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Full text of "Das Problem des Hamlet und der Ödipuskomplex"

SCHRIFTEN ZUR ANGEWANDTEN SEELENKUNDE 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. Dr. SIGM. FREUD. 
ZEHNTES HEFT. 



DAS PROBLEM DES HAMLET 
UND DER ÖDIPUSKOMPLEX. 



VON 

DR. ERNEST JONES 

TORONTO (KANADA). 
ÜBERSETZT VON 

PAUL TAUSIG 

(WIEN). 



LEIPZIG und WIEN 1911 

KRAUS REPRINT 

Nendeln/Liechtenstein 

1970 



C^f\f\ri\i> Original frorn 

VjUU^K, UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Reprinted by permission of 
SIGMUND FREUD COPYRIGHTS LIMITED, London 

KRAUS REPRINT 

A Division of 

KRAUS-THOMSON ORGANIZATION LIMITED 

Nendeln/ Liechtenstein 

1970 

Printed in Germany 
Lessingdruckerei Wiesbaden 



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jy ijUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Diese Abhandlung erschien zuerst in dem von 
Stanley Hall herausgegebenen American Journal of 
Psychology, vol. XXI, Jan. 1910. Der Verfasser hat 
die deutsche Ausgabe durch eine Anzahl von Fußnoten 
bereichert. Die von Herrn Otto Rank und vom 
Herausgeber durchgesehene Übersetzung strebt in erster 
Linie die sinngetreue Wiedergabe des Originals an. 



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Englische Psychologen haben dem Studium des Genies 
und des künstlerischen Schaffens bisher nur verhältnismäßig 
geringe Aufmerksamkeit gewidmet, wenigstens insofern dies 
durch die Detailanalyse der Lebensgeschichte des einzelnen 
genialen Menschen geschehen kann. In Deutschland haben, durch 
das Beispiel von Moebius angeregt, viele Gelehrte diese 
biographische Forschungsrichtung eingeschlagen und wertvolle 
Ergebnisse dabei erzielt. In den letzten Jahren ist dann für diese 
Studien ein neues Interesse durch die geistvollen Schriften 
Professor Freuds erwachsen, der die fundamentalen Mecha- 
nismen bloßgelegt hat, nach denen das künstlerische und dich- 
terische Produzieren vor sich geht. 1 ) Er hat nachgewiesen, 
daß das charakteristische an diesen Mechanismen den anschei- 
nend verschiedensten geistigen Vorgängen gemeinsam ist, wie 
z. B. den Träumen, dem Witze, den psychoneurotischen Sym- 
ptomen 2 ) u. a., und ferner gezeigt, daß alle diese Prozesse 
mit der Phantasie, mit der Verwirklichung unbewußter Wün- 
sche, mit der psychischen Verdrängung oder Unterdrückung, 
mit dem Wiedererwachen von Kindheitserinnerungen und dem 
psychosexuellen Leben des einzelnen in innigster Verbindung 
stehen. Seine Analyse der Jen senschen Novelle »Gradiva* 
wird allen künftigen Studien dieser Art als Vorbild dienen. 

Es ist eine allgemein anerkannte Tatsache, daß, trotz- 
dem bedeutende Schriftsteller und Dichter häufig die tief- 
gehendsten Erkenntnisse in der angewandten Psychologie ge- 
wonnen haben, die Welt stets doch nur langsam aus ihren 



A ) Freud: »Der Wahn und die Träume in W. Jensens Gradiva.« 
1907. »Der Dichter und das Phantasieren.« Neue Revue. 1908. Nr. 10 f S. 716. 

*) Freud: »Die Traumdeutung.« 2. Aufl. 1909. — »Der Witz und seine 
Beziehung zum Unbewußten.« 1905. — »Drei Abhandlungen zur Sexual- 
theorie.« 2. Aufl., 1910. — »Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre.« 
1906. Zweite Folge u. a. 

Jon es, Das Problem des Hamlet und der ftdipus-Kcmplex. 1 

2 2 * 

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by VjUU^K, UNIVERSITY OF MICHIGAN 



DAS PROBLEM DES HAMLET 



Entdeckungen Nutzen zog. Von den vielen Ursachen hiefür 
mag eine hier erwähnt werden, weil sie zu dem vorliegenden 
Thema in inniger Beziehung steht. Sie liegt darin, daß sich der 
Künstler der eigentlichen Bedeutung dessen, was er auszudrücken 
versucht, oftmals nicht deutlich, der dem Werke zu Grunde 
liegenden Quelle aber niemals bewußt ist. Die Schwierigkeiten, 
die sich dem Künstler in der Erreichung dessen entgegen- 
stellen, was er mit der zu gestaltenden Schöpfung sagen will, 
sind von Bernard Shaw in den Fällen Ibsen und Wagner 
glänzend aufgezeigt worden. 1 ) Der Künstler arbeitet unter dem 
Impulse einer scheinbar äußerlichen Gewalt, und es ereig- 
net sich auch wirklich häufig, daß er, dem die letzte Wurzel 
seiner Inspiration unbekannt ist, sie einem äußerlichen, ent- 
weder göttlichen oder anderweitigen Einflüsse zuschreibt. 2 ) 
Heute wissen wir, daß diese Urquelle in seelischen Vorgängen 
begründet ist, die zwar vom Individuum vergessen wurden, 
aber dennoch fortwirken. Nach Freuds Lehre ausge- 
drückt, hieße das: Das schöpferische Produkt ist eine subli- 
mierte Manifestation verschiedener verdrängter und unter- 
drückter Wünsche, deren sich das Subjekt nicht mehr bewußt 
ist. Der Künstler verleiht daher seinem schöpferischen Impuls 
zwar in einer Form Ausdruck, die seinen inneren Drang be- 
friedigt, dies jedoch in Begriffen, die er in eine leichtver- 
ständliche Sprache nicht umzusetzen vermag. Er muß den 
Impuls unmittelbar so ausdrücken, wie er ihn fühlt, ohne 
einem eventuellen Publikum Rechnung zu tragen. Die not- 
wendige Folge davon ist, daß, je weiter des Dichters Idee 
vom Verständnisse derjenigen entfernt ist, die an seiner In- 



*) Bernard Shaw: »The Quintesseiice of Ibsenism.« 1891. — »The 
Terfect Wagnerite.c 2. Aufl., 1901. 

*) D'Annunzio läßt im »Fuoco« seinen Haupthelden, den Künstler, 
an die »außerordentlichen Momente denken, in denen seine Hand einen un- 
sterblichen Vers geschrieben, den nicht sein Gehirn geboren, sondern der ihm 
von einer ungestümen Gottheit diktiert schien, welcher sein unbewußtes Organ 
gleich einem blinden Werkzeug gehorcht hatte«. Nirgendwo anders ist der 
Sturm und Drang künstlerischen Schaffens eindringlicher geschildert, als in 
der denkwürdigen Stellein »Ecce homo«, wo Nietzsche die Entstehung des 
»Also sprach Zarathustra« erzählt. 



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UND DER ÖDIPU8-K0MPLEX. 



spiration in keiner Weise teilnehmen, desto schwerer und allen 
Einwänden zugänglicher die Auslegung seiner Schöpfung wird. 
Daraus erklärt sich die Flut so verkehrter Kritiken, die der 
Spur von Männern wie Schopenhauer und Nietzsche 
nachfolgten. 

Es besteht die Hoffnung, daß die durch die psychoana- 
lytische Forschungsmethode so mühsam errungenen Kennt- 
nisse sich von großem Werte für die Versuche erweisen wer- 
den, Seelenprobleme zu lösen, denen dunklere Motive des 
menschlichen Handelns und Wünschens, zu Grunde liegen. 
Tatsächlich gibt es keinen anderen wissenschaftlichen Weg, 
um sich derartigen Problemen zu nähern, als mit Hilfe des 
von dieser Methode angewandten analysierenden Verfahrens, 
nach tiefer und versteckter liegenden Schichten des Geistes 
zu schürfen. Die viel verheißenden Resultate, die bisher von 
Muthmann 1 ), Rank 2 ), Riklin 8 ), Sadger 4 ), Abraham 5 ) 
u. a. erreicht wurden, bieten nur Vorahnungen von Anwen- 
dungsmöglichkeiten, die zur Wirklichkeit werden können, 
wenn diese Methode einmal in weiterem Umfang, als es 
bisher der Fall war, Anwendung findet. 

Das spezielle Problem des Hamlet, mit dem sich diese Ab- 
handlung befaßt, ist innig verwandt mit einem der am häufigsten 
wiederkehrenden Probleme, denen man in der Psychoanalyse be- 
gegnet, und so schien es denn möglich, sich eines neuen Stand- 
punktes zu versichern, von dem aus die Beantwortung von 
Fragen, die aller Lösungsversuche auf einer technisch weniger 
vollkommenen Basis spotteten, verstattet ist. Mehrere der 
maßgebendsten literarischen Autoritäten haben offen das Un- 
zulängliche aller bisherigen Lösungsversuche des Problems 



') Muthmann: »Psychiatrisch -theologische Grenzfragen.« Zeitschrift 
für Religionspsychologie. Bd. I. Heft 2 u. 3. 

*) Otto Rank: »Der Künstler. Ansätze zu einer Sexualpsychologie. c 
1907. »Der Mythus von der Geburt des Helden.« 1909. 

*) Riklin: »Wunscherfüllung und Symbolik im Märchen.« 1908. 

4 ) Sadger: »Konrad Ferdinand Meyer. Eine pathographisch -psycho- 
logische Studie.« 1908. — »Aus dem Liebesleben Nikolaus Lenaus.« 1909. 

') Abraham: »Traum und Mythos. Eine Studie zur Völkerpsycho- 
logie.« 1909. 



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DAS PROBLEM DES HAMLET 



einbekannt, das Unzureichende, das vom psychoanalytischen 
Gesichtswinkel aus nur noch sinnfälliger wird. Die fol- 
genden Ausführungen beabsichtigen nun eine Anregung 
auszuarbeiten, die Freud vor zehn Jahren in einer 
Fußnote seiner »Traumdeutung« (erste Aufl., S. 183) ge- 
geben hat. Soweit mir bekannt ist, hat sich seit dieser 
Publikation noch niemand kritisch mit ihr auseinandergesetzt. 
Ehe ich dies aber tue, wird es nötig sein, einige allgemeine 
Bemerkungen über das Wesen des Problems und die bisherigen 
Versuche seiner Enträtselung voranzuschicken. 

Das der Hamlet-Tragödie zu Grunde liegende Problem ist 
zumindest nach zwei Richtungen hin von besonderem Interesse. 
Erstens wird das Stück fast allgemein als das bedeutendste 
Meisterwerk eines der größten Geister, die die Welt über- 
haupt kennt, angesehen. Es birgt, wie keines seiner anderen 
Werke, wahrscheinlich den Kern von Shakespeares Philoso- 
phie und Lebensweisheit in sich und übertrifft alle seine son- 
stigen Schöpfungen in so hohem Grade, daß es die meisten 
der tonangebenden Kritiker überhaupt auf eine von seinen 
übrigen Dramen ganz getrennte Stufe zu stellen pflegen. Man 
darf daher erwarten, daß der Schlüssel zur inneren Bedeutung 
des Stückes zugleich auch den Zugang zu manch anderen 
tiefen Schöpfungen des Shakespeareschen Genius öffnet. 
In seinem neuesten interessanten Versuche, Shakespeares 
Charakter aus seinen Werken abzuleiten, betont z. B. 
Harris 1 ), daß vor allem im »Hamlet« der Dichter den tief- 
sten Einblick in sein Inneres gestatte. Zweitens ist das dem 
Stücke selbst innewohnende Interesse ein außerordentlich großes. 
Das im Mittelpunkte der Handlung stehende Geheimnis, nämlich 
die Ursache von Hamlets Zögern in seinem Bestreben, den an 
seinem Vater begangenen Mord zu rächen, ist mit Recht die 
Sphinx der modernen Literatur genannt worden. 2 ) Es hat zu 
einem ganzen Schwärm von Hypothesen und zu einer großen 



1 ) Frank Harris: »The Man Shakespeare and bis tragic Life-story.« 
1909. S. 8. 

3 ) Es stand eigentlich zu erwarten, daß Freud das Rätsel dieser 
Sphinx lösen würde, da er ja jenes der thebanischen gelöst hat. 



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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 



Bibliothek von Kritiken und Streitschriften Anlaß gegeben, 
und dies hauptsächlich in Deutschland, und zwar zum größten 
Teil in den letzten fünfzig Jahren. Es soll hier kein Über- 
blick über diese Literatur geboten werden, die man in den 
Schriften von Loening 1 ), Döring 2 ) u. a. findet, wohl aber 
müssen wir kurz die wichtigsten Gesichtspunkte daraus 
anführen. 

Von den vorgebrachten Lösungen werden viele nur 
kraft ihrer Sonderlichkeit fortleben. Hieher gehört z. B. die 
von Vining entwickelte Ansicht (»The Mystery of Hamlet,« 
1881), daß Hamlets Schwäche daraus zu erklären sei, daß er 
ein Weib war, das irrtümlich als Mann erzogen wurde. Ver- 
wandt, wenn auch nicht zu dieser Gruppe gehörig, sind die 
Hypothesen, die im Hamlet-Drama Allegorien der verschie- 
densten Art sehen wollen. So erblickt Gerth 3 ) im Stücke eine' 
umständliche Verteidigung des Protestantismus, dagegen ist 
es für Rio 4 ) und Spanier 5 ) wieder eine Verteidigung des 
Katholizismus. Stedef eld 6 ) sieht es als einen Protest gegen 
den Skeptizismus Montaignes, Feis 7 ) als einen solchen 
gegen seinen Mystizismus und seine Bigotterie an. Ein Schrift- 
steller unter dem Namen Mercade 8 ) behauptet, daß das 
Drama eine allegorische Geschichtsphilosophie sei: Hamlet 
ist der Geist des Wahrheitsdranges, der sich historisch als 

') Loening: »Die Hamlet-Tragödie Shakespeares.« 1893. Dieses Buch 
kann sehr warm empfohlen werden, denn es ist bei weitem das kritischeste 
Werk über den vorliegenden Stoff. 

*) Döring: »Ein Jahrhundert deutscher Hamlet-Kritik« in der Zeit- 
schrift »Die Kritik«. 1897. Nr. 131. 

3 ) Gerth: »Der Hamlet von Shakespeare.- 1861. 

4 ) Rio: »Shakespeare.« 1864. 

s j Spanier: »Der »Papist« Shakespeare im Hamlet.« 1890. 

*) Stedef eld: »Hamlet, ein Tendenzdrama Shakespeares gegen die 
skeptische und kosmopolitische Weltanschauung des M. de Montaigne.« 
1871. 

7 ) Feis: »Shakspere und Montaigne.« 1884. Auf die Wichtigkeit des 
Einflusses Montaignes auf Shakespeare, wie sie sich im »Hamlet« offen- 
bart, wurde zuerst von Sterling (London and Westminster Review, 1838, 
S. 321) hingewiesen. Auch J. M. Robertson in seinem Buche »Montaigne 
and Shakespeare«, 1897, hat dies ausgesprochen. 

•) Mercade: »Hamlet; or Shakespeares Philosoph y of History*. 1875. 



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DAS PROBLEM DES HAMLET 



Fortschritt äußert, Claudius ist der Typus des Bösen und des 
Irrtums, Ophelia ist die Kirche, Polonius ihr Absolutismus und 
ihre Tradition, der Geist ist die ideale Stimme des Christentums, 
Fortinbras die Freiheit u. s. f. Viele Forscher, wie Plumptre 1 ) 
und Silber schlag 2 ), haben das Stück als eine Satire gegen 
Maria, die Königin von Schottland und ihre Ehe mit 
B o t h w e 1 1 nach der Ermordung D a r n 1 e y s aufgefaßt, während 
Elze 3 ) und Isaac 4 ) darin eine Beziehung zur Familien- 
geschichte des G r a f e n von Es sex gefunden haben wollten. 
Derartige Hypothesen übersehen das Hauptmerkmal aller 
Werke Shakespeares, nämlich das Fehlen aller bewußten, sei 
es nun allegorischer oder anderweitiger Tendenzen. In seiner 
Fähigkeit, das menschliche Leben genau so zu schildern, wie 
er es beobachtete, und ohne Hinweis auf eine verflossene oder 
spätere Motiventwicklung lag gleichzeitig seine Stärke und 
Schwäche. In einem bewußteren Zeitalter, als dem des Dich- 
ters oder unserem, würden Shakespeares Werke viel von ihrem 
Interesse einbüßen. 

Die wichtigsten der aufgestellten Hypothesen gehen 
hauptsächlich von folgenden drei Gesichtspunkten aus. Die erste 
erblickt die Schwierigkeit der Durchführung von Hamlets 
Mission in seinem Temperament, das zu tatkräftigem Handeln 
jedweder Art ungeeignet ist; die zweite sieht sie im inneren 
Wesen seiner Aufgabe, die so geartet ist, daß ihre Voll- 
bringung für jedermann unmöglich wird; die dritte endlich 
nur in einem Charakter dieser Aufgabe, der sie für Hamlet 
ganz besonders schwierig und widerwärtig macht. 

Die erste dieser Ansichten, welche die Hemmung auf 
einen Defekt in der Veranlagung Hamlets zurückführen 
möchte, ist vor mehr als einem Jahrhundert von Goethe 5 ), 



') Plumptre: »Observation on Hamlet ; being an attempt to prove that 
Shakespeare designed his tragedie as an indirect censure on Mary, Queen of 
Scots.« 1796. 

*) Silberschlag: »Shakespeares Hamlet« Morgenblatt. 1860. 
Nr. 46, 47. 

s ) Elze: »Jahrbuch der deutschen Shakespeare-Gesellschaft. « Bd. III. 

4 ) Isaac: Ebenda. Bd. XVI. 

s ) Goethe: »Wilhelm Meisters Lehrjahre.« 1795. IV. 14. 



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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 



Schlegel 1 ) und Coleridge*) unabhängig von einander aus- 
gesprochen worden. Namentlich durch Goethe ist diese Aus- 
legung des Charakters Hamlets zu der am weitest verbreiteten 
geworden, obwohl sie bei ihren verschiedenen Verfechtern 
unzählige Wandlungen durchmachte. Goethesprach diese Auf- 
fassung als junger Mann und zu einer Zeit aus, als er noch 
unter dem Einflüsse Herders 3 ) stand, der sie späterhin fallen 
ließ. 4 ) Ihr Kern ist der, daß Hamlet aus Gründen seines 
Temperaments streng genommen zu jeder Art von ent- 
scheidendem Handeln unfähig sei. Diese im Temperament 
gelegenen Ursachen werden von den einzelnen Kritikern ver- 
schieden umschrieben, von Coleridge als ein »Oberwiegen 
des Hanges zur Meditation«, von Schlegel als »weit hergeholte 
Bedenklichkeiten, die oft nur Vorwände sind, um seinen 
Mangel an Entschlossenheit zu verkleiden«, von Vischer 5 ) 
als eine »melancholische Veranlagung« u. s. w. Eine die reine 
Lehre der Goethe-Schule ziemlich präzise kennzeichnende Zu- 
sammenfassung würde etwa lauten : Zufolge seiner hoch- 
entwickelten intellektuellen Kräfte und seiner weitver- 
zweigten und vielseitigen Neigungen kann Hamlet sich 
eine einfache Ansicht von irgend einer Sache nicht bilden, 
sondern sieht in jedem Problem stets eine Reihe unterschied- 
licher Gesichtswinkel und möglicher Erklärungen. Eine ge- 
gebene Richtungslinie dünkt ihn niemals unzweideutig und 
einleuchtend, so daß im praktischen Leben Skepsis und reflek- 
tierende Gedankentätigkeit sein Handeln paralysieren. Er 
repräsentiert also rund herausgesagt gewissermaßen den 
Typus eines auf Kosten seines Willens überentwickelten 
Intellekts und ist in Deutschland häufig als warnendes 
Beispiel jenen Universitätsprofessoren entgegengehalten wor- 
den, die sich allem Anscheine nach zum Schaden ihres 



*) Schlegel: »Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur. < 
1809. Bd. III. 

*) Coleridge: »Lectures on Shakespeare.« 1808. 

*) Herder: »Von deutscher Art und Kunst.« 1778. 

*) Herder: Aufsatz über Shakespeare im 8. Stück der »Adrastea«. 1801. 

') Vischer: »Kritische Gänge.« Neue Folge. Heft II. 1861. 



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DAS PROBLEM DES HAMLET 



Kontakts mit der Wirklichkeit in abstrakten Gedankenflügen 
verlieren. 1 ) 

Gegen diese Auffassung von Hamlets Zaudern gibt es zu- 
mindest drei gewichtige Einwände; einen, der auf allgemein 
psychologischen Erwägungen beruht, und zwei andere, die 
in dem vom Stücke selbst gelieferten objektiven Tatbestand 
begründet liegen. Es ist zutreffend, daß wachsende Zweifel- 
sucht und Reflexion auf den ersten Blick hin scheinbar zu 
einer Schwächung der treibenden Motive neigen, indem sie 
allgemein vorherrschende Illusionen über den Wert gewisser 
Richtungslinien des Handelns beiseite schieben. Dies kann 
man z. B. recht gut in der Sozialreform beobachten, wo die 
Energie, die ein Mann auf kleinere philanthropische Unter- 
nehmungen aufwendet, im Verhältnis zum Ausmaße des klaren 
Denkens abnimmt, das er seiner Sache widmet. Eine nähere 
Untersuchung lehrt aber, daß diese Schwächung eher eine 
qualitative denn eine quantitative ist. Die Skepsis führt zu 
einer Vereinfachung der Motive im allgemeinen und zu einer 
Verringerung der Motive, die eben wirksam sind; sie hat 
mehr ein mangelndes Festhalten an Beweggründen kon- 
ventioneller Natur zur Folge, als ein allgemeines Versagen 
der Triebfedern zum Handeln. Jeder Student der klinischen 
Psychologie weiß, daß alle derartigen allgemeinen Schwächungen 
der Energie unfehlbar in einer anderen Ursache wurzeln als 
in der intellektuellen Skepsis, nämlich in den Mechanismen 
anormaler unbewußter Komplexe. Dieser Gedankengang braucht 
hier nicht weiter erörtert zu werden, denn es ist doch völlig 
nutzlos, die Ursache von Hamlets allgemeiner Abulie zu 
diskutieren, da ja eine solche, wie sofort nachgewiesen werden 



') Siehe z.B. Köstlin: »Shakespeare und Hamlet.« Morgenblatt, 1864, 
Nr. 26 u. 26. Schon im Jahre 1816 hat Börne diese Idee in seinen »Drama- 
turgischen Blättern« geistvoll ausgesprochen. Er schließt einen seiner Aufsätze 
mit den Worten: »Hätte ein Deutscher den Hamlet gemacht, so würde ich 
mich gar nicht darüber wundern. Ein Deutscher braucht nur eine schöne, 
leserliche Hand dazu. Er schreibt sich ab und Hamlet ist fertig.c Harris 
(a. a. O., S. 267) schreibt, daß Hamlet für alle Zeiten der Typus des Philosophen 
oder des Gelehrten wurde, der über dem Denken die Fähigkeit zum Handeln 
verlernt habe. 



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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 



soll, gar nicht vorhanden ist. Ebenso hinfällig sind die Versuche, 
die Abulie Hamlets weniger konstitutionellen Ursachen, wie etwa 
dem Schmerze über den Tod seines Vaters und den Ehebruch 
seiner Mutter 1 ) zuzuschreiben, denn die Psychopathologie hat 
klar nachgewiesen, daß ein solcher Schmerz an sich eine 
gänzlich unzulängliche Erklärung dieses Zustandes ist. 

Unzweideutige Beweise für die Wertlosigkeit der eben 
besprochenen Hypothese erhält man beim Durchlesen des 
Stückes selbst. In erster Linie besteht aller Grund zur An- 
nahme, daß Hamlet abgesehen von seiner hier in Frage 
stehenden Aufgabe ein des entschlossenen Handelns durchaus 
fähiger Mensch ist. Dieses kann nicht bloß impulsiv sein, wie 
bei der Ermordung des Polonius, sondern auch vorbedacht, wie 
die Vorbereitungen zur Tötung des Güldenstern und Rosen- 
kranz zeigen. Der beißende Spott und Hohn seinen Feinden 
gegenüber, ja selbst gegen Ophelia, die scharfe Anklage 
seiner Mutter, sein Mangel an Reue nach dem Tode des Po- 
lonius, das alles sind nicht Zeichen einer sanften, nachgiebigen 
oder schwachen Natur. In seinem Gehirn waren die Ideen 
über die Anordnungen für das vor seinem Oheim aufzu- 
führende Schauspiel ebenso rasch gefaßt, als er sich, da ja 
die peinliche Aufgabe vollbracht werden mußte, entschlossen 
dazu aufraffte, mit der ihm ungleichwertigen Ophelia zu 
brechen. Er verrät nioht die Spur eines Zauderns, wenn er den 
Lauscher hinter dem Vorhang ersticht,-) wenn er seinen heftigen 
Angriff gegen die Seeräuber unternimmt, mit Laertes ins 
Grab springt oder seine Herausforderung zum Zweikampf 
annimmt, oder wenn er dem Geiste seines Vaters auf die 
Festungswälle folgt; 3 ) weder mangelt es ihm an Festigkeit, 
wenn er den Entschluß faßt, dem Geiste gegenüberzutreten : 

»Erscheint's in meines edlen Vaters Bildung, 
So red* ich's an, gähnt' auch die Hölle selbst 
Und hieß* mich ruhig sein.* 

l ) Eine Anregung, die zuerst von Herder ausging. 

*) Ich finde Loenings Argument durchaus zwingend, daß Hamlet 
nicht den König im Sinne hatte, als er diese Tat beging. A. a. O., S. 242 ff., 362 f. 

3 ) Meadow: »Hamlet.« 1871, hält dafür, daß Hamlet bei diesem 
Anlasse den stärksten Beweis für seine geistige Gesundheit und Stärke liefere. 



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10 DAS PROBLEM DES HAMLET 

noch auch bei seinem Ausruf, als sich Horatio an ihn hängt : 

» laßt los, beim Himmel, 

Den mach 1 ich zum Gespenst, der mich zurückhält — 
Ich sage: fort !* 

Bei keinem dieser Anlässe bemerken wir irgend ein An- 
zeichen von jener lähmenden Zweifelsucht, die ihm so häufig 
zugemutet wurde. Im Gegenteil, es gebricht ihm nicht ein 
einzigesmal irgendwie an moralischem oder physischem Mute, 
ausgenommen allein in der Frage der Rache. 

Zweitens aber ist, wie später näher beleuchtet werden 
soll, Hamlets Haltung niemals die eines Mannes, der sich 
seiner Sendung nicht gewachsen fühlt, vielmehr jene eines 
Menschen, der sich aus irgend einem Grunde nicht dazu auf- 
schwingen kann, seiner einfachen Aufgabe gerecht zu werden. 
Das ganze Bild ist nicht, wie Goethe es schilderte, das Bild 
einer zarten Seele, die von einer ungeheuren Pflicht zermalmt 
wird, sondern eines starken Mannes, den eine geheimnisvolle 
Hemmung quält. 

Schon im Jahre 1827 hat Hermes 1 ) gegen Goethes 
Auslegung protestiert, und seither sind eine Anzahl von Hypo- 
thesen aufgetaucht, in denen Hamlets Mangel an Temperament 
nur mehr eine sehr untergeordnete Rolle spielt. 

Die zweite, hier zu erörternde Ansicht bewegt sich wieder im 
entgegengesetzten Extrem und findet in der Schwierigkeit der 
Aufgabe selbst den einzigen Grund für ihre Nichtvollbringung. 
Diese Idee wurde zuerst von Fletcher 2 ) angedeutet und dann 
unabhängig von Klein 3 ) und Werder 4 ) weiter entwickelt. Sie 
behauptet, daß die der Aufgabe anhängenden inneren Schwierig- 
keiten so überwältigende seien, daß sie jeden auch noch so 
Entschlossenen abgeschreckt hätten. Es sei daher erforderlich, 



y ) Hermes: »Über Shakespeares Hamlet und seine Beurteiler.« 1827. 

*) Fletcher: Westminster Review, September 1845. 

8 ) Klein: »Emil Devrients Hamlet.« Berliner Modenspiegel, eine 
Zeitschrift für die elegante Welt. 1846. Nr. 23, 24. 

*) Werder: »Vorlesungen über Shakespeares Hamlet.« 1876. Ins 
Englische übersetzt von E. Wilder (1907), unter dem Titel »The Heart of 
Hamlet'« Mystery«. 



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UND DER ÖDIPUSKOMPLEX. 11 

diese Aufgabe in einem anderen Lichte, als sie gewöhnlich ge- 
sehen wird, zu betrachten. In ihrer namentlich auf der Heg ei- 
schen Lehre von der abstrakten Gerechtigkeit fundierten Aus- 
gestaltung dieses Theorems verfochten sowohl Klein als auch 
Werder — dieser wohl in eingeschränkterem Maße — , daß 
der Kernpunkt der Rache Hamlets nicht in der Tötung 
des Mörders, sondern darin bestehe, ihn seines Ver- 
brechens vor den Augen alles Volkes zu überführen. Der Tat- 
bestand verhielte sich demnach folgendermaßen : Das Ver- 
brechen des Claudius wäre zu schrecklich und zu unnatürlich, 
als daß man es, außer gestützt auf ein umfassendes Beweis- 
material, hätte glaubwürdig darstellen können. Wenn Hamlet 
einfach seinen Onkel getötet und hierauf ohne den Schein 
einer rechtfertigenden Beweiskraft verlautbart hätte, daß er 
so gehandelt, um einen Brudermord zu rächen, so würde ihn 
das Volk unfehlbar in Acht und Bann getan haben, nicht 
bloß, weil er seinen Oheim ermordete, um sich des Thrones 
zu bemächtigen, sondern auch, weil er aus Eigennutz ein 
verdächtigendes Schandmal dem Andenken eines Mannes 
aufzudrücken suchte, der seine Ehre nicht mehr hätte ver- 
teidigen können. Dies hätte eine Verherrlichung des ermordeten 
Oheims und mithin ein Fehlschlagen der Rache zur Folge 
gehabt. Mit anderen Worten, es ist nicht so sehr die Schwierig- 
keit der Tat selbst, welche Hamlet abschreckt, als die der 
notgedrungen aus der Tat sich ergebenden Situation. 

Bestochen durch die geistreiche Darstellung dieser Ansicht 
vor allem durch Werder haben mehrere hervorragende Kri- 
tiker, darunter Rolfe 1 ), Co rson 2 ), Für ness 3 ), Hudson 4 ) und 
Halliwell-Phillips 5 ) ihr beigepflichtet. Sie hat aber sonst 
in der Hamlet-Literatur nicht sehr viel Beifall gefunden und 
wurde von einer Reihe bedeutender Forscher, namentlich von 



! ) Rolfe: Einleitung zur englischen Obersetzung Werders. 1907. 
*) Corson: Zitiert von Rolfe a. a. O. 

8 ) Furness: Eine neue Variorum- Ausgabe Shakespeares. Bd. III und 
IV, 1877. 

4 ) Hudson: »Shakespeare^ Life, Art and Characters.c 2. Aufl., 1882. 
*) Halliwell-Phillips: > Memoranda ontheTragedyof Hamlet.« 1879. 



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12 DAS PROBLEM DES HAMLET 

Tolman 1 ), Loening*), Hebler 3 ), Ribbeck 4 ), Bradley 5 ), 
Baumgart 6 ) und Bulthaupt 7 ) aufs Schlagendste wider- 
legt. Es wird daher genügen, einen oder den anderen der Ein- 
wände anzuführen, die man gegen sie geltend gemacht hat. 
Es wird sich zeigen, daß man um diese Hypothese zu stützen, 
die Aufgabe Hamlets nach zweierlei Richtungen hin schwerer 
erscheinen lassen mußte, als sie tatsächlich ist. Erstens stellte 
man die Voraussetzung auf, daß sie nicht eine einfache Rache 
im gewöhnlichen Sinne des Wortes sei, sondern ein kompli- 
ziertes Gerichthalten in einer mehr oder minder gesetzlichen 
Weise; und zweitens übertrieb man die Gewichtigkeit der 
äußerlichen Hindernisse. Nun ist aber diese Auffassung von der 
Bedeutung der Rache vollkommen willkürlich und wird 
durch keine einzige Stelle im Stücke selbst, noch auch 
sonst irgendwo, wo Shakespeare von Rache spricht, ge- 
rechtfertigt. 8 ) Hamlet zweifelt niemals, daß er das recht- 
mäßig zur Rache bestimmte Werkzeug sei, und wenn er am 
Schlüsse des Dramas seine Rache ausführt, so findet der dra- 
matische Konflikt seine korrekte Lösung, obgleich das Volk 
nicht einmal erfahren hat, daß ein Mord begangen worden 
war, der nun hier gerächt werde, geschweige denn, daß es 
sich eine Überzeugung von der Berechtigung dieser Rache 
hätte bilden können. Beweise herbeizuschaffen, welche den 
Oheim vor einem Gerichtshofe überführen sollten, ist der 
Natur der Sachlage nach unmöglich, und es kann sich weder 
eine tragische Situation aus dem Versuche ergeben, das Un- 
mögliche zu vollbringen, noch auch das Interesse des Zu- 



1 ) Toi man: »Views about Hamlet and other Essays.« 1904. 
*) Loening: a. a. O., S. 110—113 und 220—224. 

3 ) Hebler: »Aufsätze über Shakespeare.« 2. Ausg., 1874, S. 258— 278. 

4 ) Ribbeck: -Hamlet und seine Ausleger.« 1891, S. 667. 

A ) Bradley: »Shakespearian Tragedy.« 1904. Artikel über -Hamlet«. 

a ) Baumgart: »Die Hamlet-Tragödie und ihre Kritik.« 1877, S. 7— 29. 

7 ) B u 1 1 h a u p t : »Dramaturgie des Schauspiels.« 4. Aufl., 1891, II, S. 237. 

*) Loening hat a. a. O., Kap. VI, eingehende Studien über die Be- 
deutung der Rache zur Zeit Shakespeares, und wie sie sich in seinen Werken 
widerspiegelt, angestellt. Die Schlußfolgerung, zu der er kommt, läßt keinen 
weiteren Zweifel zu. 



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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 13 

Schauers für einen offenkundig einseitigen Kampf geweckt 
werden. 

In ähnlicher Weise wurden die äußeren Umstände zu 
Gunsten dieser Hypothese entstellt. Auf wessen Seite sich das 
Volk bei Ausbruch eines Konflikts gestellt hätte, darüber ist sich 
Claudius, der es nicht einmal wagt, Hamlet wegen der Er- 
mordung des Polonius zu bestrafen, hinreichend klar (Akt IV, 
Szene 3): 

' dennoch dürfen wir 

Nicht nach dem strengen Recht mit ihm verfahren. 

Er ist beliebt bei der verworrnen Menge, 

Die mit dem Aug', nicht mit dem Urteil wählt.« 

und dann in der siebenten Szene des vierten Aktes: 

» der andre Grund, 

Warum ich's nicht zur Sprache bringen durfte, 
Ist, daß der große Häuf' an ihm so hängt : 
Sie tauchen seine Fehl' in ihre Liebe, 
Die wie der Quell, der Holz in Stein verwandelt, 
Aus Tadel Lob macht, so daß meine Pfeile, 
Zu leicht gezimmert für so scharfen Wind, 
Zurückgekehrt zu meinem Bogen wären 
Und nicht zum Ziel gelangt.« 

Die Leichtigkeit, mit der das Volk gegen Claudius auf- 
gewiegelt werden könnte, zeigt sich am besten nach dem Tode 
des Polonius, wo Laertes die Menge in seinem unwiderstehlichen 
Rachedurst mit sich fortreißt, der auch sogleich gestillt 
worden wäre, hätte nicht der König den Rächer von seiner 
Unschuld zu überzeugen vermocht. Hier nun war das Volk, die 
»falschen dänischen Hunde«, deren Loyalität für Claudius eine so 
binsenschwache ist, daß sie selbst Laertes froh als König be- 
jubeln, einen Mann, der nicht den geringsten Anspruch auf 
den Thron hat, hier waren sie rasch genug bereit, an die Mord- 
schuld ihres Monarchen ohne auch nur den Schein eines be- 
lastenden Beweises zu glauben; und dies noch außerdem in 
einem Falle, in dem die Anklage nicht einmal berechtigt war 
und kein annähernd so ernsthaftes Motiv für den Mord 
entdeckt werden konnte, wie es jene beiden Motive waren, 
die den König zum Morde an seinem Bruder bewogen 

2 3 

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14 DAS PROBLEM DES HAMLET 



haben konnten. Wo Laertes Erfolg hat, ist es nicht wahr- 
scheinlich, daß Hamlet, der Liebling des Volkes, Schiff- 
bruch gelitten hätte. Können wir uns denn nicht den Gang 
der Ereignisse während der Darstellung des Schauspieles vor 
dem Hofe vorstellen, wenn Laertes an Stelle Hamlets im 
Vordergrunde stünde? Die scharfe Beobachtung der schon 
vorher gewarnten Adeligen, das Aufspringen des schuldigen 
Herrschers, der die Aufführung nicht länger ertragen kann, 
das unverhohlene Murren der Zuhörerschaft, die unaufhalt- 
same Überführung durch den Rächer und den sofortigen 
Strafvollzug durch ihn und seine ihm ergebenen Freunde? 
Und in der Tat scheint die ganze Laertes-Episode absicht- 
lich in das Drama hineinverwoben zu sein, um der Welt 
zu zeigen, wie ein pietätvoller Sohn mit dem Mörder 
seines Vaters wirklich verfahren sollte, wie die Rache unter 
diesen gegebenen Umständen leicht ausführbar sei, und um im 
Widerspiele dazu das unwürdige Schwanken Hamlets zu be- 
leuchten, dessen Ehre durch diesen selben verräterischen 
Schurken doppelt verletzt worden war. 

Der schlagendste Beweis dafür, daß man die Tragödie 
nicht so auslegen dürfe, als ob sie in äußerlichen Schwie- 
rigkeiten begründet läge, ist jedoch Hamlets eigene Stellung- 
nahme zu seiner Aufgabe. Er gebärdet sich niemals wie ein 
Mann, der einer klar vorgezeichneten Pflicht gegenüberzu- 
treten hat, wobei es bloß äußerliche Hindernisse zu über- 
winden gälte. Wenn dies der Fall gewesen wäre, so hätte er 
sicherlich von Anbeginn an zu Horatio und seinen anderen 
Freunden, die so unerschütterlich an ihn glaubten, Vertrauen 
gehabt und sich gemeinsam mit ihnen mit Vorbedacht ans 
Werk gemacht, um Pläne zu schmieden, wie er diese 
Hindernisse beiseite schaffe. Statt dessen unternimmt er nie- 
mals einen ernsten Versuch, mit der äußeren Situation fertig 
zu werden, und läßt auch während des ganzen Stückes nirgendwo 
einen konkreten Hinweis auf einen solchen laut werden, 
nicht einmal in der charakteristischen Gebetszene, die ihm 
die beste Gelegenheit zur Offenbarung der Gründe für sein 
Nichthandeln böte. Es gibt daher keine andere Schluß- 



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UND DER ÖD1PÜS-K0MPLEX. 16 

folgerung, als daß, soweit die äußere Situation in Betracht 
kommt, die Aufgabe eine mögliche ist. 

Wenn nun Hamlet ein des Handels fähiger Mensch und 
die Aufgabe eine zur Vollbringung mögliche ist, was kann 
also der Grund sein, daß er sie nicht ausführt ? Die Kritiker, 
welche die Ungereimtheit der obigen Hypothese eingesehen 
haben, sind bei der Beantwortung dieser Frage in arge Ver- 
legenheit gekommen. Einige, denen Kl eins Meinung ein- 
leuchtete, daß nämlich die Aufgabe in Wahrheit nicht dem 
entspricht, wofür sie gemeinhin gehalten wird, sind mit neuen 
Auslegungen hervorgetreten. So behauptete Mauerhof 1 ), 
daß der Befehl, den der Geist dem Hamlet erteilt, nicht dahin 
lautete, den König zu töten, sondern dem Lotterleben, das 
seine Mutter führe, ein Ende zu machen, und daß sich 
das Problem darum bewegte, wie dies geschehen könnte, 
ohne ihren reinen Namen zu besudeln. Dietrich 34 ) kam mit 
der sonderbaren Ansicht, daß Hamlets Aufgabe darin be- 
stehe, an Fortinbras die Ländereien zurückzustellen, die seinem 
Vater ungerechterweise geraubt worden waren. Wenn einmal 
Verstiegenheiten wie diese erklommen sind, dann ist es nicht 
verwunderlich, wenn maßgebende Kritiker ihre Zuflucht zu dem 
Gedankengange nahmen, daß das Trauerspiel in seinem Wesen 
unerklärlich, uneinheitlich und unzusammenhängend sei. Diese 
Ansicht, die zuerst von Rapp 3 ) im Jahre 1846 geäußert 
wurde, ist von einer Anzahl von Gelehrten, darunter von 
Rümelin 4 ), Benedix ), v. Friesen 6 ) und vielen anderen 
weiter entwickelt worden. 

Die Ursachen für die dramatische Unvollkommenheit des 
Stückes sind verschieden angegeben worden. VonDowden 7 ) 

" l ) Mauerhof: »Ober Hamlete 1882. 

*) Dietrich: »Hamlet, der Konstabel der Vorsehung. < Eine Shake- 
speare-Studie. 1888. 

*) Rapp: »Shakespeares Schauspiele*, übersetzt und erläutert. Bd. VIII, 

1846. 

4 ) Rümelin: »Shakespeare- Studien. c 1866. 

s ) Benedi x: »Die Shakespearomanie.« 1873. 

4 ) y. Friesen: »Briefe über Shakespeare's , Hamlet 1 .« 1864. 

Y ) Dowden: »Shakespeare, sein Entwicklungsgang in seinen Werken.« 

1875, Deutsch von A. Wagner, 1879. 



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16 DAS PROBLEM DES HAMLET 

als ein von Shakespeare bewußt vorgenommenes Hineinver- 
weben eines Geheimnisses in das Drama, von Reichel 1 ) als 
die durch einen ungebildeten Schauspieler namens Shak- 
spere erfolgte Verballhornung eines Stückes von einem un- 
bekannten Dichter, der den Namen Shakespeare trug u. s. w. 
Viele Verfechter dieser Theorie haben sich damit getröstet, 
daß gerade in diesem Dunkel, das für das Leben im all- 
gemeinen so charakteristisch ist, die Gewalt und die An- 
ziehung des Stückes liege. Selbst Grillparzer-) sah in 
dieser Undurchdringlichkeit die Ursache für die gewaltige 
Wirksamkeit und fügte hinzu: »Dadurch wird es zu einem 
getreuen Bild der Weltbegebenheiten und wirkt ebenso un- 
geheuer als diese.« Mögen nun Verschwommenheit und Ver- 
schleierung für das wirkliche Leben charakteristisch sein oder 
nicht, sicherlich sind sie nicht die Attribute eines erfolg- 
reichen Dramas. Kein zusammenhangsloses und unsinniges 
Drama hätte jemals jene Wirkung auf seine Zuhörer so aus- 
üben können, wie es mit »Hamlet« drei Jahrhunderte hin- 
durch fortgesetzt geschah. Der dem Drama zu Grunde liegende 
Sinn mag vollkommen dunkel sein ; daß aber ein solcher vor- 
handen ist, und zwar einer, der an Probleme rührt, die vom 
vitalsten Interesse für das menschliche Herz sind, ist em- 
pirisch durch den ungeschwächten Erfolg, den das Drama auf 
die verschiedenartigsten Zuhörer ausübt, nachgewiesen. Das 
Gegenteil behaupten, hieße alle seit der Zeit des Aristoteles 
überkommenen Grundregeln der dramatischen Kunst leugnen. 
Als Meisterwerk steht und fällt »Hamlet« mit diesen drama- 
turgischen Gesetzen. 

Wir sind demnach gezwungen, die Behauptung aufzu- 
stellen, daß irgend ein Motiv für das Schwanken Hamlets 
vorhanden ist, nach dem noch nicht sondiert wurde. Wenn 
dieses weder in seiner Unfähigkeit zum Handeln im allgemeinen 
noch auch in der ungewöhnlichen Schwierigkeit der in Be- 
tracht kommenden Aufgabe liegt, so muß es notwendiger- 
weise in der dritten Möglichkeit zu suchen sein, nämlich 

*) Reichel: »Shakespeare-Literatur.« 1887. 

2 ) Grillparzer: »Studien zur Literargeschichte.« 3. Ausg. 1880. 



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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 17 

:•- in einer besonderen Eigenschaft dieser Aufgabe, die sie ihm 

abstoßend erscheinen läßt. Diese Folgerung, wonach Hamlet in 
h seinem Innersten die Aufgabe nicht vollführen will, scheint so 

;: einleuchtend, daß es nur schwer zu begreifen ist, daß noch 

;t kein kritischer Leser des Stückes aus Eigenem zu ihr gelangt 

ist. ') Einige der unmittelbaren Beweise hiefür, welche uns dus 
i Stück selbst an die Hand gibt, werden später noch ins Treffen 

k geführt werden, wenn wir das Problem der Ursache dieses 

j Widerwillens besprechen ; doch wird es vor allem erforderlich 

: - sein, mehrere Ansichten, die in dieser Richtung laut wurden, 

v anzuführen. Der erste, der klar erkannte, daß Hamlet ein 

: Mensch sei, der nicht in seinen Bestrebungen scheitert, son- 

f ? dem einen inneren Konflikt durchkämpft, war Ulrici 2 ) im 

£ Jahre 1839. In den Einzelheiten läßt sich die Hypothese 

ö Ulrici», welche ebenso wie jene Kl eins in den He gel- 

schen Ansichten über die Moral ihren Ursprung hat, nur 
schwer verfolgen, doch besagt sie im wesentlichen, daß Hamlet 
u schwere Zweifel an der moralischen Berechtigung der Rache 

hege. So ward er in einen Widerstreit zwischen seiner na- 
türlichen Neigung, den Vater zu rächen, und seinen hoch- 
entwickelten sittlichen und christlichen Anschauungen, die 
ihm verboten, diesem instinktiven Wunsche nachzugeben, ver- 
] wickelt. In den letzten Jahren hat diese Hypothese eine be- 

deutende Ausgestaltung nach der moralischen, ethischen und 
religiösen Seite hin durch Liebair'), Mezieres 4 ), Gerth 5 ), 
Baumgart 6 ) und Robertson 7 ) erfahren. Kohler 8 ) hat 

3. J ) Wer an dieser Schlußfolgerung zweifelt, dem sei das überzeugende 

Kapitel XII des Loeningschen Buches, »Hamlets Verhalten gegen seine Auf- 
gabe«, empfohlen. 

*) Ulrici: »Shakespeares dramatische Kunst; Geschichte und Cha- 
rakteristik der Shakespeareschen Dramen.« 1839. 

8 ) Lieb a u : »Studien überWilliam Shakespeares Trauerspiel Hamlet« o. J. 
■ *) Mezieres: »Shakespeare, ses oeuvres et ses critiques.« 1860. 

5 ) Gerth: a. a. O. 
•) Baumgart: a. a. O. 

') Robertson: »Montaigne and Shakespeare«« 1897, S. 129. 
I •) Kohl er: »Shakespeare vor dem Forum der Jurisprudenz.« 1883, 

und »Zur Lehre von der Blutrache.« 1885. Siehe desgleichen Zeitschrift für 
vergleichende Rechtswissenschaft Bd. V, S. 380. 

Jones, Das Problem des Hamlet und der Ödipus-Komplex. * 

2 3 * 

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18 DAS PROBLEM DES HAMLET 

den Konflikt geistvoll in die Sphäre der Jurisprudenz hinüber- 
gezogen, indem er behauptet, daß Hamlet in der Erkenntnis 
von dem Vorrange gesetzlicher Bestrafung gegenüber per- 
sönlicher Rache seiner Zeit vorauseilt und mithin in den 
ersten Reihen des Fortschrittes kämpft. Dieselbe Ansicht hat 
auch Rubinstein entwickelt. 1 ) Speziell diese Stellungnahme 
ist von Loening 2 ) und Fuld 8 ) geschickt widerlegt worden 
und steht im Widerspruch zu allen historischen Erwägungen. 
Endlich haben Schipper 4 ) und in neuerer Zeit Gelber 5 ) 
gemeint, daß der Konflikt ein lediglich intellektueller sei, 
indem Hamlet außer stände wäre, sich von der Vollgiltig- 
keit oder Verläßlichkeit der von der Geistererscheinung er- 
hobenen Beschuldigungen zu überzeugen. 

Die selbstverständliche Frage, die man an die Verfechter 
irgend einer der obigen Hypothesen zu richten hat, lautet 
nun: Warum gibt uns Hamlet in seinen Monologen keinen 
Fingerzeig über die Natur des in seinem Innern herrschen- 
den Konflikts ? Wie wir sofort sehen werden , bringt er verschiedene 
Entschuldigungen für sein Zögern vor, nicht ein einzigesmal 
läßt er jedoch einen Zweifel darüber durchschimmern, was in 
diesem Falle seine Pflicht sei. Er ist sich stets im klaren, 
was er tun müsse, und der Konflikt in seiner Seele ent- 
brennt nur ob der Frage, warum er sich nicht aufraffen kann, 
es zu tun. Wenn Hamlet zu irgend einem Zeitpunkte gefragt 
würde, ob es sein gutes Recht sei, seinen Oheim zu töten, 
oder ob er auch die bestimmte Absicht habe, dies zu tun, 
so könnte an seiner Antwort niemand ernstlich zweifeln. Das 
ganze Stück hindurch sehen wir seinen Entschluß un- 
widerruflich auf eine bestimmte Handlung eingestellt, 
die er als eine ihm auferlegte Pflicht voll anerkennt, 

x ) Rubinstein: »Hamlet als Neurastheniker.« 1896. 

3 ) Loening: Zeitschrift für die gesamte Strafwissenschaft. Bd. V., S. 191. 

3 ) Fuld: »Shakespeare und die Blutrache.« Dramaturgische Blätter 
und Bühnenrundschau. 1888. Nr. 44. 

4 ) Schipper: »Shakespeares Hamlet; ästhetische Erläuterung des 
Hamlet«. 1862. 

5 ) Gelber: »Shakespearesche Probleme: Plan und Einheit im 
Hamlet.« 1891. 



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UND DER ÖDIPÜS-KOMPLEX. 19 

and ganz gewiß hätte er den bloßen Argwohn eines Zweifels 
hieran als eine ungerechte Bemakelung seiner Sohnesliebe 
empfunden. Ulrici, Baumgart und K o hl er versuchten , 
diese Klippe zu umgehen, indem sie annahmen, daß sich 
Hamlet in seinem Innern über die ethischen Einwände gegen 
eine persönliche Rache keine klare Vorstellung machte. Es sei 
ein tiefes und unausgegohrenes Gefühl, das noch nicht voll 
zur Entfaltung gelangt sei. Ich gebe gerne zu, daß wir der 
Schwierigkeit auf keine andere Weise logisch beikommen, und 
daß wir uns mit der Erkenntnis, daß sich Hamlet des 
Urgrundes seines Widerwillens gegen seine Aufgabe nicht 
bewußt ist, dem Kernpunkte des Geheimnisses nähern. 
Eine unüberbrückbare Schwierigkeit bei Annahme irgend 
eines der oben genannten Gründe für Hamlets inneres Sträuben 
liegt jedoch darin, daß deren Wesen ein solches sein müßte, 
daß ein so scharfer und einsichtsvoller Denker wie Hamlet es 
unfehlbar durchschaut und in offener Fehde bekämpft haben 
würde, anstatt sich, wie wir sofort sehen werden, mit einer Reihe 
falscher Vorwände selbst zu täuschen. Loening 1 ) spricht 
dies sehr richtig in folgendem Satze aus: »Handelt es sich 
um einen Konflikt zwischen der von außen gebotenen Rache- 
pflicht und einer inneren sittlichen oder rechtlichen 
Gegenströmung, so muß dieser Zwiespalt und seine Ursache 
bei einem so denkkräftigen und ans Denken gewohnten Menschen 
wie Hamlet zur Reflexion gebracht werden.« 

Trotz dieser Schwierigkeit spornt uns die Erwartung 
einer nahen Lösung an, den gegenwärtigen Stand der Sache 
schärfer ins Auge fassen. Die oben erwähnte Hypothese 
mag bis zu einem gewissen Grade richtig sein und dann 
versagt haben, weil man es nicht verstand, sie nach einer be- 
stimmten Richtung weiterzuführen. So kann an dem Zaudern 
Hamlets ein innerer Konflikt zwischen der Notwendigkeit, 
seine Aufgabe zu vollführen, und einer besonderen Ursache 
der Abneigung gegen sie die Schuld tragen; ferner mag als 
Erklärung, daß er die Ursache dieses Widerwillens nicht 
zu enthüllen imstande ist, gelten, daß er sich ihrer Natur 

') Loening: »Die Hamlet- Tragödie Shakespeares.! 1893, 8. 78. 

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20 DAS PROBLEM DES HAMLET 

nicht bewußt wird, und dennoch kann diese Ursache eine 
solche sein, daß sie zufällig von keinem der Verfechter der 
obigen Hypothesen in Betracht gezogen wurde. Mit anderen 
Worten — es mögen wohl die ersten beiden Teile des Ar- 
guments stimmen, nicht aber der dritte. 

Dies ist die Ansicht, die nun im folgenden entwickelt 
werden soll, doch wird es, ehe wir uns mit dem dritten Teile 
des Arguments auseinandersetzen, nötig sein, die Wahr- 
scheinlichkeit der beiden ersten festzustellen : daß nämlich 
Hamlets Zaudern einem besonderen Widerwillen gegen seine 
Aufgabe zuzuschreiben ist und daß er sich über die Ursache 
dieses Widerwillens nicht klar ist. 

Vor allem muß ein Widerstand gegen diesen Gedanken- 
gang in Erwägung gezogen werden, der sich auf gewisse 
Vorurteile gründet, welche dies Gebiet der Psychologie be- 
herrschen. Wenn Hamlet sich der Ursache seiner Hemmun- 
gen nicht bewußt ist, so dürften sich Zweifel regen, ob wir 
die Möglichkeit besitzen, in sie einzudringen : dieser pessi- 
mistische Gedanke wurde von Baumgart 1 ) in nachstehendem 
ausgesprochen: »Das, was ihn — Hamlet — an der Rache 
hindert, ist ihm selbst ein Problem und deshalb mußte es 
für uns alle ein Problem bleiben.« Zum Glück für unsere Un- 
tersuchung hat jedoch das psychoanalytische Studium seither 
fraglos erwiesen, daß geistige Regungen, welche dem Subjekt 
selbst verborgen bleiben, sich durch ihre Wirkungen nach 
außen dem kundigen Beobachter verraten können, so daß 
die Möglichkeit eines Erfolges auf diesem Wege nicht aus- 
geschlossen ist. Loening 2 ) hat ferner eingewendet, daß 
der Dichter selbst diese verborgenen seelischen Regungen weder 
bloßgelegt noch auch nur darauf hingedeutet habe. Der 
erste Teil dieses Einwurfes ist sicher richtig, sonst gäbe 
es kein zur Diskussion stehendes Problem, doch wird 
sich bald zeigen, daß der zweite Teil keineswegs zutrifft. 
Nun ergibt sich die Frage: Warum hat der Dichter die see- 
lische Regung, die zu entdecken wir uns bemühen, nicht in 

l ) Baumgart: a. a. O., S. 48. 
*) Loening: a.a.O., S. 78f. 



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UND DER ÖDIPÜS-KOMPLEX. 21 

ein helleres Licht gerückt? So sonderbar es scheinen mag, 
so lautet doch die Antwort, ebenso wie im Falle Hamlets 
selbst, dahin, daß er es nicht konnte, weil er sich der Natur 
dieser Regung selbst nicht bewußt war. Wir werden uns später 
mit diesem Problem bei der Besprechung der Beziehungen 
des Dichters zu seiner Schöpfung beschäftigen. Wenn aber das 
Motiv des Dramas so dunkel ist, welchem Umstände ist dann 
seine gewaltige Wirkung auf das Publikum zuzuschreiben? 
Denn, wie Kohl er 1 ) fragt: »Wer, der je »Hamlet« gesehen, hat 
nicht den furchtbaren Konflikt empfunden, welcher die Seele 
des Helden bewegt?« Dies kann nur dadurch möglich sein, daß 
der Konflikt des Heiden sein Echo in einem ähnlichen Konflikt 
im Innern des Zuhörers findet, und je heftiger dieser beim 
Hörer vorbereitete Konflikt ist, desto größer wird die Wirkung 
des Dramas sein. 2 ) Der Hörer kennt nun aber die innere Ursache 
des Konflikts in seiner Seele ebenfalls nicht, sondern es kommen 
ihm nur die äußeren Manifestationen desselben zum Bewußtsein. 
Wir gelangen so zu dem anscheinenden Paradoxon, daß Dichter, 
Held und Zuschauer heftig von Gefühlen bewegt werden, die 
einem Konflikt entspringen, über dessen Quelle sie sich keine 
Rechenschaft geben können. 

Die Tatsache jedoch, daß eine solche Schlußfolgerung para- 
dox erscheinen kann, übt an und für sich schon Kritik an den 
gemeinhin herrschenden Ansichten über die wirklichen Vor- 
gänge der menschlichen Seele, und ehe wir daran schreiten, 
die im vorangehenden Absätze aufgestellten Behauptungen 
zu beweisen, müssen wir zuerst einige Bemerkungen über die 
Begriffe »Motiv« und »Handeln« im allgemeinen hier ein- 
schalten. 

Die neue Wissenschaft der klinischen Psychologie steht 
nirgendwo in einem schärferen Gegensatze zur früheren Auf- 
fassung geistiger Funktionen, als eben hier in diesem Punkte. 

') Kohl er: ^Shakespeare vor dem Forum der Jurisprudenz.« 1883, 
S. 195. 

*) Es braucht wohl nur angedeutet zu werden, daß das Stück nach 
verschiedener Richtung auf seine Hörer wirken kann. Wir ziehen hier nur 
das wesentlichste Moment, den im Mittelpunkte der Tragödie stehenden Kon- 
flikt, in Betracht. 



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S2 DAS PROBLEM DES HAMLET 

Während die allgemein giltigen Ansichten, wie sie in den 
Lehrbüchern der Psychologie offen oder versteckt ausge- 
sprochen werden, das menschliche Seelenleben als ein Spiel 
verschiedener Vorgänge auffassen die dem Subjekt zum 
größten Teile bekannt oder wenigstens seinem Einblick zu- 
gänglich sind, hat im Gegenteile die analytische Methode 
auf dem Gebiete der klinischen Psychologie überzeugend 
nachgewiesen, daß eine weit größere Anzahl dieser Prozesse, 
als man gemeinhin vermutet, in Motiven wurzelt, von denen 
das Subjekt niemals eine Ahnung hat. Der Glaube des Menschen, 
daß er ein mit Bewußtsein begabtes Tier sei, daß er die Be- 
gierden, die seine Handlungen anspornen oder hemmen, zu 
meistern vermöge und sich aller Triebfedern seines Tuns be- 
wußt werde, ist das letzte Bollwerk jener anthropomorphi- 
schen Lebensanschauung, die allzu lange schon seine Philosophie, 
seine Theologie und vor allem seine Psychologie beherrschte. Dies 
will so viel besagen, daß man der Neigung, einen Menschen 
nach eigener subjektiver Einschätzung zu beurteilen, nur 
selten Widerstand leistet, und daß wir wähnen, der sicherste 
Weg zur Erforschung der Beweggründe einer Person sei der, sie 
einfach danach zu befragen, wobei wir uns auf die Erfahrung 
verlassen, daß sie — ebenso wie unter ähnlichen Verhältnissen 
wir selbst — ihrer Antwort sicher sein und unfehlbar ein ein- 
leuchtendes Motiv für ihr Handeln werde angeben können. 
Einige besondere objektive Methoden, in dunkle geistige Vor- 
gänge einzudringen, haben jedoch ungeheuere Schwierigkeiten 
auf diesem direkten introspektiven Wege gefunden und 
enthüllen uns in der menschlichen Seele Mächte der Selbst- 
täuschung, deren Grenzen bisher noch nicht erkannt wurden. 
Es sei mir hier gestattet, aus einer meiner früheren Arbeiten l ) 
zu zitieren: »Wir beginnen, den Menschen nicht mehr als das 
einfache, aus freiem Willen handelnde Wesen, für das er sich 
ausgibt, anzusehen, sondern als ein Geschöpf, das sich der 
verschiedenen Einflüsse, die seine Handlungen und Gedanken 
formen, nur undeutlich bewußt ist, und das sich blind mit allen 

') »Rationalisation in Every — day Life.« Journal of Abnormal PBycho- 
logy. August-September 1908, Bd. III, 8. 168. 



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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 28 

ihm zu Gebote stehenden Mitteln den Kräften entgegen- 
stemmt, die ein höheres und vollkommeneres Bewußtsein 
anstreben.« 

Daß Hamlet an einem inneren Konflikte leidet, dessen 
Wesen seiner Einsicht unzugänglich ist, soll durch die nach- 
folgenden Erwägungen erwiesen werden. 

Das ganze Stück hindurch haben wir das scharf umris- 
sene Bild eines Mannes vor uns, der seine Pflicht genau vor- 
gezeichnet sieht, ihr aber bei jeder Gelegenheit ausweicht und 
daher die heftigsten Gewissensbisse erduldet — oder, um 
Sir James Pagets berühmte Definition der hysterischen Pa- 
ralyse zu umschreiben: Hamlets Verteidiger sagen, daß er 
seine Pflicht nicht erfüllen kann, seine Verleumder sagen, 
daß er sie nicht erfüllen will, wogegen die Wahrheit darin 
liegt, daß er nicht wollen kann. Ferner beschränkt sich die 
Einengung der Willenskraft auf die einzige Frage der Tötung 
seines Oheims, wir haben also etwas vor uns, was wir als 
»spezifische Abulie« bezeichnen können. Nun aber zeigen uns 
die Analysen solcher spezifischer Abulien im täglichen 
Leben ausnahmslos, daß sie auf einen unbewußten Wider- 
willen gegen die Tat, die man nicht vollbringen kann, 
zurückzuführen sind. Kurz, wenn sich eine Person nicht zu 
etwas aufraffen kann, obgleich ihr jede bewußte Über- 
legung sagt, daß sie es ausführen muß, so geschieht 
dies stets, weil sie es aus einem bestimmten Grunde nicht 
tun will. Diesen Grund will sie sich selbst nicht eingestehen 
und ist sich seiner, wenn überhaupt, so doch nur unvollkom- 
men, bewußt. Ganz genau dasselbe trifft bei Hamlet zu. Von 
Zeit zu Zeit rafft er sich auf, hält sich seine selbstverständliche 
Pflicht vor, stachelt seine Gewissensqualen mit den grausamsten 
Selbstvorwürfen an und verfällt dann immer wieder in Un- 
tätigkeit. Gierig ergreift er jeden Vorwand, sich mit allen 
anderen Dingen, nur nicht mit der Erfüllung seiner Pflicht 
zu beschäftigen, ebenso wie — um ein Bild aus niedrigerer 
Sphäre zu gebrauchen — ein Schulknabe vor einer unange- 
nehmen Arbeit seine Zeit mit dem Ordnen der Bücher, dem 
Bleistiftspitzen u. dgl. vertrödelt und sich in Tändeleien 



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24 DAS PROBLEM DES HAMLET 

verbummelt, die ihm als Vorwand für das Hinausschieben 
seiner Aufgabe dienen können. 

Außerordentlich charakteristisch ist der Umstand, daß die 
Gründe» die Hamlet für sein Zaudern anführt, lauter solche 
sind, die nicht einen Augenblick lang einer ernsthaften Prü- 
fung standhalten und von einem- zum anderenmal beständig 
wechseln. Bald schützt er vor, dafl er zu feige sei, die Tat zu voll- 
bringen oder daß seine Vernunft gelähmt werde durch »viehisches 
Vergessen«, bald wieder beargwöhnt er die Glaubwürdigkeit 
der Geistererscheinung, ein andermal, da sich ihm die schönste 
Gelegenheit bietet, hält er die Zeit für unpassend — es sei 
besser, zu warten, bis der König in einer Missetat begriffen sei, 
und ihn erst dann zu toten u. s. w. Wenn ein Mensch zu verschie- 
denen Zeiten immer andere Motive für sein Handeln angibt, 
so darf man daraus mit Sicherheit folgern, daß er, ob ab- 
sichtlich oder nicht, den wahren Grund verheimlicht. Wetz, 1 ) 
der ein ähnliches Problem, das des Jago, behandelte, bemerkt 
scharfsinnig: »Nichts ist ein so guter Beweis für die Unecht- 
heit der Motive, die Jago sich einreden will, als der stete 
Wechsel dieser Motive.« Wir können daher alle die 
von Hamlet vorgebrachten Schemmotive als mehr oder minder 
gelungene Versuche, sich durch Selbsttäuschung zu ver- 
blenden, außer Acht lassen. Loenings 2 ) zusammenfassendes 
Urteil hierüber ist nicht übertrieben, wenn er sagt: »Alle 
widersprechen sich, es sind samt und sonders falsche 
und Scheingründe.« Je hohler die Erklärung ist, die 
Hamlet vorschützt, desto leichter befriedigt sie ihn und desto 
bereitwilliger wird sie der Leser als das wirkliche Motiv hin- 
nehmen. Diese vorgeschobenen Motive illustrieren aufs glän- 
zendste den Mechanismus der psychologischen Ausflüchte und 
Rationalisationen, mit denen ich mich bereits an anderer 
Stelle beschäftigt habe,*) Es ist jedoch nicht nötig, sie hier im 
einzelnen zu diskutieren» denn Loening hat dies im Detail 

') Wetz: -Shakespeare vom Standpunkte der vergleichenden Literatur- 
geschieh te.* 1890, Bd. J, S. 186. 

2 ) Looning: a. a< O., S. 546. 
*) a. a. O., S. 161. 



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UND DER ÖDIPÜS-KOMPLEX. 25 

mit der größten Umsicht getan und gründlich nachgewiesen, 
wie vollständig unhaltbar sie allesamt sind. 1 ) 

Nichtsdestoweniger durchschaut Hamlet in den Augen- 
blicken der Selbstanklagen ganz klar die Rückhältigkeit in seinem 
Benehmen und erneuert seine Anstrengungen, sich zur Tat zu er- 
mannen. Interessant ist, zu beobachten, wie die Ausbrüche seiner 
Reue durch äußerliche Geschehnisse veranlaßt werden, die ihm 
das ins Gedächtnis zurückrufen, was er so gern vergessen möchte, 
und am heftigsten packen ihn jene Vorfälle, die zu seiner 
eigenen Handlungsweise in starkem Gegensatze stehen, so z. B. 
die Rede des Schauspielers, der vom Schicksal Hekubas er- 
griffen ist (Akt II, Szene 2), oder wenn Fortinbras das Feld 
behauptet und »einen Strohhalm selber groß verficht, wenn 
Ehre auf dem Spiel«. Bei ersterer Gelegenheit klagt er sich, 
angestachelt durch die »ungeheuerliche« Art und Weise, in der 
der Schauspieler seinen Gefühlen bei dem Gedanken an He- 
kuba freien Lauf läßt, in Worten an, die sicherlich der Meinung 
ein- für allemal ein Ende bereiten sollten, daß er irgend einen 
Zweifel hege, wo er seine Pflicht zu suchen habe : 

«Was ist ihm Hekuba, was ist er ihr, 

Daß er um sie soll weinen? Hätte er 

Das Merkwort und den Ruf zur Leidenschaft 

Wie ich: was würd* er tun? Die Bühn' in Tränen 

Ertränken und das allgemeine Ohr 

Mit grauscr Red* erschüttern; bis zum Wahnwitz 

Den Schuld'gen treiben und den Freien schrecken, 

Unwissende verwirren, ja betäuben 

Die Fassungskraft des Auges und des Ohrs. 

Und ich, 

Ein blöder, schwachgemuter Schurke, schleiche, 

Wie Hans der Träumer, meiner Sache fremd 2 ) 

Und kann nichts sagen, nicht für einen König, 

An dessen Eigentum und teurem Leben 

Verdammter Raub geschah. Bin ich 'ne Memme? 

Wer nennt mich Schelm ? Bricht mir den Kopf entzwei ? 

Rauft mir den Bart und wirft ihn mir ins Antlitz? 



1 ) Vergleiche namentlich die Analyse von Hamlets Vorwand für sein 
Ntchthandeln in der Gebetszene, a. a. O., S. 240 ff. 

2 ) Wie doch der Angelpunkt des Problems in diesen drei Worten ent- 
halten ist ! 



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26 DAS PROBLEM DES HAMLET 

Zwickt an der Nase mich? und straft mich Lügen 

Tief in den Hals hinein? wer tut mir dies? 

Ha! Nahm 9 ich's eben doch. — Es ist nicht anders: 

Ich hege Taubenmut, mir fehlt's an Galle, 

Die bitter macht den Druck, sonst hätt' ich langst 

Des Himmels Gei'r gemästet mit dem Aas 

Des Sklaven. Blut'ger, kupplerischer Bube! 

Ha, welch ein Esel bin ich! Trefflich, brav, 

Daß ich, der Sohn von einem teuren Vater, 

Der mir ermordet ward, von Höll* und Himmel 

Zur Rache angespornt, mit Worten nur, 

Wie eine Hure, muß mein Herz entladen 

Und mich aufs Fluchen legen wie ein Weibsbild, 

Wie eine Küchenmagd!« 

Wie rasch sein schuldiges Gewissen zum Handeln ange- 
trieben wird, erweist sich auch bei der zweiten Erscheinung 
des Geistes, da Hamlet ausruft: 

»Kommt ihr nicht, euren trägen Sohn zu schelten. 
Der Zeit und Leidenschaft versäumt zur großen 
Vollführung eures furchtbaren Gebots ? 
O sagt!« 

Der Geist bestätigt sogleich seine Ahnungen, indem er 
erwidert : 

»Vergiß nicht! Diese Heimsuchung 

Soll nur den abgestumpften Vorsatz schärfen.« 

Kurz, das ganze Bild, das uns Hamlet darbietet, seine 
tiefe Depression, die hilflose Stimmung in seiner Haltung 
gegen die Umwelt und den Wert des Lebens, seine Todes- 
furcht, *) seine wiederholten Hinweise auf böse Träume, seine 
Selbstanklagen, seine verzweifelten Anstrengungen, sich der 
Gedanken an seine Pflicht zu entschlagen, und sein nutzloses 
Bemühen, für sein Widerstreben Entschuldigungen zu 
finden: all dies weist unzweideutig auf ein gemartertes Ge- 
wissen, auf irgend ein verborgenes Motiv hin, seiner Aufgabe 
auszuweichen, eine Ursache, die er sich nicht einzugestehen 
wagt oder vermag. 

') Tieck (»Dramaturgische Blätter«, II, 1826) sah in Hamlets feiger 
Furcht vor dem Tode einen Hauptgrund für sein Zaudern in der Ausführung 
der Rache. 



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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 27 

Wir müssen daher die Beweisführung wieder bei diesem 
Punkte aufnehmen und nach einem Zeugnisse suchen, das 
uns bei der Entschleierung des versteckten Motivs behilflich 
sein kann. 

Die umfassenden Erfahrungen in den von Freud und 
seiner Schule während der letzten zwanzig Jahre betriebenen 
psychoanalytischen Forschungen haben hinlänglich gezeigt, 
daß gewisse Arten von Denk Vorgängen stärker zur > Verdrän- 
gung« hinneigen als andere. Oder anders ausdrückt: es 
fällt einer Person schwerer, sich das Vorhandensein gewisser 
seelischer Strebungen einzugestehen, als die Gegenwart an- 
ders gearteter. Um einen richtigen Einblick in diese Verhältnisse 
zu gewinnen, ist es angezeigt, ganz kurz die relative Häufig- 
keit zu untersuchen, in der verschiedene Arten von Denk- 
vorgängen »verdrängt« werden. Da läßt sich nun ganz all- 
gemein sagen, daß von dem Menschen jene Seelenvorgänge am 
ehesten »verdrängt« werden, die von der Gesellschaftsschichte, 
deren Einfluß er unterworfen ist, am heftigsten mißbilligt 
werden. Biologisch ließe sich dieses Gesetz etwa so ausdrücken : 
Das, was für die Herde unakzeptabel ist, wird auch für das 
einzelne Individuum unakzeptabel sein, wobei der Begriff 
»Herde« im oben definierten Sinne einer ganz bestimmten 
Gesellschaftsschichte aufzufassen ist, also keinesfalls not- 
wendiger Weise die gesamte menschliche Gemeinschaft 
bedeutet. Aus diesem Grunde werden moralische, soziale, 
ethische und religiöse Einflüsse wohl kaum jemals »verdrängt« 
werden, denn da sie das Individuum ursprünglich von seiner 
»Herde« empfängt, so können sie mit den Satzungen dieser letz- 
teren nie in Konflikt geraten. Dies will besagen, daß sich ein 
Mensch dessen nicht schämen kann, was er respektiert, wo- 
bei scheinbare Ausnahmen hievon hier nicht erörtert zu 
werden brauchen. Ebenso trifft das Gegenteil zu, daß näm- 
lich jene geistigen Inhalte vom einzelnen »verdrängt« 
werden, die für seine »Herde« am wenigsten akzeptabel 
sind; es sind dies solche, welche man — sonderbar 
genug — als »natürliche« Instinkte, im Gegensatz zu den 
sekundär erworbenen geistigen Inhalten, unterscheidet. 



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28 DAS PROBLEM DES HAMLET 



Loening 1 ) scheint dies sehr scharfsinnig erfaßt zu haben. 
Gelegentlich der Kommentierung der Bemerkung K o h 1 e r s : »Wo 
uns ein Gefühl zum Handeln oder Unterlassen drängt, da ist 
es mit hundert Gründen schwanger, mit Gründen, die so leicht 
sind wie Seifenblasen, aber uns durch Selbstbetrug als höchst 
respektable, als zwingende Motive erscheinen, weil sie im Hohl- 
spiegel unseres eigenen Gefühls zur riesigen Größe hinauf- 
getäuscht werden«, schreibt er: »Nur gilt dies nicht, wie 
Kohl er und andere glauben, wenn uns sittliche, von der 
Vernunft gebilligte Gefühle drängen (denn diese gestehen 
wir uns ein, hier bedarf es keines Vorwandes), sondern ledig- 
lich bei Gefühlen, die aus unserem Naturell aufsteigen und 
deren Befriedigung der Vernunft widerstreitet.« Es 
erübrigt hier nur noch, die selbstverständliche Konsequenz 
zu ziehen, daß, nachdem die Herde unter den »natürlichen« 
Instinkten sich unzweifelhaft die sexuellen auswählte, um sie 
mit dem schwersten Banne zu belegen, es eben die verschie- 
denen psycho-sexuellen Regungen sind, die vom Individuum 
am häufigsten »verdrängt« werden. Dies gibt uns eine Er- 
klärung für die klinische Erfahrung, daß je heftiger und 
rätselhafter in einem gegebenen Fall der innere seelische Kon- 
flikt auftritt, desto sicherer eine richtige Analyse ergeben 
wird, daß es sich dabei um ein sexuelles Problem handelt. 
Nach außen hin scheint dies natürlich nicht so zu sein, weil 
mit Hilfe mannigfacher psychologischer Abwehrmechanismen 
die Depression, die Skepsis und anderweitige Manifestationen 
des Konflikts auf annehmbarere Dinge, wie z. B. die Pro- 
bleme der Unsterblichkeit, die Zukunft der Welt, das Seelen- 
heil u. s. f. übertragen werden. 

Halten wir diese Betrachtungen fest und kehren wir zu 
Hamlet zurück. Es sollte nun klar sein, daß die oben erwähnten 
einander widerstreitenden Hypothesen, die Hamlets »natür- 
lichen« Instinkt zur Rache durch einen auf höchster ethischer 
Stufe stehenden Zweifel gehemmt sehen wollen, auf einer Un- 
kenntnis dessen beruhen, was sich tatsächlich im täglichen 

J ) Loeniog: a. a. O., S. 245 f. 



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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 29 

Leben begibt, denn Zweifel dieser Art sind ja dem eigenen 
Einblicke leicht zugänglich. Hamlets Selbsterkenntnis würde 
ihm irgend welche ethische Bedenken rasch zum Bewußtsein 
gebracht haben, und obgleich er sie im weiteren Verlaufe 
hätte ignorieren können, wäre dies fast sicherlich durch einen 
Prozeß der Rationalisierung geschehen, der es ihm ermöglicht 
hätte, sich selbst den Glauben vorzutäuschen, daß derartige 
Bedenken tatsächlich unbegründet seien. Er wäre sich aber 
in jedem Falle ihrer Natur bewußt geblieben. Wir müssen 
daher diese Hypothesen umkehren und uns klar machen, daß 
sein positiver Drang nach Rache ein moralischer und sozialer 
war, während sein unterdrücktes und ihn hemmendes Streben 
gegen die Rache aus einer versteckten, mit seinen mehr persön- 
lichen »natürlichen« Instinkten verquickten Quelle entsprang. 
Das erstere Bestreben ist schon in Betracht gezogen worden 
und offenbart sich in jeder Rede, in der Hamlet die Sach- 
lage erwägt ; die letztere aber ist ihrem Wesen nach dunkler 
und soll nun eingehender gewürdigt werden. 

Dies kann vielleicht am leichtesten erreicht werden, in- 
dem wir das Verhältnis Hamlets zu dem Objekte seiner 
Rache, also zu Claudius, und zu den Verbrechen, die ge- 
rächt werden sollen, bis ins kleinste verfolgen. Dieser Ver- 
brechen sind zwei: des Claudius' Blutschande 1 ) mit der Kö- 
nigin und die Ermordung seines Bruders. Es ist von großer 
Wichtigkeit, den fundamentalen Unterschied in der Stellung- 
nahme Hamlets zu diesen beiden Verbrechen festzuhalten. 
Der Vernunft nach verabscheut er sie natürlich beide, doch 
steht es ganz außer Frage, welches von beiden ihm den grö- 
ßeren Ekel einflößt. Während ihn der Mord an seinem Vater 
mit Empörung und mit der klaren Erkenntnis von seiner 
selbstverständlichen Pflicht erfüllt, ihn zu rächen, erweckt das 
schuldbeladene Betragen seiner Mutter in ihm den entsetz- 
lichsten Schauder. Furnivall*) bemerkt von der Königin 



l ) Es ist nicht ganz richtig, hier von Blutschande zu sprechen, da 
die Heirat zwischen Schwägern weder kirchlich noch rechtlich als Inzest be- 
trachtet wurde. 

*) Furnivall: Einleitung zum »Leopold« Shakespeare.' S. 72. 



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30 DAS PROBLEM DES HAMLET 

ganz richtig: »Ihr schamloser Ehebruch und Inzest und ihr 
Verrat an dem Andenken seines edlen Vaters wird von Ham- 
let in tiefster Seele schmerzlich empfunden. Im Vergleiche 
mit diesem eingebrannten Schandmal ist die Ermordung sei- 
nes Vaters — trotz allen Protestierens — nur ein leichter 
Fleck an der Oberfläche der Haut.« Wenn wir es nun ver- 
suchen, uns Hamlets Haltung gegen seinen Oheim klar zu machen, 
so müssen wir uns davor hüten, von vornherein anzunehmen, 
daß sie sich einfach in bloßer Verdammung äußere, denn es 
drängt sich eine weitere Auffassung durch folgende Erwägung 
auf. Der Oheim hat nicht nur jedes der zwei Verbrechen be- 
gangen, sondern er hat beide Verbrechen begangen, eine 
Unterscheidung von schwerwiegender Bedeutung, denn die 
Kombination von mehreren Verbrechen gestattet die Ein- 
schaltung eines neuen Faktors, der sich durch die mögliche 
innere Beziehung zwischen beiden Einzeltatsachen ergibt, 
so daß das Endergebnis etwas ganz anderes sein könnte als eine 
einfache Summierung. Überdies muß man im Auge behalten, 
daß der Missetäter ein Verwandter und noch dazu ein außer- 
ordentlich naher Verwandter ist. Die mögliche innere Beziehung 
der beiden Verbrechen einerseits und die Tatsache ander- 
seits, daß ihr Urheber ein Mitglied der Familie ist, an der 
sie verübt worden, öffnen den verwirrendsten Einflüssen 
auf den Geist Hamlets Tür und Tor, und diese mögen eben 
die Ursache jenes Dunkels sein, das wir aufzuhellen suchen. 
Vor allem müssen wir die Wirkung weiter verfolgen, 
die die sittliche Verfehlung der Mutter Hamlets auf ihn 
ausübt. Ehe er noch weiß, daß sein Vater ermordet wurde, 
befindet er sich in der tiefsten Depression und dies anschei- 
nend ob ihres lasterhaften Betragens. Der Zusammenhang 
dieser beiden Umstände ist im Monolog der 2. Szene des I. Aktes 
deutlich ausgesprochen, über den Furnivall 1 ) sagt: »Man 
muß nachdrücklich betonen, daß Hamlet, bevor ihm der Mord 
an seinem Vater enthüllt, und ehe ihm noch die Last, diesen 
Mord zu rächen, auferlegt wird, an Selbstmord als das will- 
kommenste Mittel zur Flucht aus dieser schönen Gotteswelt 



*) Furnivall: a. a. O. S. 70. 



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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 31 

denkt, die seiner angekränkelten und schwächlichen Einbil- 
dungskraft durch die Wollust seiner Mutter und ihre Verun- 
glimpfung des väterlichen Andenkens verekelt wird.« 

O schmölze doch dies allzufeste Fleisch, 

Zerging' und löst' in einen Tau sich auf! 

Oder hätte nicht der Ew'ge sein Gebot 

Gerichtet gegen Selbstmord ! — O Gott ! O Gott ! 

Wie ekel, schal und flach und unersprießlich 

Scheint mir das ganze Treiben dieser Welt! 

Pfui! Pfui darüber! 's ist ein wüster Garten, 

Der auf in Samen schießt; verworfnes Unkraut 

Erfüllt ihn gänzlich. Dazu mußt' es kommen! 

Zwei Mond' erst tot ! — Nein, nicht soviel, nicht zwei ; 

Solch trefflicher Monarch ! der neben diesem 

Apoll bei einem Satyr; so meine Mutter liebend, 

Daß er des Himmels Winde nicht zu rauh 

Ihr Antlitz ließ berühren. Himmel und Erde ! 

Muß ich gedenken? Hing sie doch an ihm, 

Als stieg das Wachstum ihrer Lust mit dem, 

Was ihre Kost war. Und doch in einem Mond — 

Laßt mich 's nicht denken ! — Schwachheit, dein Nam' ist Weib ! — 

Ein kurzer Mond; bevor die Schuh' verbraucht, 

Womit sie meines Vaters Leiche folgte, 

Wie Niobe, ganz Tränen — sie, ja sie; 

O Himmel ! würd' ein Tier, das nicht Vernunft hat, 

Doch länger trauern. — Meinem Ohm vermählt, 

Dem Bruder meines Vaters, doch ihm ähnlich 

Wie ich dem Herkules ; in einem Mond ! 

Bevor das Salz höchst frevelhafter Tränen 

Der wunden Augen Röte noch verließ, 

War sie vermählt! — O schnöde Hast, so rasch 

In ein blutschänderisches Bett zu stürzen ! 

Es ist nicht gut und wird auch nimmer gut. 

Doch brich, mein Herz, denn schweigen muß mein Mund !c 

Wir können uns jedoch mit dieser scheinbar adäquaten 
Erklärung für Hamlets Lebensmüdigkeit nur dann zufrieden 
geben, wenn wir die konventionellen Ansichten über die Ursachen 
tiefer Gemütsbewegungen bedingungslos anerkennen. Gerade die 
Tatsache, daß Hamlet mit der Erklärung zufrieden ist, erregt 
unseren schwersten Verdacht, denn wie wir sofort begründen 
werden, kann er sich just wegen der Natur seiner Gemütsbewegung 



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32 DAS PROBLEM DES HAMLET 




ihrer wahren Ursache nicht bewußt sein. Wenn wir nun die Frage 
stellen, nicht: was sollte einen solchen seelenlähmenden 
Gram hervorrufen, sondern, was ruft ihn in Wirklichkeit 
hervor, dann müssen wir über diese Erklärung hinausgehen 
und nach einer tiefer verborgenen Quelle fahnden. Im täg- 
lichen Leben ereignen sieh häufig genug rasche zweite Ver- 
heiratungen, ohne daß sie zu den hier geschilderten Folgen 
führen, und wenn wir sie von solchen Resultaten begleitet 
sehen, dann finden wir, falls sich zu einer Seelen an alvse des 
Betroffenen Gelegenheit ergibt^ ausnahmslos, daß noch ein 
anderer, versteckterer Grund vorhanden ist, demzufolge das 
Ereignis so außerordentlich starke Wirkungen nach sich zieht, 
Di© Ursache ist stets die, daß das Ereignis seelische Tiefen zu 
neuer erhöhter Tätigkeit angeregt hat, die aus dem Bewußtsein 
des Individuums » verdrängt * worden waren* Die Wirkung 
der aktuellen Ereignisse ist jedesmal durch vorherige seelische 
Vorgänge, mit denen jene in Verbindung treten konnten, und 
die durch sie zu erneuter Aktivität geweckt wurden, zu so 
enormer Höhe gesteigert worden. Das ist es vielleicht, was 
Furnivall meint, wenn er davon spricht, daß die Welt 
für Hamlets «angekränkelte Einbildungskraft« hassenswert 
geworden ist, 1 ) Auch werden alle jene, die sich mit dem Stu- 
dium derartiger Seelenzustände befaßt haben, die von Hamlet 
gegebene Selbstschilderung als ein wundervoll genaues Bild 
eines ganz besonderen Geisteszustandes erkennen, der oftmals 
oberflächlich und unrichtig mit dem Namen »Neurasthe- 
nie«*} belegt worden ist. Die Analyse solcher Zustände fördert 

J > Conolly (>A study of Hamlet,« 1863) halt dafür, Hamleta Auf- 
lehnung gegen die Ehe seiner Mutter beweise, daß er von vornherein krank* 
haft veranlagt war. 

*) Wie Freud nachgewiesen hat, deckt steh Hamlete Zustand noch ge- 
nauer mit den für eine gewisse Art von Hysterie charakteristischen Sym* 
ptomen. — Rosner (» Shakespeare 's Hamlet im Lichte der Neuropathologie,* 
1895) nennt Hamlet bystero-neur asthenisch, eine Ansicht, der Rubinstein 
(a* a. O.) und Land mann (i. d* Zeitschrift für Psychologie, 1S96, Bd. XI) 
widersprachen. Keliog (»Shakespeares delineations of lnsanity,* 1866), de 
Boismont (»AnnaJes nie'dico-psychologiquegc, 186$. Quatri^me ser. 12 lerne 
face.), Henee (* Jahrbuch der deutschen Shakespeare-GeseHschaftt, 1B76, 
Jahrg. XIII), Nicholson (»Transactions of the New Shakespeare Society c 



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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 88 

stets die Wiederbelebung irgend einer vergessenen Gruppe 
von Vorstellungen zu Tage, die kraft ihrer inakzeptablen 
Natur aus dem Bewußtsein des Betreffenden »verdrangt« 
wurden. Wenn daher Hamlet auf die Nachricht von der 
zweiten Heirat seiner Mutter in diesen anormalen Zustand 
versinkt, so kann dies nur geschehen, weil diese Nachricht 
etwas in seinem Gedächtnisse Schlummerndes zu neuem Leben 
erweckt hat, das so peinlich ist, daß es nicht ins Bewußtsein 
treten kann. 

Aus irgend einem tief verborgenen Grunde, der für ihn un- 
faßbar und unannehmbar ist, wird Hamlet in Schmerz darüber 
versetzt, daß sein Vater in der Zuneigung seiner Mutter durch 
jemanden andern verdrängt wurde. Seine Ehrfurcht für die 
Mutter hat ihn gleichsam so eifersüchtig auf ihre Liebe gemacht, 
daß es ihm ziemlich hart ankommt, diese Liebe sogar mit seinem 
Vater, geschweige denn mit einem anderen Manne zu teilen. 
So verführerisch dieser Gedanke auch sein mag, so lassen 
sich doch drei Einwände gegen ihn erheben. Erstens: wenn 
dadurch eine restlose Klarstellung des ganzen Falles gegeben 
wäre, so würde Hamlet bald selbst seiner Eifersucht gewahr 
werden, während wir zu dem Schlüsse kamen, daß der von 
uns gesuchte seelische Prozeß ihm verhüllt bleibt; zweitens 
sehen wir hier keinen Beweis für das Wiedererwachen einer 
alten und vergessenen Erinnerung, und drittens wird Hamlet 
durch Claudius keines größeren Anteiles an der Liebe der 
Königin beraubt, als dies durch seinen eigenen Vater ge- 
schehen wäre, denn die beiden Brüder erhoben in dieser Hin- 



1880— 85, Part II) und Laehr (»Die Darstellung krankhafter Geisteszustände 
in Shakespeares Dramen«, 1898) behaupten, daß Hamlet an Melancholie litt, 
wogegen sich Omnius (»Revue des deux mondes«, 1876. Trois. ser. 14ieme 
fasc.) wandte. Laehr (a. a. O. S. 179 u. a.) hat eine besonders geistreiche 
Hypothese aufgestellt, wonach Shakespeare, da er die Episode des Geistes der 
alten Sage entnommen hatte, gezwungen war, Hamlet als Melancholiker dar- 
zustellen, weil dies die sinnfälligste, bühnenwirksamste Form des Wahnsinns 
ist, bei welcher Halluzinationen vorkommen. Thiersch (»Nord und Süd«, 

1878. Bd. VI) und Sigismu n d ( »Jahrb. d. deutsch. Shakespeare-Gesellsch.«, 

1879. Bd. XVI) halten ebenfalls dafür, daß Hamlet wahnsinnig sei, ohne je- 
doch eine spezielle Form des Wahnsinns anzugeben. 

Jone«, Das Problem des Hamlet und der Ödipus-Komplex. 3 

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34 DAS PROBLEM DES HAMLET 

sieht dieselben Ansprüche, nämlich geliebte Gatten zu sein. 
Dieser letzte Einwand nun hat uns an den springenden Punkt 
des Problems geführt. Wie, wenn wirklich Hamlet in längst 
verflossenen Jahren es bitter empfunden hätte, die Liebe sei- 
ner Mutter sogar mit seinem Vater teilen zu müssen, ihn als 
Nebenbuhler ansah und ihn insgeheim aus dem Wege wünschte, 
so daß er sich des Vorrechtes dieser Liebe unbestritten hätte 
erfreuen dürfen ? Wenn derartige Gedanken ihm in den Tagen 
seiner Kindheit vorgeschwebt hatten, so waren sie doch augen- 
scheinlich unterdrückt worden, und alle ihre Spuren waren durch 
seine Sohnesliebe und andere erzieherische Einflüsse verwischt 
worden. Die tatsächliche Verwirklichung seines ehemaligen 
Wunsches durch den erfolgten Tod seines Vaters hätte dann 
diese unterdrückten Erinnerungen wieder in Aktion gesetzt 
und so wären sie dann in Gestalt der Depression und anderer 
Gemütsqualen in einer Art Wiedergeburt seines geheimen Kind- 
heitskonflikts zu Tage getreten. 

Ich weiß, daß für jene Shakespeare-Forscher, denen es noch 
nicht vergönnt war, in die dunkleren Seiten der menschlichen 
Seelenvorgänge einzudringen, und die ihre Ansichten über 
menschliche Motive auf die äußerliche Beurteilung der trei- 
benden Kräfte stützen, für die alles Tun — ob nun gut oder 
böse — auf jeden Fall aus bewußten Quellen fließt, daß für 
diese die eben vorgebrachten Andeutungen wahrscheinlich 
nur wieder eine neue und phantastische Hypothese bedeuten 
werden, von denen ja besonders die Hamlet-Literatur voll 
ist. Aber jenen gegenüber, die sich für die Erfassung des 
Gesichtspunktes, von dem aus diese sonderbare Hypothese 
wahrscheinlich wird, interessieren, fühle ich mich bemüßigt, 
hier einige Betrachtungen über zwei Themen einzuschalten, die 
lange nicht genügend gewürdigt werden, nämlich über die 
Gefühle der Eifersucht bei Kindern und ihre Ideen vom Tode. 

Was die Eifersucht bei Kindern betrifft, so leidet die Be- 
trachtung dieses Themas so unter Vorurteilen, daß selbst wohlbe- 
kannte Tatsachen entweder ignoriert oder in ihrer wahren Be- 
deutung unterschätzt werden. Hall x ) macht in seiner enzyklopä- 

*) Stanley Hall: »Adolescence.« 1908. Bd. I, S. 358. 



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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 36 



dischen Abhandlung eine Reihe sehr treffender Bemer- 
kungen über die Wichtigkeit dieses Moments bei Heran- 
wachsenden, jedoch mit der Einschränkung, daß vor dem 
Pubertätsalter diese Leidenschaft von verhältnismäßig gering- 
fügigen Konsequenzen begleitet sei. Die nahe Verwandtschaft 
zwischen der Eifersucht und dem Wunsche, einen Neben- 
buhler durch den Tod beiseite zu schaffen, anderseits aber 
der gewöhnliche Mechanismus der Unterdrückung dieser Ge- 
fühle gehen aus Halls Bemerkungen besonders klar hervor. 
»Manch edler und selbst großer Mann hat es eingestanden, 
daß er mit dem tiefsten Schmerz über den Tod oder das 
Mißgeschick des besten Freundes häufig zu seiner größten 
Betroffenheit einen Zug geheimer Freude und Befriedigung 
gepaart fand, gleichsam als ob nun der eigene Wirkungskreis 
ein weiterer oder günstigerer geworden wäre.« Einen ähn- 
lichen Gedanken spricht noch unumwundener Bernard 
Shaw 1 ) aus, da er von Don Juan in der Höllenszene sagen 
läßt: »Du wirst dich entsinnen, daß auf Erden — obgleich 
wir es niemals eingestanden haben — der Tod Eines, den 
wir kannten, ja sogar derer, die wir am liebsten hatten, sich 
stets mit einer leichten Genugtuung darob verband, daß wir 
ihrer ledig geworden.« Ein solcher Zynismus beim Gereiften 
wird noch in unvergleichlichem Maße von jenem des Kindes 
überboten, mit seinem notorischen und für die Eltern oft 
herzbrechenden Egoismus, seinen unentwickelten sozialen 
Instinkten und seiner Unkenntnis vor der schrecklichen Be- 
deutung des Todes. Ein Kind legt die mannigfaltigen Ein- 
griffe in seine Vorrechte und die der sofortigen Erfüllung 
seiner Wünsche entgegengestellten Hindernisse als sinnlose 
Grausamkeit aus, und je heißer der Wunsch, der durchkreuzt 
wurde, desto ausgesprochener die Feindseligkeit gegen den 
Erreger dieser Grausamkeit. Aus einem sofort anzuführenden 
Grunde ist der wichtigste und häufigste dieser Eingriffe jener 
in die Sehnsucht des Kindes nach Zärtlichkeit. Diese feind- 
liche Stimmung kann man sehr oft bei Gelegenheit der Geburt 
eines nachfolgenden Kindes beobachten und man sieht in ihr 

') Bernard Shaw: »Man and Supermann 1903, S. 94. 

3* 



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DAS PROBLEM DE8 HAMLET 



gewöhnlich eine heitere Begleiterscheinung zur allgemeinen 
Fröhlichkeit Ober das freudige Ereignis. Wenn man einem 
Kinde mitteilt, daß ihm der Arzt einen neuen Gespielen ge- 
bracht, so erwidert es darauf mit dem Ausruf: »Sag' ihm, 
er soll ihn wieder mitnehmen ! « Dies ist nicht, wie man zu glauben 
pflegt, ein für die Eltern bestimmter Scherz, sondern der 
ernste Ausdruck der Vorahnung des Kindes, daß es in Zukunft 
auf seine frühere uneingeschränkte Vorherrschaft zu verzichten 
haben werde, was ihm nichts weniger als gleichgiltig ist. 

Der zweite Punkt, über den ebenfalls viele Mißver- 
ständnisse obwalten, ist die Stellungnahme der Kinder zum 
Thema des Todes, wobei man allgemein aber irrigerweise an- 
nimmt, daß sie dieselbe sei, wie beim Erwachsenen. Wenn ein 
Kind zum erstenmal vom Tode eines Menschen hört, so wird ihm 
die Bedeutung hievon nur insoweit offenbar, daß die Person 
nicht mehr da ist, 1 ) ein Ziel, das es in vielen Fällen aufs 
innigste wünscht. Nur ganz allmählich drängt sich ihm die 
schreckliche Bedeutung dieses Phänomens auf, und wenn daher 
ein Kind den Wunsch laut werden läßt, daß eine bestimmte 
Person, ja sogar ein naher Verwandter sterben möge, 
brauchen wir es nicht so verletzend zu empfinden wie bis- 
her, wenn wir diesen Wunsch nur vom Standpunkte des 
Kindes auslegen. Dieselbe Beobachtung läßt sich auf die häu- 
figen Träume Erwachsener anwenden, in denen es sich um den 
Tod eines nahen und teuren Verwandten handelt, denn der hiebei 
zum Ausdruck gelangende Wunsch ist in den meisten Fällen 
ein längst vergessener und direkt nicht mehr in Wirksamkeit. 

Von den infantilen Eifersuchtserscheinungen beschäftigt 
uns hier speziell diejenige des Knaben gegen seinen Vater. 
Die Gestaltung der frühesten Gefühlsbeziehungen zwischen 
Kind und Vater ist im allgemeinen für beide Geschlech- 
ter von ungeheurer Wichtigkeit und spielt in der spä- 
teren Charakterentwicklung des Kindes eine führende Rolle. 
Dieses Thema ist von Jung 2 ) in einem vor Jahresfrist er- 

*) Siehe Freud: »Traumdeutung.« 1909. 2. Aufl., S. 179. 

*) Jung: >Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen * 
im «. Jahrbuch f. psychoanalytische und psychopathologische Forschungen . 
1909. Bd. 1. 



C* f\r\n \i * Original frorn 

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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 87 

schienenen Essay aufs glänzendste behandelt worden. In 
diesem Zusammenhange interessiert uns jedoch nur die Feind- 
seligkeit des Knaben gegen seinen Vater, sobald er diesen als 
Störer im Genüsse der mütterlichen Zärtlichkeit empfindet. 
Dieses Gefühl, das sich häufig genug geltend macht, ist die tiefste 
Wurzel des uralten Konflikts zwischen Vater und Sohn, 
zwischen Jung und Alt, des Lieblingsthemas so vieler Dichter und 
Schriftsteller. Die fundamentale Bedeutung, die diesem Kon- 
flikt und der ihn begleitenden Loslösung des Kindes von 
der Autorität der Eltern sowohl für das Individuum als auch 
für die Gesellschaft innewohnt, wird von Freud 1 ) im nach- 
folgenden Satze klar ausgesprochen : »Die Ablösung des heran- 
wachsenden Individuums von der Autorität der Eltern ist eine 
der notwendigsten, aber auch schmerzlichsten Leistungen der 
Entwicklung. Es ist durchaus notwendig, daß sie sich voll-' 
ziehe, und man darf annehmen, jeder normal gewordene 
Mensch habe sie in einem gewissen Maß zu stände gebracht. 
Ja, der Fortschritt der Gesellschaft beruht überhaupt auf 
dieser Gegensätzlichkeit der beiden Generationen.« Daß dieser 
Prozeß im letzten Grunde in psychosexuellen Ursachen wurzelt, 
hat zuerst Freud 2 ) gezeigt, als er das Thema der frühesten 
Äußerungen des Sexualtriebes beim Kinde behandelte. 
Er hat ausgeführt, 3 ) daß dieser Trieb sich nicht, wie man 
allgemein annimmt, vor anderen biologischen Funktionen da- 
durch auszeichnet, daß er im Pubertätsalter plötzlich ge- 
reift und voll ausgebildet ins Leben tritt, sondern daß 
er, ähnlich wie die anderen Funktionen, einer allmählichen 
Entwicklung unterliegt und nur langsam jene Form annimmt, 
unter der wir ihn beim Erwachsenen kennen. Mit anderen 
Worten : Ein Kind muß genau so lieben lernen wie etwa laufen, 
und da jene Funktion in ihrer Zusammensetzung um so vieles 

') Persönliche Mitteilungen, zitiert von Rank »Der Mythus von der 
Geburt de* Helden«. 1909. S. 64. 

*) Freud: »Traumdeutung«, 2. Aufl., 1909, S. 180ff.. Derselbe Autor hat 
diesen Gegenstand jüngst in einer eingehenden Studie illustriert: »Analyse der 
Phobie eines fünfjährigen Knaben«, »Jahrbuch für psychoanalytische und psycho- 
pathologische Forschungen.« 1909. Bd. I. 

a ) Freud: >Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie.« 2. Aufl., 1910. 



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38 DAS PROBLEM DES HAMLET 

komplizierter und feiner ist als diese, so geht ihre Aus- 
bildung nur entsprechend langsamer und verwickelter vor 
sich. Die frühesten Geschlechtsregungen sind dem allgemein 
als Endziel betrachteten Zwecke der Funktion so handgreiflich 
schlecht angepaßt und im Gegensatze zur relativen Präzision 
der späteren Manifestation so verschwommene und tastende, 
daß ihre sexuelle Natur gewöhnlich gar nicht erkannt wird. 
So wichtig dieses Thema ist, so wollen wir es doch hier nicht 
weiter ausspinnen, wohl aber muß erwähnt werden, wie oft 
diese ersten undeutlichen Regungen durch die intimen körper- 
lichen Beziehungen zwischen dem Kinde und seiner unmittel- 
baren Umgebung, vor allem durch seine Eltern, wachgerufen 
werden. Nach einem Ausspruche Freuds »ist die Mutter die 
erste Verführerin ihres Sohnes«. Sowohl bezüglich der Zeit 
als auch der Intensität der ersten geschlechtlichen Äußerungen 
herrscht natürlich die größte Verschiedenheit, denn sie hängen 
teils von der Konstitution des Knaben, teils von jener der Mutter 
ab. Wenn die von der Mutter ausgehende Anziehung eine über- 
starke ist, so kann sie von bestimmendem Einflüsse auf 
das spätere Geschick des Knaben werden. 

Nur eine oder zwei dieser verschiedenen, aus dem kom- 
plizierten Ineinanderwirken solcher und anderer Einflüsse 
sich ergebenden Folgen sollen hier berührt werden. Wenn 
die geweckte Leidenschaft bloß eine geringe »Verdrängung« 
erfährt — und dies ist der häufigste Fall dann, wenn die Mutter 
eine Witwe ist — , so kann der Knabe sein Lebenlang in ganz 
abnormer Weise an seiner Mutter hängen und nicht im stände 
sein, ein anderes Weib zu lieben, was eine gar nicht seltene 
Ursache dafür ist, daß er Junggeselle bleibt. Wenn die Anhäng- 
lichkeit weniger stark ist, so kann er sich ihrer allgemach ent- 
wöhnen, obgleich es sich dann oftmals ereignet, daß diese Ent- 
wöhnung nur eine unvollkommene ist, so daß er sich nur in 
Frauen verlieben kann, die seiner Mutter ähnlich sehen; dies 
ist ein häufiger Grund zur Ehe zwischen Verwandten, wie 
Abraham 1 ) in einer interessanten Arbeit nachgewiesen 

*) Abraham: »Verwandtenehe und Neurose.« Berliner Gesellschaft für 
Psychiatrie und Nervenkrankheiten. 8. November 1908. »Neurologisches 
Zentralblatt«. 1908. S. 1150. 



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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 39 

hat. Der mütterliche Einfluß kann sich auch darin äußern, 
daß er dem späteren Charakter eine auffallend zarte 
weibliche Note verleiht. 1 ) Wenn das erweckte Gefühl stark 
»verdrängt« wird und sich Scham, Schuldbewußtsein u. s. w. 
hinzugesellen, so kann die Erinnerung daran so vollständig 
verwischt werden, daß es unmöglich wird, nicht nur es wieder 
aufleben zu lassen, sondern auch nur ein ähnliches Gefühl, 
das heißt ein Gefühl der Anziehung zum anderen Geschlecht, 
zu empfinden. Dies kann sich in unverhüllter Mysogynie äußern 
oder, wenn andere Faktoren dazukommen, in tatsächlicher 
Homosexualität, wie Sadger 2 ) gezeigt hat. Es darf hier 
wohl auch an Leonardo da Vinci erinnert werden, über 
dessen bedeutsame Kindheitserinnerung Freud eine eigene 
Abhandlung schrieb. 3 ) 

Die Stellungnahme gegen den erfolgreichen Nebenbuhler, 
den Vater, schwankt ebenfalls in dem Maße, als die erweckten 
Gefühle »verdrängt« worden sind. Wenn dies nur leichthin 
erfolgte, dann kann das natürliche Rachegefühl gegen den Vater 
früher oder später mehr oder minder offen zum Ausbruch 
kommen, eine Auflehnung, die häufig genug Platz greift, ohne 
daß man ihrer ursprünglichen Wurzel gewahr wird. Dieser 
Quelle verdanken viele soziale Revolutionäre den ersten Anstoß 
zu ihrer Rebellion gegen die Autorität, wie man dies oftmals, so 
z. B. im Falle Shelleys, genau verfolgen kann. Wenn die 
»Verdrängung« eine intensivere ist, dann wird das Rachc- 



*) Dieser Zug in Hamlets Charakter ist häufig zum Gegenstand von 
Kommentaren gemacht worden. Siehe speziell Bodenstedt »Hamlet« in 
»Westermanns illustrierten Monatsheften«, 1865. — Wir haben bereits oben 
Vinings Andeutung erwähnt, daß Hamlet in Wirklichkeit eine Frau sei. 
Daß derselbe Zug auch in Shakespeares Wesen hervorstach, ist eine wohl- 
bekannte Tatsache, die durch die Benennung »sanfter Willy« in den Sonetten 
hinreichend belegt ist. Harris (a. a. O., S. 273) schreibt: wo immer wir ihm 
hinter die Maske schauen, setzt uns Shakespeares »Weiblichkeit« in Erstaunen. 

*) Sadger: »Fragment der Psychoanalyse eines Homosexuellen . 
Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen. 1908. Bd. IX. — »Ist die konträre 
Sexualempfindung heilbar?« Zeitschrift für Sexualwissenschaft. Dezember 1908. 
— »Zur Ätiologie der konträren Sexualempfindung.« Medizinische Klinik. 
1909. Nr. 2. 

*) »Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci.« 1910. 



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DAS PROBLEM DES HAMLET 




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gefühl gegen den Vater ebenfalls verheimlicht; häufig 
kommt dabei eine Verstärkung des entgegengesetzten Gefühls 
zu stände, nämlich eine übertriebene Rücksichtnahme und 
Hochachtung für ihn und eine krankhafte Sorge um sein 
Wohlergehen, womit man die wahren, tieferliegendefi Be- 
ziehungen über kleidet. Die Illustration des Verhältnisses des 
Sohnes zu den Eltern ist in der Ödipussage, 1 ) wie sie z. B. 
Sophokles behandelte, eine so offenkundige , daß die hiebe! 
in Betracht kommende Gruppe von seelischen Vorgängen allge- 
mein unter der Bezeichnung »Ödipuskomplex* bekannt ist. 

Wir sind nunmehr in der Lage, die oben in Verbindung 
mit dem Hamletproblem ausgeführten Ideen weiter zu führen und 
zu ergänzen,*) Die nach dieser Methode ausgelegte Fabel des 
Stückes würde hienach wie folgt lauten: Schon als Kind hatte 
Hamlet die tiefste Liebe zu seiner Mutter gehegt, und diese 
Liebe war, wie es die Regel zu sein pflegt, mit mehr oder 
minder deutlichen Spuren sinnlichen Begehrens versetzt ge- 
wesen. Das Vorhandensein zweier Züge im Charakter der 
Königin bestärkt noch diese Vermutung: ihre auffallend 
sinnliche Natur und ihre leidenschaftliche Anbetung für ihren 
Sohn. Erstere leuchtet an zu vielen Stellen des Dramas 
durch, als daß es hier eines eigenen Hinweises darauf be- 
dürfte, und wird übrigens als eine allgemein bekannte Tatsache 
zugegeben ; aber auch letztere ist nicht minder ins Auge sprin- 
gend, sagt doch Claudius in der 7, Szene des IV* Aktes: »Seine 
Mutter, die Königin, lebt fast von seinem Blick,* Hamlet scheint 
sich ihrer jedoch schlecht und recht entwöhnt und in Ophelia 
verliebt zu haben. Welches eigentlich seine ursprünglichen Ge« 



l ) Siehe Freud: »Traumdeutung«, 2. Aufl., 1909, Ö. 185, Interessante 
Ausfül innigen über die mythologische Seite des Themas findet man hei 
Abraham in Traum und Mythus«, 190$, und bei Bank a, a« Ö, 

"I Hier, wie in diesem Essay überhaupt, folge Ich getreulich der von 
Freud iti seiner oben angeführten Fußnote gegebenen Auslegung. Er ver- 
weist dort auf die bisherigen unzureichenden Erklärungen, spricht über die 
Gefühle Hamlets zu seiner Mutter, zu seinem Vater und zu seinem Oheim und 
streift auch zwei andere Probleme, die sogleich diskutiert werden sollen, nämlich 
die Bedeutung von Hamlets Abwendung von Ophelia und die Tatsache, daß 
das Drama unmittelbar nach dem Tode von Shakespeares Vater entstand. 






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UND DER ÖD1PUS-K0MPLEX. 41 

fühle für Ophelia waren, bleibt uns einigermaßen dunkel. Wir 
dürfen annehmen, daß sie, zumindest teilweise, einer normalen 
Liebe für eine künftige Braut entsprachen, doch sind auch 
Anzeichen dafür vorhanden, daß selbst hier der Einfluß seiner 
alten Hinneigung zur Mutter noch nachwirkt. Wiewohl einige 
Kritiker Goethe 1 ) folgen und in Ophelia viele Züge der Ähn- 
lichkeit mit der Königin erblicken, so sind doch jene Züge 
noch auffallender, welche mit denen der Königin kontrastieren. 
Was immer für Berechtigung in den vielen deutschen Auffas- 
sungen der Ophelia als einer sinnlichen Buhlerin*) stecken mag 
— mißverständliche Auffassungen, die von Loening*) und 
anderen hinlänglich widerlegt wurden — , so beweist doch eben 
die Tatsache, daß es der »Unschuld des Wahnsinns« (wie 
Goethe sagt) bedurfte, um das Bestehen solcher wol- 
lüstiger Gedanken hervortreten zu lassen, erst recht die Be- 
scheidenheit und die Keuschheit ihres sonstigen Betragens. 
Ihre naive Frömmigkeit, ihre gehorsame Resignation und un- 
bedenkliche treuherzige Einfalt stehen im schärfsten Gegen- 
satze zum Charakter der Königin und scheinen darauf hin- 
zudeuten, daß Hamlet durch eine sehr charakteristische 
Schwenkung ins andere Extrem unbewußt zur Wahl eines Weibes 
getrieben wurde, das ihn am wenigsten an seine Mutter er- 
innerte. Weiters darf man zu Gunsten unserer Ansicht ins 
Treffen führen, daß ein gut Teil von Hamlets Werben um 
Ophelia nicht so sehr in einer direkten Neigung zu ihr be- 
gründet ist, als in dem nur halb bewußten Wunsche, sie gegen 
seine Mutter auszuspielen, so wie ein enttäuschter und ge- 
reizter Liebhaber sich häufig in die Arme einer willfähri- 
geren Nebenbuhlerin wirft. Wenn er in der Schauspiel- 

, ) Goethe im »Wilhelm Meister«, IV, 14. »Ihr ganzes Wesen schwebt 
in reifer, süßer Sinnlichkeit.« »Ihre Einbildungskraft ist angesteckt, ihre stille 
Bescheidenheit atmet eine liebevolle Begierde, und sollte die bequeme Göttin 
Gelegenheit das Bäumchen schütteln, so würde die Frucht sogleich herab- 
fallen.« 

*) Stoff rieh : »Psychologische Aufschlüsse über Shakespeares Hamlet.« 
1859, S. 131. — Dietrich a. a. O., S, 129. — Tieck: »Dramaturgische 
Blätter.« Bd. II, S. 85, u. a. m. 

3 ) Loening a. a. O., Kap. XIII. Charakter und Liebe Ophelias. 



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42 DAS PROBLEM DES HAMLET 

szene auf das Ersuchen seiner Mutter, sich neben sie zu 
setzen, erwidert: »Nein, gute Mutter, hier ist ein stärkerer 
Magnet!« und daran geht, sich zu Opheliens Füßen zulegen, 
so glauben wir hierin eine direkte Anspielung auf diese 
Haltung zu finden, und seine rohe Vertraulichkeit sowie sein 
Spiel mit zweideutigen Scherzen mit dem Weibe, das er noch 
jüngst so schonungslos von sich gewiesen, sind kaum ver- 
ständlich, wenn wir nicht im Auge behalten, daß sich dies 
alles unter den wachsamen Blicken der Königin abspielt. Es 
ist, als ob ihr Hamlet gleichsam unbewußt zu verstehen 
geben wollte: »Du gibst dich selbst anderen Männern hin, 
die du mir vorziehst. Laß mich dir versichern, daß ich deiner 
Gunst entraten und daß ich auch einen von dir so verschiedenen 
Frauentypus bevorzugen kann.« 

Es erfolgt nun des Vaters Tod und die zweite Ehe der 
Mutter. Der lang verdrängte Wunsch, die Stelle seines Vaters 
in der Liebe seiner Mutter einzunehmen, wird zu unbewußter 
neuer Wirksamkeit angefacht, als Hamlet sieht, daß jemand 
diesen Platz in genau derselben Weise usurpiert, wie er es 
einst ersehnt hatte. Ja noch mehr, dieser eine ist ein Glied 
derselben Familie, so daß die tatsächliche Usurpation mit der 
bloß eingebildeten die weitere Ähnlichkeit besitzt, eine blut- 
schänderische zu sein. Ohne daß er sich dessen bewußt ist, 
kämpfen diese alten Wünsche in seinem Gemüte, ringen neuer- 
dings um einen Ausweg und erheischen einen solchen Auf- 
wand an Energie, um in der »Verdrängung« erhalten zu 
werden, daß Hamlet in den bejammernswerten geistigen Zustand 
versetzt wird, den er selbst so lebhaft schildert. Nun folgt 
der Bericht des Geistes von dem Morde. Hamlet, der in 
diesem Augenblicke von begreiflicher Entrüstung über diese 
Enthüllung erfüllt ist, antwortet ihm (I, 5) : 

»Eil', ihm zu melden, daß ich auf Schwingen, rasch 
Wie Andacht und des Liebenden Gedanken, 
Zur Rache stürmen mag.« 

Darauf folgen die eindrucksvollen Worte des Geistes, 
welche den Schuldigen als einen Verwandten enthüllen, 



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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 43 

der die Tat vom Stachel der Sinnenlust 1 ) getrieben, beging. 
Hamlets zweiter sträflicher Wunsch ist also ebenfalls durch 
seinen Oheim zur Wahrheit geworden, nämlich sich die Erfüllung 
des ersten — die Ersetzung des Vaters — vermittels einer 
persönlichen Tat, in Wirklichkeit durch den Mord, zu schaf- 
fen. 2 ) Die beiden jüngsten Ereignisse, des Vaters Tod und 
die zweite Ehe der Mutter, erschienen der Welt als nicht ursäch- 
lich miteinander verknüpft, sie verkörpern aber die Ideen, 
die in der Phantasie Hamlets unbewußt viele Jahre hindurch 
eng verschwistert schlummerten. Nunmehr brechen sich diese 
Ideen trotz aller Verdrängungsbemühungen plötzlich zur be- 
wußten Erkenntnis Bahn und finden ihren unmittelbaren Aus- 
druck in dem reflexartigen Aufschrei: »O, mein prophetisches 
Gemüt, mein Oheim !« Während des nun folgenden weiteren Zwie- 
gespräches ist Hamlet durch die Wirkung des inneren Kon- 
flikts, der ihn von jetzt ab beherrscht und in dessen Wesen 
er niemals einzudringen vermag, wie gelähmt. 

Eine der ersten Folgen des in Hamlet erwachenden 
alten Konflikts ist seine Umwandlung Ophelien gegen- 
über. Dieser Umschwung hat zwei Voraussetzungen zur 
Bedingung: erstens seine Reaktion gegen die Frauen im all- 
gemeinen, die in dem bitteren Weiberhasse seiner Ausfälle 
gegen Ophelia gipfelt, 8 ) und zweitens die heuchlerische Prü- 

*) Es soll damit nicht behauptet werden, daß dies etwa das einzige 
Motiv des Claudius ist, doch ist es ein gewichtiges und eines, das auf Hamlet 
einen tiefen Eindruck macht. 

*) Derartige Mordgedanken, die sich gegen rivalisierende Glieder der- 
selben Familie richten, kommen bei Kindern erstaunlich häufig vor, obwohl 
sie natürlich verhältnismäßig selten zum Ausdruck gelangen. Vor einigen 
Jahren habe ich in zwei Aufsätzen unter dem Titel »Kinder als Mörder c 
im »British Journal of Childrens* Diseases« (November 1904, S. 510, und 
Juni 1905, S. 270) eine Reihe solcher Fälle gesammelt und, indem ich 
das beständige Vorkommen von Eifersucht zwischen kleinen Kindern derselben 
Familie erwähnte, auf die möglichen Gefahren hingewiesen, die daraus ent- 
stehen können, daß sich die Kinder von der Bedeutung des Todes keine rich- 
tige Vorstellung macheu. 

•) Akt III, Sz. 1 : »Ich weiß auch von euern Malereien Bescheid, recht 
gut. Gott hat euch ein Gesicht gegeben, und ihr macht euch ein anderes; 
ihr schlendert, ihr trippelt, ihr lispelt und gebt Gottes Kreaturen verhunzte 
Namen, und stellt euch aus Leichtfertigkeit unwissend. Geht mir! Nichts 
weiter davon! Es hat mich toll gemacht! 

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44 DAS PROBLEM DES HAMLET 

derie, mit der Ophelia ihrem Vater und Bruder Folgschaft 
leistet, indem sie in Hamlets natürlicher Zuneigung Böses 
wittert, was nun seine Liebe in genau derselben Weise ver- 
giftet, wie einstmals die Liebe seiner Kindheit vergiftet worden 
war. Nur bei einem einzigen Anlasse entzieht ersieh momentan 
der garstigen Verknüpfung, in die seine Liebe gezogen ward, und 
nimmt einen Augenblick lang eine edlere Haltung gegen Ophelia 
ein — das ist am offenen Grabe, wo er reuerfüllt gegen Laertes 
losbricht, weil dieser zu prahlen wagt, daß seine Gefühle 
für Ophelia sich mit jenen ihres Liebhabers noch immer messen 
könnten. Die Heftigkeit seiner früheren Abneigung gegen die 
Frauen im allgemeinen und gegen Ophelia im besonderen ist 
ein Fingerzeig für die gewaltigen »Verdrängungen«, denen 
Hamlets sexuelles Fühlen unterworfen ist. Daß er seinen 
Gefühlen gegen die Mutter Luft mache, ist von den die 
Verdrängung« durchsetzenden Kräften stets eindringlichst 
verpönt worden; nun aber, da ihnen der schmale Pfad zu 
Ophelia auch verschlossen ist, ruft jener erste, ob des Er- 
wachens alter Erinnerungen nur noch heißere Wunsch, seine 
gesamte Energie in die Waffen, um die »Verdrängung« auf- 
recht zu erhalten. 

Aus alldem ist ersichtlich, daß die Verhältnisse Hamlets 
zu seinem Oheim viel komplizierter sind, als man gemeinhin 
annimmt. Selbstverständlich verachtet er seinen Onkel, aber 
es ist die eifersüchtige Verachtung, wie sie ein Übeltäter für 
seinen erfolgreichen Genossen hat. So sehr er ihn haßt, so 
kann er ihn doch nie und nimmer mit jener grimmigen 
Empörung anklagen, die ihm das Blut schier zum Kochen 
bringt, wenn er seiner Mutter Vorwürfe macht, denn je schär- 
fer er seinen Onkel anklagt, desto mächtiger entfacht er 
seine eigenen unbewußten und »verdrängten« Komplexe. 
Er steckt daher in dem Dilemma, einerseits der na- 
türlichen Verachtung für seinen Onkel freien Spielraum zu 
lassen, ein Ziel, das ihm seine eigenen schaudervollen Wünsche 
zum Bewußtsein bringen würde, und anderseits die Ohren 
dem gebieterischen Rufe nach jener Rache zu verschließen, die 
seine selbstverständliche Pflicht fordert. Er muß entweder 



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UND DER ÖDIPÜS-KOMPLEX. 45 

seine eigene Schuld erkennen, indem er jene seines ^heims 
anklagt, oder sich bemühen, diese zu ignorieren, zu verzeihen 
und, wenn möglich, sogar zu vergessen, weil er nur dadurch die 
Verdrängung der eigenen unterhalten kann. Sein moralisches 
Schicksal steht und fällt mit dem seines Oheims. Dem Rufe, 
seinen Oheim zu töten, kann er nicht gehorchen, weil sich 
dazu die Stimme in seinem Innern gesellt, daß er damit den 
Gatten seiner Mutter töte, gleichviel, ob es nun der erste 
oder der zweite ist; diese letztere Stimme aber wird aufs 
nachdrücklichste verdrängt und damit notwendigerweise jene 
erste auch. Es ist kein bloßer Zufall, wenn Hamlet von sich 
selbst sagt, daß er »von Himmel und Hölle« zur Rache ange- 
trieben werde, obwohl ihm die wahre Bedeutung dieser Phrase 
begreiflicherweise entgeht. 

Hamlets zurückgedämmte Gefühle finden einen partiellen 
Ausweg nach anderen Richtungen hin, da ja die eine, natur- 
gemäße, versperrt ist. Seine durch die Lästigkeit des Rosen- 
kranz und Güldenstern, besonders aber des Polonius, ver- 
ursachte launenhafte Reizbarkeit und ihre explosiven Aus- 
brüche lassen sich offenbar ebenso auf diese Art erklären, 
wie zum Teil auch die flammenden Vorwürfe, die er seiner Mutter 
macht. Und in der Tat spricht sich auch gegen Ende 
der Unterredung mit seiner Mutter der Gedanke an ihr 
sündiges Betragen in jenem fast physischen Ekel aus, 
der so oft die Manifestation heftig »verdrängter« Sexual- 
gefühle ist: 

»Laßt den gedunsnen König euch ins Bett 
Von neuem locken, in die Wangen euch 
Mutwillig kneifen, euch sein Mäuschen nennen 
Und für ein paar verbuhlte Küss', ein Spielen 
In eurem Nacken mit verdammten Fingern 
Bringt diesen ganzen Handel an den Tag.c 

Sein Benehmen gegen Polonius ist höchst lehrreich. 
Hier befähigt ihn der Wegfall aller Familienbande und 
anderer Einflüsse, seiner Feindschaft gegen den schwatzenden 
Weisheitskrämer und Faselhans freien Lauf zu lassen. 
Die von ihm gezogene Parallele zwischen Polonius und 



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46 DAS PROBLEM DES HAMLET 

Jephta 1 ) wirkt in diesem Zusammenhange besonders schlagend. 
Gerade hierin sehen wir seine prinzipielle Auffassung vom 
moralisierenden Alter, das seine Macht dazu ausnützt, das 
Glück der Jugend zu unterbinden, nicht aber in dem schön- 
gefärbten und melodramatischen Portrat, das er von seinem 
Vater entwirft: »In Wahrheit ein Verein und eine Bildung, 
auf die sein Siegel jeder Gott gedrückt, der Welt Gewähr 
für einen Mann zu leisten.« 

In der obigen Zergliederung der Motive, die Hamlet 
treiben oder hemmen, ließen wir absichtlich die untergeord- 
neten außer Acht, die zwar ebenfalls eine Rolle spielen, aber 
wir taten dies lediglich nur, um die tieferen und werktäti- 
geren, deren Bedeutung überwiegt, schärfer hervortreten 
zu lassen. Wie wir sahen, entspringen sie alle aus Quellen, 
deren sich Hamlet nicht bewußt ist, und wir dürfen daher 
den inneren Konflikt, dem er zum Opfer fällt, als ein 
Ringen der »verdrängten« seelischen Komplexe beschreiben, 
die sich zum Bewußtsein durchdrängen wollen. Der Ruf 
der Pflicht, der diese unbewußten Vorgänge automatisch zur 
Wirksamkeit auslöst, steht mit der Notwendigkeit, sie weiter- 
hin zu »verdrängen«, in einem Widerstreit, denn je sehnlicher 
der Wunsch nach äußerem Handeln ist, ein desto grö- 
ßeres Aufgebot »verdrängender« Kräfte wird ins Treffen ge- 
führt. Die Tatkraft wird schon bei ihrem Einsetzen paralysiert, 
und so entsteht jenes Bild scheinbar grundloser Hemmung, das 
nicht nur für Hamlet 2 ) allein, sondern auch für die Leser 

s ) Was Shakespeare von Jephtas Handlungsweise an seiner Tochter 
dachte, entnimmt man aus einer Anspielung in »Heinrich VI.« III. Teil, 
Akt V, Sz. 1. Siehe hierüber auch Wordsworth »On Shakespeare's know- 
ledge and use of the Bible.« 1864. S. 67. 

3 ) Die Situation spiegelt sich am besten in Hamlets Ausruf wider: 

(IV. 4.) » Ich weiß nicht, 

Weswegen ich noch lebe, um zu sagen : 
Dies muß geschehn ! da ich doch Grund und Willen 
Und Kraft und Mittel hab', um es zu tun.« 
In besserer Selbsterkenntnis hätte er das Wort »Willen« durch »from- 
mer Wunsch« ersetzen sollen, was auch (wie Loening, a. a. O., S. 246, sagt) 
hier damit gemeint ist. Sonderbarerweise zitiert Rolfe (a. a. O., S. 23) die- 
selbe Stelle zur Unterstützung der Hypothese Werders, daß Hamlet äußer- 
liche Schwierigkeiten der Sachlage entgegenstehen. 



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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 47 

des Stückes so unerklärlich ist. Die Lähmung erfolgt aber 
nicht aus physischer oder moralischer Feigheit, sondern aus 
jener intellektuellen Feigheit, jenem Widerwillen, sich an die 
Erforschung seines Innern zu wagen, den Hamlet mit allen 
seinen Mitmenschen teilt. 

Wir müssen nun wieder zu unserem Ausgangspunkte, 
zur dichterischen Schöpfung, zurückkehren und den Bezie- 
hungen des Hamletschen Konflikts zu den seelischen Vor- 
gängen im Dichter selbst nachspüren. Wir behaupten, 
daß dieser Konflikt das Echo eines ähnlichen in Shakespeare 
selbst ist, 1 ) wie ein solcher ja mehr oder weniger bei allen 
Menschen vorkommt. Es wäre aber ebenso gründlich verfehlt, 
in diesem Stücke nach Shakespeares bewußten Absichten 
zu forschen, meine man nun moralische oder andersartige, wie 
dies bei den meisten Schöpfungen des Genies unangebracht 
wäre. Das Drama ist die Form, in der seine Gefühle 
zum spontanen Ausdruck gelangen, ohne daß ihm für seine 
Person eine Ergründung des Wesenskernes oder der Wurzeln 
dieser Gefühle möglich gewesen wäre. 

Diese Schlußfolgerung wird durch ein historisches Stu- 
dium der mit dem Stücke zusammenhängenden äußeren Um- 
stände vollauf bestätigt. Es ist wohl bekannt, daß Shake- 
speare nicht bloß das Gerippe des Dramas, sondern auch eine 
überraschend große Anzahl von Details aus früheren Quellen 2 ) 

*) Die Ansicht, daß Shakespeare in Hamlet sein eigenes inneres Ich 
schildert, ist weit verbreitet. Siehe speziell Döring: »Shakespeares , Ham- 
let 4 , seinem Grundgedanken und Inhalte nach erläutert«. 1865. — Hermann: 
»Ergänzungen und Berichtigungen der hergebrachten Shakespeare-Biogra- 
phie.« 1884. — Taine: »Histoire de la litcrature auglaise.« — Vischer: 
»Altes und Neues.« 1882. Heft 3. 

') Ohne Zweifel hat Shakespeare viele Einzelheiten aus eigener Erfah- 
rung mit hinein verwoben. So sind z. B. eine Reihe von Beweisen vorhanden, 
daß er bei der Gestaltung des Charakters Hamlets einige seiner Zeitgenossen 
vornehmlich William Herbert, den nachmaligen Grafen Pembroke 
(Döring: »Hamlet«, 1898, S. 35) und Robert Essex (Isaac: »Hamlets Fa- 
milie« im Shakespeare-Jahrbuch, Bd. XVI, S. 274) im Sinne hatte. Die wie- 
derholte Anspielung darauf, daß Ophelia Gefahr laufe, unehelich guter Hoff- 
nung zu werden, kann sowohl mit Herbert, der wegen der Vaterschaft eines 
illegitimen Kindes im Gefängnisse saß, als auch mit dem Dichter selbst, der 



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48 DAS PROBLEM DES HAMLET 

übernahm. Wahrscheinlich hatte er sowohl die Originalsage, 
wie sie schon zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts von 
SaxoGrammaticus erzählt wird, als auch ihre Übersetzung 
und Umarbeitung von Belleforest 1 ) gelesen. Wenigstens 
zwölf Jahre, bevor Shakespeare seinen »Hamlet« schrieb, 
existierte ein Stück desselben Titels in England, das neuere 
Forschungen 2 ) entschieden als ein Werk des Thomas Kyd 
erkannt haben. Rohe Versionen des Themas irischen und nor- 
wegischen Ursprungs besaßen in England wahrscheinlich eine 
noch größere Verbreitung, und der Name Hamlet selbst oder 
manche Varianten davon waren im Stratforder Distrikt all- 



eiligst heiratete, um demselben Schandmal auszuweichen, in Beziehung gebracht 
werden. Harris (a. a. O.), der sich den Entdeckungen Tylcrs bezüglich der 
Beziehungen des Dichters zu Mary Fitton (»Shakespeare's Sonnets«, 1890) an- 
schloß, hat in überzeugender Weise die Anschauung vertreten, daß Shake- 
speare den »Hamlet« als Ausfluß seiner bitteren Enttäuschung darüber, daß 
ihn sein Freund Herbert betrogen, geschrieben habe. Viele Andeutungen 
bei Harris lassen sich mit der hier entwickelten Auslegung leicht in Ein- 
klang bringen. Wir wollen hier nur das nachfolgende Zitat (S. 269) anführen : 
»Warum haßte Hamlet die Lüsternheit seiner Mutter? Die meisten Menschen 
würden sie kaum verurteilt, sicherlich aber nicht länger als einen Augenblick 
lang mit ihren Qedanken dabei verweilt haben. Für Hamlet aber war die 
Treulosigkeit seiner Mutter etwas schauderhaftes, schamloses, degradierendes, 
einfach bloß deshalb, weil Hamlet-Shakespeare sie mit Miß Fitton identifi- 
zierte und eben nur Miß Fittons Treubruch und Hintergehung verurteilte er 
in den bittersten Worten, die ihm zu Gebote standen. Er verstrickt sich mit- 
hin in eine etwas unwirkliche Tragödie, eine leidenschaftliche Heftigkeit, die 
anders ganz unerklärlich wäre.c All dies mag vielleicht wahr sein, und wenn 
dem so wäre, dann hätten wir ein glänzendes Beispiel für das, was Freud 
»Überdeterminierung« genannt hat, d. h. die Wirkung zweier Kräfte nach 
derselben Richtung hin. Wir haben oben gezeigt, daß Hamlets maßlose Re- 
aktion gegen das Betragen seiner Mutter noch einer weiteren Erklärung be- 
darf, als der bloßen Tatsache dieses Betragens, aber wenn auch ein Teil 
dieser Maßlosigkeit dem Gefühle Shakespeares gegen Miß Fitton entsprang, 
so muß doch ein anderer Teil auf eine tief erliegen de Quelle zurückzuführen 
sein. Hinter der Königin Gertrude kann Mary Fitton stehen, aber hinter 
Mary Fitton steht bestimmt die Mutter Shakespeares. 

') Belleforest: »Histoires tragiques.« Bd. V, 1564. Übersetzung aus 
dem Italienischen des B a n d e 1 1 o. 

*) Siehe Fleay: »Chronicle of the English Drama«. 1891. — Sarra- 
zin: »Thomas Kyd und sein Kreis.« 1892; und Corbin: »The Elizabeth an 
Hamlet.« 1895. 



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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 49 

gemein gebräuchlich; 1 ) wie bekannt, taufte Shakespeare im 
Jahre 1585 seinen eigenen Sohn auf den Namen Hamnet» eine 
nicht seltene Abänderung von Hamlet. So muß ihm die Fabel 
des Trauerspiels schon Jahre hindurch vorgeschwebt haben, 
ehe sie tatsächlich die Gestalt eines Dramas annahm. Aller 
Wahrscheinlichkeit nach geschah dies im Winter 1601 — 1602, 
denn das Trauerspiel wurde am 26. Juli 1602 in die Buch- 
händlerregister eingetragen und die erste (Raub-) Ausgabe 
erschien im Jahre 1603 in Quartformat. Für den subjektiven 
Ursprung des psychischen Konflikts im Stücke ist daher die 
Tatsache außerordentlich beachtenswert, daß Hamlets Vater 
im September 1601 starb, ein Ereignis, das sehr wohl den- 
selnen Erweckungseffekt auf alte »verdrängte« Erinnerungen 
haben mochte, wie sie der Tod von Hamlets Vater bei diesem 
hervorrief; Shakespeares Mutter lebte ungefähr noch weitere 
sieben Jahre. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß Shakespeares 
Vater von so herrischem und autoritärem Charakter war, daß 
er sehr wohl zur Auflehnung, besonders bei einem erstgeborenen 
Sohne, reizen konnte. 

Aus zwei Erwägungen ist es wünschenswert, hier eine 
kurze Übersicht der mythologischen Beziehungen der ur- 
sprünglichen Hamletsage einzuschalten, erstens, um auf die 
von Shakespeare selbst vorgenommenen Zusätze aufmerksam 
zu machen, und zweitens, weil diese Kenntnis geeignet ist, 
unsere psychologische Auslegung zu erhärten und zu vertiefen. 

Bis zu diesem Punkte versuchte es die vorliegende Ab- 
handlung, das Thema auf rein logischem Wege zu verfolgen 
und zu zeigen, daß alle vor Freud unternommenen Erklä- 
rungen des Geheimnisses in einer Sackgasse mündeten. Wie 
mich dünkt, erbringt die Beweisführung lückenlos das Er- 
gebnis, daß die Ursache für das Zaudern Hamlets in einer 
unbewußten Quelle des Widerwillens gegen seine Aufgabe 
liegt; der weitere Schritt des Beweisverfahrens jedoch, durch 
den für diesen Widerwillen ein Motiv beigebracht werden 
soll, basiert, wie ja zugegeben werden muß, auf Erwägungen, 

l ) Elton: »William Shakespeare. His Family and Friendsc 1904, 
8. 223. 

Jones, Das Problem des Hamlet and der Öd ipa »-Komplex. 4 

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50 DAS PROBLEM DES HAMLET 

die nicht allgemein gewürdigt werden, wenngleich ich ver- 
sucht habe die Widerstände zu beseitigen, indem ich 
einige durchaus anerkannte Tatsachen in Parallele zu dem 
Gegenstande zog. Nun gibt es aber noch einen anderen Ge- 
sichtspunkt, von dem aus diese Arbeit völlig überflüssig gewe- 
sen wäre, weil die Lösung Freuds für sich allein schon direkt 
einleuchtend erscheinen müßte. Jedem, der mit der modernen, 
auf psychoanalytischen Studien beruhenden Auslegung von 
Mythen und Sagen vertraut ist, müßte diese Erklärung des 
Hamlet-Problems unmittelbar bei der ersten Lektüre des Stückes 
einfallen. Der Grund, warum diese kühne Behauptung aufgestellt 
werden kann, ist der, daß die Geschichte von Hamlet nur ein 
ungewöhnlich fein herausgearbeiteter Einzelfall aus einem 
großen Sagenkreis ist, ein Einzelfall, dessen psychologische 
Bedeutung jetzt, dank Freud und seinen Mitarbeitern, voll- 
kommen klar gestellt ist. Es würde zuviel Raum bean- 
spruchen, die historische Verwandtschaft der Hamletsage 
mit den anderen Gliedern dieser Gruppe hier im Detail zu 
erörtern und ich werde mich daher mit der Aufzählung der 
p sy chologischen Übereinstimmungen begnügen . J i r i c z e k l ) 
und Leßmann 2 ) haben an der Hand zahlreicher Beweise gezeigt, 
daß die norwegischen und irischen Varianten Sprößlinge der alten 
iranischen Sage von Kaikhosrav sind, und es besteht kein Zweifel 
über das hohe Alter der ganzen Gruppe, von der einige Glieder 
über mehrere tausend Jahre zurückverfolgt werden können. 3 ) 
Ein allen Gliedern dieses Kreises von Mythen Gemein- 
sames ist der Erfolg eines jungen Helden in der Verdrän- 
gung seines nebenbuhlerischen Vaters. In der einfachsten 
Form dieser Sage wird der Held von einem tyrannischen 
Vater verfolgt, der vor seinem nahen Fall gewarnt wurde ; nach 
vielen wunderbaren Rettungen aus den verschiedenartigsten 

^Jiriczek: »Hamlet in Iran.« Zeitschrift des Vereins für Volks- 
kunde. 1900. Bd. X. 

*) Leßmann: »Die Eyrossage in Europa.c Wissenschaftliche Beilage 
zum Jahresbericht der städtischen Realschule zu Charlottenburg. 1906. 

s ) Bei den Ausführungen über diese Sagengruppe bin ich vor allem 
Otto Ranks ausgezeichnetem Werke »Der Mythus von der Geburt des Hei- 
denc (1909) Dank schuldig, in welchem man auch die Original verweise findet. 



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UND DER ÖDIPU8-K0MPLEX. 51 



Gefahren rächt sich jedoch der Held, indem er, oftmals ohne 
daß er es weiß, den Vater tötet. Die Verfolgung tritt haupt- 
sächlich in der Form von Versuchen auf, das Leben des Helden 
gleich nach seiner Geburt zu vernichten, indem der Befehl 
ergeht, ihn zu ertränken, der Kälte oder dem Hunger 
auszusetzen oder ihn anderweitig beiseite zu schaffen ; 
ein gutes Beispiel für diese einfache Darstellung liefert 
die ödipussage, bei der das ihr zu Grunde liegende 
Motiv sich durch die nachträgliche Ehe des Helden mit seiner 
Mutter verrät ; dasselbe begibt sich auch in den vielen christ- 
lichen Varianten dieser Sage, z. B. in jenen von Judas Ischa- 
riot und vom heiligen Gregor. Die engen Beziehungen des 
Helden zur Mutter zeigen sich auch bei einem gewissen Typus 
der Sage (z. B. bei Feridun, Perseus und Telephus) darin, daß 
Mutter und Sohn gemeinsam den gleichen Gefahren ausgesetzt 
werden. In einigen Fällen bildet die Feindseligkeit gegen den 
Vater das vorwiegende Moment, bei anderen die Liebe zur 
Mutter, in der Regel lassen sich aber beide Motive gemeinsam 
mehr oder weniger deutlich nachweisen. 

Die Ausgestaltung der komplizierteren Varianten des Mythus 
läßt sich hauptsächlich auf drei Momente zurückführen ; auf eine 
durch stärkere psychologische > Verdrängung« erzeugte weiter- 
gehende Entstellung der ursprünglichen Verhältnisse, eine 
Komplikation des Hauptthemas durch hinzutretende Neben- 
themen und eine Ausweitung der Fabel durch Wieder- 
holungen, die der ausschmückenden Phantasie des Schöpfers 
entspringen. Wenn man jeden dieser drei Prozesse für 
sich kennzeichnen will, fällt es wohl schwer, sie scharf 
von einander zu trennen, doch werden sie sich durch die 
nachstehenden Beispiele bequem illustrieren lassen. 

Der erste störende Faktor, die intensivere »Verdrängung«, 
gibt sich durch denselben Mechanismus kund, den Freud bei 
normalen Träumen 1 ), psycho-neurotischen Symptomen u. s.w. 
beschrieben hat. Der interessanteste dieser Mechanismen in 
der Mythenbildung ist die »Auseinanderlegung«, im Ge- 
gensatze zu der für die normalen Träume so charakteristischen 
»Verdichtung«. Während im letzteren Prozesse die Attribute 

') Vgl. Abraham:, >Traum und Mythus.« 1908. 

4* 

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52 DAS PROBLEM DES HAMLET 

mehrerer Individuen in der Schöpfung einer einzigen Figur ver- 
einigt werden, so etwa, wie dies bei photographischen Komposi- 
tionsbildern geschieht, werden beim ersteren Vorgange die einzel- 
nen verschiedenen Attribute einer einzigen Person auseinan- 
dergenommen und dann mehrere Individuen erfunden, von 
denen jedes einzelne mit einer Anzahl jener durch Zerlegung 
gewonnenen Attribute ausgestattet wird. Auf diese Weise wird 
eine Person mit komplexem Charakter durch mehrere einzelne 
ersetzt, von denen jede eine bestimmte Seite des Charakters 
vertritt, der in der primitiveren Fassung des Mythus an ein ein- 
ziges Wesen gebunden war. Gewöhnlich gleichen sich diese ein- 
zelnen Individuen noch in einem anderen Punkte, z. B. im Alter. 
Ein gutes Beispiel für diesen Prozeß liefert die Figur eines tyran- 
nischen Vaters, der in zwei Teile gespalten erscheint — in einen 
Vater und einen Tyrannen. Die Auflösung der ursprünglichen 
Figur ist oftmals eine nur unvollkommene, so daß die beiden 
daraus resultierenden Komponenten zueinander in einem 
engen Verhältnisse stehen, weil sie ja in der Regel Glieder 
derselben Familie sind. Der Tyrann, der den Helden zu ver- 
nichten sucht, ist dann am häufigsten der Großvater, wie in 
den Legenden von Cyrus, Gilgamos, Perseus, Telephos und an- 
deren, oder der Großoheim, wie bei Romulus und Remus und 
ihren griechischen Vorgängern Amphion und Zethos. Seltener 
ist es der Onkel, wie in der Hamlet-Tragödie. Wenn die Aus- 
einanderlegung eine vollständigere ist, dann gehört der Ty- 
rann nicht derselben Familie wie der Vater an, obgleich er ihm 
sozial nahe stehen kann, wie im Falle Abrahams, dessen 
Vater Therach der Oberbefehlshaber des Tyrannen Nimrod 
ist; in der Regel ist in dieser Unterteilung der Gruppe der 
Tyrann ein Fremder, wie bei Moses und Pharao, Feridun 
und Zohak, Jesus und Herodes u. a. In den beiden letzten 
Fällen, wie in vielen anderen, werden nicht nur Mutter und 
Sohn, sondern es wird auch der Vater vom Tyrannen ver- 
folgt, und damit gelangen wir zu einer noch verwickeiteren 
Variante, deren Vertreterin die Feridun-Sage ist, wo der 
Sohn seinen Vater verehrt und ihn rächt, indem er den ihnen 
gemeinsamen Feind erschlägt. Der Fall eines Sohnes als Rä- 



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UND DER ÖDIPÜS-KOMPLEX. 53 

eher anstatt als Morder des Vaters stellt daher den höch- 
sten Grad psychologischer »Verdrängung« dar, bei welcher der 
wahre Sinn durch einen Mechanismus verkleidet wird, der 
mit jenem identisch ist, welcher im täglichen Leben in so 
vielen Familien »verdrängte« Feindschaft und Eifersucht ver- 
hüllt — durch übertriebene Rücksichtnahme, Fürsorge und 
Hochschätzung. Per pflichtgetreue Laertes, der seinen er- 
mordeten Vater Polonius rächt, ist wahrscheinlich ebenfalls 
ein Beispiel für dasselbe Entwicklungsstadium des Mythus. 
Unterdrückter Haß gegen den Vater würde demnach ent- 
sprechend verkleidet erscheinen, wenn er auf diese Weise 
durch Devotion und den Wunsch, ihn zu rächen, maskiert ist, 
und Shakespeares Umgestaltung der Hamletsage ist das ein- 
zige Beispiel dafür, daß die intensive > Verdrängung« eine noch 
weitergehende Veränderung in der Haltung des Helden hervor-' 
gebracht hat. In dieser Sage jedoch erfährt der Stoff überdies 
eine weitere Verwicklung durch das ungewöhnliche Übergewicht 
der Liebe zur Mutter über den Haß gegen den Vater und 
durch das Auftauchen anderer Faktoren, wie etwa des Ver- 
wandtschaftsverhältnisses des Tyrannen zum Vater und zur 
Mutter. 

Es können nicht bloß die beiden oben erwähnten Attri- 
bute des bösen Vaters — die Vaterschaft und das Tyrannentum 
— abgespalten werden, um zur Schaffung neuer Figuren zu 
führen, sondern auch andere. Zum Beispiel kann die Macht 
und Autorität des Vaters in der Person eines Königs oder 
anderen hochstehenden Mannes verkörpert sein, die dann zum 
Vater niedriger Abkunft in Gegensatz gebracht wird. l ) 

Ich halte es für wahrscheinlich, daß in der vorlie- 
genden Sage die Gestalt des Polonius aus der »Auseinander- 
legung« des väterlichen Urtypus hervorgegangen sein 
dürfte, und daß er eine Summe von Eigenschaften in sich 



') Dieses wichtige Thema, das Freud und Rank erschöpfend be- 
handeln, habe ich hier nicht weiter in Diskussion gezogen, weil es in die 
vorliegende Sage nicht eingreift. Abraham hat (a. a. O. S. 40) in inter- 
essanter Weise auf die Bedeutung dieser Frage bei der Entwicklung paranoischer 
Wahnvorstellungen hingewiesen. 



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54 DAS PROBLEM DES HAMLET 



vereinigt, welche die Jugend nicht selten als irritierenden Zug 
bei den Eltern empfindet. Die senile Nichtigkeit, die sich 
hinter anspruchsvollem Wortschwall verbirgt, die ferner eine 
so ungewöhnliche Fähigkeit entwickelt, ihre Hörer durch die 
Wiederholung gemeinplätzlicher Sprüchlein zu langweilen, und 
bei der die tiefe Unkenntnis des Lebens nur mit einer dünnen 
Schicht von anscheinender Weltklugheit überkleistert ist ; der 
naseweise Wichtigtuer, der sich in alles einmengt und sich jedes- 
mal mit seinen »guten Absichten« entschuldigt, stellt eine Figur 
dar, die nur jenen sympathisch sein kann, die sich der Vereh- 
rung der großen Menge vor der bloßen Gebrechlichkeit des 
Alters unterwürfig anschließen. 

Der zweite störende Faktor ist jener, der aus der Ver- 
schmelzung des Hauptthemas der Eifersucht und der Blut- 
schande zwischen einem Elternteil und dem Kinde, mit anderen 
verwandten noch hinzutretenden Themen, entsteht. Wie oben 
erwähnt, wird in der einfachsten Form der »Auseinander- 
legung« der väterlichen Attribute die Rolle des Tyrannen 
häufig auf den Großvater zurückverwiesen. Es ist kein bloßer 
Zufall, daß dem so ist, und dies findet auch nicht seine hin- 
reichende Erklärung in einer Un Vollkommenheit der »Aus- 
einanderlegung«. Es ist eine tiefere Ursache dafür vorhanden, 
warum so oft die Wahl auf den Großvater fällt, die Rolle 
des Tyrannen zu spielen, und man wird diesen Grund sofort 
begreifen, wenn man sich an die große Anzahl von Sagen 
erinnert, in denen dieser der Ehe seiner Tochter vorher alle 
möglichen Schwierigkeiten in den Weg gelegt hat. Er 
wehrt sich gegen das Werben des Freiers, hemmt ihn 
in seinem Plane durch verschiedene, scheinbar unerfüllbare 
Aufgaben und Bedingungen (diese werden dann gewöhnlich 
in wunderbarer Weise von dem Liebenden doch überwunden), 
und sperrt überdies seine Tochter an einem unzugänglichen 
Orte ein, wie in den Sagen von Gilgamos, Perseus, Romulus, 
Telephos und anderen. Der letzte Grund dieses Motivs ist, 
daß er seine Tochter einem anderen Manne nicht gönnt, weil 
er sich von ihr nicht trennen will (Vater-Tochter-Komplex) 
Wenn seine Befehle entweder nicht befolgt oder umgangen 



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UND DER ÖDIPÜS-KOMPLEX. 55 

werden, wandelt sich die Liebe zu seiner Tochter in Ver- 
bitterung, und er verfolgt sie und ihren Sprößling mit unaus- 
löschlichem Hasse. Wir werden hier wieder einmal an Vor- 
kommnisse erinnert, die alle jene im täglichen Leben be- 
obachten können, deren Augen sich den Tatsachen nicht ver- 
schließen. Wenn der Enkel in der Mythe sich und seine Mutter 
rächt, indem er ihren tyrannischen Vater erschlägt, so tut er 
das gleichsam, als ob er sich der Motive der Verfolgung klar 
bewußt wäre, denn in Wahrheit tötet er den Mann, der 
danach strebte, die Liebe seiner Mutter zu besitzen und 
bleibend festzuhalten; so gelangen wir also auch in diesem 
Sinne wieder zum Vater zurück und sehen, daß vom Stand- 
punkte des Helden der Unterschied zwischen Vater und Groß- 
vater kein so einschneidender ist, als es auf den ersten Blick 
scheinen möchte. Wir verstehen daher, daß die Spaltung des 
ursprünglichen Vaters in einen gütigen Vater und einen 
tyrannischen Großvater aus zwei Gründen eine nicht sehr 
tiefgreifende ist. 

Die vorstehenden Erwägungen werfen auf die Figur des 
Polonius in unserer Sage ein neues Licht. In seiner Haltung 
zum Verhältnis zwischen Hamlet und Ophelia finden sich 
viele jener Züge wieder, die wir soeben als für den Vater- 
Tochter- Komplex typisch angeführt haben, obwohl sie durch 
den Mantel der Rationalisation unter der Maske weltweiser 
Ratschläge geschickt verkleidet werden. Hamlets Groll gegen 
ihn ist daher doppelt bedingt, weil erstens Polonius kraft des 
Mechanismus der »Auseinanderlegung« eine verhaßte Gruppe 
elterlicher Attribute personifiziert, und zweitens, weil 
er die gleichfalls nicht einwandfreie Haltung eines Vaters 
zeigt, der anderen das neidet, was er wohl besitzt, aber selbst 
nicht genießen kann. Somit verkörpert Polonius in sich sowohl 
die abstoßenden Eigenschaften des Vaters als auch des Groß- 
vaters im Mythus, und wir sind nicht erstaunt, wenn wir 
sehen, daß, ebenso wie Perseus zufällig seinen Großvater 
Akrisios tötet, der seine Tochter Danae gefangen hielt, um 
ihre Jungfernschaft zu bewahren, Hamlet »zufällig« den Po- 
lonius ermordet durch eine Tat, die den Knoten vom drama- 



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■ 



56 DAS PROBLEM DES HAMLET 

tischen nicht minder als vom mythologischen Gesichtspunkte 
aus richtig löst. Mit Recht ist diese Tat der Angelpunkt des 
Stückes genannt worden, denn von da ab schreitet die Tra- 
gödie unerbittlich bis zu ihrem Höhepunkte hinan, bis zum 
Geschicke» das den Helden und seinen Gegner ereilt. 

Die den Vater-Tochter-Komplex kennzeichnenden Momente 
finden sich in einem ähnlichen, dem Bruder-Schwester-Kom- 
plex, wieder- Auch diesem kann man im vorliegenden Stücke 
begegnen, in welchem die Haltung des Laertes zu seiner 
Schwester Ophelia sich in nichts von der ihres Vaters Po- 
lonius zu ihr unterscheidet. Ferner zürnt Hamlet dem Laertes 
nicht bloß ob des freimütigen Bekenntnisses seiner hingebungs- 
vollen Zuneigung zu Ophelia in der Friedhofszene, sondern 
tötet am Schlüsse des Stückes in pünktlicher Erfüllung des 
mythologischen Motivs ebenso ihn, wie er früher Polonhis 
getötet hatte. Daß der Bruder-Schwester-Komplex Anteil an 
der Hamletsage hatte p geht auch aus dem Inzest zwischen 
Claudius und der Königin hervor, denn religiös genommen 
standen dieselben in genau demselben Verhältnisse der Ver- 
wandtschaft zueinander wie Bruder und Schwester* 

Diese Schlußfolgerung dürfte noch durch die nach- 
stehenden, wie aber zugegeben werden soll, etwas gewagteren 
Erwägungen unterstützt werden. Die obigen Bemerkungen 
über die beiden Hauptcharakterzüge des Polonius, die typisch 
sind für den hochmütigen Vater eines Sohnes und den miß- 
günstigen Vater einer Tochter, lassen der Vermutung Raum, 
daß seine Familie in gewissem Sinne in rohen Umrissen ein 
Abbild der Hauptfamilie in der Hamletsage ist. Dieser Be- 
griff der Verdopplung der Haupt Charaktere soll im nächsten 
Absätze ausführlicher behandelt werden, wo dann unser Ge- 
dankengang etwas klarer werden dürfte. Nach dieser Auf- 
fassung würde also Laertes einen Bruder Hamlets und Ophelia 
seine Schwester darstellen* Angenommen, es wäre so, dann 
würde uns dies zu einer noch tiefer liegenden Quelle für 
Hamlets ursprüngliches Motiv der weiberfeindlichen Abkehr 
von Ophelia und seinen eifersüchtigen Zorn gegen Laertes 
führen. Da jedoch dieses Thema der Blutsverwandtschaft in 



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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 67 

der Hamletsage nur von untergeordnetem Interesse ist, so 
wollen wir uns seine Diskussion für andere Sagen, in denen 
es stärker hervortritt (wie bei Cyrus, Karna u. s. w.), auf- 
sparen. 

Der dritte in Betracht kommende Faktor ist der den 
Mythologen unter dem technischen Ausdrucke der »Ver- 
dopplung« der Hauptfiguren bekannte Prozeß. Der gewichtigste 
Grund für ihre Anwendung scheint der Wunsch zu sein, die 
Bedeutung der Hauptpersonen zu steigern, und vor allem den 
Helden zu glorifizieren, indem man den Schauplatz mit 
den Gliederpuppen farbloser Wiederholungen bevölkert, deren 
neutrales Handeln mit der lebhaften Aktion der Hauptpersonen 
kontrastieren soll. Dieser Faktor ist manchmal von dem ersten 
schwer zu unterscheiden, weil einer vorhandenen Vervielfältigung 
von Figuren gleichzeitig die »Auseinanderlegung« und »die* 
Verdopplung« zu Grunde liegen kann. Im allgemeinen darf 
man sagen, daß erstere Funktion oftmals durch die Schaffung 
einer neuen Person ermöglicht wird, die mit den Haupt- 
charakteren verwandt ist, letztere hingegen durch die Er- 
findung einer Figur, die mit ihnen nicht verwandt ist; doch 
erfährt diese Regel viele Ausnahmen. In unserer Sage scheint 
Claudius beiden Funktionen zu dienen, und es ist ganz 
interessant zu beobachten, wie in einer Reihe von Sagen es 
nicht die Person des Vaters, sondern die des Großvaters ist, 
die durch die Schaffung eines Bruders verdoppelt wird. Dies 
ist in einigen Varianten der Perseus-Mythe und — wie oben 
erwähnt — bei den Sagen von Romulus und Amphion der Fall ; 
in allen diesen dreien beruht die Schaffung eines Bruders des 
Königs, gleichwie in der Hamletsage, sowohl auf der Auseinan 
derlegung als auch auf der Verdopplung. Hübsche Beispiele 
dieses Verdopplungsprozesses liefern uns die Magd der Tochter 
Pharaos in der Moses-Legende und viele Figuren in der 
Cyrussage. 1 ) 

Vielleicht die einfachsten Beispiele von Verdopplung im 
vorliegenden Drama sind die farblosen Kopien Hamlets, wie 
sie uns in den neutralen Gestalten Horatio, Marcellus und 

*) Das hat Rank (a. a. O. S. 84 f.) sehr fein herausgearbeitet. 



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58 DAS PROBLEM DES HAMLET 

Bernardo entgegen treten. Laertes und der jüngere Fortinbras 
sind dagegen wieder Typen der Verdopplung und zugleich 
Auseinanderlegung der Hauptperson. Die Figur des Laertes ist 
komplexer als die des Fortinbras, weil sie aus drei anstatt aus 
zwei Komponenten zusammengesetzt ist, denn an ihm wird 
der Einfluß des Bruder-Schwester-Komplexes derart deutlich 
sichtbar, daß ein Kontrast zu jener »verdrängten« Form des- 
selben, wie sie sich bei den Hauptpersonen des Stückes offen- 
bart, entsteht. Hamlets Dazwischentreten bei des Laertes Nach- 
ruf an Ophelia läßt sich mit seinem Ärger über den Vorwitz der 
Höflinge Rosenkranz und Güldenstern vergleichen. Diese sind 
daher nur Kopien des »Bruders« in der Mythologie und 
werden wie dieser vom Helden getötet. Ferner läßt sich in 
ihnen eine Anspielung auf das »Zwillingsmotiv« entdecken, das 
in der Mythologie so häufig vorkommt, hier aber keiner 
weiteren Erörterung bedarf. Fortinbras und Laertes zeigen 
uns auf dem Wege der »Auseinanderlegung« eine Seite 
des Haupthelden, jene, die sich auf die Rache für einen ge- 
mordeten oder geschmähten Vater bezieht. Es ist ganz lehrreich, 
darauf zu achten, wie keiner von beiden auch nur die ge- 
ringste Spur einer Hemmung in der Ausübung seiner Aufgabe 
verrät und bei keinem ein Hinweis auf seine Mutter vorkommt. 
Bei Hamlet dagegen, in welchem die »verdrängte« Liebe zur 
Mutter mächtiger ist als die »verdrängte« Feindschaft gegen 
den Vater, macht sich eine Hemmung geltend. Und dies, weil 
der stärkere Komplex dadurch genährt wird, daß das Objekt 
seiner Rache durch den Wunsch, die Mutter zu gewinnen, 
zur Verschuldung gelangt ist. 

Die wichtige Frage nach dem eigentlichen Ursprünge 
der Mythen und ihren Beziehungen zur infantilen Phantasie 
soll hier nicht in Betracht gezogen werden, 1 ) weil unser 
Interesse daran im Verhältnis zum Hauptthema nur ein 
sekundäres ist. Über die vergleichende Mythologie der 
Hamletsage ist vielleicht schon genug gesagt, um dar- 
zutun, daß sich in ihr reichliche Hinweise auf die Ein- 



') Wer sich hiefür interessiert, sei auf die Schriften Freuds 
Abrahams, Ranks und Riklins verwiesen. 



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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 59 



flüsse aller Arten von Inzestphantasien finden. Wir können 
die bisherigen Betrachtungen Ober diesen Punkt unseres 
Themas dahin zusammenfassen, daß das Hauptthema der 
Fabel ein außerordentlich kompliziert aufgebauter und ver- 
wickelter Bericht von der Liebe eines Knaben zu seiner Mutter 
und der daraus resultierenden Eifersucht und Feindschaft 
gegen seinen Vater zum Inhalte hat ; die Nebenhandlung, in 
der Bruder, beziehungsweise Schwester, dieselbe Rolle spielen 
wie Mutter und Vater in der Haupthandlung, betont das- 
selbe Motiv gleichfalls, wenn auch mit geringerem Nachdruck. 
Zuletzt soll wegen seines allgemein psychologischen In- 
teresses noch ein Gegenstand Erwähnung finden, der viel von 
sich reden gemacht hat; wir meinen Hamlets sogenannten 
»simulierten Wahnsinn«. 1 ) Die so bezeichneten Züge in 
Hamlets Gehaben werden von Shakespeare in solch vollendeter 
und feiner Kunst zur Darstellung gebracht, daß sie nicht 
leicht zu durchschauen sind, wenn man sie nicht in der 
Originalsage studiert. Im Stücke nimmt Hamlets Verstellung 
vor allem die Maske feiner Ironie an und verfolgt den Zweck, 
ihn in den Stand zu setzen, seiner Verachtung und Feindschaft in 
verhüllter und umkleideter Form (»indirekte Darstellung«) 
Ausdruck zu verleihen. Seine Gespräche mit Polonius illu- 
strieren diesen Mechanismus aufs Schönste. Die Ironie im 
Drama ist eine Umwandlung der von der Sage gewählten, 
noch versteckteren Ausdrucksweise, denn dort gelingt es 
der Umgebung des Helden häufig nicht, seine Reden zu deuten. 
Darüber schreibt Sa xo Graramaticus wie folgt: 2 ) »Falsita- 

') Meine Aufmerksamkeit wurde durch eine persönliche Mitteilung 
Prot Freuds auf diesen Punkt gelenkt. Dieses Thema ist übrigens in der 
psychiatrischen Literatur ausführlich diskutiert worden. Nicholson (a. a. O.) 
meint, daß Hamlet, der wahnsinnig ist, derart handelt, daß er Freunde davon 
überzeugt, daß sein Wahnsinn nur vorgetäuscht und nicht — wie er aber 
von sich bestimmt wisse — echt ist. Delbrück »Über Hamlets Wahnsinn«, 
(1893) kam mit der noch spitzfindigeren Annahme, daß Hamlet, da er sich 
der Situation nicht mehr länger gewachsen fühlt und rasch die Zügel seinen 
Händen entgleiten sieht, deswegen Tollheit fingiert, um sich durch diese 
gespielte Rolle am leichtesten aus der Klemme zu ziehen. 

*) Zitiert nach Loening (a. a. O., S. 249). 



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60 DAS PROBLEM DES HAMLET 

tis, alienus haberi cupiens, ita astutiam veriloquio permiscebat, 
ut nee dictis veritas deesset nee acuminis modus verorum indieio 
proderetur.« Hier nimmt Hamlet einfach das sonderbare Be- 
nehmen an, um damit seinen Racheplan zu fördern, dem er sich, 
wie wir sogleich sehen werden, in der Sage mit Leib und Seele 
widmet. Es ist sehr lehrreich, den Vorgang seiner tatsäch- 
lichen Simulation in der Sage zu studieren, weil sie uns den 
Schlüssel für eine tiefere psychologische Deutung in die Hand 
gibt. Sein Benehmen in dieser Richtung ist hauptsächlich 
durch drei Charaktere ausgezeichnet : erstens durch die eben 
erwähnte dunkle und verkleidete Art zu sprechen, zweitens durch 
den Anschein von voller Indolenz und Planlosigkeit und drittens 
durch Züge von kindischem, ja gelegentlich blödsinnigem 
Wesen. Für diesen dritten Punkt mag als gutes Beispiel gelten, 
daß er verkehrt auf einem Esel sitzend in den Palast hinein- 
reitet. Sein Motiv zu dieser Handlungsweise besteht darin, 
den König und den Hof über seine Racheabsichten zu täuschen 
und dadurch, daß er so den armen Narren spielt, unbeobachtet 
hinter ihre Schliche und Ränke zu kommen. Und das gelingt 
ihm denn auch vortrefflich. Man hat behauptet, daß diese 
Absicht, den König auszuforschen und seinen Argwohn zu 
täuschen, auch im Drama am Werke sei; aber selbst 
wenn dies der Fall wäre — und schwerwiegende Gründe 
lassen daran zweifeln 1 ) — , so tritt dies doch in der 
Sage viel sinnfälliger zu Tage. Wenn wir nun die Art von 
Hamlets Sichdummstellen in der Sage näher ins Auge fassen, 
so können die kindlichen Merkmale, die es durchwegs 
auszeichnen, ihren Eindruck nicht verhehlen, und Freud 
weist auch darauf hin, wie genau dieser Habitus mit dem 
von manchen Kindern zuweilen zur Schau getragenen typi- 
schen Benehmen übereinstimmt. Das Motiv bei solchen Kindern 
ist übrigens ein ähnliches, nämlich Unschuld und eine über- 
triebene Kindlichkeit, ja sogar Dummheit zu simulieren, um 
ihre Eltern in die Täuschung zu wiegen, sie seien zu jung, 
»um zu verstehen«, ja um sie dahin zu beeinflussen, auf ihre 

') Siehe hierüber Loening: A. a. O., S. 387. Desgleichen Bucknill: 
Journal of Mental Science*. 1858. 



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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 61 

Anwesenheit gar nicht zu achten. Derartige Schliche 
haben bei solchen Kindern meist den Grund, daß sie ver- 
schiedene intime Dinge mit anhören und mit ansehen wollen, 
ohne daß man davon eine Ahnung habe. Es braucht wohl 
kaum erst erwähnt zu werden, daß die dadurch befriedigte 
Neugierde in den meisten Fällen Dinge rein sexueller Natur 
betrifft, und auf solche Weise werden selbst eheliche Umar- 
mungen von ganz kleinen Kindern viel häufiger belauscht, 
als man gewöhnlich vermutet. Es ließe sich hierüber noch 
vieles sagen, doch würde das vom Hauptthema dieser Ab' 
handlung zu weit ablenken. 1 ) 

Es ist nun äußerst instruktiv, den Richtungslinien nachzu- 
spüren, in denen Shakespeares Auf bau des Stoff es von jenem der 
Originalsage 2 ) abweicht. Wir kümmern uns hier selbstver- 



*) Siehe Ernest Jones: »American Journal of Insanity. July 1910. 
— In einer kürzlich veröffentlichten Schrift (Simulated Foolishness in Hy- 
steria, American J. of Insanity, Okt. 1909, p. 279) habe ich diese hysterischen 
Zustände mit der von Pitres beschriebenen infantilen Amnesie in Verbin* 
düng gebracht. Die an einem Falle dieser Art durchgeführte Psychoanalyse 
ermöglichte es mir, die Richtigkeit der von Prof. Freud gegen mich ge- 
äußerten Vermutung (s. o.) vollauf zu erweisen. Ich konnte zeigen, daß das 
Motiv des Dummstelleng in diesem Falle wirklich kein anderes war, als die 
Absicht durch vorgespiegelte kindliche Unwissenheit sexuelle Befriedigungen 
bei der Mutter zu erschleichen, von denen ältere Kinder sonst fern ge- 
halten werden. 

*) Gegen diesen Versuch könnte eingewendet werden, daß wir nicht 
bestimmt wissen, ob diese Abweichungen Shakespeare zugeschrieben werden 
dürfen oder nicht. Es ist möglich, daß sie sich ursprünglich in Kyds 
9 Hamlet« vorfanden, von welchem kein Exemplar mehr vorhanden ist. Sehr 
wahrscheinlich war Shakespeare mit diesem Stücke vertraut und stützte sich 
bei der Abfassung des »Hamle*« auch auf andere Dramen Kyds, vornehmlich 
auf das »Spanische Trauerspiel«, in dem das Motiv des grundlosen Zauderns 
des Helden, der einen Mord an einem seiner Verwandten zu rächen hat, eine 
wichtige Rolle spielt. So begründet und wichtig dieser Einwand auf den 
ersten Blick scheinen mag, so vollständig wird er durch die folgenden Er- 
wägungen widerlegt. Es ist irrelevant, ob Shakespeare nur einen Teil des 
Stoffes oder den ganzen Stoff einer anderen Quelle entnahm« Der springende 
Punkt ist, daß er einen derartigen Stoff nahm oder erfand, der ihn in die 
Lage versetzte, seine tiefsten persönlichen Gefühle und Gedanken auszudrücken. 
Die dem Drama innewohnende Beweiskraft erhärtet unumstößlich, daß 
Shakespeare seine innerste Seele hineinlegte; ob er den Stoff nun vor- 

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DAS PROBLEM DES HAMLET 



ständlich weder um die poetische noch um die literarische 
Kunstform, die ja nicht bloß eine alte Geschichte neu ins 
Leben rief, sondern ein ganz neues, geniales Werk schuf. Der 
Veränderungen sind in der Hauptsache zwei. 1 ) Die erste ist 
die folgende: In der Sage hat Claudius (oder, wie er dort 
heißt, Fengo) seinen Bruder öffentlich ermordet, so daß die 
Tat allgemein bekannt war, und hatte sich des weiteren durch 
Lügen und falsche Zeugenschaft zu rechtfertigen gesucht, 
indem er vorgab, daß es bloß geschehen sei, um die Königin von 
den Bedrohungen ihres Gemahls zu befreien.*) Diesen Vor- 
wand spiegelt er dem Volke so erfolgreich vor, daß, wie es 
bei B e 1 1 e f o re st 3 ) heißt : »Son pßchö trouva excuse a l'endrmt 
du peuple et f ut reputö comme justice envers la noblesse — et 
qu'au reste, en lieu de le poursuyvre comme parrieide 4 ) et inces 
tueux, chacun descourtisansluy applatidissoit et le flattoit en sa 
fortune prospere.« Wenn Shakespeare daraus einen geheimen 
Mord machte, um den nur Hamlet weiß, so scheint er dies, 
bewußt oder unbewußt, getan zu haben, um die äußerlichen 




fand oder erdichtete, er wurde Insofern sein Eigentum, als er dem Wesen 
seiner eigenen Natur durchs üb entsprach. Es bedarf nur einer flüchtigen Be- 
trachtung der Behandlung der beiden ähnlichen Themen im »Hamlet« und 
in der »Spanischen Tragödie*, um zu erkennen, wie grundverschieden 
Shakespeare und Kyd sich mit dem Problem ausein an d ersetzten. 

') Nebensäch liches t so wichtig es auch ist, kann hier nicht weiter be- 
rücksichtigt werden, Dazu gehört z. B. die Art, wie Shakespeare die an der 
Originalsage von Belieferest Torgenommenen Änderung akzeptiert, der die 
Konigin noch bei Lebzeiten ihres Gatten Blutschande begehen läßt. Die Be- 
deutung dieser Tatsache wird jedem einleuchten, der den obigen Ausführungen 
gefolgt Ist 

*) Alien jenen, die mit Freuds Werken vertraut sind, wird es nicht 
schwer fallen, den sadistischen Ursprung dieses Vorwandes zu erkennen. 
(Siehe * Sammlung kleinerer Schriften* ; zweite Folge, 1909, S, 169*) Baß man 
einen belauschten Koitus als einen an der Mutter begangenen Gewaltakt aus- 
legt, ist häufig ein erschwerender Grund zur Feindschaft gegen den Vater. 

*) Zitiert nach Loening a, a. O., S. 248. 

*) Das soll selbstverständlich Brudermörder (fratrieide) beißen, obgleich 
man das Wort parriclde im Altfranzos Ischen oftmals auch anwandte, um damit 
den Morder eines älteren Verwandten zu bezeichnen. Es ist möglich, daß dieser 
Irrtum ein »Verschreiben« aus einem im Freu dachen Sinne unbewußten 
Motive ist. Siehe Psychopathologie des Alltagslebens« 1909. Kap. VI. 



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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 68 

Schwierigkeiten der Aufgabe Hamlets zu verringern, weil na- 
türlich ein Volk schwerer aufzuwiegeln ist, um ein Verbrechen 
zu verdammen, das öffentlich gerechtfertigt und von der 
Allgemeinheit verziehen, als ein solches, das schuldbewußt 
verheimlicht wurde. Wenn Shakespeare die ursprüngliche Fas- 
sung in diesem Punkte beibehalten hätte, so böte dies der 
Klei n-W e r d e r sehen Hypothese eine gewisse Stütze, obgleich 
bemerkt werden muß, daß selbst in der Sage Hamlet seine 
Aufgabe, so herkulisch sie auch war, ohne Zaudern voll- 
brachte. Shakespeares Bearbeitung macht das Widerstreben 
Hamlets nur noch augenfälliger, indem sie ihn des einzigen 
gerechtfertigten Vorwandes für sein Nichthandeln beraubt. 
Die zweite und ungeheuer wichtige Änderung Shakespeares 
an der Fabel, wodurch er auch die Tragödie von Grund aus 
umgestaltete, ist das Schwanken und Zögern, das er in 
Hamlets Stellungnahme zu seiner Aufgabe hineinlegte und 
das eine Lähmung seines Handelns zur Folge hat. In allen 
früheren Versionen ist Hamlet durchwegs der Mann des 
raschen Entschlusses und Zugreifens und nicht — wie bei 
Shakespeare — in allem und jedem der Handelnde, außer im 
Vollzuge der Rache. So wie der Hamlet Shakespeares fühlt, 
daß er es tun müßte, stürmt der der Sage zur Rache los, geplagt 
weder von Skrupeln noch Zweifeln, und weicht niemals vom 
geraden Wege der Pflicht ab. Bei ihm gehen Pflicht und 
natürliche Veranlagung Hand in Hand; er sehnt sich aus 
vollem Herzen, das zu tun, was er auch glaubt, tun zu müssen, 
und so steht er unter dem harmonischen Zwange sowohl der 
Stimme seines Gewissens, als auch des Triebes in seinem 
Blute. Nichts von den tiefeinschneidenden Konflikten, die für 
den Hamlet Shakespeares so verderblich werden ! Es ist, als 
ob Shakespeare die ältere Fassung gelesen und sich dabei 
klar geworden wäre, daß wenn er in eine ähnliche Lage 
versetzt würde, er den Weg zum Handeln nicht so selbst- 
verständlich fände, wie hier dargestellt sei, sondern daß ihn 
im Gegenteil ein Konflikt schütteln würde, der nur um so 
heftiger wäre, weil er sich dessen Natur nicht erklären könnte. 
Mit dieser Umwandlung stellte Shakespeare die Fabel der 



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64 DAS PROBLEM DES HAMLET 

Tragödie vollständig auf den Kopf, denn während sie in der 
Sage in der Überwindung äußerlicher Schwierigkeiten und 
Gefahren durch einen standhaften Helden besteht, werden 
diese im Drama beseitigt, und die Handlung ist hier die tragisch 
endende Abwicklung von Konsequenzen, die aus einem inneren 
Konflikt in der Seele des Helden entspringen. Aus diesen 
inneren Kämpfen des Helden erwachsen Gefahren, die an- 
fänglich nicht vorhanden waren, die aber als Ergebnisse 
seines unfruchtbaren Bemühens immer dräuender sich häufen, 
bis sie ihn am Schlüsse zum endgiltigen Untergang um- 
schnüren. Ja, noch mehr! Jede Handlung, in die ersieh zur 
Erfüllung seiner ihm klar vorgezeichneten Aufgabe mit Wider- 
willen einläßt, scheint halb absichtlich so angelegt zu sein, 
daß er mit ihr das Schicksal herausfordert, welches dadurch, 
daß es den Argwohn und die Feindseligkeit seines Wider- 
sachers erweckt, seine eigene Absicht zu nichte macht 
und seinen eigenen Ruin herbeiführen hilft. Der Konflikt 
in seiner Seele ist für ihn unlösbar, und die Schritte, die er 
einzig tun kann, drängen ihn unerbittlich immer näher 
und näher seinem Untergange zu. In ihm, wie in jedem Opfer 
eines mächtigen unbewußten Konflikts, ist ja doch der Wille 
zum Sterben stärker als der Wille zum Leben, und sein Kampf 
ist im letzten Grunde ein langes Verzweiflungsringen gegen 
den Selbstmord, die am wenigsten unleidliche Lösung des 
Problems. Weil er nicht im stände ist, sich von den Ein- 
wirkungen seiner Vergangenheit zu befreien, wird er not- 
gedrungen vom Fatum auf den einzigen Pfad gezwungen, den 
er betreten kann — den zum Tode. 

Indem er so in lebhaften Farben den verzweifelten, aber 
nutzlosen Kampf eines starken Menschen gegen das Schicksal 
darstellte, brachte Shakespeare das wahre Wesen der griechi- 
schen Auffassung von der Tragödie zur Erfüllung. 

Die Annahme ist also gerechtfertigt, daß das neue Leben, 
welches Shakespeare dem alten Trauerspiel einhauchte, ein 
Ergebnis von Inspirationen war, die ihren Ursprung in den 
tiefsten und verborgensten Regionen seines Geistes hatten. 
Er reagierte auf den eigenartigen Reiz der Handlung, indem 



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UND DER ÖDIPUS-KOMPLEX. 66 



er seine tiefsinnigsten Gedanken mit einer Kunst in sie hinein- 
verflocht, die seither stets allen jenen, welche die Tragödie 
hörten oder lasen, Staunen abrang. Es ist eigentlich nur 
selbstverständlich, daß das größte Werk des Weltpoeten sich 
mit dem tiefsten Problem und dem heftigsten Konflikt be- 
schäftige, der die Seele des Menschen vom Uranfange an 
quält — mit der Auflehnung der Jugend und des Liebestriebes 
gegen die Fesseln, die ihr «las eifersüchtige Alter aufzwingt. 



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