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Full text of "Über Nachtwandlen und Mondsucht. Eine medizinisch-literarische Studie"

SCHRIFTEX ZUR ANGEWAX'DTEN SEELEXKüNDE 

HEBAUSOEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 
SECHZEHNTES HEFT 



• • 



ÜBER NACHTWANDELN 
UND MONDSUCHT. 



EINE MEDIZINISCH-LITERARISCHE STUDIE 



VON 



DR- J. SADGER, 

NEBTENARZT IN WIEN. 




LEIPZIG und WIEN 1914 

KRAUS REPRINT 

Nendeln/Liechtenstein 

1970 



r^r\onlf* Orfgfnaffrom 

:)y V.iUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Reprinted by permission of 
SIGMUND FREUD COPYRIGHTS LIMITED, London 

KRAUS REPRINT 

A Division of 

KRAUS-TH0M50N ORGANIZATION LIMITED 

Nendeln/Liechtenstein 

1970 

Prinled in Germany 
Lessingdruckerei Wiesbaden 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Einleitung. 

Unter Schlaf- oder Nachtwandeln, lateinisch Noctambulis- 
mus (besser als das mehrdeutige Somnambulismus), versteht 
man gewöhnlich, daß eine Person in der Nacht und anschei- 
nend schlafend sich vom Lager erhebt, mit geschlossenen 
oder halboffenen Augen, aber innerlich nicht schauend, herum- 
geht, dabei allerlei anscheinend zweckmäßige und oft recht 
komplizierte Handlungen ausführt und endlich auf Fragen 
korrekte Antworten gibt, ohne nachher von ihrem ganzen 
Reden oder Gehaben das geringste zu wissen. Geschieht 
dies alles gerade zur Zeit und unter der Wirkung des Voll- 
mondlichtes, dann spricht man von Mondsucht oder Lxmatis- 
mus. Unter dem Einfluß des Himmelsgestirns soll der Mond- 
süchtige von seinem Lager förmlich aufgezogen werden, oft 
starr in den Mond schauen, sich zum Fenster stellen oder 
dort hinaussteigen, »mit nachtwandlerischer Sicherheit« auf 
das Dach hinaufklettern und dort herumspazieren oder, ohne 
irgendwie anzustoßen, ins Freie gehen, kurz gleichfalls zu- 
sammengesetzte Handlimgen ausführen. Gefährlich sei es nur, 
den Wandelnden beim Namen zu rufen, denn dann werde er 
nicht bloß auf der Stelle wach, sondern falle vor Schreck auch 
manchmal um oder stürze gar ab, wenn er sich gerade in 
der Höhe befinde. Auch hier bestehe nachträglich absolute 
Amnesie ; auf eindringliches Befragen werden die Erinnerungs- 
lücke ebenso wie die Gründe für posthypnotisches Tun durch 
Konfabulieren zu ersetzen gesucht. Weiters wird vermeldet, 
daß dem Nachtwandeln stets ein besonders tiefer Schlaf 
vorausgehe, ja, daß es überhaupt nur in diesem möglich. 
Man finde es häufiger bei Kindern bis inklusive des Puber- 

Sadger, Über Nachtwandeln und Mondsucht. 1 

f^nonl^ Orrgmaffnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



2 ÜBER NACHTWJ 

tätsbeginns als bei Erwachsenen. 
der Mondsucht fall© oft mit dem 1 
zusammen. Nach einem weitverbr« 
soll die Mondsucht bei Mädchen e: 
Betreffende ihr erstes Kind bekom 

Es fällt mir auf, dal! eine wi 
dieser Probleme so gut ivie gar ni 
Psychiatrie, soweit sie überhaupt Ke 
gnügt sich mit Krafft-Ebing, das 
kraokheit«' zu heißen, *wahrsche: 
anderer Neurosen : Epilepsie, Hyste 
führlicher ist die ältere Literatur, 
reiche Kasuistik^ sondern sucht aucl 
logischen Zuteilung noch Erklärung 
die Sicherheit beim Klettern an 
abgeleitet, daß der Nachtwandiei 
dahergeht, auf diese Weise die G- 
Schwindel kennt und obendrein nc 
Muskelsinn verfügt. Die Phänome 
der Mondsucht werden, soviel ich 
krankhaft zugegeben, aber dennoc 
fiziert mit analogen Äußerungen 
Auch für die Träume des letzterei 
Träumen des oberflächlichen Schlaf 
Es komme entweder nur zu bloße 
Weinen, Schmatzen^ Sichherumwei 
lieh zu komplizierteren Handlung 
des Bettes anheben. Die nächste 
Nachtwandeln zu ähnlichen Sympt 
hypnotischen Somnambulismus* E 
versuche einzuwenden, daß wir l€ 



^) Lehrbuch der gerichtlichen Psjohc 
") Ala die wichligstcn Quellen führe 
einer wissenschaftlichen Begründung der Fa 
BeiBpielen) ; Heinrieh S p 1 1 1 a^ *Die Schlaf- ut 
Seele^:, 3. Aufl. 188S (mit reichlicher 1L^% 
Ihnen fußend L» Lowenfeld, »Somnambi 
fragen des Nerven- und Beelenleheofi^ 



3yG0( ' 




UND MONDSUCHT. 



motorischen Traumphänomene gar nichts wissen und daß es 
auch mit dem Verständnis des hysterischen und hypnotischen 
Somnambulismus recht schlecht bestellt ist. Noch weniger 
weiß die Wissenschaft zu sagen von dem Einfluß des Mondes 
auf das Nachtwandeln. Die Autoren helfen sich darüber hin- 
weg, indem sie jene Wirkung einfach — leugnen, wobei sie 
als Hauptargument vorbringen, daß viele Nachtwandler von 
ihren Anfällen ebenso in dunklen, wie in mondhellen Nächten 
heimgesucht werden und auch beim Schlafen in Räumen, in 
die kein Strahl des Mondlichtes dringen kann. Ja, Spitta 
erklärt geradezu: »Die vielbesprochene imd umdichtete , Mond- 
sucht' ist eine Legende, welche mit den bisher beobachteten 
Tatsachen in Widerspruch steht. Daß die Phantasie des deut- 
schen Volksgemüts das bleiche, geisterhafte Licht des Voll- 
monds in ihren Bereich zog und allerlei Wunderbares von 
ihm zu berichten weiß, will demgemäß für uns nichts beweisen.« 
Ich kann da nur sagen, daß zehn negative Fälle nichts gegen 
einen einzigen positiven bedeuten und tausendfältige Erfah- 
rung einen gewissen Zusammenhang zwischen dem Vollmond- 
licht und gerade den kompliziertesten Formen des Nacht- 
wandelns unzweifelhaft dartut. 

Aber nicht bloß die Wissenschaft, auch die Poeten, unsere 
besten Seelenkenner, welche die Probleme des Nachtwandeins 
und der Mondsucht doch reizen müßten, schon um ihrer tief- 
gründigen Absonderlichkeit willen, gingen ihnen anscheinend 
aus dem Wege. Aus der ganzen schönen Literatur könnte 
ich nur nennen : Shakespeares »Macbeth«, Kleists »Prinz 
von Homburg«, die Novelle »Maria« von Otto Ludwig, ^Das 
Sündkind« von Anzengruber, »Jörn Uhlc von Gustav 
Frenssen und »Aebelö« von Sophus Michaelis.^) Endlich 
hat noch Ludwig Ganghofer in dem autobiographischen 
»Lebenslauf eines Optimisten« sein eigenes Nachtwandeln kurz 
gestreift imd Ludwig Tieck seiner leidenschaftlichen Liebe 
zum Nachtgestim an verschiedenen Stellen seiner Werke einen 



^) Den Text zu BelliniB «Nachtwandlerinc kann man wohl nicht gut 
zur Literatur rechnen, ebensowenig wie Theodor Mundts Märchennovelle 
»Lebensmagie, Wirklichkeit und Traum«, welch letztere ich übrigens anhangs- 
weise im Texte bespreche. 

2 3* 1* 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



ÜBEE NACHTWANDELN 



schwärmerischen Ausdruck gegeben. Eine nennenswerte Rolle 
jedoch spielen jene Probleme nur in der »Maria« imd in 
»Aebelö«, während in den andern genannten Schöpfungen sie 
eigentlich nur als Aufputz dienen und episodischer Zierat. 
Gründe für diese seltsame Zurückhaltung weiß ich nicht zu 
sagen, man müBte denn annehmen, daß bedeutende Dichter 
davor zurückschrecken, an Fragen zu rühren, die ihnen selber 
so wenig durchsichtig sind. 

Die Erwartung lag nahe, daß die psychoanalytische 
Methode, die das Unbewußte so trefflich durchleuchtet, auch 
die Frage des Schlafwandelns und der Mondsucht weitgehend 
aufzuklären vermöchte. Nur unterzieht man sich leider wegen 
Mondsucht nicht leicht einer so kostspieligen, zeitraubenden 
Kur, so daß man die erhoffte Aufklänmg höchstens als Neben- 
gewinn bei den Psychoanalysen von Neurotikem bekommt. 
Das ist mir nun tatsächlich zweimal geglückt, während ich 
bei ein paar anderen Fällen, Kranken imd sonst gesimd Ge- 
bliebenen, den Schleier nur ganz wenig lüften konnte. Was ich 
da erkxmdete, werde ich im folgenden ausführlich erzählen. 

Einen Gesichtspunkt will ich noch vorausschicken. Aus 
der Fülle von Fragen, die mit unseren Problemen zusammen- 
hängen, scheinen mir zwei hervorzustechen. Vorerst nach 
der motorischen Seite : Warum schläft der Nachtwandler, der 
sich angeblich eines besonders tiefen Schlafes erfreut, nicht 
ruhig weiter und verarbeitet die Komplexe seines Unbewußten 
etwa im Traum, eventuell mit Reden oder Bewegtuigen in 
diesem, sondern wird emporgerissen und zum Herumgehen 
und allerlei komplizierten Handlungen getrieben ? Ist doch eine 
der wichtigsten Aufgaben des Traums, das ruhige Weiter- 
schlafen zu ermöglichen. Und dann zum zweiten: Welcher 
Wert und Bedeutung kommt eigentlich dem Monde und seinem 
Lichte zu? Diese beiden Hauptfragen wird jede Theorie beant- 
worten müssen, die der Fi^age des Nachtwandeins und der 
Mondsucht gerecht werden will. 



, .OOgle UJSßüLLIOF MICHIGAN 




UND MONDSUCHT. 



I. Medizinischer Teil. 

Fall 1. 

Vor mehreren Jahren behandelte ich eine damals 22- 
jährige, ausnehmend libidinöse Hysterika aus einer von Vaters 
wie von Mutters Seite schwer degenerierten Familie., Alkoho- 
lismus und Epilepsie sind mit Sicherheit beiderseits bis in die 
dritte Aszendenz zu verfolgen. Die Schwester des Vaters ist 
geisteskrank, die Mutter der- Patientin in ihrer Jugend Bett- 
nässerin und mondsüchtig gewesen. Diese Mutter zeichnet 
sich gleich ihrem Vater, wenn er betrunken war, durch Grau- 
samkeit und Lust am Schlagen aus, Eigenschaften, die sie 
nach unserer Patientin bisweilen fast jeder Besinnung berau- 
ben und im Zorn an Raserei grenzen. Die Kranke selber war 
als jüngstes Kind der verzogene Liebling beider Eltern ge- 
wesen und von diesen gern morgens zum Spielen ins Bett 
genommen worden, bis in ihr 7. Lebensjahr hinein. In den 
ersten drei Lebensjahren schlief sie auch immer zwischen den 
Eltern, am liebsten auf der inneren Kante eines der beiden 
Betten und mit gespreizten Beinen, so das Wort ihrer Mutter 
erfüllend: >Ein Fuß gehört mir und einer dem Vater!« Am 
stärksten jedoch zog es sie zur Mutter, an der sie sich früh 
schon geschlechtlich erregte — wenn ihren Angaben zu trauen 
ist, schon im ersten Lebensjahr, während sie, an der Brust 
der Mutter saugend, auf deren Schöße saß. Bald hatte die 
Kleine auch gelernt, daß, wenn man krank sei, man neue 
Spielsachen erhalte und vor allem besonders viel Liebkosungen 
und Zärtlichkeiten, weshalb sie- sich auch öfters absichtlich 
krank stellte oder von schwarzen Gestalten und Fratzen 
phantasierte, die sie gar nicht sah, nur um die Mutter zu 
zwingen, bei ihr zu bleiben und besonders lieb und zärtlich 
zu sein. Schon im zweiten Lebensjahre will sie sich ferner 
geflissentlich im Bett brecht lieb« hingelegt haben, um Vater 
und Mutter zu gefallen und geschlechtliche Lust dafür zu 
ernten. Der Vater ließ sie dann auf seinen Knien reiten, 
streichelte sie ad nates und küßte sie leidenschaftlich auf die 
Lippen. Noch höher aber stieg die Lust bei der Mutter. 



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ÜBER NACHTWANDELN 



War diese gut aufgelegt und die Kleine wieder recht 
lieb gewesen, dann durfte sie zu ihr unter das Feder- 
bett kriechen und sich recht fest an deren Körper 
anschmiegen (»wie eine Schlange anwinden«). Bei den 
drallen Formen der Mutter schuf ihr dies außerordentliche 
Lust, ja, führte nicht selten sogar zur Auspressung von 
Sekret aus dem Cervix uteri. (»Das Gute kommt«, wie 
sie es nannte.) 

Von pathologischen Affektionen ihrer Kindheit erwähne 
ich als zu meinem Thema gehörig Fraisenanfälle und Enuresis 
nocturna. Patientin hatte im ersten Lebensjahre tatsächlich 
eine Gehirnerschütterung erlitten (durch Angeschleudertwerden 
an eine Ziegelwand) mit folgenden organisch-eklamptischen 
Attacken. Die große Liebe, die sie dabei erfahren, bewog 
sie auch später, jene Fraisenanfälle hysterisch zu imitieren. 
Als sie z. B. im vierten Lebensjahre in einem Kinderbett 
schlafen sollte, also nicht mehr zwischen den geliebten Eltern, 
produzierte sie alsbald Angstzustände, in denen sie Fratzen 
und Hexen sah, wie im Beginn der eklamptischen Attacken, 
worauf sie die erschreckte Mutter wieder zu sich ins Bett nahm. 
Auch späterhin fing sie oft zu stöhnen und zu lamentieren an, 
damit sie die Mutter, die vermeintlichen Fraisen zurückzuhalten, 
in ihre Arme nehme, worauf sie sich nach Herzenslust erregen 
koimte. Wie sie berichtet, preßte sie auf dem Gipfel des 
Orgasmus ein Sekret aus, ihr Körper begann sich in Zuckun- 
gen zu winden, sie wurde hochrot im Gesicht, verdrehte die 
Augen und die Sinne schwanden ihr fast vor lauter Wollust. 

Von ihrer Enuresis, beziehungsweise Urethralerotik er- 
zählt Patientin: »Wenn ich mich an dem Schenkel der Mutter 
oder des Bruders begeilte, so kam nicht bloß ,Das Gute', 
sondern häufig auch Urin mit. Mit acht Jahren etwa stellte 
sich oft ein enormer Harndrang, namentlich nachts ein, der 
mich zum Bettnässen veranlaßte, was aber wohl dem Wunsche 
entsprach, nicht Urin, sondern dasselbe Sekret abzusondern 
wie mit zwei, drei Jahren, als ich mich an der Mutter so wahn- 
sinnig erregte, namentlich wenn ich beim Liegen im Bett 
ihren Schenkel zwischen meine schob. Trotz aller Vorwürfe 
und Strafen konnte ich es nicht lassen • Am sonderbarsten 



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UND MONDSUCHT. 



war, daß ich meist, wenn ich Harn ließ, aufwachte, aber vor 
lauter Wollust doch nicht im stände war, diesen aufzuhalten,« 

Von ihren verschiedenen Perversionen hebe ich hervor 
eine besonders starke homosexuelle Veranlagung,^) obwohl 
sie mit einer Legion von Männern normale Liebesverhältnisse 
hatte mit vollem Sexualgenuß. Des weiteren als sado-maso- 
chistische Züge eine ausnehmende Lust am Schlagen und 
Geschlagenwerden sowie ihr heißes Verlangen nach Blut. Und 
zwar errege es sie gleich sexuell, Blut bei den anderen wie 
bei sich selbst zu sehen. Ich habe diesen ihren Blutsadismus 
anderen Ortes ausführlich beschrieben*) und will hier nur 
zwei Umstände daraus anführen, die auch für ihre Mondsucht 
bedeutsam wurden. Zimächst ihre mächtig gesteigerte Vaginal- 
erotik, die namentlich ad menstruationem besonders wol- 
lüstig angeregt war. Zum zweiten aber, daß unsere Patientin 
bereits mit zwei Jahren bei einer Hämoptoe der Mutter se- 
xuelle Lust empfunden haben will. Auf deren Schöße sitzend, 
reizte sie sich eben an deren Brust, als die Mutter sich erst 
zu räuspern und dann Blut zu husten begann. Sie griff nun 
nach deren blutigen Lippen, um nachher ihre Finger abzu- 
schlecken. Infolge der gleichzeitigen geschlechtlichen Über- 
erregung habe ihr das Blut enorme Wollust bereitet, wie fort- 
ab stets, wenn sie es wieder erblickte. 

Aus ihrem sonstigen Leben will ich nur noch zwei Punkte 
anführen, die nicht ohne Belang für unser Problem sind. Vorerst 
einen Wohnungswechsel nach Vaters Tode in unserer Kranken sie- 
bentem Jahre. Dann ihr schon mit drei bis vier Jahren erwachen- 
des heißes Verlangen, Mutter zu spielen, und zwar am liebsten 
an einem lebenden Kinde. Ein Puppen Wickelkind, das sie 
bekam, war nur ein Surrogat, obwohl sie auch dieses faute 
de mieux dann leidenschaftlich herumtrug und nicht eimnal 
im Schlafe aus ihren Armen ließ. Mit acht Jahren war es 
ihr größtes Vergnügen, ein kleines zweijähriges Mädchen vom 
Hause herumzutragen und einzusingen, wie es ihr selbst die 

^) Diese homosexuelle Neigung war in der Kindheit und beginnenden 
Pubertfit zunficbst auf die eigene Mutter gerichtet. 

*) >Über den sado-masochistischen Komplex«, Jahrb. f, psychoanal. 
Forach., Bd. 6, S. 224-280. 



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ÜBER NACHTWANDELN 



Mutter einst tat. »Das Klnderhemmtragen war meine größte 
Leidenschaft bis zu 14 Jahren.« 

Ich sagte oben, ihre Mutter sei Sadistin gewesen und 
gleichfalls mondsüchtig. »Mutter selbst erzählte mir, daß auch 
sie bei Nacht ziemlich häufig wandelte. Sie sei als Kind im 
Zimmer henmispaziert, ohne ihr Bett wieder finden zu können. 
Immer imd inmier wäre sie an diesem vorbeigelaufen, ohne 
hineinzufinden. Dann fing sie aus Angst furchtbar um ihr 
Bett zu jammern an, bis Großmutter erwachte und sie ins 
Bett hob. In der Früh wußte sie nicht das geringste mehr 
davon. Ebenso war es mit dem Urindrang. Allnächtlich bekam 
sie furchtbaren Harndrang und suchte den Nachttopf, aber, 
obwohl er stets am gewöhnlichen Platze stand, vermochte sie 
ihn nicht zu finden. Indes wurde der Drang stets ärger, so 
daß sie im Schlafe während des Suchens furchtbar zu stöhnen 
begann. Das ganze Zimmer suchte sie ab, ja, kroch selbst 
unter dem Bette herum, ohne an den Topf, der sich dort 
befand, anzustoßen oder ihn zu bemerken. Oft fand sie dann 
auch nicht mehr ins Bett, bis Großmutter durch ihr Stöhnen 
erwachte, ihr das Verlangte brachte und sie ins Bett hob. 
Es passierte ihr ziemlich häufig, daß sie infolge des enormen 
Harndrangs unter dem Suchen das Bett oder das Zimmer 
näßte, worauf es natürlich viele Schläge gab. Sonst verhielt 
sie sich späterhin im Schlafe ganz ruhig, mußte jedoch, wenn 
sie ihr Bett nicht fand, halbe Nächte im kalten Zimmer ver- 
bringen. Als ich nun selber einmal das Bett naß machte, 
schlug sie mich mit den Worten: , Jedesmal, so oft es dir 
passiert, bekommst du Schläge; mich hat meine Mutter auch 
deshalb geschlagen'. Trotzdem sie also aus eigener Erfahrung 
wußte, daß sie nichts dafür gekonnt, schlug sie mich doch. 
Außerdem übte auch der Mond auf die Mutter eine riesige 
Macht aus. Da ihr Wohnhaus niedrig war und auf dem Lande 
im Freien stand, eS obendrein keine Rouleaux besaß, schien 
der Mond in hellen Nächten bis in den äußersten Winkel. Im 
Zimmer stand ein Kasten, der oben mit einer Menge von 
Blumenstöcken, Figuren und Glasstürzen besetzt war. Auf 
diesen Kasten stieg sie nun hinauf, nachdem sie vorher Stück 
für Stück herabgenommen und auf den Boden gestellt hatte. 



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UND MONDSUCHT. 



ohne etwas zu zerbrechen. Dann fing sie auf dem Kasten zu 
tanzen an, aber nur in mondhellen Nächten. Endlich räumte 
sie alles wieder haargenau auf denselben Platz und stieg zum 
Fenster hinaus, nicht ohne zuvor eine Menge Blumenstöcke 
von dort weggeräumt zu haben. Vom Fenster aus gelangte 
sie in den Hof, wo sie promenierte, kletterte über den Garten- 
zaun und spazierte mindestens eine Stimde herum. Dann 
ging sie zurück, ordnete wieder genau die Blumen am Fenster 
und — fand nicht ins Bett. Am nächsten Tage gab's dann 
immer Spektakel, wenn Großmutter in der Nacht geweckt 
worden war.c 

In diesem Berichte ist außer den später von der Tochter 
übernommenen Phänomenen des Sadismus, der Urethralerotik 
xmd der Mondsucht hauptsächlich das Verhalten der Mutter 
im Schlafwandeln merkwürdig. Sie muß offenbar eine Vor- 
stellimg besitzen, wo die Blumenstöcke stehen, die sie vom 
Kasten und Fenster wegräumt, aber anderseits trifft sie weder 
ins Bett noch zum Nachtgeschirr, die sich doch am gewöhn- 
lichen Platze befinden. Auch das Tanzen auf dem Kasten im 
hellen Mondenschein sowie das Hinaussteigen zum Fenster, 
Herumklettem xmd Spazieren wollen wir für später ad 
notam nehmen. 

Ehe ich im Berichte der Patientin fortfahre, sei etwas 
über seine Entstehung erzählt. Die Kranke hatte ob verschie- 
dener schwerer hier nicht näher berührter hysterischer Sym- 
ptome schon neun Monate eine psychoanalytische Kur bei mir 
durchgemacht, als sie eines Tages mit dem Vorschlag heraus- 
rückte, für mich ihre Autobiographie zu schreiben. Ich wil- 
ligte ein und sie brachte mir nach und nach ca. 250 Seiten 
Folioforniat, die sie ohne Einflußnahme von meiner Seite 
fertiggestellt hatte, allerdings nachdem sie in jener monate- 
langen Behandlung sich die Technik der Analyse, soweit sie 
in ihrein Fall in Betracht kam, gut und völlig zu eigen 
gemacht hatte. Während unserer gemeinsamen Auflösungs- 
arbeit war von ihrem Nachwandeln überhaupt nicht ge- 
sprochen worden. Ich habe also in gar keiner Weise ihre 
Erklärung beeinflußt oder beeinflussen können. Sie entsprang 
einzig den Einfällen der Kranken und der Anwendung ihrer 



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10 ÜBER NACHTWANDELN 

neugewonnenen Erkenntniase vom Unbewußten auf die Deutung 
ihrer Symptome • 

Da finde ich zunächst in ihrer Lebensbeschreibung einige 
hochinteressante Punkte. „Noch mit 2 — 3 Jahren mußte 
Mutter mich auf meine Bitten einachlafern, Lagen wir mit- 
sammen im Bette, so stellte ich mich oft schlafend und griff 
angeblich »im Schlafe« an der Mutter Brust, um mich dort zu 
begeiien* Auch deckte ich mich oft ab, wieder vorgeblich 
während des Schlafens, und legte mich »recht lieb < hin. Dann 
weckte ich die Mutter durch Husten, worauf sie wach wurde^ 
mich streichelte, liehkoste und nach ihrer Gewohnheit auch 
an den Genitalien kuBte. Nicht selten stand ich — ein Vor- 
läufer meines späteren Nacht wandelnB — im Bette zwischen 
den Eltern auf und legte mich zu Füßen der Mutterp wie sie 
meint e^ schlafend, in Wirklichkeit aber in wachem Zustande ^ 
nur mit geschlossenen Augen* Dann riß ich der Mutter auch 
das Federbett weg und blinzelte etwas auf sie hin, um ihren 
nackten Körper zu sehen, was ich vom Fußende aus besser 
tun konnte^ als wäre ich neben ihr gelegen. Wachte sie nun 
auf, so nahm sie mich herauf auf meinen Platz, küßte mich 
oft am ganzen Körper ab und deckte mich zu. Ich aber 
sctilug dann, wie erwachend, die Augen auf, sie küBte mir 
auch diese und sagte, ich solle nur ruhig weiter schlafen, was 
ich dann auch tat. Noch früher, schon mit 1 — ^2 Jahren, stellte 
ich mich schlafend, wenn die Eltern zu Bette gingen, um Lieb- 
kosungen zu erhalten, weil Vater und Mutter immer sagten: 
»Schau, wie lieb, wie ein Engerl!« Sie küßten mich dann 
und ich schlug, wie aus tiefem Schlaf erwachend, die Augen 
auf. Dies war das erstemal, wo ich mich schlafend stellte. 
Oft lag ich so scheinbar schlafend, eigentlich aber in wachem 
Zustand, ziemlich lange da. Denn, wie die Eltern sahen, ich 
schliefe, so erzählten sie sich allerhand über uns Kinder. Be* 
sonders Mutter sprach oft über meine Vorzüge, oder daß die 
Leute mich lobten und »so lieb«' fanden, was sie in meiner 
Gegenwart, um mich nicht eitel zu machen, nie sagten/' 

Wie hier eine Periode vorausgeht, da sich die Kleine ab- 
sichtlich schlafend stellt, um Liebes au hören, Liebkosungen zu 
empfangen und sexuelle Handlungen begeben zu dürfen, ohne 



UXD MONDSUCHT. U 



dochp weil alles im Schlaf geschehen, verantwortlich zu sein 
und irgend eine Strafe befurchten zu müssen^ so findet man 
ähnliche erotische Motive und analoges Gehaben auch in der 
Vorgeschichte ihres anderen Schlafhandeina. Als sie mit 
zwei Jahren zu sprechen begann, hielten sie beide Eltern an, 
alles zu erzählen, was ihr begegnet sei, z, B* während der 
Abwesenheit des einen oder anderen Teiles. Wachte sie in 
der Früh im Bette zwischen den Eltern liegend auf, so mußte 
sie dann haarklein berichten, was sie tagsüber erlebt, mit den 
Geschwistern getrieben, was sich in der Schule ereignet hatte, 
usw. Und sie tat es um so lieber ^ weil sie bei diesen Erzäh* 
lungen immer sowohl an dem Koi^er des Vaters als der 
Mutter sich mehr oder minder erregen kannte. Ja, es wurde 
aus eben diesem Grunde das Erzählenmüssen ihr direkt zum 
Zwang, unter dem sie oft fürchterlich zu leiden hatte. Die 
sehr bigotte Mutter schickte sie von ihrem sechsten Jahre ab 
mit ihrer Schwester auch stets in die Predigt, mit dem 
ausdrücklichen Auftrag, diese zu Hause wiederzugeben. 
Und, obwohl sie wegen ihres schlechten Kopfes sich mit jedem 
Gedicht oder Lesestücke, das sie von der Schule aus zu lernen 
hatte, fürchterlich rackern mußte, stellte sie sich jetzt zu 
Hause auf einen Fußschemel, breitete ein Handtuch über die 
Schultern und begann die ganze Predigt herunterzuleiern, 
wie sie's in der Kirche vom Geistlichen gehört hatte* Und 
dies alles bloß aus Liebe zur Mutter ! Auch in ihre Lehrerin 
in der Volksschule, die sie oft wegen ihrer Unaufmerksamkeit 
schlug und auch sonst nicht gerade liebreich behandelte, war 
sie nach ihren eigenen Worten direkt verliebt, was ein Motiv 
für das spätere nachtwandlerische Lernen, Singen und Gedicht- 
aufsagen abgab, während die Lust am Geschlagen werden mit 
Schuld daran war, daß sie trotz aller Bemühungen so schlecht 
begriff. 

,, Während meiner ganzen Kindheit'*, berichtet Patientin, 
,, sprach ich viel im Schlafe, Hatte ich eine Aufgabe zu lernen 
auf, so sagte ich das betreffende Lesestück oder Gedicht fort- 
während im Schlafe her. Das erste Mal geschah dies mit 
S Jahren in einer mondhellen Nacht, daß ich — ich 
lag damals mit meiner Schwester in einem Bett — in der 




Orrgmaffnonn 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



ÜBER NACHTWANDELN 



Nacht aufstand, ein Gedicht vortrug und Lieder sang. Auch 
hielt ich um dieselbe Zeit, auf dem Sessel oder im Bett stehend, 
Predigten, wie ich sie Tags vorher in der Kirche gehört 
hatte. Außerdem plauderte ich alles aus, was ich an dem 
betreffenden Tage getan oder gespielt hatte. Wie hatte ich 
oft Angst, etwas von meinen sexuellen Spielen mit dem Bruder 
auszuplaudern ! Aber es muß doch nie geschehen sein, sonst 
hätte es Mutter mir schon gesagt, denn sie erzählte immer 
alles, was ich während der Nacht sprach.** Ich darf dies 
Schlafhandeln vielleicht zusammenfassend derart auslegen : 
Tag und Nacht lernt sie für die gellebte, aber kühle Lehrerin 
und ist bestrebt, das Wohlwollen dieser, sowie durch das 
Predigen und Erzählen aller Tagesereignisse auch ihrer 
Mutter sich zu erobern oder zu erhalten. 

,,Was nun das Sprechen im Schlafe betrifft, so begann 
ich schon mit 2—3 Jahren, in wachem Zustande mich schlafend 
zu stellen und aus dem Schlafe heraus zu reden. Ich tat 
z. B. als wäre ich von schrecklichen Träumen geplagt, und 
schrie voll Angst im angeblichen Traum : Muttor, Mutter, 
halt michl«^ oder ^Bleib bei mir!-^ oder ähnliche Sachen. 
Nun nahm mich Mutter, wie vorausLosohcn, unter ihr Feder- 
bett und beruhigte mich, ich aber erregte mich natürlich, 
indem ich meine Beine um ihren Körper preßte, angeblich 
aus Furcht vor Hexen, und gleich darauf trat so ein 
-Fraisenanfall' ein, d. h. ich begeilte mich jetzt, bis ''das 
Gute« kam.*' 

Bemerkenswert ist noch, daß sie im Schlafe viel um sich 
schlug, was ihr als Tochter einer «o grausamen Mutter, die 
selbst Sado-Masochistin war, ganz außerordentliche Lust- 
gefühle machte. Sehern mit 2—3 Jahren stieß sie bei Nacht, 
wenn sie zwischen den Eltern lag, mit Händen und Füßen 
gegen diese, was sie ganz bewu(;t tat, während die an- 
deren meinten, es geschehe im Schlafe. Dies brachte den 
Vorteil, daß man für alles, was im Sclilaf erfolgte, nicht ver- 
antwortlich war, dieweil es eben in einem bewußtlosen Zustand 
passierte. Als in ihrem siebenten Jahre nach dem Tode des 
Vaters die Wohnung gewechselt ward, mußte sie nunmehr mit 
der um sechs Jahre älteren Schwester das Lager teilen. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



UND MONDSUCHT. 13 



,, Meine Schwester hatte die Gewohnheit, sich im Schlafe ab- 
zudecken oder auch meine Beine mit den ihren zu um- 
schlingen. Ich dagegen schlug sie fortwährend entweder mit 
Händen oder Füßen im Schlafe. Natürlich konnte ich nichts 
dafür, da es ja wirklich im Schlafe geschah, doch da es meine 
Schwester nicht mehr aushielt, mußte ich mich zur Mutter 
legen. Auch die schlug ich im Schlafe. Außerdem schmiegte 
ich mich an ihren Körper, hauptsächlich an ihr Gesäß, fest 
an und reizte mich wollüstig. Denn einer Berührung mit 
der Mutter auszuweichen, war bei ihrem starken Körper und 
in dem engen Bette einfach unmöglich. Nur tat ich es bei 
ihr völlig bewußt, bloß sie war der Meinung, ich presse mich 
im Schlafe an, weil ich keinen Platz im Bette habe. Warum 
ich als kleines Kind im Bette meine Eltern schlug, war ein- 
fach der Wunsch, sie einmal nach Herzenslust schlagen zu 
können, und, da dies bei Tage unmöglich war, tat ich's im 
Schlafe, wo man für sein Tun nicht verantwortlich ist. Als 
ich dann mit sieben Jahren meine Schwester wirklich im 
Schlafe schlug, war es wieder der Wunsch, mich wie als Kind, 
an Schlägen wollüstig erregen zu können.'* In diesem Ver- 
langen, Mutter und Schwester nach Herzenslust zu schlagen, 
was infolge ihrer konstitutionell gesteigerten Muskelerotik sie 
sexuell besonders aufregte, bricht wiederum ihr Sadismus 
durch, den ich anderwärts in extenso beschrieb.^) 

Wirft man hier einen Rückblick auf ihr Schlafhandeln, 
so kann man feststellen, daß diesem ausnahmslos sexuelle 
Wünsche zu Grunde lagen, ähnlich wie auch der Traum be- 
kanntlich stets auch die Erfüllung infantiler Wünsche dar- 
stellt. Selbst scheinbar asexuellem Tun fehlt bei näherem 
Eindringen gar nie die deutlich eroti.^che Seite. So predigt 
z. B. unsere Kranke dem Wort und Auftrag der Mutter ge- 
mäß, um deren Liebe als Lohn zu empfangen. Das nächtliche 
Lernen hingegen entspringt der starken Herzensneigung zur 
Lehrerin, welche Neigung wieder Auflagerung der Liebe zur 
Mutter ist. Natürlich handelt es sich stets um Wünsche, die, ini 
wachen Zustand scharf verpönt, bloß in der Bewußtlosigkeit, wie 
etwa im Schlafe durchsetzbar sind, oder, wie bei der Fraisen- 



*) Vgl. Anmerkung 1 auf S. 7. 



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U ÜBER NACHTWANDELN 

Imitation, erst im Bett der Mutter befriedigt werden können. 
Das Schlafhandeln diente dann trefflich dazu, sexuell zu 
genießen, doch ohne Schuld und Verantwortlichkeit. Ganz 
regelmäßig ging ferner dem unbewußten Schlafhandehi ein 
bewußtes voraus, d. h. eine Zeit, da die Kranke im Wachen, 
doch geschlossenen Auges, in einem scheinbaren Schlafe dem- 
nach, das Nämliche tat, wie später in wirklich bewußtlosem 
Zustande. Was also dann als unbewußtes Schlafhandeln im- 
ponierte, ward früher immer bewußt geübt, fast möchte ich 
sagen ^gut einstudiert«. Nur in einzelnen Fällen bedarf es 
nicht einmal dieser Komödie, weil die direkte Aufforderung 
einer geliebten Person (»Du sollst alles erzählen-, »Du mußt 
fleißig lernen«, »Du hast die Predigt genau wiederzugeben ) 
und eine gut versteckte Erotik ein öffentliches Tun ohne 
weiteres gestatten. Zu beachten ist ferner, daß die Kranke 
auch im Schlaf nie etwas verrät, was sie sorgsam zu hehlen 
bemüht sein muß, wie beispielsweise die sexuellen Spiele mit 
ihrem Binider. Endlich wäre noch der zumal im Schlagen 
auffällige Anteil der Muskelerotik hervorzuheben. 

Wir fanden also bislang als Wurzeln und Motive ihres 
Schlafhandelns sexuelle, stark verpönte Wünsche, die oben- 
drein oft nur im Bette zu befriedigen waren, das Bestreben 
ferner, ohne Schuld und Verantwortung sündigen zu dürfen, 
des weiteren immer Vorübung noch in wachem Zustand und 
endlich als organische Wurzel, zumindest der Lust am Schlagen 
im Schlafe, die von Haus aus gesteigerte Muskelerotik. Fast 
alles spielt sich im Bette selbst ab, nur ganz gelegentlich 
außerhalb desselben, doch stets in der Nähe. Kompliziertere 
Leistungen fehlen noch ganz. Desgleichen war vom Einfluß 
des Lichtes oder des Mondes noch nicht die Rede. Nur ganz 
beiläufig wurde erwähnt, daß die Kranke zum ersten nächt- 
lichen Lernen im Mondschein aufstand. 

Die Gruppe der jetzt zu besprechenden Phänomene zeigt 
wesentlich kompliziertere Leistungen imd steht obendrein imter 
dem deutlichen Einfluß des Lichts oder Mondes. »Im vierten 
Lebensjahre«, erzählt die Patientin, »ward ich zum erstenmal 
in ein eigenes Kinderbett gelegt, damit die Mutter, welche 
tags zuvor Blut zu husten begonnen, mehr Ruhe hätte. Sie 



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UND MONDSUCHT. 15 



hatte das Netz meines Gitterbetts geschlossen und, damit ich 
mich nicht fürchten solle, das letztere an ihr großes Bett 
geschoben. Ich stellte mich nun schlafend und, als dann die 
Eltern eingeschlafen waren, stieg ich über das Gitter, doch 
derart unglücklich, daß ich in das Bett der Mutter stürzte. 
Dann wurde ich rasch in mein Bett zurückgelegt, ohne Blut 
gesehen zu haben, wonach mein Verlangen besonders stand. 
Da ich mm öfters, fast jegliche Nacht, von neuem in der Mutter 
Bett zu steigen versuchte, stellte diese endlich mein Bett an 
die Mauer, damit ich nicht mehr zu ihr hinübersteigen könne. 
Als ich schon einige Monate allein im Kinderbett lag, erwischte 
sie mich trotzdem eines Nachts, als ich, nun wirklich im 
Schlafe, über das Gitter steigen wollte und mich dabei im 
Netze verhängte. Glücklicherweise aber fiel ich nicht hinaus, 
sondern zurück ins Bett. Zu jener Zeit produzierte ich auch 
meine angeblichen Fraisen, um von der Mutter ins Bett ge- 
nommen zu werden und mich an ihr erregen zu können.« 

»Mutter bekam erst wieder Bluthusten, als ich zehn Jahre 
alt war und wir bereits die neue Wohnung bezogen hatten. 
In diesem Jahre befielen sie gleich zweimal so starke Blu- 
tungen, daß sie wochenlang zwischen Tod und Leben schwebte. 
Damals, in meinem 11. Jahre, begann ich zu nachtwandeln. 
Was mich auftrieb, war wieder Mutters Bluthusten, sowie 
mein Verlangen, ihr Blut zu sehen, beides Dinge, um derent- 
willen ich schon mit vier Jahren mich schlafend gestellt hatte, 
damit ich zur Mutter ins Bett steigen könne«. Bei dieser 
schweren Haemoptoe der Mutter erwies sie sich als derart 
ideale Pflegerin, daß jene nur immer sie haben wollte. Un- 
ermüdlich wachte sie bei Tag und Nacht, im Verein mit den 
Schwestern alle paar Minuten die verordneten Eisumschläge 
wechselnd. »Keinen Moment wich ich vom Krankenlager der 
Mutter und, löste mich eine meiner Schwestern ab, so war ich 
oft kaimi zu bewegen, mich angezogen auf eine Stunde ins 
Bett zu legen. Lag ich nun in diesem, so warf ich mich, von 
Angst gepackt, unruhig umher und war erst froh, wenn ich 
wieder am Bette der Mutter saß«. Diese fürchterlichen Angst- 
zustände waren aber nicht bloß Furcht um das Leben der 
teuren Mutter, sondern noch weit mehr unterdrückte Libido. 



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16 ÜBER NACHTWANDELN 



Trotz alles Kummers um die Leiden jener konnte sie sich 
nämlich bei den Umschlägen auf deren schneeweiße Brust, 
sowie beim Bluthusten der stärksten sexuellen Lusterapfin- 
dungen nicht erwehren. Diese intensive Krankenpflege währte 
vier Wochen, bis endlich eine Krankenschwester zur Aus- 
hilfe kam. 

»Als ich mich nun endlich die erste Nacht ausschlafen 
konnte, verfiel ich wie fortab immer vor jedem Nachtwandeln 
in einen tiefen Schlaf. Neben meinem Bett befand sich der Tisch 
mit Muttere Arzneien, auf dem Fensterbrett hinter dem Vorhang 
die Lampe, welche ihren Schein in mein Bett warf. Auf ein- 
mal stand ich im Schlafe auf, ging zu der Mutter Bett und 
beugte mich über sie. Die Mutter schlug die Augen auf, regte 
sich aber nicht. Da erwachte die Schwester, die auf dem Sofa 
neben Mutters Bett eingenickt war, und fuhr erschreckt em- 
por, als sie mich da im Hemde erblickte. Sie dachte, der 
Mutter wäre etwas passiert, doch diese winkte ihr mit der 
Hand ab, sie möchte mich nur gewähren lassen und sich still 
verhalten. Ich küßte meine Mutter und wechselte den Um- 
schlag, wahrscheinlich um ihre Brust zu sehen. Als ich nun 
kein Blut erblicken konnte, entfernte ich mich lautlos und 
ging zum Tisch, wo ich alle Medikamente schön zusammen- 
stellte, um Platz zu schaffen, dann in die stockfinstere Küche 
hinaus, ohne irgendwo anzustoßen. Dort nahm ich aus der 
Küchenkredenz eine Schale mit Untertasse und Löffel heraus 
und begab mich wieder ins Zimmer zurück. Nun ergriff ich 
ein Krügelglas mit Wasser, das daselbst stand, imd schenkte 
das Wasser vorsichtig in die Schale, ohne auch nur einen 
Tropfen zu verschütten. Dabei sprach ich halblaut vor mich 
hin: ,Nun kann der Emil (mein Schwager, der längere Zeit 
das Frühstück bei uns nahm) schon frühstücken kommen, 
ohne die Mutter (welche es ihm immer hergerichtet hatte) zu 
stören*. Dann legte ich mich in mein Bett zurück imd schlief 
wieder einige Stimden sehr tief, wie ich nur beim Nachtwan- 
deln schlafe, ohne aufzuschreien. Alles, was ich vorhin schil- 
derte, hat mir die Klosterschwester nachträglich erzählt. 
Natürlich hatte ich aUes mit geschlossenen Augen getan, ohne 
es zu wissen, und bewegte mich trotzdem im Dunklen so 



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UND MONDSUCHT. 17 



sicher, als wäre es heller Tag gewesen. Am nächsten Morgen 
erzählte man es mir und lachte darüber«. 

Nun will ich noch vom Einfluß des Lichtes auf ihr Schlaf- 
wandeln im Zusammenhang berichten. »Auch hier gab wieder 
Mutters Bluthusten den äußern Anlaß, wie damals in meinem 
vierten Jahre. Wenn Mutter krank war, ließ man stets die 
Lampe auf dem Fensterbrett hinter dem Vorhang hell brennen, 
damit sie nicht ängstlich würde. Auch jetzt (d. h. zur Zeit 
des ersten komplizierteren Nachtwandeins) brannte hinter dem 
Vorhang ein solches Licht, welches seinen Schein auf mein 
Bett und die Wand warf. Als ich in meinem vierten Jahre 
während Mutters Krankheit einige Male über das Gitter ge- 
stiegen war, ließ Mutter fortab immer Licht brennen, um 
mich alsbald zu sehen. Ich aber stieg eben des Lichtes halber 
zu ihr, denn im Dunkeln sieht man ja kein Blut. Auch wenn 
ich während meiner Fraisenanfälle zu lamentieren anfing, 
zündete sie Licht an und kam zu meinem Bette. Oder sie 
sagte, wenn mein Bett an das ihrige angerückt war: ,Wart* 
einen Augenblick, dann mach' ich Licht imd hole dich, oder 
du kaimst auch zu mir klettern'. Am nächsten Tage lachte 
ich mit den Eltern über den nächtlichen Besuch, ohne zu 
ahnen, daß ich ihn in kurzer Zeit nun wirklich im Schlafe 
wiederholen sollte. Und zwar doch nur, um mich, wie das 
allererste Mal, an dem Blute der Mutter zu begeilen. Jetzt, 
da sie während ihrer Krankheit ein Licht brennen hatte, lockte 
mich dies im Schlafe, zu ihr zu steigen, wie das erste Mal, 
als sie extra zum Hinübersteigen Licht gemacht hatte«. 

Noch tiefer in die Ätiologie führt folgende Erinnerung : 
»Mutter hatte immer die Gewohnheit, wenn wir Kinder schlief en, 
von Lager zu Lager zu gehen und uns mit der Lampe zu 
beleuchten, um sich zu überzeugen, ob wir auch schliefen. 
Ich spürte im Schlafe das Licht, das mich zur Mutter rief. 
Hatte sie mir ja doch das erste Mal geleuchtet, damit ich zu 
ihr ins Bett steigen könne. Jetzt meinte ich im Schlafe, als 
ich das Licht sah, sie riefe mich wieder, und so fand sie mich 
oft im Begriffe hinüberzusteigen. Ich sehe mich noch heute 
mit dem einen Fuß schon über dem Gitter, so daß ich fast 
in reitender Stellung war. Doch geschah mir nie etwas. 

Sa dg er, Über Nachtwandeln und Mondsucht. 2 



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18 ÜBER NACHTWANDELN 

Wenn ich den Schein der Kerze oder Lampe auf meinem Ge- 
sichte fühlte, ging eine völlige Umwandlwig in meinem Innern 
vor. Fast möchte ich sagen: ich verspürte ein großes Lust- 
gefühl. Ich kam mir im Schlafe vor wie ein übernatürliches 
Wesen. Den Schein spürte ich sofort, auch wenn ich im tief- 
sten Schlafe lag. Von einem Erwachen war aber keine Spur. 
Es muß dies eine zweite Art von Bewußtsein darstellen, die 
mich in solchen Stunden umfängt. Ich fragte meine Mutter 
oft allerhand Sachen während des Wandeins, wußte stets, zu 
welcher Person ich sprach, ohne sie zu sehen, und, bevor ich 
sie noch sprechen hörte, nannte ich schon ihren Namen. Die 
Orientienmg ist beim Nachtwandeln eine derart genaue, daß 
ich nicht einmal mit der Zehe irgendwo anstoße. Geradeso 
war es auch beim Urinieren, was mit dem Mond oder einem 
mich zufällig bescheinenden Nachtlicht zusammenhängen dürfte. 
Sobald ich Sekret auspreßte oder der Urin kam, befand ich 
mich in einem Halbschlaf, ohne mich eines enormen Wollust- 
gefühls erwehren zu können. Dann erst kam ich zu mir. 
Mir scheint dies darauf zurückzugehen, daß Mutter mich als 
kleines Kind oft extra in der Nacht aufweckte, dabei die Lampe 
oder Kerze in der Hand haltend, um mich auf den Nacht- 
topf zu setzen, besonders wenn sie mich im Schlafe lamen- 
tieren hörte und einen Fraisenanfall vermutete.« 

Im folgenden wird eine völlige Identifikation mit der 
Mutter ausführlich berichtet, wie sie uns zum Teil schon im 
ersten Nachtwandeln entgegentrat, als unsere Patientin das 
Frühstück für ihren Schwager richtete. »Seit jenem ersten 
Nachtwandeln bei Mutters Bluthusten kam dies mm ziemlich 
häufig vor, wenn der geringste Schein von Licht auf mich 
fiel, wie z. B. wenn die Mutter nachts eine Kerze anzündete, 
um Hustentropfen zu nehmen. So kam es, daß ich, solange 
wir imsere Betten zusammenstehen hatten, fast allnächtlich 
solche Stückchen aufführte. Oft wachten meine Angehörigen 
gar nicht mehr auf und doch erkannten wir am nächsten 
Tage, wenn irgend etwas fehlte, daß ich im Schlafe die Ur- 
heberin gewesen, wie das nächste kleine Beispiel erweisen wird. 
Mein größter Wunsch war damals, mit 10 Jahren, , Mutter' 
zu sein imd ein Kind zu haben, das ich ganz nach Belieben 



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UND MONDSUCHT. 19 



erziehen könnte. Da geschah es eines Morgens, als Mutter 
aufstand und sich ankleiden wollte, daß sie ihre Wäsche nicht 
fand. Wir Schwestern schliefen noch beide sehr fest und 
Mutter wollte uns nicht wecken. Und doch konnte sie sich 
genau erinnern, ihre Wäsche wie immer auf den Sessel neben 
dem Bette gelegt zu haben. Als sie sah, daß das Suchen 
nutzlos sei, zog sie neue Wäsche an. Eine gute Stunde später 
wachte ich auf und war ganz erstaunt, mich angekleidet zu 
finden, und noch dazu mit Mutters Wäsche. Das Rätsel war 
mm gelöst. Als ich während des Nachtwandeins Mutters Wäsche 
anzog, war es offenbar nur mein Wunsch gewesen, selbst an 
Stelle der Mutter zu sein, also Mutter zu spielen, wie ich 
tagsüber mit den Kindern getan. Gerade um diese Zeit pflegte 
ich mich nämlich den ganzen Tag mit Kindern heinimzu- 
schloppen, die ich quälte, grausam behandelte, ja oft aus 
nichtigen Anlässen schlug (alles unter großen Lustgefühlen), 
wie ich es selbst von meiner Mutter erfahren. Auch daß ich 
an Stelle der Mutter den Tisch zum Essen deckte oder ihre 
Wäsche imd Kleider anzog, war sehr häufig der Fall, am 
öftesten jedoch, wenn meine Mutter wieder an Bluthusten er- 
krankt war oder mich das Licht im Schlafe beschien, wobei 
schon der Schein der Kerze genügte.« 

Mit 13 Jahren endlich begann sie direkt mondsüchtig zu 
werden. »Ich mußte damals in einem Kabinett schlafen, welches 
früher mein Bruder bewohnt hatte. Dies Kabinett hatte Hof- 
aussicht und war besonders in Vollmondnächten so hell, als 
brenne eine Lampe im Zimmer. Ich fürchtete mich sehr, 
allein in einem Räume zu schlafen. Geschah es doch damals 
das erste Mal in meinem Leben. In jedem Winkel, fürchtete 
ich, könnte jemand stehen und plötzlich hervortreten oder 
hinter dem Bette versteckt liegen und obwohl ich vorher über- 
allhin mit der Kerze geleuchtet, hatte ich doch keine Ruhe 
und fortwährend Angst. Ich schlief vielleicht im ganzen nur 
14 Tage dort, doch war es gerade zu dieser Zeit Vollmond 
und im Kabinette ziemlich hell. 

Vor dem Schlafengehen sperrte ich die Zimmertüre, die 
neben unserer andern Wohnungstüre auf einen kleinen Gang 
mündete (wir wohnten wegen des Geschäftes parterre), immer 

2 4* 2» 



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20 ÜBER NACHTWANDELN 

fest ZU. Lag ich nun im Bett, war ich stets der Meinung, 
nicht gut zugesperrt zu haben, und stand jede Nacht drei- bis vier- 
mal, ehe ich einschlief, auf, irni mich zu überzeugen, ob ich 
denn wirklich gut zugesperrt hätte. Dies geschah in wachem 
Zustand. Endlich schlief ich ein. Was dann in der Nacht 
vorging, davon wußte ich am nächsten Morgen gar nichts. 
Doch fand ich einige Tage lang in der Früh, wenn ich auf- 
stand, die Tür, die aus meinem Zimmer auf den Gang führte, 
offen. Ich mxiß also während der Nacht im -Hause herum- 
gegangen, zum mindesten auf dem Gange gewesen sein. Mutter 
ward es imheimlich und sie erklärte, wenn an den nächsten 
Tagen in der Früh die Türe wieder offen wäre, dürfe ich nie 
mehr allein schlafen. Daß sie mich aber die nächste Nacht 
beobachten würde, daran hatte ich nicht entfernt gedacht. 
Bezeichnenderweise konnte sie mich, wenn ich im Schlafe sprach, 
um alles fragen imd bekam, ohne mich aufzuwecken, korrekte 
Antworten. Rief sie aber während des Wandeins erschreckt 
meinen Namen, wie in der gleich zu beschreibenden Szene, 
dann wurde ich wach. Einige Nächte bin ich also wahr- 
scheinlich weiß Gott wo im Hause bei Mondlicht herumgestiegen, 
ohne daß es jemand bemerkte. Nun war unser Gangfenster, 
das in den Hof führte und bei Nacht immer geschlossen war, 
ebenfalls offen. Was sich zugetragen, weiß ich nicht zu sagen, 
da mich niemand beobachtet hatte. Wohl aber kann ich die 
Vorgänge beschreiben, die meine Mutter wahrnahm und mir 
nachher erzählte. 

Eh' ich mich niederlegte, prüfte ich erst wieder einige 
Male, ob die Türe gut verriegelt sei, dann schlief ich gegen 
12 Uhr ein. Zwischen 12 und 1 Uhr, da ich als Kind wegen 
der Geisterstunde mich immer am meisten gefürchtet hatte, 
hörte die Mutter, die sich diese Nacht zum Wachbleiben zwang, 
meine Türe etwas knarren. Sie horchte und sah nun folgen- 
des : Ich ging im Hemde leise zur Türe hinaus und zum Gang- 
fenster, welches ich öffnete.. Ich schwang mich auf das ziem- 
lich hohe Fenster und blieb eine Weile, ohne mich zu rühren, 
auf demselben sitzen, indem ich fortwährend den Mond be- 
trachtete. Dann — meiner Mutter schien es eine Ewigkeit — 
stieg ich wieder leise herunter und ging über den Gang leise 



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UXD MONDSUCHT. 21 



ins erste Stockwerk. Am halben Wege aber überlegte ich es 
mir, ging zurück imd in mein Kabinett. Bei der Tür ange- 
kommen, kehrte ich abermals um und ging über den Gang 
zur Hoftür. Diese war versperrt. Wieder wandte ich mich 
um, imd nun ging's zum Haustor. Dort blieb ich stehen. 
Eben probierte ich es zu öffnen, als ich meinen Namen rufen 
hörte. Da erschrak ich, blickte um mich und ward wach. 
Zitternd vor Frost, da ich ja halbnackt war, konnte ich mich 
kaum orientieren. Daim schlich ich in mein Bett und schlief 
ohne Unterbrechung. 

Dies war in der zweiten Woche vorgefallen. Jeden Mor- 
gen war meine Tür offen, so daß ich wieder in Mutters Zim- 
mer schlafen mußte. Da schien niemals der Mond herein und 
auch das Nachtlicht war verdeckt. Nichtsdestoweniger kam 
es auch in diesem Zimmer alle paar Wochen zum Nachtwan- 
deln, wenn nur der Schein einer* Kerze im Schlafe auf mich 
fiel. Öfter zündete ich mir auch die Kerze im Schlafe an 
und ging in Zimmer und Küche herum. Einige Male fand 
mich Mutter bei der Geschäftstür stehend, wahrscheinlich 
um sie zu öffnen und spazieren zu gehen. Jetzt z. B. habe 
ich häufig, wenn ich im Bett liege, das Verlangen, zum Fen- 
ster herauszuspringen oder beide Flügel zu öffnen, um Luft 
zu haben, da mir oft ängstlich zum Ersticken ist. So hatte 
es Mutter oft in ihrer Krankheit verlangt. Es kam auch vor, 
daß Mutter mich im Zimmer sitzend bei meinem Kasten fand, 
wo ich etwas suchte, was ich tags vorher gebraucht und mir 
vorgenommen hatte, es am nächsten Tage zu suchen. Meine 
sämtlichen Sachen hatte ich heraußen um mich liegen. Rief 
Mutter mich beim Namen, so ward ich wach; rief sie mich 
aber nicht imd sprach nur so zu mir, so gab ich ihr auf alles 
Bescheid, ohne wach zu w^erden. Ich stand im Schlafe auf, 
zog die Kleider der Mutter an, band einen Kragen und eine 
Nachthaube um, nahm Abschied von den Kindern, denen ich 
Mutter sein sollte, trug ihnen auf, brav zu sein, und versprach, 
ihnen etwas mitzubringen. Dann nahm ich irgend ein Holz in 
die JEIand, das als Schirm galt, und spazierte, es als aufge- 
spannt in die Höhe haltend, da die Sonne schien — in Wirklich- 
keit war es der Schein der Lampe — , im Zimmer herum. 



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22 ÜBER NACHTWANDELN 

Der Mutter Kleider waren lang und doch trug ich die Schleppe 
schön und graziös, ohne auf den Rock zu steigen. Meine 
Mutter wälzte sich oft vor Lachen, wenn sie eine solche Karri- 
katur sah. Am meisten spielte ich Mutter. Oft trug ich ein 
kleines Stück Holz, in ein Tuch gewickelt, als Kind in meinem 
Arm imd legte es an meine Brust. Ich sang Lieder, besänf- 
tigte zugleich mehrere Kinder und wußte von allem am näch- 
sten Tage nichts. Am meisten mußte Mutter darüber lachen, 
daß, wenn ich mich anzog, ich alles vorher auf die verkehrte 
Seite umdrehte. Dies geht darauf zurück, daß Mutter einige 
Male, wenn sie in der Nacht um meinetwillen aufstehen mußte 
und halb verschlafen war, ganz verkehrt und verdreht in ihr 
Gewand schlüpfte. Solche Sachen trugen sich bis zu meinem 
17. Jahre zu, da Mutter krank wurde und ich, wie oben er- 
zählt, in Anwesenheit der Klosterschwester Kaffee kochte.^) 
Mutter war ziemlich oft'krank, so daß neben ihrer Pflege, 
in der uns später eine Krankenschwester unterstützte, auch 
das Geschäft zu besorgen war, das bei Tag stets eine Person 
erforderte. Lag ich nun nach 2 — 3 Wochen Krankenpflege 

^) Ich habe hier die Niederschrift der Patientin wörtlich wiedergegeben. 
Als ich ihr dann den offenbaren Widerspruch vorhielt, daß sie hier etwas 
in das 17. Lebensjahr verlegt, was nach einer früheren Stelle im 11. passier^ 
sein soll, erwidert sie, hier liege tatsächlich ein früherer Irrtum vor, da 
Schwager Emil erst in ihrem 17. Jahre das Frühstück bei der Mutter ge- 
nommen habe. Die Sache verhalte sich so. Sie habe vom 11. bis 17. Jahre 
viel genachtwandelt, da ihre Mutter mit zeitweiligen Unterbrechungen immer 
an Bluthusten gelitten habe, weshalb sie Jeweils immer eine Krankenpflegerin 
bekamen. Mit 11 Jahren habe sie tatsächlich alles getan, was. sie oben be- 
schrieben, nur das Kaffeekochen für den Schwager falle erst in das 17. Jahr. 
Auch alle übrigen Schlafhandlungen seien völlig richtig angegeben. Befragt^ 
erklärt sie, sie habe ihre ersten Menses zwischen 13 und 14 Jahren bekom- 
men und zur Menstruationszeit besonders viel gewandelt. Stets sei sie vor 
der Periode sexuell sehr erregt, schlafe sehr aufgeregt und sei in jener Zeit 
immer im Schlafe aufgestanden. Wie schon im Texte cn^'^ähnt, wirkte Blut 
zu allen Zeiten außerordentlich sexuell erregend auf sie. Ich will an dieser 
Stelle noch einfügen, daß ihre genauen Daten, wann ein Phänomen in den 
allerersten Lebensjahren aufgetreten, cum grano salis zu nehmen sind, weil 
Erinnerungsfälschungen da stets vorkommen. Nur liegt daran nicht viel, 
weil die Tatsachen selber zuverlässig richtig und wenigstens beiläufig auch 
die Zeitangaben stimmen, wie ich durch Umfragen bei ihren Verwandten mich 
riberzougte. 



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UND MONDSUCHT. 23 



im Bette, so verfiel ich in einen tiefen Schlaf, was mich aber 
nie hinderte, auf die Minute zur Stelle zu sein, wenn meine 
Mutter Medizin einnehmen sollte. Obwohl ich in tiefem Schlafe 
lag, konnte meine Mutter alles von mir haben. Sprechen 
durfte sie nicht, und wenn sie etwas brauchte, sagte sie's halb- 
leise. Die Schwester, übermüdet vom Nachtwachen, schlum- 
merte leicht, und wenn Mutter etwas brauchte, genügte es, 
daß sie meinen Namen hauchte, und ich war wach, obwohl 
ich sonst sehr schlecht höre und stets ziemlich lange geweckt 
werden mußte, bis ich aufwachte. 

Eigentlich imitierte ich beim Nachtwandeln nur die Mutter, 
Daß es mir nachts, wenn ich irgend einen Gegenstand in 
meinen Armen hielt oder neben mich legte, vorkam, als ob 
es mein Kind wäre, war erstens der Wunsch, eins zu besitzen, 
um mit ihm sexuell spielen zu können, und ging in zweiter 
Linie auf meine frühe Kindheit zurück, wo ich neben der 
Mutter lag und sie mit mir so spielte; in dritter endlich auf 
eine spätere Zeit, da ich mich meiner Puppe gegenüber als 
Mutter fühlte, sie bei Tag nie von meinem Schöße ließ und 
auch des Nachts in meinen Armen hielt. Wollte mich die 
Mutter, wenn ich mich plötzlich in der Nacht vor Fratzen 
fürchtete, beruhigen, so mußte sie raschestens Licht machen. 
Dann erst nahm sie mich auf den Arm oder legte mich ganz 
zu sich. Das Licht aber mußte brennen bleiben, bis ich ein- 
schlief, damit mich die Fratzengesichter nicht peinigen konnten. 
Nur nach Licht schrie ich oft als Kind, Licht beruhigte mich 
erst ganz. Ich verlangte wohl nach Licht, um Blut zu sehen 
und mich gleichzeitig an der Mutter erregen zu können.« 

Patientin fährt in ihrem Berichte fort: »Dies war also 
bis zu 17 Jahren. Mit 18 mußte ich wegen einer Nerven- 
entzündung aufs Land. Dort war ich ganz allein und auch 
genötigt, allein in einem Zimmer zu schlafen. Ich schlief 
immer sehr spät ein und einmal — mein kleines Zimmer war 
vom Mondlicht hell beleuchtet — stand ich auf, trat auf den 
kleinen Gang, der in den Hof mündete, und wollte zum Hof- 
tor hinaus. Da dies aber versperrt war, mußte ich^ wieder 
zurück. Statt jedoch in mein Zimmer, ging ich in das Schlaf- 
zimmer meiner damaligen Quartiersfrau, welche dort mit ihrer 



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U ÜBER NACHTWANDELN 

Tochter, einem ca. 26jährigen Mädchen, schlief. Auch in 
dieses Zimmer schien der Mond und langsam öffnete ich die 
Tür. Da erwachten beide und waren, wie sie mir am 
nächsten Tage mitteilten, zu Tode erschrocken. Besonders 
die Tochter soll es furchtbar getrieben haben, sehr ängstlich 
gewesen sein und sich sofort in das Bett der Mutter geflüchtet 
haben. Ich ging zurück. Was weiter geschah, weiß ich nicht 
zu sagen. Denn die Tochter hatte die Tür sofort hinter mir 
zugeriegelt. Ich hatte mich dort, in dem kleinen Bauemdorfe, 
unmöglich gemacht, und, obwohl ich das Zimmer für den 
ganzen Monat bezahlt hatte, zog ich es vor, schon den zweit- 
nächsten Tag abzureisen. Wichen mir doch alle Leute aus 
und sahen mich mit scheelen Augen an. Und erst meine 
Quartiersleute! Ich sah, daß ihnen ein Stein vom Herzen 
fiel, als ich wegfuhr.« Auf meine Frage, ob sie vielleicht 
•ihre Quartiersfrau besonders gern gehabt habe, erwidert Pa- 
tientin: »Nein! Wohl aber eine andere Frau des Dorfes. 
Und es scheint, daß ich damals im Nachtwandeln zu dieser 
Frau hin wollte. Wenigstens liegt das Zimmer der Quar- 
tiersfrau, in das ich ging, nachdem ich das Hoftor ver- 
sperrt gefunden, in der Richtung des Hauses, das jene 
bewohnt. 

Seit dieser Zeit ist von einem Nachtwandeln auch in 
mondhellen Nächten nichts bekannt. Nur habe ich mir seit 
dieser Zeit schon einige Male während der Nacht jedoch stets 
meine eigene Wäsche angezogen. Ich entdeckte nämlich öfters 
in der Früh noch bis vor kurzem, daß ich mit Leibwäsche 
oder Strümpfen bekleidet war. Außerdem frisierte ich mich 
des Nachts häufig und, hatte ich z. B. die Haare vor dem 
Schlafengehen geflochten oder offen, so wachte ich morgens 
doch stets mit aufgesteckten Haaren auf. Besonders häufig 
geschieht dies unbewußte Frisieren vor der Menstruation und 
ist dann ein absolut sicheres Zeichen, daß dieselbe baldigst 
eintreten wird. Das hat folgendem Zusammenhang. Die Mutter 
lag beim Einschlafen niemals mit hochgesteckten Haaren, 
sondern stets mit herabhängendem Zopf im Bett. Bloß, wenn 
sie Blut hustete — zur Menstruationszeit verliere ich eben- 
falls sehr viel Blut — hatte sie den Zopf nicht mehr herunter- 



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UND MONDSUCHT. 25 



hängen, sondern zu einer Frisur hinaufgesteckt. Vor Eintritt 
der Menstruation nun quält mich dieser herabhängende Zopf 
am allermeisten. Also ist das Frisieren im Schlafe, das ich 
vor wenigen Tagen noch machte, nur der Wunsch, wieder 
Blut zu sehen, weshalb es meist nur vor der Menstruation 
auftritt.« Ich will noch ergänzen, daß das Aufhören ihrer 
Mondsucht mit 18 Jahren zeitlich zusammenfällt mit der Auf- 
nahme regelmäßiger Geschlechtsbeziehungen zu verschiedenen 
Männern. 

Über das Erwachen beim Namensanruf durch die Mutter 
und das Starren ins Licht, respektive in den Mond, gibt die 
Kranke noch einige wichtige Aufklärungen. »In der Schule 
waren meine Gedanken immer bei Sexuellem und so über- 
hörte ich es ganz und gar, wenn eine Rechnung erklärt 
wurde. Oft nahm ich mir vor, recht aufzupassen, aber schon 
nach einigen Minuten war ich wieder mit geschlechtlichen 
Phantasien beschäftigt. Hörte ich nun meinen Namen rufen, 
so erwachte ich plötzlich, mußte mich aber erst orientieren, 
wo ich eigentlich sei. Dies Erwachen beim Aufrufen 
meines Namens in der Schule war ganz ähnlich 
jenem, wenn mich die Mutter im Nachtwandeln 
beim Namen rief. Beidemal erschrak ich und erwachte 
wie aus einem schweren Traum. Das viele Träumen jedoch 
im wachen Zustand geht auf meine früheste Kindheit zurück, 
da ich abends, wenn die Eltern miteinander sprachen, auf 
dem Schöße der Mutter saß und mich an ihr erregte. O, wie 
ließ sich's dort herrlich träumen! Immer schwelgte ich da 
in sexuellen Phantasien und, in diese ganz imd gar vertieft, 
vergaß ich völlig, wo ich war, bis ich auf einmal meinen 
Namen rufen hörte, erschreckt auffuhr und mich nun erst 
orientieren mußte. Mutter rief immer ganz leise meinen 
Namen und fügte meist noch hinzu, wenn ich zu gähnen be- 
gann: ,der Polster ruft dich^ und eine feine Stimme imi- 
tierend: ,Du möchtest schon zu ihm ins Bett kommen.^ 

Noch eins : wenn ich abends auf dem Schöße der Mutter 
zu träumen begann, war ich gezwungen, direkt in die Flamme 
der Lampe zu sehen. Ich sah fortwährend hinein und war 
wie hypnotisiert. Beide Hände hatte ich auf der Brust der 



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^6 ÜBER NACHTWANDELN 

Mutter liegen und spürte die Formen durch. Außerdem hatte 
ich auf ihrer linken Brust meinen Zopf liegen, was ich mit 
großer Vorliebe tat, da es sich so weich lag wie auf einem 
Polster. Ich war also gezwungen, ins Licht zu blicken, und 
schaute fortwährend in die Flamme, bis mir die Augen zu- 
fielen. Dann lag ich in einem Halbschlaf, in dem ich die 
Stimmen meiner Angehörigen hörte, ohne zu vei'stehen, was 
gesprochen wurde. So ließ es sich am besten träumen, bis 
die Mutter meinen Namen rief und ich erwachte. Jeden Tag 
freute ich mich schon auf diesen Schlaf beim Schein der Lampe 
und das Begeilen auf dem Schöße der Mutter. Ich lag auch 
so ruhig und mit geschlossenen Augen da, daß alle meinten, 
ich schliefe fest. Und doch weiß ich sicher, daß es kein ge- 
wöhnlicher Schlaf war, sondern bloß eine , Träumerei', aus 
der ich nur erwachte, wenn Mutter mich beim Namen rief. 
Tat sie das nicht, sondern zog mich ruhig aus und legte mich 
ins Bett, so begann ich dann unruhig zu werden. Ich stand 
im Bette auf, legte mich hinunter zu den Füßen und pflegte 
auch aufzuschreien und mich herumzuwerfen, bis Mutter mich 
ganz entsetzt beim Namen rief und mich beruhigte. Ich glaube, 
in diesen Erlebnissen liegt wieder eine Wurzel für mein An- 
starren des Mondes beim Nachtwandeln, sowie für den durch 
das Fixieren des Lichtes erzeugten Traumzustand.« 

Zum Schlüsse noch einige minder wichtige psychische 
Überdeterminierungen. »Wenn ich mit 4, 5 Jahren in den 
Mond schaute, hatte ich oft Lust, über die Häuser in den 
Mond hinaufzusteigen. Doch wußte ich damals noch gar 
nichts von Mondsüchtigen. Um dieselbe Zeit sangen meine 
Schwestern oft das bekannte Lied : Was für ein schief's 
Gesicht, Mond, machst nur du ? Als ich dann Gelegenheit 
hatte, den Mond einmal vom Fenster aus zu sehen, da starrte 
ich ebenfalls immer hin, um das Gesicht und die Augen zu 
entdecken. Auch damals wurden meine Augen müde und 
fielen zu. Später, mit 9 — 10 Jahren hörte ich von Kindern, 
daß im Monde Leute wohnten. Gar zu gern hätte ich gewußt, 
wie die Leute dort aussehen, und, so oft Vollmond war, starrte 
ich ihn beständig an. Ich hatte vernommen, es wohnten an- 
dere Leute dort, anders geartete, ich wollte andere 



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UND MONDSUCHT. 27 



Menschen haben. Vielleicht hatten sie andere Sitten und 
Gedanken, liefen nackt umher wie im Paradies, und da wollte 
ich hinauf, dort ein freies Leben führen, mit Buben wie mit 
Mädeln. Schon als Kind kam ich mir ganz anders vor Avie 
die übrigen Menschen wegen meiner sexuellen Sachen und 
der geschlechtlichen Phantasien in der Schule. Immer glaubte 
ich, ich sei was Besonderes und gehöre darum nicht auf 
die Erde, sondern auf den Mond. Als ich einmal das 
Wörtchen , Mondkalb* hörte und nach dessen Bedeutung 
fragte, sagte man mir zu Hause, das seien mißgestaltete Kinder. 

Ich aber dachte, das verstünden sie nicht; die Kinder 
werden halt anders geartet sein, sowie die Leute im Monde 
alle sind, daß sie ganz anders empfinden und ein ganz an- 
deres sexuelles Leben führen als wir. Ich dachte, sie emp- 
finden für beide Geschlechter, weil Mutter immer sagte: 
,Mit Buben darf man nicht allein sein!' und daß dies im 
Mond erlaubt sei, da werde kein Geschlechtsunterschied beim 
Spielen gemacht«. 

Als ich sie zum Schlüsse noch scharf befragte, ob ihre 
Erklärung für das Anstarren des Mondes, daß sie Mond- und 
Lampenlicht identifiziere, erschöpfend sei, erklärte sie sofort, 
ihr habe sich schon früher eine andere Lösung aufgedrängt, 
die sie nur als »zu dumm« verworfen hätte. »Die leuchtende 
Mondscheibe erinnert mich nämlich an den leuchtenden Frauen- 
leib, an den Bauch und vor allem an den Popo. Wenn ich 
ein Frauenzimmer von rückwärts sehe, regt mich das un- 
gemein auf. Sobald ich mich an jemand begeile und die 
Hand an seinem Popo habe — dabei denke ich immer an ein 
Frauenzimmer — fällt mir stets der Mond ein, aber in Er- 
innerung an einen Frauenkörper.« 

Nach dieser Erklärung würde also der Mondsüchtige 
das Nachtgestim anstarren, weil die runde Scheibe sexuelle 
Kindheitserinnerungen weckt an den Frauenleib oder, was ich 
von anderer Seite erfuhr, an die Frauenbrust, am häufigsten 
aber an das Gesäß. Und es ist bezeichnend, daß derart an- 
ziehend immer nur die Vollmondscheibe wirkt, nicht etwa der 
Halbmond oder gar die Sichel. Zu dieser Erklärung stimmt 
noch eine Alltagserfahrung gut. Wenn Kinder die Vollmond- 



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28 ÜBER NACHTWANDELN 

Scheibe erblicken, oder ihre Aufmerksamkeit dorthin gelenkt 
wird, heben sie regelmäßig zu kichern an. Ein jeder Kenner 
der Kinderseele weiß, daß solches Kichern sexuellen Unter- 
grund besitzt, weil die Kleinen gewöhnlich an die nates denken. 
Nicht selten wird Kindern, die man auf den Topf setzt, auch 
das Hemdchen mit den Worten weggezogen: »Nun geht der 
Vollmond auf«, desgleichen wenn ein Kind sich zufällig oder 
geflissentlich dort entblößt. 

Fassen wir das Letzterzählte zusammen, so gäbe es zu- 
nächst Aufklärung darüber, warum unsere Mondsüchtige auf 
der Stelle wach wird und wieder zu sich kommt, sowie sie 
beim Namen gerufen wird. Das entsprach dem Erwachen, 
wenn sie in der Schule aus geschlechtlichen Träumen durch 
Aufruf geweckt ward, und dem früheren Aufschrecken, wenn 
Mutter sie aus gleichem sexuellen Phantasieren zum Schlafen- 
gehen rief. Dies aber legt die Folgerung nahe, daß man auch 
in der Mondsucht durch Namensnennung aus geschlechtlichen 
Träumereien geschreckt wird, oder mit einem kleinen Schritte 
weiter, daß dem Wandeln im Mondschein sexuelle Phantasien 
zu Grimde liegen, die darin erst ihre Erfüllung finden. Wäre 
die Deutimg imserer Kranken generalisierbar, so stiege der 
Mondsüchtige auf die Dächer als Erfüllung eines Kinder- 
wimsches, in den Mond selber hinaufzusteigen. Wieweit ihr 
infantiler Glaube, auf dem Mond sei alles Sexuelle erlaubt, 
selbst das auf Erden streng Verpönte, sich auch bei andern 
Kindei*n findet und femer die Ansicht, sie sei wegen ihrer 
geschlechtlichen Träumereien ganz anders geartet, gehöre 
überhaupt nicht auf die Erde, sondern auf den Mond, sich 
verallgemeinern läßt, steht noch sehr dahin. Wohl aber dürften 
die beiden angeführten Motive für das Anstarren der Mond- 
scheibe : Gleichsetzung des Mond- und Lampenlichts und Ver- 
gleich seiner Scheibe mit dem menschlichen Leib, besonders 
dem Gesäße, recht häufig zu treffen, vielleicht sogar kon- 
stant sein. 

« 

Suchen wir uns nun zu vergegenwärtigen, was der vor- 
stehende Fall zu lehren vermag, der erste und bislang einzige 
seiner Art, der einer genauen Analyse unterlag. Hiebei ist 



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UND MONDSUCHT. 29 



natürlich von vornherein willig zuzugeben, daß man aus einem 
einzigen Kasus, und wäre er noch so klar und vollständig 
aufgelöst, keine allgemeinen Schlüsse ziehen darf. Auch wider- 
streben gewisse Beziehungen der Generalisierung, da sie doch 
singulärerer Art sind und höchstens gelegentlich wiederkehren 
werden, wie z. B. die starke sadistische Note, das Verlangen 
nach Blut, die Hämoptoe der geliebten Mutter. Häufiger, 
zumal beim weiblichen Geschlechte, dürfte der Wunsch sein, 
zu den Eltei*n oder deren Stellvertretern ins Bett zu steigen, 
aus Liebe zu Mutter oder Vater deren Rolle zu spielen und 
endlich noch allgemein die Homosexualität als treibender 
Faktor. 

Was unserem Fall von vornherein die stärkste Note gibt, 
ist die sexuelle Färbung und Motivierung des Nachtwandeins 
und der Mondsucht. Das ist nun etwas, was die wissenschaft- 
lichen Autoren bisher so gut wie völlig übersahen, auch dort, 
wo es sich geradezu aufdrängte, wie in einer Reihe von 
Fällen, die Krafft-Ebing zitierte.^) Bei Besprechung der 



^) Z. B. : >Ein Mönch von düsterem Wesen und als Schlafwandler be- 
kannt, begab sich eines Abends in das Zimmer seines Priors, der zufällig 
noch nicht im Bett lag, sondern am Arbeitstische saß. Der Mönch hatte ein 
Messer in der Hand, die Augen offen und ging geraden Wegs auf das Bett 
des Priors los, ohne diesen und das brennende Licht im Zimmer zu bemerken. 
Er tastete nach dessen Körper im Bett, stach dreimal das Messer in dasselbe 
und kehrte mit befriedigter Miene in seine Zelle zurück, deren Tür er zu- 
machte. Am anderen Morgen erzählte er dem entsetzten Prior, daß er geträumt 
habe, dieser habe seine Mutter getötet und deren blutiger Schatten sei ihm 
erschienen, um ihn zur Rache aufzufordern. Er habe sich aufgerafft und den 
Prior erdolcht. Bald darauf sei er, in Schweiß gebadet, in seinem Bett er- 
wacht und habe Gott gedankt, daß es nur ein schrecklicher Traum gewesen 
sei. Der Mönch war entsetzt, als ihm der Prior erzählte, was vorgefallen war.c 
Ferner folgende Fälle: *Ein Schustergeselle, seit langer Zeit von Eifersucht 
geplagt, steigt schlafwandelnd übers Dach zu seiner Geliebten, erdolcht sie 
und kehrt wieder ins Bett zurück«, ferner: »Ein Nachtwandler in Neapel 
erdolcht seine Frau auf Grund einer Traumvorstellung, daß sie ihm untreu 
sei!« Auf Grund unserer analytischen Erfahrungen können wir schließen, daß 
das ungetreue Mädchen regelmäßig die Mutter des Nachtwandlers vorstellt, 
die ihm mit dem Vater untreu geworden ; die Haßgedanken gegen diesen Ri- 
valen führen im ersten Traume zu dem umgekehrten Hamletmotiv, die Mutter 
habe den Sohn zur Rache an dem Vater aufgefordert. Endlich zitiert Krafft- 
Ebing noch folgende Fälle: »Ein Prediger, der wegen Schwängerung eines 



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30 Cber nachtwandeln 



Dichterwerke werden wir hören, daß die Poeten und das Volk 
just dieses Motiv allen andern voranstellen, ja oft geradezu 
als einziges nehmen. Wenn diese Meinung zu Recht bestünde, 
dann hätten wir neuerdings die wissenschaftliche Erotophobie 
vor uns, d. h. die Scheu — am meisten der Ärzte imd Psycho- 
logen — vor der Sexualität, trotzdem doch diese mindestens 
eine der Haupttriebfedem im menschlichen Leben. 

Eher besteht Übereinstimmimg der Meinungen über die 
Beziehungen zwischen Nachtwandeln und Traum. Dem letz- 
teren analog erfüllt auch das Schlafwandeln Tageswünsche, 
hinter welchem konstant wieder Kinderwünsche stehen ; nur ist 
auch da hervorzuheben, daß die alten wie die neuen Wünsche 
entweder ausschließlich oder doch vorwiegend sexueller Art 
sind. Weil aber jenes geschlechtliche Begehren im Wachen 
verpönt ist, darum muß es sich ebenso wie im Traum in den 
Schlafzustand flüchten, wo man es bewußtlos und dement- 
sprechend auch schuld- und straflos befriedigen kann. Die 
meisten Schlafhandlungen unserer Patientin kommen ursprüng- 
lich im Scheinschlaf zur Ausfühnmg, werden demnach im 
bewußtem Zustande förmlich eingeübt, bis sie sich später un- 
bewußt vollziehen. Doch wird auch dann gar niemals ver- 
raten, was sie selbst im Scheinschlaf zu hehlen alle Ursache 
hat. Endlich scheint auch das unmittelbar auslösende Moment 
für Nachtwandeln und Mondsucht bei ihr erotischer Natm* zu 
sein, besonder Licht- und Mondschein, ihre Pubertät und die 
Krankheit der Mutter. 

Der Ätiologie und Bedeutung entsprechend, ist alles 
Schlafhandeln imserer Patientin, weil auf infantile Sexualität 
zurückgehend, halb sexuell, halb ausgesprochen kindlich. Es 
wird am stärksten, ja die Mondsucht setzt geradezu ein in 
der Zeit der Geschlechtsreife imd führt zu den komplizier- 
testen Handlungen ante menses, d. h. zur Zeit der größten 

Mädchens seines Amtes entsetzt werden sollte, wird freigesprochen, als er 
nachweist, daB er Nachtwandler sei und wahrscheinlich macht, dafi er den 
verbotenen Umgang in solchem Zustand (?) gepflogen habe«. Femer >Fall 
eines Mfidchens, das im somnambulen Zustand geschlechtlich miflbraucht wurde. 
Es hatte nur in den Anfallen Bewußtsein vom erduldeten Beischlaf, nicht aber 
in der intervallSren freien Zeit-. 



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UND MONDSUCHT. 31 



sexuellen Erregung. Und jenes Schlaf handeln und vollends 
die Mondsucht hören fast auf, als die Kranke regelmäßigen 
Geschlechtsverkehr aufnimmt. Sexuell erregend wirkt jeder 
Lichtschein, besonders des Mondes, durchsichtig erotisch be- 
dingt (Exhibition) ist das Wandeln im Hemd oder dürftigster 
Kleidung, aber auch das Herumgehen in der Geisterstunde 
(siehe später), endlich noch das Erwecktwerden durch den 
leisesten Namensanruf von selten der Mutter, mit der sie gleich 
einer hypnotisch Somnambulen einzig in Kontakt steht. Rein 
kindlich hinwieder ist die ganze geschickt verhüllende Technik; 
daß sie vorerst Krankheit oder Angst simuliert, um zur Mutter 
ins Bett genommen zu werden, dann sich schlafend stellt, aus 
dem Schlafe redet, im Schlafe herumschlägt, um ungestraft 
und verantwortungslos alles tun zu können, endlich Mutter 
spielt auf eine Weise, die ganz den Kinderspielen entspricht. 
Auch wenn sie später vor und nach dem Wandeln im hellen 
Mondenschein, besonders tiefen Schlaf produziert und vorlier 
zwangsmäßig stets wieder prüft, ob die Türe ja nur geschlossen 
sei, so sehe ich darin, natürlich abgesehen von vielleicht or- 
ganischen Ursachen des Tiefschlafes, eine Absicht des Un- 
bewujßten, das deutlich markiert: Sieh nur, wie tief ich jetzt 
schlafe (man denke an das frühere Sich-schlafend-stellen!) und 
wie ich mich fürchte, daß die Tüi^e offen geblieben sein könnte ! 
Wer trotz eines derart tiefen Schlafes und solcher Vorsicht 
doch wandeln muß, ja da vielleicht sogar Dinge begeht, 
die sexuell ausdeutbar, der kann doch offenbar nichts 
dafür ! 

Aus der Neurosenlehre sei noch nachgetragen, daß die 
Furcht, es könnte sich jemand im Zimmer verborgen halten, 
den Wünsch bedeutet, dies möchte so sein, damit der Betref- 
fende sie geschlechtlich befriedige. Am beweisendsten war 
hiefür ein Umstand, den ich jetzt ergänze. Selbst während 
der Psychoanalysenzeit, da sie nicht mehr wandelte, nicht 
mehr kompliziertere Schlafhandlungen beging, hat sie mehr- 
fach auf dem Lande die Zimmertür abends sorgfältig ver- 
schlossen, um sie trotzdem morgens wieder offen zu finden. 
Ihr damaliger Liebhaber schlief freilich, wenn auch räumlich 
getrennt, unter demselben Dache. 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



32 ÜBER NACHTWANDELN 



Ehe ich auf die Frage näher eingehe, welche Wirkung 
dem Lichte auf das Nachtwandeln unserer Kranken zukam, 
will ich noch einmal daran erinnern, daß ihr Schlafhandeln 
anfänglich ganz minimal war und mit dem Lichte noch nichts 
zu schaffen hatte. Mit den Jahren erst ward es stets kom- 
plizierter und erfolgte schließlich einzig imter dem Einfluß 
des Lichts, sei es des künstlichen oder natürlichen (Mondes). 
Größere Spaziergänge waren überhaupt nur im Mondschein 
möglich, der als kosmisches, ubiquitäres Licht überallhin 
leuchtet, auch in Hof und (harten und über die Straße, wäh- 
rend Kerzen oder Lampen doch höchstens ein bis zwei Zimmer 
erhellen. Die schlafwandelnde oder mondsüchtige Kranke ging 
dem Lichte nach, die weil ihr dasselbe schon Ton Kindheit ab 
ein Symbol der elterlichen Liebe darstellte und Hoffnung gab 
auf Geschlechtsgenuß. Auch war es innig-tmtrennbar ver- 
knüpft mit motorischen Akten erotischer Art. Mit dem Lichte 
nahte die Mutter ihrem Lager, es mahnte das Kind: Jetzt 
sollst du auf den Topf und kannst »Das Gutec auspressen, 
oder, wenn sie auf dem Schoß der Mutter ins Lampenlicht 
starrte : Jetzt kannst du dich nach Herzenslust erregen. Dann 
leuchtete die Lampe, wenn die Kleine zur Mutter ins Bett 
steigen wollte, um, selbst exhibitionierend, auch diese in dürf- 
tigster Hülle zu schauen. Und endlich verkündet das Anzünden 
des Lichts: Die Mutter ist krank, bei der Pflege wirst du 
Gelegenheit haben, ihre bloßen Brüste imd ihr Blut zu schauen. 
Durchsichtig also führte das Licht, wenn sie ihm nachstieg, 
zu den höchsten sexuellen Lustgefühlen ihrer frühesten Kind- 
heit. Wegen dieser starken Libidobesetzung wird die Licht- 
erinnerung vom Unbewußten stets wach erhalten und es braucht 
der Schein der Lampe oder Kerze nur auf das Gesicht der 
Wandlerin zu fallen, damit dann diese auch im tiefsten Schlafe 
gleich Lust empfindet, das Unbewußte in Tätigkeit gesetzt 
wird und alles äußerst zweckmäßig vollbringt, was ihrer 
mächtigen Libido dient. Bezeichnend ist, daß unsere Kranke 
bei jedem Lichtschein sofort ein großes Lustgefühl verspürt, 
daß sie femer sich wie ein übernatürliches Wesen vorkommt 
{Verklärung durch das sexuelle Lustgefühl^), daß sie selber 

') Man erinnere sich an den Heiligenschein auf religiAsen Bildern, der 
Ja schliefilich auch nichts anderes darstellt, als den Lichtschein nma Ilanpt. 



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UND MONDSUCHT. 83 



vermeinty es müsse eine zweite Art von Bewußtsein darstellen, 
und daß sie endlich mit der geliebten Person in solchem 
Eontakt steht, wie eine Hypnotisierte (Somnambule) mit ihrem 
Hypnotiseur. Denn trotz ihrer sonstigen Schwerhörigkeit ver- 
nimmt sie das leiseste Wort der Mutter auch im tiefsten 
Schlafe. 

Was bezweckt nun die Kranke mit den größeren Spazier- 
gängen unter der Wirkung des Mondlichts, daß sie z. B. in 
den ersten Stock klettert, sich es dann überlegt und zum Tore 
hinaus will? Das wird verständlich, wenn wir uns erinnern, 
daß sie einmal auf dem Lande für den Liebhaber die Zimmertür 
im Schlafe Öffnete, tmd weiters an ihr erstes komplizierteres 
Nachtwandeln. Der Sinn des letzteren war ja gewesen, zur 
Mutter in das Bett zu steigen, um höchste sexuelle Lust zu 
finden. Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich aimehme, daß 
dies erotische Verlangen des Kindes mutatis mutandis auch 
den größeren Wanderungen im Mondlicht zu Grunde liegt. Sie 
will einfach immer zu einer geliebten Person ins Bett, was, 
wie wir später hören werden, auch den Dichtem und dem 
Volke als Grund- imd Hauptmotiv für viele Fälle von Schlaf- 
wandeln gilt, zumal der Mädchen. Jetzt wird auch durch- 
sichtig, warum die Kranke in den ersten Stock steigt, sich 
denn besinnt und zum Tor hinaus will. Hatte sie doch im 
siebenten Lebensjahr mit ihrer Familie die Wohnung gewechselt, 
welche früher im ersten Stock, jetzt aber im Erdgeschoß sich be- 
findet. Sie trachtet auch jetzt, zur Mutter in das Bett zu steigen, 
das bleibt auch hier das Grundphänomen. Nur sucht sie das 
Bett nicht dort, wo es gegenwärtig steht, sondern wo es in 
der Kindheit gestanden hat, im' ersten Stock und einem andern 
Hause. Sie steigt deshalb die Treppe hinauf, besinnt sich aber 
(natürlich imbewußt), daß dies denn doch nicht der richtige 
Flur sei, und will nun, das Haus der Kindheit zu finden, zum 
Tore hinaus. Als sie später auf dem Lande die Wirtin und 
ihre Tochter so arg erschreckt, da will sie gleichfalls zu einer 
geliebten Frau, verläßt zu diesem Zwecke das Haus und geht 
dann wenigstens in jenes Zimmer, das in der Wohnungsrich- 
timg der Geliebten liegt. Noch später sperrt sie im Schlafe 
die Tür auf, damit der Geliebte frei eintreten könne. 

Sa dg: er, Ober Nachtwandeln und Mondsucht. ^ 

f^nonl^ Orrginaffnonn 

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34 ÜBER NACHTWANDELN 

Jetzt vermögen wir auch das Schlafwandeln ihrer Mutter 
großenteils zu deuten. Wie ich noch eruieren konnte, hat 
auch die Mutter als ganz kleines Kind in einer anderen Woh- 
nung gehaust, als damals, da sie zu wandeln begann. Wenn 
sie nun bei Nacht im Zimmer herumläuft und ihr Bett nicht 
findet, angstvoll henmisucht, ohne auf den Topf zu stoßen, 
die doch beide am gewohnten Platze stehen, so erklärt sich 
dies daraus, daß sie Topf und Bett ihrer ersten Kindheit, die 
selbstverständlich ganz anderswo standen, im Geiste sucht. 
Auch erzielt sie durch ihr Stöhnen Erfüllung des unbewußten 
Wunsches, von der Mutter auf den Topf gesetzt und dann ins 
Bett gehoben zu werden. Das Wandeln im Mondschein, nach 
welchem sie gleichfalls nicht ins Bett zurückfindet, ist ähnlich 
zu deuten, während ich über ihr Tanzen im Mondschein nur 
soviel erfuhr, daß auch sie in ihrer Kindheit sehr tanzlustig 
war, was dann auf imsere Patientin überging. Vielleicht auch 
wollte sie nach Gedichten oder Märchen Elfe spielen im 
Mondenschein oder hat, wie die Tochter, einst durch ihre Tanz- 
kimst besondere Liebe der Eltern geemtet. 

Wir sind nun beim ersten Hauptprobleme. Wie kommt 
es denn eigentlich, daß sogar die Nachtruhe, deren Wahrung 
ein stetes Traumziel ist, im Schlafwandeln motorisch durch- 
brochen wird? Da gibt es zunächst eine besondere orga- 
nische Disposition, die wohl keinem einzigen Schlafwandler 
mangelt : die erhöhte motorische Ansprechbarkeit. *) Diese 
tritt schon beim Kinde deutlich hervor, so beispielsweise bei 
unserer Kranken als Neigung zu eklamptischen Anfällen, pavor 
noctumus und schreckhaften Träumen, aus denen sie auffährt. 
Soweit hier meine Beobachtungen reichen, scheint zumal die 
Nachkommenschaft von Säufern und Epileptikern, femer 
Leuten mit ausgeprägt sadistischem Charakter, endlich von 
Hysterikern, deren Motilität stark affiziert ist, die also z.B. 
an Krämpfen, Tremor, Lähmungen oder Kontrakturen leiden, 
besonders zum Schlafwandeln disponiert. Nur kurz sei erwähnt, 
daß die erhöhte Ansprechbarkeit auch die Disposition zu be- 
sonderer Muskelerotik setzt, welche tatsächlich in jedem der 

*j Vgl. hiezu auch Krafft-Eblng I.e. »Leichte Konvulsionen oder 
kataleptischc MuBkelstarre gehen den Anfällen zuweilen vorher.« 



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UND MONDSUCHT, 86 



mir bekannt gewordenen Fälle von Schlafwandeln und Mond- 
sucht leicht nachweisbar war. Wem also die mächtige Be- 
tätigung seiner Muskeln eine ganz besondere Lust bereitet, 
geradezu ein sexuelles Vergnügen, dem wird selbst die 
Störung der Nachtruhe versüßt durch die Befriedigimg seiner 
Muskelerotik. 

Auch in unserem Falle tut außer dem bisher schon An- 
geführten noch eine Reihe von Zügen die abnorm gesteigerte 
Muskelerotik unzweifelhaft kund. Ich habe sie ausführlich 
bereits anderwärts besprochen (vgl. Anm. 1 auf S. 7) und 
will hier nur kurz die Hauptmomente nennen. Patientin hatte 
außer einem epileptisch-trunksüchtigen Großvater mütterlicher- 
seits, der sich im alkoholisierten Zustande durch Grausamkeit 
und Lust am Prügeln auszeichnete, außer ihrer stark sadi- 
stischen Mutter noch zwei ältere Brüder, von denen der erste 
furchtbar jähzornig und gewalttätig war und seine Geschwister 
öfter würgte, während der andre eine wahrhaft diabolische 
Lust daran fand, alles zu zerstören oder zu demolieren. Unsere 
Kranke zeigte bereits mit zwei Jahren und dann ihr ganzes 
Leben hindurch eine Lust am Schlagen, aber auch die Kehr- 
seite, eine besondere Lust am Geschlagenwerden, ferner schon 
mit vier Jahren eine intensive Lust am Tanzen, ein Vergnügen, 
das unverkennbar sexuell war. Wie sie es liebte, sich an den 
Körper der Mutter anzupressen oder ihr Bein zu umschlingen, 
haben wir oben vernommen. Unter ihren hysterischen Sym- 
ptomen war endlich eines der allerfrühesten eine hysterische 
Armlähmung. 

Schwieriger dünkt mich die Antwort auf die zweite 
Hauptfrage: Welche Wirkung übt das Nachtgestirn auf den 
Schläfer aus? Daß zunächst der Mondschein infantile Lust- 
erinnerung weckt, unter anderem ferner das ubiquitäre Licht 
auch den Weg beleuchtet, der zu Haus und Wohnung der 
allerfrühesten Kindheit führt, ward ebensowie die verschie- 
denen psychischen Überdeterminierungen schon früher be- 
sprochen. Wir hörten von infantiler Gleichsetzung der Mond- 
scheibe mit den kindlichen Nates imd dürfen vielleicht das 
Anstarren des Nachtgestirns, das im übrigen am meisten dem 
Fixieren bei der Hypnose ähnelt, mit darauf zurückführen. 
2 5* 3» 

f^nonl^ Orrginaffnonn 

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86 Ober nachtwandeln 



Da wir heute wissen, daß das Wesentliche der letzteren die 
liebevolle Übertragung ausmacht, so kommen wir auch von 
jenem Symptom wieder auf die Erotik. Übrigens fehlte 
unserer Kranken auch eine grobsinnliche Beziehung nicht. 
Daß endlich das infantile Verlangen, über die Häuser in den 
Mond zu steigen, im mondsüchtigen Klettern auf die Dächer 
mindest zum Teil realisiert wird, liegt auf der Hand. 

Doch mit all dem scheint mir das zweite Hauptproblem 
noch nicht völlig erschöpft. So wäre nicht absolut ausge- 
schlossen, daß hinter der Volksmeinung, der Mond ziehe 
»magnetische den Schläfer an, doch mehr als bloßer Aber- 
glaube steckt. Denken wir an die motorische Übererregbar- 
keit aller Schlafwandler und die Erzeugung von Ebbe und 
Flut durch die Anziehung des Mondes, so wäre inmierhin eine 
Beziehung denkbar. Femer kann man in einer Zeitepoche, da 
jedes Jahr neue Erkenntnis bringt über bekannte und un- 
bekannte Strahlen, auch den Strahlen des Mondlichts nicht 
von vornherein jede Wirkung absprechen. Vielleicht, daß 
einmal Physiker und Astronomen uns eine Aufklärung geben 
werden. Vorläufig freilich läßt sich die Frage bloß auf werfen, 
ohne daß wir auch nur mit einer Hypothese antworten 
könnten. 

Zum Schlüsse will ich noch einer letzten Beziehung ge- 
denken, die die Mondsucht zum Geister- und Gespenster- 
glauben hat. Durch viele Analysen ist festgestellt, daß die 
Grundlage des letzteren die nächtlichen Besuche der Mutter 
bilden, wenn sie mit dem Lichte in der Hand und in dürf- 
tiger weißer Kleidung (Hemd, oder Hemd und Unterrock) 
nachsehen kommt, ob die Kinder schon schlafen, oder, eben- 
so angetan, ein Kind auf den Topf setzt. Die so viel 
zitierte »weiße Franc kann außerdem noch die Jimgfrau im 
Hemd sein, die so exhibitioniert, im Hemd zu den Eltern, 
eventuell auch später zum Geliebten ins Bett steigt. Und daß 
gerade die Stunde zwischen zwölf und ein Uhr gewählt wird, 
welche in den Ruf der Geisterstimde kam, dürfte darauf zu- 
rückgehen, daß um diese Zeit der Schlaf am tiefsten und 
demnach die Gefahr der Entdeckung am geringsten ist. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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UND MONDSUCHT. 37 



Fall 2. 

Ich schließe hier einen zweiten Fall an, bei dem die 
Mondsucht freilich nur eine Episode darstellte und darum 
auch nur eine kurze Analyse fand. Es handelt sich imi einen 
28jährigen Förster, der wegen schwerer hysterischer Herz- 
angst in psychoanalytische Behandlung trat. Die Ursache 
jener war eine Verlötung an seine Mutter, die er im Unbe- 
wußten noch immer begehrte. Als er nach dem Tode seines 
Vaters mit der Mutter zusammenlebte und im Nebenzimmer 
schlief, brachen seine Angstzustände aus. Potus des Vaters 
wird zugegeben. Jeden Sonntag trank sich dieser einen kleinen 
Rausch an. Auch die Mutter, die ein Wirtshaus besaß, war 
dem Alkohol keineswegs abgeneigt. Er selber hat, zumal in 
seiner Hochschulzeit, mehr Bier konsundert, als ihm förderlich 
war. Aus seinem Sexualleben hebe ich, als zu unserem Thema 
gehörig, seine mächtige ürethralerotik hervor, die ihn in der 
Kindheit zum Bettnässer machte, in späteren Jahren zu häu- 
figem nächtlichen Harndrang führte und einer schweren Dys- 
uria psychica. Seine Muskelerotik endlich trieb ihn dem 
Berufe eines Forstmannes zu. 

Aus seiner achtwöchigen Psychoanalyse seien nur die 
Stellen hervorgehoben, die sein Schlaf handeln und seine Mond- 
sucht betreffen. So erzählt er einmal : »Als ich mit 13 Jahren bei 
einer Kostfrau war, stand ich eines Morgens auf mit der dimklen 
Ahnung, in der Nacht etwas gemacht zu haben, ohne es zu erin- 
nern. Ich spürte nur einen dimipf en Kopf. Plötzlich begannen die 
Buben, die mit mir zusammenschliefen, aufzulachen, denn unter 
meinem Bette rann eine Lache von Urin heraus. In der Nacht 
hatte der Vollmond auf mein Bett geschienen. Wir Jungen hatten 
dort keinen Nachttopf, sondern mußten hinausgehen, was bei 
meinem häufigen nächtlichen Harndrang mir sehr unangenehm 
war. Nun stand unter meinem Bette eine viereckige Schachtel 
für Strohhut und Krawatten, die hab' ich in der Nacht, als 
ich schlaftrunken aufstand, für einen Topf gehalten und 
hineinuriniert. Das hat sich dann nochmals wiederholt. Ein 
andermal habe ich, auch bei Vollmond, einem Kollegen in die 
Schuhe hineingeschifft. Man sagte allgemein, ich sei ein 



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88 ÜBER NACHTWANDELN 

bißchen mondsüchtig. Wenn Vollmond kam, hatte ich immer 
Angst, daB ich wieder so etwas ausführen könnte, eine Angst, 
die ich lange Zeit bewahrte. Ich hätte z. B. nie so schlafen 
mögen, daß der Mond mich direkt bescheinen könnte. Ja, 
noch etwas. Zwei oder drei Jahre später, ereignete sich fol- 
gendes, nur weiß ich nicht, ob es bei Mondlicht war. Ich 
schlief mit mehreren Kollegen in einem Zimmer, nebenan die 
Wirtsleute, Mann und Frau. Da soll ich nun nachts hinein- 
gegangen sein und irgend etwas Sexuelles getan haben. Ent- 
weder wollte ich zur Frau hineinsteigen, oder onanierte ich, 
ich weiß nicht was. Doch hatte ich am nächsten Tag die 
Vermutung, daß etwas derartiges geschehen sein muß. Die 
Wirtsleute lachten nur so eigen, aber sagten mir nichts. € — 
»Kam vielleicht in Ihrer Kindheit die Mutter nachts mit Licht 
nachsehen?« — >Ja, das ist richtig. Meine Mutter blieb 
inmier lange auf und kam spät nachts stets mit Licht herein, 
um sich niederzidegen. Der Vater war durch seinen Beruf 
genötigt, früh zu Bette zu gehen, weil er um Mittemacht auf- 
stehen mußte, wozu er immer ein Licht ansteckte.« Hier un- 
terbrach er sich plötzlich: »Vielleicht habe ich deshalb auch 
die Angst vor dem ganz finsteren Zimmer. Sobald nicht we* 
nigstens ein .bißchen Licht ist, kann ich nicht koitieren.« — 
»Wieso das?« — »Ich habe mir das ziemlich schwer vorge- 
stellt, daß man den Geschlechtsakt nur bei Beleuchtung voll- 
ziehen kann.« — Dann aus einer späteren Analysenstunde: 
»Wenn Vater nachts wegging, kam ich wiederholt zur Mutter 
ins Bett. Ich habe mich ins Bett des Vaters gelegt, mich 
also gewissermaßen an seine Stelle gesetzt.« — »Hat Sie die 
Mutter gerufen, oder kamen Sie von selber?« — »Ich glaube 
schon, daß mich die Mutter dazu aufgefordert hat. Jetzt 
fällt mir noch etwas ein : Das Mondlicht weckte mich, so wie 
mich der Vater weckte, wenn er zum Fortgehen Licht an- 
steckte. Dann aber ist es Zeit, zur Mutter ins Bett zu gehen, 
denn der Vater ist schon weg, was mir immer ein Gefühl 
der Beruhigung gab.« — »Ja, wenn er weg ist, kann er 
nichts mehr bei der Mutter machen. Und dann können Sie 
seinen Platz bei ihr einnehmen.« — Zwei Monate später 
kam folgende Ergänzung: »Schon im Gymnasium hatte ich 



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UND MONDSUCHT. 39 



immer die Furcht, es könnte mich jemand nachts überfallen, 
weshalb ich das Zimmer stets doppelt verriegelte und unter 
das Bett und in jedem Kasten nachsah. In der Kindheit kam 
tatsächlich die Mutter nachschauen und mich auf den Topf 
setzen.« — »Dann wird Ihre neurotische Angst vermutlich das 
Gegenteil, den Wunsch bedeuten, die Mutter solle wieder zu 
Ihnen kommen.« — »Oder aber: ich riegle zu, damit der 
Vater nicht zur Mutter kommen kann. Auch befolgte ich 
damit ein Gebot der Mutter: ,Sperr' dich nur gut zu!' Sie 
hatte immer Angst vor Einbrechern. Und auch als ich jetzt 
mit der Mutter zusammenwohnte, sagte sie ein paarmal, ich 
solle mich gut zuriegeln. Ich aber dachte mir: Ach was, 
ich riegle mich nicht ein!« — »D. h. also, wenn die Mutter 
kommen will, soll sie nur kommen.« — »Das habe ich mir 
auch tatsächlich gedacht, wenn die Mutter mich früh weckte, 
daß sie nicht zu klopfen braucht, sondern direkt herein kann. 
Bei Tag lag ich im Bette der Mutter, weil sich ihr Zimmer 
besser heizen ließ. Ich habe mich damals sehr elend gefühlt 
und da sagte die Mutter am Abend: »Bleib nur -liegen, ich 
schlafe im Kabinett nebenan. Laß die Türe offen. In der 
Macht, weiß ich, war ich sehr unruhig.« — »Hatten Sie 
vielleicht auch den Wunsch, Mutter solle in der Nacht nach 
ihrem kranken Kind schauen, wie einst in der Jugend?« — 
»Ja, ganz richtig. Dieser Wunsch verfolgte mich und deshalb 
habe ich schlecht geschlafen. Ich hätte die Sache auch fort- 
gesetzt, wenn mich nicht meine Dysurie gehemmt hätte. Wäre 
ich nachts oder morgens aufgestanden, dann mußte mich die 
Mutter bei ihrem leisen Schlafe alsbald hören und ich hätte 
nicht urinieren können. Ein einziges Mal bin ich ganz leise 
aus dem Bett herausgekrochen, damit sie mich ja nicht höre, 
aber trotzdem währte es sehr lange, bis ich es zusammen- 
brachte. Auch in der Gymnasial- und Hochschulzeit war es 
nicht anders, wenn Mutter mich aufforderte, bei ihr zu schlafen, 
Vater sei nicht da. Dann konnte ich auch sehr schwer uri- 
nieren. Und als ich jetzt mit meiner Mutter zusammenlebte, 
bekam ich die schwersten Aufregungszustände. Sonst war 
kein Anlaß, weil ich weder gelumpt noch gesoffen hatte. Ich 
habe mich auch immer inq Bett der Mutter gelegt und wollte 



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40 ÜBER NACHTWANDELN 

nicht hinaus. Das ist ja sehr bezeichnend. Und ging ich 
einmal von zu Hause fort, so fühlte ich mich alsbald derart 
elend, daß ich zurück mußte. Daheim war mir sofort besser.« 
Überblicken wir den Fall, so ist er in seinen Beziehungen 
durchsichtig. Entscheidend wirkt die übergroße Liebe zu 
seiner Mutter, sowie das Verlangen, die Rolle des Vaters bei 
ihr zu spielen. Darum die Furcht vor den nächtlichen Ein- 
brechern, hinter welcher sich teils die Angst verbirgt, der 
Vater könne die Mutter beschlafen, teils wieder der Wunsch, 
die letztere möge selbst zu ihm konmien. Knüpft dies Ver- 
langen doch an allerlei lustvolle Kindheitserfahrung, da die 
Mutter ihn wegen seines Bettnässens allnächtlich auf den Topf 
setzte. In der späteren Verdrängimg wird die Lust bei der 
Enuresis wie beim Setzen durch die Mutter zu einer Dysuria 
psychica. Natürlich ist unserem Urethralerotiker in der Kind- 
heit, doch unbewußt auch später, die Miktion gleich dem Ge- 
schlechtsakt. Weckt ihn nun in der Pubertät das Mondlicht 
auf, wie in der Kindheit das Licht der Mutter oder des Vaters, 
dann vrird einerseits die Erinnerung an die erstere wach, die 
mit dem Lichte in der Hand ihn zum Topfgang mahnte,^) 
anderseits an das Fortgehen des Vaters, was für ihn ein Signal 
war, zur Mutter zu kommen. Er steht also auf und vollzieht 
symbolisch mit ihr den Geschlechtsakt, indem er in ein Schei- 
densymbol (Schachtel oder Schuh = vagina) hrneinuriniert. 
Auch daß er sich einmal bei Vollmondschein erhebt und zur 
Wirtin, also einer Vertreterin der Mutter, ins Bett steigen 
will, haut in die nämliche Kerbe. Wie man sieht, bestätigt 
der vorstehende Fall, was uns der erste bereits gelehrt hat. 

Fall 8, 4 und 5. 

Ich will nun kurz noch über drei Fälle vofi Mondsucht 
berichten, die ich leider nur flüchtig skizzieren konnte, doch 
keiner erschöpfenden Analyse unterwerfen. Immerhin be- 
stätigen sie Einzelnes von dem, was wir bisher erschlossen. 

Der erste Fall betrifft ein 28jährige8 Mädchen, die ihr 
erstes Nachtwandeln mit sechs Jahren bekam, ihr zweites mit 

') In Ramänien herrscht der Volksglaube, daß sich bei hellem VoU- 
mondflchein die Kinder leioht bepiaaen. (Mitteilung eines Patienten.) 



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UND MONDSUCHT. 41 



neun. »Ich stand bei Vollmond auf, stieg über einen Sessel aufs 
Klavier und wollte zum Fenster, es aufriegeln. Da erwachte 
der Vater und gab mir einen festen Hieb auf das Gesäß, wor- 
auf ich zurück ging und wieder einschlief« Manchmal stand 
ich auf, ging zu jedem Bett hin, zu den Eltern imd Geschwi- 
stern, schaute sie an und ging wieder zurück. Zwischen 16 
und 17 Jahren, als ich meine erste Periode bekam, hat das 
Nachtwandeln aufgeborte. Später ergänzt sie: »Ich habe als 
Kind auch häufig aus dem Schlafe gesprochen. Wenn ich auf 
der Straße ging und die Sonne mich beschien, fing ich aus 
der Nase zu bluten an. Dadurch wurde das Nachtwandeln 
besser. Ich hing stets mit großer Zärtlichkeit an Eltern und 
Geschwistern, geschlagen wurde ich nie, nur in jenem Fall 
vom Vater.« — »Was Sie dann wohl auch mehr als Lieb- 
kosung nahmen, denn als strafenden Schlag.« 

Auch in diesem Fall spielt die Mondsüchtige bisweilen 
die Rolle der Mutter, die sich überzeugt, daß ihre Lieben 
schlafen. Femer geht der Mondsucht eine Periode des Schlaf- 
sprefchens voraus. Bemerkenswert ist, daß ein Nachtwandeln 
unterbrochen wird durch eine Zärtlichkeit des Vaters und 
dann im Allgemeinen sistiert, als die Menstruation einsetzt. 
Auch frühere Blutimgen aus der Nase wirkten schon bessernd. 

Der zweite Fall betrifft eine 40iährige Hysterika, die in der 
Ehe sexuell vollkommen anästhetisch blieb, trotzdem der Mann 
ihr durchaus sympathisch und sehr potent ist. Lieblingskind 
des Vaters, buhlte sie schon in früher Kindheit vergeblich 
um die Liebe der Mutter, die ihrerseits wieder an schwerer 
Hysterie leidet, mit Schreikrämpfen, häufigen Tremor des 
Kopfes und der Hände und einem Heere nervöser Beschwer- 
den. Die Töchter dieser Mutter hatten sämtlich seit jeher 
einen außerordentlichen Hang zur Muskelbetätigimg und daran 
ersichtlich hohen Genuß. Sie waren unter anderm ausgezeich- 
nete Schwimmerinnen und leidenschaftliche Tänzerinnen. Meine 
Patientin konnte sich außerdem nicht genug tun in stimden- 
langen Spaziergängen. 

Bei einer Besprechxmg erzählte sie mir folgendes über 
ihre Mondsucht: »Als ich etwa zehn Jahre alt war, kam ich 
einmal in der Nacht auf. Mir hatte geträumt, ich spiele 



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42 ÜBER NACHTWANDELN 

Klavier. Ich befand mich aber nicht in meinem Bett, sondern 
stand zwischen Kasten und Schreibtisch und kratzte mit den 
Nägeln am letzteren, als spielte ich Klavier, was mich schließ- 
lich aufweckte. Dort war auch ein Papierkorb, den ich ent- 
weder überschritten hatte, oder existierte doch eine Spalte, 
durch welche ich hindurchschlüpfen konnte, ganz frei war 
der Weg aber jedenfalls nicht. Ich stand also in diesem engen 
Raum imd träumte, ich spiele Klavier. Plötzlich hörte ich 
die Stimme meiner Mutter : ,Mizzi, wo bist du?' Sie rief mich 
mehrmals, bis ich schließlich erwachte. Draußen war noch 
nicht Dämmenmg, wohl aber schien der Mond hell herein. 
Jetzt erinnerte ich mich sofort, wo ich sei, und ging ins Bett 
zurück. Als Ausrede brachte ich der Mutter gegenüber vor' 
ich hätte auf den Topf gehen wollen.« — »Hatten Sie zu jener 
Zeit, lebhaftes Verlangen, Klavier zu spielen?« — »Drei Jahre 
später kränkte ich mich, daß ich es nicht lernen durfte, aber 
damals hatte ich noch keine Sehnsucht nach Musik. Wir 
hatten zu jener Zeit auch noch gar kein Klavier. Doch ist 
mit meinen frühesten Erinnerungen die Mutter verbimden, wie 
sie Klavier spielt. Als Frau hatte ich den Wunsch, meine 
Freude und mein Leid in Musik auszudrücken. Bemerken will 
ich noch, daß auch mein Bruder und mein Onkel mütterlicher- 
seits^) mondsüchtig sind. Wenn der erstere wandelte, wollte 
er nachts stets zu mir ins Bett. Ich muß hervorheben, daß 
er mich besonders liebt.« 

»Als ich schon verheiratet war, aber nicht in meiner 
Mädchenzeit, passierte mir öfter Folgendes. Ich erwachte in 
der Nacht, setzte mich im Bett auf und wußte nicht, was mit 
mir los ist. Ich konnte nicht mit Bewußtsein denken, sbndem 
war vollständig denkunfähig. Weder wußte ich, wo ich bin, 
noch was mit mir vorgeht, ich konnte mich an gar nichts er- 
innern. Ich wußte nicht, ob ich Jüdin oder Christin bin. Mann 
oder Weib, Mensch oder Tier, und starrte nur fortwährend 
ins Nebenzimmer auf einen Lichtpunkt. Das war das Einzige, 
was mir einleuchtete. An diesen hielt ich mich, um Klarheit 
zu bekommen. Ich sagte immer zu mir selbst: ,Was, was 

') Diese beiden sind leidenschtftlich dem Sport ergeben, also gleioh- 
faUs mit einer erhöhten Muskelerotik ausgestattet. 



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UND MONDSUCHT. 43 



denn? Wo, wie und warum?' Weiter ging mein Denkvennögen 
nicht. So wie bei einem neugeborenen Kinde. Auf diesen 
Lichtpunkt starrte ich immer, weil ich unbewußt dachte, von 
dort aus Klarheit zu bekommen, weil sonst überall finster war. 
Es dauerte sehr lange, bis ich durch das Licht unterscheiden 
lernte, was es beleuchtete. Es war von einer Straßenlaterne, 
also wahrscheinlich vor Mittemacht, imd jene Laterne be- 
leuchtete ein Stückchen Wand im Nebenzimmer. Nachdem ich 
mir sehr lange ,Was, was?' vorgesagt und beständig auf den 
Lichtpunkt gestarrt hatte, lernte ich allmählig unterscheiden, 
was das Licht beleuchtete, z.B. erkennen : Das dort oben ist ein 
Stückchen Lampenlicht. Wieder nach einiger Zeit, das ist 
meine Lampe. Hierauf erinnerte ich mich an meine Wohnung 
und erat dann an alles Andere. Als ich örtlich die Umrisse 
erfaßt hatte, kehrte auch das Bewußtsein wieder, daß ich ein 
Mensch imd verheiratet sei. Das alles wußte ich vorher nicht. 
Ich erinnere mich nicht, daß ich vor diesem Zustand etwas 
geträumt oder daß mich etwas aufgeregt hätte, auch nicht an 
irgendetwas Besonderes, das vorausgegangen wäre. Übrigens 
ist mir bei starken Aufregungen nie etwas dergleichen passiert. 
Höchstens, daß ich nach meiner Verheiratung eine anstren- 
gende Lebensweise führte. Ich war an ein Geschäft gebun- 
den, das feucht, imgesund imd von schlechter Luft erfüllt ist, 
und ich bin eine Luftfreimdin. Darunter litt ich seelisch schwer, 
weil ich Licht und Luft liebe.« — »Dachten Sie, daß Sie eigent- 
lich kein Mensch sind?« — »Nein, nur daß ich mit Gottes 
Hilfe dies Leben aushalten will.« Ich will hier ergänzen, daß auch 
ihre zweite Schwester ähnliche Bewußtseinsstörungen aufwies. 
Vorstehend finden wir zunächst eine familiäre Anlage zu 
Nachtwandeln und Mondsucht. Der Bruder will bei seinem 
Wandeln bezeichnenderweise stets ins Bett der Schwester, 
während unsere Patientin selbst offenkundig die Mutter spielt, 
imd zwar die Mutter ihrer frühesten Kindheit. Interessant ist 
auch, daß, als sie in der Ehe ihre Licht- und Luftfreudigkeit 
aufgeben muß, sich Zustände von Bewußtseinsstörung einstellen, 
aus denen sie sich nur durch Fixieren eines Lichtpunktes 
herausreißen kann. Sie hat die deutliche Empfindung, von 
diesem Lichtpunkt wird ihr Klarheit kommen. Es liegt sehr 



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U ÜBER NACHTWANDELN 

nahe, an die Zustände von Schlaftrunkenheit zu denken, wenn 
etwa eine Mutter mit der Kerze in der Hand nachsehen kommt, 
ob ihr Kind auch schlafe, und dieses aufwacht. Der ganze 
merkwürdige Zustand wäre dann einfach Sehnsucht nach der 
Liebe der Mutter, die sie zeitlebens so schmerzlich vermißte. 
Nun zu dem letzten Fall, einer 23jährigen schwer hyste- 
rischen Ehefrau, die mit besonderer Zärtlichkeit an ihren 
Eltern hing, aber nur bei dem Vater Gegenliebe gefimden 
hatte, während ihre Mutter die Schwester vorzog. Von ihrer 
Mondsucht erzählte mir die Kranke: >Ich wollte stets nur bei 
offenen Jalousien schlafen, damit mich der Mond bescheinen 
könne. Mein ältester Bruder ging des Nachts herum, trank 
Wasser, ging zum Fenster und sah hinaus, alles natürlich im 
Schlafe, dann ging er wieder ins Bett zurück und schlief 
weiter. Dabei sprach er sehr laut, aber ganz unverständliche 
Sachen, man merkte wirklich, da£ der Mond seine Anziehungs- 
kraft auf ihn ausübte. Mein jüngerer, gesunder Bruder sagte, es sei 
entsetzlich, was und wieviel er in der Nacht zusammenspreche. 
Auch ich stieg mit 16, 17 Jahren eines Nachts im Schlafe aus 
dem Bette, weil ich den Mond nicht fand, und suchte ihn und 
da traf ich auf den mondsüchtigen Bruder. Alsbald ver- 
schwand ich wieder in mein Bett, er aber hat mich nicht ge- 
sehen. Etwa um die nämliche Zeit erkrankte ich einmal an 
Influenza und in den Fieberphantasien wiederholte ich immer, 
man solle den Aufgehängten herxmtemehmen imd ihn nicht 
bestrafen, er könne nichts dafür. Damals war Mondschein 
und außerdem brannte noch Licht im Zimmer. Ich hielt dieses 
für den Mond, den ich nicht sehen konnte, aber sehen wollte. 
Ich trachtete immer nur den Mond zu sehen. Die Fenster 
mußten geschlossen sein, weil ich mich fürchtete, die Jalousien 
hingegen offen bleiben, damit ich den Mond sehen könne. 
Dann riß man mich aus den Phantasien und da sah ich, daß 
mein Cousin neben mir saß. Der war aber nicht der Auf- 
gehängte, es war einer, der erst hinaufgezogen wird von einem 
andern Mann, einem Wärter im Gefangenhause. Das Gesicht 
des Aufgehängten sah ich nicht, nur den Körper.« — »Und 
an wen erinnert Sie dieser?« — »Ich weiß nicht bestimmt, aber 
es war doch der Cousin, der neben mir saß. Und als ich 



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UND MONDSUCHT. 46 



erwachte, habe ich anscheinend seinen Namen gerufen, denn 
er antwortete mir : Da bin ich ja !« — »Was ist mit dem Wärter 
des Gefangenhauses?« — »Erst wird doch einer eingesperrt, 
eh' man ihn aufhängt.« — »Sie sehen also in der Phantasie 
etwas, das herunterhängt?« — »Ja. Beim Cousin hatte ich immer 
das Verlangen, sein steifes Glied zu sehen, das man durch- 
fühlte und durch die Kleider sich abzeichnen sah.« Ich will 
gleich hinzufügen, daß hinter dem Cousin und ihren sexueUen 
Wünschen auf ihn sich analoge Phantasien auf den Vater 
bargen. Das Herunterhängende (pendens, penis) ist also 
der Phallus. Ihre Beschwörung, man solle den Aufgehängten 
nicht bestrafen, er könne nichts dafür, heischt off enbar Schonung 
für geschlechtliche Sünden (siehe auch später). 

»Auf der Hochzeitsreise wollte mein Mann nicht bei offenen 
Jalousien schlafen und ich nur bei solchen, damit mich der 
Mond bescheine. Ich konnte sonst niemals schlafen und war 
sehr unruhig imd da war mir immer, als wollte ich in den 
Mond hineinkriechen. Ich wollte mich sozusagen verkriechen 
in den Mond.^) Dieser Tage war ich draußen auf dem Lande 
bei meiner Schwester und schlief bei offenen Jalousien. Das 
Licht vom Himmel (angeblich nicht Mondlicht) drang herein, 
da. hatte ich das Gefühl, als ob mich etwas steche,*) (es stach 
mich auch tatsächlich etwas im Kreuz) und nun stand ich mit 
geschlossenen Augen auf und richtete das Bett, worauf ich 
gut schlief. Ich weiß nichts davon, daß ich aufgestanden bin, 
es muß aber etwas gewesen sein, weil ich jetzt gut liegen 
konnte. Dann noch etwas. Vor zirka zwei Jahren beobachtete 
ich auf dem Lande den Mond, wie er sich imWasser spiegelte, und 
da konnte ich mich von dem Anblick gar nicht trennen, bis 
ich plötzlich von meinem Mann mit einem Aufschrei geweckt 
wurde. Vor fünf, sechs Jahren fuhr ich in einem Boot auf 
den Wolfgangsee hinaus. Der Mond spiegelte sich in dem 
Wasser und ich saß ganz still dort. Plötzlich fragte mich 
mein gesunder Bruder, mit dem ich mich nicht besonders stehe: 
, Woran denkst du eigentlich?' — ,An gar nichts.' — , Etwas 
muß es doch sein!' — ,Nein, nichts!' Auch als wir ausstiegen, 

^) Mutterleibsphantasie? Mondscheibe =3 Frauenleib? 
') Wohl Koitusphantaaie. 



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46 ÜBER NACHTWANDELN 

war ich noch ganz weg. Auch bei Nacht hatte ich stets den 
Mond vor mir und nachts sprach ich mit ihm.« — »Bewußt 
oder im Traum?« — »Ich glaube, es wird mehr schlafend 
als wachend gewesen sein. Denn, wenn mir jemand darauf 
gekommen wäre, hätte ich es sehr peinlich empfunden. Die 
Worte habe ich mir beiläufig gemerkt : ,Du Mond mit deinem 
weißen Gesicht, du weißt, ich schwärme nur für dich. Komm 
doch herab, ich vergehe vor Qualen, laß mich an deinem 
Gesicht nur laben. Du anziehender, schöner, lieblicher Geist, 
du quälst mich zu Tod', die Geduld mir reißt, du schöner 
Mond, du süßer, mein, ich flehe dich an, erlös' mich dieser 
Pein, ich kann's doch nicht mehr ertragen. Ach, was nützt 
das Reden und Klagen! Sei du mein Glück, nimm mich mit 
dir, nur Sinnlichkeit verlang' ich mir. Du Mond, 
mein schönster, bester, erlöse mich, nimm meine Jung- 
fräulichkeit, ich bin dir nicht böse. Und zieh mich 
nur mächtig zu dir heran, laß nicht ab, das Küssen hat so 
gut getan'.« Wie man sieht, schwärmt sie den Mond wie einen 
Geliebten an, dem sie sich ganz ergeben will. Die grob- 
sexuelle Beziehung springt in die Augen. Es ist nach 
dieser Probe doppelt zu bedauern, daß hier eine eingehende 
Psychoanalyse nicht möglich war. 

Die frühsexuelle Beziehung der Mondsucht und ihren 
Zusammenhang mit dem Elternkomplex beweisen noch folgende 
Ergänzungen. »Im vorigen Sommer hatte ich auf dem Lande 
nur die Schwiegermutter, mit der ich sprechen konnte. Damals 
war Neumond und vollständige Dunkelheit vertrage ich nicht 
im Zimmer. Es wird mir schrecklich unheimlich dabei und 
ich kann nicht schlafen. Ich habe die Vorstellung, in der 
"Imheimlichen Finsternis kommt jemand zu mir und da fürchte 
ich mich.« Es stellte sich bald heraus, daß sie imd die Schwester 
in ihrer frühen Kindheit und dann wieder von 8 bis 13 Jahren 
das Schlafzimmer mit den Eltern geteilt und dabei wieder- 
holt den Geschlechtsverkehr derselben belauscht hatten. 
Ihre jetzige Furcht ist also durchsichtig der Wunsch, an Stelle 
ihrer Mutter zu treten, zu der der Vater kommt. Noch eine 
Episode erinnert sie hiezu : »Als ich neun, zehn Jahre zählte, 
bekam der jetzt gesunde Bruder Typhus und die Eltern stan- 



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UND MONDSUCHT. 47 



den nachts seinethalben auf. Wir Schwestern wurden nach D. 
ausquartiei*t, wo wir Gelegenheit hatten, mit einem Knaben 
zu spielen, der viel Sexuelles mit uns trieb. Von diesem 
träumte ich dann bei Nacht und phantasierte die geschlecht- 
lichen Dinge, die ich tagsüber mit ihm gemacht hatte. Wahr- 
scheinlich habe ich dann auch unten, an meinen Genitalien 
gespielt. Damals, beim Typhus meines Bruders, wollte ich 
überhaupt nicht schlafen imd konnte es auch nicht, weil es 
mir gar keine Ruhe gab, daß mein Bruder krank war.« Es 
ist jedem Kimdigen wohl ohne weiteres klar, daß nicht die 
Sorge um den Bruder, sondern geheime, aber drängende sexuelle 
Wünsche die Schlaflosigkeit erzeugten. Bezeichnend ist end- 
lich, daß, wenn sie später von einem Einbrecher träumte, 
dieser stets mit einem Messer auf sie losging oder aber sie 
würgte, wie Cousin und Mutter ihr öfters taten. 

Überblicken wir diesen dritten Fall von Mondsucht, so 
finden wir abermals ein familiäres Auftreten und Beziehungen 
zu frühsexuellen Traumen und zum Eltern komplex. Besonders 
bemerkenswert ist weiters die direkte Verliebtheit in den Mond, 
den sie in Versen anhimmelt und dem sie sogar ihre Jung- 
fräulichkeit anbietet. Es ist, als erblickte sie in diesem einen 
Mann, der sie aus ihren sexuellen Nöten befreien soll. Man 
erinnere sich, wie in dem allerersten, psychoanalytisch ge- 
lösten Kasus das vierjährige Mädchen auf Gnmd eines alten 
Studentenliedes durchaus das Gesicht des Mondes sucht. Ob 
in imserem Falle der Mondsüchtigen das Nachtgestim irgend- 
eine bestimmte Person vorstellte, war leider mangels einer 
Psychoanalyse nicht zu erkunden. 

Fall 6. 
Ich füge hier drei autobiographische Berichte an, die ich 
aus der Literatur gesammelt habe. Der erste stammt von dem 
berühmten Anatomen und Physiologen KarlFriedrichBur- 
dach, der von seinem zehnten bis zum dreißigsten Lebens- 
jahre zeitweise Anfälle von Mondsucht hatte, obwohl er an- 
geblich »der vollkommensten Gesundheit genoß«-. »Ich habe 
während dieses Zustandes Handlungen vorgenommen,« erzählt 
er selbst, »die ich bloß deshalb als die meinigen anerkennen 



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48 ÜBER NACHTWANDELN 

mußte, weil sie von niemand anderem konnten vollzogen sein ; 
so war es mir eines Tages unbegreiflich, als ich beim Er- 
wachen bemerkte, daß ich kein Hemd anhatte, imd so blieb 
es trotz der größten Anstrengung, mich zu besinnen, bis das 
Hemd in einem anderen Zimmer zusammengerollt imter einem 
Schranke gefunden wurde. In meinem 29. Jahre wurde ich 
auf einer Nachtwandenmg mit der Frage, was ich suche, ge- 
weckt und nun ging das Bewußtsein des somnambulen Zu- 
standes zum TeU in das Wachen über: zunächst fand ich 
dieFrage sonderbar, da derZweck klar sei, meinte 
jedoch, ich dürfe diesen nicht verraten; sogleicH 
aber, indem ich zu wachen begann, fragte ich mich, worin 
derselbe bestehe, und mußte, da nun der somnambule Zustand 
vorüber war, mir die Antwort schuldig bleiben.« 

Man wird nicht umhin können, diese Selbstschilderung 
äußerst interessant zu finden. Das Verstecken des Hemdes, 
so unvollständig die Sache berichtet ist, zumal in ihrer Mo- 
tivierung, weist doch imverkennbar mindest auf Exhibitions- 
lust hin. Viel schwieriger scheint das zweite Nachtwandeln 
auszudeuten. Bei diesem verfolgte Burdach offenbar ein 
bestimmtes Ziel, welches ihm so klar und durchsichtig schien, 
daß er gar nicht begriff, wie man da überhaupt fragen könne. 
Bedenken wir, daß sein erster Gedanke beim Gewecktwerden 
ist, er dürfe diesen Zweck aber ja nicht verraten, daß ferner 
auf der Stelle die Verdrängung einsetzt und ihn selber völlig 
amnestisch macht, dann bleibt wohl keine andere Möglichkeit 
übrig, als daß es sich hier um ein stark verpöntes Wollen 
handelte, das die Bewußtseinszensur nicht passieren läßt. Er- 
innern wir uns, daß beim ersten Nachtwandeln ganz sicher 
etwas Sexuelles geschah, so liegt es sehr nahe, auch beim 
zweiten an ähnliche Motivierung zu denken. 

Noch wahrscheinlicher wird ein stark verpöntes sexuelles 
Ziel, wenn wir die Lebensumstände heranziehen. In seiner 
Autobiographie »Rückblik auf mein Leben« erzählt ims 
Burdach, wie außerordentlich seine Mutter an ihm hing. 
»Nachdem sie vier Kinder immer schon in deren erstem Le- 
bensjahre verloren hatte, hatte sie sich nach neuem Mutter- 
glück gesehnt und besonders, da das beginnende Kränkeln 



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UND MONDSUCHT. 49 



meines Vaters sie an die Möglichkeit, ihn zu verlieren, hatte 
denken lassen, sich einen Sohn gewünscht, um eines Gegen- 
stands für ihr der Liebe bedürftiges Herz gewiß zu sein. Ihr 
Wunsch wurde erfüllt, indem sie mich gebar.« Elf Monate 
später starb der Vater, die Gattin und sein noch nicht ein- 
jähriges Kind unversorgt zurücklassend. Gleichwohl lehnte 
die Witwe den Vorschlag, ins Elternhaus zurückzukehren, ab 
und nahm lieber »Kummer, Not und tausendfache Sorge auf 
sich, nur um mich besser erziehen zu können ; denn ich war 
der Gegenstand ihrer iimigsten Liebe . . . Abends um 9 Uhr 
ging sie mit mir zu Bette und schlang ihren Arm um mich; 
des Morgens stahl sie sich von meiner Seite und gönnte mir 
noch ein bis zwei Stunden Ruhe.« (S. 14.) »Die Frauen hatten 
bedeutenden Einfluß auf mich; aber es lag wohl auch ur- 
sprünglich in meinem Wesen, mich ihnen anzuschließen ; wie 
meine Mutter erzählte, machte ich als Kind meine ersten Ritte 
auf dem Steckenpferd nie, ohne meiner durch eine Puppe 
repräsentierten Dame zum Abschied und bei der Rückkehr 
die Hand geküßt zu haben.« (S. 24.) Überflüssig zu sagen, 
daß diese Dame keine andere ist, als seine Mutter. Wichtig 
dünkt mich auch folgende Stelle: »Ich war von Natur mit 
einem ebensowohl für weibliche Reize als für weibliche Würde 
sehr empfänglichen Sinne begabt und diese in meiner psy- 
chischen Komplezion gegründete Hinneigung zum anderen 
Geschlechte war von meiner frühesten Jugend an durch die 
Verhältnisse genährt worden. Ich mußte sehr bald den hohen 
geistigen und sittlichen Wert meiner guten Mutter erkennen, 
die im Kampfe mit der Armut sich frisch und von aller Ge- 
meinheit frei erhielt und für mich kein Opfer scheute. Ebenso 
flößten mir die Matronen, denen ich für ihr Wohlwollen Dank 
schuldig war, hohe Achtimg ihres Charakters ein: in meiner 
vormaligen Amme erschien mir ein Muster von unermüdlicher 
imd einsichtsvoller Tätigkeit, von hoher Ordnimg und Anstän- 
digkeit ... So keimte die hohe Achtung für echte Weib- 
lichkeit in mir auf. Andrerseits wurde ich als Knabe von 
mehreren jungen Frauen, die sich mit mir unterhielten und 
mich zu ihrer Kurzweil als ihren Liebhaber be- 
trachteten, an diese Rolle so gewöhnt, daß ich sie auch 

Sadger, Über Nachtwandeln und Mondsucht. ^ 

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ÜBEB NACHTWANDELN 



fipäterlim za spielen geneigt blieb und ein freundliches Ent- 
gegenkommen als eine Aufforderung betrachtete^ welcher zu 
entsprechen ich für eine Ehrensache und angenehme Pflicht 
hielt« (S, 69 t) 

Als später die Mutter eine junge Witwe zu sich um 
Quartier nahm, hatte der damals 31jährige »das erhebende 
Oefühl^ deren Beschützer zu sein. Da war es denn um mein 
Herz geschehen«* (S. 71*) Die Entscheidung aber brachte der 
bald darauf erfolgende Tod des Teuersten, was ihm auf Erden 
lebte, seiner Mutter. »Es hatte sich bei mir festgestellt, daß 
für mich nur da Olück erblühe, wo ich es mit einem anderen 
Wesen teüe, und daB nur ein Verhältnis mich befrie- 
digen könne^ ähnlich dem, in welchem ich zu 
meiner Mutter gestanden hatte: eine innige Verbiii- 
düng, WD nur ein einziges, gemeinsames Interesse herrscht, 
wo eine Seele nur in der anderen ihr Glück findet. Ohne 
eine solche unbedingte^ das ganze Wesen durchdringende 
Liebe deuchte mir das Lehen gehaltlos und fade. Meine 
Mutter, deren unbegrenzte Liebe ich genossen hatte, war mir 
entrissen ; meinen trefflichen, mir so herzlich zugetanen Onkel 
sah ich im vollen Genüsse des eigenen Famüienglücks ; und 
mich quälte im Gefühle meines Alleinstehens eine unübeinrind- 
liche Sehnsucht nach gleichem Glücke.« (S* 79). So entschloß 
er sich denn zur Heirat, obwohl er nur geringe Aussichten 
hatte, eine Familie zu ernähren« 

*Die ersten Andeutungen, daß meine Frau guter Hoffnung 
war, hatten mich entzückt* Es war bei mir ausgemacht, 
daB mir derHimmel eine Tochter schenken werde; 
bei meiner Ansicht von dem Werte des Weibes gingen alle 
meine Wünsche dahin, eine Tochter zu besitzen und darüber 
wachen zu können, daß sie zu edler Weiblichkeit sich entP'^ 
Sie sollte meine Mutter zum Vorbilde hab*^^- 
so auch nach ihrKaroline heißen. So^ 
nach meiner Abreise von Wien so zuv* 
Earoline' in den Briefen an meine Fr 
ganz besorgt wurde und i 
Torzubereiten suchte. Ich 
und mein Vertrauen wurde 



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UND MONDSUCHT. 



&1 



(S. 83 f.) Als BeinQ Frau fem von ilmi niederkam und 
ihm daiin so bald als möglich mit der Kleinen entgegenreisto, 
da, heiBt ea im Bericht, »trat ich in Borsdorf mit hoch klopfen^ 
dem Herzen an den Wagen, der sie mir zuführte, küBte sie 
flüchtig, empfing mein Kind aus ihren Ai-men und trug es 
eilig ins Gasthaus, legte es auf den Tisch, löste die Bander, 
welche es in seinem Bettchen hielten, war im Anschauen des 
wohlgebildeten^ lieblichen, kräftigen und munteren Mädchens 
ganz seUg und stürzte dann erst in die Arme meiner Frau, 
die in stolzer Mutterfreude sich an dem Anblick weidete^ und 
dann mußte ich wieder mein holdes Kind betrachten. Was 
kümmerten mich die Menschen umher! Was kümmerte mich 
die ganze Welt. Ich war überglücklich.« <S. 85 f.) 

Auch die Art, wie er sein Kind erzogt ist hoehbezeich- 
nand : >Am meisten hing unser Herz an unserer Tochter . . . 
Ich genoB das Glück ihres Besitzes mit vollem Bewußtsein 
seines Wertes, betrachtete sie mit Wonne und war entzückt, 
wenn ich wieder einen neuen Zug eines schönen weiblichen 
Gemütes an ihr beobachtete. Sie erkannte, anch bei ernster 
Behandlung, die ganze Tiefe meiner Liebe, vergalt sie mit 
inniger Anhänglichkeit und forderte sie mit mutwiUigen 
Scherzen heraus : so hatte ich von ihren ersten Jahren an 
sie des Morgens gern aus ihrem Bettchen gehoben und, als 
sie schon acht Jahre alt war, stand sie oft von selbst auf, 
klopfte an das Glasfenster der in meine Arbeltsstube führenden 
Alkoventür und huschte schnell wieder ins Bett, um, wenn 
ich nun hinzukam^ mit herzlichem Lachen sich in meine Arme 
zu werfen und sich von mir herausheben zu lassen, oder sie 
schlich sich hinter meinen Stuhl, stieg, wahrend ich mich in 
meine Arbeit vertieft hatte^ hinter meinem Rücken herauf, 
um dannjan^um^jnir um den Hals zu fallen* Ich muß es 

^nawurdigen Kindlichkeit mehr 

Schmuck meines Lehens 

ih bei aller Finanznot nn- 

tiges Kind hysterisch 

rlich erhöht«, auch 

einen hysterischen 

ider nehmen. Als 

4* 



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OrEgfriBrir 

UNIVERSITYOFMI 



J£AN 



62 ÜBER NACHTWANDELN 



sie in jungen Jahren starb, »war die Blüte meines Lebens 
dahin. Die schönste, reinste Freude war mir erloschen. Ich 
hatte mir sie gewünscht und der Himmel hatte mich erhört. 
In ihr die ErfüUimg meiner heißesten Wünsche findend, hatte 
ich mir gedacht, es sei mir nicht möglich, diese Tochter zu 
überleben. Aber ich ertrug den Schmerz... im Vertrauen 
auf Wiedervereinigung... Dreißig Jahre hindurch sind 
wenig Tage vergangen, an welchen ich nicht wenigstens 
einmal mit Innigkeit meiner Karoline gedacht hätte.« (Seite 
142—147.) 

Zum Schlüsse will ich noch ein Stück seiner Selbst- 
charakteristik anführen : »Ein Hauptzug in meinem Charakter 
war das Bedürfnis der Liebe, nicht' jener Alltagsliebe, die 
auf ein persönliches Wohlgefallen und Gemhaben sich be- 
schränkt, sondern die imbedingte, volle Liebe, die sich mit 
ihrem Gegenstände völlig eins fühlt . . . Indem das Bedürfnis 
der Liebe zu meinem ganzen Leben gehörte, schwebte mir 
schon in meiner Jugend das Ideal der Ehe vor . . . Ich er- 
innere mich sehr wohl, als Student in mein Tagebuch ge- 
schrieben zu haben, daß ich eher auf das Leben selbst, als 
auf Familienglück verzichten wollte.« (S. 53 ff.) 

Im Mittelpunkt dieses interessanten Lebens steht Burdachs 
innigste Verlötung mit der Mutter. Nimmt diese ihn doch gleich 
anfangs unbewußt als Sexualobjekt, als Ersatz für ihren 
kränkelnden und bald auch das Zeitliche segnenden Mann. Sie 
legt sich neben ihren Kleinen ins Bett, den Arm um seinen Leib 
geschlungen, und schläft bis zum frühen Morgen bei ihm. Daß da 
der Knabe für weibliche Reize so empfänglich wurde, zumal ihn 
auch später noch verschiedene Frauen gleichsam als ihren Lieb- 
haber betrachteten, wird niemand verwundem. Früh setzt der 
Gedanke in Burdach sich fest, daß nur ein Verhältnis ihn 
befriedigen könne, ähnlich jenem, in dem er zu seiner Mutter 
gestanden. Und als er Vater werden soll, erscheint es ihm 
ausgemacht, daß jetzt ein Mädchen, ein Ersatz für seine 
Mutter, kommen müsse. Bezeichnend ist auch sein Verhalten 
gegen die vor kurzem Niedergekonmiene und das Kind. Die 
erstere ist ihm fast nebensächlich, an dem Anblick seines 
Kindes jedoch, in dem er seine Mutter wiedergewonnen, kann 



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UND MONDSUCHT. 53 



er sich kaum satt sehen und überschüttet es auch in der 
Folgezeit mit so heißer Liebe, wie er sie einst selbst von 
seiner Mutter erfahren hatte. Als ihm das Mädchen entrissen 
wird, da tröstet ihn einzig der Gedanke an die Wiederver- 
einigung mit ihr im Himmel. 

Gedenken wir endlich der zärtlichen Bettspiele mit seiner 
Tochter, die wohl ein Abklatsch der eigenen mit der Mutter 
getriebenen sind, daß er femer als Kind stets mit seiner 
Mutter zusammen schlief, so dünkt mich aus allem ein Licht 
zu fallen auf den rätselhaften Zweck von Burdachs Nacht- 
wandeln. Wenn dieser ihm völlig klar erscheint, aber auch 
so anstößig, daß er ihn nicht nur zu hehlen entschlossen, 
sondern ihn obendrein auf der Stelle vergißt, dann scheint 
mir die Wahrscheinlichkeit dafür /u sprechen, daß er in jener 
Nacht zur geliebten Mutter ins Bett steigen wollte. 

FaU 7. 

Einen zweiten autobiographischen Bericht über wieder- 
holtes Nachtwandeln finde ich im »Buch der Kindheit«, dem 
1. Bande von Ludwig Ganghofers »Lebenslauf eines Opti- 
misten«. Da der Knabe ins Gymnasium sollte, gab ihm die 
Mutter vier Garnknäuel mit, auf daß er seine Wäsche und 
Kleider sich selber flicke. Zutiefst jedoch in jeden Knäuel 
hatte sie einen Gulden hineingewickelt, einen Beweis von 
mütterlicher Liebe, den er spät erst entdeckte. 

Als im Lauf der Gymnasialzeit sich seine Männlichkeit 
zu regen begann und ihm zunächst mit gehäuften Pollutionen 
arg zusetzte, hielt er sich allen Ernstes für krank, bis ihn 
endlich ein Kollege aufklärte: das wäre im Gegenteil ein 
Zeichen besonderer Gesundheit. Dies beruhigte ihn und nun 
konnte er prächtig schlafen. 

»In einer Nacht erwachte ich plötzlich, wie von brennen- 
dem Feuer geweckt. Ich empfand einen grauenvollen Schmerz 
imd glaubte eine Hand an meinem Körper zu fühlen. Schreiend 
stieß ich mit den Füßen zu — und während ich dann in halber 
Bewußtlosigkeit dalag, war mir, als würden viele Schlafsaal- 
kameraden wach und als hörte ich sie fragen : , Was ist denn ? 
Wer hat denn so geschrieen?* Eine Stimme: , Wird halt einer 



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64 ÜBER NACHTWANDELN 



geträumt haben!' Und eine andere Stimme: ,Silentium in 
cubiculo!* Und das alles ferne, wie unter schweren Schleiern. 
Jetzt wieder die Ruhe. Schlaf' ich ? Oder bin ich wach ? An 
meinem Hals ein wildes Hämmern in den Schlagadern. Ein 
Sausen in meinen Ohren. Doch im Schlafsaal ist alles ruhig. 
Die Lampe brennt, ich sehe die weißen Betten, sehe das Kupfer 
des Waschtisches blinken wie rotes Gold. Ich muB wohl ge- 
träumt haben — einen schweren, fürchterlichen, ,keelen' Traum? 
Schweißtropfen standen auf meiner Stime. Dann kam ein 
dumpfer Schlaf. Was war das nur? Ich hatte seltsam schwer- 
mütige Tage und inihelose, verstörte Nächte. Und noch in 
der gleichen Woche begann dieses Unheimliche in mir. 

In einer Nacht erwachte ich. Finsternis war um mich 
her. Und es fror mich. Und ich sah keine Lampe, kein Bett, 
kein blinkendes Kupfer. War das wieder ein Traum? Aber 
deutlich fühlten meine Hände das harte Holz vor mir. Und 
mngsam erkannte, ich viele dämmerige Vierecke — die großen 
Fenster. Nur mit dem Hemd bekleidet, saß ich im Studier- 
saal vor meinem Pulte. Ein Schreck befiel mich, den ich nicht 
schildern kann. Ich rannte verstört die Treppe hinauf, warf 
mich in mein Bett imd zitterte. In einer Nacht erwachte ich. 
Finsternis war um mich her. Wieder fror mich. Und ich 
glaubte wieder vor meinem Pult zu sitzen.* Nein, ich stand. 
Aber meine Hände fanden kein Holz, meine Augen fanden 
die grauen Fenster nicht. Und als ich mich bewegte, stieß 
mein Kopf gegen etwas Hartes. Ich gewahrte einen matten 
Lichtschimmer. Als ich auf ihn zuging, kam ich aus irgend 
einem finsteren Räume in den matt erleuchteten Tfeppenflur. 

In einer Nacht erwachte ich. Mich fror. Aber graue 
Dämmerung war um mich her, und viele Sterne funkelten 
über mir. Ich saß auf dem Schindeldach der Kegelbahn. Auf 
den Boden hinunter war's kein hoher Spnmg. Aber die Kiesel- 
steine des Seminargartens zerstachen mir die nackten Sohlen. 
Und als ich ins Haus wollte, fand ich das Tor verschlossen. Gott 
Jesus, wo bin ich denn nur herausgekommen ? Irgendwo fand ich 
ein offenes Fenster und kletterte hinein ins Haus. Und lautlos 
hinauf in den Schlafsaal. Neben meinem Bette stand das Fenster 
geöffnet — und da draußen, glaub' ich, war ein Blitzableiter. — 



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UND MONDSUCHT. 66 



Den ganzen Tag zermarterte ich mein Gehirn, um einen 
Weg zu finden, auf dem ich der Angst vor diesem Fürchter- 
lichen entrinnen könnte. Ich wagte mich keinem Menschen 
anzuvertrauen — aus Furcht vor dem Spott der andern, aus 
Furcht — ich weifi nimmer, was ich alles fürchtete. Und am 
Abend nahm ich von Mutters Garnknäueln einen mit hinauf 
ins Bett, knüpfte mir zwei doppelte Zwirne um die Hand- 
gelenke imd band die Enden imi die Knäufe der Bettlade. In 
der Nacht, als ich wieder wandern wollte, spürte ich den Zug 
von Mutters Fäden und erwachte. Dann kam es nimmer. Ich 
war geheilt.« 

Das scheint nun auf den ersten Blick ein durchaus asexu- 
elles Wandeln. Aber wirklich nur für den primären Schein, 
wenn leider auch die volle Erklärung mangels jeder Analyse 
kaum zu geben sein dürfte. Zunächst ist bemerkenswert, daß das 
Nachtwandeln einsetzt mit der Pubertät und durch Angstträume, 
Pollutionen und verschiedene Angstaequivalente eingeleitet 
wird. Das Hämmern der Arterien, das Sausen in den Ohren, die 
ruhelosen, verstörten Nächte sowie die seltsam verstörten Tage, 
wir kennen sie sämtlich als Äußerungen unbefriedigter Libido. 
Tiefer scheint der erste » fürchterliche € Angsttraum zu führen 
und der »grauenvolle Schmerz«, durch eine Hand ausgelöst, 
die er an seinem Körper spürt. Sollte diese Hand, die dem 
doch durchaus nicht wehleidigen Jungen jenen »grauenvollen 
Schmerz« verursacht, nicht seine Genitalien berührt haben ? ^) 
Und dahinter vielleicht wieder uralte Erinnerung an die Säug- 
lings- und die Kinderpflege. Merkwürdig ist auch der Schreck, 
welcher jenen sonst gar nicht Furchtsamen jedesmal auf das 
Nachtwandeln befiel. »Ein Schreck, den ich nicht schildern 
kann«, die »Angst vor dem Fürchterlichen« und eine Furcht 
nicht bloß vor dem Spott der Kollegen, sondern vor irgend 
etwas, was er nimmer weiß, das ist eine weitaus ärgere Reaktion, 
als wir sie von Nachtwandlern sonst gewohnt sind. Wohl aber 
wird diese überschwengliche Reaktion sehr gut verständlich, wenn 
dahinter ein besonders anstößiges Sexuelle sich birgt. Endlich hat 

^) Auch an eine Eastrationsfurcht könnte man denken, anknüpfend an 
die so überaus htufigen Drohungen der Eltern bei maaturbatoriflchen Akten 
der Kinder. * 



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66 ÜBER NACHTWANDELN 

auch die Heilung durch die Garnknäuel der Mutter, heimliche 
Beweise ihrer Liebe, unzweifelhaft mit der Erotik zu tun. 
Immerhin ist gern zuzugeben, daß man über Vermutungen 
nicht hinauskommt. Nur Eines ließe sich gut verteidigen, daß 
auch ein scheinbar asexueller Fall darum noch lang nicht der 
sexuellen Begründung zu entbehren braucht. Endlich wird noch 
durch die Autobiographie Ganghofers machtige Muskel- 
erotik unzweifelhaft dargetan. 

Fall 8. 
Ich will mm speziell zum Kapitel Mondsucht einen Autor 
zitieren, der eine überaus seltsame Vorliebe für das Nacht- 
gestim zeigt. In vieler Schilderung und mancher Rede, die 
er seinen Helden in den Mund legt, hat Ludwig Tieck, der 
ja auch die »mondbeglänzte Zaubemacht« besang, jener ganz 
merkwürdigen Liebhaberei — dies ist wohl die richtigste 
Bezeichnung hiefür — einen künstlerischen Ausdruck verliehen. 
Ricarda Huch tat in ihrer »Blütezeit der Romantik« den 
treffenden Ausspruch, man müsse den Menschen dieses Dichters 
»die aufgeklebten Etiketten abreißen und sie allesamt Ludwig 
Tieck nennen; denn in Wahrheit sind sie nur Brechimgen 
dieses einen Strahles«. Nun höre man beispielsweise wie Stem- 
bald empfindet: »Die Scheibe des Mondes stand seinem Kammer- 
fenster gerade gegenüber, er betrachtete ihn mit sehnsüchtigen 
Augen, er suchte auf dem glänzenden Runde und in den 
Flecken Berge und Wälder, wunderbare Schlösser imd zau- 
berische Gärten voll fremder Blumen und duftender Bäume; 
er glaubte Seen mit glänzenden Schwänen und ziehenden Schiffen 
wahrzunehmen, einen Kahn, der ihn und die Geliebte trug, 
und umher reizende Meerweiber, die auf krummen Muscheln 
bliesen und Wasserblumen in die Barke hineinreichten. Ach 
dort! dort! rief er aus, ist vielleicht die Heimat aller Sehn- 
sucht, aller Wünsche ; darum fällt auch wohl so süfle Schwer- 
mut, so sanftes Entzücken auf uns herab, wenn das stille Licht 
voll und golden den Himmel heraufschwebt und seinen silbernen 
Glanz auf uns herniedergießt. Ja, er erwartet uns und er 
bereitet uns unser Glück und darum sein wehmütiges Herunter- 
blicken, daß wir noch in (??eser Dämmerung der Erde ver- 



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UND MONDSUCHT. 67 



harren müssen.« Hier ist die Ähnlichkeit mit den Phantasien 
der eingangs analysierten Kranken wohl nicht zu verkennen. 
Nmi ein paar Stellen aus der Novelle »Der Mondsüchtige«, 
welcher Titel übrigens irreführend ist, da keineswegs von 
Lunatismus die Rede, sondern einem veritablen Mondlieb- 
haber, vermutlich unserem Dichter selber. Da schreibt der Neffe 
Ludwig Licht (!) an seinen Oheim : »Es sind jetzt drei Monate, 
daß ich mit meinem Freunde einen sehr lebhaften Streit hatte, 
einen Streit, der uns beinah entzweit hätte, denn er verhöhnte 
eine ganze Welt, die mir so unendlich teuer ist. 
Mit einem Worte, er schalt auf den Mond und wollte seine 
magischen Lichterscheinungen durchaus nicht als etwas Schönes, 
Erhebendes gelten lassen ; vom Ossian bis Sieg wart lästerte 
er die Mondempfindungen, wenn sie Dichter schildern und eö 
fehlte wenig, so hätte er mit dürren Worten behauptet, wenn 
es eine Hölle gäbe, so sei sie gewiß im Monde gelegen. We- 
nigstens meinte er, der ganze Mondkörper bestehe aus aus- 
gebrannten Kratern, Wasser sei auf ihm nicht anzutreffen, 
schwerlich also irgend eine Pflanze, und der blasse, wider- 
liche Abglanz eines geborgten Lichtes bringe uns Krankheit, 
Aberwitz, verderbe Obst imd Frucht, und wer einmal töricht 
sei, werde sich ohne Zweifel beim Vollmond am schlimmsten 
geberden . . . Was geht es mich an, was die Astronomen im 
Mond entdeckt haben oder noch entdecken werden . . . Sich 
ausschließend dem und jenem, einer Beobachtung, einem Lieb- 
lingsgegenstand unbedingt zu widmen, kann komisch und 
widerwärtig sein. Auf meinen früheren Wanderimgen traf ich 
einen reichen Engländer, der nur auf Wasserfälle und Schlacht- 
felder reisete. Lächerlich genug, und wenn ich auch nicht 
ganz auf Mondschein gereiset bin, so habe ich doch von 
frühester Jugend an die Wirkungen seines Lichtes 
immerdar beobachtet, habe keinen Vollmondschein in 
keiner Gegend versäumt und träume, wenn nicht ganz ein 
Endymion, doch ein Liebling des Mondes zu sein. 
Wenn er wiederkehrt, die Scheibe sich nach und nach füllt, 
kann ich ein sehnsüchtiges Gefühl, indem ich nach 
ihm schaue, auf der Wiese und im Walde, auf den Bergen 
oder selbst in der Stadt und auf meinem Zimmer nicht 



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68 ÜBER NACHTWANDELN 

unterdrücken,« — Und der Oheim antwortet ihm: »Es ist 
wahr, du bist ein Mondsüchtiger, wie wir dich immer genannt 
haben, und einem solchen muß man Manches vergeben, was 
man einem Gesunden höher in Rechnung stellen würde. Habe 
ich doch auch immer einen Ansatz zu dieser Krankheit gehabt<i^. 
Tatsächlich erfolgt die ganze Handlung, Verlieben und Ver- 
lieren, Entwicklung imd Lösung fast ausschließlich xmter dem 
Lichte des Mondes. Zum Schlüsse, als der Held die verloren 
erachtete Geliebte wiederfindet, kann er sich des Ausrufes 
nicht entbrechen: »Ja, der Mondschein hat sie mir geschenkt 
und zugeführt, er, der Mond hat mich, seinen getreuen Freund 
und begeisterten Lobredner, so belohnt!« Leider finde ich bei 
den Biographen nichts, was T i e c k s exquisite Mondliebeleien 
erklären würde. 

II. Literarischep TeiL 

Ich gedenke zur Lösung der so überaus schwierigen und 
dunklen Probleme des Nachtwandeins und der Mondsucht auch 
die schöne Literatur heranzuziehen. Sind doch unsere Dichter 
trotz Psychiater und Psychologen die allerf einsten Seelenkenner, 
die Jahrhunderte, ehe die Wissenschaft Seelenrätsel zu hellen 
vermochte, sie ahnend vorauslösten mit schauendem Geiste. 
So wissen sie auch Verschiedenes zu künden über unsere 
Probleme. Sie schöpften dabei aus dem eigenen Innern, per 
analogiam, oder weil ihnen selber Nachtwandeln nicht fremd 
war. Und traf Beides nicht zu, dann hatten sie die Fähig- 
keit des echten imd wahren Menschenkenners, rein intuitiv das 
Unbewußte des Andern zu durchschauen. Wir werden ver- 
nehmen, welch tiefes Interesse manche unter den großen Poeten, 
wie Otto Ludwig imd Heinrich von Kleist, am Nacht- 
wandeln und der Mondsucht nahmen und wie sie geradezu in 
anderswie überlieferte Stoffe jene dunklen Probleme erst 
hineingetragen haben. Vergleicht man das, was die Dichter 
da meinen, mit dem, was ich im medizinischen Teile berichten 
konnte, so zeigt sich eine auffällige Übereinstimmimg. Mit 
Genugtuung werde ich konstatieren können, daß Wissenschaft 
und Kunst zu ganz den nämlichen Ergebnissen gelangen. 
Vorerst aber will ich die Beispiele der Dichter hier ordnen 



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UND MONDSUCHT. 69 



nach ihrer Leichtverständlichkeit und Durchsichtigkeit. Ich 
beginne mit 

»Aebelö« von Sophus Michaelis. 

Zweimal war Sölver der Jungfer Gro, der Tochter seines 
Nachbars Sten Basse^ nahe getreten. Das erste Mal, da er 
die ihm gehörige, sonst aber völlig imbewohnte Insel Aebelö 
im Frühling besuchte. So hell der Tag und so heiß ihn der 
Sonne Kuß berührte, auf einmal war ihm, »als würde sein 
bloßer Hals von einer noch wärmeren Lichtwelle überflutet.« 
Ein Mädchen stand vor ihm, »das wie lauter Licht war. Die 
Augen waren wie ohne Pupillen, ohne Blick; wenn sie 
schauten, war es, als glitten weiße Wolken aus einem himmel- 
blauen Hintergrund hervor. Sölver sprang auf und stand 
Antlitz gen Antlitz vor ihr. Ihre Wangen röteten sich. 
Einander unbekannt, lächelten sie sich zu wie zwei Seraphim. 
Ihre Hände öffneten sich gegen seine und vor ihr nieder, wie 
aus ihrem Schoß, fielen die Blumen, die sie gesammelt hatte. 
Sölver glaubte einen Moment, daß alles ein Traimi sei. Er 
wiegte seine Hände in der Luft imd eine Hand wiegte ihm 
entgegen. Er schloß seine Augen, um den leisen, flüchtigen 
Druck recht auszugenießen. Es glitt ihm über die Hand wie 
ein unkörperlicher Hauch. War es denn eine Geistererschei- 
nung, was ihm da zur Seite wandelte !« Als er aber erkannte, 
das Mädchen an seiner Seite lebe, da :» sanken seine Lippen 
sehnsuchtzittemd nach ihr hin, unmerklich und doch unwider- 
ruflich.« In diesem Augenblicke »glitt eine Wolke über die 
Sonne und das Licht wurde auf einmal so matt, als fiele 
Nebel auf alle Blüten nieder. All das merkte er nicht so 
rasch, als auch seine eigene Wange schon unter einem sau- 
senden Schlag klang«. In hellem Zorn erglühte ihr Gesicht, 
an dem die blaßblauen Adern an der ganzen Stirne schwollen, 
mit einem höhnischen Blick kehrte sie ihm den Rücken. Sein 
Blut aber war von Rachelust entzündet. 

Ein zweites Mal hatte Junker Sölver seiner ÄJannheit 
Begierde zu büßen gesucht, als er Gro beim Baden auf Aebelö 
übeiTaschte. Doch sie hatte sich ihres Magdtums gewehrt 
und ihm mit einem alten, rostigen Schwert, das sie am Ufer 



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60 ÜBER NACHTWANDELN 

fand, derart über den Kopf gehauen, daß er blutüberströmt 
ins Gras gesunken. »Mit besonderer Wollust fühlte er die 
Wunde schmerzen. Der Schlag hatte den harten Kieselstein 
seines Iimem getroffen, so daß der Leidenschaft Fimke heraus- 
gesprungen war. Er liebte Jungfrau Gro. Eine verzehrende 
Sehnsucht raste nun in seinem Blute. In Gedanken kniete er 
immer vor dem unauslöschlichen Bild, das ihn zu Boden schlug 
mit des Auges, zorniger Himmelsflamme.« Zur Rache füi* den 
begangenen Frevel überfiel Sten Basse dann Sölvers Burg 
und nahm den Jimker selber gefangen. 

Dessen wilde und erobernde Art war ihm freilich 
vertraut. Hatte doch Sten Basse selber sein Weib so der- 
einst mit Gewalt genommen. Gerade als er sich schmeichelte, 
ihren Willen ein füi* alle Mal geknickt zu haben, biß sie ihn 
in sein Kinn, daß das Blut heraussprang, und spuckte ihm 
sein eigenes Blut in die Augen. Er stutzte vor Bewunderung 
dieser Kraft. Er hatte daran gedacht, sie sofort zu verlassen. 
Nun hob er sie in seine Arme, trug sie aus ihres Vaters Burg 
hinab in den Stall, band sie an sein Pferd und ritt fort — 
zu sich heim. Ihre Ehe war anfangs wie eine lange Reihe 
von Wiederholungen des ersten Zusanmienstoßes gewesen. 
Zuletzt liebte sie ihn, wie das Pferd das Eisengebiß zwischen 
seinen Zähnen liebt und den Stachelspom in seiner Flanke. 
Sie ließ sich nicht unterkriegen, von den Schlägen, die er ihr 
gab, aber die Schwächere war sie und sie liebte ihn, weil er 
stark genug war, der Stärkere zu sein. Seine Söhne hatte 
ein widriges Geschick ihm einen nach den anderen genommen. 
Drum wollte er die Eigenheit seines Blutes, das Stolze, Ver- 
achtungsvolle und Steifnackige, in seiner einzigen Tochter 
hervorlocken. >Sie durfte nicht^, Furcht und Schwachheit 
kennen ; ihr Wille sollte gehärtet werden und ihr Mut gestählt 
wie der eines Mannes. Als er hörte, daß seine Tochter in 
Gefahr gewesen, sich aber selber gerettet habe, schwor er 
dem Gewalttäter Rache, doch zugleich lachte sein Herz vor 
Stolz über Gros Unerschrockenheit. Er nahm den Junker 
gefangen und gelobte ihm schwere und langwierige Qual als 
Buße für seine Frechheit; jedoch zugleich entzückte er sich 
über den Gedanken, seine Tochter auf eine noch gefährlichere 



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UND MONDSUCHT. 61 



Probe zu setzen. Er wollte den blutjungen, ungeübten Vogel 
Schwingen und Krallen zu Angriff und Verteidigung aus* 
strecken sehen.« 

Wie zum Hohne gab er dem gefangenen Junker die so 
helB begehrte Gro mit in den Kerker. »Sie stand da, wie 
von der Flut des einfallenden Lichtes in sein Gefängnis ge- 
glitten, und er bebte davor, das Licht könne sie wieder an 
sich saugen.« Er wußte nicht, was für eine Macht ihn in 
die Knie zwang und mit der Bitte um Verzeihung zu ihren 
Füßen warf. Aber sie hatte nur ein verächtliches Lächeln 
für den sich in seiner Liebe Demütigenden und das verletzende 
Schimpfwort: »Kriechend Gewürm!« Da kommt dem Belei- 
digten der Gedanke, daß Gro in seine Macht gegeben. 
Während er die Wände seines Kerkers prüft, ob er etwa be- 
lauert werde, steht Gro und starrt zur Lücke hinaus, durch 
die das Licht mm matter als vorher einfiel. Sölver tritt 
zu ihr, zieht den einzigen Goldring von seinem Finger, den 
viele Geschlechter seiner Vorfahren ihm vererbten, imd reicht 
ihr ihn als Brautgabe. Sie aber warf ihn, ohne zu zögern, 
durchs Guckloch hinaus. Nim kochte die Erbittenmg in 
Sölvers Blut. »Er beugte sich ihr unter das Gesicht, um 
ihren Blick aufzufangen, aber er begegnete ihm nicht, obwohl 
ihr Auge auf seines gerichtet war. Es war überhaupt kein 
Blick, sondern eine Tiefe, in die das ganze Tageslicht, das 
nun droben blaute, wie in einen Brunnen hinabgesogen wurde. 
Sölver wurde rasend auf dieses Licht, das gleichsam nur 
sie zu suchen schien imd um ihre Gestalt eine Glorie unan- 
tastbarer Schönheit legte.« Er kroch hinauf und schob den 
Holzladen vor, dann trug er Gro auf sein Lager. »Sie hatte 
sich es ohne Widerstand gefallen lassen imd fiel wie leblos 
mit herabhängenden Armen nieder. Sölver legte sein Gesicht 
dicht an ihres. Sein Atem brannte, sein Blut war wie Feuer, 
sein heftiger Zorn war im Begriff, in die siedende Kochhitze 
der Sinnlichkeit überzugehen. Ihre Wangen aber, ihre Haut, 
ihre Lippen waren kalt wie an einer Toten. Sinnlos begann 
er dennoch ihr Gesicht zu küssen, ein- um das anderemal, 
wie um Wärme und Leben in der kalten Haut zu wecken. 
Doch bei jedem Kuß war es, als erstarrte sie mehr, als 



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62 ÜBER NACHTWANDELN 

schrumpften die Lippen ein und verschwänden über der Zähne 
feuchtem Eis. Es kroch kalt über Sölver von dieser Um- 
armung, welche die Hitze imd Brunst aus seinen Nerven sog, 
bis er auf einmal vor Kälte zitterte und in dem Gedanken 
zusanmienschauerte, daß er eine Leiche unter sich habe. Doch 
im selben Moment merkte er den hebenden Atemzug in ihrer 
Brust, kraftvoll bei all seiner Kälte, so kraftvoll, daß es 
Sölver wegblies und er herabglitt auf den klammen Ziegel- 
boden.« 

»Sölver lag auf dem Boden, von einer Kälte durcheist, 
die stärker war als sogar die der klammen Fliesen. Finster 
war es wie in einem zugemauerten Grab. Er aber wagte sich 
nicht zu rühren, aus Angst, wieder den durcheisenden Körper 
zu fühlen. , Höret', flüsterte auf einmal eine wunderlich gelle 
Stimme, , höret, so wahr ihr ein Mann seid, schafft mich 
hinaus ! Ruft meinen Vater ! Ich will hinaus — schafft Licht 
— schafft Luft — ich ersticke fast — ich will hinaus' !« Als 
Sölver den Laden wieder aufgeschlagen, daß der kümmer- 
liche, schattenblaue Schein der Nacht einfallen konnte, da sah 
er Gro »lang und dünn in dem schwachen Lichte stehn.« 
»Schafft mich hinaus, schafft mich hinaus!« bat sie. »Mir ist 
ganz angst hier imten — nicht vor Euch — sondern vor mir 
selbst und vor dem Dunkel — schafft mich hinaus!« »Zmn 
ersten Mal hörte Sölver einen milden Rhythmus in dieser 
stahlgeschmeidigen Stimme. Ein weicher Hauch atmete aus 
ihrem Flehen. Er wurde zum Mann, zum Beschützer imd 
fühlte seine Kraft durch dieses Bitten wachsen.« Doch so 
sehr er sich mühte, die Tür seines Kerkers zu öffnen, alles 
war vergebens. Sie mußte wohl von außen mit massiven 
Eichen- oder Eisenstangen abgesperrt sein. So gab er 
schließlich alles auf imd wandte sich zur Lichtöffnung zurück. 
Gro war ohne Klage, ohne Laut unter dem letzten Licht zu- 
sammengesunken. Ihre Augen waren geschlossen, sie stützte 
den Kopf gegen die scharfe Kante des Loches und ihre Anne 
hingen schlaff herab. Sölver beugte sich über sie : der Atem 
war fast unhörbar, aber unregelmäßig und deutete nicht auf 
Schlaf. Wie eine durstige Pflanze streckte sie sich aus dem 
einzigen Luftloch des Kerkers, um den letzten Lichttropfen 



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UND MONDSUCHT. 68 



aufzufangen, ehe die Finsternis alles verlöschte. Sölver erriet, 
daß sie nicht von dieser Lichtöffnung weggebracht werden 
könnte.« Er holte alle Felle vom Lager, breitete sie über 
sie, schob sie unter ihren Leib und »achtsam, imendlich vor- 
sichtig nahm er den feuchten Boden weg, indem er den Arm 
als Stütze unter sie schob, ohne daß seine Hand sie aber 
jemals berührte. All seine Roheit war weg, all seine Brunst. 
Hier lag sie vor ihm wie eine kranke zarte Blume, die vor 
der Nachtkälte zugedeckt werden mußte.« 

Als Sölver am nächsten Morgen erwachte, da merkte 
er, daß seine eine Hand von ihr gefangen war, in der Un- 
bewußtheit des Schlafes ergriffen und festgehalten von ihren 
langen, feinen Fingern, die sich um seine Hand klammerten. 
Es war, als klammerte ihre Seele sich im Schlaf an ihn als 
Helfer und Retter vor ihm selbst, vor seiner eigenen rohen 
Wildheit. Da Gro nun aber die Augen aufschlug imd in Sölvers 
sonnenbeschienenes Gesicht starrte, brach sie in unstillbares 
Weinen aus, »schreckgeschlagen durch dies Erwachen in einem 
Kellerloch, in dessen klammfeuchte Nacht sie hineinsah, 
während ihres Überwältigers Antlitz sonnenstark vor ihr 
lohte — weinte sie, ohne zu verstehen oder etwas von all 
dem aufzufassen, was vor sich gegangen.« Ratlos beugte sich 
Sölver über ihre Hand und küßte sie. Da kommt Sten 
Basse und sieht, wie Gro unaufhaltsam schluchzt. »Bist Du 
meiner Tochter nahe getreten, so soll keine Strafe für Dich 
streng genug sein«, zischte er dem Junker entgegen. Jetzt 
schoß eine wilde Lust nach Rache in Sölver auf imd er er- 
widerte mit aufreizender Kälte seinem Feinde: »Ja, ich nahm, 
was Du gabst. Du brachtest sie selbst in meine Nähe, Du 
legtest sie selbst in meine Arme. Nun kannst Du sie wieder 
zurücknehmen. Ich verschmähe Deine Tochter und habe sie 
nicht zu Ehr und Hausfrau begehrt, sondern nm* zur Unter- 
haltimg einer Nacht. Nimm sie nur zurück! Nimm sie nur 
zurück !« 

Trotzdem wird Sölver nunmehr eine bessere Behand- 

Ixmg zuteil, die er Gro zu verdanken keinen Augenblick 

zweifelt. Da er im Kerker seinen Phantasien nachhängt, hört 

er plötzlich ihre Stimme, die das wehmütige Lied von Herrn 

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6i ÜBER NACHTWANDELN 



Tidemand singt, der die Jungfrau Blidelille durch starke Ru- 
nen, auf Rosen geschrieben, in sein Schiff locken wollte. 
Blidelille wird um Mitternacht wach und weiß nicht, was sie 
zwingt. 

»Es reißt mich zu Herrn Tidemand, 

Den nie mein Aug' gesehen.« 

Vergebens befiehlt die Pflegemutter, Samt und Seide auf 
Blidelille zu breiten, damit sie Schlaf bekomme. Sie jedoch 
steht plötzlich auf und kleidet sich an und geht hinab an den 
Strand zu Herrn Tidemand, welcher ihr spöttisch entgegen- 
kommt. Da geht sie ins Meer, wohin Tidemand ihr folgt, von 
arger Herzensreue erfaßt. 

»Gar übel war die Rune geritzt 
Und übel beschaffen sie war, 
Daß solch zwei adelig Königskind 
Dran zugrunde gingen gar.« 

»Der schwermütige Sang war durch Sölvers Sinn gerieselt 
wie ein unklarer Traum. Dann glaubt er Gros Schritte zu 
vernehmen, bis sie sich allmählich verloren in ihrer Schlaf- 
kammer. Mit Geistesaugen sah er die Jungfrau, wie sie hi- 
nausblickte auf den See gegen Aebelö zu. Fort schaute sie 
von ihm, an dessen Schicksal sie nicht dachte, fort starrte 
sie nach dem fernen Meer, das auf seinen Rücken ein Schiff 
mit Seidensegeln trug, an dessen Rehling Herr Tidemand 
stand. »Da fühlte Sölver seiner Liebe unendliche Ohnmacht 
gegenüber dieser reinen Jungfrau, die seine Roheit in die 
Arme genommen, seine Begierde mit heißem Atem verbrüht 
und die ihn dennoch niedrig, feig und schwach hatte erstarren 
gemacht. Da begriff er, daß die Liebe, um zu siegen, erst 
seine eigene Kraft demütigen, seine Muskeln schlaff xmd 
seinen rohen Willen weich machen mußte. Da begriff er, 
daß er der Leidenschaft mystische Runen wie in eine blutende 
Rose in sein eigenes Herz ritzen müsse und es in der Ge- 
fühle mächtiges Meer werfen und es bitten, Jimgfrau Gro 
in die Hand zu treiben.« 

Tag imd Nacht weilten Sölvers Gedanken ausschließlich 
bei Gro. In seinen Phantasien »zwang er sich durch die ver- 



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UND MONDSUCHT. 65 



riegelte Tür, stieg über winklige Gänge und Wendeltreppen 
und hob Eichenbalken von versperrten Türen; ohne je- 
mals fehlzugehen, getrieben von einem magischen Ortssinn, 
gelangte er schließlich zimi Lager Gros, die er sich entgegen- 
starren sah mit grofien weißen Augen, deren Pupillen im 
Dunkel des Schlafes gleichsam zur Seite geglitten waren. 
Und auf ihres Lagers Decken lagen ihre zwei leuchtenden 
Arme imd die Finger der rechten Hand zitterten, als faßten 
sie eine andere, unsichtbare Hand. Und in dieser Kammer 
blieb Sölver, bis der Schlaf ihn selbst an sich zog, bis die 
Wogen ihrer Brüste ihn heransaugten, bis ihre Finger sich in 
seine verschlangen, bis beider Atem sich vermischte und die 
Lider sich vor ihrem weißen Blicke schlössen.« 

Ein andermal träumte ihm, er sei auf einem Schiff, 
durchsichtig in der Rolle des Herrn Tidemand. Und Gro 
kam wirklich über das Wasser zu ihm wie Jungfrau Blidelille 
»mit Rosen gleich zwei Flecken Blut an der Brust. Ihre Hände 
hatte sie unter ihnen gekreuzt und ihren weißen Blick an 
Sölvers Augen genagelt, daß dieser sich, von Entsetzen er- 
griffen imd ohne ihren Blick loszulassen, an die Leeseite 
flüchtete zum Eingang des Schiffsbordes. Doch Gro näherte 
sich stets. Und nun betrat sie den Schiffsbord und Sölver 
wich zurück. Schritt für Schritt folgte sie ihm, den schmerz- 
lichen Blick ihres totenbleichen Gesichtes aufgesogen von dem 
seinen. Und er wich zum andern Bord hinüber, wich, bis er 
die Rehling sich hart im Rücken fühlte. Allein Gro schritt 
vorwärts und es war nicht möglich, sie aufzuhalten ; er fühlte 
es, als wollte sie in ihn hineindringen, wie der abgeschossene 
Pfeil in sein Ziel. Aber im lertzten Nu, als ihr Gewand ihm 
schon entgegenflatterte, warf er sich mit einem lauten Schrei 
zur Seite und sah mit einem sonderbaren Schauer, daß Gro 
vorwärts ging, durch die Rehling wie durch Luft imd auf der 
andern Seite im Meer verschwand, während Sölver stöhnend 
auf dem Deck lag und nur die rote Rose vor sich sah, die 
von ihrer Brust gefallen, wie lebendes Blut auf den Schiffs- 
planken floß.« 

War das Traum oder Wirklichkeit, was er nach dem 
öffnen seiner Augen sah? Da »schössen die Sonnenstrahlen 

Sadger, Cber Nachtwandeln und Mondsucht. 5 



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ÖS ÜBEB NACHTWANDELN 

diir<3li einen Spalt in einem langen, lenchtenden Pfeile vor, 
der sich in den Boden bohrte und et^^^as Rotes gleichsam 
Bpießte, das zu bluten anfing*« Und als SÖlver näher kroch, 
wnrde seine Verwunderung immer tiefer, >Denn gerade neben 
dem roten Glanz waren gleichöam hingehaucht Fnßapuren 
auf den Boden, feine, dünne Spuren, gegen ihn gerichtet, 
nicht deutlicher, als wenn ein laues Lüftchen des Steines 
feuchte Haut rund um eines FuBes Umriß weggedampft hatte 
und dessen Spur klamm stehen lassen.« Und als er sich jetzt 
niederbüelcte und mit der Hand nach dem blutroten Flecke 
tastete, da griffen seine Finger tatsächlich »eine schwere 
Vollreife Rosei deren silßen starken Duft er wie in einem 
Rausche von Wirklichkeit trank. «^ Von der Luke her war 
niemand hier eingedrungen, des überzeugte er sich bald. 
Also mußte sie Gro hergelegt haben, während er sie im 
Traum umspann. 

Die nun folgenden Nächte * schlief er in einer Art von 
Hunger, sie körperlich und greifbar in seinen Armen zu 
fühlen«. Dann als einmal wiederum Vollmond war, fand er 
heim Erwachen auf einem vom Mondschein bestrahlten Fleck 
ein kleines Goldkreuz, »dessen sechs geschliffene Steine gleich- 
sam aus sieh selber Mondschein ausstrahlten. Es war, als 
läge das Mondlicht in seiuer Hand. Er ließ das kleine Kreuz 
funkeln — es war dasselbe^ das er in Träumen an ihrem 
Rosenkranz gesehen hatte. Gro war also in seinem Gefängnis 
gewesen.« 

An einem der nächsten Tage wird er hinaufgeführt^ dem 
Mönch gezeigt zu werden, der yon seiner Gefangenschaft 
Kunde bekommen. *In der Tür begegnete der Junker Gro und 
wich zurück — eine so starke Macht ging von ihrer lebenden 
Erscheinung aus. Sie stand in der Halbdämmerungi mit 
ihren weißen Händen und dem weißen Hala und der Stirn, 
die aus dem kohlschwarzen Samt des Gewandes heraus wie 
mit Eigenlicht leuchteten. Es war eine blendende, wunder- 
same Wirklichkeit über ihr, die ihn lockte wie eine große, 
duftreizende Blume,« Als der Mönch ihn bedauert, die Ge- 
fangenschaft habe ihn angegriffen, erwacht der junkerliche 
Standeshochmut! ^Was redet Ihr von Gefangenschaft und 




UND MONDSUCHT. 67 



Üblem Aussehen? Wißt Ihr denn nicht, dai3 ich mit freiem 
Willen Sten Basses Gast bin?« Diese Antwort überraschte 
sogar den Letzteren. »Er bewunderte den jungen, heitern 
Sinn, der sich nicht darein fand, sich bedauern zu lassen. 
Sölver stand vor Gro, die Arme in die Seiten gestemmt, 
und atmete tief und stark. Seine Augen tranken das weiße 
Licht von ihren Händen und Zügen.« Als aber Sten Basse 
ihm freundlicher zu kommen sucht, weist Sölver ihn zurück : 
»Als (jefangener wurde ich heraufgeführt. Als Gefangener 
gehe ich freiwillig zurück. Wollt Ihr mir Abbitte tun, wißt 
Ihr, wo mein Kerker zu finden ist.« Und dann ging er 
rasch, ohne sich nach Gro umzuwenden, aus der Halle hin- 
aus in seinen Kerker hinab. Seine Sinne aber hatten das 
blendende, warme Bild der wunderschönen Gro ergriffen 
imd es mitten in seinen Kerker gepflanzt. Er sah es vor 
seinen Augen im funkelndem Licht des Mondscheinkreuzes 
strahlen und sehnte sich nach dem hellen Licht der Nacht, 
daß es vorschreiten möge und sein Traumgesicht lebendig 
machen. Als die Dunkelheit vorgeschritten, »kleidete er sich 
nackt aus und ließ die Luft der Sommernacht seine Glieder 
kühlen und gleichsam reinigen, ehe er sich auf sein Lager 
begab. Das kleine Kreuz aber legte er sich auf die nackte 
Brust und iah den Mondschein grünlich imd bläulich aus je- 
dem Steine glimmen« und küßte es in Gedanken an Gro. 
Ganz glücklich und selig schlief er dann ein. 

Aber plötzlich erwachte er ohne äußern Grund, ohne 
Traum und Gedanken. »Er war wach, nüchtern und doch 
zugleich sonderbar beherrscht von etwas außer ihm selbst 
Liegenden, von einer eigentümlichen unbekannten Kraft, die 
ebensogut mystisch wie natürlich sein konnte. Es kam ihm 
vor, als habe der Mondschein sich vom Monde abgelöst und 
schwebe mm im Raum herum wie ein lebendes Wesen. So 
faktisch dünkte diese Einbildung ihn, daß er den Kopf nach 
der Seite drehte und gar nicht erschrak, wirklich eine Ge- 
stalt mitten im Dunkel stehen zu sehen. Aber ein heiliger 
Schauer überfuhr Sölver, als er nach und nach in des 
mondscheinweißen Gewandes Wogen die festen weiblichen 
Linien zweier Arme unterschied, die unter einer halbnackten 

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68 ÜBER NACHTWANDELN 

Brust sich kreuzten, einen Streifen der Zähne in einem offenen 
Mund, einen Blitz von weißem Licht aus Gro starrenden, 
mächtigen Augen. 

Heilige Mutter Gottes — es war Gro selbst! 

Im Nu saB Sölver aufrecht, entsetzt über seine eigene 
Bewegung; denn er wagte kaum zu atmen, geschweige ihr 
entgegenzugehen; er empfand seine Nacktheit als ein Ver- 
brechen, ja sogar sein Wachsein als ein Vergehen. Allein die 
<}estalt glitt aus dem Mondschein hervor, die gekreuzten Hände 
trennten sich von der Brust und Gro ging mit ausgestreckten 
Händen vorwärts, tastend und doch mechanisch sicher wie 
eine Schlafwandlerin. 

Ja, sie wandelte im Schlaf; Solver erkannte es an der 
Augen starrem Blick, der durch die Nacht wie durch weite 
Meilen schaute. Solver glitt lautlos vor ihr auf den Boden 
nieder, ängstlich, gesehen zu werden, in tötlicher Furcht, sie 
aufzuwecken; denn er wußte, wie schrecklich es sein konnte, 
einen Schlafwandler zu wecken, imd in seiner aufgestachelten 
Phantasie hörte er schon den Entsetzens- und Wahnsinns- 
schrei, der aus Gros Munde ertönen würde, wenn sie er- 
wachte und sich in dieser unterirdischen, düsteren Tiefe sah 
— dämonisch allein vor einem nackten Mann. Es war, als 
weinte alles in Sölver in abwehrender Angöt, daß Gro nicht 
erwache. Er krümmte sich betend auf dem Boden, seine ganze 
Seele war ein schluchzendes Gebet um Gnade, um blitzschnelle 
Rettung, nun da Gro unabwendbar auf ihn zuschritt. 

Es kam ein flüsternder Laut aus ihrem offenen Munde, 
dessen Lippen sich einen Augenblick gegeneinander bogen. 
Es war, als stieße sie den Athem in dem einen Worte : , Sölver* 
aus. Aber dies, seinen Namen genannt zu ahnen, machte 
Sölver auf einmal stark; es zwang ihn, vom Boden aufzu- 
stehen, es nahm die Angst von seiner Seele, es ließ ihn in 
allen Fugen seines Wesens jubeln. Im nächsten Nu erreichte 
ihr ausgestreckter Arm seine eigene Hand — er fühlte die 
feste, kühle Haut imter seinen zitternden Fingerspitzen und 
sein Gesicht begegnete dem warnftn Hauch ihres Mundes: 
jSölver — Sölver!' Und von mystischer Willensstärke ge- 
trieben, zwang er sich unter den gleichen hypnotischen Strom, 



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UND MONDSUCHT. 69 



der sie umfing. Er zwang sich aus dem nüchternen, breiten 
Weg der Vernunft hinüber auf des Schlafwandlers ekstatische, 
messerscharfe Bahnen. Er hörte auf, wach zu sein ; er suchte, 
er tastete, er stand vor der, nach welcher er getappt hatte, 
er war selbst von einer magischen Kraft getrieben, von einem 
einzigen wundersamen Ziel, das erreicht werden mußte. Und 
diese ganze Verwandlimg ging mit ihm vor, allein, weil er 
fühlte, dies sei das einzige Mittel zur Rettung, damit sie nicht 
zu Bewußtsein und Wahnwitz erwache. 

,Sölver — Sölverl* — ,Ja.' — ,S61ver — bist du — 
bist du — da ?' — ,Ja — ich — bin — hier.' — ,Ja — das bist du 

— das bist du — ich fühle dich.* — ,Und du siehst mich?' 

— ,Ja, ich sehe dich.' — ,Und du willst bei mir sein?' — 
,Ja — ich will — ich will bei dir sein.* 

Sölver antwortet ihr im selben Flüstern, in dem sie ihre 
Worte hervorhauchte. Seine Hände tasteten über die ihrigen 
in unendlicher Vorsicht. Allein endlich schlössen sich seine 
Arme um ihren Hals und er fühlte ein wunderliches Knistern 
in den Fingerspitzen, als er ihr trockenes, seidenweiches Haar 
berührte. Sein Mund kam ihrem nah und mischte seinen 
warmen Athem mit dem Hauch, der gleichsam kalt von ihren 
Lippen floß. Er zog die Luft genau- in demselben Takt ein wie 
sie, es war, als beugte sich sein nacktes Hen dem ihrigen ent- 
gegen, so daß sie sich auf einmal berührten. Da flanmite das 
Blut aus ihren Wangen heraus und strahlte in seine über, ob- 
wohl sie nicht aneinander lagen. Und das Blut entzündete sich 
in ihrer ganzen Haut und Sölver zitterte einen Moment davor, 
daß dieser Brand der Beginn des Aufwachens sei. 

Sein Herz lauschte in Angst. Jedoch das Blut fuhr fort, 
durch Gros Leib zu wogen. Sie preßte Sölver dicht an sich 
und durch die weiche Kleidung fühlte er ihre Brüste schwellen 
und knospen, als wollten sie sich in sein Fleisch hineinbohren. 
, Sölver — ich liebe dich!' — ,Gro — ich liebe dich.' Da er- 
greift der wunderbare Schwindel ihn ganz, als sollte er in 
ihren Armen an einem meilenhohen Turm hinabstürzen. Er 
überhauchte ihr Gesicht mit imkörperlichen Küssen, die ihre 
Lippen schlössen, ihre Stirn befeuchteten und von da wie ein 
labender Frühlingsregen niederstiegen, so daß sich ihre Lider 



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70 ÜBER NACHTWANDELN 



senkten. Und erst als ihre Augen geschlossen waren, fühlte 
Sölver sich ganz sicher. Er versiegelte sie mit einem wirk- 
lichen Kuß und mm, da ihr Schlaf wandel in seinen Armen 
sein Ziel erreicht und Sölver sicher war, daß ihr Liebestraum 
zu fest sei, um unterbrochen zu werden, flüsterte er lauter 
als bisher: ,Gro — ich liebe dich' — ,Sölver — ich liebe 
dich!' — ,Wie lang liebst du mich schon?' — ,Länger, als 
ich dich kenne, Sölver.' — ,Warum sagtest du es nicht, Gro?' 

— , Sölver, das sage ich nie!' 

So tioig denn Sölver seine wundervolle Bürde zu seinem 
Lager und atmete ihren jimgen Duft ein und heftete seinen 
Mund an den ihrigen imd alles Blut schoß sofort empor. Jedes 
Korn in ihm wollte küssen, jeder Blutstropfen wurde ein be- 
gehrender Mund, der ihres Blutes tausend Mündern begegnen 
wollte. Und sinnlos — gewaltig — ergriffen von der göttlichen 
Kraft der Natm' — ohne Furcht, daß sie erwachen könne 

— ohne Herrschaft über sich und dennoch stolz wie ein Welten- 
herrscher — trieb es ihn, wie den Sonnenstrahl nach seinem 
Ziel, der die Blume offenzwingt und sich in ihrem duftenden 
Innern begräbt. Sölver vereinigte sich mit Oro. Sie aber 
schlimimerte weiter — ruhig wie das Meer, das sich über 
seinem Opfer geschlossen' hat. 

Allein Sölver fühlte seine Sinne wieddr wach. Was nun? 
Sollte er Gro schlafen lassen, bis der Tag sie weckte und sie 
sich in seinen Armen sah? Er beugte sich über die Geliebte 
in tiefster Bekümmernis. Sie durfte nicht in Entsetzen auf- 
wachen, nicht wieder weinen wie an jenem ersten Morgen, als 
sie bei ihm war. Die feinsten Saiten hatten in ihrer Seele er- 
zittert und sich des Nachts zu ihm hingesungen, zu ihm, den 
sie unbewußt mit allen unaufspürbaren Ahnungen ihres Her- 
zens liebte. Diese Liebe durfte nicht jäh abgebrochen werden 
und welken wie eine Pflanze, deren Herzschößling entzwei- 
gerissen wird. Sie sollte zurück auf ihr jungfräuliches Lager, 
bis die Blume eines Tages aus der Blatthülle schoß. Und dann 
entdeckt er, daß die Panele am Fußende des Lagers geöffnet 
war, indem eine Füllung im Rahmen zurückgeschoben worden. 
Auf diesem Wege mußte Gro gekommen sein und auf diesem 
Wege trug er sie zurück. Von einem klarblickenden Instinkt 



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UND MONDSUCHT. 71 



geleitet, als ob er von seinen nächtlichen Gedankenbesuchen 
her Wege und Stege kennte, ging er, ohne zu überlegen, in 
den heimlichen Raum hinter der Panele, fand den Aufgang 
zur Haupttreppe, stieg beständig aufwärts, drehte durch Kor- 
ridore, ging unter schweren Teppichvorhängen durch, öffnete 
die letzte Türe und merkte erst, daß er eine Last getragen, 
als er sie niederlegte. Der Mond warf seine flimmernden 
Silbersteme rundum in das kleine Gemach. Mit süßem Wundem 
betrachtet Sölver den Betschemel und den braunen Rosenkranz 
— ohne Kreuz.« 

Über das Weitere kann ich mich kürzer fassen. Zunächst 
wird Solver die Freiheit gegeben und er kehrt zurück in seine 
Burg. Bald darauf tritt der Tod Sten Basse an. An seinem 
Sterbebett flüsterte Sölver seiner Tochter zu: »Gro! Wie es 
auch gehen mag, so wißt Ihr nun ja, daß wir beide zueinander 
gekoren.« Sie aber »drehte langsam den Kopf zu ihm hinauf 
und starrte ihn mit großen, tränengeschwollenen Augen an. 
Dieser Blick war sehr fremd und verständnislos, daß Sölver 
einsah, sie leugne nicht etwa bloß, sondern sie erinnere sich 
nicht einmal.« So wendete sich Sölver und ging. Erst als er 
sich im See gebadet, »fand er seine Jugend und seine Freiheit 
wieder, seine strahlende Hoffnung und seiner Liebe jubelnde 
Gewißheit. Gro liebte ihn! Aber noch war der Liebesgedanke 
nicht aus der Seele tiefsten Gründen wie die Perle ans Licht 
gestiegen ; noch wuchs ihrer Neigung wundersame Blume nur 
in der Träume goldenem Schein. Er sehnte sich nach Gro wie 
nach seiner Braut, obwohl er nur ihres Traumes Bräutigam 
war, der .sie nur zu küssen wagte, wenn ihre Augen ge« 
schlössen waren. Bei Tag war er ihr Feind, wie der Bär im 
Märchen, der nur bei Nacht in einen schönen jungen Mann 
umgewandelt wird.« 

Dann trafen sie sich erst wieder an der Leiche Stens, 
zu deren Seiten sie beide knieten. »Gros Augen waren auf ihn 
gerichtet wie auf einen Fremden, starr vor Verwimderung, in 
einem mystischen Glänze funkelnd. Warum lag dieser Fremde 
hier neben ihr, der Mann, den ihr toter Vater gequält und 
verhöhnt. Und doch war sein Blick von Mitleidstränen betaut 
und sie fühlte, daß dieser Mann sich nur sehnte, ihre Hand 



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72 ÜBER NACHTWANDELN 

ZU fassen. Sölver sah sie mit seiner innersten Seele an. Er 
preßte das kleine Mondscheinkreuz zwischen seinen Händen, 
er beugte sich darauf und küßte es und ein Schimmer von 
dessen glänzenden Steinen streifte Gros Augen und sie streckte 
die Arme aus und nahm ihm das Kreuz weg imd starrte in 
die Steine wie in bekannte Augen; sie wußte nicht, wie das 
in Sölyers Hände gekommen, allein auch sie beugte sich dar- 
auf und küßte es und ihre Seele neigte sich zu Sölver wie zu 
einer fernen, fernen Seele, die sie einmal gekannt hatte, an 
die sie sich aber kaum eriimem konnte.« 

Seitdem ging Sölver auf Egenaes, der Burg Sten Basses, 
aus und ein, als wäre er Herr und Erbe des Hofes. »Es ver- 
lautete auch unter den Leuten und Frohnbauem, daß er mit 
der Jungfrau Gro verlobt sei. Doch zwischen ihnen war darüber 
kein Wort gewechselt n^orden. Sölver stand Gro im kleinen 
und großen bei und sie ließ sich von seiner Stärke imd Klug- 
heit leiten. Seit jener Nacht, wo er neben ihr an ihres Vaters 
entseeltem Leibe gekniet hatte, war sie an ihn durch ein 
namenloses Band der Dankbarkeit, des gemeinsamen Fühlens, 
der inneren Ahnung geknüpft, daß ihr Schicksal verwebt sei. 
Aber kein Liebesbewußtsein färbte Gros Gemüt. Sie sehnte 
sich nach Sölvers starkem Händedruck, weil das ihren Willen 
zum Widerstand gegen den Kummer rank machte. Sie konnte 
sich an seiner gewölbten, breiten Brust liegend denken, aber 
nur, weil sich's da in sicherem Vergessen mußte einschlafen 
lassen. Und wenn sie in einem flüchtigen Streifen ihren Blick 
in dem seinen ruhen ließ, geschah es wohl mit dem zärtlichen 
Glanz, den das Gefühl der Güte des andern in uns weckt, 
besonders wenn diese Güte imverdient und uneigennützig ist, 
aber nie mit irgend welcher verliebten Hingebung. Nur war 
sie froh darüber, sich von diesen ruhigen, festen, klaren Augen 
betrachtet zu wissen, aus denen das rote Gespenst der Brunst, 
das sie an jenem Tag auf Aebelö so erschreckt hatte, 
längst fortgebannt war. Sie glaubte in Sölver einen Freund 
auf Leben und Tod geschenkt erhalten zu haben, einen Freund, 
der nicht begehren konnte, noch begehrt werden, einen Bruder, 
dem man mit unendlich mehr Ruhe trauen durfte, als irgend 
einem Liebhaber. 



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UND MONDSUCHT. 73 



Sölver betrachtete beständig Gro. Seine Augen spähten, 
ob er nicht einmal in den ihren des Traumes weißes Blinken 
überraschen, der Liebe versteckte Rose die grünen Hüllen 
durchbrechen und der Wirklichkeit entgegen erröten machen 
könne. Er sehnte sich so innig, einmal der Seele Tag- und 
Nachtseite in der Dämmerung wundersamem Goldlicht ver- 
schmelzen zu sehen. Doch Gro erwiderte nicht seiner Augen 
Starren. Sie bog den Kopf beiseite, so daß die langen Seiden- 
wimpem den Blick verbargen. ,Gro, warum schaut Ihr mich 
niemals an?* — ,Ich schaue Euch ja an.' — ,Seht Ihr mit 
Euren Wangen, Gro?' — ,Ich sehe Euch dennoch, Sölver. 
Ich sehe Euch mit dem äiißersten Winkel meines Auges!' 
Sölver beugte sein Gesicht unter das ihrige. , Schaut mich an?' 
Aber Gro drückte die Augen wie vor einem starken Licht zu- 
sammen und schüttelte den Kopf: ,Nein, Sölver, nicht so! 
Ihr schaut zu stark, Ihr schaut zu tief. Ihr schaut so tief, 
daß es mir völlig weh tut. Nein, setzt Euch so — Sölver, 
wendet Eure Augen weg!' — ,Habt Ihr Angst vor mir!' 

— ,Nein, nein — warum sollt' ich Angst haben? Aber mir 
behagt es nicht, daß Ihr alleweil in meinem Herzen lesen 
wollt, daß Euer Auge nach einer Schrift forscht, die nicht 
darin geschrieben steht. Mein Freund und lieber Bruder, ich 
fürchte Eures Blickes Saugen — was wollt Ihr mir denn aus der 
Seele saugen?' — ,Den Frühlingstag, wo wir uns begegneten, 
Gro.' — ,Ach, Sölver, ich erinnere mich dessen kaum. Mich 
dünkt nur, ich hätte Euch immer gekannt, daß Ihr all Euere 
Tage gegen mich gut imd milde gewesen. In der letzten Zeit 
habe ich es in meinem Herzen und auf meiner Wange gefühlt, 
als wie sonst, wenn meine Mutter mich streichelte und das 
ist doch schon lange, lange her'. — ,Gro, sagt es nur, Ihr 
habt Angst vor dem Wort, aber nicht wahr — sagt es nur 

— Ihr liebt mich. — Ihr schweigt, weil es wahr ist.' — 
,Nein, Sölver, ich habe das nie gefühlt.' — ,So habt Ihr es 
geträumt, ,Gro.' — , Geträumt'. — Gro wurde feuerrot. »Ge- 
träumt — geträumt — o Sölver, was hab' ich geträumt ? — 
Was wißt Ihr von meinen Träumen ? — Geträumt ist geträumt 

— und meine Träume gehören mir, mir allein!' — Einen 
einzigen Nu sandte sie ihm einen scheuen, bebenden Blick zu, 



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74 Ober nachtwandeln 

dann zitterten Tränen unter den niedergeschlagenen Lidern 
hervor. Aber Sölver merkte, daB er das Richtige getrofian. 
Allein sofort bereute er, daß er diesen Blick in ihrer Seele 
Heiligtum geworfen. Es war, wie der neugierige Blick, den 
der Ritter durch ein Schlüsselloch tat, um Undine, seine Gattin, 
zu belauem. 

Lange saßen sie stumm. Endlich wurde Gro wieder sie 
selbst, beherrscht und ruhig. Da sagte sie mit sanfter, aber 
fester Stinmie : , Sölver — wenn Ihr nur bei mir seid, um mich 
zur Liebe zu erwecken, so bitte ich Euch — geht und kommt 
niemals wieder. Nie kann ich Euch mit den Augen der Minne 
ansehen. Die Leidenschaft scheint mir wie eine glühende Klinge, 
die einem die Augen ausbrennt, während sie vorbeifährt. Es 
gab einen Tag, da fährtet Ihr das flammende Eisen Eurer 
Begier an meinem Gesichte vorbei — seitdem ist es ausgebrannt. 
Ich bin geblendet Sölver, blind für Eurer Augen Begehren 
und alle die glühenden Bitten. Ich habe Euch gehaßt, Euch 
verachtet. Euch getrotzt — doch Ihr vergaltet Böses mit 
Gutem und nun vergelte ich Gutes mit Gutem. Seht mich nicht 
an mit Liebesaugen — sucht nicht das Tote in mir zu Leben 
zu wecken. Ihr dünkt mir ja teuer, als wäre in Euch meiner 
Kindheit stolzer Bruder heimgekehrt — Euer Geist ist seiner 

— ich glaube nicht, daß in eines Mannes Willen soviel Mild- 
heit wohnen könnte. Lasset es dabei bewenden — bleibet bei 
mir als mein Bruder — oder verlaßt mich wie mein Bruder 

— doch redet mit mir nie von Liebe, weder mit Worten noch 
mit Blicken, denn ich kenne keine Erwiderung^« 

Der Junker weiß sich am Ende für all seine drängende 
Kraft keinen anderen Ausweg, als mit dem König in den 
Krieg zu ziehen. Er sah ganz deutlich: »Gro kämpfte gegem 
die Macht in ihres Herzens Tiefe. Und noch konnte des Tages 
flammende Sonne des Traumes schwache Puppe zum Welken 
bringen, so daß nie ein Schmetterling die Hülle durchbrach , 
um in des Mittags Lichtgewalt zu jubeln. Jedoch, war Sölver 
fort, so würde Sehnsucht das unsichtbare Gewächs des Trau- 
mes stützen und ihm den Weg ins Bewußtsein bahnen. Hailoh 

— es galt fortzukommen.« Und dann nahm er von der Geliebten 
Abschied: »Lebe wohl! Vergiß mir nicht an unsere Insel: 



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UNIVERSITYOF 



UND MONDSUCHT. 



bestell mich hin, wann du willst. Der Wind wird mich finden, 
wo ich auch sei. Und sag's den wilden Vögeln, wenn Du Dich 
sehnst und mich heimrufst.« 

Als Gro allein zuruckgebliebeui da merkte sie erst, was 
sie an ihm verloren und an seinem »starken Willen, dem das 
Licht entquoll.« Immer heftiger begann sie sich nach dem 
Femen zu sehnen. »Ach, kam' er doch bald wieder!« Und als 
ein Vogel vorbeistrich, da »wurde sie glühend rot über ihren 
eigenen Einfall; war das eine Botschaft, die ihre Sehnsucht 
ausschickte? Es geschah ja gegen ihren Wunsch und Willen 
— sie wollte sich nicht sehnen — nicht zurückrufen — nicht 
lieben ! Zornig erhob sie sich imd suchte sich Solvers bnmst- 
lohenden Blick zurückzurufen, mit dem er ihre Nacktheit ver- 
aehrt hatte. Und mit erzürnten, harten Ruderschlägen trieb sie 
das Boot von Aebelö fort.« 

Als der Krieg zu Ende, ging Sölver, dem König von 
Frankreich dienen. Denn, wie er in einer Brief taubenpost 
schrieb: »Wer nicht gerufen wird, kommt nicht.« Unterdes 
begann die Liebe zum Junker in ihrem Busen zu wachsen. 
»Nacht um Nacht hatte sie von Sölver geträumt und letzte 
Nacht war sie plötzlich erwacht und hatte sich frierend, nackt, 
in ihrer Kammer herumgehend gefunden und den letzten Klang 
von ihres Herzens unbewußtem Bekenntnis gehört: , Sölver, 
ich liebe Dich!^ Es war eine Veränderung in ihrem Innern. 
Stunde um Stunde konnte sie trag und halbschlafend sitzen 
und dem unregelmäßigen Schlagen ihres Herzens lauschen — 
irgend etwas saugte tief drinnen — saugte die Kraft von 
ihr, von ihrem stolzen Willen, etwas, das ihre Oedanken 
lähmte und sie immer mehr um den einen Namen schlang, um 
die eine Erinnerung.« Und als sie tief in sich hineinlauscbte, 
»da faßte sie einen Nu wie ein schwaches^ ein hastig klöp- 
pelndes Echo ihres eigenen laugsamen Herzens, ein emsig 
lebendes, kleines Herz, das lauter und lauter tickte, so daß 
es zuletzt ihr eigenes übertäubte. Und ein sinnlich zitternder 
Jubel erfaßte sie in diesem Moment zu wissen, daß sie Leben 
in ihrem Leben trug, daß sie in ihrem Körper den Keim zu 
einem neuen Leben einschloß, das nicht ganz von ihr war, 
um zu wachsen und von ihr zu leben.« 



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76 ÜBER NACHTWANDELN 

Plötzlich Überkam sie ein drückendes Entsetzen: wer 
war ihres Kindes Vater? »So jäh kam diese Frage über ihre 
naive Seele, daß sie einen Augenblick sich einbildete, dies 
könne die Strafe des Schicksals sein für ihre Sehnsucht nach 
Sölver. Diese Sehnsucht war ja Verlangen und Verlangen war 
Sünde, nicht minder als die Liebe selbst. Ihr Wunsch nach 
ihm war im Blut zur Brimst angewachsen und nun war sie 
von ihrer eigenen Bnmst befleckt, von ihrer eigenen Sünde 
schwanger; Gottes Strafe kam über sie und bald sollte das 
aller Welt sichtbar werden. Aber Gro sah sofort das törichte 
ihres Gedankens ein. Und nur einen Moment verweilte sie bei 
der Erinnerung an die einzige von all der Erde Frauen, die 
unbefleckt empfangen hatte. Dann betete sie inniglich, daß die 
Gottesmutter ihren Verstand erleuchte und ihr Klarheit schaffen 
möge, damit sie sich über dies Rätsel nicht wahnsinnig grüble.« 
Und als sie ihre Amme befragte und diese ihr endlich vor- 
hielt: »Habt Ihr keine Nacht mit Sölver imter einem Dache 
verbracht?« da fielen ihr die vielen Nächte ein, wo sie von 
dem einsamen Gefangenen geträumt, der imi ihretwillen gestraft 
wurde. Wenn sie in ihrem dunklen Bette lag, hatte sie eine 
wimderliche Neugier überkommen, sich sein Los da drunten aus- 
zudenken und, während der Schlaf sie nahm imd Träume die 
bittern und harten Gedanken verjagten, wurde ihr Herz milder 
imd die Sonne schien über ihren Traumgesichtem wie jenen 
Frühlingstag über den konvallariengrünen Wäldern und manche 
Nacht und manchen Morgen war sie mit einer seltsam heißen 
Sehnsucht in ihren Gedanken erwacht und ihr Mund war wie 
von frischen Traumesküssen befleckt imd sie war mit ihrem 
eigenen schwachen Herzen ins Gericht gegangen imd hatte 
sich selbst zu Trotz und Haß entflammt, so daß sie nichts getan 
hatte, das Schicksal des Gefangenen zu mildern. Allein, wie 
hatte Sölver ihrer Träume Gast sein können? Und wie hatte 
er über die jungfräuliche Minne zu gebieten vermocht, der 
ihr Schlummer Nahrung gab. Da kam die Amme ihr zu Hilfe und 
schaffte ihr die letzte Klarheit. Sie wußte daß Jungfrau Gro 
im Schlaf gewandelt war ; die Leute hatten auch vom weißen 
Nachtgespenst Mer Treppen gesprochen und einmal hatte sie 
selbst es gesehen und Gro erkannt, die auf einer geheimen 



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UND MONDSUCHT. 77 



Stiege verschwandy welche zum Verließ hinabführte. Sie hatte 
das verschwiegen, weil sie es für einen freiwilligen Schlaf- 
wandel hinab zum edlen Junker hielt.« 

So wurde Gro über den Grund ihrer Schwangerschaft 
aufgeklärt. »Sie zitterte vor Scham, daß ihrer Träume Sehn- 
sucht die furchtbare Kraft gehabt, sie zum einsamen Gefan- 
genen hinabzutreiben, und sie erbebte in der innersten Seele 
bei der Erinnerung an den glückseligen Traum, den sie in 
der Nacht vor ihres Vaters Tod gehabt hatte. Nun schoß ihre 
Liebe plötzlich an den Tag wie eine wunderbare Blume, die 
auf einmal mit tausend duftstarken Knospen aufspringt. Jetzt 
war es unmöglich, zu hemmen oder zu verbergen. Sie hatte 
jeden Keim unterdrücken wollen, mit ihres Vaters Kälte und 
des Tages nüchtern stolzem Trotz jeden Drang nach Liebe, 
jede Lust zu Selbstbekenntnissen ersticken wollen. Aber nun 
fand sie ihren Stolz längst untergraben und ihr Wesen innen 
imd außen von Liebe durchsäuert. 

Denn sie hatte Sölver geliebt vom ersten Frühlingskuß, 
den er ihrer Wange gab, als sie in den grünen Maiglöckchen 
wanderten — ihn geliebt im Schlag, den sie gegen seinen 
Scheitel richtete, als er ihre keusche Nacktheit antastete — 
ihn geliebt in den Nächten, wo er ohne Klagen in seiner 
Kellertiefe schlief — geliebt in den bitteren Momenten der 
Demütigung, wo er, trotz allem Hohn und Harm, seinen Stolz 
bewahrte — geliebt an jenem Abend, da er an ihres Vaters 
Leiche kniete und die Hand seines Todfeindes küßte, ihn 
geliebt Tag für Tag all die Zeit, wo sie beisammen waren, 
geliebt in jener Stunde, als sie sein Banner unter den hundert 
andern verschwinden sah, und heute auf Aebelö, als sie das 
neue Leben in ihrem Innern singen hörte. Und nun jubelte 
sie; denn sie trug ihn immer in sich, sie konnte ihren Sölver 
nie mehr verlieren.« 

Überblicken wir den Inhalt dieser Erzählung, so finden 
wir als Kern des Nachtwandeins und der Mondsucht die gewalt- 
same Verdrängung einer jeden bewußten Liebesregung und 
den Durchbruch des Unbewußten in Schlaf und Traum, allwo 



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78 ÜBER NACHTWANDELN 

die Zensur weit milder waltet. Denn Jungfrau Gro hatte Söl- 
ver vom ersten Augenblick geliebt, doch dieser Liebe nur 
nachgegelTen in Momenten gelegentlichen Selbstvergessens, 
wie etwa bei dem ersten Zusammentreffen mit dem Junker, 
da ihre Hand der seinen entgegenkam, ja sie flüchtig drückte. 
Nur darf Gro aus ihrem halb unbewußten Tun nicht aufge- 
schreckt werden durch einen Kuß oder brünstiges Begehren, 
sonst wird auf der Stelle die Kälte und der Stolz ihres Vaters 
lebendig und jene gewaltsame Reaktion, welche schon ihre 
Mutter dem Bezwinger gezeigt hatte. Das Entscheidende ist 
also, um in psychoanalytischer Sprache zu reden, der Kampf 
der mächtigen Sexualablehnung mit dem ebenso drängenden 
Sexualbegehren. Zu Anfang siegt erstere im wachen und be- 
wußten Handeln unserer Heldin, das letztere im unbewußten* 
Durch die Kraft ihres Willens erscheint Gro kalt, wie sie es von 
ihrem Vater gelernt. Sie erwehrt sich des begehrenden Geliebten 
mit Schlag und Hieb, ja, selbst schon bezwungen durch den Edel- 
mut des Feindes, will sie in ihm nur den Freund erblicken 
auf Leben und Tod. Sie weigert sich direkt, an Liebe zu 
denken, und verdrängt sie aufs Äußerste, ja, heißt den Junker 
eher gehen, als daß er sie zum Weibe begehre. Sölvers Hin- 
gebung erinnert sie hochbezeichnenderweise an die Zärtlich- 
keit der Mutter, sein Stolz an den Bruder ihrer Kindheit. 
»Mir ist, als wäre in Euch meiner Kindheit stolzer Bruder 
heimgekehrt. Euer Geist ist seiner. Laßt es dabei bewenden. 
Bleibt bei mir als mein Bruder, oder verlaßt mich wie mein 
Bruder, doch redet mir nie von Liebe, weder mit Worten 
noch mit Blicken, denn ich kenne keine Erwiderung!« Allein 
dem forschenden Auge Sölvers weicht sie aus, und als er sie 
an ihre Träume gemahnt, fühlt sie sich in tiefster Seele 
getroffen. Denn ihre Träume, das wußte sie wohl, verjagten 
die bittern und harten Gedanken, da brach das verdrängte 
Unbewußte durch und das wahre Empfinden ihres liebenden 
Herzens. Schon als der Geliebte noch in der Gefangenschaft ihres 
Vaters schmachtete, trat dies zutage. Wenn sie in ihrem dunklen 
Bette lag, da hatte sie die wunderliche Neugier überkommen, 
sich das Los des Junkers auszudenken, der um ihretwillen 
litt. Und am Morgen erwachte sie mit einer seltsam heißen 



3yGot 



UNIVERSUM 



MICHIGAN 



UND MONDSUCHT. 79 



Sehnsucht in ihren Gedanken und ihr Mund war wie befleckt 
von seinen frischen Traumesküssen. Aber dennoch hielt sie 
bewußt jede Liebesäußerung zurück und begegnete dem Junker 
zu Lebzeiten des Vaters mit Kälte und Verachtung und später 
selbst nur wie einem Bruder. Erst die lange Entfernung des 
Geliebten und vor allem das Kind, welches sie von ihm unter 
dem Herzen trägt, besiegen ihren Stolz und die bewußte Ab- 
lehnung. Und als sie eines Nachts wieder von dem fernen 
Geliebten geträumt, da findet sie sich beim plötzlichen Er- 
wachen frierend und nackt im Zimmer herumgehen und ver- 
nimmt noch als letzten Klang von ihres Herzens unbewußtem 
Bekenntnis: »Sölver, ich liebe Dich!« 

So schwer ist dieser Kampf zwischen bewußter Sexual- 
ablehnung und unbewußtem Verlangen, daß er sich sogar 
noch im Schlafe durchsetzt und ihrem Nachtwandeln. Wohl 
hatten ihre Träume, wie sie später mit Beschämung erkennt, 
die Kraft und Gewalt, sie hinab ins Verlies zum Junker zu 
treiben, wohl umklammert sie im Schlafe Sölvers Hand, wohl 
sagt sie im Mondlicht und geschlossenen Augs ihm alles, was 
sie heimlich empfindet, und preßt ihn an sich. Doch als er 
sie fragt, warum sie ihm nie einbekennen mochte, daß sie ihn 
seit jeher so heiß geliebt, weist sie ihn ab: »Das sage ich 
nie!« Selbst da er sich schon mit der Geliebten vereinigt, 
schlummert sie weiter, als wäre nichts geschehen, und weiß am 
nächsten Tag nichts mehr von allem. 

Das führt nun zu dem, was nach dem Volksglauben den 
Kernpunkt ausmacht, zum Hauptgrund für Nachtwandeln 
und Mondsucht einer Jungfrau. Es ist der just beim weib- 
lichen Geschlecht mit seiner geheischten Sexualverdrängung 
so begreifliche Wunsch, zum Geliebten zu kommen, alle Wonnen 
des Genusses auskosten zu dürfen, doch ohne Schuld. Dies 
ermöglicht einzig das Wandeln im bewußtlosen Schlafe. Denn 
wie meine erste Kranke ausführte, ist man für alles, was in 
diesem geschieht, nicht haftbar zu machen, kann also genießen, 
ohne sündig zu werden, und ohne Bewußtsein des Unerlaubten. 
Und während die Konvention erfordert, daß das Mädchen warte, 
bis ihm sich einst der Geliebte nahe, darf es in jenem bewußt- 
losen Zustand sich selber hingeben. Das Bedürfnis der Ver- 



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80 ÜBER NACHTWANDELN 



drängung erklärt dann die nachträgliche Amnesie. Doch nicht 
bloß um sexuelles Geniefien handelt es sich beim nächtlichen 
Wandeln, es erfüllt obendrein noch ein zweites Verlangen, das 
gleichfalls aus der Kindheit stammt, wie wir von den Psycho- 
analysen her wissen. Ein jedes kleine Mädchen hat nämlich 
den Wimsch, vom urgeliebten Vater ein Kind zu bekonmien, 
was in späteren Jahren oft so präzisiert wird: man möchte 
ein Kind haben, doch — ohne Mann. Diese Sehnsucht nach 
dem Kinde, doch wieder ohne Sünde, erfüllt nun das Nacht- 
wandeln. Drum hat das Motiv der unbewußten, um nicht zu 
sagen : der unbefleckten Empfängnis nicht wenige Poeten zur 
Bearbeitung gereizt, wie es ja bekanntlich auch dramen- 
bildend wirkte. 

Minder durchsichtig als jenes Hauptmotiv ist die Wirkxmg 
des Lichts, des Sonnen- wie des Mondlichts. Zu beiden 
steht die Heldin der Novelle in einer ganz besonderen Be- 
ziehung. Nicht bloß, daß ihr Leib fast mit Eigenlicht leuchtet, 
ihr Haar bei der Berührung elektrisch knistert, daß von ihr 
geradezu »warme Lichtwellen« ausgehen, die Sölver bei der 
ersten Begegnimg schon spürt, daß die Sonne sie förmlich zu 
suchen scheint, eine Gloriole unantastbarer Schönheit um sie 
legt und vor allem aus der Tiefe ihrer Augen blaut, scheint 
Gro überhaupt nur im Lichte zu leben, dessen letzte Tropfen 
sie gierig in sich einsaugt. Wenn das Licht verblaßt, wird 
auch ihr Körper eiskalt wie ein Leichnam. In ähnlicher Art 
wirkt auch der Vollmondschein auf sie, dessen Licht sogar 
die Steine an ihrem Goldkreuz eingesogen haben. Wenn der 
schlafende Junker zum ersten Mal die wandelnde Gro er- 
schaut, da ist's ihm, als habe der Mondschein sich vom Nacht- 
gestim gelöst und schwebe nur im Raum wie ein lebendes 
Wesen. Zur Erklärung dieser mystischen Lichtwirkung hat 
der Dichter freilich nichts vorgebracht und, was der Leser 
sich denken könnte, wäre bloß herangezogen von fremder 
Seite. Drum will ich diesen Punkt nicht weiter verfolgen. 

Etwas mehr Handhaben zu einem Verständnis bietet die 
Erzählung nach anderer Richtung. Zwar, daß Gro dem 
Sonnen- wie dem Mondlicht folgt, daß beide eine eigentümliche 
Anziehung üben, ist nicht weiter erklärt, wohl aber läßt sich 



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UND MONDSUCHT. 81 



die Neigung zum motorischen Durchbruch des Unbewußten 
aus einer ererbten Disposition ableiten. Ist doch der Vater 
ein roher und gewalttätiger Raubritter^ während die Mutter 
geradezu sadistische Züge zeigt und eine wahrhaft schlag- 
fertige Art. Das erweist nach dem, was ich im ersten Teile 
ausführte, eine erhöhte, muskuläre Reizbarkeit und Muskel- 
erotik, die sich wieder im Nachtwandeln nach der geschlecht- 
lichen Seite hin durchzusetzen trachten. Endlich wird noch 
unzweideutig ausgesprochen, daß das weiße Nachtgespenst der 
Treppe niemand anderer sei, als die Jungfrau im Hemd. 

»Jörn ühl« von Gustav Frenssen. 

Kürzer kann ich mich über »Jörn Uhlc, den bekannten 
Bauemroman Frenssens, fassen, in welchem die Schilderung 
einer Mondsüchtigen bloß eine Episode ausmacht. Jörn Uhl, 
der, aus dem Krieg heimgekehrt, den Hof seines verunglückten 
Vaters übernimmt, findet Lena Tarn als Oroßdim vor. Sie 
gefällt ihm auf den ersten Blick. »Sie war groß und stark 
und stattlich von Gang. Dazu war ihr Gesicht frisch von 
Farbe, weiß und rot, das Haar gelb und ein wenig wellig. 
Er meinte, noch niemals so ein frisches und zugleich ordent- 
liches Mädchen gesehen zu haben. Dazu gefiel ihm auch, 
wie sie ihm zunickte und , guten Abend' sagte und ihn so frei 
neugierig und ernst freundlich betrachtete, von oben bis unten.« 
Der alten Haushälterin singt sie nur zu viel! »Auch ist sie 
so patzig und so geradeaus mit dem Mimd.« Auffällig ist 
endlich, daß sie in unruhigem Schlafe mit sich selber redet. 

Auch Lena Tarn kann ihrerseits bald Beobachtimgen 
machen. Den alten Weißkopf, - der zu einer baldigen Heirat 
rät, weist Jörn kurz ab: »Die Haushälterin bleibt bei mir; 
ich brauche keine Frau!« Als die just eintretende Lena hört, 
was der neugebackene Bauer sagte, macht sie ein hochmütiges 
Gesicht und denkt bei sich: »Was redet der altklug!« Da 
aber der Weißkopf zu erzählen anhebt und sie und Jörn Uhl 
zuhören heißt, hat sie fast nur auf den letzteren acht, dessen 
»stilles, langes Gesicht, mit den tiefen, klugen Augen sie mit 
stillem Verwtmdem, ohne Scheu, mit zutraulicher Neugier 
betrachtete«. Nicht bloß in der Küche, die ihr untersteht, 

Sadger, Über Nachtwandeln and Mondancht. ^ 

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8S ÜBER NACHTWAHDELN 

IcaiUL Lena zeigen^ was in ihr ist* Als ein junger Stier sicii 
losmacht und auf die Frauen zukommt, da tritt sie ihm mit 
funkelnden Augen entgegen: »Steh, du Lmnp!«^ Doch als 
dieser sich nicht irre machen läBt, wirft sie einen raschen, 
zomspruhenden Blick auf die Männer^ welche untatig zusehen, 
dann schwingt sie den mitgenommenen d reib einigen Milchbock 
und wirft ihm dem Stier so hart an den Schädel, daß er, 
erschreckt, sich seitwärts trollt. iLena Tai*n aber hatte den 
ganzen Nachmittag eine auf- und absteigende Röte in den 
Wangen, weil der Bauer sie mit Augen wie ein junger, über- 
mütiger Mann angesehen hatte. Das machte ihr heimlich 
ii Freude und Sorge*« Gleich darauf erlebt sie noch eine Genug- 

tuung, Jörn Uhl wird von einem mutwilligen Kalb mit ins 
Wasser gerissen, schneidet also viel schlechter ab, als das 
schwächere Weibsvolk. 

»Lena sah immer das Gesicht vor sich, das Jörn Uhl 
gemacht hatte, als sie gegen den Stier anging. Sie war sonst 
'^ immer in der besten Laune ; aber wenn siej wie in den letzten 

^ Tagen, körperlich nicht ganz wohl war^ hatte sie Neigung 

'/ zum Zorn. Also machte sie ein finsteres Gesicht, so gut und 

^ so lange es sie konnte* Bald aber, wie sie arbeitend hin- und 

herging und fühlte, daß neue frische Gesundheit ihr durch die 
Glieder strömte, änderte sich ihr Gesicht . . * Auch Jörn Uhl 
kam an diesem Tage nicht zur Ruhe. Die scharfe Fahrt ins 
Wasser hinein hatte sein Blut in Wallung gebracht ; die Früh- 
; lingssonne tat das ihre. Es kam etwas Feiertägiges über ihn 

und er kam auf den Gedanken, ins Dorf zu gehen und die 
fälligen Steuern zu bezahlen. Auf dem Wege dachte er an 
Lena Tarn. Ihr Haar ist ihr auf den Kopf gestülpt wie ein 
Helm von rotem Messinge der in den Nacken gerutscht ist. 
Wenn sie ,8chafft% wie sie sagt, sind ihre Augen streng und 
eifrig auf die Arbeit gerichtet. Wenn sie aber angeredet wird 
und mit jemandem spricht, In ^^^^t sie gleich. Die Ät*Kßit scheint 
ihr das einzige Gebiet, w< -^Mfenst am I .Das 

muß dein% sagte sie^^^^^ ^^^^fSIKtt^ ai 
ist sie zorniger od^M- 
ist sie immer kun 
hatte und mit df« 




UND MONDSUCHT. 83 



ihr mächtig Spaß gemacht. Wemi sie bloß dürfte, so würde 
sie mir das dreimal täglich aufs Butterbrot schmieren und 
sagen: ,Da hast du^s^« 

Jetzt begegnet er dem alten Dreier, der ihm gute Rat- 
schläge gibt: »Wie alt bist du? Vierundzwanzig? Ja nicht 
heiraten, Jörn ! Auf keinen Fall ! Das wäre jetzt das Dümmste, 
was du tun könntest! Und unter 50000 darfst du es nicht 
tun! Laß dir Zeit, sage ich dir!« — »Das ist selbstver- 
ständlich, daß ich wenigstens noch zehn Jahre warte«, er- 
widerte er. Und bei sich selber dachte er weiter : »Es ist 
doch schöner, so allein zu gehen und seine Gedanken laufen 
zu lassen. Heiraten? Jetzt heiraten? Ich werde mich hüten. 
Nach Dreißig !« Und dann kamen seine Gedanken wieder auf 
Lena zurück. »Sie sah gut aus, als sie dem Stier den Schemel 
gab. Wie wenn ein dreijähriges Pferd sich aufbäumt. Gestern 
sah sie nicht so gut aus, hatte nicht so blanke Augen, fuhr 
Wieten (die alte Haushälterin) an und sagte nachher zu ihr: 
jNimm's nicht übel, Wieten: ich habe schlecht geschlafen' 
und lachte. Merkwürdige Krabben: schlecht geschlafen? 
Wenn man sich den ganzen Tag so tummelt, wie sie es tun 
muß, soll, man doch liegen wie ein Pfahl ; aber das liegt ja 
wohl an den Maitagen. Es ist nur gut, daß die Männer ver- 
ständig bleiben, sonst ginge in jedem Frühjahr die Welt aus 
dem Leime.« Und dann freut er sich, daß er so jung sei und 
auf dem Hofe zeigen könne, was an ihm sei. »Nachher, wenn 
die Jahre vergehen und ich fest im Sattel sitze, nehme ich 
mir eine schmucke Frau mit Geld und gelbem Haar. Es gibt 
auch reiche Mädchen, die so lustig sind und frisch und so 
zugreifen und einen so stattlichen Leib haben. Es muß nicht 
gerade diese sein.« 

Dann kommt er zum Kirchspielschreiber, dem gerade 
heute sechs Kinder zur Taufe angemeldet worden und der 
sich über die Zunahme der Geburten beklagt. Jörn pflichtet 
ihm bei: »Wohin soll das laufen, wenn das Volk so zunimmt? 
Das Heiraten vor 25 muß einfach verboten werden!« »Mit 
diesen Worten ging er davon, voll von dem stolzen Bewußt- 
sein, daß er mit einem so verständigen, erfahrenen alten Mann, 
wie dem Kirchspielschreiber, gleicher Meinung war.« Zu Hause 



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84 ÜBER NACHTWANDELN 

traf er Lena Tarn neben einem alten Bauer, welcher kam, 
sich bei ihm nach dem Schicksal seines Sohnes zu er- 
kunden, der zusammen mit Jörn im Kriege gewesen. Da hört 
die Großdirn zum ersten Male von dem grausamen Jammer 
und der himmelschreienden Qual der Soldaten, so daß ihr 
Gesicht in Schmerz sich zusammenzog. »In der Tiefe ihrer 
Seele aber zuckte und lachte heimlich die Freude: daß du 
heil zurückgekommen bist, Jörn Uhl.« Später, als sie mit dem 
Bauer über die Butter abrechnet, »war es nötig, daß sie 
ihren brennenden Kopf über das Buch beugte, das er in der 
Hand hielt. Da kam ein solches Flimmern in seine Augen, 
daß er die Stii*n nmzelte und seine Abneigung gegen solch 
unsolides Gefimkel nicht verbarg.« Am Abend kam sie das 
Buch wieder holen. Da redet Jörn sie an: »Du bist in den 
letzten Tagen nicht gutgelaunt. Fehlt dir was?« Sie warf den 
Kopf in den Nacken und sagte kurz: »Es fehlt einem wohl 
'mal Vas; aber es geht bald wieder vorüber.« — »Als ich 
gestern abend durch den Gang kam, hörte ich dich in deiner 
Kammer im Schlafe rufen.« — »Na ja . . . Ich bin nicht wohl 
gewesen.« — »Ach was ... Du nicht wohl? Der Mond hat 
das getan; der hat in deiner Kammer geschienen.« — »Ich 
sage aber: das kann auch eine andere Ursache haben.« — 
»Ich sage, das kommt vom Mond.« Sie sah ihn zornig an: 
»Als wenn Sie alles wissen ! Ich habe überhaupt nicht im Schlaf 
gerufen, sondern in hellem Wachen. Es waren drei Kälber 
ausgebrochen und sprangen im Grase umher. Ich sah sie 
deutlich im Mondschein. Die rief ich.« Er lachte spöttisch: 
»Das sind gewiß Mondkälber gewesen.« — »So? Ich glaube 
nicht. Denn ich habe sie heute morgen selbst wieder hinein- 
gebracht und da habe ich denn gesehen, daß die Stalltür offen 
stand. Ich denke mir, der Knecht ist heute nacht auf Freite 
gewesen. Du hast immer so fliegende und losschießende Augen 
und kümmerst dich um jeden Quark: Mich wundert, daß du 
das nicht gesehen hast.« — »Sagst du ,du' zu mir?« — »Du 
ja auch zu mir. Ich bin fast ebenso groß wie du und ein Graf 
bist du ja nicht und ebenso verständig wie du bin ich auch.« 
Sie trug den Kopf ziemlich hoch und, während sie das Buch 
von der Fensterbank riß, als wenn es da im Feuer läge, sah 



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UND MONDSUCHT. 85 



er den prächtigen Zorn in ihren Augen. »Nimm dich in acht 
vorm Mond!« sagte er, »sonst mußt du heute nacht wieder 
Kälber hüten.« 

»Er war aufgestanden, wagte aber nicht, sie anzurühren. 
Sie sahen sich aber an und jedes erkannte, wie es um des 
anderen Willen stand. Er hatte wieder den Blick, den er 
heute morgen schon einmal gehabt hatte, so einen sieges- 
gewissen, übermütigen Blick, so einen Blick, als wenn er sa- 
gen wollte: ,Ich weiß ganz genau, wie solch ein Mädchen- 
zom zu deuten ist.' Ihre Augen aber sagten: ,Ich bin zu 
stolz, dich lieb zu haben. Ach, ich habe dich so lieb.' Sie 
ging zögernd in die dunkle Tiefe der Kammer, als wollte sie 
ihm Zeit lassen, noch etwas zu sagen oder nach ihr zu langen. 
Er war aber zu schwerfällig dazu und lachte verlegen.« 

Die Nacht brach herein, eine wundervolle, ruhige Nacht. 
»Ich will doch 'mal nach dem Mond sehen«, dachte Jörn Uhl 
und holte sein Femrohr. Als er aber möglichst geräuschlos 
über die Mitteltür ging, stand Lenas Kammertür noch offen 
und sie trat auf die Schwelle und lehnte sich an den Pfosten. 
»Bist du noch wach?« fragte er beklommen. — »Es ist noch 
nicht spät.« — »Der Himmel ist so klar: Ich will noch mal 
nach den Sternen sehen. Hast du Lust, so kannst du mit- 
kommen.« Sie blieb erst stehen; aber dann hörte er, wie sie 
ihm nachkam. Als er das Femrohr auf einen Nebelstern ge- 
richtet hatte, forderte er sie auf, hinein zu sehen. Sie aber 
stellte sich so ungeschickt, daß er seine Hand auf ihre Schulter 
legte und sie fragte: »Was siehst du?« — »O,« sagte sie, »ich 
seh . . . ich sehe . . . ein großes Bauernhaus, das brennt. Es 
hat Strohdach. O! . . . Alles brennt; das Dach ist ganz in 
Flammen. Funken fliegen darüber hin. Es ist ein richtiges 
altes, dithmarsches Bauernhaus.« — »Nein, Deem! Du hast 
zuviel Phantasie, die ist bei der Wissenschaft von Schaden . . . 
Was siehst du sonst?« — »Ich sehe . . . ich sehe . . . seitwärts 
von dem Bauernhause eine Planke, die ist dunkel; denn das 
brennende Haus ist dahinter. Aber in die brennende Diele 
kann ich tief hinabsehen. Drei, vier Garben sind schon vom 
Boden heruntergefallen und liegen brennend auf der Lohdiele. 
O, wie ist das schrecklich ! Zeige mir ein anderes Haus, das 



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86 ÜBEE NACHTWANDELN 



nicht brennt , • . Zeige mir ein Haus, weUJt du, zeige mir einen 
BauerntLof, wo sie gerade dabei sind^ die Kälber aufzujagen.« 
Er lachte fröhlich auf. *Du Schelm*, sagte er, *du möchtest 
wohl auch dein Dreibein am Himmel sehen, was? So: Hoch 
überm Kopf!« — »Du hättest das Dreibein haben sollen! Den 
Tag vergesse ich dir nicht, du . . . und wie du mich ansahst ! 
Das kannst du glauben.* 

Er hatte noch niemals jemand an seinen Beobachtungen 
teilnehmen lassen. Nun wunderte und freute er sich über ihr 
Erstaunen und ihre Freude, Und dann zeigte er ihr den Mond. 
Er stellte und faßte sie wieder am Arm, als wenn sie ein 
unbeholfenes Kind wäre. Nun wunderte sie sich über die 
Maßen: »Was sind das? Beulen? Wie in unserem kupfernen 
Kessel ! Ganz genau so : Wenn er blank gescheuert überm Herd 
hängt und morgens das Feuer nach ihm hinauf scheint.« — 
»Die Beulen sind Berge und Täler • . , Und nun hast du genug 
gesehen und weise genug geredet* Geh hinein! Du erkältest 
dich, und dann träumst du wieder und siehst im Traum» ich 
weiß nicht was. Wirst du schlafen können?« — »Ich will's 
versuchen. ft Wieder wollte er die Hand nach ihr ausstrecken ; 
aber die Hochachtung vor ihr hielt ihn zurück* Er meinte, 
er dürfe sie nicht so, gewissermaßen unterwegs, ergreifen. 
»Mach raseh,^ sagte er, »daß du fortkommst.*^ 

Sie ging und er blieb und setzte seine Studien fort, -So 
verging die Zeit. Er war eifrig geworden und hantierte ge- 
räuschlos an seinem Rohre. »Und verwarf noch einmal wieder 
das junge Leben, das vor einer Stunde so schwer neben ihm 
geatmet r und kam wieder in das alte Geleise, daß der alte 
Dreier doch recht hätte. ,Mach nicht die Dummheit, Jörn!' 
, . * Und doch: ,Fein ist sie und gut. Glücklich der Mann, 
um dessen Hals die ihre Arme legt . . » Was muß die für köst- 
liche Augen haben, wenn die einen Mann so recht mit Zu- 
trauen ansehen wird',« 

Rings um ihn nur die gewöhnlichen Geräusche der Nacht. 
Aber plötzlich war ihm, als hörte er dicht überm Hausdach 
und dann zur Seite an ttHM^nd V '^^hrei einer 

Oans und seh wach; " nTU p '^^^^m ^^ ^ ^^^nd 

da unter dem F^ ^^^^M' '"^^v 




UND MONDSUCHT. 87 



menschliche Gestalt, hatte die Hand über die Augen und 
tastete mit der anderen gegen die Mauer, als wollte sie da 
ins Haus hinein, wo doch gar keine Tür war, und redete dazu 
in erregten, eilfertigen Worten: ,Die Kälber sind im Garten; 
du mußt besser aufpassen! Steh doch auf, Jörn, und hilf mir!* 
Jörn ühl kam in drei langen Schritten über den Rasen und 
rief leise ihren Namen: ,Ich bin schon hier • . . Hier stehe ich, 
. • Ich bin es. . . So! So! . . . Nun sei man still. . • Ich bin 
es. . . Sonst ist niemand hier.' Sie war verstummt imd fing 
an, sich mit der oberen Handfläche die Augen zu reiben, wie 
ein Kind sich den Schlaf aus^ den Augen reibt, und klagte 
auch nach Kinderweise. Da umfaßte er sie imd sagte ihr 
wieder, wo sie wäre, und führte sie nach der Stalltür imd 
suchte sie zu trösten. , Siehst du, hier ist schon die Stalltür. 
Hier bist du durchgegangen, du Träumerin; durch den gan, 
zen Stall bist du im Schlaf gegangen. Hast du die Mond- 
kälber gesucht ? Ach du Hansnarr ! . . . So, hier brauchst du 
nicht bange zu sein. Nun bist du bald in deiner Kammer.* 
Als sie mm endlich ihre Lage klar erkannte, erschrak sie, 
warf ihre Hände gegen ihr Gesicht und stieß wehe Laute: 
,0, o, wie ist das schrecklich!' Aber er liebkoste sie und nahm 
ihr die Hände vom Gesicht und sagte herzlich : ,Nun laß das 
Klagen. Laß es nun so sein, wie es ist.' So kamen sie bis 
zur offenen Tür, die zur Kammer führte. Es muß eine merk- 
würdige Nacht gewesen sein ; denn nicht allein, daß die Hälfte 
der Kälber aus der Weide ausgebrochen war und am Morgen 
wirklich im Hof und Garten standen : Der Knecht war in die- 
ser Nacht überhaupt nicht nach Hause gekommen, sondern 
kam erst in der Frühdämmerung zurück.« 

Am nächsten Morgen schon geht Jörn ühl zum Kirch- 
spielschreiber, sich mit der 19jährigen Lena Tarn aufbieten 
zu lassen. Als er dann wieder vor diese tritt, ist er fast ver- 
legen: »Nun möchte ich bloß wissen, was du von mir denkst. ♦ 
Und als sie stumm bleibt, kommt er näher: »Du bist doch 
sonst immer ein großer Held gewesen, besonders mir gegen- 
über. Wirf den Kopf in den Nacken und schilt mich ordentlich 
aus, ich hab's verdient.« Sie schwieg aber still, legte nur beide 
Hände an die Schläfen und starrte in die Glut des Herdes. 



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88 ÜBER NACHTWANDELN 

Da zog er ihr die eine Hand sanft vom Haar herunter und 
faßte sie an und ging mit ihr über die Diele durch die Ver- 
bindungstür ins Vorderhaus. Sie folgte ihm willenlos, die 
Augen an der Erde, die eine Hand noch immer im Haar. In 
der Wohnstube führte er sie zu dem großen Stuhl, der am 
Fenster stand und drückte sie hinein. »So,« sagte er weich, 
»hier sind wir ganz allein, Lena. Hier in diesem Stuhl hat 
Mutter manchen Sonntagnachmittag gesessen. Da gehörst du 
nun hinein.« Sie sagte noch immer nichts. »Ich bin beim Kirch- 
spielschreiber gewesen, Lena, und habe alles in Ordnung ge- 
bracht imd im Juni ist Hochzeit . . . Sagst du noch nichts?« 
Da umfaßte sie seine Hände und sagte leise: »Du meinst, da- 
mit ist alles gut.« Und sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen 
und weinte. Da fing er an, sie sehr zu streicheln und zu 
küssen. »Kind, laß doch bloß dein Weinen ! Bist ja meine kleine» 
feine Braut! Sei doch nur wieder fröhlich!« Und in seiner 
Not sagte er: »Ich wiirs auch nicht einmal wieder tun. Lach' 
bloß wieder.« Zuletzt, da er sonst keinen Schmeichelnamen 
mehr wußte, nannte er sie »Rotkopf«. Da mußte sie lachen; 
denn das war der Name der besten Kuh, welche vom als 
erste im Stalle stand. Nun hob sie auch den Kopf und sah 
ihn lang an, unbeweglich. Und dann kam Jörn Uhl richtig in 
das Weiche und Wohlige, wie er meinte, es verdient zu haben. 
Ich habe nur wenig mehr anzufügen, was für unser 
Thema von Wichtigkeit ist. Auch als junge Frau »strebt« 
Lena Tarn den ganzen Tag und ist rastlos tätig von früh bis 
spät. Die Arbeit flog ihr nur so aus der Hand. Und als ihre 
schwere Stunde vorüber, da stand sie schon am sechsten Tage 
auf, so sehr auch die alte Haushälterin warnte, imd sorgte 
den ganzen Tag allein für ihren Knaben und ging sogar nach 
der Küche und trug das Wasser, ihr Kind zu baden. Jörn 
Uhl ließ es geschehen. Denn er war stolz darauf, eine so 
kräftige Frau zu haben, »nicht so zimperlich, wie die anderen«. 
Das aber führte zu ihrem Verderben. Irgendwie muß sie sich 
doch infiziert haben, denn bald darauf bricht ein schweres 
Kindbettfieber aus. Schon als junge Frau warf sie, die blut- 
arme Käthnerstochter, deren Kindheit von bitterster Not ge- 
drückt war, eine Fülle von Liebe und Freude auf alle, die 



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UND MONDSUCHT, 89 



um sie wohnten. Jetzt aber, in ihren Fieberdelirien »ging sie, 
die niemand beleidigt hatte, sie, die Freundliche, in ihrem 
Wahn zu jedem im Hause, auch zu den kleinen Dienstjungen 
imd zu allen Nachbarn, und bat jeden um Verzeihung : ,Wenn 
ich dir etwas zu nahe getan habe . . / Gegen Morgen wurde 
sie ruhiger, war aber todesmatt und redete mühselig. Ihr Mann 
sollte , Vater sagen, daß sie ihn lieb gehabt hätte'. Jörn Uhl 
schluchzte heiß auf: ,Der hat kein einzig gutes Wort zu dir 
gesagt, du arme Deem/ Sie versuchte zu lächeln. ,Du hast 
nichts wie Mühe und Arbeit gehabt', sagte er. Da machte sie 
ihm mit schwerer Zunge verständlich, daß sie sehr glücklich 
gewesen wäre.« Die letzten Fieberphantasien endlich versetzen 
sie wieder in ihre Kindheit. Da tritt die Liebe zum alten Lehrer 
Karstensen hervor, dann wieder zu Jörn Uhl, bis sie schließlich 
von Engeln zu einer weiteren Vater-Inkarnation, zum lieben 
Grott geleitet wird. »Es kam ihr entgegen wie Milde imd 
Stärke. Von vielen Händen angefaßt und vorwäii» geleitet, 
kam sie vor eine ernste, heilige Gestalt, die beugte sich weit 
vor imd sah sie freundlich an. Da streckte sie die Hand aus 
imd hatte plötzlich einen großen Strauß von leuchtenden, 
roten Blumen in der Hand imd gab ihm die und sagte : ,Das 
ist alles, was ich habe. Ich bitte dich, laß mich bei dir bleiben. 
Ich bin furchtbar müde. Nachher will ich arbeiten, soviel ich 
kann. Wenn du es hören magst, möchte ich gern dabei 
singen'.« 

Kaum je in einer anderen Erzählung ist der heiße Streit 
zwischen klar erfaßtem Sexualverlangen und der ebenso be- 
wußten Sexualablehnung, sowie endlich der Sieg, den das Un- 
bewußte erringt, indem das mondsüchtig-exhibitionierende 
Weib die Vernunft des Mannes über den Haufen wirft, so 
durchsichtig gezeichnet, wie in dem Romane Gustav Frenssens. 
Der Dichter spricht es klipp und klar aus: Es wissen beide, 
wie's um die Sehnsucht des anderen steht. Jörn ühl durch- 
schaut, was ein Mädchenzorn zu bedeuten hat, und Lenas 
Augen sagen: Ich bin zu stolz, dich lieb zu haben, aber ich 
habe dich lieb ! Doch dem Unbewußten muß noch Gelegenheit 
zum siegreichen Durchbruch gegeben werden, damit der hem- 



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90 ÜBER NACHTWANDELN 



mende Verstand seine Macht einbüße. Darum dann die mäch- 
tige Steigerung der Libido beim Weibe durch die vorange- 
gangene Menstruation und durch die Freite des Knechts, der 
die Kälber ausbrechen läßt, beim Manne durch das kalte Bad, 
und in beiden weiters durch die verführerischen Maienlüfte. 
Unmittelbar auslösend wirkt endlich der Mond mit seinem 
Lichte. 

Schon die Nacht vorher hatte sie im Schlafe laut gesprochen, 
just als Jörn Uhl an ihrer Kammer vorbeiging. Und dieser hatte 
es direkt als Wirkung des Mondlichts bezeichnet, was sie freilich 
bestreitet : sie habe wach gelegen und die Kälber ausbrechen 
hören. ^) Und dann benützt sie die folgende Nacht, da die Haushäl- 
terin, mit der sie zusammenschläft, beim alten Bauer Kranken- 
wache hält und der Knecht schon wieder auf Freite gegangen, 
um ihrerseits sich Jörn Uhl zu nähern, als Mondsüchtige, die 
von ihrem Tun nichts weiß, also auch nicht schuldbar zu 
machen ist. Obendrein hat ihr Unbewußtes noch eine passende 
Ausrede bereit : die Kälber sind wieder ausgebrochen. Auch 
der motorische Durchbruch ist sehr gut begründet. Alles an 
Lena Tarn ist Freude an der Muskelbetätigung : das rastlose, 
fast unstillbare Verlangen nach Arbeit und lustvollem »Schaffen« 
und »Streben«, das stete Singen, die leichte Zornmütigkeit. 
Arbeit ist das Einzige, was sie mit Ernst zu betreiben ver- 
mag, weil sie in jener ihre Sexualität zum Teile auslebt, allem 
anderen begegnet sie lächelnd oder zornig, je nach ihrer 
Laune. Und es ist bezeichnend, daß auch ihre ungestillte Libido 
Jörn Uhl gegenüber sich stets in Zorn und Groll verwandelt, 
und ebenso, daß sie im Zorn ihn auf einmal mit »du» anspricht, 
also tut, als wäre sie seine Geliebte. 

Noch eins wird just an diesem Beispiel von Nachtwandeln 
und Mondsucht besonders durchsichtig: die wohl ausnahms- 
los infantile Beziehung dieser Phänomene. Als die nachtwan- 
delnde Lena von dem Geliebten angerufen wird, da reibt sie 



^) Ob die Heranziehung dieser Tiere und das Wort von den Mond- 
kälbern nicht noch einen heimlichen Nebensinn haben? Die zweimalige Wieder- 
kehr des nämlichen Motives, die Analogie mit dem Eingangsfall, den ich analy- 
sierte, daß Lena endlich, als sie auf die Sterne schaut, ein Bauernhaus zu sehen 
wünscht, wo man gerade die Kälber austreibt, gibt manches zu denken. 



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UND MONDSUCHT. 91 



sich mit der oberen Handfläche die Augen, wie ein Kind sich 
den Schlaf aus den Lidern reibt, und klagt auch ganz nach 
Kinderweise. Dann wieder ihr sonderbares Verhalten, als Jörn 
das erfolgte Aufgebot meldet. Der Bauer hat sie bezeich- 
nenderweise buchstäblich an den Platz seiner Mutter ge- 
setzt und dann in gleicher Weise gezärtelt mit Streicheln 
und Liebkosen, wie er es selbst einst von dieser erfahren. 
Doch Lena, welche bereits in der Nacht die plötzliche Er- 
kenntnis ihrer Lage mit dem Rufe beantwortete: »O, o, wie 
ist das schrecklich!« kann sich auch jetzt noch gar nicht be- 
ruhigen. Daß eine Bauerndirne über einen außerehelichen Ver- 
kehr, der obendrein durch eine baldige Heirat legitimiert 
werden soll, so außer sich gerate, ist kaum anzunehmen. Wohl 
aber spricht mancherlei dafür — ich erinnere nur an ihre 
späteren Fieberphantasien — daß sie sich innerlich schuldig 
fühlt, weil sie einem anderen untreu geworden, dem Erst- 
geliebten ihrer Kindheit, dem eigenen Vater. Erst als Jörn 
Uhl wieder seineraeits selber zum Kinde wird, in seiner Art 
beteuert: »Ich will's nicht wieder tun!« und sie am Ende noch 
»Rotkopf« betitelt, wahrscheinlich ein Kosewort ihres Erzeugers, 
da muß sie lachen und sieht ihn dann lange und unbeweglich 
an, vermutlich, ob er der richtige Vater. Hierauf erst kommt 
alles ins rechte Geleise. Ich kann jetzt den Satz am Ein- 
gang dieses Abschnittes etwas erweitem. Nachtwandeln 
und Mondsucht haben nich| allein immer innige Beziehungen 
zum Infantilen, sondern noch genauer zum Kindlich-Ero- 
tischen. 

Zum Schlüsse will ich noch einen Umstand kurz erwähnen. 
Nur wenig berührt ist in unserer Erzählung die Wirkung des 
Mondlichts. Bloß einmal beredet Jörn Uhl diesen Punkt. Hin- 
gegen gibt es eine Tagesanknüpfung, einen rezenten Anlaß 
für Lenas Mondsucht. Sie hat durch das Fernrohr des Ge- 
liebten auf den Mond geblickt imd über diesen Belehrung 
empfangen. Das weckte die Erinnerung an die Belehrung des 
alten Karstensen, des Lehrers aus ihrer Volksschulzeit, von 
dem wir vernahmen, daß er an Stelle ihres Vaters trat. 



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W ÜBER NACHTWANDELN 



,^aria'' Ton Otto Lndwig. 

Was das Kernproblem des Nachtwandeins und der Mond- 
sucht ausmacht, hat vielleicht kein Dichter so tief empfunden und 
so deutlich gesagt, als Otto Ludwig in seiner Jugendnovelle 
»Maria«. Sie ist nach einem Brief des Poeten »aus der Anekdote 
von den reichen, jungen Leinwandhändler entstanden, den die 
Wirtstochter, in dem Gemach, durch welches er in das seine ge- 
führt wird, scheintot aufgebahrt, zur Leidenschaft und zu dem 
unnatürlichen Vergehen verlockt, zufolge dessen er, wie er 
nach Jahren einkehrt, die Begrabengeglaubte als Mutter 
wiederfindet, die den Vater ihres Kindes nicht zu nennen 
weiß«. Diese Anekdote, die er von einem Freunde vernom- 
men hatte, wirkte so lebendig auf ihn ein, daß er im An- 
schluß an das Gehörte sofort den ersten Plan niederschrieb, 
wenn er auch auf das unermüdliche Protestieren eben jenes 
Freundes die Novelle nicht gleich ausführte und auch nicht 
so grell, als sie sonst wohl geworden. »Ich sah«, berichtet 
unser Dichter, »erst nur das psychologische Interesse an 
diesem Stoff; die Geschichte als mögliche darzustellen, war 
die Aufgabe, und zwar eine bedeutende für den Erzähler; 
ein eigentlich ästhetisches Interesse konnte neben jenem gar 
nicht zur Möglichkeit konmien.« Es ist für den kundigen 
Psychoanalytiker wohl unzweifelhaft, daß, wenn der Dichter 
durch die Anekdote derart gepikt wird, dies nur darum 
geschieht, weil sie eigene bedeutsame Kindheitskomplexe aus 
seinem Unbewußten wachruft. Auch die nicht unbeträchtlichen 
Umwandlungen, welche der Poet mit der Fabel vornimmt, sind 
hochbezeichnend. Die Scheintote wird zur Mondsüchtigen, 
die Gastwirtstochter zum zierlichen Pastorskind. »Aus dem 
Leinwandhändler endlich wird ein feingebildeter, künstlerisch 
empfindender Jüngling, der viel von Ludwigs Eigenart er- 
hält.« (Borcherdt.) Die fertige Erzählung hält der Dichter 
für das Beste, was er bisher gemacht, sie konmie seinem 
Ideal einer Novelle am nächsten. Ob seine Versuche auch 
inmier fehlschlagen, einen Verleger für die »Maria« zu fin- 
den, behält der Dichter zeitlebens die Liebe zu diesem 
Werk und es war eine der wenigen Jugendproduktionen, welche 



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UND MONDSUCHT. 9S 



er noch in den letzten Jahren gelegentlich seinen Freunden 
mitteilte. 

Wie schon der Deutetitel dartut, ist das Thema der 
»Maria« die unbewußte, um nicht zu sagen, unbefleckte Emp- 
fängnis. Unbewußt darum, weil die Heldin, da sie, mond- 
süchtig wandelnd, zum Geliebten kommt, von diesem ge- 
schwängert wird, ohne im Bewußtsein Erinnerung zu be- 
wahren an das Erlebte. Ja, die Analogie mit der Mutter 
Gottes wird noch dadurch unterstrichen, daß auf einem gleich 
anfangs beschriebenen Bilde »Maria und Magdalene«, die 
Himmelskönigin ganz unverkennbar die Ziige unserer Titel- 
heldin trägt. Mit außerordentlichem Seelenscharfsinn ist das 
Hauptgeschehnis, seine Folgen und Aufdeckung aus dem 
Charakter beider Helden entwickelt. 

Eisener wie Maria sind einzige Kinder reicher Eltern, 
also deren Liebe auch im ungünstigen Sinne am meisten 
ausgesetzt. Beide geraten anscheinend den Vätern durch- 
aus nicht nach und haben ihre Mutter früh verloren. Nur 
daß Eisener noch jetzt mit tiefster Verehrung an jener hängt, 
welche ihn das ganze weibliche Geschlecht verehren lehrte 
und aus seinen Worten deren Einfluß hervortritt auf den 
Mann und das Begehren des Sohnes : »Was Gutes an mir 
ist, habe ich den Frauen zu danken. Das Andenken an 
meine treffliche Mutter hat mich von mehr Unbesonnenheiten 
zurückgehalten, als die Lehren und das Beispiel der weise- 
sten und besten Männer (seil, des Vaters). Diese sanfte Macht, der 
zu gehorchen so süß ist und so lohnend zugleich! Während 
sie so liebevoll ergeben dem Manne gehorcht, beherrscht 
das Göttliche in ihr den Mann, ohne daß er es weiß. Der 
unmerkliche aber mächtige Einfluß ihrer sanften Nähe hat 
seinen Entschluß schon bestimmt, eh' er ihn faßte, ist seinem 
Zorne schon wie ein Engel in den Arm gefallen, eh' seine 
eigene Kraft sich wider ihn waffnen konnte, hat ihn schon 
zum Rechtlichen und Schicklichen gewandt, ehe er sich der 
Wahl bewußt war. Vor ihrem klaren Blick kann das Ver- 
worrene nicht bestehen, sinkt dem Frechen das rohe Wort 
unausgesprochen in die schamerfüllte Brust zurück; aus 
ihren Augen trifft den Gefallenen schmerzlich mahnend der 



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94 ÜBER NACHTWANDELN 



Glanz des verlorenen Paradieses, lächelt dem Bereuenden 
der Trost der ewigen Barmherzigkeit ; sie sind die Sonne, 
um die die Sterne des Großen, Edeln und Schönen kreisen, 
von ihnen erhellt und erwärmt.« Hingegen wird Mariens 
Mutter vom Dichter nicht mit einer Silbe gestreift. Wir er- 
fahren nicht einmal, wann sie verstorben und wie alt die 
Kleine gewesen war, als sie die natürliche Beschützerin ver- 
lor. Nur indirekt kann man Vermutungen anstellen über die- 
sen ausnehmend wichtigen Punkt. 

Von früh ab schon war Maria ein wundersames Kind. 
»Sie redete eine Sprache für sich, die nur der Eingeweihte 
oder ein sehr poetischer Mensch verstehen konnte. Alles 
Leblose war ihr lebendig; in Blumen, Bäume, Bauwerke, 
ja sogar in Möbels und Kleider trug sie die Empfindungen 
einer menschlichen Seele hinüber. Sie vermischte die Sinnes- 
eindrücke in ihren Reden auf die seltsamste Weise, so daß 
sie von Tönen behauptete, sie sähen rot oder blau, und um- 
gekehrt von den Farben, sie klängen munter oder traurig. 
Ein Mädchen, einige Jahre älter als sie, nannte sie das blaue 
Lied.* Beide Erscheinungen, sowohl das Verlebendigen leb- 
loser Dinge, zu denen man spricht wie zu lieben Menschen, 
als das Phänomen der Synästhesien, des Farbenhörens imd 
Tönefärbens, sind, wie wir heute zuverlässig wissen, auf ero- 
tische Motive zurückzuführen.*) 

^) Nach meinen psychoanalytischen Erfahrungen sehen Kinder, die so 
am Leblosen hSngen, in diesem entweder Sexualsymbole, oder waren jene 
Dinge einst Zeugen ihrer geheimen sexuellen Genüsse. Es kann dann z. B. 
dazu kommen, daß ein solches Kind sich in Möbel, Zimmerwände, Ja selbst 
in — ein Klosett verliebt, sich stundenlang dort aufhält, die Mauer küßt, 
ihnen seine Freuden und Leiden erzählt, und sie mit allerlei Bildern be* 
hängt. Man sieht auch sehr häufig, daß Kinder mit leblosen Dingen spre- 
chen. Oberraschen sie Große, so werden sie verlegen und brechen rasch ab. 
Stäke da nicht etwas Verpöntes dahinter, so wäre kein Grund hiefür ab- 
zusehen, um so mehr als in Märchen Tiere, Pflanzen und auch unbelebte 
Dinge mit den Menschen und unter einander reden, ohne daß ein Kind daran 
Anstoß nähme. Verlegen wird das letztere bei gleichem Tun erst dann, wenn 
es vom Baume der Erkenntnis genascht und Sexuelles zu beiigen hat. Die 
erotische Beziehung der kindlichen Pflanzenschwärmerei sowie der verschie- 
denen Synästhesien hat Hug* Hellmuth überzeugend nachgewiesen, (Vgl. deren 
Studie »Über Farbenhören«, Imago, I. Bd., S, 218 ff.) 



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UND MONDSUCHT. 95 



»Mit Mariens siebentem Jahre etwa gab zum Erstaimen 
aller die Neigimg zum Spielen und zwecklosen Träumen, die 
mit so lebendiger, beweglicher Phantasie stets verbunden ist, 
der jener gerade entgegengesetzten Richtung Raum. Von da 
begann sie im Leben zu wurzeln mit der ganzen Innigkeit, 
die ihrem Wesen eigen ist. Schon mit dem zwölften, drei- 
zehnten Jahre besorgte sie das Hauswesen ihres Vaters zur 
Vei'wunderung aller, die sie beobachteten. Ein himmlischer 
Segen schien dabei alles zu begleiten, was sie imternahm; 
alles wuchs ihr unter den Händen. Vorübergehend wohl 
konnte sie an den idealistischen Träumen der Dichter und 
ihrer Bekannten sich erfreuen, aber ihr eigentliches Element 
war die Wirklichkeit.« 

Was hatte diesen plötzlichen Umschwung erzeugt? Ich 
kann mich der Vermutung nicht entschlagen, daß hier ent- 
scheidend der Tod ihrer Mutter eingewirkt habe und damit 
die Notwendigkeit, dem Vater die Gattin zu ersetzen. Zwar 
wird ihre hausfrauliche Tätigkeit erst vom 12. oder 13. Jahr 
ab vermeldet. Doch will mich bedünken, sie hätte diese Rolle 
wohl schon im siebenten Jahre zu spielen begonnen (in wel- 
ches Jahr dann der Tod der Mutter zu setzen wäre) nur, 
weil sie zu klein, noch unter den Augen einer älteren Magd 
oder Wirtschafterin. Wie meine Analysen an Hysterischen mich 
lehrten, erfolgt ein so tiefer und plötzlicher Wandel des 
ganzen Charakters stets nur aus bestimmten erotischen 
Gründen und zu ganz bestimmtem erotischen Zweck. Die 
früheste Liebe des ganz kleinen Mädchens gehört ja fast 
immer dem eigenen Vater, der ist in Wahrheit ihr erster 
Geliebter. Man kann es öfters aus Kindermund hören : » WeiBt 
du, Papa, wenn Mama stirbt, dann heirate ich dich!« Das 
ist im Kindersinn durchaus ehrlich und buchstäblich gemeint. 
Ein früher, vorzeitiger Tod der Mutter gibt solchen infan- 
tilen Wünschen Realität, zumindest was die Sorgen der Haus- 
frau betrifft. Und sobald Maria diese RoUe einmal spielen 
darf, spielt sie sie glänzend imd unvergleichlich, obwohl sie 
an Jahren noch ein halbes Kind ist. Sie ist ganz Mutter in 
der Betreuung eines fremden Knaben und dabei, wie dieser 
sehr richtig bemerkt, doch ausgelassen und herzlich lachend, 



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96 Ober nachtwandeln 



auch wo es gar nicht nötig wäre. Und als sie die erste Nacht 
in der Verbannung zubringt, ist ihr frühester Gedanke »der 
arme Vater, der ohne die kleinen Dienste, die er von ihr 
so gewohnt ist, zu Bett gehen müsset. In der Führung des 
Haushaltes besitzt sie eine Mündigkeit wie wenig Ältere. 
Alles ist geschehen imd gemacht, ohne daB man merkte, wie 
es gemacht wird. »Gibt es etwas Reizenderes als dieses sech- 
zehnjährige Hausmütterchen in ihrem wirtschaftlichen Trei- 
ben?« sagt ein Bewunderer von ihr. »Sehn sie nur, sie mag 
tun, was sie will, so tut sie es auf das beste und schönste 
zugleich.« In der SteUung, die sie also eroberte, ist sie ganz 
zufrieden, scheint ihre Erotik völlig gesättigt. »Sie ist geistig 
noch so wenig Weib, daß die Neigung, die ihre schöne Bildung 
einflößt, auch nicht das mindeste von der Geschlechtsneigung 
hat und man sogar ihre körperliche Entwicklimg übersieht. 
Da ist auch von jener reizenden Scham, die aus der bloßen 
Ahnung entspringt, es müsse doch etwas anderes um den 
Mann sein, noch keine Spur.« Und ein Freund des Hauses 
erklärt geradezu: »Wenn man die Ruhe, die Kühle ihres 
Wesens imd das Unbedürftige, Geistige desselben betrachtet, 
so möchte man fast glauben, sie wäre ursprünglich gar 
nicht von dieser Erde, sondern etwa auf dem 
Monde zu Hause, der mehr Einf 1 uß auf sie zu üben 
scheint als jene.« Ihr fehlt jede Spur von den träume- 
rischen Phantasien der Jungfrau, die nichts anderes dar- 
stellen als unbewußte Liebessehnsucht. Und was sie an jenen 
vordem besaß, ist nun völlig gebunden durch die Sorge um 
den Vater. 

Weil ihre Erotik vorläufig gesättigt ist, nichts mehr zu 
umschleiem imd zu wünschen braucht, dnmi hat sie einer- 
seits die Klarheit des kindlichen Blickes behalten, vor dem 
keine Täuschimg aufkommen kann, auf der anderen Seite die 
stete Zufriedenheit mit sich selbst und aller Welt, sowie die 
Fähigkeit, erlittenes Unrecht sofort zu verzeihen. Halte ich 
zu dieser Charakteristik des Dichters die leidenschaftliche 
Natur des Vaters, die ihn, den Pastor, sogar zur Gottesläste- 
rung fortreißen kann, dann dünkt mich durchsichtig, wanmi 
Maria, wenn sie Unrecht erlitten, nur »über die Reue betrübt 



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i0ty die der andere, wie sie ja wußte, empfind^en mußte, wenn 
er endlich auch zur Einsicht und Besinnung gekommen«. Das 
ist wohl nichts anderes als die Stimmung des Vaters, der einst 
seinem Kinde Unrecht getan und dies in späterer Einkehr 
bereut hatte. Infolge der frühen Saturierung ihres Liebes- 
empfindens bat dann Maria »auch als Kind nie um etwas, was 
die Eltern ihr hätten abschlagen mfissen. Hatte sie ein Be- 
diirfnis, so war es Tätigkeit, Sorge um die Ordnung und 
Nahrung des Hauses, um die Zufriedenheit und das Gedeihen 
seiner Bewohner. Wo sie lieben konnte, war sie glücklich 
und daheim; doch selbst die Liebe zu ihrem Vater sprach 
sich nie leidenschaftlich und stets mehr in unermüdeter Auf- 
merksanlkeit und Sorge, auch für das kleinste Bedürfnis, das 
nur sie erraten konnte, als in lebhaften Bezeigungen aus«. Für 
sich selber war sie fast bedürfnislos. Ein Schnittchen Brot 
und zwei Äpfel genügten ihr als Tagesnahrung, was typisch 
ist für die hysterische Anorexie und vielleicht nur den un- 
bewußten Wunsch bedeutet, den Vater möglichst wenig zu 
kosten. Zur Vollkommenheit fehlt ihr nur ein einziger Zug : 
das Weiche, Anschmiegsame, typisch Weibliche. Auch dies 
wird verständlich, so man in Betracht zieht, daß alle Erotik 
auf den Vater im Sexualziel gehemmt ist, sich wegen der 
Inzestschranke nur intellektuell abspielen darf, zumindest so- 
weit sie ins Bewußtsein gelangt. 

Das Weib in ihr aber soll Erlösung finden durch den 
jungen Eisener. Ich habe schon oben ausgeführt, wie dieser 
an seiner Mutter hing. Gehört die Frühneigung des kleinen 
Mädchens gemeinhin dem Vater, so die erste Liebe des Knaben 
der Mutter. Die ist es, welche ihn lieben lehrt und das 
Weib seines Herzens nach ihrem eigenen Vorbild suchen. 
Wenn später, sagen wir in der Vorpubertät, der Knabe mit 
dem Geheimnis des Geschlechtslebens bekannt gemacht wird, 
so beginnt er in Anlehnung an gewisse Regungen toiner 
Kindheit die Mutter jetzt auch in dem neugewonnenen Sinn 
zu begehren, während er den Vater als begünstigten Rivalen, 
der diesem Wunsch im Wege steht, zu hassen anhebt und sich 
in bewußtem Gegensatz zu ihm entwickelt. Er gerät, wie wir 
sagen, unter die Herrschaft des Oedipus-Komplexes. Doch 

Sadger, Ober Nachtwandeln und Mondsucht. ^ 

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98 ÜBER NACHTWANDELN 

gehen jene Wünsche auf die Mutter in der Regel nicht weiter, da 
ja unterdes schon längst die Inzestschranke aufgerichtet worden. 
Durch diese wird der Knabe genötigt, den Mutterkomplex einer 
Spaltung zu unterwerfen. War ihm einen Augenblick die Phantasie 
gekommen, die Mutter selber solle ihn in das Geschlechtsleben ein- 
fiihren — ein Zug, der wohl keinem Jüngling fehlt — so wird sie 
jetzt entschieden verworfen oder richtiger verschoben auf jene 
Frauen, welche aus der Liebe ein Gewerbe machen und 
wirklich den Jüngling ins Geschlechtsleben einzuführen pflegen. 
Dafür wird der Rest des Mutterkomplexes idealisiert und die 
Mutter zum reinen, unberührten Weibe umgedichtet, an das 
keines Mannes Begehr sich heranwagt. Ein Ähnliches gilt 
von der Geliebten, die man nach dem Vorbild der Mutter 
wählt. So schwärmt auch Eisener: »Maria ist nicht zur Liebe 
geschaffen, nur zur Verehrung!« Doch ohne begehrende 
Kinderwünsche auf die Mutter *) wäre er nicht Zwangsneuro- 
tiker geworden *) mit aller Hypermoral desselben, dem Stolz 
auf seine sittliche Reinheit imd den übertriebenen Selbstvor- 
würfen, ja einer wohllüstigen Selbstzerfleischung, nachdem 
ihn die Sinnlichkeit ein einziges Mal überwältigt hatte. Auch 
der Mangel an Entschlossenheit, Bestimmtheit imd an Lebens- 
mut ist nicht, wie er wähnte, eine Folge seiner Kurzsichtig- 
keit, sondern seiner Neurose. Aus unbewußter Rivalität hat 
er sich direkt im Gegensatz entwickelt zu seinem stark phili- 
strösen Vater. War dieser nur Geschäftsmaim, der sein Be- 
hagen über alles setzte, für welchen die Kunst nur inso- 
weit Bedeutimg hatte, als sie den Lebensgenuß ihm erhöhte, 
so ward des Sohnes Lieblingsneigung die Malerei trotz oder 
vielleicht just wegen ^) seiner hochgradigen Kurzsichtigkeit. Die 
Tyrannis seines Vaters ertrug er nur schwer und mit innerem 
Protest. Und wie er sich in Kontrast zu diesem dem imge- 
bundenen Künstlertxmi zuneigt, so sucht er auf der anderen 

*) Man denke an Eisenera Panegyrikua: »Vor ihrem klaren Blick kann 
daa Verworrene nicht bestehen, sinkt dem Frechen das rohe Wort unaus- 
geeprochen in die schamerfüllte Brust zurück, aus ihren Augen trifft den 
Gefallenen schmerzlich mahnend der Olanz des verlorenen Paradieses, lächelt 
dem Bereuenden der Trost der ewigen Barmherzigkeit.« 

') Ebenso wie Otto Ludwig selber. 

*) Die bekannte psychische Cberleistung bei angeborener Organminder- 
wertigkeit 



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UND MONDSUCHT. 99 



Seite Ersatz für die Mutter in jeglictiem Weibe. Erst da er 
seine Sittlichkeit befleckt glaubt^ opfert er zur Sühne die 
Träume seiner Jugend und wird zum folgsamen, ja, was dem 
Alten imheimlich dünkt, zu einem übergehorsamen Sohn. 

Wie war ihm dies einst so leicht gefallen der schwär- 
merisch verehrten Mutter gegenüber! Um diese spann, an 
dieser rankte des Knaben Liebessehnen sich auf, und all das 
lavaheiBe Empfinden, so einzig und allein nur dem Kinde eigen. 
An jenes Götterbild hat er die Neigung seines Herzens gehängt, 
wie die Phantasien einer lüstern erregten Einbildungskraft, die 
selbst dem besten Kinde nicht fehlen, wenn sie auch gemein- 
hin eingedämmt sind, ja späterhin völlig vergessen werden 
infolge moralischer Hemmungsimpulse. Drum wird die Er- 
innerung an die hehre Mutter nicht bloß durch Maria, die 
reine, geweckt, sondern auch durch Julie, die seiner Lüstern- 
heit entgegenkommt und den zuletzt dahinter schlummernden 
unsauberen Kinderphantasien. Es ist interessant, wie treffend 
der Dichter jenes Doppelempfinden in Eiseners Seele zu zeichnen 
versteht. Da werden die sittlichen Hemniungsimpulse vorerst 
zurückgedrängt durch den ihm reichlich eingenötigten Wein, 
welchen er, der von früh ab an Mäßigkeit Gewöhnte, am 
wenigsten verträgt. Jetzt schien ihm die »schelmische Julie 
immer reizender; ein Spiel mit Blicken begann zwischen beiden, 
welches den jungen Jäger eifersüchtig zu machen schien. 
Hingegen empfand Eisener selbst etwas ganz Ähnliches, wenn 
sein Nachbar zur Linken an die emsige Marie Worte richtete, 
die die Neigung, die sie eingegeben hatte, nicht verbargen. 
Fast mit Ängstlichkeit lauschte er ihren Antworten und war 
entzückt, daß in ihnen auch nicht das Mindeste einer Ent- 
gegnung dieser Neigung hörbar wurde, und dann wunderte er 
sich selbst über diese seltsame Teilung seines Wesens. Im 
dunklen Auge Juliens glühte eine Flamme, von der er fühlte, 
wie sie ihn entzündete tmd ihr Feuer in ihm immer mehr 
um sich greifen mußte, ohne daß er ihm würde wehren können, 
ja, ohne daß er dies würde wollen können. ^^ Allerdings, wenn 
»die schlanke Maria wie ein Heiligenbild hinter Julien stand, 
so sank das reizende Weltkind ihm in aller seiner verführe- 
rischen Grazie neben jener tief im Preise. Er fühlte das Be- 



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100 ÜBER NACHTWANDELN 

dürfnis sich klar zu werden,« War Klarheit ihm doch von 
Jugend auf Bedürfnis, wohl als ein Erbteil der klugen Mutter. 
»Da stieß Breitung mit seinem Glase gegen das wiedergefüllte 
Eiseners. Trinkend imd lachend fand er den bimten Wechsel 
von äußerst lebhaften Vorstellxmgen, der bereits an die Stelle 
ruhiger Besonnenheit trat, bald immer weniger bedrohlich 
und endlich sogar angenehm und erwünscht.* 

Doch seine durch den reichlichen Alkoholgenuß und die 
allgemeine Ausgelassenheit ohnehin schon erhöhte sexuelle 
Erregung wird bis zum Gipfelpunkt getrieben durch eine 
Episode mit der feurigen Julie. Bei einem Gesellschaftsspiel 
hatte Eisener mit dieser das Zimmer zu verlassen. »Ihm wurde 
seltsam, wie er in dem dunklen Nebenzimmer sich zu der 
schneUatmenden Julie herabbog und statt ihres Ohres ihr 
glühender Mund seinem Munde begegnete und die weiche, 
pulsierende Gestalt ihm wie ohnmächtig in die Arme fiel. Im 
Ringen mit sich selbst, im Bestreben, die Besinnung festzu- 
halten, faßte er imwillkürlich ihren Arm und stand schon 
wieder mit ihr im Gesellschaftszimmer, ehe er noch sich des 
Warum bewußt war.« 

Ist dies Benehmen des vor Verlangen glühenden Jünglings 
nicht eigentlich seltsam? Wie, wenn auch dahinter eine Er- 
iimerung stäke, etwa an eine Szene mit der Mutter, die ihn 
durch Anpacken seines Arms zur Besinnung brachte? Doch 
wie immer dem sei, er hatte noch einmal die Kraft gefunden, 
der feurigen Lockimg zu widerstehen. Allerdings nacht ohne 
nachträgliche Reue. Denn als er später seinen Schlaf ramn 
aufsuchte, konnte er nicht einschlafen und »seine Phantasie 
zauberte, so oft er ihr auch wehrte, immer wieder jenes 
dunkle Zimmer um ihn und die reizende Julie in seine Arme. 
Es bereute tausendmal, so sehr er sich mühte, sich über seine 
instinktmäßige Flucht zu freuen, daß er das süße Gift nicht 
in vollen Zügen getrunken, dessen bloße Berührung sein ganzes 
Wesen in dies fieberhafte Pulsieren gebracht hatte.« Im 
Garten sucht er nun Kühlung seines heißes Blutes zu finden, 
und tatsächlich wiegt der Duft der Blumen und das Säuseln 
der Blätter seine erregten Lebensgeister derart ein, daß ihn 
mälig die Empfindung einer süßen Mattigkeit überkommt. In 



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UND MONDSUCHT. 101 



halber Bewußtlosigkeit steigt er wieder hinauf und legt sich 
ra Bette. Eben ist er im Einsehlafen, als er eine weifie 
Gestalt eintreten sieht, deren Züge er freilich bei seiner Kurz- 
sichtigkeit nicht auraehmen kann. Wie diese sich entkleidet 
und auf ihn zukommt, faBt er zuerst, wie hilfesuchend, mit 
den H&nden nach der Seite, wo sein Freund schlafen sollte. 
Doch fand er da nichts, er war offenbar in ein anderes Zimmer 
geraten. »Der Oedanke, in der Sicherheit der Nacht zum 
ersten Male mit einem weiblichen Wesen allein zu sein, schlich 
erst wie ein Tropfen Eis, dann wie Feuerglut über all seine 
Nerven hin. Sein Herz pochte hörbar, als die Grestalt zu ihm 
ins Bett stieg. Das Seltsame, Abenteuerliche der Situation 
war nicht gemacht, ernüchternd auf den Berauschten zu wirken, 
dem die Erregung bis in die Fingerspitzen pulsierte. Die Macht 
der warnenden inneren Stimme schwand mit der Besinnung, 
und der Streit war kurz, in dem die Natur Siegerin blieb.« 
Ich habe vorhin Mariens Charakterentwicklung geschil* 
dert, bis Eisener in ihr Leben tritt. Nur ein Punkt wäre noch 
nachzutragen. Sie hatte aus der Kinderzeit trotz aller 
Wandlung im siebenten Jahre einen einzigen Einfluß zurück- 
behalten, der »mit Beginn der Reife freilich nur zeitweise und 
gleichsam verstohlen in Wirksamkeit trat. Der Mond war ihr 
Liebling und ihre Sehnsucht gewesen; als kleines Kind hatte 
sie stundenlang ohne Abwechslung in den Mond sehen können ; 
war sie krank, so mußte Mutter oder Wärterin sie an das 
Fenster tragen, durch welches sie den Freimd ihrer kleinen 
Seele erblicken konnte.« Etwa ein halbes Jahr vor der 
Bekanntschaft mit Eisener »hat der Mond den Einfluß, den er 
sonst auf die Wachende übte, auf ihren Schlaf geltend 
gemacht. Zur Zeit des vollen Mondes verläßt sie öfters ihr 
Lager, kleidet sich an und geht hinauf in das Eckzimmer im 
Pavillon. Hier steht sie einige Zeit und wendet die ge- 
schlossenen Augen dem Monde zu ; dann läßt sie den Vorhang 
herab, entkleidet sich und legt sich in das Bett, das an 
dem Orte steht, wo sie als Kind zu schlafen pflegte. 
Sowie der Mond die Fenster dieses Zimmers verläßt oder 
durch die Fenster ihres jetzigen Schlafgemachs scheint, erhebt 
sie sich wieder, kleidet sich wieder an und kehrt dahin zurück. 



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102 ÜBER NACHTWANDELN 

Sie selbst weiß nichts von diesen Wanderungen, und, was man 
getan hat, sie während derselben zu erwecken, ist vergeblich 
gewesen. Der Arzt meint, daß diese Anfälle von Mondsucht 
mit der vollendeten Reife oder wenigstens mit ihrem ersten 
Kindbette auf immer sich verlieren werden.« 

In dieser Schilderung eines Laien sind einige Momente 
neu und auffallend. Zunächst die Liebe — man kann es anders 
gar nicht mehr heißen — die das Kind dem Nachtgestirn 
entgegenbringt. Warimi ist der Mond sein Liebling und seine 
Sehnsucht von klein auf, warum kann es stimdenlang in ihn 
schauen, warum verlangt es als krankes immer so gelegt zu 
werden, daß es ihn allzeit erblicken kann? Wer Kinder be- 
obachtet, der weiß, daß solche extreme Liebe, die Jahre ohne 
Überdruß währt, sowie endlich das fortwährende Anstarren- 
können sexuellen Inhalt besitzen muß, wenn dies natürlich auch 
niemals eingestanden wird. Nur wenn der Gegenstand, in 
unserem Falle das Nachtgestim, geschlechtlich erregt, ist die 
Liebe zu ihm alle Zeit überdauernd und keinem Wechsel, 
keinem Nachlaß der Teilnahme unterworfen. Als Marias Erotik 
später im Vater Sättigung findet, tritt die Liebe zum Mond 
immer mehr zurück. Da aber mit dem Eintritt der Reife auch 
ihre geschlechtliche Erregung zunimmt, beginnt sie zu wan- 
deln im Mondenschein. Die Liebe endlich, die ihr Eisener ein- 
flößt, im Verein mit der starken sexuellen Erregung, die das 
Fest am Vortag auch in ihr hervorruft, löst wieder einen 
Anfall aus, in dem sie dem Geliebten sich willenlos hingibt. 

Das Volk wie der Hausarzt sind über den geschlecht- 
lichen Grund der Mondsucht bei ihr wie ganz allgemein 
gar nicht im Zweifel. Wenn die Reife vollendet oder sie ein 
Kind ihr eigen heißt, werden die Anfälle aufhören, ist des 
letzteren Meinung. Und die Dienstmagd Grete, das lebendige 
Märchenbuch ihres Volkes, erklärt das Mondwandeln geradezu 
als Folge einer unbefriedigten Sinnlichkeit. Da hat ein junger 
Ritter ein reiches, vornehmes Fräulein gefreit. Kurz vor 
Mittemacht werden die beiden in die Brautkammer geführt. 
»Aber kaum, daß sie allein beisammen waren, da rief's mit 
einer seltsamlichen Stimme draußen vor der Burg: ,Kunz, 
komm herab! Kxmz, komm herab!* Und noch einmal rief's: 



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UND MONDSUCHT. 108 



,Kunz, komm herab!' Die Stimme aber klang so klagend und 
80 drohend zugleioh. Der Bräutigam sagte: ,Das ist mein 
bester Freimd; er ist in Not und ruft mir.^ Das Fräulein 
aber sagte: ,Die Stimme gehört meiner Muhme, die sie vor 
zwei Jahren tot gefunden haben/ Drum grauselte sie's, daß 
sie eine Gänsehaut bekam über den ganzen Leib,« und sie 
fleht ihren Bräutigam an, dem bösen Spuk nicht zu folgen 
oder wenigstens solange bei ihr zu bleiben, bis die Geister- 
stimde vorüber ist und der volle Mond aufgeht. Doch dieser 
läßt sich nimmer abhalten: »Sei's ein böser Spuk oder ein 
guter; mich soU niemand vergebens rufen!« »Und er ging 
hinaus. Das Fräulein aber trat an das Fenster imd konnte 
nichts sehen vor der Finsternis draußen und vor den Zähren 
in ihren Augen. Da ist denn die Geisterstunde vorbeigegan- 
gen imd der Vollmond ist aufgegangen und sie hat gewartet 
und gewartet, aber der Ritter ist nicht wiedergekommen. Da 
schwur sie, keine Nacht zu ruhen, wennVollmond 
wäre, bis sie mit ihrem Bräutigam zu Bette ge- 
gangen sei. Und wie ihr erster Bräutigam immer und 
immer nicht wiederkam, so wartete sie auf einen andern, aber 
es mochte keiner um sie werben, der um jene Geschichte 
wußte, weil jeder dachte, es werde ihm ergehen, wie es jenem 
ergangen war. Darüber ist sie gestorben; ihr Schwur aber 
ist noch inmier nicht erfüllt. So oft Vollmond ist, sieht sie 
hinaus, ob noch kein Bräutigam kommt, und tut ganz kläg- 
lich und hebt die Hände weinend gegen den Mond.« 

In diesem Volksmärchen ist der ausschließlich sexuelle 
Grund des Wandeins ganz imzweideutig ausgesprochen. Der 
Spukgeist bedient sich da einer Stimme, zugleich klagend wie 
drohend, die der Bräutigam auffaßt als Hilferuf seines besten 
Freundes, die Braut hinwieder als Stimme ihrer Muhme, die 
man vor zwei Jahren tot aufgefunden, vielleicht nachdem 
sie aus imglücklicher Liebe Selbstmord begangen. Beide 
^fc'" könnte — ich gebe diesen Punkt als eine Hypothese — 

^'' Geschlechtaneid treiben, welcher auch dem andern den Sezual- 

^^' genuß nicht gönnt, der ihm selber versagt ist, den Freund 

^ vielleicht die Eifersucht noch aus einer homosexuellen Neigung. 

l^ Nachdem die Spukgeister um die Mitternachtsstunde imd im 



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104 ÜBER NACHTWAmDELN 

VollBMmdaohain ihr Ziel erreicht hatten, da schwur das Frän- 
leiiiy »keine Nacht zu ruhen, wenn Volhnond wäre, bia sie nait 
ihrem Bräutigam au Bett gegangen«. Das ist d^r Kern des 
ganzeu Mythos, die naive und doch wahrscheinlich zutref- 
feiide Erkl&nmg des Volks für das Rätsel der Mondsucht, 
zumindest für seine häufigste Form. 

Ich habe oben immer supponiert, daß Marias Erotik 
durch die Sorge um den Vater gesättigt worden. Das ist 
freilich mit Einschränkung zu verstehen. Denn jene kann die 
Rolle der Mutter nur als Hausfrau spielen, nicht aber als 
Gattin. Darum genügt das erstere nur insolange, bis stärkere 
sexuelle Impulse erwachen, durch äußere Reizung oder, wie 
es Regel, durch die natürliche Entwicklung zur Jungfrau. 
Sobald es einmal dazu gekommen, beginnt bei den dazu Dis- 
ponierten wie etwa bei Maria das Wandeln im Mondlicht. Wenn 
aber Ziel und Endzweck desselben sexuelle Befriedigung der 
Jungfrau ist, dann fragt es sich weiters, warum sucht Maria 
da immer das Bett ihrer Kindheit auf. Im eingangs analy- 
sierten Fall war treibendes Motiv ein sexuelles Sich-Erregen 
an der Mutter, in späteren Jahren an der oder dem jeweils 
Geliebten. In den meisten Fällen, da normalgeschlechtliche 
Empfindung vorherrscht, ist der Zweck des Wandeins nach 
dem Volksmärchen, mit dem Herzensmanne zu Bette zu gehen. 
Das würde bei Maria, sobald sie Eisener kennen gelernt, die 
Szene der Vereinigung unschwer erklären. Was aber lag dem 
früheren Wandeln eigentlich zu Gnmde, wo noch kein Mann 
auf sie Eindruck gemacht hatte ? Oder doch vielleicht einer, bei 
dem gerade die Sexualität aufs strengste verpönt ist: der 
eigene Vater? Wie wenn die Erotik zu diesem unterdrückt 
und die also erworbene Gleichgiltigkeit auf sämtliche Männer 
übertragen worden wäre? Einem Kind ist ja als scheinbar 
harmlos manches gestattet, was man bei Erwachsenen per- 
horresciert. Lieben ja viele Eltern es doch, ihre Kinder früh- 
morgens ins Bett zu nehmen und mit ihnen zu spielen ohne 
jeden bewußt sexuellen Gedanken und ohne zu ahnen, wie sehr 
sie oft damit die Geschlechtslust ihrer Kinder aufstacheln. 
Nicht selten besuchen auch Mutter oder Vater das Kind vor 
dem Einschlafen, neigen sich zu seinem Bette herunter, lassen 



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UND MONDSUCHT. 106 



63 oft auch sich wild anpressen und halten dies alles für 
asexuelle Kinderliebe. Wie viel an grob-sexueller Erotik sich 
dahinter birgt, wenn auch gut versteckt, lehrt uns der ein- 
gangs zerlegte Fall. Auch Maria sucht vermutlich das Bett 
ihrer Kindheit im Nachtwandeln auf, weil sich daran ihre frü- 
heste Erotik knüpft. 

Dies geschah nun bereits, eh' ihr Herz gesprochen, schon 
infolge der Pubertätserregung. Wie ist es nun, seit sie Eisener 
liebt? Halten wir den Wunsch ihres Unbewußten fest, zum 
geliebten Mann ins Bett zu steigen, und andererseits wieder, 
daß Maria als Hauamütterchen sehr wohl weiß, er schlafe nicht 
allein, vielmehr mit seinem Freunde zusammen, so ist da nur 
Kompromißbildung möglich. Sie steigt also wieder in ihr 
Kinderzinmier, welches in der nämlichen Richtung liegt, wie 
der Schlafraum Eiseners. Dort zieht sie zuerst den Vorhang 
empor, um in den Mond zu starren, was, wie ich im Früheren 
ausgeführt habe, die sexuelle Erregung bei ihr noch steigert. 
Dann kleidet sie sich vor dem Spiegel aus, wie sie es ver- 
mutlich auch als Kind getan, imd bewegt sich zu dem Ge- 
liebten hin, der sie nach kurzem Kampf mit sich selber glü- 
hend umfängt. Sie aber duldet seine Liebkosungen ohne 
Erwiderung, aber auch ohne Widerstand. Denn so nur läßt 
sich die Fiktion festhalten, sie habe ohne Bewußtsein geliebt 
und darum auch ohne Straffälligkeit. Wie sie endlich nach 
dem Abziehen des Mondscheins sich wieder erhebt, vor dem 
Spiegel ankleidet imd das Zimmer ebenso geräuschlos verläßt, 
als sie gekommen, ist nach der Analyse des ersten Falls un- 
schwer zu deuten. 

Wenn meine Voraussetzungen richtig sind, daß Eisener 
in Maria nur die Mutter umarmt, die * Geliebte hinwieder als 
Kind wie als Jungfrau im Unbewußten ganz genau weiß, daß 
sie Sexuell- Verpöntes wünscht und wen sie begehrt, dann 
müssen die später vermeldeten Erscheinungen dies auch bestä- 
tigen. Sehen wir zu, was der Dichter erzählt. Als Eisener nach 
der Brautnacht erwacht, ist er keineswegs gekräftigt und freu- 
dig gehoben, wie sonst ein Mann im gleichen Falle, sondern 
geistig und körperlich verstinmit, als hätte er schwere Schuld 
zu büßen. »Das seltsame Abenteuer dieser Nacht mühte er 



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lOi ÜBER NACHTWANDELN 

sich für die Gaukeleien eines Fiebertraumes zu halten. Aber 
jenes Abenteuer malte sich ihm trotz seines Mühens, es jetzt 
zu vergessen, in immer lebhafteren Farben vor«, wohl weil 
sich ein Herzenswunsch da erfüllt hatte. Die innere Unruhe 
trieb ihn fort imd , als er beim Spaziergang der Geliebten begeg- 
nete, wimderte er sich, »daß Maria ihm heute größer erschien 
als gestern, oder vielmehr, daß er heute erst zu bemerken 
glaubte, daß sie groß sei.« Was könnte dies wohl anderes 
bedeuten, als daß Maria ihm jetzt so groß schien, wie einst 
die Mutter dem kleinen Knaben? Nur mußte er vorerst die 
Geliebte umfangen, um solches wahrnehmen und schauen zu 
können. Maria selber, die scheinbar im Schlafe und unbewußt 
genossen, demnach von allem nichts wissen sollte, hat die Un- 
befangenheit ihm gegenüber verloren, die sie am Tag vor- 
her noch besaß, wird rot bei seinem Anblick und zieht 
die Hand, die sie ihm gegeben, Ȋngstlich verlegen wieder 
schnell zurück, ohne doch bewußt zu wissen, warum. »In 
dieser Nacht schien die Blume der Weiblichkeit, die in dem 
zu ruhigen, zu klaren, kalten Bilde geschlummert hatte, 
zauberschnell zur Knospe und zu duftender Entfaltimg zu- 
gleich erwacht. <: Und Maria selber schildert ihren Zustand: 
Jenen Morgen kann ich auch nie vergessen. Es war alles 
noch so still, so feierlich; die Gäste schliefen alle noch. Mir 
war's nie so zu Mute gewesen; mir war's an jenem Morgen, 
als war' alles mein voriges Leben nur ein Träumen gewesen 
und nun gehe erst das Leben an; ich kam mir vor, als sei 
ich plötzlich größer geworden und sei nun erst kein Kind 
mehr.« Also auch Maria fühlt sich durch die Brautnacht groß 
geworden, aus dem Kind zur Mutter, nur jetzt für den 
Geliebten, der an die Stelle des Vaters getreten. 

Fortab betragen sich Eisener wie Maria ganz ihren früheren 
unbewußten Wünschen gemäß. Der erstere z. B. »fand eine 
wachsende Lust darin, was wirklich das Werk vieler in einan- 
der greifender Umstände war, sich als das Resultat einer 
kalten, ruhigen Berechnimg von seiner Seite vorzustellen t. 
Und war es im Grunde nicht wirklich etwas wie Berechnung 
gewesen, da er in uralten Kinderphantasien sich Ähnliches 
von der Mutter erträumte? Daß er im Bewußtsein der er- 



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UND MONDSUCHT. 107 



wunBchten Schuld jetzt stark übertreibt^ ist nur natürlich. 
Keinen Augenblick fällt ihm ein, »jenem Wesen einen Teil der 
Schuld aufzubürden, was so nahe lag. Sein rechtliches Gefühl 
blieb dabei, er habe in dieser Nacht einem weiblichen Wesen 
ein Recht auf sich gegeben, welches er, wenn sie es fordere, 
ihr nicht streitig machen könne; es war ihm eine Beru- 
higung, sich auf diese Weise «gleichsam bestraft 
zu sehen.« Nur allzu begreiflich! War diese Strafe ja eigent- 
lich eine verkappte Belohnung, Erfüllung des infantilen Wun- 
sches, die Mutter zu freien. ^) Drum hatte er auch früher Julia 
nicht widerstehen können, obwohl ihn doch weit mehr Maria 
anzog. Denn die erstere war die gewährende Mutter seiner 
Einbildungskraft, die letztere hingegen die stulze, unnahbare 
der realen Kindheit. Und hehlt er sich auch nicht, sein Herz 
gehöre der keuschen Maria, ist er doch entschlossen, wenn 
Julie ihn überzeuge, sie sei der gespenstige Besuch gewesen, 
ihr allsogleich seine Hand anzubieten. »Den Zweifel, ob sie 
es verdiene, der nahe genug lag, wies er zurück als einen 
Vorwand, den er sich machen wolle, um nur glauben zu kön- 
nen, er dürfe sich lossagen von dem, was er für soine Pflicht 
erkennen mußte.« Maria aber »hatte er in diesen Tagen sich 
gewöhnt, für ein Wesen zu halten, das so hoch über ihm 
stehe, daß seine Liebe es entweihen müßte.« Also wiederum 
die bekannte Spaltung der Mutter in die Heilige und die 
Entgegenkommende . 

Wie sah's nun in dieser selber aus? Die ersten Wochen 
nach jener Mondnacht blühte das Weib in ihr stets mehr auf, 
trotzdem der Geliebte in der Feme weUte. Doch als in ihrem 
Leibe ein werdendes Leben zu keimen begann und Eisener 
immer noch nicht erschien, befiel sie plötzlich — sie trug 
bezeichnend dasselbe rosafarbene Kleid, in dem er sie an jenem 
Morgen gesehen — ein hysterischer Starrkrampf von zwölf- 
stündiger Dauer, so daß sie alle für tot ansahen. Der verzwei- 
felte Vater liegt zu ihren Füßen über sie hingeworfen — eine 
Situation, die uns noch später beschäftigen wird — und den 

^) Vgl. dazu auch die interessante Stelle . . .»die leidenschaftlichen Selbst- 
anklagen, mit denen er vor ganz kurzem noch sich zu peinigen Beha- 
gen f and. . . .€ 



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108 ÜBER NACHTWANDELN 

just jetzt wiederkehrenden Eisener treiben seine schwersten 
Selbstvorwürfe gar über das Weltmeer. Auch nach dem Er- 
wachen aus der Katalepsie erlangt Marie ihre vordem so 
blühende Gesundheit nicht mehr, sondern kränkelt fortwährend, 
was der Hausarzt endlich als Folge ihrer Schwangerschaft 
aufdeckt. »Das gute Mädchen sdbst glaubte anfangs, was sie 
fühle und was man ihr sage^ sei ein lebendiger, schwerer Tramn.« 
Diese Ansicht wird uns, die wir soviel von der Mondsucht 
schon wissen imd daß man alles nur »im Schlafe« tat, um 
straflos zu bleiben, nicht fremd anmuten. »Daß sie Mutter 
werden sollte, erschien ihr so seltsam imd wunderlich, daß 
sie sich selbst wie eine andere vorkam (soll wohl heißen : wie ihre 
eigene, früh verstorbene Mutter) oder wie plötzlich in eine 
andre Welt versetzt mit fremden Menschen, Tieren und Bäumen. 
Der Klang ihrer eigenen Stimme, der Ton der Glocken schien 
ihr ein anderer, fremder.« Ziehen wir zur Deutung an dieser 
Stelle den eingangs zerlegten Fall heran, wo eine Mondsüch- 
tige sich allerlei Träumen hingegeben hatte. Im Monde sollten 
da Menschen leben von anderer Art, mit anderem Fühlen, 
Sitten imd Bräuchen, und was auf Erden an Sexuellem strenge 
verpönt, solle auf dem Nachtgestim frei und erlaubt sein. 
Sie selber aber kam sich wegen ihrer geschlechtlichen Phan- 
tasien bereits als Kind ganz anders vor, wie die übrigen 
Menschen, als gehöre sie gar nicht auf diese Erde, sondern 
auf den Mond. Könnte nicht bei Maria ein ähnlicher Gedanken- 
gang stattgefimden haben? 

Vom Vater sagte ich, er sei ihr erster Greliebter gewesen. 
Und es liegt beinahe wie unbewußtes Verstehen darin, wenn 
dieser voll Ingrimm ihr höhnisch zuruft: »Warum sagt Du 
nicht, die ganze Geschichte sei aus Liebe zu mir geschehen, 
um mir eine unverhoffte Freude zu bereiten?« Auch Breitung 
genießt seit der frühesten Kindheit ihr unumschränktes Ver- 
trauen nur deshalb, weil er sie liebte, wie ein eigenes Kind. 
Drum sieht sie bei aller Ängstlichkeit doch so zutrauensvoll 
und ihrer selbst gewiß zu dem väterlichen Freimde auf. Als 
aber auch Breitung nicht mehr an sie glaubt und der Vater 
mit Verachtung sich von ihr wendet, da ist's, »als wenn alles 
Blut ihr nach den Augen strömte, um, als Tränen heraus- 




ÜWD MONDSUCHT. 109 




dringend, sie zu erleichtem; aber hier blieb es und preßte 
das Oehim, dafi seine Fibern dröhnten; mit einer seltsam 
ängstlichen Hast drückte sie die Augen mit den Fingern ; sie 
blieben trocken; ein Schmerzensschrei sollte die Seele ent- 
laden — kein Laut begleitete die mit krampfhaftem Zittern 
ausgestoßene Luft. Der alte Knecht, der nach einiger Zeit ein- 
trat, fand sie mit der Brust an dem Sofakissen liegend, den 
Kopf gewaltsam zurückgewandt, « im hysterischen Opisthotonus 
also. »Der alte Mann hatte Marien von ihrer frühesten Kind- 
heit an geliebte, tritt demnach jetzt an Stelle des Vaters. 
»Er schlug bekümmert die Hände zusammen. Sie erkannte ihn 
und litt es geduldig, daß er ihren Kopf in eine weniger ge- 
zwungene Stellung brachte. Sie sah ihn so scharf an, als 
wolle sie sich überzeugen, ob er auch der wäre, 
für den sie ihn hielt. Seine Kalmückenzüge schienen ihr 
so schön als die Seele, die sie verbargen und verleugnen zu 
wollen schienen. Die Freimdlichkeit, die Neigung, die so un- 
verkennbar aus dem altbekannt graubärtigen, sonnenverbrannten 
Gesichte sprach, tat ihr unendlich wohl.« Aber als könne sie 
ihr inmier noch nicht glauben, fragte sie : »Ist Er's denn auch, 
Just? Und Er will mich noch kennen? Und flieht nicht vor 
mir?« Erst der schlimme Auftrag, den der Alte auszurichten 
hat, wirft sie wieder zurück. Da sie vernehmen muß, der 
Vater wolle das Pfarrhaus nicht eher wieder betreten, als bis sie 
fort sei, wird sie totenbleich im Gesicht imd ein Zucken 
erschüttert den ganzen zarten Körper von Augenblick zu 
Augenblick, so daß der Alte laut zu weinen anhebt, weil er 
glaubte, sie sei irre geworden. Erst sein bekümmertes Bezei- 
gen, die Treue imd Liebe, die daraus spricht, berühren sie 
so wohltätig, daß sich der hysterische Krampf löst und sie 
niedersinkt. »Der Alte fing sie auf. Er setzte sie auf das 
Sofa. Sie lag quer über seinen Schoß hin; auf seiner linken 
Hand lag ihr Kopf, mit der anderen hielt er ihren Leib fest, 
daß er nicht hinabglitt. Ihr war, als weine sie ihr ganzes 
schweres Dasein aus. Der alte Knecht hielt sie mit zitternder 
Hand und schwerem Herzen.« Jetzt ist die Kinderszene völlig 
fertig, nur daß der Alte die Rolle ihres Vaters spielt. So 
hat es Maria vermutlich auch schon als Kind getan, wenn sie 



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110 ÜB>;i. NACHTWANDELN 

sich gar zu unglücklich fühlte und auch dem Pastor ist das 
Hinwerfen über d^e totgeglaubte Tochter, wie wir oben sahen, 
nicht ungeläufig. 

Als Maria das Pfarrhaus verlassen hatte, ist ihr erster 
Gedanke und stiller Kummer, wie ihr Vater mm ohne ihre 
Pflege leben müßte, ja daß er vielleicht nicht mehr da sein 
könnte, wenn sich später alles zum Guten wendete. Dann 
dachte sie wieder an die Zeit, wo sie Mutter sein würde, und 
»ihr ward, als würde ihr Leben zum Märchen,« Auf der Reise 
in die neue Heimat überkommt sie stets mächtiger »das Gefühl 
der gänzlichen Verlassenheit. All die lieben Kindererinne- 
rungen, in deren Schutz sie flüchten wollte, wandten sich 
zürnend von ihr ab. Mit Tränen flehte sie zu Gott um ein 
Herz, das sie lieben, um das sie tätig sorgen dürfe. Denn es 
war ihr, als läge ein Fluch auf ihr, der ihr alle Herzen ent- 
fremde; mit Herzensangst dachte sie daran, daß das Wesen, 
dem sie das Dasein geben sollte, sich ebenso von ihr abwenden 
könnte, wie alles getan hatte, was sie geliebt.« Da führt ihr 
ein gütiges Geschick den unglücklichen Johannes zu, den sein 
irrer Vater ins Wasser werfen wollte, um ihm die ewige Selig- 
keit zu retten. Sofort übernimmt Maria die Rolle der Mutter 
an dem Knaben, und mm sie »wieder für jemand zu sorgen 
hatte, war sie auch wieder ganz das ruhige, klare Wesen.« 

Was hatte sie derart aus der Bahn geworfen? Nicht so 
sehr die Verbanmmg aus dem Vaterhause, nicht die Verachtung 
aller Welt, selbst ihres ältesten, treuesten Freundes. Über 
beides hätte sie hinwegsehen können, weil sich ihr Bewußtsein 
ganz schuldlos fühlte. Aber daß sie nicht mehr die liebende, 
sorgende Hausmutter war oder spielen durfte, nimmt sie der- 
maßen her, daß sie einen Augenblick Selbstmord plant. Um 
ein Herz nur fleht sie mit Tränen zu Gott, das sie lieben, um 
das sie tätig sorgen dürfe. Seit ihr die Sorge um den Vater 
genommen, fühlt sie sich erst wirklich und ganz verlassen, 
wenden alle lieben Kindheitserinnerungen sich zürnend von 
ihr ab und fühlt sie einen Fluch auf ihrer Seele lasten. 

Warum aber kehren sich alle Kindheitserinnerungen von 
ihr, wenn sie sich wirklich so schuldlos weiß? Ist dies bloß 
darum, weil der Vater mit jenen unlösbar verknüpft ist? Doch 



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UND MONDSUCHT, Hl 



auch dem gegenüber fühlt sie bewußt sich doch völlig un- 
schuldig, und wenn er ihr offenbar Unrecht täte von einer 
falschen Voraussetzung aus, dann müßten sich doch nicht die 
Kindheitserinnerungen wider sie kehren? Mich dünkt die 
Lösung anderswo zu suchen, darin daß Marie mit klarem Be- 
wußtsein zwar gar nichts mehr weiß von den Geschehnissen 
jener Mondnacht und dies auch ehrlich beteuern kann, wohl 
aber alles im Unbewußten. Hier wird die Stimmimg des 
Schuldigseins erzeugt, von dem das Bewußtsein nichts wissen 
darf, hier weiß sie genau, daß der junge Eisner sie umfangen 
hat, sie also den erstgeliebten Vater mit ihm betrog. Ist doch 
der Zweck des ganzen Mondwandeins kein anderer als schuld- 
los genießen zu dürfen, schuldlos, weil ohne begleitendes Be- 
wußtsein. 

Wenn diese Annahme richtig ist, dann müssen sie die 
Worte des Dichters bestätigen. Wir wollen nachprüfen. In der 
ersten Verbannungsnacht denkt Maria beim Einschlafen vor- 
erst an den Vater, »der ohne die kleinen Dienste, die er von 
ihr so sehr gewohnt war, zu Bette gehen mußte.« Dann weiters 
an Breitung und die Apothekerstöchter, die sich verachtungs- 
voll von ihr abgekehrt hatten. »Dazwischen fiel ihr, sie 
wußte selbst nicht, wie es kam, der junge Eisener 
ein, und eine Art Neugier, ob wohl auch Eisener so unfreund- 
lich sich von ihr gewendet haben würde, wie Breitung. Sie 
malte sich aus, bald wie er sie mit Verachtung, bald wie er 
sie mit Freundlichkeit ansah, wie an jenem Morgen, dessen 
sie sich so gern erinnerte.« Also eine durchsichtige Identifi- 
kation des jungen Eisener mit dem Vater und dem väterlichen 
Freund und ein Flüchten von den Geliebten, die verstoßen, zu 
jenem, der sich ihr freundlich zuneigt. 

Noch beweisender ist eine folgende Stelle. Maria hat 
einen Knaben bekommen, und »je mehr sie den kleinen Säug- 
ling mit Wonne beschaute über seine gesunde und schöne 
Bildung, je mehr wuchs das anfänglich nur wie instinkt- 
artig gefühlte Bedürfnis, jemand zu haben, der sich mit ihr 
des Kindes freue, nicht aus bloßem Mitgefühl mit ihr, sondern 
weil er gleiches Recht dazu habe und so, daß sie sich 
wieder über seine Freude freuen kömie, wie er sich über dii 



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112 ÜBER NACHTWANDELN 

ihre. Ohne daß sie wußte, wieund warum, dachtesie 
wieder anden freundlichen, treuherzigen Eisener; 
ihre Träume brachten sein Bild in den lebendigsten Farben 
vor ihr inneres Auge ; ihr war, ais wäre es Eisener, der 
sich mit ihr des Kindes freuen müßte. Sie eilte imter 
Freudentränen auf ihn zu, den bchönen Knaben in seinen Arm 
zu legen, und, wenn sie nun bei ihm stand, dann hatte sie 
kaum das Herz, ihm den Knaben zu zeigen; dann schlug sie 
die Augen nieder und sagte wie verlegen: , Sehen Sie nur 
das schöne Kind hier, Herr Eisenerz« Maria weiß also im Un- 
bewußten ganz genau, daß sie ihr Kind von Eisener bekommen, 
und die plötzliche Hemmung, da sie den Knaben in seine 
Arme legt, ist nur ein Kompromiß mit dem Bewußtsein, das 
jene Tatsache nicht wissen darf, soll sie anders ihr Unschulds- 
gefühl nicht verlieren. Ja, als dann Julie mit ihrem Kinde 
der Liebe kommt, das sie in jener nämlichen Mondnacht vom 
Jäger empfangen, trotzdem sie eigentlich -Eisener liebte, da 
»empfand Maria, sie wußte selbst nicht warum, einen leisen 
Widerwillen gegen jene. Sie sagte ruhig: , Was man nicht ver- 
schuldet hat und nicht ändei*n kann, muß man geduldig 
tragen'.« 

Bald aber erwacht eine Sehnsucht in ihr »nach etwas 
Neuem, ihr noch Unbekanntem, von dem sie aber fühlte, daß es 
nun kommen müsse. Es war der seltsame, ängstlich süße Zustand 
der Liebesreife, die den Gegenstand noch nicht gefimden hat, 
an dem sie sich aufschließen soll. In jener Nacht erweckt, bis 
nun von größeren Schmerzen in den Hintergrund gedrängt, 
drohte dies Bedürfnis nun in dem ihm unbestrittenen Eigentum 
alle übrigen Neigimgen und Gefühle zu überwachsen.« Oft 
saß sie strickend und träumend an ihi^es Knaben Wiege. »Es 
war Jahrmarkt in Marklinde; sie ging in ihrem Rosakleid 
früh im Garten imd pflückte wilde Heckenrosen. Sie erschrak, 
denn es rauschte hinter ihr, und sie wußte, daß Eisener es 
war, der ihr nachkam. Sie bog in einen anderen Weg ein; 
ihr war angst, ihm zu begegnen, und doch wünschte sie, er 
möchte ihr nachgehen. Indem sie sich nach einem Blümchen 
neben sich bückte, warf sie sogar einen flüchtigen Blick hinter 
sich. Sie wurde rot, weil er den Blick bemerkt haben konnte. 



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UND MONDSUCHT. 113 



und doch war's ihr lieb gewesen, er hätt' ihn bemerkt. ,Wenn 
er doch alles wüßtet flüsterte sie vor sich hin; ,aber sagen 
könnt' ich's ihm nicht, imd auch merken lassen könnt' ich's 
ihm nicht. Ich müßte Nein sagen, wenn er es doch als Ja 
verstände!' Da stand er plötzlich neben ihr; er hatte ihre 
Hand gefaßt imd sah ihr in die Augen; sie bückte sich, 
er neigte sich ihr entgegen; ihr wurd's so seltsam — ihre 
Lippen bei'ührten sich — Maria sprang erschreckt, errötend 
und unwillig von dem Stuhle auf, als war' es Wirklichkeit, 
was sie träumte. Eine wimdersam gemischte Empfindung — 
sie fühlte sich durch etwas in ihrem Tiefsten aufgeregt, was 
ihr Gefühl ebenso verletzte, als es ihr Verlangen reizte — 
trieb sie vom Stuhl zum Fenster, vom Fenster auf den Stuhl 
zurück. Sie flüchtete zu ihrem Kinde. Sie mühte sich, etwas 
anderes zu denken; vergebens. Jener Gedanke kehrte immer 
wieder zurück imd verlor allmählich das Erschreckende. Bald 
empfand sie es nur noch wie ein süßes Grauen und so gab 
es jener Vorstellung nur doppelten Reiz, indem es die Neu- 
gier weckte, warum imd wovor sie doch eigentlich sich grauen 
müßte. Und wenn sie nun das Kind ansah, kam es ihr so 
märchenhaft vor, daß sie, Mutter und doch Mädchen, die 
Wonnen so gar nicht kenne, deren Frucht das kleine Leben 
sein sollte. Die Worte Juliens summten ihr beständig in den 
Ohren: ,Die Freude, die man ihm gönnt, muß man zu teuer 
bezahlen.' Es gab ihr unendliche Genugtuung, sich lebendig in 
die Situation zu dem jungen Eisener zu denken, daß all ihr 
Unglück die Folge einer Freude, die sie ihm gegönnt, ohne 
zu wissen, welch eine Freude diese gewesen sein müsse.« Ich achte 
es müßig, zu diesen sprechenden Phantasien ein Wort ergän- 
zender Deutung zu setzen. Besser als jede mühsame Er- 
klärung erhärten sie alles, was ich oben sagte. Später er- 
kennt Maria, daß, was sie in den Stunden des Kummers aufrecht 
erhalten hatte, nichts anderes gewesen war, als das dunkle, 
aber gewisse Vorgefühl eines seligen Lebens mit Eisener und 
ihrem Georg. 

Und nun zurück zum Zweck der ganzen Novelleii- 
zergliederung. Was lehrt sie uns zum Verständnis der Mond- 
sucht? Vorerst bestätigt sie manches schon früher von uns 

Sa dg er, tJber K&chtirtndeln und Mondsucht. H 

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114 ÜBER NACHTWANDELN 

Erschlossene. Zunächst als Wichtigstes, daß sexuelle Trieb- 
federn zugrunde liegen, Verlangen nach geschlechtlichem Ge- 
nuß, und daß man scheinbar im Schlafe handelt, um aller 
Straffälligkeit auszuweichen, während doch das Unbewußte 
alles weiß. Dem sexuellen Grundmotiv entsprechend, beginnt 
das Wandeln zur Zeit der Pubertät, um nach Schluß derselben^ 
oder beim Weibe nach dem ersten Kinde, dauernd zu sistieren. 
Bestätigt wird ferner, daß man ursprünglich das Bett seiner 
Kindheit aufsucht, die Stätte früher Sexualgenüsse, spä- 
ter jedoch das Bett des Geliebten, der an die Stelle des 
urgeliebten Elternteiles tritt. Und endlich auch, daß, wenn 
der Nachtwandler vor größeren Spaziergängen den Mond mit 
geschlossenen Augen fixiert, sich dahinter erotische Gedanken 
bergen, die wieder in früheste Kindheit zurückgehen. Das 
Nachtgestim wirkt also nicht allein durch sein Licht geschlecht- 
lich erregend, sondern sicher auch durch sexuelle Phantasien, 
die mit ihm verknüpft sind. Schließlich weiß auch der Mythos 
des Volks, daß die weiße Frau nichts anderes darstellt, als die 
Jungfrau im Hemd mit allem geschlechtlichen Verlangen 
derselben. 

Noch eins erhärtet auch diese Novelle, was ims schon 
frühere Erfahrimgen lehrten: die abnorme Muskelerregbar- 
keit und Muskelerotik. Denn Maria wird von einem hyste- 
rischen Starrkrampf befallen, da sich ihr des Vaters Lieb- 
losigkeit aufdrängt. Es ist interessant, daß diese abnorme 
Muskelerregbarkeit, die sich in verschiedenen Muskelkrämpfen 
manifestierte, Otto Ludwigs treue Begleiterin war, sein ganzes 
Erden wallen hindurch. Schon der Knabe bekam manchmal 
krampfhafte Muskelzuckungen, wenn von außerordentlichen 
Leistungen oder Gedanken die Rede war, dem 23jährigen 
sollen »nervöse Zuckungen des Kopfes«, also vermutlich ein 
Tic den Beinamen »der Schüttler« eingetragen haben. Und 
später litt unser Dichter an konvulsiven Erscheinungen in 
geringerem Maße eigentlich dauernd, in stärkerem, besonderem 
Grade jedoch wiederholt, wenn auch nur vorübergehend.^) 

^) Vgl. biezu hauptsächlich Ernst Jentsch »Das Pathologische bei Otto 
Ludwig-, ^Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens«^, herausgegeben von 
L. Löwenfeld, Heft 90. 



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3yV.:-U*jyiC UNIVERSITYOF MICHIGAN 



^22ß^ 



UND MONDSUCHT. 115 



Auch sonst ist zu sagen, daß Ludwig eine Reihe persönlicher 
Charakterzüge auf Maria und den jungen Eisener verteilte. Ihm 
selber war nämlich nicht bloß die Neigung zu Krämpfen eigen, 
sondern auch zu Ohnmächten, das Zwangsneurotische und 
Hysterische, die hochgradige Kurzsichtigkeit, die Neigimg zum 
Reden über Malerei, das Sprechen mit leblosen Dingen, *) das 
Farbenhören, sowie sonstige Synästhesien und endlich eine 
besondere Verehrung der Mutter. 

»Buschnovelle« von Otto Ludwig. 

Schon in der vorbesprochenen Novelle spielt der Mond, 
auch abgesehen von Mariens Nachtwandeln, eine wichtige Rolle, 
indem eine Reihe bedeutsamer Geschehnisse just unter seinem 
Lichte erfolgt. Noch stärker finden wir diese Beziehung in 
der erst kürzlich wieder ausgegrabenen ^ Buschnovelle« Otto 
Ludwigs, die ich hier anschließe, obgleich sie eigentlich 
unsere Probleme nicht direkt behandelt. Immerhin gilt die 
Heldin Pauline manchen füi* mondsüchtig und ihre blauen 
Augen »haben einen eigentümlichen Ausdruck. Sie sehen wie 
Fremde in diese Welt hinein, wie ein Engelpaar, das, auf 
unsere wunderliche Erde versetzt, noch daheim ist in seiner 
himmlischen Heimat und sich nicht finden kann in das ver- 
wirrte menschliche Treiben«. Auch von dem Grafen behauptet 
seine Braut, er kenne kein anderes Vergnügen, »als die Nächte 
auf den Felsen herumzuklettern und den Mond anzubeten«. 
Vielleicht gab dies Anlaß zum Gerede von einem nächtlichen 
Spuk oder hat doch mindestens einer alten Sage ein neues 
Leben eingehaucht. Ein verwünschter Prinz sei in den Götter- 
felsen gebannt. Er habe »ein Gesicht wie ein ausgehender 

') Vgl. hiezu die Worte des Dichters: »Es ist seltsam, daß die Natur 
für mich personifiziert ist, daß ich nicht nur in ihr lebe, sondern wie ein 
Mensch mit dem andern, Gedanken austauschend, nicht bloß empfangend, 
und Gefühle, und zwar so, daß mir einzelne Plätze formlich zum Individuum 
werden, abgeschieden von den anderen und sozuaagen wandelnd im Bewußt- 
sein, so daß ich nicht allein fühle, daß sie Wirkung auf mich machen, sondern 
mir ist, als ob ich auf sie wirke, und die Gestalt, wie sie mir erscheinen, die 
Spuren dieser Wirkung zeige«. Ferner: »Ich . . . der sogar in einem wunder- 
samen Vernehmen mit Berg und Pflanze stand, weil der Liebesreichtum nicht 
zu dftmmen war. . . .« 

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UNIVERSITYOF MICHIGAN 



116 ÜBER NACHTWANDELN 

Zwanziger, aber blaß und ordentlich durchsichtig wie Mond- 
schein, und könne nur erlöst werden durch eine Jungfrau, 
die 18 Jahre alt ist und dabei so unschuldig, wie sie aus dem 
Mutterleib gekommene. Der Graf, den seine Braut betrogen, 
wird darüber schwermütig und traut fortab keinem Weibe 
mehr. Auf dem Götterfelsen, wo er im Mondschein zu wan- 
deln pflegt, lernt er Pauline kennen und lieben. Als diese 
in ihm den verwünschten Prinzen zu schauen vermeint imd 
ihre Absicht ausspricht, ihn erlösen zu wollen, stellt er als 
Bedingung, sie müßte von dem Kreuz aus die Felsen gerade 
heruntersteigen, doch dürfe sie keine Hand anlegen, sondern 
müsse die Arme gegen den Vollmond halten. »Und das müßte 
morgen nachts geschehen, wenn der Mond geht, sonst muß 
ich verzaubert bleiben. Sowie du den Felsen so hinabgestiegen 
bist, so bin ich erlöst imd dann mache ich dich zu meiner 
Prinzessin«. Wie fauline dann ihren Vorsatz ausführt — 
schon ihr bloßer Entschluß, der sichtlich einer großen Liebe 
entsprungen, hat den Grafen von seiner Schwermut geheilt — 
wie der Graf sie rettet und später freit, das möge man bei 
dem Dichter nachlesen. 

Hier sei nur betont, daß nicht bloß alle wichtigen Gescheh- 
nisse sich just im Vollmondlichte abspielen, sondern daß auch 
keine zweite Novelle soviel autobiographische Züge aufweist. 
Der jüngste Herausgeber dieser Erzählung, Heinrich Bor- 
cherdt, erklärt geradezu: »Ohne große Mühe kann man in 
der Schilderung des Grafen mit dem Zwickelbart den Dichter 
selbst wiedererkennen, der in jener Zeit zu tiefem Ernst und 
zur Melancholie neigte. Gerade darum wirkten Emiliens (seiner 
Braut) Frohmut, Heiterkeit und unbefangene Natürlichkeit in 
hohem Grade erfrischend auf ihn ein; einen ähnlichen Ein- 
fluß übt Pauline in der Erzählung auf den Grafen aus. Was 
wir vom Äußern Emilie Ludwigs wissen, stimmt mit der 
Schilderung Paulinens gleichfalls überein. Der Vater Paulinens 
weist wohl auf Emiliens Vater hin. . . . Das Hauptgewicht wird 
man darauf zu legen haben, daß wir in diesem Werke eine 
poetische Verklärxmg von Otto Ludwigs Liebesglück im Trie- 
bischtal besitzen. Das Landschaftliche ist bis in allen Einzel- 
heiten genau wiedergegeben.« Ob und wieweit nun der Dichter 



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UND MONDSUCHT. 117 



und seine Braut sich vom VoUmondlichte beeinflussen lieBen, 
darüber ist leider von den verschiedenen Lebensbeschreibem 
gar nichts vermeldet. Auffällig bleibt die Tatsache jeden- 
falls, daß jener zweimal im Verlauf von zwei Jahren dies 
Thema ausspann, und beidemal obendrein mit einem stark 
autobiographischen Einschlag. Das ist allein durch den 
Einfluß T i e c k s, den er freilich in der Jugend eifrig las, nicht 
genügend zu erklären. 

»Lebensmagie, Wirklichkeit und Traum« von Theodor Hundt. 

Im 7. Bande des »Euphorion« hat Richard M. Meyer 
eine angebliche Quelle von Ludwigs »Maria« ausgegraben. 
Sie ist ein Novellenmärchen des »Jungdeutschen« Theodor 
Mundt, das in seiner Sammlung »Charaktere und Situationen« 
1837 erschien, fünf Jahre also vor der »Maria«, und mit dieser 
tatsächlich einige äußere Ähnlichkeiten aufweist. Doch obschon 
der Berliner Literarhistoriker zu dem Schlüsse kommt: »Eine 
direkte Benützung wird hier schwer zu bestreiten sein«, so 
muß ich doch sagen, nachdem Otto Ludwig die Erzählung 
eines Freundes ausdrücklich als seine Quelle angibt, Mundt 
aber nicht mit einer Silbe erwähnt, erscheint mir die Märchen- 
novelle des letzteren als Vorlage mindest sehr problematisch. 
Trotzdem nun diese, die unter dem Sondertitel »Lebens- 
magie, Wirklichkeit und Traum« in jener Sammlimg enthalten 
ist, kaum einen künstlerischen Wert besitzt, will ich doch 
ihren Inhalt, soweit sie unsere Probleme berührt, möglichst 
mit den Worten Mundts selber wiedergeben. 

Der stud. theol. Emil Hahn hat, wie einer seiner Freunde 
behauptet, »über den Büchern das Leben selber verloren und 
den lustigen Gesellen, die ihn in den wahren Genuß des Da- 
seins einweihen wollten, manches moralische Kikeriki von 
Tugend und Enthaltsamkeit vorgekräht«. Auf dem Heimritt 
zu Vater und Pflegeschwester Rosalinde wird er von zwei 
bekannten Studenten zu einem kleinen Zechgelage genötigt, 
bei dem er dem Weine mehr, als gut ist, zuspricht. Besonders 
lassen die beiden Kameraden Rosalinde hochleben, die Hahn 
als 14jährige verlassen hatte und die in den zwei Jahren der 
Trennung zu voller Schönheit aufgeblüht war. Als Hahn, imHalb- 



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118 ÜBER NACHTWANDELN 

rausch ins Vaterhaus zurückgekehrt, zuerst Rosalinde in einem 
Nebenzimmer trifft, findet er im Gegensatz zu seiner sonstigen 
Schüchternheit sofort den Mut, sich ihr zu nahem. »Mit kühner 
Inbrunst umschlingt er sie und dem brennenden Kuß, den er 
auf ihre jimgfräulichen Lippen drückte, folgte, wie ein Blitz 
auf den andern, ein zweiter längerer, der nicht enden wollte«. 
Nachdem er noch eine Zeitlang, wieder ganz gegen seine 
Gewohnheit, in der großen Gesellschaft, die sein Vater just 
an jenem Abend gab, seinen Mann gestellt hatte, »fühlte er 
sich allmählich von Müdigkeit ergriffen imd die muntere und 
gereizte Laune, zu der ihn der genossene Wein erweckt hatte, 
fing nach und nach an, mit dem Rausch selbst zu verfliegen. 
In einem merklich her abgestimmten Ton beurlaubte er sich 
und begab sich mit schwerem und hängendem Kopf auf sein 
Zimmer, um durch Schlaf, dem er nicht länger mehr wider- 
stehen konnte, sich von seinem peinlichen Zustand zu erholen.« 
»Es war spät in der Nacht, als Emil aus seinem Bette 
sprang. Ein lebhafter Traum schien ihn verwirrt und auf- 
geschreckt zu haben ; er stand halb angekleidet mitten in sei- 
nem Zimmer und starrte, wie sich auf sich selbst besinnend, 
vor sich hin. Oben am nächtlichen Himmel brannte die 
Vollmondscheibe mit einem selten gesehenen scharfen Glänze 
und ihr weißes Silberlicht stand stechend, gerade über dem 
Scheitel des nachtwandelnden Jünglings. Das Zimmer däm- 
merte hell in den geheimnisvoll zitternden Mondstrahlen, die 
sich in langen, blinkenden Fäden über Fußboden und Decke 
ausgesponnen hatten. Emil hatte seine Augen fest an die große 
Mondscheibe geheftet und taumelte jetzt mit wankenden Schritten 
zum Fenster, um es zu öffnen.« Als er so stand, kam eine 
kleine, schneeweiße Katze — die Katze ist bekanntlich ein 
Lieblingstier der Romantiker — und sprach zu ihm: >^Bin ge- 
kommen, dich in deiner Hochzeitsnacht zu gratulieren. Ja, 
ja, ich weiß wohl, daß du verheiratet bist. Heute ist eine 
schöne Nacht, um Hochzeit zu machen. Der Mond schießt 
recht inbrünstig herab, sein starker Schimmer sticht in das 
Blut und auch wir Kätzchen fühlen Triebe in der säuselnden 
Mainacht. Glücklicher, der du verheiratet bist ! Verheiratet 
mit Rosalinde!« »Emil faßte sich verwirrt an die Stirn. Alles, 



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UND MONDSUCHT. 119 



was er um sich her sah, kam ihm wie verändert vor mid 
selbst die leblosen Dinge in seiner Umgebung schienen ihm in 
diesem Augenblicke eine zauberhafte Verbindung erfahren zu 
haben. Jegliches, selbst Tisch, Stuhl und Schrank blickten 
ihn, in der grellen Mondbeleuchtung sich keck wiegend, be- 
kannt und vertraut an und hatten in seinen Augen Arm und 
Fuß, sich zu bewegen, Mund, um zu sprechen, Sinne, um sich 
mitzuteilen. Zugleich stieg dem Jüngling tief aus Herzens- 
grund ein süßes Bild hervor, bei dem er sehnsüchtig lächelte. 
Es ist die Erinnerung an Rosalinde und ihre großgewordene 
Schönheit. Sie geht wie ein heißer, ahnungsvoller Traum 
durch seine Seele hin und er denkt sich trunken, zitternd, 
jauchzend mit der stolzen, besiegten Jungfrau vereinigt in 
liebeglühender Brautnacht. Während er so sinnend sich ver- 
loren, blieb sein Blick von einem Gemälde gefesselt, das ihm 
gegenüber an der Wand hing. Seltsam, es war Rosas Por- 
trait, imd er wußte nicht, quoll dieses Bild jetzt so lebens- 
warm nur aus dem Drang seiner ihn entzündenden Vorstellung 
heraus, oder war es wirklich drüben von eines Malers Hand 
in den goldenen Rahmen eingezeichnet«. Da miaute wieder 
das Kätzchen: »Das ist ja deine jimge Frau Rosalinde! Auch 
der Mondstrahl jagt ihr nach; sieh, wie sein Schein ihr un- 
aufhörlich die Schläfe küßt. Junge Frau ist in der Brautnacht 
Königin! Wir wollen sie krönen, wir alle, die wir hier im 
Zimmer sind und durch den Mondennachtschein Leben erhalten, 
wir wollen sie krönen! Ich schenke ihr zu ihrer Brautkrone 
recht feurige, zärtliche Triebe«. Dann regen sich die Mai- 
blümchen im Zimmer und schenken ihr den Schmelz der ver- 
liebten Unschuld in ihre Brautkrone. Auch der Vogel im 
Käfig läßt sich vernehmen: »Ich schenke ihr zur Brautkrone 
die Partitur meiner neuesten Melodie. Harmonie imd Melodie 
können die Mitgift aller jungen Bräute sein. « Endlich schenkt 
ihr noch ein hereingeflogener Maikäfer zur Brautkrone »ein 
paar liebenswürdige Grillen«. 

»Von diesen Märchenschätzen der Mainacht umfangen, 
stand der träumende Emil immer noch im süßen Taumel dem 
mondumflossenen Glanzbilde des Mädchens, dem alle jene 
Huldigungen galten, gegenüber. Je länger und je lebhafter 



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IM ÜBER NACHTWANDELN 

er sich all die jungfräulichen Reize, die den ersten bren- 
nenden Wunsch in des Jünglings Phantasie hatten auflodern 
lassen, vergegenwärtigte und nahe rückte, je mehr ergriff 
ihn eine fast verzehrende, pochende, betäubende Ungeduld 
des Herzens, die er sich nicht zu erklären wußte und noch 
nie in seinem Leben empfunden hatte. Wie ein verführend 
süßes Gift teilte sich ihm im Geheimen der Wahn mit, daß 
Rosalinde seine Braut, seine Frau und daß diese wunder- 
schöne, mondhelle Frühlingsnacht seine Hochzeitsnacht sei. 
Sein Herz wuchs in mächtiger werdender Sehnsucht, die 
junge Leidenschaft atmete hoch in ihm auf; bebend, bangend, 
zagend, schmachtend fühlte er sich doch seltsam glücklich. 

Da war es ihm, als finge dort das Bild Rosalindes an, 
sich zu bewegen, als hüben sich allmählich und leise zuerst 
die glänzenden Schultern daraus hervor; dann tauchten die 
zarten Umrisse des Busens in ihren lieblich heraustretenden 
Formen auf, verschämt bog sich das liebestrahlende Gesicht 
ihm entgegen; die Gestalt vergrößerte, vervollständigte, 
dehnte sich aus zu aller Fülle des wirklichen Lebens; lächelnd, 
winkend, geheinmisvoU ihn ansehend, Gunst und Glück ver- 
sprechend, tat sie einige Schritte zu ihm hin, floh dann 
schamhaft und wie erschreckend wieder zurück, entschwebte 
in sylphenhafter Bewegung zur Türe und blieb hinter derselben 
halb zurückgebogen, noch lauschend und auf den Jüngling 
hinblickend stehen. 

Er wußte nicht, sollte, durfte er ihr folgen. Es zog ihn 
mit Grewalt ihr nach und doch stand er noch imd zauderte. 
Die helle Mondnacht schien, wie eine Fee an dem Verzau- 
berten, so an dem lauten, bangen Herzklopfen des Jünglings 
sich zu freuen. Da hielt er sich nicht länger; in stürmischer 
Bewegxmg eilte er mit geöffneten Armen auf die geliebte 
Erscheinung zu und wollte sie umfangen, sich ihr an den 
Busen werfen, an ihr die heiße Sehnsucht ausatmen. Sie floh, 
er folgte ihr. Sie floh vor ihm aber leise und lockend, xmd 
von Zimmer zu Zimmer stürzte er ihr trunken nach, ohne 
die mit geisterhafter Schnelle Dahin wandelnde ereilen zu 
können. Wie ein voranziehender Stern schwebte sie vor ihm 
daher, seine Schritte waren an ihren Lauf wie gebannt und 



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UND MONDSUCHT. 121 



SO zog sie ihn nachi fort und fort, durch eine Reihe von 
Gemächern, daß er sich wunderte und sich wie in einem großen, 
unheimlichen Zauberpalast umherirrend vorkam. 

Endlich sah er sie nicht mehr, das holde Bild war ihm 
plötzlich entschwunden. Er aber muß noch immer eilen und 
eilen, es ließ ihn keine Ruhe, er wußte selbst nicht mehr, 
was er suche und zu finden hoffe. Jetzt stößt er an eine 
Tür, sie springt auf und er tritt in ein kleines, trauliches 
Gtemach, in dem ein weißes Bett steht. Von seltsamer Ahnung 
ergriffen, zieht der Jüngling mit kühner Hand die Vorhänge 
zurück und sieht, staunt, lächelt und erglüht vor Wonne. 
Da liegt ein schönes Mädchen, schlafend, träumend, ach, es 
war Rosalinde, sie selbst. In der holden Vergessenheit des 
Schlummers, wie eine aufgeblätterte Rosenknospe sich ent- 
hüllend, zeigte sie die geheimsten ihrer Reize in lieblicher 
Fülle dem Auge der Nacht. Im süßen Wahn der aufgeregten 
Leidenschaft stand Emil vor ihr und über sie hingebeugt. 
,lBt nicht heute meine Brautnacht?' dachte er, sann er und 
der heiße Taumel der schwärmenden Sinne riß ihn unwider- 
stehlich dahin. Da schloß er sie inbrünstig in seine Arme, 
drückte Mund auf Mund in begehrlichem Küssen und schmiegte 
sich fest und fester an das warme, wonnige Leben der rei- 
zenden Gestalt. Er wagte der Liebe kühnstes Werk. Die 
Schlafende wehrte nicht gleich dem vermessenen Beginnen; 
von einem Traum befangen, wie ihn, der Mythe nach, ja so- 
gar die keusche Luna hat, schien sie anfangs dem verfüh- 
renden Augenblick sanft nachzugeben. Nur ein brennender 
Purpur überzog die zarten Wangen, ein leises stammelndes 
Ach! hauchten die halbgeöffneten Lippen aus. Der grelle 
Vollmondschein stand mit seinen zitternden Strahlen hoch- 
leuchtend gerade über dem Lager des Mägdeleins. 

Jetzt, jetzt aber erwachte sie aus dem wunderbar ban- 
gen Traum ! sie schlägt die Augen auf, sie schüttelt das schöne 
Haupt, als wolle sie es befreien aus den Fesseln eines schwarzen 
Zaubers; laut aufschreiend erblickt sie sich wirklich in des 
Jünglings Armen und sieht, ach, daß sie nicht geträumt hat. 
Wild stößt sie ihn zurück mit aller Kraft des Entsetzens, 
springt auf und steht händeringend und verzweifelt vor ihm. 



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122 ÜBER NACHTWANDELN 

das flatternde Haar verhüllt nur halb das starre Antlitz. 
Dann ruft sie ihn mit einem unbeschreiblich schneidenden, 
schmerzlich fragenden Ton beim Namen: ,Emil!* Dieser aber, 
als er sich nennen hört, stürzt in demselben Augenblick mit 
einem leisen Seufzer ohnmächtig zu Boden. Nach einer 
Pause erhebt er sich wieder, reibt sich die Augen und blickt 
sich verwimdert um. Er kann nicht begreif en, wie er hieher ge- 
kommen. Der Einfluß des Mondes hatte den armen Nacht- 
wandler dieses Abenteuer erleben lassen. Nachdem er voll- 
ständig erwacht und zu sich selbst gekommen war, stand er 
auf imd begann sich auf seinen Zustand zu besinnen. Da fiel 
sein Auge erstaunt auf Rosalinde, die ihn noch immer starr und 
sprachlos und unbeweglich anblickte. Scham und Zorn ver- 
schönten mit hochroter Glut das beleidigte Mädchen, dessen jung- 
fräulichen Schnee die unheimlichen Wunder dieser Nacht befleckt 
hatte. Eine dunkle, erschreckende Erinnerung des Vorgefallenen 
trat, wie ein femer, verblaßter Traum jetzt in Emils Bewußtsein. 
Die verlockenden Nachtgespenster, die ihn umschwirrt hatten, 
streiften nun höhnend die täuschende Larve von ihm ab. 

,Fort! Fort! Foi*t!' rief endlich Rosalinde, die seinen 
Anblick nicht mehr ertragen konnte. ,Fort!* rief sie und 
streckte in leidenschaftlicher Bewegung die Hand gegen ihn 
aus, als wolle sie damit einen rauchenden Dolch aus seinem 
Busen zucken. ,Fort, Fort!' wiederholte, bat und schluchzte 
sie. Dann verhüllte sie im lauten Ausbruch der Tränen ihr 
jammerndes Haupt. Emil schlich zerknirscht und voll Ver- 
zweiflimg hinweg. Auf seinem Zimmer wieder angelangt, 
war er in einer Stimmung, in der er sich eine Kugel hätte 
durch den Kopf schießen können, wenn ihm im Augenblick 
ein Pistol zur Hand gewesen wäre.« Wie Rosalinde dann 
schwanger wird und trotz ihres Widerwillens gegen Emil sich 
ihm doch vermählt zur Wiederherstellung ihrer Ehre, wie 
aber nach der Hochzeitstafel zwei Bekannte des jungen Ehe- 
mannes, die er nicht eingeladen hatte, ihm einen so argen 
Schabernack spielen, daß er infolgedessen wahnsinnig wird, 
das verdient keine eingehende Wiedergabe. 

Entkleiden wir den vorstehenden Fall alles mystischen Bei- 
werks, so bleibt auch hier als Kern der Mondsucht das Verlangen, 



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UND MONDSUCHT. 123 



zum Liebesobjekt zu kommen und dort ohne Strafe genießen zu 
dürfen, weil das Bewußtsein mangelt. Schon der Literaturhisto- 
riker Richard M. Meyer durchschaute ganz richtig: »Eine 
Neuerung hat Theodor M u n d t durch Sperrdruck hervorheben 
zu können geglaubt: ,Der Einfluß des Mondes hatte den ar- 
men Nachtwandler dies Abenteuer erleben lassen.^« Von der 
Wirkxmg des Nachtgestims gibt freilich Mundt nur allerlei 
mystisch-märchenhaftes Gefasel. 

,,Der Prinz von Homburg'' von Heinrich von Kleist. 

Ähnlich wie Ludwig trug auch Heinrich von Kleist Nacht- 
wandeln imd Mondsucht in einen gegebenen Stoff hinein. Wir 
wissen, daß Kleist nicht lange vor Entstehung des »Prinz von 
Homburg« unter Schuberts Einfluß sich sehr viel mit den 
»Nachtseiten der Naturwissenschaften« befaßte und W u k a d i n o- 
vic hat es sogar wahrscheinlich gemacht, daß der Dichter noch 
tiefer, auf eine Quelle Schuberts zurückging, auf Reils » Rhap- 
sodien über die Anwendimg der psychischen Kurmethode auf 
Geisteszerrüttungen«. Dort fand er eine Anzahl von Zügen, die 
er dann in sein Drama hineinverwob, wenn auch bei weitem 
noch nicht alles, was er seinen mondsüchtigen Helden tun 
läßt. Da der Inhalt des Schauspiels wohl als bekannt voraus- 
zusetzen ist, begnüge ich mich damit, die mystische Einklei- 
dung, also Anfang und Ende der Handlung zu erzählen. 

Von langem Ritt ermattet, wirft der Prinz von Homburg 
sich zum Schlaf hin, um vor der bevorstehenden großen 
Schlacht ein wenig zu ruhen. Da man den Führer am Morgen 
sucht, findet man ihn im Schloßpark von Fehrbellin auf 
einer Bank sitzen, wohin den Nachtwandler der Mondschein 
gelockt hat. Mit bloßem Haupt imd offener Brust ist er 
»beschäftiget. Sich träumend, seiner eignen Nachwelt gleich, 
Den prächtigen Kranz des Ruhmes einzuwinden.« Noch mehr, 
den Lorbeer zu diesem Kranz muß er sich selber in der Nacht 
aus dem kurfürstlichen Treibhaus geholt haben. Die Fürstin 
meint: »Der jimge Mann ist krank, so wahr ich lebel<i^ eine 
Ansicht, der auch Prinzessin Natalie beipflichtet : »Erbraucht 
des Arztes.« Doch Hohenzollem, sein bester Freund, erwi- 
dert kühl. »Er ist gesund. Es ist nichts weiter als eine bloße 



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11« ÜBER NAOHTWAM)ELN 

Unart seines Geistes.« Unterdes ist der Prinz mit dem Winden 
des Kranzes fertig geworden nnd besieht ihn eitel. Da reizt 
den Kurfüreten, einmal zu sehen, wie weit es jener noch 
treiben wird, tmd er nimmt ihm den Lorbeer anä der 
Hand, »Der Prinz errötet nnd sieht ihn an. Der Kurfürst 
schlingt seine Halskette um den Kranz und gibt ihn der Prin- 
zessin ; der Prinz steht lebhaft auf. Der Kurfürst weicht mit 
der Prinzessin, welche den Kranz erhebt^ zurück; der Prinz, 
mit ausgestreckten Armen folgt ihr.^ Und jetzt verrät er sein 
innerstes Wünschen: »Nataliel Mein Mädchen! Meine 
Braut!« Vergebens ruft der bestürzte Kurfürst : »Geschwind! 
Hinweg!* denn auch zu ihm wendet sich der Prinz: »Fried- 
rich! Mein FürstI Mein Vater!* Und dann gegen die 
Fürstin: *0 meine Mutter!« Verwundert meint diese: 
*Wen nennt er so?« Doch schon greift der Prinz nach dem 
Lorbeerkranz : 3^0 ! Liebste l Was entweichst du mir ? Natalie !« 
um freilich statt jener nur ihren Handschuh zu erhaschen. 
Der Kurfürst aber, mit seinem Gefolge hinter der Pforte ver- 
schwindend, ruft ihm noch zu: 

»Ins Nichts mit dir zurück^ Herr Prinz von Homburg, 
Ins Nichts, ins Nichts! In dem Gefüd der Schlacht 
Sehn wir, wenn 's dir gefällig ist, uns wieder! 
Im Traum erringt man solche Dinge nicht!* 

»Der Prinz bleibt einen Augenblick mit dem Ausdnick 
der Verwunderung vor der Tür stehen ; steigt dann sinnend, 
die Hand, in welcher er den Handschuh hält, vor di§ 
gelegt, von der Rampe herab, kehrt sich, sobald ei 
ist, um und sieht wieder nach der Tür hinaus.« Aus di« 
stand weckt ihn der rückkehrende Hohenzoilem, Auf, 
ruf: *Ai^r!« fällt der Mondsüchtige um: »Eine Ki 
nicht besser!« Nachträglich freilich confabuliert er 
NachtwandelUj er habe sich wegen der großen Hitz^ 
Garten geschlichen. Einzig der Handschuh der 
weckt die Erinnerung an das soeben im Schlaf E 

»Welch einen sonderbaren Traum träumt' ich? 

Mir war, als ob, von Gold xmd Silber atrahlenc 

Ein EÖnigsschloß sich plötzlich öffnete 

Und, hoch von seiner Marmorran^p* herab, 

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UND MONDSUCHT. 126 



Der ganze Reigen zu mir niederstiege. 

Der Menschen, die mein Busen liebt. 

Der Kurfürst unddieFürstinund die — Dritte, 

— Wie heißt sie schon ?€ 

Für den Namen der Prinzessin besteht Amnesie, ganz 
ebenso wie für die Gründe seiner Mondsucht. Dann fährt er 
fort: 

»Und er, der Kurfürst, mit der Stirn des Zeus, 

Hielt einen Kranz von Lorbeem in der Hand: 

Er stellt sich dicht mir vor das Antlitz hin 

Und schlägt, mir ganz dieSeelezu entzünden. 

Den Schmuck darum, der ihm vom Nacken hängt. 

Und reicht ihn, auf die Locken mir zu drücken — « 

Jetzt neuerdings das vollständige Vergessen des geliebten 
Namens. Er weiß nur zu sagen: 

»Hoch auf, gleich einem Genius des Ruhms, 
Hebt sie den Kranz, an dem die Kette schwankte. 
Als ob sie einen Helden krönen wollte. 
Ich streck', in unausprechlicher Bewegung, 
Die Hände streck' ich aus, ihn zu ergreifen: 
Zu Füßen will ich vor ihr niedersinken. 
Doch, wie der Duft, der über Täler schwebt. 
Vor eines Windes frischem Hauch zerstiebt. 
Weicht mir die Schar, die Ramp' ersteigend, aus. 
Die Rampe dehnt sich, da ich sie betrete. 
Endlos, bis an das Tor des Himmels aus, 
Ich greife rechts, ich greife links umher. 
Der Teuren einen ängstlich zu erhaschen. 
Umsonst! des Schloßes Tor geht plötzlich auf; 
Ein Blitz, der aus dem Innern zuckt, verschlingt sie, 
Das Tor fügt rasselnd wieder sich zusammen: 
Nur einen Handschuh, heftig, im Verfolgen, 
Streif ich der süfien Traumgestalt vom Arm: 
Und einen Handschuh, ihr allmächtigen Götter, 
Da ich ein^^'ache, halt' ich in der Hand!« 

Wie man sieht, besteht für das letzte Stück des Nacht- 
wandeln volle Erinnerung bis auf den Namen des geliebten 



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126 ÜBER NACHTWANDELN 

Mädchens, trotzdem er meint: »Ein Stummgeborner würd' sie 
nennen können!« Bloß einmal, da er vor sich niederträumt, 
ist er auf dem Wege, sich auch des verdrängten Namens zu 
entsinnen. Wendet er sich ja an Hohenz ollern : 

»Was ich sagen wollte. Lieber, 

Ist die Kurfürstin noch und ihre Nichte hier, 

Die liebliche Prinzessin von Oranien, 

Die jüngst in unser Lager eingetroffen?« 

Doch wird er vom Freunde kurz abgewiesen: *Ei was! 
Die sind längst fort!« Der nämliche Freund muß aber später, 
da er vor dem Kurfürsten für den zum Tode Verurteilten ein- 
tritt, geradezu erklären : 

»Als ich ihn erweck' mid er die Sinne sammelt: 

Gießt die Erinnerung Freude über ihn ; 

Nichts Rührenders, fürwahr, kannst du dir denken! 

Den ganzen Vorfall gleich, als war 's ein Traum, 

Trägt er, bis auf den kleinsten Zug mir vor; 

So lebhaft, meint' er, hab' er nie geträumt: — 

Und fester Glaube baut sich in ihm auf. 

Der Himmel hab' ein Zeichen ihm gegeben: 

Es werde alles, was sein Geist gesehn, 

Jungfrau und Lorbeerkranz imd Ehrenschmuck, 

Gott an dem Tag der nächsten Schlacht ihm schenken.« 

Wir sehen hier klar, der Kern des vermeintlichen Trau- 
mes im Nachtwandeln ist Wunscherfüllung: Erlangxmg von 
Ruhm und der Hand der Geliebten. Vortrefflich stimmt zu 
dieser Erkenntnis, daß der Prinz sich selber den Lorbeer aus 
dem Treibhaus des Gärtners holt) um sich daraus den Ruhmes- 
kranz zu winden. Er sieht ihn mit verliebten Augen an und 
setzte ihn sich wohl persönlich auf, die Rolle der Geliebten 
selber spielend, kämen nicht der Kurfürst und Natalie da- 
zwischen. Die Prinzessin und der Lorbeer, also Liebe und 
Ruhm, hypnotisieren ihn förmlich und ziehen ihn magnetisch 
auf. Der Prinz folgt beiden mit ausgestreckten Armen, bis 
der Fürst und Natalie hinter der Pforte verschwinden. Es 
dünkt mich von besonderer Bedeutung, daß eine Krönung 
mit dem Lorbeer durch liebe Hände nicht lange vor der 



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UND MONDSUCHT. 127 



Schaffung unseres Dramas in des Dichters Leben sich tatsäch. 
lieh ereignete und daß, wie jetzt allgemein zugegeben wird, 
Kleist selber zum Prinzen Modell gestanden. Auf einer Soiree 
im Hause des österreichischen Gesandten haben nach der Vor- 
lesung des »Zerbrochenen Kruges« wie Kleist berichtet, »die 
zwei niedlichsten kleinen Hände, die in Dresden sind«, ihn 
mit dem Lorbeer gekrönt. Diese niedlichsten Hände gehörten 
seiner geliebten Julie Kunze, mit der ihn die Fama sogar ver- 
lobte. Den Zusammenhang des Dramas mit dem Autobio- 
graphischen definiert ganz richtig Wukadinovic: »Wieder 
Dichter neben dem Ideal des Dichterruhmes das der Liebe 
vor sich aufsteigen sieht, so läßt er auch dem ehrgeizigen 
Prinzen, der soviel von seinen eigenen Zügen erhält, ein lie- 
bendes Weib zur Seite stehen, das ihn zum Schluß mit dem 
Kranz lohnt.« 

Doch geht die Sache noch um vieles tiefer. Sagt ja der 
Prinz vom Kurfürsten aus: »Er schlägt, mir ganz die 
Seele zu entzünden, den Schmuck dainim, der ihm vom 
Nacken hängt« . Der Lorbeer also gewinnt für den Prinzen noch 
dadurch an Wert, daß der Kurfürst seine eigene Kette um 
ihn schlingt. Nun wird der letztere von Homburg immer als 
Vater genommen, wofür eine Reihe von Versen zeugt. Da 
der Prinz unverkennbar für den Dichter steht, so ergibt sich 
zwin-^end, Kleist habe nicht bloß von der Geliebten den Preis 
ersehnt, sondern diesen obendrein noch unter ausdrücklicher 
Zustimmung des Vaters. Im Anfang freilich wird er von ihm »ins 
Nichts, ins Nichts !« zurückgeworfen, ja später sogar wegen Unge- 
horsam zum Tod verurteilt.^) Nachdem er jedoch sein Unrecht 
eingesehen und das Urteil des Vaters als gerecht erkannt hatte» 
wird er nicht nur begnadigt, sondern, da er schon glaubt, sein 
letztes Stündlein habe geschlagen, mit dem Kranz geschmückt, 
den er ersehnt imd an welchem obendrein die Kette seines 
Kurfürsten hängt. Noch mehr, der letztere, der Vater selbst, 
reicht Natalie den Lorbeer und führt ihm die Geliebte zu. 

Daß bei der Mondsucht des Prinzen vom Homburg die 
Liebe ein Hauptmotiv, und zwar sowohl die Liebe zum Weib als 

') Hier bezeichnend der Vergleich mit dem Konsul Brutus, der seine 
Söhne hinrichten läßt. 



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OrfgfrTaffrom 
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128 ÜBER NACHTWANDELN 

die bei Kleist auch sonst verbürgte homosexuelle Neigung, 
steht über jedem Zweifel. Nur scheint sie hier mit Ruhmsucht 
verquickt, also etwas völlig Unerötischem, und das Sexuelle, so 
wir bislang bei Nachtwandeln und Mondsucht regelmäßig 
fanden, ganz ausgeschaltet. 

Versuchen wir die beiden letzten Punkte noch etwas 
näher zu beleuchten. Das Streben nach Dichterruhm bleibt 
bei unserm Poeten nicht in den gewöhnlichen, normalen 
Grenzen, vielmehr bekommt es einen eigenartigen, neuro- 
tischen Zug. Nicht weniger erhofft nämlich Heinrich von 
Kleist, als mit einer unerhörten Schöpfung Sophokles, 
Shakespeare und Goethe zu schlagen, und über den 
letzten spricht er das frevelnd-vermessene Wort: »Ich werde 
ihm den Kranz von der Stirne reißen!« Als er dies Ziel trotz 
wiederholter, heftigster Anläufe nicht erspringt, da stürzt 
er fort, den Schlachtentod zu sterben. Seiner Schwester aber 
schreibt er: »Der Himmel versagt mir den Ruhm, das größte 
der Güter der Erde; ich werfe ihm wie ein eigensin- 
niges Kind alle übrigen hin!« 

Was stak nun in Wahrheit hinter jenem unerreichbaren 
Ziel, das Kleist stets wieder zu erzwingen unteniahm. Daß 
es ein Höchstes der Dichtkunst nicht war oder mindest nicht 
ausschließlich, ergibt sich von selbst. Sonst hätte sich K 1 e i s t 
mit seinem so gewaltigen Pfunde und dem, was er darzu- 
stellen vermochte, wohl genügen lassen können, wie so viele 
andere große Poeten. Erinnern wir uns nochmals, daß er die 
drei Größten durchaus zu übertrumpfen suchte. Da will mich 
nach aller psychoanalytischen Erfahrung bedünken, daß So- 
phokles, Shakespeare und Goethe sämtlich nur Vater- 
Inkarnationen sind, daß also Kleist den Vater aus dem 
Felde schlagen wollte. Ist ims auch über des Dichters Ver- 
hältnis zu seinen Eltern gar nichts bekannt, so hat man doch 
ein Recht zu bestimmten Vermutungen auf Grimd verschie- 
dener Schöpfungen Kleists. Wie Rank in seinem schönen 
Buche ^) ausführte, ist eine der Hauptbedingimgen künstlerischen 
Schaffens das Inzest-Motiv, in erster Linie der erwünschte 

*) Otto Rank, »Das Inzest-Motiv in Dichtung und Sage«, 1912, Franz 
D e u t i c k e. 



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UND MONDSUCHT. 129 



und erstrebte Inzest mit der eigenen Mutter, bei dem natürlich 
der Vater im Wege steht. Was im Leben unmöglich, reali- 
siert dann der Dichter im freieren Lande der Poesie durch 
Verschiebung auf einen erfundenen oder gegebenen Stoff. 

Vor Rank schon führte ich in einer größeren Studie ^) 
aus, wie Heinrich von Kleist die Inzestphantasien seiner 
Kindheit zur Grundlage mehrerer Dichtungen machte. So 
wird z. B. die Marquise von O. in einer Ohnmacht verge- 
waltigt von einem, der sie liebt, vor dem eindringenden 
Feinde beschützt und hinterdrein durchaus heiraten will. Ich 
brauche wohl nicht erst auszuführen, daß der Feind, welcher 
durchaus eindringen will, der Vater ist, vor welchem der 
Sohn die Mutter beschützt, um sie dann hinterdrein selber 
zu freien Wenn Jupiter femer von seinem Thron herabsteigt, 
Alkmenen in Gestalt ihres Gatten Amphitry on beizuwohnen, 
natürlich gotthaft verschönt und verjüngt, so ist es wieder 
nur der Dichter selber, der sich als junger idealer Gott an 
Stelle des alternden Vaters setzt. Im »Zerbrochenen Krug« 
dringt in das Zinmier der Geliebten gewaltsam der Richter 
— ein typisches Symbol für den eignen Erzeuger, der ja auch 
tatsächlich dem Kinde der erste Richter ist — und wird von 
dem rechtmäßigen Liebhaber verjagt. 

Man wende mir nicht ein, der Dichter habe sich einfach 
an seine Vorlagen gehalten. Schon die Wahl des Stoffes 
verrät die Absicht, so diese auch häufig unbewußt bleibt. 
Was zwang unsere Dichter beispielsweise, wenn er schon durch- 
aus übersetzen wollte, zum Amphitryon des M o 1 i e r e zu greifen, 
also einem seiner schwächsten Produkte, und ihn dann oben- 
drein in so bezeichnender Weise zu ändern ? Ganz unähnlich 
dem französischen Vorbild, wird Jupiter nämlich zum Für- 
sprecher Kleists bei der Gattin — Mutter : 

»Was ich Dir fühle, teuerste Alkmene, 

Das überflügelt, sieh, um Sonnenfeme, 

Was ein Gemahl Dir schuldig ist. Entwöhne, 

Geliebte, von dem Gatten Dich, 

Und unterscheide zwischen mir und ihm. 



') »Heinrich yon Kleist. Eine pathographisch - psychologische 
Studiec, 1910, J. F. Bergmann. 

Sa dg er, Über Nachtwandeln und Mondaucht. ^ 

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130 ÜBER NACHTWANDELN 



Sie schmerzt mich, diese schmähliche Verwechslung, 

Und der Gedanke ist mir unerträglich, 

Daß Du den Laffen bloß empfangen hast, 

Der kalt ein Recht auf Dich zu haben wähnt. 

Ich möchte Dir, mein süßes Licht, 

Dies Wesen eigener Art erschienen sein. 

Besieger Dein, weil, über Dich zu siegen, 

Die Kunst die großen Götter mich gelehrt,« 
In Wahrheit wählte auch Kleist wie jeder andere Poet 
die meisten seiner Stoffe nach den Wünschen seines Unbe- 
wußten, wo ganz besonders der Mutter-Komplex nach dichte- 
rischer Darstellung drängte. 

Wenden wir das bisher Erschlossene nimmehr auch auf 
den »Prinz von Homburg« an. Da wird uns die Sache noch 
dadurch erleichtert, daß die Kurfürstin wiederholt vom Helden 
als »Mutter« bezeichnet wird. Ja, es hat ihn sogar seine 
wirkliche Mutter bei ihrem Verscheiden der Jugendfreundin 
mit den Worten übergeben: »Sei ihm die Mutter, wenn ich 
nicht mehr bin.« Und die Fürstin hatte zustimmend erwidert: 
»Er soll mir sein, als hätt' ich ihn erzeugt!« Da andrerseits 
aber auch Natalie sie gleichfalls wiederholt als Mutter an- 
spricht, wie den Kurfürst als Vater, so deckt sich jene mit 
Kleists geliebter Schwester. Den Lobeerkranz also würde 
der Dichter von seiner eigenen Schwester begehren. Wozu 
aber dann die Zustimmung des Vaters? Appellieren wir jetzt 
an unsere psychoanalytische Erfahrung, so belehrt uns diese, 
daß regelmäßig der Schwestern-Inzest einen Abkömmling dar- 
stellt des älteren und wichtigeren Mutter-Inzestes. Der Knabe, der 
zuerst die Mutter begehrte, begnügt sich später mit der weniger 
verpönten und leichter zu erreichenden Schwester. Diesem psycho- 
analytisch erschlossenen Zusammenhang folgen sehr bezeich- 
nend sämtliche Dichter, wie neuestens Rank (I.e.) überzeugend 
dartat. Die Poeten stellen das oft so dar, daß die Phantasien 
undWünsche von derMutter auf die Schwester verschoben werden, 
oder aber bei der ersteren eine Zerlegung stattfindet in Mutter 
und Schwester, was die Genese dann besonders klar macht. 
Das letztere ist auch bei Kleist der Fall im »Prinz von 
Homburg <. Jener setzt für seine eigene, begehrte Mutter 



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UND MONDSUCHT. 131 



einmal die Kurfürstin, ein andermal wieder Natalie, »sein 
Mädchen, seine Braut«.*) Und es stimmt vortrefflich, daß 
der Prinz in der Todesangst einzig von der Fürstin, also 
seiner Mutter, Rettung erwartet vor der Strafe, welche der 
Kurfürst-Vater über ihn verhängte. So flüchtet ein Kind, 
das sich keinen Ausweg, keine Hilfe mehr weiß, zu seiner 
Mutter. Von hier aus dürfte auch die für einen Feldherrn 
so überaus anstößige Todesfurcht zu erklären sein. Sie ist 
nichts anderes, als die Furcht des Kindes vor dem gestrengen 
Erzeuger. Auch ist sie noch obendrein infantil überdeterminiert • 
Im Drama glaubt der Prinz die längste Zeit nicht an den 
traurigen Ernst seiner Lage. Der Kurfürst-Vater wolle ihn nur 
prüfen. Der plötzliche Umschlag zur rasenden Angst erfolgt 
erst dann, als der Freund ihm mitteilt, Natalie habe eine Werbung 
des Gesandten zurückgewiesen, weil sie ihm verlobt sei. Dies 
habe den Kurfürst gegen ihn so aufgebracht. Von Stund an 
hält der Prinz — und der Dichter alles für möglich und ist 
bereit, für sein Leben auch die Hand der Geliebten zu opfern. 
Auch an einer zweiten Determieinmg mangelt es nicht, die 
gleichfalls infantil ist. Freud hat in der »Traumdeutung« 
nachgewiesen, daß das Kind mit den Worten Tod und Sterben 
durchaus nicht den Begriff der Großen verbindet. Es kennt 
ja weder den Schreck noch den Schauer des ewigen Nichts. 
Tot sein heißt ihm einfach : weg und fort sein, es nicht in 
seinen Wünschen stören. Denn das eine hat ihn seine kleine 
Erfahrung bereits gelehrt: tote Leute, wie etwa die Groß- 
eltern, kommen nicht wieder. Von da aus ist dann nur ein 
Schritt, daß das Kind z. B. seinem Vater gelegentlich den Tod 
wünscht, weil dieser ihn stört. Und daß dies nicht etwa eine 
schreckliche Ausnahme, sondern alltäglich ist, ergeben unsere 
Psychoanalysen. Solche Anschauungen streift auch der »Prinz 
von Homburg«. Es ist die falsche Kunde gekommen, der 
Kurfürst-Vater sei erschossen worden, und Natalie jammert: 
»Wer wird vor dieser Welt von Feinden uns beschirmen ?« 



3 



^) Man versteht Jetzt gut, daß der Prinz unter den Teuren, die ihm 
erschienen sind, zwar den Kurfürst zu nennen weiß und auch die Fürstin, 
also seine Mutter, nicht aber die dritte, welche bloß eine Abspaltung der 
letzteren ist, im Grunde also mit ihr identisch, 

9» 



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132 ÜBER NACHTWANDELN 

Da ist der Prinz auf der Stelle bereit, der Verwaisten seine 
Hand anzubieten, also durchsichtig der Mutter. Ging ihm 
ja ein Kinderwunsch in Erfiillung, die Beseitigung des 
Vaters, der seine Pläne bei der Mutter stört. Als der Tot- 
geglaubte aber heil zurückkehrt, spricht er begreiflich das 
Todesurteil über den verräterischen Sohn. Erst als dann 
dieser die Gerechtigkeit des Spruches anerkannt hat, fast 
hätte ich gesagt : nachdem er um Verzeihung gebeten, wird 
er nicht bloß begnadigt, sondern obendrein belohnt, indem 
nun der Vater ihm seinen Wunsch freiwillig erfüllt. 

Bedeutsam erscheint mir, daß Kleist in sein Drama 
sowohl die ganze Verurteilung zum Tode, als Nachtwandeln 
und Mondsucht frei hineintrug. Im ersteren Pimkte hat er 
die Überlieferung geradezu ins Gegenteil umgebogen. Erzählt 
doch seine Quelle, der große Friedrich, daß der Kurfürst dem 
Prinzen bereits auf dem glorreichen Schlachtfeld verzieh, 
daß er so leichtsinnig das Heil des ganzen Staates aufs Spiel 
gesetzt habe: »Wenn ich Euch nach der Strenge des Heer- 
gesetzes richtete, hättet Ihr Euer Leben verwirkt; aber da 
sei Gott vor, daß ich den Glanz dieses Glückstages beflecken 
sollte mit dem vergossenen Blut eines Prinzen, der ejns der 
vornehmsten Werkzeuge meines Sieges war.« Wenn Kleist diesen 
Punkt direkt, noch dazu in so auffälliger Weise umdichtete, 
dann müssen persönliche und, wie wir aus Psychoanalysen 
wissen, sind das immer auch infantile Gründe, mitgespielt 
haben. Einige von diesen habe ich im Obigen darlegen 
können. 

Es ist jetzt wohl klar, daß die scheinbar so asexuelle 
Ruhmsucht der erotischen Grundlage nicht entbehrt. Die Ruhm- 
sucht ist bei Heinrich von Kleist so maßlos gesteigert, er will 
Goethe durchaus den Lorbeer von der Stime reißen, weil er 
in infantiler Einstellung durch eine unerhörte Gedichttat den 
Vater bei der Mutter auszustechen hofft. Wenn er nach dem 
Scheitern seines Meisterstückes, des Guiskard-Stoffes, den Tod 
sich ersehnt, da das Leben keinen Wert mehr für ihn besitze, 
so findet er später im »Prinzen von Homburg« eine glücklichere 
Lösung. Denn nicht bloß .^a ß ihn die Mutter nimmehr selber 
krönt, sie tut es auch n|||^^^^ liebevollen Segen des Vaters. 



jKJWIK. UNIVERSITV OF MICHIGAN 



UND MONDSUCHT. 133 



Und auch das ürthema des Nachtwandeins und der Mond- 
sucht, zur Geliebten nämlich ins Bett zu steigen, kommt 
hier zu Recht, wenn auch in der Umkehrung und einer ge- 
wissen Sexualverdrängung: Nicht das Kind kommt zur 
Mutter, sondern diese zu ihm und setzt ihm den ersehnten 
Kranz aufs Haupt unter Zustimmung des Vaters. Auch daß 
die Übertretung des kurfürstlichen Befehls mit den Folgen 
der Mondsucht begründet wird, der der Prinz unterworfen, 
muß irgendwie mindest per analogiam aus der Brust des 
Dichters selber geschöpft sein.. Zwar ist uns bei Kleist, über 
dessen Innenleben wir so wenig vrissen, auch darüber nichts 
berichtet worden. Doch zeigt sein übergroßes Interesse am 
NoktambulismuB und ähnlichen »Nachtseiten der menschlichen 
Seele«, sowie sein ausnehmendes Verständnis hiefür, daß er 
zum wenigsten Anlagen hiezu besessen haben muß. Zum 
Schlüsse sei nochmals betont, daß die Mondsucht auch im 
»Prinz von Homburg« der sexuell-infantilen Wurzel nicht ent- 
behrt und ihr auch da der nämliche geschlechtliche Sinn nicht 
mangelt, den wir bisher stets fanden : zur Geliebten zu konmien, 
ohne straffällig zu werden. 

,J)aB Sflndkind'' von Ludwig Anzengruber. 

Von einem scheinbar nicht sexuell gefärbten Mondwandeln 
erzählt »Das Sündkind« von Anzengruber (im I.Bande seiner 
»Dorfgänge«). Da hat die 45jährige Pechleitner, Mutter von 
zwölf Kindern, die freilich sämtlich bis auf den Erzähler ver- 
storben sind, imd seit drei Jahren Wittib, ein »Sündkind« be- 
kommen, zu dem sich kein Vater melden will. Sie war immer 
ein riegelsames Weib gewesen,' das es in der Arbeit ihrem 
Sohne fast gleich tat, ob dieser mit seinen dreißig Jahren auch 
im kräftigsten Mannesalter stand. Doch ebenso tüchtig, wie zu 
körperlicher Arbeit ist sie allzeit auch zur Liebe gewesen, 
eine Kombination, die bekanntlich keineswegs selten zu finden. 
Sehr früh zur Mannbarkeit gelangt, hatte sie ihren ersten 
Jungen bereits mit 15 Jahren bekommen und selbst bei der 
Wittib konnten »sich die Leute nicht genug verwundem, wie 
lang sie sich ihr Alter hat gar nicht anmerken lassen.« Auch 
die »Liebe« überkam sie nicht selten mit einem Male und 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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134 ÜBER NACHTWANDELN 



sogar dem erwachsenen Sohne gegenüber kann sie gelegent- 
lich ganz »gottverbotene Augen« machen. Fast wäre man ver- 
sucht, aus des letzteren Verhalten den Schluß zu ziehen, daß 
auch er an der Mutter weit tiefer gehangen, als er sich selber 
gestehen möchte. Mit der Wöchnerin allein gelassen, ist er 
nicht im stände, sie anzusehen, sondern trommelt an den 
Scheiben und wird immer verlegener, trotzdem er es »weiß 
Gott, nit Not gehabt hätte«. Dann kehrt er sich mit brenn- 
rotem Gesicht um und sagt : »SoUt'st dich doch schämen, Mutter. 
Schämen soUt'st dich!« Bald aber packt ihn nicht bloß die 
Reue, er beginnt auch gegen die Leute zu wettern, die in 
dem Säugling nicht seinen Bruder sehen, sondern nur das 
»Siindkind« : »Denken s' leicht, ich werd' dem unschuldigen 
Wurm was nachtragen? HöUensakramenter ös, die ihr die 
Kinder von einer Mutter auseinander scheiden möcht's!« 
Nachdem ihm sein Jugendlieb in früheren Jahren verstorben 
war, hatte er fortab auf die Weiber nicht mehr Acht gehabt, 
sondern hauste mit der Mutter allein auf ererbter Hufe. Später 
rackerte Martin von früh bis spät auch für das Sündkind 
Poldl, als wäre er dessen richtiger Vater, dem er übrigens 
niemals nachfragen mochte. 

Als Poldl etwa 16 Jahre zählt, fängt die Mutter zu kränkeln 
an imd mit der Angst vor dem nahenden Tode beginnt ihr ums 
Seelenheil zu bangen, was sie, wie es nun einmal Menschenart 
ist, als Sorge um ihr Sündkind ausgibt. Der soll sich unserem 
Herrgott hingeben, soll Geistlicher werden, damit er nur ja 
unverdorben bleibe. Martin, der Einsichtige, meint freilich 
gleich : »Das ist doch die leichteste Weis*, eigener Sünden ledig 
zu werden, wenn man ein Fremdes dafür büßen läßt,« und 
fürchtet, es möchte dem Poldl mit seinem ererbten heißen 
Blut vielleicht doch zu schwer werden, aber wider die vom 
Vormund unterstützte Mutter kommt er nicht auf. Auch Poldl 
selber läßt sich von ihr nicht bloß bereden, sondern verbohrt 
sich stets tiefer in seinen künftigen Gottesberuf, zumal ihm 
alle Leute im Ort schon jetzt hofieren, als war' er bereits ein 
geweihter Herr. »Bald hatte er gar keinen anderen Gedanken 
mehr als den an seine künftige Geistlichkeit und er mochte 
stehen und gehen, wo er wollte, da war ihm nichts zu gut 



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UND MONDSUCHT. 135 



oder zu schlecht, um ihn daran zu erinnern.« »Er strömte 
einen ganzen Sommer herum«, erzählt uns Martin, »imd ver- 
stund sich zu keinem biBchen Arbeit, aber wenn ich mit Tag- 
löhnem draußen auf der Wiese heuete oder auf dem Felde 
schnitt, da geschah es zum öfteren, daß er imversehens aus 
einem Busch hervorbrach und ihnen vorpredigte; das war 
dem faulen Volke gerade recht, sie ließen die Arbeit liegen 
imd stehen, scharten sich um ihn imd hörten ihm andächtig 
zu und so ^ne ausbündige Frommheit durfte ich ihnen nicht 
übelnehmen. Die Mutter meinte das auch und fand 
sein unsinniges Daherreden recht zu Herzen 
gehend.« 

Hier wollen wir einen Moment Halt machen. Was treibt 
den Poldl so zum geistlichen Beruf, was macht ihn auf diesen 
direkt versessen ? Bei flüchtiger Betrachtung ließe sich wähnen : 
die Eitelkeit wohl imd das hohe Ansehen, welches schon der 
Wille zur Hochwürdigkeit dem 16jährigen Jüngling verschaffte. 
Doch wenn ich auch keineswegs seine Ehrsucht unterschätze, 
die Befriedigung einer so wohlig gekitzelten Eitelkeit, ent- 
scheidend und bestimmend kann sie kaum sein. Da müssen 
schon stärkere Triebfedern walten, um solch ein Treiben aus- 
reichend zu erklären. Wenn Poldl über die Felder schreitet 
und zu predigen anhebt : »In der Zeit sprach der Herr Jesus 
zu seinen Jüngern ....«, dann ist er schon nicht mehr weit 
davon, sich selber als Heiland zu empfinden und seine Mutter 
als Jungfrau Maria. Hatte sich doch Jesus geopfert für die 
Sünden der Menschheit, wie er jetzt für die Sünde der Mutter. 
Es ist denmach nichts anderes als die Liebe zur Mutter, welche 
ihn zum geistlichen Stande treibt, wobei aber nicht zu ver- 
gessen ist, daß solch einer Liebe, die bis zm* Gedankenbesessen- 
heit führt, erfahrungsgemäß auch die Erotik gar niemals 
fremd ist. 

Diese Mischung von Sinnlichkeit und Liebe zur Mutter, 
beziehungsweise zur älteren Frau, die seine Mutter sein könnte, 
zeigt sich zwei Jahre später noch klarer, als er vom Seminar 
auf wenige Tage Urlaub erhält. Da findet er zu Hause ein 
dralles Weibsbild von Verwandten auf Besuch, etwa doppelt 
so alt wie er, die Lustigkeit und Gesundheit selber. »Zu der 



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186 ÜBEB NACHTWANDELN 

hielt sich der Bursche am liebsten. Trotz seiner 18 Jahre sah 
er noch kindisch genug aus, und das machte er sich zu nutze« 
imd »kälberte mit ihr« nach dem Meisterworte des Dichters. 

Sechs Jahre darauf wird Poldl einem kranken Pfarrer 
zur Aushilfe zugeteilt, in dessen Hause eine richtige Pfarrers- 
köchin wirtschaftet mit ihrer 16jährigen Dim, die sie von 
dem alten Pfarrer hatte. Als nun im selben Jahre Poldls 
Mutter sich zur Ruhe legte imd ihr Sohn zum Leichenbegängnis 
erschien, wo dralle Bäuerinnen imd Dirnen sich in Menge an 
ihn drängten, da »wich er einer jeden scheu aus und gab 
keiner die Hand, wie zutunlich sie sich auch gehaben mochte. 
Sonst immer hat er ausgesehen wie Milch und Blut«, meint 
Martin, der Besorgte, »jetzt hatte er ein ungesund' Wesen, 
keine Farbe, eingefallene Wangen und die Augen lagen ihm 
tief drin, er sturte damit nach dem Erdboden und hielt keinem 
fremden Blicke stand. Mir gefiels nicht.« 

Für den Arzt ist all dies klar und durchsichtig. In dem 
nun 24jährigen begann das ererbte Blut sich zu regen, zumal 
es die Köchin und ihre Dirn an Reizxmgen wohl nicht fehlen 
ließen. Er litt unter seiner Enthaltsamkeit, ward blaß imd 
hohl, und weil nur sein Tun noch keusch geblieben, nicht 
aber sein Denken, drum kann er kein Weib mehr unbefangen 
schauen. Und wenn er jetzt auf der Kanzel predigt, dann 
redet er vom Teufel als Verführer und all den bösen Ein- 
gebungen desselben, dann weiß er zu sagen, was für üble Ge- 
danken dem Menschen kommen, und zum Schlüsse droht er 
niit größter Heftigkeit seinen Schäflein, der Teufel werde sie 
allesamt holen. Bekanntlich verdanunt man nichts heftiger 
als Sünden, die man zu begehen sich fähig hält, oder die 
man am liebsten selber beginge, wenn man's nur wagte. 

Daß der junge Geistliche sich mindestens physisch noch 
keusch erhält, hat er einer großen Liebe zu danken, die ihn 
zur Müllerstochter erfüllt. Um so mehr ist die Pfarrersköchin 
darauf erpicht, ihn durch ihre Dim zu Fall zu bringen. Sind 
ja die Tage des alten Geistlichen schon gezählt und wenn 
dann Poldl die erledigte fette Pfründe bekäme, könnten sie 
auf dem Pfarrhof weiter regieren. Beim Begräbnis des alten 
Geistlichen war es, wo Poldl dem Toten die Trauerrede ins 



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UNIVERSITVOFMICHIGAf 



\jyjy MONDSUCHT. 187 



Grab hinein hält, nm das gute Beispiel, so dieser gegeben, den 
Schäflein so recht ans Herz zu legen. Wie er jedoch einmal den 
Blick erhebt und des Müllers Marie-Liese gewahrt, die so 
andächtig zuhört und kein Auge von ihm läßt, da bleibt er 
plötzlich mitten in der Rede stecken und findet nur mühsam 
im Texte weiter. Vermochte er ihren reinen Blicken gegen- 
über nicht mehr die Fiktion vom braven Geistlichen aufrecht 
zu halten, kam ihm zum Bewußtsein, daß er auf ähnlichen 
Bahnen wandle, die jene aufs schwerste verletzten mußten? 
Etwas davon scheint die Müllersdirn geahnt zu haben, denn, 
als sie ihm nachher um Entschuldigung bittet, weil sie durch 
Angaffen ihn verwirrt habe, gibt sie ihm gleichzeitig auch 
den Rat, sich mit denen am Pfarrhof nicht einzulassen« Die 
Pfarrersdim, welche sich unhörbar herangeschlichen, ballt 
die Fäuste gegen beide, während ihre Mutter den Poldl 
später in eine Ecke zieht, auf ihn losredend : »Du kannst die 
Müllersdirn ja doch nicht haben und glaub auch kaum, daß 
sie dich wird haben woUen.« 

Auf seinem Totenbett in der minderen Pfarre, die er 
später erhielt, jammert er zu Martin : »Geistlicher hätt' ich 
nicht werden sollen!« bei seinem ererbten heißen Blut imd 
trotz des Zuredens und der Liebe zur Mutter. »Martin, du 
machst dir keinen Begriff, wie hart einer läuft, der in einem 
Sack steckt, da kostet's rechtschaffen Müh^ sich aufrecht zu 
halten; komm ihm noch mit Schlingen, so fällt er dahin. 
Für mich war die Kutte so ein Sack . . . Bruder, ich bin 
unversehens, wie Wild in die Fanggrube, in die Schand' ge- 
raten und ich hab' mich ihrer geschämt, wie vielleicht nit 
der ärgste Sünder dessen, was er mit Vorsatz und aus Bos- 
heit getan. Ich war auch nit darin verblieben, hätt' sich nur 
für's erste alles verheimlichen lassen, daß sich keines scheut, 
mir die reine Hand zu reichen, an der ich mich herausfind* 
und wieder der Welt und allen angehören mag; aber das 
wußten die andern recht gut, und die wollten mich für sich 
und darum haben sie sich ohne Scheu und Scham gebärdet, 
daß bald alles offenbar war für ganz Rodenstein, vom Forst- 
haus an dem einen End' bis zur Mühr am ander'n! Von da 
an hab' ich kein freundlich' Aug mehr gesehen und die. 



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138 ÜBER NACHTWANDELN 

blauen, ja die blauen (der Müllerstocbter), die sind mir zu 
Trutz immer abgewendet geblieben. Und weil sie mir bos 
war, i8t sie mit einmal einem gut geworden, den sie früher 
nicht hat ausstehen mögen. Die Leute haben die Köpfe ge- 
schüttelt und ihr wenig Gutes prophezeit. So ist die Zeit 
herangekommen, wo ich hieher auf die Pfarre mußte. Auf 
mir lag, was bald einen zu Boden drücken kann: Ehr' und 
Friede waren verspielt, die, die mir's abgewonnen, hingen 
wie Kletten an mir, und das bißchen Sonn^schein, das mir 
im Leben geworden, sollte ich in Rodenstein dahinten 
lassen. Als aber die Sorg* um sie, der ich's verdankte, 
dazukam, da brach ich darunter zusammen und da griffen 
sie mich auf und führten mich hieher und ich ließ mich 
führen.« 

So war er ein richtiges Sündkind geworden mit dem 
Gefühl der verlorenen Reinheit und dem großen Schuld- 
bewußtsein auf der Seele. Und daß er nicht bloß die eigene 
Ehre und Frieden verspielt, sondera auch die Geliebte ins 
Verderben gezogen, die an seiner Reinheit verzweifeln mußte, 
gibt ihm den Rest und macht ihn zum willenlosen Spielball 
der Pfarrersleute. Vom ersten Tag ab, da er sein neues 
Amt übernahm, begann er im Vollmondscheine zu wandeln, 
immer um die Mitternachtsgeisterstunde. Mit dem Schlage 
12 tritt er auf die Kanzel, über die sich ein heller Mond- 
streif legt, der auch sein Gesicht taghell beleuchtet. Mit ge- 
schlossenen Augen kniet er oben auf der Kanzel, »die gefal- 
teten Hände vor sich auf dem gepolsterten Rand, den Kopf 
darüber gesenkt, gleichsam wie im stillen Gebet und zur 
Sammlung, wie auch vor einer Predigt üblich ist. Mit einem 
Mal erhebt er sich, beugt sich ein wenig vornüber, als wären 
die Kirchenstühl' imten voller Leut' imd die wollt' er erst 
mustern, dann wirft er beidseitig die Arme von sich und 
steht da wie einer, der sagen möcht': , Schlagt mich tot, 
wenn ich Euch ein Ärgerais gebe, aber ich kann nicht an- 
ders!* Das hat er nun wohl nicht gesagt, aber mit einer 
Stimm', wie einer wohl im Traum spricht, hat er die Woi*te 
geredet: ,Ich weiß von nichts!' Und dann noch einmal — die 
Hand gegen Himmel geworfen und dann dargelegt, als weis'te 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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UND MONDSUCHT. 189 



er auf alles inner und umher der Kirch'. — ,Ich weiß von 
nichts!^ Danach wandte er sich um und ging.« 

In dieser klassischen Schilderung des Bruders sind einige 
Momente von neuer Art. Vor allem scheint die Sexualität 
nur beiläufig im Spiele, insofern als sie die latente Neigung 
zur Mondsucht aufweckt. Weil die Müllersdirn dem Poldl 
verloren und die Sorge um ihre Zukunft ihn quält, beginnt 
er um Mittemacht zu wandeln. Sonst aber tut er, was so 
häufig von Mondsüchtigen angeführt wird, er setzt die 
scheinbar harmlose Beschäftigung des Tages fort, indem er 
in der Kirche vor einem eingebildeten Publikum betet. Min- 
destens die einleitenden Gesten des Gebets imitiert er ge- 
treu, nur will der Schluß zimi Anfang nicht passen. Daß er 
in Lutherstellung dasteht, wie einer der nicht anders kann, 
und schlüge man ihn tot, klingt wie Rechtfertigung vor den 
Rodensteinem, die Ärgernis nahmen an seinem Tun, während 
der wiederholte Ausioif am Schlüsse: »Ich weiß von nichts, 
ich weiJß von nichts!« nicht allein nach einem Ableugnen 
schmeckt, daß er etwa nicht wisse, warum sich Marie ins 
Verderben stürzte, sondern direkt infantil anmutet. So bestreitet 
ein Kind, dem man Vorwürfe macht, daß es überhaupt et- 
was angestellt habe. 

Doch zurück zum Faden imserer Erzählung. Unter dem 
Druck seiner schweren Seelenbürde schwindet Poldl von Tag 
zu Tag mehr dahin. Und endlich bleibt ihm nichts anderes 
übrig, als seinen Bruder schreiben zu lassen, er läge krank 
imd wünsche ihn zu sehen. Da Martin ins Krankenzimmer tritt, 
streckt Poldl die hageren Arme gegen ihn, tut ein paar Schreie 
aus tiefster Brust, dann fängt er hellauf zu weinen an, gleich 
einem Kinde. »Du bist mir, wie mein Vater — Martin, du bist mir, 
wie mein Vater !« Und von Zeit zu Zeit setzt er hinzu : »Verzeih 
mir!« Dann streichelte er Martin über die rauhen Pfoten, 
)>die Hand', die ihm als kleinem Buben Brot erarbeitet 
hatten.* Und nun hebt er seine Beichte an. Er hätte nicht 
Geistlicher werden sollen, dann wären ihm die Pf arrersleut fremd 
geblieben mid zur Rodensteiner Mühle hätte er vielleicht doch 
noch hingetroffen. Sein ganzes Grübeln dreht sich darum, 
daß er die Marie-Liese nicht nur verloren, sondern auch 



C^ €\r\cA{? Orrginaf fnom 

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140 



ÜBER NACHTWANDELN 



Schuld trage aa ihrem 2ergt5rten Lebensglück. Wie die 
Pfarrersleute ihn eingefattgen^ erzählt er dem Bruder, daß 
er vor sich selber sich schämen mußte, wie sie alles 
an die große Glocke hingen in Rodensteinp bis sich schließ- 
lich die Mullerstochter von ihm ab- und einem andern 
zuwandte. Nach getaner Beichte schläft Poldl ruhigen Her- 
zens ein, doch nur, xun in der darauffolgenden Mitternacht 
zu wandeln. Als Martin am Tage wieder bei ihm vorspricht, 
ist der Kranke recht schlecht. Und plötzlich beginnt er, von 
seinen Kindertagen zu sprechen, und dem Bruder ist merk- 
würdig, »wie er sich dabei auf das Allergeringste besonnen 
hat, und mir hat geschienen, als wenn ihn das inmitten der Rede 
oft selber Wunder nahm'. Stückl für Stückl hat er so seine 
Lebenszeit vorgenommen und wir haben sie miteinander 
durchgesprochen von der Zeit an, wo er im Kinderhemdel 
über Stube und Hof gelaufen ist, bis, wo er in die Schule 
kam — ins Seminar ^ nach Rodenstein . . , Die Sonne war 
schon hinuntergegangen, als wir mit unserm Flausch da an- 
kamen, wo wir waren — im Weissenhofen, ,Da hat's ein End'/ 
sagte ich, ,imd es bleibt weiter nichts zu erzählen.' — ^ »Ja, 
ja\ sagte mein Bruder nachdenklich, ,da hats ein End" und 
es bleibt weiter nichts zu erzählen.« Bald merkt er, wie 
wahr in jedem Betracht der Martin geredet, denn mit ihm 
ginga nunmehr auch physisch zu Ende. Einen Segensspruch 
auf den Lippen für den neugewonnenen Herzensbruder legt 
er sich zum Schlummer* ^So ist's mäuaerlstül geworden in 
der Stube, Nach eine Viertelstund' etwa hör' ' h ihn 
jJa, ja, nun wären wir zusammen^ nur muB* ich 
fest um die Brust nehmen'. Damit wirft er 
nach rechts über, tut einen tiefen Atemzr 

Fassen wir nochmals die Begieitr 
wandelns zusammen. Mit diesem beginnt er 
von Rodenstein und der Herzensgeliebt 
der Kummer um die verspielte Ehr' und < 
der Schmerz um die verlorene MüUersdj 
entscheidend, die nagende Sorge um de* 
Willenskraft vollständig lähmte* Der letzu 
lieh etwas verwunderlich- Denn im Grund^ 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Uiro MONDSUCHT. 



141 



berichtet, daB ihre Ehe unglücklich sei, die Leute haben nur 
vorher ihre Kopfe geschüttelt und mchts Gutes geweissagt. 
Als Martin jedoch vierzehn Jahre nach dem Tod seines Bin- 
ders an dessen Grab Uarie- Liese trifft, ist sie ein statt- 
liches Weib geworden, das seit acht Jahren Witwe ist, 
sonst aber im seelischen Gleichgewicht steht und ihrem 
Buben lebt. Bei Poldls Sorge könnte höchstens der Wunsch 
der Vater des Gedankens gewesen sein* Wenn er seinen Schatz 
nicht haben kann, so soll er auch an der Seite keines anderen 
Mannes je glücklich werden. Noch wahrscheinlicher aberhan- 
delt es sich da gar nicht allein um die Müllerstochter. Lehrt 
doch die psychoanalytische Erfahrung, daß, wo die Reaktion 
auf ein Geschehnis allsustark ausfällt, dies darum geschieht, 
weil sie nicht bloß Reaktion auf ein jetziges, sondern obendrein 
auch auf ein längst verflossenes Erleben ist, das hinter ihm steht 
und erst den richtigen Resonanzboden abgibt* Nur scheinbar 
ist der Effekt zu stark» wenn wir ihn nämlich bloß am aktu- 
ellen Anlaß messen, in Wahrheit jedoch entspricht die Wir- 
kung durchaus den Ursachen, d. h, den neuen plus jenen alten. 
Wenden wir nunmehr diese Erfahrung auch auf die Er- 
zählung des Dichters an, so können wir sagen: Poldl hat 
nicht bloß die Müllerstochter für immer verloren, indem er 
eich mit der Pfarrersdirn einließ, vielmehr auch eine andere 
noch^ um derentwillen er Geistlicher worden. Hatte doch die 
Mutter zu Martin gesagt: »Es gibt nur einen Weg^ einen ein- 



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142 ÜBER NACHTWANDELN 



Doch man kann die Sache noch weiter verfolgen. Trotz aller 
disponierenden Momente fängt das Mondwandeln selber nicht 
eher an, als bis Poldl die neue Pfarre bezogen, also mit der 
Geliebten nicht einmal den nämlichen Ort mehr teilte. Ob die 
Kanzel der Weissenhofener Kirche etwa in der Richtung gen 
Rodenstein liegt, ist nicht vermeldet. Bezeichnend aber dünkt 
mich, daß die Pfarrersdim dem Poldl allnächtlich nachschleicht, 
nicht etwa bloß das erstemal, gleich als ob sie die versteckte 
Erotik ahnte oder gar befürchtete, er könne den Weg nach 
Rodenstein gehen. Jener muß auch jegliche Mittemacht betä- 
tigen, daß er sich trotz seiner Fleischessünden noch für wür- 
dig halte, Priester zu sein. Darum liest er auch jeden Tag 
selbst kurz vor dem Ende, noch immer die Messe. Ja, er 
liest sie nicht bloß am hellen Tage, sondern jegliche Mitter- 
nacht, da andere Priester der Ruhe pflegen. Und es ist bei 
seinem nachtwandelnden Tun, als wolle er sich da immer von 
neuem vor seinem Rodensteinem rechtfertigen, und ganz beson- 
ders vor der Geliebten. Den erstem gilt die Luther-Ge- 
bärde: »Schlagt mich tot, ich kann nicht anders!« — 
der letzteren aber die ausgesprochen infantile Wendung, 
die einzigen Worte, welche er ausspricht: »Ich weLß 
von nichts!« So beteuert ein kleiner Junge seine Unschuld, 
wenn man ihm eine Untat vorhält. Es ist, als wollte er 
zur Geliebten zuinick, zu MarieLiese ebenso wie zu seiner 
Mutter. 

Wieder finden wir als entscheidende Punkte für Mondsucht 
und Nachtwandeln libidinöse und infantile Ursachen. Nur 
daß das Erotische nicht mehr so offen zu Tage tritt wie in den 
andern Dichterwerken, sondern eine gewisse Verhüllung erfuhr. 
Doch Bruder Martin, der Lebensphilosoph, erkennt ganz klar 
den Kern der Sache: »So hab' ich denn auch sein End' mit 
ansehen müssen, wie das so vieler meiner Geschwister! Aber 
ich mein' heut noch, das hätt' es nit not gehabt, hätt' ihm 
die Mutter sein Leben gegönnt, wie sich 's frei von selber 
herausgewachsen hätt' ! Vorerst muß sie's grad' nit für 
eine so große Sund' gehalten haben, denn sonst hätt's niemal 
auf der Welt einen Pechleitner-Poldl gehabt, wenn sie sich's 
nach der Hand einbildet, es war' eine, so hätt's dazu sehen 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



UWD MONDSUCHT, 143 



Süllen^ wie sie sich mit 'm Herrgott abfind/t. Ei ja, in die Kutte 
hat er müssen, die hat freilich größere Sack wie eine Bauernjoppe 
und da geht alle fremde Sund' hinein,, aber da soll keiner auf 
eigene Faust eine begehen, wo brächt' er die auch unter? Wann 
ich nur damal meinen Kopf aulgesetzt hätt\ wie das geplant 
worden ist, ich hab* doch Unheil vorhergesehen und hab* doch 
gewußt, die Mutter ist ein alt* Weib und bei vielen wacht das 
Gewissen auf, wann der Verstand einschläft. Glaub', Ehr' und 
Fried' hätt' er nit verspielt, denn der Bauernstand karteltnit 
mit so hohe Einsätz', Heut noch lief mir derBurscb frischlebig 
auf meinem Hof unter den Augen herum* * * . Ei, du arm 
Sündkind p du, wie mutwillig ist dir die Freud' am Leben 
zei-nicht't worden!« 

^j^Hacbeth" von Shakespeare, 
Wenn ich nunmehr mich anschicke^ den Fall der Lady 
t Macbeth zu analysieren» so stehe ich nicht bloß vor dem letzten, 

sondern auf dem schwierigsten Teil meiner Arbeit* Hier scheint 
ja alles Sexuelle, selbst nur Erotische ganz ausgeschlossen^ 
und wenn ich das, was meine psychoanalytisch behandelten^ 
t wie sämtliche anderen literarischen Fälle ergeben haben, an 

I Shakespeares Heldin messen will, so scheint der Versuch nach 

I jeder Richtung hin zu versagen : im Sexuellen sowohl wie im 

r Infantilen. Hat der Dichter ja doch diesem ganzen Nacht- 

f wandeln inklusive Begründung nicht mehr als eine einzige 

Szene gewidmet, hat er doch so wenig von der Kindheit der 
il Lady, als ihrem sexuell-erotischen Leben eine Silbe berichtet. 

f Und wenn wir vom Fall auf den Dichter selber rekurrieren ^ so 

1 ist unser Wissen von Shakespeares Leben so überaus dürf- 

i tigi daß sich die Schwierigkeiten fast bergehoch türmen. Der 

Leser wird also in diesem so ungünstig liegenden Falle, wo, wenn 
auch nicht durch meine Schuld, der Deutung Hilfsmittel sämtlich 
versagen^nicht jene Sicherheit oder mindestens hohe Wahrschein- 
lichkeit der Resultate erwarten dürfen, wie sie die früheren 
Beispiele ergaben. Ich würde es schon als Erfolg betrachten^ 
wenn er zum Schlüsse nicht geradezu sagte : »Der Fall der Lady 
Macbeth widerftp'*i^^i^ Tillen bisherigen Resultaten«, wie es zu- 
nächst den An.'- 



D giiized by GoOölc 



UNIVERSir, 



144 ÜBER NACHTWANDELN 

Beginnen wir mit der Quellenschrift zu Macbeth, Holins- 
hed's »history of Scotland«.^) An diese schloß sich Shake- 
speare so eng an, daß er ganze Szenen bis auf die Dialoge 
treu in seine Tragödie übernahm. Um so interessanter sind dann 
die Abweichungen, In der Chronik ist Macbeth schlechtweg der 
Grausame. Heißt es von ihm doch gleich zu Anfang, »man würde 
ihn gewiß für den würdigsten Regenten gehalten haben, wenn 
seine Natur nicht eine so starke Neigung zur Grausamkeit gehabt 
hätte«. Immer wieder wird seine grausame Art hervorgehoben, 
sowohl dem Leichnam des entleibten Macdowald, als den Be- 
wohnern der westlichen Inseln gegenüber, die ihn »einen blutgie- 
rigenTy rannen und grausamenMörder derer nannten, welchen des 
Königs Gnade das Leben geschenkt habe«, als endlich, wenn 
er im Überfallenen Dänenlager »ohne den mindesten Wider- 
stand nach allen Seiten solche Verwüstungen anrichtete, daß 
es furchtbar anzusehen war.« Da er aber nach Ermordung 
Duncans die Herrschaft an sich gerissen hatte, schien eine 
Wandlung in seinem Charakter vorzugehen. »Er begann die 
Gesetze zu reformieren und alle Unregelmäßigkeiten und Miß- 
bräuche in der Vei*waltung auszurotten. Er befreite das Land 
auf viele Jahre von allen Räubern, beschützte die Kirche und 
die Geistlichen auf das Sorgsamste und wurde, um kurz zu 
sein, wie der Verteidiger und Schild jedes Unschuldigen an- 
gesehen. Er erließ auch viele gute Gesetze und regierte zehn 
Jahre lang das Reich mit der größten Klugheit und Gerech- 
tigkeit. 

Aber dieser Schein von Billigkeit und Eifer für das all- 
gemeine Beste war nur erheuchelt; er sollte nur die Gunst 
des Volkes gewinnen helfen. Tyrannen sind immer mißtrauisch, 
sie fürchten stets, daß andere sie ihrer Macht durch dieselben 
unrechtmäßigen Mittel berauben werden, durch welche sie 
selbst sie erlangt haben. Sobald Macbeth irgend Pläne gegen 
sich gewahrte, verhehlte er seine Neigimgen nicht länger, 
Sondern übte und gestattete jede Art von Grausamkeit«. Zu- 
nächst lagen ihm die Worte der drei Schicksalsschwestem 
beständig in Gedanken. Um ihrer Prophezeiimg zuvorzukommen, 

^) Ich zitiere dieselbe nach „Die QueUen des Shakespeare'^ Ton Karl 
S im rock, 2. Aufl. 1870. 



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UND MONDSUCHT. 145 



wollte er Banquho und dessen Sohn ermorden lassen. Doch 
töteten die dazu gedungenen Mörder bloß den ersteren, wäh- 
rend es Fleance zu entkommen gelang. »Nach der Ermordung 
Banquos schien das Glück Macbeth verlassen zu haben; 
keine seiner Unternehmungen gelange jedermann bangte für 
sein Leben und wagte kaum, vor dem König zu erscheinen; 
er fürchtete jeden und jeder fürchtete ihn, so daß er bestän- 
dig Gelegenheit suchte, verdächtige Personen hinrichten zu 
lassen. Sein Mißtrauen und seine Grausamkeit wuchsen mit 
jedem Tage, sein Blutdurst war nie zu stillen... Er gab sich 
ohne Rücksicht seiner natürlichen Grausamkeit hin, unter- 
drückte seine Untertanen auf das Elendigste und erlaubte sich 
jede Schandtat. « DasWeitere hat Shakespeare ziemlich getreu 
nach Holinshed gebildet, nur daß es in Wirklichkeit noch 
sieben Jahre währte, bis Macbeth unter Macduff es Händen fiel. 
Bemerkenswert ist auch, wie Holinshed Duncanes Er- 
mordimg begründet. Vorangegangen ist auch in der Chronik 
die Verheißung der drei Schicksalsschwestern, femer Malcolmes 
Emennimg zum Prinzen von Cumberland und damit zum 
Nachfolger im Königreich. Jetzt konnte Malcolme »unmittel- 
bar nach seines Vaters Tode den Thron besteigen, während in 
den alten Gesetzen vorhergesehen war, daß, wenn der zur Nach- 
folge berufene Prinz beim Tode seines Vorgängers noch nicht 
regierungsfähig wäre, der nächste Verwandte auf den Thron 
erhoben werden sollte«, was hier auf Macbeth, den Vetter 
Duncanes, zugetroffen hätte. »Da begann Macbeth, dem durch 
diese Anordnung des Königs alle Aussicht auf den Thron ge- 
nommen war, auf Mittel zu sinnen, wie er die Krone mit 
Gewalt an sich reißen könne, denn er glaubte, Duncane habe 
ihm großes Unrecht getan, indem er seinen minderjährigen 
Sohn zum Thronfolger ernannt und so alle andern Ansprüche 
vernichtet habe. Auch die Worte der Schicksalsschwestern 
ermutigten ihn zu seinem Vorhaben ; vorzüglich aber ließ seine 
Frau, ein hochmütiges und stolzes Weib, die nach dem Namen 
einer Königin mit der glühendsten Begierde verlangte, nicht 
nach, bis sie ihn in seinem Vorsatze voUkonmien bestärkt 
hatte«. Dieser letzte Satz ist die einzige Bemerkung des 
Chronisten über Lady Macbeth. 

Sa dg er, Ober Nachtwandeln und Mondsucht. 10 



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146 ÜBER NACHTWANDELN 

Wir können jetzt ermessen, was Shakespeare aus Eig- 
nem zu ihrem Charakterbild wie dem ihres Gatten beigetragen 
hat. Zimächst wird Macbeth die absolute Grausamkeit ge- 
nommen, die bei Holinshed der Hauptzug seines Charakters 
war, und dafür der Ehrgeiz vorangestellt. Grausam imd im 
Blute watend wird Macbeth erst seit Duncans Ermordung imd 
auch da mehr aus Notwehr, Den früheren Helden aber kenn- 
zeichnet am besten die eigene Gattin: »Ich fürchte dein Gemüt; 

Es ist zu voll von Milch und Menschenliebe, 
Um grad' aufs Ziel zu gehn. Groß möcht'st du sein, 
Bist ohne Ehrgeiz nicht, doch fehlt die Bosheit, 
Die ihn begleiten muß. Was recht du möchtest, 
Das möchtest du rechtlich ; möchtest falsch nicht spielen 
Und unrecht doch gewinnen; möchtest gern 
Das haben, großer Glamis, was dir zuruft: 
,Dies mußt du tun, wenn du es haben willst!* 
Und was du mehr dich scheust zu tun, als daß 
Du ungetan es wünschest«. 

Doch Macbeth wagt im Grimde den Mord an dem König 
nicht, er spielt nur immer mit dem Gedanken. Damit die 
Tat nicht ad Kalendas Graecas verschoben werde, ist ein frem- 
der Ansporn ihm unerläßlich. Von allem Anfang fühlt Lady 
Macbeth als ihre Aufgabe, den säimiigen und zweifelnden 
Gatten in seinem Ehrgeiz zu bestärken, was Shakespeare ja 
schon bei Holinshed fand. Wie hatte die Chronik sie nur 
geschildert: »Noch mehr aber lag ihm sein Weib an, den 
König anzugreifen, denn sie war außerordentlich ehr- 
geizig und entbrannte in unauslöschlichem Wun- 
sche, den Namen einer Königin zu tragen«.^) Indem 
sie also den Gatten aufstachelt, erfüllt sie noch mehr das 
Sehnen ihres eignen Herzens: 

»Eil hierher, 

Auf daß ich meinen Mut ins Ohr dir gieße 

Und alles weg mit tapferer Zunge geißle, 

Was dich zurückdrängt von dem goldnen Reif«. 

Ja, sie fordert sich geradezu selber heraus, ruft die bösen 



') Dies die wörtliche Übersetzung der Stelle in Holinshed 's Chronik. 



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UND MONDSUCHT. 147 



Geister der Luft zu Hilfe und will zum Manne werden, da ihr 
Gatte kein Mann ist: 

»Kommt Geister, die ihr lauscht 

Auf Mordgedanken imd entweiht mich hier; 

Füllt mich vom Wirbel bis zur Zeh' randvoll 

Mit wildster Grausamkeit! Verdickt mein Blut; 

Sperrt jeden Weg und Eingang dem Erbarmen, 

Daß mir kein reuig Mahnen der Natur 

Den grimmen Vorsatz abschreckt und beschwichtigt, 

Eh' er ist ausgefiihrt! Kommt an die Weibesbrust, 

Trinkt Galle statt der Milch, ihr Morddämonen« ! 

Als Macbeth nun meldet: »Duncan kommt noch heute«, 
da fragt sie lauernd : »Und wann geht er wieder?« — Macbeth : 
»Morgen — so denkt er«. — Lady: »O, nie soll die Sonne 
dieses Morgen sehn! 

Der ims naht, 
Muß wohlversorgt sein; leg' in meine Hand 
Das große Unternehmen dieser Nacht, 
Daß es für alle künft'gen Nacht' imd Tage 
Uns Königsmacht und Herrscherkron' eintrage!« 

Man sieht, die wirklich Grausame ist hier zunächst die 
Lady und nicht ihr Gatte. Dieser muß sich im Gegenteil be- 
ständig mit Skrupeln und Bedenken schlagen. Er hält sich 
die äußeren Folgen seiner Tat immer wieder vor, trägt alles 
zusammen, was Dimcan vor seinem Dolch schützen müßte, 
und weiß als Gegenantrieb nur zu sagen : 

»Ich habe nichts, mein Wollen anzuspornen, 
Als einzig Ehrgeiz, der, zum Aufschwung eilend, 
Sich überspringt und jenseits niederfällt«. 
Und seiner Gattin erklärt er: »Wir woU'n nicht weiter 
gehen in dieser Sache.« Erst als die Lady ihn einen Feigling 
schilt, an seine Liebe nicht mehr glauben will, wenn er, da 
Zeit und Ort sich so schicken, von seinem Vorhaben absteht, 
als sie die stärksten Akzente anschlägt, ja das »furienhafte« 
Wort gebraucht: 

^Ich hab' gesäugt und weiß, 

Wie's süß, das Kind zu lieben, das ich tränke; 

3 2 • 10» 

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148 ÜBER NACHTWANDELN 

Ich hätt'i indem es mir entgegenlächelt, 

Die Brust gerissen aus den weichen Kiefern 

Und aus dem Köpfchen ihm das Hirn geschmettert, 

Hätt' ich's geschworen, wie du dieses schwurst.« — 

als sie endlich noch den ganzen Plan entwickelt und ihre 
aktive Mithilfe zusagt, gelingt es ihr, den Gatten zum Morde 
zu bereden. 

Die beiden Kämmerer, auf welche die Schuld gewälzt 
werden soll, hat sie mit würzigem Wein betäubt und sich 
selber Mut zur Tat angetrunken, wie so viele Verbrecher. »Was 
sie berauschte, hat mich kühn gemacht. Was ihr Licht 
löscht', hat mich entflammt.« Da hört sie, wie Macbeth drin- 
nen bei seinem grausen Werke eine erschreckte Frage tut, 
und fährt empor: 

»O weh! ich fürchte, sie sind aufgewacht 
Und es ist nicht geschehn. — Der Anschlag, nicht die Tat, 
Verdirbt ims. — Horch! — Ich legt' ihm ihre Dolche 
Bereit, die mußt' er finden. — Hätt' er nicht 
Geglichen meinem Vater, wie er schlief, 
So hätt' ich's selbst getan.« 

Da erscheint ihr Gatte mit den Dolchen. Als er seine 
blutigen Hände betrachtet, entringt es sich ihm : »Entsetzens- 
anblick!« Doch die Lady weist ihn schroff zurecht: »Wahn- 
sinnseinfall, das Zu nennen mit dem Wort , Entsetzensanblick' U 
— Macbeth: »Mir war, als rief es: ,Schlaft nicht mehr, 
Macbeth, mordet den Schlaf! Und darum wird 
Macbeth nicht mehr schlafe nM« Die Lady beruhigt 
ihn, er schwäche seinen edlen Mut durch Bedenken der Tat. 

»Geh, nimm etwas Wasser 

Und wasch von deiner Hand das garst'ge Zeugnis. — 

Was brachtest du die Dolche mit herunter? 

Dort liegen müssen sie. Geh, bring sie hin 

Und färb' mit Blut die schlafbefangnen Kämmerer.« 

Doch als ihr Gatte sich weigert, nochmals seine Tat zu 
schauen, ergreift die Lady selber die Dolche: 

»Schlafende und Tote 

Sind Bilder nur; der Kindheit Aug' allein 



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UND MONDSUCHT. 149 



Scheut den gemalten Teufel. Wenn er blutet, 

Färb' ich damit der Diener Kleider rot.« 

Macbeth (allein): 

»Kann wohl des großen Meergotts Ozean 

Dies Blut von meiner Hand wegwaschen? Nein; 

Weit eh'r kann diese meine Hand mit Purpur 

Die unermeBlichen Oewässer färben 

Und Grün in Rot verwandeln.« 

Lady (zurückkommend) : »Meine Hände 

Sind blutig wie die deinen; doch ich schämt' mich, 

War bleich mein Herz wie deines. . . Eilen wir in unsre 

Kammer ; 
Ein wenig Wasser reint uns von der Tat! 
Wie leicht denn ist sie! Deine Festigkeit 
Verließ dich ganz und gar.« 

Doch die grause Tat hat nicht das erhoffte Glück ge- 
bracht. Auch nach Dimcans Ermordung findet Macbeth keine 
Ruhe und keinen Schlaf: »Das so zu sein ist nichts. Nur 
sicher sein ist etwas!« Drum trachtet er vorerst Banquo zu 
entfernen und dessen Sohn. Aber auch die Lady ist wenig 
zufrieden : 

»Nichts ist gewonnen, alles ist dahin, 

Stehn wir am Ziel mit unzufriednem Sinn; 

Viel sichrer, das zu sein, was wir zerstört. 

Ward durch Zerstörung schwankend Glück gewährt.« 

Da kommt ihr Gatte. Allnächtlich werde er von so grau 
sen Träumen geschüttelt, daß er lieber an Duncans Stelle sein 
möchte, als auf der Folter der Seel' in ruheloser Qual zu 
zucken.« Mit der einzigen zärtlicheren Regung im Drama 
sucht ihn die Lady hier zu trösten : 

»O, laß gut sein ! 

Teurer Gemahl, glätte die Runzeln weg; 

Sei froh und munter heut mit deinen Gästen.«^) 

1) Man beachte die Därftigkeit dieser SteUe. Viel weniger konnte sie 
wirklich kaum vorbringen, wenn sie trösten will. Und gleichwohl wird diese 
eine Stelle stets wieder von jenen Autoren zitiert, die eine Liebe der Ladj 
zu ihrem Gatten als treibend Motiv ihres Handelns annehmen. Ja, Friedrich 
Theodor Vi sc her scheut selbst vor einer Interpolation nicht zurück und 



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160 ÜBER NACHTWANDELN 



Macbeth verspricht es ihr und heißt sie, Banquo mit ganz 
besonderer Auszeichnung behandeln. Auch was ihn jetzt am 
meisten quält, verhehlt er ihr nicht: »Du weißt, Geliebte, 
Banquo lebt und Fleance.« und sofort ist die Lady wieder 
die Alte: »Doch schuf Natur sie nicht für ew*ge Dauer.« Ist 
die Lady dergestalt auch zum zweiten Mord alsbald bereit, 
so hat sie jetzt Macbeth doch nicht mehr nötig : »Unschuldig 
bleibe, Kind, und wisse nichts. Bis du der Tat kannst Beifall 
rufen.« 

Doch wenn er auch nicht mehr vor irgend einer Untat 
zurückbebt, so doch vor den Schreckbildern seiner Phantasie, 
den Halluzinationen seines Unbewußten. Hier setzt nun die 
Erfindung Shakespeares ein. Der Macbeth der Chronik 
begeht all seine Grausamkeiten wahrscheinlich durchaus 
ruhigen Bluts. Zum Mindesten ist vom Gegenteil nicht das 
Geringste vermeldet. Bei Shakespeare hingegen wird der 
anfangs mehr ehrgeizige als grausame Macbeth pathologisch 
gefärbt. Schon von Jugend auf litt er an häufigen Visionen, 
die ihn z. B. vor Duncans Ermordung einen Gedankendolch 
erblicken lassen. Am schärfsten jedoch tritt dieses »seltsame 
Übel, das nichts ist für jene die mich kennen« in der Er- 
scheinung von Banquos Geist beim Bankett zutage. Die Lady 
muß ihre ganze Geistesgegenwart brauchen, zumindest den 
äußeren Schein zu retten. Mit freundlicher Mahnung, doch 
auch grinmier Zurechtweisimg und schmähendem Worte sucht 
sie ihren Gatten zu sich zu bringen. In dieser letzten Szene, 
da sie in Macbeths Handeln noch eingreift, steht sie voll 
auf der Höhe. Erst als die Gäste verabschiedet sind, wird 
sie lässig im Antworten. Ja, nicht einmal ihres Gatten Ent- 
schluß, auch in der Folge im Blute zu waten, sowie seine 
Rede, ihm spuke Seltsames im Kopf, vermag ihr mehr zu 
entlocken, als das Wort: >^Dir fehlt die Würze aller Wesen, 

übersetzt die Stelle: Lady Macbeth (liebkosend«): »Komm, komm, mein 
teurer Herr, entninzle, glätte die finstere Stirn, sei heiter heute abends, gut 
aufwiegt inmitten deiner Gäste.« Und obwohl der englische Originaltext von 
dieser übersetzten »Liebkosung« gar nichts enthält, gibt Vi scher noch den 
Kommentar: »Was ihm die Frau antwortet, muß auf der Bühne mit ganz 
zärtlichem Ausdruck gesprochen werden. Sie umfaßt ihn, streichelt ihm die 
Stirne.« (»Shakespeare-Vorträge«, 2 Bd., S. 36 und 102.) 



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UND MONDSUCHT. 161 



Schlaf«. Es ist, als bräche sie nach der enormen seelischen 
Leistung erschöpft zusammen. 

Was nunmehr in ihrer Seele vorgeht, darüber hat ims 
sonderbarerweise Shakespeare, der sonst alles übermotiviert, 
ja ganze Szenen nur zu diesem einzigen Zwecke dichtet, rein 
gar nichts vermeldet. Wir sehen sie erst im letzten Akt 
wieder in der berühmten Nachtwandlerszene. Sie ist an 
Nachtwandeln, man muß wohl sagen, erkrankt, just an dem 
Tage, da Macbeth in den Krieg zog. Von diesem Tage ab 
sah ihre Kammerfrau, wie sie zu Nacht »aus ihrem Bette 
aufstand, ihr Nachtgewand umwarf, ihren Schreibtisch auf- 
schloß, Papier nahm, es zusammenlegte, schrieb, das Ge- 
schriebene las, es versiegelte und dann wieder zu Bette ging, 
und die ganze Zeit im tiefsten Schlafe.« — »Eine große Zer- 
rüttung der Natur! die Wohltat des Schlafes genießen und 
zugleich die Geschäfte des Wachens verrichten«, meint der 
offenbar tief schauende Arzt. Bald hat er Gelegenheit, das 
Nachtwandeln der Lady selbst zu beobachten. Sie kommt, in 
der Hand eine angezündete Kerze, die über ihren ausdrück- 
ichen Befehl stets neben ihrem Bette brennen muß. Ihre 
Augen sind beim Wandeln offen, doch ihre Sinne geschlossen. 
Dann reibt sie sich die Hände, als wüsche sie dieselben, was 
sie nach Aussage der Kammerfrau oft eine Viertelstunde nach 
einander tue. Nun hört man sie sprechen: »Da ist noch ein 
Fleck. Fort ! verdammter Fleck ! fort, sag' ich. — Eins, 
zwei. Nun, 's ist dann noch Zeit, es zu tun. — Die Hölle 
ist finster ! — Pfui, mein Gemahl, pfui ! ein Soldat und furcht- 
sam! Was haben wir zu fürchten, wer es weiß, da niemand 
unsere Gewalt zur Rechenschaft ziehen darf? — Aber wer 
hätte gedacht, daß der alte Mann noch sovielBlut 
in sich hätte? — Der Than von Fife hatte ein Weib, wo 
ist sie mm ? — Wie, wollen diese Hände denn nie rein werden ? 
— Nichts mehr davon, mein Gemahl, nichts mehr davon ; du 
verdirbst alles mit diesem Auffahren. — Noch immer riecht 
es hier nach Blut. Alle Wohlgerüche Arabiens würden diese 
kleine Hand nicht wohlriechend machen. Oh! oh! oh! — 
Wasch deine Hände, leg dein Nachtkleid an; sieh doch nicht 
8o blaß aus. — Ich sage es dir noch einmal, Banquo ist ba- 



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152 ÜBER NACHTWANDELN 

graben, er kann aus seiner Gruft nicht herauskommen. — 
Zu Betty zu Bett; es wird ans Tor geklopft. Komm, komm, 
komm, komm, gib mir die Hand. — Was geschehen ist, kann 
man nicht ungeschehen machen. Zu Bett, zu Bett, zu Bett!« 
Wirklich geht sie nach solchen Auftritten stets unverzüglich 
zu Bett. Der Arzt, der sie beobachtete, faßt sein Urteil zu- 
sammen: »Diese Krankheit liegt auBer dem Gebiete meiner 
Kunst ; doch habe ich Menschen gekannt, die im Schlafe um- 
herwandelten und doch fromm in ihrem Bette starben«. Hier 
freilich, scheint es anders zu liegen: 

»Von Greueln flüstert man. Und Taten unnatürlich 

Erzeugen unnatürliche Zerrüttung.« 

Und dann, als wäre er Psychoanalytiker: 

»Die kranke Seele wird ins taube Kissen 

Entladen ihr Geheimnis. Sie bedarf 

DesBeicht'gersmehrnoch als des Arztes. — Gott ! 

Vergib ims allen! — Seht nach ihr; entfernt, 

Womit sie sich verletzen könnt', und habt 

Ein Auge stets auf sie.« 
Und als Macbeth nach dem Befinden der Kranken fragt, er- 
widert er: 

»Nicht krank sowohl. 

Als tief gestört durch Schwärm' von Einbildungen, 

Die sie der Ruh' berauben . . . 

Hier muß der Kranke selbst das Mittel finden.« 

Doch da der Stern des Königs sich neigt, verhindert alle 
ärztliche Vorsicht und Klugheit nicht, daß Lady Macbeth, »die 
höllische Königin«, Hand an sich legt. 

Überblicken wir diesen Fall von Nachtwandeln, so scheint 
er zunächst durchaus der landläufigen Ansicht zu entsprechen : 
die Wandelnde setzt die Tätigkeit des Tags, oder, sagen wir 
richtiger, des wichtigsten Tags der letzten Monate zur Nacht- 
zeit fort. Genau wie wir es in einem früheren Akte ver- 
nahmen, macht sie Macbeth Vorwürfe wegen seiner Feigheit, 
richtet sie ihn auf und lenkt sein Handeln. Nur in zwei 
freilich sehr bedeutsamen Punkten ist es, als hätte sie die 
Rolle des Gatten jetzt selber übernommen: in der Störung 



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UND MONDSUCHT. 153 



des Schlafs und der Achtsamkeit auf ihre blutigen Hände. 
Wie hatte sie Macbeth zurückgewiesen, als dieser von seinen 
blutigen Händen ausrief: »Entsetzensanblick!« Ein Wahn- 
sinnsanfaU sollte es sein. »Nimm etwas Wasser und wasch 
von deiner Hand das garstige Zeugnis«. Macbeth freilich 
war nicht zu erschüttern: der ganze Ocean könne das nicht, 
eher würde des Königs vergossenes Blut sein Grün in auf- 
reizend Rot verwandeln. Doch als die Lady an seiner Statt 
das Werk vollendete, bemerkte sie leichthin : »Meine Hände 
sind blutig wie die deinen. Doch ich schämte mich, wäre 
bleich mein Herz wie deins. Ein wenig Wasser reint uns 
von der Tat«. Selbst noch im Nachtwandeln richtet sie den 
Gatten auf: »Wasch deine Hände, leg dein Nachtkleid an.« 
Doch im nämlichen Wandeln sucht sie vergeblich die 
Flecken von ihren Händen zu tilgen, riecht es ihr stets nach 
Blut und werden alle Wohlgerüche Arabiens ihre Hände nicht 
wohlriechend machen können. SoUte nicht gerade in diesen 
zwei Punkten, wo sie so völlig umgeschlagen hat, der Kern 
ihres ganzen Nachtwandeins liegen ? 

Es ist zu beachten, daß in der Tragödie wie in dem 
vorhin erzählten ^ Sündkind« das Nachtwandeln nicht in der 
Kindheit beginnt oder Pubertät, sondern immerhin in etwas 
gereifteren Jahren, und, was entscheidend, als eine Erkran- 
kimg, präziser gesagt, als psychische Erkrankung. Das Sünd- 
kind erkrankt, da es seine reine Geliebte verloren, die ihm 
die Mutter vertreten hatte, die ürgeliebte seiner ersten Kind- 
heit ; und Lady Macbeth, die durch einen Mord selbst Königin 
geworden, just in dem Momente, als ihr Gemahl in den Krieg 
ziehen muß, um Leben und Krone zu verteidigen. Nicht um- 
sonst fällt ihr, da sie im Wandeln von Duncans vielem 
Blute spricht, auch das Schicksal der Gattin Macduffs ein, die 
erschlagen wurde, als der Gemahl von ihr gegangen. Da 
scheint es nun recht nahe zu liegen und wird tatsächlich viel- 
fach geglaubt, daß die Lady erkrankt, weil sie um Leben xmd 
Herrschaft bangt. Nur stimmen dazu die Fakten nicht recht. 
Zunächst ist der Feldzug ihres Gatten keineswegs aussichts- 
los. Hat er doch im Gegenteil von den Hexen gehört, sein 
Ende sei an scheinbar ganz unerfüllbare Bedingungen geknüpft, 



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154 ÜBER NACHTWANDELN 

SO unerfüllbar, daß ihn die Weissagung sofort von aller Furcht 
befreit. Da er der »Genossin seiner Hoheit« gar nichts ver- 
hehlt, so wohl auch kaum die Verheißung der Hexen, die 
seine Zuversicht aufs Äußerste steigerte. Bangen und Furcht 
kann es also nicht sein, was ihr Nachtwandeln zur Auslösung 
bringt. Auch eine andere landläufige Deutung scheint mir 
wenig begründet. Wie neuerdings selbst ein Brandes erklärt, 
»zeigt die Nachtwandlerszene auf die bewunderungswürdigste 
Weise, wie der Stachel des bösen Gewissens, selbst wenn er 
bei Tag abgestumpft ist, des Nachts geschärft wird und dem 
Schuldigen Schlaf und Gesimdheit raubt.« Nun können arge 
Gewissensbisse den Schlaf wohl stören, doch werden sie 
schwerlich Nachtwandeln erzeugen. Kaum je sind Verbrecher 
Noktambulisten. Wohin Gewissensbisse und Reue empfind- 
same Menschen führen können, dafür ist Macbeth selber ein 
Beispiel. Nachdem er den König und Banquo ermordet, 
kommt er nicht mehr zur Ruhe, doch fällt ihm nicht ein, bei 
Nacht zu wandeln. Hier muß wohl ein anderes Ursache sein, 
was den Noktambulismus der Lady auslöst. 

Um dieses Unbekannte auszuspüren, wollen wir zunächst 
das Verhältnis der Gatten zu einander prüfen. Man hat sich 
über den Charakter der Lady seit den Zeiten Tiecks 
in Deutschland vielfach die Köpfe zerbrochen. Bis dahin 
galt sie schlechtweg als Megäre, als »Oberhexe«, wie Goethe 
sie nannte. Diese Ansicht war nicht nur in Deutschland herr- 
schend, sondern auch im englischen Mutterlande. Doch dem 
deutschen Gemüt ging diese Anschauung wider den Strich. 
Und so hat als erster Ludwig Tieck in der Lady ein zärt- 
liches, liebevolles Weib erblickt. Von dieser Zeit ab stehen 
immer wieder Kritiker und selbst Dichter auf, die jene auf 
ähnliche Weise reinwaschen wollen. Ich will die zwei namhaftesten 
zitieren : Friedrich Theodor V i s c h e r und Rudolf Hans 
Bartsch. Der erstere, von dem ich schon früher ausführte, 
daß er selbst nicht vor einer Interpolation zurückschreckte, 
um seine Ansicht zu erweisen, faßt sein Urteil in folgende 
Sätze zusammen: »Es ist nicht einfach Ehrgeiz, was sie be- 
wegt, sondern Liebe, die den Gemahl groß sehen möchte«. 
(S. 78.) Und an einer zweiten Stelle: »Sie liebt ihren Mann und 



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UND MONDSUCHT. 166 



hat doch mehr für ihn als für sich ihr Gewissen geopfert«. 
(S. 124.) Noch viel weiter jedoch geht R. H.Bartsch in seinem 
Roman »Elisabeth Kött«. Zur Heldin sagt Wigram: »Fühlst 
du, wie sie (die Lady) vor alles, was sie sagt, nicht Gäule 
genug spannen kann, ihren schweren und unbeweglichen Ge- 
mahl mit fortzureißen?« In der Nachtwandlerszene käme 
»die ganze Zerbrochenheit dieses armen, überlasteten Herzens 
in der Qual des Traumwandeins zum Ausbruch.« Am Schlüsse 
faßt er sein Urteil zusammen: »Wenn eine auf Erden ein 
armes, schwaches Weib ist, so ist es diese Überhexe, die den 
einen Mann so sehr liebt, daß sie alle seine Fehler und 
Schwächen bewundernswert studiert hat, um mit ihrem be- 
benden Körper die Lücken zu decken. Suche das Weib aus 
ihrer Rolle!« 

Was ist nun an diesen Anschauungen wahr? Da der 
Dichter seit drei Jahrhunderten tot ist und keine Silbe über 
die Lady, außer im Texte der Tragödie, hinterließ, so bleibt 
uns meines Erachtens nichts übrig, als uns an diesen letz- 
tern zu halten. Höchstens könnte man noch die Chronik 
Holinshed's heranziehen, der Shakespeare so häufig verbo tenus 
folgte. Nach dieser war die Lady außerordentlich ehrgeizig 
und, wenn sie Macbeth beständig anlag, Duncan zu ermorden, 
so geschah es einzig, weil sie »in unauslöschlichem Wunsche 
entbrannte, den Namen einer Königin zu tragen«. Von Liebes- 
empfindungen für den Gatten, oder daß sie nur um seinet- 
willen die Krone begehrte, ist nicht mit einer Silbe die 
Rede. Nun ließe sich dagegen immerhin einwenden: sowie 
Shakespeare vielfach über seine Quelle hinausging, z. B. die 
Nachtwandlerszene schuf ohne jedes Vorbild, so könnte er 
ebensogut der Lady Züge verliehen haben, von welchen die 
Quelle gar nichts sagte. Gewiß, a priori wäre die Sache sehr wohl 
denkbar. Nur müßte das aus dem Texte des Trauerspiels 
deutlich hervorgehen. Was aber sagt dieser? So aufmerksam 
ich seine Verse las, ich war nicht im stände, ein einziges 
wirkliches, nicht interpoliertes Liebeswort der Lady zu fin- 
den. Das fällt bei dem Dichter von »Romeo und Julie« dop- 
pelt ins Gewicht. Wer der Liebe solche Worte zu leihen 
vermag, hätte wohl auch in »Macbeth« nicht völlig versagt, 



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156 ÜBER NACHTWANDELN 

wenn die Lady ein liebendes Weib sein sollte. In deren Re- 
den kann man alles finden, Mahnen, Bitten und Beschwören, 
Schelten und Drohen, Zorn, ja fast Schimpf, doch nicht einen 
einzigen Naturlaut der Liebe • Das wirkt um so greller, als 
ihr der Gatte meist als ein wirklich Liebender naht, genauer 
gesagt bis zur Ermordung Banquos. Sie aber wird warm, 
nur wo es die Erreichung ihres Zieles gilt, der Ehrgeiz also 
Befriedigung heischt. Dem Gatten ist sie stets nur die 
:^teure Genossin seiner Hoheit«, wie er einmal treffend an sie 
schreibt. Daß der stets übermotivierende Shakespeare auf der 
Höhe seines Könnens alle Liebesregungen, das angeblich Ent- 
scheidende ihres ganzen Charakters, bis zur Unkenntlichkeit 
verschleiert haben sollte, ist wohl ausgeschlossen. Die Wahr- 
heit ist einfach, daß die Lady gar kein liebendes Weib ist, 
sondern bloß ehrgeizig, wie bereits in der Chronik. Ich ver- 
mute, die Autoren, welche in ihr durchaus die liebende Gat- 
tin erblicken, handeln aus eigenen Komplexen heraus, aus 
den Wünschen des eigenen Unbewußten. Ein Bartsch z. B. 
kann sich das Weib kaum anders denken, als liebevoll in 
dem Mann aufgehend. 

Mir macht die Lady in ihrem Verhalten dem oft förm- 
lich werbenden Gatten gegenüber den Eindruck einer natura 
frigida, d. h. einer geschlechtlich kalten Frau. Nimmt man 
ihr fürchterliches Wort dazu, sie könnte die Brust ihrem 
eigenen, saugenden Kinde entreißen und sein Hirn zer- 
schmettern, so scheint auch die Mutterliebe in ihr nie stark 
gewesen, vielmehr, was sie an Empfindung besaß, in leiden- 
schaftlichen Ehrgeiz umgewandelt. Nun lehrt die psychoana- 
lytische Erfahrung, daß, wenn ein Weib dem sympathischen 
und potenten Manne gegenüber geschlechtlich kalt bleibt, 
dies zurückgeht auf eine frühzeitige Verlötung mit einem 
verpönten, weil inzestuösen Sexualobjekte. Solche Frauen 
haben fast immer von zartester Kindheit ab ihren Vater 
oder Bruder über alles geliebt und kommen von diesem Ur- 
geliebten zeitlebens nicht los. Sind sie in der Pubertät ge- 
nötigt, jene als Sexualobjekte auszuschalten, so halten sie 
trotzdem im Unbewußten an ihnen fest und werden unfähig, 
auf einen andern Mann zu übertragen. Es liegt sehr nahe. 



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UND MONDSUCHT. 157 



auch bei Lady Macbeth an diese unlösliche Verkettung zu 
denken. Ja, einzelne Züge in der Nachtwandlerszene scheinen 
direkt für ein verdrängtes Sexualleben zu sprechen. 

Seitdem der Gatte sie verlassen, der Eheverkehr also 
unterbrochen^), wandelt Lady Macbeth nächtlicher Weile, 
in der Hand eine angezündete Kerze, die über ihren aus- 
drücklichen Befehl stets neben ihrem Bette brennen muß, imd 
zwar erst jetzt, sonst würde die Kammerfrau es nicht so be- 
tonen. Die Kerze in der Hand, das ist nun ein Zug, den wir 
bisher in keinem unserer Fälle trafen und der, wie ein Blick 
in die Literatur mich belehrt, nichts weniger als häufig beim 
Nachtwandeln zu finden. Daß Shakespeare just diesen Zug 
erfand, der eigentlich atypisch ist, darf kaum als bloßer 
Zufall gelten. Viel eher wäre man geneigt, darin einen heim- 
lichen, versteckten Sinn zu wittern. Da drängt sich sofort 
eine Beziehung auf. Wir wissen ja aus der Kinderge« 
schichte sovieler Menschen, daß ein zärtlich besorgter Eltern- 
teil, der Vater oder die Mutter, sich gern mit der Kerze in 
der Hand von dem Schlafe des Kindes überzeugt.') Da hätten 
wir einerseits eine Motivierung des Schlafwandelns überhaupt, 
daß man nämlich den liebenden Eltemteil spielt, wie ander- 
seits des angezündeten Lichtes. Das letztere hat aber noch 
einen sexualsymbolischen Sinn, der ganz typisch ist und re- 
gelmäßig wieder zu finden. Die brennende Kerze steht näm- 
lich immer nur für eins und bedeutet in Träumen wie in 
Märchen, Folklore und Sage ausnahmslos das Gleiche: den 
erigierten Phallus. Jetzt wird durchsichtig, warum die Lady, 
nachdem ihr Gatte in den Krieg gezogen, eine angesteckte 
Kerze stets neben ihrem Bette brennen läßt und warum sie 
mit dieser in der Hand dann nächtlich herumgeistert. Eine 
zweite unverkennbar geschlechtliche Beziehung enthält der 
Schluß der Nachtwandlerrede. Hier wiederholt sie nicht 
weniger als fünfmal die Aufforderung »Zu Bett!« an ihren 
Gatten, während in der korrespondierenden Mordszene (IL, 1) 



') Das ist als unmittelbar auslösendes Moment nicht ohne Bedeutung, 
wenn anoh natürlich nicht die wahre Ursache ihres Nachtwandeins. 

*) Eine x weite noch wichtigere HotiTiening des Däehtlichen Besuches 
werde lob später auszuführen haben. 



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168 ÜBER NACHTWANDELN 

es einfach heißt : »Eilen wir in unsere Kammer. Ein wenig 
Wasser reint uns von der Tat.« Die weitere Wendung: 
»Komm, komm, komm, komm, gib mir die Hand!« klingt 
wieder durchaus infantil. So redet man zu einem Kinde, doch 
kaum zu Erwachsenen. Es sieht so aus, als nehme sie Vater 
oder Mutter bei der Hand und heiße sie zu Bett zu gehen. 
Man erkennt bereits an dieser Stelle, auch das scheinbar 
atypische Nachtwandeln der Lady führt ungezwungen ins 
Sexuelle und Infantile. 

Jetzt wird es nicht schwer zu erraten sein, auf wen 
die unterdrückten, weil stark verpönten sexuellen Wünsche 
der Lady gehn. Eine Person der Kindheit, die später zum 
Sexualobjekt untauglich wird, aber doch die Liebesüber- 
tragung auf den Mann für alle Zukunft hindert, ein Mensch, 
der, die brennende Kerze in der Hand, sie zum Schlafengehen 
auffordert, wer könnte das wohl anders sein, als der eigene 
Vater, der Urgeliebte jedes kleinen Mädchens? Es ist eine 
ganz alltägliche Erfahrung, die für jedermann gilt, für ge- 
sunde wie später erkrankende Menschen, daß die in Wirk- 
lichkeit erste Liebe, welche schon ganz deutlich die Züge 
sinnlicher Beteiligung trägt, den frühesten Kinderjahren an- 
gehört und daß ihre Objekte keine andern sind als die 
eigenen Eltern, in zweiter Linie die eigenen Geschwister. 
Hiebei macht sich auch im Verhältnis der Aszendenten zu 
den Nachkommen und vice versa die polare Anziehung der 
Geschlechter geltend, des Mannes für das Weib, des Weibes 
für den Mann. »Ein natürlicher Zug«, sagt Freud in der 
»Traumdeutung«, »sorgt dafür, daß der Mann die kleinen 
Töchter verzärtelt, die Frau den Söhnen die Stange hält, 
während beide, wo der Zauber des Geschlechts ihr Urteil 
nicht verstört, mit Strenge für die Erziehung der Kleinen 
wirken ! Das Kind bemerkt die Bevorzugung sehr wohl und lehnt 
sich gegen den Teil des Elternpaares auf, der sich ihr wider- 
setzt ... So folgt es dem eigenen sexuellen Triebe und erneuert 
gleichzeitig die von den Eltern ausgehende Anregung, wenn es 
die Wahl zwischen den Eltern in gleichem Sinne wie diese trifft.« 

Hier wollen wir zwei Momente festhalten, die uns noch 
später beschäftigen werden: die Verliebtheit in den anders- 



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UND MONDSUCHT. 159 



geschlechtlichen Elternteil und dann die Auflehnung wider 
den gleichgeschlechtlichen. Der Liebe entspricht, daß jeg- 
liches Kind im Stande der Unschuld den ersteren immer 
»heiraten« möchte. So danke ich der Mitteilung eines Kollegen 
folgenden Dialog zwischen ihm und seinem fünfjährigen 
Töchterlein. Sie beginnt: »Ich will heiraten«. — »Wen 
denn?« — »Dich, Papa«. — »Ich habe ja schon eine Frau«. 
— »Dann hast du halt zwei Frauen«. — »Das geht nicht«. — 
»Also gut, dann wähle ich mir einen Mann, der so lieb ist wie 
du.« Und Freud berichtet: »Ein achtjähriges Mädchen 
meiner Bekanntschaft benützt die Gelegenheit, wenn die 
Mutter vom Tische abberufen wird, um sich als Nach- 
folgerin zu proklamieren. ,Jetzt will ich die Mama sein. Karl, 
willst du noch Gemüse? Nimm doch, ich bitte dich' u. s. w. 
Ein besonders begabtes und lebhaftes Mädchen von noch 
nicht vier Jahren äußert direkt: ,Jetzt kann das Muatterl 
einmal fortgehn, dann muß das Vaterl mich heiraten und 
ich will seine Frau sein'.« 

Nun brauchen wir nur eine kleine Erfahrung hier an- 
zufügen, um sofoi't einen weiten Ausblick zu gewinnen. Die 
Deutung der Träume, Märchen und Mythen belehren uns 
gleichmäßig, daß die Phantasie des Kindes, wie die aller Völker 
in ihrer Urzeit, Vater und König oder Kaiser identifizieren. 
Natürlich ist dann die Frau des Vaters gleichbedeutend mit 
Königin. Wenden wir diese Erfahrungstatsache, die immer 
wieder zu belegen ist, nunmehr auf die Lady Macbeth an, 
dann wird uns mit eins ihr Ehrgeiz durchsichtig. Ich behaup- 
tete oben, ihre geschlechtliche Unempfindlichkeit gegen den 
Gatten rühre daher, daß sie den Vater zu sehr geliebt habe 
und darum von diesem nicht loskommen könne. Ihre Sexua- 
lität habe sich in Ehrgeiz umgesetzt, und zwar in den Ehrgeiz 
— Königin zu werden,^) mit anderen Worten : Frau des Vaters. 
So kann sie das Kindheitsideal festhalten und den verpönten 
Inzest realisieren. Die Intensität, mit der sie ihr Lebensziel 



^) Das betont auch Holinsheds Chronik mit Nachdruck: »Sie .... ent- 
brannte in dem unauslöschlichen Wunsche, den Namen einer Könij?in 
zu tragen. T 



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160 ÜBER NACHTWANDELN 

verfolgt, erklärt sich dann durch die mächtige Heizkraft 
ihrer geschlechtlichen Wünsche. 

Auch bei Shakespeare fällt König und Vater zusammen. 
Das beweist ein Ausspruch der Lady Macbeth, als sie sich 
anschickt, Duncan zu ermorden. »Hätf er nicht geglichen 
meinem Vater, wie er schlief, so hätt' ich's selbst getan.« 
Diese physische Ähnlichkeit bedeutet, wie wir aus vielen 
analogen Beispielen wissen, Identität der Personen. Der König 
gleicht dem Vater darum, weil er eben für ihren Erzeuger 
steht. Noch ein weiterer Pimkt läßt sich von ihrem Vater- 
komplex her gut erklären. Schon die Chronik spricht von 
dem außerordentlichen Ehrgeiz der Lady. Nun ist uns aus 
der Neurosenpsychologie bekannt, daß brennender Ehrgeiz in 
späteren Jahren Reaktionsbildung darstellt auf kindliches 
Bettnässen. Bei solchen Kindern aber ist es Regel, daß sie vom 
Vater oder Mutter zur Nachtzeit auf den Topf gesetzt werden. 
Bei der so häufigen Identifikation mit geliebten Personen be- 
greifen wir jetzt gut auch von anderer Seite, warum die Lady 
just mit der Kerze in der Hand nachtwandelt. Auch hier tritt 
wieder die Rückkehr ins Infantil-Erotische deutlich zu Tage. 

Nun zu den Gründen ihres Zusammenbruchs. Solange die 
Lady nur für das kindliche Lebensziel kämpft, ist sie ein un- 
erschütterlicher Fels im Sturm der Gefahren. Vor keiner Un- 
tat scheut sie zurück und keinem Verbrechen, um Königin zu 
werden an der Seite ihres Gatten. Als sie aber allmählich 
merken muß, ihr Gatte werde Zufriedenheit sich nimmer er- 
jagen, er komme über den Königs-Vatermord nicht hinweg, 
nie werde sich ihre Hoffnung erfüllen, in ruhigem Genuß an 
der Seite ihres Vaters zu leben, da läßt auch ihre Spannkraft 
nach, bis schließlich die Seele zusammenbricht. Wie sagt sie 
nur aus Anlaß der ersten Enttäuschung nach Duncans Tod: 

»Nichts ist gewonnen, alles ist dahin, 

Stehn wir am Ziel mit unzufriedenem Sinn; 

Viel sichrer, das zu sein, was wir zerstört, 

Ward durch Zerstönmg schwankend Glück gewährt.« 

Jetzt rächt sich das bisher glücklich imterdrückte Unbewußte, 
jetzt erwacht das Gewissen, und als vollends der Gatte von 



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UND MONDSUCHT. 161 



ihr geht, beginnt sie zu wandeln, d. h. die Rückkehr zum 
kindlichen Ideal zu suchen. Im Wandeln spielt sie dann selber 
den Vater, der einst mit der brennenden Kerze nahte, ihr 
schließlich zurief: »Komm, komm, komm, komm, gib mir die 
Hand!« und sie zu Bette gehen hieß. 

Warum aber kommt der grausame Macbeth nicht über 
den Königsmord hinweg wie in der Geschichte? Hier, glaube 
ich, müssen wir noch tiefer zurückgehen, als auf die Chronik, 
und zwar auf den Schöpfer der Tragödie selbst. Es gibt einen 
wichtigen Wendepunkt im Dasein Shakespeares, wo nach der 
Biographie von Georg Brandes »die Lustigkeit, ja selbst die 
Lebensfreude in seinem Gemüte erlischt. Schwere Wolken 
haben sich über seinen Horizont gelagert, wir wissen nicht 
genau, woher sie kamen. Nagender Kummer und Täuschungen 
haben sich in seinem Innern angesammelt. Wir sehen seine 
Schwermut wachsen und sich ausdehnen ; wir können die 
wechselnden Wirkungen dieser Schwermut beobachten, ohne 
ihre Ursachen bestimmt zu erkennen. Nur dies empfinden 
wir, daß der Schauplatz, den er mit dem Auge seiner Seele 
sieht, nun schwarz ausgeschlagen ist, gerade wie der äußere 
Schauplatz, den er benutzt. Über beide hat sich ein Traum- 
schleier herabgesenkt. Er schreibt keine Lustspiele mehr, 
sondern läßt einen Schwärm von schwarzen Tragödien auf 
die Bühne herabfahren, die noch vor kurzem von dem Geläch- 
ter seiner Rosalinden und Beatricen widerhallte.« Dieser Wende- 
punkt liegt um 1 601 , in welchem Jahre Graf E s s e x und Shake- 
speares spezieller Gönner Lord Southampton wegen 
einer Verschwörung gegen das Leben derKönigin 
zumTode verdammt wurden. Diö Wehmut über deren Schicksal 
soll nach Brandes einer der ursprünglichen Gründe zu des 
Dichters beginnender Melancholie gewesen sein. Vielleicht noch 
nachhaltiger wirkte der wenige Monde später erfolgende Tod 
von Shakespeares Vater mit allen Ei*innenmgen, die er wach- 
rief. Die Dramen, welche der Dichter um jene Zeit verfaßte, 
Julius Cäsar, Hamlet und Macbeth, haben ein Gemeinsames, 
sie drehen sich sämtlich um den Vatermord. Im »Caesar« er- 
mordet Brutus seinen väterlichen Freund, den Geliebten seiner 
Mutter (»Auch du, mein Sohn Binitus?«); Hamlet scheitert 

Sadger, Ober NacbtwandelD und Mondsucht. H 

f^nonl^ Orrginaffnonn 

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162 ÜBER NACHTWANDELN 



an der Aufgabe, den Mord seines Vaters am Oheim zu rächen, 
weil dieser, wie Freud in seiner »Traumdeutung* ausführt, 
im Grunde genommen nichts anderes getan, als was Hamlet 
in seiner Kindheil gewünscht, aber auszuführen sich nicht ge- 
traut hatte ; und Macbeth endlich geht in letzter Wurzel an 
dem Königs-, also Vatermord zu Grunde, dessen Folgen er 
gar nie überwindet. Halten wir dies stets von neuem variierte 
Thema des Vatermordes zusammen mit seinen unmittelbar aus- 
lösenden Ursachen, dem wirklichen Tod von Shakespeares 
Vater und der Verschwörung Southamptons gegen die herr- 
schende Gewalt im Staate, so liegt die Annahme nicht mehr 
fern, daß damals bei unserem Dichter selber die kindlichen 
Todeswünsche auf seinen Vater zu neuer Erinnerung erwachten 
und nun in einer Reihe gewaltiger Dramen nach außen pro- 
jiziert wurden. 

Vielleicht wird der Leser, der mir bisher mehr oder 
minder folgte, hier empört auffahren: Wie darf man an- 
nehmen, daß ein Genius wie Shakespeare seinen Vater 
habe ermorden wollen, wenn auch nur in Phantasien der 
Kindheit? Dieser scheinbar so berechtigten Entrüstung kann 
ich nur entgegnen, daß, was ich hier von Shakespeare 
voraussetze, im Grunde allgemein menschlich ist und keinem 
Knaben fehlt. Gehen wir zum Beweis von unserer früheren 
Erkenntnis aus, daß die erste, auch schon sinnlich gefärbte 
Neigung jedwedes Kind dem andersgeschlechtlichen Elternteil 
gehört, die Liebe des Mädchens seinem Vater, die Neigung 
des Knaben seiner Mutter, während das Kind sich wider den 
gleichgeschlechtlichen Elternteil auflehnt, der es bloß streng 
gerecht erzieht, doch nicht liebend verzärtelt. Den verzär- 
telnden möchte es am liebsten ^heiraten^, wie wir oben hörten, 
wobei der andere als störender Mitbewerber empfunden wird. 
> Wenn der kleine Knabe*, sagt Freud in der »Traumdeutung«, 
neben der Mutter schlafen darf, sobald der Vater verreist 
ist, und nach dessen Rückkehr ins Kinderzimmer zurück muß 
zu einer Person, die ihm weit weniger gefällt, so mag sich 
leicht der Wunsch bei ihm gestalten, daß der Vater immer 
abwesend sein möge, damit er seinen Platz bei der lieben, 
schönen Mama behalten kann, und oin Mittel zur Erreichung 



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UND MONDSUCHT. 168 



dieses Wunsches ist es offenbar, wenn der Vater tot ist, denn 
das eine hat ihn seine Erfahrung gelehrt: ,Tote' Leute, wie 
der Großpapa z. B. sind immer abwesend, kommen nie 
wieder.« 

Doch wieso kommt ein Kind zu der Höhe der Schlech- 
tigkeit, seinen Eltern gleich den Tod zu wünschen? Darauf 
ist zu antworten, »daß die Vorstellung des Kindes vom , Tot- 
sein* mit der unsrigen das Wort und dann nur noch wenig 
anderes gemein hat. Das Kind weiß nichts von den Greueln 
der Verwesung, vom Frieren im kalten Grabe, vom Schrecken 
des endlosen Nichts, die Furcht vor dem Tode ist ihm fremd, 
drum spielt es mit dem gräßlichen Worte . . • Gestorben sein 
heißt für das Kind, welchem ja überdies die Szenen des Leidens 
vor dem Tode zu sehen eri^part wird, so viel als ,fort sein', 
die Überlebenden nicht mehr stören. Es unterscheidet nicht 
auf welche Art diese Abwesenheit zu stände kommt, ob durch 
Verreisen, Entfremdung oder Tod. Wenn es also Motive hat, 
die Abwesenheit eines anderen zu wünschen, so mangelt ihm 
jede Abhaltimg, diesen Wunsch in die Form zu kleiden, jener 
möge tot sein (,Traumdeutung*).« Auf den Fall Shakespeare 
angewendet, steht zu vermuten, daß auch dieser größte aller 
Dramatiker in der Kindheit wiederholt seinem Vater den Tod 
wünschte, was dann bei dessen wirklichem Ableben ihm er=^ 
schütternd aufs Neue ins Bewußtsein trat und den Anstoß gab zu 
den Dramen mit dem Thema : Vatermord. Auch des Vaters 
Beruf, der nicht bloß Gerber, sondern auch Schlächter war, 
also Tiere mit dem Messer abschlachtete, mag die Art der 
Todeswünsche beeinflußt haben, wie deren spätere Auferstehung 
in den großen Dramen. 

Die bösen Gedanken wider den Vater schließen aber in 
der Kinderseele keineswegs aus, daß gleichzeitig mit ihnen 
auch zärtliche Regimgen, Gefühle heißester Liebe bestehen. 
Ja, dies ist nach aller Erfahrung die Regel und auch bei 
Shakespeare zu belegen. Diese andere Seite seines kind- 
lichen Fühlens führt nämlich zu dem gewaltigen Ehrgeiz, den 
wir als Hauptzug bei Macbeth und der Lady finden, wie in 
Wirklichkeit bei — dem Dichter selber. Wir wissen, daß der 
Vater des letzteren in dessen Jugend ganz herunterkam. Er 

f^nonl^ Orrginaffnonn 

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164 



ÜBER ETACHTWANDELN 



hatte meht bloß alles verloren, was er selber besaB, die Mit- 
gift seiner Frau und seine Stellung als Ratsherr, sondeni 
steckte auch derart tief in Schulden, daß er jederzeit gewär- 
tigen mußte, verhaftet zu werden. Und nunmehr lasse ich 
Brandes das Wort: »Der Gegenstand für Shakespeares 
Yerlaogen war in erster Reihe weder Dichterruf ooch Ansehen 
als Schauspieler, sondern Wohlstand, und zwar hauptsächlich 
als Mittel zu sozialer Beförderung. Der Rückgang seines 
Vaters an Vermögen und bürgerlicher Achtung war ihm sehr 
zu Herzen gegangen; von seinen Jünglingsjahren an hatte er 
leidenschaftlich das Ziel vor Augen behalten, den Namen 
und das Ansehen seiner Familie wieder aufzurichten . . . Sein 
Vater hatte nicht gewagt, über die Straße zu gehen, weil er 
befürchtete, Schulden halber verhaftet zu werden* Er selber 
war als Jüngling auf Befehl des Gutsbesitzers gepeitscht und 
ins Loch geworfen worden. Die kleine Stadt, die Zeuge 
dieser Demütigungen gewesen war, sollte Zeuge seiner Ehren- 
rettuug sein. Wo man von ihm als dem zweifelhaft bekannten 
Schauspieler und Schauspieldichter hatte sprechen hören, da 
sollte man ihn als geachteten Haus- und Grundbesitzer wieder- 
sehen. Und dort und anderswo sollten die Leute, die ihn 
zum Proletariat gerechnet hatten, ihn als Gentleman, d, h, 
als Mitglied des niederen Adels kennen lernen . . * Im Jahre 
1596 reicht sein Vater, augenscheinlich auf seine Veranlaaaung 
und durch seine Unterstützung, bei Heraids College ein Gesuch 
um Erteilung eines Wappenschildes ein* Die Erteilung des 
Wappens bedeutet die feierliche Aufnahme in The gentry.« 
Hieß also der Ehrgeiz des kleinen Kindes, so groA^* '^^verden 
wie der Vater, so später des Mannes, di»» ,^ ^ ^ttk zu 
erhöhen, ihn zum König zu machen 
und höchstpersönlich das Thema 
speare anging. f 

Ehe ich daran gehe^ noch ^ 
was von rein persönlichem Ej * ' 
Handlung dea »Macbeth« hineiniM - 
einer Technik gedacht, die dem h 
eigen. Wir haben erfahren, dafl Sk-» 
nen Komplexe in seine Tragödien hint g / 



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UKD MONBSÜCHT. 



ie5 



die keineswegs einfach Bind, sondern belBpielöweise neben dem 
Haß auch ebensogroße Liebe aufweisen p also gegensätzliche 
Elemente. Wie sein Empfinden zwiespältig ist, so zerlegt er 
auch gern dessen dramatische Projektion in zwei Gestalten, 
die zu einander in Oegensatz stehen. Er spaltet sein Ich in 
iwei Personen, deren jede nur einer Einzelregung seines 
Fühlens entspricht Das ist eine Erfahrung, die durchaus 
nicht erst von psychoanalytischer Seite gemacht wurde. So 
schreibt z. B. M i n o r in seinem Schillerbuch: »Erst im 
Verein mit Carlos umfaßt Posa Schillers ganzes Wesen, 
die wilde Leidenschaft des einen ist der Ausdruck der sinn- 
lichen Seite^ die erhabene Begeisterung des andern der Aus- 
druck der stoischen Seite seiner Natur * , , Diese Gestalt hat 
Schiller nicht nach der Natur gezeichnet; nicht von außen 
ist aie ihm gekommen, sondern tief aus seinem Innern hat er 
die heraufgeholte Und ähnlich Otto Ludwig: »Qoethe 
zerlegt oft einen Menschen in zwei poetische Gestalten , 
Faust — Mephieto, Clavigo — Carlos.« 

Wenden wir diese Erkenntnis nun auf Shakespeare 
an, 8o liegt auf der Hand, daß er die Empfindungen seines 
Ichs sowohl in Macbeth als dessen Gattin hineinprojizierte, 
was allerlei wichtige Vorteile bot. Wir haben die Lady bis- 
her nur als eine dramatische Vollgestalt genommen, was sie 
ja in erster Linie auch ist. Daneben jedoch entspricht sie 
sicherlich einer Abspaltung von Shakespeares Emp- 
finden, indem der Dichter seine ehrgeizig^grausamen Triebe 
in ihr verkörperte. Er hat nämlich ihre bereits ron der 
Chronik gebotene Gestalt zu eigener Entschuldigung aus- 
gebaut. Wie oben schon festgelegt, ist Macbeth in den ersten 

der grausame Wüterich Holins- 

'"^eiz weit hinter seiner Gattin 

iter, der durchsichtig 

icken wollen : ich 

und hätte ihn sicher 

tch nicht von 

ja trotz aller 

nicht weiter 

Da die 



Origfnal fromi 
UNIVERSITYOFMICHI 




166 ÜBER NACHTWANDELN 

letzte Ursache jedes Yateihasses die Rivalität bei der Mutter 
ist, würde also diese^ durch Lady Macbeth repräsentiert, den 
kindlichen Shakespeare in seiner Phantasie zur Beseitigung 
des Vaters aufgefordert haben. Hier zweigt eine weitere 
Fährte ab für den Noktambulismus* Dachten wir bisher nur 
an den Vater, welcher bei Nacht zum Kinde kommt, so scheint 
jetzt die noktambule Lady auch Shakespeares Mutter zu 
repräsentieren, welche sich mit der Kerze in der Hand vom 
gesunden Schlaf ihres Lieblings überzeugt.^) 

Man darf sich nicht wundern, daß ich von ein und der- 
selben Sache mehrere scheinbar so grundverschiedene Deutun- 
gen gebe. Gibt es doch nichts Komplizierteres auf Erden, als 
psychische Dinge, zu denen ja auch das Dichterschaffen zählt. 
Die seelischen Phänomene sind nämlich aller Erfahrung gemäß 
nie einfach gebaut und einfach begründet, sondern immer 
vielfach zusanmiengesetzt. Wer da tiefer eindringt, entdeckt 
hinter jeder psychischen Äußerung ausnahmslos eine Fülle 
von Beziehungen und Überdeterminierungen. Wir sind von 
der Naturwissenschaft her an einfache Motivierungen gewöhnt : 
hie Ursache, hie Wirkung. Das ist im seelischen Leben ganz 
anders. Nur die Oberfläcbenpsychologie gibt sich nüt ein- 
zigen Ursachen zufrieden. Li den allermeisten Fällen, ja 
wahrscheinlich in allen wird eine so vielfache Verkettung von 
Umständen, näher liegenden und femer verknüpften, im Spiele 
sein — das beweist zumal die Analyse des Traumes — daß 
man kaum je ein Recht zu der Behauptung hat, ein seelfschea 
Phänomen sei restlos aufgeklärt. Fast immer kann man mit 
Fug annehmen, daB mehrere, ja vielfache Deutungen richtig. 
Am besten ist wohl, man denkt an einen schiebt weisen Aufbau. 
In der oberflächlichsten liegt die offenkundigste Erklärung, 
in der zweiten eine schon etwas verstecktere, in noch tieferen 

*) Das Zurückgehen auf SUakespearea eigen^g Leben gibt wettere 
B^Ieuchtuug und B«grüudung für der Ladj Verhalten in der Nachtwandler- 
azene. VieUeicbt hat ein Leser Bchon beimlich gedacht i Bei der Tochter eines 
ThaD& kommt Jene kleinbürgerliche Eltern-Zärtlidikeit döoh kauniin ß' 
Dagegen ist zu sagen^ daß Shakespeare öfterSj z. B. in der Darstellung 
Szenen sein eigenes Gegenwarta-Milieu ganz skrnpe!l«x^ flit Btf^llr« dee 
riaehen aet£t«. Und es wäre nach dem Dbig^ti 
er Ermnerungeu aus der Stratf orter Küiääai^^a^^T uimy 



3yGoa<il 



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Origins) f rom 

UNIVERSITYOF MICHIGAN 



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Lagen weitere und entferntere Beziehungen und alle sind an 
dem Phänomen mehr weniger beteil igt ^ dasselbe mehr minder 
gut motivierend. 

Kehren wir nunmehr zu Shakespeare zurück, so muß 
man die schwere Depression borücksiehtigen, der er just 
damals unterlag, als er seine grüßten Tragödien schuf. Scheint 
es da gar zu kühn^ anzunehmen, daß der seelisch so Auf- 
gewühlte und Niedergedrückte auch an schlechtem Schlafe 
gelitten habe, ja möglicherweise — wir wissen ja so wenig 
aus seinem Leben — an Noktambulismuä? Drohte aber das 
Persönliche gar zu sehr hindurchzublieken, dann griff der 
Dichter^ wie wir au£ vielfachen Proben wissen^ stets zur Ver- 
drängung,^) Einer aolehen Verdrängung anzukerben^ dünkt 



') Ein sclK^nes und überzeugendes Beispiel toq solcher Vordrangung 
«rbringt Ouo Hank in seinem Buche : >Dae Inzest-MDlir in Dichtung und 
Sage«. £i i lammt aus einem zweiten Konigsmorddrama, dem ^Julius Cüsar^« 
leb aetxe die Worte des Auton» lier: Was unerer ganzen Auffassung und Aus- 
deutung des SohnesyeHialtnissea von Brutus zu CBsar eine erhöhte Bedeutung 
und zugleich eine unumstoBliche Beweiskraft Terleilit, ist der Umstand, daä 
In der historischen Quelle^ die Shakespeare erwiesenermaßen benützte 
und der er fast wörtlich folgte, nimlicta bei Flutarch, darauf hingewiesen ist, 
daB Cisar den Brutus für seinen au&erebelichan Sohn gehalten 
habe. In diesem Sinne ist Ja auch der 3sum Schlagwort gewordene Ausruf 
Cäsars 2U t erste ben, den er wieder Jiolt ausgestoflen haben aoil^ als Gr den 
Brutus mit geducktem Schwert auf seinen Leib eindringen sah : »Auch du^ mein 
Sobn Brutus!« Bei Shakespeare ruft der Terwundete Cäsar nur aus; »Brutus, 
auch Du T ~ So falJe Cäsar«. Dieses Shakespeare unzweifelhaft be- 
kannte Sohnesverh Aitnis des Brutus tu Cäsar hat also der 
Dicbtar bei der Ausarbeitung aus den überlieferten Quellen 
weggelassen. Nicht nur die Modifikationen, die der Dichter an den 
historisch überlieferten Yerhältnißsen und Charaktern oder an der Auffassung 
seines Vorgängtrs roruimmt, sind p^jchlarh tief begründet ^ itondei^u aucb die 
Aualmungen aus den Quellen sind m [ diese entspringen einer Verdrängungs- 
tendeu gigeD die Äußerung peinlich wirkender und infolge Verdrängung 
f Cftbtmmlir Begttngf^n, wie «ü bei Shakespeare der stark affekfivo Vatcr- 
koinplex ünzweirelljiift war DaB dieser Vatorkomplex Shakespeares 
dramaiistihea Schaffen durcbiieht^ Ton seinem Erstlltig iTitus Androniku^ bis 
fast sum letiten seiner Sehauspii^le, hat Bank in der gleichen Arbeit dar- 
geüm. Hier, wo ich nur die Aufgabe habe, der Lady Naelitwandelu zu er- 
klären, kann leb auf diesen wichtigen Funkt nicht ausfnhrlieb eingehen, doeh 

"' rwältigende Füüp Ton Blicken in Banks 
^penres gewaltiger Vat^rkomplex i^t alao 



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UNIVERSi 



168 ÜBER NACHTWANDELN 

mich auch der bei Shakespeare ganz ungewöhnliche Mangel 
an Motivierung, just an dem kritischen Punkt des Nacht- 
wandelns. Wir dürfen vielleicht sagen : daß der Dichter das 
Wandeln der Lady Macbeth so wenig einleitete^ so wenig 
aus dem Früheren erfolgen ließ, rührt einfach daher, daß 
zuviel von allerpersönlichsten Beziehungen dahinter steckte, 
als daß er deutlicher werden durfte. Wie hatte nur die Lady 
unmittelbar nach der schrecklichen Tat des Königs-, also 
Vatermordes Macbeth getröstet : 

»Denkt ihr so tief nicht nach ... Ob solcher Tat muß 
Man so nicht brüten; sonst macht sie ims toll.« 

Das wird von Shakespeare gleichermaßen wie von seinem 
Helden gegolten haben. Und auch das von der Kammerfrau vei-- 
meldete Schreiben und Versiegeln der Briefe zu Anfang des 
Nachtwandeins sieht au6, als hätte sie ein Geheimnis, eine 
Beichte abzulegen — im Namen des Dichters. Und mich 
dünkt, auch zum Schluß, als das ewige Brüten über ihre Tat 
sie zum Selbstmord treibt, stirbt sie an Stelle ihres geistigen 
Schöpfers zu dessen eigner Selbstbestrafimg.^) 

Es blieben nur noch ein paar Punkte zu berühren und 
auszudeuten. Daß der Lady ausgesprochen sadistische Art 
zum Nachtwandeln stimmt, ja dazu disponiert, braucht keiner 
Ausführimg. Auch daß dies just in dem Momente ausbricht, 
da ihr Gatte fortzieht, d. h. ins Kindliche übersetzt: als 
Macbeth stirbt, in tieferer Schichte der eigene Vater, ist gut 
verständlich. Eher wäre erklärungsbedürftig, daß sie gleich 
nach der Tat mit Duncans Blute die Kämmerer zu färben 
keine Skrupel trägt und die Sache so leicht nimmt, im Spä- 
teren jedoch die Blutscheu nimmer los wird und stets ver- 
geblich ihre Hände rein zu waschen trachtet. Hier müssen 
wir neuerdings daran erinnern, daß die Lady einmal die 
wirkliche Gattin Macbeths darstellt, dann aber wieder den 



von mir nicht erst ad hoc herbeigezogen worden, um der Lady Nachtwandeln 
begreiflich zu machen, sondern einfach der Hauptkomplex unseres Dicbters, 
der zumal als Macbeth geschrieben wurde, im Vordergrund seines Empfliideiis 
stand. 

^) Ich erinnere nochmals, daß eigentlich sie es ist, die den Vater- 
charakter Duncans offenbart: >Hätt' er geglichen meinem Vater nicht . .« 



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UND HOKDStTGHT. 169 










si» 



pa^ 



Dichter selbst, und zwar in zweierlei Lebensepoclieii : sowohl 
den rücksichtslos strebenden Shakespeare, als den nieder« 
gebeugten, durch den Tod seines Vaters im Tiefsten erschüt- 
terten. Dem Knaben und wohl auch dem Jüngling S h a k e-^ 
Speere zu Beginn der Pubertät kamen Mordphantasien auf 
seinen Vater, und dennoch erkrankten beide nicht; der ge- 
reiftere aber, vom Leben Zermürbtere, den das wirkliche 
Sterben des Vatere traf, bricht unter der wuchtigen Tatsache 
zusammen. Dies erklärt in letzter Linie den Wandel in dem 
Verhalten der Lady Macbeth, 

Ich weiß nicht, wie weit mir der Leser zu folgen willens 
ist. Doch das eine glaube ich bewiesen zu haben, daß auch 
bei dem Nachtwandeln der Lady Macbeth das Erotische nicht 
mangelt und ebensowenig die Regression ins Infantile. 



SchluObetrachtiuigen nnd Resnm£. 



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I 

f Fassen wir nunmehr am Schlüsse dieses Buches alles 

tß zusammen, so läßt sich über Nachtwandeln und Mondsucht 

mit Sicherheit oder höchster Wahrscheinlichkeit Folgendes 
^ sagen : 

1. Das Nachtwandeln unter oder ohne Einfluß des Mon- 
des stellt einen motorischen Durchbnich des Unbewußten dar 
M und dient wie der Traum der Erfüllung heimlicher, verpönter 

M Wünschej zunächst der Gegenwart» hinter denen sich aber 

^ ganz regelmäßig kindliche bergen. Beide erwiesen sich In 



allen mehr oder weniger analysierten Fällen als sexuell- 
erotischer Art. 

1^ 2. Auch unverhüllt sich präsentierende Wünsche sind 

^ meist von der nämlichen Natur. Als Haupt wünsch dürfte 

anzusprechen sein, daß der Nachtwandler männlichen oder 
weiblichen Geschlechts zur geliebten Person ins Bett steigen 

^ will wie in der Kindheit, was zumal das Volk und die Dichter 

gut wissen* Doch muß das Liebesobjekt nicht unbedingt der 

pdi# Gegenwart angehören, es kann vielmehr auch ein solches der 

61* ersten Kindheit sein. 

3. Nicht selten kommt es beim Nachtwandeln zur Identi- 



^ fikation mit einer geliebten Person, ja bisweilen zieht man 



Original from 
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170 ÜBER NACHTWANDELN 

deren Wäsche oder Kleider an oder imitiert ihr Gebaren 
täuschend. 

4. Das Nachtwandeln kann auch ein infantiles Vorbild 
haben, indem sich die Kinder schlafend stellen, um die Mög- 
lichkeit zu haben, allerlei Verpöntes, namentlich sexueller Art, 
ganz straflos zu begehen, weil sie für das, was sie »bewußt- 
los, im Schlafe« tun, nicht zur Verantwortimg gezogen werden 
können. Das gleiche Motiv der Straflosigkeit regiert auch 
den envachsenen Nachtwandler, der sein Geschlechtsverlangen 
befriedigen will, doch ohne darum schuldig zu werden. Der 
nämliche Grund wirkt psychisch auch mit, wenn das Nacht- 
wandeln meist im allertiefsten Schlaf erfolgt, ob dafür auch 
freilich organische Ursachen entscheidend sein werden. 

5. Der motorische Durchbruch des Schlafes und der 
Bettruhe in Nachtwandeln und Mondsucht geht darauf zurück, 
daß sämtliche Nachtwandler eine erhöhte Muskelerregbarkeit 
und Muskelerotik aufzuweisen haben, deren endogene Reizung 
das Aufgeben der Bettruhe wettmachen kann. Dementspre- 
chend finden sich jene Phänomene besonders häufig in der 
Nachkommenschaft von Trinkern, Epileptikern, Sadisten und 
Hysterischen mit vorwiegender Beteiligung des motorischen 
Apparates. 

G. Nachtwandeln und Mondsucht sind an sich sowenig 
ein Symptom der Hysterie als der Epilepsie. Doch finden 
sie sich häufig mit ersterer vereint. 

7. Der Einfluß des Mondes auf den Lunatismus ist nur 
zum geringsten Teile bekannt, vornehmlich in seiner psychi- 
schen Überdeterminierung. So ist es wohl zweifellos, daß das 
himmlische Licht an das Licht in der Hand eines geliebten 
Elternteiles erinnert, der nächtlich in besorgter Liebe den 
Schlaf des Kindes kontrollierte. Mit dem Angerufenwerden 
durch diesen hängt wohl auch zusammen, daß nichts so prompt 
den Wandelnden weckt, als die Nennung seines Namens. Auch 
das Fixieren des Nachtgestirns hat möglicherweise erotische 
Färbung, sowie das Anstarren des Hypnotiseurs zur Erzielung 
der Hypnose. Andere psychische Überdeterminierungen schei- 
nen nur individuell zu gelten. Eine besondere Anziehungs- 
kraft des Mondes endlich, die den Mondsüchtigen förmlich 



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CHIGAN 



UND MONDSUCHT. 171 



aus dem Bette zwingen und zu größeren Spaziergängen ver- 
locken soll, kann möglicherweise tatsächlich bestehen, doch 
haben wir über diesen Punkt nicht einmal wissenschaftliche 
Hypothesen. 

8. Hingegen scheint die Möglichkeit vorhanden, durch 
die psychoanalytische Methode nach Freud Schlafwandeln 
und Mondsucht dauernd zu heilen. 

Ich weiß sehr wohl, daß diese Aufklärung, die ich heute 
biete, erst den Anfang eines Verständnisses bietet. Einer 
hoffentlich nicht allzu fernen Zukimft wird vorbehalten sein, 
ein volles Begreifen jener rätselhaften Phänomene zu geben. 



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