(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Zur Sonderstellung des Vatermordes. Eine rechtsgeschichtliche und völkerpsychologische Studie"

SCHRIFTEN ZUR ANGEWANDTEN SEELENKUNDE 

HERAU80EGEBEN VON PROF. Dr. SIGM. FREUD 

zwOlftes heft 



ZUR SONDERSTELLUNG 
J)ES VATERMORDES 



EINE RECHTSGESCHICHTLICHE UND 
VOLKERPSYCHOLOGISCHE STUDIE 



VON 



A. J. STORFER 
zCkich. 



• • ■• 



LEIPZIG und WIEN 1911 

KRAUS REPRINT 

Nendein/ Liechtenstein 

1970 

C^f\f\ci\i> Original from 

VjUU^IC UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Reprinted by permission of 
SICMUND FREUD COPYRIGHTS LIMITED, London 

KRAUS REPRINT 

A Division of 

KRAUS-THOMSON ORGANIZATION LIMITED 

Nendeln/Liechtenstein 

1970 

Printed in Germany 
Lessingdruckerei Wiesbaden 



rirwtltf> Original from 

VjUU^IC UNIVERSITY OF MICHIGAN 



InhaltsQbersicht. 



I. Entwicklungsgeschichtliche Qrundlagen des Mordverbotes und seiner 

Differenzierung 1 

II. Okonomische und psych ologische Wurzeln des Vatermordes ... 9 

III. Das rdmische Paricidium 19 

IV. Tiersymbolik bei Bestrafung des VaterniOrders in Rom 26 



C nnn \c> Original from 

^ uu d lL UNIVERSITY OF MICHIGAN 



f^rw-uili? Original from 

^ uu 6 lL UNIVERSITY OF MICHIGAN 



I. Entwicklungsgeschichtliche Grundlagen des Mord- 
verbotes und seiner Differenzierung. 

Der Einzelne, — wenn wir uns die splendid isolation solch 
eines fiktiven prasozialen Wesens uberhaupt vorstellen konnen, 
— schafft keine Ethik und fur ihn ist keine Ethik geschaffen. 
Er hat zwar in der Erfahrung fiber Lust und Unlust einen 
innerhalb gewisser Grenzen mehr oder weniger zuverlassigen 
Ffihrer fur sein Verhalten, einen Dampfer fiir seine Impulse, 
aber erst das Beisammensein schafft die Werte Gut und Bose. 

Die ersten Vereinigungen verdanken sicher » Hunger und 
Liebe* ihre Entstehung. So sind z. B. die Familie oder die Jagd- 
genossenschaft Gesellschaftsformen, die in primaren Bedfirf- 
nissen wurzeln. Das Streben nach Ermoglichung moglichst 
vollkommener Triebbefriedigung hat eine gewisse Okonomie 
des Trieblebens zur Folge, die den Charakter nicht nur einer 
berechnenden Sparsamkeit, sondern auch eines Verzichtes, 
eines Opfers tragt. Die Entstehung von vorubergehenden oder 
dauernden primitiven Gemeinschaften, der Cbergang vom 
nicht sehr wortlich zu nehmenden Krieg Aller gegen Alle zum 
Zustand des &a>ov ttoXitixov, bedeutet zugleich eine gewisse Ein- 
schrankung der personlichen Freiheit. Das »Ich« mu8 seine 
Selbstherrlichkeit mit dem »Wir« teilen und es wird nun nicht 
nur die Quelle von manchen auch bisher befolgten Verhaltungs- 
regeln nach auBen verlegt, sondern es entstehen zum Teil 
auch neue, autoritative Normen, die nicht nur aus dem In- 
teresse des Einzelnen, sondern auch aus dem Interesse des 
Kollektivwesens folgen. So waltet in der Vergesell- 
schaftigung das Nutzlichkeitsprinzip, eventuell auch gegen 
der mangelhaften Einsicht und Fernsicht des Einzelnen. Und 
so ist das Verbrechen die schadliche Handlung des Ein- 

Storfer, Znr Sonderotellnng des Vaterrnordes. 1 

3 2 • 

Original from 



C* nnnlp Original from 

3y v^uuglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



ZUR SONDERSTELLUNG 



zelnen oder richtiger: die Handlung, die von der Majoritat 1 ) 
der Gemeinschaft — wenn auch nicht iminer oder nicht ganz 
bewuBt — als schadlich empfunden wird. Erst auf einer sehr 
hohen Stufe der Entwicklung, die wir auch heute nicht er- 
reicht haben, wird der Begriff des Verbrechens mit dem Be- 
griff des menschheitschadlichen Verhaltens, des »Ein- 
griffes in die Interessensphare der Mensehheit* *) vollig gleich- 
bedeutend. 

Man hatte sich fruher — mit der Bequemlichkeit aller 
bloB deskriptiven Geschichtswissenschaft — gewohnlich mit 
der Tatsache begnugt, daB die alten Volker im Verbrechen 
Obertretungen des im Gesetz kundgegebenen gottlichen Willens 
gesehen haben. Diese Tatsache miissen wir in einer ahnlichen 
Weise handhaben, wie den Satz vom gotterschaffenenMenschen, 
den die Wissenschaft vollig umgekehrt hat. Der menschliche 
Willen, oder vielmehr das Interesse eines menschlichen Gemein- 
wesens — sei es die Familie, die Territorialgenossenschaft, 
die Kaste, das Volk, der Staat oder die menschliche Gattung 
uberhaupt — wird nach auBen projiziert, bei der Tendenz 
zur konkretisierenden Symbolik an die Sterne geschrieben, 
so daB das Gesetz von dem als primar erachteten gottlichen 
Willen abgeleitet werden kann 3 ). Es ist darum klar, daB die 
ersten Kapitel der Rechtsgeschichte mit den ersten Kapiteln 
der Religionsgeschichte identisch sein mussen. Man nennt die 
Mythologie mit viel Berechtigung eine »Palaontologie der 
Ethik« 4 ) und folglich auch der Rechtslehre. »So gering der 
Wert der Sage ist« — schreibt Bernhoft :> ) — »wenn es sich 



') Majoritat im weitesten Sinne als: Majoritat an Macht, die sich na- 
turlich auch bei einer pbysisch oder okonomiscb starkeren Minderheit be- 
finden kann. 

2 ) Kohler: Wesen der Strafe, 12. 

8 ) Sehr charakteristisch ist z. B. der Schutz nutzlicher Tiere dimh 
die alten Religionen, den Schopenhauer mit den modcrnen Polizeiver- 
ordnungen gegen Tierqufilerei vergleicht. (Vgl. Parerga u. Paralipomena, II, XV. 

4 ) Makarewicz: Einfuhrung in die Philos. des Strafrecbtes, 76,156). 

5 ) Ehe und Erbrecht d. griech. Heroenzeit. Zeitschr. f. vgl. Rechts- 
wiss., XI, 322. 



Pnnnl^ Original from 

jy ^U^glt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



DES VATERMORDES. 



urn die Feststellung bestimmter Ereignisse handelt, so groB 
ist er fur die Charakterisierung der juristischen und sozialen 
Verhaltnisse«. Dieser Satz hat naturlich urn so mehr Geltung 
fur die Gottersage, fur den Mythus. Eine Stellungnahme zu 
den Ansichten der Religionspsychologie scheint uns demnach 
bei der entwicklungsgeschichtlichen Behandlung des Rechtes 
unerlaBlich. Denn will man z. B. mit Bastian — dessen 
zahlreichen ethnologischen Arbeiten auch die vergleichende 
Rechtswissenschaft viel verdankt — die heute sehr verbreitete 
Anschauung teilen, die Grundbedingung der Religionsbildung 
sei die Angst vor den vielen damonischen Gewalten, von 
denen Naturvolker sich umgeben fuhlen, so muB man dieser 
Auffassung getreu auch annehmen, »das Mordverbot sei 
eine naheliegende Riickwirkung der damonischen Bevolkerung 
der Natur und der damonisch bereits empfundenen Zustande 
des Seelischen* 1 ). Geschichte und Volkerkunde lehren uns 
aber, daB bei primitiven Volkern Damonenfurcht und Scheu 
vor dem Toten nicht unbedingt parallele Erscheinungen sind. 
Die Totung des Feindes ist eine Tugend und aus sozialen 
Niitzlichkeitsriicksichten ist bei einzelnen Volkern — bei 
denen Mangel an Lebensmitteln herrscht und die infolge ihrer 
zeitlich und raumlich gegebenen Lebensverhaltnisse, ihrer 
wirtschaftlichen Verjialtnisse, die physische Kraft hoher 
schatzen als Erfahrung und Kenntnisse — Sitte, die Alten 
und Kranken zu toten*), und unter solchen Voraussetzungen 



*) Bastian: Znr Mythol. u. Psychol, d. Nigritier, 160. — Unter den 
» d§monischen Seelcnzustanden« sind besonders Traum und Krankheit zu ver- 
8tehen. 

*) Vgl. Schurtz: Urgeschichte der Kultur, 612. — Saalschutz: 
Das mosaische Recht, 11, 549. — Eine ganze Reihe von Beispielen bei Maka- 
rewicz a. a. O., 49, 50. — Auch bei alten indoeuropaischen Volkern kommt 
die Sitte der TStung oder Aussetzung der Alten, auch des Vaters, vor 
(Schrader: Reallexikon der indogerm. Altertumskunde, 36 ff.), trotzdem es 
>nicht unwahrscheinlich ist, daB die starke vaterliche Gewalt bei Indern, 
Persern, Romern . . . auf Sitten des (indoeuropaischen) Urvolkes zuruckgehen* 
(Bernhdft: Grundlagen der Rechtsentwicklung. Zeitschr. f. vgl. Rechts- 
wi3S., II, 270.) 

1* 



Pnnnl^ Original from 

jy v^uuglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



ZUR SONDERSTELLUNG 



ist auch der Elternmord eine Ehrenpflicht, eine sozialnutz- 
liche, sittliche und rechtliche Handlung 1 ). 

Wollen wir die Annahme einer urspriinglich engen Ver- 
wandtscbaft zwischen religiosen und rechtlichen Normen nicht 
ganzlich ablehnen, so mussen wir uns bei der Frage der 
Religionsbildung in erster Reihe an sozial-utilitare Momente 
halten. Wie schon das primitivste Geraeinwesen, so bedeutet 
auch schon die primitivste Religion einen gewissen Verzicht 
der Einzelnen. Freud, der Begrunder der »analytischen 
Psychologie« hat auf Grund einer Analogic zwischen dera 
Individuum und dem Volke auf neue Gesichtspunkte zur Be- 
trachtung volkerpsychologischer Tatsachen aufmerksam ge- 
macht. 2 ) Der Zweck der Religion, eigensuchtige sozial- 
schadliche Triebe zu unterdrucken, macht uns den Mecha- 
nismus der Religionsbildung verstandlich. Die Sitte einzelner 
Volker, aus Grund und Boden der Einzelnen ein gemeinsames 
Stuck Erde fur die Gottheit »auszuschneiden« 3 ), illustriert 



*) Dem sozialen Nutzen werden unter Umstanden Institutionen geopfert, 
die wir sonst sehr geneigt sind, als »absolut heiligc, als *ewig menschlich* zu 
betrachten. Justinus berichtet z. B. von einem sozial veranlaflten Massen- 
ehebruch. Im ersteu messenischen Kriege haben die Spartauer, als der Krieg 
zu lange dauerte, die Jungeren nach Hause geschickt, damit sie die Ehe- 
mSnner bei ihren Frauen vertreten sollen und das Vaterland nicht Schaden 
leiden moge (Makarewicz, a. a. O., 54). — Hier sei noch an die Institution 
des Zeugungshelfers (altindisch Nynga) erinnert. Lykurgos gestattete zeugungs- 
unf&higen Mannern bei ihren Frauen jungere und kraftigere Ersatzmanner 
einzufuhren (Sen ra der: Reallexikon, 984). In den deutschen Bauernweis- 
tiimern wird dem Manne, J* der sinen echten wiwe oder frowelik recht niet 
gedoin konde*, empfohlen, seine Frau zu einem Verwandten zu fuhren. 
(Schrader a. a. O.) 

*) »Ein fortschreitender Verzicht auf konstitutionelle Triebe, deren Be- 
tatigung dem Ich primare Lust gewahren konnte, scheint eine der Grund- 
lagen der menschlichen Kulturentwicklung zu sein* (Freud »Zwangshflndl. 
und Religionstibung* in Samml. kleiner Schriften. 2. Folge, 131). — Aufier der 
angefuhrten Abhandlung beriihren verschiedene Schriften Freud s volker- 
psychologische Fragen. (Eine Zusammenstellung der Freudschen Schriften 
mit kurzer Inhaltsangabe bei Abraham im Jahrbuch fur psychoanalytische 
u. psychopath. Forschungen, I, 546 ff.) 

8 ) Man achte auf die Etymologic: templum von t^jjlvu), tI^ko}, aus- 
schneiden. 



Pnnnl^ Original from 

3y v^uuglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



DES VATERMORDES. 



sehr treffend den Verzicht zu Gunsten des »hoheren Wesens«, 
diese Einschrankung der selbstsiichtigen Triebe. Die Er- 
gebnisse der Freudschen Forschungen fiber den Mecha- 
nismus des Seelenlebens *) sind besonders von Riklin, 
Rank und Abraham 2 ) auf das Gebiet der Volkerpsycho- 
logie ubertragen und zum Teil weiter ausgeffihrt worden. 
Wir erfahren, daB volkerpsychologische Gebilde, wie Religion, 
Mythus, Sage, Marchen nicht nur dem Zwecke der Trieb- 
unterdriickung dienen, sondern zugleich als Akkumulatoren 
unterdriickter Triebkrafte Sammelplatze der verdrangten 
Wunsche und Phantasien sind. Wir verstehen es nun auch, 
warum die in Gottergestalten konkretisierten Massenphantasien 
so viel »Unsittliches« 3 ) enthalten. Die Erklarung Wundts 4 ), 
der Mensch habe eben alle seine Eigenschaften, also auch 
die schlechten, in iibertriebener Weise auf die Gotter uber- 
tragen, mussen wir nun dahin modifizieren, daB wir in der 
»Obertreibung« die Spiegelung der verdrangten Unsittlichkeit, 
der sinnlichen Selbstsucht, also keine Cfbertreibung, sondern 
vielmehr ein unbewuBtes Gestandnis der Volker sehen. Und 
wenn Wundt als Quelle der Mythenbildung die »Objekti- 
vierung des eigenen BewuBtseins* 5 ) bezeichnet, so wollen 
wir auch ganz besonders die schopferische Kraft des Un- 
bewuBten betonen. So wie die Einzelpsyche die Tendenz 
hat, das Anruchige, das Verponte »nach oben zu verlegen*, 
so ist im groBeren MaBstab auch die Religions- und Mythen- 
bildung nicht nur ein Verbot des als Schadlich Empfundenen, 
sondern auch eine Abwalzung, eine Verlegung des Verbotenen 
nach »oben«. fi ) Wir werden auch darum verstehen, daB Volker, 



J ) Vgl. besonders Freud: Trauindeutung. 

2 ) Riklin: Wunscherfullung in Marchen. — Rank: Geburt des 
Helden. — Abraham: Traum und Mythus. (Alle in »Schriften zur ange- 
wandten'Seelenkunder.) 

3 ) »Unfruchtbare Traume einer eunuchartigen Metaphysik^ (Guber- 
natis. Tiere in der indogerm. Mythol., 662). 

4 ) Ethik, 3. Aufl., I, 52. 

5 ) Ebendort, I, 65. 

c ) ^Nur des Menschen eitle Fureht wfilzt eigne Sunden auf die 
G6tter ab* (Byron: Kain). 



Pnnnl^ Original from 

3y ^U^glt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



ZUR SONDERSTELLUNG 



die eine stramme Familienorganisation besitzen, und daher 
den Vatermord als das ultimum nefas betrachten, ihren Oottern 
unter anderen Missetaten auch den Vatermord zumuten. 

* 
In alien Kriegen handelt es sich nur urn das Stehlen, 
hatte einmal Voltaire — noch vor dem historischen 
Materialismus — gesagt. Der Urmensch kann allerdings, 
wenn es sich urn einen Streit urn eine Jagdbeute, oder urn 
einen zum Angeln gunstigen Hafen handelt, keineFlotten gegen 
den Rivalen aussenden, er mu£ fur sein Ndtigstes seine eigene 
Person einsetzen. Dafl unter solchen Umstanden, unter solchen 
rauhen Lebensbedingungen, die Vernichtung eines Menschen- 
lebens nicht schlechthin als Verbrechen gelten konnte, ist selbst- 
verstandlich. Die Erfahrungen, die Forschungsreisende bei pri- 
mitivenVSlkern gemacht haben, zeigenuns, daB wildeVolker dem 
Fremden schon von vornherein MiBtrauen, Antipathic, HaB 
entgegenbringen. Makarewicz (Einf. in die Philos. des 
Strafr., 276) weist mit Recht auf »den vollendeten Ausdruck 
dieses Mifltrauens* bei Kindern oder geistig schwach Ent- 
wickelten hin *). »GroBartig in dieser Hinsicht ist die Gestalt 
des blodsinnigen Amandus in Halbes ,Jugend* mit den so oft 
wiederkehrenden Worten ,der Fremde', mit seiner Antipathic, 
deren Epilog der Versuch ist, den Fremden zu to ten*. Die 
Figur des blodsinnigen Amandus, mit der Makarewicz die 
instinktive Antipathie des primitiven Menschen gegenuber 
dem Fremden illustriert, kann uns zugleich Auskunft uber 

*) Eine Analogie zwischen Kindern und auf kindlicher Stufe ver- 
bliebenen Erwachsenen anderseits und primitiven Voikern anderseits ist mit 
gewissen sachlich gegebenen Beschrankungen vollkommen berechtigt. Die 
Forscher auf dem Gebiete der Massenpsychologie, — Tarde, Sighele, Le 
Bon, und vor allem Schopenhauer (»Makranthropus«), in einzelnen 
Aphorismen ubrigens auch Nietzsche — arbeiten haufig mit solchen Ana- 
logien zwischen Kollektivpsyche und Einzelpsyche ; der sogenannten bio- 
logischen Soziologie (Spencer) liegt als eine Voraussetzung sine qua non die 
Analogic zwischen dem einzelnen und dem kollektivcn Organismus zu Grunde 
— und die analytische Psychologie (Freud) hat eben bei der Untersuchung 
der kindlichen Phantasietatigkeit und psychopathologischer ZustSnde Er- 
wachsener manche wertvolle Anregung zur uberraschend neuen Beleuchtung 
volkerpsychologischer Probleme gefunden. 



Prvnnl^ Original from 

3y v^uuglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



DES VATERMORDES. 



die Motive dieser Antipathie geben. Erstens hat das Er- 
scheinen desFremden dem geistesschwachen Jungling Hunger 
verursacht und zweitens hat der Fremde seine Eifersucht 
erregt. Die Erklarung fur die Antipathie der primitiven 
Volker dem Fremden gegeniiber ist das instinktive Empfinden 
der okonomischen und sexuellen Rivalitat. Auf die 
sexuelle Wurzel der Feindschaft scheint auch die sehr ver- 
breitete Sitte der Kastrierung des besiegten Feindes hinzu- 
weisen. Diese Kriegsitte mufiten noch im letzten abessinischen 
Kriege viele Italiener am eigenen Leibe erfahren 1 ). 

Da es sich um einen okonomisch-sexuellen Rivalen handelt, 
hat die Ermordung des Fremden auf niedrigen Kulturstufen 
nichts Verpontes an sich. Die indoeuropaische Altertums- 
kunde hat dies auch fur die alten europaischen Volker mit 
zahlreichen Beispielen belegt 2 ). Erst allmahlich, als mit den 
Handelsbeziehungen die Verkehrsinteressen aufkamen, ent- 
wickelt sich das Institut der Gastfreundschaft, welches keines- 
wegs altruistischen Motiven seine Entstehung verdankt 8 ). Das 
Gastrecht ist der erste Schritt zur Internationalisierung des 
Rechtes und durch ihm wird der host is zum hospes 4 ). 

Zwischen die beiden Kategorien : »Wir« und die »ftbrigen« 
drangt sich so eine t)bergangskategorie, die des Gastes, hinein: 

*) Stoll: Geschlechtsleben in der V51kerpsych., 502 ff. — Sehr cha- 
rakteristisch ist, dafl in Abessinien auch der Ehebrecher, der vom Ehemanne 
erwischt wird, kastriert wird (a. a. O., 990). 

*) Vgl. z. B. fiber den Mord in den homerischen Gedichten Bern- 
hoft: ftber Zweck und Mittel d. vgl. Rechtswiss. (Zeitgchr. f. vgl. Rechtsw. 
I, 6.) — ftber die Grundlage der Rechtsentwicklung (a. a. O., II, 276 ff.) — 
Schrader: Reallexikon, 657. 

■) Man vermutet, dafl die Phonizier das Institut der Gastfreundschaft 
nach Europa verpflanzt haben. — Dafl das Gastrecht aber nicht nur auf ein 
gemeinsames Urrecht oder auf Entlehnung zuruckzufuhren ist, beweist die 
allgemeine Verbreitung dieses Instituts. Vgl. fiber die Blutsbruderschaft, z. B. 
Bastian: Der Papua, 148 ff. — Cber das Gastrecht vgl. noch Schrader: 
Reallexikon, 271. — Bastian a. a. O. — Makarewicz a. a. O., 283 ff. — 
Wundt: Ethik, I, 240 ff. 

4 ) Auch der deutsche »GasU ist mit dem lateinischen hostis verwandt- 
Die griechische Sprache hat fibrigens den Ausdruck ffir den feindlichen 
Fremden (Feind) auch ffir den freundlichen Fremden (Gast) beibehalten 
(Schrad er a. a. O). 



Pnnnl^ Original from 

3y V^UUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



ZUR SONDERSTELLUNG 



Es ist zweifellos, daf$ der Begriff des Verbrechens nicht als 
der des Eingriffes in die Interessensphare aller drei Kate- 
gorien, sondern innerhalb der kleinsten Gemeinschaft ent- 
standen ist. Dieselbe Handlung, die dem Fremden gegeniiber, 
insofern er nicht Gastfreund war, als erlaubt, ja sogar als 
geboten erschien: die Totung muflte innerhalb der Ge- 
meinschaft, — abgesehen von den Fallen, wo infolge des 
Nahrungsmangels und der tJbervolkerungsgefahr x ) das Toten 
unproduktiver Mitmenschen eine »Ehrenpflicht« 2 ) war — 
friiher oder spater als verponte Handlung angesehen werden. 

Der ersten Unterscheidung zwischen »verbrecherischer« 
Totung muBte also die Beriicksichtigung des Verhaltnisses 
vom Tater zum Getoteten zu Grunde liegen. Nicht die Art 
der Rechtsverletzung und nicht die Art des verletzten Rechts- 
gutes bestimmt die Art der Reaktion, sondern der Ursprung 
des Anschlages. Riihrt er von einer fremden Gruppe her, so 
sitzt Gruppe fiber Gruppe zu »Gericht«, wenn wir die Blut- 
fehde, diesen Krieg en miniature als Gerichtsbarkeit bezeichnen 
diirfen 3 ). Innerhalb einer Gruppe modifiziert sich die Re- 
aktion je nach der Struktur der Gruppe. Besteht der Verband 
z. B. aus mehreren Untergruppen (z. B. der Stamm aus 
Sippen), so treten die Angehorigen des Verletzten gegen den 
Tater, beziehungsweise seine Angehorigen auf: Nur ein Ver- 
brechen fordert die Reaktion des ganzen Gemeinwesens 
heraus: der Hochverrat. Mit Recht nennt Garofalo den 
Hochverrat das »natiirliche Verbrechen«. Damit die Gemein- 
schaft die Interessen des Einzelnen wahren kann, muB sie 
zuerst ihre eigene Existenz sichern. Der Hochverrat ist die 

*) Die okonomisch bedingte Angst vor CbervSlkerung, diesen primi- 
tiven Malthusiasmus armer Volker charakterisiert der ungarische Dichter- 
philosoph Madfich in seiner »Trag5die des Menschen* in klassischer Weise: 

Der Eskimo: Wenn du ein Gott bist, so mache, 

Dafi es weniger Menschen gibt und mehr Seehunde. 

2 ) Schurtz: Urgeschichte der Kultur, 624. 

8 ) Es sei hier an das moderne Gebaren erinnert, daB einzelne GroB- 
m&chte wegen Totung eines Staatsangehorigen irgend einem anderen, ge- 
wdhnlich auBereuropaischen Staate (z. B. China) einen Straf krieg ankunden 
oder eine Entschadigung fordern. 



Prvnnb Original from 

jy VjUU^I^ UNIVERSITY OF MICHIGAN 



DES VATERMORDES. 



miBgluckte Revolution *). Wo die Macht in den Handen des 
Hauptes des Gemeinwesens konzentriert ist, dort ist der ge- 
lungene Mordanschlag eines Pratendenten auf das Haupt 
des Gemeinwesens eine auBerhalb dem Bereiche der Straf- 
barkeit stehende Machtfrage. Da jeder andere Angriff, die 
Totung untergeordneter Personen, eine Reaktion nicht aus- 
schlofl, indem ja der Tater durch seine Tat weder selbst die 
hochste Macht erreichte, noch eine sonstige Veranderung der 
Machtverhaltnisse hervorrief, so verstehen wir, warum eben 
nur zum Schutz des Lebens des Hauplings besondere ethisch- 
religiose Praventivmafiregeln getroffen und besondere Ver- 
bote und Strafandrohungen erlassen werden. Auf jener Stufe 
der Entwicklung, wo die Familie ein vollig abgeschlossenes 
Gemeinwesen, ein kleiner Staat ist, und wo der Vater an der 
Spitze des Gemeinwesens ist, muB die Auflehnung gegen den 
Vater und der Vatermord als d as schlimmste Ver- 
brechen, als Hochverrat gelten. Auch wenn die Familie auf- 
hort, autonom zu sein, kann diese alte Rechtsauffassung ihre 
Wirksamkeit noch behalten, besonders dort, wo der hohere 
Verband, wie in Rom das Geschlecht und dann der Geschlechter- 
staat, seine Existenz dem organischen Wohle seiner Zellen, 
der Familien verdankt. 



II. dkonomische und psychologische Wurzeln des 

Vatermordes. 

Hute dich, dafl du den Vater 
nicht mordest und die Mutter zum 
Weibe nehmest. 

Das Orakel zu Delphi an Odipus. 

1st die Vaterrechtsfamilie der Staat, so ist der Vater- 
mord der politische Mord par excellence, der erste offentlich- 
rechtlich verbotene Mord. Um die Sonderstellung des Aszen- 



J ) Ware z. B. den verschworenen serbischen Offizieren im Jahre 1903 
nicht gelungen, das Konigspaar zu ennorden, so wurden sie jetzt nicht als 
Vaterlandsretter geruhmt, sondern sie waren als Hochverr&ter hingerichtet 
worden (Menger Sittenlehre 5). 



Pnnnl^ Original from 

3y v^uuglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



10 ZUR SONDERSTELLUNG 

dentenmordes und des Vatermordes im besonderen erklaren 
zu konnen, mussen wir ihn auf seine sozialen und psycho- 
logischen Wurzeln hin untersuchen. 

In erster Reihe haben wir natiirlich auf die Rechts- 
geschichte und besonders auf ihre in der Altertums- 
kunde verschwindenden Anfange zu achten. 

Aber auch aus der Gegenwart primitiver Volker konnen 
wir auf die Vergangenheit der Kulturvolker manche Schlusse 
Ziehen und darum durfen die Ergebnisse der ethnologi- 
schen Jurisprudenz nicht ubersehen werden. 

Von iiberaus grofler Bedeutung fur die Frage des Vater- 
mordes ist drittens endlich die Psychologie. Wenn die 
Naturgeschichte annimmt, daB die Entwicklung des Einzelnen 
im gewissen Grade eine verkleinerte Abbildung der Entwick- 
lung der Gattung ist, so durfen wir das auch auf das psychi- 
sche Leben ausdehnen und aus der Psychologie des Kindes- 
alters mit gewissen Einschrankungen auf das Kindesalter der 
Volker schliefien. 

Die erste Tatsache, die wir konstatieren und von der 
wir ausgehen mussen, ist die auffallend strenge Beurteilung 
des Vatermordes bei den alten Volkern. Der Pentateuch er- 
wahnt den Vatermord nicht l ), bedroht aber das Schlagen 
der Eltern mit Todesstrafe 2 ). Im altbabylonischen Gesetzbuch 
des Hammurabi 3 ) heiBt es : wer seinen Vater schlagt, dem 
sollen die Hande abgehauen werden 4 ). Bei den Agyptern war 

*) Vom Vatermord ist in der Bibel erst 1 Tim. 1, 9 die Rede (Riehm, 
HandwSrterbuch d. bibl. Altertumskunde, 1016). 

2 ) 2 Mos. 21, 15, 17. 

•) Satz 195 (vgl. Kohler-Peiser-Ungnad: Hammurabis Gesetz. — 
StooB: Babylonisches Strafrecht. Schweiz. Zeit9chr. f. Strafr., XVI, 1 ff.) 

*) Also nicht so streng, wie das alte Testament. DaB das JGesetz 
Hammurabis trotz seines patriarchalischen Standpunktes von hSheren Gesichts- 
punkten ausgeht und den Vater dem Sohne gegenuber in nicht bo hohem 
Grade bevorzugt, wie das mosaische Recht, geht auch aus den Sfttzen 155 
und 158 hervor. Wenn der Sohn bei der Hauptgattin des Vaters, die Kinder 
geboren hat, aber nicht seine eigene Mutter ist, ertappt wird, wird er aus dem 
yfiterlichen Hause vertrieben. Hingegen wird der Vater, der bei der Ver- 
lobten seines Sohnes schl&ft, ins Wasser geworfen, wenn jene mit seinem 
Sohne schon verkehrt hat. Dai er3te D9likt wird also bloB als Delikt gegen die 



Pnnnl^ Original from 

jy v^uuglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



DES VATERMORDES. U 



die hochste Strafe auf Elternmord ge3etzt l ). Die Perser haben 
sich nach Herodotos (I, 137) damit geruhmt, daB bei ihnen 
nie ein Elternmord vorgekommen sei 2 ). Nach Plutarchos 
(Romulus, 22) soil sowohl Solon, als auch Romulus den Vater- 
mord als unmoglich betrachtet haben und tatsachlich gait 
der Vatermord bei Griechen und Romern als das ultimum 
nefas. Auch das Schlagen der Eltern ist bei Griechen und 
Romern besonders hervorgehoben 3 ). Sogar die Behauptung 
uber jemanden, er hatte seinen Vater geschlagen, wurde in 
Griechenland als eine ausdrucklich bezeichnete Verbalinjurie 
betrachtet 4 ). Im chinesischen Ta Tsing lu-li sowie im japa- 
nischen Taihoritsu gehort der Elternmord zu den Verbrechen, 
>'\velche wegen ihrer enormen Hohe, ihrer Naturwidrigkeit und 
Entsetzlichkeit besonders schwere Behandlung verdienen« 5 ). 
So wie das mosaische Recht, bestraft auch das chinesisch- 
japanische Recht die Beschimpfung der Eltern, auch wenn 
sie schon gestorben sind, mit der groflten Strenge 6 ). 

Der besondere Rechtschutz der Eltern und besonders 
des Vaters hangt mit der sozialen Struktur der primitiven 
Gemeinschaft zusammen. Wo der »Hetarismus« (Promiskuitat, 
Gruppenehe) schon iiberwunden oder auch das Maternat 
durch die vaterrechtliche Familie schon verdrangt wurde, 
wird der Angriff gegen das mannliche Haupt der Familie als 
Hochverrat, als Aufstand gewertet. Bei primitiven Volkern 
finden wir oft diesen Aufstand als eingeburgerte Form der 
Herrschaftsablosung der Generationen in der Familie. Der 



Familie betrachtet, die Reaktion ist daher: Ausstofl au«? dem Familienverband ; 
im zweiten Falle ist die Strafe dffentlich, vermutlich, weil da grSBere 
offentlielie Interessen,die Rucksicht auf diekommende Generation, vorliegen. 
J ) Der Elternmdrder wurde nach vorhergegangener Verstummelung 
auf Dornen lebcndig verbrannt (Riehra a. a. O. — Saalschutz: Mosaisches 
Recht, II, 549. — Leist: Grlcoitalische Rechtsgeschichte, 12.) 

5 ) Saalschutz: a. a. O. — Leist: a. a. O., 317. 
a ) Leist: 14—16, 712—713. 

4 ) Hitzig: Injuria, 26. 

*) Kohler: Japanisches Recht. Zeitschr. f. vgl. Rechtswiss., X, 332. — 
Vgl. auch Kohler: CUinesisches Strafgesetzbuch, a. a. O., XVI11, 184 ff. 

6 ) Kohler: Jap. Recht. 



Original from 
jy ^U^glt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



12 ZUR SONDERSTELLUtfG 




stark gewordene, erwachsene Sohix verdrangt in den bra si - 
lianisehen WSIdern seinen Vater, der ihn bisher als Knecht 
behandelt hat, und der Erbprinz auf Rarotonga wirft den 
Konig im Ringkampf zu Boden und tritt so die Herrschaft 
an l ). Bei den Chippewae-Indianern totet der alteste Sohn den 
alten Vater 2 ), Aber auch bei alten indoeuropaischen Volkern, 
bei denen in den uns faistorisch zuganglichen Zeiten die vater- 
Hche Gewalt herrscht, kommt es vor, daB der Vater vom 
aufstrebenden Sohn entthront, auf das Altenteil gesetzt, even- 
ttiell auch verjagt Oder getotet wird 3 ), Diese Beispiele zeigen 
deutlich, daB es sich dort, wo die Familie ein Machtfaktor 
ist, im Gegensatz zwischen Vater und Sohn urn eine Ri- 
v a lit at handelt, Diese ist in erster Reihe wirtschaftlich 
begrundet. Der wiehtigste Bestandteil des Vermogens ist aber 
in der patriarchalischen Gesellschaft — das Weib. Die Grenze 
zwischen Ehefrauen, Kebsweibern und Sklavinnen laflt sich 
schwer ziehen, und wenn auch bei indoeuropaischen Volkern 
nur wenige Spuren darauf hinweisen* daB der erbende Sohn 
in der Kegel auch die Hauptfrau des verstorbenen oder ent- 
thronten Vaters, also auch seine Mutter als Frau ubernimmt, 4 ) 
so hat er wohl jedenfalls die Nebenfrauen, Sklavinnen, ge- 
erbt 5 ), Das Gefiihl der okonomischen undsexuellen 6 ) 
R i v a li 1 1 t r mit dem wir die Antipathie primitiver Vdlker 
gegeniiber dem Fremden begriindet haben r ist auch das ur- 
spriingliche Motiv des Vatermordes, Der Wille zur Macht 



l J Bastian: Allg, Grundzuge der Ethnologic, 46. 

T ) FlUgel: Entwickl. der BfttL Ideen. Zeitschr. f.Volkerpsych., XII, 41. 

a ) Schrader: Reallexikon, 221 ♦ — VgL auch Flugel a. a. 0. t 40, 
liber die alien Preuflen. 

*) Jedenfalls kommt in einselneu F&llen eioe Ehe zwischen Kind und 
Elternteil auch bei alten indoeuropiiischen Yylkern vor. YgL Schrader 
a. a, 0. T 908 ff. 

G ) Bei den Litauern und OstpreuBen durfte der Sohn seine Stief mutter 
herraten. Auch bei den An gels ach sen scheinen Eh en mit Stief el tern beliebt 
gewesen zu sein (Schrader a. a. O., 910). 

8 ) Es ist sehr charakteristisch, dafl Kronos seinen Vater kastriert, als 
er ihn entthront und or die Herrsehaft ubernimmt. Cber die Kastrieruug 
des iRivalen* vgl. oben S. 7. 



|f Digitized by Google 



Original from 
UNIVERSITY OF MICHIGAN 



DE8 VATERMORDES. 13 



ist die Triebfeder des Vatermordes auf primitiver Kultur- 
stufe. Kohler gebraucht gelegentlich ein Gleichnis, das — 
die Grenzen eines bloflen Gleichnisses unbeabsichtigt uber- 
schreitend — auch die tieferen biologisch-psychologiochen 
Wurzeln der Machtveranderungen, der Ablosung der Genera- 
tionen bloBgelegt: »Jedes Recht ist ein Odipus, der seinen 
Vater totet und mit seiner Mutter ein neues Geschlecht 
erzeugt* 1 ). Die Ergebnisse psychologischer Forschungen ge- 
stagen es, dieses Gleichnis in wortlicheren und konkreteren 
Sinne zu nehmen, als es auf den ersten Blick als statthaft 
erscheinen wurde. Charakteristischerweise ist die Odipussage 
auch das Paradigma, der Ausgangspunkt der psycho- 
logisohen Forschungen iiber das Verhaltnis zwischen 
Kindern und Eltern. Freud hat in der Seele des Kindes ein 
Gefiihl der Feindseligkeit gegenuber dem gleichgeschlecht- 
lichen Elternteil entdeckt. Die kindliche Sexualitat 2 ) kon- 
zentriert sich namlich auf den andersgeschlechtlichen Eltern- 
teil, so daB der Knabe dem Vater, die Tochter der Mutter 
gegenuber eine unbewuBte Eifersucht empfindet. Aus den 
Traumen der Kinder (und unter dem Einflusse infantiler Ein- 
drucke lebender Erwachsener) haben Freud und seine An- 
hanger oft den Wunsch, den gleichgeschlechtlichen Elternteil 
zu toten, herausanalysiert. Die Sage von Odipus, der seinen 
Vater totet und seine Mutter heiratet, ist eine typische 
Inzestphantasie eines Volkes 3 ). »Viele Menschen sahen auch 
in Traumen schon sich zugesellt der Mutter* heiflt es in der 
Odipustragodie des Sophokles, der damit auf jene tiefen 
psychologischen Wurzeln des Vatermordes, auf den unbe- 



') Holtzendorff- Kohler: Enzyklopftdie, I, 6. 

*) Ober die Sexualitat im Verh&ltnia zu den Eltern vgl. besonders 
Freud: Traumdeutung, 184 und verschiedene Stellen seiner pchriften, ferner 
Jung: Die Bedeutung des Vaters. — Riklin: Wunscherfullung in MSrchen, 
26 ff. — Rank: Geburt des Helden 7, 64-69, 74-79, 82, 92-93. — 
Abraham: Traum und My thus, 8—11. 

*) Auch in christlichen Legenden finden wir hfiufig analoge Inzest- 
phantasien vor. Vgl. z. B. die uber Judas, der seinen Vater erschl&gt und die 
Mutter heiratet. Rank a. a. O., 18—19. 

3 3 



Prvnnlf* Original from 

jy v^uuglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



14 ZUR SONDERSTELLUNG 

wuflten Inzestwunsch hinweist 1 ). In den Sagen und Marchen 
und auch in der Mythologie verschiedener Volker spielt die 
sexuelle Rivalitat zwischen Vater und Sohn, dem bosen Konig 
und dem jungen Helden eine so grofie Rolle, daB wir uns 
fragen miissen: warura wurden denn bei so vielen Volkern 
die inzestuosen Sexualregungen verdrangt und — mehr aus 
Not, als aus Tugend — »auf den Himmel projiziert**), da 
ja in den Religionen — wie auch Freud anerkennt 3 ) — nicht 



') Als eine Inzesttragodie mussen wir auch Shakespeares Hamlet be- 
trachten. Das so viel unistrittene Hamletproblem hat in Kohler (Shakespeare 
vor dem Forum der Jurisprudenz, 119 ff.) auch einen juristischen Deuter 
gefunden. Kohler geht ganz richtig yon der Verneinung des Goetheschen 
Standpunktes aus, der in Hamlet einen uberhaupt tatschwachen Menschen 
sieht, und nimmt ganz richtig an, daB Hamlet nur bei der Vollfuhrung der 
Rache, bei der Totung des Stiefvaters unentschlossen ist. Kohler erklart 
die Unschlussigkeit Hamlets mit dem Konflikt der alteren Rechtsanschauung, 
welche die Blutrache gebietet, und einer spateren, welche sie verwirft. 
>Hamlet ist ein Eckpfeiler in der Entwicklungsgeschichte von Recht und 
SittlichkeiU (Kohler 189). Ware diese rechtshistorische Auffassung Hamlets 
ohne weiteres richtig, so w&re es kaum zu verstehen, wie diese nur in eine 
gewisBe rechthistorische Cbergangszeit hineinpassende TragSdie durch Jahr- 
hunderte hindurch so machtig auf die Kulturwelt wirken konnte und kann. 
Wir mussen den Konflikt Hamlets in seinem infantilen Verhaltnis zur Mutter 
suchen (vgl. Freud, Traumdeutung 183). Nur dann konnen wir die unbe- 
wufiten und bewuBten Hemmungen, mit denen Hamlets Seele dem gefafiten 
Plane entgegenarbeitet, verstehen. Wenn wir die friiheren Bearbeitungen des 
Hamletstoffes rait der Tragodie Shakespeares vergleichen, tritt die groBe 
psychologische Intuition Shakespeares klar zu Tage. Die friiheren Bearbeitungen 
drehten sich urn eine politische Staatsaktion : Der Kronprinz rficht den 
Mord des Konigs an den Usurpator des Thrones. Bei Shakespeare tritt die 
Famil i en tragodie in den Vordergrund. Der Ursprung jeder Revolution ist 
die Revolution in der Familie. Shakespeares Hamlet ist ein zu philosophischer, 
ein zu viel Selbstbeobachtung treibender Mensch, um aus seinem allgemein- 
politischen Unternehmen das personlich-familiare Motiv nicht herauszufuhlen. 
Hingegen ist Laertes blind und taub dieser Etymologie der Gefuhle, dem Un- 
bewuBten gegeniiber; auf die Ermordung seines Vaters Polonius will er mit 
einem politischen Aufstand antwortrn. Das Verhalten der beiden Manner, 
deren Vater ermordet wurden, charakterisiert treffend das BewuBte und Un- 
bewuBte in der Psychologie des Revolutionars, des politischen Verbrechers. 

2 ) Abraham: Traum und My thus. 

3 ) Zwangshandlungen und Religionsubung in »Kleine Schriften*. 
2. Folge, 129, 131. 



Pnnnl^ Original from 

jy v^uuglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



DES VATERMORDES. 15 



so sehr die unterdruckte Sexualitat, sondern in erster Reihe 
andere egoistische sozialschadliche Triebe aufgesaugt werden. 
Diese Frage fuhrt uns zu Tatsachen der Soziologie hiniiber, 
die mit den volkerpsychologischen Forschungen der Freud- 
schen Schule in auffallender Weise in Einklang zu bringen 
Bind. Seit den Forschungen Morgans, Bachofens — und 
man darf mit Recht sagen, auch Kohlers — wissen wir, 
daB der vaterrechtlichen Familie ( — auch bei indoeuropaischen 
Volkern! — ) das Maternat vorausgegangen ist. Fiir das 
Verhaltnis zwischen Vater und Sohn ist eine Notiz Casars 
sehr bemerkenswert. Er berichtet de bello gallico V, 14 von 
den Briten: uxores habent .... inter se communes . . . 
parentes cum liberis f ). Selbstverstandlich muB bei derGruppen- 
ehe an der Blutschande nichts Verpontes sein. Die Ehe mit 
Stiefmuttern ist noch lange eine beliebte Sitte bei den Li- 
tauern, PreuBen und Angelsachsen geblieben 2 ). Erst mit dem 
Vatersystem ist »die Durchgeistigung des sinnlichen Verkehrs 
zum unverruckbaren Postulat geworden« 3 ). Diese »Durchgeisti- 



') Schrader (Reallexikon, 634), der Spuren einer Polyandrie bei 
indoeuropaischen Volkern leugnet, meint, diese Nachricht Casars beziehe sich 
nicht auf die keltischen Briten, sondern auf die Pikten, die Ureinwohner 
Englands. — En gels (Ursprung der Familie, 2. Auf 1., 22) meint, Casar hatte 
sich in bezug auf den Geschlechtsverkehr zwischen Eltern und Kindern geirrt. 
Engels meint, bei den Briten hfitte damals die sogenannte Punalua-Familie 
bestanden : eine Anzahl untereinander — meistens in der Seitenlinie — ver- 
wandter Manner haben gemeinsam eine Anzahl ebenfalls untereinander ver- 
wandter Frauen. — Cber die Notiz Casars vgl. auch Morgan: Urgesell- 
schaft, 361—362. — Vgl. auch Strabos Berichte uber den Geschlechtsverkehr 
zwischen Mutter und Sohn bei Arabern (16; 783), Magern (15; 735) und Hiber- 
nern(4; 201). Weitere Quellen bei Bachofen, Mutterrecht, 368. — Cbrigens 
gestatteten auch christliche (gnostische) Lehrcn den Verkehr mit der Mutter 
(Bachofen a. a. O., 385). 

*) Schrader: 910. 

3 ) Kohler: Rezensionsabhandlungen. Zeitschr. f. vgl. Rechtswiss., IV, 
267. — Engels nennt diesen ftbergang >eine der einschneidendsten Revolu- 
tionen, die die Menschen erlebt haben c (a. a. O., 31), den Umsturz des Mutter- 
rechts »die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechtest (32). — 
Bachofen: (Mutterrecht 54) sieht in diesem Cbergang den »Fortschritt vom 
stofflichen zum intellektuellen, vom physischeu zum metaphysischen Prinzip 
der Religion.* 



r^nj^nliP Original from 

VjUU^K, UNIVERSITY OF MICHIGAN 



16 ZUR SONDERSTELLUNG 

gung«, derftbergang zur patriarchalischen Eheform, beziehungs- 
weise zur Monogamie war nur mit Hilfe gewisser psychischer 
Unterdruckungen moglich, die im wesentlichen durch Recht 
und Religion, Sitte und Aberglauben besorgt wurde. Die 
Pietat gegenuber dem Vater ist ein Produkt der neuen vater- 
rechtlichen Gesellschaftsordnung. Das Wort Lafontaines fiber 
das Kindesalter: »Cet age est sans piti6« gilt — im Sinne der 
Freudschen Psychologic — nicht nur fur das Kindesalter 
des Einzelnen, sondern auch fur das Kindesalter der Volker, 
das aus der Urgeschichte hervorschimmert. Die Erziehung 
zur Pietat gipfelt im Verbot des Vatermordes und der Blut- 
schande. Diese Verbote sind par excellence religiose Verbote, 
weil sie eine intensive Triebverdrangung erfordern *)• 

Der Schutz des Vaters ist der Schutz der okonomischen 
und sexuellen Omnipotenz des Patriarchen. Der Bericht Hehns 
in seinem Werke »De moribus Ruthenorum« fiber einen jungen 
Mann, der mit Stolz erzahlte, seine Frau sei vom Batjuschka, 
seinem Vater, geschwangert worden 2 ), ist ffir die Bedeutung 



*) Welche Vorsicht einzelne V61ker zur Verhutung der Blutschande 
anwenden, beweist die Stelle aus dem Gesetzbuch des Manu, in der davon 
gewarnt wird, mit weiblichen Verwandten an einsamen Orten allein zu sein 
(vgl. Nietzsche: Werke XIV, 128, 129). Auch dem gespannten Verhaltnis 
zwischen Schwiegersohn und 8ch w iegermutter, das bei zivilisierten und 
wilden V61kern aller fiinf Erdteile (vgl. Andree: Ethnographische Para- 
lellen, 159. — Kohler: Australneger. Zeitschr. f. vgl. Rechtswiss., VII, 353. 
— Papuas, a. a. O., 375) in uberraschend ubereinstimmender Weise besteht, 
liegt die Furcht zu Grunde, »das Verbrechen der Blutschande auf sich zu 
laden, wfire es auch nur in Gedanken« (Andree, a. a. O., 161). Auf den 
sexuellen Charakter weisen einzelne Bitten deutlich hin. So mufl sich z. B. 
die Schwiegermutter bei einzelnen VSlkern sorgfiiltig mit ihrem Mantel be- 
decken, wenn sie ihrem Schwiegersohne begegnet. Anderorts durfen Schwieger- 
sohn und Schwiegermutter miteinander nur reden, wenn ein Zaun zwischen 
ihnen ist (Andree, 162, 163). — Bemerkenswert ist der alte tessinische 
Gebrauch, dafl die Mutter der Hochzeit ihrer Tochter nicht beiwohnen durfte 
(Franscini: Tessin, 249, Gemalde der Schweiz, Bd. 18). — Der Aphorismus 
»Um keine Schwiegermutter zu besitzen, mufite man sie gleich mitheiraten^ 
verratet die unbewufiten Motive der vielbesungenen schwiegermutterlichen 
Gefuhle. 

2 ) Schrader: Reallezikon 634. — Bei den slawischen VSlkern 
scheinen sich die Spuren der Rivalitat zwischen Vater und Sohn deutlicher 



Pnnnl^ Original from 

jy v^uuglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



DES VATERMORDES. 17 



des Vaters in der patriarchalischen Familie sehr bezeichnend. 
Es ist nicht ausgeschlossen, dafi auch das viel umstrittene 
jus primae noctis, das Recht des Gutsherrn auf die 
Hochzeitsnacht seiner Leibeigenen, auf die Vorrechte des pater 
familias zuruckgeht *). Auch der Gutsherr ist der »Vater« seiner 
Leibeigenen und die Monarchic, das Vaterland mit dem 
Landesvater an der Spitze, konnte eine Makrofamilie ge- 
nannt werden 2 ). Schon bei der primitiven patriarchalischen 
Familie ist nicht die Blutverwandtschaft, sondern die recht- 
liche Abhangigkeit das Wesentliche. narqp, pater bedeutet ur- 
spriinglich nicht den Erzeuger, sondern den Ernahrer, den 
Beschiitzer, den Herrn und ist mit potestas und oesirdrifj? 

bewahrt zu haben, als bei anderen indoeurop&ischen Volkern. Sehr cha- 
rakteristi&ch ist, dafi das Moment dieser Rivalitat in den Erzahlungen des 
russischen Dichters Gorjkij, der bekanntlich selbst aus dem niederen Volke 
hervorgegangen ist, hfiufig wiederkehrt. Es sei hier auf seine Erzahlungen 
>Malva% *Auf dem FloB« und besonders auf die Sage vom Tartarenchan 
und seinem Sohn< hingewiesen. In der ersten Erzahlung hat es der Sohn auf 
die Geliebte seines Vaters abgesehen, in dem Mittelpunkt der zweiten stent 
ein Liebesverhaltnis zwischen Schwiegerrater und Schwiegertochter und in 
der zuletzt genannten Sage fordert der siegreich heimgekehrte Sohn vom 
Vater seine schonste Lieblingssklavin. 

l ) Bei den Orang-Sakai auf Malakka sollen die Vater selbst das 
jus primae noctis an ihren Tdchtern besitzen (Schmidt: Jus primae noctis, 
324). Sehr hfiufig geht das Deflorationsrecht auf Konig oder Priester fiber. 
(Vgl. Bastian: Der Fetisch an der Kuste Guineas, 122.) Dabei gilt die 
sakrale Defloration (wie oben die Schwangerung der ruthenischen Schwieger- 
tochter durch Batjuschka) als »Ehre« fur die Deflorierte und ihren Brautigam 
(Schmidt, 215). Bemerkenswert sind die vielen Tyrannenmorde ( Vater- 
morde<) wegen Ausubung des jus primae noctis in Sagen und Marchen 
aller Vdlker. Mit diesem patriarchalischen Rechte hangt auch die Institution 
der »Tobias-Ehe« zusammen. Die weitverbreitete Sitte, in den ersten drei 
Nachten der Ehe Enthaltsamkeit zu uben, erhielt ihre Benennung nach dem 
biblischen Tobias, der durch diese Enthaltsamkeit dem Schicksale entging, 
wie die fruheren sieben Gatten Sarahs vom bdsen Geist getdtet zu werden. 
Hier handelt es sich naturlich urn einen mythologischen Beleg der ftber- 
lassung der ersten drei Nachte an den Patriarch (Vater, Kdnig, Priester). 
Interessant, dafi schon Jung (»Die Bedeutung des Vaters*) in anderem Zu- 
sam men hang die Tobias- Legend e mit der Frage des Vaterkomplexes in Be- 
ziehung gebracht hat. 

■) »Die Familie* — schreibt Marx — »enthalt in Miniatur alle Gegen- 
sfttze in sich, die sich spater breit entwickeln in der Gesellschaft und ihrem 

Storfer, Zttr Sonderstellung des Vaiermordef;. 2 

3 3 * 



r^rtOfilf* Original from 

jy v^uuglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



18 ZUR SONDERSTELLUNG 



verwandt *). Der physiologische Charakter des Vaters scheint 
in der patriarchalischen Familie weniger Bedeutung gehabt 
zu haben, als der rechtliche 2 ). Pater est, quern nuptiae de- 
monstrant, und der besondere ethische, religiose und recht- 
liche Schutz des Vaters gegeniiber dem Sohne ist der Schutz 
des Machthabers, eine PraventivmaBregel gegen den Hoch- 
verrat. Darum ist selbverstandlich, daB der erste Mord, der 
in der patriarchalischen Ordnung als widerrechtlich betrachtet 
wurde, der Vatermord sein muBte, so wie uberhaupt das 
erste Verbrechen das ayoc, der Hochverrat ist 3 ). "A-pc ist z. B. 
nach den Worten Kreons die Handlung des Odipus, der seinen 
Vater toteto und seine Mutter heiratete. Da in der Unter- 
driickung der Feindlichheit gegen den Vater die Verponung 
der immer mehr und mehr unbewuBten inzestuosen Sexualitat 
inbegriffen ist, so wurde die Pietatspflicht besonders lebhaft 
betont. Die Gesetzgeber des klassischen Altertums prahlten 
geradezu damit, daB der Vatermord etwas Unmogliches sei, 
als ob sie ihr schlechtes Gewissen oder das Gewissen der Ge- 
sellschaft beschwichtigen wollten. 

Wenn man den Stammbaum der modernen Deliktstat- 
bestande aufzeichnen wollte, so ware der Vatermord eher 

Staat« (En gels: Ursprung der Familie, 33). — Casar spricht im bekannten 
geflugelten Worte seinen Morder als filius an und »euriam, in qua occisus 
est (Caesar), obstrui placuit, ldusque Martius paricidium nominari (Suet 
Caes. 88, vgl. Osenbriiggen: AltrSmisches Paricidium, 67). — Der Namen 
des Augustus, der Casar racht, wird in Heraeum auf eine Statue gef&lscht, 
die Orestes, den Racher seines Vaters darstellt (Bachofen: Antiquarische 
Briefe, I, 30 ff.). Diese Verehrung des Augustus scheint ebenso den Racher des 
Landesvaters, wie den Racher des Adoptivvaters zu betreffen. 

2 ) Zur Etymologie von pater (Vater) vgl. Leist: Gr&co-italische Rechts- 
geschichte, 67, 58. — Sen r a der: Sprachvergleichung und Urgeschichle 
306, 337. — Reallexikon, 155, 903. — Prell witz : 240. — Fick: 77, 254,255 
— Im allgemeinen werden hier zwei Gruppen von verwandten indoeuropfii- 
schen Wortern angenommen : 1. pitar (sansk.), naT^p, pater u. s. w. 2. pa 
(sansk. : schiitzen, ernfihren), pati (Gebieter, Gatte), n6aiz (Gatte), ScairrfTTjC, 
potestas, pfin (slawisch : Herr) — welche beide Gruppen untereinander auch 
verwandt sind. 

a ) Vgl. Kohler: Jonsage, Zeitschr. f. vgl. Rechtswiss., V, 407 ff. und 
besonders 410 ff. 

8 ) Vgl. Schrader: Reallexikon, 662, 904 ff. 



Pnnnl^ Original from 

3y v^uuglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



DES VATBRMORDES. 19 



als Ahne des politischen Verbrechens, des Hochverrats, als 
der des Mordes zu bezeichnen. Heute kann aber nur noch die 
Psychologie des UnbewuBten den Zusammenhang zwischen dem 
sexuell gefarbten Famiiienkouflikt l ) und dem politischen Ver- 
brechen aufdecken. Eine der grofiten Epidemien politischer 
Morde linden wir in der Geschichte des russischen Nihilismus. 
Wenn wir die Memoiren des Fursten Krapotkin oder andere 
zeitgenossisehe Dokumente lesen, erfahren wir, daB die erste 
Revolution der russischen Jugend der Siebzigerjahre eine Auf- 
lehnung gegen die Familie war, und der Dichter Turgenjew 
betitelt seinen beruhmten Roman, in dem er jene, sich ihrer Mo- 
tive wie ihrer Ziele so wenig klar bewuflte, revolutionare Be- 
wegung aus der Taufe gehoben und ihr dem Namen » Nihi- 
lismus* gegeben hatte, in charakteristischer Weise: »Vater 
und Sohne«. 

III. Das rdmische parlcldium. 

Das alteste romische Gesetz fiber die Totung, das uns 
uberliefert ist, wird dem Konig Numa Pompilius zugeschrieben : 
Si quid hominem liberum dolo sciens morti duit, 
paricidas esto 2 ). Diese Bestimmung gait bis gegen das 
Ende der Republik, obschon es zweifellos ist, daB die com- 
munis opinio der spateren Republik das Wort paricidiura als 
parricidium = patricidium auffafite. Die vielumstrittene Frage, 
warum jeder Morder durch das Gesetz Sullas zum »Vater- 
morder« gestempelt wurde, hat schon zu vielen Erklarungs- 
versuchen AnlaB gegeben. Plutarchos (Romulus 22), der jenes 

*) Wenn man den Konflikt in der Familie psychologisch nicht richtig 
wurdigt, kommt man allerdings zur Ansicht, der Vatermord sei ein ganz be- 
sonders empdrendes und ganz besonders zu behandelndes Verbrechen (»Das 
Seelenleben soldier Verbrecher muB ganz eigenartig sein und sich scharf 
von Jedem anderen unterscheiden*. Kovalevsky: Vaterm6rder, Zeitschr. f. 
Krim. psych.,'314), — Liszt (Verbrechen gegen das Leben, 84 in»Vergl. Dar- 
stellung des in- und ausl. Strain*) yerneint begrundeterweise die Berechtigung 
der strafrechtlichen Qualifizierung des Aszendentenmordes. Auch der Vorent- 
wurf zu einem schweizerischen Strafgesetzbuch kennt dieses Rudiment patriar- 
chalischer Kultur nicht mehr. 

2 ) So bei Festus: Vgl. Osenbruggen, AltrSm. Paricidium 17, 18. 



Pnnnl^ Original from 

3y v^uuglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



SO ZUR SONDERSTELLUNG 



angeblich von Numa erlassene Gesetz Romulus zuschreibt, er- 
zahlt, der Grunder der Stadt hat — ebenso, wie Solon — den 
Vatermord als etwas Unmogliches betrachtet, folglich hat er 
auch keine Strafe dafur bestimmt, hingegen hat er jeden 
Mord schlechthin Vatermord (itaoav dvfipoqpovtav ircrcpoxxovtav) ge- 
nannt. Demnach hatte also der Gesetzgeber das tatsachlicher- 
weise mogliche hochste Verbrechen mit dem Namen des 
theoretisch moglichen hochsten Verbrechens belegt. Plutarchos 
und andere Schriftsteller behaupten sogar, in den ersten Jahr- 
hunderten der Stadt sei in Rom kein Vatermord vorgekommen. 
Dieses Renommieren mit den »guten alten Zeiten* beweist 
uns auf alle Falle wenigstens so viel, daB der Elternmord bei 
den Griechen und Romern auf einer gewissen Stufe der Kultur 
als das ultimum nefas, als ein iiberaus frevelhaftes Verbrechen 
betrachtet wurde. So wie aber auch wir mit einer modernen 
Hyperbel von »unerhorten« Dingen reden, ohne darunter 
wirklich »nicht gehortes* zu verstehen, so werden wir auch 
jene angeblichen AuBerungen der beiden Gesetzgeber, der 
Elternmord sei ein Ding der Unmoglichkeit, mit kritischer 
Vorsicht zur Kenntnis nehmen mussen. Der Umstand, daB der 
Vatermord zur Zeit der staatlichen Konsolidation in Athen 
und in Rom auBerst verpont war, laBt sich mit der Tatsache, 
daB der groco-italische Mythus den Vatermord mit Vorliebe 
behandelt, nach dem, was wir uber den Mechanismus der reli- 
giosen Phantasie gesagt haben, sehr gut in Einklang bringen. 
Die Gemeinschaft, beziehungsweise die herrschenden Elemente 
der Gemeinschaft, lassen ihre Interessen durch die Religion 
sanktionieren, die die als schadlich erachteten Regungen 
unterdrucken soil. Aber die Religion, die Unterdriickerin des 
Schadlichen, bietet zugleich einen Tummelplatz fur Phantasie- 
gebilde, die eben von jenen schadlichen Trieben und Wunschen 
genahrt werden. Und so absorbiert der Mythus auch jene mit 
der Fahigkeit aller primaren Regungen fortlebenden Gefuhle 
der Rivalitat gegeniiber dem Vater, so daB es uns nicht 
wundernehmen muB, wenn zur Zeit, da die religiose Zucht 
ihren Sieg in einer Staatenbildung feiert, der Gesetzgeber — 
mit selbstgefalliger Zufriedenheit oder vielleicht aus Staats- 



Pnnnl^ Original from 

jy v^uuglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



DES VATERMORDES. 21 



raison, jedenfalls aber in einer psychologisch sehr bezeichnend 
ostentativen Weise — den Vatermord als eine Unmoglichkeit 
erklart. 

Wie sollen wir uns aber erklaren, daB seit Numa jede 
rechtswidrige vorsatzliche Totung als paricidium (beziehungs- 
weise parricidium) bestraft wurde? Soil das ein Mangel der 
strafrechtlichen Differenzierung sein: wer einen freien Men- 
schen totet, soil so wie ein Vatermorder den Gottern ver- 
fallen sein? Die Ansicht, die Bestimmung des Numa habe 
bloB prozeBrechtliche Bedeutung, sie habe den Mord vor das- 
selbe Gericht gewiesen, das fur den Vatermord bestimmt 
war *), erweist sich kaum als befriedigend. 

Man hat eine ganze Reihe von Erklarungen des Be- 
griffes des altromischen »paricidiums« auf philologischer 
Grundlage versucht. 

Die alteste Etymologie hat kein Bedenken, sich der schon 
erwahnten romischen Anschauung, paricidium sei schlechthin 
patricidium, anzuschlieBen. Die Ausdehnung des Begriffes 
»patricidium« auf die Totung uberhaupt sei auf Grund einer 
Analogic 2 ) geschehen ; so wie etwa spater das Gesetz Sullas 
»iiber die Dolchmanner und Giftmischer* s ) fur alle Morder 
gelten sollte. 

Hier sei noch von den alteren Erklarungen auf die Be- 
merkungen des Joannes Lydus hingewiesen, der die Etymo- 
logien pfirentes von pario (Eltern) und parentes von pareo 
(Gehorchende, Untertanen) erwahnt, um die Bezeichnung fur 
jeden Biirgermord zu erklaren 4 ). 

Bruner und Gorius 5 ) erklaren das paricidium als 
die Totung des Hausvaters, des pater familias, der selbst- 

^Soz. B. Rei n : Kriminalrecht der Romer, 401, 405. Audi Leist: Graco- 
talische Rech tsgeschichte, 384: »Die Konstituierung des Gerichtes war an den 
sch reck lichsten, an den Zentralfall geknupft«. 

2 ) Brunnenmeister: Totungsverbrechen iui altrom. Recht, 19. 

3 ) Vgl. Hitzig: Tdtungsverbrechen im rom. Recht. Zeitsclirift fur 
schweiz. Strafr., IX, 16 ff. 

*) Vgl. Brunnenmeister 19. — Osenbruggen: Altrom. parici- 
dium, 12, tpricht von einer Borniertbeit des Lydus. 
5 ) Brunnenmeister 36 ff. 



Pnnnl^ Original from 

3y V^UUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



23 ZUR SONDERSTELLUNG 



verstandlich nicht auch der natiirliche Vater sein muB ; pater 
bedeutet ohnehin nicht den Erzeuger (genitor), sondern den 
Herrn des Hausea (vom ski\ pa, nahren, schutzen, erhalten). 
Da im alten Rom nur der Hausvater, nicht aber der zwar 
freie, aber der viterlichen Gewalt unterworfene Haussohn 
Yollburger war, so wurde nur die Totung des Hausvaters 
von Staates wegen bestraft. Die lex Numae bestimmt nun, 
es sei der Morder jedes freien Henschen, so wie bisher der 
Morder des Patriziers zu behandeln. Brunnenmeister 
will in seinen Einwendungen, die er gegen diese Erklarung 
macht, nicht zugeben, daB der romische Staat unmittelbar 
aus patriarchalisch regierten Familien hervorgegangen ist ; 
er meint, bei einer miiitarischen Yerfassung (Burgerheer) und 
in Anbetracht des Umstandes, daB die Haussohne einen wesent- 
lichen Bestandteil der Wehrmacht darstellen mufiten, laBt sich 
an ein politisches Monopol der Hausvater nicht denken. 

Den Yersuch einer Ableitung von parere caedeni, der 
entsprechend das paricidium der vollzogene if ord (im 
Gegensatz zum Versuehten) ware, verwirft Osenbruggen *) 
mit Recht als ^schwachen, hingeworfenen Einfall *. Alles f was 
wir fiber die romischen strafrechtlichen Anschauungen, be- 
treffend Versuch und Ausfuhrung, kennen, widerspricht jener 

^ Hypothese. 

Ge b a ue r *) und andere s ) vertreten die schon von 
Priscianus erwahnte und befurwortete Ansicht, daB das 
alte paricidium (spater auf Grund der Assonanz mit patri- 

j, cidium oder parenticidium verschmolzen) die Ermordung des 

par, des Rechtsgleichen, bedeute, Gemeint ist naturlich die 
Rechtsgleichheit vom Standpunkte der Gemeinschaft, nicht 
von dem des Taters, Das paricidium bedeutet die Totung des 
dem gleichen Schutzverein Angehorigen, des Familienange- 
horigen, dea Geschlechtsangehorigen, achlieBlieh des Burgers. 
Und als endlich der Staat spater Jede Totung, auch die des 
Premden bestrafte, wurde das Totungsverbrechen im all- 

■) a. a. a p 14, 

*) BrunnenraeUterbS ff. 

') Darunter audi Ltsist (vgl. Gr&co-itaL Recti tsgesch., 319, 384). 




Pnnnl^ Original from 

jy ijUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



DES VATERMORDES. 23 



gemeinen als homicidium bezeichnet und der Begriff des 
paricidium auf Verwandtenmord beschrankt. Die Gegner 
dieser Etymologie betonen in der Kegel, der Gedanke, daB 
alle Burger von Rechtswegen gleich sind, sei unromisch *). 

Auch Tobien 2 ) sieht in der ersten Silbe das par 
(»gleich«). Er deutet aber die Silbe »-cida« passiv. Also etwa : 
wer einen freien Menschen vorsatzlich totet, sei ein »Gleich- 
zutotender«. Diese interessante Hypothese, die Tobien 
iibrigens ohne den Versuch einer etymologischen Beweis- 
fuhrung aufstellt, ist philologisch unhaltbar 3 ). Ware diese 
Ableitung des »paricidium« erwiesen, so muBten wir darin 
eine Spur jener — angeblich ursprunglichsten — Talionsidee 
sehen, mit deren Namen wir die qualitativ und quantitativ 
gleiche Wiedervergeltung bezeichnen. Tobien hat sich zu 
seiner Annahme offenbar durch sein Bestreben, Analogien 
zum jiidischen und arabischen Recht zu finden, verleiten 
lassen. 

Osenbriiggen (40 ff.) dem sich auch Mommsen 4 ) 
anschlieBt, sieht in der ersten Silbe das sanskritische Element 
para = weg, ab, fort, hin. 5 ) Es ist das griechische trapa, 
welches im Lateinischen sonst zum »per« geworden ist und 
den Sinn der Worter fidus, duellio in perfidus, perduellio 
abandert. So wie perduellio den bosen Krieg, also den Burger- 
krieg, den Hochverrat bedeutet, — erklart Mommsen, — be- 
deutet paricidium die bose Totung, die Burgertotung. Das 
paricidium der lex Numae ware also : die vorsatzliche Totung 
eines freien Mitburgers (scilicet: eines Freien, der nicht der 
rechtlichen Gewalt des Taters unterworfen war). 

Brunnenmeister (101 ff.) schlieBt sich der Ableitung 
des Philologen Frohde an, der parricidium, als verscharfte 
Variante des ursprunglichen paricidium auf das sanskritische 

') So z. B. Osenbriiggen: a. a. O., 8, 9. 

2 ) Blutrache, 68. 

3 ) Osenbruggen, 10. 

4 ) Romisches Strafrecht, 612, 613. 

5 ) » Dieses Praiixum bezeichnet, dafl die Handlung, welche durch den 
Hauptteil des Verbs oder Substantivs ausgedruckt ist, auf verkehrter Weise 
geschiehtc (Osenbruggen, a. a. O., nach Pott). 



Pnnnl^ Original from 

jy v^uuglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



U ZUR SONDERSTELLUNG 



paso-s, »der Verwandte* *) (griechisch 7nj6c) zuriickfiihrt. Die 
Etymologie Brunnenmeisters wird von den neueren 
Philologen geradezu einstimmig geteilt. 2 ) Paricidium (pasi- 
cidium) soil demnach zuerst der Verwandtenmord gewesen 
sein. Durch das Gesetz Numas — meint Brunnenmeister — 
wird die Blutfreundschaft zur politischen Verwandtschaft er- 
weitert; der Imperativ (paricidas esto!) verfolgt den politi- 
schen Zweck, die fruhere Abgeschlossenheit der zum Gau ver- 
einigten Geschlechter zu beseitigen : wer einen Volksgenossen 
vorsatzlich und rechtswidrig totet, soil von nun an als Ver- 
wandtenmorder gelten. 

Keine der aufgezahlten etymologischen Ableitungen ist 
philologisch restlos befriedigend und doch haben die meisten 

— nicht nur die relativ sicherste Brunnenmeisters — 
eine gewisse rechtsgeschichtliche Plausibilitat. Es laBt sich 
vermuten, dafi der Begriff des paricidiums mehrere vor- 
historische Entwicklungsphasen erlebt hat, was eine Ver- 
wilderung des Stammbaumes zur Folge hat. Mit der Anderung 
des Verwandtschaftsbegriffes, der Struktur der Familie, 
scheinen sich mehrere Schichten auf den Begriff des pari- 
cidiums gelagert zu haben, so dali in gewissen Beziehungen 
die meisten der angefuhrten Erklarungen richtig sein konnen. 
Bei der urspriinglichen geschlechtlichen Promiskuitat konnte 
die Totung jedes alteren Geschlechtsgenossen als »Vatermord« 
gelten, da bei der Unsicherheit des Vaters, beziehungsweise 
bei dem Geschlechtsverkehr aller Manner mit alien Frauen 
innerhalb einer gewissen Gruppe jeder altere zur Gruppe ge- 
horende Mann als »Vater« — jedenfalls aber jeder mannliche 
Gruppengenosse als »Verschwagerter« (paso-s) — gelten konnte. 
Auf der Stufe patriarchalischer Organisation, die wir am 
Anfang der historischen Zeit im alten Rom vorfinden, konnte 

l ) Nacli alterer Annahme: *durch Verschwagerung verwandU. Der 
Verwandte schlechtbin bei Schrader: Sprach vergleichung u. Urgescbichte, 406. 

— Vielleicht besteht auch eine Beziehung zu pisas, mannliches Olied (pesnis, 
penis). 

*) Vgl. Schrader, a. a. O. — Reallexikon, 558. — Fick: Vergl. 
Worterbuch d. indogerm. Sprachen, I, 472. — Walde: Lateinischee etymol. 
Worterbuoh, 449. 



Pnnnl^ Original from 

3y v^uuglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



DES VATERMORDES. 25 



und muBte dieser Begriff des Verwandten-, beziehungsweise 
Vatermordes eingeengt werden, wie ja auch die patriarcha- 
lische Familie im Verhaltnis zur Blutsverwandtschaftsfamilie 
eine Einschrankung des Familienbegriffes bedeutet. DaB der 
Vatermord in der patriarchalischen Zeit fruher als jeder 
andere Mord eines Volksgenossen von offentlichen Rechtes- 
wegen strafbar war, ist aus mehreren Grunden selbstver- 
standlich. Wurde jemand aus einer anderen Sippe getotet, so 
reagierten darauf die Angehorigen des Getoteten. Totete 
jemand einen Angehorigen seiner eigenen Sippe, so strafte 
der Familienvater den Tater; wurde aber der Vater selbst 
von seinem Sohne getotet, so konnte selbstverstandlich der 
Vater selbst den Tater nicht mehr strafen, aber auch von 
einer Blutrache konnte nicht die Rede sein, da der zur Rache 
in erster Reihe Berechtigte der Tater selbst war. Wenn nun' 
der hohere Verband eine Zeitlang den Geschlechtsgenossen 
es selbst uberlieB, mit Hilfe der Blutrache und derPrivatjustiz 
des Familienvaters, die Rechtsordnung im allgemeinen auf- 
recht zu erhalten, so war er am ehesten bei der Totung des 
Familienvaters durch seinen eigenen Familienangehorigen ver- 
anlaBt, mit dem offentlichen Strafrecht einzugreifen. 

DaB spater die Bestrafung jeder Totung eines Freien an 
den besonderen Fall des Vatermordes ankniipfte, daB jede 
Totung als paricidium erklart wurde, darf uns nicht wunder- 
nehmen. In der Entwicklung des Rechtes ist ein gewisser kon- 
servativer Zug nicht zu verkennen : neuen Institutionen wird 
in der Regel nicht jene ganz neue Stelle eingeraumt, die 
ihnen theoretisch zukame, sondern sie wachsen im offent- 
lichen RechtsbewuBtsein — oft auf Grund nur sehr kleiner 
Anknupfungsflachen — in irgend eine schon bestehende In- 
stitution hinein. Da bis zur lex Numae an einen Mordtat- 
bestand — an den des Hochverrates, der indirekten Blut- 
schande, des Vatermordes — schon eine offentliche Strafe 
geknupft war, so konnte der ganz neue Tatbestand, die 
Totung eines jeden freien Menschen, f o r m e 1 1 als Erweiterung 
des Alteren erklart werden, um so mehr, da auch dieser 
altere Begriff auf einen noch alteren zuriickfuhrte, der ver- 



Pnnnl^ Original from 

jy VjUU^K, UNIVERSITY OF MICHIGAN 



26 ZUR SONDERSTELLUNG 

mutlich der Totung jedes zur gleichen hetarischen Gruppe 
Gehorenden entsprach. 

Als durch das Gesetz Sullas der Behandlung des 
Totungsverbrechens eine neue gesetzliche Grundlage geschaffen 
wurde, wurde der Begriff des paricidiums wieder beschrankt, 
und zwar auf die Stufe von Numa zuriickversetzt, aber mit 
der Anpassung an die veranderte Familienordnung, daB 
parricidium nun die Totung des Verwandten bedeutete 
(wahrend das homicidium nunmehr die Totung jedes Menschen 
war). So sehen wir Erweiterung und Beschrankung des Be- 
griffes sich abwechseln: paricidium ist in derUrzeit 
vermutlich die Totung jedes zum sozialen-ge- 
schlechtlichen Verband Gehorenden, inderpatri- 
archalischen Zeit die Totung des Vaters, seit 
Numa die Totung jedes freienVolksgenossen und 
vom Ende der Republik nur die Totung des Ver- 
wandten. 

IV. Tiersymbolik bei Bestrafung des VatermSrders 

in Rom. 

Die traditionelle Strafe, die gegen Ende der Republik 
und in der Kaiserzeit bei Vatermord, mitunter auch bei son- 
stigem Verwandtenmord in der Kegel angewendet wurde, war 
die poena cullei. 1 ) Der Morder wurde mit einem Affen, 
einem Hahn, einem Hund und einer Schlange in einen 
Sack genaht und ins Meer geworfen. 

Es ist bekannt, daB die Institution der Strafe mit der 
des Suhnopfers, also mit religioser Symbolik, mit sakralem 
Zeremoniell zusammenhangt. Auf gewissen Stufen der Kultur 
und bei gewissen Objekten ist Opferhandlung und Bestrafung 
kaum auseinanderzuhalten. Das lateinische supplicium be- 
deutet z. B. zugleich Opfer (Besanftigung der Gotter) und 
Todesstrafe. 2 ) Selbstverstandlich mussen wir in der Strafe 

l ) Vgl. Brunnenmeister, a. a. O., 19 und besonders Hitzig in 
Pauly-Wissowa: Realenzyklop&die, IV, 1747. 

a ) Vgl. Quellen und Literatur bei Makarewicz: Einfuhrung in die 
Philos. des Strafr., 241. 



Pnnnl^ Original from 

jy v^uuglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



DES VATERMORDES. 27 



und in dem Strafzeremoniell, das zur Besanftigung der durch 
das Verbrechen beleidigten Gotter dienen sollte, psychologisch 
eigentlich eine »Besanftigung« der Strafenden, des Volkes 
selbst erblicken. Das offentliche Strafen ist eine Herstellung 
des seelischen Gleichgewichtes, ein Abreagieren, 1 ) welches um 
so lebh after und mit um so komplizierteren Sublimierungs- 
gebilden (Zeremoniell) geschieht, desto verdrangter die abzu- 
reagierenden Gefiihlskomplexe im BewuBtsein des Volkes sind. 
So deutet auch die so lange erhaltene Tiersymbolik bei der 
zweifellos als Suhnopfer erscheinenden Hinrichtung des romi- 
schen Vatermorders auf verdrangte Gefiihlskomplexe des 
Volkes hin. In der Sonderstellung des Vatermordes haben wir 
angefuhrt, ist die Verponung der auf die Mutter gerichteten 
Inzestwiinsche enthalten. Und es ist wahrscheinlich, daB das 
ganze Zeremoniell der Hinrichtung mit jenen sexuellen Mo- 
menten in Zusammenhang steht 2 ). Der Vatermorder wird ins 
Meer geworfen, damit er sich mit der Mutter Erde nicht 
vereinigen kann. s ) Besonders bezeichnend ist es aber, was 

') Wenn einem Eingeborenen in Britisch Neu-Guinea irgend etwas 
firgert, kann er seinen Gefuhlen dadurch Luft machen, daB er seinen Bogen 
nimmt und in die Luft hinein Pfeile abschiefit. Schurtz: Urgeschichte der 
Kultur, 607. 

9 ) Bezeichnend ist, daB die poena cullei vorubergehond auch dem 
Ehebrecher angedroht war (Hitzig a. a. O.). 

s ) Bachofen: Mutterrecht, 31. — Es sei betont, dafl » Mutter Erdec 
nicht bloB eine poetische Redewendung ist, sondern daB die »Erde« nach 
dem Nachweis Bach of ens, des genialen Entdeckers des Mutterrechts der 
indoeuropaischen Urzeit, als Symbol der Mutterlichkeit, des Hetfirismus zu 
bestrachten ist. — Vgl. auch Hitzig: Totungs verbrechen. Zeitschr. f. schweiz. 
Strafr. IX, 41: »Dem Vatermorder werden holzerne Sohlen unter die FGBe 
gebunden, damit sein Schritt die Erde nicht entweihe*. — Der sexualsym- 
bolische Charakter der Erde in der Volkerpsychologie laflt sich durch un- 
zahligc Belege nachweisen. In der Catapatha-Brahmana wird Prajapati 
wahrend eines blutschfinderischen Aktes von Rudra durchbohrt; dabei fallt 
die Halfte des Samens auf die Erde, und so entsteht die Vegetation (Lukas: 
Das Ei als kosmogonische Vorstellung. Zeitschrift d. Ver. f. Volksk. IV. 236). 
Man vgl. dazu die Onan-Episode im Alten Testament. — Man beachte audi 
die Gleichung Weib = Acker (z. B. Manu IX. 33, Koran II. 27), dementsprechend 
Pflug, u. s. w. = Penis (besonders auf etruskischen Denkmalern). Den Ge- 
brauch von >s5en< im Sinnc »koitieren* anerkennt auch Schrader: 



Pnnnl^ Original from 

3y ^U^glt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



, 



28 ZUR SONDERSTELLUNG 

fiir Tiere mit dem Verurteilten in einen Sack genabt werden. 
Es wiirde zu weit fuhren, wenn wir im Rahmen dieser Studie 
die sexualsymbolische Bedeutung des Tieres und der einzelnen 
Tiere in der Volkerpsychologie erortern wftrden, wir wo lien 
nur einige der vielen Faden bezeichnen, die in der V61ker- 
psyche von den dem zum Tode verurteilten Vatermorder in Rom 
mitgcgebeuen Tieren zu den YOn uns friiher beriihrten sexu- 
ellen Momenten, insbesouders auch zu dem Komplex der Blut- 
achande, der Rivalitat zwischen Vater und Sohn, hlnfuhren. 

Was den Hund anbelangt, so wollen wir vor allem voraus- 
schicken, dafl er auch im deutschen Mittelalter bei dem Straf- 
vollzug eine Rolle spielte* Der Hinrichtung ging oft das 
*Hundetragen* voraus. »Der Sehimpf* — schreibt Guber- 
natis 1 ), der ubrigens immer nur sehr ungern den sexuellen 
Hintergrund der Tiervorstellungen anerkennt — »der mit der 
Strafe verbunden war, bat vielleieht eine phalli sche Be- 
deutung** 

Der Hund gilt bei verschiedenen Volkern als Symbol 
des geschlechtlich Unsittlichen. Indoeuropaische Mytlien- 
forscher geben ihn als Symbol des f reiesten Geschlechtslebens 
an 2 ). Schon fiber das Alte Testament wird berichtet: »Be- 



R^qIIox. 581. — Dttfi h5Izerne Sohlen unter den FuB des Vatermorders ge* 
bundeu waren, wird uraao verstiiudlicher, wenn wir wissen, daB der FuB 
allgemein als Penis- Symbol gilt. (Daher als Rudiment des iuB primae noctis 
das offenbar symbolise he Reeht der Gutslierren seinen entbl5Bten FuB ins 
lira ut bet t der Leibeigeneu zu legen, Schmidt: Jus primae noctis 54, 2&0, 
283, 284). Wie stark das erotische Moment bei der Auffassung der Beziehung 
zwischen FuB und Erde zum Durchbrueh gelangt, zeigt die Sitte im kaiser- 
lichen Rom, den Schuh mit erotiseben Emblemen zu schuuicken (Ma tie ra- 
ta erg: KulturbUder aus dem untergehendeu Rom. Zeitscbrift f. Kult*Gesch. 
VIII. 129), Sartori fuhrt fur die folk lor istisehe Auffassung uioderner 
Vdlker, daB der FuB die Erde befruchtet, unzfiblige Queilenbelege au. — Dies 
a lies maeht es z we i felloe, dafl es sich bei unserem Hinrichtungszeremoniell 
darum haudelte t zu verhindern, daB der Vatermorder mit der » Mutter « in 
Beruhrung gerate* 

*) Tiere in der indogerm, Mjtbol,, 369. 

*) Bachofen: Antiqu. Briefe, I, 85, — »Im Armenischen bedeutet 
sun Hund und Ehebrecber, offenbar, well dieses Tier wie im Indiscben fur 
den Inbegriff der Schamlosigkeit gilti (Scltrader: Reallex, 158), — Die Be- 



f^rtnnlf* Original from 

jy ijUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



DES VATERMORDES. 29 



kannte, auffallende AuBerungen der Geilheit (des Hundes) 
wahrend der Brunstzeit veranlaBten, daB feile, zu wider- 
natiirlicher Wollust sich entwurdigende Mannsbilder geradezu 
Hunde genannt wurden* 1 ). Die Ungeniertheit des Hundes bei 
der Paarung hatte zur Folge, daB man ihn in Griechenland 
und Rom von gewissen heiligen Statten und Festlichkeiten 
ausschloB 2 ). 

Eine Anzahl von Belegen fur die »Beziehung des Hundes 
zur gebarenden Mutterlichkeit« bei den klassischen Volkern 
wird von Bachofen 3 ) angefiihrt. Bemerkenswert ist femer 
auch, daB x6a>v in der griechischen Dichtkunst haufig im Sinne 
von vagina gebraucht wird 4 ). 

Charakteristisch ist, daB die altindischen Alpdamonen, die 
Gandharven und Rakshas, die, die Gestalt des Bruders oder 
Vaters annehmend, als priapische Buhlgeister Weibern 
nachstellen, Affen und Hun den verglichen werden 5 ). Alp- 
damonen (zweifellos Produkte sexuellbedingter Angsttraume) 
nehmen auch sonst haufig Hunde- oder Affengestalt an 6 ). 

Sehr interessant ist es auch, zu erfahren, daB in der 
Gegend von Arezzo noch heute der Glaube herrscht, daB, 



deutung von Hand als »Ehebrecher« gewinnt fur una an Wert, wenn wir 
erfahren, daB Apollo einen Thessalier, der seine Mutter beschlief, in 
einen Geier umwandelte, »welcher Vogel von der Sprache der Ehebrecher 
genannt wird*. (Nork. Etym.-symb.-mythol. Realwdrt I. 21). Man beachte 
eben, daB auf gewisser rein patriarchalischer Stufe als frevelhafter Ehebruch 
nur Blutschande, Verkehr zwischen dem physiologischen oder nur recht- 
lichen Sohne und dem Weib des Patriarchen, in Betracht kommen konnte. — 
Bemerkenswert ist das Gestandnis eines Neurotikers : »Mir ist die Geschichte, 
daB die Mutter sich vom Sohne begatten l&Bt, nie ungeheuerlich erschienen. 
Bei Hun den z.B. ist das ganz gewdhnlich.« (Sadger im Jahrb. f. psycho- 
analyt. Forsch. II, 108.) 

*) Riehm: Handw6rterb. d. bibl. Altertumskunde, 647. — Vgl. 5 Mos. 
23, 18. 

») Keller: Antike Tierwelt, I, 97. 

*) Mutterrecht, 11, 129 und besonders 292. — Die aztekische Geburts- 
gottin hieB »Hun din- Mutter* (Steinthal: Zeitschr. f. V51k. psych. VII. 310). 

4 ) Keller: a. a. O., 98. 

s ) Roscher: Ephialtes, 92. 

8 ) Ebendort, 8. 



3 ^ 



Pnnnlf* Original from 

jy ^U^glt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



30 ZUR SONDERSTELLUNG 



wenn eine Wolfin Junge bekommt, sich unter diesen immer 
ein Hund befindet, der, am Leben gelassen, alle JVolfe aus- 
rotten wurde 1 ). Wir werden auf die Bedeutung dieses ge- 
fahrlichen »Hundesohnes«, die mit dem von Rank analy- 
sierten Mythus von der Geburt des Helden zusammenhangt, 
noch zunickkommen, wollen vorerst aber noch den iibrigen 
drei Tieren unsere Aufmerksamkeit zuwenden. 

Der Hahn gilt auch heute noch als Symbol der Mann- 
lichkeit; wir kommen auf seine symbolische Beziehung zu 
Teufel und Feuer noch zuriick und weisen nur auf die be- 
zeichnende Bemerkung Ciceros in der Rede pro Murena hin : 
bei den Alten beging der, der ohne Not einen Hahn totet, 
keine geringere Siinde, als der, der seinen eigenen Vater er- 
wiirgte. Interessant ist die Erzahlung im Pentamerone II, 9. 
Da befiehlt die Konigin, die Hahne der Stadt zu toten, weil 
sie, solange Hahne krahen, unfahig ist, ihren Sohn wieder- 
zuerkennen und zu umarmen 2 ). 

Die sexualsymbolische Bedeutung der Schlange, die 
ubrigens von den erwahnten vier Tieren in den Rechtsquellen 
am haufigsten genannt wird 3 ), ist zur Genuge bekannt. Die 
Schlange stort in der Bibel das kindliche Verhaltnis des 
Menschen zu Gottvater, sie (die Sexualitat) ist die Ursache 
des Hochverrates des ersten Menschenpaares, der Auflehnung 
gegen Gottvater. Cbrigens ist Eva nach dem Talmud auch 
mit der Schlange selbst in Geschlechtsverkehr gestanden 4 ). 
Nagalata (Kletterschlange, Schlangenkriecher) ist ein indischer 
Namen des Phallus. Naga bedeutet Vereinigung in Weise 
von Schlangen, welche ihren Korper aufeinander legen. Der 
coitus wird im Tuti-Name auch Schlangenspiel genannt 5 ). Die 
Beispiele fur den erotischen Inhalt des Schlangenkultus 6 ) bei 



2 ) Gubernatis, a. a. 0., 364—365. 

2 ) Ebendort, 558. 

3 ) Hitzig, bei Pauly-Wissowa a. a. O. 

*) Kohut: Judisclie Angelologie und Damonologie, 66. 
5 ) Gubernatis, 645. 

a ) Die romischen Damen sollen mit den Schlangen sehr »kuriose 
Spielereien* getrieben haben (Nagele: Zeitsehr.f.Volkpsych. XVIII, 274— 275). 



Pnnnl^ Original from 

3y ^U^glt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



DES VATERMORDES. 31 



verschiedenen Volkern aller Erdteile lieBen sich ins Unend- 
liche aneinanderreihen. Es soil hier nur daran erinnert sein, 
dafi die Schlange in den erotischen Phantasien der ganzen 
mittelalterlichen Asketik und auch heute noch nach uberein- 
stimmendem Zeugnis von verschiedenen Schulen angehorenden 
Arzten bei Neurosen eine groBe Rolle spielt. Geisteskranke 
Frauen meinen oft, daB ihnen Schlangen in den Mund oder 
in das Genitale kriechen 1 ). Das Symbol ist zu durchsichtig, 
urn einer Erklarung bedurftig zu sein. 

Den Affen haben wir als Buhlteufel, als Alpdamon 
schon erwahnt. Wie der Hund, so stellt auch der priapische 
Affe in der Gestalt des Bruders oder Vaters den Weibern 
nach 2 ). Bezeichnend ist, daB bei den alteren griechischen 
Kunstlern die Hauptmerkmale des Pavians zur Gestaltung der 
Satyre verwendet wurden 3 ). Der sexuelle Gehalt des Sa- 
tyrenglaubens (Pan, Faune), der die Walder mit halbtierischen, 
geilen Don Juans bevolkert hat, ist bekannt; heute mehr als 
je, da die moderne bildende Kunst (Bocklin, Stuck u. a.) mit 
Vorliebe auf jene Sujets zuriickgreift. Esist auch wahrscheinlich, 
daB uralte Erinnerungen an Geschlechtsverkehr mit Affen, 4 ) 
vielleicht aus sodomischen Traumata resultierende Angst- 
hysterien, jedenfalls aber die verdrangte Sehnsucht nach dem 
fruher durch das Paternat noch nicht geregelten und be- 
schrankten freien Geschlechtsverkehr die Wurzel des Satyren- 
glaubens bilden. Es ist bemerkenswert, daB der geile Halb- 
bock Pan auch der Gott des Alptraumes, dieses typischen 
Angsttraumes mit grob erotischer Hallucination, ist. Obrigens 

') Abraham: Traum und My thus, 20. — Bechterew (Bedeutung 
der Suggestion, 64) spricht geradezu von einer >Reptilienbesessenheit«. 

') Roscher: Ephialtas, 92. 

») Keller, a a. O., 5. 

*) Cber Notzfichtigung von Mftdchen durch Gorillas und Orangutans 
und auch fiber freiwilligen Verkehr mit Affen vgl. Ploss- Bartels: Das 
Weib 1. 323. An gleicher Stelle auch fiber Sodomie mit dem heiligen Bock 
in Mendes und mit Hunden. — Vgl. dazu auch das reiche Material fiber 
zweifelhafte Vergnfigungen vornehmer Damen mit Affen und Hunden im 
gal an ten Zeitalter bei Andreae: Das Rokoko und die Hunde (Arch. f. Kult.- 
Gesch. 1909. 272 ff.) 



Pnnnl^ Original from 

3y ^U^glt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



32 ZUR SONDERSTELLUNG 



scheint auch der sexuelle Verfuhrer der jiidisch-christlichen 
Mythologie (Satan, Buhlteufel) mit den Satyren (Pan) wesens- 
verwandt zu sein. 

Der Teufel, der Pan des Mittelalters, steht ubrigens 
auch mit anderen der von uns behandelten Tiere in volker- 
psychologischer Beziehung. DerHahn ist nicht nur der treue 
Diener des Teufels oder auch anderer Damonen (auch von 
Ehebrechern), indem er die Ankunft des Morgens, vor 
dem jene sich fluchten mussen, ankundigt, sondern der Teufel 
selbst verwandelt sich im Volksmarchen auch oft zum Hahn. 1 ) 
Der Teufel nimmt ubrigens auch Hundegestalt ah 2 ). In 
Ungarn sagt das Volk noch heute, im roten Hund stecke der 
Teufel. Fiir die Beziehungen des Teufels zu den bei der 
Paricidium-Suhne verwendeten Tieren ist bemerkenswert, 
daB der Teufel der Emporer gegen Gott vater ist. Nicht nur 
beim Sundenfall. Der Satan ist es ja, der nach dem judischen 
Mythus Isaak zur Auflehnung gegen seinen Vater, der ihn 
toten sollte, verfuhren wollte 3 ). 

Bezeichnend ist ferner, daB die behandelten vier Tiere 
insgesamt in symbolischer Beziehung stehen zur roten Farbe 
und zum Feuer, die beide pronunzierte und allgemein an- 
erkannte Symbole der Liebe (Erotik) und der Emporung 
(Revolution) sind. DaB nach ungarischer Volksanschauung im 
roten Hund der Teufel stecke, haben wir schon erwahnt. Der 
rote Hahn ist das Symbol des Feuers. Schlangen (Drachen) 
und Hunde (Kerberos) speien im indoeuropaischen Mythus oft 
Feuer. Die Erzeugung des vedischen Feuers 4 ) durch Schlangen, 

*) Im Volksaberglauben tragt der Teufel oft Hahnenfedern. Im Talmud 
besucht der Liebesteufel Asmodi die Weiber Salomos in Pantoffeln, damit 
man seine Hahnenfufie nicht sieht (Nork a. a. o. II. 137). Hier liegt auch 
der Weg zur Erklarung des judischen Suhnezeremoniells am Vorabend des 
Versohmungsfestes, bei der der Hahn an die Stelle des ebenfalls sexuell ubel 
beleumundeten Bockes (Siindenbock) getreten ist. 

2 ) R os cher, 16. — Vgl. des »Pudels Kern* im »Faust«. 

*) Kohut, a. a. O., 68. 

4 ) Vgl. die Analyse der Prometheussage bei Abraham, 26 ff. — »Der 
grofiartige und hochpoetiscbe Mythus von Prometheus verdankt seinen Ur- 
sprung den niedrigsten Vergleichen* (Gubernatis, 369). —Vgl. auch Cohen: 
Zeitschr. f. Volkerpsych. VI, 114— 115 und 213—214. 



Pnnnl^ Original from 

3y v^uuglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



DES VATERMORDES. 33 



die ihre Korper aneinanderreiben, ist eine ausgesprochen ero- 
tische Phantasie , ). Die rotliche Farbe des Affen wurde in 
Indien als charakteristisch betrachtet 8 ). Goldrot war auch 
der Affe Hanumant des altindischen Mythus, dessen Schwanz, 
der meisl geschatzte Korperteil, mit Fett angestrichen und 
angezundet wurde, und der mit seinem brennenden Schwanz 
eine ganze Stadt in Flammen setzt 3 ). Dieses Bildnis »mit dem 
brennenden Schwanz eine Stadt in Brand setzen* ist auflerst 
typisch. Er soil die Gefahrlichkeit der sich auflehnenden 
Sexualitat fiir die das Mutterrecht schon uberwindende Gemein- 
schaft ausdrucken. Der Geburt des Helden (d. h. des Ober- 
winders des Patriarchen, des tyrannischen Konigs, also in 
sublimierter Weise des Vaters) geht im Mythus haufig ein 
Feuertraum bevor. Hekabe, die Mutter des Paris, der die 
Ursache von Trojas Ende wird, traumt, sie werde ein brennendes' 
Holzstuck gebaren, das die Stadt in Brand setzen wird. Die 
Mutter des heiligen Dominikus hatte wahrend ihrer Schwanger- 
schaft im Traume einen Hund gesehen, der einen die Welt 
in Flammen setzenden Feuerbrand trug (G u b e r n a t i s). Am be- 
zeichnendsten ist aber der schon erwahnte arezzinische Volks- 
glauben, der Hund unter den Jungen der Wolfin rotte die 
Wolfe aus. Der Hundesohn, der Sohn, dessen Geburt durch 
den Feuertraum angekundigt wird, ist fur die patriarchalische 
Rechtsordnung gefahrlich 4 ) ; er wird in der Kegel ausgesetzt, 
aber die Inzestphantasie verhilft ihm im Mythus haufig doch 
zur Totung des Vaters und zur Erlangung der Mutter. 

Dadurch, dafl Hund, Hahn, Affe und Schlange mit dem 
Vatermorder ins Meer geworfen wurden, dadurch, daB ihre 

') Gubernatis, 645. — Hier sei auch bemerkt, daB das Ratira- 
hasbya des Kakokka, cines der beruhmtesten Werke der erotischen Literatur 
in Sanskrit, als ein Mittel, den Orgasmus der Frau zu erzielen, die Be- 
streichung des weiblichen Genitals mit dem Penis eines roten Affen angibt 
(Schmidt: Beitrage zur ind. Erotik, 884). 

l ) Gubernatis, 4t7 ff. 

•) Ebendort, 420, 421. 

4 ) Man vgl. die Sitte dor Dajaks auf Westbornco das Kind zu t5ten, 
wenn der Vater vor dessen Geburt schlecht getrftumt hat (Kohler: Dajaks. 
Zeitschr. f. vgl. Reclasw., XXII, 303). 

St or for, Zur Sondttstellung <iet Yalermordcf. 3 



Pnnnl^ Original from 

jy v^uuglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



34 ZUR SONDERSTELLUNG DES VATERMORDES. 



Vereinigung mit der Muttererde verhindert wurde, sollte also 
die Emporung gegen die patriarchalische Gewalt, die Auf- 
Iehnung gegen die sexuelle Omnipotenz des Vaters, der psycho- 
logische Ruckfall in den Hetarismus gerichtet und gesiihnt 
werden. 



K. u. K. Hofbuchdruck«rei Karl Prochaska In Teachen. 



Pnnnl^ Original from 

jy ijUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



f^rw-uili? Original from 

^ uu 6 lL UNIVERSITY OF MICHIGAN 



f^rw-uili? Original from 

v,w 6 lL UNIVERSITY OF MICHIGAN