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Full text of "Sadismus und Masochismus. Für Ärzte und Kriminalogen dargestellt. [Störungen des Trieb- und Affektlebens (Die parapathischen Erkrankungen) VIII. Band]"




A°) 



STÖRUNGEN 



DES 




TKIEB- UND AFFEKTLEBENS 

vin 












STÖRUNGEN 



DES 



TRIEB- UND AFFEKTLEBENS 



(DIE PAEAPATHISCHEN ERKRANKUNGEN) 



VON 



D E WILHELM STBKEL 



WIEN 



VIII 
SADISMUS UND MASOCHISMUS 



"Piß 25, 



c\%$, Fi 



URBAN & SCHWARZENBERG 
BERLIN WIEN 

N., FRIEDRICHSTRASSE 105b ■ I., MAHLERSTRASSE 4 

1925 



SADISMUS 



UND 



MASOCHISMUS 



FÜR ÄRZTE UND KRIMINALOGEN DARGESTELLT 



VON 



D E WILHELM STEKEL 

WIEN 



!*4(}i$.&o 



URBAN & SCHWARZENBERG 
BERLIN WIEN 

N., FRIEDRICHSTRASSE 105b i., MAHLERSTRASSE 4 

1925 



. 




Alle Keohte, gleichfalls das Beoht der Übersetzung in die russische Sprache 

vorbehalten 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 






fly \«\ 



Printad in Anstria 

Copyright 1925 by Urban & Schwarzenberg, Berlin 



Vorwort. 



Die orthodoxe „Psychoanalyse" hat sich fast gänzlich meta- 
physischer Spekulation ergeben. Der Gewinn des Praktikers, der 
sich der Lektüre ihrer Werke hingibt, ist ein negativer. Er wird 
eher verwirrt als aufgeklärt. Die Versuche, durch Libidotheorien 
und durch Heranziehung des „Traumas der Geburt" die verschie- 
denen Affekt- und Triebstörungen der menschlichen Seele zu er- 
klären, können als gescheitert angesehen werden. 

Im Gegensatze zu den „medizinischen Phantasten" halte ich 
mich an die klaren und eindeutigen Ergebnisse meiner Forschung. 
Ich maße mir nicht an, das Rätsel des Sado-Masochismus restlos 
aufgeklärt zu haben. Aber ich hoffe, daß ich um ein gutes Stück 
weiter gekommen bin. Ich bin ein Feind mystischer Grübeleien und 
hasse Konstruktionen, die am grünen Tisch entstanden sind. Für mich 
sind Wissenschaft und Klarheit identische Begriffe. Wissenschaft 
ist nicht Phantasiearbeit, sondern Konstatierung von Tatsachen. 

Der vorliegende Band ist ursprünglich im größeren Umfange 
geplant worden, später auf einen Band reduziert worden. Während 
die Nicht-Analytiker über die „ermüdende" Länge meiner Kranken- 
geschichten klagen, wünschen die aktiven Analytiker recht aus- 
führliche Analysen. Ich muß daher beiden Strömungen gerecht 
werden. Ich habe mich bemüht, meine Analysen mit Ein- 
schränkung des nebensächlichen Materiales möglichst genau wieder- 
zugeben und besonders das Werden der analytischen Erkennt- 
nisse darzustellen. Die Literatur über die sado-masochistischen Stö- 
rungen ist außerordentlich reichhaltig. Aber es handelt sich immer 
nur um eine deskriptive Arbeit, die Psychogenese und Charakter- 
entwicklung, Einfluß des Milieus und der sozialen Verhältnisse nur 
kümmerlich andeutet, meistens sogar gänzlich vernachlässigt. Ich 
habe versucht in diesem Werke meinen Lesern eine Einsicht in das 
Entstehen einer solchen Paraphilie zu bieten. Die erreichten Resul- 
tate, die vielfach zu neuen Schlußfolgerungen führen, beweisen den 



VI 



Vorwort. 



großen Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis durch die ana- 
lytische Technik. 

Mein Lebenswerk geht seiner Vollendung entgegen. Es er- 
übrigt mir noch die allerdings schwierige Arbeit, die Phänomene 
des Zwanges und des Zweifels zu schildern und eine zusammen- 
hängende Darstellung der von mir angewandten „aktiven" Technik 
der Psychanalyse zu geben. Ich hoffe damit, in zwei Jahren fertig 
zu werden , wenn mir das entsprechende Material (Zwangs-Para- 
pathien) reichlich zufließt. Auch soll das erste Mal eine voll- 
ständige Analyse eines Falles von Zwangsparapathie publiziert 
werden. Für die Überweisung, sowie für die Schilderungen interessanter 
Fälle wäre ich meinen Kollegen sehr dankbar. 

Allen Freunden, die mir bei der Korrektur des Werkes ge- 
holfen haben, besonders meiner Lebensgefährtin Frau Hilda Milko, 
den Kollegen Witteis, Gutheil und Schindler spreche ich meinen 
wärmsten Dank aus. Wie immer in den letzten Jahren hat Dr. Miß- 
riegler den Löwenanteil dieser Arbeit übernommen und Inhaltsver- 
zeichnis, Autoren- und Sachregister in tadelloser Weise vollendet. 
Ich habe nur die Worte des Dankes zu wiederholen, mit denen die 
Vorreden der vorhergehenden Bände schließen. 

Wien-Salmannsdorf (Lindenhof), Oktober 1924. 



Dr. Wilhelm Stekel. 



Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

I. Die Polyphonie des Denkens i 

II. Die Psychologie des Hasses und der Grausamkeit 19 

III. Die Lehre vom Widerstand 43 

IV. Begriffsbestimmung des Sadismus und des Masochismus 53 

V. Beziehungen des Sado-Masochismus zur Homosexualität 116 

VI. Sado-Masochismus und Infantilismus 171 

VII. Ein Fall von Sodomie und Sadismus 235 

VIII. Das Mitleid .281 

IX. Ein Kind wird geschlagen 312 

X. Eine Hand wird geschlagen 335 

XI. Eine Frau wird getragen 38(5 

XII. Ein Fall von komplizierter Parapathie mit sadistischen uud paranoiden 

Zwangsideen. (Verdacht auf beginnende Schizophrenie.) 40G 

XHI. Kasuistik 432 

XIV. Die Tragödie des Analytikers 4g^ 

XV. Selbstverstümmelung und Selbstbeschuldigung 512 

XVI. Analyso eines Masochisten . . 553 

XVII. Kannibalismus, Nekrophilie und Vampirismus 581 

XVIII. Der epileptische Symptomenkomplex und seine analytische Behandlung . 646 

XIX. Analyse eines Falles von Epilepsie 687 

XX. Rückblick und Ausblick 712 

Sachregister 760 

Autorenverzeichnis 764 



I. 

Die Polyphonie des Denkens. 

How one thing depends upon ano- 
ther is the greatest mystery about life 
in my opinion, and no doubt if wc 
could see the network of cause and 
cfiect spun and spinning around us, it 
would be a very interesting and won- 
derful spectacle. Eden Phülpots. 

Einen Patienten analysieren heißt, seine bewußten und unbewußten 
Gedanken lesen können. Wäre die Analyse nur auf die Tatsachen aufge- 
baut, die der Behandelte uns erzählt, so daß wir dann unsere Schlüsse 
ziehen können, so würde sie sich in gar keiner Beziehung von der katho- 
lischen Beichte unterscheiden. Die Methode der freien Assoziationen, die 
genialste Entdeckung Freuds, besteht darin, daß der Analysierte alles mit- 
teilt, was ihm durch den Kopf geht, auch die gleichgültigen Einfälle, die 
er für unbedeutend und nicht erwähnenswert hält, und die peinlichen, die 
er aus Gründen verschiedener Hemmungen (Scham, Eitelkeit, Angst ein 
fremdes Geheimnis mitzuteilen, Furcht vor Verrat usw.) verschweigen 
möchte. Der Erfolg einer Analyse hängt von dem Umstände ab, ob man 
den Behandelten dazu erziehen kann, seine Einfälle ungehemmt mitzuteilen. 
Es zeigt sich nämlich, daß die wenigsten Menschen sich über ihre eigenen 
Gedanken Rechenschaft geben können. Die Mehrzahl der Menschen denkt 
oberflächlich. Die Analyse stellt also eine Erziehung dar, seine eigenen 
Gedanken zu erkennen. Die bei Parapathikern üble Gewohnheit des „Vor- 
beidenkens" tritt in der Analyse deutlich hervor. 

Die Behauptung, daß wir gewohnt sind vorbeizudenken, klingt viel- 
leicht unwahrscheinlich. Erst die genaue Beobachtung in der Analyse zeigt, 
daß es zweierlei Gedanken gibt: solche, die ausgesprochen und ausgedacht 
(in Worte gefaßt) werden und andere, die sich vor dem Prozeß der Ver- 
wörterung unserer Beobachtung entziehen. Es wirft sich die Frage auf, 
ob diese letzteren wirklich als Gedanken angesprochen werden können. Sie 
stellen eigentlich Gedanken in statu nascendi dar, d. h. Gedanken, die 
noch nicht verwörtert sind. Wir kämen also zur Schlußfolgerung, daß es 
ein Denken ohne Worte gibt, was Apfelbach i) ein „Denkgefühl" nennt. 



») Das Denkgefühl. Braumüller, Wien und Leipzig 1922. 

Stekel, Störungen des Trieb- und Affektlebene. VHI. 



2 Sadismus und Masochismus. 

Das scheint unserer Erfahrung zu widersprechen. Wir sind gewohnt, nur 
das als Gedanken zu bezeichnen, was sich in Worte fassen läßt. 

Wir wollen der Frage, ob dies Denken ohne Worte in der Tat als 
Denkgefühl zu bezeichnen ist, hier nicht nähertreten. In manchen Zustän- 
den kann man dies Denken beobachten. Es erweist sich als ein Denken 
in Bildern. Es gibt Patienten, welche aufgefordert ihre freien Assoziationen 
mitzuteilen, sofort eine Reihe von Bildern produzieren, die offenbar 
Vorstadien der Gedanken darstellen. Erst die Analyse kann den symboli- 
schen Wert dieser Bilder, die eigentlich in Form von Gleichnissen wich- 
tige Affekte verbergen, aufklären. Jedes dieser Bilder stellt einen Ge- 
danken in statu nascendi dar 1 ). 

Der Prozeß der Verwörterung unserer Gedanken ist wohl viel kompli- 
zierter, als wir es uns bisher vorgestellt haben. Wir suchen oft nach einem 
passenden Ausdruck, um eine Situation oder ein Gefühl auszudrücken, 
treffen unbewußt die Wahl zwischen verschiedenen Worten, wobei schon 
die Wahl des Wortes einen seelischen Verrat bedeutet und tiefere Kom- 
plexe erkennen läßt, die nicht zur Verwörterung gekommen sind. 

Worte sind eigentlich Kompromißbildungen. Am ehesten 
decken sich Vorstellung und Wort bei konkreten Gegenständen. Wenn 
ich das Wort „Tisch" ausspreche, so weiß ich, daß sich Vorstellung und 
Wort decken. Freilich es gibt eine Unmenge verschiedener Tische. Aber 
sie fallen alle unter den Begriff „ Tisch ". Durch Eigenschaftswörter und 
Zusammensetzungen kann der Begriff enger umgrenzt werden. Runder 
Tisch, kleiner Tisch, Spiel-Tisch usw. Trotzdem kann Tisch, wie wir es 
aus Traumanalysen gelernt haben, einen tieferen Komplex bedeuten. Die 
symbolische Verwendung von konkreten Gegenständen ermöglicht eine 
weitere Anwendung und gestattet eine affektive Besetzung der Vor- 
stellung „Tisch". (Ein Beispiel: „Trennung von Tisch und Bett", zeigt, 
daß Tisch sexuell verwendet werden kann. Tisch kann auch den Gift- 
komplex bedeuten und in der Verwörterung eines Gedankens unbewußte, 
kriminelle Vorstellungen verdecken.) 

Viel schwieriger ist der Prozeß der Verwörterung bei Gefühlen, 
Stimmungen, Affekten, abstrakten Begriffen. Hier sind die Worte deut- 
lich Kompromilibildungen, die in verschiedenen Lagen und bei verschie- 
denen Personen differente Bedeutung haben. Man denke nur, an die 
komplexe Bedeutung des W r ortes „Liebe", um zu verstehen, wie selten sich 
Wort und Gefühl decken können. 

Der Denkprozeß, der der Verwörterung vorhergeht, muß 
als ein Kampf widerstrebender Regungen aufgefaßt werden. 



') Vgl. Varcndonck: Das vorbewaßte Denken. Wiener psychoanalytischer Ver- 
lag, 1922. 



Die Polyphonie des Denkeus. 3 

Wie Freud in seinem berühmten, grundlegenden Buche über das Ver- 
sprechen nachgewiesen hat, gelingt es oft auch verdrängten Strömungen, 
sich gegen den Willen des Sprechers durchzusetzen. Aber das Phänomen 
des Versprechens beweist uns nur, daß eben ein permanenter Kampf 
einander widerstrebender energetischer Strömungen vor sich geht. 

Alle Energien stammen aus dem Triebleben. Auch die Sprache und 
der vorhergehende Denkprozeß beziehen ihre Energien aus dem Trieb- 
leben. Eines der tiefsten Worte von Nietzsche besagt: „Denken ist nur ein 
Verhalten der Triebe zueinander". Der Affekt, die intellektuelle 
Verarbeitung des Triebes, gibt dem Denkprozeß die spezifische Färbung. 

Nun zeigt die Erfahrung der Analyse, daß dieser Affekt meistens 
verborgen ist. Das Denken wird von zwei Prinzipien geleitet, vom Lust- 
prinzip und vom Realitätsprinzip (Freud). Der größte Teil unseres Denkens, 
so weites uns bewußt ist, richtet sich beim Normalmenschen nach dem 
Realitätsprinzip. Der Imperativ der Lebensnotwendigkeiten, den wir Pflicht 
nennen, drängt das Verlangen nach Lust zurück. (Das Ideal aller Menschen 
ist es, die Pflicht zur Lust zu machen, aus Pflicht und Lust eine Einheit 
zu bilden.) Die Pflicht ist der stärkste Ausdruck des Realitätsprinzipes. 
Ein großer Teil unseres Leben wird durch die Forderungen der Pflicht 
ausgefüllt. Es ist aber die Frage, ob das Lustprinzip jemals — wenn 
auch nur zeitweilig — zurückgedrängt werden kann. Die bisherige Vor- 
stellung, die auch von Freud gestützt wurde, ging dahin, daß Realitäts- 
prinzip und Lustprinzip einander abwechseln. 

In Wirklichkeit gibt es keine Trennung! Es findet ein ständiger i 
Kampf des Lustprinzips gegen das Realitätsprinzip statt. Man kann diesen I 
Kampf auch so auffassen, daß wir unsere Realität dem Lustprinzipe ab- 
ringen müssen. Auch hier verweise ich auf das bekannte Wort von Nietzsche: 
„Jede Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit." Dieser Ausspruch 
ist nur teilweise richtig. Jede Lust ist ewig und das Sehnen nach Lust 
verläßt uns nicht eine Sekunde des Lebens. 

Während wir also unsere Aufmerksamkeit der Wirklichkeit zuwenden, 
gibt es eine zweite Tendenz, die meist unbewußt bleibt, das Streben nach 
Lust. Dieses Lustprinzip setzt sich mitunter in der Sprache durch. Es 
würde zu weit führen, den Nachweis dieser innigen Vermengung der Rea- 
lität mit Lust zu schildern. Nur ein Beispiel: Die Realität weiß sich in 
dem Reiche, wo das Lustprinzip herrschen sollte, Geltung zu verschaffen. 
Wir sehen die Hemmungen der realen Moral den Traum durchsetzen und 
die angestrebten Lusterfüllungen verhindern. 

Der Mensch muß infolgedessen ein verborgenes Gedankenleben führen, 
das durch die Sprache nicht ausgedrückt werden kann. Das kluge Wort 
von Talleijrand : „Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine 
Gedanken zu verbergen!" ist zu wahr, um nicht wiederholt ausge- 

l* 



4 Sadismus und Masochismus. 

sprochen worden zu sein. {Molüre, Voltaire, Cato, Plato haben das Gleiche 
behauptet.) Auch Dante sagt: „Wie schwach und verfänglich ist doch die 
Sprache, um eine Idee auszudrücken! Und wie verhält sich die Idee zur 
Wahrnehmung? Wir sagen zuviel, wenn wir dieses Verhältnis „unzuläng- 
lich" nennen." 

Dieses Mißverhältnis zwischen Sprache und Gedanken, oder besser 
gesagt zwischen dem, was wir ausdrücken wollen und dem was wir aus- 
drücken können, rührt wohl zum größten Teile davon her, daß wir nie 
einen einzigen Gedanken haben, sondern zahlreiche Gedanken, eine ganze 
Folyphonie, von der die Sprache nur die Melodie ausdrückt, während 
Mittelstimmen und Kontrapunkt verborgen bleiben. 

Die gebräuchliche Vorstellung von einem in eine Richtung dirigierten 
Denken ist nicht mehr aufrecht zu erhalten. (Wir wissen allerdings von 
Personen, die zwei verschiedene Arbeiten zu gleicher Zeit erfüllen konnten, 
sie gelten als Kuriosa. Dieses Phänomen der doppelt gerichteten Aufmerk- 
samkeit hat nichts mit der Tatsache zu tun, welche ich als Polyphonie 
des Denkens bezeichne.) Ich behaupte: Der Denkprozeß zeigt eine 
ganz außerordentliche Verdichtung. Der Verwörterung geht 
ein Kampf voraus, welcher in den meisten Fällen mit einem 
Siege des Realitätsprinzips endet. 

Ich stelle mir also vor, daß das Denken ein Strom ist, von dem 
wir nur die Oberfläche sehen. Oder ein Orchester, von dem wir nur die 
Stimmen hören, welche die Melodie wiedergeben. Es ist klar, daß ab- 
weichende Tonarten in verschiedenen Stimmen eine Dissonanz ergeben 
müssen. Dabei ist zu bedenken, daß auch für das Denken das Gesetz der 
Bipolarität gilt. Die polare Stimme verbirgt sich oder drückt sich als ein 
Symptom oder eine Symptomhandlung aus. Widersprechende Strömungen 
setzen sich zu gleicher Zeit durch. (Z. B. aufrichtige Trauer und zugleich 
Schadenfreude über den Tod eines geliebten Wesens, oft auch tief ver- 
drängte, nekrophile und andere sadistische Instinkte.) 

Eine wunderbare Bestätigung dieser Ansicht lieferte mir ein eng- 
lischer Patient, den ich erst nach Abschluß dieser Arbeit analysierte. Es 
könnte den Anschein haben, als ob der folgende Traum mir das Bild 
von der Polyphonie geliefert hätte. Aber die vorliegende Arbeit war schon 
in den „Fortschritten der Sexualwissenschaft und Psychanalyse" (Bd.I, 1924, 
Verlag J. F. Deuticke) publiziert, als mir der Analysierte folgenden stereo- 
typen Traum mitteilte, den ich seiner Wichtigkeit wegen erst englisch 
und dann in der Übersetzung bringe. 

I am in an great concert hall in the conductor's chair. Before nie 
a füll orchestra, looking to me to lead them. Behiud me a crowded and 
well lighted auditorium. My condnctor's chair is high and narrow and 



Die Polyphonie des Denkens. 5 

I must hold myself upright and not lounge, lest I should fall oft'. I have 
no score and do not know what Symphonie is to be played, but all are 
ready and waiting for me to Start. 

I dare not look round at the crowd behiud me though I feel their 
eyes upon me. I must make a start, as the whole orchestra relies ou me 
to keep the various parts together in harmony and rythm. 

I look round me anxiously to find where is the one Instrument 
which is the most important and with which, if I can once get a com- 
plete understanding and Sympathie, I shall be able to control the other 
parts and instruments witkout further difficulty. 

The great anxiety is, that I do not know even upon which side 
of me this one all-important instrument is, but if only I can pluck up 
courage to make the first beat, I feel that I shall hear and know 
the leading instrument and shall at once feel the time of the Symphonie 
and understand its meaning and be able to interpret it sympathetically. 

So I take the plunge in fear and anxiety aud all goes well 5 but 
still I am füll of anxiety lest my understanding should be at fault and 
there should be a catastrophe and the whole concert end in chaos aud 
unbeareble humiliation for me. 

So it is left and I either forget the dream or wake with a feeling 
of anxiety and relief at having escaped the great responsibility. 

Übersetzung: 

Ich befinde mich in einem großen Konzertsaal am Platze des 
Kapellmeisters. Vor mir ein volles Orchester, das nach meiner Fiihruug 
ausblickt. Hinter mir ein dichtgedrängter, hell erleuchteter Saal. Mein 
Kapellmeistersitz ist hoch und eng, ich muß mich aufrecht halten und 
darf es mir nicht bequem machen, sonst könnte ich herunterfallen. Ich 
habe keine Partitur und weiß nicht, was für eine Symphonie gespielt 
werden soll, aber alles ist fertig und wartet, daß ich beginne. Ich wage 
es nicht, in das Publikum hinter mir zu blicken, obgleich ich dessen Blicke 
auf mich gerichtet fühle. Ich muß einsetzen, da ja das ganze Orchester 
von mir erwartet, daß ich die verschiedenen Sätze in Harmonie und Rhythmus 
herausbringe (zusammenhalte). 

Ich blicke ängstlich umher, wo das führende Instrument sitzt, mit 
dessen Hilfe ich allein die anderen Stimmen und Sätze ohne weitere 
Schwierigkeit kontrollieren kann, wobei das Mitgehen des Orchesters Vor- 
aussetzung ist. 

Meine große Angst stammt aus der Unsicherheit, daß ich nicht 
einmal weiß, auf welcher Seite sich das allesbedeutende Instrument be- 
findet, wenn ich aber so weit Mut fasse, das erste Zeichen zum Beginn 
zu geben und den ersten Takt zu schlagen, so fühle ich, daß ich das 
führende Instrument hören und erkennen werde, und zugleich das Zeitmaß 
der Symphonie und ihre Auffassung mitfühlend wiedergeben kann. 

So stürze ich mich mit Angst und Besorgnis in die Aufgabe und 
alles geht gut. Aber ich bin immer noch angsterfüllt, meine Auffassung 
könnte fehlerhaft sein und es könnte zu einer Katastrophe kommen. Das 
ganze Konzert würde in eine chaotische Disharmonie übergehen und ich 
hätte mich in unerträglicher Weise blamiert. 



6 Sadismus und Masochismus. 

Hier bricht der Traum ab und wird entweder vergessen oder ich 
erwache mit Angst und einem Gefühle der Erlösung, daß ich der großen 
Verantwortung entronnen bin. 

Dieser wunderbare Traum läßt sich von verschiedenen Gesichts- 
punkten betrachten. Nehmen wir ihn zuerst funktional. Das Orchester ist 
das Bild seiner Seele. Er soll die Symphonie seines Lebens und seiner 
Seele dirigieren. "Wir konstatieren zuerst eine Unsicherheit vor sich 
selbst, sowie eine Unsicherheit vor den Aufgaben des Lebens. Er weiß 
nicht, wie er sich führen und beherrschen soll. Das ,. Bewußte Ich" wird 
als Dirigent symbolisiert. Er steht der Fülle von Stimmen ratlos und 
hilflos gegenüber. Er soll führen und ist doch nur der Geführte. Er hält 
sich an eine einzige Stimme und er weiß es nicht, ob diese Stimme rechts 
oder links von ihm liegt. Wie ich in der „Sprache des Traumes" ausge- 
führt habe, bedeutet rechts im Traume der "Weg des Normalen und Rechten, 
links das Verbotene und die Sünde. Rechts liegt die Heterosexualität, links 
die Homosexualität. Eine Stimme, die allmächtige Oberstimme, hilft ihm 
den Schein einer Leitung und eines starken Willens bewahren. Aber er 
fühlt, daß alles in kurzer Zeit sich ändern kann. Er fürchtet das Chaos, 
die Katastrophe, die unerträgliche Niederlage. Sein Sitz ist eng und 
er darf sich's nicht bequem machen. Er muß immer auf der Hut 
sein, immer aufpassen, immer die Zügel seiner Triebe fest in der Hand 
halten. 

Aus dem Traume geht hervor, wie viel er auf die öffentliche Meinung 
gibt. Er fühlt sich beobachtet, aller Augen sind auf ihn gerichtet. Wir 
sehen eine Kluft zwischen seinem Wollen und seinem Können. Er ist kein 
Dirigent. Ja — er hat keine Partitur, d. h. er hat keinen richtigen Lebens- 
plan. Sein Ehrgeiz treibt ihn zu einer führenden Rolle, während sein 
Minderwertigkeitsgefühl sich dahin geltend macht, daß es ihn warnt, sich 
in Situationen zu begeben, die mit einer Blamage enden könnten. Erkun- 
digen wir uns nach seinem Streben, nach seiner großen historischen Mission, 
so erfahren wir, daß er an einer Christusparapathie leidet. Er hatte das 
Streben, ein zweiter Christus zu werden, die Welt zu erlösen, ihr eine 
neue Religion zu geben. Wenn schon kein Christus , so auf alle Fälle ein 
Führer. Zu dieser Mission fehlte die Kraft, er suchte immer Menschen, an 
die er sich anlehnen konnte, deren Lehren er annahm und als Apostel 
weiterverbreitete. Aber in seinen Phantasien hat er das Höchste erreicht 
und hält an der Fiktion fest, daß die Welt von ihm Großes erwartet. 
Die Unsicherheit, welche der Traum ausdrückt, spiegelt die gegenwärtige 
Lage seines Lebens. Er hat den bisherigen Beruf aufgegeben (Fabrikant) 
und will ein schaffender Geist werden. Viele Wege sind ihm offen. Soll 
er Dichter, Politiker, Musiker oder Maler werden? Es sind so viele "Wege 
da, daß er nicht weiß, welchen er wählen soll. In letzter Zeit reizt ihn 



Die Polypionie des Denkens. 7 

die Psychanalyse. Vorläufig will er ruhen und warten, bis ihm die Er- 
leuchtung kommt. Und diese Erleuchtung erwartet er von außen. 

Noch interessanter erscheint der Traum, wenn ich seine verschiedenen 
sexuellen Regungen in Betracht ziehe. Gründe der Diskretion verhindern 
mich, diese Details mitzuteilen. Es gibt aber auch im sexuellen Orchester 
viele Stimmen, die nicht zu einander passen. Die Gefahr der Katastrophe 
droht von einer Mittelstimme, die plötzlich vordringen und die Harmonie 
seiner Seele stören könnte. Noch größere Gefahr bildet ein sadistischer 
Kontrapunkt, der sich im bewußten Leben in der "Überkompensation einer 
tätigen Philantropie äußert. 

Er bezeichnet sich als einen „play-actor" — als einen Schauspieler, 
der vor sich und der Welt eine Rolle spielt, der er nicht gewachsen ist. 



Die kulturelle Moralheuchelei führt schließlich dazu, daß die Menschen 
vor sich selbst Theater spielen müssen und sich besser fühlen wollen, als 
sie sind. Der. moralische Imperativ würde das Persönlichkeitsgefühl ver- 
nichten, wenn wir uns nicht meist so stellten, als ob wir ethisch hoch 
stünden. Wir handeln und sprechen so, wie es unserem Ideal-Ich ent- 
spricht. Neben dem Ideal-Ich als alleinigem Vertreter des moralischen Im- 
perativs herrscht das Trieb-Ich als Repräsentant des amoralischen Impe- 
rativs. Während das Moral-Ich die Oberstimme führt, besorgt das Trieb- 
Ich den Kontrapunkt. Das Moral- Ich drückt sich altruistisch, das Trieb-Ich 
egoistisch aus. Trieb ist Egoismus. In den meisten Fällen ist dieser 
Kontrapunkt sadistisch gefärbt. 

Aber auch das Umgekehrte kommt vor. Personen, welche ihren 
amoralischen Imperativ ausleben wollen (der Verbrecher, der Don Juan, 
die Messalina) zeigen deutlich einen ethischen Kontrapunkt. Bei asozialen 
sadistischen Personen kann das innere Denken die Stimme der sozialen 
Moral vertreten. 

Diese inneren Stimmen dringen oft nicht ins Bewußtsein. Jedem 
Analytiker ist es aufgefallen, daß die Parapathiker, die zu Tagträumen 
und Phantasien neigen, sich an diese Tagträume nicht erinnern können. 
Viele verdrängen die Träume in dem Momente, wo sie sich von dem 
Traumleben der Realität zuwenden. Viele aber behaupten, daß sie nicht 
wissen, was sie denken, daß sie ihre Gedanken ausschalten und „gar nichts" 
denken. Ein Nirvana des Denkens ist unmöglich. Es gibt keinen Ruhe- 
punkt in der Arbeit des Gehirnes. Eine Vorstellung reiht sich an 
die andere. Die Tagträumer horchen nach innen, sie denken ohne Worte, 
sie lassen die Nebenstimmen ertönen, ohne ihre Melodie zu erfassen. Sie 
hören nur Akkorde oder einzelne Töne. Ihr Denken geht vielleicht ohne 
Wortvorstellungen vor sich, vielleicht nur in symbolischen Bildern, hinter 
denen sich die Gedanken verbergen. 



8 Sadismus und Masochismus. 

r 

4 

Hat man einmal erkannt, daß es sich beim Denken um eine Poly- 
phonie, nicht um eine einzelne Stimme handelt, so begreift man erst recht 
die Schwierigkeit der Analyse. Was wir eigentlich erfahren wollen, liegt 
in der Mittelstimme oder gar im Kontrapunkt. Die führende Stimme 
kann unter Umständen für unsere Forschung ganz wertlos sein. (Man 
denke an die Patienten, welche immer die Tagesereignisse mitteilen und 
immer etwas Wichtiges, Aktuelles zu erzählen haben, so daß sie Wochen 
und Monate reden, ohne daß ihnen der Faden ausgeht.) Wer feine Ohren 
hat, kann allerdings schon aus der Wahl der Worte und aus affektbetonten 
Ereignissen durch Anwendung des Gesetzes des psychischen Parallelismus 
seine Schlüsse ziehen. Aber in den meisten Fällen wäre man der Willkür 
und dem Belieben des Analysierten ausgeliefert, wenn man nicht im Traume 
ein Mittel hätte, die verborgenen Stimmen zu erkennen. 

Nicht mit Unrecht hat Freud die Traumdeutung als via regia in 
das Reich des Unbewußten bezeichnet. Deuten wir den Traum richtig, so 
können wir wieder ein Stück der verborgenen Mittelstimmen ausfindig 
machen, mitunter zum Schweigen bringen, so daß die Disharmonien ver- 
schwinden. 

Wie geht aber die Traumdeutung vor sich? Wir lassen den Patienten 
alle seine Einfälle zu einzelnen Teilen des Traumes bringen, d. h. wir 
wenden wieder die Methode der freien Assoziationen an. 

Damit verfallen wir wieder in Abhängigkeit von dem Analysierten. 
Der Patient verschweigt die wichtigen Stimmen, besonders wenn er schon 
durch die ersten Erfahrungen gewitzigt ist und weiß, daß er durch die 
Einfälle das geheime zurückgehaltene Material verrät 1 ). Oft führen die 
Assoziationen direkt auf Umwege und Abwege, so daß manche Traum- 
analyse trotz stundenlanger Assoziationen im Sande verläuft. 

Die strenge Handhabung der Methode von Freud verlängert 
die Analyse und entzieht die wichtigsten Komplexe der Kenntnis 
des Arztes. Ohne die Intuition des Arztes kommen gerade die 
wichtigsten Komplexe des Kranken nicht in das analytische 
Blickfeld. 

Wir müssen eben mit dem Willen des Kranken rechnen, etwas nicht 
zu sehen, etwas nicht zu sagen, etwas nicht zu verraten, vor sich selbst 
Theater zu spielen. Jeder Parapathiker hat ein psychisches Skotom. Ein 
Mann, der infolge pathologischer Eifersucht erkrankt ist, kann mit Emphase 
betonen, er sei stolz darauf, daß er das Gefühl der Eifersucht nicht 
kenne. Instinktiv wird er alles vermeiden, was auf dieses Skotom schüeßen 
läßt. Gegen die Bewußtmachung der Wünsche und Gedanken, die der 
Analysierte nicht sehen will, sind Affekte mobilisiert worden, welche durch 



') Erfahrungsgemäß assoziieren die Analysierten am besten, die nichts von der 
Analyse wissen. 



Die Polypbonie des Denkens. 9 

intellektuelle Einsicht nicht überwunden werden können. Gegen diesen Affekt 
spielen wir den Gegen-Affekt der Übertragung aus. Der Kranke wird nur 
uns zuliebe gesund, d. h. weil er uns liebt und uns einen Gefallen tun will. 
Auch im Traume findet der gleiche Kampf zwischen den verschiedenen 
Affekten statt, wie ich ihn eingangs geschildert habe. 

Der Traum unterliegt gleichfalls einer moralischen Zensur, er ver- 
birgt mehr als er ausdrückt, er zeigt eine ganz außerordentliche Ver- 
dichtung. Die Assoziationen können unter günstigen Umständen diese Ver- 
dichtung durch Enthüllung der latenten Traumgedanken (Freud) auflösen. 
Eine richtige Traumanalyse müßte eigentlich einen Traum in viele 
Träume zerlegen und die Verschmelzung dieser verschiedenen Träume 
auflösen. Die Verdichtung verzerrt und verwirrt die Traumbilder. Freud 
bringt den treffenden Vergleich mit den Galtonbildern, die aufeinander- 
gelegt werden, um eine Familienähnlichkeit (das Gemeinsame) nachzu- 
weisen. Er bezog diese Verdichtung auf die einzelnen Personen. Diese 
Verdichtung betrifft aber das ganze Traumgewebe. Wir können annehmen, 
daß 10 oder 20 verschiedene Träume übereinandergelegt sind und so einen 
gemeinsamen Traum ergeben. Oft scheint der Traum sehr einfach, aber 
er verbirgt nur die Verdichtung. 

Der Traum zeigt uns die Art und Weise, wie unser waches 
Denken vor sich geht. Durch Simplifikation können und müssen 
wir eigentlich jeden Traum auf einen einzigen Gedanken redu- 
zieren können. Dieser Gedanke repräsentiert ungefähr den 
Gedanken, der im wachen Zustande verwörtert würde. 

Die neue Erkenntnis geht also dahin, das wir permanent 
träumen. Es ist nicht richtig, daß der Traum des Abends beim 
Einschlafen einsetzt und des Morgens" durch das wache Denken 
unterbrochen wird. Wir träumen ohne Unterbrechung. Auch 
unser waches Leben ist von Träumen begleitet. 

Das Studium des Traumes ermöglicht uns also das Studium des 
ganzen Denkprozesses. Interessant ist, daß es gelingt, in Träumen den 
erwähnten Mechanismus zu finden und deutlich nachzuweisen. 

Ich führe einige Beispiele an, welche uns den Einfluß der Traum- 
zensur, den Kampf und die Verdichtung illustrieren. 

Ein 2 6 jähriger Arzt träumt: 

Ich stehe gegenüber einem alten Hause, in dem eine Versammlung 
stattfindet. Es scheint, daß in der Versammlung ein heftiger Kampf tobt. 
Plötzlich scheint eine Bombe geplatzt zu sein. Alles will schnell heraus. 
Die Tür ist sehr eng. Es kann nur eine Person heraus. Überdies steht 
ein Polizeibeamter da, der unbekümmert um die Vorgänge im Saale, jeden 
anhält und um Legitimationspapiere fragt. Sonderbar ist es, daß die 
Menschen, bevor sie zum Eingang kommen, Riesen sind und vor dem 
Wachmann zu Zwergen zusammenschrumpfen. 



10 



Sadismus und Masocbismus. 



Der Traum läßt sich funktional folgendermaßen deuten: Die Versamm- 
lung findet im Kopfe des Träumers statt. Es entspinnt sich ein heftiger Kampf 
zwischen verschiedenen Interessen. Plötzlich kommt es zu einer Affektentladung 
(Explosion). Die Gedanken wollen heraus, d. h. in das Bewußtsein dringen. 
Dort aber steht die Zensur des Bewußtseins und sorgt dafür, daß nur ein 
Gedanke zum Vorsehein kommt. Übrigens schrumpfen die gigantischen Gedanken 
bei Tageslicht zu Zwergen ein, sie werden klein und unansehnlich. 

Noch interessanter sind zwei Träume eines Zwangsparapathikers. Der 
erste lautet: 

Ich befinde mich auf der Straße. Dort herrscht eine große Panik. 
Die Leute fliehen, eilen, man drängt sich in die Straßenbahn, kurz, es ist 
ein Wirbel. Jemand bemüht sich, mir den Mechanismus dieses Geschehens 
zu erklären. Er tut es mitteis eines Schemas, das wie eine hellgrün ge- 
färbte Flasche aussieht. Er sag-t: „Wenn die Ströme an den verengten 
Ort gelangen, dann ersteht der Drang selbstverständlich." Ich glaube, 
daß der „Jemand" nicht Dr. Stekel war. 
Dieser wunderschöne Traum stellt eine Flucht vor der Analyse dar. Der 
hochintelligente Patient will seinen eigenen Gedanken entfliehen. Das Zusammen- 
Mg.i. strömen verschiedener Tendenzen erzeugt einen Wirbel in seinem 

Hirn. Nun zeigt ihm „Jemand", wie die Gedanken gegen den 
engen Flaschenhals andrängen , aus dem aber nur e i n Gedanke 
hervortreten kann. Dieser Jemand ist nicht der Dr. Stekel. Er 
hatte diese Wahrheit allein gefunden. 

Er fühlt im Leben die Disharmonie in seinem Denken und 
möchte gerne zu einer Einheit des Fühlens und Denkens 
kommen. Immer hört er eine zweite Stimme und diese spricht 
das Gegenteil von der ersten. Er ist ein typischer Zweifler. Ich 
habe den Zweifel einmal die endopsychische Wahrnehmung der 
Bipolarität genannt 1 ). Beim Zweifler melden sich aus der Harmonie des Denkens 
die Unterstimmen und übertönen oft die Oberstimme. Oft ist der Kontrapunkt 
zu aufdringlich, so daß sich mit der Liebe der Haß, mit der Wertschätzung 
die Herabsetzung, mit der Unterwerfung die trotzige Einstellung melden. 

In einem anderen Traume kommt dies Bestreben, die Stimmen zu einer 
Harmonie zu vereinen, zum Ausdruck: 

Ich ging mit einer Menge, in der sich Frauen und Männer befanden, 
auf einem Wege längs des rauschenden Meeres. Der Weg war auf- und 
absteigend. In der Menge findet sich mein Kamerad A. Die Menge singt 
einen Chor und ich leite mit seltener Präzision die zweite Stimme. Ich 
intoniere sehr geschickt und es klingt wunderbar unter dem freien Himmel. 
Mein Schamgefühl, das ich sonst vor Fremden habe, ist geschwunden. 
Der Kamerad blickt nach mir und sendet mir einen zufriedenen Blick zu, 
wie ihn der zufriedengestellte Meister einem Schüler sendet. 

Wenden wir uns seinen Assoziationen zu. Zuerst gesteht er, daß er eine 
Leidenschaft hatte, zu „sekundieren" und es nicht treffen konnte. Er wäre 
glücklich, wenn er bei Zwiegesang oder im Chor die zweite Stimme singen 
könnte, aber er bringt es nicht zustande. Vom Kameraden A. war es rühm- 
lichst bekannt, daß er zu jeder Melodie die zweite Stimme singen konnte. 

1 ) Der Zweifel. Zeitsohr. f. Psychotherapie u. med. Psychologie. Stuttgart. Ferd. 
Euke 1912. 




Die Polypionie des Denkens. H 

A. erscheint in mehrfacher Bedeutung. A. und sein älterer Bruder waren 
seine Lehrer in der Sexualität. Sie haben ihm das große Rätsel der Zeugung 
und Geburt aufgeklärt. Voran ging eine häßliche Szene. Es gab eine kretinöse 
Person in ihrem Dorfe, ein Mädchen, das myxödematös dick und bärtig war. 
Dieses Mädchen beobachteten alle drei beim Urinieren, um ihre Vagina zu 
sehen. Die Kinder des Dorfes pflegten sich auch den grausamen Spaß zu 
machen, ihr mit Kot, Staub oder Urin beschmutzte Speisen zuzustecken, die 
sie dann gierig fraß. Kamerad A. blickte in späteren Jahren zu unserem 
Patienten wie zu einer Autorität auf. Nur als Patient sich zu einem Don Juan 
entwickelte, machte er ihm lebhafte Vorwürfe. 

A. vertritt in seinen Träumen eine bestimmte Eigenschaft: die infantile 
Sexualität, der es gelungen ist, sich zu sublimieren. Nun verstehen wir den 
Traum. In seinem Hirne wirbeln eine Menge von Gedanken. Männer und 
Frauen. (Er identifiziert sich oft mit einem Weibe, zeigt Neigung zu Trans- 
vestismus, hat auch Schwangerschaftsphantasien usw.) Das Meer stellt die Musik 
seiner Seele dar, das Brausen und das Auf- und Niederwogen der Leiden- 
schaften und Hoffnungen. Dieses Auf und Ab wird noch einmal durch den 
Weg symbolisiert, gleichsam zur Verstärkung des Bildes. 

Eine Wiederholung des Bildes (Auf- und Niederwogen des Meeres) findet 
sich in dem Chor, dessen Melodie ebenfalls auf- und niedergeht. Es handelt 
sich um die verschiedenen Stimmen seiner Seele, die hier zu einer Einheit 
verbunden erscheinen. Im Leben versuchte er vergeblich, die zweite Stimme zu 
singen. Es gelang ihm nie. Hier im Traume führt er die zweite Stimme, sie 
ist in Harmonie mit den anderen Stimmen und in „Harmonie mit dem Unend- 
lichen". Es hallt herrlich unter dem freien Himmel. Im Leben hat er eine 
freie Weltanschauung; die infantile Religion ist überwunden. Es ist nur der 
Schein einer Überwindung. In seinem Innern bleibt er fromm. Er hat zahllose 
Sünden begangen. Als Symbol dieser Sünden dient die Assoziation der kre- 
tinösen Person, die er so grausam mißbraucht hatte. Im Traume ist er wieder 
fromm. Er schämt sich nicht mehr vor Fremden. 

Dieser Affekt benötigt eine Erklärung. In der Analyse lernte der Kollege 
viele meiner Schüler keimen. Es wurde offen über infantile Sexualität ge- 
sprochen. Er hatte das erstemal den Mut, vor anderen über seine „Jugend- 
sünden" zu sprechen. Er fühlte sich erlöst und sah eine neue Zeit anbrechen. 
Die zweite Stimme dissoniert nicht mehr, sie findet ihren Platz im Gefttge des 
Charakters und in der Polyphonie des Denkens. Die Polyphonie wird zu einer 
Harmonie. 

Es ist notwendig, die außerordentliche Verdichtung des Traumes zu be- 
tonen. Mit A. spielte sich die ganze Entwicklung seiner Sexualität ab, A. hat 
sich zu einem harmonischen Menschen entwickelt. Nun hat er einen zweiten 
Lehrer gefunden — mich. Ich bin der Meister. Ich habe ihm das Allgemein- 
Menschliche seiner Verirrungen nachgewiesen und ihm den Weg gezeigt, auch 
das Schuldgefühl der Parapathie zu überwinden. Er ist nun so weit, daß er 
mich begleiten und die zweite Stimme singen kann. Der Traum zeigt eine 
starke prospektive Tendenz, wobei zugleich die retrospektive Tendenz deutlich 
zum Ausdruck kommt. 

Das Sekundieren hat noch eine zweite Bedeutung. Er sucht im Leben 
immer eine bestimmte Situation: ein Paar, bei dem er den Dritten spielen 
kann. Er will einem anderen Manne sekundieren. Dieser Zug geht weit in das 
Infantile zurück. Er enthüllt uns die Konstellation Mutter, Vater, Sohn und 



r 



\2 Sadismus uud Masochismus. 

noch eine andere Konstellation, die sich aus seiner Familiengeschichte ergibt. 
Er hatte in jungen Jahren ein Verhältnis mit seiner Schwester. Er kroch oft 
zu ihr ins Bett und vollzog mit ihr den Beischlaf. Einmal kam der um drei 
Jahre ältere Bruder ins Zimmer, als er gerade auf der Schwester lag. Ohne 
ein Wort zu sprechen, verließ er den Raum. Aber nach einer Weile kehrte 
er wieder und verkehrte mit der Schwester, die sich bei ihm ebenso schlafend 
stellte, wie bei dem jüngeren Bruder. 

Solche Erlebnisse drücken dem Liebesleben einen dauernden Stempel auf. 
Patient sucht immer die gleiche Situation, einen zweiten Mann, dem er sekun- 
dieren oder einen Mann, der ihm sekundieren kann. Da er aber impotent ist, 
kann er diese Vorsätze nicht ausführen. Im Traume ist er wieder potent und 
der Meister sendet ihm einen zufriedenen Blick zu. 

Stellen wir uns vor, dieser Traum sei die Vorbereitung eines Gedankens, 
der vorwörtert werden soll. Wir sehen hier eine Reihe verschiedener Affekte, 
die nach Ausdruck ringen. (Alle strömen gegen den engen Hals der Flasche.) 
Zuerst zeigt der ganze Traum eine euphorische Stimmung, die sich sicherlich 
in dem Gedanken, der zum Ausdruck kommen soll, durchsetzen wird. Er ist 
mit sich im Reinen, er weiß, daß er seine Parapathie überwinden wird. Er ist 
potent (er kann!), er wird mein Assistent (zweite Stimme!) sein, ich werde ihm 
Liebe geben und Anerkennung zeigen. Aber im Hintergrunde dieses Traumes 
lauert das Gefühl der Minderwertigkeit. Er kann ja nicht sekundieren! Es 
lauert das Schuldbewußtsein, das ihm die vielen häßlichen Taten der Vergangen- 
heit vor Augeu führt, indem es gerade A. auserwählt, demgegenüber er sich 
im Leben sehr minderwertig fühlt. A. kann herrlich die zweite Stimme singen 
und hat seine Infantilismen fiberwunden, während der Patient noch tief in 
ihnen steckt. Und überdies ist er nur ein Dou Juan der Liebesbriefe und see- 
lischen Eroberungen, bis zum Moment, wo er seinen Mann stellen soll. Dann 
aber ist er impotent. Trotzdem ist es klar, daß sich bei der Verwörteruug die 
euphorische Stimmung durchsetzen wird. Der Traum läßt sich vielleicht auf 
den Satz reduzieren: Trotz meiner Vergangenheit hoffe ich gesund zu werden. 

Ich habe bei dieser Analyse viele, viele Einzelheiten tibergangen. Ich 
habe die homosexuelle Einstellung zu A. nicht erwähnt, Beziehungen zur Frau, 
homosexuelle Beziehungen zum eigenen Bruder, die alle in diesem Traume ent- 
halten sind. Trotzdem hat er sich zu einem scheinbar einfachen und harmoni- 
schen Traumbild gestaltet. Die Analyse müßte noch zeigen, wie dieser Traum 
dureli Aufeinanderlegen der verschiedenen Traumbilder entstanden ist. 

Ich breche diese Analyse ab. Ich werde an anderer Stelle einmal 
eine ausführliche Traumanalyse veröffentlichen, Schichtung und Ver- 
dichtung nachweisen und versuchen, die Analogie zum bewußten Denken 
zu zeigen. 

Ich glaube also, daß ein komplizierter Traum dem Prozeß der Ver- 
wörterung vorhergeht. Dabei hängt das Schicksal der Verwörterung von 
der Stärke des Affektes ab, wobei ein Affekt der Unterdrückung mit 
einem der Befreiung eines Gedankens kombiniert .ist. (Gesetz der Bi- 
polarität.) 

Ich finde, daß die meisten Analytiker bei den Traumanalysen zuviel 
auf den Inhalt geben und den Affekt vernachlässigen. Eine richtige Traum- 



Die Polypbonie des Denkens. 15 

deutung hat vom Affekte_auszugßhfiiL Die Verkleidung des Affektes kann 
verschieden sein. Aber zwei anscheinend differente Träume können das 
gleiche bedeuten, weil beide dazu dienen, den gleichen Affekt auszudrücken. 
Auch die Prozesse der Identifizierung und Differenzierung sind nicht in- 
tellektuelle, sondern affektative Vorgänge. 

Am deutlichsten wird diese Tatsache an zwei Phänomenen, welche 
die Psychologen viel beschäftigt haben und bisher als rätselhaft galten: 
das Dejä vu (das Gefühl, etwas schon vorher erlebt zu haben), und das 
„Gefühl des Fremden". 

Eine in meiner Behandlung befindliche Dame wird den ganzen Tag 
von dem Gefühle des Fremden verfolgt. Sie fragt sich, warum ihr die 
Welt so fremd erscheine. Sie sucht Beweise für die Realität. Sie liest ein 
Gedicht von Goethe und sagt sich: Der muß doch gelebt haben, das Ge- 
dicht ist wirklich! Der erste Anfall trat in der Sommerfrische auf einem 
bestimmten Wege auf, der ihr ganz neu und verändert erschien. Wie ich schon 
in meinem Buche „Die Sprache des Traumes" im Kapitel „Das Gefühl 
des Fremden im Leben und im Traume" nachgewiesen habe, tritt so eine 
Einstellung auf, wenn wir einen großen Affekt verändern, vielleicht den 
größten, dessen wir fähig sind: Die Liebe. Auf diesem Wege ging die 
Kranke einst mit ihrem Manne im Frühling der Liebe. Alles erschien wunder- 
bar wie in einem Traume. Sie will es sich jetzt nicht gestehen, daß ihr 
Gefühl verändert ist, daß sie ihren Mann nicht mehr liebt, sondern einen 
anderen, der gerade jetzt in der Ferne weilt. Das Verhältnis zum Freund 
ist angeblich nur platonisch. Ihr Mann vernachlässigt sie, bleibt kalt und 
ignoriert ihre Reize, während der „Freund" ihr den Hof macht und um 
ihre Gunst wirbt. Sie ist nahe daran, diesen Werbungen zu erliegen. 
Sie hält aber hartnäckig die Fiktion der großen Liebe zu ihrem Manne 
fest. Was ist das Resultat? 

Der Weg erscheint ihr fremd, weil ihr Mann ihr fremd ist, 
weil Unterstimmen und Kontrapunkt sich verändert haben. 
Sie geht diesen Weg mit dem Gedanken: Ich will nochmals den 
schönen Wiesenweg gehen, an den sich so selige Erinnerungen knüpfen. 
Sie glaubt sogar, daß sie das warme Gefühl für ihren Mann spürt Aber 
die Polyphonie ist ganz verändert. Der Kontrapunkt sehnt den „platoni- 
schen Freund" herbei, die Mittelstimmen erzählen von der Untreue und 
von den Fehlern ihres Mannes, es fehlt der heiße Affekt der Liebe, der 
sie den Weg einst so schön sehen ließ. Nun greift dieser Prozeß auf das 
ganze Denken über. Die Fiktion der Liebe zum Manne wird aufrecht- 
erhalten, die Fiktion einer platonischen Freundschaft bleibt gleichfalls 
konserviert, alle Gegenstimmen werden in das Vorbewußte verdrängt. Die 
Akkorde geben nicht den alten Klang. Die Welt ist verändert, weil sich 
ihr eigenes Fühlen und ihr ganzes Denken verändert haben. 



14 



Sadismus und Masochismus. 



Noch interessanter ist diese neue Tatsache für das Phänomen des 
Dejä vu. 

Ein Advokat kommt von der Reise nach Hause und sieht seine Frau 
mit seinen Kindern am Tische sitzen und lesen. Durch die Fenster hört 
man den Klang der Kirchenglocken, Ein Kind stürzt mit einem Juhelruf 
auf ihn zu. In diesem Momente durchzuckt es ihn: Das habe ich schon 
einmal erlebt! Genau das Gleiche, die Frau, die Kinder, die Kirchenglocken, 
den Jubelruf. Es war aber das erstemal, daß er sich für vier Wochen von 
der Familie getrennt hatte. Er hatte dieses Wiedersehen nie vorher erlebt. 
Aber er erkennt, daß sich die Situation als ein Gefühl des Heimlichen und 
Geborgenen ansprechen lasse. Ungefähr: Ach — wie süß ist es, wieder zu 
Hause zu sein. Und nun fallen ihm eine Reihe von Szenen ein, welche den 
gleichen Gefühlston haben: Wie gut ist es, wieder zu Hause zu sein! Er 
sieht sich als Student nach Hause kommen, er sieht seine Mutter ihm 
entgegenkommen, den Hund hochspringen und sagt sich: Nein — es ist 
nicht die gleiche Situation. Ich war ja damals Kind. Aber es ist 
das gleiche Gefühl. 

Eine ähnliche Identifizierung der Szene durch den Gefühlston läßt 
sich in jedem Falle von Dejä vu nachweisen. Wir könnten das ungefähr 
so ausdrücken: Es handelt sich um eine gleiche Tonart und Harmonie 
des Affektes. Also nicht die betreffende Szene ist Gegenstand der Identi- 
fizierung, sondern nur der Affekt. Es handelt sich um die gleichen 
Gefühlstöne. 

Kehren wir zum Ausgangspunkte unserer Betrachtungen zurück. Wir 
werden jetzt die Widerstände vieler Patienten leichter begreifen können. 
Die Analyse bringt gerade die Untertöne, die zweiten Stimmen, zum Er- 
klingen. Sie verlangen nach Verwörterung, sie ringen sozusagen nach 
Ausdruck. Wer sich in der Analyse nur an die Oberstimme hält, wird 
selten Gelegenheit haben, die Disharmonien aufzulösen. Die Kunst des 
Analytikers besteht darin, die Mittelstimmen zur Verwörterung zu bringen. 
Seine Aufgabe ist es, gerade die Widerstände zu überwinden und die 
Hemmungen niederzureißen, welche den Kranken bisher gehindert haben 
selbst zur Einsicht zu kommen. Es gibt Dinge, über die man nicht spricht 
und Dinge, an die man nicht denkt. Der Analysierte muß lernen : denken, 
was er nicht denken wollte. In der Analyse muß sich dann die ganze 
Polyphonie des Denkens wie eine Partitur lesen lassen. Das gelingt nur, 
wenn die Intuition des Analytikers den Weg weist. 

Die größten Widerstände treten auf, wenn der Patient die Ur- 
reaktionen zeigt, von denen ich in Band VI ausführlich gesprochen habe. 
Ich verstehe darunter die primitive Einstellung des Menschen zur Umwelt 
und die Impulse, welche dieser primitiven Einstellung entspringen. Es gibt 
eine Reihe zwangsmäßiger Reaktionen, deren sich der Kulturmensch nicht 



Die Polypionie des Denkens. 15 

mehr bewußt ist. Eine dieser Urreaktionen ist die Prüfung des Neben- 
menschen auf seine sexuelle Wertigkeit, sozusagen die Antwort auf eine 
Frage: Welche Lust kann ich dir rauben? Später verwandelt sich dieses 
aktive Prinzip des Raubens in die mehr passive Frage: „Welche Lust 
kannst du mir geben?" 

Wir müssen uns das primitive ; Denken als ein einfaches Denken 
vorstellen, das ungefähr dem Denken des nicht erzogenen (dressierten) 
Tieres entspricht. Der Trieb herrscht und alles Denken geht auf die 
Erfüllung des Triebes. (Hunger und Liebe.) Durch die Erziehung und den 
Einfluß der Kultur wird diese Oberstimme zur Unterstimme gemacht. 
Was der Erfüllung des Triebes entgegensteht, wird als feindlich ange- 
sehen. Die primitive Einstellung des Menschen ist Haß. Die Liebe ist 
schon ein Kulturprodukt. Sie ist ursprünglich nur auf das eigene Ich 
gerichtet. Jedes Wesen war ursprünglich narzißtisch orientiert. Dieser 
Narzißmus wird die Quelle altruistischer Gefühle. Ich liebe dich, weil du 
mir Lust verschaffst (Liebe des Säuglings zur Mutter und Amme.) Wird 
diese Lust entzogen, so meldet sich der Haß. (Trauma der Entwöhnung, 
der wichtige Entziehungskomplex, den die Freudianer in den Kastrations- 
komplex umgewandelt haben.) Der Fortschritt der Kultur beruht darauf, 
daß diese Liebe auf eine Gesamtheit übertragen wird. In der Gesamtheit 
erblickt sich das Ich vergrößert, was zur Wurzel des Nationalismus wird 
und wieder gestattet, den Haß auf andere Verbände zu übertragen. 

Die Haßbereitschaft des Menschen ist ganz außerordentlich groß. 
Eifersucht, Rachsucht, Herrschsucht, Argwohn usw. sind Eigenschaften, 
welche dieser Haßbereitschaft entspringen und das Individuum im Kampfe 
um sein Persönlichkeitsgefühl zeigen, d. h. um die Berechtigung, sich selbst 
zu lieben. Die Kultur zwingt uns, auf diese Haßbereitschaft zu verzichten 
und eine Liebesbereitschart vorzutäuschen, die als konventionelle Höflich- 
keit, als Takt, als Liebenswürdigkeit auf die Gefühle der anderen Rück- 
sicht nimmt. In den Beziehungen der Menschen zueinander steckt mehr 
Heuchelei als Wahrheit. Ja, die Beziehungen sind auf der Fähigkeit zu 
heucheln, aufgebaut. Diese Heuchelei führt schließlich auch zur Heuchelei 
vor sich selbst. Die Urreaktionen werden immer mehr in den Hinter- 
grund gedrängt, die sozialen Formen werden automatisiert und verlieren 
den Gefühlston. Wahrheit ist in den meisten Fällen sittlich verpönt oder 
sogar eine Beleidigung. 

Der Parapathiker benimmt sich nun beim Analytiker, wie er sich 
gewöhnlich in der Gesellschaft benimmt. Er verbirgt seine Urreaktion 
und alle Gedanken, welche ihm peinlich sind oder dem Analytiker peinlich 
wären. Er erhält aber den Auftrag aufrichtig zu sein. Dieser Imperativ 
und auch das Bedürfnis nach Befreiung verlangen eine ganz andere 
Sprache, als er gewöhnt ist. Er soll nicht mehr heucheln, er soll auch die 



r 



16 



Sadismus und Masochisinus. 



Urreaktionen gestehen. Er soll sich über seinen Haß, ohne den keine 
Parapathie zustande kommt, Rechenschaft geben. Der Haß bildet den 
Kontrapunkt der Polyphonie. 

Seit der Kindheit hat eine Umschichtung stattgefunden; die Ober- 
stimme ist zum Baß geworden. Das Kind darf seinen Haß zeigen. Es 
gibt unvermutet dem Vater oder der Mutter einen Schlag, den die be- 
stürzten Eltern gar nicht verstehen können. Es verrät seine Urreaktion. 
Es lernt aber bald, diese Urreaktion verbergen, weil es merkt, daß 
es die Eltern erzürnt und dafür sogar durch Entziehung der Liebe be- 
straft wird. 

Wir wissen aber, daß es Zustände gibt, in denen eine Regression 
in die Kindheit stattfindet. Ich spreche nicht von den verschiedenen 
Formen des psychosexuellen Infantilismus, wie ich sie ausführlich be- 
schrieben habe, ich meine die Regressionen des Normalmenschen. Eine 
solche Regression findet im Schlafe statt. Im Schlafe kehrt der Mensch 
zu seiner Kindheit zurück. (Freud behauptet sogar, daß der Schlaf eine 
Rückkehr ins Embryonalleben bedeutet.) Im Schlafe findet sofort eine Um- 
schichtung der Polyphonie statt. Die Mittelstimme und der Kontrapunkt 
werden zur Oberstimme. Wir haben schon betont, daß der Mensch auch 
bei Tage träumt, daß heißt, daß die Urreaktionen und die zurückge- 
drängten Wünsche sich unaufhörlich als Bilder oder Gedanken aufdrängen 
wollen und zurückgewiesen werden. 

Wie ich in meinem Büchlein: „Der Wille zum Schlaf" nachgewiesen 
habe, entspricht das Einschlafen einem aktiven Wunsche. Wir schlafen 
nicht ein, weil wir müde sind, sondern weil das Unbewußte müde ist, die 
Realität zu ertragen. Wo die Realität starke Lustqualitäten hat, ist das 
Einschlafen unmöglich 1 ). Das Einschlafen ist ein affektativer Vorgang und 
beruht darauf, daß die Affektbesetzung des Traumes stärker ist als die 
Affektbesetzung (das Interesse) der wachen Welt. Man kann also von der 
narkotisierenden Wirkung eines Affektrausches sprechen. Es bleibt aller- 
dings ein Widerspruch zu erklären. Es ist ja bekannt, daß starke Affekte 
am Einschlafen hindern. Wir sehen wieder eine bipolare Erscheinung, 
deren Ergründung schwer möglich ist, weil wir die Umschaltstellen (das 
Schlafzentrum) zu wenig kennen. Offenbar wirkt ein geringer Affektreiz 
als Reizung des Zentrums, während ein übergroßer Reiz eine Lähmung 
hervorrufen kann. (Gesetz von Verworn.) Wie sich auch die Verhältnisse 
organisch erklären lassen, an der Tatsache, daß Affekt und Schlaf enge 
Beziehungen haben, ist nicht zu zweifeln. Vielleicht wird der ganze Vor- 
gang verständlicher, wenn wir ihn als einen ständigen Kampf zwischen 
Traumleben und Wachleben betrachten. Traum und Bewußtsein ringen 



J ) In einer interessanten Situation besteht kein Wunsch, aus der lustbetonten 
Bealität zu fliehen. 



Die Polyphonie des Denkens. 



17 



beide um die Herrschaft der Seele. Der Traum versucht die Herrschaft 
zu erringen. (Symptome: Gähnen, Schwindel, petit mal, Absencen usw.) 
Die Mittelstimmen und der Kontrapunkt, die Gegenstimmen, verlangen 
nach der Führung. Sie wollen sich nicht länger mit der Nebenrolle der 
Harmonisierung begnügen. Plötzlich springt die Unterstimme vor und 
übernimmt die Führung im seelischen Orchester, ohne daß jedoch die 
Oberstimme zum Schweigen gebracht wurde. Sie kann übertönt, aber nicht 
ganz unterdrückt werden. Das erklärt uns den hemmenden Einfluß der 
Moral im Traume. 

Die verschiedenen Anfälle, wie Ohnmächten, Narkolepsie, Epilepsie 
und das Grenzgebiet, das man bisher als Hysterie bezeichnet hat, kommen 
durch Affektrausch zustande und drücken eine Flucht vor der Rea- 
lität aus. Die Affektbesetzung der Mittelstimmen und des Kontra- 
punktes wird stärker als die der Oberstimme. Dieser Übergang vom 
Wachsein zum Traume scheint unendlich leicht zu sein. Der Traum lauert 
ja nur auf die Gelegenheit, sich des Gehirnes zu bemächtigen. 

Da der Traum seine Affektenergien aus dem Triebleben, also aus 
dem Rückenmark bezieht, so kann man es formulieren, daß es sich um 
einen permanenten Kampf zwischen Rückenmark und Gehirn handelt, 
Parapathien sind ja die Folgen dieses Kampfes. Das Rückenmark reprä- 
sentiert die Vergangenheit, den Urmenschen, das Urtier, das Gehirn die 
Zukunft, den Kulturmenschen, den Übermenschen. 

Das alte Bild von einem innigen Zusammenwirken aller Organe im 
menschlichen Körper ist nicht zu halten. Wir müssen uns einen ständi- 
gen beharrlichen Kampf der Zellen und der Organe vorstellen. Jedes 
Organ ringt um die Herrschaft im Gehirn. Wir wissen, wie sich der 
Magen oder das Sexualorgan in Begehrungsvorstellungen ausdrückt, aber 
wir wissen noch sehr wenig wie die Leber und die Milz denken. Wir 
kennen wohl die Organsprache der Seele, aber wir kennen nicht die 
Seelensprache der Organe. Sicher ist, daß von allen Organen (Muskeln, 
Haut usw.) Forderungen erhoben werden. Die Polyphonie des Denkens ist 
im Grunde genommen eine Polyphonie der Organe, in der Gehirn und 
Rückenmark die wichtigsten Stimmen darstellen, die wechselnd um die 
Herrschaft ringen, wobei die anderen Organe als Mitläufer zu betrach- 
ten sind. 

Die neuere Richtung der Analyse befaßt sich mit der seelischen 
Heilung organischer Erkrankungen. Jede Organerkrankung wäre einer 
passiven Resistenz des Organes oder einem totalen Streik zu vergleichen, 
mit der geheimen Intention, eine größere Affektbesetzung (Aufmerksam- 
keit) durchzusetzen. Freudianer würden sagen, das Organ lechzt nach Libido, 
es will libidinisiert werden. Die Auffassung der Freudschule stellt das 
Organ als etwas Nebensächliches dar, welches nur dazu dient, den Bedürf- 



Stokel, Störungen des Trieb- und AffektlebeuB. VIII. 



2 



Sadismus und Masochismus. 



oissen der Psyche zu genügen. Groddeck z. B. erkrankt an einem Kropf, 
weil er eine Graviditätsphantasie hat und aller Welt den schwangeren 
Bauch zeigen will. Nach meiner Auffassung protestiert die Schilddrüse 
gegen irgendeine Vernachlässigung oder Vergewaltigung. Sie emanzipiert 
sich von der sozialen Gesamtfunktion, sie fühlt sich nicht mehr als Pro- 
vinz, sie macht sich selbständig. Neoplasmen wären die offene Revolution 
der Organe oder der Zellen in dem Organe. 

Doch kehren wir nach diesem Ausfluge in das Phantastische, das 
vielleicht eine tiefe Wahrheit birgt, in die Realität zurück. Die Polyphonie 
des Denkens bezieht ihre Energien aus den Organen. Beim Parapathiker 
ist das seelische und das körperliche Gleichgewicht gestört. Disharmonien 
machen ihm das Leben unerträglich. Er gehört mehr dem Traume an 
als der Realität. Er horcht auf die Mittelstimmen. Sinn der Analyse ist 
es, die spezifischen Polyphonien aufzudecken und die Disharmonien aufzu- 
lösen. In diesem Sinne ist jede Psychanalyse eine Psychosynthese. 



II. 

Die Psychologie des Hasses und der Grausamkeit. 

Die Natur ist weder gut noch schlecht, 
weder altruistisch noch egoistisch. Sie 
ist eine Summe von Kräften, deren jede 
durch eine noch größere Kraft zum 
Weichen gebracht werden kann. 

Benny de Gourmont. 

Dichter und Philosophen haben unzählige Bücher über die Liebe 
geschrieben. Sie bildet den Kern einer Religion, welche das Weltall 
beherrscht. „Wenn ich mit Menschen- und Engelszungen redete und hätte 
die Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle" 
— sagt der Psalmist. Man würde glauben, daß die Liebe die Zentralkraft 
des Daseins bildet, wenn nicht ein tieferer Blick ins Leben uns belehren 
würde, daß Haß der eigentliche große Motor alles Geschehens ist. Es 
hat seine besonderen Gründe, daß wir uns zur Liebe bekennen und den 
Haß verbergen. Die Religion, die Kultur und die Gesellschaft verlangen, 
daß wir gut sein sollen, d. h. daß wir den Nächsten wie uns selbst lieben 
sollen (eine unmögliche Aufgabe), unser „Ideal-Ich" kennt eben nur die 
Liebe. Wir sollen Gott lieben, auch wenn er uns straft; er befiehlt uns, 
alle Handlungen des Hasses zu unterlassen. Aber Gott ist nur die Projektion 
unseres Ideals in die Unendlichkeit. Er ist das, was wir sein möchten. 
Er ist die Erfüllung des Unmöglichen. Hart neben Gott herrscht 
der Teufel. Neben dem Himmel der Liebe die Hölle des Hasses. Der Teufel 
als Symbol des Bösen ist auch das Symbol des Hasses. Wer haßt, bekennt 
sich als Teufelsschüler. Da jeder nach Gottähnlichkeit strebt und die 
Tendenz hat, sich über sein wirkliches Ich zum Ideal-Ich zu entwickeln, 
so spielt er den Menschen, der gut ist. Der Haß wird verborgen, die 
Liebe wird geheuchelt, wenn sie nicht vorhanden ist. Infolgedessen sehen 
wir ein verlogenes Weltbild, das die Bedeutung der Liebe übertreibt und 
die Wertigkeit des Hasses unterschätzt. 

Wir haben lange Zeit gebraucht, um das Gesetz der Bipolarität in 
seiner fundamentalen Bedeutung zu erfassen: Es gibt keine Liebe ohne 
Haß! Dieser Satz ist noch leichter zu begreifen als sein Widerspiel: Es 
gibt keinen Haß ohne Liebe. 

Daß beide Tatsachen so lange unerkannt bleiben konnten, beruht 
auf der Möglichkeit der Umschaltungen und Verschiebungen beider Affekte. 



20 



Sadismus und Masochismus. 



Wir haben in den früheren Bänden des vorliegenden Werkes das Phänomen 
der Verschiebung und Verladung kennen gelernt. Wir haben gesehen, daß 
es eine „unbewußte Liebe" gibt. Die Erfahrungen der Analyse zeigen, wie 
die wichtigen Phänomene des Hasses verborgen werden und daß es ebenso 
einen „unbewußten Haß" wie eine unbewußte Liebe gibt; ja, oft merken 
wir, daß die Haßobjekte des Bewußtseins dazu dienen, die viel wichtigeren 
Haßobjekte des Unbewußten zu verbergen. Zum Leben gehört der Haß 
ebenso wie die Liebe. Liebe und Haß sind Ausdruck des Lebenstriebes. 

Wir haben bisher nur die Liebe als Ausdruck des Lebenstriebes 
kennen gelernt. Ursprünglich Geschlechtstrieb, spaltet er sich in zahlreiche 
Komponenten, die alle das Gemeinsame haben, daß sie eine Verbindung 
oder eine Trennung, sei es eine körperliche oder eine geistige, anstreben. 
Was ich liebe, wird mein. Was ich hasse, stoße ich ab. Der Haß wirkt 
letzten Endes auf die Entfernung des gehaßten Objektes vom Subjekt des 
Hasses. Der Haß verhält sich zur Liebe wie der Ekel zur Begierde. Ekel 
ist die Angst vor Berührung, Begierde ist der Wunsch danach. 

Wir können unsere Gefühle in anziehende und abstoßende einteilen. 
Mißtrauen, Mißachtung, Schadenfreude, Feindschaft, Antipathie, Erbitterung, 
Groll, Ekel, Abneigung, Neid, Eifersucht, Haß wären Beispiele für die 
abstoßenden Gefühle, während Sympathie, Vertrauen, Achtung, Mitgefühl, 
Begierde, Freundschaft, Zuneigung und Liebe zu den anziehenden Gefühlen 
gehören. Daher bereichert uns die Liebe, während der Haß uns verarmt. 
(„Wenn ich hasse" — sagt Schiller — „so nehme ich mir etwas; wenn 
ich liebe, so werde ich um das reicher, was ich liebe.") 

Im Hasse müssen wir ein Phänomen der Selbsterhaltung erblicken. 
£VWas unserem Ich feindlich oder gefährlich erscheint, das wird gehaßt. 
n[m Hasse kämpft das Persönlichkeitsgefühl um seine Existenzberechtigung. 
Der Haß ist eine Reaktion des Ichgefühles. 

Die wichtige Frage, was das Primäre im Menschen ist, die Liebe 
I oder der Haß, habe ich längst zu Gunsten des Hasses entschieden und 

LjL^^l . "Freud hat nach langem Widerstreben diese Annahme bestätigt. Wir müssen 
uns vorstellen, daß der Lebenstrieb in seiner Ursprünglichkeit nach Lust 
geht. Das Leben wäre sinnlos, wenn es nicht auf Lust aufgebaut wäre. 
Die Menschen sind unglücklich, weil sie die Fähigkeit zur permanenten 
Lust oder, besser gesagt, das Glücksgefühl der rhythmischen Abwechslung 
von Lust und Unlust verloren haben. Denn jede Lust baut sich, neben 
sitiven Werten, auf der Aufhebung der Unlust auf. 

Der Urmensch muß das Leben in diesem Sinne als ewige Lust 
genossen haben. Aus dieser prähistorischen Periode des Lebens haben wir 
einige Jahre übernommen. Der Säugling repräsentiert uns den primitiven 
Menschen mit seinem Streben nach permanenter Lust. Aber diese ununter- 
brochene Lust ist ein unmögliches Ideal. Lust setzt Unlust voraus. Aus der 



, r -4 

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Die Psychologie des Hasses und der Grausamkeit. 21 

Kontrastwirkung schöpft die Lust ihre höchste Stärke. Ja, die Unlust ist 
als Kontrastwirkung zur Erhöhung der Lust unbedingt notwendig. Da aber 
das Kind noch keine philosophische Schulung besitzt und den Wert der 
Unlust als lusterhöhendes Prinzip nicht kennt, so reagiert es auf jede 
Unlust mit Haß. Der erste Schmerz erweckt den ersten Haß. Das 
Kind liebt zuerst' nur sich selbst. Aber es lernt die Personen lieben, die 
ihm Lust verschaffen. Es haßt instinktiv alle, die sich seiner Lust hindernd 
entgegenstellen. Die Entziehung der Lust wird zum Schmerz. (Die Ent- 
ziehung der Brust weckt den Hunger und Hunger tut weh.) Schon früh 
lernt das Kind den Mechanismus der Projektion. Es wünscht den anderen die 
Schmerzen und sich alle Lust. „Mir die Lust und dir den Schmerz!" 
— heißt die erste Formel. Oder noch deutlicher: „Mir die Liebe und 
dir den Haß!" 

Das Kind steht also der Welt feindlich gegenüber. Langsam erobert 
die Mutter die Liebe des Kindes. Aber alles Fremde schreckt das Kind. 
Der Fremde ist der Feind. Die Angst ist die Furcht vor dem Schmerz, 
den der Fremde antun könnte. Die Mutter wird ein Teil des Ich. Dem Vater 
wird es schon viel schwerer, sich die Liebe des Kindes zu erobern. Er muß 
kleine Kunstgriffe benutzen, während die nahrungspendende und pflegende 
Mutter als Quelle der Lust betrachtet wird. Er schaukelt, er wiegt es, er 
singt, er ersinnt allerlei Spiele und wird allmählich auch dem Ich- 
Komplex angegliedert. So wird die Familie zur Schule der Liebe. 

Aber bald merkt das Kind, daß fremde Einflüsse es in seinem Streben 
nach Lust stören. Da ist die fremde Frau, welche die Mutter von seiner 
Wiege wegruft. Aber auch der Vater wird als Störenfried empfunden und später 
die nachkommenden Kinder, die bösen Rivalen, welche dann die Liebesobjekte 
auch für sich in Anspruch nehmen. 

In dieser Zeit zeigt das Kind jene Einstellung zum Leben, die ich 
in Band VI als Urreaktionen beschrieben habe. Es benimmt sich wie ein 
Urmensch. Seine Reaktionen sind primitiv. Der Urmensch haßte auch, was 
sich seinem Willen nach Lust und Macht entgegenstellte. Haß ist der 
Wilre zur Macht und Liebe ist der Wille zur Unterwerfung. 
Während der Wille zur Macht angeboren ist, erscheint uns der Wille zur 
Unterwerfung als ein Kulturprodukt, ja es ist vielleicht die erste und 
wichtigste Forderung der Kultur. Kultur und soziales Fühlen setzen die 
Unterwerfung des Individuums unter die Allgemeinheit voraus. 

Man weiß, daßichdieParapathiker für Rückschlagserscheinungen 
halte. Sie zeigen das Triebleben der Vergangenheit. Je weiter nach rück- 
wärts der Rückschlag geht, desto stärker ausgeprägt ist die Haßeinstellung 
und desto geringer die Fähigkeit zur Liebe. Bei den ausgesprochenen 
Degenerationsformen, welche aber nicht mehr der Parapathie zuzuzählen 
sind, fehlt das Liebesvermögen vollkommen. Sie werden infolgedessen 







22 



Sadismus und Masocbismus. 




asozial, denn die Liebe ist die Grundbedingung sozialen Fühlens, das von 
der Familie auf die größeren Verbände überstrahlt. Gehorchen können 
bedeutet schon eine höhere Form des primitiven Menschen. Es setzt einen 
Verzicht auf das Eigene voraus. Erziehung und Kultur sind die 
Herrschaft des Fremden über das Eigene. Das Fremde wird 
ursprünglich gehaßt und abgestoßen. Erst wenn wir uns das Fremde 
einverleiben, es zu einem Teile unseres Ich machen, können wir es lieben. 
Dann erst verliert die Unterwerfung ihren niederdrückenden Charakter, 
weil sie etwas Freiwilliges, also etwas Eigenes darstellt. Das ganze Problem 
der Erziehung beruht darauf, den Haß gegen das Fremde zu neutralisieren 
und es dem Kinde als Eigenes einzuverleiben. Also nicht nur das fremde 
Wissen, auch das fremde Gewissen wird dem Kinde inkorporiert. 
Gewissen ist die endopsychische Wahrnehmung des Hasses, als Schuld 
empfunden, gewertet nach fremder Moral, ein Sieg des Fremden über 
das Eigene. 

Jedes Kind wehrt sich zuerst gegen das Gewissen und trachtet es 
mit eigenen Mitteln zu überwinden. Es steht ja jenseits von Gut und 
Böse, es kennt die Sünde nicht. Die Sünde ist das Kind des Hasses. Ohne das 
eingepflanzte Gewissen würde das Kind sich den Gesetzen der Kultur 
nicht fügen. Erst das Schuldgefühl beugt den Nacken des Unabhängigen. 
Das Schuldgefühl entsteht durch die endopsychische Wahrnehmung des 
Hasses und seiner seelischen Ausgestaltung. Jeder Haß ist töttich — sagt 
Swoboda. Und Todeswünsche sind die erste Quelle des Schuldbewußtseins. 
Durch dieses Schuldgefühl kommt es zu einer Invertierung des Hasses: 
Er richtet sich gegen das eigene Ich. Die Formel : „Mir die Lust und dir 
den Schmerz \ u wird dann umgekehrt: „Mir den Schmerz und dir die 
Lust." Aber es gibt ein psychisches Gesetz der Umwertung von Unlust 
in Lust. Der Mensch ist wie der König Midas, dem alles zu Gold wird. 
Jede Unlust kann unter Umständen zu Lust werden, wenn sie eine 
Verbindung mit dem Geschlechtstriebe eingeht. Über das Physiologische 
dieser Erscheinung will ich später sprechen. Die Tatsache als solche 
ist unbestreitbar. Lust und Unlust, Liebe und Leiden sind untrennbar 
verbunden. 

Die Formel: „Mir den Schmerz und dir die Lust!" drückt die äußerste 
Konsequenz der Gottähnlichkeit aus. Sie findet ihre schönste Darstellung 
in der Christuslegende, in der rührenden Gestalt des Heilandes, der durch 
seine Schmerzen die Menschen erlöst und ihnen die „ewige Seügkeit", 
d. h. ewige Lust erobert. Es ist bedeutsam, daß Christus die Religion der 
„Nächstenliebe" geschaffen hat, die schon Moses inaugurieren wollte. Es 
handelt sich um einen grandiosen Versuch, die Herrschaft des Hasses 
(Satans) zu überwinden und das Reich der Liebe zu gründen. Allein 
diese Liebe stellt sich in Gegensatz zu Eros. Sie bietet nicht wie die 



Die Psychologie des Hasses und der Grausamkeit. 23 

Religion Mohamets irdische und himmlische Sinnesfreuden. Sie verlangt 
die Unterdrückung des Eros, um zu einer höheren, geistigen Liebe zu 

gelangen. 

Eros ist der Ausdruck des Lebenstriebes. Die Gebote Christi er- 
füllen, setzt Verzicht auf Eros voraus. (Man denke an das Wort Nietz- 
sches: Das Christentum gab dem Eros Gift zu trinken, er entartete 
daran und wurde zum Laster.) Jede Unterdrückung des Eros weckt Un- 
lust und Unlust wieder zeugt Haß. Der Unglückliche haßt den Glück- 
lichen. Der Glückliehe bemitleidet den Unglücklichen. 

An dieser Spaltung der Liebe in ihre beiden Komponenten, in die 
geistige und die körperliche, von denen die erste Tugend, die zweite 
Sünde war, mußte die Religion der Nächstenliebe insoferne scheitern, als 
sie ihre hohe Aufgabe, den Haß zu überwinden, nicht erfüllen konnte. Sie 
leitete die Menschen an zu entbehren und zu leiden, sie gab ihnen die 
Lust des Leides. Leidende Menschen werden grausam. Sie neiden den 
anderen das Glücksgefühl des Lebens. Es bildet sich eine neue, geheime 
Formel : Mir den Schmerz und dir den Schmerz. Der Mensch mußte grau- 
sam werden, weil er für die anderen Menschen leidet. Das ist der Sinn 
des Erlösergedankens. Damit die Menschheit sozial wird, damit sich ein 
Gemeingefühl ausbildet, muß sich jeder Einzelne ans Kreuz der Kultur 
nageln, d.h. seine Triebe fixieren, sie in kulturell gestatteten Bahnen 
ausleben. 

Wir kommen auf das Problem der Grausamkeit. Man hört oft, daß 
der Mensch von Natur aus grausam sei, und die Beobachtungen des Le- 
bens und speziell die Erfahrungen der Kinderstube scheinen diese An- 
nahme zu bestätigen. Und doch! Ich kann mir vorstellen, daß der primi- 
tive Mensch gar nicht grausam war. 

Zur Grausamkeit ;gehört das Bewußtsein der Grausam- f 
keit, die Freude am fremden Schmerz, die Wonne des Macht- v^ 
gefühles über fremdes Leben. 

Der Glückliche ist gesättigt. Deshalb läßt die Legende im Paradiese 
wilde Tiere und Menschen friedlich bei einander hausen. Es gibt keinen 
Haß und keine Blutgier, keine Freude am fremden Schmerz. Von dieser 
Urzeit können wir uns keine Vorstellung machen. Denn selbst der primitive 
Mensch unserer Zeit ist schon ein Kulturprodukt. Zur Grausamkeit gehört 
die Lust an der Grausamkeit. Der Urmensch tötete, was seinen Zielen 
hinderlich war und sich seiner Lust entgegenstellte. Er war erbarmungs- 
los wenn es sich um sein Leben und um seine Lust handelte. Aber er 
war ebenso wenig grausam, wie das Raubtier es ist, das seine Opfer zer- 
fleischt und das Blut trinkt. Das Raubtier ist nie grausam, wenn man es 
mit der Perspektive des Raubtieres ansieht. Es wird grausam, wenn wir 
seine Handlung anthropomorphisieren. 



24 Sadismus und Masochismus. 

Grausamkeit ist ursprünglich eine Notwendigkeit im Kampfe ums 
Dasein gewesen. Unser Gefühl empfindet auch nur jene Handlungen als 
grausam, in der der Lust am fremden Schmerze Opfer gebracht werden. 
Daß Millionen Proletarierkinder an mangelhafter Ernährung und schlechten 
hygienischen Verhältnissen zugrunde gehen, wer fragt darnach? Wer 
empfindet eine Einrichtung als grausam, die jedes Jahr hunderte von 
Ärzten in Ausübung ihres Berufes zugrunde gehen läßt? 

Die eigentliche Grausamkeit ist die Freude am fremden Schmerze, 
und diese bewußte Grausamkeit ist unbedingt ein Produkt der Kultur. 
Unsere Primitiven sind Kulturmenschen auf einer niederen Stufe. Sie 
haben ein eigenartiges, aber ein sehr empfindliches Gewissen, wie Freud 
es in seinem genialen Buche „Totem und Tabu" nachgewiesen hat. 

Die Lust an der Grausamkeit, die der Kulturmensch zeigt, entspringt 
seiner egozentrischen Einstellung. Sie ist eigentlich eine Form der 
Schadenfreude. 

Die Formel der Schadenfreude lautet: Die Tatsache, daß der andere 
Schmerzen leidet, läßt mich meinen Zustand der Schmerzlosigkeit als Lust 
empfinden. Sie entspricht der ursprünglichen Formel: Mir die Lust und 
dir den Schmerz. Alle Unlust wird dem Nebenmenschen gegönnt, wenn 
nur wir von ihr verschont bleiben. Nur der Märtyrer nimmt die fremden 
Schmerzen auf sich, allerdings weil ihm dieses Bewußtsein Lust bereitet. 
Er ist ein pathologischer Charakter und gehört schon in das Gebiet der 
Sexualpathologie. 

Dostojewski hat darauf aufmerksam gemacht, daß der Edelste von 
uns Schadenfreude empfindet, wenn er vom Unglück des anderen hört. 
Es handelt sich in diesem Falle um den egoistischen Reflex der Urre- 
aktion: „Gott sei Dank, daß das Unglück nicht mich betroffen hat!« Wir 
müssen eben zuerst nach dem Gesetze „Mir die Lust und dir den 
Schmerz" reagieren und uns erst mit einem Ruck auf die ethische For- 
derung besinnen. 

Unsere Reaktion auf den Schmerz eines anderen kann eine vier- 
fache sein: 

1. Der fremde Schmerz läßt uns gleichgültig. 

2. Er weckt unser Mitleid. 

3. Er läßt uns Schadenfreude empfinden. 

4. Er verschafft uns ein sexuelles Lustgefühl. 

Von diesen vier Reaktionen ist die erste die seltenste und über- 
haupt fraglich. Das Volksempfinden identifiziert den Gleichgültigen mit 
dem Grausamen und Egoistischen. Der Indifferente verbirgt oft seine 
lustbetonte Einstellung. Die lustbetonte Einstellung wechselt von leise an- 
gedeuteter Lust bis zum Orgasmus. Das Mitleid stellt die sublimierte 
Form der Lust dar. Es bedeutet eine Einfühlung in den Leidenden. Der 






Die Psychologie des Hasses und der Grausamkeit. 25 

Mitleidige identifiziert sich mit dem bemitleideten Objekt und fühlt dessen 
Schmerzen, als ob es die eigenen wären. Hinter dem Schmerz des Mit- 
leides verbirgt sich oft die Lust der Schadenfreude. In der Polyphonie 
der Gefühle liegen dann die Stimmen der Lust an der fremden Unlust 
tief unter der Melodie des Mitleides. 

Wir müssen uns vorstellen, daß zwei ewige Kräfte das Seelen- 
leben des Menschen beherrschen : Haß und Liebe oder besser ausge- 
drückt :.. d<5f~Lebenstrieb und der Todestrieb. > Der Lebenstrieb dient der 
Erhaltung des Ich, der Todestrieb ist nach außen gerichtet und richtet 
sich gegen den anderen und nur bei voller Unterdrückung des Lebens- 
triebes gegen das eigene Ich. In meinem Buch „Die Träume der Dichter" 
habe ich zwei Abspaltungen dieser Triebe beschrieben: den Schaffenstrieb 
und den Zerstörungstrieb (Destruktionstrieb). Der Haß ist nicht allein 
Ausdruck des Lebenstriebes. Er vertritt auch den Todestrieb. Ich hasse 
dich, weil du mein Ich bedrohst. Die Liebe als Ausdruck des Lebens- 
triebes trachtet den Haß zu neutralisieren. Aber das eherne Gesetz der 
Selbsterhaltung zwingt uns zu hassen, wo wir lieben, wenn das Ich in 
Gefahr kommt, seine Unabhängigkeit zu verlieren und statt Lust Unlust 
zu erfahren. ^ 

Unser Bedürfnis zu hassen ist ebenso groß wie unser Be- / <^T 
dürfnis zu lieben. 

Wie es keinen Menschen gibt, der ohne Liebe leben kann, so gibt 
es auch kein Wesen, das ohne Haß leben kann. Menschen können schein- 
bar ihre Fähigkeit zu lieben sowie auch ihre Fähigkeit zu hassen, ver- 
lieren, dann handelt es sich um eine Parapathie. Die Analyse kann in 
einem solchen Fall regelmäßig nachweisen, daß die Affekte im Unbewußten 
an ein Objekt fixiert sind und die Zensur des Gesamtbewußtseins es ver- 
hindert, daß diese Affekte in das Licht des Bewußtseins dringen. 

Am schwersten erträgt der Liebende die Tatsache, daß der Haß der 
negative Ausdruck der Liebe ist. Er benötigt allerlei Kunstgriffe, um sich 
diese Tatsache zu verschleiern. Er rationalisiert seinen Haß durch Eifer- 
sucht. Wenn kein Grund zur Eifersucht vorhanden ist, so wird sie hypo- 
thetisch aufgebaut, um in der dann folgenden Phantasie dem Haß die 
Möglichkeit zur Abfuhr zu geben. 

Der Sündenbock der alten Juden ist ein schönes Symbol für die 
Projektion der Schuld- und Haßgefühle auf ein unschuldiges Objekt. In 
der Analyse finden wir zahlreiche Sündenböcke, welche dazu bestimmt 
sind, ein Haßobjekt abzugeben und den Haß gegen das eigentlich gehaßte 
Objekt zu verschleiern. Bekannt ist, daß der Ehemann den Haß gegen 
seine Frau auf ihre Familie und besonders auf seine Schwiegermutter 
verschiebt. (Ein bekanntes slavisches Sprichwort sagt: „Wer seine Frau 
liebt, der liebt auch seine Schwiegermutter.") Mitunter wird eine Nach- 



26 Sadismus und Masochismus. 

barin, ein Hausgehilfe, eio Hund als Verladungsobjekt gewählt. Diese Ob- 
jekte haben irgend eine Eigenschaft mit dem eigentlichen Haßobjekte 
gemeinsam, welche den Identifizierungsprozeß ermöglicht. Meistens er- 
freuen sie sich der Sympathie des eigentlich gehaßten Objektes. 

Frauen sehen oft in der Eifersucht ein Zeichen der Liebe und 
schließen aus dem Mangel der Eifersucht auf den Mangel der Liebe. So 
einfach liegen die Verhältnisse nicht 1 ). Eifersucht und Neid entspringen 
einer Urreaktion. Die ursprüngliche Einstellung war: Ich möchte alles für 
mich allein haben. Dann später wird das Verlangen, etwas ganz zu be- 
sitzen, auf den sexuellen Partner verschoben. Die Eifersucht ermöglicht 
dem Liebenden eine Entladung der Haßkomponente, die ihm sonst un- 
möglich wäre. 

Die Liebe ist eine Resultante aus zwei Kräften: dem Willen zur 
Macht und dem Willen zur Unterwerfung einerseits und dem Sexual- 
trieb andrerseits. Von der Mischung der verschiedenen Elemente hängt 
es ab, ob der Haß durchbrechen kann oder nicht. Der Verliebte liebt die 
ganze Welt mit Ausnahme jener Kräfte, die sich seinem Sexualziel hin- 
dernd in den Weg stellen. Vielleicht ist sein Glücksgefühl so groß, weil 

er die ganze Welt liebt („Ich möchte die ganze Welt umarmen" 

„diesen Kuß der ganzen Welt"), weil er gut sein kann und sich frei von 
Haß fühlt. Erst mit der Eifersucht wächst der Haß in diesem Zustande 
zu pathologischer Stärke und treibt den Erregten zu Verbrechen und Ge- 
walttaten. Der Liebende kann auf den Hund eifersüchtig sein, den die 
Geliebte liebkost, auf das Klavier, dem sie so viele Stunden widmet, auf 
den Sessel, den sie mit ihrer körperlichen Berührung beglückt. 

Wird der Haß lange zurückgedrängt, so muß die innere Spannung 
wachsen und die Affektstauung führt zu einer explosiven Affektentladung. 
Er bricht bei kleinen Anlässen aus. Es gibt Szenen, harte Worte fallen, 

es kommt sogar zu Tätlichkeiten , aber nach der Haßexplosion 

erfolgt die Szene der Versöhnung, und da ist es am schönsten, be- 
haupten die streitenden Liebespaare. Jeder Teil trachtet die Wunden, die 
er geschlagen, mit linderndem Balsam zu bestreichen, liebe Worte zu sagen, 
böse, die ausgesprochen wurden, zurückzuziehen. Die Liebe ist schöner 
und süßer nach der Haßentladung. („Gewitter reinigen die Luft.") 

Das Bedürfnis zu hassen ist ganz allgemein. Große Männer (Freud !) 
haben gestanden, daß sie immer einen Freund haben müssen, den sie 
lieben, und einen Feind, den sie hassen können. (Mitunter Freund und 
Feind in einer Person.) Das Bedürfnis nach Haß wählt sich die verschie- 
densten Masken. Bald ist es die Ethik, die Ästhetik, bald die Religion 
oder die Politik, die Nationalität, welche den Vorwand geben muß. Man 






*) Siehe das Kapitel Eifersucht in Bd. II. 



Die Psychologie des Hasses und der Grausamkeit. 27 

haßt ganze Stände, man haßt Rassen wie die Juden oder die Neger, ja 
ganze Nationen, Franzosen, Deutsche oder Engländer. 

Der individuelle Haß ist immer etwas Störendes. Er widerspricht 
dem Gebote der Nächstenliebe. So kommt es zu einer Verschiebung auf 
das Große. Aus dem Haß gegen den Nächsten wird ein sozialer Haß ge- 
staltet. Nun kann sich der Haß ungehindert austoben, weil er rationalisiert 
und ethisch motiviert wird. Man haßt nicht aus egoistischen Motiven. 
Man haßt für sein Volk, für seinen Stand, für seine Religion usw. 1 ) Der 
soziale Haß, der Massenhaß ist eine Erscheinung, welche nur 
als Verschiebung eines individuellen Problems auf ein soziales 
zu verstehen ist. "Wäre die Menschheit glücklich, es gäbe keine Kriege. 
Auch haben sich viele Ventile des Hasses verschlossen. Früher fluchten 
die Menschen. Duelle, Raufhändel waren an der Tagesordnung. Es gab viel 
Gelegenheit, seinen Haß und seine Grausamkeit abzureagieren. Der Fort- 
schritt der Kultur verlangt die Unterdrückung der Haßregungen. Die 
Verpflichtung der Humanität lastet schwer auf der Menschheit, 
die noch nicht genügend humanisiert erscheint, um wirklich 
innerlich, aus Überzeugung human zu sein. Oft ist Humanität nur 
die Überkompensation einer parapathisch verdrängten Grausamkeit 2 ). Eine 
lange Entbehrung des Hasses macht haßhungrig. 

Wird der Haß lange zurückgestaut, so kommt es zu Haßexplosionen, 
wie wir sie in dem traurigen Weltkriege erlebt haben, wobei die Liebe 
zum Vaterlande die grausamsten Handlungen gegen die „Feinde" ge- 
stattete. Ich brauche nur auf die Tatsache hinzuweisen, wie oft in diesem 
Kriege die Bestie im Menschen zum Vorschein gekommen ist, wobei alle 
Stimmen der Humanität übertönt wurden. Die Haßwelle ist noch nicht 
verebbt. Wir fühlen ihre Wirkungen und trösten uns mit dem Gedanken, 
daß sicher die Zeit der Menschen- und Nächstenliebe als Reaktion kommen 
wird. Man erwarte nicht, daß ich hier eine Liste der Grausamkeiten an- 
führen werde, wie wir sie schaudernd im Kriege erlebt haben. Aber wir 
haben die alte Erfahrung neu bestätigt gefunden, daß es keinen Haß gibt, 
der nicht grausam macht. 

Die Grausamkeit ist der Ausdruck des Hasses und des 
Willens zur Macht. Es gibt keine Grausamkeit, welche nicht 
sexuell lustbetont wäre. Wo diese Komponente fehlt, entfällt 
die grausame Handlung. Man ist grausam um der Lust willen, 
welche die Grausamkeit verschafft. 

Wer wollte es leugnen, daß das Bedürfnis nach dem Ausleben der 
Grausamkeit eher gewachsen ist als abgenommen hat? Unser Zeitalter, das 
sich eine Zeit der Humanität nennen wollte, ist in Wahrheit ein Zeitalter 



l. 



*) So paradox es klingen mag: Man haßt auch aus Nächstenliebe. 
2 ) Philantropen erweisen sich in der Analyse als verkappte Sadisten. 



28 



Sadismus und Masochismus. 



L\ 



der Grausamkeit. Blicken wir auf Kunst, Politik, Leben, was sehen wir? 
Rohe, atavistische Triebe zu neuer Kraft erwacht, überall die Freude am 
Abstoßenden, Gräßlichen, Gemeinen. 

Bücher, die grausame Themen behandeln (H. E. Event Alraune^ 
Mirbeaus Garten der Qualen, und viele moderne Romane) haben den 
größten Erfolg, Eomrnenauf die Bühne und werden verfilmt; die Menschen 
drängen sich überall, wo es etwas Gruseliges zu sehen gibt (Publizität der 
Mordprozesse). Wahrlich, es ist nicht besser als im Mittelalter, da öffent- 
liche Hinrichtungen ein beliebtes Schaustück waren. Stierkämpfe werden 
auch außerhalb Spaniens populär und in den Zentren der Kulturstaaten 
werden täglich blutige Boxkämpfe ausgefochten 1 ). 

Zur Grausamkeit gehört die Lust am fremden Schinerze und am 
fremden Leide. Das Kind ist von Haus aus eigentlich nicht grausam, weil 



') Die Grausamkeit ist raffinierter geworden. Sie verhüllt sich besser und mas- 
kiert sich oft als Humanität und kultureller Fortschritt. Man kann deutlich erkennen, 
wie sich die Grausamkeit auch als Heilmethode durchsetzen kann. Ich verweise nur auf 
die Durst- und Hungerkur in Lindewiese. (Übrigens hat die Hungerkur auch außerhalb 
Lindewiese zahlreiche ärztliche Anhänger.) Der Masseur tobt sein Machtgefühl an dem 
ihm wehrlos ausgelieferten Patienten aus. („Je mehr er leidet desto rascher wird er 
gesund ! ■ lautet die Formel.) Der Chirurg wagt Eingriffe, deren Möglichkeit man vorher 
nie geahnt hat, so daß ein geistreicher Arzt gelegentlich eines historischen Rückblickes 
über die Entwicklung der modernen Heilkunst den Ausspruch wagen durfte, daß heute 
Operationen eingeführt wurden, vor deren Grausamkeit man früher zurückgeschreckt 
wäre. Allerdings gestattet die Narkose und die lokale Anästhesie die Ausschaltung des 
Bewußtseins. Aber die Frage, ob die Operierten im Traume nicht die Schmerzen mit- 
machen, welche ihrem Bewußtsein erspart wurden, ist bis heute nicht entschieden. Erst 
die Analyse wird einmal zusammenfassende Untersuchungen über die wichtige Frage der 
Operation als psychisches Trauma und der Bedeutung der Träume während der Nar- 
kose anstellen können. Sicher ist, daß nach Operationen schwere Parapathien (besonders 
Erregungszustände, Depressionen und Schlaflosigkeit) auftreten. Interessant ist, daß mir 
einmal beim Besuch einer Folterkammer die Ähnlichkeit der Folterinstrumente mit 
verschiedenen ärztlichen Apparaten aufgefallen ist. Die „eiserne Jungfrau" findet ihr 
Pendant in der Wasserheilanstalt, das Überdehnen und Aufbiegen der Tabeskranken erinnert 
an ein ähnliches Marterinstrument. Der Dampfkasten gleicht der noch heute in China 
üblichen Marter des Lebendigeingrabens ; ich verweise auf den Paquelin, dessen Gebrauch 
ich als junger Arzt in der Therapie der Hysterie (Applikation der berüchtigten Point 
de feu) bei Benedikt beobachten konnte. Ein kurzer Hinweis auf den Osteoklasten, 
auf die orthopädischen Streck- und Dehnapparate möge genügen. Wurden doch im 
Kriege Martern von überpatriotischen Ärzten benützt, um das Geständnis der Gesund- 
heit zu erpressen! Was für ein schreckliches Requisitorium der Foltern wurde da benutzt! 
Isolierung, Hungerdiäten, Faradisierung und andere elektrische Martern. Ärzte wurden 
zu freiwilligen Folterknechten im Interesse des Staates. Die Rationalisierung der Folter 
hieß: die Liebe zum Vaterlande. Auch die Psychanalyse wird von manchen Patienten als 
geistige Inquisition, als hochnotpeinliches Kreuzverhör empfunden. Sicherlich kann sich 
auch da die unbewußte Grausamkeit des Arztes austoben, besonders wenn das Narkotikum 
der Übertragung wirksam wird und den Widerstand ausschaltet. Vergl. Hattinberg, Zur 
Analyse der analytischen Situation (Int. Ztsch. f. P. A., Bd. 10, 1924, H. 1). 



Die Psychologie des Hasses und der Grausamkeit. 29 

ihm das Bewußtsein der Grausamkeit fehlt. Es freut sich nur, seine Macht 
an kleineren Objekten zu beweisen. Es bringt jenes Stück Grausamkeit 
auf die Welt, das sich auf die Formel zurückführen läßt: Mir die Lust 
und dir den Schmerz. Aus dieser Formel wird dann allmählich eine zweite, 
welche lautet: Dein Schmerz ist meine Lust. 

Die Grausamkeitsperiode des Kindes geht bald vorüber, wenn es 
nicht systematisch zur Grausamkeit erzogen wird. Dem kindlichen Bedürf- 
nis nach Grausamkeit entsprechen die Märchen, welche eigentlich eine 
Häufung der gräßlichsten Untaten darstellen. Von manchen dieser Märchen 
geht eine determinierende Kraft für das ganze Leben aus. Aber diese 
Märchen stillen offenbar ein dringendes Bedürfnis. Je gruseliger, desto 
besser. („Die Kinder, sie hören es gerne.") Es kommt bald zur Um- 
kehrung der Grausamkeit in Mitleid. Nur durch schlechte Erziehung und 
durch den Einfluß des Milieus bleibt die infantile Grausamkeit erhalten. 
Wer Haß sät, erntet Haß. Normale Kinder, die mit Liebe und nicht mit 
Überliebe erzogen sind, werden nur jenes Quantum Haß beibehalten, das 
selbst dem Kulturmenschen unentbehrlich ist. Affektreiche Kinder, welche 
schon früh unter den Qualen der Eifersucht und Zurücksetzung leiden, 
werden parapathisch und erkranken an Haßparapathien. 

Erich Wulfen hat eine interessante Studie „Das Kriminelle im Volks- 
märchen" (H. Groß' Archiv, Bd. 38) geschrieben. Er führt mit Recht aus, daß 
wir im Märchen den Niederschlag religiöser, ethischer, rechtlicher und sozialer 
Vorstellungen und Gefühle versunkener Zeiten finden können. Er weist auch 
auf die sadistischen Märchen hin. Aschenbrödel zeigt diese Motive. In „Der 
liebste Roland" hackt die Stiefmutter der leiblichen Tochter, die sie mit der 
Stieftochter verwechselt, den Kopf ab. Inzestmotive in „Allerleihrauh". Eine 
Erzsadistin ist die alte Erzzauberin in „Jorinde und Joringel". Der Hexen- 
meister in „Fittchers Vogel" ist ein Lustmörder wie Blaubart. Aber auch 
kannibali8tische Tendenzen und überhaupt das ganze Repertoire der Grausam- 
keit lassen sich in den Kindermärchen nachweisen. „Wer den Geist des Ver- 
brechens", sagt Wulffen, „wer die Geistespfade, die das Verbrechen im Leben 
und Denken der Völker genommen hat, wahrhaft erkennen will, muß sie auf- 
suchen in Geschichte und Mythus, in Sage, Märchen und Dichtung. Hier findet 
er mit wunderbarer Treue aufbewahrt, was in der Entwicklung des Verbrechens 
über Jahrhunderte, über Jahrtausende hinweg sich Unwillkürliches, Ungewolltes, 
mit Notwendigkeit Gewordenes ergeben hat. Die Kriminalität ist ein Bestandteil 
des psychischen Volkstums und spiegelt sich mit diesem im Märchen wieder." 

„Noch ein anderer sozialer Gedanke der Gegenwart wird durch die kri- 
minalistische Märchenforschung befruchtet. Schon die Brüder Grimm haben 
ihre Sammlung als ein Erziehungsbuch bezeichnet und doch „ein ängstliches 
Ausscheiden dessen, was Bezug auf gewisse Zustände und Verhältnisse hat, 
wie sie täglich vorkommen und auf keine Weise verborgen bleiben können ', 
vermieden. Sie verteidigen sich hierbei mit dem Hinweise auf die Natur selber, 
„welche diese Blumen und Blätter in solcher Farbe und Gestalt hat wachsen 
lassen". Hierbei waren sie sich aus Mangel kriminalpsychologischer Erkenntnis 
dessen nicht vollbewußt, wie lebhaft die dichtende Volksseele an kriminellen 
Ereignissen Anteil genommen, mit welcher geheimen und offenbaren Lust 



30 



Sadismus und Masochismus. 



am Verbrechen und seiner Verübung sie ihre Dichtungen gesponnen hatte. 
Auch der tiefe sexuelle Einschlag in die Märchenkunst im Sinne der modernen 
sexologischen Forschung war ihnen unbekannt." 

„So haben unsere Großeltern und Eltern tatsächlich die Niederschriften 
der Märchendichtung als Erziehungsbuch für ihre Kinder übernommen, wie sie 
bis dahin gewohnheitsmäßig in mündlicher Erzählung von Geschlecht zu Ge- 
schlecht überliefert worden waren. Noch heute empfangen unsere Kinder ihre 
ersten lebhaften Eindrücke aus der fremden Welt in den Erzählungen von 
Aschenbrödels boshafter Stiefmutter, von Hansels und Gretels gewissenlosen 
Eltern und den menschenfressenden Hexen, von Schneewittchens eitler Stief- 
mutter, dieser Giftmörderin mit der Königskrone." 

„Aber was die Literarhistoriker bisher nicht erkannten, blieb selbstver- 
ständlich auch Eltern und erst recht den Kindern verborgen. Die Reali- 
tät, mit welcher das Verbrechen und die Lust an seiner Beschreibung im 
Volksmärchen auftraten, blieb unerkannt. Gesehen wurden nur die einschnei- 
denden Gegensätze von Gut und Böse, von Tugend und Laster, von edlen 
und boshaften Menschen. Damit wurden auch die Absichten des Märchen- 
erzählers erreicht, der in den Herzen der staunend lauschenden Kinder in 
einem scheinbar der Wirklichkeit abgekehrten, phantastischen Reiche zum 
ersten Male die Vorstellung von den großen gegensätzlichen Mächten in der 
sittlichen Welt aufdämmern lassen wollte." 

„Ganz anders und doch ähnlich kommt die Wirkung der Erzeugnisse zu- 
stande, welche uns die moderne sogenannte Jugend-, Schund- und Schmutz- 
literatur auftischt. Die Lust am Verbrechen und seiner Schilderung, in das 
Volksmärchen geschichtlich und unabsichtlich hineingewachsen, vom glänzenden 
Märchenschleier umwoben und halb verhüllt, tritt in der Schundliteratur ganz 
offen, fast als Selbstzweck und in roher Form auf." 

„Es kommt also alles darauf an, unter welchen Umständen und für welchen 
Leser- und Hörerkreis eine Vorstellungswelt gezeigt wird. Absolut untauglich 
zur Erzeugung krimineller Anreize ist selbst das Märchen nicht." 

„Als vor einer Reihe von Jahren ein Bauer in Gegenwart seines drei- 
jährigen Sohnes ein Schwein schlachtete, lief der Knabe alsbald in die Woh- 
nung, nahm ein Messer und stach es dem Schwesterchen in der Wiege mit 
den Worten in den Hals: „Will sehen, ob Marie auch so schreit wie das 
Schwein." Hier wurde in dem so jungen Knaben durch das quiekende und 
zappelnde Schwein sowie das fließende Blut die Überzeugung von der Wirk- 
lichkeit der Handlung, deren Augen- und Ohrenzeuge er war, so mächtig an- 
geregt, daß die Nachahmungshandlung zustande kam. Das Titelbild eines 
Schundbuches stellte einen Bankraub dar; drei Burschen betreten den Ge- 
schäftsraum des Bankiers, zwei halten ihn mit geladenen Revolvern in Schach, 
der dritte plündert die Kassen. Auf einem anderen solchen Titelbilde schnei- 
det ein Friseurgehilfe einem reichen Kunden, den er im Laden ganz allein be- 
dient, mit dem Rasiermesser die Kehle durch, um ihn zu berauben. Beide 
Bilder vermögen in disponierten jungen Menschen ohne weiteres den Anreiz 
zur Nachahmung der verbrecherischen Tat auszulösen, wie die Erfahrungen 
der neueren Kriminalgeschichte belegen. Einem 6 Jahre alten Knaben wurde 
wohl etwas zu eingehend von der Kreuzigung des Herrn Jesus Christus er- 
zählt ; da legte er seinen Bruder im Zimmer auf den Fußboden und wollte ihm 
mit dem Hammer Nägel durch die Hände schlagen. Dieser Fall ist tatsächlich, 
wie ich ausdrücklich versichern will, vorgekommen. Man sieht, nicht nur das 
Volksmärchen, sondern selbst die ergreifendste religiöse Episode vom Opfertode 



Die Psychologie des Hasses und der Grausamkeit. 31 

des Gottessohnes kann, wenn die Realität genügend erfaßt wird, kriminellen 
Anreiz auf veranlagte Naturen ausüben." 

Aber wie einst im Volksmärchen, so scheinen sich noch jetzt im Schund - 
erzeno-nisse die gröberen, die grausamen, die verbrecherischen Triebe des Volkes 
wie des Einzelnen gewissermaßen ausleben zu wollen. Die mündliche und schrift- 
liche Darstellung wird zum psychischen Äquivalent, sie bietet einen der Tat- 
verübung gleichwertigen Reizersatz. Hier wie dort vermögen sich an der grau- 
samen und kriminellen Erzählung die eigenen grausamen und kriminellen In- 
stinkte des Hörers und Lesers unter Umständen abzuleiten. Auch deshalb gingen 
die alten Märchen von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht. Selbst 
dem modernen Schunderzeugnis wird in vielen Fällen eine solche von ihrem 
Urheber weder beabsichtigte noch ihm bewußte Wirkung nicht abzusprechen 
sein. Nicht jeder jugendliche Leser geht hin und tut desgleichen; es kann sich 
an ihm durch die bloße Lektüre eine in diesem Sinne wohltätige psychische 
Ableitung in ihm wohnender verwandter Triebe vollziehen. Wir wissen, daß 
im Geistesleben des Kindes, unsrer Erkenntnis nicht bemerkbar, tagtäglich ge- 
heimnisvolle Wunder geschehen; der unaufhaltsame Aufbau der jungen Psyche 
auf den Lebensenergien, die ihre Nahrung aus Gutem und Bösem ziehen, bleibt 
uns im großen ganzen verborgen. Ich halte es aber für wahrscheinlich, daß 
auch die in der Märchenwelt verschlossenen boshaften und verbrecherischen 
Instinkte ihren geheimnisvollen notwendigen Anteil an diesem Aufbau des 
kindlichen Geisteslebens haben." 

„Was immer noch heutigen Tages zum Verbrechen führt, das sind die- 
selben alten, gröberen und grausamen Instinkte, die wir von unseren Tiervor- 
fahren ererbt haben und die im Laufe der Jahrtausende nur in veränderten, 
gemilderten Formen auftreten." 

Ähnlich wie das Märchen und der Mythus uns einen Niederschlag 
der primitiven Einstellungen übermitteln, so haben wir auch im Aber- 
glauben ein Petrefakt eines einstigen Glaubens zu sehen. Für jeden 
Forscher, der über das bewegte Treiben der Gegenwart den Zusammen- 
hang mit der Vergangenheit nicht verlieren will, bildet der Aberglaube 
eine unerschöpfliche Fundgrube. Gleichwie die Versteinerungen prähistori- 
scher Tiere uns jetzt den Zusammenhang zwischen den höchsten und 
niedersten Stufen in der Evolution der Menschheit erklären helfen, so 
werfen die im Volksbewußtsein versteinerten, oft uralten Anschauungen 
manche seltsame Streiflichter auf das heutige Empfinden und Denken. 
Jeder Aberglaube ist aus einem Glauben entstanden, und wie die 
Wahrheit von gestern die Lüge von heute ist, so spiegelt sich in dem 
vom Volke festgehaltenen Vorstellungen die ehemalige Wahrheit in durch 
Überlieferung und Umwandlung verzerrter Form wieder. 

Der Aberglaube zeigt uns den Menschen von der grausamsten Seite. 
Ich will nur einige Beispiele anführen: 

In Groß' Archiv, Bd. V, S. 207, berichtet Nessel über folgende Form 
des Aberglaubens. 

Ein Kindsmord bleibt verborgen, wenn die Brüste und Schamteile der 
Mutter mit einem abgetrennten Körperteil des Kindes berührt werden. Verf. 



32 



Sadismus und Masochismus. 



schildert den Fall einer jungen Ehefrau , die der Leiche des von ihr er- 
mordeten Kindes den rechten Arm abgetrennt hatte. 

In Groß' Archiv, Bd. XI, 8. 25, berichtet Nucke: 

Über den Glauben, daß derjenige, der den 2. Schwanzwirbel eines Katers 
in den Mund steckt, unsichtbar wird. Der Kater wird gefesselt im Topf 
lebend zu Tode gekocht (langsam durch 3 Tage). 

Er weist auf die Lagebeziehung des 2. Schwanzwirbels zum Anus hin. 

In Groß' Archiv, Bd. IX, berichtet A. Groß über mehrere Fälle von 
Mord in denen er überwertige Ideen als veranlassend zur Mordtat an- 
nimmt, in allen Fällen sind Kleider oder Körperteile der Ermordeten in auf- 
fallender Weise herumgelegt oder vertragen worden. Er konnte bei einem 
Täter den Einfluß des Aberglaubens dahingehend feststellen, daß 

1. man jemand ungestraft Übles antun kann, wenn man ein Stück seines 
Kleides bei sich trägt; 

2. die überwertige Vorstellung, daß die „Betschwestern" „schwarze 
Kutten" trügen, die für ihn persönlich zum Aberglauben wird; 

3. glaubt er bei ihm das Herumlegen der Kleider auf abergläubische 
Motive zurückführen zu können. 

In Groß' Archiv, Bd. XII, S. 263, berichtet Micke über eine Bauers- 
frau in Bayern, die ein fremdes Huhn, das in ihren Stall geflogen ist, in 
dem Glauben es sei ein „Drud", lebendig im Ofen verbrennt, um weiterem 
Verhexen vorzubeugen. 

In Groß' Archiv, Bd. XV, S. 276, berichtet Knauer über einen 35jährig 
verheirateten Mann, wegen schwerer Diebstähle und versuchter Notzucht 
vorbestraft. Während der Strafzeit bestanden päderastische Neigungen, sonst 
hat er bis in die letzte Zeit normal mit seiner Frau verkehrt. Er mißbrauchte 
einen 5jährigen Knaben per femora, schnitt ihm dann den Bauch auf und 
entnahm Herz, Leber und Nieren. Er gab an: diese wollte er zerpulvern 
und dadurch die Gunst davon genießender weiblicher Wesen erwerben. Ferner 
hatte er die Geschlechtsteile fortgeschnitten. Im Zuchthaus war er als Kranken- 
wärter und bei Sektionen verwendet worden. 

In Groß' Archiv, Bd. XII, berichtet Halm über zwei von der Insel 
Sachalin entlaufene Kirgisen bei denen Stücke Menschenfleisch gefunden wur- 
den, die nachweisbar von zwei ebenfalls entlaufenen Sträflingen stammten. 

Herz, Leber und Finger waren entfernt worden. 

In Groß' Archiv, Bd. XXIII, berichtet Näcke nach den Leipziger Neue- 
sten Nachrichten folgende Notiz: 

„Ein Fall von scheußlichem Aberglauben ist in Machin bei Posen durch 
die Verhaftung des Eigentümers Ogrowowski enthüllt worden. Der Genannte 
hat nachts auf dem Friedhof Leichen ausgegraben, ihnen die Köpfe abge- 
schnitten und sie auch sonst verstümmelt. Die Leichenteile, von denen man 
eine Anzahl noch in seiner Wohnung fand, benutzte er in wahnwitzigem Aber- 
glauben zu Beschwörungen im Stalle, um Hexen und böse Geister zu vertreiben 
und das Vieh gesund zu erhalten." Dazu bemerkt Xäcke, ob vielleicht neben 
der Idee, daß der scheußliche Anblick der Totenköpfe die Geister vertreibe, 
nicht auch zugleich der ekelhafte Totengeruch die Geister bannen sollte. 

In Groß' Archiv, Bd. XXII, S. 276, äußert Näcke, daß bei der Ver- 
treibung böser Geister außer Lärm und Fratzen auch üble Gerüche eine 
Rolle spielen könnten. Zit. „So erklärte ich mir auch folgenden höchst auf- 
fallenden Gebrauch . . ., daß unter den Skulpturen am Eingangstor alter iri- 
scher Kirchen eine Frau ihre Genitalien exponiert . . . Und neulich sah ich 



Die Psychologie des Hasses und der Grausamkeit. 33 

erst in der ethnographischen Abteilung des naturhistorischen Museums in Wien 
eine kleine weibliche Holzfigur aus der ßüdsee oder Australien, die ihre Geni- 
talien exponiert und wie der Zettel sagt, zur Vertreibung böser Geister dienen 
sollte ... Es bleibt also nur die Erklärung übrig; gerade die Vulva ist der 
Ort der größten Unreinlichkeit und eines üblen Geruches . . . „Puzza la donna^, 
die „Frau stinkt", sagt mancher italienischer Verbrecher um seine päderasli- 
schen Neigungen zu beschönigen. Zwar wird auch der Penis als Amulett ge- 
tragen, aber nur gegen eine einzige Kategorie böser Mächte, den bösen 
Blick . • . und ergänzt in Groß' Archiv, Bd. XXIII, S. 370, wie folgt: 

Zit. Ganz durch Zufall las ich in Andrees „Ethnographische Paral- 
lelen und Vergleiche", Stuttgart 1878, S. 83, folgendes: 

_. . . ein Mittel gegen den Blutsauger ist . . . auch, wer ein mit Men- 
schenkot bestrichenes Tuch auf die Brust legt, bleibt von ihnen verschont", 
gemeint ist die mura , der Vampir der Tschechen , der nachts den Menschen 
das Blut aussaugt. Da die Farbe . . . nachts nicht zur Geltung kommen kann, 
so bleibt nur übrig, die bannende Wirkung auf die ekelhafte Ausdünstung zu 
schieben. 

Heilung, Der grumus merdae der Einbrecher, Anthropophyteia zit. 
II. Bd., 1905, spricht vom Verrichten der Notdurft der Einbrecher und sagt 
diesbezüglich: „...In der Regel werden wir diese Gewohnheit auf den 
Glauben zurückführen müssen, der Dieb könne so lange ungehindert seine 
verbrecherische Tätigkeit entfalten, als jener Haufen warm sei." ...Die 
bannende Wirkung also auch hier nur, so lange der Haufen riecht. 

Groß' Archiv, Bd. XVII, S. 169, berichtet Klicke: 

1. Über die Verwendung von Suppe aus Eulenfleisch gegen Leberleiden. 

2. Über die Verwendung von Igelfett gegen Kolik. 
Dabei wird der Tgel lebendig geschunden und geschmort. 

In Groß' Archiv, Bd. XV, S. 397, berichtet Amichl über folgenden Fall : 

Ein Bauer der an hartnäckigen Geschwüren leidet und Heilung durch 
Blutreinigung beim Verkehr mit einer Jungfrau erhofft, beschläft mit Wissen 
seiner Frau seine 19jährige unbescholtene Tochter einige Male. 

Bei der Einlieferung war der Vater geheilt. 

In Groß' Archiv, Bd. XXIV, berichtet Winter über den Glauben, daß 
eine bei Lebzeiten abgehackte Hand den Dieb unsichtbar und straflos mache. 
Dies führt zur Ermordung eines 5jährigen Knaben. 

In Gi-oß' Archiv, Bd. XXIV, berichtet A. Helluig über 9fachen Kindes- 
mord zum Zwecke des Schätzehebens. Der betreffende russische alte Bauer 
wollte , wie er angab , im ganzen 50 Kinder schlachten. Hellwig geht dann 
auf ähnliche Fälle ein, in denen der Glaube an die besondere Kraft des Blutes 
unschuldiger Kindlein eine Rolle spielt, besonders beim Schatzgraben. 

Jede einzelne dieser Handlungen wäre einer besonderen Analyse wert. 
Ich widerstehe dieser Versuchung. Aber diese Beispiele zeigen uns, wie 
groß die Rolle ist, welche die Grausamkeit im Aberglauben spielt 1 ). Bei 
dieser Gelegenheit möchte ich auch auf die verschiedenen religiösen Sekten 
hinweisen, wie sie besonders Friedmann' 1 ) beschrieben hat. Die schrecklichen 
religiösen Sekten, wie die der „Morel stschiki" in Sibirien, die sich gegen- 



') Vergl. auch Herbert Silberer: „Der Aberglaube". Verlag Ernst Bircher, Bern. 
"-) Über Wahnideen im Völkerleben. I. F. Bergmann 1911. 
Steke), StürnDgeu dos Trieb- und Affoktlobens. VIII. 3 



34 



Sadismus und Masocbismus. 



seitig in ganzen Scharen niederstachen, um sich Gott ganz darzubringen, 
die verschiedenen Morde zur Ehre Gottes, das Einmauern lebendiger 
Menschen möge man beim Autor nachlesen. 

Religion und Grausamkeit zeigen bekanntlich innige Beziehungen 
zueinander, die besonders deutlich, in den Sektenbildungen der Russen her- 
vortreten. Oft mengen sich masochistische und sadistische Motive. Die 
Flagellanten konnten mitunter auch sadistische Akte ausführen. Als Be- 
weis führe ich das Beispiel der russischen „Geißler" an. Die Sekte der 
Geißler lebte nach strengen Regeln der Askese. Sie tranken keinen Wein 
und berührten kein Weib. Mann und Frau sollten wie Bruder und Schwe- 
ster leben. Die Lehre sollte vor Fremden geheimgehalten werden. 

Jede Gemeinde hat ihren menschgewordenen Christus und ihre 
Madonna. Paul Mclnikof (Die weißen Tauben. Der russische Bote, 1869) 
erzählt von ihrem Abendmahl: 

Bei ihrer Versammlung erwählen die Geißler ein junges Mädchen und 
erklären ihr, sie sei die Gottesmutter; die Gemeinde wünsche mit ihrem Leib 
und dem des Heilandes, den sie gebären würde, das Abendmahl zu nehmen. 
Falls das Mädchen einwilligt, wird sie entkleidet und auf den Ehrenplatz ge- 
setzt. Die Anwesenden beten sie wie eine Gottesmutter an, und nach dem 
Schluß wird gebetet und die Orgie beginnt. Falls die Gottesmutter schwanger 
wird, dann versammelt sich die Gemeinde von neuem, das Mädchen wird völlig 
entkleidet und in eine Tonne gestellt, die mit Wasser gefüllt ist. Darauf wird 
ihr die linke Brust abgeschnitten und die klaffende Wunde mit glühendem 
Eisen gebrannt. Die abgeschnittene Brust wird in kleine Scheiben geschnitten, 
die die Geißler verzehren. Später, wenn die Gottesmutter einem Knaben das 
Leben gibt, wird derselbe erstochen und sein Blut beim Abendmahl getrunken, 
der Leib aber getrocknet und zu Staub zerstoßen. Dieses schauderhafte Pulver 
wird in den Brotteig geschüttet und verbacken; die Brote aber, welche auf 
diese Weise gewonnen werden, ersetzen beim Abendmahl den Leib Christi. 

Die Verbindung von Religion und Grausamkeit, die sich in den 
Riten der Religionen aller Völker und Zeiten nachweisen läßt, weist auf 
die gemeinsame Wurzel des Infantilismus hin. Die Psychologie der Masse 
liefert für unsere Untersuchungen die schönsten Beispiele. Le Bon hat mit 
Recht darauf aufmerksam gemacht, daß die Massenseele der Seele des Pri- 
mitiven und der Seele des Kindes entspricht. Der Mensch sinkt durch seine 
Zugehörigkeit zu einer organisierten Masse mehrere Stufen auf der Leiter 
der Zivilisation. Auch Freud geht in seinem Buche ..Massenpsychologie 
und Ichanalyse" J ) von Le Bons Schilderung der Massenseele aus und legt 
das Schwergewicht auf die Faszination der Masse durch einen Führer. 
Diese Faszination ist gleich der Hypnose eine blitzschnell eintretende Ver- 
liebtheit, welche auf Identifizierung mit dem Führer zurückzuführen ist. 
Der Führer ist eine „Imago" des Vaters. Schließlich kommt Freud auf 
sein Lieblingsthema zurück, auf die Urhorde. Er geht bekanntlich von 



') Int. psychoanalyt. Verl., Wien 1921. 



Die Psychologie des Hasses und der Grausamkeit. 35 

der Ansicht aus, daß in der Urhorde die Sühne ihren Vater ersehlagen 
haben. (Eine Ansicht, die ich nicht teilen kann. Ich glaube, die Väter der 
Urhorde würden ihre Söhne schon vorher beseitigt haben.) Der Führer ist 
der Vater und die Horde ist zu ihm bipolar eingestellt. Die Masse ersetzt 
das Ichideal durch ein Objekt, gleich wie die Hypnose. „Beide Zustände" 
— sagt Freud — , „Hypnose wie Massenbildung, sind Erbniederschläge 
aus der Phylogenese der menschlichen Libido, die Hypnose als Disposition, 
die Masse überdies als direktes Überbleibsel." 

Das Wichtigste bei der Beurteilung der Massenseele ist meiner An- 
sicht nach, die Regression auf die Urreaktionen. 

Die Masse zeigt die Urreaktionen, weil sie auf die Psyche des Ur- 
menschen regrediert, wie ich es in Band VI beschrieben habe. Das wich- 
tigste Gesetz der Massenpsychologie lautet: 

Die Masse sinkt auf den Standpunkt des am tiefsten Ste- 
henden. Sie nivelliert ihr Niveau nach unten. 

Es ist leichter eine Masse sinken zu machen als sie zu erheben. 
Der am tiefsten Stehende zeigt die primitivsten Reaktionen. Deshalb 
wird die Masse immer grausam werden, wenn sie auch schein- 
bar ihre Grausamkeit im Dienste einer höheren Idee verrichtet. 
Aber diese höhere Idee dient nur der Rationalisierung der Grausamkeit. 
Le Bon verweist darauf, daß das rassenmäßige Unbewußte hervor- 
tritt und das Heterogene im Homogenen versinkt 1 ). 

Die Kultur beruht auf der Fiktion, daß der andere besser ist als 
wir selbst. Wir wollen ethisch nicht hinter dem anderen zurückstehen. 
Wenn wir aber sehen, daß er den Mut hat, sich zu seinen niederen Im- 
pulsen zu bekennen, so verlieren wir die Scham und die Angst vor den 
Folgen. In der Masse verschwindet das Verantwortungsgefühl, das Macht- 
gefühl erhält eine ungeheure Verstärkung. Der Einzelne multipliziert sein 
Ich mit der ganzen Menge der Individuen, die mit ihm handeln. Das 
Gefühl der Minderwertigkeit verschwindet und es bildet sich ein Gefühl 
unüberwindlicher Macht heraus (Le Bon). Das Individuum wird zum Auto- 
maten, welcher dem Führer folgt. Die primitive Urreaktion äußert sich 
in Grausamkeit. 

Ich brauche keine Beispiele anzuführen. Wer die Tagesgeschichte 
der Massenbewegungen während und nach dem Kriege studiert hat, wird 
mir recht geben, wenn ich behaupte, daß sich hauptsächlich die sadisti- 
schen Züge, der Hang nach Grausamkeit, der Zerstörungstrieb in sinnloser, 
brutaler, jede Errungenschaft der Kultur verhöhnender Weise äußern. 

Man überschätzt den Einfluß des Führers. Oft hat die Masse keinen 
Führer. Es handelt sich nur um den ersten, der den Impuls erweckt und 





*) Treffend sagt Heine: „Niemals habt Ihr mich verstanden — niemals auch ver- 
stand ich Euch; — nur wenn wir im Kot uns fanden. — da verstanden wir uns gleich. 11 

3* 



36 



Sadismus und Masochisintis. 



das Beispiel gibt. Besonders deutlich tritt dann der brutale, sinnlose 
Zerstörungstrieb hervor. Die Beobachtung der Massenseele zeigt uns mit 
unwiderleglicher Beweiskraft die sadistische Bereitschaft der Menschen. 
Die Grausamkeit liegt in der menschlichen Seele sprungbereit wie eine 
Bestie, die gefesselt ist. „Wehe wenn sie losgelassen, wachsend ohne Wider- 
stand!" Ein dünner Kulturfirnis deckt die atavistischen Instinkte. 

Mit Recht behauptet Lessing, daß nichts rascher ist als der Über- 
gang vom Guten zum Bösen. Der Verführer findet den stärksten Bundes- 
genossen in unserer Brust. Niemals könnten Kino und Schundliteratur 
auf unsere Jugend einen so verhängnisvollen Einfluß ausüben, wenn nicht 
diese Neigung zur Regression vorhanden wäre. 

Ein instruktives Beispiel einer solchen Regression zum Leben der 
Naturvölker bietet der von Weimann mitgeteilte Fall eines jugendlichen 
Sadisten, der einen Indianer spielte. 

„Im August 1921 wurde in Jena ein zehnjähriges Mädchen vermißt. 
Man hat sie zuletzt mit dem siebenundzwanzigjährigen Arbeiter Willy Wenzel 
gesehen. Es war dies einer der Führer in den kommunistischen Jugendvereinen 
Jenas und er erfreute sieh einer großen Beliebtheit unter den anderen Ver- 
einsmitgliedern. Er war eine eigenartige Persönlichkeit, klein, untersetzt, 
hinkte stark infolge eines alten Hüftleidens und hatte langes wallendes, 
blondes Haar. Man nannte ihn unter seinen Wanderkameraden den „schönen 
Willy". Der Polizei war er schon lange bekannt wegen Hehlerei bei einem 
größeren Diebstahl, dann aber besonders, weil in den letzten Jahren in Jena 
eine ganze Reihe von Personen männlichen und weiblichen Geschlechts spurlos 
verschwunden waren, die alle mit ihm in näherer Beziehung gestanden hatten. 
Als das Verschwinden des zehnjährigen Mädchens bekannt geworden war. 
wurde W. sofort verhaftet. Er leugnete zuerst alles. Später gestand er, fünf 
Menschen in den letzten Jahren ermordet zu haben. Die Leichen hatte er 
neben seinem Grundstück vergraben, wo sie auch gefunden wurden. Erwähnt 
sei noch, daß er beim Ausgraben der Leichen kaltblütig, rauchend und Äpfel 
essend, zusah, aber bei den Angriffen des Publikums sehr ängstlich war. Durch 
den Selbstmord des W. im Gefängnis ist die psychologische Klärung des Falles 
erschwert, gelingt aber bis zu einem gewissen Grad aus den Leichenfunden 
und dem Nachlaß des Mörders. 

Die Untersuchung der Opfer ergab grauenhafte Einzelheiten; beim Durch- 
suchen des dem Mörder gehörigen Berggrundstückes wurden wichtige Ent- 
deckungen gemacht, die weitere Aufklärungen über die Morde des W. brachten. 
Man gelangte nämlich vom Boden eines Kaninchenstalles durch eine Falltür 
und einen unterirdischen Gang in ein 2 m langes und hohes, lVs m breites 
Felsengewölbe. An der einen Wand war eine Bank angebracht. In der Mitte 
stand eine sargartige Kiste. Der Deckel derselben war frisch abgewaschen, ihr 
Boden mit frischem Blut durchtränkt. Außerdem fanden sich im Gewölbe ver- 
rostete Haarnadeln und Dietriche nebst einer Patronenhülse, in die das im 
Schädel des einen Opfers aufgefundene Bleigeschoß paßte. Man kann aus diesem 
Funde mit Sicherheit schließen, daß alle Opfer in diesem dazu besonders ge- 
eigneten Felsengewölbe ermordet sind. Die übrigen von W. bewohnten Räume 
glichen einem Indianerlager. Die Wände waren dicht behängt mit den mannig- 



Die Psychologie des Hasses und der Grausamkeit. 37 

fachsten Waffen und Ausrüstungsgegenständen von Indianern. Außerdem fanden 
sich ein ganzes Arsenal von Militärwaffen und große Mengen Munition, 
überall hingen phantastische Bilder, meist sadistische und gran- 
same Szenen aus dem Indianerleben, Tier- und Gladiatorenkämpfe, 
Christenverfolgungen etc. Ähnlich ist auch der Inhalt von zwei großen 
Bildersammlungen, die W. besaß. Jede enthält an erster Stelle die eigene Photo- 
graphie des W., ihn mit energischem Gesichtsausdruck darstellend. Die Bilder 
sind teils Naturaufnahmen und Szenen aus dem Wanderleben der Jugendvereine, 
teils Postkarten mit sadistischen oder vereinzelt erotischen Darstellungen. Da- 
neben sind auch eine ganze Reihe merkwürdiger Gruppenaufnahmen 
vorhanden, die er selbst mit einer Schar von Freunden inszeniert hat, 
meist grausame und sadistische Szenen aus dem Indianerleben. 
Alle Teilnehmer sind mit zahlreichen Waffen behangen. Man dringt 
mit wilden Gebärden und angelegten Gewehren durchs Dickicht, oder einer 
der Darsteller ist nackt als Schlachtopfer auf eine Bank oder an einen Baum 
gefesselt. Die anderen umgeben ihn, ebenfalls halb entkleidet, schreiend und 
mit Messer auf ihn losstechend. W. selbst spielt bei diesen Gruppenaufnahmen 
die Hauptrolle, steht immer im Vordergrund, so daß er die anderen überragt, 
besonders gut sichtbar ist, und sucht durch Mimik, Körperhaltung und Au- 
spannen der Muskulatur einen möglichst kraftvollen und brutalen Eindruck zu 
machen. Von seinen Freunden, meist jünger als er, wurde er als „Häuptling 
Bosko" verehrt. Schon die Inszenierung der sadistischen Gruppen- 
aufnahmen beweist, wie diese Menschen vollkommen in seinen 
Ideen aufgingen. Auch ihre zahlreichen, sämtlich im Indianerstil gehaltenen 
und zum Teil übrigens ausgesprochen schwachsinnigen Briefe zeigen dies sehr 
deutlich. So schrieb einer seiner Freunde von einer Fliegerstation den folgenden 
auszugsweise wiedergegebenen Brief: „Großer Häuptling Bosko! Endlich kommt 
der weiße Biber dazu, seinen Freunden zu schreiben. Ja, ja, der weiße Biber 
hat schlechte Feiertage verlebt . . . Und es kommt wieder die Zeit, daß der 
weiße Biber bei seinen roten Brüdern ist und alle Gefahren mit ihnen teilt. 
Und er sagt seinen Brüdern, sie sollen nur nicht nachlassen, wenn auch zwei 
ihrer Krieger bei den Blaßgesichtern für nichts und wieder nichts arbeiten . . . 
Denn es ist die Zeit, wo in den Herzen der roten Brüder die Jagdlust er- 
wacht . . . Auch bei den weißen Hunden erwacht in mir die Wanderlust . . . 
Der weiße Biber schließt in der Hoffnung, bald wieder mit seinen roten Brü- 
dern zusammen zu sein und unter dem Befehl des großen Häuptlings die 
Wälder zu durchstreifen etc." 

Auch ein Tagebuch des W. wurde gefunden, das seiner Jugendzeit bis 
zum 17. Lebensjahre angehört. Es zeigt, daß Naturliebe und Freude an Grau- 
samkeiten, die später sein Leben völlig beherrschten, schon in frühester Jugend 
bei ihm sehr stark ausgeprägt waren und durch den Einfluß des ebenso 
veranlagten Vaters verstärkt wurden. Es ist natürlich, daß diese Eigen- 
schaften ihn besonderes Gefallen am Indianerleben finden ließen, wo er sie 
ausgiebig betätigen konnte. Normalerweise wäre dieser Haug zum Indianer- 
leben, den viele Knaben aufweisen, bei ihm in der Pubertät verschwunden 
und hätte anderen Interessen Platz gemacht. Dies trat bei ihm nicht ein, viel- 
mehr hielt er nicht nur über die Pubertät hinaus an, sondern verstärkte sich 
so, daß W. schließlich völlig das Leben der Naturvölker führte und 
nur im Beruf arbeitete, um die Ausgaben für seine Liebhabereien bestreiten 
zu können. Es handelt 6ich bei W. um ein Fortbestehen schon in seiner Kind- 
heit stark ausgeprägter Eigenschaften über die Pubertät hinaus, durch die sein 



38 Sadismus und Masochismus. 

weiterei- Lebenswandel bestimmt wurde. Daß allerdings diese Eigenschaften 
später so stark wurden, sein ganzes Leben beherrschten und alles andere ver- 
drängten, ist auffällig und wohl nur auf Grund eines ausgesprochenen, bei 
ihm vorhandenen Schwachsinns möglich gewesen, der ja auch sonst in seinem 
kindlichen Gebaren bei der Arbeit, seinem gesteigerten Persönlichkeitsbewußt- 
sein bei seiner Rolle als Indianerhäuptling zutage tritt. 

Auch das von Krüpelin betonte atavistische, aus der fernsten Ferne der 
Menschheit fortbestehende Moment, das Triebartige und der Mangel jeder 
Hemmung ist in der Verbindung der sexuellen Grausamkeit, des Sadismus, 
mit der Frende am Leben der Naturvölker und besonders der Indianer sehr 
deutlich ausgeprägt. 

Eigentümlichkeiten des Kindes, Grausamkeit, Roheit, Fehlen des Mitleids, 
die später in der Pubertät normal verschwinden, bleiben bei abnormen Men- 
schen persistent, verstärken sich und können das ganze Affektleben beherr- 
schen. Kräpelin sieht in den Rohlingen auf sexuellem Gebiet, besonders beim 
Sadismus, eine Art von Atavismus, ein Hervortreten alter, bei unseren Ur- 
ahnen vorhandenen Eigenschaften, die bei diesen psychopathischen und häufig 
auch sonst in ihrer psychischen Entwicklung zurückgebliebenen Individuen 
durch Fehlen normaler Hemmungsmechanismen manifest werden." 

Dieser Fall zeigt uns in plastischer und grauenhafter Klarheit den 
Einfluß des Führers auf eine Gruppe von Menschen. Es handelt sich um 
die blutrünstige Romantik des Indianerlebens. Der Fall liefert auch einen 
interessanten Beitrag zur Psychologie des Führers. W. wird als klein 
untersetzt und in Folge eines alten Hüftleidens hinkend dargestellt. Das 
Minderwertigkeitsgefühl des Krüppels wird durch den Machtrausch des 
Führers überkompeusiert. Sein Haß ist der Haß des Mißgestalteten gegen 
die Normalen. Wiederholt konnte ich die Persistenz der ursprünglich sa- 
distischen Anlage bei Verkrüppelten oder sonst von der Natur stief- 
mütterlich Bedachten feststellen. (Warum muß gerade ich so mißgestaltet 
sein.) Mit großer Meisterschaft läßt Shakespeare das Scheusal Richard III. 
einen Krüppel sein. („And therefore, since I cannot prove a lover, — to 
entertain these fair well-spoken days, — I am determined to prove a 
villain, — and hate the idle pleasures of these days.") Die Regression 
zur Vergangenheit zeigen auch andere soziale Epidemien, die mit stark 
betonter Haßeinstellung, Grausamkeit und Zerstörungstrieb einhergehen. 
Ein schönes Beispiel, die Faschisten, welche um 2000 Jahre regredieren 
der amerikanische Geheimbund der Ku-Klux-Klan, welche die mittelalter- 
liche Fehme wieder eingeführt haben. Von anderen Beispielen zu schweigen. 
Exempla sunt odiosa. Aber überall wird man den politischen Mord und 
die Beteilung psychopathischer Minderwertigkeiten beobachten können, 
was selbstverständlich nicht ausschließt, daß sich bedeutende und normale 
Menschen der Bewegung anschließen und sie für ihre Zwecke ausnützen. 
Die Grausamkeit der pathologischen Individuen läßt sich nur als 
Persistenz oder Durchbruch der allen Menschen gegebenen primitiven An- 
lagen verstehen. Psychbpathische Minderwertigkeiten sind Entwicklungs- 



Die Psychologie des Hasses und der Grausamkeit. 39 

hemraungen oder Regressionen. Der Normale aber verdeckt oder sublim iert. 
seine infantile Grausamkeit, er fügt sich in die Forderungen der Kultur ; 
aber in seinem Innern bleibt er grausam. 

Ich müßte Bekanntes wiederholen, wenn ich hier die Grausamkeit 
des Normalmenschen besprechen wollte. 

Ist dem normalen Menschen schon von Natur aus ein Stück 
Grausamkeit gegeben, so werden wir verstehen, daß unter besonderen 
Umständen und bei Menschen, welche als Rückschlagserscheinung ein 
stärkeres Triebleben mitbekommen haben, diese Grausamkeit krankhafte 
Erscheinungen zeitigen kann. Dazu kommt die von vielen Forschern 
(Krafft-Ebing, Eulenburg, Havelock-Ellis, Moll u. a.) betonte Tatsache, daß 
der normale Geschlechtstrieb immer mit einer mehr oder minder betonten 
Grausamkeit verknüpft ist. Das wird uns nicht wundern, wenn wir uns 
vor Augen halten, daß Liebe und Haß der Ausdruck eines und desselben 
Triebes sind, und daß zwischen zwei Partnern ein beständiger Kampf 
zwischen Willen zur Macht und Willen zur Unterwerfung stattfindet. Ich 
spreche nicht vom Kampf der Geschlechter, da grausame Regungen auch 
zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern vorkommen, und zwar gar nicht 
so selten, wie ich in Band II, 3. Auflage, Kapitel XII („Homosexualität 
und Sadismus") gezeigt habe. 

Es ist hier nicht der Platz über die Beziehungen zwischen Wollust 
und Grausamkeit zu sprechen. Sie finden sich in den erwähnten Büchern 
ausführlich beschrieben. Die Tatsache des Liebesbisses allein genügt schon 
um diese Zusammenhänge aufzuweisen. 

Allerdings ist zu berücksichtigen, daß diese Bestrebungen, den Partner 
zu drücken, zu kneifen, zu quetschen, zu beißen nicht allein auf das 
Bestreben zurückzuführen sind, ihn unsere Macht, und Stärke fühlen zu 
lassen und ihm Schmerzen zu bereiten. Man muß in Betracht ziehen, 
daß bei einer starken Affektentladung der Schmerz gar nicht als Schmerz 
gefühlt wird. Jähzornige ziehen sich Wunden zu und merken es gar nicht. 
Verwundete Soldaten berichten ähnliche Phänomene, wenn die Verwundung 
im Stadium affektativer Erregung stattgefunden hat. Es handelt sich bei 
vielen Grausamkeiten im Liebesspiel um starke Reize, da die sanften gar nicht 
perzipiert werden. Die Liebeskunst der Inder benützt verschiedene Griffe 
(z. B. Gebrauch der Nägel bei den Mammen und Mammillen) , die nur 
dazu dienen, die Lust zu steigern, da sanfte Reize in den Wogen der 
Erregung nicht zum Bewußtsein gelangen. 

Der Schmerz wird bei affektativer Hochspannung nicht 
als Schmerz sondern als Nervenreiz empfunden. 

Auch wissen wir, daß Schmerz und Lust die gleichen Bahnen benutzen. 
Derselbe Reiz, der Lust erzeugt (Streicheln), kann gesteigert. Schmerzen 



40 Sadismus und Masochismus. 

bereiten (Schlagen)»). Die affektative Erregung verändert den Charakter 
des Schmerzes und wandelt ihn zur Lust. Jedermann, der sich einen Zahn 
hat ziehen lassen, kann bestätigen, daß es Momente gibt, wo der Schmerz 
zur Lust wird oder von Lust gar nicht zu unterscheiden ist. Allerdings 
kommt das Phänomen nur zustande, wenn die innere Erregung diese 
Umschaltung ermöglicht. 

Wir kommen nun zu dem Kernpunkt der Frage. Was sollen wir 
unter Sadismus und Masochismus verstehen, den beiden Haßparapathien, 
deren Darstellung den Inhalt dieses Buches bildet? 

Der Sadismus und seine polare Ergänzung der Masochismus sind den 
Lesern dieses Werkes nicht unbekannt. Wir haben sie in den vorher- 
gehenden Länden eingehend besprochen und konnten in jedem Falle einer 
Parapathie die sadistische Komponente, d. h. den Haß als treibendes Motiv 
ebenso nachweisen, wie die Umwandlung dieses Hasses in Schuldbewußtsein, 
das Leiden als Selbstbestrafung. Ich verweise auf die Christusparapathie, 
um nur ein Beispiel zu nennen, bei dem das Leiden der Parapathie als 
Überkompensation einer ursprünglichen sadistischen Einstellung gezeigt 
wurde. (Was für ein starker Hasser muß ursprünglich ein Prophet gewesen 
sein, daß er schließlich eine Eeligion der Menschenliebe gegründet hat!) 
Aber es ist ein Unterschied zwischen sado-masochistischen Zügen in einem 
Krankheitsbilde und der Dominierung desselben durch den erwähnten 
Komplex. Insoferne die Parapathien Regressionen in das Infantile darstellen, 
müssen sie naturgemäß auch die sadistischen Linien besetzen, welche der 
Kindheit allgemein eigen sind. 

Der Sadismus und der Masochismus sind keine eigenartigen 
Paraphilien, sie sind nur eine bestimmte Form des psychosexu- 
ellen Infantilismus. Sie haben sehr viel gemein mit jenen absonderlichen 
Fiktionen, die ich als Fetischismus beschrieben habe und sie führen logisch 
zur Zwangsparapathie, welche den exquisiten Typus einer Haßparapathie 
darstellt. Allerdings ist bei der Zwangsparapathie der ursprüngliche Sadismus 
und auch seine Reaktionsbildung, der Masochismus, so mit parapathischen 
Symptomen überwuchert, daß es erst der Analyse gelingt, hinter den 
wunderlichen Erscheinungen die Wirkungen des Hasses und des Gewissens 
nachzuweisen. 

Wir werden daher kaum einen unkomplizierten Fall von Sadismus 
oder Masochismus finden. Wir müssen darauf gefaßt sein, verschiedene Teile 
des psychosexuellen Infantilismus, mitunter fast das ganze Programm zu finden : 
Homosexualität, Anal- und Urinsexualität, Narzißmus, Zoophilie usw. . . . 

') Die Lust beim Gekitzeltwerden kann in die größte Marter übergehen. (Siehe 
Martern der Bauern im dreißigjährigen Kriege durcli die Kitzelprozednr und ähnliche 
•Szenen bei Oktave Mirbeau ..Le jardin de suppüce*.) 



Die Psychologie des Hasses und der Grausamkeit. 41 

Die analytische Erfahrung zeigt, daß die echten Fälle von 
Sado-Masochismus insoferne dem Fetischismus gleichen, als das 
Endresultat eine Flucht vor dem normalen Geschlechtsverkehr 
darstellt. 

Wenn ein Geschlechtsverkehr am Schlüsse der sado-masochistischen 
Prozedur stattfindet, so ist es eigentlich eine Ausnahme. Es handelt sich um 
Zwischenstufen und Ubergangsfälle, wie wir sie auch beim Fetischismus 
konstatieren konnten. Aber in allen Fällen wird sich eine deutlich aske- 
tische Tendenz nachweisen lassen, welche als einzige Ausnahme den 
Verkehr mit Dirnen gelten läßt, die anständige Frau aus dem System 
der Realität ausschaltet, während ihr in der Phantasie ein großer Spielraum 
gewährt wird. 

Ich verstehe also unter Sadismus eine Paraphilie, bei 
welcher der Wille zur Macht sexuell betont wird. 

Der Masochismus ist die Paraphilie, bei welcher der Wille 
zur Unterwerfung sexuell betont ist. 

Beide Paraphilien sind Ausdruck eines sexuellen Infanti- 
lismus und dienen dazu, den normalen Geschlechtsbeziehungen 
auszuweichen und asketische Tendenzen zu maskieren. 

Diese asketischen Tendenzen entspringen einer starken Religiosität, 
die sich teils positiv als Glauben oder negativ als Blasphemie und Gotteshaß 
äußern können, wofür z. B. de Sade ein ausgezeichnetes Beispiel abgibt, 
Ich sehe keinen Grund, weshalb ich auf die eingeführten Namen verzichten 
soll. Der Vorschlag Schrenk-Xolzings sie „Algolagnie" zu nennen, erschöpft 
nicht das Wesen der Krankheit. Es gibt zahlreiche Masochisten, welche 
nur aus dem Gefühl der Demütigung, Lust schöpfen, andrerseits Sadisten, 
welche den Partner in einer demütigen Situation mit Lustgefühlen phan- 
tasieren, ohne ihm körperliche Schmerzen zu verursachen. Auch die anderen 
Namen entsprechen nicht dem Wesen der Krankheit. Wir könnten höchstens, 
die deutschen Ausdrücke „Machtparapathie" (Schmerzparapathie) und 
l'nterwerfungsparapathie annehmen. Die Freudschule hat auf den Zusammen- 
hang des Sadismus mit der Analsexualitiit {Sadgcr mit der vermehrten 
Hautmuskel- und Schleimhauterotik) und dem Kastrationskomplex hinge- 
wiesen. Es ist selbstverständlich, daß sich in jedem Falle von psycho- 
sexuellem Infantilismus Analsexualität und in jedem Falle von Sadismus 
mehr oder minder betonte Kastrationswiinsche werden nachweisen lassen. 
Sie gehören zum Bilde des Infantilismus und haben ursächlich keinen 
Zusammenhang mit dem Sadismus, sie sind keine determinierende Kraft. 

Auch der originellen Arbeit von Federn 1 ) sei hier gedacht. Er hält 
mit Recht die Begriffe „weiblich" und ?; masochistisclr\ ebenso wie „passiv" 



*u 



') Beiträge zur Analyse des Sadismus und Masochismus ; die libidinösen Quellen 
des Masochismus. Int. Zeitschr. f. P.-A., Bd. II. 



42 



Sadismus und Masochismus. 



und ,.masochistisch" auseinander. Von Masochismus habe man das 
Recht zu sprechen, wenn sexuelle Lust aus einem nicht sexuellen 
Erlebnis geschöpft werde. In gleicher Weise unterscheidet sich der 
Sadismus von der aktiven Sexualkomponente dadurch, daß die Quelle der 
sexuellen Lust von der sexuellen Ausübung auf die Aggression verschoben 
wurde. Besitzergreifung und Schmerzzufügung sind Eigenzweck. Und nun 
kommt der Sprung ins Organische! Die sadistischen Regungen entstehen 
durch unbewußte Umwandlung von infantilen objektlosen Spannungsgefühlen 
im Penis — als ein funktionales Symbol im Sinne von Silberer, so daß der 
Sadismus nach Federn ein funktionales, somatisches und materiales 
Phänomen ist. Das sadistische Sexualgefühl äußert sich als sexuelle Erregung 
am Penis gegen die Glans zu; der Masochist hat die Oberfläche des Penis 
anästhetisch, die masochistische Erregung ist größtenteils um das Perinäum 
lokalisiert. Natürlich kommt noch die Libidotheorie dazu. Die Libido des 
Masochisten ist passiv, die des Sadisten aktiv gerichtet. Federn betont, 
daß es sich um das Vorauseilen eines Partialtriebes handelt. Beim Maso- 
chismus ergreifen die passiven Partialtriebe das Primat. 

Freud hingegen legt Wert auf die erogene Zone der Haut, was von 
Ferenczi bestätigt wird, der die Hautdecke ..genitalisieren" läßt, so daß 
der ursprüngliche Urmasochismus, d. h. der infantile Hautmasochismus 
wiederbelebt wird. 

Beide Autoren Federn und Ferenczi begehen den Fehler, einen 
primären Masochismus anzunehmen, während Freud von einem primären 
Sadismus ausgeht, der infolge eines Schuldgefühles zu Masochismus wird, 
womit er sich meiner Anschauung nähert. 

Bevor wir das Wesen der Aktivität und Passivität näher beleuchten, 
müssen wir uns mit dem wichtigsten Problem der besprochenen Materie 
befassen. Es ist dies das Problem des Widerstandes. 



III. 

Die Lehre vom Widerstand. 

l/hommc nc marque dans la vie 
qu'en dominanl Ic caractt-rc que lui 
a dormo la naturc, ou en s'en crcant 
un par l'education et sachant le 
modifier suivant les obstacles, qiril 
rencontre. Napoleon. 

Es gibt zwei Typen im menschlichen Leben, welche man gewöhnlich 
die aktiven und die passiven, oder in schematischer Anlehnung an pro- 
minente seelische Geschlechtsmerkmale die männlichen und die weiblichen 
zu nennen pflegt. Sie unterscheiden sich aber nur durch die Art, wie sie 
auf Widerstände reagieren. Den einen reizt der Widerstand, den andern 
entmutigt er. Der erstere sucht immer oder meistens das Objekt des 
größten Widerstandes, der andere richtet sich nach dem Gesetz des 
geringsten Widerstandes. Um nur ein Beispiel zu nehmen: Es gibt einen 
Don Juan der Tat, den nur der allergrößte Widerstand reizt: die ehrbare 
unnahbare Frau, die behütete Jungfrau, die keusche, noch keiner Ver- 
suchung Unterlegene, Der Don Juan der Phantasie wendet sich an die Dirne, die 
er kaufen kann und nicht erobern muß. Das Problem des Widerstandes ist 
bei dem letzteren in der Praxis ganz ausgeschaltet. So dürfte er auch sonst 
im Leben handeln. Wir sagen dann, er sei keine streitbare, keine aggressive 
Natur, er fürchte die Blamagen und Niederlagen. Die Erfahrung zeigt, 
daß auch der zweite Typus Widerstände zu bekämpfen hat. Ehe er zur 
Dirne geht, muß er einen heftigen Kampf auskämpfen, wie wir an einem 
sehr schönen Beispiel eines Masochisten zeigen werden. Er hat die Wider- 
stände nach innen verlegt. Vielleicht ist allen Menschen ein gleiches Maß 
von Agressivität zuteil worden. Der eine kann sie nach außen gegen die 
Welt, der zweite nur gegen sich selbst verwenden. 

Kein Psychologe hat eine so günstige Gelegenheit den Widerstand 
und seine Gesetze zu beobachten, wie der Analytiker. Das Geheimnis 
unserer Erfolge besteht in der Überwindung der Widerstände. Jener Ana- 
lytiker ist der erfolgreichste, der es versteht, die Widerstände am schnell- 
sten und gründlichsten aufzuheben. Der Widerstand ist nur ein polares 
Symptom einer eigenartigen Erscheinung, die Freud „Übertragung" ge- 
nannt hat. Der Kranke verliebt sich in den Arzt. Wir wissen, was das 



44 Sadismus und Masochismus. 

heißt. Liebe ist der Wille zur Unterwerfung. Er ist also bereit, sich dem 
Arzte zu unterwerfen, d. h. seinen Widerstand aufzugeben. Nur der Liebende 
kennt den Widerstand nicht. Das Geheimnis der Übertragung ist in der 
Formel enthalten: „Dir gegenüber darf ich keinen Widerstand 
haben!"' 

Nun zeigt die Erfahrung, daß diese Übertragung sehr bald zur 
Quelle des Widerstandes wird. Liebe ist doch nur ein Werben um Gegen- 
liebe, ein „Do, ut des*. Merkt der Patient, daß die Gegenliebe ausbfeibt 
oder daß sie nicht jenes Maß erreicht, das er erwartet, so stellt sich an 
Stelle der Liebe ein Trotz ein, der sich wieder als heftiger Widerstand 
äußert. Adler hat darauf aufmerksam gemacht, daß der Parapathiker 
mit Trotz oder mit Gehorsam reagiert. Oft kombinieren sich beide Reaktions- 
formen, was das Bild noch verwirrter macht. Unter einem scheinbaren 
Gehorsam verbirgt sich ein heftiger, unbeugsamer Trotz. (Der Kranke 
bringt eine unübersehbare Fülle von Träumen, seine Assoziationen gehen 
ins Uferlose, er produziert eine unerschöpfliche Reihe von Erinnerungen, 
die ihm sehr wichtig vorkommen, in Wirklichkeit aber sehr belanglos 
sind, oder er geht auf eine nebensächliche Anregung des Analytikers ein 
und führt ihn in eine Sackgasse.) 

Die gleichen Reaktionen Trotz und Gehorsam zeigt das Kind. Auch 
das Kind kann hinter einem übertriebenen Gehorsam seinen Trotz ver- 
bergen. (Imperativ der Eltern: Du sollst fleißig sein. Der Fleiß wird zu 
einer Fleißmanie, so daß das Kind weder ausgeht, noch Zeit zum Schlafen 
hat.) Gehorsam ist das Aufgeben des Widerstandes, Trotz die Errichtung 
neuer Widerstände. Dieser Widerstand ist äußerlich aktiv. Wir haben ja 
in den letzten Jahren das Gesetz des Widerstandes (der passiven Resistenz) 
genügend beobachten können. Aktivität und Trotz zeigen große Unterschiede. 
Der Trotz ist die Reaktion auf die Aktivität (Aggression) der Umgebung. 
Er kann sich dann aktiv oder passiv äußern und dient der Verteidigungs- 
tendenz des Ich. Jeder Widerstand zeigt uns das Ich fdas Eigene) im 
Kampfe mit dem Fremden. 

Ich habe früher gesagt: das Kind ist mit Haß zur Umwelt eingestellt. 
Ich kann jetzt einen Schritt weiter gehen. Dieser Haß äußert sich als 
Trotz, als Widerstand. Denn Haß ist Wille zur Macht und Liebe ist Wille 
zur Unterwerfung. Wo Liebe unterwerfen will, da wirkt die Haßkomponente 
mit. Dieser Widerstand richtet sich wesentlich gegen die Gefahr, daß das 
Fremde unsere Lust stört und uns Unlust bereitet. „Der Feind" ist der 
Störer unserer Lust. Unser Haß wird auf ihn projiziert, so daß wir an- 
nehmen, er hasse uns. Der Widerstand dient der Verhütung von Unlust. 
Hat das Kind aber gelernt, den fremden Widerstand gegen seine Wünsche 
zu überwinden, so merkt es bald, daß diese Überwindung die eigene Lust 
gewährleiste und schließlich selbst zur Lust werden kann, weil der erfüllte 



Die Lehre vom Widerstand. 45 

Wille zur Macht ausgesprochenen Lustcharakter erhält. Es ist dies die 
Lust, die aus dem Ichgefühl, aus der Behauptung der Persönlichkeit stammt. 
Dieses Ichgefühl kann sich bis zum „Persönlichkeitsrausch" steigern. Die 
Entstehung des Persönlichkeitsgefühles ist noch immer nicht genügend 
erforscht. Wir wissen, dalJ die Kinder ursprünglich von sich in der dritten 
Person sprechen. (Fred — soll Alfred heißen — will essen!). Eines 
Tages erwacht das Ichgefühl und das Kind sagt: Ich will essen. Wie 
kommt das Kind zur Erkenntnis der eigenen Persönlichkeit': 1 Offenbar 
durch den ersten Konflikt mit der Umgebung, der ihm bewußt wird, so 
daß es statt der Identifizierung mit der Pflegeperson eine Differenzierung 
vornimmt. Dieser Konflikt wird in dieser Zeit immer durch die Unter- 
drückung des Trieblebens verursacht. 

Zu den stärksten Triebregungen des Kindes gehören die sexuellen. 
Das Kind liebt die Umgebung, wenn sie ihm Lust bereitet Es verlangt 
von ihr Lust und immer wieder Lust. Zumindest will es in seiner Lust nicht 
gestört werden. Nehmen wir den Fall eines Kindes, das onaniert. Es ver- 
schafft sich autoerotische Lust und will darin nicht gestört werden. Nun 
setzt die Erziehung ein und verhindert das Kind, Lust aus der Miktion, 
aus der Defäkation und aus der Onanie zu schöpfen. Die Folge ist eine 
trotzige Haßeinstellung zur Umgebung, welche diese Widerstände heraus- 
gefordert hat. Auch später arbeitet das Fremde im gleichen Sinne. Gegen 
den Geschlechtstrieb werden die Dämme der Moral und der Warnung auf- 
gerichtet, es werden dem Kinde innere Widerstände geschaffen. 

Ich konnte an zahllosen Beobachtungen nachweisen, daß affektative 
Haßeinstellungen gegen die Eltern aus dem ersten Onanieverbote oder 
aus der Störung einer Aggression, also aus dem Widerstände stammen. 
Diese Menschen werden erwachsen und an einer Parapathie leidend in 
der Analyse den gleichen Widerstand entwickeln, weil ja die Analyse 
immer wieder die parallele Situation zeigt. 

Der Analysierte drängt den Arzt in die gleiche Konstel- 
lation, wie sie mit Personen bestand, die ihn in die Parapathie 
getrieben haben. 

So sagte mir eine polygamisch veranlagte Dame, die viel flirtet, in 
der Ehe anästhetisch ist und von einem Verehrer hart bedrängt wird, 
sich hinzugeben: „Ich glaube, wenn Sie mir raten würden, ein Verhältnis 
einzugehen, würde ich gesund sein!" In der Kindheit hatte sie der Vater 
hart getadelt und auch einmal geschlagen, weil sie sich mit Burschen 
herumtrieb. Ich soll jetzt ein besserer Vater sein und den alten Imperativ 
aufheben. Aber die Determination ist noch tiefer. Sie trieb sich mit den 
Burschen herum, weil sie den Vater liebte und sich von ihm vernach- 
lässigt fühlte. Ein mit 17 Jahren belauschter Koitus der Eltern war der 
stärkste Eindruck ihres Lebens und reaktivierte die alte Elektra-Einstellung 



46 



Sadismus und Masochismus. 



Daher heißt ihr Widerstand in der Analyse: „Wenn du mir die Liebes- 
befriedigung nicht gibst, die ich verlange, so gestatte mir wenigstens, einen 
Geliebten zu nehmen." — Die Dame ist beim Koitus unempfindlich, sie 
kommt bei manueller Reizung und beim Kusse zum Genuß. Die Auf- 
forderung an mich, ihr den Genuß zu verschaffen, heißt, ich solle mit ihr 
spielen und sie küssen. Ihr Widerstand in den betreffenden Tagen der 
Analyse kommt daher, daß sie diese ..Urreaktion" (siehe Band VI) ver- 
bergen muß. 

Wir kommen hier auf das Phänomen der Urreaktion. Der andere, 
der Fremde hat nur eine Berechtigung, wenn er uns Lust verschafft, d. b. 
mit uns spielt. Die Erwartung dieser Urreaktion ist das erste Zeichen 
und die erste Quelle des Widerstandes, enthüllt uns aber zugleich das 
Wesen eines jeden Widerstandes. Es ist der Widerstand gegen unsere 
eigenen geheimen Wünsche. Die erwähnte Dame träumte in der betreffenden' 
Phase des Widerstandes: ..Ich war bei einem Arzte Dr. R. (Ein älterer 
Arzt, der ihr den Hof macht und ihr geraten hat, ein Verhältnis einzu- 
gehen, um gesund zu Averden.) Ein anderer Arzt kommt herein, er küßt 
mich, ich lasse mir alles ohne Widerstand gefallen. - ' 

Der Traum räumt einen Teil der Widerstände hinweg, die sie bisher 
immer im Leben produziert hat. Die Wunscherfüllung ist doppelt. Der 
Arzt macht die Aggression und sie hat ihre Moral vergessen und leistet 
keinen Widerstand. Deutlich spielt der Arzt die Rolle des Vaters. Sie 
findet aber jetzt in der Analyse, daß der Arzt sich mit ihr langweilen 
müsse, sie fragt, ob ihn die Behandlung nicht ermüde. Sie vermißt die 
affektative Einstellung des Arztes. Nun wird es klar, daß der Tadel und 
die Schläge des Vaters sie gefreut haben, weil sie daran sein Interesse 
für ihre Person erkennen konnte. 

Deshalb ist Kindern der Affekt der Eltern ein Genuß 
Kinder vertragen nicht die Gleichgültigkeit ihrer Um 
gebung. 

Sie werden schlimm, um den Affekt zu provozieren. Sogar die 
Schläge und der Zorn des Schlagenden werden zum Zeichen der Liebe 
(Wen Gott liebt, den züchtigt er.) Diese Auffassung ist noch heute im 
Volke und speziell bei den slavischen Völkern bekannt. Der Affekt des 
Schlagenden wird zum Prüfstein seiner Liebe und selbst der Schmerz 
wird lustbetont, weil er ein Zeichen der Liebe Avird. Die Überwindung 
des eigenen Widerstandes Avird dann lustvoll empfunden und Aveckt den 
Willen zur Untenverfung. 

Der Widerstand des Kindes richtet sich oft gegen die Gleichgültig- 
keit der Eltern. In der Analyse hört man diese Klage dann immer wieder. 
Der Kranke Avendet alle möglichen Kunstgriffe an, um den Arzt in Affekt 
zu bringen und wird v .Avütend if , wenn diese Kunstgriffe erfolglos bleiben. 



Die Lehre vom Widerstand. 4 7 

Die Gleichgültigkeit des Arztes repräsentiert dann den Widerstand gegen 
die Affektübertragung. 

Gerade beim Sado-Masochismus spielen die Affekte die Hauptrolle. 
Der Sadist bringt sich in Affekt, wenn er sich die Affekte seines Partners 
vorstellt. In vielen Fällen handelt es sich nicht darum, Schmerz zu be- 
reiten, sondern nur Affekte zu produzieren. Der Sadist weidet sich, an 
der Angst, an dem Zorn, an der Demütigung seines Opfers, der Maso- 
chist schöpft Lust aus der Vorstellung, wie er sich in niedrigen und er- 
niedrigenden Situationen fühlen wird. Wir stoßen hier auf das Grundgesetz 
der besprochenen Paraphilie. 

Dem Sadisten handelt es sich um die Überwindung der 
fremden Widerstände, dem Masochisten um die Überwindung 
der eigenen Widerstände. 

Der Sadist träumt und ersehnt Situationen, in denen ein Opfer 
gefesselt seinen Lüsten preisgegeben ist. Die Fesselung drückt die Un- 
möglichkeit des Widerstandes aus. Der Lustmörder überwindet, den Wider- 
stand durch Tötung. Die Vergewaltigung erhält ihren Lustcharakter aus 
dem stärksten Widerstand. Der Xekrophile weidet sich an der Widerstands- 
losigkeit der Leiche. 

Der Masochist dagegen ersehnt Situationen, in denen er sich ge- 
fesselt sieht, in denen er gezwungen wird, in denen man ihm befiehlt 
so daß jeder Widerstand hier unmöglich ist. (Befehl ist Überwindung des 
inneren Widerstandes.) Je demütigender die Situation ist, desto größer 
wird die Lust. Die Analyse zeigt, daß diese Lust nicht mühe- und 
kampflos zustande kommt. Der Masochist zeigt die heftigsten in- 
neren Widerstände, er kämpft gegen seine Paraphilie, er ver- 
achtet sich, aber daß er die Widerstände, die inneren über- 
windet, bereitet ihm Lust. Mitunter aber erwacht der Haß gegen 
die Überwinder. So mancher Masochist wendet sich gegen seinen Herrscher 
oder gegen seine Herrscherin und schlägt sie, weil der ursprüngliche Wille 
zur Macht, die sadistische Haßeinstellung aus der Umkehrungsform 
in die primäre Lage zurückschnellt wie ein Gummiband, das überdehnt 
wird. Die Unterstimme wird in der Polyphonie wieder zur Oberstimme 

Es ist eine bisher nicht betonte Tatsache, daß sowohl Sadisten als 
auch Masochisten (in dem Sinne, wie ich diese Paraphilie verstehe) aus- 
nahmslos Onanisten sind. Auch wenn sie die Erfüllung ihrer paraphilen 
Phantasie, die fast immer eine ganz bestimmte, mehr oder weniger eng 
umgrenzte ist, gefunden haben, müssen sie mehr oder weniger häufig 
onanieren. Diese Onanie ist meistens eine Trotzonanie. Sie wird trotz der 
seinerzeitigen Warnung und trotz des Verbotes fortgesetzt. Die Erfüllung 
der spezifischen Szene ist ja unmöglich, weil die Analyse regelmäßig nach- 
weisen kann, daß sich hinter den Phantasiegestalten bestimmte Gestalten 



48 



Sadismus und Masochismr.s. 



der Jugend verbergen und daß der Sado-Masochismus zum Inzeste enge 
Beziehungen hat. Die Onanie ist die Lustbefriedigung, in welcher der 
äußere Widerstand ganz ausgeschaltet erscheint. Dagegen tobt ein starker 
Kampf gegen die inneren Widerstände, welche wir als Phänomene des 
nachträglichen Gehorsams als Willen zur Unterwerfung unter die fremden 
Imperative bezeichnen dürfen. 

Es ist eine bekannte Tatsache, daß sich unter den Sadisten viele 
Schwächlinge l ) finden, während die Ma^ochistejLOfLideale Yollmänner vor- 
stellen. Auch sadistische Frauen entsprechen nicht immer dem Ideal einer 
gewaltigen Herrin und sind oft kleine unansehnliche Gestalten, bei denen 
man dieses Maß von Herrschsucht und Grausamkeit nicht vermuten 
würde. 

Schwächlinge überkompensieren in der Phantasie ihre 
Schwäche, die zur Überwindung des fremden Widerstandes 
nicht ausreicht, durch einen extremen Phantasiesadismus, in 
dem das Objekt widerstandslos ihrer Macht preisgegeben ist. 
Masochisten wieder fürchten ihre eigene Stärke und flüchten 
in die passive Rolle aus Angst vor ihrer eigenen Stärke. Die 
Überwindung ihres primären Sadismus drückt die Größe des 
inneren Widerstandes aus. 

Beide Typen, der Sadist und der Masochist sind religiös. Der Sadist 
ist zur Religion mit Trotz eingestellt. Er ist der Blasphemiker und Atheist 
par excellence, während sich seine innere Eeligiosität in einem pathologi- 
schen Asketizismus äußert, der auf das höchste Ziel, den Besitz des Weibes 
verzichtet. Masochisten verbergen ihre Religiosität nur in seltenen Aus- 
nahmsfällen. Ein Stück Buße und Religiosität mischt, sich in ihre Para- 
philie, die mitunter direkt religiösen Charakter annimmt, (Flagellantismus. 
Asketizismus, Selbstpeinigung, Entziehung jeder Lust aus religiösen 
Motiven.) 

Es ist merkwürdig, daß bisher in der Analyse die Beziehungen des 
sado-masochistischen Komplexes zum analytischen Widerstände nicht ein- 
gehend besprochen wurden. Sie liefern uns das beste Material, die Psycho- 
genie beider Paraphilien zu verstehen. Im Analysierten kämpfen die 
beiden polaren Kräfte: Wille zur Macht und Wille zur Unterwerfung. Er 
will den Analytiker beherrschen, aber durch Liebe. Wille zur Macht heißt 
eigentlich : Alle zur Liebe zwingen. 

Das Kind wird zur Fixierung seiner primär sadistischen Einstellung- 
getrieben, wenn es sich nicht genügend geliebt sieht, wenn sein Werben 
um Liebe erfolglos bleibt. Der nächste Schluß ist, die begehrten Objekte 
zur Liebe zu zwingen. Der primäre Haß wird wieder reaktiviert und 



') Auch viele Krüppel, wie ich schon S. 38 betont habe. 



Die Lehre vom Widerstand. 49 

ist dann die Reaktion auf ein erfolgloses Werben, ist die Autwort auf 
eine erotische Zurücksetzung. 

„Und willst du nicht mein Bruder sein, 
So schlag ich dir den Schädel ein." 

Freud hat einmal ein Gesetz des Widerstandes in der Analyse auf- 
gestellt : Die Größe des Widerstandes entspricht der Größe der Verdrän- 
gung. Diese Formel bezieht sich auf den Inhalt des verdrängten Materiales 
und stellt den inneren Widerstand gegen bewußtseinspeinliche Erlebnisse 
und Phantasien dar. Aber die Verdrängung ist nur eine Folge der Moral, 
des Fremden, der Religion, des Gewissens. Sie entsteht zur Glorifizierung 
des Ideal-Ich, das seine amoralischen Regungen nicht erkennen will. Aber 
welches sind diese amoralischen Regungen V Forschen wir in solchen Fällen, 
so stoßen wir meistens auf Todeswünsche gegen jene Familienmitglieder 
und Personen der Umgebung, welche den Wünschen des Kranken Wider- 
stand entgegengesetzt haben. Erst der Widerstand führt zur Verdrän- 
gung, und zwar der Widerstand der Gesellschaft und der der Familie. 

Unter „Kultur" haben wir die Summe der sozialen Widerstände 
zu verstehen, welche die Urtriebe zur Sublimierung nötigen. Das Gemein- 
same einer Kultur machen die Gesetze und Konventionen aus, d. h. alle 
Verbote und Imperative, welche sich gegen die Urreaktionen des Indi- 
viduums richten. Die Gültigkeit dieser Verbote für die Gesamtheit macht 
ihre Annahme erträglicher. („Vor dem Gesetze sind alle gleich") Die Er- 
ziehung bezweckt die Annahme der sozialen Imperative und beginnt in 
der Familie, diese Imperative repräsentieren das „Fremde". Das Kind 
wehrt sich dagegen. Es verlangt von der Umgebung Lust, was aber von 
der Konvention verboten wurde. Der erste Trotz ist die Folge eines er- 
folglosen Werbens um Lust. 

Wir kommen zu einem der wichtigsten Gesetze der Analyse. Der 
Analysierte setzt dem Analytiker jenes Maß von Widerstand 
entgegen, das er einst bei dem prominentesten Liebesobjekt 
seiner Kindheit erfahren hat. 

Der Analysierte erlebt seine alten Konflikte aufs neue, aber in bezug 
auf den Analytiker. Man hat den Analytiker wiederholt mit einem Kata- 
lysator verglichen, der die alten Affekte neu erstehen läßt, sie aber zer- 
setzt und unschädlich macht. Der Widerstand des Kranken richtet sich: 

1. Gegen diese Zerstörung seiner lustspendenden Infantilismen, also 
gegen die Heilung seiner Parapathie. 

2. Gegen die Bewußtmachung der Mittel- und Unterstimmen in der 
Polyphonie seines Fühlens und Denkens. (Gegen die Aufhebung der Ver- 
drängung.) 

3. Gegen die Gleichgültigkeit des Analytikers, von dem er statt 

Verständnis Liebe erwartet. 

Stekel, Störungen des Trieb- und Affektlebons. VIII. 4 



50 



Sadismus und Masochismus. 



Der dritte Punkt ist besonders wichtig. Es gibt noch immer Ana- 
lytiker, die an der Meinung festhalten, die intellektuelle Erklärung 
eines Symptoms, die analytische Aufklärung, bedeute schon die Heilung »). 
Schon die neue Bezeichnung „Parapathie", die ich für die landläufige 
„Neurose"; gewählt habe, drückt aus, daß es sich um eine Affektstörung 
handelt. Ein Affekt kann aber nur durch einen Gegenaffekt zerstört werden. 
Diesen Gegenaffekt erwartet der Patient vom Analytiker. In erster 
Linie den Gegenaffekt der Liebe. Kann er diese Liebe nicht erlangen, so 
will er gehaßt sein. Das erklärt uns die Tatsache, daß Analysierte so 
häufig nach der Analyse Gegner des Arztes werden und ihm zu schaden 
versuchen, sogar zu seinen wissenschaftlichen Antipoden übergehen. Der Arzt 
hat eben die Haßkomponente nicht erkannt, somit nicht rechtzeitig un- 
schädlich gemacht, d. h. nicht katalysiert. 

Eine der wichtigsten Quellen des Widerstandes ist der 
Haß gegen den Analytiker, der sich am Ende der Behandlung 
zum Todeswunsch steigert. Aber auch aktive Beseitigungsideen sind 
häufig. Viele Patienten haben mir gestanden, daß der Mordgedanke gegen 
den Analytiker ihnen offen bewußt wurde. (Diese Geständnisse erhielt ich,, 
ohne darnach zu fragen.) 

Die Haßeinstellung gegen den Arzt äußert sich als Trotz und Eigen- 
sinn. Der Ausdruck Eigensinn betont vortrefflich, daß man sich gegen 
den fremden Einfluß wehrt. Die Erfahrung zeigt, daß der Haß gegen den 
Arzt sich verbergen muß und, äußerlich das Bild des Willens zur Unter- 
werfung, den geheimen und hartnäckig festgehaltenen Willen zur Macht, 
verdeckt und sehr geschickt verbirgt. Damit verfällt aber der ganze, 
hochwichtige Haßkomplex der analytischen Verdrängung. 

Nun steht der Kranke dem Arzte gegenüber in der gleichen Situation, 
wie er sie in seiner Kindheit bereits durchgemacht hat. Es ist die 
Situation, welche ihn in die Parapathie gedrängt hat. Denn das Moral- 
Ich sträubte sich gegen die Erkenntnis, daß ein anderes Trieb-Ich die 
Gesamtpersönlichkeit beherrschte. War schon der Eigensinn in der Kind- 
heit die Reaktion auf die verschmähte und zurückgewiesene Liebe, zum 
Teil auf die Unerfüllbarkeit der Ur-Keaktionen zurückzuführen, so' wird 
diese Einstellung jetzt neubelebt und leider meistens nicht aufgelöst. Die 
negative Übertragung entgeht den meisten Analytikern, da sie ja in dieser 
Hinsicht an einem narzißtisch-analytischen Skotom leiden. 

Der Kranke verfährt nach dem Gesetze der analytischen 
Talion. Was man mir angetan hat, das tue ich dir an. Die sadistische 
Komponente erhält eine Sublimierung. Der Arzt wird gequält. Es stellen 
sich Verschlimmerungen der Symptome ein, er wird mit Vorwürfen 
überschüttet oder mit allerlei schlauen Fragen in die Enge gedrängt. Der 

') Siehe die Ausführungen von Groddeck. 



Die Lehre vom Widerstand. 



Öl 



passive Widerstand des Kranken wird zum aktiven. Durchsichtig sind die 
Formen, wenn der Kranke zu spät kommt oder die Stunden absagt, wenn 
er sich über Tagesfragen der Politik unterhalt, wenn er keine Träume 
mehr bringt. Viel schwieriger sind Masken des Widerstandes, die auch 
die Masken seines Sadismus sind. 

Bei der Analyse der Sado-Masochisten steigern sich die Schwierig- 
keiten. Der Sadist scheint den Arzt von seiner allgemeinen Haßeinstellung 
auszunehmen. Er wehrt sich gegen die Übertragung und verbirgt sie 
unter allerlei Kniffen. Der wichtigste ist wohl der, daß er gesteht, er 
wäre glücklich, wenn er übertragen würde, wenn er lieben könnte, er 
wäre der erste, der es gestehen würde. Solche Fälle geben eine schlechte 
Prognose für die Analyse. Denn sie verraten damit, daß die Kranken es 
verstehen, Liebe und Haß vor sich selbst zu verbergen. Es handelt sich 
um die Phänomene der unbewußten Liebe und des unbewußten Hasses. 
Diese Patienten haben eine Liebe-Haß-Einstellung zu einer Person ihrer 
Familie, die ihnen nicht bewußt werden darf. Der weitere Verlauf einer 
solchen Einstellung ist uns bekannt. Der Haß wird auf ein anderes Objekt 
verladen oder springt von der einzelnen Person auf das ganze Geschlecht. 

In der Analyse gelingt es immer, die Entstehung des sadomaso- 
chistischen Komplexes innerhalb der Familie nachzuweisen. Der Widerstand, 
den der Paraphile einst in der Familie gefunden hat, wird am gegen- 
wärtigen Objekte der sadistischen Phantasie mit Ausleben der Haß- und 
Rachekomponente überwunden. Der Masochist spielt diese Überwindung 
am eigenen Körper und an der eigenen Psyche. Mitunter wird eine in- 
fantile Szene benützt, um die Wiederkehr des Gleichen mit verkehrten 
Rollen oder mit verkehrter und falscher Affektbetonung zu bewerkstelligen. 
Ein Mädchen, das von ihrer Mutter geschlagen wurde und mit Haß und 
Todeswünschen reagierte, kann diese Situation als Buße festhalten und mit 
der Zeit sexualisieren. (Freuds Wiederholungszwang.) Dieser Mechanismus 
geht nach dem Prinzip der nachträglichen Korrektur vor sich. Ich habe 
damals keinen Schmerz empfunden und keine Rachephantasien gehegt, ich 
habe keinen Grund, der Mutter böse zu sein, sie hat mir ja Lust bereitet. 
Oder: Jetzt könnte ich das Lustvolle dieser Szene, die erhöhte Affektivität 
der Mutter, besser ertragen als ihre kalte Gleichgültigkeit. Das innere 
Spiel ist dann die Überwindung des infantilen Trotzes, das Brechen der 
Widerstände. Je stärker der Widerstand ist, desto größer das Lustgefühl, 
desto größer nach dem von einer spezifischen Phantasie begleiteten 
Akte oder nach der Onanie die furchtbare Reaktion der Ernüchterung und 
Scham, die keinem wirklichen Masochisten zu fehlen scheint. 

Die eigentliche Strafe und die Tendenz dieser Paraphilien liegen 
in der Versagung des höchsten Wunsches: zu lieben und normal zu ver- 
kehren. Alle diese Kranken, die vor unserem geistigen Auge Revue pas- 

4* 



52 



Sadismus und Masochismus. 




sieren werden, sind in hohem Grade liebesunfähig. Ich lege daher das 
Schwergewicht auf die asketische Tendenz, welche die Endlust als Sünde 
ausschaltet und sich bloß die Vorlust der Aktivität oder der Passivität 
gestattet (Federn). Es ist klar, daß die wirkliche Liebesunfähigkeit dieser 
Kranken einem inneren Verbote entspricht. Versuchen sie dieses innere 
Nein zu überwinden, so scheitern sie an dem inneren Widerstand. Im 
Grunde genommen sind diese Paraphilen impotent. Sie schmachten nach 
der höchsten Lust. Ich kenne Sadisten, die beim Koitus trotz starker 
Erektion nie zum Orgasmus kommen können, Sadistinnen, welche dem 
Koitus ausweichen und mit Vaginismus reagieren. Masochistinnen, die beim 
Koitus anästhetisch bleiben, Masochisten, die es nie zu einer wirklichen 
Immissio penis bringen können. Dabei verrät der ungeheuere Affekt, unter 
dem sie die normalen Handlungen vollziehen, die Stärke des inneren Wider- 
standes, der Angst, Scham, Ekel benützt, um den Sexualtrieb zu entwaffnen. 

Analysiert man die verschiedenen Fälle, so kommt man immer 
wieder darauf, daß in der Phantasie die Überwindung des inneren Wider- 
standes die Hauptsache ist. Der Sadist stellt sich vor, was in der Seele 
seines Objektes vor sich geht, dessen Widerstand er herausfordert und 
bricht. Erst diese Einfühlung in das Affektleben des Objektes 
bringt ihm die erwartete Lust. Aber dieses Objekt ist nur ein 
Spiegelbild seiner verschiedenen seelischen und sexuellen Komponenten und 
die Szene stellt ein Spiel mit sich selbst dar. Ähnlich ergeht es dem 
Masochisten, der eine innere Konstellation nach außen projiziert, eine 
Spaltung seiner Persönlichkeit vornimmt und imstande ist, zugleich sadi- 
stisch und masochistisch zu fühlen. 

Das große Geheimnis, das schon andere Autoren geahnt haben, daß 
es sich um eine bipolare Erscheinung handelt, wird durch die Erfahrungen 
der Analyse zu einer Selbstverständlichkeit. Der Paraphile identifiziert 
sich mit seinem Objekte, er fühlt sich ein, so daß er beides erleben 
kann: Triumph und Niederlage, Macht und Unterwerfung, Aktivität und 
Passivität, Mann und Weib, den Widerstand und seine Überwindung. Die 
spezifi sche Szene, die er immer wieder erleben will, ist ein Theaterstück, 
eine Fiktion, in der er als Dichter mit den Schauspielern fühlt, leidet 
| und genießt. Diese Fiktion hat den Zweck ihn von der realen Welt zu 
entfernen. Alle diese Paraphilen sind Träumer und zwingen sich die Pflicht 
des Tages und des Lebens ab. Als Träumer leben sie in der Vergangen- 
heit, wenn auch scheinbar ihr Streben in die Zukunft geht. Ihre Regres- 
sion geht weit über die ersten Kinderjahre hinaus. Ist es die Tatsache, 
daß sie primitive Instinkte als Rückschlagserscheinungen in sich tragen, 
welche sie auf die Vergangenheit verweisen? Sollte der Atavist auch die 
Engramme der Vergangenheit irgendwie als Determinanten dieser Regression 
fühlen? Ich wage es nicht, diese Fragen zu beantworten. 






IV. 
Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 

Das Höchste, wozu der Mensch 
gelangen kann, ist das Bewußtsein 
eigener Gesinnungen und Gedanken; 
das Erkennen seiner selbst, welches 
ihm die Anleitung gibt, auch fremde 
Gemütsarten innig zu erkennen. 

Goethe. 

Eine irrtümliche Auffassung des sado-masochistischen Komplexes 
stellte den Schmerz in den Mittelpunkt der Betrachtung und beschäftigte 
sich mit dem Phänomen der Schmerzlust. Der von Schrenck-Xotzing J ) 
geschaffene Ausdruck „Algolagnie" entsprach dieser Auffassung. Wir 
haben aber festgestellt, daß das Entscheidende bei den Phänomenen des 
Sado-Masochismus der Affekt ist, der aus zwei Quellen gespeist wird: 
Beim Sadisten, aus dem eigenen Machtgefühle bei der Über- 
windung des fremden Widerstandes und aus der Einfühlung in 
den gedemütigten Partner; beim Masochisten, aus der Über- 
windung der eigenen Widerstände (Macht über sich selbst!) 
und der Einfühlung in den demütigenden Partner, wobei wir 
beweisen konnten, daß es sich nicht um getrennte Erscheinungen, sondern 
um polare Ausdrücke eines einzigen Komplexes handelt. 

Viele Autoren sehen in dem Sado-Masochismus nur eine quantitative 
Steigerung des normalen Geschlechtstriebes, wobei der Sadismus der 
männlichen, der Masochismus der weiblichen Komponente des Geschlechts- 
triebes entspricht. Es geht aber nicht an, die Begriffe männlich-sadistisch 
und weiblich-masochistisch einfach einander gleichzustellen, obwohl diese 
Vorstellung durch zahlreiche Erscheinungen des Sexuallebens scheinbar 
gestützt wird. 

Die Frage wird nur durch zahlreiche analytische Untersuchungen 
einschlägiger Fälle zu lösen sein. Dabei wird es sich erweisen, daß das 
Problem der Bisexualität eine große Bedeutung in der Psychogenese des 
Sado-Masochismus zukommt, allerdings nicht in so einfachem Sinne, wie 
es die älteren Autoren gemeint haben. Wäre „männlich"' gleich „aggres- 

l ) Die Suggestionstherapie bei krankhaften Erscheinungen des Geschlechts- 
sinnes. 1892. 



54 



Sadismus uud Masochismus. 



L 



i 



siy* zu setzen, so müßten alle Individuen mit starken Quantitäten von 
M, um den Ausdruck von Wrininger zu gebrauchen, sadistisch orientiert 
sein, während das Überwiegen von W zum Masochismus führen würde. 
Das entspricht keineswegs den Tatsachen >). Die sadistische Anlage findet 
sich bei Frauen und bei Männern und hängt keineswegs mit der stär- 
keren Betonung der einen Komponente des Geschlechtstriebes zu- 
sammen. 

Die Verhältnisse liegen viel komplizierter, als daß sie mit einem so 
einfachen Schlüssel zu lösen wären. Schon die eine Tatsache sollte uns zu 
denken geben, daß im Tierreiche das Weibchen mitunter der aggressive 
Teil ist. Die Aggressivität kann sich bei gewissen Spinnenarten so weit 
steigern, daß das Weibchen das Männchen während der Begattung auf- 
frißt. Im Kampfe der Geschlechter, der sich auch im Tierreiche nachweisen 
läßt, kommt dem Weibchen oft die aktive Rolle zu. 

Es geht auch nicht an, den Sado-Masochismus einfach als angeborene 
Anlage anzunehmen, wie es Julius Schuster*) versucht. Er kommt zu den 
Schlußfolgerungen : „Algolagnie ist der quantitativ gesteigerte geschlechts- 
spezifische Sexuallusttrieb; sie ist eine genotypisch bedingte Anlage. Sie 
kann daher nur entfaltet, nicht erworben werden. An der Entfaltung sind 
sehr komplexe Faktoren vom Tage der Geburt an nachweisbar; die orale 
und die anale Zone sowie die übrigen erogenen Zonen der prägenitalen 
Phase, ferner die Erogenität der Haut und der Muskeln, die affektativen 
Vorgänge, der Ödipuskomplex und der Kastrationskomplex, überhaupt alle 
psychischen Erlebnisse." 

In dieser Zusammenfassung ist so ziemlich alles enthalten, was die 
alte und die neue Schule bisher vom „Sado-Masochismus a zu sagen weiß. 

Ich stehe aber auf dem Standpunkt das der „Sado-Masochismus" 
eine Milieukrankheit ist, welche also auf bestimmte Einflüsse der Kind- 
heit zurückzuführen ist. Allerdings besteht eine Disposition zu dieser 
Paraphilie, es ist die gleiche Disposition, die alle Parapathien gemeinsam 
haben: das stärkere Triebleben. Der Parapathiker ist eine Rückschlags- 
erscheinung. Aus diesem Grunde ist der Sadismus stärker betont, er über- 
dauert die allen Menschen zukommende infantile Periode, er wird oft in- 
folge des Schuldbewußtseins in Masochismus verkehrt, bleibt aber im 
Unbewußten verankert. Die Psychogenese dieser Paraphilie geht auf die 
ersten Kinderjahre zurück und täuscht dem Unkundigen eine angeborene 
Anlage vor, da die auslösenden Momente der Verdrängung anheim- 
gefallen sind. 



1 ) Es ist interessant bei dieser Gelegenheit zu konstatieren, daß der Marquis de 
Sade ein zartes, weibliches Aussehen und eine feminine Schrift hatte. 

2 ) Schmerz und Geschlechtstrieb. Versuch einer Analyse und Theorie der Al- 
golagnie. Leipzig, Kurt Kabitsch, 1923. 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 55 

Ich wiederhole: Der Sado-Masochismus ist eine Form des 
psychosexuellen Infantilismus. Der Impuls zeigt einen zwang- 
haften Charakter und äußert sich als Wiederholungszwang. In 
allen Fällen von Sado-Masochismus werden wir das ganze In- 
strumentarium des Infantilismus finden, dahei einen ausge- 
bildeten Fetischismus, begleitet von seiner wichtigsten Er- 
scheinung der Flucht vor dem Partner. Die genaue Analyse 
zeigt, daß alle diese Fälle Zwangsparapathien sind. Die Zwangs- 
parapathie versucht die inneren Widerstände durch einen Zwang zu über- 
winden, sie bindet infolge der Affektverschiebung den Impuls durch ein 
Zwangssymptom. 

Die Affektverschiebung ist nur durch die Analyse aufzulösen. Der 
die spezifische Szene begleitende Affekt gestattet eine Umschaltung der 
Schmerzen zu Lust. Es ist merkwürdig, daß wir die Anästhesien der 
Parapathien, die wir bisher als Hysterie bezeichnet haben, niemals vom 
Standpunkte der Affektverschiebung betrachtet und sie nur als einfache 
Konversionssymptome aufgefaßt haben. Der Affekt ist es, welcher 
die parapathische Anästhesie erzeugt. Es gibt einen Willen zum 
Schmerz wie es einen Willen zur Schmerzlosigkeit gibt. Ich habe einen 
Epileptiker beobachtet, der seine Anästhesie der Arme willkürlich auf- 
heben und erzeugen konnte l ). Viele heroische Akte erweisen sich als 
durch Affektstauung produzierte Anästhesie. So wird Mucius Scävola 
keine Schmerzen empfunden haben, als er seine Hand ins Feuer steckte, 
um die Entschlossenheit der Römer zu beweisen. Gleiche Kunststücke 
können auch die Fakire produzieren, die gleichfalls ihre Hand dem Feuer 
aussetzen können. 

Die Wunder der verschiedenen Märtyrer erklären sich durch die 
anästhesierende Macht der Ekstase. Überdies liegt schon in der Stärke 
des Reizes eine Gewähr der Anästhesierung. Das bekannte Gesetz von 
Max Verworn besagt, daß ein leichter Reiz die Zelle zur Erregung 
bringt. Wird die Reizschwelle überschritten, so kommt es zur Lähmung 
der Zellen. Ein übergroßer Schmerz erzeugt Schmerzlosigkeit. 
Schon vor der Erfindung der Narkose konnte man Operationen beob- 
achten, die schmerzlos verliefen. 

Ich war Zeuge einer schweren Operation, die ohne Narkose vollzogen 
wurde. Der Patient war ein Offizier, der keine Narkose annehmen wollte und 
nur um die Erlaubnis bat, zu fluchen. Er setzte sofort beim ersten Schnitt 
mit dem Fluchen ein, beschimpfte die Ärzte in unflätiger Weise. (Ihr Gauner! 
Ihr Räuber! Ihr Mörder! Ihr wollt Ärzte sein? Ihr seid elendige Schinder, 
Blutsauger, Banditen usw. . . .) Aber er pumpte sich die Affekte, bis er in 

') Der Fall ist von Dr. Graven analysiert und publiziert worden. „Die aktive 
Behandlung der Epilepsie." Fortschritte der Sexualwissenschaft und Analyse. I. F. Deutike 
Wien und Leipzig 1924. 



56 



Sadismus und Masochismus. 






einen wahren Affektrausch geriet. Nach der gelungenen Operation bedankte 
er sich herzlichst und bat um Entschuldigung. Er hatte gar keine Schmerzen 
gefühlt. Dr. C. Vanlair 1 ) berichtet über einige einschlägige Fälle und verweist 
besonders auf die Marterung von Francis Damiens 2 ), der in grauenhafter 
Weise gefoltert wurde. Die erste Folterung entriß ihm einen furchtbaren 
Schrei. Dann sah er mit „angstvoller Neugier" dem rohen Schauspiel zu, 
während ihm Glied um Glied abgerissen wurde und Pferde mit aller Gewalt 
an ihn zogen, um ihn entzweizureißen. 

Es ist bezeichnend, daß Sadisten und Masochisten sehr empfindlich 
bei Schmerzen sind, wenn sie ohne Affekt verlaufen, d. h. jenseits der Zone 
ihres Sexuallebens liegen. Ich kenne Masochisten, welche sich angeblich 
die größten Schmerzen zufügen, aber vor dem Zahnarzt zittern und Zahn- 
schmerzen nicht vertragen können. Schuster (1. c.) kennt diese Tatsache, 
wenn er bemerkt: 1. Die Schmerzen werden nur, wenn sie mit der Ge- 
schlechtslust verknüpft sind, lustvoll empfunden; in dem Augenblicke, wo 
die Gedanken von der Geschlechtslust abschweifen, tritt Unlust ein. 2. Bei 
der sexuell lustvollen Empfindung von Schmerzen handelt es sich nur um 
ein Übertönen des Schmerzes durch eine sexuell betonte Vorstellung. 

Schuster verwechselt Ursache und Wirkung. Nicht die Sexualität 
ist es, welche den Schmerz übertönt, nur mit Hilfe des Affektes wird der 
Schmerz in Lust verwandelt. 

Alle Sado-Masochisten sind affekthungrige Menschen. Sie 
benötigen ein ständiges Affekt- Theater. Nachzuweisen ist nur, wie und 
warum sie gerade auf den spezifischen Affekt gekommen sind. Wir werden 
aus vielen Beispielen sehen, daß es sich um einen bestimmten verdrängten 
Affekt handelt, um eine spezifische Haßeinstellung zu einer Person der 
Umgebung. Der Haß wendet sich dann gegen Ersatzobjekte oder gegen 
die eigene Person. Er ist aber von seinem ursprünglichen Objekte abge- 
zogen. Deshalb wird die deskriptive Schilderung der Sado-Masochisten, wie 
wir sie aus zahlreichen Krankengeschichten kennen, nie zur Erforschung 
des Problems führen. 

In den Krankengeschichten der Sadisten wird man ebenso wie in 
den Anamnesen der Homosexuellen selten das eigentliche Erlebnis finden 
von dem die Anregung ausgegangen ist und das den Kristallisationspunkt 
des Systems bildet. Anläßlich des „Sadistenprozesses" in Wien (es handelte 
sich um das Zuschauen beim Schlagen von Kindern) publizierte einer der 
Angeklagten eine Art Verteidigungsschrift in allen Blättern, die beweisen 

*) „Le Mystere de la douleur." Revue des deux mondes, 1901. 

2 ) Eugen Dühren: Marquis de Sade und seine Zeit. Daselbst eine ausführliche 
Schilderung der Folter von Damiens, die einen ganzen Tag gedauert hat. Eine zahl- 
reiche Gesellschaft der feinsten und elegantesten Damen der Pariser Gesellschaft be- 
trachtete dieses Schauspiel mit lebhaftem Interesse und schadenfroher Neugier. Es war 
eher ein Fest als ein trauriges Schauspiel. Auch bei Casanova findet man eine wahr- 
heitsgetreue Darstellung der brutalen Szene. 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 57 

sollte, daß ihm der Trieb angeboren war. Ich veröffentliche hier einen Teil 
des Schriftstückes: 

„Ich war fünf Jahre alt, als ich zum Nikolo einen Krampus bekam, der 
ein großes, vergoldetes Rutenbündel in der Hand hielt. Der Krampus stand 
in einer Ecke des Zimmers, mein Bett, ihm gegenüber, in einer anderen. 
Nachts erwachte ich, heiß am ganzen Körper ; ich lag wach, unruhig, unfähig 
einzuschlafen. Plötzlich fühlte ich das brennende Verlangen, mit der Rute 
geschlagen zu werden. Ich kletterte herab, ging zum Krampus hin und zog 
ihm das Rutenbündel aus der Hand. Die Sehnsucht, die mich damals gepackt 
hatte, mit den kühlen Ruten so stark geschlagen zu werden, daß es weh tue, 
ist mein stärkstes Kindheitserlebnis. Ich mußte mit ungestillter Sehnsucht in 
mein Bett zurückklettern. 

Später, ich war acht oder neun Jahre alt, verliebte ich mich in einen 
Schulkameraden. Er war etwa zwei Jahre alter, schien mir wunderschön, aber 
nicht sein feines, blasses Gesicht mit den großen duuklen Augen, nicht seine 
schlanke, geschmeidige Gestalt hatten es mir angetan, sondern seine stolze 
Unnahbarkeit. Einmal, in einer Pause, ging ich krampfhaft entschlossen zu 
ihm hin, stellte mich hinter ihn, umschlang ihn und küßte ihn aufs Haar. 
Er drehte sich wild um, schüttelte mich ab und sagte bös: „Wenn du das 
noch einmal tust, wirst du meine Fäuste zu spüren bekommen!" Dieser selt- 
sam unkindliche Satz, Text und Klang, haftet mir stärker im Ohr als sonst 
irgend etwas, das ich in meinem späteren Leben hörte ; noch jahrelang träumte 
ich wach von den Fäusten meines ersten Jugendgeliebten und sehnte mich 
nach ihnen. 

Nun kommt ein wichtiges Erlebnis. Ich saß mit der dreizehnjährigen 
Tochter meines Mathematikprofessors, bei dem ich als Sekundaner einquartiert 
war, im Garten. Es war Mai und ein Maikäferjahr. Das Mädel, hübsch und 
frech, trieb allerlei Unsinn. Plötzlich nahm sie einen Maikäfer vom Boden auf 
und biß ihm den Kopf ab. Ich starrte sie wie gelähmt an ; sie aber schaute 
mir herausfordernd in die Augen. Da fühlte ich plötzlich, wie das ursprüng- 
liche gräßliche Ekelgefühl einem Lustschauer wich, und von dieser Stunde 
an, war ich in das Mädel, verliebt. 

Ungefähr zur gleichen Zeit las ich ein Buch. Es hieß „Die Bojarenfürstin", 
oder eine Erzählung in dem Buch hieß so. Ich weiß nicht mehr, was da alles 
erzählt wurde, aber eine Episode der Erzählung blieb mir nicht nur unaus- 
löschlich in Erinnerung, sie beeinflußte auch meine seelische Entwicklung ent- 
scheidend. Die Bojarenfürstin lädt ihre Jugendgespielinnen und ihren Bewerber, 
einen jungen, schönen Fürsten, zu Gast. Nach der Tafel erhebt sich alles 
und geht in den Park. Da wird der Fürst plötzlich, auf ein Zeichen der 
Bojarenfürstin, von den Frauen gepackt — es sind nur Frauen zugegen , 
zu Boden geworfen, gefesselt und an einen Baum gebunden. Die Frauen holen 
nun rasch ihre Armbrüste herbei, und die Bojarenfürstin verkündet dem 
schönen Jüngling das Todesurteil. Die Frauen stellen sich in einiger Entfer- 
nung von dem Gefesselten auf und spannen den Bogen. Da bittet der Tod- 
geweihte um eine letzte Gnade: er will von der Bojarenfürstin getötet werden. 
Sie lächelt holdselig, nickt Gewährung und sendet ihm den tödlichen Pfeil 

ins Herz. 

Seither schien mir solcher Tod das seligste Schicksal. Ich phantasierte 
und träumte davon, verbrachte halbe Nächte damit, mir Situationen vorzu- 
stellen, in denen ich von Menschen — seit dem Maikäfererlebnis waren es 



58 



Sadismus und Masochismus. 



ausschließlich Frauen — , die ich liebte, gepeinigt wurde. Ich vertraute mich 
gleichaltrigen Kameraden an und stieß überall auf verständnisvolles Mitfühlen. 
Ich sah, daß solche Sinnes- und Nervenrichtung, wie die meine, die normale, 
allgemeine war, und ich muß heute, da ich mich ein wenig isoliert fühle, 
annehmen, daß es den meisten Erwachsenen gelingt, ihr ursprüngliches Trieb- 
leben zu unterdrücken oder zu — verstecken. 

Ich fühle mich nicht im mindesten abnormal, halte mich für physisch 
und geistig gesund, bin überdurchschnittlicher Arbeitsleistung fähig, gelte all- 
gemein als sensibler, zartfühlender und geliebten Menschen gegenüber zärtlicher 
Mensch, ich liebe die Natur, die Tiere, füge bewußt niemand Schmerz zu — , 
aber es fehlt mir die Kraft und, offen gestanden, auch die Lust, die Quellen 
meiner Lust und meiner menschlichen Eigenart gewaltsam zu verstopfen. Ich 
habe, um auf den entscheidenden Punkt zu kommen, nie ein Kind ge- 
schlagen, noch konnte ich je zusehen, wenn eines geschlagen 
wurde. Auch Erwachsenen tue ich nur dann gern weh, wenn sie es von mir 
als Liebesdienst verlangen. 

Ich habe damit alles Wesentliche über mich, soweit es in diesem Zu- 
sammenhang die Öffentlichkeit interessieren kann, gesagt. Ich wünschte, die 
„Normalen", die Gesetze macheu und ihnen hinter verschlossenen Türen Geltung 
verschaffen, würden Lust bekommen, die Türen ihrer eigenen verschlossenen 
Seelenkammern zu sprengen ; sie würden staunend wahrnehmen, was alles sie 
da hineiugesperrt haben. 

Wer, wie ich, in der tiefen Überzeugung lebt, daß aller Haß, womit 
die Menschen gegeneinander wüten, verdrängter Schmerzliebe entkeimt, daß 
überhaupt alles Böse in der Welt seinen Ursprung in gewaltsam unterdrückten 
Trieben hat, wird mir meinen Wunsch nachfühlen können." 

Hier haben wir ein Schulbeispiel eines Menschen, der sich erkennen 
möchte und doch nicht erkennen kann. Was sich hinter dem Krampus- 
erlebnis abgespielt hat, ist uns unbekannt. Unbekannt die Stellung zu den 
Eltern. Unbekannt sein Traumleben, seine Religiosität, sein Verhältnis zu 
den Frauen. Aber er postuliert aus seinen Erfahrungen, daß aller Haß 
auf die „Schmerzliebe" zurückzuführen ist und verkennt die tiefere Wahr- 
heit, daß alle Schmerzliebe sich auf einen primären Haß zurückführen 
läßt. Deutlich sieht man im Mittelpunkte der Krankheitsbildung (krank ist 
der Verfasser, obgleich er sich nicht im mindesten „als abnormal" fühlt) 
die große Bojarenszene: Überwältigung eines Mannes durch mehrere 
Frauen, also vollkommene Ausschaltung jeden Widerstandes, und schließ- 
lich der erlösende Tod durch den Schuß der Fürstin. Was diese Szene 
bedeutet, wird jeder geschulte Analytiker verstehen und wird uns aus 
anderen Analysen klar werden. 

Bevor wir die psychischen Wurzeln des sado-masochistischen Komplexes 
freizulegen versuchen, wollen wir einige Fälle einer eingehenden Betrachtung 
unterziehen, um die Übergangsfälle von den echten Fällen zu sondern und 
das Seelenleben dieser Kranken kennen zu lernen. 

Ich beginne mit dem Geständnisse eines geistig hochstehenden 
Menschen : 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masocbismus. 59 

Fall Nr. 1. 

Sehr geehrter Herr Doktor! 

Anläßlich meines jüngsten Aufenthaltes in Wien versprach ich, Ihnen einen 
kleinen Lebenslauf von mir einzusenden, dessen folgende Angaben «bor sexuelle 
Lebensführung meinerseits vielleicht einen kleinen Beitrag zu Ihren Spezial- 
Studien über Masochismus und Sadismus liefern könnten. 

Verfasser dieser Zeilen ist der Sohn ordentlich-situierter Kaufmannseheleute, 
gerade heute 33 Jahre alt, von Beruf Rechtsanwalt in N. Konstitution der 
Familienvorfahren: Neigung zu Nerven- und Stoffwechselkrankheiten, dagegen 
weder Tuberkulose noch Alkoholismus noch Geschlechtskrankheiten. 

Meine bisherige sexuelle Lebensführung zeigt bei Vergleich mit derjenigen 
normaler Durchschnittsmenschen größere Abnormitäten. 

Die Haupteigenschaft meiner gesamten Charakteranlage ist darin zu sehen, 
daß ich vielmehr Reflexiousmensch als Tatmensch bin. Infolgedessen 
habe ich verhältnismäßig große Neigung zu geistiger Betätigung, philosophischen 
Meditationen, Musik u. dgl., dagegen glaube ich trotz guter Erfolge in meinem 
bisherigen Studiengang und einem mich freilich innerlich sehr wenig ergreifenden 
juristischen Beruf wenig Talente zu besitzen, um mich im Leben (gesellschaftlich 
und beruflich) praktisch durchzusetzen und die vielleicht bei mir vorhandenen 
Talente und Neigungen wissenschaftlicher und künstlerischer Art brauchbar und 
geschickt zur Geltung zu bringen. 

Diese ganze Veranlagung, die zum Teil auf eine gewisse traditionelle 
Schwerblütigkeit und Passivität meiner Familie zurückzuführen sein 
dürfte, prägt auch meinem bisherigen sexuellen Leben den Stempel auf. Zur 
Anbahnung einer gedeihlichen erotischen Lebensführung, die mir bis heute noch 
nicht gelungen ist, benötige ich sicher zur Ehe oder mindestens langdauerndom 
Verhältnis eine Dame, die nicht bloß erotisch, sondern auch anderweitig meine 
Führerin sein muß; meine Veranlagung ist von vielen femininen und passiven 
Einschlägen durchsetzt. 

Großes Interesse für Erotik und theoretische Beschäftigung mit Frauen 
(entsprechende Lektüre, Theater, Sammeltrieb erotischer Tagesnachrichteu 
u. dgl.) einerseits verbindet sieh andererseits mit starker Werbetalentlosigkeit, 
Schüchternheit und sogar einer gewissen Zurückgezogenheit, Kälte und 
Gleichgültigkeit, wenn je einmal praktische Ereignisse, z. B. der nunmehr seit 
einiger Zeit etwas konsequenter betriebene gesellschaftliche Verkehr mit Frauen, 
mich zur erotischen Stellungnahme zwingen. 

Meine Gesamtveranlagung würde ein Arzt vielleicht als typischen Symptomen- 
komplex einer konstitutionell depressiven, neuropathischen Natur mit hypo- 
chondrischen und teilweise hysterischen Einschlägen diagnostizieren. Ich litt 
besonders früher sehr oft an Gemütsdepressionen infolge der sexuellen 
Unausgeglichenheit. Die hereditäre, beträchtliche Nervenschwäche — haupt- 
sächlich auch Störungen der vasomotorischen Nerven — wahrscheinlich im 
Zusammenhang mit Störungen der inneren Sekretion und des allgemeinen 
Stoffwechsels, Widerstände im Blutgefäßsystem (leichtere Grade von Herz- 
muskelschwäche?) veranlassen schnelle Ermüdung bei größeren körperlichen 
und geistigen Anstrengungen, Schwindelanfällo bei Luftdruckwechsel (Föhn) 
und erschöpfungskausale Unlustzustände selbst oft schon nach nur einmaligem 
onanistischen Akt. 

Ich bin einziges Kind, zwar behutsam, aber nicht verwöhnt erzogen, 
immer in der Familie aufgewachsen, noch heute bei den Eltern wohnend und, 



Sadismus und Masochismus. 



was ich sehr bedauere, in jugendlichem Alter gar nicht mit irgendwelchen 
erotisch in Frage kommenden Frauen in gesellschaftliche Berührung, geschweige 
denn zu erotisch-intimem Verkehr gekommen. Auch später (Studienzeit) bewegte 
sich der Verkehr mit Frauen vielfach nur auf ganz gesellschaftlichen Bahnen 
(uninteressante Gesellschaftsballe etc.). 

Ich bin der Anschauung, daß Individuen, die eine unglaublich hartnäckige 
psychopathische Neigung zur Einsamkeit, Zurückgezogenheit, Frauenscheu etc. 
haben — selbstverständlich cum grano salis — von einem gewissen Lebensalter 
ab, zu den Frauen direkt hingetrieben werden müßten, um wenigstens einiger- 
maßen jener unglückseligen Ereraitenveranlaguug entgegenzuwirken. 

Bezüglich der Entwicklung sexueller Vorstellungen und Triebe bei meiner 
Person ist folgendes erwähnenswert: 

Die ersten Vorläufer sexueller Vorstellungen sind bei mir. 
soweit erinnerlich, beim Schulbesuch der ersten Volksschuljahre 
(Lebensalter von 6 — 8 Jahren) aufgetreten, als Schulkameraden 
vom Lehrer mit dem Rohrstock auf das Gesäß geschlagen wurden. 
Die Vorbereitungen zur Bestrafung, die Mienen des Lehrers und der betreffenden 
Knaben, deren pralle Hinterbacken, das Pfeifen und Aufklatschen des Rohrstockes 
und das Schreien der Gezüchtigten hinterlassen in einem sensiblen Kindergemüt 
— eine entsprechende seelische Disposition freilich vorausgesetzt — einen nach- 
haltigen, zu dieser Zeit noch unerklärlich befriedigten Eindruck beim Zuschauen. 
Ich erinnere mich noch genau, daß ich, als einmal eine Lehrerin zur Aushilfe 
Schule hielt, mit einer gewissen neugierigen und fast ungeduldig angenehmen 
Spannung erwartete, daß auch diese Lehrerin die Knaben mit dem spanischen 
Rohr durchhauen möchte, was jedoch nicht geschah. 

Ferner haftet mir noch deutlich im Gedächtnis, daß ich bei der Aufnahme- 
prüfung von der Volksschule in das humanistische Gymnasium (Alter von 
10 Jahren) gelegentlich der Behandlung des bekannten neutestamentlichen Stoffes: 
„Stillung des Sturms" in der Religionslehre infolge der Beschwerlichkeiten eine 
für knabenhaftes Denkvermögen hübsche stilistische Darstellung des Themas zu 
geben und aus Angst, vor Einsammlung der Aufgaben mit der Behandlung der 
Arbeit nicht mehr fertig zu werden, aus gewissem zwangsläufigen Gefühl heraus 
direkt vor den Augen des ahnungslosen Religionsprofessors durch unauffälligen 
Schenkeldruck onanierte, um dann auf Grund der nervösen Entspannung 
frische Arbeitskräfte und Ruhe freizubekommen. Diese Gewohnheit behielt ich 
bei Anfertigung von Schulaufgaben (Prüfungsskriptionen) einige Jahre bei. 
Die Gewohnheit eines Mathematikproi'essors, die Schüler kurz vor Einsammeln der 
Aufgaben durch Schlüsselklappern auf den baldigen Ablauf der Bearbeitungszeit 
aufmerksam zu machen, hatte bei mir, sobald ich fürchtete, nicht fertig zu 
werden, regelmäßige Entspaunungsonanie zur Folge. 

Bewußte Wollustempfindungen begannen ungefähr vom 11. Lebensjahr ab- 
von da ab beginnt auch die verhältnismäßig kräftig betriebene Onanie; sie 
wurde uuter flagellantistischen Vorstellungen von Knabenzüchtigungen ausgelöst 
bei denen die Phantasie sich nur mit hübschen Kindern vornehmer Familien, 
die durchwegs Matrosenanzüge oder flottgestreifte Leinenkniehöschen tragen 
mußten und mit dem Rohrstock bestraft wurden, beschäftigte. Bei Eintritt der 
normalen Pubertät (15. Lebensjahr) trat vorübergehend — etwa ein Jahr lang — 
natürliches Interesse an Vorstellungen der normalen Erotik zwischen Mann und 
Frau auf, um dann aber gleich wieder einer durchaus flagellantistischen Ideenwelt 
hinsichtlich der erotischen Beziehungen zwischen Mann und Frau Platz zu 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masoclusmus. 61 

machen; dazu kam, daß ich mich eifrig und ganz instinktiv auf entsprechende 
algolagnistische Lektüre stürzte. 

Seit dem 17. Lebensjahre bis heute ist bei mir die normale hetero- 
sexuelle Triebrichtuug, verbunden mit der algolagnistisch orientierten Triebart, 
vollständig gleichgeblieben, letztere hat sich nur konsolidiert und ist stärker 
ins Bewußtsein getreten. Nur diese masochistisch oder sadistisch betouten 
Vorstellungen" (über die Wirkung tatsächlicher flagellautistischer Akte auf 
die Lusterzeugung siehe unten) sind imstande, bei mir sexuell bewußte Wollust- 
empfindungen auszulösen : 

Diese Vorstellungen bewegen sich in folgenden zwei Hauptrichtungen: 

1. Meine erotischen Wünsche gipfeln auch heute noch in der Sehnsucht 
nach einer sehr großen, üppigen, oder mindestens vollschlanken, intelligenten, 
starken — am liebsten blonden — Frau (Brünhildentypus), die mich als Er- 
zieherin übers Knie legt oder zwischen ihre Oberschenkel klemmt und mich 
mit einem spanischen Rohr oder der Reitpeitsche auf die Gesäßbacken schlägt, 
mich auch hiebei psychisch unterwirft, mir nach dem flagellantistischen 
Akt dieKunnilingus- oder Anilingusfunktion anbefiehlt, wobei ich widerstands- 
los gehorchen muß, widrigenfalls ich neue Schläge angedroht bekomme. Gegen 
eiuen anschließenden Koitus mit der „Herrin" hätte ich zwar gerade keine Ab- 
neigung, aber immerhin etwas Gleichgültigkeit und vielleicht Impotenzaugst. 
Jedenfalls kann ich nur mit einer Frau den Koitus vollziehen, die 
mir durch ihre digitale Nachhilfe über die technischen Schwierig- 
keiten des Beischlafs hinweghilft. 

2. Ferner ist die Vorstellung sehr lustbetont, wenn ich mir eine Situa- 
tion ausdenke, bei welcher üppige, junge Mädels oder junge Damen oder 
hübsche Knaben von einer energischen, stämmigen Frau auf den Hinterteil 
mit möglichst langem spanischen Rohr gezüchtigt werden. Hier liegt wohl 
Voyeursadismus zugrunde. 

Ein besonderes Merkmal aller flagellantistisch veranlagten Personen ist 
deren Wunsch nach möglichst großen, weißen, üppigen Gesäßbackeu der als 
Partnerinnen gedachten Frauen. Diese Vorliebe ist auch bei mir ganz beson- 
ders ausgeprägt. 

Die Praxis meiner sexuellen Lebensführung gestaltete sich folgender- 
maßen : 

Unter den oben erwähnten Vorstellungen betreibe ich die Onanie — 
mangels anderweitig verfügbarer adäquater Befriedigung und wegen der er- 
wähnten endogenen Passivität — bis heute, allerdings jetzt verhältnismäßig 
sehr mäßig, da ich meine nervöse Konstitution schonen und für andere Zwecke 
erhalten will. Ich habe den ernsten Wunsch, zu einem wirklich dauern- 
den erotischen Verkehr mit Frauen tatsächlich zu kommen, wobei 
ich freilich eine Partnerin benötige, die das nötige Verständnis ftir meine In- 
dividualität in der oben erwähnten Weise besitzt. 

Der einfache „reflexionslose" Koitus des normalen erotischen 
Verkehrs zwischen Mann und Frau reizt mich sehr wenig. Nur ein- 
mal in meinem Leben (mit 21 Jahren) hatte ich mit einer Sängerin in Berlin 
Geschlechtsverkehr (nur 1 Akt), wobei die Frau mir digital helfen mußte, 
damit ich den Scheideneingang fand. Ich erblickte damals in dem Akte nichts 
Besonderes, fast etwas Lustiges und Lächerliches; überdies machte mir die 
ungewohnte Tätigkeit, die eine gewisse technische Gewandtheit voraussetzt, 
mehr Anstrengung als Vergnügen. 



{ 



62 



Sadismus und Masochismus. 



Bei späteren anderweitigen Gelegenheiten (an sich schon sehr selten) 
kam es aus Gleichgültigkeit, vielleicht auch aus Impotenz zu keinem Koitus: 
Im Gegensatz hiezu steht ja , Herr Doktor , eine seinerzeitige ärztliche Fest- 
stellung, daß ich außerordentlich kräftige Genitalien (große Hoden) besitze, 
die mich beinahe als Übermann qualifizieren. Nebenbei sei bemerkt, daß ich 
jahrelang über Erektionslosigkeit und sexuelle Stumpfheit, namentlich auch 
während der Zeit des Weltkrieges zu klagen hatte. Seit kurzer Zeit bessern 
sich auffälligerweise die Erektionen etwas. Ein passiv-flagellantistisckes Ver- 
hältnis unterhielt ich vor einigen Jahren mit einer 14 Jahre älteren Frau, 
einer Pianistin. Zu Anfang der Beziehungen erhielt ich öfters — vielleicht 
25 bis 50 — Schläge mit dem Rohrstock auf die Hinterbacken, die mir ge- 
rade nicht unangenehm waren, aber mich doch nicht befriedigen konnten, da 
die Frau einen hausbackenen Verstand und derbe Umgangsformen hatte, doch 
schon eine gealterte Erscheinung darstellte und überhaupt der nötigen Delikatesse 
in der Erotik entbehrte. Ich brach auch später die Beziehungen, die dank 
meiner Schwerfälligkeit sich zu mehrjähriger Dauer bei bald vollständiger 
gegenseitiger Gleichgültigkeit ausgewachsen hatten, wieder ab. 

Während des Krieges lernte ich eine Kontoristin gutmütigen Charakters, 
aber mit sehr wenigen geistigen und körperlichen Vorzügen kennen, die sich 
von mir gelegentlich flagellieron ließ; die Beziehungen verloren sich 
auch hier. 

Diese Beziehungen tragen alle das Charakteristikum an sich, daß sie 
nicht so sehr aus erotischem Bedürfnis heraus, als vielmehr aus dem Bestre- 
ben heraus angebahnt wurden, zur Nachahmung des praktischen Vorgehens an- 
derer Menschen aus Vernunftgründen verpflichtet zu sein und so gewisser- 
maßen die Normalität der eigenen Persönlichkeit zu erweisen. Sie 
waren damit schon so wie so zur Sterilität verurteilt. Freilich muß ich be- 
merken, daß die erwähnten einzelnen Frauen auch absolut nicht den Typ dar- 
stellten, auf den ich erotisch eingestellt bin. 

Auch möchte ich hier anfügen, daß ich zu richtigem erotischen Genuß 
nur bei gebildeten Frauen, Damen der Gesellschaft mit der entsprechenden In- 
telligenz komme; mir eignet ganz besonders in der Liebe der „Zug nach 
oben"; ich will von einer solchen Frau, die sich mehr fühlen soll als ich, 
gewissermaßen beherrscht und genommen werden. Aus diesem Grunde waren 
auch meine bisherigen spärlichen Beziehungen zu Frauen nicht geeignet, mir 
Befriedigung zu verschaffen; sie gelangten vielmehr bald nach kurzen ps'eudo- 
erotischen Spielereien in ein Fahrwasser, das alle anderen persönlichen Be- 
ziehungen, nur nicht erotischen, Raum gab und einige Zeit hernach ver- 
loren sich auch die letzten Reste gegenseitigen Verkehrs infolge 
Reizlosigkeit und Gleichgültigkeit der gegenseitigen Empfin- 
dungen und Interessen. Daraus ist ersichtlich, daß bei passiven, erotisch 
kompliziert angelegton Naturen eine Erotisation nur sehr schwer und höch- 
stens dann gelingt, wenn die ideale heterosexuelle Ergänzung gefunden wird. 
Ein Haupthemmnis ist natürlich auch die Anknüpfungsschüchternheit des passiv 
veranlagten Mannes. 

Theoretische Zusammenfassung: 

Angst und Zorn sind die beiden Affekte, die den menschlichen Gehirn- 
apparat, das Zentralnervensystem, am schärfsten erregen. Bei dem durch den 
Druck des Daseinskampfes innerhalb der Knlturmenschheit bei vielen Indivi- 
duen und ganz besonders bei anderweitiger hereditärer Disposition, wie bei 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 63- 

den Neuropathen, geschwächten und schließlich abgestumpften Nervensystem 
bedarf es der oben genannten ganz starken seelischen Eindrücke, um bei 
diesen Personen die von allen lebenden, auch den schwächlichen, Individuen 
instinktiv gesuchten Wollustreize auszulösen. Daher z. B. der starke „Ein- 
druckshunger" der Masochisten („große" Frauen, Briinhilden-, Amazonentypus), 
volle, „enorme" Gesäßbacken, herrische, metallische Stimme, „energischer" 
Charakter; Analogien bei materiellen Genüssen: starke Weine, Virginiazigarren 
für Gewohnheitsraucher etc., bei geistigen Genüssen: orchesterpolyphonisch- 
bizarre, aufregend-intellektnalistische Musik eines Richard Strauß. Höchst- 
differenzierte Kultur bringt automatisch eine gewisse Degeneration der rein 
primitiven Lebenskraft mit sich; dieser Vorgang scheint aber im Naturgesetz 
des dauernden Kreislaufs begründet zu sein. Es besteht kein Anlaß, das be- 
kannte, mit entsprechendem Beigeschmack lanzierte Gerede von der allgemeinen 
Degeneration, das durchaus falsch ist, gedankenlos mitzumachen. 

Die Rousseauschen Rufe: „Retournons ä la nature" sind psychologischer 
Unsinn. Rousseau, der doch selbst Masochist war, hatte nicht den ehrlichen 
Mut, diese seine Veranlagung als etwas organisch seiner Person Anhaftendes, 
Naturgewolltes zu verdeitigen, sondern trat in falscher Abreaktion, um mit Freud 
zu reden, die Flucht in die Philosophie an, in der er ein Frauenideal auf- 
stellte, das seinem persönlichen Geschlechtsempfinden geradezu zuwiderlief. Über 
das lächerliche Bemühen so mancher dei inferiores und leider hie und da 
anch superiores unter den Ärzten, psychosexuelle Abnormitäten mit ethischen 
Werturteilen in Zusammenhang zu bringen, kann zur Tagesordnung über- 
gegangen werden; es sind dies vielfach dieselben Herren (nicht bloß Ärzte, 
sondern natürlich auch Juristen, Philosophen etc.), die sich während des Krieges 
und nachher ein gerüttelt Maß von Charakterlosigkeit und geistiger Prostitution 
bei Gelegenheit politischer Stellungnahme leisteten. 

Da das ätiologische Moment bei allen denjenigen psychosexuellen Abnor- 
mitäten, deren Hauptmerkmal ein Reizhunger nach verstärkten Ausdrucks- 
formen der Triebbetätigung ist, zum guten Teil sicher auf eine bezüglich 
Nervensystem und biochemischen Gesamtkonstitution atypisch gestaltete Anlage 
des betreffenden Individuums zurückzuführen ist, ist es auch erklärlich, daß 
masoebistische und sadistische Ideeugänge meistens bei ein und derselben 
Person vergesellschaftet vorkommen. — „Eindruckshunger" ist das Gemeinsame 
der beiden algolagnistischen Spielarten, die ja bei dem Eiuzelindividuum meist 
ungleichmäßig stark beteiligt sind. 

Da der Masochist vorwiegend Zerebralist, d. h. ein Mensch ist, 
dessen Erotisation mehr durch Vorstellungen in den Gehirnbahnen 
und nicht so sehr durch äußere Ereignisse eingeleitet wird, ist 
es erklärlich, daß auf viele Masochisten nicht so sehr oder zum 
mindesten nicht ausschließlich die tatsächliche Ausführung der 
Züchtigung durch die Frau einen besonderen Eindruck hervorruft, 
als vielmehr die lustbetonte Vorstellung von der seitens der Frau 
„bevorstehenden" Züchtigung. Eine bekannte Tatsache ist ja die 
erotische Nichtbefriedigung und Mißstimmung der Masochisten 
nach künstlich arrangierten Abenteuern mit Dirnen und ange- 
lernten Franen; solche Unternehmungen müssen wegen Außeracht- 
lassung der gerade in diesem Fall zwischen Mann und Frau unbe- 
dingt n ötigen seelischen Ergänzung ausnahmslos fehlschlagen, y^ 

< — Die erotische "Reaktion ist am besten bei Männern zu prüfen, die an ner- 
vöser Impotenz leiden oder zu leiden glauben. Ein impotenter Masochist kann 



64 



Sadismus und Masocbismus. 



meines Eraehtens vielmehr durch Drohungen seiner Frau (wie etwa: sie werde 
ihn wegen dieser oder jener Verfehlung oder wegen Nichteintritts der Erek- 
tion durchhauen) und durch schildernde Ausmalung des beabsichtigten Züch- 
tigungsaktes seitens der Frau zu stärkeren Erektionen gebracht werden als 
vielleicht dur ch die ^ tatsächliche Schlägeerteilung seitens der Frau. Übrigens 
dürfte das Experiment, eine genügend starke Erektion herbeizuführen, gerade 
auch dann gelingen, wenn die Frau dem Manne umgekehrt droht, sie 
werde ihn bei eintretender Erektion — etwa unter der erheuchelten 
Begründung der Ungehörigkeit dieses Vorgangs — tüchtig durch- 
hauen. Mit Sicherheit ist fast zu wetten, daß der pseudo-impotente Masochist 
«ine entsprechende Erektion des Gliedes erreicht, die ihn zum Beischlaf mit 
der Partnerin befähigt. Freilich setzen diese psychischen Schachzüge, d. h. deren 
Umsetzung in ^^Praxis^iue. sehr intelligente und dem Manne durchaus ent- 
gegenkommende Frau voraus. 

Im allgemeinen wird man behaupten dürfen, daß kurzfristige Liebes- 
verhältnisse und Geschlechtsbeziehungen für die Veranlagung des Masochisten 
keineswegs passen. Die sexuelle Befriedigung solcher Masochisten meines Typs 
ist nur im Wege des langdauernden Verhältnisses oder einer Ehe mit einer 
/hochgebildeten, flagellantistisch-sadistisch orientierten Dame der Gesellschaft 
/zu erreichen, die diesen masochistischen Neigungen verständnisvoll entgegen- 
/ kommt. 

Ich bin andauernd auf der Suche nach einer solch passenden Lebens- 
gefährtin, ohne sie bis jetzt noch gefunden zu haben, was allerdings bei 
meiner bisherigen relativen Zurückgezogenheit kein Wunder ist. 

Glauben Sie, Herr Doktor, daß ich auf den zur Zeit gangbaren gesell- 
schaftlichen Wegen eine derartig veranlagte Frau finden kann? 

Meine masochistische Veranlagung sagt mir an und für sich zu, in- 
folgedessen bin ich bestrebt, auch in der Wirklichkeit eine Frau zu 
finden, die die richtige Ergänzung zu mir darstellt. Ich meine doch der Über- 
zeugung sein zu können, daß es so manche Frauen aus der Gesellschaft gibt, 
•die meinen doch verhältnismäßig allgemein algolagnistischen Typus glücklich 
ergänzen würden,, für die ich tatsächlich ohne Überhebung der sogenannte 
„ideale Gatte" wäre. 

Sehr schwierig ist eben nur die Möglichkeit des tatsächlichen, gegen- 
seitigen Sichfindens der erotisch sich ergänzenden Männer und Frauen. 

Die Organisierung des raschen Sichfindens der zusammengehörigen Partner 
ist auch noch ein ungelöstes Zeitproblem. 

Was halten Sie wohl von der gewerblichen Ehevermittlung bei besonderer 
Berücksichtigung unseres Themas? Ich kann mir nicht denken, daß diesen 
Weg individuelle, energisch veranlagte Frauen beschreiten. 

Der fleißige Besuch gesellschaftlicher Veranstaltungen bietet abgesehen 
von dem Verlust an Zeit, Geld und dem Aufwand an Nervenkraft, mit der 
gerade auch im Hinblick auf die schweren wirtschaftlichen Daseinskämpfe der 
gegenwärtigen Zeitlage entschieden haushälterisch umgegangen werden muß, 
auch nicht die Gewähr, daß verhältnismäßig komplizierte Naturen, wie dies 
die Masochisten nun einmal sind, den bestimmten Typus der ergänzenden 
Partnerin dort vorfinden, zumal gerade solche Frauen sich auch nicht allzu- 
gern in der oberflächlichen Gesellschaft bewegen. 

So ist die Lösuug des Eheproblems bei Masochisten, das Antreffen der 
ergänzenden Frau, eine ziemlich schwierige Sache. Hier versagen unsere ge- 
sellschaftlichen Einrichtungen vollständig. 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 65 

Indem ich hoffe, einen kleinen, brauchbaren Beitrag zu Ihren Studien 
geliefert zu haben, möchte ich mich Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, unter 
freundlichen Grüßen höflichst empfehlen. 

Ihr ergebener L. M. 

Dieser interessante Lebensbericht läßt uns tief in die Psychologie 
der Paraphilie eindringen. Wir sehen erstens eine innige Beziehung zwi- 
schen Sadismus und Masochismus. Nicht nur, daß der erste Eindruck ausge- 
sprochen sadistisch ist und von der Schadenfreude des Knaben zeigt, der 
die geschilderte Prügelszene beobachten konnte, sondern die Tatsache, daß 
der Schreiber ein bescheidenes Mädchen flagellieren konnte, zeigt die Ver- 
bindung der beiden Komponenten Sadismus und Masochismus, was der 
Kranke ja selber einsieht und wiederholt betont. 

Wir sehen ferner, daß es sich um einen Phantasiemenschen handelt, 
der vor der Realisierung seiner Wünsche zurückschrickt. Die Versuche, 
die Phantasie in die Tat umzusetzen, scheitern nach kürzerer oder län- 
gerer Zeit. Die Entwertung des Partners macht den Verhältnissen ein 
Ende. Immer wieder taucht die Sehnsucht nach einem seelischen Ver- 
ständnis, nach einer „höheren" Person auf. Aber gerade diese Personen 
werden gemieden. Der Hang zur Isolierung ist zu stark, die Angst vor 
dem Weibe und vor der Liebe ist zu mächtig. Wie alle echten Sado- 
Masochisten ist auch dieser Kranke eigentlich psychisch impotent. Ein 
Koitus ist nur durch manuelle Hilfe der Frau zu erzielen, eine arrangierte 
Ungeschicklichkeit läßt ihn nach dem Prinzip „Lust ohne Schuld" die 
passive Rolle spielen. 

Interessant ist, daß der Kranke ein einziges Kind ist und nichts 
von Schlägen im Elternhaus erwähnt, obwohl die Ausführungen über 
Drohungen bei der Erektion eine infantile Szene mit der Mutter ver- 
muten lassen. Über diese wichtigen Konstellationen (Vater— Mutter) 
schweigt sich der sonst so beredte Kranke vollkommen aus. Wie die 
meisten dieser Kranken litt unser Patient auch in der Schule an Angst 
und Schreckpollutionen. Hirschfeld hat in seiner „Sexualpathologie" x ) /> 
darauf aufmerksam gemacht, daß sich diese Tatsache häufig in den Lebens- 
geschichten der „metatropen" Masochisten findet. Wir kennen die Psycho- 
logie dieser Pollutionen sehr genau und wissen, daß die Schulaufgabe zum 
Symbol einer weit wichtigeren sexualen Aufgabe wird (parapathisches 
Junktim). Wenn du diese Aufgabe bewältigst, so wird dir auch die viel 
schwerere Aufgabe gelingen. Charakteristisch ist das Auftreten in der 
Religionsstunde und das Thema: Stillung des Sturmes. Über den nie 
fehlenden religiösen Komplex findet [sich sonst keine Angabe. An diese 
Schulpollutionen knüpft sich ein starkes Schuldgefühl, das auf den ver- 



') III. Teil „Störungen im Sexualstoffwochsel". S. 139. 

Stekel, Störungen des Triob- nnd Affoktlebens. VIII. 



66 



Sadismus und Masochismus. 



hotenen Inhalt der Phantasie schließen läßt, die in der Mittelstimme ge- 
legen, dem Schüler gar nicht zum Bewußtsein kommt. 

Charakteristisch ist die Flucht vor dem Weibe. Er sucht nicht Hei- 
lung durch Analyse, sondern erhofft sein Heil von einer sadistischen 
Herrin, die alle seine Wünsche erfüllt. Ich kenne solche Ehen und kann 
nach meiner Erfahrung nur feststellen, daß sie alle unglücklich sind und 
daß die Partner nach kürzerer oder längerer Zeit auseinandergehen. 

Sehr treffend sind die theoretischen Ausführungen, die sich allerdings 
bemühen, die psychischen Wurzeln zu verbergen. Was der Schreiber über 
die Zerebralisierung der Paraphilie sagt, zeigt den scharfen Beobachter. 
Diese Menschen sind schrankenlos in ihrer Phantasie und schrecken in 
der Realität, vor der Erfüllung ihrer Wünsche zurück. Die reale Szene 
enttäuscht sie immer, weil sie ja nicht dem unbewußten Wunsche ent- 
spricht und selbst eine Fiktion ist, hinter der sich eine ganz differente 
Szene verbirgt, weil die Personen Ersatzfiguren sind, wobei sogar die 
Hollen vertauscht sind. Doch davon später! 

Ich hatte das Bedürfnis von diesem Kenner der Materie nähere 
Aufklärungen zu erhalten und stellte mehrere Fragen an ihn, die er mir 
mit dem nachfolgenden, sehr ausführlichen Schreiben beantwortete, das 
zugleich einen größeren theoretischen Exkurs enthält und uns den gegen- 
wärtigen Stand der nicht-analytischen Lehre genau wiedergibt, 

Sehr geehrter Herr Doktor! 

Ihre freundliche Anfrage möchte ich, nach Ihren einzelnen Fragestellungen 
geordnet, wie folgt, beantworten: 

1. Frage: Ob ich von Eltern oder Lehrern in früher Jugend geschlagen 
wurde? 

Dazu folgendes: 

Im Elternhaus bekam ich wohl hie und da einmal Schläge, aber immer 
in einer Weise, die mit dem sadomasochistischen Gefühlskomplex meines Er- 
achtens nicht in Zusammenhang gebracht werden kann. So hatte sich z. B. 
mein Vater, eine an sich gutmütige, neurasthenisch-hypochondrisch stärker be- 
lastete Natur, in jungen Jahren ein aufgeregter, aufbrausender Mensch (meine 
Eltern waren sehr jung, als sie 1888 heirateten — Vater noch nicht ganz 23, 
Mutter noch nicht 21 Jahre alt) in den Kopf gesetzt, aus mir, als ich etwa 
ein kleiner Bub von 6 — 7 Jahren war, einen Kopfrechenkünstler zu machen, 
was er als Kaufmann offenbar besonders wichtig ansah. Außerdem war es 
wohl hauptsächlich mißverstaudener elterücher Schulehrgeiz, was ihn zu dieser 
komischen Praxis trieb. Hiebei hörte er mich täglich ab und gab mir, der es 
sogar in diesen nicht gerade geistreichen Kunststücken damals zu einer gewissen 
Fertigkeit gebracht hatte, regelrecht einige schallende Ohrfeigen, wenn 
ihm die zwischen Aufgabe und Lösung des Rechenexempels verstrichene Zeit 
angeblich zu lang dünkte, was er schon nach Verlauf einiger Sekunden als 
gegeben ansah. Doch hörte er mit dieser Gewohnheit nach ein paar Jahren 
auf. Einmal während der erwähnten Zeit ließ er durch ein Lehrmädchen von 
einem nahe gelegenen Korbwarengeschäft einen Rohrstock holen, welches ihn 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 57 

dann in das Zimmer hereinbrachte. Mein Vater, entweder durch meine Matter 
davon abgehalten oder was mir, glaube ich, noch erinnerlich, durch das Spiegel- 
bild seiner damals auch von dritter Seite lästig empfundenen Aufgeregtheit, 
nämlich meine kindliche Nervosität abgeschreckt, machte dann von dem Stocke 
keinen Gebrauch. 

Zu meiner allgemeinen Charakterologie möchte ich bemerken , daß ich 
ein mehr elegisch veranlagtes, passives, sogenanntes „braves", d. h. eben schon 
neurasthenisches Kind war; nur bei stärkeren Unlustreizen raffte sich meine 
sonst gutmütige Natur, die sich namentlich von Kameraden allzu viel gefallen 
ließ, zu Gewalttätigkeiten auf. So soll ich mit drei Jahren (ich glaube mich 
selbst noch an das Zimmer und die Szene dunkel erinnern zu können) während 
der Abwesenheit meiner Eltern meine Großtante in die Brust gebissen 
haben und auf meinen Großonkel mit dem Hammer losgegangen 
sein, weil mich irgend etwas verletzt oder geärgert hatte. Ferner hatte ich 
eine unüberwindliche Abneigung gegen häßliche und unästhetisch aussehende 
Kinder; so sah ich einmal etwa auch im Alter von drei oder vier Jahren ein 
ekelhaft aussehendes kleines häßliches Mädchen an der gläsernen Ladentüre 
des elterlichen Geschäftes vorbeigehen; trotzdem das Mädel in Begleitung seiner 
Mutter ging, rannte ich ganz impulsiv auf die Straße hinaus und gab dem 
kleinen Mädel sofort eine Ohrfeige. Genau dasselbe Verfahren befolgte 
ich in der ersten Volksschulklasse, wo ich einen recht häßlichen Schüler, der 
neben mir auf der Bank saß, vielleicht aus Zorn, weil er mir, glaube ich, 
mit affenartiger Gebärde mein Fließblatt wegnahm, mitten in der Unter- 
richtsstunde eine Ohrfeige versetzte, was den Lehrer so frappierte, 
daß er gar nicht daran dachte, mir etwa Schläge zu geben. 

Das waren aber lediglich Ausnahmeerscheinungen , denn meine ganze 
Charakteranlage entwickelte sich im Laufe der Schulzeit gerade zum Gegenteil 
(Schizothymie schon im Kindesalter, Schüchternheit, Bipolarität des Charakters). 
Ich war ein Kind, das vor erwachsenen Personen, Augehörigen, Lehrern u. dgl. 
großen und aufrichtig gefühlten Respekt hatte. Die Lerntätigkeit in der Schule 
lag meinem passiven, allem Raufen instinktiv abholden Wesen gut. Ich war in 
den ersten vier Schuljahren, während deren ich die Volksschule besuchte, von 
etwa 60 — 70 Schülern (man hatte damals 1894 — 1898 noch die Rang- 
ordnung nach Güte der Leistungen , ein Modus , der auch zur Erhöhung der 
Kindernervosität beitrug) immer unter den ersten fünf, einmal auch Primus 
unter 66 Schülern — eine Tatsache, deren verhältnismäßige Wertlosigkeit fürs 
spätere Leben sich insoferne herausstellt, als es eine alte Erfahrung ist, daß 
eine günstige Kombination der Konstitutionselemente auch selbst bei geringerer 
intellektueller Anlage des Individuums, geeignete Berufwahl und sozial vorteil- 
hafte Umgebung (Protektion u. dgl.) für das sogenannte Glück im Leben viel 
ausschlaggebender sind als objektive gute Funktion der Geistestätigkeit. Damit 
soll ja der Wert einer guten Begabung nicht geleugnet werden , aber allein 
reicht sie zum Erfolge im Leben nicht aus. Mein körperlich (natürlich auf 
psychischer Basis !) gehemmtes, geistig lobhafteres Wesen blieb mir auch wäh- 
rend der ganzen Zeit, in der ich das humanistische Gymnasium besuchte, treu. 
Ich legte das Gymnasialabsolutorium im Religious(!)fach (evangel.), wozu in 
der Oberklasse auch etwas Religionsphilosophie kam, mit bester Note (eins) 
und ausdrücklich lobender Bemerkung im Zeuguistext, die übrigen Fächer 
(deutscher Aufsatz, griechische und neuere Sprachen — Mathematik, darunter 
mehr Neigung und Talent für Astronomie, Physik und Stereometrie als für 
Algebra und Geometrie — mehr synthetische, ästhesierende als rein abstrakt- 



Sadismus und Masochismus. 



analytische Veranlagung;, mehr Neigung zu konkreter, plastischer Analyse) mit 
durchwegs guter Note ab. In der mehr nüchterne Art voransetzenden masku- 
linen lateinischen Sprache und im Turnen erzielte ich nur Durchschnittsleislun- 
gen. Ich gebe dies aus Gründen psychologischen Interesses bekannt. Als psy- 
chisch gehemmter, im Raufen ungewandter Gymnasiast erlebte ich namentlich 
in den sogenannten Flegeljahren (Pubertäts- und Nachpubertätsperiode) ein 
wahres Martyrium seitens einzelner meiner Mitschüler, die, wohl instinktiv 
durch den psychischen Unterschied gereizt, mit mir Schindluder in jeder Facon 
trieben, mich ohrfeigten, Reißnägel auf den Banksitz legten, mit Zirkeln und 
Linealen nach mir warfen etc. Ich konnte mich damals wegen der offenbar 
seinerzeit schon zutage getretenen schizothymen Hemmungen und Ungewandt- 
heit nicht wehren oder wenn ich dies einmal in höchster Bedrängnis und nicht 
hinlänglicher Weise tat, so wählte ich unter Nichtbeherrschung der Situation 
wohl gerade den ungünstigsten Zeitpunkt, in welchem dann regelrecht die be- 
treffende Lehrkraft auf der Bildfläche und ich als der primäre Störenfried 
erschien. Erst später wurden die leitenden Stellen auf die Auswüchse solcher 
Quälereien — gewöhnlich nur aus Zufall — aufmerksam. Diese Vorfälle be- 
treffen die Gymnasialzeit zwischen dem 14. und 17. Lebensjahr. 

Prügelerlebnisse in der Volksschule: 1894 — 1898. 

In den ersten zwei Volksschuljahren führte unsere Schulklasse ein 
hochgewachsener, flotter, ziemlich eingebildeter Lehrer, dem erotische Ver- 
hältnisse mit Schiilermüttern nachgesagt wurden. Ich glaube mich nicht zu 
täuschen, wenn ich heute nach langen Jahren annehme, daß dieser Lehrer, 
damals 1894/1895 ein junger Mann von 29 Jahren , mit einem gewissen 
Vergnügen die Schüler überlegte, ihnen mit feierlicher Ruhe die 
Hosen spannte und regelmäßig eine starke Portion von derben 
Rohrstockhieben auf die Gesäße der betroffenen Schüler nieder- 
hageln ließ. Er tat dies immer mit einer Umständlichkeit und einer gewissen 
hochmütigen Pose, wie wenn er vor der Klasse ein Schauspiel veranstalten 
wollte. Es ist mir heute noch erinnerlich, mit welch stolzem, selbstverständ- 
lichen Blick er die Schüler packte, über die Bank oder den Katheder oder 
dessen Stuhl legte und mit welch hohem Schwünge er gerade dann das Rohr 
bediente, wenn die betreffenden Schüler weinerlich um Erlaß der Strafe bet- 
telten. Da gab es Szenen, bei denen die Knaben in beinahe hysterisch anmu- 
tenden Anfällen vor dem Lehrer wie vor einem orientalischen Herrscher eine 
Proskynesis um Begnadigung veranstalteten, Gejammer und Geschrei der Be- 
teiligten, welche abwechslungsreiche Szene dann noch die freundliche Nach- 
mittagssonne , die ins Zimmer schien, belebte. Vielfach mußten Schüler aus 
einfacheren Ständen, Waisenhausknaben etc. dran glauben. An Schüler sozial 
besser gestellter Eltern traute er sich vielleicht nicht so heran, weil es da 
leicht Konflikte mit den Eltern geben konnte. Die Schülorzüchtigungen 
waren für die Klasse ein wahres Schauspiel, durch diese ErzTehungs- 
art wurden die kindlichen Gemüter mit den halb ablehnend empfundenen, halb 
theatralisch hingenommenen Schauerwirkungen solcher auf ein blindwütiges 
Autoritätsprinzip aufgebauter Bestrafungen bekannt gemacht. 

Was meine Person anlangt, so erhielt ich von dem erwähnten Lehrer 
keine Schläge aufs Gesäß, aber umsomehr sogenannte Tatzen, d. h. Schläge 
mit dem Rohrstock auf die Hände, und zwar wegen meiner angeblichen 
Unaufmerksamkeit (die in Wirklichkeit nichts anderes war als die konstitutionelle, 
durch die schematische Art des damaligen Schulbetriebes noch begreiflichere 
neurasthenisch rasche Ermüdung des Kindes — ich hatte den Lehrstoff schon 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 69 

begriffen oder es ermüdete mich die lehrhaft langweilige Art des Vortrages und 
sah dann mit einem gewissen Ausruhbedürfnis zum Fenster hinaus — eine Art 
meines Wesens, die mir spater einmal in einem Zeugnis der ersten Gymnasial- 
jahre die Bemerkung eintrug: „Ist znr Träumerei veranlagt"). Meine 
Gefühle gegen den aufgeblaseneu, tatzenspendenden Volksschullehrer waren 
damals natürlich sehr autoritätsgläubig und eigentlich nicht so feindselig, wie dies 
»anz natürlich gewesen wäre und wie dies stolze, leidenschaftliche Buhen in 
solchen Fällen zu sein pflegen. Die offiziellen Kreise in Staat, Gesellschaft und 
Kirche haben ja von jeher diese Art von Popoprügelpädagogik aus einem gewissen 
Nützlichkeitsstandpunkt heraus besonders geschützt, um die jungen Menschen zu 
willfährigen Leuten für ihre Zwecke zu erziehen. Insofern erschienen einem die 
Hiebe als selbstverständliches Attribut der Schuleinrichtungen, als welches sie 
auch von Erwachsenen geschildert wurden und man regte sich höchstens über 
die größere oder geringere Roheit bei Ausführung der Bestrafungen auf, die 
bei allen möglichen, auch gewiß harmlosen Gelegenheiten, z. B. wenn ein Knabe 
eine Frage aus dem Lehrstoffe nicht beantworten konnte, stattfanden. Die Kinder 
redeten dann von der „Strenge" des Lehrers, was vermutlich ausgeprägter 
Sadismus war. 

2. Meine ersten Erinnerungen gehen bezüglich eigener Bestrafungen dahin, 
daß ich ein starkes Angstgefühl vor Ausführung derselben hatte und daß der 
mehrfach erwähnte Lehrer mit dem Schüler wie die Katze mit der Maus spielte, 
wenn der Betreffende sich dem Arm des Lehrers entwinden wollte oder die 
Hände zur Faust zusammenballte, worauf sich der Lehrer doch nicht zu schlagen 
traute, obwohl es hie und da wohl auch vorgekommen sein mag. Auch hatte 
man nach seinen derb erteilten Tatzenschlägen große Schmerzempfindungen an 
der Handinnenfläche. 

Bei fremden Bestrafungen verfolgte ich die Szene mit einer gewissen 
Angst und teilweise auch mit aufgeregter Neugierde, insbesondere die talentvolle 
Bemeisterung der Knaben durch den Lehrer, wenn er sie aufs Gesäß schlug. 
Ich erinnere mich noch sehr gut, daß wir einmal eine Lehrerin, eine hagere, 
große Gestalt, zur Aushilfe hatten und ich mir damals ausmalte, wie das wohl 
vor sich gehen würde, wenn die Lehrerin jetzt die Schüler überlegen und mit 
dem Rohrstock aufs gespannte Gesäß hauen würde. Das erschien mir interessanter, 
als wenn dies der Lehrer besorgt hätte. Die betreffende Lehrerin prügelte nun 
damals zu meinem enttäuschten Sonsationsbedürfnis keinen der Knaben durch. 
Ich glaube meine Gefühle von damals noch richtig reproduzieren zu können, 
wenn ich sage, daß mir damals wohl eine Lehrerin, die die Buben mit dem 
spanischen Rohre geschlagen hätte, interessanter und nicht gerade so plump 
gewalttätig als ein Lehrer im gleichen Fall erschienen wäre. Zum mindesten 
hätte ich eine Lehrerin als Klassenleiterin ganz gerne gehabt, ob lieber als 
einen Lehrer, weiß ich nicht mehr, da ich mir über einen diesbezüglichen 
Vergleich wohl noch keine klaren Gedanken machte. Ich weiß auch noch, daß sich 
die Knaben damals mit einer gewissen geheimnisvollen Wichtigtuerei mitteilten, 
wenn es etwa bekannt wurde oder das Gerede ging, daß ein Lehrer auch 
die Mädels überlege, ihnen die Röcke oder Höschen spanne, was. 
in der Praxis wohl nur ganz ausnahmsweise der Fall gewesen sein dürfte. 
Ebenso war es ein sensationelles Gespräch unter Knaben oder eine schadenfrohe 
Neckerei seitens aufgeweckter Mädels, wenn es von einer Lehrerin hieß, die 
sei besonders strenge, sie lege selbst die größten Buben noch über. 

Diesen Gesprächen lag ein gewisser unbewußt sexuell betonter Respekt 
vor der Macht einer solchen Frau zugrunde. Die deutliche sexuelle Spitze dieser 



70 



Sadismus~und Masochismus. 



Unterhaltungen ist den Kindern natürlich meistens unbewußt, obwohl sie ja mit 
einer gewissen lustbetonten, zum mindesten nicht unangenehmen Aufregung 
davon reden. 

Erst von demjenigen Lehrer, der wahrend meines dritten und vierten 
Volksschuljahres unsere Klasse leitete, bekam ich einmal Schläge mit dem Rohr- 
stock aufs Gesäß. Das war das einzige Mal während meiner ganzen Schulzeit. 
Ich hatte lachen müssen, weil ein in meiner Nähe sitzender Mitschüler in der 
Unterrichtsstunde sich die Nase voll Tinte geschmiert hatte und ein urkomisches 
Aussehen bot. Dieser Lehrer, der, glaube ich, nicht sadistisch veranlagt war, 
hatte die Gewohnheit, die Schüler zwischen seine Oberschenkel einzuklemmen, 
wenn er sie mit dem Stocke aufs Gesäß schlug. Seiue Bestrafungen hatten 
mehr etwas Gemütliches, Beschauliches an sich und waren nicht so sehr mit 
sensationellen Aufregungen verbunden. Auch verspürte ich damals die Schmerzen 
beim Schlagen des Gesäßes mit dem Rohrstocke lange nicht so unangenehm 
als wie die rohen Tatzenschläge des früheren Lehrers. Auch hatte ich keine 
starken Angstgefühle vor der Bestrafung, fühlte mich aber hinterher in meiner 
persönlichen Würde schwer gekränkt, hatte aber sonst gegen den Lehrer nichts 
einzuwenden. Ob dieser zweite Lehrer etwas davon gemerkt hat, daß mich die 
Schläge aufs Gesäß offenbar nicht sonderlich belästigten, weiß ich nicht. 
Jedenfalls gab er mir nur ein paar Schläge auf das Gesäß und hörte sodann 
gleich auf. Als Illustration dafür, wie im Gegensatz zu passiven, schizothymen 
Kindern (wozu ich gehörte) aktive mehr zyklothyme Knaben auf solche 
Bestrafungen reagieren, kann ich den Fall eines später befreundeten durchaus 
selbstbewußten Mitschülers — des späteren, unter Nr. 9, S. 81, erwähnten 
Spezialarztes — anführen, der von eben demselben Lehrer zwecks Züchtigung 
auf das Gesäß zwischen dessen Oberschenkel genommen wurde. Der betreffende 
Freund stieß damals, wie er mir später erzählte, mit seinem Hinterkopf so stark 
nach oben in die Höhe gegen die Hoden des Lehrers — natürlich absichtlich, 
daß der Lehrer offenbar einen scheußlichen Schmerz verspürte und nie mehr 
diesen Knaben schlug, während ich mir in ergebener Ruhe die gleiche Prozedur 
gefallen ließ. 

Später, in den ersten Jahren der Gymnasialzeit, erinnere ich mich uoch 
daß mich besonders Mitteilungen und Erzählungen anregten, in denen von 
Knabenpensionaten die Rede war, in denen die Knaben besserer Stände mit dem 
spanischen Rohr durchgehaut würden. Anlaß hiezu gab die Tatsache, daß ein 
sehr hübscher Mitschüler in einem solchen Pensionat war. An dessen volles 
Gesäß und hübsche schmal weißblaugestreifte Leinenpumphoscheu und die 
spanischen Rohrerzählungen aus dem Pensionate schlössen sich meine ersten 
stark-erotisch lustbetonten onanistischen Akte an. (Die rein physiologisch- 
lustbetonten Onanieakte angstneurotischen Ursprungs fanden zufolge meines 
1. Berichtes schon früher statt). 

Was nun die theoretische Stellungnahme anlangt, so dürfte die Annahme, 
daß die sadomasochistische Veranlagung lediglich durch Jugenderlebnisse erworben 
wird, unrichtig sein. Die Annahme eines derartigen direkten Kausalzusammen- 
hanges kann nur aus oberflächlicher Betrachtung erklärt werden. Gewiß wird man 
zugeben müssen, daß derartige Erlebnisse als ein die Auslösung begünstigendes 
Moment für entsprechend veranlagte Naturen eine gewisse Rolle spielen. Das 
Primäre ist und bleibt aber der — nach den eiuzelnen Individualitäten vielleicht 
verschieden starke — biologische Zusammenhang zwischen dem Angstgefühl and 
der erotischen Lust (vgl. z. B. bei beiden instinktive Verstärkung der Atmuugs- 
tätigkeit gelegentlich der spotanen Erregung des Gesamtnervensystems). Es 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masocliismus. 71 

scheint insbesondere, daß auf physiologisch, namentlich neurologisch schwächer 
gestellte Menschen, und zwar auch schon oder erst recht im Kindesalter, der 
Anblick der Gewalt aufregend rauschartig einwirkt, indem ein starkes Angst- 
gefühl erzeugt wird. Die Angst ist seelische Bewegung und als solche schon 
teilweise lustbetont. Durch zufällige Kombination mit einer durch das Gewalt- 
schauspiel erotisch (besondere Neigung der Sadomasochisten zur Muskelfleisch- 
erotik, volle Hinterbacken, körperliche Bewegung der beim Priigelvorgang 
beteiligten Personen) angeregten Schaulust spielt das Angstgefühl weiterhin in 
die Sexualerregung hinüber, so daß dann letztere vorwiegend in das Bewußtsein 
des kindlichen Voyeurs tritt. Deshalb sind eben gerade auch Flagellationen 
vorzüglich geeignet, das — wohl auf schizoide Individualanlage zurückzuführende 
Brachliegen der sexuellen Sphäre von Individuen, die die meiste Zeit affekt- 
lahm sind, angenehm zu unterbrechen. Die Kombination von Angstgefühl und 
erotischer Lust fixiert sich dann dauernd, so daß das Auftreten der letzteren 
von der Erregung des ersteren für immer abhängig wird. Der Masochist wird 
erst dann erotisiert, wenn er die Frau findet, die er körperlich und seelisch 
lustvoll fürchtet, vor der er wonnevolle Angst hat. Der Sadist muß, um erotisiert 
zu werden, eine Frau, ein Mädel finden, das ihn mit erotisch betonter Angst 
fürchtet ; falls es sich nicht um ganz extreme Sadisten handelt, wollen sie, wenn 
die Furcht des Objektes bei Anfang des sadistischen Aktes lediglich natürlich, 
noch nicht erotisch mitbetont ist, im Verlaufe z. B. der Flagellation regelmäßig 
dem Objekt ein erotisch betontes Angstgefühl bis zu einem gewissen Grade 
einflößen oder zum mindesten legen sie diesbezügliche Bitten des Objekts um 
Schonung in ihrem eigenen erotischen Rausche instinktiv so aus. 

Die Eindrucksfähigkeit des Prügelvorganges steigert sich infolge der 
zeitlich längeren Dauer der absichtlich verlangsamten Geschehnisse und der 
dadurch weiterhin interessierten Schaulust umsomehr, je mehr Zeit auf die 
ästhetische Abwicklung der Flagellation verwendet wird und namentlich dann, 
wenn eine ausgeprägte Feierlichkeit dabei im Spiele ist. Dies konnte ich den 
Erzählungen gleichaltriger Freunde aus ihren Volksschuljugenderinnerungen 
entnehmen. Hieher gehört auch die aus wissenschaftlicher und erotischer Literatur 
bekannte, öfters geschilderte Gewohnheit englischer Frauen bei der Flagellation 
der Kinder zu ihrer und ihrer Gatten oder Freunde erotischen Anregung ein / ( 

besonderes Zeremoniell zu veranstalten. Bloch zitiert in seinem „Geschlechtsleben / 

Englands" eine bezeichnende Stelle aus dem erotischen Werke: Exhibition of 
Female Flagellants: 

„It is not the impassioued and awkward brandish of a vulgär female 
that can charni, but the deliberate and elegant manner of a woman of rank 
and fashion, who displays all that dignity in every action." 

Dieser Feierlichkeitszauber der Flagellation knüpft auch eine der psycho- 
logischen Fäden zwischen sadomasochistischer Sexualität und Religiosität (s. unten 
bei Nr. 8). Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt auch die Tatsache der 
Kuraulierung der erotischen Lust bei pluralistischen Begebenheiten. 

3. Stereotype Träume habe ich nicht. Infolge der chronischen physio- 
logischen Erschöpfung meiner neurasthenischen Konstitution ist mein Schlaf 
jetzt fast regelmäßig traumlos; die alltägliche Ermüdung reicht von selbst 
soweit aus, daß sie eine tiefere Erholung immer erfordert. Der Schlaf ist ver- 
hältnismäßig dann am besten, wenn ich (der ich natürlich als nervöser Mensch 
abends und nachts lebhaft, morgens dagegen körperlich und seelisch matt bin) 
nach abendlichem Kaffeehausbesuch noch ein paar Stunden mich im Freien 
bewege. Der Drang nach Bewegung im natürlichen und übertragenen, psycho- 



72 



Sadismus und Masochisinus. 



analytischen Sinn ist bei mir gut entwickelt. (Poriomanie , psychische Unruhe, 
„Drang in die Ferne" trotz animus revertendi ; Grundlage : sexuelle Verdrängung?) • 
vgl. Ihre interessanten Studien über den Wandertrieb im Werke: Impuls- 
handlungen". 

Vielleicht kann man bei mir von stereotypen Träumen im Knabenalter 
sprechen, darüber siehe unten bei 4. 

Des Zusammenhangs halber komme ich hier etwas auf meine allge- 
meinen Gesundheitsverhältnisse zu sprechen. 

Pollutionen als Ausdruck körperlicher Kraftspannung kenne ich überhaupt 
nicht, obwohl ich in den letzten Jahren verhältnismäßig selten und meistens 
nur dann, wenn eine gewisse ekelhafte Gemütsdepression oder Schlaflosigkeit 
vorhanden war, mir Entspannung durch Onanie verschaffte. Im großen und 
ganzen besteht weniger Interesse an der allmählich als langweilig und sonderbar 
abstrus empfundenen Art der Befriedigung. Übrigens machten sich in den 
letzten Jahren unmittelbar oder nach einigen Stunden nach dem onanistischen 
Akt sonderbare, keineswegs schmerzhafte, aber unheimliche B e- 
nommenheitszustände, die offenbar auf Störungen der nervösen Reizleitungen 
zwischen Gehirn und Herz beruhen, geltend. Tags darauf ist jedoch Allgemein- 
befinden etwas besser und gehobener. Meine zwangsläufige Hinneigung zur 
reflexiven Gehirnsexualität hat zur Folge, daß die erotischen Vorstellungen 
deutlicher als bei rein tatsexuell eingestellten Menschen ins Bewußtsein treten 
und sich den sonstigen Denkvorgängen einreihen, so daß für eine Flucht un- 
erkannter erotischer Strebungen ins Unterbewußtsein und in die Träume im 
allgemeinen kein Anlaß besteht. Nun weiß ich natürlich nicht, ob meine vor- 
wiegend schizothyme Geistesanlage die primäre Ursache meiner spezialerotischen 
psychophysischen Gesamtkonstitution oder ob deren Ursache etwa hauptsächlich 
in rein physiologischen Anomalien der Konstitution zu suchen ist. Als Symptome 
der Störungen des Wohlbefindens sind zu nennen: Allgemeine Neurasthenie, 
intermittierend Anfälle von Herzneurose : öfters starker lästiger Steindruck auf 
die Herzgegend (Körpermitte hinter Brustbein), besonders bei ansteigendem Luft- 
druck, Asthma cordiale nervosum, namentlich bei fallendem Luftdruck, offen- 
bar Einflüsse der Veränderungen der elektrischen Spannungen der Atmosphäre 
Befinden verhältnismäßig am besten bei gleichbleibendem Tiefdruck und mäßig 
kühl- feuchtem ozeanischen Klima, oder mit der Auslösung der atmosphärischen 
Spannungen durch mildes Schneewetter nach unangenehm warmem Föhn oder 
Sturm, spontane Anfälle starker Angstgefühle, die Befürchtungen auf unmittelbar 
eintretende Herz- oder Gehirnlähmung tödlicher Wirkung aufkommen lassen, 
wohl eben starke vasomotorische Störungen infolge Versagens der Reizleitungen' 
im Anschluß hieran vielleicht leichtere chronische Herzmuskelschwäche. Es' 
sind aber auf Grund der Diagnosen verschiedener Ärzte, die ich im Laufe 
der Jahre konsultierte, weder Klappenfehler noch auch irgendwelcher früh- 
arteriosklerotischer Befund nachweisbar. Ein Hamburger Arzt, den ich in letzter 
Zeit konsultierte, führt die Beschwerden auf eine allgemeine Verarmung der 
Nervensubstanz an den betreffenden Stellen zurück, welche Anschauung zum 
Teil wenigstens wohl zutreffen kann, da ich auch in neuro-organischer Hinsicht, 
glaube ich, keine allzu gesunde Erbquote mit auf den Lebensweg bekommen 
habe (siehe unten bei 7.). Übrigens äußern auch bestehende Blutarmut und 
von mütterlicher Familie herrührende, bereits in Erscheinung getretene gichtische 
Veranlagung ihre Wirkungen *). 

') Deutliche Symptome einer Augstparapathie und schwerer Verdrängungen. 

Dr. W. St. 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 73 

Ich habe den Eindruck, als wenn sich die physiologische Kraft der in 
ihrer aktiven Betätigung endogen gehemmten Sexualität im choc-en-rotour- 
Wege einen Ausweg gesucht und sich zum Teil wenigstens auch störend auf 
die Funktion der Herztätigkeit geworfen hätte, wobei sie sich dann in Angst- 
gefühlen austobt. Es hat fast den Anschein, als wenn die Natur bei schwierigeren 
physiologischen Verhältnissen in der Konstitution eines bestimmten Individuums 
als ultima ratio zur Erotisierung die Angstaffekte verwenden wollte, da sie 
mit diesen stärksten Stimulantien des menschlichen Gefühlslebens die letzten 
Endes frigide Konstitution der geschilderten Gruppen von — neuropathischen 
— Menschen aufzurütteln hofft. Die Angstaffekte bilden dann die eine der 
drei Hauptwurzeln des sadomasochistischen Komplexes. 

4. Interessante Träume meines Lebens. 

Eine gewisse Stereotypie läßt sich bei den Träumen aus meiner Jugend- 
zeit beobachten. Ich litt verhältnismäßig viel unter Angst- und Schreckträumen; 
so ist mir z. B. noch ein Traum erinnerlich, den ich etwa im Alter von 
11 Jahren hatte. Damals erfuhr ich eines Tages von dem gewaltsamen Tode 
der schwer depressiven Mutter eines Schulkameraden, die sieh aus dem Fenster 
ihrer im 4 Stock eines Hauses gelegenen Wohnung auf die Straße gestürzt 
hatte. Ich hatte infolge dieser Nachricht nachts darauf derart starke Schreck- 
träume, daß ich morgens beim Aufwachen mit eingezogenen Extremitäten und 
gekrümmten Fingern schweißgebadet im Bette lag. Mit etwa 12 Jahren (1900) 
können wohl sporadisch einzelne Träume, die sich um Knabenflagellationen 
drehten, eingesetzt haben, doch sind mir Tatsache und nähere Einzelheiten 
nicht mehr genau erinnerlich. Im Alter von ca. 14 Jahren hatte ich einmal 
einen mir noch heute in der Erinnerung deutlichen Traum, dessen Inhalt sich 
darum bewegte, daß ich von meiner Mutter und unserer laugjährigen alten 
Köchin in einem Zimmer unserer damaligen Wohnung in einen Sarg aus grünem 
Tuch gelegt, dieser verschlossen und ich aus der Wohnung hinausgetragen 
wurde. In der Jugendzeit spielten überhaupt diese speziellen Schreckträume, 
die Todesszenen, Begräbnis, Lebondigbegrabenwerdeu etc. zum Gegen- 
stand hatten, eine unangenehme Rolle. Erotische Träume sind verhältnismäßig 
recht selten; vor längerer Zeit, etwa vor ein paar Jahren hatte ich einmal 
einen Traum, in dem mir eine große Frau mit lächelnder Miene erschien, die 
einen Rohrstock in der Hand hielt. Kürzlich einmal träumte ich, und zwar 
immer des Morgens bei nochmaligem Einschlafen, daß meine Mutter mich 
spaßhaft von hinten umschloß, mich an die Wand drückte und ihre Hand an 
meinen Kehlkopf legte; ferner, daß ich mit meiner Hand die Schwere der 
üppigen Hinterbacken einer großgewachsenen bekannten Dame in mittleren 
Jahren abwog und das Fleisch derselben streichelte. Außerdem träumte mir 
neulich einmal, daß ein Backfiscbmädel, das neben mir auf der Straße in 
Hamburg am Außenalsterufer herlief, und zwar mit bloßem Popo, mich halb 
ängstlich, halb schelmisch ansah, worauf ich das Mädel an den feuchten Genitalien 
berührte. Etwas Wesentliches kann ich also hier nicht berichten. 

5. Gestaltung meiner sexuellen Lebensführung seit dem letzten Bericht 
vom 22. Oktober 1921: 

Die Gestaltung der praktisch erotischen Lebensführung hängt zum aller- 
größten Teil von der endogenen psychischen Konstitution des Individuums 
und nicht, wie ich in früheren Jahren oft meinte, von der Ungunst der äußeren 
Verhältnisse, ab. Freilich mögen wohl gesellschaftliche Abgeschlossenheit der 
Familie, besonders also der Eltern (was bei meinen Angehörigen der Fall 
war), Geschwisterlosigkeit und andere äußere Umstände eine rechtzeitige und 



74 



Sadismus und Masochismus. 






nachhaltige Einführung des jüngeren Menschen ins praktisch-erotische Leben 
mit Frauen noch weiterhin erschweren, das Wesentliche ist darin zu sehen, 
daß die taterotisch in hohem Grade oder gänzlich gehemmte d. i. gesperrte 
Lebensweise des Verstellungserotikers auf seine zwangsläufige schizothyme Zurück - 
gezogenheit und Schüchternheit, seine latente Geschlechtskälte zurückzuführen ist. 
Diese Erkenntnis dämmerte mir schon vor einiger Zeit, ist aber dann noch durch 
die Lektüre der ausgezeichneten, lehrreichen Abhandlung des Tübinger Psychiaters 
Dr. Kretzschmer in seinem Buch: „Körperbau und Charakter", Berlin 1922, 
Verlag Julius Springer, weiter bestärkt worden. Was Kretzschmer über die 
psychophysische Sexualentwicklung der schizoiden Gesamttemperamente sagt, 
trifft in vieler Hinsicht bezüglich meiner erotischen Lebensführung den Nagel 
auf den Kopf. Ich bin zwar auch eine etwas zyklothyme Natur, d. h. vielleicht 
gering manisch-depressiv, wobei ich ganz bedeutend mehr nach der depressiven, 
konstitutionell verstimmten Seite hinneige, habe aber meines Erachtens beträcht- 
liche schizothyme Einschläge; bin also ein Mischtyp zwischen den zwei Gruud- 
veraulagungen, dessen Merkmale u. a. sind: solitäre Abneigung gegen die 
nüchterne Plattheit des Lebens namentlich unter den gegenwärtig schwierigen 
Daseinsverhältnissen, die ja auch schließlich anders veranlagte Naturen zur 
Resignation stimmen, Zielunsicherheit beim Aufsuchen des individuell geeigneten 
Lebensweges, Schwerfälligkeit in der Wahrnehmung praktischer Vorteile etc. 

Schizothyme Menschen müssen in das ihnen speziell adäquate, berufliche, 
gesellschaftliche und erotische Milieu kommen, sonst bleiben sie in der Ent- 
wicklung zurück wie Pflanzen, denen das Licht fehlt. 

Normalgeschlechtlichen Verkehr habe ich überhaupt nicht gehabt. Hie 
und da sagte ich mir, ein Koitus mit einer hübschen Frau müßte doch eigentlich 
etwas ganz Nettes sein — also als rein verstandesmäßige Überlegung, aber 
ich habe offenbar nicht viel Bedürfnis hiezu, denn sonst wäre ich doch schon 
längst zur praktischen Ausführung geschritten. Nach wie vor hält lediglich der 
sadomasochistische Komplex meine erotischen Interessen wach. Meine — nament- 
lich bei Vergleich meiner relativ robusten äußeren Erscheinung — auffällige 
sexuelle Leistungsschwache geht meines Erachtens schon bedeutenden Grades 
auf meine neuro-organische schwache Konstitution und deren Folgezustände 
die chronische Erschöpfung, zurück. Endogen psychische Hemmungen, die ja 
gewiß auch vorhanden sein mögen, wären aber, glaube ich, vorausgesetzt, daß 
ich die nötigen physiologischen Kraftreserven und außerdem eine geeignete 
Frau als passendes, flagellantisch eingestelltes adäquates Sexualobjekt hätte, 
nicht so stark, um den Koitus unmöglich zu machen. Namentlich dann wäre es 
mir wohl möglich, den Koitus mäßig auszuführen, wenn mir dabei eine verständnis- 
volle Frau digital hilft. Vielleicht können Sie mir, Herr Doktor, ein kombi- 
niertes Medikament, ich denke an ein Nerviuum, wie z. B. Phosphor in irgend 
einer Verbindung ergänzt durch ein Herztonikum in mäßiger Dosis (Strophautium, 
Digitalis?'?) als Kräftigungsmittel empfehlen! 

Was meine tatsächlichen erotischen Erlebnisse in Hamburg anlangt, so 
kommen nur vereinzelte Gelegenheiten in Frage. 

So traf ich einmal in einem Geschäfte eine große, schwarzhaarige Dame, 
die mir, trotzdem ich im allgemeinen für Blondinen oder Hellbrünetten ein- 
genommen bin, erotisch nicht schlecht gefiel. Ich folgte ihr auf die Straße, 
sprach sie au — was mir sonst gar nicht liegt — , sie willigte ein. Ich ging 
mit ihr dann in ein Restaurant und schilderte ihr oberflächlich meine erotischen 
Spezialitäten. Die Unterhaltung etwas auf das flagellantische Gebiet einzustellen, 
wird nicht schwer, wenn man zunächst hervorhebt, daß man an den Frauen 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 75 

besonders die Energie schätze, was doch vielen Damen schmeichelt. Ich deutete 
auch meine Bereitwilligkeit zur Cunnilinctio au, was sie noch mehr interessierte. 
Die Dame war die Gattin eines Philologen, mit dem sie offenbar nach ihrer 
Schilderung in ziemlich gleichgültiger Ehe lebte. Sie ging auf mein Zureden 
mit mir in meine Wohnung. Beim Teetrinken erzählte sie mir dann, daß ich 
genau so veranlagt sei wie ein ihr ehedem bekannter Psychiater. Sie kleidete 
sich dann aus und ich leckte sie dann lauge und ausgiebig an den Genitalien, 
die sehr reinlich gehalten waren. Ich suchte die Klitoris, ließ mir aber keine 
Zeit zum finden, da ich der Meinung war, eine durch Cunnilinctio gereizte 
Frau werde ungeduldig, wenn man das Zungenspiel abbricht. Die Prozedur 
hat mich damals zwar nicht gerade physiologisch entspannt, jedoch immerhin 
in gewissem Maße psychisch befriedigt, wohl auch wegen des inasochistischen 
Einschlages der Szene. Erektion des Gliedes hatte ich dabei nicht, die erotische 
Anregung war vorwiegend spontanes Abenteuer und enthielt keinerlei flagel- 
latorische Stimulantien, von denen — Vorstellung und Androhung noch mehr 
als etwa tatsächliche Ausführung — meine Erotisierung abhäugig ist. Die 
erotischen Erlebnisse sind sensationell, rein intellektuell gewollt, eine kräftige 
Erotisierung könnte nur dann stattfinden, wenu durch glücklichen Zufall die 
betreffende Frau sich in meine Vorstelluugserotik einfügt und einfühlt. Beim 
Kunnilingus bevorzugte ich eine kniende Stellung vor der Frau. Mit dem Be- 
friedigungsgefühl nach einem Koitu°, bei dem etwa die Frau obeu liegt, kanu 
ich keinen Vergleich ziehen, weil mir da die praktische Erfahrung fehlt. 
Nach mehrmaliger Cunnilinctio empfahl sich meine Freundin wieder, um — 
spät nachts — in ihre Wohnung zu gehen. Mir kam es so vor, als ob sie 
etwas gedrückter Stimmung wäre, obwohl sie sich beim Abschied noch Zungen- 
küsse geben ließ. Ich weiß nicht, ob ich sie richtig befriedigt habe — die 
Sache seheint ihr ja immerhin etwas gefallen zu haben; vielleicht hat sie 
Koituserwartungen gehabt, deren Befriedigung mir ungelegen gewesen und 
wohl auch nicht gelungen wäre, da solche spontane Szenen immer eine 
gewisse Unruhe hereinbringen und ich mit einer Frau, bei der ein Koitus ge- 
lingen soll, immer lange und gemütlich im Bett liegen und mich mit ihr 
erotisch aufregend unterhalten müßte, so daß meiue Erotisation in Schwung 
kommt. Die erwähnte Dame schrieb mir dann uoeh eiuen freundlichen Ab- 
schiedsbrief, wobei sie als Grund hiefür moralischen Katzenjammer anführte, 
dessen Aufrichtigkeit aber zu bezweifeln ich um so mehr Anlaß hatte, als sie mir 
später nach ein paar Wochen — sie besuchte mich nochmals, nachdem ich 
ihr zugesichert hatte, sie diesmal zu keinen erotischen Handlungen zu animieren 
— doch eröffnete, daß ich nicht der Typ sei, der sie sexuell reize; vielleicht 
war sie auch wie ich eine schizothyme Natur. Später traf ich sie nochmals 
auf der Straße, wo sie mich freundlich begrüßte und sich kurz mit mir unter- 
hielt. Seitdem verlor ich sie aus den Augen. 

Außerdem lernte ich noch eine hochgewachsene, üppige Blondine, die 
ein Zeitungsinserat aufgegeben hatte, kennen, die bei Männern allgemein 
ziemlichen Eindruck machte und auch auf mich wegen ihrer großen vollen 
Figur, ihrer katzenartigon blaugrauen Augen, ihres reichen hellblonden Haares 
'und ihrer üppigen Hinterbacken sinnlich stark wirkte. Sie wies aber — wie 
ihre Mutter, von der sie als „schwieriger Charakter" bezeichnet wurde — 
stärkere hysterische Züge auf und war so nicht die geeignete Frau, mich ein- 
zufangen. Sie pflegte mit den Männern zu spielen. Ich nahm sie auch gelegent- 
lich einer Urlaubsreise nach München mit, um sie meinen Eltern zwar nicht 
als Braut, aber so gewissermaßen als Prototypformat für meine zukünftige 



76 Sadismus und Masochismus. 

Gattin vorzustellen. Diese fühlten sich aber durch die Anwesenheit des wesens- 
fremden weiblichen Eindringlings in ihrer häuslichen Gemütlichkeit belästigt. 
Zudem war Lola zwar nicht von mir, sondern entweder von einem Hamburger 
Kapellmeister, mit dem sie verkehrt hatte, oder von einem nach ihrer Aussage 
fast impotenten 44jährigen jüdischen Geschäftsmann damals schwanger. Letzterer 
hat inzwischen das 25jährige Mädel aus eigener sexueller Hörigkeit unter 
Unterstützung der auf offizielle Maskierung der — sonst unehelich erfolgenden 

— Geburt des Kindes bedachten Eltern geheiratet. Früher streckte derselbe 
Liebhaber Geld vor, um die Frucht von einem Spezialarzte abtreiben zu 
lassen; doch fürchtete sich das Mädel vor der Operation. Die Hysterika sucht 
aber bereits wieder lächelnd und Männer bezaubernd nach einem neuen 
Scheidungsgrund, um von dem ungeliebten Mann wieder loszukommen. Während 
ihres Münchener Aufenthaltes vertrieb sich Lola die Zeit mit der Auffindung 
von Männerbekanntschaften aus der Zahl meiner hiesigen Freunde. Als ich 
sie auf ihre Bitten damals, bevor sie nach Hamburg zurückkehrte — sie war 
angeblich finanziell immer in Not, obwohl sie von ihrem Liebhaber laufend 
unterstützt wurde — in ihrem Absteigequartier in einem Ausflugsort im Isar- 
tal bei München aufsuchte, lag sie zur vereinbarten Stunde im — Bett und 
ich konnte ungehindert ihr Zimmer betreten. Sie stellte sich zuerst weinend 

— halb glaubte, halb mißtraute ich der Pose --, kurz darauf lachte sie und 
wollte mich mit ihren kräftigen, fleischigen Armpn ins Bett ziehen, erwähnte 
dabei jedoch, daß sie einen Ausfluß hätte; ob sfc tatsächlich Angst vor einer 
Gonorrhöeinfektion hatte oder diese bloß spielte, um mich durch Zweifel über 
ihren Gesundheitszustand zu quälen, kann ich nicht entscheiden. Wie ich 
später hörte, soll es sich um einen harmlosen, mit der Gravidität zusammen- 
hängenden Ausfluß gehandelt haben. Obwohl mich das Mädel sinnlich reizte 
lag mir der Gedanke, den Koitus auszuführen, fem. Ich habe Lola nur öfters 
per Zunge geküßt und ihre prallen Gesäßrundungen abgegriffen. Die Be- 
ziehungen verliefen infolge ihrer nunmehrigen Heirat, deren Zwang sie wahr- 
scheinlich doch bald wieder abwerfen wird, im Sande. Für flagellantische 
Erotik scheint sie keine besondere Neigung gehabt zu haben. Einmal suchte 
ich auch eine hübsche Hamburger Masseuse auf, um mich durch die bloße 

Erkundigung, ob und wie sie mich durchhauen würde — was sie bejahte 

erotisch anzuregen. Ich hätte mich von ihr auch flagellieren lassen wenn 
mir nicht die sonstige Situation unbehaglich gewesen wäre (Lage des Hauses 
persönliche Unsicherheit, Beobachtetwerden). Ebenso wollte ich mich von einer 
großen, blonden Masseuse in Hamburg flagellieren lassen, die sich aber nach 
anfänglicher Bereitwilligkeit weigerte, dies zu tun, weil sie von meinen Er- 
kundigungen bei anderen Berufskolleginnen gehört hatte. 

Zungenküsse, Cunnilinctio und Gesäßerotik (woraus zum Teil eben auch 
das Interesse an der erotischen Flagellation entspringt) sind meine hauptsäch- 
lichsten erotischen Ziele, die mir viel näher liegen als der normale Koitus, 
selbst wenn durch Lagerung der Frau auf dem Mann etwas dem masochisti- 
scheu Empfinden, das mich immerhin auch psychisch zu erotisieren vermag, 
Rechnung getragen werden sollte. 

Mein erotisches Wunschideal hat sich insofern kristallisiert, als ich jetzt* 
darauf bedacht bin — wenigstens ist dies der Inhalt der Vorstellungserotik — , 
eine zwar natürlich heterosexuell veranlagte, aber zu lesbischen Liebkosungen 
geneigte und dazu sadistisch-flagellantisch veranlagte große, stattliche Frau 
oder eine den Mann nicht perhorreszierende Lesbierin zu finden, die in meiner 
Gegenwart im häuslichen Kreise ein hübsches üppiges Mädel im Alter von etwa 




Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 77 

12 — 19 Jahren flagellieren würde. Der fiagellantischen Frau selbst würde ich 
dann unter vorwiegend masoehistischer Einstellung lesbische Liebesdienste er- 
weisen. In diesem Sinn habe ich auch ein größeres erotisches Gedicht im Stile 
der Buschverse verfaßt, das von einem Erotika vertreibenden Verlag ange- 
nommen wurde. Auch empfinde ich noch immer starkes erotisches Vergnügen 
daran, von einer sadistisch-flagellautisch veranlagten Frau übergelegt und 
durchgehaut, beinahe mehr noch von ihr mit dieser Eröffnung bedroht zu 
werden; ein hübsches, jüngeres Mädel oder eine reife Frau selbst zu fiagellieren, 
würde mir wohl erotisch gefallen d. h. angenehm sein, aber mich lange nicht 
so stark als wie die vorher bezeichneten Akte emotionell aufrütteln. 

Schizothyme Vorstellungserotiker bleiben eben vielfach lebenslänglich 
erotische Odysseusnaturen, da sie nicht so sehr von der Frau als psychische 
Persönlichkeit, sondern von der erotischen Sensation, vom augenblicklichen 
erotischen Schauspiel, das ihre frigide, freudlose Natur zum phantasievollen 
seelischen Schwung emporreißt, angezogen werden. So begebe auch ich mich 
nach apathischen Intervallen regelmäßig doch immer wieder auf die Suche 
nach der mir komplementär veranlagten Frau, was bei meiner speziellen ero- 
tischen Richtung und meiner Hinneigung zur gesellschaftlichen Passivität doppelt 
schwer ist. Hie und da ist man freilich wieder versucht, dem nüch- 
ternen Verstand zu folgen, der etwa die ganze Jagd nach der fla- 
o-ellantischen Frau als Selbsttäuschung des im Grunde eben doch 
frigiden Menschen ansieht; jedoch konnte ich aus manchen Ehen 
in Bekanntenkreisen mit Gewißheit konstatieren, daß sich die Ver- 
nachlässigung des rein erotischen Gesichtspunktes bei Auswahl 
des Ehepartners gewöhnlich schwer rächt. 

Die Lösung der Frauenfrage für mein persönliches Dasein, d. h. eine 
meiner Individualität adäquate und womöglich wirtschaftlich sichergestellte 
Gattin — wenn mich nicht mein konstitutionelles Schicksal zum Junggesellen 
für alle Zeiten bestimmt — zu finden, steht jetzt im Vordergrunde und über- 
wiegt die für Akademiker leidige — bei mir durch die Möglichkeit einer 
Tätigkeit im elterlichen Unternehmen weniger alarmierende — Berufsfrage, 
deren Lösung durch die katastrophalen Verhältnisse in Deutschland immer 
unrentabler und rätselhafter geworden ist. So dachte ich z. B. öfter schon 
Verbindung mit England zu bekommen, nachdem den Engländerinnen vielfach 
eine ausgesprochene Neigung zur Flagellation nachgesagt wird, was sie mir 
als Ehegattinneu begehrenswerter erscheinen läßt. Soeben lernte ich auf Grund 
eines von mir aufgegebenen Zeitungsinserates eine nicht unhübsche 30jährige 
Studentin der Medizin kennen, die im Alter von 20 — 25 Jahren Gattin eines 
Kaufmannes, von diesem dann geschieden wurde und seit dieser Zeit nach 
ihrer Aussage angibt, ohne sexuelle Bedürfnisse als alleinstehende Frau lebt. 
Hatte immer Abneigung gegen Koitus; erklärt, daß sie Verständnis dafür 
habe, vom Manne per eunnilinetionem geliebkost zu werden. Sind diese Stre- 
bungen nur seelische Irrfahrten eines schizoiden Psychopathen oder doch ge- 
wollte Fingerzeige der Natur zur Erotisierung meiner gehemmton Konstitution? 
Darüber kann ich selbst keine Auskunft geben, weil sich auch die eigene 
Individualität nicht restlos kennt. 

6. Fixierung an die Mutter: Sie ist vorhanden, wenn freilich auch nicht 
in dein Sinn, daß etwa der körperliche oder seelische Typ (wenigstens soweit 
letzterer das rein erotische Gebiet betrifft) der Mutter meiner sexuellen Aus- 
wahl zugrunde liegen, also mein spezifisches Ideal darstellen würde. Immerhin 
könnte mau bei mir insofern an eine Fixierung an meine Mutter denken, als 



78 



Sadismus uud Masochismus. 



mein teilweise auch infantilistisch gefärbter Sexualcharakter, der auch seitens 
der erotisch gesuchten Frau eine gewisse Obsorge, eine Beeinflussung wünscht, 
sich seelisch nicht so von der Mutter entfernt hat, wie dies bei einem zyklo- 
thymen Menschen meistens der Fall zu sein pflegt. Ich führe hier vor allem 
folgende Neigungen an: Bedürfnis, mit der Matter in einem engeren persön- 
lichen verständnisvollen Kontakt zu bleiben, ihr auch intimere Angelegen- 
heiten mitzuteilen, sie für meine erotischen Anschauungen in gewisser Weise 
interessiert zu erhalten, sie — die allerdings auch von neutraler Seite als 
intelligente, lebenskluge und auffallend geschäftsgewandte Frau angesehen 
wird — in verschiedenen Lebensangelegenheiten um ihre Meinung und Rat 
zu befragen. Es ist möglich, daß diese nahen Beziehungen die psychische An- 
hänglichkeit so steigern, daß für die psychische Erotik des Betreffenden zu 
anderen — physiologisch begehrten — Frauen kein Platz mehr vorhanden 
ist. Auch bei mir mögen diese im Unterbewußtsein verankerten Momente eine 
gewisse Rolle spielen, die auch selbst dann noch — wenn freilieb nicht mehr 
so stark — nachwirken mögen, wenn ich durch Glückszufall eine Frau finden 
sollte, der gegenüber ich ein ähnlich angenehmes Geborgenheitsgefühl empfinde. 

7. Charakter der Eltern: 

a) Vorbemerkung zur Familiengeschichte: 

Väterliches Geschlecht (also Familiennamenagnatenfolge) ein altes aleman- 
nisches Geschlecht mit teilweise vielleicht altfränkischer Beimischung ; — spo- 
radisch bis zum Jahre 1300 verfolgbar. Sitz: St. B. in Württemberg (u. a. Kauf- 
leute, Salzsieder, Messerschmiede, Ärzte, Theologen, Auswanderer). Darunter 
vielleicht öfters intelligente, poriomanische, unternehmungslustige, doch wieder 
auch schwerblütige, idealistische, aber auch aufbrausende, eigensinnige und 
etwas despotische Naturen. Stammbaum des Geschlechts seit dem Jahre 1529 
vollständig vorliegend. In der Chronik wird erzählt, daß N., der urkunden- 
mäßig bisher älteste, feststellbare Vorahne, aus dem hohen Rate der Stadt 
St. B., dessen Mitglied er war, „geworfen" wurde und des Adelsprädikates 
verlustig ging, „dieweil er heftig gegen das Evangelium tobte". Es scheint 
sich da um den Beitritt der schwäbischen Reichsstädte zur Reformation zu 
handeln, wogegen der genannte Stammvater, offenbar ein ziemlich eifernder 
Katholik, wie es scheint, ziemlich kräftig protestiert hat. Kurz hernach — 
also wohl um die Mitte des 16. Jahrhunderts, Augsburger Religionsfrieden 
1555 „cujus regio, ejus religio" — scheint dann die Familie zum Protestan- 
tismusübergetreten und dann später offensichtlich ziemlich traditionell evangelisch 
geworden zu sein. 

Neigung zu psychischer Explosivität oder eigenartiger Verschlossenheit 
bei lebenden Mitgliedern anderer Zweige des Geschlechtes sporadisch festzu- 
stellen — Künstler- und andererseits wieder gehemmte, melancholische Na- 
turen — späte Erotisierung, auffallendere Frauenwahl, andere psychische Be- 
sonderheiten. 

Mein väterlicher Großvater, ein energischer Mann, wohl vorwiegend 
zyklothym, etwas Lloyd George-Physiognomie, lebhaftes Wesen, heiratete 1848 
— ob aus erotischer Neigung oder mehr aus Bedürfnis der finanziellen Fun- 
dierung des neuen Unternehmens, nicht feststellbar — also im Alter von 
40 Jahren eine 27jährige Frau aus väterlicherseits ursprünglich wohl böhmi- 
schem Geschlecht, die rassenhygienisch eine ziemlich ungünstige Konstitutions- 
quote in die Familie hereinbrachte. Körperliche Merkmale dieser Frau: große, 
derbe, ovale, slawische Schädelform — seelische Eigenschaften nach Bild und 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochisnms. 79 

Überlieferung: herrisches, dabei doch lebensabgewandtes, unfrohes, schlecht- 
gelauntes Wesen, wahrscheinlich stark sehizothym, brachte auch vermutlich die 
neuro-organisch schwache Konstitution in die Familie herein, die besonders 
auf meinen Vater als jüngstes der sieben Kinder des bezeichneten väterlichen 
Großelternpaares und zum Teil auch auf mich übergegangen ist. 

h) Mein Vater, als letztes Kind eines 57jährigen Mannes und einer 
14jährigeu Frau geboren, starker Neurastheniker und Hypochonder, Syphili- 
dophobe, erotisch in der Jugend wohl scheueres Wesen, hat vor oder außer 
der Ehe niemals geschlechtlich verkehrt und nach Aussagen meiner Mutter auch 
den regulären ehelichen Verkehr wegen Gesundbeitsbefürcbtungen bald ein- 
gestellt, welchen übrigens auch meine Mutter rein physiologisch nicht besonders 
gut vertrag. Latent schon immer ziemliche Menschen- und Lebensscheu; obwohl 
in früheren Jahren in Gesellschaft lustig. Zwangsideen: Furcht, Nadeln und 
Steine zu verschlucken, namentlich bei ungezählter Quantität. Ausbruch dieser 
Ideen zu seiner Pubertätszeit (17 Jahre), litt im Alter von 35 — 40 Jahren außer- 
ordentlich an neuralgischem Kopfschmerz, später vielfach Unterleibsneuralgien, 
Darmatonie. Seit längerer Zeit schon hat sich Paralysis agitans eingestellt, unter 
deren Einfluß und eines nebenbei bestehenden latenten Gallenleidcns ein gewisser 
körperlicher Marasmus praesenilis. Geistige und Charaktereigenschaften : Normale 
Mittelschulbildung, seinerzeit gute theoretische Fähigkeiten in Chemie, Physik, 
Sinn für Optik, Photographie, graphische Kunst, auch etwas Neigung zu Musik, 
weniger Talent und Verständnis für Sprachen und Literatur. Charakter: 
Mischung zwischen weicher, gutmütiger Sentimentalität und zornigem Eigen- 
sinn. Vielfach launische Heftigkeit. Stark depressiver, auf Sicherung sehr be- 
dachter Mensch. Kein Mut zur definitiven Stellungnahme bei gegnerischen 
Einflüssen. Von jeher starke Unselbständigkeit der Lebensführung 
— tatsächlich vollkommen auf die Leitung seiner Fran, meiner 
Mutter, angewiesen; ausgeprägte Zurückgezogenheit und sogenannte ,.Soli- 
dität" der Lebensgewohnheiten. Gewissenhaft ängstlich, kein Unternehmungs- 
geist (ganz im Gegensalz zu seinem Vater, der als städtisches Magistratsmit- 
glied eine scharfe Klinge schlug, Reisen nach London — Mitte des vorigen 
Jahrhunderts! — unternahm etc.). Mein Vater hat wenig Entschlußfähigkeit, 
dagegen viel passives Beharrungsvermögen. Intellektuelle, künstlerische und 
Gemütsanlagen an sich gut, aber vielfach durch allgemeine Unbeholfenheit 
und schizothym-schüchternes Wesen verschüttet. Infolge seiner gehemmten 
Persönlichkeit hatte mein Vater von jeher nur sehr beschränkten Lebensgenuß 
und ist insofern eine bedauernswerte Natur. 

Ein guterTeil dieser Passivität, Talentlosigkeit zur freudigen 
Lebensgestaltung und schwerfälligen Unbeholfenheit ist auch auf 
mich übergangen. 

Von welcher Seite hereditär mein persönliches Verständnis für slawische 
Melancholie und dementsprechend für schwerblütige Musik (hauptsächlich skan- 
dinavischen oder russisch-polnischen Einschlages oder ungarisch-mongolischer 
Färbung) und Vorliebe hiefflr zu erklären ist, ist nicht so leicht zu sagen. 
In einer Seitenlinie der — im übrigen nicht weiter bekannten — Vorfahren- 
reihe meiner Mutter fränkisch-koburgischen Ursprungs kann eine wendische 
Blutbeimischung stattgefunden haben. Ich vermute aber, daß die bezeichnete 
Anlage zum größten Teil wohl auf die slawisch-böhmische Abstammung meiner 
väterlichen Großmutter zurückzuführen sein wird. 

c) Meine Mutter, 1867 geboren, Vater meiner Mutter, 1821 — 1878, 
intelligent, Geschäftsmann, reiselustig wie mein väterlicher Großvater, ebenfalls 



80 



Sadismus und Masochismus. 



Besucher von London Mitte der 60er Jahre, kann ich, ohne durch die er- 
wähnte Fixierung etwa in meinem objektiven Urteil beirrt zu sein, folgender- 
maßen charakterisieren: 

Energische, intelligente, geschäftsgewandte, im Vergleich zu anderen 
Frauen, ausnehmend organisatorisch veranlagte Frau (vielfach männliche Oha- 
rakterart und Handschrift), deren Tatkraft das Emporblühen des elterlichen 
Geschäftes zu einer von dritter Seite qualitätsmäßig erstklassig bezeichneten 
Unternehmung am Platze und der Erwerb eines größeren Vermögens zu ver- 
danken war. Letzteres ist natürlich ebenfalls von der Weltkriegs- und Finanz- 
katastrophe des deutschen Reiches mitbetroffen, infolge der Geldentwertung 
zu einem wirtschaftlichem Nichts zusammengesunken und die dreißigjährige, 
ja fast vierzigjährige Lebensarbeit dieser Frau umsonst gewesen. Auch heute 
noch ist meine bald 57jährige Mutter trotz ihrer herzneurasthenisch, gichtisch 
hereditär, durch die Einflüsse des Klimakteriums und die Schwierigkeit der 
Zeitverhältnisse stark verbrauchten Konstitution noch die Seele des Unternehmens. 
Dabei übernimmt sie trotz ihrer bei der beständigen Aufwiihlung der Nerven 
begreiflichen Schlaflosigkeit auch die Pflege des hypochondrischen, anspruchs- 
vollen Mannes, der infolge seiner Paralysis agitaus nachts ins Bett gelegt, ge- 
hoben etc. werden muß und dies nur von seiner Frau ausgeführt wissen will. 

Gemütsart meiner Mutter: Herzlich, fürsorglich, mitleidig auch gegen 
fremde Menschen; mehr zyklothymes Temperament (tatkräftige Stimmungsmittel- 
lage) , gemütstief, keinerlei Zeichen von typisch-weiblicher Überspanntheit, 
bei Gereiztheit hie und da etwas aufbrausend-heftig. Abneigung und etwas 
Quälsucht gegen posenhaft auftretende, eingebildete Menschen. Gefühlsmäßige 
Achtung vor religiösen Empfindungen, aber auch vor freien Weltanschauungen, 
etwas traditionell-evangelisch, aber ohne pharisäischen oder moralistischen 
Akzent; sehr gute Menschenkennerin. Talent zur Sprachgewandtheit, Personen- 
imitation. Grammatikalische und konversationelle Begabung zu Fremdsprachen. 

8. Religiosität meinerseits einst und jetzt (s. auch Nr. 10 „Anhang"): 

In der Jugendzeit kindlich-harmlose gläubige Einstellung 
gegenüber den religiösen Glaubensvorstellungen und Geboten. In 
der Familie wurde aber kein besonderer Druck in religiöser Beziehung aus- 
geübt, da die Eltern die Angelegenheit selbst so normal-lässig wie viele andere 
Familien behandelten. Obwohl sie mit einer gewissen überzeugungslahmen 
Pietät an den überkommenen Vorstellungen und Anschauungen festhalten, 
sprechen sie sich jedoch auch über moderne Weltanschauungen nicht abfällig ta- 
delnd aus. Vielleicht habe ich in dieser Beziehung auf meine Eltern einigen Einfluß 
ausgeübt. Denn seit den späteren Gymnasialjahren schüttelte ich die engen 
Bindungen des konfessionellen Glaubens allmählich vollkommen ab und stehe 
heute auf dem Standpunkt des Atheismus und auf dem Boden der natürlichen; 
wissenschaftlichen Erklärung des Weltgeschehens, wiewohl ich mich keinem be- 
stimmten System innerhalb der modernen Naturwissenschaften angeschlossen 
habe. Gleichwohl habe ich vom Gemütsstaudpuukt aus sehr viel 
Sinn für das abstrakt religiöse Gefühl au sich, transzendente 
Sehnsuchtsgefühle, weihevolle Stimmungen, Respektierung jeder 
tiefen Weltauffassung, Interesse für den geistigen Gehalt der ein- 
zelnen Weltreligionen; teilnehmendes Interesse für idealistisch eingestellte 
Naturen , obwohl mich ein gesunder Realismus vor sonderbaren psychischen 
Entgleisungen bewahrt; etwas faustische Natur bei Frage nach dem Zweck 
des Daseins; Neigung zum allgemeinen Lebenspessimismus ist etwas vorhanden 
(Einfluß der mehr depressiven Gesamtkonstitution). Dagegen reizen mich Äuße- 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 81 

rungen bornierter Massenreligion wie überhaupt jeden Massenkultes, wie Ver- 
götterung des Staates, der Volksgesamtheit oder sozialer Klassen. Störungen 
von solch geistlosen Massenveranstaltungen , Prozessionen könnten wohl eine 
gewisse sadistische Befriedigung hervorrufen , es sei denn , daß es sich um 
kulturhistorische Eigentümlichkeiten handelt, denen ich dann aus diesem Grunde 
mein Interesse zuwende. 

9. Homosexuelle Komponente. 
Diese dürfte bei mir ziemlich schwach entwickelt sein. Ein gewisses 

rein ästhetisches Wohlgefallen an weiblich aussehenden, hübschen 
Männern kann vorhanden sein. Bei hübschen, erotisch anziehenden 
Knaben könnte sogar ein kleiner erotischer Unterton mitspielen. 
Immerhin dürfte hier der sadomasochistische Gefühlskomplex 
höchstens insofern noch einschlagen, als ich mir der Flagellation 
eines sehr hübschen mit eleganten Höschen ausgestatteten Knaben 
als anziehende Handlung insbesondere dann vorstellen kann, wenn 
diese Flagellation durch eine hübsche, große und vornehme Dame 
ausgeführt wird. 

Eigentlich homosexuell geschlechtlich betonter Gefühle bin ich mir nicht 
bewußt. Ich erinnere mich noch gut einer Szene, die sich mit einem Schul- 
freunde, etwa im Alter von 16 oder 17 Jahren abspielte, als wir uns in einer 
Freibadgarderobezelle auskleideten. Der Betreffende überredete mich, mir passiv 
seine Onanie — immissio seines Penis inter femora mea von hinten — ge- 
fallen zu lassen, wobei er sich unter meinen gut entwickelten Nates den Busen 
einer von ihm platonisch verehrten Opernsängerin vorstellte. Dieser ganze Akt 
hat mich sonderbar angemutet, ich brachte ihm gar kein Verständnis entgegen. 

Ich bemerke jedoch, daß ich bezüglich normaler Freundschaft 
mit Männern viel mehr Talent und Erfolg habe als hinsichtlich 
der Erotik und Liebe zn Frauen. Vielleicht hängt dies eben mit meiner 
teilweise schieothymen Veranlagung zusammen. Bei meiner Gesamtkonstitution 
bin ich gezwungen, so lange — trotz oft widerwilliger Strebungen — zu 
suchen, bis mir vielleicht doch einmal das Glück des Zufalls die adäquat ver- 
anlagte Frau zuführt. 

10. Theoretischer Anhang zur Erklärung des sadomasochistischen Ge- 
fühlskomplexes : 

A. Der Masochismus hat unter Einbeziehung des psychologisch sehr 
wichtigen Momentes der Religiosität drei Wurzeln : 

1. Wunsch nach Genuß der sexuellen Quote des Angstgefühls, . 
letzteres erlebt von der eigenen Person. Dies läßt den Wunsch nach I A , 
vollständiger Beherrschung durch den anderen Teil, das lustvoll betonte Ge- 
fühl totaler Abhängigkeit von der Macht und dem Willen des Partners ver- 
ständlich erscheinen. 

In ideenassoziativem Zusammenhang damit steht: 

2. der Wunsch, die schon normalerotisch hochbedeutsamen Berührungs- 
und Umschlingungshandlungen durch eine dem erwähnten Unterwerfungsbe- 
dürfnis angepaßte Stellung oder Lagerung gegenüber dem herrschenden Teil 
in eindruckverstärkter Weise zu empfinden — Verstärkung des passiven Kon- 
traktionstriebes zur Reizerhöhung. Das „Unterliegen" des Masochisten gegen- 
über der sadistischen Frau im körperlich-buchstäblichen Sinn als Folge des 
gleichen seelischen Verhältnisses. Teilweise erklärt sich diese Neigung zur 
Verstärkung der Kontraktion auch aus dem Bedürfnis des sadomasochistisch 

Stekol, Störungen des Trieb- nnd Affektlebeu». VTJI. ß 



82 



Sadismus und Masochismus. 



eingestellten Individuums für die ihn weniger alarmierenden rein genitalen 
Koitusinteressen anderweitigen erotischen Ersatz zu suchen. 

Sinnbildlichste Ausdrucksform dieser Empfindungen, z. B. 
Umklammerung des Kopfes des masochistischen Mannes durch die 
Oberschenkel der Frau. Erotisierend wirkt, weil angsterregend, schon die 
Vorstellung, z. B. Androhung dieser Szene durch die Frau. Instinktive normal- 
feminine Freude des Mannes am Vergewaltigtwerden durch die Frau, weshalb 
gern die Rolle des Schulknaben gegenüber der als groß und kräftig gedachten 
Lehrerin gespielt wird. Die Flagellation selbst ist nicht Wesenskern dieser 
Empfindungen , sondern dient nur zur Veranschaulichung derselben und nur 
insofern zur weiteren Verstärkung der aus der körperlichen Beherrschung 
durch die Frau entspringenden Lustgefühle, als der Reizeindruck der erotisch 
empfundenen Abhängigkeit durch die zeitliche Erstreckung der — keineswegs 
notwendig intensiven — Flagellation im Sexualzentrnm prolongiert wird. Die 
erotische Gefühlswelle ist infolge der während der Flagellation stattfindenden 
beständigen Reproduktion der Angst- und Abhängigkeitsgefühle in der Gehirn- 
tätigkeit des Betreffenden naturgemäß von längerer Dauer. Hier zeigt sich 
eben die Natur des Sadomasochisten als die eines ausgesprochenen Gehirn- 
erotikers. 

3. Außerdem kommt — namentlich • bei den speziell auf Flagellation 
durch die Frau eingestellten Masochisten — meistens noch ein weiterer psy- 
chischer Faktor hinzu; nämlich das Bedürfnis anderer Personen (oder 
Wesen der Phantasiewelt: Religion!) in irgend einer Hinsicht an- 
zuerkennen, wobei die Anerkennung bis zur lustvoll betonten 
seelischen Unterordnung geht. Teilweise spielt hier herein das allgemeine 
Verständnis sensitiver Menschen (und dazu gehören die Masochisten wohl über- 
wiegend) für absolute Religiositäts- oder Heiligkeitsempfindungen, d. h. achtungs- 
volle Nachempfindung allgemein religiöser Stimmungen und Gefühle, selbst 
wenn der Betreffende eine konfessionelle Weltanschauung wissenschaftlich und 
praktisch ablehnt. Vielleicht sind gerade auch bei Atheisten aus bi- 
polaritätsgesetzlichen Gründen oder weil sie das pessimistische 
Endresultat der wissenschaftlich in sich selbst gerechtfertigten 
freien Weltanschauung vom reinen Gemütsstandpunkt aus drückend 
empfinden, diese allgemeinen Gemtitsbedürfnisse, die ja teilweise 
freilich Nachklänge früherer Erziehung sein und namentlich auch 
hereditär erklärt werden mögen, besonders stark entwickelt 
woraus dann das Bedürfnis entspringt, Ersatzverehrungsobjekte 
zu suchen. 

Auf dem erotischen Gebiet wirkt sich die angedeutete Seelengrund- 
stimmung insofern aus, als eine gewisse Demuts- und Ergebenheitsstimmung 
gegenüber der — oft wohl recht unverdienter Weise — als Ersatzgottheit 
betrachteten und verehrten Frau besteht und auf Grund dieser erkauft sich 
der Masochist durch die Flagellation von der ihn beherrschenden Frau förm- 
lich ein moralisches Freibillet für die gewissermaßen neu konzessionierte Be- 
denkenlosigkeit seiner — sowieso schon! — allzu schüchternen Erotik. Der 
Masochist wirbt unbewußt um die Anerkennung seiner besonderen Sexualität 
durch die Frau, ja beinahe durch die offizielle Gesellschaft, indem es ihm 
eine gewisse Befriedigung verschafft seine SpezialVeranlagung in exhibitionisti- 
scher Weise aufzudecken und sie durch die Gesellschaft förmlich anerkannt 
und als nützlich im gegebenen Fall gewürdigt und bestätigt zu sehen. Aus^ 
dem Grunde eignet sich für das Liebesleben des Masochisten am besten wohl 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 



83 



die Ehe oder sonst eine gesellschaftlich anerkannte dauerhaftere Verbindung 
mit einer ergänzend veranlagten Frau, weil zur Entwicklung und Ausbalan- 
cierung dieser komplizierten Gefühle eine Atmosphäre der Stetigkeit, Ruhe 
und Vertiefung erforderlich ist, daher die Zwecklosigkeit und Nichtbefriedigung 
bei auch scheinbar adäquat erotischen Abenteuern des Masochisten ; Sinnlosigkeit 
bestellter, unechter und innerlich unehrlicher Situationen. 

Das masochistische Empfinden schließt einen ge wissen autos uggestiven 
Moralisierungsprozeß in sich, mittels dessen unterbewußte Hemmungen (tradi- 
tionell hereditärer Negativismus gegen sexuelle Eindrücke, übertriebene An- 
passung Jahrhunderte alter Familiengenerationen an die erotikfeindliche Atmo- 
sphäre des Christentums, welch letzteres ja nach Wulfen selbst eine geistig- 
masochistische Weltreligion ist; die moderne Psychiatrie nimmt hier wohl 
schizoide Geistesanlage an) beseitigt und so die erotischen Gefühle frei werden 
sollen. Man denkt unwillkürlich an eine analoge Übertragung von Gesetzen 
der Chemie auf die Funktionsgesetze des Geistes, insbesondere des Trieblebens. 
Natürlich schwingen in dieser quasi religiösen Stimmung des Maso- 
chisten gegenüber einer tatsächlich ergänzend veranlagten Frau auch deutlich 
erotische Untertöne, die u. a. auch dem normalpsychischen Liebesleben ent- 
nommen sind, mit. In die rein erotischen Handlungen (z. B. Cunnilinctio des 
Mannes bei der sadistisch empfindenden Frau) soll durch diesen ethisierenden 
Veredelungswillen die Banalität der objektiven Handlung an sich eliminiert 
und eine gewisse ästhetisierende , halb religiöse Note hereingebracht werden, 
unter deren Banner sich dann die reine Wollust um so ungenierter austoben 
kann, da sie nun von einem höheren ethischen Standpunkt förmlich „erlaubt" 
erscheint. 

Korrelativ zn A. gilt 

B. für den Sadismus folgendes: 

1. Wunsch des Sadisten beim betroffenen Objekt das Angst-/ 
gefühl hervorzurufen oder z. B. beim sadomasochistischen Voyeur durch/ 9 
eine dritte sadistisch veranlagte Person (z. B. meinesfalls die entsprechende! *— 
reife Frau) beim betroffenen Objekt (meinesfalls jüngeres Mädel) die AugsA 
hervorgerufen zu sehen. 

Der Masochist genießt das Selbsterleben des Angstgefühls, der Sadist 
freut sich sexuell an der Beobachtung des Angstgefühls bei an- 
deren Personen. Bekanntlich wirken die Bitten des geängstigten Objektes 
auf die sadistischen Empfindungen beinahe bis zur Besinnungslosigkeit sexuell 
stimulierend. 

2. Verstärkung des aktiven Kontraktionstriebes — hierher gehören die 
sämtlichen Flagellationshandlungen einschließlich Vorbereitungs- und Abschluß- 
handlungen, wie Streicheln, Beißen oder Salben des flagellierten Gesäßes. Auch 
der Sadist sucht hier nebenbei für den ihm versagten oder für ihn zunächst 
wenigstens interesseloseren reinen Genitalreiz sich extragenitalen erotischen 
Lustgewinn zu verschaffen. "'■"'»-—- ~ 

"■"3T Auch der Sadist empfindet, obwohl vielleicht weniger stark (weil er 
in sadistischer Erregung sich als selbstbewußte Persönlichkeit eo ipso fühlen 
muß) ein gewisses Moralisierungsbedürfnis. Es macht sich eine phari- 
säische Erziehungsfreude geltend, womit er seine von ihm deut- 
lich als rein sexuell gefühlten Antriebe und Handlungen begrün- 
den und rechtfertigen will. Wenigstens gilt dies vielfach für den Flagel- 
lationssadismus. Der Sadist verschafft sich durch die Anhäufung der durch die 

6* 



W 




f 



84 



Sadismus und Masochisinus. 



Flagellationspraxis in ihm lebendig gewordenen erotischen Gefühle einen der- 
artigen Triumphrausch, daß seine — vielleicht sonst stark gehemmte — 
Wesensanlage zur Lebensaktivität emporgerissen wird. Das Wohlgefühl wegen 
dieses rein persönlichen Sieges und die vom flagellierten Objekt womöglich selbst 
angebotene Unterwerfung unter den Willen des Sadisten sind zum Teil die 
Gründe, warum letzterer autosuggestiv schließlich an sich als den Stellvertreter 
einer moralischen Macht bei seiner „Erziehungstätigkeit" glaubt und sich zur 
Fortsetzung seiner Methode systematisch weiter aufstachelt. 

(Vgl. die erotisch verkappten moralischen Argumentationen äußerlich 
scheinbar erotisch uninteressierter, in Wirklichkeit aber flagellatorisch veran- 
lagter Engländerinnen, bekannt aus englischen Familienzeitschriften, erotischer 
Literatur — die Personenschilderungen sind zum Teil sicher dem tatsächlichen 
Leben entnommen.) 

C. Das gleichzeitige Vorkommen der beiden Ausstrahlungen des sado- 
masochistischen Gefühlskomplexes bei ein- und derselben Person erklärt sich 
demzufolge aus nachstehenden gemeinsamen Grundlagen: 

1. Individuelle Disposition: psychische und physische Konstitutionsvari- 
anten, etwa Anomalien der inneren Sekretion, Reizzustände, in deren Folge 
Sensibilität des Nervensystems 5 schizoide Geisteseinstellung und Gesamttem- 
perament; Hin- und Herpendeln zwischen körperlicher und seelischer Ge- 
schlechtskälte einerseits und krampfhaftem Reizhunger andererseits. Infolge der 
schizothymen Gesamtanlage „schubweise" Erotisierung mit Zeitintervallen, in 
denen die Sexualität brach liegt. Infolgedessen 

2. Trieb zur psychischen Verstärkung der Sexualenergien : 

a) Einbeziehung der Angstgefühle als erotogener Faktoren zwecks Auf- 
stachelung und Warmhaltung der unnormal geringen, frigiden Libido sexualis 
— also Steigerung der erotischen Angriffslust. 

b) Verstärkung des Kontraktionstriebes zur Vertiefung des sexuellen 
Eindrucks. 

c) Auftreten eines ethisch betonten Sublimierungstriebes zur Beseitigung 
von intellektuellen oder aus etwaigen unbewußten Überresten offizialmoralischer 
Anschauungen stammenden Hemmungen. 

Der Masochist schiebt gewissermaßen der aktiv sadistischen Frau, der 
er sich selbst und die ganze Leitung des erotischen Aktes „überläßt", die 
Verantwortung für den Genuß der erotischen Freiheit zu. Der Sadist schiebt 
die Verantwortung für den Genuß der sadistischen Handlung (Flagellation) 
auf offizielle Anschauungen der Gesellschaft über Erziehungspolitik ah. 

D. Zur Frage der Exklusivität der sadomasochistischen Anlage: Beach- 
tenswert ist wohl die Feststellung, daß, soweit seitens sadomasochistisch ver- 
anlagter Paare, insbesondere nach einschlägigen erotischen Handlungen über- 
haupt noch Koitusakte etc. vollzogen werden , diese immer nur eine Fort- 
führung des bereits sadomasochistisch eingeleiteten Orgasmus darstellen; diese 
arotischen Abschlußakte haben ja eine ganz andere psychische Erregungsbasis 
und sind durch Gefühlskomplexe eingeleitet, die mit den Vorlustvorstellungen 
beim normalen Geschlechtsverkehr nicht zu vergleichen sind. Diese Feststel- 
lung soll den Trugschluß verhüten, nach dem etwa deshalb, weil sadomaso- 
chistische Paare gelegentlich auch den Koitus ausführen, auch eine normale 
Erregungsmöglichkeit neben der sadomasochistischen Anlage — die also hier 
lediglich zu einer erotischen Spielerei gestempelt würde — bestehen müßte 
oder könnte, was wohl generell ausgeschlossen sein dürfte. Eine solche An- 
nahme würde den speziellen psychischen Funktionsgesetzen, die mit der sado- 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. £5 

masochistischen Anlage des Erotisierungsmechanisnius stehen und fallen, völlig 
widersprechen. Entweder sind die einschlägigen Akte (Koitus, Knnnilingus etc.) 
sadomasochistisch orientierter Paare reine Abschlußakte eines vorangegangenen 
bzw. eingeleiteten flagellatorischen Orgasmus, oder sie werden unter psycho- 
logisch-sadomasochistischen Begleiterscheinungen (wie Obenliegen der Frau beim 
Koitus, erotisch lockende Drohungen derselben, Befehl der Frau zur Cunni- 
linctio durch den Mann etc.) ausgeführt. 

Dieser zweite Bericht bringt uns einige wichtige Aufklärungen. Wir 
sehen hier den bekannten Typus des ohrfeigenden Vaters, der das Talent 
seines Sohnes in einem bestimmten Fache erzwingen will, weil er aus ihm 
eine Filiale seines unerfüllten Ehrgeizes gemacht hat. Deutlich treten aber 
die starke Aggressivität und der infantile Sadismus hervor. Er beißt seine 
Großmutter, geht mit dem Hammer auf den Großonkel los, ohrfeigt ein 
kleines Mädel und einen Mitschüler. Man sieht, die Erziehung seines Vaters 
trägt ihre ersten Früchte. Er wandelt sich infolge des Schuldbewußtseins 
zum Masochisten und macht eine wahre Leidenszeit in den Flegeljahren 
durch. Wir können annehmen, daß ein gewisses Märtyrertum dabei die 
Hauptrolle spielte. Furchtbar wirkt auf den Unbefangenen die Schilderung 
des sadistischen Lehrers. Das war ja geradezu eine Schule des Sado- 
Masochismus. Es wäre interessant zu erforschen, wie viele dieser Schüler 
später Flagellanten wurden. Unser Berichterstatter zeigt schon früh ein stark 
entwickeltes Tagträumen, er erhält im Zeugnis die wichtige Bemerkung: 
Ist zum Träumen veranlagt. Wir werden sehen, daß alle Sado-Masochisten 
Tagträumer sind und sich nie mit der Realität aussöhnen können. Wir 
finden auch einen Hinweis auf die Mutterleibsphantasie (lebendig Begraben- 
werden!), deren Bedeutung für den sado-masochistischen Komplex wir 
später würdigen werden. Er fühlt selbst seine Paraphilie zeitweilig als 
Selbsttäuschung und möchte sich in die Wirklichkeit retten. Er könnte 
sich in die Ehe retten, rationalisiert seine Widerstände. Die Beziehungen 
seiner Paraphilie zur Mutter werden nach dem zweiten Berichte etwas 
durchsichtiger. Für seine Objektivität spricht die folgende Beilage seines 
Berichtes : 

Ein sehr guter Freund von mir, F. H., Jurist, gleiches Lebensalter wie 
ich (35 Jahre), schizoide Natur, ebenso schwierige Erotisierungsverhältnisse, 
aber nicht flagellantisch orientiert, etwas schüchterner, entgegenkommender 
Mensch, intellektuell sehr gut begabt, umfassendes und solides Wissen auf 
anderen Lebensgebieten, insbesondere Literatur, Philosophie, Medizin, machte nach 
dem Tode seiner Mutter, die 1910 im Alter von 49 Jahren an Krebsleiden starb, 
eine akute schizophrene Psychose durch — starke Zerebral neurasthenie, Affekt- 
stumpfheit, berufliche Mißerfolge, konstitutionelle Verstimmung, z. B. Verfolgungs- 
und Zwangsideen. Die Depression war äußerlich nicht so sehr erkennbar, sondern 
lagerte sich offenbar latent im Unterbewußtsein ab. Im Laufe der Jahre besserte 
sich der Zustand allmählich wieder, so daß nunmehr schon seit langer Zeit die 
normale psychische Verfassung wieder gewonnen ist. 



86 



Sadismus und Masochismus. 



Schon seit Jahren taucht bei Träumen meines Freundes, vielfach alltäglichen 
Inhalts, die Erscheinung seiner Mutter auf, obwohl er sich im Tagesbewußtsein 
gar nicht so häufig mit seiner Mutter befaßt und eine diesbezügliche Fixation 
äußerlich nicht festzustellen und meinem Freund auch nicht bewußt ist (obwohl 
er seine Mutter seinerzeit sehr geschätzt hat und auch gegenwärtig gelegentlich 
mit Anhänglichkeit, aber in natürlichem Ausmaße, an sie zurückdenkt). 

Neulich hatte er, wie er mir erzählte, einen Traum des Inhaltes, daß 
sein Vater ihm, der ja bezüglich der Frauenfrage genau dieselbe schizothyme 
Entschlußunfäbigkeit zeigt wie ich, das Heiraten, wie schon früher wiederholt, 
anempfahl; im selben Moment sei dann plötzlich die Erscheinung seiner toten 
Mutter aufgetaucht, die förmlich als Sinnbild der anempfehlenswerten Frau und 
Gattin wie ein deus ex machina in den Traum eintrat. 

Mein Freund, der sich ebenfalls für Ihre Forschungen interessiert, gab 
mir die Anregung, Ihnen die geschilderten Vorgänge mitzuteilen. 

Mit diesem Berichte macht uns der Schreiber zugleich ein Geständnis. 
Es ist möglich, daß man an die Mutter fixiert ist, ohne sich im Bewußten 
darüber Rechenschaft geben zu können. Die Mutter war der stärkere und 
aktive Teil in der Ehe, während der Vater entschlußlos und passiv war. 
Die Familienkonstellation ist glänzend wiedergegeben. Auch über seine 
Einstellung zur Religion erfahren wir einige Tatsachen, welche uns das 
Bestehen einer infantilen Religiosität beweisen. Deutlich erkennt der 
Schreiber die Verbindung zwischen Paraphilie und Religion. Die nie fehlende 
homosexuelle Komponente scheint stark verdrängt zu sein. 

Bedeutungsvoll ist das Geständnis, daß er eigentlich nicht die Szene, 
sondern den Angstaffekt sucht. Wie ich schon vorher betont habe, ist der 
Affektrausch dasjenige, was der Paraphile sucht. Der Affekt wird an einer 
veränderten Szene erlebt, aber er gestattet die Identifizierung mit der 
spezifischen Urszene der Vergangenheit. (Ganz ähnlich wie beim dejä vu.) 

Wir sehen in diesem Falle ganz deutlich, welche ungeheure Wirkung 

\der Angstaffekt hat. Das Geheimnis des Masochismus ist die Angst 
vor dem Schmerz 1 ). Diese Angst erzeugt die Erregung, in der die 
Schmerzen zur Lust gewandelt werden. Aber die Beziehung der Angst- 
szene beim Schlagen zur Angstentwicklung bei den Schulaufgaben ist 
durchsichtig und weist auf ein gemeinsames Drittes hin, das hinter 
beiden Szenen steckt und welches die Angst als Wunsch entlarvt. 

Da es sich um einen verbotenen Wunsch handelt, wird die Angst 
verständlich. Da es sich um einen sündhaften Wunsch handelt, wird die 
Strafe durch Schläge verständlich. Er spricht ja selbst von einem Triumph- 
rausch und entschleiert damit das echte Wesen des Sadismus. 

Jeder Masochist hat eine bestimmte Szene, welche seinen Willen zur 
Unterwerfung und seine Widerstandslosigkeit ausdrückt. In diesem Falle 



di 



') Die geheime Formel dieser Angst lautet : Das was ein anderer fürchten würde, 
wäre meine höchste Lust. Ich fürchte es nicht, ich wünsche es ja. Würde mir mein 
Wunsch erfüllt, ich würde ihn mit den größten Schmerzen bezahlen . . . 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. £7 

ist die Situation : Umklammerung des Kopfes durch die Oberschenkel der 

Frau. Es ist klar, daß es sich um eine Szene handelt, wie sie bei der <Z- / J 

Geburt vorkommt. Eine ähnliche Situation schafft der Kunnilingus, welcher __* ^O 

dem Schreiber so begehrenswert erscheint. Dabei scheint eine Verschmelzung """ 

des Mutterbildes mit dem Bilde der Mutter Gottes vor sich zu gehen. 

Von Bedeutung ist auch die Erkenntnis der Ersatzgottheit, wie 
überhaupt die ganze Lebensgeschichte uns tiefe Einblicke in die Psyche 
eines solchen Kranken gewährt. Sicherlich besteht eine innerliche Re- 
ligiosität, die zu einer Flucht vor der Sünde und dem Instrumentum 
diaboli, dem Weibe führt. Seine schüchternen Versuche eine Partnerin zu 
finden, kennzeichnen den Menschen, der infolge innerer Widerstände an 
dieser Aufgabe scheitern muß und will. Bezeichnend ist das Ausweichen 
in das Organische, das begeisterte Eingehen auf die Lehren Kretzschmers, 
die ihm gestatten, seine wichtigsten Komplexe vor sich zu verbergen. 

Sehr deutlich tritt diese Verschmelzung unbewußt religiöser Motive 
mit dem Sado-Masochismus im nächsten Falle hervor. 

In seltsamer Weise mischen sich in jedem Falle von Masochismus 
Motive des Fetischismus, der Homosexualität, kurzum der ganzen Viel- 
gestaltigkeit paraphiler Regungen in das Krankheitsbild. Charakteristisch 
bleibt die Flucht vor dem Weibe und dessen Entwertung. Gelingt es den 
Kranken zu normalen Geschlechtsverkehr zu bringen, so treten die paraphilen 
Regungen zurück. 

Ein deutliches Bild dieser seltsamen Mischung entrollt die folgende 
Krankengeschichte, die ich mit den Worten des Patienten wiedergebe. 

Fall Nr. 2. 

Ich bemühe mich, eine möglichst genaue Schilderung meines ganzen 
Geschlechtslebens und aller anderen mir wichtig erscheinenden Begebenheiten 
wiederzugeben. Ich bin 19 Jahre alt und konfessionslos. Von meiner ersten 
Kindheit sind mir noch verschiedene Vorgänge in Erinnerung. So z. B.: Meine 
Tante führte mich, wie gewöhnlich, im Kinderwagen spazieren. In einer engen 
Straße kam plötzlieh ein Auto in einem rasenden Tempo. Meine Tante wich 
schnell aus und führte mich zum Trottoir, wo sie mit mir unter einem Gerüst 
stehen blieb. Sie lehnte sich mit einem Arm an dasselbe und plötzlich löste sich 
ein Balken los und fiel mir auf den Kopf. Nach diesem Unfall brachte mau mich 
in ein Hans zu einem Brunnen, wo man mir dann den Kopf reinigte und mir die 
Wunde verband. Dieser Unfall ist mir noch in deutlichster Erinnerung. Ganz 
genau kann ich mich an folgende Szene erinnern. Es dürfte im Alter von fünf 
Jahren gewesen sein, später auf keinen Fall, eher früher. Eine von meinen 
beiden Cousinen, welche um vier bis fünf Jahre älter ist als ioh, lag auf 
einem Weinkeller im Gras. Ich war allein bei ihr und spielte und balgte mit 
ihr herum. Nach kurzer Zeit begann ich ihre Röcke zu heben und steckte 
meinen Kopf unter dieselben. Meine Cousine ließ mich gewähren, doch bald 
sah sie die Tante kommen und versprach mir das nächste Mal die Fortsetzung. 
Schon in einigen Tagen war wieder Gelegenheit allein zu sein. Diesmal trachtete 
ich jedoch mit meinem Kopf weiter vorzudringen und zwar wollte ich zwischen 



88 



Sadismus und Masochismus. 






ihre Füße gelangen. Ich konnte aber nicht, da mich ein ekelhafter Geruch, 
der mir entgegenströmte, davon abhielt. 

Ein Vorfall, an den ich mich nicht im geringsten erinnern kann, war 
folgender: Ich wurde zuhause gut behütet. Doch oft gelang es mir als drei- 
jähriges Kind zu entwischen. Ich streifte dann in meinem Geburtsorte umher, 
bis meine Eltern meinen Abgang merkten und mich dann schleunigst suchten. 
Einmal konnten sie mich erst nach stundenlangem Suchen finden. Ich stand 
auf einer großen Leiter fast an der Spitze. Mein Vater wollte mich nicht rufen, 
um mich nicht zu erschrecken, deshalb kletterte er langsam nach und holte 
mich herunter. — Diese Begebenheit hat mir meine Taute erzählt. Heute 
könnte ich unmöglich eine hohe Leiter besteigen, ich wäre sofort schwindlig. 
In M. bin ich einmal in der Waisenhauskiiche auf den Glockenturm gestiegen. 
Kaum war ich 8—9 Sprossen hoch, "konnte ich nicht mehr weiter. Ich sah 
von der Leiter durch das große, offene Turmfenster tief hinunter auf den 
Kirchenplatz. Eine riesige Angst erfaßte mich. Ich konnte nicht auf- noch 
absteigen und hielt mich mit unheimlicher Kraft an der Eisenleiter fest. Nach 
einigen Minuten gelang es mir, mit geschlossenen Augen, langsam fühlend, 
herunter zu klettern. Ich kam noch öfter in ähnliche Situationen. Wenn ich 
von irgend einem hohen Gebäude hinab sehe, so spüre ich sofort starkes 
Schwindelgefühl. Im Turme habe ich Angst, der Turm könnte umfallen, am 
Berg habe ich Angst abzustürzen, am Riesenrad im Prater habe ich Angst, 
es könnte gerade derjenige Wagen abstürzen, in dem ich sitze. Es kostete 
mich einen ungeheueren Kampf, bis ich mich entschließen konnte, das Riesen- 
rad zu besteigen. Ich fürchtete mich vor dem Aufstieg und hatte aber doch 
keine Ruhe, ehe ich nicht die höchste Höhe erklommen hatte. Ich hielt mich 
krampfhaft an der Bank an und war glücklich, den Wagen wieder absteigen 
zu sehen. 

Im Alter von 6 Jahren kam ich nach M. ins Waisenhaus, da mein 
Vater nach Amerika fuhr. Meine Mutter kam drei Jahre später ins Irrenhaus, 
wo sie 1915 starb. Ich beginne nun die eigentliche Schilderung meines 
Geschlechtslebens : 

Im Alter von 7 — 8 Jahren bin ich einmal auf ein Bett in der Anstalt 
gestiegen und habe mich nach Art eines Reiters aufgesetzt. Dabei spürte ich 
ein angenehmes Gefühl. Ich wiederholte diese Szene noch einige Male und konnte 
aber das angenehme Gefühl nicht mehr erzielen. Im Alter von 8 — 9 Jahren 
kam ich auf die Onanie. Wie ich darauf kam, daran kann ich mich nicht 
entsinnen. Ich übte sie durch Jahre hindurch sehr oft aus, oft mehrmals im 
Tage. Darauf komme ich noch zu sprechen. Im Alter von 10 Jahren wurde 
ich einmal wegen Verfehlungen von einer Klosterfrau mit der Rute gezüchtigt. 
(Die Anstalt steht unter geistlicher Leitung.) Man nahm es mir übel, daß ich 
nicht weinte und sagte, ich hätte keine Reue, in Wirklichkeit machte mir es 
nämlich keine besondern Schmerzen. In dieser Zeit spielte die Rute in meiner 
Phantasie noch keine Rolle. Ich kann mich an die Phantasien beim Onanieren 
aus dieser Zeit nicht mehr erinnern. — Mit 13 Jahren verliebte ich mich 
stürmisch in einen Zögling, welcher um zwei Jahre jünger als ich war. Diese 
Liebe war bloß platonisch und dauerte über ein halbes Jahr. Während derselben 
hatte ich oft das Bedürfnis, meinen Freund zu schlagen. Unter allen möglichen 
Vorspiegelungen gelang es mir, ihn gefügig zu machen. Allmählich gewann ich 
Lust, diese Prozedur auch an anderen Zöglingen auszuüben. Es gelang mir 
wieder, einige dazu zu bewegen. Als ich in die dritte Btirgerschulklasse ging, 
bekam ich Lust, selbst geschlagen zu werden. Ich fand einen Schüler aus 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 89 

meiner Klasse, der mich nach Belieben züchtigte. Ich hatte 3—4 Zöglinge, 
die mir immer zur Verfügung standen und mich auf Verlangen schlugen. — 
Mit 14 Jahren begann ich das Konservatorium zu besuchen. — Mit 15 Jahren 
hatte ich wie die meisten Zöglinge, meine erste Bekanntschaft gemacht. Es 
war ein Mädchen, mit dem ich zusammen die drei Btirgerschulklassen besuchte. 
Seit dieser Zeit nahm mein Interesse für Bursehen rapid ab. Nur ein Zögling 
war für den ich mich zeitweise riesig begeisterte. Ich lag manchmal mit ihm 
zusammen im Bette und betastete ihn am ganzen Körper, besonders rückwärts. 
Ich lieh mir auch unter dem Vorwand, daß ich eine kurze Unterhose lieber 
trage, manchmal seine Unterhose aus und zog sie an. Doch auch das Interesse 
für ihn verging mir. Im Jahre 1916 rückte ich zur Marine ein. Von dieser 
Zeit an ist mir mein Geschlechtsleben noch gut im Gedächtnis. Als ich einmal 
im Marinekasino bei einem Ball Klavier spielte, machte sich in den Pausen 
ein Kellner an mich heran und begann meine Genitalien zu betasten. Ich 
wehrte ihn anfangs ab. Er war jedoch weiter zudringlich und es gelang ihm, 
mich zu bewegen, mit ihm nach dem Ball ein Klosett aufzusuchen, um, wie er 
vorgab, mit mir zu spielen. (Ich hatte damals von Homosexualität keine Ahnung.) 
Vorher steckte er mir zehn Kronen in die Bluse. Ich ging also mit ihm in 
ein Klosett, wo es stockfinster war. Er sagte, ich soll die Hose herunterziehen. 
Ich sträubte mich gegen dieses Verlangen und wollte davonlaufen. Doch wieder 
gelang es ihm, mich gefügig zu machen. Er zog mir die Hose herunter, setzte 
sein Glied rückwärts an und verkehrte bis zum Samenerguß. Nachher riet er 
mir strengstes Stillschweigen und erzählte mir von eventuellen Folgen. Ich 
behielt diese Szene immer für mich. — Bei der Maiünemusik war ein Musik- 
meister namens R. Er war ein hervorragender Geiger, Konzertmeister und 
noch vielmehr ein ernster Komponist. Er unterrichtete alle jungen, talentierten 
Musiker bis zur höchsten Ausbildung. Er entdeckte mein großes Musiktalent 
und bildete mich weiter in Klavier aus. Er war in jeder Beziehung entgegen- 
kommend, konnte aber auch mit sadistischer Grausamkeit seine Schüler quälen. 
Ich lernte bei ihm viel Interessantes kennen und stieß auch auf zwei Bücher, 
und zwar auf Forel „Die sexuelle Frage" und auf Bloch „Das Sexualleben 
unserer Zeit". Ich begann mich nun für Bücher dieser Art zu interessieren. 
Ich fand auch meine masochistische Veranlagung darin bestätigt und kam auch 
auf das Kapitel der Homosexualität. Herr R. begann mir von den Homosexuellen 
zu erzählen. Ich bestellte mir nun von Max Spohr in Leipzig die ganzen Werke 
Hirschfelds und sehr viele andere und trat dem W.-H.-K. bei. Ich hatte eine 
riesige Sammelwut für Bücher über Sexualfragen. Später lernte ich gesprächs- 
weise einen Kollegen näher kennen und kam in die Lage, mich mit ihm intim 
zu beschäftigen. Es gelang mir auch, ihn so weit zu bringen, daß er mich nach 
Belieben mit der Rute schlagen konnte. Einmal als ich mit ihm bei P. in einem 
Walde allein war, versuchte er, da ich ausgezogen war und am Bauch lag, mit 
seinem Gliede bei mir einzudringen. Da ich davor Scheu hatte, so wehrte ich 
ihn ab. — In dieser Zeit begann der große Drang, mich von einem Weibe 
schlagen zu lassen. Nach langen Kämpfen konnte ich mich dazu entschließen, 
eine Prostituierte aufzusuchen. Ich konnte aber das erstemal nicht deü 
Mut aufbringen, meine Wünsche zu erfüllen und so ging ich unverrichteter 
Dinge weg. Beim Weggehen sagte sie zu mir: Brav sein, sonst bekommst 
Du es mit der Rute, die dort hängt! Diese Worte gaben mir Mut, 
nächstesmal mein Verlangen vorzubringen. Nach kurzer Zeit suchte ich wieder die 
Prostituierte auf. Nun ließ ich mich von ihr züchtigen, was mir sehr angenehm 
war aber nicht den gedachten Reiz verlieh. Den Beischlaf wollte ich auf 



90 



Sadismus und Masoclu'smus. 



keinem Fall ausüben, da ich vor Ansteckungsgefahr riesige Angst habe. 
(Ich glaube nach einer Infizierung könnte ich überhaupt mit keinem Weibe 
mehr verkehren.) Ich ging unbefriedigt weg, da ich es nicht bis zur Ejakulation 
bringen konnte. Mir ließ diese Prostituierte keine Ruhe, da sie ein auffallend 
schönes Weib war. Daher besuchte ich sie wieder und bat sie, sich nackt auf 
das Bett zu legen. Dann begann ich sie, da sie reizende Körperformen hatte, 
am ganzen Körper abzuküssen. Da ich nicht immer unbefriedigt weggehen 
wollte, so rieb ich mein Glied an ihrem Fuße bis ich es zur Samen- 
entleerung brachte. Am liebsten sah ich die Prostituierte in der 
Unterhose. — Nun arbeitete meine Phantasie den ganzen Tag. Ich dachte 
stundenlang an Szenen, die unausführbar waren. So stellte ich mir meine 
Bekanntschaft, mit der ich in regem Brief verkphr stand, als eine Königin vor. 
Ich dachte mir ein Zimmer, in welchem ein Thron aufgestellt war, in dem sie 
mit ihren Freundinnen, die ich mir als ihre Untergebenen vorstellte, einen 
Gerichtshof bildete. Sie, als Königin, war Vorsitzende, ihre Freundinnen die 
Strafvollzieher. Ich wurde wegen Majestätsbeleidigung vor ihren Thron geführt. 
Sie sprach nach einer kurzen Verhandlung das Urteil aus. Ich wurde mit Ruten 
und allen möglichen Schlagwerkzeugen gezüchtigt. Die letzten Schläge dachte 
ich mir immer von ihr selbst ausgeführt. — Solche und ähnliche Phantasien 
gingen mir oft tagelang durch den Kopf. 

Ich lernte zufällig ein schönes Mädchen kennen, das sich in mich ver- 
liebte. Als ich auf Urlaub nach Wien kam, blieb ich die ganzen acht Tage 
bei ihr in der Wohnung. Das gab mir Gelegenheit, mich mit ihren Unter- 
hosen zu bekleiden. Als ich nach dem Umsturz ganz nach Wien kam, zog ich 
gleich zu ihr und wohnte im Kabinett. Nun hatte ich Gelegenheit, meiner 
Lust zu fröhnen. Ihre Mutter ging außer Haus, sie ins Büro. Ich war nun 
allein zu Hause und begann mich mit ihrer ganzen Wäsche zu bekleiden. Zu- 
erst zog ich eine weiße, kurze Unterhose an. Beim Hineinsteigen und beson- 
ders als ich sie am Körper spürte, zitterte ich vor Lust und Aufregung. Dann 
zog ich auch Strümpfe, Hemd, Mieder, Schuhe, Röcke und Bluse an und ge- 
fiel mir außerordentlich darin, sowie ich mir auch selbst gefalle, wenn ich 
eine gut und stramm passende Hose anziehe, wobei ich fast immer Erektion 
bekomme. Alles hatte ich, nur das Wichtigste, das Weib, das mich züchtigen 
sollte, fehlte mir. Daher war ich gezwungen, mich selbst zu schlagen. Ich 
nahm ein Lineal, hob mir die Röcke auf, legte mich auf den Diwan und 
schlug mich selbst. Nachdem ich mich genug geschlagen hatte, onanierte ich 
und nachher kam mir alles lächerlich und dumm vor. Das wiederholte ich 
unzählige Male. Mit der Zeit gelang es mir, meine Liebe in meine Gelüste ein- 
zuweihen ; nur von meinen masochistischen Neigungen durfte sie nichts erfahren. 
Sie erlaubte mir, von ihrer Wäsche Gebrauch zu machen. Ich nahm mir eines 
Tages Unterhose, Hemd und Strümpfe und suchte eine Prostituierte auf. Bei 
ihr kleidete ich mich um, ließ mich schlagen und ging wieder unbefriedigt weg. 
Ich lebte mit meiner Liebe nie glücklich. Auf einige Stunden größter 
Liebe folgte wegen einer geringfügigen Ursache Streiterei, Zank und Haß. 
Sie konnte es nicht begreifen, daß ich für Politik, Kunst usw. so riesiges 
Interesse hatte und ich konnte es nicht begreifen, daß sie sich für die Sethund- 
operetten und Courts Mahler Romane interessierte. In geistiger Beziehung hatte 
ich nicht das geringste Entgegenkommen, was bei mir aber sehr wichtig ist. 
Mit der Zeit gelang es mir, mich zu ihr ins Bett zu legen und sie fest 
abzudrücken, was mich sehr begeisterte. Einen großen Reiz verspürte ich, als 
ich ihre freie Brust sah. Mich plagte eine furchtbare Eifersucht. Ich war bei 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 91 

jeder Gelegenheit eifersüchtig. Wenn eine Karte an sie kam, wenn sie später 
nach Hause kam, wenn sie mit jemanden sprach, immer glaubte ich einen 
heimlichen Verehrer dahinter wittern zu müssen. Wenn sie sich vor dem Weg- 
gehen schön ankleidete, so war das für mich eine Qual. Ich dachte mir: Jetzt 
ist sie ganz entkleidet und wäscht sich. Ich wollte sie am liebsten selbst 
waschen und anziehen. Mir kam es immer vor, als ob sie sich für andere 
putzt und den Gedanken konnte ich nicht ertragen. Die Eifersucht plagte 
mich immer, eine schreckliche Leidenschaft, welche aber nicht einer großen 
Liebe entsprang. Das Leben wurde mir immer unerträglicher und schwerer. 
Trotzdem konnte ich von meiner Bekanntschaft nicht lassen, wollte sie immer 
um mich haben und küssen, trotz aller Qual und Leiden. Oft nahm sie mir es 
übel, daß ich ihren Verwandten und Bekannten (Frauen) nicht die Hand 
küssen wollte, oder sie nicht mit gnädiger Frau ansprach. Ich konnte es mit 
bestem Willen nicht. Handküssen kann ich einem Weib nur dann, wenn ich 
allein mit ihm bin und dann tue ich es gern. Vor einer anderen Person 
kann ich unmöglich einem Weib die Hand küssen, da es mir vorkäme, als 
würde man mir die Erniedrigung vom Gesichte herab lesen. Ich kann einem 
Weibe nur daun schön tun, wenn mich niemand sieht. Ich mache mich immer 
lustig über denjenigen, der einem Weibe die Hand küßt, wäre aber selbst 
glücklich, immer Hände küssen zu können. Genau so geht es mir in anderer 
Beziehung. Wird jemand geschlagen, ein Pferd, ein Kind oder sonst jemand, 
so bin ich über die Roheit des Schlagenden erbost, aber ich selbst will ge- 
schlagen werden. 

Wenn einem Weibe ein Schmerz zugefügt wird, so habe ich 
oft eine innere Freude. Es kommt mir vor, als ob außer meinen maso- 
chistischen auch sadistische Gefühle in mir wohnten. 

Einen großen sadistischen Wunsch hatte ich immer, und zwar 
wollte ich meine erste Liehe nackt ausziehen, mit Riemen am Diwan an- 
schnallen und schonungslos züchtigen, um mich an ihrem Schreien 
und an ihrer Hilflosigkeit zu freuen. Dieser Wunsch trat, wie ich glaube, 
erst nach der Trennung auf. Ich wollte sie, als ich sie nicht mehr hatte, 
quälen, aber nur aus Liebe. Das Leben wurde für mich immer unerträglicher, 
noch dazu lernte ich ein anderes Mädchen kennen, mit welchem ich einmal 
gesehen wurde und so blieb mir keine Wahl. Ich mußte mich trennen und aus- 
ziehen. Nach einigen qualvollen Tagen gelang es. Meine neue Bekanntschaft war 
für mich nichts, denn nach einigen Tagen war es schon wieder aus. Die Zeit 
in der ich allein war, war die schrecklichste für mich. Ich litt au einem 
Angstzustand, der jetzt ganz vergangen ist, gerade aber in der Zeit stark 
auftrat, als ich keine Bekanntschaft hatte. Wenn ich abends nach Hause kam, 
hatte ich Angst, es könnte ein Dieb oder ein Einbrecher unter meinem Bette 
oder im Kasten versteckt sein. Ich konnte nicht schlafen gehen, ohne vorher 
nachgesehen zu haben. Selbst dann hatte ich oft noch keine Ruhe. Diese 
Zwangshandlung ist seit meiner neuesten Bekanntschaft wieder vergangen. 
Ich lege mich täglich nieder, ohne nur im geringsten daran zu denken. Hie 
und da denke ich darauf, aber dann liege ich schon gewöhnlich und muß nur 
darüber lachen und denke mir dabei, er (der Dieb oder Einbrecher) soll nur 
liegen bleiben unterm Bett, so lange er will. An einigen anderen Zwangs- 
handlungen leide ich jedoch noch. Ich kann z. B. nicht gehen, wenn ein Mann 
hinter mir geht. Ich muß ihn entweder vorlassen oder auf die andere Straßen- 
seite gehen, da mich die Angst befällt, er könnte mich niederstechen oder 
aufhalten. Seitdem ich in Herrn Doktors Buch: „Onanie und Homosexualität u 



92 



Sadismus und Masochismus. 



darüber gelesen habe, ist es etwas besser, da ich mir den Grund meiner 
Angst erklären kann. Ich konnte auch früher oft nie allein auf einem Platze 
anwesend sein. Eine andere Zwangshandlung ist folgende: Ich bin gezwungen, 
viele Handlungen und Manipulationen 4mal zu machen. Den Grund dieser 
Zwangshandlung kann ich mir nicht erklären. Wenn ich von einer Speise 
kostete, so kostete ich immer 4mal. Wollte ich weiter kosten, so ging ich bis 7, 
dann bis 11, weiter nicht mehr, denn dann fing ich wieder von Anfang an. 
Eine stattliche Zahl von Handlungen übe und übte ich 4mal aus. Wenn 
ich mich jetzt oft. dabei ertappe, in meine alte Gewohnheit zurückzu- 
fallen, so mache ich die Handlung als Protest statt 4-, 3- oder 5 mal. Riesige 
Angst habe ich vor dem Zuspätkommen. Ich komme fast immer auf die Minute 
genau. — Als Kind hatte ich beim Beten immer die Zwangsvorstellung, Jesus 
uriniert vom Kreuz herunter, auch bei Maria hatte ich diesen Gedanken. — 
Meine Stellung zum Weibe ist ganz eigentümlich. Ich finde es, trotzdem ich 
ein leidenschaftlicher Verfechter der sozialistischen Ideen bin, für unbegreiflich, 
wie die sozialistischen Theoretiker die Gleichberechtigung des Weibes mit dem 
Manne verlangen können. Mir geht es nicht ein, daß man eine Frau zum 
Richteramt zulassen kann. Eine Frau unterliegt doch zu sehr den Leiden- 
schaften, jils daß sie unparteiisch urteilen könnte. Ich ärgere mich immer 
furchtbar, wenn ich von Abgeordnetinnen und Ärztinnen lese. Ich kann 
den Gedanken, daß über mir ein Weib ist, nicht ertragen. Ich 
möchte schon über mir ein Weib haben, aber in einem Zimmer, 
ein Weib mit einer Rute, keine andere will ich über mir. Als ich 
voriges Jahr ins „Neue Wiener Konservatorium" eintrat, war meine einzige 
Sorge, ja zu keiner weiblichen Lehrkraft zu kommen, denn das könnte ich 
nicht ertragen und müßte austreten. Man wollte mich schon zu einer weiblichen 
Lehrkraft in Klavier geben, da ich aber schon weit fortgeschritten war, so 
kam ich zu einem Professor. Für Männer der Wissenschaft, Kunst, Politik, 
Musik, Freiheitskämpfer und sonstige Größen habe ich schwärmerische Ver- 
ehrung, besonders für Beethoven und Richard Wagner, für Sozialisten, wie 
Adler, Liebknecht, Trotzky, Haase, Ledebour und andere. So wie ich früher 
die Sucht hatte, Bücher zu sammeln, so hatte ich dann den Wunsch, mir 
Bilder berühmter Männer zu verschaffen. Ich wollte auch immer in viele 
Vereine eintreten, trat aber außer dem W.-H.-K. nur dem Eherechtsreform- 
verein bei. Vor drei Monaten machte ich wieder eine neue Bekanntschaft, 
mit der ich bedeutend besser auskomme. Ich habe bei ihr in sexueller Be- 
ziehung großes Entgegenkommen, was bei mir die Vorbedingung einer glück- 
lichen Liebe ist. Ich mußte ihr ganzes Vorleben erfahren und be- 
sonders interessierte es mich, ob sie noch Jungfrau sei oder nicht. 
Sie erzählte mir alles. Ich war glücklich, zu erfahren, daß sie schon von 
ihrem ersten Liebhaber defloriert wurde. Für mich wäre nichts ärger, 
als ein Mädchen entjungfern zu müssen. 

Nun hatte ich endlich Gelegenheit, mit ihr ein Hotel aufzusuchen, um 
über meinen Zustand Klarheit zu erlangen, da ich bisher noch nicht ge- 
schlechtlich verkehrte. Es dauerte geraume Zeit, bis ich mich zu einem Ver- 
such entschließen konnte. Ich nahm mir ein Kondom auf und konnte aber 
mit meinem Gliede nicht eindringen, da ich mich ungeschickt stellte und 
mittlerweile die Erektion verging. So ging es mir 3 — 4mal. Ich war riesig 
müde, da ich erst nach dem Konzert um 11 Uhr das Hotel aufsuchte. Nun 
schlief ich mit der Hoffnung ein, in der Frühe mit Erfolg verkehren zu können. 
Da es schon fast 4 Uhr war, so waren nur noch einige Stunden Zeit. In der 



Begriffsbestiinmuug des Sadismus und Masochismus. 93 

Frühe gelang mir der Akt nach einem nochmaligen Mißerfolg unter unge- 
heurer Lustempfindung. Nur weiß ich nicht, ob ich nur früh verkehren kann, 
oder ob meine schlechte Stellung an den Mißerfolgen schuld war. Ich glaube 
eher das letztere, da ich ja immer Erektion hatte, nur nicht gut eindringen 
konnte und noch dazu ungeschickte Bewegungen machte. Die Lust war jedoch 
größer als bei der Onanie. 

Die darauffolgenden Tage hatte ich einen leichten Abscheu 
gegen den Beischlaf. Dieses Gefühl ist mir wieder vergangen. Doch die 
größte Rolle spielt bei mir die Eifersucht, mauehen Tag weniger, fast gar 
nicht, manche Tage jedoch bis zur Unerträglichkeit gesteigert. Ich muß mich 
immer wieder der absoluten Treue meiner Geliebten versichern. Ich verlange 
Treue, bin aber selbst bei jeder Gelegenheit untreu. Ich kann mich auch in 
keiner Gesellschaft unterhalten und bin in Gesellschaft immer schlecht gelaunt 
und kann mir nicht den Grund erklären. Furchtbare Q.ualen leide ich auf 
einem Ball, wenn ich so viele hübsche Weiber sehe und nicht eine einzige zu 
meinen Zwecken haben kann. Ich bin furchtbar sinnlich veranlagt und möchte 
jedem hübschen Weib gleich Diener sein. Ich will alle ihre Befehle 
ausführen und mit der Rute bei jeder Gelegenheit gezüchtigt werden. In den 
letzten Wochen steigerte sich der Drang, mein Ideal zu finden, ins Furcht- 
bare. Ich suchte in den Annoncen im Tagblatt, in der Heiratszeitung und im 
Erzähler, konnte aber nichts passendes finden. Vor einigen Wochen war ich 
wieder bei der schon erwähnten Prostituierten, ließ mich wieder schlagen 
und brachte es bis zur Ejakulation. Ich war aber doch nicht ganz befriedigt, 
da mein Ideal keine Prostituierte, sondern eine etwas sadistisch veranlagte 
Dame ist. Diese wird aber schwer zu finden sein, da das Weib doch selbst 
beherrscht werden will. In der letzten Zeit leide ich an tiefer seelischer De- 
pression, da ich die Aussichtslosigkeit meiner Wünsche einsehe. Ich bin zum 
Studieren total unfähig und kann keine zehn Minuten ruhig üben. Manchmal 
habe ich nicht einmal zum Essen Lust. Immer denke ich an das Weib, das 
ich nicht finden kann. Wenn ich früh erwache, ist mein erster Gedanke, 
werde ich sie heute finden oder nicht. Jeder Tag zeigt mir von neuem, wie 
schwer es ist, solche Wünsche erfüllt zu bekommen. Es ist manchmal schreck- 
lich, was ich an einem Tag ausstehe. Ich nehme mir oft eine Rute und schlage 
mich selbst. Wenn ich auch onaniere, so bin ich doch höchstens 2 — 3 Stunden 
ruhig, um dann aufs neue von meinen Phantasien gehetzt zu werden. Ich ona- 
nierte bis Ende vorigen Jahres ungeheuer viel, kann aber nur sagen, daß ich 
mich auf die Onanie frisch, wie neugeboren fühle. Die Onanie diente mir dazu, 
meine unerfüllbaren Wünsche wenigstens im Geiste erfüllt zu sehen, um dann 
von ihnen Ruhe zu haben. Beim Onanieren hatte ich fast stets nur masochistische 
Phantasien, während es selten gelang mir den Beischlaf vorzustellen. Ich 
könnte von meiner Geliebten wahrscheinlich sogar erreichen , daß sie mich 
züchtigt, wie sie durch die Blume, als ich davon sprach, andeutete. Sie ist 
nämlich zu weitgehenden Konzessionen bereit. Aber ihr möchte ich meine 
Wünsche nicht mitteilen, da mir eine Züchtigung von ihr nicht so lustvoll 
vorkommt, als von einer fremden Dame. Ich versuchte schon einmal, eine 
Dame für meine Zwecke zu gewinnen, doch umsonst. Ich kann aber nicht zur 
Ruhe kommen, da ich auf der Straße gleich für jedes schöne Weib entflamme 
und am liebsten gleich mitgehen will. Ich möchte nur wissen, ob ich nach 
Erreichung meines Zieles wirklich so glücklich wäre, wie ich mir denke. Seit 
Beginn dieses Jahre6 onanierte ich noch nicht, da ich mit aller Gewalt ver- 
suchen will, meine Befriedigung nur im „Beischlaf" zu suchen. Manchmal 



94 



Sadismus und Masocliismus. 



steigern sich meine Zustände bis zur Unerträglichkeit und es ist mir unmöglich 
meine Gedanken beim Studieren zusammenzuhalten. 

Einige Gewohnheiten will ich noch anführen: Wenn ich irgend etwas, 
z. B. alte Papierstücke wegwerfe, so muß ich einige Male schauen, ob ich nicbt 
Banknoten mitwerfe. Dann muß ich auch Gegenstände, die nach links stehen, 
nach rechts richten. Wenn ich eine Glocke in Bewegung setze, so kann ich 
es nur mit der rechten Hand, sowie ich meinen Mantel immer nur am dritten 
Haken hänge. 

Einige Träume, die mir noch in Erinnerung sind, will ich noch anführen: 
Einmal träumte ich, ich laufe einer Elektrischen nach und kann sie nicht ein- 
holen. Ein anderesmal wartete ich auf eine Elektrische bei einer Biegung und 
sprang schnell auf, damit sie mir nicht davonfahren kann. Dazu will ich be- 
merken, daß ich ein unangenehmes Gefühl habe, wenn mir eine Elektrische 
davonfährt, da ich glaube, mit der nächsten komme ich an meinen Bestimmungs- 
ort schon zu spät. Ich habe ein riesiges Interesse für Bahnen und Straßen- 
bahnen. Die Tätigkeit eines Motorführers kenne ich so genau, daß ich ohne- 
weiteres einen Wagen führen könnte. Ein Traum ist mir noch in Erinnerung, 
in welchem ich eine hohe steile Stiege erklettern mußte, um zu einem Platz 
zu gelangen. Ich war schon in der Hälfte, konnte aber nicht weiter, da ich 
abzustürzen glaubte und mußte nun zu dem Platz in einem großen Umweg 
gelangen. In zwei Träumen wurde ich von Männern geschlagen, wovon 
der zweite Traum von meinem Kapellmeister handelte, mit dem ich spiele und 
der ein ausgesprochener Don Juan ist. Ein Traum zeigte mir meine jetzige 
Geliebte mit der Aufforderung, mit ihr zu verkehren. Ein anderer Traum 
zeigte mir eine Person, die im Regen den Schirm aufspann, was mir frech 
vorkam. Der letzte mir in Erinnerung gebliebene Traum ist folgender: 

Meine erste Geliebte forderte mich in Anwesenheit ihrer Freundinnen 
auf, mit ihr den Beischlaf auszuüben. Ich erwiderte voll Freude über ihr 
Verlangen, daß ich schmutzige Füße habe und diese zuerst waschen muß. 
Ich ging, suchte ein Bad und konnte aber keines finden und ging nach 
langem Suchen in ein Kaffeehaus. In diesem Kaffeehaus stand ein Klavier 
auf welches ich sofort zuging und zu probieren begann. Plötzlich sah ich 
ganz rückwärts ein Wannen- und ein Duschebad. Ich stürzte, nachdem 
ich mir die im Wege stehenden Pulte weggeräumt hatte, sofort hin, sah 
aber, daß die Wanne in keiner Kabine, sondern frei herumstand. Der 
Oberkellner erwiderte auf Befragen, daß die Wanne ja so in einer Ka- 
bine steht, worauf ich nochmal hinging und mich von seinen Aus- 
führungen überzeugen konnte. Vor der Kabine brauste das Wasser in 
Strömen herunter. Ich ging in die Kabine, stieg in die Wanne und 
wachte auf ohne zum Beischlaf im Traume zu kommen. 

Alles was ich wußte, über mein Geschlechtsleben zu berichten, habe ich 
angeführt. Ich ersuche Sie nun Herr Doktor und bitte Sie tausendmal, mir 
behilflich zu sein, um mein Geschlechtsleben in eine geordnete Bahn zu bringen, 
um mich von meiner manchmal fast unerträglichen Eifersucht zu befreien und 
es mir möglich zu machen, meine masochistischen Phantasien halbwegs ver- 
gessen zu können, damit ich wieder Lust und Liebe zum Studium und über- 
haupt zum Leben erhalte. Bitte, Herr Doktor, retten Sie mich!" 

Schon in den ersten Zeilen fällt uns auf, daß der in einem Kloster 
erzogene Jüngling konfessionslos ist. Er bildet sich ein, ein Freidenker 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 95 

und Atheist zu sein. Die Analyse konnte leicht nachweisen, daß eine stark 
betonte innere Frömmigkeit sein Seelenleben beherrschte. 

Schon als dreijähriges Kind zeigt er den Drang wegzulaufen (Wander- 
trieb). Die Psychogenese dieses Triebes kennen wir aus Band VI. Impuls- 
handlungen. Er fühlte sich nicht glücklich im Elternhaus und hatte das 
Verlangen, den Eltern einen Schmerz anzutun. Die Ehe war unglücklich, 
es gab böse Szenen. Seine Mutter war schwer pathologisch und der Vater 
rettete sich aus der unglücklichen Ehe durch die Flucht nach Amerika. 
Die Tatsache, daß sein Vater sich um ihn nicht kümmerte, mag bestimmend 
für sein Schicksal geworden sein. Jedenfalls führte sie zur Attitüde der 
Empörung gegen jede Autorität und folgerichtig zu einer atheistischen 
Weltanschauung. Seine ursprüngliche Aktivität zeigt sich im Erklimmen 
der großen Leiter, während er jetzt in allen Situationen die Passivität 
bevorzugt. Seine Höhenangst ist die Angst vor dem Sündenfall, der sich 
in zwei Typen manifestiert: 1. Angst vor dem Weibe. 2. Angst vor der 
Homosexualität. Wie alle Masochisten ist er ein extremer Onanist und 
kam schon früh auf die Onanie. Eine Züchtigung mit der Rute scheint 
ihn nicht beeindruckt zu haben. Es konnte auch in der Analyse nicht 
nachgewiesen werden, daß die Szene mit der Nonne die flagellantischen 
Ideen ausgelöst hat. Sicher ist, daß er sie bei der Rückphantasie aufge- 
frischt und für den Aufbau seiner Parapathie benützt hat. (Trug-Er- 
innerung.) 

Sein erstes Verhältnis war ein homosexuelles, wobei der originär 
sadistische Charakter seiner Paraphilie deutlich zu Tage trat. Erst nach 
einigen Jahren wandelte sich der Sadismus zum Masochismus. Er hatte 
Lust selbst geschlagen zu werden. Allmählich tritt die homosexuelle Ein- 
stellung zurück. Er versucht sich in die heterosexuelle Einstellung zu 
biegen, wobei jedoch Schwärmereien für einen Freund die Stärke der 
homosexuellen Komponente beweisen. 

Bald sollte das erste homosexuelle Trauma (Verführung durch einen 
Kellner) erfolgen. Er interessiert sich auch theoretisch für Homosexualität. 
Eine erfahrene Dirne merkt an seinem scheuen Benehmen die Neigung 
zu masochistischen Szenen, behandelt ihn in schlauer Weise wie ein kleines 
Kind. Er läßt sich züchtigen, verzichtet aber wie alle diese Parapathiker 
auf den Koitus. Er reibt in höchster Erregung seinen Penis an den Fuß 
der Dirne (Penis-Ersatz) und sieht sie am liebsten in Unterhosen (Maske 
der Homosexualität). 

Dabei setzt die Überschätzung des Weibes ein. Er sieht sein Ideal 
als Königin, er ist wegen Majestätsbeleidigung angeklagt (Gotteslästerung!) 
und wird mit Ruten geschlagen. Endlich versucht er den Übergang zur 
aktiven Heterosexualität. Dabei manifestiert sich die homosexuelle Kompo- 
nente in der Qual der Eifersucht. Realität und Phantasie zeigen einen 



96 



Sadismus und Masochismus. 



bemerkenswerten Gegensatz. Er kann keiner Frau öffentlich die Hand 
küssen, als schäme er sich seiner unterwürfigen Geste. Hinter dieser 
Unterwürfigkeit verbirgt sich sein Haß gegen die Frauen. Er ist schaden- 
froh, wenn Frauen leiden. Ja — er wollte sogar seine erste Geliebte 
fesseln und schonungslos züchtigen. 

Die Ursache seiner masochistischen Einstellung sind gerade dieser 
primäre Sadismus und seine blasphemischen Gedanken. (Der urinierende 
Jesus.) Als echter Sadist, der sich in einen Masochisten gewandelt hat, 
scheut er sich vor der Defloration. Durch ungeschickte Bewegungen 
trachtet er die große Sünde — den Koitus — zu vermeiden. Auch Ekel- 
gefühle treten auf. 

Es ist eine alte Szene, die er wiederholt. Die fremde Dame steht 
wahrscheinlich für die Mutter. Die verschiedenen Zwangshandlungen zeigen 
den Übergang zu einer Zwangsparapathie und verweisen auf den zwang- 
haften Charakter der Paraphilie. 

Eine Zwangshandlung ist bemerkenswert. Er hat Angst etwas Wert- 
volles wegzuwerfen. Angst vor Verrat eines Geheimnisses! Er will seine 
Parapathie nicht verlieren. Dann richtet er alles von links nach rechts. 
Er muß etwas, was links ist, korrigieren. Wir werden später sehen, daß 
er tatsächlich eine wichtige Einstellung zu korrigieren hat. 

Er kann keinen Beischlaf wagen, weil er schmutzige Füße hat. Er 
ist nicht würdig mit einer Frau zu verkehren. Er muß sich erst reinigen. 
Ströme Wassers sind nötig um diese Reinigung zu vollziehen. Das zeigt 
uns ein tiefes Schuldbewußtsein. Er fühlt sich als niedriger, schmutziger 
Mensch. 

Die anderen Träume werden verständlich werden, bis wir den Kranken 
besser kennen gelernt haben. 

Nun folgt ein sehr charakteristischer Brief des Patienten. 

Nachdem ich Herrn Doktor meine Krankengeschichte brachte, hatte ich 
in den darauffolgenden drei Nächten Träume, wovon mir nur noch ein Traum 
in Erinnerung ist, den ich in der letzten Sprechstunde zu erzählen vergaß. 
Der Traum war folgender: 

Ich kam zum Herrn Doktor in die Sprechstunde und fand die 
Wohnung ganz verändert vor. Ein junger Mann öffnete mir das Sprech- 
zimmer, welches aus Holzwänden bestand. In diesem Zimmer standen 
Schreibtische an den Wänden dicht aneinandergereiht so wie bei der Post. 
An jedem Schreibtisch (stand) saß eine Person, ich glaube es waren 
nur Männer. Bei einem der Tische saß Herr Doktor und beschäftigte 
sich mit einem jüngeren Manne, wobei Herr Doktor sehr aufgeregt war. 
Neben jedem Tische hing ein Draht, an welchem eine Hörmuschel in der 
Art einer Telephonhörmuschel angebracht war. Ich fragte den Diener, zu 
welchem Zwecke diese Dinge gehören. Er antwortete mir, daß jeder 
Patient eine Hörmuschel ans Ohr legen muß, wobei der Patient aus der 
Muschel ein Ticken wie bei einer Pendeluhr vernimmt. Jeder Patient 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 97 

muß genau achtgeben, wie oft es tickt und die genaue Zahl Herrn Doktor 
mitteilen, der dann konstatieren kann, ob der Patient heterosexuell oder 
homosexuell ist. Ich mußte über diese Antwort halb lachen und halb 
glaubte ich aber daran. — Dies war der ganze Traum. 

Seit der letzten Sprechstunde habe ich mich bemüht, so gut als 
möglich jeden Traum wiederzugeben. Gleich die Nacht nach der letzten 
Sprechstunde träumte ich wieder vom Herrn Doktor, doch ich konnte mir 
den Traum nicht merken. In der Nacht vom 8. bis 9. träumte ich, daß der 
Oberkellner des Kaffeehauses, in dem ich spiele, gestorben sei. Ich war 
nämlich in seiner Wohnung, da ich seine achtjährige Tochter in Klavier 
unterrichte. Die Frau und das Kind schienen über den Tod ihres Mannes, 
bzw. Vaters nicht besonders betrübt zu sein, da die Kleine ihre Mutter 
fragte, was 1 kg Corned beef koste und sich beide mit mir unterhielten, 
ohne im geringsten an den Todesfall zu denken. — Der nächste Traum 
fiel in die Nacht vom 9. zum 10. Mir träumte, ich schlief in einem 
Stalle neben einem Ochsen, der einmal Mensch war und sich dann 
wieder in einen Ochsen verwandelte, was die ganze Nacht einige 
Male geschah. Ich lag mit diesem Ungetüm unter einer Decke und es drohte 
mir, im Falle ich fliehen will, mich zu beißen. Dann machte mich dieser 
Ochsenmensch noch darauf aufmerksam, daß er 12.000 Mark bei sich 
habe. Im Stalle standen Kühe und Ochsen dicht aneinander gereiht. Die 
dritte Kuh fiel fortwährend nieder und mußte immer aufgehoben werden. 
In der Frühe versuchte ich zu flüchten, doch der Ochsenmensch erwischte 
mich bei den Kleidern. Später ließ er mich (auch) aus. Er lief mir noch 
im Stalle nach und sagte mir, es fehlt ihm ein Fahnl. Ich fragte was 
das heißen soll, worauf er mir erklärte, es fehle ihm ein 100 Mark- 
Schein. Nachdem ich ihn zum Nachzählen aufforderte, hatte ich Ruhe 
von ihm. Ich ging auf ein Klosett und kehrte wieder zurück, nur kam 
ich statt in den Stall, in das Cafe, in dem ich beschäftigt bin. Dort be- 
kam ich einen Brief von einer Ungarin, den mir ein Kapellmeister scherz- 
halber wegnahm und ihn in eine Kasse warf, worauf ich ihn wieder be- 
kam. — Dann träumte ich noch, daß mich ein bekannter Herr 
mit der Hand bei den Haaren ober den Genitalien betastete, 
was ein angenehmes Gefühl hervorrief. — Nächste Nacht träumte 
ich, daß ich bei meiner ersten Bekanntschaft geladen war. Außer mir 
war noch ein anderer Herr anwesend. Nach kurzer Zeit versuchte ich, 
von dem Mädchen eine weiße Damenunterhose zu stehlen, was mir zu 
meinem Ärger aber nicht gelang. — Dann habe ich noch einen Traum 
zu verzeichnen, der sich wieder im Cafe abspielte. Im Kaffeehaus war 
Jagd nach einer Maus. Bei einem Sessel blieb sie stehen und niemand 
hatte den Mut, sie zu töten. Ich rief einem Herrn zu, er soll fest darauf 
steigen, was er auch tat. Die Maus war jedoch nicht ganz tot, eine Dame 
erbarmte sich ihrer und hob sie auf, worauf sie sich, als sie die Dame 
auf ihren Arm nehmen wollte, in einen Kanarienvogel verwandelte 
und ihr entschlüpfte. — Einen kurzen Traum weiß ich noch zu berichten, 
in welchem ich in meinem Kabinett beim offenen Fenster Schuhe putzte 
und ich aufgefordert wurde, das Großmütterchen (Violinsolo) zu spielen. 
— Dann noch der Traum der heutigen Nacht, in welchem ich fort- 
während mit Pferden zu tnn hatte. Bei jedem Pferd, an dem ich vorbei 

Stekel, Störungen des Trieb- nnd Affektlebenf. VH1. 7 



Sadismus und Masochismus. 



ging, hatte ich Äugst, es könnte nach mir schnappen und es schnappte 
auch jedes ausgerechnet nur nach mir. 

Phantasien hatte ich wieder meine gewöhnlichen. Eines ist mir schon 
aufgefallen, und zwar daß ich nach einer Sprechstunde bei Herrn Doktor 
immer ruhiger bin und mir manchmal geschlechtslos vorkomme, was aber 
nicht lauge dauert. — Einige Male hatte ich den Wunsch, von einem Weibe 
geschlagen zu werden. Diese Sehnsucht nach Schlägen trat so stark auf, daß 
ich gezwungen war zu onanieren, da ich mich auf keinen Fall hinreißen lassen 
will, eine Prostituierte aufzusuchen. Daher ist die Onauie für mich im strengsten 
Fall ein ausgezeichnetes Schutzmittel. — Wenn ich ein schönes Weib sah, 
so mußte ich es unwillkürlich lange betrachten und gleich trat der Wunsch 
auf, von ihr beherrscht zu werden. Die größte Lust bei der Onanie verspüre 
ich dann, wenn ich mir meine erste Bekanntschaft in einer roten Reformhose 
mit Seidenstrümpfen bekleidet vorstelle, wobei sie mich schlagen muß. — Das 
sind meine Phantasien der abgelaufenen Woche. 

In der Krankengeschichte habe ich meine fast krankhafte Angst vor 
Hunden anzuführen vergessen. Die größte Angst habe ich vor schwarzen 
Hunden. Sie kommen mir wie die hinterlistigsten Verbrecher vor. Wenn mich 
ein Hund ohne Maulkorb anbellt, kann ich mich nicht vom Fleck rühren, da 
ich glaube, er beißt mich. Ich bin dann gezwungen ihm schön zu tun, oder 
ihm ein Stück Brot zu geben. Er kommt mir vor wie der Verbrecher 1 ), der 
einem auch dann nichts tut, wenn man ihm freiwillig etwas gibt. Wenn ich 
aber sehe, daß ein Hund zutraulich ist, dann verwandelt sich meine Angst 
in Liebe zu dem Hund und dann könnte ich mich stundenlang mit ihm be- 
schäftigen. 

Letzten Sonntag sah ich, wie ein kleiner Hund von einem Automobil 
überführt wurde. Die Leute schimpften alle einstimmig über den Chauffeur 
und ich allein verteidigte denselben, da er doch auf drei Meter unmöglich 
stehen bleiben konnte. Ich beobachtete mich ganz genau und konnte feststellen, 
daß mir nicht darum zu tun war, den Chauffeur zu verteidigen, sondern daß 
ich über die Tötung des Hundes und über den Schmerz der Frau befriedigt 
war, was sicher mit meinem Sadismus im engsten Zusammenhang steht. 



Im ersten Traume setzt sofort die homosexuelle Übertragung ein. Er 
zeigt jene bekannte Urreaktion, wie ich sie im Band VI beschrieben habe: Er 
erwartet, daß ich mit seinem Genitale spielen werde, bis er einen Kitzel spürt. 
(Das Ticken .... Patient kann englisch. Tickling bedeutet Kitzel.) 

Im zweiten Traume läßt er seinen Vater (den Oberkellner) sterben, da 
er jetzt in dem Arzte einen Ersatzvater gefunden hat. Charakteristisch ist der 
Traum vom Ochsenmensch. Er selbst ist ein Mensch, der ein Tier in sich 
fühlt, gegen das er mit aller Macht ankämpft. Das Tier ist ausgesprochen 
homosexuell , eigentlich intersexuell , wie ein Ochse , der ja kastriert ist. Das 
Fahnl bedeutet den Penis. Schließlich mündet der Traum in die Szene der 
Urreaktion. Ein bekannter Herr greift ihm an die Genitalien, was ein ange- 
nehmes Gefühl (tickling) hervorruft. Kleptomanische Impulse verrät der Traum, 
in der er eine Damenunterhose stehlen will. Ausdruck bisexueller Tendenzen — 
Ochsenmensch. Er verwandelt fortwährend homosexuelle Tendenzen in hetero- 
sexuelle. Im nächsten Traume macht er das Verkehrte: Die Maus, ein be- 



l ) Den gleichen Eindruck hatte Weininger („Die letzten Dinge"). Dr. W. St. 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 99 

kanntes Vaginasymbol wird in einen Vogel (Penis) verwandelt. Der Wunsch 
von einem Weibe beherrscht zu werden entspricht seinem Wunsche, seine 
Homosexualität zu tiberwinden. Die Angst vor Hunden drückt seine Angst aus, 
von den tierischen Impulsen überwältigt zu werden. Seine sadistische Ein- 
stellung geht aus der Schadenfreude hervor , die er empfand , als der Hund 
überfahren wurde. 

Da er unmöglich täglich zur Analyse kommen kann und heftige Wider- 
stände produziert, wenn er frei assozieren soll, mache ich einen Versuch mit 
der Hypnose. Sie gelingt sehr leicht. Ich fordere ihn auf, jene Szenen zu er- 
innern, welche ihn in die Paraphilie getrieben haben. 

Ich gebe das Resultat mit seinen Worten wieder: 

„Ich bin ein Kind. Ich bin sieben Jahre alt. Ein Manu nimmt mich zwischen 
die Beine und schlägt mich auf den nackten Popo." 

„Eine Klosterfrau, sie ist jung und schön, nimmt mich zwischen ihre 
Beine, sie schlägt mich mit der Rute. Ich fühle keine Schmerzen. — Pause. 
Ein Mann ... er nimmt mich zwischen seine Beine und spielt mit meinem 
Gliede. Es ist sehr gut. . . . . sehr gut. Ich bitte ihn, es nochmals zu ma- 
chen. Ich weiß jetzt nicht , ob die Frau mit mir spielt. Beide Szenen ver- 
schmelzen in meiner Erinnerung." 

Nach Aufdeckung und Bewußtmachung dieser infantilen Szenen treten (/)( %£'X / 
die masochistischen Vorstellungen stark zurück. 

Die nächsten Träume bringen neue Aufklärungen : 

Ich fuhr in Begleitung zweier Kollegen nach Laxenburg , um auf 
dem Teiche zu rudern , was meine Lieblingsbeschäftigung ist. Ich fand 
jedoch den Teich ganz verändert vor. Wir gelangten vor ein großes 
eisernes Tor , welches versperrt war. Die einzige Person , die zu sehen 
war, war ein Mann, der Blumen pflückte (oder der Gärtner war). Auf 
mein Befragen erklärte er mir, daß das Tor soeben gesperrt wurde und 
erst nächsten Tag um 9 Uhr wieder geöffnet wird. Dann konnte ich 
mich erinnern, daß ich den Torschließer selbst weggehen sah. Ich pro- 
bierte dann das Tor zu öffnen, was mir mit dem sogenannten „Einkreu- 
zerschlüssel" gelang, worauf der linke Torflügel so weit aufsprang, daß 
man gerade durchgehen konnte. Wir sahen nun den Teich vor uns. Es 
wurde trüb und ein Sturm begann sich zu heben, begleitet von tosendem 
Geheul. Es wurde halb finster und es begann leicht zu regnen. Die 
Stimmung unter uns war unheimlich gruselig und ernst. Ich hatte das 
Gefühl, daß uns eine unsichtbare Macht dazu zwang, bei jeder Gefahr 
auf dem Teich zu fahren. Ein Weib, das ich plötzlich in unserer Gesell- 
schaft sah (ich glaube, es war die Prostituierte, mit der ich eine Nacht 
zu Bette war) , bestieg das Boothaus , um die nötigen Boote herauszu- 
bringen. Dieses Weib war nur mit einem großen Mantel, der bis hinab 
reichte, bekleidet. 

In der rechten Hand hielt sie einen großen Stab, die Haare hingen 
herab so daß sie mir wie der Tod vorkam. Sie schob das erste 
Boot heraus, welches ich besteigen sollte. Doch dieses Boot bestand aus 
dunkelblauviolettem Rohrgeflecht, in das Wasser hinein rann. Sie schob 
ein zweites Boot heraus , welches ich wieder nicht besteigen konnte , da 
es ans morschem Holz war. Sie wollte ein drittes herausbringen, wobei 
der Traum abbrach. 

7* 
V 



100 



Sadismus und Masochismus. 



In der Wipplingerstraße war ein Massenumzug, bei dem ich allein 
zurückblieb und zu einer Brücke ging, von wo aus ich den ganzen Zug 
zu sehen hoffte. 

(Bei der Reliquienübertragung Clemens Hofbauers kam ich zufällig 
in die Wipplingerstraße, wo die Prozession stattfand. Ich mußte unwill- 
kürlich stehen bleiben und mir den Zug anschauen, ging aber weg, be- 
vor die Geistlichkeit mit der Urne kam. Ich hatte ein Gefühl der Em- 
pörung und könnte bei solchen Aulässen auf die Umgebung leicht pro- 
vozierend wirken.) 

Ich wurde in Religion geprüft und hatte keine Ahnung von irgend 

etwas. 

Ich kam auf eine Wiese, welche einen kloinen Abgrund hatte, an 
welchem ich stehen blieb. In einigen hundert Metern Entfernung sah ich 
einen Eisberg in der Gestalt eines Aussichtsturmes. Ganz an der Spitze 
oben war eine männliche Figur, die sich auf einem Punkte stehend, fort- 
während im Kreise nach rechts drehte, in der Art einer Kreisel. 

Ich bekam von meinem Vater einen Brief aus Amerika, in welchem 
er mich frug, welches Mehl ich in dem Dollarpaket wünsche. (Ich habe 
meinem Vater nach Amerika geschrieben, da ich seine Adresse durch ein 
Detektivbüro in Erfahrung brachte. Habe aber bis jetzt noch keine Ant- 
wort erhalten, da erst 5 Wochen seit meinem Sehreiben vergangen sind.) 

Der erste Traum enthält deutliche Todesmotive. Er steht vor den Toren 
des Paradieses, vor den Toren der Liebe. Aber er fürchtet die Stürme. Das 
Weib ist der Tod. Er drückt damit deutlich seine Angst vor dem Weibe aus. 
Dies Weib ist aber auch die Sünde. Er kann nur in das Paradies, d. h. zur 
ewigen Seligkeit kommen , wenn er auf das Weib verzichtet. Dann sieht er 
die Prozession, die er am Tag vorher mit Gefühlen der Empörung betrachtet 
hatte, wieder. Diese Wiederholung der gleichen Szene gibt ihm Gelegenheit 
seine falsche Einstellung zu korrigieren. (Das gilt für alle Träume, welche 
eine Situation des Vortages einfach wiederholen. Sie geben den Träumer Ge- 
legenheit die Situation besser auszunützen.) Sogleich erfolgt im nächsten Traume 
eine Prüfung aus Religion, die er sehr schlecht besteht. Dieser Traum enthält 
eine Warnung und zeigt die Stimme des religiösen Gewissens. Aber die größte 
Gefahr droht ihm von der Homosexualität. (Der Mann auf dem Eisberg.) Der 
himmlische Vater muß ihm helfen. Er muß sich mit seinem Vater aussöhnen. 
Er erhält im Traume einen Brief vom wirklichen Vater, was wir so verstehen 
müssen : Gott gibt mir ein Zeichen, mich zu ändern. 

In der Hypnose bestätigt er diese Deutungen und erzählt, daß er sich 
in der Kindheit wiederholt das Gelübde gegeben habe, keusch zu bleiben. Ja 
er gelobte einmal, er werde Priester oder Mönch werden. „Ich will Schmerzen 
fühlen, weil ich mich für meine Sünden strafen muß." 

Dieses Schwanken zwischen Kirche und Freiheit drücken auch die 
nächsten Träume aus: 

Ich war mit meinem Mädel in einer Kirche, in welcher von einem 
Arzt ein sexualwissenschaftlicher Vortrag gehalten wurde. Der Arzt (ich 
glaube, es war Herr Doktor) stand rechts beim Altar und sprach zu einer 
großen Menschenmenge. Die Zuhörer hatten Bücher mit, aus welchen sie 
den Vortrag mitlasen. Die Bücher waren jedoch nicht vom vortragenden 
Arzte verfaßt, obwohl dieser behauptete, das vorgetragene sei seine eigene 
Forschung. Der Arzt versprach sich fortwährend bei den Fremdwörtern, 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 101 

was die Zuhörer veranlaßte, bei jedem Versprechen ihm das richtige Wort 
entgegenzubrüllen. 

Ich war mit meinem Kapellmeister in einem Hotel. Er zog sich 
eine Badehose an und ich sah ihm dabei zu. Als ich seine schönen 
Körperformen sah, hatte ich große Lustgefühle. Nachdem er sich wieder 
angezogen hatte, gingen wir zusammen in den letzten Stock des Hotels, 
wo ich ein Mittagessen bekam, welches ich an einem separaten Tisch 
einnehmen mußte. 

Ich ging mit meiner Tante au einem Friedhofe vorbei, in welchem 
eine Kirche stand. Meine Tante ging auf ein Grab zu und sagte, das ist 
ja das Grab meiner Eltern. Dann schimpfte sie über den Gärtner, der das 
Grab ganz kahl gelassen habe. Dann betete sie längere Zeit. Dann stand 
ihr wieder eine Statue in der Größe einer mittleren Person, die beim 
Grabe stand, nicht recht und sie drehte dieselbe nach rechts. Dann forderte 
sie mich zum Beten auf, worauf ich ihr erwiderte, daß es ja nichts nütze. 
Sie ging nun weg und ich nahm den Hut ab und markierte zu beten. 

Dem Obligatgeiger, der mit mir spielt und mit dem ich schon viel 
über Herrn Doktor gesprochen habe, versprach ich, ihm Herrn Doktor 
bei nächster Gelegenheit zu zeigen. Als ich nun einmal mit dem Geiger 
spazieren ging, sah ich Herrn Doktor bei einer Haltestelle der Straßenbahn 
stehen. Herr Doktor hatte eine Kutte an, was mir sehr auffiel. Ich vergaß 
ganz darauf, meinen Kollegen auf Herrn Doktor aufmerksam zu machen. 

Ich war in der Waisenanstalt in M. Eines Tages wurden zwei Bäume 
gestohlen. Man begann die Diebe zu suchen, indem man alle Zöglinge in die 
Schneiderei schickte, wo sie die Hosen öffnen mußten und ihre Genitalien 
untersucht wurden. 

Ich fuhr auf einem Stellwagen und saß beim Kutscher vorne. Ich blickte 
mich um, sah in den Wagen hinein und erblickte zu meinem Erstaunen 
ein eisernes Faß amerikanisches öl. Ich kaufte mir 1 / i l um 20K und 
trank es aus, da es einen vorzüglichen Geschmack hatte. Ich stieg dann 
aus und fuhr mit der Straßenbahn weiter, da ich in der Oper beschäftigt 
war und es schon sehr spät war. Dort erzählte ich dann von dem Öl. — 
Ich erwachte und spürte ein großes Ekelgefühl und Brechreiz. Im Magen 
ging alles drunter und drüber, die Gegend des Blinddarms, der Magen, 
die linke Seite, alles ging durcheinander. Einmal war es, als löse sich 
alles auf, dann tat wieder alles weh. Brechreiz stellt sich bei mir jetzt 
oft ein, der Stuhl ist hart, hypochondrische Erscheinungen treten bei mir 
jetzt in den Vordergrund. 

In diesen Träumen tritt seine religiöse Einstellung deutlich hervor. 
Zugleich melden sich Haß und Entwertungstendenzen gegen den Analytiker. 
Im ersten Traume ist er in einer Kirche. Der Prediger wäre sein richtiger 
Arzt. Die Bücher sind Gebetbücher. In der Verdichtung des Traumes bin 
ich der Prediger, der falsche Worte gebraucht, so daß ihm die richtigen 
entgegengebrüllt werden müssen. 

Im nächsten Traume tritt die homosexuelle Einstellung zu mir hervor 
Ich bin der Kapellmeister, von dem er aber getrennt ist. Wunsch von mir 
zum Essen eingeladen zu werden. 



UNJV.-B 

ߣfiL 



102 



Sadismus und Masochismus. 



Der Friedhof symbolisiert den Friedhof seiner begrabenen Religiosität. 
Die Statue ist Christus. Er stellt sich als ob er beten würde. Auch im 
Leben zeigt er viele Masken der Religiosität. Er stellt sich so, als ob er 
ein Freigeist wäre, während er in Wahrheit ein Frömmling ist. 

Im nächsten Traume bin ich wieder ein Mönch. Sinn des Traumes: 
Nur ein Priester könnte mich von meinen Gelübden erlösen. 

Kastrationsideen und die maskierte Urreaktion bringt der nächste 
Traum. 

Der letzte Traum vom amerikanischen öl zeigt eine außerordentliche 
Verdichtung. Ich war eben aus Amerika zurückgekommen. Meine Lehre 
ist das amerikanische öl, das er erbrechen möchte. Überdies melden sich 
urolagnistische und koprophile Tendenzen, welche den intensiven Brechreiz 
erklären. 

In allen Träumen finden sich Beziehungen zum Vaterkomplex, der 
Analytiker wird zur Vaterimago (Kapellmeister = Vater). Es steigen Zweifel 
auf, ob er auch der Sohn seines Vaters ist. Wird ein wirklicher Vater so 
herzlos sein und sich um sein Kind nicht kümmern? Aus dem Dunkel 
seiner Erinnerungen taucht langsam das Bild seiner Mutter auf. Er 
zeigt zu ihr eine bipolare Einstellung wie zur Maria. — Alles was die 
Mutter betrifft, lag bisher in der amnestischen Zone. — Nun erinnert er 
sich an einen Ausspruch seiner Tante: „Dein Vater hatte ein schweres 
Leben! Deine Mutter hat es ein wenig arg getrieben, sie war eben nicht 
normal!" Er hat oft darüber nachgedacht, aber er scheute sich das 
vierte Gebot zu übertreten. (Siehe die Zwangshandlungen alles viermal 
zu machen.) 

Immer deutlicher tritt in der Analyse die Verquickung zwischen 
Religion und Masochismus hervor. Dafür sprechen die folgenden Träume: 

Ich ging am Kirchenplatz der Mödlinger Waisenhauskirche spazieren 
und traf eine Klosterfrau, welcher ich von der glücklichen Heilung von 
meinem Übel erzählte. Sie sagte zu mir: „Mit Ihnen ist es eine schwere 
Geschichte", worauf ich erwiderte, daß mich nur noch die Eifersucht sehr 
plage. Dann ersuchte sie mich, ihr mein neu komponiertes Herz-Jesu- 
Lied auf der Orgel vorzuspielen, was ich sofort tat, während sie kniend 
ihre Andacht verrichtete. 

Ich war mit einem Herrn in einem großen Schlafsaal allein. Plötzlich 
kam ein wilder Stier durch die Türe hereingestürmt, worauf wir beide 
die Flucht ergriffen und über eine auffallend schöne grüne Wiese liefen. 
Am Ende dieser Wiese war eine große Überschwemmung. Wir wateten 
blitzschnell durch das Wasser und gelangten wieder auf eine Wiese, wo 
uns der Stier, da ihn das Wasser hinderte, nicht nachkommen konnte. 
Dieser Vorgang spielte sich zweimal ab. — 

Ich fuhr mit der Straßenbahn auf der vorderen Plattform stehend, 
gegen den zweiten Bezirk. Auf einmal wurde alles gelblich und gleich 
darauf setzte totale Finsternis ein. Nach kurzer Zeit wurde es wieder 
licht. Ich stieg aus und stieg in das Wageninnere ein und setzte mich 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 



103 



mit den Füßen verkehrt auf die lange, freie Seitenbank. Nach einigen 
Minuten setzte sich eine Dame zu mir, die sich heftig an mich andrückte 
und mir ein Büchlein gab, worauf sie ausstieg. Zu Hause zeigte ich einem 
Kollegen das Büchlein und sagte ihm, gewiß hat sie mir ein Rendezvous 
aufgeschrieben. Er lachte darüber und sagte: „Das war ja eine Prostituierte, 
die Dir ihr Polizeibüchel gegeben hat." Ich wollte es abstreiten und sagte, 
das ist ja ein wissenschaftliches Buch. (Es waren nämlich die Sicherheits- 
maßregeln und Vorschriften gegen ansteckende Krankheiten 
darauf.) 

Im ersten Traume sehen wir deutlich seine Rückkehr zur Frömmig- 
keit. Im zweiten wird die Leidenschaft als Stier symbolisiert, von dem ihm 
ein großes Wasser trennt. Zum Wasser fällt ihm die Taufe ein. Im dritten 
Traume erscheint ihm Maria und gibt ihm ein Gebetbuch in die Hand. 
Der Traum weist auf seine Blasphemien hin. Er liebte es, sich über die 
Religion lustig zu machen und spottete besonders über die unbefleckte 
Empfängnis. Auch zog er einen Vergleich zwischen der Heiligen und der 
Dirne, der sich ihm immer aufdrängte. In diesem Traume schützt ihn die 
Mutter Gottes vor den Gefahren der Liebe. Erst war sein Herz finster 
und nun ist es hell geworden. 

Wir sehen hier deutlich seine bipolare Einstellung zum Weibe: 
Maria — Dirne. 

Er wird sich seiner Frömmigkeit bewußt und fühlt sich jeden Tag 
besser. Seine krankhafte Eifersucht verschwindet, der normale Geschlechts- 
verkehr macht ihm Freude. 

Aber er richtet eine sonderbare Frage an mich. Ob es denn wirklich 
anständige und treue Frauen gäbe ? Diese Frage ist sehr sonderbar für einen 
Masochisten, der sich dem Weibe unterwerfen möchte und sich von Frauen 
schlagen läßt. Wir haben aber deutlich seine bipolare Einstellung zum 
Weib bemerkt. (Siehe die Phantasie von der Majestätsbeleidigung.) Er kann 
sich auch nicht mit dem Gedanken befreunden, daß Frauen Richter 
sein sollen. 

Immer wieder meldet sich in der Analyse die Verbindung von Mutter 
und Dirne. Sollte die Mutter den Vater betrogen haben und jener aus 
diesem Grunde nach Amerika geflohen sein? 

Wieder versuche ich mein Glück mit einer Hypnose. Man muß bedenken, 
daß Patient nur sehr selten zu mir kommen konnte und wir die Analyse 
in großen Abständen durchführten. 

In der Hypnose forderte ich ihn auf, zum letzten Traum Einfälle zu 

bringen. 

Was bedeutet die totale Finsternis?" 

Ich habe etwas vergessen, an das ich nicht denken will . . ." 

Wer fällt Ihnen zur Dame ein, die ein Büchlein hat und sich als 

Prostituierte entpuppt?" 



104 



Sadismus und Masochismus. 



„Diese Dame ist meine Mutter." 

„Sie sollen sich jetzt an Ihre Mutter erinnern! Sagen Sie alles, was 
Sie von ihr wissen V 

(Nach einer Pause.) „Muß ich sprechen V Sündige ich nicht gegen das 
vierte Gebot?" 

„Sie müssen die Wahrheit sagen, um gesund zu werden ! Die Mutter 
war ja geisteskrank." 

„Ich habe oft gehört, wie der Vater der Mutter zurief: „Du bist 
eine ganz ordinäre Hure und treibst dich mit jedem Mann 
herum." Ich habe damals noch nicht gewußt, was das ist. Aber ich wußte, 
daß die Mutter nicht treu war. Ich habe viele ihrer Liebhaber gekannt 
und sogar eine dunkle Erinnerung, als ob ich einen Verkehr gesehen 
hätte." 



Nun wird die Überschätzung des Weibes klar. Sie ist nur 
die Folge einer Verdrängung. Er haßt die Frauen und verachtet 
sie, er sieht in der Mutter und in allen Frauen Dirnen. Aus 
dem Bestreben heraus, diese Tatsachen zu vergessen, hat er 
eine Umkehrung vorgenommen. Die krankhafte Einstellung 
zum Weibe entspringt der Tatsache, daß seine Mutter eine 
Dirne war. 

Er hat eine Gottheit verloren und sich dafür eine „Ersatz- 
gottheit" geschaffen. 

Nun verstehen wir seinen Haß gegen die Frauen, die er binden und 
schlagen möchte, und seine masochistische Einstellung als pathologische 
Uberkompensation l ). 

Weitere Aufschlüsse erfolgen in den nächsten Träumen: 

Ich kam nach M. in die Waisenanstalt auf Besuch und fragte einen 
Aufseher, ob das Schlagen der Kinder schon abgeschafft ist. Auf die 
Antwort kann ich mich nicht erinnern, ich weiß nur, daß das Schlagen 
nicht mehr vorkam. Dann fiel mir plötzlich ein, daß mir ein Mädchen 
versprach, mich zu schlagen. Ich suchte dieses Mädchen in Begleitung 
einer Frau, welche ein Kind trug, auf. 

Ich träumte von einem Kollegen, von dem ich mir einen Band 
Heine Gedichte auslieh, daß dieser den Band brieflich stürmisch zurück- 
forderte, andernfalls er mir mit einem Skandal drohte. — (Dazu will ich 
bemerken, daß ich mir wirklich einen Band Heine Gedichte von einem 
Kollegen auslieh, welche Gedichte jedoch nicht ihm, sondern einem seiner 
Freunde gehören. Von diesem Freund bekam ich wirklich eine Auf- 
forderung, ihm sein Buch zurückzustellen. Daß mir aber die Aufforderung 



*) Auf die Identifizierung mit der Mutter deuten die transvestitischen Proze- 
duren. Bezeichnend ist, daß er mit der Wäsche der Geliebten bekleidet, eine Dirne 
aufsucht. Das Weib, das er nicht finden kann — ist die Mutter. Auch die fremde 



Dame stellt eine Mutter-Imago dar. 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 105 

im Traum von ihm zugestellt wurde, ist sehr bezeichnend. Dieser Kollege 
war nämlich mit mir bei der Marinemusik. Als er einmal vom Urlaub 
zurück kam und noch seine neue Uniform anhatte, bekam ich plötzlich 
eine Erektion, ich wollte ihn umarmen und küssen, doch konnte ich mich 
noch zurückhalten, obwohl ich es an Anspielungen nicht fehlen ließ. Bis 
vor Weihnachten verkehrte ich mit meinem Kollegen nur freundschaftlich. 
Um diese Zeit gab ich seiner Mutter ein Versprechen, welches 
ich nicht halten konnte und von da an ging ich nicht mehr zu ihm, 
da ich mich genierte. Ich hatte aber oft den Drang, ihn unter einem 
Vorwande aufzusuchen, was ich bisher jedoch noch nicht tat. (Das Buch 
im Traum sollte mir wahrscheinlich die Verständigung ermitteln und den 
Vermittler spielen.) 

Ich war in einem großen Theatersaal, in welchem eine ungeheure 
Menschenmenge versammelt war. Da ich nicht wußte, was aufgeführt wird, 
so fragte ich meinen Nachbar, der mir erklärte, daß sich auf das große 
Podium auf der Bühne zwölf Weiber legen werden. Diese zwölf Weiber werden 
sich aus dem Publikum ihre geschlechtlichen Partner auswählen, 
welche dann den Sexualakt mit ihnen öffentlich ausführen müssen. Dazu 
kam es jedoch nicht. 

Ich war in der M. Waisenhauskirche in der Sakristei, da ich als 
Organist den Priester fragen mußte, welche Lieder in der Messe gespielt 
werden. Nach Erhalt des Bescheides forderte mich der Priester auf, auf 
das Chor nicht durch den Hof, sondern durch das Innere der Kirche zu 
gehen. Es fand nämlich gerade eine Messe statt und so mußte ich vor 
den Gläubigen und beim Altar vorbei gehen, was mir große Überwindung 
kostete, da ich von allen Anwesenden ohne Ausnahme betrachtet wurde. 

Der erste Traum mit dem Kinde zeigt die Entstehung seines Maso- 
chismus als Strafe für seine Sünden. Die Frau mit dem Kinde ist Maria 
mit dem Jesuskinde. Dann aber fordert ihn der Priester auf, keine Um- 
wege zu machen und sich offen zum Glauben zu bekennen. 

Neben der religiösen Bedeutung finden sich in diesem Traume 
deutliche Beziehungen zur Mutter *) und zu den determinierenden Traumen 
seiner Jugend. Die Gedichte von Heine erscheinen ihm schön aber frivol, 
sie stehen mit dem Dirnenkomplex in Beziehung. Er gibt das Büchel nicht 
zurück, das in allen seinen Träumen das Dirnenbuch ist, das die Dirnen 
in Wien haben müssen. In der famosen Theatervorstellung sieht er gleich 
zwölf Frauen öffentlich den Beischlaf ausüben. Diese Zwölfe repräsentieren 
die Mutter. Auch die Messe hat eine sexuelle Bedeutung und erinnert ihn 
an die Entweihung seiner heiligsten Gefühle. 

Es wird ihm klar, daß er seine Mutter gehaßt hat und in jener 
Zeit sehr eifersüchtig war. Er glaubt die Mutter öfters gestört zu haben. 
Der Herr, der ihm in der ersten Hypnose einfiel und der ihn geschlagen 
hat, war ein Liebhaber seiner Mutter, den er beleidigt und gestört hatte. 
Die Mutter hatte das ruhig zugelassen. Das konnte das kleine Kinder- 



') Die Mutter erscheint in den beiden extremen Polen: Maria und Magdalena. 



106 



Sadismus und Masochismus. 



herz nicht begreifen. Er haßte sie und hätte ihr etwas antun können. 
Erst später verstand er, daß ihre Sittenlosigkeit die Folge ihrer geistigen 
Erkrankung war. In der Schlageszene hält er auch die Erinnerung an die 
erste Demütigung fest. Sie wirkt dann wie eine ewige Warnung: Hüte 
dich vor den Frauen! 

Als determinierende Szene erweist sich seine Erinnerung, 
daß er die Mutter mit einem Liebhaber bei einem Koitus ge- 
stört hatte. Dafür wurde er vom Liebhaber geschlagen. Diese 
Szene ist ewig in sein Hirn gegraben. Der ursprüngliche Haß 
gegen die Mutter ist zum allgemeinen Frauenhaß geworden. 
Seine Sehnsucht nach einer reinen Mutter äußert sich in dem 
Verlangen, sich einem Weibe völlig zu unterwerfen. 

Nach Überwindung seines masochistischen Komplexes meldet sich auch 
der ursprüngliche Sadismus, der auf Haß gegen seine Eltern zurückgeht. 

Vollkommene Heilung der Paraphilie. Er verspricht, in einigen 
Monaten zu heiraten. 

Auf Haßeinstellung in der Kindheit läßt sich auch der nächste Fall 
von Sadismus zurückführen: 

Fall Nr. 3. 

Fritz K. ein 24jäbriger Jurist von asthenischem Habitus, klagt über 
eine seit zwei Jahren bestehende vollständige Impotenz. Seine Erektionsfähig- 
keit sei vollkommen verloren gegangen. Er onaniere auch nur bei schlaffem 
Gliede. Als Ursache gibt er frühe Onanie und maßlose Überreizung an. Er 
habe schon seit dem 16. Lebensjahre mit zahllosen Mädchen Verhältnisse ge- 
habt, wobei es durch verschiedene Spielereien zur Ejakulation gekommen war. 
Vorübergehend sei ihm in seinem 20 Jahre ein Koitus gelungen , dann aber 
verliebte er sich in ein Mädchen namens Grete, die das Unglück seines Lebens 
wurde. Er faßte eine große Leidenschaft zu ihr. In ihrer Nähe wurde er von 
fast schmerzhaften Erektionen geplagt, es kam aber zu keinem Verkehr. Sie 
küßte und streichelte ihn, bis er ejakulierte. Endlich willigte Grete ein, sich 
ihm ganz zu geben. Es war im Walde an einer vollkommen ungestörten 
Stelle, aber er versagte vollkommen, es kam zur Ejakulation als er die Schenkel 
berührte. Als er aufstand, sah er einen großen Mann in Strohhut uud Zwicker 
vorbei gehen, was sich später als Halluzination herausstellte. Von dieser 
Blamage konnte er sich nicht mehr erholen. Grete wurde ihm untreu und ist 
jetzt mit einem seiner Freunde verlobt. Seit zwei Jahren ist er unfähig zu 
studieren. Er brütet ununterbrochen darüber nach, wie er die untreue Grete strafen 
und sich an ihr rächen könnte. Sein ganzer Tag ist teils durch Grete- 
phantasien teils durch neue Liebesabenteuer in Anspruch genommen. Dabei ist 
charakteristisch, daß er immer mit zwei Mädchen geht und schließlich seine 
stets mißlingenden Versuche an derjenigen von beiden vollzieht, 
die ihm weniger gefällt. 

Zögernd gesteht er, daß er zum Weibe sadistisch eingestellt ist und ein 
großer Teil seiner Phantasien sich mit Bestrafung und Demütigung von un- 
treuen Frauen beschäftigt. Würde er seinem Impuls nachgeben, so müßte er 
die Frauen maßlos quälen , sie bei den Haaren im Zimmer herumscbleifen, 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 



107 



verprügeln und sie zwingen, ihm die demütigsten Dienste zu leisten. Sie müßten 
ihm die Füße lecken, an ihm einen Anilingus vollziehen und er würde ihnen 
dabei die rohesten und gemeinsten Sehimpfworte ins Gesicht schleudern. 

Die Analyse ergibt, daß er in seiner Jugend von lauter Frauen um- 
geben war, die ihn auf jede mögliche Weise verzärtelten. Sein Vater war ein 
schwacher Mann, der im Hause nichts zu sagen hatte und dessen Stimme in 
einem vierstimmigen Frauenchor vollständig unterging. Da gab es eine hysterische 
Mutter, die immer über alle möglichen Krankheiten klagte, fortwährend 
jammerte und ihn mit ihrer Ängstlichkeit systematisch zu einem Hypochonder 
ausbildete. (Er ist der Typus eines „Raunzers" und begreift sofort, daß er 
sich in dieser Hinsicht mit seiner Mutter identifiziert.) Da gab es ferner eine 
strenge Großmuttor, eine bigotte Katholikin, welche einerseits die Hüterin der 
Moral im Hause war, andererseits den Knaben ebenfalls maßlos verzärtelte. 
Da gab es auch eine hysterische, sehr sinnlich veranlagte Tante, die ihr 
unstillbares Liebesbedürfnis auf den schönen Knaben übertrug, ihn bei schweren 
Krankheiten ganz für sich in Anspruch nahm, während eines Scharlachs mit 
ihm im selben Bette schlief. Es war auch noch eine um 6 Jahre ältere Schwester 
da, die ihn als ihr Baby verhätschelte. Bis zum 7. Lebensjahre schlief er 
abwechselnd im Bette eines der erwähnten Familienmitglieder, später jedoch 
mußte er Angstzustände produzieren um dieses Ziel zu erreichen. Im Verlaufe 
der Analyse fiel es dem Kranken selber auf, daß er gar keine Kindheits- 
erinnerungen hatte. Seine erste Erinnerung betrifft die Verlobung seiner 
Schwester, als sie 18 Jahre alt war. Er war damals schlimm, wofür er bestraft 
wurde (11 Jahre). Die Analyse ergibt eine starke Bindung an die Schwester 
und die bemerkenswerte Tatsache, daß er nach ihrer Heirat an tiefen Depres- 
sionen und unter Selbstmordtendenzen gelitten hat. Die Verlobung seiner 
Schwester war für ihn ein schweres Trauma. In allen seinen Verhält- 
nissen bevorzugt er Mädchen zwischen 16 und 17 Jahren, die er dann ver- 
liert, wenn sie 18 Jahre alt werden. Er stellt die "Wiederkehr des Gleichen 
her. Aus einer Reihe von Träumen erkannte ich, daß zwischen ihm und der 
Schwester etwas vorgefallen sein müße, was er anfangs hartnäckig leugnet. 
Schließlich weicht der Nebel, der über der Vergangenheit liegt. Er erinnert 
sich, daß er im 11. und 12. Jahre zur Schwester ins Bett kam und das 
solange fortsetzte, bis die Mutter ihn eines Morgens im Bette fand und ihn in 
ein anderes Zimmer verbannte (vorher schlief er mit der Schwester im gleichen 
Zimmer). Endlich kommt die Erinnerung, daß sich seine Schwester, auf deren 
Keuschheit und Sittenstrenge er vorher geschworen, von ihm durch Kunnilingus 
hatte befriedigen lassen. Er empfand dann ihre Verlobung als ungeheuere 
Treulosigkeit und beschäftigte sich in seinen Phantasien außerordentlich viel 
mit ihrem Geschlechtsleben. Eine homosexuelle Übertragung auf den Schwager 
ermöglichte ihm halbwegs gute Beziehungen, wnrde aber zur Quelle einer 
neuen Paraphilie: Er wollte dem Koitus eines Liebespaares beiwohnen und er 
selbst sollte während eines Liebesspieles beobachtet werden. (Siehe Halluzination 
bei dem Erlebnis mit Grete, bei der er damals einen Kunnilingus vollzog; es 
ist als ob der Schwager, der Strohhut und Zwicker trägt, ihn bei seinen Spielen 
mit der Schwester beobachten würde.) Von der Hochzeit der Schwester, die 
er als schmählichen Verrat auffaßte datiert der stärkste Haß gegen die Frauen. 
Die Haßkomponente wurde von der Schwester abgespalten und auf die übrigen 

Frauen übertragen. 

Allein der Verlust der Schwester war nur die Wiederholung einer viel 
weiter zurückliegenden Liebesenttäuschung. Er war der Lustknabe seiner 



108 



Sadismus und Masochismus. 



Tante gewesen, die speziell die lange Krankheitsdauer während der er von 
der übrigen Familie isoliert war, dazu ausgenützt hatte, den Knaben ganz für 
sich zu gewinnen. Neben verschiedenen Spielen ist ihm eine Fellatio von der 
Tante ausgeführt, noch deutlich in Erinnerung. Umso größer war sein Schmerz 
als kurz nach dem Scharlach ein fremder Mann ins Haus kam, auf dessen 
Schoß sich die Tante setzte und der ihn aufforderte ihn Onkel zu nennen 
was er absolut verweigerte. Die bald darauf folgende Hochzeit der Tante war 
das erste schwere Trauma seines Lebens, eigentlich haßte er schon von da 
an alle Frauen. In diesem Erlebnis haben wir die erste Wurzel seines Sadis- 
mus zu suchen. 

Dazu kommt, daß die Mutter ihn wiederholt geschlagen hat und er den 
schwachen Vater verachtete, weil er ihn nicht genügend beschützte. Er wollte 
kein Weiberknecht werden wie sein Vater. 

In diesem Falle sehen wir eine Reihe von Motiven zusammenwirken, 

um das typische Bild des Sadismus zu erzeugen. Der Kranke ist bei 

Frauen impotent. Er empfindet nur Lust, wenn er mit den geschilderten 

sadistischen Phantasien onaniert. Die Analyse ergab ein starkes Triebleben 

als konstitutionelle Ursache. Aber unter anderen Umständen, in einem 

normalen Milieu hätte er diesen Sadismus überwunden. Sein Weltbild wurde 

durch die Konstellation seiner Jugend determiniert. Ein schwacher Mann, 

der von vier Frauen beherrscht wurde. Unwillkürlich mußte sich die 

Tendenz festsetzen: „Ich will kein Weiberknecht werden! Mir werden 

die Frauen gehorchen müssen!" Die grenzenlose Verzärtelung erweckte 

schon frühzeitig ein unstillbares Liebesbedürfnis. Er wurde von Eifersucht 

gequält und wollte seine Liebesobjekte für sich allein behalten. Als ersten 

Verlust sehen wir die Heirat der Tante. Er benahm sich gegen den neuen 

Onkel frech und ungezogen, so daß ihn seine Mutter strafen mußte. Dieser 

Vorfall wiederholte sich bei der Heirat der Schwester, nach der eine 

schwere Depression auftrat, als Reaktion auf den definitiven Liebesverlust. 

Der Mangel eines tieferen religiösen Gefühles verhinderte die Umkehrung 

des Sadismus in körperlichen Masochismus, der sich nur psychisch als 

Freude am Leide, als Lust an Jammern und Lust an Demütigungen und 

Blamagen, die er sich selbst arrangierte, äußerte. Er wollte nicht lieben 

und zitterte davor, der Macht eines Weibes zu verfallen. Darum liebte er 

immer zwei Mädchen zu gleicher Zeit und wählte zum Geschlechtsverkehr 

immer diejenige, die ihm weniger gefiel. Er konnte sich dann das Bild 

der Begehrteren vorstellen und auf diese raffinierte Weise seine Impotenz 

festhalten. Die Verlobung und Heirat der Schwester faßte er als ein 

„abscheuliches" Vorgehen auf. In sein er Fiktion hält er an der Schwester 

fest. Träume verraten Haßgedanken und Beseitigungsideen gegen seinen 

Schwager. 

Deutlich ist das Überspringen des Hasses, der ursprünglich gegen 
die Mutter, die ihn geschlagen und gegen Schwester und Tante, die ihn 
verraten hatten, gerichtet war, auf alle anderen Frauen. Diese Familien- 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 109 

konstellation wird sich in zahlreichen Fällen konstatieren lassen. Der Haß 
gegen das andere Geschlecht entspringt einer großen Liebesenttftuschung 
in der Jugend. In dem einen Falle war die Mutter eine Dirne und verriet 
den Vater, in dem anderen Falle wurde ein „Verrat" inszeniert. In den 
beiden letzten Fällen kam es zur Schlußfolgerung: Die Frauen sind falsch 
und treulos. Der masochistische Musiker versuchte eine Überkompensation 
der Dirne in ein „hohes Weib", wobei religiöse Momente diese Umwand- 
lung begünstigten. Der letzte Fall bietet uns ein Beispiel eines unwandel- 
baren Hasses. In beiden Fällen war das Motiv des Hasses ver- 
drängt und wurde erst durch die Analyse bewußt gemacht. 

Interessant sind die Fälle, bei denen die Paraphilie nicht seit der 
Kindheit besteht, sondern im reifen Alter ausbricht. Sie zeigen uns ganz 
deutlich den Mechanismus der Regression unter dem Einfluß einer ak- 
tuellen Liebesenttäuschung. Der nachfolgende Fall bietet uns ein solches 
Bild und zeigt außerdem noch eine ganze Reihe bemerkenswerter Züge- 
Fall Nr. 4. Herr Otto X., ein 53jähriger Fabrikant, wird mir von seinem 
Hausarzte zur Heilung seiner Impotenz zugewiesen. Die Impotenz besteht seit 
2 Jahren. Zeitweilig schwache Morgenerektionen. Die objektive Untersuchung 
zeigt Symptome einer beginnenden Tabes dorsalis. Da überdies Schlaflosigkeit, 
Depression, Arbeitsunlust bestehen, wird der Versuch einer Analyse gemacht. 
Ans der interessanten Analyse hebe ich nur einige wichtige Tatsachen hervor. 
Ottos Geschlechtstrieb erwachte sehr früh. Er wurde nicht im Elternhause, 
sondern bei einer Tante erzogen, die er leidenschaftlich liebte. Mit 5 Jahren 
war er sich sexueller Gefühle in bezug auf seine TaDte bewußt. Er schlief 
oft in ihrem Bette. Er schmiegte sich an sie und hatte dabei heftige Erek- 
tionen. Im späteren Alter kamen schüchterne Aggressionen auf die Schwester 
vor .... Mit 13 Jahren kam er ins Elternhaus. Sein Vater war ein ernster, 
mürrischer, arbeitsamor Mensch, der sich mühsam in die Höhe emporgearbeitet 
hatte. Er war mit Otto nie herzlich, gab ihm nie ein freundliches Wort und 
gefiel sich in einer strengen Erziehungsmethode, welche den ausgesprocheneu 
Sadisten verrät. Hatte Otto etwas angestellt — ein solcher Anlaß war bald 
gefunden — , so mußte die Strafe nach einem bestimmten Zeremoniell vollzogen 
werden. Vater befahl ihm erst den Stock zu holen. Dann mußte er Hose und 
Unterhose ausziehen. Nun setzte eine wilde Jagd durch drei Zimmer ein, bei 
der Otto permanent auf die nackten Nates geschlagen wurde. Zum Schlüsse 
mußte er vor dem Vater auf die Knie sinken , ihn um Verzeihung bitten und 
gnädigst für die Strafe danken, wobei ein Handkuß unerläßlich war. Der 
schüchterne Einspruch der Mutter war machtlos gegen den starren Willen des 
Haustyrannen. Später sperrte der Vater die Türe ab, so daß die Mutter nicht 
eintreten konnte und zitternd vor der Türe stand. Sie war eine schwache, 
milde Frau, die ebenso wie ihre Kinder vor dem Gatten zitterte. 

Mit 14 Jahren entschloß sich Otto aus dem Elternhause zu fliehen. Er 
erbrach eine Lade, in der die Mutter ihr Geld und sein Sparkassenbuch ver- 
wahrte. Er ließ das Geld der Mutter liegen und nahm nur sein Sparkassen- 
buch, behob das Geld und floh direkt in die Schweiz. In Zürich fiel er schon 
am Bahnhof einem Bauernfänger in die Hände. Dieser gab sich als ein 
biederer Schweizer aus, der ihm helfen wollte, führte ihn in einen Gasthof, 



110 



Sadismus und Masochismus. 



wo er zum Trinken verleitet wurde. Schließlich wurde er zu einer Dirne 
geführt, welche ihm das ganze Geld abnahm und ihn überdies mit einer 
Gonorrhoe und einem Ulcus molle beschenkte. Er war in einer verzweifelten 
Lage. Er mußte seinem Vater um Geld telegraphieren, das er umgehend erhielt. 
Er fuhr sofort nach Hause, wurde am Bahnhof vom Vater abgeholt und 
daheim mörderisch verprügelt. Auch sonst war seine Behandlung eine schlechte. 
Er, der Sohn eines reichen Fabrikanten, mußte die härteste Arbeit verrichten 
und spät bis in die Nacht robotten, um sich sein Brot zu verdienen. Die 
Arbeit war eine erniedrigende. Er hatte die Aufgabe, verschiedene Wollappen 
zu sortieren. In diese Arbeit teilte sich mit ihm eine ältere, dürre and auch 
sonst wenig reizvolle Arbeiterin. Sie erbarmte sich seiner und gab sich ihm 
hin. Allerdings mußte das in aller Eile vor sich gehen. Stehend vollzog er 
in einem Winkel des Arbeitsraumes den Koitus, immer vor Entdeckung zitternd. 
Aber er lernte nun die Freuden des regelmäßigen Geschlechtsverkehres kennen 
und wandte sein Augenmerk schöneren Mädchen zu. Er war 17 Jahre, 
jung, leidenschaftlich und kräftig. Er verliebte sich in eine auffallend schöne 
Arbeiterin, die ihn in ihre Wohnung mitnahm, wo er den Koitus in Ruhe 
hätte vollziehen können. Er war aber zn seiner Beschämung vollkommen 
impotent. (Wie die Analyse ergab, weil sie seiner Schwester auffallend ähnlich 
sah.) Seine Demütigung wurde durch das Benehmen des Mädchens verschärft. 
Sie schrie ihn an: „Wenn man ein solcher Patzer ist, so läßt man die Mädchen 
in Ruhe!" Die Niederlage brannte dauernd; er konnte sie lange nicht überwinden. 
Er rückte langsam in der Fabrik vor, wurde Beamter, hatte einen auskömmlichen 
Gehalt, nützte aber sein Geld nicht aus, scheute die Gesellschaft von Mädchen, 
er fürchtete sich vor seiner Impotenz. Er lernte ein Mädchen kennen, dessen 
Schicksal dem seinen ähnlich war. Sie wurde von einer strengen sadistischen 
Mutter in der gleichen Weise mißhandelt, wie er von seinem Vater. Sie be- 
schlossen zn heiraten, um der Tyrannei der Eltern zu entgehen. Aber er 
fürchtete sich zu blamieren und gestand seiner Braut, daß er kein sexueller 
Held sei. Wenn sie sehr leidenschaftlich sei, so könnte sie vielleicht enttäuscht 
werden. Sie erwiderte, daß sie eine „kalte Natur" sei, sie werde mit allem 
zufrieden sein, was er ihr bieten könne. Trotz seiner Befürchtung war er in 
der Ehe vollkommen potent und recht glücklich. Eines Tages war er allein 
zu Hause. Die Frau war für einige Tage verreist. Er kam auf den Gedanken, 
ihren Schreibtisch zu öffnen. Hier fand er ein Bündel Briefe, die keinen 
Zweifel darüber aufkommen ließen, daß sie „ihn schon vor der Ehe betrogen 
hatte". Diese Entdeckung machte er nach achtjähriger glücklicher Ehe! Nun 
stieg in ihm der Verdacht auf, seine Frau könnte ihn vielleicht auch jetzt 
betrügen. Er ließ sie beobachten und verschaffte sich Beweise, daß sie tat- 
sächlich einen Geliebten hatte. Als sie von der Reise nach Hause kam, hielt 
er ihr ihre Untreue vor. Sie sagte ihm kalt ins Gesicht: „Du hast mich nie 
befriedigen können! Erst bei meinem jetzigen Geliebten habe ich kennen 
gelernt, was Liebe ist " Er zog daraus die notwendigen Konse- 
quenzen, zwang seine Frau, das Haus zu verlassen, zu ihrer Mutter zu ziehen 
und reichte die Scheidungsklage ein. 

Er konnte nicht in seiner Heimatstadt bleiben. Es trieb ihn fort, bis 
die Scheidungsangelegenheit vorüber war. Er kam nach Wien und fühlte sich 
verlassen. Er hatte «den Wunsch nach Hause zu fahren, seiner Frau zu ver- 
zeihen. Da ereilte ihn ein Telegramm, das die Ankunft seiner Frau in Wien 
mitteilte. Ihr Geliebter hatte sie schnöde in Stich gelassen. Sie wollte sich 
den Gatten wieder erobern. Er wollte von einer Versöhnung nichts wissen. 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. Hl 

Darauf erkrankte die Frau und kam in ein Sanatorium. Ihre Tage waren 
gezählt. Das Leiden war unheilbar. 

Er mußte in Wien bleiben und sie täglich zweimal besuchen. In dieser 
Zeit traf er auf der Straße ein schönes Mädchen. Er sprach sie au, sie kamen 
öfters zusammen und sie gab sich ihm hin, nachdem er ihr die Ehe ver- 
sprochen hatte. Kurze Zeit darauf starb seine Frau und er heiratete das 
Mädchen, bei dem er ganz außerordentlich potent war. Er konnte mehrere 
Male täglich koitieren. Alles schien in schönster Ordnung zu sein. Aus erster 
Ehe hatte er einen Sohn, den seine Frau ausnehmend gut behandelte. Aber 
bald begann er nachzugrübeln, ob sie in der Brautnacht eine Jungfrau 
gewesen sei. Es stellte sich eine quälende Eifersucht auf ihre Vergangenheit 
ein. Er plagte sie so lange ihm die Wahrheit zu sagen, bis sie ihm schließ- 
lich gestand, daß sie vor ihrer Heirat ein Dirnenleben geführt und sich mehr 
als vierzig Männern hingegeben hatte. Sie behauptete, sie hätte es nicht für 
Geld getan, sondern um ihrer „unersättlichen Leidenschaft" zu fröhnen. 

Diese Eröffnung versetzte ihn in namenlose Aufregung. Was tun? Der 
erste Gedanke war wieder Scheidung. Aber sollte er diesen Schritt ein zweites 
Mal tun ? Der Tod der ersten Frau — man sprach von einer Vergiftung, also 
von einem Selbstmorde — hatte ihn moralisch schwer belastet. Überdies machte 
er eine unliebsame Entdeckung. Er stellte fest, daß ihn die Erzählung 
seiner Frau in die größte sexuelle Erregung versetzte und ihm 
einen schmerzlichen, aber zugleich süßen Genuß verschaffte. Er 
ließ sich von seiner Frau alle Abenteuer haargenau schildern und kam dabei 
zu Orgasmus. Sie mußte die einzelnen Phasen, die Variationen, die Eigenarten 
der verschiedenen Männer schildern, und zwar möglichst genau. Er fühlte sich 
dabei in seine Frau ein. Er erlebte mit ihr die ganze Vergangenheit und hatte 
dabei immer dieses schmerzlich süße Gefühl, das ihm offenbar mehr bedeutete 
als der Koitus; denn mit seiner Potenz war es vorbei. (Der Gedanke an die 
Größe des fremden Phallus, an die Potenz der anderen Männer verstärkte sein 
Minderwertigkeitsgefühl und machte ihn impotent.) Um seine Frau zu befriedigen, 
verfiel er auf die absonderlichsten Ideen. Er vollzog zwei bis dreimal täglich 
den Kunnilingus. Erließ sie nach Wien fahren, um ein „Godmiche" anzuschaffen. 
Sie maßte sich vor seinen Augen befriedigen, oder er übernahm diese Funktion. 
Er zitterte bei dem Gedanken, sie könnte ihm untreu werden und sich einem anderen 
Manne hingeben. 

Eines Tages machte er ihr den Vorschlag, ihn zu flagellieren. Sie tat es und 
hatte dabei Orgasmus, was ihn mit unendlicher Seligkeit erfüllte. Endlich 
kam er auf die absonderliche Kombination, sich während eines 
Kunnilingus flagellieren zu lassen. Sie tat es in der grausamsten Weise. 
Er kam dabei masturbierend zum Orgasmus. Aber immer wieder quälto er seine 
Frau mit der Frage, ob sie sich nach einem großen Penis sehne. Es machte ihm 
ein Vergnügen, diese Fragen in der rohesten Weise auszudrücken (Koprolalie). 
Schließlich gab ihm seine Frau zu, daß der God miche das lebendige Fleisch 
nicht ersetzen könne. Seine homosexuelle Komponente war nun mächtig erregt. 
Die Idee eines Dritten setzte sich in seinem Hirne fest. Sie kamen auf de n 
Gedanken, sich nach einem Dritten umzusehen. Er stellte nur eine Bedingung: 
Er müsse dabei sein und alles mit ansehen, was die beiden miteinander trieben. 
Ihre Aufgabe sei es, einen Mann ausfindig zu machen, der auf diese Bedingung 
eingehen würde. 

Sie kamen nach Wien und seine Frau benützte die Erfahrungen ihrer 
Vergangenheit, um den Dritten zu finden, was auch bald gelang. Es ist leicht 



112 



Sadismus und Masochismus. 



zu verstehen, was die psychische Motivierung dieses Verlangens Ottos war. Er 
wollte die Vergangenheit neu beleben und nun Zeuge der Szenen sein, er wollte 
auch die Untreue seiner ersten Frau wieder erleben und sich mit eigenen Augen 
überzeugen, ob sie ihn wirklich betrogen hatte. Auch mischten sich infantile 
Motive aus tieferen Schichten 1 ). Doch zurück zu der Szene. Seine Frau machte 
Otto mit dem Dritten bekannt. Sie mieteten zwei Zimmer in einem Hotel. Sie 
kamen dann in einem Zimmer zusammen und entkleideten sich. Otto vollzog 
programmgemäß an seiner Frau den Kunnilingus, ohne sich flagellieren zu lassen. 
Dann sollte der Dritte in Aktion treten. Die Frau legte sieb auf das Bett. Otto 
sah gierig zu ihr hinüber. Sie hatte einen entsetzlichen Ausdruck. Sie fletschte 
die Zähne wie ein wildes Tier und stieß unartikulierte Laute aus. Otto war ganz 
entsetzt und von Grauen und Ekel überwältigt. Der Dritte stürzte sich auf die 
Frau. Bald.jedoch erklärte er, er sei der Situation nicht gewachsen. Der Ehemann 
müsse das Zimmer verlassen. Otto kleidete sich an und ging in ein benachbartes 
Cafe. Dort fühlte er das Entsetzliche, Erniedrigende und Beschämende der 
Situation und litt entsetzliche, furchtbare Qualen der Eifersucht. Endlich ging 
er in das Hotel zurück und fand seine Frau allein. Sie wurde sofort um eine 
Schilderung des Erlebnisses ersucht. Sie meinte, „es wäre nichts Besonderes 
gewesen". 

„Warum hast Du gerade diesen Mann ausgesucht? Was reizte Dich 
an ihm?" 

„Der umstand, daß er rasiert ist. Ich schwärme für Männer ohne Bart." 
Am nächsten Morgen kam Otto, nachdem er Bart und Schnurrbart geopfert 
hatte, ganz verändert in das Zimmer seiner Frau. Sie war sehr begeistert über 
den Liebesbeweis ihres Mannes , umarmte ihn stürmisch und war so zärtlich, 
wie sie es noch nie gewesen war. Er hatte eine starke Erektion und die Impotenz 
war überwunden. Es kamen die glücklichsten drei Wochen seines Lebens. Er 
war potent und befriedigte seine Frau, sie lebten wie die Turteltauben und 
wollten beide das häßliche Abenteuer vergessen. Damals kam die Frau in die 
Hoffnung. 

Leider sollte das Glück nicht währen. Die latente Homosexualität machte 
einen neuen Vorstoß. Ihn quälten Gedanken, die Frau sehne sich nach anderen 
Männern. Er konnte keine treue Frau braueben. Er wollte eine Dirne besitzen. 
Er sehnte sich nach der Qual der Demütigung und Eifersucht. Schließlich 
gestattete er ihr nach Wien zu fahren und nach Männern zu jagen. Nur eine 
Bedingung: Volle Aufrichtigkeit. Das mußte die Frau beschwören. Sie holte 
sich verschiedene Männer von der Straße und fand endlich ihr Ideal : Den Mann 
mit dem gigantischen Penis. An zwei Tagen hatte sie mit dem Manne Zusammen- 
künfte, erzählte dann ihrem Manne, wie herrlich das Gefühl wäre ganz aus- 
gefüllt zu sein, obwohl sie nicht zum Orgasmus gekommen war. Bei dem 
dritten Rendezvous war der Mann impotent und erklärte der Frau, sie sei ein 
„gemeiner Samenvampir". Dieser Ausdruck verfolgte ihn nun als quälende 
Zwangsvorstellung: „Deine Frau ist ein gemeiner Samenvampir!" 

Ich übergehe eine Reihe von schmutzigen Geschichten, die uns beweisen, 
wie tief ein sonst ethisch hochstehender, gebildeter Mann sinken kann. Aber 
die traurige Reaktion sollte bald kommen. Es war in Berlin. Seine Frau ging 
im Schlafrock hinaus, um auf die Toilette zu gehen. Ein junger Mann war 
zufällig auf dem Korridore. Sie warf ihm einen koketten Blick zu, worauf er 
auf sie zukam, sie küßte und aufforderte in sein Zimmer zu kommen. Sie kam 

') untreue seiner Mutter! 



Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 



113 



-zu ihrem Manne zurück und fragte ihn um Erlaubnis. Sie brannte nach dem 
neuen Erlebnis und er willigte eiu. Als sie zurückkam, fand sie ihren Mann 
in Tränen aufgelöst. Er könne dieses Hundeleben nicht länger ertragen. Sie 
verteidigte sich und meinte, sie hätte es ihm zu liebe getan. Kurz, sie beschlossen, 
diese Abenteuer endgültig aufzugeben. 

Der Friede sollte nicht lange dauern. Er fand vor sich selbst Vorwände, 
um die süße Qual der Eifersucht gemischt mit sexuellen Vorstellungen wieder 
auszukosten. Er rationalisierte dies damit, daß seine Frau leide, er sei impotent, 
er habe nicht das Recht, ihre sexuelle Freiheit zu unterbinden usw. . . . 

Eine Gelegenheit sollte sich bald wieder finden. Er besuchte mit ihr Bälle 
und ließ sie mit anderen Männern tanzen. Sie tanzte auch mit einem seiner 
Neffen und gestand dem Manne, daß sie die ganze Zeit beim „Shimmy u das 
erigierte Glied ihres Partners gefühlt habe und dabei sehr sinnlich erregt wurde. 
(Offenbar eine allgemeine Eigentümlichkeit der modernen Tänze!) Diese Tatsache 
versetzte Otto in hochgradige Aufregung. Er quälte seine Frau mit Fragen: 
„Willst du ihn ? Willst du ihn ? u — Schließlich sagte sie ja und er forderte 
sie auf, den Neffen für den nächsten Nachmittag einzuladen. Es wurde alles 
vorbereitet, daß Otto die Liebesszene beobachten sollte. Er war hinter einer 
spanischen Wand verborgen, seine Frau wartete im verführerischen Neglige 
auf den ersehnten Mann. Dieser kam eine Stunde später und sie fragte ihn 
scherzend : 

„Warum so spät? Kommst du vielleicht von deiner Geliebten?" 

„Du hast es erraten. Ich habe mich mit ihr unterhalten und sie wartet 
unten auf mich. Ich komme nur, um mich zu entschuldigen." 

Otto war so tief gesunken, daß er die Zurückweisung seiner Frau als 
Beleidigung empfand. Und dann war er um das erwartete Vergnügen gekommen. 
Aber er hatte einen neuen Sport. Er führte seine Frau zu allen möglichen 
'Tanzunterhaltungen und trachtete zu beobachten, ob die Männer Erektion und 
Ejakulation beim Tanzen hätten. 

Auf einem dieser „volkstümlichen" Bälle fand seine Frau einen einfachen 
Mann, der die ganze Zeit beim Tanzen Erektionen hatte. Sie verabredeten sich 
zu einem anderen Balle. Dies Spiel dauerte einige Wochen, dann wurde sie 
mit Einverständnis Ottos seine Geliebte. Sie erzählte Wunderdinge von der 
Potenz des neuen Geliebten. Otto verfiel in Depression und Verzweiflung, kam 
immer mehr herunter, wurde schlaflos, nahm Verona! und Adalin und kam in 
diesem Zustande nach Wien in meine Behandlung. 

Hier wurde er sich des Pathologischen in seinem Vorgehen bewußt. Seine 
Frau wurde nach Wien berufen. Sie erklärte, auf den neuen Geliebten gerne 
zu verzichten und überhaupt nur für Otto zu leben, wenn er aufhören würde 
ihre Phantasie zu reizen und sie immer wieder zu fragen. Seine Potenz wurde 
wieder normal bis auf eine Abweichung des Gliedes nach links, die sich als 
Folge einer induratio luetica plastica erwies und ihn im Koitus nicht behinderte. 

Der Masochismus erwies sich als Ausfluß seines Schuldgefühles. Er 
hatte seine erste Frau in den Tod getrieben. In der Analyse schwanden die 
flagellantischen Vorstellungen vollkommen. Die Aufdeckung der homosexuellen 
Komponente wirkte Wunder. Eifersucht und Fragezwang verschwanden, um 
nie mehr wiederzukehren. 

Hier sehen wir eine Regression auf die Flagellation unter dem Einflüsse 
von Liebesenttäuschungen. Der Haß gegen die Frauen wurde infolge des 



Stekjel, Störunfjen des Trieb- und Affektlbbens. THI. 



8 



114 



Sadismus und Masochismus. 



Schuldbewußtseins in Haß gegen das Ich verwandelt. Die masochistische 
Seelenqual wurde durch die raffinierteste Seelenfolter erzeugt. Bei normaler 
Ehe wäre es nie zu dieser Regression gekommen. 

Aber er wiederholte die Szenen mit seinem Vater. Seine Frau wurde 
zum strengen Herrn, während er das Kind wurde, das an seinem Vater 
einen Anilingus vollzog, das Symbol der vollkommenen Unterwerfung. Der 
Penis des Vaters war es, den er in seiner Phantasie immer suchte. 

Blicken wir auf die vier vorgeführten Fälle zurück. Ich habe nicht 
ohne Absicht einen Fall, der nicht analysiert wurde, vorangestellt. Wir 
sehen in Fall 1 einen hochintelligenten Menschen, der sich bemüht in- 
tellektuel in das Rätsel seiner Paraphilie einzudringen. Er hat alle ein- 
schlägigen Bücher studiert, vertieft sich mit seltener Genauigkeit in seine 
Familiengeschichte, um den Spuren der Heredität nachzugehen. Sein Leiden 
ist ihm Fatum und er sucht die Befriedigung im Rahmen seiner Para- 
philie ; er täuscht sich darüber hinweg, daß er diese Befriedigung niemals 
finden wird. Die Psychogenese seines Leidens ist vollkommen dunkel. 

Wie ganz verschieden stehen die Fälle 2, 3 und 4 da! Im Falle 2 
sehen wir furchtbare Traumen am Beginne des Lebens: Die Mutter 
treulos, eine Dirne, pathologisch, im Irrenhause endend, der Vater das 
Haus fliehend und ein neues Leben gründend, der Knabe unter fremden 
Menschen in einem Waisenhause aufwachsend. Und trotzdem! Er über- 
windet seine Homosexualität, er kämpft gegen seine masochistische und 
fetischistische Einstellung mit Erfolg und findet schließlich seinen Genuß 
beim normalen Verkehre. Nach einer verhältnismäßig kurzen Analyse kann 
er seiner Infantilismen Herr werden. 

Im Fall 3 sehen wir Ereignisse, die für das normale Kind nichts 
bedeuten, als Traumen. Die Verlobung der Tante, die Heirat der Schwester, 
ja selbst die Zärtlichkeiten, die Mutter und Vater austauschen, werden 
als Verrat an seiner Liebe gewertet. Er hat das Recht, das alleinige Recht 
auf die Liebe der Familie. Seine infantile Haßeinstellung bleibt bestehen, 
er will ihre Ursachen nicht einsehen, er bricht die Analyse frühzeitig ab, 
weil sie ihn als Schauspieler entlarvt, der seine Niederlagen in äußerst 
raffinierter Weise inszeniert. Sein grenzenloser Egoismus stellt die here- 
ditäre Disposition dar. Die Verzärtelung durch vier Frauen, die Schwach- 
heit seines Vaters repräsentieren die Schädlichkeiten des Milieus. Beide, 
Anlage und Milieu zusammen, wirken und lassen ihn an der infantil-sadi- 
stischen Einstellung festhalten, wobei die Hochzeit der Schwester im Un- 
bewußten annulliert und die Fiktion ihrer Wiedereroberung festge- 
halten wird. 

Fall 4 ist deshalb interessant, weil sich trotz der schädlichen Er- 
ziehung: eines sadistischen Vaters eine starke Gesundungstendenz zeigte, 






Begriffsbestimmung des Sadismus und Masochismus. 115 

der Geschlechtstrieb war nach der Pubertät normal, die masochistische 
Einstellung schien gänzlich überwunden. Dieser Mann wäre in einer glück- 
lichen Ehe mit einer treuen Frau wahrscheinlich niemals der Paraphilie 
verfallen. Erst unter dem Einflüsse einer aktuellen Liebesenttäuschung, 
die sich zweimal wiederholte, machte er die Ptegression zu den infantilen 
Stadien der Sexualität durch , um sie nach erfolgreicher Analyse wieder 
zu verwerfen. 

So ergänzen die vier Fälle einander und zeigen uns, wie wichtig die 
analytische Erforschung eines jeden Falles ist. Sado-Masochisten pflegen 
gerne sich als Opfer der Heredität darzustellen. 

Die Analyse zeigt, daß es sich um eine Form der Zwangs- 
parapathie handelt, welche sich psychogenetisch erklären und 
unter günstigen Umständen heilen läßt. Wichtig erweist sich der 
Standpunkt der Trisexualität. Der Sado-Masochist ist ein Kind, er 
weicht dem Problem Mann oder Weib durch eine Flucht in die Kindheit 
aus. Fall 2 hat seine Kindheit überwunden, Fall 3 will ein Kind bleiben. 
Fall 4 wurde ein Mann und kehrte zur Kindheit zurück. Einen Sado- 
Masochisten heilen, heißt seinen Infantilismus überwinden. 

Aber meine Erfahrung hat mir gezeigt, daß diese Kranken einer 
Heilung den größten Widerstand entgegensetzen. Sie benehmen sich ganz 
ähnlich wie Fetischisten und Homosexuelle, mit denen sie viele Züge ge- 
meinsam haben. Wir müssen daher, bevor wir uns in weitere Analysen 
vertiefen, die Beziehungen von Sado-Masochismus und Homosexualität be- 
sprechen. 



8* 



V. 






Beziehungen des Sado-Masochismus zur Homosexualität. 

Wer Sittlichkeit zum alleinigen 
Zweck des Menschen macht, kommt 
mir vor wie einer, der die Bestimmung 
einer Uhr darin fände: daß sie nicht 
falsch gehe. Das erste bei der Uhr aber 
ist: daß sie gehe; das Nichtfalschgehen 
kommt dann als regulative Bestim- 
mung hinzu. Wenn das Nichtgehen das 
Höchste bei Uhren wäre, so möchten 
die unaufgezogenen die besten sein. 
• Grillparzer. 

In meinem Buche „Onanie und Homosexualität" habe ich ausführlich 
über die Beziehungen des Sadismus zur Homosexualität gesprochen. Der 
Homosexuelle haßt das Weib und flieht vor dem Weibe, weil er an ihr zum 
Verbrecher werden könnte. Ich habe an mehreren Analysen den Nachweis 
geliefert, daß der Homosexuelle in den meisten Fällen seine sadistische 
Komponente verdrängt, daß sie aber in verschiedenen Fällen deutlich zu- 
tage tritt. 

Die Beziehungen zwischen Homosexualität und Sadismus werden noch 
augenfälliger, wenn man sich eingehend mit den verschiedenen Formen 
des sado-masochistischen Komplexes befaßt. 

Bevor wir auf das Thema eingehen, haben wir noch einige Nachträge 
zu bringen. 

Es ist nicht die Aufgabe dieser Arbeit und dieses Werkes bekannte 
Tatsachen zu wiederholen. Ich verweise meine Leser, die sich über die 
früheren Anschauungen über Sadismus und Masochismus informieren 
wollen, auf die ausgezeichneten Werke von Kraft- Ebing 1 ) , Eulenburg-), 
Bloch*) un d Havelock-Ellis*). 



*) Psychopathia sexualis. 14. Auflage, Ferd. Enke, Stuttgart 1914. Die jetzt er- 
schienene, von Moll bearbeitete 16. Auflage nimmt auf die neuen Forschungen von 
Freud, Stehet u. a. keine Rücksicht. Sie ist nur als rein deskriptive Materialsammlung 
wertvoll. 

*) Sadismus und Masochismus. 2. Aufl., Bergmann, Wiesbaden 1913. 

3 ) Das Sexualleben unserer Zeit. Marcus, Berlin, GOtes Tausend, 1912. 

*) Das Geschlechtsgefühl. (Besonders das Kapitel „Erotik und Schmerz".) Würzburg, 
Curt Kabitsch, 1919, IL Auflage. Hier wird mit aller Schärfe das erste Mal die Ansicht 
vertreten, daß Sadismus und Masochismus Ausdrucksformen einer und derselben Para- 
philie sind. 



Beziehungen des Sado-Masochismus zur Homosexualität. H7 

In diesen Küchern finden wir zahlreiche Beispiele, die uns auch als 
Beweismaterial für die angeführten Zusammenhänge dienen können. Aller- 
dings handelt es sich um Fälle, die rein deskriptiv betrachtet wurden, 
ohne daß die Psychogenese berücksichtigt wurde. Es fehlte die Tiefen- 
forschung der- Analyse. 

Der grundlegende Fehler der bisherigen alten Betrachtung dieser 
Paraphilien war der Umstand, daß man Sadismus und Masochismus als 
zwei verschiedene Grundformen sexueller Perversion beschrieb und wertete. 
Schon der Umstand sollte zu denken geben, daß sich häufig schon bei ober- 
flächlicher Betrachtung Masochismus und Sadismus bei ein und derselben 
Person fanden. Krafft-Ebing beschreibt einen solchen Fall, auf den wir 
als Kuriosum noch zurückkommen wollen. Die Analyse hat bewiesen, daß 
es sich um eine gesetzmäßige Verknüpfung heider Strömungen handelt, 
um den bipolaren Ausdruck ein und derselben Kraft. 

Es liegt im Wesen der Bipolarität, daß es keinen Sadismus 
ohne Masochismus und keinen Masochismus ohne Sadismus gibt. Alle 
psychischen Erscheinungen beruhen auf dieser doppelten Reaktionsmöglich- 
keit. Es wäre daher die Frage, welche Kraft die primäre ist, überflüssig. 
Sie hat trotzdem eine gewisse Bedeutung. Doch davon später. Das Wesen 
der Bipolarität bringt es mit sich, daß alle Reaktionen im Liebesleben 
sich negativ und positiv äußern müssen. Angst und Wunsch, Ekel und 
Begierde, Haß und Liebe sind die bekanntesten Ausdrucksformen. Schon 
die Bisexualität ist der beredte Ausdruck der Bipolarität. Das soziale Leben 
hat es mit sich gebracht, daß im Kanon des' Normalen der Mann mehr auf 
die" Seite des Sadismus, das Weib auf die des Masochismus neigt. Die 
Liebe des Mannes ist Herrschaft, die der Frau Unterwerfung. Wo wir das 
Gegenteil finden, wird diese Tatsache als unnatürlich empfunden. Adler 
hat einen besonderen Wert auf diesen Gegensatz männlich und weiblich 
gelegt und alle Reaktionen des Parapathikers auf die geheime Triebkraft des 
Männlichen zurückgeführt, die er bekanntlich den männlichen Protest 
nennt. Allein die Erfahrung zeigt uns immer wieder die Unrichtigkeit und 
Einseitigkeit dieser Auffassung. Gewiß, es gibt einen männlichen Protest. 
Es gäbe aber dann auch einen weiblichen Protest und dies nicht nur bei 
Frauen sondern auch bei Männern. Wir haben in früheren Bänden dieses 
Werkes eine Reihe von parapathischen Reaktionen kennen gelernt (besonders 
viele Fetischisten. Band VII), die sich alle auf den unterdrückten oder 
offenen Wunsch zurückführen lassen: Ich möchte ein Weib sein! Ich 
verweise hier auf die Erscheinung des Transvestismus, den Hirschfeld 
eingehend beschrieben hat. Männer fühlen sich nur glücklich, wenn sie 
Frauenkleidung tragen und umgekehrt. Adler nennt das einen männlichen 
Protest mit weiblichen Mitteln. Das ist dann kein männlicher Protest mehr. 
Der Wunsch „Ich möchte ein Weib sein !", sollte nur den noch stärkeren 



jlg Sadismus und Masochismus. 

decken, ein ganzer Mann zu seinV Die analytische Erfahrung bestätigt 
diese Annahme nicht. 

Wir werden aber den Tatsachen dieser Paraphilien nicht gerecht werden 
können, wenn wir nicht auf die beiden in früheren Kapiteln besprochenen 
Grundformen zurückgehen, in denen sich die Sexualität äußern muß. Alle 
seelischen Vorgänge stehen im Dienste zweier Kräfte, die sich teils die 
Wage halten, teils abwechselnd überwiegen. Es sind dies „Der Wille zur 
Macht" und „der Wille zur Unterwerfung"'. 

Diese Zusammenhänge sind besonders Kraft-Ebing aufgefallen, ohne 
daß er sie so präzis fassen konnte. Er sagt : „Unter Masochismus verstehe 
ich eine eigentümliche Perversion der psychischen Vita sexualis, welche 
darin besteht, daß das von derselben ergriffene Individuum in seinem 
geschlechtlichen Fühlen und Denken von der Vorstellung beherrscht 
wird, dem Willen einer Person des anderen Geschlechtes 
vollkommen und unbedingt unterworfen zu sein, von dieser 
Person herrisch behandelt, gedemütigt und selbst mißhandelt zu werden. 
Diese Vorstellung wird mit Wollust betont: der davon Ergriffene 
schwelgt in Phantasien, in welchen er sich Situationen dieser Art ausmalt ; 
er trachtet nach einer Verwirklichung derselben und wird durch diese 
Perversion seines Geschlechtstriebes nicht selten für die normalen Reize 
des anderen Geschlechtes mehr oder minder psychisch impotent. 
Diese psychische Impotenz beruht aber dann durchaus nicht auf einem 
horror sexus alterius, sondern nur darauf, daß dem perversen Triebe eine 
andere Befriedigung als die normale, zwar auch durch das Weib, aber 
nicht durch den Koitus, adäquat ist." 

Krafft-Ebing, der feine Beobachter, merkt die Tatsache, daß der 
Masochist (wir sprechen zur Vereinfachung vorläufig nur vom männlichen 
Masochisten) eigentlich impotent ist und auf den Besitz des Weibes 
verzichten muß. Er betont aber seine normale Einstellung zum Weibe 
und vergißt auch nicht in den Krankengeschichten immer wieder darauf 
hinzuweisen, daß der Patient nicht homosexuell sei . . . Der Masochismus 
ist nach ihm eine Iieaktionsform, welche sich nur auf dem Boden einer 
psychopathischen, meistens belasteten Individualität entwickelt. Ihm ist das 
Wesentliche : Die Richtung des Geschlechtstriebes auf den Vorstellungs- 
kreis der Unterwerfung und der Mißhandlung durch den geschlechtlichen 
Partner. 

Wir aber erkennen in dem Masochismus als wichtige 
Tatsache das Ausweichen vor dem normalen Geschlechtsakte. 
Die psychische Impotenz des Masochisten erscheint uns nicht mehr als 
Folge seines Masochismus, sondern der Masochismus scheint uns eine 
Folge seiner Impotenz zu sein. Der Masochist sucht ein ganz anderes Sexual- 
objekt als das Weib, das er vor sich hat und bei dem er sich als im- 









Beziehuugeu des Sado-Masockismus zur Homosexualität. 119 

potent erweist; und der Masochismus dient nur dazu, dieses geheime 
Sexualziel zu verschleiern. Wir können hoffen, hier ähnliche Formen der 
parapathi sehen Verstellung zu finden, wie ich sie in meinen Ausführungen 
über den Fetischismus (Band VII) nachgewiesen habe. 

Der Masochismus ist meiner Auffassung nach nicht angeboren, nicht 
ein Degenerationszeichen sondern eine Parapathie. Er ist ein Kompromiß 
aus widerstrebenden Sexualkräften, ein Ausweg aus einem unlöslichen 
Problem; er ist die Flucht vor den Forderungen des Triebes in eine 
Krankheit. 

Der Masochismus zeigt die engsten Beziehungen zur Homosexualität. 
Wir haben schon bemerkt, daß Kraft- Ebing das normale heterosexuelle 
Fühlen seiner Masochisten betont. Es bestehe kein horror sexus alterius. 
Freilich kann man leicht zu solchen Resultaten kommen, wenn man die 
Anamnese in der bisher gebräuchlichen Form aufnimmt. Auf diese Weise 
konnte auch Hirschfeld bei seinen männlichen Transvestiten keine Spur von 
Homosexualität entdecken, was, wie wir gesehen haben 1 ), nicht den Tatsachen 
entspricht. 

Stellen wir uns auf den Standpunkt der Bisexualität, so müssen wir ja 
schon im Willen zur Unterwerfung eine weibliche Reaktionsform ansprechen, 
also das Vorhandensein homosexueller Triebkräfte anerkennen. Krafft-Ebing 
hat dies selbst mit großer Deutlichkeit ausgesprochen. Er sieht im Maso- 
chismus eine Effeminatio des Mannes. „Das Weib" — sagt er — „verbindet 
von Natur aus mit der Liebe den Begriff des Dienens, der Unterwerfung. 
Der Mann, der in seiner Liebe die normale Hörigkeit des Verliebten 
übertreibt und fixiert, wird zum Weibe, er hat weibliche Reaktionsformen 
angenommen." „So liegt es nahe" — fährt er fort — „den Masochismus über- 
haupt als eine pathologische Wucherung spezifisch weiblicher Elemente anzu- 
sehen, als krankhafte Steigerung einzelner Züge des weiblichen psychischen 
Geschlechtscharakters, und seine primäre Entstehung bei diesem Geschlechte 
zu suchen" (S. 152). Oder an anderer Stelle: „Während der Sadismus als 
eine pathologische Steigerung des männlichen Geschlechtscharakters in 
seinem psychischen Beiwerk angesehen werden kann, stellt der Masochismus 
eher eine krankhafte Ausartung spezifisch weiblicher psychischer Eigen- 
tümlichkeiten dar" (S. 155). 

Krafft-Ebing faßt dann den genialen Gedanken, daß wir Männer ja 
auch die Engramme zahlloser Weiber in uns tragen. Wir müssen unbedingt 
die weiblichen Eigenschaften unserer Vorfahren ebenso repräsentieren wie die 
männlichen. „Erwägt man, daß „geschlechtliche Hörigkeit" eine Erscheinung 
ist, die beim weiblichen Geschlechte viel häufiger und in stärkeren Graden 
zu beobachten ist, als beim männlichen, so drängt sich der Gedanke auf, 
daß der Masochismus (wenn auch nicht immer, so doch in der Regel) ein 

*) Bd. VII, S. 534-570 u. Bd. II, 3. Aufl. S. 183 ff. 



120 



Sadismus und Masochismus. 



Erbstück der „Hörigkeit" weiblicher Vorfahren sei. Er tritt dann in eine 
— wenn auch sehr entfernte — Beziehung zur konträren Sexual- 
empfindung, als Übergang einer eigentlich dem Weibe zugehörenden 
Perversion auf den Mann" (S. 160, Anm.). Hier erkennt er die Beziehungen 
des Masochismus zur Homosexualität an, schränkt sie aber in dem Nachsatze 
sofort ein: „Es muß jedoch hervorgehoben werden, daß „Hörigkeit" auch 
innerhalb der männlichen vita sexualis eine nicht geringe Rolle spielt und 
Masochismus mithin auch ohne einen solchen Übergang weiblicher Elemente 
auf den Mann erklärt werden kann. Auch hier ist zu bedenken, daß sowohl 
Masochismus als Sadismus, sein Gegenstück, bei konträrer Sexualempfindung 
in regelloser Kombination vorkommt." Krafft-Ebing bemerkt auch die engen 
Beziehungen der beiden Paraphilien zur Homosexualität, schränkt sie 
aber auf regellose Kombinationen ein. 

Auch aus vielen anderen Bemerkungen ist die starke Beteiligung 
der Homosexualität beim Masochismus ersichtlich. So: „Der masochistisch 
Fühlende sucht und findet überdies eine Ergänzung für seine Zwecke 
darin, daß er der Konsors männliche psychische Geschlechtscharaktere 
andichtet — auch hier in perverser, outrierter Weise, insofern das sa- 
distische Weib sein Ideal darstellt. Aus solchen Tatsachen läßt sich der 
Schluß ziehen, daß der Masochismus eigentlich eine rudimentäre Form 
der konträren Sexualempi'indung ist, eine partielle effeminatio welche nur 
die sekundären Geschlechtsmerkmale der psychischen vita sexualis ergriffen 
hat. Diese Annahme findet eine Stütze darin, daß heterosexuelle Maso- 
chisten sich mehr als weiblich fühlende Naturen bezeichnen und tat- 
sächlich der Beobachtung gegenüber weibliche Züge aufweisen. So wird 
auch verständlich, daß masochistische Züge so überaus häufig bei homo- 
sexuell fühlenden Männern anzutreffen sind. Aber auch beim Masochismus 
feminae finden sich solche Beziehungen zur konträren Sexualempfindung. 
So fühlt im Traumleben eine Masochistin (Fall 85) sich als 
Sklave (!) dem Phantasiegebilde des Mannes gegenüber und 
wundert sich selbst darüber, nie in der Rolle der Sklavin zu erscheinen- 
Die von ihr versuchte Erklärung dieser übrigens auch im wachen Leben 
anklingenden Tatsache ihres Bewußtseins ist folgende: sie denkt sich als 
Mann, der ja von Natur stolz und hochstehend ist, weil dadurch die Er- 
niedrigung vor dem geliebten Mann um so größer erscheint. — Diese 
Erklärung ist nicht recht annehmbar. Daß es sich nicht um geschlecht- 
liche Hörigkeit (Trugform des Masochismus) handelt, geht daraus hervor, 
daß diese Dame sich äußerte : „Ich stelle mir auch vor, ich sei eine Sklavin ; 
das genügt mir aber nicht, das kann am Ende jedes Weib, seinem Manne 
als Sklavin dienen." 

Auch das Studium der von Kraft- Ebing publizierten Fälle zeigt 
uns bei den Masochisten die starke homosexuelle Einstellung, das Zurück- 



Beziehungen des Sado-Masochisuius zur Homosexualität. 121 

weichen vor dem sexuellen Partner. Männer sind impotent, Frauen mit 
ausgesprochen masochistischer Einstellung anästhetisch beim Koitus. 
Freilich die Erfüllung der masochistischen Phantasie führt den Orgasmus 
herbei. Doch die Analyse dieser Phantasie beweist uns immer wieder, daß 
gerade die homosexuellen Elemente der Phantasie den Orgasmus auslösen. 
Ich verweise nur auf den Fall von Moll, den auch Krafft-Ebing zitiert. 
Eine 26jährige Dame, welche Kunnilingus und Koprolagnie betreibt, dabei 
Orgasmus empfindet, beim Koitus aber kalt bleibt. Sie hatte von jeher 
männliche Neigungen, liebte es, als Mann unter Männern zu erscheinen, 
raucht viel, trinkt viel Bier. Sie hat den größten Orgasmus, wenn sie in 
das Ohrläppchen, selbst bis zu Schmerzen und Anschwellen dieses Kürper- 
teils gebissen wird. 

Ich möchte hier gleich eine Tatsache hervorheben, die mir bei allen 
Parapathikern aufgefallen ist, aber speziell bei den Masochisten eine große 
Rolle spielt. Das organische Entgegenkommen des Individuums 
für diese Form der Parapathie scheint mir ebenfalls eine 
körperliche Betonung der Bisexualität zu sein. Das bestätigt 
meine Anschauung, daß alle Paraphilien im gewissen Sinne 
..Rückschlagserscheinungen" sind. Ihre angeborene sadistische 
Komponente ist stärker als die des Normalmenschen. 

So zeigt die erwähnte Patientin von Moll schwach entwickelte Mammae, 
große Hände und große Füße 

Forschen wir jetzt in den Fällen von Masochismus, die wir bei 
Krafft-Ebing finden, nach Beweisen für die Betonung der organischen 
und psychischen Homosexualität, so stoßen wir bei jedem Kasus auf sehr 
auffallende Momente. 

Die Beobachtung Nr. 50, ein 29jähriger Mann, der neben fetischi- 
stischen Neigungen der Flagellation huldigte, überhaupt Situationen er- 
strebte, in denen das Unterworfensein unter den Willen eines Weibes die 
Hauptsache war. Dieser Kranke war eigentlich ein Opfer des „Pagismus". 
Die Vorstellung, der Page eines schönen Mädchens zu sein, welches keusch 
und pikant wäre, wobei dieses Verhältnis ein platonisches wäre, bildet 
einen gewissen Gegensatz zum Masochismus. Der Pagismus repräsentiert 
ihm die ideale, der Masochismus die grobsinnliche Liebe. Über seinen 
Habitus erzählt Krafft-Ebing: „Sein Becken ist abnorm weit, hat flache 
Darmbeinschaufeln, ist abnorm geneigt und entschieden weiblich." Hier 
sehen wir die organische Betonung des Feminismus. Der Kranke weist 
aber auch darauf hin, daß er Kitzel und Wollustreiz im Anus habe 
und sich von dieser erogenen Zone ope digiti Befriedigung verschaffen 
könne. Das heißt mit anderen Worten: Er onaniert mit einer homosexuellen 
Phantasie, er ist ein larviert Homosexueller und sein Masochismus ist 
ein Umweg, der ihn von dem Coitus normalis abbringt, weil er ihm 



122 



Sadockismus und Masochismus. 



eben keinen Orgasmus bringen kann. Wesen dieses Masochismus und die 
Ursache dieses Umweges wollen wir erst später besprechen und hier nur 
auf die Tatsache hinweisen. 

Krafft-Ebing sieht in dem „Pagismus" nur einen „symbolischen 
Masochismus", der zu einer phantastischen Exaltierung des perversen 
Ideales führt, während der Koitus als inadäquater Akt verschmäht wird. 

Wir müssen hier innehalten und auf ein sehr wichtiges Moment 
aufmerksam machen. Wie ich schon an anderer Stelle betont habe, ist 
das Wesen des Menschen mit der Konstatierung der Bisexualität nicht 
erschöpft. Wir müssen uns zu einem Trialismus der Sexualität bekennen. 

Der Mensch besteht nicht aus Mann und Weib, sondern 
aus Mann, W r eib und Kind. Der Gesunde vollzieht die Vereinigung 
dieser drei Komponenten, wobei die heterosexuelle die richtunggebende 
ist, die anderen jedoch mitschwingen. Der Kranke kann diese Kompro- 
misse nicht finden. Die Krankheit ist ein mißlungener Versuch der 
Kompromißbildung. So erscheint bei unserem Kranken der Mann voll- 
kommen rudimentär (seine Unfähigkeit zum Koitus!); das Weib äuliert 
sich als Masochismus; das Kind als Pagismus. Der Pagismus ist 
nach dem infantilen Vorbild der kindlichen Einstellung zu den Eltern 
gebildet. Das Verhältnis ist wie das zu der Mutter ein keusches, eine 
platonische Hingebung. Erst in späteren Ausführungen werde ich ver- 
suchen nachzuweisen, wie diese drei Kräfte sich beim Masochismus 
symbolisch äußern müssen. Sein Fetisch, ein in einem eleganten Stiefel 
steckender Damenfuß und eine bekleidete Wade (Nuditäten reizen ihn 
nicht!) ist auch eine symbolische Darstellung des Zwanges, den er sich 
durch seine Paraphilie auferlegt hat) J . Die Bedeutung der Flagellation 
wollen wir vorläufig übergehen. Das Auftreten im fünften Lebensjahre 
könnte fälschlich für eine vererbte Anlage sprechen. Unsere Erfahrung 
zeigt, daß in diesen Jahren schon der Verdrängungsprozeß einsetzt. 

Vergebens suchen wir in diesem Falle nach der sadistischen Kompo- 
nente, die ja nie fehlt. Allerdings wird sie erst durch eine Analyse zu- 
tage gefördert Wir finden nur eine leise Andeutung in seiner 

Zoophilie, einer leidenschaftlichen Liebe zu Katzen. Sie findet sich bei Sadi- 
sten außerordentlich häufig. Die Katze ist dann ein Symbol des Raubtieres. 
Die Katze ist ein „enoptrisches Phänomen". (Silberer.) 

Doch möchte ich schon bei Besprechung dieses Falles darauf auf- 
merksam machen, daß es nur von unserer Auffassung abhängt, ob wir die 
Flagellation als einen gegen die eigene Person gerichteten sadistischen 
Akt auffassen wollen oder nicht. Ich stehe auf diesem Standpunkt und 
sehe in dem Masochismus den gegen die eigene Person ge- 
richteten Sadismus. 

') Siehe Bd. VII, Kapitel X. „Der Symbolismus des Zwanges." 



Beziehungen des Sado-Masochisrnus zur Homosexualität. 12o 

Wie kommt diese Introversiou des Sadismus zustande? 
Nur durch das Schuldbewußtsein. Das Primäre ist immer ein ( 
stark sadistischer Zug, der keinem Masochisten fehlt. Durch 
allerlei moralisch-religiöse Einflüsse der Kindheit wird dieser 
Sadismus in einen Masochismus verwandelt, 

Es geschieht dies auf dem Wege der Talion. Wer andere Menschen 
geißeln wollte, geißelt sich dann selbst! Die Lustbetonung überträgt sich 
dann auf die Strafe, welche ja in Folge der Spaltung des Ich in drei 
Komponenten der Phantasie den weitesten Spielraum gewährt. Das „Ich" 
ist der Strafer (Sadist und Mann), es empfindet den Schmerz als Kind 
und die Lust als Weib und Kind. 

In allen Paraphilien wird die Strafe lustbetont, weil sie ja nur die 
negative (bipolare) Ausdrucksform des positiven Verlangens ist. Die Lust, 
die am Geißeln hängt, 'assoziiert sich dann mit dem Gegeißeltwerden, 
das ja in sich auch die positive Phantasie des Geißeln birgt. Daß der 
Schmerz in Folge der affektativen Hochspannung nur als Lust empfunden 
wird, habe ich schon betont. 

So erscheint uns der Masochismus als ein durch die 
innere Religiosität umgewandelter Sadismus 1 ). 

Da ich auf dem Standpunkte stehe, daß jedes Kind die Instinkte 
des Urmenschen in sich birgt, so erscheinen der Sadismus und der Haß als 
die primäre Kraft. Ich habe dies in meinem Werke „Die Sprache des 
Traumes" eingehend dargestellt. Wie aber die ethische Erziehung des 
Kindes anfängt, muß die sadistische Komponente der Verdrängung ver- 
fallen. Sie erhält sich nur übermächtig bei schwer Degenerierten mit 
atavistisch kräftigem Triebleben und in besonderen parapathischen Formen, 
die wir noch eingehend beprechen werden. 

Nun nach dieser Abweichung zurück zu unserem Falle. Wir haben 
den Anus als erogene Zone konstatieren können, eine organische Dis- 
position zur Weiblichkeit, eine homosexuelle Form der Onanie, die mit 
den spezifischen masochistischen Phantasien arg kontrastiert. . 

Wenden wir uns dem zweiten Falle von Kraft-Ebing der Beob- 
achtung 51 zu. 

Fall Nr. 5. Es handelt sich um einen 26jährigen Mann, der psychisch 
impotent ist, weil sein ganzes Streben darnach geht, von einer „Herrin" 
gebändigt und gedemütigt zu werden. Eine seiner Phantasien lautet: „Ich 
werde von ihr zu niedrigen Dienstleistungen benutzt, muß sie bedienen, während 
sie aufsteht, beim Baden, bei der Miktion. Zu letzterer Verrichtung bedient sie 
sieh gelegentlich auch meines Gesichtes und zwingt mich, von ihrem Lotium 
zu trinken." 



') In „Jenseits des Lustprinzips L nimmt Freud auch einen primären Masochis- 



mus an. 



124 



Sadismus und Masochismus. 



Ein Freund drängte ihn zu einem Koitus. Der Versuch endete wie in 
allen diesen Fällen mit einem Fiasko, weil ja die Paraphilie dazu dient, das 
Weib durch die Überwertung für den Koitus zu entwerten, die homosexuelle 
Anlage zu verdecken und das Sexualziel zu verhüllen. Angstvolle Unruhe und 
Widerwille traten schon am Wege in das Lupanar auf, Aufregung, Zittern in 
den Beinen, Schweißausbruch im Lupanar, so daß es zu keiner Erektion kam. 

Diesem Patienten fehlt der normale Trieb zum Weibe vollkommen- 
Krafft-Ebing konstatiert einen kleinen Penis, einen unvollkommenen Deszensus 
des rechten Hodens, also eine Minderwertigkeit des Genitales. Die ersten 
inasochistischen Phantasien betrafen ebenso Knaben als Mädchen, die erston 
sexuellen Erregungen (von autoerotischen Reizungen abgesehen) traten beim 
Anblick von prügelnden Knaben auf, als der eine Knabe sich rittlings auf 
den anderen setzte. Auch die Wahl eines zartgebauten weiblichen Ideales ist 
eine durchsichtige Maske der Homosexualität. 

Aber auch die nächsten Fälle zeigen Hinweise auf die homosexuelle 
Grundlage des Masochismus. Ja, der Fall Beobachtung 55 leidet an konträrer 
Sexualempfindung. „Aus verschiedenen Gründen war er nicht in der Lage 
sich am Manne zu befriedigen, trotz großem sexuellen Bedürfnis. Gelegentlich 
träumte ihm, ein Weib geißle ihn. Er hatte dabei eine Pollution. Durch diesen 
Traum kam er dazu, als Surrogat für mannmännliche Liebe sich 
von Meretriccs mißhandeln zu lassen." 

Dieser Fall verrät uns eines der Ratsei des Masochismus. Er ist ein 
Surrogat, ein Ersatz der Homosexualität. Es wird uns nun interessieren 
zu erfahren, welche Prozeduren dieser Mann durchmachen mußte, um zu 
einem Orgasmus zu gelangen. Er ließ sich eine Dirne kommen, entkleidete 
sich vollkommen, während sie einige Hüllen anbehalten mußte, ließ sich 
dann mit den Füßen treten, geißeln, schlagen. In höchster Erregung leckte 
er dann den Fuß der Dirne, worauf Ejakulation unter großem Orgasmus 
erfolgte. Sofort darauf Ekel und er macht der entwürdigenden Situation 
rasch ein Ende. 

Wir wollen uns diesen Fall merken und dann bei der neuen Aufklärung 
über den Masochismus darauf zurückkommen. Für uns ist der Fall als Schul- 
beispiel des Überganges der konträren Sexualempfindung in den Masochis- 
mus von größter Wichtigkeit. 

Man kann in den Lebensgeschichten der Masochisten sehr häufig die 
Beobachtung finden, sie wären in der Kindheit geprügelt worden; sie führen 
die Paraphilie gerne auf die Eindrücke der Kindheit zurück. Nun bin ich 
gewiß nicht der Ansicht, daß wir die ersten Eindrücke im Sexualleben 
geringschätzen dürfen. Aber wir müssen die Angaben der Kranken mit 
einer gewissen Reserve aufnehmen und einer kritischen Nachprüfung unter- 
ziehen. Ein Einwand läßt sich gleich erheben: Wie viele Kinder erhalten 
Schläge auf das Gesäß und wie wenige davon werden Masochisten? Ich 
habe schon bei Besprechung des Fetischismus darauf hingewiesen, daß wir 
uns aus unseren Erinnerungen jene wählen, welche in unser System hinein- 
passen, daß die Traumen auf eine entsprechende Disposition treffen müssen. 



Beziehungen des Sado-Masochisinus zur Homosexualität. 125 

Um auf das berühmte Beispiel von Jean Jacques Rousseau zurückzukommen. 
Er war schon Masochist als er die Schläge seiner Erzieherin als Lust 
empfand, er wurde nicht durch diese Schläge zum Flagellanten 1 ). Wie ich 
in Band V, Kapitel XXV in der Analyse des Exhibitionismus von Rousseau 
anführte, steckt eine ältere Prügelszene dahinter. Sein Vater prügelte 
den Bruder, Rousseau warf sich dazwischen und empfing die Schläge, 
welche dem Bruder galten. 

Ich habe wiederholt in meiner Sprechstunde die gleiche Auffassung 
hören können , wie der Patient von Krafft-Ebing (Beobachtung 56) . der 
betont: „Der Masochismus ist meiner Erfahrung gemäß unter allen 
Umständen angeboren und keineswegs vom Individuum gezüchtet. Ich 
weiß es positiv, daß ich niemals auf das Gesäß geschlagen 
worden bin und daß meine masochistischen Vorstellungen von frühester 
Jugend sich zeigten. Charakteristisch ist, daß die Vorstellungen bereits 
vorhanden waren, ehe noch Libido überhaupt vorhanden war. Damals waren 
die Vorstellungen auch ganz geschlechtslos. Ich besinne mich, daß es mich 
als Knabe stark anregte (um nicht zu sagen aufregte), als ein älterer 
Knabe mich duzte, während ich ihm „Sie" sagte. Ich drängte mich zu 
einer Unterhaltung mit demselben, wobei ich dafür sorgte, daß diese gegen- 
seitige Anrede möglichst häufig erfolgte. Später, als ich geschlecht- 
licher wurde, hatten derartige Sachen nur dann Reiz, wenn 
sie in Beziehung zu einer Frau, und zwar zu einer (relativ) 
älteren standen 2 ). 

Wir sehen in diesem Falle auch ganz deutlich den Übergang der 
Paraphilie vom homosexuellen Objekte auf ein heterosexuelles. Denn daß 
diese ersten Reizungen geschlechtslos waren, ist nur eine falsche Beurteilung 
des Beobachters. Wir finden sehr häufig in den Anamnesen unserer Fälle, 
daß die Kranken verschiedene Reizungen nicht als sexuell gelten lassen 
wollen, sondern nur als geschlechtslose Anregung werten. In diesem Momente 
liegt schon die für diese Fälle charakteristische Verdrängung der homo- 
sexuellen Einstellung. 

Suchen wir weiter die Beweise für die Bedeutung der homosexuellen 
Anlage bei Krafft-Ebing. Beobachtung 58, betrifft einen Mann, der am 
Rumpf ganz unbehaart ist und einen horror vor dem Koitus zeigt, einen 
horror, wie wir ihn so häufig und so charakteristisch bei den Homosexuellen 
finden. Er träumt, daß er ein feuriges Pferd sei und von einer schönen 

*) Damit will ich nicht für die Prügelstrafe in Schule und Haus eintreten. Ich 
halte sie für gefährlich und schädlich und kann den schönen Ausführungen von Felix 
Asnaourow über dieses Thema nur die weiteste Verbreitung wünschen. (Sadismus und 
Masochismus in Kultur und Erziehung. Ernst Reinhardt, München 1913.) 

= ) Ich habe schon betont, daß es keinen angeborenen Masochismus gibt. Aber 
die Tatsache, das Menschen, die nie geschlagen wurden, Flagellanten sind, kann ich 
bestätigen. Die Analyse deckt dann die Psychogenem der Paraphilie auf. 



126 



Sadismus und Masochismus. 



Frau geritten werde. Diese Lieblingsphantasie aller Masochisten hat eine 
spezifische Bedeutung. Wir werden auf sie noch zurückkommen. 

Beobachtung 61, ein Künstler von 69 Jahren betont, daß er vom 
1 1. bis zum 18. Jahre zum eigenen Geschlechte Neigung hatte. Wir hören 
die obligate Abschwächung aller, die ihre Homosexualität verdrängt haben : 
„Sie überschritt jedoch nicht den Rahmen schwärmerischer Jugendfreund- 
schaft/'' Auch in dieser homosexuellen Periode hatte er den Wunsch, von 
einem Freunde f lageliiert zu werden. 

Beobachtung 67 hat die ersten sadistischen und masochistischen 
Vorstellungen von Knaben, die einander gewaltsam masturbieren und die 
Genitalien abschnitten 1 ). Oft versetzte er sich in die Rolle eines solchen 
Knaben, bald in passiver bald in aktiver. Später beschäftigten ihn Bilder 
von Mädchen und Frauen, die vor einander exhibitionierten : es schwebten 
ihm Situationen vor, daß das Stubenmädchen einem anderen Mädchen die 
femora auseinanderzerre, ferner solche, in welchen Knaben grausam gegen 
Mädchen vorgingen, sie stachen, in die Genitalien zwickten . . . 

Hier sehen wir die von uns betonte Verbindung von Sadismus und 
Masochismus und den Übergang von homosexuellen Phantasien auf hetero- 
sexuelle. Der Kranke gibt auch zu, daß der Sadismus immer schwächer 
wurde, während sich der Masochismus vordrängte. Wieder verwandelt das 
Schuldbewußtsein die aktive Form in die passive. Aus einem Grausamen 
wird ein Leidender, aus einem Quälenden ein Gequälter ... Die Neigung 
dieses Mannes zum Koitus ist minimal. Er ist psychisch impotent wie alle 
versteckt Homosexuellen. Kraft-Ebing berichtet über seine Versuche : „Da 
Patient gehört hatte, er würde seine nachgerade lästigen sexuellen Vor- 
stellungen los werden, wenn er sich an eine natürliche Geschlechtsbefriedigung 
gewöhne, machte er im Laufe der letzten iy 2 Jahre zweimal den Versuch 
zu koitieren, obwohl er dagegen nur Widerwillen empfand und sich keinen 
Erfolg versprach. Der Versuch endete beide Male mit einem vollständigen 
Fiasko. Das zweitemal empfand er solche Aversion, daß er das Mädchen 
von sich stieß und die Flucht ergriff." 

Wie jeder Ekel ist uns auch dieser Ekel des Masochisten verdächtig 
und scheint einer Verdrängung zu entspringen. Der Masochist verdrängt 
neben seiner homosexuellen Komponente noch eine sadistische Einstellung 
zum Weibe oder er hat ein unbewußtes, inzestuöses Sexualziel. 

Bevor ich aber auf diese merkwürdige Assoziation zwischen Maso- 
chismus und dem Horror feminae näher eingehe, will ich noch zwei 
Fälle von Masochismus aus der interessanten Sammlung von Merzbach 
mitteilen, die uns beweisen, wie weit die Entmannung beim Masochisten 
gehen kann. 



' 



*) Deutlicher Hinweis auf den Kastrationskomplex. 



Beziehungen des Sado-Masochismns zur Homosexualität. \->7 

Fall Nr. 6. „Vor einigen Jahren suchte ein junger Mann nachts die 
Kaffeehäuser des Berliner Quartier latin auf und begleitete irgend eines der 
dort verkehrenden Mädchen in dessen Wohnung. Dort zeigte er ein sehr auf- 
geregtes Wesen, zog dann plötzlich ein scharf geschliffenes Rasiermesser her- 
vor und verlangte, das Mädchen solle ihm Hodensack und Hoden abschneiden. Er 
versprach derjenigen eine große Geldsumme, die ohne Furcht die Verstümmelung 
an ihm vornähme. Trotzdem er sein seltsames Anerbieten bei vielen Mädchen 
wiederholte und dadurch bald in ihren Kreisen bekannt geworden, wagte doch 
kehie die große Geldsumme zu verdienen, nicht etwa aus Mitleid, wie eine 
der Dirnen uns versicherte, sondern aus Furcht vor Unannehmlichkeiten, die 
daraus erwachsen könnten." 

Hier sehen wir einen Kastrationskomplex als einen symbolischen 
Ausdruck der Entmannung. Er ist die organische Erfüllung des Wunsches 
Ich möchte ein Weib sein . . . 

Ganz deutlich kommt dieser Wunsch bei einem anderen Masochisten 
zur Geltung, den ich seiner Wichtigkeit halber hier mit den Worten 
Merzbachs anführe : 

„Einen Fall von Metamorphosismus bietet ein 45jähriger Arzt, der sich 
als Masochist in ein Mädchen namens Elisabeth verwandelt und der an eine 
auch in wissenschaftlichen Kreisen bekannte, Berliner „sehr strenge Erzieherin 
und Herrin" die folgenden Zeilen richtet: 

Hochgeehrte und gestrenge Herrin, grausame Gebieterin! 

Leider habe ich schon wieder gegen Ihren Befehl gehandelt, indem ich 
mich erst heute anstatt schon gestern für die Ungezogenheit, Sie auf der 
Straße nicht gegrüßt zu haben, entschuldige. (Die Empfängerin des Briefes 
hatte ihm auf der Straße, als er ohne Gruß an ihr vorüberging, kurzerhand 
den Hut vom Kopfe geschlagen und ihm dann aufgegeben, sich bei ihr wegen 
des unterschlagenen Grußes zu entschuldigen. D. Verf.) 

Ich weiß, daß ich mich damit schwer gegen meine Herrin vergangen, 
gegen meine grausamste Gebieterin, welche Tag und Nacht darüber nach- 
sinnt, welche neue Folterqualen sie Elisabeth unterziehen könne, und dafür 
lohne ich ihr mit Frechheit und Ungehorsam. Dafür will und muß ich büßen 
und ich bitte Sie, gestrenge Herrin, bald eiuen Foltertag zu bestimmen, an 
dem ich einer recht harten Geißelung unterzogen werden soll. 

Ich hoffe Sie durch neue und schwere Bußen, welche ich standhaft er- 
tragen will, zu versöhnen und wünsche nur, auch meinen Rücken, nachdem 
ich meinen Leib siebenfach mit Stachelgürteln gegurtet haben werde, vor 
Ihnen, meine grausame Göttin, beugen zu dürfen und eine Geißelung von 
360 Peitschenhieben zu empfangen. 

Wenn ich dann diese grausame Züchtigung, bei der mein Blut zu ihren 
Füßen fließen soll, lautlos ertragen haben werde, so hoffe ich, daß Sie, strenge 
Herrin, versöhnt sein werden und Elisabeth zu Ihren Lieblingssklavinnen er- 
klären werden und sie dann wieder mit neuen Gürteln und mit neuen Marter- 
instrumenten belohnen." 

Ein anderer Brief Elisabeths mag hier gleich augereiht werden, da diese 
beiden Schreiben so manches enthalten, was in das Wesen des Masochismus 
einen gründlicheren Einblick gewährt, als lange theoretische Ausführungen 
die manchem Leser doch schwer verständlich bleiben, wenn er sich nicht zu- 



128 



Sadismus uud Masochisinus. 



gleich nötigenfalls mit Aufbietung einiger Phantasie in die sexuelle Vorstel- 
lungswelt der Masochisten zu versetzen vermag. 

Sehr geehrte und allerstrengste Herrin, grausame Gebieterin! 

Hiemit melde ich mich, wie Sie mir befohlen haben, und bitte ich Sie, 
die mir zugedachte strenge Behandlung an mir zu vollziehen. Ich sehe ein, 
wie schwer ich mich gegen Sie, meine gütige Herrin, durch meinen Unge- 
horsam vergangen habe, und daß ich es nur dadurch gutmachen kann, daß 
ich mich der von Ihnen über mich verhängten grausamsten Marterung unter- 
ziehen werde. 

Für jeden Geißelschlag will ich Ihnen, wenn ich in der Pracht meiner 
Gürtel vor Ihnen stehen werde, dankbar sein, jeder Geißelschlag wird für 
mich eine glückliche Stunde in meinem Leben bedeuten und ich bitte Sie nur, 
wenn die Folterung zu Ihrer Zufriedenheit ausfallen wird, mir Ihre Verzeihung 
dadurch zu gewähren, daß Sie die Marterung sofort noch einmal an mir voll- 
ziehen. 

Ihre treu ergebene Dienerin und Sklavin 

Elisabeth. 

Diese Briefe machen uns mit den wichtigsten Punkten lnasochistiscker 
Vorstellungskreise bekannt. Wir haben es mit einem 44jährigen, im ernsten 
Lebenslaufe stehenden, wissenschaftlich gebildeten Mann zu tun, mit einem 
Arzt, der mehr noch wie sonst alle sexualpsychopathischen Autodidakten über 
seine krankhafte Leidenschaft unterrichtet sein muß. Trotzdem sucht er in ihr 
seine geschlechtliche Befriedigung, trotzdem spielt er eine traurige läppische 
Rolle in einer Komödie, deren Verfasser, Hauptakteur und Regisseur er selbst 
ist, während die gestrenge Herrin natürlich das Stück nur so aufführt, wie 
es der „Kunde" gespielt haben will. 

Wir sehen die masochistische Erniedrigung schon in der Zuleguug des 
Namens Elisabeth, womit der Briefschreiber alle Männlichkeit abstreift und 
sich zum Weibe, zur Dienerin, zur Sklavin herabwürdigt. Aber die Rolle der 
Dienerin allein genügt ihm nicht, er macht sich zur Dienerin, die sich durch 
Unterlassungen und durch Ungehorsam ihrer Herrin gegenüber schwer ver- 
geht. Dieses Vergehen verdient Bestrafung, die bei der gefürchteten Strenge 
der Herrin natürlich sehr hart ausfallen muß. Die Buße soll in einer bar- 
barischen Geißelung von 360 Hieben bestehen, so daß das Blut fließt." 

Auch Hirschfeld 1 ) ist es nickt entgangen, daß viele Masochisten in 
der Jugend eine deutliche homosexuelle Periode zeigen. Er meint aber, 
daß dieses Lebensalter in geschlechtlicher Hinsicht noch nicht differenziert 
ist. Nun ist es richtig, daß alle Menschen bisexuell sind und vor der 
Pubertät eine deutliche homosexuelle Periode zeigen. Nicht aber, weil sie 
noch indifferenziert sind, sondern weil sie die Homosexualität nicht 
verdrängt haben. Hirschfeld bestätigt, daß die Masochisten in der 
Kindheit oft ähnliche Vorstadien haben wie die echten Homo- 
sexuellen. Der Homosexuelle stellt sich nach diesem Autor dann voll- 



*) Die Homosexualität des Manne3 und des Weibes. Berlin 1914. Alle Angaben 



beziehen sich auf die erste Auflage. 



Beziehungen des Sado-Masochismns zur Homosexualität. 129 

kommen und ausschließlich auf das gleiche Geschlecht ein. Hirschfeld be- 
rücksichtigt gar nicht das wichtige Phänomen der Verdrängung. Deshalb 
ist ein Diskutieren mit ihm unmöglich. Er nimmt die Angaben der 
Kranken wörtlich . . . wir unterziehen sie einer Analyse; er sieht nicht 
die positiven Kräfte, die hinter dem Ekel vor dem gleichen Geschlechte 
liegen; er bemerkt nicht, daß auch der Homosexuelle die Liebe zum an- 
deren Geschlecht verdrängen muß, daß es weder rein Homosexuelle noch 
rein Heterosexuelle, sondern nur Bisexuelle gibt. 1 ) Hirschfeld kann daher 
auch die Masochisten nicht zu den Homosexuellen zählen, wenn sie später 
ihren masochistischen Trieb auf das Weib richten. Er reiht sie einem 
eigenen Typus ein, der „Gynandromorphie". Der androgyne Männertypus 
— sagt er — und der gynandrische Frauentypus sind keineswegs an 
Homosexualität geknüpft. „Es gibt gewisse Typen, die man als eunuchoide 
bezeichnet hat, sie machen ohne verschnitten zu sein den Eindruck von 
Kastraten, besitzen weibliche Körperformen, hohe Stimme, bartlose Ge- 
sichter. Meist besteht Azoospermie, vielfach Anorchie. Ihnen entsprechen 
Frauen, die körperlich viel Männliches haben. Diese auffallend weiblichen 
Männer und männlichen Weiber werden oft für homosexuell gehalten, sind 
aber nicht selten völlig heterosexuell, insofern, als sie Ergänzungen ihrer 
Individualität unter Typen finden, die dem anderen Geschlechte ange- 
hören. Diese sie fesselnden Typen sind allerdings auch androgyn." 

Diese Beweisführung stimmt nicht. Denn Hirschfeld gibt selbst zu, 
daß der weibliche Mann das männliche Weib sucht und auch oft findet. 
Es handelt sich bei diesen Formen nur um eine larvierte Homosexualität, 
wie ich sie eingehend beschrieben habe. . . . Dann aber gesteht Hirsch- 
feld die Tatsache: „Viele unter diesen Männern, die selbst ein erfahrener 
Expert nach ihrem Äußeren und Benehmen zunächst für Urninge hält, 
sind Masochisten" (S. 229). 

Schließlich aber sagt Hirschfeld (S. 300) : „Sehr oft findet man bei 
urnischen Männern und Frauen masochistisch Veranlagte." 

Damit ist aber der von uns geforderte Zusammenhang auch von der 
anderen Seite als vorhanden bestätigt. Die Wichtigkeit dieses Zusammen- 
hanges soll erst später behandelt werden. Ich zitiere hier den Fall von 
Kind 2 ). 

Fall Nr. 7. „Schon in frühester Jugend befand sich Frau Y. in einem 
Milieu, das infolge von mangelhafter Erziehung uud Aufsicht zu erotischer 
Zügellosigkeit tendierte. Vom 8. Jahre an begannen sexuelle Reizhandlungen 
mit gleichaltrigen Knaben und Mädchen sowie mit Erwachsenen. Wäre eine 
Disposition zur HeteroSexualität bei ihr vorhanden gewesen, so hätte sie sich 
hier schon äußern können. Aber im Gegenteil ; sie schaute als Zehnjährige 



') Vgl. Bd. n. 

2 ) Kind: Über die Komplikationen der Homosexualität mit anderen sexuellen 
Anomalien. Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, IX. Jahrg. 

Stekel, Störungen des Trieb- und Affekllobens. VTII. 9 



130 



Sadismus und Masochismus. 



heimlich durch ein Fenster zu, quomodo ancillae patris cauponis ab hospitibus 
quibusdam futuerentur, und masturbierte hinterher in der Vorstellung, sie sei 
der betreffende Mann. Auch hatte sie schon damals Orgasmus, wenn sie 
andere Mädchen Ungua manuque befriedigte, ohne sich selber irgendwie zu be- 
rühren. Sie zog mit ihrer Familie als Kunstradfahrerin von Variete' zu Variet6 
und mußte sich mehrfach Männer aufdrängen lassen, deren actiones sie kalt 
und unbeteiligt über sich ergehen ließ. Weiber dagegen versetzten sie sofort 
in Exzitation. Der eben genossene Anblick der trikotbekleideten Kolleginnen 
hinter der Bühne bewirkte, daß sie selbst währeud ihrer Radfahrproduktion 
vor dem Publikum vollen Orgasmus bekam. Sie brauchte (und braucht jetzt 
noch) nur in der Straßenbahn einer schönen Frau gegenüber zu sitzen, um 
plötzlich „wegzuschwimmen". 

Inzwischen hatte sich auch die masochistische Färbung ihrer Libido 
völlig ausgebildet. Es ist bei der Y. der Drang vorhanden, ihrer Partnerin 
um jeden Preis Orgasmus zu verschaffen, und zwar in der Art, daß sie der- 
selben ein blind gefügiges Instrument der Befriedigung ist, sich von ihr aufs 
rücksichtsloseste zu solchem Zweck gebrauchen läßt und ihr eine Sklavin sein 
will, die jeder brutalen Laune und jedem unästhetischen Kitzel der Domina 
Genüge leisten muß. 

Sie hat im Laufe der Zeit eine große Anzahl von Partnerinnen ge- 
funden, fast lauter heterosexuelle Frauen, die teils auf Bitten, teils aus eigener 
Initiative die entsprechende Gegenrolle übernahmen. Die vorgekommenen Lust- 
handlungen zwischen beiden Partnerinnen bewegten sieh in dem bekannten 
Kreislauf. Die Y. wurde mit verbalen Insulten gemeinster Art bedacht, ge- 
schlagen, getreten, gekratzt, gestochen, debebat pedes, cunnum, anum amicae 
lingere atque os praebere ad ejus mictionem usw. ; denique adesse et adjuvare 
solebat, quando femina mentula fututoris delectabatur. Szenen der letzteren 
Art führten übrigens, bei Verkennung der subjektiven Grundlage dieser Hand- 
lungen, zu einer schweren Verurteilung der Y. aus § 180 Str.-Gb. Hinzuzu- 
fügen ist, daß der maritus der Y., der sie vor drei Jahren heiratete, nur die 
sekundäre Rolle eines Surrogats in diesem erotischen System spielt. Die Y. 
bleibt in cohabitatione vollkommen frigid, sobald sie dabei nicht gerauft, ge- 
stochen, insultiert oder bespieen wird; sie stellt sich dann als Urheber solcher 
algolagnistischer Aktivität geschwind ein Weib vor und erhält den gewünschten 
Orgasmus, wenn auch in minderer Höhe. 

Die masochistische Tendenz der Y., ihre Unempfindlichkeit gegen 
Schmerz, die Verkehrung der Schmerz- in Lustempfindung ist absolut nur auf 
gleichgeschlechtlichen Verkehr eingestellt. Wenn sie sich etwa unversehens an 
einer Tischkante anstößt, schreit sie auf; Scheltworte und Schläge von Seiten 
eines Manries bringen sie in Harnisch. Dagegen nimmt sie solche, ebenso wie 
blutunterlaufene Striemen von Seiten eines Weibes in regungslosem Ent- 
zücken hin." 

Hier sehen wir einen Zusammenhang zwischen Masochismus und 
Homosexualität, der unbedingt der Aufklärung bedarf. Das Gegenstück zu 
diesem Falle, einen männlichen Sadisten, werden wir später kennen lernen. 
Auch dieser Sadist ist ein ausgesprochener Homosexueller. 

Es ist klar, daß Hirschfeld um jeden Preis seine These von der 
angeborenen Homosexualität verteidigen muß. Mischformen, die das 
Gesetz der allgemeinen Bisexualität beweisen, werden von ihm in ein 



Beziehungen des Sado-Masochismus zur Homosexualität. 



131 



System gezwängt, welches den Götzen Homosexualität als oberste Souverä- 
nität konserviert. In seiner „Sexualpathologie" x ) spricht er im dritten 
Teile über „Sexuelle Zwischenstufen" (Das männliche Weib und der weib- 
liche Mann). Zu den Zwischenstufen zählt er die echten Hermaphroditen, 
die Androgynie, den Transvestitismus, die Homosexualität und den „Meta- 
tropismus". Ein sadistischer Mann und eine masochistische Frau sind 
für ihn nur Steigerungen der normalen Aktivität und Aggressivität des 
Mannes und der Passivität und Unterwerfung des Weibes. Dagegen zeigen 
der masochistische Mann und die sadistische Frau eine Art Inversion ihres 
ursprünglichen Geschlechtscharakters, sie sind einem verkehrten sexuellen 
Tropismus unterworfen, daher der Name „Metatropismus." Er sagt: „Vom 
sexualpsychologischen Gesichtspunkt aus sind der Masochismus des Weibes 
und der Masochismus des Mannes zwei grundverschiedene Dinge, und 
ebenso der Sadismus des Mannes und des Weibes. In dem einen Falle 
handelt es sich um einen Exzeß, im anderen um eine Inversion, der eine 
Fall bedeutet nur eine Steigerung, der andere aber eine völlige 
Umkehrung des eigentlichen Geschlechtstypus." 

In solche Sackgassen gerät man, wenn man die Ergebnisse der Ana- 
lyse vollkommen übersieht. Diese Scheidung ist künstlich. Denn es gibt 
im Grunde genommen nur eine Steigerung des Sadismus. Die masochi- 
stischen Erscheinungen sind Umkehrungen des Sadismus. Die Beziehung 
zur Homosexualität ist ganz klar. Der Masochist zeigt die gleiche Grund- 
einstellung, die ich für den Homosexuellen nachweisen konnte. (Ich spreche 
jetzt vom männlichen Masochisten.) Er haßt das Weib — oft mit einer 
einzigen Ausnahme. Dieser Haß treibt ihn zur Homosexualität. Er wird 
also entweder ein Homosexueller oder er flieht in die Kindheit, er 
regrediert und wird zum Kind. Die Trisexualität läßt drei Wege für 
jedes Geschlechtswesen offen: Mann, Weib und Kind. Der Masochist (auch 
der Sadist — unter bestimmten Umständen) wird zum Kinde. Der Infan- 
tilismus ermöglicht ihm zoantropische Tendenzen. (Reiches Material in 
Band V.) Er wird ein Hund, ein Pferd oder auch ein toter Gegenstand. 
(Animismus.) Er beneidet den Stuhl, den Abort, das Nachtgeschirr auf 
dem die „hohe Herrin" sitzt. Er spielt die Szenen der Kindheit. Er sucht 
eine strenge Lehrerin, macht Aufgaben, läßt sich in den Winkel stellen. 
Aber sein Masochismus verbirgt nur den ursprünglichen Sadismus. Hirsch- 
feld selbst betont, daß sich Masochisten, die sich dem Weibe willig unter- 
werfen, im Leben Sadisten sind 2 ). Die homosexuelle Komponente der Sado- 



J ) Bonn 1918, A. Marcus & Webers Verlag. 

*) Hirschfeld erzählt : „Während des Krieges suchte micli einmal ein Unter- 
offizier auf, der keinen sehnlicheren Wunsch hatte, als das Dienstmädchen einer recht 
strengen Herrin zu sein. Dieser teilte mir mit, daß er in seiner Truppe verrufen sei, 
weil er Soldaten beim Exerzieren „so fürchterlich schleife". Es täte ihm wohl, wenn 

9* 



132 



Sadismus und Masochismus. 



Masochisten sollte Hirschfeld doch aufgefallen sein. Er berichtet "von einer 
Berliner SadisÜD, welche über eine reich assortierte Folterkammer ver- 
fügte. Er besuchte sie aus -wissenschaftlichem Interesse und überraschte 
sie um die Mittagszeit im Bette mit einer weiblichen Person, der sie die 
zärtlichsten Kosenamen beilegte 1 ). 

„Als ich den Fall später ", erzählt Hirschfeld „mit Eulenburg be- 
sprach, äußerte er die Meinung, daß nach seiner stattlichen Erfahrung 
die große Mehrzahl derjenigen Frauen, welche gewerbsmäßig Maso- 
chisten peinigen, überhaupt nicht Sadistinnen sondern Lesbierinnen 
seien." 

Auch weiß Hirschfeld ganz gut, daß die Masochisten das männliche 
Weib und die Sadistinnen den weiblichen Mann suchen. Den Infantilismus 
verraten die masochistischen Spiele. Der Masochist will am liebsten ein 
„Schüler" 2 ) sein. 

Es ist klar, daß die Flucht in die Kindheit ein Ausweichen vor der 
normalen Geschlechtsfunktion bedeutet. Nur darf man dieses Ausweichen 



er so lange „auf, nieder" kommandieren könnte, bis die Leute vor Wut ganz erbost 
auf ihn seien, gleichzeitig aber hätte er mit ihnen tiefes Bedauern. Frauen, die aus 
dem Masochismua der Männer ein Gewerbe machen, berichten, daß unter ihren Kunden 
auffallend viel „schneidige Herren mit Durchziehern", eine sagte „Assessoren, Staats- 
anwälte und Offiziere" seien." 

*) 'ola, der grandiose Psychologe, läßt Nana mit einer Dirne zärtlich sein, 
während sie ihren Grafen zum Hunde degradiert. Nana zeigt der Dirne den Willen 
zur Unterwerfung, dem Grafen ihren absoluten Willen zur Macht, der sich in sinn- 
losen Quälereien äußert. Der Graf, der sich im Zustande der sexuellen Hörigkeit be- 
findet, muß auf allen Vieren im Zimmer kriechen und apportieren. Dieselbe Nana ist 
aber einem häßlichen Schauspieler gegenüber vollkommen masochistisch eingestellt. Sie 
läßt sich von ihm ohrfeigen, schlagen, martern, weil er ihr den Herrn zeigt. So zeigt 
eine und dieselbe Person alle Reaktionen nach beiden Seiten hin, zu Mann und Weib. 

s ) Hirschfeld berichtet: „Zu den eigentlichen metatropischen Handlungen über- 
gehend, erwähnen wir zunächst das „Schulespielen". Es besteht darin, daß ein erwach- 
sener Mann die Sehnsucht hat, von einem Weibe, seiner Gouvernante oder Erzieherin, 
wie ein Schulknabe, gelegentlich auch wie ein Schulmädchen behandelt zu werden. Sie 
muß ihm Rechenaufgaben stellen, Diktate oder Aufsätze anfertigen lassen, wobei sie 
wirkliche oder angebliche Fehler aufs strengste rügt. „Wie schreibst du denn wieder?" 
herrscht sie ihn an und zieht ihn an den Ohren; oder sie sagt: „Dir werde ich schon 
die Flötentöne beibringen"; dann bekommt er Strafarbeiten, muß einen Satz zwanzig- 
mal abschreiben und wird dann schließlich in eine Ecke gestellt, oder erhält gar eine 
„Backpfeife". — Ich kannte einen 53jährigen Staatsbeamten, der mehrmals im Monat 
als Knabe gekleidet, mit kurzen Hosen und Bluse, unter dem Arm eine Schiefertafel mit 
Griffel und Schwamm, zu seiner „Gouvernante" ging, wobei auf der Straße ein weiter 
Mantel die Sonderart seines Anzuges verhüllte. Wenn er ankam, zeigte er erst seine 
Hände vor, damit die Erzieherin feststelle, ob er sich auch sauber gewaschen hätte 
Dann setzte er sich an ein Schülerpult und buchstabierte in der Fibel. Darauf schrieb 
er mit einem Griffel auf der Schiefertafel und zahlte 10 Mark für die Stunde." 



Beziehungen des Sado-Masochismus zur Homosexualität, 



133 



nicht allein aus dem Gefühle der Minderwertigkeit heraus erklären, wie 
es Kronfeld x ) neuerdings in Anlehnung an Adler tut. 

Kronfeld hat aus eigenen Beobachtungen den Schluß gezogen, daß die 
Grausamkeit aus überreiztem, ohnmächtigem Selbstbewußtsein entsteht. „Es ist 
klar« S agt er — „daß psychologisch die mit Ohnmachtsgefühlen ver- 
bundene Labilität sexueller Selbstbehauptung und Selbstdarstellung entweder 
durch einen resentimentalen Protest (Adler) und so auch zu sadistischen Ein- 
stellungen führt, oder daß sie ergebung6voll hingenommen und selbst zur Lust- 
quelle werden kann, so daß das Ich in dem Ohnmachtsgefühl und in der 
Wehrlosigkeit gegen dieselben schwelgt, woraus dann Masochismen zu er- 
wachsen vermögen. Es ist mir immer sinnlos erschienen, mit Freud eine sadi- 
stische und masochistisehe Partialkomponente der Libido als ursprüngliche 
angeborene Teiltriebe anzunehmen, denn diese Annahme erklärt gar nichts und 
ist selbst wieder unerklärlich." 

Auch bei sadistischen Frauen findet er die Paraphilie als ein Widerspiel 
einer tiefen Unsicherheit im Bewußtsein des erotischen Eigenwertes. 

Diese an und für sich richtigen Beobachtungen, die wir selbst an zahl- 
reichen Beispielen bestätigen werden, sind nur ein Beitrag zur Psychogenese 
des sadistischen Phänomens. Die genaue Analyse weist auf die Bedeutung der 
individuellen Entwicklungsgeschichte. Das Minderwertigkeitsgefühl wird durch 
körperliche Anomalien verstärkt, aber es ist immer durch ein Schuldbewußtsein 
begründet. Dieses Schuldbewußtsein treibt den Paraphilen in die Kindheit zu- 
rück. Es gibt ihm die Möglichkeit sein Leben neu zu beginnen, und zwar dort 
zu beginnen, wo seine pathologische Reaktion einsetzt. 

Richtig ist, daß der Sado-Masochist zwischen Mann und Weib steht und 
sich nicht für die Richtung entscheiden kann. Wir werden daher immer 
wieder ein Ausweichen vor der normalen Geschlechtsbefriedigung und eine 
Regression in das Infantile beobachten können. Man könnte sagen: Der 
Sado-Masochist läßt sich noch alle Wege offen. Er steht noch vor der end- 
gültigen Wahl des Liebesobjektes. In den meisten Fällen ist er sich seiner 
homosexuellen Einstellung gar nicht bewußt. 

Kehren wir zu unserer Kasuistik zurück, welche uns den Zusammen- 
hang von Sado-Masochismus und Homosexualität beweisen soll. 

Zu diesem Kapitel gehört auch der Fall von Zastrow, den ich bei 
Kraft-Ebing finde: 

„Bei dem Umstand, daß eine fast regelmäßige Begleiterscheinung der 
konträren Sexualempfindung ein krankhaft gesteigertes Geschlechtsleben ist, 
werden wollüstig-grausame sadistische Akte in Befriedigung der Libido leicht 
möglich. Ein bezeichnendes Beispiel in dieser Hinsicht ist der Fall Zastrow 
(Casper-Liman, 7. Aufl., Bd. 1, Bd. 160, II, S. 487), der eines seiner Opfer, 
einen Knaben, biß, bis ihm das Präputium zerriß, den Anus schlitzte und das 
Kind strangulierte. 

Z. stammte von psychopathischem Großvater, melancholischer Mutter; 
deren Bruder fröhnte abnormem Geschlechtsgenusse und beging Selbstmord. 

Z. war ein geborener Urning, war in Habitus und Beschäftigung männ- 
lich geartet, mit Phimosis behaftet, ein psychisch schwacher, ganz verschro- 



J ) Handwörterbuch der Sexualwissenschaften. 1923. Verl. Marcus und Weber. 
„Sadismus." 



134 



Sadismus und Masochismus. 



bener, sozial unbrauchbarer Mensch. Er hatte Horror feminae, fühlte sich in 
seinen Träumen als Weib dem Manne gegenüber, hatte peinliches Bewußtsein 
der fehlenden normalen Gesehlechtsempfindung und des perversen Triebes 
versuchte durch mutuelle Onanie Befriedigung und hatte häufig päderastische 
Gelüste." 

Über die homosexuelle Komponente bei Masochisten und Fetischisten 
finden sich auch bei Moll einige sehr interessante Angaben: 

„Über fetischistische, masochistische und sadistische Neigungen der konträr 
sexuell empfindenden Weiber vermochte ich gleichfalls einiges zu erfahren. 
Von dem homosexuellen Verhältnis zweier Frauen weiß ich, daß die eine, die 
aktive, auf Wunsch der passiven zu Hause stets in Männerkleidern, und zwar 
in kurzen Sammethosen geht." 

„Es wird oft genug in Bühnenstücken und auch in Romanen dargestellt 
wie das Weib nur den Mann liebt, dessen physische Übermacht über sich 
selbst sie erkennt. Diese kann so weit gehen, daß des Weibes Liebe gerade 
dem Manne gegenüber am heftigsten ist, dessen körperliche Stärke sie am 
eigenen Leibe erfahren hat, und sei es selbst in empfangenen Schlägen. Mag 
der eine diese Fälle für pervers und pathologisch, ein anderer für normal 
halten, diese Frage soll uns hier nicht beschäftigen. Tatsache ist, daß dies 
oft genug vorkommt. In analoger Weise sehen wir, daß auch in manchen 
homosexuellen Liebesverhältnissen von Frauen der eine Teil vollständig dem 
anderen untergeordnet ist. Dann kann es so weit kommen, daß die Miß- 
handlungen der einen Person durch die andere nicht nur die Liebe 
nicht erkalten lassen, sondern sie geradezu wieder anfachen In 
mehreren mir bekannten homosexuellen Liebesverhältnissen von Weibern wird 
es für ganz selbstverständlich betrachtet, daß der eine Teil von dem andern 
bei etwaigem Widerspruche öfters durch Schläge gestraft wird. In anderen 
Fallen findet m dieser Beziehung keine strenge Rollenverteilung statt, sondern 
gelegentliche Schlägereien, bei denen beide sich in gleicher Weise beteiligen, 
dienen dann zur Vermehrung der Liebe. Diese Fälle scheinen mir weniger 
Interesse zu bieten, als die ersteren, wo eine strenge Rollenverteilung statt- 
findet. ■ 

„In allen diesen Fällen aber haben wir es immer noch mit Erscheinungen 
zu tun die zwar in der Homosexualität etwas Pathologisches zeigen, bei denen 
aber das Sehlagen wohl nicht als etwas besonders krankhaftes aufgefaßt 
werden darf. Das Schlagen und der Streit sind hier gewissermaßen Mittel, die 
Liebe zu befestigen. Anders aber liegt es in den Fällen, wo das Schlagen 
selbst den sexuellen Reiz gewährt, und wo eine andere Art der Befriedigung 
entweder nicht gesucht oder doch als das Nebensächliche betrachtet wird! 
Gerade auf homosexueller Grundlage finden wir derartige Vor- 
gänge öfters. Solche Weiber haben dann den Genuß darin, entweder das 
geliebte Weib selbst zu geißeln und auf andere Weise zu züchtigen, oder der 
Reiz besteht in selbst empfangenen Schlägen." 

„Daß übrigens ebenso wie Geißelungen von Knaben auch Geißelungen 
von Mädchen von Dienstherrinnen, Pensionsvorsteherinnen usw. aus Wollust 
vorgekommen sind, kann keinem Zweifel unterliegen. Wer die ausführliche 
Arbeit von Cooper^) liest, wird eine solche Deutung vieler Stellen dieses Bu- 

') The Hex, Wm. M. Cooper: Flagellation and the Flagellants. History of the 
Rod in all Countries from the earliest Period to the present Time. London. 



Beziehungen, des Sado-Masochismus zur Homosexualität. 



135 



ches für richtig halten. In einem stark erotischen und zum großen Teil ob- 
szönen Büchlein werden die wildesten Orgien im Anschluß an die homo- 
sexuellen Züchtigungen von jungen Mädchen durch ihre Erzieherin geschildert" 1 ). 
(Moll, Die conträre Sexualempfindung, S. 564.) 

Hier möchte ich einen Fall eigener Beobachtung anschließen: 

Fall Nr. 8. Herr Z. R. berichtet über folgende Form der Paraphilie. Er 
findet seine Befriedigung nur dann, wenn sich die Partnerin vor ihm ernied- 
rigt. Je demütiger ihre Handlung ist, desto größer sein Genuß. Er hatte 
bisher noch nicht den Mut, andere Frauen als käufliche Dirnen zu erobern 
und zu diesen demütigenden Handlungen zu zwingen. Er läßt sie die Töpfe 
hinaustragen, die er voll gemacht hat, läßt sich von ihnen bedienen und 
richtet sie auch ab, vor ihm niederzuknien und seine Füße zu küssen. Die 
Szene, die er mit Vorliebe aufführen läßt, hat folgenden Verlauf. Er tritt ins 
Zimmer und alle anwesenden Dirnen werfen sich auf den Boden und rufen: 
„Wir grüßen dich o Herr! Wir küssen den Saum deines Gewandes! 
Wir küssen deine Füße!" Er nickt nur gnädig mit dem Kopfe und be- 
gibt sich mit der auserwählten Favoritin, die noch besser bezahlt wird als die 
anderen Mitspielerinnen, in ein separiertes Gemach. Hier muß sie ihm demütig 
und unterwürfig die Hand küssen, wobei ihr ganz leichte Schläge über den 
Kücken verabreicht werden. Es sind eigentlich keine Schläge sondern nur 
Bewegungen wie sie Schlägen entsprechen, würden. Dann läßt er sich von der 
Dirne ganz entkleiden. Er läßt sich nicht nur die Schuhe ausziehen, sondern 
auch alle Kleider, bis er splitternackt ist. Dann erfolgt eine Defäkation, bei 
der ihm die Partnerin assistieren muß. Sie muß ihn reinigen und dann die 
Exkrete hinaustragen. Die Vorstellung, daß sie seinen Speichel aufleckt, ihm Küsse 
auf den Anus gibt, erzeugt große Steigerung der Libido. Wir sehen hier deut- 
lich die Fixierung einer bestimmten infantilen Szene. Der Kranke denkt offenbar 
an die Zeit, da er noch der Herrscher im Elternhaus war, an seine selige 
Kinderzeit, da die Mutter ihm alle diese Dienste verrichtete. Er wurde maßlos 
verzärtelt, weil er nach fünf Mädchen der erste Knabe und der Erbe eines 
stolzen Namens war. Seine Mutter machte aus ihm einen kleinen Gott, der 
das ganze Haus tyrannisierte. Sie starb als er 8 Jahre alt war. Er bekam 
nun eine Stiefmutter, die ihn sehr liebevoll behandelte aber zugleich sehr 
energisch war und keine Unarten duldete. Diese hätte er sich gerne unter- 
worfen wie er es bisher gewohnt war, stieß aber auf unüberwindlichen Wider- 
stand. 

Von dieser Zeit an datiert seine Flucht in die Krankheit. Er half sich 
immer, wenn seine Wünsche nicht erfüllt wurden, mit Kopfschmerzen. Erst 
war es Verstellung und ein Spiel, um dem Lernen und allen anderen unan- 
genehmen Pflichten zu entgehen, dann begann er selbst an seine Kopfschmerzen 
zu glauben. Sie wurden so rasend, daß er im finsteren Zimmer allein bleiben 
und sich gegen alle Welt absperren mußte. Er wurde vielen berühmten Ärzten 
vorgestellt, die alle keinen Rat wußten. Selbst einer Trepanation ließ er sich 
unterziehen, Punktionen des Rückenmarkes wurden vorgenommen .... alles 
ohne Erfolg. Er begann ein Antipyrin- und ein Phenazetinesser zu werden. 
Diese Mitteln wurden dann vom Aspirin abgelöst, von dem er schon seit Jahr 
und Tag 2 — 3 g täglich nimmt. Er behauptet nach einer Tablette 1 — 2 Stun- 
den Ruhe zu haben. 



») E.D.: Les Callipyges ou les Delices de la Verge. Tome I et II, Paris 1892. 



136 



Sadismus und Masochismus. 



Die Homosexualität wird von diesem Kranken offen zugegeben. In der 
Kindheit unterhielt er Beziehungen zu gleichaltrigen Jungen. Später hatte er 
im Gymnasium ein Verhältnis mit einem Mitschüler. Fühlt sich auch jetzt zu 
Mannern hingezogen und kann einen schönen Mann mehr als eine Frau be- 
wundern. In seinen Beziehungen zu Männern verschwinden die sadistischen 
Einstellungen, die wir geschildert haben. Er würde sich schämen, sich von 
einem Manne so bedienen zu lassen. Dagegen hätte er schon oft mit dem 
Gedanken gespielt, einem Manne zu dienen. Wenn dies ein be- 
deutender Mann wäre, so würde das ja keine Demütigung be- 
deuten. ° 

In seine Phantasien spielen Erlöserideen eine große Rolle Er ist der 
Heiland, er ist der Erlöser, er könne durch seine Kopfschmerzen die Mensch- 
heit erlösen Er weiß, daß es nur kindische Phantasien sind und hängt diesen 
Gedanken doch gerne nach. Im Lupanar spielt er biblische Szenen. Er ist 
Christus der sich von Magdalena die Füße küssen läßt. Er interes- 
siert sich für die Dirnen und möchte sie aus dem sündigen Leben retten. Er 
dachte schon daran, eine Dirne zu heiraten, die ihm als Dank, weil er sie aus 
dem Sundenpfuhl befreit habe, ganz unterwürfig wäre. Er träumt häufig, daß 
er gefallene Mädchen aufrichtet. ' 

Die sadistische Szene soll ihm die Möglichkeit geben, seinen Phantasien 
eine Spur von Realität zu verleihen. Denn im Hause ist er längst nicht mehr 
der Herr. Da er es zu nichts brachte und nur vom Gelde seines Vaters lebt, 
so fühlt er sich gedemütigt und zurückgesetzt. Er ist empfindlich und kann 
in Wut geraten, wenn man ihm seine Kopfschmerzen nicht glaubt. Dabei 
steigert sich das sexuelle Begehren von Tag zu Tag. Er muß schon täglich 
zu seiner Dirne gehen, die sexuellen Gedanken untergraben seine schüchternen 
Versuche za arbeiten und zu studieren. Er beginnt jenen unwiderstehlichen 

^TJn A f U T m n Z T n '- dea ^ a,S larvierte Homosexualität erkennen 
SSKLrS T Que,l6 T SCmer Para P hüie d eutet auch der Umstand, daß das 

Szene Zi Z^ iT ™° T* 1 in mVM ist Es Scheint al * ob ^ie 

Szene auch die Umkehrung einer anderen nie erlebten ist: Er will dem Vater 

tTJJZ \ hm M di H Dirne seiD ' die ihm alle niedri ^ n Die ^ vSwSSJ 

Z 2L« MU " e f e f? Zeü Uad dem Yater alle Liebe bieten, deren 
L rZ X V H Stebt ' daß 6r S6ine Stiefm ^r haßt und wiederholt mit 

dem Gedanken spielte, sie zu vergiften um sich so von der lästigen Neben- 
buhlerin zu befreien. 5 

Tiefe Einblicke in das Leben eines Masochisten bringt der nächste 
Fall, den mir Dr. Stoltenhof, der nach der vorliegenden Analyse in Wien 
unter meiner Leitung studierte, zur Verfügung stellt. Der Fall führt uns 
in die Tiefen des menschlichen Lebens. Man würde es nicht für möglich 
halten, wie weit eine masochistische Einstellung führen kann. Die Be- 
ziehungen zur Homosexualität waren dem Patienten dunkel und sind erst 
in der Analyse bewußt gemacht worden. 

Fall Nr. 8. N. P. kam mit der bereits vielfach gestellten Diagnose „Morbus 
tfasedown in meine Ordination. Die körperliche Untersuchung ergab: Ex- 
ophthalmus mittleren Grades ; beiderseitige Schwellung der Thyreoidea ; Cor von 
normaler Größe, Töne rein; Puls in Ruhe 100—120, unregelmäßig; Haut- 
uno: behnenreflexe sehr lebhaft; geringes Fettpolster: starker Tremor inanuum 
die übrigen Organe o. B. 



Beziehungen des Sado-Masochismus zur Homosexualität. 



137 



Frühere Behandlung: Jod, Thyreoideapräparate, Galvanisation, Bäder 
(Pichtennadel, Wechselstrom, Kohlensäure), Digitalis, Morphium (!); alles ohne 
Erfolg. Die Hauptklagen des P. bezogen sich auf in unregelmäßigen Abständen 
jedoch ziemlich häufig auftretende „Herzanfälle" von wechselnder Stärke ; meist 
gingen sie mit so starken Angstzuständen einher, daß sie dem P. das Leben zur 
Qual machten. 

Einige kurze orientierende Fragen zeigten mir, daß die Sexualität des P. 
sehr viel abnormale und paraphile Züge aufwies. Durch Veröffentlichungen 
von Dr. Stekel (Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung, III. Auflage) 
auf die Zusammenhänge zwischen Sexualität und Herzangstanfällen aufmerksam 
geworden, schlug ich dem P. psychanalytische Behandlung vor, auf die er 
freudig einging. 

Die Kompliziertheit des Krankheitsfalles verbunden mit der Kürze der mir 
zur Behandlung zur Verfügung stehenden Zeit (5 Wochen) brachten es mit sich 
daß eine analytische Durchforschung der gesamten Symptome unmöglich war! 
wenn es mir auch gelang, den P. von seinen Herzanfällen zu befreien. Immerhin 
bietet der Fall eine solche Fülle interessanter Einzelheiten und Beziehungen daß 
eine Veröffentlichung, insbesondere vom kasuistischen Standpunkt aus, gerecht- 
fertigt erscheint. P. hat mir auf meinen Wunsch seinen Lebenslauf geschrieben und 
nach der Behandlung einen ausführlichen Nachtrag dazu geliefert ; diesen gebe 
ich jetzt im Auszug wieder und füge die aus dem ersten Lebenslauf bemerkens- 
werten Stelleu unter „I" ein. 

Ich wurde zu T. in der Schweiz geboren. Da ich außerehelich gezeugt 
wurde und meine Mutter zur Entbindung ins elterliche Haus kam, liegt es in 
der Natur der Sache, daß deren Eltern ihr große Vorwürfe gemacht haben und 
sie auch danach trachtete, durch Zuschnürung ihren Zustand vor der Außenwelt bis 
zum letzten Momente zu verbergen. Die Zeugung als solche stellt einen Verführungs- 
akt dar, welcher durch meinen Vater begangen wurde; meine Mutter war 
damals 16 Jahre alt, mein Vater stand bei meiner Zeugung im Alter von 
44 Jahren, also bestand ein fast 28 jähriger Altersunterschied zwischen meinen 
Eltern. Ich soll ein ruhiges, sanftes Kind gewesen sein. Ich wurde mittels Milchflasche 
genährt, habe also keine Muttermilch genossen. Später heiratete mein Vater meine 
Mutter und ging dieselbe zu ihm, wahrend ich im großelterlichem Hause verblieb. 
Kaum den Windeln entwachsen, wurde ich von meinem Großvater, der mich 
ungemein liebte, ins Bett zum gemeinsamen Schlafen genommen. Bis zu welchem 
Alter ich mit meinem Großvater zusammen geschlafen habe, kann ich leider nicht 
mehr konstatieren, jedenfalls erinnere ich mich jetzt sehr lebhaft an jene Zeit. 
Meine Kindesliebe wandte sich ganz meinen Großeltern zu, welche ich für meine 
Eltern hielt, zumal ich erst viel später den Namen P. offiziell angenommen 
habe. Ich erinnere mich, jedoch nur sehr dunkel, daß ich auch mit meiner 
Tante im Bett geschlafen habe, wobei sie mir ein Lied sang, das mich ungemein 
traurig stimmte, welches damit endete, daß ein Jäger seine Geliebte erstach, 
worauf ich für gewöhnlich einschlief. 

Nach Aussagen meiner Verwandten bin ich im Alter von l J / 2 Jahren aus 
dem Kinderstuhl gefallen und habe mir einige Zähne ausgeschlagen. Mit zwei 
Jahren brach unter mir, während der Notdurftverrichtung, ein brauner, tönerner 
Nachttopf zusammen, wodurch ich mich am Rücken sehr schwer verletzte, 
wovon noch heute eine große lange Narbe zu sehen ist. Mit drei Jahren (nicht 
wie im ersten Lebenslauf angegeben mit 6 Jahren) wurde ich von 2 Ärzten 
unter Narkose nach jüdischem Ritus beschnitten, woran ich mich nur sehr 
dunkel erinnere. 



138 



Sadismus und Masochismus. 



Im Alter von 5 Jahren kam ich in den städtischen Klosterkindergarten, 
dann in die Volksschule, ich erinnere mich, daß ich mit Absicht sehr schlecht 
gelernt habe. Ich bekam Hauslehrer und Lehrerinnen und trotz der vielen Schläge, 
die ich meistens von meiner Großmutter bekam, blieb ich ein faules, verlogenes 
Kind, konnte mich nicht ruhig verhalten und tat immer das Gegenteil von dem, 
was ich eigentlich richtig tun sollte. Meine Großmutter, eine außergewöhnlich 
despotische Frau, erzog mich in Feindschaft gegen meinen Vater, gegen meine 



Geschwister, welche ich bis dahin 



garnicht näher kannte. Mit Ach und Krach 



wurde ich von einer Klasse in die andere versetzt, bis ich nach einem Jahr, 
während der ersten Ferien, mit meiner Großmutter nach R. reiste. Ich lernte 
hier die mir sonst so verhaßten Geschwister, welche weit älter als ich waren, 
näher kennen, ohne jedoch meine Gesinnung ihnen gegenüber irgendwie zu 
ändern. Ich wußte damals schon, daß meine Großmutter nicht meine Mutter 
war, jedoch war mir meine wirkliche Mutter derart gleichgültig, daß es einmal 
in meiner Anwesenheit zwischen den beiden Frauen zu einer Auseinandersetzung 
kam, wobei es um die mütterliche Autorität sich handelte. Ich wußte mir diese 
Meinungsverschiedenheiten immer zu Nutze zu machen und erreichte bald bei 
meiner Mutter das, was mir die Großmutter verwehrte oder umgekehrt. Mein 
Großvater blieb immer der gleiche gute und mich zärtlich liebende Mensch, der 
sich um meine Erziehung jedoch sehr wenig bekümmerte. 

Im Alter von 5 Jahren hatte ich einen eigentümlichen Traum. I. In der 
Nähe unseres Hauses wohnte ein altes häßliches Weib, das von uns Kindern 
jämmerlich verspottet wurde. Mit diesem Weibe wurden wir geschreckt, und oft 
lief sie uns, wenn wir es zu toll trieben, mit einem Stocke nach. Mir träumte nun 
von diesem Weibe, daß ich in ihre Gefangenschaft gelangte und von ihr mißhandelt 
worden bin. Sie saß auf meiner Brust und fütterte mich unter Schimpfen und 
Schlägen mit menschlichen und tierischen Fäkalien. Ich bat vergebens um Befreiung. 
Diesen Traum kann ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen. 

Eines weiteren Anzeichens meiner Sexualität erinnere ich mich, daß wir 
eine Dienstmagd hatten, welcher ich oft instinktiv unter die Kleider kroch und 
einen scharfen penetranten Geruch von Fleisch und Kleidern einsog. Dieser 
Geruch löste in mir Wohlbehagen aus ; ich empfinde ihn noch heute, habe ihn 
aber bei keinem andern Weib wiedergefunden. Ebenso besinne ich mich, mit 
6 Jahren ein Mädchen geliebt zu haben, welches mit einem Auge schielte und 
einen schönen runden Podex hatte. Mein Wunsch war es immer, diesen Podex 
küssen zu dürfen. Wie eigenartig! Dieses Mädchen lebt heute als Frau in T. und 
löst in mir bei jetztzeitigem Anblick ein Gefühl des Ekels aus. 

Ich sah mit 5 Jahren zum erstenmal bei einer Freundin die Geschlechtsteile, 
und zwar saß das damals vielleicht auch erst fünfjährige Mädchen in hockender 
Kniebeugestellung über ein Klosettloch und zeigte mir die feuerrote Linie zwischen 
ihren Füßen. Ein Bedürfnis dieselben zu berühren oder zu beriechen, hatte ich 
nicht, jedoch war ich über den Anblick der Sache höchst erstaunt und tat 
geheimnisvoll. Um diese Zeit muß sich auch der Verkehr mit meinem Freunde 
F. abgespielt haben. Wir gingen immer zusammen ins Klosett, nahmen uns 
gegenseitig die Geschlechtsteile in den Mund, urinierten uns gegenseitig ebenfalls 
in den Mund oder leckten uns gegenseitig im Anus 1 ). Noch einer interessanten 
Begebenheit im 5. Lebensjahr erinnere ich mich. Meine Tante, eine Schwester 
meiner Mutter, kam aus einer Lungenheilanstalt nach Hause und schlief auf 

') Diese sehr wichtige Erinnerung tauchte erst gegen Ende der analytischen Be- 
handlung auf. 



Beziehungen des Sado-MaBOchisinus zur Homosexualität, 139 

einem Kanapee — ich kroch zu ihr unter die Decke und beleckte ihre ziemlich 
übelriechenden Füsse. Auf die Frage, was ich denn tue, entgegnete ich, Hund 
spielen zu wollen. Langsam begann ich die Dinge zu erkennen, der Unterschied 
zwischen den Geschlechtern wurde mir bewußt, und ich war von einer unglaub- 
lichen Schamhaftigkeit. Auch das Verhältnis zu F. begann sich zu lockern, 
dafür aber war der Wunsch noch immer genug lebhaft vorhanden, denn ich 
kämpfte auf den Wiesen mit Knaben, welche viel schwächer waren als ich, 
und dennoch ließ ich mich besiegen, weil ich wußte, daß der Sieger sich auf 
meine Brust setzen wird. 

Ich kam dann ins Elternhaus, kurz vor der Verehelichung meiner ältesten 
Schwester, wo ich einem unbekannten Drange nachging, den Urin meiner 
Schwester beobachtete, vielleicht auch trank; im Bette unserer Köchin schnüffelte 
ich herum ; ich suchte fort nach etwas mir überhaupt nicht bewußtem. In eine 
Kusine von mir verliebte ich mich, das Mädchen, in meinem Alter, war jedoch 
viel vernünftiger als ich selbst — sie war dick und nur einmal hatte ich 
Gelegenheit meine Hand auf ihren runden bekleideten Podex zu legen, was 
mir eine wahre Wonne war. Ich kam dann nach C. in die Realschule, wo 
ich mit Eifer meinem Studium nachging. 

Ich befreundete mich mit einem Klassenkollegen namens B. Trotzdem ich 
unter meinen Freunden, auch einen bereits in den . höheren Klassen stehenden 
Freund hatte, welcher mir die Schrecknisse der Onanie, deren Folge Rücken- 
marksehwindsucht, Paralyse usw. wären, schilderte, weihte mich mein Freund 
dennoch in das Geheimnis derselben ein. Eigenartigerweise gelang es nicht 
sofort, sondern erst nachdem ich große Angstzustände innerlich überwältigt 
hatte und B. mir wiederholt voronaniertc, gelangte ich nur bis zum Orgasmus, 
jedoch nicht zur Ejakulation. Eine lange Zeit habe ich dann nicht masturbiert, 
jedoch später angeregt durch den Verkehr mit meinen Pensionskollegen, ließ 
ich mich masturbieren, masturbierte meine Freunde und schließlich kam man 
auf den Koitus in os, wobei ich jedoch immer die Ejakulation zu verhindern 
suchte, da ich mich vor derselben aus mir heute unerklärlichen Gründen 
ängstigte, hingegen ejakulierte mir mein Freund direkt in den Mund, was 
bei mir großen Brechreiz hervorrief. 

Anfangs war ich über den sittlichen Zustand in der Pension derart 
entrüstet, daß ich an meine Eltern in dieser Richtung schrieb, wofür dieselben 
jedoch kein Verständnis hatten und da ich in diesem jugendlichen Sumpf 
bleiben mußte, so fiel ich ihm auch zum Opfer. Gegen einen Koitus in anum 
habe ich mich immer gewehrt, trotzdem ein Kamerad denselben an mir einmal 
versuchen wollte. Ich erinnere mich, daß ein erwachsenerer Zimmerkollege 
mich auf den Podexumfang unserer Pensionstochter aufmerksam machte und 
dazu bemerkte, daß solche Weiber mit größter Wollust koitieren. Sie war 
ein schönes vollformiges Mädchen und als ich dann in höhere Klassen mit 
Ach und Krach versetzt wurde, kam ich in das Zimmer der Jünglinge, wo 
mein Bett direkt an der Verbindungstür zum Wohnzimmer der Familie auf- 
gestellt wurde. Des Nachts, wenn sich alles zur Ruhe begeben hatte, lauschte 
ich an der Tür, jede Bewegung, jedes Wort des Mädchens erregte mich derart, 
daß ich bei dem Gedanken an sie manuell masturbierte. Als das Telegramm 
vom Tode meines Vaters einlangte, geleitete sie mich zur Bahn und gab mil- 
den ersten und auch den letzten Kuß. 

Trotzdem der Tod meines Vaters zur Genüge tragisch war, empfand ich 
eigentlich die Reise nach W. als -ein Vergnügen, denn erstens fühlte ich mich 
den Schrecknissen von C. entronnen und zweitens kam ich mir riesig wichtig 



140 



Sadismus und Masochismus. 



vor, da mir, als einzigem Sohn, das Erbe meines Vaters zukam. Außer, daß 
ich über alles verwundert war, was ich zu sehen bekam, hat mich der Tod 
meines Vaters nicht ergriffen, da ich ihn ja fast gar nicht gekannt habe — 
die Weiuerei der Leute war mir peinlich und noch viel peinlicher war mir 
der Umstand, daß ich beim besten Willen nicht weinen konnte und erst nach 
dem Begräbnis einen schweren Weinkrampf, ganz ohne Grund und Ursache 
bekam. Ich kam nach C. zurück, die alte Leier begann von neuem, das 
Studium wurde mir eine Last, der Verkehr mit meinen Freunden ebenfalls, 
80 daß ich recht glücklich war, als meine Mutter mich heimrief. Ich muß 
hier gestehen, daß ich zu meiner Mutter absolut keine Liebe empfand, was 
ich und sie mit Schmerz konstatierten. Ich verdächtigte sie im Geheimen, mit 
Männern im In- und Auslande Liebschaften zu pflegen, und stand ihr oft 
feindlich gegenüber. 

Nun brach sich die Pubertät mit aller Macht Bahn, leb koitierte zum 
ersten Male schon auf originelle Art und Weise. In einem Bordell lernte ich Anni 
kennen, welche direkt auf meine Unschuld brannte. Ich wurde bei Berührung 
mit ihr derart erregt, daß ich Angst hatte und mich ganz ungeschickt benahm. 
Sie führte endlich über mir sitzend mein Membrum in ihre Scheide ein und 
befriedigte mich auf diese Weise. Der Geschlechtsverkehr allein genügte mir 
nicht; ich warf mich nun unter den Vorstellungen mit irgend einem schönen 
Weib zu koitieren auf die Masturbation, welcher ich tausende Varianten beigab. 
Ich masturbierte jedenfalls damals mehr als ich koitierte und kam auf zirka 
200 Masturbationen ein Koitus. Interessant ist es, daß ich meine Schnüffeleien 
im Bette unserer Köchin noch weiter fortsetzte und daß mich der Geruch ihrer 
vertrockneten Päkalienflecke im Leintuch oder aber der Geschmack gelber 
Flecke im Oberbett furchtbar erregte. So ließ ich die schon ziemlich fanierte 
Magd auf Stiegen immer vorausgehen und bei dieser Gelegenheit brachte ich 
meine Nase ihrem Podex so nahe, daß ich den Stoffgerueh noch verspürte. 
Mein Wunsch, den Podex, der Magd zu küssen und zu beriechen, war so 
intensiv, daß ich des Nachts davon träumte, ohne aber zu einer Pollution zu 
kommen. Ich habe bis zum heutigen Tage in meinem ganzen Leben keine 
vollkommene Pollution gehabt — höchstens Orgasmus. 

Durch den Haß gegen meine Schwestern, für welchen ich eigentlich gar 
keine Begründung hatte, war ich für sie nur schwer zugänglich und als meine 
verheiratete Schwester nach B. kam, wurde ich plötzlich von einer rasenden 
Sinnlichkeit zu ihr erfaßt. Da ich sie oft während ihrer Schwangerschaft nach 
Hause begleiten mußte, hatte ich Gelegenheit mit ihrem kollosalen Körper in 
Berührung zu kommen, was mich ungemein erregte, fand ich einen Gegenstand, 
welcher von ihr getragen wurde, beroch ich denselben — der schöne natür- 
liche Duft erregte mich wahnsinnig und ich masturbierte. Zu erwähnen wäre 
noch ein Unterrock, den meine Schwester zu Hause trug, der verschiedene 
Flecke aufwies. Diesen Unterrock wickelte ich oft um meinen Penis .und habe, 
sogar auf die Gefahr hin entdeckt zu werden, in denselben ejakuliert, wobei 
ich die Teile des Rockes, welche meines Erachtens dem Unterleib meiner 
Schwester am nächsten waren, in den Mund nahm. Meiner damals noch ledigen 
Schwester stand ich etwas fremder gegenüber. Zur damaligen Zeit war ich 
derart von meiner Sinnlichkeit in Anspruch genommen, daß ich vergeßlich, 
zerstreut und nachlässig im höchsten Maße wurde. 

Nach der Verehelichung meiner jüngeren Schwester brachte mich mein 
neuer Schwager nach G., wo ich eine Kunstgewerbeschule besuchte. Meine 
Kunsterfolge waren sehr minimal, hingegen gab ich mich der Freiheit ganz 



Beziehungen des Sado-Masochisrnus zur Homosexualität. 



141 



hin, indem ich eifriger Korpsstudent wurde und zum Zweitchargierten avan- 
cierte. Dessenungeachtet masturbierte ich weiter und ging selten einmal ins 
Bordell. Ich zahlte dann auch der Puella sehr viel, nur damit der Koitus nicht 
maschinell erscheine. Ich kultivierte damals einen ungeheuren Größenwahnsinn, 
und zwar bildete ich mir ein, Präsident eines Kriegsgerichtes zu sein und 
sprach darüber jedoch nur zu den jeweiligen Mädchen, mit denen ich verkehrte. 
Anna, die Tochter eines Goldschmiedes, war mein Ideal, jedoch habe ich nie 
den Versuch unternommen mit ihr zu koitieren, hingegen eifrig von Moral und 
Sittlichkeit gepredigt, ebenso Rosa, ein Fräulein von 30 Jahren, liebte ich 
ihres schönen Podex halber, berührte höchstens denselben, aber zu einem 
Koitus kam es nicht. Während den Ferien kam ich für kurze Zeit zu einer 
Tante nach B., wo mich ein junger Mann auf die K . . . straße, damals den 
Knotenpunkt der Kokotten führte. Ich ekle mich plötzlich von dem gewerbs- 
mäßigen Weibe, die sich für mein Geld gar nicht ausziehen will, sondern es 
sehr eilig hat. Ich erinnerte mich jedoch später, daß ich in ihrem Zimmer 
Peitschen liegen sab, deren Bedeutung ich damals aber nicht kannte. 

Ich kam nach einigen Jahren wieder nach Hause und trat jetzt als Mit- 
arbeiter in das Geschäft ein, jedoch bestand meine Mitarbeit lediglich daraus, 
nichts zu tun, als dem Herrgott den Tag zu stehlen. 

Ich hatte mehrere Rendezvous mit verschiedenen Mädchen an einem Tag, 
kam fast jede Nacht mit Puellae publ. zusammen, gab Unsummen von Geld 
aus. Ein Weib, das ich ganz besonders hervorheben möehte, spielte damals in 
meinem Sexualleben eine überaus große Rolle. 

Gelegentlich einer Razzia durch das Quartier der Prostitution lernte ich 
Irene kennen. Sie war ein bildschönes Zigeunermädchen von vollem Wuchs 
und hatte stechende schwarze Augen, welche Sinnlichkeit und Niedrigkeit 
gleichzeitig ausdrückten. Ich ging mit ihr, und einem mir bis heute unerklär- 
lichem Drange folgend, forderte ich von ihr, sie möge sich entkleiden und 
mit ihrem Hintern über meinen Penis fahren, worauf sie auch geschäftsmäßig 
einging. Schon als das Weib mit dem Rücken zu mir auf meinem Schöße 
Platz genommen hatte, hatte ich sofort Orgasmus und, nachdem sie einigemal 
hin und hergerutscht war, Ejakulation. 

Ich honorierte das Mädchen fürstlich und als ich das zweitemal zu ihr 
kam, ca. 8 Tage nachher, forderte ich, an ihr Cunnilingum zu üben. Zu meinem 
Erstaunen schob sie mit dem Fuß einen kleinen Schemmel unter dem Bette 
hervor, auf welchem ich Platz nahm, sie setzte sich an den Rand des Bettes 
und ich begann mit der Zunge trotz ungeheurem Ekel und fortwährendem 
Brechreiz an den riechenden Geschlechtsteilen der Prostituierten zu lecken. Ich 
besuchte das Weib sehr häufig, habe jedoch dann äußerst selten, nur wenn 
sie es forderte, Cunnilingum vollführt, hingegen befriedigte ich mich immer 
bei ihr, indem sie sich mit dem Podex auf mein Gesicht setzte, ich au dem 
Anus herumroch, dadurch erregt wurde und inzwischen von ihr masturbiert 
wurde. 

Trotz alledem masturbierte ich weiter, da ich eine vollständige Befrie- 
digung nur in der Masturbation durch Unterbrechung hatte. Mit keinem anderen 
Mädchen jener Zeit habe ich so verkehrt wie mit Irene, koitierte so ziemlich 
leicht, bekam aber erst eine Erektion, wenn das Weib an meinen Geschlechts- 
teilen herumspielte. 

Ich rückte aus purem Idealismus ein, eine ernste Hoffnung hegend, im 
Kriege meine Leidenschaften los zu werden und kam nach langem hin und her 
in meine Garnison, nachdem noch ein hiesiger Freund ein homosexuelles 



142 



Sadismus und Masochismus. 



Attentat ohne Erfolg auf mich verüben wollte. Ich habe die schönsten Zeiten 
beim Militär in der Garnison mitgemacht. Ein Weib, welches ich ungemein 
liebte, eine Kusine von mir, besuchte mich, und mit ihr habe ich vielleicht 
das letztemal sexuell vollkommen normal unter ungeheurem Orgasmus und 
starker Ejakulation verkehrt — jedoch nur einmal und trotz mehrerer Ver- 
suche nie mehr. 1915 geriet ich verwundet iu Gefangenschaft. 

Zu einem entsetzlich langweiligem Dasein verbannt, begann ich wiederum 
zu masturbieren im Gedanken an die erlebten Szenen mit Irene. Der Beginn 
meiner Krankheit war ungefähr September 1916 eines Nachts im Spital in 
Sibirien; bemerken muß ich, daß kurz vorher ein Kamerad an Lungenentzün- 
dung gestorben war. Ich konnte nicht einschlafen und hatte es mir zur Ge- 
wohnheit gemacht, den Schlaf durch Masturbation herbeizuführen. Kurz vor 
der Befriedigung oder unmittelbar nachher verspüre ich ein heftiges Herz- 
klopfen und alarmiere den Arzt, der mir Brom eingab. Nun begann ein ent- 
setzliches Leiden! Des Nachts immer Herzklopfen, überhaupt kein Schlaf und 
Angstzustände, welche mit Worten überhaupt nicht zu schildern sind. So ging 
es bis zu meinem Aufenthalt in Dänemark, wohin ich aus der Gefangenschaft 
ausgetauscht wurde. Hier habe ich mich prächtig erholt und wenig onaniert 
und wurde dann nach W. als Halbinvalide für Kriegsdienste nicht geeignet 
abtransportiert l ). 

Sofort nachdem ich meine Freiheit erreicht hatte, besuchte ich ein Lu- 
panar, wo ich mit zwei Mädchen verkehrte, indem die eine meinen Penis leckte 
und die andere mit der Zunge auf meinem Körper herumfuhr. Ich war jedoch 
schon tatsächlich impotent, da alle Versuche, normal zu verkehren, plötzlich 
scheiterten. Als ich das zweitemal das Lupanar besuchte, kamen wieder zwei 
Mädchen in das Zimmer, und während die eine wiederum meinen Penis in den 
Mund nahm, sagte die andere zu mir, ich wäre ihr Sklave, sprang auf mich, 
brachte ihre Geschlechtsteile an meinen Mund und zwang mich, sie daran zu 
lecken. 

Im Sommer des Jahres 1918 traf ich eines Abends mit Anastasia zu- 
sammen, indem ich sie auf der Straße ansprach. Anastasia war eine jener 
Frauen, welche gelegentlich, vielleicht mehr aus Sport, sich der Prostitution 
ergeben. Ich ging mit ihr in ihre Wohnung. Wir entkleideten uns und da zwei 
Betten vorhanden waren, legte ich mich in das eine, Anastasia in das andere 
Bett. In der Folge rückten wir näher zu einander und trotzdem ich sie öfters 
auf den Busen, auf den Mund, auf die vollen Arme küßte, konstatierte sie, 
daß mein Glied sich nicht versteifte, während ich dennoch vor Erregung zitterte. 
Ich kann mich nicht mehr erinnern, was wir damals sprachen, jedoch ich weiß, 
daß Anastasia mir u. a. erzählte, ein Major verkehre bei ihr, den sie blutig 
schlagen mußte, damit er zur geschlechtlichen Befriedigung gelangen konnte, 
und schließlich frug sie mich, ob es mir nicht erwünscht wäre, von ihr auch 
geschlagen zu werden. Ob ich sofort auf das Angebot einging, kann ich mich 
nicht mehr besinnen, daß ich aber, als sie aus einem Kasten eine kleine Rute 
hervorholte, furchtbar aufgeregt war, liegt deutlich in meinem Bewußtsein. 
Ich legte mich um, sie setzte sich rittlings auf meinen Rücken, so daß mir 
bald der Atem verging und begann mich zu flagellieren, was mir große 
Schmerzen verursachte. Meine Gegenwehr nützte nichts, denn sie erhöhte sofort 



*) Die Darstellung des Krankheitsbeginnes ist falsch; es liegt eine Erinnerungs- 
täuschung vor, die in der Analyse korrigiert wurde; die richtige Schilderung der Ent- 
stehung de8 ersten Herzanfalls siehe weiter unten. 



Beziehungen des Sado-Masochismus zur Homosexualität. 



14a 



den Druck auf meinem Rücken und ließ erst ab, als ich zu stöhnen begann, 
da der Schmerz unerträglich wurde. Während nun Anastasia ihre Prozedur 
änderte, indem sie mich, ohne daß ich Gegenwehr leistete, ohrfeigte, mastur- 
bierte ich manuell, um mit aller Gewalt den Erfolg einer Befriedigung auf 
diese Weise zu forcieren. 

Ich muß aufrichtig gestehen, daß die Flagellation absolut keinen Ge- 
schlechtsreiz auf mich ausübte, hingegen die Gewalt, welche mir dabei wider- 
fuhr, also das Sitzen auf meinem Rücken, das Ohrfeigen, wobei sie mich auch 
an den Haaren zog, erregte mich ungemein, nicht aber sexuell (!). Die _ Erre- _ 
gang war eine innerliche, eine tiefe seelische Erregung, etwas unheimliches 
und dennoch anziehendes und habe ich Im 'Verläufe des weiteren Verkehrs mit 
Anastasia eigentlich nur den Zweck verfolgt, mich zu demütigen, tief unter 
das Tier zu erniedrigen. Mich auf die Schilderungen Kraft- Ebing ■ erinnernd, 
schrieb ich an Anastasia Briefe, worin ich sie bat, das Maß der Erniedrigungen 
zu erhöhen. Schon das Schreiben dieser pornographischen Briefe übte eine 
wahnsinnige Lust nach Erniedrigung auf mich aus, ich zitterte beim Schreiben 
und las nie, was ich geschrieben habe, denn ich wollte nicht mit ruhiger 
Überlegung daran denken. Anastasia behandelte mich so, wie ich es wünschte, 
ja sie verstand die ganze Sache vorzüglich. Sie empfing mich mit verschiedenen 
Beschwerden und Eifersuchtsszenen, worauf sie mich ohrfeigte. Ich mußte sie 
entkleiden, mich unter das Bett so legen, daß mein Kopf noch draußen war, 
und sie stellte ihren nackten Fuß auf meinen Mund mit der Aufforderung, an 
ihren Zehen zu lecken. Ihre Füße rochen nicht nach Schweiß und waren immer 
ziemlich sauber gehalten. Schließlich steckte sie mir den halben Fuß in den 
Mund. Dann mußte ich sie, was sie sehr gern tat, ad vaginam lecken, wobei 
sie ihre Geschlechtsteile zu meinen Munde brachte, indem sie über mir in 
hockender Stellung saß. 

Hierauf mußte ich sie auf allen Vieren durch das Zimmer reiten, wobei 
sie mich ad podicem flagellierte. Ich brach unter ihrer Last meistens zusammen, 
was sie nicht hinderte, mich durch Schläge anzufeuern. Hierauf urinierte sie in 
meinen Mund und ich trank den Urin, bis sich Brechreiz einstellte, worauf 
sie immer den Versuch unternahm, in meinen Mund zu defäzieren, was ihr 
jedoch nie gelang. Schon wälirend des Urinierens mußte ich masturbieren und 
erst als sie defäzieren wollte, brachte ich die Ejakulation hervor. Mit der 
Ejakulation stellte sich bei mir ein sofortiges Ekeln ein, verschämt erkannte 
ich mein Tun alß Wahnsinn, jedoch hinderte mich die Erkenntnis nicht, dieser 
Prozedur einigemal des Nachts zu fröhnen. 

Ich habe Anastasia nicht sehr oft besucht, da ich mich kolossal vor mir 
selbst schämte, jedoch genug, ich ging zu ihr und sie wollte mich oft dazu 
bewegen, noch eine Freundin oder einen ebenfalls perversen Mann zu der 
Behandlung hinzuzuziehen, worauf ich aber nicht einging. Als sie mich einmal 
auf der Straße traf und mir Vorwürfe machte, warum ich sie nicht besuchte, 
sagte sie: „Komm mit mir in das nächste Haustor, damit ich Dir paar Ohr- 
feigen geben kann, oder ich gebe sie Dir gleich hier", worauf ich sie bat, 
Abstand davon zu nehmen, da ich sie niederstechen müßte, im Falle sie sich 
auf offener Straße an mir vergreift. 

Das ist das Weib, welchem ich meine perverse Veranlagung verdanke, 
denn von jetzt ab wird der Wunsch nach Erniedrigung durch das Weib bei 
mir immer lebhafter, jedoch ich kann sagen, daß ich damals noch kein aus- 
gesprochener Masochist war, denn z. B. ich ließ mich absolut nicht fesseln, 
verkehrte auch noch mit anderen Mädchen ziemlich normal oder mit Kunni- 



144 Sadismus und Masochisnms. 

lingus und hatte keine Ahnung, bis zu welchem Abgrund diese fortwährenden 
Wünsche mich führen sollten. 

Ich kann nicht unerwähnt lassen, daß ich während jener Zeit auch an 
direktem Größenwahn gelitten habe. 

Es kam der Zusammenbruch und ich floh nach 0. In 0. hielt ich es 
nicht lange aus und machte mich auf die Reise nach R. zurück, wo meine 
Mutter bei meiner ältesten Schwester in C. wohnte. Das Schlimmste dabei war, 
daß ich nichts arbeitete, sondern weiter dem Herrgott den Tag stahl. Meine 
Schwester, welche alles unternahm, um mein Leben so angenehm wie möglieh 
zu gestalten, liebte ich sehr, jedoch von einer sexuellen Zuneigung war keine 
Spur mehr vorhanden. Sowohl ich als meine Mutter kränkelten in einemfort 
und so entschlossen wir uns auch auf Anraten der verschiedensten Ärzte ins 
Ausland zu gehen, was auch im Mai desselben Jahres geschah. In T. suchte 
ich ein Lupanar auf und wurde dort nach vielen Bitten von einer Puella miß- 
handelt. 

Hermine lernte ich während meines Aufenthaltes in M. kennen, sie war 
so blendend schön, daß ich mich wahnsinnig in die arme elternlose Pflege- 
tochter eines Kunstmalers verliebte, die auch unter Tränen mir ihre Liebe 
gestand. Das Komische dabei ist aber, daß ich sie nur rein seelisch liebte, 
trotz günstiger Gelegenheit an gar keinen Geschlechtsverkehr, ob normal, ob 
unnormal, dachte, was ich auf Impotenz deduzierte. 

Ich versuchte mir anfangs einzureden, daß ich Hermine nur deshalb 
nicht berühre, weil ich Achtung vor ihrer Naivität hatte, in Wirklichkeit suchte 
ich Geschlechtsverkehr mit Prostituierten, bei dem es ohne masochistische 
Szenerie nie zuging, und wußte genau, daß ich einfach impotent geworden 
bin. Als ich schließlich nicht mehr ausweichen konnte, war ich der Blamierte, 
denn es stellte sich heraus, daß ich komplett impotent bin. Durch diese Nieder- 
lage wurde ein Bruch zwischen mir und Hermine unvermeidlich und er vollzog 
sich, als ein neues Weib in mein Leben trat. 

Von wahnsinniger Sinnlichkeit getrieben, raste ich durch ganz Mittel- 
europa, indem ich überall als Grandseigneur auftrat, Lupanare fleißig besuchte, 
da und dort Liebesverhältnisse anbandelte. Ich kam auch nach 0., wo eine 
Puella mir zum erstenmal in den Mund defäzierte, worüber ich einen derartigen 
Ekel bekam, daß ich mir vornahm, niemehr so etwas zuzulassen. Durch einen 
Zufall entdeckte ich die Straße der Bordelle von K. und erzählte mir ein 
Mädchen, daß es da eine Folterkammer gäbe. Alle meine Versuche, normal zu 
verkehren, scheiterten, so daß ich mich entschloß, die Folterkammer aufzu- 
suchen. Die Behandlung geschah auf bereits geschilderte Weise, nur mit dem 
Unterschied, daß die Umgebung in der Folterkammer, wo alle Gegenstände 
zur Behandlung Perverser geeignet waren, auf mich einen großen unheimlichen 
Einfluß ausübte. Als ich dem neuerlichen Versuch nicht widerstehen konnte, 
mir in den Mund defäzieren zu lassen, legte ich ein Stück Papier auf mein 
Gesicht. Das Leben wurde mir unerträglich und gerade zu Sylvester, wo ich 
ganz ohne Geld geblieben war, wollte ich durch Sturz vom Fenster diesem 
verpfuschten Leben ein Ende bereiten, jedoch mir fehlte zu guter Letzt der Mut 
dazu, über die Vernunft siegte immer die Leidenschaft. 

Einmal lernte ich in B. eine Prostituierte kennen, welcher ich brieflich 
meine Perversionen geschildert hatte. Wir hatten ein Rendezvous für 8 Uhr 
Abend vereinbart. Sie kam eine Viertelstunde zu spät und hatte in einem Paket 
Peitschen, Stöcke, Stricke usw. mitgebracht. Als wir zusammen im kleinen 
einbettigen Zimmer waren, sagte sie: „Ich kann mir nicht denken, daß Du 



Beziehungen des Sado-Masochismua zur Homosexualität. 



145 



schon so pervers bist. Aber das Zimmer hier ist auch viel zu klein, wenn Du 
mit mir nach Hause gehen würdest, na ich würde Dich fesseln, schlagen, mit 
Dir herumreiten, und dann habe ich einen Hund, wenn Du Dich zur Wehr 
setzt, laß ich ihn auf Dich los. Ah, ich hätte Dir die Eier abgebunden, daß 
Du geschrien hättest und bei mir kannst Du schreien wie Du willst, da hört 
Dich keiner" usw. Diese Drohungen des Weibes erschreckten mich derart, 
daß ich sofort zu ihr jede Lust verlor nnd außer, daß sie mich etwas ad podicem 
flagellierte, wozu ihr Instrument, eine lange Kutscherpeitsche, viel zu groß 
und unhandlich war, kam es zu gamichts zwischen uns. 

Gelegentlich eines Spazierganges in 8. lernte ich Maria kennen. Sie besuchte 
mich und der erste Versuch, normal zu verkehren, scheiterte daran, daß ihre 
Geschlechtsorgane intensiv scharf rochen; sie war höchst aufgeregt und trotz- 
dem ich sie mit einem Kunnilingus beruhigt hatte, ekelte ich mich davor. 
Sie besuchte mich noch einigemal und immer endete die Sache mit Nichts. 
Ich übersiedelte dann, als mir meine Mittel ausgingen, ganz zu ihr und wir 
liebten uns ungemein, ja was Wunder, ich begann wieder normal zu verkehren, 
wenn ich auch dabei meine masochistischen Vorstellungen zu Hilfe nehmen 
mußte. Später übte ich an ihr Kunnilingus und sie nahm mein Glied ebenfalls 
in den Mund ohne jedes Ekelgefühl. Je länger wir zusammen verkehrten, desto 
mehr liebten wir uns, sie brachte mir die größten körperlichen und finanziellen 
Opfer und hat sich durch mich komplett ruiniert. Während dieser Periode 
meines Lebens, welche eineinhalb Jahre andauerte, waren mir alle anderen 
Weiber gleichgültig, auch wenn ich hie und da masturbierte. Leider haben es 
die Verhältnisse mit sich gebracht, daß ich fort mußte, da man mir in F. eine 
Stellung anbot. 

Erna war groß, stark, muskulös. Sie prahlte mit ihrer Kraft: -Wenn 
erst einer unter meinen Knochen liegt, der hat was zu spüren." Das war aus- 
schlaggebend für meine Gesinnung. Ich ging mit ihr ins Zimmer. Sie holte 
aus ihrem Kasten eine lange Schgur, welcfre" v eie als Rute zusammenband, zog 
sich ganz aus und befahl mir, sie ad podicem zu küssen, was ich auch willenlos 
tat. Dann ohrfeigte sie mich und begann mich zu schlagen, so daß ich sofort 
rote Streifen auf dem Rücken bekam. Sie masturbierte mich und als ich ein 
zweites Mal mich befriedigen wollte, woran sie aber Anteil verlangte, ging es 
nicht und da sprang sie mit ihren Schuhen bekleidet auf meinen Körper derart, 
daß die Absätze sich in mein Fleisch bohrten. Der Schmerz war so intensiv, 
daß ich alle Lust, weiter diese Komödie zu treiben, verlor. 

In einem anderen Lupanar fand sich ein Mädchen, die die einzige war, 
welche mich richtig behandelt hat. Sie schlug mich schonungslos, ohrfeigte 
mich, daß mir die Funken vor den Augen sprangen, ritt auf mir und stach 
mich endlich mit einer Haarnadel während der Erektion und Ejakulation durch 
manuelle Masturbation. 

In F. habe ich wiederum Gelegenheit meinen Koitus mas. zu pflegen, 
werde von vielen Mädchen behandelt auf immer ein und dieselbe Weise, nur 
daß die Flagellation ganz verschwindet und an ihre Stelle das Gekratztwerden 
und das Quetschen meiner Hoden tritt. Es beginnt sich wiederum Herzklopfen 
einzustellen, nur jetzt mit dem Unterschiede, daß das Herz aussetzt, unregel- 
mäßig funktioniert. Ich mache den Versuch, solide zu leben, masturbiere nicht 
und dennoch stellt sich Herzklopfen ein. Ich leide entsetzlich, der Arzt gibt 
mir Digipnratum intravenös und schließlich Morphium, was aber keine Lin- 
derung schafft. Mit dem Fortschritt meiner Herzanomalitäten stellen sich Angst- 
zustände schlimmster Sorte ein, ich zerfalle seelisch und körperlich; hie der 



Z 



Stekel, Störungen des Trieb- nnd Affektlebens. VHI. 



10 



146 



Sadismus und Masochismus. 



Drang nach Perversionen, hie die Herzanfälle und die Mahnung des Gewissens, 
hie die Existenzfrage und das Nachlassen jeglicher Energie und als Trumpf 
auf alles die Angst vor dem Tode. 

Ich unternahm hierauf die Reise nach S., wo ich zirka 6 Wochen 
verblieb." 

Der Erfolg der psychoanalytischen Behandlung war ein sehr bedeutender, 
denn ganz plötzlich hörten die widerwärtigen Herzanfälle auf, der Allgemein- 
zustand wurde bedeutend gebessert und vor allen Dingen beginnt meine Vita 
sex. in einen anderen, der Vernunft leichter dirigierbaren Zustand zu treten, 
wenn auch im großen ganzen keine Veränderung in meinen masochistischen 
Vorstellungen eingetreten ist. Im Banne der sachlichen ruhigen Überlegung 
habe ich als Enderfolg der Kur erkannt, daß ich meine Gedanken über meine 
Vita sex. in aller Ruhe fassen konnte, was früher nicht der Fall war, dadurch 
aber tritt eine sehr rasche Ernüchterung unmittelbar vor oder nach masochisti- 
schem Verkehr ein, die mich daran hindert meinen Veranlagungen irgend 
welche mystische Bedeutung beizulegen. Ich kann auch mit ruhigem Gewissen 
behaupten, daß das Verlangen nach Schmerz während des Koitus so ziemlich 
geschwunden ist, jedoch der Wunsch nach Erniedrigung aller Art durch das 
Weib weiter besteht. 

Epikrise. Zur Vervollständigung des Bildes muß ich zuerst noch 
beibringen, was sich während der Analyse als Wesentlichstes in bezug 
auf sein Hauptsymptom, die Herzanfälle, ergeben hat. (Über den Maso- 
chismus habe ich das meiste erst nach der Analyse brieflich und aus dem 
oben wiedergegebenen Manuskript erfahren.) Die Zusammenhänge, deren 
Aufdeckung prompt und nachhaltig das Verschwinden der quälenden An- 
fälle zur Folge hatte, waren folgende: 

R, der eine sehr große Zahl — er hat ja nur die wichtigsten einzeln 
aufgezählt — der verschiedensten Frauen, in der überwiegenden Mehrzahl 
Prostituierter, besessen, der mannigfach auch geliebt oder sich verliebt 
hatte, der ruhelos von einem Weib zum andern eilte, aber nirgends mit 
einer Ausnahme, auf die ich noch zu sprechen komme, längere Zeit fest- 
hielt, war ein latenter Homosexueller. Er konnte bei den Frauen keine 
Befriedigung finden, weil er — ein zweiter Don Juan — den Mann 
suchte. Er, der allen anderen sexuellen Abirrungen und Verirrungen große 
Indolenz, dem Masochismus eine positive Einstellung entgegenbrachte, 
empfand Ekel und unüberwindbare Abscheu vor der Homosexualität. Diese 
deutlich den Charakter einer Uberkompensation ursprünglich starker Lust 
und Begierde tragende Reaktion wies mir übrigens den Weg zur Ursache 
seiner Herz- und Angstanfälle. Der Sicherheitsriegel „Ekel-Abscheu" funk- 
tionierte gut; niemals im späteren Alter hat P. einen homosexuellen Ver- 
kehr gehabt, aber — naturam expellas furca, tarnen usque recurret — 
der stark verdrängte Trieb drängte immer und immer von neuem hervor, 
nachdem einmal die Sicherung beinahe versagt hatte, und seine Herzanfälle 
waren die Reaktion seines moralischen Ichs, seines bösen Gewissens und 
seines tiefverborgenen Schuldgefühls. Der erste Herzanfall hatte sich in 



Beziehungen des Sado-Masochismus zur Homosexualität. 



147 



Sibirien während seiner Gefangenschaft abgespielt und von diesem Moment 
datiert auch sein „Morbus Basedowii". Er hielt damals Krankenwache bei 
einem Kameraden, der eine schwere Pneumonie hatte und dem Tode nahe 
war. In der Einsamkeit des Krankenzimmers, in der Stille der Nacht 
tauchten im P. „allerhand dumme Gedanken" auf, so auch der, von dem 
Wein des Kranken, und Wein bedeutete für ihn „einen lang entbehrten, 
sehr seltenen Genuß", zu trinken. Leise stand er auf und schlich sich 
ans Bett des kranken Freundes, da schlug dieser im Fieber die Augen 
auf und sah ihn mit einem langen, vorwurfsvollen Blick an. In diesem 
Augenblick — nicht, wie er es vor der Analyse beschrieb, einige Tage 
später, als er abends im Bett allein onanierte — setzte plötzlich lebhaftes 
Herzklopfen ein, Angstgefühle überkamen ihn usw.; seitdem wiederholten 
sich solche Zustände in unregelmäßigen Zwischenräumen und machten durch 
ihre Intensität den P. lebensunfähig und unglücklich. Wie sich im Laufe 
der Analyse herausstellte und wie P. dann auch ganz deutlich einsah, 
hatte der Wunsch nach dem Wein des Kranken eine andere Bedeutung, 
nämlich die, auf den Wehrlosen, von dem er übrigens wußte, daß er 
homosexuell veranlagt wäre, ein homosexuelles Attentat zu verüben. Der 
würde bald sterben und könnte nichts mehr erzählen, waren die beruhi- 
genden Gedanken, die das Auftauchen der verdrängten Wünsche ermög- 
lichten. Der vorwurfsvolle Blick — wer weiß, ob er wirklich vorwurfsvoll 
war — wurde vom Unterbewußtsein auf den mit Schuldgefühlen beladenen 
Trieb bezogen, das Bewußtsein konnte ihn leicht auf das nebensächliche 
Verlangen nach dem Wein, auf die Ersatzhandlung, verschieben. 

Alles dies habe ich aber erst erfahren, nachdem folgendes geklärt 
war: Mehrmals nach der Art und Weise des Ablaufs der Herzanfälle be- 
fragt, erzählte mir P., daß er als erstes in seinem Herzen ein Gefühl wie 
einen „Pinselstrich" verspüre, was er sich absolut nicht erklären konnte. 
Unter großen Widerständen tauchten dazu die bereits im Lebenslauf 
wiedergegebenen homosexuellen Spielereien im Alter von 5 Jahren in der 
Erinnerung auf. Diese Szenen waren ganz vergessen gewesen, der Pinsel- 
strich brachte sie ihm wieder ins Bewußtsein zurück; denn dies war 
ganz genau dasselbe Gefühl, das er seinerzeit als Kind empfunden hatte, 
wenn die Zunge seines kleinen Gespielen an seinem Anus entlangfuhr. 
Mit der ihr wie allen Kindheitserlebnissen infolge ihrer großen kinetischen 
und potentiellen Energie innewohnenden Kraft verlangte diese stark lust- 
betonte Erinnerung Wiederverwirklichung. Aber die Hemmungen waren 
zu groß, und doch konnte der infantile Lustgewinn wohl verdrängt und 
vergessen werden, auf ihn verzichten konnte auch der Erwachsene nicht 
— jetzt allerdings kann er es, denn er hat es in der Analyse gelernt. 

Ich wende mich nun der Besprechung der masochistischen Kompo- 
nente des P. zu. Zu den folgenden Ausführungen verdanke ich die An- 

10* 



Sadismus und Masochismus. 



regung Herrn Dr. Stekel; er machte mich darauf aufmerksam, daß wir 
bei Masochisten häufig eine primäre Haßeinstellung zur Mutter finden, 
und hat mir dadurch den Weg zum Verständnis dieses komplizierten 
Falles gezeigt. Unter diesem Gesichtspunkt ergeben sich folgende Dr. Stelcels 
Anschauung vollauf bestätigende und das Krankheitsbild im großen und 
ganzen klärende Zusammenhänge: 

P. ist vorehelich gezeugt und geboren worden — seine Mutter war 
also eine Dirne; auch verdächtigte er sie, nach seines Vaters Tode Ver- 
hältnisse mit anderen Männern gehabt zu haben. P. wurde gleich nach 
seiner Geburt der Großmutter zur Erziehung übergeben — seine Mutter 
war eine Rabenmutter, sie hat sich nicht um ihn gekümmert. Die ge- 
fühlsmüßige Einstellung des P. zu seiner Mutter war eine kühle bis 
feindliche; den Haupthaß hat er von der Mutter auf die Stiefschwestern 
verschoben, so daß er eigentlich gar nicht recht weiß, warum er gerade 
sie haßt. Zwar sind sie vom Schicksal begünstigter als er. sie haben eine 
ordentliche Mutter gehabt, da sie aus der ersten Ehe seines Vaters 
stammen; sie dürfen während der ganzen Jugendzeit des P. bei seiner 
Mutter sein, die ihnen eigentlich gar nicht gehört; das sind aber nur 
Momente, die es uns erklären, warum die Haßübertragung auf sie leicht 
möglich war; hinzu kommt noch, daß die Schwestern bedeutend älter als 
er waren und somit die gegebenen Mutterimagines für ihn bildeten. Zur 
Bekräftigung dieser Zusammenhänge möchte ich einen Traum des P. 
anführen: 

„Ich beabsichtige zu einer Prostituierten zu gehen. Komme die 
Treppen hinauf und lege mich neben das Weib. Sie spielt an meinen 
Hoden, und dann mußten wir aus dem Zimmer in den Korridor. Da lag 
ein Haufen Akten. Ich zankte mich mit jemandem, dem die Sachen ge- 
hörten." 

In derselben Nacht hatte er noch folgendes Traumbild: 

„Mir träumte von einem Ehrenbeleidigungsprozeß vor dem Gerichts- 
hof. Habe alles vergessen." 

Er ist es, dessen Ehre beleidigt ist, weil er ein uneheliches Kind 
ist; er ist nicht in Ehren gezeugt worden. Die Mutter hätte beinahe 
zu Gericht gehen müssen, damit sein Vater ihre Ehre wieder herstellte, 
indem er sie heiratete. Weil seine Mutter eine Dirne war, wird er von 
einer Prostituierten zur anderen gehetzt, immer hoffend, dort die Mutter 
zu finden, immer aufs neue enttäuscht und so zu der bei ihm so überaus 
deutlichen Reihenbildung gedrängt. Er muß aus dem Zimmer d. h. dem 
rechtmäßigen Elternhaus heraus auf den Korridor d. h. ins Haus seiner 
Großeltern. Wo jeder andere weilen darf, nämlich im Zimmer einer Dirne, 
ist für ihn kein Platz, weil die Dirne, die in seinem Leben die größte 
Rolle gespielt hat, die Mutter, ihn von sich gestoßen hat. Auf dem Korri- 



Beziehungen des Sado-Masochismus zur Homosexualität. 149 

dor findet er Akten, die Dokumente seiner Geburt, aber er muß sich um 
sie mit jemandem zanken. Er will seine rechtmäßigen Dokumente haben, 
aber man macht sie ihm streitig. Er weiß nicht, wohin er gehört; er hat 
erst in späteren Jahren seines Vaters Namen getragen, während er vor- 
her nach dem Mädchennamen seiner Mutter genannt wurde. Hier liegt 
der große Konflikt seines Lebens, um den sieb alle anderen teils er- 
gänzend teils komplizierend herumkristallisieren. 

Nun wird auch klar, warum er an einer Frau über ein Jahr fest- 
halten konnte, warum er bei ihr alle Paraphilien fast ganz vergessen 
durfte, in die er sich sonst flüchtete, weil er das nicht finden konnte, 
wonach er von frühester Jugend suchte, die Liebe der Mutter. Jene Frau 
umgab ihn mit mütterlicher Fürsorge, opferte sich für ihn, wie eine 
Mutter es für ihr Kind tun soll; sie teilte alles mit ihm und war ihm 
eine Stütze. Auch sie war älter als er, und so konnte er leicht die Fik- 
tion, die Mutter gefunden zu haben, aufrecht halten; sie nahm kein Geld 
von ihm, sie war keine Dirne — sein Ideal war fast erreicht. 

Neben der homosexuellen Einstellung haben wir somit eine zweite 
Determinante für sein abnormes Sexualleben gefunden, den Haß gegen 
die Mutter, bipolar ergänzt durch das Sehnen nach der Mutter. Wir 
können aber die Homosexualität nicht als primär auffassen, wenigstens 
nicht wenn sie uns als bleibende Sexualbetätigung oder, wie hier, als 
dauerndes zwar unbewußtes Triebmoment der ganzen Sexualität entgegen- 
tritt. Dr. Stekel hat gefunden, daß der Homosexuelle vor einer primär 
sadistischen Einstellung gegen die Frau in die homosexuelle Paraphilie 
flüchtet; das gibt uns auch hier den Schlüssel zum Verständnis und er- 
öffnet interessante Einblicke in die komplizierten Mechanismen dieser 
Störungen und die Beziehungen zwichen Masochismus und Homo- 
sexualität. 

Ich muß hier einige Bemerkungen aus der Vorgeschichte und dem 
Leben des P. nachholen. P. lebt zur Zeit mit seiner Mutter zusammen und 
unterstützt sie pekuniär; er hat bis zu einem gewissen Grade seine Haß- 
einstellung sublimiert und überkompensiert und arrangiert jetzt mit ge- 
änderten Rollen das Verhältnis Mutter — Sobn, d. h. er stellt sich zu seiner 
Mutter in das Verhältnis, in dem sie zu ihm in seiner Kindheit hätte stehen 
sollen. Ferner ist als wichtig nachzutragen, daß P. von früher Jugend 
an durch das Schreien von Tieren, oder wenn er zusah, wie sie ge- 
schlachtet oder geschlagen wurden, in hochgradige sexuelle Erregung 
versetzt wurde. Im Privat- bzw. Geschäftsleben — P. ist ein sehr 
fähiger Kaufmann — ist er von ausgesprochener Rücksichtslosigkeit im 
Konkurrenzkampf und „geht über Leichen", wie er sich ausdrückt, 
während er „den geschlagenen Gegner großmütig behandelt". 



150 



Sadismus und Masochismus. 



In den geschilderten Zügen tritt uns deutlich eine sadistische Kom- 
ponente entgegen, von der wir anzunehmen berechtigt sind, daß sie ur- 
sprünglich viel stärker entwickelt war, aber infolge starker Verdrängung 
nur noch in einigen verhältnismäßig harmlosen Zügen zum Ausdruck 
kommen darf. Leider habe ich das Traummaterial des P. nur zum kleinen 
Teile schriftlich fixiert, so daß ich daraus keine weiteren Belege an- 
bringen kann. Ich erinnere mich aber, daß seine Träume oft sehr lebhaft 
sadistisch gefärbt waren, und das ist durchaus erklärlich, weil seine 
Haßeinstellung zur Mutter selbstverständlich mit sadistischen Impulsen 
verquickt war. Wir dürfen annehmen, daß der Masochismus bei ihm 
die Wandlung des ursprünglich sadistischen Triebes ins Gegenteil be- 
deutet, eine Annahme, die durch das von Dr. Stekel gefundene Gesetz 
von der Bipolarität aller psychischen Phänomene sehr an Wahrschein- 
lichkeit gewinnt. Das Machtprinzip, die Einstellung „Mir die Lust und 
dir den Schmerz" konnte mit der „Moral" des P. nicht in Einklang ge- 
bracht werden. Der Ausweg, nämlich die Verdrängung und tiberkompensa- 
tion in Unterweri'ungslust wurde beschritten. Wir sehen also eine, auch 
prinzipiell sehr wichtige Parallele zwischen seinem Masochismus und 
seiner Homosexualität: beides sind aus einer Quelle stammende Um- 
kehrungsprodukte des ursprünglich sadistisch-heterosexuell (hier inzestuös) 
gerichteten starken Trieblebens. 

Daß hier noch andere Momente als die erwähnten mitsprechen 
dürfte sicher sein; die Kindheit, das Pubertäts- und auch das spätere 
Alter des P. sind quasi eine große Reihe „seelischer Traumen"; es ist 
fast unmöglich, und auch praktisch nicht notwendig zu untersuchen, 
welches Trauma hier vor anderen den Vorrang in der Pathogenität hat! 
Zweimal finden wir Erlebnisse bedeutendster Tragweite : die homosexuellen 
Spielereien des 5jährigen Knaben, die bestimmend für seine spätere homo- 
sexuelle Einstellung wurden — und das erste masochistische Erlebnis, 
das ihn seiner Ansicht nach in den Masochismus hineingetrieben hat, 
aus dem er nun nicht mehr herausfindet. Dies steht aber ganz klar in 
seiner Erinnerung, und daß er nicht mehr davon los kann, beweist, daß 
dem angeblich traumatischen Erlebnis eine mehr akzidentelle Bedeutung 
zuzumessen ist, daß es zwar die auslösende, aber nur eine bedingt deter- 
minierende Rolle spielt. Den Kern seiner Parapathie haben wir in den 
oben angeführten,' Beziehungen zu seiner Mutter zu suchen, auf 
die ich in der Analyse nicht gekommen bin. Seine zeitweilige Impotenz 
seine urolagnistischen und sonstigen Anomalien lassen sich in das be- 
schriebene Kernproblem des Krankheitsbildes einreihen; ich kann an 
dieser Stelle nicht näher darauf eingehen. 

Zum Schluß möchte ich noch einmal betonen, daß ich mir der Un- 
vollständigkeit der Analyse wohl bewußt bin und den Fall hauptsächlich 



Beziehungen des Sado-Masochismus zur Homosexualität. J5J 

als kasuistischen Beitrag zur Veröffentlichung bringe. P. will in diesem 
Jahre in meine Behandlung zurückkehren, und ich hoffe, in einer späteren 
Auflage dieses Werkes einige ergänzende Bemerkungen hinzufügen zu 
können. 



Wir haben eine Reihe von Krankengeschichten, die Sadisten oder 
Masochisten betreffen, studiert und überall die Zusammenhänge mit der 
Homosexualität aufweisen können. 

Und nun wollen wir uns mit der eingehenden Analyse eines Falles 
von Homosexualität beschäftigen. 

Fall Nr. 9. Herr Heinrich G., 31 Jahre alt, klagt über Zwangsvorstel- 
lungen und Angstzustände, die mit seiner Homosexualität zusammenhängen. Er 
will nie für Frauen etwas gefühlt haben. Sein Ideal ist ein viriler Manu in 
hoher Stellung, der Liebe im Umgang mit Strenge beim Sexualakt zu kombi- 
nieren weiß. Sein Denken ist mit der Phantasie verknüpft, daß er eine Frau 
ist, der der Mann beim Koitus Schmerzen bereitet. Bei seinen homosexuellen 
Verhältnissen muß der Mann auf ihm liegen und Koitusbewegungen machen 
und ihm womöglich Schmerzen bereiten. Männer in Stiefel reizen ihn sehr. Er 
hat oft die Phantasie, daß er im Zimmer sitzt und arbeitet. Da kommt der 
große Mann in Stiefeln herein. Heinrich ist dann unterwürfig, zieht ihm die 
Stiefel aus, entkleidet ihn, wäscht ihn, küßt ihm die Hände und hilft ihm ins 
Bett. Er will nicht das Gefühl haben, dazu gezwungen zu sein. Sein Reiz ist 
es, daß er Handlangerdienste freiwillig verrichtet. Ein Mann, der ein Kind 
gezeugt hat und besonders einen Buben oder gar Zwillinge, imponiert ihm 
gewaltig. Das ist ein ganzer Mann. Er selbst wäre glücklich, wenn er durch 
einen Mann in die Hoffnung kommen würde. Von einem Manne ein Kind zu be- 
kommen, das wäre sein Ideal. Seine ersten Erinnerungen sind folgende Bilder: 
eine Kuh mit großen Eutern (5). Er lief zur Mutter und verlangte ihre Brust 
zu sehen (5 1 /,). Er verliebte sich früh in einen jungen Freund der Familie 
und sprach den Wunsch aus, ihn nackt zu sehen (6). 

Später (16) verliebte er sich in einen Lehrer, der einen assyrischen Bart 
hatte. Damals schwärmte er für Tausend und eine Nacht. Er stellte sich den 
Lehrer als Kalifen vor und sich als den Diener und Geliebten. 

Auch heute malt er sich oft romantische Szenen aus. Er ist auf der 
Pußta. Den ganzen Tag allein. Am Ahend kommt der Hirt. Er gibt ihm das 
Nachtmahl, wäscht ihn, hilft ihm ausziehen und der Hirte ist sehr lieb 
mit ihm. 

Wenn er Freunde hat, so ist er nie auf ihre Freundinnen und Geliebten 
eifersüchtig, nur auf die Frau, die sagen kann : Ich bin seine Frau, ich habe 
ein Kind von ihm. 

Er hat stereotype Träume, in denen er einen großen Schatz, Juwelen 
oder Geld findet. Bald in der Kirche, bald auf der Landstraße, bald an an- 
deren Plätzen. 

Sein Vater war ein genialer Mensch, ein Künstler, die Mutter exaltiert, 
überzärtlich und in der Ehe die Stärkere. Sie war eifersüchtig und es gab 
manche Szenen. 

Er zeigt das Phänomen der Vorunlust. Er denkt voraus und sieht Ent- 
täuschungen und Niederlagen voraus, die er nicht vertragen würde. Seine 



152 



Sadismus und Masochismus. 



Brustwarzen sind überempfindlich. Oft geniert ihn das Hemd, er hat Schmerzen. 
Bei sexueller Erregung erigiert die Brustwarze. 

Verschiedene Erlebnisse zeigen, daß seine homosexuelle Einstellung nicht 
weit in die Kindheit zurückreicht. Mit 6 Jahren sah er einen Kommis ganz 
nackt mit erigiertem Penis. Er lief entsetzt davon und klagte seiner Mutter 
er habe ein häßliches, rotes Ding gesehen, das grauenvoll sei. Mit 1 6 Jahren 
sah er auf einem Ball einen geschminkten Homosexuellen, der ihm ekelhaft 
vorkam. Er betete am Abend: „Lieber Gott! Laß mich nicht so werden wie 
dieser lächerliche Mann!" Mit 22 Jahren wollte ihn ein Engländer auf einer 
Reise verführen. Er fiel vor dem Manne auf die Knie und bat ihn um Scho- 
nung. Er wolle sich nicht den schönen Eindruck des Tages verderben. Er 
liebe den Mann nicht und könne sich ihm daher nicht ergeben. 

Zu Frauen fühlt er sich nur seelisch hingezogen. Er könnte ohne Frau 
nicht leben. Die mütterliche Liebe seiner Schwester sei ihm unentbehrlich. Nur 
wenn er die Sexualität der Frauen fühle, besonders wenn sie sexuell röchen, 
dann fühle er Ekel und Abscheu, mitunter Angst. 

Sein homosexueller Freund B. hat eine Frau. Diese Frau bemitleidet 
er, weil er ihr die Liebe ihres Mannes raubt. Sie ist die Quelle seines Schuld- 
bewußtseins. 

Seine sadistische Einstellung zeigt der folgende Traum: 

Ich befinde mich mit Frau B. in einem Zimmer. Im Zimmer sind 
Löwen. Ich habe Angst und laufe in einen Keller, wo sich Herr N. be- 
findet. Ich fürchte, die Löwen werden mir nachlaufen. 

Herr B. ist sein Geliebter. Er fürchtet, daß er sich in Frau N. ver- 
lieben oder daß er ihr aus Eifersucht etwas antun könnte. 



Er träumte von einem Mann mit schönen großen Händen, der mit ihm 
so lieb war, daß er ihm die Hände küssen wollte. 

Hände sind seine erogene Zone. Er schwitzt in den Händen und dies 
Übel verleidet ihm seine Beziehungen. Bei jeder Erregung beginnt er zu 
schwitzen. Er fürchtet dann Gesellschaften, weil man so vielen Menschen die 
Hände geben muß. 

Im Alter von 16 Jahren sah er einen Mann, der derbe, knochige, haarige 
Hände hatte. Er wurde von ihrem Anblicke gefesselt. Solche Hände könnte er 
küssen. Es sind Hände, die ihn zwingen können. 

Bei Klistieren hat er Lustempfindungen. Er war längere Zeit krank und 
lag im Spitale. Eine Krankenschwester machte ihm Irrigationen. Er geriet da- 
bei in solche Erregung, daß er mit Erektion zu Orgasmus kam und sich vor 
der Schwester schämte, so daß er die Irrigationen aussetzte. In der Jugend 
soll er sich gegen die Klistiere, die reichlich verwendet wurden, gesträubt 
haben und wurde oft dazu gezwungen. 



Seit der Jugend besteht ein unüberwindliches Grauen vor Spinnen, be- 
sonders vor Kreuzspinnen. Er läuft davon, wenn er eine Spinne sieht. (Die 
Spinne ein Symbol des falschen Weibes?) Er ist sehr mißtrauisch. Er hat 
unendliche Angst, irgend jemand könnte ihn verraten, könnte ihn anzeigen, 
könnte eine Erpressung an ihm verüben. Diese Angst vor dem Unbekannten 
trübt sein Leben. Er ist herzensgut, aber starker Affekte fähig. Einmal meinte 



Beziehungen des Sado-Masochismus zur Homosexualität. 153 

seine Schwester, es würde auffallen, wenn sein Freund bei ihm übernachtete. 
Er wurde wütend und zerriß die Federdecke Sn tausend Stücke. 

Gestern abend fühlte er sich einsam. Er hatte sich wegen eines Freundes 
aufgeregt und legte sich mit Schüttelfrost ins Bett. Dann sandte er sein 
Mädchen zur Schwester um Validol. Sie kam sofort zitternd und bebend 
herunter und brachte das Validol. Nach seinem Ausspruche soll sie noch mehr 
gezittert haben als er selbst. Sie streichelte ihn und beruhigte ihn. 

Was das Bruder-Schwesterspiel zu bedeuten hat, wird man leicht ver- 
stehen, wenn der Kranke dann erzählt, daß er nicht einschlafen konnte, wenn 
er nicht onaniert hatte. 

Er onanierte mit der Phantasie, eine schwangere Frau zu 
sein, die den Mann entbehrt und deshalb onanieren müsse. 

Die Nachforschung ergibt, daß er seit dem 17. Jahre mit der 
Vorstellung einer schwangeren Frau onaniert. Damals war seine 
Schwester schwanger und er konnte im Hause die Zeichen dieser 
Schwangerschaft beobachten. Es handelt sich also bei seiner 
Schwangerschaftsphantasie um eine Identifizierung mit der 
Schwester. 

Er träumte: 

Ich sah meinen Freund Alfred. Er sah müde und abgearbeitet aus. 
Tiefe Ringe um die Augen. Ich frage ihn nach dem Grunde. Er sagt: 
„Sie haben keine Idee, was ich heute Nacht leisten mußte. Die Weiber 
haben mich so hergenommen." Ich fragte, ob ich ihn küssen dürfte und 
küßte dann seine Hand mit inniger Inbrunst. 

Der Traum zeigt seine Angst vor den Frauen. Frauen sind Vampire, 
welche die Männer aussaugen. Aber ein Don Juan imponiert ihm und er würde 
am liebsten mit Männern verkehren, wenn sie gerade von den Frauen kommen. 

Er zog oft Frauenkleider an und trug in Gesellschaft Chansons vor. 
Mitunter fuhr er als Frau im Wagen durch die Straßen. 

Als Kind zeigte er deutliche Kastrationswünsche. Er fragte die Mutter, 
ob er das kleine Ding da unten nicht wegschneiden könnte. Die Mutter ver- 
steckte sein Glied in einer Falte und meinte, der Arzt könne das schon ein- 
nähen (7 — 8). Er freute sich, daß man ein Mädchen aus ihm machen könne. 

Seine Kindsfrau pflegte ihn auf den Penis zu küssen. Angenehme Er- 
innerung (6 — 7). 

Mit 7 Jahren spielte er Braut. Sein Vetter Max heiratete die Mizzi uud 
ging auf die Hochzeitsreise. Er spielte mit seinem kleinen Vetter Hochzeits- 
reise und stellte immer die Mizzi dar. 

Durch alle seine Gedichte und Gedanken zieht wie ein roter Faden die 
Angst, das Liebste zu verlieren. Determinierend scheint die Hochzeit der Schwe- 
ster gewirkt zu haben. 

Er träumte: 

Ich bin in einem dichten Walde mit Emil. Es ist unheimlich. Es 
ist dunkel. Ich höre Stimmen hinter den Bäumen und wittere Gefahr. 
Wir laufen auf Skiern. Emil sagt, wir müssen zur nächsten Station. Es 
geht abwärts, immer abwärts, ich verliere ihn aus den Augen und er- 
wache mit Angst, Herzklopfen und tiefer Depression. 



154 Sadismus und Masochismus. 

Den Traum können wir nur verstehen, wenn wir die Ereignisse des 
vorigen Tages in Betracht ziehen. Er hatte am Sonntag eine Zusammenkunft 
mit seinem Freund, bei der er sehr erregt war. Ein anderer Freund hat mit 
seinem Gelde ein Geschäft gegründet. Das Geschäft geht schlecht. Er fürchtet 
nun, daß er sein Geld verlieren werde. Er fürchtet noch mehr. Der treulose 
Freund, der von seinem Verhältnis weiß, könnte ihm Unannehmlichkeiten 
machen, er könnte sprechen und er würde dann die einzige Liebe, den Freund 
B., verlieren. 

Er war entsetzlich aufgeregt und hatte am Abend einen Wutanfall. 

Über diesen Wutanfall will er nicht sprechen. Endlich gesteht er, daß 
er schon bei N. wütend war. Nicht über N. sondern über Kurt. Kurt ist der 
Sohn seines Freundes und der Bräutigam seiner Nichte. Er hat den jungen 
Mann in sein Geschäft genommen. 

Nun wütete er am Abend zu seiner Schwester und Nichte. „Wenn Kurt 
sich nur das Genick gebrochen hätte! Wenn Kurt sich nur aufhängen würde! 
Ich werde den Hund hinauswerfen." 

Es wird klar, daß er in seine Nichte verliebt und auf Kurt eifer- 
süchtig ist. Dieser Liebe und dieser Eifersucht ist er sich nicht bewußt. Aber er, der 
angeblich „sanfte" Mensch wütete, brüllte, biß, tobte, so daß er sich nachher 
schämte. Schwester nnd Nichte weinten bitterlich. Er schob alles auf das Ge- 
schäft mit A., dem Vater von Kurt. Aber das verlorene Geld (es ist gar nicht 
verloren) bezieht sich nur auf die verlorene Liebe. Er fürchtete seine Nichte 
zu verlieren, zu der er sexuell eingestellt war, wie vorher zu seiner Schwester. 

Der Traum wird verständlich, wenn man weiß, daß Emil der Sohn einer 
Freundin seiner Schwester ist und das gleiche Haar hat wie seine Nichte. 
Emil steht hier für seine Nichte. Wie im Leben schiebt er im Traume Männer 
für seine Liebesobjekte weiblichen Geschlechtes unter. Er sieht, daß sie ihm 
verloren geht und will sie nicht verlieren. Sein Anfall war die Haßexplosion 
eines Eifersüchtigen. 



Er ist fromm und abergläubisch. Jeden Abend tritt er vor das Bett, wo 
seine Mutter gestorben ist und hält Zwiesprache mit ihr. In schwierigen Fragen 
wendet er sich an sie und erhält die Antwort durch irgend ein Orakel, das 
er sich zu diesem Zwecke arrangiert. 

Er hat vor 2 Jahren eine schwere Krankheit überstanden. Er rief einen 
Geistlichen und verlangte die Sterbesakramente: Er beichtete und erhielt die Ver- 
sicherung, seine Homosexualität werde ihm vergeben werden. Nach seiner Genesung 
nahm er sich vor, asketisch zu leben und auf den Freund zu verzichten. Dieser ver- 
heiratete Freund B. hat auch eine Geliebte. Auch die wollte er überreden mit 
ihm gemeinsam auf den Freund B. zu verzichten, da es eine Sünde wäre, ihn 
seiner Frau zu entziehen. Aber alle schönen Vorsätze schwanden vor der Macht 
des Triebes. B. versicherte ihm, seiner Frau gehe nichts verloren und alles 
blieb beim Alten. Nun machte er der Mutter Gottes ein neues Gelöbnis. Er 
wollte seinem Freunde unter allen Umständen treu bleiben. Sollte er untreu 
werden, so würde der Freund sterben. Dies Gelöbnis konnte er nicht halten 
und litt unsägliche Qualen. 

Seine Qualen verstärkten sich, nachdem ein Priester ihn anläßlich einer 
Beichte die Homosexualität als böse Süude schilderte und ihn strenge auffor- 
derte sein Lasterleben aufzugeben, sonst würde er des ewigen Seelenheiles ver- 



Beziehungen des Sado-Masochismus zur Homosexualität. 155 

lustig werden. Er beschloß nicht mehr zur Beichte zu gehen. Aber es zieht ihn 
in die Kirche. Er kann ohne Frömmigkeit und ohne Religion nicht leben. 

Er tritt aus seiner Reserve heraus und berichtet etwas genauer über 
sein Gelübde. Sein Freund stand im Felde. Er gelobte nun vor der Mutter 
Gottes, er werde dem Freunde tren bleiben, dafür müsse sein Freund ihm er- 
halten bleiben und die Frau des Freundes dürfe kein Kind bekommen. Das 
letztere war seine stärkste Angst. Im Falle seiner Untreue könnte er auch 
seinen Freund als Liebesobjekt verlieren. Der Gedanke, die Frau könnte ein 
Kind gebären, quälte ihn noch mehr. Es zeigt sich aber, daß er auch intensiv 
gefürchtet hatte, seine Schwester könnte ein zweites Kind bekommen, so daß 
der ganze Konflikt verschoben erscheint. Die Gewissensbisse, er könnte der 
Frau des Freundes etwas wegnehmen, verstärken sich. Ich vermute eine infantile 
Wurzel. In der Tat! Er weiß sich zu erinnern, daß seine Mutter große Tiraden 
gegen die Maitressen und die Geliebten verheirateter Männer von Stapel ließ. 
Der Vater war oft untreu und es gab große Eifersuchtsszenen im Hause. Die 
Mutter zog gegen die „Kanaillen" los, welche ihr die Liebe ihres Mannes 
geraubt hatten. 

Er hätte verreisen sollen und konnte sich dazu nicht entschließen. In 
der Fremde wird er von Heimweh verzehrt. Er träumte: 

Ich fuhr nach S. Es war alles so einsam und leer und ich dachte 
an unser schönes Heim. 

Abends geht er früh ins Bett. Plötzlich erwacht er bei Nacht und wird 
von Fieberschauern geschüttelt. Er muß dann 3 — 4mal onanieren. Er stellt 
sich vor, daß er ein Weib ist, das von einem haarigen Mann besessen wird. 
Er weiß es nicht, daß seine Sehnsucht nach der Schwester und seiner Nichte 
schreit und daß er sich mit einer dieser Beiden identifiziert. 

Deutlich zeigt das der nächste Traum: 

Ich bin mit meinen Leuten in einer schönen Villa. Es ist still und 
friedlich. Plötzlich kommt Hochwasser. Wir flüchten in den ersten Stock. 
Das Hochwasser steigt. Ich halte mich an meine Nichte und erwache 
mit Angst. 

Das Hochwasser symbolisiert seine Liebe. Sie steigt und droht ihn über- 
mächtig zu ergreifen. 

In derselben Nacht ein zweiter Traum: 

Ich fahre mit einem Unbekannten in einem Auto. Die Fahrt ist 
rasend schnell. Wir kommen in eine Sackgasse. Da erscheint ein wilder 
Hirsch, der mit seinem Geweih auf uns stößt. In der größten Gefahr 
erscheint ein Jäger, der den Hirsch zur Ruhe weist. Er bringt uns in 
seine Familie. Unsympathische Leute. Ich muß eine Maut zahlen und 
erwache mit einem unbefriedigten Gefühl. 

Das Auto symbolisiert seinen Trieb, der ihn in eine Sackgasse führt, 
aus der er keinen Ausgang sieht. Der Hirsch stellt seine brünstige Natur dar. 
Der Jäger ist sein homosexueller Freund, der ihn von der Nichte ablenkt. 
Die Familie des Freundes (die Frau) ist ihm unsympathisch. Sie belastet sein 



156 Sadismus und Masochismus. 

Gewissen. Er zahlt für seine Liebe. Wir erfahren, daß er den Freund durch. 
Geschenke und Darlehen an sich bindet. 

Heute erzählt er mir seine Phantasien. Er stellt sich vor, daß er eine 
schwangere Frau ist. Das wissen wir schon. Neu ist, daß er dann die Geburt 
spielt. Die Ejakulation, seltener die Defäkation stellen bei ihm den Geburtsakt dar. 
Wir wissen, daß dieser Geburtsakt auf die Identifizierung mit seiner Schwester 
zurückzuführen ist. 

Ein Traum bringt uns weiter in der Erkenntnis: 

Ich finde auf der Gasse einige goldene Luisdor. Mir fällt der glän- 
zende Kopf des Königs auf. Ich gebe dem Freunde B. einen Luisdor 
und behalte den Rest für mich. 

Der Luisdor stellt die Liebe seines Vaters dar. Von der Liebe zum Vater 
überträgt er einen Teil auf seinen älteren Freund. Der Vater pflegte ihn auf 
den Knien zu schaukeln, wobei er ihm an die zottig-haarige Brust griff. Daher 
seine Liebe zu haarigen Männern. Der Vater liebte es, ihn zu drücken und 
zu zwicken, woraus sich seine Vorliebe erklärt, von Männern gedrückt und 
s-ezwickt zu werden. 



6 



Vor dem Einschlafen sieht er zuerst rote Nebel, die sich langsam in graue 
auflösen. Gestern hatte er am Abend Stimmungen wie vor einem Zornausbruch. 
Er fühlte sich von seinem Freunde A. verraten und hätte ihn in diesem Mo- 
mente etwas antun können. Er wollte toben, erinnerte sich aber an meine 
Worte und konnte sich überwinden. Es war ihm klar, daß er sich gegen den 
Bräutigam der Nichte wenden wollte. Er machte dann ein Gedicht von zwei 
roten Nelken, die sich liebten und küßten. Die Rose sagte, es sei verboten, weil 
sie vom gleichen Stamme wären. Die Nelken ließen sich nicht stören. 
Hinweis auf Inzest und Homosexualität. (Erklärung später!) 

Er träumte: 

Ich bin in einem Seebad. Die Sonne scheint und ich freue mich der 
schönen Körper. Dann gehe ich weg und drohe in einen tiefen, tiefen 
Schacht zu stürzen. Ich erwache mit Angst und Herzklopfen. 

Zum Seebad fällt ihm Abbazia ein. Da war er das letztemal mit seiner 
Schwester und seiner Nichte. Im Traume sah er Männer und Frauen. Die 
Tiefe, in die er stürzt, ist sein sündiges Begehren zur Schwester. 

Er wird wild, wenn man ihm etwas Liebes rauben will. Er hängt an 
dem Alten, an seiner Familie, an seinen Bildern, an seinem Gelde. Wer ihm 
das rauben will, den könnte er umbringen. 

Er hat oft das Phänomen des „D6jä vu". Er geht durch Straßen und 
denkt, da war ich schon einmal. Und er hat bestimmte Vorahnungen, die in 
Erfüllung gehen. 

Seine Schwester besucht mich und bittet um Rat, wie sie sich benehmen 
soll. Der Kranke hat Wutanfälle, in denen er ein furchtbares Bild bietet. 
Wieder einmal können wir die Sehauspielernatur der Homosexuellen feststellen. 
Er kam heute in sehr gedrückter Stimmung zu mir. Ich scheine ihn zu ver- 
kennen. Ich hätte behauptet, es stecke etwas Wildes in ihm. Er sei sanft und 



Beziehungen des Sado-Masochismus zur Homosexualität. 



157 



gutmütig. Nun berichtet die Schwester, daß seine Wutanfälle schrecklich seien. 
Er fletscht die Zähne wie ein wildes Tier, er brüllt und ist fast besinnungslos, 
wenn ihn der Zorn übermannt. Sein Haßobjekt ist der Bräutigam seiner Nichte. 
Vorgestern mußten sie alle drei, die Schwester, die Nichte und der Schwager 
ihn halten, er konnte sich kaum beruhigen. Er zerreißt im Zorn Gegenstände 
und wirft Gläser zu Boden, so daß sie in tausend Scherben zertrümmern. 

Endlieh berichtet er selbst — von mir zur Aufrichtigkeit ermahnt — 
über seinen Jähzorn und über seine wilden Anfälle. Er erinnert sich, daß ihm 
eine englische Lehrerin Vorwürfe machte, er beschäftige sich zuviel mit ihren 
Dienstmädchen. (!) Er wurde so zornig, daß er ein Tintenfaß gegen die Wand 
schleuderte. Er hatte einen Freund, der auch eine Geliebte hatte. Diese Ge- 
liebte behauptete, der Freund tue nur das, was sie wolle. Er ergriff einen 
Schemel und wollte ihn auf sie schleudern. Es ist charakteristisch, daß 
er hauptsächlich Männer liebt, die mit Frauen verkehren. Die Vor- 
stellung, daß der Mann seine Frau oder Geliebte schwängern kann, versetzt 
ihn in Raserei. Je mehr Frauen der Mann besessen hat, desto begehrens- 
werter erscheint er ihm. Sein Ideal ist ein richtiger Don Juan. 

Heute berichtet er, daß er in der Jugend ein starker Hasser war. Es 
gab eine Nachbarin Frau S. Sie hatte drei Buben. Die Mutter drohte ihm oft, 
wenn er schlimm war, sie werde ihn weggeben und sich einen Buben von 
Frau S. nehmen. Sie seien so brav. Die Frau und diese Buben haßte er. Ein- 
mal war er bei einem Freunde. Es kam ein Mann zu ihm, der mit ihm in 
intimen Beziehungen stand. Dem Manne wollte er an die Gurgel fahren. Ein 
anderes Mal zerriß er einen steifen Hut, weil ein Mann ihm einen Wunsch 
nicht erfüllen wollte. 

Bis zum 16. Jahre soll er nicht gewußt haben, daß die Frauen anders 
gebaut sind. Er glaubte, die Kinder würden durch den Mastdarm geboren. 

Damals spielte er auf dem Lande „Tausend und eine Nacht". Er war 
der Pascha und die vielen Mädchen waren seine Sklavinnen und Favoritinnen. 
Es kam vor, daß die Mädchen sich bückten, um zu urinieren. Da konnte er 
die Schamgegend sehen. 

Frauen ekeln ihn nicht, nur im Sommer, wenn sie angeblich „stinken". 
Er war auch mit einem Freunde bei einer Dirne. Er spielte mit ihr. Sein 
Freund vollzog einen Koitus. Er wollte es nachmachen, hatte aber keine Erek- 
tion. Jetzt gesteht er, daß er auch heterosexuelle Träume hat. 
Aber nur des Morgens, wenn die Blase voll ist. (Belehrung aus Hirschfelds 
Schriften.) Er liegt auf einer üppigen Frau und soll den Koitus vollziehen. 
Etwas hemmt ihn. Nach einem solchen Traume ist er sehr deprimiert und 
hat ein unerklärliches Gefühl des Ekels und der Niedergeschlagenheit, als ob 
er eine große Sünde begangen hätte. 

Die nächsten Träume erzählen uns mehr von dieser Tendenz. 

Er träumte: . 

Ich gehe mit der Freundin von B. durch eine finstere Gasse. Ich 
glaube, es ist in der inneren Stadt. Plötzlich sehe ich eine Aktentasche 
vor mir liegen, nicht weit davon eine zweite. Ein Stückchen weiter ein 
Damenportemonnaie. Und die Dame bückt sich und findet eine sehr schöne 
Damenhandtasche. Mit diesen Dingen sind wir rasch in eine Seiteugasse 
eingebogen, um uns die Gegenstände näher zu betrachten. Wir fragen 



158 Sadismus und Masochismus. 

uns beide erstaunt, was da drinnen sein mag. Aufgemacht haben wir sie 
aber nicht. 

Ich gehe durch eine fremde Stadt. Ich bilde mir ein, daß es Paris 
ist. Ein fremder Herr kommt mir entgegen und ich stelle irgend eine 
Frage. Der Herr ist leidlich fesch, aber nicht mein Typ. Er antwortet 
mir zu meinem Erstaunen tschechisch. Ich frage, wie er mir ansieht, daß 
ich tschechisch verstehe. Später lädt er mich in ein von ihm bezeichnetes 
Haus für den Abend ein. Es ist ganz unscheinbar. Eine Frau öffnet 
führt mich durch einen altertümlichen Gang in einen herrlichen Saal, wo' 
verschiedene Personen sitzen. Gedämpftes Licht. Es kommt mir alles so 
geheimnisvoll und still vor, daß mir ganz unheimlich zu Mute wird und 
ich das dringende Begehren äußere, hinausgelassen zu werden. Ich werde 
durch ein herrliches, breites Stiegenhaus aus Marmor geführt und von 
einem alten Portier hinausgelassen. 

Ich fühle Sehnsucht nach B. Fahre zu seiner Wohnung. Zufällig 
begegne ich seinem Jungen. Wo ist der Vater? Er zeigt mir mit der 
Hand die Richtung. Ich will nicht allein hingehen, er geht mit. Wir 
kommen auf einen Platz, wo mein Freund neben einem großen Ballen 
mit Tier- oder Menschenhaaren steht, der mit einem feinen Netz über- 
zogen ist. Auf meine erstaunte Frage sagt mein Freund, er brauche das 
alles notwendig. Ich beseitige das Netz und ziehe ein Büschel Haare 
heraus. Ich denke dabei an eine Milzbrandinfektion. Plötzlich kommt es 
mir vor, als stünde ich vor einem Pferde, das ich früher nicht gesehen 
habe. Ich stehe hinter dem Pferde ganz nahe und mache meinen Freund 
aufmerksam, daß es bei einem fremden Pferde sehr gefährlich sein kann. 

In allen drei Träumen kommt eine heterosexuelle Strömung hervor. Im 
ersten Traume zeigt sich die Tendenz, mit der Freundin von B. zu verkehren. 
Die Aktentasche symbolisiert die Männer, die Damentaschen die Frauen. Er 
berichtet einen Nachtrag: 

Ich dachte mir, daß in der Aktentasche wertloses Zeugs liegt, 
während die Damentaschen vielleicht ungeahnte Schätze enthalten. 

Das heißt, der Verkehr mit Frauen würde ihm ungeahnte Genüsse ver- 
schaffen. Aber er fürchtet die innere Stadt seiner Seele. 

Im zweiten Traum bin ich der fremde Herr. Das Innere ist ihm un- 
heimlich. Das Dämmerlicht des Unbewußten verträgt er nicht. Er verläßt das 
Haus über eine prächtige Stiege. (Mutterleibstraum — Geburtsphantasie. Der 
Portier sein Vater.) 

Im dritten Traum sucht er B. auf, der mit zwei Frauen zu tun hat. Sie 
werden durch ein Bündel Haare symbolisiert. Ein Netz trug seine Mutter. 
Später glattes, zurückgestrichenes Haar, wie die Frauen, mit denen er im 
Traume sexuellen Verkehr hat. Hier sehen wir Angst vor Infektion (Milz- 
brand) und Angst vor seiner Leidenschaft (das ausschlagende Pferd). 

Er hat seine Mutter gehaßt, wenn sie davon sprach, ihn wegzugeben 
und sich einen anderen Buben anzuschaffen. Er haßte damals alle Frauen. Er 
haßte seine Schwester, die seine Rivalin in der Liebe der Mutter war. 

Zu den Haaren fällt ihm noch ein, daß er öfters von einem Beischlaf 
mit einer Frau träumte, welche sehr behaart war. Der Bauch war behaart 
wie bei einem Manne. 



Beziehungen des Sado-Masochismus zur Homosexualität. 159 

Er hat sich die Frauen nie als kastrierte Mannet vorgestellt, bei ihnen 
nie einen Penis vermutet, was ja mit seiner angeblichen Unwissenheit über 
ihre Beschaffenheit nicht übereinstimmt. 

Er hatte drei Träume, die ihn sexuell so erregten, daß er nach jedem 
Traume onanieren mußte. 

1. Eine Frau gibt mir eine Irrigation. 

2. Die Frau von B. erzählt mir, daß sie von ihrem Manne ge- 
schwängert worden ist 

3. Ich sehe den graumelierten Bauch und die Genitalien eines 
älteren Herrn. 

Zum ersten Traume berichtet er, daß die Mutter ihn oft klistiert hat. 
Ich erinnere daran, daß er im Sanatorium klistiert wurde (von einer Schwester) 
und es aufgeben mußte, weil er dabei Erektion und Ejakulation bekam. 

Päderastie hatte er in Paris einige Male betrieben (passiv). Er hatte 
starke Lustempfindung. Er gab diese Form der Homosexualität auf, weil er 
horte, daß dieser Verkehr die Ursache des Mastdarmkrebses sei. 

Zu Traum 2 bemerkt er, daß ihn früher der Gedanke, die Frau B. 
könnte in die Hoffnung kommen, vor Eifersucht rasend gemacht habe. Er 
möchte gerne in die Hoffnung kommen und gönnt diese Freude keiner an- 
deren Frau. 

Zu Traum 3 fällt ihm sein Vater ein . . . 

Wir sehen, wie die Erogenität der Analzone durch die Klistiere der 
Mutter großgezogen wurde. Es scheint, daß die Vorstellung, von einem Weibe 
irrigiert zu werden, ihn in die passive Rolle gedrängt hat. Hinter der Frau 
des Traumes steht die Mutter. Ebenso beziehen sich die Schwangerschafts- 
phantasien auf die Mutter und die Schwester. 

Sein zweiter homosexueller Eindruck ereignete sich im 7. Lebensjahre. 
Ein Lehrling zeigte ihm das rote, erigierte Glied. Er war entsetzt und ekelte 
sich. Er lief zur Mutter und erzählte ihr den Vorfall: Der Lehrling hat ein 
schreckliches rotes Stangerl zwischen den Beinen. Der Lehrling wurde dann 
entlassen. 

Er träumt: 

Ich befinde mich in irgend einer Ortschaft, ich glaube an der 
Donau. Es ist ein düsterer, unfreundlicher Ort mit zusammengepferchten 
Häusern. Das Wetter ist trübe, Wolkenfetzen jagen am Himmel dahin. 
Ich unternehme einen Rundgang durch den Ort. Es wird immer dunkler 
und dämmeriger. Vor mir liegt der Fluß unheimlich und gurgelnd. Auf 
mich macht das einen furchtbar melancholischen Eindruck. Ich sehe einen 
Mann neben mir gehen, der sich auch als einer von meiner Art ausgibt. 
Wir kommen zu einer Wehr, wo ein Balken ohne Geländer darüber führt. 
Ich zögere hinüberzugehen, weil ich mich fürchte. Wie ich drüben bin, 
stürze ich hinunter, mich packt ein tödlicher Schreck und ich drohe in 
den Wellen zu ertrinken. Ich rette mich. Ich zittere am ganzen Körper, 
wir gehen weiter. Er erzählt mir von einem sehr hübschen Wirt. Wir 
kommen in den von ihm bezeichneten Gasthof. Der Wirt ist leidlich 
hübsch. Ich gehe mit ihm durch einen Hof, wo er mit mir vertraulich 
werden will. Ich wehre ab. Wir kommen dann in einen nach beiden 



160 



Sadismus und Masochismus. 



Seiten offenen Wagenschuppen, wo sich plötzlich ein Wolfshund auf mich 
stürzt. Wir wälzen uns kämpfend am Boden. Plötzlich fühle ich, daß ich 
ein Messer in der Hand habe und schneide dem Tier den Hals durch 
worauf es verendet, ohne mich verletzt zu haben. Neben mir liegt ein 
Mädchen, das ich früher nicht gesehen habe. Dem stoße ich, ohne zu 
tiberlegen, das Messer in die Rippen. Wie sie mich dann mit ihren 
brechenden Augen anschaut, packten mich unendliche Reue und Gewissens- 
bisse. Wie ich mich umschaue, sind Begleiter und Wirt verschwunden. 

Wir gehen weiter . . . Eine bekannte Frau (die Mutter einer Be- 
kannten) erzählt mir von einer frommen Dame, die in einem Wallfahrts- 
ort in einem ebenerdigen Hause wohnt und eine kostbare kleine Wecker- 
uhr besitzt. Sie macht mir den Eindruck einer Betschwester, soweit ich 
nach der Schilderung urteilen kann. (Ich habe während des ganzen 
Traumes das Gefühl des Unbehagens.) Plötzlich erhalten wir die Nach- 
richt, die Frau sei bei der Wehr ins Wasser gefallen und ertrunken. Ich 
werde beauftragt, ihre Wohnung zu hüten. Es ist ein kleines, ebenerdiges 
Zimmer und macht den Eindruck eines Verkaufsladens. Mir ist sehr un- 
heimlich. Ich finde zwei Schnüre falscher, schwarzer Perlen und stecke sie 
samt der Weckeruhr ein. Später kommen Leute, Spießer, die sich darüber 
aufhalten und überall umherschnüffeln. (Ein mir unsympathisches Pack!) 
Plötzlich steht auch ein mir bekannter Arzt dabei und spricht, ich hätte 
kein Recht, mir von diesen Dingen etwas anzueignen. Er geht mit mir. 
Bei der Wehr gehen wir rasch hinüber. Kaum daß wir sie passiert 
haben, kommen mächtige Wassermassen. Der mir unbekannte Freund ist 
wieder neben mir. Ich kann mich aber für ihn nicht erwärmen. 

Ich befinde mich in einem Jargontheater. Eine Dame macht laut 
eine Bemerkung, welch herrlichen Ring mit einem schwarzen Stein ein 
Herr in der ersten Reihe am Finger hat. „Da sieht man, wer das Geld 
hat! Eine schwarze Perle!" — sagt sie. Ich halte den Stein für einen 
schwarzen Diamanten. Der Betreffende hat ein schwammiges Gesicht von 
mongolischem Schnitt, Ich sehe mir den Ring näher an. In den schwarzen 
Stein sind zwei Rosen eingraviert, eine schwarze und eine weiße . . . 



In diesen merkwürdigen Träumen bricht das erstemal der Sadismus 
offen durch. Ganz unmotiviert tötet er im Traume das Mädchen, das er sofort 
als seine Nichte agnosziert. Auch beim Ringe, in dem die Rosen eingeschnitten 
sind, fällt ihm sofort ein, daß seine Schwester und seine Nichte beide Rosel" 
heißen. 

Wir erkennen, daß er zum Weibe sadistisch eingestellt ist. Sein Begleiter 
repräsentiert die Homosexualität, die ihn gegen den Sadismus schützt. 

Seine Leidenschaften werden zweifach symbolisiert : als reißender Strom, 
gegen den er eine Wehr errichtet hat (Homosexualität als Selbstschutz) und 
als Wolfshund. 

Er fürchtet, einen Lustmord zu begehen, darum flüchtet er 
in die Homosexualität. 

Seine Frömmigkeit wird als Frau dargestellt. Er glaubt nicht recht, er 
hat seinen Glauben verloren. Er war in Lourdes (Wallfahrtsort im Traume!) 
und brachte von dort zwei schwarze Rosenkränze mit (Perlenschnüre). Der 
Wecker stellt sein Gewissen dar. Er mag sich nicht in seine Seele blicken 
lassen, auf derem Grunde die infantile Frömmigkeit ruht. Ein Arzt (Analy- 



Beziehungen des Sado-Masochismus zur Homosexualität. 



161 



tiker) führt ihn über die gefährliche Stelle, wo seine Frömmigkeit ertranken 
ist. Welches ist die gefährliche Stelle? Seine Liebe zn der Schwester und zu 
seiner Nichte. Denn die zwei Rosen im Ringe des Herrn, der in der ersten 
Reihe des Theaters sitzt (sein Schwager) sind die beiden Rosel, seine Schwester 
und die Nichte. Das Jarg-on-theater geht wie alle Worte mit der Silbe on 
auf die Onanie. Sein Phantasietheater beschäftigt sich bei der Onanie mit den 
beiden weiblichen Wesen seiner Familie. Das ist seine Sünde. Wenn er eifer- 
süchtig ist, wird er ein wildes Tier. Er gönnt die beiden Frauen keinem 
anderen Manne. Geld steht für Liebe. Der Mann, der so viel Liebe (Geld) 
hat, ist sein Schwager. Er versuchte sich in die Liebe zu dem Schwager zu 
retten, jetzt ist das Verhältnis ein kühles (deutliche Entwertungstendenzen des 
Arztes = Jargontheater). In der nächsten Nacht tötet er wieder einen Wolfs- 
hund, wird verfolgt, von einem Gendarmen in ein Lusthaus geführt. Der 
Gendarm läßt sich durch sein Bitten erweichen und ist sehr heb mit ihm 
Eine Erklärung erscheint nach dem vorher Ausgeführten überflüssig. 

Er bringt zwei charakteristische Träume: 

Ich bin in einem mir sympathischen Gemache, alte Gobelins in ge- 
dämpften Farben, ein alter Kristalluster ein großes Sehn°en 

nach einem Menschen ist in mir ein distinguierter, mir sym- 
pathischer alter Herr (für meinen Geschmack etwas zu greisenhaft) mit 

hellen, klugen Augen steht plötzlich neben mir er fragt mich 

freundlich: „Hast Du auch die Bilanz Deines Lebens gemacht" 

ich frage erstaunt: „Wie meinen Sie das?" Nun meint er: Alle 

Tage, in denen Freude in Dir war, bezeichnest Du mit einem Stern" alle 
Tage der Qual mit einem Kreuz." Ich erwidere, daß ich 'ohne- 
hin so eine Art Kalendertagebuch führe in der von ihm angedeuteten 
Form. Ich suche diese Aufzeichnungen und finde ein halbes Jahr auf 

einem hellgrünen das angebrochene andere halbe Jahr auf 

einem weißen Kalender verzeichnet. Ich zeige ihm die Kalenderblätter 

-er meint bemitleidend: „Armes Kind, fast lauter Kreuze, das 

sieht ja wie ein Kirchhof aus, das muß besser werden!" 

Ich fühle mich so wohl, so geborgen in der Nähe des freundlichen 
alten Mannes. Ich bemerke einen Siegelring an seinem Finger, ein Feld 
mit Streifen, ein Feld mit 3 Flammen. Ich habe die feste Zuversicht, 
durch ihn zu meinem Glück zu gelangen. 

Ich schreibe ein Gedieht, mir fallen die Verse, die ich vor dem 
Schlafengehen gemacht habe, ein (sie gelten meinem Freund!): 

Ich kann es nie vergessen, 

wie Du mich einst geliebt, 

weil es im ganzen Leben 

nur einmal so was gibt. 

Als Du von mir gegangen, 

da war mein Herze krank, 

mich fror, mir war so einsam, 

wie wenn die Sonne sank. 
In einer alten Schloßkapelle, mystisches Dämmern, dnrch farbige 
gotische Fenster dringt das Licht herein, meine Familie steht vor einer 
offenen Gruft, meine Schwester und Nichte in tiefer Trauer, ich bin bei 
ihnen, aber ich glaube, es ist mein eigenes Leichenbegängnis. Stufen 

St ekel, Störungen des Trieb- und Affektlebens. Vm. ... 



162 



Sadismus und Masochismus. 



führen in die Gruft, es stehen schon einige Steinsärge dort. Alle 
schluchzen laut. Ich denke mir — ich will doch mit dem Men- 
schen, der mir auf der Welt alles war, den ewigen Schlaf verbringen. — 
— Und eine Fülle glutroter Rosen, die ich mir gewünscht, sie fehlen ! 
Ein tiefes Weh and der Gedanke, was werden die Meinen ohne mich 
machen, ich könnte ihnen noch nützlich sein, quält mich. Über der Öff- 
nung der Gruft wird eine Steinplakette, das alte Wahrzeichen unseres 
Hauses, einen Bären darstellend, zerbrochen und die Stücke poltern in 
die Tiefe. Ich stehe selbst dabei, weiß aber, daß es mein Leichen- 
begängnis ist. Entsetzen und Leid packen mich ich wache auf. 

Im ersten Traume sehen wir die Reue über das bisherige Leben. Sein 
Vater (und der Arzt) erscheinen in der Rolle des ehrwürdigen Greises und 
fordern ihn auf, die Homosexualität aufzugeben. Was hast du denn von deinem 
Leben genossen? — das ist die Frage dieses Traumes. An dem Ring zeigt 
der Greis die 3 Flammen, das Symbol der Ehe: Mann, Weib und Kind. 

Im zweiten Traume begräbt er seinen alten Menschen, den Homosexuellen, 
und das wilde Tier, den Sadisten (den Bären). Er sinkt in Trümmer und ein 
neuer Mensch wird auferstehen. 

Wieder Beziehungen zu seinem Vater, an dessen Leiche er einst ge- 
standen ist. Die große Liebe zum Vater war die Wurzel seiner Homosexualität. 
Die häßlichen Szenen im Hause, die pathologische Eifersucht seiner Mutter, 
haben ihn gegen die Frauen eingestellt und den Wunsch rege gemacht, dem 
Vater ein Weib zu ersetzen. Er würde keine Szenen machen, er würde ihn 
empfangen, wie er es uns in seinen Phantasien (S. 151) geschildert hat. 

Diese Nacht hatte er einen homosexuellen Traum, der aber mit einer 
heterosexuellen Szene endete. 

Es war in einem Bade oder in einem Bordell. Es waren eine 
Menge schöner, starker Männer dort, die mit den Frauen verkehrten. 
Dann kam eine Frau auf mich zu. Sie war derbknochig, hatte sehr kleine 
Brüste und einen kräftigen, maskulinen Körper. Sie setzte sich auf mich, 
so daß ein Verkehr zustande kam. (Er drückto den Koitus inversus 
in der Wiener Dialektsprache aus: Sie macht mir das Bubi.) Ich hatte 
großen Genuß und erwachte mit Orgasmus. 

Bemerkungen überflüssig. 



Wenn er eine kleine Sünde begangen hat oder irgend eine Handlung, 
deren er sich schämt, so hat er keine Ruhe, bis er sich gründlich gereinigt 
hat. Er geht ins Dampfbad, schwitzt, badet, läßt sich gründlich seifen und 
dann hat er das Gefühl, daß er auch seelisch gereinigt ist. Oft tritt dieser 
Reinigungszwang bei sehr geringfügigen Anlässen auf. 

Häufig fühlt er sich wie ein Verbrecher und weiß sich dieses Gefühl 
nicht zu motivieren. 

Aufschluß gibt ein Traum dieser Nacht: 

Ich bin mit meinem Freund in einer Kirche. Der Altar war wie 
bei den Griechisch-Orientalen ganz verhängt, so daß man ihn nicht gesehen 
hat. Es sah eigentlich nicht aus wie eine Kirche. Vor mir auf dem Betpult 
befinden sich in das gelbe Tuch hineingearbeitet Juwelen. Mir fällt ein 



Beziehungen des Sado-Masochismus zur Homosexualität. Iß3 

großer, rautenförmiger Rubin auf. Ich will ihn herausschneiden. Ich nehme 
das Messer und mache einen kleinen Schnitt. Aus dem Tuch kommt Blut. 
Ich höre eine Stimme: „Was du tun willst, das ist ein Verbrechen." Ich 
laufe aus der Kirche davon. Mein Freund geht mit mir und verspricht 
mir, daß er mich beschützen wird. 

Die Bedeutung ist durchsichtig. Er ist ein Frauenmörder und möchte die 
Vagina aus dem lebenden Fleisch herausschneiden. Die Homosexualität schützt 
ihn gegen seinen Sadismus. Dieser Sadismus hat sich Männern gegenüber in 
Masochismus gewandelt. Von ihnen möchte er überwunden werden. Sie sollen 
ihm Schmerzen bereiten. Lust und Strafe zugleich. Auf das Weib muß er 
verzichten. Er will selber ein Weib sein und damit alle männlichen (agressiveu) 
Tendenzen überwinden. Er träumt oft, daß er vor dem Traualtar steht und 
mit einem Manne getraut wird. 

Er träumte: 

Ich befinde mich allein in einer Flucht von Gemächern, lehne an 
einen herrlichen Kamin, weißer, matter Marmor, ich fühle mich sehr glücklich 
ich habe die Gewißheit, daß das herrliche Inventar der Bäume, sowie 
die Villa (denn um eine solche scheint es sich zu handeln) mir gehören. 
Alle Gegenstände sind so massiv und von gediegendster Art. Ich schreite 
durch die Gemächer, eines gefällt mir besser als das andere, endlich 
gelange ich zu einer weißen Tür, die auf eine von Säulen getragene 
Terrasse führt, weiße Marmorstufen führen hinab, schon die letzten Stufen 
werden von den hellen, grünblauen Wellen eines Sees bespült. (Es handelt 
sich um einen See, sehr weit in der Ferne, von Dunst verhüllt, das andere 
Ufer und Umrisse von hohen Pappolbäumen.) 

Ich schreite die Stufen hinab, da beginnt die Wasserfläche sich wild 
zu bewegen, hohe Wellen schlagen an den Marmor und Fluten wälzen 
sich heran, die mich zu erfassen drohen. Ich ziehe mich schleunigst und 
etwas geängstigt zurück. 

Es ist Nacht; ich befinde mich in einem getäfelten Schlafgemach, 
ein breites (für zwei Personen), geschnitztes Eichenbett hat mich auf- 
genommen (an der Wand Holzschnitzereien, Wildschweine und Hunde!), 
mir ist unheimlich zumute, in einem dreiteiligen Eisenleuchter brennt eine 
dicke Kerze dämmeriges Licht, mir kommt der Gedanke, „welcher Menschen 
Leid und Glück, welches Idyll und welche Tragödien mögen sich in diesem 
Räume schon abgespielt haben!". Plötzlich von einer hellen Aura umspielt, 
treten sich bei der Hand führend und bei mir vorbei defilierend Menschen ein 
(ich weiß, sie haben früher gelebt und kommen aus einer anderen Welt !). 
Folgende Gestalten habe ich mir gemerkt : einen feschen Mann in den besten 
Jahren, untersetzt, seine hellen Augen und sein schöner Schnurrbart fallen 
mir besonders auf (erinnert mich an einen Schmied, den ich seinerzeit 
gekannt habe !), er führt an der Hand eine Frau mit weißer Haube nach 
Art der Holländerinnen, die blonden Haarbüschel quellen hervor, sonst 
ist sie in Seide gekleidet (sie erinnert mich an eine Jugendgespielin, ein 
Mädel aus Mähren). Ihr folgt ein distinguierter adrett gekleideter Herr 
mit weißem gepflegten Schnurrbart und mildem Lächeln, es folgen noch 
einige Gestalten, an die ich mich nicht besinnen kann. Die Mienen all 
dieser Personen tragen ein gewisses Lächeln, das nur Wissenden eigen ist, 
Menschen, die über der Grenze von gut und bös stehen und mehr wissen 

11* 



164 Sadismus und Masochismus. 

als wir Lebenden. Mir jagen Schauer darch den Leib, ich erwache. Die 
Gestalten verschwinden durch eine breite eichene Flügeltür. 

Der wunderschöne Traum stellt das Inventarium seiner Seele dar. Die 
Villa ist seine Seele. Wieder erscheint das Bild von den gefährlichen Tiefen 
des Wassers. Er zieht sich zurück. Er will das Wilde in sich nicht sehen. 
Aber an der Wand erscheint das Bild eines Wildschweines und eines Hundes. 
Die Stimmung ist wieder unheimlich (Angst vor sich selbst). Die Kerze ist seine 
Lebenskerze. So verbrennt und verzehrt sich sein Leben. Nun erscheinen die 
Bilder seiner Vergangenheit. Der junge Vater, die Mutter, dann der ältere 
und schließlich der alte Vater. Es sind Gespenster und er schauert zusammen. 
Deutlich ist auch die Mutterleibsphantasie zu erkennen. 

Ähnliche Motive bringt der nächste Traum: 

Ein Ballsaal, buntes Getriebe, ich bin in Smoking gekleidet, lehne 
an der Wand und bin Zuschauer. Ein hübscher Mann im Jägeranzug mit 
flotten Schnauzbart und stahlblauen Augen fesselt meine Aufmerksamkeit 
in hohem Maße. Auch er geht nicht uninteressiert an mir vorbei. Bei 
einer Quadrille ist er mein gegenüber, ich tanze wie ich noch niemals 
getanzt habe, er zollt mir Beifall und ich bin glücklich. Das Tanzen mit ihm, 
wobei ich mich fest an ihn schmiege, macht die Sinne in mir wirbeln. 
Ich begreife, daß „Tanzen schön sein kann ..." 

Später befinde ich mich in einem Wagen (Viersitzer). Ich bin in 
Frauenkleidern in einer Art spanischen Tracht. Im Haar seitlich die Rose, 
das typische Seidentuch über eine Schulter, ein warmer Mantel darüber, 
denn es ist Winter und kalt, neben mir sitzt der hübsche Jäger, ich 
schmiege mich dicht an ihn an, uns gegenüber sitzen zwei Herren, kann 
mich auf ihr Aussehen nicht erinnern. Wir kommen über einen freien 
Platz, im Hintergrund ein Gebäude wie unser Rathaus, ich halte den Fuß 
aus dem Wagen heraus, da plötzlich vier Wachmänner, die mich eigentümlich 
mustern, ich ziehe das Bein zurück. Die Wachmänner, die früher zu Fuß 
waren, jagen uns nun auf Pferden nach. Wir kommen in ein Lokal 
(Restaurant und Tanzlokal), wie gehetzt setze ich mich auf einen Stuhl 
zu einem Tisch, die Hände des Jägers, die so kraftvoll und schön sind, 
machen mich trunken, ... ich küsse sie heiß und unaufhörlich ... die 
vier Wachmänner kommen herein, schauen mich zwar an, nehmen aber 
keine weitere Notiz von mir . . . Mir gegenüber steht ein kleiner buckliger 
Mann mit klugem aber zynischem Gesicht — er schreibt unaufhörlich 
Zahlen, ich trete zu ihm, er raunt mir zu auf die Wachleute zeigend . . . 
„die haben wir Ihnen zu verdanken". Ich frage ihn, was schreiben Sie 
da? Er antwortet: „Auch von Ihnen". Wieso? frage ich, das sind ja 
lauter Zahlenreihen. Da hebt er das Blatt, da sehe ich Wege und Striche, 
dicke und dünnere Linien, alles durch die Zahlen ausgedrückt, halte ich 
aber das Blatt horizontal, so sehe ich nur Zahlen in gleichmäßiger Stärke 
geschrieben. 

Wieder erscheint ihm die Familie. Sie waren vier Personen — eine 
Quadrille. Sehr durchsichtig ist der Übergang von der weiblichen Partnerin zum 
Manne. Nun ist er ein Weib und nur in einer männlichen Quadrille. Er steckt 
den Fuß hinaus. (Exhibition des Penis.) Es setzt die Angst vor der Polizei 
und vor der Verfolgung ein. Diese Gedanken stören die Hingabe- an den Mann. 
— Der kleine bucklige Mann ist der Analytiker, der ihm die Wege des Lebens 



Beziehungen des Sado-Masochismus zur Homosexualität. 1(55 

zeigt. Aber er muß für diese Art Liebe zahlen, er muß aucb für seine Homo- 
sexualität zahlen. 

Der Jäger ist auch der Analytiker. Er fühlt sich wie ein verfolgtes Wild. 
Er ahnt, daß ich der Wahrheit nahe komme und zeigt deutliche Fluchtreflexe. 
Er möchte bloß dreimal in der Woche kommen. Es geht ihm besser. Er hat 
angeblich alle Verfolgungsideen verloren. Dieser Traum aber zeigt uns, daß 
sie noch vorhanden sind. 

Er kommt unter allerlei Vorwänden immer seltener. Er fühlt eine hetero- 
sexuelle Welle aufsteigen, die er mit Gewalt unterdrückt. Er ist oft melancholisch, 
weil sein Freund ihm angekündigt hat, daß er sehr beschäftigt sei und selten 
kommen werde. Aber er ist sanft und hat keine Wutanfälle mehr gehabt. 

Hingegen sind seine Träume fürchterlich. Sie sind voll grauenhafter Szenen. 

Ich bin am Friedhof und gehe mit einem mir sympathischen Manne. 
Es war schauerlich. Die Geisterstunde. Ich fürchte, daß Geister kommen 
werden und klammerte mich an den Mann. 

Ich war in einem Geschäfte und verlangte Feigenkaffee. Der Verkäufer 
zeigte mir, wie der Kaffee gemacht wird. Er brachte die Feigen, aber auch 
Datteln und Nüsse, zerschnitt alles in kleine Teile und steckte alles in ein 
Tuch. Mir graute. Ich sollte die zerschnittenen Feigen essen. 

Um den zweiten Traum zu verstehen (der erste ist durchsichtig genug — 
er fürehtet die Geister der Vergangenheit), muß man wissen, daß der Wiener 
Dialektausdruck für die Vagina die „Feign" (Feige) heißt. Sein Verlangen geht 
darnach, die Feige zu zerschneiden und aufzuessen. Sein Sadismus geht auf 
kannibalistische Instinkte zurück. 

Er ist masochistisch zum Manne und sadistisch zur Frau eingestellt. 

Es geht ihm täglich besser. Er ist nun zur Ansicht bekehrt, daß er wilden 
Impulsen unterliegt. Er hat Anfälle von „stiller Wut", wie er sie jetzt nennt. 
Es wird ihm plötzlich heiß, das Blut steigt zu Kopfe, die Augen werden rot 
unterlaufen. Er ringt nach Atem und fürchtet einen Schlaganfall. Diese stille 
Wut tritt auf, wenn er sich ärgert. Eines seiner Ideale hat ihn jetzt verlassen und 
ein Verhältnis mit einem anderen Herrn angeknüpft. Er war sehr edel und gönnte 
dem anderen das große Glück. Er dachte zu Hause darüber nach und plötzlich 
kam die stille Wut über ihn. Es wird ihm jetzt bewußt, daß er vor den Anfällen 
die Fäuste ballt. 

Im Laufe der Analyse tritt zu Tage, daß er auch zu Männern sadistisch 
eingestellt ist, wenn sie ihn reizen. Der nächste Traum belehrt uns über diese 
Einstellung : 

Eine weiße, zwiebeltürmige Kirche, umschlossen von einer weißen 
Mauer, ein Mann in magyarischer Tracht steht neben mir, er ist schön, 
sein behaarter Nacken und kraftvolle schöne Hände fallen mir besonders 
auf — ein starker seidigglänzender Schnauzbart bedeckt seine Lippen, er 
lächelt oft, und wird dadurch noch anziehender, schöne, raubtierartige 
weiße Zähne hat er. Ich bin in einem Stadium der Zufriedenheit und des 
heiteren Glücklichseins (und Wein hab ich doch noch keinen getrunken, 
fällt mir ein.) 

Was wälzt sich da die Straße herauf? Ein Gewimmel, ein Heer von 
Federvieh, graue unscheinbare Fasanhennen, Haushühner rot, schwarz 



166 



Sadismus und Masochismus. 



und grau, Perlhühner und hin und wieder stolze Hähne. (Mir fällt 
unwillkürlich der Rattenfänger von Hammeln ein, obwohl es Hühner sind.) 
Mein Nebenmann lächelt wieder auf seine schöne Art. Da greife ich in 
das Gewimmel hinein und fange mir ein graues Hahn (Henne), es läßt 
sich sehr leicht erwischen, ich drehe ihm den Kragen um und lasse es 
seitlich im Rock verschwinden (ich denke mir, daß ich jetzt einbusig bin) 
und fange mir noch einen schönen roten Hahn ab, den ich ebenfalls durch 
Kragenumdrehen töte (es geht sehr leicht), ich stecke ihn auf die andere 
Seite dos Rockes, so, jetzt komme ich mir symmetrisch vor. Mein Nebenmann 
steht jetzt in Alpentracht neben mir, ein idyllisches Bauerngehöft liegt vor 
uns . . . ein offenes Heubodenfenster . . . mein Begleiter redet leise und 
eindringlich auf mich ein . . . Das Leben hat plötzlich Chancen für mich 
... ich fühle mich so glücklich, jauchzen möchte ich . . . und das Heu 
duftet so stark, daß mir ganz schwindlig wird. 

Die Kirche erinnert ihn an ein Dorf in Ungarn, wo er oft in der Kind- 
heit die Sommermonate verbracht hatte. Dort machte er seine ersten Tier- 
beobachtungen und hatte auch Gelegenheit sein infantiles Bedürfnis nach 
sadistischen Szenen zu stillen. Der Mann mit den weißen Zähnen erinnert ihn 
an einen Fleischhauer da unten, dem er oft beim Schlachten zusah. Wir sehen wie 
er ein Weib (Henne) umbringt, ihr den Kragen umdreht, dadurch erhält er 
einen Busen, d. h. er wird durch die sadistische Einstellung homosexuell. Aber 
auch der Mann wird umgebracht. Er läßt sich nur mit sehr starken Männern 
ein, deren Kraft er fühlen muß. Da wird er zum Masochisten. Der Fleisch- 
hauer verwandelt sich in seinen Freund, der oft Alpentracht trägt. Er sieht 
die Möglichkeit der Liebe, nachdem er seinen Sadismus an den Hühnern aus- 
gelassen hat. Im Anschluß an diesen Traum kommt die spezifische Phantasie 
zum Vorschein, ein Weib zu erdrosseln, ihr den Kragen umzudrehen, sie auf- 
zuschneiden usw. 

Patient beginnt langsam seine Einstellungen zu korrigieren. Die Wahn- 
ideen sind verschwunden. Er zeigt stärkeres Interesse für Frauen. 

Die Analyse wird fortgesetzt. 



Er fühlt sich sehr unglücklich und ganz verlassen. Er sagt mir unter 
Tränen, er könnte sich das Leben nehmen oder Morphinist werden. Immer 
beobachtet er seine Nichte und weiß rührende Züge von ihr zu berichten. Er 
war mißgestimmt. Da kam die Nichte auf ihn zu, umarmte und küßte ihn und 
sagte: „Du weißt gar nicht, wie ich Mitleid mit dir habe. Ich wünsche dir 
sehnlichst, du mögest einen Menschen finden, der dich glücklich macht." 

Seine Depression geht auf den Verlust der geliebten Nichte zurück. Er 
hätte genug Gelegenheit mit Männern zu verkehren, aber er findet immer 
Rationalisierungen, es nicht zu tun. 

Er bringt mir die Träume zweier Nächte, die so bezeichnend sind, daß 
ich sie alle hier wiedergebe. 

Traum 1. Ein Theater unter freiem Himmel, meine Schwester, meine 
Nichte sitzen mit mir in den vordersten Reihen. Zuerst werden zwei 
braune Bären vorgeführt. Das Merkwürdige dabei ist, daß sie in ein 
zylinderartiges Glasreservoir gestellt werden (Bären leben doch 
meist unter Wasser?), die Zylinder verkleinern sich, so daß die Bären 
endlich nur die Größe von jungen Hunden haben (alles vollzieht sich 
im Glaszylinder der auch kleiner wird!). All dies erfüllt mich mit Staunen. 



Beziehungen des Sado-Masc-chismus zur Homosexualität. 



167 



Zweite Nummer, dressierte Panther; sie spazieren ganz frei auf der Bühue 
herum, kein Schutzgitter trennt sie von dem Publikum. Endlich das mark- 
erschütternde Brüllen von Löwen, ich bilde mir ein, daß einer entsprungen 
wäre, ich verlasse fluchtartig das Theater, ich bin geängstigt bis zum 
Äußersten ... Da! . . . draußen steht in elegantem grauen Überzieher 
„mein Seelenarzt" — groß kommt er mir vor. Ich flüchte zu ihm. Ruhig, 
abgeklärt und milde ist er . . . seine Hände sind so weich ... ich werde 
vollkommen ruhig. 

Traum 2. Ich sehe meine Mutter sterben. Ich denke, daß sie leiden 
muß. Ihr Atem ist schwer und röchelnd . . . Ein unsägliches Weh und 
Mitleid ist in mir. Es kommen Männer der Leichenbestattungsgesellschaft, 
sie tragen die Sterbende weg. In mir taucht die entsetzliche Angst auf, 
daß sie nicht lebend begraben werde. Ich eile ihnen nach, die Männer 
meinen, in den Sarg muß sie unbedingt, ob sie nun tot oder lebendig 
ist. Ich durchlebe schreckliche Stunden. Ich schreite hinter dem Sarge . . . 
der schreckliche Gedanke, daß sie im Grab erwachen wird, macht mich 
halb wahnsinnig. Ich rufe, ich schreie, ich stöhne ... Da fällt mir ein, 
daß sie ohnehin den Herzstich bekommen hat, da muß sie ja unbedingt 
tot sein. 

Traum 3. Ich befinde mich in einem herrlichen Gemache, orien- 
talisch eingerichtet. Die verhüllte Gestalt eines Weibes nähert sich mir, 
ich sehe genau die Konturen ihres Leibes. Sie breitet behutsam ein un- 
endlich zartes schleierartiges Gewebe im Rechteck vor mir aus. Ich sehe, 
daß ihre Nägel rot gefärbt sind. Das Gewebe stellt eine altfranzösische 
Ballettszene dar, in unendlich feinen Pastellfarben gehalten. Ich denke 
mir, dieses Gewebe bin ich, vielmehr das Spiegelbild meines Charakters. 
... Ich selbst sehe es im Ebenmaß ausgebreitet, schön, so wie es in 
Wirklichkeit ist, vor mir liegen. Faßt es aber ein Fremder bei irgend 
einem Ende an, so verzieht sich das Rechteck und das Bild und die 
Gesichtchen der Figuren werden verzerrt und zu Grimassen ... Ich denke 
es kommt darauf an, wer es in die Hände bekommt. . . . Fremde wissen 
nichts, sie erkennen dein innerstes Wesen nicht, sie beurteilen dich 
falsch. 

Traum 4. Mir graut vor dem Leben, ich bin des Wartens müde. 
Ich will nimmer sein. Ein Mädel rät mir, von einer blauen Flüssigkeit 
zu nehmen, das gebe den Schlaf. Ich trinke davon, und, o furchtbarer 
Schrecken . . . meine Zähne, meine ehedem so weißen und regelmäßig 
gestellten Zähne, werden gelb und zerfressen und krümmen sich wie Säge- 
späne nach aufwärts, rollen sich ein und stehen schief ab. Mich packt die 
Verzweiflung, nicht tot sondern verunstaltet bin ich, es ist der Mund 
eines Ungeheuers, den ich besitze. Das Weib lacht ironisch. 

Traum 5. Ich habe ein Glas vor mir, ich habe keinen Durst aber 
einen unwiderstehlichen Drang zu trinken. Ich trinke, . . . das Glas wird 
nie leer. Ich fühle daß ich ertrinken muß, der Atem geht mir aus, aber 
ich trinke, es ist so grauenhaft, kalter Schweiß steht auf meiner Stirne. 
Als ich erwache, habe ich heftigen Kopfschmerz. 

Im ersten Traum sieht er seinen Sadismus als Bären. Er ist wohl ver- 
wahrt in dem Glaszylinder seiner Seele (zugleich ein phallisches Symbol). Die 
Bären verkleinern sich und es findet eine Regression zur Kindheit statt. {Um- 



168 



Sadismus und Masochismus. 



kehrung der Erektion. Angst vor Sadismus und Impotenz aus Angst vor 
der eigenen Grausamkeit.) Der Traum drückt auch eine anagogische Tendenz 
aus, den Wunsch die sadistischen Komplexe zu überwinden, zu zähmen, un- 
schädlich zu machen. Aus den Bären werden harmlose kleine Haustiere. Aber 
gleich darauf meldet sich die Gefahr in Form eines Panthers, Löwen brüllen 
fürchterlich und er sieht sich gezwungen zu fliehen. Ich soll ihn retten. 
Wovor? Das zeigen die nächsten Träume. Da ist der von der sterbenden Mutter, 
welcher auf die Entstehung seiner Homosexualität hinweist und uns beweist, 
daß die Mutter noch immer in seinem Herzen lebt. Sie erhielt wirklich einen 
Herzstich. Gemeint ist hier der Herzstich, den er durch ihren Tod erlitten 
hat. Nun steigert sich der Traum zur dramatischen Wirkung. Ein Weib (die 
Mutter oder Schwester?) gibt ihm den Liebestrank und er wird zum Raubtier. 
Vorher hütet er sich, das Gewebe seiner Parapathie von mir antasten und 
zerstören zu lassen. Ich beurteile ihn falsch. Nun da er aber den Liebestrank 
geschlürft hat, verwandelt er sich in ein Ungeheuer. Im letzten Traum sehen 
wir sein unstillbares Verlangen, das er durch die Homosexualität nicht stillen 
kann. Denn er ist ein Raubtier und hat einen Durst, der Blutdurst ist. Die 
blaue Flüssigkeit (blaues Blut!) ist Blut. 

Daher sein Grauen nachdem er getrunken hat. Es ist ein unstillbarer 
Blutdurst, der ihn beherrscht. 



Ich breche hier die Mitteilung der Analyse ab, die uns zu dem ent- 
scheidenden Punkte geführt hat. Patient weiß allerlei Vorwände, um sich 
der Behandlung zu entziehen. Er hat bald sehr viel zu tun, bald sind 
materielle Hindernisse vorhanden. Mein Vorschlag, zur Heterosexualität 
überzugehen, wird mit Entrüstung abgelehnt. Aber er zieht sich immer 
mehr von seinen homosexuellen Objekten zurück. Er ist jetzt nur beherrscht 
von dem Gedanken, daß er seine Nichte verlieren soll. Zeitweilige Depres- 
sionen will er mit der Tatsache erklären, daß er sein männliches Ideal 
nicht finden kann. Wir sehen aber, daß die sadistische Einstellung zum 
Weibe seine Flucht in die Homosexualität verursacht hat. 

Die Behandlung ist nicht abgeschlossen. Ich hoffe ihn auf den Weg 
der Heterosexualität zu bringen. 

Aus der Lebensgeschichte eines anderen Homosexuellen bringe ich 
nur die Schilderung seiner sadistischen Einstellung: 

Fall Nr. 10. Patient berichtet: 

„Grausamkeit ist ein charakteristischer Zug meines Wesens. Sie zeigte 
sich schon beim Säugling. Meine Mutter litt an sehr schmerzhaften Schrunden 
der Brustwarzen. Das Stillen war für sie eine Qual. Sie zitterte am ganzen 
Leib, schrie laut auf vor Schmerz, jedesmal wenn ich angesetzt wurde. Ich 
gab meiner Lust an dieser Tortur unzweideutigen Ausdruck durch ein immer 
festeres Zuklemmen der Kiefer, so daß oft das reine Blut aus den Schrunden 
floß. Je stärker die Mutter schrie, desto fester sog und quetschte ich die 
Mammilla. Deshalb mußte auch nach wenigen Wochen das Stillen aufgegeben 
werden. 



Beziehungen des Sado-Masochismus zur Homosexualität. 169 

Solange ich mich erinnern kann, hatte ich eine Vorliebe für Tiere, die ich 
allen Spielsachen vorzog. Als zweijähriger Knirps, machte es mir das größte 
Vergnügen, wenn das Kindermädchen mit mir auf den Schweinemarkt ging, 
wo ich die kleinen Ferkel am Schwanz und an den Ohren herumriß. Da& 
Quietschen der Tiere bereitete mir die größte Freude. Jeder Hund, dem ich 
auf der Straße begegnete, wurde beim Schwanz gepackt oder an den Ohren 
gezerrt. Bei Spaziergängen über Land amüsierte ich mich mit dem Ausreißen 
von Flügeln und Beinen von Insekten. Wenn ich von einer Bremse gestochen 
worden war, geriet ich in wahre Wut. Das Tier wurde zur Strafe auf die 
raffinierteste Weise ganz langsam zu Tode gemartert. 

Ich wollte immer ein Tier als Spielzeug haben. Als fünfjähriger Junge 
hatte ich ein weißes Kaninchen bekommen. Ich beschloß dasselbe langsam 
verhungern zu lassen. Die Nahrung, die ich ihm bringen sollte, schüttete ich 
im Geheimen weg. Wenn ein Huhn geschlachtet wurde, war ich mit Wonne 
dabei. Ich wollte das Opfer selbst halten. Seine Todesangst anzusehen, war 
mir ein Vergnügen. Ich versuchte auch allen Hühnern, die ich erhaschen 
konnte, die Schwanzfedern auszurupfen. Wenn ich Katzen erwischte, nahm ich 
sie beim Schwanz und schleuderte sie wie einen Sack auf meinen Rücken. 
Oft zerkratzte mir dann das Opfer das Gesicht. Das brachte mich in solche 
Aufregung, daß ich das Tier gegeu eine Wand schlug und es zu töten ver- 
suchte. Ich habe auch öfters Katzen ertränkt oder mit einer Schnur erwürgt. 
Noch als zwanzigjähriger Student habe ich einmal mit 2 Kameraden junge 
Katzen lebendig geschunden, allerdings wurden sie mit Äther betäubt, aber 
nicht vollständig. 

Mit ca. 10 Jahren entwickelte sich bei mir eine Vorliebe für Lurchen- 
tiere, besonders Salamander und Eidechsen. Ich „operierte" einmal etwa 
20 Eidechsen: der einen wurde der Schwanz abgeschnitten, einer andern ein 
Bein amputiert, wieder einer andern mit der Schere der Bauch aufgeschlitzt. 
Dann wurde jeder „Patient" in eine Zündholzschachtel gesteckt, das war sein 
Krankenbett, und das ganze Spital wurde in einer Kartonschachtel aufbewahrt, 
bis die Tiere verendeten. 

Kleine Kinder versuchte ich durch Kneifen und Hauen zum Schreien zu 
bringen. Sobald sie schrieen, geriet ich in Wut und wollte sie durch Hiebe 
wieder zum Schweigen bringen. Wenn ich mich gegen Kameraden zur Wehr 
setzen mußte, konnten sie darauf zählen, ein blutig- zerkratztes Gesicht davon- 
zutragen. Ich erinnere mich einmal als etwa zehnjähriger Junge einen gleich- 
altrigen Vetter in einem Anfall von wahrer Raserei im Gesicht derart zerkratzt 
zu haben, daß er blutüberströmt zu Boden fiel und jämmerlich schrie. Ich be- 
arbeitete ihn dann noch mit meinen Schuhen und schlug ihm eine Teppichbürste 
an den Kopf. Wenn ich eine Axt zur Hand gehabt hätte, würde ich ihn sicher 
getötet haben. 

Und nun habe ich mich zu einem sogenannten Kulturmenschen ausge- 
wachsen. Ich quäle weder Tiere noch Menschen mehr mit den Fingern. Aber 
meine Zunge hat vielleicht mehr Unheil und mehr Schmerzen angerichtet als 
die manuelle Betätigung meiner sadistischen Triebe. Schon als Kind war es 
mir eine Genugtuung meine Eltern durch allerlei Sticheleien und überlegte 
Aufreizungen gegeneinander aufzuhetzen. Später hat mich diese Sucht immer 
mehr dazu geführt seelische Schmerzen hervorzurufen, wo immer ich zufriedene 
oder gar glückliche Menschen und Verhältnisse vermutete. Dämonischer Neid 
ist die Triebfeder (Anstifter) und ein berauschendes Gefühl der Macht die 
illusorische Belohnung. 



170 



Sadismus und Masochismus. 



Ich beschließe hiemit dies Kapitel, welches jedem Unbefangenen 
die Zusammenhänge zwischen Sado-Masochismus und Homosexualität be- 
weisen kann. 

Beide Typen, der Sadist und der Homosexuelle, sind Rückschlags- 
erscheinungen und zeigen uns ein überstarkes Triebleben, das sich un- 
möglich den Forderungen der Kultur anpassen kann. 

In allen Fällen zeigt sich der Einfluß der Jugenderlebnisse, welche 
das Leben und die Einstellung dieser Menschen determinieren. In den 
nächsten Kapiteln werden wir versuchen, tiefer in die Psychogenese des 
sado-masochistischen Komplexes einzudringen. 











. 

















VI. 

Sado-Masochismus und Infantilismus. 

Alle Handlungen des Menschen, in 
der Erscheinung, sind aus seinem 
empirischen Charakter und den mit- 
wirkenden anderen Ursachen nach der 
Ordnung der Natur bestimmt : und wenn 
wir alle Erscheinungen seiner Willkür 
bis auf den Grund erforschen könnten, 
so würde es keine einzige menschliche 
Handlung geben, die wir nicht mit 
Gewißheit vorhersagen und aus ihren 
vorhergehenden Bedingungen als not- 
wendig erkennen könnten. 

Kant, 

Wir haben uns überzeugen können, daß in der Tat sehr wichtige 
Beziehungen zwischen Homosexualität und Masochismus bestehen, daß diese 
Beziehungen fast den meisten Beobachtern aufgefallen sind, daß sie aber 
bisher noch nicht erklärt wurden und der Zusammenhang nur als ein 
zufälliger aufgefaßt wurde. 

Wir wollen jetzt den merkwürdigen Horror feminae des Masochisten 
und den Horror viri der Masochistin besprechen. Wir wählen als leichteren 
Fall den Horror feminae des Mannes, der masochistisch eingestellt ist. Wir 
haben schon betont, daß Masochisten Frauen vorziehen, welche die sekundären 
Geschlechtsmerkmale wenig ausgebildet haben (wenn es schon zu einer 
Kopulation kommt). So kommen magere Frauen, solche, die etwas behaart 

sind und eine besonders auffallende Tatsache — ältere Frauen 

hauptsächlich in Betracht. Ja, eine Reihe von Masochisten bevorzugt sehr 
alte Frauen, selbst Greisinnen vor jungen Frauen. Es handelt sich nicht 
allein um die Abweichung vom weiblichen Typus, vom Vollweibe, sondern 
auch um die Betonung des Infantilen, das ja in dem Masochismus eine 
so überragende Bedeutung hat. 

Wir wiederholen: Die Buntheit der sexuellen Variationen kann nur 
begriffen werden, wenn man auf dem Boden des sexuellen Trialismus steht : 
Mann, Weib und Kind. 

Der durchsichtigste masochistische Typus ist der infantile. Es wird 
eine Szene der Kindheit wiederholt, in der der Masochist das Kind spielt. 
Oder — was zum Verständnis masochistischer Phantasien von größter 



172 



Sadismus und Masochismus. 



Bedeutung ist — die Szene der Kindheit wird durch Umkehrung entstellt 
und unkenntlich gemacht. Betrachten wir zuerst die nicht verkehrten 
Kinderszenen und versuchen wir die Analyse einer solchen masochistischen 
Phantasie. 

Fall Nr. 11. Herr K. H., ein kräftiger Mann von 27 Jahren, klagt über 
eine masochistische Paraphilie, die ihm das Leben verleide. Er sei entschlossen, 
sich das Leben zu nehmen, wenn ich ihn nicht von seiner Krankheit befreie. Das 
Leiden schildert er folgendermaßen : „Ich bin von Zeit zu Zeit — so ungefähr 
alle 14 Tage — gezwungen, eine Dirne aufzusuchen. Zu diesem Behufe nehme 
ich mir ein Leintuch und sehr starke kräftige Gurten mit. Das Mädchen wird 
von mir instruiert, mich in das Leintuch fest einzupacken und dann in die 
Gurten zu schnüren. Sie muß mich dann im erleuchteten Zimmer eine Weile 
allein lassen. Als Vorbereitung zu diesem Akte gehört das längere Zurückhalten 
des Stuhles. Sobald ich allein bin, setzt sofort die Defäkation ein, die mit einem 
lebhaft betonten Orgasmus — mitunter, aber nicht immer, mit Ejakulation 
verbunden ist. Viel größeren Orgasmus bereitet die die Defäkation begleitende 
Miktion. Ich liege dann zirka eine halbe Stunde in einer wohligen Wärme, die ich 
permanent als Lust empfinde. Nach dieser Zeit kommt die Dirne und muß mich 
aufpacken und dafür, daß sie mich beschmutzt gefunden hat, sanft züchtigen. Ich 
verlange auch, daß sie mich tüchtig ausschimpft und hinauswirft. Ich empfinde 
Angst, Ekel und Scham und trachte, die Spuren meiner ekelhaften Handlung zu 
verwischen. Ich werfe das Leintuch in die Donau, hole mir frische Wäsche vom 
Hause und gehe dann ins Bad. Doch ist es mir schon vorgekommen, daß ich 
wider meinen Willen ins Bad urinieren und defäzieren mußte 1 ). 

Alle Versuche, auf normale Weise einen Orgasmus zu erzielen, sind voll- 
kommen mißglückt." 

Diese sonderbare Prozedur ist nicht schwer zu verstehen. Es handelt sich 
um die Herstellung einer infantilen Situation, der Situation, wie er als Wickel- 
kind von seiner Umgebung betreut wurde. Die Dirne repräsentiert die Mutter 
oder das Kindermädchen, er spielt den Säugling. Der Orgasmus bei der Miktion 
ist der infantile Typus der Lustgewinnung von dieser erogenen Zone aus 
(Harnröhre !). 

Wir können also konstatieren, daß sich alle Libido auf das Kind zurück- 
gezogen hat. Wie steht es aber mit dem Manne und mit dem Weibe? 

Im letzten Jahre hatte er neben der eben geschilderten Paraphilie einen 
Zustand von geschlechtlicher Erregung, wie er ihm bisher ganz unbekannt war. 
Er war zu jeder Arbeit unfähig, weil ihm fortwährend das Verlangen kam, zu 
einer Dirne zu gehen. Kam er dann hin und versuchte er das Normale, so war 
alles vorüber. Der Drang war außerordentlich stark und trotzdem kam es selten 
zu einem Koitus. An seine Paraphilie wollte er nicht denken. Bloß alle 14 Tage 
kam ihm der unwiderstehliche Trieb, wieder ein Kind zu sein. 

Er nimmt aber auch andere Handlungen vor, die eine Unterwerfung 
unter das Weib symbolisieren. Er vollzieht den Kunnilingus, läßt sich auch 
gerne leicht flagellieren. 

Er gibt aber zu, in der Kindheit sehr grausam gewesen zu sein. Noch 
heute kommt es vor, daß er Phantasien hat, es wäre ihm eine schöne Frau auf 
Tod und Leben ausgeliefert, er könnte mit ihr machen, was er wollte. Er quälte 
Tiere und schwelgte früher in phantastischen Situationen, in der er der Herr 

*) Ähnliche Fälle siehe Band V im sechsten Kapitel „Ewige Säuglinge". 



Sado-Masochismus und Infantilismus. 173 

über Leben und Tod von Tausenden war. Er hatte viele Frauen, die ihn zu 
gleicher Zeit in Erregung versetzten, während deren Männer zusehen mußten. 
Ungefähr im zehnten Lebensjahr wurde er sehr fromm. Er ging täglich des 
Morgens noch vor der Schule in die Kirche und betete zu Gott, er solle ihn 
erhören und aus ihm einen guten Menschen machen. 

Er wollte kein Frauenmörder werden! Er hatte von Jack, 
dem Aufschlitzer gehört und mit Schrecken entdeckt, daß er 
einer solchen Tat ebenso fähig wäre. Da packte ihn das Entsetzen 
und er wurde fromm. Da hätten sich seine Phantasien ganz gewandelt und 
er sei der Sklave der Frauen geworden. 

Homosexuelle Regungen will er erst gar nicht zugeben. Er weicht aus 
und meint, solche „unnatürliche Dinge" seien ihm unbegreiflich. Ich verweise 
auf seine Paraphilie, die man doch nicht als natürlich bezeichnen könne und 
fordere ihn auf, sich auch über die anderen Regungen seines Geschlechtstriebes 
offen auszusprechen. Er sieht das endlich ein und gesteht mir wichtige Tatsachen. 
Ich möchte bei dieser Gelegenheit darauf hinweisen, wie oft man gerade über 
homosexuelle Regungen von den Patienten belogen wird. Sie geben diese gleich- 
geschlechtlichen Einstellungen 8ehr ungern zu, schämen sich, als hätten sie 
damit etwas verraten, was besonders paraphil wäre ... Sie geben auch nur 
ganz geringfügige Dinge zu und verschweigen das Wichtigste. Daher ist den 
gebräuchlichen Anamnesen nicht zu trauen. Wie oft lesen wir bei Hirschfeld 
oder bei Krafft-Ebing über einen Kranken: Gleichgeschlechtliche Regungen habe 
er nie empfunden, im Gegenteil, es berührte ihn unangenehm, nur an solche 
Dinge zu denken. Spricht man aber mit den Menschen längere Zeit, so kommen 
dann die ursprünglichen Einstellungen hervor und man erfährt erst die wichtigsten 
Erlebnisse, Phantasien und Sexnalziele . . . Daher möge man es sich als Regel 
nehmen, daß die ersten Angaben der Patienten über ihre Vita sexualis nur als 
vorläufige erste Informierung zu werten sind. In diesem Falle aber gelang es 
mir, den Widerstand zu brechen und folgende Tatsachen zu erfahren. 

Er war schon als Kind sehr früh sexuell erregbar und interessierte sich 
besonders für die Entblößung. Es war für ihn ebenso reizvoll, den Vater als 
die Mutter nackt zu sehen. Er begann sehr früh zu onanieren und setzte nur 
während seiner frömmsten Periode eine kurze Zeit aus. Im vierzehnten Lebens- 
jahre verliebte er sich in einen Jungen, der seine Liebe erwiderte. Es war die 
glücklichste Zeit seines Lebens. Dann zog der Junge in eine • andere Stadt und 
er konnte lange keinen Freund finden. Als er neunzehn Jahre alt war, wohnte er 
bei einer Hausfrau, die einen sehr hübschen Jungen im Alter von zehn Jahren 
hatte. Mit diesem knüpfte er ein Verhältnis an. Aus Angst, entdeckt zu werden, 
verließ er die Stadt und suchte eine Stellung in einer anderen. Auch hier fand 
er einen Jungen, der ihm willfährig war. 

Da las er in der Zeitung von einem Prozesse gegen einen angesehenen 
Mann, der Knaben verführt hatte. Er beschloß, diese Regungen energisch zu 
bekämpfen und wurde ihrer Herr. 

Statt dessen aber trat ein Drang ein, mit Frauen zu verkehren, der 
unstillbar war. Und trotzdem war er eigentlich bei Frauen impotent. Nur wenn 
er sich die oben beschriebene Prozedur machen ließ, kam er zu einem starken 
Orgasmus. 

Wir sehen, wie hier die drei Komponenten „Mann", „Weib" und „Kind" 
mit einander in Fehde liegen und die Unterdrückung des Weibes alte infantile 
Regungen zu Tage fördert und lebendig macht. 



174 



Sadismus und Masochismus. 



In der mitgeteilten Krankengeschichte findet sich ein Detail, auf 
das ich besonders aufmerksam machen muß. Patient empfindet Angst, 
Ekel uod Scham, wenn er seinen infantilen Akt vollzieht. Trotzdem be- 
hauptet er, habe er ein starkes Lustgefühl, das unbegreiflicher Weise aus 
der lächerlichen Situation stammt. Später aber gibt er zu, daß gerade die 
Überwindung der drei Schranken „Angst, Ekel und Scham" sein Lust- 
gefühl erregt, ja vielleicht sogar den Hauptanteil an der Entstehung der 
Lust trägt. 

Um den Fall zu verstehen, müssen wir ein wenig auf die Psycho- 
logie der Erziehung zurückkommen. Das Kind wird zur Kultur erzogen, 
indem man die drei gewaltigen Schranken Scham, Ekel und Angst er- 
richtet. Die infantile Freude an Exhibition, Miktion, Defäkation, an auto- 
erotischen Spielen wird durch elterliche Verbote gehemmt 1 ). Der Haß der 
Kinder richtet sich zuerst gegen die Personen, die dieses Verbot aus- 
sprechen und durchführen, später gegen die Gesellschaft, welche diese 
Verbote durchgesetzt hat. Man merkt gleich in den ersten Stunden der 
Analyse, daß dem Sado-Masochisten das „Gemeingefühl" fehlt. Er haßt 
eine Kultur, welche ihn durch Verbote eingeengt hat und es macht ihm 
besondere Freude in seinen paraphilen Akten diese Verbote zu über- 
schreiten. 

Die erzieherischen Imperative werden angenommen und werden dann 
als innere Widerstände verwendet. Die Überwindung dieser inneren Wider- 
stände verschafft dem Masochisten ein besonderes Lustgefühl. Besonders 
aber die Überwindung der Schamgrenze, wobei das Gefühl etwas zu tun, 
was sich nicht schickt, was nicht paßt, wofür man sich schämen müßte,' 
den Lustcharakter gewaltig erhöht. Man könnte den Vorgang einen 
„Protest des Primitiven gegen die Kultur" (den sozialen Protest) 
nennen. Diesen Protest gegen die sozialen Forderungen, werden wir in 
keinem Falle vermissen. Oft erinnern sich die Behandelten an die Fehler, 
die bei ihrer Erziehung begangen wurden, wie ihnen ein besonderes Scham- 
gefühl eingehämmert wurde. Immer mußten sie sich für etwas schämen, 
was im Grunde genommen lustvoll war und einem natürlichen Triebe ent- 
sprach. Die Scham setzt sich aus 2 Komponenten zusammen : Aus einer 
angeborenen (vererbten) und einer anerzogenen Scham. Ich lege das Schwer- 
gewicht auf die zweite Komponente. Mit der Regression zum Infantilen 
wird der Kranke wieder ein Kind. Er überwindet die Scham des Er- 



*) Ein zweijähriges Kind fragt die Mutter: „Sind Zuckerl gesund?" Die Mutter 
sa gt «Nein, viel Zuckerl essen ist ungesund." Das Kind fragt weiter: „Ist kalt waschen 
gesund?" „Ja" — erwidert die Mutter — „kalt waschen ist gesund", worauf das Kind 
ausruft: „Jetzt weiß ich! Alles, was unangenehm ist, ist gesund und alles was gut ist, 
ist ungesund." Ähnlich geht es mit den verschiedenen Verboten. Alles, was süß und. 
angenehm ist, wird dem Kind verboten. Daher stammt der tiefe Reiz des Verbotenen. 



Sado-Masochismus und Infautilismus. 



175 



wachsenen und wird schamlos wie ein Kind, wenn er sich einpacken und 
abwischen läßt. 

Jede Befreiung von Hemmungen wirkt als Lustgefühl. 
Eigentlich leben diese Kranken etwas aus, was durch die Kultur gehemmt 
wurde. Sie kehren sozusagen zu den Urreaktionen des Primitiven zurück. 

Wie verhält sich dieser psychosexuelle Infautilismus zu der sadisti- 
schen Einstellung eines Frauenmörders? (Der Sadismus liegt in der Poly- 
phonie seines Denkens als Kontrapunkt.) Wir müssen uns die Sache durch 
ein Bild begreiflich machen. Patient steht unter der Herrschaft eines starken 
Impulses. Dieser Impuls ist gefährlich. Er kann ihn zum Verbrecher 
machen und gänzlich aus der Bahn werfen. Die Hemmungen gegen diesen 
Impuls müssen besonders stark ausgebaut werden, dafür aber an anderer 
Stelle Ventile für Ersatzimpulse geschaffen werden. Ich denke hier an 
ein Staubecken, in dem die Wasserkraft eines Wildbaches aufgefangen 
wird. Statt der Hauptschleuse werden Nebenschleusen geöffnet, durch die 
angestaute Fluten abgelassen werden können. Die von dem Patienten aufge- 
führte Szene ermöglicht eine Abreaktion auf einem anderen Gebiete. 
(Nebenkriegsschauplatz Adlers — aber im anderen Sinne verwertet.) Die 
Affekte der Angst stammen hauptsächlich aus dem Mordimpuls. Sie werden 
aber gleichzeitig mit den Affekten der Scham und des Ekels durchlebt, 
was uns beweist, das hinter der gespielten Szene noch eine andere viel 
wichtigere verborgen ist. 

Der infantile Charakter der Szene erhellt aus der Tatsache, daß es 
sich um ein Spiel handelt. Die spezifische sado-masochistische Szene ist 
ursprünglich aus einem Spiel der Phantasie entstanden. Schließlich macht 
der Paraphile aus dem Spiele ein Sexualziel. Aber wie in jedem Spiele, 
ist auch in dem Spiele des Paraphilen eine Vorbereitung für das Leben 
zu suchen. Der Sinn der Regression ist doch: Ich bin wieder ein Kind 
und das ganze Leben steht vor mir. Ich kann noch spielen ; so lange ich 
nicht Ernst mache, ist die Sache nicht gefährlich. 

Das Spiel, das er aufführen läßt, treiben auch andere, ohne daß es so 
deutlich wird. Ich habe schon vor vielen Jahren in meinem Aufsatze „Der 
Neurotiker als Schauspieler" (Zentralblatt für Psychoanalyse, I. Band) auf 
diese merkwürdigen Tatsachen aufmerksam gemacht. Wie schwer ist es zu 
lernen, daß die ganze Parapathie und speziell die Paraphilie ein Spiel mit 
und vor sich selbst darstellen ! Wir erfahren die unglaublichsten Dinge, die 
uns unwahrscheinlich und lächerlich vorkommen, wenn wir nicht auf den 
Charakter dieser Phantasien Rücksicht nehmen. Es handelt sich um alte 
Lieblingsvorstellungen, zum Teile unzerstörbare Erinnerungen, denen das 
aufgeführte Schauspiel einen vorübergehenden Realitätswert verleiht. 

So erklären sich die sonderbaren Fälle, die Pascal in seinem Buche 
„igiene dell' amore" berichtet. Da ist der 45jährige Mann, der alle drei 



176 



Sadismus und Masochismus. 



Monate bei einer Dirne erscheint, sich von ihr fesseln und allein in ein 
dunkles Zimmer sperren läßt. Ein anderer Herr sucht — nach der Schilderung 
dieses Autors — in die Wohnung einer Dame einzudringen, die ihn in Ball- 
toilette als Gräfin empfängt und ihn dann hinauswerfen läßt. Dies erscheint 
als die Realisierung einer masochistischen Phantasie von großem Symbol- 
werte. Oder den Fall von Carra, über den Krafft-Ebing berichtet. Der 
38jährige Mann wird von der Puella bei den Ohren gepackt, wird durch 
das Zimmer geschleppt und läßt sich anschreien: „Was tust du da, weißt 
du denn nicht, daß du in die Schule gehörst, warum gehst du nicht in die 
Schule ? „Dann erhält er seine Ohrfeigen und muß sie demütig um Verzeihung 
bitten, er erhält dann ein Körbchen mit Brot und Obst, wie man es Kindern 
in die Schule mitgibt ; sie zieht ihn noch an den Ohren in die Höhe und 
wiederholt die Ermahnung, wobei die Ohren fest gezerrt werden. Er fühlt 
seine Erregung aufs höchste steigen und vollzieht in diesem Momente mit dem 
Ausrufe „Ich gehe, ich gehe!" den Koitus. 

Dieser Fall ist deshalb interessant, weil er uns das Ende der verschiedenen 
infantilen masochistischen Szenen verrät. Im Leben mag sich diese Art der 
Strafe ganz ähnlich zugetragen haben, bis auf das hinzuphantasierte Ende. 
Das Ende aber beweist, daß hinter der masochistischen Phantasie eine Inzest- 
phantasie mit der Mutter steckt. Das Kind verwandelt sich am Schluß der 
Szene in den Mann und verrät so seine alte infantile Einstellung. Die Strafe 
der Mutter hätte ihm nichts gemacht, wenn die entsprechende Belohnung 
für die Reue als Zeichen der vollkommenen Verzeihung gefolgt wäre. Zu 
berücksichtigen ist noch der Umstand, daß der Masochismus als Buße, als 
Strafe gewertet wird. Eine Buße, welche die ganze Lust der verpönten 
Handlung, für die man sich bestraft, aufgenommen hat. 

Ein ähnlicher Fall ist der nächste aus meiner Beobachtung. 

Fall Nr. 12. Herr N. J., ein Techniker von 29 Jahren, leidet an allerlei 
Zwangsvorstellungen, deren Besprechung an anderer Stelle (im zehnten Bande 
dieses Werkes) erfolgen soll. Seine Vita sexualis steht im Zeichen des Masochismus. 
Er ist bei Frauen und Mädchen vollkommen impotent. Seine bisherigen Versuche 
mißlangen alle, so daß er jetzt nur bei einer Puella publica Befriedigung 
sucht. Er geht seit Jahren immer zu der gleichen Dirne. Sie ist schon über 
vierzig Jahre alt. Er bevorzugt die älteren Dirnen, da er bei jüngeren kein 
Verständnis für seine Neigungen findet. Die Meretrix hat eine Rute, die sie 
in Aktion treten lassen muß, wenn er sich entkleidet hat. Er legt sich auf ihre 
Knie und sie schlägt ihn sehr sanft auf die Nates, wobei sie sagen muß: „So, 
Bubi, jetzt werde ich dir dein Popozerl auspracken !" In manchen Fällen kommt 
es schon während der Flagellation zu Orgasmus und Ejakulation, besonders wenn 
die Streiche so sanft sind, daß sie mehr einem Streicheln als einem Schlagen 
gleichen. Mitunter jedoch vollzieht er die Kohabitation, die nicht immer gelingt. 
Manchmal verschwindet die Erektion während der Kohabitation. Es ist als ob 
eine hemmende innere Stimme ihm zurufen würde: „Mache das nicht! Es ist 
eine Sünde!". 



Sado-Masochismus und Infantilismus. 



177 



Nach einem gelungenen Koitus hat er heftige Reuegefühle, die voll- 
kommen fehlen, wenn er den Orgasmus nnr durch Flagellation erzielt hat. 
Er kommt sich dann schmutzig und unrein vor und muß ein Bad nehmen, 
um sich zu reinigen. Jedesmal nimmt er sich vor, die unwürdige Szene nicht 
mehr zu wiederholen und erliegt immer wieder der Versuchung. 

Die Analyse ergibt, daß er von der Mutter in dieser beschriebenen 
Weise geschlagen wurde. Er war ihr Liebling, und sie wollte ihn mehr 
schrecken als wehtun. Es ist dies eine Erfahrung, die auch von Freud be- 
stätigt wird. Der Masochismus entsteht am ehesten, wenn die Strafe nicht 
sehr stark war , sodaß die Assoziation von Strafe und Lust leichter Zustande- 
kommen konnte. Auch die Worte: „So, Bubi, jetzt werde ich dir das Popozerl 
auspracken!" sind die Wiederholung der Worte, welche die Mutter in der 
gleichen Situation auszusprechen pflegte. 

Das Merkwürdige an diesem Falle ist der Umstand, daß der Patient nie 
daran dachte, daß seine Mutter diese Worte bei der Strafe ausgesprochen 
hatte. Er bildete sich ein, es wäre seine ureigenste Erfindung. Wir sehen also, 
daß sieh die Verdrängung gerade auf die Mutter bezieht. Jetzt verstehen wir 
auch, warum die Reuegefühle nur nach dem Koitus kommen, während sie nach 
der Flagellation allein fehlen. Es ist offenbar die ominöse Inzestphantasie, 
die an die Prügelszene eine Versöhnungs- und Belohnungsszene folgen läßt, 
welche vom Bewußtsein als naturwidrig und sündig abgelehnt wird. Auch 
seine Impotenz bei anständigen Frauen und Mädchen wird verständlich, da sie 
ja die gewöhnliche Form ist, in der sich Inzestphantasien äußern können. Die 
anständige Frau enthält offenkundige Assoziationen zur Mutter, während die 
Dirne diese Assoziationen nur im Unbewußten zuläßt, im Bewußten aber die 
Dirne als Gegensatz zum heiligen Bilde der Mutter aufgefaßt wird. 

Hochinteressant ist aber der Umstand, daß sich dieser Masochismus auf 
dem Boden eines hypertrophischen Sadismus ausgebildet hat. In der Kindheit 
zeigte N.J. alle möglichen sadistischen Regungen. Er quälte Tiere 
nnd spielte immer mit Mordgedanken, besonders Vergiftungsphantasien. (Als 
Talion, Vergiftungsstrafe ist es dann aufzufassen, daß er eine pathologische 
Angst vor Giften zeigte und daran eine Unmenge Zwangshandlungen knüpfte. 
Wie die Zwangsparapathie überhaupt die Parapathie des gehemmten Verbrechers 
darstellt.) Er war pathologisch eifersüchtig und wollte als Kind nicht erlauben, 
daß die Brüder mit seinem Spielzeug spielten. Alles nur für sich haben wollen 
— die Liebe der Eltern, selbst die der Dienstboten — , alles nur für sich 
ausnützen wollen, alle in seinen Dienst stellen wollen, den Standpunkt anderer 
nicht begreifen können, der Mangel an ethischer Einfühlung, das sind die 
charakteristischen Kennzeichen des Parapathikers, die er mit dem Kriminellen 
teilt. Auch er wollte alles für sich allein haben. Sprach die Mutter lange mit 
dem Vater, so war er eifersüchtig. Er wollte den Vater für sich allein haben 
und konnte in solchen Momenten der Mutter den Tod wünschen und umgekehrt. 
Besonders seine Brüder waren ihm als Kind ein Dorn im Auge. Gingen sie 
allein spazieren, so war sein erster Gedanke: 0, mögen sie nicht zurück- 
kommen ! Einmal blieben die Brüder länger aus, so daß die Mntter sehr besorgt 
war. Er lag an Masern krank zu Bette. Da dachte er: „Jetzt sind sie sicher 
in den Bach gefallen" und betete, daß sie nicht mehr zurückkehren sollten . . . 
Das war schon mit fünf Jahren! 

Später überkompensierte er diesen geschwisterlichen Neid in eine große 
Liebe und hatte Angst, wenn die Brüder über Gebühr lange ausblieben. Er 

Stekol, Störungen des Trieb- nnd Affektlebena. Vm. J2 



178 Sadismus und Masochismus. 

wurde dann fromm und [da verschwanden alle sadistischen Regungen, alle 
kriminellen Gedanken. 

Hier müssen wir die Entstehung des Masochismus suchen, der verständ- 
licher wird, wenn man weiß, daß er für sein häßliches Benehmen gegen seine 
Brüder gezüchtigt wurde. Es ist als ob die masochistische Szene diese 
Erinnerung festhalten wollte und Lnst und Strafe zugleich be- 
deuten würde. Es ist ja dies eine Form der bekannten parapathischen 
Kompromisse . . . Doch ist dieser grundlegende Sadismus ganz verschwunden? 
Keineswegs. Wir dürfen den Masochismns nur als Übermalung über das sa- 
distische Grundgemälde auffassen. Eine solche Behauptung wäre ungeheuerlich, 
wenn man sie nicht beweisen könnte. 

Die Träume unseres Kranken enthalten zahlreiche sadistische Phantasien. 
Masochistische Szenen kommen in ihnen viel seltener vor. Auch diese maso- 
chistischen Szenen sind durchsetzt mit sadistischen Momenten. 

Doch gehen wir jetzt zu der Analyse einer merkwürdigen Szene, die er 
erlebt hatte, nachdem er schon einige Zeit in meiner Behandlung gestanden. 
Er versuchte mit ziemlichem Erfolge seine masochistische Neigung zu bekämpfen 
und suchte den Orgasmus des normalen Verkehres. Zu diesem Behufe machte 
er durch die Zeitung mehrere Bekanntschaften, ließ sich in einen lebhaften 
Briefwechsel mit unbekannten Mädchen ein und lernte schließlieh eine Fran- 
zösin kennen, die ihm sehr gefiel. Nachdem sie mehrere Ausflüge gemacht 
hatten, lud sie ihn in ihre Wohnung und gab ihm zu verstehen, daß sie nicht 
prüde wäre, wie andere Mädchen und gerne einen feurigen Liebhaber ihr 
eigen nennen möchte. Er freute sich, endlich an das Ziel seiner Wünsche zu 
kommen und eine eigene Geliebte zu haben. Bei ihr im Zimmer überfiel ihn 
eine fürchterliche Angst. Er glaubte Stimmen zu hören, er horchte auf Ge- 
räusche, die unter dem Bette zu vernehmen waren und glaubte schließlich, es 
habe sich ein fremder Mann im Zimmer versteckt, der ihn oder 
vielleicht aus Eifersucht ihn und sie erstechen werde. 

Diese Angst beweist dem Psychologen, daß er beim Stelldichein die 
Assoziation zu einem Morde hatte, und zwar in negativer Form, in der Angst 
ermordet zu werden. Der Seelenarzt, der sich mit diesen Fällen eingehend be- 
schäftigt, weiß schon, daß solche Gedanken leicht durch Umkehrung ent- 
stehen. Etwa aus dem Gedanken: Ich möchte jemanden ermorden! 

• So eine Behauptung einem Patienten gegenüber auszusprechen, ohne 
einen weiteren Anhaltspunkt zu haben als die Erfahrung, wäre doch ein frevel- 
hafter Leichtsinn. Allein die Nachforschung zeigt, daß eine Reihe von Mo- 
menten zu verzeichnen sind, welche für diese Annahme sprechen. Der junge 
Mann hatte sich am Vortage das große Taschenmesser schleifen lassen, das 
er sonst nie bei sich trug, weil er gefunden hat, daß er seine Bleistifte beim 
Zeichnen nicht scharf genug spitzen könne. Diese Rationalisierungen krimineller 
Vorbereitungen sind außerordentlich häufig zu beobachten und spielen auch in 
der Verteidigung solcher Menschen eine große Rolle, wenn sie ihrem krimi- 
nellen Impulse erlegen sind, was speziell bei Parapathikern, welche nicht sehr 
belastet und degeneriert sind, außerordentlich selten vorkommt. Er grübelte 
über den Gedanken, was er seinem Bruder sagen solle, wenn er ihn fragen 
würde, wo er gewesen. Es wäre ihm sehr unangenehm gewesen, wenn er ihn 
darum fragen würde. Rationalisierung: In Liebessachen ist jeder Mitwisser 
überflüssig. (Wie läppisch erscheinen solche Verteidigungen dem Untersuchungs- 
richter! Der Parapathiker aber läßt sich von sich selbst gerne betrügen. Er 
spielt ja immer vor sich Komödie!) Er suchte also ein Alibi . . . Denn er 



v 



Saclo-Masochismus und Infantilismus. 179 

kaufte sich eine Tramwaykarte in die umgekehrte Richtung, als wäre er nach 
Schönbrunn gefahren (das wollte er dem Bruder sagen), stieg dann aus und 
fuhr in entgegengesetzter Richtung in den Prater zu seiner Freundin. Einen 
Moment lang hatte er im Zimmer der Freundin einen roten Schleier vor den 
Augen und den Gedanken: Wenn sie mich überfällt, habe ich ja mein scharfes 
Messer und kann mich wehren und sie niederstechen. 

Seine Angst wuchs und er floh in einem Momente, wo sie aus dem 
Zimmer ging, und ließ sich nicht wieder blicken. Er hatte Angst vor sich 
selbst und floh, um kein Verbrechen zu begehen. 

Als ich ihn auf diese Tatsachen aufmerksam machte, fiel es ihm wie 
Schuppen von den Augen. Er hatte sogar vor einigen Tagen ein Stück von 
Wedekind gelesen, in dem die Ermordung der Lulu durch den Aufschlitzer 
vorkam. Es war kein Zufall, denn er hatte in einer merkwürdigen Laune 
plötzlich Lust bekommen, gerade dieses Buch zu lesen. Jack, der Aufschlitzer 
hatte ihn immer interessiert. Er versteht jetzt, warum er es immer so lebhaft 
bedauerte, daß er nicht Gynäkologe geworden. 

Auch seine Träume verraten, daß er im Grunde ein arger Sadist ist. So 
träumte er: 

Ich gehe mit einem roten Mädchen auf ihr Zimmer. Ich 
fühle, daß ich mein Messer immer in der Tasche habe. Das 
Mädchen sagt zu mir: „Nicht wahr? Du wirst mir nichts machen." 
Ich lache verlegen. 

Auch dieser Patient zeigt die stark homosexuelle Komponente, ohne die 
offenbar die masochistische Einstellung nicht zustande kommen kann. Er ist in 
Männergesellschaft immer verlegen, während er mit Frauen sehr gut ver- 
kehren kann. Es kann ihm passieren, daß er rot wird und zu stottern anfängt, 
er weiß nicht warum. Er hat mit seinen Brüdern allerlei homosexuello Spiele 
getrieben, deren Erinnerungsspuren seine jetzige Einstellung beeinflussen. 

Mir lag besonders daran, an diesem Falle die infantile Einstellung 
zur Mutter und den Übergang von Sadismus in Masochismus nachzuweisen. 

Ein ähnlicher Fall der diesen psychischen Mechanismus beweist, befindet 
sich bei Krafft-Ebing. 

Fall Nr. 13. Herr X. ein 2 8 jähriger Mann erzählt, daß er mit 6 bis 
7 Jahren schon Phantasien sadistischen Charakters hatte. Er stellte sich vor, 
daß er junge schöne Mädchen gefangen halte und sie täglich auf das Gesäß 
schlage. Er fand bald gleichgesinnte Knaben und Mädchen und brachte es 
dahin, daß beim Räuber und Soldatenspiel die Räuber auf den Dachboden 
geführt und auf das nackte Gesäß geschlagen wurden. Es bereitete ihm große 
Lust die Mädchen zu schlagen. Mit 10 — 12 Jahren verkehrte sich der Sa- 
dismus in einen Masochismus. Da bereitete ihm die Vorstellung große Lust, 
daß er ein Löwe wäre und von einer Tierbändigerin geschlagen würde. (Der 
Löwe ist ein Symbol der wilden Leidenschaften. Diese Szene stellt schon die 
Strafe für seine tierischen Instinkte dar und bringt in einem symbolischen 
Bilde die Überwindung des Tieres durch das Weib.) Er lernte mit 15 Jahren 
die Onanie kennen und hatte schon mit 16 Jahren ein Verhältnis mit einem 
Dienstmädchen. Sie wollte ihn nicht schlagen, befahl ihm aber sie ad podicem 
lambere, gab sich Zuckerstücke zwischen die Nates. Er mußte dann diese 
Zuckerstücke verzehren. Allein diese Paraphilie zeigt schon die Abkehr vom 
Weibe. Die Vagina wird das Symbol der Hölle und des Bösen. Er ließ sich 
nicht zu einem Koitus verleiten und hatte Ekel vor dem natürlichen Akte . . . 
Ein Jahr später suchte er schon ein Lupanar auf, wo er folgende Komödie 

12* 



180 Sadismus und Masochismus. 

aufführen ließ. Die Dirne mußte ihn auf die entblößten Oberschenkel legen 
und ihn auf die nackten Nates schlagen. Dabei mußte sie ihm Vorwürfe 
über seine Schlechtigkeit machen, während er immer beteuerte, er 
werde das nie tun, sie möge ihm nur verzeihen. Auch mußte sie seinen 
Kopf zwischen die Oberschenkel nehmen und ihn wie ein kleines Kind 
züchtigen. 

Man muß wohl blind sein, um nicht zu bemerken, daß er die Prügel- 
szene der Mutter kopiert. Allerdings mit einer kleinen Variation, welche eine 
deutliche Wunscherfüllung inzestuöser Natur verrät. Ich meine die entblößten 
Oberschenkel der Dirne ... Er fand schließlich eine Gouvernante, die auf 
seine masochistischen Ideen gerne einging und mit ihm eine gemeinsame 
Wohnung bezog, in der er alle seine Lieblingsszenen aufführen konnte. 

Die Beziehung zur Homosexualität beweist eine andere erotische Hand- 
lung, die er gerne an sich vollzog. Er führte sich gerne Salz, Seife, Pfeffer, 
Paprika und kantige Gegenstände in den After ein; als ob er den After für 
seine Erogenität bestrafen wollte. Wieder verwandelte er die Lust in eine 
schmerzhafte Handlung, so daß Lust und Strafe zu ein und derselben Emp- 
findung komprimiert wurden. 

Der Fall ist ein Schulbeispiel und außerordentlich durchsichtig. Er 
verrät uns auch, wie aus moralischen Bedenken der Sadismus sich in 
einen Masochismus verwandelt, wie sich der wilde Aggressionstrieb (Löwe !) 
nach innen kehrt. Er züchtigt sich auch gerne selbst. In diesem Moment 
erkennen wir die Kombination von religiöser Buße und Sexualität, die 
besonders in der religiösen Bewegung des Flagellantismus zutage trat. 

Krafft-Eling fand, daß das kombinierte Auftreten von Sadismus und 
Masochismus der Erklärung einige Schwierigkeiten biete (S. 165). Aber er 
hätte sich von seinen Patienten belehren lassen sollen. Herr X. (Beobach- 
tung 89) erzählt sehr treffend: „Ich kann nicht glauben, daß Sadismus 
und Masochismus Gegensätze sind. Masochismus ist nur ein spezieller Fall 
des Sadismus." 

Ich habe an zahlreichen Sadisten nach dieser Richtung Unter- 
suchungen gemacht. Es ist richtig, daß sich bei ihnen immer masochistische 
Züge zeigen, die alle den Charakter der Buße aufweisen. Viel versteckter 
ist der primäre Sadismus bei den ausgesprochenen Masochisten. Jeder der 
an einer Paraphilie leidet, konstruiert sich eine Jugendgeschichte, welche 
den Arzt hinter das Licht führen soll. Alle diese Angaben sind trü- 
gerisch und dienen dazu, den wahren Ursprung der parapathi- 
schen Konstruktion zu verbergen und zu verwischen. Essoll eben 
der Anschein geweckt werden, daß es sich nicht um eine Konstruk- 
tion sondern um ein angeborenes Leiden handelt. 

Wir treffen diese Selbsttäuschung bei den Masochisten ebenso wie 
wir sie bei Homosexuellen und Fetischisten konstatiert haben. Wir hören 
von masochistischen Neigungen, die schon auf die früheste Kindheit zu- 
rückgehen. Eine längere Analyse weist aber unerbittlich hinter jeder Lust 
am eigenen Schmerz die Tendenz zur Buße für die Lust am fremden 



Sado-Masochismus und Infantilismus. IgJ 

Schmerze nach. Sehr interessante Aufklärung bietet uns hierzu der 
nächste Fall. 

Fall Nr. 14. Herr G. K. 32 Jahre alt, klagt über eine Paraphilie, die 
ihn mit tiefem Kummer erfülle. Er sei sich selbst ein Ekel und habe be- 
schlossen, aus der Welt zu gehen, wenn ihm keine Hilfe zuteil würde. (Diese 
Angabe wiederholt sich bei allen Kranken. Der Selbstmord ist natürlich die 
letzte Strafe für die verbotene Lust und dient als letzte und größte Sühne. 
Der wirklich Perverse im Sinne Freuds, das heißt der Kranke mit angeborener 
Perversität, dürfte eben die Gewissensbisse nicht kennen. In der Tat zeigen 
die Degenerierten und echten Psychopathen keine Reue, auch fehlt die Ten- 
denz zum Selbstmord. Der Selbstmord ist schon eine Äußerung des moralischen 
Menschen.) G. K. verlangt von den Frauen, daß sie ihn mit Nadeln in den 
Hinterteil stechen, und zwar so lange, bis Blut fließt. Er bittet die Dirnen, 
ihn sofort zu verständigen, wenn die Menstruation bei ihnen eintritt. Er pflegt 
dann sanguem menstrualem lambere, was ihm den größten Orgasmus bereitet. 
Nachher aber hat er ein Gefühl des Ekels. Er muß schnell aus dem Bordell 
davonlaufen, sonst könnte er das Freudenmädchen, „das Gefäß der Sünde", 
ermorden 1 ). Er braucht dann einige Tage um sich zu beruhigen. Während 
dieser Zeit ist er so von Ekel erfüllt, daß er nichts essen kann und sich 
schüttelt, wenn er an einem Fleischerladen vorbeigeht. 

Er leugnet, daß er in der Kindheit sadistische Anlagen gezeigt habe. 
Schon als kleiner Junge sei er Masochist gewesen und hätte sich in Phantasien 
verbohrt, daß er gemartert werde, daß man ihn pfähle usw. 

Nach drei Wochen jedoch erinnert er sich ganz anderer Dinge. Er sei als 
Knabe sehr grausam gewesen ; habe Tiere arg gequält. Es machte ihm großes 
Vergnügen, Fliegen die Flügel auszureißen, Maikäfer zu rösten. Er habe einmal 
als Knabe eine Maus mit Petroleum übergössen und dann angezündet. Er stach 
gerne einem Hunde Stecknadeln in das Fleisch, quälte Katzen und schwelgte in 
Phantasien, wie er Menschen anbinden und sie dann martern würde. Besonders 
erregte ihn die Vorstellung, ein Kannibale zu sein und Menschenfleisch zu 
verzehren. Er liebte die Sage vom Vampir und wünschte sich des Nachts als 
Vampir zu den Menschen zu gehen und ihr Blut auszusaugen. 

All das hatte er angeblich vergessen. Er gestand mir aber, daß er diese 
Erinnerungen immer hatte, aber davon nicht reden, daran nicht denken wollte. 
Er glaubte, es wären überwundene Sachen. Das Menstrualblut erweist sich als 
Menschenblut und wir können in der erwähnten Handlung das Rudiment seines 
Vampirismus erkennen. Der Vampirismus als Paraphilie ist nicht so selten als 
man a priori glauben sollte. Allerdings verbirgt er sich hinter Vegetarismus, 
Ekel vor blutigem Fleische, Askese und Masochismus. 

Der Wunsch, gestochen zu werden, trat bei diesem Kranken erst im elften 
Lebensjahre auf. Damals hatte er eine fromme Periode und schwelgte in dem 
Gedanken, ein Märtyrer zu werden. Der heilige Sebastian war sein Vorbild. Es 
ist sehr charakteristisch, daß er über seinem Schreibtisch eine Kopie eines 
klassischen Sebastian hängen hat. 

Auch dieser Kranke berührt das Weib eigentlich nicht. Er führt nie einen 
Koitus aus, den er häßlich, überflüssig und ekelhaft findet. Er hat die Angst vor 
dem Koitus, der wir so oft begegnen, wo es sich um krankhafte Verirrungen 



*) Trefflich drückt dieseu Haß gegen das Weib, als Typus der Verführung der 
Roman von Gabriele D'Annunzio „Trionfo della Morte" aus. 



i 



182 Sadismus und Masochismus. 

des Geschlechtslebens handelt. Auch zeigt er gegen die Kirche einen Haß, der 
sehr an die berüchtigten Ausführungen eines Marquis de Sade erinnert. Natürlich 
verbirgt sich hinter diesem Hasse eine leidenschaftliche Liebe. Er hat seine 
fromme Periode nur scheinbar überwunden, und in seinem Masochismus steckt 
ein gutes Stück geheimer Religiosität. 

Ich wende mich einem andern Falle eigener Beobachtung zu. 

Fall Nr. 15. Es handelt sich um den 30 jährigen Herrn Viktor X., der mich 
wegen Onanie, psychischer Impotenz und masochistischen Phantasien konsultiert. 
Er läßt sich von Dirnen flagellieren und macht ihnen den Kunnilingus. Dabei 
behauptet er, die masochistischen Phantasien wären eine Folge der Abweisung 
einer bestimmten Dame. Er bewarb sich um ein Mädchen und erhielt eine 
Absage. Zuerst seien sadistische Phantasien allein vorherrschend gewesen. Er 
wollte sich an ihr rächen. Erst später wäre das Verlangen nach Flagellation 
und Erniedrigung aufgetreten. Seine onanistischen Akte seien jetzt immer von 
sadisti8ch-masochistischen Ideen begleitet. Über die Entstehung der sadistischen 
Phantasien und über den Beginn seiner onanistischen Akte lassen wir ihn selbst 
erzählen. Seine Sprache ist sonderbar geschraubt. Man würde einem Akademiker 
eine bessere Diktion zutrauen. Ich ändere aber prinzipiell nichts an diesen 
Mitteilungen, weil ja auch der Stil den Menschen verrät. Ebenso ist die Wahl 
der Ausdrücke nicht gleichgültig. Sie verraten leicht einen bestimmten Komplex. 
Ich habe auffallende Wendungen gesperrt drucken lassen : 

„Ich muß sehr früh mit der Onanie begonnen haben. Meine Erinnerungen 
sind nicht alle klar und deutlich. Vieles aus der Kindheit ist verschwommen und 
nebelhaft. Eines ist mir sicher: 

In der IV. Volksschulklasse begann ich den Fehltritt zu begehen ; wie ich 
dazu kam, weiß ich nicht mehr, sage aber, von anderen wurde ich nicht verführt. 
In der ersten Zeit war mir die Onanie etwas Neues, das mir angenehm erschien ; 
später bemerkte es der Vater, daß ich mich länger als gewöhnlich am Anstandsort 
aufhielt. Einmal war ich so vertieft, daß der Vater mich überraschte. Ich schämte 
mich fürchterlich, mein Vater hielt mir das Schlechte und Unsittliche meines 
Tuns vor und ich versprach, es nicht mehr zu tun. In dieser Zeit hatte ich 
sicher noch keine bestimmten Vorstellungen beim Akt ! Leider verfiel ich bald 
wieder diesem Laster, aber mehr wie einmal in der Woche kam es nicht vor. 
Dabei fühlte ich mich gar nicht krank, wie es mir bei der Beichte prophezeit 
wurde. So ging es fort bis zur VI. Gymnasialklasse; häufig hatte ich Anwandlungen 
von diesem Fehler zu lassen und ich erinnere mich deutlich, als mein Onkel starb, 
es war in der Zeit, als ich in der IV. Gymnasialklasse war, daß ich durch drei 
Monate nicht onanierte. Aber in der Sexta wurde ich von meinen Mitschülern 
gehänselt, daß ich keine „Flamme" in der Stadt habe. Als ich sah, wie die 
anderen glücklich mit den jungen Damen herumzogen, beschloß ich, es gleichfalls 
zu tun. Ich erkor mir eine Dame (sie ist um ein Jahr jünger als ich), die mir 
riesig imponierte, da sie recht üppig war und Augen hatte, deren Blick ich noch 
heute nicht ertragen kann, da ich immer zu Boden blicken muß, sobald sie 
mir begegnet. Die Dame war aber viel umschwärmt und beachtete mich nicht, 
höchstens daß sie mich öffentlich vor anderen foppte und mich zum Narren 
hielt; kurz, ich sah ein, daß ich ihr Luft sei, aber ich konnte von ihr nicht 
lassen und das ist mein Pech! Seit dieser Zeit hatte ich bei der Onanie die 
Freude, in Gedanken die Dame zu schlagen und sie meine Macht 
fühlen zu lassen. Nach dem Akt hatte ich keine große Lust, auch schlug 
ich mir alle Gedanken an die Frauen aus dem Kopfe. Meine Eltern und auch 



Sado-Masochismus und Infantilismus. ]_gy 

meine um sechs Jahre jüngere Schwester erfuhren mein vergebenes „schmieren" 
(so nannten wir den Sport, mit Mädchen zu verkehren) um das Frl. N., zogen 
das ganze ins Lächerliche ohne dabei zu ahnen, daß ich mich tief verletzt fühlte 
und jetzt nur noch mehr danach strebte, meinen Willen durchzusetzen. Ich 
fühlte mich unglücklich, wenn ich die Dame nicht sah (sie wohnte mir gegenüber, 
nur durch einen großen Garten, die Eisenbahnstrecke und die Straße getrennt) 
und ich konnte stundenlang mit dem Fernglas die Eingangstür oder das Fenster 
ihres Zimmers, wenn ich im Zimmer allein war, beobachten ; sobald ich sie sah, 
war ich zuerst sehr froh, meine kleine Flamme zu sehen; dann erinnerte ich mich 
wieder, wie sie mich behandelte und ich wünschte, ich wäre russischer 
Polizeioberst und sie wäre Nihilistin oder sonst etwas, damit 
ich im Kerker ihr die Peitsche grausam fühlen lassen könnte. 
Nie ist mir der Gedanke gekommen, geschlechtlich mit ihr zu 
verkehren, sondern nur spazieren gehen oder am Korso sie anreden zu können; 
dies war mein einziges Streben. Meine Wünsche blieben unerfüllt, trotzdem ich 
wegen ihr in der Septima Schlittschuhlaufen lernte, nur um beobachten zu 
können, mit welchen Glücklichen sie sprach. Eine andere sah ich nicht an, 
höchstens eine, die ebenfalls recht üppig aussah. So maturierte ich und iu den 
nachfolgenden Jahren kam ich um einen Schritt weiter ins Unglück. In den Ferien, 
da ich nichts zu tun hatte, beschäftigte mich der Gedanke an das Frl. N. intensiver 
als je, da ich nach Wien an die Hochschule mußte. In dieser Zeit las ich auch 
über Inquisitionsgreuel; statt daß mich diese traurigen Verirrungen abschreckten, 
muß ich zu meiner Schande gestehen, daß ich mit Wollust die Hexenprozesse kaute, 
in den Vorstellungen schwelgte, Frl. N. sei als Hexe angeklagt, und ich sei be- 
auftragt, sie zu foltern oder foltern zu lassen, namentlich zu peitschen, dabei onanierte 
oder es kam, daß ich in der Nacht bei solchen Phantasien Samenerguß hatte. — 
In Wien wartete ich nur die passende Gelegenheit ab, mir einen Roman über 
Flagellation, Sadismus zu kaufen. Ich versehlang diesen Unsinn, denn nachher 
ekelte mich das Buch so an, daß ich es verbrannte ; später habe ich aber sehr 
viele Bücher (namentlich die Illustrationen packten mich) gekauft. Ich bemerke, 
daß es mir leid ums Geld tat, aber ich konnte nicht anders, ich mußte so etwas 
haben, gleichgültig um den Inhalt, aber ich schwelgte in der Erinnerung, Frl. N. 
ebenfalls zu martern. Daneben las ich weitere Werke über Folter und sexuelle 
Verirrungen und geriet während des Lesens in einen Taumel und Rausch von 
Freude. Ich bin alkoholabstinent und rauche auch nicht, konnte also mein Geld, 
welches nicht auf Konzert, Theater, Violinnoten ausgegeben wurde, frei verwenden. 
Ich schrieb zweimal dem Frl. N., ohne daß sie reagierte, was natürlich war, da 
ich sie noch nie angesprochen hatte, weil ich mich fürchtete. Zu Weihnachten, 
vor zwei Jahren, faßte ich den Entschluß, Frl. N. anzureden ! Ich lauerte ihr 
täglich auf dem Wege zur Schule auf, bis ich sie erwischte. Sie war ziemlich 
freundlich aber merklich kühl, indem sie verschiedene Ausflüchte gebrauchte, um 
mich los zu werden. Ich beachtete dies erst gar nicht, erst dann sah ich ein, 
daß ich nur „aus Gnade" so mitgenommen wurde und die innere Wut begann 
wieder. Sie beleidigen, das konnte ich nicht, dies war eine Gemeinheit in meinen 
Augen, also blieb mir nichts anderes übrig als meiner Phantasie freien Spielraum 
zu lassen. Nach Wien zurückgekehrt, hörte ich dann aus Briefen, daß andere 
Damen mein Werben um Frl. N. von der lustigen Seite nehmen und seit dieser 
Zeit befriedigt mich der Gedanke, dieser Clique eins auszuwischen ebenso wie 
der andere ! Die Onanie betreibe ich durchschnittlich täglich einmal, immer 
unter grausamen Vorstellungen, der Gedanke an die natürliche Befriedigung 
läßt mich kalt. Meine temporäre Gereiztheit nimmt zu, öfters bin ich sehr 



184 Sadismus und Masochismus. 

deprimiert und kann diese ekligen Gedanken trotz allen Willenaufgebots nicht 
vertreiben. 

In der letzten Zeit, d. h. seit einem Monat, kaufe ich sogar französische 
flag. Lektüre, trotzdem ich kein Wort verstehe (nur die Bilder reizen mich), 
indem ich an Stelle der abgebildeten Personen solche, die meiner Phantasie 
entsprechen, in Gedanken setze oder freie Gedankenbilder nach den Abbildungen 
entwerfe, dabei onaniere und nachher mit den Vorsatz dies nicht mehr zu tun, 
mich mit etwas anderem beschäftige. Namentlich im Bett vor dem Einschlafen und 
am Morgen vor dem Aufstehen onaniere ich. Das mir seltsame ist nur : daß ich 
weiß, es ist mein Tun etwas Schlechtes, aber ich kann nichts dagegen tun und 
ferner in B., meiner Heimat, wo ich täglich Gelegenheit habe Frl. N. oder einer 
ihrer Freundinnen zu begegnen, kommen die Grausamkeitsvorstellungen weniger 
vor als hier in Wien. Ich habe schon verschiedene Werke über Onanie gelesen, 
kann aber keinen Ausweg finden. Gerade nach Rußland bringt mich meine 
Phantasie, vielleicht weil ich schon viel über Sitten und Gebräuche in dem Lande 
gelesen habe. 

Über seine Jugend machte er einige sehr interessante Mitteilungen : 

Soviel ich mich erinnern kann, hin ich in meiner Kindheit sehr schwach 
und kränklich gewesen. Ich bin immer in Begleitung der Eltern oder von 
Verwandten gewesen und durfte mit anderen Kindern, selbst mit meinem im 
selben Hause wohnenden Vetter, nicht herumtollen; wohl deswegen, weil ich 
Scharlach, Diphtheritis, oft Influenza und einen leichten Herzfehler hatte, auch 
verkühlte ich mich rasch und mußte mit meinem Magen vorsichtig umgehen. 

An die Traumvorstellungen jener Zeit kann ich mich nicht mehr 
erinnern, es sind mir nur die schrecklichen Fieberphantasien während meiner 
Krankheit in Erinnerung (furchtbar schäumendes Wasser, rasend sich drehende 
Mühlen, blendendes Licht). 

Sobald ich ordentlich lesen konnte, waren und sind auch heute noch 
Kriminal- speziell Detektivgeschichten meine Lieblingslektüre! Daneben 
las ich natürlich auch Reise-, See- und Indianergeschichten! Leider begann 
ich auch die billigen 10 Pfg. -Ausgaben von Nat Pinkerton etc. zu lesen, wandte 
mich aber bald zur guten Romanlektüre. In meinen Phantasien und Träumen 
spielte ich immer den Detektiv, der trotz aller Gefahren überall über das Ver- 
brechertum siegte 1 ). Auch jetzt noch ist dies hie und da der Fall, namentlich 
wenn ich ein Kriminaldrama im Kino gesehen habe. Aber ich gehe nur ins 
Kino, um mich zu zerstreuen und weiß gewöhnlich nichts mehr vom „Sen- 
sationsdrama'', sobald ich zu Hause bin. Sexuelle Vorstellungen bekam ich erst, 
als ich Frl. N. kennen lernen wollte und ich dabei ein Debakel erlitt. Ge- 
steigert wurde der Haß gegen das weibliche Geschlecht, als ich die Tanzstunde 
besuchte und wegen meiner Ungeschicklichkeit ziemlich immer das 5. Rad am 
Wagen blieb; meine Kollegen in der Schule tauften mich auch den „ Weiber- 
feind", weil ich in dieser Zeit stets feindlich der Mädchenwelt gegenüberstand. 

Diese Mitteilungen sind sehr charakteristisch. Wir sahen die Ent- 
stehung eines Minderwertigkeitsgefühles durch vieles Kranksein. Dies 
Minderwertigkeitsgefühl verstärkt sich mit den Jahren, er glaubt häßlich 



') Und auch jetzt, da ich Jus studiere, ist mein sehnlichster Wunsch, bei der 
Polizei einst unterzukommen, da ich dort Gelegenheit zu haben glaube, eine gewisse 
Machtstellung einzunehmen. 



Sado-Masochismus und Infantilismus. ISO 

zu sein, er fürchtet, er könne ja den Damen nicht gefallen. Dann führt 
es ihn dazu, sich Phantasien auszuhecken, in denen er eine besondere 
Machtstellung entfalten kann. Seine kriminelle Anlage zeigt sich in dem 
großen Interesse für Kriminalromane. Der Wunsch ein Detektiv zu sein, 
ist die moralische Uberkompensation seiner kriminellen Anlagen. Der 
Verbrecher und der Detektiv haben eines gemeinsam: Die Beschäftigung 
mit dem Verbrechen, das Interesse für das Verbrechen . . . Dieses starke 
Interesse entstammt der gleichen Veranlagung. Der Detektiv hat anti- 
soziale Kräfte zu sozialen gemacht und in den [Dienst der Gesellschaft 
gestellt. 

Ich möchte auf ein wichtiges Moment aufmerksam machen, das in 
keiner Jugendgeschichte eines Masochisten fehlt. Die Bedeutung der Krank- 
heit als Lustquelle. Die Krankheit wird dem Menschen durch irgend einen 
Schmerz deutlich. Kinder erkranken und klagen über Schmerzen. Nichts 
ist aber imstande, zärtliche Eltern so zu alarmieren, als die Vorstellung, 
ihr Kind leide an Schmerzen. Sofort wird die schwerste Artillerie der 
Freude aufgefahren und manche Mutter ist erst zufrieden, bis sie ein Lächeln 
die Lippen ihres Lieblings umspielen sieht. Es wird gestreichelt, jeder 
Wunsch wird erfüllt. Noch größer ist der Gegensatz, wenn sonst strenge 
Eltern in dem Momente ihr Benehmen verändern, wenn das Kind über 
Schmerzen klagt. So kommt es, daß die Neigung zum Masochismus nicht 
durch Schläge, sondern durch Zärtlichkeiten bei Äußerungen des Schmerzes 
erzeugt wird. Das Kind merkt, daß es die Strenge der Eltern in eine oft 
maßlose Zärtlichkeit verwandeln kann, wenn es krank ist und über 
Schmerzen klagt. So wird eine unzerstörbare Assoziation zwischen Krank- 
heit und Zärtlichkeit, zwischen Schmerz und Lust geschaffen. 

Ich erinnere mich, daß ich mir als Kind eine Krankheit heiß er- 
sehnte, weil das sonst sehr vernünftige Benehmen meiner Eltern, die jede 
übertriebene Zärtlichkeit vermieden, sich gänzlich veränderte. Monatelang 
trug ich diesen Wunsch in mir, bis mir das Schicksal eine Krankheit 
bescherte. Ich hatte eine schwere Diphtheritis und war mit einem Male 
der Mittelpunkt des ganzen Hauses. Alles drehte sich um mich und jeder 
Wunsch wurde mir erfüllt. Nach der Diphtheritis neigte ich zu außer- 
ordentlichen Zornanfällen. Der damals zu Rate gezogene Arzt meinte, es 
sei die Folge der Krankheit, die mein Gehirn gereizt hatte. Ich stellte 
auch allerlei unglaubliche Dinge an, die meine Eltern schwer betrübten. 
Ich konnte in Wut die Einrichtung eines ganzen Zimmers zertrümmern, 
mit den Füßen an die Türe stampfen, alles schlagen, was mir in die Nähe 
kam. Heute erst verstehe ich, was damals in mir vorging. Ich hatte 
während der Krankheit geherrscht und war ungeheuer verzärtelt worden. 
Da die Krankheit ziemlich lange dauerte, so hatte ich Zeit, mich an die 
Wonne dieser Herrschaft zu gewöhnen. Dann aber sollte ich wieder das 



Igß Sadismus und Masochismus. 

gesunde Kiad sein, mich den Anordnungen fügen, ich mußte es erleben, 
daß ich in den Hintergrund des Interesses geschoben wurde. Das vertrug 
ich nicht und so wollte ich meine Eltern bestrafen. Ich sehnte mir wieder 
eine Krankheit herbei, die aber trotz meiner Bemühungen nicht kommen 
wollte. 

Das macht auch den Wert der vielen scheinbar unheilbaren Para- 
philien aus. Sie werden von ihrem Träger als Krankheit gewertet und 
dienen zur Fixierung infantiler Einstellungen. Wie viele solcher Paraphi- 
lien entstammen dem Trotze gegen die Eltern ! Ich habe noch keinen von 
diesen Kranken gesehen, welcher nicht die Erziehung und die Erzieher be- 
schuldigte! Aber nicht nur die eigene Krankheit, auch die Krankheit der 
Geschwister kann der Ausgangspunkt einer masochistischen Phantasie und 
die Grundlage einer masochistischen Einstellung werden. Merkt das Kind, 
wie der Bruder wegen seines Leidens bevorzugt wird, wie ihm alle 
Wünsche erfüllt werden, weil er krank ist, so entsteht in ihm die Sehn- 
sucht nach der Krankheit. (Der Fall von Schürzenfetischismus Nr. 52, 
Bd. VII, ist eine deutliche Bestätigung dieser Ausführung.) 

So war es auch in unserem Falle. In der Krankheit lernte er, daß 
Leiden und Lust Zusammenhänge zeigen. Wir werden aber bald aus 
einigen seiner Kindheitserinnerungen sehen, wie sich der Sadismus gegen 
sein geliebtes Ideal noch weiter und tiefer determinieren läßt. 

Aus meiner Kindheit: 

Am besten erinnere ich mich, daß ich seit klein auf mich vor der 
Dunkelheit entsetzlich fürchtete; niemals ging ich allein auf den Anstandsort 
oder in ein dunkles Zimmer. Am meisten fürchtete ich mich vor dem Bügelbrett- 
holen, das auf mein Bett als Schutz gegen Herausfallen gelegt wurde, und 
das ich an jedem Abend von der dunklen Bodenstiege, die matt durch ein 
Oberlicht erhellt war, holen mußte. 

Einer eigenartigen Beschäftigung besinne ich mich noch: Ich kleisterte mit 
Mühe kleine Modellhütten aus Papier und zündete sie an, um sie zu löschen, 
oder ich legte Papier auf den Ofen und wartete bis es lichterloh 
brannte. 

Bis spät ins Gymnasium hatte ich im Bette ein Stückchen Fell oder eine 
weiche, schwarze Pelzmütze und noch jetzt liebe ich schwarze Katzen 
oder Bären. 

Wegen meiner Schwester hatte ich auch viel Scherereien. Ich kann 
kleine Kinder nicht leiden, ebenso wie ich das Küssen als etwas Ekliges 
empfinde und hatte sie einmal im Jähzorn gewürgt. Häufig stieß ich auch 
Drohungen in sinnloser Wut aus: „Ihr einmal eins auszuwischen und 
sie umzubringen." 

In der zweiten Gymnasialklasse hatte ich mein ganzes Taschengeld auf 
Zigaretten und Papiersoldaten ausgegeben und das Ende vom Liede war ein 
großer Skandal, denn ich wollte nicht angeben, wo das Geld hingekommen sei. 
Prügel bekam ich nicht, aber der Vater schien mich zu verfluchen. Ich weiß 
auch nicht mehr, was wirklich später geschehen ist. Ich denke immer nur 
mit fürchterlicher Wut an diesen Abend. 



Sado-Masochismus und Infantilismus. 187 

Wie ich in der 2. Gymnasialklasse war, besuchte unsere Stadt eine 
Menagerie und ein Panoptikum; als Wandgemälde gab es da: Die Ermordung 
Louis Napoleons durch die Kaffern, die Halsröhrenoperation an Wilhelm 1., 
das Bombenattentat auf Alexander IL, eine Folterkammer, was mich alles fabel- 
haft interessierte, am meisten die Polterkammer, und ich konnte stundenlang 
dastehen und suchen, ob auch ein gefoltertes Weib abgebildet wäre. Später 
sah ich auch im Kino das berühmte Bild „Der Raubmord und seine 
Sühne" (die Hinrichtung bis ins Detail). Au einer später gekommenen Jahr- 
marktbude sah ich „Tod des Mac Kinley" und die „Hinrichtung mit dem elek- 
trischen Stuhl". 

In der 4. Klasse bekam ich ein Bild aus der Kronenzeitung, wie eine 
vornehme Dame (sehr üppig gezeichnet) in Rußland über einen Stuhl gelegt 
und wegen politischer Vergehen geknutet wird; mir wurde das Bild weg- 
genommen und ich fragte in allen Trafiken nach und ruhte nicht, bis ich die 
Nummer wieder bestellte. 

Ich war auch oft dabei, wenn junge Hunde oder Katzen er- 
tränkt wurden. Zuerst haßte ich diese Henker, dann aber mußte 
ich die „Notwendigkeit" einsehen lernen. 

Vor einigen Jahren sollte meine Schwester Prügel bekommen und flüchtete 
sich hinter mich ; ich entwand meiner Mutter den Stock uud zerbrach ihn und 
ich weiß nicht, was noch gekommen wäre, wenn der Vater nicht der Szene 
ein Ende gemacht hätte. 

Mit erschreckender Deutlichkeit zeigen uns die Erinnerungen die 
Jugend eines Menschen mit verbrecherischen Anlagen. Nur glaube man 
nicht, daß derartige Anlagen selten sind. Der Mann ist heute Beamter 
und hat alle Triebe zur Tat überwunden, seine sadistischen Phantasien 
werden immer schwächer, während die masochistischen immer deutlicher 
hervortreten. Er, der Frauenfolterer, der Frauenmörder beugt sich vor den 
Dirnen und läßt sich flagellieren, er führt immer wieder nur den Kunni- 
lingus aus, in dem er selbst eine Art von symbolischer Demütigung er- 
blickt. Er leckt ihnen die Füße, als ob er ihr Sklave wäre. 

Schon die Kinderangst vor dem Dunkel ist charakteristisch. Freud 
will alle Kinderangst auf verdrängte Libido zurückführen. Die Räuberangst 
stammt aber nach meinen Erfahrungen daher, daß das Kind selbst ein 
kleiner Räuber ist und von Räuberphantasien erfüllt ist. Es fürchtet sich 
davor, was es selbst machen wollte. Man muß die Kinder nur genau be- 
obachten und dann wird immer mehr die Wahrheit zutage treten, die ich 
schon vor Jahren festgestellt habe: Daß die Kinder alle kriminell sind 
und erst die Erziehung die Unterdrückung und Umwandlung der Krimi- 
nalität herbeiführt. Sehen wir uns unseren Kranken an! Wir finden die 
Keime zum Brandstifter, die Freude am Feuer ! (Ich habe ja schon darauf 
hingewiesen, daß bei Feuersbrünsten, deren Ursache nicht bekannt ist, 
nach kleinen Kindern als Täter zu fahnden ist!) Wir sehen auch seinen 
Haß gegen die anderen kleinen Kinder, die er als Konkurrenten in der 
Liebe zu den Eltern betrachtet. Er kann kleine Kinder nicht leiden. Er 
würgte seine Schwester, stieß im Jähzorn Drohungen aus. Man beachte 



188 Sadismus und Masochismus. 

ferner seine Wut über den Vater, sein Interesse an Schauerstücken im 
Kino 1 ) und an Folterszenen im Panoptikum. Man beachte ferner die Freude 
an Tierquälerei- als ein sehr charakteristisches Zeichen für solche Menschen. 
Aus ihnen werden dann fanatische Tierfreunde, wie der Gründer des 
Wiener Tierschutzvereines, der Dichter Castelli, in seinen Erinnerungen 
erzählt. Er war ursprünglich ein grausamer Tierquäler, bis ihm eines 
Tages das Häßliche seines Treibens vorgehalten wurde und er in sich 
ging. Er konnte kein Tier mehr leiden sehen und gründete den obener- 
wähnten, sehr segensreich wirkenden Verein. 

Wir merken auch schon bei unserem Kranken die Umwandlung des 
Hasses in Liebe. Er kann nicht leiden, daß man seine Schwester schlägt 
und war nahe daran den Stock gegen seine Mutter zu erheben, weil sie 
seine geliebte Schwester schlagen wollte, dieselbe Schwester, die er selbst 
erwürgen und der er „etwas auswischen" wollte. 

Wir wissen schon, daß er jetzt j diese sadistischen Phantasien zum 
größten Teil verdrängt hat. Er schwelgt nur in Situationen, in denen 
Frl. N. seiner Macht vollkommen ausgeliefert ist, aber auch umgekehrte 
Phantasien, in denen er Sklave ist, treten auf. Ausgeführt hat er nur die 
masochistischen Szenen. 

Hören wir einmal seine Träume an, die meist in die Tagesphan- 
tasien übergehen und folgen wir seiner krausen, etwas naiven Darstellung 
(Ich habe ihn aufgefordert, mir alle Phantasien und Träume eines Tages 
mitzuteilen): 

Welche Vorstellungen ich heutigentags habe: 

Nicht immer, aber 2- bis 4wöchentlich, namentlich wenn ich eines dieser 
elenden Bücher in der Hand hatte, schwelge ich darin, Frl. N. in einem unter- 
irdischen Gefängnis, namentlich in Rußland, verurteilen zu können zu grau- 
samen Züchtigungen, die ich selten ausführe, sondern ausführen lasse. Auch 
andere Mädchen, die ich kenne, treten in diesen traurigen Phantasien neben 
Frl. N. auf, die aber immer die Rädelsführerrolle spielt und deswegen härter 
gestraft wird als die anderen. 

Geschieht dies im Traum, so habe ich Samenerguß und wache mit einem 
Gefühl des Ekels gegen mich auf, da ich weiß, wenn mir Gelegenheit zur 
wirklichen Ausübung geboten wäre, ich sicherlich davon abstehen würde! 
Geschieht die Erregung im wachen Zustand, während des Lesens, so onaniere 
ich nur im Gedanken an das plastische Bild; nachher gehe ich rasch aus oder 
spiele Violin, um meine Phantasien zu vergessen. 

Dabei möchte ich noch hinzufügen, ich gerate außer Rand und Band, 
wenn ich das Frl. N. in meiner Heimat erblicke, mir stockt der Atem und ich 
werde feuerrot. Ich bin seit jeher schrecklich schüchtern gewesen und auch 

*) Es ist mir unbegreiflich, daß die Zensur derartige Dinge passieren läßt, die 
doch direkt das Verbrechen herausfordern. Das Kino sollte in den Dienst der Bildung 
und Humanität gestellt werden. Was aber wird dem Publikum geboten? Furchtbare 
Schauer- and Detektivgeschichten, welche der Phantasie eines schwachen Hirnes ver- 
hängnisvolle Richtlinien geben können! 



Sado-Masochismus und Infantilismus. 189 

jetzt sage ich zu allem ja und Amen. Dies schreibe ich aber nicht zu meiner 
Entschuldigung? nur möchte ich gern, daß man nicht glaubt, ich sei ganz 
korrupt und ausgestoßen aus der moralischen Gemeinschaft. 

Wir sehen, der Kranke protestiert gegen die Annahme, er hätte 
keine moralischen Gefühle. Er steht im harten Kampfe gegen seine grau- 
samen Instinkte . . . Sehr charakteristisch ist der Umstand, daß er so 
schüchtern ist und feuerrot wird, wenn er seine angebetete Dame erblickt. 
So schüchtern ist er immer in Gesellschaft und Damen gegenüber, aber 
lange nicht so wie in Gesellschaft von Herren. 

Die Psychologie des schüchternen Menschen ist für den Forscher 
eines der interessantesten Kapitel. Wie ich schon in meinen „Angstzu- 
ständen" im Kapitel über „Erytrophobie" (Angst vor dem Erröten) ge- 
schildert habe, sind alle diese Menschen Kriminelle, die sich schuldbewußt 
fühlen und Angst haben, man erkenne ihre bösen Gedanken. Auch unser 
Kranker leidet an dieser Angst. Mit jedem Schritt, den er in der Rich- 
tung der Verdrängung der sadistischen Anlagen macht, nähert er sich 
dem Masochismus, der so Lust, Schuld und Strafe zu einem Symptom 
zusammenfaßt. 

Jetzt wollen wir weitere Mitteilungen über sein Traumleben ent- 
gegennehmen: 

Ich hatte am vorhergehenden Abend viel über meinen Zustand nachgedacht 
und konnte nur mit unbefriedigtem Wissen ins Bett gelangen. 

Erst träumte ich von einem Raubüberfall auf unser Haus 
in X. Ich fuhr mit einem Militärzug längs des Flußtales, das aber eine 
bedeutend üppigere Vegetation zeigte, als wie gewöhnlich. Längs der 
Strecke lagen blutige Leichname von Männern, verbrannte 
Häuser begegneten uns — dann kam ich an einen schönen Berg, 
der oben kahl war ; hinter einem Felsen kauerte ich allein und während 
Soldaten und Freiwillige am Fuße des Berges mit den Räubern 
stritten, beobachtete ich alles in fiebernder Spannung. — Als ein Räuber, 
der das Aussehen eines gewesenen Kameraden trug, mir den Rücken kehrte, 
schoß ich mit einem Revolver auf ihn. Deutlich sah ich, wie die Kugel 
seinen Rücken durchbohrte und er zuckend zusammenstürzte. — Ich mußte 
die Aufmerksamkeit der anderen erregt haben, denn Kugeln pfiffen um 
mich herum und mir stockte das Herz, erschossen zu werden. — Noch 
einmal feuerte ich auf einen, der mit anderen auf den Felsen loskam, aber 
die Pistole versagte und ich wachte auf. 

Nachdem ich Wasser getrunken und das verschobene Bettzeug hergerichtet 
hatte, schlief ich bald wieder ein. — Ich träumte etwas ganz verschiedenes. 

Es schien mir, als ob Rußland mit dem Dreibund Krieg 
geführt hätte und geschlagen worden wäre; ich hätte mich besonders 
ausgezeichnet und wäre vom Zaren zur Unterdrückung der 
Revolution berufen worden (in meinen Träumen bin ich sehr oft ein 
Detektiv, der aus Sport, a la Detektiv Dagobert, dem Zaren Dienste erwiesen 
hat und durch ewige Freundschaft mit ihm verbunden). Als solcher hatte 



190 Sadismus und Masochismus. 

ich in Erfahrung gebracht, daß Damen aus meiner Heimat dem revolutionären 
Komitee verbunden sind und ein Dynamitattentat gegen mich planen. — 
Umfassende Vorbereitungen werden getroffen; ich sende Warnungsbriefe 
an Frl. N. und andere Damen; ich trete in Verkleidungen als Revolutionär 
auf und bringe alles in Erfahrung; endlich reisen die Ausübenden nach 
Petersburg zum Attentat (oder ich träumte auch, daß ich nach X. fuhr und der 
Zug zum Entgleisen gebracht wurde) und im Moment des Aussteigens 
werden die Anarchisten verhaftet. Im letzten Momente wirft Frl. N. oder 
eine andere auf Anstiften Frl. N. die •Bombe, sie explodiert, ich fühle einen 
stechenden Schmerz in der Herzgegend und fühle, wie ich keine Luft 
erhalte. — Alles wird rot und dann grau und ich erwachte, die Polster 
auf meiner Nase. 

Im halbwachen Zustand muß ich alles hergerichtet haben, denn ich träumte 
ruhig weiter: 

Ich war genesen und brütete fürchterliche Rache auszuüben. Immer ist 
bei solchen Träumen mein Empfinden für meine Bekannten aus X. weicher 
gestimmt und nur die Pflicht und die Hetzereien des Revolutionskomitees, 
außerdem die Arroganz, die Frechheit und Widersetzlichkeit der Gefangenen, 
reizen mich zu grausamen Bestrafungen. -^__Ö£wöhnlich baute ich jede 
Kleinigkeit aus, um derartige Szenen herbeizuführen. — Ich sitze in meiner 
Kanzlei und verhöre Frl. N. und andere. — Alle sind trotzig und zwingen 
mich, meinem grausamen Verlangen zu willfahren. — Ein Druck und der 
Boden versinkt oder die eine Zimmerwand klappt auf und wir befinden uns 
in einem unter Wasser liegenden Kellerraum ; kahle Wände, eine Säule in 
der Mitte, an der Seite eine Auf schnall bank. — Die Damen bleiben verstockt, 
ich lasse Ruten und Peitschen hereinbringen und verurteile sie zu einer 
gewissen Zahl von Schlägen. — Diese werden nie auf den entblößten Körper 
gegeben, sondern auf die Kleider, oder aber lasse ich die Damen einen 
enganliegenden Badeanzug anlegen (nicht in meiner Gegenwart) oder aber 
ich lasse ihnen den Rock zurückschlagen; nie züchtige ich sie auf den 
Rücken ! Schon die Vorbereitungen, das Weinen, Flehen und Sichsträuben 
bereiten mir einen fürchterlichen Genuß. Der Höhepunkt meiner Erregung 
wird erreicht, wenn ich Frl. N. in qualvoller Stellung mit schmerzverzerrtem 
Gesichte liegen ßehe, die anderen Damen in fürchterlicher Angst herum- 
stehen und die Peitschung beginnt. Ob ich damit meinen Zweck erreiche 
oder nicht, kommt nicht in Betracht. — Nach der Züchtigung wird die 
Gepeitschte, wenn sie sich widersetzt hat, in einen Stuhl geschnallt und durch 
den geschlagenen Teil der elektrische Strom gelassen, in der Vorstellung, 
die Schmerzen müßten bedeutend erhöht werden. In anderen Fällen kommen 
die Gepeitschten in eine Zelle, wo sie krumm geschlossen oder an die Wand 
gefesselt werden. — Gewöhnlich schließt der Traum mit der Deportation nach 
Sibirien, Besuch der Gefangenen in den Gruben von Kara oder Nerczinsk, wo 
sie elend unter den Hieben der Aufseher zugrunde gehen, um im nächsten 
Traume wieder Attentate gegen mich zu planen. — Oder ich lasse sie frei, 
sie kommen nach X. (öfters fliehen sie auch und ich setze ihnen nach, gerate 
in die Gefangenschaft der Nihilisten und werde grausam gemartert, 
was ich stoisch ertrage, erreiche die Flüchtigen und revanchiere mich 
an ihnen) und ich komme dann zu meinen Eltern, treffe Frl. N. und 
die anderen und freue mich, mit Entsetzen und Angst von ihnen betrachtet 
zu werden. 



Sado-Masochismus und Infantilismus. 191 

Bei den Züchtigungen finden allfällige Bitten und Geständnisse taube Ohren 
bei mir und ich befinde mich außerordentlich wohl dabei, die frühere Wider- 
setzlichkeit der Damen jetzt in Angst vor der Peitschung verwandelt zu sehen. 

Auch ganz fremde Mädchen, immer aber im Alter von 17 — 24 Jahren, 
treten handelnd auf, meist Russinnen oder Polinnen. Die Aufmerksamkeit konzentriert 
sich aber speziell auf Frl. N. und etwa 18 mir bekannten Damen, die Freundinnen 
von Frl. N. sind oder sich gegen mich mit Frl. N. verschworen haben. 

Das komische bei mir ist, daß die erste Mädchenbekanntschaft, die ich 
machte, eine Franziska war; Frl. N. heißt ebenso, meine Haupttänzerin hatte 
eine Schwester, die hieß ebenso, die Braut meines Vetters in Wien heißt auch 
so. Überhaupt spielt dieser Name nebst zwei anderen eine bedeutende Rolle in 
meinen Träumen und Vorstellungen — es muß immer eine Franziska sein, welche 
meiner Macht ausgeliefert wurde . . . 

Aber nicht immer bin ich es, der Frl. N. und ihren Anhang züchtigt und 

bestraft. Ich träume auch Situationen, in denen ich Frl. N. aus der Gewalt anderer 

befreie und ihr Retter werde. Ein solcher Traum wurde von mir unmittelbar in 

t den Träumen der nächsten Nacht geträumt. Ich habe auch diesen Traum, da 

Sie sich dafür interessieren, aufgeschrieben . . . 

Ich war in unserer Wiener Wohnung. — Meine Eltern waren zu 
Besuch bei mir und ich vernahm, daß alle Bekannten aus X. weggefahren 
waren, da Mädchenhändler die Sicherheit gefährdeten. Auch Frl. N. mit 
anderen Unglücklichen seien in die Gewalt der Unmenschen geraten und 
befinden sich irgendwo in Wien in Gewahrsam. Ich machte mich auf, die 
Unglücklichen zu befreien und geriet in das Wiental, das enorm breit war, 
eine Schwebebrticfce über sich trug und schrecklich unsicher eingebaut war ; 
es waren abschüssige, nasse Stiegen, so daß ich jede Weile abzustürzen 
glaubte, dazu war es gelblichgrau beleuchtet und die ganze Umgebung 
fremd und unheimlich ! Wie ich in das Gefängnis kam, weiß ich nicht mehr, 
aber ich lag hinter einem Kasten, wo ich alle Vorgänge genau beobachten 
konnte. Frl. N. sollte preisgegeben werden, sträubte sich, wurde wiederholt 
gezüchtigt, ebenso die anderen Damen; ich lag untätig da und war wie fest- 
gebannt. — Als endlich die Unglücklichen schrecklich zugerichtet willfährig 
wurden, sprang ich auf und, obgleich die Mädchenhändler und Weiber 
wehrlos standen, schoß ich sie alle über den Haufen, um dann mit den 

Befreiten über Dächer und schwindelnden Mauervorsprüngen zu fliehen. 

Hinter mir waren die Verfolger und ich fühlte, daß ich rettungslos verloren 
war, ich glitt aus und stürzte in einen schäumenden Fluß; dann wachte 
ich auf! 



Ferner hatte ich einen Traum, den ich nicht recht begreife. 

Ich hatte Frl. N. in meiner Gewalt und wollte sie eben aburteilen. Da 
verwandelte sie sich in einen Mann und stürzte sich auf mich. Wir waren 
ganz allein und rangen sehr erbittert. Da griff sie an mein Genitale und 
ich fühlte, daß ich ganz wehrlos wurde . . . 

Ich erwachte mit einer Pollution. Solche Träume habe ich schon des öfteren 
gehabt. Ich kann aber nicht beschreiben, wie das Gesicht des Mannes aussieht 
da es meist im Dunkel ist, während ich die große massive Gestalt sehr deutlich 
vor mir sehe. 



192 Sadismus und Masochismus. 

Werfen wir jetzt einen Überblick über das interessante Traummaterial 
und versuchen wir, aus der unbewußten Gedankentätigkeit auf die Wurzeln 
seiner sadistischen Einstellung zu gelangen. 

Gleich der erste Traum handelt von Räubern, die sein Haus überfallen. 
Blutige Leichname liegen zu beiden Seiten der Eisenbahn, die seinen Lebens- 
weg symbolisiert. Sein Weg geht über Leichen ... Die Kampfträume sind 
für ihn sehr charakteristisch. Das alte Kinderspiel „Räuber und Soldaten" 
feiert in den Träumen seine Auferstehung. Es wird hin- und hergeschossen. 
Den Analytikern ist die sexuelle Bedeutung dieser Kampfträume geläufig. Sie 
entsprechen der infantil sadistischen Auffassung des Sexualaktes als Raufszene 
Auch das Schießen in den Rücken eines Mannes wird als homosexueller 
Akt aufgefaßt, wobei der Revolver als phallisches Symbol diese Deutung 
erleichtert. Es ist ziemlich sicher, daß diese Deutung auch hier zutrifft, 
dafür spricht das Auftreten eines Schulkameraden, der ihm immer sehr 
gut gefallen hat und als Sexualobjekt in Frage kam. Noch wichtiger ist 
aber der Umstand, daß die Kriegsträume eine besondere Bedeutung haben, 
auf die ich ausführlich eingehen muß. 

Es ist mir immer aufgefallen, daß die Menschen so häufig vom 
Kriege träumen und gerade nicht die Berufskrieger sind es, welche einem 
solche Träume erzählen. Friedfertige Kaufleute, schüchterne Poeten, stille 

Mädchen usw Ursprünglich führte ich diese Träume auf den uralten 

kriegerischen Instinkt der Menschen zurück. Es mag etwas wahres daran 
sein. Allmählich aber lernte ich diese Traumkriege besser verstehen und 
erklären. Ich erkannte, daß diese Kriege symbolisch als Kampf der einzelnen 
Bestrebungen aufzufassen sind. In uns gehen doch fortwährend Kämpfe 
vor sich. Die einen offen, die anderen unbewußt oder nebenbewußt. Je 
versteckter der Kampf ist, desto heftiger muß er sich in den Träumen 
austoben. So werden die einzelnen Kämpfer Symbole für eine bestimmte 
Richtung, die einer anderen feindlich ist. Es träumt jemand, Franzosen 
und Engländer stünden im Kampfe miteinander und er sehe zu. So kann 
dieser Traum bedeuten, der Leichtsinn, die Lebenslust (Franzosen!) stünde 
im Kampf mit moralisch religiösen Anschauungen, für welche der Traum 
gerne die Engländer über die Wortbrücke „englisch — himmlisch" einsetzt. In 
unserem Traume repräsentieren die Soldaten die Gesetze und die Wächter 
der Tugend, während die Räuber das Gegenteil darstellen. Er sieht gewisser- 
maßen als unbeteiligter aber sehr interessierter Zuschauer dem Kampfe 
beider Bestrebungen zu, bis er auch fortgerissen und angegriffen einen 
Räuber niederstreckt. Das deutet auf den Wunsch, das Moralische über 
das Paraphile siegen zu lassen. Deshalb hat er sich ja in meine Behandlung 
begeben. 

Man könnte nun einwenden, der Traum wäre zur Zeit des Krieges 
geträumt worden und wie der nächste nur ein mattes Abbild der Zeitungs- 






Sado-Masochismus und Infantilismus. 193 

lektüre. Nun ist dieses Träummaterial mir schon ein Jahr vor Ausbruch 
des großen Weltkrieges übergeben worden. 

Wir sehen ihn in dem nächsten Traume als intimen Freund und als 
Retter des Zaren. Er unterdrückt Revolutionen, spielt eine große und über- 
ragende Rolle. Man muß nur den kleinen bescheidenen Beamten kennen, um 
diese Wunscherfüllung der Traumwelt begreifen und würdigen zu können. 
Diese Träume sind aber typische Wiederholungen seiner Tagesphantasien. 
Er träumt sie auch bei Tag mit offenen Augen. 

Es treten auch masochistische Momente im Traume auf. Er wird 
grausam gemartert und läßt sich kein Geständnis entlocken. Also: einmal 
vom Zaren verfolgt, das andere Mal als sein Freund und Helfer. Wie deutlich 
schimmert hier seine bipolare Einstellung durch! 

Doch was repräsentiert dieser Zarismus, der in allen seinen Phantasien 
immer wieder auftritt? Der absolute Zar ist hier eine Vaterimago, und 
wir müssen seine Auflehnung gegen alle Autorität auf die Auflehnung gegen 
den Vater zurückführen. Deshalb steht er einmal in Diensten des Zaren, 
das andere Mal als sein Gegner da. Es ist dies die bipolare Einstellung zu 
seinem Vater mit Haß und Liebe . . . 

Während es bei oberflächlicher Analyse den Anschein hätte, als liebte 
unser Patient seine Mutter und Schwester und wollte sich durch Grau- 
samkeit für die vermeintliche Zurücksetzung rächen, zeigen seine Träume 
die deutliche Abhängigkeit des Sadisten von seinem Vater. Der Vater 
erscheint in allen Träumen: Als Zar, als General, als Lehrer, als Gott! 
Es gelingt ihm nie die richtige Einstellung zum Vater zu finden Der in 
seinem Innern fortwirkende Wunsch „Ich möchte ein Weib sein und dem 
Vater als Weib dienen" ist die Zentralkraft seiner Parapathie In vielen 
Fällen die dem eben besprochenen gleichen, findet man in der Analyse 
einen Vater, der sich sehr intensiv mit seinem Kinde beschäftigt hat. Die 
Mutter galt dann als Störerin dieses Verhältnisses. Der ursprüngliche 
Haß entsprang der Eifersucht. Er galt der Schwester, Beseitigungsideen 
sind ihm ja erinnerlich. Der noch stärkere Haß aber galt der Mutter 
Die Mutter nahm den Vater für sich in Anspruch und tauschte mit ihm 
die Zärtlichkeiten. Der Haß gegen das Weib galt in erster Linie der 
Mutter. Dieser Haß mußte sich in Liebe wandeln. Diese bipolare Einstel- 
lung macht auch das Schwanken zwischen Sadismus und Masochismus aus. 
Bald will er ein Mann sein, dann unterdrückt er das Weib um sich und 
in sich; dann brechen die homosexuellen Tendenzen durch. Schließlich 
unterwirft er sich dem Weibe und findet in ihm seine Gottheit. 

Eine überraschende Erklärung erhält aber sein Verhalten zum Vater, 
wenn man erfährt, daß er sich hauptsächlich für Damen interessiert, die 
Franziska heißen. Franz heißt nämlich sein Vater. Wir merken jetzt, daß 
seine Parapathie eine intime Beziehung zum Vater hat, daß dieses vielgeliebte 

Stekel, Störungen des Trieb- nnd Affektlebens. V 'l'l-I- <o 



194 Sadismus und Masochismus. 

Mädchen, das ihn so verschmäht und gedemütigt hat, einen Ersatz für den 
Vater darstellt. Er wurde vom Vater öfters gezüchtigt. Sein stärkstes Gefühl 
ist Rachsucht, Die Rache sollte auch dafür genommen werden, daß der 
geliebte Vater seine Liebe nicht genug erwiderte. In der Tat war der Vater 
sehr lieb mit ihm. Aber was solche Kranke begehren, ohne sich darüber 
klare Rechenschaft zu geben, das ist die physische homosexuelle Liebe. 
Sie wollen dem Vater das Weib ersetzen. Da diese Phantasie nie Realität 
weiden kann, so bleibt in den Beziehungen von solchen Söhnen zu ihren 
Vätern immer im besten Falle etwas außerordentlich Gezwungenes und 
Gequältes. Es muß zu Spannungen, Verstimmungen und Streitigkeiten 
kommen, die sich nie auflösen lassen. Oft ist die vollständige Trennung 
das einzige Mittel, um ins Gleichgewicht zu kommen. 

Wir sehen aber aus den Träumen, wie im Laufe der Nacht die 
Verschleierung immer dünner wird und schließlich das Bild des Vaters 
hervortritt. Der vorletzte Traum spielt schon in der Wohnung der Eltern. 
Diesmal rettet er das Frl. N. aus allen Gefahren, führt sie über alle Abgründe 
und über schwindlige Dächer und Mauervorsprünge ... Sie wird sein. Aber 
der Besitz ist zugleich ein Sturz in eine schauerliche Tiefe. Er erwacht, 
weil der Trauminhalt unerträglich wird. 

Im letzten Traume aber wird die Stellung der Franziska vollkommen 
klar. Sie steht für einen Franz. Die Geliebte verwandelt sich in einen Mann, 
in seinen Vater. Es ist für solche Träume charakteristisch, daß die Person, 
auf die es am meisten ankommt, ihr Gesicht verhüllt, wenn es sich um eine 
unerlaubte Beziehung handelt. So ist es auch in diesem Traume. Immer 
stärker drängen in den Träumen dieser Nacht die homosexuellen Gedanken 
vor. Sie finden erst die entsprechende Abwehr, bis sich die Rachegedanken 
gegen Franziska verlieren, die Liebe zu ihr vordringt und sich Franziska 
in einen Franz verwandelt . . . dann aber erfolgt eine Pollution, der höchste 
Orgasmus ist unter Überwindung großer Widerstände und unter Produktion 
von Angst wegen der verbotenen Handlung erfolgt. 

Wir merken, daß es sich um eine merkwürdige Umkehrung aller 
Werte handelt, daß sich bei diesem Patienten die wahre Einstellung hinter 
einer sehr schwer aufzudeckenden Verstellung verbirgt. Ich habe schon bei 
dem Fetischismus auf dieses sonderbare Spiel aufmerksam gemacht. In 
diesem Falle jedoch stoßen wir auf eine stark maskierte homosexuelle 
Einstellung zum Vater. 

Wie kommt es aber zu dieser unglaublichen Umkehrung ? Wie kann 
das Bild des Vaters auf ein bestimmtes Mädchen projiziert werden V Genügt 
hier schon die Wortbrücke allein, um diese Verladung 1 ) zustande zu bringen ? 
Soll der Umstand, daß sie Franziska heißt und der Vater Franz, allein, 
genügen, um eine so mächtige Strömung hervorzurufen? 

') Vgl. das Kapitel „Verladung" in Band V. 



Sado-Masochismus und Infantilismus. 195 

Offenbar spielen da noch andere Faktoren mit, auf die ich noch zu 
sprechen kommen will. Er fühlt sich dem Vater gegenüber als Weib, möchte 
ihm die Frau ersetzen. Das führt natürlich zu einer Reaktion 1 ), die sich in 
dem Wunsch äußert: Ich will ein Mann sein. Ich will meine Mannheit 
beweisen. Den Vater aber macht er zum Weibe. Das ist die höchste Rache 
und ermöglicht ihm, die alten Liebes- und Rachegedanken gegen den Vater 
an einem weiblichen Bilde auszuleben. Er hat seinen Vater entmannt, wie 
Zeus es in der Tat mit Kronos gemacht hat. Er hat das Verhältnis umgekehrt. 
Er ist jetzt der Starke, der Vater der Schwache. 

Aber in seinem Innern lebt ein Wunsch, der stärker als andere Wünsche, 
sein Leben konstelliert. Es ist dies der Wunsch : Ich möchte ein Weib sein ! 
Seine Männlichkeit und seine Weiblichkeit liegen miteinander im Kampfe. 
Dem männlichen Proteste steht ein weiblicher Protest gegenüber. Und gerade 
aus dem weiblichen Proteste entsteht die Parapathie. Er ist ein Weib . . . 
Es gelingt ihm kein Koitus, er fühlt sich nicht als Mann, er hat auch 
keinen entsprechenden Bartwuchs, sieht wie ein Junge aus usw. ... Der 
Sadismus gegen das Weib und der Masochismus sind als 
symbolische Darstellung seiner Seelenkämpfe aufzufassen. 
Er mißhandelt das Weib in sich und will es überwinden. 
Er kämpft gegen das Weib in sich. Um dem Konflikt auszu- 
weichen, bleibt er ein Kind. Der Infantilismus ist eine Regression 
auf den bisexuellen Zustand der Kindheit. 

Franziska ist nicht nur die Repräsentantin des Vaters, sie stellt auch 
seine eigene Weiblichkeit dar. Was er bewußt und unbewußt unterdrücken 
will, ist seine weibliche Komponente. Was er auch (nur unbewußt) ausleben 
will, ist seine weibliche Komponente. Das sind die schweren Kämpfe, die fort- 
während in seinem Innern vor sich gehen und ihm alle Tatkraft lähmen. 
Deshalb konnte er, der talentierte Jüngling, nicht vorwärts kommen und 
mußte sich mit der Laufbahn eines kleinen Beamten begnügen. 

Noch einige Worte über die Deutung aller dieser Träume. Wir 
dürfen an eine Regel der Traumdeutung nicht vergessen: Alle Personen, 
die im Traume auftreten, sind Abspaltungen der Person des Träumers. 
Alle handelnden Personen und Tiere, alle Naturgewalten repräsentieren 
Teile und Kräfte des Träumers. So werden wir hier die Lebensfahrt im 
ersten Traumbilde in ihrer tiefsten Bedeutung erst verstehen, wenn wir 
die Leichname als die erschlagenen Wünsche und Hoffnungen auffassen. 
Jeder von uns fährt neben den ermordeten Ideen und erstickten Wünschen 
durch das Leben. 

Die Revolution, die hier gemeint ist, geht in seinem Innern vor sich. 

Was bedeutet aber der Krieg zwischen dem Zarismus und dem 
Dreibund V Der Dreibund repräsentiert die Vereinigung der drei wichtigen 



l ) Überkompensation! Verkehrong in das Gegenteil! 

13* 



196 Sadismus und Masochismus. 

sexueUen Komponenten: Mann, Weib und Kind! Der Zarismus ist die 
Herrschaft einer einzigen Strömung, der männlichen. Seine ganze Para- 
pathie steht im Zeichen des Kampfes um eine monopolare sexuelle Ein- 
stellung. Das Weib in sich will er peitschen, unterdrücken, fesseln, das 
Kind soll getötet werden. (Er träumte oft vom Töten eines Kindes !) Bloß 
der Mann soll herrschen. Der Zar ist das Bewußtsein . . . 

Seine Parapathie ist das Produkt dieses Kampfes ! Es ist der Kampf 
eines Individuums, aber er repräsentiert den Kampf der ganzen Menschheit. 
Von der Bisexualität, von dem Trialismus der Sexualität zur Monosexualität. 
Schläge gelten dem Weibe, die Folterungen vollzieht er an sich 
selbst, die Demütigungen vor dem Weibe diktiert er sich selbst. Ist es 
doch sein Wunsch ein einheitlicher Mensch zu sein! Entweder ein 
ganzer Mann oder ein ganzes Weib. Einer der Träume handelt ja auch 
von der Befreiung des Weibes und der gefährlichen Wanderung über 
schauerliche Hindernisse. Aber er hat das Weib in sich gerettet und es 
vor den Mißhandlungen der Mädchenhändler bewahrt. Hier nimmt das 
Mädchen die Züge seiner Schwester an. Der Traum holt sich die stärksten 
Affekte aus dem Infantilen. Die Befreiung der Schwester, die man ver- 
heiraten will, die Rettung dieses teuren Wesens, das nun ihm gehört, 
geht an den Abgründen des Inzestes vorüber. Die Schwester, sein weib- 
liches Gegenstück, verkörpert jene narzißtische Kraft, die zum Zustande- 
kommen einer so schweren Parapathie unbedingt notwendig ist. 
Nun wenden wir uns einem anderen Traume zu: 

Zum erstenmal träumte ich, daß ich von einer Dame, die mir ganz 
unbekannt ist, mit einer Rute furchtbar geschlagen wurde. Ich war ganz 
hin vor ohnmächtiger Wut und schwur Rache. Ich mußte, trotzdem ich 
mich im Traume als Hochschüler bewegte, in eine Schule gehen, in welcher 
nur Violinmusik gelehrt wurde; dort traf ich unter gewesenen Kameraden 
auch Frl. N., die ich höflichst einlud, mit mir Violine zu spielen! (In 
Wirklichkeit hat Frl. N. kein musikalisches Gehör!) Sie war ausnehmend 
freundlich und legte ihre vollen Arme ahnungslos um meinen Hals* als 
ich ihren warmen Atem spürte, packte ich sie roh an und kniff sie ge- 
waltsam in die Arme und den Busen. Ich hörte sie laut aufschluchzen 
und es tat mir einen Moment sehr weh, dann hörte ich, wie der Leiter 
der Schule herbeikam; ich fürchtete mich und begann auf Frl. N. zu 
hauen, bis sie entrann. Ich schlug in meiner sinnlosen Angst alle Fenster 
zusammen und gröhlte dabei. Plötzlich stand ein finster blickender Herr 
vor mir, der das Frl. N. in Schutz nahm und dem Herrn Doktor sehr 
ähnlich sah; er sprach auf mich ein und stieß mir dann einen Dolch 
in die Herzgegend! Ich fühlte, wie es weh tat und Frl. Ns. verweinte 
Augen standen, wie Sterbenden, weit aufgerissen fortwährend vor mir 
und ich wollte ihr Abbitte leisten, aber der Haß und der Trotz, vor einem 
Weibe nicht weich zu werden, ließen mich zu keinem Worte zu; wie ich 
so spürte, daß das Blut weiter floß, traten mir lauter häßliche Erinnerungen 
vor die Augen und ich konnte sie mit den Worten „Es gibt ja keinen 
Gott und kein Jenseits!" weder verscheuchen noch lächerlich machen. 



Sado-Masochismus uud Iufantilismus. 197 

Dana hatte ich wahnsinnige Todesangst und mir traten die Tränen in 
die Augen. Mit einem Aufschluchzen wachte ich auf. 
Ich konnte mich lange nicht beruhigen; endlich schlief ich wieder ein. 

Ich lag krank im Bette zu Haus und der Vater saß beim Bett 
und erzählte mir, daß es mit dem Studium nichts sein würde. Denn 
Österreich habe an Rumänien den Krieg erklärt und ich sollte einrücken ; 
ich fühlte mich entsetzlich elend und wollte nicht aufstehen. Dann kam 
alles durcheinander und ich wachte auf. 

Dieser Traum beginnt mit einer masochistischen Szene, die aber 
heftige Rachegefühle auslöst. Er fühlt sich noch als Kind, er geht noch 
in die Schule, in der das Spielen gelehrt wird. Welcher Art das Spielen 
ist, das erfahren wir aus den Zärtlichkeiten des Frl. N. Da erträgt er 
ihre Zärtlichkeiten nicht und er schlägt sie. Es ist der Kampf zwischen 
männlichen und weiblichen Tendenzen, der auf diese Weise dargestellt 
wird. Der finster blickende Herr, der mir ähnlich sieht, ist der Vater. 
Dieser sticht ihm einen Dolch in das Herz. Auch dieses Bild ist ein Symbol 
und bedeutet häufig: einen unglücklich in sich verliebt machen. Er will 
aber vor einem Weibe nicht weich werden, er verblutet in seinem ohn- 
mächtigen Hasse und in seiner unglücklichen Liebe. Er fühlt Reue, wacht 
schluchzend auf. Wie er wieder einschläft, sitzt der Vater an seinem Bette 
und verkündet ihm, daß er nun zu Hause bleiben könne, er brauche nicht 
mehr auf die Hochschule zu gehen. 

Er kämpft also einen hartnäckigen Kampf gegen die weiblichen 
Tendenzen in seinem Innern. Deshalb hat er sein Ideal unerreichbar und 
weiblich gewählt, um sich in seinem ohnmächtigen Zorne zum Manne und 
Helden umzukehren. Er hat den Zug seines Lebens auf ein anderes Ge- 
leise zu bringen versucht. 

Dieses Bild hält der nächste Traum fest, mit dem ich diese kleine 
Sammlung von Träumen eines Sadisten abschließe. 

Ich spiele mit einem Eisenbahnwechsel, trotzdem ich gewarnt werde. 
Da braust ein Zug auf ein falsches Geleise. Eisenbahnzusammenstoß, Hilfe- 
rufe, Rauch, Feuerschein! Ich empfand eine große Wollust und doch 
etwas Reue. Da kam General Kuropatkin auf mich zu und sagte, es wäre 
sehr klug gewesen, so zu handeln, der Zug wäre von Nihilisten besetzt 
gewesen. Dann suchten wir nach Überlebenden. Je verächtlicher ich an- 
gesehen wurde, desto trotziger und grausamer wurde ich. Ich traf auch 
Sven Hedin, der versprach mich nach Tibet mitzunehmen. 

Aus diesem Traum erhellt erst der geheime Glaube an seine große 
historische Mission, den alle Parapathiker so hartnäckig festhalten, weil 
sie sich nicht mit der kleinen Rolle abfinden wollen, welche das Leben 
ihnen vorgeschrieben hat. Wir haben ja in allen diesen Träumen das 
Leuchten seines Größenwahnes beobachten könneD. Ich verweise auf die 
Erkenntnis, daß sein Zug auf ein falsches Geleise kommen könnte. Es ist 
als ob der Traum ihn warnen wollte: Siehst du, das ist das Ende, wenn 



198 Sadismus und Masochismus. 

du mit dem Wechsel spielst ! i) Aber auch die anderen Regungen kommen 
zu Worte. Der Zug verdient kein anderes Schicksal, da er ja mit Nihi- 
listen besetzt ist. 

Kuropatkin, der Feldherr, steht, wie alle Autoritäten für den Vater 
da . . . Er liebte seinen Vater in der Kindheit leidenschaftlich. Aber diese 
Liebe scheint aus seinem Herzen wie ausgelöscht . . . 

Es ist hochinteressant, diese Kranken nach den ersten Erinnerungen 
zu fragen. Man kann sie ja im Sinne von Binet verwerten und manche 
Paraphilie auf die Fixierung eines infantilen Eindruckes zurückführen. Es 
zeigt sich aber, wie ich schon betont habe, daß die Erinnerungen nach- 
träglich zu dieser Bedeutung, welche ihnen die Kranken beilegen, kommen. 
Ich kann Schrecker-) nur bestätigen, der davon spricht, daß die ersten 
Erinnerungen das Lebensziel und die Leitlinie des Menschen erkennen 
lassen. Aber oft wird die Erinnerung von der Einstellung bestimmt. Wie 
die Heldenvölker sich eine Geschichte machen, so konstruiert sich auch 
der Parapathiker die dazugehörigen Traumen und ersten Einstellungen. 
Der Kranke teilt seine drei ersten Erinnerungen mit: 

Meine erste Erinnerung: Ich saß unter dem Tisch und malte mit feuch- 
ten Fingern an einem Bilderbuch herum, das der Vater für mich gemalt hatte 
verwischte mit dem Speichel alle Bilder. Die Mutter erwischte mich und gab 
mir eine Ohrfeige ... (4 Jahre). 

Gleiche Zeit: Ich bin über eine Stufe rücklings gefallen und habe mir 
den Kopf verletzt. 

(8 Jahre!) An einem Nachmittag fand ich in der Schule das Tintenfaß 
zerbrochen. Der Lehrer entdeckte den Täter, den er mit Hand und Stock 
empfindlich züchtigte. 

Es ist sehr merkwürdig, daß zwischen dem vierten und achten 
Lebensjahre keine Erinnerung existiert. Hier müßten wir die wichtigen 
Erlebnisse und Eindrücke suchen, welche zu der Umkehrung der ursprüng- 
lichen Einstellung geführt haben. Aber gleich die erste Erinnerung zeigt 
uns den Kranken im Kampfe gegen die Autorität des Vaters. Der Vater 
malt ihm mit großer Mühe und großem Aufwand von Fleiß ein Bilderbuch 
mit schönen Aquarellfarben. Er aber wischt alle diese Bilder weg, als 
wollte er sagen, er stehe nicht um die Bilder, es sei ihm ganz gleich- 
gültig. Man fasse diese Spiele nicht als harmlose Zerstörungsspiele auf, 
es hätte ihm einfach Freude gemacht, die Figuren auszulöschen. Schon 
der Umstand, daß er sich diesen Vorgang so deutlich gemerkt hat, beweist 
seine große Bedeutung. Wir erfahren auch von einer Bestrafung. Wir 



') Der Wechsel von männlichen in weibliche Tendenzen, vom Erwachsenen 
zum Kinde. 

s ) Paul Schrecker, Erste Erinnerungen. Zentralbl. f. Psychoanalyse, Bd. 4. 



Sado-Masocbismus und Iufaiitilismus. 199 

sehen also als erste Erinnerung eine Szene, die mit einer Niederlage 
unseres Helden und mit Schlägen endet. Die zweite Erinnerung ist auch 
eine, die mit seinen Phantasien Beziehungen haben könnte: Die Erinne- 
rung an eine große Verletzung. Und dann wieder nach weiteren vier 
Jahren eine Prügelszene in der Schule, die ihn sehr beeindruckt haben 
mußte: Das Prügeln eines Knaben durch seinen Lehrer. 

Wie deutlich aber zeigen diese drei Erinnerungen seine sexuelle 
Einstellung! Er will seine Stellung zum Vater auslöschen, von ihr nichts 
wissen. Er wird von einem Weibe gezüchtigt. Er fällt und verletzt sich 
und er sieht zu, wie ein anderer Knabe gezüchtigt wird. 

Wir fassen unsere Erfahrungen bei diesem Kranken zusammen: Er 
ist psychisch impotent, weil das Weib gar nicht sein Sexualziel ist. Seine 
normale heterosexuelle Komponente ist ebenso verdrängt, wie seine homo- 
sexuelle, welche seine ganze Parapathie bedingt. Er fühlt sich als ein Weib 
und ein Kind und möchte ein Mann sein. Deshalb vertauscht er sein in- 
fantiles Sexualideal mit einem weiblichen, das den gleichen Vornamen 
trägt, und die wichtigste Eigenschaft gemeinsam hat: die Unerreichbar- 
keit. Seine stark kriminelle Anlage sieht in allen Zurückweisungen eine 
persönliche Schmähung und schwelgt in Rachegedanken. Allmählich tritt 
ein Zurückweichen der sadistischen Anlagen ein und infolge eines immer 
mehr hervortretenden Schuldbewußtseins wandelt sich der Sadismus in 
einen Masochismus. Sein Sadismus lebt nur noch in seiner Phantasiewelt, 
während er sich aktiv nur als Masochist betätigt. 

Seine Paraphilie besteht darin, daß er Dirnen den Kunnilingus macht 
und sie am ganzen Körper ableckt. Er leckt ihnen am liebsten 
die Füße und empfindet dabei großen Orgasmus. Hier zeigt sich 
eine Unterwerfung unter das Weibliche, die mit seinen sadistischen Ur- 
phantasien lebhaft kontrastiert. Wenn wir von der Einstellung auf die 
Mutter absehen, die besonders aus der ersten Erinnerung hervorgeht, in 
der er die Liebe zum Vater auslöscht und sich der Mutter unterwirft, so 
erkennen wir in den Szenen eine autosymbolische (funktionale . . . Silberer) 
Darstellung seines Trialismus. Er ist kein Mann und hat das Weib in 
sich vergewaltigt. Sein Masochismus ist aber die Anbetung des Weibes in 
sich. Er macht in der Paraphilie das, was er im Leben zu tun nicht die 
Kraft hatte. Er unterwirft sich den weiblichen Tendenzen. So ist die 
Paraphilie eine Wunscherfüllung und heißt so viel als: So möchte ich den 
Kampf in meinem Innern beendet sehen. Zugleich ist sie aber der Schutz 
seiner Tugend. Denn er ist fromm, trotzdem seine Träume Gottesläste- 
rungen enthalten und er im Leben angeblich nur atheistische Tendenzen 
kennt. Aber er geht in die Kirche, die er am liebsten nur für Volksauf- 
klärung verwenden wollte, weil er sich für schöne Glasmalereien interes- 
siert und ihn auch alte Bilder entzücken können ... Es ist anzunehmen. 







200 Sadismus uud Masochismus. 

daß er in der Ehe die Potenz wieder gewinnen wird, wenn es gelingt ihn 
von seinen infantilen Einstellungen zu lösen, das „Kind" und die homo- 
sexuellen Regungen zu sublimieren und den „Mann" ohne Hemmung in 
Aktion treten zu lassen. 

Viele meiner Leser werden sich wundern, daß ich in den verschiedenen 
Krankengeschichten so wenig von der sadistischen Disposition spreche 
Sauger*) legt großen Wert auf die Feststellung, daß seine Sado-Masochisten 
eine verstärkte Muskel-, Haut- und Schleimhauterotik zeigen. Die erhöhte 
Analerotik (Jones*) und Urethralerotik werden geradezu als Bedingung als 
organisches Entgegenkommen angesprochen. Ja, ein so erfahrener Forscher 
wie Havelock Ellis meint, daß der autoerotische Instinkt des Kindes sich 
als Wunsch nach Flagellation äußern kann, ohne daß es je einen Akt der 
Flagellation beobachtet oder erlebt hätte. Diesen Schluß zieht er aus der Be- 
obachtung eines einzigdastehenden, hochinteressanten Falles, den ich mit 
Automation des geschätzten Forschers in freier, etwas gekürzter Über- 
setzung an dieser Stelle zum ersten Male in deutscher Sprache veröffent- 
liche 3). 



Der Mechanismus einer sexuellen Abweichung. 

Von Havelock Ellis. 

Wir sind heutzutage mit den Methoden und den Erfolgen der Psycho- 
analyse Freuds vertraut, einer Behandlung, die der Genius von Irrend 
zu einer bestimmten Technik ausgebaut hat. Wir dürfen aber nicht ver- 
gessen, daß sowohl die Methode als auch die therapeutischen Erfolge der 
Analyse in weniger klarer Formulierung und in weniger bewußt vorsichtiger 
Art längst überall bestanden haben. Diese Tatsache anerkennen, heißt nicht 
die Bedeutung der Analyse herabsetzen, sondern eher erhöhen. Wie Freud 
und seine Schüler richtig betonen, hängt die strenge Beobachtung der 
Technik von der Stärke des Widerstandes ab, den der Analysierte bietet, 
ebenso wie von der Starrheit der inneren Zensur, die er überwinden soll! 
Wenn der Patient sehr intelligent und ziemlich vorurteilslos ist, wenn er 
nicht hysterisch oder anderweitig krankhaft veranlagt ist, wenn er Ver- 
trauen zu unserem Urteil und zu unserem guten Willen hat, wenn er 
unseres Mitgefühles sicher ist und schließlich die Gabe hat, sich entsprechend 
ausdrücken zu können, so kann es geschehen, daß der Widerstand vom 



') Sadger, Die Lehre von den Geschlechtaverirrungen (Psychopathia sexual is) auf 
psychoanalytischer Grundlage. Verlag I. F. Deuticke, Wien und Leipzig, 1921. 

s ) Jones, Haß und Analerotik in der Zwangsneurose. Int. Z. f. P. A., I. 

s ) Havelock Ellis, The Mechanism of sexual Deviation. The Psychoanalytic Review. 
Vol. VI, Nr. 3 and Nr. 4, 1919. 



. 



Sado-Masochismns and Iufaulilismus. 201 

Beginne der Analyse an schwächer ist und die Zensur aufgehoben wird. Die 
Analyse geht dann leichter vor sich, obgleich die Aufgabe große Ansprüche 
an Zeit und Geduld stellt. Der Widerstand ist geringer, aber er ist niemals 
ganz ausgeschaltet. 

Im vorliegenden Falle bemühte ich mich, so weit als möglich eine 
passive Rolle zu spielen. Ich vermied jede Suggestion. Trotzdem war es 
manchmal notwendig, eine Frage zu stellen, welche immer in unverfänglicher 
Weise gestellt wurde, als betreffe sie eine unschuldige und harmlose Sache. 
Es kam dann vor, daß die Patientin ohne Verlegenheit oder Erregung 
die Frage überhörte, als würde sie sie nicht betreffen. Ich enthielt mich 
dann jeder Bemerkung. Aber später zeigte mir die Analysierte, daß der 
bei Seite geschobene Komplex von großer Wichtigkeit war. So eine Art 
der Untersuchung stellt große Anforderungen an unsere Zeit. Die Be- 
handlung des vorliegenden Falles erstreckte sich über drei Jahre, es gab 
zahlreiche Unterredungen; mehr als sechzig Briefe, darunter einige von 
sehr großem Umfang dienten meiner Aufklärung. Die Patientin zeigte sich 
bei den Unterredungen etwas zurückhaltend, während die Mitteilungen in 
ihren Briefen viel eingehender und instruktiver gehalten waren. 

Auf diesem Materiale baut sich die folgende Krankengeschichte auf. 
Es wird nicht als ein Beweis einer neuen Technik oder als eine Kritik 
der alten vorgebracht. Die angewandte Methode war in diesem Falle die 
einzig mögliche und wie sich später herausstellte die passendste. Die 
Patientin wohnte in einer entlegenen Stadt, häufige Besuche kamen nicht 
in Frage, so daß eine regelrechte Analyse unmöglich war. Ich glaube auch 
nicht, daß die Patientin sich dazu leicht entschlossen hätte. 

Fall Nr. 16. Vor einigen Jahren erhielt ich einen Brief von einer Dame, 
die einige meiner Bücher gelesen hatte. Dieser Brief enthielt Geständnisse einer 
Unbekannten, die sich „Florrie" nannte und handelte von Zwangsvorstellungen 
(Peitschen und ßelbstf lageliieren). Die Schilderung sollte mein psychologisches 
Interesse befriedigen, aber Florrie drückte zugleich ihre Verzweiflung und den 
Wunsch aus, von diesen Zwangsvorstellungen befreit zu werden, obwohl sie 
nicht wußte, daß ich Arzt war. Ich merkte bald, daß die Schreiberin des Briefes 
mit Florrie identisch sein mußte, hütete mich aber in der Antwort, diese An- 
sicht auszudrücken. Die Schreiberin gestand es bald spontan, obgleich sie immer 
die Briefe mit Florrie unterschrieb und über Florrie sprach. Diese Vorsicht 
war notwendig, weil sie fürchtete, ein Brief könnte in unrechte Hände geraten. 
In meiner Antwort bat ich um weitere Aufklärungen, betonte aber, daß der 
Fall keineswegs so vereinzelt und so „schrecklich - ' sei uud bot ihr Rat und 
Hilfe an. Florrie antwortete mit Worten der Dankbarkeit und versprach, meine 
Ratschläge zu befolgen. Nach einigen Wochen kam sie, nicht ohne Scheu und 
Zögern zu mir. Man bedenke, daß ich der erste Menscli war, dem sie ihre 
intimen Erlebnisse mitgeteilt hatte. 

Florrie ist eine Frau von etwas robuster derber Erscheinung. Den Ein- 
druck einer verheirateten Frau straft ein mädchenhafter, leicht ängstlicher 
Ausdruck Lügen, ein Ausdruck, der sich mit einer vollständigen und ruhigen 



202 Sadismus und Masochismus. 



Selbstbeherrschung kombiniert 1 ). Sie ist hoch und stark, ihre Brüste sind mäßi» 
entwickelt. Haar und Augen sind ziemlich pigmentreich, ihre Gesichtsfarbe gesund 
die Zähne ausgezeichnet. Die Menstruation ist normal, ein wenig mit Schmerzen 
verbunden, so daß sie sich zu dieser Zeit schonen muß. Sie war zu dieser Zeit 
37 Jahre alt und mit einem doppelt so alten Manne verheiratet. Vor ihrer 
Hochzeit war sie eine vollendete Bildhauerin, veröffentlichte viele brillant ge- 
schriebene Artikel über Kunst und andere Fragen in erstklassigen Zeitschriften. 
Sie hat viele fremde Länder gesehen, auch auswärts studiert, aber alle Bohemien- 
kreise gemieden. Sie entstammte einer wohlhabenden Familie, war strenge und 
konventionell erzogen worden und vollbrachte ihr Leben ruhig und beschützt 
im Kreise ihrer Familie und einiger Freunde, fast alle Intelektuelle, die sie 
nie als sonderbare oder gar abnorme Person betrachtet hatten. Abgesehen von 
ihrer heimlichen Paraphilie schien sie vorher und auch jetzt eine „Vertreterin 
des gesunden Menschenverstandes" (so bezeichnete sie sieh selbst!), so daß sie 
viel über ihre Absonderlichkeit grübelte, welche ihr wie eine Art von Wahn- 
sinn erschien. Über ihre „Zwangsvorstellungen" hat sie nicht einmal mit 
ihrem Manne gesprochen, mit Niemandem, einen einzigen Fall ausgenommen, 
über den später berichtet werden soll. 

Florrie ist erblich nicht belastet. Vielleicht war ihr Vater nicht ganz 
normal, aber Florrie ist sich dessen nicht bewußt. Sie war immer gesund und 
kräftig, voll geistiger und körperlicher Energie. Nur in der letzten Zeit klagte 
sie über Müdigkeit, Reizbarkeit und Kopfschmerzen und bildete sich eine Herz- 
schwäche ein. Diese leichten Symptome waren durch ihre Introversion, durch 
ihre Phantasietätigkeit und ihren Kummer darüber verursacht. Seit sie krank- 
hafte Gelüste verfolgten, wurde sie träge, im letzten Jahr auch fetter. Sie 
fühlte, daß es mit ihr geistig, moralisch und körperlich bergab ging. 

Florrie wuchs als Kind mit ihren Brüdern auf. Sie zeigte keinerlei 
sexuelle Neugierde und kann sich nicht erinnern, daß sie als Kinder die Ge- 
schlechtsunterschiede besprochen hätten. Sie war ein gesundes, aber scheues 
Kind. Es wurde ihr sogar verboten herumzubalgen, weil dabei ihre Unterkleider 
gesehen werden könnten. Daher wurde ihr auch nicht gestattet, zu schaukeln, 
sonst könnten die Knaben zuviel sehen. Das ließ sie ahnen, daß hier etwas 
Mysteriöses verborgen war und sie darüber nicht sprechen dürfe. Sie fand das 
ganz verständlich, da man ja gewisse natürliche Funktionen auch nicht der 
Öffentlichkeit preisgab. Als sie 6 Jahre alt war, versuchte ein sechzehnjähriger 
Junge in einem Winkel des Hauses, ihren Unterrock aufzuheben, um sich das 
„Ding" anzusehen. Sie stieß ihn zurück, nannte ihn in starker kindlicher Ent- 
rüstung einen „gemeinen Kerl". Als er, durch ihre „Reformhosen" gehindert, 
Gewalt anwenden wollte, schrie sie laut auf, so daß er sein Vorhaben aufgeben 
mußte. Ihr Schamgefühl hinderte sie, darüber zu sprechen. 

Als Kind wurde sie zeitweise von ihrem Vater wegen „Schlimmseins" 
gezüchtigt. Sie liebte und achtete ihren Vater und nahm die Züchtigungen, so 
schmerzvoll sie waren, als in der Ordnung der Dinge gelegen an. Hingegen 
hätte sie sich niemals von einem weiblichen Wesen schlagen lassen, nicht einmal 
von ihrer Mutter. Sie weiß es jetzt, daß die Züchtigung unnötiger Weise sehr 
strenge war. Da sie kein störrisches und wildes Kind war, so hätten mildere 
Methoden auch genügt. Eine ebenso törichte als unwissende Gouvernante, die 

') Alle meine Bemerkungen zu diesem Falle sind vorläufig als Anmerkungen 
wiedergegeben. Der „mädchenhafte Ausdruck'' entspricht dem psychosexuellen Infantilismus 
der Patientin. Dr. W. St. 



Sado-Masochismus und Infantilisraus. 203 

ihre Brüder bevorzugte und Florrie nicht recht leiden konnte, war die Ursache 
des Unheiles. Wenn die Kleine ihr mißfiel, wurde sie wütend, beutelte sie tüchtig 
und zerrte die heftig Widerstrebende und Kreischende über die Stiege in das 
Zimmer des Vaters. Das Erscheinen der Gouvernante genügte schon. Ihr Vater 
fragte nicht nach den näheren Umständen. Sein Gesicht nahm einen so wilden 
Ausdruck an, daß das ängstliche und zu Tode erschrockene Kind noch mehr 
in sich zusammensank. Er nahm nun eine kleine Reitpeitsche und befahl dem 
Kinde in sein Ankleidezimmer zu gehen, das abgelegen war, so daß man ihr 
Schreien nicht hören konnte. Nachdem er die Tür versperrt hatte, ergriff er 
sie von rückwärts und beugte sie über die Knie nach vorwärts, bis ihre Höschen 
prall gespannt waren. Dann peitschte er sie und zwar immer stärker, je lauter 
sie schrie und um Gnade bat, wobei er ihr im barschen Tone drohte, er werde 
sie blutig peitschen, wenn sie nicht ruhig bleiben würde. Aber der Schmerz 
war so stark, daß sie schreien mußte. Dann schickte er das weinende Kind 
zur Gouvernante zurück, die sie höhnisch mit der Bemerkung empfing: „Wenn 
du nicht aufhörst zu heulen, so bringe ich dich wieder in den ersten Stock zu 
deinem Vater!" Obgleich sie dann vor Schrecken zitterte, mußte sie noch eine 
Stunde lang schluchzen. 

Der Vater mag sich vielleicht eingebildet haben, ein ausgezeichneter Er- 
zieher zu seim). Florrie trug ihm nichts nach. Wenn er sie nachher küßte 
und den Wunsch aussprach, sie möge nun ein braves Kind sein, so 
fühlte sie echte Dankbarkeit. „Ich kann mich erinnern an das seltsame 
Gefühl von Scham und Scheu, wenn ich ihm nachher begegnete. Ich wandte 
mich ab und schämte mich, daß ich gepeitscht worden war. Aber ein Wonne- 
schauer durchzuckte mich, wenn er mich dann umarmte." Der Gouver- 
nante konnte sie niemals verzeihen. Zehn Jahre später traf sie sie und reichte 
ihr nicht die Hand. Das Peitschen nahm ein Ende, als Florrie zur Schule ge- 
schickt wurde. 

Erst im Laufe unserer Unterredung kam Florrie darauf, daß zwischen 
diesen Züchtigungen und ihren gegenwärtigen sexuellen Zwangvorstellungen 
ein Zusammenhang bestehen müßte. „Ich kann meine Gefühle der Scham, die 
ich fühlte, daß ich auf die Nates geschlagen wurde, nicht beschreiben. Ohrfeigen 
oder Schläge auf die Hand würden mich nicht so beschämt haben. Es war doch 
eine Art geschlechtlicher Scham." 

Außer diesem wichtigen kindlichen Erlebnisse, das der Keim künftiger 
Flagellationsimpulse werden sollte, müssen wir jetzt die Urinsexualität Florries 
erwähnen. Sie hat niemals an echter Enuresis gelitten. Sie träumte als Kind 
hie und da, daß sie urinierte und machte einige Male das Bett naß, aber das 
kommt auch bei ganz normalen Kindern vor. Ihre ersten diesbezüglichen Er- 
innerungen liegen zu weit zurück, als daß sie gehoben werden konnten, auch 
wurden sie nicht durch Schmerz und Angst fixiert wie die Schlageerinnerungeu. 
Ungefähr zwischen dem fünften und sechsten Jahr wurde sie von einer Nurse 

') Für mich besteht kein Zweifel, daß der Vater ein arger Sadist war, der seine 
Stellun» als pater familias mißbrauchte, um seine grausamen Impulse auszuleben. Auch 
die Gouvernante dürfte hinter der Türe gehorcht haben und dabei auf ihre Kosten ge- 
kommen sein. (Näheres über diese Verirrungen werden wir im Kapitel „Ein Kind wird 
»eschlagen' erfahren.) In dieser barbarischen Erziehung haben wir den Urgrund der 
später znm Ausbruch kommenden Paraphilie zu sehen. Merkwürdig ist dabei die Rolle 
der Mutter. Warum schweigt Florrie über ihre Mutter? Sie bemerkt nur, daß sie sich 
von ihr nie hätte schlagen lassen, was auf eine gewisse Haßeinstellung schließen läßt. 



204 Sadismus und Masochismus. 

zum Besuche eines befreundeten Hauses mitgenommen. Nahe vor dem Ziele 
üffnete die Nurse das Höschen und forderte sie vergebens auf zu urinieren. 
Als die Nurse die gleiche Prozedur mit dem gleichen Mißerfolge 10 Minuten 
später wiederholte, wurde sie ärgerlich. Das dritte Mal schlug sie das Kind auf 
die Hinterbacken, so daß es zu schreien begann. Trotz Schluchzens und Wehrens 
wurde sie wieder über das Gras gehalten. Diesmal ergoß sich ein reichlicher 
Strom in das Gras. Florrie erinnert sich an ihr Strampeln und Stoßen und 
ihren Ausruf: „Ich kann nicht! Ich will nicht! Ich mag nicht!" ebenso deutlich, 
wie an ihre Überraschung und ihren Schreck, als sie das plätschernde Geräusch 
hörte, welches ihr bewies, daß sie machte, was zu machen sie sich weigerte. 
Die Nurse triumphierte über den Trotz des Kindes und gebrauchte später die 
gleiche Methode, wenn sie es für notwendig hielt. So assoziierten sich schon 
in der Kindheit die Vorstellungen von Urinieren und Schlagen. Auch der bloße 
Anblick der Peitsche genügte, Urindrang zu provozieren. Einmal nach dem 
Schlagen mußte sie noch schluchzend vor dem Lehrzimmer den Urin lassen. 
Sie war zu aufgeregt, um es zu beachten. Die Gouvernante bemerkte es und 
drohte mit einer neuerlichen Züchtigung .... 

Florrie beschäftigte sich in der Kindheit sehr lebhaft mit der Funktion 
des Urinierens. Ihre Brüder urinierten ungeniert vor ihr, es gab also kein 
Rätsel des Geschlechtsunterschiedes. Mit sieben Jahren kam sie in ihr eigenes 
Zimmer und durfte das Zimmer der Knaben nicht betreten. Dunkel erinnert sie 
sich an ein Urinspiel, wobei die Hände der Spieler ohne Ekel in 
Urin getaucht wurden. (Die Defäkation interessierte sie weniger; mit 13 glaubte 
sie, die Kinder würden ähnlich wie der Stuhl per anum zu Tage gefördert.) 
Die Urinspiele hielt sie geheim. Sie hatte sich „unten" nicht berühren lassen. 
Ihre Spielgenossen machten auch keine Versuche. Es fehlte auch bei der strengen 
Überwachung jede Gelegenheit. Trotz der Schläge wurde sie sonst verwöhnt, 
hatte teuere Puppen und französische Kleider, obgleich sie es vorgezogen hätte, 
mit ihren Brüdern spielen zu dürfen. 

Die Familie lebte im Sommer auf dem Lande. Dort entwickelten sich ihre 
Urinspielereien im Freien. Der Nachttopf machte ihr keinen Spaß. Er gehörte 
zu sehr zum Inventarium der Kinderpflege. Wenn der Akt das Verbotene streifte, 
so war er viel lustvoller. Sie hatte ein Vergnügen, wenn die Brüder im Freien 
urinierten, und beneidete die Knaben, daß sie ein eigenes Organ für diese 
Funktion hatten. Sie sah darin einen überlegenen Vorteil. „Meine ersten Vor- 
stellungen über die Überlegenheit der Männer waren mit der Miktion verknüpft. 
Ich grollte der Natur, weil ich eines so nützlichen und ornamentalen Organes 
beraubt war. Eine Teekanne ohne Schnabel müßte sich so nutzlos vorkommen. 
Es bedurfte keines fremden Einflusses mehr, um mir die Theorie von der männlichen 
Überlegenheit und Vorherrschaft einzupflanzen. Der ständige Beweis stand vor 
mir." Immer war das Urinieren auf dem Lande natürlich nnd lustvoll und sie 
fand eigene Methoden, um die Lust zu erhöhen. Die Wahl sonderbarer und 
ungewöhnlicher Plätze erhöhte das Vergnügen. Nichts war so wunderbar wie das 
Geräusch des Wasserlassens auf trockene Blätter mitten im tiefsten Walde. Sie 
beobachtete dann mit Interesse, wie sich das Wasser verlief und in den Boden 
sickerte. Am meisten faszinierte sie der Gedanke, ins Wasser zu urinieren. 

„Wenn ich im Bade war, wollte ich probieren ob das Urinieren möglich 
wäre und ob das umgebende Wasser das Spiel stören würde. Ich gab meinem 
Verlangen nach. Blasen — wenn ich mich recht erinnere — stiegen auf die 
Oberfläche. Ich war entzückt. Ich wollte es auch über dem Wasser probieren 
und beobachten, wie sich der Urin mit dem Wasser vermengte. Ich ging so weit, 



Sado-Masochismus uud Infautilismus. 205 

daß ich dies Experiment mit einer kleinen Nichte versuchte, als einmal ihre 
Nurse nicht zu Hause war. Kunstvoll brachte ich dem Kinde bei, daß sie es 
^machen" müßte. Es erwiderte, es habe jetzt kein Bedürfnis. Vergebens ver- 
suchte ich durch Versprechungen von Süßigkeiten und Spielereien das Kind zu 
überreden. Kinder sind argwöhnisch und schützen sich gegen das Unerwartete. 
Das Kind war an seine Nurse gewöhnt und wollte meine Mission nicht ver- 
stehen. Ich war damals selbst ein Kind von acht Jahren, aber ich kann mich 
deutlich an meinen Ärger erinnern. (Ich war immer lieb mit ihr und sie wollte 
mir nicht zu willen sein!) Ich sagte ihr, daß sie es tun müsse und begann 
ihr Höschen aufzuknöpfen. Ein schreckliches Geheul war der einzige Effekt. 
Ich fürchtete, man werde es hören. Aber ich war entschlossen. Trotz Strampeln 
und Stoßen und Beißen führte ich sie zum Bade. Ihr Widerstand verstärkte 
sich, als sie das Ungewohnte der Situation sah. Ich wollte sie über das Bad 
halten, aber schließlich gab ich mich zufrieden sie in eine Ecke zu stellen, so 
groß war ihr Widerstand. In dieser Stellung produzierte sie (freiwillig oder 
gezwungen) einen reichlichen Urinstrom. Entzückt lauschte ich dem Plätschern 
der Flüssigkeit und war traurig, als sie fertig war. Dann hob ich sie auf. Sie 
schmollte noch und erzählte alles ihrer Nurse. Ich erhielt Schelte, weil ich das 
Kind im Badezimmer hatte urinieren lassen. 

Florries Urinforschungen wurden durch die geschlossenen Kinderhosen 
(Knickers) gehindert. Diese Bemerkung scheint uns trivial, aber für Florrie ist 
sie sehr bedeutsam. 

Diese unglückseligen Kleider störten sie in ihrem Vorhaben. Sie hatte 
nur ein Mittel die Konvenienz zu umgehen. Auf großen Spaziergängen auf dem 
Lande hielt sie den Urin so lange zurück, bis sie gezwungen war, ihn in die 
Hosen zu lassen. „Ich kann mich deutlich an die fremdartige und lustvolle 
Sensation erinnern, deren Reiz durch das Verbotene und durch die aufrechte 
Haltung erhöht wurde. Es kam wie ein Wildbach und blähte meine Hosen wie 
einen Luftballon auf, blieb eine Weile drinnen, ehe es durchsickerte und mau 
den entdeckten Missetäter nach Hause schleppte. Andere Male blieb ich unent- 
deckt, es passierte mir nichts, außer daß ich von der Nässe wund wurde." 

Immer wieder kommt Florrie auf die „Knickers" zurück, die nach ihrer 
Ansicht die weibliche Psyche, und zwar jede weibliche Psyche beeinflussen. „Es 
war für mich immer eine Quelle des Ärgers, daß ich meine Hosen aufknöpfein 
und dann mich bücken mußte — aus Angst, ich könnte sie vorne benässeu. 
Aber ich mußte auch das rückwärtige Hosenteil herablassen, meine Nates ent- 
blößen, so daß sich bei Mädchen eine Assoziation zwischen dieser Entblößung und 
der Urinfunktion ausbilden muß. Es scheint eine Kleinigkeit, aber in der Jugend 
erhält die Welt der Kleider durch solche Tatsachen ihre spezifische Färbuug. 
Der erste Geschlechtsunterschied, der mir imponierte, war das stehende Urinieren 
der Knaben. Ich kenne erwachsene Damen, die bei dem Gedanken, stehend zu 
urinieren, schaudern. „Ich könnte es nicht! Es ist unmöglich ! Es ist unnatürlich ! u 
Letztes Jahr sah ich in P. ein modernes Urinoir für Damen, wo man diese 
Funktion stehend verrichten mußte. Die Damen kamen mit entsetzten Gesichtern 
zurück. „Sie konnten einfach nicht" — sagten sie. 

„Ich grübelte über diesen Unterschied lange nach, dachte auch, daß ein 
Knabe diese Assoziation zwischen Peitschen und Urinieren nie bilden würde."' 

Hier sehen wir die infantilen Keime ihrer späteren Paraphilie. Der Nähr- 
boden hiefür war ihre Gewohnheit, Tagträumen nachzuhängen. 

Ihre Erinnerung an Tagträume reicht bis ins achte Lebensjahr zurück. 
Sie führten nie zu onanistischen Akten und waren von keiner körperlichen Er- 






206 Sadismus und Masochismus. 

regung begleitet. Wenigstens sind die körperlichen Sensationen vergessen. Die 
Tagträume hatten zuerst einen beruhigenden Einfluß, brachten sie über trübe 
Stunden hinweg und trugen viel zu ihrem körperlichen und seelischen Wohl- 
befinden bei. In früheren Zeiten fürchtete sie manchmal, daß es sich um eine 
geistige Abnormität handeln könnte. Jetzt weiß sie, daß diese Phantasien sexuellen 
Ursprunges waren und einen Versuch darstellten, die sexuelle Spannung zu er- 
leichtern. Wie alle diese Kranken hält sie ihre Tagträume für eine private 
und verborgene Angelegenheit, die man nur einem „Mitfühlenden" mitteilen 
dürfe, da man doch das Allerheiligste entschleiere („rending the veil from the 
holy of holies"). 

Die ersten Tagträume werden nur dunkel erinnert. Sie erstrecken sich 
auf Peitschen und Urinieren. Beim Peitschen war sie passiv, beim Urinieren 
aktiv. Z. B. sie war schlimm gewesen und sollte geschlagen werden. Dabei 
waren ihre Unterhöschen sehr enge. Das Gefühl des Zwanges und des Druckes 
der engen Hosen war wichtiger als das Peitschen 1 ). Sie glaubt, daß dies mit 
einer vollen Blase assoziiert war. Die Empfindung war mehr vorne als rückwärts! 
(In diesem Zusammenhang erwähnt sie den sexuellen Reiz, den das enge Schnüren 
auf manche Personen ausübt.) In diesen Tagträumen malte sie sich voll Ent- 
zücken erniedrigende Situationen aus, die ihr in der Realität sehr peinlich 
gewesen wären. Der unsympathische Zuschauer war schattenhaft und unwirklich. 
Ihre eigene Scham war ihr wichtig. In allen Tagträumen litt sie durch fremde 
Personen, nie träumte sie sich als Empfängerin von Lustgefühlen. Sie weiß es 
jetzt, daß diese Scham eine sexuelle Erregung war. 

Sie las gerne Bücher, in denen vom Peitschen die Rede war. Seit ihrer 
Menstruation (13) sind die Tagträume lebhafter und sie kann sich genau an 
sie erinnern. Der Lieblingstranm war eine Schule, in der Mädchen sehr strenge 
behandelt wurden. 

„Nie erschien ein Mann in diesen Träumen. Ich hatte keine Ahnung, 
daß sie sexuellen Ursprunges waren. Meine Angst, andere könnten von meiner 
Peitschung wissen (die Brüder haben anderen gegenüber nie ein Wort darüber 
erwähnt), ließ mich als Gegensatz diese Strafe öffentlich vor allen Schülerinneu 
erleben. Ich lehnte dabei entweder an das Pult oder stand mitten in der Klasse 
vorgebeugt. Zuweilen geschah die Plagellation in engen Hosen, welche die 
Blase und die Genitalien preßten. Manchmal wurden die Hosen aufgeknöpft 
und ich wurde zu meinem großen Ärger und überwältigt von Scham vor der 
ganzen Klasse bloßgestellt. Ich las in einem Buche, daß in manchen Mädchen- 
schulen die Mädchen bis auf ein ganz kurzes Hemdchen, das den Bauch nicht 
bedeckte, entblößt wurden. Eine Magd nahm sie auf den Rücken und sie 
wurden dann vor der ganzen Klasse gepeitscht. Das war eine neue Phantasie 
und steigerte mein Schamgefühl. Zuletzt wurde ich gezwungen vor der ganzen 
Klasse zu urinieren. Ich machte die ganze Agonie einer Schamorgie durch. 
Ich ritt auf einem kräftigen Landmädchen, das vorne und hinten stark de- 
kolletiert war, so daß meine Genitalien ihren weichen Hals berührten. Während 
dieser Tagträume lag ich in meinem Bette mit meinem Gesicht nach abwärts. 
Nachdem ich mir 12 Schläge mit einer Birkenrute vorgestellt hatte, setzte sich 
die Phantasie folgendermaßen fort: Ich glitt hinunter. Jemand kam von rückwärts, 
hob mich an den nackten Hintern greifend in die Höhe, was mir ein Lust- 
gefühl verschaffte. Dann lehnte ich mich an den warmen Hals der Magd uud 

') Siehe meine Ausführungen in Band VII, „Das Gefühl des Zwanges* Kapitel X. 
Der enge Anzug ist Symbol des Zwanges. 



Sado-Masochismus und Infantilismus. 207 

urinierte freiwillig, wobei mich das Rinnen des Urins über das nackte Fleisch 
entzückte. Das Gefühl beim Schlagen war gemischt aus Schmerz und Dank- 
barkeit. Andere Tagträume beschäftigten sich mit dem Zwang gegen meinen 
Willen zu urinieren und gaben mir ein seltsames Gefühl der Dankbarkeit für 
den Menschen, der mich dazu zwang." 

Sie verband diese Szenen nie mit dem Geschlechtlichen. Männer und 
Knaben kamen nicht vor, nur strenge, weibliche Gestalten, manchmal auch 
Fabelwesen, böse Hexen, welche sie bestraften und ihr Leben überwachten. 
Erst mit 15 Jahren traten auch Männer auf, väterliche und autoritative Ge- 
stalten, Vaterimagines, obgleich sie sie nie identifizierte. Aber um diese Zeit 
schienen auch die Tagträume zeitweilig in den Hintergrund zu treten. 

Die Menstruation schien auf ihr Sexualleben wenig Einfluß zu haben. 
(Eine Freundin belehrte sie, daß das Menstrualblut aus der Blase käme. An 
diesem Glauben hält die Freundin nach ihrer Hochzeit und der Geburt einiger 
Kinder noch immer fest.) Im 13. Jahre machte sie auch eine religiöse Periode 
durch. Sie hoffte vergebens auf die große Erleuchtung. 

„Ich erinnere mich, wie ich kniend und betend den großen Moment 
erwartete. Man sagte mir, es komme unvermutet, ich würde es plötzlich fühlen. 
Aber ich kam nie in diese religiöse Ekstase und dachte, es müsse mir etwas 
fehlen, da andere in der gleichen Erwartung nicht enttäuscht wurden. Ich 
dachte sehr viel über die religiösen Fragen nach, grübelte über die mystische 
Vereinigung mit Christus, so daß diese religiösen Phantasien zeitweilig die 
sexuellen Tagträume verdrängten oder an ihre Stelle traten. Ich denke die 
religiöse Liebe hat eine sexuelle Färbung, sie zeigt die gleiche Zurückhaltung, 
wie wir sie bei sexuellen Phantasien üben; eine Art Scheu, selbst Scham hält 
uns davon ab, darüber zu reden. Wenigstens fühlte ich es so." 

Diese fromme Periode dauerte vom 13. — 16. Jahre. 

Obgleich Florries Tagträume verblaßten und die Menstruation regelmäßig 
erfolgte, zeigten sich weder sexuelle Regungen noch erotische Interessen. Nie- 
mand führte sie darauf, niemand sprach mit ihr über sexuelle Themen. Die 
kleinen sentimentalen Schwärmereien lösten keine körperliche Erregung aus. 
In der Schule war alles auf das „Vornehme" eingestellt („high-class" and 
„lady-like"). Die Erziehung bewegte sich in altgewohnten, konventionellen 
Bahnen. Florrie blieb unwissend und forschte nicht. In den höheren Klassen 
flirteten die Mädchen mit Jungens, wechselten Briefe, aber Florrie interessierte 
sich nicht dafür. Bis zum 13. Jahre glaubte sie noch, daß Zigeunerinnen die 
Kinder bringen. Dann erzählte man ihr, Frauen gebären die Kinder und trügen 
sie aus — sie glaubte in dem Busen (!). Das Stillen der Kinder interessierte 
sie. Als sie dies das erstemal sah (9), verursachte ihr der Anblick eine fremd- 
artige Empfindung (eine Art Schauer). Es schien ihr unanständig und sie 
schämte sich. Es kam ihr vor, als würde man öffentlich urinieren. Später (16) 
hatte sie die gleiche Empfindung. (Sie ist sich homosexueller Einstellung nicht 
bewußt.) Eine stillende Frau wollte sich zurückziehen, um dem Kinde die Brust 
zu geben, aber jemand sagte ihr: „Bleiben Sie doch hier! Was sollten wir 
dagegen haben. Es ist ja natürlich." Florrie dachte darüber nach, ob die Ge- 
sellschaft es auch natürlich finden würde, wenn sie die Röcke aufheben und 
urinieren würde. 

Dabei war sie schamhaft in bezug auf ihre Blasenfunktion. Sie tat es nie 
in Gegenwart anderer Mädchen. Sie würde es auch heute nicht tun. Sie fürchtete 
mit anderen Frauen in einem Zimmer zu schlafen, da sie ja vor ihnen urinieren 
müßte. Sie erkennt nun, daß diese Scheu eine sexuelle Beziehung verrät. Es 



208 Sadismus und Masochismus. 

ist wichtig, daß sie diese Scheu Männern gegenüber nicht zeigt. „Die Scheu 
würde vor einem sympathischen Mann verschwinden. Eine Art Scham, wirk- 
lich stark empfunden, winde vorhanden sein, aber sie würde das Lustgefühl 
erhöhen. Das Niederreißen der Schranken erzeugt sexuelle Empfindungen. Diese 
Schranken vor Leuten zu überwinden, denen ich indifferent bin, das reizt 
mich." 

Die religiösen Eindrücke waren weder tief noch bleibend; die Pubertät 
brachte auch keine Auslösung der sexuellen Empfindungen. Alle Interessen 
wandten sich der Kunst zu und was damit zusammenhing. So erwuchs sie 
zum Weibe. Sie zeigte bedeutendes Zeichentalent und arbeitete hart an ihrer 
Ausbildung. Sie brachte es ziemlich weit und stellte sogar aus. Auf ihren 
Reisen nach Italien, wohin sie mit der ganzen Familie kam, studierte sie die 
Galerien. Sie liebte es, auf Ausflügen zu skizzieren. Auch soziale Fragen er- 
regten ihr Interesse. Mit 16 Jahren war sie schon eine enthusiastische Suf- 
fragette. Alle diese Regungen drängten, die Tagträunie, sowohl die flagellan- 
tistischen als auch die ürinphantasien in den Hintergrund. Die neuen Inter- 
essen verbrauchten alle ihre Energien. 

Mit 21 Jahren wurde ihr Interesse für das Urinieren durch ein Erlebnis 
neu erweckt. Anderen mag dies „Erlebnis" trivial scheinen, sie betrachtete es 
als eine Tat von großer Kühnheit. Sie erzählt: 

„Wir hatten in einer größeren englischen Stadt mehrere Besuche zu ab- 
solvieren. Beim letzten Besuch mußte ich mich eine halbe Stunde aufhalten. 
Ich fühlte ein dringendes Bedürfnis und nahm mir vor, mich bei der Magd 
zu erkundigen, wohin ich mich zurückziehen könne. Bevor ich aber aufstand, 
um mein Vorhaben auszuführen, forderte die Dame des Hauses mich auf, im 
Garten das Treibhaus zu besichtigen. Wir machten uns in Begleitung ihres 
Sohnes auf den Weg. Ich schloß daraus, daß ich von dem Garten direkt auf 
die Straße gehen werde. Aber gerade dieser Umstand machte die Sache schlimmer. 
Ich konnte mich nicht länger zurückhalten. Es gab keine Geschäfte in der 
Nahe, nur Häuser und wieder Häuser und ich fand kein geschütztes Plätz- 
chen. Da ich mich nicht bücken konnte, beschloß ich die Sache stehend zu 
absolvieren, obwohl ich an dem Gelingen zweifelte. Es war ein sonniger 
Tag, das Pflaster blinkte weiß und trocken (ein Regen wäre vorteilhafter ge- 
wesen). Ich stellte mich neben das Rinnsal und sah die Straße hinab, als ob 
ich jemand erwarten würde. Ich wagte mich nicht direkt über das Rinnsal zu 
stellen, ich stand bei der Ecke der Ausbuchtung. Kein Mensch war zu sehen. 
Ich entschloß mich den erlösenden Akt zu vollziehen, aber zu meiner Bestür- 
zung wollte es nicht gelingen. Ich denke, ich hatte es zu lange hinausge- 
schoben. Endlich nach qualvollem Warten, das mir wie eine Ewigkeit erschien, 
in Wirklichkeit vielleicht nur einige Sekunden gedauert hatte, kamen die ersten 
Tropfen. Aus Angst entdeckt zu werden, hielt ich die Beine geschlossen. 
Meine Unterhosen füllten sich mit der Flüssigkeit. Bald aber drang das Wasser 
durch die Kleider und stürzte sich mit schrecklicher Gewalt auf das Pflaster. 
Wie kann ich meine Gefühle beschreiben, als ich das Wasser aus den Kleidern 
hervorströmen und über das Pflaster rinnen sah, statt in das Rinnsal abzu- 
fließen! Um mir zu helfen stellte ich ein Bein auf die Straße. Meine Ver- 
wirrung wuchs, als ich drei Personen auf mich zukommen sah. Ich schloß 
meine Augen, als könnten sie mich nicht sehen, — wenn ich sie nicht sehe. 
Ich blieb wie angewurzelt stehen, ich fürchtete entdeckt zu werden, wenn ich 
mich rührte. Ich war sicher, daß sie das Geräusch gehört und den Strom ge- 
sehen haben müssen. Kaum waren sie vorbei, so ging ich fort und kam um 



Sado-Masochismus und Infantilismus. 209 

die Ecke biegend zu einem Warenhaus. Das Gartentor war offen. Ich war 
noch nicht fertig. Ich stellte mich hinter ein Gebüsch, wobei ich das Haus 
überwachte. Ich stand nun im Grase und fühlte mich ganz sicher. Ich ver- 
richtete die Bache stehend und empfand dabei einen großen Genuß. Mehrere 
Personen gingen vorbei. Das erhöhte meinen Genuß, da ich mich sicher fühlte. 
Dieses erste Erlebnis bleibt unvergessen. Nachdem ich nun gelernt hatte, es 
ohne Schwierigkeit zu tun, wiederholte ich das Experiment in der Folge." 

„Ich erinnere mich, daß es mir schon als Kind einen Shock gab (5 — 6), 
wenn ich stehend urinierte. Es schien mir außerordentlich kühn und frech. 
Es imponierte mir immer als etwas Verbotenes. Und es blieb immer für mich 
das Verbotene, auch als ich mit 15 Jahren im Dunkel der Nacht außer dem 
Hause urinierte. Ich hatte die gleichen Empfindungen, wie ich sie vorher ge- 
schildert habe." 

Im Alter von 21 Jahren nahm dies Experiment eine sexuelle Färbung 
an. Regungen der Bescheidenheit, Scham und Zurückhaltung, die ebenso stark 
in Florrie wurzelten wie die anerzogene Tradition der Konvention und der 
Sitte, wurden durch den „kühnen Akt" auf das höchste gesteigert und ver- 
wandelten sich in einen Orgasmus der Lust und des Triumphes, wobei die Er- 
ledigung eines Bedürfnisses auch in Rechnung zu stellen ist. Die Miktion wird 
auf diese Weise ein Ersatz des Sexualaktes, eine autoerotische Betätigung. 
Zugleich war es ein urolagnischer Akt. Dazu kommt noch das „köstliche Ge- 
fühl der Scham", falls sie trotz aller Vorsicht doch entdeckt werden sollte. 
„Meine Nervosität ist schrecklich, wenn Menschen in Sicht sind und die 
Furcht besteht, sie könnten sehen oder hören. Bei solchen Gelegenheiten schien 
sich der Strom zu verdoppeln. Für die meisten Frauen ist es wohl das letzte, 
was sie öffentlich oder vor unsympathischen Personen verrichten würden. 
Würde diese Scham fehlen, so wäre das sexuelle Gefühl gleich null." 

Eine Episode aus dem Leben Florries möge dieses Faktum illustrieren: 

„Der schrecklichste Fall, an den ich mich erinnere, ereignete sich auf 
dem Gipfel eines Berges. Wir stiegen alle zusammen auf und ich konnte mich 
nicht in die Büsche schlagen. Ich versuchte, an einem Aussichtspunkt allein 
stehen zu bleiben, aber es gelang nicht. Auf dem Gipfel konnte ich mich nicht 
mehr zurückhalten. Während die Gesellschaft die gegenüberliegenden Gletscher 
betrachtete, ließ ich einen Wildbach niedergehen. Neben mir standen zwei 
Männer. Ich fürchtete nicht nur, sie könnten das Geräusch hören, ich sah mit 
Schrecken die Flüssigkeit von meinem Rock den steilen Pfad hinunterrinnen. 
Ich hatte gehofft, die trockene Erde werde alles aufsaugen. In Verzweiflung 
lenkte ich die Aufmerksamkeit der Männer auf gewisse Sehenswürdigkeiten, 
aber es war ein schrecklicher Augenblick. Ich kann kaum annehmen, daß der 
Zwischenfall nicht bemerkt wurde. Ich unterdrückte schließlich den Drang. 
Aber als ich den Platz verließ, waren die Spuren deutlich zu sehen. Ich atmete 
«rst auf, als wir so weit unten waren, daß keine Spur mehr zu sehen war." 

„In Städten half ich mir gewöhnlich auf einer Türstiege oder in einem 
Torweg, wo ich keine Störung erwartete. Ich tat dies einst an einem Tage, 
an dem die Geschäfte früh geschlossen wurden und dachte, es träfe sich gut, 
daß niemand ein- und ausgehen könne. Das geschlossene Geschäft, das ich mir 
auserwählte, hatte das Schaufenster zur Besichtigung frei gelassen. Ich sah mir 
scheinbar das Schaufenster an, wahrend meine Gedanken in eine ganz andere Rich- 
tung gingen. Es dauerte eine Weile, ehe ich mich entschließen konnte, dann 
ließ" ich mich vorsichtig gehen. Aber ich war erregt, als ich den Strom über 
die Stiegen rapid zum Pflaster fließen sah. Regentropfen fielen nieder. Aber 

Steke], Störnngon den Trieb- und Affektlebens. VIH. 14 



210 Sadismus und Masochismus. 

der Urin schien sich mit dem Regen nicht zu mengen, in meiner (sicherlich 
unrichtigen) Vision sah ich den Urinstrom deutlich begrenzt und klar erkenn- 
bar. Eine Erscheinung, die für sich allein bestand und mich absolut verraten 
mußte, weil das Geräusch des Urins, wie er über die Stiegen zum Pflaster 
herunterrann, deutlich und unverkennbar war. Jemand stieß mich rückwärts 
an und sagte etwas. Ich konnte die Worte nicht verstehen, aber ich war 
sicher, daß sie sich auf mein Vorgehen bezogen, und daß ich entdeckt war. 
Aber nein! Es war nur die Entschuldigung eines Menschen, der über mich 
hinweg das Schaufenster sehen wollte. Bevor ich entscheiden konnte, was ich tun 
sollte, war der Eindringling verschwunden . . . Auf dem Lande ist die Sache 
nicht so riskant und vergnüglicher, aber in der Stadt kommt eine Art frecher 
Freude hinzu, weil andere Personen nahe sind. Sie könnten erkennen, was ich 
mache. Dann meldete sich das Vergnügen des Wagemutes bei dem Gedanken : 
„Wenn sie wüßten, was ich mache, wie erstaunt würden sie sein." Ja — das 
vage Gefühl eines sympathischen Zuschauers erhöht die Lust." 

Die beschriebenen Seelenregungen verraten uns eine Art maskierten Ex- 
hibitionismus. 

Bei Frauen (seltener bei Männern) gleicht die Miktion mitunter der sexuellen 
Detumeszenz. Sie läßt sich nicht zurückhalten, wenn sie in Gang gesetzt ist. 
Florrie ist sich dieser Tendenz bewußt und weiß, daß sie die sexuelle Lust 
steigert, ahnt aber noch nicht Beziehungen zu einem sexuellen Orgasmus. Sie 
berichtet: „Ich erinnere mich an einen Vorfall auf dem Lande. Ich stand auf 
einer Wiese und tat, als ob ich die Blaubeeren betrachten würde. Plötzlich 
kam jemand vorbei. Ein Entkommen war nicht möglich, die Sache war schon 
im Gange. Ich werde meine Gefühle nicht vergessen. Der Strom schien ohne 
mein Einverständnis aus mir herausgezogen zu werden, aber die Lust war 
größer, als wenn ich es freiwillig getan hätte. Dies sonderbare Gefühl 
— von einer unbekannten Kraft den Strom entrissen zu sehen, einer Kraft, 
der ein unwiderstehlicher Zwang innewohnt — ist ein ganz weibliches Vergnügen 
und bietet einen besonderen Reiz. Ein Schatten fällt, Sehritte nähern sich, 
du willst innehalten, wenn du es nur könntest. Du sagst dir: „Halt inne! Jemand 
kommt! Aber nein, es soll nicht sein! Die unerbittliche Gewalt will es anders, 
der Strom fließt unaufhaltsam und der süße Zwang ist lustvoll. Die Lust ver- 
stärkt sich, sie schwillt in Momenten zum Entzücken an, obgleich du von Scham 
überwältigt bist, daß du es tatest. Der Beginn erfordert einen gewaltsamen 
Entschluß. Alle Kühnheit und Scham sammeln sich in diesem vitalen Augenblicke 
eine Pause, als ob die Natur vor dem unwiderruflichen Schritte zurückweichen 
wollte, und dann die Empfindung: „Ach — jetzt kommt es!" und atemlos setzt 
du ein. Nachher scheint dich nichts mehr zu stören. Du bist nicht mehr ver- 
antwortlich und kannst dich dem Vergnügen hingeben. Scham und Furcht 
mischen sich der Lust, und gerade das steigert deine Lust. Es ist ein Wildbach, 
der übermächtig einherflutet und du mußt dich treiben lassen." 

Florrie wiederholte ihre urolagnischen Episoden, wurde immer geschickter, 
obwohl sie trotz der .offenen Unterhosen nicht erreichen konnte, daß sie trocken 
blieb. Sie betrachtete diese Akte nicht als Zwangshandlung, sondern als Erfüllung 
physischer Notwendigkeiten. Erst viel später erkannte sie den sexuellen Charakter. 
Um diese Zeit (21) war sie seelisch und körperlich auf der Höhe. Sie 
malte und arbeitete, interessierte sich für alle sozialen und literarischen Fragen. 
Bewußt hatte sie keine sexuellen Wünsche und war scheinbar vollkommen un- 
aufgeklärt. Um 22 litt sie an einer „Ovarialneuralgie." Sie suchte einen jungen 
Arzt auf, der sie gynäkologisch untersuchte. Sie hatte keine Ahnung, was das 



Sado-MaBOchismus und Infantilismus, 211 

bedeuten sollte. Sie lag auf dem Sofa und fühlte etwas Schmerzen. Sie war 
entsetzt, als sie nachträglich belehrt wurde, daß er seine Finger in die Vagina 
eingeführt hatte und wunderte sich, wie dies ohne Einschnitt möglich sein 
sollte. Ihre Freundin, die sie dem Arzt empfohlen hatte, meinte, es wäre sehr 
vorteilhaft, es werde ihr die Brautnacht erleichtern. Diese rätselhaften Worte 
erregten ihre Neugierde, aber sie war zu scheu, um nach ihrer tieferen Be- 
deutung zu fragen. Ihr wurde gesagt, es handle sich um eine Kongestion im 
Abdomen. Der Schmerz verschwand rasch. Sie zeigte nie mehr irgend eine 
andere sexuelle Störung organischer Natur. 

Um diese Zeit bewies ihr ein 35jähriger Mann eine gewisse Zuneigung. 
Er setzte sie auf seine. Knie und küßte sie. Sie fühlte nicht mehr als bei einem 
Kusse einer Frau. Sie will kein sexuelles Gefühl empfunden haben. Zu diesem 
Zeitpunkte ereignete sich ein bemerkenswerter Vorfall. Ein sechsjähriges Mädchen, 
das sehr an ihr hing, führte sich schlecht auf. Die Mutter des Kindes beschloß, 
es mit der Rute zu bestrafen. Florrie macht gar keinen Versuch, dem Kinde 
die Strafe zu ersparen, was sie selbst überraschte. „Sie war tief gekränkt, in 
meiner Gegenwart gestraft zu werden. Hätte ich an meine Kindheit gedacht, 
so hätte ich sie eigentlich retten sollen. Statt dessen fühlte ich eine richtige 
Freude, als das Kind über den Tisch gelegt wurde, als ihr die Kleider über 
den Kopf zurückgeschlagen wurden und sie eine tüchtige Portion erhielt. Sie 
strampelte und schrie, aber ich stand regungslos da, wie angewurzelt. Ich konnte 
nicht eingreifen." 

Intensive Studien ließen Florrie keine Zeit für die Liebe. Zwei Jahre 
lang schwärmte sie für einen Professor, dessen Vorlesungen sie besuchte. Er 
schrieb ihr rührende Briefe und küßte sie eines Tages. Das gefiel ihr ganz gut 
und sie glaubt, sie wäre auch mit ihm durchgegangen, wenn er es vorgeschlagen 
hätte. Aber ihre Sinne blieben kühl. Selbst als er ihre Bluse öffnete und an 
ihren Brüsten saugte, will sie kein Vergnügen empfunden haben. Sie lehnte 
seine Aufforderung ab, im Nachtgewand in sein Schlafzimmer zu kommen, viel- 
leicht aus Furcht vor Schwangerschaft. Sie bedauerte den Entgaug einer Er- 
fahrung nicht, die der Professor als „Liebesuraarmuug" bezeichnet hatte. Zu- 
fällig erfuhr sie, daß der Mann verheiratet war. Die ganze Episode ließ keinen 
tieferen Eindruck zurück 1 ). 

Nun nahen wir einer wichtigen Epoche im Leben Florries. 

Mit 16 Jahren war Florrie eine begeisterte Suffragette und schwor auf die 
Gleichheit von Mann und Weib. In der Theorie betrachtete sie es als eine dos 
Weibes würdige Aufgabe, die Mäuner zu imitieren und alles Feminine zu eliminieren. 
Zugleich verabscheute sie die männliche Vorherrschaft und haßte die maskuline 
Grausamkeit vergangener Zeiten. Nichts machte sie so entrüstet wie die Tat- 
sache, daß Männer früher (und manchmal auch jetzt) Frauen schlagen. Sie 
konnte nicht einmal darüber sprechen, so übermannten sie die Affekte. Das 
Wort „Gehorsam" im Eheleben betrachtete sie als Beleidigung ihres ganzen 
Geschlechtes, obwohl ihre Anlage mehr zu Gehorsam als zu Herrschaft hinneigte. 

Mit 25 Jahren schrieb sie ein Essay über die Frage der brutalen Gewalt und 
des Machtprinzips der brutalen physischen Kraft. Wie sie jetzt erkennt, waren 



1 ) Wir sehen hier das Phänomen einer Affektsperre, welche die Ursache einer 
sexuellen Anästhesie ist. Es ist klar, daß Florrie nicht empfinden will and dabei die 
Unschuldige spielt, die nichts versteht und nicht empfinden kann. Erotische Abenteuer, 
die für ein anderes Mädchen ein schweres Trauma sind, tut sie als Kleinigkeit ab.. Sie 
ist gegen alles gefeit, weil sie ja in ihrem Infantilismus lebt. 

14* 



212 



Sadismus und Masochismus. 



diese Ansichten ein Firnis, mit dem sie ihr wirkliches Fühlen bedeckte. 



Das 
Und 



Unbewußte aber begann sich zu regen und drängte an die Oberfläche, 
das kam so: 

Mit 28 Jahren las sie zufällig einen Artikel: „Warum Männer die Frauen be- 
herrschen." In diesem wurden veraltete Argumente über die natürlichen Pflichten 
eines Mannes gegen seine Frau in roher Weise auseinandergesetzt : „In der guten 
alten Zeit prügelte ein Mann seine Frau gehörig durch, wenn sie rebellisch 
war. Es ist eine ebenso traurige als wahre Tatsache, daß eine Frau den Mann 
desto mehr bewundert, je mehr er sie schlägt." Florrie las und raste. Andere 
hatten auch gelesen ; ein Sturm weiblicher Entrüstung wirbelte durch die Blätter. 
Die meisten Einsendungen waren so kindisch und literarisch so mangelhaft, 
daß ein neuer und unerwarteter Impuls in Florrie erwachte. Sie verteidigte die 
Argumente des Autors, wie sie glaubte, um die lächerlichen weiblichen Proteste 
zum besten zu halten. Unter verschiedenen Pseudonymen verteidigte sie die 
These: Der gerechte und wohlerzogene Mann dürfe ein störrisches 
Weib schlagen; das Weib erweise sich dafür dankbar und liebe ihn dann noch 
mehr. Sie nützte ihre literarische Geschicklickeit aus und protzte mit historischer 
Belesenheit und Beispielen aus ihrer Erfahrung. Schlagen wäre harmlos, wenn 
es in der Absicht ausgeführt werde, den Frieden herzustellen und wenn jedes 
andere Mittel versagt hätte. Florrie schien es, als ob sie nur ein oberflächliches 
Spiel trieb. In Wirklichkeit lebte sie ihre wahre Natur aus und gehorchte 
einem inneren Drange, der sich auf diese Weise durchsetzte. 

Das beweist uns auch die Tatsache, daß die Tagträume nach 12 jähriger 
Pause wieder einsetzten. Sie waren im Sinne einer erwachsenen Person geändert, 
aber sie handelten ausschließlich vom Peitschen. Frauen wurden von ihren 
Männern gepeitscht. Anstatt sich zu entsetzen, freundete sie sich mit der Idee 
an, daß es eine Lust wäre, sich einem weisen und guten Manne zu unterwerfen, 
der sie durch diese Mittel bessern würde. Die Erniedrigung hatte auch ihren 
Reiz; das Prügeln der Frauen schien nicht mehr eine so fürchterliche Angelegenheit, 
und die Männer waren nicht mehr die brutalen Ungeheuer. 

Florrie erfand nun Geschichten von ungehorsamen und mürrischen Frauen, 
welche geschlagen und dann geändert wurden. Die Schlageszene bildete den Höhe- 
punkt der Phantasie, ohne daß sie den sexuellen Ursprung dieser Phantasie- 
bildung ahnte. Der Gatte ersetzte nun die strenge Mutter oder die Gouvernante 
ihrer Mädchenträume. Sie schildert eine ihrer Phantasien folgendermaßen: 

„Ein zänkisches Weib steigt gerade in einen Wagen, um durchzugehen. 
Der wütende Gatte zwingt sie auszusteigen, entläßt den Wagen und führt sie 
mit Gewalt über die Stiege ins Schlafzimmer, dessen Türe er versperrt. Er 
öffnet eine Lade, zieht eine kurze, elastische Reitpeitsche hervor. Trotz Bittens 
und Schreiens schleppt er sie zum Bette, reißt die Unterhosen herunter. Dann 
peitscht er klatsch! — klatsch! ihren entblößten Hintern, die Flanken, die 
Waden, bis sie, vor Sehmerz zusammenbrechend, ihn anfleht, innezuhalten. Er 
aber hört erst auf, bis sie ihre ganze Portion erhalten hat. Sie schluchzt dann und 
zeigt Reue. Manchmal lasse ich ihr durch den Mann Hände und Füße zusammen- 
binden. Das Peitschen ist nicht strenge. Nur der Gedanke, daß es entsetzlich 
schamlos war, gab mir Wonnesehauer. Endlich war mir der Gedauke reizvoll, 
daß er mich physische Schmerzen erdulden machte." Der erste Anfall dieser 
Phantasie dauert einen Tag und eine Nacht, ohne daß sie an etwas anderes 
denken konnte. Nach zwei Monaten blaßten die Phantasien ab, auch die Flagel- 
lantenbriefe, die ihr die gleiche Lust gaben wie die Tagträume, nahmen ein 
Ende. Um diese Zeit photographierte sie auch ihre Nates, nicht aus narzißtischer 



• 



Sado-Masochi6mus und InFantilismus. 213 

Selbstbewunderung, sondern um ihren Phantasien ein Stück Realität zu ver- 
schaffen. 

Ein Jahr später verlobte sie sich. Ihre Neigung scheint nicht sehr tief 
gewesen zu sein, sie hatte kein sexuelles Verlangen und stellte sich ihren 
Bräutigam niemals mit einer Reitpeitsche vor. Sie wollte heiraten, um nicht als 
alte Jungfer sitzen zu bleiben. Die Verlobung wurde gelöst. 

Mit 30 Jahren heiratete sie einen doppelt so alten Mann, von vornehmem 
Charakter und liebenswürdigem Wesen. Von Liebe war auf beiden Seiten keine 
Rede. Aber er behandelte sie immer sehr gut, was sie mit dankbarem und gut- 
gesinntem Gefühle anerkannte. 

Es gab keine ehelichen Beziehungen. Zum ersten Male schloß Florrie 
aus den verschiedenen Anspielungen, daß es etwas wie einen physischen Akt 
in der Ehe gäbe, ohne dessen wahre Natur zu kennen. Manche sagten, es wäre 
sehr angenehm; andere beschrieben es als „abstoßend" und jemand sagte 
sogar: „Du fühlst dich dann tiefer als ein Tier!" Florrie wandte sich an eine 
Freundin, welche über ihre Unwissenheit erstaunt war und ausrief: „Aber 
jeder weiß das. Die Natur lehrt es ja!" Florrie mußte sich sagen, daß sie 
niemals durch die Natur belehrt worden war 1 ). 

„Ich stellte mir etwas Schmerzvolles vor. Ich hatte in alten Büchern 
von dem Schmerzensschrei der Braut geleson, den die Hochzeitsgäste lüstern 
erwarteten. Ich las auch, wie die Brüder und andere die Frau am nächsten 
Morgen neckten, weil sie nicht ordentlich gehen konnte und solcher Spässe 
mehr, welche die Frau bloßstellten. (Ich fand den Brauch abscheulich und war 
froh, daß diese Zeiten vorüber waren.) Dann hörte ich von Bräuten, die in 
Ohnmacht fielen und konnte mir nicht vorstellen, was am Heiraten lustvoll 
seiu sollte, da ich immer nur von Schmerzen hörte. Ich verstand nun, daß 
Mädchen die Hochzeit wie eine Zahnextraktion aufschieben. Ich träumte von 
einer Ehe, wo man wie Bruder und Schwester leben würde. Meine Sinne 
schliefen. Ich ging mit heroischem Mut zur Hochzeit, bereit alles zu ertragen. 
Ich hatte keine Ahnung, daß eine Braut eine Vorlust genießen könne. Ich war 
so erzogen, daß jedes Entgegenkommen einer Frau einen Mangel an Bescheiden- 
heit und Sittlichkeit bedeutete. Die Braut war in meiner Auffassung ein pas- 
sives Instrument der Freude für den Mann, das er genießt, als wäre es eine 
Fleischpastete oder ein Glas Champagner. Ich ahnte nicht, daß sie ein anderes 
Vergnügen genießen könnte, das über die Lust hinausging, die sie dem Manne 
gab. Ich hatte kein Verlangen nach Kindern, obwohl ich mir vorstellte, die 
Frauen sehnten sich darnach. 

Die Brantnacht ging ohne jedes sexuelle Ereignis vor sich. Tage und 
Nächte vergingen und ihr Gatte machte keine Anspielung. Florrie war ent- 
täuscht. Sie lernten sich langsam kennen und achten. Nach einiger Zeit er- 
folgte ein mißlungener Koitusvei-6uch. Er machte sie für den Mißerfolg ver- 
antwortlich. Sie wäre eine kalte Frau. Sie war gekränkt, weil sie sich nicht 
schuldig fühlte. Sie leistete keinen Widerstand, das war alles, was sie geben 
konnte. Alle weiteren Versuche hatten ein klägliches Resultat. Es kam zu 



J ) Ich glaube nicht an die Unschuld von Florrie. Was wir hier vor uns sehen, 
ist ein Produkt früh einsetzender parapathischer Verdrängung. Das Schlagen und das 
Urinieren hatten alle Affekte übernommen, die sich an den Koitus knüpfen. Es handelt 
sich um eine gewollte Blindheit, um ein „Nichtsehenwollen". Denn Florrie ist auf dem 
Lande aufgewachsen und hatte genügend Gelegenheit, den Koitus der Tiere zu beob- 
achten, wenn nicht ernstere Traumen vorliegen, welche tief verdrängt wurden. 



214 



Sadismus und Masochismus. 



Erektion und Ejakulation, aber der Gatte erkannte bald, daß er nicht imstande 
war, sie zu deflorieren. Die Versuche wurden aufgegeben. Er war sehr zärt- 
lich mit ihr, weil er die Art wertschätzte, wie sie die Situation ertrug, ohne 
sich zu beklagen. 

Im Laufe der folgenden vier Jahre schränkte sich ihr Interessenkreis 
ein, sie wurde zerstreut und leicht müde. (Zeichen eines verstärkten Traum- 
lebens.) Sechs Jahre nach dem ersten Anfall von „Peitschenwahnsinn" („Whip- 
ping craze") meldeten sich die alten Phantasien, diesmal viel stärker, länger 
andauernd und intensiver. Das entwickelte sich folgendermaßen: 

Sie ging ruhig zu Bett und fühlte sich am Morgen gereizt und erregt 1 ). 
Sie hatte das Bedürfnis sich zu entladen und suchte Streit mit den Dienst- 
boten. Sie kränkte sich darüber, konnte ihre Zornesausbrüche nicht verstehen 
und kam erst später darauf, daß sie ihren Ursprung in verdrängter Sexualität 
hatten. 

Plötzlich traten statt der Zornesausbrüche fiagellantistische Tagträume 
auf Das Peitschen war eine Strafe für ihre schlechte Laune. Sie sehnte sich 
nach einem Manne, der sie für ihre schlechten Launen peitschen würde Es 
erleichterte sie, wenn sie sich selbst peitschte. („Das Peitschen wirkte be- 
ruhigend, wie die Milchflasche auf ein schreiendes Kind.") 

Die Tagträume ähnelten denen vor der Hochzeit. Aber sie waren leb- 
hafter, abwechslungsreicher, stärker und eindrucksvoller. 

„Manchmal stellte ich mir vor, daß ich mit einem Kutscher durchge- 
gangen war, der mich in roher Weise behandelte. Ich haßte ihn, ekelte mich 
vor ihm und seiner gemeinen Umgebung. Sein Zorn wuchs, er beklagte sich 
über dw Launen der ,vornehinen Damen' und drohte endlich mich zu peitschen. 
Der Gedanke an seine Hand war mir unerträglich, allein der Gedanke, von 
diesem Rohling mißhandelt zu werden, verschaffte mir ein Lustgefühl In Wirk- 
lichkeit hasse ich gemeine Männer und könnte mich nie anrühren lassen. Aber 
m diesen schrecklichen Tagträumen hatte ich ein teuflisches Vergnügen, daß 
die brutale Stärke des gemeinen Mannes über meinen Widerstand triumphiert 
und seine Peitsche mein nacktes Fleisch bearbeitet. Das Gefühl, daß ich nicht 
entkommen kann und daß ich die gewaltsame Peitschung hasse und verab- 
scheue, erhöht meine Lust." 

Zufällig kam Florrie eine obskure Wochenschrift in die Hand in der 
viel vom Peitschen die Rede war. Sie schrieb selbst Artikel für 'verschie- 
dene Blätter, die wegen ihres brillanten Stiles immer angenommen wurden 
In diesen Aufsätzen verwandelt sich die ehemalige Sufragette in ihr Gegenteil 
Sie trat dafür ein, daß die. Frauen Sklavinnen ihrer Männer sein sollten. In den 
führenden katholischen Blättern unterschrieb sie sich: „Eine zufriedene Frau". 
Natürlich vertrat sie dort die Ideen eiues unterwürfigen Weibes in religiösem 
Sinne. Einmal schilderte sie einen Tagtraum als Tatsache. Eine Suffragette 
wurde von Frauen überfallen und ordentlich durchgeprügelt. Dieser Brief er- 
regte allgemeines Aufsehen und wurde in andern Blättern nachgedruckt. 
Advokaten und Professoren vertraten den Standpunkt der Suffragette. Es wurde 
vorgeschlagen, für das „Opfer" eine Sammlung zu veranstalten. Die Polizei 
bemühte sieh, den Spuren nachzugehen. Endlich kam man darauf, daß es sich 
um eine Erfindung handelte. 

Florrie schämte sich dieser Briefe und konnte den Gedanken nicht er- 
tragen, jemand könnte sie als den Autor erkennen. Das Bedürfnis, diese Briefe 

') Wohl infolge ihrer Träume! 



Sado-Masochismus und Iniantilismus. 215 

zu schreiben, verschwand in der Behandlung, seit sie eine heilsamere Methode 
der Abreaktion gefunden hatte 1 ). 

Florries Erregung war so gestiegen, daß sie an die Realisierung ihrer 
Tagträume zu denken begann. Sie dachte Tag und Nacht an die Peitsche, 
des Tags auf dem Sofa, des Nachts im Bette, das Gesicht in die Kissen ver- 
graben und malte sich die Szenen immer wilder aus. Sie schritt zur Selbst- 
flagellation. Sie versuchte nacheinander eine Haarbürste, einen Pantoffel, einen 
Lederriemen vom Rasierzeug, einen kleinen Stock und eine Rute. Da der Reiz 
nicht genügte, verschaffte sie sich eine Reitpeitsche für Damen, mit der sie 
sich nach dem Frühstück auf die nackten Nates flagellierte. Diese Peitsche 
wurde ihr Fetisch und der bloße Anblick genügte, um Lustgefühle zu erzeu- 
gen. (Als sie las, daß russische Bräute in ihrer Ausstattung auch eine Peitsche 
mit Silbergriff besaßen, fand sie dieses Detail das schönste in der ganzen 
Zeremonie.) Ihre Peitsche war der Peitsche ähnlich, die der Vater gebraucht 
hatte. Sie erkannte erst viel später, daß das gefürchtete Instrument der Jugend 
nun ihr geliebter Fetisch geworden war. Trotzdem erkannte sie nicht den 
Zusammenhang zwischen den Erfahrungen ihrer Jugend und den Tagträumen 
und masochistischen Szenen, bis die Behandlung ihr alles klar machte. 

Das Peitschen war lustvoll, aber es führte nicht zum erlösenden Orgas- 
mus. Sie schlug sich manchmal bis zur Erschöpfung, aber ohne jede Erlösung. 
Sie hatte keine klare Vorstellung, was sie eigentlich erwartete. Erst später 
erkannte sie, daß sie den Orgasmus herbeigesehnt hatte. Ihre überwertige Idee 
war, daß sie erlöst wäre, wenn Blut kommen würde. Sie sah noch immer 
keinen sexuellen Zusammenhang und täuschte sich noch über den Charakter 
ihrer Empiindungen, als auch alle anderen Körperteile mit Ausnahme von 
Brust und Abdomen in den Kreis ihrer Wünsche traten. 

Aber sie entdeckte doch, daß ihre Vulva nach Tagträumen und Flagel- 
lation feucht wurde. So erkannte sie den sexuellen Ursprung ihres Verlangens. 
Das mag sie dazu getrieben haben, die Hand während der Flagellation an die 
Vulva zu legen. Ein populär-wissenschaftliches Buch klärte sie in dieser Zeit 
über Masturbation und die Existenz einer Klitoris auf. 

Die Tagträume zeigten verschiedene Formen. Sie stellte sich vor, daß 
sie vom Theater heimkam und ihr Gatte sich von ihr provozieren ließ, bis 
er sie bleich vor Zorn auf Hände und Nates schlug, so daß die Haut ganz 
rot war. In diesem Momente hatte sie ein sexuelles Gefühl. Die Haltung des 
Mannes war in dem Siuue aufgefaßt, wie wenn ein Vater sein Kind als sein 
Eigentum betrachten würde, das er strafen oder liebkosen könne. Es gab ihr 
ein süßes Gefühl, zu denken, daß er sie als sein Eigentum beanspruchte, mit 
ihr tun konnte, was er wollte. Die Vorstellung, so besessen zu sein, und daß 
der Mann es wagte sie zu schlagen, war vom größten Reiz. Er schleppte 
die Schluchzende und Protestierende dann in den ersten Stock. Sie strampelte 
und biß, es half nichts. Er sperrte die Türe ab und vollzog unbarmherzig die 
Strafe 2 ). Immer war er der Held und Herr und sie die Sklavin. Er saß auf 



') Wir werden sehr häufig beobachten, daß solche Kranke sich in einen anonymen 
Briefwechsel einlassen, in dem sie sich vor einem Unbekannten seelisch ganz entblößen. 
Fast die meisten meiner Patienten hatten eine oder mehrere solcher Korrespondenzen 
geführt. Andere schreiben ihre Phantasien nur für sich auf und berauschen sich später 
an der Lektüre. Auch Novellen und ganze Dramen werden geschrieben und dienen der 
gleichen Tendenz. Der Briefwechsel ist der erste Schritt zur Realisierung der Tagträume. 

s ) Wiederholung der Vaterszene! 



216 Sadismus und Masochismus. 

dem Throne und sie kroch vor ihm im Staube. „Wenn wir dem König statt 
eines Szepters eine Peitsche in die Hand geben, so werden wir eine deutliche 
Idee von meiner Auffassung der Beziehung der Geschlechter erhalten." Sie 
konnte es nicht verstehen, daß ein Mann von einem Weibe flagelliert werden 
möchte. Es schien ihr unnatürlich und abscheulich. 

Ein Tagtraum, der im Harem spielte, regte sie sexuell sehr an. Es war 
nicht die orientalische Pracht des Harems. Nein, es war die faszinierende Tat- 
sache, daß die Frauen Sklavinnen eines freien Mannes waren. Dabei durfte 
der Mann nicht grausam sein. Er liebte die Frau und strafte sie in o-uter 
Absicht und nicht ungerecht. (Sie haßt jede Grausamkeit, besonders Grausam- 
keit gegen Tiere.) Der Held hatte keine Achtung vor ihr, und das gab ihr 
ein süßes Gefühl, obwohl es ihr peinlich war, dies zuzugeben und sie sonst 
darauf viel gab, als Dame behandelt zu werden. Es gab gewisse Grenzen. Sie 
konnte den Mangel an Respekt bei einem gemeinen Manne, der sie braun und 
blau schlug, so daß die Augen die Spuren zeigten, nicht vertragen. Aber sie 
stellte sich in den Tagträumen eine Art Satyr vor, wild, ungeschlacht und 
unzivihsiert. Er strahlte eine größere Faszination aus als der typische Ritter 
Sie schreibt: 

„Man sieht diesen absonderlichen Satyr auf den Bildern der frühen 
Renaissance, wie er die Nymphen verfolgt. Leute rufen dann aus: ,Wie greu- 
lich! Der Satyr symbolisiert irgendwie die primitive Gewalt der Natur, rohe 
physische Kraft ohne eine Spur von Grausamkeit. Ich bin absolut sicher daß 
die Nymphen den Satyr liebten, es gab ihnen ein süßes Sexualgefühl, wenn 
sie überwältigt, wider Willen von einem Satyr fortgezerrt wurden. Aber der 
Satyr existiert nur in meinen Tagträumen. In der Wirklichkeit bringt der 
Verkorperer der rohen physischen Kraft nicht den Duft der Wälder und 
btrome mit sich; wahrscheinlich riecht er nach Zwiebel, nach Bier und nach 

ÖCliWGllJ. 

Wie verschieden ihre Tagträume auch waren, immer ließen sie sich auf 
das Schema „Strenger Vater — unartiges Kind" zurückführen. 

Die Selbstflagellation brachte eine Steigerung des Lustgefühles, aber 
Flome war gierig nach einem Partner. Schüchterne Versuche, ihren Mann in 
diese Rolle zu drängen, mißlangen gänzlich. Er brachte es höchstens dazu sie 
zärtlich zu tätscheln, das war alles. Er liebte sie zu innig und achtete sie 
außerordentlich. Es traf sich, daß sie mit einem Manne in Korrespondenz kam 
(mit Herrn N.), der aktiver Flagellantist war. Er sehrieb ihr einmal, daß sich 
beim Lesen einer Peitschungsszene eine Erektion eingestellt habe, und wollte 
wissen, ob die Lektüre seiner Briefe sie anrege, sich zu kitzeln. Erst verstand 
sie es nicht, dann kam sie darauf, daß beides, das Verlangen Ns. zu schlagen 
und ihre Sehnsucht gesehlagen zu werden, geschlechtliche Vorgänge seien. Der 
Briefwechsel erregte ihre Leidenschaft. Nach der Autoflagellation legte sie sich 
auf das Sofa, das Gesicht nach abwärts und versenkte sich in ihre Phantasien, 
wobei ihre Scheide ganz naß wurde. Versuche, sich abzulenken, mißlangen 
sie mied die Gesellschaft, sie lag am liebsten auf dem Sofa und phantasierte! 
Dann schrieb sie an N., er erwiderte, wies darauf hin, daß Tagträume nicht 
die Wirklichkeit ersetzen könnten, er wäre imstande, ihr ein „gräßliches Ver- 
gnügen" („ghastly pleasure") zu verschaffen. Die Flagellation wurde nun zur 
übermächtigen Obsession. In Boccaccio, der sie sonst kalt ließ, erregte sie die 
neunte Novelle, in der Giofoso sein Weib schlägt. Sie konnte der „Wider- 
spenstigen Zähmung" nicht sehen, ohne zu wünschen, Petruchio sollte sein 
Weib schlagen. Sie stand stundenlang vor Läden, in denen Peitschen ausge- 






Sado-Masochismus und Infantilismus. 



217 



stellt waren und konnte meilenweit laufen, um einen solchen Laden zu sehen. 
Sie dachte: „Du bist wahnsinnig und gehörst ins Irrenhaus!" Sofort phanta 
sierte sie sich in die Zeiten zurück, in denen die Irren geschlagen wurden. 
Endlich willigte sie ein, N. zu treffen. Als Rendezvous wählten sie eine 
fremde Stadt, wo N. ein Zimmer für die Nacht gemietet hatte. Florrie fand 
ihr Objekt ziemlich sympathisch, kräftig, intelligent und geistreich, obwohl er 
keine tiefere Bildung und keine besondere Erziehung zeigte. Nichts an ihm 
verriet Grausamkeit. Er war ungefähr in ihrem Alter. Er hatte keine beson- 
dere Anziehungskraft für sie, obwohl sie ihn als einen „faszinierenden Bar- 
baren" betrachtete. Er flößte ihr auch kein besonderes Vertrauen ein. Es war 
die gemeinsame Zwangsidee der Flagellation, welche sie zusammengebracht 
hatte. Als sie das Zimmer betraten und er die Türe versperrte, sträubte sich 
etwas in ihr, sie legte die Hand auf das Türschloß, aber er zog sie fort und 
meinte, sie solle keine Dummheiten machen. Da sie mit der Absicht gekommen 
war, nicht „respektiert" zu werden, machte sie sich auf das Schlimmste gefaßt. 
N. war sehr aufgeregt, zitterte und schwitzte. Er wollte sie fesseln, aber sie 
ließ es nicht zu. Er legte sie mit dem Gesicht nach abwärts auf das Bett, 
hob die Kleider in die Höhe, streifte die Höschen ab, gab ihre Beine aus- 
einander, untersuchte sie unten sorgfältig und begann die Vulva zu kitzeln. 
Sie hatte kein Vergnügen von seiner rohen Hand, meinte, das wäre nicht aus- 
gemacht. Er brachte sie mit ein paar kurzen und roheu Bemerkungen zum 
Schweigen, setzte seine Bemühungen fort, indem er ihre Nates rieb. Ein 
Koitus wurde nicht versucht. Endlich bearbeitete er sie tüchtig mit einer Rute, 
wobei er die zarten Stellen an der Innenseite der Schenkel zum Angriffspunkte 
wählte. Dann ging er zu einer kleinen, dünnen Reitpeitsche über, die ihrem 
Fetisch glich. Sie litt entsetzliche Schmerzen. Ihre Windungen schienen ihm 
großes Vergnügen zu bereiten. Er wartete zwischen den einzelnen Schlägen, 
um ihre angstvolle Erwartung zu beobachten, obwohl sie zu seiner großen 
Enttäuschung nicht zu schreien wagte. Er würde mehr Widerstand und 
Schmerzeusrufe vorgezogen haben. Sie lachte nur die ganze Zeit nervös, ob- 
gleich der Schmerz sehr scharf war. Er nahm sie zwischen seine Beine, bog 
sie mit eisernen Griffen über das Knie und gebrauchte die Rute mit aller 
Gewalt. Sie blutete nicht, was Herrn N. sehr enttäuschte, der ihr erklärte, 
daß er besondere Lust habe, das strömeude Blut zu beobachten. Florrie war 
mit blauen Flecken übersät, die noch nach 14 Tagen zu sehen waren. „Ich 
brauchte das, ich sehnte das herbei und erlangte es. Es war eine schreckliche 
Erleichterung. Ich habe es ganz genossen." 

DieErlösuag war so groß^daß sie Monate nachher die Selbstflagellation / *• 
tiren konnte 1 ). Ihre Zwangsvorstellung war nicht mehr so übermächtig, ^40«3f/>cr / 



entbehrer 



obwohl sie sich hie und da einstellte. Sie^chämte sich schrecklich wegen dieser 
Episode. Sie war ein wohlerzogenes und feines Wesen, welche sich bemüht 
hatte, die soziale Lage der Frauen zu bessern, in Gesellschaft scheu und steif, 
unnahbar keusch und gesetzt, so daß ein Mann nie geträumt hätte, er dürfte 
sich irgend eine Freiheit herausnehmen. Sie berichtet: „Wenn ein Weib fla- 
gellantische Ideen hat, entzückt sie sich an ihrer Erniedrigung und an ihren 
physischen Schmerzen. Wenn der Mann die Türe absperrt und sich mit der 



7 



f i 



') Die Enttäuschung durch die Realität war so groß, daß die Phantasien jeden 
Reiz verloren. Auch meldete sich, wie wir später aus ihren Träumen sehen werden, die s^ 
Stimme des Gewissens. Das Erlebnis galt der Überwindung der Paraphilie, eine Beob- 
achtung, die wir oft machen können. 



218 Sadismus und Masochismus. 

Peitsche nähert, fühlt sie kein Entzücken, sondern zittert wie ein Hund vor 
den Schlägen seines Herrn. Sie schaudert zuerst, bereut ihre Tat, ihr Blick 
fleht um Gnade. Das erhöht den Eifer des Mannes. Ach, und die nun folgende 
Entkleidung, gefürchtet, ersehnt und doch so abstoßend für ein wohlerzogenes 
Mädchen ! Scham, Verwirrung und seelische Erregung sind fast stärker als die 
Schmerzen. Dann beugt er sie nieder und der Schmerz beginnt. Die meisten 
Frauen können eine ordentliche Tracht Prügel vertragen, ohne sich zu rühren 
— ich kann es — aber es scheint, daß der Mann keine Genugtuung hat, ehe 
das Weib erregt wird, es genügt nicht, daß ihre Haut die Striemen zeigt. Es 
waren nur die letzten 6 Schläge, die mich schmerzten, weil sie auf zarte 
Stellen gerichtet waren, welche schon wund waren. Ich schrie und protestierte 
vergebens 1 ). JDhglaublich aber wahr ist es, daß unsere Lust am stärksten ist, 
wenn die Schläge gegen unseren Willen gegeben werden und die Grenze des 
Erträglichen tiberschritten haben." 

Ein Jahr nach diesem Vorfall begannen meine Beziehungen zu Florrie. 
Sie erhoffte keine Heilung. Sie hatte mein Buch „Love and Pain" gelesen 
und erwartete, daß ich mich für ihren Fall interessieren werde. „Noch heute 
denke ich", schreibt sie, „daß ,einen Mann lieben', ,seine Sklavin' sein be- 
deutet. Gleichheit würde mir keinen sexuellen Anreiz bieten. Wie ein Kind 
behandelt zu werden, zu wissen, daß der Geliebte Herr deines Körpers ist, 
ihn auch schlagen kann, seinen überlegenen Griff zu fühlen, dies alles ist 
lustvoll. Natürlich — es hat seine Nachteile, man wird dieser Dinge manch- 
mal überdrüssig — aber was würde nicht ein Weib erleiden, um ihren krank- 
haften sexuellen Gelüsten zu frönen! Mein Gehirn ist machtlos und meine 
Gesundheit erschüttert. Ich wollte, ich könnte mich selbst heilen. Vielleicht 
geht es doch vorüber Ich hoffe es wirklich, denn es verbittert mein Leben. 

meiner Z / ^ Hochintellektuelle ! Niemanden habe ich etwas von 
meiner Perversion erzählt außer N., der es ja vorher wußte". 

T«di an zeigten sich langsame Fortschritte. Für Florrie war es schon 
eine Beruhigung, zu wissen, daß sie nicht die Einzige war, die an diesem 
„Wahnsinn litt. Sie machte ehrliche Versuche, die Triebe zu sublimieren. 
Zeitweise meldeten sich die Obsessionen, ohne daß sie zur Selbstgeißelung 
schritt. Sie stellte sich in den Tagträumen eine Vergewaltigung durch Jüng- 
linge und Männer vor, an die sich eine Geißelung anschloß. Dies neue Element 
brachte eine Steigerung der sexuellen Erregung, aber führte nicht zum Orgas- 
mus, den sie noch immer nicht kannte. Die Hand rückte zum Genitale vor 
und berührte es, aber es kam nicht zur Onanie (die sie schon vorher zweimal 
ohne Resultat versucht hatte), die normalen Vorstellungen kamen immer mehr 
in den Vordergrund, der Anblick der Peitsche verlor etwas von seinem Reize. 
Aber dor erlösende Moment trat nie ein. 

Florrie hielt sich für eine kalte Frau. Eines Morgens, sie war nach der 
Menstruation, kam ihr der Drang zur Geißelung. Sie versuchte zwei Schläge, 
die ihr nur Schmerzen bereiteten. Sie legte sich aufs Gesicht und tiberdachte 
die Dinge. Warum hat das Geißeln eine solche Anziehungskraft? Und warum 
gerade dieser Teil des Körpers? Vielleicht sollte sie versuchen, mit dem 
Finger in das Rektum einzudringen? Sie steckte ihre Hand zwischen die 

') Die letzten 6 Schläge schmerzten, weil der Affekt schon abgeflaut war. So lange 
die affektative Erregung anhielt, konnte sie keinen Schmerz fühlen, sondern nur die 
Affektspannung der erniedrigenden Situation. 



Sado-Masochismus und Infantilismus. 219 

Nates, wobei sie den Anus berührte, und drückte gegen die Vagina, wobei 
sie die Hand, die sie sich als Männerhand vorstellte, hin und her bewegte. 

„Plötzlich begannen meine Beine sich reflektorisch zu bewegen, sie 
zuckten, mein Herz begann rascher zu schlagen und warme Ströme rieselten 
durch meinen Körper bis zu dem Kopf. Die Vulva schien sich schrecklich 
auszudehnen und zu springen, das Becken bewegte sich rhythmisch, als ob es 
auf Federn tanzen würde. Dann folgten zeitweilig saugende, sonderbare Be- 
wegungen und Kontraktionen der Scheide, als ob sie etwas einsaugen und in 
sich aufnehmen wollte. Ich zog meine Hand zurück, aber die Sensationen 
setzten sich fort. Endlich (ich glaube nach einigen Sekunden) war alles vorüber. 
Die Scheide war naß und ich lag erschrocken da, wie ein Kind, das zufällig 
einen Wecker in Bewegung gesetzt hatte. 

Aber sie wiederholte diese Prozedur noch dreimal, jedesmal mit dem gleichen 
Erfolge. Nachher stand sie auf, ganz weiß und wie gebrochen. Sie erkannte, 
daß sie das erstemal und auf einem unerwarteten Wege zu einem Orgasmus 
gekommen war. Der Weg war ihr ekelhaft und sie nahm sich vor, ihn nicht 
mehr zu begehen. 

Dieses Erscheinen des Orgasmus ist von großer Bedeutung. Wir sehen, 
daß die Glutealobsossion Florries eine genuine physische Basis hatte. Sie war 
angeboren oder erworben (wahrscheinlich beides) mit der Analzone assoziiert. 
Wir stellen fest, wie tief im Organismus diese Komplexe wurzeln, welche dem 
oberflächlichen Beobachter ganz psychisch erscheinen, bloße Launen, willkürlich 
und zufällig, die Folge äußerer Umstände 1 ). 

Dieses Erscheinen des Orgasmus muß als ein wirklicher Fortschritt zum 
Normalen betrachtet werden. Nach einigen Monaten trat auch nach der Selbst- 
geißelung Orgasmus auf, obwohl er nicht die Intensität erreichte wie bei der 
analen Masturbation. Wir müssen erwähnen, daß sie einmal nach Einführung 
des Irrigatoransatzes ein angenehmes sexuelles Gefühl hatte und daß sie nach- 
her öfters versuchte, durch Hin- und Herschieben des Ansatzes das gleiche 
Gefühl zu erzeugen 2 ). Als die Geißelungsphantasien seltener wurden, hatte sie 
am Morgen das intensive Verlangen, sich an etwas zu reiben. Sie setzte sich 
rittlings aufs Bett, auf ein Kissen oder ein anderes Objekt. Dann griff sie zu 
einem Gummiball, der die Größe eines Eies hatte, und stopfte ihn in die 
Scheide. Diese Prozedur löste Kontraktionen und Schleimabgang aus. „Ich 
fühlte mich beruhigt wie ein Baby, dem man die Brustwarze zum Saugen gibt. 
Der Ball hielt von selbst und wenn ich die Stiegen emporstieg, erregte das 
steckende Ding eine angenehme beruhigende Sensation. Ich erlaubte mir nur, 
es 10 Minuten zu behalten, da ich so naß wurde und auch zweifelte, ob ich 
nicht etwas Unrechtes und Unreines tue. Ich bin nicht gewöhnt, so etwas zu 
machen, aber bei dieser Gelegenheit erlöste es mich von meinen Spannungen." 3 ) 

Zwei Monate nach dem ersten Orgasmus hatte Florrie einen Traum mit 
Orgasmus. (Das bestätigt meine Ansicht, daß der Orgasmus im Schlafe erst 
eintreten kann, wenn wir ihn schon im Wachen durchgemacht haben.) Er 
trat als hypnagoges Bild auf: 



') Zu bedenken ist, daß der Fall nicht analysiert wurde. Die ersten Ereignisse 
der Kindheit (Klistiere, welche dem widerstrebenden Kinde gegeben wurden?) sind 
nicht aufgedeckt, die Amnesie, die über den ersten Kinderjahren liegt, ist nicht auf- 
gehoben worden. Ich sehe in diesem Falle keinen Beweis einer angeborenen Anlage. 

*) Larvierte Onanie. Erinnerung an Klistiere der Mutter (?). 

3 ) Deutliche Onanie mit Koitusphantasie. 



220 Sadismus und Masochismus. 

Traum : Ich lag irgendwo im Grase mit dem Gesiebt nach abwärts. 
Eine Schlange ringelte sich um meinen nackten Körper. Als sie sich um 
mich schloß und mich preßte, hatte ich ein herrliches Gefühl. Ich wußte, 
daß es eine freundliche Schlange war, die mit mir lieb sein wollte, daher 
mochte ich sie leiden. Ich wußte nicht, ob es nicht zwei Schlangen waren; 
deutlich erinnere ich mich, eine in der Hand eines Mannes gesehen zu 
haben. Er legte sie zwischen meine Beine und sie kroch mit schnellenden 
Bewegungen empor. Ich wunderte mich nicht, als sie in meinen Körper 
eindrang. Anstatt Ekel fühlte ich eine süße Empfindung und preßte die 
Schenkel über den außen gebliebenen Teil der Schlange zusammen. Sie 
schien einen großen Raum in meinem Innern auszufüllen, ich fürchtete 
den Moment, in dem sie heraussclilüpfen könnte, und wartete, was nun 
folgen werde, als ich plötzlich erwachte. 

Ich versuchte die Illusion festzuhalten, daß die Schlange noch da 
war, aber bald wachte ich vollkommen auf und bemerkte, daß meine Hand 
unter meinem Körper lag und von den Schenkeln festgehalten wurde. Die 
Scheide kontrahierte sich krampfhaft. Ich hatte keinen Abscheu. Im Gegen- 
teil! Der Gedanke, daß sich etwas in meinem Inneren wand und drehte, 
gab mir eine lustvolle Empfindung. Es dauerte lange Zeit, bis ich mich 
davon befreien konnte 1 ). 

Florrie hatte Schlangen in Frankreich gesehen. Ihre Biegsamkeit und 
ihre Windungen faszinierten sie. Sie bringt diese Anziehungskraft selbst mit 
ihrer Liebe zu einer biegsamen Peitsche in Verbindung. „Eine Schlange ist 
etwas wie eine Peitsche", schreibt sie. Die Vorstellung einer Schlange gibt 
ihr ein ßexuelles Gefühl. 

In dieser Übergangszeit trat wieder ihr Interesse für die Miktion auf. 
Das Geißeln hatte noch nicht seine fasziuierende Kraft verloren, aber es war 
nicht mehr eine unkontrollierbare Obsession, welche ihrem Geiste und ihrer 
sozialen Position gefährlich werden konnte. Als Beweis möge ihr Verhalten 
zu N. gelten. N. meldete sich wieder und verlangte ein zweites Rendezvous. 
Florrie willigte aufs höchste erregt ein und bestimmte diesmal ihr eigenes 
Haus als Ort des Zusammentreffens. Sie bereute diesen Brief und sagte in 
einem zweiten Brief das Rendezvous ab. Trotzdem erschien N., trat bei ihr 
ein und verlangte im herrischen Tone Unterwerfung. Sie wäre fast unterlegen, 
da läutete es und ein Besucher wollte eingelassen werden. N. weigerte sich 
das Haus zu verlassen. Sie führte ihn rasch in eine Dachkammer und sperrte 
hinter ihm die Türe zu, so daß er gefangen war. Kaum hatte sie den Besuch 
entlassen, so flog sie die Treppe hinauf, wo sie N. in einem etwas jammer- 
vollen Zustand fand. Mit einiger Mühe und noch immer eine Zusammenkunft 
verweigernd, brachte sie ihn durch eine Hintertür aus dem Hause. Das war 
das letzte, was sie von ihm gehört hatte. Seine Faszination war erloschen. Sie 
hatte über ihn gesiegt, ihn verächtlich und lächerlich gemacht. 

Florrie machte zufällig den Versuch, den Urinstrom über die Hand rinnen 
zu lassen. Sie hatte dabei eine warme und angenehme Empfindung, fast ein 
sexuelles Lustgefühl, das sich steigerte, wenn sie während der Miktion die 
Vulva berührte 2 ). Das erklärt ihr ein dunkles Verlangen, das sie seit langem 
hegte, jemand sollte ihre Vulva berühren, besonders wenn die Blase voll war 
und sie dringend in höchster Not das Wasser lassen wollte. (Eine Verbindung 

') Deutliche Koitusphantasie. Erinnerung an Spiele mit den Brüdern (?). 
2 ) Erinnerung an die Spiele mit den Brüdern. 



Sado-Masochismus und Infantilismus. 221 

mit den Nates stellte sie selbst her, indem sie die Tatsache betonte, daß 
Mädchen und Kinder während der Miktion die Nates entblößen mußten.) Eine 
neue Phantasie trat hinzu: Jemand sollte sie anurinieren. Ihr Verlangen nach 
dieser Prozedur war eben so stark wie das nach einer Geißelung. Es ent- 
wickelten sich nun urolagnistisehe Tagträume in rascher Folge. Diese Tag- 
träume zeigten das gleiche Gemenge von Scham, Ekel, Erniedrigung und Lust 
wie die Geißelphantasien. Sie waren aber ein Fortschritt zum Normalen. Der 
Held war ein Mann, dem gegenüber man nicht so gleichgültig bleiben durfte 
wie bei dem Mann mit der Peitsche. Dieser Held war keine bestimmte Person, 
sondern eine vage Phantasiegestalt. 

„Ich kann nie das Gefühl tiberwinden, daß der Gebrauch von Bekannten 
in den Tagträuinen eine unverzeihliche Handlung ist. Tagträume sind so 
schrecklich reale Vorgänge, daß die Entweihung mir noch größer scheint als 
im wirklichen Leben. Einmal oder zweimal habe ich es mir gestattet, der 
Genuß war sehr groß, aber der Katzenjammer nachher war quälend. Eine 
fremde Person kann es auch nicht sein, nur ein Mann, den ich achte und 
heimlich verehre." 

Die Namen dieser Helden hat Florrie nie erwähnt . . . 

Ihre Tagträume waren so lebhaft, daß die Träume bei Nacht dagegen 
erblaßten. Sie traten meistens während der Menstruation auf und handelten 
nie von Geißelungen, zeigten dagegen die deutliche Symbolik des Urinierens. 

Sie wurde aufgefordert, die Träume nach dem Erwachen zu notieren. 
Es ist bezeichnend, daß es keine Flagellationsträume waren; ihre lebhaften 
Träume zeigten, wie erwähnt, nur die Symbolik des Urinierens und wurden 
oft durch eine volle Blase ausgelöst. Einige Beispiele mögen genügen: 

„Kurz vor der letzten Menstruation und bei abnormal gefüllter Blase 
hatte ich folgenden Traum: 

Ich war in der Kirche. (Diesen Traum hatte ich öfters.) Die Bank- 
reihen waren gut gefüllt. Ich wollte hinausgehen und fand mich im 
Seiteuschiff hinausgehend. Jedermann blickte vorwurfsvoll auf mich, aber 
ich drückte mich durch und kam durch eine gegen Süden gehende Tür 
in einige Kreuzgänge. Da kam ein fremder Führer auf mich zu und 
versicherte mich vertraulich, er könne mir den Weg zeigen. (Es war ganz 
unbestimmt zu welchem Zwecke, aber ich schien irgendwohin zu eilen.) 
Er zeigte mir, daß ich durch die Räume der Bildergalerie gehen und 
auf der anderen Seite hinauskommen konnte. ,Niemand wird Sie auf- 
halten und Sie werden unbemerkt sein.' Ich eilte durch verlassene Räume 
mit spiegelglatten Böden und Wänden, die mit alten Meistern behängen 
waren. Aber ich hielt mich nicht auf und blickte nach keinem Bilde. Ich 
eilte in Hast zum Ausgang. Dann kam ich zu einer Tür, öffnete sie und 
fand zu meinem Entsetzen daselbst zwei Bibliothekare schreibend, an einem 
Tische von Büchern umgeben, sitzen. Ihre Gesichter waren mir ganz 
unbekannt. Ich entschuldigte mich, wollte hastig zurücklaufen, wurde aber 
zurückgerufen. Sie sagten, sie wollten meine Meinung über ein neues 
Buch hören. Ich wurde von panischem Schrecken ergriffen, weil ich 
hinaus wollte und gehindert wurde. Hastig und jäh stürzte ich durch 
eine gegenüberliegende Tür und war wieder in Galerien und Korridoren. 
Merkwürdig genug — ich weiß nicht, wie ich hingekommen — war ich 
in einem kleinen Laden, wo ein Mann in einer schwarzen Satinweste 
Herren bediente. ,Ach — nicht schwarz!' rief ich erschreckt aus und 



Sadismus und Masochisnius. 

rannte davon. Endlich fand ich mich ruhig und gesammelt auf den 
Stufen eines Hauses, das zu vermieten oder zu verkaufen war. Ich öffnete 
die Tür mit einem Schlüssel, passierte eine dunkle Stiege und kam in 
eine düstere Halle. Es dämmerte und ein Schauer (teilweise infolge von 
Furcht) überlief mich. Die Empfindung anf- und abzugehen und nicht 
herumzublicken, war sehr lebhaft. Ich wanderte ziellos durch leere Räume 
und fühlte mich bedrückt und ängstlich. Alles war still. Ich versuchte 
nun zu läuten. Ich wollte sehen, ob die Glocke funktionierte. Ich tat es 
und war erschreckt durch den lauten Schall, der in den leeren Räumen 
und in dem Keller unter mir ein lebhaftes Echo fand. Ich stand unbe- 
weglich, beunruhigt durch meine Kühnheit, welche die Stille gestört 
hatte. Meine Erregung wuchs, als ich in der Ferne regelmäßige Schritte 
hörte, die im leeren Hause widerhallten. Ich stand wie festgewurzelt vor 
Schrecken, während die Schritte tramp — tramp — immer näher die 
Stiege hinaufkamen. Ich war sicher, daß ein hier hausender Geist, den 
die Glocke gestört hatte, mich besuchen kommt, und fand endlich den 
Mut, durch eine Tür zu verschwinden. Ich kam zu einer Treppe, die 
mich vermutlich in eine Küche führen konnte. Der Raum war ganz 
dunkel, die Läden waren geschlossen. Allmählich wurde es lichter, ich 
sah ein typisches Küchenfenster und einen Tisch dabei. Es glich der 
Küche des Hauses, in dem ich gepeitscht wurde, und doch war es ein 
fremdes Haus. Wie es lichter wurde, sah ich die Spuren einer Mahlzeit 
— als ob gekocht worden wäre — und wunderte mich darüber. Ich 
wußte nicht, was tun, als ein Mädchen aus t der Waschküche kam. Ich 
war weder überrascht, noch erschrocken. Meine Gedanken waren auf den 
steinernen Fußboden konzentriert, der naß war, als ob Wasser rinnen 
würde. Erstaunt fragte ich die Köchin, welche verlegen schien und dann 
lachend erklärte: ,Die Köchin hat das gemacht!' Erst dachte ich, sie 
meinte, die Köchin habe Wasser verschüttet, dann dämmerte mir der 
Sinn der Worte und ich drückte mein Entsetzen über das Benehmen 
der Köchin aus. Es war klar, daß die Köchin auf den Steinboden 
uriniert hatte. 

Als ich erwachte, war meine Blase voll. Der Traum trat am Morgen 
auf. Vielleicht hörte ich die Frühstücksglocke. Die Furcht war ganz 
gleich jener, wenn mein Vater kam, um mich zu schlagen. Die 
Gemäldegalerie mag durch das Studium der »Madonna von San Sisto' angeregt 
worden sein, die ich am Abend vorher betrachtet hatte/ 1 ) 

J ) „Der Traum — bemerkt H. Ellis — ist angefüllt mit der Symbolik eines 
Urindranges und nichts ist häufiger in solchen Träumen, als daß das Verlangen des 
Schläfers in einer anderen Person des Traumes verkörpert wird." 

Ich möchte aber doch einige ergänzende Bemerkungen zu dem Traume machen. 
Bemerkenswert ist der Gegensatz zwischen idealen Räumen und der Küche, zwischen 
dem Zug in die Höhe und dem Zug in die Tiefe. Sie verläßt die Kirche, sie verläßt 
die Gemäldegalerie und geht und steigt hinab in die Küche, zu den gemeinen Menschen. 
Man sieht deutlich, daß sie das Vorgehen der Köchin strenge verurteilt. (Scharfe Ab- 
lehnung ihrer Paraphilie durch die moralischen Instanzen.) Dabei ist das Wort „the 
cook" im englischen bisexuell. Es kann sowohl Koch als auch Köchin heißen. Es 
ist aber klar, daß sie im stehenden Urinieren das männliche Prinzip andeutet. Die 
Verurteilung ist schon in der Kirche ausgedrückt, in der die Leute sie vorwurfsvoll 
ansahen. Die religiöse Deutung des Traumes ist durchsichtig und wird symbolisiert 



Sado-Masochismus und Infantilisraus. 223 

Der nächste Traum lautete: 

Ich war in einer Kathedrale mit breiten Seitenschiffen, erhabenen 
Bogen und gemalten Fenstern. Mir gegenüber war ein prachtvoller rotflam- 
mender Hochaltar, zahlreiche Kerzen brannten. Den größten Eindruck 
machte mir die große Menschenmenge. Ich saß rückwärts in einem Rohr- 
stuhl. Ich sprach zu jemanden hinter mir und drückte den Wunsch aus, 
hinaus zu gehen. Ich hatte ein großes Verlangen herauszugehen, ich weiß 
nicht warum. Bald befand ich mich in einem geräumigen, dürftigen 
Schulhaus. In den rückwärtigen Reihen saßen einige Kinder. Ich fragte, 
wann das Spiel beginnen werde und, da es mir unmöglich war länger zu 
sitzen, sagte ich: „Ich gehe mein Billett kaufen." Eine Dame antwortete: 
„Die Kassa ist geschlossen. Sie wird jetzt nicht offen sein." Nichtsdesto- 
weniger rannte ich herum, um mein Billett zu kriegen. Dann wurde ich 
durch den Eintritt eines Hundes (Collie) abgelenkt. Die Kinder spielten 
mit ihm, er zeigte aber eine besondere Neigung zu mir und folgte mir 
überall. Noch immer ungeduldig sprang ich auf und sagte: „Ich denke, 
ich möchte gerne das Zimmer im Hotel sehen, wo ich schlafen soll." Ich 
ging hinaus und fragte einen Mann um die Richtung. Ein Teil des Hauses 
schien ein Hotel zu sein. Der Mann sagte mir: „Gehen Sie nach links, 
dann wieder nach links, und dann nach rechts!" Ich schien immer be- 
gleitet vom Collie durch Marmorpassagen zu rennen, an jeder Seite waren 
große weiße Türen. Sie waren alle fest geschlossen, es herrschte Stille 
und es gab kein Zeichen von Leben. Mir wurde gesagt, unser Schlaf- 
zimmer sei das Billardzimmer, und ich gedachte wieder zu fragen, denn ich 



durch die Kirche, die Bilder, das Läuten der Glocke und das Traummaterial. (Studium 
des Madonnenbildes.) Das Bild des Vaters ist im Traume verborgen. Er ist wohl der 
Mann, der den leeren Raum ihres Herzens betreten soll, er ist der Geist, den sie mit 
der Glocke ruft. Die Bibliothekare können ihre Brüder (frather = Mönch = Bruder) sein, 
es ist aber auch möglich, daß es sich um ein heiliges Buch, die Bibel, handelt. Das 
Verlangen nach einem Manne, der ihre leeren Räume ausfüllen soll, ist deutlich. Erst 
erscheint ein fremder Führer (der Arzt und Analytiker?), dann niihert sich ein Mann, 
den sie herbeisehnt. Deutlich sind Todeswünsche gegen ihren Mann. (Der Kellner mit 
schwarzer Weste.) Satin vielleicht eine Anspielung auf Satan. (Im Englischen ziemlich 
ähnliche Aussprache !) Deutlich ist der Kampf zwischen asketischen Tendenzen (Kirche 
= Kreuzgänge = cloistere) und Lebenslust und schließlich die Flucht in den Infan- 
tilismus. Die Bildergalerie ist das Museum ihrer Seele. Sie will kein Bild sehen. Sie 
will blind bleiben (dunkle Küche) und nicht erkennen. Der Blasendrang wird ein 
Symbol des Sexualdranges. Sie kann sich beherrschen, aber muß plötzlich nachgeben 
und auf der Straße urinieren. In ihrer Seele kämpfen zwei Tendenzen : Die Madonna 
und die Dirne (Wäschermädchen — Köchin). Es ist süß, dem Drang nachgeben zu 
müssen. Man sieht deutlich, daß sie aus dem Labyrinth ihrer Seele heraus will und 
den Weg nicht finden kann. Sie will die asketische Tendenz (Kirche) überwinden. Sie 
verwendet die ihr gebräuchliche Symbolik des Urinierens, um ihren Lebenskonflikt aus- 
zudrücken. Schon naht der Mann, der sie befreien soll, schon hört sie seine Schritte, 
aber sie flieht im letzten Moment vor der Erfüllung ihrer Wünsche. Das neue Buch, 
das sie lesen soll, ist das Buch ihres Lebens . . . 

Wunderschön ist das Zustandekommen des Orgasmus als Glocke dargestellt, die 
im ganzen Körper, besonders unten (Keller) widerhallt. Deutlich ist auch, daß daa 
Peitschen des Vaters für sie einen Koitus bedeutete. Der Affekt der Angst ist der 
gleiche. (Vgl. meine Ausführungen über das dejä vu im Kapitel I, S. 14.) 



224 Sadismus und Masochismus. 

hatte die Richtung verloren. Ein Mann ging vorbei, aber ich fragte nicht, 
denn ich dachte: wie kann ein Billardzimmer ein Schlafraum sein? Immer- 
hin, es klingt töricht, ich will zurückgehen und das Suchen aufgeben. Ich 
pfeife auf diesen kalten verlassenen Platz, der einem „campo Santo" gleicht. 
Ich lechze nach frischer Luft. Heraus aus diesen engen Gängen! 

Nun befand ich mich auf einer Landstraße. Der Tag war heiß; es 
war Sommer. Der Weg war sehr weiß und staubig; an der Seite dehnten 
sich grüne Hügel. Ich setzte mich neben den Weg auf einen Hügel. Mein 
Mann saß neben mir. Ich war nicht überrascht, daß er da war. Ich sah die 
weiße Straße entlang und war mir bewußt, daß sich etwas sehr schnell 
in der Richtung zu mir bewegte. 

„Ach — es ist der Collie!" — rief ich entzückt aus. Doch als es 
näher kam, verwandelte es sich in ein sehr nettes braunes Pony. „Das 
muß das Pony der Kinder sein" — sagte ich mir — „es ist ein artiges 
Spielzeug!" Es kam gerade auf uns zu und wollte bemerkt werden. Ich 
war sehr erfreut, liebkoste es, indem ich den Rücken streichelte, und es 
schien sehr vertraulich zu sein. DanD begannen seine Beine einzuschrumpfen; 
was von den Beinen übrig blieb, rollte sich in den Körper ein, so daß 
das Pferd zwischen uns zu liegen kam. Es drückte den Kopf unter meinen 
Arm und preßte seinen Körper an mich; ich streichelte liebkosend das 
seidene Haar und bat meinen Mann flehend, mit dem Tiere lieb zu sein. 
„0 — mache es! Mache es! Streichle ein wenig die fetten Seiten, es 
verlangt so sehr nach dir! Schau nur, wie es von dir beachtet werden 
will." Ich grub mein Gesicht in den fleischigen Rücken und freute mich 
an den Zeichen seiner Zuneigung. Aber mein Mann entfernte sich eine 
halbe Elle weit und weigerte sich, mitzutun. „Ich pflege keine fremden 
Tiere anzurühren! Sie können beißen, ich überlasse es dir, sie zu lieb- 
kosen. ..." Dudd verschwanden der Hügel, das Pony, die Landstraße. 
Ich befand mich wieder in der Kirche, noch überfüllt, so daß ich keinen 
Platz im Schiff finden konnte. Ich setzte mich abseits, sehr ungern in 
einen Rohrstuhl, weil ich der Gemeinde zugewendet war und mich ver- 
legen fühlte. Plötzlich bemerkte ich, daß der Stuhl etwas wackelig war. 
Ich dachte: „Das sind schadhafte Stühle, die man beiseite gestellt hat, 
sie sind nicht zum Sitzen bestimmt." Rechts öffnete sich eine Tür. Man 
sah Kreuzgänge und innen einen Priester seine Andacht verrichten. Einige 
Frauen und ein Kind drängten sich in meine Nähe und nahmen hinter 
mir Platz. Die Stühle waren kleiner als die meinen, aber die Frauen 
meinten, sie würden genügen. Ich war sehr erstaunt, daß eine erwachsene 
Frau sich in einen Kinderstuhl mit Seitenlehnen hineinzwängen konnte. 
Die Dame war eine Engländerin. Sie erinnerte mich an die Touristen 
(tripper type), die ich im Sommer in den Seedünen gesehen habe. Sie 
hatte roten Schmuck auf ihrem Hut und die Seitenlehnen des Stuhles 
waren auch rot gestrichen. Das Kind, ein kleiner Knabe, drückte sich 
zwischen meine Beine. Er sah sich gerade ein Bilderbuch an. Die Gegen- 
wart des Kindes störte mich schrecklich, obgleich ich fühlte, daß es 
recht nett und mir gewogen war. Ich wünschte, ich könnte hinausgehen. 
Ich fühlte mich nicht wohl. Dann sprach ich zur Dame mit dem roten 
Hut über die Stühle. Sie gab zu, daß der ihre schon mehr als gebrech- 
lich war, aber sie war willens, es zu riskieren. Dann hatte ich eine 
sonderbare Empfindung. Das Geflecht in meinem Stuhle schien unter mir 
in kleine Stücke zu zerfallen. Der Stuhl stand fest, aber das Geflecht 






Sado-Masochismus und Inrantilismus. 252 

sank und barst um mich herum, so daß ich langsam tiefer sank, aber 
noch immer gehalten vom Gestell, so daß keiner mein Unheil bemerkte. 
Ich fürchtete, der Stuhl würde zusammenfallen, die Gemeinde würde mich 
sehen und auslachen. Ich betete nicht und hatte kein frommes Gefühl. 
Meine Gedanken waren bei dem Stuhl und bei dem Kinde, das nun weg- 
gegangen war. Dann war ich mit meiner Mutter in einem anderen Teil 
des Gebäudes, obgleich ich mich nicht erinnere, weggegangen zu sein. 
Ein Beamter zeigte uns einige holzgeschnitzte Kirchenstühle. 

Eine Reihe von Kirschkernen wurde auf die Spitze einer der Stühle 
gelegt und er sagte meiner Mutter ihr Schicksal voraus. Ich erinnere 
mich dunkel, daß er sehr viel sprach und schließlich prophezeite, meine 
Mutter werde nach Amerika reisen, daselbst eine hohe Stellung erlangen 
und die rote Kappe eines Beamten tragen. Sie lachte und sagte, er 
müsse wohl seine eigene Zukunft vorhersagen, da er ja einen rotgoldenen 
Dreispitz trage und Damen nie so geschmückt seien. Er wandte sich zu 
mir und fragte mich, ob ich nicht das Wettschwimmen der Damen sehen 
möchte. Er zeigte uns eine Art von engem Kanal mit einer gemalten 
Landschaft dahinter. Ich protestierte laut, es wäre nicht Frauenart, zu 
schwimmen. Wir hatten nun eine heiße Diskussion über das, was Frauen 
tun dürfen und was nicht. Dann fand ich mich hinter dem Hochaltar 
auf- und abgehend. Niemand war hier. Plötzlich bemerkte ich das Nahen 
eines Mannes. Es war ein schäbiger Mensch, seine früher schwarzen 
Kleider zeigten einen graulichen Stich, er war nicht gebürstet und nicht 
gekämmt, sein dichtes schwarzes Haar hing in wirren Strähnen herunter; 
er hatte einen schäbigen steifen Hut (bowler) auf dem Kopfe. Seine 
schwarzen Augen waren trübe, sein Ausdruck leblos. Es war N.! Ein 
sehr veränderter N., aber ich erkannte ihn noch. Ich mochte nicht auf 
seine veränderte Erscheinung anspielen, aber er sah die Frage in meinen 
Augen und sagte stumpf: „Mir geht es schlecht." Ich begann ihn zu 
tadeln und erinnerte ihn an seinen Ausspruch, er habe eben Geld er- 
halten. „Das ist vertan" — sagte er — „ich brauche wieder Geld!" 
Mir war übel zu Mute. Ich schauderte und 'wunderte mich, wie ich zu- 
lassen konnte, daß dieser Mann mich berührt hatte. Ich dachte: _ Ich muß 
wahnsinnig gewesen sein. So ein gemeiner Kerl!" Er drang noch immer 
auf Geld Ich sagte ihm (in etwas gleichgültigem Tone), daß ich meinem 
alten Wahnsinn nicht mehr so ergeben sei, ich brauche ihn nicht, er 
solle nur weggehen. Dann wurde er wütend, legte seine Hand auf meine 
Schulter und beutelte mich mächtig. Ich hatte das sonderbare Gefühl 
einzuschrumpfen und hinwegzuschwinden und erwachte. 

Es war 6 Uhr morgens und ich urinierte eine ganze Menge. Es ist 
einer der vollständigsten Träume, die ich je hatte. Ich kann die Anknüpfungen 
nicht finden, ich dachte nicht über Kirchen nach. Aber ein Collie war in 
unseren Garten gekommen und konnte nicht den Ausgang finden. Ich war 
sehr belustigt über seine Possen, als er entweichen wollte. An ein Pony 
kann ich mich nur schwach erinnern. Die Kinder mögen durch meine Lektüre 
ausgelöst worden sein. Ich las, daß die Mütter eine sexuelle Befriedigung 
finden, wenn sie ihre Kinder saugen lassen. Eine Dame hatte mir einst erzählt, 
es wäre das Süßeste gewesen, was sie im Leben erfahren hätte, und ich dachte 
daran. Obgleich mich Frauen nie erotisch erregen, muß ich gestehen, daß ich 
zweimal, einmal als Kind und dann als Erwachsene, durch den Anblick einer 

Stekel, Störungen des Trieb- und Affektlebens, vm }§ 



1 



226 Sadismus und Masochismuc 

stillenden Mutter sehr erregt wurde. Der geflochtene Stuhl war die Folge 
meines Wunsches, mir einige solcher Stühle zu kaufen. Die Empfindung, durch- 
zufallen, war durch mein Gewicht ausgelöst." 

Dieser Traum ist ein typischer Blasentraum, obwohl Florrie ihn nicht 
als einen solchen erkannt hat. Die latenten Traumgedanken und der sym- 
bolische Ausdruck weisen darauf hin 1 ). 



') Dieser hochinteressante Traum ist ein Warnungs- und Heilungstraum und 
zeigt eine deutliche anagogisclie Tendenz. Die Kirche stellt die religiöse und ethische 
Störung dar, aus der sie sich befreien möchte. Sie wird immer wieder daran erinnert, 
daß sie eine verheiratete Frau ist und in der Kirche ihrem Mann ewige Treue ge- 
schworen hat. Ihre Paraphilie wird als Infantilismiis bezeichnet. Sie hat keine Berech- 
tigung, es zu tun. (Sie kann kein Billett kaufen.) Immer wieder begegnet ihr ein Mann, 
der ihr gefährlich werden könnte. Das Billardzimmer ist wohl der Raum, wo Männer 
mit erigiertem Penis (Billardqueu) und Hoden (Kugeln) herumhantieren. (Ich erinnere 
daran, daß sie beim Onanieren eine Kugel in die Vagina preßte.) Die Gedanken gehen 
auf ihr eigenes Schlafzimmer und ihren impotenten Mann. Sein Genitale ist ein Fried- 
hof. (I dont much care for this cold, deserto campo santo sort of place.) Die Ehe ist 
wie ein Gefängnis, aber sie sehnt sich nach Freiheit. Sie befindet sich auf der Straße 
ihres Lebens und ihr Mann sitzt neben ihr. Der Hund ist ein Symbol ihrer tierischen 
Leidenschaft. Das Pony hat dieselbe Bedeutung, vielleicht gewählt, weil man ein Pferd 
mit einer Reitpeitsche behandelt. Das Pony schrumpft ein; so schrumpft auch der 
Penis ihres Mannes ein, wenn er sich ihr nähert. Ihre Flagellationsideen schrumpfen 
auch ein. Ihr Mann will von den tierischen Leidenschaften nichts wissen. Sie gibt die 
ehebrecherischen Gedanken auf und ist wieder in der Kirche. Die Paraphilie wird 
durch den wackeligen Kinderstuhl als Infantilismus gekennzeichnet. Die Frau mit dem 
roten Hut symbolisiert die Frauen, die das Leben genießen. Sie erinnert sie an einen 
„tripper type". Aber trip heißt auch ein Seitensprung, trip heißt auch straucheln. Sie 
erinnert sich an Frauen, die straucheln. Florrie verliert den Boden unter den Füßen, 
nur eine leichtsinnige Frau kann es riskieren, sich in einen solchen Kinderstuhl zu 
setzen. Sie fühlt, daß sie sinkt und nur äußerlich vor den Leuten die korrekte Haltung 
einer anständigen Frau bewahrt. 

Sie will ihre Zukunft sehen. Was wird sie sein: eine treue Gattin oder eine 
Dirne? Amerika, hier das Land der Freiheit. Ihre Mutter als Sinnbild der Tugend und 
auch als Symbol ihrer Gebärmutter. (Oder sollte sie ihre Mutter verdächtigt haben?) 
Nun trifft sie N., der sich als Erpresser erweist. Der Traum zeigt den Typus des 
Warnungstraumes. Sie muß die Flagellationswünsche überwinden. Sie schrumpfen ein 
wie das Pony eingeschrumpft ist. Sie will sich nicht mehr in so gefährliche Situa- 
tionen begeben, sie erkennt, daß sie wahnsinnig war. N., der ihr Ideal war, verwandelt 
sich in einen schäbigen Menschen. Hat sie ihn früher überwertet, so trachtet sie durch 
Entwertung sich von ihm zu befreien. Sie malt sich die Schrecken einer Erpressungs- 
szene aus. N. trägt einen Bowler, d. h. er hat einen erigierten Penis. Bowler zeigt auch 
Beziehungen zum Kricketspiel. Die volle Blase scheint mit dem Traume nichts zu tun 
zu haben. Sie kann nur die infantilen Phantasien aasgelöst haben, worauf als Reaktion 
die Warnung des moralischen Ich einsetzte. In einer weiteren Determination bedeuten 
die Kirschkerne Samenfäden, die rote Kappe die Glans penis, der enge Kanal die Scheide, 
Schwimmen koitieren und auch der Dreispitz ist ein bekanntes phallisches Symbol. Florrie 
bedauert, daß sie kein Mann ist. Der Konflikt dreht sich darum, daß Männer größere 
sexuelle Freiheiten genießen als die Frauen. Dem Blick in die Zukunft (prospektive 
Tendenz) entspricht auch ein Blick in die j Vergangenheit (retrospektive Tendenz), der 
in dem Wunsche gipfelt: 0, wäre ich als Knabe geboren worden. — Als Weib ist sie 



. 



Sado-Masochismus und Infantilismus. 227 

Den folgenden Traum bezeichnet Florrie als denjenigen, der ihr den 
größten Eindruck gemacht hat: 

Ich saß vor dem Kamin in Tagträumen versunken. Das Zimmer war 
eine Art Salon mit einem Erker zur Linken. Ich schien allein zu sein und 
hing weit ausgreifenden Träumen nach. Ich wandte den Kopf, um durchs 
Erkerfenster hinauszusehen, und bemerkte, daß der Vorhang sich bewegte. 
Er wurde beiseite gerissen und ich sah meine Mutter beim Fenster sitzen. 
Ich war bestürzt, es war mir, als ob sie in mein Privatleben eindringen 
wollte. Sie sprach zu mir. Dann herrschte vollkommene Stille. Plötzlich 
bemerkte ich, daß der Regen in Strömen niedergoß, es war eine Sint- 
flut, ich konnte es hören und sogar beim Hinausblicken sehen, obgleich 
es fast finster war. Mein Vater stand draußen (er war damals schon 
mehrere Jahre tot) und rief meiner Mutter zu, sie solle nicht heraus- 
kommen, es sei zu naß. Die Straßen hätten sich in Bäche verwandelt. 
Dann stand meine Mutter auf und näherte sich mir. Sie war ganz schwarz 
gekleidet, in tiefer Trauer (schwarze Kleider kommen oft in meinen 
Träumen vor), und kam in gleitender Bewegung näher und näher. Als 
sie bei mir war, schien sie mir fremd, meiner Mutter gar nicht ähnlich; 
sie änderte sich in unheimlicher Weise. Sie war groß und dünn, trug 
eine lange schwarze Schleppe, hatte helles, flockiges Haar und einen 
schauerlich hexenartigen Ausdruck in ihrem Gesichte. Sie kam ganz nahe 
heran und legte eine weiße kleine Hand auf meine Schulter. Ich schauderte 
vor Schrecken zusammen. Sie machte mir Vorwürfe und war über meine 
Abneigung sehr verletzt. Ich war nur halbbekleidet, hatte nur eine Weste 
an und sie berührte mit ihrer Hand mein nacktes Fleisch. Sie erklärte 
mir, sie sei meine Mutter, ich dürfe sie nicht zurückstoßen, aber ich zog 
mich trotzdem zurück. Sie versuchte, meine Weste auszuziehen, ich pro- 
testierte und hinderte sie. Sie sah meinen Widerwillen. Ihr Antlitz drückte 
bitteren Haß aus. Der Ausdruck war schrecklich. Ich bat sie, die Hand 
wegzunehmen. Sie aber legte ihre linke Hand auf meinen Hals und 
forderte mich auf, hinzusehen. Ich blickte in einer Art faszinierten 
Schreckens hin. Als sie ihre Hand abzog, blieb ihr kleiner Finger an 
meiner Haut hangen und eine helle, blaue Flamme zuckte am gegenüber- 
liegenden Bette auf. Das Zimmer wurde nun zu einem Schlafzimmer. Ein 
triumphierender, unheimlicher Ausdruck des Entzückens über meinen 
Schrecken erleuchtete ihr Gesicht. Ich dachte, sie wäre eine Hexe, und 
war vor Schreck gelähmt. Dann erwachte ich. 

„Dieser Traum wurde mir durch eine Untersuchung bei einem weiblichen 
Arzte suggeriert. Ich kann keine Rechenschaft über die blaue Flamme geben. 
Die Weste war durch die Tatsache determiniert, daß ich tags vorher mehrere 
Westen probiert hatte. Woher der Regen? Die Nacht (auch die vorhergehende) 
war herrlich. Ich wachte um 2 Uhr nachts auf, sprang aus dem Bette, um zu 
urinieren. Es war schon höchste Zeit." 

Der Regen ist durch den Wunsch zu urinieren determiniert. Die Flamme 
mag durch einfallendes Licht, das durch eine Lücke der Vorhänge drang, 
erklärt werden. Die folgende Episode durch eine Untersuchung bei der Frau 
Doktor, der sich Florrie mit Widerstreben und Widerwillen gefügt hatte. 



auf den Penis ihres Mannes angewiesen, der, wie wir wissen, eine bedauerliche Schrumpfungs- 
tendenz zeigt. 

15* 



228 Sadismus und Masochismus. 

Florries Traumleben war wenig ergiebig, da die Tagträume den größten Teil 
ihrer unbewußten Energien absorbiert hatten 1 ). 

Die Urintagträume wurden nun alleinherrschend. Immer war das Uri- 
nieren der Höhepunkt der Phantasie. Sie spielten sich immer im Freien ab 
und waren irgendwie mit der Natur assoziiert. Sie interessierte sieh für das 



*) In diesem Traume erscheint die Mutter als Rächerin und als unheimliche 
Gestalt. Es ist nicht schwer, in diesem Traume Kastrationsmotive zu entdecken. Der 
Finger, der am Halse hängen bleibt (Verlegung von unten nach oben), ist der fehlende 
Phallus, der jetzt von der Mutter ergänzt oder zurückgegeben wird. Man könnte den 
Freudianem zustimmen, die in einem solchen Traume einen Vorwurf der Tochter sehen 
würden, die Mutter hätte sie bei der Geburt kastriert. Die Angst wäre also die Kastra- 
tionsangst. Viel näher liegt es, an eine Angst vor der Vergeltung zu glauben. Sie hat 
der Mutter den Tod gewünscht, um den Vater allein zu besitzen. Der Vater ist aber 
vor der Mutter gestorben. Die Mutter sollte ihm folgen. Im Traume warnt der Vater 
die Mutter hinauszukommen, es wäre zu naß, d. h. es würden Tränenbäche herabstürzen. 
Der Traum zeigt, daß Florrie stark homosexuell an die Mutter fixiert war. Die Onanie 
(der Finger am Halse!) muß Gedanken an die Mutter gebracht haben. Die ersten Ein- 
drücke der Kinderpflege (Hand der Mutter) scheinen in Florrie zu leben. Sie wollte ein 
Mann sein und die Mutter besitzen. Sie identifizierte sich offenbar mit dem schlagenden 
Mann. („Wenn ich schon keinen Penis haben kann, so werde ich mir eine Reitpeitsche 
anschaffen und der Mutter den Herren zeigen.") Die Untersuchung durch den weiblichen 
Arzt hat die Assoziation an die ersten Untersuchungen der Mutter hervorgelockt. Sie 
ist mehr Mann als Weib. Das Weib muß gewaltsam genommen, überwältigt werden. Sie 
zeigt dem Manne die Hinterseite, wo sie auch als Mann angesehen werden kann. Auch 
das Verlangen bepißt zu werden, kann sie an die Zeit erinnern, als sie die Mutter an- 
uriniert hat. Diese homosexuelle Tendenz ist außerordentlich tief verborgen. Aber hier 
fällt ein Vorhang und die Mutter erkennt, was sie ihrer Tochter bedeutet. Allerdings 
ist Verlangen in Angst und Ekel umgewandelt. Sie läßt in diesem Traume die Mutter 
die Aggression ausführen (Lust ohne Schuld). Aber sie kommt der Mutter insoferne ent- 
gegen, als sie halbnackt ist. Interessant ist auch das gleitende Näherkommen der 
Mutter. Man beachte, wie die Männer sich in den Träumen nähern. Man hört ihre 
Schritte. Man hört auch das Nahen des Hundes. Aber die Frau nähert sich geräusch- 
los, sie tritt ohne Warnung in das Zimmer. Der Vater ist draußen im Regen (er steht 
irgendwie in Verbindung mit den Wasserphantasien), die Mutter trägt eine lange 
Schleppe (phallisches Symbol). Ihr Ideal wäre ein Weib mit einem Penis. Aber die 
Mutter hat keinen Penis. Ihr Finger bleibt am Halse hängen. Die blau aufzuckende 
Flamme im Bette zeigt an, daß im Herzen Florries eine homosexueUe Leidenschaft 
zuckt, welche sie ursprünglich au den Frauen getrieben hat. Sie scheint vergeblich um 
die Liebe der Mutter geworben zu haben. Die Mutter hat sie zurückgestoßen. Im Traume 
nimmt sie Rache und sie selbst ist es, die die Mutter zurückstößt und sich vor ihr 
fürchtet. Wir verstehen das Verlangen die Mutter (Mutter Erde!) lanzuurinieren als 
symbolischen Ersatz: Sie möchte ein Mann sein und die Mutter befruchten. Dunkel 
ahnt man, daß auch Florrie ihre Mutter verdächtigt hat, und daß die beiden Pole „Dirne 
und Madonna" auf die Mutter projiziert wurden. Die Frau mit dem roten Hut, die 
Sendung der Mutter nach Amerika, wo sie eine männliche Position einnimmt (siehe 
S. 224) sprechen für diese Annahme. Für diese Entwertung nimmt die Mutter Rache. 
Vielleicht gelten die ursprünglichen Schläge der Mutter. Der Vater ertappt sie bei 
einer Untreue und schlägt sie. Hier tritt der Zweifel an ihre Abstammung auf. Bin 
ich das Kind meines Vaters? So hat sie das Heiligste entweiht (Kathedrale) und ver- 
dient dafür gezüchtigt zu werden. 



Sado-Masochismus und Infantilismus. 229 

Wasser in der Natur und näherte sich dem Typus, den ich Undinismus 
genannt habe. Es blieb ihr eine Verbindung der Natur mit flagellantischen 
Tagträumen auf dem Wege der Berührung. Den Akt der Miktion zu beob- 
achten, war für Florrie ein sekundäres Vergnügen, „obgleich nicht ohne köst- 
lichen Reiz". Der Sinn der Berührung erregte ihre Einbildungskraft. („Warum 
fühlt man einen Schauer, wenn man warmes Wasser aus einem Schwamm auf 
den Körper träufelt?") An einem heißen Sommertage im Felde oder im Walde 
ergriffen zu werden, die Kleider werden emporgezogen, und dann die Emp- 
findung des warmen Stromes, der über das nackte Fleisch rinnt, das ent- 
sprach ihren Phantasien. Der Held — obgleich schattenhaft — war immer 
ein Mann und nie ein Weib. 

Sie beschreibt einen typischen Tagtraum: 

Ich bin in einem Walde oder in einer engen Schlucht, mit teil- 
weise offenen Stellen, sehr oft ist ein Bach oder anderes strömendes 
Wasser in der Nähe. Es ist selbstverständlich Sommer. Ich liege mit dem 
Gesichte nach abwärts im weichen Grase (viel weicher als es in Wirk- 
lichkeit sein könnte). Da kommt der Fremde. Ich kann ihn nicht identi- 
fizieren, weil meine Tagträume in dieser Hinsicht immer undeutlich waren. 
(In den Nachtträumen sind die Personen ganz distinkt.) Obwohl er ein 
Fremder ist, fühle ich, daß er nett ist. Ich sage „ich fühle", weil das 
der richtige Ausdruck ist. Ich sehe ihn nicht deutlich, aber ich fühle, 
daß er mir gefallen will. Er setzt sich zu mir und spricht, aber ich höre 
nur zerstreut zu, denn ich fühle, daß er in mir ein vages sexuelles Ge- 
fühl auslöst, dem ich nicht widerstehen kann. Er scheint mitfühlend zu 
wissen, was in mir vorgeht. Sitte und Konvention lassen eine Frau 
fürchten zuzugeben, daß sie etwas von einem Mann erwartet, aber es ist 
ein geheimer Tagtraum, und darum gestehe ich frank und frei, daß ich 
mich darnach sehne, er möge mich anurinieren. Er ahnt es und drückt 
den starken Wunsch aus, es zu tun, aber ich muß mich ausziehen, um 
den Strom auf dem nackten Fleisch zu fühlen und die Kleider nicht zu 
benässen. Das stößt mich etwas ab, aber er hilft mir, und die Berührung 
seiner Hand läßt mich erschauern. Je mehr Hüllen ich entferne, desto 

SÄT ~°Tf iCh mir vor ' abor dest0 stärkcr wird mein sexuelles 
Gefühl. Endlich nackt, versuche ich mich im Grase zu verbergen, ich 
fühle mich in unvorteilhafter und ungemütlicher Lage. Er ist gekleidet, 
was seine männliche Überlegenheit unterstreicht, während meine Nackt- 
heit die weibliche Minderwertigkeit akzentuiert. Das vermehrt meine 
sexuelle Erregung, die zum großen Teil auf der Differenz der Geschlechter 
basiert. Er scheint es nicht eilig zu haben, wenn er dann mit der Hand 
meine Schenkel berührt und dann dort verweilt, fühle ich Wonneschauer. 
Dann liegend, halb im Grase verborgen, erwarte ich den Moment, in dem 
er losgeht. Dieser kritische Moment wurde selbst in meinen Tagträumen 
nie deutlich zu Ende gedacht. Ich wagte nie es zu Ende zu denken. 
Ich kann mir vorstellen, daß sich vielleicht eine kleine Wertschätzung 
des Phallus unter solchen Umständen entwickeln kann. 

Ich stelle mir ihn in verschiedenen Lagen vor, stehend, kniend, 
halb liegend, immer so, daß ich die Wohltat des warmen, beruhigenden 
Stromes fühlen kann. Er dreht mich, so daß ich ihn überall fühle; es 
ist wonnevoll: an der Brust, an den Schenkeln und den Armen. Manch- 
mal stelle ich ihn mir nackt vor, dann steht er mit nackten Füssen auf 



230 Sadismus und Masochismus. 

mir, oder gespreizt über ineinen Sehenkeln. Manchmal stehe ich und er 
kniet oder steht und steckt seine linke Hand zwischen die Schenkeln, 
was das Vergnügen erhöht. Der Höhepunkt der Lust wird erreicht, wenn 
ich mit dem Gesicht nach abwärts liege, er meine Beine weit auseinander- 
reißt, dazwischen kniet und in meine Scheide uriniert. Manchmal macht 
er es so, daß ich ihm ins Gesicht sehen muß, es ist ein Triumph der 
Empfindungen, ich verlange immer mehr und mehr. Die Empfindung an 
und für sich ist schon süß, dazu kommt die Tatsache, daß er kostbaren 
Stoff von sich über mich ergießt. In diesen Tagträumen kommt es zu 
Geruchshalluzinationen. Ich rieche den Urin, obwohl. ich weiß, daß es eine 
Täuschung ist. In meinen Träumen sehe ich auch gerne, wie der Strom 
hervorkommt, obwohl der Anblick sehr gering ins Gewicht fällt gegen 
die Lust, wenn der Urin über das nackte Fleisch rinnt. 

„Tagträume dieser Art sind so schrecklich und so sehr Privatsache, daß 
es mir wie ein Verrat an mir selbst vorkommt, daß ich sie niederschreibe. 
Ich schäme mich, ich hätte sie nicht dulden dürfen! Man träumt sie im Ge- 
heimen, wenn man sie aber schwarz auf weiß vor sich sieht, so ist man er- 
staunt, erniedrigt und niedergeschlagen." 

Ich möchte betonen, daß Florrie nie den leisesten Versuch machte, 
diese Tagträume zu realisieren. Sie lag mit dem Gesicht nach abwärts auf dem 
Sofa oder im Bette und stellte sich die Situation vor, nachdem sie sich ent- 
blößt hatte. Zuweilen spritzte sie sich mit warmem Wasser an, um das Er- 
lebnis spielen zu können. Doch waren diese Phantasien nie so stark wie die 
beschriebenen Flagellationsträume. 

Sie arrangierte zahlreiche Variationen des Urinierens, welche den Akt 
interessanter und anziehender gestalteten. Als angenehmste Methode fand sie 
die halbzurückgelegte Lage mit gespreizten Beinen. Nach verschiedeneu Ex- 
perimenten am Boden und im Bett, fand sie erfolgreiche Befriedigung bei 
folgender Prozedur: Sie stellte einen Rohrsessel 1 ) in eine Badewanne, lehnte 
sich in den Sessel weit zurück, öffnete die Scheide mit beiden Händen. „Dann 
schießt ein springbrunnenartiger Strom auf die andere Seite der Wanne und 
steigt langsam über ihr Niveau. Jedesmal änderte ich die Richtung, die Stärke 
und die Höhe des Strahles. Es ist sehr angenehm, ich weiß nicht warum." 
Man beachte, wie Florrie instinktiv die Analogie zum Springbrunnen anführt. 
Ihre urolagnistischen Phantasien nehmen im Gegensatz zu den Flagellations- 
obsessionen einen Freiluftcharakter an und benützen das Wasser in der Land- 
schaft. Das ist die Charakteristik der Erscheinung, die ich Undinismus nenne. 

In der Kindheit war Florries Urinsexualität eng mit Wasser und gelber 
Farbe assoziiert. Später gesellte sich das Landschaftsbild hinzu, das immer 
mehr und mehr in den Vordergrund rückte. Sie konnte lange Zeit das Spiel 
des Wassers bei Springbrunnen betrachten und erinnert daran, daß Kinder, 
wenn sie im Bade urinieren, auch gerne das Mischen von Wasser mit Wasser 
beobachten. Sie tun es auch gerne in freier Luft, im Walde, wenn es einen 
Bach gibt. Sie beschreibt ihre Gefühle im Walde: „Es liegt ein faszinierender 
Reiz darin, einen Strom zu beachten, wenn er im Walde über trockene Blätter 
fließt. Das Rauschen uDd die Beobachtung, wie das Wasser die ausgetrockneten 
Blätter befeuchtet, als ob die Erde jeden Tropfen Feuchtigkeit begrüßen und 
aufsaugen würde. Im Walde bist du dem Herzen der Natur näher. Alles Kul- 
turelle, das den Akt im Zimmer begleitet, fällt von dir ab. Er nimmt einen 

l ) Erinnerung an den Kindersessel mit Seitenlehnen. 



Sado-Masochismus und Infantilismus. 231 

ganz anderen Charakter an. Das macht uns Faune und Nymphen verständlich. 
Alle sexuellen Akte scheinen im Walde besser zu sein. Als Kind war meine 
Furcht, ein Kind zu bekommen, eng mit geschlossenen Räumen assoziiert, mit 
einem Krankenzimmer, das ich fürchtete, da ich nie krank gewesen bin. Mir 
gefiel der Gedanke, ein Kind im Walde oder in einer Höhle zu gebären, weil 
die Wilden gewiß weniger leiden." 

Florrie begann seltener zu kommen. Ihre Briefe wurden kürzer und die 
Intervalle zwischen den einzelnen Briefen immer länger. Sie drückte den Dank 
für die Hilfe aus, die sie erhalten hatte, sie schien sie nicht mehr zu benötigen. 
Schließlich schreibt sie : „Über Florrie habe ich nichts zu berichten. Sie dürften 
es ja geahnt haben: Florrie ist tot." 

Hier schließe ich die Übersetzung und übergehe die anregenden 
Ausführungen, die Havelock Ellis an den Fall knüpft. Er schreibt mir 
über das Schicksal seiner interessanten Patientin: „Nun sind es 8 Jahre, 
daß Florrie keinen Rückfall mehr hatte. Nach dem Tode ihres Mannes, 
der ein Arzt war, hat sie wieder geheiratet und ist sehr glücklich." 

Ich hebe die Bedeutung des bemerkenswerten Falles, der uns wie 
kein zweiter die Zusammenhänge zwischen Masochismus und Infantilismus 
aufzeigt, nochmals hervor und gebe die Ansichten des geschätzten engli- 
schen Autors im Auszuge wieder. Er führt die Paraphilie Florries auf drei 
Ursachen zurück: 1. Die strenge Erziehung, welche eine natürliche sexuelle 
Aufklärung vollkommen verhinderte. 2. Einen urolagnistischen und 3. einen 
autoflagellantischen Instinkt. Von diesem flagellantischen Instinkt sagt 
Ellis: „Ich zweifle nicht, daß er oft fehlt, aber ich habe ihn so oft auch 
bei Menschen gefunden, die nie geschlagen wurden, daß ich in ihm eine 
Manifestation des autoerotischen Impulses in der Kindheit erblicke. Ich 
fand ihn häufiger bei Mädchen als bei Knaben und viel öfters bei Inver- 
tierten als bei normalen Männern. Ich habe ihn so häufig beobachtet, daß 
ich ihn der homosexuellen Tendenz in der Kindheit gleichstellen möchte. 
Es ist nicht notwendig, den Ursprung dieses Interesses und seine natür- 
liche Grundlage zu besprechen. "Wir müssen die Peitsche als ein natür- 
liches Symbol des Penis auffassen. Die erste infantile Auffassung des 
Koitus ist die einer grausamen Aggression. Das Peitschen ist ein Vorgang 
der diese Vorstellung einem jungen Gehirn einverleiben kann. Der Penis 
ist das einzige Organ des Körpers, das in jeder Beziehung einer Peitsche 
gleicht. Diese Vorstellung mag durch Sensationen im Penis — bei Knaben, 
nicht bei Mädchen — unterstützt werden." So kommt Ellis zum Schlüsse, 
daß (wie Sadger sagt) Penis und Peitsche Äquivalente sind. Ellis glaubt 
ferner, daß Florrie eine verstärkte Gesäßerotik im Sinne Sadgers hatte. 
Selbstverständlich auch eine von Haus aus stärkere Urethral- und Blasen- 
erotik. 

So weit die Ansicht von Havelock Ellis. Ich frage mich, ob die 
Jugendgeschichte Florries nicht genügend Anhaltspunkte gibt, so daß Wir 



232 Sadismus und Masochismus. 

auf die mysteriöse und immer zu Hilfe gezogene Disposition verzichten 
können. (Die Disposition anerkenne ich nur als Rückschlagserscheinung, 
d. h. als allgemeine Verstärkung des angeborenen Trieblebens.) Wir sehen 
einen sadistischen Vater, der seine Tochter in systematischer Weise zur 
Masochistin erzieht. Die schwache Mutter, die scheinbar eine so geringe 
Rolle spielt, wenn man den Berichten Florries trauen dürfte, und die im 
Traumleben als wichtige, determinierende Kraft erscheint, mußte in ihr 
das Verhältnis „starker, schlagender Mann — schwache duldende Frau — " 
dauernd festlegen. Vergessen wir nicht, daß der Fall nicht analysiert wurde 
und deshalb keine tieferen Aufklärungen gestattet. Vielleicht hat Florrie 
in der Kindheit etwas gesehen, was ihr ganzes Leben beeinflußt hat. 
Auch die Beziehungen zu ihren Brüdern scheinen nicht so harmlos ge- 
wesen zu sein, wie sie es schildert. Hier liegen gewaltige Verdrängungen vor. 
Florrie weiß nichts von ihrer ersten Onanieperiode. Wie gesagt: Ich glaube 
nicht an ihre Unschuld und an ihre Unkenntnis. Sie sind das Produkt 
einer schweren Verdrängung, die nur durch eine tiefgehende Analyse hätte 
behoben werden können. 

Wunderschön zeigt der Fall den Kampf zwischen männlichen und 
weiblichen Tendenzen und als Resultat die Flucht in einen ausgesprochenen 
Infantilismus (ähnliche Fälle habe ich ja in Band V eingehend beschrieben). 
Ungeheuer stark ist der Drang, ein Mann zu sein. Sie zeigt schon früh 
den Penisneid und die ganze Inszenierung des Urinierens auf der Gasse 
in stehender Position beweist, daß sie einen Mann spielt. Adler hätte 
kein schöneres Beispiel eines „männlichen Protestes" finden können. Als 
bipolare Strömung sehen wir ein forciertes Ausweichen in die Weiblich- 
keit. Aus der Suffragette wird eine willfährige Sklavin. Sie will den Mann 
in sich ertöten. Man beachte auch die Lage, in der sie phantasiert und 
onaniert. Das Gesicht nach abwärts gekehrt, d. h. sie nimmt die Stellung 
des Mannes beim Koitus ein. Sie will mit Gewalt von einem starken 
Manne zum Weibe gemacht werden. Aber man betrachte die geschickte 
Inszenierung bei der Wahl des Gatten. Sie wählt einen Mann, der ihr 
Vater hätte sein können, bei dem sie instinktiv die Impotenz voraussetzen 
konnte, weil eine gewaltige Angst vor dem Koitus und der Defloration 
bestand. Es wäre auch wichtig zu wissen, ob sie in der Jugend Klistiere 
erhalten hat, was einerseits die verstärkte Erogenität der Analzone, anderer- 
seits auch ihre Vorliebe für das Angespritztwerden erklären würde. 

In vielen Träumen finden wir das Phänomen des Einschrumpfens 
und des Kleinerwerdens. Es handelt sich um die bildliche Darstellung der 
Regression in die Kindheit. Wenig erfahren wir über den Sadismus der 
hochintelligenten Patientin. Diese Komponente ihrer Triebe ist vollkommen 
verdrängt. Ihr ursprünglicher Haß gegen die Gouvernante (vielleicht Nurse 
und Mutter) ist in der Analyse nicht zum Vorschein gekommen. Daß sie 



Sado-Masochismus und Infanülismus. 933 

ein böses Gewissen in bezug auf die Mutter hat, deren Rivalin sie un- 
zweifelhaft war, beweisen die Träume. Auch von frühen Tierquälereien 
erfahren wir nichts. Sie spricht wenig über Tiere, auch wenn sie von der 
Natur schwärmt, obgleich ich den Eindruck habe, daß sie das Urinieren 
der Pferde auf der Straße imitiert. Sicherlich ist das Pony im Traume 
eine Darstellung ihrer zoophilen Komponente. Auch Hunde urinieren auf 
der Straße (siehe den Collie, der sich in ein Pony verwandelt). Die Liebe 
zur Reitpeitsche, die Stellung, die sie einnimmt, scheinen darauf zu deuten, 
daß sich eine starke Identifizierung mit einem Reitpferde ausgebildet 
hat. Die Zoophilie gehört naturgemäß zum Inventarium eines psycho- 
sexucllen Infantilismus. Auch pflegen die Tiere das erste Objekt einer sa- 
distischen Aggression zu sein. Im achten Kapitel werden wir einen Fall 
von sublimierter Zoophilie besprechen, der uns zugleich in das wichtige 
Gebiet des pathologischen Mitleides führt. Im Falle Florrie sehen wir die 
Forderung eines mitleidlosen Mannes. Ihr Vater zeigte keine Spur von 
Mitleid. Er errichtete in ihrer Seele das Bild eines gerechten (?) aber mit- 
leidlosen Mannes. Hervorzuheben wäre die Wonne, die sie fühlte, wenn 
sie dieser strenge Mann in seine Arme schloß. Es ist die Beobachtung, 
die ich wiederholt' gemacht und beschrieben habe (siehe Band III, Kap. IV), 
daß der strenge Vater die Töchter viel stärker an sich bindet als der 
schwache und zärtliche. Er ist eben ein ganzer Mann. Florries Reaktionen 
sind abwechselnd Gehorsam und Trotz gegen den Vater. Aber in beiden 
Reaktionen ist sie ein Kind geblieben. Wenn sie zuletzt schreibt „Florrie 
' ist tot*, so meint sie, daß das Kind in ihr gestorben ist 1 ). 

Erwähnenswert ist in diesem Falle das glänzende Heilresultat, das 
auf einem atypischen Wege, abweichend von der strengen Analyse, erzielt 
wurde. Es bestätigt meine Anschauung, daß es eigentlich in der Analyse 
keine Regel gibt. In diesem Falle war es vielleicht die einzige mögliche 
Methode. Mit Recht sagt Ellis: „Jetzt kennt sie sich und versteht den 
Mechanismus ihrer sexuellen Impulse. Sie wandelt im Lichte, während sie 
vorher in einem von schrecklichen Gespenstern erfüllten Dunkel stolperte. 
Jahrelang hat sie eine geheimnisvoll verhüllte grauenhafte Gestalt von 
hinten mit eisernen Griffen gehalten und ihr mit Wahnsinn und Ent- 
gleisung gedroht. Nun kann sie sich umdrehen, sie kann das Ungetüm 
anblicken, es beobachten, es mit ruhigen kritischen Augen entwerten; ihr 
angeborener Humor läßt sie überlegen lächeln, sie erkennt, was hinter 
dem Monstrum steckt — der eiserne Griff läßt nach, das Ungetüm löst 
sich in einen Nebel auf, einen Nebel, der ihr sogar schön erscheint." 

Havelock Ellis, der das Wesen der Analyse so poetisch ausdrückt, 
hat auch erkannt, daß es sich um Zwangshandlungen handelt. Alle die 
Zustände, die wir in diesem Buche beschreiben, zeigen eine Verwandschal't 



') Vgl. die Ähnlichkeit im Vokalismus zwischen Florrie und Collie ! 



234 Sadismus und Masochismus. 

mit der Zwangsparapathie, ohne sich vollkommen mit dem Wesen derselben 
zu decken. Es sind Übergangsfälle, wie die homosexuelle Parapathie, der 
Fetischismus und die Impulshandlungen. Gemeinsam ist allen ein Impuls, 
der als Wiederholungszwang imponiert und unwiderstehlich ist. Dieser 
Impuls — und das ist das Wesentliche — ist ein verschobener Impuls. 
Florrie wollte eigentlich in der Kindheit einen Verkehr mit dem Vater. 
Alles andere war symbolischer Ersatz. Diese Paraphilien sind Ersatz- 
handlungen und können nur geheilt werden, wenn der ursprüngliche da- 
hinter steckende Impuls erkannt und aufgelöst wurde. Das ist in dem 
Falle von Florrie geschehen, zwar nicht durch eine vollständige Analyse, 
aber durch eine auf die wichtigsten Determinanten eingehende Analyse. 
Es ist sehr bezeichnend, daß sie diesen Zwang organisch durch einen von 
der Blase ausgehenden Zwang symbolisiert hat. Stuhl- und Urinfunktionen 
sind die ersten von innen kommenden Zwangshandlungen, die man voll- 
ziehen muß. Die Beziehungen der Zwangsparapathie zur Anal- und Urin- 
sexualität sind bekannt. Ich möchte sagen: Florrie hat ihre Konflikte 
in einer infantilen Organsprache der Seele ausgedrückt . . . 

Wir haben in diesem Falle auch einen deutlichen Kastrationskom- 
plex konstatieren können. Sadger (1. c.) führt den Haß der Sado-Maso- 
chisten gegen Moralgesetz und Religion darauf zurück, daß der Kranke 
die Kastration fürchtet und deshalb Gott, Herrscher, Minister und Regie- 
rung (Vaterimagines) haßt. Dieser Zusammenhang ist gewaltsam konstruiert 
und wird durch die Erfahrungen der Analyse nicht bestätigt. Sicher ist 
es, daß Florrie ein Mann sein wollte und die Männer um den Penis be- 
neidete. Aber der Mann hat außer dem Penis so viele Vorrechte, daß 
man einen solchen Wunsch leicht verstehen kann. 1 ) 

') Es wird vielleicht für den unbefangenen Leser instruktiv sein zu lernen, wie 
Sadger sich diesen Zusammenhang vorstellt. „Die typische Beziehung von Liebe und 
Haß ist durch den Kastrationskomplex gegeben. Man haßt den Vater, weil man von 
ihm die Entmannung fürchtet, und möchte sie andrerseits ihm zuliebe nicht unfern 
erleiden. Auch die regelmäßige Beimengung von Furcht bei der Haßempfindung wird 
dann gut verständlich. Zu dieser liefert weiter einen mächtigen Beitrag die Analerotik 
welche ihrerseits wieder zur Kastration führt. Das Kind wird ja genötigt, seine Exkre- 
mente herzugeben, sich von etwas zu trennen, was ihm teuer ist und obendrein wegen 
seiner Form als Fenissymbol erscheint. Gerade analerotische Kinder, welche den Stuhl 
womöglichst lang zurückzuhalten trachten, empfinden die Trennung von ihm recht 
peinlich, oft geradezu als Kastration. Kein Wunder, daß wieder alle Fersonen, die sie 
zur Hergabe des Abfalles zwingen, einen ganz ausnehmenden Haß bekommen und mit 
Trotz, ja Wut gegen sie reagieren. Das Gemeinsame ist also von Zwangsneurose, Sa- 
dismus, Haß und Analerotik die Kastration." . . . Kritik überflüssig. 






VII. 
Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 

Kultur muß Natur haben. Noch 
einmal werden wir Wilde, wenn wir 
ganz reif sind. Peter Etile. 

Ich habe bei diesem Buche das Bestreben gehabt, möglichst viele 
Lebensbeichten zu sammeln und so den psychologischen Durchschnitt 
unserer Zeit zu liefern. Man spricht sehr viel vom Gegensatz zwischen 
Stadt und Land. Das Land stellt in den Hirnen der Naturschwärmer a la 
Rousseau die robuste Gesundheit dar, während die Großstadt der Sitz 
der Laster sein soll. Bloch hat in seinen Beiträgen zur „Psychopathia 
sexualis" diesen Irrglauben gründlich zerstört. Auch die Beobachtungen, die 
F. S. Kraus in seinen Jahrbüchern (Anthropophyteia), leider sehr wenig be- 
kannt und jetzt sogar im Buchhandel vergriffen, gesammelt hat, haben 
den Bauern in seiner wahren Gestalt gezeigt 1 ). 

Die nachfolgende Krankengeschichte führt uns auf einen oberösterrei- 
chischen Bauernhof. Man hat so oft meine Krankengeschichten mit dem 
Wiener genius loci abtun wollen. Aber mein Material stammt aus 
allen Teilen der Welt und der Anteil Wiens ist eigentlich ein bescheidener. 
Ich habe immer wieder gefunden : daß sich die Menschen auf der ganzen 
Welt innerlich gleichen, auch wenn sie äußerlich verschieden scheinen. 

Fall Nr. 17. Vor ungefähr zwei Jahren stellte sich mir ein 2 3 jähriger 
Mediziner vor, der an Verfolgungsideen litt und über Unfähigkeit, zu stu- 
dieren, klagte. Er wurde zuerst von meinem Schüler Dr. Dishoeck durch zwei 
Monate analysiert, fühlte sich besser, reiste nach Hause, kam daun wieder 
nach Wien, wo ihn Herbert Silberer unter meiner Leitung analysierte (drei 
Monate). Der Selbstmord Süberers machte der sehr erfolgreichen und inter- 
essanten Analyse ein jähes Ende. Ich übernahm den Kranken und bemühte 
mich, eine Synthese des Krankheitsbildes zu erreichen, was auch in kurzer 
Zeit gelang. Lange hörte ich nichts von dem Kranken, bis er plötzlich wieder 
in Wien erschien. Über die 10 Sitzungen, die sich als notwendig erwiesen, 
wird uns später mein Assistent Dr. Lippmann berichten. Ich beabsichtige 
nicht, die ganze Analyse mitzuteilen, die ein Buch füllen würde, weil sie von 
Silberer mit der ihm eigenen Genauigkeit fixiert wurde. Ich werde nur die 
wichtigsten Details mitteilen, soweit sie zum Verständnis des Falles notwendig sind. 



') Nicht zu vergessen Zola in „la terre". 



236 Sadismus und Masochismus. 

Außer den erwähnten Beschwerden klagte der Kranke über Zwangs- 
grübeln, Impotenz, Polyurie und Beschwerden beim Essen. 

Der nachstehende Lebensbericht ist vom Patienten — wir wollen ihn 
Xaver nennen — nach dem Selbstmorde Silberers verfaßt worden: 

Mein Curiculum vitae nebst ergänzenden Bemerkungen über die 
Resultate der ersten zwei Analysen. 

Großeltern. 

Meine Großeltern väterlicherseits stammen aus Tirol. Ihre Ahnen waren 
wohlbestallte, seßhafte Bauern. Sie hatten 22 Kinder, wovon 8 noch heute 
leben. Mein Großvater war ein Kaufmann, aber seine eigentliche Liebe galt 
dem Bauernstaude. In der freien Zeit widmete er sich seinem Boden und seinem 
Vieh. Die Liebe zum Bauernstande steckt uns allen im Blut. Der Großvater war 
ein sehr talentierter Mann. Im kleinen Orte versah er das Gewerbe eines Maurers, 
Tischlermeisters, Schusters und Bäckers. Die Großmutter hingegen war eine ener- 
gische und handelstüchtige Frau. Sie gründete drei Geschäfte, die alle blühten 
und noch heute bestehen. Durch seinen 'Fleiß und durch die Tüchtigkeit seiner 
Frau brachte es der Großvater zu. Wohlstand und Ansehen. Die Ehe war sehr 
schlecht. Die Frau war anästhetisch, rechthaberisch gegen Mann und Kinder. 
Es gab immer Streit und Hader, was meinen Vater vielleicht beeinflußt hatte. 
Er brachte den gleichen Unfrieden in seine Ehe. Die Großeltern waren aus- 
gesprochene Atheisten. Ich bin nie in ein rechtes Verhältnis zu ihnen ge- 
kommen. Den Atheismus hat mein Vater von ihnen .übernommen und mir 
einprägen wollen. 

Die Großeltern mütterlicherseits waren dagegen sehr fromme Bauern, 
denen das Beten über das Arbeiten ging. Ihre Wirtschaft lag in den letzten 
Zügen und stand vor dem Ruin, als mein Vater ins Haus kam und den ver- 
fahrenen Karren übernahm. An diesen Großvater kann ich mich »u* dunkel 
erinnern, während die Großmutter eine große Rolle in meinem Leben spielte. 
Sie vertrat an mir Mutterstelle. Von 6—11 schlief ich in ihrem Zimmer und 
manchmal sogar in ihrem Bette. Ich hatte Angst und schrie bei Nacht auf, so 
daß sie mich zur Beruhigung ins Bett nehmen mußte. Ich schmiegte mich 
dann mit Wonne an ihren warmen Leib. Das ist wohl die Wurzel meiner aus- 
gesprochenen Gerontophilie. 

Sie pflanzte mir tiefe Religiosität ein. Es war ihr heißer Wunsch, daß 
ich Geistlicher werden sollte. Sie malte mir die Vorzüge und Wonnen dieses 
Berufes in lebhaften Farben aus. Ich mußte ihr wiederholt versprechen, daß 
ich mich dem geistlichen Stande widmen werde. 

Ich glaube, sie würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie 
wüßte, daß ich es nicht werde 1 ). 

Ich war mit ihr sehr intim und vertraute ihr alle meine Schmerzen und 
Geheimnisse an. Der Vater konnte sich mit seinen Schwiegereltern nicht ver- 
tragen. Mit der Großmutter sprach er fast kein Wort, höchstens daß er einige 
hämische Bemerkungen über ihre Frömmigkeit und ihre Gewohnheiten machte. 
Ich aber hing mit großer Liebe an ihr und träume noch heute, daß sie lebt 
und ich ihr alles erzähle. Auch in meinen Onaniephantasien kommt sie zuweilen 
vor. In einem Traume habe ich sie einmal zerstückelt und aufgegessen. Das 



2 ) Man beachte das charakteristische „werde" statt -bin". Er hat also den Plan 
noch nicht aufgegeben. 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 937 

beißt wohl, daß ich sie mir inkorporiert habe und die innere Frömmigkeit, 
über die mich Dr. Stekel belehrt hat, nie überwinden werde. 

Meine Eltern. 

Mein Vater ist ein herkulisch gebauter, sympathischer Mann, verschlossen, 
ruhig und wortkarg im nüchternen Zustande. Ist er einem Menschen gut, so kann 
er alles für ihn tun, seinen Neidern bleibt er ein erbitterter Todfeind. Er über- 
legt jedes Wort, das er spricht, er legt es auf die Goldwage. Aus einer un- 
glücklichen Ehe stammend, konnte er selbst keine glückliche Ehe führen. Er 
war mißtrauisch und eifersüchtig. Schon als Kind grübelte ich über sein 
Wesen. Seine Gegensätze schienen mir ein dunkles Rätsel, sein Wesen hatte 
für mich etwas Wunderbares und Unheimliches. Er arbeitete vom frühen 
Morgengrauen bis in die späte Nacht. Die Bauern nannten ihn wegen seiner 
Grübeleien einen „Spinner". (Jetzt bin ich der Spinner geworden; Identifizie- 
rung.) Er rackere sich und sein Vieh zu Tode, meinten die Bauern. Doch 
während die anderen, die Neider und Spötter, zugrunde gingen, abwirtschaf- 
teten und hungerten, verstand er es durch Grübeln und Nachdenken, fünfmal 
reicheren Ertrag aus dem Boden zu sie' en als sein Vorgänger. Er führte alle 
Neuerungen ein, erdachte sinnreiche Verbesserungen, vervierfachte seinen Vieh- 
stand durch rationelle Bewirtschaftung. Die Bauern staunten über ihn und 
konnten ihn kaum begreifen. Arbeit war sein Losungswort und Vorwärts- 
kommen seine Parole. Die Frau und die Kinder waren ihm nur Mittel zum 
Zweck. 

Er liebte uns, was bei den Bauern sonst nicht vorkommt, denen die 
Kinder nur billige Knechte abzugeben pflegen, zeigte aber diese Liebe selten. 
Ich war ihm sehr zugetan und liebte und bewunderte ihn trotz 
seiner häßlichen Seiten aufs äußerste. Er war das Ideal meiner 
Jugend. 

Wie ich schon betonte, ist er überzeugter Atheist und verhöhnte oft die 
Religion* 4 der, Mutter und der Großmutter. Achtung hatte er nur vor der Schule 
und vor dem Wissen. Die Schule ist seine Kirche, die Lehrer und Professoren 
sind seine Götzen. Ein „studierter Herr" ist sein geheimes Ideal. Er ist auch 
im Wissen ein Selfmademan. Zu seiner Zeit gab es noch keine guten Schulen. 
Er hat sich alle Kenntnisse selbst angeeignet. 

Meine ersten glänzenden Zeugnisse waren sein größter Stolz. Deshalb 
ist mein Studium seine größte Freude, zumal im ganzen Gau eine 
gewisse Intelligenzfeindlichkeit herrscht und niemand außer mir 
studiert, was seinem Stolz und Ehrgeiz besonders schmeichelt. 

Früher ging sein Sinnen und Trachten nach Geld. Er wollte aus der 
Misere herauskommen, was auch gelungen ist. Jetzt verlangt er Wissen und 
eine soziale Stellung. 

Er schläft seit l 1 /, Jahren von der Mutter getrennt, seit ca. 1 Jahre 
ist er von paranoidem Eifersuchtswahn befallen. 

Meine Mutter ist im Gegensatz zum Vater sehr klein und unscheinbar, 
ist eine gutmütige, stets arbeitende Frau. Ich kenne sie immer voll Sorgen, 
voll Tränen und Kummer und in der Hoffnung. Sie ist sehr religiös. Sie hat 
im ganzen 11 Kinder geboren, von denen 7 noch leben, alle körperlich wie 
auch geistig gesund sind. Außer ihrem kleinen Wuchs konnte ich an ihr keine 
Degenerationserscheinungen beobachten, außerdem sind ja außer mir und meinem 
ältesten Bruder alle Geschwister große gutgewachsene Menschen. Ich erinnere 
mich nicht, daß sie jemals besonders zärtlich zu mir gewesen wäre. Sie unter- 
stützte ihre Schwestern immer sehr, was mich eifersüchtig machte und für den 



238 Sadismus und Masochismus. 

Vater stets Anlaß zu einem Streite war, denn, wie gesagt, er wollte zu Geld 
kommen, sich aus den mißlichen Verhältnissen befreien. Hingegen konnte ich 
sehr früh die Zuneigung meines Vaters erobern, sei es durch Arbeit, Gefällig- 
keiten, gute Zeugnisse oder schöne Worte. 

Was mich noch lange vor der Volksschule der Melancholie in die Arme 
getrieben hat, war der ewige Streit zwischen meinen Eltern. Es gibt auch 
noch jetzt jeden Tag Zank. Allgemeine Gereiztheit. Mein Vater betrinkt sieh 
selten, nur bei Streitanlässen bis zur Betäubung. Da er aber beinahe alkohol- 
intolerant ist, übt das eine entsetzliche Wirkung aus. Er kommt abends nach 
Hause, schlägt die Türe zu und schreit und schimpft laut über die Mutter. 
In meiner frühen Jugend waren die Auftritte entsetzlich, jetzt verlaufen sie 
etwas milder. Also er erscheint brüllend in der Tür. Wir wissen, er hat ge- 
trunken! Alles, auch die Mutter, flüchtete vor ihm. Er suchte die Mutter 
überall, auch unter dem Bette, wo er sie dann schreiend hervorzog. (Ich hatte 
später die Zwangsvorstellung unter die Betten zu schauen, was auf diesen 
frühen Eindruck zurückgehen dürfte.) Oft fand er sie nicht und fragte die 
Kinder: „Wo ist die Mutter?" Alles schwieg zitternd, niemand wagte, eine 
Antwort zu geben. Die Mutter flüchtete auch oft auf den Heuboden, wo er 
sie endlich in einem Winkel zusammengekauert fand. Manchmal nahm sie eine 
meiner Schwestern als Schutz mit, aber es half nichts. Hatte sie der Vater 
erwischt, so fluchte er und warf ihr Untreue vor. Er glaubte fest, daß der 
älteste Brudei" nicht sein Sohn wäre und hielt es ihr in den Szenen vor. Sie 
scheint ihn nicht geliebt zu haben; er muß es gefühlt und gewußt haben. 
Ich erinnere mich mit Schrecken an verschiedene seiner Beschimpfungen. 
Einen tiefen Eindruck machte es auf mich, als er ihr zurief: „Du gibst mir nur 
die nackte Haut, nur das Loch gibst du mir. Ja — den mit dem laugen 
Säbel (eiuen Gendarmen, auf den er eifersüchtig war), den möchtest du gerne 
haben, du Hure, du Luder! Ich haue dich zusammen, daß dir die Soß (das 
Blut) vom Schädel herunterrinnt." „Du Drecksau du schmutzige, du Drache, 
du Mutter Gottes, du Scheinheilige! Wart ich werd dirs geben! Ich mach 
dich hin, ich erstech' dich, ich erschieß dich, ich erwürg dich!" Sein Gesicht 
nahm einen" bizarren, verzerrten Ausdruck an, die Bewegungen waren die eines 
Clowns, er stampfte auf den Boden, daß das Haus erzitterte. (Trotz meines 
Schreckens habe ich bei diesen Gelegenheiten seine Kraft und Gewalt bewun- 
dert.) Oft führte er grobsexuelle Reden, die grauenhaft waren. Der älteste 
Bruder und die Schwester pflegten mit der Mutter zu flüchten, ich blieb 
meistens im Bette (mir hat er nie was getan!), nur selten rannte ich zur 
Großmutter und versteckte mich bei ihr. 

Ich lauschte immer gespannt, ob er sie finden würde. Ich malte mir 
blutrünstige Szenen aus und sah im Geiste, wie er sie mit der Hacke er- 
schlagen würde. Er suchte noch immer und sein Zorn donnerte durch das 
Haus. Ein unbeschreibliches Wimmern und Winseln, ein Flehen und Weinen 
zeigte an, daß er die Mutter endlich gefunden hatte. Mir wurde rot vor den 
Augen, alles schwamm zu einem Meer von Blut. Ich wußte nicht, sollte ich 
beten, der Mutter oder dem Vater helfen! Ich wußte, jetzt kommt die Ver- 
gewaltigung. Es begann sich alles um mich herum zu drehen (er wird sie 
töten !), ich war bis zur Besinnungslosigkeit erregt und ... ich onanierte. Die 
Onanie begann im vierten Jahre und war immer mit dieser Szene verbunden. 
Nach dem Koitus kam er vom Heuboden herunter, beschimpfte die Großeltern, 
die sich nicht zu rühren wagten, schlug alles, was er erreichen konnte, klein. 
Die Mutter kam oft herbei und versuchte, ihn zu beruhigen, öfters rief sie 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus, 239 

aus: „Schäm dich doch vor deinen Kindern!" Diese Szenen wiederholten sich. 
Öfters nannte er die Mutter eine Sau. was einen bestimmten Einfluß auf mein 
Sexualleben nehmen sollte 1 ). 

Mein Vater flößte mir gegen die Mutter frühzeitig Haß ein. Ich konnte 
es nicht begreifen, daß sie ihre Schwestern lieber hatte als den Mann und die 
Kinder. Sie war eine Dulderin. Ihr Anblick war mir ekelhaft. Ich konnte 
ihr nicht in die Augen schauen. Mein Vater hatte eine große Vorliebe für 
Hunde, die er verzärtelte und die seine Freunde waren. Die Mutter äußerte 
sich oft: „Wenn ich nur ein Hund wäre, o — dann hätte ich es sehr schön!" 
(Wurzel meiner Zoophilie.) 

Auch andere Eindrücke bestimmten mein Sexualleben. Mein Vater ist 
Geburtshelfer bei allen Tieren in der Umgebung. Er schlägt auch das Vieh 
und ist Tierarzt. Nach" der Volksschule weihte er mich in alle Kenntnisse ein 
und lehrte mich auch das Kastrieren der Tiere. Entsetzlich war mir das 
Schlachten der Tiere, besonders das der Schweine, wobei sich ulles im Hause 
betätigte. 

Erste sexuelle Erlebnisse. 

Mein erstes Erlebnis fällt zwischen 3 und 4. Die Nachbarstochter Fanny, 
einige Jahre älter als ich, verführte mich. Sie spielte mit meinen Genitalien und 
verleitete mich zum Kunnilingus. Von da an eigene Onanie, entweder manuell 
oder auf dem Bauche liegend. Ich steckte Penis und Skrotum zwischen die 
Schenkel und machte wiegende Bewegungen. Ich stellte mir nie die Vagina 
vor. In dieser Zeit dachte ich nur daran, auf einem Bauche oder auf den 
Schenkeln zu liegen. Ungefähr in die gleiche Zeit fiel mein erstes homose- 
xuelles Erlebnis, das sadistisch gefärbt war. Ich habe damals den Mann gespielt. 
Es war eine genaue Imitation eines Koitus, meist auf dem Bauch, seltener 
inter femora, nie in anum. Einen großen Reiz übt das Reiben des Skrotums 
auf der Haut des Partners aus. (Eine Lieblingsphantasie von mir: testiculos 
in vaginam.) Die Hoden sind meine empfindlichste erogene Zone. Beim Ver- 
kehr krampfte ich meine Hände in die Schultern des Knaben. 

Meine erste ideale Liebe (5) war Mimi, das Wirtstöchterlein. Ihr Vater 
war ein Trunkenbold und ich hatte unendliches Mitleid mit ihr. Sie war für 
mich das Ideal alles Hohen und Reinen und ist es auch geblieben. Sie war 
reich und wunderschön. Sie hat eine ungeheure Wirkung auf mich ausgeübt, 
und ich habe sie bis heute nicht vergessen. Durch ihre Schuld brach ich mir 
am Fronleichnamstage den linken Fuß. Ich nahm die Schmerzen gerne auf 
mich. Ich litt ja für sie. Aber ich mußte 4 Monate im Bette liegen. Ich lang- 
weilte mich und onanierte fleißig. Damals begannen zoophile Spielereien mit 



*) Vor der Analyse hörte ich vor dem Einschlafen auch genau die Stimmen aus 
diesen Szenen. Es ist für mich nicht schwer, dies niederzuschreiben, da diese Szenen 
Tag und Nacht in meinem Kopfe herumwühlen, die Tagesphantasien sich fast 
ausschließlich auf diese Szenen beziehen, so daß ich infolge der jahrelangen Übung 
mir angewöhnt habe, diese Phantasien neben dem Denkprozeß auszuleben, 
wodurch das Denken bei mir sehr umständlich geworden ist, so ungefähr, daß ich einen 
kurzen Moment denke und dann eine Pause für die Phantasie einschalte; auch beim 
Gespräch ist das so, nur lerne ich mit der Zeit, mir diese Phantasien bewußt zu 
machen. Trotzdem gelingt es mir nicht, diese Phantasien abzureagieren. Seit ich es 
wa<*e, mir alles bewußt zu machen, sehe ich erst, wie bei mir in der Kindheit das 
satanische Inferno des Unterbewußtseins ausgebildet und das ganze seelische Leben 
aus allen Angeln gehoben wurde. 



240 



Sadismus und Masochismus. 



Katzen, denen ich den Penis zwischen die Pfoten steckte und die ich grausam 
quälte, was mir großen Spaß verursachte. Es ist mir nicht ganz klar, ob nicht 
die Beobachtung an Tieren (Hühner, Hunde, Hasen) sowie das Spielen mit 
den Katzen mich zuerst auf die Onanie gebracht hat. Auch das Melken hat 
mich schon frühzeitig aufgeregt, spielte auch in die Onaniephantasie hinein. 
Die Euter, an denen ich oft im Stalle saugte, stellten mir einen Phallus dar. 
Auch heute regen mich die Euter einer Kuh auf. Ich rege mich auch auf, 
wenn ich ein Kind an der Mutterbrust saugen sehe. (Ich bin nie gesäugt 
worden.) Oft sah ich zu (6 — 7), wie ein Stier auf die Kuh gelassen wurde. Ich 
bemerkte die Röte seines Gliedes und die Größe seiner Hoden. Mein Gefühl 
war rein sadistisch. Ich stellte mir vor, der Stier solle so stark sein, daß die 
Kuh von seinem Stoß zusammenbricht. (Ich habe auch in der Phantasie gigan- 
tische Hoden. Der Stierpenis ist für mich eine Idealgestalt. Die menschlichen 
Bewegungen beim Koitus erscheinen mir lächerlich, die der Tiere wunder- 
schön und natürlich.) Eine Tante sah einmal dem Belegen der Kuh zu und 
errötete dabei, was mich unendlich freute. 

In der Krankheit hatte man mit mir viel Mitleid und zeigte mir Liebe, 
so daß mir eine Tendenz zur Krankheit geblieben ist. Ich dachte mir oft: 
Wie schön ist es krank zu sein! 

Zwischen den Katzenspielen beschäftigte ich mich mit Mimi, mit meiner 
idealen Liebe. Ich nehme vorweg, daß sie mich im 11. Jahre zu einem Koitus 
animieren wollte. Sie war also keine Heilige. Aber ich brauchte ein Ideal und 
darum schreckte ich vor einem sexuellen Akt mit Mimi zurück. Es wäre mir 
wie eine Schändung vorgekommen. Ich stand damals schon unter dem Einfluß 
der Religion. Nun zurück zu meinen ersten Erlebnissen. Mit Fanny wieder- 
holte ich das Spiel. Wir rutschten oft Podex an Podex aneinander und uri- 
nierten zusammen in die Katzenschüssel und glaubten damals, ein Kind er- 
zeugen zu können 1 ). Sie war eine Freundin meiner Schwester, hatte ihr alles 
erzählt, weshalb mich meine Schwester auslachte. Das kränkte mich gewaltig 
und ich ließ Fanny von da ab links liegen. 

Besonders lustvoll war es, wenn mein Vater mich auf den Schoß nahm 
und ich mit ihm Extraspeisen essen durfte. Oft nahm er beim Haarschneiden 
meine Beine zwischen seine Schenkel. Ich mußte dann immer an seinen großen 
Penis denken, den ich wiederholt beim Urinieren gesehen habe (4 — 6). 

Ich war ein arger Bettnässer — bis zum 11. Jahre — und wurde des- 
halb oft gehänselt und verlacht. Es kränkte mich tief, da ich immer sehr 
ehrgeizig war, und es wurde zur Wurzel meines Minderwertigkeitsgefühles. 

Zwischen 7 und 8 sah ich älteren Burschen beim Onanieren zu und be- 
merkte zum ersten Male die Ejakulation, um die ich die Großen beneidete. In 
der Volksschule war ich der Beste und wurde oft belobt. Ich war leicht ver- 
stimmt und trotzig, wenn ich einen Mißerfolg hatte oder nicht genügend an- 
erkannt wurde. 

Eine deutliche Erinnerung (4 — 5): Ich laufe der Tante ins Bett nach 
und habe ungeheure Lust, an ihren Brustwarzen zu saugen, die ich mir groß 
wie die Euter einer Kuh vorstellte. Sie weist mich ab. 

Beim Onanieren mit anderen Kindern (und zwar inter pedes) wurde ich 
von einem Bruder meines Partners überrascht, der es meiner Schwester er- 
zählte, die mich wiederum auslachte. Vielleicht rührt davon mein Zwangs- 



*) Siehe den Fall von Havelock Ellis Nr. 16, S. 204. 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 241 

gedanke beim Koitus, daß jemand hereinkommt und mich überrascht. Ich 
selber habe auch den Wunsch, ein koitierendes Paar zu überraschen. 

Einmal, das war das erste Mal, überraschte ich die Eltern beim Koitus* 
der Vater saß und die Mutter ritt auf ihm. Ich habe gleich gewußt, daß es 
sich um einen Sexualakt handelt, hatte geglaubt, so etwas Verbotenes, Un- 
schönes könnte bei den Eltern nicht vorkommen. Es war etwas Abnormales 
wie bei meinen homosexuellen Spielen. 

Nachdem unser Haus abgebrannt war, mußten wir alle in einem gemein- 
samen Zimmer schlafen. Nun sah und belauschte ich die Eltern beim Koitus 
fast jede Nacht. Ich merkte mir folgende Worte: „Das Schmern (Speichel- 
fluß, vielleicht auch das Fließen des Spermas) tut mir so wohl." Ich habe 
beim Koitus Speichelfluß, ebenso bei jeder Aufregung, was vielleicht auf diese 
Worte zurückgeht. Ich beneidete die Mutter mehr als den Vater. Ich wollte 
sein Weib sein. Ich möchte bei jedem Koitus am liebsten auf dem Rücken 
liegen und das Weib spielen. 

Das waren leider nicht die einzigen Traumen, denen ich ausgesetzt war. 
Es gab eine große Fülle! 

Mein ältester Bruder spielte oft mit seinem Penis, den er mir zeigte 
und sagte, das sei ein Fischlein (im Bade). Er onanierte auch offen vor mir, 
was einen großen Eindruck auf mich machte. Es fehlte auch sorist nicht an 
Hinweisen auf meine Homosexualität. 

Ein Kollege, der mich sexuell sehr aufklärte, sagte scherzweise, mein 
Mund sei beim Pfeifen so wie der Anus eines Affen bei der Defäkation (10 
bis 11). Sehr unangenehm. Habe deshalb das Pfeifen aufgegeben. 

Ich beobachtete meinen Vater manchmal bei der Defäkation. Ich war 
enttäuscht. Ich hatte die Eltern sozusagen für Engel gehalten. 

Schon früh interessierte ich mich für die Hosen der Männer *), besonders 
in der Gesäßgegend, ob sie dort schön gefaltet ist oder schmutzig. Mein Vater 
gebrauchte den Ausdruck: da ziehts ihnen (den Männern) die Hose hinter 
A . . . hinauf (wenn sie abmagerten). Auch sonst sprach er gern skatologisch, 
besonders vom Defäzieren und machte sich über die „Winde" der Groß- 
mutter lustig. 

Ich stellte und stelle mir noch heute alle Menschen defäzierend vor. Die 
eigene Defäkation ist lustbetont und zuweilen von einer Erektion begleitet. Ich 
rieche bei jedem Menschen, schnuppere, ob er nicht nach Kot stinkt. Schon 
früh versuchte ich den Finger in den Anus zu stecken (7 — 8), ließ davon ab, 
weil ich es für eine große Sünde hielt. Beim Weibe muß ich oft an ihren 
Anus denken, was mir ekelhaft ist und die Potenz vermindert. Trotzdem spiele 
ich mit der Phantasie, den Frauen einen Anilingus zu machen und glaube, daß 
ich dergleichen auch in der Kindheit ausgeführt habe. 

Bald traten Angstgefühle auf. Ich benützte sie — wie gesagt — um zur 
Großmutter ins Bett zu kommen. Ich rief jämmerlich um Hilfe, wenn ich allein 
war. Ich hatte Angst, ermordet zu werden. Diese Angst ist mir bis zum sieb- 
zehnten Jahre geblieben. 

Der Aufenthalt im Bette der Großmutter wurde mir durch ihre nie auf- 
hörenden Flatusse verekelt. Der Vater nannte sie eine „Baßgeige". Merk- 
würdig! Wenn sie einen Flatus ließ, machte ich mir Vorwürfe. Ich wollte ihr 
auch Vorwürfe machen, aber ich traute mich nicht. Wenn es jetzt jemandem 
passiert, so erröte ich schuldbewußt, was wohl beweist, daß mich ein Flatus 



') Auch jetzt fallt mein erster Blick auf die „Hosentüre" und auf die Nates. 
Stekel, Störungen des Trieb- and Affektlebens. Vlll. <<■ 



242 Sadismus und Masochismus. 

sexuell aufregt. Mir passiert es nie mehr. Ich habe es mir ganz abgewöhnt. 
Vielleicht aus Angst, ausgelacht zu werden. Bei Anspielungen auf Winde werde 
ich rot. Ich muß aber gestehen, daß es in den früheren Kinderjahren für 
mich eine große Lust war (besonders im Bett), einen Flatus zu lassen und 
meinen eigenen Gestank zu riechen. Aber man machte mir Vorwürfe und so 
mußte ich auf den Genuß verzichten. 

Das erste Unrecht erlebte ich in der Volksschule. Ich wurde sehr gnt 
behandelt, nur der Oberlehrer schlug mich, weil ich der Sohn seines Feindes 
war. Mein Vater und mein Onkel waren seine Todfeinde. Beim Schlagen hatte 
ich einmal das Unglück, einen Flatus zu lassen und zum Gespött der Klasse 
zu werden, was mich tief schmerzte. 

Nun zu diesem Onkel! 

Mein Onkel Jakob, ein reicher Kaufmann, wollte mich, als ich 5 Jahre 
alt war, adoptieren, doch wollte ich kein Kaufmann werden 5 heute reut es 
mich sehr, daß ich nicht bei ihm blieb, er hat ein großes Geschäft und keine 
Kinder. Nachher adoptierte er nieioe Kusine. Ich bin sein Liebling und sein 
Stolz, doch verachte ich ihn jetzt wegen seiner sexuellen Abnormitäten a ). 

Wie ich 20 Jahre alt war, gingen wir gemeinsam auf Mädels aus. Die 
Tante, seine Frau, ist mir ein Greuel 2 ). 

Meine Schwester weihte mich in alle sexuellen Geheimnisse ein, ich 
konnte zusehen, wie Besucher sie auf den Heuboden zum Koitus mitnahmen. 
Sexuelle Attacken meinerseits wehrte sie damals empört ab. Es sei eine Sünde. 
Später befreundete ich mich mit ihrem Geliebten, der mir das Wesen der 
Onanie, des Spermas, Schwangerschaft etc. auseinanderlegte. 

Diese Schwester war mein sexuelles Ideal. Immer wieder versuchte ich, 
sie zu einem Koitus zu verleiten, was mir aber erst später gelingen sollte. 
Alle unsere Gespräche drehten sich immer um das Geschlechtliche, wobei sie 
sich kein Blatt vor den Mund nahm .... 

Mit 11 Jahren wurde ich in ein geistliches Kloster gesteckt. Ich weinte 
3 Wochen lang, aß nichts mehr, stellte mich dort recht dumm, um wegzu- 
kommen. Doch fürchtete ich mich vor dem Vater, der sagte, studieren sei besser 
als Mistfahren oder Brottragen, ich bekäme es sehr schön. Ich konnte nur ihm 
zu Liebe bleiben. Allmählich wurde ich durch den religiösen Drill pietistisch. 
Meine besondere Verehrung galt der himmlischen Mutter und dem Sakrament 
des Altares. Daheim studierte ich nichts, sondern dachte über „zu Hause" 
nach, meine sexuellen Erlebnisse drangen immer wieder ins Bewußtsein; ich 
fühlte mich schwer schuldbewußt, ging täglich beichten. 

In den ersten zwei Jahren meines Aufenthaltes im Institut hatte ich 
noch den Vorsatz ein Geistlicher zu werden. 

Die Zeit war für mich entsetzlich. Man sollte glauben, daß ich glücklich 
war, der Hölle im Hause entronnen zu sein. Aber man bedenke aueh, wie viel 
sexuelle Anregung ich daheim genossen hatte und wie ich an Vater und 
Schwester hing. Nun wollte ich rein sein und mich von allen schmutzigen 
Gedanken befreien. 

Die Beichten waren mir eine Qual. Ich glaubte unrein gebeichtet zu 
haben, ich fühlte, meine Reue sei nicht aufrichtig und hatte eine krankhafte 



') Habe wahrlich keinen Grund dazu, bei meiner eigenen polymorph-paraphilen 
Sexualität. 

*) Eifersucht infolge homosexueller Einstellung zum Onkel. 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 243 

Angst, irgend eine Sünde vergessen zu haben. Immer blickte ich um mich 
herum, ob ich nicht etwas verloren habe J ). 

Es war auch des Guten zuviel. Es wurde alle Tage kommuniziert. Täg- 
lich gab es viele Stunden Gebete und Messen in der Kirche. Z. B. wir wurden 
in finsterer Nacht geweckt und verweilten von 5 Uhr Morgens bis dreiviertel 
acht in der Kirche. Ich betete oft zum heiligen Aloisius von Gonzaga, weil 
er die Weiber verabscheut hatte. Seine Keuschheit wurde uns in begeisterten 
Worten angepriesen. Er batte in der Kirche einen eigenen Altar, vor dem 
ich oft stundenlange kniete und um Erlösung von meinen sündigen Gedanken 
flehte. 

Ich schwelgte in Christusphantasien und wollte ein Märtyrer werden. 
Ich bat um Kraft zur Keuschheit und um Lust zur Arbeit. 

Aber es nützte nichts. So wurde ich gegen Ende des ersten Jahres 
melancholisch, sah finster drein, auf Befragen der Vorgesetzten sagte ich, daß 
ich ein großer Sünder sei. Meine Einsicht freute sie. Ich bekam Kopfweh, 
das bis zur Pubertät anhielt. (Man gab mir dagegen Lebertran.) Außer der 
Musik freute mich nichts, ich stand in ständigem Kriege mit den Professoren, 
die mir täglich sagten, ich sei stinkfaul, ich könnte Glanzleistungen bieten, 
wenn ich wollte. Doch dazu interessierte mich die Schule zu wenig. Ich liebte 
den Musiklehrer, gestand ihm alles. Er bildete mich zum Dirigenten aus, 
unterrichtete mich in Gesang und Violine. 

Mit den Mitschülern hatte ich nichts Gemeinsames, ich verachtete sie; 
sie erschienen mir sehr dumm, weil sie so studieren mußten ; ich merkte mir 
schon bei dem Vortrag alles: manchmal versagte ich, weil ich nicht acht gab 
und iu der Schule onanierte; ich hatte keine Angst vor der Überraschung. 
Allmählich onanierte ich in der Schule immer mehr und, um mehr Zeit dazu 
zu haben, sagte ich, ich hätte Kopfweh. So tat ich */* Jahr lang in der 
Schule nichts und hatte Zeit zum Grübeln und Onanieren. Ich bekam rasendes 
Kopfweh, ich rannte wie ein Besessener herum. Die Mitschüler erklärten mich 
für verrückt. Die Musik aber freute mich und ich pflegte sie damals am 
meisten, wodurch ich wieder in Konflikt mit den Lehrern kam, die sagten, 
wenn ich beim Musizieren nicht Kopfweh habe, so könne ich auch studieren. 
Ich schrieb an ältere Studenten glühende Liebesbriefe, was streng verboten 
war. (Die Schüler mußten sich untereinander mit „Sie" betiteln.) Zu Ende 
des Jahres belobte mich der Fürsterzbischof für meine musikalischen Kennt- 
nisse. Ich freute mich, alle Professoren samt den Erzbischof zum Narren ge- 
halten zu haben. Ich wollte ja nur nach Hause, Bauer werden, dazu 
inszenierte ich die ganze Komödie. Ich arbeitete in den Ferien mit Vater in 
der Landwirtschaft und Bäckerei, nebenbei studierte ich für die Nachtrags- 
prüfung. Todmüde kam ich wieder ins Institut, die Prüfung ging zu meinem 
größten Erstaunen gut vorüber. Ich ließ mich vom Vater überreden, wieder 
ins Institut zu gehen. Wie ich diesen „Kasten" sah, ergriff" mich ein unge- 
heurer Ekel, auch Angst, ich dachte, wenn die Bude angezündet würde, dann 
wäre mein Leiden gar. Ich traute mich nicht, meinen Vorsatz auszuführen. 
Was sollte ich in der Schule, wenn ich mit allen Fasern an meiner Heimat 
hing? Wozu lernen, wenn Bauer sein so schön war. Innerlich kämpfte ich 
gegen den Wunsch der Großmutter, ich solle ein „geistlicher Herr" werden 2 ). 



') Die ewigo Seligkeit. 

2 ) Sadistische Schulung im geistlichen Institute: das Buch von den Märtyrern 
dieses war bei den geistlichen Lesungen mein liebstes! die „geistliche Lesung" war 

16* 



244 Sadismus und Masochismus. 

Ich näherte mich der Pubertät. Ich versuchte Keuschheit zu wahren, in- 
dem ich an mein Ideal Mimi dachte. Ich las damals Paul Kellers „Heimat" 
während der Messe in einem Gebetbuch versteckt. Die Lore identifizierte ich 
mit der heiligen Mimi, die für mich absolut die Gottesmutter war. (Wenn ich 
sie heute sehe, so fliehe ich. Ich will mir das Idealbild der Distanzliebe nicht 
zerstören lassen.) 

Doch auch dieses Ideal sollte ich heflecken. Nichts sollte mir rein und 
heilig bleiben. Mit 14 Jahren konnte ich der Versuchung nicht mehr wider- 
stehen und begann exzessiv zu onanieren. Ich onanierte ohne Unterlaß bis 
2 oder 3 Uhr morgens, immer auf dem Bauche liegend und einen Koitus 
imitierend. Ich dachte dabei an Mimi. Es gab nichts Heiliges mehr für mich. 
Aber ich hatte nicht genug. Ich onanierte auch während des Tages in den 
Aborten. Ich beichtete zwar und machte mir Selbstvorwürfe. Aber sie verblaßten. 
Eine große Erleichterung trat ein, als sich endlich die ersehnte Ejakulation 
einstellte. Das große Ereignis geschah im Abort, und mein erster Samen be- 
fruchtete die Abortschüssel. Ich fühlte mich erlöst und erleichtert. Nur ein 
Gedanke trübte meine Freude, endlich ein Mann zu sein. Der „Spiritual" 
hatte uns gelehrt, daß das Sperma aus dem Rückenmark komme und daß jede 
Abgabe einen Verlust an Lebenskraft bedeute. (Das glaubte ich leider bis zum 
21sten Jahre, bis ich Stekete Werk „Onanie und Homosexualität" las.) Ich 
glaubte später, alle meine Beschwerden wären die Folgen meiner Onanie. 

Nach den ersten Ejakulationen hörte das exzessive Onanieren auf. Ich 
hatte doch zeitweilig Ruhe. Die furchtbarste Zeit meines Lebens, die Zeit der 
sexuellen Entbehrung und des stärksten Kampfes war vorüber. Ich hatte zwar 
religiöse Konflikte, aber ich brachte auch in der Beichte vor, daß ich durch 
die Onanie die sexuellen Kräfte loswerden könnte. 

Nun folgten die verschiedenen guten Ratschläge und Warnungen. Mein 
Beichtvater sagte mir Verblödung voraus, ein Kollege, in den ich mich ver- 
liebte, glaubte konstatiert zu haben, daß mein Rückenmark ausgeronnen sei, 
der Arzt erklärte, ich hätte einen falschen Knochenwachs im Schädel (Degene- 
ration). 

Nun wußte ich nicht ein und aus. Ich dachte ernstlich daran, 
mich kastrieren zu lassen. Ich versuchte es wieder mit der Religion. Ich 
gelobte vor dem Allerheiligsten, vor der Jungfrau Maria nach jeder Beichte 
ewige Keuschheit und schon am nächsten Tage mußte ich wieder onanieren. 

Ich kämpfte mit Selbstmordideen. Ich wollte mich aufhängen und suchte 
jemanden, der mir dabei helfen sollte. Allein brachte ich die Energie nicht 
auf. Ich sah mich immer hängen und sah den Schmerz meines Vaters, der 
an meiner Leiche gelobte ein frommer Christ zu sein. Ich wollte um jeden 
Preis meinen Vater bekehren, um ihn von der Höllenpein zu retten. 

abends vor dem Schlafengehen. Besonders lusterregend war das Bild von der Kreuzigung 
der hl. Julia X das Kreuz für sie sah so aus, also waren die Füße auseinander ge- 
spreizt. 

Masochiatische Schule: ich wollte mir einen Riemen verschaffen, wie ihn die 
„Heiligen" trugen, mit Nägeln, um die Lenden unter dem Kleide getragen. Selbst- 
quälereien ersann ich alle Tage für mich, wenn es schon nicht anders ging, tat ich 
etwas, wodurch ich von meinen Kollegen verlacht wurde. 

Der Selbsterniedrigungstrieb ist heute noch sehr stark, vielleicht der stärkste 
Trieb und führt mich jetzt oft (unbewußt, äußerlich zum Schlüsse ungeheuer 
unangenehm empfunden) in Situationen, die jeden Menschen zum Lachen reizen. 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 245 

Endlich kamen die Ferien. Ich hatte Angst nach Hause zu fahren. Ich 
floh das Bild meiner Schwester, nach der ich ein sündhaft Begehren trug, 
und die als Mimi in meinen Onaniephantasien verhüllt auftrat, wie ich es 
später in der Analyse lernte. 

Ich floh hauptsächlich vor den Hunden des Vaters. Nun kommt meine 
größte Sünde. Bevor ich geflohen war — vielleicht weil man mich lieblos 
empfangen hatte? — vollzog ich zweimal den Verkehr mit einer Hündin des 
Vaters. Ich ejakulierte in ihre Vagina. Eigentlich hätte ich auf die Schweine 
größere Lust gehabt. Es kam aber nicht dazu, weil der Schweinestall zu offen 
dalag. Nach dem sodomitischen Akt fühlte ich Reue, Ekel vor mir selbst. 
Ich hatte ein drückendes Schuldbewußtsein. Ich kam mir wie der Auswurf 
der Menschheit vor. 

Nun trat eine Phobie auf. Ich mußte immer auf meinen Hosenschlitz 
sehen. Ich hatte Angst, unten wären Hundehaare und jedermann werde mein 
Laster erkennen. Ich mußte alle 5 Minuten nach meinem Hosenschlitz sehen. 
Das qualvolle Leiden dauerte ein halbes Jahr! 

Ich glaube, ich habe den Wunsch gehabt, die Hündin zu schwängern 
und Menschenhunde zu zeugen. Später wurde der Hund von meinem Bruder F. 
erschossen, weil er vom vielen Jungekriegen einen zu großen Bauch hatte. Ich 
bildete mir ein, man wisse von meinen Beziehungen zu dem Tier. Daraufhin 
wieder Depressionen und daheim ein schreckliches Minderwertigkeitsgefühl. 
Ich wollte nicht mehr in das Kloster zurückkehren. Ich konnte nicht mehr 
Geistlicher werden. Ich war ein Verworfener. Ich beschloß die geistliche Schule 
zu verlassen. 

Ich vergaß zu berichten, daß ich von schweren Schluckbeschwerden ge- 
plagt wurde. 

Die ersten Schluckbeschwerden traten im 12. Lebensjahre auf. Ich ging 
mit Mutter zu einem Spezialisten. Er erklärte mein Leiden für einen lächer- 
lichen Eigensinn. Dann gab er mir einen Brief an einen Primarius, worin unter 
anderen Worten die Bemerkung stand: „Knabe reich". Ich sagte zur Mutter, 
das sei nur eine Wurzerei und ging ungebessert nach Hause. Die Beschwerden 
verließen mich nicht mehr. Ich kann noch heute schwer Fleisch essen, ver- 
schlucke mich dabei, stoße es auf. Ich komme mir manchmal wie ein Wieder- 
käuer vor. Ich habe dann meine Beziehungen zu den Hündinnen fortgesetzt. 
Später versuchte ich mich an anderen Tieren ; das Melken war für mich 
immer lustbetont. Ich trank auch direkt aus den Zitzen, als wäre ich ein Kalb. 
Schon von klein auf sah ich auf den Podex der Leute, dachte mir sie 
defäzierend, die Lehrer taxierte ich nach ihrer Hose. Nur bei den Geistlichen 
sieht man den Podex nicht, worüber ich froh war, da ich bei ihnen von 
meiner Zwangsvorstellung befreit war. 

Im 4. Gymnasialjahre verliebte ich mich in eine Kusine, attackierte sie ; 
wie sie mir aber den Koitus erlaubte, sagte ich ihr, es sei besser und schöner, 
rein zu bleiben. Dabei dachte ich, ich könnte sie mit meinem mißbrauchten 
Penis irgendwie infizieren oder sie könnte junge Hunde kriegen. Ich habe 
beim Koitus immer Angst, das Weib zu schwängern; dies erscheint mir aber 
zugleich als höchste Lust! 

Ich spreche auch beim Koitus immer von der Schwängerung. 

Während meiner Abwesenheit vom Hause hatte ich konstant Angst, die 

Mutter könnte sterben, Vater werde alle erschlagen oder das Haus werde 

abbrennen und alle werden dabei umkommen; ich freute mich darauf der 

alleinige Besitzer zu werden. Als die Mutter einmal sterbenskrank darnieder 



246 Sadismus und Masochismus. 

lag, sagte sie im Fieber dem Vater: „Wenn schon die Russen kommen, 
wäre es besser gewesen, Du hättest damals deine Kinder erschossen." 
Er wollte nämlich dann nach Amerika flüchten. Das verstärkte meine Angst, 
ich bekam Abscheu vor dem Vater, ich wollte ihn ermorden. Seither 
weiß ich nicht recht, soll ich ihn lieben oder hassen. 

Von dieser Zeit ab hatte ich keinen Menschen mehr, den ich liebte! 
Ich vergesse den Gang zum Arzte in der stürmischen dunklen Nacht nicht 
mehr. Ein Hund war mein Begleiter; ich mußte 2 Stunden gehen, ich fluchte 
auf mein Sündenleben und bat Gott feierlich um das Leben meiner Mutter 
auf Kosten meiner Sexualität. 

Es war schon Krieg (1914). Nuu hörte ich auch auf Vater nicht mehr, 
wollte Kadett oder Lehrer werden, die Mütter aber überredete mich, ins In- 
stitut zu gehen. (Träume: es ist wieder Krieg.) 

Ich haßte alles, selbst rom Musiklehrer bekam icli täglich Rüffler, ich trotzte 
der Religion, entwertete sie und fand alles lächerlich. 

Ich trat im zweiten Semester aus der geistlichen Schule gegen den Willen 
des Vaters aus. Ich wollte nun nichts von den Meinen wissen und fristete 
ein kümmerliches Leben als Bettelstudeat. Nun hatte ich meine Freiheit, aber 
ich zahlte sie mit Entbehrung und Melancholie. Ich war immer traurig. Das 
weckte das Mitleid meiner Hausfrau. Sie ließ sich mein trauriges Schicksal 
erzählen. Ich beichtete ihr alles, sogar meine zoophilen Akte mit den Hunden. 
Sie bemitleidete mich wegen meiner Melancholie. 

Ich durfte dann — ihr Mann war beim Militär — zu ihr ins Bett. Der 
erste Eindruck vom Koitus *) war der des Ekels. Gefühl, wie wenn ich durch 
den Vaginalschleim beschmutzt würde, u. zw. mit einer Fäkalmasse. 

Meine Potenz war sehr schlecht, manchmal Ejaeulationes ante portas, 
trotzdem versuchte ich täglich 5 — 6mal zu koitieren, immer mit vor- 
zeitiger Ejakulation 2 ). Allmählich ging ich auf ihre 14jährige Tochter über, 
die mich mehr reizte; jedoch trieb mich mehr der Vorzug vor den anderen 
Studenten zu ihr. Manchmal war ich vor Mitternacht bei der Mutter und her- 
nach bei der Tochter. Ich hatte dann in der Früh ein sonderbares Gefühl, 
als hätte ich im Kopfe lauter Teig. Die Zimmerfrau war 40 Jahre alt und 
ein häßliches Weib, ich erlaubte mir allerhand Perversitäten, ich saugte an 
den Brüsten, nahm eine solche Stellung ein, daß ich den Penis in die Vagina 
gehen sah. 

Der Tochter mußte einmal ein Abortus gemacht werden, was mir für 
alle Zukunft Angst eintrieb: mein Bruder hatte nämlich schon mit 18 Jahren 
ein Kind. Mein Vater bläute ihn anständig durch und gab ihm deswegen die 
gemeinsten Schimpfworte. Das trieb mir Angst ein. 

Ich zitterte, der Vater könnte mein Verhältnis entdecken. Trotzdem trieb 

ich es sehr bunt. 

Auf Ferien : Koitus mit Vaters jüngster Schwester (einige Male). Da war 

die Potenz sehr schlecht (17 Va Jahr). 

Daraus großes Schuldgefühl, ich fuhr zur Tochter meiner Zimmerfrau, 
erzählte ihr dies und bat sie wegen der Untreue um Verzeihung. 
Ich fühlte mich wie ihr Bräutigam und als hätte ich ihr die Treue gebrochen. 
Auch nach dem Abortus hatte ich noch Verkehr mit ihr. 






') Es war der erste richtige Koitus mit einem Weib. 

3 ) Nachts ging das Koitieren leichter, weil die Phantasie Spielraum hatte, u. zw. 
dachte ich alles Mögliche (nicht Sexualität) durcheinander. 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 247 

Das Maß meiner Sünden war noch nicht voll. 

Ich kam wieder zurück und da erreichte ich mein lang ersehntes Ziel. 
Ich koitierte mit meiner Schwester, einmal normal, einmal 
a posteriori. Ich weiß nicht, ob ich erzählt habe, daß ich oft dabei war, wie 
sie mit Burschen auf den Heuboden ging. Das war schon sehr früh, als sie 
eigentlich noch ein Kind war. Damals hat sie meine Versuche abgewiesen, aber 
nun fügte sie sich gerne meinen Wünschen. 

Aber meine Reaktion war furchtbar. Ich wollte alles ungeschehen machen, 
das Haus anzünden, die ganze Familie und mich umbringen. Ich war von namen- 
loser Reue gefoltert. 

Es gab nur eine Möglichkeit. Ich wollte zum Militär und im Felde sterben 
oder geläutert und als Held zurückkommen. 

Zeit des Militärdienstes. 

Es kam anders als ich gehofft habe. Ich onanierte mehr als zu Hause. Ich 
hatte große Angst vor der Front und kehrte reuig zur Religion zurück. Ich 
beschloß, ein reiues Leben zu führen uud zeigte Abscheu vor allen Weibern. 
Es sollte nicht lange dauern. Ich wurde wie gewöhnlich rückfällig. Überhaupt 
das Militär ! Ich wurde dort bald mit allen Gemeinheiten des Lebens vertraut. 
Die Offiziere waren nicht besser als die Mannschaft und sprachen nur über 
sexuelle Schweinereien. Sehr peinlich waren mir die gemeinsamen Aborte. Ich 
hatte das Gefühl, daß die anderen mir zuschauen und meine Geräusche hören. 
Meine Polyurie verstärkte sich (homosexuelle Erregung!), sie fiel mir auf, weil 
ich oft gehindert war, hinaus zu gehen. Ein ukrainischer Lehrer wollte mich zur 
Homosexualität verführen. Ich lehnte ab. Abgehalten hat mich eigentlich nur der 
Gedanke, daß die anderen davon erfahren könnten. 

Ich rationalisierte das Aufsuchen des Bordells mit hygienischen Erwägungen. 
Ich glaubte, koitieren sei für die Gesundheit ebenso wichtig wie das Waschen. Ich 
muß sadistische Phantasien gehabt haben. Denn bei der Ejakulation biß ich die 
Zähne zusammen und ballte meine Fäuste. Die Oberschenkelmuskulatur streckte 
ich krampfhaft. Einmal bei einem Koitus a posteriori brachen die sadistischen 
Phantasien ins Bewußtsein. Ich wollte die Dirne mit dem Bajonett erstechen. 

Ich war erschrocken und kehrte wieder zur Onanie zurück 1 ). 

Ich hätte genügend Gelegenheit gehabt, mit anständigen Mädchen zu 
verkehren. Ich gab mir aber den Anschein eines unerfahrenen und tugendhaften 
Mannes. Ich wollte nicht schlecht erscheinen. Ich onanierte wieder exzessiv. Ich 
schämte mich mit den Mädchen spazieren zu gehen. Es sei eines Mannes unwürdig 
und man könnte vermuten, daß ich mit ihnen verkehre. 

Im Felde lag ich in einer kritischen Situation in einem Granattrichter. 
Die Granaten schlugen rechts und links von mir ein. Plötzlich sah ich 
mein Leben wie in einem Film an mir vorüberziehen. 



') Ich führe einige Onaniephantasien an: 1. Die Partnerin am Bette ange- 
bunden, auch an Händen und Füßen gefesselt, wie auf dem Operationsstuhl, die Füße 
und das Becken in Geburtsstellung. 

2. Die Partnerin (in dieser Stellung wünsche ich mir ausnahmsweise ein schönes 
junges Weib) mit den Händen an einen Baum gebunden, ich hebe mit beiden Händen 
das Becken hoch und koitiere sie; die Füße sollen dabei herabhängen. 

3. Masochistische Gelüste, die mir aber nicht erfüllt wurden: ein schweres 
starkes Weib vergewaltigt mich (Koitusphantasie, wenn die Partnerin über mir liegt), 
die Frauen haben aber keine Neigung dazu. 



248 Sadismus und Masochismus. 

Ich sollte mit meinen Leuten zu einem Graben vorgehen. Ich wußte, das 
wird mein Tod sein. Ich bereute meine Sünden und flehte zur Jungfrau Maria 
sie solle mich retten. 

Ich gelobte eine Wallfahrt und gelobte, daß ich Priester 
werden and meine Sexualität opfern wolle. 

Ich kam in den Graben und wurde schwer verwundet. Ein englisches 
Schrapnell riß meinen linken Oberschenkel auf. 

Ich kam ins Spital und mußte zirka ein halbes Jahr im Bette liegen. 

Ich enthielt mich von jeder Sexualität. Endlich kam ich auf Urlaub. Vor 
dem Studium grauste mir, obwohl ich zur Matura studieren sollte (Maturaträume). 
Durch meine Kusine lernte ich ihre Tante, eine junge blühende Frau kennen 
deren Mann im Felde stand. Alle meine guten Vorsätze waren mit einem Male 
vergessen ! Noch am selben Abend schlief ich bei ihr und hatte zum ersten Male 
einen regelrechten Genuß beim Koitus. (Ich vergöttere sie noch heute !) Manchmal 
bekam ich nachts Angst, ihr Mann könnte kommen, worauf ich keinen Koitus 
mehr ausführen konnte. Nach einer tollen Nacht (sechsmaliger Koitus !) bekam 
ich Balanitis. Die Schwester im Spitale sagte, ich bekäme durch mein Treiben 
Syphilis und zeigte mir einen Kranken mit Rückenmarkstumor. Der Arzt sagte, 
ich sei ein Schwein und werde elend zugrunde gehen. Daraufhin wurde ich total 
impotent und jede Anspielung auf Sexualität jagte mir Angst vor einem Rücken- 
markstumor ein. Meine Selbstvorwürfe verstärkten sich, als mir ein Mädl schrieb, 
daß sie von mir gravid sei. Sie ließ sieh, da ich nicht antwortete, einen Abortus 
einleiten. Ein Grund mehr, mich als jämmerlichen Sünder zu fühlen. 

Ich machte meine Matura und rückte zum Kader ein, wo ich ' sofort 
befördert wurde. Die Eindrücke des Krieges waren grauenhaft. Ich war Zeuge 
von bestialischen Morden, die Heimkehrer in einer Nacht ausführten. (Ich träume 
oft von diesen Bestialitäten.) Einige Tage darauf akquirierte ich im Bordell 
eine schwere Gonorrhöe. Der Oberst erklärte mich für ein dreckiges Schwein 
und schickte mich ins Spital. Ich bekam Hodenentzündung, Cystitis, Prostatitis. 
Die Prostatamassage war mir sehr angenehm, ich bekam dabei eine heftige 
Erektion. Zu gleicher Zeit stellte sich bei der Defäkation eine Erektion ein 1 ). 
Dann lag ich eine Zeit an Dysenterie darnieder. Die Behandlung der Geschlechts- 
krankheiten geschah im Masaenbetrieb, so daß man überall zuschauen konnte. Von 
den Offizieren hörte ich die niederträchtigsten Gemeinheiten über das Sexualleben. 
Dann mußte ich ungeheilt ins Feld gehen, aber meine Sexualität war ganz 
erloschen. (Die Gonorrhöe wurde erst ein Jahr später geheilt!) 

Universität. 

Gleich nach dem Umstürze ging ich an die Universität zum Studium der 
Medizin. Ich liebte es, in der Nähe von Leichen zu sein, jedoch 
störten mich Phantasien in der Arbeit. 

Im 2. Seriensemester untersuchte der Professor eine Tote 
auf das Hymen, sie war noch Jungfrau. Daraufhin ergriff ich 
die Flucht aus allen Hörsälen, konnte nicht mehr studieren. 
Bei der Prüfung in Histologie fiel ich durch, obwohl ich gut präpariert war. 
Der Professor sah mich lange an, worauf mir alle Gedanken stehen blieben und 
ich blutrot wurde; ich konnte nichts mehr sagen. Ich vertrage es nicht, 
wenn mir jemand ins Gesicht schaut 2 ). 



') Mobilisierung seiner homosexuellen Komponente. 
2 ) Böses Gewissen. 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 249 

Ich hatte verschiedene Verhältnisse , doch da die Potenz fortwährend 
schlechter wurde, verzichtete ich immer und begnügte mich mit der Onanie. 

Phantasien dabei : ich stellte mir alle bekannten weiblichen Personen der 
Reihe nach vor, und zwar von rückwärts, wie sie die Hose ausziehen. Ich 
phantasierte auch von allerlei aktuellen Begebenheiten. Tagsüber ging ich von 
Cafe zu Cafe, las die Zeitungen, rauchte, notierte allerlei Blödsinn in meinem 
Notizbuch. Ich habe einen Haufen solcher Bücher 1 ). 

In jedem Cafe bekam icb plötzlich Angstanfälle, Schweißausbruch, Schwindel, 
so daß ich aufstehen und weglaufen mußte. Ich wanderte den ganzen Tag zwischen 
Cafes und meiner Wohnung herum. Ich verstand mich nicht mehr. Ich wollte mir 
recht viel Wissenschaft aneignen und fand nicht die Ruhe zum Studium ; ich 
konnte nicht fünf Minuten sitzen bleiben. Ich mußte beim Studium jedes Wort 
sezieren, fand alles lächerlich ungenau, ich wollte immer mehr wissen: so 
vergällte ich mir das Studium 2 ). Das Zwangsdenken machte mir jede Arbeit 
unmöglich. Beim Studium fiel mir mittendrin die Heimat ein, meine Kollegen, 
ich mußto an allerlei Unangenehmes denken, dann störten mich sexuelle Gelüste 
z. B. wenn die Zimmerfrau herumging. Die Aufmerksamkeit auf den Anus 
vergrößerte sich. Auf der Straße sah ich allen Leuten auf den Podex, ich maß 
mich mit jedem, ob er größer oder kleiner als ich sei. Ich aß nichts mehr, Tag 
und Nacht verschwanden in nichts. Mein Kusin machte mich noch verzweifelter; 
er war ein Hypochonder. Ich hatte nur noch das Bewußtsein, daß ich total 
verrückt sei und der einzige Ausweg Selbstmord sei. Ich sprach auch mit 
niemandem mehr außer meinem Kusin. 

Ich kam auf die absonderlichsten Ideen. Ich dachte mir, ich könnte jedes 
Verbrechen begeben. Ich wollte um jeden Preis reich sein und wollte sogar 
Kassen erbrechen. Ich wollte Paris durch die Wasserleitung vergiften. Vom 
Hause erwartete ich ein Telegramm mit gräßlichen Nachrichten. Alle verbrannt, 
alle ermordet, alles durch Überschwemmung ertrunken. 

Jeden Tag nahm ich mir Selbstmord vor, hatte aber nicht den Mut dazu. 

Ich hatte die Manie, Bücher zu kaufen und verkaufen ; ich sah sie nur 
in Cafes etwas durch. Dabei kam ich auf Dr. Stekels Bücher, die ich durchlas, 
zuerst aus Neugierde ; dann sah ich erst, wie tief ieh im Blödsinn steckte. Ich 
war im Anfang der Paranoia. Ich versuchte, mich selbst zu analysieren; ich 
hatte nicht mehr die geistige Kraft, ich war den ganzen Tag todmüde und legte 
mich bei jeder Gelegenheit nieder, eine Sucht, die mir geblieben ist. Ich begann 
meine sexuellen Gelüste auf die häßliche Zimmerfrau zu konzentrieren. Ich stellte 
mir einen Koitus mit ihrem Pudel vor. Die Zeit verging rasend schnell; ich 
litt ständig an Geldnot, da ich sinnlos Bücher kaufte und das übrige verschenkte 
oder verlieh. 

Damals hatte ich ein Verhältnis mit einem Bauernmädl Gisela; die Potenz 
war sehr schlecht, ich wurde schnell erregt ; jedoch auch ebenso schnell verging 
das Feuer. Sie kam in die Hoffnung — ließ sich aber in Wien einen Abortus 
machen. Darnach Schluß des Verhältnisses. 

Ich knüpfte aber verschiedene neue Verhältnisse an und war immer 
eifersüchtig. 

Allmählich kam es mir vor, daß ich überall lächerlich gemacht, baga- 
tellisiert werde. 






1 ) Schein eines Studiums. 

*) Wieder nur Schein eines gründlichen Studiums, um das „Nichtstudierenwollen" 



zu maskieren. 



^J 




250 Sadismus und Masochismus. 

Ich merkte mein kindisches Benehmen, meine Energielosigkeit. Die Spielerei 
mit dem Studium wurde mir gefährlich, da die Zeit verging. 

Ich bekam Schmerzen in der Kreuzgegend. Allmählich wurde meine 
Nervosität immer größer, ich begann zu zittern, in die Universität getraute ich 
mich nicht mehr hinaus und ich schämte mich wegen der schlechten Prüfung 
(unmotiviert!). 

Wenn ich mit jemandem ging, hörte ich mit halbem Ohre zu, sagte ja 
oder nein, ließ ihn reden, oft wußte ich nicht, wenn er stundenlang sprach, was 
er gesagt hat. 

Manchmal zuckte ob durch meinen Kopf: Du hast weder die Wallfahrt 
gemacht, noch bist du Priester worden. Ich war wohl vier Monate im Spital 
abstinent, länger habe ich es nicht ausgehalten. Beim Onanieren stellte ich 
mir Verkehr mit der früheren Zimmerfrau und ihrer Tochter vor (Mutter- und 
Schwesterimago). 

Ich kam zur Zimmerfrau zurück. Aber es ekelte mich alles an und ich 
verließ die Wohnung. ^ 

Ich dachte darüber nach, wie ich mein Gelübde rückgängig machen könnte; 
Ich sprach mit einem Priester. Es läßt sich nicht rückgängig machen. Ich flüchtete 
mich in den Atheismus meines Vaters. 

Ich schlief bis zehn Uhr vormittags, wurde immer mehr deprimiert. Ich 
las Weininger ; das brachte mich noch mehr aus dem Geleise. Ich bekam Angst 
vor den Menschen. 

Ich kam mir ganz klein vor; darum hatte ich eine Zeitlang die Gewohnheit, 
mich nach jedem Menschen umzusehen, ob er um vieles größer sei wie ich. Ich 
wurde appetitlos, trank viel schwarzen Kaffee und rauchte riesig viel. Die 
Gedanken wurden allmählich verwirrter, ich stolperte über jedes zweite Wort, 
ich war nicht einmal mehr zum Schreiben fähig. 

Mein Kusin Franz, selbst ein Melancholiker, nahm mich auf einsamen 
Spaziergängen mit, wo wir meist gar nichts oder nur über zu Hause sprachen. 

Mit der Zeit interessierte mich gar nichts mehr. Meine Phantasietätigkeit ging 
ins Unermeßliche. Sexuell begnügte ich mich mit Onanie, wobei ich schreiend 
perverse Vorstellungen hatte — obwohl ich bei zwei reichen, hübschen Mädls in 
Gunst stand und mir keine Schwierigkeiten im Wege gestanden wären. 

Vorstellungen bei der Onanie: das Weib stellt die Füße gerade in die 
Höhe (Erzählungen meines Bruders Max) oder ich koitiere a posteriori ; starker 
Personenwechsel in der Onaniephantasie ! Meist ältere Frauen, einmal auch mit 
meiner Mutter. Jede, die mir gefiel, nahm ich in Gedanken her oder ich 
mache Kunni- und Anilingus. Oder: ich koitiere und sauge Milch aus den 
Brüsten. Am liebsten ist mir die Phantasie, daß mir das Weib recht schmeichelt. 
Oder: daß zwei Männer eine Frau koitieren. Da kamen mir sieben Bücher in 
die Hand, die alle Perversitäten enthalten — in Romanform. Die Bücher sind 
von einem Dr. phil. Neuhaus. Dadurch wurde ich „polymorph pervers". 

Mein Zustand verschlimmerte sieh von Tag zu Tag. Die Schwindelan- 
fälle im Zimmer wurden immer stärker, ich traute mich auch nicht auf die 
Gasse. Ich fühlte mich verfolgt, verspottet, verlacht, die Leute machten über 
mich Bemerkungen. Ich bezog alles auf mich. Ich lief ins Zimmer zurück 
und da war es noch schlimmer. Es trieb mich wieder fort, am liebsten in die 
Einsamkeit, in dunkle Straßen. Ich war unfähig einen vernünftigen Gedanken 
zu fassen. Ich fühlte wie der Wahnsinn seine Krallen nach mir ausstreckte. 

In dieser Not schrieb ich an Dr. Stekel , der mich an einen ihm be- 
kannten Arzt wies. Dieser riet mir, das Medizinstudiuni aufzugeben und Kauf- 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 251 

mann zu werden. Ich sah das Sinnlose dieses Rates ein und fühlte mich 
schlimmer wie zuvor. Was machen? Selbstmord? Ich war zu feige. Meine 
Lebenslust war zu stark. 

Eines Tages faßte ich impulsiv den Entschluß, zu Dr. Stekel zu fahren. 
Er war überbeschäftigt, ich hatte mich nicht angesagt. Aber er übergab mich 
einem tüchtigen Schüler, dem Dr. Dishoeck, der mich 2 Monate lang analy- 
sierte. Die Diagnose war nicht sicher. Aber mein Krankheitsbild entrollte .sich 
langsam und die furchtbaren Erkenntnisse meiner inneren Natur taten sich 
vor mir auf. Ich wurde mir meiner homosexuellen Komponente bewußt, ferner 
meiner Inzestphantasien, die sich auf die Mutter bezogen. Das Schwein war 
eine Imago der Mutter und der Ekel, den ich vor ihr hatte, verdeckte eine 
brennende Begierde, sie zu besitzen. War es bei der Schwester gelungen, so 
mußte es auch bei der Mutter gehen! Überdies haßte ich den Schwager, hatte 
Phantasien, alle zu töten, mit der Schwester allein zu leben, auch die Mutter 
zu erschlagen und dem Vater die Mutter zu ersetzen. Es war ein furchtbares 
Chaos krimineller Ideen, die in meinem Hirne tobten. Schließlich kamen auch 
hekrophile Tendenzen zum Vorschein. 

Ich hatte die ganze Zeit Fluchtreflexe. Ich wollte gesund werden und 
fürchtete zugleich die Erkenntnisse der Analyse. Ein Zufall kam mir zu Hilfe. 
Meine Wohnung wurde mir gekündigt, ich täuschte eine enorme Besserung vor 
und verließ Wien mit der Hoffnung, studieren zu können. Dr. Stekel hatte 
mir Heirat oder Abstinenz angeraten und mich vor jedem neuen Konflikte 
gewarnt. Hätte ich diesen Rat nur befolgt! 

Ich nahm mir vor, fleißig zu studieren, bald meinen Doktor zu machen, 
ein besserer Mensch zu werden und durch Analyse Unglückliche, wie ich es 
war, zu heilen. Ich wollte ein ärztlicher Priester werden. 

Aber ich merkte schnell, daß ich zu früh davon bin. Ich war wohl vor 
der totalen Verblödung gerettet, aber eine große Nervosität bestand weiter; 
die Erkenntnisse der Analyse schwammen an der Oberfläche und behinderten 
meinen Denkprozeß; es bestand immer noch ein Zwangsdenken. 

In dieser Zeit war ich wieder infiziert. Ich hatte Gonorrhöe. Ich empfand 
das unangenehm. Als ich jedoch geheilt war, wurde ich sehr deprimiert, 
denn ich wußte, daß ich mit meinem gesunden Penis doch nichts anfangen 
könne. 

Ein Verhältnis mit der Schwester meines Schwagers ward intimer und 
fester. Ich ließ mich von ihr etwas aushalten. Sie ist aber häßlich — 
ausnehmend häßlich, dumm und hysterisch. Ich weiß, daß ich mit dem Ver- 
hältnis eigentlich meinen Schwager meine, der ein hübscher Bursche ist. 
Trotzdem koitierte ich mit ihr, ließ sie zu mir auch nach M. kommen. Ich 
machte mit ihr den Koitus a posteriori oder Kunnilingus, saugte au den 
Brüsten. Es ekelte mich aber vor ihr. Ich habe ihr Hoffnungen gemacht auf 
eine Heirat, habe ihr aber meine Situation verschwiegen. Ich werde sie von 
mir abschrecken und ihr sagen, ich wäre ihr untreu geworden, hätte mich 
jetzt in Wien schwer infiziert; das gibt dann den Anlaß, daß ich mit ihr 

brechen kann. 

Aber bald soll ich in neue Konflikte kommen. Ich bin zu schwach ! Ich 

werde immer rückfällig. 

Ich kam zu einer Zimmerfrau, deren Tochter ich verehrte. Die Familien- 
verhältnisse sind so wie bei mir zu Hause. Das erhöhte meine innere Gereizt- 
heit. Mir erbarmte die Frau, ich wandte ihr mein Mitleid und Interesse zu. 
Sie ist 55 Jahre alt, hat 2 hübsche Töchter. 



252 Sadismus und Masochismus. 

Wir fanden uns, ich koitierte mit ihr, Ekel, schlechte Potenz, Bewußt- 
sein, daß dies ganz absurd sei. 

Anfänglich schämte ich mich, wieder zu Dr. Stekel zu kommeü, mein 
Ehrgeiz wehrte sich dagegen. 

Ich wußte nicht mehr, was ich anfangen sollte. Das Zwangsdenken ver- 
ging nicht. Ich dachte, vielleicht ist es besser, wenn ich überhaupt homosexuell 
würde. Doch wurde mir bei diesem Gedanken übel und schwindelig. Ich kam 
allmählich zur Anschauung, für mich gebe es keine Rettung, starke Selbst- 
mordgedanken treten auf. Ich sage mir, wenn die Analyse nicht gelingt, 
dann bin ich zum Selbstmord gezwungen. 

Schon die Anwesenheit dieser alten Frau brachte mich in Aufregung. 
Der Intellekt steht immer im Gegensatz zum Gemüt. Ich sage mir: die 
Mutter ist an ihre Schwestern fixiert, ist neuropathisch geworden, kümmert 
sich nicht besonders um mich. 

Der Vater lebt in der Vergangenheit, er steht überhaupt in keinem Ver- 
hältnisse zu uns Kindern, höchstens in dem der Abneigung. 

Das Verhältnis zwischen den Eltern hat sich verschlechtert, sie schlafen 
jetzt getrennt. 

Die Geschwister denken nicht an mich, sie haben auch recht, jedes soll 
für sich selbst sorgen. So stehe ich isoliert da, und muß doch immer nach 
Hause denken ; darin liegt das Schreckliche. 

Die Zeit vergeht, ich werde alt und bleibe immer derselbe Parapathiker, der 

immer zweifelt und verzweifelt, immer nörgelt und jammert, immer traurig ist. 

Ich träume aber von großer Energie und möchte meine Kraft für etwas 

Großes einsetzen können. Ich träume von einem schönen, reichen, lustigen 

Mädel. 

Aber ich habe keinen Willen, zum mindesten einen geteilten Willen. 
Seit der Analyse sehe ich meine Fehler und meine Situation 
genauer, ich erkenne, daß ich vor der Entscheidung meines Lebens 
stehe, aber mein Gemüt rührt das nicht, das läßt mich kalt; es er- 
schüttert mich nicht. 

^ Ich hatte eine Zeit, wo ich es als höchsten Triumph angesehen hätte, 
als Selbstmörder auf der Bahre zu liegen, von meinen Angehörigen beweint, 
von den Leuten bestaunt zu werden. 

Ich möchte von der Vergangenheit nichts mehr wissen, meine Ange- 
hörigen und Bekannten ohne Schwere verlassen können, meinen Doktor machen, 
arbeiten können, ein liebes Wesen erobern und in die Fremde ziehen wo 
mich niemand kennt und ich ein neues Leben beginnen könnte. Meine ganze 
Sehnsucht geht nach Liebe und Liebesgenuß, die unerfüllte Sehnsucht treibt 
mich in die Verzweiflung. 

Und dabei mache ich mir immer neue Konflikte. Das letzte Verhältnis 
mit der Zimmerfrau war besonders verhängnisvoll. Ich hatte schon in der 
Analyse gelernt. Ich sah, daß die Frau die Mutter-Imago war (auch Groß- 
mutter), ihre Töchter Schwestern waren, der Trunkenbold stand für meinen 
Vater. Alles wie zu Hause. Die Flucht aus der Wohnuna- half nur kurze Zeit. 
Ich kann lernen. Aber wie mühsam. Und am besten im Cafe". (Parapathisches 
Kompromiß nach Dr. Stekel.) Aber meine Analsexualität verstärkt sich. Ein 
Engländer und ein Holländer schlagen mir homosexuelle Verhältnisse vor. 
Ich lehne ab. Die Schluckbeschwerden steigern sich. Ich kann nicht essen. 
Nun mache ich mir das Studieren unmöglich. Das Angeschautwerden im 
Hörsaal ist mir peinlich. Ich kann in keine Vorlesung mehr gehen. 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 253 

In meiner Verzweiflung gehe ich zum Schulpsychiater 1 ), dem Prof essor N. 
Er verbietet mir das Rauchen, verschreibt mir zuerst Levikoschwachwasser, 
dann Brom. Alles für die Katz! Ich schreibe an Herrn Dr. Stekel. Entschluß, 
wenn er eine Behandlung abschlägt, sofort Selbstmord zu begehen. Ich will 
mir eine neue Analyse erzwingen. Er antwortet zustimmend. Aber erst nach 
den Ferien. In den Ferien halte ich es zu Hause nicht mehr aus, fahre nach 
einigen Tagen zu Verwandten und Bekannten. Nun verzögere ich die Abreise 
von einem Tag auf den anderen. Endlich fahre ich nach Wien und beginne 
Ende November Analyse bei Herrn Silberei- unter der Leitung Dr. Stekete. 

Meine zweite Analyse: 

Anfangs nehme ich eine feindselige, ablehnende Haltung ein. Ich iden- 
tifiziere ihn mit Prof. N. Nach und nach gewinne ich Vertrauen. Erst neue 
Erkenntnis über Zoophilie. Ich möchte ein Weib mit einer Tiervagina. Das 
Sauabstecben stellt für die Tötung der Mutter. Wir decken mit Hilfe Stekeh die 
innere Religiosität auf. Ich lese Paul Kellers „Heimat" und finde den Jugend- 
traum. Identifikation des Lehrers mit dem Vater. Nach 14 Tagen Analyse 
möchte ich den Weibern ins Gesicht schlagen. Sadistische Einstellung zu 
Frauen. Bestimmend für mein Sexualleben war der erste Kunnilingus mit 
Nachbars Mizzi. Dann vergehen 10 Tage, in denen wir nur Material sammeln. 
Widerstände. Silberer überläßt mir plötzlich die Führung in der Analyse. Um- 
stellung des Zwangsgedankens auf die Analyse; zeitweilig Selbstmordgedanken, 
Mißtrauen; die Analyse stockt; Versuch mit Assoziationen. Träume über die 
Nekrophilie; Massenmordszenen, die nicht gedeutet werden können. Bespre- 
chung der Übertragungsphänomene, ich entwerte seine Frau. Besprechung des 
Kastrationskomplexes. Selbstmord Silberers. Furchtbarer Eindruck dieses Selbst- 
mordes. Ich fühle mich schuldig, weil ich seine Frau entwertet habe. Ich 
komme endlich zu Dr. Stekel. 

Gebliebene Symptome: Polyurie; Angst vor Leichen; Brandstifterideen 
(Rauchen); Zwangsdenken nach Hause während des Studiums; Äugst vor den 
Blicken der Menschen ; Schluckbeschwerden ; feindliche Einstellung gegen das 
Weib; Schmerzen in Kreuz und Nacken. Wenn ich mit einem Menschen 
spreche, muß ich an seinen Anus denken (das ist das peinlichste Symptom). 
Ich kann nicht zuhause studieren. Appetitlosigkeit; kann nicht knapp neben 
Menschen sitzen. Haß gegen meine Familie; Gereiztheit." 

Patient schickt mir noch einige Ergänzungen dieses Berichtes: 

„Es zieht mich kolossal nach Hause, selbstverständlich, übertragen auf 
andere lassen sich die Auswirkungen der Phantasien schwer, da ist der kul- 
turell-religiöse Riegel vorgeschoben worden, da ich mich vom 11. — 16. Lebens- 
jahre zum Geistlichen ausbildete. Könnte ich mich sadistisch ausleben, so wäre 
ich gesünder; beim Eintritt ins Institut ging eine Invertierung des Sadismus 
vor sich, den ich früher ausleben konnte, und diese Invertierung machte mich 
zum Melancholiker, bis Jahresschluß des ersten Gymnasium-Jahres war ich ein 
vollkommener Melancholiker. Ich kam ganz verändert nach Hause. 

Einiges aus der Sadistenschule: im 14 Lebensjahre (Pubertät) begann 
ich auf einmal unter alle Betten, Stühle, Sessel, Diwans zu schauen — zwangs- 
mäßig — (suchte ich dort die Mutter, die sowieso in der Stube war. Iden- 
tifizierung mit dem Vater?). 



') Es war eine Folge meiner Judasparapathie. Ich wollte Dr. Stekel und seine 
Schule lächerlich machen, obwohl ich selbst die Analyse vorzeitig unterbrochen hatte. 



254 Sadismus und Masochismu6. 

Sauabstechen : alles Vieh stach mein Vater selbst ab ; beim Sauabstechen 
bekommt das Schwein zuerst einen Schlag mit einer Hacke auf die Stirne, 
dabei kracht es im Knochen: in dem Momente schoß mir in den Kopf, wenn 
jetzt der Vater anstatt des Schweins die Mutter träfe! (Angst). Die Mutter 
stand nebenbei, um das Blut dann aufzufangen." 

Die Haare genieren mich beim Koitus! alle Haare, Kopfhaare, Haare 
an der Vagina etc. 

Traum: ich sehe eine Leiche, nackt auf dem Boden liegend, kleine 
Figur (meine Mutter ist sehr klein), Geschlecht nicht erkennbar, ohne 
Haare, sowie man die Leichen in der Anatomie sieht. Ich fahre mit der 
Hand durchs Ohr ins Gehirn. 

Eigene sadistische Handlungen: ich riß den Säuglingen den Lutscher 
aus dem Munde, steckte ihnen denselben wieder in den Mund, solange, bis sie 
schrieen, dann lief ich davon. 

Einmal hackte ich einem Knaben mit einem Feuerwehrpickel auf 
den Kopf. 

Ich wollte meine Schwester auf dem Heuboden bei einem Spiele koitieren, 
sie ließ mich nicht, ich schlug sie auf Schenkel und Gesäß, große Befriedigung, 
so daß mir der Schaum auf die Lippen stieg. 

Beim Koitus drückte ich früher die Partnerin sehr stark auf den Bauch, 
worüber sich jede beschwerte. Ich möchte sie erdrosseln, halte mir die Hände 
während des Koitus frei, ich umarme sie nicht (bei Umarmung habe ich Angst). 
Ich balle gewöhnlich die Hunde zur Faust. Ich bemerkte vor zirka 1 Jahre, 
daß ich beim Koitus alles nachmache , was mein Vater tat, dieselben Worte, 
dieselben Handlungen usw., mir fällt auch immer der Koitus der Eltern ein, 
während ich koitiere. Ich konnte die Eltern jede Nacht sehen und hören. Ich 
kitzle die Partnerin; das Kitzeln tut aber, wie ich weiß, sehr weh. 

Persönlicher Verkehr: Vor der Analyse: Erröten, Stottern, es fiel mir 
das nicht mehr ein , was ich zu sagen hatte , daher gänzlicher llückzug aus 
der Öffentlichkeit. 

Wenn ich mit einem Manne spreche: ich fixiere ihn, wiederhole mir schnell 
das zu sagende, zuerst beiße ich ihm die Nase ab, dann schlage ich ihm die 
Zähne ein, dann stoße ich ihn auf die Brust, denke ich an seinen Penis, dann 
an seinen Anus — wenn ich dies im Geiste ausgeführt habe, seufze ich ein 
wenig und kann alles sprechen. 

Vor kurzem sagte mir ein Kollege, daß ich mit dem Augenlide zucke, 
wenn ich ihn treffe. Ich schlage nämlich (im Geiste) zuerst jeden nieder, 
bevor ich mit ihm spreche. Vielleicht ist dieses „Lid schlagen" ein körper- 
liches Symptom davon. Ich habe mir angewöhnt, alles bewußt geistig auszu- 
führen , was ich nicht verdrängen kann ; würde ich ihn nicht zuerst nieder- 
schlagen, so müßte ich beim Sprechen mit ihm stottern. 

Geistiges Ausleben des Sadismus beim Weibe: seit der Analyse kann 
ich es in der Nähe eines Weibes aushalten; nach dem Koitus freilich muß 
ich schnell davonlaufen. Wenn man bei seinem Mädchen ist, so erzählt man 
ihr Geschichten, macht sie lustig etc., ich quäle sie durch Fragen, in einem 
fort frage ich, ich kann ihr nichts erzählen. Kindheit: der Verkehr meines 
Vaters mit meiner Mutter beschränkt sich auf lästiges Anreden, Bespötteln, 
Erniedrigen. Sagte sie ihm ein liebes Wort, antwortete er mit einer dreckigen 
Gemeinheit. Uns Kindern hat er einen furchtbaren Haß und Ekel vor ihr 
eingeflößt. 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 255 

Im 16. Lebensjahre. Verhältnis mit einer 40jährigen Frau. Ich ließ sie 
sich ausziehen (ganz nackt), befahl ihr perverse Stellungen einzunehmen, 
koitierte, bis ich merkte, daß sie zum Genüsse kam, dann lachte ich sie 
aus und ließ sie mit ihrem Verlangen stehn. Sie war mein Probier- 
kaninchen ; wenn ich etwas ausgedacht hatte, was recht widerwärtig war, zwang 
ich sie es zu tun. 

Satan, Heiland, Menschheitsgolgatha. 

Ich und meine Geschwister nannten und nennen die Ehe der Eltern ein 
ewiges Kriegführen. Es ist merkwürdig, wenn ich von zu Haus träume , so 
träume ich es als Krieg, Maschinengewehre stelle ich da gegen meine Heimat 
auf, Reiter sind da, es brennt, Leichen gibts, es wird geschrieen. 

Meine Mutter schreckte uns Kinder mit dem wirklichen Kriege , sie 
sagte: Wenn ihr nicht brav seid, kommt der Krieg (hätten das alle Mütter 
gemacht, hätte es keinen Krieg gegeben !). Unglücklicherweise kam er wirklich. 

Bevor ich in die erste Linie kam , ungeheuere Angst. Dann vorgehen 
um 11 Uhr nachts — ich dachte sehr nach Hause, besonders an Vater, auf 
einmal Granaten und Maschinengewehrfeuer von allen Seiten. Ich werfe mich 
in ein Granatloch, da passierte etwas Merkwürdiges: das ganze Leben rollte 
sich wie im Film herunter, Auftreten von religiösen Gefühlen; völliges Ver- 
schwinden des hysterischen Konfliktes , geistiges Wohlbefinden (Realisierung 
der Angst, Verdrängung des Konfliktes). 

Dann gings vorwärts in eine Doliue (es war am Karst), in der Doline 
ein furchtbares Geschrei von Verwandeten, inmitten ein Massengrab, in einer 
Kaverne, wo Verwundete liegen, brennt es und explodiert Munition, alles 
rennt; tote Menschen und Tiere, Verwesungsgeruch. — Jetzt noch etwas 
Merkwürdigeres: ich sitze am Rande der Doline, Granaten schlagen um mich 
ein; ich bin ganz ruhig, sehe und höre mir alles an ■ — ohne Erbarmen, 
so wie man einem Kinofilm zuschaut — (Absorption des Sadismus). So geistes- 
gegenwärtig war ich, daß ich heute noch jedes Wort, jeden Schrei der Ver- 
wundeten weiß, ich jedes Detail beschreiben könnte (nur unangenehme Sachen 
vergißt man, also war mir das Zuschauen hier angenehm). Wie ein Satan 
schaute ich zu. Nach einiger Zeit gehe ich nach vorne, wo man mich sucht, 
ich hätte schneller nach vorne kommen sollen , da ich Zugskommaudant war. 

Im Graben steigt ich auf Leichen herum, alles ist voll von solchen. Der 
Verwesungsgeruch ist mir nicht unangenehm (Nekrophilie — davon später), 
teile Befehle aus, während alles den Kopf verloren hat, ich war so ruhig wie 
nie zuvor und ich es nie bin. Obwohl ganz neu angekommen, gehe ich mit 
Leuten auf den vordersten Punkt, ein Italiener, wie ich bei Scheinwerfer sehe, 
stellt sein Maschinengewehr auf meinen Kopf ein, ich schaue ihm noch ein 
wenig zu. Ich sage dieses einem Infanteristen und sage ihm, er soll hie und da 
spekulieren ; nächsten Tag früh liegt er mit einem Kopfschuß im Graben tot. 

Merkwürdig ist, daß ich mich nicht erinnern kann, was ich dann bis 
in der Früh getan habe, obwohl ich mich sonst an jede Kleinigkeit des Krieges 
erinnere. Ich habe meinen sadistischen Rausch ausgeschlafen, daher offenbar 
keine Erinnerung an die Nacht. 

Übertragungen: (wen ich liebe, den quäle ich). 

Ich sitze mit zwei sehr guten Freunden im Kaffeehaus. Mir fällt nichts 
ein zum Erzählen. Ich sehe einen an ; der Anblick eines menschlichen Körpers 
reizt mich, ärgert mich (Bewußtmachung der Phantasien seit der Analyse — 
früher Erröten, Zwangsersatzhandlungen, Zündhölzchen .abbrechen, Wasserglas 



256 Sadismus und Masochismus. 

umwerfen, Löffel hinunterwerfen, auf die Uhr sehen, an meinem Körper um- 
basteln, herumsucben), ich sehe die Nase meines Gegenübers : abbeißen, Ohren 
abreißen, während ich am Tische sitze fletsche ich mit den Zähnen (besser 
ist das, wenn niemand in der Nähe sitzt, meistens setze ich mich an einen 
Tisch allein). Ich kann dem Gespräche nicht folgen (mir die Zeit freihalten 
für die Übertragung). Manchmal mache ich das so, daß ich — auf welchem 
Wege das vor sich geht, weiß ich nicht — mein Gehirn zusammenpresse, so 
daß Kopfdruck entsteht, ein gedankenleerer Zustand, zur Ablenkung starre 
ich in eine Zeitung. Ich nehme den Gästen die Zeitungen weg (lese alle durch), 
wodurch ich sie in ihrer Kaffeehausandacht störe — ich sehe auf die Uhr — 
es fällt mir ein Grund zum Weggehen ein — große Angst — (vor der Ana- 
lyse Schwindel und Schwitzen, Lust mich auf die Leute zu stürzen), Verlegung 
der Angst auf den Ober, weil er so lange nicht zum Zahlen kommt, ich 
ärgere mich regelmäßig darüber, gebe ihm viel Trinkgeld, nachher ärgere ich 
mich, daß ich ihm soviel gegeben habe („soll ihn der Besitzer bezahlen"). 
Eiliges Hinausgehen, ich ärgere mich, daß mich die Leute angaffen, ich schlage 
zornig die Türe zu. Mir ist, als hätte ich auf dem Tische etwas vergessen. 
Auf der Straße starre ich die Leute an, um sie zu ärgern. Ich gehe in Win- 
dungen, so daß die Leute nicht ausweichen können, ich „dressiere" die Leute. 

Qual und Selbstquälerei lösen sich kontinuierlich ab, so daß Zwangs- 
denken, Zwangshandeln entsteht, bis mich der Schlaf vom Bewußtsein erlöst. 

Bevor ich einschlafe (hypnagog), kommt die echte Phantasie, die 
nicht zu vertreiben ist: ich sehe meinen Vater zu Hause, wie er 
auf die Mutter schimpft, ich sehe meine Mutter weinen, ich könnte 
mir nichts aufregenderes vorstellen als dieses Weinen der Mutter. 
Ich war schon l / a Jahr nicht zu Hause und werde auch nicht mehr nach 
Hause fahren. (Das Weinen der Mutter reizt mich sadistisch, Weinende könnte 
ich schlagen ; vor einigen Wochen fiel mir ein Mädel, mit dem ich ohne allen 
Grund „gebrochen" hatte [das tue ich gern], um den Hals und weinte und 
bat mich, wieder mit ihr zu gehen. Dabei bekam ich eine Erektion!!) Ich 
erlebe noch vor dem Einschlafen den ganzen „Wirbel" zu Hause, 
da ich weiß, daß es zwangsmäßig ohne das nicht geht, beschleunige 
ich das bewußt, indem ich es zeremoniell mir vorstelle. Das macht mir keine 
solche Qual, ich komme schneller zum Einschlafen. Ich springe noch einmal 
auf, ich habe vergessen, unters Bett zu sehen. Auch das tue ich zweimal 
zeremoniell; ich habe mich dem Zwange gefügt, ohne diese Handlung könnte 
ich 2 — 3 Stunden nicht einschlafen. (Ich habe es schon anders versucht, ich 
konnte einmal bis 4 Uhr nicht einschlafen, es kommt dann Lust zur Onanie.) 
Siehe sadistische Schule (Vater sucht unterm Bette die Mutter). Bezieht sich 
die Zeremonie darauf? Dann zweimal nachsehen, ob abgesperrt ist, und zere- 
moniell zweimal urinieren gehen, dann kann ich schnell einschlafen. 

Masochismus: Ich kann studieren, wenn es recht schwer geht, wenn ich 
wenig Zeit habe oder 10 Stunden hintereinander, das Studium ist durch 
hunderte blöde Einfälle gestört, ich rauche, renne wie ein Besessener hin und 
her, deklamiere die Zeilen herunter, schreibe alles auf, horche, ob mich niemand 
stört, trage einen Stoß Bücher herbei, schlage alles Zusammenhängende auf 
(dadurch wirds natürlich kompliziert). Ich sehe die Unsumme des zu Lernenden, 
das bedrückt mich, immer fällt mir ein, was könntest du sein (Arzt, ange- 
sehen, vermögend, mit einer schönen Frau), was bin ich, ein Schreiber, ein 
Mädchen für alles (Turnlehrer, Apotheker, Musiklehrer), muß von 7 Uhr früh 
bis 7 Uhr abends laufen, abmühen, muß mir von jedem Trottel, wenn er 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 257. 

nur eingeschriebenes Mitglied ist, alles mögliche sagen lassen, dann muß ich 
mir die Stunden zum Studium vom Schlaf abstehlen; nicht einen Sonntag habe 
ich für mich frei. 

Daß das Masoehismus ist, könnte man nicht so ohne weiteres glauben, 
aber ich habe jahrelang meinen Vater beobachtet, entweder quält er jemanden, 
oder er ist von quälenden Vorstellungen gepeinigt, immer unzufrieden, 14 Stunden 
arbeitend, obwohl es nicht nötig ist. 

So bin auch ich geworden. Ich habe mir die Stelle selbst gesucht — 
leider unterlag ich dem Zwange, dem inneren sadomasochistischen Triebe. 

Ein herrliches, fröhliches Leben könnte ich haben — der innere Trieb 
zur Selbstqual und Selbsterniedrigung hat mich auf den Platz geführt, wo 
ich hingehöre. 

Heuer im Juli werden es 6 Jahre, daß ich unnütz an der Univer- 
sität bin. Augenfällig ist von Anfang an mein Interesse für Psychiatrie ge- 
wesen, so pathologisch stark, daß man glauben könnte, ich sei nur wegen 
der Psychiatrie an die Hochschule gekommen. Ich habe jetzt auf einmal große 
Sehnsucht danach, meinen Vater zu sehen, ihn allein hier zu haben, mit ihm 
Frieden zu schließen. Es ist ein großer Anlaß dazu da: 6 Jahre war meine 
Mutter nervenkrank, in dieser Zeit war sie mit mir schwanger. Wer ist 
Schuld gewesen? Natürlich mein Vater! Ich halte mich nun an das Evangelium 
Ihrer Lehre und denke: 6 Jahre Rache, 6 Jahre habe ich die Leiden 
meiner Mutter auf mich genommen, der Vater war stark getroffen ; früher be- 
zahlte der Vater ihr keinen Arzt, für mich mußte er es ausgeben. Ich ver- 
spreche mir sehr viel für die Heilung von diesem Besuch! Wenn ich auch 
von meinem Leiden nichts erwähne, ihm keine Vorwürfe mache! Leider 
sprechen die Triebe anders als der Intellekt. Wenn es doch dann ein Ende hätte!" 

Ich schließe nun die Aufzeichnungen des Kranken, der uns ein 
furchtbares Bild von den Verhältnissen auf dem Lande entworfen hat. Wer 
könnte ihn wegen seiner Untaten verurteilen, wenn er die schrecklichen 
Jugendeindrücke berücksichtigt? Wie mußten die grauenhaften Szenen auf 
<?in kindliches Gemüt einwirken! 

Versuchen wir in das Krankheitsbild etwas Ordnung zu bringen. 

Die innere Zerrissenheit dieses Menschen resultiert aus vier ver- 
schiedenen Lebensplänen, die zugleich verschiedene Tendenzen ausdrücken. 

1. Ich werde Arzt. Ich erfülle den Wunsch des Vaters, der einen 
studierten Sohn haben will 1 ). Ich heirate eine reiche Bauerntochter und 
bin glänzend versorgt. Ich führe eine gute Ehe und erziehe meine Kinder 
zu ordentlichen Menschen. Dabei bin ich freisinnig und wohltätig. 

2. Ich werde Geistlicher und folge dem Imperativ der Groß- 
mutter. Ich büße alle meine Sünden durch ein tugendhaftes Leben. Ich 
bekehre meinen Vater zum Christentum. Ich bin absolut asketisch. 

3. Ich werde Bauer und lebe mit meiner Schwester. Ich erbe den 
Hof des Vaters, nachdem ich alle Rivalen aus der Welt geschafft habe. 

4. Ich werde Kaufmann (s. S. 242, Onkel Jakob). 



') Aus Trotz studiere ich nicht. Er soll keine Freude an mir erleben! 

Stekel, Störungen des Trieb- und Affektlebens. VIII. yj 



258 Sadismus und Masoehismüe. 

Diese differenten Ziele mußten zu einer inneren Unzufriedenheit mit 
jedem Berufe führen. Befaßte er sich mit der Medizin, so dachte er an 
die Arbeiten auf dem Lande. War er auf dem Lande, so machte er sich 
Vorwürfe, daß er seine Studien vernachlässige. Dazwischen kämpften die 
asketischen Tendenzen mit seiner übermächtigen Sexualität. 

Sein Leben aber war determiniert durch die furchtbaren Erlebnisse 
im Hause, besonders durch den Kampf zwischen Vater und Mutter. 

Aus diesen Aufzeichnungen erhalten wir ein deutliches Bild seiner 
Jugend. Wir sehen schaudernd die furchtbaren Szenen. Welche Fülle von 
Traumen! Der betrunkene Vater, der die Mutter sucht; der Koitus als 
Vergewaltigung; die Beschuldigung der Treulosigkeit der Mutter; der 
Wunsch der Mutter, ein Hund zu sein, um besser behandelt zu werden 
— das sind furchtbare Traumen, welche den Kranken aus dem Gleichge- 
wicht gebracht haben. 

Gedenken wir auch des zweimaligen Gelöbnisses der Abstinenz, welche 
wir als wichtigste Ursache seiner relativen Impotenz ansprechen müssen. 
Seine innere Religiosität kam in der Analyse bei Süberer zum Vorschein. 
Ich hatte Gelegenheit, den Patienten jede Woche zu sehen und das Traum- 
material zu überprüfen. Ich konnte immer wieder den starken inneren 
religiösen Komplex feststellen, während Patient den Atheisten spielte. 
Immer deutlicher trat von Woche zu Woche die „Christus-Parapathie" 
hervor. 

Als Grundlage der Parapathie und als Gegengewicht gegen seine 
Religiosität zeigte sich ein teils verhüllter, teils unverhüllter Sadismus! 
Aus einem Traume konnte ich nachweisen, daß er den Hof in Brand 
stecken wollte, um als der einzige mit der Schwester zurückzubleiben und 
den Hof zu erben. (Einmal hatte der Vater den abgebrannten Hof wieder 
aufgebaut.) Das Haus war ja hoch versichert und er würde das Geld ein- 
stecken. Die Tat mußte nur so geheim geschehen, daß der Brandstifter 
unentdeckt blieb. Auch Vergiftungsideen und offene Mordabsichten kamen 
zum Vorschein. Wahrlich dieser Mann trug eine Hölle in sich. 

Als stärkster Drang zeigte sich der Wunsch Bauer zu werden.. 
Seine Liebe zur Landwirtschaft war durch das Studium nicht ertötet 
worden. Im Gegenteil. In den Ferien arbeitete er wie ein Bauer und 
fühlte sich noch relativ am wohlsten dabei, während das Studium für 
ihn eine Quelle der Aufregungen und der Vorwürfe bildete. 

Ich bringe nun aus dem reichen Material eine Reihe von Geständ- 
nissen, welche uns die Psychogenese dieser schweren Parapathie noch 
klarer machen werden. 

Betrachten wir zuerst sein Verhältnis zu den Eltern. 

Er ist in seinen Vater verliebt und zu ihm homosexuell eingestellt. 
Natürlich — diese Einstellung ist eine bipolare: Liebe und Haß. Er ist klein,. 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 259 

der Vater ist ein Riese und herkulisch gebaut. Wir verstehen seine Zwangsvor- 
stellung, daß die Leute ihn wegen seiner Kleinheit auslachen und verachten. 
Er zeigt den Haß des Kleinen gegen den Großen. Er bewundert die Energie 
und den Geist seines Vaters. In seiner Gegenwart empfindet er Angst. Er 
kann ihm nicht in die Augen schauen, aber er fühlt sich doch in seiner 
Gegenwart glücklicher. Die maskuline starke Ausdünstung des Vaters, der Ge- 
ruch seiner Defäkation sind ihm augenehm. Der Vater raucht im Abort seine 
Pfeife. Er liebt es nach ihm hinauszugehen und sich an der Mischung von 
Tabak- und Stnhlgeruch zu ergötzen. Er verehrt den Phallus des Vaters. Ein 
Phallus erscheint ihm wanderschön, während der Anblick der weiblichen Geni- 
talien z. B. während der gynäkologischen Vorlesungen ihm ekelhaft ist. Das 
männliche Genitale regt ihn auf und weckt die Assoziation einer Fellatio 
(Speichelfluß !). Als Reaktion meldet sich die Angst, er könnte sich vergessen, 
dem Vater oder anderen Männern an die Hosen zu greifen, ihr Genitale in 
den Mund nehmen und daran saugen. Er sieht überall Ähnlichkeiten mit dem 
Vater und schafft sich an jedem Orte eine doppelte Vater-Imago. Ein Haß- 
objekt und eiu Liebesobjekt. Am weiblichen Genitale sind ihm besonders die 
Haare unangenehm, während das unbehaarte Genitale eines Mädchens keinen 
Ekel erregt. (Eine wichtige Wurzel liegt in der Zoopbilie. Das Genitale von 
Kuh, Pferd und Schwein ist nicht behaart.) Das Genitale seiner Mutter soll 
er nie gesehen haben. 

Die Haare erinnern ihn an das behaarte Genitale seines Vaters. Ein 
schöner Lockenschmuck imponiert ihm und erweckt seinen Neid. 

Über seine Einstellung zum Vater berichtet er brieflich nach der Analyse: 
„Von Jugend auf denke ich daran, was ich meinem Vater für die „in 
der sadistischen Schule" geschilderten Exzesse antun soll. Nun bin ich aber in 
dieser Angelegenheit immer auf Lust ohne Schuld eingestellt gewesen, zum 
Beispiel: wie könnte ich ihn besser quälen, als wenn ich ihm mitteilte, daß 
ich parapathisch krank bin und nicht studieren kann. Im 14. Lebensjahre hatte 
ich den Vorsatz, mich aufzuhängen, „damit er sieht, was er angerichtet hat". 
So verfaßte ich in den vielen Jahren immer neue Pläne, bis auf einmal etwas 
Gräßliches in meinem Bewußtsein aufstieg, nämlich — Ihnen darf ich das ja 
6agen — folgende Phantasie: mein Vater auf einer Bank angebunden, ich 
viviseziere ihn und sage ihm dabei jene Worte vor, die er meiner Mutter 
immer vorwirft (siehe sadistische Schule). So absurd, so greulich dies ist, diese 
Phantasie hat mich einmal sehr beschäftigt, wenn es auch ganz ausgeschlossen 
ist, daß so etwas sich noch ereignen könnte. Aber es läßt sich auch ein 
Mensch seelisch töten durch Gram! Ich füge dazu, was mir einfällt: 

Traum vor der Analyse : — ein Mann liegt am Boden, die musc. 
interossei sind bloßgelegt und Nerven, der Mann zittert am ganzen Körper, 
ich höre ihn schreien — (Erwachen — Schweiß — Große Angst — 
Herzklopfen). 

Am Seziertisch vor der Analyse — ich hatte Angst, so einen Moment, 
als ich dem Toten ins Gesicht blickte, kam mir vor, als machte er den Mund 
auf zum Beißen. (Die Toten zeigen in der Anatomie alle die Zähne.) 

Meiner Mutter gegenüber: Knieschlottern, wenn ich mit ihr allein bin, 
ich schaue sie nicht an, ich höre nur immer, während ich wegschaue von ihr. 
Mir war immer, wenn ich in ihrer Nähe war, als müßte icn mich über sie stürzen. 

Der Weiblichkeit gegenüber: ein schönes Weib ist sexuell wertlos für 
mich. Ein häßliches Weib paßt mir in allen Dingen mehr ; auch dem Sadismus : 

17* 



260 Sadismus und Masochismus. 

ich gehe zum Beispiel mit einem dicken Mädl durch die Stadt, die Leute 
schauen sie ob ihrer Fettleibigkeit an und sie merkt, daß sie ausgelacht wird, 
ich freue mich dann darüber. 

So oft ich studiere (und je länger ich studiere , um so ärger wirds) 
überfällt mich eine unbesclirei bliche Angst (vor dem Ende); es ist 
mir, als hätte ich noch etwas Schweres in der Zukunft zu erledigen, mit grauen 
Sorgen, die ich mir selbst mache und vergrößere , stehe ich früh auf. Die 
große Hemmung, dem Doktor entgegenzugehen, fertig zu machen, besteht noch 
und immer läuft es mir kalt über den Rücken — wenn ich an den Promo- 
tionstag denke , warum kann ich nicht genau angeben , ich meine , daß das 
dann die Zeit des Kampfes mit dem Vater wäre, die Entscheidungszeit, wie 
es eben die beiden Genannten machten, der eine knapp vor dem Doktor und 
der andere knapp nach dem Ingenieur. 

Ich weiß nicht, was ich tun soll, um diese übergroße Hemmung zu be- 
seitigen, ich möchte nicht gern wie die Gläubigen diesen Kampf auf das 
jüngste Gericht verschieben. Schließlich hat ohne Doktorat mein Leben keinen 
Sinn mehr, weil das Doktorat die symbolische Beendigung meiner jetzigen Ein- 
stellung zum Vater und die Selbständigkeitserklärung auch innerlich ist. Daß 
ich äußerlich jetzt selbständig bin, hat zwar eine Wirkung ausgeübt auf mich, 
die ich nicht erwartete und viel Parapathisches verdrängt und mich weit empor- 
gehoben, aber der Lebenskonflikt ist damit doch nicht beendet. Eine kolossale 
Sehnsucht nach innerem Erleben erfaßt mich und mein Abscheu vor meinen 
Trieben wird immer größer. 

Nun könnte man sagen , ich sei vom Vater weg , dem Kampf könnte 
ich ausweichen. Verhängnisvoll aber ist die Tatsache, daß die Aufeinander- 
schichtung des seelischen Lebens Übertragungen bedingt, wenn nicht der Trieb 
von der Urperson abgelöst wird. Ich stelle mich zu meinen Vorgesetzten hier 
gerade so ein, wie zu meinem Vater; natürlich verdecke ich das äußerlich durch 
überdeterminierte Freundlichkeit. 

Ich bin zur Anschauung gekommen, daß die sadistischen Triebe auf die 
Kranken und Toten in den Kliniken nur eine Verschiebung vom Professor 
(als Vaterimago) auf die Patienten erleiden, weil ich nur mit höchster Über- 
windung es über mich bringe, zum Professor hinzugehen und habe dadurch 
(durch diese Angst) 2 Semester verloren, weil ich es nicht über mich bringen 
konnte, zum Professor hinzugehen und ihn um die Anfangsunterschrift zu 
bitten. Innerlich ist diese Sache moralisch derart beladen, daß mein Vater bei 
jedem Abschied von zu Hause mir als letztes Wort immer das zurief: „Folge 
nur den Professoren und Lehrern, dann wirst du nicht fehlgehen!" Ich 
fürchte, daß darüber mein Leben vergehen wird, wenn ich nicht herausfinde, 
wie dies zu überwältigen ist. 

Anstatt dem Doktor entgegen, schraube ich meine Gedanken immer nach 
rückwärts. 

Masochismus: Zur Zeit der Inversion im Institute (11. — 16. Lebensjahr) 
machte ich Selbstbeschuldigungen, schrieb absichtlich schlechtere Arbeiten in 
der Schule, ich gefiel mir darin, unterwürfig zu sein, bis sich das so im Unter- 
bewußtsein festsetzte , daß ich mich in allen Handlungen lächerlich machte. 
Diesem Triebe, mich lächerlich zu machen, wäre ich bis zum Exzeß verfallen, 
wenn nicht das Militär gekommen wäre und manche Phantasien beziehen sich 
darauf, wie es wäre, wenn ich jetzt zum Hilfsarbeiter sinken würde, sogar 
mit Wollust ist diese Phantasie begleitet, vielleicht eine der gefährlichsten 
Seiten der Parapathie, ursprünglich aus der Tendenz: Knecht bei meinem 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 261 

Vater zu sein, was Sie mir zu meinem größten Erstaunen auf den Kopf zusagten 
ohne daß ich es noch klar wußte. Also diese beiden Pole leben in mir: 
Bauernknecht und Doktor der Medizin! Zwischen diesen beiden Polen werde 
ich hin und hergerissen. Dann stelle ich noch 2 Pole gegeneinander: 

1. Sadismus höchster Punkt: die Phantasie der Vivisektion des Vaters. 

2. Masochistische Höchstgrenze: ich sehe mich in der Phantasie aufge- 
bahrt, nachdem ich einen Selbstmord begangen habe. Vater, Mutter und Ge- 
schwister kommen zur Trauer, nun rollten sich dazu die Erlebnisse der sadisti- 
schen Schule herunter, als Vorwurf, daß „er" Schuld ist. Da kann ich über 
mich weinen , und wenn dieses Gefühl dahin ist , dann ärgere ich mich über 
mich selbst, daß ich nur so blöde Sachen phantasieren und daß ich mich selbst 
so quälen kann! 

Zur sadistischen Schule : ich bin eigentlich sehr streitsüchtig, doch lebe 
ich das vor oder nachher — wenn ich jene treffe — in der Phantasie aus ; 
in Wirklichkeit streite ich fast nie mit jemanden , sondern unterwerfe mich 
immer den Wünschen anderer, hiedurch wird meine Arbeitskraft jetzt von allen 
Seiten der Partei mißbraucht und wenn es so weitergeht, werde ich bald 
14- Arbeitsstunden haben. 

In vielen Kindern sehe ich hier im Hort dasselbe Übel heranwachsen, 
wieviel könnte ich da Gutes tun in ein paar Worten , wenn ich nicht noch 
selber blind wäre ! 

Wir werden schnell wieder einen Krieg haben, lieber Herr Doktor, ohne 
Pazifizierung der Geister gibt es keinen Frieden, ob der eine den Krieg in 
der Familie führt oder politisch in der Öffentlichkeit, sei es Klassenkampf, 
überall fließt Blut, wird das Blut in den Adern verderben. Sie werden be- 
greifen, daß ich mich nach innerem Frieden sehne, vorläufig kann ich wenig 
tun dafür , als soviel arbeiten , daß mir für Träumereien keine Zeit bleibt, 
aber das ist nur eine leichte Übertünchung und so ein Leben möchte doch 
auf die Dauer nicht erträglich sein, ohne Glück und wahre Liebe läßt sich 
nicht leben, ich schon gar nicht, weil ich , wenn auch nur ganz kurze Zeit, 
schon davon genossen habe." 

Auch zur Mutter hat er die gleiche bipolare Einstellung. Seine 
Geroutophilie geht auf die Fixierung an die Mutter und die Großmutter 
zurück, während seine deutliche Pädophilie sich auf Schwesterfixierung zurück- 
führen läßt. 

Die Tatsache eines Koitus mit der Schwester macht einen Beweis dieser 
Fixierung überflüssig. Unbekannt war dem Kranken, daß er auf die Schwester 
nicht verzichtet hatte und Phantasien ausspann, den Schwager zu töten, um 
wieder die Schwester zu erobern und mit ihr zu leben. Seine Angst ein Weib 
zu schwängern, läßt sich auf die Angst zurückführen, seine Schwester zu 
schwängern. Diese Angst war zur Zeit ihres Verkehres sehr stark. Auch be- 
schäftigten ihn Ideen, die Tiere könnten befruchtet werden und eine Miß- 
geburt gebären, welche seine Züge tragen würde. Diese Mißgeburt könnte auch 
jedes von ihm geschwängerte Weib gebären, da er durch den Verkehr mit 
Tieren selbst zum Tier geworden ist und sich mit einem Schweine identi- 
fiziert. Die Mutter wird gleichfalls mit einem Tiere identifiziert. Der Vater 
erscheint in den Träumen als Stier oder Büffel. 

In der ersten Analyse bei Dr. Dishoeck kam die Zoophilie nicht deutlich 
zum Vorschein. Patient brach die Analyse ab, weil er sich schämte, die Trag- 
weite seiner Zoophilie zu gestehen. 



262 Sadismus und Masochismus. 

Die Zoophilie liegt auf seiner Leitlinie zum Bauern und bedeutet auch 
Rückkehr zur Natur. Seine Analsexualität, auf die wir noch zu sprechen 
kommen werden, hängt zum Teil mit der Zoophilie zusammen. 

Als Gegensatz zum weiblichen Tier steht die Idealfigur des 
Weibes. Er hatte eine große Verehrung für Maria, der Madonnenkult war 
ihm etwas heiliges, er besuchte mit Andacht und Inbrunst alle Maiandachten. 
Vor der Vagina des unberührten Weibes hatte er keinen Ekel. Sie ist die 
reine und unbefleckte Jungfrau. Seine Mutter war für ihn eine Hure, weil er 
diesen Ausdruck oft vom Vater hörte. Die Idealfran hat eine enge Vagina. In 
solche Frauen verliebt er sich, ohne sie besitzen zu wollen. (Ein Beweis, seine 
Liebe zu Mimi.) 

Solche Frauen würde er nicht vergewaltigen, während er früher in Ver- 
gewaltigungsphantasien schwelgte. In der Phantasie war er dann groß und 
stark wie der Vater und kein Weib konnte sich seiner erwehren. Jetzt spielt 
er immer die passive Rolle. Er wird vergewaltigt. (Lust ohue Schuld!) Der 
innere Widerstand gegen die aktive Rolle (Gelöbnis!) ist so stark, daß er 
Schmerzen bei der Ejakulation empfindet. Trotzdem bricht die Aktivität zeit- 
weilig in seinen Phantasien durch. Er möchte jedes Weib tyrannisieren, es 
entwerten und lächerlich machen. Er möchte enorm potent sein, um ihnen zu 
imponieren und doch asketisch bleiben, um den „Ludern" zu zeigen, daß er 
sie entbehren kann. Er möchte die Weiber niederträchtig behandeln, quälen, 
ermorden, erwürgen, zerfleischen. Dabei die Gegensätze! Während er es als 
Entwürdigung betrachtet, mit einem Weibe intim zu sein, will er von den 
Frauen bewundert werden. Er fühlt sich wegen seiner Kleinheit und Häßlich- 
keit (die gar nicht besteht) von ihnen verachtet. Er möchte tausende hinter- 
einander erdrosseln. Er möchte eine Bartholomäusnacht für alle 
Frauen inszenieren. Die Zoophilie soll ihm beweisen, daß die Frauen über- 
flüssig sind. Beim Koitus hat er die Phantasie, das Weib zu Tode zu drücken. 
Er malt sich aus, daß er heiratet, und daß die Frau bei einem Eisenbahn- 
unglück zugrunde geht, so daß er wieder frei ist und ihr Geld hat. 

Auch Ideen die Frauen wie die Schweine abzuschlachten, kommen vor. 
Der Koitus ist von Angstgefühlen begleitet, weil er den Impuls fühlt, den 
Frauen an die Kehle zu fahren. 

Er hat deshalb immer das Gefühl eines Verbrechers. Er sieht sich auf 
der Gasse scheu um, geht am liebsten durch stille Gassen und zittert vor 
jedem Wachmann. Selbstverständlich reizt ihn alles Verbotene, daher auch 
der Ehebruch. Er will verheiratete Frauen entweder durch rohe Kraft ver- 
gewaltigen oder durch den Zauber seiner Erscheinung und Rede wehrlos 
machen. Er ist Narzißt und schwankt zwischen Minderwertigkeitsgefühl und 
Größenwahn. Bei seinen Phantasien versetzt er sich auch in die Rolle des 
Weibes. Beim Onanieren malt er sich die Gefühle aus, welche das vergewaltigte 
Weib empfinden muß. Auch bei der Erdrosselungsphantasie empfindet er sadi- 
stisch und masochistisch zugleich. 

Beim Koitus interessieren ihn jene Bewegungen, welche den 
Todeszuckungeu ähnlich sind. Im Gegensatz zu den Vergewaltigungs- 
phantasien steht die Tatsache, daß seine Potenz schwindet, wenn sich die 
Frauen bewegen. Sie müssen dabei ganz ruhig bleiben, blaß werden und einer 
Leiche gleichen. 

Damit kommen wir auf seine nekrophilen Phantasien, die zu einem 
ganzen System ausgebaut sind. Die unbewegliche Frau repräsentiert eine 
Leiche und ein Tier. Das weibliche Tier bleibt beim Koitus ganz ruhig. Die 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 263 

häßliche Frau, die eine solche Anziehungskraft auf ihn ausübt, stellt auch 
eine Kombination von Leiche und Tier dar. Leichen sind häßlich. 

Zoophilie und Nekrophilie sieht er als seine häßlichsten Laster an. Er 
fürchtet, sein Vater und seine Brüder wüßten darum. Wäre dies der Fall, so 
müßte er sie umbringen, um die Mitwisser aus der Welt zu schaffen. 
Interessant sind seine zoophilen Onaniephantasien: 
„Ich komme mit einem Hund in ein Zimmer, wo die Schwester ist. Ich 
reiße ihr alle Kleider vom Leibe. Dann muß sie sich über die Bettkante legen, 
der Hund macht ihr zuerst den Anilingus, während ich sie schlage. Dann 
koitiert er sie. Ich schreie dabei unflätige derbsexuelle Worte. Oder ich koitiere 
sie in anum, ich liege am Rücken ; per vaginam koitiert sie oben der Hund. 
Hernach muß sie meinen Penis in den Mund nehmen und mein Sperma und 
meinen Urin trinken. Ich sitze dabei auf einem Sessel." 

Die Kloake niederer Tiere interessiert ihn sehr. Er schwärmt von einer 
Verbindung zwischen Anus und Vagina. Als Belege bringe ich hier zwei Träume : 
Z. F. und eine galizische Jüdin spielen mit mir und einem Herrn 
(den ich nicht sehe). Wir ziehen sie langsam aus. Ich ziehe Z. F. auf 
meinen Schoß und lasse sie dann über meinen ganzen Körper rutschen. 
Ich betrachte ihre Vagina, die eine Kombination aus Anus und Vagina 
darstellt. Sie riecht so wie der Bettdunst eines alten Weibes oder Fäkal- 
und Vaginalgeruch zusammen. Ich bin dann im Freien. Ein Fuchs fängt 
durch ein Mausloch ein Tier, das in der Luft zerspritzt. 

In diesem Traume sind beide Ausgaben der Weiblichkeit durch Z. F. 
und die galizische Jüdin dargestellt. Z. F. ist eine Jungfrau. Er entkleidet sie. 
Er beschmutzt sie — sie ist das Symbol der heiligen Jungfrau, die er be- 
schmutzt hat. Eine galizische Jüdin zu beflecken, das wäre keine Sünde. Aber 
die läßt er im Traume unberührt. Deutlich tritt die Kloakenphantasie hervor. 
Sie ist der Mutterleibsphantasie entsprungen. Er ist der Fuchs, der im Maus- 
loch (Vagina) den Penis des Vaters in dem Momente auffängt, als er den 
Samen ausspritzt. 

Mutterleibsphantasien kommen auch in anderen Träumen vor, ebenso der 
Kastrationskomplex, der aktiv und passiv auftritt. 

Immer erscheinen das Heilige und das Gemeine zu eiuem Symbol ver- 
dichtet. Das Weib ist ihm Heilige und Dirne zugleich. Die Entwertung der 
Frau tritt im nächsten Traume deutlich hervor: 

Ein starker Blasendrang weckt mich. 

Ich habe geträumt: Marie hat sich das Schlüsselbein ausgerenkt. 
(Ihr Vater anwesend.) Der Marie hängt der Haarschopf auf das Gesäß 
herab. Ich wundere mich, daß sie soviel Haare hat. Sie sitzt auf einer 
Bank, den Rücken mir zugewendet; ich bewundere den breiten Rücken, 
die Kreuzgegend und den großen Podex. Dann wird sie untersucht. Sie 
hat eine große Vagina wie eine Kuh. Das Schloß ist schon durch- 
gebrochen; sie ist vor der Geburt. Ich sage ihr: „Wie du meiner 
Schwester ähnlich siehst, nur dicker und größer bist du!" Dann bin ich 
auf einem Getreidefuder. Ein dicker Stempen ist dort aufgestellt, wo 
mein Bruder H. allerhand obszöne Worte hingeschrieben hat: Fud, 
Fudleckerl etc. Dann kommt meine Schwester Marie und ißt Suppe. Ich 
sage: Zähne hat Marie schönere. Ein kleiner Hund läuft herum, der 
der Marie gehört. Ich denke: Der ist aber gar nicht mehr gewachsen, 
der hat Schnaps bekommen. Unser Hund ist größer geworden. 



264 Sadismus und Masochismue. 

Marie steht hier in doppelter Bedeutung. Für die Schwester Marie und 
für die heilige Maria. Seine große Sünde war, daß seine satanische Tendenz 
sich so äußerte, daß er die Gottheiten als Menschen mit menschlichen Funk- 
tionen betrachtete. Die Entheiligung der Mutter führte zur Entheiligung der 
Mutter Gottes. Ihm war gar nichts mehr heilig. Die Identifizierung der Mutter 
mit einer Kuh ist sehr deutlich. Marie ist hier entjungfert. Sein Bruder steht 
für seine satanische und blasphemische Tendenz. Der kleine Hund ist er. Er 
grollt dem Vater, weil er Trinker war und Syphilis gehabt hat. Deshalb ist 
er degeneriert und hat einen kleinen Penis, während der Vater ein Riese ist 
und einen großen Phallus hat. Er ist wie der kleine Hund an seine Schwester 
fixiert. 

Sein erotisches Interesse für den Hinterteil tritt in vielen anderen 
Träumen hervor. Er sieht jedem Menschen auf den Hinterteil. Hose und Anus 
sind seine wichtigsten erogenen Zonen. 

Man beachte die folgenden Träume: 

Ich bin in N. und schreibe dort auf, was die Leute Brot schuldig 
siud. Ich bin froh, daß ich mit dem Studium fertig bin. Ein kleines 
Mädchen ist da mit einem großen Podex, ich glaube es ist Schwester 
Marie. Ich weiß aber, daß ich gar nicht zusammenrechnen kann, weil 
ich Vaters Bücher nicht mit habe. Ich gehe heraus; es liegen Fäzes 
am Boden, ganz gelb, die angenehm riechen. Vor dem A . . . haus: ich 
ärgere mich über die schlechte Wirtschaft und denke, man könnte doch 
die Löcher (in der Straße) mit den Fäzes verstopfen und den Boden 
ebnen, Gräben machen und entwässern. Das Zusammenrechnen kommt 
mir wie eine Matura vor. 

Wir sehen, er ist wieder Bauer und in der Bäckerei seines Vaters be- 
schäftigt. Der Traum ist vom Gewissen diktiert. Er kann seine Sünden nicht 
aufzählen, so zahllos sind sie. Und jedes Loch will er mit neuem Schmutz aus- 
füllen. Statt besser wird er immer schmutziger. Der Anus und die Fäzes be- 
deuten ihm Symbole des Satans und des Bösen. Die letzte Prüfung am jüngsten 
Tag (Matura) wird er sehr schlecht bestehen .... 

Stuhl und Urin sind ihm die wichtigsten Materien. Er hängt an der 
Anal- und Urinsexualität. Wir wissen ja, daß er ein arger Enuretiker war. 
Nun arrangiert er sich eine Polyurie durch Wassertrinken und andere Hilfs- 
mittel. 

Er schreibt über seine Urinsexualität: 

„Die Polyurie löste die Enuresis ab. Der Übergang von Euuresis auf 
die Polyurie war vom 12. auf das 13. Lebensjahr. Durch die Enuresis war 
ich täglich früh ein Objekt des Gespöttes für meine Geschwister und die Dienst- 
boten sowie andere, die davon wußten, zumal der nasse, ammoniakalisch rie- 
chende Strohsack täglich an die Sonne oder an den Ofen zum Trocknen gelegt 
werden mußte. Das Bettnässen erfolgte gewöhnlich kurz vor dem Erwachen. 
Außerdem stand ich nachts nach dem Bettnässen noch auf zum Urinieren. Ich 
hatte entweder Angst oder lustbetonte Träume. Die gewöhnliche Angst beim 
Einschlafen war die, daß der Vater der Mutter etwas antue. Daß ich mit den 
Geschwistern schlafen mußte, war mir unangenehm und peinlich. 

Die Abgewöhnung im Institute erfolgte durch ßeparierung des Schlaf- 
raumes, den ich mit anderen Bettnässern teilen mußte. Abends mußten wir 
kalte Fußbäder nehmen. Mein Ehrgeiz war sehr gekränkt, weil ich dadurch 
von den anderen als minderwertig angesehen wurde. Man war auch niit der 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 265 

Zeit Sekkatureu seitens der Vorgesetzten ausgesetzt. Ick beschloß, die Enuresis 
zu überwinden. 

Dafür trat die Polyurie und damit fast gleichzeitig die Onanie auf. Zeit- 
weilig wurde sie mir lästig, aber im ganzen war viel Lust dabei, weil icli 
einen Blitzableiter für unangenehme Gedanken damit hatte, sowie es auch für 
den neurasthenischen Beschäftigungsdrang gut war. Außerdem ist das Urinieren 
stark lustbetont. Es ersetzt mir nach dem frustranen Koitus die Ejakulation, 
wonach die Erektion aufhört. Während des Koitus und schon bei Beginn der 
Erektion setzt verstärkter Harndrang ein, so daß ich dabei oft an das Urinieren 
denken muß. Das Lustgefühl ist daher das gleiche wie beim Urinieren und 
in letzterer Zeit (seit zirka 4 Jahren) dauerte der Koitus auch nicht länger als 
der Akt des Uriniereus. 

Parfüm mit aramoniakalischem Beigeruch empfinde ich sehr angenehm, 
sowie auch der Bettdunst nach dem Bettnässen unter der Tuchent angenehm 
war. Eine Zeit lang konnte ich im Pissoir nicht urinieren, wenn einer neben 
mir war oder gar mir zusah (bei der Gonorrhöebehandlung). 

Ich wäre auf die Polyurie, d. h. daß sie krankhaft ist, nicht aufmerksam 
geworden, wenn nicht Dr. v. Dishoeck mich darnach gefragt hätte. Damals 
urinierte ich jede halbe Stunde. Nachts mußte ich 2 — 3mal aufstehen. Jetzt 
gehe ich alle l l U Stunden urinieren, nachts stehe ich selten auf, außer ich 
schlafe mit einer Erektion oder sehr erregt ein. Ich nehme große Flüssigkeits- 
mengen auf, die zumindest Herz- und vasomotorische Störungen hervorrufen 
mußten. Der Urin wurde untersucht; Befund negativ. Blase gonokokkenfrei, 
Epithelabsonderung. Zur Zeit starker Einspritzungen konnte ich den Urin einen 
ganzen Vormittag ohne Beschwerden halten. 

Die Polyurie bestand schon vor der Gonorrhöe. Man sagte mir hei der 
Infektion: „Hättest du gleich nach dem Koitus uriniert, hättest du die Gono- 
kokken hinausgespült." Beim Stehen, das mir unangenehm ist, halte ich eine 
Stellung wie zum urinieren ein. Setzt die Polyurie aus, dann habe ich das 
Gefühl des Trockeuseins. Beim Sitzen richte ich meine Aufmerksamkeit auf 
Blase, Harnröhre sowie Penis; der konstante Harndruck dabei ist begleitet 
von Angst in den Füßen. Ich weiß jetzt, daß das Urinieren mir Lust bereitet 
und nur eine Form des psychosexuellen Infantilismus ist. Ich beobachte auch 
gerne das Urinieren der Tiere, besonders der Hunde auf der Straße. 

Sehe ich aber einen Hund defäzieren, so ist es mir sehr peinlich. Ich 
sehe Tiere gehen, ich muß unwillkürlich auf den Anus schauen. Sehe ich 
Menschen gehen, so dreht sich mein Denken um ihre Defäkation. Der Volks- 
spruch: „Scheißt auch keinen besseren Dreck als du", liegt mir immer im Kopfe. 

Wenn ich ans Sitzen denke, so ist der Ausdruck: auf seinem Loche 
(Anus) sitzen bleiben, im Gedanken. 

Alles Lebende stinkt . . . Alle Menschen sind mir zu unvollkommen, ich 
sehe in jedem das Niedrige und Gemeine, manchmal fürchte ich alle Menschen 
und kann ihnen nicht nahe treten, alles flößt mir dann Angst ein. Besonders 
die Professoren der Universität. Sieht mich einer an, so bin ich wie hypnoti- 
siert, ich vergesse sogar, was ich sagen wollte. So ging es mir früher in 
Geschäften, wenn ich etwas kaufen sollte. 

Mir kommt vor, ich habe in meinem Leben noch nie wirklich aus vollem 
Herzen gelacht, war nie fröhlich. Waren die anderen fröhlich, wurde ich 
traurig, mich ekelte das Benehmen der anderen an und alles kam mir dumm 
und sinnlos vor. Seit der ersten Analyse eine merkwürdige Gleichgültigkeit 
gegen alles, es erregt mich nur, was mich betrifft. 



266 Sadismus und Masochismus. 

Pessimismus, Unlust zur Sexualität, Abstinenz. 

Besonders ärgert mich meine Energielosigkeit in allen Dingen ; ich 
komme mir kühl wie ein Fisch vor. Ich sage mir oft Trottel, Schwein, Hund ! 
Bin sehr unzufrieden mit mir, ich möchte mit aller Energie au etwas arbeiten 
können, da ich ungeheuer ehrgeizig bin. 

Ich kann aber weder arbeiten noch sparen. Ich hatte lange Zeit die Idee, 
furchtbar reich zu werden, meine Angehörigen alle zu Milliardären zumachen. 

Jedoch wird ein Vorsatz vom anderen abgelöst." 

In dieser Aufzeichnung ist interessant, daß er vom Analkomplex über 
einen großen Umweg zum Geldkomplex kommt und auch von seinem Geiz 
erzählt. Die Entwertung der Menschen geht bei ihm so vor sich, daß er sich 
vorstellt, die Menschen müßten auch defäzieren und urinieren. Der Abort ist 
für ihn der Platz des Gemeinsamen, der Ort, wohin auch der Kaiser zo 
Fuß geht. 

Auch die Gottheiten wurden durch die Vorstellung der Defäkation ent- 
heiligt. Später Angst wegen blasphemischer Gedanken uud Furcht, erkannt 
und durchschaut zu werden, was sich als Angst vor den Professoren äußerte. 

Diese Analphantasien sind jetzt Zwangsvorstellungen. Auch beim Sitzen 
muß er immer daran denken, daß er auf seinem Podex sitzt und hat das 
gleiche Lustgefühl, wie wenn er auf der Straße den Hinterteil von Männern 
und Frauen betrachtet. Er sagt darüber: „Der Anus ist mein erotischer Brenn- 
punkt. Meine Lustkräfte vereinen sich in diesem Punkte." Dabei erregt ihn 
die Bewegung der Nates sadistisch. 

Er bringt dann einige Erinnerungen, welche die Entstehung seines Sa- 
dismus und den Zusammenhang mit Schlägen beleuchten. 

Erinnerung aus dem 10. Lebensjahr: „Ich laufe bei der Getreideernte 
davon, weil ich Kinder mit einem Papierdrachen sehe (FJugtrüume?). Vater, 
Mutter und Geschwister schreien mir nach, ich bekäme Schläge, wenn ich 
nach Hause komme. (Die Arbeit war sehr eilig, weil ein Gewitter kam, das 
Getreide sollte schnell unters Dach kommen. Ich sollte Vater helfen die Garben 
binden und Mandl halten.) Ich hatte Angst nach Hause zu gehen und saß vor 
dem Friedhofseingang in der Finsternis. Es gingen Bauernburschen vorüber 
und fragten, was ich tue. Sie erkannten mich. Die Brüder suchten mich und 
schleppten mich nach Hause vor den Vater. Ich hatte Angst, aber auch Ver- 
langen nach Schlägen. Ich mußte Vater auf den Knien um Verzeihung bitten 
(Demütigung). Mir wäre lieber gewesen, er hätte mich geschlagen 
und ich ging unbefriedigt ins Bett." 

In dieser Erinnerung zeigt sich das Verlangen, vom Vater geschlagen 
zu werden. Es folgen mehrere Erinnerungen, wie er von der Mutter auf den 
Podex geschlagen wurde. Ein Lehrer haute ihm mit der Bibel ein Kopfstück 
herunter, weil er schwätzte. Einmal schlug ihn die Mutter mit der Schere 
auf den Kopf, weil er einen Nachbarn Dieb genannt hatte. Er wollte ihr die 
Schere aus der Hand reißen und sie erstechen. Er sah zu, wie der Vater die 
Brüder geschlagen hatte, erinnert sich aber nicht, selbst vom Vater geschlagen 
worden zu sein. Die Vorstellung, daß ein Kind geschlagen wird, spielt keine 
besondere Rolle. 

Wichtiger ist, daß sie als Burschen einmal ein Mädchen regelrecht auf- 
hängten, die vor Schreck urinierte. Es kamen Leute und befreiten das Kind, 
das sonst umgekommen wäre. 

Der Anus weckt eine bipolare Einstellung. Erstens den Willen zur 
Macht: Er möchte die betreffende Person schlagen; zweitens die extreme Form 




Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 267 

des Willens zur Unterwerfung: Er möchte an der Person einen Auiliugus voll- 
ziehen. 

Ein großer Teil seiner Tagesphantasien beschäftigt sich mit Urinsexualität. 
Über seine Phantasien, die Ursache seiner Hemmungen im Studium, sagt er: 
„Die Kunst des Phantasierens besteht bei mir darin, daß ich mich immer in 
eine andere Person versetze, respektive mich in die Lage dieser Person denke 
und ihr meinen Willen gebe. Auch bei der Onanie denke ich alles mögliche, 
auch Nichtsexuelles. Meine letzte Onaniephautasie : das Weib umklammert mich 
mit Händen und Füßen. Ich habe allerlei Kunstgriffe, um mir das Tag- 
träumen zu erleichtern. Ich träume am liebsten im Cafö. Ich bringe mich 
jeden Abend durch vieles Rauchen und starken Mokka in ein süßes 
Delirium, ohne das ich nicht nach Hause gehen kann. Ich störe mich dadurch 
im Studium. Ich kann mich nicht konzentrieren. 

Wie war es möglich, daß ich so lange faulenzen konnte? Auch da habe 
ich Kunstgriffe angewendet. 

Ich muß alles intellektuell erfaßt haben, um an etwas glauben zu können 
(daher glaube ich auch an keinen Gott, höchstens aus Angst manchmal), um 
mich in eine Gemeinschaft einzufügen. Die Frage nach Ziel und Zweck geht 
bevor. 

Füge ich mich wo ein und sehe, daß entweder Ziel und Zweck schlecht 
sind, oder daß die Mitglieder sich nicht genau an die Vorschriften halten, so 
trete ich aus (Vereinsamung, Isolierung). Besserung, nachdem ich Freuds 
Massenpsychologie und Ichanalyse gelesen habe. (Ich kann daher kein Katholik 
oder kein Antisemit sein.) Zweifelsucht. 

Beim Studium: Ich muß alles bis ins Detail erfaßt haben, jede Rede- 
wendung muß mir klar sein. Ich seziere jedes Wort (ob ich es doch richtig 
auffasse, ob ich mich nicht täusche, ob es nicht eine andere Erklärung gab), jeden 
Satz. So käme ich noch an ein Ende mit viel Zeit. Nur fehlt mir aber die 
Ruhe dazu ganz und gar; ich kann die Zwischengedanken (die überschäu- 
mende Phantasie) nicht bewältigen. 

Gelingt es mir, etwas zu verstehen, so bleibt es mir ewig. Das waren die 
Grundpfeiler, vou denen ich ausging (Starrköpfigkeit). Anderes konnte ich nicht 
suchen, weil mir der Blick nach vorwärts fehlt. 

Auf das Gefühl kann ich mich nicht verlassen, da ich — für den Näch- 
sten scheinbar völlig gefühllos — zu gefühlvoll bin und mir das Gefühl immer 
durchgeht, so daß ich immer übers Ziel schieße, daher das Bewußtsein, daß 
ich nichts richtig machen werde, so daß ich auch dort nicht mehr zugreife, 
wo es für mich am Platze wäre (Minderwertigkeitsgefühl). 

Eine Lappalie kann mich höchst traurig machen oder höchst freudig — 
flaut aber schnell ab. Gleichgültigkeit ist mir fremd — alles macht Eindruck 
(vielleicht auch nichts oder alles den gleichen). 

Ungeheures Verantwortungsgefühl in kleinsten Dingen. 

Da jedoch das Gefühl die Basis fürs Leben bildet, werde ich immer 
fehl gehen, denn sehr wenig läßt sich voll erfassen, logisch beweisen und 
ausschöpfen. Mein Gefühl ist an Dinge gebunden, die ich selbst nicht kenne, 
so bleibt mir nur der Intellekt. 

Ich bin der Sklave meiner Gefühle, sie lassen mich nicht mehr los: Ich 
sehe z. B. ein Buch, ich denke es könnte schön sein (ich überzeuge mich 
vorher nicht), ich denke immer an das Buch und setze alles daran, es zu 
bekommen. Oder: Ich bekomme die Mitteilung, es kommt morgen früh ein 



268 Sadismus und Maeochismus. 

Bekannter. Ich trage immer denselben Gedanken (Phantasie), ob ich 
nachmittags beim Buche sitze, dann esse, ob ich abends das schönste Theater- 
stück sehe, ob jemand bei mir ist und spricht, ob ich tanze und ein nettes 
Mädl neben mir habe: Der hysterische Rausch läßt mich nicht los, 
die Spannung wird immer ärger, die Ruhe nach außen immer größer, ich 
phantasiere immer nur von früh, nichts ist imstande, mich davon abzubringen ; 
ich selbst kann mich auch nicht losmachen. 

Ich bin humorlos; ich kann keinen Witz machen, verstehe auch keinen 
Witz, kann nicht impulsiv lachen oder irgendwo miterleben. Dazu kommt noch, 
daß ich maßlos ehrgeizig bin, so daß mich meine Mißerfolge immer mehr 
schmerzen. 

Ich träume von jedem Mädchen auf der Gasse, daß ich sie koitiere; in 
Wirklichkeit bin ich nicht imstande, auch nur eine an mich zu ziehen (weil 
ich eben ein fader, langweiliger, unbeweglicher, trister Kerl bin). Wäre ich 
gesund und bliebe mein Ehrgeiz derselbe, so könnte ich meine Gesundheit und 
Position für eine Sache einsetzen, wo mein Ehrgeiz befriedigt wird. Ich möchte 
immer glänzen. 

Sehen mich mehrere Personen auf einmal an, so weiß ich nicht mehr, 
wie ich gehen oder mich benehmen soll, ich falle ganz aus der Rolle und 
werde rot (egozentrische Einstellung — stai'ke Selbstkritik). 

Muß einen Brief einige Male aufreißen, ob ich nicht doch ein Geheimnis 
von mir hineingeschrieben habe. Muß immer nachschauen, ob ich doch alles 
abgesperrt habe oder mit der Zigarette nichts angezündet habe." 

Mit solchen Kunstgriffen erschwert er sich das Leben und besonders 
das Studium, um seinen Lebensplan zu erfüllen und Bauer zu werden. Er 
erschwert sieh das Lernen durch zwei Fragen: Warum? und Wie? Er beginnt 
zu grübeln und wird dann mit nichts fertig. Dazwischen drängen sich die 
Phantasien. Bald schwelgt er in seinem Größenwahn, er wird der größte Ana- 
lytiker aller Zeiten, er macht eine epochale Erfindung usw. Dann grübelt er 
über allerlei Themen. Er stößt auf das Wort Familie. Sofort kommt ihm die 
Familie wie eine Einheit vor, die durch eine Nabelschnur verbunden ist. Dann 
ist er wieder ein Kind und erlebt seine Kindheit. Oder er ist eine Hure und 
gibt sich allen Männern bin. Plötzlich haßt er seinen Vater, weil er mit der 
Syphilis sein Blut verunreinigt hat. Dann haßt er die Mutter, weil sie ihre 
Schwestern heißer liebte als ihre Kinder. Nun grübelt er über die Mutter. Mit 
wem hat sie den Vater betrogen? War seine Eifersucht gerechtfertigt? War 
es der Onkel oder war es der Knecht, mit dem sie immer so freundlich war? 

So geht es auch auf der Straße. Er sieht ein Abstinenzplakat. Sofort 
setzt der Beziehungswahn ein. Sein Vater hat die Mutter im Rausche verge- 
waltigt. Deshalb ist er ein degenerierter Krüppel geworden! 

Er symbolisiert den ganzen Alltag. Er geht spazieren. Er ist keine 
Minute frei von Zwangshandlungen und Zwangsgedanken. Er geht über einen 
gepflasterten Bürgersteig. Da sagt er sich: 

„Wenn du jetzt zu diesen großen Pflastersteinen kommst und darüber- 
steigen kannst, so hast du eine große Sünde begangen." Manchmal kommt 
ein Drang hinzu, die Sünde zu begehen und er kann diesen Drang nicht über- 
winden. 

Der Pflasterstein repräsentiert dann einen Komplex, den er überwinden 
will (z. B. die Schwester). Da er fortwährend in diesen Phantasien schwelgt, 
ist es ihm unangenehm, wenn ihn die Leute ansehen. Er muß aber jeden 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 269 

Menschen betrachten und speziell an seinen Anus denken, so daß er verzweifelt 
ausruft: „Wenn nur die Menschen keinen Anus hätten!" 

Dann kommt er ins Fluchen und verflucht seinen Vater und geht zu 
Blasphemien über, worauf er wieder von Angst befallen wird. 

Auch der Mund wird zum Anus. Jede Mundbewegung, Singen besonders, 
erscheint ihm lächerlich, ärgerlich, widerlich. Er muß an einen Flatus denken. 

Die Zwangsparapathie zeigt paranoide Züge. Mitunter tritt eine Art Ver- 
folgungswahn ein. 

^Vor der ersten Analyse hatte ich ein Gefühl, als ginge immer jemand 
hinter mir her und verfolge mich. Ich sah mich deshalb sehr oft um und ging 
eilig. Im verschlechterten Zustande außerdem das Gefühl, als säße mir ein 
Kobold im Genick oder auf der Schulter und sagte mir erschreckende Dinge 
ein. (Dabei Knieangst, Urindrang.) 

Diese Zustände sind jetzt bei Tage verschwunden, treten aber abends 
bei Dunkelheit ein. Ich fühle mich wie ein verfolgter Verbrecher. Es be- 
herrscht mich ein unerklärlicher Drang zum Stehlen (auch wert- 
lose Sachen) und Lügen. Ich übertreibe zumeist, erfinde Erleb- 
nisse etc. 

Dieser Verfolgungswahn hat eine religiöse Wurzel. Gott verfolgt mich 
und wird mich bestrafen. Kindliche Eindrücke tauchen auf. Ich hörte viel 
davon, daß jeder Mensch einen Schutzengel habe. Ich habe die göttliche Gnade 
und meinen Schutzengel verloren! Schwer drückt mein Gewissen, daß ich mich 
von der Großmutter nicht empfohlen habe, als ich ins Institut fuhr. Nach 
14 Tagen starb sie. Die arme Großmutter, sie würde sich im Grabe umdrehen, 
wenn sie erfahren würde, daß ich kein Geistlicher werde. Ich glaube, daß 
mich Satan verfolgt. Er sitzt mir im Nacken und verleitet mich zu allen bösen 
Schandtaten. Dann wieder lache ich über meinen Aberglauben. Es gibt keinen 
Teufel und es gibt keinen Gott! Du kannst machen, wozu du Lust hast. Der 
Vater glaubt ja auch nicht und ist reich geworden. Wo ist die Strafe Gottes? 
Gibt es eine Hölle?" 

Sein religiöser Komplex äußert sich in zahlreichen Träumen: 

Ich gehe auf einer dunklen Straße. Ein kleines Kind geht neben 
mir, ein lichter Knabe und zeigt mir den Weg. 
Der Knabe ist Jesus. 

Interessant ist der folgende Traum, den ich mit der Deutung Silberers 
wiedergebe : 

Ich und mein Bruder liegen auf einem hohen Viereck. Mit Händen und 
Füßen halte ich mich in den Klüften fest. Ich sehe vor mir eine ungeheuere 
Tiefe. Ein Stein fällt hinunter. Ich bekomme Schwindel. Dr. Stekel sagt : 
„Sehen Sie, früher war die Uhr dort am Untersberg links (oder rechts; 
nein, links)!" Rechts ist auch eine Uhr oder sonst ein Kunstwerk in einer 
Felsenwand eingefügt. (Ich sehe zwei Uhren.) Wir steigen herunter. (Unklar!) 
Dann bin ich in Dr. SteJceh Hörsaal, wo in der Mitte ein großer, schwerer 
Kasten aufgestellt ist, der nach links umzufallen droht. Ich stemme mich 
mit dem Rücken dagegen. Ich flüchte nach rückwärts und denke : die 
anderen sollen es machen. Zwei alte Männer (Patienten) kommen daher, 
einer hält eine lange Pfeife im Mund, die er zugleich als Gehstock benützt, 
während er raucht. Dr. Stekel hat eine grüne Salbe gemacht, die wie Apfel- 
tunke aussieht und ein Sohn von ihm streicht sie einem Vogel in den 



270 Sadismus und Maeochismue. 

Schnabel. Zwei Söhne sind da, einer hat einen Ausschlag im Gesicht und 
auf der Brust. Dr. Stekel hält Prüfung ab, ich bestehe sie nicht. Erwache 
mit Herzklopfen, das den ganzen Vormittag stark anhält. 

Ich bin beim deutschen Militär. Dann fahre ich auf der Bahn. 

„Der Traum betrachtete die Lebenskonflikte des Patienten vom religiösen 
Standpunkte. 

Die zwei Uhren deuten auf zwei Weitungen, auch auf zwei Zeitabschnitte. 
Im Borromäum ist er ein anderer geworden, auch kam zur Parapathie die 
Paralogie. Rechts (das Rechte) die Uhr am Untersberg, worauf ein Kreuz ist und 
woraus der große Karl am Tag der großen Schlacht (jüngster Tag!) hervor- 
gehen wird (auch : ecclesia-militans) ; links die am Gaisberg, wo ein Hotel : 
Vergnügen; die linke Uhr mit Kunstwerk (Plastik-Kuß). So ist es vom Stand- 
punkt des Borromäums, von dem schwarzen Block aus gesehen. 

Aber nun wird dieser Standpunkt verlassen. Patient stürzt den Bruder, das 
ist auch die eigene Religiosität, hinab. Und er begibt sich in Dr. Stekels Hörsaal, 
das ist in die psychaualytische Auffassung der Dinge. Aber er bringt seinen 
alten Standpunkt, den schwarzen Block mit: der theologische Kasten liegt als 
schwere Last auf ihm. Mit ihm sollte er fertig werden, aber er läuft davon 
(vor den Pflichten, dem Kampf, den ihm die Analyse auferlegt und vor der 
Psychanalyse selbst. Es war eine kritische Woche mit solchen Ideen, zum Teil 
durch das schlechte Befinden). Er meint, die anderen sollen das machen. Und 
zwar tiberläßt er dem Stekel und seinen Söhnen (Assistenten, Dishoeck und ich) 
die zwei Patienten : Parapathie und Paralogie, beide inveteriert. Anderseits macht 
er sich (aufgeblasen von der Idee, er könne sich als Arzt der Psychanalyse 
zuwenden) zum zweiten Sohne Stekels und läßt sich (als Vogel) mit dessen 
Weisheit auffüttern. Patient, sich selbst als Analytiker fühlend, läßt seine 
„Uhr" anders gehen als meine und macht sich selbständig. Auch Dr. Stekel 
wird entwertet: er schmiert (Salbe) etwas zusammen oder scheißt es (Apfeltunke). 
Gegentiber dem alten Standpunkt werden die zwei (Wertungs-)Uhren durch 
Dr. Stekel natürlich vertauscht. — Mir (als Vogel) wird der Schnabel verstopft 
und ich werde getötet. — Die grüne Salbe (Psychanalyse) als Wissen (grüne 
Bände), Heilmittel und Gift. — An der Paralogie-Idee der Selbst-Fellatio (Ich- 
Libido). — Vogel auch: der heilige Geist muß umlernen. 

Auch hier lautet die Lösung des Konflikts und Selbstbewußtseins 
(schlechtes Bestehen vor Dr. Stekels Prüfung): Arbeit, Pflichterfüllung (deutsches 
Militär, Bahn)." 

Die Identifizierung von mir (Dr. Stekel) mit seinem Vater ist sehr deutlich. 
Einer meiner Söhne hat einen Ausschlag im Gesicht und auf der Brust. Ich 
habe Syphilis. Auch Silberer wird als mein Sohn entwertet. Er hatte ihm am 
Tage vor dem Traume eine Bemerkung gemacht, über die er sich später heftige 
Vorwürfe machte, weil er sie als Ursache des Selbstmordes seines genialen 
Analysators betrachtete. 

Das Syphilis-Thema (auch ein Symbol der Ungläubigkeit) kehrt in vielen 
Träumen wieder. 

So im nächsten Traume: 

Ich sehe mich auf der Landstraße. Ich bin schmutzig und über und 

über mit Wunden bedeckt. Eine milde Frau sagt mir vorwurfsvoll : Warum 

hast du dein Versprechen nicht gehalten? Nun bist du aussätzig. 

In der Analyse des Traumes kommen wir zu dem nichterfüllten Versprechen 

an die heilige Maria. Ich mache ihn aufmerksam, daß sein Zurückziehen auf die 



. 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 271 

geistige Onanie auf einer nachträglichen formellen Erfüllung dieses Versprechens 
beruhen mag. 

„Sie haben recht, Gedanken sind noch strafbar, aber Phantasien können 
vom bösen Geist eingegeben sein." 

„Ja, das spielen Sie ja ! Und dazu kommt, daß Sie sich in ihren Phantasien 
auch der Verantwortung entziehen, indem Sie sich denken: wenn ich der oder 
der wäre, täte ich das und das ..." 

„Ich erkläre mir jetzt die Flucht vor dem Koitus. Es ist der Tod. — 
So ist auch zu erklären, warum ich beim Koitus mit der Marie in Salzburg 
plötzlich Angst bekam; ich begründete es damals mit dem Gedanken, was wir 
tun, sei häßlich, wo ihr Mann im Felde steht. Es war aber der erste Bruch 
meines Gelübdes.* 

Die Aufdeckung des religiösen Komplexes und die Bedeutung des Gelübdes 
sind für den Patienten die größten Überraschungen. Er versucht diese Entdeckungen 
nach der ersten Verblüffung zu entwerten, aber er erlebt eine Renaissance seiner 
religiösen Gefühle. Er ist in der Analyse vollständig abstinent und besucht sogar 
die Kirche, ohne Blasphemien auszustoßen. Kreuzschmerzen und ein Druck in den 
Schulterblättern erweisen sich als Ausdruck seiner Christusparapathie. Er trägt 
ein schweres Kreuz, er leidet für die sündige Menschheit, er wird sie durch eine 
neue Analyse erlösen. Andere Stellen aus der Passionsgeschichte Christi 
tauchen in bunten parapathischen Somatisationen auf. Seine Schluckbeschwerden 
gehen auf das heilige Abendmahl usw. 

Nun benützt er die Analyse zum Zwangsdeuken. Statt der früheren Zwangs- 
gedanken fallen ihm analytische Lösungen und Probleme ein. Ein neues Symptom 
tritt auf : 

Er sieht Morsezeichen zwischen den Zeilen, wenn er studiert. 

Er hat nämlich zu lernen begonnen und besucht die Vorlesungen, denen 
er gut folgen kann. Nun melden sich die frommen Gedanken als Morsezeichen 
(Telegraphie von Gott). 

Er leidet wieder an nächtlichen Angstanfällen, muß an die Zukunft denken, 
zweifelt, ob er seine Impotenz überwinden kann. 

In der folgenden Nacht hat er einen Pollutionstraura. Es gab zwei 
Träume in der betreffenden Nacht und er weiß nicht anzugeben, bei welchem 
Traume die Pollution erfolgte. Die beiden Träume sind außerordentlich 
wichtig und lauten : 

Ich bin oben auf der Heukammer. Es ist sehr hoch. Ich fühle 
Schwindel. Ich will hinunter, weil es brennt oder sonst etwas Furchtbares 
geschieht. Die Schwester ist bei mir. Vater und Brüder stehen auf der 
Tenne und rufen mich hinunter. In der rechten Hand halte ich eine Hacke, 
in der linken meine Schwester. Ich will sie auf die Leiter steigen lassen, 
halte mich mit einer Hand an den Laden ober mir; da verliere ich das 
Gleichgewicht und stürze. 

Ich erwache mit Herzklopfen und schlafe wieder ein. Ich träume wieder : 
Ich sehe meine Geliebte. Sie ist ausgezogen auf Hose und Hemd. Ihre 
Brüste stehen ganz spitz und prall ab. Plötzlich bemerke ich, daß sie nur 
eine Mammilla hat, die unten in einen langen Stock ausläuft. Sie nimmt den 
Stock und hebt die Brust weg, die nur eine aufgeblasene Schweinsblase in 
Herzform ist. Von der Vagina sehe ich einen Penis herauskommen; mir ekelt. 
Dann hat sie einen Mantel um und tanzt. (In diesem Traumteil scheint die 
Pollution gewesen zu sein.) 



272 Sadismus und Masochismus. 

Der erste Traum ist einer seiner zahlreichen Brandstiftertraume. Man erkennt 
aus dem Traum deutlieh die Tendenz, die Schwester zu retten und die übrige Familie 
zugrundegehen zu lassen. Die Hacke stellt eine zweite kriminelle Phantasie, dar : 
Die Mitglieder der Familie mit einer Hacke zu erschlagen. 

Im zweiten Traume wird das Thema fortgesetzt. Die Schwester erscheint 
hier in der Verdichtung mit seiner Geliebten. Aber seine Geliebte ist doch nur die 
Schwester. Aber der zweite Teil enthält auch die Warnung und die Entwertung. 
Die Schwester hat an Stelle des Herzens eine Schweinsblase. Die Mammilla ist 
mißgestaltet und deutet schon das Lingam-Prinzip an (Bisexualitiit), das durch den 
Penis in der Vagina noch deutlicher ausgedrückt ist. Deutlich wird angezeigt, daß 
der Brustsaugekomplex auch den Fellatiokomplex enthält. Daß die Mammilla ein 
Penisersatz ist und daß die Liebe zum Vater noch stärker ist als die Liebe 
zur Schwester. Die Pollution tritt auf, ohne daß er sich an eine Handlung 
erinnert. 

Es ist interessant, wie die sexuelle Handlung in seinen Träumen immer 
mit Ekel durchsetzt ist. 

Ein anderer Pollutionstraum lautet: 

Ich komme in ein Lokal (Bordell), dort werde ich von einer Dame 
aufgefordert, zu koitieren. Ich sage : „Du hast Sypherer (Syphilis)." — 
Ich kehre sie um und bemerke am Anus lauter Eiter und Geschwüre. Ich 
sehe, wie ihr von einem Mundwinkel Eiter herausrinnt. Dann sagt eine 
zweite anwesende Dame: es war ja ganz befriedigend, dabei rinnt ihr aus 
der Scheide mein Sperma heraus. Ich schaue meinen Penis an ; darauf 
sind jetzt Schimmelpilze und an der Eichel Wismut in Masse. 

Die religiöse Auffassung des Koitus als ekelhafte Sünde tritt deutlich 
hervor. Die Frau hat Syphilis, ihr Anus ist von Geschwüren bedeckt, der 
Mundwinkel zeigt den herausrinnenden Eiter, sein Penis ist mit Schimmel- 
pilzen bedeckt. 

Auch hier ist nicht angegeben, wann die Pollution erfolgte. Es scheint, 
als ob der Ekel eine Bedingung seiner sexuellen Erregung wäre. (Koitus mit 
alten und stinkenden Frauen, Interesse für den Anus usw. . . .) 

Homosexuelle Motive bringt der nächste Traum, welcher das Thema des 
verletzten Penis in verhüllter Form wieder vorbringt: 

Ein Büffel ist an der Tür und klopft an. Ich schieße mit dem 
Revolver. 

Ich bin felddiensttauglich. Ich bin im Felde. Granatsplitter haben mil- 
den rechten Unterarm aufgerissen; in den Löchern ist Kautschuk oder 
Wachs, das bereitet mir große Schmerzen. 

Ich will den Revolver aus der linken Hosentasche ziehen, aber er 
geht so schwer heraus. Dann komme ich in den Wald. Da erhebt sich 
plötzlich pfeilgerade eine Schlange, die mit einem Katzenfell bekleidet ist ; 
sie ringelt sich davon. Auch Katzen und Löwen sind da. 

In diesem Traume wird der Kampf mit der Sexualität als Krieg dargestellt. 
In diesem Kriege ist er schwer verletzt worden. Im Büffel erkennt er den 
Vater, den er liebt und haßt. (Ideen ihn zu erschießen; homosexuelle Szene.) 
Seine Verletzung ist diesmal am Unterarm dargestellt. Der Arm, mit dem er 
onaniert hat. Die Löcher werden mit Wachs verstopft. Von Wachs kommt er 
auf den religiösen Komplex, im Gegensatz zu dem Traume, wo er die Löcher 
mit Fäkalmassen verstopft. Die Schlange als Symbol der Sünde, seine Leiden- 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 273 

Schäften als Katzen nnd Löwen. Sein Impotenzkomplex hängt zum Teil mit der 
Homosexualität zusammen. 

Deutliche Zeichen sadomasochistischer Einstellung, die in den nächsten 
Träumen viel plastischer zu sehen ist. 

Über diesen Komplex schreibt er in seinen Aufzeichnungen: 

„Ich bin ein ausgesprochener Masochist. Ich fühle mich immer lächerlich; 
wo ich es nicht bin, mache ich mich bewußt oder unbewußt lächerlich. In der 
Rolle des dummen Kerls oder Kasperls fühle ich mich zwar unglücklich, aber 
wohl. (Eigentlich eine Trotzeinstellung.) Das Selbstbewußtsein fehlt mir; ich 
habe ein dauerndes Minderwertigkeitsgefühl. 

Ich habe auch Kastrationsideen. (Wenn dich ein Glied ärgert, so reiß es 
aus . . .) Ich habe tatsächlich den Wunsch gehabt, den Penis nicht mehr zu besitzen 
oder ihn auszureißen (in der Pubertätszeit). Dann bin ich heilig (Christusneurose). 
Ich möchte überall erlösen, retten, wohltun. Ich dränge mich mit meiner Güte 
auf. Biete mich überall an. 

Vielleicht habe ich meine anale Weltanschauung konstruiert, um mich zu 

demütigen. Mein Gesicht kommt mir wie ein A vor. Ich habe das Gefühl, 

daß die Kleider mir nicht passen. Ich bin gleichgültig gegen Kleidung und 
wechsle sie fast nie. Schöne Kleider sind mir anangenehm. Der Zweck der 
schlechten Kleider ist, mich lächerlich zu machen und mich keiner Versuchung 
auszusetzen. Das Gefühl, ein Bohemien zu sein, keine Prüfung zu bestehen, 
mich zu blamieren, ist mir angenehm. Es ist wohl Schuldbewußtsein wegen 
meiner Sünden." 

Seine sadistischen Phantasien beziehen sich oft auf das Einschlagen eines 
Schädels. Frauen möchte er wie Schweine abschlachten. 

Der nachfolgende Traum ist charakteristisch: 

Eine Frauensperson liegt am Boden. Es wird ihr ein viereckiges Stück 
aus der Schädeldecke herausgeschlagen. (Mit einer Hacke, von einem großen 
Mann.) Ich. höre das Krachen des Schädels. 

Zu diesem Traume bemerkt er: „Der große Mann ist mein Vater. Ich erinnere 
mich, daß ich dem Sehlachten des Schweines zusah und dann dachte : Die tote 
Sau könntest du benützen. Darum wünsche ich, daß das Weib sich beim Koitus 
nicht bewegt. Jedes Weib ist für mich ein Schwein. Ich habe auch Angst, 
die Partnerin könnte beim Koitus defäzieren und urinieren. Das kommt, weil 
das Schwein, wenn man* es schlachtet und erstickt, uriniert und defäziert. 
Beim Koitus kann ich kein Weib küssen. Auch nachher nicht ... Ich habe 
mir das Genitale der Mutter nie menschlich vorgestellt. Immer wie das einer 
Kuh oder das eines Schweines. Natürlich steckt hinter dieser Angst auch ein 
Wunsch, sie solle defäzieren. Wenn ich das Krachen der Bretter höre, die 
jemand einschlägt, so muß ich an das Einhauen des Schädels denken. Diese 
Vorstellung ist mir nicht unangenehm. Im Kriege habe ich viele eingehauene 
Schädel mit einem gewissen Lustgefühl betrachtet. 

Meine sadistischen Phantasien befallen mich auch auf der Straße, wenn 
eine Frau vor mir geht und die Nates bewegt. Sehe ich ein Mädchen knieen 
so möchte ich mich auf sie stürzen, sie schlagen und vergewaltigen. In meinen 
Phantasien sehe ich auch Löwen, die sich auf ein Weib stürzen und es zer- 
fleischen. 

Stekel, Störungen des Trieb- and Affektlebens. VTTT. 

lö 



274 Sadismus und Masochismus. 

Manchmal wird die Sucht, einem Mädel ins Gesicht zu schlagen, so stark, 
daß ich kaum widerstehen kann. Ich möchte sie an den Füssen packen und 
umwerfen. Das Gesicht möchte ich mit der Faust so zerschlagen, daß sie un- 
kenntlich wird. 

Von Männern hass' ich nur den Carus, meinen Freund, der Geistlicher 
wurde. Wohl deshalb, weil er mein Ideal erreicht hat. Er ist keusch und 
lebt den Geboten Gottes. Er ist das, was Sie mein Haßobjekt nennen. Sonst 
hasse ich die Männer nicht, ausgenommen zuweilen meinen Vater und meine 
Brüder. In Männer verliebe ich mich plötzlich. 

Als mir ein Arzt bei der Gonorrhoebehundlung einen Katheter einführte, 
stellte sich eine schmerzhafte Erektion ein und ich sah ihn ganz verliebt an. 
Beim Fleischessen habe ich manchmal das Gefühl, daß ich Leichen esse. Ich 
kann dann nicht weiter ..." 

Sadistische Phantasien erscheinen in vielen Tierträumen, von denen ich 
einen als Typus bringe: 

Im Stall zu Hause ist eine Kuh zum kälbern. Mutter und ich 
wollen helfen. Vater und Bruder sind in der Nähe ; auch die Schwester 
Marie. Ich sehe, die Kuh wird zu Grunde gehn, die Gedärme gehen 
heraus, die Bauchwand ist aufgerissen. Ich versuche, die Gedärme zu- 
rück in den Bauch zu stopfen. Dann springt die Kuh auf. Wie ein 
Mensch. Ich sehe ein kleines totes Kalb am Boden. Mutter und ich 
verstecken uns in einem engen Eingang. Ich habe Angst, die Kuh könnte 
uns niederstampfen oder beißen. 

Zu diesem Traume bemerkt er: „Schwangere Frauen regen mich auf. 
Ihr Anblick löst sofort eine Erektion aus. Ich habe die Mutter oft schwanger 
gesehen. Ich habe auch als Kind eine Geburt gesehen bei der Schwester 
meiner Mutter. Ich habe gedacht, das Kind käme aus dem Nabel, wobei der 
Bauch platzt, oder aus dem Anus. Eine Schwangere zu stechen, wäre mir ein 
Genuß. Jetzt fällt mir ein, daß ich meinen Penis oft als Messer betrachte. 
Ich steche in die Frau hinein. Ich wollte keinen Rivalen haben. Ich wollte 
das Kind aus dem Leibe der Mutter schneiden. 

Der Anblick von Schwangeren erzeugt mir Speichelfluß. Ebenso der 
Anblick von Leichen, von Misthaufen, von Stuhl, von einem geschlachteten 
Tier." 

Es folgen nekrophile Phantasien und die Geschichte eines Anatomie- 
dieners, der Menschenfett gestohlen hatte, um sich Seife zu bereiten. 

Das Töten der ungeborenen Geschwister besorgt der nächste Traum : 
Ich zerschneide einen Embryo (oder ein gebratenes Hendl) und 
verkoste ein Stück aus der Darmgegend; ich schmecke, daß es verfault 
ist. Ich reiche es linker Hand meiner Schwester. 
Er läßt nur seine Schwester am Leben. Die anderen Geschwister werden 
getötet und verzehrt. (Kannibalistische und nekrophile Instinkte.) 

Neben dem Schädeleinschlagen spielt auch das Bauchstechen eine 
große Rolle in seinen Träumen. Aber er hat Angst vor der Rache der 
Toten. 

Man beachte den nächsten Traum: 

Es ist furchtbar finster und ich habe Angst vor Mördern. Tat- 
sächlich schießt mir ein großer Kerl eine Kugel in den Bauch (Nabel- 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 97F, 

gegend). Auch er sinkt zu Tode getroffen zu Boden und hat einen 
schweren Lungenschuß. 

Ich schaue nach, halte mir den Bauch zu, aus dem farblose schlei- 
mige Flüssigkeit herausrinnt. Ich verbinde mich, aber der Verband ist 
schnell dahin. 

Mein Firmpate liegt tot im Bette. Seine Frau sagt: „Na schau 
ihn an !" Ich stupfe ihn etwas, da rühren sich seine Augen und auf 
einmal der ganze Körper. Er zeigt mir eine Photographie, worauf ein 
verblödetes Mädl ist, das ihre Gesichtsmuskulatur bewegt. Er sagt, er 
möchte sich seine Nachkommenschaft sichern. Er fällt samt den Decken 
auf den Boden, zuerst liegt er nach auswärts auf der Bettkante. Da stirbt 
er wieder. 

Ich komme zum Mordort zurück. Man will sich an mir rächen. Ich 
fürchte mich sehr. 

Der große Mann, den er tötet, ist sein Vater. Er erscheint im zweiten 
Teil des Traumes als der Taufpate. Aber er ist nicht ganz tot. Er lebt wieder. 
(Die gleiche Angst bei der Phantasie von nekrophilen Akten.) Der sterbende 
Vater will nur seine Nachkommenschaft sichern. Er weiß von den Mordab- 
sichten unseres Kranken. Er läßt ihm nur die Schwester als ein verblödetes 
Mädchen zurück, das nicht sprechen und ihn nicht verraten kann. 

Die Motive wiederholten sich ziemlich einförmig in seinen Träumen. 
Der nächste Traum vereinigt die Bauchverletzung, das Lingam-Motiv, die 
Schweinsblase als Herz und die Schweinsvagina mit einer Mutterleibs- und 
Wiedergeburtsphantasie. Seine rebellischen Gedanken, vor denen er flüchtet, 
sind als Bolschewiken dargestellt: 

Kusine Annie und ich sind auf Onkels Dachboden. Sie legt sich 
zu mir ins Bett und ich komme gleich unter ihr Hemd. Ich mache den 
Kunnilingus. Zuerst auf dem Bauche, wo ein Zapfen herausschaut. Dann an 
der Vagina, die wie eine Schweinsvagina aussieht. Ich fahre mit dem Fin- 
ger hinein, aber ich komme nicht durch. Daneben hat sie eiu Loch, das 
scheinbar von einer Verletzung herrührt. Ich höre die Bolschewiken kommen. 
Es ist am besten sich zu flüchten. Ich laufe links über eine Stiege, wo 
ein Loch durch eine Mauer führt. Ich merke eine Stiege, wo es näher 
zum Loch gewesen wäre. Ich komme schwer durch. Es führt eine Dreh- 
stiege nach unten und ich denke, jetzt kann ich nicht mehr aus, da werden 
sie mich erwischen und umbringen. Ich höre Krawall und Musik. Er- 
wachen mit Angst. Heftiger Blasendrang. 

Weber Steffi ist da. Ihre Mutter sagt: Mädchen handeln muß 
man nach Oberösterreich gehen, da verdient man viel, muß ein Mädchen 
verkaufen. 

Ich pflege die Patienten nach dem Buche zu fragen, das den größten 
Eindruck auf sie gemacht hat. Er nennt Paul Keller: Die Heimat. 

Und der Inhalt? Ein Bauer erschießt sich am Waldesrand, weil er ban- 
kerott ist. Sein Sohn, ein Student, will nicht mehr studieren, weil er 
Heimweh hat. Er will das Bauerngut übernehmen. Der Hof brennt 
ab. Die Mutter stirbt und Heinrich, der Sohn, wird Besitzer. Ein 
Lumpenhändler streckt ihm das Geld vor, mit dem er sich emporarbeitet. 

18* 



976 Sadismus und Masochismus. 

Man sieht in diesem Romane alle Motive, an denen unser Patient 
krankt. 

Der Patient macht in der Analyse große Fortschritte. Er besucht 
hier die Vorlesungen, er kann schon etwas studieren. Den Konflikt hofft 
er durch ein Kompromiß zu lösen. Er will eine reiche Bauernstochter, die 
in ihn verliebt ist, heiraten. Es geniert ihn nicht, daß sie schon vor ihm 
ein Verhältnis hatte. (Das nehme man bei ihnen nicht so ernst.) Er will 
Bauer und Doktor werden, seiner Geldsorgen enthoben sein und auf den 
Geistlichen endgültig verzichten. 

Er verläßt "Wien. Ich höre lange Zeit nichts von ihm. Eines Tages 
ist er wieder in meiner Ordination. Ich erkenne sofort, um was es sich 
handelt. Er ist nicht nur Christus, er ist auch Judas und der Judas 
scheint mitunter stärker zu sein als der Christus. Er zeigt in seinen 
Augen jenen flackernden Haß, der einer unerwiderten Liebe entspringt. 
Er will mich umbringen oder mir in irgend einer anderen Form schaden. 
Sein Hauptmotiv, daß ich ihn von anderen Ärzten behandeln lasse und 
nicht selbst übernehme. Ich habe keine Zeit für ihn , weil er unangemeldet 
gekommen ist. 

Ich übergebe ihn mit entsprechender Instruktion meinem bewährten 
Assistenten Herrn Dr. Werner Lippmann. 

Über die kurze Phase seines letzten Wiener Aufenthaltes berichtet 
mein Gewährsmann folgendes: 

„Xaver kam zu mir, nachdem ihm Herr Dr. St. bezüglich seiner letzten 
Depression eine Auflösung gegeben hatte, die er akzeptierte. Es handelte sich 
um eine homosexuelle Fixierung an den Kusin. 

Er kam außerordentlich mißtrauisch und gekränkt, weil ihn Dr. St., 
seine Vaterimago, verstoßen hatte. Jedoch begann die Übertragung sofort zu 
arbeiten und er nahm mich, wie er sagte, als Kusinersatz, soll heißen als 
sympathisch an. X. war außerordentlich depressiv. Erklärte, ihm sei jeder Weg 
verschlossen. Es gäbe keine Rettung mehr. 

Ich beobachtete ihn zunächst, indem ich mir seine Geschichte erzählen 
ließ und gleichzeitig sein Traummaterial, das er neben einer großen Menge 
Aufzeichnungen aus seinen früheren Analysen bei sich führte, in der üblichen 
Weise mit ihm bearbeitete. Patient arbeitete wie eine Analysiermaschine. Er 
brachte pünktlich die Träume und assoziierte dazu ohne Unterbrechung alle 
erdenklichen Komplexe. Besonders im Vordergrund stand zur Zeit seine nekro- 
phile Neigung. Seine Assoziationen zeigten den typischen Ablauf des Menschen, 
der die Analyse lediglich in ihren Erkenntnissen zu seiner Entschuldigung ver- 
wendet. Wenn man ein Schloß aufsperrt, so springt das andre zu, auf jeden 
Fall bleibt er in seiner Parapathie und er überwindet den Analytiker mit 
dessen eigenen Waffen. 

Sein aktuelles Leiden war eine Polyurie, die ihn sehr quälte. Er fastete, 
wie er später fand, weil für diese Zeit die Kirche das Fasten Christi in der 
Wüste lehrt, trank sehr viel Kaffee und rauchte Zigaretten. Dabei war er in 



. 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 277 

beständiger Erregung, lief von einem Lokal in das andre, ohne zum Koitus 
oder zur Onanie fähig zu sein. Er müsse soviel trinken, um die Flüssigkeit 
zu ergänzen. Ich wies ihn darauf hin, daß er diese Polyurie erst künstlich 
dadurch schaffe, daß er viel Flüssigkeit zu sich nehme, besonders auf die 
spezifische Wirkung des Koffein, und darauf, daß auch seine dauernde erotische 
Bereitschaft zu einer erhöhten abdominalen Durchblutung führe, die ihrerseits 
wieder die Harnabsonderung anregt. Wie weit dieser Urindrang in das Gebiet 
der Urinsexualität gehört oder ihm doch mindestens der geheime Wert un- 
zähliger Begattungen zukam, wurde ebenfalls erörtert. Darauf besserten sich 
/ diese Beschwerden. 

Seelisch beschäftigte ihn die Nekrophilie. Er könne nicht Anatomie 
lernen. Zuerst sei ihm die anatomische Arbeit nicht unangenehm gewesen. 
Jetzt aber bekäme er Angstanfälle, die von den Vorstellungen des Verkehrs mit 
Leichen ihren Ausgang nahmen. • 

Er assoziierte dann etwa: Anatomie. Leichen. Sehweinelcichen. Mein 
Vater ist ein Schwein, meine Mutter ist auch ein Schwein, ich träumte, daß 
mein Vater eine Sau koitiert, meinen Vater könnte ich umbringen, das darf 
ich nicht, jede Frau ist für mich die Mutter, darum ist sie mir verboten, aber 
zum Mann kann ich auch nicht, weil die inzestuöse Fixierung an meinen 
Vater mich hindert, und so fort, so daß ich mich ernsthaft fragte, ob hier 
nicht eine Paralogie vorliege. 

Ich sprach hierüber mit Dr. St., der mich darauf hinwies, daß zweifellos 
starke Mordimpulse in dem Patienten lägen und, daß ich ihn auf die Über- 
tragung dieser Mordgedanken auf den Analytiker aufmerksam machen müßte. 

Der Patient erleichterte mir dies. Am vierten Tag trat er bei mir ein 
und sagte : „Herr Doktor ich bin sehr verwundert, daß Sie noch leben, ich 
dachte, Sie hätten sich erhängt, wie der Dr. Silberer. Dem habe ich sozusagen 
den Todesstoß versetzt." Im weiteren Verlauf der Unterredung gab X. zu, daß 
er allerdings mit der bewußten Absicht nach Wien gekommen sei, den 
Dr. St. zum mindesten bürgerlich tot zu machen, wenn er ihm nicht helfen 
würde. Ob er über die wissenschaftliehe und gesellschaftliche Tötung hinaus 
noch wirkliche Mordabsichten gehabt hatte, war ihm nicht ganz klar. Jedoch 
betonte er, es würde ihm eine Befriedigung sein, wenn Dr. St. durch Selbst- 
mord oder auf andere Weise sterben würde. 

Hauptsächlich sei aber seine Absicht sich selbst umzubringen. Er habe 
das vorläufig aufgeschoben. Ich wies ihn auf die Verschiebung des Hasses von 
seinem Vater auf Dr. St. hin. 

Von da ab vernachlässigte ich die Analyse ganz und beschäftigte mich 
lediglich damit, dem Patienten den Sinn und Zweck seiner seelischen Vexier- 
schlösser zu demonstrieren. 

Im Verlauf der nächsten Tage gab Patient an, daß er jetzt Phantasien 
habe, die ihm den Haß gegen den Vater bestätigten. Die wesentlichste war 
die : „Ich binde meinen Vater in stehender Haltung fest, so daß er kein Glied 
rühren kann, werfe ihm zunächst alle Schmähungen, die er meiner Mutter 
angetan hat, vor, rufe ihm alle Schimpfworte zu, und martere ihn dann lang- 
sam zu Tode." 

Die Besprechung erstreckte sich im besondern auf die Beziehungen seines 
Zustandes zur Christusparapathie. Ich legte dem Patienten dar, wie er durch 
das immer wiederholte Keuschheitsgelübde während der für ihn sehr verhäng- 



278 Sadismus und Masochismue. 

nisv ollen Zeit im Priesterseminar noch heute belastet sei, daß der Gedanke, 
durch Keuschheit und Selbstkasteiung sich selbst und die ganze Welt, also 
auch den geliebten und gehaßten Vater zu erlösen, dabei aber gleichzeitig allen 
Nöten aus Inzest und Narzißmus aus dem Wege zu gehen, für ihn von großer 
Bedeutung sei. 

Wenn wir alle anderen sekundären Bindungen und Traumen zurück- 
stellen, deren Einfluß auf die Entwicklung natürlich nicht verkannt wird, 80 
ergibt sich folgende Hauptlinie : Im Patienten kämpft der Urmensch mit dem 
sozialen Menseben. Der Urmensch, das Kind in ihm verlangt den Vater und 
will nicht verzichten; alle, die ihm ein Stück dieser Liebe entziehen, werden 
vernichtet, schließlich auch der Vater selbst, nach dem Gesetz : „Kann ich Dich 
nicht lieben, so will ich Dich hassen!" 

Praktisch ergibt sich die Erscheinung des Kindes, das äußerlich alle 
Brücken zum Vater abbricht, innerlich aber umso fester an dem Gedanken 
hängt, ich bleibe unselbständig, ich mache kein Examen, ich kann nicht selb- 
ständig werden, mit der Unterstreichung: ich darf nicht! denn ich habe die 
Rache des Schicksals für meine Sünden zu fürchten. Sowie ich mich selbst 
erhöhe, werde ich erniedrigt werden, also, hier setzt „Talion" und „Christus- 
parapathie" ein. Er hält sich an das Wort: „Er war der allerverachtetste und 
geschlagenste!" aber „der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum 
Eckstein geworden!" 

Das alte Spiel des Narzißmus. Kann ich nicht der erste sein, so will 
ich der letzte sein. Wird er also Asket und Heiliger, so werden ihm alle 
Sünden vergeben werden und er bleibt beim Vater ! Der letzte auf Erden, der 
erste im Himmel ! 

Auf keinen Fall aber geht er den mittleren Weg. Kann er den Vater 
nicht zur Liebe zwingen, so wird er ihn durch seine Krankheit und Unselb- 
ständigkeit zur Teilnahme zwingen. 

Aber er braucht Publikum, so inszeniert er einen tragischen Abschied 
vom Analytiker : „Herr Doktor, ich komme zum letztenmal, in zwei Stunden 
werde ich aus dieser Welt scheiden." 

Ich glaube, daß er wirklich davon überzeugt war, daß er sich umbringen 
würde, er versetzte sich in den ihm wohltuenden Affektrausch, verteilte all 
seinen Besitz, schrieb Briefe, und als er zwei Stunden bei mir gewesen war 
und ich ihn auf den Wert der Szene für ihn aufmerksam gemacht hatte, brach 
er weinend zusammen, weil er also auch hierzu zu feige sei. 

Am nächsten Tag aber kam er schon mit der analytischen Waffe und 
sagte: „Herr Doktor, den Revolver habe ich nicht erhalten, erhängen wollte 
ich mich nicht, damit ich nicht in der letzten Pollution das Verbotene er- 
lebe!" 

Ein Besuch bei Dr. St. und eine Aussprache wirkten sehr günstig. Je- 
doch die Liebesansprüche gingen weiter. 

Nach zwei Tagen überreichte er mir die Visitenkarte mit der Adresse 
der Eltern und dem Auftrag : „Ich werde wahrscheinlich verrückt werden und 
nach Steinhof kommen, benachrichtigen Sie dann doch meine Eltern !" Ich 
erläuterte ihm dies an der Hand des Stekel- and Vaterkomplexes, sagte 
ihm auch, wenn sein Leben wirklich so unmöglich sei, so solle er ruhig nach 



Ein Fall von Sodomie und Sadismus. 279 

Steinhof gehen oder zum Revolver greifen, nach meiner Ansicht bestehe aber 
kein Grund zu dieser Auffassung. Darauf gab er die klassische Antwort : ,.Es 
hat ja auch gar keinen Sinn mich unzubringen, denn meinem Vater ist das 
ja ganz egal ! Der sagt mir höchstens, das ist das beste, was du tun kannst. 
Und den Mut ihn zu töten, finde ich doch nicht." 

Xaver sah dann ein, daß es für ihn nur ein Mittel gäbe, und zwar das 
der Loslösung von der Familie; daß alle Symptome und Komplexe von ihm 
nur dazu benutzt wurden, die Fixierung aufrecht zu erhalten, und daß hier 
sein stärkster Affekt liege. 

Seine Zukunft wird davon abhängen, ob er den Zusammenhang zwischen 
diesem Willen zur Krankheit, lies Unselbständigkeit, und seinem Reinheits- 
bemtihen erkennt. 

Wenn es ihm gelingt, seine Affekte von den Phantasieobjekten abzu- 
ziehen und an Stelle der ibn schwer belastenden Regression ins Infantile die 
Pi'ogression zu männlicher Selbständigkeit zu vollziehen, so wird die Realität 
ihm soviel Nahrung bieten, daß er in ihr leben kann." 

Ich habe diesem Bericht nichts hinzuzufügen. Es ist bekannt, daß 
Parapathiker, die auf ihre Phantasien und auf ihre Parapathie nicht ver- 
zichten wollen, an einer „analytischen Parapathie" erkranken. Sie umgeben 
ihre Phantasien mit analytischem Beiwerk. Unter dem Vorwand der Selbst- 
Analyse träumen sie weiter und versinken immer tiefer in ihre Komplexe. 
Sie erwarten ihr Heil von neuen Auflösungen, neuen Erinnerungen, vom 
Auftauchen versunkener Traumen, statt von der Arbeit. Die Lustprämie 
der Phantasien übergeht auf die analytische Parapathie. Sie werden sehr 
scharfsichtig für die Komplexe der Umgebung und blind für die eigenen, 
von denen sie glauben, daß sie sie überwunden haben, während sie nur 
eine „sekundäre Verdrängung" (S. B. V, Kapitel: Gefahren, Mißbräuche 
und Grenzen der Psychanalyse) vorgenommen haben. Der Haß gegen den 
Vater wird zum Haß gegen den Analytiker. So wie unser Patient dem 
Vater nicht die Freude gönnt, daß er einen hochgelehrten Sohn, einen 
Doktor hat, so gönnt er mir nicht den Triumph ihn geheilt zu haben. 

Dafür gibt es einen Beweis. Vor seiner Analyse schrieb mir der 
Kranke, er könne unmöglich nach Wien zur Analyse kommen. Ich empfahl 
ihn an Herrn Dr. X., der alle meine Bücher fleißig studiert hatte und 
mir schrieb, daß er sich mit Analyse beschäftige. Dr. X. gab ihm den 
Rat, das Studium aufzugeben und sich dem Kaufmann sstande zu widmen. 
Darüber war er sehr entrüstet und tadelte X. wiederholt, meinte, er ver- 
stünde nichts von der Seele eines Kranken und warnte mich davor, Pa- 
tienten an Dr. X. zu weisen. 

Wer war der erste Arzt, den er nach Abschluß seiner ersten Analyse 
aufsuchte? Derselbe Dr. X., in dem er einen Gegner der Analyse gewittert 
hatte. Der Judas war zu stark in ihm. Ebenso wandelte er sich vorüber- 
gehend von einem Sozialdemokraten in einen Hakenkreuzler, um dann 



280 Sadismus und Masochismus. 

wieder mit voller Überzeugung zur sozialdemokratischen Partei zurückzu- 
kehren. 

Er erwartet die Heilung vom Arzte, will ein Wunder sehen und 
weigert sich, seine Einstellungen und Tagesphantasien aufzugeben. Sein 
Interesse geht in seine Traumwelt. 

Die letzten Berichte lauten günstig. Er erhält sich selbst durch 
mühevolle, ehrliche Arbeit, er nützt seine reichen Talente für ein wichtiges 
soziales Werk aus. Aber er scheut noch den Hörsaal, er kann nicht „Doktor" 
werden. Ich bemühe mich brieflich, die letzten Reste seines parapathischen 
Systems zu zertrümmern. 

Hoffen wir, daß es ihm nun gelingen wird, den Weg zur vollen Ge- 
sundheit und zur sozialen Arbeit eines menschenfreundlichen, idealen Arztes 
zu finden. 









VIII. 
Das Mitleid. 

Was im sogenannten tragischen 
Mitleiden, im Grunde sogar in allem 
Erhabenen bis hinauf zu den höchsten 
und zartesten Schaudern der Meta- 
physik, angenehm wirkt, bekommt 
seine Süßigkeit allein von der einge- 
mischten Ingredienz der Grausamkeit. 

Nietzsche. 

Die erste und wichtigste Urreaktion des Menschen, wenn er vom 
fremden Unglück hört, ist die Schadenfreude. Es gehört zu den gebräuch- 
lichsten Forderungen der Kultur, diese Schadenfreude zu verbergen. Die 
übliche Sitte des Kondolierens und der Ausdruck des „tief empfundenen 
Mitgefühles" haben den Zweck, diese Urreaktion durch eine tätige Uber- 
kompensation zu verbergen. Während die Kondolenzen in den seltensten 
Fällen „dankend abgelehnt" werden, gibt es Berufe, welche die Glück- 
wünsche und Gratulationen geradezu scheuen. Es ist, als ob die Menschen 
die Unwahrheit dieser Wünsche erkennen würden, so daß sie lieber darauf 
verzichten. Es ist eine bekannte Tatsache, daß Mitfreude viel höher steht 
und viel seltener vorkommt als Mitleid. Da wir offenbar uns selbst und 
unsere egoistischen Kegungen kennen, sind wir vorsichtig bei der Beur- 
teilung der fremden Einstellung. Jäger lassen sich bekanntlich nicht Glück 
wünschen. Das bringt Unglück. Schauspieler gehen noch weiter und drücken 
ihre freundschaftlichen Gefühle durch einen Fluch aus. („Hals- und Bein- 
bruch!") Da wir annehmen, daß jeder das Gegenteil von dem wünscht, 
was er in Worten ausdrückt, so ziehen wir aus einem Fluche den Schluß, 
daß der Fluchende uns Glück wünscht. 

Die anagogische Tendenz der Kultur legt uns die Verpflichtung auf, 
„gut zu sein". Der erste der ethischen Imperative verlangt von uns, 
daß wir die Schadenfreude in Mitleid verwandeln. Wir nennen diesen 
Prozeß Sublimierung. Ich will nicht leugnen, daß eine solche Sublimierung 
möglich ist. Aber wir müssen uns immer der Tatsache bewußt sein, daß 
sich hinter dem Mitleid die Grausamkeit verbergen kann. Mitleid ist mit- 
unter nur Verdrängung und nicht Sublimierung. Wenn wir ohne Kenntnis 
der sadistischen Komponente des Mitleides uns dem Mitleid ergeben, so 



282 Sadismus und Masochismus. 

kommen wir oft genug in die Lage, unsere Grausamkeit am fremden 
Objekt in Form von Mitleid auszuleben 1 ). 

Ich erinnere mich an eine reiche Dame, die als Wohltäterin in der 
kleinen Stadt, in der sie lebte, bekannt war. Sie äußerte mir einmal: 
„Wenn ich mit meinem Leben unzufrieden bin, so suche ich meine Armen 
auf. Ich sehe dann, wie schlecht es ihnen geht und daß ich allen Grund 
hätte, glücklich und zufrieden zu sein." 

Diese seltene Aufrichtigkeit zeigt uns an einem krassen Beispiele 
die Schattenseiten des Mitleides. Unwillkürlich vergleichen wir unsere 
Lage mit der bemitleideten Person und eine heimliche Stimme raunt uns 
zu: „Sei froh, daß du nicht der Bemitleidete, sondern der Bemitleidende 
bist!" 

Es ist bekannt, daß es Monomanen des Mitleides gibt. Sie nützen 
jede Gelegenheit aus, um ihr Mitleid zu bekunden und sie weinen Tränen 
des Schmerzes über das fremde Leid. In vielen Fällen zeigt die Analyse, 
daß es Menschen sind, die unter der Verpflichtung leiden, glücklich sein 
zu müssen, und die im Grunde genommen nur über ihr eigenes Leid 
weinen. Die Schaubühne, das Kino, der traurige Roman, die Zeitung geben 
gute Gelegenheiten, eigenes Leid an einem fremden Objekt abzureagieren. 
Mitunter aber verbirgt sich hinter dem Mitleid die Schadenfreude und 
der ursprüngliche Sadismus. Innerlich weiden sich diese Menschen an den 
Qualen der anderen. Die Beobachtung des fremden Leidens schafft eine 
gewisse innere Genugtuung, steigert sich zuweilen zu einem sexuellen 
Lustgefühl. Es sind Sadisten, die zu einer „fertigen Sache" kommen. 
Das Schicksal hat die Wunden geschlagen, an denen sie sich ergötzen. 
Oft ist das Mitleid nur der Umweg, um seine verdrängten sadistischen 
Triebe auszuleben. Es kann sich derart steigern, daß es das ganze Ge- 
fühlsleben beherrscht. Die Objekte des Mitleides sind verschieden und 
richten sich nach geheimen, unbewußten Einstellungen. Ein Pädophile 
oder ein Mann, der an der Phantasie leidet: „Ein Kind wird geschlagen" 
kann einen Verein zum Schutze mißhandelter Kinder gründen oder einem 
solchen Vereine beitreten. Ein Gerontophile wird das Schicksal alter 



') Wie weit war Lessing von der Wahrheit entfernt, als er in der Dramaturgie 
schrieb: „Das Mitleid", sagt der Verfasser der Briefe über die Empfindungen, „ist eine 
vermischte Empfindung, die aus der Liebe zu einem Gegenstande und aus der Unlust 
über dessen Unglück zusammengesetzt ist". Sicherlich ist das Mitleid eine gemischte 
Empfindung. Aber gibt es überhaupt monopolare Gefühle? Sind nicht alle Gefühle 
bipolar? Mendelsohn, der Verfasser der „Briefe über die Empfindungen", macht die 
Mischung aus zwei positiven Werten und übersieht den negativen der Schadenfreude. 
Das Mitleid, das wir im Theater empfinden, ist ein komplizierter Vorgang, der sich am 
besten erklären läßt, wenn wir das Theater als einen Spiegel unseres Unbewußten auf- 
fassen. Am leichtesten sind wir gerührt, wenn wir nnser Schicksal sehen. Was wir 
beweinen, ist unser eigenes Leid. 



Das Mitleid. 283 

Menschen bemitleidenswert finden. Im pathologischen Mitleid drückt sich 
eine überwertige Idee aus. 

In solchen Fällen zeigt das Mitleid einen außerordentlich starken 
Affekt, der uns schon wegen seiner Einseitigkeit verdächtig und der 
Analyse bedürftig erscheint. Das wahre Mitleid kennt keine Ausnahmen. 
Es erstreckt seine Einfühlung auf jedes Leid. Es gibt aber Menschen, 
die ein monomanisches Mitleid zeigen. Sie bemitleiden z. B. nur die miß- 
handelten kleinen Kinder. Sie lesen in der Zeitung eine Notiz über ein 
mißhandeltes Kind und ihre Tränen fließen reichlich, ihre Entrüstung 
kennt keine Grenzen. Aber in der gleichen Zeitung findet sich eine Be- 
merkung über Mißhandlungen und Schlächtereien Erwachsener in Ungarn. 
Das berührt sie gar nicht. „It doesn't go in my line", sagte mir ein Eng- 
länder. Es paßt nicht in sein System. Er interessiert sich nur für hun- 
gernde Völker und der Schreckensruf „starvation" (Hungersnot) setzt seine 
Tränendrüsen und seinen Geldbeutel in Bewegung. Dabei ist es die Hungers- 
not in einem exotischen, fernen Lande, während ihn die Not seiner eigenen 
Arbeiter gar nicht berührt. Ich sah einen bekannten Philanthropen, der 
vor dem Kriege Millionen für die Wohltätigkeit ausgab, mit einem kleinen 
Angestellten, der um eine geringfügige Erhöhung seines Gehaltes bettelte, 
feilschen. Der Philanthrop erklärte ihm, es wäre unmöglich, sein Geschäft 
würde zugrunde gehen, die anderen Beamten würden auch eine Erhöhung 
verlangen. Er fand tausend Ausflüchte, um sein Gewissen zu beruhigen. 
Dabei konnte ich deutlich jenes Lächeln der Schadenfreude beobachten, 
das die innere Genugtuung des Starken verrät, der mit dem Schwachen spielt. 

Fanatiker der Güte sind immer verdächtig. Sie haben viel zu ver- 
bergen. Bei kleinen Gelegenheiten bricht dann der primäre Haß durch 
und verrät die Güte als mißglückte Überkompensation. 

Unter den Mitleidigen finden sich viele Tierfreunde. Es ist mir 
wiederholt aufgefallen, daß von Mördern, besonders von Massenmördern 
berichtet wird, sie zeigten eine auffallende Tierliebe, ein Rätsel, das sich 
die Kriminalogen nicht erklären konnten. So betrieb der Frauenmörder 
Schenk eine Taubenzucht. (Überdies fand man unter seinen Papieren 
zahlreiche lyrische Gedichte.) Andere Mörder zeigten eine rührende Zu- 
neigung zu ihren Hunden. Unter Misanthropen findet man zahlreiche Fa- 
natiker der Tierliebe. Sie pflegen dann zu behaupten, daß Hunde treuer 
und besser seien als die Menschen. Immer zeigt sich die Misanthropie 
mit der Tierliebe vergesellschaftet. Viele Menschenfeinde ziehen sich von den 
Menschen zurück und leben nur mit ihren Tieren. Andere konzentrieren ihr 
ganzes Mitleid auf die Tiere, während sie das menschliche Leid ganz kalt läßt. 

Einen solchen Fall behandelt die nachfolgende Analyse. 

Fall Nr. 18. Frau Helene X., eine 40jährige, blasse Frau von asthe- 
nischem Habitus, aus gesunder Familie stammend, klagt über Zwangsträume 
und Zwangsvorstellungen, die sich an ein bestimmtes Ereignis knüpfen. 



284 Sadismus und Masochismus. 

Es war im Frühjahr dieses Jahres, da sah sie vor dem Bahnhof in M., 
wo sie auf ihren Mann wartete, einen Viehtransport. Es waren Ochsen, die 
auf Wagen vom Bahnhof in die Stadt transportiert wurden. Die Tiere sahen 
müde und abgearbeitet aus. Unter ihnen fiel ihr ein Ochse auf, dessen Hörn 
abgebrochen war. Das Blut lief dem Tiere von der Wunde über die Schnauze 
herunter. Es war ein fürchterlicher Anblick. Seit damals muß sie an diesen 
Vorfall denken, der sie bis in ihre Träume verfolgt. 

In ihren Träumen sieht sie große Viehtransporte, die mittels Wagen 
ins Schlachthaus gebracht, oder Tiere, die in Rudeln zur Schlachtbank ge- 
trieben werden. Oft träumt sie, daß sie in einer Gasse geht und plötzlich zu 
einem Schlachthof kommt. Sie läuft zitternd davon. Sie kommt in eine andere 
Gasse. Dort befindet sich auch ein Schlachthof. Sie läuft wieder davon. Überall 
gibt es Schlachthöfe. Ein Entkommen scheint unmöglich, sie ist von Schlacht- 
höfen umstellt. Sie hat auch Träume, wo die Pferde getrieben und gehetzt 
werden. 

Sie regt sich über Tierquälereien auf. Ein Tier ist stumm und kann 
sich nicht wehren. Sieht sie einen Lastwagen, der von Pferden gezogen wird, 
so muß sie wegschauen. Sie zittert auf der Straße, sie könnte wieder einem 
Ochsentransport begegnen. Sie fährt mit geschlossenen Augen in der Elek- 
trischen, um nichts zu sehen. 

Sie klagt über eine Nachbarsfamilie, die über ihr wohnt. Die Leute 
wären rücksichtslos und schlügen die Türen mit Krachen zu. Besonders die 
zwei großen Söhne wären rohe Lümmel. Sie ist am Abend müde und freut 
sich auf die Ruhe, obwohl sie im Dunkeln immer an den Tod denken muß. 
Dann kommen Zwangsgedanken: Wie lange wirst du noch leben? Wie lange 
wird es noch dauern? Diese Gedanken melden sich immer nur im Finstern 
und verschwinden am Tage. 

Von ihrer Jugend weiß sie wenig zu berichten. Sie war die älteste von 
sieben Geschwistern. Von 11 — 14 Jahren litt sie an Angst vor Staub und 
schlechter Luft. Sie kam von der Schule nach Hause und fragte gleich, ob 
die Zimmer auch gut gelüftet wären. Sie glaubte immer eine stickige Luft zu 
spüren. Blut konnte sie schon in der Kindheit nicht sehen. Sie hat Tiere 
nie gequält, sie war immer mitleidsvoll und ist es noch heute. Sie 
kann von keinem Unglück hören, sie muß gleich weinen. 

Mit 22 Jahren hat sie geheiratet, angeblich aus Liebe. Vor der Ehe 
hatte sie verschiedene kleine Schwärmereien gehabt. Beim Koitus kommt sie 
zu Orgasmus und ist angeblich sexuell vollkommen befriedigt. Sie wurde in den 
ersten Jahren der Ehe durch die grundlose Eifersucht ihres Mannes sehr ge- 
quält. Sie war immer eine Grüblerin. Sie konnte sich über alles aufregen und 
hatte dann infolge des Grübelns an Schlaflosigkeit zu leiden. In den ersten 
5 Jahren der Ehe gebar sie 4 Kinder. Die Kinder sind gesund und zeigen 
keine Spur von Nervosität. Schwerer fällt ins Gewicht, daß sie viermal abor- 
tierte. Sie litt an chronischem Spitzenkatarrh, war wiederholt in Lungenheil- 
anstalten, so daß viermal die Unterbrechung der Schwangerschaft absolut indi- 
ziert war und auch ausgeführt wurde. Sie machte sich über die Abortusse 
keine besonderen Vorwürfe. 

Sie war nie absonderlich fromm, geht aber zeitweilig in die Kirche und 
hält sich für eine gute Christin. 

Peinlich ist ihr, daß sie bei passenden und unpassenden Gelegenheiten 
erblassen muß. Zum ersten Male, als sie (14) ihrer Taufpatin auf der Gasse 
begegnete. Nun erblaßt sie bei jedem Arzt. Jede Untersuchung regt 



Das Mitleid. 285 

sie auf. Bevor sie zum Arzt geht, muß sie Zustände namenloser 
Aufregung durchmachen. 

Diese Aufregungszustände treten auch bei anderen Gelegenheiten auf; 
wenn sie Zeitung liest und die Türen knarren. Der Ausbruch des Krieges 
hat sie schrecklich aufgeregt und unsere Niederlage und der Zusammenbruch 
waren die Ursache von Depressionen, Zwangsgrübeln (wie konnte es so kommen?) 
und Schlaflosigkeit. 

Oft erscheint ihr alles auf der Straße fremd und verändert. Ihre Ge- 
fühle sind wie abgestorben, sie hat nicht mehr die reichen Interessen wie vor 
der Krankheit. 

Sie stürzt schluchzend und weinend in mein Zimmer. Sie ist kaum zu be- 
ruhigen und zum Sprechen zu bringen. Sie hat vor dem Meidlinger Bahnhof 
wieder einen Viehtransport gesehen. Es war so schrecklich! so grauenhaft! 

Sie berichtet über die Träume der letzten zwei Nächte. Es waren wieder 
schreckliche Träume ! 

„Ich gehe mit meinem Manne spazieren. Da begegnen uns Fleisch- 
hauer, welche blutige Stricke tragen, die sie wahrscheinlich beim Schlachten 
gebraucht haben. Wir kehren um. Aber wir kommen wieder zu einem 
Schlachthans. Ich weine bitterlich und bitte meinen Mann, er solle mich 
mit verschlossenen Augen aus der blutigen Gegend herausführen. Wir 
kommen in ein Durchhaus. Mein Mann sagt: , Jetzt kannst du schon die 
Augen aufmachen!' Ich sehe ein altertümliches Gebäude. An der Wand 
hängt ein Bild. Ich schaue hin. Entsetzen: es wird ein Tier ge- 
schlachtet! Dann blicke ich schärfer hin. Das Bild verschwimmt wie 
eine graue Masse. Ich sehe nur, wie ein Mann mit einem Schwert durch 
den Leib daliegt." 
Ein zweiter Traum: 

„Ein kleiner Hund springt auf mich und kommt unter mein Kleid. 
Ich will ihn wegjagen, er springt unter mein Kleid bis zur Schamgegond. 
Ich lege mich nieder. Eine Frau, die vorbeigeht, rufe ich zu Hilfe, den 
Hund wegzunehmen. Ich erwache mit Schrecken." 
Ein dritter Traum: 

„Es ist ein großer Saal. Eine Kirche. Ein Mensch soll hingerichtet 

werden. Aber er kann noch begnadigt werden. Es sind die letzten Minuten. 

Die Menschen schreien aufgeregt: ,Nicht hinrichten! Nicht hinrichten!' 

Es kommt noch die Nachricht, daß er begnadigt wird." 

Zu dem Hundetraum assoziiert sie unvermittelt, daß sie onaniert hat und 

lange vergeblich gegen das Laster gekämpft hat, bis sie es endlich überwunden 

hat. Es kommt aber vor, daß sie nachts onaniert und dann ist sie am Morgen 

unglücklich und lebensüberdrüssig. Sie kommt sich schmutzig und niedrig vor. 

Sie glaubt, daß ihr jetziges Leiden die Folge der Onanie sei. 

" Zu dem Mann mit dem Schwert fällt ihr ein Erlebnis der frühen Kind- 
heit (5) ein. Die Mutter gab ihr ein großes Buch mit Bildern. Da sah sie 
plötzlich ein Bild, das einen Chinesen darstellte, der sich selbst mit einem 
krummen Schwert den Bauch aufschlitzte. Sie wurde von Entsetzen gepackt 
und schleuderte das Buch fort. 

Sie war ein merkwürdiges Kind. Sie kam (4) in den Kindergarten, der 
von geistlichen Schwestern geleitet wurde. Dort war eine Klosterfrau, deren 
Augen ihr schrecklich vorkamen. Sie konnte ihr nicht in die Augen sehen 






286 Sadismus und Masochismu6. 

und konnte in ihrer Gegenwart kein Wort sprechen. Diese Sehen war absolut 
nicht zu überwinden, obwohl die Schwester sich alle Mühe gab und sehr 
freundlich mit ihr war. 

Sie ist seit dem Vorfall in Meidling anästhetisch. Sie kommt nicht mehr 
zum Orgasmus und kann es sich nicht erklären 1 ). 

Während des Krieges machte sie entsetzliche Aufregungen mit. Ihr 
Mann sollte einrücken und wurde enthoben, da er in der Fabrik, die Kriegs- 
lieferungen hatte, dringend benötigt wurde. Die Enthebung galt immer nur 
für 3 Wochen. Es war ein fortwährendes Bangen und sie sah ihn im Geiste 
verwundet auf dem Schlachtfelde. 

Ihrer Wohnung gegenüber war ein Notspital. Sie sah die Verwundeten- 
transporte und konnte auch in den Operationssaal sehen. Es waren furcht- 
bare Zeiten und sie litt unsäglich. Sie hatte Mitleid mit den armen Ver- 
wundeten. 

Ihr fällt noch ein charakteristischer Traum ein. 

„Ich sollte ausgekratzt werden wegen eines Abortus. Dann war es 
nicht ich, sondern meine Tochter Helene (14 1 / 8 Jahre alt!). Ich war 
verzweifelt und dachte immer: „Wie kommt das Kind dazu und wie wird 
sie es aushalten?" 

Ihre 4 Abortusse erweisen sich als schwere Traumen. Sieht sie ein 
kleines Kind, so denkt sie: „So alt wäre jetzt dein Kind!" Oder: „So ein 
Kind könntest du jetzt haben!" 

Jede Geburt war eine Zeit des Schreckens. Sie berichtet ausführlich 
über ihre Angst vor Ärzten. 

Nun kommen wichtige Enthüllungen, welche die Psychogenese der Para- 
pathie verständlich machen. Ihr Vater war jähzornig und prügelte sie 
mit einem Haselstock bis zum 15. Jahre. Schrecklich war es ihr, 
wenn der jüngere Bruder geschlagen wurde. Es gab immer Streit im 
Hause. Der Vater war roh und machte der Mutter Vorwürfe, wenn sie 
schwanger war. „Du kannst nichts, als Kinder gebären ! u Sie wurde wegen 
Kleinigkeiten geprügelt. Einmal, weil ein Löffel zu Boden fiel und sie ihn 
aufzuheben vergaß. 

Die Qual der Traumwelt hält in unverminderter Stärke an. 
Sie träumte: 

„Ich sah einen großen Fleischerwagen. Darauf war ein ganzes Tier. 
Die Haut war abgezogen. 

Ich sah einen Wagen voller Schweine und dachte: Die Armen 
werden jetzt zum Schlachten geführt. 

Dann sah ich viele Leute. Die standen um etwas herum. Ich kam 
neugierig hin und sah ein großes Fell. Ich dachte: Es muß ein furcht- 
bares Unglück geschehen sein. 

Ich stand vor unserem alten (wertvollen) Bücherkasten. Plötzlich 
verwandelte sich der Kasten in einen Glaswagen. Es war ein Leichen- 
wagen. Mein Gedanke war: Da muß ich begraben werden. Aber der 
Kasten oder Wagen schrumpfte zusammen. Er wurde immer kleiner. Ich 
dachte: ,Wie werde ich Platz finden in diesem kleinen Wagen ? {U 



') Erste Korrektur der ersten Anamnese. 



. 



Das Mitleid. 287 

Während der ersten Träume, die uns bekannte Motive enthalten, scheint 
der letzte Traum eine Schwangerschaftsphantasie zu enthalten. Wir wissen, 
daß sie sich wegen ihrer Abortusse Vorwürfe macht. Der nächste Traum be- 
stätigt diese Ansicht: 

„Ich bin in der Kirche und will zum Altar gehen. Da sagt mir 
meine Schwägerin : Du hast ja schon entbunden. Du mußt erst beten, 
dann kannst du zum Altar gehen." 

Jede Schwangerschaft war bei ihr mit Todesahnungen verbunden. Die 
letzte Geburt fand im Sanatorium statt. Sie sollte in den Operationssaal kommen. 
Sie weigerte sich und mußte mit Gewalt hinuntergetragen werden. Sie klam- 
merte sich an die Türschnalle und war besinnungslos vor Angst. Es war ihr, 
als würde sie abgeschlachtet werden. 

Sie freut sich heute unendlich, daß der Wiener Tierschutzverein es 
durchgesetzt hat, daß die Stachelhalsbänder von der Behörde verboten werden 
sollen. Die armen Hunde werden so gequält. Dabei fühlt sie selbst, daß 
die Zeitungsnachrichten, die von den Qualen und Martern der Menschen er- 
zählen, sie kalt lassen. Sie grübelt den ganzen Tag über das grausame 
Schlachten der Tiere. Sie stellt sich die entsetzliche Todesangst der Tiere vor, 
die den Tod erwarten. Warum erfindet man nicht ein Mittel, um die Tiere 
schmerzlos zu töten? Man sollte sie narkotisieren oder mit Elektrizität töten. 

Gestern ging sie mit ihrem Töchterchen spazieren. Auf dem Markt- 
platz, wo sie wohnt, befindet sich eine Tierwage. Sie kam gerade hinzu, wie 
ein Pferd gewogen wurde. Sie schrie auf und lief davon. Das Pferd 
wird wahrscheinlich geschlachtet werden. Meinen Einwand, daß auch Renn- 
pferde gewogen werden, weist sie ab. Nein — es war ein mageres Tier. Im 
nächsten Moment aber spricht sie von dem schönen Tier mit den wunder- 
baren Augen; wie kann ein Mensch ein Pferd töten? Pferde schauen einen 
so treuherzig an. Sie kann den Blick des Pferdes nicht vergessen. Ein abge- 
schundenes und abgerackertes Pferd weckt ihr Mitleid. Und in den Träumen 
sieht sie dann die Pferde, Stücke ihrer Haut sind herausgeschnitten oder 
ganze Teile des Bauches und sie laufen noch herum. 

Sie führt alles auf den Eindruck beim Meidlinger Bahnhof zurück. Ich 
frage sie nach den ersten Erinnerungen und da höre ich, daß angrenzend an 
das Haus, wo sie ihre erste Kindheit verbracht hat, ein Fleischerladen war. 
Sie kam immer hinzu (4 — 5), wenn die Ochsen im Hofe geschlagen 
wurden. Aber nur einmal hat sie direkt gesehen, wie der Fleischer das 
Tier mit einem Hammer niederstreckte und dann die große Schlagader am 
Halse öffnete. Alle Dorfkinder hätten interessiert zugesehen. Später hätte sie 
sich die Ohren zugehalten, die Augen fest zugemacht und geschrieen: „Ist es 
schon tot? Ist es schon tot?" Dann erst habe sie interessiert dem Zerschneiden 
des Tieres, dem Abziehen des Felles zugesehen. 

Hier sehen wir den ersten Hinweis auf ihre sadistische Anlage und den 
ersten wichtigen determinierenden Eindruck ihrer Jugend. Die nächsten Asso- 
ziationen gehen auf den Vater, so daß es wahrscheinlich wird, daß sich die 
ersten sadistischen Phantasien gegen den Vater gerichtet haben. 

Ein Traum: 

Ich gehe an einem dunklen tiefen Wasser vorbei. An einzelnen 
Stellen sind Wirbel. Ich habe Angst, in die grauenhafte Tiefe des Wassers 
zu sehen. 



288 Sadismus und Masochismus. 

Sie berichtet, daß sie sich schon als Kind vor tiefem Wasser fürchtete. 
Sie erinnert sich, daß sie schon in ihrer Kindheit vor dem Einschlafen 
die Vision eines tiefen, trüben, schlammigen Wassers hatte. Das Bild kam 
vor dem Einschlafen und war ihr peinlich. Es ist ihre eigene schlammige 
Seele, die sie sieht. In dem Traume drückt sich die Angst vor der Erkennt- 
nis aus. 

Ein anderer Traum dürfte auf ein Bedürfnis, sich zu reinigen, zurück- 
gehen : 

Ich habe die schmutzige Wäsche gewaschen und will sie am 
Boden aufhängen. Ich komme zu spät. Alle Stricke sind voll mit anderer 
Wäsche . . . 

Man sieht, sie hat viel schmutzige Wäsche und die Reinigung dürfte 
eine schwere Arbeit sein. 

Ihr fällt ein wichtiges Erlebnis aus der Kindheit ein (6). Die Mutter 
las aus der Zeitung vor, daß ein jähzorniger Vater sein Kind an die Wand 
geschleudert und ihm den Schädel zerschmettert hatte. Diese Geschichte regte 
sie außerordentlich auf. (Ein Kind wird getötet!) Wenn sie in der Kirche war, 
mußte sie zwangsmäßig an diese Szene denken. Noch heute weckt Weihrauch 
die Assoziation des zerschmetterten Kindes. 

Auch die Legenden von den blutigen Heiligen und Märtyrern waren für 
sie eine Quelle der Erregung. Das blutige Bild des Heilandes konnte sie lange 
Zeit nicht ansehen. (0 — Haupt voll Blut und Wunden.) 

Ihre Phantasie war außerordentlich lebhaft. Sie dachte sich immer 
wunderbare Romane aus. Sie war eine Prinzessin, war unendlich reich und 
besaß ein Schloß mit weiten Gärten. 

Die Realität ihres Lebens enttäuscht sie. Ihr Mann quälte sie schon in 
der Brautzeit mit Eifersucht. Später in der Ehe war sie oft viele Wochen 
allein. Sein Beruf als Reisender brachte diese Trennung mit sich. In dieser 
Zeit half sie sich mit Tagträumen über das Alleinsein hinweg. Auch die vielen 
Krankheiten, Liegekuren in Sanatorien verstärkten die Tendenz zum Tag- 
träumen, so daß die Wirklichkeit für sie jeden Wert verlor. 

Sie onanierte sehr frühzeitig, weiß sich nicht zu erinnern, was sie für 
Phantasien dabei hatte. Jetzt ist sie vollkommen anästhetisch und verweigert 
ihrem Manne oft den Beischlaf. Nach langer Abwesenheit kam er vor ein 
paar Tagen nach Hause. Sie holte ihn vom Bahnhof ab. Man führte ein 
müdes, abgerackertes Pferd vorbei. Nun war es aus mit ihrer Laune. Sie 
mußte weinen. (Sie weint auch, wenn sie einen bedeckten Wagen oder einen 
Wagen mit Stroh sieht. Es könnte ein Tier drinnen gewesen sein.) Wie 
konnte sie in einem solchen Zustande an einen Beischlaf denken? Sie weinte 
und jammerte und wies den Mann ab . . . 

Ihr Mitleid geht nur auf Tiere. An kranke Menschen oder Kinder denkt 
sie gar nicht. 

■Es wird ihr aber klargemacht und sie gibt es zu, daß diese Tiere ihr 
eigenes Leben symbolisieren. Sie sagte oft von sich: „Ich bin wie ein müdes, 
abgerackertes Pferd." 

Die vielen Kinder waren eine Last für sie. Sie hat sich im Kriege 
müde gerackert. Auch das letzte (vierte) Kind wollte sie sich nehmen lassen. 
Die Ärzte schoben die Einleitung des Abortus hinaus, bis es zu spät war. 
Nun hat sie ein reizendes Mädchen von 13 Jahren, das ihre Freude ist. Sie 
sagt sich oft: „Die anderen vier — die abortierten — wären vielleicht auch 



Das Mitleid. 289 

so lieb und schön geworden!" Bei jeder Geburt hatte sie das Gefühl: „Ich 
bin ein Tier, das zur Schlachtbank geführt wird." 

Sie ist also das Tier und identifiziert sich mit den Tieren. Sie hatte 
Mitleid mit sich selbst. 

Sie kommt wieder weinend in mein Zimmer und kann sich kaum be- 
ruhigen. Ob sie wieder einen Tiertransport gesehen habe? Nein — es wären 
die Schatten der Vergangenheit. 

Wieder ihre stereotypen Träume: 

Ich war einkaufen. Ich habe viele schwere Pakete getragen. Ich 
komme wieder vor das alte dunkle Haus. Graue Mauern. Alles düster. 
Ein großes Tor. Ich komme durch den Torweg in den Hof. Zur Linken 
schlachten sie wieder Tiere. Ich ziehe meine Schürze über das Gesicht. 
Ich will nichts hören und nichts sehen. Die Pakete hindern mich. Dann 
komme ich zu einer hohen Mauer. Dort ist ein Holzbalkon. Ich muß 
hinaufklettern. Es gibt keine Stiege. Ich klettere mühsam in die Höhe 
und die Pakete hindern mich wieder. Da sehe ich Kinder aus einem 
Loch herauskommen. Es ist eine Stiege. Ich komme auf die Stiege und 
denke, ich habe gar nicht gemerkt, daß es hier eine Stiege gibt. 
Ein anderer Traum: 

Ich füttere die Vögel im Garten. Sie kommen alle ohne Angst. 
Da kommt eine Katze oder Eule, groß, gelb und weiß gefleckt und frißt 
das Futter. Ich will das Tier verjagen und erwache mit Herzklopfen. 

Zum zweiten Traum fällt ihr ein, daß sie jeden Morgen die Vögel in 
ihrem Garten füttert. Im Nachbarhause ist eine Katze, welche den Vögeln 
auflauert. Einmal hatte sie die jungen Amseln, die aus dem Neste fielen, ver- 
stümmelt. Einer Amsel hatte sie den Bauch aufgerissen. Sie mußte das Tier aus 
Mitleid töten. (Sie schüttelt sich vor Entsetzen und weint.) Es ist das einzige 
Mal, daß sie ein Tier getötet hat. 

Zum ersten Traum will ihr nichts einfallen. Ich mache sie aufmerksam, 
daß die Pakete darauf hinweisen, daß etwas ihr Gewissen belastet. Nun ge- 
steht sie unter "Weinen, daß sie mit 17 Jahren als Kindermädchen in ein 
Haus kam. Sie wollte Lehrerin werden, aber ihr Vater ließ sie nicht studieren. 
In diesem Hause wurde sie von dem „Herrn" verführt. Das Verhältnis dauerte 
3 Jahre. Sie litt unendlich unter ihrer Eifersucht. Sie konnte nicht zusehen, 
wenn der Mann seine Frau küßte. Später zog sich der Geliebte von ihr zurück. 
Sie glaubt, weil die Frau etwas gemerkt hat. (Die Frau soll frauenleidend 
gewesen sein. Eine häufige Entschuldigung für eheliche Untreue.) Nun haßte 
sie die Frau und hatte Beseitigungsideen. Sie verließ beleidigt das Haus. 
(Wohl nur, weil der Mann sie nicht mehr des Nachts besuchte.) Sie will nie 
etwas bei diesem Manne empfunden haben. Sie gab sich aus Mitleid hin, 
weil er so bettelte. Später traf er sie oft auf der Straße und wollte sie zur 
Wiederaufnahme ihrer Beziehungen verleiten, aber sie wies ihn stolz ab. 

Diese „schmutzige" Geschichte bedrückt sie tief, obwohl sie es ihrem 
Manne gestanden hatte. Nun wird die Eifersucht des Mannes verständlich. Er 
warf ihr oft vor, daß sie diesen Mann noch liebe. Vielleicht ahnt er, daß er 
sie nicht so befriedigen kann wie der erste Geliebte, bei dem sie angeblich 
nichts empfunden haben soll. 

Vor diesem Verhältnis hatte sie nur ideale Beziehungen. Mit 13 Jahren 
verliebte sie sich in einen Ministranten, der 15 Jahre alt war. 

8tekel, Störungen das Trieb- und Affektleben». VIII. 19 



290 Sadismus und Ma60chißmu6. 

Sie stellte sich vor, er wäre tot, sie würde ihn küssen und er würde 
dankbar die Augen aufmachen und flüstern : Ich liebe dich ! Als sie ihn kennen 
lernte, war der ganze Zauber verflogen. 

Sie war glücklich in ihren Phantasien und beneidete kein reiches Kind. 
Sie hatte ihr eigenes Paradies. Sie legte sich ins Gras und die ganze Natur 
begann zu sprechen. Ihre Goldfische waren ihre zweite Welt. Sie steckte 
Blüten in die Vase und dünkte sich eine Prinzessin. Sie träumte sich ein 
reines Leben voller Liebe. Allerdings die Onanie zeigte ihr, daß auch ein 
wildes Tier in ihr war, und dies wilde Tier wollte sie um jeden Preis 

töten. 

In der Ehe fühlt sie sich gebunden. Ihr Mann ist Reisender. Auch 6ie 
möchte die Welt sehen und empfindet die Kinder als Fessel. Manchmal 
steigt ein dumpfer Haß gegen die Kinder auf. Sie träumte von einem 
großen Liebesroman. Sie wird alt und steht im kritischen Alter. Sie wird 
den Roman nie mehr erleben. Sie soll sich von der Jugend trennen und auf 
ihre Träume verzichten. Das kann sie nicht und rebelliert gegen die Nüchtern- 
heit des Lebens. 

Sie klagt über Kopfschmerzen, die schon des Nachts auftreten, wenn 
sie aus dem Traum erwacht. Es ist eigentlich ein schwerer Kopfdruck, welcher 
der Verdrängung ihrer ursprünglichen Haßeinstellung entspricht. 

Ihre Träume zeigen einige Variationen: 

Ich war in der Wohnung des Hausmeisters, der vis-ä-vis wohnt. 
In einer Kiste waren Tiere, darunter ein riesiger Hase. Ich schauderte 
bei dem Gedanken, daß sie ihn einmal schlachten werden und was das 
Tier leiden wird. 

In einem Garten. Ich begegne einem Fleischhauerburschen. Ich 
denke, er wird schlachten, und rufe: „Warten Sie, bis ich weggehe." 

Es ist ein steiler Abhang, da sind Sitze. Ich sitze auf einem Sessel 
und will in den Abhang schauen. Ich fürchte mich und halte mich am 
Geländer fest. Habe Angst, der Sessel könnte in die Tiefe rutschen. 

Es ist am Land. Ein Gendarm trägt einen gefesselten Verbrecher. 
Er muß einen steilen Berg hinaufgehen und muß sich schinden. Der 
Verbrecher schaut mich so scharf und eigentümlich an, ich fürchte, er 
könnte sich auf mich stürzen. Auf einmal war es wie in einem Haus, 
in einem Zimmer. Der vorher junge Verbrecher ist nun ein älterer Mann 
mit einem Bart. Seine Hände sind ganz blutig. Er ist ein Kranker. Ich 
glaube zu verstehen, warum sie ihn getragen haben. 

In diesen Träumen zeigten sich das erstemal das Tier (Hase) als phalli- 
sches Symbol und ein deutlicher Hinweis auf einen Kastrationskomplex. 
Sie fürchtet aber, in die Tiefen der eigenen Seele zu blicken. (Sessel am Ab- 
hang.) Sie trügt einen Verbrecher mit sich herum. Es ist für sie eine große 
Schinderei, sie kommt aber im Traume zur Erkenntnis, daß sie nicht ver- 
brecherisch, sondern krank ist. Bezeichnend ist die Wahl des Wortes „schinden . 
Das Schinden der Tiere, geschundene Tiere spielen in ihren Phantasien eine 

große Rolle. 

Das Reden fällt ihr heute schwer. Sie hatte vor, eine Menge zu erzählen, 
und liegt schweigend da. Plötzlich erhebt sie sich und weint bitterlich. Den 
Grund kann sie nicht sagen. Sie wird über das Verhältnis zu ihrem Manne 
befragt und ruft aus: „Er versteht mich nicht! Ihm hätte ich das nie erzählt, 



Das Mitleid. 291 

was ich Ihnen gestanden habe. Ja, wenn er so wie Sie wäre!" (Beginn der 
Übertragung.) Es folgen Bemerkungen über ihren ältesten Sohn (18), der aus- 
gesprochen parapathisch ist, ebenso ihre Tochter, die an nächtlichem Auf- 
schrecken leidet 1 ). 

Sie ist heute etwas ruhiger. Sie betrauert ihr verlorenes Leben. Sie 
sucht eine Seele, welche ihre Seele versteht. 

Die Tierträume dauern an: 

Ich sah eine Katze in unserer Wohnung. Die war sehr schön und 
hatte ein wunderbares Fell, wie ein Fuchs. Sie hatte Angst und suchte 
einen Ausgang. Ich sagte zu meinem Mann: „Schau dir doch die Katze 
an. Das Tier hat eine solche Angst!" — Ich öffne die Türe zum Vor- 
zimmer. Die Katze springt auf das Guckloch und will sich durch das 
enge Loch durchzwängen. Ich öffne die Vorzimmertüre. Es ist mir, als 
ob eine zweite Katze blutig auf dem Korridor liegen würde . . . Ein 
verwundetes Tier. Ich lasse die erste Katze in den Garten. 

Sie hat keine Einfälle zu' diesem Traum. Wir sehen das Motiv des 
großen Phallus (Fuchsschwanz), der in ein enges Loch will und wieder einen 
Hinweis auf eine Verletzung des Penis. Zweite blutige Katze (Kastration). Wir 
hüten uns, ihr eine Deutung zu geben. Die zweite Katze mahnt wieder an 
den verwundeten Ochsen (blutige Schnauze, abgerissenes Hörn). 

Sie erzählt weinend, daß sie in den Zeitungen über Tierquälerei gelesen 
hat. Die Lastwagen sind zu schwer beladen und die armen Pferde können 
die Last nicht bewältigen. Es sollten mehr Menschen gegen die Tierquälerei 
protestieren. Die Menschen seien so schlecht. Alles nur Vergnügen und Luxus. 
Und diese modernen Weiber ! Alle sind hohl, alle nur Luxus. Sie sind gepudert 
und geschminkt um die Männer anzulocken. Sie schaudert bei dem Ge- 
danken, daß ihre Söhne sich in den Netzen einer solchen leicht- 
sinnigen Frau fangen könnten. 

Hier stoßen wir auf ihre bisher verborgene Eifersucht und auf ein 
Phädramotiv, das vielleicht eine große Rolle spielt. 

Sie küßt mir beim Weggehen mit einer überraschenden Impulsivität die 
Hand, bevor ich sie ihr entziehen kann. 

Sie ist heute entsetzlich aufgeregt. Es wäre das Ende der Behandlung. 
Sie bricht in Tränen aus und verweigert jede Auskunft. Ich habe schon aus 
dem Handkusse den Beginn der Übertragung erkannt und erkläre ihr dies 
Phänomen. Nein, es ist nicht Übertragung! Es ist glühende Liebe. Sie hätte 
nie zu mir kommen sollen. Vom ersten Tage hatte sie gemerkt, daß ich ihr 
Ideal sei. Ich erkläre ihr, sie sei in vollkommener Liebesbereitschaft zu mir 
gekommen. 

Die Stunde geht mit Erklärungen vorüber. 

Die Tierträume sind jetzt unterbrochen. Dagegen hatte sie einen Traum, 
den sie sich nicht erklären kann: 

Ich sehe meinen Mann, wie er auf einer Bahre verwundet aus 
einem Eisenbahnwagen herausgetragen wird. Ich bin furchtbar aufgeregt 



*) Zweite Korrektur der ersten Schilderung. 

19* 



292 Sadismus und Masochismus. 

und sage: „Endlich!"; Ich meine endlich kann ich ihn pflegen. Er sagt: 

„Was meinst du? Endlich ..." 

Nun bricht die Wahrheit durch. Hinter dem Tiere verbirgt sich auch 
ihr Mann. Sie spielte mit Beseitigungsideen. Sie ist unbefriedigt. Der Koitus 
ist ihr eine Last. Er versteht sie nicht. Sie bringt eiue Reihe von Klagen vor, 
welche die tiefe Kluft zwischen den Ehegatten beweisen sollen. Er tyrannisiert das 
ganze Haus. Alles muß nach seinem Kopfe gehen. Er schlägt die Kinder. Er 
ist ein guter Mensch, aber er ist jähzornig. Die Tage, da er auf Reisen ist, 
bedeuten eigentlich eine Erholung aller Hausgenossen. Sie zittert immer vor 
dem Sonntag. Sie spielt mit dem Gedanken, daß ihr Mann einem Eisen- 
bahnunfalle erliegt. 

Jetzt wird ihr zum ersten Mal bewußt, daß sie ihn schon lange nicht 
mehr liebt und sie gesteht, daß zeitweilig der Haß gegen ihn durchbricht. Ihr 
ganzes Liebesbedürfnis hat sie auf die Tiere verschoben. Sie liebt das Tie- 
rische in sich, die grobe Sexualität. Sie gesteht unter Tränen, daß sie vor 
Glut verbrennt. Es sei kein Begehren mehr, es sei Wahnsinn. 

Sie wird beruhigt und auf die Übertragung als vorübergehendes Phä- 
nomen hingewiesen. 

Unter dem Eindruck der Übertragung beginnt sie sich zu verjüngen. 
Sie liest wieder Bücher, beginnt sich für die Natur zu interessieren. Die Tier- 
träume sind zeitweilig verschwunden, aber sie kann nicht mit der Bahn fahren, 
weil sie fürchtet in Meidling Tiertransporte zu sehen. 

Ihre Träume: 

Ich habe ein Kind in der großen Wanne gebadet. Ich hatte Angst 
es ertrinkt mir. Ich dachte. Ich wollte ja kein Kind haben und jetzt 
habe ich eines, es ist wieder eines da. 

Hier sehen wir die alten Haßeinstellungen gegen die Kinder, anderseits 
die Phantasie von mir ein Kind zu haben. 

Zweiter Traum: 

Vor unserem Haus war eine Art Volksfest. Die Leute haben einen 
großen Mast aufgestellt. Auf dem Mast war ein Kruzifix, das war mit 
Blumen und Bändern geschmückt. Ich dachte der Hausherr wird gefeiert, 
weil er in seinem Hause eine Antenne für den Empfang der Radio- 
konzerte errichtet hat. 

Zum Traum keine Einfälle, nur die Radioantenne. Ihre Söhne konstru- 
ieren einen Radioapparat und planen die Errichtung einer Antenne. Die Ge- 
danken gehen zu ihrem ältesten Sohne. Er ist auffallend hübsch und groß. 
Wieder Angst, wie es in der Zukunft mit ihm sein wird. Der Mast ein phal- 
lisches Symbol. Das Kruzifix ein phänisches Symbol im Schmerz. 

Die Tierträume sind verschwunden, sie denkt nur sehr selten an die 
Pferde. Gestern hatte sie einen Ohnmachtsanfall im Freien. Sie lebt in einer 
neuen Welt der Phantasien. Sie spricht in Gedanken immer mit mir und er- 
zählt mir ihr Leben. Ich bin ihr Christus — ihr Heiland . . . 

Ihre Träume sind verändert: 

Ich sah im Traume ein feuriges, lebendiges, schwarzes Pferd, das 
alle Hindernisse übersetzte. Es war ein prachtvoller Anblick. 



Das Mitleid. 293 

Ich war vor einem Wasser, das einen schmutzigen, gelblich-braunen 
Grund hatte. Meine Tochter ging ins Wasser, sie kam aber ganz rein 
heraus. Es war doch ein fester Grund. 

Einerseits Gedanken an den möglichen Sündenfall ihrer Tochter, andrer- 
seits Gedanken an die Gefahren der "Übertragung, die sie heil überstehen will. 
Ihre Leidenschaft, dargestellt als prachtvolles Pferd, daß alle Hindernisse 
nimmt. 

Sie träumte: 

Ich sah ein Pferd, das in einem Wagen eingespannt war. Die 
Last war zu schwer und das Pferd konnte sie nicht erschleppen. Plötz- 
lich bäumte sich das Pferd auf. Aber es war mit Ketten an den Wagen 
befestigt. Nach einigen vergeblichen Versuchen sich zu befreien, fiel es 
zu Boden. Es lag da in einer unnatürlichen Stellung. Ich dachte: Wie 
kann das Pferd nur so liegen? Der Kutscher war sehr lieb mit dem 
Pferde, streichelte es und machte die Ketten los. Hier bricht der 
Traum ab. 

Die Deutung ist klar. Sie ist das an die Ehe und die Pflichten gekettete 
Pferd. Sie versucht sich vergeblich frei zu machen. Ich bin jetzt der Lenker 
ihres Lehenswagens. Ich soll mit ihr zärtlich sein und sie aus den Ketten der 
Ehe und der Moral erlösen. 

Sie macht sich Vorwürfe über die Stärke ihrer Übertragung. Sie hatte 
sich für eine kalte Frau gehalten. Nun fühlt sie einen heißen Strom durch 
ihren Körper rinnen. Nun quält sie sich, überschüttet sich mit den heftigsten 
Vorwürfen. Sie sei eine nichtswürdige, elende Person und ich müßte sie un- 
bedingt verachten. 

Sie erkennt nun, daß sie ihre Leidenschaft, das Tier in sich gemartert 
und unterdrückt hat. Hauptsächlich richtete sich ihr Kampf gegen die Onanie. 
Sie war so erregt, daß sie wieder onanieren mußte, welches Geständnis sie 
mir mit Widerstreben macht. (Ich würde sie verachten und ihr nie mehr die 
Hand reichen.) 

Ein zweiter Traum zeigt die Widerstände gegen die Analyse:. 

Ich sehe ein Meerschweinchen, dem die Haut abgezogen wurde, um 
ins Innere zu sehen und sagte: Wozu muß man das ganze Meerschwein- 
chen aufmachen? 

Es ist nach längerer Zeit der erste Tiertraum. Aber sie hatte kein 
Grauen dabei. Auf der Gasse hatte sie nicht mehr Angst vor den Fleischer- 
wagen, die Schlachtträume sind verschwunden. Der Meerschweinchen träum 
drückt ihren Widerstand gegen die Analyse aus und wiederholt das Motiv des 
geschundenen Tieres. 

Nach allerlei Umwegen kommt sie auf ihr erstes Erlebnis zu sprechen. 
Sie könne es nicht vergessen. Ich deute an, daß sie diesen Mann geliebt 
haben und in seinen Armen mehr empfunden haben müsse, als bei ihrem Manne. 
Er hat mich besser verstanden. Er war ein besserer Mensch. Er hat auch 
gute Bücher und Gedichte gelesen und mit mir darüber gesprochen. Aber ich 
habe mir die Sünde nie verziehen!" 

Nun erkennen wir, daß sie noch immer an den Geliebten denkt. Ich 
teile ihr diese Ansicht mit. Sie gesteht, daß sie einen stereotypen Traum hat, 
in dem sie mit diesem Manne verkehrt (der sich oft im Verlaufe des Verkehres 



294 Sadismus und Masocbismus. 

in ihren Ehemann verwandelt). Immer erscheine die Frau des Mannes und 
drohe mit dem Finger. 

Unter "Weinen gesteht sie, daß der bewußte Mann vor zwei Jahren ge- 
storben ist. Ihr Mann teilte ihr die Nachricht mit. Man sollte glauben, daß 
sie eine Befreiung fühlte. (Der Zeuge ihres Fehltrittes ist verschwunden !) Nein, 
sie war sehr traurig. Rationalisierung: Er ist so jung gestorben und hätte 
noch viele Jahre leben können. (Todesursache: Lungenentzündung, nicht 
Eisenbahnunfall, wie ich angenommen hatte.) 

Der immer wiederkehrende Traum zeigt, daß der Wunsch nach dem 
Verkehr mit dem anderen Manne besteht und die Ursache ihrer Anästhesie 
in der Ehe ist. Sie weint über den Tod des Geliebten. Das Mitleid mit den 
Tieren ist ein Vorwand, um sich ausweinen zu können. 

Wie immer ist sie heute verzweifelt. Ihr Mann versuchte einen Koitus 
und sie blieb anästhetisch dabei. Der Umstand, daß sie beim Onanieren zum 
Orgasmus kommt, beweist, daß sie eine spezifische Phantasie beherrscht. Der 
Traum zeigt in eine bestimmte Richtung. 

Ich stand am Fenster und beobachtete ein Rotkehlchen, das ich 
den ganzen Winter gefüttert habe. Zu meinem Schrecken sah ich, daß 
die Katze ganz in der Nähe stand. Die Katze verscheuchte ich, aber das 
Rotkehlchen folgte wie fasziniert immer der Katze. 

Das Rotkehlchen ist ihr Sohn. Sie wird von dem Zwangsgedanken ge- 
quält, er könnte falschen Frauen in die Netze gehen und für sie verloren sein. 

Ein anderer Traum beschäftigt sich mit der Analyse: 

Ich sehe ein Schwein, das zerschnitten werden soll. Es war schon 
tot, trotzdem fällt es mir schwer zu denken, daß man dem Tier ein 
Messer in den Leib bohren wird. 

Zum Traum fallen ihr Szenen von ihrem letzten Abortus ein. Es scheint, 
daß sie damals die Situation lustvoll empfunden hat und das Abschlachten der 
Tiere den Abortus und die Ausräumung des Fötus darstellt. Die Vorstellung 
vom Schlachten trächtiger Tiere ist ihr die peinlichste. Die Tierträume vom 
Schlachten sind jetzt verschwunden. Viele Träume beschäftigen sich mit meiner 
Person. Z. B. : 

Ich fahre mit meiner Kleinen am Haus Dr. Stekete vorbei. Ich 
will sie dem Dr. Stekel zeigen. Er ist nicht zu sehen. Es regnet und 
ich hebe mein Kleid über den Kopf. 

Es ist klar, welche Kleine sie mir zeigen will. Das Aufheben des Kleides 
vor der Ejakulation ist deutlich dargestellt. 

Sie hat wieder Tierträume gehabt, die uns diesmal in der Auflösung 
des Problems um ein Stück weiter bringen. Der erste Traum lautet: 

Ich sehe einen Eisenbahnzug. Vorne und rückwärts sind Lastwagen, 
die für Vieh bestimmt sind. Wie in allen meinen Träumen sind die 
Wagen mit Piachen bedeckt. Man sieht aber die Ochsenköpfe heraus- 
schauen. Ich habe furchtbares Mitleid mit den Tieren, weil ich denke, 
was sie leiden, wenn die Sonne darauf scheint und sie Durst haben. 
Es ist klar, daß sie das Tier ist, das leidet, wenn die Sonne (Licht und 
Leidenschaft) sie bescheint. Viel näher bringt uns der nächste Traum: 



Das Mitleid. 295 

Ich sehe ein Pferd auf der Straße liegen. Es ist am Bauche ganz 
blutig. Die Genitalien sind ihm weggerissen oder ausgeschnitten. Es ist 
eine große blutige Wunde an Stelle der Genitalien. Das Pferd hat vor 
Schmerzen ausgeschlagen. 

Ich habe vom Beginne an vermutet, daß das gebrochene Hörn auf eine 
Kastrationsidee deutet. Ich habe mich gehütet davon zu sprechen, ehe nicht das 
Material einen Beweis dafür erbringt. Sie wehrt sich gegen die Besprechung der 
Kastration. Sie hätte nie daran gedacht. Sie will anch die Männer nicht be- 
neidet haben und nie dem Gedanken näher getreten sein, daß ihr das Genitale 
abgeschnitten wurde, so daß sie ein kastrierter Mann ist. Als einzige Erin- 
nerung bringt sie einen Vorfall ihrer Jugend. Sie sah einmal einen riesigen 
Hund, der eben von einem Manne kam, der als Verschneider in der Gegend 
bekannt war. Der Hund war läufig und rannte seinem Herrn immer davon. Er 
wurde verschnitten und sie sah ihn heulend und blutend die Straße herunterlaufen. 

Ein anderer Traum scheint auch auf Kastration hinzuweisen! 

Ich sehe ein großes Tier, einen Fisch oder eine zusammengeringelte 
Schlange. Ein Vogel hat daran herumgepickt, denn die Schlange war 
schwer verwundet und konnte sich nicht wehren . . . 
Im Gedanken scheint sie sich mit dem Phallus eines anderen Mannes zu 
beschäftigen. Es ist charakteristisch, daß die Frau ihres Geliebten ihr wieder 
im Traume erschienen ist. Ich möchte gerne wissen, ob der Phallus des ersten 
Geliebten größer war als der ihres Mannes, wage aber die Frage nicht. Sie 
war beim Koitus wieder total anästhetiseh. Sollten nicht Rachegedanken ge- 
wesen sein, den treulosen Geliebten zu kastrieren, sein Glied abzubrechen ? 

Sie hat auch einen Trosttraum, der ihr rät mit ihrem „Kinde" (lies 
Phallus) zufrieden zu sein: 

Ich sah ein Kind, das hatte einen sehr großen Kopf. Ich sagte 
mir: Dein Kind ist doch viel hübscher. 

Sie ist unglücklich, daß man auf der Straße Viehtransporte sieht. Aber 
sie muß zugeben, daß sie unwillkürlich nach diesen Schaustücken Ausschau hält. 
Sie liest ein Buch, um nicht zu sehen. Plötzlich drängt es sie, doch hinaus- 
zusehen. Sie läuft den traurigen Eindrücken nach und findet sie, weil sie sie 
sucht. 

Sie hat aber auch etwas Schönes gesehen, wie sie rühmend hervorhebt. 
Ein weißes, elegantes Polizeipferd, das stolz und fröhlich einhertänzelte. Da 
mußte sie wieder vor Freude weinen. Sie weint also auf jeden Fall. 

Sie hört auch die alten Amseln schreien und läuft sofort hinaus um zu 
sehen, ob nicht die böse Katze auf die jungen Vögel lauert. Die jungen Am- 
seln sind so ungeschickt und verlassen das warme Nest viel zu früh. (Wir 
erkennen die Beziehung zu ihren Söhnen.) Sie kommt auch auf das verlorene 
Paradies und den Sündenfall zu sprechen und mündet unvermutet in die Angst, 
ihre Söhne könnten sich bei einer verdorbenen Frau infizieren . . . 

Gestern bei einem Ausflug fühlte sie sich matt, hatte einen leichten 
Schwindel und mußte sich auf den Stock stützen. Sie lebt jetzt in der Welt 
der Übertragungsphantasien. Beweis der nächste Traum: 

Ich bin im Laboratorium des Dr. Stehet. Er hat ein schönes 
schlankes Jagdgewehr. Ich helfe ihm die Patronen stopfen. 



296 Sadismus und Masochismus. 

Ein anderer Traum: 

Ich fragte meinen Mann, ob ich tanzen gehen darf. Er bejahte. Ich 
zog mein weißes Kleid an und ging allein fort. Dann spazierte ich nach 
dem Tanz im Mondenscheine mit Ihnen und war sehr glücklich. 
Ihr Mann ist sehr eifersüchtig und gestattet ihr das Tanzen nicht. (Das 
passe nur für leichtsinnige Frauenzimmer.) Sie tanzt leidenschaftlich gerne. 
Tanzen hat hier eine doppelte Bedeutung. Das weiße Kleid zeigt die Annul- 
lierung aller vorhergegangenen erotischen Erlebnisse. 
Ein anderer Traum hat sie sehr geängstigt: 

Ich sah einen großen schönen Leichenzug. Die Leidtragenden saßen 
in einer Art Panzerwagen. Der hatte nur ganz kleine Lucken. Ich 
konnte nicht entnehmen, wer darinnen saß. Ich wunderte mich, daß ich 
ohne meinen Mann dabei war. 

Sie begräbt ihren Mann, von dem sie jetzt mitteilt, daß er des Morgens 
häufig schlechter Laune ist und brummt. Oft hatte sie sich vorgenommen, sich 
ihm nicht mehr hinzugeben. Bei Nacht sei er freundlich und lieb und des 
Morgens brumme er, als ob nichts vorgefallen wäre. 

Zum Thema Kastration fällt ihr nachträglich ein, daß sie sich vor Gra- 
vidität fürchtete. Sie kam zu einem Arzt und bat um ein sicheres Mittel, da 
alle bisherigen versagt hatten und die Vorbereitungen zum Koitus ihr jede 
Illusion raubten. Er empfahl ihr die Kastration, d. h. Entfernung der Ovarien 
oder Unterbindung. Sie konnte sich nicht dazu entschließen. Sie hatte immer 
Angst vor der Geburt. Sie hatte sich als junges Mädchen vorgenommen, ein 
fremdes Kind zu adoptieren, um so den Gefahren der Geburt zu entgehen. 
Sie ist überhaupt sehr wehleidig. Der geringste Schmerz ist ihr unerträglich. 
Einmal litt sie an einem Schweißdrüsenabszeß. Beim Verbinden trieb sie es 
so arg, daß der Arzt drohte, er werde die Behandlung aufgeben. Die Depres- 
sion ist schon älter als das Erlebnis auf dem Bahnhof. Sie erinnert sich, als 
sie vor drei Jahren ihren Mann ins Salzkammergut begleitete, saß sie vor dem 
Hotel, wo sie abgestiegen waren und weinte bitterlich, so daß alle Leute 
fragten, was ihr denn fehle. In schöner Natur müsse sie weinen. Sie fühle sich 
einsam und unverstanden und habe niemanden, mit dem sie den Genuß teilen 
könne. Sie war zu Depressionen geneigt und ängstlich. Ihre Schulkameradinnen 
machten einmal den bösen Spaß: „Geh nach Hause, deine Mutter ist gestor- 
ben!" Sie eilte atemlos nach Hause, die Mutter war gerade bei der Arbeit. 
Seit damals lebte sie in der Angst, die Mutter könnte sterben und sie mit 
dem bösen Vater allein lassen. 

Obwohl sie den Kastrationskomplex nicht einsehen will, erscheint er 
deutlich in ihren Träumen: 

Ich nehme mein Meerschweinchen au6 dem Kasten, wo es lebt. Das 
rechte Hinterbein ist wie aus Holz und fällt ab. 

Einige Tage vorher hörte sie, daß mein Hund sein rechtes Hinterbein 
gebrochen hat. Dieser Vorfall hat sie lebhaft beschäftigt. Trotzdem haben wir 
darin nur das traumauslösende Element zu sehen. Das Zerstören eines phalli- 
schen Symbols spielt auch in dem nächsten Traum eine Rolle: 

Ich bin in einem tiefen Wasser. Es ist wie ein Meer. Ich muß mit 
den Wellen kämpfen. Ferne sind große Schiffe. Im Wasser sind furcht- 
bare Seeungeheuer. Es ist finster nnd trüb und ich habe Mühe vorwärts 



Das Mitleid. 297 

zu kommen. Plötzlich wird das Wasser ganz klar. Tausende von herr- 
lichen silbernen Fischen schwimmen um mich herum. Sie stellen sich alle 
auf und stehen aufrecht um mich herum. Einige streifen meine Beine 
und ich habe ein angenehmes Gefühl dabei. Es sind so viele Fische, daß 
ich zahllose zertreten muß, was mich diesmal nicht geniert. 

Sie kämpft mit ihren Leidenschaften, sie ist von wilden Trieben bedroht. 
Sie sieht in der Sexualität etwas Gemeines und Niedriges. Aber ihr Sinn 
ändert sich. Sie ahnt die Wonnen einer verbotenen Liebe. 

Ihre Übertragung ist ohne Grenzen. Sie geht nicht mehr in die Kirche. 
Sie hat immer Gott gesucht aber nie gefunden. Nun ist der Arzt ihr Gott. 
Ungläubig lauscht sie der Erklärung, daß es sich um eine Übertragung handelt. 
Sie liebt mich und sie weiß, daß ich alles zu einem guten Ende führen werde. 

Ich benütze die Übertragung, um sie auf die guten Eigenschaften ihres 
Mannes aufmerksam zu machen und um tiefer in die Psychogenese einzu- 
dringen. Sie wird auf ihre Pflichten als Mutter aufmerksam gemacht. Sie wird 
angeleitet, auf den großen Roman ihres Lebens zu verzichten und sich mit der 
Realität abzufinden. 

Sie freut sich, daß sie jetzt wunderschöne Träume hat. Ihr ganzes Traum- 
leben hat sich geändert. Als Beweis der folgende Traum: 

Ich mache mit meinen Kindern einen Spaziergang. Wir kommen 
zu einer wunderschönen Wiese mit prachtvollen Blumen in wunder- 
baren Farben. Die Blumen sind seltsam groß und mit herrlichen Blüten. 
Die Kinder reißen Blumen ab. Ich sage zu ihnen: Ihr dürft nicht alle 
ausreißen. Laßt von jeder Art eine stehen, damit die schönen Pflanzen 
nicht ausgerottet werden. 

Es ist möglich, daß auch dieser Traum Beziehungen zum Kastrations- 
komplex hat. Sie kann keine Assoziationen bringen 1 ). Aber sie lebt bereits in 
einer anderen Welt. Sie bedauert, daß sie im Hause so viel gearbeitet hat. 
Ein geheimes Schuldbewußtsein scheint sie in die Rolle einer Magd getrieben 
zu haben. Sie wollte kein Dienstmädchen nehmen, obwohl ihr Mann sie wieder- 
holt dazu aufgefordert hat. (Vielleicht Eifersucht auf ihre beiden Söhne; ein 
häufiges Motiv 2 ). Sie weiß, daß ihr Leben verpfuscht ist. Sie lebt ohne Liebe 
und ohne Verständnis. Sie muß auf ihre Träume von Liebesglück, auf den großen 
Roman verzichten. Hie und da wird sie an ihre alten Tiergeschichten erinnert. 
Heute sah sie in der Nähe des Meidlinger Bahnhofes einen Wagen, in dem 
Tiere geführt wurden. Sie wollte nicht hinschauen. Aber es zog sie mit ma- 
gischer, unwiderstehlicher Gewalt hinzublicken. Da überzeugte sie sich, daß 
es sich um einen Holzwagen handelte, und daß sie die Tiere hinzuhallu- 
ziniert hatte. , . „. 
Sie hatte schon als Kind ein Bedürfnis nach traurigen Stimmungen. Sie 
konnte plötzlich weinen, weil sie glaubte, daß ihre Mutter die anderen Kinder 

lieber habe als sie. , 

Ich solle ihr erklären, warum sie so aufgeregt sei, bevor sie zu mir 
komme. Ich verweise auf die Übertragung. Sie käme immer mit der Phantasie, 

*) Offenbar hat der Traum Beziehungen zu der Tatsache, daß sie ihre Kinder 
umbringen will und drückt die Stimme des Gewissens aus. 

*) Vielleicht fürchtet sie auch die "Vergeltung. Der Mann könnte sie mit dem 
Dienstmädchen betrügen, wie sie einst ihre Dienstgeberin mit deren Mann betrogen hat. 



298 Sadismus und Masochismus. 

etwas zu erleben. Sie erwidert, daß sie vor jedem Besuch bei einem Arzte so 
aufgeregt sei, d. h. sie hatte bei jedem Arzte die gleiche Phantasie. Sie spielte 
schon als Kind gerne Doktor und die Spiele endeten mit einer gründlichen 
Untersuchung des Spielgenossen. Nun wird ihre Angst vor den Ärzten erklärt. 
Der Arzt ist ihre spezifische Liebesbedingung. Das erklärt uns die Angstzu- 
stände in der Gebäranstalt „Lucina", die sie mit ihren eigenen Worten fol- 
gendermaßen beschreibt: 

Meine Angstzustände in der „Lucina". 

„Nachdem ich dreimal daheim entbunden, habe ich mich beim vierten 
Kinde entschlossen die „Lucina" aufzusuchen. Ich meldete mich daher für den 
Zablstock an. 

Es war vor 13 Jahren. Nach einer schweren Gemütsdepression am Abend 
und noch nachts, schlief ich erst nach Mitternacht ein. Um 7 Uhr früh weckte 
mich meine kleine Tochter. Ich hob sie aus ihrem Bettchen, dabei spürte ich 
ein Abgehen von Fruchtwasser. Die rasch herbeigeholte Hebamme riet mir, 
sofort nach Wien in die Anstalt zu fahren. Es war ein trüber, frostiger Tag. 
Mein Mann brachte mich zur „Lucina". Ich wurde, nachdem ich mich in der 
Kanzlei gemeldet, einer Hebamme übergeben. Es war eine junge, sehr hübsche 
Person, doch war sie mir nicht sympathisch, sie schien mir kalt und ge- 
fühllos 1 ). 

Der Abschied von meinem Manne war mir sehr schwer und hat mich 
schon sehr erregt. Die Hebamme führte mich, da das Entbindungszimmer be- 
legt war, in den Operationssaal. Der große Saal war mir sehr unheimlich 
und ich bekam ein heftiges Heimweh, eine wahnsinnige Furcht, ich fühlte 
mich wie gefangen. Zum Unglück lag noch eine Frau in Wehen da, und weil 
niemand bei ihr war, tat sie mir sehr leid. 

Die Hebamme wies mir ein Bett an und sagte kurz: „Ziehen Sie sich 
aus und legen Sie sich nieder!" Dann ging sie. Ich begann mich zu ent- 
kleiden, hatte schon die Schuhe ausgezogen. Plötzlich kam mir der Entschluß 
davonzulaufen und wieder heimzufahren. Ich kleidete mich rasch wieder an 
und rannte weinend auf den Gang. Dort traf mich eine Pflegerin und rief 
die Ärzte. Nun bettelte ich flehentlich, sie sollten mich doch wieder fortlassen, 
da ich noch keine Wehen habe und sicher noch gut heimkommen werde. Na- 
türlich ließen sie es nicht zu und gaben mir Brom zur Beruhigung. Dann 
wurde ich in den zweiten Stock in mein Zimmer gebracht. Dort war ich nicht 
zu bewegen mich niederzulegen, sondern lief wie verzweifelt im Zimmer hin 
und her mit der Absicht auf keinen Fall hierzubleiben. Da immer Frucht- 
wasser abging und keine Wehen eintraten, so ängstigte ich mich auch deshalb 
sehr, denn bei den früheren Entbindungen mußte die Hebamme die Blase 
öffnen, nachdem ich schon lange Zeit Wehen hatte. Ich fürchtete eine abnor- 
male Geburt. 

Endlich um 3 Uhr nachmittags kam mein Mann, hoffte, daß alles schon 
vorbei sei, statt dessen fand er mich ganz verzweifelt und weinend und ich 
bat ihn händeringend, mich wieder nach Hause zu bringen. Mein Mann holte 
dann den Arzt, den ich mir privat zur Behandlung gewählt hatte. Dieser 
untersuchte mich und konstatierte, daß alles normal sei und ließ mir ein Bad 
geben. Da mir mein Mann versprach nicht mehr fortzugehen, wurde ich etwas 



') Ihr ewiges Verlangen nach Liebe nnd Mitleid. 



Das Mitleid. 299 

ruhiger und gegen Abend begannen die ersten, leichten Wehen, gegen 8 Uhr 
die Drangwehen. 

Nun begann das Schrecklichste. Ich sollte zur Entbindung hinunter in 
das Zimmer, wo mittlerweile doch ein Bett frei wurde. Ich hatte erfahren, 
daß nebenan im Operationssaal noch immer die arme Frau liege und eine 
Operation vorgenommen werden mußte. Da bekam ich eine entsetzliche Angst. 
Ich schrie und hielt mich krampfhaft an das Bett, als mich die Pflegerin 
hinunterführen wollte, klammerte mich an alles, was ich erwischen konnte, an 
die Türschnalle, an das Stiegengeländer und mußte mit Gewalt fortgeschleppt 
werden. Unten im Gang erwischte ich noch einen Wasserleitungshahn. ^ 

Es ist mir gar nicht möglich diesen gräßlichen Angstzustand zu schildern. 
So muß das unglückliche Tier sich sträuben und wehren in seiner 
Todesangst, die es ganz bestimmt in seiner Seele fühlt, wenn es 
zum Schlachten geführt wird. 

Warum habe ich mich so gequält und geängstigt? Wenn ich genau 
nachforsche, so fühle ich, daß es nicht die Angst vor den Schmerzen war, 
sondern die Angst, daß ich an anderen Frauen neben mir Schreckliches sehen 
muß, und daß ich, wenn ich in Schmerzen liege, niemanden bei mir 
haben werde, der mich liebt und mir liebe, tröstende Worte sagt, 
daß nur fremde, gleichgültige Menschen neben mir sein werden, das hat mich 
so rasend gemacht. Ich habe daheim schon größere Schmerzen mit Geduld 
ertragen. 

Merkwürdigerweise war mir von dem Moment an, als ich im Entbindungs- 
zimmer lag, alles gleichgültig. Noch 2 Stunden und alles war gut vorbei. 

Mein armer Mann hat an diesem Tage Furchtbares mit mir ausge- 
standen. 

Und meine Kleine, die ich damals zur Welt brachte, wie liebe ich 
sie! Vielleicht weil ihr Dasein in Frage stand, vielleicht weil ich sie unter so 
großen Schrecken geboren habe, muß ich sie noch zärtlicher lieben als die 
anderen Kinder. 

Mögest du, mein kleiner Sonnenschein, im Leben das Schöne, das Herr- 
liche finden! Beglücke und werde glücklich!" 

In dieser bemerkenswerten Schilderung sehen wir die deutliche Identi- 
fizierung mit dem Tiere. Andrerseits erkennen wir die Wirkung des Schuld- 
bewußtseins. Sie wollte sich damals abortieren lassen. Der Arzt schob den Ein- 
griff hinaus und niemand fand sich später, der die Verantwortung übernehmen 
wollte. Sie hatte also das Kind töten wollen! Der Anblick des blühenden, sehr 
zärtlichen Kindes erinnert sie an die anderen abortiven Eingriffe, die sie an 
sich hatte vollziehen lassen. 

Auch das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit geht deutlich aus 
ihrer Schilderung hervor. Sie liebte den Mann nicht mehr und sträubte sich 
innerlich, dem ungeliebten Manne Kinder zu gebären. Ihre Frömmigkeit dis- 
sonierte mit den Wünschen, ein totes Kind zu gebären. Sie mußte daher 
glauben, daß Gott sie bestrafen werde. 

Die Möglichkeit, daß Geburten und Abortusse für sie sexuelle Ereignisse 
bedeuten, ist nicht von der Hand zu weisen. Ärzte waren ihre Liebesbedingung. 
Jeder Gynäkolog weiß, daß die Frauen, die er entbindet, sich in ihn verlieben, 
zumindest für ihn schwärmen. 



300 Sadismus und Masochismus. 

Die Träume gehen immer deutlicher in eine andere Richtung: 

Ich habe ein kleines Kind getragen. Es gefiel mir gar nicht und 
ich dachte, meine Kinder sind viel hübscher. Dann war ich auf einem 
schmutzigen, glitschigen Weg. 

Ein Trost- und Warnungstraum. Hüte dich vor gefährlichen Wegen! 
Das Kind ist der Sprößling des Analytikers. Dieser Traum ist das Ende eines 
Romanes, in dem der Arzt die Hauptrolle spielt. 

Sehr bezeichnend der nächste Traum: 

Ich habe das Zimmer abgestaubt und stand hoch oben auf einem 
Sessel mit nackten Beinen. Da kamen mein Mann und mein Hausarzt, 
der aber gar nicht wie der Hausarzt aussah, ins Zimmer. Der Arzt rief: 

„Also schon wieder herumarbeiten!" Ich sprang vom Sessel und 
warf mich dem Arzt an die Brust und rief aus: „Ich muß das machen!" 

Sie ist stolz auf ihre schönen Waden. Hier hat der Arzt Gelegenheit, 
sie zu bewundern. Auch hat sie vor ihrem Manne kein Geheimnis, sie küßt 
den Arzt in seiner Gegenwart und er ist damit einverstanden. 

Ihr ganzes Leben wurde ihr durch die Eifersucht des Mannes verdorben. 
Waren sie auf der Bahn, so durfte sie nicht rechts und nicht links schauen. 
Als sie sich zur Erholung in einer Lungenheilanstalt befand, beanstandete er 
eine Ansichtskarte, auf der sich andere Kranke unterschrieben hatten. Überall 
witterte er Betrug und Verrat. Sie hatte keine Möglichkeit, sich mit anderen 
Menschen zu unterhalten. Das erklärt uus ihre Todeswtinsche. Machte sie mit 
ihm eine Reise, so konnte sie sicher sein, daß er ihr ungerechte Vorwürfe 
machen werde. An schönen Orten weinte sie, so auch in Venedig am Marcus- 
platz, so daß der Mann sagte: „Warum hast du mich geheiratet, wenn du so 
unglücklich bist?" Ihr Mann betonte oft seine absolute Treue und scheint seine 
Frau dafür bestraft zu haben, daß er seine polygamischen Tendenzen nicht 
ausleben konnte. 

Sie weiß auch über einen Tiertraum zu berichten: 

Ich habe die Küche frisch gerieben. Da kam ein Tier herein, das 
war ohne Haut. Die Haut war sehr ungeschickt heruntergezogen, un- 
geschickte Schnitte waren zu sehen. Plötzlich verwandelte sich das Tier 
in meine Tochter Berta. „Du armes Kind! Was mußt du Schmerzen 
leiden" rief ich aus. Man sah auch die Schrotkörner in ihrem Fleisch. 
Hier sehen wir zum ersten Male, daß sie die Tiere mit jener Tochter 
identifiziert, welche wegen des verweigerten Abortus geboren wurde. Die 
Tochter steht aber auch für ihr Geschlechtsorgan, das ungeschickt behandelt 
wurde. Die Schrotkörner deuten auf die Ejakulation. Die heruntergezogene 
Haut auf den Verlust der Virginität vor der Hochzeit, also auf den ersten 
Geliebten, den sie nicht vergessen kann. (Hymen — Jungfernhäutchen.) 

Gestern sah sie ein Pferd, das Striemen hatte. Sie vermutete, der Kutscher 
habe es geschlagen und sie machte ihm Vorwürfe. Im Laufe der Assoziationen 
kommt sie wieder auf ihren Mann zu sprechen, der sie niemals verstan- 
den habe. 

Deutlich tritt jetzt ihr Masochismus als extremer Wille zur Unterwerfung 
hervor. Sie ist tief gekränkt, daß ich mir von ihr nicht die Hand küssen 
lasse und lebhaft protestiere, wenn sie mich einen Gott nennt. Sie benötigt 
ein Ideal, das sie vergöttlicht und dem sie sich gerne unterwirft. 



Das Mitleid. 301 

Sie hatte einen charakteristischen Traum: 

Ich habe gesehen, wie man einen Hund fortgejagt hat. Ich sagte 
zu meinem Mann: „Wie kann man ein so treues und anhängliches Tier 
aus dem Hause jagen!" Da war ein zweites Tier da — eine Hündin. 
Ich sah wie die beiden einen Geschlechtsakt ausführten und nicht aus- 
einander konnten. Ich sagte: „O — die kommen nie auseinander." 

Der Traum hat eine Vorgeschichte. Ihr Mann war von der Reise nach 
Hause gekommen. Sie hatte für ihn ein warmes Gefühl. Da seine Mutter früh- 
zeitig starb, hatte er eine harte Jugend gehabt. Sie beginnt ihn jetzt zu ver- 
stehen. Sie interessiert sich für sein Seelenleben. Sie küßt ihn und sagte zu 
ihm: „Bist du glücklich?" Er erwiderte: „Ja, wenn du gesund bist und ich 
weiß, daß du mich liebst!" 

Das ließ sie nachdenken und nach einer Weile sagte sie wieder: „Ich 
wollte, du würdest mir dein Leben erzählen, als wenn ich ein Analytiker wäre." 
„Ich habe keine Geheimnisse!" 

„Jeder hat Geheimnisse. Da kennst mich nicht und ich kenne dich nicht. 
Wir haben nebeneinander, nicht miteinander gelebt." 

Das konnte er nicht begreifen. Aber wir sehen, wie sie die Affektein- 
stellung gegen ihren Mann korrigiert. Der Arzt wird ein Umweg zu ihrem 
Manu. 

Das erklärt uns den ersten Traum. Sie kann ihren Mann nicht aus dem 
Herzen jagen. Er ist zu treu und zu anhänglich. Er ist der alte Hund. Sie 
kommt von ihm nie mehr los. Noch deutlicher ist die Sprache des nächsten 
Traumes: 

Auf einer Wiese waren wunderbare Blumen. Ein herrliches Beet 
voll der herrlichsten Farben. Mein Mann erlaubt mir nicht, die Blumen 
zu pflücken. 

Sie fühlt sich schuldig. Sie hätte ihren Mann besser verstehen sollen. 
Wir begreifen, warum sie sich s.o viel Arbeit aufgebürdet hat. Es war eine 
Buße für ihre Todesgedanken. Gestern sagte sie zu ihm: „Ich habe dir nie 
das geben können, was du von mir erwartet hast!" Ihr Manu protestierte und 
wies auf ihre Tugenden, ihre Arbeitsamkeit und auf ihre musterhafte Erzie- 
hung der Kinder hin. 

Zur Entstehung ihrer sadistischen Phantasien trug nicht wenig ein Museum 
bei, wo sie wiederholt in ihrer frühen Jugend hingegangen war, um die ver- 
schiedenen Marterinstrumente zu betrachten. (Nebenbei! Wann wird man Kindern 
und Halbwüchsigen den Eintritt in solche Museen verbieten?) An ein Bild 
muß sie immer denken: Einem Gemarterten werden die Gedärme abgehaspelt 
uud auf eine Rolle gewickelt. 

In der Kirche hatte sie immer die sadistische Phantasie von dem ge- 
marterten Kind, die wir schon erwähnt haben. Sie konnte nie recht beten. 
Sie wurde immer von Gedanken an Martern verfolgt. Sie wollte selbst eine 
Märtyrerin werden. Sie dachte, die heiligen Märtyrer fühlten die Schmerzen 
nicht, weil Gott ihnen hilft. 

Ihr ganzes Leben war ein Kampf gegen Staub. Sie verträgt es nicht, 
wenn die Sonne ins Zimmer scheint, so daß man die Staubteilchen bemerkt. 
Es ist das Bild ihrer staubigen Seele, das sie nicht ertragen kann. Wenn die 
Zimmer recht gut gebürstet und gefegt waren, dann fühlte sie sich glücklich. 
Auch ihre Kinder wurden pedantisch rein gehalten. 



302 Sadismus und Masochismus. 

Neu ist, daß sie ihrem strengen Vater nicht zürnen kann. Er 
war ein ruheloses Arbeitstier (ihr Ausdruck!), hielt es nie lange an einem 
Orte aus, erhoffte immer Besserung von einer Ortsveränderung, schimpfte, daß 
man seine Arbeit nicht anerkenne, war sehr ehrgeizig, wollte es weit bringen 
und hat doch nichts erreicht. Weinend ruft sie aus: „Ich war sein Un- 
glück!" 

Die Motivierung dieses seltsamen Ausspruches ist: die Mutter war mit 
ihr schwanger und deshalb hatte der Vater die Mutter geheiratet. Er war in 
der Ehe nicht glücklich! 

Sie sah wieder Tiere auf einem Wagen. Dabei hat sie immer einen Ge- 
danken: Die Tiere wissen, daß sie zur Schlachtbank geführt werden und 
möchten gerne vom Wagen herunterspringen. Aber sie können nicht. Sie sind 
gebunden. 

So ist sie an ihren Mann gebunden. Sie wird nie von ihm loskommen. 
Sie wird nie aus dem Wagen springen. 

Ein interessanter Tiertraum zeigt, daß ihr Unbewußtes sich einer eigenen 
Symbolsprache, der Tiersprache, bedient: 

In einem Stall sehe ich eine große Kuh. Ihr Kopf ist mit einem 
weißen Tuch verbunden. Ich sage zu ihr: „Willst du nicht Milch trinken?" 
(So spreche ich in Wirklichkeit zu meinem Meerschweinchen.) Die Kuh 
war riesengroß. Ich verlasse den Stall, die Kuh geht mir nach. Plötzlich 
plumpst sie zu Boden. Ich denke: Sie hat sich sicher wehgetan. Sie war 
trächtig. Ich wecke meinen Mann auf. Wir kommen in die Küche. Der 
Kopf der Kuh liegt im siedenden Wasser, abgeschnitten die Wunde nach 
oben. Ich drehe den Kopf um und will der Kuh Semmelstücke geben. 
Sie schnappt darnach. Ich habe sie hineingesteckt. Der Kopf war schreck- 
lich zerschnitten. 

Zur Kuh bemerkt sie, daß die Kühe sie immer an Mütter erinnern. Sie 
ist die Kuh und will ihrem hungrigen Tier Nahrung geben. Sie brennt, ihr 
Kopf glüht, sie ist verliebt. Sie will, daß ihr Nahrung hineingesteckt wird. 
Ihr Mann soll aufpassen. Sie muß ihn wecken. 

Wieder Anspielungen auf den Kastrationskomplex, zu dem sie keine 
Bestätigung bringen kann. (Fellatiophantasien?) 

Das war der einzige Tiertraum, der schrecklich war. Sonst noch ein 
Traum von einem schönen Pferd: 

Ich sah wieder das schöne, stolze, weiße Pferd. Es sprang mit 
einem Reiter über den tiefeD Graben. Einmal. Dann noch einmal! Dann 
wieder einmal. Ich war erstaunt, wie oft das Pferd springen kann. 
Zuletzt war das Pferd verschwunden und ich sah nur den Reiter, der 
über den Graben sprang. 

Deutliche Koitussymbolik. Noch einmal! bedeutet die begehrte Wieder- 
holung des Koitus. Schließlich verschwindet das Pferd und es bleibt nur der 
Mann zurück, der ebenfalls ein guter Springer ist. 

In einem anderen Traume wäscht sie die Wäsche. Ihr Junge putzt sich 
die Zähne und spuckt das Spülwasser in das Waschwasser, was sie sehr er- 
regt. Sie kann nicht die Analyse beenden, wenn sie die Gedanken, die sich 
auf den Jungen beziehen, zurückhält. 

Zum erstenmal nach langer Zeit fühlte sie wieder einen „kleinen" Or- 
gasmus beim Verkehr. Sie kommt auf das Unglück ihrer Ehe zu sprechen. 



Das Mitleid. 30S 

Die alte Klage: Ihr Mann wird, sie nie verstehen . . . Das heißt wohl: Er 
wird mich nie ganz befriedigen! 

Sie kommt weinend in die Ordination. Deprimierende Schilderungen aus 
ihrem Eheleben. Der Mann hat kein Verständnis für seine Kinder. Er treibt 
sie nur zum Studium, gönnt ihnen keine Freude und spricht immer von Pflicht. 
Die Kinder sind bedrückt, wenn er zu Hause ist und atmen auf, wenn er 
wieder verreist. 

Im Traume war sie mit ihrem Sohne in einem Keller. Sie sahen 
eine Mausmutter und 5 kleine Mäuse. Die eine kleine Maus war ganz 
aufgeschnitten. Dann sah sie eine schwangere Frau auf der Straße, die 
rückwärts ganz entblößt und mit Haaren bedeckt war. Trotzdem sie 
häßlich war, hatte sie den hoheitsvollen Ausdruck einer Mutter. 
Zum ersten Male wird in einem Traum die Frau mit einem Tier iden- 
tifiziert. Sie war in den Zeiten der Schwangerschaft sehr empfindlich und er- 
wartete, der Mann werde doppelt so lieb sein. Am Tage, bevor sie in die 
Lucina kam, ging sie mit dem Mann und ihrer Schwägerin spazieren. Der 
Mann sprach nur mit seiner Schwester. Sie war beleidigt, weinte die halbe 
Nacht, suchte nach seinen alten Liebesbriefen und zerriß 6ie alle. Das erklärt 
uns ihren Aufregungszustand in der Lucina. 

Die Pfingstfeiertage sind verhältnismäßig ruhig verlaufen. Ihre Tier- 
träume zeigen einen ganz anderen Charakter: 

Im Garten sind viele wilde Tiere herumgelaufen. Ich habe vom 
Kellerfenster aus drei gesehen. Das eine war eine wilde Katze, das 
zweite viel größer wie ein Luchs und das dritte ein Tiger. Der Luchs 
kam zum Kellerfenster und sah mich mit glühenden Augen an. Ich hatte 
Angst und probierte das Fenster, ob es gut verschlossen war. Ich schob 
noch einen Riegel vor.. Die Tiere rasten im Garten herum. Da fiel 
mir ein, daß meine Kleine im Garten ist. Ich schrie: „Berte! Berte! 
Wilde Tiere sind im Garten! Wo steckst du doch! Verstecke dich!" Ich 
erwachte voller Angst. 

Wir sehen, wie sie sich vor der eigenen Leidenschaft fürchtet. Die 
Tochter ein Symbol ihrer Vagina. Sie möchte einen Riegel vorschieben und 
sich gegen jede Überraschung durch ihren wilden Trieb versichern. Aber es 
rasen die wilden, leidenschaftlichen Gedanken und Todeswünsche gegen die 
Tochter des Nachts durch ihr Hirn, daß sie sich wie eine Wahnsinnige vorkommt. 

Im nächsten Traum brechen wieder Todeswünsche durch: 

Ich sah zwei Leichenwagen. Es war ein riesiger Verkehr auf der 
Straße, aber die Pferde wußten sich geschickt durchzuwinden. Ein Pferd 
hat sich umgeschaut. Es war so häßlich und hatte ein breites, unför- 
miges Maul. Ich dachte: Dies paßt zu dem Leichenwagen. 
Dies Pferd ist ihr Mann, dem sie innerlich einen Unfall auf der Eisen- 
bahn wünscht. Sie entwertet ihn und hängt ihm ein häßliches Maul an. Wir 
hören auch gleich, warum sie es tut. Ihnen gegenüber wohnt ein Milchmeier, 
der an eine ältere, reizlose Frau verheiratet ist und gern mit den Mädchen 
schäkert. Auch unserer Patientin hat er einmal die Hand geküßt, vielleicht 



304 Sadismus und Masochismus. 

länger, als es notwendig war. Sie merkte seine Bewerbungen und wies sie 
entrüstet ab. Aber ibr Mann verfolgte sie mit Eifersucht und glaubte, daß 
sie zum Fenster gehe, um mit dem Milchmeier zu kokettieren. Auf der Gasse 
begegnete sie einem jungen Burschen, der zufällig lachte. Ihr Mann hatte es 
sofort heraus, daß er sie angelacht hatte. Einer anständigen Frau würde er 
das nie antun! . . . 

Durch diese Nörgeleien und Verdächtigungen hatte er ihr Leben ver- 
giftet und ihre Unbefangenheit zerstört. Vielleicht hatte er es gefühlt, daß sie 
sich nach Liebe sehnte. Ihr letzter Traum erfüllt ihr einen Wunsch: 

Ich bin im Zimmer des Dr. St. Es ist sehr dunkel, weil die Vor- 
hänge heruntergelassen sind. Ich falle an seine Brust und schmiege 
meinen Kopf an die starke Brust, wo ich mich geborgen fühle. Mein 
Sohn ist im Zimmer. 

Die Vorhänge sind bei mir nie heruntergelassen und man kann in meine 
Zimmer blicken. Das paßt ihr zu ihrer Phantasie nicht und sie läßt einmal 
im Traum das Zimmer dunkel sein. Ihr Sohn scheint hier mit mir zu einer 
Person verdichtet zu sein. Wir sind die beiden Liebesobjekte, welche jetzt 
ihre Phantasie beschäftigen. 

Sie fühlt Lebensüberdruß. Alles soll dunkel werden. Sie will Ruhe und 
tiefe Nacht. Sie fühlt sich elend. Sie hat jetzt Mitleid mit sich selbst. Sofort 
assoziiert sie die Pferde. Wenn Schnee fiel, mußte sie an die armen Pferde 
denken, die so viel zu schleppen hatten. Am Sonntag war sie glücklich, weil 
die Pferde sich ausruhen konnten. (Sie selbst ruhte am Sonntag ausl) Auch 
das Füttern der Vögel war eine Zwangshandlung. Morgens lief sie in den 
Garten und fürchtete, es sei zu spät, die Vögel würden Hunger leiden. Sie 
ärgerte sich über die Spatzen, welche den Rotkehlchen das Futter wegfraßen. 
(Andere Frauen werden sich ihrer Söhne bemächtigen.) Sie glaubt, das Zwangs- 
denken an die Tiertransporte rührte von den Transporten der Verwundeten 
her, welche des Nachts anzukommen pflegten. Alles war so unheimlich, so 
schrecklich, wenn die Wagen mit den vielen Verwundeten durch die Straßen 
rasten. (Vermutlich wünschte sie, der Mann solle in den Krieg ziehen und 
getötet werden. Diese Vermutung wird nicht ausgesprochen.) 

Sie eröffnet die Sitzung mit heftigen Anklagen gegen ihren Mann. Es 
ist die Tragödie der Frau mit dem eifersüchtigen Gatten, die sie erzählt. Ihr 
gegenüber wohnte ein Hauptmann, der oft leichtsinnige Mädchen empfing und 
als Frauenjäger bekannt war. Er blickte immer zu ihrem Fenster. Ihr Mann 
hatte das bemerkt und machte ihr heftige Vorwürfe. Sie traute sich nicht 
mehr ans Fenster zu gehen. Einmal hatte der Hauptmann sie auf der Straße 
angesprochen. Sie zitterte am ganzen Körper und schrie: „Bitte, lassen Sie mich 
in Ruhe! ..." und lief davon. 

Ähnliche Episoden werden ausführlich geschildert. Hätte sie nicht das 
Erlebnis vor der Ehe gehabt, sie hätte sich das nicht gefallen lassen. Aber 
ihr Mann war schon krankhaft eifersüchtig, ehe er von diesem Erlebnis wußte. 

Ihr Traum ist bezeichnend: 

Ich sehe einen breiten Strom, der vereist ist. Ein riesiger breiter 
Wasserfall ist auch vereist. Alle Straßen und Dämme sind weggerissen 
und vereist. Alles ist in Eis erstarrt. 



Das Mitleid. 305 

Sie bringt ein Bild ihrer erstarrten Leidenschaft und Liebe. Wenn sie 
des Nachts wach ist, stellt sie sich Kühe auf einer Weide vor. Die Kühe 
sind scheckig und munter. Nun muß sie daran denken, daß man die Kühe 
verkaufen und schlachten wird und fängt zu weinen an. 

Das ist der letzte Rest ihrer Tierphantasien. Sonst denkt sie offen über 
ihre unglückliche Lage und die Zwecklosigkeit ihres Lebens nach. 

Seit einigen Tagen sind die Tierträume verschwunden. Statt dessen 
treten deutliche Übertragungsträume auf. 

Ich habe Ihnen Blumen gebracht. Sie hielten die Blumen zum 
Ofen und sie verbrannten wie Stroh. 

Ich schaue mit Ihnen zum Fenster hinaus. Schwalben fliegen am 

Himmel. Ich rufe: „Sehen Sie nicht die Schwalben?" Sie fragen, wo? 

Ich schreie: „So viele, so viele." 

Sie ist niedergedrückt. Das Leben hat für sie keinen Sinn. Was hat 

sie vom Leben zu erhoffen? Ich verweise auf die Kinder. Nach längerem 

Weinen gesteht sie, daß sie sich mit der Absicht trägt, sich und die 

Kinder zu töten 1 ). Dieser Plan scheint schon längere Zeit zu bestehen. Sie 

ist egoistisch genug, die Kinder mitnehmen zu wollen. Rationalisierung: Die 

Kinder brauchen die Mutter. Es scheint, daß das Mitleid mit den Tieren das 

Mitleid mit den Kindern darstellt, die geopfert werden sollen. Es ist eine 

grausame Strafe, die sie an ihrem Manne vollziehen will. 

Sie wird belehrt, daß sie schließlich erkennen muß, daß ihr Mann ein 
guter Mensch ist und daß er unter seiner krankhaften Eifersucht ebeuso schwer 
gelitten hat wie sie. 

Sie gesteht, daß sie sich seit Jahren mit der Idee befaßt, sich das 
Leben zu nehmen und die Kinder „mitzunehmen". Rationalisierung: „Was 
würde aus den Kindern werden, wenn ich tot bin!" Die verschiedenen Tier- 
phantasien sollen diese fixe Idee verdecken. Das Mitleid mit den Kindern hat 
sie an der Ausführung gehindert. Sie versuchte sich immer wieder zu belügen, 
daß sie ihren Mann liebe. Nun ist diese Lebenslüge zusammengebrochen und 
sie muß ihr Leben ganz anders einstellen. Sie muß lernen, daß sie auf ihren 
Roman, etwas Großes zu erleben, verzichten und sich den Kindern widmen 
muß. Sie muß aber auch die schweren Arbeiten, die sie aus Buße verrichtet, 
aufgeben und das Anerbieten ihres Mannes, eine Hausgehilfin aufzunehmen, 
annehmen. 

Sie lebt ganz in der Übertragung. Die lange znrückgestaute Sexualität 
bricht jetzt mächtig hervor. Zeitweilig onanistische Akte, die einige Erleich- 
terung bringen. 

Sie träumte: 

Ich hörte ein Schwein abstechen. Es war schrecklich, wie das 

Schwein geschrieen hat. 

Es war ein bestimmtes Schwein, das in ihrer Nachbarschaft aufgezogen 

wurde. Das kleine Ferkel wurde mit Bändern geschmückt, die Kinder der 

Nachbarin spielten damit, es war der Liebling des Hauses. Sie kann den 



') Medeakomplex! 
Stokel, Störungen des Trieb- und Affektlebens. VIII. 20 



306 Sadismus und Masochiemus. 

Gedanken nicht vertragen, daß das Schwein abgestochen wurde. Es wurde 
von einem ungeschickten Metzger gequält. 

Solche Träume kommen immer, wenn sie ihre Kinder haßt. Die Mädchen 
hatten Tags vorher verlangt, die Mutter solle mit ihnen Schuhe kaufen gehen. 
Sie sagte: „Es wird noch Zeit sein bis nächste Woche." Da fingen die Mädchen 
zu heulen an. Sie wurde wütend. Sie sah rot vor den Augen und stürzte sich 
rasend auf das eine Mädchen, das erschreckt davonlief. Sie fürchtet, sie habe 
es erdrosseln wollen. 

Sie sah sich in einem Traume vor einem schmutzigen Glas mit 

Wasser. Ich sagte ihr, sie solle das Wasser ausleeren und reines Wasser 

geben. 

Sie ist traurig, daß sie so viel Schmutz in der Seele hat. 

Heute sah sie wieder Tiere führen und war traurig, mußte weinen. Aber 
die Reaktionen sind schwach und nur ein Nachklang ihrer Erregung. 

Sie haßt die Kinder, wenn sie sie als Fessel empfindet. Diese Einstellung 
wird ihr klar gemacht. Sie haßt alles, was sie an den Mann erinnert. Alle 
seine Verwandten sind ihr verhaßt. Es sind realistische Menschen ohne Herz . . . 

Eine unbändige Leidenschaft kommt zum Vorschein. Sie hat fürchter- 
liche Gedanken. Sie möchte sich schminken, die Lippen rot färben und auf 
den Strich gehen. Sie will nicht sterben, ohne die Leidenschaft kennen ge- 
lernt zu haben. Sie weint über ihr vergangenes Leben. Meine Hinweise auf 
ihre Pflichten als Gattin und Mutter weist sie höhnisch ab. „Sie sind grausam! 
Sie machen sich über mich lustig. Ich dürste nach Liebe und Sie geben mir 
gute Worte . . . u 

Sie erinnert sich an eine Szene im zweiten Jahr der Ehe. Ihr Mann 
machte ihr ungerechte Vorwürfe, er war wieder einmal grundlos eifersüchtig, 
sie wollte zornig erwidern, da schrie das kleine Kind. Sie wurde rasend und 
hätte es in diesem Moment erdrosseln können. 

Freuds bekanntes Wort, daß wir Analytiker nur hysterisches Elend in 
gemeines verwandeln können, bestätigt sich aufs neue. „Warum haben Sie 
mein Mitleid mit den Tieren zerstört? Da konnte ich mich ausweinen. Jetzt 
weine ich über mich und mein- verpfuschtes Leben." 

Ich bin ihr Gott. Sie möchte zu meinen Füßen sitzen und den Staub 
von meinen Schuhen ablecken. Sie muß einen Mann bewundern, wenn sie 
lieben soll, sie muß hinaufsehen. Sie kann zu ihrem Manne nicht hinaufsehen. 
Sie will sich ihre „tierischen Instinkte" mit einer göttlichen Liebe entschul- 
digen und verklären. 

Sie verweigerte gestern ihrem Manne den Koitus, obgleich sie vor Erregung 
zitterte und nach Erlösung brannte. Sie kann ihn nicht lieben. Denn er hat 
ihr Leben zerstört. 

Es wird ihr erklärt, wie ungerecht sie ist und daß sie die guten Seiten 
ihres Mannes übersieht. 

Ihr Bedürfnis nach Rache ist stärker als ihre Vernunft. Wenn sie sehr 
böse wird, dann trotzt sie auch mit mir und versucht wieder, sich die Bilder 
der gequälten Tiere auszumalen. Zwei Pferde sind hinter einem Wagen ge- 
laufen und waren an einem Strick befestigt. Die Pferde werden gewiß um- 
fallen und der grausame Kutscher wird sie weiter schleifen. So malt sie sich 
Bilder, die ein symbolischer Spiegel ihrer traurigen Situation sind. 



. 



Das Mitleid. 3Q7 

Ich übergehe eine Reihe von Sitzungen, die im Zeichen der Übertragung 
stehen. Ich muß hart gegen ihre verzehrende Leideuschaft kämpfen. Sie ver- 
sucht zu autoerotischer Befriedigung zu gelangen und gibt sie als ekelhaft 
auf. Aber eine ungestüme, impulsive Grausamkeit tritt immer stärker hervor. 
Sie möchte alle Frauen töten, die ich geliebt habe oder jetzt liebe. Sie gönnt 
ihnen nicht das Glück. Sie kämpft mit Mordimpulsen und sieht in meiner 
Zurückweisung eine schwere persönliche Niederlage. 

Ein Traum bringt uns weiter: 

Ich sehe einen Tierwagen, der mit Piachen bedeckt ist. Ich bin 
schrecklich aufgeregt. Ich will nicht hinschauen und muß doch hinschauen, 
als ob mich eine magische Gewalt zwingen würde. Da verwandelt sich 
der Wagen in einen Totenwagen. Ich sehe meine Schwägerinnen weinend 
hinter dem Sarg gehen. 

Sie läßt in diesem Traume ihren Mann sterben. In ihrer Phantasie sah 
sie ihn auf der Eisenbahn einen Unfall durchmachen. Das war ihr Weg in 
die Freiheit. Die Szene am Mcidlinger Bahnhof wird verständlich. Ihr Mann 
sollte sterben! Das Mitleid mit ihrem Manne und mit sich selbst wurde auf 
die Tiere verschoben. Das Schuldgefühl riß sie in den Wirbel der Parapathie. 

Sie ist lebensüberdrüssig. Was soll ihr Leben für einen Sinn haben? 
Das ersehnte Erlebnis wird doch nicht kommen. Sie hat keine Tierträume 
mehr, aber sie schwelgt noch zeitweilig in Mitleidsphantasien. Heute sah sie 
auf der Bahn einen Waggon voll mit Vieh. Die Ochsen brüllten. Sie glaubt, 
daß die Tiere in der Hitze Durst leiden. Warum geben die bösen Menschen 
den Tieren kein Wasser? Sie nimmt einfach an, daß die Tiere kein Wasser 
bekommen, weil sie die grausame Vorstellung benötigt. Sie ist natürlich die 
Kuh, die nach Liebe dürstet und kein Wasser erhält. 

Die Tierträume sind verschwunden. Aber es sind andere Träume da, 
die gleichfalls schauerlich sind. Ein Beispiel der nächste Traum: 

Es war eine Höhle unter der Erde. Die Wände waren Erde, aber 
auch Bretter. Dort lag ein Knochengerüst wie von einem Menschen. Das 
Fleisch war hernntergeschabt. Es sah aus wie die ausgelösten Knochen 
beim Fleischhauer. Es war ganz frisch, blutig, fleischig. Da lag auch ein 
zweiter Körper, der war gespalten. Ich konnte ganz deutlich das Gehirn 
sehen. Eine Stimme hinter mir sagte: „Schau, an der Wand ist noch 
ganz frisch die blutige Hand." Ich hatte Angst, als wäre ich ein Ver- 
brecher, der zu Tode gemartert werden soll. Ich wollte hinaus, es war 
überall versperrt. Dann war ich doch draußen im Freien, ich wollte eine 
Wiese hinauf, da war eine steile, fast senkrechte Stiege. Es war jemand 
bei mir, der mir helfen wollte. Ich sagte: „Da soll ich hinaufsteigen, ich 
habe die Suppe in der Hand, die schütte ich ja aus." Ich habe in einer 
Schale etwas getragen, das konnte ich nicht wegstellen und habe mich 
immer geängstigt, daß ich das ausschütte. 

Es handelte sich in diesem Traume um eine Folterkammer. Menschen 
werden gefoltert und sie soll auch gefoltert werden. (Beziehungen zur Analyse, 
die als Seelenfolter und Sektion aufgefaßt wird. Das Gehirn liegt bloß.) In 
ihrem Unbewußten hat sie eine Folterkammer. Die ursprünglichen Ideen waren 
rein sadistisch. Das beginnt sie langsam einzusehen. Ich weise ihr auch die 

20* 



308 Sadismus und Masochismus. 

ünhaltbarkeit ihrer Tierliebe nach. Sie ist nicht Mitglied des Tierschutz- 
vereines. Sie hat wohl daran gedacht, sich aber nie eingeschrieben. Als Mit- 
glied hätte sie das Recht, im Falle einer Tierquälerei einzuschreiten. Aber es 
handelt sich ja gar nicht um die Tiere. Sie ißt ganz ruhig das Fleisch der 
Ochsen, die zur Schlachtbank geführt werden und die sie im Geiste so be- 
dauert. 

Selbstmordideen werden wieder geäußert. Nur die Kinder hielten sie 

am Leben. 

•> 

Von der Wandlung, die in ihr vorgegangen ist, geben die nächsten 
Träume Aufschluß. 

Ich sah einen Bären, der in einem engen Käfig mit grauen Wänden 
eingesperrt war. Vergebens versuchte der Bär aus dem Käfig zu ent- 
kommen. Oben auf dem Dach des Käfigs lag ein Reisekorb. Der Bär 
versuchte den Korb zu erreichen, was ihm auch gelang. Er zerriß den 
Korb in kleine Stücke. Plötzlich war es, als wenn ich der Bär in dem 
Käfig wäre. Ich versuchte ins Freie zu kommen. Dann sah ich mich 
plötzlich außerhalb des Käfigs. Eine Frau, die mir ähnlich war, schlug 
den Bären mit einer Peitsche. „Was tun Sie da?" — schrie ich auf. 
„Der Bär muß gestraft werden. Er muß gestraft werden!" — „Das 
arme Tier", sagte ich. „Es sieht nichts wie die grauen Wände. Es sehnt 
sich nach Freiheit und Luft." Die Frau fuhr fort den Bären zu schlagen. 
Ich erwachte mit Zorn. 

Wir sehen, wie sie sich als Bären darstellt. Die Ehe ist ihr Käfig. Ihr 
Mann ist Reisender. Das erklärt den Reisekorb, der noch verständlicher wird, 
wenn man weiß, daß sie bald verreisen soll und lieber die Analyse fortsetzen 
möchte. Sie selbst straft sich für ihre tierischen Gelüste und ihre sadistische 
Einstellung zu ihrem Manne. 

Im nächsten Traume aber tritt sie als Tierquälerin auf. Sie hat eine 
Katze aus dem Fenster geworfen. 



Die Analyse ist beendet, Sie hat noch einzelne Zwangshandlungen, 
die sie an die Krankheitsperiode erinnern. Wenn sie an einem Hofe vorbei- 
geht, so muß sie hineinsehen, ob Tiere geschlachtet werden. Aber sie ist 
ruhiger, sie hat gelernt sich zu erkennen, die Tiere haben nicht mehr 
den Überwert, den sie vor der Analyse in ihrer Gedankenwelt eingenom- 
men haben. 

Diese Analyse einer Mitleidigen möge als Muster gelten, wie sich 
hinter dem Mitleid die primäre Grausamkeit verbirgt. 

Ich möchte an dieser Stelle das Mitleid der Parapathiker mit ihren 
Opfern erwähnen. Es ist bekannt, wie die Melancholiker die Familie 
quälen, ihre Umgebung zur Verzweiflung bringen und dabei immer wieder 
jammern und betonen, ihr eigenes Schicksal sei ihnen gleichgültig, sie 
bedauerten nur die arme Familie, die so viel mitmachen müßte. Dabei 
zeigt sich in der Analyse, daß es ihnen Freude macht, die Umgebung zu 
quälen und daß diese Quälerei in der Tendenz der Krankheit enthalten 



Das Mitleid. 309 

ist. Interessant ist, daß sich diese Tendenzen im Sexualverkehr als Impo- 
tenz und Anästhesie ausdrücken können. In der Analyse eines Impotenten 
trat zutage, daß er seiner Frau den Genuß eines Koitus nicht gönnte 
und die nichterfüllte Erwartung der Frau seiner sadistischen Einstellung 
gegen sie entsprach. Dabei jammerte dieser Patient immer wieder: „Ich 
könnte schon auf den Koitus verzichten, mir tut nur meine Frau leid. 
Ich habe so ein Mitleid mit ihr!" Die Impotenz war die Strafe, weil sie 
ihm längere Zeit einen anderen vorgezogen hatte. Später gestand er in 
der Analyse, daß er schon vor der Ehe die Phantasie gehabt hatte, eine 
Frau aufs höchste zu erregen und ihr dann die gewünschte Befriedigung 
zu versagen. 

Einen einschlägigen Fall verdanke ich Dr. Mißriegler, der mir aus 
einem Briefe eines Sadisten folgenden Passus zur Verfügung stellt: 

Fall Nr. 19. Es wird Ihnen vielleicht von Interesse sein, einen Beitrag 
von einem sogenannten normalen Menschen zu erhalten. 

Von meiner Person nur soviel zur Orientierung. Ich bin ein Vierziger, 
verheiratet und lebe mit einer *) Frau gut. Krankheiten habe ich keine nennens- 
werten durchgemacht. Ich habe eine gute Stellung als Leiter eines großen 
Unternehmens. Das ist, meine ich, merkenswert, und bin, trotzdem ich ziemlich 
weichherzig bin, bisher mit den Leuten gut ausgekommen. 

Ich bin zwar ein einziges Kind, hatte aber immer eine Spielgefährtin 
in einer 3 Jahre älteren Kusine, die mich ziemlich unterjochte. Gegen andere 
Kinder aber war ich wieder recht rücksichtslos, wie mir meine Eltern einmal 
später erzählten, und ich kann mich tatsächlich auf einige solcher Handlungen 
erinnern. Mein Sexualleben war nicht besonders abnorm. Als Bub onanierte 
ich fleißig, ohne daß es mir irgend etwas gemacht hätte, dann fing mich mit 
jrtwa 20 Jahren eine ältere Frau ein, mit der ich glatt, wenn auch nicht mit 
Erfüllung aller Phantasiehoffnungen, die ich daran geknüpft hatte, einen Ver- 
kehr vollzog. Das wiederholte sich, bis ich meine Frau kennen lernte. Nach 
ihrer 2 ) Hochzeit hatte ich keine außerehelichen Eskapaden mehr gemacht. 
Über irgendwelche nennenswerte Störungen in der Ehe kann ich mich nicht 
beklagen, nur muß ich auch bis heute noch etwa alle 1 — 2 Monate einmal 
onanieren, woran sich aber, im Gegensatz zu der Jugendonanie, doch etwas 
wie ein innerer Vorwurf knüpft. Es ist mü - , als ob ich dabei meiner Frau 
untren wäre. 

Nun aber zum Wesentlichen. Sadistische Regungen sind mir ganz gut 
bewußt, ich weiß, daß ich manchmal anderen Leuten absichtlich weh tue. 
Aber äußerlich bin ich Masochist und auch mein Sexualleben zeigt scheinbar 
das Masochistische. Am deutlichsten werden Sie das aus Phantasien ersehen, 
wie ich sie manchmal habe, besonders wenn ich lange nicht onaniert hatte, 
die ganz deutlich masochistisch beginnen und dann immer deutlicher sadistisch 
werden. Und dieses Überganges wegen will ich sie Ihnen schreiben. Einige 
Male hatte ich auch dieselben Phantasien im Traum. 

Ich bin also der Sklave einer schönen, jungen, mächtigen Frau. Meistens 
ist es wirklich gar meine Frau. Ich muß tun, was sie befiehlt, löse ihr die 




') Seelischer Verrat im Verschreiben. \ly 



*) Es war nicht seine, sondern ihre Hochzeit. 



310 Sadismus und Masocliismus. 

Schuhe, knie vor ihr und küsse ihre Füße. Ich muß ihre Fußsohlen mit der 
Zunge kitzeln. Gelegentlich gibt sie mir einen Tritt. Und dann muß ich — 
aber immer noch auf ihren Befehl — immer höher an den Schenkeln hinauf- 
gelangen. Wenn es ihr gerade paßt, so muß ich aufhören. Schließlich kommt 
es nun natürlich zum Kunnilingus. Ganz unmerklich ändert sich aber nun die 
Phantasie im wesentlichen. Noch bin ich Sklave und muß sie auf ihr Geheiß 
befriedigen und aufhören, wenn sie es will, aber ich soll nur mehr aufhören, 
wenn ihr Orgasmus naht, und nun wird sie immer mehr die Gequälte. Denn 
so oft sie nach Befriedigung stöhnt, höre ich auf und lasse sie nun betteln. 
Und dabei ersinne ich immer neue Martern. Wenn sie bittet, ich solle sie 
koitieren, so muß sie mich masturbieren und spritze ihr hohnlachend den Samen 
ins Gesicht, statt daß sie Befriedigung davon hätte. Und dann muß sie sich 
mit allem Raffinement von neuem bemühen, bei mir eine Erektion zu erzeugen 
und ich quäle sie von neuem und lasse sie unbefriedigt. Erst wenn sie davon 
halb ohnmächtig ist, stoße ich ihr mit Gewalt den Penis hinein, daß sie wie 
tot daliegt. 

Ich könnte die Phantasie mit allen Details viel breiter ausmalen, aber 
ich habe das Wesentliche ja ohnehin gesagt. 

Ich will nur noch erwähnen, daß ich bei meiner Frau auch in Wirk- 
lichkeit gerne den Kunnilingus ausübe und daß diese Phantasie meines Wissens 
zum ersteumal aufgetreten ist, als ich meiner Kusine, mit der ich früher per 
Du war, an ihrem Hochzeitstag die Hand küßte. 

Von Bedeutung in diesem Falle ist das Auftreten der sadistischen 
Rachephantasie am Hochzeitstage der Kusine. Die Neigung zur Kusine 
scheint stärker gewesen zu sein, als es der Schreiber dieses Briefes sich 
eingestehen wollte. 

Das Mitleid spielt noch eine große Rolle in den verschiedensten 
Parapathien, in denen es narzißtischen Tendenzen dient. Es gibt viele 
Parapathien, die mit Schmerzen einhergehen und die Patienten zwingen, 
sich fortwährend zu beklagen und als die Unglücklichsten aller Menschen 
zu bezeichnen. Kein zweiter Mensch habe so schweres Leid zu ertragen. 
Es sei übermenschlich, was sie zu dulden hätten, und nur gewisse Rück- 
sichten auf andere Menschen hielten sie vom Selbstmorde ab . . . In 
diesen Fällen scheint der Sadismus gegen die eigene Person gerichtet zu 
sein, während die masochistische Komponente als Mitleid mit sich selbst 
die geheime Lustprämie des Leidens verrät. Besonders bei der Hypo- 
chondrie und bei der Melancholie, die Freud als narzißtische Neurosen 
bezeichnet, finden wir dieses Mitleid mit sich selbst im hohen Grade aus- 
gebildet. Das Mitleid in diesen Fällen ist in der Tat narzißtisch, es ist 
ein Gradmesser der Selbstliebe. Oft kopiert der endopsychische Vorgang 
Szenen aus der Kindheit. Es ist die Mutter, die das kranke Kind bemit- 
leidet, mit ihm fühlt und leidet. In diesen Fällen war das Mitleid der 
Gradmesser der Liebe. Der Kranke spielt dann oft die Mutter und das 
Kind mit der sadistischen Komponente den schadenfrohen, gleichgültigen 
Zuschauer, hinter dem sich der Vater verbirgt. Die Personen wechseln, 
wenn der Vater der zärtlichere und mitleidigere war. 






Das Mitleid. gll 

Die Krankheit dient dann dazu, das Mitleid der Umgebung zu er- 
pressen. Mitleid ist Liebe in kleinen Portionen. Wird das Mitleid ver- 
weigert, dann bricht die sadistische Rachetendenz offen durch. Gleich- 
gültige Menschen werden gehaßt. (Sie haben kein Herz.) Das Werben um 
Mitleid ist ein Werben um Affekte. 

Ich möchte noch einen interessanten Typus erwähnen : den Menschen, 
der mitleidig ist und sich schämt, das Mitleid zu zeigen, so daß er sich 
den Anschein eines strengen, harten, unerbittüchen Menschen gibt. Der 
Typus ist interessant, weil sich an das Mitleid ein starker Affekt der 
Scham knüpft. Diese Typen rationalisieren ihre Mitleidlosigkeit gewöhn- 
lich mit der Begründung, Mitleid sei ein Zeichen der Schwäche, es sei 
eine feminine Eigenschaft, es vertrage sich nicht mit einem starken Cha- 
rakter. In dieser Reaktion haben wir einerseits einen Selbstschutz gegen 
die Tendenz zum Mitleid zu sehen, anderseits eine endopsychische Er- 
kenntnis der sadistischen Grundlage des Mitleides. Oft sind es Menschen, 
die am Leben ihre Rache nehmen, weil sie selbst einmal vergeblich um 
Mitleid geworben haben. Wichtig ist, daß die Reaktion des Mitleides 
später mit Vorwürfen auftritt und zu allerlei Bußhandlungen führt. Dieser 
Typus findet sich besonders bei der ausgesprochenen Zwangsparapathie 
und wird im zehnten Bande der Störungen eingehend besprochen werden. 



IX. 
Ein Kind wird geschlagen . . . 

Quand on connait, dit-on, le carac- 
tere d'un homme, on a la clef de sa 
conduite: c'estfaux. Tel fait une mau- 
vaise action, qui est foncieremcnt hon- 
nßte homme: tel fait une m6chanc(5t6 
sans 6tre möchant. C'est que, presque 
jamais, il n'agit par l'acte natural de 
son caractere, mais par une passion 
secrete du moment, rßfugiöe, cachöe 
dans les dernier replis de son coeur. 

Napoleon. 

Unter den Parapathikern, die wir behandeln, finden sich sehr viele, 
bei denen die Vorstellung, daß ein Kind geschlagen wird, im Vorder- 
grund des erotischen Interesses steht. Freud hat in seiner ausgezeichne- 
ten Studie „Ein Kind wird geschlagen" (Sammlung kleiner Schriften zur 
Neurosenlehre, Band V, Psychoanalytischer Verlag) dieses Thema behandelt. 
Ich gebe erst eine gewisse Darstellung seiner Lehre meist mit seinen 
eigenen Worten (die Ausführungen beziehen sich auf weibliche Personen) : 

„An diese Phantasie sind Lustgefühle geknüpft, eine onanistische Be- 
friedigung setzt sich fast regelmäßig auf der Höhe der vorgestellten Situation 
durch. Das Eingeständnis dieser Phantasie erfolgt nur zögernd, die Erinne- 
rung an ihr erstes Auftreten ist unsicher. Die ersten Phantasien dieser Art 
sind schon frühzeitig gepflegt worden, schon im fünften und sechsten Jahre. 
Der Einfluß der Schule war so deutlich, daß die betreffenden Patienten ver- 
sucht waren, ihre Schlagephantasien ausschließlich auf diese Eindrücke der 
Schulzeit zurückzuführen, allein sie waren schon vorher vorhanden gewesen. 
In den höheren Schulklassen erhielten diese Phantasien neue Anregungen durch 
die Lektüre von Onkel Toms Hütte u. dgl. Das Zuschauen, wie ein Kind in 
der Schule geschlagen wurde, war nie eine Quelle ähnlichen Genusses wie die 
Phantasievorstellungen; auch in den raffinierten Phantasien späterer Jahre 
wurde an der Bedingung festgehalten, daß den gezüchtigten Kindern kein 
ernsthafter Schaden zugefügt werde. Die Personen, welche den Stoff für diese 
Analysen hergeben, waren nicht