(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Robert Mayer und die Entdeckung des Energiegesetzes"

SCHRIFTEN ZUR ANGEWANDTEN SEELENKUNDE 

HEEAÜSGEGEBEN VON PBOF, Dß. SIGM. FREUD 

ZWANZIGSTES HEFT 



ROBEET MAYER 

rXD DIE 

ENTDECKUNG DES ENERGIEGESETZES 

DR, HEINEICH TIMERDING 



LEIPZIG und WIEN 1925 

KRAUS REPRINT 

Nendeln/Uechtenstein 

1970 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSVtHDONOLVTliCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




Repiinted by permission of 
SIGMUND FREUD COPYRIGHTS LIMITED, London 

KRAUS REPRINT 

A Division of 

KRAUS-TH0M50N ORGANIZATION LIMITED 

Nendeln/Llechtenstein 

1970 

Ptinted in Germany 
Lessingdruckerei Wiesbaden 



Inhaltsübersicht, 

Seite 

1. EiolEitung i 

2. llayers Jugendzeit 5 

3. Studienjahre ,,..,. 10 

4. Weltreise . , 14 

5. Das ÄDfkommen der Entdeckung 18 

6. Erste NiederschTiEt nach dei Rückkehr 26 

7. Entwuif einer besonderen Naturphilosophie ,32 

8. Weitere Schicksale ..--*-!,-, ■,...-.... Sft' 

9. Der Aufsatz von 1842 44 

10. Meobaiiigohe Kraft und mechaniscbas Wärmeäquivalent 48 

11. Mathematische Betrachtungen 54 

12. Koaniologische Probleme ^ , 60 

13. Die Schrift von 1845 ... iffi 

14. Ausbruch der Krankheit. Vorübergehende Besserung 76 

lö. Weitere Entwicklung der Öeisteskrankheit 82 

16. Mayers Behandluug in Göppingen und Winnentai 88 

17. Kennenbarg. Die Urleile über Majera Krankheit 92 

18. Der Vortrag in Innsbruck 1869 101 

19. Die letzten Schriften 105 

2Ü. ZusaramenfassuTig. Mayera Ende , . . . , 111 



I 

i 



1. Einleitung. 

Das Gesetz von der Erhaltung der Energie hat sich nicht 
bloß als ein grundlegendes Prinzip der naturwissenschaftlichen 
Forschung erwiesen, es bietet auch ein besonderes Interesse durch 
die äußerst merkwürdige Geschichte seiner Entdeckung. Diese 
ist bekanntlich einem Arzte in Heilbronn, Julius Robert Mayer, 
zu danken, der das Gesetz im Jahre 1842 zuerst ausgesprochen 
und in seiner allgemeinen Bedeutung erkannt hat. Es erschien 
immer erstaunhch, daß ein Mann, der von der physikalischen 
Wissenschaft nur sehr oberflächliche und unvollkommene Kennt- 
nisse besaß, zu einer so tiefgreifenden Umgestaltung der physi- 
kalischen Naturbetrachtung den Anlaß gegeben liat, um so 
mehr als alles, was er weiter an Schriften veröffentlicht hat. 
sich in keiner Weise über die Auffassung eines außerhalb der 
eigentlichen Forschungsarbeit stehenden Dilettanten erhebt, der 
sich wohl mannigfache Gedanken über den Bau der Welt und 
die Gesetze des Lebens macht, aber seine Ideen weder mit dem 
Gesaratbereich der wissenschaftlichen Forschung in feste Ver- 
bindung zu bringen noch in ihren Auswirkungen rechnend und 
beobachtend bis zu Ende zu verfolgen vermag. Man kann 
verstehen, daß die Fachgelehrten, denen die Fremdartigkeit 
und Unvollkommenheit an Mayers Darstellung in die Augen 
fallen mußte, ein gewisses Widerstreben empfanden, ihm den 
Ruhm einer so bedeutungsvollen Entdeckung zuzuerkennen. 
Immerhin ist der Vorwurf, daß Mayer die ihm gebührende Ehre 
vorenthalten worden sei, nicht gerechtfertigt- Es hat ihm auch 
im Grunde nicht geschadet, daß fast gleichzeitig und unabhängig 

TlneidiDg, Robeit Mayui- 

3 B * 



m 



t 

von ihm dem Engländer Joule die entachcidende Bestimmung 
deö mechaiiisclien Wärmeäquivalents durcli eine zweckdienliche 
Versuchsanordming und sorgfällige Messung der verhrauchten 
Arbeit und erzeugten Wärme gelang. Im Gegenteil ist dadurch 
vielleichl der Widerstand, der jeder derart umwälzenden Neue- 
rung entgegensteht, am leichtesten und sicherslen überwunden 
worden, und die Anerkennung seines Verdienstes hat von da an 
bis an sein Lebensende Mayers Dasein begleitet, an Ehrungen 
hat es ihm nicht gefehlt und sie sind durchaus nicht davon 
beeinflußt worden, daß er die weiteren Folgerungen aus seiner 
Theorie nicht zu ziehen verstand, ja die physikalischen Unter- 
suchungen, durcli die sie von anderer Seite mit wachsender 
Vollständigkeit ans Licht gebracht wurden, nicht einmal recht 
zu verstehen vermochte. 

Robert Mayer als einen Märtyrer der Wissenschaft hinzu- 
stellen, ist daher nicht berechtigt. Der Ruhmestitel, auf den 
er Anspruch hat, ist ihm nicht geschmälert worden, und heute 
ist es weniger als je nötig, die Bedeutung seiner Leistung ins 
rechte Licht zu setzen. Die bisher eigentlich nie angestellte 
Betrachtung darüber, wie Mayer zu seiner Entdeckung gelangt ist 
und wie er sie weiter verfolgt hat, gewinnt aber auch für 
unsere Zeit Bedeutung dadurch, daß Mayer später zweifellos als 
geisteskrank oder wenn man will gemütskrank erkannt ist, und 
jedenfalls von Anfang an eine psychisch abnorme Veranlagung 
bei ihm bestanden hat. Diese Betrachtung ist eine wesentlich 
psychographische. Es handelt sich um die Frage, ob die Ent- 
deckung in einem erkennbaren Zusammenhange mit Mayers 
psychischer Struktur steht, und die Erledigung dieser Frage 
ist nicht nur für den vorliegenden besonderen Fall von Wert, 
sie ist auch von Wichtigkeit für die Beurteilung epochemachen- 
der Geistestaten im allgemeinen. 

Nun ist schon vor zehn Jahren eine psychographische 
Studie über Mayer von Ernst Jentsch unter dem Titel „Julius 
Robert Mayer, seine Krankheitsgeschichte und die Geschichte 
seiner Entdeckung" (Berlin 1914) geliefert worden. Man könnte 
nach dem Titel schUeJJen, daß das soeben gekennzeichnete 



a 

Problem durch diese Schrift bereits seine Erledigung gefunden 
bat. Dies ist aber doch nicht der Fall, denn Jentscb gibt wohl 
eine ziemlich erschöpfende Darstellung der psychopathischen 
Erscheinungen, die bei Mayer im Verlaufe seines Lebens hervor- 
getreten sind, aber er geht auf Mayers Schriften nur derart 
ein, daß er sie ihrem Inhalte nach kurz charakterisiert und 
zusammenfassend bemerkt, in ihnen sei ein Intelligenzdefekt 
nicht festzustellen. Nun braucht es sich aber um einen eigent- 
lichen Intelligcnzdefekt nicht zu handeln, und nach der Art 
von Mayers Krankheit ist das von vornherein nicht einmal 
zu erwarten, es kann vielmehr darum gehen, die Besonderheit 
der Gedankeubildung und die Weite wie die Schranken ilu-ea 
Umfangcs in Zusammenhang zu bringen mit einer affektiven 
Beeinfiussting, die aus Mayers psychischer Beanlagung hervor- 
gegangen ist. Dafür kommen nicht bloß die von Mayer veröffent- 
lichten Schi'iften in Betracht, sondern es ist namentlich auch 
der erste unveröffenllichte Entwurf aus dem Jahre 1841 heran- 
zuziehen, den Jentsch nicht berücksichtigt, sowie der in 
Mayers Briefen sich offenbarende weitere Entwicklungsgang 
seiner Ideen. Hier ist immer noch ein Stück Arbeit zu leisten, 
das nur durch ein Eingehen auf die einzelnen Punkte in den 
mit der Hauptentdeckung zusammenhängenden Schriften zu er- 
reichen ist, also bestimmte kritische Erörlerungen über den 
sachhcheu Gehalt und die formale Besonderheit der von Mayer 
herrührenden Aufzeichnungen in sich schließt. Dabei winl 
natürlich auch der Zusammenhang dieser Aufzeichnungen mit 
Mayers Lebensumständen und der jeweils festzustellenden see- 
lischen Verfassung im Äuge zu behalten sei». Wir kommen da- 
durch der wichtigen Frage um ein Stück näiier, wieweit psy- 
chisch abnorme Veranlagungen oder Zustände bei einzelnen 
wissenschaftlichen Leistungen im Spiele gewesen sind, ja wie- 
weit sie stellenweise überhaupt die Bedingung für einen wesent- 
lichen Fortschritt gebildet haben. Es ist eine der allgemeinen 
Auffassung widerstreitende Tatsache, daß psychopalhische Af- 
fektionen kein Hemmnis, sondern im Gegenteil häutig die eigent- 
liche Quelle großer Geistestaten sind, aber so sehr man sich be- 



müht hat, dieser unbequemen Tatsache aus dem Wege zu 
gehen, so grundlegend ist sie doch für jede aiiS die seelischen 
Hintergründe zurückgehende Geistesgeschichte, und es ist nicht 
ohne Bedeutung, daß so allmählich auch das Vorurteil schwin- 
den kann, als ob psychopathische Veranlagung einen Makel für 
den damit Behafteten bedeutet. Im Gegenteil, wir müßten die 
wertvollsten Mitglieder aus der menschlicheii Gesellschaft ent- 
fernen, wenn wir nur die geistig absolut normalen darin lassen 
wollten. 

Anderseits ist natürhch der Schluß übereiU, daß jede 
geniale Leistung eine psychopathische Disposition zur Voraus- 
setzung hat. Man kann nur sagen, daß die Genialität einen den 
psychopathischen Erscheinungen verwandten Ursprung hat. 
Weder ist jedes Genie psychopathisch noch jeder Psychopath 
genial, aber doch vermischen sich in vielen Fällen Genialität 
und psychopathische Veranlagung, so daß beide in einer unlös- 
baren Verbindung miteinander stehen, und das eben ist bei 
Mayer der Fall. 

Die Darstellung von Mayers Krankheitsgeschichfe aus- 
führlich zu wiederholen, erübrigt sich /lach der Behandlung, 
die sie durch Jentsch erfahren hat. Es ist aber doch nötig, 
auf die Hauptpunkte kurz einzugehen, weil so allein ein klares 
Bild zu gewinnen ist. Dabei wird noch dies und das hinzu- 
kommen, was Jentsch noch nicht berücksichtigt hat, aber ge- 
rade für den vorliegenden Zweck von Wert scheint. Als haupt- 
sächliche QueJle kommen die von Weyrauch herausgegebenen 
„kleineren Schriften und Briefe von Robert Mayer" (Stuttgart 
1893) in Betracht, sowie die biographische Darstellung, mit 
welcher derselbe Autor in der von ihm besorgten dritten Auf- 
lage von Mayers „Mechanik der Wärme" (Stuttgart 1893) die 
einzelnen darin vereinigten Schriften Mayers umrankt hat. Viel 
benutzt werden auch die Erinnerungen an Robert Mayer, die 
Mayers Jugendfreund Rümelin in seinen „Reden und Auf- 
sätzen" gegeben hat, doch ist eine gewisse subjektive Färbung 
in ihnen nicht zu verkennen, und der psychiatrischen Beurtei- 
lung stehen sie ebenso fern wie dem Verständnis für den Gebalt 



1 



i 



6 

von Mayers physikalischen und physiologischen Schriften. Fast 
völlig wertlos für eine objektive Beurteilung ist das von einer 
leidenschaftlichen Polemik erfüllte Buch von Eugen Dühring, 
„Robert Mayer, der GaJilei des 19. Jahrhunderts" (I. Teil Chem- 
nitz 1880, II. Teil Leipzig 1895}. Für unseren Zweck kommt auch 
wenig in Betracht die ziemlich kritiklose Monographie von 
S. Friedländer (Julius Robert Mayer, Leipzig 1905). Endlich 
mögen die Aufsätze von Alois Riehl und Wilhelm Ostwald 
über Robert Mayer nicht unerwähnt bleiben, die den allgemeinen 
Charakter seiner wissenschaftlichen Arbeit zu bestimmen 
suchen. 

2. Mayers Jugendzeit. 

Im allgemeinen ist das Bild, das ans Mayers Leben dar- 
bietet, ein durchaus klares. Inden wesentlichen Punkten stimmen 
aJle, die über seine Schicksale und seine Persönlichkeit be- 
richtet haben, durchaus überein. Abgesehen von der großen 
Seereise, die er in jungen Jahren als Schiffsarzt auf einem 
holländischen Kauffahrteischiff unternahm, und den Störungen, 
die später durch seine Geraütskrankheit hervorgerufen wurden, 
ist sein Leben äußerlich in den ruhigen Bahnen eines geregelten 
bürgerlichen Daseins verlaufen. Er ist seiner Geburtsstadt bis an 
sein Lebensende treu geblieben und bietet in allen Zügen das 
typische Bild des schwäbischen Pfahlbürgers dar, an der Scholle 
klebend, auf den Kreis seiner Angehörigen und vertrautesten 
Freunde sich beschränkend, bei geistiger Regsamkeit doch ohne 
weiten Horizont, mit einer gewissen Weinfröhlichkeit behaftet, 
zu derbem Humor geneigt, aber ohne Sinn für das große Leben, 
festgebannt an die heimische Sitte und Enge. Er besaß nie 
dauernde Beziehungen außerhalb der nächsten Umgehunß. Wenn 
er auch den schwäbischen Wandertrieb in sich hatte, so konnte 
er doch nur Wurzeln schlagen auf dem Boden der Heimat und 
unter Menschen, die seine Sprache redeten. Die Wellen des 
Ruhmes kamen aus der Ferne zu ihm wie zu einem auf einer 
Insel Wohnenden, sie ließen die Schlichtheit und Einfachheit 
seines Daseins unberührt. Wenn er über seine große Entdeckung 



«ml Fragen, die damit zusammcnliängen, sprach, so geschah 
es, mil einer Ausnahme, an Orten, die aeiner unmittelbaren 
Nachbarschaft angehorten, oft vor einer Zuliörerschaft, die nur 
durch die gemeinsame Heimat mit ihm verbunden war, aber 
für naturwissenschaftliche Dinge kaum Verständnis haben 
konnte. 

Die Vorfahren Mayers waren, soweit die Erinnerung reichte, 
in Würflemberg ansässig gewesen und 1696 nach Heilbronn über- 
gesiedelt. Sein Valer, Christian Robert Mayer, gründete dort 
die Apotheke „zur Rose'". Er starb im 83. Lebensjahre während 
des September 18öO. Es soll ein dicker, kleiner Herr mit großem 
Kopfe gewesen sein, still und freundlich, zurückgezogen lebend, 
kenntnisreich und voll lebhaften Interesses für naturwisson- 
schaftüche Fragen und sich gern mit Experimenten, beschäf- 
tigend. Er war als jüngerer Mensch im Ausland gewesen und 
hatte in seiner reichhaltigen Bibliothek viel Reisewerke. Auch 
besaß er eine mineralogische und botanische Sammlung, Gegen 
seine drei Söhne war er milde und nachsichtig. Er ließ ihnen 
im großen ganzen ihren Willen, freute sich, wenn sie im Hause 
heruniLoIUen, steckte ihnen Südfrüchte und Süssigkeiten zu, 
hatte es aber gern, wenn sie sich gelegentlich auch in ernst- 
hafter Weise mil naturwissenschaftlichen Versuchen beschäf- 
tigten. Die beiden ältesten Söhne, Fritz und Gustav, wurden 
für den Beruf des Vaters, der jüngste, Robert, für die ArzUauf- 
bahn bestimmt. 

Die Mutter, Elisabeth, geb. Heermann aus Heilbronn, war 
geistig unbedeutend, im übrigen ebenfalls sehr gutartig, eine 
zärtliche Mutter und sorgliche, geschäftige Hausfrau, Das Gehen 
fiel ihr infoige einer halbseitigen Lähmung, die sie als Mädchen 
befallen haben soll, beschwerlich. Auch soll sie manche origi- 
nelle Sonderbarkeiten gehabt haben. Sie starb am 20. Februar 
1844 an Alterstuberkulose, Den Söhnen scheint sie weit weniger 
bedeutet zu haben als der Vater. Roberts sorgende Gedanken 
kreisen immer um den Vater, der Tod der Mutter scheint ihn 
wenig berührt, der Verlust des Vaters dagegen trotz dessen 
hohen Alters tief getroffen zu haben. 



I 



Beide Ellem sollen wie die Söhne bei aller Gutherzigkeit 
sehr leicht erregbar gewesen und oft bei geringfügigen Anlässen 
in heftigen Zorn geraten sein. Geistige Störungen lagen bei 
ihnen nicht vor, pathologische Züge sind aber uiiverkennliar, 
namentlich bei der Mutter, es zeigt sich eine gewisse Lahililät 
des seelischen GleicbgewichteH, die aber in der häuslichen 
Enge und in dem ruhigen, geregelten Leben nur selten zu 
Störungen führte und die sich gewöhnlich nur in einzehien 
Sonderbarkeiten äußerte. 

iDicse Keime seelischer Abnormität sind in dem jüngsten 
Sohne Robert, der am 25. November 1814 geboren wurde, am 
stärksten aufgegangen. Er hatte nicht die Behäbigkeit des Vaters, 
blieb auch im Alter schlank, er war bei einer vom Vater er- 
erbten Neigung zur stillen Zurückgezogenheit doch einer viel 
stärkeren inneren Unruhe unterworfen. Körperlich war er wie 
die Eltern gesund und ist bis zu seinem Ende anscheinend nie 
schwer krank gewesen. Ein hervorstechender Zug war bei ihm 
eine außerordentliche Hartnäckigkeit und Starrköpfigkeit. Wider- 
stände und Widersprüche konnte er schwer vertragen, sein 
eigener Wille ließ sich durch nichts brechen. Im übrigen war 
er wie die Eltern gutmütig und vornehm denkend, nur sehr 
leicht aufbrausend. Seinen von Haus aus nicht ütiennäßig kräf- 
tigen Körper stählte er mit eiserner Ausdauer. Er badete als 
Kind eifrig im Neckar und bildete sich mit zäher Energie 
im Schwimmen aus, ebenso wie er viel und gern ruderte, auch 
das Herumstreifen im Freien liebte. Später als Student legte 
er einmal den Weg von Tübingen nach Heilbronn, 77 kin, in 
einem Tage mit nur einer Rastpause zurück. 

Auf dem Gymnasium war er von Anfang an kein guter 
Schüler, weder fleißig noch begabt. Zu Beschäftigungen, die 
außerhalb seiner Neigungen lagen, ließ er sich eben schwer 
zwingen, und in seinen Neigungen ging er eigensinnig seine 
scharf begrenzten Bahnen. Für sprachliche Regeln hatte er 
keinen Sinn und kein Verständnis, in den Sprachen hatte er 
anfangs die Kote „gering" und stieg erst allmählich zu der 
Beurteilung „mittelmäßig bis sehr mittelmäßig" auf, dagegen 



interessierte ihn wohl der lebendige Gebrauch der Sprache., 
Er las lateinische und deutsche Klassiker bis an sein Lebens- 
ende, namentlich Goethe und Schiller liebte er und zitierte sie 
gern. Im allgemeinen ging er aber als Knabe seinen technischen 
und naturwissenschaftlichen Liebhabereien nach. Zehn Jahre 
alt, versuchte er eine Art Perpetuum mobile zu Itonstruieren, 
indem er eine archimedische Schraut>e ins fließende Wasser 
legte und sie mit einem Gefüge von Zahnrädern verband. So 
glaubte er den Antrieb beliebig vervielfachen zu können. Der 
Versuch war sehr kindlich und Robert sah denn auch bald 
die Unmöglichkeit ein. Er behauptet aber, daß diese Erfahrung 
für ihn von entscheidender Bedeutung gewesen sei. Er habe 
derart erkannt, daß sich Kraft nicht aus nichts erzeugen läßt, 
daß die Arbeitsgröße vielmehr unverändert erhalten bleibt. Das 
klingt nicht einmal unglaubhaft. Es geschieht häufig, daß solche 
Kindheitserinnerungen sehr fest haften und im geeigneten 
Augenblick mit großer Stärke und Lebendigkeit hervortreten. 

Das Gedächtnis wird bei Robert Mayer als gut bezeichnet, 
es wird aber doch wohl da, wo er kein Interesse hatle, ver- 
sagt haben. Er sprudelte später von Zitaten und brachte sie 
oft in einer überraschenden Weise an. Er nahm wenig Rück- 
sicht darauf, woher sie stammten, in den ernsthaftesten Fragen 
führte er Verse aus Gassenhauern an. Namentlich war er un- 
erschöpflich in biblischen Zitaten. Er kannte die Bibel trotz einem 
Theologen und verwendete sie in allen Fragen des täglichen 
Lebens, scheint aber auch oft in seelischer Not für sich selbst 
Trost aus ihren Sprüchen geschöpft zu haben. Auch Sprichwörter 
liebte er sehr. Er soll später aufgefallen sein durch die SchneUig- 
keit und Leichtigkeit der Wendungen in der Sprache, sowie 
durch eine Fülle von volksmäßig einfachen Ausdrücken. Doch 
liegt das schon im schwäbischen Wesen begründet. In dem 
ausgefahrenen Geleise der heimatlichen Mundart wird der 
sprachliche Ausdruck mit einer für den hartmäuligen Nord- 
deutschen überraschenden Leichtigkeit gehandhabt. 

In den realistischen Fächern zeigte Robert Mayer begreif- 
licherweise auf die Dauer bessere Leistungen als in den 



9 

Sprachen. In der :Malheraatik bekam er schließlich eine recht 
gulo Xote. Doch ist zu bedenken, daß die Anftirderungeii in 
dieser Hinsiclit damals liöchst mäßige waren, nainenthch auf 
Anstalten von der Art, wie Mayer sie besuchte. Inzwischen war 
nämhch bei ihm noch ein Schulwechsel eingetreten. Sein bester 
Freund llüraelin war im Jahre 1828 auf das Theologische 
Seminar in SchönlaJ üliergegangen. uinl .Mayer setzte nun durch 
hartnäckiges Drängen trotz des Widerslandes der Mutter bei 
seinem Vater durch, daß er ihm dahin folgen durfte, obwohl 
die Anstalt für seinen künftigen Beruf wenig geeignet war und 
die unnötige Trennung von den liltern vielleicht doch besser 
vermieden worden wäre. Es zeigte sich hier die zähe Hart- 
näckigkeit des Sohnes ebenso wie die Nachgiebigkeit dos Vaters, 
die für die spätere Zeit dem jungen Menschen sicher nicht zum 
Vorteile war. 

Anscheinend glaubte Robert Mayer dadurch, daß er allen 
Schwierigkeileii zum Trotz die Aufnahme in Schöntal er- 
zwungen hatte, ein besonderes Anrecht auf Rümelins Freund- 
schaft erworben zu haben. Seine Erwartungen waren so hoch 
gespannt, daß eine Enttäuschung nicht ausbleiben konnte, 
namentlich bei Mayers leicht empfindlicher Art. Er sah, als 
Rümelin auch mit anderen Schülern verkehrte, sogleich das 
Band der Freundschaft für zerrissen an; verzweifelt schrieb er 
an den Freund: „Wie micli dieser Gedanke quält, kann ich nicht 
aussprechen, ich hielt meine Verstandesschwachlieil für die Ur- 
sache, konnte es Dir nicht übelnehmen, daß Du Dich an \"orzüg- 
lichero Iialtest, ich verfluchte mich, Gott und die ganze Welt." 
Das ist nicht bloß jugendliche Exaltation, es ist. als ob die 
spätere krankhafte Reizbarkeit sich schon hier offenbarte. Im 
übrigen war nach einigen aufklarenden Worten der Fi'iede bald 
wieder hergestellt, wenn die Freundschaft auch nie wieder die 
alte Innigkeit und Ausschließlichkeit erreichte, 

Mayer blieb drei Jahre in Schöntal bis zur Reifeprüfung, 
die er 1832 hesland. In diese Zeit fällt die französische Revolu- 
tion von 18:-50, an der er lebhaften Anteil nahm. Es war wohl 
hauptsächlich die Sensalion, die ihn daran ergriff. ViolleichJ 



auch ein jugendlich unreifes Freiheitsgefühl. Später war et 
durchaus revolulionsfeindlich und zeigte entschieden konserva- 
tiven Sinn. 

DaD er als junger Mensch dagegen eine ausgesprochene 
Neigung zum Sensationellen besaß, zeigt sein Beiname „Geist", 
mit dem er sich selbst in den Briefen an die. Freunde meist 
unterzeichnete. Dieser Beiname rührte davon her, daU er es 
liebte, im häuslichen Kreise Geistererscheinitngen vorzuführen. 
Die Studiengenossen hatten vielfach den Eindruck, daß es 
zuzeiten mit ihm nicht ganz richtig sei, daß er ,, spinne". Er 
war reich an überraschenden und verblüffenden Einfällen, die 
sich sprimghaft in rascher Folge ablösten, so daß die Zuhörer 
sich vergebens mühteUj mit seinen Gedankengängen Schritt zu 
halten. Dazu kam die barocke, mit Zitaten gespickte Sprech- 
weise. „Jlanchc sahen ihn stets verwundert und erwartungsvoll 
an und lachten über jedes Wort, das er sprach. Einigen war 
ein solches Feuerwerk von Gedankensprüngen unbehaglich." 

3. Studienjahre. 

titer Mayers Studentenzeit ist nicht viel zu berichten, was 
zur Aufklärung über seine seelische Beschaffenheit dienen kann. 
Er machte den Ausbildungsgang eines Mediziners regelrecht 
durch und bestand im Jahre 1838 das medizinische Staats- 
examen mit der Note IIa. „Gründliche Kenntnisse und selb- 
ständiges Urteil" wurden ihm zugesprochen. In der Ciiemie er- 
hielt er die beste Note, Physik hatte er, gleich als er auf die 
Universität kam, bei einem Privatdozenten belegt, der die Vor- 
lesung hielt, weil der Lehrstuhl gerade nicht besetzt war; er 
hat sich aber nicht besonders angezogen gefühlt, im Gegenteil 
immer einen gewissen Widerwillen gegen die traditionelle Ele- 
mentarphysik, wie sie ihm vorgesetzt worden war, behalten. 
Noch in höheren Semestern beteiligte sich Mayer an der Grün- 
dung eines Korps Guestphalia, Die ihm zufallende Charge führte 
er mit großer Gewissenhaftigkeit, aber noch größerer Ungewandt- 
heil, wie es ihm überhaupt nicht lag, in größeren Krei,sen, außer- 



i 



11 

halb der übliche» Trink- und Spiclgeaelligkeit, fertig zu werden. 
Er braiicbtf immer rlcn oinzelnt'tt Menscbei aii:ischlicßlich für 
sich, um ihm etwas geben und von ihm empfangen zu können. 
Das Korps wurde niich einiger Zeit aufgehoben, die Mitglieder 
machlon aber dorli noch einen Ausfing in Tariien, worauf das 
Disziplinarverfahren geeen sie eingeleitet wurde. Mayer gestand 
dabei für sich alles ein, verweigerte aber üher die anderen jede 
Auf^sage. In der Untersuchungshaft wies er jede Nahrung zu- 
rückj so daß er am sechsten Tage in Hausarrest entlassen werden 
mußte. Es zeigt sich darin wieder die unglaubliche Hartnäckig- 
keit und Energie, die er besaß, sowie er sich auf eine Idee fest- 
gebisscn haitc. Der ijehandelnde Arzt berichtete an die Uni- 
versitätsbehörde, daß Mayer zwar nicht im eigentlichen Sinne 
als geisteskrank angesehen werden könne, aber sich doch in 
einem Zustand befinde, der leicht in Geisteskrankheit über- 
geben könne. Es werde auch allgemein berichtet, daß er bei 
jedem widrigen Vorfali in hochgradige Aufregung und in einen 
ticdenklichen Zustand gerate. 

Mayer konnte überall da große Beharrlichkeit zeigen, wo 
etwas ihn fesselte. Er zeigte eine große Vorliebe für Karteu- 
spiel, namentlich Whist, Lhombre und Tarock, auch hatte er 
starke Neigung zu Schach-, Billard- und Kegelspiel. Der Ge- 
winn war ihm gleichgültig, ihn fesselte nur das Wesen des 
Spiels, und er suchte darin durch eifriges Nachdenken einzu- 
dringen. Cbermäßig fleißig war er nicht, Bücherstudium halle 
wenig Interesse für ihn, er lernte lieber au der Wirklichkeit 
und durch eigenes Nachdenken und Beobachten. Die Abende 
verbrachte er immer in trinkfröhlichem Kreise und kehrte selten 
vor der Polizeistiuide heim. Er war einem guten Trünke keines- 
wegs abgeneigt, wenn er auch kein Trinker war. Nur in Zu- 
ständen der Erregung griff er in stärkerem Maße zum Alkoiiol, 
sicherlich nicht zu seinem Besten. 

In dem 1837 gegen iiin eingeleiteten Strafverfahren hatte 
Mayer das Consilium abeundi auf ein Jahr erbalten. Hr ging 
daher zum Besuch einiger größerer Khniken nach Münclieu und 
Wien, bat aber im Jänner 1838, noch vor Abiauf des Jahres, zur 



12 

Ablegung der medizinischen Prüfung nach Tüljingen zurück- 
kehren zu dürfen. Er bekundete dabei die Absich!, als Militärarzt 
in holländische Dieiisfe zu treten und als solcher nach den nieder- 
ländischen Kolonien in der Südsee zu gehen. Sein Gesuch wurde 
genehmigt. Er bestand die Prüfung und fuhr dann in seine Vater- 
stadt zurück. Den für seine Verhältnisse und VeranlagiinE; phan- 
tastischen Plan, ins Ausland zu gehen, hatte er keineswegs 
aufgegeben, es zeigte sich bei näherer Erkundigung nur, daß 
er als Arzt auf niederländischem Gebiete aliein dann tätig sein 
konnte, wenn er in Holland eine neue Staatsprüfumj ablegte, 
und dazu mußte er zunächst Holländisch können. Zu Hause hell 
er sich als prakti.'irber Arzt nieder, da aber die Praxis, wie bei 
jedem jungen Arzt, nur sehr langsam anlmb, driingte es ihn aus 
dieser erzwungenen rnlätigkeil immer mehr hinaus. Er be- 
nntzte seine ilußestundcn, um eifrit; Holländisch und auch 
Französisch zu studieren. Im Herbrit lS-3f) ging er nach Paris, 
um sich in seinem Fach weiter zu vervollkommnen. Er lebte 
dort zeitweise mit seinen Tübinger Freunden Wunderlich 
und Griesinger zusammen. Aber schon nach kurzer Zeit 
ging er nach Holland, um das medizinische Examen dort abzu- 
legen. Es wurde in hochdeutscher Sprache abgenommen; er 
bestand es mit der Note ,, hinreichend". Er erhielt nun ein 
hollandisches Patent als „Offizier von der Gesundheit". Da 
gerade ein holländisches Kauffahrteischiff von Rotterdam nach 
Java absegelte, ließ er sieh auf diesem als Schiffsarzt anwerben, 
um das Ziel seiner Sehnsucht zu erreichen. 

Was ihn in so weite Ferne tiirb. ist schwer zu sagen. Zum 
Aufenthalt in den Kolonien war er in seiner Abgeschlossenheit 
gegen die große Welt und seiner ausgeprägten Eigenart recht 
wenig geschaffen. Er bat nacldier auch von der ^loglicbkeit. 
draußen Land und Leute kennen zu lernen, nur wenig Ge- 
brauch gemacht. Es scheint fast, als ob bei ihm ein alter Kinder- 
lraum zur Verwirklichung drängte. Rümelin berichtet, er und 
Mayer hätten als Knabeti ein seltsames Spiel zusammen ge- 
trieben. Sie hätten alle Länder der Erde unter sich nach dem 
Atlas geteilt; aber nicht so, daß die Teile durch eine Linie von- 



13 

einander getrennt wurden, sondern daß sie hunt durcheinander 
lagen. Im ganzen sollte nur jedem der gleiche Anteil zufallen. 
Hiebei sah Mayer in erster Linie auf die Produkte und das Klima 
der ihm zufallenden Gebiete, auf die großartigen Naturerschei- 
nungen, und zog die tropische Zone den gemäßigten vor. Seine 
besondere Aufmerksamkeit richtete sich dabei auf die Simda- 
iüseln; sie erschienen ihm wegen ihrer Lage unter dem Äquator, 
ihres üppigen Pflanzenwuchses und ihrer zahlreichen Bevölke- 
rung besonders iockend. Die Märchen aus Tausend und einer 
Nacht, wohl auch einzelne Erzählungen von van der Velde 
und Wilhelm Hauff, welche die Knaben eifrig verschlangen, 
trugen dazu bei, ein farbenglühendes Bild von den Wundern 
des Südens vor den Augen des Knaben erstehen zu lassen. 
Das alles gewann in dem eben gereiften Menschen anscheinend 
neue Gewalt. Der Vater war auch durchaus damit einverstanden, 
daß der Sohn die Welt kennen lernen und sich den Wind um die 
Nase wehen lassen sollte, und ermutigte ihn noch in seinen 
Plänen. Aber dieser Wandertrieb behält doch etwas Über- 
raschendes und Befremdendes. Alle Gründe, die Mayer selbst 
angab, die Mügliclikeiten stärkerer Anregung, größerer Tätigkeit 
und rascheren Fortkommens, waren nur hergesuchte. In Wahr- 
heit wirkte wohl ein dunkler, ans der Tiefe der Seele hervor- 
quellender Trieb, der, weil alle realen Voraussetzungen für 
einen tatsächlichen Erfolg im Kolonialleben fehlten, etwas ent- 
schieden Krankhaftes behält. Auch die Reisen nach München, 
Wien und Paris haben kaum praktische Erfolge gezeitigt, sie 
sind vielleicht nur die Vorstadien für die Entladung einer sich 
regenden und durch die Vorgänge in Tübingen noch verstärkten 
Unruhe. Bei Mayers empfindlichem Ehrgefüld ist die Beschä- 
mung und Empörung über die Haft und die gegen ihn verhängte 
Straffe sicher nicht spurlos aa ihm vorübergegangen. Sie hat 
möglicherweise eine zunächst latent bleibende, aber dauernde 
und eben in diesem Drang nach der Fremde sich äußernde Er- 
regung in ihm hinterlassen. 

3 9 



u 

4, Weltreise. 

Wie dem auch soi, jedenfalls isl die Weltreise für Mayer 
von entscheidender Bedeutung geworden. Sie hat ihn nicht bloß 
zu seiner großen Entdeckung geführt, sie hat auch zuerst die 
pathologischen Anlagen in seinem Seelenzu stand ausgelöst. 
Dieses beides scheint aher in einem inneren Zusammenhang 
zu stehen, der zunächst wenig durch sifiil ig ist. Es ist deshalb 
nötig, daß wir auf diesen Abschnitt in Mayers Leben etwas 
näher eingehen. Der Dinnenländer macht sich gewöhnlich, durch 
Reisebeschreihungen uud Abenteurerromaiie verführt, ein fal- 
sches Büd von der Ozeanfahrt eines Segelschiffes. Er denk! an 
ein fröhliches Dahingleiten mit vollen Segeln oder an auf- 
regende Erlebnisse, den Kampf mit dem Sturm, an Havarien, 
Strandnngen, Meutereien, Überfälle durch Seeräuber u. dgl. m. 
Das hauptsächliche Kennzeichen einer solchen Seereise ist aber 
nicht das Abenteuer, sondern die Langeweile. Tag auf Tag ver- 
geht in öder Eintönigkeit, nichts sieht das Auge wie die 
bald ruhig almende, bald slurmgepeitschte weite Wasserfläche 
und den Himmel darüber. Der Rauchätrcifen eines Dampfers 
am Horizont oder der in der Ferne aufspritzende Wasserstrahl 
eines Walfisches, hochspringende Scharen von fliegenden 
Fischen oder Schwärme von Albatrossen, die das Schiff be- 
gleiten, alles das sind schon Erlebnisse. Die Wechselfälle der 
Witterung geben nicht den prickelnden Reiz, den sie bei der 
Schilderung in den Büchern besit?:en. Wenn das Schiff tagelang 
im Sturm beigedreht liegt oder im Kalmengürtel wochenlang 
auf einen Lufthauch wartet, auf der bleiernen Wasserfläche 
unter dem wolkenbedeckten Himmel schaukelnd, nur ab und 
zu von einem Regenschauer überschüttet, so kann sich aurh 
des geistig gesunden Menschen eine tiefe Depression bemäch- 
tigen. Böen und Wirbelstürme bringen zwar Abwechslung hinein, 
aber keineswegs Abwechslung angenehmer Art. Namenthch der 
nichtbefahrene Mann, der den gelassenen Gleichmut des echten 
Seemannes noch nicht erworben hat, kann in dem Toben der 
Elemente erfahren, was Todesangst heißt, zumal er meistens die 



15 

Gefahr überscliätzt. Offiziere und Mannschaft des Schiffes 
kommen bei dem Wechsel von harter Arbeit und spaiiicher Huhe 
wnig zum Nachdenken, aber der Fahrgast, der untätig da- 
neb.m stehtj hat Zeit genug daxu. Er sucht sich zu beschäf- 
tigen, aber immer mit dem Gefühl, daß das, was er tut, doch zu 
Ort und Gelegenheit wenig passe. Er sieht sich allen Ge- 
walten der Natur und aller Willkür der Menschen wehrlos 
preisgegeben. Während er an Land für sich zu handeln im- 
stande ist, muß er sich an Bord in die vom Kapitän mit eiserner 
Disziplin aufrecht erhaltene Ordnung des Seelebens widerstands- 
los einfügen. Vor allen Dingen muß er essen, was ihm vor- 
gesetzt wird, und das ist für den Binnenländer, dessen Magen 
nicht von klein auf an diese Kost gewöhnt ist, keine leichte 
Aufgabe; immer wieder leidet auch die Stimmung unter der 
ungenügenden, widrigen Nahrung. 

Diese Erfahrungen spiegeln sich in dem Tagebuch, das 
Mayer auf der Hinreise nach Java geführt bat, deutlich wieder. 
Der GesnndheitsKustand an Bord war gut, und er hatfe als 
Schiffsarzt sehr wenig zu tun, so daß er über seine Zeit nach 
Belieben verfügen konnle. Er suchte deshalb die Tage mit Lesen 
und Studieren auszufüllen. Namenthch bescbäfligte er sich mit 
Physiologie. Es blieben aber bei dem Fehlen jeglicher Zer- 
streuung wahrscheinlich genug müßige Stunden übrig. Der Ver- 
kehr mit den Menschen an Bord gab ihm dabei wenig Trost 
und Erquickung. Mit der Mannschaft halte er kaum Fühlung. 
Zu dem Kapitän kam er nur in oberflächliche und flüchtige Be- 
ziehungen. Eine Vertraulichkeit war schon durch die Ver- 
schiedenheit der Charaktere, dann aber auch durch die Herr- 
scherstellung des Schiffsführers ausgeschlossen. Mayer hatte 
für diese abgesonderte Stellung des Kapitäns wenig Verständnis. 
Er erschien ihm als ein rauher und gewalltätiger Despot, wenn 
er gegen ihn selbst auch eine gewisse Zurückhaltung übte und 
ihn nicht anfuhr wie die übrigen, sondern wenigstens schwieg, 
wenn er nicht freundlich zu ihm sprechen konnte. Mayer fühlte 
sich aber doch durch den ganzen Ton, der an Bord herrschte, 
das rauhe und schroffe Gebaren, abgestoßen und gedrückt. 



16 

Nur zu dem einen Steuermann fand er eine etwas freund- 
lichere und gemütlichere Stellung, 

Die Eintönigkeit des ewigen Anblicks von Himmel und 
Wasser drückte ihn stark nieder. Ihn beängstigte der unauf- 
hörliche Anblick des freien Horizonts, der den Eindruck, hilf- 
los in einer Einöde verloren zu sein, in ihm erhöhte. Einmal 
fühlte er sich schon getröstet, als die Ferne von Nebel verhüLlt 
war, weil er sich vorstellen konnte, daß dahinter festes Land 
liege. Ein anderesmal erquickte es ihn unbeschreiblich, ais 
sich vorübergehend in der Ferne ganz klein Bergumrisse zeigten, 
und er zeichnete sie sich sofort auf. Der beängstigenden Wir- 
kung des Sturmes erlag er ebenso wie dem lähmenden Eindruck 
der Flaute in den Kalmen. 

Unter der Kost litt er schwer. Er fand wenig für ihn genieß- 
bare Nahrung. Wo sie einmal vorhanden war, empfand er es 
schmerzHch, wie karg sie zugemessen wurde. Gegen viele 
Speisen zeigte er einen unüberwindlichen Widerwillen und 
fastete lieber, als daß er sie hinunterwürgte. Daß selbst das 
Trink- und Waschwasser spärlich zugemessen wurde und trotz- 
dem fortwährend von dem Kapitän über Verschwendung ge- 
wettert wurde, faßte er, der das Gespenst des drohenden Wasser- 
mangels nicht kannte, als eine unleidüche Bedrückung auf. 

Die Reise dauerte vier Monate. Was das für einen Menschen 
heißt, der nie auf dem Wasser gewesen war, der immer die 
sichere Erde unter sich gefühlt hatte, nie die trauliche Nähe 
der Menschen, das Grün der Wiesen und Wälder, den Gesang 
der Vögel und den Klang der Glocken entbehrt hatte, kann 
nur der ermessen, der einmal in der gleichen Lage war. Wenn 
man noch hinzufügt, daß Mayer Ja niemals erlabren hatte, 
was es bedeutet, nicht mehr sein freier Herr zu sein, sondern 
der harten Willens beschränkung des Bordlebens sich unter- 
werfen zu müssen, und wenn man Mayers eigensinnige, jedem 
Zwange widerstrebende Sinnesart sich vor Augen hält, so wird 
man begreifen, welchen Eindruck dieses Dasein an Bord auf 
ihn ausüben mußte. Er hatte die Reise mit großen Erwartungen, 
wie einen Flug in die blauende Ferne, angetreten. Es verging 



IT 

nicht lange Zeit, und er sah sie wie eine ihm auferlegte Prüfung 
an und flehte nur zu Gott, daß er sie glücklich überstehen und 
die Lieben in der Heimat wohlbehalten wiedersehe« möge. 

In Mayer schlummerte aber von Anfang an die Anlage 
zu einer Gemütskrankheit, deren Anzeichen sich schon während 
der Haft in Tübingen gezeigt hatten, und man muß daher er- 
warten, daß die Einflüsse dieses Lebens auf See, die schon bei 
dem geistig gesunden Menschen sich zeigen, bei. ihm beson- 
ders stark hervortraten. Daß e^ nicht zu Ausbrüchen über- 
mäßiger Erregung kam, ist auch zu verstehen, solche werden 
durch den Druck des Zwanges, unter dem jeder an Bord steht, 
bei dem nicht völlig Unzurechnungsfähigen niedergehalten. Da- 
für wühlt und gärt es aber um so heftiger im Innern. Es 
zeigen sich eben Depressionen, die anschwellen und wieder 
abflauen. In seinen Aufzeichnungen hat Mayer sich vielleicht 
noch eine gewisse Zurückhaltung auferlegt, er hat mehr die 
Entlastung als die Bedrückung betont, aber gerade daraus, 
daß er es immer für der Mühe wert hält, besonders hervorzu- 
heben, wenn ein Tag gut verlaufen war, liegt vielleicht schon, 
daß nicht alle Tage derart waren, daß tiefe Senkungen da- 
zwischen lagen. Er wandte sich, wo er sich von den Menschen 
verlassen fühlte, seinem Gott zu. Die Sonntage und Feste 
werden von ihm immer besonders genannt. Er suchte sie auf 
seintT Weise zu leiern und sich innerhch zu erheben. So notiert 
er am 29. März: ,, Sonntag Lätare, der ruhig und heiter ver- 
lief." Am 10. April aber beißt es: „Düstere Gedanken, schwere 
Sorgen, die sich um das geheiligte Haupt meines Vaters kon- 
zentrieren, drücken heute mehr als je auf meine Seele." Die 
Worte „mehr als je" zeigen deuthch, daß diese Stimmung keines- 
wegs vereinzelt dastand. Der pathetische Ausdruck, mit dem 
er von seinem Vater spricht, wie überhaupt die Besorgnis um 
den völlig gesunden und frischen Mann, von dem er erst seit 
zwei Monaten ohne Nachricht war, haben entschieden etwas 
Wahnhaftes. Dann fühlt er sich wieder getröstet. Am 1. Mai 
schreibt er: „Ein hübscher Sonnenuntergang schloß einen ver- 
gnügten Tag", und am 10. Mai: „Ich brachte den Sonntag recht 

TimecdiDg, Robert Mayer. 3 

3 5 * 



18 

vergnügt hin. Eine harmlose Gemütsruhe, deren ich mich seit 
längerer Zeit erfreue und die mich zu wissenschaftlicher Be- 
schäftigung vorzugsweise disponiert, läßt mich auch in Dürftig- 
keit und in Entfernung von jedem gleichgestimmten Wesen die 
Tage fröhlich durchlelien, von denen keiner sonder Interesse 
vorübergeht." Am 30. Mai klingt es aher wieder anders: ,, Vaters 
Gehurlsfest. Düstere Sorgen drückten midi an diesem, im 
Schöße der Familie oftmals so glücklich verlebten, fröhlichen 
Tage, und nur mit Mühe gelang es mir, endlich mich freizu- 
machen," Am nächsten Tage ist es schon wieder anders: „Der 
15. Sonntag an Bord, der hei gutem Wetter angenehm verstrich," 
Die Reise neigte sich jetzt dem Ende zu. Am 8. Juni, 
Pfingstmontag, wurde die Südwestspitze von Java sichtbar. 
Mayer ist der Irohesten Empfindungen voll: „Die Brandung, 
welche an die Felsen und Klippen der Südküste mit rasender 
Macht tobt, das herrliche ungewohnte Grün der mächtigen 
Bäume, mit denen das schroff aus dem Meere sich erhebende 
Gebirge bedeckt ist, der pfeilschnelle Lauf unseres Schiffes 
bei dem schönsten Wetter, dies alles erregte einen Slurm der 
beseligendsten Gefühle, und mein Herz, in Erinnerung an alle 
meine Lieben in der Feme übervoll, machte sich in verstohlenen 
Tränen Luft." 

5. Das Aufkommen der Entdeckung. 

Das Bild ist, wie mir scheint, ziemlich klar. Es ist das 
einer durch die Eindrücke der Seefahrt und das Leben an Bord 
herausgehobenen zirkulären Veranlagung. Mayer selbst spricht 
späler davon, daß er auf See Delirien unterworfen gewesen 
sei, die tagelang dauerten und gegen die starke Blutentziehungeu 
angewendet werden mußten. Vielleicht denkt er dabei mehr an 
die Rückreise, von der uns jede Nachricht fehlt. Möglicherweise 
haben sich die Depressionserscheinungen auf dieser noch ver- 
stärkt. Es kann aber manches gegen diese Annahme angeführt 
werden. Erstlich war Mayer schon mehr eingewöhnt, dann kam 
auch das tröstliche Gefühl hinzu, daß es wieder heimwärts gehe, 



19 

ferner hatte er mehr zu tun als auf der Ausreise, wenigstens 
bis zum Kap der guten Hoffnung, da sich bei den Mannschaften 
in Java erworbene ernsthche Krankheiten zeigten, er hatte 
auch noch besser gelernt, sich an Bord selbst zu beschäf- 
tigen oder die Tage zu verdämraem. Alles das läßt erwarten, 
daß der Seelcnzustand Mayers nicht wesentlich ungünstiger 
war als auf der Fahrt nach Java. 

Gegenüber der Seereise selbst bedeutete die Zeit auf Java 
für Mayer eine wesentliche seelische Entspannung, und gerade 
diese Entspannung ist für die Geschichte seiner großen Ent- 
deckung von entscheidender Wichtigkeit. Der Aufenthalt des 
Schiffes verteilte sich auf die drei Häfen Batavia, Tscheribon 
und Surabaya. Er dauerte mit den dazwischen liegenden Fahrten 
im ganzen vier Monate. Mayer ging, nachdem die erste Neu- 
gierde gestillt war, wenig an Land. Die Lust, fremde Gegenden 
kennen zu lernen, schien ihm mit einemmal vergangen zu sein. 
Es war auch keine Rede mehr davon, daß er auf den Suuda- 
inseln bleiben wollte. Er war scbon auf der Ausreise ent- 
schlossen, mit demselben Schiff wieder heimzufahren. Alle 
seine Gedanken gingen darauf, möglichst bald die Heimat wieder 
zu sehen. „Gottes allweiser Schickung," schreibt er, „die so 
fühlbar in meinen Schicksalen zu erkennen, überlasse ich mich 
auch ferner mit Vertrauen. Wenn er mir nur eine Bitte gewährt, 
so will ich lächelnd alles über mich ergehen lassen." Die Sehn- 
sucht nach der Feme war in ihm erloschen, der schwäbische 
Pfahlbürger kam wieder zum Vorschein, sein ganze,^ Verlangen 
ging dahin, in die vertrauten Verhältnisse wieder znrückzu- 
kehren. 

So hielt sich Mayer auf der Reede meistens an Bord auf, 
das Fremdartige des Koloniallebens ängstigte und drückte ihn 
nur. Er fühlte sich dagegen auf dem Schiffe jetzt sehr behag- 
lich und glücklich. Die Verpflegung war natürlich im Hafen viel 
besser als auf See, da frische Nahrungsmittel vom Lande ge- 
bracht werden konnten. Die Mangelhaftigkeit der Ernährung 
während der Fahrt war sicher nicht Schuld des Kapitäns, son- 
dern der Reederei, die auf Kosten der armen Seefahrer möglichst 

5» 



m 

sparen wollte. Vor Land gab es nun alle möglichen Erleichte- 
rungen. Das Leben unter dem Sonnensegel eines in den Tropen 
auf Reede liegenden Schiffes ist auch nicht ohne Reize. Es 
ist auf dem Wasser verhältnismäßig kühl, kein Staub, kein 
blendendes Sonnenücht, eine wohltuende Ruhe und Stille, dazu 
das vor den Augen ausgebreitete Panorama der tropischen 
Landschaft. Alles das läßt Mayers Stimmung verstehen. Dazu 
kam noch das beruhigende Gefühl, nachts in der Koje nicht hin 
und her geworfen zu werden und nicht von den Launen der 
gleich einer Frau wetterwendischen See abhängig zu sein. Am 
25. Juh 1840 schreibt Mayer von Surabaya an die Eltern: „Die 
Tage fliehen vor mir wie Stunden und werden mit Studieren 
angenehm und nützlich ausgefüllt. Geistige Tätigkeit und körper- 
liche Ruhe sind in diesem Himmelsstriche meine höchsten 
Wünsche." Die Remission ist unverkennbar, es ist nicht bloß 
dauernde Beruhigung, sondern auch ein entschiedenes Wohl- 
gefühl eingetreten, die Spannkraft des Geistes wiederhergestellt, 
ja in dem veränderten Klima wunderbar gesteigert. 

In dieser Zeit war es denn auch, wo die entscheidende 
Wendung in Mayers geistiger Entwicklung eintrat. Wir können 
ihn die Beobachtung, die für alle seine folgenden Arbeiten maß- 
gebend wurde, mit seinen eigenen Worten erzählen lassen; 
„Während einer hunderttägigen Seereise war bei der aus 
28 Köpfen bestehenden Equipage kein erheblicher Krankheits- 
fall vorgekommen, wenige Tage aber nach unserer Ankunft 
auf der Reede von Batavia verbreitete sich epidemisch eine 
akute Affektion der Lungen. Bei den reichlichen Aderlässen, 
welche ich machte, hatte das aus der Armvene gelassene Blut 
eine ungemeine Röte, so daß ich der Farbe nach glauben konnte, 
eine Arterie getroffen zu haben." Nach einiger Zeit verschwand 
diese Erscheinung wieder. „Bei einem reichlichen Aderlaß, 
welchen ich zwei Monate nach unserer Ankunft in Java an einem 
kräftigen Matrosen anstellte, fand ich eine normale schwarze 
Farbe des Blutes." Mayer überlegte nun so: „Der Farbenunter- 
schied ist ein Ausdruck für die Größe des Sauerstoff Verbrauches 
oder für die Stärke des Verbrennungsprozesses im Organismus." 



m 

Man muß sich dabei denkcHj daß diese Funktionen sich erat 
allmählich den tropischen Verhältnissen anpassen, daß also 
anfänglich noch eine stärkere Sauers toflauf nähme stattfindet, 
die dann aber, weil sie unnötig ist, zurückgeht, so daß daä 
venöse Blut wieder dunkel erscheiat. „Bei längerem Aufenthalt 
in der heißen Zone treten andere Verhältnisse ein, infolge eines 
veränderten Einflusses des Lungengewebes auf das in ihren 
Kapillaren enthaltene Blut und wahrscheinlich auch infolge 
einer chemischen Veränderung der Blutkörperchen werden 
diese in den akklimatisierten Individuen die Träger einer ge- 
ringeren Menge von Sauerstoff, und während zuvor das Venen- 
blut an Röte dem Arterienblute nahekam, wird jetzt das Arterien- 
blut durch seine Schwärze dem Venenhlute der kälteren Zone 
ähnlich, die Röte der Wangen geht verloren und der Akklimati- 
sierte erhält die bekannte atrahilarische Gesichlsfarhe." 

Soweit kaim die Beobachtung wohl als scharfsinnig und 
wertvoll gelten, aber sie hat an sich noch nichts Überraschen- 
des. Außerordentlich merkwürdig ist aber die Verbindung, in die 
Mayer die physiologische Bemerkung mit physikalischen Grund- 
gesetzen brachte, und hierin liegt eigentlich der entscheidende 
Schritt. Er lenkte seine Aufmerksamkeit weiter auf die Art und 
Weise, wie überhaupt die chemische Umwandlung im Blute zur 
Geltung kommt. Ein Teil wird für den Wäjmeausgleich gegen- 
über der Abkühlung durch die Umgebung verwendet, und dieser 
Teil ist es, der in den warmen Gegenden erheblich verringert 
wird. Ein anderer Teil wird aber in die Bewegungen des Muskel- 
apparates umgesetzt. „Näheres über die Art und Weise, wie 
das Organ, der Muskel, die Metamorphose einer chemischen 
Differenz in mechanischen Effekt vollbringt, wissen wir nicht. 
In unzähligen Fällen gehen die Umwandlungen der Materien 
imd der Kräfte auf anorganischen und organischen Wegen vor 
unseren Augen vor, und doch enthält jeder dieser Prozesse ein 
für das menschliche Erkenntnisvermögen undurchdringliches 
Mysterimn." 

„Kennt man", schließt Mayer feraer, „die Größe der 
Leistung eines Muskels, so kennt man auch die Größe der ver- 



22 

wendeten chemischen Kraft." Die eine Größe ist der anderen 
einfach gleich. „Causa aequat effectum", „die Ursache ist der 
Wirkung gleich", in diesem irgendwie in ihm haften gebliebenen 
lateinischen Satz prägt er fortan den ihn leitenden Grund- 
gedanken aus. Die Überlegung geht nun aber weiter. Die che- 
mische Differenz wird je nachdem in Bewegung oder in Wärme 
verwandelt, und deshalb muß auch eine Äquivalenz zwischen 
Bewegung und Wanne, zwischen mechanischem und chemischem 
Effekt bestehen. Dabei fiel ihm eine Beobachtung ein, die ihm 
der Steuermann seines Schiffes einmal gemacht hatte, daß das 
Wasser in den vom Sturm aufg(!wühlten Wellen wärmer sei 
als in der ruhenden See (vgl. kleine Schriften, S. 124). Er er- 
fuhr später, daß diese Bemerkung keineswegs neu war, daß sie 
sich schon in Ciceros Schrift „De natura deorum" findet. 
Nun suchte er aber eine Erklärung für diese Tatsache und fand 
sie ohneweiters in dem anschaulichen Bild der Seen, bei denen 
die Kämme fortwährend sich überstürzen, bei denen also wie 
beim Stoß unelastischer Körper Bewegung zugrunde gebt. Er 
überlegle jetzt: Die Kraft, die in der Bewegung steckt, ist in 
Wahrheit nicht zugrunde gegangen, sie besteht vielmehr in der 
Wärme fort, weiche sich in der Temperaturerhöhung des Wassers 
zeigt. Also stehen wirklich Bewegung and Wärme in einer 
Äquivalenzbeziebung. Auch bei der Bewegung zweier unela- 
stischer Körper von gleicher Masse, die mit gleichen, aber 
entgegengesetzt gerichteten Geschwindigkeiten aufeinander 
prallen und derart zur Ruhe kommen, geht die in der Bewegung 
steckende Kraft nicht zugrunde, sondern nur in Wärme über. 

Was derart ineinander übergeht, muß aber von gleichem 
Wesen sein. Wenn man also die in der Bewegung eines be- 
stimmten Körpers sich ausdrückende Naturgröße als Kraft be- 
zeichnet, 30 muß man auch die Wärme als eine Kraft ansehen 
und ebenso die chemische Differenz. Es gibt Kräfte verschie- 
dener Art., die aber alle ineinander übergehen, und zwar so, 
daß ihre Größe dabei keine Veränderung erleidet. Soviel au 
Bewegungskraft verschwindet, soviel kommt an Wärme wieder 
zum Vorschein. Verschwindet doppelt soviel Beweg ungskrait, 



.20 

so kommt auch doppelt soviel Wärme zum Vorschein. Wir 
können alle Kräfte auf ein einheitliches Maß zurückführen. In 
diesem Maß gemessen gleichen alle vor sich gehenden Verände- 
rungen der Kräfte der Größe nach sich aus. Das aber bedeutet 
das Gesetz von der Erhaltung der Kraft. 

In den großen Zügen sind dieses wohl die Gedanken ge- 
wesen, die sich in Mayer sogleich ausbildeten, als er auf der 
Reede in Java den durch seine Beobachtung in ihm angeregten 
Fragen nahetrat. Er hat später selbst über diese innere Ent- 
wicklung, die sich jähhngs in ihm vollzog, in einem Briefe an 
Griesinger (vom 16. Juni 1844) sich ausgesprochen. Nach- 
dem er erst über den physiologischen Ausgangspunkt berichtet 
hat, iährt er fort: „Will mim nun über physiologische Punkte 
klar werden, so ist Kenntnis physikalischer Vorgänge unerläß- 
lich, wenn man es nicht vorzieht, von metaphysischer Seite 
ber die Sachen zu bearbeiten, was mich unendUch degoutiert 
(was Mayer, wie wir noch sehen werden, nachher aber doch 
getan hat). Ich hielt mich also an die Physik und ging dem 
Gegenstande mit solcher Vorliebe nach, daß ich, worüber mich 
mancher auslachen mag, wenig nach dem fernen Weltteile 
fragte, sondern mich am liebsten an Bord aufhielt, wo ich un- 
ausgesetzt arbeiten konnte und wo ich mich in manchen Stunden 
gleichsam inspiriert fühlte, wie ich mir zuvor oder später 
nie etwas Ähnliches erinnern kann. Einige Gedankenblitze . . . 
wurden sofort emsig verfolgt und führten wieder auf neue Gegen- 
stände. Jene Zeiten sind vorbei, aber die ruhige Prüfung liat 
mich gelehrt, daß es Wahrheit ist, die nicht nur subjektiv ge- 
fühlt, sondern auch objektiv bewiesen werden kann, ob dieses 
aber durch einen der Physik so wenig kundigen Mann geschehen 
könne, dies muß ich dahingestellt sein lassen. Kommen wird 
der Tag, das ist ganz gewiß, daß diese Wahrheiten zum Gemein- 
gut der Wissenschaft werden." Die Spannweite der Ideeubildung 
ist bei dem jungen Menschen, der ohne alle wissenschaftlichen 
Hilfsmittel außer den paar mitgebrachten Büchern im fernen 
Lande sich selbst überlassen war, entschieden zu bewundem. 
Es muß ein besonders günstiger geistiger Zustand vorgelegen 



2i 

haben, um eine solche plötzliche Entwicklung möglich zu 
machen. Dieser Zustand ist zu erklären durch das Abebben der 
durch die niederdrückenden Einflüsse des Bordlebens während 
der Fahrt erzeugten Depression und das Anfhiten einer durch 
die Entspannung nach der Ankunft in Java hervorgerufenen 
gehobenen und glücklichen Stinjmung, die sich nicht in ge- 
selliger Gemeinschaft, sondern nur in einsamer Denkarbeit aus- 
wirken konnte. Es war mit einer solchen Stimmung bei Mayer 
naturgemäß auch ein weittragender Plan verbunden, der an- 
scheinend darin bestand, die ganze Physiologie von Grund aus 
zu reformieren. Aus der euphorischen Stimmung ist gleich- 
zeitig zu erklären, daß hiebei von Mayer die der wirklichen Aus- 
führung des Planes notwendigerweise entgegenstehenden Schwie- 
rigkeiten übersehen wurden. Die Ausführung hätte nur gelingen 
können auf Grund einer jahrelang mit allen Hilfsmitteln wissen- 
schaftlicher Beobachtung durchgeführten Laboratoriomsarbeit. 
Seihst dann aber hätte es sich immer noch nicht um die 
ganze Physiologie gehandelt, sondern nur um ein besonderes, 
allerdings sehr bedeutungsvolles physiologisches Problem, die 
Bestimmung des im lebenden Organismus stattfindenden Kräfte- 
umsatzes auf Grund exakter quantitativer Bestimmungen. In der 
geistigen Struktur Mayers lag es, daß er nur dieses eine Pro- 
blem sah und alles Andere dagegen für nebensächlich und 
gleichgültig hielt. Daraus versteht man auch Mayers hartes und 
ungerechtes Urteil über den Stand der physiologischen For- 
schung in jener Zeit. Dieses Urteil ist nur dadurch hervor- 
gerufen, daß er in dem von ihm benutzten Lehrwerke (Johannes 
Müllers Handbuch der Physiologie) das ihn bewegende Problem 
nicht genügend berücksichtigt gefunden hatte, wobei er über- 
sah, daß gerade durch dieses Buch doch seine Gedanken nach 
der physikalisch-chemischen Richtung hingelenkt worden waren. 
Das Interesse Mayers war im übrigen zu dieser Zeit noch 
ganz und gar an die Physiologie gebunden. Was ihn bewegte, 
war das Problem des Lebens, insbesondere die Frage, wie die 
Allkraft in den Organismus wirksam sei. Dabei leitete ihn der 
Gedanke, daß ihre Erhaltung, welche die ganze Natur durch- 



So. 

zieht, auch in dem lebenden Körper nicht durchbroclien sei, 
daß die Einnahmen und Ausgaben an Kraft auch hier sich 
genau ausgleichen müssen und daß darauf die ganze Ökonomie 
der Lebensfunktionen sich aufbaue. Ihm boten sich die latei- 
nischen Sprüche dar, die später zur ständigen Redensart bei 
ihm wurden: Ex nihiio nil fit, nil fit ad nihilum, aus nichts 
wird nichts, nichts wird zu nichts. Wir kommen der wahren 
Quelle dieser Sätze näher, wenn wir in einem Fragment des 
Meiissus lesen: „Immer war, was war und immer sein wird, 
denn wenn es wurde, mußte es notwendigerweise, bevor es 
wurde, nichts sein, wenn es nun nichts war, so kann es nicht 
sein, daß nichts aus nichts wird." Das sind die Grundsätze 
der eleatischen Scliule, und es ist Jiöchsl merkwürdig, daß aus 
diesen Grundsätzen in der neuesten Zeit eines der wichtigsten 
physikalischen Gesetze abgeleitet worden ist. Eine besondere 
Neigung zu physikalischeu Beobachtungen ist aber bei Mayer 
sicher nicht vorlianden gewesen. Er nahm von der ganzen Physik 
nur diesen einen Grundsatz der Krafterhaltung auf. Ihm schien 
er wie eine Selbstverständlichkeit, nach einer Begründung 
suchte er nicht. Seine Überlegungen, die sich auf die Physio- 
logie beziehen, mußten natürlich auch an einer bestimmten 
Grenze stehen bleiben, weil ihm das ülerariscbe Material na- 
mentlich physikalisch-chemischer Art fehlte, um weiter zu ge- 
langen und seine Ideen durch zahlenmäßige Feststellungen 
auf Grund der wirklich ausgeführten Messungen im einzelnen 
auszuführen und zu begründen. Es kam dann die Heimreise, 
während der seine Arbeiten wahrscheinlich geruht haben, wo 
er nur die Tage hinzubringen suchte in dem Gedanken an den 
immer näherrückenden Zeitpunkt der Rückkehr in sein Vater- 
land. Über die Einzelheiten seines Lebens und seiner Seelen- 
verfassung auf der Heimreise fehlen uns, wie gesagt, alle Nach- 
richten, und es ist überflüssig, darüber Vermutungen anzustellen. 
Die vier Monate auf See haben sicher nicht zu seinen glückUchen 
Tagen gehört, er hat sie wohl als eine Prüfungszeit angesehen, 
die er nach Möglichkeit aus seinem Gedächtnis auszustreichen 
euchle, nachdem sie einmal vorüber war. 



26 



6. Erste Niederschrift nach der Rückkehr. 



Nach der Rückkehr Mayers anfangs 1841 beginnt aber die 
erfreulichste und für sein Gedächtnis bei der Nachwelt wichtigste 
Epoche in seinem Lehen. Die Entdeckung, die seinen Ruhm 
begründen sollte, reift langsam weiter, aber keineswegs so, 
daß sich in stetiger Entwicklung die einzelnen Punkte durch 
sorgfällige Beobachtungen und sichere Schlüsse allmählich 
klären, sondern derart, daß er mit einer eigentümlich bizarren 
Wendung beginnt, durch die zunächst das Wertvolle imd Rich- 
tige seines Grundgedankens auf bedrohliche Abwege geführt 
wird. Nur durch eine besonders glückliche Fügung kommt er 
von dieser gefährlichen Abirrung wieder zurück und nach und 
nach in die richtige Bahn, Dieser beim ersten Anblick über- 
raschende Werdegang, dessen Eigenartigkeit früher wenig be- 
achtet worden ist, erscheint sicher auch durch die Wandlungen 
in Mayers seelischer Verfassung zum großen Teil bestimmt, und 
diese subjektiven Bedingungen für die Entwicklung einer neuen 
grundlegenden physikalischen Idee ist nicht nur für den ein- 
zelnen Fall bedeutungsvoll, sie werfen gleichzeitig ein Streif- 
licht auf die persönlichen Momente, von denen auch die Ent- 
wicklung der objektivsten Wissenschaft abhängt. 

Wir können uns denken, daß bei Mayer die Dämpfung 
seines Seeienzustandes während der Heimfahrt in dem Augen- 
blick, als er die Vaterstadt und das Elternhaus erreicht hatte, 
einer gehobenen und glücklichen Stimmung wich. Alles fand 
er so wieder, wie er es verlassen hatte, nur erschien es ihm nach 
der langen Entbehrung in noch helleren und leuchtenderen 
Farben. Alle Not war überstanden, alles Trennende beseitigt, er 
konnle aufs neue in der Heimat seinem Beruf nachgehen. Vor 
materiellen Sorgen war er gesichert, Wohlwollen und Freund- 
lichkeit umgab ihn, und er behieSt Muße genug, auch seinen 
Liebhabereien nachzugehen. Es ist zu begreifen, daß seine Ge- 
danken sich in dieser Lage bei seiner religiösen Veranlagung 
mit besonderer Stärke der weisen Fürsorge und Ordnung, die er 
im Weltall zu erblicken glaubte, zuwandten. Während er vorher 



zunächst den Haushalt der Natur in der Regelung des orga- 
nischen Lebens im Auge gehaht hatte, richteten sich seine Be- 
trachtungen nunmehr stärker auf das Kosmische. Es erschiea 
ihm wichtig, bevor er d;iran ging, die Funktionen des lebenden 
Körpers zu untersuchen, zunächst einmal sein Augenmerk auf 
die Grundlagen zu lenken, auf denen sich diese Funktionen 
aulbauen sollten. Er schreibt selbst am 24. Juli 1841 an seinen 
Freund Baur: „Von physiologischen und pathologischen Unter- 
suchungen ausgehend, indem es mir schien, hier zu richtigen 
Grundsätzen gelangt zu sein, wurde ich, diese Grundsätze rück- 
wärts verfolgend, notwendig in das (Jebiet der Chemie und 
Physik übergeführt, wobei eine Naturanschauung sich aus- 
bildete, welche mir eine unübersehbare und wirklich unend- 
liche Reihe von bis jetzt unerklärbaren Erscheinungen völlig 
aufhellte, und die mir noch die wichtigsten Fragen der Meta- 
physik auflöste." Mayer stellte sich vor die Aufgabe, die Grund- 
lagen der Naturlehre in ihrer vollen Allgemeinheit zu entwickeln, 
Daß er vor der ungeheuren Größe dieser Aufgabe nicht zurück- 
schreckte, daß er mit fröhlichem Wagemut an sie heranging, 
ist nur damit zu erklären, daß er in einer Stimmung war. in der 
er sich der größten Leistung gewachsen fühlte, in der alle Selbst- 
kritik schwieg und nur das beherrschende Wohlgefühl eines 
gesteigerten Dranges zur freien Auswirkung der mächtig fluten- 
den Seelenkräfte übrig blieb. Es ist auch bezeichnend, daß er 
nicht etwa zu Lehrwerken griff, um die Mängel seiner physi- 
kalischen und mathematischen Bildung auszufüllen, sondern 
glaubte, alles ohne weiteres aus sich heraus vollbringen zu 
können,, er wollte nicht lernen, sondern lehren, sich aussprechen, 
neue, große Wahrheiten offenbaren. Zu stiller, beharrlicher 
Arbeit fehlte ihm die innere Ruhe, es wogte und brandete in 
ihm von neuen Ideen, die er von vornherein für reif genug 
hielt, mn sie der Welt zu verkünden. Er wollte eine neue 
Naturanschauung begründen, aber er konnte sie doch nur 
skizzenhaft entwickeln. So ist alles, was herauskommt, ein 
kurzer Aufsatz, nur drei zweispaltige Schriftseiten füllend. Er 
fühlt selbst das Fragmentarische seiner Äußerungen und hilft 



w 

sich, indem er eiii Weiteres versprechendes „Fortsetzung Eolgt" 
an das Ende setzt und die Bemerkung hinzufügt: „Der Verfasser 
stellte vorstehende Sätze, welche zum Teil die Grundlage seiner 
Natu ran sc hau ung bilden, absichtlich in der größten nur mög- 
lichen Kürze hin. Wahrheit bedarf zur Anerkennung nicht vieler 
Worte, und Irrtümliches als wahr anpreisen zu wollen ist eitles 
Streben." 

Der Aufsatz, den Mayer am IG. Juni 1841 an die Poggen- 
dorfschen Annalen schickte, ist in seiner ungebundenen Ür- 
sprünglichkeit höchst merkwürdig. Das erstrebte Ziel steht zu 
den aufgewendeten Mitfein in keinem Verhältnis. Wir können 
uns denken, dali Mayer von Mathematik und Pliysik viel zu 
wenig wußte, um beurteilen zu können, was zu der Behandlung 
solcher Probleme erforderlich ist, und bei seiner Unkenntnis 
aller einschlägigen Literatur daher glaubte, allen notwendigen 
Anforderungen gerecht zu werden. Er schrieb als Dilettant und 
mit der naiven Selbstsicherheit des Dilettanten. Alier alles ist 
damit doch nicht erklärt. Die Darstellung macht, auf mich 
wenigstens, einen entschieden pathologischen Eindruck. Die 
Regeln des nüchternen Denkens werden ausgeschaltet, Herkömm- 
liches wird verachtet. Paradoxes gesucht. Mit einem kindlich 
einfachen Schema soll das ganze Weltgeschehen umspannt wer- 
den. Einzelne im Gedächtnis gebliebene Schulerinnerungen 
werden hergeholt und in der barocksten Weise umgeslaltet. Der 
Grundgedanke ist, daß alles bisher Geleistete nur einen unzu- 
länglichen Versuch bedeutet, daß jetzt erst die wahre Erkenntnis 
anhebt und daß sie abseits liegt von den Wegen, auf denen sie 
vorher gesucht wurde. Auch die Mathematik muß sich eine 
völlige Umbildung gefallen lassen. Dem Unendlichen wird nicht 
aus dem Wege gegangen, sondern es wird mitten hinein in die 
Welt gestellt. Die Null wird ihres Charakters entkleidet, sie soll 
nicht schlechthin das Nichts bezeichnen, sondern gepaart mit 
einer ihr zur Seite stehenden meßbaren Größe Wesenhaites 
und Wirkliches bedeuten. Dabei herrscht eine solche Unklarheit 
der Gedanken^ ein solch verschwimmendes Ineinanderfließen 
der Begriffe, daß es fast unmöglich scheint, überhaupt einen 



29 

klaren Sinn and eine logische Verbindung in die Entwicklung der 
Ideen hineinzubringen. Es bleibt der Eindruck einer unlöaharen 
Verworrenheit übrig. 

Wir dürfen uns wolil nicht denken, daß die Schrift die 
Frui'ht einer längere Zeit andauernden Tätigkeit ist, vielmehr 
ist sie wahrscheinlich rasch hingeworfen; als eine Entladung 
der Spanniing, in die sich Mayer durch die in ihm wogenden 
Gedanken versetzt fühlte. Die Einzelheiten hahen.sich in ihm 
vielleicht während der voraufgehenden Wochen oder Monate 
entwickelt, wie er sie aber zusammenfaßte und zur Darstellung 
brachte, das scheint der Eingehung des Augenbiickes ent- 
sprungen. Er gab dem Ganzen den Titel: „Über die quantitative 
und qualitative Bestimmung der Kräfte." Er wollte damit den 
Grundgedanken bezeichnen, daß an den Kräften die zwei Ge- 
sichtspunkte der quantitativen Messung und qualitativen Kenn- 
zeichnung als das Wesentliche erscheinen. Was er darüber 
zu sagen hatte, ist wohl vollständig in der kurzen Darstellung, 
die er gibt, enthalten, die angekündigte Fortsetzung bezieht sich 
wahrscheinlich nicht darauf, daß er die vorgetragenen Grund- 
sätze weiter ausführen, sondern daß er sie auf neue Gebiete 
anwenden wollte. Was er dabei zu bringen gedachte, war ihm 
sicher selbst noch nicht ganz klar. 

Der Aufsatz beginnt mit einer allgemeinen Vorbemerkung; 
„Die Aufgabe der Naturlehre ist es, die Erscheinungen in der 
leblosen sowohl als der lebenden Welt nach ihren Ursachen 
nnd Wirkungen zu entwickeln." Das ist natürlich nicht neu, 
sondern die herkömmüche Auffassung der Naturwissenschaft. 
Mayer fährt dann fort: „Alle Erscheinungen beruhen darauf, 
daß Stoffe, Körper, das Vcriiällnis, in welchem sie zueinander 
stehen, verändern. Wach dem Gesetze des logischen Grundes 
nehmen wir an, daß dies nicht ohne Ursache geschähe, und eine 
solche Ursache nennen wir Kraft." Das würde auch noch im 
Rahmen der längst anerkannten Forscbungsgrundsätze bleiben. 
Nehmen wir die nächstliegende Veränderung, die Veränderung des 
Ortes, d. h. die Bewegung, so würde danach Kraft die Ursache der 
Bewegung sein. So faßt es Mayer auch. Er denkt sich zwei 
i 



30 

Körper im Universum isoliert und voneinander getrennt, dann 
werden sie, meint er, beide in gerader Richtung sich zueinander 
bewegen. Man Itann dies nicht anders deuten, als daß Mayer 
an die Newtonsche Gravitationskraft dentl. Damit steht auch 
im Einklang, wenn et sagt: „Die letzte Ursache der Kräfte uder 
die Ur-Ursache, welche durch die Ausgleichung bestehender Dif- 
ferenz sich kundgibt, teilt beiden Körfjern bewegende Kraft 
mit, als deren Folge oder Erscheinung wir die Bewegung auf- 
treten sehen." Das ist so aufzufassen: Mayer denkl sich die 
Gravitation, als eine llrkraf t, die, im Weltall wirkend, die Tendenz 
hat, alle räumlichen Differenzen anfzuheben, ,, alles Seiende", 
wie er vorher sagt, „in einem matliematischen Punkte zu ver- 
einen". (Freilich sagt er gleichzeitig auch ,,zu einer homogenen 
Masse zu vereinen", offenbar bestand bei ihm der Widerstreit 
zweier V'orstellungen, einmal dachio er sich, von dem astrono- 
mischen Weltbild ausgehend, daß die sämtlichen Wellkörper zu 
einem einzigen Wellkörper verschmelzen, und dann von der 
abstrakten Fassung der punkifönnigeii Massen ausgebend, daß 
alle diese Punkte in einen Punkt zusanmienrücken, er half sich 
nun aus der Schwierigkeit, indem er einfach die beiden ein- 
ander widersprechenden Aussagen nebeneinander stellte.) Er 
fügt noch hinzu, daß wir alle Erscheinungen von dieser einen 
Urkrafl ableiten können. Das bleibt aber nicht bloß eine un- 
begründete Behauptung, es steht auch im Widerspruch zu allem, 
was er sonst sagt. Neben dieser Urkraft nimmt er nämlich noch 
andere Kräfte an, die jener nicht entstammen, sondern ihr 
entgegenwirken, indem sie dahin streben, die bestehenden Diffe- 
renzen zu erhalten und, wo eine Differenz aufgehoben ist, sie 
in anderer Form wieder herzustellen, insbesondere, wo Be- 
wegung zerstört ist, die außer Wirkung gesetzte Bewegungskraft 
als Wärme wieder hervortreten zu lassen. Nun aber weiter. 
Die Gravitation erscheint als eine allgemeine Eigenschaft der 
Materie. Von ihr ist die Newlonsciie Anziehungskraft erst 
der Ausfluß, die allgemeine Eigenschaft der Materie gibt sich 
darin kund, daß ihre Teile mil zunehmender Geschwindigkeit 
aufeinander zustreben. Jetzt kommt aber das Merkwürdige, 



31 

daß Mayer dem Ncwtnnscheii Kiaftbegrilf geflissentlich aus 
dem Wege geht. Er hat das immer beibehalten, und es ist be- 
zeichnend für seine Beiraclitungsweise, daß er sich in Gegensatz 
zu der Newtonschen Kraitaiiffassung stellt. Damit gibt er aber 
die Deutung der Kraft als Ursache der Bewegung in Wirklichkeit 
auf. Die Kraft Hegt für ihn in der Bewegung seihst. Die Be- 
wegung, d. h. die Änderung des Ortes ist nicht die Kraft selbst, 
aber ihre Manifestation. Die Größe der Bewegung ist das Maß 
für die „bewegende Kraft". Die Größe der Bewegung bestimmt 
er in dieserSchrift noch durch das CartcsischeMafl, d. h. durch 
das Produkt aus Masse und Geschwindigkeit (während die 
Newtonsche Kraft bekannthch durch das Produkt aus Masse und 
Beschleunigung gegeben wird). Es ist hier aber wieder nicht 
klar zu sehen, wie Mayer sich die Sache denkt. Er nennt die 
Bewegung niclit bloß die sichtbare Ersclieinung der bewegenden 
Kraft, die an sich nicht in den Bereich der sinnlichen Wahr- 
nehmungen tritt, die ein unheschreibhares Etwas bleibt, sondern 
er nennt auch die Bewegung die Folge der bewegenden Kraft. 
Damit zerstört er sofort den an sich klaren Gedanken, daß die 
Wirkung einer Kraft immer wieder eine Kraft, und zwar nach 
dem Grundsätze Causa ae(jviat effectum eine der ersten gleiche 
Kraft ist. Man kann den Widerspruch nur tilgen, wenn man das 
aus der Festlegung der Newtonschen Anziehungskraft unrecht- 
mäßigerweise übernommene Wort ,, Folge" tilgt und nur die 
Deutung der Bewegung als Erscheinung der Bewegungskraft 
zuläßt. Nun geht aJjer merkwürdigerweise Mayer gar nicht 
darauf ein, daß bei dieser aus der Gravitation entspringenden 
Bewegung die bewegende Kraft ständig wächst, er hat das später 
ausführlieh erörtert, hier aber glattweg übersprungen, trotzdem 
es für das Verständnis seiner Auffassung unentbehrlich ist. 
Die Lösung, die er später angibt, ist die, daß die räumliche 
Differenz der sich anziehenden Massen an sich eine Kraft be- 
deutet, die er dann als Fallkraft bezeichnet. Mit der räumlichen 
Differenz nimmt die Fallkraft ab, und es erscheint Mayer als 
eine der wichtigsten Autgaben, die Abhängigkeit der Falikraft 
von der Entfernung zu hesfimmen. In demselben Maße, wie 



die Fallkraft abnimmt, nimmt die Bewegungskraft zu. Die Zu- 
nahme der Beweg ungskrafl ist eben das Maß für die Abnahme 
der Fallkraft. 

Zu allen diesen Überlegungen fehlte aber Mayer bei der Ab- 
fassung der ersten Schrift noch der Schlüssel. Die Beziehung 
der Gravitation zu seiner Kraftauffassung war ihm damals noch 
völlig unklar. Er wußte nur dieses: Die Körper im Weltall 
ziehen sich an, infolgedessen müssen sie sich, wenn sie an- 
iänglich ruhen, aufeinander zu bewegen, Anziehung und Be- 
wegung hängen irgendwie zusammen. Aber eine Klärung dieser 
Vorstellungen trat nicht ein, und Mayer scheint nicht einmal 
das Bedürfnis danach empfunden zu haben. Ihm genügte die 
nebelhafte Verschwommenheit seiner Begriffe vollkommen, ja 
er scheint sich gerade darin wohl befunden zu haben. Von 
der später bei ihm durchbrechenden Erkenntnis, daß das Car- 
tesische Maß der Bewegungskraft mit der Fallkraft, d. h. dem 
in der Anziehung steckenden Kraftvorrat, gar nicht in Beziehung 
gebracht werden kann, sondern nur das Leihnizsche Kraftmaß, 
das die Bewegungskraft (lebendige Kraft) durch das Produkt aus 
Masse und Quadrat der Geschwindigkeit bestimmt, ist er noch 
weit entfernt. 

7. Entwurf einer besonderen Naturphilosophie. 

Es zeigt sich aber weiter, daß Mayers Vorstellungen wesent- 
lich bestimmt sind durch Gedanken an den Vorgang des zen- 
tralen Stoßes, wobei er anscheinend durch Erinnerungen aus der . 
Schulzeit geleitet wurde. Vom Stoße her stammt auch wohl 
der Ansatz der Bewegungsgröße als Maß der Kraft. Mayer ist 
jedoch nicht imstande, etwa die Gesetze des Stoßes vollständig 
zu entwickeln, er beschränkt sich deshalb auf den einfachen 
Sonderfall zweier Körper von gleicher Masse, die mit gleichen, 
aber entgegengesetzt gerichteten Geschwindigkeiten einander 
treffen. Diese Körper kommen zur Ruhe, wenn sie vollkommen 
unelastisch sind, sie vertauschen ihre Bewegungen nach dem 
Stoße, wenn sie vollkommen elastisch sind. Im ersten Falle, so 



überlegl Mayer, ist die bewegende Kraft vollständig verschwun- 
den, im zweiten Falle ist sie vollständig erhalten. Aber auch 
im ersten Falle, schließt er weiter, ist die Kraft nicht etwa 
vernichtet^ sie ist vielmehr der Quantität nach unzerstörbar 
und nur in eine andere Form übergegangen, sie ist zu Wärme 
geworden. Die Qualität der Kraft ist eine andere geworden, 
denn der Qualität nach ist die Kraft wandelbar. 

Soweit ist alles klar und richtig. Mayer will nun aber mathe- 
matische Betrachtangen hineinziehen und kommt dabei auf 
sonderbare Abwege. Da er das Kraftmaß quantitativ faßt, muß 
er die Kraftgrößen, die sich auf beide Körper beziehen, zu- 
sammenzählen. Ist die Masse beider Körper M, ihre Geschwindig- 
keit C, so ist die bewegende Kraft für jeden Körper MC, für 
beide zusammen also 2 MC. Werden nun aber die beiden Be- 
wegungögrößen, weil sie entgegengesetzt gerichtet sind, mit ent- 
gegengesetztem Vorzeichen genommen, also dafür -j-MC und 
— MC angesetzt, so ergibt ihre algebraische Summe den 
Wert 0. Das ist nun mit der früheren Auffassung in keiner 
Weise zu vereinen, man muß entweder den einen oder den 
anderen Ansatz machen. Mayer faßt sie aber beide zusammen, 
indem er die abweichenden Ergebnisse einfach nebeneinander 
stellt, also hinschreibt^ 

2 MC. 

Dies ist ihm ein Symbol dafür, daß keine sichtbare Bewegung 
vorhanden ist, aber eine Kraft von dem Werte 2 MC, und nun 
siebt er in einem solchen Ausdrucke die Formel für die Wärme. 
Wir können ihm in diesen Gedanken schwer folgen, es liegen 
darin Begriffsbildungen, die der normalen Auffassung uner- 
reichbar sind. Die Nebeneinanderstellung der und des von 
verschieden bestimmten Kraftmaßes ist etwas für die übhcbe 
Größenlebre völlig Unfaßbares und Sinnloses. 

Mayer macht sich für seine neuen Ideen ein neues Schema 
zurecbt, das nur für ihn Sinn und Bedeutung empfängt, für 
einen anderen aber ein leeres Spiel mit Symbolen bleibt. Das 
geht noch weiter. Er unterscheidet an dem Kraftausdruck einen 

TimBTdlBg. Robert Ifayer. 3 

4 0* 



extensiven und einen intensiven Faktor, Masse und Ge- 
schwindigkeit. Ändert sicti jetzt das Verhältnis von Extensiläl 
und Intensität, ohne daß die Größe der Kraft sich änderl, so 
drückt sich dies dadurch aus, daß an die Stelle des früheren 
Ausdruckes M C der neue Ausdruck tritt: 

wobei n irgendeine ganze oder gehrochene (positive) Zahl be- 
deuten soll. Diese Zahl ?z bestimmt nun, wie Mayer sagt, die 
Energie der Bewegung. Das Wort kommt sonach auch bei ihm 
vor, hat aber eine völlig andere Bedeutung, als es jetzt besitzt; 
heute nennen wir Energie eben das, was Mayer als Kraft be- 
zeichnet. 

Handelt es sich nun nicht um eine fortschreitende Be- 
wegung, sondern um eine nach allen möghchen Richtungen 
auseinandergehende, wie sie Mayer in der Ausdehnung eines 
Gases sieht, so ist dem Kraftausdruck immer noch das Zeichen 
hinzuzufügen. Der Ausdruck sieht also genau so aus wie der 
Ausdruck für die Wärme, bedeutet aber keine Wärme, sondern 
Bewegung, die jedoch den Körper als Ganzes nicht von seinem 
Orte bringt und deshalb das quahtative Zeichen empfängt, 
wie es auch die Wärme trägt, weil sie ebenfalls keine Orts- 
veränderung des Körpers mit sich führt. Die Ausdehnung der 
Körper ist eine unmittelbare Wirkung der Wärme, die Aus- 
dehnung zeigt beim Thermometer geradezu die Erwärmung an. 

Mayer hebt nun noch die wellenförmigen und oszillierenden 
Bewegungen hervor. Auch bei ihnen lassen sich die Bewegungen 
der einzelnen Punkte zu Paaren entgegengesetzt gleicher zu- 
sammenfassen, dem Gesamtausdruck kommt also wieder das 
qualitative Zeichen zu. Auch diese Bewegungen stehen der 
Wärme besonders nahe, sie rücken ihr noch näher, wenn die 
„Energie" sich vergrößert, also an die Stelle des Ausdruckes J/C 

M 
ein Ausdruck — -nC tritt. Wird darin n unendlich groß (oo) oder 

wenigstens eine sehr große Zahl, so „erhalten wir die Art von 



Bewegung, die sich als Licht oder als strahlende Wärme uns 
kundgibt". Der zugrunde liegende Gedanke ist sehr einfach; 
Das Licht ist als eine sehr schnelle Oszillation aufzufassen, 
die sich in den kleinsten Teilen des den Raum erfüllenden 
Äthers vollzieht. Das Licht hat demnach bei Mayer die Formel 

2— -ooC. 

oo 

Der Zahlfaktor 2 tritt hinzu, weil Mayer das Bild der paar- 
weise entgegengesetzt gleichen Teilbewegungen im Auge behält. 
Kach Mayers Auffassung geht Bewegung immer dann in 
Wämie über, wenn zwei entgegengesetzt gleiche Bewegungen 
wie beim unelastischen Stoß sich „neutralisieren", d. h. als 
Bewegungen verschwinden. Umgekehrt geht Wärme in Be- 
wegung über, wenn die ,, Neutralisierte" wieder die Form der 
Bewegung annimml. Das ist insbesondere der Fall, wenn ein 
erhitzter Körper zu leuchten beginn!, denn das ausgestrahlte 
Licht ist Bewegung besonderer Art. Auf der anderen Seite wird 
aus Licht Wärme, wenn die Bewegung in Ruhe übergeht. Mayer 
benutzt seinen Begriff der Neutralisation noch, imi eine selt- 
same Kritik an dem Parallelogrammgesetz der Mechanik zu 
üben. Er nimmt als solches Gesetz nur das Parallelogramm 
der Bewegungen und kommt zu dem Schluß, „daß man bei der 
üblichen Anwendung des Parallelogramms auf die Dynamik 
immer Resultate bekommt, welche um eine Neutralisierte ent- 
weder zu klein oder zu groß ausfallen". Der Grundgedanke 
dabei ist sehr leicht zu fassen: Die Bewegungen, die nach 
dem Parallelogrammgesetz zu einer einzigen Bewegung zu- 
sammengesetzt werden, sind als Bewegungen, d. h. als Kräfte 
im Mayerschen Sinne quantitative Größen und als solche ein- 
fach zu addieren, um die Gesamtkrafl zu gewinnen. Nach dem 
Parallelogrammgesetz kommt aber immer eine kleinere Kraft 
heraus. Sind also Yj, T'g die Teilbewegungen, V die resultierende 
Bewegung, so ist, meint Mayer, anzusetzen 

wo N die Neutralisierte bezeichnet. Diese Neutralisierte tritt 

3* 



36 

nicht in die Erscheinung, darf aber doch nicht ohne weiteres ver- 
nachlässigt werden. Was sie physikaHsch bedeuten soll, führt 
er nicht weiter aus. Er kommt von diesen Betrachtungen aus- 
gehend zu dem merkwürdigen Schluß: „Man kann wohl zwei 
Bewegungen zu einer zusammenfassen, nie aber eine Bewegung 
in zwei zerlegen. Im ersten Falle läßt man die Neutralisierte 
außer acht, im zweiten Falle kann man aber nicht eine Neutrali- 
sierte aus nichts erzeugen." Er stützt seine Üt>erlegungen durch 
eine mathematische Ableitung, die aber so abstrus wird, daß 
es kaum möglich ist, auf sie einzugehen. Wenn ein Schluß 
gezogen wird, wie der, daß zwei Ausdrücke V^ 4- T'g und V^ — Fj 
gleich werden, ohne daß Fg verschwindet, so ist das von den 
Gesetzen des logischen Denkens so weit entfernt, daß sich 
darüber nicht vernünftig reden läßL 

Ebenso verliert sich Mayer in dem Schlußabschnitt, in dem 
er auf die Planetenbewegung eingeht, in ein solch krauses 
Durcheinander, daß der Leser diesem Wirrwarr ratlos gegenüber- 
steht. Was er im Grunde erreichen will, ist die Lösung eines 
sehr ernsthaften Problems: Die Sonne strahlt beständig Licht 
in den Weltraum aus, es geht ihr also fortwährend Kraft verloren, 
und die Kraft der Sonne, d, h. ihre Wärme und damit die Inten- 
sität des von ihr ausgestrahlten Lichtes, müßte deshalb ab- 
nehmen. Nun nimmt aber ihr Licht nicht ab, wenigstens ist 
Mayer davon überzeugt. Wie ist das zu erklären? Mayer findet 
die barocke Antwort, daß „in den Sternsystemen (er scheint 
ganz richtig auch die Fixsterne als Sonnen anzusehen) die für 
uns unlösliche Aufgabe einer beständigen Kraftentwicklung von 
der Natur gelöst" ist, und schließt mit der schwärmerischen 
Bemerkung: „Die Frucht davon ist das Herrlichste der mate- 
riellen Welt, die ewige Quelle des Lichts." Dahinter steht 
ein Gedankenstrich, wolil das Zeichen dafür, daß Mayer die 
Gedanken, die ihn hiebei bewegen, nicht dem Papier anzu- 
vertrauen wagt. 

Höchst seltsam ist aber die Schlußfolgerung, in der er die 
Lösimg findet. Die Erzeugung von Kraft aus Nichts bedeutet 
die Differenzierung von zu.-j-MC — MC, d, h. die Erzeugung 



zweier entgegengesetzt gleicher Kräfte. Was die eine Kraft MC 
ist, scheint ihm ohne weiteres klar, es ist die dem Planeten 
mitgeteilte Bewegung. Damit meint er dessen wirkliche Be- 
wegung. Diese zeifällt in zwei Bewegungen, von denen „die 
eine die Richtung der Peripherie", die andere aber die Bich- 
tung auf die Sonne zu hat. Er meint nun: durch die fest- 
stehende Sonne wird die zweite bestandig aufgehoben, neutrali- 
siert. Es müßte also dem Planeten beständig Bewegung ent- 
zogen werden, vennöge der Gravitation wird aber die ent- 
zogene Bewegung immer wieder ergänzt, deswegen nimmt die 
Bewegung des Planeten nicht ab, sondern bleibt beständig er- 
halten. Der dauernde Umlauf des Himmelskörpers wird derart 
erzielt. Gleichzeitig wird aber die neutralisierte Bewegung in 
der Sonne fortwährend aufgespeichert, und diese in der Sonne 
aufgespeicherte Kraft kommt, weil sie neutralisiert ist, d. h. die 
Bewegungsform verloren hat, als Wärme zur Geltung. Das ist 
wohl der Gedankengang. Er wird aber verwirrt durch abirrende 
Zwischenbemerkungen. So findet sich ein Zusatz: „In dem 
gleichen Maße, wie die peripherischen Teile als gegen das 
Zentrum fallend sich verhalten, fällt letzteres gegen die Peri- 
pherie." Dieser Zusatz ist wohl so zu erklären, daß Mayer 
gehört hatte, der Zentripetalkraft stehe eine gleich große Zentri- 
fugalkraft gegenüber, diese letzte übersetzt er nun mit den 
Worten, daß die Sonne als gegen die Peripherie fallend an- 
gesehen werden müsse, er denkt dabei aber ohne weiteres an 
das von der Sonne nach der Peripherie hin ausgeaandte Licht. 
Höchst überraschend ist auch ein Satz wie der; „In dem 
System der Himmelskörper vertritt die Gravitation die Stelle 
des künstlichen Radiusvektor", der Linie, die er sich vorher 
von der Sonne nach dem Planeten gezogen gedacht hatte. 
Diese Linie ist eben für ihn nicht ein einfaches geometrisches 
Gebilde, sie hat ein inneres Leben, er sieht in ihr die Anziehung 
des Planeten nach der Sonne hin und wohl auch gleichzeitig 
das Strahlen des Sonnenlichtes nach dem Planeten hin. 



38 



8. Weitere Schicksale. 



Man kann sich hienach wohl ein klares Bild dav-on machen, 
wie der Aufsatz geartet ist, in dem Robert Mayer zuerst seine 
Ideen niedergelegt hat. Nur insofern mag das Büd noch täu- 
schen, als in Wahrheit die Darstellung viel verworrener ist, 
wie sie von uns wiedergegehen werden konnte. Es ist zu be- 
greifen, daß der Aufsatz in einer ernsthaften naturwissenschaft- 
lichen Zeitschrift keine Aufnahme finden konnte. Er gehört 
dem Bereich der exakten Naturwissenschaft überhaupt nicht 
an, sondern vielmehr dem Gebiete der Naturphilosophie, diese 
etwa in dem Sinne verstanden, wie sie Schelling gefaßt 
hatte. Natürlich hatte Mayer von Schellings Schriften oder 
anderen gleicher Art keinerlei Kenntnis. Die innerliche Ver- 
wandtschaft erklärt sich vielmehr einfach daraus, daß Schel- 
lings wie Mayers Behandlung der Naturerscheinungen auf den 
gleichen subjektiven Voraussetzungen beruht. Die Ergebnisse 
der Naturforschung sind beiden nur sehr unvollständig und 
oberflächlich bekannt gewesen, sie haben sie in freier, will- 
kürlicher und unvollkommener Form benutzt, um eine Welt- 
anschauung zu stützen, die, aus der eigenen Anschauung ge- 
schöpft, auf ungebunden waltender Phantasie und zum großen 
Teil auf affektiven Momenten beruht. Man könnte auf Grund 
dieser Arbeit Mayer nicht als den Entdecker des Energiegesefzes 
bezeichnen, man könnte nur sagen, daß seine Gedanken- 
bildungen ihn z« einer Grundannahme geführt haben, die später 
in der wissenschaftlichen Forschung eine wenn auch auf ganz 
anderen Bedingungen ruhende Bestätigung gefunden hat. 

Nun trat aber bald nach der Absendung des Aufsatzes an 
die Schriftleitung bei Mayer, vielleicht gerade deswegen, weil 
die ersehnte Annahme der Arbeit bei der Zeitschrift ausblieb, 
eine Schwenkung ein, die ihn der wissenschaitlichen Physik 
erst nahe brachte. In einzelnen wesentlichen Punkten kam er 
aus sich heraus dazu, die begangenen Irrtümer zu erkennen. 
Mehr und mehr zeigte er sich bereit, sachkundigen Rat anzu- 
nehmen. Man fühlt deutlich, wie eine hochgehende Woge 



39 

äußerster seelischer Spannung allmälilich abschwillt und ruhiger 
Besinnung weicht. Man darf das aber nicht so auffassen, als 
ob Mayer den Inhalt des ersten Aufsatzes etwa in Bausch und 
Bogen preisgegeben hätte, im Gegenteil, er hat den darin aus- 
gesprochenen Ideen immer angehangen, er suchte nur den Weg, 
sie der wissenschaftlichen Forderung anzupassen. Für sich selbst 
hat er immer die Zeit, in welcher die in dem Aufsatz aus- 
gesprochenen Gedanken aufgesprossen waren, als die Zeit des 
höchsten Aufschwunges in seinem Leben angesehen. Dieses 
Wogen und Drängen, dieses Hervorquellen neuer Ideen, denen 
er umstürzende Bedeutung zuschrieb, und das damit verbundene 
intensive Wohlgefiibl erschien ihm, mögen wir es auch in einer 
besonderen Veranlagung als bedingt ansehen, wie eine höchste 
Vollendung seines geistigen Wesens. Vielleicht hat er damit 
nicht einmal Unrecht, wir dürfen den Gehalt des Autsatzes 
nicht nach der objektiven Richtigkeit beurteilen, sondern nach 
dem inneren Ideengehalte, und da zeigt sich doch, daß sich 
hinter dem Mißbrauche mathematischer Symbole und der Ver- 
biegung wissenschaftlicher Tatsachen ein mystisch gefärbtes 
Weltbild von ausgesprochener Eigenart und inbrünstiger Ein- 
fühlung in den Geist des Alls verbirgt. Ein starker Gefühls- 
überschwang, der keine volle Erfüllung in dem Verkehr mit 
den Menschen findet, wendet sich der Natur zu und sucht in 
der Ordnung der Weit die Bürgschaft für eine gütig waltende 
Vorsehung. 

.Von dieser Stimmung mußte Mayer erst heruntersteigen 
zu größerer Nüchternheit, aber auch zu größerer Klarheit und 
Besonnenheit. Eine Reihe von Umständen erleichterte ihm 
diesen Weg. Zunächst stand ihm in seinem Jugendfreund Baur 
ein Mann zur Seile, der ihm sachverständigen Rat erteilen 
konnte, und zu dem er auch volles Vertrauen halte. Der Brief- 
wechsel mit ihm war iür Mayer von größtem Werte. Nachher 
war er mit Baur persönlich zusammen und dieser erteilte ihm 
regelrechten Privatunterricht in der Mathematik, wodurch ihm 
erst das Studium physikalischer und astronomischer Lehrwerke 
ermöglicht wurde. Freilich hatte er immer große Schwierig- 



40 

keilen mit dem Verständnis. Seine Vorbildung reichte zu er- 
folgreicher Benutzung der Literatur doch nicht aus, und zudem' 
war sein Auffassungsvermögen für fremde Gedanken auffallend 
gering. Was er nicht durch eigenes Nachdenken erarbeiten 
konnte, war ihm schwer zugänglich. 

Im September 1841 reiste Mayer nach Tübingen und wurde 
dort bei dem Vertreter der Physik, Professor Nörrenberg, 
eingeführt. Er trug diesem seine Ideen vor und fand, wenn 
auch nicht sofortige Zustimmung, so doch ein bereitwilliges 
Eingehen auf seine Pläne. Nörrenberg riet ihm, ein Gefäß mit 
Wasser zu schütteln und nachzusehen, oh eine Erwärmung 
eingetreten sei, so könne er die Richtigkeit seiner Ännalime 
leicht experimentell prüfen. Das tat deim Mayer auch mit 
gutem Erfolg, er konnte aber keine Messung zur Vergleichung 
der aufgewendeten Bewegungskrait mit der erzeugten Wärme 
daran knüpfen, da ihm hiezu die notwendige Apparatur fehlte. 
Am Ende des Jahres fuhr er auch nach Heidelberg zu Pro- 
fessor JoUy, bei dem er ebenfalls ein freundliches Entgegen- 
kommen fand. Hiedurch fühlte er sich zur Fortführung seiner 
Arbeiten wesentlich ermotigt 

Seine äußeren Verhältnisse gestalteten sich auch durcliaus 
günstig. Er wurde sehr bald nach seiner Rückkehr von seinen 
Mitbürgern mit der Funktion eines Oberamtswundarzfeg für 
das Oberamt Heilbronn betraut. Später vertauschte er diese 
Stellung mit der eines Stadtarztes von Heilbronn. Sein Vater 
kaufte ihm schon 1841 ein eigenes Hatis, Kirchhöfle 13, in 
dem er dann bis an sein Lebensende gewohnt hat. Der Über- 
siedlung ins eigene Heim folgten im Jahre 1842 Verlobung und 
Hochzeit. Der Name der Braut war Wilhelmine Closs. Sie 
stammte aus Winnenden, ihr Vater war dort ein begüterter 
Kaufmann. Die Trauung fand am 14. August 1842 statt. 
Robert Mayer schwamm in Glück. Er sagt seihst: „Das Jahr 
1842 flog mir dahin — wie der Brautnacht süße Freuden, die 
die Götter selbst beneiden." Seine Wahl war eine sehr glück- 
liche gewesen, er bekennt selbst, „eine in jeder Hinsicht vor- 
treffhche Lebensgefährtin" gefunden zu haben. Er hing auch 



an seiner Fraii mit rührender Liebe, und wenngleich er in den 
Phasen seiner Gemiitskrankheit selbst gegen sie Joswetfern 
konnte, so kam beim Abklingen des Anfalls doch sofort 
das Gefühl der Hingebung und Dankbarkeit wieder hoch. In 
der späteren Zeit hat er allerdings sie nicht mit dem Vorwurf, 
an seiner Unterbringung in der Irrenanstalt mitschuldig zu sein] 
verschont, in Wahrheit hat seine Frau in dem Ertragen der 
Ausbrüche, zu denen seine Krankheit führte, eine Engelsgeduld 
gezeigt. Als diese Ausbrüche sich bis ins Unerlrägliche 
steigerten, war eine Aussprache einem freundlichen Berater 
gegenüber natürlich ebenso unvermeidlich wie eine Fürsorge 
für die Besserung des Zustandes. 

Die ersten Jahre der Ehe sind sicher in vollem Glücke 
verlaufen. Im Jahre 1843 wurde Mayer eine Tochter geboren, 
1844 ein Sohn; dieser wurde ihm aber schon 1840 durch den 
Tod entrissen. Diesen Schlag konnte er noch ertragen, aber 
er verlor auch zwei danach geborene Mädchen im August 1848 
kurz nacheinander, das eine an Keuchhusten, das andere an 
Gehirnentzündung. Von da an beginnen die Schatten sich lang- 
sam über ihn herabzusenken. Die Zeit von 1841 bis 1848 ist 
gleichzeitig die Zeit seines eigentlich produktiven Schaffens 
gewesen. Im Jahre 1848 veröffentlichte er seine „Beiträge zur 
Dynamik des Himmels", und von da an ist nichts mehr von ihm 
erschienen, was neue, wertvolle Gedanken enthält. Man kann 
sich sehr wohl denken, daß das Lehen in ruhiger häuslicher 
Behaglichkeit, die Nähe geliebler Anverwandten, die Freude, 
an der Stätte seiner Kindheit weilen zu können, das Verbleiben 
in der altgewohnten, traulichen Umgebung dauernd gesichert 
zu sehen, auf Mayer einwirkte wie Öl auf die bewegte See, 
daß die Wogen der Erregung sich in ihm glätteten, daß er sich 
einspann in freundliche Gedanken und eine geregelte, zum 
großen Teil seinen Liebhabereien gewidmete Tätigkeil. Am ge- 
selligen Leben nahm er regen Anteil. Er war ein eifriges Mit- 
glied des Ärztevereines und gründete bald nach seiner Rück- 
kehr eine Museumsgesellschaft, um deren Veranstaltungen er 
sich lebhaft bemühte. 



42 

So machte er ganz den Eindruck eines heiteren, hnmor- 
volien, ein bißchen derben und spießbürgerhchen Menschen, 
der in Heim und Freundeskreis, in dem geregelten Gang des 
Alltagslebens sein volles Genügen findet. Er erschien als der 
Typus des gebildeten schwäbischen Philisters, der nicht gern 
über die Wälle seiner Vaterstadt hinausgeht und nicht gern 
über die Grenzpfähle seiner württembergischen Heimat hinaus- 
sieht, aber sich doch von dem geistigen Leben der großen 
Welt ohne nationalistische Befangenheit berühren läßt, soweit 
es sein Interessengebiet trifft. Mayers Neigungen gingen ganz 
nach der naturwissenschaftlichen Seite, auch in seinem eigent- 
lichen Fachgebiet, der Mediain, suchte er immer die natur- 
wissenschaftlichen Grundlagen- Für die Geisteswissenschalten 
hatte er gar kein Verständnis. Als ihm einmal von Rümelin 
zwei Werke Hegels gegeben wurden, brachte er beide un- 
gelesen zurück mit den Worten: „Das Zeug verstehe icli nicht 
und werde ich nicht verstehen, und wenn ich hundert Jahre alt 
werde." Auch ästhetischen Sinn besaß er nicht. Die Kunst 
lag ihm völlig fem. Wenn er sich für Literatur interessierte, 
so war es wohl weniger aus Begeisterung für die dichterischen 
Schönheiten, als weil ihm die Werke unserer Klassiker eine 
Fülle von Sentenzen und Weisheitssprüchen boten. 

13ezeichnend ist seine Stellung zur Religion. Eine tiefe 
Religiosität bildete einen Grundzug seines Wesens. Er hing 
an dem evangelischen Bekenntnis mit kindlicher Hingabe und 
fühlte sich in einer schlichten Gläubigkeit seelisch beruhigt 
«nd gestärkt. Rümelin, dem als Theologen diese Seite in 
Mayers Natur besonders nahe lag, äußert sich darüber: „Er be- 
saß ein tiefes Gefühl von den engen Grenzen menschlichen 
Wissens, von dem weiten Umfang menschlictier Schwachheit und 
Sünde, er bedurfte eines festen Halts, wie ihn nur die ge- 
offenbarte Wahrheit bieten konnte, und er fand diese in der 
christlichen Religion und den biblischen Schriften... Die Idee 
der Autorität war für ihn eine so dominierende, daß er eine 
Zeitlang für eine Verschmelzung der kathohschen Kirchen- 
verfassung mit dem protestantischen Dogma geschwärmt hat" 



Aber bei alledem trug Mayers Religiosität doch ein krauses 
und bizarres Gepräge. Er hielt sich streng an die Bibel, sie 
war für ihn unbedingt maßgebend und die letzte Grundlage 
des Glaubens, aber er legte sie auf seine Weise aus und fand 
Bezifhungen, die jedermann überraschten und seltsam be- 
rührten, wenn sie auch in ihrer ausgesprochenen Originalität 
zu fessein vermochten. Um eine Klartegung des geschichtlichen 
Zusammenbanges und die Beziehung zu anderen lüstorischen 
Zeugnissen kümmerte er sich nicht, er nahm nur die Worte 
der Bibel und gestaltete sie nach seiner höchst subjektiven Auf- 
fassung aus. Auch der einzelne Bibelspruch wurde von ihm 
oft in der merkwürdigsten Weise seinem persönlichen Erleben 
angepaßt. Er brauchte offenbar eine große Zahl von Kern- 
sprüclien, auf die er das schwankende Gebäude seiner Gemüts- 
bewegungen wie durch feste Pfähle stützte. 

Auch in der Politik war Mayer unbedingter Anhänger des 
Autoritätspriiizips, er suchte auch hier den festen Halt, wandte 
sich aber keiner bestimmten Partei zu. Er war, was zu begreifen 
ist, ursprünglich großdeutsch gesinnt, und der Krieg von 1866 
war ihm ein großer Sclmierz. Als aber 1871 das Deutsche Reich 
unter Preußens Führung gegründet wurde, war er mit ehrlicher 
Begeisterung für die neue politische Ordnung eingenommen 
und bekannte aufrichtig seinen früheren Irrtum. Die starke 
Autorität, die sich hier in großem Glanz und blendender Macht- 
entfiiltung erhob, schlug ihn völlig in ihren Bann, Im Jahre 1848 
hatte ihn zuerst der Taumel der Revolution, der Traum eines 
großen einigen Deutschland ergriffen, er trat aber sehr bald 
entschieden auf die Seite der Autorität zurück, das revolutionäre 
Gebaren mußte für seine Sinnesart ein Greuel sein. 

Die unbedingte Anerkennung der Autorität in Religion und 
Politik ist bei Mayer gewiß nicht bloß aus einer Charakteranlage 
unil der Anhänglichkeit an die heimische Sitte und Lebens- 
führung zu erklären, sie ist wohl aus dem Bedürfnis ent- 
sprungen, für die Grundlagen seines Lebens eine feste Stütze 
zu finden, um nicht ins Bodenlose zu stürzen. Es ist aber 
ebenso bezeichnend, daß er in seinem theoretischen Denken, 



44 

in allen Überlegungen über die Ordnung der Welt und das 
Spiel der Kräfte in ihr jede Autorität zurückwies und sich nur auf 
seine eigene Einsicht verließ. Da, wo wirklich der Kern seines 
geistigen Wesens getroffen war, konnte er sich keinem Zwange 
fügen, da schoß seine Phantasie frei und ungehindert los. 
Nur eine Verkettung besonders glücklicher Umstände bedingt 
es, daß er in der Zeit seines produktiven Schaffens so be- 
ruhigt und in sich gesammelt war, daß er sieh mit Ernst 
und Eifer auch um den ganzen gesicherten Bestand der Natur- 
erkenntnis kümmerte und diesem seine eigenen Ideen anzu- 
passen und einzufügen trachtete. 

9. Der Aufsatz von 1842. 

Zwischen der Abfassung des ersten Aufsalzes und der 
Fertigstellung der zweiten Arbeil, die dann im Maiheft 1842 
von Wöhler und Liebigs Ännaicii der Chemie und Pharmazie 
erschien, liegt ein Zeitraum von ungefähr drei Vierteljahren. 
Es ist wichtig, festzustellen, welches die Fortschritte sind, die 
in dieser Zeit erreicht wurden. Zunächst saß Mayer gänzlich in 
den Gedanken fest, die er in dem ersten Aufsatz ausgedrückt 
hatte. Er äußerte sie in seinen Briefen an Baur, der mit seinen 
Bedenken nicht zurückhielt, aber doch auch Mayer veranlaßte, 
weiter zu forschen. Rümelin berichtet über die Zeit im Herbst 
1841, in der er viel mil Mayer zusammen war, wie ganz ein- 
gesponnen dieser in seine Ideen gewesen sei. Es sei schwer 
gewesen, mit ihm von etwas anderem zu reden als von der 
Sache, die ihn beschäftigte. Er führte beständig die drei latei- 
nischen Kernsprüche im Munde, die für ihn die Quintessenz 
seiner Naturphilosophie waren. Ohne daß er es selbst wußte, 
handelte es sich dabei wesentlich um den metaphysischen Sub- 
stanzbegriff, nnd alles lief auf die Behauptung hinaus: Außer 
der Materie gibt es in der Natur eine andere Art von Sub- 
stanz, die Mayer als Kraft bezeichnet und die von der Materie 
dadurch unterschieden ist, daß sie die Eigenschaften der Wag- 
barkeit und Undurchdringlichkeif, nicht besitzt. Damit ist sie 



45 

natürlich noch keineswegs vollständig charakterisiert, aber 
Mayer findet nichts anderes, wodurch er das Wesen der Kraft 
allgemein bezeichnen kann. 

Er hat aber irgendwie im Gedächtnis eine Festlegung : 
Kraft ist die Ursache einer Veränderung, insbesondere die Ur- 
sache einer Bewegung. Das treibt ihn nun dazu, den Begriff der 
Ursache ganz anders zu fassen, wie es sonst üblich ist. Der 
Subatanzcbarakter wird anderweitig der ürsactre nicht zu- 
geschrieben und Mayer fühlt auch den Widerstand, der sich 
seiner Auffassung entgegensetzt. Er macht sich aber nicht klar, 
wie schwer es in der Tat ist, mit seinen Begriffen durchzu- 
dringen. Er sieht die Kraft nicht hinter der Bewegung, sondern 
in der Bewegung, zunächst in dem, was wir heute Impuls 
nennen. Aus Bewegung entsteht aber Wärme, so wenn ein Gre- 
fäß mit Wasser geschüttelt wird und wenn zwei Eisstücke 
im luftleeren Raum aneinander gerieben und dadurch zum 
Schmelzen gebracht werden. Das Etwas, das die Kraft bedeutet, 
ist also zu einem anderen Etwas geworden. Nichts, was da ist, 
was eine reale Existenz hat, kann zu nichts werden, nil fit 
ad nihilum. Das ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Nun 
nennt er das Etwas, die Kraft, in seinem ersten Zustande, 
der ihm eingewurzelten Kraftdefinition folgend, die Ursache 
und das, was daraus wird, die Wirkung. Es ist bei dieser 
Umwandlung nichts verloren gegangen. Was da war, ist, nur 
in anderer Form, erhalten gebheben, die Ursache ist der Wir- 
kung gleich, causa aequat effectum. Dieser Gedanke treibt ihn 
dazu, auch wenn Sauerstoff und Wasserstoff sich zu Wasser 
vereinigen, zu sagen: Sauerstoff und Wasserstoff sind die Ur- 
sachen, das Wasser ist die Wirkung. Auch die Materien spiefen 
wie die Kräfte die Rollen von Ursache und Wirkung. Hier ist 
die Abweichung seiner Begriffsbildung von der landläufigen 
Auffassung deutlich zu erkennen. Ursache ist für Mayer eine 
Daseinsform der Substanz, und Wirkung ist die zeitlich darauf 
folgende Daseinsform. Die Gleichung zwischen Ursache und 
Wirkung drückt die Erhaltung der Substanz aus. Er äußerte 
gegen Rümelin, wie dieser erzählt, es sei ihm ganz undenkbar 
k 1 



lind seine Einbildungskraft versage ihm den Dienst, wenn er 
sich vorsleJlea solle, daß ein Reales, Wirkendes irgendwie ein- 
mal zu Null und Nichts werden könne. Alle Kausalität iiüre 
deunit auf, wenn von der Ursache aucli etwas unterwegs ab- 
handen kommen und flicht in die Wirkung übergehen könne. 
Wenn Kräfte Ursachen seien — und daß sie dies seien, werde 
wohl niemand leugnen — so müssen sie in der Wirkung zum 
Vorschein kommen und in ihr aufbewahrt bieüjen, bis die 
Wirkung selbst wieder zur Ursache werde. So wenig eine 
positive Größe im Verlauf einer Rechnung zu Null werden könne, 
so wenig könne eine Kraft in der Wirkung verschwinden und 
in Nichts verpuffen. 

Es ist sehr bezeichnend, wie Mayer seine Auffassung an 
einem Beispiel auseinandersetzte, das den auf der Landstraße 
wandernden Freunden ein gerade vnrüberfahrender Eilwagen 
bot. Wenn der Wagen, sagte er, auf halbem Wege wieder 
umkehren und mit seinen FaJirgästen wieder zurückfahren 
würde, so sei der Kraftaufwand genau der gleiche, als wenn 
der Wagen an sein Ziel befördert sei. Die Wirkung aber sei 
der Quantität nach ebenfalls die gleiche, wenn sie auch nichi 
zu dem gleichen Endzustand und Endzweck geführt habe, denn 
quantitativ genommen sei der Vorgang in allen Einzelheiten 
doch genau derselbe. Man dürfe die physikalische Wirkung 
eben nicht in dem Wechsel des Ortes sehen, sondern in all den 
scheinbaren Neben umständen, der Erhitzung der Pferde, dem 
beschleunigten Verbrennungsprozeß der von ihnen genossenen 
Nahrung, der Reibungswärme, die in der Landstraße zurück- 
gelassen werde, der Verzehrung der Fette in der Wagensalbe an 
den Achsen usw. Die mechanische Arbeit der Pferde setze sich 
in diese Wärmeerscheinungen um, und zwar nach einem kon- 
stanten, quantitativen Verhältnis, in dessen Auffindung er den 
wichtigsten Teil seiner Aufgabe sehe. 

Diese letzte Äußerung klingt, wenn sie im Herbst 1841 
getan sein soll, durchaus glaubhaff. Mehr ui\i mehr hatten 
sich Mayers Gedanken auf diesen Punkt konzentriert. Am 
13. September 1841 schrieb er an Baur über experimentelle Vor- 



J 



47 

richtungen, durch die sich der Zusammenhang von mecha- 
nischer Kraft und Wärme hestimmen lassen soUe. Er dachle 
sich eine au beiden Enden geschlossene Glasröhre, in deren 
Mitte sich ein Hahn befindet, der nach Belieben geschlossen 
und geöffnet werden kaim. Im oberen Teile der Röhre be- 
findet sich Quecksilber, im unteren ein Gas. Nun werde der 
Hahn geöffnet, das Quecksilber siiikt^ das Gas wird kompri- 
miert und erwärmt, die Senkung der Quecksilbersäule und die 
Erwärmung des Gases oder die bei seiner Abkühhmg auf die 
frühere Temperatur von ilim abgegebene Wärme soll gemessen 
werden. Daraus müsse sich, meint Mayer, dann die Aquivalent- 
zahl für mechanische Kraft und Wärme ergelien. Er fügt noch 
eine andere Anordnung hinzu mit einer geschlossenen Röhre, 
deren Hälften durch zwei Hähne voneinander getrennt sind, 
aber die erste Form ist für die ihn leitenden Grundgedanken 
noch bezeichnender. 

Zunächst zeigt sich, daß Mayer von vornherein annalim, 
die ganze Kraft sei für die Erwärmung des Gases verbraucht, 
dagegen bedeute die Zusainmend rückung des Gases keinerlei 
Kraftaufwand. Die ganze auf das Gas verwendete mechanische 
Arbeitsleistung speichert sich in der Temperaturerhöhung des 
Gases auf. Das ist ja richtig, aber es ist höchst auffallend, daß 
Mayer es ohne weiteres annimmt. Wer unbefangen über die 
Dinge nachdenkt, wird gerade zu einem anderen Schlüsse 
kommen. Wenn heute ein Radfahrer sein Rad aufpumpt, so 
wird man ihn schwer überzeugen können, daß sein Kraftauf- 
wand nicht dazu diene, die Luft in den Ijuftschlauch hineinzu- 
pressen, sondern nur bedingt sei durch die mit dem Hinein- 
pressen unvermeidlich verbundene Erwärmung. Es ist viel- 
leicht anzunehmen, daß Mayer gar nicht darüber nachgedacht 
hat, ob nicht auch die auf die Zusaramendrückung des Gases 
verwendete Arbeit in anderer Form wie als Wärme auf- 
gespeichert werden könne. In seinem ersten Aufsätze hatte er 
wenige Monate vorher gesagt, daß die Wärme in Bewegung Über- 
gehe, indem sie die Körper ausdehne. Hierin spricht sich eine 
so völlig naive Auffassung der Vorgänge aus, daß eine in so 



48 

kurzer Zeit erreichte, tiefgreifende Einsicht sehr auffallend er- 
scheinen muß und man eher voraussetzen wird, daß vielmehr 
nur die Unbefangenheit, mit der er das ihm IVächstliegendste 
und Passendste ei^riff, ihn weitergeführt hat. Allerdings wußte 
Mayer damals, daß ein Gas, das sich in einem leeren Räume 
ausdehnt, dabei als Ganzes keine Temperaturänderung erfährt 
Daraus läßt sich in der Tat schließen, daf3 das Gas keine innere 
Spannungsenergie besitzt, denn diese müßte sich bei der Aus- 
dehnung ändern und deshalb auch die Temperatur eine Ände- 
rung erfahren, wenn die Gesamtenergie des Gases unverändert 
bleiben soll. Aber geäußert hat sich Mayer in keiner Weise 
darüber, wie er dazu kam, anzunehmen, daß von einer Span- 
nungsenergie des Gases keine Rede sein könne. Es bleibt doch 
wohl am wahrscheinlichsten, daß er an die Möghchkeit einer 
solchen Energie überhaupt nicht gedacht hat. 

10. Mechanische Kraft und mechanisches Wärme- 
äquivalent. 

Wir müssen bedenken, daß Mayer sich den Begriff der 
potentiellen Energie, um den heute üblichen Ausdruck zu ge- 
brauchen, erst mühsam erobert hat, und an dem Gedanken- 
experiment mit der Röhre kam ihm vielleicht erst zum Bewußt- 
sein, daß in der Erhebung eines Gewichtes auf eine größere 
Höhe die Aufspeicherung eines gewissen Kraftvorrates hege, 
der beim freien Fall in Bewegung, bei dem Experiment mit 
der Röhre in die Erwärmung de.s durch die Quecksilbersäule 
zusammengedrückten Gases, umgesetzt werde. Um diesen Kraft- 
vorrat zu bestimmen, geht Mayer davon aus, daß er erstlich 
der Größe des Gewichtes proportional sein müsse, ein doppelt 
so großes Gewicht bedeutet einen doppelt so großen Kraft- 
vorrat usw. Mayer identifiziert nun ohne weiteres Gewicht und 
Masse, weil in seiner Vorstellung t>eides zusammenfällt. Daraus 
ergeben sich aber bei dem Versuche einer exakten Ausdeutung 
seiner Ansätze nicht unerhebliche Schwierigkeiten. Er über- 
legt weiter: hebe ich ein bereits gehobenes Gewicht nochmals 



49 

um dieselbe Strecke, so muß ich auch den gleichen Kraft- 
vorrat zu dem bereits aufgewendeten nochmals hinzufügen. 
Es ist also der Kraftvorrat aueh der HöhCj um die ich das Ge- 
wicht hebe, proportional, und ich kann ihn insgesammt pro- 
portional setzen dem Produkt 

wenn m die Masse, d die Erhebung bedeutet. Den in dieser 
Form sich ausdrückenden Kraftvorrat bezeichnet Mayer als Fall- 
kraft, weil eine Hebung des Gewichtes als die Bedingung dafür 
erscheint, daß es herabfallen, d. h. in eine stetig beschleunigte 
Bewegung vertikal abwärts übergehen könne. 

Nun war Mayer bekannt, daß beim Fall das Quadrat der 
erreichten Geschwindigkeit der Fallhöhe proportional ist. Er 
stellte hienach folgende Überlegung an: fällt ein doppelt so 
großes Gewicht um die halbe Höhe, so ist die Fallkraft die 
gleiche, die erreichte Geschwindigkeit ist aber nicht die Hälfte, 
sondern vielmehr das Quadrat der vorigen Geschwindigkeit. 
Es kann also die Bewegungskraft nicht der Geschwindigkeit 
selbst, sondern sie muß dem Quadrat der Geschwindigkeit pro- 
portional sein, denn dann ergibt das Produkt aus Masse luid 
Quadrat der Geschwindigkeit wieder den gleichen Wert, wie 
es sein muß, da ja die Fallkraft in beiden Fällen gleich war und 
daher aiich in eine gleiche Bewegmigskraft umgesetzt werden 
mußte. Er erkannte so das Irrige seines ursprünglichen An 
Satzes. Es zeigt sich an diesem Beispiel auf der einen Seite die 
Beharrlichkeit, mit der Mayer durch eifriges iV'achdenken an 
der Vervollkommnung seiner Ideen arbeitete, auf der anderen 
Seite aber auch seine mathematische üngewandtheit und seine 
geringe Kenntnis der Physik, soweit sie sich in exakten mathe- 
matischen Formeln ausdrückt. 

Geht man nämlich von der genauen Formel aus 

c'' = 2gd, 

wenn d wieder die Fallhöhe, c dagegen die erreichte Geschwin- 
digkeit, endlich g die Galileische Konstante = 981 cmjsec^ 

TiucTdiug. Robert Unyer. 1 

U 1 * 



50 

bezeichnet, so folgt sofort durch Multiphtafion der Gleichung 
mit i m die Eiiergiegleichurig 

^ m c^ ^^mg ■ d. 

Will man zu einer wirklirlieii Gleichung zwischen FaUkraft und 
Bewegungskraft gelangen, muß also bei dem Ansatz Masse mal 
Quadrat der Geschwindigkeit noch der Zahlfaktor \, utn die 
Bewegungskrafl zu erhalten, hinzugefügt werden, und hei der 
Fallkraft muß statt der Masse m, wie Mayer es tut, das Ge- 
wicht mg genommen werden. Dadurch, daß Mayer dies nicht 
tut, kommt er nie zu Gleichungen, sondern er erhält immer 
nur Proportionalbcziehungen, die er allerdings unrechtmäßiger- 
weise als Gleichungen hinschreibt. 

Es ist eigentümlich, daß Mayer vor der letzten Klarheit 
geradewegs zurückschreckt. Es ist, als wollte er mit Absicht 
einen Schleier über den Dingen lassen. Gewiß müssen wir im 
Auge behalten, daß er erhebliche Schwierigkeiten in dem mathe- 
matischen Apparate, den er nötig hatte, fand, aber man hat doch 
auch wieder den Eindruck, als wollte er nicht bis auf den 
letzten Grund vordringen, als fürchtete er, die lockenden Ge- 
bilde, die seine Seele füllten, zu zerstören, wenn er allzu 
genau mid kritisch ahe Einzelheiten durchforschte. Er sprach 
von einer hypotheseiifreien Naturanschauung, die er vertreten 
wollte, aber er fürchtete sich vor den letzten Erklärungsgründen 
doch nur, weil für ihn die Annahme von etwas fJnbekanntera 
und Unerforschlichem einen geheimnisvollen Reiz besaß. Er 
lehnte es aufs schärfste ab, die Wärme als eine Art verborgener 
Bewegung in den kleinsten Teilen aufzufassen, er betonte aus- 
drücklich, daß sie ihrer Beschaffenheit nach etwas durchaus 
anderes sei wie die Bewegung und ihrem Wesen nach unerkenn- 
bar. Er glaubte folgern zu müssen, „daß, um zu Wärme werden 
zu können, die Bewegung — sei sie eine einfache oder vibrie- 
rende wie das Licht, die stralilende Wärme usw. ~ aufhören 
müsse Bewegung zu sein". Es ist eigentümlich, daß er für das 
Licht die mechanische Erklärung annahm, für die Warme aber 
nicht. Er geriet mit diesem Gedanken einer Kraftsubstanz, die 



51 

unter verschiedenen Erscheinungsformen, auftritt, wie ein Pro- 
teus unter einer Gestalt verschwindet, um unter einer anderen 
wieder aufzutauchen, ganz in das Fahrwasser einer dogma- 
tischen Metaphysit, ohne es seihst zu ahnen. An einer be- 
stimmten Stelle machte sein Denken halt, dann sah er nicht 
mehr klar und verhüllte sich die offenbarsten Widersprüche. 
Nur eine Stelle als Beispiel! Er sagt: „Geht die Erhebung 
d=l der Masse m (beim-freien Fall) in Bewegung dieser Masse 
von der Endgeschwindigkeit cc=l über, so wird (die Fallkraft 
v = md gesetzt) auch v^^nic, aus den bekannten zwischen d 
und c stattfindenden Relationen ergibt sich aber für andere 
Werte von d oder c (der Wert) mt:- als das Maß der Kraft v, 
also f = md=^ m c^." Man könnte vielleicht einwenden, das 
Letzte sei nicht so falsch, wie es zuerst aussieht. Mayer behält 
sich (in späterer Zeit wenigstens) die Wahl der Einlieit immer 
vor. Wird nun 2 g als Längeneinheit eingeführt, so stimmt die 
Formel mit der oben angegebenen überein. Mayer sagt aber 
davon kein Wort, und es ist auch mit Bestimmtheit anzunehmen, 
daß er sich nicht darüber klar war. Er schrieb viehnehr, wie 
schon gesagt, die Proportionalitäten ohne weiteres als Glei- 
chungen. Höchst sonderbar ist aber, wie er einen Fetzen des 
ursprünglichen Ansatzes v — me dadurch retten will, daß er 
sagt, für v—1 und c^\ stimme dieser Ansatz. Der Sinn jeder 
Formel ist doch gerade, daß sie nicht bloß für bestimmte Zahl- 
werte richtig ist, sondern allgemein gilt. 

Den größten Scharfsinn hat vielleicht Mayer bei der Be- 
stimmung des mechanischen Wärmeäquivalents gezeigt. Diese 
Bestimmung ist, wie Joule und Ilelmholtz richtig hervor- 
gehoben haben, keineswegs ein Beweis für seine Theorie, sie 
setzt vielmehr diese Theorie bereits als richtig voraus und 
schließt femer die Annahme in sich, daß die ganze einem Gas 
innewohnende Energie in seinem Wärmegehalt besteht. Unter 
diesen Voraussetzungen, die er nicht hervorbebt, sondern still- 
schweigend macht, geht Mayer nun so vor, daß er das bereits 
besprochene Gedankenexperiment sozusagen umkehrt, indem 
er die Quecksilbersäule im oberen Teile der Röhre nicht das 

4» 



52 

1 

Gas im unleren Teile zusammendrücken und derart erwärmen, 
sondern umgekehrl durch Erwärmung des Gases dieses die 
Quecksilbersäule helien läßt- Das kann auf doppelte Art ge- 
schehen. Entweder wird sofort der Hahn geöffnet, so daß bei der 
Erwärmung das Gay sich ausdehnen und die Quecksilbersäule 
heben kann, oder aber, man läßt anfänglich den Hahn ge- 
schlossen, erwärmt das Gas und öffnet dann erst den Hahn. 
Soll jetzt bei der Hebung der Quecksilbersäule eine Abkühlung 
des Gases vermieden werden, so muß weiter Wärme zugeführt 
werden, um die Temperatur konstant zu erhalten. Der Effekt 
ist aber der gleiche, und die in den beiden Fällen zugeführte 
Wärme muß deshalb auch die gleiche sein*}. 

Die Wärme, die der Gewichtseinheit des Gases zuzuführen 
ist, um bei konstantem Druck seine Temperatur um einen Grad 
Celsius zu erhöhen, wird als spezifische Wärme bei dem kon- 
stanten Druck mit c^ bezeiclinet, entsprechende Bedeutung hat 
die spezifische Wärme bei konstantem Volumen c^. Wird nun 
die Ausdehnung des Gases bei der Erwärmung um l" unter 
konstantem Druck p mit w bezeichnet, so ist, sagt Mayer, in 
mechanischem Maß gemessen, die Wärme, die, um diese Äug- 
dehnung zu erreichen, zugeführt werden muß, gleich p-w. 
Wollen wir auch die spezifischen Wärmen in mechanischem 
Maß angeben, so ist ein Faktor A hinzuzufügen, der das mecha- 
nische Wärmeäquivalent bedeutet, und es ergibi sich nach der 
angeführten Betrachtung die Mayersche Gleichung; 

und daraus das mechanische Wärmeäquivalent 

Hierin sind die durch Messung bestimmten Werte der auf der 
rechten Seite stehenden Größen einzuführen. Für den Druck p 

*) Um das volle Verständnis für Mayers physikalische Arbeilen eu ver- 
mideln, erweist sich die Wiedergabe einiger, allerdings sefir eiemenlarer raathe- 
malisclier Entwicklungen als unumgänglich. Der hiefür weniger diaponierte 
Leser kann sie aber übersehlagen, ohne den Zusammenhaag zu verlieren. 



J<1 

wählt man eine Atmosphäre, d. h. den Druck einer Queck- 
silbersäule von 76 cm Höhe. Ist der Querschnilt der Säule 
gleich 1 cm, so ist ihr Gewicht 1033 g. Die Ausdehnung in 
Kuhikzentimeter ist dann die Steighöhe der Quecksilbersäule in 

Zentimeter. Andrerseits beträgt sie^=^ von dem Volumen des 

Gases, wenn dieses von 0" auf 1" erwärmt wird. Die Höhe 
der Luftsäule von 1 cm Querschnitt, deren Gewicht gleich 1 g 

ist, wild aber QTQöJg '^'"^ oder 769 cm. Davon der 274. Teil ist 
2'8 cm. Multipliziert man das mit 1033 g, so erhält man 
p.«! — 2892 oii/g. Mayer mußte nun für c^ den von Delaroche 
und Berard bestimmten Wert 0-267 benutzen. Der Wert von 
c^ wird hieraus mit Division durch V-12 erhalten, also gleich 
0-188. Es ergibt sieh demnach c^ — c,. =0-079, und daraus folgt 

2892 
-^ = 0^79 "'" ■ 9 '^^^^ ^ == 367 m ■ g. 

Der Wert von c^ war aber sehr ungenau. Mayer erhielt 
deshalb ohne seine Schuld eine von dem wahren Werte ziem- 
hcli abweichende Bestimmung der Äquivalentzahl. Die genauai 
Werte sind 

(!p = 0-2375, c„= 01690. 
Also ist nicht durch 0-079, sondern durch 00685 zu teilen, 
dann ergibt sich der genauere Wert i22 mg. Allerdings ist auch 
der Wert 2892 im Zähler etwas zu klein, der wahre Wert des 
Äquivalents wird also größer. Gewöhnlich wird er nach der 
experimentellen Bestimmung zu i2Öm-g angenommen. 

Es ist nun zu beachten, daß schon im Jahre 1834 Cla- 
peyron den Mayerschen Bestimmungs Vorgang insoweit ver- 
folgt hat, als er bis zur Ermittlung der Wärme fortschritt, 
die bei der Erwärmung bei konstantem Druck latent wird, in- 
sofern sie dazu dient, die Abkühlung bei der Ausdehnung 
auszugleichen. Ob aber Mayer die Clapeyronsche Arbeit da- 
mals schon gekannt hat, ist zweifelhaft. 

Der Ausdruck pw in der Mayerschen Gleichung entsteht 
auch bei dem Mariotte-GayLussacschen Gesetz, das den 



u 

Zusammenhang zwischen Druck p, Volumen v und Temperatur / 
festlegt in der Form 

Wird hier die Temperatur t um 1" vermehrt, so entsteht die 
Gleichung 

p.(B-|-iü) = Ä(273-f i4-l) 

und daraus die Beziehung 

p-w = E. 

Der Wert 2893 in dem Zähler des Bruchausdruckes für A ist 
aJso nichts anderes wie die sogenannte Gasfconstante R. Nach 
den heutigen Bestimmungen wird i? = 2932 angenonunen. Der 
von Mayer benutzte Ausdehnungskoeftizienl der Gase 1 : 274, 
genauer 1:273, ergibt sich, wenn man i^^O" annimmt und die 
dritte der vorstehenden Gleichungen durch die erste dividiert. 
Dann erhält man in der Tat 

V 273 

11. Mathematische Betrachtungen. 

Diese sachlichen Erläuterungen waren notwendig, um den 
Charakter von Mayers wissenschaftlicher Arbeit und nament- 
lich den großen Abstand des zweiten Aufsatzes von der ersten 
unveröffentlichten Niederschrift richtig erkennen zu lassen. Wir 
verstehen nun, daß er vollkommen die Wahrheit sagt, wenn 
er am 30. November 1842 an Griesinger schreibt, er habe 
in steigendem Maße das Bedürfnis zur Konzentration anstatt 
des ursprünglichen Triebes zur Expansion empfunden. Das ist 
sicher nicht bloß durch den Fortschritt seiner Studien bedingt, 
wobei sich ihm die Stellen erst zeigten, an denen er sichere 
Fundamente aufmauem mußte, es hat sich auch eine Wand- 
lung in seiner seelischen Verfassung vollzogen, denn der zweite 
Aufsatz ist in seiner Zurückhaltung so völlig verschieden von 
der ersten Darstellung, daß sich hier eine gänzlich andere 
geistige Einstellung offenbart. Es ist eben eine steigende Be- 



m 

ruhigung eingetreten. Diese wurde durch die Arbeit selbst 
gefördert und wirkte dann wieder aui die Arbeit zurück. Die 
Hauptsache haben aber doch wohl die glücklichen, geordneten. 
Lebensverhäitnisse getan. Ein eigentümlicher Zufall fügte es, 
daß Mayer gerade die Nachricht von der Annalime seines 
Aufsatzes in Liebigs Annalen erhielt^ als er seine Braut seinen 
Ellern zuführte. Er hatte seinen Aufsatz mit der Bescheiden- 
heit, die ihn in gesunden Zeiten charakterisierte, betitelt: „Be- 
naerkungen über die Kräfte der unbelebten Natur." Das war 
nicht ganz glücklich, derm niemand konnte dahinter den In- 
balt vermuten. Ebenso ist die Art der Darstellimg für den 
Physiker zunächst befremdend. Die Hauptsache, die Art der Be- 
stimmung des mechanischen Wärmeäquivalents, ist nicht ent- 
wickelt, dagegen ist der meiste Raum allgemeinen Ausführungen 
gewidmet. Der Aufsatz beginnt mit den Worten: „Der Zweck 
folgender Zeilen ist, die Beantwortung der Frage zu versuchen, 
was wir unter ,Kräften' zu verstehen haben und wie sieb solche 
untereinander verhalten," Das scheint in der Tat sehr absonder- 
lich, aber Mayer hatte den Plan, die Wissenschaft von der 
Natur in ihrem ganzen Umfange zu reformieren, damals keines- 
wegs aufgegeben. Der Glaube an die große Mission, die er zu 
erfüllen habe, war bei aller persönlichen Bescheidenheit un- 
geheuer lebendig in ihm. Vielleicht war damit eine bewußte 
starke Selbsteinschätzung gar nicht verbunden, er war nur 
beherrscht von dem Gefühl eines unbedingten Muß. 

Die Wirkung dieses inneren Antriebes ging zunächst dahin, 
daß er sich ernsthaft bemühte, seine mathematischen und physi- 
kalischen Kenntnisse zu vervollkommnen. Wir müssen auf die 
Früchte dieser Bestrebungen etwas näher eingehen, weil sich 
darin die eigenartige geistige Veranlagung Mayers deutlich zeigt, 
auf der einen Seite sein hartnäckiger Eifer, mit dem er in eine 
Materie einzudringen suchte, die ihn eirunal gepackt hatte, auf 
der anderen Seite aber auch die Begrenztbeil seiner Fähigkeiten 
und namentlich die große Schwierigkeit, die er darin fand, da, 
wo er noch nicht selbständig produzierend tätig sein konnte, 
eine wissenschaftliche Disziplin rein, empfangend in sich aufzu- 



1 



M 

nehmen. Sein erstes Bestreben scheint dahin gegangen zu 
sein, seine Betrachtungen auf die kosmischen Probleme anzu- 
wenden, weil es sich ja um Weifgesetze handelte, die auch im 
ganzen Umfang der Welt ihre Gültigkeit erweisen mußten. Er 
griff daher zu astronomischen Handbüchern, und um ilir volles 
Verslärwinis zu erreichen, suchte er auch in die Elemenle der 
höheren Analysis einzudringen. Aber da fand er übersteigbare 
Hindernisse- Er ist über die einfachsten Differentiaioperationen 
nicht hinausgedrungen. I3m sich zu helfen, suchte er sich die 
Dinge deshalb auf seine Weise klarzulegen, und zeigte dabei 
wieder eine überraschende Originalität. 

Der erste Gedanke, der sich ihm naturgemäß darbieten 
mußte, war der, wie sich der am freien Fall über der Erd- 
oberfläche von ihm gefundene Begriff der Fallkraft bei der An- 
ziehung der Körper im Weltraum wirksam erweisen mußte. 
Mit anderen Worten, er hatte seine weiteren Überlegungen an 
die Newtonsche Gravitationskraft anzuknüpfen, die, wie be- 
kannt, den anziehenden Massen direkt, dem Quadrate des Ab- 
standes umgekehrt proportional ist. Der Proportionalitätsfaktor 
ist die Gravitationskonstante/. Nun war Mayer aber gerade 
dieser Begriff der Gravitationskraft äußerst unbequem, schon 
weil er die darin enthaltene Beschleunigung nur mit Hilfe 
der Differentialrechnung fassen konnte, hauptsächlich jedoch, 
weil er ja überhaupt den Newtonschen Begriff der beschleuni- 
genden Kraft vermeiden und ihn durch seinen Kraftbegriff 
ersetzen wo Ute . 

Er half sich dabei mit Hilfe eines Satzes, der sich folgender- 
maßen formulieren läßt: „Wenn ein Körper von einem anderen 
Körper angezogen wird und in eine 'andere Enlfernung von 
diesem Körper übergeht, so ist dabei die Zunahme der gesamten 
Bewegungskrait immer proportional dem Unterschiede der lun- 
gekehrten Werte der Abstände beider Körper am Anfang und am 
Ende der Bewegung." 

Der Satz ist von Mayer sicher nicht selbständig abgeleitet 
worden. Es ist anzunehmen, daß er in den ihm vorhegenden 
Darstellungen der Himmelsmechanik die Stellen suchte, wo die 






ihm unbequemen Beschleunig ungsausdrücke verschwunden 
waren und die ihm vertrauteren Geschwiridigkeitswerte er- 
schienen. Das ist bei der aus dem Prinzip der lebendigen Kräfte 
folgenden Gleichung der Fall, für die der soeben angeführte 
Satz der Ausdruck in Worten ist. Die Ableitung der Gleichung 
aus dem Newtonschen Gravi fationsgesetz ist an sich einfach, 
muß aber von den Prinzipien der Infinitesimalrechnung aus- 
gehen. Die auf diese "Weise gewonnene Formel lautel, wenn 
L die schließliche, Z,„ die anfängliche Bewegungskraft (kine- 
tische Energie) der beiden Körper zusammen ist, wenn man 
ferner, wie Mayer es tut, mit A, B di« Massen der beiden Körper, 
mit Äq ihren anfänglichen, mit h ihren schließlichen Abstand, 
mit / die Gravitationskonstante bezeichnet; 

Es wird hiebei, wenn c, e' die Endgeschwindigkeiten der beiden 
Massen sind, 

und für Lq ist ein entsprechender Ausdruck zu setzen. 

Mayer läßt aber stets die Gravitationskonstante weg. Ferner 
fehlt bei ihm der Zahlfaktor \ bei den Ausdrücken für die 
Bewegungskräfte. Dadurch wird die Gleichung natürhch un- 
richtig. Nur indem er den Fehler nachher wieder ausgleicht, 
kann er zu richtigen Werten kommen. Hieraus ist schon zu 
sehen, daß Mayer unmöglich sich den Ausdruck selbst abgeleitet 
haben kann. Vielleicht hat er aber nicht die Endformel selbst 
von irgend woher übernommen, sondern sie sich aus Sonder- 
fällen aufgebaut, allerdings nicht auf Grund genauer Rechnung, 
sondern mehr durch einfache Kombination, wobei ihm sein 
Energieprinzip immer als Richtschnur diente, 

Mayer geht nun weiter den Weg, daß er den Sonderfall 
ins Auge faßt, wo eine aus unendlicher Entfennmg kommende 
und anfänglich ruhende Masse sich einem ruhenden Körper 
(oder, was auf dasselbe hinauskommt, einem Körper von ver- 



hältnismäßig sehr großer Masse) aui die Entfernung h nähert. 
Es sind dann in der Grundformel 

anzunehmen, und es ergibt sich einfacli für die erreiciite Ge- 
schwindigkeit 

Mayer läßt insbesondere h gleich dem Radius r des anziehenden 
kugelförmigen Körpers werden, also die angezogene Masse au! 
seiner Oberfläche landen. Dabei nennt er die erreichte Ge- 
schwindigkeit G. Es wird dann. 



^f- 



Gebt nun die Annäherung von der Entfernung Äq auf die Ent- 
fernung h, "und wird der angezogene Körper wieder als anfänglich 
ruhend vorausgesetzt, so ist die erreichte Geschwindigkeit 

Für den Fall an der Erdoberfläche folgt, indem man h^i^^r-\-s, 
h^r setzt und s gegen r als sehr klein ansieht, 



■=e|/- 



Vergleicht man dies mit der gewöhnlichen Schreibweise 



so ergibt sich 

Sehr interessant ist die Anwendung, die Mayer von dem an- 
geführten Fundamentalsatze auf die elliptische Planeten- 
bewegung macht. Die große Halbachse der Bahn sei ^a, die 
lineare Exzentrität = &, die Geschwindigkeit im Äphel sei c,,, 



die Geschwindigkeit im Perihel a, dann wird nach dem zweiten 
Keplersclien Gesetz 

Co:Cj_= (a—b):{a + b). 

Nach dem Fundamentalsatz ergibt sich aber unter Berücksichli- 
gting dos angeführten Wertes von G, in dem jetzt statt )■ der 
SonnenhaSbmesser B einzulüliren ist^ 

c = - cJ' = 6=* ff (-^ L^l , 

' * \a — ha + bl 

Daraus kann, weil Ci~ °_ , Cq. c berechnet werden. Es folgt 






Die Geschwindigkeit im Aphel ist also ebenso groß, als ob der 
Pianet aus der Entfernung 2 a in das Aphel gefallen wäre. 

Aus dem gefundenen Werte kann Mayer vermöge des voran- 
gestellten Fundamentalsatzes ohne weiteres folgern, daß die 
Geschwindigkeit, die der Pianet an einer beliebigen Stelle in 
der Entfernung A von der Sonne besitzt, folgenden Wert hat: 

nämlich ebenso groß ist, als ob er aus der Entfernung 2 a an 
die betreffende Stelle der Bahn gefallen wäre. In einem Briefe 
hat Mayer den letzten Ausdruck noch weiter umgestaltet, indem 
er für die Entfernung h die Beziehung einführt, in der sie zu 
dem Winkei a zwischen dem Faiirstrahl Sonne— Planet und 
der großen Bahnachse steht: 

1 g — S cos a 

Dann ergibt sich 



c = G 1/^" " " ""' ." T " je. 



' — 2 ab cos a-i-b^ 
2 a (a'— 6«) 



60 

Merkwürdigerweise gibt aber Mayer nicht diesen Wert an, son- 
dern 

a- — bcosa 

Dies ist wohl nur dadurch zu erklären, daß er den Ausdruck 
im Zähler unter der Wurzel mit einem vollständigen Quadrat 
verwechselte, das entstehen würde, wenn bei 6^ noch der 
Faktor cos^ a stände. 

Die hier im Zusammenhang kurz skizzierten mathe- 
matischen Entwicklungen hat Mayer an verschiedenen Stellen, 
aber immer ohne Ableitung, bruchstückweise mitgeteilt, wie 
es die Gelegenheit gerade bot. Er hat auf sie offenbar großen 
Wert gelegt und ihnen entscheidende Bedeutung zugeschrieben. 
Sie bezeichnen die Grenze, bis zu der er in mathematischer Hin- 
sicht vorgedrungen ist. Er hat sie weder weiter fortgesetzt, 
noch ist er bei anderen Getegenheiten an mathematische Dinge 
herangetreten. Von der ganzen analytischen Behandlung der 
mechanischen Wärmetheorie findet sich keine Spur bei ihm. 
Es handelt sich eben um einen einzigen Vorstoß in die mathe- 
matische Gedankenwelt hinein, mit dem sich aber auch Mayers 
Kraft erschöpfte, und daß ihm dieser Vorstoß gelang, ist nur 
der inneren Beruhigung und Sammlung zuzuschreiben, die er in 
den glücklichsten Jahren seines Mannesalters fand. 

12. Kosmologische Probleme. 

Es ist dies freilich keine Erklärung dafür, warum er über- 
haupt eine solche ihm an sich femhegende und für ihn einen 
großen Zeitaufwand bedeutende Arbeit auf sich nahm. Der 
Grund hieCür liegt vielmehr darin, daß er sich vor eine große 
und entscheidende Aufgabe gestellt fühlte, für die er eine 
Lösung nur auf diesem Wege finden konnte. Die Aufgabe, um 
die es sich handelt, ist die, eine Erklärung für den Bestand 
des Planetensystems zu finden. Er hatte dafür ursprünglich.^ 
wie wir gesehen haben, ein eigentümliches Verfahren ein- 
geschlagen, das darin gipfelt, anzunehmen, in der Sonne werde 



61 

beständig KrafI aus Nichts erzeugt. Diese Durchbrechung seines 
Gesetzes von der Erhaltung der Kraft mußte ihm bei ruhigem 
Nachdenken unerträglich erscheinen, und er itam zu der anderen 
Erliläruiig, das Feuer der Sonne werde beständig durch hinein- 
stürzende kosmische Maasen genährt. Die Maxiraalgeschwindig- 
keit G. die er einführt, dient itun ehe» dazu, erst einmal 
anzugeben, wie groß die auf diese Weise zu erwartende, beim 
Aufprall aul die Sonne sich in Wärme verwandehide Bewegungs- 
kraft im günstigsten Falle sei. Er errezhnete für die Sonne den 
Wert 

G — 630.000 m/sec. 

Die Berechnuiig geschieht auf folgende Weise: Es wird 



'-m 



«.</i^, 



wemi £ die Sonnenmasse, R den Sonnenradius bedeutet. Um 
hieraus den Wert / fortzuschaffen, katm man bedenken, daß, 
wenn r den Erdradius, A die Erdmasse bezeichnet, an der 
Erdoberfläche die Fallbeschleunigung 

,A 

wird. Es ergibt sich also 

Setzt man das Verhältnis der Radiert R.r^ti, das Verhältnis 
der Fallbeschleunigungen an der Sonnen- und an der Erdober- 
fläche^-f, so wird, da fii-^ B:Ä, 

Durch Einsetzen der Werte 5^98104, r=6.370.0O0, y = 2836, 
(1.= 11205 erhält man daraus den angegebenen Wert für G. 
Würde nun Mayer annehmen, daß es sich um kosmische 
Massen handelt, die der Sonne begegnen und in sie hinein- 
stürzen, so würde der Wert G für einen Überschlag des so 
zu erwartenden Wärmegewinns genügen und es würde kein 
Anlaß vorliegen, über die Berechnung dieses Wertes hinauszu- 
<. 2 



62 

gehen. Er geht aber davon aus, daß die in Betraclit kommcndeo 
Massen von Anfang an um die Sonne kreisen und in sie hinein- 
gezogen werden, weil infolge eines Widerstandes des WeU- 
äthers sich ihre Bahn verengert. DaJier die Berechnung des 
allgemeinen Goschwindigkeitswertes c. Das Hineinstürzen tritt 
ein, wenn in diesem Werte der Abstand h vom Sonneimiittel- 
punkt gleich dem Sonnenhalbmesscr li gesetzt wird. Da a immer 
größer als E angenommen werden muß, ergibt sich 

Es bleiben also die Geschwindigkeiten des Einstürzens in der 
Größenordnung von G. 

Mayer beantwortet aber nicht die frage, ob die derart in 
die Sonne hineinstürzenden Meteoriten wirklich ausreichen, um 
die Wärmeausgabe der Sonne auszugleichen. Diese Meteoriten- 
theorie ist dann auch als unhaltbar aufgegeben worden. Doch 
verringert das nicht die subjektive Einschätzung von Mayers 
Leistung. Merkwürdig ist aber die Art, wie er der sich er- 
hebenden Schwierigkeit aus dem Wege gehen will, die darin 
besteht, daß ja infolge der einstürzende!! Meteoriten die Masse 
der Sonne zunehmen müßte (wie Mayer berechnet, im Jahr 
um mindestens ö . 10-^ kg). Diese Vermehrune könnte nicht 
unbemerkt bleiben^ sie müßte eine Verkürzung des Erdjabres zur 
Folge haben. Mayer nimmt nun an, daß das ausgeslrxihlte 
Licht nicht bloß eine Kraftausgabe, sondern auch eine Massen- 
verminderung der Sonne bedinge. Das klingt sehr merk- 
würdig, da er sich durchaus auf den Boden der Undulations- 
theorie des Lichtes stellt. Er meint aber; ,,Eine undulierende 
Bewegung läßt sich nicht denken ohne eine gleichzeitig fort- 
schreitende Bewegung, ein Fortgedrängt werden der vibrieren- 
den Massenteile, und es liegt also nacJi der Vibrationslbeorie 
nicht weniger als nach der Emanationsfheorie in dem Strahlen 
der Sonne ein Grund zu einer fortwährenden Massenverminde- 
rung dieses Fixsternes." Er hatte offenbar eine unvollkommene 
und verkehrte Vorstellung von dem Schwingungsvorgang, 
ähnlich wie jemand, der die Wellen über die See ziehen sieht. 



63 

damit die Vorstellung eines Fortschreitens der Wassermasse 
verbindet, während in Wirklichkeit die Wasserteilchen nicht 
vorrücken, sondern in geschlossenen Bahnen herumgehen. 

Noch überraschender ist der Zusatz: „Das Strahlen der 
Sonne ist die einer zentripetalen Bewegung äquivalente zentri- 
fugale Aktion." Die dabei zugrunde liegende Anschauung ist 
uns schon bekannt. Sie ist bereits in dem ersten Aufsatz von 
1841 zum Ausdruck gelangt, wo Mayer sich noch ganz naiv 
das Ausstrahlen der Sonne nach den Planeten als das Gegen- 
stück zu dem Hinstreben der Planeten nach der Sonne zu 
denkt. Aber er hat selbst später bekannt, daß diese Vorstellung, 
die er sich aus seiner Unkenntnis heraus gebildet hatte, falsch 
und unhallbar sei. Trotzdem hat er sie in seinen „Beiträgen 
zur Dynamik des Himmels" wieder ausgesprochen und diesen 
Satx in keinem der Neudrucke getilgt oder eingeschränkt. Es 
bleibt zudem völlig rätselhaft, wie er sich die Äquivalenz denkt. 
Er spricht nicht etwa von Aktion und Reaktion im Newton- 
schen Sinne, dann müßte ja zum mindesten die Bewegung des 
Planeten auf die Sonne zu eine äquivalente Bewegung von der 
Sonne nach dem Planeten hin mit sich führen. Nun ist aber 
doch keineswegs das Stralden der Sonne durch die Gegenwart 
der Planeten bedingt, und es geht doch auch nicht bloß nach 
den Planeten hin, sondern nach allen Seiten in den Raum. 
Das alles sind so naheliegende Einwendungen, daß man sich 
kaum denken kann, wie sie Mayer entgangen sein sollten. Es 
ist nur eine Deutung möglich, daß Mayer an einmal in ihm 
eingewurzelten Gedanken festhing, selbst wenn er sie als un- 
haltbar erkennen mußte. Alle Regeln des vernünftigen Denkens 
hörten dann für ihn auf. Solche Gedanken halten in ihm die 
Macht fixer Ideen, sie waren schlechterdings nicht zu be- 
seitigen. Der Vorstelluugsbestand haftete in ilim über alle Ver- 
nunftgründe hinaus und, wenn es sein mußte, auch gegen alle 
Vernunft. Selbst das Gebot der Klugheit, einen solchen Satz 
wenigstens nicht öffentlich zu verkündigen, hatte keine Ge- 
walt über ihn. Im Gegenteil empfand er gerade hier am stärksten 
den Trieb, sich der Welt mitzuteilen. 



64 

Dem Problem, die Unveränderlichteit des Erdjahres zu er- 
klären, stellt Mayer das andere Problem gegenüber, die Unver- 
änderlichkeit, des Erdtages, also der Umdrehungsgeschwindigkeit 
der Erde zu begründen. Diese Unveränderlichkeit ist nicht etwa 
selbstverständlich, denn, wie Ma.yer richtig angibt, muß die Ebbe 
und Flut der Ozeane eine verzögernde Wirkung auf die Erd- 
rotation ausüben. Der dabei stattfindende Kraftaufwand muß 
nämlich auf Kosten der iu der Erddrehung steckenden Energie 
gewonnen werden. In der Erregung von Ebbe und Flut liegt also, 
wie er sagt, ein Grund ?u einer Verminderung der Um- 
drehungsgeschwindigkeit der Erde. Er gebraucht dabei folgen- 
des anschauliche Bild: „Die Erde spielt hier die Rolle eines 
Schwungrades. Die beweglichen Teile auf der Oberfläche 
werden, da sie an dem relativ feststehenden Monde ge- 
wissermaßen adhärieren, in einer der Erdrotation entgegen- 
gesetzten Richtung fortgezogen, wodurch einerseits zwischen 
den festen und flüssigen Teilen dieses Schwungrades Aktionen 
hervorgerufen und Widerstände überwältigt werden, anderseits 
aber der gegebene Rotationseffekt notwendig eine entsprechende 
Verminderung erfährt." Dieses Bild zeigt, wenn es auch den 
geschilderten Vorgang nicht erschöpft, doch deutlich die auf- 
fallende Stärke der Vorstellungskraft, die Mayer kennzeichnet. 
Alle seine Gedankenbildungen beruhen auf einer außerordent- 
lich lebendigen, aber immer auf einfache Grundzüge des Ge- 
schehens gehenden Anschauung. Sein logisches Gewissen ist 
wie bei den meisten intuitiv veranlagten Menschen nicht be- 
sonders entwickelt. Gedankensprünge sind bei ihm häufig, ja 
selbst logische Widersprüche entgehen ihm mitunter. Er emp- 
findet nicht das Bedürfnis nach der letzten gedanklichen Klar- 
heit. Es möge dies besonders betont werden, da v*on seinen 
Bekannten, die über ihn berichtet haben, oft seine logische 
Schärfe rühmend hervorgehoben wird. 

Für die Verzögerung der Erdrotation durch die Gezeiten 
will nun Mayer einen Ausgleich suchen, und er findet ihn in 
dem beständigen Zusammenschrumpfen der Erde bei ihrer zu- 
nehmenden Abkühlung. Hiedurch müßte die ümdrehungs- 



65 

geschwindigteit in der Tat zunehmen, aber Mayer hat gar 
keinen Grund für die Behauptung, daß die beiden einander 
«ntgegenwirkenden Einflüsse sich genau ausgleichen. Es wäre 
dies ein wunderbarer Zufall, da keinerlei Zusammenhänge, die 
den Ausgleich wahrscheinlich machen, festzustellen sind. In 
Wirklichkeit wird auch die Verzögerung der Erdrotation durch 
Ebbe und Flut keineswegs durch die Beschleunigung der Um- 
drehung infolge der Volumen Verminderung ausgeglichen. Hier 
war bei Mayer vielmehr der Wunsch der Vater des Gedankens. 
Er sah die Unveränderlichkeit der Tageslänge als feststehend 
an und wollte dafür eine Erklärung haben. 

13. Die Schrift von 1845. 

Zwischen der ersten veröffentlichten Abhandlung und den 
1848 in Heilbronn als selbständige Schrift erschienenen j,Bei- 
trägen zur Dynamik des Himmels", auf die wir hier bereits 
kurz eingegangen sind, liegt aber noch eine Hauptschrift Mayers 
aus dem Jahre 1845, die er, wie jene Arbeit, auf seine Kosten 
drucken Heß, weil es ihm nicht gelang, einen Verleger dafür 
zu interessieren. Sie trägt den Titel: „Die organische Bewegung 
in ihrem Zusammenhange mit dem Stoffwechsel; ein Beitrag 
zur Naturkunde", imd umfaßt den Gesamtbereich von Mayers 
Anschauungen, soweit sie in den auf der Erde zu beobachtenden 
Erscheinungen zutage treten. Er behandelte hierin die zwei 
Gebiete, das anorganische Geschehen und die organischen 
Lebens Vorgänge, zusammen, wobei es für ihn eine Hauptauf- 
gabe war, festzustellen, wie sich auch in den Lehensvorgängen 
die allgemeinen Naturgesetze, namentlich das Energiegesetz, 
offenbaren. Der anfangs für ihn maßgebende Gedanke, die 
Physiologie auf Grund des Gesetzes von der Erhaltung der 
Kraft zu reformieren, indem er eine Bilanzrechnung für die 
Einnahmen und Ausgaben an Kraft in den Vordergrund stellte, 
war in Wahrheit nie ganz von ihm aufgegeben worden, er 
suchte ihn jetzt seiner Ausführung näherzubringen. Er konnte 
aber dabei über einen unvollkommenen Versuch nicht hinaus- 

Timetding, Robert Majer. B 

4 2 * 



66 

kommen, da die ihm fehlenden experimentellen Hilfsmittel 
durch keinen Scharfsinn zu ersetzen waren. Es würde uns je- 
doch von unserer eigentlichen Aufgabe entfernen^ wenn wir 
auf die Einzelheiten näher eingehen wollten. Es muß genügen, 
ein paar Grundgedanken, die unmittelbar mit dem Energie- 
geselz zusammenhängen, hervorzuhehen. Diese Gedanken sind 
jetzt Gemeingut geworden, damals waren sie aber noch neu- 
Mayer geht davon aus, daß die Pflanzen aus den Soimen- 
strahlen beständig Energie aufspeichern^ indem sie mit ilirer 
Hilfe die Kohlensäure der Luft unter Hinzunahme der aus dem 
Boden gesogenen Nahrung in die Kohlenstoff Verbindungen über- 
führen, die unmittelbar oder mittelbar die Nahrung der tie- 
rischen Organismen bilden und da2u dienen, den Lebens- 
prozeß in ihnen aufrechtzuerhalten. ,,Das lebende Tier nimmt 
fortwährend aus dem Pflanzenreiche stammende brennbare 
Stoffe in sich auf, um sie mit dem Sauerstoff der Atmosphäre 
(oder dem im Wasser enthaltenen freien Sauerstoff) wieder 
zu verbinden. Parallel diesem Aufwände läuft die das Tier- 
leben charakterisierende Leistung, die Hervorbringimg mecha- 
nischer Effekte, die Erzeugimg von Bewegungen, die Hebung 
von Lasten. Diese Leistung ist Mitlei und Zweck im tierischen 
Organismus, sie ist Bedingung jedweden animalischen Lebens- 
prozesses." „Um die Verwandlung von chemischer Kraft (d. lu 
der in Kohlenstoff Verbindungen gebundenen Energiemengen) 
in mechanischen Effekt bewerfcstehigen zu können, dazu sind die 
Tiere mit spezifischen Organen ausgerüstet, deren die Pflanzen 
gänzlich ermangeln. Es sind dieses die Muskeln." Bei den 
höheren Tierarten führen die roten Blutkörperchen den in der 
Lunge aufgenommenen Sauerstoff den Muskeln zu. Vermöge 
dieses Sauerstoffes findet in einem dem Verbrennungsprozeß 
vergleichbaren Vorgange in den Muskeln eine chemische Um- 
wandlung statt, bei der Energie frei wird, und diese Energie 
ist es, die in mechanische Arbeit umgesetzt wird. Mayer hebt 
hervor, daß hei der starken körperlichen Arbeit etwa eines 
Holzfällers oder eines Bergsteigers das Herz kräftiger arbeitet, 
um mehr Blut durch die Muskeln zu treiben, mul daß gleichzeitig 



die Lungen eine erhöhte Tätigkeit zeigen, um mehr Sauerstoff 
den roten Blutkörperchen zuzuführen. Die so erfolgende stärkere 
Energieum Wandlung kommt, nur zum Teil dem Arbeitsprozeß 
zugute, ein anderer Teil wird in Wärme umgesetzt. Dies gibt 
sich dariTi zu cikennen, daß der Mensch hei einer starken 
körperlichen Anstrengung das anfängliche Kältegefühl verhert, 
daß er sich warm arbeitel. Mayer versäumt aber nicht, bei 
dieser Getegenlieit sogleich seine spiritualistisrhe Auffassung 
zu bekennen: ,,Wie der ganze Organismus, so hat auch das 
Organ, der Muskel, seine psychische und seine physische Seite, 
zu jener zählen wir den Nerveneinfluß, zu dieser den chemischen 
Prozeß (der in dem Muskel stattfindet). Dem Willen des Steuer- 
manns und des Maschinisten gehorchen die Bewegungen des 
Dampfbootes. Der geistige Einfluß aber, ohne weJclien das 
Schiff sich nicht in Giuig setzt oder am nächsten Riff zer- 
schellen würde, er lenkt, aber er bewegt niciit, zur Furtbewegung 
bedarf es einer physischen Kraft, der Steinkohlen, und ohne 
diese bleibt das Schiff, auch beim stärksten Willen seiner Lenker, 
tot." Hier greift der Begriff der Auslösung bei Mayer ein. 
Die Auslösung ist der richtunggebende Faktor, er bestimmt 
die Art des Umwaiidlnngsprozessea und die Art des Effektes, 
der aus der stattfindenden Energieumwandlung hervorgeht. Was 
dem Leben Sinn und Wert gibt, ist nicht die Energieiimwand- 
lung an sich, soridem das Ziel, das mit ihr erreicht wird, 
dieses Ziel ist nicht in dem chemischen Prozeß an sich be- 
gründet, sondern in der Richtung, nach welcher dieser Prozeß 
durch den psychischen Faktor, der in bestimmter Weise aus- 
lösend wirkt, geleitet wird. 

Auf der anderen Seite sah es aber Mayer gerade als seine 
Aufgabe an, die Kluft, die er zwischen der mathematischen 
Physik und der Physiologie fand, zu überbrücken, und diesem 
Zwecke schien ilim eben sein Energiegesetz dienen zu können. 
„Wenn es gelungen ist", sagt er, „die zahllosen Naturerschei- 
mmgen unter sich zu verknüpfen und aus ihnen einen obersten 
Grundsatz abzuleiten, so mag es nicht zum Vorwurfe gereichen, 
wenn man nach sorgfältiger Prüfung sich eines solchen als 

5* 



68 

Kompaß bedient, um unter sicherer Führung auf dem Meere 
der Einzelheiten fortzusteuern." Mayer hatte demnach die Auf- 
fassung, daß sich aus dem Energieprinzip die ganze Natur- 
wissenschaft begründen lasse, eine Auffassung, die später in 
der sogenannten Energetik zu einem System ausgebildet ist, 
aber nichtsdestoweniger auf einem Irrtum beruht. So wenig 
nämlich die bloße Tatsache, daß die Bilanzrechnung eines ge- 
schäftlichen Unternehmens stimmt, irgend welchen Schluß auf 
den Charakter dieses Unternehmens, seine Zwecke, seine Er- 
folge, seinen Wert und seine Aussichten zuläßt, so wenig kann 
aus der Energiebilanz in der Natur der Weg erschlossen werden, 
den das Naturgeschehen geht. Gerade wie an den einzelnen 
Stellen die Energie um waiuälung vor sich geht, das ist das Pro- 
blem und das ist das Entscheidende, aber dazu ist es nötig, 
in jedem Falle zu wissen, wie und wodurch die Richtung des 
Umwandlungsprozesses bestimmt wird. Wir haben soeben ge- 
sehen, daß Mayer an einer entscheidenden Stelle die Unentbehr- 
lichkeit des richtunggebenden Faktors wohl erkannt hat. Aber 
auf der anderen Seite hat er doch bei der weiteren Entwick- 
lung der mechanischen Wärme tbeorie, die gerade darauf be- 
ruht, daß man über das Gesetz der Krafterhaltung hinaus 
nach der Art forschte, wie die Änderungen des Wärmezustandes 
der Körper und die Umwandlung der Wärme in mechanische 
Arbeit vor sich geht, verständnislos abseits gestanden mid sich 
auf die immer neu wiederholte Hervorhebung seiner Entdeckung 
des Erhaltungsgesetzes beschränkt. In der organischen Natur- 
wissenschaft, der Biologie, ist es natürlich noch viel weniger 
möglich, den Kern der Aufgabe in der quantitativen Fest- 
stellung des Energieumsatzes zu sehen. Im Gegenfeil wirken 
hier die Faktoren, welche die Art des Energieumsatzes und 
überhaupt die Art der Lebensfunktionen und der Gestaltungen 
betreffen, so stark, daß sie vielfach ganz allein erscheinen, 
wogegen freilich Mayer seine Polemik hauptsächlich kehrte. 
Er machte sich, von dem Gedanken an die entscheidende Be- 
deutung seiner großen Entdeckung befangen, nicht klar, daß, 
was seinen eigenen physiologischen Ausführungen Sinn und 



Wert gibt, noch nicht in der Feststellung der Krafterhaltung 
an sich liegt, sondern eben erst durch Verfolgung der quali- 
tativen Momente bei den Um wand lungs vergangen bedingt ist. 
Die Mayersche Schrift von 1845 enthält aber nicht bloß die 
biologischen Anwendungen seines Enei^ieprinzips, sie beginnt 
vielmehr mit einer Darstellung des Energieprinzips an sich, 
und nach der ersten kurzen Veröffentlichung von 18i2 ist hier 
zum erstenmal dieses Prinzip in seiner vollen Allgemeinheit 
entwickelt. Mayer gibt jetzt auch eine Zusammenstellung der 
Energieformen, die er sich denkt. Es sind folgende fünf: 1. Fall- 
kraff, 2. Bewegtmg, und zwar scheidet er dabei die fort- 
schreitende oder, wie er sagt, einfache Bewegung von der 
undulierenden oder vibrierenden, 3. die Wärme, 4. Magnetismus 
und Elektrizität, 5. das chemische Getrenntsein oder Verbiinden- 
sein gewisser Materien. Mayer verknüpft hiemit eine eigentüm- 
liche Sonderung der Energieformen ihrer Art nach, er faßt 
nämlich Fallkraft und fortschreitende Bewegung als mecha- 
nische Kräfte oder mechanische Effekte zusammen, dagegen 
nennt er die undulierende Bewegung, die Wärme, den Magnetis- 
mus und die Elektrizität Imponderabilien. Der Begriff einer 
imponderablen Substanz paßt in der Tat auf den Bewegungs- 
vorgang ebensowenig wie auf die Gravitation. Es kann aber 
überraschen, daß Mayer die undulierende Bewegung als eine 
imponderable Substanz ansieht. Natürlich denkt er dabei an das 
Licht, das ihm als raumerfüllend und deshalb mit der 
Grundeigenschaft der physikalischen Substanz begabt erscheint. 
Anderseits aber muß er doch, wenn er das Licht als undulie- 
rende Bewegung deutet, eine materielle Substanz annehmen, 
die der Träger der Bewegung ist, und nicht das Licht an sich, 
sondern die Materie, welche die Lichtschwingungen ausführt, 
hat den Substanzcharakter. Hier zeigt sich bei Mayer ein 
Widerspruch, der überhaupt in seiner ganzen energetischen 
Naturauffassung begründet ist. Der Begriff der Erhaltung einer 
unveränderlichen Quantität veranlaßt ihn, die Energie als Sub- 
stanz anzusehen. Er nimmt eine Kraftsubstanz an, die in 
fünf Formen erscheint, und die Metamorphosen dieser Kraft 



70 

bilden den Inhalt des physikalischen und fhemischen Geschehens. 
Aber eine solche Kraftsuhstanz ist nicht mehr vorstellbar, son- 
dern nur rein gedanklich zu fassen. AulJerdem setzt die quanti- 
tative Bestimmung der Bewegun^skrafl, wenn man sie in 
diesem Stihstanzcharakter als eine fest gegebene Größe fassen 
will, noiwendigerweise einen absoluten Raum voraus, in dem 
die Bewegung stattfindet. Denn es genügt nicht, bei der Be- 
wegung die Lageiiänderung der Körper gegeneinander festzu- 
stellen, sondern man muß die absolute Größe der Geschwindig- 
keit kennen, aus der ja erst die Größe der Bewegungskrafl 
(lebendigen Kraft) sich wirklich ergibt. Man muß also ein ab- 
solut ruhendes Bezugssystem annehmen, auf das man die Be- 
stimnmng der Lage und der Lageiiänderung jedes Körpers 
gründet. Es ist auch keineswegs so, daß, wenn die absolute 
Bewegung in Teilbewegungen zerlegt wird, die lebendigen 
Kräfte der Teilbewegungen zusammen die Cesamtenergie aus- 
machen. Man kann also nicht sagen, daß, wenn man die Er- 
haltung der Energie bei Umwand lungs Vorgängen in einem be- 
wegten System, etwa an der Erdoberfläche, feststellt, dann 
eben nur ein der Änderung unterworfener Teil der bewegungs- 
kraft erfaßt sei und man sich den anderen, ungeändert bleiben- 
den Teil, etwa den durch die Erdrotation gegebcjien. noch dazu- 
denken müsse. Schon Newton hatte bei der Gravitation die 
Annahme eines absoluten Raumes gefordert, also auch die 
Failkrafl setzt, wenigstens nach der zu Mayers Zeil herrschen- 
den Auffassung, die Möglichkeit einer absoluten Orientierimg 
im Rarniie voraus. Erst in der neuesten Zeit ist es bekanntlich 
gelungen, die Erscheinimg der Gravitation unabhängig von 
dieser Grundannahme darzustellen. 

In diese rein gedankliche Bestimmung der Energie als 
einer in jeder einzelnen Erscheinungsform quantitativ bestimm- 
baren Größe, deren Gesamtwert In der Welt ungeändert bleibt, 
mischt sich bei Mayer aber doch anscheinend das Bedürfnis, 
inLicht, Wärme, Elektrizität und Magnetismus etwas unmittelbar 
zu der Vorstellungskraft Sprechendes zu finden. Er protestiert 
gegen die Hypothese eines besonderen Fluiduras für jedeEnergie- 



71 

axt In der Tal ist sie nicht zu rechtfertigen, wenn ohne 
weiteres das Fluidnm mit der Energie identifiziert wird und 
nicht der Gedanlte des Latent werdeus bei der Wärme und des 
Siclikompensierens bei den entgegengesotzten elektrii5chen und 
magnetischen Fluiden aufgegriffen wird. Man kann sich nicht 
denken, daß die einzelnen Fluiden sich gemäß der Energie- 
erhaltung ineinander verwandeln und daß sie auch gätizhch 
veigehen, wie es hei der Umwandlung in Bewegung doch der 
Fall sein müßte. Die Bewegung kann mau sich ja unmöglich 
als ein Fluidum vorstellen. Aber trotz alledem liegt doch der 
Schaffung des Imponderabilienhegriffes bei Mayer ganz ent- 
schieden die Vorstellung von etwas räumHch Gegenwärtigem 
zugrunde, wie es beim Licht in der Tat fast unvermeidlich 
ist, da wir ja den Raum eben mit dem ihn erfüilenden Lichte 
wahrnehmen. Mayer würde sich selbst, wenn er je darüber so 
zur Klarheit hätte kommen wollen, gesagt haben: Es ist da 
etwas gegenwärtig, kh fühle es, ich kann nur nicht sagen, was es 
ist. Das Bedürfnis nach einer letzten Klarheit vor sich selbst hat 
er aber nicht gehabt, im Gegenteil, er ist darin (wie Newton) 
eben eine im Innersten religiöse Natur, daß er da, wo er etwas 
Unbegreifliches fühlt, halt macht, aber nun das Unbegreifliche 
nicht etwa überhaupt beiseite läßt, sondern gerade in ihm eine 
besondere Art Erhebung sucht, indem es ihm selbst wie ein 
Mysterium erscheint, und er auch anderen verbietet, an das 
Wort, mit dem er es nennt, irgendwie weitere Erklärungs- 
versuche anknüpfen zu wollen. Das Wort ist für ihn eine 
Schranke, die er vor dem Unbegreiflichen aufbaut, nicht ein 
Tor, durch das er den Weg in die letzten Seinsgründe sucht. 
Das Merkwürdige ist nur, daß er (wie Newton) glaubt, seinem 
erkenntiiiskritischen Gewissen zu folgen und der Anwalt einer 
bypothesenfreien Wissenschaft zu sein, während er doch nur 
einem religiösen Drange gehorcht. Man könnte sonst gar nicht 
erklären, warum er mit solcher Emphase einen Satz wie den 
verkündet: ..Sprechen wir es aus, die große Wahrheit: Es gibt 
keine immateriellen Materien!" Hier zeigt sich die Neigung 
des religiösen Menschen, mit, Absicht etwas Absurdes als wahr 



72 

oder eine Selbstverständlichkeit als eine große Erkenntnis auszu- 
sprechen. Der tiefere Sinn von Mayers Worten ist gegen jede 
materiah stische Metaphysik gerichtet, über die wägbare Ma- 
terie hinaus sollen wir uns nichts Materielles vorstellen, die 
Kraft, welche die Brücke bildet vom Materiellen zum Geistigen, 
muß uns von dem Begriff der Materie getrennt erscheinen. Der 
letzte Abschnitt, mit dem Mayer diese Ausführungen schließt, 
spricht eine noch deutlichere Sprache: „Wohl fühlen wir, daß 
wir mit den eingewurzelten, durch große Autoritäten kanoni- 
sierten Hypothesen in den Kampf gehen, daß wir mit den Im- 
ponderabilien die letzten Reste der Götter Griechenlands aus 
der Naturlehre verbannen wollen, aber wir wissen auch, daß 
die Natur in ihrer einfachen Wahrheit größer und herrlicher ist 
als jedes Gebild von Menschenhand und als alle Illusionen des 
erschaffenen Geistes." Für Mayer war eben das Erhaltungs- 
gesetz nicht einfach ein pbysikaUscher Satz, für ihn war er die 
Reinigung der Naturwissenschaft vom Heidentum oder vom Un- 
glauben, und aus diesem tiefen Herzensbedürfnis heraus war 
er so mit ganzer Seele bei seiner Entdeckung, die er als eine 
über ihn gekommene Offenbarung empfand. Das Wort „ern 
schaffener Geist" deutet darauf hin, daß Mayer die Verse Al- 
brecht V, Hallers vor Augen standen: ,.Ins Inn're der Natur 
dringt kein erschaff'ner Geist, zu glücklich, wem sie nur die 
äuß're Schale weist." Dieser Ausspruch hatte, als er ihm begeg- 
nete, einen großen Eindruck auf ihn gemacht. 

Es ist aber doch nicht zu denken, daß Mayer an einer 
bestimmten Stelle stehen blieb, weil er glaubte, nicht weiter 
dringen zu dürfen, vielmehr reichte seine Kraft nicht weiter. 
Da, wo es sich darum handelte, den ganzen Gehalt der physika- 
lischen Erkenntnis, soweit sie bis zu seiner Zeit gediehen war, 
heranzuziehen, mußte er notwendigerweise versagen. Nament- 
lich konnte er nicht tiefer in die elektromagnetischen Energie- 
formen eindringen. Er erkannte aber richtig, daß auch hier 
die Energie immer durch ein Produkt aus zwei Faktoren dar- 
gestellt erscheint. Dies muß allerdings dahin präzisiert werden, 
daß bei diesen Energieformen zunächst immer eine kontinuier- 



n 

liehe Verteilung über den Raum, in besonderen Fällen auch 
über eine Fläche oder eine Liniej stattfindet, ähnlich wie etwa 
hei der kinetischen Energie der Atmosphäre oder irgend einer 
Gasmasse. Das hat zur Folge, daß immer das Raumelement, 
in besonderen Fällen auch das Flächen- oder Liiiienelement, als 
Faktor in dem Energieauadnick erscheint. Was noch hinzu 
kommt, besteht wieder aus zwei Faktoren, die jetzt gerich- 
tete Größen sind, aber im allgemeinen gleich gerichtete, und 
deren numerischen Werte in diesem Falle einfach zu multi- 
plizieren sind. Ähnlich kann auch die kinelische Energie auf- 
gefaßt werden als entstehend aus dem Produkt von zwei ge- 
richteten Größen, der Bewegungsgröße und der Geschwindigkeit. 
In dem Energieausdnick erscheint dann das Quadrat einer der 
beiden Größen, behaftet mit einem von der Konstitution des 
Körpers oder des elektromagnetischen Feldes abhängenden Fak- 
tor, und weiterhin der Faktor, der durch die räumliche Ver- 
teilung bedingt ist. Mayer hat das für den Plattenkondensator 
durchgeführt und gefunden, daß die Energie der Oberfläche 
der Platten dem Quadrat der Ladung pro Flächeneinheit pro- 
portional ist. Den noch hinzukommenden Faktor, der von dem 
Abstand der Platten abhängt, hat er nicht weiter berechnet. 
Es mag noch hinzugefügt werden, daß Mayers Nebenbuhler 
Joule gerade den Fall behandelt hat, wo die Energieeigen- 
schaft der Elektrizität am deutlichsten hervortritt, nämlich beim 
elektrischen Strom, wenn die in Wärme verwandelte Strora- 
energic berechnet wird. Auch hier bildet sich ein Ausdruck,, 
der dem Quadrat der Stromstärke proportional ist, und der 
hinzukommende Faktor bedeutet den Widerstand. Man kann 
diesen Ausdruck wieder auch entstehen lassen aus dem Pro- 
dukt von Stromstärke und elektromotorischer Kraft, welch letz- 
tere nach dem Ohmschen Gesetz ihrerseits durch das Produkt 
ans Stromstärke und Widerstand gemessen wird. 

Die elektromagnetischen Erscheinungen bat aber Mayer nur 
nebenbei gestreift. Sein Hauptinteresse gehört den Wärme- 
etscheinungen und ihrem Zusammenhang mit den mechanischen 
Kräften. „Die Wärme ist eine Kraft, sie läßt sich in mecha- 



74 

nischen Effekt verwandeln." Das ist der Hauptsatz, von dem 
er ausgeht. Er lehnt aber jede Deutung der Verwandlung ab 
und will es den Poeten und Naturphilosoplien überlassen, die 
Erklärung ewiger Rätsel mit Hilfe der Phantasie zu versuchen. 
Höchst merkwürdig ist, wie bei ihm die Reste der ur- 
sprünglicben Betrachtungsart noch nachspuken und wie er 
sich damit auseinander zu setzen versucht. Es kommen Äuße- 
rungen, die ohne diese Beziehung schwer zu erklären wären. 
Beispielsweise sagt er: „Eine negative Bewegung ist wie eine 
negative Materie eine imaginäre Größe (d. h. etwas Unmög- 
liches, der Ausdruck ist der Mathematik entnommen, der Ver- 
gleich paßt aber nicht recht). Die Vernichtung einer positiven 
Bewegung durch eine negative ist ein Paradoxon." Dieser Salz 
. hätte in der ersten unveröffentlichten Arbeit stehen können. 
Mayer denkt natürlich an den unelastischen Stoß. Von einer 
negativen Bewegung ist aber in Wahrheit nie die Rede gewesen, 
sondern nur davon, daß die Bewegungsgröße für eine ent- 
gegengesetzt gerichtete Bewegung mit dem entgegengesetzten 
Vorzeichen in Rechnung gebracht werden muß. Mayer korri- 
giert mm wieder die von ihm ursprünglich vertretene Auffassung 
der Bewegungskralt: „Wie das Quantum einer Materie durch dag 
absolute Gewicht {heißt das die Masse?), so wird das Quantum 
einer Bewegung durch das Produkt der Masse in das Quadrat 
der Geschwindigkeit bestimmt. Der kartesische Satz : , Kraft 
gleich dem Produkt der Masse in die Geschwindigkeit' ist 
falsch und bereits von Leibniz widerlegt." Mayer geht dann 
auf den mielas tischen Stoß zurück und gebraucht ein chemisches 
Bild: ,,Wie sich Materien von entgegengesetzter Qualität, eine 
elektropositive Basis und eine elektronegative Säure, neutrali- 
sieren, so beben sich Bewegungen von entgegengesetzter, von 
positiver und negativer Richtung zusammen auf. Das in ver- 
änderter Qualität, aber in unveränderter Quantität fort- 
bestehende Gegebene ist dort das Neutralsalz, hier die Wärme." 
Er will hier wieder einen Vergleich von Materie und Kraft 
geben. Natürlich handelt es sich um einen bloßen Vergleich, keine 
physikalisch begründete Analogie. Aber er spinnt diesen Ver- 



gleich doch weiter: „Das Verhältnis, in weh:liem die Quatita 
der sich neutralisierenden Malerien oder Bewegungen zuüinander 
stehen, ist in dor Regel nicht das der Gleichheit, es hängt 
dasselbe vielmehr von dem Quäle der Objekte ab. Säure und 
Basis neutralisieren sich, wenn die Quanta ihren iMischungs- 
gewichleii, Bewegungen von entgegengesetzter Richtung aber, 
weim dieQuanla ihren Geschwindigkeiten proportional sind. Bei 
der Neutralisation und bei der Produktion der Bewegungen 
spieil die Geschwindigkeit die Rolle des Itischungsgewichtes.'" 
Irrtümlicherweise meint Mayer, dies wäre das Prinzip der vir- 
tuellen Geschwindigkeiten. Im ganaen muß man sagen, daü, 
wenn er schroff jede Naturphilosophie ablehnt, doch auch in 
ihm eine zwar selbstgeschaffene, aber von den Nachteilen der 
begrifflichen Konstruktion und unbegründeten Analogiebildung 
keineswegs freie Naturphilosophie lebendig ist, 

14. Ausbruch der Krankheit. Vorübergehende Besserung. 

Bei allem dem Irrigen und Unvollkommenen, das sie ent- 
halten, zeigen die Mayerschen Ausführungen eine erstaunliche 
Divinationsgabe, sie sind der Ausdruck einer bestimmten Natur- 
auffassung, die später eine ungeheure Bedeutung für die Wissen- 
schaft ebenso wie für die praktische Auswirkung der wissen- 
schaftlichen Forschung erlangt hat. AVir sind beute gewöhnt, 
Energie zu kaufen wie eine Ware. Es ist zu begreifen, daß ein 
solches Erschauen der Ausfluß einer inneren Spannung ist, 
die sich in einer intensiven Gedankenarbeit entlädt, wenn sie 
durch ruhige und glückliche Lebensumstände zurückgehalten 
wird und nicht infolge äußerer Anlässe zu Erregungsausbriichen 
führt. Vom Jahre 1848 ab ändert sich aber diese Lage. Der 
labile Seelenzuatand Mayers wird durch trübe und erschütternde 
Erlebnisse ins AVanken gebracht. Er leistet eine Zeitlang noch 
Widerstand, bis dann der Zusammenbruch eintritt- Von da an 
wechseln wild erregte mit ruhigeren Zeiten, aber die Schaffens- 
kraft ist erlahmt- Die Gedanken spinnen sich immer wieder 
um die Gebilde, welche sein frühes Mannesalter erfüllten. Zu 



76 

ihrer Fortführung, zu neuen Ideen kann er nicht mehr 
gelangen. Was er nach 1848 geschrieben hat, können wir 
vielleicht als Erläulening und Ausführung früherer Erkennt- 
nisse werten. Im wesentlichen hat es aber doch nur Bedeutung 
für die Beurteilung seines eigenen geistigen Zustandes. Von 
1848 an muß das Interesse an dem psychischen Problem, das 
uns Mayer darbietet, durchaus überwiegen. Die sachliche Be- 
urteilung seiner Schriften kann nichts Wesentliches mehr bieten. 
Im Jahre 1848 brach in Deutschland die Revolution aus, 
und die große Bewegung warf ihre Wellen auch in die friedliche 
Stille, in der Mayer lebte. Er selbst freilich wurde nicht in 
den Strudel hineingerissen, aber sein ältester Bruder Fritz zog 
im Jahre 1849 mit Heilhronner Aufständischen den badischen 
Freischärlern ?.u Hilfe. Robert Mayer machte den gutgemeinten, 
aber gefährlichen Versuch, ihn zurückzuholen. Er war nahe 
daran, als Spion erschossen zu werden, und wurde nur durch 
das Dazwischentreten eines Heilbronner Klienten, der sich für 
ihn verwendete, vor dem Schlimmsten bewahrt. Im Jahre vor- 
her waren ihm, wie wir schon berichtet haben, zwei Kinder 
durch den Tod entrissen worden. So war sein Seelen zustand 
schon schwer erschüttert, als ein an sich belangloser Angriff 
gegen seine wissenschaftliche Entdeckung das volle Gefäß zum 
l;berf!ieöen brachte. Daß aber gerade dieser Umstand so heftig 
auf ihn einwirkte, zeigt, wie außerordentlich stark er mit seinem 
Lebensnerv an die naturwissenschaftliche Tätigkeit, der er sich 
bingegeben hatte, gebunden war. Bisher hatte er die beharr- 
liche Verkennung seiner Leistung gelassen ertragen, der Ge- 
danke, daß schließlich doch die Wahrheit sich Bahn brechen 
müsse, hatte ihn wohl getröstet. Der Prioritätsstreit, in den 
er schon während der Vierzigerjahre mit Joule geriet und den 
er mit mehreren Zuschriften an die Pariser Akademie führte, 
hatte neben allem Unangenehmen, das er ihm brachte, doch 
das Gute gehabt, daß er sah, wie seine Grundidee Boden faßte, 
und er war einsichtig genug, die Leistung Joules richtig zu 
würdigen, der ira Gegensatz zu Mayers Art ruhig prüfend mit 
einer zweckmäßigen Apparatur experimentell zu Werke ging 



77 

und sich ohne weiteren Hypothesenbau auf die praktische Be- 
stimmung des mechanischen Wärmeäquivalents beschränitte. 
Joule hatte diese Bestimmung bereits 1843 mitgeteilt, und es 
war dies, was immer betont werden muß, erst der Schritt, der 
Mayers Gedanken über die Bedeutung einer bloßen Hypothese 
hinaushob. In demselben Jahre hatte Colding das mecha- 
nische Wärmeäquivalent aus der Reibungswärme bestimmt. 
Auch er war wie Mayer von naturphilosophischen Betrach- 
tungen geleitet worden, seine Arbeit ist aber erst 1863 und 1864 
veröffentlicht worden. Im Jalire 1845 brachte HoUzmann, 
aber ohne sich auf den Boden der mechanischen Wärmetheorie 
zu stellen, seine Bestimmung. Daß 1847 in den damals be- 
gonnenen Fortschritten der Physik von Helmholtz die Ar- 
beiten von Holtzmann und Joule genannt wurden, seine aber 
nicht, war sicher für Mayer eine Enttäuschung, er konnte 
sich aber sagen, daß der ungeeignete Titel seiner Veröffent- 
lichung daran die Hauptschuld hatte. Erst 1850 trug Helm- 
holtz das Unterlassene nach, allerdings mit offensichtlichem 
Widerstreben und mit unleugbarer Verkeniiung des wirklichen 
Inhaltes von Mayers Aufsatz. £r hatte ihn höchstens flüchtig 
angesehen, und der metaphysische Charakter der Darstellung, 
die er darin fand, sagte seiner vornehm kühlen empiristischen 
Denkweise wenig zu. Er ist, wie bekannt, den inneren Wider- 
willen gegen das Dilettantische bei Mayer und seine VorUebe 
für ein mystisches Halbdunkel nie losgeworden. Die schließliche 
Anerkennung der Priorität Mayers ist ihm bitter schwer ge^ 
fallen, und in späteren Jahren, kurz vor Mayers Tode, konnte 
er eine jählings ausbrechende Anfeindung der Mayerschen Hypo- 
thesendichtung nicht unterdrücken. Aber vor dem Jahre 1850 
hat diese Stellungnahme Helmholtz' auf Mayer sicher nicht 
schwer gelastet. Helmholtz war damals ja auch noch nicht 
die wissenschaftliche Autorität, an deren Aussprüchen viel 
gelegen. Der Stein kam auf eine andere, fast tragikomisch an- 
mutende Weise ins Rollen. Mayer hatte am 14. Mai 1849 
in der Beilage zur „Allgemeinen Zeitung" unter dem Titel 
„Wichtige physikalische Erfindung" eine Vorrichtung mitgeteilt, 
4 3 



78 

durch die es gelingen sollte, das mechanische Wärmeäqai- 
valent zu bestimmen. Es sollte Wasser durch eine enge Öff- 
nung gepreßt und auf diese Weise erwärmt werden. Die er- 
zeugte Wärmemenge sollte dann mit der verbrauchten Arbeits- 
menge verglichen werden. Der Gedanke ist ganz scharfsinnig, 
aber doch nur ein Einfall. Nach der Jonleschen Bestimmung 
lag kein dringender Anlaß zu einer Neuanordnuug der Ver- 
suchsvorrichtungen vor. Mayer iieß den Apparat durch einen 
Mechaniker in Ileilbronn anfertigen, zu einer praktisch liraudi- 
baren Messung gelangte er aber überhaupt nicht. In dieser Art, 
Apparate zu ersinnen, ohne etwas mit ihnen auszurichten, 
und dann von bedeutungsvollen Entdeckungen zu sprechen, 
scheint mir etwaa entschieden Krankhaftes zu Hegen. Die 
Mayersche Mitteilung hatte nun einen unerwarteten Erfolg. 
Ein junger Physiker in Tübingen, 0. Seyffer, griff in der 
Nummer der gleichen Zeitung vom 21. Mai mit einer göttlichen 
Unkenntnis der bereits gemachten Erfahrungen Mayers Gedanken 
als sinnlos und allen erprobten naturwissensrhaftlichen An- 
schauungen widersprechend an, um freilich, anscheinend über 
seinen Irrttun aufgeklärt, nicht ganz ein Jahr später bei seiner 
Habilitation die These zu verfechten; „Die Auffindung der so- 
genannten Äquivaientzahl zwischen mechanischer Kraft und 
Wärme anerkenne ich a!s eine vollendete Tatsache." 

Mayer war durch den Angriff aufs tiefste getroffen, sicher- 
lich getrieben durch die schon in ihm gärende Erregung. Er 
sandte eine Erwiderung ein, die aber bei der liekannten Ab- 
neigung der Redaktionen gegen Polemiken in ihren Blättern 
nicht aufgenommen wurde. Er wandte sich jetzt empört an den 
Verleger, Herrn v. Cotta, von dem er ,, annehmen zu können 
glaubte, daß er Herr in seinem Anwesen sei". Wie der Brief- 
wechsel weiter gegangen ist, wissen wir nicht. Er dauerte fast 
ein Jahr lang an. Mayer verfocht seine Sache mit der Ver- 
bissenheit und Einsichtslosigkeit eines Querulanten. Schließ- 
lich machte er einen „Vermittlungsvorschlag", oder was er 
dafür ansah. Einen Brief des Baron v. Cotta, der am 25. März 
1855 abgeschickt war, sandte er uneröffnet zurück, weil er an- 



79 

scheinenil den Aufdruck der Buchhandlung trug und er ihn nicht 
ais persönliches Antwortschreiben ansah, wie er es verlangen 
zu können glaubte. Sodann nahm er Anstoß daran, daü die 
Sendung nicht genügend frankiert war. Er schrieb nun weiter, 
er sehe seinen an Herrn v. Cotta gerichteten Brief als nicht 
beantwortet und seinen VermitUungsvorschlag damit als er- 
ledigt an- Die ganze Sache macht von Anfang an den Eindruck, 
daß Mayer sich in einem andauernden krankhaften Erregungs- 
zustand befand. Herr v. Cotta schrieb dann am 22. Mai sehr 
kühl zurück, indem er Mayers Verfahren rügte und sich weitere 
Zuschriften verbat. Dieser Brief löste bei Mayer eine hoch- 
gradige Steigerung seiner Erregung aus, wobei das damals 
herrschende, heiße Frühlingswetter vielleicht einen verstärken- 
den Einfluß ausübte. So geschah es, datJ er in der Frühe des 
28. Mai nach einer schlecht verbrachten Nacht, während seine 
(lattin noch schlief, plötzlich aus dem Bette auffuhr, vor den 
Augen der dabei erwachenden Frau unangekleidet nach dem 
Fensler lief und zwei Stockwerke hoch auf die gepflasterte 
Straße .herabsprang. Er blieb im ganzen unverletzt, nur ver- 
stauchlfi er sich die Füße so schwer, daß er lange Zeit unter 
starken Schmerzen zu Bett liegen mußte und dann erst wieder 
am Stocke humpelnd ausgehen konnte. Die Folgen des Sturzes 
haben sich nie ganz verloren, er zog bis zu seinem Tode beim 
Gehen das eine Bein nach und behielt eine Steifheit in den 
Fußgelenken. 

Während des Krankenlagers war anscheinend eine wesent- 
liche Beruhigung bei Mayer eingetreten. Auch den Tod des 
Vaters, der im September des gleichen Jahres eintrat und der 
bei seiner starken Kindesliebe ihn tief treffen mußte, scheint 
er in milderem Lichte gesehen zu haben. Er fühlte sich dem 
Leben zurückgegeben, nahm seine Praxis in der Stadt wieder 
auf und machte sich im Herbst des Jahres an eine erneute Dar- 
stellung seiner Entdeckung, die im Dezember beendet war und 
wieder als besondere Schrift von ihm veröffentlicht wurde. 
Er beschränkte sich hiebei auf die Grundfrage der Umwandlung 
von Bewegimg in Wärme und umgekehrt und gab der etwa vier 



80 

Bogen umfassenden Broschüre deu bescheidenen Titel: „Be- 
merkungen üb((r das mechanische Äquivalent der Wärme." Er 
brachte nichts Neues, der Zweck der Veröffentlichung war 
nur, die Allgemeinheit, nicht allein die wissenschaftlichen 
Kreise, für seine Entdeckung zu interessieren. Er befleißigte 
sich deshalb möglichster Klarheit und Verständlichkeit, es ist 
vielleicht die beste Darstellung, die er von dem ersten Grund- 
gesetz der mechanischen Wärmetheorie gegeben hat. Allerdings 
hält er mit mathematischen Formeln nach der Art mancher 
mathematischer Dilettanten auch hier nicht zurück, er gibt 
sogar die Beschleunigung als Differentialquotienten der Ge- 
schwindigkeit an, geht also bis an die Grenze der von ihm 
selbst erworbenen mathematischen Keimtnisse. Auch die Formel 
für die Zunahme der lebendigen Kraft bei der Bewegung zweier 
Körper unter dem Einfluß der Gravitation, auf die er an- 
scheinend sehr viel Wert legte, kehrt wieder. Er bezieht sich 
vielfach auf seine früheren Schriften und geht auch auf die 
Pf äff sehe Kritik seiner Entdeckung ein^ die er nicht un- 
angenehm empfunden hatte, weil sie immerhin das Bestreben 
zeigte, ihm gerecht zu werden. Er nennt Joules Arbeiten mit 
Verständnis voller Anerkennung, dagegen werden in einer später 
weggelassenen Fußnote die Seyf ferschen Angrifie zurück- 
gewiesen und auch der Redaktion wird ein Seitenhieb ver- 
setzt. Er verteidigt ausführlich seine Auffassung des Kraft- 
begriffes, geht aber über die drei Kraftformen Fallkraft, Be- 
wegung und Wärme diesmal nicht hinaus. 

Interessant ist, was er über Atome sagt. Er meint erst, 
dem Menschen seien in seiner wissenschaftlichen Erkenntnis 
sowohl in der Richtung nach dem unendlich Großen als nach 
dem unendlich Kleinen hin natürliche Schranken gezogen (wieder 
dieser Gedanke, daß dem Menschen nur eine beschränkte Ein- 
sicht in die Naturerscheinungen gegeben sei). Er sagt dann 
weiter: „Die Atomenfrage führt uns, wie mir scheint, über 
diese Schranke hinaus, und ich halte sie deswegen für unprak- 
tisch. Ein Atom an sich wird so wenig als ein Differential 
Gegenstand unserer Untersuchung sein können, obgleich das 



•ffit 

Verhältnis, in welchem solche unmeßbar kleinen Hilfsgrößeo 
unter sich stehen, durch konkrete Zahlen darslellhar ist." Diese 
Auffassung der Infinitesimalrechnung kann bei Mayer nicht 
überraschen, da die neue, den Begriff des unendlich Kleinen 
vermeidende Anschauung zu seiner Zeit noch nicht durch- 
gedrungen war. Merkwürdig ist aber die Deutimg des Atom- 
begriffes, die offenbar dahin zielt, daß die letzten Elemente 
der räumlichen Ausdehnung gesucht werden. Der physikalische 
Atombegriff bezieht sich jedoch bloß darauf, daß die physi- 
kalischen Vorgänge ebenso wie die chemischen Umwandlungen 
sich an gewisse Elementarteilchen knüpfen, die dabei keine 
Zerlegung erfahren, sondern an sich erhalten bleiben. Mayer 
nimmt auch an, „daß es wirklich in chemischer Bezielmng 
Atome gibt". Er meint aber, folgerichtigerweise müßte man 
fragen, ob es nicht noch kleinere Teilchen gebe, „die in Be- 
ziehung auf die Wärmeerscheinungen Atome sind, in deren 
Inneres die Wärme also nicht zu dringen imstande wäre und 
die bei der Erwärmmig des Ganzen eine Volumen Vermehrung 
nicht erfahren würden". Der Gedanke kling! erst seltsam, 
namentlich wenn man an die Auffassung der Wärme als mole- 
kulare Bewegung denkt. Wenn man aber die neuen An- 
schauungen über den Atoraaufbau ins Auge faßt, und venu 
man bedenkt, daß Mayer eigentlich mit den Wärmeerscbei- 
nungen alle physikalischen Erscheinungen umfassen will, die 
nicht rein mechanischer Natur sind, so ist man doch er- 
staunt, mit welcher Fähigkeit er auch hier ein richtiges 
Bild erfaßt hat, trotzdem er die Einzelheiten der Vorgänge, 
namentlich ihren Zusammenhang mit den elektromagnetischen 
Erscheinungen in keiner Weise überblicken konnte. Dies zeigt 
sich auch in seinen weiteren Ausführungen über die latent 
werdende Wärme, die mit den Phänomenen der freien Wärme 
„so ziemlich das ganze Gebiet der Physik" umfassen sollte. 
Es steht überhaupt die Tragweite seiner Ideen in einem höchst 
überraschenden Mißverhältnis zu den Kenntnissen, die ihm 
tatsächlich zu Gebote standen. 

Im Frühjahr 1851 schrieb er noch einen ganz kurzen Auf- 

TimeidiDK, BobEit Ma^er. ß 

«. 3 * 



82 

Satz „über die Herzkraft" für Viarordts Archiv. Er berechnete 
darin die Arbeitsleistung des Herzens quantitativ genauer, als 
es Vierordt getan hatte, mid fand, daß die Leistung des ganzen 
Herzens in der Sekunde bei 70 Pulsschlägen rund 06 kgm 
oder den 125. Teil einer Pfordekraft beträgt. IS'ach dieser 
Arbeit hat aber Mayer eif Jahre lang, bis 1862, nichts 
publiziert. 

15. Weitere Entwicklung der Geisteskrankheit. 

Der Grund dieses langen Schweigens liegt wesentlich in 
seiner Gemiilskrankheit, bei welcher eben im Jahre 1851 die 
für sein Leben kritische Wendung eintrat. Wir kommen damit 
zu den trübsten Tagen, die er durchgemacht bat und die 
für alle Zukunft, auch in Zeiten der Entspannung, schwer 
auf ihm lasteten. Erregungszustände waren gewiß auch vorher 
schon bei ihm eingetreten, sie blieben aber im Schoß der Familie 
begraben. Die Fiiau duldete eben und schwieg, sie nahm die an- 
scheinenden Wunderlichkeiten bei der sonstigen Gutartigkeit 
seines Wesens und der herzlichen Liehe, die er ihr zeigte, mit 
in den Kauf. In späterer Zeit hatte sie sich anscheinend dem 
Arzt gegenüber ausgesprochen und ihr Bericht ist in der Lan- 
derer-^cben Krankheitsgeschichte aufbewahrt. Darin wird ge- 
sagt, es sei seiner Umgebung sehr aufgefallen, daß er oft plötz- 
lich „maßlos aufgeregt" gewesen sei. Er erlaubte sich dann 
„kleine Unvernünftigkeiten", wie das Zerschlagen eines Möbels 
oder das Zerreißen eines Kleidungsstückes, und tat viele 
sonderbare, oft unvernünftige Aussprüche, ,,Kindskopfereien", 
wie er selbst zu sagen pflegte. Die Frau hat sicher versucht, 
ihm gut zuzureden und ihn zu beruhigen. Diese Zwischenfälle 
bildeten aber doch eine ernstliche Störung in der sonst glück- 
lichen Ehe, und Mayer selbst hat in späteren Jahren in Briefen 
an seine Frau darauf Bezug genommen, daß sie unter seiner 
„Leidenschaftlichkeit" zu leiden gehabt habe, und Besserung 
versprochen. 

Im Herbst 1851 spürte er selbst, daß ein Anfall nahte 



■0 

und flüchtele sich in dem Vürgefübl dringender Gefahr zu 
seinem Freunde Lauf!, der in Uöppingen Pfarrer war. Er ist 
dort wolil nur einen uder zwei Tage geblieben. Lang scbeiiit 
ihm freundbeb zugesproclien und ihn auf den Trost und Halt, 
den er in der Religion finden könne, hingewiesen zu haben. 
Nach seiner Rückkehr brach dann aber in Ileilbronn die Er- 
regung mit voller Heftigkeit aus, und er schrieb Lang am 29. Ok- 
tober einen Brief, der zweifellos irre gewesen ist. Er äußerte 
selbst am 1. November in einem neuen Schreiben, das er nach 
inzwischen eingetretener Beruhigung an Lang richtete, er sei 
„in der Zeit des bereits ausgebrochenen und rasch zunehmen- 
den Deliriums" geschrieben. Mit diesem Worte pflegte er selbst 
seine Erregungszustände zu bezeichnen. Er spricht in demselben 
Atem auch von einer „Gehirnentzündung", die er für alle Zu- 
stände völliger Entrücktheit als Erklärung anführt. Das scheint 
sehr auffällig, denn er mußte als Arzt doch selbst wissen, daß 
von einer derartigen Krankbett, einer Enzephalitis oder Menin- 
gitis, keine Rede sein konnte. In solchen Fragen aber, die ihn 
selbst belrafen, hörte für ihn jede medizinische Sachlichkeit 
auf. Alles lag ihm daran, die Störungen auf köi'pprliche Zustände 
zurückzuführen, und er schützte einfach eine Erkrankung vor, 
die dem Laien die eingetretenen Erscheinmigen erklärlich 
machen konnte. Das war mit einer akuten Gehirnkranklieit am 
besten zu erreichen, und alles, was vorgefallen war, sollte 
dann als Fieberdelirium aufgefaßt werden. So ist wohl auch 
die Meinung entstanden, der Fenstersprung sei in dem Delirium 
einer Gehirnentzündung geschehen, wovon natürlich nichts 
wahr ist- 

JMayer schreibt Lang dann weiter: „Die Krankheit bat 
gottlob eine über alles Erwarten günstige Wendung genommen, 
indem ich schon nach wenigen Togen wieder imstande war, 
meinem Berufe nachzugeben, was ich offenbar der Beruhigung 
verdanke, welche mir die Religion, in specie das, ivas Du mir 
in Göppingen gesagt, gewährt- .Cessante causa cessal effectus' 
ist ein bekannter medizinischer Satz, daß aber auch nach glück- 
lich überstandenem akuten Stadium das Gehirn noch in einem 

6- 



84 

Zustande von Biutanschoppung zurückblieb, liegt in der Natur 
der Sache. Dadurch wird aber das Gemüt in einer reizbaren, 
teilweise hypochondrischen Stimmung erhalten, während ander- 
seits wieder jeder psychische Reiz nachteilig auf das soma- 
tische Organ zurückwirkt. Ich finde übrigens, daß ich aus dieser 
Szylla und Charybdis mit Hilfe des christlichen Glaubens heraus- 
komme, indem ich fühle, wie ich körperlich gesünder und 
geistig froher werde. Gott wird den Glauben in mir befestigen 
und mir die Prüfungen, die er schickt, tragen helfen." Es war 
also nach dem Anfall eine Depression zurückgeblieben, die erst 
allmählich wich. Namentlich war Mayer in diesem Stadium 
von einem Versündigungswahn befallen. Er kam sich als ein 
für seine Sünden von Gott geschlagener Mensch vor. Bezeich- 
nend ist hiefür die weitere Briefstelle vom 2. Dezember: „Am 
ersten Advent bin ich mit meiner liehen Frau zum heiligen 
Abendmahl gegangen, was für mich ein wahres Freudenfest 
gewesen ist, demi der Glaube steht bei mir fest, daß mir 
die am Altar verheißene Sündenvergebung vollständig zuteil 
geworden ist." Nunmehr sah er in dem Anfall nicht mehr 
eine körperliche Krankheit, sondern er deutete sie rein seelisch 
aber nicht etwa pathologisch, sondern als einen Ansturm welt- 
licher Ungezügeltheit, als eine sündhafte Verirrung. So schrieb 
er am Sylvestertage an Lang: „Der Versuchung erliegend, 
mit dem Sturmwinde der Leidenschaft auf Brackwassern zu 
segeln, wäre es endlich im letzten Jahre mit mir zum Scheitern 
gekommen, wenn mir nicht in der schwersten Stunde meines 
Lebens Gottes Gnade durch Deine Vermittlung den rechten 
Weg eröffnet hätte." 

Es mag bei dieser Gelegenheit die Vorliebe Mayers für see- 
männische Vergleiche kurz berührt werden, die schon in meh- 
reren hier angeführten Äußerungen zutage getreten ist. Diese 
Vergleiche sind bei einem Binnenländer wie Mayer auffallend, 
wenn sie auch natürlich aus der Erinnerung an seine Seereise 
za erklären sind. Erstaunlich ist jedoch, daß diese Erinnerung 
in ihm so fest haftete, trotzdem sie wirklich nicht mit beson- 
ders freundlichen Vorstellungen für ihn verbunden sein konnte. 



Aber alles Harte und Widrige schwand allmählich aus seinem 
Gedächtnis und nur der dämonische Zauber des Weltmeeres, 
der alle Ereignisse auf See und das ganze Bordleben mit einem 
eigentümlich verklärenden Schimmer umkleidet, blieb übrig. 
Gerade auf einen der zirkulären Veranlagung irgendwie unter- 
worfenen Menschen wirkt der Reiz der See besonders stark, 
vielleicht weil sie ein Bild des eigenen Seelenzuätandes solcher 
Naturen ist, bald im Sonnenschein strahlend oder silbern auf- 
leuchtend in der Nacht, wenn der friedliche Passatwind die 
Segel schwellt, bald im Sturm unter schwer niederhängenden 
Wolken aufbrausend oder von einem jäh hereinbrechenden 
Wirbeiwind plötzlich aufgewühlt. Auch der ewig gleiche An- 
blick des Horizontes, an dem sich Himmel und Wasser zu be- 
rühren scheinen und der den Menschen gleichsam in sich selbst 
zurückweist, komm! der Neigung eines solchen Gemütes ent- 
gegen, das eben den Gegensatz gegen seine Umgebung fühlt 
und alle Dinge mit seiner eigenen Stimmung färbt. Im übrigen 
sind die seemännischen Vergleiche, die Mayer gebraucht, keines- 
wegs so, wie sie dem richtigen Seemann und dem Bewohner der 
Wasserkante geläufig sind. Sie sind wohl vertieft durch eigene 
Anschauung, aber von seemännischer Erfahrung verraten sie 
wenig, sie sind in dieser Beziehung durchaus laienhaft und 
mehr aus den Eindrücken des an der Schiff sfühning un- 
beteiligten Fahrgastes zu erklären als aus den Wechselfällen 
des seemännischen Berufes. 

Wir müssen nun Mayers Schicksale weiter verfolgen. In 
den ersten Tagen des April trat wieder eine heftige Erregung 
auf. Da hierauf keine ordentliche Beruhigung erfolgte, entschloß 
sich Mayer, in der unweit Esslingen gelegenen Heilanstalt 
Kennenburg Genesung zu suchen, welche Nervöse und Gemüts- 
kranke aufnahm und schon damals das Kaltwasserheilverfahren 
pflegte. Er fühlte sich aber durch den Erfolg nicht befriedigt. 
Die Schuld lag wohl kaum an der Behandlung, sondern mehr an 
der Unruhe und Ungeduld Mayers, der eine plötzliche Wirkung 
erwartete und die Fortdauer der Beschwerden nicht auf die 
Hartnäckigkeit der Erkrankung, sondern auf die Mangelhaftig- 



m 

keit der Kurmittel schob. In einem uns erhaltenen Briefe vom 
21. April an seine Frau schreibt er, daß eine Beruhigung erst 
eingetreten sei, als er mit dem Baden ausgesetzt habe, während 
ihm vorher die kalten Vollbäder nicht gut gedient hätten. Er 
sei noch am Tage zuvor durch üble Laune geplagt gewesen. 
Da er so im ganzen dort, wo er war, nicht auf seine Rechnung 
zu kommen glaubte, die Erregungszustände auch wiederkehrten, 
griff er mit der seelischen Hilflosigkeit des Kranken nach irgend 
einem Halte, der sich seinen sorgenden Gedanken darbot. Der 
Direktor der Staatsirrenanstalt Winnenta!, Herr v. Zeller, war 
ihm schon lange persönlich bekannt. Er halte Vertrauen zu 
ihm und sah in ihm einen wohlmeinenden l'^eund. Natürlich 
dachte er keinen Augenblick daran, in seiner Anstalt zu bleiben, 
er ^v^llte nur seinen Rat einiiolen, und in der Hauptsache die 
sachkundige Stütze für seinen Plan, nach Stuttgart zu gehen, 
finden. Zeiler riet ihm aber von diesem Schritte ab und empfahl 
ihm einen Dr. Landerer in Göppingen, zu dem er selbst in 
engen persönlichen Beziehungen stand und der auch Mayer von 
seiner Studienzeit bekannt war. Ich kann mich des Eindruckes 
nicht erwehren, daß diese Emplehiung bei allen vorireffUchen 
Eigenschaften Zellers nicht rein von sachlichen Beweg- 
gründen geleitet war, sondern daß der Wunsch mitwirkte. 
Landerer beim Aufbau seiner Praxis zu helfen. Es ist dem 
Schwaben eigentümlich, bei der Fürsorge lür Freunde und Ver- 
wandte nicht immer das Maß strenger Unparteihchkeit innezu- 
halten. Üb Zeller mit Absicht Mayer verschwiegen hat, daß 
Landerer mit dem Oberamtsarzte Dr. Palm damals gerade eine 
Privatirrenanstalt aufgetan hatte und Insassen dafür suchte, 
wage ich nicht zu entscheiden. Mayer sagte er anscheinend 
nur, daß Landerer Zeit zu geistigem Gedankenaustausch habe, 
nach dem Mayer wohl Verlangen zeigte, und daß dem Gene.sung- 
suchenden so am besten gedient sei. Dazu kam für Mayer, 
daß sein Freund Lang in Göppingen wohnte und er bei diesem 
schon einmal TrosI und Hilfe gefunden hatte. Er trug also kein 
Bedenken, dem Rat Folge zu leisten und ging zmiächst zu 
Lang. Bei diesem Besuche zeigte er eine heftige, ängstliche 



m 

Erregung und sprach in einer Weise von seiner Sündhafiigkeit, 
daß er bei Lang sofort den Eindruck einer geistigen Erkran- 
kung erweckte. Lang scheint seine Ansicht dem Dr. Laii- 
derer gleich mitgeteilt zu haben, als er ihm Mayer brachte. 
Diesem hatte er zugeredet, einige Tage in dem Hause des Arztes 
zu bleiben. Das erste, was Mayer tat, war, daß er mit Lan- 
derer und Lang in leidenschaftlicher Weise und mit phan- 
tastischem Ideenzuge über die ihn beschäftigenden Fragen zu 
reden begann. Landerer wurde dadurch sehr besorgt. Er 
beging aber von Anfang an den Fehler, daß er alles, was 
Mayer sagte, als Wahnideen ansah, hinter denen nichts Ernst- 
haftes steckte und die dem Kranken nach Möglichkeit aus- 
geredet werden müßten. Dieser war über die Verständnislosig- 
keit, die er fand, natürlich höchst ungehalten. Er selbst sah 
sich aJs geistig vollkommen gesund an und wurde ärgerlich, 
daß ärztliche Fragen an ihn gestellt wurden. Er hatte vielleicht 
auch den Eindruck, in eine Falle geraten zu sein, und schickte 
sich deshalb nach zwei Tagen an, wieder abzureisen. Lan- 
derer konnte ihm keinen Widerstand leisten und ließ ihn auf 
den Bahnhof begleiten. Mayer erzählt selbst über die Vorgänge 
folgendes: „Da ich den Zweck meiner Reise verfehlt sah, be- 
schloß ich nach wenigen Tagen meines dortigen Aufenthaltes 
in einem desperat zu nennenden Seelenzustande wieder nach 
Hause zu gehen. Schon hatte ich auf dem Bahnhofe die Karte 
gelöst, als sich meine innere Unruhe, meine Seelenangst bis 
2ur Bewußtlosigkeit steigerte, und ich erinnere mich nur noch 
traumartig dunkel, daß ich von Dr. Landerer in einem Kabrio- 
lett wieder abgeholt und in seine nahegelegene Anstalt zurück- 
geführt wurde. Nun verläßt mich mein Gedächtnis, ich verfiel 
in ein furibundes Dehrium." Landerer berichtet unmittelbar 
darauf, am 2. Mai, an Zeller, Mayer habe einen maniaka- 
lischen Anfall mit großem Zerstörungs trieb, Geschrei und teil- 
weise starker Ideenjagd gehabt. 



16. Mayers Behandlung in Göppingen und Winnental. 

Am nächsten Tage besuchte Lang den Kranken. Mayer 
fuhr ihm entgegen: ,,Was willst du?" Lang erwiderte: „Mayer^ 
giaubst du, daß ich es gut mit dir meine?" Worauf Mayer 
antwortete: „Da muß ich erst Gott fragen." Dann kam ein »euer 
Anfall. Nur mit Mühe war Mayer zu bändigen. Abends war es 
besser, am folgenden Tage aber erfolgte schon wieder ein 
Anfall. Landerer handelte hierauf durchaus den Umstanden 
entsprechend, er schrieb an Zeller, Mayers Frau möge benach- 
richtigt und aufgefordert werden, zu entscheiden, ob Mayer 
nach Winnental oder Kennenhurg zurückgebracht werden solle. 
Die Einrichtungen seiner eigenen Anstalt seien noch unvoll- 
kommen. 

Da Mayer selbst nach seiner Frau verlangt hatte, reiste diese 
einige Tage später nach Göppingen. Als sie ankam, war an- 
scheinend schon eine Beruhigung eingetreten. Auf ihren Wunsch, 
vielleicht auch auf den durch sie vermittelten eigenen Wmisch 
Mayers nahm Landerer Blutentziehungen vor. Darauf scheint 
eine weitere Besserung erfolgt zu sein, und Mayers Frau fuhr 
nach kurzer Zeit wieder zurück. Mayer sagt selbst; „Sie konnte 
sich beruhigt wieder auf den Heimweg machen, um den Kindern 
die Mutter wiederzugeben." Sie zeigte auch keine Bedenken, 
ihren Mann weiter in Göppingen zu lassen, was durchaus ver- 
ständlich ist, da sie keinen Anlaß hatte, die Behandlung dort 
ungünstig zu beurteilen. Anderseits wußte sie, daß mit ihrem 
Mann etwas nicht in Ordnung war. Mayer sagt selbst, sie sei 
damals schon seit zwei Jahren mit solchen Anfällen vertraut 
gewesen. Man kann ihr nur Bewunderung zollen, daß sie der- 
artige Zustände mit Geduld und Fassung ertragen hat, wenn- 
gleich für Mayer eine frühere Behandlung sicher am Platze 
gewesen wäre. Die schwache Frau hätte aber kaum gegen seinen 
Eigenwillen und seine Furcht, als Geisteskranker zu erscheinen,. 
aufkommen können. 

Rein objekliv betrachtet, war es sicher nicht richtig, Mayer 
in Göppingen zu lassen. Die Anstalt war, wie Landerer selbst 



m 

gesagt hatte, nicht genügend ausgerüstet, es fehlte anscheinend 
vor allen Dingen an Personal, Landerer war auch noch zu 
jung und unerfahren, um einem so schwierigen Fall, wie es 
Mayers Krankheit ■ bei seiner ausgesprochenen Persönlichkeit, 
seiner Hartköpfigkeit und seiner besonderen Begabung war, ge- 
wachsen zu sein. Er glaubte gewiß den rechten Weg zu gehen, 
vergriff sich jedoch in den Mittehi und wußte Mayer seelisch 
nicht nahezukommen, weil er kein Verständnis für seine Cha- 
rakteranlage hatte und seine geistigen Fähigkeiten unter- 
schätzte. Er war ihm nur ein Kranker, der mit allerhand ver- 
schrobenen Ideen angefüllt war, daß hinter dem sonderbaren 
Wesen ein einzigartiges Genie steckte, konnte er nicht begreifen. 
So war das Ende doch, daß er am 13. Juni 1852 an Zeller 
berichten mußte, er finde unübersteigliche Schwierigkeiten in 
der Behandlung, und seine dringende Bitte um möglichst baldige 
Versetzung nach Winnenial müsse als eine sehr wohlbegründete 
erscheinen. Im einzelnen äußerte er, daß seit zwei Monaten 
die heftigsten TobsuchtsanfäJle mit zwei- bis dreitägigen Re- 
missionen gewechselt hätten. 

Die Hauptsehwierigkeit lag darin, daß Mayer durch die 
ihm zuteil gewordene Behandlung aufs tiefste gegen den ein- 
stigen Studiengenossen erbittert worden war, dem er vorwarf, 
eine ihm zufällig gegebene Machtbefugnis über seine Person aufs 
schmählichste mißbraucht zu haben, und dem er deshalb gerade 
in den Zeiten eingetretener Beruhigung mit Vorwürfen und Miß- 
trauen begegnete, so daß dieser auf keine Weise ihm nahe- 
treten und seelisch anders wie ungünstig auf ihn einwirken 
konnte. Es war freilich damals allgemein üblich, auf Tobsuchts- 
anfälle mit Einschränkung und Aufhebung der Bewegungsfreiheit 
zu reagieren. Dazu dienten Zwangsjacke und Zwangsstuhl, ein 
gepolsterter Ohrensessel, auf dem der Kranke festgebunden 
wurde, für die Nacht entsprechend eingerichtete Zwangsbetten. 
Bei Mayer waren diese Mittel mehr wie bei einem anderen 
unangebracht. Er konnte den Druck fremden Willens so wie so 
nicht vertragen, und seine Erregung stieg über alle Grenzen, 
wenn er sich gewaltsam gefesselt fühlte. In allen Augenblicken 



80 

empfand er das Schmachvolle einer solchen Behandliingj und 
daß er sich ihr immer wieder aufs neue unterwerfen mußte, 
brachte ihn zur Baserei. Landerer hätte bei reiferer Ein- 
sicht erkennen müssen, daß er auf einem falschen Wege war. 
Die Immobilisierung war ein höchst bedenkliches Verfahren bei 
diesem Kranken. Er wurde deshalb nicht besser, sondern nur 
schlimmer. Denn es ist wohl als eine Verschlechterung des Zu- 
standes anzusehen, wenn die Remissionen, die erst depressiven 
Charakter hatten, dat)ei aber eine Wiederkehr der Besinnung 
in sich schlössen, später manisches Gepräge annahmen, indem 
der Kranke eine ausgelassene Lustigkeit zeigte, laut lachte und 
eine sehr selbstgefällige Stimmung auUerte. 

Auf Landerers Bericht hin scheint Zeller Mayers 
Schwager Karl Closs in Winnenden verständigt zu haben, der 
sofort — wie es heißt, im Einverständnis mit Mayers Frau — 
die Aufnahme in Winnental beantragte. Als Veranlassimg zur 
Aufnahme wird im Krankenbericht angegeben: ,, periodisch 
geisteskrank seit drei Jahren, famihäre Anlage, Tollheit". Daß 
hier die familiäre Anlage hervorgehoben ist, läßt sich wohl 
folgendermaßen erklären. Die Eigentümlichkeilen, die Mayers 
Eltern gezeigt hatten, waren jedenfalls inzwischen von Mayers 
Frau dem Bruder mitgeteilt worden, und dieser hatte Zeller 
von den empfangenen Nachrichten verständigt. Es ist anzu- 
nehmen, daß die erbliche Belastung Robert Mayers mehr von 
Seiten der Mutter herrührte, die rein seelisch ihm mehr ver- 
wandt gewesen zu sein scheint. Nur kam bei ihm die von 
dem Vater ererbte eigenartige Geistigkeit hinzu. Durch Ver- 
qoickung dieser Anlagen, aber stärkere Vererbung in der Affekt- 
sphäre von der Mutter, in der Intellektsphäre vom Vater her, 
ist dann Mayers Krankheit zu erklären. Ihren ersten Impuls 
empfing sie durch die Seereise und die volle Auslösung durch 
die Ereignisse der Jahre 1848—1850. 

Auf den An trag des Schwagers wurde Mayer, wie erselbst be- 
schreibt in der Zwangsjacke eingeschnürt, da er gerade einen An- 
fall hatte, nach Winnental nächtlicherweile überführt. Zunächst 
blieb der Zustand unverändert. Erst gegen Ende des Jahres 



traten längere Remissionen ein. Dann wurde der Zustand wieder 
ungünstiger bis zum März 1853. Darauf trat allmählich Besse- 
rung ein, wenn auch mit manchen Rüclifällen, Auf sein hef- 
tiges Betreiben wurde Mayer am 1. September 1853 als ,^e- 
bessert" beurlaubt. In Göppingen hatte er außer Dlutent- 
ziehungen kalte Umschläge bekommen. In Wiunental wurden 
Blutegel gesetzt, laue Bäder, kühle Regendusehen und zuletzt 
auch einige kalte Bäder verabfolgt. Im wesentlichen ließ man 
also die Natur sich selbst helfen. Psychische Einwirkungen 
sind wohl kaum ernsthaft versucht worden, sie waren auch bei 
Mayer nicht leicht. Für die Art, wie man auf ihn Einfluß 
gewinnen konnte, fehlte auch wohl Zeller das rechte Ver- 
ständnis. Mayer war ein sehr schwieriger Patient. Um alles in 
der Welt wollte er nicht als geisteskrank gelten. Einmal sagte 
er zu Zeller: „Der einzige Narr hier sind Sie." Allerdings 
ist eine solche Äußerung von vielen Insassen der Irrenanstalten 
zu erwarten. 

Wie Mayer diese Leidenszeit beurteilte, darüber gibt ein 
Bericht an Rohlfs aus seinem letzten Ijebensjahr Auskunft: 
„Es war im Frühjahr 1852, als ich mich durch den Direktor der 
Staatsirrenanslalt Winnental, Herrn v. Zeller, den ich schon 
lange persönlich kannte, imd den ich in meiner ünerfahrenheit 
sogar für meinen Freund hielt, nach Göppingen locken ließ, 
wo ein Herr Landerer, ein Nepote des Herrn Hofrat v. Zeller, 
natürlich ohne mein Wissen, eben im Begriffe war, eine Privat- 
irrenanstalt zu errichten. Ich war der Erste, der hinkam, und 
war als .zahlbarer Narr' dem Herrn Narrendirektor eine will- 
kommene Beute. Die Einzelheiten meiner sogenannten Behand- 
lung übergehe ich gern, wie ich z. B. im Zwangsstuhle bis auf 
den Tod gefoltert wurde. Gewiß ist, daß mein wirklich erfolgter 
Tod dem Herrn Landerer nur von Vorteil hätte sein können. 
Die Herren Irrenärzte pflegen für solche , Radikalkuren' nicht 
schlecht honoriert zu werden. Nun, Herr Dr. Landerer, dieser 
Biedermann, ist inzwischen, mit dem Medizinalratstitel belehnt, 
am Scirrhus pylori gestorben. Nach dreimonatlichen Martern 
wurde ich in der Nacht vom 31. Juli auf den 1. August 1852, 



92 

fest in die Zwangsjacke geschnürt, nach Winnental geschleift, 
wo ich, morgens früh angekommen, auf Befehl des Herrn Hofrat 
au. diesem Sonntage sogleich wieder in einen bereitstehenden 
Zwangssluhl geschnallt wurde. Dreizehn Monate wurde ich 
nun in dieser Anstalt mit allen erdenklichen somatischen imd 
psychischen Mißhandlungen bedacht, bis ich es soweit brachte, 
meine Befreiung zu erzwingen." 

Der Tüll dieser Darstellung ist entschieden pathologisch 
gefärbt, sie muß in einem Erregungszustände geschrieben sein, 
man kann aus ihr einen Eindruck davon bekommen, in welcher 
Weise Mayer sich Dühring gegenüber bei seinem Besuche in 
Wildbad um die gleiche Zeit ausgesprochen hat. Dühring, dem 
diese ganze Sache sehr in seinen Kram paßte, prüfte nicht die 
Zuverlässigkeit der Angaben, er sah Mayer ohne weiteres als 
Opfer einer verrohten Wissenschaft und herzloser Angehörigen 
an und stellte ihn in seiner langatmigen Auseinandersetzung 
als den „Galilei des 19. Jahrhunderts" hin, der, wie Galilei 
um seiner Entdeckung willen von der Kirche, jetzt in der Neu- 
zeit von den an die Steile der Priester getretenen Zunftgelehrten 
verfolgt und gefoltert worden sei. 

17. Kennenburg. Die Urteile über Mayers Krankheit. 

Wie weit die Klagen Mayers über seine Behandlung in 
Winnental berechtigt sind, läßt sich schwer feststellen. Gewiß 
sind auch dort, wenn man den Maßstab der heutigen psych- 
iatrischen Therapie anlegt, Fehler gemacht worden. Auch in 
Winnental sind Koerzitivmaßnahmen angewandt worden, die 
bei Mayers Temperament unzweckmäßig waren. Es ist immer- 
hin möglich, daß, wie Rüraelin meint. Zeller durch die Be- 
richte aus Göppingen Mayer gegenüber ungünstig beeinflußt 
war. Zweifellos war dieser aber auch ein sehr imgebärdiger 
Patient, der die behandelnden Arzte durch sein ungezügeltes 
Wesen auch außerhalb der eigentlichen Anfälle zur Verzweiflung 
bringen und zu einer unangebrachten Härte veranlassen konnte. 
Eine Heilung ist in Winnental nicht eingetreten, die Anfälle 



93 

kehrten auch später wieder, wenngleich sie nicht mehr die- 
selbe Heftigkeit erreichten, 

Rümelin berichtet über diese spätere Zeit: „Eigentliche 
Wahnvorstellungen und fixe Ideen im strengen Sinne, so daß 
ihm das richtige Selbstbewußtsein, die Erkenntnis der Um- 
gehung, die normale Deutung der Sinnes Wahrnehmungen ab- 
handen gekommen wäre, hat Mayer niemals gehabt, auch blieb 
der logische Zusammenhang seines Tims und Redens immer 
noch erkennbar. Aber doch konnte sein Zustand jener Grenze 
sehr nahekommen, wenn ihn die geringfügigsten Aalässe und 
Eindrücke, die ihm etwas Verletzendes, Bedrohliches, Kränkeri- 
des zu haben schienen, in die maßloseste Aufregung versetzten, 
wenn er dann mit einer stamienswerten Kombinationsgabe Zu- 
sammenhäjige und Motive des Geschehenen ersann, die rein nur 
seiner Einbildung angehörten, wenn er dabei seine imgewöhn- 
lichen Vermutungen und Auslegungen auch gegen die nächsten 
Angehörigen und Freunde kehrte und ihnen die unglaublichsten 
Dinge zutraute. Dann lief er zu Hause ruhelos, Stunden, halbe 
Tage und Nächte lang durch alle Zimmer, sprach und schrie 
fast unmiterhrgcben, mitunter Worle von unanhörbarem In- 
halt, hielt auch die sonst gewohnte maßvolle Grenze im Genuß 
geistiger Getränke nicht mehr ein und steigerte so den Zustand 
bis ziu' vollen Unerträglichkeit für sieh imd die Seinigen. Manch- 
mal trat die Beruhigung mid Selbsterkenntnis nach solchen Ent- 
ladungen von selbst ein, andere Male entschloß er sich oder 
ließ sich durch Verwandte und Freunde dazu bereden, eine Heib 
anstatt aufzusuchen. UnfreiwiUig ist er niemals in eine solche 
gebracht worden, was bei seinem Naturell auch ganz unaus- 
führbar gewesen wäre." 

Eine große Rolle spielte in Mayers späterem Leben die 
Erinnerung an die Erfahrungen in Göppingen und Winnental. 
Wenn erst die Klagen und Anklagen, die er vorbrachte, sich 
auf die Verkennung seiner wissenschaftlichen Leistung bezogen, 
so suchten sich später seine Depressionen immer den Grund 
einer ungerechten und grausamen Behandlimg durch die Ärzte, 
und auch sonst lösten diese Erinnerungen häufig heftige Er- 
4 « 



94 

reguugen aus. „Man vermied", sagt Rümflin, „aufs ängst- 
lichste, an diese Dinge zu erinnern, aber er fing nur allzu ofl 
selbst davon an, und so hörte icli es mehrmals mit an. wie 
er zwar in großer Erregung, aber nicht wie einer, der seines 
Geistes und seiner Erinnerungen iiichl mächtig gewesen wäre, 
sich darüber aussprach. Was er da vorbrachte, wie er in stetig 
wachsendem Affekt seine Erlebnisse und Arguitiente darlegte, 
wird jedem, der ihn davon reden hörte, uuvcrgeßlich gebliehen 
sein." Er sah sich für sein ganzes Lehen als hesrhimpft und 
geächtet an. Er nahm deshalb auch äeiue ärztliche Praxis nicht 
wieder auf, sondern behandelte mir seine Angehörigen und 
Freunde. Er erklärte, er könne seine» Beruf nicht mehr aus- 
üben, man habe ihn für einen Narren erklärt, und mit diesem 
:^Iakel beliaftet dürfe er nicht als Arzt tätig sein. 

Kacli seiner Eiitlassung aus Winnental reiste er zunächst 
auf einige; Wochen in die Schweiz, besuchte hei dieser Gelegen- 
heit auch wieder Lang in Göppingen, wobei er sich empört 
über die Anstaltsbehandlung auj3crte. Dagegen hatte er wieder 
mehr Zutrauen zu der Anstalt in Kennenbuig gewonnen mid 
ging noch dreimal hin. Er ist vom 27. April bis 30. Mai ISSß, 
vom 3. Oktober bis 1. N^ovemher 1865 und von Mitte August 
bis Mitte ?ioveraber 1871 dort in Behandlung gewesen. Audi im 
Jahre 1877 scheint eine schlechte Zeit zu liegen, die aber nicht 
mehr zu so heftigen Anfallen führte, daß er eine Anstalf auf- 
suclien mußte. Man kaim hienach die WefleLiberge hei dem 
in Wellenfcirm erfolgenden Auftreten der Krankheit einiger- 
maßen deutlich erkennen. Daß nach dem slärksien Anschwellen 
der Krankheitssymplome in den Jahren 1850 bis 1853, das 
natürlich auch immer durch Remissionen unterbrochen war, 
gegen das Lebensende hin die Erscheinungen an Starke ab- 
nehmen, geht u- a. aus dem Bericht des damaligen Assistenz- 
arztes Dr. Miilberger in Keniienburg über de)i .\ufenthalt im 
Jahre 1871 hervor. Dieser sagt, daß die eigentlichen Exaltafioiis- 
zustände sich nur selten wiederholten. ,.l\i den vier (woht 
richtiger drei) Monaten, die Mayer damals in Keimenburg ver- 
weill-e, war vielleicht drei-, höchstens viermal ein vorüber- 



95 

gehender Aufenthalt in der Zelle nofwendig. Schon am zweiten 
Tage tral ein merklicher Nachlaß in der Aufregimg ein und 
wenige Tage später war das Gleichgewicht wieder hergestellt. 
Der Kranke kannte sich genau und wußte, wann ein Anfall 
kam. Er drängte dann selbst auf Isolierung." Einige T;ige nach 
seiner Aufnahme verlangte er zum ersten Male, nachdem er 
kurz vorher bei der gemeinsamen Anstaltstafel bereits erregte 
Reden geführt halte und auch sonst sich auffällig benommen 
hatte, stürmisch vom Arzte die Unterbringung in der Zelle, 
wo dann bald ein heftiger Ausbruch seiner Erregung eintrat. 
Nach dem Anfall war er meist schwer zU bewegen, die Zelle 
zu verlassen, da die darauf folgende niedergedrückte Stimmung 
ihn schreckte, und wiederholt äidJerte er, er atme erst auf, 
wenn er in der Zelle sei. 

Merkwürdig ist dabei, daß er doch mehrmals jählings die 
Anstalt eigenmächtig verließ. Einmal ging er, obwohl er auf 
seinen Spaziergängen stets einen Diener mitnehmen sollte, ohne 
Vorwissen des Arztes fori. Am zweiten Tage kam Nachricht aus 
Heilbronn, er befinde sich zu Hause, der Zustand sei aber 
wieder schlimm. Mülberger reiste daim selbst hin, und -Mayer 
folgte ihm ohne Schwierigkeiten, Nach diesem Vorfall erhielt der 
Wärter den Schlüssel zu dem Kleiderschrank des Kranken. 
Aber dieser wußte anch das neue Hindernis zu beseitigen, 
er versteckte, von einem Spaziergang heimkehrend, ein Paar 
Stiefel und einen Rock, nahm diese dann später mit hinaus, 
zog sich in einem benachbarten (iarten um und reiste von 
neuem ab. Da nach den Mitteilungen aus Heilbronn dauernde 
Beruhigung eingetreten war, ließ man ihn diesmal zu Hause. 

Mayer selbst hat sich immer sehr zufrieden über Kennen- 
burg geäußert. Am 6. Mai 18G5 schreibt er an seine Tochter 
Emma aus der Anstalt, daß er sich dort sehr wohl fühle, er 
rühmt die feierliche Stille, die dort herrsche, nur ab und zu 
durch das Pfeifen eines entfernten Eisenbahnzuges unter- 
brochen, und den schönen Garten mit einem Springbrunnen 
und zwei in dem Ba.ssin herim^schwimmenden Schwänen. Auch 
dem Anstaltsleiter, Dr. Hussell, spricht er nach seiner vor- 



96 

-j 

läufigen Genesung in mehreren Briefen seine volle Anerkennung 
und Dajifcbarkeit aus. Einmal heißt es, er werde Husaets 
„segensreiche Anstalt in freundlich dankbarer Erinnerung he- 
halten". Er redet dabei auch, was bei ihm sehr selten war, 
unumwunden von seiner ,, Gemütskrankheit" und rühmt die 
schonende Geduld, die mit ihm geübt worden sei. Für gewöhn- 
lich wollte er, wie schon gesagt wurde, nichts davon wissen, 
daß er geisteskrank sei oder gewesen sei. Teils schob er seine 
Zustände auf akute körperliche Krankheiten, teils empfand er 
es einfach als höchste Ungerechtigkeit, daß man seine wohl- 
begründeteri Beschwerden über die erlittene Unbill nicht glaubte 
und als Krankheitserscheinung deutete. Es ist immerhin auf- 
fallend, daß selbst Ärzte sich dieser Auffassung insoweit fügten, 
als sie bei Mayers Krankheit solchen äußeren Umständen wirk- 
lich Wert beilegten, während es doch klar ist, daß der Kranke 
diese Umstände "erst suchte, mn seine Erregungszustände vor 
sich selbst und anderen zu erklären. Dr. Mülberger spricht sich 
noch verhältnismäßig vorsichtig aus: „Der Vorstellungskreis, 
der ihn gefangen hielt, und aus dem er immer wieder nach 
kurzen Pausen körperlicher Ermattung die Gründe seiner Auf- 
regung schöpfte, war das Bewußtsein seiner Krankheit und 
der Gedanke an die Unbill, die ihm angeblich während seiner 
Krankheit früher widerfahren sei. Das alles sprudelte jäh, 
hastig, abgerissen aus dem tief empörten GemÜte hervor, aber 
kein eigentlich sinnloses Wort, keine eigentlich wirre Rede kam 
über seine Lippen." Wenn wir diese Äußerung Mülbergers 
mit der Darstellung Mayers vergleichen, die wir bereits angeführt 
haben und die als schriftliche Kundgebung gegenüber dem münd- 
lichen Erguß sicher noch einigermaßen gebändigt ist, so müssen 
wir doch sagen^ daß wahnhafte Vorstellungen keineswegs 
fehlten. Was sollte z. B. Landerer für ein Interesse daran 
gehabt haben, ihn ums Leben zu bringen, und wie sollte dies 
Ziel mit den verhältnismäßig doch ungefährlichen Maßnahmen 
erreicht werden können? Der Grund, den er anführt, daß Lan- 
derer mit seiner Beseitigung ein besonders gutes Geschäft ge- 
macht hätte, ist doch völlig sinnlos. 



Noch auffallender ist das Gutachten des Anstaltsleiters 
Dr. Hussell selber. Dieser sagt: „Daß das eigentümliche und 
schwer zu beurteilende Leiden des Dr. Mayer (schon diese 
Äußerung ist dem an sich doch ziemlich klaren Falle gegenüber 
befremdend) dem Gebiete der Psychiatrie angehöre, war nicht 
zu bezweifeln. In relativ ruhigen Momenten, ich sage relativ, 
weil eine stetige innere Ruhe kaum je zu beobachten war, 
denn es war selbst in Momenten depressiver Art^ welche den 
Exaltationszuständen vorausgingen oder folgten, ein unstetes 
Vibrieren bemerkbar, zeigte Dr. Mayer keine auffallende Ab- 
weichung vom normalen Denken. Das allmähliche Zustande- 
kommen dieser krankhaften, wellenförmigen Stimmungsände- 
rungen ist feichl au erklären durch das abwechselnde Über- 
gewicht der Empfindung der eigenen Bedeutung und die Erbitte- 
rung über die Nicbtanerkennimg dieser Bedeutung. . . . Das 
immer wiederkebrendCj peinvolle Durchleben dieses Stimmungs- 
wechsels konnte die erste (Empfindung) steigern zu über- 
triebenem Selbstbewußtsein, geäußert als Drang zu Paradoxen 
und zu auffallenden Auislelluugen, die, wenn auch schlecht 
begründet und untereinander beziehungdos, für den nicht mehr 
intakten Geist den Grad von Gewißheit erhielten, es konnte 
die gerechte Erbitterung steigern zu einer stärkeren Reaktion 
auf Unlust erweckende Reize von verschwindend geringer In- 
tensität. Dieses Mißverhältnis von Reiz und Reaktion charakte- 
risiert hauptsächlich Mayers Leiden." 

An dieser Beurteilung ist auffallend, daß Husseil die 
Krankheit Mayers wirklich auf das Ausbleiben der Anerken- 
nung seiner Entdeckung zurückführen will. Die Enttäuschung 
und Erbitterung hierüber hätte indes höchstens auslösend 
■wirken können, die Anlage za der Gemütskrankheit mußte 
von vornherein vorhanden sein. Sie hatte sich in der Tat, wenn 
auch nicht in so ausgesprochener Weise, bereits auf der See- 
reise gezeigt, mid die Welle gesteigerten Wohlgefühls und 
Schaffensdranges ist als der Rückschlag auf die gedrückten 
Stimmungen während der Seereise und die wahrscheinlich auch 
da schon aufgetretenen Erregungszustände anzusehen. Später 

Timerding, Boborl Hayei. 7 

4 4 * 



98 

überwogen die deprsssiveii Momente so, daß eine ähnliche 
Enphorie nicht mehr aufkommen konnte, sondern nur eine ge- 
wisse ßerulügung und Tröstimg eintrat. Die ungüiisÜge Auf- 
nahme seiner Entderkung kann aber, wie wir gesehen hahen, 
nicht als der Anlaß zu dem offenen Ausbruch der Krankheil an- 
gesehen werden, weil gar nicht die Verkennurig seines Ver- 
dienstes an sich, sondern eine an sich belanglose Kritik die 
gesteigerte Erregung hervorrief und das auch wohl nur, weil sich 
an diese Kritik der erfolglose Versuch einer Gegetiäußcruiig 
anschloß. Nicht die Kritik selbst, sondern die Korrespondenz 
mit dem Verleger und der Schriflleitung der „Allgemeinen Zei- 
tung" brachte Mayer in eine immer mehr gesteigerte Erregung^ 
nachdem sein Gemüt durch den Tod seiner Kinder und die 
Affäre mit seinem Bruder bereits belastet war. In einer auto- 
biographischen Skizze sagt Mayer selbst von sich; „Wenn auch 
die Arbeiten Mayers «inige Zeit hindurch teils keine besondere 
Beachtung fanden, teils sehr ungünstig beurteilt wurden, so 
blieb doch die Aiierkennnng seiner Verdienste nicht aus." Das 
klingt wirklich nicht, als ob er sich dauernd verkannt gefühlt 
hätte- Schon in den 1853 ausgegebenen Fortschritten der 
Physik für das lahi- 1849 gab Helmhoitz eine zwar 
nicht besonders wohlwolJende, aber doch immerhin leidlich 
gerechte Darstellung des Sachverhaltes in folgenden Sätzen r 
„1. Die Behauptung, Wärme sei kein Stoff, sondern Bewegung,, 
ist hekanntlicb eine alte. 2. Die Behauptung der Unzerstörbarkeit 
der Arbeitsgröße der mechanischen Kräfte und die Äquivalenz 
der Äußerungen der verschiedenen Naturkräfte mit bestimmten 
Größen mechanischer Arbeit hat Mayer zuerst ausgesprochen 
im Jahre 1842. ... 3. Die von Mayer angestellte Berechnung 
dieses Äquivalents aus der Wärme, welche ein Gas entwickelt, 
wenn es mit Verbrauch einer gewissen Arbeitsgröße kom- 
primiert wird, erfordert außer dem Prinzip von der Unzerstör- 
barkcit der Kraft auch noch die Annahme, daß dabei alle Arbeit. 
sich in Wärme verwandle. Diese Annahme ist aber erst durch 
die Versuche von Joule im Jahre 1844 bestätigt worden." 
Hiehei stimmt allerdings für Mayer nicht, daß er die Wärme als 



Bewegiijig angesehen habe, für Helmholtz' Denken war es 
nur luiniöglich, anzunehmen, die Wärme könne etwas Jiiideres 
wie Bewegung sein, wenn sie kein Stoff ist. Wir sind aber heute 
veranlaßt, doch eine solche Möglichkeit vorauszusetzen, sonst 
wüßten wir nicht, was wir mit der Elektriziiä! und der Strahlung 
anfangen sollten. Ferner ist die Bestimmung des Wärmeäqui- 
valents durch Mayer ungenau angegeben. Es ist außerdem wühl 
richtig, daß Joules direkte experimentelle Bestimmung durch 
Mayer nicht entbehrlich gemacht war, es ist indessen verkannt, 
daß Mayer eine der wichtigsten physikalischen Beziehungen bei 
seiner Bestimmung des Wärmeäquivalents aufgefunden hatte. 
Bei alledem ist aber doch Mayer die Priorität unumwunden 
zugesprochen, und die Bedeutung der Sache an sich stand 
damals schon für die fortschrittlich gestimmten Forscher aufler 
Frage. Mayer konnte sich immerhin beruhigt fühlen. Ich nehnie 
aber an, daß er sich in diesen Jahren im Grunde überhaupt 
wenig um die ganze Angelegenheit kümmerte. Er war völlig 
angefüllt von dem Gedanken, daß er als ein Irrsinniger be- 
handell worden sei, daß man ihm eine unauslöschhche Schmach 
angetan habe, daß er für immer ausgestoßen sei aus der 
Reihe der vollwertigen Menschen. Diesem Gedankfin gegen- 
über kam die Enttäuschung über eine nicht recht anerkannte 
wissenschafthche Leistung überhaupt nicht auf. Wenn er in 
späteren Jahren Klagen führt über die erfahrene Verkennung 
seiner Bedeutung, so ist das wohl anders zu erklären. Das 
Primäre ist, daß er bei seinen Erregungszuständen sich ge- 
drängt fühlte, wilde Phantasien über die Ordnung der Natur 
imd den Bau der Welt von sich zu gehen, und erst sekundär 
tauchte dann der Gedanke auf: Aber das verstehen die Menschen 
ja nicht, schon bei meiner ersten Arbeit, die doch nur in den 
Anfängen blieb, haben sie nicht gewußt, was ich wollte, in 
solchen Augenblicken fühlte er sich mit übermenschlichen 
GeisteskräJten begabt, eine Fülle von Gesichten stürmte auf 
ihn ein, das Wesen der Welt schien ihm erschlossen, und wenn 
die Umgebung ihn nicht begriff, so steigerte das nur seine Er- 
regung und das Gefühl, daß er etwas ganz Besonderes sei. 

7* 



100 

Im übrigen hat es Mayer auch wirklich, wie er selbst sagt, 
an äußerer Anerkennung nicht gefehlt. Er wurde 1858 zum 
Mitglied der naturforschenden Gesellschaft in Basel ernannt, 
1859 Dr. phil. h. c, 1863 Dr. nat. h. c. der Universität Tübingen, 
er erhielt Ehrendiplome von München, Halle, Turin, Frank- 
furt, Wien, Stuttgart, 1867 wurde ihm das Ritterkreuz des 
Ordens der Württembergischea Krone und damit der persönliche 
Adel verlieben, 1870 wurde er zum korrespondierenden Mitglied 
der Pariser Akademie gewählt und erhielt den Prix Poncelet, 
1871 aus England die Copley medal, eine hohe Auszeichnung. 
„Der erste imler den namhaften Fachmännern, der die Be- 
deutung seiner Schriften erkannte, ihn aufsuchte und sich mit 
ihm befreundete, war Schönbein" (Rümelin). „Dann lenkte 
eine Festrede von Liebig in München die Aufmerksamkeit 
weiterer Gelehrtenkreise auf seine Forschungen." „In Eng- 
land war es Tyndall, in Frankreich Verde t, in Italien Graf 
St. Robert, die vorzi^sweise Mayers wissenschaftliche Ver- 
dienste zur Anerkennung brachten." Tyndail hielt 1862 in der 
Royal Institution einen Vortrag über die Mechanik der Wärme 
und vertrat dabei Mayers Verdienste mit großem Nachdruck. Er 
geriet dadurch in eine Fehde mit P. G. Tait, der als englischer 
Chauvinist allen Entdeckerruhm seinen Landsleuten zuzu- 
schieben trachtete und so auch hier Joules Namen in den 
Vordergrund rückte. Tyndall nahm sich aber weiter mit der 
ihm eigenen freien und reinen Menschlichkeit der Sache Mayera 
an und trat auch zu ihm selbst in freundschaftüche, herz- 
liche Beziehungen. Er ist mehr wie ein anderer Mayer eine 
seelische Stütze gewesen. Im Jahre 1869 wurde Mayer auf- 
gefordert, auf der Naturforscherversammlung in Innsbruck einen 
Vortrag zu halten. Über diesen Vortrag, der am 18. September 
stattfand und den Mayer „Über notwendige Konsequenzen und 
Inkonsequenzen der Wärmemechatiik" betitelte, müssen wir im 
Zusammenhange mit der Gesamtheit seiner Schriften der zweiten 
Epoche, die 1862 anhebt und 1877 schließt, nunmehr berichten. 



101 



18. Der Vortrag in Innsbruck. 



Es sei gleich vorweggenommen, daß alle späteren Schriften 
Mayers eine ausgesprochene Senkung des allgemeinen geistigen 
Niveaus verraten. Ais Ausgang zirkulärer Psychosen ist ein 
geistiger Verfall häufiger beobachtet worden. Zu einem eigent- 
hcheu Verfall der geistigen Fähigkeiten kommt es bei Mayer zu- 
nächst nicht. Wohl aber versiegt der Zufluß an neuen Ideen. 
Nur Einfälle verschiedenster Art, die bunt durcheinander ge- 
streut werden, aber keine große Bedeutung besitzen, treten auf. 
Dagegen klammem sich die Gedanken an die geistigen Früchte 
der vorangegangenen glücklicheren und kraftvolleren Lehens- 
zeit. Es ist auch kein Trieb zu schriftstellerischer Produktion 
mehr vorhanden. Was vnriiegt, ist mehr bestimmten äußeren 
Gelegenheiten als einem iimeren Drange zur Mitteilung ent- 
sprimgen. Dafür betrieb Mayer mit Eifer eine Sammlung seiner 
gesamten Schriften. Es lag ihm daran, sein Werk der Mitwelt 
und Nachwelt vorzulegen. 

Nach fast zwölfjährigem Schweigen trat er im Jahre 1862 
mit einem Artikel über das Fieber im Archiv der Heilkunde zu- 
erst wieder an die öffentlichkeit. Der Hauptzweck des Auf- 
satzes scheint gewesen zu sein, seine früheren Schriften wieder 
in Erinnerung zu bringen. Er stellt im Sinne seiner Auffassung, 
nach welcher der Kern der physiologischen Vorgänge in einer 
Energieura Wandlung besteht, das Fieber als eine Störung in 
dem Ausgleich von Wärmeerzeugung und Arbeitsleistung bin. 
Das ist eine einigermaßen unzureichende Erklärung, denn um 
was es sich handelt, ist doch gerade, die Ursache oder den 
Zweck dieser verstärkten Wärmeerzeugung festzustellen. Die 
quantitative Vergleichung mit der zur Arbeitsleistung erforder- 
lichen Energie ist gänzlich belanglos. Von wirklichem Wert 
kann doch nur die Verfolgung des physiologischen Vorganges 
in seinen Einzelheiten sein. 

Nach diesem einen Aufsatz versank Mayer zunächst wieder 
in Schweigen. Erst durch die Aufgabe, in Innsbruck vor den 
versammelten Naturforschern und Ärzten mit Helmhol tz zu- 



102 

sarameii zu sprechen, wiiräe er aus seiner Zurückgezogenheit 
herausgerissen. Wir wollen zuvörderst den Inhalt der Rede kurz 
wiedergeben. Mayer beginnt damit, daß er einen von ihm 
vor zwanzig Jahren konstruierten Apparat zur direkten Be- 
stimmung des mechanischen Wärmeäquivalents schildert. Es 
schien ihm offenbar von Wichtigkeit, hervorzuheben, daß auch 
er, wie Joule, Vorrichtungen zur Messung des Wärmeäqui- 
valents ersonnen habe. Er konnte jedoch weder damit eine 
Priorität begründen noch konnte er praktische Messungsergeb- 
nisse anführen. Ohne solche blieb aber die Konstruktion eines 
Apparats olme Wert. Ganz merkwürdig ist auch der Zusatz, 
Bewegung werde sich nie mit Nuizen in Wärme umsetzen lassen^ 
weil es wesentlich billiger sei, aus der Verbrennung der Kohle 
Wärme zu gewinnen und diese in Bewegung umzusetzen. Das 
lohnte sich doch kaum zu sagen. Mayer geht nun sofort auf 
die kosmischen Erscheinungen über, um seine Meteoritenlheorie 
aufs neue zur Geltung zu bringen, freilich in einer veränderten 
Form. Er nimmt nicht mehr an, daß die in die Sonne hinein- 
stürzenden Massen von Anfang an um die Sonne kreisen, son- 
dern daß sie von außen her stammen und durch die Zer- 
splitterung von Weltkörpern beim Zusammenstoß entstanden 
sind. Der Sonne eine fortschreitende Bewogimg zuzuschreiben, 
lehnt ec ab, denn alle Fixsterne seien zu weit entfernt, um ihr 
eine merkliche Bewegung erteilen zu können. Seltsamerweise 
nimmt er ohne weiteres an, daß alle in der Welt vorhandene 
Bewegung durch die Gravitation entstanden sein müsse, ob- 
wohl diese Annahme schon dem Umlaufe der Planeten gegenüber 
versagt. Durch seine Theorie glaubte Mayer den Wärmetod 
abgewehrt, dem man damals am Ende die Welt erliegen sah. 
Wir glauhen heute nicht mehr an diesen Ausgang der Welt. 
Mayer hatte deshalb eine richtige Erkenntnis, er konnte sie aber 
nicht anders begründen, als indem er sich hinler der Tnendlich- 
keit der Welt dem Raimne und der Zeit nach verschanzte. Es 
zeigte sich dabei, daß er von der Entropie, dem wichtigsten 
Begriffe der mechanischen Wärmetheorie, gar keine richtige 
Kenntnis besaß- Er glaubte nämlich, daß dieser Begriff ohne 



103 

weiteres mit dem „endlichen völligen Stillstand der ganzen 
makrokosmiscben Maschine" gleichbedeutend sei. Daß darunter 
einfach ein bestimmter mathematischer Ausdruck verstanden 
sei, war ihm unbekannt. Es ist danach anzunehmen, daß er 
von der ganzen weiteren Entwii^klung der durch ihn begrün- 
deten wissenschaftlichen Disziplin nichts wußte. 

Im dritten Abschnitt seiner Rede bringt er eine Erklärung 
des Erdmagnetismus aus den Passatwinden, indem er gleich- 
zeitig das Polarlicht aus der nach den Polen abströmenden, 
elektrisch geladenen Luft ableitet. Im letzten Abschnitt endlich 
verirrt er sich völlig. Er will von der unbelebten Natur zu der 
lebendigen Welt übergeben, aber was er da zu sagen hat, ist 
im Grunde nur ein spiritualistisches Glaubensbekenntnis mit 
allerband eigentümlichen Kreuz- und Quersprüngen, die mit 
Wissenschaft schon gar nichts mehr zu tun haben. Seinen 
Grundgedanken drückt er zuerst mit den Worten aus: „Gott 
sprach: er werde, und es ward! Nicht nur erhalten wird die 
lebende Welt, sie wächst und sie verschönert sich," Die 
lebendige Natur beruht nach Mayers Ansicht auf einer bestän- 
digen Neuschöpfung durch Gotl. Indem er zu seinen lateinischen 
Kernsprüchen zurückkehrt, faßt er den Gedanken so: „Das 
Erhaltungsprinzip oder der Salz ,nil fit ad nihilum' gilt in 
Gottes lebender Schöpfung noch in erhöhtem Grade, sofern er 
nicht mehr, wie in der toten Natur, durch den sterilen Satz 
,ex nihilo nil fit' beschränkt ist." Diese religiöse Grundüher- 
zengnng klingt dann aus in dem Schlußsatz seiner Rede: „Aus 
vollem ganzen Herzen rufe ich es aus; eine richtige Philosophie 
darf und kann nichts anderes sein als eine Propädeutik für 
die cbristücbe Religion." Dazwischen hatte er noch eine Ab- 
weisung der materialistischen Deutung geistiger Funktionen ein- 
geschoben. Er gibt zu, „daß im lebenden Gehirn fortlaufend 
materielle Veränderungen, die man mit dem Samen der mole- 
kularen Tätigkeit bezeichnet, vor sich gehen, und daß die 
geistigen Verrichtungen des Individuums mit dieser materiellen 
Zerebralaktion auf das innigste verknüpft sind", und sagt dann 
weiter: ,.Ein grober Irrtum aber ist es, wenn man diese beiden 



104 

parallel laufenden Tätigkeiten identifizieren will." Das ist genau 
die Auffassung des psychophysischen Parallelismus. Allerdings 
entspricht es diesem Parallelismus nicht mehr ganz, wenn 
Mayer fortfährt: „Das Gehirn ist nur das Werkzeug, es ist 
nicht der Geist selbst." Dann springen seine Gedanken jäh 
weiter, sie haben keine logische Verbindung untereinander mehr. 
Er sagt noch: „Was subjektiv richtig gedacht ist, ist auch ob- 
jektiv wahr. Ohne diese von Gott zwischen der subjektiven mid 
objektiven Welt präslahilierten ewigen (siel) Harmonie wäre 
all unser Denken unfruchtbar", und sofort hinterher: „Die Logik 
ist die Statik, die Grammatik ist die Mechanik und die Sprache 
die Dynamik des Gedankens." Wie das zu verstehen ist, leuchtet 
mir nicht recht ein. Die GramniaÜk bezieht sich nicht auf das 
Denken, sondern auf die Sprache. Die Mechanik müßte sich 
also dementsprechend auf die Dynamik beziehen, etwa als die 
Regelung der Bewegung durch die waltenden Kräfte, Die Be- 
deutung, in welcher Dynamik und Mechanik von Mayer gefaßt 
sind, mag dem vielleicht entsprechen, es scheint mir aber 
nicht die gewöhnliche zu sein. Die Logik ferner regelt den 
Zusammenhang der einzelnen Gedanken, Wird aisü das Denken 
der Bewegung verglichen und die Sprache den Erscheinungs- 
formen der Bewegung, so bezieh! sicli die Logik doch auf die 
Bewegung, nicht einen Zustand der Ruhe. Der Vergleich hinkt 
so wohl an mehr als einer Stelle. 

Man kann sich denken, wie diese Rede auf die an natur- 
wissenschaftliche Arbeitsweise gewöhnten Köpfe in der Ver- 
sammlung wirkte. Sie mußte Befremden hervorrufen, wenn 
dieses auch für Mayer bei dem Beifall, den man dem bekannten 
Namen zollte, nicht fühlbar wurde. In Wirkhchkeit ist die Art, 
keine Rücksicht auf die Gelegenheit und die Zuhörerschaft zu 
nehmen, sondern in naiver Kindlichkeit nur möglichst viel 
Buntes imd Erstaimlicbes zu bringen, höchst seltsam und läßt 
auf einen bedenklichen Mangel an Urteilsfähigkeit schließen. 
Die ungünstige Beurteilung der Rede Mayers in der „Kölnischen 
Zeitung", die von Karl Vogt herrührt, ist freilich sicher nicht 
als ganz unparteiisch anzusehen und schießt über das Ziel 



105 

hinaus. Karl Vogt erklärt diesen Vortrag „ohne Zusammenhang, 
ohne klare Gedanken, ohne Folgerichtigkeit der Schlußfolge- 
rungen" unumwunden als den Ausdruck eines kranken Geistes. 
Für ihn galt eben jeder Naturforscher, der eine derartige religiöse 
Einstellung bekundete, ohne weiteres aJs verrückt. Mayer, der 
anscheinend diesen Artikel auf der Rückreise in München zu 
Gesicht bekam, nachdem er vorher vollkommen beruhigt über 
den Eindruck seiner Ansprache gewesen war, verfiel im Gast- 
hofe in einen seiner Erregungszustände und wurde von einem 
Bekannten ins Krankenhaus gebracht. Nach einigen Tagen war 
er aber gebessert und konnte ohne Gefahr nach Hause reisen, 

19. Die letzten Schriften. 

Man könnte nun erwarten, daß bei Mayer nach der ge- 
machten trüben Erfahrung auf der Innsbrucker Tagung wieder 
. eine Zeit längeren Stillschweigens folgte. Aber das Gegenteil 
ist der Fall. Er zeigt eine ausgesprochene Neigung, sich in 
Vorträgen mitzuteilen, nun aber in Kreisen seiner engeren Um- 
gebung, die auf Sachverständigkeit kaum Anspruch erheben 
konnten. Zunächst hielt er einen Vortrag „über Erdbeben" in 
Neckarsulni während des Juni 1870. Bei diesem Vortrag ist 
auffallend, daß der Inhalt ganz anders ist, wie es der Titel 
angibt. Was er über die Erdbeben xmd über die vulkanischen 
Erscheinungen im allgemeinen zu sagen weiß, faßt er selbst 
in die folgende kurze Stelle zusammen: ,,Wenn Sie mit mir 
über den jetzigen Zustand der Erde einverstanden sind, daß 
dieselbe nämlich aus einer feuerflüssigen Masse, die nur ganz 
oberflächlich erkaltet ist, besteht, so werden Ihnen die vulka- 
nischen Erscheinungen, welche unser Planet darbietet, nicht 
nur nicht mehr rätselhaft, sie werden Ihnen vielmehr als not- 
wendig vorkommen. Es ist, wie Humboldt sich ausdrückt, 
die Reaktion der im Innern feuerfliissigen Erdmasse (in Wahr- 
heit namentlich gasförmiger Bestandteile) gegen die Ober- 
fläche." Er meint dabei, daß die Zusaramenziehung der Erde 
bei der Abkühlung die Reaktion hervorbringt. Damit verbindet 



106 

er (iaiirij nachdem er mit einer kurzen Darstellung seiner Ent- 
deckung Jes mechanischen Wärmeäquivalents begonnen hat, 
eine Auseinandersetzung über die Einwirkung, welche die Zu- 
sammeiiziehung der Erde auf die Länge des Sterntages aus- 
übt. Er gibt jetzt zu, dali hiedurch die Verlängerung des Stern- 
tages infolge der Wirkung von Ebbe und Flut nicht wettgemacht 
wird. Sodann bringt er die Behauptung, daß die Wärme der 
Erde durch den Zusammenstoß mit einem anderen Erdkörper 
entstanden sei. Höchst bezeichnend ist die folgende Bemerkung 
am Schluß: ,,In der Bibel finden sich zur Erklärung der heute 
besprochenen Gegenstände keine Anhaltspunkte vor, und es ist 
dies ganz dem heiligen Charakter der Schrift entsprechend, 
welche uns erst da Auskunft zu erteilen pflegt, wo uns, was 
aber freilich nur zu oft geschieht, unser eigenes menschliches 
Ingenium atque Judicium im Stiche läßt." Mayer bekennt sich 
mit einem gewissen Trotz zum positiven Christentum und zur 
unbedingten Bibelgläubigkeit. Ihm erscheint, wie er sagt, die 
Religion als die objektive Vernunft und die Vernunft als sub- 
jektive Religion. Das soll wohl heißen: Die christliche Re- 
ligion ist die Offenbarung der unbedingten Wahrheit, von sich 
aus kann jeder nur das erkennen, was seiner Fassungskraft 
entspricht. Der Mensch muß sich an der Hand der Erfahrung 
Seiten lassen, soll sich aber nicht vermessen, zu meinen, so in 
das Wesen der Dinge eindringen zu können. Zum Schhili führt 
Mayer dann gegen den unerwünschlen Kritiker seines Inns- 
hrucker Vortrages einen kräftigen Hieb: „Wenn aber oberfläch- 
liche Köpfe, die sich gerne als die Helden des Tages gerieren, 
außer der materiellen, sinnlich wahrnehmbaren Welt nichts 
Weiteres und Höheres anerkennen wollen, so kann sokti lächer- 
liche Anmaßung Einzelner der wahren Wissenschaft nicht zur 
Last gelegt werden, noch viel weniger aber kann sie derselben 
zu Nutz und Ehre gereichen." 

In demselben Jahre, am 3. November 1870, also mitten 
im Kriege, hielt Mayer noch einen Vortrag im Kaufmännischen 
Verein zu Heilbronn „über die Bedeiitung unveränderlicher 
Größen". Dieser Vortrag steht in seinem geistigen Gehalte 



noch unier dem soeben besprochenen. Er Gesteht in eißem 
Allerlei verscliiodener Bemerkungen, wenn aucli der eigenf- 
liche Zweck wohl nur ilei- war, die Bedeutung des mechatiiachLTi 
Wärmeätiuiv-aieiils aufs neue ziu' G-eltung zu bringen.. „Was 
,Kraft', was ,Wärme' ist", sagt Mayer, „brauiiieu wir niuiit 
zu wissen, aber das müssen wir wissen, wie man die Kraft 
oder Arbeit nach unveränderlichen Einheiten, also nach Kilo- 
grammetern und Kalorien zahlt und daß imd welche (siel) 
unveränderliche Größenbezieltmig zwischen dem Kilogramm- 
meter und der Wärmeeinheit staltHndet. Dieses Wissen ist es, 
welches die Grundlage einer neuen Wissenschaft bildet und 
welches eine Neugestaltung der Naturwissenschaft hervoiruft, 
SU wie die gegenwärtigen Weitereignisse die Politik umgestalten." 
Das ist der Ausdruck eines sehr starken Selbstgefühls. Ahej' 
Mayer ist nicht imstande, den Begriff der unveränderlichen 
Grüße wirklich festzulegen. Dies ist in Wahrheit auch nicht 
ganz leicht, denn Unveräjideriichkeit bat htebei eine sehr ver- 
schiedene Bedeutung. Mayer beachränkl sich im weseritiicben 
darauf, Beispiele für unveränderliche Größen anzuführen. Er 
beginnt damit, zu zeigen, wie das Zeitmaß aus der Umdrehungs- 
zeit der Erde, d. h, der Länge des Stemtages, abgeleitet wird 
und das Raummaß aus den Abmessungen der Erde. Hiebei 
ist auffallend, daß er glaubt, das Meter sei wirklich genau 
der zehimiiliionste Teil des Meridianquadranteii. Noch auf- 
fallender ist, daß er den Druck einer Quecksilbersäule von 
760 mm Höhe, den man auf Grund einer Konvention bei 
Größen, die von dem Druck abhängen, als Norm benutzt, weil 
er angenähert den mittleren Luftdruck im Meeresniveau be- 
deutet, für eine in der Natur festgelegte Konstante ansieht Naiür- 
Uch kommt dann iiei Mayer die aus Gefrier- und Siedepunkt 
des Wassers, also aus den konstanten Eigenschaften eines be- 
stimmten Stoffes abgeleitete Festlegung der Teniperaturmessuiig. 
Auf die Bestimmung der Masseneiiibeit geht er merkwürdiger- 
weise nicht ein. Die Beziehung und der Unterschied von Masse 
und Gewicht ist ihm immer unklar gewesen. Die Schwere- 
beschteunigung g führt er als die Endgeschwindigkeit nach einer 



108 

Sekunde Fallzeii, ein. In welchem Sinne und mit welcher Be- 
schränkung diese Größe als eine Konslante anzusehen, ist 
ihm nicht bewußt. Dagegen legt er den größten Wert darauf, 
daß er diesen Wert durch einen anderen, die Endgeschwindigkeit 
eines aus unendlicher Entfernung aui die Erde fallenden Körpers 
ersetzt habe. Za diesem Werte führt, wie wir gesehen haben, 
eine einfache Rechinuigj die den Wert von g bereits zugrunde 
legt. Mayer ist aber so stolz darauf, diese Rechnung ausgeführt 
zu haben, deren Bedeutung er gewiß überschätzt, daß er damit 
für sich den Anspruch auf einen der Stellung Galileis ent- 
sprechenden, ja noch überlegenen Ruhm begründet. Auf die 
Bezeichnung als „Galilei des 19. Jahrhunderts", die Dühring 
für Mayer anwendet, fällt damit ein eigentümliches Licht. Sie 
scheint fast auf Äußerungen zurückzugehen, die Mayer selbst 
Dühring gegenüber getan hat. Es ist eigentümlich, wie kriiik- 
los Mayer seiner eigenen Leistung gegenültersteht. Er sieht 
sie gar nicht da, wo sie wirklich liegt. Wir können nur sagen, 
daß seine Tat, die Entdeckung des Energiegeselzes, einer In- 
tuition entsprungen ist, die über ihn gekommen ist wie eine 
höhere Eingebung. Alles, was er bewußt erreichen konnte, steht 
so unterhalb dieser Eingebung, daß er sich vergebens müht, 
Klarheit imd System in das Ganze der physikalischen Erkenntnis 
zu bringen, und damit auch zur richtigen Einschätzung seiner 
eigenen Leistung außerstande ist. Im vorhegenden Falle zer- 
läuft seine Darstellung so, daß er auf der einen Seite geo- 
metrische Beziehungen, die Kreismessung und Kreisteilung 
hineinbringt, und auf der anderen Seite auf die Festsetzung 
der Münzeinheilen, deren Willkürlichkeit er gar nicht leugnet, 
eingeht und dabei der heimischen Währung wegen der für 
die Unterteilung besonders bequemen Zerlegung des Guldens 
in 60 Kreuzer ein Lobhed singt. 

Die Neigung, das Verschiedenartigste zu vereinen in dem 
Glauben, damit etwas besonders Wertvolles zu bringen, zeigt 
sich auch in dem Vortrag „über Ernährung", den Mayer am 
13. April 1871 zum Besten der Invaliden Stiftung in Heilbronn 
hielt. Er beginnt mit kosmologisthen Problemen, weil die Spei- 



109 



sung der Sonne mit Meteoriten auch eine Art Ernährung sei, 
er geht dann auf seine physikaiische Theorie ein, die in dem 
Energiehegriff wurzelt, und endet mit Ausführungen über die 
Ernährung s Vorgänge bei Pflanzen und Tieren, die ganz der 
Sohiifl von 184;j entsprechen, indem er nur noch eine Reihe 
von N eben bemerituf Igen einstreut. Einzelnes wirkt höchst merk- 
würdig, wie wenn er die Mosaische Schöpfungsgeschiclite mit 
Goethes Faustprolog zusammenhält und daraus ableitet, daß 
das Somienticht als das ursprünglich Bewegende erscheint^ was 
ans den von ihm selbst angefahrten Stellen gar nicht zu er- 
kennen ist. Dann heißt es weiter: „Der griechische Welhveise 
Aiiaxagoras hat sclion als den letzten Grund aller Bewegmigs- 
erscheinungen den Nus, ein allweises, höchstes Wesen, was 
im Grunde mit dem Johanneischen Logos identisch ist, an- 
genommen, und von diesem Logos, was Luther mit ,Wort* 
übersetzt, läßt sich wieder das lateinische Wort für Licht lux 
ungezwungen (?) ableiten." Mayer war sich wohl gar nicht 
bewußt gewesen, wie dicht er so an eine mystische Theo- 
sophie herangeriet. 

Die üiigeordjietheit, das Fehlen eines durchlaufenden Ge- 
dankenganges, das Zusammenraffen weit auseinander liegender 
Einzelheiten, alles das (ritt in den späteren Vorträgen Mayers 
noch stärker zutage. Am 10. November 1873 sprach er im 
Kaufmännischen Verein zu Heilbronn „über veränderiic)ie 
Größen". Dies sollte natürlich ein Gegenstück zu dem früheren 
Vortrage sein. Es fehlt aber auch hier durchaus ein fester ein- 
heitlicher Gedankengang. Woiil unter dem Eindruck der 
damals gerade herrschenden Gründerzeit beginnt er mit der 
Geldspekulation, die auf der Veränderlichkeit der wirlscliaft- 
liehen Werte beruht. Dann geht er wieder auf die Geschichte 
der Physik ein und kommt dabei auf die allgemeine Gravi- 
tation zu sprechen. Er behandelt insbesondere den emfachsten 
Fall der geradlinigen Bewegmig bei einer punktförmigen an- 
ziehenden Masse, indem er das Problem so stellt, daß die 
Ableitung der Zusammenhänge zwischen den drei dabei in 
Betracht kommenden veränderlichen Größen: Zeit, Fallraum 



* 3 



110 

und Geschwindigkeit als das Ziel erscheint. Die Beziehung 
zwischen Fallraum und Geschwindigkeit ist eine üherraschend 
einfache. Die Zeit aber erscheint als eine sogenannte tran- 
szendente Funktion der anderen Großen, Es kann dann die 
Geschwindigkeit als Funktion der Zeit nicht ohne weiteres 
durch einen geschlossenen Ausdruck dargestellt werden. Das 
alles kommt aber bei Mayer so ujiklar und zum Teil unrichtig 
heraus, daß man nur annehmen kann, er habe die Lösung 
einmal irgendwo gefunden, aber nicht recht verstanden. Dann 
springt er nach einigen Zwischenbemerkungen über die not- 
wendige Beschränkung bei dem Streben nach F.rkenntnis und 
die Gefahren, die in Aberglauben und Mystizismus liegen, plötz- 
lich über zur Ortsbestimmung auf See. Hier wirken offenbar Er- 
innerungen an seine Seefahrt nach. Die Methode der Mond- 
distanzen, die dazu dient, auf See unabhängig vom Chrono- 
meter die (Greenw icher) Zeit und damit die geographische 
Länge zu bestimmen, führt ihn dazu, von der Berechnung der 
Mondhewegung zu sprechen. Dabei verwechselt er die astrono- 
mische Stönmgsreclmung mit der exakten Lösung des Drei- 
körperproblems und nennt seinen Landsmann und Namensvetter 
Tobias Mayer als den, der die Lösung des Problems gefunden 
habe. In Wahrheit hat dieser auf Grund der Eulerschen Ar- 
beiten Mondtahellen berechnet, welche als Grundlage für die 
nautischen Bestimmungen benutzt wurden, was schließlich 
Robert Mayer selbst sagt. Anscheinend ist er durch die Über- 
einstimmung des Namens und der Heimat dazu gekommen, 
auch dem anderen Mayer einen besonderen Entdeckerruhm 
zuzusprechen. Dann geht er unvermittelt zu dem Begriff des 
Zufalles und dem Gesetz der großen Zahlen über, wobei er 
merkwürdigerweise nur Lagrange iieimt (was offenbar auf 
einer Verwechslung der Namen Lagrange und Laplace be- 
ruht, denn Lagrange hat mit dem Gesetz der großen Zahlen 
nichts zu tun) und des weiteren sich auf seinen Freund Rü- 
melin bezieht, der zu sehr Theologe und zu wenig Mathe- 
matiker war, um für die theoretischen Grundlagen der Statistik 
das rechte Verständnis zu haben. So polemisierte er gegen 



111 

t' 

die Bezeichming „Gesetz der großen Zahlen", weil er den 
Begriff Gesetz theologisch oder juristisch als unverbrüchliches 
Gebot und nicht physikalisch als eine feste Regelrnäßiglceit in 
den Erscheinungen, als ein Hilfsmittel zu ihrer exakten Be- 
schreibung faßte. Der Gedanke eines sozialen Gesetzes ist 
Rümelin wie Mayer unsympathisch, weil er die freie Selbst- 
bestimraimg und die Verantwortlichkeit des Menschen vor Gott 
zu durchbrechen scheint. Für den Begriff der Massenerschei- 
nung, welche das Tun und Lassen des einzelnen gar nicht 
antastet, haben sie beide nicht das rechte Verständnis. 

Den Vortrag über veränderliche Größen nahm Mayer gleich 
in die zweite Auflage seiner gesammelten Schriften auf, ja 
er hat ihn vielleicht schon in dem Gedanken ausgearbeitet, 
derart einen gewissen Abschluß in seinen Arbeiten zu erreichen. 
Es besteht aber ein eigentümhcher Gegensatz zwischen der 
Originalität der ersten Aufsätze und dem Dilettantismus der 
letzten Schriften. Aus dem Manne, der mit eiserner Beharrlich- 
keit, allen Hindernissen äußerer und, innerer Art zum Trotz, 
ein Ziel verfolgt, ist ein harmloser Sonderling geworden, der 
aufgelesene Weisheitsbrocken ohne rechten Sinn und Zu- 
sammenhang ausstreut. Die letzten Aufsätze Mayers grenzen 
beinahe ans Törichte. So hat er 1875 einen ganz kurzen 
Artikel über die Torricellische Leere im „Würltembergischen 
Staatsanzeiger" veröffentlicht, in dem er die Behauptung auf- 
stellt, der Raum in der Baroraeterröhre über dem Quecksilber 
könne nicht ganz leer sein, weil er das Licht ja leite. Queck- 
silberdämpfe könne er auch nicht enthalten, dazu sei er zu 
durchsichtig, es müsse also Luft darin sein. Diese Luft rühre 
davon her, daß zwischen Glas und Quecksilber eine sehr dünne 
Luftschicht bleibe, die auch die Ursache für die fehlende 
Adhäsion des Quecksilbers bilde. Diese Luftschicht dehne sich 
aus, wenn das ursprünglich die ganze Röhre einnehmende 
Quecksilber beim Umkippen der Röhre fällt, und fülle den 
entstehenden leeren Raum. 

Im Jahre 1876 erschien von Mayer, ebenfalls im „Staats- 
anzeiger", ein Aufsatz „über Auslösung". Man ist zunächst 



112 

geneigt, diesen A\ifsatz höher einzuschätzen, denn der zugrunde 
liegende Begriff ist sehr wertvoll für eine klare Auffassung 
der Naturerscheinungen. Aber es zeigt sirh doch, daß, was 
gut und echt daran ist, aus der früheren, schöpferischen Zeit 
Mayers stammt^ und daß er die in ihm haften gebliehenen 
Erinnerungen nicht einmal mehr recht verwerten kann. Er 
hatte im Briefwechsel mit Grieainger einst das Wort Aus- 
lösung für die Zusammenfiäiige in den Naturerscheinungen 
gebraucht, wo ein Vorgang eine zu ihm in gar keinem Größen- 
verhältnis stehende Folge nach sich zieht. Für Mayer ist nicht 
der zündende Funke die Ursache der Explosion, sondern die 
in den Molekülen des Sprengstoffes aufgespeicherte innere 
Energie, die bei dem geringsten Anstoß frei wird und in die 
Wärme und die Äusdehnungsarheit der entstehenden Gas- 
masse übergeht. Zwischen Ursache und Wirkung bestehe eine 
Größenheziehung, die in dem Satze: Causa aequat effectum 
ausgedrückt sei, der rein äußerhebe Anstoß zum Eintrelen 
einer Veränderung dürfe nicht mit der Ursache verwechselt 
werden. Diese an sich klaren Gedanken vermochte Mayer aber 
hei der Abfassung seines letzten Aufsatzes nicht mehr deullich und 
faßlich darzustellen. Er weiß nun nichts zu sagen, als daß bei Aus- 
lösungen überhaupt nicht mehr nach Einheiten zu zählen sei, 
was wohl beißen soll, daß ihre quantitative Bestimmung 
ohne Bedeutung ist. Daß der Funke, der in eine explosive 
Masse fällt, das typische Beispiel einer Auslosung ist. führt 
er auch jetzt an. Aber er irrt sofort ab, indem sich ihm durch 
das S c hi 1 1 e rsche „Freude, schöner Götterfunke" der Zu- 
sammenhang von Auslösung und Lustgefühl darbietet, erdenkt 
dann plötzlich an die Auslösung im psychologischen und physio- 
logischen Sinne, die doch wieder etwas Anderes, nur durch 
das gleiche Wort Bezeichnetes bedeutet. Alle Auslösungen 
machen Freude, meint Mayer. Physiologische Auslösungen in 
höchster Potenz seien die sexuellen Verrieb lungen, und diese 
sind mit dem stärkslen Lustgefühl verbunden. Dann zieht er 
aber wieder die physikahsche Auslösung berein, indem er sagt, 
das bei dieser sich bemerkbar machende Mißverhältnis von An- 



113 

laß und Folge sei es, was Freude bereite. Der Mensth erziele 
gern mit kleinen Mitteln große Wirkungen. Deshalb mache 
das Abfeuern von Schußwaffen Vergnügen. Nun springt er 
aber von diesem harmlosen Geknalle, bloß geleitet durch das 
Bild des Abfeuerns von Schußwaffen, auf die Mordanschläge 
über, bei denen die erzielten großen Wirkungen verbrecherischer 
Art sind. Ein rechter Zusammenbang ist in alledem ebenso- 
wenig za erkennen, wie in den eingestreuten Zitaten aus 
Goethes „Faust" und Schillers „Wailenstein". Von den 
chemischen Auslösungsvorgängen führt Mayer nur die Ferment- 
wirkungen an. Natürlich geht er auch auf die Nervenreize als 
Auslösung der Körperbewegungen ein. Aber nun schlägt der 
Gedanke wieder um. Er bringt Nervenreiz und Nervengereizt- 
heit zusammen, und diese zweite wiedenmi mit seiner Lieb- 
lingsidee, den Wärmeerscheinungen im lebenden Körper. Er 
sieht deshalb Störung der Wärmeregulation als wesentliches 
Moment bei Neurosen an. Mit den Neurosen, die er natürlich 
von Psychosen nicht scheidet, ist er aber wieder bei dem, was 
ihn am meisten innerlich beschäftigte, seiner eigenen, angeb- 
lichen Krankheit und der ihm widerfahrenen Behandlung. Und 
nun poltert er los: „Es geht aus dem Gesagten, wie ich hier 
beiläufig bemerken will, auch klar hervor, wie verkehrt es ist, 
wenn man in unverantwortlichem Schlendrian bei psychischen 
Leiden und geistigen Störungen, welche ohnedies keinem Sterb- 
lichen je ganz erspart bleiben, die so nötigen Auslösungen (als 
solche sieht er also die Anfälle an) auf brutale Weise mit 
Zwangsjacken, Zwangsstühlen und ZwangsbeUen unterdrückt. 
Freilich ist dies eine sehr becjueme Methode, indem solche gar 
keine Kunst erfordert. Dieselbe gereicht aber erfahrungsgemäß 
in allen Fäilen den so Mißhandelfeen zu großem Nachteile und 
läßt im günstigsten Falle (wie bei ihm selbst) ein bleibendes 
Gefühl von Verbittening zurück. Möge, wer derartiges, un- 
sinniges Zeug anzuwenden imstande ist, nur nicht auf den 
Titel eines gewissenhaften Arztes Anspruch erheben!" 

Hienach läßt sich wohl klar erkennen, daß auch in dieser 
letzten Arbeit außer dem einer früheren Zeit entstammenden, 

TimerdiDg, Robert Usfer. B 



114 

aber jelzt völlig verwirrten und verdrehten Grundgedanken 
nur ein buntes Allerlei wissenschaftlich wertloser Bemerkungen 
zu finden ist. AVenn man nun aber erfährt, daß Mayer sich mit 
einer Erweiterung dieser Abhandlung um den Bressa-Preis der 
Turitier Akademie bewerben wollte, so wird man ermessen 
können, wie stark doch der inzwischen eingetretene geistige Ver- 
fall bei ihm gewesen sein muß. 

20. Zusammenfassung. Mayers Ende. 

Wemi man danach den Verlauf von Mayers geistiger Tätig- 
keit verfolgt, so bietet sich folgendes Bild dar: Ein nicht schlecht, 
aber absonderlich veranlagter Knabe hat in der Schule er- 
hebliche Schwierigkeiten, versagt in den spracbbchen Fächern 
und kommt nur in den realistischen Fächern vorwärts. Herau- 
gewachsen, absolviert er sein medizinisches Studiima, das seinen 
Neigungen und Fähigkeiten entspricht, mit gutem Erfolg, ohne 
sich besonders auszuzeichnen. Da keimen in ihm während 
einer einjährigen Seereise, die er als Schiffsarzt macht, völlig 
neuartige Ideen auf, die ihn von seinem Fachgebiet auf eine 
besondere Erfassimg der gesamten Naturvorgänge hinlenken. 
Er fiUirtj heimgekehrt, in siebenjähriger Arbeit sein Werk durch, 
soweit es seine wissenschaftücbe Ausbildung erlaubt, und 
schafft dadurch eine neue Grundlage für die physikalische 
Naturbetrachtung. Dann ist die Zeit des selbständigen Schaf- 
fens mit einemmal zu Ende, Es folgt ein zwölfjähriges Schwei- 
gen, und was dann noch kommt sind Gelegenheitsschriften 
ohne bedeutenden Inhalt, die ein Gemisch von allerhand Be- 
trachtungen und Bemerkungen zeigen und mit zunehmendem 
Alter immer ungeordneter und wirrer werden. Man könnte 
diesen Verlauf im groben darstellen durch eine Kurve, die 
ütier einer geraden Grundlinie erst langsam ansteigend ver- 
läuft, dann vom 26. bis 34, Lebensjahre eine starke Schwel- 
lung erfährt, hierauf wieder fällt und nun bis zum Ende mit 
einer immer mehr merklieben Senkung weilergeht. Diese Dar- 
stellung gibt aber nur die quantitative Schätzung, die bei In- 



telligenzleistungen lediglich eine erste allgemeine Wertung be- 
deutet und durch die qualitative Schilderung ergänzt werden 
muß. Wenn man das nicht für bloße Spielerei halten will, 
so möchte ich diese qualitative Schilderung dadurch zur Gel- 
tung bringen, daß ich den Zwischenraum zwischen der Kurve 
und der Grundlinie farbig anlege. Ich sehe dann aus dem 
anfänglichen Weiß eine geJbe Tönung entstehen, die durch 
Orange am Anfang der Schwellung in Rot übergeht, und 
immer noch innerhalb der Schwellung das Rot sich plötzlich in 
ein Grau verwandeln, das am Ende der Schwellung eine blaue 
Tönung annimmt, die mehr und mehr zu Violell sich verlieft. 
Ohne Vergleich gesprochen ist der Anfang der Schwellung durch 
eine starke Phantastik, eine mystische Färbung charakterisiert, 
die sich dann verliert, aber in anderer Form später wieder 
auftaucht, zunächst in Anlehnung an die biblische Offenbarung, 
gegen das Ende hin aber wieder einen Einschlag undogmatisch 
mystischer Auffassung erfährt. 

Wenn man nim diesen Verlauf mit den Krankheitserschei- 
nungen zusammenhält, so findet man am Anfang der Schwel- 
lung die ersten, nur aus Mayers eigenen Angaben z« erkennen- 
den Symptome, die aber über die Art der Krankheit kaum noch 
einen Zweifel lassen, im ersten Teil der Schwellung, da, wo 
die rote Tönung angenommen wurde, einen Zustand hypo- 
manischer Färhimg, der allmählich in ein durch äußere Um- 
stände begründetes ruhiges Glücksgefülil übergeht. Am Ende 
der Schwellung stehen wachsende Erregungszustände, dann 
erfolgt der volle Ausbruch der Krankheil, und es bleibt die 
Senkung der Intelligenzhöhe bei den nun folgenden weilen- 
förraigen Bewegungen der psychischen Zustände gleichmäßig 
besteben, nur gegen das Ende macht sich ein weiterer, deut- 
lich ausgesprochener Abfall fühlbar. 

Am Ande des Jahres 1877 wurde Mayer von einem un- 
erwarteten Angriff getroffen, den Helmholtz in seiner Rede 
„tjber das Denken in der Medizin" gegen ihn richtete, ohne 
Namensnennung, aber doch mit deutlichem Hinweis auf Mayers 
Person. Helmholtz sagte: ,,Oberflächliche Ähnlichkeilen finden 

8* 



113 

sicli leicht. Unter einer großen Anzahl solcher Fälle werden ja 
auch wohl einigo sein müssen^ die sich schließlich als halb 
oder ganz richtig erweisen. In einem solchen Glücksfalle 
kann man sein Prioritätsrecht auf die Entdeckung laut geltend 
machen, wenn nicht, so bedeckt glückliche Vergessenheit die 
gemachten Fehlschlüsse. Die jetzige Art, Prioritätsfragen nur 
nach dem Datum der ersten Veröffentlichung zu entscheiden, 
ohne dabei die Reife der Arbeit zu beachten, hat dieses Un- 
wesen sehr begünstigt." Gegen diese Bemerkung, mit der Helm- 
holtz einen vorher bereits aufgegebenen Prioritätsanspruch 
für sich geltend zu machen suchte, indem er behauptete, die 
erste reife Darstellung des Energiegesetzes gegeben zu haben, 
wandte sich Mayer bei einer Besprechung des Vortrages in den 
„Memorabilien", indem er ruhig hervorhob, daß seine erste 
skizzenhafte Veröffentlichung 1842 nur den Zweck gehabt habe, 
sich das Prioritätsrecht zu sichern. Die näheren Ausführungen 
habe er dann 1845 gegeben. Zweifellos ist Mayer hiemit Helm- 
holtz gegenüber im Rechte. Der Einwurf, den Helmholtz 
macht, daß ein Phantast, der sich allerhand aussinnt, dabei 
auch einmal etwas Richtiges und Wertvolles treffen könne, 
paßt auf Mayer nicht. Das Energiegesetz ist nicht ein zu- 
fälliger Einfall von ihm, sondern bildet den Kern fast aller 
seiner Überlegungen. Es ist wahr, daß die Ideen bei Mayer sich 
nicht als Frucht eines längeren Nachdenkens entwickeln, son- 
dern plötzlich hervorspringen, durch eine Fähigkeit des 
inneren Schauens erzeugt. Wenn wir uns den Zusammen- 
hang seiner Entdeckung mit seinen Krankheitszusl-anden über- 
legen, so können wir uns des Schlusses nicht erwehren, daß 
seine Entdeckung und seine Krarikbeit beide auf demselben 
Nährboden einer bestimmten psychischen Veranlagung er- 
wachsen sind. Erst mit den ersten, deutlich merkbaren Krank- 
heitserscheinungen treten die ihn leitenden Grundgedanken auf, 
diese Gedanken überfallen ihn plötzlich, als die Depressionen 
einem euphorischen Zustande weichen, sie lösen die Gedrückt- 
heit ab in einem beglückenden Gedanken, dem Gedanken: „In 
allem Leben, in allem Geschehen flutet eine unversiegbare 



il?: 

Kraft, die der Ausfluß eines über der Welt waltenden höchsten 
Wesens ist." Dieser Gedanke wird gleichsam der feste gedank- 
liche Unterbau seines Gott Vertrauens, er entstammt dem see- 
lischen Bedürfnis, in den Schwankungen seiner Gemütszustände 
einen festen Hall zu gewinnen. 

Daß der Gedanke weiter reifen konnte, lag in den glück- 
lichen Umständen, die in der Heimat Mayers Leben zunächst be- 
gleiteten, und umgekehrt gab ihm die Notwendigkeit, sich zu 
konzentrieren, alle Geisteskräfte auf die beharrliche Arbeit an 
einem Gegenstande zu wenden, auch wieder eine seelische 
Stütze. Die Wissenschaft war fast für ihn an die Stelle der 
Religion getreten, und es ist zu begreifen, daß er, als die 
Wissenschaft ihn verließ, als ihm in der großen seehschen 
Not der Mut und die Kraft zur Weiterarbeit fehlte, sich wieder 
der Religion, nun freilich schon in einer stellenweise waJm- 
haft gefärbten Form, zuwandle. Als die Krankheit, wieder etwas 
abebbte, trat auch für ihn aufs neue die Wissenschaft neben 
die Religion, und es war nun sein Bestreben, beide nicht 
bloß in sich, sondern auch in der allgemeinen Geltung zu 
vereinen. Weil dies der ihn ganz und gar erfüllende Gedanke 
war, konnte er in Innsbruck nicht unterlassen, seine eigene 
Stellung zur Religion kundzugeben und ihre unbedingte Zu- 
gehörigkeit zur Wissenschaft zu betonen. 

Aber er vermochte das Problem nicht mehr an der Wurzel 
zu fassen, weil er der eigentlichen Forschung zu sehr ent- 
fremdet war. Seine innere Einstellung war auch nicht der- 
art, daß er die Synthese von Wissenschaft und Religion objek- 
tiv verfolgen konnte. Wissenschaft und Religion fielen in 
Wahrheit doch für ihn auseinander. Die Religion kam erst 
für ihn da in Betracht, wo die Wissenschaft aufhörte, sie 
berührte weniger seine Anschauung von der Natur als den 
Bereich des seelischen Erlebens und des rechten Handelns. 
Er suchte die innere Gemeinschait mit Gott, und Gott war ihm 
wesentlich Helfer und Tröster in seinen eigenen Herzensnöten. 
Eine Zeit lang war er durch einen Versündigimgswahn ge- 
peinigt, und die Hauptsache war ihm die Gewißheit, Vergebung 



I' 



118 

für seine Verfehliu^en, den Mangel an Demut und die herrische 
Vergewaltigung seiner Umgebung, zu erlangen. Dann aber dachte 
er weniger an das, was er selbst nicht recht gemacht hatte. 
als an das, was an ihm gesündigt worden war^ und selbst 
gegen die ihm am nächsten stehenden Menschen richteten sich 
seine ungerechten Anklagen. 

Über dem Ende seines Lebens liegt aber doch der Friede 
der ruhigen Ergebung und die herzliche Gemeinschaft mit Frau 
und Kindern. Im Jahre 1877 entwickelte sieh bei ihm eine 
tuberkulöse Anschwellung am rechten Arm. Er stellte sich 
selbst die Diagnose, und da ihm das Schicksal seiner Mutter 
vor Augen stand, mußte er das Schlimmste befürchten. Der 
Rückschluß auf eine zugrunde liegende Lungentuberkulose lag 
um 30 näher, als seine Lungen schon früher derartige Sym- 
ptome gezeigt hatten imd Dr. Hussell in Kennenburg bereits 
zur Vorsicht gemahnt hatte. Am Ende des Jahres entwickelte 
sich denn auch dieses Leiden, und Mayer starb am 20. März 
1878 an Alters tuberkulöse. Er war während des Krankenlagers 
mild und liebenswürdig wie in den ersten Jahren seines häus- 
lichen Glücks. Die Beerdigung fand an Kaisers Geburtstag unter 
großer Beteiligung statt, die städtische Behörde hatte für die 
Begräbnisstunde die Einziehung der Flaggen angeordnet. An 
seinem Grabe hielt sein Freund Rümelin die Gedächtnisrede. 

Mayer war von mittlerer Größe und wohlgebaut, eher 
schlank als mitersetzt, ohne aber den Eindruck von Schwäch- 
lichkeit zu machen. Die Körperhaltung war vornübergebeugt 
und selbst beim Sitzen etwas gekrümmt, die kleinen, braunen, 
unter dichten Augenbrauen liegenden enggeschlitzten Augen 
blickten lebhaft und funkelten hinter der Brille hervor. Aus den 
letzten Lebensjahren wird eine dämonische Macht des Blickes 
hervorgehoben, es war aber wohl die unausgesetzt vibrierende 
Unruhe des psychisch Aifizierten, was diesen Eindruck hervor- 
rief. Die Gesichtszüge waren unschön, gewannen aber beim 
Sprechen durch die Lebhaftigkeit des Ausdruckes. Eigentümlich 
war der etwas große, scbraallippige Mund, der, wenn er ge- 
schlossen war, als eine schnurgerade Linie quer durch das Ge- 



sicTit lief und diesem einea ausgesprocheo sarkastischen Aus- 
druck verlieh. Die (iesichtszüge waren in den späteren Lebens- 
jahren stark verwittert. Der Bart lief als ein schmaler Saum 
Tim das ausrasierte Gesicht, so wie ihn Seeleute zu tragen 
pflegen. In der Kleidung war er immer sehr einfach, aber 
nicht unordentlich. Wenn er nicht von einem Gespräch gefesselt 
wurde, war er fast immer in Gedanken versunken, und wenn 
er allein durch die Straßen ging, blickte er stets versonnen 
vor sich hin. Im Verkehr war er gewöhnlich heiter, freundlich 
und voll Wohlwollen. War er in Stimmung, so konnte er be- 
strickend hebenswürdig und von einer kindlichen Unmittelbar- 
keit sein. Geriet er in Eifer, so sprach er sehr lebhaft und 
schnell, mit überraschenden Gedankensprüngen und ausdrucks- 
vollen Gebärden. Mülberger führt eine unnachahmliche, sehr 
energische und charakteristische kreisende Bewegung des 
Unterarmes an, mit der er iiin sförende oder langweilende Ge- 
sprächsgegenstände abzubrechen pflegte. Er liebte schlagende 
und scharf zugespitzte Wendungen, und schätzte kurze tref- 
fende Bemerkungen auch bei anderen. Er sprach stark schwä- 
bisch, und legte auch vor Nichtwürttembergern die heimische 
Mundart nicht ab, so daß er diesen schwer verstäjidlich war. 
Wie er in den Anfällen seiner Krankheit war, braucht nicht 
aufs neue geschildert zu. werden. Die Krankheit legte aber einen 
düsteren Schatten über sein ganzes Leben. Daß man ihn wie 
einen Verbrecher oder ein wildes Tier gefesselt hatte, empfand 
er als eine unauslöschliche Schmach. Wir haben schon gesagt, 
daß diese Behandlung nur in den damals noch unvollkommenen 
Anschauungen über die einzuschlagenden Verfahren begründet 
und Mayer gegenüber sicher verfehlt war. Der Hauptsache 
nach ist aber Mayer ein Opfer des unglückseligen Vorurteils 
geworden, das in der Geisteskrankheit eine Schande sieht, 
wie man sie früher in einzelnen körperlichen Krankheiten, 
z. E. dem Aussatz, erblickte. Wir wissen, daß dieses Vor- 
urteil mit allen Mitteln zu bekämpfen ist, weil es wie ein 
furchtbares Verhängnis über den Menschen liegt, deren see- 
lische Beschaffenheit zeitweise ein« Absonderung von ihrer 



gewöhnlichen Umgebung notwendig macht, und weil es nur 
dazu dient, diese Menschen dauernd unglücklich zu machen 
und ihre Besserung zu erschweren. 

Es ist aber auch eine Folge dieses Vorurteils, daß, wo 
eine bedeutende Leistung vorliegt, die Annahme einer Geistes- 
krankheit oder psychopathischen Veranlagung aufs heftigste ab- 
gewehrt wird, selbst wenn die Tatsachen sie unwiderleglich 
beweisen. So war es auch hei Jlayer der Fall, obwohl auf der 
anderen Seite gerade bei ihm die vorhandene Psychose mehr, 
als es eigentlich nötig war, hervorgehoben ist, meist dann mit 
dem Zusatz, daß er infolge der Verkennung seiner Leistungen 
verrückt geworden sei. Was allein am Platze ist, scheint mir 
die klare Feststellung des wahren Sachverhaltes zu sein. Und 
dabei zeigt sich, mag man es nun als tröstlieh oder betrübend 
ansehen, daß zwischen Mayers Krankheit und seiner Ent- 
deckimg ein innerer Zusammenhang besteht, daß er zu der von 
ihm vollbrachten Leistimg nur imstande war, weil er die be- 
stimmte seelische Anlage in sich trug, die später zu seiner 
Geisteskrankheit sich auswuchs. Diese Leistung setzte eine 
seelische Übersteigerung voraus, die er nur erreichen konnte, 
weil in ihm eine Spannung war, die hier sich glücklich aus- 
wirkte, aber nachher vielleicht nur infolge einer Häufung stören- 
der Reizungen zum Ausbruch der Geraütskrankheit sich 
steigerte, vielleicht aber auch mit Notwendigkeit zu schweren 
l)sychischen Störungen führen mußte. Hinsichtlich dieser Ver- 
bindung von Genialität und Psychose steht aber Mayer keines- 
wegs vereinzelt da. Im Gegeuteil, eine ganze Reihe großer 
Geistestaten, hervorragender Dichtimgen und Kunstschöpfungen 
sind von Menschen vollbracht worden, an denen eine Psychose 
unverkennbar hervorgetreten ist, und sind nur im Zusammen- 
hang mit ihrer abnormen seelischen Struktur völlig zu ver- 
stehen.