den Hintergrund, von wo der Tenor herkam, Artisten eines ganz in der 
Nähe befindlichen Zirkusses, auch Pferde wurden durchgeführt. Die An- 
ordnung der Sitze, die Lage der Bühne und die Aufstellung der Musik war 
eine ganz außergewöhnliche, gar nicht einem Theater ähnlich. 

Wir gingen dann weg (darüber weiß ich nichts näheres) und trafen 
dann wieder die beiden Herren meines Heimatsortes. Da erzählte mir der 
eine, daß ein Expreßzug mit nur 1. Wagenklasse fährt, der um 3 Uhr 
nachmittags wegfährt und wir bereits um 9 Uhr abends zu Hause wären 
Der Zug geht nur an bestimmten Tagen. Ich sträubte mich anfangs, diesen 
Zug zu benützen, weil die Fahrt sehr kostspielig wäre, wunderte mich dann 
allerdings, daß der eine Herr, der gar nicht wohlhabend ist (er ist 
Beamter), auch diesen Zug benützt. Ich erklärte mich dann auch bereit, 
mit dem Zuge zu fahren. Ich kam sodann auf Schluß. 

. Versuchen wir an Hand dieses Traumes etwas tiefer in die Probleme 
seiner Paraphilic einzudringen. Die erste Episode mit dem Einkauf der 
Hemden rührt an seinem wichtigsten Komplex. Er fürchtet mit seinem großen 
Penis bei der Defloration Hindernisse zu finden. Er wird nicht hineingehen ! 
Merken wir uns diesen starken Affekt: Mißverhältnis zwischen Vagina 
und Penis. Er wird sich bald erklären. Ein Arzt riet ihm Vaselin zu nehmen. 
Das will er nicht. Es ist ihm unappetitlich und ekelhaft. (So spricht der 
Mensch, der Kot und Speichel ißt!) Er sucht eben Hindernisse. Er klebt an 
dem Bilde des Penis, der nicht hineingeht, 

•Woher kommen die Zahlen 40 und 41? Er hat sich gedacht: Mit 40 Jah- 
ren bist du schon ein alter Knabe. Dann kannst du nicht mehr heiraten. 
Höchstens mit 41. Das ist die Grenze. Deshalb kam er jetzt in meine Be- 
handlung. Es muß sich entscheiden. Er furchtet aber, wie wir gesehen haben, 
die Heirat. Er schützt Größe des Penis und Impotenz vor. Er ist gar nicht 
impotent. Vor einigen Monaten traf er auf einer Reise ein. Mädchen, mit dem 
er dreimal in einer Nacht mit bester Potenz verkehrte. Er war aber gar nicht 
zufrieden und dachte, es wäre Zufall. Gestern war er auch mit einem Mädchen 



i 



Analyse eines Falles von Mjsophilie. 2'6'd 

beisammen und hatte eine außerordentlich starke Erektion. Er machte es 
aber wie beim Onanieren. Er wartete so lange, bis die Erektion schwächer 
wurde, um dann den schwach potenten Mann zu spielen. Er wird Junggeselle 
bleiben wie die zwei Herren, die am Schlüsse des Traumes auftauchen. Die 
Vorwürfe, die er den Angestellten seines Geschäftes macht, gehen an seine 
eigene Adresse. Er macht sich Vorwürfe, daß er sich den Einkauf auf dem 
Liebesmarkte so erschwert. 

Dabei sehnt er sich nach einer kleinen Vagina. Denn er gesteht es heute, 
daß ihn eigentlich nur Kinder reizen. Er verwandelt sein großes Glied beim 
Onanieren durch Abwärtsbiegen in ein kleineres Kinderglied. Diese Neigung 
zu Kindern war so groß, daß er Angst bekam, er könnte sich einmal zu einem 
Verbrechen hinreißen lassen. Der große Penis, der nicht hineingeht, ist ein 
Schutz, um nicht mit Kindern zu beginnen. Er könnte sie zerreißen und tödlich 

verletzen. 

Nun gehen wir zum zweiten Teil des Traumes. Wieder sehen wir die 
Beziehungen von Groß und Klein. Sein neues Büro ist zu groß. Die Wendel- 
treppe (Vagina) ist zu groß angelegt. ... Es zeigen sich Differenzen mit 
seinem Schwager, der sein Kompagnon ist, den er beneidet, auf den er eifer- 
süchtig ist und mit dem es viel Streit gibt. 

Bedeutsamer ist die Beziehung zur Behandlung. In seinem Gehirne soll 
etwas geändert werden. Sein Büro soll neu eingerichtet werden. Ich' bin der 
Schwager. Er ist nicht zufrieden, daß er seine alten Einstellungen aufgeben 
soll, an denen er so hängt. Die Kur ist ihm zu kompliziert, ich mache viele 
Fehler, er fürchtet, ich könnte ihn von seinen Phantasien befreien. Der 
Schwager ist auch das Symbol seines alten Ego, seiner Neurose. 

Nun kommt der Teil, der von der Reise. nach Graz handelt. Er war 
gestern mit einer Dirne beisammen. Graz ist also die Fahrt in seine alten 
Laster, i6t die Fahrt in_die Bordelle und die Flucht vor der Ehe. Warum aber 
fährt er mit seiner Mutter und Schwester? Weil ihm seine Paraphilie gestattet, 
die Inzestphantasien beizubehalten. Bei .der Dirne ist er anfangs immer 
mächtig erregt, hat eine kräftige Erektion. Dann läßt sie nach, weil er in 
seiner Phantasie der Dirne die Mutter oder Schwester substituiert. Die 
Fahrt dauert, von 1 bis 6. Mit 60 Jahren ist sein Vater gestorben. Wird er 
länger leben? Er dachte immer nur: HO Jahre. Die Fahrt ist die Lebensfahrt. 
Vom ersten Lebensjahre bis zum 60sten. Er will aber seiner Neurose, seines 
Schatzes, seiner heimlichen Liebe (hier das Geld!) nicht beraubt werden. Er 
will krank bleiben. Er wird Junggeselle bleiben wie die 2 Herren, die sein 
Kupee teilen. Freilich am Schlüsse des Junggesellenlebens kommt das Allein- 
sein, der Mangel an K indem, die Fahrt durch das Dunkel der Nacht. Die 
nächste Szene (im Theater) ist eine Schmähung der Behandlung. Er sitzt so, 
daß er mich nicht sehen kann. Mein Hund kommt zeitweilig in mein Zimmer. 
(Pferde werden durchgeführt.) Mein Dienstmädchen kommt mit einer Meldung. 
Das alles stört ihn. Ich bin der Tenor. Er ist so -gnädig, mich herablassend 
zu loben. (Der Gesang war ganz gut.) 

Die Kur wird mit Expreßzug verlassen. Er will seine Neurose behalten, 
er. will Junggeselle bleiben s imd durch Keuschheit es zum höchsten möglichen 
Alter bringen. Er bestrebt sich immer, den Samen zurückzuhalten. Er dachte 
bei jedem Samenverlust, er verlöre einen Teil seines Lebens. Er glaubt, Jung- 
gesellen müßten länger leben. ... Er ist in den Dreißigern. Er kann ja 
noch immer 90 Jahre alt werden. (Fahrt von 3 bis 9 Uhr ? ) Er will reich sein. 
Er will sich jeden Luxus erlauben. (Erste Wagenklasse.) 



2M 



Psychosexueller Infantilismus. 



Wie ich ihn auffordere, sich auf den Traum zu konzentrieren, schwebt ihm 
immer das Bild vor, wie er im Kupee sitzt und plötzlich sagt er: 

„Ich habe mich immer für die Geburt interessiert. Ich habe mir oft die 
Frage vorgelegt, ob das Kind beim Passieren der mütterlichen Geschlechts- 
teile nicht eine Riech- und Geschmacksempfindung hat. Ich dachte mir. die 
Erinnerung daran muß- in mir lebendig sein. Ich habe auch das Gefühl,' daß 
ich beim Riechen eigentlich in das Weib hineinkriechen möchte. Ich wollte 
wieder ein kleines Kind sein und in den Mutterleib schlüpfen können." 

Diese Worte kamen spontan, ohne daß ich ihm etwas über den Mutterleib 
gesagt hatte. Nun machte ich ihm aufmerksam,- daß seine Vorstellung sein 
Penis sei zu groß um in die virginale Vagina zu kommen, eigentlich eine 
.Umdichtung ; seiner Mutterleibsphantasie sei. Der Penis als Symbol des ganzen 
Menschen! Das sieht er ein und gibt es zu. Er bestätigt durch eine Fülle 
von Einfallen das \ orhandensein der Mutterleibsphantasie. Er hatte oft 
gedacht: Das K lnd liegt eigentlich im Mutterleibe wie in einem Klosett und 
wird von btuhl und Urin umströmt. 

Er möchte wieder in die Mutter hineinkriechen Er 
mochte Wieder sein Leben neu beginnen. Er möchte ein 
Embryo sein und im Mutterleibe alles beobachten, was 
derVater macht. Das war s o i n e u r s p r ü n g 1 i c he P ha n t a s i e. 

Neue Aufklärungen bringt der nächste Traum: 

Die Monarchie war wieder aufgerichtet und Kaiser Karl kam zu 
einer Inspizierung in meinen Heimatsort. Das alte Reich ist wieder er- 
standen. Es war eine freudige Aufregung, daß die früheren Verhältnisse 
wieder zurückgekehrt sind. Es wurde die Volkshymne gespielt. Fahnen- 
schwenken. Herumlaufen von verschiedenen Beamten. Dann sah ich einen 
alteren Herrn, der von der Inspizierung ins Gefeindeamt zurückkehrte. 
An seinen Bewegungen sah ich, daß er wahrscheinlich seine Eindrücke der 
Inspizierung den Leuten mitteilte. Er imitierte scheinbar Bewegungen 
des Kaiser Franz Josef, einen alten müden gebückten Mann, zeigte aber 
dann, daß der neue Kaiser andere ist als der alte. Dann sagte er nachher - 
Der neue Kaiser ist ein anderer Mensch !...._ 

Es kommt nach einer Pause die Inspizierung, an der ich als be- 
teiligte Person ■ teilnahm. Ich glaube die ganze Handlung hat sich im 
Zuge abgespielt. Es kam ein mir bekannter Fabriksbesitzer aufs Tapet — 
mochte ich sagen — , der erzählte vom Kaiser. Er erkannte mich und ich 
reichte ihm die Hand. Das Warten hat sehr lange gedauert 
und die Sache ging nicht so in dem alten militärischen Kommisstil. Dieser 
Fabrikant, der etwas leidend war, erzählte mir indessen, daß er sich schon 
seit einigen Jahren nicht mehr in der Fabrik beschäftigt, er betreibe irgend 
eine Kunst, er widmetsich der Literatur (?). Er setzte sich dann auf einen 
Lehnstuhl und las eine Zeitung. Unterdessen war in dem Zug eine ge- 
wisse Bewegung unter den Menschen. Spannende Erwartung usw. 
(Ich habe mit dem einen Herrn und den übrigen Kameraden darüber ge- 
sprochen, daß es doch gut ist, daß wieder eine solche Zeit gekommen 
ist und daß man sich aus diesem monarchistischen Hokuspokus nichts 
..machen solle. Sie stimmten mir bei.) Während dieser langen Zeit des 
Wartens wechselte ich xmal meinen Kragen und die Kravatte (es war ein 
Zelluloidkragen,, den, ich sonst nie trage), ich gab ihn weg und zog ihn 



Analyse eines Falles yon Mysophilie. 235 

wieder an. Ich probierte mit der Kravatte, sie paßte zu dem Umlegkragen 
nicht. Nun entfernten sich aus. dem Waggon die meisten und gerade im 
kritischen Moment, es kam irgend jemand und sagte, daß der Kaiser Karl 
bald kommen wird, war beinahe niemand anwesend. Ich wurde darüber 
aufgeregt, weil es mir peinlich war. Ich weiß nicht, ob die Audienz und 
Inspizierung stattgefunden hat oder nicht. Ich sah ihn vor mir — es ist 
möglich, daß die Inspizierung war. 
Da hätten wir also den politischen Traum eines Demokraten, der plötz- 
lich über Nacht ein Monarchist wurde. Allerdings ist er mit den jetzigen 
Verhältnissen so unzufrieden, daß er es versteht, wenn die Leute sich wieder 
einen Kaiser wünschen. Es scheint, daß die Menschen und besonders die 
Neurotiker die „vaterlandslose Gesellschaft" (Federn) nicht vertragen können. 
Der ganze Traum zeigt seinen konservativen Charakter. Er sehnt sich nach 

seiner Krankheit, er sehnt sich nach seiner Jugend, er sehnt sich nach 

seinem Vater. In dem Traume bricht die alte Liebe zu seinem Vater wieder 
durch. Er hat wieder einen Kaiser. Er hat einen neuen Vater. Natürlich bin 
ich der neue Vater, während er sich über den alten A 7 ater ein wenig lustig 
macht. Auch der Eabriksbesitzer steht für meine Person. Ich bin freilich 
mehr Künstler als Arzt, impotent (nicht in der Fabrik beschäftigt). Ich sitze 
im Lehnstuhl- wie bei der Behandlung. Endlich soll es zu der erwünschten 
Inspizierung kommen. Was bedeutet diese Inspizierung? Daß er es sehnlichst 
wünscht, ich möge seinen Penis wieder ansehen. In der ersten Stunde, als er 
mir erklärt, er wäre abnorm, habe ich diese Inspizierung vorgenommen. Er 
wünscht eine Wiederholung. Kragen und Kravatte sind Penissymbole. Der 
steife Zelluloidkragen steht für den erigierten, die weiche Kravatte für den 
schlaffen Penis. Wir wissen, daß er abwechselnd mit steifem und schlaffem 
Gliede onaniert. Das ist im Traume symbolisiert durch die Kragenszene. 

Aber der Traum fordert uns auf, sich mit einer alten Monarchie, mit 
seinem alten Kaiser, seinem Vater zu beschäftigen. Und da strömt eine Menge 
vom neuen Material. Er wurde vom Vater oft geschlagen und fühlte sich sehr 
gedemütigt. Er hatte Angst. und Scheu vor dem Vater. Er betrachtete auch 
im Bade dessen Penis und zeigte das bekannte Phänomen des Penisneides. 
Aber er muß auch Lust empfunden haben, Denn es besteht bei ihm der Wunsch 
von einem Weibe geschlagen zu werden. 

Es scheint, daß die Schläge seines Vaters ihn sexuell erregt und einen 
dauernden Eindruck hinterlassen haben. Wenn er hört oder liest, daß ein Kind 
geschlagen wird, fühlt er eine sexuelle Erregung. Unlängst hörte er, wie ein 
Dienstmädchen einen Knaben schlug und kam zu Ejakulation und Orgasmus. 
Es erregte ihn so, daß der Knabe , .Bitte-Bitte" rief. Dabei fühlt er ein merk- 
würdiges Kitzeln im Anus in der Gegend der Prostata oder in der Harnröhre 
in der Gegend des Blascnhalses. Es erregt ihn auch, wenn er sieht, daß Gänse 
geschlachtet werden und er wünschte sich auch, von einem Weibe umgebracht 
zu werden. Merkwürdiger ist es, daß ihn das Stopfen der Gänse sexuell 
erregt Es erklärt sich aber sehr leicht aus dem Umstände, daß er von 
seinem A r ater zum Essen gezwungen wurde. 

Es zeigt sich, daß er die Gewohnheit hat, beim Koitus immer andere 
weibliche Personen unterzuschieben. Noch mehr! Er macht die Transposition 
vom Manne auf das Weib. Es gab eine Periode, in der die Homosexualität ihn 
ganz beherrschte, besonders als er mit dem Kusin spielte. Allmählich begann 
er diese Leidenschaft auf das Heterosexuelle zu transponieren. Es zeigt sich 
aber, daß sich hinter seinem Vaterhaß eine große Liebe zu seinem Vater ver- 



236 Psychosexueller Jnfantilisraus. 

borgen hatte. Die Schläge des Vaters hatten in ihm Lustgefühle geweckt. 
Die Hand des Kusins hatte ihm Lustgefühle verschafft. Noch heute ist es eine 
seiner Licbesbodirigungen von der Hand eines Weibes berührt zu werden, wobei 
er die Hand in die Hand eines Mannes oder seiner Mutter verwandelt. Er kann 
überhaupt ohne Hilfe der Phantasien keinen Orgasmus erzielen. Bei der Dirne 
stellt er sich oft seine Kusine in einer bestimmten Situation vor: Sie steht 
mit dem Rücken zum Schreibtisch, drückt ihre Nates fest an den Schreibtisch 
und hebt einen Fuß auf den Schemel, so daß er einen Teil ihres Beines sehen 
kann. Die Kusine ist eine Schwesterimago, die wieder die verjüngerte Ausgabe 
der Mutter darstellt. 

Jede gefahrvolle Situation weckt in ihm das beschriebene Kitzelgefühl 
im Anus imd in der Harnröhre. Wenn ein Mann in Gefahr ist, überfahren zu 
werden oder zu fallen, stellt sich diese Empfindung sofort ein. Die gleiche 
Empfindung kommt oft nach der Onanie. -Dieses gewaltsame Anfahren oder 
Überfahrenwerden entspricht seiner Mutterleibsphantasie. Er stellt sich vor 
im Mutterleibe zu sein und durch den Penis des Vaters verletzt zu werden 
Er denkt oft an seine Zeugung. Er glaubt, sein Vater habe im Momente der 
Zeugung mysophile Phantasien gehabt und so in ihm die Paraphilie erzeugt. 

Oft passiert es ihm. daß er beim Koitus keine Ejakulation erzielen kann. 
Dann stellt er sich ein Weib, das er auf der Straße gesehen hatte, in einer 
bestimmten Position vor. Oder er denkt an seine Kusine. Er vollzieht immer 
bubstitutionen. 

Er träumt: 

Es ist ein berühmter und beliebter Schauspieler des Burgtheaters 
gestorben und die Trauer um ihn war in seiner Thoatergemeinde eine sehr 
große. Es lebte bei ihm oder mit ihm ein ganz junges weibliches Wesen, 
zwar ein Weib, aber gewissermaßen nicht irdisch, ein höherstehendes Weib, 
das ihn im Loben betreut hatte und das natürlich jetzt um so mehr um 
ihn trauerte. Die Leichenfeierlichkeiten wurden angesetzt . . . Der Traum 
verschwimmt. Ich wollte zu dem Begräbnis gehen und ich glaube, ich habe 
es Mnr von weitem gesehen. 

Der Schauspieler ist er selbst. Das himmlische Weib, das um den Meister 
trauert, ist nach seinem Einfall die Phantasie. Er will seine Krankheit be- 
graben. Seine Phantasie und seine weibliche Komponente werden darum trauern. 
Er wird nicht mehr träumen, wie er es bisher getan hat. Denn er gibt zu. daß 
er oft den ganzen Tag träumt und seinen Phantasien nachhängt. Oft ist es 
ihm, als ob das Bewußtsein schwinden würde. Dann fühlt er alles um ihn ver- 
gehen,^ er sinkt in eine unendliche Tiefe. Oft erscheint ihm alles fremd und 
neu. Er erwacht aus seinen Träumen, in denen er noch ein Embryo ist und das 
Leben nun neu beginnen kann. 

Er träumt: 

Ich war in einem Cafe und jetzt weiß ich nicht — habe ich An- 
schluß an Weiber gesucht oder nicht? .... 
Daran schloß sieh ein zweiter Traxim: 

Es war bei uns zu Hause, das Milieu war vielleicht Wien (Graben?). 
Es war ein großes Turnerfest, zu welchem sehr große Vorbereitungen 
getroffen wurden, u. a, sah ich den Obmann des B. Turnvereines, der auf 
einem Rade durch das Spalier gefahren ist und überall lebhaft akklamiert 



Analyse eines Falles von Mysophilie. 237 

wurde. Er nahm dann an irgend einem Tisch Platz in einer größeren Ge- 
sellschaft, Er unterhielt sich besonders gut mit einer bekannten Wiener 
Soubrette (Kartusch?) und das hat mich ein bißchen frappiert, weil der 
Mann verheiratet ist. Das Fest wurde einmal unterbrochen von irgend 
einem Sozialdemokraten, der irgend welche hetzerische Reden vorbringen 
wollte. Ich erinnere mich an eine rote Kokarde, die er in der Hand ge- 
halten hatte. Ganz unvermittelt kam ich mit meiner Frau und nahm an 
einem nahe gelegenen Tische Platz. Die Unterhaltung mit meiner Frau 
war gerade keine besonders anregende. Ich saß auf einem länglichen 
Fauteuil mit ihr und sah ein Taschentuch neben ihr liegen und gab es 
ihr, weil es ihr Taschentuch war. Nach einer Zeitlang kam es dann zu 
einer Differenz. Jetzt zog sie auf einmal ein Taschentuch irgendwo aus 
einer Ecke hervor, hatte es sich kurz angesehen und wollte es mitnehmen. 
Ich bemerkte es, daß es mein Taschentuch sein muß und wollte es ihr ent- 
'reißen um nach dem Monogramm zu sehen. Ich kam aber nicht dazu, 
sondern habe nur aus der weißen Kante gesehen, daß es mein Taschentuch 
war. Auch war irgend ein schwacher Blutfleck drinnen, von Nasenbluten 
herstammen! Nun kam es deshalb zu heftigem Konflikt und Vorwürfen. 
In diese Vorwürfe, haben sich auch allerlei persönliche und ihre Familie 
betreffende Vorwürfe gemengt. Details nicht erinnerlich. Ich mußte dann 
einmal hinausgehen und da traf ich Bekannte, unter anderen wieder einen 
bekannten Fabrikanten, den ich richtig vor mir sah. Der war ganz er- 
staunt, daß "ich verheiratet bin und daß ich mir dieses Weib zur Frau 
genommen habe. Sie sei kurz vorher geschieden und besitze keinen guten 
Leumund. Auch von anderer Seite wurde ich aufmerksam gemacht. Es 
war mir dann der Besitz dieser Frau sehr peinlich und ich habe gefühlt, 
daß das Weib überhaupt sehr tief unter meinem geistigen Niveau steht 
und habe mich dann beinahe geniert, zu ihr zu gehen. 

Dieser Traum enthüllt uns die geheimsten Tiefen seiner Seele. Schon 
das erste kleine Tranmstück zeigt uns, daß er in Zweifel ist, ob er sich ein 
Weib suchen solle oder nicht. Im nächsten Traume wird seine "Stellung zum 
Problem der Ehe ganz offenkundig. Er befindet sich auf einem antisemitischen 
deutschnationalen Feste. Das weiß er bestimmt. Er weiß auch, wie er hinge- 
kommen ist. Ei hat eine Christin geheiratet. Er hat manchmal die Phantasie, 
daß er bei einer Christin potenter wäre. Christinnen sind seiner Ansicht nach 
nicht so intelligent und klug wie die Jüdinnen. Er ist bei einem dummen 
Weibe immer potenter wie bei einem klugen. Bei der letzteren hat er das un- 
angenehme Gefühl, daß ihr Intellekt überwuchert, daß sie nicht so von den 
Sinnen fortgerissen ist und ihn beobachtet, Und es ist ihm sehr unangenehm, 
beobachtet zu werden. ' 

Dieser Mann, der angeblich darnach lechzt, sich einem Weibe zu unter- 
werfen, ist bei einem Weibe, bei dem er seine Überlegenheit fühlt, potenter als 
im entgegengesetzten Falle. Die ganze Unterwerfung ist nur eine eitle Spiegel- 
fechterei. Er fürchtet, von einem Weibe beherrscht zu werden. Woher kommt 
diese Angst vor dem Weibe? Sie kann nur aus seiner Kindheit stammen. Er 
muß sich aus der Ehe seiner Eltern ein Bild gemacht haben, das ihn das ganze 
Leben als Warnung verfolgt. 

Wir hören, daß sein Vater ein schwerkranker einsamer Mensch war. Er 
litt an Platzangst, war menschenscheu, verkehrte nur mit zwei Menschen im 
Orte. Des Abends nahm er sich seinen Sohn und ging auf heimlichen Seiten- 



F 



2^8 I'sychosexueUer Jnfantüismus. — Analyse eines Falles von Mysophilie. 

wegen zu einem einsamen Platze vor die Stadt hinaus. Dort setzte er sich 
nieder und schluchzte bitterlich. Er war wohl jähzornig, schrie die Mutter 
an, aber sie, eine stattliche, sehr schöne Frau, die größer war als ihr Mann, 
blieb doch die Siegerin. Manchmal schrie der Vater: Lange Haare und kurzer 
Verstand! Oder : Du verstehst nur ausgelassene Eier.. Aber er mußte schließlich 
nachgeben. 

Auch dachte unser Patient, die Mutter könnte dem schwachen Vater nicht 
treu sein. Sein Bruder hat gar keine Ähnlichkeit mit ihm. Niemand würde 
vermuten, daß sie Brüder sind. Ist er nicht eines anderen Vaters Sohn? Sind 
nicht alle Frauen falsch und untreu? Und lohnt es sich zu heiraten, wenn 
man der Arbeitssklave ist, zu Hause Streit hat und überdies betrogen wird? 
In seinem Traume treten als Warner lauter Menschen auf, die in unglücklichen 
Ehen leben und ihren Frauen nicht treu sind. Der Fabrikant rauft mit seiner 
Frau, der Obmann macht Seitensprünge. 

Zum Taschentuch fällt ihm ein, daß er schon öfters ein Taschentuch von 
einem Weibe besprengen ließ und dann daran leckte. Sonst will ihm nichts 
einfallen. Wieder zeigt es sich, daß auch der Einfall des Arztes eine Bedeutung 
haben kann. Ich denke an Othello. Ich frage: 

„Fällt Ihnen sonst gar nichts zum Taschentuch ein?" 
„Nein gar nichts!" 

„Haben Sie vielleicht ein Theaterstück gesehen oder gelesen, in dem 
ein. Taschentuch eine Rolle spielt?" 

(Nachdenkend) „Nicht daß ich wüßte .'...." 

„Ich kann es mir nicht denken! Sie müssen doch ein Stück kennen, ein 
Stück von einem großen Dichter, ein berühmtes Stück?" 
„Nein." 

„Kennen Sie Othello nicht?" 

„Richtig Othello, ja ich habe es voriges Jahr gesehen, es hat einen sehr 
großen Eindruck auf mich gemacht. Ich habe es mir gleich zweimal hinter- 
einander angesehen." 

Jetzt sehen wir, auch das Taschentuch ist eine Warnung. Es heißt : Du 
wirst eifersüchtig sein und leiden, sie wird dich betrügen! Was für eine Ehe 
malt sich unser Patient im Traum aus! Er nimmt sich eine Frau, die schon 
vor der Ehe verkehrt hat und einen schlechten Leumund hat. Er trägt alles 
zusammen, um sich vor der Ehe zu schützen. 

Die Paraphilien, das Kleben an der Mutter, die Mutterleibsphantasie, die 
ganze Regression, alles dient dazu, ihn ledig zu erhalten und seine Unter- 
werfung unter ein kluges und starkes Weib zu verhindern. 

Er fühlt sich täglich besser und freier. Er kann an Frauen denken und 
hat plötzlich Erektionen, wobei er sich wundert, daß die perversen Phantasien 
ganz verschwunden sind. Er fühlt den normalen Drang zu Frauen. 

Er sieht seinen Weg voraus. Er weiß, daß er sich von der Mutter und 
den Schwestern trennen muß. Ebenso weiß er es jetzt, daß er die krankhafte 
Angst vor dem herrschenden Weibe überwinden und heiraten muß. Er ist 
innerlich ein religiöser, konservativer Mann. Er spielt nur den Libertin und 
Wüstling. Er ist kein Sozialdemokrat mit der roten Nelke. Wohl spricht 
eine einzelne Stimme für das Ausleben, aber dagegen stehen alle anderen 
Stimmen seines Innern. Er fühlt sich nun entlarvt. Es hat keinen Sinn mehr, 
die Glownsprünge vor sich selbst aufzuführen. Er hat den Vorsatz bald zu 
heiraten und alle Infantilismen aufzugeben. 






XIV. 

Zoanthropie. 

In hysterischen Dämmerzuständen beobachtet man häufig, daß die 
Kranken sich mit einem Tiere identifizieren. Sie hüpfen wie Pferde um- 
her, sie schleichen und miauen wie Katzen, oder bellen wie Hunde. Diese 
Erscheinung, Zoanthropie genannt, kommt aueb bei vollem Bewußtsein 
vor. .Sie kann nur verstanden werden, Wenn wir das Verhältnis der Kinder 
zum Tiere einer genauen Untersuchung unterziehen. Das Kind steht wie 
der Urmensch der Natur und daher auch dem Tiere viel näher als der 
Erwachsene. Auch in anthropologischer Hinsicht läßt sich nachweisen, 
daß die Naturvölker dem Tiere keineswegs 60 fremd gegenüberstehen wie 
• der Kulturmensch. Das Tier genießt bei manchen Stämmen göttliche 
Verehrung, wie es im Altertum auch bei Kulturvölkern der Fall war. 
(Man denke an Apiskult der alten Ägypter.) In der Form des Totemismus 
hat sich die Tierverehrung bis auf die heutige Zeit erhalten. Auch andere 
Rudimente sprechen eine deutliche Sprache. Das Wappentier der Adeligen 
und der Könige, die Benennung der Sterne mit Tiernamen, auch die Ti'er- 
namen der Menschen (Wolf, Fuchs, Bär, Löwe, Adler, Falk usw.) be- 
weisen, daß das Verhältnis Mensch— Tier einmal ein viel innigeres ge- 
wesen ist. 

Das Kind sieht in dem Tiere nicht etwas Fremdes, sondern etwas 
Gleichgestelltes. Kleine Kinder spielen Hund oder Katze, imitieren sehr 
gerne Tierlaute, besonders Hundelaute. Sehr bald wird „Pferdcheh" 
gespielt» die ersten Spielsachen sind Tiergestalten. Kinder lieben oft 
ihren „Teddybären" leidenschaftlich, wollen sich von ihm gar nicht 
trennen und nelunen ihn sogar mit ins Bett, schlafen in imiiger Umarmung 
mit ihrem Bären ein. Ein fünfjähriges Mäderl erklärte, ihr Spieldackel 
.sei ihr Mann und sie werde ihn heiraten. Denn er sei ein verzauberter 
Prinz und werde, sobald sie groß sein- wird, sich wieder -in einen schönen 
Prinzen verwandeln. 

Bei Liepmann finden wir unter den „Lebensbeichten" interessante 
Aufzeichnungen eines Vatei'6 über seinen Knaben. Ich entnehme daraus 



240 Psychosexneller Infuntilismus. 

i 
folgende Stelle, die uns die heiße Liebe zu einem Teddybären vor Augen 

Fall Nr. 73. Sein ständiger Begleiter im Hause ist ein weißer Teddy- 
bär, den er seit 10 Jahren besitzt. Anfangs konnte er sich nicht mit ihm 
befreunden, dann aber wurde die Freundschaft um so inniger. Teddy besitzt 
eine vollständige von Kurt selber nach eigenen Ideen angefertigte Garde- 
robe. Bemerkenswert ist, daß Teddy ein Mädchen ist und viele Schmuck- 
sachen trägt. Die Garderobe wird stets nach den neuesten Damenmoden, 
die Kurt sehr genau verfolgt, ergänzt. So hat Teddy kürzlich eine Wagner- 
kappe mit großer Troddel aus Perlen erhalten; er besitzt auch mehrere 
Handtäschchen. Teddy wird des Abends entkleidet und schläft neben Kurt; 
die Kleidung wird sorgfältig auf einem Stuhl ausgebreitet; des Morgens 
wird er angekleidet und je nach der Temperatur mit einer Decke zuge- 
deckt oder an das Fenster gesetzt. Kurt ist nicht der Vater von Teddy, 
sondern seine Mama. Teddy ist kürzlich mit Agop, einer männlichen 
Puppe, verheiratet worden. Zur Verlobung hatte Kurt einen Tisch festlich 
geschmückt und die ganze Familie eingeladen. 

Kurt selbst, kleidet sich gern weiblich. Er zieht Röcke an, legt um 
seinen Hut einen Blumenkranz oder setzt einige Federn darauf, die er 
dem Abstäuber entnimmt, bindet einen Schleier vor und nimmt dazu einen 
Muff, den er besonders liebt. AVenh ihm solche Kleidungsstücke nicht 
zugänglich sind, so nimmt er die erstbesten Tücher und Lumpen und steckt 
sich daraus ein Kostüm zusammen. Sehr wichtig ist die Handtasche, die 
er, selbst wenn er als Junge herumläuft, oft zu Hause den ganzen Tag bei 
sich trägt. Sie enthält Taschentuch, Spiegel, Nähzeug, Parfüm und (in 
der Phantasie) Naschwerk für Teddy. Dazu schmückt er sich gerne. Er 
macht sich Ketten, Armbänder und Ringe. Sein Traum sind Stiefel mit 
hohen Absätzen. Als seine Schwester zum ersten Male solche Stiefel er- 
halten hatte und sie ihr nicht- zu passen schienen, hoffte er, daß sie ihr zu 
eng wären und sie ihm zufallen würden. Die Hoffnung hat er auch jetzt 
noch nicht aufgegeben. 

Inzwischen hat er versucht, sich an seinen Stiefeln hohe Absätze 
anzunageln. Im Schuhzeug ist er überhaupt sehr eigen. Seine guten 
Stiefel haben wir. verschließen müssen, weil er sie ständig anlegte. Die 
anderen, die schon arg ausgebessert sind, nennt er „Müllkutscherstiefel", 
mit denen könne er sich doch nicht zeigen. Stiefel mit Holzsohlen und 
nägelbeschlagene Soldatenstiefel verabscheut er. 

Wenn er zu Hause Schule spielt, so ist er stets Lehrerin, nicht 
Lehrer, und zwar eine Lehrerin, die ihn früher unterrichtet hat. Die 
Schüler sind gewöhnlich Jungen, außer wenn Teddy Privatunterricht er- 
hält. Das geschieht sehr oft,' er lernt Schreiben, Buchstabieren, Rechnen 
und ist auch in der Geographie schon recht bewandert. 

Da ihm sein sehnlicher Wunsch nach einem Hund nicht erfüllt ist. 
so hat er sich einen unsichtbaren Hund .angeschafft. Den nimmt er auch 
bei gemeinsamen Ausgängen oft mit. Er läßt ihn von der Leine — die 
auch nur in seiner Phantasie besteht — frei, pfeift ihn zurück und kettet 
ihn wieder an, bleibt mit ihm stehen, wenn der Hund das Bedürfnis dazu 
zeigt, bückt sich ihn auf den Arm zu nehmen, wenn große Hunde in der 
Nähe sind. Geht er durch eine Tür, so hält er die Tür noch einen Augen- 
blick hinter sich offen, damit der Hund durchgehen kann. Besonders 



Zoauthropie. 041 

störend war dieser „Hund" einmal bei einer Stadtbahnfahrt. Der Zug war 
gerade eingelaufen, Kurt sollte als erster einsteigen und wir standen hinter 
ihm. Anstatt in das geöffnete Kupee zu steigen, bückt sich Kurt und griff 
mit beiden -Händen nach dem Boden, um ein unsichtbares Etwas. in den 
Arm zu nehmen. Durch unser Nachdrängen wäre er beinahe zu Falle 
gekommen. Auf unsere Fragen, was denn das* bedeuten sollte, erhielten 
wir die Antwort: „Na, ich mußte meinen Hund doch erst aufnehmen!" 
(W.Liep?nann: „Psychologie der Frau." Verlag von ürban & Schwarzen- 
berg, Berlin— Wien, 1920; I.e. S. 245— 47.) 

Eine anschauliche Schilderung der Identifizierung von Kindern mit 
Haustieren gibt Markuszeivicz: 

Fall Nr. 74. Mein vierjähriger Neffe, Lolo, spielt an einem Vormittag 
allein, und zwar ahmt er ein Kätzchen nach, das er liebt und das ihm weg- 
genommen worden war: Er geht also unter dem Tisch auf allen Vieren 
herum, wie eine Katze und miaut. Als der Tisch zum Mittagessen gedeckt 
war, und die Mutter das Kind auf seinen Sessel setzen will, begegnet sie 
einem kräftigen Widerstand seinerseits; Lolo weint und spricht- Ich 
bin nicht Lolo, ich bin das Kätzchen"; er läßt sich nicht aufheben 'und 
will durchaus auf dem Fußboden unter dem Tisch essen, wie es das 
Kätzchen sonst tut. Es hilft kein Zureden und keine Drohungen Lolo 
weint und behauptet, er sei doch ein Kätzchen. Da die Mutter sich nicht 
zu hellen weiß, stellt sie ihm das Essen unter den Tisch. Lolo ist zu- 
frieden ißt aber die Suppe nicht wie immer mit dem Löffel, sondern ver- 
sucht die Suppe mit der Zunge, wie eine Katze zu schlürfen. Er ver- 
schüttet dabei die Suppe, macht sich schmutzig, und deswegen nimmt ihm 
die Mutter den Teller weg. Um ihn jedoch zu gewinnen, spricht sie zu 
1 im wie ein Katzchen, was allein schon von bester Wirkung ist, und erklärt 
ihm daß nur die ganz kleinen Kätzchen unter dem Tisch essen die 
größeren aber schon bei Tische sitzen können. Dieses Argument überzeugt 
-den Kleinen vollständig, und erlaubt ihm, sich zu Tisch zu setzen, wie 
gewohnlich. 

u • A "* /^ro^nen Bildchen sehen wir, wie Lolo, der wirklich ein 
kleines Katzchen hatte, die äußeren Merkmale des Tieres, welches er gern 
hatte und mit dem er spielte, annahm, und als die Katze zu seinem großen 
Kummer weggenommen wurde, .sein Wunsch nach dem Besitz des 
Katzchens und dem Spielen mit ihm, seinen Ausdruck in dieser Szene in 
seinem Spiel gefunden hat, so wie ein erwachsener Mensch seine Wünsche 
im Traum zum Ausdruck bringt und ihnen so die Realität verleiht Und 
genau wie im Traum, wo das Denken dem Kriterium des Erfahrungs- 
denkens nicht unterliegt, wo Wünsche und Instinkte ihre Befriedigung 
suchen, schuf das Denken dieses Kindes auf autistischem Wege die Er- 
füllung seiner Wünsche nicht im Traum, sondern in der Wirklichkeit, was 
durch sein Alter ohne weiteres erklärlich ist. Er schuf sich ein Bild 
das im gegebenen Moment für ihn mehr Realität besaß, als die ihn um- 
gebende Wirklichkeit der Dinge. In dieser Realität kam sein lebendiger 
Wunsch, diese Katze zu besitzen, zur Sprache, und da der Knabe mit seiner 
ganzen Affektivität diesen Wunsch empfand, so übertrug er ihn in seinem 
Spiel in die Wirklichkeit und verlieh ihm so die Realität: das Spiel wurde 
so zur Verkörperung seines Wunschtraumes. Und deshalb der Schrei des 

Stakel, Störangen de« Tri et- nnd AfTektlebens. V. 

IG 



242 Psycbosexueller Infantilismus. 

Kindeß: „Ich bin nicht Lolo, ich bin das Kätzchen!" („Beitrag zum autisti- 
schen Denken bei Kindern." Von Roman Markuszewicz, Int. Ztschr. 
f. Psychoanalyse, herausgegeben von Prof. Sigm. Freud. Wien, VI. Jahrg., 
3. Heft, 1920; I.e. S. 248-49.) 

Die Märchen sind dem Geistesleben der Kinder angepaßt. Da 
wimmelt es von sprechenden Tieren, von wunderschönen Verwandlungen: 
Der Wolf liegt im Bette der Großmutter und spricht wie ein Mensch, 
der gestiefelte Kater vollbringt Wunderdinge, aus Fröschen werden 
Prinzen, kurz die Grenzen zwischen Mensch und Tier sind aufgehoben. 
Menschen werden zu Tieren und Tiere werden wieder zu Menschen, ein 
Glaube, der in den verschiedenen Hypothesen und religiösen Glaubens- 
formen als Seelenwanderung wiederkehrt. 

Die Märchen aber enthüllen oft ganz deutlich den sadistischen 
Charakter der Zoanthropie. Wullfen hat in seinem sehr anregenden Auf- 
satze über das „Kriminelle im deutschen Märchen" den Nachweis ge- 
liefert, daß wir die Kinder systematisch mit kriminellen Vorstellungen 
füllen. Offenbar haben die Kinder ein großes Bedürfnis nach diesen 
sadistischen Erzählungen, bei denen das Gefühl des Grauens immer mit 
einer starken Lust gemischt ist, so daß die Kinder immer wieder mit be- 
sonderer Vorliebe die Erzählung der schreckhaften Märchen verlangen. 
Da frißt der Menschenfresser seine Kinder auf, nachdem er ihnen die 
Köpfe abgeschlagen hat, da wird dem Wolf der Bauch aufgeschnitten, 
um die Kinder herauszunehmen, da wird die böse Hexe verbrannt, und 
dergleichen. 

Die Kinder zeigen in ihren Tierspielen auch ganz deutlich diese 
sadistische Komponente. Ihr Benehmen den Tieren gegenüber ist ent- 
schieden bipolar. Sie quälen sogar ihre besonderen Lieblinge. Besondere 
Grausamkeit zeigen sie Insekten gegenüber. Fliegen werden oft sinn- 
reich gemartert. (In einem meiner beobachteten Fälle durch Verbrennen 
durch ein Brennglas!) Auch der Sammeleifer, ein für alle Kinder sehr 
charakteristischer Trieb, kann mit sadistischen Neigungen kombiniert 
sein. Schmetterlinge werden lebend aufgespießt, angeblich weil sie auf 
diese Weise besser konserviert werden können ; dabei kommt es vor, daß 
sich das Kind an den Todeskrämpfen weidet. Besonderes Interesse zeigt 
das Kind für alle Vorgänge des Schlachtens der Haustiere. Es drängt 
sich hinzu, wenn der Fisch getötet oder das Huhn abgestochen wird. 
Selbst das Abstechen der Schweine, das Schlagen der Ochsen wird (auf 
dem Lande) mit großem Interesse und wollüstigem Schauer beobachtet. 

Oft ist das Tier auch das Objekt, das die eigenen sadistischen 
Phantasien in die Tat umsetzen soll. Die Stärke des .Tieres wird als 
Hilfsmittel für die eigenen Wünsche angewendet und ersetzt die fehlende 
Kraft. So wird das Tier zum Vollstrecker der Beseitiguhgsideen, wie uns 



Zoautlnopie. . '243 

spätere Beispiele zeigen werden. Infolge des bösen Gewissens werden 
dann gerade diese Tiere der Gegenstand der Angst. In allen Fällen von 
Kinder-Tierphobien gelang es mir, diese Wurzel (Gesetz der Talion) 
nachzuweisen. 

Fall Nr. 75. In drastischer Weise bringt diese Wurzel der Zoophilie und 
'Zoophobie der folgende Fall zum Ausdruck. Ein 26jähriger Mediziner leidet 
an Zweifelsucht. Nach seinem Sexualleben befragt, gibt er an, daß er seit dem 
sechsten Jahre der Onanie gefröhnt habe, und zwar immer mit der einen Vor- 
stellung: er reitet auf einem großen, starken Pferde. Bei dieser Vorstellung 
kann es auch ohne manuelle Hilfe zu Ejakulation und Orgasmus kommen. Eine 
genauere Forschung ergibt, daß sich mit diesem Reiten immer sadistische 
Phantasien verknüpfen. Er reitet durch eine dichte Menschenmenge, die sich 
schreiend flüchtet. Er zertritt dabei Kinder und Weiber. Die scharfen Hufe 
des Pferdes treten auf entblößte Abdomen, die Eingeweide treten heraus, er 
wird von Blut bespritzt. Auch weiße Brüste werden unbarmherzig zertreten, 
so daß das Blut an seinen Beinen hoch hinaufspritzt. 

In seiner frühesten Kindheit spielte er immer Pferd. Durch drei Jahre 
(6 — 9) litt er an einer Pferdephobie. Noch heute kann er an keinem Pferde 
vorbeigehen, aus Angst, es könnte ihn beißen. Aus diesem Grunde hat ei- 
se inem' Verlangen „Reiten zu lernen" noch nicht nachgegeben. In seinem wirk- 
lichen Leben ist er ein stiller, scheuer Mensch, der keinem Tiere etwas zu leide 
tun kann und sich durch besondere Tierfreundlichkeit auszeichnet. Er träumt 
wiederholt von Situationen, in denen er reitet. Er gibt auch Phantasien zu, 
daß er auf einem. Weibe reitet, d.h. sich von ihr tragen läßt. Er hat eine 
dunkle Erinnerung, daß er von seiner Mutter auf diese Weise durch das Zimmer 
getragen wurde und daß ihm das Schwanken auf dem hohen Sitze, die Angst 
zu fallen und der Druck auf das Genitale eine wollüstige Empfindung auslösten. 

Weniger bekannt ist, daß kleine Kinder ihre ersten sexuellen 
Erfahrungen bei Tieren machen. Koitierende Hunde, die Paarung dor 
Insekten, das Bespringen der Stuten, die Tätigkeit des Hahnes als Pascha 
des Hühnerharems werden (besonders auf dem Lande) mit großem Inter- 
esse beobachtet. Viele Kinder machen schon in früher Jugend den Ver-' 
such, durch Tiere zur sexuellen Befriedigung zu gelangen. Die wenigsten 
dieser A'ersuche gelangen zur Kenntnis der. Erzieher. Aber in den Ana- 
mnesen der analysierten Neur.otiker kehren diese sodomistischen Akte 
häufig wieder, so daß es sich um typische Kindererlebnisse handelt. 

Deshalb dürfte der von Hufeland mitgeteilte Fall kein Unikum 
sein *).: 

„Ein Mädchen von drei Jahren sitzt, mit dem Stubenhündchen 
spielend und es an sich drückend, so auf einem kleinen Schemel, daß es" 
mit geöffneten Schenkeln dasselbe gerade zwischen denselben hält und die 
Genitalien des Hundes die ihren berühren; ce erwacht der Geschlechtstrieb 
des Hundes und er übt wirklich den Koitus aus. Auf das Geschrei des 
Kindes kommt man herbei und ist. noch Zeuge des Aktes." 



*) Zitiert nach Bloch: „Der Ursprung der Syphilis." Verlag von Gustav Fischer. 
Jena, 1901, Bd. I, S 22. ' • , 

IG* 



244 



Psychosexueller Infantilismus. 



Die Hunde bedürfen, wie Havelock-Ellis mit Recht betont, zu diesen 
Prozeduren keiner besonderen Dressur. Zum Kunnilingus gelangen die 
Hunde auf dem Wege des Instinktes. Ich weiß aus Geständnissen von 
Patientinnen, daß die Hunde beim Anblick und beim Riechen der Vulva 
spontan den Kunnilingus ausübten. Oft drängen sich die Hunde an die 
Frauen heran, wenn sie menstruieren und machen an ihren Beinen ona- 
nistische Bewegungen, versuchen auch unter die Beine zu gelangen. Ein 
Hund eines meiner Patienten konnte den Anblick des nackten Penis nicht 
vertragen, ohne sofort den Versuch zu machen, daran zu lecken, obwohl 
er nie dazu abgerichtet wurde. Auch ist es bekannt, daß oft Hunde 
ihre Herren stören, wenn sie Zeugen eines Geschlechtsakts sind und 
deutliche Zeichen geschlechtlicher Erregung geben. So sprang der Hund 
eines Offiziers immer ins Bett, wenn sein Herr kohabitierte und zeigte 
sogar einmal deutliche Symptome von Eifersucht. 

Moll („Konträre Sexualempfindung", 3. Aufl., S. 560) berichtet von 
einer Dame, die in ihrer Jugend von einem Hunde angegangen wurde und 
auf diese Weise zum "Kunnilingus kam. 

Es ist auch bekannt, daß andere Tiere (Böcke) in der Brunstzeit 
sich gegen das weibliche Geschlecht aggressiv benehmen. Ich las einmal 
von einem Vorfall in den Bergen. Eine Sennerin konnte sich mit Mühe 
vor einem brünstigen Hirsch retten. Er erbrach mit dem Geweih die 
Türe. Die Sennerin mußte auf den Dachboden flüchten. Man wird es 
daher verstehen, daß Frauen Tiere zum Koitus abrichten können. Bei 
kleinen Mädchen kommt ein direkter Geschlechtsverkehr — wie es Hufe- 
land beschrieben hat — nicht häufig vor, während viele Knaben über eine 
zoophile (sodomistische) Periode berichten, wobei gewöhnlieh das Ge- 
flügel und auch die vierbeinigen Haustiere in Mitleidenschaft gezogen 
werden. 

Viel häufiger als Kohabitatiomsversuche ist das Beleckenlassen 
durch Hunde, wovon ich zahlreiche Beispiele bei Kindern sammeln konnte. 
Besonders Knaben pflegen diese Art von Befriedigung als einen gemein- 
samen Sport. Wenigstens ist mir ein Dutzend solcher Fälle bekannt 
worden. 

Außerordentlich häufig ist der Mißbrauch von Hühnern, Enten und 
Gänsen durch ältere Kinder (6—12). Die Benützung der Hühner endet 
oft mit einer schweren Verletzung des Tieres, wie der in Bd. IV dieses 
Werkes mitgeteilte Fall 99 (S. 303) beweist. Ich wiederhole die An- 
gaben des Patienten: Seine Sinnlichkeit in der Kindheit war grenzenlos. 
Er mißbrauchte Hennen, versuchte eine Hündin zu gebrauchen, wurde 
im Stalle überrascht, als er eine Stute gebrauchen wollte. Er sah gerne 
zu, wie Tiere geschlachtet wurden, was bei Juden durch einen Schnitt am 
Halse geschieht. Oft sind die Tiere nicht gleich tot und winden sich in 
\ 



Zoauthropie. 245 



S 



Todeskrämpfen. Besonders Enten waren sehr zähe und da6 war das 
liebste Schauspiel des kleinen Sadisten. Er lief auch in das Schlachthaus 
und sah gerne zu, wie Ochsen geschlachtet wurden. Hat die Phantasie, 
ein Weib oder eine Kuh zu sein. Beim Onanieren melkt er sich wie 
eine Kuh. 

Das sind nur einige Auszüge, aus der zoanthropischen Einstellung 
dieses Kranken. Sie machen uns seine spätere Parapathie verständlich. 
Nur die genaue Kenntnis des Kindeslebens kann uns die verschiedenen 
Formen dieses psycho sexuellen Infantilismus verständlich machen. 

Aus der psychanalytischen Literatur sind zwei Fälle von Zoophilie 
und Zoanthropie zu berichten. 

Fall Nr. 76. Die Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben von Freud 
(Jahrbuch für psychosexuelle Forschungen, I. Bd., 1. Hälfte, Verlag von Franz 
Deuticke, Leipzig und Wien, 1909) ist der erste Versuch, die Phobie eines 
Kindes analytisch anzugehen. Es handelt sich um einen hochintelligenten 
Knaben, etwas verzärtelt, der plötzlich von einer unerklärlichen Angst vor 
Pferden befallen wurde. Die Geburt ' seiner Schwester seheint für ihn ein 
schweres Trauma gewesen zu sein. Denn man hört den kleinen 372jährigen 
Hans im Fieber sagen : „Aber ich will kein Schwesterl haben !" Auch Beseiti- 
gungsideen gegen die Mutter treten auf. (Für Hans ist charakteristisch, daß 
er immer die bipolare Tendenz — Haß und Liebe — zeigt.) Er kommt mit 
3 3 /, Jahren weinend und erklärt: „Wie ich geschlafen hab, hab ich gedacht, 
du bist fort und ich hab keine Mammi mehr zum Schmeicheln." Nach einer 
Influenza verstärkt sich die Phobie. Er weint, daß die Pferde beißen werden. 
(Nach Krankheiten sieht man diese Verschlimmerung sehr häufig. Die Zärtlich- 
keiten der Eltern wecken Reuegedanken und die Angst vor der Strafe Gottes 
beginnt ihre unheilvolle Wirkung zu entfalten.) Seine Angst vor den Pferden 
hindert ihn nicht, mit dem Dienstmädchen Pferderl zu spielen. Er hält sie 
am Rock, schreit dabei „hüoh" und nennt sie mein Pferd. Dabei kommt 
deutlfch eine erotische Einstellung zum Mädchen hervor; er wünscht sie nackt 
zu sehen. Er fürchtet alle großen Tiere, die Giraffe, den Elefanten, den Pelikan, 
während ihm die kleinen Tiere nichts anhaben. Die großen Tiere sind ihm 
offenbar Repräsentanten der Kraft und der bösen Handlungen. 

Freu. dl bemerkt auch in der Analyse die feindselige Einstellung zum 
Schwesterchen. (Allerdings erkennt er es nicht in den Träumen, von denen 
ich einen sehr charakteristischen hier wiedergebe.) Der kleine Hans träumt: 

„In der Nacht war eine große und eine zerwuzzelte Giraffe im 
Zimmer, die große hat geschrien, weil ich die zerwuzzelte weggenommen 
habe. Dann hat sie wieder aufgehört zu schreien, dann habe ich mich auf 
die zerwuzzelte Giraffe draufgesetzt." 

Der Vater — auch ein Analytiker theoretischer Richtung — findet eine 
Deutung: „Die große Giraffe bin ich, resp. der große Penis (der lange Hals), 
die zerwuzzelte Giraffe meine Frau, resp. ihr Glied l ), was also der Erfolg der 
Aufklärung ist." Freud anerkennt diese Deutung, welche die Reproduktion 
einer Eheszene sein soll. Ich glaube aber, daß der kleine Hans seiner Mutter 

') Der Vater hatte den Knaben aufgeklärt, daß die Frauen keinen Penis haben. 



246 



Psychosexuellcr Iufantilismus. 



die Schwester wegnehmen und sie zertreten wollte. Der kleine Patient sagt 
seinem' Vater direkt: „Nicht wahr und die Hanni (die Schwester) ist die zoi- 
wuzzelte Giraffe?" Aber Vater und Analytiker gehen an dieser Erklärung 
vorbei. Die kriminellen Phantasien des Kleinen erhellen aus seinen freien 
Einfällen. Nach dem Traume kam nämlich der Kleine voller Angst zu den 
Eltern ins Bett. Er gibt an, er habe an Himbeersaft gedacht. Der Erfahrene 
weiß, daß Himbeersaft Blut bedeutet. Der Vater faßt diesen Ausspruch 
humoristisch auf, obwohl ,der nächste Einfall des Knaben darauf hindeutet. 
Der Vater: Was noch? 
Er: Ein Gewehr zum Totschießen. 
Vater: Du hast es gewiß nicht geträumt. 
Er: Sicher nicht; nein, ich weiß es ganz bestimmt. 
Der Kleine hatte also kriminelle Phantasien, sein Schwesterchen tot- 
zuschießen. In den nächsten Tagen rennt der Kleine gegen den Bauch des 
Vaters. Er benimmt sich wie ein Pferd, das einen Manu überfährt. 

Die Phobie brach aus, als der Kleine ein großes Pferd niederfallen sah. 
Offenbar dachte er damals: 0, möge der Vater so umfallen. Auch fürchtet er 
etwas Schwarzes um den Mund der Pferde (Blut?). Er denkt immer, daß die ■ 
Pferde beißen können. Bald aber beginnt er täglich Pferd zu spielen, rennt 
herum, fällt nieder, zappelt mit den Füßen,, wiehert. Einmal bindet er 
sich ein Sackerl wie einen Futtersack um. Wiederholt läuft er auf den Vater 
zu und beißt ihn. .Das Schwarze am Munde erklärt er als einen Beißkorb. 
(Sicherung gegen das Beißen? Selbstschutz?) . ■ . 

Wir sehen also beim kleinen Hans jene Erscheinung, die in keinem Falle 
von Tierphobie fehlt. Der Kranke identifiziert sich mit dem 
gefürchteten Tier. Das erklärt manche dunkle Handlung dieser 
Phobiker und bestätigt meinen Satz : Jede Angst ist die Angst vor sich selbst! 
Der kleine Hans zeigt noch andere sadistische Spiele. Er spielt mit 
einer Gummipuppe, in die er ein Taschenmesser steckt. Dann reißt er ihr die 
Beine auseinander. 

Zur Entstehung der Pferdephobie ist noch nachzutragen, daß der Vater 
dem Knaben im Spiele als Pferd diente, so daß Freud mit Recht die Angst 
vor dem Pferde mit der Angst vor dem Vater erklären konnte. Freud erkennt 
die Wurzel der Phobie in einer Art Talion. Er führt in der Analyse aus: „Hans . 
gibt den Wunsch zu, daß dio Mutter die Kleine beim Baden fallen lassen möge, 
so daß sie sterbe; seine eigene Angst beim Baden war die vor der Vergeltung 
für diesen bösen Wunsch." Eine weitere Erklärung Freuds ist von großer Be- 
deutung: „Durch eine andere, wie zufällig entstandene Symptomhandlung gibt 
er zu, daß er dem Vater den Tod gewünscht hat, indem er. ein Pferd, mit dem 
er spielt, umfallen läßt, d. h. umwirft, in dem Momente, wo der Vater von 
diesem Todeswunsch spricht," 

Aus dieser Analyse sehen wir deutlich die Entstehung einer Tier- 
phobie. D e r k 1 e ' i n e Hans identifiziert -'sich mit einem 
Pferde, er identifiziert den Vater mit einem Pferde. Die sexuelle Ein- 
stellung .zum Pferde geht aus seinem Verhalten zum Dienstmädchen 
hervor. Auch seinem Vater gegenüber ist er bipolar eingestellt. Er will 
entweder Vater oder Mutter für sich allein haben. Daher kommt es, daß 
seihe Todeswünsche gegen den Vater und gegen die Mutter gerichtet sind. 






Zoauthropie. 247 

Es ist anzunehmen, daß er ursprünglich sein Schwesterchen totbeißen 
wollte. 

In den meisten Fällen werden diese Kinderphobien vergessen. Bricht 
dann später eine zo'anthropische Parapathie aus, so bedeutet sie eigent- 
lich nur eine Regression auf eine infantile Periode. 

Eine noch deutlichere Sprache führt der von Ferenczi in der „Int. 
Zeitschrift für Psychoanalyse" (I. Bd., 1913) mitgeteilte Fall „E in 
kleiner Hahneraan n". 

Fall Nr. 77. Es handelt sich um einen 5jährigen Knaben, der anläßlich 
des letzten Sommeraufenthaltes, den ganzen Tag im Hühnerhof verweilte, nicht 
sprechen wollte, sondern wie ein Hahn krähte oder gackerte. Vor diesen Er- 
scheinungen war eine Angst vor Hähnen vorhanden. Ein Hahn war angeblich 
ein Jahr vorher auf ihn losgesprungen und hatte ihn am Glied beißen wollen. 
Die sadistische Komponente der Zoanthropie ist sehr deutlich. Er schneidet 
Papierhennen durch, ahmt ihren Todeskampf nach. In Geflügelträumen sieht 
er immer krepierte Hennen und möchte sogar einen lebenden Hahn rupfen, er 
will mit der Brennsehere die Augen des krepierten Huhns ausstechen. Das 
Schlachten eines Geflügels ist für ihn ein Fest. Er sieht interessiert zu und 
tanzt dann erregt einen Siegestanz um das geschlachtete Stück. Andrerseits 
zeigt er Liebe zu den Tieren, Er küßt die Hühner, streichelt sie, sagt ihnen 
Kosenamen. 

Dieser Sadismus zeigt sich auch Menschen gegenüber. Er möchte eine 
„eingemachte Mutter" essen, einem Mäderl den Kopf abschneiden. Ferenczi 
sucht die Bedeutung des Kastrationskomplexes für diesen Fall zu beweisen 
Hnd kommt zu dem Schlüsse, daß der Hahn der Vater ist. 

Diese Beobachtung zeigt uns auch die Identifizierung mit dem ge- 
fürchteten und zugleich geliebten, Tiere. Freud und Ferenczi behaupten, 
daß die Tiere immer die Eltern darstellen und daß die bipolare Einstellung 
zu den Eltern in dem Schwanken zwischen Haß und Liebe zum Vor- 
schein kommt. 

Für diesen Zusammenhang zwischen Eltern und Tier scheint mir 
auch der Fall von F4rS beweisend. (Aus „L'Instinct Sexuel" mitgeteilt 
in Bd. II, S. 339, Fall Nr. 60.) 

Fall Nr. 78. Es handelt sich um einen Homosexuellen, der in seinem 
dritten Lebensjahre von der Mutter wegen Schlaflosigkeit ins Bett genommen 
wurde. Während er sich bewegte, streifte er die Mutter am mons veneris. 
Dieser Kontakt rief plötzlich den Gedanken an ein Tier wach. Er sprang 
schreiend aus dem Bett und wollte sich nur mehr in sein eigenes Bett legen. 
Er weigerte sich von diesem Erlebnis an, in das Bett der Mutter oder Amme 
zu kommen, aus Angst vor dem Tier. Er begann nun zu grübeln und hoffte 
das Tier durch Beobachtung zu Gesicht zu bekommen. Er stellte sich, während 
sich die Amme auszog, schlafend und konnte nach einigen Monaten das Tier 
wieder entdecken. Erst im achten Lebensjahre klärte ihn ein anatomisches 
Werk über das Wesen des Tieres in ziemlich verworrener Weise auf. Er be- 
griff, daß alle Frauen mit einem „Tiere" versehen waren und weigerte sich 



248 



Psychosexueller Infantilismus. 



nun von Frauen berührt oder auf den Schoß genommen m werden. Männern 
kletterte er gerne auf die Knie. 

Immer deutlicher entwickelte sich eine homosexuelle Neigung Bei 

vZsZ lt\l ItST^ 'h 8 f* denken " Später traten Anfä " e ™*> die 
ei tiefiend als ; ,Ruckstoß in die Vergangenheit" bezeichnete. 

Leider erzählt uns F4r4 nichts von seinem Verhältnis zu wirklichen 
1 leren Aber man versteht durch diesen Fall die Neigung mancher Kinder 
für Pelzwerk und die Angst vor Pelz und Männern oder Frauen in 
Pelzen/) Der Vater im Pelz kann ebenso abstoßend und furchtein- 
jagend wirken, wie eine gewaltige sexuelle Anziehungskraft ausüben Bei 
dieser Art von sogenanntem Fetischismus - eine der häufigsten Formen 
• neben dem Schuhfetischismus - handelt es sich um Vermengung von Tier- 
eindrucken und ersten Beobachtungen von behaarten Körperteilen. Auch 

blSt , W 6n BrUSt des Vaters ' seines behaai " ten Sdham- 
beiges kann dauernde Spuren hinterlassen und beim Aufbau einer Zoo- 
pniiie und Zoanthropie verwendet werden. 

Kinder spielen auch gerne mit den Haaren ihrer Pflegepersonen 
ziehen gerne ein * eil an, spielen mit diesem Fell dann Bär oder Hund' 
Viele empfinden schon beim Streicheln der Tiere wollüstige Empfindungen, 
die sich dauernd fixieren und zur Zoophilie der Erwachsenen führen 4 
fT - , *5 Fa le ™ FM fi nden wir auch die Regression in das Infantile, 
die der Kranke als Rückstoß m die Vergangenheit bezeichnet. ' Wir haben 
sie in aHen Formen von psychosexuellem Infantilismus beobachten 
können, fersten Fälle von Zoanthropie, die wissenschaftlich Inder 

a sfvl De, i!^ T "^r ' haiideltGlT imme1 ' V ° n D ™erzuständen, 
also von Dehnen, m denen dann der infantile Zustand wiederkehrte 

. Die Beschreibungen aus älterer Zeit handeln meistens von eoi- 

. demischer Zoanthropie".») Alle diese Epidemien erregten das größte 

*) Bekannt ist die Neigung Sacher-Masochs für Damen in Pelz. Man denke auch 
an das bekannte Bild von Rubens in der Wiener Staatsga.erie: Dame in Pe, 2 Es ^ J 

Th ^\ ZV Urment daf ' ganZ naCkt Und DUr ***»«* *** ^kleidet 2 

hhronenVoW T™^ ^ ^ """^ W » ta « ™ ™* «'ird auch £ Z 
fanronen Kokotten ausgenützt. 

j Voll einem sonderbaren Geschmack des verstorbenen Sultans Abdul Hamid er- 
zahlte nur m sicherer Gewährsmann. Er hatte eine Favoritin, die sich vor al.en 
anderen Frauen durch einen Bart auszeichnete. Sie erhielt eine eigene Villa im Gebiete 
^'7 Z Crfreute ; ich o bes0nd -er Gunst. Sie mußte sich immer kleine Glockchen 
ms Haar nechten,wenn der Sultan zu ihr kam. Ich glaube, daß es sich um eine Identi 
fizierung mit einer Ziege handelt. 

tv, , Vi! 11 ^ ^ 6rSte ausführlich beschriebene Fall von Zoanthropie ist in der 
Bibe enthalten. Kowalewfkij (Wahnsinnige als Herrscher und Führer der Volker Otto 

«*£. T ' 19 l 0) T !? ebukadnezar £d8 &**&" ** Nach einem ,, 
TT? I * m dem ,h " ° 0tt V ° r H ° chmut Warnte und ** ^n Daniel als eine • 
drohende Verwandlung in ein Tier aufgefaßt wurde, verblieb Nebukadnezar in seinem 
stolzen Hochmut. Nun berichtet die Bibel: „Er hört, eine Stimme vom Himmel herab 






Zoanthropie. 249 

Interesse der Ärzte und der Laien und wurden teils als Teufelswerk, teils 
als eine andere Form der Besessenheit beschrieben. In allen Fällen 
handelt es sich um das Auftreten sadistischer Neigungen, die mit tieri- 
scher Identifizierung ausgeführt wurden. 

Die Kinder sind in ihren zoanthropischen Phantasien fast immer 
sadistisch, wie ich in den vorhergehenden Fällen nachgewiesen habe. Ich 
könnte ein Dutzend Beispiele aus meiner Erfahrung anführen. 

Ein zweijähriger Knabe beißt einem Küchlein den Kopf ab; ein drei- 
jähriger Knabe sticht einer Taube die Augen aus; ein vierjähriges Mädchen 
schlachtet sechs junge Hühner, um Küche und Haushalt zu spielen; ein fünf- 
jähriger Knabe dreht einer Taube den Hals um, tötet sie und läßt sie von 
der Mutter braten. 

Wullfen erzählt (Das Kind. Sein Wesen und seine Entartung. Ver- 
lag Langenscheidt, Berlin, 1913) : 

Ein fünfjähriges Mädchen bekam ein Täubchen geschenkt. Es wollte 
aber nicht mit ihm spielen, sondern ihm den Kopf abreißen. Die Mutter 
sollte es dann braten. 

Wullfen meint, daß den Kindern das volle Bewußtsein fehle, daß 
sie grausam seien. Sie wüßten nicht, daß die Tiere Schmerzen litten. 
Das stimmt mit meinen Erfahrungen nicht überein. Wenn Wullfen von 
einem Knabenspiel in Hessen-Nassau erzählt, bei dem junge Schwalben 
solange in die Luft geschleudert werden, bis sie tot waren, so kann man 
den Knaben (10 bis 12 Jahre!) nicht das Bewußtsein ihrer Grausamkeit 
absprechen. 1 ) 

Über den Blutdurst der Kinder und andere ähnliche atavistische 
Neigungen liegen wenig Beobachtungen vor. Er ist verhältnismäßig 
häufig zu beobachten und unterliegt sehr bald der Verdrängung und 
Umkehrung. Kinder bekommen plötzlich Ekel vor roten Speisen. Blut- 
suppe, Blutwürsten, ja sogar vor Fleisch, erbrechen, wenn sie „Haut in 
der Milch" finden. Solehe Kinder saugen die eigenen Wunden gerne aus 



Es ist Dir Nebukadnezar gesagt worden, daß Dein Reich Dir genommen wird und Du 
aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßen wirst, daß Du Dich wie die wilden Tiere 
von Gras nähren und wie diese leben wirst. In diesem Zustande wirst Du sieben Jahre 
verbleiben, big Du-.erkannt hast, daß der Allerhöchste über das Menschenreich herrscht 
und ihm allein alle Macht gebührt. In demselben Augenblicke erfüllte sich auch des 
Herrn Wort über Nebukadnezar. Er entfloh aus der Gesellschaft der Menschen, irrte 
wie ein wildes Tier umher und wurde vom himmlischen Tau benetzt, bis ihm die Haare 
wie beim Löwen und die Krallen wie bei djm Vögeln gewachsen waren." 

1 ) Ich habe schon an anderer Stelle darauf aufmerksam gemacht, daß aus diesen 
Kindern leidenschaftliche Tierfreunde werden. Sie können als Erwachsene kein leidendes 
. Tier sehen und machen eifrige Propaganda für Tierschutzvereine. Castelli, ein 
Wiener Dichter, erzählt in seinen Memoiren, daß er Tiere sehr grausam quälte, bis ihm 
seine Mutter ernstlich ins Gewissen redete. Er wurde dann Tierfreund und wurde der 
Begründer — des „Wiener Tierschutzvereines", der außerordentlich viel auf dem Ge- 
biete des Tierschutzes leistet. 






250 . Psychosoxiieller fnf&ntilismus. 

und machen sich auch erbötig, Wunden anderer auszusaugen. Sie fügen 
sich durch Kratzen und Beißen Wunden bei, besonders Lippenwunden, 
um das Blut saugen zu können'.. 

Nur wenn man diese Eigenschaft der Kinder kennt, wird man die 
furchtbaren Epidemien „Lykanthropie" und „Laira" verstehen können. 
Der Glaube, der Mensch könne sich in einen Wolf verwandeln — der 
Werwolfglaube — , ist uralt. Schon Herodot berichtet, daß er bei den 
Skythen herrschte und auch die Griechen kannten diesen furchtbaren 
Aberglauben. Auch römische Autoren erwähnen die „Versipelles", 
Menschen, die sich in Wölfe verwandelt hatten. Der Glaube ist noch 
heute allgemein in Asien und Afrika und auch in einzelnen Teilen Süd- 
rußlands vorhanden. Bisweilen verschmilzt, die Lykanthropie gänzlich 
mit dem Vampyrismus, auf den wir noch zu sprechen kommen werden. 

Die an Lykanthropie erkrankten Menschen liefen in die Wälder, 
verwilderten ganz, ließen sich das Haar und den Bart und besonders 
die Nägel wachsen, brüllten und heulten des Nachts wie Wölfe, fielen 
Menschen an, welche sie bissen und deren Blut sie tranken. Vielen dieser 
Kranken scheint die Lykanthropie ein Vorwand für die Anthropophagie 
(den Kannibalismus) gewesen zu sein. 

Die letzte große Epidemie von Lykanthropie spielte sich im schwei- 
zerischen Jura zu St. Claude bei Freiburg ab. Es gab aueh unter den 
Werwölfen Frauen, die ihre eigenen Kinder auffraßen. Kirche und Staat 
wüteten mit Feuer und Schwert gegen die Seuche, welche als Hexensabbat 
aufgefaßt, wurde. Ein einzelner Richter hatte 600 Personen umbringen 
lassen. Die Epidemie und die Hexenverfolgung wurden von Voltaire ein- 
gehend geschildert. Friedmann (Wahnideen im Völkerleben. Bergmann,. 
Wiesbaden i. F., 1901) meint, es dürfte sich in den meisten Fällen um 
epileptische Dämmerzustände gehandelt haben. 

Gegen diese Diagnose spricht das e p i d e m i s c h e Auftreten der 
Lykanthropie. Wohl kommen bei epileptischen Dämmerzuständen ähn- 
liche sadistische Impulse vor. Ich erinnere nur an das Amoklaufen der 
Malayen. Plötzlich wird der Malaye vom Amok ergriffen, er läuft mit 
einer Waffe durch das Dorf und metzelt alles nieder, was ihm in den 
Weg kommt. Durch das ganze Dorf schallt dann der Schreckensruf 
„Amok", bis sich beherzte Männer finden, die den Amokläufer nieder- 
schlagen. Sicherlich hat die Epilepsie Beziehungen zur Zoanthropie. In 
beiden Zuständen (Hysterie und Epilepsie) kann es zu Dämmerzuständen 
kommen, die im wesentlichen nichts anderes als das Aufflackern des in- 
fantilen Sadismus und anderer infantiler Regungen bedeuten. Aber die 
Epilepsie ist keine epidemische Krankheit. Es handelt sich in diesen 
Fällen um eine Massenhysterie, die sich auf dem Wege der psychischen 
Infektion verbreitet. Aber sie kann sich nur verbreiten, weil die Dis- 







Zoauthropie. 2öl 

Position dazu vorhanden ist. Und diese Disposition ist eben der Infanti- 
lismus. Alle diese Zustände sind als Regressionen in das Infantile auf- 
zufassen. Alle Massenerscheinungen sind im Grunde genommen Massen- 
infahtilismen. Das ist das große Geheimnis der Massenpsychologie, das 
längst kein Geheimnis mehr ist. Die Masse wird zum Kinde. 
DLe Epidemie der Lykanthropie wird also als epidemischer Infantilismus 
verständlich, als eine Parapathie, die man auch ruhig mit dem alten 
Namen „Hysterie" bezeichnen kann. 

Dr. Oskar Havorka teilt in einer sehr interessanten Arbeit über 
den bulgarischen Vampir (Nezit) folgende historische Tatsachen mit : 

„Der Yampirgläube ist fast unter allen europäischen, jedoch be- 
sonders bei den slawischen Völkern sehr verbreitet und hat zweifellos 
einen uralten Ursprung. Schon bei den alten Indern lindet sich die Sage, 
daß der Leib, ohne daß die Seele ihn verläßt, seine Gestalt durch Um- 
werfen eines Gewandes oder durch Aussprechen des Zauberspruches ver- 
wandelt. In Homer's Odyssee wird von unterirdischen Geistern erzählt, 
welche dem Blute des von Odysseus dargebrachten Totenopfers nahen, 
•als er zum Gestade der nächtlichen Kimme ri er verschlagen wurde. 
(Od. XI. G. 49— 232.) In der griechischen Mythologie wird Lykaon, 
der Sohn des Pelasgos, des ersten Königs von Arkadien, in einen 
Wolf verwandelt, weil er beim Opfern eines Menschenkindes den 
Altar des Jupiter mit Blut bespritzt hatte. (Pausan. VIII, 1., Ovid, 
Metamorph. I. 198.) Bei den Römern waren es die strigae, harpyien- 
artige Wesen, welche Säuglinge raubten und den Müttern Milch und 
daneben Blut aussaugten. Von den menschenopfernden Priestern des 
Jupiter Lyceus (Gott-Wolf) wird erzählt, daß ihnen ihre Gottheit 
die Macht erteilte, sich in einen Wolf, das Lieblingstier des Gottes, zu 
verwandeln, sobald sie die Eingeweide genossen. Die Ausübung der 
Wölfsverwandlung als Zauberkunst (Lykanthropie) er- 
wähnen Vergil (Ecl. VIII. 95) und Petronius im „Gastmahl der 
• Trimalchis". . 

„Bei den Germanen erscheint der Vampir unter dem Namen 
Werwolf; die Wölfe Odins spielen als symbolische Tiere eine bedeutende 
Rolle. Die Verwandlung ' in Wölfe geschieht hier vorzugsweise durch 
Wolfshemden und die Völsunga-Saga (Cap. 5 — 8) berichtet uns in ihrer 
Sage von Sigmund und Sinfjötli eine wilde Werwolfsgeschichte. In Schott- 
land und Irland herrscht der Glaube, daß manche Leichen im Grabe 
! nicht verwesen können, an ihrem eigenen Leibe kauen müssen und in der 
Nacht ihren Gräbern entsteigen, um den Menschen Blut auszusaugen; 
daß ferner solche Leute sterben müssen und nun selbst zu Vampiren 
werden. Auch in Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland haben 
sich ähnliche Sagen bis in die neueste Zeit erhalten." 

„Bei den Christen des Mittelalters war der Glaube verbreitet, daß 
eine im Kirchenbanne verstorbene Person unter dem Einflüsse des 
Teufels ihr Leben weiterführe; die Leichen solcher tympanitae, wie man 
sie wegen ihrer straffen und elastischen Haut nannte, blieben im Grabe 
frisch und aßen in demselben; um Ruhe vor ihnen zu haben, mußten 
sie ausgegraben, der Bann vom Geistlichen aufgehoben und die Leichen 



252 Psychosexueller Infautilismus. 

• * 

verbrannt werden. In Ungarn gab der Vampiraberglaube noch im vorigen 
Jahrhundert Anlaß zu gerichtlichen Untersuchungen; auch bei den Neu- 
griechen hat er Wurzel gefaßt, und der Name brukolakai oder burdolakai 
deutet unzweideutig auf den slawischen Vukodlak. Der Vukodjak und 
Upir finden sich in den Sagen aller Slawen, der Südslawen sowohl als 
auch der Nordslawen. Um nur zwei markante Beispiele aus zwei geo- 
graphisch ganz entgegengesetzten Ländern herauszuheben, erwähnen wir 
den Upir der bereits ganz germanisierten Wenden in Preußen, welche von 
den der Mütterbrust zweimal entwöhnten Kindern glauben, daß sie im 
Grabe die Macht haben, mit ihren unverwesten Lippen Fleisch und Blut 
ihrer nächsten Verwandten auszusaugen (Doppelsauger) und so der Aus- 
zehrung zuführen. Bei der ragusanischen Landbevölkerung hingegen 
wird der upirina nachgesagt, daß es Leute mit dem bösen Blick sind, 
welche mit demselben Unglück und sogar plötzlichen Tod verursachen 
können. Andererseits finden wir in der Auffassung des Vukodlak der 
Südslawen und des Vukodlak der Nordslawen fast ganz analoge An- 
\ schauungen. Es ist demnach zweifellos, daß zwischen dem Glauben an 
postmortale Lebensäußerung bei den klassischen Völkern des Altertums, ' 
zwischen dem germanischen Werwolf und den slawischen Vukodlak und 
Upir ein innerer Zusammenhang bestehen müsse, daß ferner der Upir 
ein dem Nezit nahe verwandtes, wenn nicht identisches Wesen darstelle." 

Zu erwähnen wäre auch die Lairakrankheit in Südfrankreich, dem 
klassischen Lande der hysterischen Epidemien (in jüngster Zeit von 
Rußland übertroffen), der mehr als 120 Frauen einer kleinen Gemeinde 
anheimfielen. Die Frauen bellteni beim Vollmond wie Hunde, wälzten 
sich am Boden, bissen, schlugen mit den Füßen umher, kurz benahmen 
sich, als ob sie Tiere wären. 

Auch in Holland gab es Schulepidemien, bei denen die Kinder sich 
in Schafe verwandelten und hüpften, kletterten und gleich Schafen 
blökten. 

Andere Autoren berichten von Epidemien in Klöstern, in denen 
die Nonnen sich in Katzen verwandelt glaubten, die .ganze Nacht herum- 
sprangen, fauchten, bissen und miauten. Natürlich hieß es wieder, sie . 
wären vom Teufel besessen. 

Interessantes weiß auch Bloch über diese Epidemien zu berichten: 

Die Mandanen. ahmen bei wilden Festen Hunde nach, brüllen und 
beißen um sich. 1 ) Dies erinnert an die uralten hellenischen Sagen von der 
Krankheit der Kynanthropie und Lykanthropie, nach denen Menschen in 
Hunde und Wölfe verwandelt werden, welche Mythen neuerdings von 
W. H. Röscher einer äußerst scharfsinnigen wissenschaftlichen Unter- 
suchung unterzogen worden sind. Ich zweifle nicht daran, daß auch diese 
Volkssagen einen sadistischen Grundzug aufweisen. 2 ) 



J ) Maximilian von Wied, „Travelsete". London, 1843, S. 33(j, 446. 
3 ) Vgl. W. H. Röscher, „Bae von der Kynanthropie handelnde Fragment des 
Marcellus von Sidc". Leipzig, 1896. 



Zoanthropie. 253 

Ähnliches beschreibt Stoll von einer Methodistensekte in Kentucky 
und Pennsylvanien, deren Mitglieder sich durch Reden ihrer fanatischen 
Prediger in „konvulsivische Ekstase" versetzen ließen. Dabei ahmten sie 
Hunde nach, knurrten und bellten, fletschten die Zähne, liefen auf allen 
Vieren usw. An diesen ekstatischen nächtlichen Gottesdiensten nahmen 
gegen 4000 Menschen teil, und die Verknüpfung dieser kannibalistischen 
Geberden mit dem Geschlechtstriebe erhellt deutlich aus dem Berichte 
von Siddons: 

„Wer weiß,, daß diese Menschen beinahe einzig aus den niederen 
Volksklassen ohne Erziehung und Bildung und meistens junge Leute 
beiderlei Geschlechts sind, die diese Gelegenheit mit Sehnsucht erwarten 
und aus einer bedeutenden Ferne herbeikommen, der wird sich auch nicht 
wundern, wenn er als Tatsache hört, daß nicht weniger als 80 uneheliche 
Kinder in einem Umkreis von 20 englischen Meilen den drei Nächten, die 
diese Versammlung dauerte, ihre Geburt verdanken. 1 ) 

Die „Omophogen" der dionysischen Feste bei den alten Griechen 
waren . Personen, die in der höchsten wollüstigen Ekstase ihre Zähne in 
lebende Tiere einschlugen und die abgebisssenen Stücke Fleisch roh ver- 
schlangen. Ja, in Chios wurde sogar auf diese Weise ein menschliches 
Wesen lebendig in Stücke zerrissen. 3 ) Euripides hat in einigen Dramen, 
besonders in den „Bäkchen" diese eigenartige Verbindung der Wollust mit 
der Grausamkeit höchst anschaulich geschildert. 

Die Fidschi-Insulaner fressen sogar ihre Weiber auf 3 ), ob das' aber 
ein „Aufessen vor Liebe" ist, dürfte zweifelhaft sein. Ebenso ob das Ab- 
beißen eines Stückes des kleinen Fingers an der linken Hand der austra- 
lischen Mädchen als „Heiratszeremonie" 4 ) auf einen ursprünglich sadisti- 
schen Akt zurückzuführen ist. {Bloch, 1. c, S. 65 — 67.) 

In allen diesen Fällen handelte es sich um Massenhysterien und 
um andauernde hysterische Zusliinde. Die individuelle Zoanthropie 
wird am häufigsten im hysterischen Anfall beobachtet. 

In den von Sträußler beobachteten Fällen r ') hüpften die Kranken 
wie Pferdchen umher, d. h. wie Knaben beim Pferdchenspiel. Janet be- 
richtet über eine Patientin, die sich im Anfalle in eine Löwin verwandelte 
und die Photographien verschiedener Personen mit den Zähnen zerriß. 
Janet bemerkt sehr treffend : Da sie den Menschen im Leben nichts antun 
konnte, zerbiß sie sie in effigie.") 



*) Otto Stoll, „Suggestion und Hypnotismus in der Völkerpsychologie". Leipzig. 

1894, S. 382. 

2 ) Bryant, „Mythologie". London, 1775, Bd. II, S. 12—13. 

3 ) Ploss-Barteh, a. a. 6, II, 450. 

4 ) Ibidem. 

5 ) Siehe S. 14. 

B ) Derartige Verletzungen in effigie spielen im Aberglauben eine große Rolle, lob 
kenne Frauen, welche die Photos ihrer Gegnerinnen durchstachen. Ja, eine an periodi- 
scher Melancholie leidende Dame stach in anfallsfrcier Zeit einer Photographie beide 
Augen aus. 



2Ö4 Psychosexueller Infantilisn) us. 

Schneider 1 ), der die letzte Arbeit über dieses Thema veröffentlicht 
hat, glaubt, daß es sich bei der Zoanthropie um einen Infantilismus mit 
Imitation handelt. Der Hysteriker sei ein Mensch mit primitivem Geistes- 
leben. Er verweist auf den Totemismus. Da er die Zoanthrophobie auf 
die Wirkung des Schreckens zurückführt (seine Patientin wurde von 
einem Hunde gebissen und erkrankte dann an Kynanthropie) , will er in 
der Zoanthropie die Tendenz sehen, das Totemtier dadurch abzuschrecken, 
daß man ihm in eigener Gestalt entgegentritt. Wir haben gesehen, daß 
dieser Identifizierung mit dem Tiere tiefere Motive zugrunde liegen und 
wollen später die psychischen Wurzeln ah einigen Fällen nachweisen. 
Ich komme jetzt auf den Fall von Schneider zurück, welchen ich im 
Auszug wiedergebe: 

Fall Nr. 79. 5. XL Patientin bietet heute deutlich die Symptome der 
Kynanthropie. Sie beugt die im .Kniegelenk gestreckten Beine stark im Hüft- 
gelenk und streckt die Arme parallel dazu von sich. Sie sagt, das müßte so 
sein, da' sie eimHund sei. Mit den Lippen mächt sie pustende Bewegungen, 
wobei reichlich Schleim dem Munde entfließt. Befragt, warum sie das tue, 
antwortet sie, das machen alle Hunde so. Sie wird in Isolierung streng be- 
aufsichtigt, da sie den Saum vom Bettzeug losgetrennt und damit Würgversuche 
unternommen hat. 

16. XII. Patientin klagt seit gestern über Schmerzen in allen Gliedern, in 
der Brust und im Hals: „gleich als ob mein Kopf eine Dampfmaschine war; 
das ist, als wenn man aus der Narkose aufwacht, alle Glieder tun weh und 
so ein komischer Geruch; manchmal weiß ich alles, manchmal bin ich wie 
dumm ums Gehirn, ich weiß nicht was ich für Hände habe, das sind gar nicht 
meine Hände, ich bin ganz verändert, ich gehöre gar nicht mehr. zu den anderen 
Menschen. Sie erinnert sich auch an ihren kynanthropischen Zustand und 
meint, das sei von der Bestrahlung gekommen, da sei ihre Brust wie zusammen- 
geschnürt gewesen. Sie hätte immer auf den Zehen laufen müssen und' die 
Hände seien ihr wie Pfoten vorgekommen. 

Im weiteren Verlauf war Patientin immer geordnet, wenn auch etwas 
stumpf und imbezill. 

Epikrise. 

Es handelt sich um eine geistig wenig hochstehende, 31 Jahre alte Frau, 
bei welcher im Anschluß an eine Röntgenkastration auftretende Angstzustände 
zu hysterischen Anfällen und Dämmerzuständen führten. In diesen entwickelte 
sich offensichtlich unter dem Einfluß eines halluzinatorischen Erlebnisses, das 
ausgeprägte Bild der Kynanthropie. Nach Abklingen desselben zeigten sich 
hypochondrische Verstimmungen an den Tagen, in denen die Menstruation 
eintreten sollte und im Anschluß an körperliches Unwohlsein. Dabei kamen 
der Patientin auch die Angstzustände der Anfallsperiode wieder in Erinnerung, 
aber doch so abgeblaßt, daß sie Anfälle nicht mehr hervorriefen. Außerdem 
litt Patientin an vikariierendem Nasenbluten, und zwar interessanterweise 
sowohl zu der Zeit der Pubertät als aueh nach der Röntgenbestrahlung. 

x ) Über Zoanthropie. Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie, Bd. 47, 1920, 
Heft 5, S. 270. 



Zoanthropie. ~2Öi) 

Schneider berichtet aus der Literatur der Zoanthropie: 

Bereits Thomas Willis 1 ) beschreibt 2 Fälle von Tierstimmenimitation 
als hysterische Krankheitszustände: 

Fall Nr. 80. „In meiner Behandlung befindet sich zur Zeit, da ich das 
schreibe, ein 15 jähriges Mädchen, von guter Entwicklung und gutem Er- 
nährungszustand, welches an staunenswerten Anfällen leidet. Sie krankt seit 
längerer Zeit an Ausbleiben der Periode und wurde zuerst häufig von 
Schwindel, Magen- und Darmblähungen befallen. Endlich verschlimmerten 
sich diese Zufälle, sie mußte länger und öfter aus- und einatmen und stiel» 
helle keuchende Laute aus, dem Bellen des Hundes ähnlich, die sie jedesmal 
mehrmals wiederholte. Die Eltern und Bekannten nahmen eine Vergiftung 
an, aber diese Befürchtung wurde nach Wenigen Tagen fallen gelassen, als sich 
die Krankheit weiter entwickelte und das Bild der Hysterie zum Vorschein 
kam. Denn außer den Zuckungen der Eingeweide und der Lunge, die wie 
Bellen klangen und sie fast dauernd quälten, verfiel sie 2 — 3mal am Tag in 
Anfälle, die von der Gebärmutter ausgingen ; d. h. nach Aufsteigen der Krank- 
heit aus dem Leibe trat zuerst Erstickungsnot infolge Behinderung der Atmung, 
dann Gefühllosigkeit und zuletzt allgemeiner Gliederkrampf auf. Daraus kann 
man schließen, daß alle Krankheitserscheinungen Krampf zustände darstellten. 
Die Krankheitsursache wurde vom Gehirn in die Nerven fortgeleitet, ergriff im 
Anfang nur die, welche das Zusammenziehen des Brustkorbes besorgen, weshalb 
dann die Bauchmuskeln und ihre Hilfsmuskulatur unter der Einwirkung des 
Krampfes nach aufwärts gerissen wurden, während sie Zwerchfell und Lunge 
erst später zugleich befiel, so daß infolge der plötzlichen heftigen Zusammen- 
ziehungen der Brust jener dem Bellen ähnliche Laut ausgestoßen wurde. Dann, 
als noch mehr Nerven ebenso ergriffen wurden, entstanden die schweren 
Krämpfe fast des ganzen Körpers. Sie zeigten vollkommen die Merkmale, wie 
sie als hysterisch beschrieben werden. Das Mädchen erfuhr bei Anwendung 
krampflösender Mittel nach meiner Methode schon nach 14 Tagen wesentliche 
Besserung und ist jetzt nach Ablauf eines Monats fast völlig geheilt." 

Fall Nr. 8L Der zweite Fall betrifft ein 12jähriges Mädchen, welches 
in seinen zahlreichen hysterischen Anfällen ein lautes kläffendes Bellen 
(gannitui similis) ausstieß. 

Tierstimmenimitationen treten auch epidemisch auf. Zimmermann'-) 
erzählt : 

„Ich habe in einem guten medizinischen Buche gelesen, es sei in einem 
sehr zahlreich besetzten Nonnenkloster in Frankreich einer Nonne eingefallen, 
nach Katzenart zu miauen; eine kurze Weile nachher miauten andere Nonnen 
auch. Endlich miauten alle Nonnen jeden Tag auf eine bestimmte Zeit, ver- 
schiedene Stunden nacheinander, gemeinschaftlich. Die ganze Christenheit 
umher hörte mit gleichviel Erstaunen und Ärgernis dieses tägliche Katzen- 
konzert, das nicht nachließ, bis alle diese Nonnen beredet worden, man habe, 
von Polizeiwegen, vor dem Eingang des Klosters eine Kompagnie Soldaten 
gestellt, und nun werden diese Soldaten eine Nonne nach der anderen über das 
Knie legen und ihr solange auf ihren nackten Hinterteil die Rute geben, bis sie 
versprechen, nicht wieder zu miauen." 



1 ).' Willis, Op. om. tom. I. de affectionibue quae dieuntor hystericae, p.16, 17. 
2 ) Jh. Gg. v. Zimmermann, Über die Einsamkeit. 1785, II, S.77. 



256 



Psychoscxueller Iiifantilismus. 



Fall Nr. 82. Guinon 1 ) schildert aus der Klinik Markots einen- Fall von 
Galeanthropie. Es handelt sich um ein lßjähriges Mädchen, das seit 3 Jahren 
hysterische Anfälle hatte. Sie war Tierliebhaberin, und zwar hielt sie Katzen. 
Nachdemsie einmal von einer derselben gebissen worden war, traten gehäuft große 
Anfälle auf und nach 14 Tagen im Anschluß an einen solchen die Galeanthropie. 
Seitdem leidet sie an 2 Reihen von Anfällen : große Krampfanfälle und gale- 
anthropische Delirien. Diese verlaufen nach der Beschreibung von Guinon 
folgendermaßen: „Mitten im ruhigen Stehen verwandelte sich plötzlich ohne 
Vorläufer, ohne Aura der Gesichtsausdruck der Kranken. Ihr Blick wurde 
starr, sie begann zu schielen und warf sich rücksichtslos auf alle Viere. Sie 
lief dann auf den Knien und flach auf den Boden gedrückten Händen, den Kopf 
leicht nach rückwärts geneigt. Die Gesichtsfarbe war normal, das Mienenspiel 
etwas grimassierend. Das Schielen, verlor sich nach einiger Zeit und die Augen 
waren nun dauernd in lebhafter, den Kopfhaltungen und dem Platzwechsel der 
Kranken entsprechender Bewegung begriffen. Sie kriecht lebhaft unter den 
lisch, zwischen den Stühlen und den Beinen der Assistenten umher und stößt 
ab und zu ein leises Miau oder das „Pft, Pft" zorniger Katzen aus. Mitunter 
stockt sie, krallt die Hände und kratzt am Tischbein, am Fußboden und an 
der Turschwelle. „Wirft man ihr eine Papierkugel zu, so spielt sie nach 
Katzenart damit, rollt sie hin und her und läßt sie springen." Der Zustand 
verlor sich bald, als Patientin einen Blinden mit lebhaftem Lidflattern gesehen 
hatte, den sie von da an nachahmte. 

Schneider kommt nun zu folgenden Schlüssen: 

„Faßt man alles noch einmal zusammen), so ergibt sich, daß man 
die Zoanthropie und die ihr verwandten Krankheitsbilder durch trieb- 
artige Nachahmung unter der Voraussetzung erklären kann, daß der 
Hysteriker ein Mensch mit primitivem Geistes- 
leben ist, . In der echten Zoanthropie werden offenbar direkt Halluzi- 
nationen nächgeahmt." 

Ich wende mich nun zum Falle von Koppen. 2 ) 

Ein oft vorbestrafter Patient, der Menageriewärter war und von 
einem Affen gebissen, wurde, kam in Beobachtung Köppem. Er sprach 
oft von Schafszungen in seinen Delirien. 

Koppen erzählt von dem Patienten: 

Fall Nr. 83. Die stereotype Redensart von den Schafszungen modifiziert 
er in den letzten Tagen öfter, so daß er manchmal sagt: „Das Schaf ist ge- 
schlachtet, die Zunge ist gebraten und das nennt man Schafszungenbraten. 
Das ist was hochfeines, was pikfeines, das kriegt man nicht alle Tage, das gibt 
es nur in einem Delikatessengeschäft." 

Patient zeigt motorisch ein wechselndes Benehmen, entweder er liegt 
oder er sitzt auf dem Stuhl, auf welchen man ihn gesetzt hat, läuft umher, 
zieht an den Beinkleidern der Ärzte herum, zieht sich die Strümpfe aus und 
beißt hinein. Als man ihn fragt, ob das Schafszungen wären, nickt er. 

') Guinon, Progres medic, 1891, S.401. 

2 ) M. Koppen, Über Dämmerzustände und zur Frage des Doppdbewußtseins. 
Charite-Annalen, Bd. 24, 1899, 547. 



Zoautluopie. 



257 



Nachmittags kennt Patient, als man an sein Bett tritt, die T a g e s z e i t, 
gibt auf Befragen an, daß er sich in einem Krankenhause befände: Wie er 
hierher gekommen sei, wisse er nicht. Wir befinden uns im Monat Dezember, 
am 10. Dezember habe er Termin. Erzählt, daß er in Berlin geboren, sein 
Vater ein Säufer gewesen sei. Sein Bruder leide ebenso wie er — nur in ge- 
ringerem Grade — seit 1896 an Krämpfen. Augenblicklich sei er „ja ganz ver- 
nünftig, befände sich im Krankenhause, manchmal jedoch sei er in einem 
großen Walde. Dort hause ein Zwerg, der auf eine Tafel „Schafszungen" 
und anderes schriebe, was gewisse Stimmen im Walde sprächen. Wenn er das 
nicht nachspräche, was der Zwerg aufschriebe, so stäche derselbe ihn tot. 

In dieser Erzählung hält Patient plötzlich inne, sieht starr vor sich hin. 
Als man ihn veranlassen will, weiterzusprechen, sagt er wieder seine alten 
Phrasen. 

Fiff- 6. 




Man beachte die zahlreichen phänischen Symbole! 

: Patient zeigt motorisch ein wechselndes Benehmen, entweder er liegt 
oder sitzt ruhig im Bett, streckt höchstens die Hände aus, ruft „mehr, mehr'" 
oder „verfluchter Bambusel etc." oder er zerknabbert seine Bettstelle Oft 
setzt er den Vorbeikommenden, namentlich wenn man ihn aufmerksam macht, 
wie ein Affe über die Betten mit großer Geschwindigkeit hinweg springend, 
nach (s. Abbild.). Schneidet öfter Grimassen, grinst, packt die Vorbeigehenden, 
wird jedoch eigentlich nie gewalttätig. Dann zeichnet er auch Bilder und 
Affen, die gewöhnlich schlecht sind (s. Abbild.). 

Nachmittags ist er wieder ca. 7 Minuten klar. Erzählt, daß er Wärter 
in verschiedenen Menagerien gewesen sei und viel mit Affen zu tun gehabt habe, 
er habe dieselben dressieren müssen. 

Befragt, wie er auf seine Redensart, „das Schaf ist geschlachtet . . .", 
komme, erzählt er, wie man ihn darauf bringt, wieder die Geschichte vom 
Zwerg. • 

8. Februar. Patient war in der letzten Zeit sehr aufgeregt, namentlich 
wenn man seinem Bett sich näherte. Dann sprang er nach Art eines Affen 
herum imd suchte nach glänzenden Gegenständen zu greifen. Er grinst dabei, 



Stekel, Störnnpen des Trieb- und AuVktlebuns. V. 



17 



258 



Psychosexueffer [pfantilisinas. 



fletscht die Zähne, wölbt auch manchmal die Lippen schnauzenfönnig hervor 
und bleibt immer scheu vor dem zurück, der sich ihm besonders nähert, so 
daß sein ganzes Benehmen vollkommen an das eines Affens erinnert. — 
Fabelhaft ist die Geschicklichkeit, mit der er von einem Bett zum andern 
springt. Wenn man ihm einen Gegenstand nehmen will, so gerät er in Auf- 
regung. Heute Morgen ergriff er einen Stuhl und brach, indem er mehrere 
Male auf den Bettrand sehlug, ein Bein ab, ohne durch irgend etwas dazu 
gereizt worden zu sein. 

11. Februar. Patient ist klar. Die Affenbilder werden ihm gezeigt, 
die er verfertigt hat. Er sagt, das könne er nicht gewesen sein. Aufgefordert, 
einen Affen zu zeichnen, bringt er nur eine ungeschickte Zeichnung zustande 
(s. Abbildung 6). 

Das, was wir bisher beigebracht haben, legt die Vermutung nahe, daß 
es sich bei S. um ein angeboren schwachsinniges Individuum handelt, welches 

Fig. 6. 




an epileptischen Anfällen leidet, zeitweise eich in einem Dämmerzustand 
befindet und zurzeit gerade von einem solchen Zustand befallen ist."' 

In allen diesen Fällen handelt es sich um hysterische Dämmer- 
zustände. Ich möchte jetzt über mehrere Fälle berichten, in denen der 
Zustand bei vollem Bewußtsein vor sich ging. 

Der erste Fall ist von Binswanger beschrieben worden (Die 
Hysterie. Alfred Holder, Wien, 1904, S.556). 

Fall Nr. 84. Ein 41 jähriges Fräulein leidet an Melancholie mit hypo- 
chondrischen Vorstellungen. Nach langdauemder Krankenpflege eines Onkels 
und nach Auflösung einer Verlobung Schlaflosigkeit, Unruhe, große Er- 
regung. Plötzlich entrang sich einmal ein bellender leiser Ton aus der Brust, 
in dem sich die innere Erregung Luft zu machen schien. Bald darauf brachen 






— — 



Zoanthropie. 9^0 

wirkliche Schreikrämpfe aus. Nach dem Sistieren der Schreikrämpfe unarti- 
kulierte Laute, die teils an Wimmern, teils an lautes Hundegebell erinnerten. 
Auch Vogelstiminen, wie das Krähen des Halmes, wurden imitiert. Später 
heulte und bellte die Kranke bei jedem peinlichen Affekte, und schließlich ging 
das Bellen so unbewußt, vor sich, so daß die Patientin über ihren eigenen 
Lärm zusammenschreckt«. Durch methodische Atemgymnastik wurde all- 
mähliche Besserung erzielt. 

Binswanger liefert uns ein Beispiel, wie diese Fälle in der vor- 
analytischen Zeit rein deskriptiv beschrieben wurden. Uns interessieren 
die Psychogenese dieses Falles, die infantile Wurzel der Zoanthropie, 
die sadistischen Instinkte. Gegen wen waren sie gerichtet? Alles das 
bleibt im Dunkel. 

Ich möchte nun mehrere Fälle aus meiner Erfahrung anführen. 

Fall Nr. 85. Ein SÖjähriger Mann erkrankt an einer leichten Depression, 
die sich nach einem kurzen Urlaub bessert. Nach dem depressiven Stadium 
tritt eine gewisse Erregung ein. Er wird schlaflos, unruhig, beschäftigt 
sich viel mit allerlei Projekten, die er nicht ausführen kann, zeigt eine auf- 
tauende Gereiztheit allen Menschen, besonders seiner Frau gegenüber. Eines 
Tages nach einem Traume fängt er zu bellen an und läuft dabei 
mit fletschenden Zähnen im Zimmer umher. Der Anfall 
dauert ca: 10 Minuten. Dieser Anfall wiederholt sich nun ungefähr sechsmal 
im Tage. Ich werde gerufen und erkundige mich nach dem Traume. El- 
la utete: 

Ein großer schwarzer Hund sprang mich an und wollte mich beißen. 
Ich schüttelte ihn ab und sah dann, wie er einen anderen Mann ansprang 
und ihm die Kehle durchbiß. Ich wachte mit Schrecken auf. 

Zu dem Manne fällt ihm" nach längerem Zaudern sein Bürochef ein. 
Ich gehe dieser Spur nach und erfahre folgende Tatsachen. Er hatte sich eine 
Ungehörigkeit zu schulden kommen lassen, deren Folge seine sofortige Ent- 
lassung gewesen wäre. Sein Chef hatte erfahren, daß er sich bei einer 
wichtigen Entscheidung von einer interessierten Partei hatte bestechen lassen. 
Zwar wäre die Angelegenheit auch ohne sein günstiges Referat im Sinne des 
Bestechers, dessen Sache gerecht war, erledigt worden. Aber die Tatsache 
als solche stand fest. Der Chef hatte ihm gesagt, daß er die Sache in einigen 
Tagen zur Anzeige bringen werde. Er stellte ihm frei, die Bestechungssumme 
zu erlegen, damit sie dem Bestecher zurückgegeben werden könnte. Patient 
hatte das Geld schon verwendet. Er hatte Schulden, mußte seiner Frau ein 
Kleid kaufen und hatte einen Teil des Geldes beim Rennen verspielt. In 
dieser furchtbaren Lage, in der seine ganze Existenz und seine Ehre auf dem 
Spiele standen (er wai Reserveoffizier, der Vorfall trug sich vor dem Kriege 
zu), erinnerte er sich, daß sein Vorstand ein großer Frauenfreund war und 
seiner Frau einige Male, als er sie zufällig im Amte gesehen hatte, den Hof 
gemacht hatte. Er beichtete seiner Frau und forderte sie auf, zu dem Vor- 
stande zu gehen und für ihn zu bitten. Er könne das Geld nicht zurück- 
erstatten, aber er wolle sparen und den Sehaden gutmachen und versprechen, 
sich nun tadellos aufzuführen. Seine Frau weigerte sich erst, gab schließlich 
nach. Der Mann meldete sich krank und die Frau ging ins Büro, um ihn beim 
Vorstande zu entschuldigen. Sie kam etwas verwirrt nach Hause, erzählte. 



260 Psychosexueller Infantilismus. 

daß der Vorstand sich erst geweigert und schließlich versprochen hatte, von 
der Angelegenheit (die er von dritter Seite und nicht amtlich erfahren hatte, 
und auch dies durch einen Zufall) zu schweigen. Patient wagte nicht zu 
fragen, auf welche Weise seine Frau dieses Entgegenkommen durchgesetzt 
hatte. Nach einigen Tagen kam er ins Amt und alles ging wie vorher. Aber 
bald brach eine Depression aus. Ihn verfolgten die Gedanken: „Hat deine 
Frau mit dem Vorstand ein Verhältnis oder nicht?" Er wollte die Wahrheit 
nicht wissen und sehnte sich doch nach Klarheit, Er hatte kein Recht, seiner 
Frau Vorwürfe zu machen, denn er war es ja gewesen, der sie zu dem Don 
Juan geschickt hatte. Er wurde überdies bei seiner Frau — infolge innerer 
Hemmungen und infolge des Hasses — impotent. Er bekam einen Kranken- 
urlaub und verbrachte ihn in einem billigen Sanatorium. Die Mittel ver- 
schaffte sich seine Frau angeblich von einem reichen Onkel. Auch da wollte 
er nicht nachforschen. Er hatte den Verdacht, daß der Vorstand, der ein 
sehr reicher Mann war, seiner Frau das Geld zur Verfügung gestellt hatte 
um mit ihr allein bleiben zu können. Im Sanatorium konnte er sich beruhigen' 
Er machte die Bekanntschaft einer jungen Dame, die ihm sehr entgegenkam 
Er dachte sich: Untreue gegen Untreue und wollte sich mit der Untreue seiner 
Frau abfinden und sich ein wenig auf die Philosophie des Zynismus aus- 
reden. Bei der Dame im Sanatorium war er vollkommen potent, was ihn 
ein wenig beruhigte und sein Selbstbewußtsein hob. Die Depression ver- 
schwand. 

Kaum nach Hause gekommen erwachten in ihm die Zweifel. Ein dunkles 
Rachegefühl gegen den Vorstand beherrschte ihn. Er sann darüber nach, 
wie er ihm etwas antun könnte. Er spekulierte, wie er die Wahrheit von 
seiner Frau erfahren könnte und wagte es nicht, die entscheidende Frage 
an sie zu richten. Er wurde ihr gegenüber nach einer kurzen Potenzperiode 
wieder impotent, was ihn noch mehr verstimmte. Er begann seine Mutter 
wieder aufzusuchen, die er bisher sehr vernachlässigt hatte und brachte 
ganze Abende bei ihr zu. Dort fand er in einem alten Kasten seine Spiel- 
sachen, was seinen Zustand sehr verschlimmerte. Denn er verfiel in 
Träumereien und versetzte sich in die selige Zeit, da er noch ein Kind war. 
Unter diesen Spielsachen befand sich auch ein kleiner Hund, der lange Jahre 
hindurch sein Liebling gewesen war. Mit diesem Hunde spielte er eines Abends 
so daß seine Frau ihm sagte: „Bist du närrisch worden? Du spielst ia wie 
ein Kind!" 

Am nächsten Tage trat der erste Anfall auf. Er bellte alles, was er 
sich nicht zu sagen traute. Er. wollte seine Frau beißen, er malte sich aus 
daß er dem verhaßten Vorstande die Kehle durchbeißen könnte. 

Während der Behandlung erinnert er sich, daß er durch mehrere Jahre 
an Lyssaphobie gelitten hatte. Er hatte immer eine gewisse Angst vor 
Hunden, obwohl es ihn zu Hunden hinzog. Aus Angst vor Rabies nahm er 
sich keinen Hund, obwohl er sich nach einem Hunde sehnte. 

In seinen Träumen, von denen ich einen mitgeteilt habe, identifiziert 
er sich mit einem wütenden Hunde. 

Von Bedeutung ist, daß er in der Ehe nicht den Kunnilingus wagte, 
während dies außerehelich seine Leidenschaft war. Ein Teil des defraudierten 
Geldes diente dazu, Dirnen zu bezahlen, die sich die Irruniatio ausführen 
ließen und denen er Kunnilingus kombiniert mit Fellatio machte. (Soixante- 
neuf!) 



Zoauthropie. 26 L 

Die Zoanthropie erwies sich als eine Regression auf die infantile 
Sexualität und als Mittel, Wünsche und Gedanken auszudrücken, die 
er in der menschlichen Sprache verschweigen mußte. 

Eine ähnliche Psychogenese zeigt der nächste Fall. 

Fall Nr. 86. Ein 49jähriger mit Zeichen eines leichten Basedows be- 
hafteter, sonst gesunder, aber sehr neuropathischer Mann, erkrankt an Schrei- 
anfällen, in denen er wie wahnsinnig im Zimmer hin und herrennt. Ausrufe 
wie „Ich bin ein verlorener Mann!" wechseln mit Glossolalie, die unver- 
ständlich bleibt und leider von der Umgebung nicht fixiert wird. Eines Tages 
verwandelt sich der Schreikrampf in ein direktes Krähen. Er kräht wie ein 
Hahn, er scharrt mit den Füßen, ruft Kikeriki, als wenn er wirklich ein 
Hahn wäre. 

Überdies litt er an schweren Sehstörungen. Zeitweise verdunkelte sich 
alles, so daß er glaubte, blind zu sein. Er schrie dann: „Ich werde blind! 
Ich werde blind!" 

Bei der Aufnahme der psychischen Behandlung teilt er mir nach 
längerem Zaudern mit, daß er ein schwer belastetes Gewissen habe. Er sei 
Vorstand in einem Büro, wo sich auch ein 16jähriges Mädchen, die Tochter 
eines alten Schulfreundes befand. In dieses Mädchen vergaffte er sich. Er 
sagte sich immer: „Du alter Esel! Du hast selbst eine achtzehnjährige 
Tochter und zwei Söhne! Was willst du denn anfangen!" Aber eines Abends 
blieben sie allein im Büro und er begann mit ihr zu spielen. Er brachte es 
schließlich so weit, daß sie sich Reizungen an der Klitoris gefallen ließ, 
während er ihr den Penis in die Hand gab. Das ging einige Monate so fort, 
bis er sich hinreißen ließ, einen Koitus auszuführen und das Mädchen de- 
florierte. Sie kam in die Hoffnung, er mußte einen Abortus machen lassen. 
Die Mittel verschaffte er sich, indem er der von ihm seit 12 Jahren tadellos 
geführten Kassa Geld entnahm. Er hoffte, das Geld wieder ersetzen zu 
können. Die Sache ging ganz glatt ab, ohne daß sein Freund etwas merkte. 
Aber das Mädchen ergab sich einem leichtsinnigen Lebenswandel und knüpfte 
mehrere Verhältnisse an. Sie hatte bald einen reichen Freund gefunden, so 
daß sie sich sehr schön kleiden konnte. Sie verweigerte ihm weitere Liebes- 
beziehungen und trat aus dem Büro aus. Er wurde von wahnsinniger Leiden- 
schaft erfaßt und wollte dem reichen Rivalen etwas antun. 

Um sich zu trösten, knüpfte er mit anderen Mädchen an und begann 
sich einem wüsten Leben zu ergeben. Er trank und verzechte mit Mädchen 
das Geld, so . daß schließlich der Kassa 30.000 Kronen entnommen waren, 
die er nicht ersetzen konnte. Seine Frau hatte wohl eigenes Vormögen. Aber 
konnte er ihr zumuten seine leichtsinnigen Streiche zu bezahlen? Er wurde 
von heftiger Reue erläßt, trank nicht mehr, gab alle Verhältnisse auf. Er 
hoffte den Schaden auf irgend eine Weise gut zu machen, machte allerlei 
Privatgeschäfte, Schiebereien und verdiente etwas Geld, so daß er die Ab- 
gänge in der Kassa teils bemänteln, teils ersetzen konnte. Er hoffte nun 
wieder ins normale Geleise zu kommen, als er entdeckte, daß seine Tochter 
ein Verhältnis hatte. Er mußte sie naturgemäß sehr knapp halten, da er 
in den teueren Kriegszeiten kaum für den Haushalt aufkommen konnte. 
Plötzlich sah er sie in eleganten Kleidern und entdeckte Beziehungen, die 
seine Frau stillschweigend geduldet hatte. Sie motivierte es ihm so: Alle 
Mädchen würden sich jetzt auf diese Weise helfen. Übrigens habe er gar kein 



262 Psychosexueller [nfantilismns. 

Recht, seiner Tochter Vorwürfe zu machen. Es stellte sich heraus, daß sie 
von seinem Verhältnis mit dem Mädchen Kenntnis hatte. Sie hatte aus Stolz 
geschwiegen und allerdings keine Ahnung von seinen anderen bösen Streichen. 
Nach der Aussprache mit seiner Frau traten diese Schreikrämpfc auf. 
in denen er ihr sozusagen alles mitteilte, alles abreagierte. Aber warum 
krähte' er? Woher kam die Identifizierung mit einem Hahn? 

Er drückte damit einerseits aus, daß er einen ganzen Harem (Hühner- 
hof) besessen hatte, andrerseits kam eine sadistische Komponente seines 
Wesens zum "Vorschein, die jahrelang geschlummert, -aber. in seiner Kindheit 
sehr stark ausgebildet gewesen war. 

Unter seinen sadistischen Phantasien spielte .die Lieblingsrolle das 
Motiv, einen Gegner zu blenden, ihm die Augen auszustechen. Ihm fällt ein 
daß als Kind eine Geschichte einen großen Eindruck auf ihn gemacht hatte : 
Em Dienstmädchen erzählte, der Teufel hätte sich als Mensch verkleidet und 
habe sich so in ein frommes Haus geschlichen. Im Hause war ein Hahn der 
eines Tages dem Teufel beide Augen auspickte, worauf er sich in Rauch 
auflöste und mit großem. Geschrei und Gestank das Haus verlassen habe. 
Er litt eine Zeitlang an der Angst, von einem Hahn . geblendet zu werden. 
Er hatte auch als Kind eine leidenschaftliche Vorliebe für Geflügel und ver- 
suchte mit Hühnern allerlei erotische Spiele. Das Bespringen der Hühner 
hatte ihn sehr interessiert. Auch die Begattung der Fliegen erregte ihn 
außerordentlich. Bei den ersten onauistischen Akten stellte er ein zusammen- 
gekoppeltes Maikäferpaar vor sich auf. Er gibt auch zu. Stuten durch Ein- 
fuhren des Fingers in die Vulva gereizt zu haben. Interessant ist. daß er sich 
in die schonen Augen seiner Frau verliebt hatte und Augonfetisehist ist. 
Seme Tochter hat die schönen Augen seiner Frau nur mit einem Stich ins 
Graue. Das Mädchen, dessen Reizen er erlegen war, hatte die gleichen Augen 
wie seine Tochter. Sie war die Tochter-Imago. Es wird nun klar, daß er die 
Augen der Tochter immer vor sich sah und den Geliebten seiner Tochter 
blenden wollte und daß er selbst ein Geblendeter war.') Er faßte das Schick- 
sal seiner Tochter als Strafe des Himmels auf und krähte in Erinnerung an 
dw unglückselige Rolle des Hahnes des Petrus bei dreimaligem Verrate von 
Christus. Er ist ein Christ, der seinen Herrn verleugnet hat. 

Nach dreiwöchentlicher Analyse rasche Heilung. Der Schaden" 
wurde von seiner Frau ersetzt, er blieb im Amte, die fochter heiratete 
den Mann, der sie' bisher ausgehalten hatte. 

Einen ähnlichen Fall berichtete mir mein amerikanischer Freund 
Dr. S. A. Tannenbaum. Es handelt sich um einen Mann, der nach, 
mannigfachen schweren Schicksalsschlägen Anfälle hatte, in denen er 
wie ein Hund heulte und wie wahnsinnig im Zimmer hin und herrannte^ 
Er hatte zwei.Compagnons, die ihn schmählich betrogen hatten und er 
wagte es nicht auszusprechen, da er sonst Gefahr lief, in einen Ver- 
leumdungsprozeß verwickelt zu werden. 

Ich möchte diese Ausführungen nicht schließen, ohne auf das 
häufige Vorkommen der Zoanthropie bei Psychosen hingewiesen zu 

') Die Blendung als Strafe für den Inzest behandelt das Ödipus-Drama. Das 
Auge ist ein bekanntes Symbol des Genitales. Er hatte auch einer Jungfrau das Auge 
verletzt (Defloration) und müßte als Strafe sich blenden. 



Zoanthropie. 26o 

haben. Die zoanthropische Vorstellung, in ein Tier verwandelt zu sein, 
begegnet dem Irrenarzte sehr häufig, ohne daß er imstande ist, die 
psychischen Wurzeln dieser Erscheinung nachzuweisen. Etwas durch- 
sichtiger ist die Melancholie, in der Lykanthropie sehr häufig beob- 
achtet werden kann. Wer das tiefe Schuldbewußtsein der Melancholiker . 
kennt, der muß sich gestehen, daß es sich um nicht bewältigte sadistische 
Triebe handelt, die in der Periode des Hasses, wie sie das Krankheitsbild 
der Melancholie beherrscht, zum Vorschein kommen. Vielleicht ist hier 
ein Hinweis auf die Anschauung von Abraham am Platze, der auf die 
Zusammenhänge zwischen Melancholie und Kannibalismus hingewiesen 
hat und die Anorexie der Melancholischen auf die Verdrängung der 
kannibalistischen Komponente zurückführt. 

Auch die Dementia praecox (Schizophrenie) bietet manchmal in 
den Anfangsstadien durchsichtige zoanthropische Bilder. Es handelt 
sich auch bei den Psychosen um Regressionen auf eine infantile Periode, 
um einen Archaismus. 

Ich möchte noch erwähnen, daß es eigentlich kein Tier gibt, das 
unter Umständen nicht zur zoanthropischen Identifizierung herange- 
zogen werden könnte. In den meisten Fällen dient die Zoanthropie der 
Symbolisierung der sadistischen Komponente. 1 ) 

*) In einer Novelle von Kafka ..Vorwandlung" wird die groteske zoanthropische 
Phantasie eines Wanzonjebens mit unheimlicher Plastik dargestellt. Ein Mann erwacht 
eines Morgens und findet sieh in eine Wanze verwandelt. Er schildert nun, wie grau- 
sam er von der Familie behandelt wird und zieht aus seinen Erlebnissen allerlei 
Schlüsse auf die egoistische Einstellung seiner Familie, deren Ernährer er bis zu dem 
Zeitpunkte der Verwandlung gewesen ist. Auch die Wanze ist ein blutsaugendes Tier. . . 
Die Verwandlung in ein kleines Tier zum Zwecke der sexuellen Beobachtung spielt 
auch im Geisteeleben der Kinder eine große Rolle. Sie möchten eine Fliege oder ein 
Floh Bein, um unerkannt die Geheimnisse des Schlafzimmers zu erforschen. Das Märchen 
trägt auch dieser Form der zoanthropischen Phantasie Rechnung. 



XV. 
Zoophilie. 

Fast jedermann hat in der Kindheit ausgesprochen zoophile Nei- 
gungen. Doch viele Menschen vergessen ihre zoophile Vergangenheit 
und kümmern sich im reifen Alter nicht um Tiere. Andere aber behalten 
zumindest eine sublimierte Form der Zoophilie für ihr ganzes Leben. 
Es ist eine bekannte Erscheinung, daß Menschen, welche nicht das not- 
wendige Maß von Liebe finden, die Neigung haben, diese Liebe auf das 
Tier zu übertragen. Deshalb findet man die meisten Zoophilen unter 
alten Jungfern und Junggesellen. In den meisten Fällen handelt es sich 
nur um ein Zärtlichkeitsbedürfnis, das, hungrig nach Objekten, sich an 
Tiere fixiert. In diesem Sinne erfüllen die Tiere eine gewisse Mission. 
Sie sind eine Notwendigkeit und ermöglichen vielen von der Liebe aus- 
geschlossenen Menschen ein Ausströmen ihrer Zärtlichkeit. 

Diese Erscheinungen .sind zu bekannt, als daß ich sie ausführlich 
schildern sollte. Ich mache nur auf die Tatsache aufmerksam, daß viele 
Tierfreunde im Verkehre mit den Tieren wieder in die Kindersprache 
verfallen, wie wir es auch bei Liebenden beobachten. (Wie bereits er- 
wähnt, pflegen Liebende einander gerne Kosenamen aus dem Tierreiche 
zu geben. Frauen heißen Katzerl, Basi, Mauserl, Mausi, Täubchen, 
Vogerl usw., Männer werden als „mein Brummbärchen", mein Wau-Wau, 
mein Dachs, mein Falke usw. bezeichnet. 1 ) 

Weniger bekannt ist, daß viele dieser Lieblinge eigentlich Sexual- 
objekte sind, welche der sexuellen Befriedigung dienen. So manches 

J ) Ich verweise auch auf die Tatsache, daß sich unter den Künstlern und 
speziell unter den Dichtern so viele Tierfreunde finden. Baudelaire brauchte 
zum Dichten eine Katze und mehrere seiner Gedichte sind an Katzen gerichtet. 
Byron widmete seinem Hunde eine rührende Grabschrift und ein wunderschönes 
Gedicht. Hebbel weinte und konnte sich lange nicht trösten, als sein Eichkätzchen 
umkam. Seine Tagebücher enthalten entzückte Schilderungen des Tieres, das er jung 
in seiner Achselhöhle wärmte. Daher kommen auch viele zoophile Schilderungen 
in den Werken der Dichter vor. Die sexuelle Liebe einer Dame zu ihrem Hengste 
schildert M i r b e a ü in seinem bekannten Romane „Einundzwanzig Tage eines Neur- 
asthenikers". 



Zoophilie. 9(^0 

reizende Schoßhündchen versieht auch die Funktion des Kunnilingus 
und mancher Hund dient mehr der Betreuung der Vulva als der des 
Hauses. ... 

Wir wollen davon absehen, den Geschlechtsverkehr zwischen Mensch 
und Tier als Sodomie oder Bestialität zu bezeichnen. Ich verzichte 
auch auf den Begriff der „Zoerasti e", den Krafft-Ebing für den 
pathologischen Zustand der Zoophilie gebraucht hat, weil die. Über- 
gänge zwischen erotischer Zoophilie und sexueller Zoerastie schwan- 
kende sind, worauf schon mit aller Schärfe Havelock Ellis hingewiesen 
hat. Wir bezeichnen daher alle die Fälle, in denen sich Geschlechts- 
beziehungen zwischen Mensch und Tier nachweisen lassen, als Zoophilie 
und betrachten die Zoophilie als eine der häufigsten Paraphilien, die 
sich fast aus normalen Beziehungen durch Steigerung, Notdurft, Reiz- 
hunger, Variationsbedürfnis und krankhaften Erregungen entwickeln. 

Es ist selbstverständlich, daß dem Altertume die Zoophilie besser 
bekannt war als unserer Kultur, wenngleich sie heute vielleicht ebenso 
häufig vorkommt. Aber sie ist versteckter und tobt sich in 90% der 
Fälle in der Phantasie aus, welche den onanistischen Akt begleitet. 

In der Bibel, bei. H e r o d o t und S t r a b o, bei v i d, V i r g i 1 
und Juvenal finden sich genügend 1 Hinweise auf zoophile Sitten. 1 ) 
Auch aus verschiedenen Wandgemälden und Vasenbildern, aus Statuetten 
kann man den Schluß ziehen, daß dem Altertum die Zoophilie sehr gut 
bekannt war. Frauen bevorzugten den Esel und den Hund, aber auch 
Schlangen und selbst Ziegen. Krokodile (?), Böcke, Stiere sollen eine 
Rolle als Liebesobjekte gespielt haben. 

Interessantes Material, bringt Wullfen im Sexualarchiv (Bei- 
träge, IL, 272 ff.). 

Die Sodomie ist über die ganze Erde verbreitet. In Afrika und 
Südamerika werden abenteuerliche Geschichten über freiwillige Ge- 
schlechtsvermischung zwischen Affen und Weibern erzählt. Nach einer 
alten Sage der Peruaner soll die Syphilis ursprünglich eine Krankheit 
des Alpako gewesen und von diesem durch widernatürlichen Geschlechts- 
verkehr auf den Menschen übertragen worden sein. In Indien, in 
Kamtschatka, in Anam ist Sodomie zu Hause. Die Chinesen sollen mit 
Gänsen verkehren, denen sie während der Ejakulation den Kopf ab- 
schneiden. Hier wird ein sadistischer Zug offenbar. Nach zahlreichen 
Stellen der Bibel war die Sodomie in Kanaan sehr verbreitet, besonders 
auch bei den Weibern. In Ägypten war die religiöse Sodomie bekannt. 
Die Verehrung des heiligen Bockes zu Medes seitens der Weiber erfolgte 
durch geschlechtliche Vermischung. Die Ägypter sollen sogar Krokodil- 
weibchen gebraucht haben. Die religiöse Verehrung des Bockes in 
Hellas und Italien wird ihren Ursprung in seiner Beziehung zu den 



J ) Reiche Literatur und zahlreiche Belege bei Iwan Bloch: ..Der Ursprung der 
Syphilis." Bd. II, S. 621. Gustav Fischer. Jena, 1911. 



■266 



Psych osexueller Infantilismus. 



bexualgottheiten haben; so mag sich (nach Bloch) die heute noch häufige 
Sodomie mit Ziegen in Süditalien erhalten haben. In Süditalien und 
aul Sizilien scheint der Mißbrauch von Ziegen seitens der Ziegenhirten 
geradezu Volkssitte zu sein; von pathologischer Veranlagung ist natür- 
lich hier keine Rede. Im alten Rom wurden sodomitische Akte sogar 
auf der Bühne dargestellt. Die vornehmen Römerinnen hielten sich 
außer Schoßhündchen auch Favoritschlangen, deren kältende Natur 
iJamen von heißerem Temperamente liebten und deshalb die Tiere, die 
sie wie eine Halskette um den Hals windend mit zu Bett nahmen. Nach 
Mirabeau war im 18. Jahrhundert Bestialität auch in den Pyrenäenland- 
schaften ein unter den Hirten häufiges Laster. Bei den Südslawen ist 
die Sodomie sehr verbreitet, sie wird in Volksliedern erwähnt. 

„Drei Ursachen haben - sagt Havelock Ellis 1 ) - das Auftreten 
der Bestialität, begünstigt: erstens die Primitivität der Lebensbedin- 
gungen, die eine Schranke zwischen Mensch und Tier gering erscheinen 
laßt, zweitens die außerordentlich große Vertrautheit, die zwischen 
dem- Bauern und seinem Vieh besteht, oft im Verein mit dem Abge- 
schlossenem vom Weibe, drittens das Kursieren verschiedener Volks- 
meinungen, so z. B. der Aberglaube von der Wirksamkeit der Kopulation 
mit Tieren als Heilmittel gegen venerische Krankheiten u.dgl." 

Es darf daher nicht Wunder nehmen, wenn wir von Ziegenhirten 
hören die sich bei ihren Ziegen befriedigen, von Pferdeknechten, die 
mit Stuten Umgang haben, von Sauhirten, die sich an der Sau ver- 
greifen usw. Solche Verirrungen werden im Volke als Selbstverständ- 
ichkeiten betrachtet, Mirabeau erwähnt - ich zitiere Wullfen - daß 
bei allen baskischen Hirten (wie ihre Geistlichen aus der Beichte ent- 
nehmen konnten) die Bestialität etwas Gebräuchliches war. In dieser 
Hinsicht haben sich die Verhältnisse nicht allzuviel geändert. Berichte 
von Kriegsteilnehmern bringen mir genügend Beweise für das Vor- 
handensein der „zoophilen Bereitschaften". 

Merkwürdiger ist allerdings der Umstand, daß auch die Städter 
die so selten mit den Tieren in Berührung kommen, an Zoophilie leiden' 
Man wird selten Neurotiker finden, in deren Anamnese und in deren 
Phantasien sich nicht einige, bald mehr oder weniger flüchtige zoophile 
Zuge nachweisen lassen. Allerdings Fliegen, Schmetterlinge, Hunde 
Katzen usw. stehen auch dem Städter zu Gebote. 

Oft vermittelt das Tier dem Menschen den ersten Eindruck der 
Sexualität. Und wir wissen seit Binet, von welcher gewaltigen Be- 
deutung für das Sexualleben gerade die ersten Eindrücke sind. Viele 
Madchen haben sich die ersten Kenntnisse von Hunden geholt, die sich 
auf der Straße kopulierten. Andere wurden schon durch den Anblick 



bürg 190?'° kl ' ankbaften G6Sch 'echt8empfindungen auf assoziativer Grundlage. Würz- 









' Zoophjlie. 267 

kopulierender Fliegen oder Maikäfer so erregt, daß ihnen dieser Ein- 
druck zeitlebens die Pforte zur Sexualerregung öffnete. 

So erzählt Mäcdonald (Archivo di Psichiatri, 1902) von einer 

Nonne, bei der der bloße Gedanke an Fliegen im Begattungsakte schon 

•einen Orgasmus hervorrufen konnte. In Erinnerung an diese Fliegen 

mußte 6ie masturbieren. Seit ihrer Einkleidung soll dies schon über 

dOOmal der Fall gewesen sein. 

Ein anderer Patient Macdonalds, ordnet die ihn sexuell erregenden 
Eindrücke in folgender Skala an: 1. Begattung von Fliegen; 2. Be- 
gattung von Pferden; 3. Anblick von Frauenunterwäsche; 4. Flirt 
zwischen Burschen und Mädchen; 5. Rinder, die aufeinandersteigen ; 
6. Frauenstatuen mit bloßen Brüsten, Berührung mit Körper und speziell 
Brust der Erzieherin (der Bursche ist 15 Jahre!) und endlich erst an 
siebenter Stelle der Koitus. 

Hier sehen wir an erster Stelle den erregenden Eindruck der sich 
begattenden Fliegen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß dieser Anblick 
dem Knaben das erste Wissen über den Sexualakt brachte. Ebenso 
wahrscheinlich ist es, daß er sich sein ganzes Leben nicht von diesem 
Eindruck befreien konnte. 

Ich kenne Menschen, denen diese Fliegenleidenschaft unbewußt 
ist. Sie sitzen in einem Zimmer, eine Fliege summt und plötzlich 
worden sie von einer sexuellen Erregung überrascht, die sie sicli nicht 
erklären können. 

Bei Onanisten kommt die Verbindung mit. Fliegen ziemlich häufig 
vor. Ich habe drei Fälle in der „Zeitschrift für Sexualwissenschaft" 
(Zeitschrift für Sexualwissenschaft, Bd. II, S. 289, 1916. Fliegen als 
Sexualobjekt) publiziert, die ich jetzt folgen lasse: 

„Durch einen Zufall bin ich in der Lage über drei Fälle kurz be- 
richten zu' können, in denen die sexuelle Erregung durch Fliegen ausge- 
löst und für einen autoerotischen Akt. verwendet wurde. 

Fall Nr. 87. Herr 0. R., Reisender, 38 Jahre alt, gibt an, daß er durch 
das Summen der Fliegen in hochgradige sexuelle Erregung gerate. Er könne 
dann nicht widerstehen und müßse. onanieren. Er gerate in einen merk- 
würdigen traumartigen Zustand, der äußerst lustbetont ist, ihn mitunter auch 
melancholisch mache. Diese Art der Onanie setzte erst mit 22 Jahren ein, 
nachdem er das Elternhaus verlassen hatte. Sein Vater führte eine kleine 
Gastwirtschaft, wo es unzählige Fliegen gab. Es scheint, daß sich mit dem 
Summen Erinnerungen an seine Jugend verbinden. Näheres war nicht zu 
erfahren, da der Patient mich nur einmal konsultierte. 

Interessanter ist der zweite Fall, weil er eigentlich einen Fall 
von Sodomie darstellt, wie ich ihn in dieser Art noch nicht kennen 
gelernt habe. 



268 Psychosexucller Infautilisinus. 

Fall Nr. 88. FrL-fcr-H. hat sich folgende Form der Onanie angewöhnt, 
bei der sie den stärksten Orgasmus erzielt: Sie legt sich an heißen Sommer-' 
lagen nackt auf das Sofa, öffnet ihre Schenkel, beschmiert die Vulva mit 
Honig. Nun fliegen alle Fliegen, die im Zimmer sind, auf sie zu, krabbeln an 
der Vulva hemm, und sie gelangt bald zum Orgasmus.. Sie behauptet, daß 
keine andere Art des Autoerotismus oder des geschlechtlichen Verkehres 
die Höhe dieses Orgasmus erreicht. Sie kam auch bald darauf, daß der Honig 
überflüssig wäre, da schon der Geruch der Vulva die Fliegen anlocke. Doch 
dauere es viel länger, bis sie herankämen. 1 ) 

Der dritte Fall gestattet mir eine Erklärung, weil es ein Kranker 
war, der sich in analytischer Behandlung befand. 

Fall Nr. 89. Es handelt sich um einen 26jährigen Juristen, der die 
Fliegen lebend einfing und sie während des onanistischen Aktes an den Penis 
druckte. Wenn er die Fliege ganz zerquetschte, so trat Orgasmus und Eja- 
kulation ein. .Dieser Patient masturbierte mit der Vorstellung eines Lust- 
mordes. Die Fliege war der symbolische Ersatz eines Mädchens: Wie es 
sich spater herausstellte, kämpfte er immer mit der Versuchung, einem jungen 
Madchen Gewalt anzutim und es post stuprum zu töten. Die Folge dieser 
kriminellen Phantasie war vollkommene Impotenz bei sehr schwächlichen 
Frauen und Mädchen. Nur Riesenweiber, bei denen er vor seinem Triebe 
sicher war, da sie stärker waren als er selbst, waren ihm zugänglich. Der 
merkwürdige Gegensatz der Onanie mit Fliegen und des Koitus mit sehr 
großen Frauen erklärte sich auf diese Weise. Die Onanie konnte er nicht 
aufgeben auch wenn er regelmäßig mit Frauen verkehrte. Sie war ihm der 
Ersatz der kriminellen Akte und wurde auch ohne die Hilfe von Fliegen 
vollzogen. Doch steigerte das Zerdrücken der Fliegen den Orgasmus ° in 
außerordentlicher Weise." 

r 

Auch Fälle, in denen Sexualgefühle durch Maikäfer ausgelöst 
wurden, sind mir bekannt. Die Zoanthropie der Käfermenschen zeigt 
sich häufig darin, daß sie die Mädchen als Käfer bezeichnen. (Ein netter . 
Käfer!) Ein Patient meiner Beobachtung zeigte schon früh Interesse 
für Käfer und Schmetterlinge, hatte wunderbare Sammlungen, verglich 
immer später die Mädchen mit Schmetterlingen oder Käfern. Er gibt zu, 
daß er die ersten sexuellen Regungen beim Anblick von gepaarten 
Käfern und Schmetterlingen empfunden habe. 

Vielleicht führt dieser erste tierische Eindruck dazu, daß so viele 
Menschen die Sexualität als etwas Tierisches empfinden. ' Für diesen 
Zusammenhang spricht der Fall, den Havelock Ellis ausführlich be- 
richtet. Ich führe aus diesem Falle nur zwei charakteristische 
Stellen an. 2 ) 

Es handelt sich um den Bericht eines Akademikers und geschulten 
Psychologen. 



') Ich habe seit dieser Publikation in Erfahrung gebracht, daß diese sonderbare 
Form der Zoophilie gar nicht selten ist, 

■) Havelock EWs. I.e., S.269; Kasuistik der geschlechtlichen Entwicklung, Fall 1. 



' Zoopbilie. . 27 ]_ 

Daß Hunde (und selbst Affen) ihren Frauen den Liebhaber er- 
setzen, gehört nicht in dieses Kapitel. Es ist viel mehr erotische Zoophilie 
hinter der Tierliebe verborgen, als es die meisten Menschen ahnen. Ich 
möchte nur jene Fälle erwähnen, in denen das. sexuelle Begehren auf 
große Tiere gerichtet ist, so daß das Interesse für Frauen ganz bei 
Seite gedrängt wird. 

Der erste derartige Fall ißt von Hane und findet sich im Auszüge 
im bekannten Werke von Krafft-Ebing. 

Fall Nr. 91. Y., 20 Jahre alt, intelligent, wohlerzogen, orblich angeb- 
lich nicht belastet; körperlich gesund bis auf Erscheinungen von- Neurasthenie 
und Hyperaesthesia Urethra©; hat angeblich nie masturbiert. Von Kindheit 
auf große Freude an Tieren, besonders Hunden und Pferden. Seit der Puber- 
tät 'Potenzierung dieses Sports, bei dem aber nie sexuelle Vorstellungen unter- 
gelaufen zu sein scheinen. 

• Eines Tages beim erstmaligen Besteigen eines Pferdes Wollust- 
empfindung. Nach 14 Tagen bei neuerlichem Anlasse dasselbe, zugleich mit 
Erektion. 

Kurz darauf erster Ritt. Diesmal Ejakulation. Nach einem Monat 
derselbe Vorfall. Patient empfindet darüber Ärger und Abscheu, abstiniert 
vom Reiten. Nunmehr fast tägliche Pollutionen. 

Der Anblick von Reitern und Hunden macht ihm Erektionen. Fast 
allnächtlich Pollutionen mit der Traumvorslellung, er sitze zu Pferde oder 
dressiere Hunde. Patient sucht ärztliche Hilfe. Eine Sondenkur beseitigt die 
Hyperaesthesia urethrae und mindert die Pollutionen. Dem Rate des Arztes,, 
zu koiticr'en, folgt Patient widerstrebend, teils aus fehlender Zuneigung zum 
andem Geschlechte, teils aus Mißtrauen in seine Potenz. 

Er macht erfolglose Koitusversuche, erzielt nicht einmal Erektion, die 
aber sofort auftritt, als er einem Reiter begegnet. Er wird 'deprimiert, hält 
sich für ein abnormes Wesen und Heilung für unmöglich. 

Entsprechende ärztliche Behandlung. Neuer Koitusversuch gelingt unter 
Zuhilfenahme der die Erektion fördernden Phantasiebilder von Hunden und 
Reitern. 

Patient reüssiert immer leichter, fühlt seine Zuneigung zu Tieren 
schwinden, hat keine Erektionen beim Anblick von Reitern und Hunden mehr, 
die Pollutionen auslösenden Traumvorstellungen haben immer seltener Tiere 
z\un Inhalt, er träumt von Mädchen. Der anfangs noch durch rasch erlah- 
mende Erektion und Ejaculatio praecox pathologische Koitus wird unter 
Zuhilfenahme einer Sondenkur normal. Patient ist sexuell befriedigt und von 
seinem abnormen sexuellen -Trieb befreit. (Dr. Hane. W. med. Blätter. 1877, 
Nr. 5.) 

Einen ähnlichen Fall beschreibt Bloch: 

Fall Nr. 92. Es handelt sich um einen 42jährigen Landwirt, große statt- 
liche Erscheinung, von gesundem Aussehen und normaler Körperbeschaffen- 
heit. Die hereditäre und familäre Anamnese ergibt wenig ursächliche An- 
haltspunkte für die eigentümliche Entwicklung seiner Vita sexüalis. In der 
Familie sollen mehrfach unglückliche Ehen vorgekommen sein. Auch die 
Eltern des Patienten lebten in solcher unharmonischer Ehe. Seine Mutter 
hatte ein herrisches Wesen, er fühlte keine Liebe zu ihr. Über sexuelle Ab- 









1 



272 Psychosexueller lufaiitilismus. 

normitäten weiß er nichts zu sagen. Er legt besonderen Wert darauf, daß er 
als Säugling mit der Flasche aufgezogen wurde und ihm so die natürlichen 
ersten unbewußten sexuellen Erregungen, wie sie nach der von S.Freud 
aufgestellten Theorie das Saugen an der Mutterbrust gewährt, verloren gingen. 
Hierin erblickt er einen wesentlichen Grund für seine spätere sexuelle TJn- 
empfindlichkeit gegen das weibliche Geschlecht. 

Als 12jähriger Knabe verspürte Patient zum ersten Male eine ge- 
schlechtliche Erregung, als er auf einem schönen Pferde ritt. Seitdem ist 
sein ganzes Sexualempfinden eng mit der Vorstellung schöner Pferde ver- 
knüpft, in dem Sinne, daß er seit Jahren jede Woche einmal beim Reiten 
eine Ejakulation mit starkem Wollustgefühl hat. Bemerkenswert ist aber, 
daß er keinerlei erotische Träume hat, die sich auf Pferde beziehen. Wie 
erwähnt, ist sein geschlechtliches Empfinden gegenüber dem menschlichen 
Weibe (und auch Manne) gleich Null. Er hat schopenhaucrische Ansichten 
über die Frauen. Die wenigen Versuche eines intimeren Verkehres mit Frauen, 
zumeist waren es Puellae publicae, widerten ihn an, es kam zu keiner oder 
nur einer sehr schwachen Erektion dabei. Die Vita sexualis des Patienten ist 
überhaupt keine sehr rege, er leidet auch nicht an Pollutionen und wird durch 
die einmal wöchentlich erfolgende Ejakulation und libidinöse Erregung durch 
Pferde vollkommen befriedigt. 

Seit mehreren Jahren leidet Patient an häufiger Schlaflosigkeit, deren 
Veranlassung er in materiellen Sorgen und in dem Nachgrübeln über seinen 
sexuell abnormen Zustand erblickt. Brom, Veronal und andere Schlafmittel 
nützen nur wenig, da bald Gewöhnung an dieselben eintritt, dagegen sind 
kalte Fußbäder von besserer Wirkung. 

. Der Patient, der, wie erwähnt, gegen den normalen Beischlaf als einen 
„tierischen Akt" einen großen WiderwiUen hat, glaubt, daß er vielleicht zu 
einem normalen sexuellen Zustande gelangen könne, wenn er eine sym- 
pathische, ihm seelisch und körperlich zusagende Frau fände. Er ist aber 
in dieser Beziehung sehr skeptisch, da er die Seltenheit einer vollen Harmonie, 
die die Vorbedingung einer glücklichen Ehe sei, genau kennt. 

Der Patient bot keinerlei Symptome der „Degeneration" dar, die Geni- 
talien waren normal, und bei einem 42jährigen Manne kann eine infolge von 
materiellen Sorgen und Gemütsdepressionen hervorgerufene nervöse Schlaf- 
losigkeit nicht als ein Symptom der Entartung verwertet werden, wenn man 
bedenkt, wie oft auch bei sonst gesunden Personen infolge des Lebenskampfes 
sich diese nervöse Schlaflosigkeit schon am Ende der 30er. Jahre einstellen 
kann. [Iwan Bloch, Ein merkwürdiger Fall von sexueller Perversion (Zoo- 
philie) in „Med. Klinik", 1906, Nr. 2.] 

Ich lasse einen ähnlichen Fall von Hirschfeld folgen: 

Fall Nr. 93. G., aus einer Juristeni'amilie, hat selbst Jura studiert, 
jedoch keine Prüfung abgelegt. Er ist jetzt mit 36 Jahren Bürobeamter mit 
einem Gehalt von 100 Mark. Dabei ist er von großer geistiger Regsamkeit, 
nur fehlt ihm der Wille und die Geduld, sich in eine gesteckte Aufgabe mit 
ruhiger Gewissenhaftigkeit zu vertiefen. Körperlich macht er den Eindruck 
eines hochaufgeschossenen Primaners von 18 Jahren, während er in Wirk- 
lichkeit doppelt so alt ist. G. gibt an, er fühle sieh wie 16 Jahre, namentlich 
in Gesellschaft ihm sympathischer älterer Frauen; in seinen Aufzeichnungen 
heißt es: „Ich brauche eine Frau, die in mir einen 16jährigen Jungen sieht, 
der eigensinnig, launisch und verwöhnt ist und den sie erziehen muß. Sie 



Zoophilie. 97^ 

wird am stärksten wirken, wenn sie meine erotische Phantasie benutzt, um 
ihr Ziel zu erreichen. Ich bin z.B. auf einem Spaziergang eigensinnig; wenn 
eie mir die Züchtigung, die ich erhalten werde, möglichst plastisch ausmalt, 
so bin ich im wahrsten Sinne des Wortes fasziniert. Ein gleiches Empfinden 
erwacht in mir, wenn ich mich vor ihren Augen entkleiden muß, während 
sie selbst in Straßentoilette vor mir sitzt." Ein anderes Mal schreibt er: 
„Ich möchte Schulaufgaben machen, die ich durch Schreibfehler, Unaufmerk- 
samkeit usw. so schlecht mache, daß ich von einer Frau Strafe bekommen 
muß. Diese wird in Ohrfeigen und Androhung von Schlägen auf das nackte 
Gesäß bestehen. Hierbei spielt das Gebrauchen von Worten wie „Hiebe, 
Striemen, Popo" usw. eine große Rolle. Es ist mir unmöglich, die Erzieherin, 
wenn sie solche Worte gebraucht, anzusehen. Vor allem muß sie mir das 
typische Knabenlaster, die Onanie, verbieten. Sie selbst darf und soll das 
bei mir tun." 

G. besitzt eine große Sammlung von Bildern und Zeichnungen, auf 
denen Knaben und Jünglinge von Frauen gezüchtigt werden; die meisten 
Sind englischen Ursprungs. Außerdem leidet mein Patient G. noch an 
einer anderen seltsamen Zwangsvorstellung, von der er sich, trotzdem 
er ihre Lächerlichkeit einsieht, nicht loslösen kann, nämlich ein Pferd zu 
sein „aber nicht" wie er hinzufügt, „ein edles Rassepferd, sondern 
ein kümmerlicher Karrengaul, den eine Frau kuteehiert". Seit es im Kriege 
so viele „weibliche Kutscher" gibt, fühlt er sich in seiner Erotik stark 
gesteigert. „Die weiblichen Kutscher", schreibt er, „wirken auf mich sehr 
stark erregend; wenn ich sie sehe, möchte ich gar zu gern ein ehemals 
] U Tlh-S) nUn abgewirtschaftetes Lastpferd sein." (Hirschfeld, 

Jetzt, wenden wir uns jenen schweren Fällen zu, wie sie Krajft- 
Ebing als „Zoerastie" bezeichnet. Eine Kombination von Zoophilie und 
Sadismus bietet die Beobachtung von Boeteau: 

u 4 Fal i Nl '? 4 1 ' $Z¥ Jahre ' Gärtne rjunge, unehelich, Vater unbekannt, 
Mutter schwer belastet, hysteroepileptisch. A. hat difformen, asymmetrischen 
Ge™"^ Gesichtsschädel, desgleichen Skelett, ist klein, war seit der 
Kindheit Masturbant immer moros, apathisch, die Einsamkeit liebend, höchst 
reizbar m seinen Affekten von geradezu pathologischer Reaktion. Er ist 
imbezill, wohl durch Masturbation sehr heruntergekommen und neurasthenisch. 
überdies bietet er hysteropatlnsche Symptome (Einschränkung des Sehfeldes, 
Dyschromatopsie Herabsetzung von Geruch, Geschmack, Gehör rechts, An- 
aesthesia testiculi dextr., Clavus usw.). 

A. ist überwiesen, Hunde und Lapins teils masturbiert, teils sodomisiert 
zu haben. 12 Jahre alt, sah er, wie Knaben einen Hund masturbierten Er 
machte es nach und konnte sich nicht enthalten, in der Folge Hunde, Katzen, 
Lapins in der scheußlichsten Weise zu mißhandeln. Viel häufiger aber sodomi- 
siert er weibliche Kaninchen, die einzigen Tiere, welche für ihn einen Reiz 
hatten. Mit Einbruch der Nacht pflegte er sich nach dem Kaninchenstall seines 
Herrn zu begeben, um seinem entsetzlichen Drange zu fröhnen. Man fand 
wiederholt Lapins mit zerrissenem Rektum. Die bestialen Akte spielten sich 
immer in derselben Weise ab. Es handelte sich um förmliche Anfälle, die 
etwa alle 8 Wochen und jeweils abends sich in identischer Weise einstellten. 
A. bekam großes Unbehagen, ein Gefühl, wie wenn man ihm den Kopf zer-' 

Stekel, Störungen des Trieb- und Affektlebens. V. *q 



r 



274 Psycho sexuell er Iiifaiitilismus. 

hämmere. Es war ihm, wie wenn er den Verstand verliere. Er kämpfte gegen den 
auftretenden Zwangsgedanken, Lapins zu sodomisieren, empfand wachsende 
Angst dabei, Steigerung des Kopfschmerzes bis zur Unerträglichkeit. Auf der 
Höhe des Zustandes Glockenläuten, Ausbruch von kaltem Schweiß, Zittern 
der Knie, endlich Aufhören der Widerstandsfähigkeit und impulsive Aus- 
führung der perversen Handlung. Sobald dieselbe geschehen ist, wird er frei 
von Angst. Die nervöse Krise ist geschwunden und er ist wieder Herr seiner 
selbst, empfindet tiefe Beschämung über das Vorgefallen© und fürchtet die 
Wiederkehr solcher Situationen. A. versichert, daß er in solchen Krisen, 
vor die Wahl gestellt, ein Weib oder ein Lapinweibchen zu gebrauchen, nur 
sich zu letzterem entschließen könnte. Auch intervallär erregen einzig unter 
den Haustieren Lapins sein Wohlgefallen. In seinen Ausnahmezuständen 
genügt ihm zur sexuellen Befriedigung meist das bloße Andrücken, Küssen usw. 
des Lapins, zuweilen gerät er dabei aber in solchen Furor sexualis. daß er 
stürmisch das Tier sodomisieren muß. 

Die erwähnten bestialen Akte sind die einzigen, welche ihn sexuell 
befriedigen, und die einzige ihm mögliche Art sexueller Tätigkeit. A. ver- 
sichert, daß er dabei nie ein Wollustgefühl hatte, sondern Befriedigung nur 
insoferne, als er dadurch aus seiner qualvollen, durch impulsiven Zwang 
geschaffenen Situation befreit wurde. 

Es gelang leicht der ärztlichen Epikrise nachzuweisen, daß dieses 
menschliche Scheusal ein psychisch Degenerierter, unfreier Kranker, kein 
Verbrecher ist, (Boeteau, La France medicale, 38. Jahrg., Nr. 38; zit. nach 
Krafft-Ebing.) 

Wullfen (Der Sexualverbrecher) berichtet: 

Rohleder (Vorlesungen, II, 170) erzählt den Fall eines unver- 
heirateten Mädchens in den 30er Jahren, das sich von einem männlichen 
Papagei absichtlich an Kopf, Kinn, Brust, Busen mit dem Erfolge lieb- 
kosen ließ, daß es dabei sexuell erregt wurde, so daß eine Rötung des 
Gesichte, starrer Blick, Töne der Erregung und Übereinanderschlagen 
der Beine erfolgten. „Im Stadium höchster Erregung (mit Orgasmus?) 
streicht sie wohl auch am Unterleibe des Vogels entlang bis zum Mast- 
darm hin. Jedenfalls stehen die Liebkosungen mit masturbatorischen 
Erregungen im innigen Konnex." 

Rohleder meint, daß ein streng ausgesprochener Fetischismus hier 
nicht vorliegen könne. Das Hinstreichen über das Gefieder sei hier nicht 
das primäre sexuell Erregende, das vielmehr in den Liebkosungen von 
Seiten des Tieres liege. 

Ein Wasenmeister richtete den Hund seines Nachbarn dazu ab, 
daß er seine eigene Frau geschlechtlich gebrauchte. Als die Frau weinte 
und sich auch wehrte, drohte ihr der Mann mit Schlägen und hielt sie 
fest. Er lehnte seine Frau an ein Bett, entblößte ihren Unterleib, richtete 
den Hund dann auf und führte dessen Glied selbst in die weibliche 
Scheide ein. Der Hund verstand nunmehr, was von ihm verlangt wurde 
und begann an der Frau seinen Geschlechtstrieb zu befriedigen. Der 
Wasenmeister stand dabei, hielt seine Frau» fest und sah zu. Er wieder- 
holte seine Handlungsweise noch fünf bis sechsmal. Das Gericht nahm 
an, daß der Wasenmeister aus Geschlechtslust gehandelt hatte. Der An- 
geklagte verübte nicht nur Sodomie, sondern machte sich zugleich der 



■ J | - "' -UÜj 



Zoophilie. 275 

gewaltsamen Unzucht an seiner Ehefrau schuldig. (H. Groß's Archiv 
1903, S. 320.) 

Oft ist es schwer zu entscheiden, ob es eich um eine primäre 
Zoophilie oder um einen maskierten Sadismus handelt. So halte ich 
auch den letzten Kranken für einen Sadisten und Frauenmörder, der 
Frauen auf diese Weise mißbrauchen und quälen möchte und dem die 
Kaninchen nur „Frauenersatz" darstellen. 

Der nächste Fall meiner Beobachtung spricht für die letztere 
Annahme. 

Fall Nr. 95. U. B., ein 35jähriger Arzt, der au Angstzuständen leidet, 
berichtet mir über sein Sexualleben. Er empfinde nur Befriedigung, wenn er 
eine Frau pädiziert, die dabei große Schmerzen erleidet. Er weigert sich aus 
diesem Grunde, irgend ein Fett zu verwenden, was die Frauen verlangen, die 
nach seiner Aussage dieser Form der Sexualbefriedigung sehr zugetan sind. 
Wenn das Weib vor Schmerzen schreit, hat er den höchsten Orgasmus. Im 
Kriege wandte er sich der Sodomie zu. Es machte ihm aber kein Vergnügen, 
einer Stute das Glied einzuführen. Er wählte kleine Tiere, denen er durch 
den Penis empfindlichen Schaden zufügte. Viele von seinen Opfern mußten 
verenden. Seine Angstgefühle stammen aus den Impulsen, auch die Frauen 
durch Liebkosungen grausamer Natur zu töten. 

Viel interessanter als diese Krankengeschichten, an die sich der 
Fall von Tannenbaum anschließt, über den ich in Bd. IV, S. 70 berichtet 
habe, sind jene Fälle, in denen eine vollkommene Identifizierung mit 
dem Tiere eintritt und welche die eigentlichen Formen des zoanthro- 
pischen sexuellen Infantilismus darstellen. 

Ich erwähne den Mann aus der Beobachtung von Eulenburg, der 
zu der Dirne kommt und an sie die Frage richtet: Pfau oder Hahn 
und dann stolz eine Hahnenfeder in den Anus steckt (oder je nach 
der Beantwortung eine Pfauenfeder), stolz auf und abmarschiert, 
natürlich nackt, um dann ohne Vollziehung eines anderen sexuellen 
Aktes nach Bezahlung den Schauplatz seiner Exhibition zu verlassen. 

Bekannt ist auch in Wien der „Halmemann", der Dirnen besucht, 
sieh einen Schwanz aus Hahnefedern in den Anus steckt, Kikeriki kräht 
und dann den Koitus a tergo als Hahn vollzieht, wobei er die Dirne 
nach Art der Hähne beim Schöpfe beutelt, was er natürlich immer sehr 
teuer bezahlen muß. 

Wie weit die Identifizierung mit dem Tiere gehen kann, das be- 
weist der Fall, den ich in Bd. IV, S. 63 angeführt habe: 

Fall Nr. 96. Eine Offiziersgattin, die ihren Mann aus dem Felde er- 
wartete, konsultierte mich wegen einer sonderbaren Leidenschaft des Mannes 
die es ihm allein ermöglichte, bei ihr den Koitus auszuführen. Sie mußte ihn 
wie einen Hund behandeln und „Karo" nennen. Er erhielt ein Hundehalsband 
und wurde an der Leine im Zimmer umhergeführt, mußte aufwarten und 

18* 



iH 



■m 



Psychosexueller Iufantilismus. 



allerlei Kunststücke machen. Dann führte er den Kunnilingus aus, an den sich 
ein Koitus schloß. 

Auch Merzbach (Die krankhaften Erscheinungen des Geschlechts- 
sinnes, Alfred Holder, Wien, 1909) berichtet einen ähnliehen Fall : 

Fall Nr. 97. Wir kennen einen hervorragenden Juristen, der in aus- 
gezeichneter Ehe lebt. Derselbe hat in seinem Wesen etwas Hyperfeines, 
Gewähltes und liebt es, sich in etwas schwülstigen Reden zu ergehen. Von 
Zeit zu Zeit pflegt er eine bestimmte weibliche Person aufzusuchen, mit der 
er folgenden masochistischen Akt aufführt. Der Besucher entkleidet 
sich zum Teil, erhält anstatt des Kragens ein Hundehalsband umgelegt, 
an dem eine Hundeleine befestigt wird. Indem er wie ein Hund auf allen 
Vieren sich fortbewegt und Bell- und Winsellaute von sich gibt, läßt 
ihm seine Herrin mit einer kleinen Peitsche leichte Züchtigungen zuteil 
werden. 

Solche Fälle sind keineswegs selten. Sie gelangen aber nicht oft 
zur Kenntnis der Ärzte. Die Frauen genieren sich einzugestehen, daß 
sie auf die Launen ihrer Männer eingehen, und die Männer haben keinen 
Grund, den Arzt aufzusuchen, da sie mit großer Hartnäckigkeit an 
ihrem Infantilismus hängen. Die Dirnen wissen sehr viel von diesen 
Sonderbarkeiten zu erzählen. 

Über die psychologische Entwicklung der zoanthropischen Para- 
philie gibt uns die nächste Krankengeschichte gute Aufschlüsse. Es 
handelt sich um einen 35jährigen Ingenieur, der mir folgende Lebens- 
geschichte niederschrieb : 

Fall Nr. 98. Ich wuchs als zweites Kind meiner Eltern auf dem Laude 
auf. Schon sehr früh setzte bei mir das Interesse für Tiere und besonders für 
Vögel ein. Ich erinnere mich an mein erstes Spielzeug. Es war ein Hahn, 
wo man durch Blasen Laute erzielen konnte. Soweit ich mich erinnere, war das 
Spielzeug aus Blech. Ich selbst spielte immer Hahn, aber auch gerne Hund, 
oder Affe, auch Bär in der Höhle, was ich mit meinem älteren Bruder stunden- 
lange tun konnte. Wir hatten immer allerlei künstliche Tiere. Zuerst waren 
es Vögel aus Porzellan. Wir gaben jedem Vogel einen Namen. Die Mutter 
mußte uns für die Vögel Kleider machen. Wir behaupteten steif und fest, 
es wären verzauberte Prinzen. Einmal gruben wir einen solchen Vogel in 
die Erde und hofften, er werde lebendig weiden und sich in einen Prinzen 
verwandeln. Wir waren sehr enttäuscht, als wir ihn schmutzig aus der Erde 
zogen und er absolut nicht lebendig werden wollte. Ich bekam auch einen 
niedlichen Kunst-Affen, den ich immer ins Bett nahm und von dem ich mich 
nicht trennen konnte. Noch heute spiele ich manchmal mit dem Affen und 
würde ihn auch am liebsten ins Bett nehmen, wenn ich mich nicht schämen 
würde. Paarende Tiere interessierton mich sehr und belehrten mich frühzeitig 
über das natürliche Geschlechtsleben. Ich versuchte auch eine Henne zu miß- 
brauchen, sie schrie und ich fürchtete, man werde mich überraschen. Unseren 
Hund onanierte ich oft und brachte ihn auch dazu, mich hie und da zu lecken, 
wobei mein Bruder zugegen war und mir den gelehrten Lehrer abgab. Ich 
trachtete immer mit Tieren beisammen zu sein. Meine größte Freude war 
der Tiergarten, den ich oft besichtigte, nachdem wir nach Wieii übersiedelt 



Zoophilie. 277 

waren. Ich konnte den Affen stundenlange zusehen und war besonders glück- 
lich, wenn es mir gelang, eine Paarung zu beobachten. Besonders die großen 
Tiere reizten mich unendlich. Ich hätte am liebsten mit einem Elefanten- 
weibchen verkehrt, oder wenigstens das Tier an den Geschlechtsteilen berührt, 
wenn ich nur dazu Gelegenheit gehabt hätte. 

Ich begann sehr früh zu onanieren und immer mit der Vorstellung, 
ich wäre ein Tier und könnte mit einem Tiere verkehren. Dabei machte ich 
so ziemlich die Verwandlung in alle Tiere durch. Das Dschungelbuch von 
Kipling regte mich sehr an. Ich beneidete Moglie, daß er unter Wölfen auf- 
wachsen durfte. Ich habe das Buch mindestens hundertmal gelesen. Auch die 
Märchen, in denen Tiere vorkamen, regten mich sexuell sehr auf. 

Das dauerte auch noch im Gymnasium an. Ich verstand nicht, daß 
meine Kollegen den Mädchen nachliefen. Ich konnte einem schönen Hunde 
oder einer Stute nachlaufen und nahm mir vor, reich zu werden, um recht 
viele Tiere halten zu können. Am häufigsten kehrte die Phantasie wieder, 
ich wäre ein Hahn und hätte einen Hühnerhof voller Hühner. Mit 17 Jahren 
wurde ich von Kollegen verleitet in ein Öffentliches Haus zu gehen. Ich hatte 
wohl eine kräftige Erektion, aber lange nicht das Vergnügen, das mir die 
Onanie mit der Vorstellung eines Tieres gewährte. 

Schon frühzeitig merkte ich, daß die verschiedenen Menschen Tierge- 
sichtcr haben. Ich entdeckte alle Tiere in den Zügen der Menschen. Einmal 
traf ich eine Dirne, die hatte ein Vogelgesicht. Bei ihr war ich so ziemlich 
potent und konnte mit der Vorstellung, einen Hahn zu busserieren, sehr großen 
Genuß erzielen. 

Aber noch immer betrachtete ich die Vorliebe für Tiere als müßige 
Spielerei, obwohl ich mit dem Gedanken kämpfte, zu Hagenbeck 'zu gehen, 
Tierwärter oder Tierhändler zu werden. Es ist selbstverständlich, daß ich als 
Tierfreund Mitglied aller möglichen Tierschutzvereine werden wollte. 

Mit 21 Jahren hatte ich eine flüchtige Neigung zu einer Kusine. Ich 
glaube, weil sie einen Hut trug, auf dem ein Vogel befestigt war. Denn nach 
einiger Zeit wurde sie mir gleichgültig, ich glaube, weil sie nicht mehr den 
Vogelhut trug. 

Mein Unglück sollte durch eine Theatervorstellung kommen. Damals 
kam gerade die Chanteclair-Mode auf. Das gleichnamige Stück von Rostand 
hatte die Welt erobert. Auch ich sah eine' Vorstellung, in der die Menschen 
Hühnerkostüme trugen. Ich verliebte mich in eine Schauspielerin, die in einem 
solchen Kostüme reizend aussah. Leider konnte ich mich ihr nicht nähern. 
Ich war nicht genug reich dazu. Aber ich sparte, was ich konnte und es gelang 
mir, bei dem einen Garderobier ein altes Hennenkostüm und einen Hahn zu 
kaufen. Nun führte ich bald meinen Plan aus. Ich gab eine Annonce in die 
Zeitung, in der ein Tierfreund eine gleichgesinnte Partnerin suchte. Ich 
fand eine 35jährige Gouvernante, die ähnliche, aber sehr verschwommene 
Phantasien hatte. Sie ging auf meinen Vorsehlag ein und zog sich das Hennen- 
kostüm an. Ich paradierte natürjjch als Hahn und die Folge war ein stürmi- 
scher Koitus mit dem größten Genüsse, dem bald viele andere folgten. Ich 
war nun im Banne meiner Leidenschaft. Aber meine Freundin mußte mit 
ihrer Familie Wien verlassen und es gelang mir nicht mehr, eine Partnerin 
zu finden. Hie und da führte ich die Komödie bei Dirnen auf. Aber sie 
lachten immer und das brachte mich aus der Fassung. Sie muß nämlich ernst 
bleiben und vor mir fliehen, während ich die Flügel schlage und wie ein 



278 



Psychosexuellcr Infantilismus. 



Hahn krähe. Ich war sonst in den meisten Fällen impotent und hatte fast 
gar keinen Genuß. 

Mein Unglück wurde erst namenlos, als ich mit 27 Jahren ein Mädchen 
schätzen und lieben lernte. Ich hielt um ihre Hand an und wurde glücklicher 
Bräutigam. Ich war stolz,. daß ich sie als Mensch liebte und sie nie mit den 
Hahnideen in Zusammenhang gebracht hatte. Ich hatte mittlerweile trotz 
dieser kindischen Spielereien eine große Stellung erobert. Ich wollte recht bald 
heiraten. Aber zu meinem Schrecken bemerkte ich, daß ich bei meiner Braut 
keine Erektionen hatte. Ich hielt mich für impotent. Da eilte ich einmal 
verzweifelt auf den Dachboden und holte mein Chanteclairkostüm hervor. 
Siehe da! Sofort hatte ich einen mächtigen Status. 

Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und onanierte. Ich traute 
mich nicht der Braut in die Augen zu sehen. Sie war ein engelreines und 
selten gutes Wesen. Ich hoffte auf meine Liebe. 

Aber in der Brautnacht war ich impotent. Ich lief aus dem Zimmer 
und rannte wie ein Verzweifelter auf der Gasse umher. Ich wollte mir das 
Loben nehmen. In diesem Zustande entschloß ich mich, mich meiner Frau 
anzuvertrauen. 

Sie hörte mich weinend an und meinte, sie wolle mit mir alles tragen 
selbst memo Impotenz. Sie wolle aber unter keiner Bedingung auf meine 
Phantasien eingehen, weil es ihr als eine Entwürdigung unserer Liebe er- 
scheinen würde. 

Ich begab mich dann zu einem bekannten Hypnotiseur, der mir ver- 
sprach, alles in einigen Sitzungen „wegzuhypnotisieren". Allein er brachte es 
bei mir nie zu einer Hypnose. So bleibe ich augenblicklich gefesselt im Banne 
meiner unglückseligen Leidenschaft. 

Das ist die Anamnese des Kranken. Die Analyse förderte eine 
mächtige sadistische Einstellung zutage. Nach Erkenntnis und Über- 
windung dieses latenten Sadismus, der ihm angeblich bisher vollkommen 
unbewußt gewesen war, konnte er den Koitus vollziehen. Die Zoanthro- 
pie klang ganz langsam ab. 

Einen merkwürdigen Fall von Zoanthropie beschreibt Kiernan 
(The Alienist and Neurologist, 1906) : 

l u Fall , Nr - 99 - Zwei angesehene Bürger von Wladikauka in Rußland 
hatten wiederholt Mädchen aus vornehmen Familien entführt und merkwürdig 
behandelt, Sie wurden wegen senilen Schwachsinns freigesprochen und in 
eine Irrenanstalt überführt. Das letzte Mal hielten sie eine junge Erbin ein 
ganzes Jahr gefangen. Die zwei Greise waren maskiert, überfielen ihr Opfer 
bei Nacht und entführten sie in einem Wagen. In einem reichgeschmückten 
Salon wurde sie befreit. Ohne ein Wort zu sagen, zogen ihr die beiden ein 
* edemkleid an und sperrten sie in einen großen goldenen Käfig, der im Salon 
bereitstand. Der eine, den anderen sah sie niemals wieder, beguckte sie 
schweigend jeden Morgen durch die Gitterstäbe, warf ihr manchmal Stücke 
Zucker hin und brachte jeden Morgen einen Topf heißen Wassers, das er in 
den Futternapf des Vogels goß, indem er sagte: „Bade dich, mein Vögelchen!" 
Las waren die einzigen Worte, die sie je hörte! Erst nach einem Jahre ent- 
ieß sie der Mann, nahm sie aus dem Käfig, zog ihr das Federnkleid aus, 
brachte sie in einem Wagen bis nahe an ihre Wohnung. 



Zoophilie. 279 

Näcke faßt den Fall als Fetischismus auf, auch als eine abortive 
sexuelle Befriedigung mit sadistischem Anstriche und meint, daß der 
Vogel vielleicht im Unterbewußtsein als geiles Tier eine Rolle spielt. 

Ich sehe hier eine Erinnerungsspur aus der Kindheit, in der den 
einen Kranken ein Vogel sexuell reizte. Wahrscheinlich sah er zu, 
wie die Mutter oder irgend eine andere Ferson dem Vogel Wasser 
reichte und diese Worte sprach. Vielleicht hat nur die Impotenz jede 
sexuelle Aggression verhindert. Jedenfalls sehen wir einen deutlichen 
Fall von Zoanthropie, der nach den vorhergehenden Ausführungen etwas 
verständlicher wird. Es ist auch möglich, daß es sich um eine Erinne- 
rungsspur eines Märchens handelt. (Vergl. in Grimm's Sammlung das 
deutsche Märchen von „Fittchers Vogel".) 

Der Variationen gibt es unzählige. Man kann kaum alle Ver- 
rücktheiten aufzählen, zu welchen die Zoanthropie die Menschen ver- 
leitet. Auch bei Frauen kommt sie vor, freilich wagt sie sich nicht 
klar ans Tageslicht. 1 ) Man muß nur Frauen beobachten, wenn sie in 
Menagerien vor Tierkäfigen stehen. Bekannt ist ja die Vorliebe der 
Frauen für das Artfremde, Exotische, die sich in der Aschanti-, Neger-, 
Chinesen- und Araberliebe äußert. Den Männern wird es in Bordellen 
leicht gemacht, ihre zoophilen Phantasien auszuführen. Der nächste 
Fall bietet auch ein solches Beispiel: 

Fall Nr. 100. Herr A. S. gesteht mir, daß er seit der Jugend den Wunsch 
hat, in einem Bärenfell zu koitieren. Sein größter Genuß ist der Koitus auf 
einem Bärenfell. Sein Zimmer ist mit allerlei Bärenfellen ausgekleidet. Auf 
der Ottomane liegt das Fell eines Eisbären. Vor der Ottomane liegen rechts 
und links Eisbärenfelle. Am liebsten zieht er ein Bärenfell an und läßt seine 
Partnerin auch ein Bärenfell anziehen. Er erinnert sich, daß er in der Jugend 
einmal in einem Tiergarten Geschlechtsverkehr zwischen Bären gesehen hatte, 
was auf ihn einen außerordentlich großen Eindruck machte. 

Eine Reihe von zoophilen Aspekten bringt der nächste Fall, der 
zugleich einen Beitrag zur Entstehung der Leidenschaft für Pferde 
darstellt. 

Fall Nt. 101. Herr T. C., ein Zoologe im Alter von 42 Jahren, kräftig, 
erblich nicht belastet, körperlich ganz normal, keine Degenerationszeichen, 
ist seit der Kindheit Zoophile. Er erinnert sich deutlich, daß ihm nur jenes 
Spielzeug, welches Tiere darstellte, Freude machte. Er spielte nur ungern mit 
Bleisoldaten, sah sich am liebsten in Bilderbüchern die verschiedenen Tiere 
an, deren Namen er genau wußte. Er erinnert sich einer namenlosen Freude, 

*) Von vertrauenswürdiger Seite wurde mir mitgeteilt, daß den Reisenden 
in Lupanaren zu Kairo" der Verkehr zwischen einem Esel und einer Frau für hohes 
Entgelt gezeigt wird. Die Frau setzt sich unterhalb des Esels auf einen hohen Schemel 
und hängt sich an seinem Halse auf. Durch Senken und Anziehen erreicht sie dann 
beim Esel die gewünschte Befriedigung. 



280 



Psychosexüeller Infantilismus. — Zoophilic. 



als er im siebenten Jahre zu Weihnachten ein großes Hutschpferd erhielt. 
Er erinnert sich genau, daß er beim Hutschen die ersten wollüstigen Emp- 
findungen bewußt erlebte. Noch heute ist es sein größtes Vergnügen, im 
Prater auf einem Holzpferd zu reiten. Dabei kommt es regelmäßig zu einer 
Pollution. Er hat nie mit Frauen verkehrt, onaniert mit der Vorstellung 
auf einem Holzpferd zu reiten. Er stellt sich auch mitunter vor, daß er ein 
Pferd ist und geritten wird. Auch daß er eine Frau zwingt, mit einem Hunde 
oder einem Kater zu verkehren. 1 ) 

Sein größter Genuß besteht darin, im Tiergarten eine Kopulation der 
Tiere zu beobachten. Trotz großer Sehnsucht nach einem Hunde, hat er es 
nie gewagt, sich einen Hund zu halten. Er könnte dann nicht für sich ein- 
stehen. Ein einziges Mal faßte er ein tieferes Gefühl für eine Frau. Es war 
seine Hausfrau, die ein ausgesprochenes Tiergesicht hatte. 

Eine Analyse des Zustandes war unmöglich, da Patient Wien 
verlassen mußte. 

Damit schließe ich die kleine Beobachtungsreihe. Ich glaube aber, 
daß mir die späteren Jahre noch viel neues Material bringen werden. 
Ich verweise nur auf die Negative dieser Paraphilien. die sich als 
Phobie äußern. Die Kapitel über „Tierphobien" und die „Analyse eines 

Falles von Vogelphobie" im ersten Bande dieses Werkes (III. Auflage) 
zeigen uns, wie sich diese Zoophilie in der Verdrängung als Zoophobie 
äußern kann. 

Ich sehe viele impotente Männer, bei denen sich eine zoanthro- 
pische, eine infantile Fixierung feststellen läßt. In der Analyse pflegen 
diese Tatsachen erst ziemlich spät hervorzutreten. Man achte besonders 
auf die Tierträume. Auch lassen sich manche Fälle von Liebe auf den 
ersten Blick durch zoophile Neigungen erklären. Es gibt Menschen, 
welche deutliche Tiergesichter aufweisen. Ich habe konstatieren können' 
daß die leidenschaftlich geliebte Frau eines Mannes, der deutliche 
ornithophile Neigungen zeigte, ein ausgesprochenes Vogelgesicht hatte. 
Die tiefere Wirkung mancher häßlicher Gesichter läßt sich mitunter 
auf diese Weise erklären. 



*■) So unwahrscheinlich es Hingt, es scheint auch diese Art des zoophilen Ver- 
kehres vorzukommen. Kraust berichtet in der Athropophyteia: Wenn ich den viel- 
fachen Mitteilungen Glauben schenken darf, und sie dürften nicht insgesamt auf leere 
Vermutungen zurückzuführen sein, geben sich unter Südslawen verhältnismäßig häufig 
Frauen Pferden und Eseln hin. Wie sie dabei zu Werke gehen, weiß ich nicht aus 
eigener Anschauung. Mir war es nur vergönnt, eine bildschübsche Krowotin zu belauschen, 
die sich nachts vollkommen entkleidet, vor einer brennenden Lampe stehend mit einein 
Kater abgab. Sie geriet dabei in so furchtbaren Orgasmus, daß sie mich gar nicht 
bemerkte, obwohl ich, kaum zwei Schritte von dem Fenster entfernt, die Szene beob- 
achtete. Sie machte auf mich einen ungemein komischen Eindruck. {Krauts a a 
S.281.) • '■ 



XVI. 
Analyse einer Zoophilie. 

Fall Nr. 102. Der 23jährige Beamte Theta leidet an einer schweren 
Zwangsneurose, die ihm die Arbeit im Büro ungemein erschwert. Er ist 
immer in Zweifel, ob er seine Arbeit richtig gemacht hat. Er muß die 
Briefe einige Male durchlesen, kann sich nicht erinnern, ob er alle Auf- 
träge richtig ausgeführt hat. Ich will ein Beispiel geben, wie sich 
diese Zwangsneurose äußert. Er erhält den Auftrag, dem Prokuristen 
einen Betrag von 10.000 K zu übergeben. Nachdem er das getan hat, 
zweifelt er: 1. Ob er die Summe erhalten hat. 2. Ob er sie dem Prokuristen 
übergeben hat. 3. Ob er am Wege nicht einen Teil des Geldes verloren 
hat. 4. Ob er sie nicht einem anderen gegeben hat. 

Er ist daher genötigt, sich den ganzen Vorfall ins Gedächtnis zu- 
rückzurufen und sich die Details zu wiederholen. Das dauert oft Stunden, 
bis er beruhigt ist. 

Besonders bei Geldsachen überkommen ihn Zweifel. Auch bei 
allen anderen Begebenheiten, bei denen die Möglichkeit eines Vergehens 
in Frage kommt, meldet sich der Zweifel. Bei Diebstählen, Defrauda- 
tionen, Morden usw. fragt er sich, ob er nicht ungerecht verurteilt 
werden könnte, ja, ob er nicht irgend eine Beziehung zum Mörder 
gehabt hätte. So z. B. las er in einer Zeitung, daß ein Mann, der eine 
Dame im Hotel ermordet hatte, seinen Komplizen in einem Durchhause 
angetroffen hatte. Sofort ging er in das Durchhaus und quälte sich 
damit ab, ob er nicht zufällig dort gewesen sein könne, so daß ein 
Verdatht auf ihn fallen könnte. 

Um sich gegen diese Unsicherheit zu schützen und den Tag gut 
auszufüllen, macht er sich am Abend Notizen und Imperative, er be- 
ruhigt sein Gewissen, er. übergeht den Tag in Gedanken und entwirft 
das Programm des nächsten Tages — immer dabei gequält und von 
Zweifeln verfolgt. 

Außerdem klagt er über eine merkwürdige Form von Zoophilie und 
Sadismus. Im Mittelpunkte seines Denkens steht — das Pferd. Seine 
Lieblingsvorstellungen sind Reiten und Fahren. Alles was sich auf 



282 Psychosexueller Iufautilismus. 

Pferde bezieht, interessiert ihn. Reiten scheint ihm die höchste Lust 
des Lebens zu sein. 

Er ist niemals geritten. Aber in seinen Phantasien dehnen sich 
diese Ritte über Stunden, Tage, ja sogar Jahre aus. Er hat angeblich 
nie onaniert. Nur Pollutionen seien vorgekommen. Eine genauere 
Nachfrage ergibt folgenden Tatbestand: Er schläft jeden Abend so ein, 
daß er ein Polster zwischen den Beinen hat. Dieses Polster ersetzt 
ihm das Pferd. Er drückt die Schenkel fest zusammen, er reitet schnell 
durch eine Menge, wobei er viele Menschen überreitet — und dann kommt 
es zu Orgasmus und Ejakulation. Ohne Polster zwischen den Beinen 
kann er nicht einschlafen. 

Die Zwangsvorstellungen dienen offenbar dazu, die sexuellen 
Phantasien zurückzudrängen. Denn kaum ist er mit seinen Quälereien 
und Programmen fertig, so setzt sofort die Reitphantasie ein. 

Es ist nötig, diese Phantasie näher zu beschreiben. Er ist natür- 
lich ein König, ein Pascha, ein Tyrann. Die Menge ist ohnmächtig, sie 
muß ganz einfach seinen Launen gehorchen. Er reitet durch die Menge, 
über weiße Leiber, über Kinder und Greise, das Blut spritzt auf, die 
Eingeweide treten aus den Körperhöhlen und er sprengt weiter. Mit- 
unter ist er auf einem Weibe, das auf dem Pferde sitzt. 

Er ist Alleinherrscher und läßt auch seinen Wagen von nackten 
Weibern und Männern ziehen. Alles muß vor ihm in den Staub sinken. 
Er ist ein Gott. Er ist unsterblich. Von seiner ganzen Familie ist 
dann nur die Mutter unsterblich. 

Dem Pferd werden göttliche Ehren verliehen. Das Pferd ist 
eine Gottheit und muß angebetet werden. Die Leute drängen sich, um 
den Stuhl und Urin des Pferdes aufzufangen, letzteren werten sie als 
besondere Kostbarkeit und nehmen ihn in feierlicher Weise als große 
Delikatesse zu sich. 

Sein eigener Urin und Stuhl gelten ebenso als die größten Kost- 
barkeiten. Seine Exkremente werden in goldenen Schalen gesammelt, 
in den Tempeln aufgestellt und vom Volke verehrt. 

Das Pferd wird täglich von zwanzig Jungfrauen mit den kost- 
barsten Essenzen gewaschen und sehr rein gehalten. Es ist ein aus- 
erlesenes Pferd. Es kommt spät des Nachts zu ihm ins Bett und schläft 
mit ihm. 

Dabei ist er grausam. Es ist kalter Winter. Alle Menschen 
hungern und frieren. Aber dem Pferde werden die seltensten Lecker- 
bissen gereicht. Sein Pferd wird in kostbare Decken gehüllt. Die Leute 
werden auch gezwungen, dem Pferde den Anus auszulecken (Anilingus). 

Er erinnert sich, daß er schon frühzeitig beim Urinieren Lustgefühle 
hatte. Er hält den Urin zurück, so daß er fast Schmerzen fühlt. Dann 



■ 



Analyse einer Zoophilie. 283 

uriniert er mit großem Genüsse. Bei jeder Erregung fühlt er einen 
Schmerz in der Blase und einen heftigen Urindrang. 

Er hatte folgenden Traum: 

Zwei Einbrecher wollen so in mein Zimmer kommen, daß sie einen 
Stock durch ein Loch in der Wand stecken. Ich rufe zwei Mägde zu Hilfe, 
die aber nicht erscheinen. Ich werfe die Einkaufstaschen der Mägde auf 
die Gasse, damit die Leute aufmerksam werden, daß Einbrecher da sind 
und mir zu Hilfe kommen. Es hilft nicht. Darauf rutschte ich die 
Stiege hinunter, um auf die Straße zu kommen. 

Patient stand vorher bei dem Analytiker Dr. J. in Behandlung. Die zwei 
Einbrecher sind ich und mein Kollege. In einem früheren Traume hatte 
er von mir geträumt und die Worte Stock, Stöcker, Stekel sind darin vor- 
gekommen. Ich will also in seine Seele einbrechen, er wirft die kostbaren 
Taschen auf die Straße, um meinen Forschungen zu entgehen. Taschen auf 
der Straße bedeuten Dirnen. Er will der Analyse entgehen. „Ich werde mir 
helfen. Ich werde zu Dirnen gehen oder onanieren." (Das Rutschen auf der 
Stiege. Erster Orgasmus auf der Kletterstange bei vielen Burschen!) Die 
Verdopplung der Persönlichkeiten kommt bei gespaltenen Menschen häufig 
vor. Dann wird der Traum einfacher und verständlicher. Er flüchtet vor 
der Homosexualität (Penis-Stock) zu den Mägden und zur Onanie. Zu be- 
denken ist ferner, daß die Magd häufig nur ein Symbol der Mutter ist. 

Er hat ein eigenartiges Verhältnis zur Mutter. Obwohl er ein erwachsener 
Mann ist, läßt er sich jeden Morgen von seiner Mutter anziehen, als wäre er ein 
Junge. Er rationalisiert das damit, daß er sonst zu spät ins Büro kommen 
würde. Sie zieht ihm Strümpfe .und Schuhe an, während er noch im Bette 
liegt. Wäscht ihn, kämmt ihn, kurz behandelt ihn wie ein kleines Kind. Ein 
klassisches Beispiel eines Infantilismus. 

Er hat Angst vor dunklen Räumen. Er kann am Abend nicht allein 
in ein finsteres Zimmer gehen. Er wird dann wieder ein Kind und ersucht 
die Mutter oder den Bruder mit ihm zu gehen. 

Des Machts wickelt er sich manchmal sehr fest ein, als ob er ein Wickel- 
kind wäre. Es macht ihm einen großen Genuß, ganz eingebunden zu sein, 
so daß er sich nicht rühren kann. 

Zu Hause hat er immer Kopfschmerzen. (Das rührt wohl von seiner 
Verdrängung her.) 

Er fühlt, daß er hinten sehr reizbar ist. Er hat beim Stuhlabsetzen 
angenehme Empfindungen. Er scheint seine Reitphantasien als permanente 
Reizung der hinteren Körperpartien zu betrachten. 

Er hat allerlei Einfälle, die nur dazu dienen, den Arzt zu entwerten. 
Sein überspanntes Persönlichkeitsgefühl verträgt nicht, daß ein anderer etwas 
leistet. Er sucht immer nach Fehlern und findet sie. 

Er hat allerlei mystische Vorstellungen von seinem Polster. Er fürchtet, 
seine Brüder könnten sich durch das Polster infizieren, als ob seine Neurose 
eine Infektionskrankheit wäre. (Diese Gleichstellung der Neurose mit einer 
Lues können wir oft konstatieren.) Er fürchtet, einer seiner Brüder könnte 
das Polster zwischen die Beine nehmen. Er gibt auch zu, daß er phantasierte, 
er habe seinem Bruder sein Sperma in den Kaffee gegeben. Diese Phantasien 



284 Psychosexueller Iufantilixmus. 

weisen auf einen Zusammenhang seiner Phantasien mit seiner Familie hin. 
Es ist interessant, daß er seinen Brüdern in seinem Traumreiche zwar hohe 
Stellen einräumt, daß er aber immer der Alleinherrscher bleibt, dem sie 
zu gehorchen haben. Die biblische Legende von Josef hat ihn lebhaft be- 
eindruckt. 

Sein Bruder scheint an den gleichen Zuständen zu leiden. Er ist um 
2 Jahre jünger und läßt sich auch von der Mutter anziehen. Beide lassen sich 
vor dem Einschlafen von der Mutter zudecken. 

Er schlief bis zum 16. Lebensjahre mit dem Bruder in einem Bette. 
Er behauptet — etwas unsicher — , es wäre niemals etwas zwischen ihm und 
dem Bruder vorgefallen. 

Er sprach heute von seinem Bruder. Es zeigt sich, daß sein Bruder auch 
ein schwerer Neurotiker ist und an masochistischen Phantasien leidet. Er 
stellt 6ich vor, daß er von Kutschern gezwungen wird, im Zimmer herum- 
zulaufen und gepeitscht wird. Er identifiziert sich also mit einem Pferde. 

Patient weiß sich nicht zu erinnern, ob er mit seinem Bruder „Pferderl" 
gespielt hat. 

Er träumte heute Nacht: 

Mein Onkel sieht meine Notizen durch und findet dort das Wort 
„vögeln". Ich bin sehr erschrocken darüber .... Ein junges Mädchen 
berührt mich mit ihren Knieen. Wir sitzen auf einer Bank. Sie will mir 
immer näher kommen. Fremde Jungen raufen mit Knaben, die auf unserer 
Seite stehen. Ein Junge haut mir mit einer Hacke auf den Schädel. Ich 
wundere mich, daß ich keine Schmerzen habe. Das Mädchen sagt: „Di© 
Besitzer der Weingärten werden sich darüber beschweren . . . ." Dann 
gehe ich auf der Straße mit einem Reißbrett und sehe A., der auch ein 
Reißbrett hat. 

Zum Traume fällt ihm wenig ein. Der Onkel ist sein Vormund, der 
immer seine Sachen untersucht. Er hat vor ihm sehr großen Respekt. Das 
Mädchen ist ihm unbekannt. Auch sonst weiß er keine Assoziationen zu dem 
Traume. A. ist ein Bürokollege, der ihm im Büro vorgezogen wurde, obgleich 
er zu gleicher Zeit mit ihm ins Büro eintrat. 

Erst die künftigen Tage werden uns über die Bedeutung dieses Traumes 
aufklären. 

Er war mit einem Vorgesetzten in einem Safe-Raum. Plötzlich ging 
es ihm durch den Kopf: Wie wäre es, wenn Du den Mann jetzt niederschlagen 
würdest ! 

Er erinnert sich an Träume, in denen er auf dem Bruder rittlings saß. 
Ein Traum lautete: 

Ich reite auf meinem Bruder. Er fliegt dabei in der Luft. Ich 
frage ihn, warum er über den Fluß fliegt. Wenn du schon fliegst, könntest 
du über dem Lande fliegen. Dabei ging es mir durch den Kopf: Fluß- 
Fluß-Fluß. 



Auch anderer Träume erinnert er sich, in denen er auf diesem Bruder 
reitet. Er weiß nicht, ob ihn der Bruder als Kind getragen hat. Er weiß nur. 
daß er sehr viel mit ihm spielte. 







Analyse einer Zoophilie. 285 

Er hat noch einen vierten Bruder, den ältesten. Der ist sehr jähzornig 
und hat ihn oft geschlagen. Sie raufen noch heute. 

Einmal drohte er dem Bruder : „Ich habe bei Dr. Stekel gelesen, daß 
ein Mann seine Frau im Schlafe erschlagen hat. Hüte Dich!" 

Der Bruder erwiderte: „Bei Euch muß man ja Angst haben." 

Er erinnert sich deutlich, daß er als Knabe sich einige Male des 
Morgens im Bette des Bruders befand, ohne sich erinnern zu können, wie er 
hineingekommen sei. Er fürchtete damals, er könnte ein Nachtwandler 
werden. 

Er wurde von allen kommandiert und hin und hergestoßen. Als 
Kompensation bildeten sich die Bachephantasien, in denen er der gewaltige 
Alleinherrscher ist. 



Er hat allerlei Widerstandsträume, in denen er sich über mich lustig 
macht. Dann hat er einen Einfall. Er las einmal in der Biographie von 
Rirogoff, daß. er als Kind eine Phantasie hatte, von einem kleinen Bleistift, 
der größer und größer wurde und von einem Wurm, der anwachsen konnte. 

Weitere Einfälle ergeben, daß er sich in Gedanken mit den Genitalien 
seiner Brüder und aller Menschen intensiv beschäftigt. Diese Gedanken will 
er nicht sehen und ersetzt sie durch Zwangsvorstellungen 

„Ich frage mich manchmal, ob Sie auch der Dr. Stekel sind, der die 
Bücher geschrieben und die Vorträge gehalten hat. Es könnte ja ein anderer 
Dr. Stekel sein. So zweifle ich an allen Menschen, sogar an meinen Brüdern. 
Sind Sie es wirklich?" 

Die Wurzel dieses Zweifels ist leicht zu linden. Er zweifelt erst an 
sich. Er zweifelt, ob er der Sohn seiner Mutter und der Bruder seiner Brüder 
ist. Er zweifelt an seiner Identität. 

Es ist der „Familienroman" (Freud), der sich in der Analyse enthüllt. 
Er zweifelte bis vor kurzer Zeit, ob er ein Mann oder ein Mädchen sei und 
fürchtete sich sogar vor einer Schwangerschaft. Er weiß nicht, wie das weib- 
liche Genitale aussieht. Er behauptet, daß sein 22jähriger Bruder ebenso 
naiv und unwissend ist. 

Verschiedene Einfälle zeigen, daß er die Sexualforschung schon in 
frühen Jahren betrieben und von den Brüdern, Kollegen und Dienstmädchen 
genügend aufgeklärt wurde. 

Dieses Nichtwissen entspricht einer Verdrängung. Es muß sich um 
ein bestimmtes Weib handeln, das er nicht sehen wollte. 

Seine Mutter teilto ihm ein Trauma mit, dessen er sich nicht erinnern 
kann. Sie überraschte eines Tages den achtjährigen Nachbarssohn, der mit 
dem Gliede des damals vierjährigen Knaben spielte. Sie verbot das dem 
Knaben. Bald darauf erkrankte seine Schwester und er hatte keirie Aufsieht. 
Seine Mutter kam darauf, daß der Nachbarssohn das Spiel wiederholt hatte. 

Sein Bruder ist ein ausgesprochener Analerotiker, der lange Zeit auf 
dem Aborte zubringt. Über den Geist des Hauses gibt folgende Tatsache 
Kenntnis: Der Binder pflegt sich bei der Defäkation nie vollständig ab- 
zuwischen und bohrt dann im Zimmer zwischen den Nates, holt kleine Kot- 



286 Psychosexueller Infantilismus. 

klümpchen hervor, die er zu Kugeln ballt. Mit diesen Kugeln bewirft er seine 
Brüder. Wenn sie protestieren, zitiert er einen mittelhochdeutschen Vers, in 
dem der Kuß auf die Nates verherrlicht wird. 

Er erinnert sich, mit dem Großvater in einem Bette gelegen zu sein. 
Er bewunderte das große schlaffe Glied. 

Er erinnert sich, daß er seinen Vater sah — er war sechs Jahre alt, als 
der Vater starb — , wie er auf dem Sofa sitzend mit beiden Füßen den Kopf 
des älteren Bruders umklammerte. 

Er hatte lange keine rechte Vorstellung vom Koitus. Dr. J. empfahl 
ihm zur Aufklärung Forel. Er las während des Mittagsessens in einer Ge- 
meinschaftsküche die Schilderung des Beischlafes. Es wurde ihm dunkel vor 
den Augen und er fiel einige Sekunden in Ohnmacht, hielt aber das Buch 
krampfhaft fest, damit man nicht erkennen sollte, was er gelesen hatte. Es 
scheint sich um eine Phantasie mit einem Inzestobjekt gehandelt zu haben 
(Mutter). 

Seine erste Erinnerung: Er sitzt im halbdunkien Vorzimmer und sieht 
seine Mutter mit halbentblößtem Körper. 

Er hat oft Phantasien, daß er statt eines Polsters ein Kind zwischen 
den Beinen hat. Es liegt ihm nichts daran, wenn er dieses 
Kind zerdrückt. Seine Licblingsphantasien neben den Pferdeträumen : 
Er macht einen Haupttreffer und spielt auf der Börse. Er hat viele Milliarden. 
Bei diesen Gedanken hat er eine Erektion, was uns beweist, daß das Geld 
nur ein Umweg zu einer sexuellen Phantasie ist. Sein Wille zur Macht ist 
der Wille zur Macht über Weiber und Männer. 

Er hat eine Skala seiner Wünsche: 1. Perde; 2. Macht; 3. Luxus; 
4. Frauen. 

Er muß sich im Büro immer Notizen machen, um seinen Zweifel zu 
6tillen. Wenn er nicht allein ist, so hilft er sich mit dem Klosett. Das macht 
er auch manchmal noch zu Hause. 

Gestern hatte er einen solchen Anfall von Zweifel. Er sollte 10 Briefe 
auf die Post geben. Er 6agte sich: 

Du hast die Briefe zum Schalter getragen! (Ja!) Du hast sie dem 
Beamten in die Hand gegeben. (Ja, ich habe sie ihm in die Hand gegeben.) Er 
hat sie genommen. (Ja, usw.) Er hat dir ein Rezepisse gegeben. (Ja.) Das 
Rezepisse hast du dem Vorstand übergeben. (Ja.) Hast du es bestimmt über- 
geben? (Ja, er hat es genommen.) Was war dann? (Dann bist du zu deinem 
Schreibtisch gegangen) usw. .... Dies dauert sehr lange und muß dreimal 
oder viermal wiederholt werden. 

Solch ein Zweifel entsteht, wenn eine wirkliche Tatsache vergessen 
werden soll. Er scheint mit seinem älteren Bruder allerlei Spiele aufgeführt 
zu haben. Dafür spricht folgender Traum: 

Ich gehe mit meinem Bruder aus und halte meinen und des -Bruders 
Hut in der Hand. Dann kam eine polnische Familie und ich wundere 
mich, wie ich zu der dazukomme. Die hat zwei kleine Kinder gehabt, 
von denen man die nackten Bäuche gesehen hat. Ich habe mit ihnen 
gespielt, dann ist den Kindern Himbeersaft mit einem Strohhalm gegeben 
worden. Ich habe mich mit dem Strohhalm sehr ungeschickt benommen, 
dann etwas von dem Himbeersaft getrunken, der sehr kalt war. 



Analyse einer. Zoophilie. 287 

Ich war auf dem Lande. Im Hause waren mehrere Soldaten ein- 
quartiert. Wenn ich sie mit ihren Pferden (das Gestampf am Holzboden) 
kommen hörte, lief ich gleich aufgeregt zum Fenster. 
Dieser Traum bezieht sich auf den älteren Bruder. Es fällt ihm ein, 
daß dieser Bruder vor einigen Tagen Himbeersaft mit einem Strohhalm hätte 
trinken sollen und sich nicht auskannte. Der Hut ist ein bekanntes Symbol 
des Gliedes. Auch die nackten Bäuche seiner Brüder (polnische Familie) 
sind ihm in Erinnerung. Himbeersaft steht wohl für Sperma, Blut und Urin. 
Darüber ist vorläufig nichts Näheres zu erfahren. 



Er gibt eine Schilderung seiner gestrigen Phantasien: 

Ich stelle mir mich vor, auf einem Pferde reitend, über alles hinweg- 
reitend, auf keinen Weg achtend, über Gärten und Wiesen und auch über 
Personen, die am Boden liegen. Manchmal stellte ich mir Männer und 
Frauen mit entblößtem Oberkörper vor, vor einen Wagen gespannt, 
damit die Wirkung der Peitsche nachhaltiger ist. Ich stelle mir vor, 
daß ich bezüglich des Schiagens durch keine Grenze behindert bin, ich 
kann machen was ich will. Manchmal stelle ich mir mich als Herrscher 
vor, daß ich unumschränkte Macht über die Menschen habe, daß sie vor 
mir ausweichen und mich auch grüßen. Ich stelle mir vor, ich besäße ein 
Schloß und der Stall wäre gleich neben meinem Schlafgemache. Ich 
stelle mir mich manchmal vor auf dem Halse einer nackten Frau reitend, 
oder auf einer Frau, die auf einem Pferde liegt, die Frau mit meinem 
Gliede spielend. Wenn ich Herrscher bin, wird mir jede Frau ergeben sein 
müssen in bezug auf den sexuellen Akt. Ich stelle mir vor, daß eine 
größere Anzahl von Frauen nur mit Mantel bekleidet zu meiner Aus- 
wahl sind und ich komme und es fällt der Mantel und sie stehen voll- 
kommen hüllenlos da (wie die in Rußland). Wenn ich Herrscher sein 
werde, werden meine Untertanen nicht arbeiten müssen. Ich lasse sie 
aber doch arbeiten, daß ein Unterschied zwischen mir und ihnen ist. 
Für die Leute ist es eine Ehre, vor meinen Wagen gespannt zu sein, 
wollen sie es aber nicht, so zwinge ich sie mit einer Peitsche. Wenn 
ich reite, müssen alle mir zu Willen sein, z. B. mein Pferd waschen. 
Man hat doch Hunde im Zimmer, warum soll man nicht Pferde im Zimmer 
haben können? Manchmal habe ich mich sogar mit einem Pferde im 
Bette liegend vorgestellt. Jede große Rücksichtslosigkeit, auch solche 
in der Lektüre, macht mir Vergnügen. „Wenn du zu Frauen gehst, vergiß 
die Peitsche nicht!" Ich bin äußerst furchtsam (dunkles Zimmer etc.). 
Das Gehen in ein anderes Zimmer kostet mich schon einen Widerstand. 
In der Nacht, wenn ich aufwache, erregen gruselige Erinnerungen aus 
der Lektüre meine Furchtempfindungen. 



Er kommt und hält einen Zettel im Mund. Es sind die Einfälle, die er 
notiert. Seine Tasche ist voll von solchen Zetteln. Er macht mir dann Vor- 
würfe, ich beachte die Symptomhandlungen nicht. Warum habe er den Zettel 
im Mund gehalten? 

Ich denke sofort an den Traum mit dem Strohhalm und vermute 
Fellatio und Kunnilingusphantasien. Sein nächster Einfall: 



28H Psychosexueller lufautilisiiius. 

„Habe ich Ihnen schon gesagt, daß die Mutter mich selbst gestillt hat?" 
Er hat noch immer die Gewohnheit, etwas zu lutschen. Er hält die Hand 
vor den Mund und saugt daran. So schläft er ein, offenbar indem er sich die 
Lust der Mutterbrust vorstellt. 

Die Mutter belehrte ihn, daß der erwähnte Knabe öfters mit ihm gespielt 
habe. Denn sein Schwesterchen (inzwischen verstorben) hatte der Mutter 
getratscht, daß die Buben trotz des Verbotes miteinander gespielt hätten. Sie 
zeigten sich und berührten sich die Genitalien. 

Ihm fällt ein, daß in seinem Reiche nur er Pferde haben darf. Um die 
Identität des Pferdes mit der Mutter festzustellen, frage ich -ihn, ob das Pferd 
weiblich oder männlich ist. 

„Das weiß ich nicht. Darüber habe ich nie nachgedacht." 

„Haben Sie sich ein trächtiges Pferd vorgestellt?" 

Er schweigt. Dann gibt er zu, daß er sich eine prachtvolle mit allem 
Komfort ausgestattete Gebärklinik für seine Pferde phantasiert habe. Das 
zeigt uns die Assoziation Weib und Pferd. 

Er hatte heute Nacht einen Traum: 

Herr Z. sagt mir, daß er einem anderen diktieren werde, da ich 
ja so ungeschickt bin. 

Es ist derselbe Z., der im ersten Traume ein Reißbrett trägt. Er 
diktiert ihm manchmal, was ihn verletzt, da sie gleichgestellt waren und der 
andere jetzt sein Vorgesetzter ist. 

Überdies* ist er im Stenographieren und auf der Schreibmaschine sehr 
ungeschickt. Jetzt wird das Thema der Ungeschicklichkeit, das im Traume 
vom Strohhalm angedeutet ist, weit ausgesponnen. Er ist ein absolut un- 
geschickter Mensch. Das Zuschließen einer Türe, das Zuknöpfen eines Knopfes 
das Schreiben auf der Maschine, alles geht ihm schwer. Er hat auch die 
Überzeugung, daß er sich bei einer Frau blamieren würde, weil er so un- 
geschickt ist. 

Diese Ungeschicklichkeit kommt nun zum Teil von seiner Symbolisierung 
des Alltags. Jedes Loch wird ihm eine Vagina, jeder Knopf ein Phallus. 
Die Maschine wird zum Weibe und er beweist sich an den kleinen Handgriffen 
seine Unfähigkeit. Er benimmt sich immer so, als ob er koitieren würde. 

Andererseits erfordert diese Ungeschicklichkeit verschiedene Handgriffe 
von der Mutter, die ihm große Lust bereiten. 

Ich habe ihm geraten, sich nicht mehr anziehen zu lassen. Er hat es 
mir versprochen, muß aber gestehen, daß er es nicht lassen kann. Er wird 
auch zuweilen ausgezogen, besonders Schuhe und Strümpfe. Offenbar ist es 
die Eifersucht auf den jüngeren Bruder, die ihn mit dieser Gewohnheit nicht 
aufhören läßt. 

Das ganze Haus steht im Zeichen des Infantilismus. Der älteste Bruder 
ließ seinen Zwicker fallen, so daß er zerbrach. Aus Zorn, weil die Geschwister 
lachten, warf er eine jetzt unersetzbare Schüssel zu Boden. 

Jeder möchte im Hause herrschen; alle 6ind auf die Liebe der Mutter 
eifersüchtig. Der eine macht ihr Schmerzen, der andere fordert Liebesdienste. 



: 



Analyse einer Zoophilie. 289 

Unser Patient hat wie alle Ini'antilisten merkwürdige Traumzustände. 
Er schläft auf der Elektrischen immer für einige Minuten ein und weiß nicht, 
woran er gedacht hat. 

Auch im Büro hat er solche Traumzustände. Diese sind die Ursache 
seiner Ungeschicklichkeiten. Er ist nie ganz dabei. 

Infolgedessen traut er seinem Gedächtnis nicht. Er hat eine schreckliche 
Zettelwirtschaft. Jeden Abend muß er einen gewissen Vorrat erledigen. 
Z. B. gestern. Er erhielt seinen Gehalt und gab ihn dem Bruder. Er zählte 
einige Male nach. Nun muß der Bruder nachzählen und die Zahl auf dem 
Kuvert notieren. Trotzdem hat er die ganze Sache zu „erledigen". 

Er beginnt: Du hast das Geld gestern bekommen. Ja! Hast du es nicht 
vorgestern bekommen? Nein! Denn der Kassier zahlt am letzten aus. Aber 
hast du nicht mehr bekommen? Hast du nicht doppelt so viel bekommen? 
Nein! Du hast nachgezählt. Der Bruder hat nachgezählt usw. Das geht fast 
eine Viertel Stunde. Dann schreibt er auf den Zettel „erledigt!" Aber der 
Zettel wird nicht weggeworfen. Er kommt in den Kasten der vorerledigten 
Sachen, um erst nach einer nochmaligen Prüfung, die jedes Mal viermal wieder- 
holt wird, in den letzten Kasten geworfen zu werden. 

Von den Zetteln trennt er sich nicht. Es sind seine Beweise. 

Er spielt offenbar sein Leben und will eine bestimmte Erinnerung ver- 
gessen und doch behalten, erledigen und doch in seinem „Hirnkasten" auf- 
bewahren. 

Er erinnert sich eines älteren merkwürdigen Traumes : 

Mein Chef diktiert mir einen Brief an mich selbst. Es soll ein 
polnisches Mädchen zu uns ins Büro kommen, die sich in einem Tunnel 
besonders ausgezeichnet hat. Ich soll sie mit allen Ehren empfangen 
und besonders liebenswürdig mit ihr sein. 

Zum zweiten Male fällt ihm das polnische Kind ein. Es muß einen 
bestimmten Sinn haben. Er will gar nichts dazu assoziieren. Dann aber gibt 
er an, daß Karl Emil Franzos sein Lieblingsschriftsteller ist. Unter seinen 
Werken erinnert er sich einer in Polen spielenden Novelle, in der ein Polizei- 
meister einen armen Juden entsetzlich quält und seine Macht fühlen läßt. 

In seinen Phantasien ist er oft Zar von Rußland und Alleinherrscher 
wie der Polizeibeamte. Wer aber ist das Mädchen? Wer die polnischen Kinder? 
Darauf wird er uns in der nächsten Sitzung Antwort geben müssen. 

, Verschiedene Träume, aus denen hervorzugehen scheint, daß seine 
Brüder mit ihm in der Jugend gespielt haben. 

Große Widerstände. 



Er träumte: 

Mein Onkel spricht irgend etwas von Telephonnummern. Ich 6age 
das meinem Bruder. Er wiederholt mir die Nummern und ich bin trotz 
des Wiederholens nicht ganz sicher. Er lehnt sich an ein Bücherbrett, 
ein Buch fällt herunter, ich sage ihm: Hebe das Buch auf! Er sagt: Nein. 
Darauf sage ich : Da werde ich von Dir ein Buch hinunterschmeißen und 
dann sage ich einige Worte wie: „Es kam, wie es kommen mußte", oder 

Steke), Störungon des Trieb- und AiTuktlobtms. V. jg 



290 Psychosoxueller Infantilismus. 

„Komme, was da will". Ich sehe einen Strick um den Hals des Bruders 
gebunden, dessen Ende ich in der Hand halte. Ich sitze am Bettende 
und halte den Strick wieder in der Hand und weiß es nicht, ob es mein 
Bruder ist. Aber ich ziehe und zerre an dem Strick hemm und habe 
dadurch das Gefühl, als ob die Polizei jemand dadurch zwingen würde, 
Zeugnis abzulegen. 

Der Onkel in seinen Träumen ist immer der Repräsentant der Moral. 
Zu den Telephonnummern fällt ihm ein Witz ein : Der Kleine kann schon tele- 
phonanieren ! (Eine Bestätigung meiner Behauptung in „Sprache des Traumes'', 
daß alle Silben auf on auf Onanie schließen lassen.) Der erste Teil des 
Traumes sagt: Ich habe onaniert und mein Bruder mit mir. Ich bin aber nicht 
ganz sicher, ob es der Bruder oder der Freund des Bruders ist. Zum Buch 
fällt ihm ein, daß sich sein Bruder über mich und meine analytischen Bücher 
lustig macht. Die Analyse ist ihm nicht angenehm, weil 6ie die infantilen 
Erlebnisse in den Vordergrund des Interesses stellt. Das Buch ist das Buch 
seiner Erinnerungen. Er gedenkt der Ereignisse, bei denen er einen Orgasmus 
fühlte, bei denen es ihm „kam". (Es kam, wie es kommen müßte.) Der Faden, 
der ihm mit dem Bruder verbindet, ist durch den Strick symbolisiert. 

Es fällt ihm aber ein, daß ein Freund seines Bruders einmal lachend 
meinte, er und der Bruder hätten einen Penis wie ein Zwimfaden. (Daher 
die Pirogoff-Erinnerung.) Im Traum ist der Penis so dick wie ein Strick. 
Er zerrt an den Beziehungen zum Bruder und fühlt, daß er der Polizei Zeugnis 
ablegen soll, d. h., daß er mir die ganze Wahrheit sagen soll. 

Der Traum hat eine Fortsetzung, in der er zweifelt, ob er den Bruder 
oder seinen Freund an einem Strick hält. Mit diesem Freunde hatte er eine 
homosexuelle Szene, als er 10 Jahre alt war. Sie waren allein im Zimmer, da 
verlangte der sieben Jahre ältere Knabe, er solle 6eine Hosentüre öffnen. 
Er spielte etwas mit ihm und gab ihm den Auftrag, zu schweigen. Da er s 
aber fürchtete, der Knabe könnte plaudern, wollte er zuvorkommen und 
teilte dem Bruder mit, er habe den Verdacht, der Kleine spiele mit seinem 
Gliede. 

Dieses schmähliche Benehmen war eine schwere Kränkung für unseren 
Patienten. 

Auf dieses Erlebnis bezieht sich ein älterer Traum, den ich hier mitteile: 

Ich befinde mich mit meinen Brüdern und einem Freund meines 
Bruders in der elektrischen Straßenbahn. Ich steige zu dem Freunde 
auf die Plattform (von selbst oder weil er gerufen), um von ihm irgend 
eine seltsame sprachliche Bildung oder Aussprache oder dergleichen zu 
hören (seine Mama?). — Ich lege mich mit dem Freund auf eine Prater- 
wiese auf mitgebrachte Decken. Er zeigt mir, wie Blumen und Stiäucher 
sich zusammenheften, steif weiden, etwas fallen lassen. (Im Traum oder 
im wachen Zustande halte ich es für ein Symbol einer Erektion.) — 
Meine Brüder kommen, ich wundere mich, daß so spät abends im 
November ein so warmer, heller Herbstabend noch 'möglich ist. Ich 
habe noch in die „Tabakspfeife" gehen wollen, nachdem es aber 7 Uhr 
"ist, geht es nicht mehr. — Mein Bruder und der Freund treffen bekannte 
Damen. — Ich hebe aus einer Pfütze einen Zettel auf und betrachte ihn- 
aufmerksam. — Ich sehe im Vorbeigehen meinen ältesten Bruder. — 



I 



Analyse einer Zoophilie. 20 l 

Wir gehen an Maurerarbeiten mit Kalk vorbei. Mein jüngerer Bruder 
trinkt oder spukt in eine daneben stehende Schale aus. 

Eine Analyse ist fast überflüssig. Man sieht, wie er Freund und Bruder 
immer verwechselt. Die seltsame sprachliche Bildung läßt auf seine Beziehungen 
schließen. Die weiteren Beziehungen sind ziemlich durchsichtig, z. B. der 
Zettel als Symbol der Erinnerung. 

Ihm fällt eine Szene ein, die auf ihn großen Eindruck machte, er war 
vielleicht 13 oder 14 Jahre. Der mittlere Bruder, der gesündeste von ihnen 
allen, schien einige Tage im Spital für sexuelle Infektionskrankheiten ge- 
wesen zu sein. Dor Onkel machte ihm heftige Vorwürfe, er sei ein schmutziger 
Mensch und könnte noch das ganze Haus anstecken. Er habe sich das Leiden 
bei gemeinen Menschern geholt. . . . 

Es fallen ihm kriminelle Gedanken gegen seine Brüder ein. Er erinnert 
sich an eine Mordgeschichte, bei der einem Kinde der Hals umgedreht wurde. 
Auch fürchtete er, die Medizinflaschen könnten verwechselt werden, so daß 
sein jüngerer Bruder Schaden leiden könnte. Dieser Bruder war das Objekt 
seiner maßlosen Eifersucht. Ihn sollte das Pferd zertreten. So war das Pferd 
Bruder und das, was den Bruder tötet. . . . Ihm fällt das Märchen vom König 
Drosselbart ein. Ein Husar reitet über den Markt und zerbricht alle Töpfe, 
die eine arme Frau feilhält. Das machte auf ihn in der Kindheit einen sehr 
großen Eindruck und war mit eine der Wurzeln seiner Pferdephantasien. 
Die Töpfe waren die Symbole seiner Brüder. 

Er wollte die Mutter für sich allein haben. Er hatte gestern einen 
Zwangsgedanken: Kommt der Prophet nicht zum Berg, so kommt der Berg 
zum Propheten. Dieser Berg ist die Mutter. 

Er hat den Wunsch aller Neurotiker, sie möge seine Gedanken erraten 
und zu ihm kommen. 

Es fällt ihm die „Wallfahrt nach Kevlar" von Heine ein. Dies Gedicht 
hat ihn immer sehr aufgeregt. Die pflegende Mutter, der sterbende Sohn und 
die plötzliche Erscheinung der Mutter Gottes im Kämmerlein. 

Nun fällt ihm das Märchen vom Marienkind ein. Das Märchen handelt 
von einem armen Mädchen, das Maria mit sich nahm, in ein Schloß führte, 
aber ihr verbat, in die dreizehnte Kammer zu gehen. Auch in diesem Falle 
regte ihn die Erscheinung der Mutter Gottes auf. Das Märchen endet damit, 
daß die lügnerische Kleine endlich die Wahrheit sagt und ihr vergeben wird. 
.,Wer seine Sünde bereut und eingesteht, dem ist sie vergeben." 

Es ist ihm auch klar worden, daß er gerne krank ist, Wenn er als Kind 
krank war, wurde er verzärtelt, so daß er später gerne den Kranken spielte 
und sich oft eine Krankheit wünschte. 

Noch heute kommt es vor, daß die Mutter am Abend zu seinem Bette 
kommt, sich über ihn beugt und ihm die Stirne küßt. Das tut ihm unend-, 
lieh wohl. 

Zu der letzten Stelle des Traumes, die von Kalk handelt, fällt ihm 
ein, daß er als Knabe einmal Kalkspuren auf dem Fußboden fand und sie 
sich nicht erklären konnte. Er weiß nicht mehr, ob er die Flecke für Sperma 
gehalten hat. 

Ich will einmal die Einfälle mitteilen, wie er sie in einer Sitzung vor- 
gebracht hat. (Meine Fragen und Erklärungen sind mit Klammern versehen.) 
Ich habe Ihrem Wunsche Folge geleistet. 

10* 



292 



Psychosexuoller Iufautilisinus. 



(Haben Sie -alle alten Zettel vernichtet?) 

Nein . . . Ich bringe Ihnen nur die letzten Zettel von gestern Abend. 

1. Zottel: Zu wenig machen. Ich habe das Gefühl, daß ich zu wenig 
arbeite. 

2. Ob ich die Kopien richtig gemacht habe. Dort soll stehen: Zwei 
Unterschriften. Das muß ich überdenken. Ob ich nicht eine andere Unter- 
schrift hingeschrieben habe oder gar keine. 

3. Ich habe gestern das Wort „Materialien" gehört. Das regt mich 
immer sehr auf. Das muß ich überdenken. 

4. Auch das Wort Asche und Ascher geht mir im Kopf herum. 
Das ist alles. 

(Sie benützen die Zettel als Material zu Ihren Phantasien und Vor- 
würfen. Sie sind faul und -würden am liebsten phantasieren statt zu arbeiten.) 

Das stimmt. Ich habe heute Feiertag. Ich wollte schon auf den Zettel 
schreiben: Feiertag. Ich frage alle Kollegen: Haben wir morgen bestimmt 
kein Büro? Weil ich mir wünsche, daß recht viel Feiertage sein sollen. 

(An Abenden vor Feiertagen haben Sie immer Ihre Pferdephantasien 
gehabt.) 

Ja! Aber jetzt nicht mehr, seit Sie es mir abgeraten haben. 

(Die zweite Eintragung geht auf Ihren Zweifel zurück, ob der Freund 
des Bruders allein mit Ihnen gespielt oder der Bruder auch. Ob es zwei 
Unterschriften oder eine Unterschrift gab.) 

Und Materialien. Was regt mich das so auf? 

(Denken Sie über das Wort nach.) 

Mir fällt zuerst ein, daß Mater Mutter heißt. 

(Also Materialien heißt Phantasien, welche die Mutter betreffen.) 

Und Ascher? 

(Was fällt Ihnen dazu ein?) 

Asche streuen sich die frommen Juden aufs Haupt, wenn jemand stirbt. 
Sie werden glauben, daß ich an den Tod meines jüngeren Bruders denke . . . 
Übrigens habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich mich vor Bienen fürchlo.-' 
Bienen, Wespen und auch große Fliegen sind meine Angst. Besonders Bienen. 
Es fällt mir ein, daß ich im 13. Jahre einmal eine Wespe in meiner Hose 
hatte. Oder im Hemd? Ja, im Hemd. Ich zerdrückte sie zwischen den Fingern 
und beutelte sie aus. Ein kalter Schauer ging mir über den Rücken. Noch 
heute denke ich mit Schaudern daran. . . . Wie ich acht Jahre alt war, wurde 
der jüngere Bruder von einer Biene gestochen. Ich glaube, er war sehr krank. 

(Haben Sie gewußt oder gehört, daß man von einem Bienenstich 
sterben kann?) 

Ich glaube so etwas gelesen zu haben. Blutvergiftung . . . Ich hatte 
auch Träume von Bienen. Sie stachen mich am ganzen Körper und ich wachte 
mit einem Angstschrei auf. Wenn eine Biene im Zimmer ist, muß sie die 
Mutter verjagen. Ich schreie wie ein Besessener. Richtig: Manchmal träume 
ich, daß eine Biene im Zimmer ist und erwache mit Schrecken. 

(Was fällt Ihnen noch zu dem Thema „Bienen" ein?) 

Tri der Gaunersprache soll Bienen „Ungeziefer" bedeuten. Ich glaube, 
ich fürchte mich vor den Bissen. 

(Sie wollen sagen: Vor den. Gewissensbissen, weil Sie dem Bruder den 
Tod gewünscht haben. Haben Sie gewußt, daß die Biene stirbt, wenn sie 
einen Menschen sticht und der Stachel drinnen bleibt?) 



„_r-_ 



Analyse einer Zoophilic. 293 

Ja! Ich habe davon gehört. ... Ich erinnere mich zweier Geschichten. 
Ein Knabe wollte die Bienen mit einer Peitsche schlagen und wurde jämmerlich 
zerstochen. Ein anderer wollte Honig naschen und der ganze Schwärm stürzte 
sich auf ihn. Ich glaube, die beiden Geschickten standen in einem Bilderbuch. 
Sie haben einen großen Eindruck auf mich gemacht. Jetzt fällt mir ein, 
daß ich (11—12) in der Schule von Knaben gefragt wurde, ob ich schon 
probiert habe, daß das Rutschen auf der Stiege und das Klettern auf der 
Kletterstange so gut sei. Ich habe mich dumm gestellt und sagte, ich wolle 
den Lehrer fragen. 

Ich fürchte mich auch vor Spinnen. Spinnen sind grausame Tiere. 
Spinnen fangen die Fliegen und fressen sie auf. Spinoza soll sich Spinnen 
gehalten haben. Sie mußten ihm Fliegen fangen, die er für seine mikro- 
skopischen Untersuchungen brauchte. Ich habe mich gewundert, wie ein ^o 
großer Mann so grausam sein konnte. 

Ich war zum Sommeraufenthalt in G. Daselbst war ein offener Abort. 
Ich fürchtete, Spinnen oder Bienen könnten mich beißen und ging wochen- 
lange nicht hinaus, hielt den Stuhl zurück. 

(Bereitete Ihnen das Zurückhalten des Stuhles Lustgefühle?) 

Ich erinnere mich nicht. 

(Fürchteten Sie das Stechen am ganzen Körper oder nur in den 
Hinterteil?) 

Ich fürchtete, Bienen könnten mich in den Popo stechen. Es fällt mir 
ein Witz ein. Ein Stotterer darf das Wort „Abstimmungspolizei'' nicht aus- 
sprechen. Sonst passiert ihm, daß er „A-A-Po-po" sagt. Richtig: Meine 
größte Angst ist, daß eine Biene in die Hose gelangen könnte. Habe ich 
Ihnen nicht gesagt, daß meine Schwester schrecklich gestottert hat. Auch ich 
habe gestottert. Besonders beim Beten. Warum? 

(Das ist wohl die Folge des bösen Gewissens.) 

Besonders stottere ich noch heute, wenn der ältere Bruder eine Frage 
an mich richtet, um mich zu prüfen. 

Richtig! Ich war in G. einmal mit dem Großvater. (8) — Wenn er auf 
den Abort ging, bekam ich Stuhldrang und mußte auf den Topf im Zimmer 
gehen. 

(Ist es der Großvater, dessen Glied Sie gesehen haben?) 

Ja. 

(Haben Sie damals schon etwas beobachtet?) 

Nein! Ich machte die Augen zu, wenn er vor mir urinierte. 

(Sie wußten, daß Sie etwas Verbotenes sahen. Warum sind Sie von 
den Bienen auf den Großvater gekommen?) 

Ich dachte an den Stachel und kam auf das Glied des Großvaters. Der 
Stachel der Biene entspricht meiner Angst vor dem Gliede. 




Sie geht in die verbotene Kammer, steckt den Finger in flüssiges Gold 
und der Finger wird vergoldet. 

(Haben Sie je den Finger in den Anus gesteckt?) 

Ich erinnere mich nicht. ... Ich rieche immer an den Fingern. Ich 
habe nämlich eine schlechte Gewohnheit. Ich setze mich so, daß immer Stuhl 
auf dem Brette bleibt und ich mich beschmutze. Ich kann nichts dafür. Ich 



294 



Psychosexueller Infantilismus. 



muß daher immer das Klosett inspizieren, ehe ich es verlasse. Ich sehe sehr 
genau nach und helfe der Reinigung nach. 

(Sie erinnern sich, was ich Ihnen von Ihrer Analsexualität sagte. Sie 
bringen mir heute die Beweise.) 

Ich habe noch eine andere Zwangshandlung. Ich muß den Hosenschlitz 
35mal zu und aufmachen. Ich fürchte, ich könnte mit dem offenen Schlitz ins 
Büro kommen. 

(Das heißt: Sie haben den Wunsch zu exhibitionieren.) 

Wir sehen, wie die Assoziationen von der Biene auf den homosexuellen 
Komplex lossteuern. Er fürchtet seine homosexuelle Anlage, er fürchtet den 
Phallus und seine kriminellen Ideen. 

Interessant ist der Hinweis auf das Märchen. Wenn man weiß, daß 
Gold in Träumen ein Symbol für Kot ist, so wird man verstehen, warum das 
Fingerchen des Kindes golden wurde. Die verbotene Kammer ist der Anus. 
Seine Reitphantasien hängen auch mit der Analsexualität zusammen. 

Das Material (siehe seine Abneigung gegen das Wort Material) spricht 
für eine starke homosexuelle Anlage. Haben Spiele zwischen ihm und seinem 
Bruder stattgefunden"? Es handelt sich um jenen Bruder, der Kotkügelchen 
im Zimmer herumwirft. 

Er hat einen Teil seiner Zettel verbrannt. Er hat noch nicht den Mut. 
alle Zettel zu vernichten. 

In dem Phantasiereiche hat er auch zuweilen eine .Frau. Er selbst ist 
groß und stark, der kräftigste und höchste Mann in seinem Reiche. Seiner 
Gestalt entspricht die Königin. Auch sie hat ein Pferd. Jedes seiner Kinder 
hat ein wunderbares Pferd. Sie sind so abgehärtet, daß sie nackt durch Frost 
und Schnee reiten. Auch besitzt er eine wunderbare Heilquelle. Erst badet 
er, dann seine Frau und die Kinder, dann die Pferde, welche den Kot und 
Mist ins Bad lassen. Dann kommen erst seine Untertanen. Die Pferde haben 
eigene Pagen, welche warten, bis sie uriniert haben und dann den kostbaren 
Saft in kristallenen Schalen auffangen. 

Der Kot der Pferde wird als seltene Delikatesse gegessen. 

Es ist ihm unangenehm, auf einen fremden Abort zu gehen. Er läßt 
immer etwas Stuhl am Rand des Brettes und fürchtet, daß es stinkt. Er 
trägt immer Klosettpapier bei sich, das ihm seine Mutter in seiner Akten- 
tasche neben Akten und Frühstück vorbereitet, (!) Er leidet unter Winden 
und fürchtet, in Gesellschaft plötzlich durch Winde aufzufallen. Zu Hause 
gehört es zu den beliebtesten Gesellschaftsspielen, sich gegenseitig mit 
Flatussen aufzuheitern. Seine Mutter riecht es zuweilen und fürchtet, er 
könnte sich im Büro unmöglich machen. Er trägt daher immer ein Parfüm- 
fläschchen bei sich. Bei Angst macht er etwas in die Hosen. Das passierte 
ihm noch vor zwei Jahren bei der Aufnahmsprüfung in die Bank. . . . 
Das Geschlecht des Pferdes wechselt. Es kommen auch Hengste vor, die ein 
sehr großes Glied haben. (Das Glied des Großvaters scheint diesen Wunsch 
determiniert zu haben.) 

Er träumte einmal, er habe ein enorm großes schlaffes Glied wie ein 
Pferd oder wie es der Großvater gehabt hat. 

Er macht in seinem Reiche allerlei gymnastische Übungen, um Muskeln 
von Stahl, zu erzielen. Es ist ihm gleich, ob die Einwohner hungern, wenn 
er und seine Pferde nur zu essen haben. Auf dem Pferde liegt ein Weib und 



Analyse einer Zoephilie. 295 

er reitet auf dem Weibe, wobei er gymnastische Übungen macht. Das Weib 
liegt mit der Brust nach oben, manchmal mit den Nates nach oben, so daß 
er auf ihren Nates reitet. 

Er hatte einen merkwürdigen Traum: 

Ich befinde mich in einem saal-schloßartigen Zimmer. Professor 
Freud ist bei mir. Er weist mir nach, daß mein Paraph einem Pferde: 
köpf ähnlich ist oder auch wie wenn" 2 Knaben miteinander ringen würden. 
Er weist weiters nach, daß mein Geheimparaph einem Wagen mit Pferden 
mit einem darinsitzenden Herrn ähnlich ist. Ich erkläre den Gebrauch 
dieses Geheimparaphes. Er bedauert, daß ich meine alten Schulhefte 
gestern zerrissen habe. Ich sage ihm, daß ich vielleicht noch einige Hefte 
habe. Er sagt, er braucht sie (die Hefte) aus jedem Alter. Er zieht sich 
an und klappert mit einem Eßbesteck. Es ist aber kein Eßbesteck. Er 
fragt mich, ob die Zusammenstellung seines blauen Anzuges und einer 
— (Farbe habe ich vergessen) Hose nicht scheußlich wäre. Ich gab ihm 
eine nichtssagende Antwort. Er sieht aber gar nicht professorenhaft- 
gelohrtenartig (so wie ich ihn mir vorgestellt habe) aus. Auch vermisse 
ich den Ausdruck der Güte auf seinem Gesicht. Ich danke ihm, daß er 
zu mir gekommen ist. Er sagte mir, er hätte sonst gelernt. Es fällt mir 
die Häufigkeit des Ausdruckes „lernen" auf. Wie er den Winterrock 
anzieht, sieht er würdiger, stattlicher aus. — Es kommt eine Dame mit 
einem kleinen Kind herein. Das Kind lehnt sich an einen Hund. — Ich 
sehe einen Damenschirm mit einem spielzeugartigen Elfenbeingriff. — 
Ich gehe weg und denke noch im Zimmer darüber nach. Ich komme aber 
nicht so schnell zu einem Entschluß und gehe in den Flur, wo ich noch 
immer halbwegs geschützt bin. Auf der Straße sehe ich Prof. Freud 
noch einmal. 

In diesem Traume nimmt er empfindliche Rache an mir. Ich behandle 
ihn zu kühl. Nun ist er mit meinem ehemaligen Meister, Prof. Freud in intimen 
Beziehungen und wird von ihm besucht. Freud macht auf geheimnisvolle 
Zeichen in seinen Unterschriften aufmerksam. 1 ) Ich habe ihm den Auftrag 
gegeben, die alten Notizen und Hefte zu vernichten. Freud bedauert es. Er 
läßt sich von ihm wegen seines Anzuges beraten. Auch mein Aussehen hat 
ihn enttäuscht. Er hat einen Gelehrtenkopf erwartet. Auch bin ich ihm nicht 
gut genug. Lernen steht, wie die Einfälle besagen, für beten. Die Dame, die 
dann hereinkommt, ist seine Mutter. Sie hat einen Schirm mit Elfenbeingriff. 
Dazu fallen Elefanten ein. Elefanten haben plumpe Füße und können die 

Menschen zertreten. 

Nun gibt er zu, daß er sich nicht nur Pferde vorgestellt habe. Mitunter 
saß er' auf einem Elefanten. Die Phantasie ist ihm nicht angenehm, weil er 
den Elefanten nicht mit beiden Beinen umklammern kann. Auch Affen dienen 
ihm hie und da als Reittiere. Schließlich fährt er in seinen Phantasien oft 
in einem Wagen. (Siehe die zweite Geheimparaphe. Sie enthält ein geheimnis- 

*) Ich nahe vor vielen Jahren im Frewdkreise einen graphologischen Vortrag 
gehalten,, in dem ich nachgewiesen habe, daß die Bexuelle Geschmacksrichtung eines 
Menschen in seiner Schrift und ganz besonders in der Unterschrift (Paraphe) ausge- 
drückt ist 



296 Psychosemeiler Infantilismus. 

volles G. P., das sich nicht deuten läßt. Er selbst kann es nicht erklären, 
warum er das G. P. hineinzeichnet.) 

Die Mutter mit dem Kind symbolisiert seine Mutter mit dem jüngeren 
Bruder. Damals setzte mit mächtiger Eifersucht seine erste Neurose ein. Er 
war es gewöhnt, von der Mutter herumgetragen zu werden. Sie war sein erstes 
Pferd. Nun kam der jüngere Bruder und er rückte in die zweite Stelle. Er 
wünschte sich nun ein eigenes Tragtier. Dieses Tragtier sollte auch den 
lästigen Konkurrenten töten. (Elefanten dienen im Kriege diesen Zwecken!) 
Wir erinnern, daß es eine seiner ersten Erinnerungen ist: Sein Vater sagte, 
sie sollen zurückgehen. Die Pferde könnten ihnen etwas machen.. Das Pferd 
war die erste Macht, welche der allmächtige Vater fürchtete. . . . 

. Es ist auffallend, wie oft er vom Großpapa träumt und wie oft ihm 
der Großpapa einfällt. Heute Nacht träumte er: 

Großpapa liegt im Bette. Ich sagte ihm: Sei froh, daß du im Bett 
liegen kannst. Dann machte er mir Vorwürfe. „Es war nicht recht, was 
du gemacht hast" .... 

Der Großpapa war die letzten Jahre immer leidend. Einmal in seiner 
letzten Krankheit sagte ihm sein Bruder: Würdest Du alle Deine Ersparnisse 
opfern, um den Großvater gesund zu machen? Er zauderte einen Moment 
lang und versprach dann zögernd, seine Sparbüchse den Armen" zu schenken, 
wenn Gott, dem Kranken helfen würde. 

Nun ergibt sich ein merkwürdiger Zusammenhang. Die ersten Pferde- 
phantasien traten 1914 ein, als der Großvater ein schweres Leiden hatte. 
Dann kamen sie in eine Sommerfrische und der Kranke mußte täglich aus- 
fahren. Diese Ausfahrten waren seine größte Freude. 

Bald darnach wurde er selbst schwerkrank. Die Phantasien ver- 
schwanden. Sie kehrten erst wieder, als der Großvater auf dem Totenbette lag. 

Das war umso merkwürdiger, als die Erfahrung lehrt, daß sich während 
einer langwierigen Krankheit die Phantasien steigern. Bei ihm war es nicht 
der Fall. 

Die Erklärung ist einfach. Er war auf jeden eifersüchtig, der die Liebe 
und Aufmerksamkeit der Mutter in Anspruch nahm. So zuerst auf den Groß- 
vater. Die ersten Pferdephantasien waren mit Todeswünschen auf den Groß- 
vater verbunden. 

Der Tod ist auch ein Reiter. Pferde sind Todessymbole! 

Während seiner schweren Krankheit rückte der Großvater an zweite 
Stelle. Er wurde außerordentlich gepflegt und verhätschelt. Nun durften 
die Pferdephantasien aussetzen. Sie kamen erst wieder, als er gesund wurde 
und der Großvater die ganze Aufmerksamkeit des Hauses in Anspruch nahm. 

Er erinnert sich ganz genau, daß er Wünsche hatte, der Großvater 
solle sterben und daß er sich Vorwürfe machte, weil er beim Tode keine 
entsprechende Trauer zeigte. 

Nun verstehe ich das G. P. in der Paraphe. Es heißt: Groß-Papa und 
ist als eine ewige Warnung aufzufassen. 

Auch seine Zettel sind Warnungen und dienen dazu, die Stimme seines 
Gewissens zu beruhigen. 

Wahrscheinlich stehen auch die zwei anderen Todesfälle (Schwester 
und Vater) in Beziehungen zu seiner Neurose. 

Der Wagen in der Paraphe hält die Erinnerungen an die Ausfahrten 
mit dem Großpapa fest. Damals wünschte er mit seiner Mutter allein zu 
fahren. Die beiden anderen Konkurrenten (jüngerer Bruder und Großpapa) 



Analyse einer Zoophilie. 297 

sollten sterben. Auch das Lernen des vorhergehenden Traumes findet in den 
heutigen Einfällen eine Erklärung. Die Mutter hatte immer mit ihm „gelernt", >, 
Dann mußte er das Lernen abbrechen und den Großpapa begleiten. Groß- 
papa durfte nicht allein ausgehen. Im Zimmer mußte man immer ruhig sein, 
um den Großpapa nicht zu stören. War es da wunder zu nehmen, wenn er 
den lästigen Störefried fortwünschte? 

Nun verstehen wir die bipolare Ausdrucksform des Pferdesymbols. Es 
bedeutet Leben (Koitus) und Tod. 

Die Todesfälle in der Familie belasten sein Schuldbewußtsein. Er 
träumt oft, daß er dem Großvater Freundlichkeiten erweist. Einmal sandte 
ihn der Großvater zu einem Bekannten. Er weigerte sich und es war gerade 
am ersten Tage, nachdem der Großvater vom Krankenlager aufgestanden 
War. Sein Bruder machte ihm Vorwürfe, nun träumt er oft, daß er trotz des 
Widerspruches der Mutter und des Bruders sich bereit erklärt hinzugehen 
und den Auftrag auszuführen. 

Das Schuldbewußtsein am Tage, .als die Nachricht vom Tode seines 
Vaters gebracht wurde, habe ich schon erwähnt. Er begleitete die Erzählung 
der Mutter, die sich allerdings oft wiederholte, mit einem ironischen Lachen. 

Sein Pferd trägt die kostbarsten Juwelen. Es wird der Versuch ge- 
macht, durch Geschlechtsverkehr mit dem Pferde einen „Pferdemensehen" 
zu schaffen. (Inzestphantasien.) 

Er und sein Pferd können fliegen. Seine Kinder haben schon mit zwei 
Jahren ein eigenes Pferd und können auch reiten und fliegen. Im Falle der 
Elefant, der als Reitpferd dient, nicht gehorcht, wird er mit elektrischen 
Strömen gelenkt. Seine Familie reitet aus, jedes Pferd ist von einer Meute 
hellender Hunde begleitet, die alles zerreißen, was ihnen in den Weg kommt. 
Er geht auch auf die Tigerjagd, wobei der Elefant und seine Hunde von Tigern 
verletzt und zerrissen werden. 

Er notiert allerlei merkwürdige Namen und besonders Menschen, die 
ihm einmal helfen könnten. Von diesen Zetteln will er sich nicht trennen. 
Die könnten ihm im Leben wichtig sein. Er fürchtet immer seine Stelle zu 
verlieren und dann könnten ihm diese Menschen eine neue Stelle verschaffen. 
Es sind auch Namen, die er in der Zeitung liest oder die er auf einer Firma- 
tafel auf der Straße gefunden hat. 

Die erste Liste ergibt lauter einsilbige Namen : Stein, Falk, Frank, Rand. 

Er will sich von der Liste seiner Protektoren nicht trennen. Es müssen 
eich hinter diesen Namen andere Erinnerungen verbergen, die er nicht ver- 
gessen will. 

Er träumte heute einen kriminellen Traum: 

• Ich habe in der Zeitung gelesen oder habe ich davon gehört, wie 
wenn eine Frau ermordet worden Wäre. Der Mörder hat dann den Kopf 
abgeschnitten und in einer Schachtel versteckt, damit die Polizei nicht 
erkennen soll, daß es sich um einen Mord handelt. Es war natürlich dumm 
und gerade dadurch ist die Polizei auf den Mord gekommen. 

Zu diesem Traume fällt ihm der Traum vom ermordeten Kind ein, dessen 
Kopf abgeschnitten ist. Die Mutter sagte, er solle ein Stück Holz in den Mund 
stecken, um zu sehen, ob der Kopf lebend ist oder nicht. 



ygg Pisychosexubller Iafantiljsmüs. 

Er hat gar keine Einfälle zu dem Traum. 

Die beiden kriminellen Träume erklären sich als symbolische Dar- 
stellung der Überwindung seiner Neurose. Die Neurose^ist das Weib, das 
ermordet werden soll. Er versteckt vor der Polizei (vor dem Analysator) den 
Kopf in einer Schachtel. Das zeigt uns, daß die Neurose irgendwie mit seinen 
Zetteln zusammenhängt. Das ermordete Kind ist auch die Neurose. Der 
Ratschlag der Mutter, ein Stück Holz in den Mund zu stecken, um zu sehen, 
ob das Kind tot oder lebendig ist, erklärt sich folgendermaßen. Ich heiße 
Stekel, ich bin das Stück Holz (Stöckel), das entscheiden soll, ob er schon 
gesund ist. Es zeigen sich aber auch Fellati ophantasien und deutliche Über- 
tragung auf meine Person. 

Nach längeren Widerständen kommt eine deutliche Anilingusphantasie 
zutage. In ihrer Familie ist es Usus, sich gegenseitig das Zitat aus Götz 
zuzurufen oder den Wiener euphemistischen Ausdruck: Du kannst mich gern 

haben ! 

Seinem Pferd wird natürlich auch der Liebesdienst des Anilingus er- 
wiesen. Die Untertanen sind verpflichtet, das Pferd nach jeder Defäkation 
reinzulecken .... 

Uhren machen ihn nervös. Er verträgt nicht das Ticken einer Uhr. 
Uhren erinnern an den Tod. Er denkt immer an den Tod. Wenn er zu mir 
kommt, muß er eine dunkle Ecke im Stiegenhause passieren. Das ist ihm 
immer unheimlich. Da lauert eine alte Frau, die ihn töten will. 

Er trägt eine Uhr, die ihm der Großvater geschenkt hat. Es war ein 
Jahr vor dessen Tode. Diese Uhr mahnt ihn immer an seine Schlechtigkeit und 
an seinen Egoismus. Er ist ein Totenvogel. Er wünscht allen Menschen den 
Tod, die ihm im Wege stehen oder beleidigen. Er flucht sehr gerne. Sein 
Lieblingswort ist „Der Schlag soll ihn treffen!" 

Der Tod seiner Schwester, seines Vaters und seines Großvaters waren 
schwere traumatische Momente, weil er sich gewissermaßen schuldig fühlte. 

Er hatte einen Traum, in dem es sich darum handelte, mit der Mutter 
einen Geschlechtsverkehr auszuführen. Er hatte lange Unterhandlungen mit 
dem Bruder, der ihn über die Schwierigkeiten des Unternehmens und über die 
Gefahren einer Blamage aufklärte. 

Bei dieser Gelegenheit schildert er die Trostlosigkeit seines Sexual- 
lebens. Er hat ja angeblich nie onaniert, auch nie den Versuch gemacht, zu 
einer Frau zu gehen. Er ist zu ungeschickt und fürchtet die Niederlage. 

Er kennt überhaupt das Glück des Lebens nicht. Er ist nur glücklich, 
wenn er sich in seinen Pferdephantasien ausleben kann. Sonst macht ihm das 
Leben keine Freude. Er hat keinen Freund und keine Gesellschaft. Im Büro 
wird er von seinen Kollegen verspottet und oft gehänselt, so daß er beschlossen 
hat, außer den geschäftlichen Notwendigkeiten mit keinem Kollegen ein Wort 
zu sprechen. Er ist vollkommen isoliert. Er meidet die Gesellschaften, auch 
.die Abende, die von den Kollegen veranstaltet werden. Er hat auch keine 
Damenbekanntschaften. Er fürchtet, lächerlich zu erscheinen und ausgelacht 
zu werden. 

Er hat nur seine Bücher, deren Lektüre ihm mitunter ein leises Glücks- 
gefühl verschafft, und seine Familie. Er hat nichts als die Liebe seiner Mutter, 
die er allerdings mit seinen Brüdern teilen muß. 



Analyse einer Zoophilie. 299 

Ist es ein Wunder, daß er sich an die Mutter klammert? Ist es ein 
Wunder, daß ihm ihre Aufmerksamkeiten wohltun, daß ihre Zärtlichkeit ihm 
alles andere ersetzt. 

Was er nicht wußte, nicht einmal ahnte, war der Umstand, daß auch 
seine sexuellen Begehrungsvorstellungen auf die Mutter gingen. Sie war das 
Pferd, das er besteigen wollte, dem er die höchsten Ehren angedeihen lassen 
wollte. Ihr Anus sollte geleckt, ihre Exkremente als Kostbarkeiten verzehrt 
werden. Wir erinnern uns an die Spitäler für schwangere Pferde und an die 
Phantasie, daß er auf dem Pferde eine Frau koitiert. 

Für die Demütigungen in der Schule und im Büro — er war immer ein 
kurzsichtiger und ungeschickter Junge — rächte er sich in seinen Größen- 
wahnphantasien. Sie waren ihm ein Ersatz für alle Demütigungen, die er 
erleiden mußte, für alle Qualen, die er ausstand, für die ganze Glücklosigkeit 
des Lebens. 



Von besonderem Interesse ist der folgende Traum: 

In der Nähe der Urania sehe ich einen Leichenwagen, in demselben 
ein Pferd. Ich sehe dies irgendwie im Querdurchschnitt. 

Ich richte bei der Urania meine Uhr. Ein Herr zeigt mir, wie ich 
die Uhr derart stellen könne, daß ich die Zeit sofort ablesen könne. (Auf 
einem weißen Kärtchen steht schon die Zeit, ohne daß man die Zeiger- 
stellung beachten muß.) 

In diesem Traume läßt er seine Neurose sterben. Die merkwürdige 
Erscheinung, daß man die Zeit von einem Zettel ablesen kann, bezieht sich 
auf dio Kondolenzkarten, die nach dem Tode- des Großvaters zu lesen waren. 

Aber das Pferd ist auch seine Mutter. Er läßt sie sterben, um frei zu 
werden. 

Sein Verhältnis zu ihr ist bipolar. Er liebt sie und läßt sich von ihr 
verwöhnen. Jeden Abend streichelt sie ihn wie ein kleines Kind. Er sagt 
sich dann immer: „Das ist nicht natürlich!'' — ohne was besonderes dabei 
zu denken. Nicht natürlich ist seine Liebe zur Mutter. Aber er kann sie auch 
quälen und es kommt zu bösen Streitigkeiten. Die Mutter gibt nach, um Ruhe 
zu haben. Das genügt ihm aber nicht. Er fühlt, daß die Mutter ihm im Innern 
Unrecht gibt. Nun fängt er wieder zu quälen und zu zanken an. „Du glaubst 
nicht, daß ich recht habe. Du sägst es nur so"' usw. . . . Schließlich schmollt 
er, wird böse und es gibt böse Worte. 

Wenn er Angst hat oder in großer Erregung ist, so kommt es vor, daß 
er einen unüberwindlichen Harndrang hat und ihm einige Tropfen Urines 
abgehen. Dabei hat er ein leises Lustgefühl. Auch das Urinieren ist mit einem 
gewissen Lustgefühle verbunden. 

Gestern abends sprach ihn eine Dirne an: „Komm mit mir!" Es schüttelte 
ihn vor Grauen und Schrecken. Er notierte sich den Vorfall auf einem Zettel. 
Er mußte zu Hause nachdenken, ob er sich nicht infiziert haben könnte. Er 
zweifelte, ob sie ihn berührt hatte. Er wusch sich die Hände und wechselte 
die Kleider. 

. In seiner Seele kämpfte offenbar der Wunsch mit der Dirne zu gehen 
mit der Angst vor Infektion. Diese Angst wirkt als Selbstschutz, um seine 
Keuschheit sicherzustellen. 



•',00 Psychoscxuellcr Iufantilismus. 

Seine Mutter fragte ihn vor zwei Jahren: Verkehrst du schon? Er wurde 
über und über rot. Sie meinte auch ein zweites Mal: „Vielleicht sollst du 
verkehren!" 

Das Weib ist für ihn ein unlösliches Problem. Wie soll er sich ihm 
nahem? Er geht in keine Gesellschaft. Er kennt kein Mädchen. Er spricht 
mit keinem Menschen außerhalb seiner Familie. Es scheint ihm noch leichter 
zu sein, zu einer Dirne zu gehen, als einmal eine fremde Gesellschaft auf- 
zusuchen. 

Er leidet unter seinem Gefühle der Minderwertigkeit. Er ist klein 
und kommt, sich häßlich vor. Was wird er mit Mädchen reden? Er ist 
namenlos schüchtern und fürchtet sich zu blamieren. Nur in seinen Phantasien 
hat er die Möglichkeit, sich auszuleben. 

Er ist vollkommen asozial. Er kennt nur die Familie und das Büro, in 
dein er ja alle persönlichen Beziehungen vermeidet. 

Schon in der Volksschule setzen seine Phantasien ein. Er hatte plötzlich 
die Vision, er wäre auf einer einsamen Insel, der Katheder sei ein Felsenriff, 
die Mitschüler um ihn herum verschwanden. 

Er hatte Zweifel an seinem Geschlechte. Manchmal dachte er: Wenn 
du aber doch ein Mädchen wärest! Dann hatte er entsetzliche Angst, er 
könnte ein Kind bekommen. Diese Einstellung stammt von seiner Identifizie- 
rung mit der Mutter. Er hatte Angst, sie könnte noch ein Kind zur Welt 
bringen. Später hatte er Angst, er könnte ein Kind bekommen und es in 
den Abort fallen lassen. (Er hätte von einer ähnlichen Geschichte gelesen.) 
Diese Angst stammt aus seinen Phantasien, den jüngeren Bruder in den 
Abort zu schleudern. 

Seine Pferdephantasien entstanden, als er sich gedemütigt und zurück- 
gesetzt fühlte. Da wollte er gerne wieder ein Kind sein und von der Mutter 
getragen werden. Er war dem Bruder sehr neidisch, als er getragen würde, 
und verlangte immer unter dem Vorwande, er sei müde, von der Mutter ge- 
tragen zu werden. Die Pferdephantasie ist eine Regression auf das erste und 
zweite Lebensjahr, als er noch klein war und von der Mutter getragen wurde. 
Damals war er der Alleinherrscher im Hause. Die Mutter war sein Pferd, 
er war der König. Alles beugte sich seinem Willen. Er will wieder ein Kind 
sein und getragen werden: Das ist der Sinn seiner Zoophilio. 

'' Woher stammt seine rätselhafte Angst vor der Gravidität? Sie steht 
mit seinen infantilen Erlebnissen in innigem Zusammenhang. Wir müssen 
annehmen, daß ein Bruder ihn päderastiert hat. Zu mindestens besteht die 
Phantasie, daß er päderastiert wurde. Seine Einstellung ist passiv und aktiv. 
In der passiven Rolle ist er ein Weib und ist er das Pferd. Alles, was dem 
Pferd geschieht, vollzieht sich an ihm. Er hat aber die Phantasie, daß in 
seinem Reiche ein Mensch mit dem Pferde sexuell verkehrt (es von hinten 
benützt!) und auf diese Weise ein neues Wesen erzeugt: den Pferdemenschen. 
Zuweilen leidet er große Angst, besonders wenn er allein im Zimmer 
ist. Es ist die Angst, von einem Manne überfallen zu werden. Gestern fand 
er bei seinem Bruder ein Heft einer Zeitschrift über Sexualforschung. Beim 
Anblick und später beim Blättern in der Zeitschrift wurde er von Angst 
überfallen. Offenbar beherrschte ihn der Gedanke: Dein Bruder ist auch 
sexuell und pervers. Vielleicht könnte er dir etwas machen. Vor diesem 
Wunsche hat er Angst. Die gleiche Angst überfiel ihn, als ihm der ältere 



Analyse einer Zoophilie. 301 

Bruder ein Feuilleton über Psychanalyse übergab, in dem von sexuellen 
Traumen die Rede war. 

Wie jeder Neurotiker wünscht er die Wiederholung der infantilen 
Szenen und fürchtet sie. 

Er leidet unter der Angst, zu viel Geld zu bekommen. Wir haben schon 
erwähnt, daß er seinen Gehalt viele Male nachzählt und schließlich dem 
älteren Bruder zur Kontrolle übergibt. Er ist erst beruhigt, bis dieser sagt: 
Es stimmt. Dann schreibt er auf den Zettel: Erledigt. 

Die Sache ist für ihn aber nicht erledigt. Er hat zu viel Liebe erhalten 
in seiner Jugend. Geld ist hier ein Symbol für Liebe. 

Gestern notierte er auf einem Zettel, daß er im Zweifel war, ob er eine 
größere Summe Geldes auf das richtige Konto geschrieben habe. Diese Frage 
legt er dem jüngeren Bruder vor. Es handelt sich um die Wirkung seines 
Schuldbewußtseins. Denn er muß sich aktiv am jüngeren Bruder, passiv an 
dem älteren vergnügt haben. Auf welches Konto soll er seine Neurose buchen? 
Wer ist schuld an seinem Leiden? 

Er träumte: 

Es wurde mir ein Zettel geschickt, ich solle in das Präsidialbüro 
kommen. Ich gehe hinauf in den dritten Stock. Aber es war ein altes, 
verfallenes Gebäude und ich konnte den Eingang nicht finden. Ich war 
ganz allein in dem weiten Räume mit den engen Gängen. 

Dieser Traum ist deshalb' von Bedeutung, weil er uns zeigt, welche Be- 
deutung die Zettel in seinem Seelenleben haben. Das Präsidialbiiro ist das 
Bewußtsein. Er soll sich alter vergessener Vorfälle erinnern, woran die Zettel 
eine Mahnung sind. Er findet sich aber nicht zurecht. Er sträubt sich dagegen, 
die Wahrheit zu sehen und zu finden. 

Dieses Präsidialbüro ist auch seine alte Mutter. Er hat die Phantasie, 
daß er unendlich reich sein wird, so daß die Mutter nicht mehr zu arbeiten 
braucht. In seiner Phantasie besitzt er dann ein Schloß, die Mutter ist die 
Herrin. Die Brüder sind nie dabei. (Die läßt er offenbar sterben.) Wie kommt 
er aber zu dem Geld? Er lebt immer in der Phantasie, daß er eine große 
Defraudation begeht, irgend ein schlau ausgehecktes Verbrechen, das ihm den 
ersehnten Reichtum verschafft. Darum muß er in allen Geldangelegenheiten 
doppelt skrupulös sein. Er lebt in ständiger Angst, daß er zu viel Geld be- 
kommen hat, weil er sich eben mehr Geld wünscht und nehmen möchte. 

Sein geheimer Lebensplan, reich zu werden und mit der Mutter allein 
zu leben, hat noch ein Gegenspiel. Er will nicht arbeiten. Er möchte am 
liebsten krank sein und sich von seinen Brüdern erhalten lassen. Er tritt 
aus den Geschäften unter allerlei Vorwänden aus und sucht dann andere 
Posten. Er ist faul. Faul sein heißt träumen wollen. Seine Faulheit geht 
so weit, daß er sich wünschte, blind zu sein, um von der Mutter und den 
Brüdern erhalten zu werden. Man würde ihn dann führen und vorlesen müssen. 
Er wünscht sich Hilflosigkeit. Er läßt sich gerne bedienen. Er kommt abends 
aus dem Büro und sein Mütterchen, das den ganzen Tag gearbeitet hat, muß 
für ihn noch einen Garig machen, er aber nimmt ihr keinen Gang ab. Jeden 
Bruder möchte er in seinen Dienst stellen und sich die kleinste Müheleistung 
ersparen. 

Er wehrt sich gegen den Vorwurf der Grausamkeit. Er muß zugeben, 
daß sie sich alle von der Mutter bedienen lassen. Aber er allein könne diesen 



;$Q2 Psycliosexueller Infaotilismus. 

Zustand nicht ändern. Heute steht die Sache so, daß das arme Mütterchen 
des Morgens aufsteht und den Kindern die Schuhe und Kleider putzt, daß 
sie alle Gänge macht und sich dabei glücklich fühlt, daß sie es tun kann. 
Diese Stellung der Mutter als Magd steht im krassen Gegensatz zu seinen 
Phantasien, in denen die Mutter zur Königin erhöht wird. 

Er träumte heute Nacht: 

Ich bin mit meiner Mutter tief unten bei der Donau. Wir sollen. 

uns mühsam in die Höhe hinaufarbeiten. Ich ergreife einen Pfahl, 

klammere mich daran und ziehe die Mutter hinauf, nachdem wir lange 

unten waren und nicht hinauf konnten. 

Der Traum drückt ganz deutlich aus, daß er die jetzige Situation 

drückend empfindet und davon träumt, die Mutter in "die Höhe zu bringen. 

Allerdings tut er es allein — ohne Hilfe der Brüder. Wir wissen, daß er 

auch kriminelle Phantasien hat, durch irgend einen Betrug rasch zu Geld 

zu gelangen und so der traurigen Situation ein Ende zu machen. 

Andrerseits drückt der Traum eine Beziehung zur Mutter aus, die der 
Mutterleibsphantasie sehr nahe kommt. Ihm fällt nämlich ein, daß er in 
Jeän Christoph von Romain Rolland eine Stelle gelesen hat: Angst ist die 
dunkle Erinnerung an den Aufenthalt im Mutterleibe. (Bekanntlich führt Freud 
jede Angst auf die Angst bei der Geburt zurück.) 

Die Mutterleibsphantasie bringt uns dem Verständnis seiner Zoophilie 
näher. Er ist im Mutterleibe und läßt sich von der Mutter tragen. Die Mutter 
ist das trächtige Pferd . . . 

Er wehrt sich dagegen, seine Einfälle mitzuteilen und möchte viel lieber 
die Begebenheiten des Vortrages berichten. Dann sagt er: „Wenn ich auf 
den Abort gehe, habe ich immer Angst, daß mein Hosentürl offen ist." 

Er hat schon einmal diese Angst geäußert. Er beobachtet alle Menschen, 
ob sie das Hosentürl geschlossen haben. Das ist ein Vorwand, um die 
Konturen des Genitales beobachten zu können. 

Plötzlich springen seine Gedanken auf meine Person. Er liest am Abend 
meine Bücher und legt sie dann unter das Kopfpolster, damit die Gedanken 
in seinen Kopf gehen. Das ist nur Rationalisierung. Er benützt mich anstatt 
des Polsters. Er verlangt nach Liebe. Er hat die Phantasie, daß ich mit 
ihm spielen soll. Er äußert plötzlich, er wundere sich, daß ich ihm keines 
meiner Bücher geschenkt habe. Er verlangt von jedem Menschen Liebe. Diese 
Phantasien sowie die Gedanken an die Genitalien der anderen mengen sich 
in seine Arbeit. Er könnte nicht arbeiten, wenn er sich nicht durch einen 
Zettel befreien würde. Am Abend lebt er mit dem Zettel diese Phantasien 
durch. Sein Reich, in dem er König ist, ermöglicht ihm das Ausleben der 
Phantasien. Aber mit einem Unterschiede. Er erzwingt kraft seiner Macht 
die Liebkosungen seiner Sklaven und verschiebt sie auf das Pferd, das in 
einer weiteren Determinierung das Symbol seiner tierischen Leidenschaften wird. 

Aus einem langen Traume entnehme ich, daß eine alte Badewanne in 
der neuen Wohnung bleiben soll. Ich schließe daraus, daß er gewisse Bade- 
szenen seiner Kindheit nicht verlieren will. Er entsinnt sich nicht besonderer 
Badeszenen, muß sich aber - gezwungen erinnern, daß er mit seiner Mutter 
gemeinsam baden ging. Es war in seinem 11. Jahre. Er wurde in ihre Kabine 



Analyse einer Zoophilie. üOü 

mitgenommen und ging mit ihr in ein öffentliches Frauenbad. Alle anderen 
Erinnerungen sind verdrängt. Er weiß sich keines besonderen Eindruckes 
beim Ausziehen zu erinnern, er weiß nicht, ob er in einer Kabine mit der 
Mutter war. Alles ist der Amnesie verfallen. Wer das betreffende Wiener 
Bad kennt, weiß, daß zahlreiche Frauen in aufreizenden Badekostümen herum- 
laufen, im Sand liegen, spielen usw. Er weiß nichts davon. 

In diesem Falle können wir annehmen, daß er einen Teil dieser Bade- 
*zenen auf seine Pferdephantasie übertragen hat. Wir hören in der Tat er- 
staunliche Dinge. Die Pferde haben ein herrliches Bad. Sie werden in kost- 
baren Flüssigkeiten gebadet. Im Volke herrscht Not. Die Pferde baden in 
Milch, Kölnerwasser, Champagner. Sie urinieren ins Bad und entleeren ihren 
Darm. Die Bevölkerung ist glücklich, wenn sie dann das Badewasser trinken 
kann. Er reitet nackt mit dem Pferde ins Bad. 

Er erinnert sich aus dem gleichen Jahre, daß er mit dem Onkel in einem 
Bade war und daß ihn eine Badefrau den ganzen Körper und auch das 
Genitale einseifte und dann wusch. 

Er badet jetzt gar nicht. Vielleicht nur zweimal im Jahre. Er hat 
immer Schnupfen und das Baden wäre dann sehr gefährlich. Er hat offenbar 
verschiedene Erinnerungen an gemeinsames Baden mit der Mutter und seinen 
Geschwistern, an die er nicht erinnert werden will. Aus solchen Verdrängungen, 
die in halbbewußten Phantasien wieder gehoben werden, entsteht dann sein 
Zweifel. 

Aus einer Reihe von Widerstands- und Übertragungst räumen, in denen 
er allerlei zärtliche Szenen mit mir erlebt, hebe ich einen Traum hervor, der 
mir besondere Bedeutung zu haben scheint: 

Ich bin auf einem Baume mit einein Mädchen (oder ist es mein 
Bruder?). Ich will ihn mit meinen beiden Beinen umschlingen und sage: 
Ich werde dich doch bezwingen. 

Wir sehen, er hat gewisse Wünsche, die er doch erreichen will. Er 
will seinen Bruder mit seinen Beinen umschlingen. Die Szene ist schon einige 
Male in seinen Träumen vorgekommen. Eine erste Bedeutung: der Traum 
reproduziert offenbar eine kindliche Szene. Eine, weitere Bedeutung erhält 
er aus dem Umstände, daß der Baum der Stammbaum ist. (Baum des Lebens.) 
Er ist im Mutterleib© und hält Bruder und Schwester mit den Beinen um- 
schlungen. 

Es fallen ihm viele Phantasien ein, in denen er im Mutterleibe lebte. 
Besonders beeindruckte ihn eine Bemerkung, die er im siebenten Jjebensjahre 
von einem Dienstmädchen hörte. Die Nabelschnur, welche Kind und Mutter 
im Mutterleibe verbindet, bleibt für das ganze Leben erhalten; Er stellte sich 
auch eine Entbindung so vor, daß die Frau ihre Röcke aufbindet. Es wird 
eine Schnur aufgebunden, so daß das Kind frei wird. Diese infantile Sexual- 
theorie findet sich in seiner Pferdephantasie. 

Er ist auf dem Pferde im Mutterleibe und die Zügel (in seiner Phantasie 
goldene Schnüre) sind die Nabelschnüre. Dort ist er vor den bösen Stürmen 
der Welt sicher. 

Er teilt eine Menge von Infantilismen mit. In ängstlichen Situationen 
muß er etwas Urin, zuweilen aber auch Winde lassen. Vor dem Einschlafen 
lutscht er an einem Zipfel der Bettdecke. Dabei macht er ein so wollüstiges 



~r 



304 



Psvchosexucller Infaiitilismus. 



Gesicht, daß es seinen Brüdern aufgefallen ist. Seine Mutter sagte ihm: Du 
machst ein Gesicht wie ein Kind, das an der Mutterbrust saugt. 

Er erinnert sich auch des Traumes, in dem er den Bruder mit beiden 
Beinen umschlungen hält. Im Traume verwandelte sich der Bruder in ein 
Polster. Es war ihm, als ob er ein Polster halten würde. Seine Liebe zum 
Polster und die Art, mit dem Polster zwischen den Beinen einzuschlafen, 
geht auch auf die Mutterleibsphantasie zurück. 

Sonderbare Infantilismen führt er mit seinem Schreibtisch auf. Er wird 
von ihm gepflegt und gereinigt, mit allerlei Töpfen und Vasen geschmückt. 
Die Mutter muß ihm Deckerln für den Schreibtisch sticken. Tim den Schreib- 
tisch baut er sich andere kleine Tische. Nur auf dem Schreibtische können die 
..Notizen" erledigt werden. Der Schreibtisch ist offenbar wie das Pferd ein 
Symbol der Mutter. Die Notizen, die sich meist auf sein Verhältnis zur Mutter 
beziehen, können nur dort erledigt werden. (Phänomen der Affektverschiebung.) 
Am Schreibtisch ist sein liebster Platz. »Da kann er stundenlange träumen . . . 

Um seinen großen Schreibtisch baut er drei kleine Tische. Sie kann er 
alle benützen. Sie sind Symbole der drei Geschwister. So beherrscht er die 
ganze Familie, sie sind seine Sklaven, sie müssen seinen Wünschen hörig sein. 
Der Schreibtisch ist dann ein Symbol wie das Pferd. Er ist ein realer Pferd- 
ersatz. 

In seinem Büro ist er versetzt worden. Er empfindet diese Versetzung 
als Demütigung. Gerade ihm muß eo etwas passieren! Und er fing schon an. 
sich in dem alten Büro heimisch und gemütlich zu fühlen. Nun hat er einen 
Anlaß zu Grübeleien und 'Phantasien. Er möchte ins alte Büro zurück. In 
diesen Phantasien wird das alte Büro zum Symbol seiner Mutter. Er möchte 
wieder Kind sein und sein Leben neu beginnen. Dann könnte er groß und 
stark sein und würde alle Eigenschaften haben, die ihm jetzt fehlen. 

Er hatte diese Nacht zwei Träume, die uns einen tiefen Einblick in 
sein Seelenleben gewähren: 

Es war eine große Weltkatastrophe. Alle Menschen dieser Welt — 
nicht nur der Erde — gingen zugrunde. Ich glaube über 100 Milliarden 
Menschen. Ich war darüber sehr entrüstet und dachte: Das kann der 
Weltgeist nicht zulassen. 

Ich war mit meiner Mutter in der Zentralbibliothek, um Bücher 
umzutauschen. Vor mir stand eine ältere Dame. Trotzdem bediente mich 
das Fräulein zuerst. Darüber machte ihr die ältere Dame heftige Vor- 
würfe. Ich dachte mir: Das arme Mädchen wollte mir einen Gefallen tun 
und muß sich nun diese Vorwürfe gefallen lassen. 
Um den ersten Traum zu verstehen, müssen wir seine egoistische Ein- 
stellung zur Welt kennen. Er will jetzt in das alte Büro zurück. Er hatte 
den Wunsch: mögen jetzt einige der Beamten dort krank werden, damit 
ich zurückberufen werde. Er läßt alle Welt sterben, wenn er nur einen Vorteil 
dabei hat. Er kam gestern aus dem Büro nach Hause und wollte den Bruder 
interpellieren und ihn bewegen, Protektion anzuwenden, damit er in das alte 
Büro kommen könne. (Er macht alles mit Protektion. Das zeigt sein 
mangelndes Selbstvertrauen und sein Bedürfnis nach fremder Hilfe.) Nun kam 
ihm der Bruder mit einer Trauernach rieht entgegen. Der Schwiegervater seines 
Onkels war an diesem Tage .gestorben. Sein erster Gedanke war: „Mein Pech! 
Jetzt kann ich dem Bruder nicht mit meiner Sache kommen." 



Analyse einer Zoopbilic. 3Q5 

Im Traume läßt er die ganze Welt zugrunde gehen. Aber der Traum 
verschweigt eine Tatsache: Er bleibt am Leben. Er ist der Einzige und als 
der Einzige kann er sich alles erlauben. Er braucht auch keinen Vergleich 
mit den anderen zu scheuen. (Noahkomplex Tannenbaums.) Schon in der Jugend 
wollte er die Mutter für sich allein haben und wünschte allen Geschwistern 
den Tod. Daß eine Schwester starb, trug dazu bei, sein Schuldgefühl zu 
steigern und den Grund zu seinem drückenden Gefühle der Minderwertigkeit 
zu geben, das ihn so quält und alle seine Handlungen determiniert. 

Immer ist er der Zweite, immer wird er zurückgesetzt. Er ist ein Jude, 
klein, kurzsichtig und häßlich. Alle diese Eigenschaften werden benützt, um 
das Gefühl der Unvollkommenheit zu fixieren. 

Im Traume wird er anderen vorgezogen. Im Leben ist ihm das nie 
passiert. Es hat aber einen besonderen Grund, daß die ältere Dame im Traume 
erscheint. Es ist dies die Frau des gestern verstorbenen Mannes. Sie beklagte 
sich immer über die schlechte und lieblose Behandlung von Seite ihrer 
Schwiegersöhne und' ihrer Töchter. 

Auch er glaubt, daß er immer gedemiitigt und zurückgesetzt . wird. 
Darum flüchtet er ja in seine Traumwelt, in der er 6einen Willen zur Macht 
ausleben und das Gefühl der Minderwertigkeit durch einen schrankenlosen 
Größenwahn ersetzen kann. Ja, in seinen Phantasien ist er sogar unsterblich. 
Er ist ein Gott! Deshalb kann ihm der Weltuntergang nichts anhaben. 
Menschen können zugrunde gehen. Die Götter bleiben ewig. 

In allen seinen Phantasien kompensiert er die Demütigungen der ersten 
Welt durch stolze Triumphe und kehrt die Tatsachen um. Wir wissen, daß 
er sich keinem Weibo genähert hat. Er fürchtet seine Niederlage, er ist ja 
ein Kind, er weiß nicht, was er machen soll. 

Er schwelgt in einer absonderlichen Phantasie: Ein sehr reiches 
Mädchen, Erbin eines unermeßlichen Vermögens, hat sich in ihn verliebt und 
will nur ihn heiraten. Er läßt sich lange bitten und stellt dann seine Be- 
dingungen: 1. Ihr Vater muß ihm das ganze Vermögen ausliefern. 2. Das 
Mädchen muß ihm alle sadistischen Handlungen gestatten. 3. Sie muß ihn 
bedienen, sein Pferd pflegen, seine Magd sein. 4. Er hat absolute sexuelle 
Freiheit und nimmt sich so viele andere Frauen, wie es ihm beliebt. 

Im Leben scheut er die Frauen, er ist wütend, daß man gegen Frauen 
galant sein muß, er fürchtet seine Impotenz, er fürchtet die Untreue des 
Weibes, er will nicht von ihren Launen gequält werden. In der Phantasie 
ist alles umgekehrt. Überdies gibt er zu, daß dieses Mädchen meistens die 
Züge .seiner Mutter trägt. Ein alter Kinderwunsch geht in Erfüllung. Er 
ist der Herr des Vermögens, die Mutter bedient ihn ganz allein, er kann alle 
seine Launen nach Herzenslust ausleben. 

Wir sehen, wie asozial die Neurose die Menschen macht. Wir sehen 
aber auch den unüberbrückbaren Abgrund, der zwischen Realität und Phantasie 
gähnt. 



Für das Verständnis des Neurotikers ist es unbedingt notwendig, 
das Phänomen der Affektverschiebung und des Szenenwechsels zu 
kennen. Für den Neuro tiker ist es charakteristisch, daß die Grenzen 
zwischen Symbol und Realität fortwährend schwanken. Dieses 
Schwanken entsteht dadurch, daß er in seiner Phantasie einen Szenen- 

Stekel, StörnnRcn dos Trieb- und Affekllobon's. V. pj. 



306 



Psychosexueller Infantilismus. 



Wechsel vornimmt. Wir wollen an dem Beispiel des heutigen Tages 
die Art und Weise studieren, wie dieser Szenenwechsel vor sich geht, 
Unser Patient berichtet, daß er im Amt sehr ungern ißt. Er fühlt 
Hunger, aber er nimmt erst etwas zu sich,, bis sich der Hunger zu 
Hungerkrämpfen steigert. Dann ißt er mit großer Gier. Unangenehm 
ist ihm dabei, daß er an einem gewissen . Angstgefühl und heftigem 
Herzklopfen leidet, als wenn er etwas Verbotenes tun würde. 

Ich vermute, daß es sich um eine Affektverschiebung zwischen 
Hunger und Liebe handelt, sage ihm nichts von meiner Vermutung und 
lasse ihn die freien Assoziationen bringen. 

Es fällt ihm zuerst ein, daß er sich gestern von seiner Mutter 
eine Tasse hat schenken lassen. Er empfand große Freude und stellte 
die Tasse sofort als Schmuck in sein Königreich, d. h: auf den erwähnten 
Schreibtisch. Er rationalisiert diese Freude damit, daß er sehr geizig 
ist und sich keine Tasse kaufen würde. Er übersieht, daß der Affektweit 
der Tasse davon herrührt, daß er sie von der Mutter erhalten hatte. 

Sein zweiter Einfall ist, daß er die Gewohnheit hat, zu Hau»e 
für sich Gedichte aufzusagen. Oft zwanzig Mal hintereinander. Er macht 
das, während er die Zettel durcharbeitet oder vor dem- Einschlafen. 
Das beweist nun, daß die Zettel und die Gedichte etwas Gemeinsames 
enthalten müssen. Gestern sagte er eich die bekannten Verse von 
Schiller vor, in denen von Hunger und Liebe die Rede ist. 

Jetzt wissen wir, daß der Hunger der Hunger nach Liebe, und 
zwar der Hunger nach der Liebe der Mutter ist. (Die Tasse!) 

Auch die weiteren EinfäUe gehen auf seine Liebe zur- Mutter und 
besonders auf die Mutterleibsphantasie. Er zitiert ein Gedicht: Das 
ist der Lauf der Zeiten - Ein Trost stellt sich mir dar - Bin ich 
auch nichts geworden — ich blieb doch, der ich war. (Das ewige Kind.) 
Auch ein Gedicht von Eichendorff muß herhalten: Dort ist so tiefer 
Schatten — dort ist so tiefe Ruh — es deckt mit grünen Matten — der 
liebe Gott dich zu. (Er weiß nicht, ob es heißt „der Liebe Gott" oder 
„der hebe Gott". Phantasie von Grab und Mutterliebe.) Den ewigen 
Säugling hingegen charakterisieren die Verse: Und frische Nahrung, 
frisches Blut - saug ich aus freier Weh - Wie ist Natur so hold und 
gut — die mich am Busen hält. (Natur ein Symbol der Mutter - 
Mutter Erde!) Sterne stimmen ihn melancholisch, wenn sie in einem 
Gedichte vorkommen. So zwingt das Gedicht von- Novalis zur Wieder- 
holung: Die Sternenwelt wird zerfließen - zu lichtem Lebenswein - 
wir werden sie genießen - und lichte Sterne sein. Er hat also die 
Absicht, die Sterne zu genießen! 

Jeder Neurotiker hat seine eigene "symbolische Gleichung, deren 
Enträtselung eine der wichtigsten Aufgaben der Analyse darstellt. Seine 



Analyse einer Zoophilie. 307 

symbolische Gleichung lautet: Mutter — Weltall — Himmel — Grab — 
Stern — Natur. 

Warum aber verwendet er Zettel und nie ein Notizbuch, das 

praktischer wäre? Weil er die Zettel in ein Kuvert gibt. Zettel und 

Kuvert stellen ihm eine Vereinigung von Mutter und Kind dar. Der 
Zettel ist das Kind, das im Mutterleibe steckt. 



Von seiner Stimmung gibt ein Gedicht von Hermann Hesse Be- 
richt. Er sagt es unzählige Male vor sich hin. Es handelt sich um eine 
Rückphantasie in die Kindheit. 

Verlorener Klang. Einmal in Kindertagen — Ging ich die 
Wiese lang, — Kam still getragen — Im Morgenwind, ein Gesang, — 
Ein Ton in blauer Luft, — Oder ein Duft, ein milder blumiger Duft, — 
der duftete süß, der klang — Eine Ewigkeit lang, — Meine ganze Kind- 
heit lang. Es war mir nimmer bewußt — Erst jetzt in den bösen 

Tagen — Hör ich innen in der Brust — Ihn wieder verborgen schlagen. 
— Und jetzt ist alle Welt mir einerlei, — Will nicht mit den Glück- 
lichen tauschen, — Will nur lauschen, — Lauschen und stillestehn, — 
Wie die duftenden Töne gehn. — Und ob es noch der Klang von damals sei. 

Oft beginnt er sich in endlose Gedanken zu verwickeln. Es fällt 
ihm ein, daß er das Gedicht aufsagen muß. Ist es nicht sonderbar? 
Nun denkt er weiter: Ist es nicht sonderbar, daß ich mich wundere, 
daß ich das Gedicht aufsagen muß? 

' Ist es nicht sonderbar, daß ich denke, daß ich mich wundere, 
daß usw. Ist es nicht sonderbar, daß ich denke, daß -ich denke, daß 
ich mich wundere usw. 

Das geht ins Endlose. Es ist das Prinzip der Einschachtelung. 
Er schachtelt einen Satz in den anderen. 

Wie alle Infantilisten steht er mit Orthographie und Grammatik 
auf einem schlechten Fuß. Groß oder klein, dritter oder vierter Fall 
sind Hemmungen in der Arbeit. Soll er dem oder den schreiben? Er 
hilft sich, indem er in der Maschine das m mit einem n überklopft, so 
daß er beiden Tendenzen gerecht wird. 

Diese typische Unsicherheit des Infantilen, die fast in keinem Falle 
von P. I. fehlt, Jiat hier ihre besondere Wurzel. Er ist das dritte Kind. 
Der dritte Fall der Mutter. Sein jüngerer Bruder, der unwillkommene 
Rivale, ist der vierte Fall. Wen hat die Mutter lieber? Das ist die . 
große Frage, um die sich sein Leben dreht. Dazu benötigt er seine 
Krankheit. Die Mutter soll Mitleid mit ihm haben und deshalb mit ihm 
lieber sein als mit den anderen Brüdern. Wenn der ältere Bruder zu 
Hause schlechter Laune ist, kann die Mutter ihn fragen: Was hat er 

20* 



gftg Psychosexueller Infantilismus. 

heute? Das kränkt ihn tief. Er will der Einzige sein, um dessen Launen 
man sich kümmert. 

Er fühlt die Tragödie desmittlerenKindes (Hug -Hellmuth) . 

' Er hatte heute Nacht einen Traum: 

Ein großer Hund ist auf mich losgesprungen. Ein großer Herr, 
der Eigentümer des Hundes, hat die Gefahr erkannt, in der ich schwebe. 
Er fixiert den Hund und geht zurück, immer den Hund im Auge be- 
haltend, um ihn zu bändigen. Er gibt mir den Rat, nach Amerika zu 
fahren. Ich wäre hier nicht sicher. 

Er hat erfahren, daß ich nach Amerika fahre. Der Hund ist das 
Symbol der Homosexualität. Er ist froh, daß er außer Gefahr kommt 
(Angst vor den Folgen der Übertragung). Er macht eine Meine 
Korrektur an der Realität. Er fährt nach Amerika und ich bleibe in 
Wien mit dem tollen Hunde . . . 

Er erwartet alles Heil von der Analyse und möchte nichts dazu 
tun, um sein Leiden zu überwinden. Er setzt die Zettelwirtschaft fort. 
Gestern fragte ihn ein Kollege, ob er nicht früher in einer anderen 
Bank gewesen wäre. Die Frage war ihm sehr unangenehm. Er hatte 
sich in der betreffenden Bank so ungeschickt benommen, daß er ent- 
lassen wurde. Er fürchtet, der Kollege könnte diese Tatsache in seinem 
Büro erzählen und ihm schaden. Er notiert den Vorfall und grübelt 
des Abends über die Maßnahmen, um dies zu verhindern. Was bedeutet 
dieser Zettel? Offenbar, daß er ein schweres Schuldbewußtsein hat. 
Er hat sich schlecht benommen, um entlassen zu werden und von seinen 
Brüdern erhalten zu werden, um bei seiner Mutter zu bleiben. Er hat 
alles selbst inszeniert. Darüber macht er sich Vorwürfe. 

Er macht sich aber auch Vorwürfe wegen verschiedener Vorfälle 
in der Kindheit. Es ist sehr wahrscheinlich, daß er mit seinem jüngeren 
Bruder allerlei getrieben hat, was ihn die älteren Brüder lehrten.. Der 
jüngere Bruder ist heute auch schwer neurotisch. Hat er nicht Schuld 
an seiner Neurose? 

Überdies wissen wir, daß er jedermann und besonders dem Vater. 
dem Großvater und den Brüdern den Tod gewünscht hat. Diese Sünden 
darf er nicht vergessen. An diese Verbrechen muß er immer denken. 

Deutlich verrät dies sein letzter Traum: 

• Der alte Vorstand läßt mich rufen. Der Laufbursche gibt mir eine» 
Zettel in die Hand, ich soll zum Direktor Pick gehen Der Direktor ist 
in seinem Zimmer, das eher einer Registratur gleicht. Er macht mir 
heftige Vorwürfe. Warum ich nicht in die Skontistenschule gehe, ich 
sehe eine Schleife oder einen Zettel, auf dem mit großen Lettern gedruckt 
ist: Das Begräbnis' des Herrn W. findet morgen statt! 



Analyse einer Zoophilie. 309 

Der alte Vorstand hatte einen „Pick" auf ihn, wie man in Wien 
sagt. "Er sekkierte ihn, so daß er sich sehr unglücklich fühlte. Das heißt, 
er inszeniert sich im alten Büro wieder eine unmögliche Situation, um 
nach Hause zu kommen. Der alte Vorstand ist Gott. Gott hat alle 
seine Sünden registriert und hält sie ihm vor. Er solle sein Hauptbuch 
(Soll und Haben — Skontistcnschule) gut überblicken und seiner Ver- 
gehen eingedenk sein. Die Sclüeife mit den großen Lettern (wie die 
Schleife eines Kranzes, der auf den Sarg gelegt wird) ruft ihm mit 
großen Lettern eine Warnung zu: Du hast allen Leuten den Tod ge- 
wünscht. Du warst glücklich, als dein Vater und dein Großvater starben. 
Du bist ein Sünder! Du verdienst es nicht, daß es dir gut geht, 

So ist seine Neurose Schuld und Strafe zugleich. Wie geht es ihm 
mit den Pferdephantasien? Sie sind ganz verschwunden. Die Analyse 
hat sie ihm vedeidet und unmöglich gemacht. Sein Pferdekönigreich 
und seine Vorliebe für Pferde sind verschwunden. Noch sind ihm einige 
Infantilismen gebüeben. Er gibt noch immer vor dem Einschlafen die 
Hand zum Mund und beginnt zu saugen. Er spielt noch immer den 
ewigen Säugling, der an der Mutterbrust ist. Aber das Polster wird 
nicht mehr zwischen die Beine gesteckt und er beginnt sich langsam 
und widerwillig mit der Realität auszusöhnen. 

Ich habe die Neurose einmal als den Zustand definiert, bei dem 
die Grenzen zwischen Traum und Realität verschwimmen. Unser Patient 
zeigt dies sehr deutlich. Mitunter hat er am Tage das Gefühl, es wäre 
alles nur ein Traum und selbst im Traume verläßt ihn das Bewußtsein 
nicht, es könnte alles nur ein Traum sein. Mutterleibsphantasten neigen 
zu diesen Zuständen ganz außerordentlich. Ihr Leben ist in der Tat 
nur ein einziger Traum. 

Er träumte heute Nacht: 

Ich habe 'im Büro ein Glas zerbrochen. Ich denke, daß ich das 
sagen muß und daß ich das Glas bezahlen werde. Da fällt mir ein, wie 
unangenehm das alles ist. Sie werden fragen, warum hat er das Glas 
zerbrochen? Wie hat er das Glas zerbrochen? Ich werde es lieber nicht 
sagen Wie ich mich so herumquäle, ob ich es sagen soll oder nicht, 
fällt mir ein, daß ich oft zweifle, ob es Traum oder Wirklichkeit ist. 
Ich kann ja jetzt auch träumen. Ich brauche nichts zu sagen . . . 
Der Träumer kämpft mit dem Vorsatze, mir Begebenheiten mit- 
zuteilen, die sich mit seinem jüngeren Bruder zugetragen haben. Denn 
diesem Traume ging ein Traum vorher, in dem er diesem Bruder die 
Decke fortgezogen hatte. Alle Einfälle gehen auf den Bruder, der am 
Morgen nie zu erwecken ist, bis nicht ein Familienmitglied die von ihm 
offenbar gewünschte Exhibition vornimmt und ihm die wärmende Decke 







3 IG 



Psjchosexueller Infautflismus. — Analyse einer Zoopbilie. 



wegzieht. Ich sehe ganz deutlich, daß er sich entschlossen hat, mir 
diese Begebenheiten nicht mitzuteilen. 

Es ist die letzte Stunde. Die Neurose wird als Glas dargestellt. 
Er hat ein Glas,, aus dem er getrunken hat. zerbrochen: seine Krankheit. 
Er bringt es nicht über sich, zuzugeben, daß er ein anderer ist. Seine 
Pferdephantasie ist endgültig abgebaut. Er kann viel besser arbeiten. 

Was ist ihm gebheben'? Er saugt noch vor dem Einschlafen an 
dem Zipfel seiner Decke und er muß sich hie und da Zettel aufschreiben 
und den Tag überdenken. Er beruft sich auf große Männer — Goethe 
und andere — . die auch am Abend den Tag überdacht haben. Ich kläre 
ihn auf, daß er eben den Tag nicht überdenkt, sondern ein „geistiger 
"Wiederkäuer" ist. Er wiederholt sich sinnlose Fragen so oft, bis er sie 
mechanisch sagen kann. In diesem Zustande kann es dann zur ge- 
wünschten .Affektverschiebung kommen. Er träumt dann seine 
Kindereien, während er scheinbar nachdenkt. 

Wie soll er gesund werden? Er muß sich mit der Realität be- 
freunden. Er muß die soziale Isolierung aufgeben und sich der Gesell- 
schaft einfügen. Er muß auf alle Kindereien verzichten. Er darf nicht 
sein Leben auf die Liebe der Mutter stellen. Er muß sich zur Selb- 
ständigkeit erziehen und den Weg zum Weibe finden, was wohl nur 
in einer Ehe gelingen wird. 



XVII. 

Pädophilie. 

Von allen Formen des sexuellen Infantilismus scheint mir die 
..Kinderliebe" die am meisten verbreitete zu sein. Nach meinen Er- 
fahrungen muß es sich fast um eine normale Komponente des Ge- 
schlechtstriebes handeln. Fast jedermann kann sich einmal bei solchen 
Gedanken ertappen, die freilich mit allen Affekten sittlicher Entrüstung 
zurückgewiesen und verurteilt werden. Der sexuelle Reiz, der von den 
Kindern ausgeht, ist um so merkwürdiger, als wir uns viele Jahrtausende 
bemüht haben, das Kind zu asexualisieren und es als Heiligtum zu be- 
trachten. Viele geistig hochstehende Kulturmenschen haben mir ge- 
standen, daß ihnen sündige Gedanken beim Anblick von Kindern ge- 
kommen wären. Sie erschienen meistens in negativer Form. So erzählte 
mir ein ethisch sehr hochstehender Dichter, daß er einmal sein sechs- 
jähriges Töchterchen betrachtend sich sagte: „Es ist mir unbegreiflich, 
wie Menschen sich an Kindern vergreifen können!" Aber der Umstand, 
daß er auf den Gedanken kommen konnte, beweist, daß irgend ein dunkler 
\nreiz vorhanden war. Goethe hat in seinem Erlkönig die homosexuelle 
Migstvision des Knaben vor dem Erwachsenen herrlich ausgedruckt. 
\ber daß er eine solche Ballade schaffen konnte, beweist doch nur, daß 
er sich von einer Regung befreien mußte, wie sie auch Thomas Mann in 
seiner Meistemovelle „Der Tod in Venedig" zu einem ergreifenden 
Kunstwerk kristallisieren konnte. 

Das Kind als „sexuelles Spielzeug" kann besonders bei manchen 
Naturvölkern beobachtet werden. Aber bilden wir uns nicht ein, daß wir 
dieser niedrigen Stufe der Entwicklung so- ferne stehen. Ich werde fast 
täglich in meinen Analysen belehrt, wie verworren die Ansichten sind, 
die wir bisher gehegt haben und wie sonderbar ubiquitär die Padophihe 
das Seelenleben der Menschen beherrscht. Ich möchte, bevor ich auf die 
Wurzeln dieser Erscheinung eingehe, noch einige Beobachtungen von 
Gesunden (- wohlgemerkt nicht von Neurotikern -) mitteilen. Wie 
vieles von der sogenannten Kinderliebe ist nur eine verdeckte Para- 
philie, die dann urplötzlich hervorbrechen und ihren Träger überwältigen 



312 



I'sychosexucller lufautilisinus. 



kann. Je weniger die Menschen sich dieser Regungen bewußt sind, desto 
schlechter schützen sie sich dagegen und desto größer sind die Gefahren 
für das Kind und den Erwachsenen. Denn in den meisten Fällen überfällt 
die pädophile Regung die Menschen unvermutet, so daß sie über sich 
selbst ganz entsetzt sind. Ich will nun einige dieser Beispiele mitteilen. 

Fall Nr. 103. 0. P., ein 34jähriger Arzt, teilt mir mit: Ich bin mir keiner 
krankhaften Regung bewußt. Umso mehr hat mich ein Erlebnis erschreckt, 
das ich Ihnen über Ihren Wunsch hiemit niederschreibe. Ich fuhr von Wien 
in meine Heimat und wurde ersucht, eine kleine 7jährige Kusine mitzunehmen. 
Die Reise dauerte damals zirka 24 Stunden. Ich bemühte mich um das artige 
Kind, so daß die verschiedenen Insaßen des Kupees meinten, es wäre wunder- 
bar, wie zart ich mit dem Kinde umgehen könne. Ich mußte es natürlich auch 
fragen, ob es natürliche Bedürfnisse habe und führte es durch den Wagen 
zum Anstandsorte. Kurz, ich bemühte mich um das Kind, als ob ich seine 
Mutter wäre. Das wunderte mich selbst, denn ich hatte mich vorher nie mit 
Kindern beschäftigt und hei mir nie eine besondere Vorliebe für Kinder bemerk! 
■Es kam der Abend und das Kind wurde müde. Ich setzte es auf meinen Schoß 
und wiegte es ein wenig. Zu meinem Schrecken -bekam ich plötzlich einen 
gewaltigen Status. Erschrocken setzte ich das Kind wieder auf die Bank 
obwohl es stürmisch verlangte, auf dem Schöße zu sitzen. Ich gebrauchte eike 
Ausrede und suchte das Kind zum Schlafen zu bringen. Zu meiner großen 
Genugtuung waren wir in dem Kupee allein. Alle anderen Reisenden waren 
schon ausgestiegen. Ich richtete dem Kind ein Lager, ließ es die Schuhe aus- 
ziehen und die Kleider ein wenig lockern, deckte es sorgfältig zu und machte 
selbst Nacht. Aber ich konnte merkwürdiger Weise nicht einschlafen, obwohl 
ich sonst in der Eisenbahn immer trefflich geschlafen hatte. Ich hatte eine 
permanente Erektion. Ich war schon an diese Erscheinung gewohnt. Eisen 
bahnfahrten regen mich sexuell immer auf. 1 ) 

Die Erektionen wurden schmerzhaft. Dabei dachte ich nicht an das 
Kind. Ich trachtete, mich abzulenken und stellte mir allerlei erotische Bilder 
vor. Überdies war ich damals gerade heftig verliebt und hatte allen Grund 
mich zu freuen. In 8—10 Stunden sollte ich den Gegenstand meiner Sehnsucht 
umarmen können. Ich sah meine Geliebte mich am Bahnhof erwarten und 
versuchte, mir die Situation der Umarmung vorzustellen. Plötzlich rührte 
sich das Kind. Es war eine heiße Sommernacht. Das Kind warf die Decke 
von sich, alles im Schlafe, zog sein Röckchen in die Höhe, so daß ich die 
woh geformten kleinen Beinchen sehen konnte. Nun stieg in mir das unwider- 
stehliche Verlangen auf, mich dem Kinde zu nähern, es zu küssen, es zu um- 
armen, seine Beinchen zu streicheln und dabei mein Glied zu entblößen Du 
wirst doch nicht so ein Schuft sein!" - sagte ich mir und floh aus dem Kupee 
Da rief die Kleine meinen Namen. Sie wachte auf und sagte: „Onkel, wohin 
gehst du? Geh nicht fort! Ich habe Angst allein zu bleiben." Sie schlang ihre 



') Diese Beobachtung kann man bei vielen Menschen machen. Es gibt Männer, 
die nur im Eisenbahnwagen potent sind. Die Kondukteure von den Schlafwagen wissen 
ein Lied von der gesteigerten Sexualität der reisenden Damen zu singen. Nirgends 
erobert man so leicht die Frauen wie im Eisenbahnwagen. Auch der Umstand, daß viel« 
Männer ihre Brautnacht im Schlafwagen erleben wollen, deutet auf eine infantile Wurzel. 
Ee muß offenbar die Erinnerung an das Fahren im Kinderwagen in uns leben. 



Pädophilie. aia 

Ärmchen um meinen Hals und küßte mich auf den Mund — nicht wie ein Kind, 
sondern wie ein Weib. Meine Besinnung schwand. Ich wollte mit dem Kinde 
zärtlich sein. Da fiel mir ein, daß die Türe nicht ganz geschlossen war. Ich 
hatte ja hinausgehen wollen. Ich gehe zur Türe. In diesem Momente ging ein 
großer Mann mit scharfen, durchdringenden Augen an unserem Abteil vorbei 
und lugte hinein, als ob er Platz suchen wollte. Ich kam etwas zur Besinnung. 
Ich machte Licht, schlug die Hülle zurück, welche das Licht abgedämpft hatte. 
Das Kind bat: „Bitte Onkel! Mach wieder dunkel! Es tut den Augen weh! 
Ich will schlafen! Komm zu mir!" Ich streichelte es, um es zu beruhigen, 

was meine Erregung maßlos steigerte. Ich verlor fast die Besinnung. ■ 

Da wurde gerade eine Station ausgerufen. Der Zug hielt mit einem 
plötzlichen Ruck, der mich zur Besinnung brachte. Eine Dame kam mit vielen 
Schachteln und Handgepäck in unser Abteil. Ich machte ihr Platz, setzte 
mich dem Kinde gegenüber — und war gerettet. Ich hätte mir wahrscheinlich 
das Leben genommen, wenn ich etwas angestellt hätte. Seit jener furchtbaren 
Nacht', die mir ewig im Gedächtnis geblieben ist, hüte ich mich vor dem 
Alleinsein mit Kindern. Nie wieder ist mir eine solche Regung bewußt er- 
schienen. Ich habe auch nie von Szenen mit Kindern geträumt. Aber ich 
verurteile keinen Menschen, wenn ich höre, daß er dieser Leidenschaft zum 
Opfer gefallen ist. Ich wage auch die Behauptung, daß das Kind mir ent- 
gegengekommen und mich (vielleicht unbewußt) verführen wollte. Es er- 
wartete offenbar Liebkosungen, weil es auch sexuell erregt war. 

Überblicken wir den Fall, so wäre hervorzuheben, daß sich diese* 
Mann in einem Stadium gesteigerter Liebesbereitschaft befand. Er war 
verliebt und fuhr zu seiner Braut. Er fuhr überdies in seine Heimat, 
was immer eine Reise in das Jugendland bedeutet. Das Kind weckte das 
Kind in ihm, er wurde zum Kinde, fühlte sich als Kind und hatte das 
Bedürfnis mit Kindern zu spielen. Diese Fälligkeit wieder Kind zu 
werden, ist vielen Menschen eigen, welche sonst gar nicht infantil sind. 
Das Hervorbrechen späterer Paraphilien bedeutet stets eine Regression, 
wie ich wiederholt betont habe. " Es ist bekannt, daß bei älteren Personen ■ 
— Männern und Frauen — die Pädophilie mit unwiderstehlicher Gewalt 
hervorbricht. Die Zeitungen bringen diesbezüglich genug Berichte. Aber 
kaum ein Zehntausendstel der Fälle, die sich ereignen, kommen zur 
Kenntnis der Öffentlichkeit oder gar vor den Strafrichter. Im Alter wird 
der Mensch wieder zum Kinde. Deshalb können wir bei alten Menschen 
die deutlichsten Formen von sexuellem Infantilismus beobachten. Unter 
allen Paraphilien ist im Alter die Pädophilie die häufigste. Bevor ich auf 
diese Fälle eingehe, möchte ich noch das Geständnis eines Malers mit- 
teilen, der mir persönlich als ein bedeutender und durchaus beherrschter 
Mensch bekannt ist. 

Fall Nr. 104. Ich befand mich mit meiner Frau und meinen Kindern 
in der Sommerfrische zu G. Ich war diesen Sommer -19 Jahre alt, war acht 
Jahre glücklich verheiratet, liebte meine Frau und meine beiden Kinder, 
einen Knaben von sieben Jahren und ein Mädchen von fünf Jahren außer- 



314 



Psychosexucller Infantilismus. 



ordentlich. Die Kinder lugten wie gewöhnlich zuerst nach Spielkameraden aus. 
Der Bub fand einige junge Freunde, aber das Mäderl war allein und ich war 
sehr froh, als ich endlich nach langem Suchen ein gleichaltriges Mäderl fand, 
das sehr lieb war und sich willig die Tyrannei meiner geistig überlegenen 
Tochter gefallen ließ. Einmal spielten die Kinder im Garten. Ich sah belustigt 
zu. Da kauerte die Kleine nieder, so daß ich ihre Geschlechtsteile sehen konnte. 
Zu meiner Beschämung mußte ich hinsehen. Noch mehr. Ich hatte sofort 
eine Erektion und konnte dem Bedürfnis nicht widerstehen, das Kind auf- 
zuheben und herumzutragen, so daß meine Kleine eifersüchtig wurde. Sie 
sagte: „Wenn du meinen Papa wegnimmst, werde ich mit dir nicht mehr spielen 
und du bist nicht mehr meine Freundin." .Ich ließ verwirrt die Kleine auf den 
Boden nieder. Ich hatte ihr nichts getan, aber ich gestehe, daß ich ein starkes 
Verlangen hatte, sie zu streicheln und nach ihrem Geschlechtsteile zu greifen. 
Bei meinem Kinde habe ich solche widernatürliche Begungen nie empfunden. 
Ich war sehr niedergedrückt und traute mich nicht, dieses Erlebnis meiner 
Frau zu gestehen. Ich hatte während des Sommers noch einige Rückfälle. Ich 
muß es gestehen : Die Kleine reizte mich sexuell ganz enorm. Sie hatte etwas 
in ihrem Wesen, was an eine Dime oder an ein Weib erinnerte. Es machte 
mir ein unsagbares Vergnügen, ihr über die Haare zu fahren oder ihre glatten, 
wohlgeformten Beinchen zu streicheln. Ich habe auch einige Skizzen von ihr 
gemacht, die zu meinen besten gehören. Eine Erfahrung, die ich wiederholt 
gemacht habe: Man malt am besten jene Modelle, für die man sich sexuell 
interessiert. 

Verschiedene Forscher suchen allerlei Gründe für die Pädophilie 
' und weisen darauf hin, daß besonders jene Berufe gefährlich sind, bei 
denen man immer mit Kindern zu tun hat (z. B. Lehrer). Sie verwechseln 
Ursache und Wirkung. Die Menschen wählen schon den Beruf aus 
sexuellen (unbewußten) Motiven. 1 ) Auch der Umstand, daß der Aber- 
glaube besteht, man könne einer reinen Person (besonders einem Kinde) 
eine Infektionskrankheit übergeben und dann genesen, erklärt nicht die 
enorme Verbreitung der Pädophilie. Viel eher fand ich das Motiv der 
Minderwertigkeit. Menschen, welche vor erwachsenen Weibern Angst 
haben, ihnen nicht zu genügen fürchten, welche an die Kleinheit ihrer 
Genitalien glauben, können leicht zur Pädophilie verleitet werden, wie 
der nächste Fall beweist. 

Fall Nr. 105. Herr V. B., 46 Jahre alt, Kaufmann, klein, bucklig, häß- 
lich, ist in seiner Stadt als großer Kindernarr bekannt. Er hat immer Süßig- 
keiten in seiner Tasche, mit denen er die Kleinen beschenkt, er führt sie 
gerne zum Zuckerbäcker aus und wird allgemein der „Kinderonkel" genannt 
Er hat nie mit Frauen verkehrt, onaniert seit dem 14. Jahre. Er fürchtet bei 
Frauen eine Blamage, verabscheut Dirnen und wagt sich an kein bessere» 
Mädchen und keine anständige Frau heran. Seit der Jugend ist es sein Traum, 
mit kleinen Mädchen geschlechtlich zu verkehren, was ihm bei der Kleinheit 
seiner Genitalien selbstverständlich vorkommt. Er fürchtet aber, mit dem 
Strafgesetze in Konflikt zu kommen. Durch Zufall lernte er eine Kupplerin 



x ) Siehe das Kapitel „Berufswahl und Sexualität" in Band IV 



■ 



Pädophilie. ;-J15 

kennen, die ihm Kinder antrug. Er ließ sieh in ihre Wohnung einige Male 
Kinder kommen, die alle schon verdorben waren und schon längere Zeit dem 
Gewerbe oblagen. Es waren Mädchen im Alter von 10 — 14 Jahren. Ein Prozeß, 
in den er hätte leicht verwickelt werden können, erschreckte ihn so 6ehr, daß 
er aufhörte, diese Kupplerin zu besuchen und sich mit der Onanie und den 
harmlosen Unterhaltungen in den Gärten (Beobachtungen der Kinder beim 
Spielen usw.) begnügte. 

Ich kann an dieser Stelle nicht genug vor den 
..Kinderonkeln" mit den unerschöpflichen Süßig- 
keiten in der Tasche warnen. Die meisten von 
ihnen sind der Paraphilie erlegen und suchen 
ihre Opfer in ihre Wohnung oder in abgelegene 
Orte zu locken. Wer unbekannte Kinder in die Wohnimg be- 
stellt, um sie zu beschenken, ist der Pädophilie verdächtig. 

Das Bedürfnis nach Kindern muß unter diesen Kranken unendlich 
groß sein. Denn jede Stadt hat ihre geheime Kinderprostitution. Ich 
erinnere nur an den Skandalprozeß, der in Wien dies Tliema vor die 
Öffentlichkeit brachte. Es war damals viel von einem „Kinderver- 
zahrer" 1 ) die Rede, von einem älteren vornehmen Herrn, der die 
höchsten Preise zahlte. Um die Zeit des Prozesses verübte ein berühmter 
Wiener Professor der Chirurgie einen Schein-Selbstmord. Man fand 
seinen Überrock und seine Dokumente bei der Donau und vermutete 
einen Selbstmord. Man will ihn später in Ägypten gesehen haben. Ich 
weiß nicht, wae an der Sache Wahres ist. Aber einige Blätter be- 
haupteten, er wäre der Kinderverzahrer gewesen. Auch der Selbstmord 
eines gefürchteten Wiener Richters 2 ) wird mit einem plötzlichen Akt 
von Pädophilie in Verbindung gebracht. Tatsache ist, daß viele geheime 
Kinderbordelle existieren, in denen die Mütter ihre Kinder hinbringen, 
um den Schandlohn einzuheimsen. 

Im Kriege gab -es in der Etappe eine ausgebreitete Kinder- 
prostitution. Ein Offizier erzählte mir aus C, daß ihm ein achtjähriges 
Mädchen antrug: ..Willst du zu meiner schönen Mutter nach Hause 
kommen?" Der Offizier ging hin, um die Mutter anzuzeigen. Er wollte 
scheinbar auf ihre Anträge eingehen. Die entmenschte Mutter bot ihm 
ihr Kind an. Als er die Frau der Polizei anzeigte, lachte man ihm ins 
Gesicht. Sie hätten nicht so viele Zellen, als sie für alle diese Frauen 
und Mütter brauchten und um alle die Soldaten einzusperren, die sich 
mit den Frauen und Kindern eingelassen hatten. 

Die Prostitution verbirgt'eich nicht nur in den Häusern, sie macht 
sich sogar auf den Straßen breit. Ich habe wiederholt in Winkelgassen 



1 ) Wiener Dialektausdruck für „Kinderverzehrer". - 

2 ) Vergleiche die Schlüsselnovelle ,.H o f r a t E y s e n h a r d t" von Berg-r. 



316 



I'sychosexueller Infaatilismüs. 



Kinder gesehen, die sich angeboten haben. (In Paris werden die Kinder 
zu Chantage d. i. zu Erpressungszwecken benutzt. Auch in anderen 
Großstädten, wie mir bekannt ist.) Viele Dirnen kennen die Vorliebe 
der Männer für Kinder und ziehen sich als Backfisch mit Schul- oder 
Musikmappe oder legen noch kindlichere Kleidung an. Manche gehen 
mit einem Kinde aus und das sind gerade die Dirnen, welche die 
teuersten Kunden einfangen. In den Vorstädten, wo die Kinder schon 
früh untereinander Geschlechtsverkehr treiben (siehe S. 48), sammeln 
sich oft einige Kinder, um das Gewerbe gemeinsam auf eigene Faust zu 
betreiben. Im Prater in Wien und in vielen Vorstadtgärten, in allen 
Gärten der größeren Städte gibt es solche Kinderprostituierte. die das 
Geld zu Näschereien verwenden. Oft sind sie Mitglieder einer Diebs- 
bande und haben schon einen kleinen Geliebten, der die Rolle eines 
Zuhälters spielt. 

Ich habe einmal eine feine neurotische Dame behandelt, welche- in 
ihrer Jugend in Brunn auf dem Spielberg dieses Gewerbe betrieb, um 
sich Näschereien zu kaufen. Sie erzählte mir mancherlei über das 
Treiben der kleinen Dirnen. In den meisten Fällen handelt es sich nur 
darum, das Glied des Mannes in die Hand zu nehmen. Eine Immissio 
penis wird fast nie verlangt, Oft sind es Exhibitionisten, welche sich mit 
der Entblößung vor dem Kinde begnügen und es dafür reich entlohnen. 
In selteneren Fällen wird Fellatio verlangt. Wer sich bei Dirnen mit 
einer entsprechenden Vergangenheit erkundigt, der kann die merk- 
würdigsten. Tatsachen erfahren. 

Die Kinderprostitution ist nicht immer ein Gelderwerb. Das 
Geld wird gewöhnlich — wie erwähnt — für Näschereien verwendet. 
Aber in manchen Fällen schickt die Mutter das Kind aus, Geld zu er- 
betteln und kümmert sich sehr wenig darum, wie das Geld hereingebracht 
wird. Wenn' das Kind kein Geld bringt., kriegt es Schläge oder Schelte. 
Oft tun es die Kinder aus sexueller Neugier und mitunter auch aus 
Begierde. 

Nicht immer sind die Erwachsenen die Verführer. Es kommt vor. 
daß die Kinder den Anstoß geben. Sie fragen die Männer, wie spät es 
ist, oder irgend etwas anderes und blicken sie herausfordernd an. Manch- 
mal betteln sie die Männer an, um anzuknüpfen. 

Ich war Student der Medizin, als ich in meiner Gegend durch viele 
Monate täglich einem 8— 9jährigen Mädchen begegnete, das mich öfters 
ansprach und sich nach der Zeit erkundigte. Sie machte deutlich Zeichen, 
wie es nur eine erwachsene Dirne oder Kokotte machen kann. Ich wollte 
die Zeichen nicht verstehen, beobachtete aber mit Interesse das Treiben 
der Kleinen. Einmal fragte sie, ob sie nicht auf mein Zimmer kommen 
könne. Sie möchte gerne in einem schönen Zimmer spielen und ich würde 







Pädophilie. 317 

es ihr bestimmt gestatten. Ich solle ihr nur ein Buch geben, das würde 
sie mir bringen. Alles nur um einen Vorwand zu haben, zu mir zu 
kommen. Ich hatte genug gesehen und brach rasch das Gespräch ab. 
Nach zwei Jahren traf ich sie als luetische Kranke auf der Abteilung 
für Geschlechtskranke. Die Kleine hatte sogar ihren jüngeren Bruder 
infiziert .... 

Die Ärzte, welche größere Abteilungen für Geschlechtskranke 
leiten, können uns viel von Infektionen kleiner Kinder erzählen, die sie 
von Erwachsenen akquiriert haben. So sah auch ich einmal einen Knaben 
von 5 Jahren, der eine akute Gonorrhoe hatte. Er war von seiner 
10jährigen Schwester infiziert worden. Das hoffnungsvolle Mädchen 
hatte sich die Gonorrhoe im Prater von einem Soldaten geholt. 

Unendlich häufig werden Kinder von den Erziehungspersonen ver- 
führt. Schon RStif de la Bretonne hat die Eltern vor Dienstboten 1 ) und 
Erziehungspersonen gewarnt. Ich .habe fast unzählige solcher Fälle 
gesammelt. Ich habe ja an anderer Stelle auf die Unsitte der Ammen 
und Kindermädchen hingewiesen, die Säuglinge an den Genitalien zu 
kitzeln, um sie zu beruhigen. Oft aber wird diese Prozedur aus sexuellen 
Motiven ausgeführt. Ich sah eine Mutter aus besseren Ständen ihr acht 
Monate altes Mäderl an der Scheide kitzeln; um es zum Lachen zu 
bringen! Viele Mütter spielen aus einer Art Übermut mit den Kindern 
und gestehen es sich nicht ein, daß sie von sexuellen Motiven geleitet 
werden. 

Bloch führt aus seiner reichen Erfahrung einige charakteristische 

Fälle an: 

„In dem einen verführte eine Buchhalterin einen vierjährigen Knaben 
zu systematischer Unzucht, in dem anderen nahm die (horribile dictu) 
eigene Mutter ihren fünfjährigen Sohn zu sich ins Bett und lehrte ihn 
den Koitus vollziehen, so weit das möglich war, sowie Manipulationen 
an ihren Genitalien vorzunehmen. Der Junge wiederholte es dann bei 
seinem dreijährigen Schwesterchen, wobei ertappt, er die ganze Geschichte 

erzählte. 

Ein vierjähriger Knabe spielte viel an seinen Geschlechtsteilen, 
machte außerdem eigentümliche, beischlafähnliche Bewegungen im Bette, 
sowie auch bei der Mutter. Als die sehr Erschrockene ihn dann fragte, 
gestand er, daß ein im Hause angestelltes 20 jähriges Fräulein diese 
Manipulationen mit ihm vorgenommen habe." (Bloch, 1. c. S. 695.) 

Auch Magnan erzählt von einer 29jährigen Dame, die mit ihrem 
5jährigen Neffen Unzucht getrieben habe. 

Ich glaube, wenn man alle Männer und Frauen, die sich an Kindern 
vergangen haben, einsperren wollte, alle Gefängnisse der Welt nicht aus- 



l ) Maupassant schildert in seiner Novelle „Madame Baptiste" in erschütternder 
Weise die Tragödie eines kleinen Mädchens, das von dem Kammerdiener ihres Vaters 
verführt wurde, der sie später heiratete. 



318 I'sychoscxueller Infantil ismus. 

reichen würden. Es sind nicht immer die Erziehuhgspersonen, welche 
diese pathologische Kinderliebe zeigen. Bloch macht mit Recht auf die 
auffallende Aktivität aufmerksam, die das weibliche Geschlecht in dieser 
Hinsicht entfaltet. Havelock Ellis hat in einer kleinen Statistik den 
Nachweis geliefert, daß viel mehr Männer von Frauen verführt werden 
als umgekehrt, wenn man das erste Erlebnis in Betracht zieht. Die 
Analytiker wissen auch viel von den Traumen zu erzählen, welche ihre 
Patienten erlitten haben, und dieses Buch wird noch manche Beispiele 
bringen. Ich möchte nur einige sehr frappante Tatsachen hervorheben. 

Fall Nr. 106. Eine Muttor von drei Kindern gestand mir, daß sie immer 
beim Säugen der Kinder Orgasmus empfunden hatte. Das führte zu einer 
wahren Liebesraserei für das Kind, die so lange andauerte, bis der nächste 
Säugling kam. Den ersten- Knaben hatte sie immer im Bette neben sich liegen. 
Das Kind spielte mit seinen Fingerchen an der Vagina herum, was ihr un- 
gemein wohltat. Später pflegte er mit den Füßchen unten herumzuspielen, 
was sie sogar begünstigte. Das zweite Kind, ein Mädchen, lag oft zwischen 
ihren Füßen und spielte mit ihren Genitalien. Sie war so schwach, daß 6ie 
es gewähren ließ. Das dritte pflegte am liebsten mit ihrem Busen zu spielen 
und schlief noch im vierten Lebensjahre nicht eher- ein, bis es nicht die Mamillen 
im Munde hatte. Sie glaubt .auch, daß dieses Kind ihr im Schlafe die Vagina 
geleckt habe. Sie habe nur eine dunkle Erinnerung. Vielleicht sei es ein 
Traum gewesen. Alle drei Kinder sind sehr verwöhnt, frühreif, eifersüchtig, 
deutlich neurotisch. 

Fall Nr. 107. In höchster Erregung konsultierte mich einmal ein Kollege, 
er gebe seit längerer Zeit seinem jetzt achtjährigen Töchter chen den 
Penis in die Hand. Diese Prozedur dauere immer bis zum Orgasmus, bei 
dem Ejakulation eintrete. Ein Zufall entdeckte der Mutter diese Beziehungen. 
Ich verlangte vor beginnender Behandlung Entfernung des Kindes aus dem 
Hause, was von Frau und Mann verweigert wurde. 

Fall Nr. 108. Frl. R. N., jetzt 21 Jahre alt, erzählt während der Ana- 
lyse, daß ihr Vater sie im siebenten Lebensjahre wiederholt geschlechtlich 
gereizt habe. Er habe auch einmal versucht, das Glied einzuführen, habe 
aber abgelassen, weil sie aus Schmerz geschrien habe. 

Fall Nr. 109. Herr D.V.,.24 Jahre alt, Mediziner, wurde von seinem 
Vater im fünften Lebensjahre onaniert. Er stellte sich immer schlafend. Der 
Vater spielte dann mit seinem Gliede und pflegte sich dann hinüber zu werfen 
und zu stöhnen, was er jetzt als Onanie auffassen würde. Die Mutter war 
gestorben, als der Knabo 2 Jahre alt war. Er schlief bis zum zehnten Lebens- 
jahre im Bette des Vaters, der seine Beine immer umklammerte. Es gehört 
heute zu seinen Liebeshedingungen, sich die Beine umklammern zu lassen. 

Fall Nr. 110. A. V., 27 Jahre, berichtet, daß sie von ihrem Onkel im 
siebenten Lebensjahre systematisch verführt wurde. Erst führte er an ihr den 



Pädophilie. 319 

Kunnilingus aus, dann lehrt© er sie penem larabere, später versuchte er einen 
Koitus, sie weiß nicht, ob es ihm gelungen ist. Das dauerte ungefähr ein 
halbes Jahr lang. Sie hat niemandem davon Erwähnung gemacht, ist sogar 
dem Onkel sehr anhänglich. 

Fall Nr. 111. Ein in schlechter Ehe lebendes Elterapaar, der Mann ist 
bedeutend älter als die Frau, benützen ihr 9jähriges Töchterchen „als sexuelles 
Spielzeug". Es liegt zwischen ihnen im Bette und obwohl Platz vorhanden 
wäre, wird für das Kind kein Bett angeschafft. Sonntags kommt es abwechselnd 
zu ihnen ins Bett. Es werden dann alle möglichen Hetzen getrieben. Die 
Mutter, die sehr stark homosexuell und auch an ihre älteste Tochter fixiert ist, 
ist besonders von der Gesäßbildung des Kindes entzückt. Diesem Körperteil 
läßt sie alle möglichen Liebkosungen zuteil werden. Sie fordert die Ge- 
schwister zur Bewunderung desselben auf. Die unvernünftigen Eltern haben 
das Kind frühreif und neurotisch gemacht. Es leidet an Angstträumen, 
wobei es öfters aufschreit. Der Vater spielt in allen diesen Träumen eine 
große Rolle. 

Fall Nr. 112. Eine Erzieherin erzählte mir von ihrem Zögling, einem 
4iährigen Knaben, folgendes: Der Knabe hatte es immer furchtbar getrieben, 
wenn die Mutter sich anzog, er wollte absolut dabei sein, ebenso wie er auch 
stürmisch ins Badezimmer verlangte, wenn die Mutter badete. Sie hatte nach 
und nach von ihm erfahren, daß die Mutter ihn ins Bett nahm und sich von 
ihm in der Scheide mit dem Finger reizen ließ. Er sagte ihr auch : ..Ich rieche 
das so gerne unten bei der Mama," 

Fall Nr. 113. Frau M. B. klagte in der Analyse über ihre zeitweise auf- 
tretende Verstopfung. So oft sie auf dem Lande sei, habe sie darunter zu 
leiden, während sie sonst eine ganz normale Verdauung habe. Sie fürchtet 
deshalb aufs Land zu gehen. Im Verlaufe der Analyse wird für diese Be- 
schwerde die Erklärung gefunden. Sie war als 9jähriges Kind bei Verwandten 
auf dem Lande zu Besuch. Dort war ein 25jähriger Vetter, der sie eines 
Tages auf den Schoß nahm und versuchte, ihr sein Glied einzuführen. Sie 
sträubte sich dagegen und lief erschreckt davon. 

Sie hat dieses Erlebnis vollständig verdrängt gehabt. Die Erinnerung 
daran lebte aber unbewußt in ihr fort und machte sich als neurotisches 
Symptom bemerkbar. Sie war eine unbefriedigte Frau, die hoffte und andrer- 
seits fürchtete, von einem Manne verstopft zu werden. Sie suchte auf dem 
Lande immer die einsamsten Wege auf, in der Hoffnung, vergewaltigt zu werden. 

Fall Nr. 114. Frl. A. N., 25 Jahre alt, stammt aus einfachen Verhält- 
nissen Sie wurde einmal als lljähriges Kind von einem im Hause wohnenden 
verheirateten Mann geschlechtlich gereizt. Er selbst war Vater mehrerer 
Kinder. Das Mädchen fand Gefallen an diesen „Spielereien" und war dem 
Manne immer willig. Es kam auch zu einem ganz regelrechten Geschlechts- 
verkehr. Das Verhältnis dauerte längere Zeit. Die Mutter kam darauf und 
trotz der furchtbaren Szene, die sie ihr machte, kam sie nachher wieder mit 
dem Manne zusammen. 



320 



Psychosexueller Infantilismus. 



Ich will diese Liste nicht fortsetzen. Es sind Fälle, wie sie mir 
momentan einfallen. Jeder Analytiker weiß, wie oft solche Vorkomm- 
nisse erzählt werden. Man könnte einwenden, daß es sich um Phantasien 
handle. Aber unsere Erfahrung stammt auch von der anderen Seite. 
Wir hören auch die Geständnisse der Erwachsenen. Wir erkennen, wie 
unendlich verbredtet die Pädophilie unter Frauen und Männern ist. 1 ) 

Im. Nachfolgenden will ich nur einige Beispiele anführen. In den 
späteren Analysen der nächsten Bände sowie in den vorhergehenden 
Bänden finden sich zahlreiche Krankengeschichten, die eigentlich hieher 
gehören. Ich registriere nur einige Fälle von reiner Pädophilie. Dabei 
müssen wir die Gruppen bewußter Pädophilie von der unbewußten 
strenge unterscheiden. Oft ist diese Paraphilie ihrem Träger gar nicht 
bewußt. Er kommt wegen einer anderen neurotischen Erscheinung zum 
Analytiker und erst während der Analyse kommt die verdrängte Pädo- 
philie zum Vorschein. 

Beginnen wir mit einem Fall von unbewußter Pädophilie. 

Fall Nr. 115. Herr A. S., 45 Jahre alt, ist seit zwei Jahren impotent. 
Er hatte vor drei Jahren geheiratet und hatte schon vor der Ehe mehrere Jahre 
mit seiner jetzigen Frau ein Verhältnis, wobei die Potenz eine ganz aus- 
gezeichnete war. Vor zwei Jahren — es war während des Soinmeraufenthaltes 
zu W. — wurde er plötzlich ohne ihm bekannten Grund impotent. Er glaubt, 
daß es sich um eine Alterserscheinung handelt. Wir hören, daß er des Morgens 
heftige Erektionen hat, daß er auch Erektionen hat, wenn er zu seiner Frau 
geht, daß aber die Erektion verschwindet, wenn er das Glied einführen will. 
Dieses Symptom verrät, daß er ein anderes (geheimes) Sexualziel hat, wie ich 
ja in Band IV an zahlreichen Beispielen ausgeführt habe. Im Laufe der Ana- 
lyse gesteht er, daß er immer ein gewisses Interesse für kleine Mädchen und 
auch für Knaben, also für Kinder, gehabt habe. Es hatte ihn aber nie gestört; 
wenngleich er sich die Kinder gerne ansah, konnte er mit Frauen verkehren. 
Aus einem Traume entnehme ich, daß ihm ein Knabe sehr gefallen habe. 
Und nun erfahre ich, daß es sich um den 12jährigen Knaben der Hausfrau 
gehandelt hatte, bei der er auf dem Lande in W. gewohnt hatte. Nun wurde 
die Impotenz klar. Er hatte sich in den Knaben verliebt und wollte sich diese 
Leidenschaft nicht gestehen. Er gibt zu, daß er die Familie häufig besucht 
und dem Knaben immer schöne Geschenke bringt, weil es sich um ein so liebes, 



*) Wulffen (Der Sexualverbrecher, S. 415) bringt folgende interessante Beob- 
achtung: Ein Ehemann, der ein ausschweifendes Leben hinter sich hatte, konnte seine 
Frau nicht befriedigen, da ee bei ihm nur selten zur Erektion kam. Dagegen rief der 
Anblick der Scham eines kleinen Mädchens sofort die Steifung hervor. In seiner Ver- 
zweiflung vertraute er sich der jungen Ehefrau an. Diese nahm hierauf mit seinem 
Einverständnis ein zehn Jahre altes Mädchen ins Haus, das die Frau ihrem Manne vor 
der beabsichtigten Beischlafsvollziehung wie zufällig entblößt zeigte, ohne daß das Kind 
von der Absicht etwas merkte. Die Frau war sehr erfinderisch in der Ermittlung immer 
anderer unauffälliger Situationen. Meistens zog die Frau im entscheidenden Augenblicke 
dem Mädchen vor dem Manne neue Strümpfe oder Stiefel an, wobei sie das Kind geschickt 
entblößte. 



Pädophilie. 321 

braves Kind handelt. Nun zeigt es sich, daß schon vorher Züge von Pädophilie 
vorhanden waren. Die Ursache zur Regression gab eine nicht eingestandene 
"Eifersucht auf die Frau, welche sich lebhaft mit einem jungen Manne be- 
schäftigte und sich den Hof machen ließ. 

Rasche Heilung der Impotenz und Zurückweichen der pädophilen 
Regungen nach 6 Wochen Analyse. 

Fall Nr. 116. Eine 42jährige Dame erzählt, daß sie seit der Kindheit 
nur Interesse für Knaben im Alter von 10 — 16 Jahren hätte. Als sie heiratete, 
war sie sich dieser Leidenschaft bewußt. Sie wollte sie überwinden und hoffte 
sie in der Ehe zu verlieren. Alle ihre Freundinnen wunderten sich, daß sie 
sich immer nur mit dem „Grünzeug" unterhielt. Sie war 18 Jahre alt, als 
sie sich in einen 15jährigen Burschen verliebte. Es war auf dem Lande. Sie 
machten größere Spaziergänge und sie wollte sich dem Knaben — unbekümmert 
um die Folgen — ganz hingeben. Sie lagerten im Grase und sie reizte ihn 
aufs Höchste. Er schien aber schüchtern zu sein und ließ es bei heißen Küssen 
bewenden. Sie ging einen Schritt weiter und kam des Nachts zu ihm ins Bett. 
Er versuchte einen Koitus, aber war zu ungeschickt, so daß es eigentlich zu 
gar nichts kam. Kurz darauf verlohte sie sich und heiratete einen Richter, der 
ihr wegen ihrer offenkundigen Neigung zu jungen Burschen Vorwürfe machte. 
Sie konnte aber nicht widerstehen und verführte den 12jährigen Bruder ihres 
Mannes. Sie wurde älter und hoffte als Mutter von der unglückseligen Leiden- 
schaft befreit zu werden. Es half aber nichts. Sie hatte fast jedes Jahr ihr 
Erlebnis. Sie behauptet, daß ihre Freundin, die Gattin eines Professors, die 
eine Pension hatte, durch viele Jahre mit den meisten ihrer Pensionäre Ver- 
hältnisse hatte (Knaben von 10—14 Jahren!) und von der gleichen Leiden- 
schaft ergriffen, ihre einzige Vertraute war. Oft gingen sie zusammen auf die 
Jagd nach Knaben aus. Sie wurde schließlich schwer neurotisch und kam in 
meine Behandlung. Es zeigte sich, daß sie die Leidenschaft für ihren eigenen 
Knaben verdrängt hatte und an der Bewältigung dieses Komplexes scheiterte. 
Sie hatte sich ein paar Mal hinreißen lassen, aus Gründen der Krankenpflege 
mit dem Knaben zu spielen. Sie entdeckte bei ihm ein steifes Glied und 
machte ihm jede Nacht kalte Umschläge, was ihr ermöglichte, das Glied zu 
berühren und unter der Maske einer besorgten Mutter ihren Gelüsten zu fröhnen. 
Die Onanie bekämpfend, lebte sie ihre Paraphilie aus. 

Als Ursache des Leidens fand sich analytisch eine Fixierung an den 
Bruder, der, um zwei Jahre älter, mit ihr von seinem 12.— 14. Jahre gespielt 
hatte. Der Bruder gab ihr sein Glied in die Hand, lehrte sie auch die Wonnen 
eines Kunnilingus und ließ sich von ihr Fellatio machen. Sie gesteht, daß 
sie auch einige Knaben zu dieser Form der Liebe erzogen habe. 1 ) Dann aber 
wurde der Bruder plötzlich fromm und moralisch und erklärte ihr, sie dürften 
das nie mehr machen. Er kam bald aus dem Hause in ein Institut und als 
sie ihn nach einigen Jahren wiedersah, war nie mehr die Rede von dem, was 
zwischen ihnen vorgefallen. . 

*) Der Roman von Catulles Mendis „Sa premiere Maitresse" behandelt das gleiche 
Thema. Eine Frau in den Vierzigern verführt einen zirka 15jährigen Knaben, der dann das 
ganz* Leben an 6io gefesselt ist. Es geht deutlich hervor, daß es sich um Irrumatio 
handelt. Auch der Roman von Arthur Schnitzler „Frau Beate und ihr Sohn" behandelt 
die Liebe einer reifen Frau zu Schuljungen und endet mit der Darstellung einns Inzestes. 
Der verführte Junge war nur die Imago ihres Sohnes. 

Stekul, Störungen des Trieb- nnd Affektlebens. V. gj 



322 Psychosexueller Infantilismus. 

Sie aber konnte offenbar diese Liebkosungen nicht vergessen und suchte 

sie immer wieder. 

Sie trachtete immer wieder die eine Szene zu erleben, wobei sie in der 
Phantasie zum Bruder und der Knabe zu ihrer eigenen Gestalt als Mädchen 
verwandelt wurde. 

Immer suchen die Pädophilen sich selbst in dem Bilde der Kinder. 
In vielen Fällen gelingt es nachzuweisen, daß sie als Kinder ein Trauma 
erlebt haben. In anderen besteht eine Phantasie dieses Traumas. Oft 
läßt sich die Entscheidung „Phantasie oder Trauma" gar nicht stellen. 
Wenn wir aber die Häufigkeit der pädophilen Akte in Betracht ziehen, 
so werden wir verstehen, daß diese Kranken einem infantilen Erlebnis 
nachlaufen und daß diese pädophilen Akte auch in einer Art Traumleben 
und in Anfällen vor sich gehen können. Es ist ja bekannt, daß sich Epi- 
leptiker in ihren Anfällen zu solchen Akten leicht hinreißen lassen. Auch 
im Alkoholrausche kommt es leicht zu ähnlichen Erscheinungen. Oft 
wird das erste Erlebnis im Rausche zum Anlaß der Regression und zum 
offenen Durchbruch der Paraphilie. 

Ein Lehrer, der das Trinken nicht gewöhnt ist, wird von einem 
Bauer im Weinkeller bewirtet und' hat einen leichten Rausch. In der 
Schule merkt er, daß ihn alle Kinder reizen. Er läßt sich von einem sehr 
gut entwickelten Mädchen die Hefte auf sein Zimmer bringen, greift 
ihr dort unter die Kleider und gibt ihr den Penis in die Hand. Am 
nächsten Tage hat er ein furchtbares Reuegefühl. Er wagt es nicht, dem 
Mädchen in die Augen zu sehen. Aber sie lächelt ihn freundlich an, woraus 
er entnimmt, daß sie geschwiegen hat. Er nimmt sich vor, unter keinen 
Umständen wieder einen ähnlichen Akt zu begehen, er kommt sich wie 
ein Verbrecher vor. er schämt sich vor sich selbst. Er gelobt, nie mehr 
einen Tropfen Alkohol zu trinken. Nach einigen Tagen läßt er das Kind 
wieder die Hefte tragen und vergreift sich an ihr, ohne getrunken zu 
haben. Nun ist der Damm gebrochen, es kommt zu mehreren Szenen, 
bis die Sache ruchbar wird und er vors Gericht kommt. Einen ähnliehen 
Fall kenne ich von einem Katecheten, In beiden Fällen war es eine 
kleine Alkoholdosis, welche die ersten Hemmungen aufgehoben und dann 
zur. vollkommenen Regression auf die Pädophilie geführt hatte. 

Ich habe schon erwähnt, daß es viele Impotente gibt, welche sich 
an Kindern vergreifen, weil sie die Blamage bei Erwachsenen fürchten. 
Viele Männer, welche ein sexuelles Minderwertigkeitsgefühl haben, die 
auch wähnen, sie hätten einen zu kleinen Penis, wünschen dieses Miß- 
verhältnis dadurch auszugleichen, daß sie sich einem Kinde nähern 
dessen Unkenntnis sie reizt. Es gibt auch einen geheimen (satanischen) 
Drang, das Reine zu beschmutzen. Diese Menschen leiden auch an 
Koprolalie und sind ebenso Schätzer der Jungfrauen wie der Kinder. 






M 



Pädophilie. 323 

Haben sie die Jungfrau einige Male besessen, so verachten sie sie. Sie 
verliert für sie jeden Reiz. Es treibt sie auch eine dunkle Gewalt, die 
Kinder, welche sie als Symbol der Reinheit auffassen, zu beschmutzen. 
Oft sind es gerade Menschen, welche für die sexuelle Aufklärung der 
Kinder schwärmen.. Die Aufklärung ist für sie nur ein Verwand, ihren 
geheimen Gelüsten zu fröhnen. 

Fall Nr. 117. L.K., ein 25jähriger Jurist, leidet an Platzangst,' so daß 
ei- seit einigen Monaten nur in Begleitung das Haus verlassen kann. Diese 
Phobie erweist sich als Selbstschutz gegen seine Pädophilie. Er begann schon 
mit 14 Jahren die Dienstmädchen im Hause seiner Eltern zu verfolgen und 
hatte bald mit den meisten Verhältnisse. Mit 16 Jahren gelang es ihm, eine 
Kusine zu deflorieren. Seit damals betrieb er als Sport, Jungfern zu verführen 
und brachte es zu einer stattlichen Anzahl. Er ist sehr gewissenlos und ver- 
spricht sogar die Ehe, verlobt sich rasch und löst dann unter einem Vorwande 
die Verlobung auf. In den meisten Fällen bleibt es bei der Defloration, also 
hei einmaligem Koitus. Er verachtet die Mädchen, die sich ihm hingegeben 
haben. 

Vor einem Jahre wohnte er bei der Familie einer Kusine, die er gleich- 
falls erobern wollte, obgleich sie mit einem Arzte verlobt war. Die Kusine 
kam ihm sehr freundlich entgegen. Er ging gewissenlos auf sein Ziel los. 
Einmal war die Situation schon sehr kritisch, aber das Mädchen menstruierte 
gerade und vor der Menstruation hat er einen unüberwindlichen Ekel. Sie 
war von ihm einfach überrumpelt worden und war wehrlos. Sie hatte seine 
Küsse für rein verwandtschaftlich gehalten. Nun war sie aber gewarnt und 
mied jede Gelegenheit, in der sie gefährdet war. Das brachte ihn zur Raserei. 
Die Kusine hatte ein neunjähriges Schwesterlein, das sich immer auf seinen 
Schoß setzte und mit ihm kokettierte, als wenn sie 18 Jahre wäre. Oft benahm 
sich die Kleine raffiniert wie eine Kokotte. Sie sagte: „Nun habe ich auch 
einen Bräutigam wie meine Schwester!" Er war zwar sehr gewissenlos, trotz- 
dem fand er es abscheulich, daß er sofort eine Erektion bekam, wenn sich die 
-Kleine auf seinen Schoß setzte. Er sagte sich entsetzt: „Du wirst doch 
nicht . . .!" und w T ehrte sich mit allen Kräften. Aber das nächste Mal schwanden 
die Gewissensregungen, er setzte das Kind auf den Penis und hatte das sichere 
Gefühl, daß sie es verstand. Es zeigte glänzende Augen und wetzte hin und 
her, bis es- zum Orgasmus und er zur Ejakulation kam. Das Kind war auch 
eifersüchtig und weinte, wenn er sich zu viel mit der Schwester oder mit 
anderen Frauen beschäftigte. Er wurde rasend vor Leidenschaft und reiste 
plötzlich ab, weil er seiner nicht sicher war. Seit damals verließ ihn nicht 
mehr das Verlangen nach Kindern. Das dauerte drei Monate, dann glaubte 
er mit der Sache fertig zu sein. Die Platzangst aber zeigte, daß er fortwährend 
gegen seine Pädophilie kämpfte. 

Ananmestisch kam zum Vorschein, daß er in der Kindheit mit seiner 
Schwester einen Koitus ausgeübt hatte. Er war 12 und sie 9 Jahre alt, Be- 
zeichnender Weise trat die Platzangst in Wien auf, wo er bei dieser Schwester, 
die inzwischen glücklich verheiratet war, wohnte. In der Analyse traten auch 
die aktuellen Inzestgedanken zutage. 

Offenbar war es die Schwester, die er immer wieder in den anderen 
Mädchen deflorierte. Er suchte immer die alte Liebe und mußte nach ge- 

21* 



324 



Psychosexueller Infantilismus. 



lungcner Identifizierung fliehen, weil nach der Defloration die Identifizierung 
nicht aufrecht zu halten war. 

Von den vielen Fällen von Pädophilie. welche der Krieg verursacht 
hat, kamen auch einige in meine Beobachtung. Ich hörte wiederholt 
von Kinderschändungen und ähnlichen Greueltaten, freilich gestanden es 
die Kranken nicht, sondern behaupteten es von anderen Kameraden und 
von den Feinden. Die Pädophilie verbindet sich häufig mit sadistischen 
Motiven. Merkwürdiger Weise werden an Kindern viel mehr sadistische 
Verbrechen begangen wie an Erwachsenen. Die Kinder werden miß- 
braucht und getötet, nicht nur um den lästigen Zeugen aus der Welt zu 
schaffen, sondern auch um dem sadistischen Hange zu fröhnen. In denj 
Buche über Sadismus (Band VII) werden diese Fälle besprochen werden. 
Ich will hier nur eine Beobachtung referieren, die auf die besonderen 
Verhältnisse des Krieges und die damit verbundenen sexuellen Para- 
philien ein helles Licht wirft. 

Fall Nr. 118. Herr K. II., 36 Jahre alt, ehemaliger Berufsoffizier, kommt 
wegen Impotenz in seiner Ehe in memo Behandlung. Die Impotenz trat erst 
nach dem Kriege auf. 1 ) Er hatte ein ganz normales Sexualleben, war glücklich 
verheiratet und Vater zweier Kinder. Es war in Bukarest, wo er das Leben 
in der Etappe zuerst kennen lernte. Die Sittenlosigkeit war — nach seinen 
Schilderungen zu urteilen — grenzenlos. Schon vorher war er in Serbien der 
Versuchung, mit jungen Mädchen zu verkehren, erlegen. Eine Gymnasiastin 
hatte sich ihm für ein Stück Salami und Brot hingegeben. Sie war angeblich 
14 Jahre alt und konnte nur mit Hilfe der Prostitution, die sie für Nahrungs- 
mittel ausübte, -ihr Leben fristen. In Bukarest erhielt er in seinem Hotel 
eines Tages einen deutschen Brief, in dem es hieß: 

„Wenn Sie sich gut unterhalten wollen, so kommen Sie ins Hotel Venus. 
Daselbst finden Sie schöne Frauen und Mädchen im Alter von 10—18 Jahren." 

Er konnte der Versuchung nicht widerstehen und wählte eines von den 
unglücklichen Kindern, welche dort meist mit ihren Müttern und Schwestern 
vereint feilgeboten wurden. Seit dieser Zeit war er verloren und sein ganzes 
Sinnen und Trachten ging nach Kindern. Er hatte- von vielen Vergewaltigungen 
gehört, die Soldaten an Kindern begangen hatten. Eine Influenza, die sehr 
schwer verlief, fesselte ihn an ein längeres Krankenlager. Er begann seinen 
Phantasien nachzuhängen und malte sich immer Vergewaltigungen von Kindern 
aus. Er schlitzte die Kinder auf, so daß er mit dem Penis in den Eingeweiden 
wühlen konnte. Er begann mit dieser Phantasie zu onanieren. Kaum genesen, 
kam er zur Erholung nach Hause und war bei seiner Frau impotent. Ihn 
quälte auch der furchtbare Gedanke, er könnte bei seinen Kindern solche 
Phantasien haben, so daß er es vorzog, ein Sanatorium aufzusuchen, wozu 
ihm die Diagnose „Neurasthenie" leicht verhalf. Allmählich beruhigte sich 
sein Sadismus, aber das Verlangen nach Kindern blieb bestehen. 

Eine Analyse des Zustandes war nicht möglich. Seine weiteren Schick- 
sale sind mir unbekannt. 



') Vgl. das Kapitel „Krieg und Impotenz" in Band IV. 






Pädophilie. 325 

Auch dieser Mann hatte einen kleinen Penis. Es war sein Schmerz, 
daß er eine Frau nicht so ausfüllen und durchbohren konnte, wie es 
sein V erlangen durchsetzen wollte. Schon aus diesem Grunde dränglen 
sich seiner Phantasie Kinder auf. Der Impotente und der Schwach- 
potente werden sich leicht verführen lassen, der Pädophilie -zu unter- 
liegen. Oft ist die Impotenz die Folge der geheimen Pädophilie. Es 
läßt sich aber nicht leugnen, daß das Minderwertigkeitsgefühl manche 
Männer zur Pädophilie drängt. Ich habe dieses Motiv sehr häufig be- 
tonen hören und besonders von Männern, deren Genitale etwas in- 
fantil war. 

Daß aber auch hochpotente Männer, die sich bei Frauen bewährt' 
haben, an Pädophilie leiden und sie leider auch praktisch betätigen, 
beweisen folgende zwei Fälle. 

Fall Nr. 119. Herr G. K., 43 Jahre alt, steht unter der Anklage, sich an 
zwei Kindern vergriffen zu haben. Die Angelegenheit trug sich folgendermaßen 
zu: Auf dem Landaufenthalte in W. traf G. K. auf seinen Spaziergängen zwei 
Mädchen im Alter von 8 \md 9 Jahren, welche ihn anlächelten. Er knüpfte 
mit ihnen ein Gespräch an, das sehr lustig verlief. Am nächsten Tage brachte 
ei- ihnen Schokolade und andere Süßigkeiten. Nach einigen Tagen gingen sie 
zusammen in den Wald. Er ließ die Kinder sich entblößen und gab ihnen sein 
Glied in die Hand, reizte sie an den Genitalien. Dann berührte er die Scheide 
des einen Kindes mit der Spitze seines Gliedes, so daß es zur Ejakulation kam. 
Die Mädchen plauderten dieses Erlebnis anderen Kindern aus, die Sache wurde 
ruchbar. G. K. wurde verhaftet und wegen Sittlichkeitsverbrechen gegen Kinder 
angeklagt. 

Er zeigt einige Degenerationszeichen an den Ohren, ist Mikrozephale, 
sonst aber normal entwickelt. Das Genitale ist sehr groß. Er zeigt körperlich 
keine Zeichen von Infantilismus. Er stammt von nervösen Eltern und soll 
schon früh Zeichen von Neurose aufgewiesen haben (Bettnässen, Pavor noc- 
turnus, allerlei leichte Zwangshandlungen). Er war immer ein verträumtes 
und ein verspieltes Kind. Er machte in der Schule gute Fortschritte, zeigte 
außerhalb derselben viele Interessen und besonders einen großen Sammeltricb. 
Sehr früh entwickelte sich sein zeichnerisches Talent, so daß er nach der gut 
bestandenen Matura auf eine Akademie geschickt wurde. Hier legte er viele 
Besonderheiten an den Tag. Er war gewohnt, viel mit seinen Sammlungen 
zu spielen und allerlei Gegenstände zusammenzukleistern und besonders Bücher 
zu binden. Er spielte auch als Akademiker mit seinen Pappsachen, bemalte 
sie mit allen möglichen Figuren. Er onanierte seit dem 12. Lebensjahre. Da 
er sehr fromm war, kämpfte er einen harten Kampf gegen die Onanie, konnte 
aber nicht widerstehen. Er onanierte auch als Akademiker, obwohl er seit 
dem 16. Jahre Verkehr mit Frauen hatte. Bei der Onanie stellte er sich immer 
ein Spiel mit Kindern vor. In der Malerei brachte er es trotz großen Talentes 
und guter Anfänge zu nichts Besonderem. Seine Spielereien waren ihm lieber 
als die Malerei. Im 24. Jahre lernte er ein schönes Mädchen kennen, in das er 
eich verliebte, weil er hoffte, durch regelmäßigen Verkehr in der Ehe die 
Onanie gänzlich zu überwinden. Allein trotzdem er täglich mit seiner Frau 
verkehrte, oft auch mehrere Male im Tage, mußte er — auch oft nach dem 
Koitus — onanieren, was er fast täglich fortsetzte. .Mit Kindern hatte er nie 



326 



Psychosoxueller Infantilismus. 



begonnen, bis er durch das erste und so gefährliche Erlebnis vor den Straf- 
richter kam. 

In der Analyse erinnerte er sich, daß er mit der Schwester wiederholt 
sexuelle Spiele aufgeführt hatte. Sie war um zwei Jahre jünger als er und 
starb im zehnten Lebensjahre. Für die Schwester hatte er auch die ersten 
Pappsachen zusammengekleistert, 

Er kann offenbar diese Szene nicht vergessen und trachtet, immer wieder 
sie zu erleben. Er hat die schon oft beschriebenen Traumzustände, in denen 
er sinnlos herumläuft und ganz ermüdet nach Hause kommt. Er sucht offen- 
bar kleine Kinder, um mit ihnen zu spielen und begnügt sich mit ihrem Anblick. 
Was ihn aus der Fassung brachte, war der Umstand, daß die beiden Kinder 
Schwestern waren. 

Er behauptet, seiner Sinne nicht mächtig gewesen zu sein. Er habe 
seine Tat tief bereut und auch seiner Frau gestanden, ehe er von dem Gen- 
darmen fortgeführt wurde. Das Urteil lautete: Zwei Jahre- schweren Kerkers, 



Fall Nr. 120. Herr Jota sucht- mich wegen einer Gerichtsaffäre auf. Er 
ist angeklagt, mit zwei kleinen Mädchen im Alter von 10 und 11 Jahren Un- 
zucht getrieben zu haben. Er verantwortet sich dahin, daß er diesen Mädchen 
öfters in einer Sommerfrische begegnet sei. Sie hätten ihn immer heraus- 
fordernd angelacht. Er gab sich mit ihnen ein Rendezvous im Walde. Sie 
kamen auch pünktlich und da habe er beide betastet und ihnen das Glied in 
die Hand gegeben. Auf eine-Anzoige der Eltern der Kinder wurde er verhaftet 
und gegen Kaution auf freiem Fuße belassen. Die Geschichte, er sei eigent- 
lich von den Kindern verführt worden, die er mir beteuert und an der ich 
nicht zweifle, wird von seinem Untersuchungsrichter als lächerlich dargestellt. 

Seine Lebensgeschichte zeigt einen typischen Fall von sexuellem In- 
fantilismus. Er ist 46 Jahre alt und onaniert seit er sich erinnert. Er onaniert 
noch immer täglich, manchmal sogar zwei- oder dreimal des Tages. Außerdem 
ein täglicher Verkehr mit seiner Frau. Trotz dieser enormen Leistungen sieht 
er sehr frisch und gesund und auffallend jung aus. Er zeigt jene Form des 
Infantilismus, an der wohlhabende Leute leiden. Er ist zu jeder ernsteren 
Arbeit unfähig, war immer ein Träumer und zerstreuter Mensch und neigt zu 
pathologischen Traumzuständen bei Tage. Er begann viele Berufe und konnte 
bei keinem bleiben. Er ist unfähig, eine ernste Arbeit zu vollbringen, treibt 
aber mit großem Geschick verschiedene Spielereien. Er stigt sehr gerne Laub- 
sägearbeiten, er schnitzt Kinderspielzeuge, er spricht manchmal aus Vergnügen 
die Kindersprache. Er betet jeden Abend sein Kindergebet, trägt Sporthosen, 
weil sie ihn an die Kinderhosen erinnern, bezeichnet seine Frau als Mutter, 
überläßt ihr vollkommen die Verwaltung seines Vermögens, überläßt ihr die 
Verantwortung für alles, was vorgeht. Er ist außerordentlich empfindlich und 
eigensinnig, leidet an allerlei infantilen Beschwerden. Bettnässen kommt noch 
immer zeitweise bei ihm vor, er ist außerordentlich naschhaft, trägt immer 
Zuckerln in der Tasche, mit denen er die Kinder beschenkt und sich bei ihnen 
beliebt macht. Er onaniert immer mit Phantasien, daß er mit Kindern spielt 
oder selbst noch ein Kind ist. Er trägt eine Kravatte, wie er sie als Knabe 
getragen, treibt einen großen Kultus mit den Erinnerungsdingen aus seiner 
Kindheit. Er trinkt zeitweilig, muß dann onanieren oder zu Dirnen laufen, 
die sich vor ihm als Kind verkleiden müssen. Er schläft des Nachts 11 bis 



Pädophilie. 327 

12 Stunden, schläft auch am Tage, ist nie ausgeschlafen, hat einen ein- 
genommenen Kopf, schläft auf der Gasse ein, geht träumend mit offenen- 
Augen durch die Straße, so daß ihm schon einige Unfälle passiert sind. 

Seine Intelligenz ist die eines Kindes. Er kann gar nicht rechnen, inter- 
essiert sich für nichts außer für seine Spielereien. Er spielt mit Steinen, die 
er immer in der Tasche trägt. Oft stellt er sich vor, die Steine wären Soldaten 
und führt dann Kämpfe auf. Er ist jähzornig, sehr empfindlich und rachsüchtig. 
Er zeigt überdies eine ganze Menge von Zwangshandlungen und Zwangs- 
inipulsen. Trotz meines Gutachtens, daß es sich um eine psychopathische 
Minderwertigkeit mit ausgesprochen pathologischem psychischem Infantilismus 
handelt, wurde über die Aussage eines anderen Psychiaters volle Zurechnungs- 
fähigkeit anerkannt und eine Haft von zwei Jahren über ihn verhängt. 

Ich möchte betonen, daß ich bei den meisten analysierten Neu-, 
rotikern deutliche Züge von Pädophilie nachweisen konnte. Es ist die 
Sehnsucht nach der eigenen Jugend, die sich in dieser Paraphilie äußert. 
Es gibt wenige Menschen, die frei von Infantiliemen sind. Das soll uns 
milder stimmen gegen jene Unglücklichen, welche diesem Triebe nicht 
widerstehen können und daran zugrunde gehen. 

Ich habe schon erwähnt, daß sich die Pädophilie sehr häufig zur' 
Mysopädie steigert oder sich mit ihr kombiniert. 1 ) Es ist schwer zu 
finden, warum sich der Sadismus gerade bei den Kindern so grausam 
austobt. Die Schwäche und Wehrlosigkeit der Kinder erklären uns dies 
nicht zur Genüge. Denn unter den Kinder-Lustmördern gibt es auch 
Menschen, welche schwere Verbrechen an Erwachsenen begangen haben. 
Auch die Bipolarität der psychischen Erscheinungen, die man heran- 
ziehen kann, erklärt nicht, daß diese Phantasie so häufig ist und im 
Seelenleben mancher ethisch hochstehender Männer eine Determinate 
darstellt. 

Wir müssen in solchen Fällen an die Persistenz gewisser infantiler 
Haßeinstellungen infolge von Eifersucht denken. Leider habe ich nie 
Gelegenheit gehabt, einen solchen Fall zu analysieren. 

Ein klassisches Beispiel in der Literatur wäre Dostojewsky. In 
seinem Nachlasse findet sich die Schilderung der Schändung eines Kindes 
mit so grauenhaften Einzelheiten, daß die Herausgeber bis heute noch 
gezögert, haben, dies Dokument der Öffentlichkeit zu übergeben. Ich 
halte" auch dafür, daß Dostojewsky in seinen Anfällen dieses Verbrechen 
erlebte. Der Mord, den er in Raskolnikow schildert, wäre somit eine 
Verschiebung von einem .Kinde auf ein altes Weib. Solche Phänomene 
der Verschiebung und der Verladung sind in der Psychogenese mensch- 
licher Leidenschaften nicht allzu selten. Sie erfordern eine gesonderte 
Besprechung. 



') Über Mysopädie vgl. Band IV, S. 393. 



328 



Psychosexueller I nfantilismus. 



Fall Nr. 121. Der 44jährige Beamte G. K. — nennen wir ihn Gustav — 
konsultiert mich wegen eines ungewöhnlichen Falles von Impotenz. Er ist 
sieben Jahre mit einer feinen, schönen Frau verheiratet, die er leidenschaftlich 
liebt, und ist trotzdem nicht imstande, den Koitus auszuführen. Er hat wohl 
Erektionen, aber sie verschwinden, wenn er sich seiner Frau nähert. Er hat 
angeblich vor der Ehe einige Male normal verkehrt und immer eine gut© 
Potenz gezeigt. Er hat wohl in der Jugend einige Jahre onaniert, aber nie 
irgend eine Neigung zu Perversionen gehabt. 

Über sein Lehen macht er mir einige Angaben, die nichts besonderes 
bedeuten. Er stammt aus einer adeligen Familie, hat in der Kindheit sehr 
gute Tage gesehen, da sein Vater ein Offizier in hoher Stellung war. Später 
kam er in arge Bedrängnis. 



Schon am nächsten Tage kommen einige intime Details hinzu. Seine 
Eltern, die bei seiner Gehurt in den Dreißigern waren, wohnten beide bei 
einer hocharistokratischen Dame, bei der seine Mutter vor ihrer Heirat Ge- 
sellschafterin gewesen war. Diese Dame konnte sich von ihrer Gesellschafterin 
nicht trennen und machte dem Ehepaar den Vorschlag, einen Teil ihrer sehr 
geräumigen "Wohnung zu beziehen. Der Vater kümmerte sich um den Buben 
nicht. Seine Mutter, ihre Dame, die damals schon 70 Jahre alt war, und noch 
andere Frauen verzärtelten das Kind, dessen Schönheit und auffallende Be- 
gabung es zum Liebling des ganzen Hauses machten. 



Über sein Sexualleben weiß er nun etwas mehr zu berichten. Er bringt 
mir folgende Aufzeichnungen: 

Im sechsten Lebensjahre, ja schon früher, erwachte in mir ein ungewöhn- 
lich starker Sexualtrieb. Ich erinnere mich gerade, daß ich im Alter von 5 bis 
6 Jahren einmal unter den Rock einer bei meiner Mutter nähenden Schneiderin 
kroch und die Schamhaare derselben berührte und den Geruch der Genitalien 
angenehm empfand. Auch mit meinen kleinen Gespielinnen im Hause, es 
waren lauter Mädchen, spielte ich nur dann und darum, um in Berührung ihrer 
nackten Körperteile oder gar zur Ansicht (nicht. Berührung) ihrer Genitalien 
zu kommen. 

Im Bette, vor dem Schlafen, auch, und zwar oft in der Früh, diese Sinnes- 
reize vor Augen, gierig, sie wieder im Geiste zu erleben, kam 
ich. selbst (im Alter von 6 — 7 Jahren!) auf die Onanie, und zwar nicht mit 
der Hand, denn das wußte ich ja nicht, sondern mit der Ferse d e 6 
rechten Fußes am Penis stoßend und reibend! 

Später in der Schule (Volksschule und Gymnasium) reizten mich hübsche 
Knaben, mit denen ich gerne spielte und ihr Glied in den Mund nahm etc. 
Aber nie päderastisch ! 

So kam der Tod meiner Eltern. Im Sommer lebte ich als 18jähriger 
Junge in 0., wo ich Liebeleien mit 2 — 3 Mädchen hatte, alle in der Weise, 
daß ein Koitus nicht stattfand, obwohl er damals möglich gewesen wäre, 
sondern nur im Schauen und Berühren. 

Nach dem Tode meiner Mutter ging ich auf Anraten meines Vormundes 
iii6 Kapuzinerkloster, und zwar als Kleriker-Novize. Der Novizenmeister (heute 
geistesgestört, Verfolgungswahn), ein harter, ungefüger Mann, konnte nicht 
über mich Herr werden, meine Seele wurde, so begeistert, sie anfänglich für 



Pädophilie. - 329 

Gott, Glauben und Religion war, wieder zaghaft und matt, ließ sich von den 
Sinnen besiegen und ich verließ gerne das Kloster, nachdem ich mit eine m 
jüngeren Kollegen Tändeleien, wie schon be s c h r i e b e n, 
getrieben. 

Nach dem Kloster rückte ich wieder als Freiwilliger auf Avancement in. 
ein Husarenregiment ein und sollte derart in die Kavallerie-Kadettenschule 
kommen. Doch in die Frontunteroffiziersschule sofort eingeteilt, war für 
meinen Körper die Last der Patrouillenritte, Exerzieren, Reitschule etc. zu 
schwer, ich erkrankte (allgemeine Schwäche) und wurde superarbitriert. 

Hierauf ging ich ein zweites Mal als Kleriker zu den reformierten: 
Zisterziensern (Trappisten), doch nach s /« Jahren wieder scheidend, da un- 
endliche Sehnsucht nach Freiheit unbezwinglich mich fortzog ! Nicht unerwähnt 
soll bleiben, daß mich hier wie dort in Seh. so auch später in Italien der 
Kuttenrock am Körper junger Novizen reizte, doch hier in 
Bosnien sowie auch später in Italien ohne wirkliche Exzesse außer Onanie \ 

Inzwischen kam das letzte Militärjahr heran, und da ich nicht Kleriker 
war, mußte ich dieses bei den Husaren abdienen, doch unter guten Bedingungen 
als Unteroffizier, 

In P., meiner Garnisonsstadt, lernte ich ein blondes, leidenschaftliches 
Mädchen aus gut bürgerlichem Hause kennen. Leidenschaftliche Liebe ohne 
Koitus, alles, was möglich, nur nicht ein Verkehr. 

Diese Liebe dauerte 7 Jahre. Ich war nach dem absolvierten Militär- 
jahre in ein Amt als Schreiber gegangen. Es drückte mich, daß ich immer 
Subalternbeamter bleiben sollte. Ich trat aus und machte mich an die Matura, 
die ich nach zwei Jahren sehr gut bestand. 

In G. hatte ich auch Bekanntschaft mit einem hübschen Mädchen sowie 
ein Jahr später in Wien, doch wieder ohne Akt, nur unter leidenschaftlicher 
Betätigung des alten, nicht ausrottbaren Triebes zu l....n! (Kunnilingus.) 

Allmählich enthüllt sich sein Sexualleben. Wir hören von einem heftigen 
Drange, Kunnilingus auszuführen, und einer Freude am Schauen. Schüchtern 
gibt er mehrere homosexuelle Akte mit Buben in der Jugend zu und erzählt 
eine unangenehme Erpressungsgeschichte im 16. Lebensjahre, die ihm den 
Entschluß aufdrängte, sich ganz dem weiblichen Geschlechte zuzuwenden. 

Der erste Traum in der Analyse ist sehr merkwürdig. Er lautet: 

Mir war, als wäre ich ein riesiger Mensch und unter und bei meinen 
Füßen lief ein elektrischer Waggon. Ich muß ihn irgendwie verletzt 
haben, denn auf einmal lief er wirr in krausen Linien umher, scheinbar 
verwundet, wie eine Ameise, der man etwas tut. und die dann im Kreise 
läuft, um den Weg in ihre Gänge zu finden. 

Ich fühlte lebhaftes Mitleid und zugleich Angst, ich könnte etwa 
verantwortlich gemacht werden, und hatte das Bestreben fortzueilen, um 
mich in Sicherheit zu bringen — und wachte auf! 

Dieser Traum zeigt uns ein deutliches Schuldbewußtsein. Er ist ein 
Riese und verletzt etwas Kleines. Ihm fällt zuerst Gulliver ein, der auf ihn 
einen großen Eindruck machte. Besonders die Szene, als Gulliver durch Uri- 
nieren den Brand des Königspalastes retten konnte. Dann aber fällt ihm ein. 
daß er sich wegen des Spielens mit Buben immer Vorwürfe macht. Er gibt 
jetzt zu, daß er einen unwiderstehlichen Drang hat, mit Buben zu spielen. 



330 



Psychosexueller Irifantilismus. 



Ei- träumt sogar öfters, daß er ganz kleinen Buben die Hosentüre öffnet und 
mit ihrem Gliede spielt. Er fürchtet, sie könnten dann kranke Menschen 
werden, wie er einer ist. 

„Hat jemand mit Ihnen gespielt und Sie ruiniert?" 

Er schweigt. 

Am nächsten Tage bringt er einige Aufzeichnungen: 

Mit 8 Jahren war ich begierig, den Penis eines kleinen, 5jährigen, 
reizenden Buben zu sehen und brachte es auch mit Geschenken (Bleisoldaten) 
dazu, spielte (ohne Mund) damit, war jedoch wegen der Winzigkeit enttäuscht 
und wiederholte es nicht mehr! 

Ein älterer Beamte, ein Freund seines Vaters, spielte wiederholt mit 
seinem Penis. Wenn er mit Knaben spielt, identifiziert er sich mit dem 
Knaben, während er selbst zum älteren Mann wird. 

Später hatte ich einen kleinen, 9— 10jährigen Volksschulkameraden 
(K. V.), ein sehr hübscher, dicker, mädchenhafter Bub, den liebte 
ich sehr und brachte ihn leicht dazu, daß ich mit seinem Penis spielte und 
daran zuzelte. 

Im Gymnasium hatte ich im Laufe der 5—6 Jahre 5 Knaben besonders 
lieb gewonnen. Dasselbe Spiel, wie oben beschrieben. Ich erinnere mich aber 
jetzt, daß es jedenfalls auffallend ist, daß alle diese Knaben hübsche, in meinen 
Augen mehr mädchenähnliche Individuen waren, mir eigentlich Ersatz für 
alle (in meiner Vorstellung) unerreichbare Mädchen! Nach allen diesen Fällen 
erfolgte heftige Onanie, auch Onanie vorher, wenn ich auf einen dieser 
Knaben mein Auge geworfen. Inzwischen reizte mich auch der Anblick eines 
mir zufällig begegnenden hübschen Mädchens auf der Straße oder im Hause 
zur Onanie! Doch reizte mich nie eine Frau oder ein älteres 
M ä d c h e n. 

Zu bemerken wäre noch, daß alle die Knaben stets passiv waren, 
n i e dasselbe an mir taten, sich alle anfangs sträubten, doch bezwungen durch 
meine Liebe, Geschenke, vielleicht auch durch mein gefälliges Äußeres quasi 
(wie es mir jetzt vorkommt) hypnotisiert, später gerne nachgaben. Ich 
überhäufte meine damaligen Geliebten mit Geschenken, Vergnügungen etc., 
und zwar so, wie ein heftig Verliebter seinen Mädchen gegenüber, Taschen- 
geld hatte ich ja damals genügend! 

Gerade fällt mir ein, daß ich inzwischen, und zwar vor meinem letzten 
Knaben, es war im 4. Gymnasiumjahr, auch ein zirka lljähriges Mädchen aus 
ganz geringer Familie fand, mit der ich gerne spielen wollte und auch schon 
Geschenke gab, doch kam es aus einem mir nicht ganz erinnerlichen Grunde 
(ich glaube, sie sträubte sich destruktiv) nicht dazu! 

Ein Grund mehr, mich damals von Mädchen scheu zurückzuziehen. 



Er gibt es zu: Es reizen ihn eigentlich nur Kinder. Buhen mehr als 
Mädchen, aber die Erwachsenen lassen ihn kalt. 



Piidophilie. 831 

Sein ganzes Leben war ein heftiger Kampf gegen seinen Geschlechts- 
trieb. Zweimal suchte er- im Kloster Hilfe gegen seine wilden Triebe. Nach 
jedem Spiel mit Kindern, nach jedem onanistischen Akte, bei dem er sich 
immer Kinder vorstellte, die er verführte, machte er sich die heftigsten 

Vorwürfe. 

Er hatte den Glauben, daß ein Dämon in ihm wohne. Warum trieb es 
ihn immer wieder, Kinder zu verführen und mit Kindern zu spielen"? 

Was hatte den unseligen Hang in seine Brust gelegt? 

Er fühlt, daß er noch ein Kind geblieben ist. Er kann ganze Tage mit 
seinen Karten und Marken spielen. Mit der Frau hat er eine Kindersprache 
eingerichtet und läßt sich wie ein Kind behandeln und pflegen. Er geht in 
Wien an alle Orte, wo er als Kind sich aufgehalten hat. Er lebt nur in seiner 
Kindheit. Er trägt am liebsten Sporthosen und freut sich, wenn die Leute 
sagen, daß er jung aussieht. Märchen sind eigentlich seine liebste Lektüre. 
Er sieht auch gerne Kinderstücke. Alles, was die Kinder betrifft, inter- 
essiert ihn. 

Er hat folgenden Traum: 

Ich bin noch ein Knabe und laufe in einem Bezirke herum, den 

ich sehr liebe. Ich bin wie ein Verliebter. Ich bin in jedes Haus, ja in 

jeden Stein verliebt. Plötzlich verfolgt mich ein älterer Herr, so daß ich 

mit Angst erwache . . . 

Der ältere Herr erinnert ihn an einen Freund seines Vaters. Plötzlich 

fällt es ihm ein, daß er diesen Herrn — einen hochgestellten Beamten — 

als Knabe oft besuchte. Der Mann ließ ihn immer sein Hosentürl öffnen und 

spielte mit seinem Gliede. 

Das Verhältnis dauerte von der Kindheit (achtes Lebensjahr) bis zu 
seinem 18. Lebensjahre. Er bekam immer ein schönes Geschenk und war wie 
hypnotisiert. Er mußte immer wieder hingehen. 

Auch zwei Erlebnisse mit zwei anderen älteren Herren kamen ihm heute 

in- den Sinn. 

Er sucht jeden Ort auf, der ihn an diese Erlebnisse erinnert. Es scheint 
ihm auch, daß die alte Dame mit ihm lieber war, als es die gewöhnliche Zärt- 
lichkeit ergibt . . . 

Er hatte einen sonderbaren Traum : 

Ich war in einem Institut, wo auch Mädchen gewesen sein mußten. 
Es war zwischen mir und einem Mädchen im blauen Kleide die Rede, daß 
man baden könnte. Sie sagte, das hätte doch Zeit. Ich war aber des 
Willens, ihre Gestalt beim Baden zu sehen und sagte, wir essen doch 
um 8 Uhr abends, dann würde es zu spät und mit vollem Magen könne 
man nicht baden. Das leuchtete ihr ein und sie sagte: „Also gehe 
dich ausziehen und zum Baden ankleiden!" Ich hatte das 
Gefühl, daß sie gerne mit mir baden wolle, überhaupt mich, so wie ich 

sie s e x u e 1 1 gerne hätte. 

Nun kleidete ich mich auf einem öffentlichen Platze um, vor herum- 
wandelnden Menschen überkam mich auf einmal Scham, als ich bemerkte, 
daß ich mit nacktem Gesäß den Leuten gegenüber stand und drehte mich 
um und bedeckte mich. 



382 Psychosexueller Infantilismus. 

Auf diesen Platz kam ein Bettler, der sich an eine für ihn freie 
Stelle hinlegte und sagte : „Diesen Ort verdanke ich dem Hat 
eines Herrn, hier blendet die Sonne die Menschen 
nicht und sie können mich sehen und mir geben" und 
zeigte einen Hut voll weißglänzenden Silberkronen. Es waren ungefähr 
30 Silbermünzen. 



Dieser merkwürdige Traum ist mehrfach determiniert. Sprechen wir 
zuerst von seiner sexuellen Bedeutung. Er hat eine starke exhibitionistische 
Komponente. Als Knabe zeigte er sich gerne nackt und war besonders stolz 
auf sein — Gesäß. 

Er ist ein ausgesprochener Analerotiker. Er stand gerne nackt vor 
dem Spiegel und bewunderte besonders sein Gesäß. Er glaubt sich zu erinnern, 
daß er von der alten Dame auf das Gesäß geküßt wurde. Er benützte auch 
einen kleinen Spiegel, um das Gesäß zu betrachten. Er trägt gerne kurze 
Sportröcke, so daß sein weibliches Gesäß plastisch hervortritt, wie überhaupt 
sein weiblich-kindisches geziertes Wesen auffällt. Beim Stuhl hat er immer 
ein starkes Lustgefühl, das in letzter Zeit durch eine ziemlich große Hämor- 
rhoidenbildung durch Schmerzen überdeckt wurde. Zeitweilig jucken ihn die 
Knoten, so daß er sich kratzen muß, was ihm immer Lustgefühle bereitet. 
Bei sexueller Erregung wird sein After feucht, er spürt ein Ziehen und Zu- 
saiiiinenkrampfen, das oft von einer wollüstigen Empfindung begleitet wird. 

Baden ist seine Leidenschaft. Er zeigt sich gerne und läßt seinen knaben- 
haften, schneeweißen Körper gerne bewundern. 

Auch das Urinieren ist mit einem Lustgefühl verbunden. Am Schlüsse 
der Miktion hat er ein ausgesprochenes Lustgefühl. Er hält oft den Urin 
zurück, um das Lustgefühl zu verstärken. 

Die weitaus wichtigere Bedeutung des Traumes ist die religiöse. Es 
fällt ihm auf, daß das Mädchen sagte: „Gehe dich ausziehen und zum Bade 
ankleiden." Das hat doch keinen Sinn! Wozu soll ich mich ankleiden, wenn 
ich baden gehe. Das Mädchen sah so merkwürdig rein und kindlich aus. Sie 
erinnert ihn an ein Madonnenbild. 

Nun fällt ihm die größte Sünde seines Lebens ein. Er hatte im Kloster 
vor Madonnenbildem sexuelle Empfindungen gehabt. Deshalb floh er aus dem 
Kloster. Dort war ein herrliches Bild, von dem er sich nicht trennen konnte. 
Einmal beim Gebet, im Anblick des Bildes versunken, hatte er eine Pollution. 

In den nächsten Tagen verließ er das Kloster und ging dann zum Militär. 
Er wollte als gemeiner Soldat dienen, um zu büßen. Er wollte sich demütigen, 
um seinen Hochmut zu strafen. Er ist der Bettler des Traumes. 

Das Mädchen im Traume symbolisiert die Himmelsmagd. Er soll sich 
reinwaschen. Er soll seine sündige Weltanschauung (das alte Kleid) ablegen 
und sich zur Reinigung neu anziehen. 

Was bedeutet aber der Umstand, daß er vor dem Bade nicht essen könne? 
Diese Eßepisode erinnert ihn an das heilige Abendmahl. Er ist eine tief 
religiöse Natur. Er war auch während der Analyse täglich in der Kirche 
und erleichterte sein Herz durch eine Beichte. Er hatte aber als Knabe das 
heilige Abendmahl mit sündigen Gedanken genommen. In seinem achten 
Lebensjahre (acht Uhr!) hatte er sich zu Gotteslästerungen hinreißen lassen. 

Zum Bettler fällt ihm ein, daß er ein mildes, noch jugendliches, von einem 
Bart umrahmtes Gesicht hatte. Der Bettler ist Christus. Der Rat Gottes und 



I 



Pädophilie. 333 

des Herrn sagt: Meide die Sonne (der irdischen Vergnügen und Leidenschaften), 
dann wird dein Hut voller himmlischer Gaben. Er aber hatte wie Judas den 
Herrn um dreißig Silberlinge betrogen. Er will jetzt Buße tun und wie ein 
Bettler um Gnade riehen. 

Nun wird es ihm klar, daß seine Ehe nur eine Buße ist. Er hat ein 
armes Mädchen geheiratet, eine Jüdin, die sich taufen ließ. Er hat dem Herrn 
eine Seele zugeführt, um sich von den Sünden reinzuwaschen. 

Aber er hatte sich ein Gelübde gegeben, rein zu bleiben. Dies konnte 
er um so leichter tun, als er ja nur Kinder begehrte. Bei der Frau wurde er 
ein Kind. Er ließ sich bemuttern und schlief in ihren Armen wie ein Kind ein. 

Der nächste Traum lautete: 

Ein Herr und ein Soldat und ich waren zusammen in einem Zimmer. 
Ein Bettler oder herabgekommener Schreiber hat uns mit Kapriolen be- 
lustigt. Er bekam von uns Geld und wollte jedem von uns die Hände 
küssen, was ihm aber nur bei dem Soldaten gelang, worüber wir uns 
quasi verwunderten. 

Mit einer schönen jungen Frau flirtete ich in einem großen Gasthof, 
küßte ihr, neben ihr an der Tafel sitzend, langsam nach und nach, durch 
die jetzige Kleidung bevorzugt, an sie eng angeschmiegt, aber so, daß 
es niemand sehen konnte, Busen und Schulter, war dabei sehr erregt. 
Später, wie wir dann hinausgingen, verlangte ich, als sie. einmal in Be- 
gleitung ihres Mannes die Treppen zu ihrem Zimmer hinaufstieg, ein 
Rendezvous von ihr, ohne Scheu vor ihrem Mann. Sie konnte mich jedoch 
nicht verstehen und ich wollte ihr nochmals nachrufen, als ein Subjekt 
auf einmal in Kapriolen springend hereinkam, mich umwarf, aber nicht 
in böswilliger Art, sondern in täppisch-freundschaftlicher, so daß wir 
beide wie Hunde auf dem Boden herumkrochen. Die Frau war ver- 
schwunden, das Subjekt verlangte von mir, ich möge ihm meinen Mantel 
geben, da seiner schon miserabel wäre. 

Der Herr, der Soldat und der Schreiber sind die drei Komponenten 
seiner Seele. Er ist jetzt ein Bajazzo, ein untergeordneter Beamter, ein 
Schreiber, aber ßeine ganze Liebe (das Gold) gilt jetzt diesem Lustigmacher, 
der sich freudig demütigt und dem Herrn die Hand küßt. 

Diese Freude an der Demütigung (siehe den Traum vom Bettler S. 332) 
entspricht einem tiefen Schuldbewußtsein. Warum wurde er Geistlicher? 
Warum ein gemeiner Soldat? Warum heiratete er ein armes Mädchen und 
begnügte sich mit einer untergeordneten Stelle? I 

Was bedeutet das heruntergekommene Subjekt in dem nachfolgenden 
Traume? Wer ist die Frau? 

Ihm fällt der Name Eva ein. Von Eva kommt er auf die Ursunde der 
Menschheit und auf die Mutter. Die Frau sah seiner Mutter ähnlich und der 
Mann war sein Vater. 

Er erinnert sich, wie oft und wie leidenschaftlich er seine Mutter geküßt 
hatte. Sein Vater sagte: Ich habe ja da einen kleinen Konkurrenten. 

Er weiß es jetzt, daß er früher öfters von Beischlaf mit seiner Mutter 
geträumt hat. Er lag oft als erwachsener Knabe in ihrem Bette und spielte 
mit ihren Brüsten. Das war seine Ursünde. Die Mutter liebte ihn leiden- 
schaftlich. Dunkel schwebt ihm vor, daß er des. Nachts zwischen ihre Beina 
kroch oder sich zwischen ihren Brüsten bettete. 



334 



Psycbosexueller Infantilismus. 



Wiederholt hatte er gleich einem Hunde das Verlangen, eine Prau zu 
lecken. Er hielt es für eine schwere Sünde. 

Der Mantel ist nicht allein ein phallisches Symbol, er bedeutet auch 
den Mantel der Liebe und die Weltanschauung. Dies Subjekt, das mit ihm 
am Boden spielt, ist sein zweites Ich, der Verbrecher, der Bettler, der Hund, 
der Lustigmacher. 

Unter großer Erregung produziert er in der nächsten Sitzung eine Er- 
innerung, die ihm ganz entschwunden war. Er war ein ganz kleines Kind, als 
er am Boden sitzend mit einem Soldaten spielte. Es war der Diener seines 
Vaters, der ihn durch allerlei Spässe belustigte. Es war ein komischer Kauz 
und das Kind liebte ihn leidenschaftlich. Plötzlich öffnete er ihm die Hose 
und spielte mit seinem Gliede. Er nahm es in den Mund und saugte daran. 

Jetzt versteht man, warum er ein kleines Kind sein will. Er war der 
Lustknabe des ganzen Hauses. Die Zärtlichk