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Full text of "Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci"

f^rw-uili? Original from 

^ w ö lL UNIVERSITY" OF MICHIGAN 





Heilige Anna Sei hd ritt. 

N*cb dem ftemUd« im Loorff tu Pult. 



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Original from 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



SCHRIFTEN ZUR ANGEWANDTEN SEELENKUNDE 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. SIGM. FREUD 
SIEBENTES HEFT. 



EINE KINDHEITSERINNERUNG 
DES LEONARDO DA VINCI 



VON 



SIGM. FREUD 

IN WIEN. 



MIT EINEM TITELBILD 



LEIPZIG und WIEN 1910 

KRAUS REPRINT 

Nendeln/ Liechtenstein 

1970 



C^f\f\ci\i> Original frorn 

VjUU^K, UNIVERSITYOF MICHIGAN 






— fn. 



C^f\r^cs\i> Original frorn 

VjUU^IC UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Wenn die seelenärztliche Forschung, die sich sonst mit 
schwächlichem Menschenmaterial begnügt, an einen der Großen 
des Menschengeschlechtes herantritt, so folgt sie dabei nicht 
den Motiven, die ihr von den Laien so häufig zugeschoben 
werden. Sie strebt nicht danach, >das Strahlende zu schwärzen 
und das Erhabene in den Staub zu ziehen« ; es bereitet ihr 
keine Befriedigung, den Abstand zwischen jener Vollkommen- 
heit und der Unzulänglichkeit ihrer gewöhnlichen Objekte zu 
verringern. Sondern sie kann nicht anders, als alles des Ver- 
ständnisses wert finden, was sich an jenen Vorbildern erkennen 
läßt, und sie meint, es sei niemand so groß, daß es für ihn 
eine Schande wäre, den Gesetzen zu unterliegen, die normales 
und krankhaftes Tun mit gleicher Strenge beherrschen. 

Als einer der größten Männer der italienischen Re- 
naissance ist Leonardo da Vinci (1452 — 1519) schon von 
den Zeitgenossen bewundert worden und doch bereits ihnen 
rätselhaft erschienen, wie auch jetzt noch uns. Ein allseitiges 
Genie, »dessen Umrisse man nur ahnen kann, — nie ergrün- 
den,« 1 ) übte er den maßgebendsten Einfluß auf seine Zeit als 
Maler aus; erst uns blieb es vorbehalten, die Größe des Natur- 
forschers zu erkennen, der sich in ihm mit dem Künstler ver- 
band. Wenngleich er Meisterwerke der Malerei hinterlassen, 
während seine wissenschaftlichen Entdeckungen unveröffent- 
licht und unverwertet blieben, hat doch in seiner Entwicklung 
der Forscher den Künstler nie ganz frei gelassen, ihn oft- 
mals schwer beeinträchtigt und ihn vielleicht am Ende unter- 
drückt. Vasari legt ihm in seiner letzten Lebensstunde 

') Nach dein Worte J. Burckhardts, zitiert bei Alexandra Kon- 
stantinowa, Die Entwicklung des Madonnen typus bei Leonardo da 
Vinci, Straßburg 1907 (Zur Kunstgeschichte des Auslandes, Heft 54). 

Freud, Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. 1 



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EIKE KI2n)HEIT8ERI5NERrNG 



den Selbst Vorwurf in den Hund, daß er Gott und die Menschen 
beleidigt, indem er in seiner Kunst nicht seine Pflicht getan. 1 ) 
Und wenn auch diese Erzählung Vasaris weder die äußere 
noch viel innere Wahrscheinlichkeit für sich hat, sondern 
der Legende angehört, die sich um den geheimnisvollen 
Meister schon zu seinen Lebzeiten zu bilden begann, so 
verbleibt ihr doch als Zeugnis für das Urteil jener Menschen 
und jener Zeiten ein unbestreitbarer Wert. 

Was war es, was die Persönlichkeit Leonardos dem Ver- 
ständnis seiner Zeitgenossen entrückte? Gewiß nicht die Viel- 
seitigkeit seiner Anlagen und Kenntnisse, die ihm gestattete, 
sich am Hofe desLodovico Sforza, zubenannt il Moro, 
Herzogs von Mailand, als Lautenspieler auf einem von ihm 
neugeformten Instrumente einzuführen oder ihn jenen merk- 
würdigen Brief an eben denselben schreiben ließ, in dem er 
sich seiner Leistungen als Bau- und Kriegsingenieur berühmte. 
Denn an solche Vereinigung vielfältigen Könnens in einer 
Person waren die Zeiten der Renaissance wohl gewöhnt; 
allerdings war Leonardo selbst eines der glänzendsten Bei- 
spiele dafür. Auch gehörte er nicht jenem Typus genialer 
Menschen an, die, von der Natur äußerlich karg bedacht, 
ihrerseits keinen Wert auf die äußerlichen Formen des Lebens 
legen und in der schmerzlichen Verdüsterung ihrer Stimmung 
den Verkehr der Menschen fliehen. Er war vielmehr groß 
und ebenmäßig gewachsen, von vollendeter Schönheit des 
Gesichtes und von ungewöhnlicher Körperkraft, bezaubernd 
in den Formen seines Umgangs, ein Meister der Rede, 
heiter und liebenswürdig gegen alle; er liebte die Schön- 
heit auch an den Dingen, die ihm umgaben, trug gern 
prunkvolle Gewänder und schätzte jede Verfeinerung der 
Lebensführung. In einer für seine heitere Genußfähigkeit 
bedeutsamen Stelle des Traktats über Malerei 1 ) hat er die Malerei 

') »Egli per reverenza, rizzatosi a seJere sul letto, contando il mal 
suo e gli accidenti di qaello, mostrava tuttavia quanto aveva offeso Dio e 
gli uotnini del mondo, non avcndo operato neu* arte come si convenia.« 
Vasari, Vit« etc. LXXXII1. 1550—1584. 

*) Traktat von der Malerei, neu herausgegeben und eingeleitet von 
Marie Herzfeld, E. Diedericha, Jena 1909. 



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DES LEONARDO DA VINCI. 



mit ihren Schwesterkünsten verglichen und die Beschwerden 
der Arbeit des Bildhauers geschildert : »Da hat er das Ge- 
sicht ganz beschmiert und mit Marmorstaub eingepudert, so 
daß er wie ein Bäcker ausschaut, und ist mit kleinen Marmor- 
splittern über und über bedeckt, daß es aussieht, als hätte es 
ihm auf den Buckel geschneit, und seine Behausung, die ist 
voll Steinsplitter und Staub. Ganz das Gegenteil von alle 
diesem ist beim Maler der Fall, — . . . . denn der Maler 
sitzt mit großer Bequemlichkeit vor seinem Werke, wohlge- 
kleidet, und regt den ganz leichten Pinsel mit den anmutigen 
Farben. Mit Kleidern ist er geschmückt, wie es ihm gefällt. 
Und seine Behausung, die ist voll heiterer Malereien und 
glänzend reinlich. Oft hat er Gesellschaft, von Musik, oder 
von Vorlesern verschiedener schöner Werke, und das wird ohne 
Hammergedröhn oder sonstigen Lärm mit großem Vergnügen 
angehört.« 

Es ist ja sehr wohl möglich, daß die Vorstellung eines 
strahlend heiteren und genußfrohen Leonardo nur für die 
erste, längere Lebensperiode des Meisters recht hat. Von 
da an, als der Niedergang der Herrschaft des Lodovico Moro 
ihn zwang, Mailand, seinen Wirkungskreis und seine ge- 
sicherte Stellung zu verlassen, um ein unstetes, an äußeren 
Erfolgen wenig reiches Leben bis zum letzten Asyl in Frank- 
reich zu führen, mag der Glanz seiner Stimmung verblichen und 
mancher befremdliche Zug seines Wesens stärker hervorgetreten 
sein. Auch die mit den Jahren zunehmende Wendung seiner 
Interessen von seiner Kunst zur Wissenschaft mußte dazu 
beitragen, die Kluft zwischen seiner Person und seinen Zeit- 
genossen zu erweitern. Alle die Versuche, mit denen er nach 
ihrer Meinung seine Zeit vertrödelte, anstatt emsig auf Be- 
stellung zu malen und sich zu bereichern, wie etwa sein 
ehemaliger Mitschüler Perugin o, erschienen ihnen als grillen- 
hafte Spielereien oder brachten ihn selbst in den Verdacht, 
der »schwarzen Kunst« zu dienen. Wir verstehen ihn hierin 
besser, die wir aus seinen Aufzeichnungen wissen, welche 
Künste er übte. In einer Zeit, welche die Autorität der 
Kirche mit der der Antike zu vertauschen begann und voraus- 



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EINE KINDHEITSERINNERUNG 



setzungslose Forschung noch nicht kannte, war er, der Vor- 
läufer, ja ein nicht unwürdiger Mitbewerber von Bacon und 
Kopernikus, notwendig vereinsamt. Wenn er Pferde- und 
Menschenleichen zerlegte, Flugapparate baute, die Ernährung 
der Pflanzen und ihr Verhalten gegen Gifte studierte, rückte 
er allerdings weit ab von den Kommentatoren des Aristoteles 
und kam in die Nähe der verachteten Alchymisten, in deren 
Laboratorien die experimentelle Forschung wenigstens eine 
Zuflucht während dieser ungünstigen Zeiten gefunden hatte. 

Für seine Malerei hatte dies die Folge, daß er ungern 
den Pinsel zur Hand nahm, immer weniger und seltener 
malte, das Angefangene meist unfertig stehen ließ und sich 
um das weitere Schicksal seiner Werke wenig kümmerte. Das 
war es auch, was ihm seine Zeitgenossen zum Vorwurf 
machten, denen sein Verhältnis zur Kunst ein Rätsel blieb. 

Mehrere der späteren Bewunderer Leonardos haben es 
versucht, den Makel der Unstetigkeit von seinem Charakter 
zu tilgen. Sie machen geltend, daß das, was man an Leonardo 
tadle, Eigentümlichkeit der großen Künstler überhaupt sei. 
Auch der tatkräftige, sich in die Arbeit verbeißende Michel 
Angelo habe viele seiner Werke unvollendet gelassen, und es 
sei so wenig seine Schuld gewesen wie die Leonardos im 
gleichen Falle. Auch sei so manches Bild nicht so sehr un- 
fertig geblieben, als von ihm dafür erklärt worden. Was dem 
Laien schon ein Meisterwerk scheine, das sei für den Schöpfer 
des Kunstwerkes immer noch eine unbefriedigende Verkörperung 
seiner Absichten; ihm schwebe eine Vollkommenheit vor, die 
er im Abbild wiederzugeben jedesmal verzage. Am wenigsten 
ginge es aber an, den Künstler für das endliche Schicksal ver- 
antwortlich zu machen, das seine Werke träfe. 

So stichhaltig manche dieser Entschuldigungen auch sein 
mögen, so decken sie doch nicht den ganzen Sachverhalt, der 
uns bei Leonardo begegnet. Das peinliche Ringen mit dem 
Werke, die endliche Flucht vor ihm und die Gleichgültigkeit 
gegen sein weiteres Schicksal mag bei vielen anderen Künstlern 
wiederkehren ; gewiß aber zeigte Leonardo dies Benehmen im 



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DES LEONARDO DA VINCI. 



höchsten Grade. Edm. Solmi 1 ) zitiert (p. 12) die Äußerung 
eines seiner Schüler: »Pareva, che ad ogni ora tremasse, 
quando si poneva a dipingere, e perö non diede mai fine ad 
alcuna cosa cominciata, considerando la grandezza dell' arte, 
tal che egli scorgeva errori in quelle cose, che ad altri pare- 
vano miracoli.< Seine letzten Bilder, die Leda, die Madonna 
di Sant' Onofrio, der Bacchus und der San Giovanni Battista 
giovane seien unvollendet geblieben »come quasi intervenne 
di tutte le cose sue . . . .« Lomazzo, 2 ) der eine Kopie des 
Abendmals anfertigte, berief sich auf die bekannte Unfähig- 
keit Leonardos, etwas fertig zu malen, in einem Sonett : 

*Protogen che il penel di sue pitture 
Non levava, agguaglio il Vinci Divo, 
Di cui opra non e finita pure.« 

Die Langsamkeit, mit welcher Leonardo arbeitete, war 
sprichwörtlich. Am Abendmal im Kloster zu Santa Maria 
delle Grazie zu Mailand malte er nach den gründlichsten Vor- 
studien drei Jahre lang. Ein Zeitgenosse, der Novellenschreiber 
Matteo Bandelli, der damals als junger Mönch dem Kloster 
angehörte, erzählt, daß Leonardo häufig schon früh am Morgen 
das Gerüst bestiegen habe, um bis zur Dämmerung den Pinsel 
nicht aus der Hand zu legen, ohne an Essen und Trinken zu 
denken. Dann seien Tage verstrichen, ohne daß er Hand 
daran anlegte, bisweilen habe er stundenlang vor dem Ge- 
mälde verweilt und sich damit begnügt, es innerlich zu prüfen. 
Andere Male sei er aus dem Hofe des Mailänder Schlosses, wo 
er das Modell des Reiterstandbildes für Francesco Sforza 
formte, geradewegs ins Kloster gekommen, um ein paar Pinsel- 
striche an einer Gestalt zu machen, dann aber unverzüglich 
aufgebrochen. 8 ) An dem Porträt der Monna Lisa, Gemahlin 
des Florentiners Francesco del Giocondo, malte er nach Vasaris 
Angabe vier Jahre lang, ohne es zur letzten Vollendung 

l ) Solmi. La resurrezione dell' opera di Leonardo in dem Sammel- 
werk : Leonardo da Vinci. Conferenze Fiorentine. Milano 1910. 

*) Bei Scognamiglio. Ricerche e Documenti sulla giovinezza di 
Leonardo da Vinci. Napoli 1900. 

•) W. v. Seidlitz. Leonardo da Vinci, der Wendepunkt der Re- 
naissance, 1909, I. Bd., p. 203. 



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EINE KINDHEITSERINNERUNG 



bringen zu können, wozu auch der Umstand stimmen mag, daß 
das Bild nicht dem Besteller abgeliefert wurde, sondern bei 
Leonardo verblieb, der es nach Frankreich mitnahm. 1 ) Von 
König Franz I. angekauft, bildet es heute einen der größten 
Schätze des Louvre. 

Wenn man diese Berichte über die Arbeitsweise Leonardos 
mit dem Zeugnis der außerordentlich zahlreich von ihm er- 
haltenen Skizzen und Studienblätter zusammenhält, die jedes 
in seinen Bildern vorkommende Motiv auf das Vielfältigste 
variieren, so muß man die Auffassung weit von sich weisen, 
als hätten Züge von Flüchtigkeit und Unbeständigkeit den 
mindesten Einfluß auf Leonardos Verhältnis zu seiner Kunst 
gewonnen. Man merkt im Gegenteile eine ganz außerordent- 
liche Vertiefung, einen Reichtum an Möglichkeiten, zwischen 
denen die Entscheidung nur zögernd gefällt wird, Ansprüche, 
denen kaum zu genügen ist, und eine Hemmung in der Aus- 
führung, die sich eigentlich auch durch das notwendige Zurück- 
bleiben des Künstlers hinter seinem idealen Vorsatz nicht 
erklärt. Die Langsamkeit, die an Leonardos Arbeiten von 
jeher auffiel, erweist sich als ein Symptom dieser Hemmung, 
als der Vorbote der Abwendung von der Malerei, die später 
eintrat. 8 ) Sie war es auch, die das nicht unverschuldete 
Schicksal des Abendmals bestimmte. Leonardo konnte sich 
nicht mit der Malerei al fresko befreunden, die ein rasches 
Arbeiten, solange der Malgrund noch feucht ist, erfordert, 
darum wählte er Ölfarben, deren Eintrocknen ihm gestattete, 
die Vollendung des Bildes nach Stimmung und Muße hinaus- 
zuziehen. Diese Farben lösten sich aber von dem Grunde, 
auf dem sie aufgetragen wurden, und der sie von der Mauer 
isolierte; die Fehler dieser Mauer und die Schicksale des 
Raumes kamen hinzu, um die, wie es scheint, unabwendbare 
Verderbnis des Bildes zu entscheiden. 3 ) 

") v. Seidlitz 1. c, II. Bd., p. 48. 

*) W. Pater. Die Renaissance. Aus dem Englischen. Zweite Auflage 1906. 
»Doch sicher ist es, daß er in einem gewissen Abschnitt seines Lebens beinahe 
aufgehört hatte, Künstler zu sein.« 

*) Vgl. bei v. Seidlitz, Bd. I die Geschichte der Restauration*- und 
Rettungsversuche 



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DES LEONARDO DA VINCI. 



Durch das Mißglücken eines ähnlichen technischen Ver- 
suches scheint das Bild der Reiterschlacht bei Anghiari unter- 
gegangen zu sein, das er später in einer Konkurrenz mit Michel 
Angelo an eine Wand der Sala del Consiglio in Florenz zu 
malen begann und auch im unfertigen Zustand im Stiche 
ließ. Es ist hier, als ob ein fremdes Interesse, das des Ex- 
perimentators, das künstlerische zunächst verstärkt habe, um 
dann das Kunstwerk zu schädigen. 

Der Charakter des Mannes Leonardo zeigte noch manche 
andere ungewöhnliche Züge und anscheinende Widersprüche. 
Eine gewisse Inaktivität und Indifferenz schien an ihm unver- 
kennbar. Zu einer Zeit, da jedes Individuum den breitesten 
Raum für seine Betätigung zu gewinnen suchte, was nicht 
ohne Entfaltung energischer Aggression gegen andere abgehen 
kann, fiel er durch ruhige Friedfertigkeit, durch Vermeidung 
aller Gegnerschaften und Streitigkeiten auf. Er war mild und 
gütig gegen alle, lehnte angeblich die Fleischnahrung ab, 
weil er es nicht für gerechtfertigt hielt, Tieren das Leben zu 
rauben, und machte sich einen besonderen Genuß daraus, 
Vögeln, die er auf dem Markte kaufte, die Freiheit zu schenken. 1 ) 
Er verurteilte Krieg und Blutvergießen und hieß den Menschen 
nicht so sehr den König der Tierwelt als vielmehr die ärgste 
der wilden Bestien. 2 ) Aber diese weibliche Zartheit des Emp- 
findens hielt ihn nicht ab, verurteilte Verbrecher auf ihrem 
Wege zur Hinrichtung zu begleiten, um deren von Angst ver- 
zerrte Mienen zu studieren und in seinem Taschenbuche ab- 
zuzeichnen, hinderte ihn nicht, die grausamsten Angriffswaffen 
zu entwerfen und als oberster Kriegsingenieur in die Dienste 
des Cesare Borgia zu treten. Er erschien oft wie indifferent 
gegen Gut und Böse, oder er verlangte mit einem besonderen 
Maße gemessen zu werden. In einer maßgebenden Stellung 
machte er den Feldzug des Cesare mit, der diesen rücksichts- 



l ) E. Müntz. Leonard de Vinci. Paris 1899, p. 18. (Ein Brief eines 
Zeitgenossen aus Indien an einen Medici spielt auf diese Eigentümlichkeit 
Leonardos an. Nach Richter: The literary Works of L. d. V.) 

*) F. Botazzi. Leonardo biologo e anatomico. In Conferenze fior- 
entine, p. 186, 1910. 



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EINE KINDHEITSERINNERUNG 



losesten und treulosesten aller Gegner in den Besitz der 
Romagna brachte. Nicht eine Zeile der Aufzeichnungen 
Leonardos verrät eine Kritik oder Anteilnahme an den Vor- 
gängen jener Tage. Der Vergleich mit Goethe während der 
Campagne in Frankreich ist hier nicht ganz abzuweisen. 

Wenn ein biographischer Versuch wirklich zum Verständ- 
nis des Seelenlebens seines Helden durchdringen will, darf er 
nicht, wie dies in den meisten Biographien aus Diskretion 
oder aus Prüderie geschieht, die sexuelle Betätigung, die ge- 
schlechtliche Eigenart des Untersuchten mit Stillschweigen 
übergehen. Was hierüber bei Leonardo bekannt ist, ist wenig, 
aber dieses wenige bedeutungsvoll. In einer Zeit, die schran- 
kenlose Sinnlichkeit mit düsterer Askese ringen sah, war Leo- 
nardo ein Beispiel von kühler Sexualablehnung, die man beim 
Künstler und Darsteller der Frauenschönheit nicht erwarten 
würde. Solmi 1 ) zitiert von ihm folgenden Satz, der seine 
Frigidität kennzeichnet : >Der Zeugungsakt und alles, was da- 
mit in Verbindung steht, ist so abscheulich, daß die Menschen 
bald aussterben würden, wäre es nicht eine althergebrachte 
Sitte und gäbe es nicht noch hübsche Gesichter und sinnliche 
Veranlagungen.^ Seine hinterlassenen Schriften, die ja nicht 
nur die höchsten wissenschaftlichen Probleme behandeln, son- 
dern auch Harmlosigkeiten enthalten, welche uns eines so 
großen Geistes kaum würdig erscheinen (eine allegorische 
Naturgeschichte, Tierfabeln, Schwanke, Prophezeiungen 2 ) sind 
in einem Grade keusch — man möchte sagen : abstinent — , 
der an einem Werke der schönen Literatur auch heute Wun- 
der nehmen würde. Sie weichen allem Sexuellen so entschie- 
den aus, als wäre allein der Eros, der alles Lebende erhält, 
kein würdiger Stoff für den Wissensdrang des Forschers. 3 ) Es 



*) E. Solmi. Leonardo da Vinci. Deutsche Übersetzung von Emmi 
Hirschberg. Berlin 1908. 

■j Marie Herzfeld, Leonardo da Vinci der Denker, Forscher und 
Poet. Zweite Auflage. Jena 1906. 

3 ) Vielleicht machen hier die von ihm gesammelten Schwanke — belle 
facezie, — die nicht übersetzt vorliegen, eine, übrigens belanglose, Ausnahme. 
Vgl. Herzfeld, L. d. V., p. CLL 



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DES LEONARDO DA VINCI. 



ist bekannt, wie häufig große Künstler sich darin gefallen, 
ihre Phantasie in erotischen und selbst derb obszönen Dar- 
stellungen auszutoben ; von Leonardo besitzen wir zum Gegen- 
satze nur einige anatomische Zeichnungen über die inneren 
Genitalien des Weibes, die Lage der Frucht im Mutterleibe u. dgl. 

Es ist zweifelhaft, ob Leonardo jemals ein Weib in Liebe 
umarmt hat ; auch von einer intimen seelischen Beziehung zu 
einer Frau, wie die Michel Angelos zur Vittoria Colonna, 
ist nichts bekannt. Als er noch als Lehrling im Hause seines 
Meisters Verrocchio lebte, traf ihn mit anderen jungen Leuten 
eine Anzeige wegen verbotenen homosexuellen Umganges, die 
mit seinem Freispruch endete. Es scheint, daß er in diesen 
Verdacht geriet, weil er sich eines übel beleumundeten Kna- 
ben als Modells bediente. 1 ) Als Meister umgab er sich mit 
schönen Knaben und Jünglingen, die er zu Schülern annahm. 
Der letzte dieser Schüler, Francesco Melzi, begleitete ihn 
nach Frankreich, blieb bis zu seinem Tode bei ihm und wurde 
von ihm zum Erben eingesetzt. Ohne die Sicherheit seiner 
modernen Biographen zu teilen, die die Möglichkeit eines se- 
xuellen Verkehres zwischen ihm und seinen Schülern natürlich 
als eine grundlose Beschimpfung des großen Mannes verwerfen, 
mag man es für weitaus wahrscheinlicher halten, daß die zärt- 
lichen Beziehungen Leonardos zu den jungen Leuten, die nach 
damaliger Schülerart sein Leben teilten, nicht in geschlecht- 
liche Betätigung ausliefen. Man wird ihm auch von sexueller 
Aktivität kein hohes Maß zumuten dürfen. 

Die Eigenart dieses Gefühls- und Geschlechtslebens läßt 
sich im Zusammenhalt mit Leonardos Doppelnatur als Künst- 
ler und Forscher nur in einer Weise begreifen. Von den Bio- 
graphen, denen psychologische Gesichtspunkte oft sehr ferne 
liegen, hat meines Wissens nur einer, Edm. Solmi, sich der 
Lösung des Rätsels genähert ; ein Dichter aber, der Leonardo 
zum Helden eines großen historischen Romans gewählt hat, 



') Auf diesen Zwischenfall bezieht sich nach Scognamiglio (1. c, p. 49) 
eine dunkle und selbst verschieden gelesene Stelle des Codex Atlanticus: 
»Quando io feci Domeneddio putto voi mi metteste in prigione, ora s'io lo 
fo grande, Toi mi farete peggio.« 



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10 EINE KINDHE1T8ERIXXERUNO 

Dmitry Sergewitsch Mereschkowski, hat seine Dar- 
stellung auf solches Verständnis des ungewöhnlichen Mannes 
gegründet und seine Auffassung, wenn auch nicht in dürren 
Worten, so doch nach der Weise des Dichters in plastischem 
Ausdruck unverkennbar geäußert. 1 ) Solmi urteilt über Leo- 
nardo: »Aber das unstillbare Verlangen, alles ihn Umgebende 
zu erkennen und mit kalter Überlegenheit das tiefste Geheim- 
nis alles Vollkommenen zu ergründen, hatte Leonardos Werke 
dazu verdammf, stets unfertig zu bleiben.« 2 ) In einem Aufsatze 
der Conferenze Fiorentine wird die Äußerung Leonar- 
dos zitiert, die sein Glaubensbekenntnis und den Schlüssel zu 
seinem Wesen ausliefert : 

»Xessuna cosa si puö amare nö odiare, se 
prima non si ha Cognition di quell a.« 8 ) 

Also: Man hat kein Recht, etwas zu lieben oder zu 
hassen, wenn man sich nicht eine gründliche Erkenntnis sei- 
nes Wesens verschafft hat. Und dasselbe wiederholt Leonardo 
an einer Stelle des Traktates von der Malerei, wo er sich gegen 
den Vorwurf der Irreligiosität zu verteidigen scheint: 

»Solche Tadler mögen aber stillschweigen. Denn jenes 
(Tun) ist die Weise, den Werkmeister so vieler bewunderns- 
werter Dinge kennen zu lernen, und dies der Weg, einen so 
großen Erfinder zu lieben. Denn wahrlich, große Liebe ent- 
springt aus großer Erkenntnis des geliebten Gegenstandes, 
und wenn du diesen wenig kennst, so wirst du ihn nur wenig 
oder gar nicht lieben können . . .«*) 



') Mereschkowski, Leonardo da Vinci. Ein biographischer Roman 
aus der Wende des XV. Jahrhunderts. Deutsche Obersetzung von G. v. Gülschow, 
Leipilg 1903. Das Mittelstück einer großen Romantrilogie, die »Christ und 
Antichrist^ betitelt ist. Diebeiden anderen Bände heißen »Julian Apostata« 
und »Peter der Große und Alexe!-. 

*) Solmi. Leonardo da Vinci. Deutsche Obersetzung von Emmi 
Hirschberg. Berlin 1908, p. 46. 

*) Filippo Botazzi. Leonardo biologo e anatomico, p. 198. 

*) Marie Hersfeld. Leonardo da Vinci. Traktat von der Malerei. 
Nach der Obersetzung von Heinrich Ludwig neu herausgegeben und ein- 
geleitet. Jena 1909 (Abschnitt I, 64, p. 54). 



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DES LEONARDO DA VINCI. 11 

Der Wert dieser Äußerungen Leonardos kann nicht darin 
gesucht werden, daß sie eine bedeutsame psychologische Tat- 
sache mitteilen, denn was sie behaupten, ist offenkundig 
falsch, und Leonardo mußte dies ebensogut wissen wie wir. 
Es ist nicht wahr, daß die Menschen mit ihrer Liebe oder 
ihrem Haß warten, bis sie den Gegenstand, dem diese Affekte 
gelten, studiert und in seinem Wesen erkannt haben, vielmehr 
lieben sie impulsiv auf Gefühlsmotive hin, die mit Erkenntnis 
nichts zu tun haben, und deren Wirkung durch Besinnung 
und Nachdenken höchstens abgeschwächt wird. Leonardo 
konnte also nur gemeint haben, was die Menschen üben, das 
sei nicht die richtige, einwandfreie Liebe, man sollte so 
lieben, daß man den Affekt aufhalte, ihn der Gedankenarbeit 
unterwerfe und erst frei gewähren lasse, nachdem er die Prü- 
fung durch das Denken bestanden hat. Und wir verstehen da- 
bei, daß er uns sagen will, bei ihm sei es so; es wäre für 
alle anderen erstrebenswert, wenn sie es mit Liebe und Haß 
so hielten wie er selbst. 

Und bei ihm scheint es wirklich so gewesen zu sein. Seine 
Affekte waren gebändigt, dem Forschertrieb unterworfen ; er 
liebte und haßte nicht, sondern fragte sich, woher das komme, 
was er lieben oder hassen sollte, ,und was es bedeute, und so 
mußte er zunächst indifferent erscheinen gegen Gut und Böse, 
gegen Schönes und Häßliches. Während dieser Forscherarbeit 
warfen Liebe und Haß ihre Vorzeichen ab und wandelten 
sich gleichmäßig in Denkinteresse um. In Wirklichkeit war 
Leonardo nicht leidenschaftslos, er entbehrte nicht des gött- 
lichen Funkens, der mittelbar oder unmittelbar die Triebkraft 
— il primo motore — alles menschlichen Tuns ist. Er 
hatte die Leidenschaft nur in Wissensdrang verwandelt; er 
ergab sich nun der Forschung mit jener Ausdauer, Stetigkeit, 
Vertiefung, die sich aus der Leidenschaft ableiten, und auf 
der Höhe der geistigen Arbeit, nach gewonnener Erkenntnis, 
läßt er den lange zurückgehaltenen Affekt losbrechen, frei 
abströmen, wie einen vom Strome abgeleiteten Wasserarm, 
nachdem er das Werk getrieben hat. Auf der Höhe einer Er- 
kenntnis, wenn er ein großes Stück des Zusammenhanges 



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12 EINE KINDHEITSERINNERUNG 

überschauen kann, dann erfaßt ihn das Pathos und er preist 
in schwärmerischen Worten die Großartigkeit jenes Stückes der 
Schöpfung, das er studiert hat, oder — in religiöser Einkleidung 
— die Größe seines Schöpfers. Solmi hat diesen Prozeß der 
Umwandlung bei Leonardo richtig erfaßt. Nach dem Zitat 
einer solchen Stelle, in der Leonardo den hehren Zwang der 
Natur (»O mirabile necessita . . .«) gefeiert hat, sagt er : Tale 
trasfigurazione della scienza della natura in emozione, quasi 
direi, religiosa, ö uno dei tratti caratteristici de' manoscritti 
vinciani, e si trova cento e cento volte espressa . . .*) 

Man hat Leonardo wegen seines unersättlichen und 
unermüdlichen Forscherdranges den italienischen Faust ge- 
heißen. Aber von allen Bedenken gegen die mögliche Rück- 
verwandlung des Forschertriebes in Lebenslust abgesehen, 
die wir als die Voraussetzung der Fausttragödie an- 
nehmen müssen, möchte man die Bemerkung wagen, daß die 
Entwicklung Leonardos an spinozistische Denkweise streift. 

Die Umsetzungen der psychischen Triebkraft in verschie- 
dene Formen der Betätigung sind vielleicht ebenso wenig ohne 
Einbuße konvertierbar, wie die der physikalischen Kräfte. 
Das Beispiel Leonardos lehrt, wie vielerlei anderes an diesen 
Prozessen zu verfolgen ist. Aus dem Aufschub, erst zu lieben, 
nachdem man erkannt hat, wird ein Ersatz. Man liebt und 
haßt nicht mehr recht, wenn man zur Erkenntnis durch- 
gedrungen ist; man bleibt jenseits von Liebe und Haß. Man 
hat geforscht, anstatt zu lieben. Und darum vielleicht ist 
Leonardos Leben so viel ärmer an Liebe gewesen als das an- 
derer Großer und anderer Künstler. Die stürmischen Leiden- 
schaften erhebender und verzehrender Natur, in denen an- 
dere ihr Bestes erlebten, scheinen ihn nicht getroffen zu haben. 

Und noch andere Folgen. Man hat auch geforscht, anstatt 
zu handeln, zu schaffen. Wer die Großartigkeit des Welt- 
zusammenhanges und dessen Notwendigkeiten zu ahnen be- 
gonnen hat, der verliert leicht sein eigenes kleines Ich. In 
Bewunderung versunken, wahrhaft demütig geworden, ver- 



') Solmi. La resurrezione etc., p. 11, 



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DES LEONARDO DA VINCI. 13 

gißt man zu leicht, daß man selbst ein Stück jener wirkenden 
Kräfte ist und es versuchen darf, nach dem Ausmaß seiner 
persönlichen Kraft ein Stückchen jenes notwendigen Ablaufes 
der Welt abzuändern, der Welt, in welcher das Kleine doch 
nicht minder wunderbar und bedeutsam ist als das Große. 

Leonardo hatte vielleicht, wie Solmi meint, im Dienste 
seiner Kunst zu forschen begonnen, l ) er bemühte sich um die 
Eigenschaften und Gesetze des Lichtes, der Farben, Schatten, 
der Perspektive, um sich die Meisterschaft in der Nachahmung 
der Natur zu sichern und anderen den gleichen Weg zu weisen. 
Wahrscheinlich überschätzte er schon damals den Wert dieser 
Kenntnisse für den Künstler. Dann trieb es ihn, noch immer 
am Leitseil des malerischen Bedürfnisses, zur Erforschung 
der Objekte der Malerei, der Tiere und Pflanzen, der Pro- 
portionen des menschlichen Körpers, vom Äußeren derselben 
weg zur Kenntnis ihres inneren Baues und ihrer Lebensfunk- 
tionen, die sich ja auch in ihrer Erscheinung ausdrücken und 
von der Kunst Darstellung verlangen. Und endlich riß ihn 
der übermächtig gewordene Trieb fort, bis der Zusammen- 
hang mit den Anforderungen seiner Kunst zerriß, so daß er 
die allgemeinen Gesetze der Mechanik auffand, daß er die Ge- 
schichte der Ablagerungen und Versteinerungen im Arnotal 
erriet, und bis daß er in sein Buch die Erkenntnis mit großen 
Buchstaben eintragen konnte: II sole non si move. Auf so 
ziemlich alle Gebiete der Naturwissenschaft dehnte er seine 
Forschungen aus, auf jedem einzelnen ein Entdecker oder we- 
nigstens Vorhersager und Pfadfinder. 2 ) Doch blieb sein Wis- 
sensdrang auf die Außenwelt gerichtet, von der Erforschung 
des Seelenlebens der Menschen hielt ihn etwas fern; in der 
»Academia Vinciana«, für die er kunstvoll verschlungene 
Embleme zeichnete, war für die Psychologie wenig Raum. 

*) La resurrezione etc., p. 8: * Leonardo aveva posto, come regola al pit- 
tore, lo studio della natura . . . ., poi la passione dello studio era divenuta 
dominante, egli aveva voluto acquistare non piu la scienza per l'arte, ma la 
scienza per la scienza.« 

*) Siehe die Aufzählung seiner wissenschaftlichen Leistungen in der 
schönen biographischen Einleitung der Marie Herz fei d (Jena 1906), in den 
einzelnen Essays der Conferenze Fiorentine 1910 und anderwärts. 



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14 EINE KINDHEITSERINNERUNG 

Versuchte er dann von der Forschung zur Kunstübung 
zurückzukehren, von der er ausgegangen war, so erfuhr er 
an sich die Störung durch die neue Einstellung seiner Inter- 
essen und die veränderte Natur seiner psychischen Arbeit. 
Am Bild interessierte ihn vor allem ein Problem, und hinter 
diesem einen sah er ungezählte andere Probleme auftauchen, 
wie er es in der endlosen und unabschließbaren Natur- 
forschung gewohnt war. Er brachte sich nicht mehr dazu, 
seinen Anspruch zu beschränken, das Kunstwerk zu isolieren, 
es aus dem großen Zusammenhang zu reißen, in den eres gehörig 
wußte. Nach den erschöpfendsten Bemühungen, alles in ihm 
zum Ausdruck zu bringen, was sich in seinen Gedanken daran 
knüpfte, mußte er es unfertig im Stiche lassen oder es für 
unvollendet erklären. 

Der Künstler hatte einst den Forscher als Handlanger 
in seinen Dienst genommen, nun war der Diener der stärkere 
geworden und unterdrückte seinen Herrn. 

Wenn wir im Charakterbilde einer Person einen einzigen 
Trieb überstark ausgebildet finden, wie bei Leonardo die 
Wißbegierde, so berufen wir uns zur Erklärung auf eine be- 
sondere Anlage, über deren wahrscheinlich organische Bedingt- 
heit meist noch nichts Näheres bekannt ist. Durch unsere psycho- 
analytischen Studien an Nervösen werden wir aber zwei 
weiteren Erwartungen geneigt, die wir gern in jedem ein- 
zelnen Falle bestätigt finden möchten. Wir halten es für 
wahrscheinlich, daß jener überstarke Trieb sich bereits in 
der frühesten Kindheit der Person betätigt hat, und daß seine 
Oberherrschaft durch Eindrücke des Kinderlebens festgelegt 
wurde, und wir nehmen ferner an, daß er ursprünglich sexuelle 
Triebkräfte zu seiner Verstärkung herangezogen hat, so daß 
er späterhin ein Stück des Sexuallebens vertreten kann. Ein 
solcher Mensch würde also z. B. forschen mit jener leiden- 
schaftlichen Hingabe, mit der ein anderer seine Liebe aus- 
stattet, und er könnte forschen anstatt zu lieben. Nicht nur 
beim Forschertrieb, sondern auch in den meisten anderen 
Fällen von besonderer Intensität eines Triebes würden wir 
den Schluß auf eine sexuelle Verstärkung desselben wagen. 



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DES LEONARDO DA VINCI. 15 

Die Beobachtung des täglichen Lebens der Menschen 
zeigt uns, daß es den meisten gelingt, ganz ansehnliche Anteile 
ihrer sexuellen Triebkräfte auf ihre Berufstätigkeit zu 
leiten. Der Sexualtrieb eignet sich ganz besonders dazu, solche 
Beiträge abzugeben, da er mit der Fähigkeit der Sublimierung 
begabt, d. h. im stände ist, sein nächstes Ziel gegen andere, 
eventuell höher gewertete und nicht sexuelle, Ziele zu ver- 
tauschen. Wir halten diesen Vorgang für erwiesen, wenn uns 
die Kindergeschichte, also die seelische Entwicklungsgeschichte 
einer Person zeigt, daß zur Kinderzeit der übermächtige 
Trieb im Dienste sexueller Interessen stand. Wir finden eine 
weitere Bestätigung darin, wenn sich im Sexualleben reifer 
Jahre eine auffällige Verkümmerung dartut, gleichsam als ob 
ein Stück der Sexualbetätigung nun durch die Betätigung des 
übermächtigen Triebes ersetzt wäre. 

Die Anwendung dieser Erwartungen auf den Fall des 
übermächtigen Forschertriebs scheint besonderen Schwierig- 
keiten zu unterliegen, da man gerade den Kindern weder 
diesen ernsthaften Trieb noch bemerkenswerte sexuelle Inter- 
essen zutrauen möchte. Indes sind diese Schwierigkeiten leicht 
zu beheben. Von der Wißbegierde der kleinen Kinder zeugt 
deren unermüdliche Fragelust, die dem Erwachsenen rätsel- 
haft ist, so lange er nicht versteht, daß alle diese Fragen 
nur Umschweife sind, und daß sie kein Ende nehmen können, 
weil das Kind durch sie nur eine Frage ersetzen will, die es 
doch nicht stellt. Ist das Kind größer und einsichtsvoller ge- 
worden, so bricht diese Äußerung der Wißbegierde oft plötz- 
lich ab. Eine volle Aufklärung gibt uns aber die psycho- 
analytische Untersuchung, indem sie uns lehrt, daß viele, 
vielleicht die meisten, jedenfalls die bestbegabten Kinder etwa 
vom dritten Lebensjahr an eine Periode durchmachen, die man 
als die der infantilen Sexualforschung bezeichnen darf. 
Die Wißbegierde erwacht bei den Kindern dieses Alters, soviel 
wir wissen, nicht spontan, sondern wird durch den Eindruck 
eines wichtigen Erlebnisses geweckt, durch die erfolgte oder 
nach auswärtigen Erfahrungen gefürchtete Geburt eines Ge- 
schwisterchens, in der das Kind eine Bedrohung seiner egoisti- 



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16 EINE KINDHEITSERINXERÜXG 

sehen Interessen erblickt. Die Forschung richtet sich auf die 
Frage, woher die Kinder kommen, gerade so, als ob das Kind 
nach Mitteln und Wegen suchte, ein so unerwünschtes Ereignis 
zu verhüten. Wir haben so mit Erstaunen erfahren, daß das 
Kind den ihm gegebenen Auskünften den Glauben verweigert, 
z. B. die mythologisch so sinnreiche Storchfabel energisch 
abweist, daß es von diesem Akte des Unglaubens an seine 
geistige Selbständigkeit datiert, sich oft in ernstem Gegensatze 
zu den Erwachsenen fühlt und diesen eigentlich niemals mehr 
verzeiht, daß es bei diesem Anlasse um die Wahrheit be- 
trogen wurde. Es forscht auf eigenen Wegen, errät den Auf- 
enthalt des Kindes im Mutterleibe und schafft sich, von den 
Regungen der eigenen Sexualität geleitet, Ansichten über 
die Herkunft des Kindes vom Essen, über sein Geboren- 
werden durch den Darm, über die schwer zu ergründende 
Rolle des Vaters, und es ahnt bereits damals die Exi- 
stenz des sexuellen Aktes, der ihm als etwas Feindseliges 
und Gewalttätiges erscheint. Aber wie seine eigene Sexual- 
konstitution der Aufgabe der Kinderzeugung noch nicht ge- 
wachsen ist, so muß auch seine Forschung, woher die Kinder 
kommen, im Sande verlaufen und als unvollendbar im Stiche 
gelassen werden. Der Eindruck dieses Mißglückens bei der 
ersten Probe intellektueller Selbständigkeit scheint ein nach- 
haltiger und tief deprimierender zu sein. 1 ) 

Wenn die Periode der infantilen Sexualforschung durch 
einen Schub energischer Sexualverdrängung abgeschlossen 
worden ist, leiten sich für das weitere Schicksal des Forscher- 
triebes drei verschiedene Möglichkeiten aus seiner frühzeit- 
lichen Verknüpfung mit sexuellen Interessen ab. Entweder 
die Forschung teilt das Schicksal der Sexualität, die Wiß- 

*) Zur Erhärtung dieser unwahrscheinlich klingenden Behauptungen 
nehme man Einsicht in die » Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben^, 
Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen Bd. I., 
1909 und die ähnliche Beobachtung im II. B., 1910. In einem Aufsatze über 
die »Infantilen Sexualtheorien ', 1908 (Sammlung kleiner Schriften zur Neur- 
osenlehre, zweite Folge, 1909), schrieb ich: -Dieses Grübeln und Zweifeln 
wird aber vorbildlich für alle spätere Denkarbeit an Problemen und der erste 
Mißerfolg wirkt für alle Zeiten lähmend fort« (p. 167). 



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DES LEONARDO DA VINCI. 17 

begierde bleibt von da an gehemmt und die freie Betätigung 
der Intelligenz vielleicht für Lebenszeit eingeschränkt, be- 
sonders da kurze Zeit nachher durch die Erziehung die mächtige 
religiöse Denkhemmung zur Geltung gebracht wird. Dies ist 
der Typus der neurotischen Hemmung. Wir verstehen sehr wohl, 
daß die so erworbene Denkschwäche dem Ausbruch einer neur- 
otischen Erkrankung wirksamen Vorschub leistet. In einem 
zweiten Typus ist die intellektuelle Entwicklung kräftig genug, 
um der an ihr zerrenden Sexualverdrängung zu widerstehen. 
Einige Zeit nach dem Untergang der infantilen Sexualforschung, 
wenn die Intelligenz erstarkt ist, bietet sie eingedenk der 
alten Verbindung ihre Hilfe zur Umgehung der Sexualver- 
drängung, und die unterdrückte Sexualforschung kehrt als 
Grübelzwang aus dem Unbewußten zurück, allerdings entstellt 
und unfrei, aber mächtig genug, um das Denken selbst zu sexuali- 
sieren und die intellektuellen Operationen mit der Lust und 
der Angst der eigentlichen Sexualvorgänge zu betonen. Das 
Forschen wird hier zur Sexualbetätigung, oft zur ausschließ- 
lichen, das Gefühl der Erledigung in Gedanken, der Klärung, 
wird an die Stelle der sexuellen Befriedigung gesetzt; aber 
der unabschließbare Charakter der Kinderforschung wiederholt 
sich auch darin, daß dies Grübeln nie ein Ende findet, und 
daß das gesuchte intellektuelle Gefühl der Lösung immer 
weiter in die Ferne rückt. 

Der dritte, seltenste und vollkommenste, Typus entgeht 
Kraft besonderer Anlage der Denkhemmung wie dem neur- 
otischen Denkzwang. Die Sexualverdrängung tritt zwar auch 
hier ein, aber es gelingt ihr nicht, einen Partialtrieb der 
Sexuallust ins Unbewußte zu weisen, sondern die Libido ent- 
zieht sich dem Schicksal der Verdrängung, indem sie sich 
von Anfang an in Wißbegierde sublimiert und sich zu dem 
kräftigen Forschertrieb als Verstärkung schlägt. Auch hier 
wird das Forschen gewissermaßen zum Zwang und zum Ersatz 
der Sexualbetätigung, aber infolge der völligen Verschieden- 
heit der zu Grunde liegenden psychischen Prozesse (Subli- 
mierung an Stelle des Durchbruches aus dem Unbewußten) 
bleibt der Charakter der Neurose aus, die Gebundenheit an die 

Freud, Eine Kindheitserinnerunjr des Leonardo da Vinci. 2 



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18 EINE KINDHEITSERINNERUNG 

ursprünglichen Komplexe der infantilen Sexualforschung ent- 
fällt, und der Trieb kann sich frei im Dienste des intellektu- 
ellen Interesses betätigen. Der Sexualverdrängung, die ihn 
durch den Zuschuß von sublimierter Libido so stark gemacht 
hat, trägt er noch Rechnung, indem er die Beschäftigung mit 
sexuellen Themen vermeidet. 

Wenn wir das Zusammentreffen des übermächtigen 
Forschertriebes bei Leonardo mit der Verkümmerung seines 
Sexuallebens erwägen, welches sich auf sogenannte ideelle 
Homosexualität einschränkt, werden wir geneigt sein, ihn als 
einen Musterfall unseres dritten Typus in Anspruch zu nehmen. 
Daß es ihm nach infantiler Betätigung der Wißbegierde im 
Dienste sexueller Interessen dann gelungen ist, den größeren 
Anteil seiner Libido in Forscherdrang zu sublimieren, das 
wäre der Kern und das Geheimnis seines Wesens. Aber frei- 
lich der Beweis für diese Auffassung ist nicht leicht zu er- 
bringen. Wir bedürften hiezu eines Einblickes in die seeli- 
sche Entwicklung seiner ersten Kinderjahre, und es erscheint 
töricht, auf solches Material zu hoffen, wenn die Nachrichten 
über sein Leben so spärlich und so unsicher sind, und wenn 
es sich überdies um Auskünfte über Verhältnisse handelt, die 
sich noch bei Personen unserer eigenen Generation der Auf- 
merksamkeit der Beobachter entziehen. 

Wir wissen sehr wenig von der Jugend Leonardos. Er 
wurde 1452 in dem kleinen Städtchen Vinci zwischen Florenz 
und Empoli geboren; er war ein uneheliches Kind, was in jener 
Zeit gewiß nicht als schwerer bürgerlicher Makel betrachtet 
wurde; sein Vater war Ser Piero da Vinci, ein Notar 
und Abkömmling einer Familie von Notaren und Landbebauern, 
die ihren Namen nach dem Orte Vinci führten ; seine Mutter 
eine Cat arina, wahrscheinlich ein Bauernmädchen, die später 
mit einem anderen Einwohner von Vinci verheiratet war. 
Diese Mutter kommt in der Lebensgeschichte Leonardos nicht 
mehr vor, nur der Dichter Mereschkowski glaubt ihre 
Spur nachweisen zu können. Die einzige sichere Auskunft 
über Leonardos Kindheit gibt ein amtliches Dokument aus 
dem Jahre 1457, ein Florentiner Steuerkataster, in welchem 



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DES LEONARDO DA VINCI. 19 

unter den Hausgenossen der Familie Vinci Leonardo als fünf- 
jähriges illegitimes Kind des Ser Piero angeführt wird. 1 ) 
Die Ehe Ser Pieros mit einer Donna Albiera blieb kinderlos, 
darum konnte der kleine Leonardo im Hause seines Vaters 
aufgezogen werden. Dies Vaterhaus verließ er erst, als er, 
unbekannt in welchem Alter, als Lehrling in die Werkstatt 
des Andrea del Verrocchio eintrat. Im Jahre 1472 findet 
sich Leonardos Name bereits im Verzeichnis der Mitglieder 
der »Compagnia dei Pittori«. Das ist alles. 

IL 

Ein einziges Mal, soviel mir bekannt ist, hat Leonardo 
in eine seiner wissenschaftlichen Niederschriften eine Mit- 
teilung aus seiner Kindheit eingestreut. An einer Stelle, die 
vom Fluge des Geiers handelt, unterbricht er sich plötzlich, 
um einer in ihm auftauchenden Erinnerung aus sehr frühen 
Jahren zu folgen. 

»Es scheint, daß es mir schon vorher bestimmt war, 
mich so gründlich mit dem Geier zu befassen, denn es kommt 
mir als eine ganz frühe Erinnerung in den Sinn, als ich noch 
in der Wiege lag, ist ein Geier zu mir herabgekommen, hat 
mir den Mund mit seinem Schwanz geöffnet und viele Male 
mit diesem seinen Schwanz gegen meine Lippen gestoßen.« 2 ) 

Eine Kindheitserinnerung also, und zwar höchst befremden- 
der Art. Befremdend wegen ihres Inhaltes und wegen der Lebens- 
zeit, in die sie verlegt wird. Daß ein Mensch eine Erinnerung 
an seine Säuglingszeit bewahren könne, ist vielleicht nicht un- 
möglich, kann aber keineswegs als gesichert gelten. Was jedoch 
diese Erinnerung Leonardos behauptet, daß ein Geier dem Kinde 
mit seinem Schwanz den Mund geöffnet, das klingt so un- 
wahrscheinlich, so märchenhaft, daß eine andere Auffassung, 



*) Scognamiglio 1. c, p. 15. 

s ) »Questo scriver si distintamente del nibio par che sia mio destino, 
perche nella mia prima ricordatione della mia infantia e mi parea che 
essen do io in culla, che im nibio venissi a me e mi aprissi la bocca colla 
sua coda e molte volte mi percuotesae con tal coda dentro alle labbra.« (Cod. 
atlant. F. 65 V. nach Scognamiglio.) 

2* 



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20 EINE KINDHEITSERINNERUNG 



die beiden Schwierigkeiten mit einem Schlage ein Ende macht, 
sich unserem Urteile besser empfiehlt. Jene Szene mit dem 
Geier wird nicht eine Erinnerung Leonardos sein, sondern 
eine Phantasie, die er sich später gebildet und in seine Kind- 
heit versetzt hat. Die Kindheitserinnerungen der Menschen 
haben oft keine andere Herkunft; sie werden überhaupt nicht, 
wie die bewußten Erinnerungen aus der Zeit der Reife vom 
Erlebnis an fixiert und wiederholt, sondern erst in späterer 
Zeit, wenn die Kindheit schon vorüber ist, hervorgeholt, dabei 
verändert, verfälscht, in den Dienst späterer Tendenzen ge- 
stellt, so daß sie sich ganz allgemein von Phantasien nicht 
strenge scheiden lassen. Vielleicht kann man sich ihre Natur 
nicht besser klar machen, als indem man an die Art und 
Weise denkt, wie bei den alten Völkern die Geschicht- 
schreibung entstanden ist. Solange das Volk klein und schwach 
war, dachte es nicht daran, seine Geschichte zu schreiben; 
man bearbeitete den Boden des Landes, wehrte sich seiner 
Existenz gegen die Nachbarn, suchte ihnen Land abzugewinnen 
und zu Reichtum zu kommen. Es war eine heroische und 
unhistorische Zeit. Dann brach eine andere Zeit an, in der 
man zur Besinnung kam, sich reich und mächtig fühlte, und 
nun entstand das Bedürfnis zu erfahren, woher man gekommen 
und wie man geworden war. Die Geschichtschreibung, welche 
begonnen hatte, die Erlebnisse der Jetztzeit fortlaufend zu 
verzeichnen, warf den Blick auch nach rückwärts in die Ver- 
gangenheit, sammelte Traditionen und Sagen, deutete die 
Überlebsei alter Zeiten in Sitten und Gebräuchen und schuf 
so eine Geschichte der Vorzeit. Es war unvermeidlich, daß 
diese Vorgeschichte eher ein Ausdruck der Meinungen und 
Wünsche der Gegenwart als ein Abbild der Vergangenheit 
wurde, denn vieles war von dem Gedächtnis des Volkes be- 
seitigt, anderes entstellt worden, manche Spur der Vergangen- 
heit wurde mißverständlich im Sinne der Gegenwart gedeutet, 
und überdies schrieb man ja nicht Geschichte aus den Motiven 
objektiver Wißbegierde, sondern weil man auf seine Zeit- 
genossen wirken, sie aneifern, erheben oder ihnen einen 
Spiegel vorhalten wollte. Das bewußte Gedächtnis eines 



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DES LEONARDO DA VINCI. 21 

Menschen von den Erlebnissen seiner Reifezeit ist nun durch- 
aus jener Geschichtschreibung zu vergleichen, und seine 
Kindheitserinnerungen entsprechen nach ihrer Entstehung und 
Verläßlichkeit wirklich der spät und tendenziös zurecht- 
gemachten Geschichte der Urzeit eines Volkes. 

Wenn die Erzählung Leonardos vom Geier, der ihn in 
der Wiege besucht, also nur eine spätgeborene Phantasie ist, 
so sollte man meinen, es könne sich kaum verlohnen, länger 
bei ihr zu verweilen. Zu ihrer Erklärung könnte man sich 
ja mit der offen kundgegebenen Tendenz begnügen, seiner 
Beschäftigung mit dem Problem des Vogelfluges die Weihe 
einer Schicksalsbestimmung zu leihen. Allein mit dieser Ge- 
ringschätzung beginge man ein ähnliches Unrecht, wie wenn 
man das Material von Sagen, Traditionen und Deutungen in 
der Vorgeschichte eines Volkes leichthin verwerfen würde. 
Allen Entstellungen und Mißverständnissen zum Trotze ist die 
Realität der Vergangenheit doch durch sie repräsentiert; sie 
sind das, was das Volk aus den Erlebnissen seiner Urzeit ge- 
staltet hat, unter der Herrschaft einstens mächtiger und heute 
noch wirksamer Motive, und könnte man nur durch die 
Kenntnis aller wirkenden Kräfte diese Entstellungen rück- 
gängig machen, so müßte man hinter diesem sagenhaften 
Material die historische Wahrheit aufdecken können. Gleiches 
gilt für die Kindheitserinnerungen oder Phantasien der Ein- 
zelnen. Es ist nicht gleichgültig, was ein Mensch aus seiner 
Kindheit zu erinnern glaubt; in der Regel sind hinter den 
von ihm selbst nicht verstandenen Erinnerungsresten unschätz- 
bare Zeugnisse für die bedeutsamsten Züge seiner seelischen 
Entwicklung verborgen. Da wir nun in den psychoanalytischen 
Techniken vortreffliche Hilfsmittel besitzen, um dies Ver- 
borgene ans Licht zu ziehen, wird uns der Vorsuch gestattet 
sein, die Lücke in Leonardos Lebensgeschichte durch die 
Analyse seiner Kindheitsphantasie auszufüllen. Erreichen wir 
dabei keinen befriedigenden Grad von Sicherheit, so müssen 
wir uns damit trösten, daß so vielen anderen Untersuchungen über 
den großen und rätselhaften Mann kein besseres Schicksal 
beschieden war. 



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22 EINE KINDHEITSERINNERUNG 

Wenn wir aber die Geierphantasie Leonardos mit dem 
Auge des Psychoanalytikers betrachten, so erscheint sie uns 
nicht lange fremdartig; wir glauben uns zu erinnern, daß 
wir oftmals, z. B. in Träumen, ähnliches gefunden haben, so 
daß wir uns getrauen können, diese Phantasie aus der ihr 
eigentümlichen Sprache in gemeinverständliche Worte zu über- 
setzen. Die Übersetzung zielt dann aufs Erotische. Schwanz, 
»coda«, ist eines der bekanntesten Symbole und Ersatz- 
bezeichnungen des männlichen Gliedes, im Italienischen nicht 
minder als in anderen Sprachen; die in der Phantasie ent- 
haltene Situation, daß ein Geier den Mund des Kindes öffnet 
und mit dem Schwanz tüchtig darin herumarbeitet, entspricht 
der Vorstellung einer Fellatio, eines sexuellen Aktes, bei dem 
das Glied in den Mund der gebrauchten Person eingeführt 
wird. Sonderbar genug, daß diese Phantasie so durchwegs 
passiven Charakter an sich trägt; sie ähnelt auch gewissen 
Träumen und Phantasien von Frauen oder passiven Homo- 
sexuellen (die im Sexualverkehr die weibliche Rolle spielen). 

Möge der Leser nun an sich halten und nicht in auf- 
flammender Entrüstung der Psychoanalyse die Gefolgschaft 
verweigern, weil sie schon in ihren ersten Anwendungen 
zu einer unverzeihlichen Schmähung des Andenkens eines 
großen und reinen Mannes führt. Es ist doch offenbar, daß 
diese Entrüstung uns niemals wird sagen können, was die 
Kindheitsphantasie Leonardos bedeutet; anderseits hat sich 
Leonardo in unzweideutigster Weise zu dieser Phantasie be- 
kannt, und wir lassen die Erwartung — wenn man will : das 
Vorurteil — nicht fallen, daß eine solche Phantasie wie jede 
psychische Schöpfung, wie ein Traum, eine Vision, ein Deli- 
rium, irgend eine Bedeutung haben muß. Schenken wir darum 
lieber der analytischen Arbeit, die ja noch nicht ihr letztes 
Wort gesprochen hat, für eine Weile gerechtes Gehör. 

Die Neigung, das Glied des Mannes in den Mund zu 
nehmen, um daran zu saugen, die in der bürgerlichen Ge- 
sellschaft zu den abscheulichen sexuellen Perversionen ge- 
rechnet wird, kommt doch bei den Frauen unserer Zeit — und, 
wie alte Bildwerke beweisen, auch früherer Zeiten — sehr häufig 



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DES LEONARDO DA VINCI. 23 

vor und scheint im Zustande der Verliebtheit ihren anstößigen 
Charakter völlig abzustreifen. Der Arzt begegnet Phantasien, 
die sich auf diese Neigung gründen, auch bei weiblichen Personen, 
die nicht durch die Lektüre der Psychopathia sexualis von 
v. Krafft-Ebing oder durch sonstige Mitteilung zur Kennt- 
nis von der Möglichkeit einer derartigen Sexualbefriedigung 
gelangt sind. Es scheint, daß es den Frauen leicht wird, aus 
Eigenem solche Wunschphantasien zu schaffen. 1 ) Die Nach- 
forschung lehrt uns denn auch, daß diese von der Sitte so schwer 
geächtete Situation die harmloseste Ableitung zuläßt. Sie ist 
nichts anderes als die Umarbeitung einer anderen Situation, 
in welcher wir uns einst alle behaglich fühlten, als wir im 
Säuglingsalter (»essendo io in culla«) die Brustwarze der 
Mutter oder Amme in den Mund nahmen, um an ihr zu saugen. 
Der organische Eindruck dieses unseres ersten Lebensgenusses 
ist wohl unzerstörbar eingeprägt geblieben; wenn das Kind 
später das Euter der Kuh kennen lernt, das seiner Funktion 
nach eine Brustwarze, seiner Gestalt und Lage am Unterleib 
nach aber einem Penis gleichkommt, hat es die Vorstufe 
für die spätere Bildung jener anstößigen sexuellen Phantasie 
gewonnen. 

Wir verstehen jetzt, warum Leonardo die Erinnerung 
an das angebliche Erlebnis mit dem Geier in seine Säuglings- 
zeit verlegt. Hinter dieser Phantasie verbirgt sich doch nichts 
anderes als eine Reminiszenz an das Saugen — oder Gesäugt- 
werden — an der Mutterbrust, welche menschlich schöne Szene er 
wie soviele andere Künstler an der Mutter Gottes und ihrem 
Kinde mit dem Pinsel darzustellen unternommen hat. Aller- 
dings wollen wir auch festhalten, was wir noch nicht ver- 
stehen, daß diese für beide Geschlechter gleich bedeutsame 
Reminiszenz von dem Manne Leonardo zu einer passiven 
homosexuellen Phantasie umgearbeitet worden ist. Wir werden 
die Frage vorläufig bei Seite lassen, welcher Zusammenhang 
etwa die Homosexualität mit dem Saugen an der Mutterbrust 
verbindet, und uns bloß daran erinnern, daß die Tradition Leo- 

! ) Vgl. hiezu das »Bruchstück einer Hysterieanalyse« in Sammlung 
kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Zweite Folge, 1909. 



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24 EINE KINDHEITSERINXERÜNG 

nardo wirklich als einen homosexuell Fühlenden bezeichnet. 
Dabei gilt es uns gleich, ob jene Anklage gegen den Jüngling 
Leonardo berechtigt war oder nicht; nicht die reale Be- 
tätigung, sondern die Einstellung des Gefühls entscheidet für 
uns darüber, ob wir irgend jemand die Eigentümlichkeit der 
Homosexualität zuerkennen sollen. 

Ein anderer unverstandener Zug der Kindheitsphantasie 
Leonardos nimmt unser Interesse zunächst in Anspruch. Wir 
deuten die Phantasie auf das Gesäugtwerden durch die 
Mutter und finden die Mutter ersetzt durch einen — Geier. 
Woher rührt dieser Geier und wie kommt er an diese Stelle? 

Ein Einfall bietet sich da, so fernab liegend, daß man ver- 
sucht wäre, auf ihn zu verzichten. In der heiligen Bilder- 
schrift der alten Ägypter wird die Mutter allerdings mit dem 
Bilde des Geiers geschrieben. 1 ) Diese Ägypter verehrten auch 
eine mütterliche Gottheit, die geierköpfig gebildet wurde oder 
mit mehreren Köpfen, von denen wenigstens einer der eines 
Geiers war. 2 ) Der Name dieser Göttin wurde Mut aus- 
gesprochen; ob die Lautähnlichkeit mit unserem Worte 
»Mutter« nur eine zufällige ist ? So steht der Geier wirklich 
in Beziehung zur Mutter, aber was kann uns das helfen? 
Dürfen wir Leonardo denn diese Kenntnis zumuten, wenn 
die Lesung der Hieroglyphen erst Francis Champollion 
(1790—1832) gelungen ist? 3 ) 

Man möchte sich dafür interessieren, auf welchem Wege 
auch nur die alten Ägypter dazu gekommen sind, den Geier 
zum Symbol der Mütterlichkeit zu wählen. Nun war die 
Religion und Kultur der Ägypter bereits den Griechen und 
Römern Gegenstand wissenschaftlicher Neugierde, und lange, 
ehe wir selbst die Denkmäler Ägyptens lesen konnten, standen 
uns einzelne Mitteilungen darüber aus erhaltenen Schriften des 



1 ) Ilorapollo. Hieroglyphica 1, 11. Mr^pa U Ypcrpovre; yv-a C«j- 

ypa'ioüaiv. 

*) Koscher. Ausf. Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. 
Artikel Mut, II. Band, 1894—1897. — Lanzone. Dizionario di mitologia 
egizia. Torino 1882. 

8 ) II. Ilartlehen, Champollion. Sein Leben und sein Werk, 1906. 



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DES LEONARDO DA VINCI. 25 

klassischen Altertums zu Gebote, Schriften, die teils von be- 
kannten Autoren herrühren, wie Strabo, Plutarch, Ami- 
nianus Marcellus, teils unbekannte Namen tragen und 
unsicher in ihrer Herkunft und Abfassungszeit sind wie die 
Hieroglyphica des Horapollo Nilus und das unter dem 
Götternamen des Hermes Trismegistos überlieferte Buch 
orientalischer Priesterweisheit. Aus diesen Quellen erfahren 
wir, daß der Geier als Symbol der Mütterlichkeit galt, weil 
man glaubte, es gäbe nur weibliche Geier und keine männ- 
lichen von dieser Vogelart. 1 ) Die Naturgeschichte der Alten 
kannte auch ein Gegenstück zu dieser Einschränkung; bei 
den Skarabäen, den von den Ägyptern als göttlich verehrten 
Käfern, meinten sie, gebe es nur Männchen. 2 ) 

Wie sollte nun die Befruchtung der Geier vor sich gehen, 
wenn sie alle nur Weibchen waren ? Darüber gibt eine Stelle 
des Horapollo 3 ) guten Aufschluß. Zu einer gewissen Zeit 
halten diese Vögel im Fluge inne, öffnen ihre Scheide und 
empfangen vom Winde. 

Wir sind jetzt unerwarteter Weise dazu gelangt, etwas 
für recht wahrscheinlich zu halten, was wir vor kurzem 
noch als absurd zurückweisen mußten. Leonardo kann das 
wissenschaftliche Märchen, dem es der Geier verdankt, 
daß die Ägypter mit seinem Bild den Begriff der Mutter 
schrieben, sehr wohl gekannt haben. Er war ein Vielleser, 
dessen Interesse alle Gebiete der Literatur und des Wissens 
umfaßte. Wir besitzen im Codex atlanticus ein Verzeichnis aller 
Bücher, die er zu einer gewissen Zeit besaß, 4 ) dazu zahl- 
reiche Notizen über andere Bücher, die er von Freunden 



') »7OH* hk apprva o\» «pasry^via&ai roxe, it)A dyjXcfa; d-asa; bei 
t. Römer. Über die androgynische Idee des Lebens. Jahrb. f. sexuelle 
Zwischenstufen, V, 1903, p. 732. 

*) Plutarch. Veluti scarabaeos mares tan tum esse putarunt Ägyptii 
sie inter vultures mares non inveniri statucrunt. 

a ) Uorapollinis Niloi Hieroglyphica edidit Conradus Leemans Amste- 
lodami 1835. Die auf das Geschlecht der Geier bezüglichen Worte lauten 
(p. 14) : ( uij?£p« jiiv £retS$) ofpj>ev h to-jtu) Tq> f^vti xtöv £u>u>v ojy ur.apyei. 

4 ) E. Müntz. Leonard de Vinci, Paris 1899, p. 282. 



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26 EINE KINDHEITSERINNERUNG 

entlehnt hatte, und nach den Exzerpten, die Fr. Richter 1 ) 
aus seinen Aufzeichnungen zusammengestellt hat, können wir 
den Umfang seiner Lektüre kaum überschätzen. Unter dieser 
Zahl fehlen auch ältere wie gleichzeitige Werke von natur- 
wissenschaftlichem Inhalte nicht. Alle diese Bücher waren zu 
jener Zeit schon im Drucke vorhanden, und gerade Mailand 
war für Italien die Hauptstätte der jungen Buchdruckerkunst. 

Wenn wir nun weiter gehen, stoßen wir auf eine Nach- 
richt, welche die Wahrscheinlichkeit, Leonardo habe das Geier- 
märchen gekannt, zur Sicherheit steigern kann. Der gelehrte 
Herausgeber und Kommentator des Horapollo bemerkt zu 
dem bereits zitierten Text (p. 172) : Caeterum hanc fabulam de 
vulturibus cupide amplexi sunt Patres Ecclesiastici, ut ita ar- 
gumenta ex rerum natura petito refutarent eos, qui Virginis 
partum negabant; itaque apud omnes fere hujus rei mentio 
occurit. 

Also die Fabel von der Eingeschlechtigkeit und der Emp- 
fängnis der Geier war keineswegs eine indifferente Anekdote 
geblieben wie die analoge von den Skarabäen; die Kirchen- 
väter hatten sich ihrer bemächtigt, um gegen die Zweifler an 
der heiligen Geschichte ein Argument aus der Naturgeschichte 
zur Hand zu haben. Wenn nach den besten Nachrichten aus dem 
Altertum die Geier darauf angewiesen waren, sich vom Winde be- 
fruchten zu lassen, warum sollte nicht auch einmal das gleiche 
mit einem menschlichen Weibe vorgegangen sein ? Dieser Ver- 
wertbarkeit wegen pflegten die Kirchenväter »fast alle< die 
Geierfabel zu erzählen, und nun kann es kaum zweifelhaft 
sein, daß sie durch so mächtige Patronanz auch Leonardo be- 
kannt geworden ist. 

Die Entstehung der Geierphantasie Leonardos können wir 
uns nun in folgender Weise vorstellen. Als er einmal bei 
einem Kirchenvater oder in einem naturwissenschaftlichen 
Buche davon las, die Geier seien alle Weibchen und wüßten 
sich ohne Mithilfe von Männchen fortzupflanzen, da tauchte 
in ihm eine Erinnerung auf, die sich zu jener Phantasie um- 
gestaltete, die aber besagen wollte, er sei ja auch so ein 

>) Müntz 1. c. 



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DES LEONARDO DA VINCI. 27 

Geierkind gewesen, das eine Mutter, aber keinen Vater ge- 
habt habe, und dazu gesellte sich in der Art, wie so alte Ein- 
drücke sich allein äußern können, ein Nachhall des Genusses, 
der ihm an der Mutterbrust zu teil geworden war. Die von 
den Autoren hergestellte Anspielung auf die jedem Künstler 
teure Vorstellung der heiligen Jungfrau mit dem Kinde mußte 
dazu beitragen, ihm diese Phantasie wertvoll und bedeutsam 
erscheinen zu lassen. Kam er doch so dazu, sich mit dem 
Christusknaben, dem Tröster und Erlöser nicht nur des einen 
Weibes, zu identifizieren. 

Wenn wir eine Kindheitsphantasie zersetzen, streben wir 
danach, deren realen Erinnerungsinhalt von den späteren Mo- 
tiven zu sondern, welche denselben modifizieren und entstellen. 
Im Falle Leonardos glauben wir jetzt den realen Inhalt der 
Phantasie zu kennen; die Ersetzung der Mutter durch den 
Geier weist darauf hin, daß das Kind den Vater vermißt und 
sich mit der Mutter allein gefunden hat. Die Tatsache der 
illegitimen Geburt Leonardos stimmt zu seiner Geierphantasie ; 
nur darum konnte er sich einem Geierkinde vergleichen. Aber 
wir haben als die nächste gesicherte Tatsache aus seiner Ju- 
gend erfahren, daß er im Alter von fünf Jahren in den Haus- 
halt seines Vaters aufgenommen war; wann dies geschah, ob 
wenige Monate nach seiner Geburt, ob wenige Wochen vor 
der Aufnahme jenes Katasters, ist uns völlig unbekannt. 
Da tritt nun die Deutung der Geierphantasie ein und will 
uns belehren, daß Leonardo die entscheidenden ersten Jahre 
seines Lebens nicht bei seinem Vater und seiner Stief- 
mutter, sondern bei der armen, verlassenen, echten Mutter 
verbrachte, so daß er Zeit hatte, seinen Vater zu vermissen. 
Dies scheint ein mageres und dabei noch immer gewagtes Er- 
gebnis der psychoanalytischen Bemühung, allein es wird bei 
weiterer Vertiefung an Bedeutung gewinnen. Der Sicherheit 
kommt noch die Erwägung der tatsächlichen Verhältnisse in 
der Kindheit Leonardos zu Hilfe. Den Berichten nach heiratete 
sein Vater Ser Piero da Vinci noch im Jahre von Leonardos 
Geburt die vornehme Donna Albiera ; der Kinderlosigkeit 
dieser Ehe verdankte der Knabe seine im fünften Jahre doku- 



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28 EINE KIXDHEITSERINNERUNG 

mentarisch bestätigte Aufnahme ins väterliche oder vielmehr 
großväterliche Haus. Nun ist es nicht gebräuchlich, daß man 
der jungen Frau, die noch auf Kindersegen rechnet, von An- 
fang an einen illegitimen Sprößling zur Pflege übergibt. Es 
mußten wohl erst Jahre von Enttäuschung hingegangen sein, 
ehe man sich entschloß, das wahrscheinlich reizend entwickelte 
uneheliche Kind zur Entschädigung für die vergeblich er- 
hofften ehelichen Kinder anzunehmen. Es steht im besten 
Einklang mit der Deutung der Geierphantasie, wenn mindestens 
drei Jahre, vielleicht fünf, von Leonardos Leben verflossen 
waren, ehe er seine einsame Mutter gegen ein Elternpaar 
vertauschen konnte. Dann aber war es bereits zu spät ge- 
worden. In den ersten drei oder vier Lebensjahren fixieren 
sich Eindrücke und bahnen sich Reaktionsweisen gegen die 
Außenwelt an, die durch kein späteres Erleben mehr ihrer 
Bedeutung beraubt werden können. 

Wenn es richtig ist, daß die unverständlichen Kindheits- 
erinnerungen und die auf sie gebauten Phantasien eines Men- 
schen stets das Wichtigste aus seiner seelischen Entwicklung 
herausheben, so muß die durch die Geierphantasie erhärtete 
Tatsache, daß Leonardo seine ersten Lebensjahre allein mit 
der Mutter verbracht hat, von entscheidendstem Einfluß auf 
die Gestaltung seines inneren Lebens gewesen sein. Unter 
den Wirkungen dieser Konstellation kann es nicht gefehlt 
haben, daß das Kind, welches in seinem jungen Leben ein 
Problem mehr vorfand als andere Kinder, mit besonderer 
Leidenschaft über diese Rätsel zu grübeln begann und so 
frühzeitig ein Forscher wurde, den die großen Fragen quäl- 
ten, woher die Kinder kommen, und was der Vater mit ihrer 
Entstehung zu tun habe. Die Ahnung dieses Zusammenhanges 
zwischen seiner Forschung und seiner Kindheitsgeschichte hat 
ihm dann später den Ausruf entlockt, ihm sei es wohl von 
jeher bestimmt gewesen, sich in das Problem des Vogelfluges 
zu vertiefen, da er schon in der Wiege von einem Geier heim- 
gesucht worden war. Die Wißbegierde, die sich auf den Vogel- 
flug richtet, von der infantilen Sexualforschung abzuleiten, 
wird eine spätere, unschwer zu erledigende Aufgabe sein. 



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DES LEONARDO DA VINCI. 29 

III. 

In der Kindheitsphantasie Leonardos repräsentierte uns 
das Element des Geiers den realen Erinnerungsinhalt; der 
Zusammenhang, in den Leonardo selbst seine Phantasie gestellt 
hatte, warf ein helles Licht auf die Bedeutung dieses Inhaltes 
für sein späteres Leben. Bei fortschreitender Deutungsarbeit 
stoßen wir nun auf das befremdliche Problem, warum dieser 
Erinnerungsinhalt in eine homosexuelle Situation umgearbeitet 
worden ist. Die Mutter, die das Kind säugt — besser: an der 
das Kind saugt — , ist in einen Geiervogel verwandelt, der 
dem Kinde seinen Schwanz in den Mund steckt. Wir behaup- 
ten, daß die »Coda* des Geiers nach gemeinem substituierenden 
Sprachgebrauch gar nichts anderes als ein männliches Geni- 
tale, einen Penis, bedeuten kann. Aber wir verstehen nicht, 
wie die Phantasietätigkeit dazu gelangen kann, gerade den 
mütterlichen Vogel mit dem Abzeichen der Männlichkeit aus- 
zustatten, und werden angesichts dieser Absurdität an der 
Möglichkeit irre, dieses Phantasiegebilde auf einen vernünf- 
tigen Sinn zu reduzieren. 

Indes wir dürfen nicht verzagen. Wieviel scheinbar ab- 
surde Träume haben wir nicht schon genötigt, ihren Sinn 
einzugestehen! Warum sollte es bei einer Kindheitsphantasie 
schwieriger werden als bei einem Traum ! 

Erinnern wir uns daran, daß es nicht gut ist, wenn sich 
eine Sonderbarkeit vereinzelt findet, und beeilen wir uns, ihr 
eine zweite, noch auffälligere, zur Seite zu stellen. 

Die geierköpfig gebildete Göttin Mut der Ägypter, eine 
Gestalt von ganz unpersönlichem Charakter, wie Drexler 
in Roschers Lexikon urteilt, wurde häufig mit anderen 
mütterlichen Gottheiten von lebendigerer Individualität wie 
Isis und Hat hör verschmolzen, behielt aber daneben ihre 
gesonderte Existenz und Verehrung. Es war eine besondere 
Eigentümlichkeit des ägyptischen Pantheons, daß die einzel- 
nen Götter nicht im Synkretismus untergingen. Neben der 
Götterkomposition blieb die einfache Göttergestalt in ihrer 
Selbständigkeit bestehen. Diese geierköpfige mütterliche Gott- 
heit wurde nun von den Ägyptern in den meisten Darstellun- 



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30 EINE KINDHEITSERIKNERUXG 

gen phallisch gebildet; 1 ) ihr durch die Brüste als weiblich ge- 
kennzeichneter Körper trägt auch ein männliches Glied im 
Zustande der Erektion. 

Bei der Göttin Mut also dieselbe Vereinigung mütter- 
licher und männlicher Charaktere wie in der Geierphantasie 
Leonardos! Sollen wir dies Zusammentreffen durch die An- 
nahme aufklären, Leonardo habe aus seinen Bücherstudien 
auch die androgyne Natur des mütterlichen Geiers gekannt ? 
Solche Möglichkeit ist mehr als fraglich; es scheint, daß die 
ihm zugänglichen Quellen von dieser merkwürdigen Bestim- 
mung nichts enthielten. Es liegt wohl näher, die Übereinstim- 
mung auf ein gemeinsames, hier wie dort wirksames und 
noch unbekanntes Motiv zurückzuführen. 

Die Mythologie kann uns berichten, daß die androgyne 
Bildung, die Vereinigung männlicher und weiblicher Geschlechts- 
charaktere, nicht nur der Mut zukam, sondern auch anderen 
Gottheiten wie der Isis und Hathor, aber diesen vielleicht 
nur, insofern sie auch mütterliche Natur hatten und mit der 
Mut verschmolzen wurden. *) Sielehrtuns ferner, daß andere 
Gottheiten der Ägypter, wie die Neith von Sais, aus der 
später die griechische Athene wurde, ursprünglich androgyn, 
di hermaphroditisch aufgefaßt wurden, und daß das gleiche 
für viele der griechischen Götter besonders aus dem 
Kreise des Dionysos, aber auch für die später zur weiblichen 
Liebesgöttin eingeschränkten Aphrodite galt. Sie mag dann 
die Erklärung versuchen, daß der dem weiblichen Körper an- 
gefügte Phallus die schöpferische Urkraft der Natur bedeuten 
solle, und daß alle diese hermaphroditischen Götterbildungen 
die Idee ausdrücken, erst die Vereinigung von Männlichem und 
Weiblichem könne eine würdige Darstellung der göttlichen 
Vollkommenheit ergeben. Aber keine dieser Bemerkungen 
klärt uns das psychologische Rätsel, daß die Phantasie der 
Menschen keinen Anstoß daran nimmt, eine Gestalt, die ihr 
das Wesen der Mutter verkörpern soll, mit dem zur Mütter- 



') Vgl. die Abbildungen bei Lanzone 1. c, T. CXXXVI— VIII. 
*) t. Römer 1. c. 



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DES LEONARDO DA VINCI. 31 

lichkeit gegensätzlichen Zeichen der männlichen Kraft zu 
versehen. 

Die Aufklärung kommt von Seiten der infantilen Sexual- 
theorien. Es hatte allerdings eine Zeit gegeben, in der das 
männliche Genitale mit der Darstellung der Mutter vereinbar 
gefunden wurde. Wenn das männliche Kind seine Wißbegierde 
zuerst auf die Rätsel des Geschlechtslebens richtet, wird es 
von dem Interesse für sein eigenes Genitale beherrscht. Es 
findet diesen Teil seines Körpers zu wertvoll und zu wichtig, 
als daß es glauben könnte, er würde anderen Personen fehlen, 
denen es sich so ähnlich fühlt. Da es nicht erraten kann, 
daß es noch einen anderen, gleichwertigen Typus von Genital- 
bildung gibt, muß es zur Annahme greifen, daß alle Menschen, 
auch die Frauen, ein solches Glied wie er besitzen. Dieses 
Vorurteil setzt sich bei dem jugendlichen Forscher so fest, 
daß es auch durch die ersten Beobachtungen an den Geni- 
talien kleiner Mädchen nicht zerstört wird. Die Wahrneh- 
mung sagt ihm allerdings, daß da etwas anders ist als bei 
ihm, aber er ist nicht im stände, sich als Inhalt dieser Wahr- 
nehmung einzugestehen, daß er beim Mädchen das Glied nicht 
finden könne. Daß das Glied fehlen könne, ist ihm eine un- 
heimliche, unerträgliche Vorstellung, er versucht darum eine 
vermittelnde Entscheidung : das Glied sei auch beim Mädchen 
vorhanden, aber es sei noch sehr klein; es werde später 
wachsen. 1 ) Scheint sich diese Erwartung bei späteren Beobach- 
tungen nicht zu erfüllen, so bietet sich ihm ein anderer Aus- 
weg. Das Glied war auch beim kleinen Mädchen da, aber es 
ist abgeschnitten worden, an seiner Stelle ist eine Wunde ge- 
blieben. Dieser Fortschritt der Theorie verwertet bereits eigene 
Erfahrungen von peinlichem Charakter; er hat unterdeß die 
Drohung gehört, daß man ihm das teure Organ wegnehmen wird, 
wenn er sein Interesse dafür allzu deutlich betätigt. Unter dem 
Einfluß dieser Kastrationsandrohung deutet er jetzt seine 
Auffassung des weiblichen Genitales um ; er wird von nun an 
für seine Männlichkeit zittern, dabei aber die unglücklichen 

') Vgl. die Beobachtungen im Jahrbuch für psychoanalyt. u. psycho- 
path. Forschungen, Bd. I, 1909. 



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EINE KINDHEITSERINNERUNG 



Geschöpfe verachten, an denen nach seiner Meinung die grau- 
same Bestrafung bereits vollzogen worden ist. 

Ehe das Kind unter die Herrschaft des Kastrations- 
komplexes geriet, zur Zeit, als ihm das Weib noch als voll- 
wertig galt, begann eine intensive Schaulust als erotische 
Triebbetätigung sich bei ihm zu äußern. Es wollte die Ge- 
nitalien anderer Personen sehen, ursprünglich wahrscheinlich, 
um sie mit den eigenen zu vergleichen. Die erotische An- 
ziehung, die von der Person der Mutter ausging, gipfelte 
bald in der Sehnsucht nach ihrem für einen Penis gehaltenen 
Genitale. Mit der erst spät erworbenen Erkenntnis, daß das 
Weib keinen Penis besitzt, schlägt diese Sehnsucht oft in ihr 
Gegenteil um, macht einem Abscheu Platz, der in den Jahren 
der Pubertät zur Ursache der psychischen Impotenz, der 
Misogynie, der dauernden Homosexualität werden kann. Aber 
die Fixierung an das einst heiß begehrte Objekt, den Penis 
des Weibes, hinterläßt unauslöschliche Spuren im Seelenleben 
des Kindes, welches jenes Stück infantiler Sexualforschung 
mit besonderer Vertiefung durchgemacht hat. Die fetischartige 
Verehrung des weiblichen Fußes und Schuhes scheint den Fuß 
nur als Ersatzsymbol für das einst verehrte, seither vermißte 
Glied des Weibes zu nehmen; die »Zopfabschneider« spielen, 
ohne es zu wissen, die Rolle von Personen, die am weiblichen 
Genitale den Akt der Kastration ausführen. 

Man wird zu den Betätigungen der kindlichen Sexualität 
kein richtiges Verhältnis gewinnen und wahrscheinlich zur 
Auskunft greifen, diese Mitteilungen für unglaubwürdig zu 
erklären, solange man den Standpunkt unserer kulturellen 
Geringschätzung der Genitalien und der Geschlechtsfunktionen 
überhaupt nicht verläßt. Zum Verständnis des kindlichen 
Seelenlebens bedarf es urzeitlicher Analogien. Für uns sind 
die Genitalien schon seit einer langen Reihe von Generationen 
die Pudenda, Gegenstände der Scham, und bei weiter ge- 
diehener Sexualverdrängung sogar des Ekels. Widerwillig 
fügen sich die heute Lebenden in ihrer Mehrheit den Geboten 
der Fortpflanzung und fühlen sich dabei in ihrer mensch- 
lichen Würde gekränkt und herabgesetzt. Was an anderer 



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DES LEONARDO DA VINCI. 33 

Auffassung des Geschlechtslebens unter uns vorhanden ist, 
hat sich auf die roh gebliebenen, niedrigen Volksschichten 
zurückgezogen, versteckt sich bei den höheren und ver- 
feinerten als kulturell minderwertig und wagt seine Betätigung 
nur unter den verbitternden Mahnungen eines schlechten Ge- 
wissens. Anders war es in den Urzeiten des Menschen- 
geschlechtes. Aus den mühseligen Sammlungen der Kultur- 
forscher kann man sich die Überzeugung holen, daß die Ge- 
nitalien ursprünglich der Stolz und die Hoffnung der Lebenden 
waren, göttliche Verehrung genossen und die Göttlichkeit 
ihrer Funktionen auf alle neu erlernten Tätigkeiten der 
Menschen übertrugen. Ungezählte Göttergestalten erhoben 
sich durch Sublimierung aus ihrem Wesen, und zur Zeit, da 
der Zusammenhang der offiziellen Religionen mit der Ge- 
schlechtstätigkeit bereits dem allgemeinen Bewußtsein ver- 
hüllt war, bemühten sich Geheimkulte, ihn bei einer Anzahl 
von Eingeweihten lebend zu erhalten. Endlich geschah es im 
Laufe der Kulturentwicklung, daß so viel Göttliches und Heiliges 
aus der Geschlechtlichkeit extrahiert war, bis der erschöpfte 
Rest der Verachtung verfiel. Aber bei der Unvertilgbarkeit, 
die in der Natur aller seelischen Spuren liegt, darf man sich 
nicht verwundern, daß selbst die primitivsten Formen von 
Anbetung der Genitalien bis in ganz rezente Zeiten nachzu- 
weisen sind, und daß Sprachgebrauch, Sitten und Aberglauben 
der heutigen Menschheit die Überlebsei von allen Phasen 
dieses Entwicklungsganges enthalten. 1 ) 

Wir sind durch gewichtige biologische Analogien darauf 
vorbereitet, daß die seelische Entwicklung des Einzelnen 
den Lauf der Menschheitsentwicklung abgekürzt wiederhole, 
und werden darum nicht unwahrscheinlich finden, was die 
psychoanalytische Erforschung der Kinderseele über die infan- 
tile Schätzung der Genitalien ergeben hat. Die kindliche An- 
nahme des mütterlichen Penis ist nun die gemeinsame Quelle, 
aus der sich die androgyne Bildung der mütterlichen Gott- 
heiten wie der ägyptischen Mut und die »Coda« des Geiers in Leo- 

*) Vgl. Richard PayneKnight. Le culte du Priape. Traduit de 
PAnglais, Bruxelles 1883. 

Freud, Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. 3 

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34 EINE KINDHEITSERINNERUNG 

nardos Kindheitsphantasie ableiten. Wir heißen ja diese Götter- 
darstellungen nur mißverständlich hermaphroditisch im ärzt- 
lichen Sinne des Wortes. Keine von ihnen vereinigt die wirk- 
lichen Genitalien beider Geschlechter, wie sie in manchen 
Mißbildungen vereinigt sind zum Abscheu jedes menschlichen 
Auges ; sie fügen bloß den Brüsten als Abzeichen der Mütter- 
lichkeit das männliche Glied hinzu, wie es in der ersten Vor- 
stellung des Kindes vom Leibe der Mutter vorhanden war. Die 
Mythologie hat diese ehrwürdige, uranfänglich phantasierte 
Körperbildung der Mutter für die Gläubigen erhalten. Die 
Hervorhebung des Geierschwanzes in der Phantasie Leo- 
nardos können wir nun so übersetzen : Damals, als sich meine 
zärtliche Neugierde auf die Mutter richtete, und ich ihr noch 
ein Genitale wie mein eigenes zuschrieb. Ein weiteres Zeugnis 
für die frühzeitige Sexualforschung Leonardos, die nach 
unserer Meinung ausschlaggebend für sein ganzes späteres 
Leben wurde. 

Eine kurze Überlegung mahnt uns jetzt, daß wir uns 
mit der Aufklärung des Geierschwanzes in Leonardos Kind- 
heitsphantasie nicht begnügen dürfen. Es scheint mehr in ihr 
enthalten, was wir noch nicht verstehen. Ihr auffälligster Zug 
war doch, daß sie das Saugen an der Mutterbrust in ein Ge- 
säugtwerden, also in Passivität und damit in eine Situation 
von unzweifelhaft homosexuellem Charakter verwandelte. Ein- 
gedenk der historischen Wahrscheinlichkeit, daß sich Leonardo 
im Leben wie ein homosexuell Fühlender benahm, drängt sich 
uns die Frage auf, ob diese Phantasie nicht auf eine ursäch- 
liche Beziehung zwischen Leonardos Kinderverhältnis zu seiner 
Mutter und seiner späteren manifesten, wenn auch ideellen 
Homosexualität hinweist. Wir würden uns nicht getrauen, eine 
solche aus der entstellten Reminiszenz Leonardos zu erschließen, 
wenn wir nicht aus den psychoanalytischen Untersuchungen 
von homosexuellen Patienten wüßten, daß eine solche besteht, 
ja daß sie eine innige und notwendige ist. 

Die homosexuellen Männer, die in unseren Tagen eine 
energische Aktion gegen die gesetzliche Einschränkung ihrer 
Sexualbetätigung unternommen haben, lieben es, sich durch 



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DES LEONARDO DA VINCI. 35 

ihre theoretischen Wortführer als eine von Anfang an ge- 
sonderte geschlechtliche Abart, als sexuelle Zwischenstufen, als 
»ein drittes Geschlecht« hinstellen zu lassen. Sie seien Männer, 
denen organische Bedingungen vom Keime an das Wohlgefallen 
am Mann aufgenötigt, das am Weibe versagt hätten. So gerne 
man nun aus humanen Rücksichten ihre Forderungen unter- 
schreibt, so zurückhaltend darf man gegen ihre Theorien sein, 
die ohne Berücksichtigung der psychischen Genese der Homo- 
sexualität aufgestellt worden sind. Die Psychoanalyse bietet 
die Mittel, diese Lücke auszufüllen und die Behauptungen der 
Homosexuellen der Probe zu unterziehen. Sie hat dieser Auf- 
gabe erst bei einer geringen Zahl von Personen genügen 
können, aber alle bisher vorgenommenen Untersuchungen 
brachten das nämliche überraschende Ergebnis. 1 ) Bei allen 
unseren homosexuellen Männern gab es in der ersten, vom 
Individuum später vergessenen, Kindheit eine sehr intensive 
erotische Bindung an eine weibliche Person, in der Regel an 
die Mutter, hervorgerufen oder begünstigt durch die Über- 
zärtlichkeit der Mutter selbst, ferner unterstützt durch ein 
Zurücktreten des Vaters im kindlichen Leben. Sadger hebt 
hervor, daß die Mütter seiner homosexuellen Patienten häufig 
Mannweiber waren, Frauen mit energischen Charakterzügen, 
die den Vater aus der ihm gebührenden Stellung drängen 
konnten; ich habe gelegentlich das gleiche gesehen, aber 
stärkeren Eindruck von jenen Fällen empfangen, in denen 
der Vater von Anfang an fehlte oder frühzeitig wegfiel, so 
daß der Knabe dem weiblichen Einfluß preisgegeben war. 
Sieht es doch fast so aus, als ob das Vorhandensein eines 
starken Vaters dem Sohne die richtige Entscheidung in der 
Objektwahl für das entgegengesetzte Geschlecht versichern 
würde. 

Nach diesem Vorstadium tritt eine Umwandlung ein, 
deren Mechanismus uns bekannt ist, deren treibende Kräfte 



') Es sind dies vornehmlich Untersuchungen von I. Sadger, die ich 
aus eigener Erfahrung im Wesentlichen bestätigen kann. Überdies ist mir be- 
kannt, daß W. Stekel in Wien und S. Ferenczi in Budapest zu den 
gleichen Resultaten gekommen sind. 



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36 EINE KINDHEITSERINNERUNG 

wir noch nicht erfassen. Die Liebe zur Mutter kann die weitere 
bewußte Entwicklung nicht mitmachen, sie verfällt der Ver- 
drängung. Der Knabe verdrängt die Liebe zur Mutter, indem 
er sich selbst an deren Stelle setzt, sich mit der Mutter 
identifiziert und seine eigene Person zum Vorbild nimmt, in 
dessen Ähnlichkeit er seine neuen Liebesobjekte auswählt. Er 
ist so homosexuell geworden ; eigentlich ist er in den Autoerotis- 
mus zurückgeglitten, da die Knaben, die der Heranwachsende 
jetzt liebt, doch nur Ersatzpersonen und Erneuerungen seiner 
eigenen kindlichen Person sind, die er so liebt, wie die Mutter 
ihn als Kind geliebt hat. Wir sagen, er findet seine Liebes- 
objekte auf dem Wege des Narzißmus, da die griechische 
Sage einen Jüngling Narzissus nennt, dem nichts so wohl 
gefiel wie das eigene Spiegelbild, und der in die schöne 
Blume dieses Namens verwandelt wurde. 

Tiefer reichende psychologische Erwägungen rechtfertigen 
die Behauptung, daß der auf solchem Wege homosexuell Ge- 
wordene im Unbewußten an das Erinnerungsbild seiner Mutter 
fixiert bleibt. Durch die Verdrängung der Liebe zur Mutter kon- 
serviert er dieselbe in seinem Unbewußten und bleibt von nun an 
der Mutter treu. Wenn er als Liebhaber Knaben nachzulaufen 
scheint, so läuft er in Wirklichkeit vor den anderen Frauen davon, 
die ihn untreu machen könnten. Wir haben auch durch direkte 
Einzelbeobachtung nachweisen können, daß der scheinbar nur 
für männlichen Reiz Empfängliche in Wahrheit der Anziehung, 
die vom Weibe ausgeht, unterliegt wie ein Normaler ; aber er 
beeilt sich jedesmal, die vom Weibe empfangene Erregung 
auf ein männliches Objekt zu überschreiben und wiederholt 
auf solche Weise immer wieder den Mechanismus, durch den 
er seine Homosexualität erworben hat. 

Es liegt uns ferne, die Bedeutung dieser Aufklärungen 
über die psychische Genese der Homosexualität zu übertreiben. 
Es ist ganz unverkennbar, daß sie den offiziellen Theorien 
der homosexuellen Wortführer grell widersprechen, aber 
wir wissen, daß sie nicht umfassend genug sind, um eine end- 
gültige Klärung des Problems zu ermöglichen. Was man aus 
praktischen Gründen Homosexualität heißt, mag aus mannig- 



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DES LEONARDO DA VINCI. 37 

faltigen psychosexuellen Hemmungsprozessen hervorgehen, 
und der von uns erkannte Vorgang ist vielleicht nur einer 
unter vielen und bezieht sich nur auf einen Typus von 
»Homosexualität*. Wir müssen auch zugestehen, daß bei 
unserem homosexuellen Typus die Anzahl der Fälle, in denen 
die von uns geforderten Bedingungen aufzeigbar sind, weitaus 
die jener Fälle übersteigt, in denen der abgeleitete Effekt 
wirklich eintritt, so daß auch wir die Mitwirkung unbekannter 
konstitutioneller Faktoren nicht abweisen können, von denen 
man sonst das Ganze der Homosexualität abzuleiten pflegt. 
Wir hätten überhaupt keinen Anlaß gehabt, auf die psychische 
Genese der von uns studierten Form von Homosexualität ein- 
zugehen, wenn nicht eine starke Vermutung dafür spräche, 
daß gerade Leonardo, von dessen Geierphantasie wir ausge- 
gangen sind, diesem einen Typus der Homosexuellen angehört. 

So wenig Näheres über das geschlechtliche Verhalten 
des großen Künstlers und Forschers bekannt ist, so darf man 
sich doch der Wahrscheinlichkeit anvertrauen, daß die Aus- 
sagen seiner Zeitgenossen nicht im Gröbsten irre gingen. Im 
Lichte dieser Überlieferungen erscheint er uns also als ein 
Mann, dessen sexuelle Bedürftigkeit und Aktivität außerordent- 
lich herabgesetzt war, als hätte ein höheres Streben ihn über 
die gemeine animalische Not der Menschen erhoben. Es mag 
dahingestellt bleiben, ob er jemals und auf welchem Wege er 
die direkte sexuelle Befriedigung gesucht, oder ob er ihrer 
gänzlich entraten konnte. Wir haben aber ein Recht, auch 
bei ihm nach jenen Gefühlsströmungen zu suchen, die andere 
gebieterisch zur sexuellen Tat drängen, dfenn wir können 
kein menschliches Seelenleben glauben, an dessen Aufbau 
nicht das sexuelle Begehren im weitesten Sinne, die Libido, 
ihren Anteil hätte, mag dasselbe sich auch weit vom ursprüng- 
lichen Ziel entfernt oder von der Ausführung zurückgehalten 
haben. 

Anderes als Spuren von unverwandelter sexueller Neigung 
werden wir bei Leonardo nicht erwarten dürfen. Diese weisen 
aber nach einer Richtung und gestatten, ihn noch den Homo- 
sexuellen zuzurechnen. Es wurde von jeher hervorgehoben, 



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88 EINE KIKDHEITSERINNERÜNG 

daß er nur auffällig schöne Knaben und Jünglinge zu seinen 
Schulern nahm. Er war gütig und nachsichtig gegen sie, be- 
sorgte sie und pflegte sie selbst, wenn sie krank waren, wie 
eine Mutter ihre Kinder pflegt, wie seine eigene Mutter ihn 
betreut haben mochte. Da er sie nach ihrer Schönheit und 
nicht nach ihrem Talent ausgewählt hatte, wurde keiner von 
ihnen : Cesare da Sesto, G. Boltraffio, Andrea Salaino, Fran- 
cesco Melzi u. a., ein bedeutender Maler. Meist brachten sie es 
nicht dazu, ihre Selbständigkeit vom Meister zu erringen, sie 
verschwanden nach seinem Tode, ohne der Kunstgeschichte 
eine bestimmtere Physiognomie zu hinterlassen. Die anderen, 
die sich nach ihrem Schaffen mit Recht seine Schüler 
nennen durften, wie Luini und Bazzi, genannt Sodoma, 
hat er wahrscheinlich persönlich nicht gekannt. 

Wir wissen, daß wir der Einwendung zu begegnen haben, 
das Verhalten Leonardos gegen seine Schüler habe mit ge- 
schlechtlichen Motiven überhaupt nichts zu tun und gestatte 
keinen Schluß auf eine sexuelle Eigenart. Dagegen wollen 
wir mit aller Vorsicht geltend machen, daß unsere Auffassung 
einige sonderbare Züge im Benehmen des Meisters aufklärt, 
die sonst rätselhaft bleiben müßten. Leonardo führte ein 
Tagebuch ; er machte in seiner kleinen, von rechts nach links 
geführten Schrift Aufzeichnungen, die nur für ihn bestimmt 
waren. In diesem Tagebuch redete er sich bemerkenswerter 
Weise mit »du« an: »Lerne bei Meister Luca die Multiplika- 
tion der Wurzeln.« 1 ) »Laß dir vom Meister d'Abacco die 
Quadratur des Zirkels zeigen.« 1 ) — Oder bei Anlaß einer 
Reise: 2 ) »Ich gehe meiner Gartenangelegenheit wegen nach 
Mailand .... Lasse zwei Tragsäcke machen. Lasse dir die 
Drechselbank von Boltraffio zeigen und einen Stein darauf 
bearbeiten. — Lasse das Buch dem Meister Andrea il To- 
desco.« 8 ) Oder, ein Vorsatz von ganz anderer Bedeutung: 

') Edm.Solmi. Leonardo da Vinci. Deutsche Übersetzung, 1908, p. 152. 

*) Solmi. Leonardo da Vinci, p. 203. 

*) Leonardo benimmt sich dabei wie jemand der gewöhnt war, einer 
anderen Person seine tägliche Beichte abzulegen, und der sich jetzt diese 
Person durch das Tagebuch ersetzt. Eine Vermutung, wer das gewesen sein 
mag, siehe bei Mereschkowsk i, S. 367. 



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DES LEONARDO DA VINCI. 39 

»Du hast in deiner Abhandlung zu zeigen, daß die Erde ein 
Stern ist, wie der Mond oder ungefähr, und so den Adel un- 
serer Welt zu erweisen.« 1 ) 

In diesem Tagebuch, welches übrigens — wie die Tagebücher 
anderer Sterblicher — oft die bedeutsamsten Begebenheiten 
des Tages nur mit wenigen Worten streift oder völlig ver- 
schweigt, finden sich einige Eintragungen, die ihrer Sonder- 
barkeit wegen von allen Biographen Leonardos zitiert werden. 
Es sind Aufzeichnungen über kleine Ausgaben des Meisters von 
einer peinlichen Exaktheit, als sollten sie von einem philiströs 
gestrengen und sparsamen Hausvater herrühren, während die 
Nachweise über die Verwendung größerer Summen fehlen und 
nichts sonst dafür spricht, daß der Künstler sich auf Wirt- 
schaft verstanden habe. Eine dieser Aufschreibungen betrifft 
einen neuen Mantel, den er dem Schüler Andrea Salaino 
gekauft : 2 ) 

»Silberbrokat 15 Lire 4 Soldi 

Roten Samt zum Besatz 9 » — » 

Schnüre — » 9 

Knöpfe — » 12 

Eine andere sehr ausführliche Notiz stellt alle die Aus- 
gaben zusammen, die ihm ein anderer Schüler 3 ) durch seine 
schlechten Eigenschaften und seine Neigung zum Diebstahl 
verursacht: »Am Tage 21 des April 1490 begann ich dieses 
Buch und begann wieder das Pferd. 4 ) Jacomo kam zu mir am 
Magdalenentage tausend 490, im Alter von 10 Jahren. (Rand- 
bemerkung: diebisch, lügnerisch, eigensinnig, gefräßig.) Am 
zweiten Tage ließ ich ihm zwei Hemden schneiden, ein Paar 
Hosen und einen Wams, und als ich mir das Geld beiseite 
legte, um genannte Sachen zu bezahlen, stahl er mir das Geld 
aus der Geldtasche, und war es nie möglich, ihn das beichten 
zu machen, obwohl ich davon eine wahre Sicherheit hatte 
(Randnote: 4 Lire ...).« So geht der Bericht über die Misse- 

x ) M. Herzfeld. Leonardo da Vinci, 1906, p. CXLI. 
8 ) Der Wortlaut nach Mereschkowski 1. c, p. 282. 
8 ) oder Modell. 
4 ) Vom Reiterdenkmal des Francesco Sforza. 



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40 EINE KIXDHEIT8ERINNERÜNG 

taten des Kleinen weiter und schließt mit der Kostenrechnung : 
»Im ersten Jahr, ein Mantel, Lire 2; 6 Hemden, Lire 4; 
3 Wämser, Lire 6; 4 Paar Strumpfe, Lire 7 u. s. w.^ 1 ) 

Die Biographen Leonardos, denen nichts ferner liegt, als 
die Rätsel im Seelenleben ihres Helden aus seinen kleinen 
Schwächen und Eigenheiten ergründen zu wollen, pflegen 
an diese sonderbaren Verrechnungen eine Bemerkung anzu- 
knüpfen, welche die Güte und Nachsicht des Meisters gegen 
seine Schüler betont. Sie vergessen daran, daß nicht Leo- 
nardos Benehmen, sondern die Tatsache, daß er uns diese 
Zeugnisse desselben hinterließ, einer Erklärung bedarf. Da 
man ihm unmöglich das Motiv zuschreiben kann, uns Belege 
für seine Gutmütigkeit in die Hände zu spielen, müssen wir 
die Annahme machen, daß ein anderes, affektives Motiv ihn 
zu diesen Niederschriften veranlaßt hat. Es ist nicht leicht 
zu erraten, welches, und wir würden keines anzugeben wissen, 
wenn nicht eine andere unter Leonardos Papieren gefundene 
Rechnung ein helles Licht auf diese seltsam kleinlichen No- 
tizen über Schülerkleidungen u. dgl. würfe:*) 

»Auslagen nach dem Tode zum Begräbnis der 

Katharina 27 florins 

2 Pfund Wachs 18 

Katafalk 12 

Für das Tragen und Aufrichten des Kreuzes . . 4 

Leichenträger 8 » 

An 4 Geistliche und 4 Kleriker 20 » 

Glockenläuten 2 * 

Den Totengräbern 16 » 

Für die Genehmigung — den Beamten 1 

Summa . . . 108 florins 
Frühere Auslagen : 

Dem Arzte 4 florins 

Für Zucker und Lichte 12 - 16 



Summa Summarum. . . 124 florins.* 

*) Der volle» Wortlaut bei M. Herzfeld 1. c, p. XLV. 
a ) Mo res Hi kowsk i I. e. f p. 37*2. — Als betrübenden Beleg für die 
Unsicherheit der ohnedies spärlichen Nachrichten über Leonardos intimes 
Leben erwähne Mi. dafl die «deiche Kostenrechnung bei Solmi (deutsche 



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DES LEONARDO DA VINCI. 41 

■ 

Der Dichter Mereschkowski ist der einzige, der uns 
zu sagen weiß, wer diese Katharina war. Aus zwei anderen 
kurzen Notizen erschließt er, daß die Mutter Leonardos, die 
arme Bäuerin aus Vinci, im Jahre 1493 nach Mailand gekom- 
men war, um ihren damals 41jährigen Sohn zu besuchen, daß 
sie dort erkrankte, von Leonardo im Spital untergebracht, 
und als sie starb, von ihm unter so ehrenvollem Aufwand zu 
Grabe gebracht worden sei. 1 ) 

Erweisbar ist diese Deutung des seelenkundigen Roman- 
schreibers nicht, aber sie kann auf so viel innere Wahrschein- 
lichkeit Anspruch machen, stimmt so gut zu allem, was wir 
sonst von Leonardos Gefühls betätigung wissen, daß ich mich 
nicht enthalten kann, sie als richtig anzuerkennen. Er hatte 
es zu stände gebracht, seine Gefühle unter das Joch der For- 
schung zu zwingen und den freien Ausdruck derselben zu 
hemmen ; aber es gab auch für ihn Fälle, in denen das Unter- 
drückte sich eine Äußerung erzwang, und der Tod der einst 
so heiß geliebten Mutter war ein solcher. In dieser Rechnung 
über die Begräbniskosten haben wir die bis zur Unkenntlich- 
keit entstellte Äußerung der Trauer um die Mutter vor uns. 
Wir verwundern uns, wie solche Entstellung zu stände 
kommen konnte, und können es auch unter den Gesichtspunkten 
der normalen seelischen Vorgänge nicht verstehen. Aber 
unter den abnormen Bedingungen der Neurosen und ganz be- 
sonders der sogenannten Zwangsneurose ist uns ähnliches 
wohlbekannt. Dort sehen wir die Äußerung intensiver, aber 
durch Verdrängung unbewußt gewordener Gefühle auf gering- 
fügige, ja läppische Verrichtungen verschoben. Es ist den 
widerstrebenden Mächten gelungen, den Ausdruck dieser ver- 
drängten Gefühle so sehr zu erniedrigen, daß man die Inten- 

Übersctzung, p. 104) mit erheblichen Abänderungen wiedergegeben ist. Am 
bedenklichsten erscheint, daß die Florins in ihr durch Soldi ersetzt sind. Man darf 
annehmen, daß in dieser Rechnung Florins nicht die alten Goldgulden, sondern 
die später gebräuchliche Rechnungsgroße, die l'/s I-ire oder 33 l 3 Soldi gleich- 
kommt, bedeuten. — Solmi macht die Katharina zu einer Magd, die Leonardos 
Hauswesen durch eine gewisse Zeit geleitet hatte. Die Quelle, aus der die beiden 
Darstellungen dieser Rechnung geschöpft haben, winde mir nicht zugänglich. 
*) Katharina ist am t6. Juli 1493 eingetroffen. — Giovannina — 
ein märchenhaftes Gesicht — frage bei Katharina im Krankenhause nach. 



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42 EINE KINDHEITSERINNERUXG 

sität dieser Gefühle für eine höchst geringfügige einschätzen 
müßte ; aber in dem gebieterischen Zwang, mit dem sich diese 
kleinliche Ausdruckshandlung durchsetzt, verrät sich die wirk- 
liche, im Unbewußten wurzelnde Macht der Regungen, die 
das Bewußtsein verleugnen möchte. Nur ein solcher Anklang an 
das Geschehen bei der Zwangsneurose kann die Leichenkosten- 
rechnung Leonardos beim Tode seiner Mutter erklären. Im 
Unbewußten war er noch wie in Kinderzeiten durch erotisch 
gefärbte Neigung an sie gebunden ; der Widerstreit der später 
eingetretenen Verdrängung dieser Kinderliebe gestattete nicht, 
daß ihr im Tagebuche ein anderes, würdigeres Denkmal ge- 
setzt werde, aber was sich als Kompromiß aus diesem neuro- 
tischen Konflikt ergab, das mußte ausgeführt werden, und so 
wurde die Rechnung eingetragen und kam als Unbegreiflich- 
keit zur Kenntnis der Nachwelt. 

Es scheint kein Wagniß, die an der Leichenrechnung ge- 
wonnene Einsicht auf die Schülerkostenrechnungen zu über- 
tragen. Demnach wäre auch dies ein Fall, in dem sich 
bei Leonardo die spärlichen Reste libidinöser Regungen 
zwangsartig einen entstellten Ausdruck schufen. Die Mutter 
und die Schüler, die Ebenbilder seiner eigenen knabenhaften 
Schönheit, wären seine Sexualobjekte gewesen — soweit die 
sein Wesen beherrschende Sexualverdrängung eine solche 
Kennzeichnung zuläßt — , und der Zwang, die für sie gemachten 
Ausgaben mit peinlicher Ausführlichkeit zu notieren, wäre 
der befremdliche Verrat dieser rudimentären Konflikte. Es 
würde sich so ergeben, daß Leonardos Liebesleben wirklich dem 
Typus von Homosexualität angehört, dessen psychische Ent- 
wicklung wir aufdecken konnten, und das Auftreten der 
homosexuellen Situation in seiner Geierphantasie würde uns 
verständlich, denn es besagte nichts anderes, als was wir 
vorhin von jenem Typus behauptet haben. Es erforderte die 
Übersetzung: Durch diese erotische Beziehung zur Mutter 
bin ich ein Homosexueller geworden. 1 ) 

') Die Ausdrucksformen, in denen sich die verdrängte Libido bei Leonardo 
äußern darf, Umständlichkeit und Geldinteresse, gehören den aus der Anal- 
erotik hervorgegangenen Charakterzügen an. Vgl. : Charakter und Analcrotik 
in der Zweiten Folge meiner Sammlung zur Xeurosenlehre, 1909. 



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DES LEONARDO DA VINCI. 43 

IV. 

Die Geierphantasie Leonardos hält uns noch immer fest. 
In Worten, welche nur allzudeutlich an die Beschreibung eines 
Sexualaktes anklingen (»und hat viele Male mit seinem Schwanz 
gegen meine Lippen gestoßen«), betont Leonardo die Inten- 
sität der erotischen Beziehungen zwischen Mutter und Kind. 
Es hält nicht schwer, aus dieser Verbindung der Aktivität 
der Mutter (des Geiers) mit der Hervorhebung der Mund- 
zone einen zweiten Erinnerungsinhalt der Phantasie zu er- 
raten. Wir können übersetzen : Die Mutter hat mir ungezählte 
leidenschaftliche Küsse auf den Mund gedrückt. Die Phan- 
tasie ist zusammengesetzt aus der Erinnerung an das Gesäugt- 
werden und an das Geküßtwerden durch die Mutter. 

Dem Künstler hat eine gütige Natur gegeben, seine ge- 
heimsten, ihm selbst verborgenen Seelenregungen durch Schöp- 
fungen zum Ausdruck zu bringen, welche die Anderen, dem 
Künstler Fremden, mächtig ergreift, ohne daß sie selbst an- 
zugeben wüßten, woher diese Ergriffenheit rührt. Sollte in 
dem Lebenswerk Leonardos nichts Zeugnis ablegen von dem, 
was seine Erinnerung als den stärksten Eindruck seiner Kind- 
heit bewahrt hat? Man müßte es erwarten. Wenn man aber 
erwägt, was für tiefgreifende Umwandlungen ein Lebensein- 
druck des Künstlers durchzumachen hat, ehe er seinen Bei- 
trag zum Kunstwerk stellen darf, wird man gerade bei Leo- 
nardo den Anspruch auf Sicherheit des Nachweises auf ein 
ganz bescheidenes Maß herabsetzen müssen. 

Wer an Leonardos Bilder denkt, den wird die Erinne- 
rung an ein merkwürdiges, berückendes und rätselhaftes 
Lächeln mahnen, das er auf die Lippen seiner weiblichen 
Figuren gezaubert hat. Ein stehendes Lächeln auf langgezo- 
genen, geschwungenen Lippen ; es ist für ihn charakteristisch 
geworden und wird vorzugsweise »Leonardesk« genannt. In 
dem fremdartig schönen Antlitz der Florentinerin Monna Lisa 
del Giocondo hat es die Beschauer am stärksten ergriffen 
und in Verwirrung gebracht. Dies Lächeln verlangte nach einer 
Deutung und fand die verschiedenartigsten, von denen keine 
befriedigte. »Voilä quatre sifecles bientöt que Mona Lisa fait 



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44 EINE KINDHEITSERINNERUNG 

perdre la tete ä tous ceux qui parlent (Teile, aprfes l'avoir 
longtemps regardee.« *) 

Mut her: 2 ) »Was den Betrachter namentlich bannt, ist der 
dämonische Zauber dieses Lächelns. Hunderte von Dichtern und 
Schriftstellern haben über dieses Weib geschrieben, das bald 
verführerisch uns anzulächeln, bald kalt und seelenlos ins 
Leere zu starren scheint, und niemand hat ihr Lächeln ent- 
rätselt, niemand ihre Gedanken gedeutet. Alles, auch die 
Landschaft ist geheimnisvoll traumhaft, wie in gewitter- 
schwüler Sinnlichkeit zitternd.« 

Die Ahnung, daß sich in dem Lächeln der Monna Lisa 
zwei verschiedene Elemente vereinigen, hat sich bei mehreren 
Beurteilern geregt. Sie erblicken darum in dem Mienenspiel 
der schönen Florentinerin die vollkommenste Darstellung der 
Gegensätze, die das Liebesleben des Weibes beherrschen, der 
Reserve und der Verführung, der hingebungsvollen Zärtlich- 
keit und der rücksichtlos heischenden, den Mann wie etwas 
Fremdes verzehrenden Sinnlichkeit. So äußert Müntz: 3 ) On 
sait quelle enigme indechiffrable et passionante Monna Lisa 
Gioconda ne cesse depuis bientöt quatre stecles, de proposer 
aux admirateurs presses devant eile. Jamais artiste (j'em- 
prunte la plume du delicat ecrivain qui se cache sous le Pseu- 
donyme de Pierre de Corlay) »a-t-il traduit ainsi J Tessence 
meme de la feminite : tendresse et coquetterie, pudeur et 
sourde volupte, tout le mystere d'un coeur qui se reserve, 
d'un cerveau qui reflechit, d'une personnalite qui se garde 

et ne livre d'elle-meme que son rayonnement « Der 

Italiener Angelo Conti 4 ) sieht das Bild im Louvre von 
einem Sonnenstrahl belebt. »La donna sorrideva in una calma 
regale : i suoi instinti di conquista, di ferocia, tutta l'eredita 
della specie, la volontä della seduzione e dell' agguato, la 
grazia del inganno, la bontä che cela un proposito crudele, 
tutto cio appariva alternativamente e scompariva dietro il velo 



') Gm vor nach Seidlitz. L. da V., II. B., p. 280. 

*) Geschichte der Malerei, Bd. I, p. 314. 

:; ) L. c. p. 417. 

*) A. Conti. Leonardo pittore, Conferenze fiorentine 1. c, p. 93. 



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DES LEONARDO DA VINCI. 45 

ridente e si fondeva nel poema del suo sorriso Buona 

e malvaggia, crudele e compassionevole, graziosa e felina, 
ella rideva « 

Leonardo malte vier Jahre an diesem Bilde, vielleicht von 
1503 bis 1507, während seines zweiten Aufenthaltes in Florenz, 
selbst über 50 Jahre alt. Er wendete nach Vasaris Bericht 
die ausgesuchtesten Künste an, um die Dame während der 
Sitzungen zu zerstreuen und jenes Lächeln auf ihren Zügen 
festzuhalten. Von all den Feinheiten, die sein Pinsel damals 
auf der Leinwand wiedergab, hat das Bild in seinem heutigen 
Zustand wenig nur bewahrt ; es galt, als es im Entstehen 
war, als das höchste, was die Kunst leisten könnte; sicher 
ist aber, daß es Leonardo selbst nicht befriedigte, daß er es 
für nicht vollendet erklärte, dem Besteller nicht ablieferte 
und mit sich nach Frankreich nahm, wo sein Beschützer 
Franz I. es von ihm für das Louvre erwarb. 

Lassen wir das physiognomische Rätsel der Monna Lisa 
ungelöst und verzeichnen wir die unzweifelhafte Tatsache, 
daß ihr Lächeln den Künstler nicht minder stark fasziniert 
hat, als alle die Beschauer seit 400 Jahren. Dies berückende 
Lächeln kehrt seitdem auf allen seinen Bildern und den seiner 
Schüler wieder. Da die Monna Lisa Leonardos ein Porträt ist, 
können wir nicht annehmen, er habe ihrem Angesicht aus 
eigenem einen so ausdrucksschweren Zug geliehen, den sie 
selbst nicht besaß. Es scheint, wir können kaum anders als 
glauben, daß er dies Lächeln bei seinem Modell fand und so 
sehr unter dessen Zauber geriet, daß er von da an die 
freien Schöpfungen seiner Phantasie mit ihm ausstattete. 
Dieser naheliegenden Auffassung gibt z. B. A. Konstan- 
tin o w a x ) Ausdruck : 

»Während der langen Zeit, in welcher sich der Meister 
mit dem Porträt der Monna Lisa del Giocondo beschäftigte, 
hatte er sich mit solcher Teilnahme des Gefühls in die phy- 
siognomischen Feinheiten dieses Frauenantlitzes hineingelebt, 
daß er diese Züge — besonders das geheimnisvolle Lächeln 



l ) L. c. p. 45. 



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46 EINE KINDHEITSERINNERUNG 

und den seltsamen Blick — auf alle Gesichter übertrug, welche 
er in der Folge malte oder zeichnete ; die mimische Eigen- 
tümlichkeit der Gioconda kann selbst auf dem Bilde Johannes 
des Täufers im Louvre wahrgenommen werden ; — vor allem 
aber sind sie in Marias Gesichtszügen auf dem Anna Selbdritt- 
Bilde deutlich erkennbar.« 

Allein es kann auch anders zugegangen sein. Das Be- 
dürfnis nach einer tieferen Begründung jener Anziehung, mit 
welcher das Lächeln der Gioconda den Künstler ergriff, um 
ihn nicht mehr freizulassen, hat sich bei mehr als einem seiner 
Biographen geregt. W. Pater, der in dem Bilde der Monna 
Lisa die »Verkörperung aller Liebeserfahrung der Kultur- 
menschheit« sieht, und sehr fein »jenes unergründliche Lächeln, 
welches bei Leonardo stets wie mit etwas Unheilverkündendem 
verbunden scheint,« behandelt, führt uns auf eine andere 
Spur, wenn er äußert : l ) 

»Übrigens ist das Bild ein Porträt. Wir können ver- 
folgen, wie es sich von Kindheit auf in das Gewebe seiner 
Träume mischt, so daß man, sprächen nicht ausdrückliche 
Zeugnisse dagegen, glauben möchte, es sei sein endlich gefun- 
denes und verkörpertes Frauenideal « 

Etwas ganz Ähnliches hat wohl M. Herzfeld im Sinne, 
wenn sie ausspricht, in der Monna Lisa habe Leonardo sich 
selbst begegnet, darum sei es ihm möglich geworden, soviel 
von seinem eigenen Wesen in das Bild einzutragen, »dessen 
Züge von jeher in rätselhafter Sympathie in Leonardos 
Seele gelegen haben.« 2 ) 

Versuchen wir diese Andeutungen zur Klarheit zu ent- 
wickeln. Es mag also so gewesen sein, daß Leonardo vom 
Lächeln der Monna Lisa gefesselt wurde, weil dieses etwas in 
ihm aufweckte, was seit langer Zeit in seiner Seele geschlum- 
mert hatte, eine alte Erinnerung wahrscheinlich. Diese Erin- 
nerung war bedeutsam genug, um ihn nicht mehr loszulassen, 
nachdem sie einmal erweckt worden war; er mußte ihr immer 

*) W. Pater. Die Renaissance. 2. Aufl., 1906, p. 157. (Aus dem 
Englischen.) 

2 ) M. Herzfeld. L. d. V., p. LXXXVIII. 



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DES LEONARDO DA VINCI. 47 

wieder neuen Ausdruck geben. Die Versicherung Paters, 
daß wir verfolgen können, wie sich ein Gesicht, wie das der 
Monna Lisa, von Kindheit auf in das Gewebe seiner Träume 
mischt, scheint glaubwürdig und verdient wörtlich verstanden 
zu werden. 

Vasari erwähnt als seine ersten künstlerischen Versuche 
>teste di femmine, che ridono« 1 ). Die Stelle, die ganz unver- 
dächtig ist, weil sie nichts erweisen will, lautet vollständiger 
in deutscher Übersetzung : *) »indem er in seiner Jugend einige 
lachende weibliche Köpfe aus Erde formte, die in Gyps ver- 
vielfältigt wurden, und einige Kinderköpfe, so schön, als ob 
sie von Meisterhand gebildet wären , p. 6.« 

Wir erfahren also, daß seine Kunstübung mit der Dar- 
stellung von zweierlei Objekten begann, die uns an die zweierlei 
Sexualobjekte mahnen müssen, welche wir aus der Analyse seiner 
Geierphantasie erschlossen haben. Waren die schönen Kinder- 
köpfe Vervielfältigungen seiner eigenen kindlichen Person, so 
sind die lächelnden Frauen nichts anderes als Wiederholungen 
der Catarina, seiner Mutter, und wir beginnen die Möglich- 
keit zu ahnen, daß seine Mutter das geheimnisvolle Lächeln 
besessen, das er verloren hatte, und das ihn so fesselte, als 
er es bei der Florentiner Dame widerfand. 3 ) 

Das Gemälde Leonardos, welches der Monna Lisa zeitlich 
am nächsten steht, ist die sogenannte »heilige Anna selbdritt< , 
die heilige Anna mit Maria und dem Christusknaben. Es zeigt 
das leonardeske Lächeln in schönster Ausprägung an beiden 
Frauenköpfen. Es ist nicht zu ermitteln, um wieviel früher 
oder später als das Porträt der Monna Lisa Leonardo daran 
zu malen begann. Da beide Arbeiten sich über Jahre er- 
streckten, darf man wohl annehmen, daß sie den Meister 
gleichzeitig beschäftigten. Zu unserer Erwartung würde es 

*) Bei Scognamiglio 1. c, p. 32. 

*) Von L. Schorn, III. Bd., 1843, p. 6. 

*) Das nämliche nimmt Mereschkowski an, der doch für Leonardo 
eine Kindheitsgeschichte imaginiert, welche in den wesentlichen Punkten von 
unseren, aus der Geierphantasie geschöpften, Ergebnissen abweicht Wenn 
aber Leonardo selbst dies Lächeln gezeigt hätte, so hätte die Tradition es 
wohl kaum unterlassen, uns dies Zusammentreffen zu berichten. 



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48 EINE KINDHEITSERINNERUXG 

am besten stimmen, wenn gerade die Vertiefung in die Züge 
der Monna Lisa Leonardo angeregt hätte, die Komposition 
der hl. Anna aus seiner Phantasie zu gestalten. Denn wenn 
das Lächeln der Gioconda die Erinnerung an die Mutter in 
ihm heraufbeschwor, so verstehen wir, daß es ihn zunächst 
dazu trieb, eine Verherrlichung der Mütterlichkeit zu schaffen, 
und das Lächeln, das er bei der vornehmen Dame gefunden 
hatte, der Mutter wiederzugeben. So dürfen wir denn unser 
Interesse vom Porträt der Monna Lisa auf dies andere, kaum 
minder schöne Bild, das sich jetzt auch im Louvre befindet, 
hinübergleiten lassen. 

Die heilige Anna mit Tochter und Enkelkind ist ein in 
der italienischen Malerei selten behandelter Gegenstand ; die 
Darstellung Leonardos weicht jedenfalls weit von allen sonst 
bekannten ab. Muther sagt: 1 ) 

»Einige Meister, wie Hans Fries, der ältere Holbein und 
Girolamo dai Libri, ließen Anna neben Maria sitzen und 
stellten zwischen beide das Kind. Andere, wie Jakob Cornelisz 
in seinem Berliner Bilde, zeigten im eigentlichen Wortsinn die 
»heilige Anna selbdritt«, das heißt, sie stellten sie dar, wie 
sie im Arme das kleine Figürchen Marias hält, auf dem das 
noch kleinere des Christkindes sitzt«. Bei Leonardo sitzt 
Maria auf dem Schöße ihrer Mutter vorgeneigt und greift mit 
beiden Armen nach dem Knaben, der mit einem Lämmchen 
spielt, es wohl ein wenig mißhandelt. Die Großmutter hat 
den einen unverdeckten Arm in die Hüfte gestemmt und blickt 
mit seligem Lächeln auf die beiden herab. Die Gruppierung 
ist gewiß nicht ganz ungezwungen. Aber das Lächeln, welches 
auf den Lippen beider Frauen spielt, hat, obwohl unverkenn- 
bar dasselbe wie im Bilde der Monna Lisa, seinen unheim- 
lichen und rätselhaften Charakter verloren ; es drückt Innig- 
keit und stille Seligkeit aus. *) 



l ) L. c. p. 309. 

a ) A. Konstantin owa 1. c: »Maria schaut voll Innigkeit zu ihrem 
Liebling herab, mit einem Lächeln, das an den rätselhaften Ausdruck der 
Giocondo erinnert,- und anderswo von der Maria: -Um ihre Züge schwebt 
das Lächeln der Gioconda." 



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DES LEONARDO DA VINCI. 49 

Bei einer gewissen Vertiefung in dieses Bild kommt es 
wie ein plötzliches Verständnis über den Beschauer: Nur 
Leonardo konnte dieses Bild malen, wie nur er die Geier- 
phantasie dichten konnte. In dieses Bild ist die Synthese seiner 
Kindheitsgeschichte eingetragen; die Einzelheiten desselben 
sind aus den allerpersönlichsten Lebenseindrücken Leonardos 
erklärlich. Im Hause seines Vaters fand er nicht nur die 
gute Stiefmutter Donna Albiera, sondern auch die Großmutter, 
Mutter seines Vaters, Monna Lucia, die, wir wollen es an- 
nehmen, nicht unzärtlicher gegen ihn war, als Großmütter zu 
sein pflegen. Dieser Umstand mochte ihm die Darstellung 
der von Mutter und Großmutter behüteten Kindheit nahe- 
bringen. Ein anderer auffälliger Zug des Bildes gewinnt eine 
noch größere Bedeutung. Die hl. Anna, die Mutter der Maria 
und Großmutter des Knaben, die eine Matrone sein müßte, ist 
hier vielleicht etwas reifer und ernster als die hl. Maria, aber 
noch als junge Frau von unverwelkter Schönheit gebildet. 
Leonardo hat in Wirklichkeit dem Knaben zwei Mütter ge- 
geben, eine, die die Arme nach ihm ausstreckt, und eine andere 
im Hintergrunde, und beide mit dem seligen Lächeln des 
Mutterglückes ausgestattet. Diese Eigentümlichkeit des Bildes 
hat nicht verfehlt, die Verwunderung der Autoren zu erregen ; 
Mut her meint z. B., daß Leonardo sich nicht entschließen 
konnte, Alter, Falten und Runzeln zu malen und darum auch 
Anna zu einer Frau von strahlender Schönheit machte. Ob 
man sich mit dieser Erklärung zufrieden geben kann ? Andere 
haben zur Auskunft gegriffen, die »Gleichaltrigkeit von 
Mutter und Tochter« überhaupt in Abrede zu stellen. *) Aber 
der Muth ersehe Erklärungsversuch genügt wohl für den 
Beweis, daß der Eindruck von der Verjüngung der hl. Anna 
dem Bilde entnommen und nicht durch eine Tendenz vorge- 
täuscht ist. 

Leonardos Kindheit war gerade so merkwürdig gewesen 
wie dieses Bild. Er hatte zwei Mütter gehabt, die erste seine 
wahre Mutter, die Catarina, der er im Alter zwischen drei und 
fünf Jahren entrissen wurde, und eine junge und zärtliche Stief- 

') S. v. Seidlitz 1. c, II. Bd., p. 274, Anmerkungen. 
Freud, Eine Kindhcitserinnerung des Leonardo da Vinci. 4 



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50 EINE KINDHEITSERINNERUNG 

mutter, die Frau seines Vaters, Donna Albiera. Indem er diese 
Tatsache seiner Kindheit mit der ersterwähnten zusammen- 
zog, sie zu einer Mischeinheit verdichtete, gestaltete sich ihm 
die Komposition der hl. Anna selbdritt. Die mütterliche Ge- 
stalt weiter weg vom Knaben, die Großmutter heißt, entspricht 
nach ihrer Erscheinung und ihrem räumlichen Verhältnis 
zum Knaben der echten früheren Mutter Catarina. Mit dem 
seligen Lächeln der hl. Anna hat der Künstler wohl den Neid 
verleugnet und überdeckt, den die Unglückliche verspürte, 
als sie der vornehmeren Rivalin wie früher den Mann, so nun 
auch den Sohn abtreten mußte. 

So wären wir von einem anderen Werke Leonardos her 
zur Bestätigung der Ahnung gekommen, daß das Lächeln der 
Monna Lisa del Giocondo in dem Manne die Erinnerung an 
die Mutter seiner ersten Kinderjahre erweckt hatte. Madonnen 
und vornehme Damen zeigten von da an bei den Malern 
Italiens die demütige Kopfneigung und das seltsam-selige 
Lächeln des armen Bauernmädchens Catarina, das der Welt 
den herrlichen, zum Malen, Forschen und Dulden bestimmten 
Sohn geboren hatte. 

Wenn es Leonardo gelang, im Angesicht der Monna Lisa 
den doppelten Sinn wiederzugehen, den dies Lächeln hatte, 
das Versprechen schrankenloser Zärtlichkeit wie die unheil- 
verkündende Drohung (nach Paters Worten), so war er auch 
darin dem Inhalte seiner frühesten Erinnerung treu geblieben. 
Denn die Zärtlichkeit der Mutter wurde ihm zum Verhängnis, 
bestimmte sein Schicksal und die Entbehrungen, die seiner 
warteten. Die Heftigkeit der Liebkosungen, auf die seine 
Geierphantasie deutet, war nur allzu natürlich ; die arme ver- 
lassene Mutter mußte all ihre Erinnerungen an genossene 
Zärtlichkeiten wie ihre Sehnsucht nach neuen in die Mutter- 
liebe einfließen lassen ; sie war dazu gedrängt, nicht nur sich 
dafür zu entschädigen, daß sie keinen Mann, sondern auch das 
Kind, daß es keinen Vater hatte, der es liebkosen wollte. So 
nahm sie nach der Art aller unbefriedigten Mütter den kleinen 
Sohn an Stelle ihres Mannes an und raubte ihm durch die 
allzu frühe Reifung seiner Erotik ein Stück seiner Männlich- 



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DES LEONARDO DA VINCI. 51 

keit. Die Liebe der Mutter zum Säugling, den sie nährt und 
pflegt, ist etwas weit tiefgreifenderes als ihre spätere Affektion 
für das heranwachsende Kind. Sie ist von der Natur eines 
vollbefriedigenden Liebesverhältnisses, das nicht nur alle see- 
lischen Wünsche, sondern auch alle körperlichen Bedürfnisse 
erfüllt, und wenn sie eine der Formen des dem Menschen 
erreichbaren Glückes darstellt, so rührt dies nicht zum min- 
desten von der Möglichkeit her, auch längst verdrängte und 
pervers zu nennende Wunschregungen ohne Vorwurf zu be- 
friedigen. *) In der glücklichsten jungen Ehe verspürt es der 
Vater, daß das Kind, besonders der kleine Sohn, sein Neben- 
buhler geworden ist, und eine im Unbewußten tief wurzelnde 
Gegnerschaft gegen den Bevorzugten nimmt von daher ihren 
Ausgang. 

Als Leonardo auf der Höhe seines Lebens jenem selig 
verzückten Lächeln wieder begegnete, wie es einst den Mund 
seiner Mutter bei ihren Liebkosungen umspielt hatte, stand 
er längst unter der Herrschaft einer Hemmung, die ihm ver- 
bot, je wieder solche Zärtlichkeiten von Frauenlippen zu be- 
gehren. Aber er war Maler geworden und so bemühte er 
sich, dieses Lächeln mit dem Pinsel wieder zu erschaffen, und 
er gab es allen seinen Bildern, ob er sie nun selbst ausführte 
oder unter seiner Leitung von seinen Schülern ausführen ließ, 
der Leda, dem Johannes und dem Bacchus. Die beiden letzten 
sind Abänderungen desselben Typus. Mut her sagt: »Aus 
dem Heuschreckenesser der Bibel hat Leonardo einen Bac- 
chus, einen Apollino gemacht, der, ein rätselhaftes Lächeln 
auf den Lippen, die weichen Schenkel übereinander geschlagen, 
uns mit sinnbetörendem Auge anblickt.« Diese Bilder atmen 
eine Mystik, in deren Geheimnis einzudringen man nicht 
wagt; man kann es höchstens versuchen, den Anschluß 
an die früheren Schöpfungen Leonardos herzustellen. Die 
Gestalten sind wieder mannweiblich, aber nicht mehr im 
Sinne der Geierphantasie, es sind schöne Jünglinge von 
weiblicher Zartheit mit weibischen Formen ; sie schlagen 



*) Vgl. »Drei Abhandlungen zur Sexual theorie«, 2. Aufl., 1910. 

4* 



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52 EINE KINDHEITSERINNERUNG 

die Augen nicht nieder, sondern blicken geheimnisvoll 
triumphierend, als wüßten sie von einem großen Glücks- 
erfolg, von dem man schweigen muß; das bekannte be- 
rückende Lächeln läßt ahnen, daß es ein Liebesgeheimnis 
ist. Möglich, daß Leonardo in diesen Gestalten das Unglück 
seines Liebeslebens verleugnet und künstlerisch überwunden 
hat, indem er die Wunscherfüllung des von der Mutter be- 
törten Knaben in solch seliger Vereinigung von männlichem 
und weiblichem Wesen darstellte. 

V. 

Unter den Eintragungen in den Tagebüchern Leonardos 
findet sich eine, die durch ihren bedeutsamen Inhalt und 
wegen eines winzigen formalen Fehlers die Aufmerksamkeit 
des Lesers festhält: 

Er schreibt im Juli 1504. 

»Adi 9 di Luglio 1504 mercoledi a ore 7 mori Ser Piero 
da Vinci, notalio al palazzo del Potestä, mio padre, a ore 7. 
Era d'etä d'anni 80, lasciö 10 figlioli maschi e 2 femmine.« *) 

Die Notiz handelt also vom Tode des Vaters Leonardos. 
Die kleine Irrung in ihrer Form besteht darin, daß die Zeit- 
bestimmung »a ore 7« zweimal wiederholt wird, als hätte Leo- 
nardo am Ende des Satzes vergessen, daß er sie zu Anfang 
bereits hingeschrieben. Es ist nur eine Kleinigkeit, aus der 
ein anderer als ein Psychoanalytiker nichts machen würde. 
Vielleicht würde er sie nicht bemerken, und auf sie aufmerksam 
gemacht, würde er sagen : Das kann in der Zerstreutheit oder 
im Affekt jedem passieren und hat weiter keine Bedeutung. 

Der Psychoanalytiker denkt anders; ihm ist nichts zu 
klein als Äußerung verborgener seelischer Vorgänge; er hat 
längst gelernt, daß solches Vergessen oder Wiederholen be- 
deutungsvoll ist, und daß man es der »Zerstreutheit« danken 
muß, wenn sie den Verrat sonst verborgener Regungen ge- 
stattet. 

Wir werden sagen, auch diese Notiz entspricht, wie die 
Leichenrechnung der Catarina, die Kostenrechnungen der 

1 ) Nach E. Müntz 1. c, p. 13, Anmerkung. 



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DES LEONARDO DA VINCI. 53 

Schüler, einem Falle, in dem Leonardo die Unterdrückung 
seiner Affekte mißglückte und das lange Verhohlene sich einen 
entstellten Ausdruck erzwang. Auch die Form ist eine ähn- 
liche, dieselbe pedantische Genauigkeit, die gleiche Vordring- 
lichkeit der Zahlen. 1 ) 

Wir heißen eine solche Wiederholung eine Perseveration. 
Sie ist ein ausgezeichnetes Hilfsmittel, um die affektive Be- 
tonung anzuzeigen. Man denke z. B. an die Zornesrede des 
heiligen Petrus gegen seinen unwürdigen Stellvertreter auf 
Erden in Dantes Paradiso: 2 ) 

>Quegli ch'usurpa in terra il luogo mio 
II luogo mio, il luogo mio, che vaca 
Nella presenza del Figliuol di Dio, 

Fatto ha del cimiterio mio cloaca.^ 

Ohne Leonardos Affekthemmung hätte die Eintragung 
im Tagebuch etwa lauten können: Heute "um 7 Uhr starb 
mein Vater, Ser Piero da Vinci, mein armer Vater ! Aber die 
Verschiebung der Perseveration auf die gleichgültigste Be- 
stimmung der Todesnachricht, auf die Sterbestunde, raubt der 
Notiz jedes Pathos und läßt uns gerade noch erkennen, daß 
hier etwas zu verbergen und zu unterdrücken war. 

Ser Piero da Vinci, Notar und Abkömmling von Notaren, 
war ein Mann von großer Lebenskraft, der es zu Ansehen 
und Wohlstand brachte. Er war viermal verheiratet, die 
beiden ersten Frauen starben ihm kinderlos weg, erst von 
der dritten erzielte er 1476 den ersten legitimen Sohn, als 
Leonardo bereits 24 Jahre alt war und das Vaterhaus längst 
gegen das Atelier seines Meisters Verrocchio vertauscht hatte ; 
mit der vierten und letzten Frau, die er bereits als Fünfziger 
geheiratet hatte, zeugte er noch neun Söhne und zwei Töchter. 3 ) 

') Von einem größeren Irrtum, den Leonardo in dieser Notiz beging, 
indem er dem 77 jährigen Vater 80 Jahre gab, will ich absehen. 

*) Canto, XXVII, V. 22—25. 

*) Es scheint, daß Leonardo in jener Tagebuehstclle sich auch in der 
Anzahl seiner Geschwister geirrt hat, was zur anscheinenden Exaktheit der- 
selben in einem merkwürdigen Gegensatze steht. 



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54 EINE KINDHEITSERINNERUXG 

Gewiß ist auch dieser Vater für die psychosexuelle Ent- 
wicklung Leonardos bedeutsam geworden, und zwar nicht nur 
negativ, durch seinen Wegfall in den ersten Kinderjahren des 
Knaben, sondern auch unmittelbar durch seine Gegenwart in 
dessen späterer Kindheit. Wer als Kind die Mutter begehrt, 
der kann es nicht vermeiden, sich an die Stelle des Vaters 
setzen zu wollen, sich in seiner Phantasie mit ihm zu iden- 
tifizieren und später seine Überwindung zur Lebensaufgabe 
zu machen. Als Leonardo, noch nicht fünf Jahre alt, ins groß- 
väterliche Haus aufgenommen wurde, trat gewiß die junge 
Stiefmutter Albiera an die Stelle seiner Mutter in seinem 
Fühlen, und er kam in jenes normal zu nennende Rivalitäts- 
verhältnis zum Vater. Die Entscheidung zur Homosexualität 
tritt bekanntlich erst in der Nähe der Pubertätsjahre auf. 
Al3 diese für Leonardo gefallen war, verlor die Identifizierung 
mit dem Vater jede Bedeutung für sein Sexualleben, setzte 
sich aber auf anderen Gebieten von nicht erotischer Betäti- 
gung fort. Wir hören, daß er Prunk und schöne Kleider 
liebte, sich Diener und Pferde hielt, obwohl er nach Vasaris 
Worten »fast nichts besaß und wenig arbeitete« ; wir werden 
nicht allein seinen Schönheitssinn für diese Vorlieben verant- 
wortlich machen, wir erkennen in ihnen auch den Zwang, den 
Vater zu kopieren und zu übertreffen. Der Vater war gegen 
das arme Bauernmädchen der vornehme Herr gewesen, daher 
verblieb in dem Sohne der Stachel, auch den vornehmen 
Herrn zu spielen, der Drang »to out-herod Herod,« dem 
Vater vorzuhalten, wie erst die richtige Vornehmheit 
aussehe. 

Wer als Künstler schafft, der fühlt sich gegen seine Werke 
gewiß als Vater. Für Leonardos Schaffen als Maler hatte die 
Identifizierung mit dem Vater eine verhängnisvolle Folge. 
Er schuf sie und kümmerte sich nicht mehr um sie, wie sein 
Vater sich nicht um ihn bekümmert hatte. Die spätere Sorge 
des Vaters konnte an diesem Zwange nichts ändern, denn dieser 
leitete sich von den Eindrücken der ersten Kinderjahre ab, 
und das unbewußt gebliebene Verdrängte ist unkorrigierbar 
durch spätere Erfahrungen. 



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DES LEONARDO DA VINCI. 66 

Zur Zeit der Renaissance bedurfte jeder Künstler — wie 
auch noch viel später — eines hohen Herrn und Gönners, 
eines Padrone, der ihm Aufträge gab, in dessen Händen sein 
Schicksal ruhte. Leonardo fand seinen Padrone in dem hoch- 
strebenden, prachtliebenden, diplomatisch verschlagenen, aber 
unsteten und unverläßlichen LodovicoSforza, zubenannt : il 
Moro. An seinem Hofe in Mailand verbrachte er die glän- 
zendste Zeit seines Lebens, in seinen Diensten entfaltete er 
am ungehemmtesten die Schaffenskraft, von der das Abendmahl 
und das Reiterstandbild des Francesco Sforza Zeugnis ab- 
legten. Er verließ Mailand, ehe die Katastrophe über Lodo- 
vico Moro hereinbrach, der als Gefangener in einem fran- 
zösischen Kerker starb. Als die Nachricht vom Schicksal 
seines Gönners Leonardo erreichte, schrieb er in sein Tage- 
buch : »Der Herzog verlor sein Land, seinen Besitz, seine 
Freiheit, und keines der Werke, die er unternommen, wurde 
zu Ende geführt.« *) Es ist merkwürdig und gewiß nicht be- 
deutungslos, daß er hier gegen seinen Padrone den nämlichen 
Vorwurf erhob, den die Nachwelt gegen ihn wenden sollte, 
als wollte er eine Person aus der Vaterreihe dafür verant- 
wortlich machen, daß er selbst seine Werke unvollendet ließ. 
In Wirklichkeit hatte er auch gegen den Herzog nicht Unrecht. 

Aber wenn die Nachahmung des Vaters ihn als Künstler 
schädigte, so war die Auflehnung gegen den Vater die infan- 
tile Bedingung seiner vielleicht ebenso großartigen Leistung 
als Forscher. Er glich, nach dem schönen Gleichnis Meresch- 
kowskis, einem Menschen, der in der Finsternis zu früh er- 
wacht war, während die anderen noch alle schliefen. 2 ) Er 
wagte es, den kühnen Satz auszusprechen, der doch die Recht- 
fertigung jeder freien Forschung enthält :WerimStreiteder 
Meinungen sich auf die Autorität beruft, der ar- 
beitet mit seinem Gedächtnis, anstatt mit seinem 
Verstand. 8 ) So wurde er der erste moderne Naturforscher, 

l ) »II duca perse lo stato e la roba e libertä e nessuna sua opera ei 
fini per lui.« — v. Seidlitz 1. c, II, p. 270. 

•) 1. c, p. 348. 

8 ) Chi disputa allegando l'autoritä non adopra l'ingegno 
ma piuttosto la memoria; Solmi, Com*, fior, p. 13. 



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56 EISE KINDHEITSERIXNERUXG 

und eine Fülle von Erkenntnissen und Ahnungen belohnte seinen 
Mut, seit den Zeiten der Griechen als der erste, nur auf Be- 
obachtung und eigenes Urteil gestützt, an die Geheimnisse der 
Natur zu rühren. Aber wenn er die Autorität geringschätzen 
und die Nachahmung der >Alten< verwerfen lehrte und immer 
wieder auf das Studium der Natur als auf die Quelle aller 
Wahrheit hinwies, so wiederholte er nur in der höchsten, 
dem Menschen erreichbaren Sublimierung die Parteinahme, 
die sich bereits dem kleinen, verwundert in die Welt blicken- 
den Knaben aufgedrängt hatte. Aus der wissenschaftlichen 
Abstraktion in die konkrete individuelle Erfahrung rücküber- 
setzt, entsprachen die Alten und die Autorität doch nur dem 
Vater, und die Natur wurde wieder die zärtliche, gütige 
Mutter, die ihn genährt hatte. Während bei den meisten an- 
deren Menschenkindern — auch noch heute wie in Urzeiten 
— das Bedürfnis nach dem Anhalt an irgend einer Autorität 
so gebieterisch ist, daß ihnen die Welt ins Wanken gerät, 
wenn diese Autorität bedroht wird, konnte Leonardo allein 
dieser Stütze entbehren ; er hätte es nicht können, wenn er 
nicht in den ersten Lebensjahren gelernt hätte, auf den Vater 
zu verzichten. Die Kühnheit und Unabhängigkeit seiner spä- 
teren wissenschaftlichen Forschung setzt die vom Vater un- 
gehemmte infantile Sexualforschung voraus und setzt sie 
unter Abwendung vom Sexuellen fort. 

Wenn jemand wie Leonardo in seiner Kindheit der 
Einschüchterung durch den Vater entgangen ist und in 
seiner Forschung die Fesseln der Autorität abgeworfen 
hat, so wäre es der grellste Widerspruch ^ugen unsere Er- 
wartung, wenn wir fänden, daß derselbe Mann ein Gläu- 
biger geblieben ist und es nicht vermocht hat, sich der 
dogmatischen Religion zu entziehen. Die Psychoanalyse 
hat uns den intimen Zusammenhang zwischen dem Vater- 
komplex und der Gottesgläubigkeit kennen gelehrt, hat uns 
gezeigt, daß der persönliche Gott psychologisch nichts anderes 
ist als ein erhöhter Vater, und führt uns täglich vor Augen, 
wie jugendliche Personen den religiösen Glauben verlieren, 
sobald die Autorität des Vaters bei ihnen zusammenbricht. 



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DES LEONARDO DA VINCI. 57 

Im Elternkomplex erkennen wir so die Wurzel des religiösen 
Bedürfnisses; der allmächtige, gerechte Gott und die gütige 
Xatur erscheinen uns als großartige Sublimierungen von 
Vater und Mutter, vielmehr als Erneuerungen und Wieder- 
herstellungen der frühkindlichen Vorstellungen von beiden. 
Die Religiosität führt sich biologisch auf die lang anhaltende 
Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit des kleinen Menschenkindes 
zurück, welches, wenn es später seine wirkliche Verlassenheit 
und Schwäche gegen die großen Mächte des Lebens erkannt 
hat, seine Lage ähnlich wie in der Kindheit empfindet und 
deren Trostlosigkeit durch die regressive Erneuerung der 
infantilen Schutzmächte zu verleugnen sucht. 

Es scheint nicht, daß das Beispiel Leonardos diese Auf- 
fassung der religiösen Gläubigkeit des Irrtums überführen 
könnte. Anklagen, die ihn des Unglaubens, oder, was jener 
Zeit ebensoviel hieß, des Abfalles vom Christenglauben be- 
schuldigten, regten sich bereits zu seinen Lebzeiten und haben 
in der ersten Lebensbeschreibung, die Vasari von ihm gab, 
einen bestimmten Ausdruck gefunden. *) In der zweiten Aus- 
gabe seiner Vite 1568 hat Vasari diese Bemerkungen weg- 
gelassen. Uns ist es vollkommen begreiflich, wenn Leonardo 
angesichts der außerordentlichen Empfindlichkeit seines Zeit- 
alters in religiösen Dingen sich direkter Äußerungen über 
seine Stellung zum Christentum auch in seinen Aufzeichnun- 
gen enthielt. Als Forscher ließ er sich durch die Schöpfungs- 
berichte der Heiligen Schrift nicht im mindesten beirren; er 
bestritt z. B. die Möglichkeit einer universellen Sündflut und 
rechnete in der Geologie ebenso unbedenklich wie die Moder- 
nen mit Jahrhunderttausenden. 

Unter seinen »Prophezeiungen« finden sich so manche, 
die das Feingefühl eines gläubigen Christen beleidigen müßten, 
z. B. : 2 ) Die Bilder der Heiligen angebetet. 

»Es werden die Menschen mit Menschen reden, die nichts 
vernehmen, welche die Augen offen haben und nicht sehen ; 
sie werden zu diesen reden und keine Antwort bekommen ; 

x ) Mfintz 1. c. La religio d de Leonard, 1. c, p. 292 u. ff. 
*) Nach Herzfeld, p. 292. 



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58 EINE KINDHEITSERINXERUKG 

sie werden Gnaden erbitten von dem, welcher Ohren hat und 
nicht hört; sie werden Lichter anzünden für den, der blind ist.« 

Oder: Vom Klagen am Karfreitag (p. 297). 

»In allen Teilen Europas wird von großen Völkerschaften 
geweint werden um den Tod eines einzigen Mannes, der im 
Orient gestorben.« 

Von Leonardos Kunst hat man geurteilt, daß er den 
heiligen Gestalten den letzten Rest kirchlicher Gebundenheit 
benahm und sie ins Menschliche zog, um große und schöne 
menschliche Empfindungen an ihnen darzustellen. Mut her 
rühmt von ihm, daß er die Dekadenzstimmung überwand 
und den Menschen das Recht auf Sinnlichkeit und frohen 
Lebensgenuß wiedergab. In den Aufzeichnungen, welche Leo- 
nardo in die Ergründung der großen Naturrätsel vertieft 
zeigen, fehlt es nicht an Äußerungen der Bewunderung für 
den Schöpfer, den letzten Grund all dieser herrlichen Geheim- 
nisse, aber nichts deutet darauf hin, daß er eine persönliche 
Beziehung zu dieser Gottesmacht festhalten wollte. Die Sätze, 
in welche er die tiefe Weisheit seiner letzten Lebensjahre ge- 
legt hat, atmen die Resignation des Menschen, der sich der 
'Avflrp"3, den Gesetzen der Natur, unterwirft und von der 
Güte oder Gnade Gottes keine Milderung erwartet. Es ist 
kaum ein Zweifel, daß Leonardo die dogmatische wie die 
persönliche Religion überwunden und sich durch seine Forscher- 
arbeit weit von der Weltanschauung des gläubigen Christen 
entfernt hatte. 

Aus unseren vorhin erwähnten Einsichten in die Ent- 
wicklung des kindlichen Seelenlebens wird uns die Annahme 
nahe gelegt, daß auch Leonardos erste Forschungen im Kindes- 
alter sich mit den Problemen der Sexualität beschäftigten. Er 
verrät es uns aber selbst in durchsichtiger Verhüllung, indem 
er seinen Forscherdrang an die Geierphantasie knüpft und 
das Problem des Vogelfluges als eines hervorhebt, das ihm 
durch besondere Schicksalsverkettung zur Bearbeitung zu- 
gefallen sei. Eine recht dunkle, wie eine Prophezeiung klin- 
gende Stelle in seinen Aufzeichnungen, die den Vogelflug be- 
handeln, bezeugt aufs Schönste, mit wie viel Affektinteresse 



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DES LEONARDO DA VINCI. 59 

er an dem Wunsche hing, die Kunst des Fliegens selbst nach- 
ahmen zu können : »Es wird seinen ersten Flug nehmen der 
große Vogel, vom Rücken seines großen Schwanes aus, das 
Universum mit Verblüffung, alle Schriften mit seinem Ruhme 
füllen und ewige Glorie sein dem Neste, wo er geboren ward.« 2 ) 
Er hoffte wahrscheinlich, selbst einmal fliegen zu können, 
und wir wissen aus den wunscherfüllenden Träumen der 
Menschen, welche Seligkeit man sich von der Erfüllung dieser 
Hoffnung erwartet. 

Warum träumen aber so viele Menschen vom Fliegen- 
können? Die Psychoanalyse gibt hierauf die Antwort, weil 
das Fliegen oder Vogel sein, nur die Verhüllung eines anderen 
Wunsches ist, zu dessen Erkennung mehr als eine sprachliche 
und sachliche Brücke führt. Wenn man der wißbegierigen 
Jugend erzählt, ein großer Vogel, wie der Storch, bringe die 
kleinen Kinder, wenn die Alten den Phallus geflügelt gebildet 
haben, wenn die gebräuchlichste Bezeichnung der Geschlechts- 
tätigkeit des Mannes im Deutschen »vögeln« lautet, das Glied 
des Mannes bei den Italienern direkt Puccello (Vogel) heißt, 
so sind das nur kleine Bruchstücke aus einem großen Zu- 
sammenhange, der uns lehrt, daß der Wunsch, fliegen zu 
können, im Traume nichts anderes bedeutet als die Sehnsucht, 
geschlechtlicher Leistungen fähig zu sein. Es ist dies ein 
frühinfantiler Wunsch. Wenn der Erwachsene seiner Kind- 
heit gedenkt, so erscheint sie ihm als eine glückliche Zeit, in 
der man sich des Augenblickes freute und wunschlos der Zu- 
kunft entgegenging, und darum beneidet er die Kinder. Aber 
die Kinder selbst, wenn sie darüber Auskunft geben könnten, 
würden wahrscheinlich anderes berichten. Es scheint, daß 
die Kindheit nicht jenes selige Idyll ist, zu dem wir es nach- 
träglich entstellen, daß die Kinder vielmehr von dem einen 
Wunsch, groß zu werden, es den Erwachsenen gleich zu tun, 
durch die Jahre der Kindheit gepeitscht werden. Dieser Wunsch 
treibt alle ihre Spiele. Ahnen die Kinder im Verlaufe ihrer 
Sexualforschung, daß der Erwachsene auf dem einen rätsei« 

*) Nach M. Herzfeld, L. d. V., p. 32. »Der große Schwan« soll einen 
Hügel, Monte Cecero, bei Florenz bedeuten. 



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60 EINE KINDHEITSERINNERUXG 

vollen und doch so wichtigen Gebiete etwas Großartiges kann, 
was ihnen zu wissen und zu tun versagt ist, so regt sich in 
ihnen ein ungestümer Wunsch, dasselbe zu können, und sie 
träumen davon in der Form des Fliegens oder bereiten diese 
Einkleidung des Wunsches für ihre späteren Flugträume vor. 
So hat also auch die Aviatik, die in unseren Zeiten endlich 
ihr Ziel erreicht, ihre infantile erotische Wurzel. 

Indem uns Leonardo eingesteht, daß er zu dem Problem 
des Fliegens von Kinheit an eine besondere persönliche Be- 
ziehung verspürt hat, bestätigt er uns, daß seine Kinder- 
forschung auf Sexuelles gerichtet war, wie wir es nach unse- 
ren Untersuchungen an den Kindern unserer Zeit vermuten 
mußten. Dies eine Problem wenigstens hatte sich der Ver- 
drängung entzogen, die ihn später der Sexualität entfrem- 
dete; von den Kinderjahren an bis in die Zeit der vollsten 
intellektuellen Reife war ihm das nämliche mit leichter Sinnes- 
abänderung interessant geblieben, und es ist sehr wohl möglich, 
daß ihm die gewünschte Kunst im primären sexuellen Sinne 
ebensowenig gelang wie im mechanischen, daß beide für ihn 
versagte Wünsche blieben. 

Der große Leonardo blieb überhaupt sein ganzes Leben 
über in manchen Stücken kindlich; man sagt, daß alle 
großen Männer etwas Infantiles bewahren müssen. Er 
spielte auch als Erwachsener weiter und wurde auch da- 
durch manchmal seinen Zeitgenossen unheimlich und unbe- 
greiflich. Wenn er zu höfischen Festlichkeiten und feier- 
lichen Empfängen die kunstvollsten mechanischen Spielereien 
verfertigte, so sind nur wir damit unzufrieden, die den Meister 
nicht gern seine Kraft an solchen Tand wenden sehen ; er 
selbst scheint sich nicht ungern mit diesen Dingen abgegeben 
zu haben, denn Vasari berichtet, daß er ähnliches machte, 
wo kein Auftrag ihn dazu nötigte : »Dort (in Rom) verfer- 
tigte er einen Teig von Wachs und formte daraus, wenn er 
fließend war, sehr zarte Tiere, mit Luft gefüllt; blies er 
hinein, so flogen sie, war die Luft heraus, so fielen sie zur 
Erde. Einer seltsamen Eidechse, welche der Winzer von 
I'elvedere fand, machte er Flügel aus der abgezogenen Haut 



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DES LEONARDO DA VINCI. 61 

anderer Eidechsen, welche er mit Quecksilber füllte, so daß 
sie sich bewegten und zitterten, wenn sie ging ; sodann machte 
er ihr Augen, Bart und Hörner, zähmte sie, tat sie in eine 
Schachtel und jagte alle seine Freunde damit in Furcht.« *) 
Oft dienten ihm solche Spielereien zum Ausdruck inhalt- 
schwerer Gedanken: »Oftmals ließ er die Därme eines Ham- 
mels so fein ausputzen, daß man sie in der hohlen Hand hätte 
halten können; diese trug er in ein großes Zimmer, brachte 
in eine anstoßende Stube ein paar Schmiedeblasebälge, be- 
festigte daran die Därme und blies sie auf, bis sie das ganze 
Zimmer einnahmen und man in eine Ecke flüchten mußte, so 
zeigte er, wie sie allmählich durchsichtig und von Luft er- 
füllt wurden, und indem sie anfangs auf einen kleinen Platz 
beschränkt sich mehr und mehr in den weiten Raum aus- 
breiteten, verglich er sie dem Genie.« 2 ) Dieselbe spielerische 
Lust am harmlosen Verbergen und kunstvollen Einkleiden 
bezeugen seine Fabeln und Rätsel, letztere in die Form von 
»Prophezeiungen« gebracht, fast alle gedankenreich und in 
bemerkenswertem Maße des Witzes entbehrend. 

Die Spiele und Sprünge, die Leonardo seiner Phantasie 
gestattete, haben in einigen Fällen seine Biographen, die 
diesen Charakter verkannten, in argen Irrtum gebracht. In 
den Mailänder Manuskripten Leonardos finden sich z. B. Ent- 
würfe zu Briefen an den »Diodario von Sorio (Syrien), Statt- 
halter des heiligen Sultan von Baby lonia«, in denen Leonardo 
sich als Ingenieur einführt, der in diese Gegenden des Orients 
geschickt wurde, um gewisse Arbeiten auszuführen, sich gegen 
den Vorwurf der Trägheit verteidigt, geographische Beschrei- 
bungen von Städten und Bergen liefert und endlich ein großes 
Elementarereignis schildert, das dort in Leonardos Anwesen- 
heit vorgefallen ist. 8 ) 

J. P. Richter hat im Jahre 1881 aus diesen Schrift- 
stücken zu beweisen gesucht, daß Leonardo wirklich im Dienste 

l ) Vasari, übersetzt von Schorn, 1843. 

*) Ebenda, p. 89. 

*) Cber diese Briefe und die an sie geknüpften Kombinationen siehe: 
Müntz 1. c., p. 82 ff.; den Wortlaut derselben und anderer an sie anschlie- 
ßender Aufzeichnungen bei M. Herzfeld 1. c, p. 223 u. ff. 



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62 EINE KINDHEITSERINNERUNG 

des Sultans von Ägypten diese Reisebeobachtungen angestellt 
und selbst im Orient die mohammedanische Religion angenommen 
habe. Dieser Aufenthalt sollte in die Zeit vor 1483, also vor 
der Übersiedlung an den Hof des Herzogs von Mailand fallen. 
Allein der Kritik anderer Autoren ist es nicht schwer gewor- 
den, die Belege für die angebliche Orientreise Leonardos als 
das zu erkennen, was sie in Wirklichkeit sind, phantastische 
Produktionen des jugendlichen Künstlers, die er zu seiner 
eigenen Unterhaltung schuf, in denen er vielleicht seine 
Wünsche, die Welt zu sehen und Abenteuer zu erleben, zum 
Ausdruck brachte. 

Ein Phantasiegebilde ist wahrscheinlich auch die »Aca- 
demia Vinciana«, deren Annahme auf dem Vorhandensein von 
fünf oder sechs höchst künstlich verschlungenen Emblemen 
mit der Inschrift der Akademie beruht. V a s a r i erwähnt 
diese Zeichnungen, aber nicht die Akademie. 1 ) Müntz, der 
ein solches Ornament auf den Deckel seines großen Leonardo- 
werkes gesetzt hat, gehört zu den wenigen, die an die Realität 
einer »Academia Vinciana« glauben. 

Es ist wahrscheinlich, daß dieser Spieltrieb Leonardos 
in seinen reiferen Jahren schwand, daß auch er in die For- 
schertätigkeit einmündete, welche die letzte und höchste Ent- 
faltung seiner Persönlichkeit bedeutete. Aber seine lange Er- 
haltung kann uns lehren, wie langsam sich von seiner Kind- 
heit losreißt, wer in seinen Kinderzeiten die höchste, später 
nicht wieder erreichte, erotische Seligkeit genossen hat. 

VI. 

Es wäre vergeblich sich darüber zu täuschen, daß die 

Leser heute alle Pathographie unschmackhaft finden. Die 

Ablehnung bekleidet sich mit dem Vorwurf, bei einer patho- 

graphischen Bearbeitung eines großen Mannes gelange man 



J ) »Außerdem verlor er manche Zeit, indem er sogar ein Schnurgeflechte 
zeichnete, worin man den Faden von einem Ende bis zum anderen verfolgen 
konnte, bis er eine völlig kreisförmige Figur beschrieb; eine sehr schwierige 
und schöne Zeichnung der Art ist in Kupfer gestochen, in deren Mitte man 
die Worte liest: -Leonardus Vinci Academia* (p. 8). 



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DES LEONARDO DA VINCI. 63 

nie zum Verständnis seiner Bedeutung und seiner Leistung; 
es sei daher unnützer Mutwillen, an ihm Dinge zu studieren, 
die man ebensowohl beim erstbesten anderen finden könne. 
Allein diese Kritik ist so offenbar ungerecht, daß sie nur als 
Vorwand und Verhüllung verständlich wird. Die Pathographie 
setzt sich überhaupt nicht das Ziel, die Leistung des großen 
Mannes verständlich zu machen; man darf doch niemand zum 
Vorwurf machen, daß er etwas nicht gehalten hat, was er 
niemals versprochen hatte. Die wirklichen Motive des Wider- 
strebens sind andere. Man findet sie auf, wenn man in Er- 
wägung zieht, daß Biographen in ganz eigentümlicher Weise 
an ihren Helden fixiert sind. Sie haben ihn häufig zum 
Objekt ihrer Studien gewählt, weil sie ihm aus Gründen 
ihres persönlichen Gefühlslebens von vornherein eine besondere 
Affektion entgegenbrachten. Sie geben sich dann einer 
Idealisierungsarbeit hin, die bestrebt ist, den großen Mann 
in die Reihe ihrer infantilen Vorbilder einzutragen, etwa die 
kindliche Vorstellung des Vaters in ihm neuzubeleben. Sie 
löschen diesem Wunsche zuliebe die individuellen Züge in 
seiner Physiognomie aus, glätten die Spuren seines Lebens- 
kampfes mit inneren und äußeren Widerständen, dulden an 
ihm keinen Rest von menschlicher Schwäche oder Unvoll- 
kommenheit und geben uns dann wirklich eine kalte, fremde 
Idealgestalt anstatt des Menschen, dem wir uns entfernt ver- 
wandt fühlen könnten. Es ist zu bedauern, daß sie dies tun, 
denn sie opfern damit die Wahrheit einer Illusion und ver- 
zichten zu Gunsten ihrer infantilen Phantasien auf die Ge- 
legenheit, in die reizvollsten Geheimnisse der menschlichen 
Natur einzudringen. *) 

Leonardo selbst hätte in seiner Wahrheitsliebe und seinem 
Wissensdrange den Versuch nicht abgewehrt, aus den kleinen 
Seltsamkeiten und Rätseln seines Wesens die Bedingungen 
seiner seelischen und intellektuellen Entwicklung zu erraten. 
Wir huldigen ihm, indem wir an ihm lernen. Es beeinträch- 
tigt seine Größe nicht, wenn wir die Opfer studieren, die seine 

] ) Diese Kritik soll ganz allgemein gelten und nicht etwa auf die 
Biographen Leonardos besonders zielen. 



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64 EINE KINDHEITSERINNERUNG 

Entwicklung aus dem Kinde kosten mußte, und die Momente 
zusammentragen, die seiner Person den tragischen Zug des 
Mißglückens eingeprägt haben. 

Heben wir ausdrücklich hervor, daß wir Leonardo nie- 
mals zu den Neurotikern oder »Nervenkranken«, wie das 
ungeschickte Wort lautet, gezählt haben. Wer sich darüber 
beklagt, daß wir es überhaupt wagen, aus der Pathologie 
gewonnene Gesichtspunkte auf ihn anzuwenden, der hält 
noch an Vorurteilen fest, die wir heute mit Recht aufgegeben 
haben. Wir glauben nicht mehr, daß Gesundheit und Krank- 
heit, Normale und Nervöse, scharf von einander zu sondern 
sind, und daß neurotische Züge als Beweise einer allgemeinen 
Minderwertigkeit beurteilt werden müssen. Wir wissen heute, 
daß die neurotischen Symptome Ersatzbildungen für gewisse 
Verdrängungsleistungen sind, welche wir im Laufe unserer 
Entwicklung vom Kinde bis zum Kulturmenschen zu voll- 
bringen haben, daß wir alle solche Ersatzbildungen produ- 
zieren, und daß nur die Anzahl, Intensität und Verteilung 
dieser Ersatzbildungen den praktischen Begriff des Krankseins 
und den Schluß auf konstitutionelle Minderwertigkeit recht- 
fertigen. Nach den kleinen Anzeichen an Leonardos Per- 
sönlichkeit dürfen wir ihn in die Nähe jenes neurotischen 
Typus stellen, den wir als »Zwangstypus« bezeichnen, sein 
Forschen mit dem »Grübelzwang« der Neurotiker, seine 
Hemmungen mit den sog. Abulien derselben vergleichen. 

Das Ziel unserer Arbeit war die Erklärung der Hemmun- 
gen in Leonardos Sexualleben und in seiner künstlerischen 
Tätigkeit. Es ist uns gestattet, zu diesem Zwecke zusammen- 
zufassen, was wir über den Verlauf seiner psychischen Ent- 
wicklung erraten konnten. 

Die Einsicht in seine hereditären Verhältnisse ist uns 
versagt, dagegen erkennen wir, daß die akzidentellen Um- 
stände seiner Kindheit eine tiefgreifende störende Wirkung 
ausüben. Seine illegitime Geburt entzieht ihn bis vielleicht 
zum fünften Jahre dem Einflüsse des Vaters und überläßt ihn 
der zärtlichen Verführung einer Mutter, deren einziger Trost 
er ist. Von ihr zur sexuellen Frühreife emporgeküßt, muß 



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DES LEONARDO DA VINCI. 65 



er wohl in eine Phase infantiler Sexualbetätigung eingetreten 
sein, von welcher nur eine einzige Äußerung sicher bezeugt 
ist, die Intensität seiner infantilen Sexualforschung. Schau- 
und Wißtrieb werden durch seine frühkindlichen Eindrücke 
am stärksten erregt; die erogene Mundzone empfängt eine 
Betonung, die sie nie mehr abgibt. Aus dem später gegen- 
teiligen Verhalten, wie dem übergroßen Mitleid mit Tieren, 
können wir schließen, daß es in dieser Kindheitsperiode an 
kräftigen sadistischen Zügen nicht fehlte. 

Ein energischer Verdrängungsschub bereitet diesem 
kindlichen Übermaß ein Ende und stellt die Dispositionen fest, 
die in den Jahren der Pubertät zum Vorschein kommen wer- 
den. Die Abwendung von jeder grobsinnlichen Betätigung 
wird das augenfälligste Ergebnis der Umwandlung sein; 
Leonardo wird abstinent leben können und den Eindruck 
eines asexuellen Menschen machen. Wenn die Fluten der 
Pubertätserregung über den Knaben kommen, werden sie ihn 
aber nicht krank machen, indem sie ihn zu kostspieligen und 
schädlichen Ersatzbildungen nötigen; der größere Anteil der 
Bedürftigkeit des Geschlechtstriebes wird sich Dank der früh- 
zeitigen Bevorzugung der sexuellen Wißbegierde zu allge- 
meinem Wissensdrang sublimieren können und so der Ver- 
drängung ausweichen. Ein weit geringerer Anteil der Libido 
wird sexuellen Zielen zugewendet bleiben und das verküm- 
merte Geschlechtsleben des Erwachsenen repräsentieren. In- 
folge der Verdrängung der Liebe zur Mutter wird dieser 
Anteil in homosexuelle Einstellung gedrängt werden und sich 
als ideelle Knabenliebe kundgeben. Im Unbewußten bleibt die 
Fixierung an die Mutter und an die seligen Erinnerungen des 
Verkehres mit ihr bewahrt, verharrt aber vorläufig in inak- 
tivem Zustand. In solcher Weise teilen sich Verdrängung, 
Fixierung und Sublimierung in die Verfügung über die Bei- 
träge, welche der Sexualtrieb zum Seelenleben Leonardos 
leistet. 

Aus dunkler Knabenzeit taucht Leonardo als Künstler, 
Maler und Plastiker vor uns auf, dank einer spezifischen 
Begabung, die der frühzeitigen Erweckung des Schautriebes 

Freud, Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. & 



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66 EINE KINDHEITSERINNERUNG 



in ersten Kinderjahren eine Verstärkung schulden mag. Gerne 
würden wir angeben wollen, in welcher Weise sich die künst- 
lerische Betätigung auf die seelischen Urtriebe zurückführt, 
wenn nicht gerade hier unsere Mittel versagen würden. Wir 
bescheiden uns die kaum mehr zweifelhafte Tatsache hervor- 
zuheben, daß das Schaffen des Künstlers auch seinem sexuellen 
Begehren Ableitung gibt, und für Leonardo auf die von 
Vasari übermittelte Nachricht hinzuweisen, daß Köpfe von 
lächelnden Frauen und schönen Knaben, also Darstellungen 
seiner Sexualobjekte, unter seinen ersten künstlerischen Ver- 
suchen auffielen. In aufblühender Jugend scheint Leonardo 
zunächst ungehemmt zu arbeiten. Wie er in seiner äußeren 
Lebensführung den Vater zum Vorbild nimmt, so durchlebt 
er eine Zeit von männlicher Schaffenskraft und künstlerischer 
Produktivität in Mailand, wo ihn die Gunst des Schicksals im 
Herzog Lodovico Moro einen Vaterersatz finden läßt. Aber 
bald bewährt sich an ihm die Erfahrung, daß die fast völlige 
Unterdrückung des realen Sexuallebens nicht die günstigsten 
Bedingungen für die Betätigung der sublimierten sexuellen 
Strebungen ergibt. Die Vorbildlichkeit des Sexuallebens macht 
sich geltend, die Aktivität und die Fähigkeit zu raschem Ent- 
schluß beginnen zu erlahmen, die Neigung zum Erwägen und 
Verzögern wird schon beim heiligen Abendmahl störend be- 
merkbar und bestimmt durch die Beeinflussung der Technik 
das Schicksal dieses großartigen Werkes. Langsam vollzieht 
sich nun bei ihm ein Vorgang, den man nur den Regressionen 
bei Neurotikern an die Seite stellen kann. Die Pubertäts- 
entfaltung seines Wesens zum Künstler wird durch die früh- 
infantil bedingte zum Forscher überholt, die zweite Subli- 
mierung seiner erotischen Triebe tritt gegen die uranfäng- 
liche, bei der ersten Verdrängung vorbereitete, zurück. Er 
wird zum Forscher, zuerst noch im Dienste seiner Kunst, 
später unabhängig von ihr und von ihr weg. Mit dem Ver- 
lust des den Vater ersetzenden Gönners und der zunehmen- 
den Verdüsterung im Leben greift diese regressive Ersetzung 
immer mehr um sich. Er wird »impacientissimo al pennello«, 
wie ein Korrespondent der Markgräfin Isabella d'Este be- 



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DES LEONARDO DA VINCI. 67 

richtet, die durchaus noch ein Bild von seiner Hand besitzen 
will. *) Seine kindliche Vergangenheit hat Macht über ihn be- 
kommen. Das Forschen aber, das ihm nun das künstlerische 
Schaffen ersetzt, scheint einige der Züge an sich zu tragen, 
welche die Betätigung unbewußter Triebe kennzeichnen, die 
Unersättlichkeit, die rücksichtslose Starrheit, den Mangel an 
Fähigkeit, sich realen Verhältnissen anzupassen. 

Auf der Höhe seines Lebens, in den ersten fünfziger 
Jahren, zu einer Zeit, da beim Weibe die Geschlechtscharaktere 
bereits rückgebildet sind, beim Manne nicht selten die Libido 
noch einen energischen Vorstoß wagt, kommt eine neue 
Wandlung über ihn. Noch tiefere Schichten seines see- 
lischen Inhaltes werden von neuem aktiv, aber diese weitere 
Regression kommt seiner Kunst zu gute, die im Verkümmern 
war. Er begegnet dem Weibe, welches die Erinnerung an 
das glückliche und sinnlich verzückte Lächeln der Mutter bei 
ihm weckt, und unter dem Einfluß dieser Erweckung gewinnt 
er den Antrieb wieder, der ihn zu Beginn seiner künstlerischen 
Versuche, als er die lächelnden Frauen bildete, geleitet. Er 
malt die Monna Lisa, die hl. Anna selbdritt und die Reihe 
der geheimnisvollen, durch das rätselhafte Lächeln ausgezeich- 
neten Bilder. Mit Hilfe seiner urältesten erotischen Regungen 
feiert er den Triumph, die Hemmung in seiner Kunst noch 
einmal zu überwinden. Diese letzte Entwicklung verschwimmt 
für uns im Dunkel des herannahenden Alters. Sein Intellekt 
hat sich noch vorher zu den höchsten Leistungen einer seine 
Zeit weil hinter sich lassenden Weltanschauung aufgeschwungen. 
Ich habe in den voranstehenden Abschnitten angeführt, 
was zu einer solchen Darstellung des Entwicklungsganges 
Leonardos, zu einer derartigen Gliederung seines Lebens und 
Aufklärung seines Schwankens zwischen Kunst und Wissen- 
schaft berechtigen kann. Sollte ich mit diesen Ausführungen 
auch bei Freunden und Kennern der Psychoanalyse das Urteil 
hervorrufen, daß ich bloß einen psychoanaly tischen Roman 
geschrieben habe, so werde ich antworten, daß ich die Sicherheit 
dieser Ergebnisse gewiß nicht überschätze. Ich bin wie Andere 

') v. Seidlitz, II, p 271. 



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68 EINE KINDHEITSERINNERUNG 



der Anziehung unterlegen, die von diesem großen und rätsel- 
haften Manne ausgeht, in dessen Wesen man mächtige trieb- 
hafte Leidenschaften zu verspüren glaubt, die sich doch nur 
so merkwürdig gedämpft äußern können. 

Was immer aber die Wahrheit über Leonardos Leben 
sein mag, wir können von unserem Versuche, sie psychoana- 
lytisch zu ergründen, nicht eher ablassen, als bis wir eine 
andere Aufgabe erledigt haben. Wir müssen ganz allgemein 
die Grenzen abstecken, welche der Leistungsfähigkeit der 
Psychoanalyse in der Biographik gesetzt sind, damit uns 
nicht jede unterbliebene Erklärung als ein Mißerfolg ausgelegt 
werde. Der psychoanalytischen Untersuchung stehen als Ma- 
terial die Daten der Lebensgeschichte zur Verfügung, einer- 
seits die Zufälligkeiten der Begebenheiten und Milieueinflüsse, 
anderseits die berichteten Reaktionen des Individuums. Ge- 
stützt auf ihre Kenntnis der psychischen Mechanismen sucht 
sie nun das Wesen des Individuums aus seinen Reaktionen 
dynamisch zu ergründen, seine ursprünglichen seelischen 
Triebkräfte aufzudecken sowie deren spätere Umwandlungen 
und Entwicklungen. Gelingt dies, so ist das Lebensverhalten 
der Persönlichkeit durch das Zusammenwirken von Konstitution 
und Schicksal, inneren Kräften und äußeren Mächten aufge- 
klärt. Wenn ein solches Unternehmen, wie vielleicht im Falle 
Leonardos, keine gesicherten Resultate ergibt, so liegt die 
Schuld nicht an der fehlerhaften oder unzulänglichen Methodik 
der Psychoanalyse, sondern an der Unsicherheit und Lücken- 
haftigkeit des Materials, welches die Oberlieferung für diese 
Person beistellt. Für das Mißglücken ist also nur der Autor 
verantwortlich zu machen, der die Psychoanalyse genötigt 
hat, auf so unzureichendes Material hin ein Gutachten abzu- 
geben. 

Aber selbst bei ausgiebigster Verfügung über das hi- 
storische Material und bei gesichertster Handhabung der psy- 
chischen Mechanismen würde eine psychoanalytische Unter- 
suchung an zwei bedeutsamen Stellen die Einsicht in die Not- 
wendigkeit nicht ergeben können, daß das Individuum nur so 
und nicht anders werden konnte. Wir haben bei Leonardo 



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die Ansicht vertreten müssen, daß die Zufälligkeit seiner ille- 
gitimen Geburt und die Überzärtlichkeit seiner Mutter den 
entscheidendsten Einfluß auf seine Charakterbildung und sein 
späteres Schicksal übten, indem die nach dieser Kindheits- 
phase eintretende Sexualverdrängung ihn zur Sublimierung 
der Libido in Wissensdrang veranlaßte und seine sexuelle In- 
aktivität fürs ganze spätere Leben feststellte. Aber diese 
Verdrängung nach den ersten erotischen Befriedigungen der 
Kindheit hätte nicht eintreten müssen; sie wäre bei einem 
anderen Individuum vielleicht nicht eingetreten oder wäre 
weit weniger ausgiebig ausgefallen. Wir müssen hier einen 
Grad von Freiheit anerkennen, der psychoanalytisch nicht 
mehr aufzulösen ist. Ebensowenig darf man den Ausgang 
dieses Verdrängungsschubes als den einzig möglichen Ausgang 
hinstellen wollen. Einer anderen Person wäre es wahr- 
scheinlich nicht geglückt, den Hauptanteil der Libido der 
Verdrängung durch die Sublimierung zur Wißbegierde zu ent- 
ziehen ; unter den gleichen Einwirkungen wie Leonardo hätte 
sie eine dauernde Beeinträchtigung der Denkarbeit oder eine 
nicht zu bewältigende Disposition zur Zwangsneurose davon- 
getragen. Diese zwei Eigentümlichkeiten Leonardos erübrigen 
also als unerklärbar durch psychoanalytische Bemühung : seine 
ganz besondere Neigung zu Triebverdrängungen und seine 
außerordentliche Fähigkeit zur Sublimierung der primitiven 
Triebe. 

Die Triebe und ihre Umwandlungen sind das letzte, das 
die Psychoanalyse erkennen kann. Von da an räumt sie der 
biologischen Forschung den Platz. Verdrängungsneigung 
sowie Sublimierungsfähigkeit sind wir genötigt, auf die orga- 
nischen Grundlagen des Charakters zurückzuführen, über 
welche erst sich das seelische Gebäude erhebt. Da die künst- 
lerische Begabung und Leistungsfähigkeit mit der Sublimie- 
rung innig zusammenhängt, müssen wir zugestehen, daß auch 
das Wesen der künstlerischen Leistung uns psychoanalytisch 
unzugänglich ist. Die biologische Forschung unserer Zeit 
neigt dazu, die Hauptzüge der organischen Konstitution eines 
Menschen durch die Vermengung männlicher und weiblicher 



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70 EINE KINDHEITSERINNERUNG 

Anlagen im stofflichen Sinne zu erklären ; die Körperschönheit 
wie die Linkshändigkeit Leonardos gestatteten hier manche 
Anlehnung. Doch wir wollen den Boden rein psychologischer 
Forschung nicht verlassen. Unser Ziel bleibt der Nachweis 
des Zusammenhanges zwischen äußeren Erlebnissen und Reak- 
tionen der Person über den Weg der Triebbetätigung. Wenn 
uns die Psychoanalyse auch die Tatsache der Künstlerschaft 
Leonardos nicht aufklärt, so macht sie uns doch die Äuße- 
rungen und die Einschränkungen derselben verständlich. 
Scheint es doch, als hätte nur ein Mann mit den Kindheits- 
erlebnissen Leonardos die Monna Lisa und die heilige Anna 
selbdritt malen, seinen Werken jenes traurige Schicksal be- 
reiten und so unerhörten Aufschwung als Naturforscher nehmen 
können, als läge der Schlüssel zu all seinen Leistungen und 
seinem Mißgeschick in der Kindheitsphantasie vom Geier ver- 
borgen. 

Darf man aber nicht Anstoß nehmen an den Ergebnissen 
einer Untersuchung, welche den Zufälligkeiten der Eltern- 
konstellation einen so entscheidenden Einfluß auf das Schicksal 
eines Menschen einräumt, das Schicksal Leonardos z. B. von 
seiner illegitimen Geburt und der Unfruchtbarkeit seiner ersten 
Stiefmutter Donna Albiera abhängig macht ? Ich glaube, man 
hat kein Recht dazu; wenn man den Zufall für unwürdig hält, 
über unser Schicksal zu entscheiden, ist es bloß ein Rückfall 
in die fromme Weltanschauung, deren Überwindung Leonardo 
selbst vorbereitete, als er niederschrieb, die Sonne bewege 
sich nicht. Wir sind natürlich gekränkt darüber, daß ein 
gerechter Gott und eine gütige Vorsehung uns nicht besser 
vor solchen Einwirkungen in unserer wehrlosesten Lebenszeit 
behüten. Wir vergessen dabei gern, daß eigentlich alles an 
unserem Leben Zufall ist, von unserer Entstehung an durch 
das Zusammentreffen von Spermatozoon und Ei, Zufall, der 
darum doch an der Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit der 
Natur seinen Anteil hat, bloß der Beziehung zu unseren 
Wünschen und Illusionen entbehrt. Die Aufteilung unserer 
Lebensdeterminierung zwischen den »Notwendigkeiten« unserer 
Konstitution und den »Zufälligkeiten^ unserer Kindheit mag 



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DES LEONARDO DA VINCI. 



im einzelnen noch ungesichert sein ; im ganzen läßt sich aber 
ein Zweifel an der Bedeutsamkeit gerade unserer ersten Kinder- 
jahre nicht mehr festhalten. Wir zeigen alle noch zu wenig 
Respekt vor der Natur, die nach Leonardos dunklen, an 
Hamlets Rede gemahnenden Worten »voll ist zahlloser Ur- 
sachen, die niemals in die Erfahrung traten« (La natura fe 
piena d'infinite ragioni che non furono mai in isperienza). l ) 
Jeder von uns Menschenwesen entspricht einem der ungezählten 
Experimente, in denen diese ragioni der Natur sich in die 
Erfahrung drängen. 



*) M. Herzfeld 1. c, p. 11 



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