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Full text of "Tagebuch eines halbwuchsigen Mädchens [3.Auflage]"

TAaEBUCH 

EINES 

HALBWÜCHSIGEN 

i^ABCHENS 




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INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

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DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



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CrtJELLENSCHRIFTEN ZUR SEELISCHEN ENTWICKLUNG 

NR. I 



TAGEBUCH EINES 

HALBWÜCHSIGEN 

MÄDCHENS 

(VON H— 14Va JAHREN) 



HERAUSGEGEBEN 

VON 

D«- HERMINE HUG-HELLMUTH 



DRITTE AUFLAGE 

(6.— 10. TAUSEND) 




INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 
LEIPZIG WIEN ZÜRICH 



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«i. 



Sämtliche Rechte, 
insbesondere das der Übersetzung in alle Spradien. vorbehalten 



^ Copyright 1922 

by Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H., Wien 



Ein Teil diesei Dritten Auflage wurde auf bcBserem, holzfreiem Papier 

breitrandig gedruckt 



Gedruckt bei K. Liebel, Wien 



GELEITWORT 



In den vorliegenden Blättern gelangen die Aufzeichnungen eines halb- 
flüggen Mädchens aus vornehm-bürgerlicher Familie zur Veröffentlichung. Ich 
weiß ihnen kein schöneres Geleite zu geben als die Worte, in die Herr 
Professor Dr. Freud ihren Wert als Kulturdenkmal unserer Zeit in seinem 
Brief an mich vom 27. April 1915 faßte: 

„Das Tagebuch ist ein Heines Juwel PTirMich, ich glaube, noch niemals, 
hat m"an in solcher Klarheit und Wahrhaftigkeü in die Seelenregungen hinein^ 
hlic-ken hönnm, ludche die Entwicklung des Mädchens unserer Gesellschafts- 
und Kulturstufe in den Jahren der Forpubertät kennzeichnen. Wie die Gefühle 
aus dem kindlich Egoistischen hen^orimchsm, bis sie die soziale Reife erreichen, - 
wie die Beziehungen zu Eltern und Geschoistam zuerst aussehen und dann 
allmählich an Ernst und Innigkeit gewinnen, wie Freundschaften angesponnen 
und verlassen werden, die Zärtlichkeit nach ihren ersten Objekten tastet, und 
vor allem, wie das Geheimnis des Geschlechtslebens erst verschwommen auftaucht, 
urn dann von der kindlichen Seele ganz Besitz zu nehmen, wie dieses Kind 
unter dem Bewußtsein sänes geheimen Wissens Schaden leidet und ihn all- 
mählich überwindet, das ist so reizend, natürlich und doch so ernsthaft in 
diesen kunstlosen Aufzeichnungen zum Ausdruck gekommen, daß es Erziehern 
und Psychologen das höchste Interesse einflößen muß. 

. . . Ich meine, Sie sind verpflichtet, das Tagebuch der Öffentlichkeit 
zu übergeben. Meine Leser luerden Ihnen dafür dankbar sein . . . 

Bei der Herausgabe dieser Blättpr wurde nichts beschönigt, nichts dazu- 
getan oder wesrgelassen. Die Änderungen beziehen sich einzig auf die Un- 
kenntlicbmadiung der Personen durch die Wahl anderer Orts-, Familien- und 
Vornamen, durch die Verwisdiung all dessen, was Eingeweihte auf die Spur 
der Schreiberin führen könnte. Damit erfülle ich den Wunsch der Eignerin des 
Tagebuches, die mir diese Aufzeidinungen zu freier Verwendung im Dienste 
der Wissenschaft überließ. 

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1 

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j Q^ilcs und Verstoße gegen 
• ... -7:r„- Tin^Henheiteii des Stiles una . 

Es wurden auch die Wemc" überwiegenden Teil nicn 

a,e Rclua,«ib.„g »eibeh.Ue„ Denn .- -/^/-.^^X/, des Wo*. » 

betrachte«, sondern als Auu s K.«„ißten zu werten. 

j ™ \X/irken des Unbewußte» 
leistungeii aus dem Wirken u 



Wien, im Herbst 1919. 



DIE HERAUSGEBERIN 



IV 



^ 



ZUM GELEITE DER ill. AUFLAGE 



Das „Tag-ebuch eines halbwüclisig^en Mädchens" hat allevorten ein 
so starkes wissenschaftliches und auch rein menschliches Interesse gefunden, daß 
der Wunsch der Leser, etwas über den Eindruck, den die Schreiberin im 
persönlidien Verkehr machte, über ihre Veranlagung, ihren Charakter und endlidi 
über ihr weiteres Schicksal zu hören, ein gut begreiflicher ist. Allerdings geben 
die Tagebudiblätter auf alle diese Fragen mit Ausschluß der letzten besser 
Auskunft, als es der Schilderung eines anderen gelingen konnte. Weil man aber 
meinte, über diese Punkte nicht genug erfahren zu haben, so wollte man zumindest 
den Namen der Herausgeberin kennen. Insofern dieser Wunsch dem entspringt, 
sicli dadurch gewissermaßen wenigstens eine Bürgschaft für die Unverfälschtheit 
der Aufzeichnungen zu sichern, ist er verstandlidi und niclit unbereclitigt ; tauchten 
doch da und dort Zweifel in dieser Richtung auf, die durch die Anonymität 
der Herausgeberin an Bereditigomg zu gewinnen sdiienen. 

Triftige Gründe persönlicher Natur hinderten mich bislang, für die Echt- 
heit des Tao'esbuches mit meinem Namen einzustehen, ein Umstand, 
der mir deshalb weniger schwerwiegend erschien, weil ja der größere Name 
Professor Freuds dafür bürgte. 

In der Zeit nadi dem Druck der 2. Auflage sind die persönlidien Gründe 
weggefallen und ich empfinde es als Befreiung, meinen Namen als Heraus- 
geberin nicht länger versdiweigen zu müssen. Und damit kann ich auch das 
Verlangen vieler, Über die Sdireiberin des Tagebudies einiges zu erfahren, was 
in den Aufzeichnungen nicht enthalten ist, erfüllen. Dem wissenschaftlichen 
Interesse werden die Angaben, die idi machen kann, ohne das Verspredien der 
Verschwiegenheit zu brechen, genügen, müßige Neugierde freilich wird un- 
befriedigt bleiben. 

Das Mädchen stand niemals in psychoanalytischer Behandlung. Idi lernte sie 
als 19iährige kennen, als sie sich, in einer Wiener Pension lebend, zur Ablegung 

V 



der Gyrnnasialiratura vorbereitete und midi, da sie von gemeinsamen Bekannten 
gehört hatte, daß auch idi diese Prüfung nach privatem Studium abgelegt hatte, 
über Wege und Dauer der Ausbildung um Rat fragte. Schließlich bat sie mich, 
sie vi^enigstens in einigen Fäcliern (Deutsdi, Mathematik, Physik und Psycho-' 
logie) selbst vorzubereiten. In dem Jahre gemeinsamen Arbeitens lernte idi 
in ihr einen um ihres ehrlichen Charakters willen liebenswerten Menschen 
kennen. Von einnehmendem Äußern, heiterer Sinnesart und gefälligen Umgangs- 
formen, wird sie eine 'recht sympathische Erscheinung. Ihre geistige Begabung 
ging keineswegs über das Mittelmaß Jiinaus, ja manchmal madite sie mir den Ein- 
druck, als sei sie irgendwie in ihrer intellektuellen Entwicklung stedcen geblieben. 
Eine gewisse Fahrigkeit und Ungeduld kennzeiclineten neben dem Ehrgeiz, hinter 
anderen nicht zuriidczustehen, ihr Wesen. Stärker als dieser Ehrgeiz war aber 
ihre Abneigung gegen andauernde geistige Anstrengung und so gab sie den Plan, 
die Matura abzulegen, wieder auf. Nur die Vorträge über Psychologie hatten ihr 
Interesse wirklich gefesselt und mauclierlei Erinnerungen aus ihrer Kindheit wadi- 
gerufen, ohne daß ich aber aus den gelegentlichen Mitteilungen über ihr Ver- 
hältnis zu Schwester und Bruder und zu den Eltern, zu' Freunden und zur 
Schule ein klares Bild ihres Familienlebens hätte gewinnen können. Daß diese 
Bruchstücke mir spater einmal wertvoll sein werden, wußte ich damals nicht. 

Wir blieben in oberflädiHchem freundlichen Verkehr. Zwei Jahre später 
brachte sie mir zugleich mit der Mitteilung ihrer Verlobung ein Bündel Tage- 
bucliblätter, die sie ursprünglich am Wendepunkt ihres Lebens als „wertlose 
Kinderei" hatte vernichten wollen, dann aber, da sie sidi meines Interesses für 
das kindHche Seelenleben erinnerte, mir zur alifälligen Verwertung zu über- 
geben beschloß. Es war ein reckt umfangreiclies Paket Zettel verscliiedenen 
Formats, zerknittert, teilweise verwischt, oft unleserlich in dem echten Gekritzel 
einer flüchtigen Kinderhand. Da mir nicht selten von jugendlichen Analysanden 
Niederschriften von Herzensergüssen in Prosa und Poesie zur Verfügung ge- 
stellt werden, die sich in der Regel als recht wenig wertvoll, weil gekünstelt 
und auf Effekt berechnet, erweisen, ging ich mit einer gewissen Skepsis fiis 
Lesen, Je tiefer ich aber in die Lektüre kam, desto wertvoller erschienen mir 
diese, nach Schrift, Inhalt und stilistischer Entwicklung unzweifel- 
haft unverfälschten Aufzeichnungen eines kaum halbwüchsigen 
Mädchens. In diesem Sinne schrieb ich ihr; die darauf bezüglichen Stellea 
ihrer Antwort nahm ich in das Geleitwort der 1., bezw. der 2. Auflage 
des Tagebuches auf. 

Das Mädchen hat kein glückliches Ziel erreicht. Bei Ausbrucli des Krieges 
ging die jung Verlobte, die gehofft hatte, das Weihnachtsfest 1914 an der Seite 
des geliebten Mannes im eigenen Heim zu verleben, als Krankenpflegerin auf 
den serbischen Kriegsschauplatz. Körper und Seele waren aber den ungeheuren 



VI 



Anforderungen des Pflegedienstes nicht gewadisen; sie erlag dem Ansturm der 
Erlebnisse in ihrem neuen Wirkungskreis. 

Die Nachricht von ihrem frühen Tode kam erst nach mehr als Jahresfrist 
auf Umwegen zu mir, da ich niemanden ihrer Angehörigen kenne. — 

EndHch ein Wort an die Kritik des Tagebuches. Die meisten Referenten 
würdigen seine Bedeutung als „Kulturdenkmal unserer Zeit" in vollem Umfang. 
Neben dieser in der weitaus überwiegenden Zahl verständnisvollen Kritik treten, 
wie schon bemerkt, Zweifel an der Editheit des Tagebuches auf. Der eine 
und andere bemüht sich, mit mehr oder weniger Scharfsinn nachzuweisen, daß 
es sich um eine gut gelungene Mystifikation, um eine Reproduktion der 
Kindererlebnisse von der Hand einer Erwachsenen handle, Cyril Burt, der 
heftigste Kritiker des Tagebuches, zweifelt im British Journal of Psycho- 
logy (August 1921) zunächst die Ausdauer der Schreiberin als für ein 
11 — 14'/2iähriges Kind reclit ungewöhnhch an, er berechnet, daß im Durch- 
sdinitt 400 Worte auf die Stunde — „eine gute Leistung für ein Kind!" 

kommen und findet die Kontinuität der Eintragungen bei der durch die 

neugierige inquisitorische Schwester" und die ,, ängstliche Mutter" gebotenen 
Heimlichkeit höchst unwahrsdieinlich. Er hebt besonders den „logischen Aufbau 
der Eintragungen und der Einwände gegen die elterlichen Ansichten" zweifelnd 
hervor, es erscheint ihm das Tagebuch „merkwürdig zusammenhängend" und die 
„fast dramatisdie" Einführung der Personen, die jede Fußnote überflüssig 
mache, gekünstelt. Bei diesen Einwendungen übersieht der Kritiker die typische 
Einstellung des Kindes zur Umwelt: Aus Eifersucht auf die ältere Schwester 
ermüdet die Elfjährige niclit, es ihr gleichzutun und, was anfangs sicher nicht 
selten fÖrmlicli als lästiger Zwang empfunden sein mochte, wird allmählich zur 
Gewohnheit, zum Bedürfnis. Daß Kinder bei Führung eines Tagebuches in der 
Regel von einer fast peinliclien Gründlichkeit in der Angabe der Personen und 
ihrer Beziehungen zu einander sind, ist jedem, der selbst in jungen Jahren 
Tagebuchblätter gesdirieben hat oder soldie von anderen Jugendlichen kennt, 
nichts Erstaunliches. Jede Gestalt, die in die Gefühlswelt des Kindes eingreift, 
ersilieint ihm so widitig, daß es ihm einfach selbstverständlich ist, ihr Ver- 
hältnis zu ihm und andern eingehendst zu erörtern, ein Zug, der uns an nidit 
wenigen Erwachsenen von bescheidenem Intellekt in ihren Beriditen ermüdend 
auffällt. Idi habe nie den Eindrudc gehabt, Rita habe das Tagebuch für die 
Freundin geschrieben, die Kinder haben bloß das Versprechen getauscht, einander 
gegenseitig Einsicht in die Blätter zu gewähren, was ja Hella auch tatsädilich 
während ihrer Rekonvaleszenz der Freundin zugesteht. Der Kritiker, der sich 
an der Kontinuität der Eintragungen stößt, hätte leicht verfolgen können, wie 
das ganze Ich des Kindes in Anspruch nehmende Eriebnisse, die Vorbereitungen 
zu Festtagen, zum Landaufenthalt und zur Rückkehr in die Stadt, drohende 

VII 



t- 



Zcnsuren Krankheit und Tod der geliebten Mutter, tage- und wochenlange 
Unterbrechungen in den Eintragungen bedingend) Und wenn ihm ihre Länge 
unwahrschemhch dünkt, so ist darauf nur zu sagen, daß es eben auch schon 
unter den Kmdern wie unter den Erwachsenen „schreibselige" gibt; die Heimlich- 
keit und Hast machte nur einfach die Aufzeichnungen schwerer entzifferbar 
eine Muhe, die ich gern auf mich nahm. 

Daß der Kritiker die stilistische Fassung in den ganzen 37. Jahren als 
»ziemlich unverändert« bezeichnet, halte ich für eine mangelhafte Beobachtung 
seinerseits. Es sind eben kunstlose Aufzeiclmungen, wie sie von einem Durchsclüiltts- 
mädchen zwischen 11 und 14'/, Jahren ohne Beredinung, einfadi affektiv hin- 
geworfen werden. 

Man hat der jungen Rita endlich wiederholt einen merkv/ürdigen Mangel 
an großen Interessen zum Vorwurf gemacht. Nun, sie hat ihr junges Dasein 
in einer von keinen großen Ereignissen bewegten Zeit wohibchütet im Kreise der 
Ihren verlebt; kein Wunder also, daß ihr die Familie und ein engster Freundes- 
kreis alles bedeutet. Darin ist sie einfach ein Beispiel für den großen Typus 
der Tochter aus einer vornehmen Wiener EeamtenfamiJie, sowie "ihre Freundin 
Hella die typische österreichische Offizierstochter der Vorkriegszeit repräsentiert. 

Nein, an dem Tagebuch ist nichts unecht, nichts geändert als die Namen 
der Personen und Orte, sowie dei' Beruf des Vaters der Schreiberin (er war 
wohl ein höherer Staatsbeamter, stand aber nicht im Justizdienst). Es sind echte 
Wiener Kinder, wie sie vor dem Jahre 1914 zu finden waren, liebenswert und 
anmutig in ihrem sidiem engen Kreis, aus dem sie kein noch so triebstarkes 
Verlangen nach großen Erlebnissen zu reißen vermodite. Selbst das sexuelle 
Geheimnis ist für sie viel mehr Gegenstand des Intellekts als der Sinnlichkeit- 
denn es ist so eng verknüpft mit den Gestalten von Vater und Mutter, daß 
weit mehr das Verbotene daran reizt, als das Rätsel selbst. 

Man hat auch wiederholt bedauert, daß ich unbeschadet des Versprechens 
an das Mädchen, das Original des Tagebuches zu vernichten, nicht doch aus 
jedem Jahre einige Blätter aufbewahrte, um aus der Entwicklung der Sdjrift 
die Eclitheit des Dokumentes erweisen zu können. Nun. ich meine, der richtige 
unverbesserliche Zweifler würde sich auch durch ein solches Faksimile nidit 
beruhigen lassen. Ihm ist der Zweifel Bedürfnis und darum läßt er sicli aucli 
mcht durch „Beweise" überzeugen. 
Wien, im Mai 1922. 

Dr. HERMINE HUG-HELLMUTH ■ 




:- ■ 



ERSTES JAHR 
(Von 11—12 Jahren) 

12. Juli 19 . .: Die Hella und ich schreiben jetzt' ein Tagebucii. 
Wir haben uns vorgenommen, wenn wir ins Lyzeum aufgenommen werden, 
alle Tage ein Tagebuch zu führen. Die Dora sclireibt auch ein Tage- 
buch, aber sie ärgert sich furchtbar, wenn ich es sehe. Ich nenne die 
Helene Hella und sie nennt mich Rita; Helene und Grete ist so furcht- 
bar gewöhnlich. Die Dora nennt sich seit neuestem Thea; ich sage aber 
doch wie immer Dora. Sie behauptet, für so kleine Kinder (damit 
meint sie mich und die Hella) paßt überhaupt noch gar kein Tagebuch. 
Und was da für Unsinn drin stehen wird. Auch nicht mehr als in dem 
ihren und Lizzi ihrem. 

13. JuH: EigenÜich sollten wir erst nach die Ferien anfangen zu 
schreiben, aber weil wir beide wegfahren, so beginnen wir schon jetzt. 
Damit wir wissen, was wir in die Ferien erlebt haben. 

Also vorgestern haben wir Aufnahmsprüfung gemacht, es war sehy 
leicht, im Diktat habe ich nur 1 Fehler gemacht in ohne h. Das Fräulein 
hat gesagt, das macht nichts, ich hab mich nur geirrt. Das ist auch wahr, 
denn ich weiß recht gut, daß man ihn mit h schreibt. Wir waren beide 
weiß angezogen mit den rosrf Maschen und alle haben geglaubt, wir 
sind Schwestern oder wenigstens Kusinen. So eine Kusine ließ ich mir 
schon gefallen. Aber als Freundin ist es noch besser, der kann man 
alles anvertrauen. 

14. Juli: Unser Fräulein war sehr lieb. Wegen ihr ist mir und der 
Hella eigentlich leid, daß wir nicht in die Bürgerschule gehen. Denn da 
hätten wir alle Tage vor der Schule zu ihr in die Klasse hinunter gehen 
können. Wegen der anderen Kinder ist es uns aber recht. Man ist doch 
mehr, wenn man ins Lyzeum geht als bloß in die Bürgerschule. Und 

1 Tagebudi 1 



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darum argem sich auch die Kinder furchtbar. Sie bersten vor Neid, 
(das sagt meine Schwester von mir und der Hella, aber es ist niclit 
wahr.) Unsere beiden Studentinnen hat das Fräulein 8:esagt, wie 
wir uns verabschiedet haben. Wir sollen ihr bestimmt sdireiben am 
Land. Ich tue es audi. 

15. Juli: Die Lizzi, der Hella ihre Schwester, ist nie so gemein 
wie die Dora, die ist immer so nett! Heute schenkte sie uns jeder 
mindestens zehn Praline. Die Hella sagt zwar oft zu mir: „Du kennst 
sie nicht, wie sie sein kann. Zu mir ist Deine Schwester auch ge- '.^ 
wohnlich sehr lieb." NatürHch, das ist sehr lieb, wenn sie immer von 
uns die Kleinen oder die Kinder sagt, als ob sie nie ein Kind ge- 
wesen wäre, und zwar noch ein viel kleineres, als wir jetzt sind. Übrigens J, 
jetzt sind wir dasselbe wie sie. Sie geht halt in die Vierte Klasse und 
wir in die Erste. 

Morgen fahren wir nach Tirol, nach Kaltenbach. Ich freue mich 
schon riesig. Die Hella ist heute gefahren, nach Ungarn zu ihrem Onkel 
und ihrer Tante mit ihrer Mama und der Lizzi. Und ihr Papa ist in 
die Manöver. 

19. Juli: In die Ferien ist es sehr schwer, alle Tage zu schreiben. 
Es ist einem alles so neu und man hat keine Ruhe zum schreiben. Wir 
wohnen in einer großartigen Villa im Wald. Aber den Platz vor dem 
Haus, den hat die Dora gleich für sich genommen zum schreiben. Und 
rückwärts sind so gräßlich viele ganz kleine Fliegen; da ist alles schwarz 
vor Fliegen. Vor Fliegen und solchen Tieren graust's mir. Wegen des 
vorderen Platzes lasse ich mir diese Verdrängung auf keinen Fall gefallen. 
Das gibt's nicht, das hat auch der Papa gesagt: „Kinder, streitet nicht!" 
(Kinder auch zu ihr!!) Das ist schon redit, weil sie sich gar so viel 
einbildet, daß sie im Oktober vierzehn wird. „Die Plätze gehören ja 
allen und jedem," hat der Papa gesagt. Das ist wahr, der Papa ist immer 
gerecht, nie gibt er der Dora Recht, während die Mama schon öfters 
die Dora bevorzugt. Heute sdireibe ich an die Hella, Sie hat mir übrigens 
auch noch nicht geschrieben. 

21. Juli: Die Hella hat mir geschrieben, 4 Seiten lang und so 
lieb. Wenn ich sie nicht hätte! Vielleicht kommt sie im August zu mir 
oder ich zu ihr, das wäre beinahe besser. Ich maclie gern Besuche auf 
lange. Der Papa hat gesagt: „Na, wir werden schon sehen", also da 
erlaubt er es "bestimmt. Wenn die Eltern sagen, wir werden schon sehen, 
heißt das immer ja; aber sie wollen es nicht direkt sagen, damit, wenn 
es doch nicht geht, die Kinder ihnen keinen Voi-v/urf machen können, 
daß sie ihr Wort nicht halten. Der Papa täte überhaupt alles erlauben, 



*• 



aber die Mama. Na, wenn ich öfters Klavier übe, wird sie es vielleicht 
schon erlauben. Ich muß spazieren gehen. * 

22. Juli: Ich muß mich zwingen, hat die Hella gesdirieben, jeden 
Tag- zu schreiben, denn einen Schwur muß man halten und wir haben 
es geschworen, jeden Tag zu schreiben. Ich 

23. Juli: Es ist gräßiidi, man hat keine Ruhe. Gestern wie ich 
schreiben will, wird aufgeräumt und in der Laube war die D , . . vor 
der schreib ich absolut nicht und am offenen Platz vom sind mir die 
Blätter weggeflogen. Wir schreiben nämlich auf lose Blätter. Die Hella 
meint, es ist besser, weil man nidits herausreißen braucht. Aber wir 
haben einander geschworen, daß wir nichts wegwerfen und zerreißen. 
Und warum denn? Vor einer Freundin kann man alles sagen. Das wäre 
eine sdiöne Freundschaft. Wie idi gestern zuerst doch in die Laube 
komme, schaut die Dora mich mit einem infamen Blick an und fragt: 
Du wünschest? Als ob die Laube ihr allein gehörte, überhaupt, wo sie 
zuerst den Platz vorn wollte. Das ist wirkHdi eine Gemeinheit. 

Gestern nachmittags waren wir auf dem Kobler-Kogel. Es war 
sehr schön. Denn der Papa war sehr lustig und wir haben uns mit 
Tannenzapfen beworfen. Das war lustig. Der Dora habe ich einen auf 
ihren ausgestopften B , . . . geworfen, da hat sie furchtbar aufgeschrien 
und ich habe ganz laut gesagt; Das spürst du ja gar nicht. Im Vorbei- 
gehen hat sie gesagt: Fratz 1 Aber das macht nichts, wenigstens weiß 
ich, daß sie es verstanden hat und daß es wahr ist. Ich mödite wissen, 
was sie alle Tage der Erika zu schreiben hat und was sie eigentlich in ihr 
Tagebutii schreibt. Der Mama war nicht gut und da ist sie zuhaus geblieben. 

24. Juli: Heute ist Sonntag. Den Sonntag habe ich besonders 
gern. Der Papa sagt zwar: Kinder, ihr habt ja alle Tage Sonntag. In 
den Ferien ist es wahr, aber sonst haben wir gar nicht alle Tage Sonntag. 
Die Bauern sind alle in ihren Kostümen und die Bäuerinnen und Kinder 
auch, ganz so wie im Theater. Wir haben heute die weißen Kleider an 
und ich habe mir einen großen Kirschenfleck hineingemacht, aber un- 
absichtlich, weil ich mich auf verfaulte Kirschen gesetzt habe. Jetzt muß 
ich nachmittags zum Spazierengehen doch das rosa Kleid anziehen. Das 
ist mir ganz recht, ich habe nicht gerne dasselbe Kleid an, wie die 
Dora. Niemand braucht gleich wissen, daß wir Schwestern sind. So 
kann man glauben, wir sind bloß Kusinen. Sie kann es übrigens auch 
nicht leiden, warum, möchte ich wissen? In 8 Tagen kommt Oswald, 
da freue ich mich schon riesig. Der ist doch noch älter als die Dora, 
aber mit ihm vertrage ich mich immer.^ Die Hella hat mir geschrieben, 
daß sie sich langweilt ohne mich; ich mich auch. 

1* .3 



25. Juli: Heute schrieb icli an das Fräulein Prückl. Sie ist in 
^hensee. Ich möchte sie selir gerne sehen. Nachmittag gehen wir alle 
Tage kalt baden und spazieren. Aber heute regnet es schon den ganzen 
Tag. Das ist fad. Idi habe meine Farben zum Malen vergessen und 
lesen darf ich nicht den ganzen Tag. Die Mama sagt, wenn du jetzt 
alles verschlingst, hast du dann gar nichts mehr. Das ist wahr, aber 
nicht einmal schaukeln kann ich gehen. 

Nachmittag: Das muß ich extra schreiben. Ich habe einen furcht- M 
baren Streit mit der Dora gehabt. Sie behauptet, ich stöbere in ihren .*■ 
Sachen herum. Weil sie keine Ordnung hat. Ich möchte wissen, was j' 
mich ihre Sadien interessieren sollen. Ihren Brief an die Erika hat sie 
gestern selber am Tisch liegen lassen und da habe ich weiter nichts 
gelesen, als: Er ist göttlich schön. Wer, das weiß ich nicht einmal. Aber 
da kam sie schon bei der Tür herein. Wahrscheinlich der Krail Rudi, 
ihr Partner beim Tennisspielen, mit dem macht sje furchtbare Geschichten. 
Aber schön, na Geschmacksache 1 

26. Juli: Es ist doch ganz gut, daß ich mir den Puppenkoffer mit- 
genommen habe. Eigentlich hat die Mama gesagt: Nimm ihn nur für 
Regenwetter. Also spielen tu ich ja natürlich längst nicht mehr; aber 
schließlich Kleider nähen, das kann man sclion tun mit 11 Jahren; man 
lernt ja auch gleich dabei etwas. Und wenn etwas fertig ist, machts 
mir riesige Freude. Die Mama schneidet mir die Sachen zu und ich 
nähe sie ganz leiclit zusammen. Da kommt die Dora ins Zimmer und 
sagt: Ach, die Kleine näht Puppensachen. Eine solche Frechheit, als ob 
sie nie mit Puppen gespielt hätte. Und dann von Spielen ist bei mir 
doch überhaupt keine Rede. Wie sie sich neben mich niedersetzt, 
fahre ich mit der Nadel so stark aus, daß ich ihr einen Riesenkratzer 
auf der Hand mache und sage: O Pardon, du bist mir leider zu nahe 
gekommen. Den Sinn wird sie hoffentlich verstanden haben. Natürlich 
wird sie es der Mama klatschen. Soll sie. Was hat sie mich denn 
Kleine zu nennen. Und den roten Kratzer hat sie doch, noch dazu 
auf der rechten Hand, wo ihn jedes sieht. 

27. Juli: Wir haben hier sehr viel Obst. Den ganzen Tag sitz 
ich bei den Stachelbeeren und Himbeeren und die Mama sagt, darum 
esse ich nichts zu Mittag. Der Doktor Klein sagt doch immer, Obst 
ist so gesund; also warum denn auf einmal nicht? Die Hella sagtauch 
immer, das, was man gern tut und hat, da drüber wird so lange ge- 
schimpft, bis es einem zuwider wird. Und die Hella ärgert- sich auch 
oft furchtbar über ihre Mama und ihre Mama sagt: Da opfert man sich 
auf für seine Kinder und die lohnen es mit Undank. Na also aufopfern, 



4i 



-*.- 



ich möchte wissen, wieso. Eher müssen die Kinder sich opfern. Denn 
wenn ich Stachelbeeren essen will und nicht darf, so ist das ein Opfer 
von mir und nicht von der Mama. Ich habe das auch der Hella ge- 
schrieben. Das Fräulein Prücld hat mir geschrieben. Gott wie süß, die 
Adresse Fräulein Grate Lainer, Lyzealschülerin. Die Dora weiß es 
natürlich schon wieder besser und sagt, in den oberen Klassen von der 
vierten an (weil sie nämlich in die vierte kommt), schreibt man Lyzeistin. 
„Und in den Ferien vor der ersten Lyzeumsklasse ist man überhaupt 
noch keine Lyzealschülerin." Da ist der Papa dazugekommen und , hat 
gesagt, wir (ich habe nicht angefangen) sollen mit diesem ewigen 
Wortgeplänkel aufhören; er will das nicht hören. Da hat er sehr recht; 
aber es wird leider nichts nützen, denn die Dora hört ja doch nicht 
auf. Das Fräulein Prückl hat mir geschrieben, sie hat sich sehr gefreut, 
daß ich ihr gesdirieben habe. Und wenn ich wieder einmal Zeit habe, 
so soll ich ihr wieder schreiben. Gottl für sie habe ich immer Zeit. Ich 
schreibe ihr noch heute nach dem Nachtmahl, damit sie nicht umsonst 

wartet. 

29. Juli: Gestern war es mir unmogÜdi zu S(^reiben. Die Warth 
sind angekommen und ich war den ganzen Tag bei der Erna und 
Liesel, obwohl es den ganzen Tag geregnet hat. Wir haben uns groß- 
artig unterhalten. Sie haben eine Menge Gesellschaftsspiele mit und 
wir haben um Zuckerln gespielt. Ich habe 47 gewonnen, fünf habe ich 
dann der Dora gegeben. Der Robert ist schon um mehr als einen Kopf 
größer als wir, nämlich als die Liesel und ich; ich glaube er ist fünf- 
zehn. Er sagt Fräulein Grete und hat mir den Mantel getragen, den 
mir die Mama geschickt hat wegen dem Regen und er hat mich nach 
dem Nachtmahl bis nachhaus begleitet. 

Morgen ist mein Geburtstag, da sind alle eingeladen und die Mama 
macht Erdbeerschnee und Waffeln. Das ist fein. 

30. Juli: Heute ist mein Geburtstag; ich habe einen wunderbaren 
Sonnenschirm mit eingewebter Bordüre bekommen vom Papa und Mal- 
sachen und von der Mama ein riesiges Postkartenalbum für 800 Stück und 
Erzählungen für Backfische und die es bald sind, von der Dora hoch- 
feine Billets de Corresp. und die Mama hat eine Cbokoladecremetorte 
gemacht für heute nachmittags neben der Erdbeercreme. Von den Warth 
habe ich in aller Frühe drei Geburtstagskarten bekommen. Und der 
Robert hat auf seine geschrieben: In aufrichtigster Verehrung Ihr 
treuer R. Geburtstag haben ist herrlich, alle sind so nett, sogar die 
Dora. Vom Oswald habe ich ein Holzmesser zum Bücheraufschneiden 
bekommen, der Griff ist ein Drache, der statt des Feuers die Klinge 

5 



speit; oder die Klinge kann aucli die Zunge sein, das sieht man nicht 
so genau. An meinem Geburtstag hat es noch nie geregnet. Der Papa 
sagt, ich bin ein Glückspilz. O, das ist mir schon redit, das kann ich 
sehr gut braudien. 

31. JuH: Gestern war es himmlisdi. Wir kugelten uns vor Lachen 
beim SekretärspieL Immer kam ich mit dem Robert zusammen und was 
wir alles getan haben, nämlich nicht wirklich, sondern nur aufgeschrieben: 
geküßt, umarmt, im Walde verirrt, mitsammen ins Bad gegangen; na 
also, das täte ich wohl nichtl miteinander gestritten. Nein, das wird 
nicht vorkommen, das ist ganz unmöglidi! Und dann haben wir auf 
meine Gesundheit angestoßen mit 5 Kradherln und der Robert hat 
durchaus einen Wein holen wollen, aber die Dora hat gesagt, nein, das 
wäre äußerst taktlos 1 Also in Wirklichkeit war es von ihr ganz etwas 
anderes. Sie ärgert sich nämlich immer sehr, wenn ich je einmal die 
Hauptperson bin, und die war ich gestern unbedingt. 

Jetzt noch sdinell von heute. Es war herrlich. Wir waren mit 
Warth im Tiefen Graben, wo furchtbar viel Erdbeeren wadisen. Die 
schönsten pflückte der Robert für midi, zum riesigen Ärger der Dora, 
die sich alle selber suchen mußte. Eigentlich suche idi ja audi gerne 
selber, aber wenn wer anderer aus Liebe (so sagte nämlich der Robert 
direkt) für einen pflückt, so verziditet man gerne auf das Selbersuchen. 
Übrigens habe ich nebenbei auch selber gesucht und gab die meinen 
dem Papa und einige audi der Mama. Bei der Jause in Flischberg saß 
ich leider neben der Erna und nicht dem Robert. Die Erna ist eigent- 
lidi die Fadeste. Die Mama sagt, sie ist bleichsüchtig; das ist furcht- 
bar interessant, aber ich weiß eigentlich nicht genau wie das ist. Die 
Dora behauptet auch immer, sie ist bleich süchtig, aber es ist natürlich 
nicht wahr. Und der Papa sagt immer: „Red dich nicht hinein in solche 
Faxen; du bist pumperlgesund." Das ärgert sie furchtbar. Die Lizzi 
war voriges Jahr wirklich bleichsüchtig, da hat es der Arzt gesagt, sie 
hatte immer Herzklopfen und mußte Eisen nehmen und Rotwein trinken. 
Mir scheint darauf hat es die gute Dora abgesehen. 

1. August: Die Hella ist ein bißchen beleidigt, weil ich ihr ge- 
schrieben habe, daß ich den ganzen Tag bei den W. bin. Deswegen 
ist sie doch meine einzige Freundin, sonst würde ich ihr das doch nicht 
schreiben. Sie hat ja auch am Land jedes Jahr eine andere Freundin, 
aber deshalb bin idi doch nicht beleidigt. Warum ihr übrigens der 
Robert nicht gefällt, weiß ich nicht; sie kennt ihn ja gar nicht, außer 
von dem, was ich ihr gesdirieben habe und das war doch sicher nur 
lauter Gutes. Das heißt sie kennt ihn, weil er zu den Sering verwandt 



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ist und weil sie ihn dort einmal getroffen hat. Aber von einmal kennt 
man doch einen Menschen noch nicht Und jedenfalls kennt sie ihn nicht 
so, wie ich. Gestern war ich den ganzen Tag bei den W. Wir spielten 
„Platz dem König" und da erwischte midi Robert und ich mußte ihm 
ein Bussel geben. Und da sagte die Erna, das gilt nicht, ich habe midi 
absichtlich fangen lassen. Da ist der Robert furditbar wild geworden 
und hat gesagt: Die Erna ist eine fade Nocken, die verdirbt jedem 
seine Freude. Da hat er Redit, übrigens ist jemand anderer genau so. 
Hoffentlich hat die Erna nichts der Dora wegen des Bussels gesagt. 
Denn dann wissen es gleich alle und das ist dodi nicht nötig. Ich habe 
der Erna mit den Bonbons aufgewartet, die uns Tante Dora geschickt 
hat. Die anderen haben ich und der Robert und die Liesel aufgegessen. 
Sie waren sehr fein und beinahe lauter große. Der Robert hat sidi zu- 
erst ein ganz kleines nehmen wollen, aber ich habe gesagt, er soll nur 
ein großes nehmen. Und dann hat er sich immer große ausgesucht. 
Wie ich abends mit der leeren Schachtel nachhause gekommen bin, hat 
der Papa geJadit und gesagt: Ein Neidhammel ist unsere Gretel nicht. 
Übrigens hat die Mama noch eine ganze Schachtel voll; ob die Dora 
noch viel hat, habe ich keine Idee; aber wahrscheinlich. 

2. August: Heute nachmittags um 5 Uhr ist der Oswald ge- 
kommen. Er ist furchtbar fesch; er bekommt schon beinahe einen Schnurr- 
bart. Am Abend ist er mit dem Papa ins Gasthaus gegangen, sich bei 
den Herren vorzustellen. Er sagt, das ist ihm gräulich, aber er wird 
sicher allen sehr gut gefallen, besonders mit seinem neuen Touristen- 
anzug und der echten Lederhose. Die Großmama und der Großpapa 
lassen alle schon grüßen. Ich kenne sie aber gar nicht. Und sie haben 
uns eine Menge Bäckerei gesdiidct und der Oswald hat riesig ge- 
schimpft, daß er es hat mitschleppen müssen. Der Oswald raucht furcht- 
bar viel Zigaretten und der Papa hat zu ihm gesagt: Komm Alter, wir' 
gehen ins Gasthaus, dein Zeugnis begießen. Also das finde ich komisch; 
bei der Dora und bei mir wird nidits begossen, höchstens bekommen 
wir etwas. Der Oswald hat lauter Zweier und Dreier und ganz wenige 
Einser und in Griechisch sogar genügend, ich habe aber lauter Einser. 
Er hat zum Papa etwas Lateinisches gesagt und der Papa hat sehr ge- 
lacht und auch etwas gesagt, was ich nicht verstanden habe. Ich glaube, 
es war nicht lateinisch, sondern eher ungarisch oder englisch. Der Papa 
kann fast alle Sprachen, sogar böhmisch, aber das spricht er Gott sei Dank 
nicht, außer wenn er uns ärgern will. Wie damals am Bahnhof, wo ich und die 
Dora uns so geniert haben. Böhmisch ist gräßlich, das sagt auch die Mama. 
Wenn der Robert böhmisch nachmacht, muß man sich kugeln vor Lachen. 



3. August: Neulich war ich zu lange im kalten Bade und habe 
mich verkühlt, deshalb darf ich jetzt ein paar Tage nicht baden gehen. 
Da bleibt der Robert immer ganz allein bei mir und erzählt mir alles 
Mögliche. Und dann schaukelt er mich so hoch, daß ich furchtbar schreie. 
Heute hat er mich eigentlich beleidigt, er sagt, der Oswald ist ein 
oder Pimpf. Ich, habe gesagt, das ist nicht wahr, die Buben können 
sich immer gegenseitig nicht leiden. Und daß er beim Reden anstößt, 
ist wirklich nicht wahr. Überhaupt ist mir der Oswald viel lieber als 
die Dora, die immer die Kinder sagt, wenn sie von mir und von der 
Hella und sogar vom Robert spricht. Da hat er gesagt: Die Dora ist 
grad so eine Gans, wie die Erna. Da hat er wirklich Recht. Der Robert 
sagt, er wird nie rauchen, das ist furchtbar ordinär, wirklich feine Herren 
rauchen nicht. Na also bitte, und- mein Papa? Und er sagt auch, er 
wird auch nie einen Bart tragen, sondern er wird sich alle Tage rasieren 
und seine Frau muß ihm alles herrichten. Also dem Papa steht sein 
Bart sehr gut, ich kann ihn mir gar nicht vorstellen ohne Bart. Ich 
heirate jedenfalls keinen Mann, der keinen Bart hat. 

5. August: Wir gehen alle Tage auf den Tennisplatz. Wie wir 
gestern gehen, der Robert und ich und die Liesel, die Erna und der 
Rene, ruft uns die Dora nach: Das Brautpaar in spee. Das hat sie 
nämlich vom Oswald und das heißt, glaube ich, in hundert Jahren. Na, 
so lange wartet vielleicht sie, aber wir nicht. Die Mama hat sie des- 
wegen ordentlich ausgezankt und gesagt, sie soll nicht so blöde Sachen 
reden. Das war schon recht; in spee, in spee. Wir nennen sie jetzt nur 
mehr Inspee, da weiß niemand, von wem wir reden. 

6. August: Die Hella kann nicht hieher kommen, denn sie fahrt 
mit ihrer Mama nach Klausenburg zu ihrem anderen Onkel, der ist 
dort Bezirksrichter oder wie das in Ungarn heißt. Jeden Bezirksrichter 
stelle ich mir so vor, wie den Bezirksrichter Th , . . den wir kennen, 
so eckelhaft. Die Nase und dabei ist seine Frau so schön; aber sie 
wurde gezwungen zum Heiraten von ihren Eltern. Zu so etwas ließe 
ich mich nie zwingen, da heirate ich lieber gar nicht, sie ist auch sehr 
unglücklich. 

7. August: Es ist ein greulicher Skandal bei uns wegen der Dora. 
Der Oswald hat dem Papa gesagt, daß sie beim Tennisspielen furcht- 
bar kokettiert und das kann er nicht dulden. Der Papa hat wahnsinnig 
geschimpft und jetzt dürferi wir nicht mehr Tennisspielen gehen. Und 
am meisten hat sie geärgert, daß der Papa vor mir gesagt hat: So ein 
Fratz von 14 Jahren fängt schon an, sich den Hof machen zu lassen. 
Sie hat ganz rot geschwollene Augen und hat am Abend nichts ge- 
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gessen vor Kopfweh!! Also dieses Kopfweh kennt man schon. Aber 
wie ich dazu komme, daß ich nicht gehen darf, das sehe ich nicht ein. 

8. August: Der Oswald sagt, der Student hat sich ganz fer 
benommen, die Schuld liegt nur an der Dora. Also, das weiß ich am 
besten; wenn ich nur denke, damals auf der Südbahn. Also ich darf 
richtig auch nicht Tennisspielen gehen, obwohl ich die Mama riesig ge- 
beten habe, sie soll beim Papa für mich sprechen. Aber sie sagt, das 
nützt nichts, der Papa ist furchtbar böse und ich darf auch nicht mehr 
ganze Tage bei den Warth sein. Ganze Tage, ich möchte wissen, wann 
ich einen ganzen Tag dort war. Da hätte ich doch dort mindestens zu , 
Mittag essen müssen. Was kann denn ich dafür, daß die Dora sich den 
Kof machen läßt. Das ist doch lächerlich. Aber immer sind die Eltern 
so. Wenn eins was tut, müssen die andern mitleiden. 

9. August: Gott sei Dank, ich kann wieder auf den Tennisplatz 
gehen; ich habe den Papa so lange gebettelt, bis er es mir erlaubte. 
Die Dora behauptet, sie verlange es sich ohnehin nicht! Na also, das 
kennt man schon, das ist der Fuchs mit den sauern Trauben. Sie spielt 
sich seit neuestem auf die Kranke hinaus, geht nicht ins kalte Bad und 
bleibt womöglich von den Spaziergängen zuhause. Ich möchte' wissen, 
was ihr fehlen sollte. Mich wundert nur, daß der Papa es erlaubt, denn 
die Mama ist immer sehr, aber schon sehr nachsichtig gegen die Dora; 
sie ist entschieden ihr Liebling, besonders wenn der Oswald nicht da 
ist. Daß man den Oswald zum Liebling hat, kann ich begreifen, aber 
die Dora? — Überhaupt der Papa sagt immer, Eltern haben keinen 
Liebling, alle Kinder sind ihnen gleich. Ja, vom Papa ist das auch 
wahr, obwohl die Dora behauptet, ich sei der Liebling vom Papa; 
aber das bildet sie sich wirklich nur ein. Wir bekommen zu Weih- 
nachten und auch sonst immer gleich viel und das ist doch das sicherste 
Merkmal. Die Rosa Plank bekommt immer dreimal so viel als ihre 
Gescliwister, das heißt ein Liebling sein. 

12. August: Ich kann nicht alle Tage schreiben, denn ich bin 
meistens mit Warth zusammen. Der Oswald kann den Robert nicht 
leiden, er sagt, er ist ein Lausbub und noch naß hinter den Ohren. 
Eine solche Gemeinheit. Ich rede seit drei Tagen nichts mit ihm, das 
heißt nur das Notwendige. Die Erna und die Liesel, denen ich das 
erzählte, sagen: alle Brüder sind so impertinent gegen ihre Schwestern. 
Idi möchte wissen, warum? Übrigens der Robert ist im allgemeinen 
sehr nett zu seinen Schwestern. Sie sagen: Ja -vor dir, weil er sich vor 
dir scheniert. Gestern haben wir uns gekugelt vor Lachen, was er uns 
erzählt hat, wie sich die Buben über ihre Professoren lustig machen. 

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Das mit den Zigarettenstumpferln war zum Totlachen. Und sie haben 
einen Verein, der heißt T. Au. M., d. h. nämlich auf Lateinisch Schweige 
oder stirb, in den Anfangsbuchstaben. Keiner darf etwas verraten und 
v/enn einer neu aufgenommen wird, muß er sich ganz ausziehen und er 
muß sich so hinlegen und jeder spuckt ihm auf die Brust und verreibt 
es und sagi: So sei der Unsere, aber alles auf Lateinisch. Und dann 
muß er zum Altesten und Größten gehen und bekommt von ihm mit 
einer Rute ein paar auf den P . . . und muß schwören, daß er nie 
einen verrät. Und dann raucht jeder eine Zigarre an und tupft ilin mit 
dem brennenden Ende auf den Arm oder sonst wohin und sag:t: Jeder 
Verrat soll dich so brennen. Und dann ritzt ihm der Älteste, der einen 
besonderen Namen hat, den ich mir aber nicht gemerkt habe, das Wort 
Taum, d. h. eben Schweig oder stirb ein und ein Herz mit dem Namen 
von einem Mädchen. Der Robert sagt, wenn er mich früher kennen 
gelernt hätte, so hätte er Gretchen gewählt. Ich fragte ihn, was für 
einen Namen er eingeritzt habe, da sagte er, das dürfe er nicht verraten. 
Aber ich werde dem Oswald sagen, er soll im Bade schauen und es 
mir dann sagen. In diesem Verein schimpfen sie furchtbai- über die 
Professoren und wer die besten Streiche ausdenkt, wird in die Rohen 
gewählt; ein Rohon sein ist eine Auszeichnung und die anderen müssen 
;hm unbedingt folgen. Und manches kann er mir nSclit einmal erzählen, 
sagte er, weil es zu arg ist. Und dann mußte ich ihm schwören, daß 
ich das alles vom Verein niemandem sage und er wollte, ich soll mich 
num Schwören niederknien, aber das habe ich nicht tun wollen und da 
hat er mich beinahe umgeworfen. Und schließlich mußte ich ihm die 
Hand drauf geben und ein Bussel. Das habe ich ihm schon eher ge- 
geben, denn an einem Bussel ist nidits dabei, aber niederknien, nein 
das tue ich absolut nicht. Aber idi habe mich schrecklich gefürchtet, 
v/eil wir g"anz allein im Garten waren und weil er mich so beim Hals 
packte und niederdi'üdkte. Das vom Verein hat er mir nämlich ganz 
allein erzählt, weil er sagle: Deinen Namen darf ich nicht mehr ein- 
ritzen, denn zwei Namen geht gegen unsere Gesetze, aber dafür sollst 
du gegen deinen Sdiwur wissen, was ich im geheimen bin und denke. 
Ich habe die ganze Nacht nicht schlafen können, weil mir immer 
von dem Verein träumte. Ob es im Lyzeum auch solche Vereine gibt 
und ob die Dora audi bei einem ist und einen Namen eingeritzt hat. 
Aber ganz ausziehen ist do<^ gräßlich, noch dazu vor seinen Mit- 
schülerinnen. Vielleicht ist das bei den Vereinen der Lyzealschülerinnen 
weggelassen. Aber ich würde auch nicht sagen, daß ich mir den Namen 
Robert einritzen will. 

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15. August: Gestern erzählte mir der Robert, daß es auch Vereine 
von Buben gibt, wo sehr unanständige Sachen geschehen, aber bei 
ihnen darf das nicht sein. Aber er sagte nicht was. Ich sagte, ich finde 
das Ganzausziehen schrecklich; aber er sagte, das ist gar nichts, das 
muß sein, wenn einer dem anderen vertrauen soll, wenn nur nichts 
Unanständiges geschieht. Ich mochte sehr gerne wissen, v/as. Ob der 
Oswald es weiß, und ob er bei einem solchen Vereine oder einem 
anständigen ist und ob der Papa dabei war. Wenn idi nur drauf- 
kommen konnte. Aber fragen darf ich nicht, weil ich sonst den Robert 
verrate. Wenn er midi sieht, preßt er mir immer so das linke Hand- 
gelenk, ohne daß es wer sieht. Er sagte, das ist die Mahnung, daß ich 
schweigen muß. Aber es wäre v/irklicli nicht notwendig, denn ich ver- 
rate ihn auf keinen Fall. Er sagte: Der Schmerz soll dich an midi 
binden. Wenn er das sagt, so werden seine Augen ganz dunkel, förmlich 
sdiwarz, obwohl er eigentlich graue Augen hat und riesig groß. 
Besonders am Abend, wenn wir auseinander gehen, schaut das gräßlich 
aus. Mir träumt immer von ihm. 

18. August: Gestern abends war ein herrlidies Kaiserfest mit 
Illumination. Wir kamen erst um V2I Uhr nachhause. Zuerst gingen 
mir zum Parkkonzert und zur Beleuchtung. Von den Höhen schössen 
sie herunter und Hohenfeuer brannten überall; es war förmlich schaurig, 
obwohl es wunderbar weir. Mir sdiuapperten ein paarmal die Zähne, 
ich weiß nicht aus Angst, daß etwas geschieht, oder was. Dann kam 
der R. zu mir und erzählte mir riesig viel. Er will unbedingt Offizier 
werden. Aber da braucht er eigentlich gar nicht so viel lernen, da lernt 
er alles jetzt umsonst. Er sagt, das macht nichts, das gibt ein riesiges 
Übergewicht. Ich finde nicht, daß er etwas blöd ausschaut, das sagt der 
Oswald nur, damit ich mich recht ärgere. Auf einmal waren wir von 
den anderen ganz getrennt und da setzten wir uns auf eine Bank und 
warteten auf sie. Derweil fragte idi den R. nochmals wegen der anderen 
Vereine, bei denen so unanständige Sachen eingeführt sind. Aber er 
sagte es nicht, er sagte, er wolle mir nidit meine Unschuld rauben. 
Das finde idi sehr blöd; vielleicht weiß er es selber nicht und tut 
nur so. Nur das sagte er, daß jeder beim Eintritt in den Verein 
so lang gekitzelt wird, bis er es nidit mehr aushalten kann. Und 
einmal hat einer Veitstanz bekommen, das sind schrecklidie Krämpfe 
und da wäre bald alles aufgekommen. Und seither dürften sie in 
ihrem Verein nicht mehr kitzeln. Soll ich dich audi ein bissei kitzeln? 
Untersteh dich nicht, sag ich, und überhaupt du traust dich auch 
gar nicht. 

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Er lacht riesig und auf einmal packt er mich am Arm und kitzelt 
mich unter der Achsel. Ich habe schrecklich lachen müssen, aber ich 
habe es verbissen, weil doch manchmal Leute vorbeigegangen sind. 
Drum ließ er mich auch aus und kitzelte mich in der Hand. Das war 
zuerst ganz angenehm, aber später ärgerte ich mich schon und riß ihm die 
Hand weg. Da kam gerade die Inspee mit zwei anderen Mädchen und 
wie sie vorbei waren, gingen wir schnell hinter ihnen, als ob wir immer 
so gegangen wären. Dadurch habe ich mir einen Putzer von der Mama 
erspart, die immer will, daß alle beisammen sind. Beipi Weggehen sagt 
der R.: Paß auf Gretel, einmal kitzel ich dich so, daß du schreist. — 
Lächerlich, das lasse ich mir nicht gefallen, da gehören doch zwei dazu. 

Richtig, bei der Juxtombola habe ich eine Vase mit 2 Turtel- 
täubchen und ein Sackerl mit Bonbons gewonnen und der R. ein Eß- 
besteck. Das hat ihn furchtbar _^ geärgert. Die Inspee hat eine Füllfeder 
gev/onnen, wie ich sie mir wünsche und einen Spiegel, in dem man 
furchtbar häßlich ausschaut. Das gönne ich ihr, weil sie sich so viel 
einbildet. 

29. August: Gotteswillen, es ist mir etwas Gräßliclies passiert. 
Ich habe Seite 30 bis 34 verloren vom Tagebuch. Ich muß es ent- 
weder im Garten oder auf der Louisenhöhe liegen gelassen haben. 
Das ist furchtbar. Wenn das wer findet. Und ich weiß nicht einmal 
genau, was gerade auf diesen Seiten steht. Ich bin rein zum Unglück 
geboren. Wenn ich nicht der Hella geschworen hätte, alle Tage Tage- 
buch zu schreiben, so tat Ich am liebsten ganz aufhören. Wenn die 
Mama oder gar der Papa etwas erfährt. Und heute regnet es so 
greulich, daß ich nicht einmal in den Garten gehen kann, und auf die 
Louisenhöhe schon gar nicht, überhaupt nicht allein. Ich muß es vor- 
gestern verloren haben, denn gestern und vorgestern habe ich nicht 
geschrieben. Wenn es nur. niemand findet, das wäre gräßlich. Ich bin 
so aufgeregt, daß ich zu Mittag gar nichts essen konnte, obwohl wir 
meine Leibspeise Moor im Hemd hatten. Und ich bin auch so unglüdi- 
lich, denn der Papa war so besorgt und die Mama auch und sie fragten 
in einer Tour, was mir fehlt und ich konnte kaum das Weinen ver- 
beißen vor allen Leuten. Wir waren nämlich heute im Hotel, weil die 
Resi für 2 Tage weggefahren ist. Und dann im Zimmer bei den Eltern 
durfte ich auch nicht weinen, weil ich mich sonst verraten hätte. Ich 
habe nur eine Hoffnung, daß niemand weiß, daß die Blätter von mir 
sind, weil wir die Hella und ich im Tagebuch steil schreiben, erstens, 
damit niemand unsere Schrift erkennt und zweitens weil man mehr 
Papier erspart als beim gewöhnlichen Schreiben. Wenn es nur morgen 
12 



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i&k. 



schön wäre, daß ich gleich in der Frühe in den Garten suchen gehen 
könnte. Heute freut mich gar nidits und ich habe mich nicht einmal 
sehr geärgert, wie die Inspee sagte: O, vielleicht einen Streit gehabt 
mit dem Herrn Bräutigam? 

30. August: Im Garten ist es nicht. Ich habe die Mama gebeten, 
daß wir nachmittag unbedingt zur Louisenhütte gehen. Die Mama war 
furchtbar lieb und fragte, warum ich so aufgeregt bin, ob mir etwas 
geschehen ist. Und da konnte ich mich nicht mehr zurückhalten und 
weinte gräßlich. Und sagte der Mama, ich habe etwas verloren, was 
mir schrecklich ist. Die Mama glaubte den Brief der Hella, den sie mir 
am Dienstag schickte und da sagte ich: Nein etwas viel Ärgeres, mein 
Tagebuch. Da sagte die Mama: Nun das ist doch hoffentlich nicht so 
arg und das wird doch niemanden interessieren. O ja, sage ich, weil 
alles vom R. seinem Verein drin steht. Und da sagt die Mama: Schau 
Gretel, weil du schon vom R. sprichst; ich sehe wirklich nicht gern, 
daß du immer bei Warth bist; sie passen wirklich nicht zu uns und der 
R. ist keine Gesellschaft für dich; du bist jetzt, wo du ins Lyzeum 
kommst, kein kleines KJnd. Versprich mir, daß du nicht ewig mit ihnen 
Ijjgt. — „Ja Mama, ich werde mich unauffällig zurückziehen." Da hat 
sie furchtbar gelacht und mich auf beide Wangen geküßt und hat mir 
versprochen, daß sie der Inspee nichts sagt vom Tagebuch, denn die 
braudit nicht alles wissen. Gott die Mama ist- so entzückend. Noch 3 
Stunden und vielleicht Hegen die Blätter noch dort. 

Am Abend: Gott sei Dank! Vor der Hütte lagen 2 Blätter ganz 
zerweicht vom Regen und verwischt und ein Blatt lag auf dem Fuß- 
boden, das war ganz zerrissen. Da» muß einer mit dem Absatz darauf 
gestanden sein und 2 Blätter waren zu einem Fidibuß gerollt und 
etwas verbrannt. Also hat niemand etwas gelesen. Ich bin so glücklich 
und beim Nachtessen sagte der Papa: nun was leuchten denn deine 
Augen so überglücklich? Hast du das große Los gezogen? und da 
habe ich die Mama auf den Fuß getreten, daß sie mich nicht verrät 
und der Papa hat furchtbar gelacht und gesagt: So; mir scheint, da 
wird in meinem eigenen Hause eine Verschwörung angezettelt und ich 
sag schnell: Wir sind zum Glück nicht im eigenen Haus, sondern im 
Hotel und alle lachen und jetzt ist Gott sei dank alles vorüber. Aber 
durch Schaden wird man klug.* Das passiert mir kein zweitesmal. 

31. August: Ich gehe wirklich weniger mit W. und mit dem R. 
\di glaube, er ist beleidigt. Heute nachmittag, wie ich zur Jause hinauf- 
gehe, faßt er mich beim Handgelenk und sagt: Dein Vater hat recht, 
du bist eine Hex. „Dich muß man kuranzen." Das ist eine Gemeinheit' 

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Ich habe übrigens nicht gewußt, was kuranzen heißt. Da habe ich den 
Papa gefragt und er hat mir's erklärt und gefragt woher icfc das habe. 
Da sagte ich, ich habe es im Vorbeigehen von 2 Herren gehört. 
Eigentlich habe ich geglaubt kuranzen heißt kitzeln. Aber es geht mir 
furchtbar ab, wenn ich niemanden zu Reden habe. Die meisten Leute 
sind schon fort und wir fahren auch heute 8 Tage. Wegen dem Ku- 
ranzen ist das so. Den Papa lüge ich nicht gerne an, aber man wird 
förmlich gezwungen dazu. Ich kann doch nidit sagen der R. will mich 
kuranzen, wenn ich nicht einmal weiß, was das heißt. Die Dora lügt 
noch viel mehr, und ich freue mich immer, wenn ich ihr auf eine Lüge 
komme, nämlich ihre Lügen sind so handgreiflich. Ich werde nie ertappt. 
Nur einmal, damals wie die Frau Oberst v. Stary da war, da hat der 
Papa etwas gemerkt, weil er dann sagte: Du Schlaucherl, du ab- 
gedrehtes. 

3. September: Eine solche Gemeinheit! Ich rede mit dem R. nie 
mehr ein Wort. Der Oswald hat wirkUch recht, wenn er sagt,- er ist ein 
Lausbub. Wenn ich wirklich aus der Schaukel gefallen wäre, hätt ich 
mir den Fuß brechen können, 4 Tage vor dem Wegfahren. Und die 
Fragerei, wie das passiert ist. So kitzeln ist wirklich eine Frediheit und 
ich hab ihm ein ordentliches mit dem Absatz hineingehaut. Mir scheint 
auf die Nase oder den Mund. Und dann untersteht er sich zu sagen: 
Eigentlich geschieht mir recht, das kommt davon, wenn man sich mit 
solchen Fratzen, mit solchen Wickelkindern abgibt. Der hat's notwendig, 
er ist selber noch nicht ganz vierzehn. Das war bloß geschwindelt mit 
den fünfzehn Jahren und er soll einer der sdilechtesten Schüler im 
Gym. sein, lauter genügend hat er und er kommt nicht in die Fünfte, 
sondern erst in die Vierte. Also jedenfalls haben wir ausgeredet, mein 
Herr. So ein Frechdachs. Ich werde das nie jemanden erzählen, es ist 
mein erstes und hoffentlidi mein einziges Geheimnis vor der Hella. 

6. September: Morgen fahren wir weg. Die letzten Tage waren 
eckelhaft fad. Ein paar mal sah ich den R. aber ich drehte den Kopf 
weg. Der Papa fragte, was ich mit den Warth und dem R. gehabt 
habe, daß auf einmal die dicke Freundschaft entzwei ist. Natürlich 
mußte ich lügen, denn die Wahrheit konnte ich unmöglich sagen. 
Idi sagte, der R. Schimpft über alles, was ich tue, über meine Schrift 
und daß ich nicht ordentlich vorlesen kann. (Das ist nämlicli wirklich 
wahr, das hat er einmal gesagt) und der Papa sagte: Na morgen beim 
Abschied werdet ihr euch schon wieder aussöhnen. O, da irrt sich 
der Papa sehr. Mit so einem Menschen rede ich überhaupt kein Wort 
mehr. 

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-^«U. 



Die Dora bekommt einen tegetthoffblauen, seidenen Staubmantel 
im voraus zu ihrem Geburtstag. Ich finde, das 'paßt eigentlich noch 
nicht für sie und dann ist sie audi für einen Staubmantel viel zu mager. 

14. September: Vorgestern ist die Hella gekommen. Sie sdiaut 
großartig aus und sagte mir dasselbe. Idi bin so froh, daß sie wieder 
da ist. Ich habe doch der Hella das erzählt vom R. Sie ist empört und 
sagt, idi hätte ihm 2 geben sollen; eins für das Kitzeln und eins für 
das Wickelkind und eins für die Fratzen. Wenn wir ihn nur einmal 
begegnen würden, da werden wir ihn beide ordentlich anschauen. 

17. September: Die Inspee hat riditig den seidenen Staubmantel 
bekommen, aber die Kapuze aus schottischer Seide finde Idi etwas 
kindisch. Aber ich habe ni(4its gesagt, sondern daß ihr der IVIantel sehr 
gut steht. Sie hat ihn wenigstens schon fünfmal probiert. Ob der Papa 
das im Ernst gemeint hat, daß sie wie eine Dame aussieht, oder ob 
er sie zum Narren gehalten hat. Ich glaube das letztere. Denn wie eine 
Dame schaut sie wirklich nicht aus. Natürlich, sie wird ja auch schließlich 
erst 14 Jahre. Gestern nadimittag waren eine Menge Mädeln eingeladen, 
natürlich für mich die Hella und wir haben uns großartig unterhalten. 
Aber die meisten haben gräßlich aufgeschnitten vom Land, wo sie 
überall angeblich waren. Wir waren 9 Mädeln, aber die liebste ist 
mir die Hella. . 

21» September: Morgen fängt die Schule an. Das heißt, wir haben 
verabredet, daß wir immer Liz sagen und nie Schule. Ich bin schon 
furchtbar neugierig. 

22. September 19 . .: Heute hat die Schule angefangen. Die Hella 
hat mich abgeholt und wir sind miteinander gegangen. Die Inspee hat 
bei der Mama geklatscht, daß wir ihr davongelaufen sind. Wir brauchen 
doch keine Gouvernante. Wir sind 34 in der Klasse. Als Klassen- 
vorstand haben wir eine Frau Doktor, dann 2 Fräulein, 1 Professor 
und ich glaube noch ein Fräulein im Zeichnen. Die Frau Doktor hat 
Deutsch und Schönschreiben, Sie hat uns nebeneinander gesetzt in die 
3. Bank. Dann hat sie eine Anrede gehalten, dann sind die Bücher 
diktiert worden, aber wir sollen noch warten mit dem kaufen bis Montag. 
Wir haben 2 mal Pause, eine lange und 2 kurze. Die lange gehört zum 
Spielen, die kurzen zum Hinausgehen. Ich war nie draußen in der 
Volksschule und jetzt gehe ich schon gar nicht. Die Mama sagt auch 
immer, das ist nur eine schlechte Gewohnheit. Die meisten Kinder 
waren draußen, sogar unter der Stunde. Heute haben wir keinen eigent- 
lichen Unterricht gehabt. Morgen beginnt er, aber wir wissen nicht 
was. Dann gingen wir nachhause. 

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23. September: Heute haben wir das Fräulein von Geographie 
und Geschichte gehabt, das ist keine Doktorin. Die Inspee sagt, sie 
haben sie voriges Jahr gehabt, aber sie haben sie nicht leiden können, 
sie ist gar nicht schön. Der Papa hat geschimpft und hat zur Inspee 
gesagt: Du dummes Ding, setz ihr nur so dummes Zeug in den Kopf, 
Da zeig deine Autorität als Große. Bei jeder Lehrerin und jedem Lehrer 
kann man etwas lernen, wenn man nur will. Aber uns gefällt das Frl. 
Vischer wirklich nicht und Geographie und Geschichte ist so nicht 
meine Leibspeise. Übrigens lerne ich ja nicht für sie, sondern für mich. 
Die Frau Dr. iVIallburg ist furchtbar lieb und schön. Wir werden immer 
nur Frau Dr. M. schreiben von ihr. Wenn sie lacht hat sie zwei Grü- 
berln und eine Goldplombe. Sie ist neu an der Anstalt. Ich weiß nicht 
ob wir auch Gesang haben. In Französisch haben wir die Madame 
Arnau, die ist sehr schön gekleidet, ein schwarzes Spitzenkleid. Die 
Hella hat ein wunderbares Etui für die Bleistifte und Federn; ganz 
weich, so müssen wir es haben, damit es keinen Lärm macht, wenn es 
in der Stunde hinunterfällt. Ich glaube es kostet 7 K oder 1 K 70, 
daß weiß ich nicht genau. Heute hatten wir gleich bis 12 Uhr Schule, 
zuerst Deutsch, dann Rechnen, dann Religion für die Katholischen und 
dann gingen wir fort. Die Hella hat auf mich gewartet, der Herr Pastor 
war nämlich nicht da. 

24. September: Wir haben geglaubt, die Buchhandlungen sind 
heute ausnahmsweise offen, aber wir haben uns geirrt. Die Mama von 
der Hella hat gesagt, natürlich das kommt davon, wenn die Küken 
klüger sein wollen als die Hennen. Nachmittag war die Hella bei mir 
und die Inspee war bei F. eingeladen. Dort gehe ich nicht mit, weil 
es mir zu fad ist, den ganzen Tag wird Klavier gespielt. Ich habe 
schon von den Klavierstunden genug. Sie fangen erst an, wenn der 
Stundenplan fix ist. Vielleicht am 1. Oktober, dann muß ich an die 
Frau B, schreiben, eigenhändig, hat sie gesagt. Das verlangt sie von 
allen ihren Schülerinnen. Die Lehrerin von der Hella war mir lieber. 
Aber sie hat keine Zeit und ist auch teurer, glaub ich. Aber wenigstens 
könnte sie mir nicht immer das Fräulein Dora als Muster vorhalten. 
Es ist eben nicht jeder so musikalisch wie das Frl. Dora. Abends hat 
die Inspee bis um 10 oder um 12 Uhr in einem dicken Buch gelesen, 
und dabei geheult. Das hat sie geleugnet, aber ich hab's gehört und 
sie hat auch gar nicht reden können. Sie sagt, sie hat Schnupfen, die 
Lügnerin. 

25. September: Heute haben wir einen proffesorischen Stunden- 
plan bekommen, aber er bleibt nicht, bis die Professoren von Gym- 

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nasium genau wissen, wann sie kommen können. Unsere Frau Doktor 
könnte auch in einem Gymnasium sein, aber weil nur eines ist, so ist 
sie bei uns. Wir haben für morgen eine mündliche Redeübung: Unsere 
Ferien. Höchstens 8 oder 10 Sätze, zu Hause können wir es nieder- 
schreiben, aber in der Schule dürfen wir nicht hineinschauen. Ich habe 
es schon gemacht. Aber vom Robert habe ich nichts geschrieben. Der 
verdient nicht einmal, daß ich an ihn denke. Ich habe auch der Hella 
gar nicht alles gesagt. 

25. September: Ich war dran bei der Redeübung und die Frau 
Doktor hat gesagt, sehr gut, wie heißt du? Grete Lainer hab icli ge- 
sagt und sie hat gesagt: Und das ist deine gute Freundin neben dir? 
Jetzt soll sie uns sagen, wie sie ihre Ferien verlebt hat. Die Hella hat 
es auch sehr gut gekonnt und die Frau Doktor sagte auch, sehr gut. 
Dann hat es geläutet. In der großen Pause hat die Frau Doktor mit 
uns gespielt: Reih um. Das war sehr lustig. Ich kam 6mal dran. In den 
kleinen Pausen waren wir ganz allein, weil die Lehrkräfte alle so viel 
zu tun haben wegen dem Stundenplan. Eine Repetentin aus dem Lyzeum 
F. ist bei uns. Sie sitzt in der letzten Bank, denn sie ist sehr groß. So 
groß wie die Frau Doktor. ■ 

26. September: Heute haben wir zum ersten mal den Professor 
Rieg! gehabt in Naturgeschichte. Er trägt einen Zwidcer und schaut 
einen nie an. Und im Französisch hat die Madame A. gesagt, daß ich 
die beste Ausspraclie habe. Wir haben sehr viel auf und ich weiß nicht 
ob ich alle Tage zum Schreiben komme. Die Kinder sagen der Professor 
Igel statt Riegel und die Weinmann hat gesagt Nike!. 

30. September: Ich habe gar keine Zeit zum Schreiben gehabt. 
Die Hella schreibt schon seit dem 24. nicht. Heute muß icli aber schreiben 
denn ich bin dem Robert begegnet in der Schottengasse. Guten Tag 
mein Fräulein, nur nicht so stolz, hat er im Vorbeigehen gesagt. Und 
wie Ich mich umgedreht habe, war er schon vorbei, sonst hätt ich ihm 
was ordentliches gesagt. Ich muß zum Nachtmahl. 

1. Oktober: Ich kann nicht schreiben, der Oswald ist aus S, ge- 
kommen, er hat sich den Fuß verstaucht, aber icli weiß nicht, er kann 
dabei herumgehen. Er ist furchtbar blaß und redet kein Wort vor 
Schmerzen, 

4. Oktober: Heute haben wir frei, weil der Geburtstag des Kaisers 
ist. Gestern hat mir die Resi etwas Gräßliches erzählt. Der Oswald darf 
nicht mehr nach S. zurüclt. Er hat etwas angestellt, was, weiß die Resi 
nicht, sie sagt etwas sehr Unanständiges, ich möchte wissen, was, viel- 
leicht etwas am Klosett. Er bleibt immer so lange draußen, das habe 



2 Tayebuch 



17 



. 



idi schon am Lande bemerkt. Oder am Ende war etwas in seirem 
Vereine. Die inspee tut, als ob sie es wüßte, aber es ist natürlich nicht 
wahr, sie weiß gar nichts. Der Papa ist wütend und die Mama hat ganz 
verweinte Augen. Zu Mittag redet kein Mensch ein Wort. Wenn ich nur 
wüßte, was er getan hat. Der Papa hat gestern furchtbar geschrieen mit 
ihm und da haben wir, die Dora und ich gehört, wie er gesagt hat: 
So ein Lausbub hat es notwendig (Jetzt haben wir etwas nicht verstanden) 
und dann hat er gesagt, du schau in deine Schulbücheln und nidit auf 
die Mädeln und die verheirateten Frauen, du Lausbub du. Und die Dora 
sagt: Ah jetzt versteh ich und ich sag: Ich bitt dich, sag mir was denn, 
es ist doch mein Bruder so gut wie deiner. Aber sie sagt: „Das ver- 
stehst du nicht, das paßt nicht für so junge Ohren." Das ist eine Ge- 
meinheit, für ihre Ohren aber paßt es und sie ist doch nur um nicht 
einmal ganz drei Jahre älter als ich. Aber weil sie das blaue Kleid 
halblang bekommen hat, bildet sie sich so viel ein und glaubt, sie ist 
eine Dame. So schauen sie aus, die Damen und dann nascht sie Kompott, 
daß sie den Mund ganz voll hat und gar nicht reden kann. Wenn ich 
so etwas merke, rede ich Immnr auf sie, daß sie antworten muß. Das 
ärgert sie furchtbar. 

9. Oktober: Jetzt weiß ich alles! ! ! Also daher kommen die kleinen 
Kinder. Und das hat am Ende der Robert damals gemeint. Nein, das 
tue idi nie, ich heirate einfach nicht. Denn dann muß man es tun; es 
tut furditbar weh und doch muß man. Wie gut, daß ich es schon weiß. 
Aber ich mÖcht nur wissen wie, die Hella sagt, das weiß sie auch nicht 
genau. Aber vielleicht sagt es ihr ihre Kousine, die weiß nämlich wirklich 
alles. Und neun Monate dauert es, bis man das Kind kriegt und dabei 
sterben sehr viele Frauen. O, das ist gräßlich. Die Hella weiß es schon 
lang, aber sie hat sich nicht getraut, mir was zu sagen. Ihr hats heuer 
am Lande ein Mädel gesagt. Und sie hat es der Lizzi, ihrer Schwester 
sagen wollen, eigentlidi sie hat sie nur fragen wollen, ob das alles 
wahr ist und die Lizzi rennt zu ihrer Mama und sagt ihr, was die Hella 
gesagt hat. Und ihre Mama sagt: „Das ist schrecklich mit die Kinder, 
so eine verdorbene Geration, daß du dich nicht unterstehst, einem 
anderen Kinde das zu sagen, vielleicht zu der Grete Lainer" und gibt 
ihr ein paar Ohrfeigen. Als ob sie was dafür könnte! Darum hat sie 
mir so lange nicht geschrieben. Die Arme, nein die Ärmste, aber jetzt 
kann sie mir alles sagen und wir werden eine die andere nicht verraten. 
Und die Inspee, die falsche Katze, weiß das natürlich längst und will 
es nur nicht sagen. Aber das weiß ich doch nicht, warum der Robert 
damals bei der Schaukel gesagt hat: Du Närrin, davon kriegt man noch 

18 



«Ü^ 



lang kein Kind. Vielleicht weiß es die Hella. Wenn ich nachmittag ins 
Turnen gehe, gehe ich vorher zu ihr und frag sie. Gott, ich bin so 
neugierig. 

10. Oktober: Ich habe eine gräßliche Angst, ich war gestern nicht 
in der Turnstunde. Idi war bei Hella oben und da habe ich mich ohne 
Absicht so verspätet, daß ich mich dann nicht getraut habe hinzugehen 
ins Turnen. Und die Hella hat gesagt, ich soll nur bei ihr bleiben, wiv 
sagen, die Rechenaufgabe war so schwer, wir kaben sie so lange nicht 
können. Zum Glück haben wir wirklich eine. Aber ich habe zuhause 
gar nichts gesagt, weil morgen der Oswald wegkommt nach G. zum 
Herrn Dir. S. Jetzt habe ich geglaubt, ich weiß schon alles und jetzt 
hat mir die Hella erst wirklich alles gesagt. Das ist gräßlich mit der 

P Ich kanns gar nicht weiter schreiben. Sie sagt, natürlicli 

hats die Inspee schon, schon damals, wie ich geschrieben habe, die Inspee 
brauclit niclit baden gehn, wenn sie nicht will; da hat sie es bekommen. 
Und wie das nur sein muß, da muß man doch immer Angst haben. 

Ströme von Blut sagt die Hella. Aber da wird ja alles ganz bl 

Und darum hat die Inspee immer das Licht abgedreht am Land, wenn 
sie noch gar nicht ausgezogen war, damit ich nichts sehe. Pfui Teufel, 
ich hätte auf keinen Fall hingeschaut. Mit 14 Jahre bekommt man es 
und es dauert bis 20 Jahre. Die Hella sagt, die Franke Berta in unserer 
Klasse weiß alles. Sie hat ihr in der Rechenstunde auf den Faulenzer 

geschrieben: weißt du was P bedeutet? Und die Hella hat 

darunter geschrieben, natürlich schon längst. Und dann hat die Franke 
um 12 Uhr auf sie gewartet, wie die Kathohschen Religionsstunde ge- 
habt haben und sie sind damals mit einander nachhause gegangen. Ich 
erinnere mich noch ganz gut, idi habe mich sehr geärgert, weil das 
keine Freundschaft ist. Am Dienstag gehen wir mit der Franke, die 
Hella hat ihr schon geschrieben unter der Stunde, daß ich alles weiß 
und sie braucht sich nicht schenieren. Die Inspee ahnt etwas, sie schaut 
immer herüber und ladit höhnisch, sie glaubt wahrscheinlich, nur sie 
kann es wissen. 

16. Oktober: Morgen ist der Geburtstag vom Papa und von der 
Dora. Ich ärgere mich jedes Jahr, daß die Dora gerade mit dem Papa 
zusammen Geburtstag hat. Am meisten ärgert mich eigentlich, daß sie 
sich soviel darauf einbildet, denn es ist ja wirklich ein bloßer Zufall, wie 
der Papa immer sagt. Und ich glaube, ihm ist es nicht einmal besonders 
angenehm. Jeder will dodi seinen Geburtstag an einem eigenen Tag, 
haben, nicht mit jemanden anderen zusammen. Und diese Einbildung, 
die ist schon nimmermehr schön. Übrigens heuer ist es so nichts mit 
2* . 19 



einer ordentlichen Geburtstagsfeier wejen der Geschichte mit dem 
Oswald. Der Papa ist wütend und er hat sic^ auf 2 Tage im Bureau 
frei gemacht, weil er nach G, gefahren ist, wohin der Oswald 
kommen soll. 

17. Oktober: Es war doch schöner heute, als icli geglaubt habe. 
Die ganze Familie Brückner war da und da ist natürlich vom Oswald 
nicht viel geredet worden, nur daß er einen verstauchten Fuß hat (das 
ist aber nicht wahr, das weiß ich jetzt bestimmt) und daß er wahr- 
sclieinUch nach G. kommt. Und der Oberst B. hat gesagt: Das beste 
für einen Bub ist die Militäranstalt, da muß er parieren. Und am Abend 
hat der Oswald gesagt: Das ist ein Stuß, was der Hella ihr Papa ge- 
sagt hat, denn in der Militäranstalt kann man ebenso gut heraus- 
geschmissen werden, wie aus dem Gymnasium. Das sieht man doch am 
Edgar Groller. Damit hat er sich aber verraten und die Dora hat auch 
gleich gesagt: Ah so, herausgeschmissen bist du worden, und wir haben 
geglaubt, du hast den Fuß verstaucht. Da hat er sich furchtbar geärgert 
und hat gesagt; Euch Görn, wird man nicht alles auf eure frechen Nasen 
binden und hat die Tür zugehaut, weil die Mama gerade nicht im 

Salon war. 

19. Oktober: Wenn wir nur erfahren könnten, was eigentlich mit 
dem Oswald war. Mit einem Mädchen muß es etwas sein. Aber v/as 
der Papa dann von einer verheirateten Frau gesagt hat, das wissen 
wir nicht. Wahrscheinlich hat ihn eine verheiratete Frau beim Direktor 
oder beim Klassenvorstand angezeigt und so ist dann alles herausge- 
kommen. Es tut mir eigentlich furchtbar leid: denn ich denke mir, v.'ie 
es mir gewesen wäre, wenn alles herausgekommen wäre vom Robert 
und mir. Jetzt ist es mir ja alles eins. Aber damals im Sommer wäre 
es mir furditbar gewesen. Der Oswald spricht fast kein Wort, höchstens 
noch mit der Mama. Er tut immer, als ob er lesen würde, aber lächer- 
lich, mit einem solchen Liebeskummer liest man doch nicht wirklich. Ich 
habe der Franke nichts näheres erzählt, nur daß mein Bruder eine un- 
glückliche Liebe hat und deswegen hier in Wien ist. Und da hat sie 
uns erzählt, daß sich heuer im Sommer ein Kusin von ihr wegen ihr 
erschossen hat. In der Zeitung ist gestanden wegen einer Schauspielerin, 
aber das ist nicht wahr, es war wegen ihr. Sie wird nämlich schon 
14 Jahre. 

20. Oktober: Wir gehen jetzt meistens mit der Franke, Sie sagt, 
sie hat schon wahnsinnig viel erlebt, aber sie kann es uns jetzt noch 
nicht erzählen, weil wir uns noch nicht gut genug kennen. Bis später 
einmal. Wahrscheinlich fürchtet sie sich, wir könnten sie . verraten. Sie 

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will längstens mit 16 Jahren heiraten. Also in zwei Jahren. Da macht 
sie natürlich das Lyzeum nicht fertig, sondern tritt schon aus der 3. Klasse 
aus. Sie hat drei Verehrer, aber sie weiß noch nidit, wem sie wählen 
v.-ird. Die Hella sagt, ich solle doch nicht alles glauben, das mit den 
drei Verehrern auf einmal ist bestimmt aufgeschnitten. 

21. Oktober: Die Franke sagt, wenn man blaue Ringe hat, dann 
hat man es und wenn man ein Kind bekommt, dann hat man es nicht 
mehr, bis man wieder eins bekommt. Und sie hat uns auch erzählt, wie 
man es bekommt, aber das glaube ich nicht redit, mir scheint, das weiß 
sie selber niclit ganz genau. Da ist sie sehr böse geworden und hat 
gesagt: „Gut, so red ich gar nichts mehr. Wenn ich es so nicht weiß." 
Aber das von Mann und Frau, das versteh idi nirät. Sie sagt, es muß 
jeden Abend geschehen, sonst bekommen sie kein Kind; wenn sie einen 
Abend vergessen,, so bekommen sie kein Kind. Und darum stehen die 
Betten ganz nebeneinander. Das nennt man Ehebetten!!! Und es tut 
so weh, daß man es kaum aushalten kann. Aber man muß, denn der Mann 
kann einen dazu zvi^ingen. Wieso zwingen, das mochte icli gerne wissen. 
Aber ich hab nicht gefragt, weil sie sonst geglaubt hätte, ich mache 
mich lächerlich über sie. Und die Männer haben es auch, aber nur sehr' 
selten. Wir gehen jetzt immer mit der Franke Berta, sie ist ein sehr 
liebes Mädel, vielleicht darf ich sie am nächsten Sonntag einladen. 

23. Oktober: Jieute ist der Papa mit dem Oswald weggefahren. 
Die Mama hat sehr geweint. Ich hab zum Oswald beim Wegfahren 
noch schnell gesagt: Ich verstehe, was du leidest. Aber er hat mich 
nicht verstanden, denn er sagte: Dumme Kröte. Vielleicht hat er es 
auch hur wegen dem Papa gesagt, der mit einem fürchterlichen Gesicht 
daneben gestanden ist. 

27. Oktober: Gott, es ist alles wie verhext. Gestern hab ich 
ungenügend in Geschichte bekommen und heute habe icli in der Rechen- 
schularbeit gar keine Rechnung richtig. Und wir haben gestern noch so 
lange geübt; ich sag vorläufig nichts zuhause. Aber wegen der Turn- 
stunde neulich, habe ich doch Angst. Wenn mir nur die Mama morgen 
das Geld mitgibt und nicht selber geht, denn dann erfährt sie es sicher. 

28. Oktober: Heute war die Frau Direktor in der fianzösischen 
Stunde da und hat mich sehr gelobt. Sie sagt, im Französischen könnte 
ich in der dritten sein und dann fragt sie mich, ob ich in den anderen 
Gegenständen auch so gut beschlagen sei. Ich habe nicht sagen v^ollen. 
Ja und auch nicht Nein, und da haben alle Kinder gesagt Ja, sie kann 
überall alles. Und da hat mir die Frau Direktor auf die Schulter geklopft 
und hat gesagt: Das hör ich gern. Und wie sie draußen war, habe ich 

21 



y 



gräßlich geweint und die Madame Amau hat gefragt: Ja was hast du 
denn? und die Kinder haben gesagt: In der Rechenschularbeit hat sie 
Ungenügend und sie kann doch so gut rechnen. Und die Madame hat 
gesagt: „Du wirst dir das Ungenügend schon wieder verbessern". 

30. Oktober: Heute habe ich einen furchtbaren Verdruß gehabt 
mit dem Fräulein Vischer aus Geschichte. Gestern wie ich mit der 
Mama Ip die Elektrische einsteige, sitzt die V. drin. Ich schau weg, 
damit die Mama sie nicht sieht und sie ihr nicht am Ende sagt, daß 
ich die dummen Sagen nicht können habe. Und heute wie sie herein- 
kommt, sagte sie: Lainer, kennst du die Schulordnung? Ich weiß gleich 
was sie meint und sage: „Ich habe Fräulein gegrüßt in der Elektrischen, 
aber Fräulein haben gerad nicht hergeschaut". „Das ist sehr schön, ein 
Vergehen durch eine Lüge beschönigen zu wollen. Setz dich!" Ich habe 
mich sehr geniert, weil mich alle Kinder angesehen haben. Und um 
11 Uhr hat die Franke gesagt zu mir: Mach dir nichts draus, sie hat 
dich auf den Zug und da wird sie immer was finden. Und sie muß es 
der Frau Doktor M. gesagt haben, v^jeil sie in der Deutschstunde als freie 
Redeübung vom Grüßen aufgegeben hat. Und alle Kinder schauten mich 
wieder an. Sonst hat sie nichts gesagt. Sie ist überhaupt ein*£ngel, meine 
süße E. M., sie heißt nämlich Elisabeth; aber Namenstag feiert sie keinen, 
weil sie protestantisch ist; das ist riesig schade wegen dem 19. November. 

31. Oktober: Ich habe doch ein Glück. Mit der Turnstunde ist 
nichts herausgekommen, obwohl die Mama selbst dort war. Und 
mündlich habe ich heute im Rechnen Eins bekommen. Das Fräulein 
Steiner ist auch sehr lieb und hat gesagt: Ja L. was war denn das bei 
der Schularbeit, du rechnest ja sonst so gut? Ich habe mir nicht anders .i_ 
helfen können und hab gesagt: Ich hatte neuHch solche Kopfschmerzen. ^^ 
Da lacht die Franke beinahe heraus, das war nicht schön von ihr; ich 
glaube überhaupt, man darf ihr nicht ganz vertrauen: sie ist vielleicht 
etwas falsch. Nach der Stunde hat sie zwar gesagt, sie hat gelacht, 
weil „Kopfschmerzen" ganz etwas anderes bedeutet. 

1. November; Heute fangen wir den Schreibtischteppich zu Weih- 
nachten für den Papa an. Natürlich hat sich die Inspee die rechte Hälfte 
genommen, weil die leichter geht und ich muß die linke Hälfte machen, 
v.o man immer den ganzen Binkel in der Hand hat. Für die Mama 
mach ich eine gestidcte Buchtasche aus Leder mit Seide und Malerei; 
die Malerei darf ich in der Schule machen beim Fräulein H., die hab 
ich auch sehr gem. Aber am liebsten habe ich die Frau Doktor M. 
Ich lade die Franke nicht ein, weil sie gestern so gelacht hat und die 
Mama will auch nicht, daß ganz fremde Mädeln kommen. 

22 



'^ 



2. November: Ich weiß noch immer nicht alles. Die Hella weiß 
viel mehr. Wir haben gesagt, wir prüfen uns in Naturgeschichte und 
sind hinüber in den Salon und dort hat sie mir noch sehr viel an- 
vertraut. Und dann ist die Mali, unser neues Dienstmädel hinein- 
gekommen und die hat uns etwas Gräßliches gesagt. Die Resi ist nämlich 
im Spital, weil sie krank ist. Nämlich alle Juden müssen als ganz Kleiner 
eine furchtbar gefährliche Operation durchmachen; es tut schrecklich 
weh und davon sind sie so grausam. Sie müssen das tun, damit sie 
mehr Kinder bekommen; aber nur die kleinen Buben, die Mäderln nicht. 
Das ist gräßlich und ich möchte keinen Juden heiraten. Wir haben die 
Mali auch gefragt, ob es wahr ist, daß das so schreddich weh tut und 
da hat sie gelacht und gesagt: Es wird nicht gar so arg sein, sonst 
täten's nicht alle. Und die Hella hat gefragt: Haben Sie es 'denn auch 
schon getan, Sie haben ja gar keinen Mann? Und da hat sie gesagt: 
Gehn's Fräulein, so was redt man nicht, das ist nicht^ schön. Und wir 
haben uns sehr geniert und haben sie gebeten, daß sie nichts der 
Mama sagt. Und sie hat es uns geschworen. 

5. November: Mit dem dummen Gürtel Ist alles herausgekommen. 
Vorgestern räum ich meinen Kasten aus und will Ordnung machen, 
da kommt die Mali die Betten herrichten und sieht den Gürtel mit den 
Fransen. „Jö, sagt sie, der ist schöni" Sie können ihn schon haben, 
ich trag ihn so nicht mehr, sag ich. Und gestern zu Mittag schaut die 
Mama auf einmal die Mali an und Ich spür', daß ich ganz rot werde. 
Und nach dem Essen sagt die Mama, du Gretel, hast du der Mali den 
Gürtel geschenkt? Ja, sag ich, sie hat mich gebeten. Da kommt sie 
trrad herein das Wasser hinaustragen und sagt: „Nein, ich hab nicht 
bitt drum, die Fräuln Grete hat mu- n von selber geben*" Und ich weiß 
nicht wie das war, ich war schon in unserem Zimmer, da kommt die 
Mama und sagt: Eine rechte Freude erlebt man an seinen Kindern. Die 
Mah hat mir gesagt, was für schöne Sachen du und die Hella redet, 
ich renn gleich in die Küche und sag zur Mali: Wie können Sie einen 
solchen Tratsch machen? Sie haben sich in unser Gespräch gemischt. 
Das ist eine Gemeinheit und zwar eine kolossale. Am Abend beschwert 
sie sich beim Papa über mich und der Papa schimpft greulich und sagt: 
Nette Rangen hab ich, das muß man sagen. Der Verkehr mit der Hella 
wird eingesc!) rankt, verstanden? 

6. November: Das ist das Schönste, jetzt bin ich eine dumme 
Gans. Wie ich aber der Hella einen Stoß gegeben habe, sie soll vor 
der Mali nichts reden, da hat sie gelacht und gesagt: Was glaubst du 
denn, die Mali weiß doch so alles; vielleicht besser als wir zwei zu- 

23 



sammen. Und dann erst hat die Mali das von den Juden gesagt. Und 
jetzt bin ich die dumme Gans. Also weiß ich wenigstens, was ich bin, 
eine dumme Gans. Und das sagt einem die beste Freundin, die man hat. 

7. November: Die Hella und ich sind sehr kühl zusammen. Wir 
gehen miteinander, aber wir reden nur das ganz Gewöhnliche von der 
Schule und vom Lernen, sonst nichts. Seit heute gehen wir aufs Eis, 
so oft wir Zeit haben, das ist leider nicht sehr oft. Die Mama arbeitet 
für uns an dem Teppich. Es ist eine greuliche Arbeit, aber sie hat 
doch weniger zu tun als wir. 

8. November: Aufs Eis kommt ein wunderbares Fräulein; sie läuft 
großartig Bogen, Achter und Figuren. Ich bin hinter ihr gelaufen. Wie 
sie in die Garderobe ging, duftete es um ihr riesig. Ob sie bald 
heiraten wird und ob sie das alles weiß? Sie ist so schön und streicht 
sich immer die Haare aus der Stirn, wenn sie ihr hereinfallen. So schön 
möchte ich auch sein; dann wäre ich glücklich. Aber leider bin ich 
schwarz und sie ist blond. Wenn ich nur erfahren könnte, wie sie heißt 
und wo sie wohnt. Morgen muß ich wieder aufs Eis; lieber lern ich in 
der Nacht. 

9. November: Ich bin ganz aufgeregt; sie war nicht am Eis. Viel- 
leicht ist sie krank. 

10. November: Heute auch nicht. Ich bin zwei" Stunden dort ge- 
blieben aber leider umsonst. 

11. November: Endlich! heute kam sie. Gott, sie ist so schön. 

12. November: Sie hat mich angeredet. Ich stehe neben der Tür 
und auf einmal hör ich hinter mir lachen und da hab idi gleich gewußt: 
Das ist siel Und richtig, da kommt sie und sagt: Wollen wir zusammen 
laufen? Oh bitte, wenn Sie es gestatten, sag ich und wir maclien 
Gitter und laufen mit einander. Mir schlug das Herz bis zum Halse, 
und ich möchte immer was reden, aber mir fällt gar nichts Vernünftiges 
ein. Und wie wir zur Tür kommen, steht schon ein Herr da und grüßt 
sie und sie grüßt audi, und zu mir sagt sie: Auf Wiedersehen. Da frag 

ich nodi schnell: Wann, morgen? Ja, vielleicht, ruft sie. Nur 

vielleicht, vielleicht, wenn es nur schon morgen wäre. 

13. November: Die Inspee behauptet, sie heißt Anaslasia Klasto- 
schek. Aber das ist nicht wahr, sie kann keinen solchen Namen haben, 
eher kann sie Eugenie oder Seraphine oder Laura heißen, aber Ana- 
stasia, das ist sicher nicht wahr. Wozu es so häßUche Namen gibt. 
Wenn sie wirklich so heißt? Und dann Klastoschek, so einen böhmi- 
schen Namen, und sie soll aus Mähren sein und schon 26 Jahre; 
lächerbar, 26 Jahre, sie ist vielleicht höchstens 18 Jahre, aber nein, so 
24 



alt ist sie bestimmt nicht. Die Dora behauptet, sie wohnt in der Phorus- 
gasse und sie sag^, gar so schön ist sie nidit. Das ist natürlich der 
bure Neid; die Dora findet keine sdiön außer sich selbst. 

14. November: Ich habe das Fräulein an der Kassa gefragt, sie 
heißt wirklich Anastasia Klastoschek und wohnt in der Phorusgasse; 
aber wie alt sie ist, weiß das Fräulein nidit. Zuerst hat sie es mir nicht 
sagen wollen und hat gefragt, wozu idi es wissen will und wer mich 
fragen schickt. Erst als ich sagte, idi möchte es nur für mich wissen, 
schaut sie im Buch nach, weil ich nämlich die Nummer von ihrem 
Garderobekasten weiß; 36, das ist eine so schöne feine Zahl, die habe 
ich so gern, ich weiß eigentlich nicht warum, aber wenn man sie sagt, 
so ist es immer, als ob ein EichhÖrnciien im Baum herumspringt. 

20. November: Ich kann absolut nicht alle Tage schreiben. Die 
Mama Hegt im Bett und der Doktor kommt alle Tage, aber ich weiß 
eigentlich nicht, was ihr fehlt. Ich glaube, der Doktor weiß es auch nicht 
ganz bestimmt. Wenn die Mama krank ist, so ist es zu Haus so unheim- 
lic;h und sie sagt audi immer: Nur nidit krank sein, das ist das Ärgste. 
Mir liegt nichts dran, wenn ich krank bin; Ich bin so gar gern krank, 
dann sind alle so nett zu einem, der Papa setzt sidi, wenn er nachhaus 
kommt zu einem ans Bett und sogar die Dora tut einem verschiedenes 
2u lieb; das heißt, sie muß es tun. Übrigens habe ich ihr, wie sie 
Diphteritis gehabt hat vor zwei Jahren, audi alles zu lieb getan, da 
wäre sie fast gestorben, sie hat 41*8 Fieber gehabt und die Mama 
war ganz verweint. Der Papa weint nie. Es muß komisch ausschauen, 
wenn ein Mann v/eint. Wie heuer mit dem Oswald der Skandal war, 
hat er scJion geweint, id\ glaube, der Papa hat ihm ein paar Ohr- 
feigen gegeben. Er hat zwar gesagt: O nein, aber ich glaube es dochj 
denn geweint hat er bestimmt, audi wenn er's leugnet. Es ist ja keine 
Schande und dann ist er docli so noch kein großer Mann. Wenn idi mich 
furchtbar ärgere, dann wein ich schon. Wegen einer Ohrfeige allerdings nicht. 

21. November: Heute in der Religionsstunde ist die SchrÖfLer Lisel, 
das ist der Liebling vom Herrn-Katecheten, nein wir müssen sagen Herr 
Professor, also sie ist der Liebling vom Herrn Professor mit der Bibel zu 
ihm gegangen und hat gefragt, was schwanger heißt. Bei der Maria 
steht das nämlich wirklich in der Bibel. Die Schrötter weiß nämlich 
noch gar nichts und die Kinder haben sie solang aufgehetzt, bis sie 
gegangen ist und gefragt hat. Der Herr Professor ist ganz rot geworden 
und hat gesagt: Wenn du es noch nidit weißt, so macht das nichts. Das 
lernen wir erst später, wir sind ja noch im alten Testament. Ich war 
nur froh, daß die Hella nicht neben mir sitzt in der Religion, weil sie 

25 



protestantisch ist; sonst hätten wir bestimmt herausgeplatzt vor Lachen. 
Ein paar Kinder haben sehr gelacht, und da hat der Herr Professor 
zur Sdirötter gesagt: Du bist ein braves Kind, kümmere dich niclit 
vm die anderen. Und die SchrÖtter hat sclirecldicli geweint. Ich hätte 
absolut nicht gefragt, auch wenn ich es wirklich nicht gewußt hätte. 
Übrigens ist schwanger ein dummes Wort, es heißt eigentHch gar 
nichts; nur v/enn man es weiß. 

22. November: Wie ich gestern nach der ReHgionsstunde mit der 
Franke gegangen bin, haben wir natürlich davon gesprochen. Sie sagt, 
dazu heiraten die Leute, nur dazu. Das glaube ich wohl nicht, daß die 
Leute nur deswegen heiraten. Es gibt doch viele Leute, die heiraten 
und dann doch keine Kinder kriegen. Das ist schon richtig, sagt die 
Franke, aber es ist doch ganz bestimmt so. Und dann erzählte sie mir 
noch vieles, was ich nicht alles aufschreiben kann. Es ist zu gräßlich 
und merken tue icli mirs sowieso.. Wie ich heute bei der Mama auf dem 
Bett sitze, fällt mir auf einmal ein, daß wirklich das Bett vom Papa 
ganz neben dem von der Mama steht. Daran hab' ich eigentlich nie 
gedacht. Und jetzt ist es ja auch gar nicht mehr notwendig, weil wir 
alle doch schon groß sind. Dann bleiben Kalt die Sachen stehen wie 
früher. Was schaust du denn so herum, mein Kleines, fragt die Mama. 
Ich hab mir aber nitiits merken lassen, sondern hab gesagt: Ich hab nur 
geschaut, wenn dein Bett zuerst stünde und dann der Waschkasten, so 
könntest du besser zum Lesen sehen, wenn du im Bett liegst. Das geht 
nicht wegen dem Spiegelhacken, da ist die Wand ganz zerklopft, sagt 
die Mama. Ich hab' weiter nichts gesagt und sie auch nicht. Ich schlafe 
überhaupt lieber auf einem Diwan als im Bett, weil man sich da so 
gut anpreßen kann an die Rückwand. Idh bin froh, daß die Mama nichts 
gemerkt hat. Man muß furchtbar achtgeben, daß man sich nicht verrät, 
v/enn man alles v/eiß. 

25. November: Ich habe jetzt eine herrliche Gescliichte gelesen; 
sie heißt Ein treues Herz und handelt von einem Mädchen, der ihr 
Bräutigam fortgehen muß, v/eil er einen anderen erschossen hat, der ihm auf- 
gepaßt hat. Und die Rosa bleibt ihm treu, bis er zurückkommt nach zehn 
Jahren und dann heiraten sie. Es ist großartig und zuerst furchtbar traurig. 
Solche Bibliotheksbücher lasse ich mir gefallen, aber die wir in der Volks- 
schule hatten, die habeich alle schon gekannt und da hat das Fräulein nie 
gewußt, was sie mir und der Hella geben soll. Leider bekommen wir 
im Lyzeum nur alle vier Wochen ein Buch, weil die Frau Doktor sagt, 
wir haben so soviel zu tun, und wenn wir frei haben, sollen wir in die 
frische Luft gehen. Ich komme nicht jeden Tag dazu, aufs Eis zu gehen. 

26 




So gern ich die Goldfee habe, so hab ich sie getauft, aber ihr Name 
ist mir gräßlich. Wie sie gerufen wird, die Inspee sagt Stasi, aber das 
glaube ich natürlich nicht; eher vielleicht Anna, aber das ist so ge- 
wöhnlich. Gott sei dank, daß mich die Hella immer Rita nennt, so sagen 
jetzt in der Schule alle Rita. Nur zuhause sagen alle leider Gretl. 
NeuHch habe ich zur Inspee gesagt: wenn du wünschest, daß ich Thea 
sagen soll, so bitte ich mir Rita zu sagen; und Gretl verbiete ich 
mir überhaupt, so sagt man zu kleinen Kindern oder Bauemmadeln heißen 
so. Da sagte sie: Gott, wie Du mich nennst, ist mir ganz egal. Na 
also, dann bleibt es bei Dora, aber für immer. 

27. November: Der Papa ist Oberlandesgerichtsrat geworden. Er 
ist sehr froh und die Mama auch. Wir haben gestern abend drauf an- 
gestoßen. Jetzt kann er noch Präsident des Obersten Gerichtshofes 
werden, aber nicht gleich, sondern in ein paar Jahren erst. Wir werden 
wahrscheinlich im Mai ausziehen, weil wir eine größere Wohnung nehmen 
werden. Die Inspee hat zur Mama gesagt, sie möchte dann ihren eigenen 
Raum, wo sie ungestört ist. Lächerbar, wer stört sie denn, ich viel- 
leicht? Eher wohl sie mich, wenn sie immer herschaut, wenn ich Tage- 
buch schreibe. Die Hella sagt auch immer: Ältere Schwestern sollt es 
nicht geben ; da hat sie . wohl sehr, sehr recht. Leider kann man es 
nicht ändern. Die Mama sagt, zum Nikolo sind wir wirklich schon zu 
groß, aber idi sehe das nicht ein, dazu ist man nie zu groß. Und dann 
hat doch die Inspee auch noch voriges Jahr was vom Nikolo bekommen 
und war schon dreizehn und ich bin jetzt nidit einmal nodi zwölf. Über- 
haupt wir kriegen ja so nur Chokolade und Zuckerln und Datteln und 
solche Sachen, das ist ja ohnehin kein eigentliches Geschenk. Die 
Kinder wollen der Frau Doktor einen großen Krampus hinstellen auf 
das' Katheder. Aber ich finde das dumm. Einer Lehrkraft, die man 
gern hat, kann man doch keinen Krampus geben und bei einer, 
die wir nicht leiden können, ist schad um die Zuckerln und leer 
können wir ihn auch nicht hinstellen, das wäre eine Beleidigung. In 
der Hinsicht hat die Mama schon recht, daß der Krampus nur für die 
Kinder gehört. 

1. Dezember: Wir geben allen Lehrkräften einen Krampus, jede 
gibt eine Krone, hoffentlich gibt mir der Papa die Krone extra. Vielleicht 
gibt er uns jetzt überhaupt mehr Taschengeld, wenigstens um eine 
Krone mehr. Das wäre fein. Den Lehrkräften, die wir gern haben, geben 
wir einen großen und die wir weniger gern haben, einen kleinen. Nur 
beim Herrn Prof. J. da trauen wir uns nicht. Aber wenn nur er keinen 
bekommt, ist er vielleicht beleidigt. 

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2. Dezember: Heute waren wir Krampus kaufen für die Lehrkräfte. 
Die Frau Doktor M. bekommt den schönsten mit einer großen Butte 
und die Keller hat ganz kleine Bücherln, wo Schiller, Goethe und 
Märchen, daraufgeschrieben ist, die kommen oben drauf und drunter 
die Zuckerln. Das paßt ausgezeichnet für sie, weil die Frau Doktor doch 
/ Deutsch unterrichtet und diese Dichter lernt man in der Vierten in 
Deutsch. In der Vierten haben sie im November eine Schill ei-f ei er gehabt 
und bei uns hat die Frau auch eine sehr schöne Rede gehalten und 
einige Kinder haben deklamiert. Die Hella hat mir übrigens ein furcht- 
bares Gedicht gezeigt von Schiller. Da kommt vor: Ertappt ich sie im 
Bade, wie schrie sie da um Gnade, das Mädchen weiß, ich bin ein . 
Mann. Und dann noch eine Stelle: „Zu Gottes freien Ebenbild darf 
ich den Stempel zeigen, woraus das Leben quillt." Aber das steht 
nur in der großen Ausgabe von Schiller. Mir scheint, wir haben 
mehrere solche Bücher im Bücherkasten, weil wie die Inspee neulich 
so herausgekramt hat, hat die Mama aus dem anderen Zimmer gerufen: 
„Dora, was suchst du denn eigentlich im Bücherkasten? Ich werde dir 
sagen, wo es steht." Und sie hat gesagt: Nichts, ich hab nur etwas 
nachgeschaut, und hat schnell zugesperrt. 

4. Dezember: Die Kinder sind so blöd und haben einen schreck- 
lichen Tratsch gemacht wegen der Krampusse für die Lehrkräfte. Es 
geht nämhch mit dem Geld nicht zusammen und da hat die Keller 
gesagt, die Markus hat sich etwas genommen und dann hat sie gesagt, 
nein nicht genommen aber behalten. Und die Markus hat sich natürlich 
beschwert bei der Frau Doktor und ihr Papa ist zur Frau Direktorin 
gegangen und hat sich auch beschwert. Und die Frau Doktor hat gesagt, 
v/ir wissen doch, daß Geldsamralungen verboten sind und wir dürfen 
niemanden einen Krampus geben. Jetzt hat die Keller die fünf Kram- 
pusse und wir wissen nicht, was wir tun sollen. Die Mama hat gesagt, 
solche Sachen gehen nie gut aus, da kommt immer ein Streit heraus. 

5. Dezember: Wir fürchten uns schrecklich: Die Hella, ich und 
die Bergler Edith haben den Krampus, den wir für die Frau Doktor M. 
gekauft haben, vor ihre Türe gestellt. Die Bergler weiß nämlich ihre 
Wohnung, weil sie alle Tage bei ihr vorbeigeht. Ob sie ahnen wird, 
von wem der Krampus ist. Ich hab gar nicht gewußt, daß die Bergler 
Edith so lieb ist, mir ist sie immer so falsch vorgekommen, weil sie 
Augengläser tragen muß. Aber sie ist bestimmt nicht falsch, da sieht man, 
wie man sich oft täuschen kann. Morgen haben wir Deutsch-Schularbeit. 

6. Dezember : Zuerst hat die Frau Doktor gar nichts gesagt. Und 
dann hat sie das Thema zur Schularbeit diktiert: „Warum ich einmal 

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f 



am Abend nicht einschlafen konnte". Die Kinder waren alle ganz erstaunt 
und da hat die Frau Doktor gesagt : Nun Kinder, das ist gar nicht so 
schwer. Der eine kann nicht einschlafen, weil er knapp vor einer Krankheit 
steht, der andere vor Aufregung entweder aus Freude oder aus Furcht. 
Ein anderer hat ein schiechtes Gewissen, weil er etwas getan hat, was 
ihm grad erst verboten wurde j nicht wahr, so etwas Ähnliches habt Ihr 
doch schon alle erlebt? Und dabei hat sie die Bergler Edtih und uns 
zwei furchtbar lang angeschaut. Aber sonst hat sie nichts gesagt. Wir 
wissen also nicht bestimmt, ob sie es ahnt. Ich konnte gestern nicht aufs 
Eisfest gehen, weil ich so stark huste und die Dora auch nicht, weil 
sie Kopfschmerzen hatte; ich weiß nicht ob wirkliche oder die gewissen 
Kopfschmerzen ; wahrscheinlich solche gewisse. 

17. Dezember: Jetzt bin ich eine ganze Woche nicht zum Schreiben 
gekommen. Vorgestern bekamen wir Interiems-Zeugnisse : In Geschichte 
habe ich genügend, in Naturgeschichte gut und sonst lauter sehr gut. 
Wegen der dummen Vischer habe ich im Fleiß nur einen Zweier. Das 
hat den Papa sehr geärgert; er sagt im Fleiß kann jeder einen Einser 
haben. Das ist schon wahr, aber wenn man irgendwo genügend hat, 
kriege man keinen Einser im Fleiß. Die Inspee hat natürlich lauter 
Einser, nur im Englisch einen Zweier. Sie büffelt aber auch sehr. Die 
Beste bei uns ist die Verbenowitsch, aber wir können sie alle nicht 
leiden, sie bildet sich wahnsinnig viel ein und die Franke sagt, sie Ist 
nicht vertrauenswürdig. Die Franke läßt sich von ihrem Kusin, der 
geht in die 7., in die Schule begleiten; sie wird schon bald 14 und ist 
sehr schön. Sie sagt nicht, was für ein Zeugnis sie hat, ich glaube ein 
sehr schlechtes. 

18. Dezember: Heute ist die Dora beim Nachtmahl ohnmächtig 
geworden, weil in ihrem weichen Ei schon ein kleines Henderl drin 
war, nämlich noch kein wirkliches, aber man hat schon die Flügel und 
den Kopf gesehen, aber nur angedeutet, hat der Papa gesagt. Was 
man aber deswegen ohnmächtig werden braudit, das sehe ich wirklicli 
nicht ein. Nacher hat sie gesagt, es hat ihr so gegraust. Und sie kaim 
nie mehr ein Ei essen. Zuerst war der Papa auch ganz erschrocken wie 
die Mama, aber dann hat er gelacht und gesagt: Solche Faxen! Sie hat 
sich dann gleich niederlegen müssen und ich bin noch sehr lange bei 
den Eltern aufgeblieben. Und wie ich dann in unser Zimmer kam, hat 
sie gelesen, d. h. ich habe den Lichtschein beim Türspalt gesehen; wie 
ich aber die Tür aufgemacht habe, war es schon finster und wie idi 
frage: Ah du liest ja noch, gibt sie keine Antwort und dann tut sie, 
als ob sie erst durch mein Lichtaufdrehn wäre wach geworden und 

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fragt: Was ist denn? Solche Falschheiten kann ich nicht leiden und drum 
habe ich auch gleich gesagt: Geh bitt' dich, du weißt recht gut, daß es 9 Uhr 
ist. Und weiter nichts. Heute auf dem Schulweg haben wir keine Silbe 
gesprochen. Glücklicher Weise hat sie dann eine aus ihrer Klasse getroffen. 
19. Dezember: Ich bin sehr neugierig, was ich zu Weihnachten 
bekomme. Gewünscht habe ich mir: Ein weißes Pelzwerk, nämlich Boa, 
Muff und ein Samtbarett mit dem gleichen Pelz verbrämt, Jackson- 
Schlittschuhe, weil die Meinen immer gleich locker werden, deutsche 
Heldensagen, nicht am Ende Griechische; da möchte idi mich bedanken, 
Haarbänder, durchbrochene Strümpfe und wenn möglich eine goldene 
Nadel wie die Hella sie zum, Geburtstag bekommen hat. Aber der 
Papa sagt, die wird unserem Christkindl wohl ein bißerl zu teuer sein. 
Die Inspee wünscht sich ein Frontmieder. Aber ich glaube, sie bekommt 
es nicht, weil es ungesund ist. Der Teppich für den Papa ist schon 
fertig und beim Scheren, das Buchtascherl für die Mama noch nicht 
ganz. Der Dora gebe ich eine kleine Toilette. Ja und meinen Haupt- 
wunsch hätte idi bald vergessen, eine Schatulle zum Versperren für 
mein Tagebudi. Die Dora wünscht sich auch Ajourstrümpfe und 3 Bände 
Kränzchen. Neulich ist mir etwas Furchtbares passiert. Ich habe ein 
Tagebudiblatt liegen lassen oder verstreut, das weiß idi nicht o-enau. 
Wie ich nachhaus komme, sagte die Inspee: „das hast du verloren 
nicht? Es sind wohl Notizen aus der Schule?" Ich merk' es nicht ein- 
mal gleich, aber dann seh ich's gleich am Format und sage: Ja, es sind 
Notizen. Hmm, sagt die Inspee, aber kaum aus der Schule. Danke Gott 
wenn ich das nicht der Mama sage. Übrigens wenn man nicht einmal 
noch orthographisch schreiben kann, dann sollte man wirklich noch kein 
Tagebuch schreiben. Das ist eben nichts für Kinder. Ich war wütend. 
Dann auf dem Klosett habe ich 'geschaut, was ich für einen Fehler 
gemacht habe; na, wenn nicht mit doppel n und daß ohne scharfes ß, 
das ist weiter was. Ich war nur froh, daß gerade nichts von ihr drauf 
gestanden ist. Das doppel n und das scharfe ß streicht sie rot an, als 
ob sie eine Lehrerin wäre, das ist die höhere Frechheit! Am besten 
wäre eigentlich in ein Buch mit Schloß zu schreiben, das man immer 
zusperrt, dann kann niemand etwas lesen und gar Fehler rot anstreichen, 
ich schreibe doch oft so schnell, da ist ein Fehler leicht möglich. Ich 
möchte wissen, ob sie nie einen Fehler macht. Mich ärgert das Ganze 
wütend. Aber wegen der Mama kannn ich weiter nichts sagen, höchstens 
auf dem Schulweg; aber nein, wenn ich gar nichts rede, ärgert sie sich 
am meisten. Wenn ich viel rede drüber, so fallt der Mama das wieder 
ein von den 5 Seiten am Land und das ist nicht unbedingt nötig. 



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22. Dezember: Heute ist die Tante Dora gekommen. Sie wirci 
jetzt einige Zeit bei uns bleiben, bis die Mama ganz gesund ist. Icli 
habe midi nicht melir sehr gut erinnern können an sie, da war id-. 
nämHch erst vier oder fünf Jahre, wie sie fort von Wien ist. Der liebe 
schwarze Käfer hat sie zu mir gesagt und hat mir ein Bußerl gegeben, 
Das schwarz höre ich nicht gerade sehr gern, aber die Hella sagt, 
es steht mir sehr gut, das ist pikant. Pikant sagen immer die Offi- 
ziere von ihrer Kusine in Krems, von der der Papa sagt, sie ist eine 
beaute, das heißt soviel als Schönheit und sie ist auch ganz dunkel. Aber 
ich möchte doch Heber blond sein, blond und dazu braune oder nodi lieber 
blaugraue Augen. Ob ich auch so eine beaute werde? Hoffentlich jal! 

23. Dezember: Ich freue mich schon furchtbar auf morgen. Was 
ich bekommen werde? Jetzt muß ich Christbaum aufputzen. Die Inspee 
fragt gerade: Heuer putzt die Gretel auch auf? Sie hat ja nie auf? 
geputztl ich möchte wissen, warum nicht. Aber die Tante drinnen hat 
gleich meine Partei genommen. „NatürUdi putzt sie auch auf; aber 
bitte nicht allzuviel ins Kröpfchen". „Wenn die Dora nichts ißt, ess ich 
auch nichts", sag ich gleich. 

Am Abend. Gestern haben wir die letzte Schule gehabt. Wir 
haben frei vom 23. bis zum 2. Jänner. Das ist herrlich. Da gehe icli 
jeden Tag aufs Eis. Heute und morgen habe ich natürlich keine Zeit. 
Ob ich der „Goldfee" eine Karte schicken soll. Wenn sie nur einen 
schöneren Namen hätte. Aber Anastasia Klastoschek; das . ist gräßlicli 
ordinär. Überhaupt alle böhmischen Namen sind so gräßlich ordinär. 
Der Papa kennt einen Grafen Wilczek, aber noch ärger ist schon Schaf- 
gotsch. Ich würde nie einen heiraten, der Schafgotsch oder Wilczek 
heißt und wenn er auch ein Graf und ein Miliionär ist. Gestern haben 
wir allen Lehrkräften gratuliert, bei der Frau Dr. war ich und die Ver- 
benowitsch, weil sie uns am liebsten hat,''d. h. haben soll. Zum Pro- 
fessor Rigl, Igel, wir sagen immer Nickel, hat niemand gehen wollen, 
weil er beim Gratulieren immer sagt: „Is scho gut". Das ist doch eine 
Gemeinheit und so haben müssen die Klassenordnerinnen gratulieren 
gehen. Vor Weihnachten hat die Frau Doktor uns ermahnt, daß wir 
niemanden von den Lehrkräften etwas geben dürfen, „Idi bitt' Eudi - 
Kinder, haltet Euch darnach, es kommt nur Verdruß heraus dabei, Ihr 
wißt es ja vom Nikolo her. Und ins Haus dürft ihr den Lehrkräften 
auch nichts schicken und vor die Tür stellt ein feines Christkindl auch 
niemanden etwas." Und dabei hat sie mich und die Bergler Edith 
furchtbar angeschaut. Also weiß sie es doch vom Krampus. Ich bin so 
müde, daß mir die Augen zufallen. Ah bravo, morgen ist Weihnachten 1 

31 



24. Dezember: Der Weihnachtstag Nachmittag ist scheußlich. Man 
weiß nicht, was man tun soll, nichts freut%inem mehr. Aufs Eis mag 
ich auch nicht, so schreibe ich jetzt Heber. Gestern ist der Oswald ge- 
kommen. Alle sagen, daß er gut aussieht; ich finde ihn schrecklich blaß 
und er hat auch ganz höhnisch gelächelt, wie alle seine gute Farbe 
tobten; natürlich, wie kann er denn gut aussehen, wenn er einen 
Liebesgram hat. Ich möchte ihm gern sagen, daß ich ihn ganz gut 
verstehe, aber er ist zu stolz, ein Mitleid anzunehmen. Er hat sich einen 
Armeerevolver zu Weihnachten gewünscht, aber ich glaube, er bekommt 
ihn nicht, weil Mittelschüler keine Waffen haben dürfen. Vor einiger 
Zeit hat im Gymnasium in Galizien ein Schüler seinen Professor aus 
Rache erschossen; es hat geheißen wegen schlechten Fortgang, aber in 
Wirkliciikeit war es wegen einem Mädchen, obwohl der Professor schon 
36 Jahre alt war. Heute vorm. war ich mit dem Oswald in der Stadt, 
Einkäufe besorgen; wir haben die Warth begegnet, nämlich die EUi 

und den Robert. Der Oswald findet die Elli ganz passabel, 

aber der Robert ist ein grünes Scheusal, sagt er; und es paßt ihm nicht 
sagt er, daß er mich so anglozt. Wenn er erst das vom Sommer wüßtel 
Ich habe den Robert furcJitbar von oben herunter behandelt und das 
hat ihn wütend geärgert. Wenn man Euch Mädeln nur behüten könnte 
vor all dem Traurigen, was die Welt „Liebe" heißt, sagte der Oswald 
am Nachhauseweg. Und wie ich anfangen will zu sagen „Ich weiß daß 
Du unglücklich liebst und fühle mit Dir", biegt die Inspee mit ihrer 
guten Freundin um die Ecke der Bognergasse und es rennen ihnen 2 
Offiziere nach, so daß sie uns gar nicht gesehen haben. „Saperment 
die Frieda hat sich herausgemausert, das ist ein feiner Bissen", sagt 
der Oswald. Solche ordinäre Bemerkungen kann ich nicht ausstehen 
und ich habe auch den ganzen Weg nicht mehr geredet. Er hat es auch 
bemerkt und hat zur Mama gesagt: „Der Gretel ist vor Neid der Mund 
zugefroren". Weiter nichts. Das ist wirklich infam und ich weiß 
wenigstens, was ich zu tun habe. 

GoU, schnell noch ein paar Worte. Der ganze Weihnachtsabend 
ist verpatzt. Ein Dienstmann hat für die Dora ein Boukett abgegeben 
und der Papa ist wütend. Ich möchte nur wissen von wem? Am Ende 
gar von den 2 Offizieren heute? Die Inspee sagt natürlich, sie weiß 
nicht, von wem. Mich wundei-t nur, daß der Oswald nichts verraten 
hat. Er sagte nur: Na, das ist auch ein Gusto! Aber der Papa hat ihn 
gleich recht angefahren: „Du halt das Maul und denk an deine 
Schweinereien". Das habe ich ihm gegönnt; ich finde ja auch die Dora 
nicht so großartig, aber schließlich kann sie ja doch einem gefallen. 




32 



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Im Boukett war ein Gedicht, das hat die Dora schnell heimlich heraus- 
gerissen, ehe es der Papa gesehen hatte. Es ist sehr schön und als 
Unterschrift steht: Einer, dem Sie das Weihnachtsfest verschönern! Und 
als Überschrift: „Festzauber". Ich finde es geradezu heroisch, daß die 
Dora sich nicht verrät; sie behauptet auch zu mir, sie weiß es nicht; 
wenn das nicht eine ihrer Falschheiten ist. Ich glaube, eigentHch eher 
wird es von dem jungen Perathoner sein, der immer mit ihr läuft am Eis. 

28. Dezember: Ich habe gar keine Zeit gehabt zum Schreiben. Ich 
habe alles bekommen, was ich mir gewünscht habe. Und von der Tante 
Dora haben wir jede einen Operngucker aus Perlmutter in Pelüsche- 
täschchen bekommen. Wir werden nämlich in alle Schülervorstellungen 
gehen, wir haben von Papa die Anweisung bekommen; nämlich die hat 
er selbst geschrieben für alle Vorstellungen im Schuljahr 19 . . bis 
19 . . Ich freue mich furchtbar, denn die Frau Dr. M. kommt auch. 
Wenn ich nur neben ihr sitzen könnte. 

31. Dezember: Ich habe heute alles durchlesen wollen, was ich 
geschrieben habe. Aber ich bin nicht dazugekommen. Aber im neuen 
Jahr muß ich wirklich alle Tage schreiben. 

1. Jänner 19 . .: Wenigstens ein, paar Sätze muß ich schreiben. 
Nachmittags waren wir bei Rydbergs eingeladen und da waren auch die 
Warth Edle von Wernhoffü dort. Mit der Lisel habe ich geredet wie 
gewöhnlich, aber mit dem R. kein Wort. Sie sind früher fort als wir, 
und da hat mich die Heddy gefragt, was ich mit dem R. gehabt habe. 
Er hat von mir gesagt: Die schwarze Gans kann mir gestohlen werden. 
Und dann hat er gesagt, mir kann man alles aufbinden. Ich bin so 
dumm, daß ich alles glaube. Was das eigentlich heißen soll, weiß ich 
nicht; denn er hat mir nie etwas aufgebunden. Übrigens werde ich mir 
nicht den ersten Tag im Jahr durch den verderben lassen. Aber da 
hat die Hella recht, wenn man am 1. Jänner einen ordinären Menschen 
zuerst begegnet, so ist das schon ein schlechter Anfang. Ich begegnete 
nämlich in der Frühe, wie ich aus dem Tore ging, unseren alten Brief- 
träger, der immer so brummt wenn ihm nicht gleich aufgemacht wird. 
Ich schaute schnell weg und drüben ging gerade ein feiner junger Herr, 
aber das nützte nichts mehr, der ordinäre Briefträger war doch der erste. 

12. Jänner: Ich ärgere mich furchtbar. Wir dürfen nicht mehr auf 
Eis gehen, weil die Inspee wieder mit ihren dummen Ohren anfängt und 
die Mama bildet sich ein, sie hat sich im vorigen Jahr die Mittelohr- 
entzündung am Eis geholt. Also gut, dann soll sie nicht gehen; aber 
ich? Was kann denn ich dafür, daß sie so empfindlich ist? Der Papa 
ist sonst wirklich die Gerechtigkeit selber, aber in diesem Falle verstehe 

3 Ta^ebucl) 33 



ich ihn nicht. Das ist doch einfach lächerlich, das heißt es ist zu traurig-, 
als daß man sagen kann lächerHch. Ich bin empört. Jedenfalls rede ich 
gar nichts. 

12. Februar: Jetzt habe ich ein ganzes Monat nicht geschrieben, 
weil ich soviel lernen mußte. Und heute haben wir die Zeugnisse be- 
kommen. Im Fleiß habe ich, trotzdem ich so gelernt habe in der letzten 
Zeit, wieder nur einen Zweier. Die Frau Dr. M. hat eine großartige 
Anspradie gehalten und hat gesagt: Wie die Saat, so die Ernte. Das 
ist aber nicht immer wahr. In Naturgeschichte habe ich zweimal nichts 
gekonnt und habe dodi 1 bekommen und in Geschichte habe ich nm- 
einmal nichts gekannt und habe Genügend bekommen. Allerdings kann 
mich das Fräulein V. nicht leiden, weil ich damals in der Elektrischen 
nidit gegrüßt habe. Und deshalb hat sie auch im Jänner, wie die Mama 
nachfragen war, gesagt: „Es fehlt ihr am richtigen Ernst". Und damals 
habe ich gehört, wie der Papa zur Mama gesagt hat: Mein Gott, sie ist 
dodi nocli ein Kind, aber heute hat er mir doch einen Skandal wegen dem 
Fleißzweier gemacht. Das hat er doch wissen können. Die Dora hat, wie 
sie behauptet, lauter Einser, aber sie zeigt das Zeugnis nicht. Und was 
ich nicht sehe, das glaube ich nicht. Und die Mama verrät sie einfach nicht. 

15, Februar: Der Papa ist wütend, weil der Oswald ein Nicht- 
genügend hat im Griechisch. Eigentlich ist das Griechisch ganz unnötig ; 
denn niemand braucht es, außer die Leute in Grieclienland und dorthin 
geht doch der Oswald ohnehin nie, wenn er auch auf den Landes- 
gerichtsrat studiert wie der Papa. Die Dora lernt natürlich Latein; na, 
das tue idi mir nicht an. Die Hella hat keine besonderen Noten und 
ihr Papa tobte!!! Er verlangt, sie soll die Beste sein. Aber sie ist gar 
nicht so erpicht darauf und sagt: Man muß nicht alles haben. Wenn sie 
im zweiten Halbjahr nidit lauter Einser hat,. darf sie nicht weiter gehen 
ins Lyz. Sie muß in die Bürgerschule gehen. Dann bringt sie sich um. 
Der Papa ist auch sehr komisch; Wozu hat man denn Geschichten- 
bücher, als daß man sie liest. Gestern lese im Töchteralbum und der 
Papa kommt herein und sagt: Du, lies lieber im Geschichtsbüchel als 
im Geschichtenbuch und schlägt mir das Buch zu. Ich habe einen 
solchen Zorn gehabt, daß ich mich schon um 7 Uhr ohne Nachtmahl 
ins Bett gelegt habe. 

20. Februar: Heute begegnete ich der Goldfee. Sie redete mich 
an und fragte, warum ich nicht aufs Eis komme. Das Kostümfest am 
14. sei großartig gev/esen. Ich sagte: Denken Sie sich Fräulein, meine 
Schwester hatte im vorigen Jahr Mittelohrentzündung und deshalb 
dürfen wir beide heuer nicht aufs Eis. Sie lachte furchtbar und sagte so 

34 



I 



entzückend süß: Ja, die böse Schwester. Sie ist einfach göttlich: Ein reh- 
braunes Kostüm mit feinem Pelz, ich glaube Zobel besetzt und einen 
riesigen braunen Kastorhut mit Schinebändern, hochfein. Und dann diese 
Augen und der Mund. Ich glaube, sie wird, den Herrn heiraten, der 
immer mit ihr gelaufen ist. Wenn wir im Herbst wieder neue Winter- 
kleider bekommen, lasse ich mir ein rehbraunes mit Pelz machen, wir 
müssen doch nicht immer gleich angezogen sein. Die Hella und die 
Lizzi sind nie gleich angezogen. 

8. März: Mit der Franke spreche ich nie mehr ein Wort; eine 
solche Falschheit. Ich habe solche Kopfschmerzen, ' weil ich die ganze 
Stunde geweint habe. Sie schreibt der Hella und mir in der Rechen- 
stunde auf: Ein Verhältnis heißt ganz etwas anderes. Und das Fräulein 
schaut gerade her und sagt: Wem hast du zugenickt? Und sie sagt: 
Der Lainer. Weil sie gelacht hat über das Wort „Verhältnis". Das war aber 
wirklich nicht wahr. Ich habe zuerst an garnichts gedacht und erst wie 
ich den Zettel lese, fällt der Hella und mir ein, was Verhältnis heißt. 
Nach der Stunde ruft uns das Fräulein St. hinunter ins Professoren- 
zimmer und sagt der Frau Dr. M., daß wir, die Franke und ich so 
gelacht haben über das Wort „Verhältnis". Und die Frau Dr. M. sagt: 
V/as gibt es denn da zu lachen; rechnet lieber ordentlich. Und das 
Fräulein sagt: Schämt Euch, in der ersten Klasse sollt Ihi- solche Sachen 
gar nicht wissen. Ich werde mir Eure Mutter vorladen. In der Deutsch- 
stunde hat die Frau Dr. M. einen Spruch als Aufsatz gegeben: Rein das 
Herz und wahr das Wort, klar die Stirn und frei das Aug, das sei des 
Menschen Hort, oder so ähnlich; ich muß es mir von der Hella ab- 
schreiben, denn ich habe die ganze Stunde geweint. 

10. März: Heute hat sich die Franke herausreden wollen; aber die 
Hella und ich haben ihr gleich gesagt, wir reden nicht mehr mit ihr. 
Und sie soll nur dran denken, was für Sachen sie uns gesagt hat. 
Und da hat sie alles abgeleugnet und gesagt, wir haben ohnehin 
schon alles gewußt. Wir sollen uns nur nicht so verstellen. Das ist 
eine Gemeinheit. Wir haben eigentlich gar nichts gewußt und sie 
hat uns alles gesagt. Und schon oft hat die Hella zn mir gesagt, sie 
wollte, daß wir garnichts wüßten. 'Weil sie immer Angst hat, sich zu 
verraten. Und dann weil sie oft an so etwas denkt, wenn sie lernen 
soll. Das ist bei mir gerade ebenso. Und manchmal träumen einem auch 
solche Sachen, wenn man gerade Nachmittag davon geredet hat. Aber 
es ist doch besser, wenn man alles weiß. 

22. März: Ich komme so selten zum Schreiben, erstens haben wir 
sehr viel zu lernen und zweitens freut es mich nicht mehr, seit der Papa 



35 



^ 






das gesagt hat. Wie ich das letztemal geschrieben habe, das wai- an 
einem Samstag nachmittags, da kommt der Papa herein und sagt: Kommt 
Kinder, wir fahren nach Schönbrunn. Das ist Euch gesünder als Tage- 
buchkritzeln, das Ihr dann höchstens irgendwo liegen laßt. Also hat die 
Mama es doch dem Papa gesagt in den Ferien. Das hätte ich nie ge- 
glaubt von der Mama, denn ich hatte sie gebeten, sie soll mir schwören, 
daß sie's niemanden sagt. Und sie hat gesagt: Bei so etwas schwört 
man nicht; aber ich sage es auch so niemanden. Und jetzt muß sie es 
doch gesagt haben, obwohl sie es mir versprochen hatte, nichts zu 
sagen. Da ist ja die Falschheit von der Franke nichts dagegen, denn 
die kennen wir doch erst seit heuer, aber daß die Mama das tut, das 
hätte ich nie geglaubt. Ich habe es der Hella erzählt, wie wir aufs Tivoli 
jausnen gingen und sie sagte, sie würde auch ihrer Mama nicht ganz 
trauen, eher noch dem Papa. Aber der hätte ihr, wenn ihr das passiert 
wäre, das Tagebuch um die Ohren gehaut. Ich habe mir nichts anmerken 
lassen, aber am Abend habe ich der Mama nur ein ganz kleines Busserl 
gegeben. Und sie hat gesagt: Was hast du denn, mein Kleines, ist dir 
etwas passiert? Und da habe ich mich nicht halten können und habe 
gräßlich geweint und gesagt: Du hast mich schmählich verraten. Und 
die Mama hat gesagt: „Ich?" Ja, du; du hast dem Papa das vom Tage- 
buch gesagt, obwohl du mir ver.sprochen hast, nichts zu sagen. Zuerst 
erinnerte sich die Mama nicht einmal daran; aber dann erinnerte sie sich 
gleich und sagte: „Aber, Kindchen, der Papa darf doch alles wissen. 
Du hast doch nur nicht wollen, daß die Dora etwas erfährt". Das ist 
wohl wahr, das wäre schon gar schon gewesen; aber der Papa hätte es 
auch nicht wissen brauchen. Und die Mama war furchtbar lieb und nett 
und ich ging erst um 10 Uhr ins Bett. Aber sagen werde ich ihr doch 
auf keinen Fall mehr etwas und das ganze Tagebuch freut mich nicht 
mehr. Die Hella sagt: Das ist eine Dummheit; deswegen soll ich nur 
weiterschreiben; aber ein andermal soll ich nichts verheren, und dann 
soll ich nicht gleich immer alles der Mama und dem Papa klatschen. 
Sie sagt ihrer Mama gar nichts mehr, seit damals im Sommer, wo ihr 
ihre Mama eine Ohrfeige gegeben hat, weil ihr das fremde Mädchen 
alles gesagt hat. Es ist wahr, die Hella hat recht, ich bin sehr kindisch, 
daß ich mit allem gleich zur Mama renne und ihr alles erzähle. Und 
das ist vom Papa auch nicht schon, daß er mich so aufzieht mit dem 
Tagebuch; wahrscheinlich hat er selber nie eines gehabt. 

27. März: Juchu, wir fahren zu Ostern nach Hainfeld; ich freue 
mich riesig. Die Freundin der Mama wohnt dort und ihr Mann ist dort 
Doktor, deshalb müssen sie jahraus, jahrein dort wohnen. Voriges Jahr 

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im Winter war sie einmal mit der Ada auf drei Tage bei uns, weil sie 
augenleidend ist. Die Ada ist zwar beinahe so alt wie die Dora, aber 
die Dora sagt in ihrer Frechheit: „Nach ihrem geistigen Niwo paßt sie 
entschieden besser zu dir." Die Dora glaubt nämlich, so gescheit wie 
sie, ist kein anderer Mensch. Und zwei Buben haben sie, aber die kenne 
ich nicht genau, weil sie erst S und 9 Jahre sind. Die Freundin der 
Mama war schon einmal im Irrenhaus, weil sie trübsinnig war, wie ihr 
kleines Kind mit zwei Jahren gestorben ist. Ich kann mich gut erinnern, 
das muß vor zwei Jahren gewesen sein, da sagten die Eltern immer, 
die arme Anna, unter drei Tagen hat sie ihr Kind verloren. Und ich 
habe geglaubt, wirklich verloren und habe einmal gefragt, ob sie es 
schon gefunden haben. Ich glaubte nämlich, im Wald verloren, weil bei 
Hainfeld soviel Wald ist. Und ich kann seither nicht leiden, wenn jemand 
sagt verloren statt, er ist gestorben, weil man sich dann nie auskennt, 
wie es gemeint ist. 

Am 8. April fangen die Osterferien an und wir fahren am 11., 
am Gründonnerstag. 

6. April: Ich weiß nicht, wie ich das machen soll mit dem Tage- 
buchschreiben. Mitnehmen will ich es eigentlich nicht und mir alles 
merken und dann nachher alles schreiben, das weiß ich, das tue ich 
dann nicht. Die Hella meint, ich soll mir Schlagwörter, so sagt immer 
die Frau Dr. M., aufschreiben in Hainfeld und dann wenn ich zurück- 
komme, alles ordentlich aufschreiben. Sie macht es auch so. Sie fahren 
nämlich auf die Brionischen Inseln. Ich war noch nie am Meere. Die 
Hella sagt aber, es ist gar nicht so großartig. Sie war schon viermal. 
Aber sie ist nicht gar so vernarrt wie alle anderen Leute. Also muß es 
nicht so wunderbar sein. Und ich denke mir's auch ziemlich fad. 

12. April: Gestern angekommen. Ada sehr lieb und die zwei Buben 
furchtbar ordinär. Der Ernstl sagt zur Ada: Ich geb dir ein paar am 
A . . ., wennst nicht augenblidclich mein Revolver hergibst. Die Ada 
ist schon so groß wie ihre Mama. Sie reden alle etwas bäurisch. Auch 
der Herr Doktor. Er trinkt furchtbar viel Bier, ich glaube 8 1. 

14. April : Heute Papa nachgekommen. Hat den Herr Doktor riesig 
gern. Haben sich geküßt. Da hab ich furchtbar lachen müssen. Vor- 
mittag waren wir im Wald; aber es sind noch keine Veilchen, nur ganz 
wenig Schneeglöckchen, aber dafür riesig viel Nießwurz, ganz rote. 

15. April: Gestern um 4 Uhr Auferstehung. Wir waren nicht 
drinnen in der Kirche, weil die Mama Angst hatte, der Dora wird schlecht 
vom Weihrauch und vom Stiefelgeruch. Solche Faxen! Es war sehr schon. 
Heute nachmittags fahren wir in die Ramsau, dort ist es sehr schön, 

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16. April: Heute ist der Papa weggefahren. Morgen fahren wir. 
Zu Pfingsten wird die Ada von der Mama zur Firmung geführt. Da 
kommen alle zu uns. In der Ramsau bin ich im Sumpf stecken geblieben. 
Das war wirklich gräßlich. Aber der Herr Doktor hat mich heraus- 
gehoben. Und dann haben wir furchtbar gelacht, wie meine Schuhe und 
die Strümpfe ausgeschaut haben. Zum Glüdc habe ich mich an einemi 
Baumstumpf halten können, sonst wäre ich untergesunken. 

18. April: Die Hella sagt, es war großartig auf den Brionischen 
Inseln. Sie ist ganz dunkelbraun. Aber das habe ich nicht gern, und 
drum gehe ich nie in meinem Leben nach dem Süden. Die Hella sagt 
zwar, wenn man im Winter heiratet, muß man die Hochzeitsreise nach 
dem= Süden machen. Aber ich sehe das gar nicht ein, ich verschiebe 
es einfach auf den Sommer. 

Die Ada ist erst dreizehn, nicht vierzehn wie die Dora, und der 
Herr Pfarrer schimpft furchtbar, daß sie noch nicht gefirrat ist. Die 
Mama führt sie heuer zur Firmung, Wir werden nicht gefirmt, weil die 
Eltern niemand bitten wollen. Aber ich möchte schon gefirmt werden, 
denn da m u ß man eine Uhr kriegen und kann sich zu Weihnachten 
etwas anderes wünschen, 

21. April: Wir haben wahnsinnig viel zu lernen. Denn der Herr 
Landesschulinspektor wird bald kommen. Das ist immer sehr unangenehm. 
Die Mme. A. sagt zwar: die Inspektion gilt den Lehrkräften und nicht 
den Schülern. Aber ü-otzdem ist es auch für die Schülerin greulich. 
Erstens weil sie sich blami^^ und zweitens die Geschichten, die die 
Lehrkraft dann hinterdrein macht. Die Dora sagt, eine ungünstige Inspek- 
tion kann einem die Note um zwei Grade verschlechtern. Da fällt mir 
gerade ein, daß ich noch gar nicht geschrieben, warum der Oswald zu 
Ostern nicht da war. Er durfte nämlich, obwohl er durchaus keine 
guten Noten hat, nach Pola zur Tante Alma fahren, weil der Richard Ä 

heuer das letztemal in die Ferien kommt. Dann fährt er auf drei Jahre 
mit dem Dampfer Ozean nach dem Orient oder in die Türkei oder 
nach Persien, das weiß er noch nicht genau. Wenn der Oswald Lust 
hat, geht er auch zur Marine in zwei Jahren. 

9. Mai: Heute war der Herr Landesschulinspektor da, zuerst in 
Naturgeschichte, da kam ich, Gott sei Dank nicht dran, und dann in 
Deutsch; da kam ich dran, beim Lesen und bei der Inhaltsangabe der 
wandelnden Glocke. Gott sei Dank hab* ich alles können. 

14. Mai: Heute ist der Geburtstag von der Mama. Wir haben absolut 
keine Zeit gehabt, ihr etwas zu arbeiten, so haben wir eine wunderbare 
elektrische Lampe für den Nachttisch gekauft, der Knopf ist eine herab- 

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hängende Weintraube und der Ständer ist aus Messing.. Sie hat eine 
große Freude gehabt. Gestern war die Frau v. R. da, das ist eine 
Freundin der Mama und von der Mama der Hella. Bei der Frau v. R. 
möchte ich sehr gern Klavierstunden haben, sie gibt nämlich welche, 
seit ihr Mann, der Major war, gestorben ist, obwohl sie reich ist. 

15. Mai: Das wegen der Inspektion muß doch wahr, sein; der 
Prof. igel-Nickel sagte heute in der Pause zum Herrn Religionsprofessor: 
Also jetzt kommt er noch die ganze Woche und dann sind wir für 
dieses Jahr sicher. Wir, das heißt natürlich die Lehrkräfte. Aber eigentlich 
können die Lehrkräfte nicht immer etwas dafür, wenn die Schüler nichts 
können. Der Oswald sagt zwar, ja es ist einzig und allein ihre Schuld. 
Ich bin auch froh, wenn die Inspektion vorüber ist. Die Lehrkräfte sind 
ganz anders, wenn der Herr Inspektor da ist, manche sind besser, 
manche sind strenger und die Mme. A. sagt: Es ist ihr immer ganz 
schlecht vor Angst. 

29. Mai: Zu Pfingsten war die Frau Dr. Haslinger aus Hainfeld 
mit der Ada und den zwei Buben da wegen der Firmung. Am Pfingst» 
Sonntag ist auch der Herr Dr. gekommen und abends sind alle v/ieder 
gefahren. Die Ada ist sehr schon, aber sie sieht doch bäuerisch aus. 
Ich lasse mich auf keinen Fall firmen, wir mußten drei Stunden warten, 
obwohl der Freitag vor Pfingsten ein sehr feiner Tag ist. Die Dora 
war garnicht mit; nur die Mama und ich und die Ada und ihre Mama. 
Alle Bandl-Frauen glaubten, ich sei auch ein Firmling, weil ich auch 
weiß angezogen* war. Das hat die Ada auch ein bischen gefuchst. Am 
Samstag waren wir vor- und nachmittags in der Stadt, weil das der Ada 
Heber war als auf den Kahlenberg; Sonntag vormittags in Schönbrunn 
und nachmittags fuhren sie schon weg. Die Uhr, die Ada bekommen 
hat, v/ar sehr schön, und von der Dora und mir extra ein goldenes 
Halskettchen. Sie hat sich sehr geh-eut, nur hatte sie Sonntag nach- 
mittags greuHch Kopfweh. Weil sie den Stadtlärm nicht gewöhnt ist. 

31. Mai: Die Ada weiß auch schon Verschiedenes, aber nicht 
alles. Einiges habe ich ihr gesagt. Heuer im Winter hat sich ein Mäd- 
chen in H. ins Wasser gestürzt, weil sie ein Kind bekommen sollte. 
Da waren alle sehr aufgeregt und da hat ihre Mama einiges gesagt, 
aber eben nicht alles. Die Ada hat schon einmal gesehen, wie eine 
Hündin ihre Jungen bekommen hat, aber das hat sie ihrer Mama nicht 
gesagt; denn die wäre wahrscheinlich sehr böse darüber gewesen. Aber 
sie konnte nichts dafür, der Hund gehörte dem Herrn, der neben ihnen 
wohnt und da hat sie gerade in den Flur gesehen. Und die Ada er- 
wartet es täglich, da sie schon bald 14 Jahre wird. Jedes große Mädel 

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in H. hat einen Verehrer. Die Ada sagt, sobald sie 14 Jahre ist, 
bekommt sie auch einen; sie weiß schon, wen. 

3. Juni: Heute hat die Ada geschrieben, bei der Mama hat sie sich 
für die Firmung^ bedankt und mir hat sie extra geschrieben. Es ist eigentUch 
komisch, daß sie nicht mit der Dora gute Freundin geworden ist,' sondern 
mit mir. Aber ich glaube, die Dora redet nicht solche Sachen, höchstens 
mit ihren Freundinnen im Lyz. besonders mit der Frieda Ertl, Und 
drum hat die Ada mit mir Freundschaft geschlossen, obwohl ich gerade 
um zwei Jahre jünger bin. Sie ist wirklich ein liebes Mädel. 

19. Juni: In unserer Klasse kommt fortwährend etwas weg, zuerst 
die Überschuhe der Fleischer, dann meine neuen Handschuhe und jetzt 
schon dreimal Geld und heute das neue Täschchen vom Fräulein Steiner. 
Es war eine große Untersuchung. Aber es ist nicht herausgekommen. Wir 
glauben alle, es ist die Schmolka. Aber niemand will es sagen. Wir 
haben heute gar nicht aufgepaßt in der Stunde, besonders wie die Seh. 
um ^/2l2 hinausgegangen ist. 

. '20. Juni: Auf unserem Klosett hat die Scliuldienerin abgefallene 
Perlen gefunden, aber da sie nichts wußte, hat sie sie auf den Mist 
geworfen, Ob wirklich die Seh.? das wäre furchtbar gemein. Das Frl. 
St, ist schrecklich aufgeregt, weil sie das Täschchen von ihrem Bräutigam 
zum Geburtstag bekommen hat und weil seine Photographie drin war. 
Eigentlich tut mir aber die Seh. doch leid. Niemand redet mit ihr, 
obwohl es gar nicht bewiesen ist. Sie ist furchtbar blaß und hat immer 
-Tränen in den Augen. Und die Hella meint auch, sie ist es vielleicht 
doch nicht, denn sie ist einer von den Lieblingen von Frl. St. und sie 
hat sie auch sehr gem. Sie tragt ihr immer die Hefte nach Hause. 

22. Juni: Unser Klosett war verstopft und wie der Schuldiener 
nachschaute, fand er das Täschchen. Aber was hat das Fräulein davon; 
sie kann es doch unmöglich mehr brauchen. Wir haben die ganzen 
Stunden gelacht, so oft wir eins das andere anschauten und die Lehr- 
kräfte haben furchtbar geschimpft. Nur die Frau Dr. M. sagte: „Ich 
bitt' Euch, jetzt lacht Euch offen aus über die in jeder Hinsicht un- 
appetitliche Geschichte und dann basta." 

■ 23. Juni: Heute war ein Skandal. Die Verbenowitsch sammelt die 
Deutschhefte ab und wie ihr die Seh. ihr Heft geben will, sagt sie: 
Bitte das Heft persönlich abzugeben; ich will mit (dann machte sie 
eine lange Pause) Ihnen nichts zu tun haben. Wir waren alle ganz ent- 
setzt und die Seh. war so weiß wie die Wand. Um 10 Uhr bat sie, 
nachhausegehen zu dürfen, weil ihr schlecht sei. Morgen wird jedenfalls 
ihre Mama kommen. 



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24. Juni: Die Mama der Scli, war nicht da. Die Verb eno witsch 
sagt; Natürlich nicht! Die Seh. war auch nicht da. Die Hella sagt, 
sie würde so etwas nicht auf sich sitzen lassen, sie würde sich ins 
Wasser stürzen. Also, eigentlich ins Wasser stürzen, das tut man doch 
nur aus anderen Gründen. Aber ich würde es meinem Papa sagen, 
damit er in die Schule geht. Die Franke sagt: Ja, das ist alles recht 
schön, weil ihr es nicht getan habt; aber wenn eine es getan hat, 
darin traut sie sich gar nichts zu sagen zu Hause. Übrigens ist der 
Vater der Seh. schv/er krank, er ist ganz gelähmt und liegt schon seit 
zwei Jahren im Bett und kann nicht reden. 

27. Juni: Heute sind die Hella und ich mit der Frau Dr. M. ge- 
gangen. Eigentlich geht sie nie mit jemanden, aber die Hella ist auf 
einmal von mir weggerannt und zu der Frau Dr. hin und sagt: Bitte 
schön, Frau Dr. um Verzeihung, daß ich Sie auf der Gasse belästige; 
wir müssen Sie sprechen. Und sie war ganz rot dabei. Da sagt die 
Frau Dr.: „Was ist denn?" Und die Hella sagt: „Kann man nicht heraus- 
bekommen, wer das Täschchen genommen hat? Wenn es die Seh. doch 
nicht war, so kränkt sie sich zu Tod, wie die Kinder sie behandeln, und 
wenn sie es war, dann dulden wir sie nicht mehr unter uns." Die Hella war 
wirklich großartig und die Frau Dr. M. hat sich alles von uns erzählen 
lassen, auch das von der Verbenowitsch mit den Heften; wir haben 
deutlich gesehen, sie hatte Tränen in den Augen, und sie sagte: „Das 
arme Kind! Kinder, ich werde mich ihrer annehmen, das verspreche 
ich Euch." Und wir küßten Ihr beide die Hand und mir klopfte das 
Herz bis zum Hals. Und die Hella sagte: „Sie sind ein Elngel." So 
etwas bringe ich nie heraus. 

28. Juni: Heute war die Seh. wieder da, aber die Frau Dr. M. 
hat nichts gesagt. Wir, die Hella und ich, haben sie fortwährend an- 
geschaut und die Hella hat sich dreimal geräuspert und da hat die 
Frau Dr. gesagt: Brückner, hÖre doch auf mit deinem Räuspern; davon 
werden deine Halsschmerzen nur ärger. Aber mir scheint, sie hat dazu 
mit den Augen gezwinkert. Also vergessen hat sie nicht. Ich wollte zu 
der Seh. reden, aber die Hella sagte : Warte noch, wir dürfen der 
Frau Dr. nicht vorgreifen. Jetzt hat sie alles in die Hand genommen. 
Morgen vor neun gehen wir vor ihrem Hause auf und ab, bis sie 
kommt. 

30. Juni: Gestern war leider Feiertag und heute hatte die Frau 
Dr. erst um 11 Uhr Unterricht. Aber sie hat schon mit der Seh. ge- 
redet, nur wissen wir nicht, wann und wo ; in der Pause bestimmt 
nicht, und während der Stunde ist die Seh. nicht geholt worden. 

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1. Juli: Heute gingen wir mit ihr. Gott, sie ist so süß. Liebe 
Kinder, sagt sie, das ist eine so traurige Sache, in der man auf keinen 
Grund kommt. Die Seh. behauptet fest und steif, sie war es nicht und 
seht Kinder, ob sie es tat oder nicht, diese Tage brennen sich ihr 
unauslöschlich in die Seele ein und die Hella fragte: „Bitte Frau Dr. 
geben Sie uns einen Rat, was sollen wir tun, mit ihr reden oder nicht?" 
Da sagte sie : Kinder, ich glaube, daß sie nach dieser Sache im nächsten 
Jahr nicht mehr 2u uns kommen wird; Ihr tut ein gutes Werk, wenn 
Ihr ihr die letzten Tage erträglich macht. Intim wart Ihr ja nie mit ihr, 
aber ein paar freundliche Worte schaden Euch nicht und können sie 
stützen. Und Ihr 2 habt ein großes Ansehen in der Klasse; Euer Beispiel 
wird gut wirken. Wir gingen bis zur Schule mit ihr und deshalb konnten 
v/ir ihr nicht die Hand küssen; aber die Hella sagte ganz laut: Gott, 
wie himmlisch süß ! Sie muß es gehört haben. Aber die Seh. war nicht 
in der Schule. Der Papa sagt, er ist froh, bis Schulschluß ist, denn ich 
bin schon g-anz verrückt wegen der Geschichte. Aber er ist doch dafür, 
daß wir, ich und die Hella, etwas zur Seh. sprechen. Und die Mama 
auch. Nur die Dora sagte: Ja, es ist ganz recht, aber doch ein wenig 
reserviert. 

5. Juli : Die Seh. war nicht mehr in der Schule. Morgen bekommen 
wir die Zeugnisse. 

6. Juli: Wir haben furchtbar geweint, ich und die Hella und die 
Verbenowitsch, weil wir jetzt beinahe drei Monate die Frau Dr. M. 
nicht sehen werden. Ich habe nur in Geschichte und Naturgeschichte 2, 
sonst lauter 1. Die Franke sagt : Wer dem Professor Igel-Nigl nicht zum 
Gesicht steht, kann lernen, daß er krumm und dumm wird und er kriegt 
doch keinen Einser. Der Papa ist sehr zufrieden. Die Dora hat natürlich 
lauter Einser und die Hella drei Zweier. Und die Lizzi, mir scheint, 
auch drei oder vier. Der Papa hat uns jeder ein 2 K-Stück geschenkt, 
die können wir verjuxen, hat er gesagt. Und von der Mama haben wir 
Spitzenkragen bekommen. 

9. Juli: Wir gehen heuer nach Hainfeld, das ist fein, ich freue 
mich schon ; aber erst am 20., weil der Papa nicht früher .Urlaub 
bekommt und die Mama mag den Papa nicht so lange allein lassen. 
Überhaupt wegen der paar Tage. Nur leider ist die Hella schon fort, 
heute früh nach Parsch bei Salzburg ; das Wort ist so unangenehm und 
die Hella geniert sich auch sehr, es zu sagen ; wie man einem Ort einen 
so ordinären Namen geben kann. Sie haben eine ganze Villa gemietet. 
. 12. Juli : Es ist greulich fad. Fast jeden Tag habe ich einen Streit 
mit der Dora, weil sie sich so viel einbildet. Gestern kam der Oswald. 

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Er ist furchtbar fesch, beinahe so groß wie der Papa, das heißt um 
einen Viertelkopf kleiner, aber der Papa ist eben riesig; groß. Und 
dann hat er eine ganz tiefe Stimme, die hatte er früher nicht. Und die 
Haare hat er schief abgeteilt, das steht ihm sehr gut. Er behauptet, er 
bekommt schon einen Schnurrbart, aber das ist nicht wahr; den müßte 
man doch sehen; fünf Haare sind doch kein Schnurrbart. 

19. Juli : Gott sei Dank, übermorgen fahren wir endlich. Der 
Papa wollte, die Mama sollte mit uns vorausfahren, aber sie wollte 
nicht. Aber eigentlich wäre es ganz gut gewesen. 

24. Juli : Wir wohnen nur drei Häuser weit von H. entfernt. Die 
Ada und ich sind den ganzen Tag beisammen. Und von der Dora ist 
zufallig eine Schulkollegin da, die sie ganz gut leiden kann, die Rosa 
Tilofsky. Der Oswald sagt: Hainfeld ist zum Buckligwerden fad; er 
wird sich irgendwo von einem Freund dnladen lassen. Hier bleibt er 
auf keinen Fall die ganzen Ferien. Von der Ada sag^ er: „Ländliche 
Einfalt". Wenn er wüßte, wieviel die weiß. Und die Rosa T. nennt er 
einen Wimmerlkomplex, weil sie zwei oder drei Wimmerln hat. Über- 
haupt hat der Oswald an jedem etwas auszusetzen ; Von der Dora sagt 
er : Sie ist ein grüner Frosch, weil sie immer so blaß ist und kalte 
Hände hat und von mir sagt er ; Da kann man überhaupt noch gar 
nichts sagen : „Das ist noch ein ganz uni-eifer Embryo." Gott sei 
Dank, weiß ich schon aus der Naturgeschichte, was ein Embryo ist, 
nämlich ein kleiner Frosch. Ich habe mich wütend geärgert und da 
hat der Papa gesagt: „Trost' dich, er ist auch noch lange kein Mann, 
sonst wäre er höflicher gegen seine Schwestern und deren Freundinnen." 
Das hat ihn sehr geärgert und seither redet er kein Wort, wenn die 
Ada und die Rosa mit uns zusammen sind. Jetzt kommt bald mein 
Geburtstag, da werde ich, Gott sei Dank, zwölf, und dann noch zwei 
Jahre, dann bin ich 14; auf das freue ich mich riesig. Heute hat mir 
die Hella geschrieben zum zweiten Male. Sie fährt im August nach 
Ungarn zu ihrem Onkel, der hat ein großes Gut und dort lernt sie reiten. 



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ZWEITES JAHR 
(Von 12-13 Jahren) 

l. August: An meinem Geburtstag war es riesig lustig. Wir fuhren 
im Wagen nach Glashütte, wo es sehr schön ist; dort kochten wir 
selbst, weil die Wirtin krank war und die Köchin auch. An einem 
Geburtstag sind immer alle so nett zu einem. Am meisten freut mich 
der Kunstler-Malkasten von Ebeseder, und das Buch ebenfalls. Aber 
ich komme leider gar nicht zum lesen. Die Hella hat mir ein süßes 
Bild geschickt: Mutterglück, eine Dackelmutter mit zwei Jungen, 
entziidcend fein. Ich werde es zuhaus neben die Tür über die Etagere 
hängen. Und von der Ada habe ich ein seidenes Geldbörschen bekommen, 
das sie eigens für mich gearbeitet hat. Und von der Tante Dora ein 
Tagebuch, aber das kann ich eigentlich nicht verwenden, weil ich doch 
lieber auf einzelne Blätter schreibe. Und die Großeltern aus B. haben 
eine Marzipantorte geschickt, hochfein. Die Ada findet sie göttlich ; sie 
kennt sie nämlich nicht. 

9. August : Die Ada ist im Schuljahr jetzt in St. Polten bei ihrer 
Tante und ihrem Onkel gewesen, weil die Schule in H. nicht so gut 
ist wie in St. P. Vielleicht kommt sie heuer nach Wien, da sie mit der 
Bürgerschule fertig ist und noch weiter lernen soll. Aber sie haben 
niemanden so nahe Verwandten in Wien, wo sie wohnen könnte. 
Eigentlich könnte sie ganz gut bei uns wohnen, die Dora bekäme das, 
Kabinett für sich, wie sie so schon immer will, und die Ada und ich 
wären im Zimmer. Das wäre mir entschieden eine liebere Zimmer- 
genossin als die Dora mit ihren Faxen. ^'4 

10. August: Das ist wirklich großartig. So ein Bursch setzt doch 
alles durch, was er will. Jetzt fährt der Oswald richtig auf 14 Tage 
nach Znaim zu seinem besten Freund; allein natürlich. Ich möchte 
sehen, wenn die Dora oder ich irgendwohin fahren wollten. So ein 

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Bub hat's gut. Und vor allem anderen ärgert mich die Ungerechtigkeit. 
Denn er hat kein gutes Zeugnis, das wissen wir bestimmt, wenn er 
es auch nicht sagt. Aber natürlich, das macht nichts. Uns wird jeder 
Zweier vorgehalten und er darf bei mehreren Genügend hinfahren wo 
er will. Überhaupt bester Freund; seit heuer kennt er den Max Rozny 
und das ist eine Freundschaft. Die Hella und ich sind seit der zweiten 
Volksschulklasse Freundinnen und die Dora und die Frieda Ertl seit 
dem Lyz. Aber das über Freundschaft haben wir ihm beide tüchtig 
gesagt. Er lachte höhnisch und sagte: Ja ja, es ist schon recht, die 
Männerfreundschaften werden immer fester mit den" Jahren, und Euer 
Mädelfreundschaften gehen in die ärgste Feindschaft über, wenn der 
erste Verehrer da ist. Das ist eine Frechheit. Überhaupt die Hella und 
ich warten unbedingt aufeinander mit der Hochzeit, denn wir wollen 
am selben Tag heiraten. Verloben natürlich wird sich ja wahrscheinlich 
eine früher, aber mit der Hochzeit muß sie warten. Das ist einfach 
Freundschaftspflicht. 

12. August: Gestern ist der Oswald weggefahren und richtig 
war vorher noch ein Verdruß, weil er verlangte, eine von uns soll ihn 
auf die Bahn begleiten und den Coupe-Korb tragen helfen. Als ob wir 
seine Dienstboten wären. Die Ada wollte sich anbieten zum Tragen, 
aber die Dora hat ihr einen Puff gegeben, den sie glücklicherweise 
gleich verstanden hat. Die Dora hat manchmal, aber wirklich nur 
manchmal ein bischen was wie die Hella, wenn sie über etwas empört 
ist. Sie findet, es ist besser, wenn der Oswald nicht da ist, weil sonst 
immer Streitigkeiten sind. Das heißt nämlich, weil sie dann immer den 
Kurzem zieht. Denn gescheiter ist er wirklich als sie. Und wenn er sie 
recht ärgern will, sagt er irgendetwas auf lateinisch, was sie nicht versteht. 
Ich glaube, sie lernt eigentlich deshalb Latein. Also das muß ich sagen, des- 
halb würde ich mich nicht so plagen. Das stände mir lange nicht dafür. 

15. August: Heute habe ich das Paket an die Hella abgeschickt, 
eine Uhrkette aus Silberdraht; in vier Tagen war ich damit fertig. 
Hoffentlich kommt sie richtig an, was man in Ungarn nie wissen kann. 

17. August : Wir haben wahnsinnig viel zu tun mit den Lampions 
und Tannenguirlanden. Die Honoratoren illuminieren und dekorieren 
ihre Häuser. Dabei hat mir die Ada einiges erzählt. Sie weiß mehr 
als die Hella und ich, nämlich von ihrem Vater, weil er doch Arzt ist. 
Vieles erzählt er ihrer Mama und da hört die Ada manches, obwohl 
sie meistens zu reden aufhören, wenn sie dazu kommt. Die Ada möchte 
unbedingt Schauspielerin werden. Daran habe ich noch nie gedaclit, 
obwohl ich schon oft im Theater war. 

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22. August : Die Hella hat sich riesig gefreut über die Kette ; sie 
trägi: sie. Sie lernt wirklich reiten bei ihrem Kusin. Leider heißt er 
Lajos. Aber Ludwig- ist auch nicht schöner. Er soll furchtbar nett und 
fesch sein. Aber leider er ist schon 22 Jahre alt. 

25. August : Die Ada schwärmt furchtbar vom Theater. Sie war 
öfter in St. Polten im Theater und ist in einen Schauspieler verliebt, 
in den alle Damen in St. Polten verliebt sind. Deshalb will sie zum 
Theater gehen und weil sie frei und ungebunden leben will. 
Darum möchte sie so gerne nach Wien kommen. Wenn sie nur bei 
uns wohnen könnte. Sie sagt, sie verschmachtet in dem öden Nest, 
in H. Sie verträgt die engen Verhätnisse nichtl! In St. Polten 
hat sie ihr ganzes Taschengeld für Blumen für ihn ausgegeben. Und 
sie sagte immer, sie brauchen so viele Hefte und Sachen in der Schule. 
Insofern hat es eine gut, wenn sie nicht zuhause ist, da kommt die 
Mama nicht so leicht auf so etwas darauf. Bei uns ginge das nicht. 
Das Taschengeld wird einem ohnehin immer zu wenig und die Hefte 
können sich die Eltern jeden Monat zeigen lassen. Für ein paar Monate J 
möchte ich ganz gern einmal weg von zuhause. Die Ada sagt, das ist 
sehr gut, da lernt man erst die Welt kennen; zu Haus versumpft 
und verdumpft man nur. Wenn sie so spricht, da sieht sie wirklich 
wie eine Schauspielerin aus und Talent hat sie bestimmt ; das sagt auch 
ihr Deutsch-Lehrer in der Schule. Sie durfte immer die längsten Gedichte 
deklamieren und die Kinder baten immer den Lehrer, daß sie auf- 
sagen dürfe, 

30. August : Heute hat die Ada ein Gedicht von Geibel deklamiert, 
den Tod des Tieberius, aber wirklich großartig; sie ist die geborene 
Schauspielerin und es ist gräßlich, daß sie sich nicht ausbilden darf; 
sie soll französische Lehrerin werden oder Handarbeitslehrerin. Aber 
sie sagt, sie wird doch zum Theater gehen ; eventuell g-eht sie durch. 

31. August: Die 14 Tage vom Oswald schauen schon aus; jetzt 
ist er noch nicht da und darf bis am 4. September ausbleiben. Wenn 
das die Dora oder ich wäre. Das hätt' schon längst einen Mordskrach 
gegeben. Aber der Oswald darf alles tun. Die Ada sagt auch: Wir 
Mädchen müssen erzwingen, was uns die Welt nicht freiwillig gibt. 

5. September: Ich habe der Ada neulich im Walde versprochen, 
daß ich die Mama bitten werde, daß sie zu uns kommen kann, damit 
sie sich bei einem Schauspieler ausbilden kann. Heute habe ich die 
Mama gebeten, aber sie sagt, das geht absolut nicht. Die Eltern der 
Ada können das Studium nicht erschwingen. Wenn sie Talent dazu 
hat, so lernt man's eigentlich von selbst und braucht nur in eine Schau- 

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spielschule zu gehen, damit man leichter an ein gutes Theater kommt, 
sagt die Ada. Also gar so gräßlich teuer kann es nicht kommen. Die 
Ada tut mir furchtbar leid. 

10. September: Gott, wfr sind alle so aufgeregt Ich soll mein 
Tagebuch zum Einpacken hergeben, weil wir morgen wegfahren. Aber 
ich muß noch schnell schreiben. Seit drei Tagen sind Zigeuner da und 
gestern kam eine durch das Hintertürl in den Garten und prophezeite 
uns, nämlich mir, der Ada und der Dora aus der Hand. Wir glauben 
es ja n.cht, aber der Ada sagte sie eine große, aber kurze 
Zukunft nach vielen schweren Kämpfen voraus. Das stimmt ja doch 
vollkommen. Also bei mir hat sie sich gründlich blamiert: Wenn ich 
noch einmal so alt bin als jetzt, steht mir ein großes Glück bevor; 
eme große Leidenschaft und ein großer Reichtum. Das soll natürlich 
heißen, daß ich mit 24 Jahren heiraten werde. Mit 24 Jahren I das ist 
wirklich lächerlich. Die Dora sagt, ich sehe eben jünger als 12 aus 
und sie meinte deshalb mit 20 Jahren oder gar mit 18. Das ist ebenso 
lächerlich, denn sogar Herr Dr. H., der doch Arzt ist und so viele 
Kinder kennt, sagt: Ich bin über meine Jahre entwickelt. Also 
_ kann die alte Zigeunerin doch nicht glauben, ich bin 10 oder gar erst 
9 Jahre. Der Dora hat sie .gewahrsagt, daß in wenigen Jahren ihr 
Schicksal in Trauer und dann in Freude besieg;elt wird. Und der Ada 
sagte sie noch, ihre Lebenslinie sei geknickt!! 

14- September: Heute in der Frühe ist der Oswald weggefahren, 
der Papa hat ihn auf beide Wangen geküßt und hat ihm gesagt, er 
soll sich um Gotteswillen wacker halten heuer, im letzten Jahr. Er 
macht nämlich heuer Matura, die ist natürlich furchtbar schwer. Aber 
er sagt, mit der nötigen Frechheit haut sich einer schon durch. 
Frechheit nützt oft mehr als alles Stucken und Ochsen. Das ist wahr" 
das weiß ich am besten; aber leider fällt mir im richtigen Moment" 
nie ein, was ich tun soll. Hinterdrein denke ich mir dann oft, das oder 
das hättest du sagen sollen. Und das bewundere ich wirklich an der 
Hella; und auch die Franke, die eigentlich nicht besonders gescheit ist, 
weiß immer eine gute Antwort, mit der sie sich herausredet. Wenn 
nur die Hälfte von dem wahr ist, was der Oswald erzählt, daß er den 
Professoren sagt, dann ,kann ich nicht begreifen, daß er nicht aus 
jedem Gymn. herausgeworfen wird, sagt die Mama. Der Oswald sagt: 
Wenn man es nur richtig anstellt, kann einem niemand was anhaben.. 
Na also, das ist auch nicht immer wahr. 

16. September: Heute kommt die Hella. Darum schreibe ich vor- 
mittag, weil sie nachmittags zu uns kommt. Ich freue mich riesig. Ich 



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habe die Mama gebettelt, daß sie eine PraÜne-Torte kauft, weil die 
Hella sie so gerne ißt und ich auch. 

20. September: Nur ein paar Worte. Heute hat die Schule wieder 
angefangen. Gott sei Dank, als Klassenvorstand haben wir wieder die 
Frau Dr. M. Das Frln. Steiner ist jetzt auch Doktorin, am Ende des 
Schuljahres hat sie das Doktorat gemacht. Dann haben wir eine neue 
Frau Dr. in Geschichte, wir wissen aber nicht, wie sie heißt. Die 
Vischer hat nämlich in den Ferien geheiratet! II Das ist zum Kugeln, 
die ! ! ! Die Dora sagt, der ihr Mann möchte sie nicht sein; wahr- 
scheinlich läßt er sich bald wieder scheiden von ihr. Überhaupt Augen- 
gläser bei einer Frau. Einen Zwicker lasse ich mir gefallen, den kann 
man wenigstens weggeben. Aber Augengläserl Die Dora kann auch 
nicht begreifen, wie ein Mann eine mit Augengläsern heiraten kann. Und 
die Hella sagt oft, ihr wird zum Brechen, wenn die Vischer so mit 
ihren Augengläsern funkelt. In Naturgeschichte haben wir einen neuen 
Professor. Ich bin riesig froh, daß wir drei Doktorinnen und einen, 
eigentl. zwei Professoren, nämlich doch auch in Religion haben. In 
der III. haben sie bloß 1 Doktorin, das ärgert sie sehr, die Dora hat 
2 Doktorinnen und 3 Professoren. 

25. September: Alle Kinder sind in den Prof. Wilke in Natur- 
geschichte vernarrt. Die Hella und ich sind heute den ganzen Weg 
hinter ihm gegangen. Er ist herrlich, so groß, daß er beinahe an die 
Lampe anstoßt, wenn er schnell aufsteht, und^ einen herrlichen Bart, 
blond und wenn die Sonne draufscheint wie Feuer; ein Sonnengott I 
Wir nennen ihn darnach S. G., da weiß niemand, was es bedeutet 
und wen wir meinen. 

29. September: Die Schmolka ist richtig nicht mehr da, wahr- 
sdieinlich wegen des Täschchens vom Frl. St, Es sind überhaupt ein 
paar Kinder ausgetreten und dafür drei neue gekommen, aber sie 
gefallen weder mir[^ noch der Hella. 

1. Oktober: Heute war ich in Naturgeschichte dran. Ich habe 
wahnsinnig gelernt und Er war göttlicli. Wir dürfen das ganze 
Semester die Bilder und die Tiere tragen. Herrlichl Ich und die Hella 
iragen immer die gleichen Haarmajschen und i^ derselben Farbe legen 
wir Seidenpapier auf den Tisch in der N.-St. Er wünscht, daß wir 
Notizbücher anlegen. Eigene Beobachtungen über die Natur. Wir haben 
sie in lila Papier gebunden, genau von derselben Farbe wie seine 
Kravatte. Am Dienstag und Freitag müssen wir wegen des Her- 
richtens schon um Va^ Uhr in die Schule kommen. Gott, ich bin so 
glüdklich. 

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9. Oktober: Er ist ein Kousin von unserin Turnprofessor, herrlich! 
Das war nämlidi so. Wir, ich und die Hella g-ehen eigens immer bei 
Cafe Sicli: vorbei, weil Er dort immer jaust. Und wie wir am Donnerstag- 
vor der Turnstunde vorbeig-ehen, sitzt unser Turnprofessor bei ihm. 
Wir g-rüßten natürlich hinein und in der Turnstunde sagt der Professor 
Baar zu uns: Also, sie beide werden von meinem Kousin in der Natur- 
geschichte gequält und sekkiert. „Sekkiert," sagen wir beide, „o nein, 
es ist die schönste Stunde in der ganzen Woche." „So," sagt er, „ich werde 
es getreulich berichten." Also wir haben ihn natürlich furchtbar gebeten, 
er soll uns nicht verraten; das wäre gräßlich. Hoffentlidi tut er es. 

20. Oktober: Die Mama der Frau Dr. Steiner ist gestorben. Sie 
tut uns furchtbar leid. Einige von uns gehen zum Begräbnis, ich darf 
nicht gehen, die Mama sagt, es paßt nicht, und die Hella darf auch 
nicht gehen. Ob Er geht? Sicher, er muß ja eigentlich gehen. 

23. Oktober: Die Frau Dr. St. sieht schrecklich blaß aus. Die 
Franke sagt, jetzt wird sie jedenfalls bald heiraten, weil sie jetzt gar 
keine Eltern mehr hat. Ihr Verlobter holt sie öfters aus dem Lyz. ab 
das Keißt, er wartet in der L ... . straße. Der Hella gefällt er riesig] 
natürlich, weil er ein Offizier ist. Mir gefällt er nicht, mir ist er zu 
klein und zu dick. Er ist nur um ein ganz kleines Stüdichen größer 
als das Frl. St. Mir gefallt, wenn der Mann beinahe um einen Kopf 
größer ist als seine Frau, oder um einen halben, so wie unser Papa 
und unsere Mama. 

29. Oktober: Wir haben soviel zu lernen, daß wir heuer gar 
keine Saisonkarten nehmen, sondern jedesmal extra zahlen, wenn wir 
aufs Eis gehen. Wenn wir nur wüßten, ob und wohin Er Eislaufen geht. 
Die Hella meint, vielleicht können wir es mit aller Vorsicht von seinem 
Kousin in der Turnstunde erfahren. Sie sind sehr oft zusammen im 
Kaffeehaus. Idi mochte wissen, wovon sie da reden, weil sie immer so 
lachen. Besonders wenn wir vorbeigehen. 

-^31. Oktober: Die Ada hat mir geschrieben. Sie ist sehr unglücklich. 
Sie ist wieder in St. P., in der Fortbildungsschule. Aber der Schau- 
spieler ist nicht mehr dort. Sie schreibt, sie sehnt sich hinaus aus ihren 
Fesseln, die ihre Seele niederdrücken. Die Ärmste. Niemand kann ihr 
helfen. Das heißt, ihre Mama könnte ihr sclion helfen, aber die will 
nicht. Das muß schrecklich sein. Die Hella meint, ihre Eltern werden 
ihr solang verbieten, zum Theater zu gehen, bis sie sich etwas antut; 
dann wird es besser sein. Ja, das ist wahr, was hat ihre Mama davon, 
wenn sie weiß, die Ada ist entsetzlich unglücklich. Und schließlich, 
warum soll sie nicht zum Theater gehen, da sie doch ein solch es^Talent 

4 Tagebuch aq 



hat? Ihre Lehrerinnen und Lehrer in der Bürgerschule haben sie immer 
riesig gelobt beim Deklamieren und einer hat direkt gesagt, sie hat 
schauspielerisches Talent. Und die Lehrer schmeicheln einem 
wirklich nicht; außer . . . ; aber Er ist erstens auch kein gewöhnlicher 
Lehrer, sondern Professor, und zweitens ist Er eben ganz, ganz anders 
als alle andern. Wenn er seinen Bart so streicht, da wird mir immer 
ganz kalt und heiß vor Wonne. Und wie er den Rock in die Höhe 
nimmt, wenn er sich niedersetzt. Entzückend, zum Küssen. Die Hella 
und ich legen abwechselnd unsern Federstiel heraus auf den Tisch, 
damit Er ihn durch seine Hand heiligt beim Elnsdireiben. Und wenn 
idi dann in der Rechenstunde damit schreibe, schaue ich nur immer die 
Hella an und sie mich und wir wissen sofort, was die andere meint. 

15. November: Weil heute Feiertag ist, schreibe ich endlich wieder. 
Wir haben soviel zu tun, daß ich gar nicht dazu komme. Und dann ist 
auch die Mama öfters krank. Sie liegt wieder seit vier Tagen und da 
ist es schrecklich still und öde. Da hätte ich Zeit zum Schreiben, aber ich 
habe keine Lust zum Schreiben. Sobald die Mama gesund ist, geht sie ins 
Lyz. nachfragen, wie wir im Lernen stehen. Ich freue mich riesig wegen S.-G. 

28. November : Heute war die Mama in der Schule, auch bei ihm. 
Ich habe sie zu ihm hingeführt und Er war himmlisch. Er sagte: Ich bin 
sehr zufrieden mit Ihrer Tochter; sie ist sehr eifrig und talentiert, 
dazu blätterte er im Katalog, als ob Er erst nadischauen müßte. Aber 
Er weiß es bestimmt auswendig, wie jede ist. Das heißt, wie jede ist, 
natürlich nicht. Das kann niemand verlangen bei sovielen Schülerinnen; 
und dann ist er doch audi in der Realschule, wo er noch viel mehr 

Buben hat. 

5. Dezember: Heute habe ich auf dem Eis die Goldfee gesehen. 
Sie ist sehr hübsch, aber so schön, wie sie mir voriges Jahr vorkam, 
istsie wirklich nicht. Die Hella sagt, sie hat nie gewußt, wo ich eigentUch 
meine Augen hatte. „Du warst einfach blind verliebt, und du hast niclit 
bemerkt, daß sie entschieden eine böhmische Nase hat," sagt die 
Hella. Aber das ist natürlich nicht wahr, nur habe ich eben jetzt einen 
ganz anderen Geschmack. Ich grüßte sie aber doch und sie war 
sehr Heb. Beim Sprechen ist sie wirklich entzückend, und dann finde 
ich Goldplomben riesig fein. Die Frau Dr. M. hat audi zwei und beim 
Lachen ist das himmlisch. 

8. Dezember: Die Dora könnte auch ihre dummen Witze bei sidi 
behalten. Heute wie die Trobisch alle da sind und von der Schule 
geredet wird, sagt sie: „Oh, die Gretel scliwärmt jedes Jahr für 
jemanden andern; voriges Jahr für die Frau Dr. Malburg und heuer 



50 



für den Prof. Wilke. Jetzt ist die Frau Dr. Malbur^ aus der Gnade 
gefallen.« Wenn ich hätte wollen, da hätte ich schon anfangen können 
von den zwei Studenten am Eis. Aber ich bin eben nicht so und habe 
sie mit Verachtung angesehen und ihr unter dem Tisch einen Stoß 
gegeben. Und sie ist so frech und sagt: „Was ist denn? Ach so, so 
zarte Herzensgeheimnisse darf man nidit auskramen. Na, Gretel, bei 
dir macht's nichts, in deinen Jahren nimmt man das noch nicht so ernst- 
haft.« Aber jetzt ist ihr recht geschehen:. Die Frau v. Tr. und der 
Papa haben heilaut aufgelacht und die Frau v. Tr, hat gesagt: „O du 
Großmama, hast du schon im Spiegel deine weißen Haare angeschaut?" 
Ich habe furchtbar gelacht und sie hat sich so geniert, daß sie blutrot 
war und am Abend sagte sie zu mir, ich bin ein ungezogener Fratz 
Dafür habe ich ihr nicht gesagt, daß sie ihr Aufsatzheft am Tisch Hegen 
heß; und morgen muß sie es abgeben, aber mir ist das alleseins dafür 
bin ich ein ungezogener Fratz. * 

- . 9. Dezember: Gott, das ist schrecklich. Die Hella ist heute nach- 
mittags um 2 Uhr ins Sanatorium Low gebracht worden und ist sofort 
operiert worden. Eine Blinddarmoperation. Jetzt hat gerade ihre Mama 
telephoniert, daß alles glücklich vorüber ist. Aber die Professoren sagten, 
zwei Stunden später wäre es zu spät gewesen. Mir zittern die Knie 
und die Hände, wie ich das schreibe. Sie liegt noch in der Narkose. 

10. Dezember: Die Hella ist furchtbar schwach; es darf niemand 
zu ihr als ihr Papa und Ihre Mama, nicht einmal die Lizzi. Und zu 
Nikolo waren wir noch so lustig und haben so viel Zuckerln gegessen, 
daß uns der Mund ganz sauer war. Aber davon kann sie unmöglich 
die Blinddarmentzündung bekommen haben. Am Montag abends, wie 
wir vom Turnen weggingen, sagte sie, es sei ihr gar nicht gut und 
gestern kriegt sie in der Nacht einen Scliüttelfrost und der Arzt sagt 
in der Frühe, augenblicklich in ein Sanatorium zur Operation. 

11. Dezember: In der Schule sind alle Kinder furchtbar aufgeregt 
wegen der Hella und die Frau Dr. St. war so lieb und hat deswegen 
die Mathematik-Schularbeit verschoben auf nächsten Dienstag. Am 
Sonntag gehe ich zur Hella. Sie sehnt sich sehr nach mir und ich mich 
nach ihr. 

^ 12. Dezember: Sie ist noch immer so schwach und es freut sie 
gar nichts; idi habe ihr durch ihre Mama Rosen und Veilchen geschickt, 
die freuten sie sehr. 

14. Dezember: Heute war ich nachmittag von 2 bis Vi4 Uhr bei 
der Hella. Sie ist ganz blaß und wie ich hineingekommen bin, haben 
wir beide furchtbar geweint. Ich habe ihr wieder Blumen gebracht und 



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habe ihr auch sofort gesagt, daß der Professor W. sich immer, wenn 
er mich sieht, nach ihr erkundigt. Und die anderen Lehrkräfte auch 
besonders die Frau Dr. M. Und die Kinder wollen sie besuchen, aber 
das erlaubt ihre Mama nicht. Wenn ein iVlensch im Bett liegt, so sieht 
er ganz anders aus als sonst, förmlich fremd. Ich sagte das auch der 
Hella und sie sagte: Wir können uns nie fremd werden, auch im Tode 
nicht. Da weinte ich wieder furchtbar und unsere beiden Mamas sagten, 
ich muß fortgehen, weil sich die Hella zuviel aufregt. 

15. Dezember: Heute war ich wieder bei der Hella. Sie steckte 
mir ein Brieferl zu, darin bat sie mich, ich soll aus ihrem Kasten das 
Paket mit der Schreibmappe für ihren Papa und das Schlüsselkörbdien 
für ihre Mama nehmen und es ihr bringen, weil die Sadien noch nicht 
fertig sind bis Weihnachten. 

16. Dezember: Heute geht es der Hella schon besser. Idii muß 
ihr die Schreibunterlage für ihren Papa fertig malen. Gott sei Dank, 
daß ich es kann. Das Schlüsselkörbchen macht sie selbei; fertig, da 
ist nichts dran. 

18. Dezember: Bei Brückner sind sie alle furchtbar unglüdclich, 
das ist ja wirklich kein Weihnachtsfest, wenn die Hella noch im Sana- 
torium sein müßte am Heiligen Abend. Es geht ihr nämücli seit gestern 
weniger gut, die Ärzte wissen nicht, wieso sie auf einmal wieder Fieber 
hat. Denn sie hat nichts gesagt, daß ich ihr Pralines gebracht habe, 
weil sie einen solchen Gusto darauf hatte. Aber icb habe jetzt solche 
Angst, daß sie am Ende nochmals operiert werden muß. 

19. Dezember: Ich war heute gleich nach der Schule bei Hella, 
weil icli die ganze Nacht nicht schlafen konnte vor Angst. Gott sei 
Dank, es geht ihr wieder besser. Der eine Doktor sagt, wenn sie in 
Privatpflege wäre, würde er unbedingt auf einen Diätfehler schließen; 
aber im Sanatorium ist so etwas ausgesdilossen. Also war es doch von 
den Pralines und den Marzipanstangen. Die Hella glaubt, von den 
Marzipanstangen, weil es doch große zu 20 Heller waren und weil 
Mandeln schwer im Magen liegen. Sie hat auch schon Magendrücken 
gehabt, wie ich noch dort war, aber sie wollte nichts sagen, weil sie 
doch selber schuld war, daß ich sie ihr gebracht habe. Also jetzt kann 
sie betteln, wie sie will, ich bringe ihr nichts mehr außer Blumen und 
von diesen kann sie doch nicht krank werden. Das heißt, wenn das 
wahr wäre von der „Blumen Rache". Aber so etwas gibt es wohl 
kaum und dann bring ich keine gefährlich riechenden Blumen. 

20. Dezember: O, wie ich mich freue, übermorgen oder am 
Dienstag darf die Hella nach Hause, damit sie wenigstens beim Christ- 

52 



bäum sein kann. Jetzt weiß ich, was ich ihr g-ebe, einen Streckfauteuil, 
der Papa hat es mir erlaubt, denn so viel Geld habe ich nicht allein, 
aber der Papa gibt mir drauf, soviel ich brauche. Oh, der Papa ist 
einzig! Morg-en g-eht er rait mir auf die Währingeistraße einen kaufen. 

21. Dezember: Heute war ich nur ganz kurz bei der Hella, weil 
mich der Papa bald abholte. Zuerst war sie etwas beleidigt, aber dann 
merkte sie, daß ein wichtiger Grund da sei und da sagte sie: Aber 
nur nichts aus Marzipan, Und da hätte sie uns bald alle beide verraten. 
Denn der Papa frag-te mich auf der Gasse: Warum hat die Hella das 
wegen des Marzipans gesagt? Und da sagte ich schnell: Seit sie krank 
ist, hat sie einen furchtbaren Ekel vor allem Süßen. Gott sei Dank, 
hat der Papa nichts gemerkt. Aber mir ist es immer sehr unangenehm, 
wenn ich ihn anlügen muß. Erstens habe ich immer das Gefühl, er 
merkt es, und zweitens lüge ich ihn überhaupt niclit gern an. Der 
Sessel ist hochfein, ein türkisches Muster mit langen Quasten an der 
Rolle, Der Papa hat ihn wollen ganz zahlen, aber idi habe gesaoi: 
Nein, das ist dann kein Geschenk von mir, und so habe ich fünf Kronen 
g;ezahll: und der Papa 37. Morgen wird er gleich zu Brückner geschickt. 

22. Dezember: Also morgen kommt die Hella. Sie war schon 
ein bißdien auf, aber sie ist noch so schwach, daß sie sich beim Gehen 
in jemanden einhängen muß. Sie ist glücklich, daß sie nachhause kommt, 
denn sie sagt, in einem Sanatorium hat man immer das Gefühl, als ob 
man sterben müßte. Da hat sie wohl recht. Wie ich das erstemal zu 
ihr gekommen bin, mußte ich auf der Stiege die Tränen zurüdthalten. 
Und dann haben wir ja wirklich beide furciitbar geweint. Ihre Mama 
weiß sclion von dem Sessel, aber er ist noch nicht geschickt worden. 
Wenn sie nur nidit vergessen im Geschäft. 

23. Dezember: Heute ist die Hella nachhause gekommen. Ihr 
Papa hat sie über die Stiege getragen und ich habe sie an der Hand 
gehalten. Und die 2 Parteien im Mezzanin sind herausgekommen und 
haben ihr gratuliert und der alte Hofrat im 2. Stock und seine Frau 
haben einen blühenden Fliederstock heruntergeschickt. Aber dann war 
sie so müde, daß ich schon um fünf Uhr fortging, damit sie Ruhe 
hatte. Morgen bin ich zum Chrislbaum zuerst bei ihnen und dann bei 
uns. Wegen der Hella haben die Br. schon um fünf Uhr Christbescherung 
und wir wie gewöhnlich um sieben Uhr. 

26. Dezember: Gestern und vorgestern konnte ich absolut nidit 
schreiben. Es war herrlich bei uns und der Hella. Was ich bekommen 
habe, schreibe ich gar nicht auf, weil ich keine Zeit habe und es ohne- 
dies weiß. Die Hella hat sich über den Streckfauteuil riesig gefreut, 

53 



;hr Papa hat sie hinein ins Zimmer getrag-en und auf den Sessel gelegt. 

Und ihre Mama hat geweint. Es war erhebend. Eine schwere Krankheit 

hinter sich haben, ist großartig, wie alle sich um einen sorgen, man 1 

ist unbestritten der Mittelpunkt. Ich gönne es der Hella. Sie ist so 

entzückend. Gestern war ich den ganzen Tag dort und nach dem 

Essen, wie sie schlafen sollte, sagte sie: Madi dort die Lade am 

Schreibtisch auf, die unterste rechts, da liegt mein Tagebuch, wenn du 

darin blättern willst. Das werde ich ihr nie vergessen! Wir haben es 

ja eigentlich verabredet, daß wir einander gegenseitig unsere Tagebücher 

lesen lassen, aber bisher haben wir es doch nie getan; man geniert 

sich dodi ein bißclien voreinander, und weil man auch nach längerer 

Zeit sich nicht mehr genau erinnert, was man alles gesdirieben hat. 

Also, sie schreibt immer nur ganz kurz, höchstens eine halbe Seite, 

aber wie; gerade das Wiclitigste. Natürlich konnte sie nicht schlafen, 

sondern ich mußte ihr Versciiiedenes aus ihrem Tagebuch vorlesen, 

besonders aus den Ferien, wo sie immer in Ungarn ist. Dort wird sie 

gefeiert. Von zwei Kadetten und ihren zwei Kusins. Und dann lachten 

wir über verschiedene Stellen so wahnsinnig, daß der Hella schon alles 

weh tat und ich aufhören mußte zu lesen. 

29. Dezember: Gestern haben wir uns wahnsinnig geärgert. Das 
war so. Wir spielen doch beide längst nicht mehr mit Puppen und 
soldien Sachen, aber wie ich im Kasten der Hella herumräume, stoße 
ich auf die Puppensachen; sie liegen ganz unten und dje Hella schaut 
sie gar nidit an. Da nehme idi das kleine Pariser Model! heraus und 
sie sagt; Gib her, und bring alle Sachen dazu. Ich räume alles heraus 
auf ihr Bett und wir probieren so Verschiedenes. Da kommt meine 
Mama und die Dora. Na also, wie die hereinkommen, schaut die Dora 
ganz hämisch und sagt: Ah, bei ihrer Lieblingsbesdiäftigung. Schau, 
Lizzi, ganz rote Wangen haben sie vor lauter Eifer beim Spielen. Das 
ist doch impertinent. Wir und spielenl Und selbst wenn wir gespielt 
hätten, so hat sie sich nicht zu mokieren. Die Hella hat sich auch 
riesig geärgert und sagte heute: „Man. ist nie vor Spionen sicher; ich 
bitte dich, räum' alles so in den Kasten, daß ich nichts mehr sehe 
davoni" Es ist zu dumm, warum einem gerade immer die Puppen so 
vorgehalten werden, als ob das eine Schande wäre. Schließlich versteht 
man eigentlidi erst später, wie schön die Sachen alle gemacht sind; 
mit 7 oder 8 Jahren oder gar als kleines Kind, wo man sie bekommt, 
versteht man nichts davon, ob es schön und fein ist oder nicht. Also 
wie gesagt, mit dem heuligen Tage ist endgültig abgeschlossen mit den 
Puppen. Das fällt ohnedies gerade gut, denn übermorgen ist Neujahr. 

54 



. ■: 



Und am meisten ärgert mich diese Frechheit der Dora; daß die 
Lizzi gesagt haben soll : «Wir waren auch einmal glücklich damit," 
habe ich ganz überhört vor Wut. Aber vom Christbauni die besten 
Sachen wegessen, und zwar heimlich!!!, das habe ich gesehen, das 
macht nichts. Das schickt sich mit 15 Jahren. Ich habe aber gestern 
nach dem Nachtmahl eigens gefragt: Wo hängt den das zweite Sand- 
wich aus Marzipan; es waren bestimmt zwei. Und ich schaute sie solange 
an, bis sie ganz rot wurde. Und nach einer Weile sagte ich: der große 
Gemüsekorb ist audi verschwunden. Da sagte sie: Ja, den hab ich 
genommen, ich werd* doch dich nicht fragen, was ich nehmen darf. 
Und das Sandwich hat der Oswald genommen. Ich habe mich furchtbar 
geärgert und da sagte der Papa: Komm, Hexer), spül deinen Ärger 
mit dem zweiten Sandwich und einem Schluclt Liqueur hinunter. Der 
Papa hat nämlich vom Großpapa einen Liqueur gesdiickt bekommen. 

30. Dezember: Das ist ein schöner Jahresschluß. Mich freut die 
ganze Schule nicht mehr. Also Urscheln sind wir verliebte und zudring- 
liche Fratzen. Das ist der Dank dafür, daß wir die ganze Zeit Dienstag 
und Freitag schon um 72^ Uhr ins Lyzeum kamen wegen des Her- 
richtens und Abstaubens der Lehrmittel und dann sagt er so etwas. 
Ich werde er niemehr mit großem E schreiben; das verdient er gar 
nicht. Und das muß ich alles allein hinunterwürgen, denn die Hella 
darf icli absolut nicht aufregen. Eigentlidi habe ich mich geärgert, daß die 
Mama es mir gesagt hat, aber andrerseits ist es doch gut, wenigstens 
weiß ich, was ich zu tun habe. Die Schwester von unserm Turn Professor, 
der am .... Lyzeum ist, war zufällig auch bei der Dame, wo die % 
Mama gestern war und da erzählt sie, ihr Kusin, der Dr. W. ärgert 
sich so über die Zudringlichkeit der Mädeln im Lyzeum. Solche Urscheln 
und die kleinen Fratzen aus der ersten Klasse fangen auch schon an. 
Deswegen unterrichtet er lieber bei den Buben, die haben ihn 
auch gern, aber sie sind nicht so ekelhaft lästig. Also das weiß ich, 
ich werde ihn nicht mehr belästigen. Am Freitag, wenn wir wieder 
Unterricht haben, gehe ich zwei Minuten vor neun Uhr hinüber und 
trag, ohne ein Wort zu reden, die Sachen in die Klasse. Und der 
Kalinsky werde ich es auch sagen, daß wir ihm so ekelhaft lästig 
sind. Überhaupt, als ob wir in der ersten Klasse wären I 

1. Jänner 19 . .: Das mit dem Prof. W. ärgert mich wütend. 
Die Hella fragte gestern so oft, was ich habe, ich sei anders als sonst. 
Aber Gott sei Dank, ich verriet nichts. Das muß ich um ihrer Gesund- 
heit willen verschlucken, und wenn ich davon krank würde. Überhaupt 
was liegt mir denn jetzt am Leben. Wenn die Menschen so falsch sind. 

55 






Ins Gesicht war er immer so lieb und nett, einfacli entzückend; wenn 
ich denke, wie er sidi immer um die Hella erkundig-t hat und dabei 
diese Falschheit 1 1 1 Wenn die Hella das wüßte. Also morgen! 

2, Jänner: Ich habe ihn furchtbar behandelt. Angeklopft — 
Guten Morgfen, Herr Prof., bitte, was brauchen wir zur Stunde ? Er 
sehr freundlich : Heute nichts besonders. Nun, wie war denn das 
Christkindel ? — Ich : Danke, wie immer. — Er dreht sich um und 
schaut midi an: Scheint aber nicht so zu sein; nach Ihrer Miene zu 
urteilen. — Ich: Das hat andere Gründe. — Er: Ah, so. Er kann leicht 
Ah so machen. Denn er hat keine Ahnung: davon, daß ich weiß, wie 
er von uns redet. 

6. Jänner; Heute durfte die Hella zum erstenmal ausfahren. Es 
geht ihr schon sehr g-ut und Mitte Jänner will sie in die Schule kommen. 
Vorher muß icli es natürlich sagen, die wird Augen machen. Gestern 
fragte sie ohnehin schon : Fragt der S. G. jetzt nicht mehr nach mir ? 
— O ja, lüge ich, aber niclit mehr so oft. Und sie sagt: Da sieht man, 
aus den Augen, aus dem Sinn. Wenn sie erst die Wahrheit erfährt. 
Jedenfalls sage ich es ihr erst, wenn sie sclion ganz gesund ist. 

10. Jänner: Jetzt habe ich es der Hella doch sagen müssen, das 
war so: Sie schwärmt furchtbar vom S. G. Und zuerst sage ich gar 
nichts; da sagt sie: Was machst du denn für ein Gesicht? Darfst du 
nicht mehr die Lehrmittel tragen? — Ich: Dürfen? Natürlich darf 
ich, aber ich will sie nicht mehr tragen. Ich habe nicht einmal der Hella 
gesagt, wie ich mich kränke; denn ich habe ihn wahnsinnig geliebt. 

12. Jänner: Die Hella muß ihn ebenfalls wahnsinnig geHebt haben, 
oder vielmehr noch immer lieben. Sie war am Sonntag abends so auf- 
geregt, daß ihre Mama geglaubt hat, sie wird rezitiv. Sie hatte nämlich ^ 
Schmerzen und dabei Diarrö. Gott sei Dank, sie hat es ebenso über- .j^ 
wunden wie ich. Sie sagte heute: Kränken wir uns nicht weiter. Wir 
haben unsere Gefühle (nicht Liebe ! I) an einen Unwürdigen verschwendet. 
In solchen Momenten ist sie großartig, noch dazu jetzt, wo sie noch so 
blaß ist. Übrigens ist sie in den Ferien und jetzt in ihrer Krankheit 
riesig gewachsen. Früher war eher ich die Größere und jetzt ist sie 
um einen Viertelkopf größer als ich. Die Dora ärgert sich sehr, daß 
ich und sie beinahe gleich groß sind. Dadurch sehe ich eben älter aus 
als 12 V2 Jahre; Gott sei Dank. Die Hella darf niclit am 15. Jänner in 
die Schule gehen, sondern ihre Mama fährt mit ihr auf 14 Tage oder 
drei Wochen an die Riviera. 

18. Jänner: Das ist gräßlich öde, wenn die Hella nicht da ist. 
Eigentlich merke ich das erst recht seit ihrer Krankheit. Mir ist es 

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immer, als ob sie jetzt wieder krank wäre. Sie ist mit ihrer Mama 
nach Meran gefahren und kommt Anfangs Februar zurück. 

24. Jänner: Seit die Hella krank ist, d. h. eigentlich erst seit sie 
weggefahren ist, gehe ich immer mit der Hübner Fritzi. Die ist sehr 
nett, was ich voriges Jahr gar nicht wußte. Bis die Hella wieder kommt, 
sitzt sie neben mir. Denn Alleinsitzen in einer Bank ist furchtbar. Die 
Fritzi weiß schon ziemlict viel. Im Anfang wollte sie nichts davon reden, 
weil doch gewöhnlich ein Tratsch herauskommt. Ihr Bruder hat ihr alles 
gesagt. Er ist sehr fesch und heißt Paul. 

29. Jänner: Gestern war Eisfest und da durften wir gehen, ich 
und die Dora. Ich bin meistens mit der Fritzi und dem Paul gelaufen 
und habe zwei Preise bekommen, einmal mit dem Paul zusammen. Und 
einmal mit fünf anderen Mädchen, wo wir Wette liefen. Der Paul ist 
riesig gescheit, er sagt er geht zum Militär und wird Flieger. Das ist 
noch feiner als im Generalstab. Ihr Papa ist Major und er, der Paul 
hätte eigentlich in die Müitäranstalt kommen sollen, aber sein Großpapa 
hat es nicht erlaubt. Er soll sich einmal frei entscheiden. Aber natürlich 
wird er doch Offizier. Die meisten Buben werden das, was ihr Papa 
ist. Nur der Oswald geht vielleicht zur Marine. Ich mochte übrigens 
wissen, was der Papa gemeint hat, wie er nämlich einmal zur Mama 
sagte : Mein Gott, mir ist's nicht darum zu tun. Ich tu's nur wegen dem 
Oswald. Die beiden Mädeln haben ja auch nicht viel davon. 

3. Februar : Jetzt lese ich gerade das vom Papa. Ich denke es 
mir übrigens schon, was es ist. Ich glaube, der Papa will entweder ein 
großes Los oder vielleicht ein Haus kaufen. Aber davon haben ich und 
die Dora dodi auch etwas, denn das gehört doch dann nicht dem 
Oswald allein. 

4. Februar: Gestern habe ich die Mama gefragt. Aber sie sagt, 
sie wisse von nichts; wenn es etwas ist, was uns betrifft, wird es uns 
der Papa schon sagen. Es muß doch etwas sein, denn sonst hätte die 
Mama nicht am Abend dem Papa erzählt, daß ich sie gefragt habe. 
Diese Heimlichkeiten kann ich nicht leiden. Warum sollen wir denn 
nicht wissen, daß der Papa ein Haus kaufen will. Der Großpapa der 
Fritzi hat in Brunn und in Iglau ein Haus. Aber die Fritzi ist sehr 
einfach angezogen und ihre Mama auch. 

9. Februar: Gott sei Dank, morgen kommt die Hella, gerade noch 
vor ihrem Geburtstag. Glücklicherweise darf sie schon wieder alles essen 
und so bekommt sie von mir eine riesige Düte Bonbons vom Viktor 
Schmid mit einer silbernen Zudcerlzange. Ich und die Mama holen die 
Hella auf der Bahn ab. Sie kommen um 8 Uhr 20. 

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10. Februar: Ich freue mich riesig-, heute kommt die Hella. Bei- 
nahe hätte ich sie nicht abholen können, weil der Mama gerade heute 
nicht gut ist. Aber der Papa fährt mit mir. Die Fritzi wollte morgen 
nachmittags auch kommen, aber das geht nicht. Sie ist ja ein sehr liebes 
Mädel und ihr Bruder auch riesig lieb, aber am ersten Tag, wenn die 
Hella wieder da ist, müssen wir unbedingt allein sein. Das hat sie mir 
auch im letzten Brief ausdrücklich geschrieben. Sie war über drei Wochen 
fort. Das ist furchtbar lang, wenn man sich gern hat. 

15. Februar: Ich komme gar nicht zum Schreiben, weil die Hella 
und icli alle freie Zeit beisammen sind. Gestern bekamen wir die 
Semesterzeugnisse. Die Hella hat natürlich keines bekommen. !cli habe 
mit Ausnahme von Geographie und Geschichte lauter Eins, auch in 
Naturgeschichte, obwohl idi seit Neujahr keine Zeile mehr gelernt habe. 
Ich hasse die Naturgescliichte. Wenn die Hella im zweiten Semester 
v/ieder in die Schule kpmmt, so werden wir den einstigen S.-G. 
ersuchen, uns von dem Tragen der Lehrmittel abzubestellen. Die Hella 
ist noch zu schwach dazu. Die Hella ist jetzt schon 13 geworden und 
der Papa sagt, sie wird ein bildhübsches Mädel werden. Werden, 
sagt der Papa; sie ist es doch sclion. Jetzt ist sie von der warmen Sonne 
im Süden ganz abgebrannt und es steht i h r, aber wirklich nur ihr, 
wunderbar. Denn sonst kann icli es nicht ausstehen, wenn eines so 
abgebrannt ist. Aber der Hella steht wirklich alles gut ; v/ie sie im 
Sanatorium so blaß war, da war sie schön; und jetzt ist sie ebenfalls 
schön, nur ganz anders schön. Überhaupt da hat der Oswald recht, 
wenn er sagt: An dem Grade, in dem ein Mädel das Abbrennen 
verträgt, ohne in ihrer Schönheit zu leiden, kann man ihre Schönheit 
messen. Er hat das zwar immer gesagt, wenn er mich und die Dora 
ärgern wollte in den Ferien, aber recht hat er ganz entschieden. 

20. Februar: Vorgestern hat das zweite Semester begonnen. Alle 
waren riesig nett zur Hella, und die Frau Dr. M. hat sie auf den Wangen 
gestreichelt und so lieb an sich gezogen. Und jetzt kommt die Haupt- 
sache. Heut war Naturgeschichtsstunde. Wie wir anklopfen und ins 
Lehrmittelzimmer kommen, sagt der Prof. W.: Ah, Sie Brückner das 
ist schön; jetzt schauen Sie nur, daß Sie nicht mehr solche böse 
Geschichten machen. Wie geht es Ihnen? Und die Hella: „Ich danke, 
Herr Prof., es geht mir gut." Und wie ich sie anschaue, macht sie ein 

furchtbar ernstes Gesicht und er sagt: Mir scheint die schlechte Laune 

ihrer Freundin hat Sie angesteckt? — Die Hella: „Herr Prof. sind zu^^^i' 
gütig, aber wir wollen nicht lästig fallen. Was haben wir hinüberzu-; 
tragen? Und dann bitten wir auch um Enthebung von unserem Posten,; 

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■■:.K-- 



weil ich mich dazu zu schwach fühle." Sie sagt das so militärisch, wie 
sie es von ihrem Papa gewöhnt ist. Und das klingt riesig vornehm. 
Er scliaut uns an und sagt: Ist schon recht, es werden sie zwei andere 
Schülerinnen ablösen. Wir wissen nicht, hat er es garnicht gemerkt, 
oder will er es nur nicht zeigen. Aber wie wir die Tür zumaditen, war 
mir doch gräßlich leid; denn es war das letztemal, das allerletzt emal. 

27. Februar : Heute habe ich in Naturgeschichte nicht genügend 
bekommen. Ich bin gar nicht geprüft worden, sondern wie die Klaiber 
nichts gekonnt hat, habe ich gelacht und da sagt er: Also Lainer 
korrigieren Sie diesen Unsinn. Well ich aber gerade an etwas ganz anderes 
gedacht habe, so weiß ich nicht, wovon die Rede ist und bekomme gleich 
ein Nichtgenügend. Natürlich früher hatte das nichts gemacht; aber 
jetzt seit .... die Hella und die Franke haben mich riesig getröstet 
und gesagt: „Das gibt's nicht, das war keine Prüfung; er muß dich 
doch einmal ordentlich prüfen." Allerdings meint die Franke, wenn ich 
es noch so gut lerne, so kann idb froh sein, wenn er mir Genügend 
gibt. Eine solche Niederlage vergißt kein Professor. Wir haben ihr 
nämlich das von den Urscheln erzählt. Damals hat sie zwar gesagt, wir 
haben es zu auffallend getrieben. Das ist aber wirklich nicht wahr. 
Aber jetzt nimmt sie doch unsere Partei, well sie einsieht, daß wir im 
Recht waren. Jetzt tragen die Verbenowitsch und die Bennarl die 
Sachen. Ja, die sind viel besser dafür. Der Papa der Hella hat es 
ohnedies nicht gern gesehen; er sagt: dazu ist der Schuldiener oder 
die Schuldienerin da — den wir das ganze Jahr nie sehen, das ist 
köstlich. 

8. März: Heuer ist Ostern erst am 16. April. Ich fahre mit den 
Brückner nach Cilli, dort haben sie nämlich außerhalb der Stadt einen 
Weingarten mit einem Landhaus. Die Hella braucht notwendig eine 
Erholung. Ich freue mich riesig. Dort blüht schon im halben März alles, 
oder anfangs April. 

12. März: Die Hella ist nicht aufrichtig. Heute begegnen wir einen 
Herrn, sehr fein, mit einem goldenen Zwicker und blonden Schnurrbart. 
Die Hella wird blutrot und der Herr grüßt und sagt: Ah, Fräulein 
Helenchen, Sie sehen ja sehr gut aus. Wie geht es Ihnen? Mich schaut 
er niclit einmal an und wie er weg ist, sagt sie : „Das war der Dr. 
Fekete, der bei meiner Operation assistiert hat." — „Und das sagst 
du mir erst jetzt ?" Da stellt sie sich ganz unschuldig und sagt ; „Nun ja, 
natürlich, wir haben ihn ja vorher nie gesehen," da sage idi: „Also 
das meine ich nicht. Wenn du wüßtest, wie rot du geworden bist, 
würdest du nicht leugnen." Da sagt sie: „Was leugne ich denn? 

59 



r 



1 

Glaubst du, ich bin verliebt in ihn? Keine Spur." — Also, wenn man 
nicht verliebt ist, braucht man doch nicht so rot werden. Ich werde 
jedenfalls auch nicht mehr alles sagen; ich kann auch schweigen. 

14. März: Wir haben gestern weniger geredet als sonst j besonders 
ich war schweigsam. Da läutet es heute um 5 Uhr, wie ich gerade 
die Übersetzung mache und die Hella kommt und bittet micli um Ver- 
zeihung und bringl mir herrliche Veilchen. Also natürlich habe ich ihr 
verziehen. Das war eigentlich das erstemal, daß wir etwas böse waren. 
Erst wollte sie mir Bonbons bringen, aber dann entschied sie sich für 
Veilchen und ich finde das auch viel feiner und zarter. Zuckerln gibt 
man einen kleinen Kind, wenn's sich wehgetan oder zornig ist. Aber 
Blumen sind für Kinder nicht. 

19. März: Die Frieda Belay ist gestorben. Wir sind alle ganz auf- 
geregt. Wir haben ja nie näher verkehrt mit ihr, aber jetzt wo sie 
gestorben ist, denkt man doch, daß es eine Mitscliülerin war. Sie ist an 
Herzschwäche infolge Gelenksrheumatismus und Muskelentzündung ge- 
storben. Wir waren alle bei ihrem Begräbnis, nur die Hella durfte nicht. 
Die Mama der Belay hat furchtbar geweint und ihre Großmama nocli 
mehr; und auch ihr Papa hat geweint. Wir haben einen Kranz mit 
weißen Rosen gegeben und einer schönen Inschrift: Der Tod hat dich 
in deiner schönsten Blüte entrissen — Deinen Kolleginnen. 

Ich habe heute zu nichts eine Lust. Ich habe die Belay nicht mehr 
gesehen, aber die Franke war gestern oben und hat sie im Sarg auf- 
gebahrt gesehen. Und sie sagt, sie wird diesen Anblick nie vergessen, 
sie hat beinahe einen Herzkrampf bekommen. Und in der Kirche hat 
wirklich die Lampl einen Weinkrampf bekommen, weil ihre Mama erst 
vor 4 Wochen begraben wurde und da hat sie sich jetzt wieder an alles 
erinnert und sich schrecklich aufgeregt. Ich habe auch bei der Hella sehr 
geweint. Sie glaubt, weil ich gedacht habe, sie hätte audh im Dez. 
sterben können. Aber das war es niclit, an so etwas denke ich dodi 
niclit. Aber wenn jemand stirbt, so ist das überhaupt so schrecklich 
traurig. 

24. März: Das ist doch unerhört! Ich kann nicht mit der Hella 
nach Cilli fahren. Ihre Mama war nämlich bei ihrer Kusine, und wie die 
hört, daß sie zu Ostern nadi Cilli fahren, . bittet sie sie, daß sie die 
Melanie mitnehmen. Das heißt, sie hat nicht direkt gebeten, aber so 
lange herumgeredet, bis die Mama der Hella gesagt hat: Laß die Melanie 
mit uns fahren, das wird ihr sehr gut tun nadi ihrer heurigen Krankheit. 
Sie hatte nämlich im Winter einen Lungenspitzenkatharr. Die Hella und 
ich hassen sie, weil sie furchtbar spioniert und falsch ist. Und da fahre 

60 



ich natürlich absolut nicht mit. Und die Hella sagt es auch, es tut ihr 
furchtbar leid, aber wenn die mit ist, können wir so kein Wort reden; 
da ärgern wir uns nur halb tot. Und sie ist ganz einverstanden, daß 
ich nicht fahre. Aber es ärgert mich sehr, denn erstens fahre ich furchtbar . 
gerne mit der Hella zusammen und zweitens fahre ich überhaupt gerne 
zu Feiertagen weg, weil fast alle Kinder unserer Klasse fortfahren. Also 
ist es nichts damit. Denn wie die Mama der Hella meint, sie sieht nicht 
ein, warum wir nicht alle 3 fahren können, das geht einfach nicht. Aber 
das können wir ihr nicht erklären. Die Hella ist so poetiscli und da 
sagt sie: „Also ein schöner Traum zerstoben". 

An der Hella sind solche große Worte herrlich, an der Dora 
ärgern sie mich fürchterlich, weil sie ihr nicht von Herzen kommen. 

26. März: Heute sind die Schülervorstellungen geschlossen worden 
mit Des Meeres und der Liebe Wellen. Ich gehe sehr gern ins Theater, 
aber niederschreiben tue ich mir nie etwas davon. Denn das Stück ist 
ja ohnedies von einem Dichter, und da kann man es ja nachlesen, wenn 
man will und das übrige merkt man sidi sowieso. Was die Dora immer 
nach dem Theater am nächsten Tag soviel zu kritzeln hat, begreife ich 
nicht. Wahrscheinlich ist sie in irgend einen Schauspieler verliebt und 
schreibt deshalb so viel. Übrigens haben wir, die II. Kl. nicht für alle 
Vorstellungen Karten bekommen, sondern nur die Mädchen von der IV. 
aufwärts. Aber das machte mir nicht sehr viel, weil wir ja außerdem 
am Abend öfters gehen und Sonntag nachmittags. Abends darf ich nur 
leider gewöhnlich nicht mitgehen. 

29. März: Heute ist der Dora und mir etwas Gräßliches passiert. 
Ich kann es gar nicht niederschreiben. Sie war sehr nett und sagte; 
Vor zwei Jahren ist ihr in der Stadtbahn dasselbe passiert, wie sie 
mit der Mama einmal, es war am 15. Februar, das merkt sie sich 
ewig, zur Frau v. Martini nach Hietzing gefahren ist. Außer ihr und der 
Mama war nur noch ein Herr im Waggon, die Mama fährt nämlich 
immer II. KI. Sie sitzen nebeneinander und der Herr steht im zweiten 
Teil, so daß Mama nicht hinsehen konnte. Und wie die Dora hinschaut, 

macht er den Mantel auf und ! also dasselbe wie heute der 

Herr unter dem Haustor. Und wie sie aussteigen, bleibt die Boa der 
Dora in der Tür stecken und sie dreht sich noch einmal um, obwohl sie 

gar nicht wollte, und da sieht sie wieder 1 Sie hat damals 

einen ganzen Monat nicht schlafen können. An das kann ich mich sehr 
gut erinnern, aber nur wußte ich nicht warum. Sie hat es auch nie 
jemanden gesagt, außer der Erika und der war das auch schon passiert. 
Die Dora sagt, das passiert beinahe jedem Mädchen wenigstens einmal; 

61 



und solche Männer sind „nicht normal". Ich weiß nicht recht, was das 
heißt, aber fragen wollt ich doch lieber nicht. Vielleidit weiß es die 
Hella. Ich habe natürlidi nicht genau hingeschaut, aber die Dora hat 
sich geschüttelt und hat gesagt: Und das muß man ertragen. Und dann 
sagte sie zu mir im Gespräch, daß die Mama davon krank ist und weil 
sie fünf Kinder gehabt hat. Da war ich sehr dumm und fragte; „Ja, 
wieso davon?" Davon kriegt man doch nicht die Kinder? „Natürlidi", 
sagte sie „Ich habe geglaubt, du weißt das schon. Damals wie der 
Skandal mit der Mali war wegen des Gürtels, meinte ich, da hättet Ihr, 
du und die Hella alles erfahren," Und jetzt war ich wieder sehr dumm, 
d. h. schon blöd; statt zu sagen, was ich wirklich weiß, sagte ich: „Ja- 
wohl, ich weiß alles nur das nidit." Da lachte sie sehr und sagte: „Na, 
da ist es mit Euren Kenntnissen nicht weit her". Und sie machte endlich 
ein paar Andeutungen. Wenn das wirklich so ist, dann hat die Dora 
recht, wenn sie sagt, es ist besser, man heiratet nicht. Verlieben kann 
und muß man sich, aber man löst die Verlobung einfach wieder auf. 
Ja, das ist ein Ausweg, da kann niemand sagen, die hat keinen Mann 
bekommen. Wir sind so oft vor dem Lyzeum auf- und abgegangen, daß 
wir beinahe zu spät kamen, gerade erst beim Läuten. Beim Nachhause- 
gehen erzählte ich der Hella die Gemeinheit von diesem Manne. Sie 
weiß auch nicht, was das in dieser Hinsicht eigentlich bedeutet : 
„Nicht normal". Wir nehmen es aber jetzt als Zeichen für etwas Greu- 
liches. Da versteht uns niemand. Und dann erzählt mir die Hella von 
einem Betrunkenen, der in Nagy K . . . . so durch die Straßen des 
Ortes ging und vom Gendarmen eingeführt wurde, Sie sagt auch einen 
solchen Anblick vergißt man nie, nie mehr. Vielleicht war der heute 
früh auch betrunken, aber eigentlich sah er nicht so aus. Und wenn er 
das nicht getan hätte, hätte man ihn überhaupt für einen feinen Herren 
-gehalten. Die Hella weiß das auch, daß man davon die Kinder be- 
kommt. Sie hat mir alles erklärt, und jetzt kann ich wohl begreifen, 
daß man davon krank werden muß. Gestern war es schon nach 11 Uhr 
abends und so schreibe ich das alles erst heute zu Ende. Die Hella 
sagt: Das ist die Erbsünde und das haben auch Adam und Eva be- 
gangen, diese Sünde. Ich habe bisher immer geglaubt, die Erbsünde ist 
etwas ganz anderes. Aber das — das. Ich bin seit gestern furchtbar 
aufgeregt) ich sehe das immer vor mir; eigentlich hab ich gar nicht 
hingesdiaut, aber ich muß es doch gesehen haben. 

30. März: Ich weiß nicht, wieso, heute in der Geschichtsstunde fiel 
mir wieder alles das ein und was die Dora vom Papa gesagt hat. Aber 
ich kann mir das gar nicht vorstellen. Wegen des Papas ist es mir 

62 . 



eigentlich unangenehm, daß ich das weiß. Vielleicht ist doch nicht alles 
so, wie die Dora und die Hella sagen. Im allgemeinen kann ich 
mich zwar auf die Hella verlassen, aber sie kann sich ja audi ein- 
mal irren. 

1. April; Heute hat mir die Dora viel erzählt. Sie ist jetzt ganz 

anders zu mir als früher. Man sagt nidit P , sondern M 

P sagen bloß die ordinären Leute oder man kann auch sagen, 

man ist entwickelt. Also die Dora hat die M schon seit 

vorigem Jahre im August und es ist greulich unangenehm, weil jeder 
Herr es einem anmerkt. Deshalb haben wir im Lyzeum audi nur 3 Herren 
als Professoren und sonst lauter Doktorinnen und Fräulein. Jetzt hat die 

Dora die M manchmal gar nicht, dann wieder sehr stark und 

das ist eben die Bleichsucht. Wenn alle Herren das wissen, dann ist das 
furchtbar interessant. 

4. April: Wir reden jetzt von solchen Dingen, die Dora weiß ent- 
schieden mehr als ich, d. h. nicht mehr, aber viel genauer. Aber ganz 
aufrichtig ist sie dodi nicht. Wie ich sie frage, von wem sie das alles 
weiß, ob von der Erika, oder der Frieda, sagt sie „Aber keine Idee; 
das reimt sich doch jedes selbst zusammen; man braucht nur die Augen 
aufmachen und die Ohren. Und ein bissei Verstand hat man doch auch". 
Also mit dem Schauen und Horchen ist wirklich nichts erreicht. Denn 
geschaut habe ich wirklich immer und gar so ohne Verstand bin ich 
doch auch nicht. Jemand muß es einem schon sagen, von selber kann 
man nicht draufkommen. 

6. April: Ich mache mir jetzt gar nidits aus dem Besuchemachen, 
Sonst sind wir immer gern zu Richters gegangen, aber heute war es 
mir fad. Jetzt verstehe ich übrigens erst, warum die Dora nicht il. Kl. 
Stadtbahn fahren will. Ich habe immer geglaubt, sie tut es mir justament, 
weil ich sehr gern II. Kl. fahre. Seit damals wo ihr das passiert ist, 
will sie nicht fahren. So tut man manchmal wirklich jemanden Unrecht, 
der es gar nicht so meint. Aber warum hat sie mir nicht die Wahrheit 
gesagt? Sie sagt, weil ich damals noch ein Kind war. Nun ja, aber 
, heuer im Winter, wo ich mich so ärgerte, daß wir nach Schönbrunn 
IH. Kl. fuhren; da habe ich wirklich geglaubt, sie tut es mir zu Fleiß, 
denn daß sie sich immer fürchtet, in der 11. Kl., wo man oft allein fährt, 
könnte einer plötzlich mit einem offenen Messer hervorfahren, das glaubte 
ich doch natürlich nicht. Aber jetzt verstehe ich sie recht gut, denn die 
Wahrheit konnte sie doch der Mama, oder gar dem Papa nicht sagen. Und 
im Winter und im Frühling fahren oft wirklich fast keine Leute in der 
Stadtbahn, besonders auf der GürteUinie. 

63 



7. April: Die Mama sagt heute, wir, besonders ich, seien gestern 
schreckUch fad und blÖd gewesen bei Richters. Warum wir immer Blicke 
gewechselt haben? Dies sei höchst unpassend. Ja, wenn sie wüßte, an 
was wir gedacht haben, wie die Frau Hofrätin Richter gesagt hat, heuer 
ist die Witterung entschieden nicht normal; eine solche ab- 
normale Wärme sei schon seit Jahren niclit gewesen. Und dann wie 
der Herr Hofrat nach Hause kommt und von seinem Bruder erzählt, 
der den ganzen Winter am Hochschneeberg war und sagt: Ah, mein 
Bruder ist ja nicht normal, der hat ein Radi zuviel, da habe ich 
wirklich geglaubt, ich muß herausplatzen. Zum Glücke hat die Frau R. 
uns nochmals furchtbar viel Bäckerei herausgeladen und da habe ich 
mich recht tief über den Teller gebeugt. Und da sagt die Mama, ich 
habe so gierig gegessen, als ob ich zu hause nie eine Bäckerei bekäme. 
Also, da hat mir die Mama schon sehr unrecht getan, mir war's gar 
niclit um die Bädcerei zu tun. Die Dora sagt auch, ich muß mich besser 
verstellen, ich soll sie immer anschauen, von ihr kann ich es aus- 
gezeichnet lernen. Ja, da hat sie wohl recht, aber warum denn eigentlich? 
Sollen die Leute nicht solche Worte gebrauchen, die ganz etwas anderes 
heißen, dann braucht der andere sich nicht verstellen. Also, lernen muß 
ich es auf jeden Fall. 

8, April: Wir sind heute furchtbar ersdirocken; auf einmal wird 
um Va^ Uhr in der Frühe telephoniert aus dem Lyzeum, der Dora ist 
plötzlich in der Lateinstunde sehr unwohl geworden, sie möchte mit 
Wagen geholt werden. Die Mama fährt gleich im Auto hin und ich 
mit ihr, weil ich ja ohnedies um 9 Uhr Stunde habe und die Dora 
liegt in der Kanzlei auf dem Sopha und die Frau Direktorin, sitzt 
bei ihr und die Freundin der Frau Direktorin, die Frau Dr. Preisky, 
die ist nämlich Ärztin, und sie haben ihr die Kleider aufgemacht und 
einen Umschlag auf den Kopf gegeben, denn sie ist plötzlich in der 
Lateinstunde ohnmächtig geworden. Das ist im heurigen Jahr sclion das 
drittemal, also muß es doch wahr sein, daß sie bleichsüchtig ist. Ich 
wollte mit nach Hause fahren, aber die Mama und die Frau Dr. P. 
haben gesagt, ich soll nur in die Stunde gehen. Und dann hat noch 
die Frau Dr. P., wie ich hinausging, gesagt: „Das ist ein gesundes, 
kräftiges Mädchen, ein lieber Kerl." Das sagt man eigentlich nur von 
Buben und Herren, aber sie ist das wahrscheinlich so gewöhnt, weil sie 
doch immer mit lauter Herren zusammen ist. Wenn man Medizin studiert, 
muß man das alles lernen und anschauen. Das muß eigentlich gräßlich sein. 

Die Dqra liegt heute im Bett und der Dr. hat aucli bestätigt, daß 
sie bleichsüchtig ist. Morgen oder übermorgen geht die Mama mit ihr 

64 



zum Professor. Die Dora sagt, ohnmächtig- werden ist ein herrliches 
Gefühl. Auf einmal hört man nichts reden und man wird ganz schwach 
und dann weiß man überhaupt nichts mehr. Ob ich auch einmal ohn- 
mächtig werde ? Wahrscheinlich, wenn — — — Wir haben viel geredet 
von allem, was uns interessiert. Nachmittag war auch die Hella da, sich 
nach der Dora erkundigen und sie findet sie im Bett sehr schön, so 
leidend und dabei so fein und vornehm. Ja, das ist wahr, vornehm 
schauen wir alle aus. 

9. April: Heute ist der Hochzeitstag von Papa und Mama. 
Jetzt verstehe ich erst, was das eigentlich heißt. Die Dora sagt, daß 
es unmöglich wahr sein kann, daß das der schönste Tag ist, wie alle, 
besonders die Dichter immer behaupten. Sie meint, man muß sich doch 
gräßlich genieren, weil doch alle Leute wissen , , . Das ist richtig und 
man braucht ja auch schließHch niemanden sagen, wann man seinen 
Hochzeitstag hat. Die Dora sagt, sie würde ihren Kindern nie sagen, 
wann ihr Hochzeitstag ist. Das wäre aber doch schade, wenn alle Eltern 
das so hielten, weil dann in jeder Familie um ein Fest weniger wäre. 
Und je mehr Feste, desto lustiger ist es. 

10. April: Morgen fahr' ich mit dem Papa nach Salzburg. Die 
Dora kann nicht mitfahren, weil man doch nicht weiß, ob sie nicht am 
Ende während der Fahrt ohnmächtig wird. Mir ist es ganz recht, obwohl 
ich ihr nichts Schledites wünsche und sie mir leid tut, aber am liebsten 
fahre ich mit dem Papa allein. In Salzburg war ich noch nicht länger. 
Ich freue mich schon riesig. Unsere Frühjahrskostüme sind prachtvoll 
schön, dunkelgrün mit grün und goldbraun gestreiftem Seidenfutter und 
dazu hellbraune Strohhüte mit Maßliebchen für den Frühling und später 
kommen Kirschen oder Rosen drauf. Mein Tagebuch nehme ich mit, 
damit ich mir alles aufschreiben kann, was mich interessiert. 

12. April: Die ganze Fahrt habe ich verschlafen. Der Papa sagt, 
ich habe gräulich geknistert und mich herumgeworfen; aber davon weiß 
ich nichts. Wir haben ein Coupe für uns allein gehabt, nur ein Herr 
ist zuerst noch mitgefahren. Die Hella ist nicht mitgefahren, weil ihre 
Tante, die im Fasching geheiratet hat, mit ihrem Mann auf Besuch 
kommt. Es ist mir eigentlich ganz recht, ich bin so gern mit dem Papa 
ganz allein." Heute nachmittag waren wir in Hellbrunn und im Felsen- 
theater. Das ist wunderbar. ' s 

13. April: Der Papa sagt immer zu mir: Mein Hexerll Aber vor 
anderen Leuten habe ich es nicht gem. Heute waren wir auf dem 
Gaisberg. Es war herrlich schon, die Aussicht großartig. Wenn idi so 
eine weite Aussicht sehe, wird mir immer ganz traurig zumute. Daß es 

S Tacebudi 65 



soviele Menschen gibt» die man gar nicht kennt und die vielleicht auch 
sehr nett sind. Ich möchte immerfort reisen ; das wäre herrlich. 

14. April: Heute habe ich mich beinahe verirrt. Der Papa schrieb 
einen Brief an die Mama und ich durfte hinunter in die Salzachanlagen 
gehen; ich weiß nicht, wie das kam, auf einmal war icli ganz weit 
draußen, wo ich mich nicht auskannte. Da hat mich ein alter Herr 
gefragt, was ich suche; weil ich nämlich dreimal an denselben! Platz 
vorbeikam. Da sagte ich, daß wir im Hotel „Zui- Post" wohnen und 
ich wisse nicht, wie ich hinkomme. Da ging er mit mir und wie wir 
so reden, kommt heraus, daß er den Papa kennt noch von der Universität 
her. Da ging er gleich mit mir und der Papa freute sich sehr. Er ist 
Advokat in Salzburg, aber er hat schon einen grauen Bart. Und beim 
Weggehen sagte er leise zum Papa: „Ich gratuliere dir zu deinem 
Töchterl; die wird was ganz Besonderes werden!" Er hat zwar ganz 
leise geflüstert aber ich habe es doch verstanden. Wir waren mit ihm am 
Kapuzinerberg den ganzen Nachmittag. Es war ein schönes Militärkonzert ; 
zwei Jäger-Freiwillige, die am Tisch neben uns saßen, haben fortwährend 
herübergeschaut; der eine war besonders hübsch. Mein neues Straßen- 
kostüm für den Sommer steht mir sehr gut, sagen alle. Und der Papa 
sagt auch : „Ja, du bist ja schon bald eine junge Dame I Aber nur 
nicht zu früh I" Warum er das sagte, sehe ich eigentlich nicht recht ein ; 
ich wollte, ich wäre schon ganz groß ; aber leider dauert das noch 
lange. 

14. Apri! : Heute regnet's den ganzen Tag. Das ist scheußlich. 
Man kann nirgends hingehen. Den ganzen Vormittag waren wir in der 
Stadt spazieren und haben uns einige Kirchen angesehen, dann waren 
wir in der Konditorei, da habe ich 4 Indianer und 2 Stück Torte 
gegessen. Dafür konnte ich zu Mittag nichts essen. 

15. April : Gerade als ich gestern schrieb, kam der Bureaudiener 
vom Dr. Gratzl und lud uns für Nachmittag ein. Wir gingen hin, sie 
wohnen in der Hellbrunnerstraße. Er hat 4 Tochter und 2 Sohne, die 
Mama ist vor drei Jahren gestorben. Der eine Sohn studiert in Graz 
und der andere ist ein Oberleutnant; er hat eine Braut. Die Töchter 
sind schon alt; die eine ist 27 Jahre und ist verlobt. Das finde ich 
greulich. Die jüngste (! ! !) ist 24 Jahre. Das ist so komisch, wenn man 
sagt „Die Jüngste" und dann ist sie 24 Jahre. Der Papa sagt, sie ist 
sehr hübsch und wird gewiß noch heiraten. Mit 24 Jahren I ! Wenn sie 
nicht einmal verlobt ist; das glaube ich nicht. Sie haben einen großen 
Garten, 3 Hunde und 2 Katzen, die sich sehr gut vertragen. Von 
einem Zimmer ins andere führt eine Stufe, das finde ich reizend und 

66 



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die Fenster sind alle ausgebaucht. Alles ist so altertümlich, auch die 
Einrichtung. Das gefällt mir sehr gut. Das Vorzimmer Ist ganz rund 
wie eine Kirche. Nach der Jause hatten wir eingelegte Früchte, be- 
sonders Kürbisschnitten und ein feines Backwerk. Ich aß ein ganzes 
Glas voll Kürbisschnitten. Sie haben auch ein Grammophon und dann 
spielten wir Klavier, die Leni und ich. Wie wir weggingen, kam der 
Fritz, der Student ; er ist ganz rot geworden und der Dr. Gratzl hat 
im Vorzimmer zu mir gesagt: „Heute haben Sie eine Eroberung 
gemacht." Das glaube ich eigentlich nicht, aber hören tu ich doch so 
etwas gern. Morgen fahren wir leider schon weg, weil wir uns 2 Tage 
in Linz aufhalten wollen beim Onkel Theodor, den ich gar nicht kenne. 

17. April: Der Onkel Theodor ist schon sechzig Jahre und die 
Tante Lina ist auch schon alt. Aber sie sind beide sehr lieb. Ich kannte 
sie nicht. Wir wohnen bei ihnen. Am Abend kam ihr Sohn und seine 
Frau, das ist mein Kusin und eine Kusine, mit ihrem Mäderl ; von der 
bin ich eigentlich die Tante. Das ist furchtbar komisch, wenn man mit 
12^4 Jahren schon eine Tante ist und die Nichte ist 9 Jahre. Heute 
waren wir in den Donauanlagen spazieren, es regnete nur ganz leicht 
und nicht immer. 

18. April: Heute fahren wir wieder nachhause. Natürlich haben 
wir mehrere Ansichtskarten an die Mama und die Dora und an die 
Hella geschickt; auch an den Oswald haben wir eine geschickt. Er ist 
über Ostern nachhause gekommen. Ich weiß nicht, ob er morgen noch 

da ist. 

22. April: Jetzt haben wir wieder Schule. Die Dora und ich gehen 
jetzt meist miteinander ins Lyzeum, weil sie nicht mehr in die Latein- 
stunde gehen darf, wegen der großen Anstrengung. Der Professor, bei 
dem die Mama mit ihr war, hat überhaupt wollen, sie soll mit dem 
Studieren aufhören, aber das tut sie absolut nicht. Übrigens habe ich 
mich sehr geärgert über sie; sie lernt nämlich heimlicli Latein. Wie ich 
vorgestern ins Zimmer komme, schreibt sie gerade Vokabeln heraus 
und schlägt schnell das Buch zu, anstatt daß sie offen und ehrlich sagt: 
iRita, sage nichts den Eitern, daß ich abends immer noch lerne; „ich 
baue auf dein Wort." Sie konnte sich wirklich verlassen. Gott, wenn ich 
reden wollte! Sie glaubt vielleicht, ich sehe nicht, daß der große blonde 
Herr immer hinter uns geht in der Frühe. Der Hella ist er auch schon 
aufgefallen, übrigens hat er eine fürchterliche Glatze und ist sicher schon 
dreißig Jahre. Und sie würde sitiier nicht mit mir und der Hella soviel 
reden, wenn sie es nicht deshalb täte. Aber diese Falschheiten empören 
mich. Wir sind doch sonst jetzt sehr intim mit einander. 

S« . '67 



4 



■ 

I 



24. April: Heute haben wir h. Beichte und Kommunion gehabt. J 

Das Beichten ist mir greulich; übrigens ist mir nodi nie so etwas : 

passiert, wie manche Kinder, sogar in der 5. KI. erzählt haben. Mich j 

hat noch nie ein Geistlicher etwas gr^fragt wegen dem 6. Gebot; jeder .>| 

fragt nur; In Worten, Gedanken oder Taten? Aber trotzdem gehe ich | 

schrecklich ungern beichten, und die Dora auch. Da ist die Hella als 
Protestantin besser dran, da gibts keine Beichte. Und beim Kommunizieren 
habe ich immer die gräßlidie Angst, mir fällt die h. Hostie aus dem 
Mund. Das wäre entsetzlich. Wahrscheinlich würde man sofort ex- 
kommuniert als Ketzer. Die Dora durfte diesmal nicht beichten und 
komm., weil der Papa es nicht erlaubte. Sie darf absolut nicht ohne 
Frühstück ausgehen. 

26. April: In der III. ist es richtig einer passiert, daß ihr die h. 
Hostie aus dem Munde gefallen ist. Es ist ein großer Verdruß des- j| 
wegen. Sie sagt, sie kann nichts dafür, der geistl. Herr hat so mit der 
Hand gezittert. Das ist nämlich wahr, er war schon ein ganz alter Herr 
und da fürchte ich mich auch immer so. Bei einem jungen Geistlichen 
ist es viel besser, da passiert sicher nie etwas. Der Papa sagt, des- 
wegen wird das Mädchen nicht exkommuniziert, und zum Glück hat sie 
einen hohen Geistlichen, einen Prälaten zum Onkel. Der ist auch ihr 
Vormund. Der wird ihr jedenfalls helfen. 

27. April: Heute haben wir dieses Mädchen kennen gelernt in der 
Pause. Sie ist sehr nett und sagt, sie kann wirklich nichts dafür, denn 
sie ist riesig fromm und geht vielleicht einmal als Nonne ins Kloster. 
Ich bin aucli fromm, wir gehen fast jeden Sonntag in die Kirche, aber 
in ein Kloster möchte ich doch nie gehen. Die Dora sagt, das tut man 
meistens aus unglücklicher Liebe, weil einem die Welt dann leer und 
verhaßt ist. Weil sie so sentimental drein schaute, sage ich: Mir scheint, 
du hast auch Lust dazu: Da sagte sie: „Nein, ich habe Gott sei Dank 
keinen Grund dazu." Damit will sie natürlich sagen, daß sie nicht un- 
glücklich, sondern glücklich verliebt ist. Jedenfalls in den großen Herrn 
in der Frühe. Ich schaute sie lange fest an und sagte: „Ich gönne dir 
dein Glück. Aber der Hella und mir gefällt seine Glatze nicht," da 
sagte sie ganz erstaunt: „Glatze? Keine Idee, das ist eine herrliche 
hohe Denkerstim." 

27. April: Heute war die Mademoiselle zum erstenmal da. Das 
habe ich nämlich vergessen zu schreiben, die Dora muß täglicli zwei 
Stunden in der Sonne sitzen und Spazierengehen. Und well die Mama 
nicht ganz gesund ist und nicht viel gehen soll, haben wir die Mad . . . 
bekommen. Wenn ich Zeit habe, soll ich auch mitgehen, zum „Vorbeugen", 



68 



sac-fc der Papa. Aber mir fällt das gar nicht ein, das ist mir viel zu 
fad; ich habe einfach keine Zeit. Die Mad . . . kommt 3 mal in der 
Woche, Montag, Mittwoch, Freitag, und am Montag, Donnerstag und 
Samstag habe ich Klavierstunde, also kann ich gar niclit mitgehen; 
also Schluß mit Jubel! So sagt immer der Oswald am Jahresschluß 
und beim Semesterschluß. Sie ist übrigens sehr hübsch, blondes 
lockiges Haar und riesige graue Augen mit schwarzen Wimpern und 
Brauen, aber sie spricht so schnell, daß ich nicht alles verstehe. An 
den anderen 3 Tagen soll eine Engländerin kommen, aber wir haben 
noch keine, sie sind alle so teuer. Ich finde es eigentlich komisch fürs 
Spazierengehen mit erwachsenen Mädchen einen Gehalt bekommen, 
das ist doch eigentlich eine Unterhaltung. Mit rechten Fratzen, so wie 
v/ir die voriges Jahr ein paarmal im Rathauspark gesehen haben, das 
ist etwas anderes. Und wegen dem Französisch oder Englisch Reden! 
Wenn sie nicht reden wollen, so macht's auch nichts. Und dann was soll 
man dann auch immer auf Französisch oder Engliscii reden, das ist doch fad. 
28. April: Heute waren die Richters bei uns und der älteste Sohn, 
der Oberleutnant aus Lemberg; er ist herrlich und hat der Dora wahn- 
sinnig den Hof gemacht; übrigens ist auch der Walter sehr nett, der 
ist in der Forstakademie in Mödling; der Oberleutnant bringt der Dora 
morgen ein Buch von Tolstoi, das sie lesen soll. Und dann werden sie 
zusammen musizieren, sie Klavier und er Violine; schade daß ich noch 
nicht so gut spiele wie die Dora. Zu Pfingsten kommt der Walter auch 
und der Viktor (das heißt zu Deutsch Sieger) ist für ein halbes Jahr 
beurlaubt, weil er krank ist, oder vielmehr krank sein soll; denn so 
schaut man doch nicht aus, wenn man krank ist. 

4. Mai: Der Oberleutnant R. kommt bei jeder Gelegenheit, er 
muß wirklich wahnsinnig verschossen sein in die Dora. Aber der Papa 
erlaubt es nicht. Er sagte heute zu Dora: „Du, den Bruder Leichtfuß 
schlag' dir aus dem Kopf; das ist nichts. Aber eine Uniform und ihr 
Mädeln seid ganz außer Rand und Band. ■ Eine Stunde oder zv/ei zu- 
sammen musizieren, ä !a bonheur; aber dieses ewige Herauflaufen mit 
Büchern und Noten, das ist bloß ein Vorwand." 

6. Mai: Der Oberleutnant R. geht alle Tage in der Frühe mit uns, 
d. h. mit der Dora in die Schule. Er soll eigentlich sehr lang im Bett 
> Hegen am Morgen, denn er ist wirklich krank, aber um der Dora willen 
steht er schon furchtbar früh auf, und fährt von Hietzing herüber und 
wartet in der ... . Gasse. Und ich gehe natürlich mit der Hella allein 
und in der ... . Straße treffen wir uns, damit im Lyzeum niemand 

■ etwas merkt. 

69 



I 

13. Mai: Morgen ist Mamas Geburtstag und da brachte ihr der 
Viktor (ich sage jetzt auch immer nur V . . . ., wenn ich mit der Dora j 

von ihm spreche) herrliche Rosen und lud uns alle für den nächsten 
Sonntag ein. Und mich nannte er im Vorzimmer „Schutzgeist unserer 
Liebe". Ja, das bin ich und ich werde es immer bleiben; denn er ver- 
dient es unbedingt und die Dora ist ja auch ganz anders als sie früher j 
war. Die Hella sagt, da sieht man wirklich, daß die Liebe veredelt; sie 
hat es früher immer für eine bloße Dichtung gehalten. 

15. Mai: Der Papa sagte: Ich bin von diesen Besuchen bei Richter, 
solange der Schwerenöter da ist, nicht sehr erbaut; aber wegen des 
Hofrates und ihr, der Mama kann man nicht absagen. Wir ziehen die 
grünen Kostüme mit den weißseidenen Blusen mit grünen Seidenblättchen 
an, weil die Dora nicht ganz weiß gehen will, außer im Sommer. Und 
well die Blusen Kleeblätter haben, also wegen ihrer Bedeutung. Wir 
freuen uns riesig. Hoffentlich ist der Mama bis dahin ganz gut, da sie 
heute liegen muß. Krank sein ist überhaupt unangenehm, aber wenn 
dadurch einem andern ein Vergnügen gestört wird, dann ist es gar 
gräßlich. 

16. Mai: Vorgestern war der Geburtstag der Mama; aber es 
war nicht so lustig wie sonst, weil der Mama öfters nicht ganz wohl 
ist; Ich habe ihr als Geburtstagsgeschenk eine Kaselte gemalt mit 
einem Zweig Waldreben, was großartig apart aussieht. Von der Dora 
hat sie eine Buch-Enveloppe mit einem Zweig japanischer Kirschen 
in Nadelmalerei bekommen, vom Papa weiß ich nicht, was, ich glaube 
Geld, weil er ihr immer zum Geburts- und Namenstag ein Kuvert 
gibt. Weil aber die Mama nicht ganz gesund ist, so waren wir nicht 
sehr lustig und wie wir mittags auf ihre Gesundheit anstießen, hat 
sie sich heimlich die Augen gewischt. Aber so gefährlich ist es 
doch nicht; sie geht doch aus und schaut nicht schlecht aus. Ich 
finde, die Mama ist sehr fesch, sie sieht so fein aus, ob sie im Schlaf- 
rock oder in der Straßentoilette ist. Die Dora sagt, wenn sie durch 
einen Mann krank würde, würde sie ihn hassen und ihren Töchtern 
verbieten, zu heiraten. Das ist alles ganz richtig, aber erst müßte man \^ 
doch bestimmt wissen, ob man davon krank geworden ist. Die Tante 
Dora soll deswegen den Papa nicht leiden können. Tatsächlich ist der 
Papa nicht so nett zu ihr gewesen wie sonst zu unsern Verwandten 
oder den Damen, die zur Mama kommen. Aber schließlich hat die Tante 
Dora doch kein Recht, dem Papa eine Szene zu machen, wie die Dora 
behauptet. Dazu hatte dodi höchstens die Mama selber ein Recht. Die 
Dora fürchtet, daß die Mama sich am Ende gar operieren lassen muß. 

70 



Ich ließe mich absolut nie operieren, das muß gräßlich sein, ich weiß es 
von der Hella bei der Blinddarmoperation. Die Dora meint zwar: „Ich 
bitte dich, wenn man fünf Kinder geboren hat; da ist man das doch 
schon gewöhnt". Ich werde alle Abende den lieben Gott bitten, daß die 
Mama ohne Operation wieder gesund wird. Heuer fahren wir wahi^ 
scheinlich zu Pfingsten nicht weg, weil die Mama und die Dora weg- 
fahren sollen, nämlich in ein' Bad, vielleicht nach Franzensbad. 

18. Mai: Es war herrlich bei Richter; der Walter war aus Mödling 
da, er war riesig nett und sagte, ich sehe meiner Schwester zum Ver- 
wechseln ähnlich. Das ist absolut nicht wahr, aber ich weiß, was er 
damit sagen wollte. Er bläst großartig Flöte und die drei spielten ein 
Trio miteinander, daß ich micli wirklich ärgerte, daß ich früher nicht 
fleißiger geübt habe. Jedenfalls werde ich von morgen an täglich 
2 Stunden Klavierspielen, wenn idi halbwegs Zeit habe. Nächstes Jahr 
im Winter will der Viktor einen privaten Theaterklub gründen, also muß 
er doch länger als ein halbes Jahr in Wien bleiben wollen. Der Walter 
findet die Dora sehr interessant und wie ich sagte: „Nur leider ist sie 
im höchsten Grade bleichsüchtig", so sagte er: Das tut ihr in den Augen 
eines Mannes keinen Abbrucli, wie Sie an meinem Bruder sehen können. 
Übrigens ist das eine Krankheit, die eigentlich keine ist, sondern ein 
iunges Mädchen oft äußerst fesselnd macht, wie Sie an Ihrer Schwester 

sehen können. 

Vorgestern war die Miß das erstemal da; die könnte mir gestohlen 
werden. Miß Maggie Lundy heißt sie und falsche blonde Haare hat sie. 
Sie behauptet, sie ist verlobt, aber die Dora sagt, einmal gewesen. Ich 
glaube nicht einmal das. Der V . . . . sagt, die Mad .... ist eine 
Schönheit ersten Ranges. Und da fragte ich die Dora, ob sie nicht 
eifersüchtig ist, aber sie sagt, darüber ist sie erhaben, und sie ist seiner 
Liebe sicher. Er will vom Militär weggehen und in ein Ministerium ein- 
treten, und dann wd er ja wahrscheinlich heiraten. Aber die Dora sagt, 
damit hat es schon noch Zeit, heimlich verlobt sein ist viel herrlicher. 
Da merkt sie erst, daß sie sich verschnappt hat und wird blutrot und 
sagt: das müßte doch jedenfalls zuerst kommen vor dem Heiraten, nicht. 
— Natürlich ist sie schon heimlich verlobt, aber sie will es nicht einmal 
mir eingestehen. Wozu bin ich denn dann der „Schutzgeist ihrer Liebe"? 
Wenn e r das wüßte. 

19. Mai: Eigentlich wollte ich Klavierüben, aber es ist mir heute 
unmöglich, erstens hatte ich ohnedies Stunde, und zweitens ist der Dora 
etwas Gräßliches passiert. Läßt die ihr Tagebuch in der Schule liegen; 
und weil wir in der V. Klasse Religionsstunde haben, so sehe ich unter 

' 71 



v: 



i 



der dritten Bank ein grün gebundenes Buch lieg-en. Gott, denk ich mir, 
das schaut aus, wie das Tagebuch der Dora. Schnell gehe ich hin, und 
lege mein Schulpaket drauf. In der Stunde ziehe ich's hervor und richtig 
ist es ihr Tagebuch. Wie ich nachhause kam um 1 Uhr, sage ich zuerst 
nichts. Nach dem Essen stöbert sie überall herum, aber ohne zu fragen, 
und da sage ich ganz ruhig: „Suchst Du vielleicht dein Tagebuch? Hier 
ist es; in der fünf— ten Kla— sse ist es un— ter der drit— ten Bank 
?e — le — gen." (So hab idi nämlich beim Reden gezogen.) Sie ist ganz 
blaß geworden und sagt: „Du bist ein Engel. Wenn das jemand ge- 
funden hätte, wäre ich hinausgeschmissen worden und die Mad .... 
müßte ins Wasser gehen." „Na, so arg ist es nicht", sage ich, denn 
das von der Mad .... interessiert mich furchtbar. In der Stunde f 

schaute ich mehr, was sie vom V . . . . geschrieben hatte. Aber ich 1 

konnte es nicht lesen, weil es ganz klein und eng geschrieben war und ^ 

mehre Seiten voll, aber das von der Mad .... habe ich nicht einmal ^'l 

so genau angeschaut. „Hast du es gelesen?" Nein, nur wo es zufällig ;S 

aufgegangen ist, weil eine Seite herausgerissen ist. Vom V ? oder 1 

von der Mad . . . .? „Ein Stückchen von der Mad . . . .; aber sage 

mir alles; ich verrate nichts. Denn wenn ich das wollte, ich bitte dich, 

du weißt ja . . . ." Und da erzählte sie mir alles von der Mad .... i 

Aber ich mußte ihr schwören, daß ich es nidit einmal der Hella erzähle. 

Die Mad .... hat heimlich einen Bräutigam, dem sie das „Äußerste 

der Liebe" geschenkt hat; das heißt nämlich, daß sie ... . Sie hat 

ihn wahnsinnig gern und sie würden sofort heiraten, aber er ist auch 

ein Oberleutnant, und sie haben beide nicht genug Geld zur Kaution. 

Sie sagt, wenn man einen Mann sehr gern hat, dann erträgt man alles für 

ihn. Sie war schon mehrmals bei ihm und sie gibt immer riesig acht, denn 

ihr Papa würde sie umbringen, wenn er es wüßte. Die Dora hat den 

Oberleutnant schon gesehen und sagt, er ist sehr hübsch, aber der 

V . . . . ist entschieden schöner. Die Mad .... sagt, im allgemeinen 

könne man den Männern nicht vertrauen, aber der Oberleutnant ist ganz 

anders; der ist treu wie Gold. Und der V ... . sicher auch. 

21. Mai: Wie heute die Mad . . . gekommen ist, habe ich sie vor 
der Mama gar nicht ansehen können, und die Dora sagt, ich habe 
mich furchtbar dumm benommen. Ich bin nämlich heute mitgegangen 
und wie wir einem feschen Offizier begegnet sind, räusperte ich mich 
und schaute die Dora an. Aber sie hat nicht verstanden, warum. Die 
Mad. ist die Tochter eines sehr hohen Militärbeamten und sie hat die ; 

französische Staatsprüfung nur gemacht, damit sie von der „Tyrannei" J 

ihrer Mutter frei wird; die sekkiert sie greulich und früher, ehe sie J 

72 



13t. 



Stunden hatte, durfte sie nie allein ausgehen. Die Dora sagt, sie 
spricht in äußerst gewählten Worten und besonders diese Dinge um- 
schreibt sie immer sehr fein. Natürlich sagt sie das alles deutsch, denn 
französisch kann man es doch noch schwerer sagen und vielleicht würde 
es die Dora auch niclit verstehen und dann müßte es die Mad .... 
doch erst übersetzen. Sie heißt Sylvia und er nennt sie Sylvette. Wenn 
man einen I\1ann rasend liebt, so tut man alles, was er verlangt, sagt 
die Mad .... Aber das ist doch eigentlich nicht notwendig, da kann 
einer ja die dümmsten Sachen verlangen; da kann er ja auch ver- 
langen, man soll ihm den Mond vom Himmel holen oder man soll sich 
seinetwegen einen Zahn ausreißen. Die Dora sagt, sie versteht das 
ganz gut, mir fehlt noch die Innerlichkeit der Auffassung und 
des Gefühls. Was soll denn das heißen, das ist ein Unsinn. Aber 
weil es schön klingt, habe ich es mir aufgeschrieben und kann es 
vielleicht einmal im Gespräch mit dem Walter brauchen. Die Mad .... 
hat hur immer schreckUch Angst, daß sie ein Kind bekommt. Dann 
würde ihr Papa sie unbedingt erwürgen. Der Oberleutnant ist Flieger 
und hofft einen neuen Aeroplan zu konstruieren und wenn er den gut 
verkauft, dann heiratet er die Mad. Aber wenn etwas passiert und 
sie bekäme schon jetzt ein Kind, das wäre gräßlich. 

22. Mai: Heute fragte mich die Dora, woher ich eigentlich alles 
wisse, ob von der Hella. Weil ich aber die Hella doch nicht verraten 
will, sagte ich so obenhin: „Gott, das kann man doch alles im Lexikon 
lesen." Da lachte die Dora und sagte: Da bist du schön auf dem 
Holzweg; im Lexikon steht nicht ein zehntel von allem und, dann ist 
es überhaupt nicht so, In diesen Dingen kann man sich auf die Bücher 
absolut nicht verlassen." Und zuerst wollte sie mir nichts Näheres 
sagen, aber dann hat sie mir doch Verschiedenes gesagt, besonders die 
Namen gewisser Körperteile und das von der Befruchtung, und von 
dem migroskopisch kleinen Kind, das eigentlich vom Mann ausgeht, 
und nicht, wie ich und die Hella glaubten, von der Frau. Und wovon 
man erkennt, ob eine Frau überhaupt fruchtbar ist, Das ist eigentlich 
ein schreckliches Wort. Überhaupt hat fast jedes Wort eine solche 
. Bedeutung und die Dora sagt, darum muß man beim Reden riesig vor- 
sichtig sein; das ist wohl wahr. Wenn man sagt: Man ist so müde, daß 
man kein Glied rühren kann, so ist das furchtbar zweideutig, besonders 
wenn es ein Herr sagt. Die Dora meint, am besten wäre, man schriebe 
sich alle diese gewissen Wörter auf, aber es sind ebenso wahnsinnig 
viele, daß es nicht geht. Das einzige ist, daß man riesig vorsichtig ist; 
aber man gewöhnt sich das ziemlich bald .an, Aber neulich ist docli 

73 



der Dora passiert, daß sie zum V . . . . gesagt hat: Ich suche keinen 
Verkehr und das heißt soviel als das „Äußerste in der Liebe;" das 
hat ihr die Mad. gesagt. Aber der V ... . war so fein, daß er getan 
hat, als ob er es gar nicht bemerkt hätte; der Dora ist es nämlich 
auch erst eingefallen, nachdem sie es schon gesagt hat. Es ist wirklich 
sehr blöd, daß jedes gewöhnliche Wort eine solche Bedeutung hat. Ich 
werde jetzt riesig achtgeben auf das, was ich rede, damit ich nicht am 
Ende auch so ein zweideutiges Wort sage. Das soll auch Im Französischen 
so sein, sagt die Mad. Wie es im Englischen ist, wissen wir nicht und 
die Miß, das Scheusal, fragen, nein, das ist zum Totlachen. Die weiß 
vielleicht nicht einmal das Einfachste. Jetzt weiß ich entschieden mehr 
als die Hella, aber ich kann es ihr nicht sagen, wegen des Verrates 
an der Dora und der Mad .... Vielleicht kann ich nur andeuten, daß 
sie beim Reden sehr vorsichtig sein soll, damit sie kein zweideutiges 
Wort sagt. Dast eigentlich meine Pflicht als Freundin. " 

23. Mai: Das habe ich ganz vergessen. Vorige Woche hat der 
Oswald schriftliche Matura gehabt, er schrieb jeden Tag eine Karte 
und die Mama hat sich schrecklich aufgeregt, weil er immer so dumme 
Witze machte, daß man nicht wußte, ob er's können hat oder nicht. 
Die Dora und ich sind rasend glücklich, am nächsten Montag fahren wir 
mit der Frau Hofrätin und ihrer Nichte, die ins Konservatorium geht, 
aufs Flugfeld. Der Oberleutnant Streinz wird aucli fliegen. Wir fahren 
natürUch mit dem Auto, denn per Bahn ist es viel umständlicher. Der 
Viktor kommt natürlich auch hin, aber er fährt mit ein paar Offizieren. 
Das ist riesig schade, denn im Auto mit uns wäre es herrlich gewesen. 
Ja richtig, heute habe ich die Klasse gerettet, der Herr Landesschulinsp. 
ist diese Woche da und war bei uns zuerst in Geschichte und dann in 
Deutsch, da war ich die Einzige, die alles gewußt hat, was uns die 
Frau Dr. M. über das Wesen der Fabel gesagt hat. Und der Herr 
Landessch. lobte mich sehr und die Frau Dr. M. sagte nachher: das 
ist wahr, auf die Lainer kann man sich verlassen ; die hat ein sicheres 
Wissen. Und auf dem Gang war sie so riesig nett: „Weißt du. Lainer, 
daß ich dir feierlich Abbitte leisten muß?" Ich bin ganz perplex und 
die Hella fragt : Wofür denn ? Da sagt sie ; „Mir ist so vorgekommen, 
als ob du dich heuer nicht mehr so für den Deutschunterricht interessieren 
würdest wie im vorigen Jahr; aber du bist glänzend rehabilitiert." 
Nachher sagt die Hella: Na weißt du, ganz unrecht hat die Frau Dr. M. 
nicht, wenn ich denke, was wir voriges Jahr alles gelesen haben, nur 
damit wir alles wissen in der Stunde und wie wir heuer sind 1 1! Du 
weißt ja . Also da hat die Hella ganz recht, aber deswegen 

74 



kann man doch lernen, man kann doch nicht immer davon reden. Und 
dann für einen solchen Engel wie die Frau Dr. M. lernt man einfach 
immer. Die Hella behauptet, ich sei krebsrot gewesen vor Stolz, daß 
ich alles mit den Worten der Frau Dr. M. sagen konnte; aber dies ist 
nicht wahr, erstens habe ich mir gar nichts darauf eingebildet und 
zweitens weiß ich eigentlich selber nicht, wieso ich alles so sagen konnte. 
Ich habe nur das Gefühl gehabt, die Frau Dr. M. ärgert sich fürchterlich, 
wenn keine ein Zeichen gibt und so habe ich mich gemeldet. 

25. Mai: Gott, ich konnte mir eine Ohrfeige, nein hundert Ohr- 
feigen geben. Was mir passiert ist ! Jetzt dürfen wir nicht aufs Flugfeld. 
Der Papa hat uns nämlich nur mitfahren lassen, weil der Viktor in Linz 
ist und der Papa glaubte, er bleibt noch 14 Tage dort. Und heute zu 
Mittag verschnappe ich mich und sage : „Zu fünf haben wir leider keinen 
Platz im Auto. Wenn aber das Fräulein Else nicht käme, könnte der 
Herr Obltnt, gleich mit uns fahren." Die Dora gibt mir unter dem Tisch 
einen Stoß und ich will mich herausreden, aber der Papa ist furchtbar 
böse und sagt: „Wie, der Luftibus kommt hin? Nein, meine Lieben, 
da ist es nichts damit. Ich werde sofort der Hofrätin absagen. Das 
könnt ich brauchen, hab' ich nicht gesagt, ich verbitte mir den Verkehr 
mit dem Menschen." Das sagte er nämlich zur Dora. Die Dora sagt 
gar nichts darauf, aber sie aß keine Mehlspeise und kein Obst nachher, 
wie wir in unserem Zimmer waren, fährt sie auf mich los: Du hast das 
absichtlich getan, du bist eine gemeine Person, nein d. h. ein unreifes 
Kind, mit dem ich mich hätte nie einlassen sollen, und so fort. Das ist 
wirklich zu arg, ich habe es absichtlich gesagt, als ob ich ihr es 
neidisch wäre. Und dann bin ich selber mitgestraft, denn ich habe ihn 
wirklich audi sehr gern, weil er keinen Unterschied zwischen uns macht 
und mit mir gerade so ist wie mit der Dora. Wir reden natürlich gar 
nichts miteinander, und am meisten hat mich geärgert, daß sie sagt, 
sie bereut jedes Wort, was sie in dieser Beziehung zu mir geredet hat, 
„das waren Perlen vor die Säue." Das ist doch die höchste 
Gemeinheit! Also ich bin eine S . . — aber wer hat den das Mehrere 
erzählt, ich vielleicht ? Also das weiß ich, daß ich nie mehr mit ihr von 
so etwas rede. Ich habe ja Gott sei Dank die Hella. Überhaupt, die 
würde nie so etwas von mir sagen oder glauben, 

26. Mai: Wir haben die ganze Nacht nicht geschlafen; die Dora 
hat furchtbar geweint, ich habe es gehört, obwohl sie es unterdrüdten 
wollte und ich habe auch geweint und dabei habe ich immer nachgedacJit, 
wie ich es machen kann, daß der Viktor nichts Schlechtes von mir denkt. 
Denn das wäre mir gräßlich. Da ist mir ein Ausweg eingefallen und 

75 



der Zufall, nein ich muß es schon ein Glück nennen, hat mir geholfen. 
Der Viktor geht jetzt in der Frühe nicht mehr mit uns, weil die Mädchen 
aus der V. uns schon mehrmals gesehen haben, sondern er holt die Dora 
nur um 1 Uhr ab. Und da habe ich in der Frühe schnell beim Automaten- 
telefon an ihn telephoniert, denn zuhaus traute ich mich nicht. Der 
Dora war so schlecht, daß sie nicht in die Schule gehen konnte 
und da ging ich mit der Hella allein. Ich telephonierte so, als wie wenn 
ein Freund ihn anrufe und zuerst kam das Stubenmädclien und dann 
er. Ich sagte ihm : Ich kann absolut nichts dafür, er soll ja nichts 
Schledites von mir glauben und ich muß ihn um 1 Uhr sprechen, da die 
Dora krank ist. Er soll bei der Ecke der .... gasse warten. Während 
des Unterrichtes war ich so aufgeregt, daß ich gar nicht weiß, was wir 
aufhaben. Und um 1 Uhr stand er richtig da und ich erzählte ihm alles 
und er war so furchtbar lieb und tröstete mich; er mich. Das ist ein 
bißchen anders, als wie die Dora war. Ich war so aufgeregt, daß ich 
beinahe weinte, da zog er mich in ein Haustor und nahm mich um 
die Mitte und wischte mir mit seinem Taschentuch die Tränen weg. 
Das verrate ich niemals der Dora. Er hat mich dann gebeten, ich soll 
lieb und gut zur Dora sein, denn sie hat viel zu tragen. Also, was 
sie zu tragen hat, weiß ich gerade nicht, aber um seinetwillen, weil er 
es wirklich verdient, habe ich ihr nach dem Essen einen Zettel auf den 
Schreibtisch gelegt, wo ich draufgeschrieben hatte. „V .... läßt dich 
vielmals grüßen und hofft, daß du Montag wieder gesund bist. Gleich- 
zeitig besten Dank für das Buch." Den Zettel legte icli in Heidepeters 
Gabriel, den ich von ihr zum Lesen hatte und legte es recht auffällig 
hin. Beim Lesen wurde sie ganz rot und schluckte ein paarmal und 
sagte: „Du hast ihn gesehen? Wo und wann denn?" Da sagte ich ihr 
alles und sie war ganz gerührt und sagte : „Du bist doch ein gutes 
Mädel, nur sclirecklich unverläßlich." Wieso unverläßlich? Da sagte sie: 
Jawohl unverläßlich, denn so verschnappen darf man sich einfach nicht; 
das gibt's nicht; übrigens will ich versuchen, deine Schuld zu vergessen. 
Hast du den Heidepeters Gabriel schon fertig gelesen? „Nein, sage 
ich, aber ich lese kein Buch, von jemanden, mit dem ich böse bin." 
Schließlich versöhnten wir uns, aber wir redeten natürlich weiter nichts 
und das mit dem Taschentuch sagte ich absolut nicht. 

29. Mai : Am 10. oder 12. Juni fährt die Mama und die Dora 
nach Franzensbad, weil beide die Moorbäder nehmen müssen. Und dann 
hat der Papa gesagt, da wird die Dora am ehesten auf andere Gedanken 
kommen und nicht den Kopf hängen lassen wie ein krankes Hendl. 
Heute erzählte mir die Dora etwas sehr Interessantes. Die Herren, die 



76 



"^ 



nicht verheiratet sind, haben Bücherln und mit denen können sie zu 
den „gewissen" Damen am Graben und in der Kärntnerstraße gehen. 
Dort müssen sie, sagt die Dora, 10 fl. oder 10 K zahlen. In der Klasse 
der Dora ist ein Mädchen, deren Papa ist Polizeiarzt und bei dem 
müssen sie sich alle Monate untersuchen lassen, ob sie gesund sind, 
sonst dürfen sie nicht zu diesen „Damen" gehen. Und deswegen bleibt 
kein Stubenmädchen bei den Preuß. Gestern habe ich im Bad zufällig 
bemerkt, daß ich die gewisse Linie habe, also daß ich fr . . . bin ; aber 
ich werde höchstens 1 oder 2 Kinder bekommen, denn der Strich ist 
sehr schwach. Ich muß jetzt oft mitten beim Lernen an solche Sachen 
denken und dann lese ich oft eine Seite fertig und blättere schon um 
und weiß gar nicht, was ich gelesen habe. Das ist sehr unangenehm, 
denn jetzt wird bald der andere Landessch.-Insp. für Math, und die 
anderen Fächer kommen und blamieren möchte ich mich doch nicht; 
besonders deswegen nicht, weil vielleicht die Inspektoren doch unter- 
einander reden darüber, wer etwas kann und wer nicht. 

30. Mai : Das Konzert war großartig ; wenn ich so große Musik höre, 
muß ich mich immer zusammen nehmen, daß ich nicht weine. Das ist 
wohl sehr dumm, aber mir fallen dann lauter traurige Sachen ein ; sogar 
bei einem Werkel. Die Dora spielt auch die Ungarischen Tänze von 
Brahms, aber da muß ich nie weinen. Da ärgere ich mich nur immer, 
daß ich es nicht so kann. Ich könnte schon, aber ich habe nicht die 
Geduld, so lange zu üben. Daß ich bei Musik immer weinen muß, sage 
ich keinem Menschen, nicht einmal der Hella, der ich doch alles sage, 
außer natürlich das von der Mad. Gestern habe ich mich blamiert; sagt 
wenigstens die Dora. Ich weiß nicht mehr, wie das war, es war beim 
Nachtmahl von den Büchern die Rede, und da sage ich : „Ach Gott, aus 
Büchern lernt man wirklich nichts; es ist ja doch alles anders, als wie 
es in den Büchern steht." Da war der Papa sehr ärgerlich und sagte: 
„Du Guck in die Welt, sei froh, daß es Bücher gibt, aus denen du was 
lernen kannst. Wenn einer ein Buch nicht versteht, dann sagt er, es 
ist nichts wert." Die Dora warf mir schon einen Blick zu, aber ich 
wußte nicht, was sie meinte, und sagte: „Ja, aber im Lexikon steht 
sehr viel Unrichtiges." „Was hast denn du im Lexikon herumzustöbern ; 
da werden wir den Schlüssel In etwas sicherere Verwahrung nehmen.. 
Gott sei Dank kam mir die Dora zuhilfe und sagte : „Die Gretel hat 
etwas über das Alter der Elephanten und Mammuts nachschauen wollen, - 
aber im Lexikon steht etwas anderes, als was der Prof. Rigl voriges 
Jahr sagte." Da war ich gerettet. Aber verstellen kann sich die Dora 
großartig ; das merke ich übrigens auch bei anderen Gelegenheiten. Am 

77 



i. 



■ 



Abend macht sie mir einen Skandal und sagt: ,,Du dummer Fratz, du 
wirst nie gescheit werden ; neulich die Blödheit wegen des Viktors und 
heute wieder das ! Einmal habe ich dir herausgeholfen, aber ein zweites- 
mal nicht," und dann hat sie die ganze Zeit Brief geschrieben, natürlich 
an ihn — I Die Hella und ich haben neulich verschiedenes gelesen im 

Lex über Geburt und Schwangerschaft und ich allein 

über fruchtabtr. . . . Mittel ; wir haben nämlich zusammen bei Embryo 
und Leibesfrucht gelesen und da sagte ich weiter nichts, sondern merkte 
es mir nur durch einen Doppelknoten im Taschentuch und gestern suchte 
ich es dann auf. Da braucht eigentHcli die Mad. . , . gar keine Angst 
haben, wenn es wirklich so etwas gibt. Aber jeder Doktor erkennt 
es und man kann auch sehr leicht sterben daran. Ob die Mad. . . das 
überhaupt weiß? Wir haben dann noch verschiedenes gesprochen über 
die Unterschiede zwischen Mann und Frau und da sind wir auch 
drauf gekommen, daß die Hella sich noch immer von der Anna, die 
schon zwölf Jahre bei ihnen ist, im Bad waschen läßt. Das täte ich 
absolut nicht, überhaupt ließe ich mich von niemanden waschen, höchstens 
von der Mama; von der Dora schon sicher nidit, denn die braucht doch 
nicht wissen, wie ich ausschaue. Die Wärterin im San. hat zur Hella gesagt, 
sie ist gewachsen wie eine kleine Nymphe so schön und ebenmäßig. 
Und die Hella meint, das ist nichts besonders, jedes Mädchen schaut 
so aus und der weibliche Körper ist überhaupt ein Kunstwerk der 
Natur. Also, das hat sie natürlich irgendwo gelesen, denn es heißt 
doch eigentlich nichts; überhaupt ein Kunstwerk der Natur: da müßte 
es wenigstens heißen ; ein Kunstwerk von Mann und Frau I ! I 

30. Mai ; Die Dora und die Mama fahren schon am 6. Juni nach 
Franzensbad, gleich nach Pfingsten. Die Dora hat noch ein zweites neues 
Kostüm, grau mit blauen Streifen bekommen ; gestern sind unsere weißen 
Strohhüte gekommen, er steht mir sehr gut, sagen die Hella und alle 
anderen, mit weiße Bänder und Heckenrosen. Neulich hätte können ein 
furchtbarer Tratsch entstehen: Wie ich telephonieren war, habe ich 
meinen Schirm von Weihnachten mit dem Griff aus Rosenquarz mit 
und lasse ihn im Automaten stehen; nach mir kommt das Frl. aus der 
Tabaktrafik und weil sie mich kennt, gibt sie den Schirm bei der Haus- 
besorgerin ab und die trägt ihn hinauf. Gott sei Dank, fällt mir gleich 
die Ausrede ein, jicli habe in der Trafik Marken gekauft und habe ihn 
dort stehen lassen; es hat es niemand weiter beachtet, 

31. Mai; Ich soll auf den Monat, den die Mama und die Dora 
weg sind, zur Hella übersiedeln. Aber, so gerne ich sie habe, das tue 
ich nicht, ich bleibe unbedingt beim Papa. Was soll er denn ganz allein 

78 



,-1 



.■: 



4 

1 



bei den Mahlzeiten sitzen und mit wem soll er denn am Abend reden ? 
Der Papa war wirklich gerührt über mich und hat mir die Haare so 
g^estreichelt, wie nur er es macht. Nicht einmal die Mama kann es 
ebenso. Also ich bleibe jedenfalls zuhaus. Jetzt sind die Blumen schon 
sehr billig, da stelle ich jeden Tag andere auf den Tisch, da kaufe 
ich am Naschmarkt alle Tage ein kleines Boukett, damit sie immer frisch 
sind. Das wäre doch ein Unsinn, daß ich zu Br. gehe ; wozu denn, die 
Resi ist doch so lange bei uns, die weiß doch alles auch ohne die Mama, 
und für alles andere kann ich ganz gut sorgen. Es wird dem Papa 
nichts abgehen. 

1. Juni: Gott, was wir heute erlebt haben! Das ist gräßlich; es 
ist also doch wahi", daß man sich ganz auszieht wenn man jemanden 
rasend gern hat. Ich habe es nie recht geglaubt, und die Dora offenbar 
auch nicht, obwohl die Mad ... es ja angedeutet hat; aber es ist 

■ wahr. Wir haben uns mit eigenen Augen Überzeugt. Ich sitze 
' gerade und lese den Schimmelreiter von Storra und die Dora richtet 

■ sich Briefpapier her für Franzensbad, da kommt die Resi und sagt: 
\ Fräulein Dora, bitte auf einen Moment, etwas anschauen! An dem Ton 

merke ich gleich, daß etwas los ist und renne mit. Zuerst will die Resi 
nicht sagen, was es ist, aber die Dora ist großmüthig und sagt: „Das 
macht nichts, vor meiner Schwester können sie alles sagen." Und da 
gingen wir ins Zimmer der Resi und schauten hinter dem Vorhang 
hinüber ins Mezzanin. Dort wohnt nämlich ein junges EhepaarlÜ Das 
heißt, die Resi sagt, die Leute sagen, sie sind gar nicht verheiratet, 
sie leben bloß mitsammen Uli Also was wir sahen, war gräßlich. Sie war 
wirklich ganz ausgezogen und lag im Bett nicht einmal zugedeckt, und 
er kniete vor ihr auch ganz n , . , . und er küßte sie am ganzen 
Körper ab, überall!!! Die Dora sagte nachher, deswegen ist ihr übel 
geworden. Und dann stand er auf und — nein, das kann ich nicht 
sdireiben, das ist zu gräßlich, das vergeß ich in meinem Leben nicht. 
Also so ist das, das ist einfach furchtbar. Das hätte ich nie geglaubt. 
Die Dora ist ganz schneeweiß geworden und hat gezittert, daß die 
Resi schreckliche Angst bekam. Und ich habe vor Entsetzen beinahe 
geweint und doch habe ich auch lachen müssen. Ich habe mich wirklich 
gefürchtet, daß sie ersticken muß, weil er so groß und sie so klein 
war. Und die Resi sagte dann, er ist entschieden zu groß für sie, er 
: zerreißt sie beinahe. Also zerreißen wohl nicht, aber erdrücken hätte 
er sie wirklich können. Die Dora mußte sich vor Schrecken niedersetzen 
und die Resi brachte ihr schnell ein Glas Wasser, weil sie glaubte, sie 
würde ohnmächtig werden. So habe ich mir das nicht vorgestellt und 

79 



die Dora offenbar auch niclit. Sonst hätte sie nicht so gezittert. Also 
schließlich, was sie deswegen zu zittern braucht, sehe ich wirklich nicht 
ein. Desweg-en braucht man doch nicht zu zittern, man heiratet ganz 
einfach niciit, dann brauclit man sich nie ausziehen, und Gott, die arme 
Mademoiselle, die ist auch nicht besonders groß und der Oberleutnant 
ist sehr groß. Aber erst wenn einer so dick ist wie der Herr Hofrat R. 
oder unser Hausherr. Also der Hofrat ist schon mindestens 50 Jahre 
alt, aber der Hausherr hat heuer im Jänner noch ein kleines Mäderl 
bekommen, da muß also etwas vorgefallen sein. Nein, am besten 
ist, man heiratet nicht, denn das ist zu gräßlich, Wir haben dann nicht 
mehr hinübergeschaut, denn jetzt kommt das Ärgste, auf einmal wird 
der Dora totübel zum Brechen, so daß sie kaum mehr ins Zimmer 
gehen konnte. Sonst wäre alles herausgekommen. Die Mama schickte 
schnell um den Doktor und er sagte, die Dora ist entschieden über- 
arbeitet; es ist gut daß sie in ein paar Tage wegkommt von Wien. 
Kein Mädel sollte studieren, das taugt nichts. Und dann sagte er zu 
mir: „Und wie schaust denn du aus, was sind denn das für hohle 
Augen?" „Ich bin wegen der Dora so erschrocken''^ sag ich. „Larifari 
sagt der Herr Doktor, davon kriegt man nicht solche Ringe um die 
Augen." Also muß es doch wahr sein, daß man schleclit aussieht da- 
von, wenn man immer an solche Sachen denken muß. Aber man kann 
eben nichts dafür und die Hella sagt: Ringe unter den Augen ist furcht- 
bar interessant und die Herren wollen das an den Madclien. 

Wir hätten morgen, da wir schon frei haben, eine Partie auf den 
Kahlenberg und Hermannskogel machen sollen, aber wahrscheinlich 
wird nichts daraus. Es ist schon gleich 11 Uhr und ich bin wahnsinnig 
müde vom Schreiben; ich muß schlafen gehen wenn ich nur schlafen 

kann aber — 

3. Juni: Der Papa war mit mir und der Hella allein am Kahlen- 
berg; wir haben uns wunderbar unterhalten. Nach dem Essen, wie der 
Papa Zeitung gelesen hat im Hotel, sind wir Blumen suclien gegangen 
und da habe ich der Hella alles erzählt vom Freitag. Sie war einfach 
sprachlos, umsomehr als sie das von der Mad .... doch niclit weiß, 
vom Ausziehen nämlich. Sie wird auch nicht heiraten, denn das ist zu 
unangenehm, nein gräßlich. — Der Doktor sagte noch; Das ewige 
Lernen ist Gift für junge Mädchen in der Entwicklung. Wenn er 
erst wüßte, was wir gesehen haben. Die Hella ärgert sich riesig, daß 
sie nicht dabei war. Sie soll lieber froh sein, den Anblick verlange ich 
mir kein zweitesmal und ich vergesse ihn auch mein ganzes Lebenlang' 
nicht; da war ja das im Haustor niclits dagegen. Und dann machte 

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die Hella noch Witze und sagt: „Denk dir, wenn es der Viktor gfewesen 
wäre." »Hör auf, hör auf", schreie ich, und der Papa glaubt wir streiten 
und sagt: „Was, ihr zwei habt auch Meinungsdifferenzen großen Stils?" 
Wenn er das gewußt hätte!!! Der Oswald ist seit Freitag abends 
hier, um V»ll Uhr ist er gekommen. Aber gestern ging er nicht mit 
auf die Partie, obwohl der Papa es gern gesehen -hätte; er sagte, es 
ist ihm viel zu fad, mit zwei solchen „Haiberten" zu gehen; d. h. soll 
nämlich heißen, daß wir ihm nicht groß genug sind, und ist eine 
namenlose Frechheit; besonders gegen die Hella. Sie hat gesagt, sie 
wird ihn einfach ignorieren. Ich als Scliwester kann das nicht tun, aber 
ich werde mich hüten, ihm alles zu holen und zu bringen, was er will. 
Beleidigen darf einer auch seine Schwester nicht. 

Jetzt gerade sagt die Dora zu mir: Es ist gräßlich, daß man so 

etwas (nämlich das gewisse ! ! ! ) ertragen muß, wenn man 

verheiratet ist. Die Resi hat ihr schon früher einmal erzählt von den 
zwei und daß nur die Juden das so machen. Also die anderen Leute 
ziehen sich sicher nicht ganz aus und es ist vielleidit auch sonst anders, 
nämlich ! 1 — — Aber die Mad hat es doch auch so an- 
gedeutet, nur nidits vom Erdrücken; aber eben das ist die Grausam- 
keit der Juden infolge Ich fürchte mich jeden Abend, daß 

ich davon die ganze Nacht träume und die Dora hat auch schon ge- 
träumt davon. Sie sagt, überhaupt wenn sie die Augen zumacht, sieht 
sie alles haarklein vor sich. 

4. Juni: Jetzt verstehen wir auch, was der Papa meinte, wie er 
neulich vom Dr. Diller und seiner Frau sagte: „Aber die zwei passen 
ja gar nicht zusammen." Ich glaubte damals, weil es wirkHch lächerlidi 
aussieht, wenn eine so kleine Dame mit einem so großen, starken 
Herrn eingehängt geht. Aber das ist nur die Nebensache; die Haupt- 
sache ist eben ganz etwas anderes I ! ! ! ich und die Hella schauen jetzt 
alle Leute, die per Arm gehen, daraufhin an und wir haben beim 
Nachhausegehen jetzt immer einen Riesenspaß, so daß wir gar nicht aas 
dem Lachen herauskommen. Obwohl es eigentlich gar nicht zum Lachen 
ist, besonders für die Frau. 

5. Juni: Heute vormittags war die Mama mit der Dora bei Hof- 
ral R. Abschiedsbesuch zu machen, aber es war niemand zuhaus, d. h. 
sie, die Frau Hofrätin war bestimmt zuhaus, aber sie Heß sich ver- 
leugnen, weil sie sehr beleidigt sind über unsern Papa. Nachmittags 
hatten wir, die Dora und ich, noch Verschiedenes zu besorgen und da 
trafen wir mit dem Viktor zusammen, absichtlich natürlich. Die Dora 
war dann ganz verweint; sie sind dann in die Minoritenkirche gegangen 

6 Tagebuch 



und ich bin derweil auf dem Kohlmarkt Iierumgegfang'en und in der 
Herrengasse. Er reist nach Amerika, Anfangs Juli, wo die Dora nocli 
nicht zurück ist. Er hat ihr ein sehr feines Briefpapier mit seinen Auf- 
schlägen gemalt gegeben, auf dem sie nur ihm allein sclireiben darf 
und ein Medaillon mit seinem Bild. Und sie scliickt ihm morgen durcli 
mich ihre Photographie. Ich freue mich schon. Überhaupt ist die Dora 
seit neulich viel netter zu mir. 

6. Juni: Also heute in der Frühe sind die Mama und die Dora 
abgereist. Da die Mama noch nie für länger von uns weggefahren ist, 
habe ich sehr geweint und sie auch. Die Dora hat auch geweint, aber 
ich weiß schon, wegen wem. Jetzt sind der Papa und icli allein. Er 
sagte zu mir zu Mittag: Meine kleine Hausfrau. Das ist doch ent- 
zückend. Es ist leider so still bei uns, weil zwei Personen docli nicht 
soviel reden wie vier. Ea ist beinahe unheimlicli. Icli habe heute mit 
der Resi Verschiedenes wegen neulich gesproclien. Das Ärgste finde 
ich nämlich, daß man von ihm die ganze Hinterfa^on sah, das ist direkt 
infam; die Dora sagte neulich auch, daß sie das niederträchtig findet. 
Und die Resi sagte, wenigstens sollen sie die Jalousien herunterlassen, 
damit man nicht hineinsehen kann, das tun anständige Leute. Also 
anständige Leute ziehen sich überhaupt nicht ganz aus oder decken 
sich wenigstens anständiger Welse zu. Dann erzählte mir die Resi noch 
Verschiedenes von dem Bankbeamten vis-ä-vis und seiner Frau, d. h. 
nicht — Frau. Ob ihre Eltern etwas ahnen davon und was sie sagt, 
daß sie nicht zuhause wohnt. Sie ist keine Jüdin, nur er ist ein Jude. 
Die Resi hat sich gewunden vor lauter Lachen, weil ich sagte: „Ah, 
und deshalb verlangt er, daß sie sich beide ganz ausziehen, während 
sich sonst nur die Frau nackt ausziehen muß." Sie hat ja neulich selber 
gesagt, so ist es nur bei Juden und heute ' laclit sie, als ob ich den 
ärgsten Blödsinn reden würde. Sie weiß es ganz einfacli selber nidit 
genau und das bemäntelt sie mit dem Gelächter, weil sie sich doch 
geniert, estens daß sie es nicht weiß und dann sicher auch, weil eigent- 
lich sie angefangen hat, davon zu reden. Das eine wundert mich, daß 
ich nie etwas träume davon. Ich möchte wissen, ob die Dora wirklich 
nie träumt davon, oder ob sie nur so tut. Also, daß die Hella vor- 
gestern davon geträumt hat, das ist entschieden etwas aufgeschnitten, 
da sie ja gar niclit dabei war. Sie sagt, das war ein Glüclc, denn sie 
hätte aufgeschrien vor Lachen. Na, ich glaub, bei — dem Anblick 
wäre auch ihr das Lachen vergangen. 

7. Juni: Nach dem Essen ist es mir greulich fad und abends vor 
dem Schlafengehen, besonders da wir, die Dora und idi, in dem 

82 



i 



i 



heurigen Jahr, seit der Geschichte unter dem Haustor immer etwas 
miteinander zu reden hatten. Das g:eht mir sehr ab. Es wäre doch sehr 
gut, wenn die Hella zu uns kommen dürfte auf die 4 Wochen. Aber 
das will sie doch auch nicht. Heute hat der Papa noch zu arbeiten und 
da bin ich jetzt allein und da möchte ich am liebsten weinen. 

9. Juni: Gerade wie ich vorgestern so traurig war, kommt die 
Resi mein Bett herrichten und da reden wir von dem Ehepaar vis-ä-vis 
und da erzählt sie mir gräßliche Sachen, von einem jungen Ehepaar 
bei dem sie einmal war und wo sie wegging, weil immer beide zugleich 
ins Bad gingen; sie sagt, da ist bestimmt etwas vorgefallen. Und 
dann erzählte sie mir von einem alten Herrn, der mit ihr etwas an- 
fangen wollte; aber, sie wollte natürlich nicht; übrigens war er ohne- 
hin verheiratet und ein Dienstmädchen hätte er doch auf keinen Fall 
geheiratet, denn er war ein Regierungsrat. Und gestern hat der Papa 
gesagt: Du mein armes Hexerl, du bist jetzt so einsam; aber schau, 
die Resi ist keine Gesellschaft für dich; wenn du plauschen willst, so 
komme nur zu mir. Und da war ich sehr dumm, ich fing schrecklich zu 
weinen an und sagte: „Papa, ich bitt dich, sei nicht böse, ich werde 
überhaupt nie mehr von solchen Sachen reden und nicht mehr dran 
denken." Und der Papa wußte zuerst gar nicht, was ich meinte, aber 
dann muß es ihm doch eingefallen sein, denn er war so furchtbar lieb 
und sagte: „Nein, Gretel, verdirb dir deine Jugend nicht mit solchen 
Zeug und wenn du dich in etwas nicht zurechtfindest, dann frag die 
Mama, aber nicht die Dienstboten, ein Mädchen aus gutem Haus muß 
auf sich halten. Versprich mir das." Und dabei nahm er mich, obwohl 
ich docli schon so groß bin, auf den Schoß, wie ein kleines Kind, und 
streidielte mich, weil ich so v/einte. „Sei ruhig, mein kleines Mauserl, 
du sollst mir nicht auch so nervös werden wie die Dora. Gib mir ein 
rechtes Kinderbusserl und jetzt gehe ich mit dir in Euer Zimmer und 
bleibe bei dir, bis du schläfst." Natürlich schlief ich absichtlich sehr 

lange nicht ein, bis ^, 4II Uhr. 

Und dann träumte mir, daß der Papa im Bett der Dora liege, so 
daß ich in der Frühe, wie icli aufwachte, wirklich hinüberschaute, ob es 
nicht am Ende wahr ist und er sich in ihr Bett gelegt hat. Aber 
natürlich habe ich es bloß geträumt. 

10. Juni: Morgen ist großer Schulausflug; ich freue mich riesig, 
einen ganzen Tag mit der Frau Dr. M., und noch dazu ohne Lernen, 
Wir gehen aufs eiserne Tor. Voriges Jahr war kein großer Ausflug, weil 
die IV. nicht auf den Anninger wollte, sondern auf den Hochschneeberg 
und das wollte die Frau Direktorin nicht. 

83 



13. Juni; Es war herrlich auf dem Ausflug. Die Hella und ich 
sind den ganzen Tag bei der Frau Dr. M. gewesen; die Franke hat 
dann am Nachmittag gesagt: Ich bitte Euch, was pickt ihr denn so an 
der Frau Dr.? Man kann ja kein vernünftiges ^Vort mit Euch reden. 
Und da gingen wir dann ein großes Stück durch den Wald mit der 
Franke und sie erzählte uns von einem Burschen, der jetzt in der VIII. 
geht und rasend in sie verliebt ist. Alle Burschen sind nämlich in sie 
verliebt, behauptet sie. Also das hat uns wenig interessiert, aber 
dann hat sie uns erzählt, daß die Frau Dr. M. heimlich verlobt ist mit 
einem Professor in Leipzig oder einer anderen Stadt in Deutschland. 
Ihre Kusine ist eine Modistin der Frau Dr. und sie weiß es ganz bestimmt. 
Ihre Eltern sind dagegen, weil er ein Jude ist, aber sie Hebt ihn rasend 
und er sie aucli und sie werden doch heiraten. Und da fragten wir die 
Franke, da sie ja auch eine Jüdin ist, ob das alles wahr ist, was die 
Mali, die wir damals hatten, wie die Resi im Spital war, von den Juden 
gesagt hatte. Und die Franke: „Wohl ist es wahr; das kann ich euch 
in jedem Punkte bestätigen. Aber das ist wohl nicht so schrecklich mit 
der Grausamkeit, jeder Mann ist grausam, besonders in diesem Fall." 
Da hat sie wohl recht, aber es ist doch entsetzlich zu denken, das gerade 
die schöne, feine Frau Dr. M. einen grausamen Mann bekommen soll. 
Die Hella meinte, wenn es i h r recht ist, so brauche ich mich auch nicht 

aufregen. Aber vielleicht weiß sie nicht, daß Wie wir dann 

aus dem Wald kamen, sagt der Herr Religionsprofessor, der die Frau 
Dr. M. riesig gern hat: „Frau Dr. Sie haben ja Ihre zwei Trabanten 
verloren!" und alle lachten riesig, weil wir gerade wieder da waren. 
Der Papa holte mich und die Hella zusammen ab und weil es sclion 
bald 11 Uhr war, so blieb die Hella bei uns über Nacht. Das war sehr 
nett, nur war mir auch gleichzeitig leid, daß idi dem Papa nichts mehr 
erzählen konnte. In der Frühe beim Aufstehen haben wir uns gegen- 
seitig angespritzt und furchtbare Dummheiten gemacht, so daß wir 
beinahe zu spat in die Schule gekommen wären. Die Lehrkräfte waren 
noch so lustig, auch der Prof. Wilke, um den wir uns den ganzen Tag 
nicht gekümmert hatten; d. h. er war erst nachmittag nachgekommen 
und uns ein Stück über die Hauswiese hinaus entgegenkommen. Wir 
glauben, er ist auch in die Frau Dr. M. verliebt, denn er ging dann 
immer mit ihr und ist wahrscheinlich nur ihretwegen nacligekommen. 
Sonst war nämlich kein Professor mit, weil sie ja alle Schule hatten in 
den verschiedenen Gymnasien. 

14. Juni: Ich bin ganz aufgeregt. Wie wir heute um 9 Uhr aus 
der Schule gehen, hören wir auf einmal furchtbar mit dem Säbel rasseln; 
84 



d. h. die Hella hörte es, denn die hört so etwas immer zuerst und 
sagt: „Oje, da hat's ein O . . . eilig;" und schaut sich um; „du, der 
Viktor'ist hinter uns" und richtig, derweil grüßt er schon und sagt: 
Fräulein Rita, darf ich Sie auf einen Augenblick bitten ; pardon, FrHulein 
Hella. Er nennt mich immer Rita und daß er den Namen meiner 
Freundin weiß, zeigt, was für ein netter feiner Mensch er ist. Die Hella 
sagt gleich, „Bitte, Herr Oberleutnant, ich werde nicht stören, wenn 
es sich um so Wichtiges handelt" und geht auf die andere Seite. Er 
schaut ihr nacli und sagt: „Ein feines vornehmes Mädchen, Ihre Freundin." 
Und dann rückt er mit der Hauptsache heraus. Er hat zwar schon 
2 Briefe von der Dora, aber keine Antwort auf seinen Brief, weil sie 
ihn nicht von der Post abholen kann, nämlich poste restante. Und nun 
bat er mich riesig, ich möchte einen Brief von ihm in den meinen ein- 
legen und ihn der Dora schicken. Weil aber die Mama doch meine 
Briefe natürlich liest, so sage ich ihm, das geht nicht so einfach; aber 
ich weiß einen kÖnighchen Ausweg; ich schreibe zugleich auch an die 
Mama und an die Dora, damit sie indessen seinen Brief ruhig heraus- 
nehmen kann. Da war der Viktor sehr glücklich und sagte: Sie sind 
eme Genie und eine kleine Intrigantin ersten Ranges, und küßte mir 
die Hand. Also das „kleine" hätte er ruhig weglassen können; wenn 
man so klein ist, ist man wohl keine Intrigantin. Die Hella ist indessen 
auf der andern Seite gegangen und hat gesehen, wie er mir die Hand 
küßte. Und sie behauptet, ich habe sie durchaus nicht zurückgezogen, 
sondern wie eine große Dame hingehalten und im Gelenk gebogen. 
Sie sagt, so etwas tun wir Töchter aus feinen Familien instinktiv. Das 
ist möglich, denn absichtlich habe ich es bestimmt nicht getan. Nach- 
mittag schrieb ich gleich die zwei Briefe, das heißt einen ordentlichen 
an die Mama und einen kurzen an die Dora, nur damit von mir etwas 
dabeiliegt, und trug es selbst auf die Post. 

16. Juni: jetzt habe ich mich schon so eingewöhnt, daß ich mit 
dem Papa allein bin, daß mir gar nichts mehr abgeht. Wir fahren oft 
in den Prater oder gehen abends in einen Park nachtmahlen, die Hella 
natürlich mit uns. Ich bin schon furchtbar neugierig, v/as die Dora 
schreibt. Das habe ich neulich vergessen zu schreiben. Ich fragte nämlich ' 
den Viktor, ob er wirklich nach New- York geht. Aber er sagte, keine 
Idee, das sei nur ein Schreckschuß von seinem Alten gewesen. So 
nennt er nämlich seinen Papa, den Herrn Hofrat. Das finde ich nicht 
sehr fein und deswegen kann ihn wahrscheinlich der Papa nicht leiden. 
Der Papa kann überhaupt die Offiziere nicht besonders leiden, mit 
Ausnahme vom Papa der Hella, aber der ist ja auch ziemlich alt. Ujeh, 

85 



das durfte die Hella wohl nicht lesen, da wäre sie wütend; aber ihr 
Papa ist wirklich mindestens um 4 oder 5 Jahre älter als unser Papa. 
^ 17. Juni : Die Frau Dr. M. ist krank, aber wir wissen nicht, was 
ihr fehlt. Es war schrecklich öde in der ganzen Schule. Die Frau 
Direktorin sublierte und in der Pause waren wir ohne Inspektion. Wenn 
sie nur keine Blinddarmentzündung hat, das wäre gräßlich. 

18. Juni: Sie ist noch nicht da. Die Frau Dr. Steiner sagte, sie 
hat eine heftige Halsentzündung; sie wird eine ganze Woche nicht 
kommen. 

" 19. Juni; Heute kam ein Brief von der Dora. Ich bin empört. Kein 
Wort von meiner Schwesterliebe, nur: „Besten Dank für kleine Besor- 
gung." Das ist doch unerhört; da ist e r doch ganz anders 1! Ich werde 
es mir jedenfalls merken für die Zukunft. Die Hella meint, sie hat es 
aus Vorsicht nur so angedeutet. Aber das ist nicht wahr, sie weiß sehr 
gut, daß der Papa nie unsere Briefe zu lesen verlangt. Aber si^ glaubt 
einfach, das ist ganz selbstverständlich. Seit gestern bin ich zum ersten- 
male aus der Schule zuhaus, seit ich Im Lyzeum bin; ich hatte in der 
Frühe so stark Halsschmerzen und Kopfweh, daß der Papa nicht erlaubte, 
daß ich in die Schule gehe. Über Tag wurde es besser, aber heute 
früh war mir wieder schlechter. Ich werde wahrscheinlich noch 2 oder 
3 Tage zuhause bleiben. Der Papa wollte den Doktor holen lassen, 
aber das ist wirklich unnötig. 

20. Juni: Heufee wollte die Resi beim Aufräumen wieder Ver- 
schiedenes reden, aber ich sagte, ich höre solche Dinge nicht 
besonders gern und da bat sie mich riesig, ich möchte nie der Mama 
und dem Papa etwas verraten von dem, was sie uns damals gesagt 
hat wegen des jungen Ehepaares; sie würde sofort den Platz verlieren 
und das wäre ihr schrecklich leid. 

21. Juni : Mir zittern noch die Knie, das hätte können einen schönen 
Skandal geben; zum Glück hatte der Papa Sitzung. Um '/.^7, wie die 
Hella und ich gerade so miteinander reden, läutet es zum Telefon. Die 
Resi war zum Glücke auch etwas holen und so gehe ich zum Telefon ; 
und wer ist es? der Viktor! „Er muß mich morgen in der Frühe oder 
um 1 Uhr sprechen ; er hatte heute um 1 Uhr vergebens gewartet." 
Natürlich, weil ich doch krank war, d. h. ich noch krank bin. Also 
morgen muß ich aber trotzdem in die Schule gehen. Aber wenn der 
Papa zuhause gewesen wäre oder selbst die Resi, die hätte doch was 
merken können. Und es wäre furchtbar unangenehm, wenn ich zu ihr 
sagen müßte, sie möchte mich nicht verraten. Und wie die Hella sclion 
keck ist, nimmt sie mir den Schallbecher aus der Hand und sagt: „Bitte 
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das nie mehr zu tun, das ist entsetzlich riskant für meine arme Freundin." 
Darüber habe ich mich eigentUch geärgert, aber die Hella sagt, diese 
Lektion hat er entschieden verdient. 

Morgen gehen wir ins Konzert, da ziehe ich das neue weiße Kleid 
an. Es schaut eigentlich doch gut aus, wenn Schwestern ganz gleich 
gekleidet gehen. Ich trage jetzt „Schnecken", der Papa sagt „Kuhfladen"; 
aber alle Leute sagen, daß mir diese Frisur sehr gut steht. 

22. Juni: Er war entzückend, wie er auf uns zukam und sagte: 
„Wird der reuige Sünder in Gnaden aufgenommen?" und uns jeder 
eine prachtvolle Rose gibt. Und dann gab er mir einen Brief und sagte: 
„Vor ihrer energischen Freundin brauchen wir ja kein Geheimnis zu 
machen, nicht wahr." Eigentlich hatte ich keinen Brief mehr übernehmen 
wollen, aber neulich wußte ich nicht recht, wie ich es sagen sollte, ohne 
ihn zu beleidigen, da er für der Dora ihre Frechheit doch nichts kann, 
und heute wollte Ich audi nichts sagen, 1. wegen der Rosen, und 
2. weil die Hella dabei war. Es kann sich ja ohnehin nur um 2 oder 
3mal handeln, da will icli jetzt nichts mehr sagen. Aber verdienen tut's 
die Dora wirklidi nicht Die Franke ist kein feines Mädel. Sie hat uns 
neulich gesehen und hat dann am nächsten Tag gefragt: Was für einen 
schönen Marssohn habt denn Ihr euch aufgezwickt? Die Hella sagte 
gleich: „Gebrauche doch nicht so ordinäre Ausdrücke, wenn du vom 
kusin der Rita sprichst." „So, ein Kusin, also ein Kusin, das kommt 
wohl von Kuß, nicht?" Seither sprechen wir nur das Notwendigste mit 
der Franke. Gar nicht reden ist zu gefährlich, man kann nie wissen; 
aber wenig reden, da kann sie nicht beleidigt sein. 

23. Juni: Gestern war der alte Herr Landesschulinsp. da, der 
Immer in Math, kommt. Der ist so lieb und freundlich, daß immer alle 
Kinder alles können; er ist uns lieber als der der in die Sprachfächer 
kommt. Die Verbenowitsch hat sich furchtbar patzig gemacht, weil er 
sie sehr gelobt hat. Mein Gott, wie bin ich schon gelobt worden, aber 
darauf bild ich mir wirklich nichts ein. Gestern war ich übrigens gar 
nicht dran, weil ich 4 Tage gefehlt habe. Die Frau Dr. M. ist heute 
aucli wieder gekommen. Sie sieht schrecklich blaß und leidend aus, wer 
weiß warum; das ist so scliade, daß sie auf der Gasse mit niemanden 
geht, außer voriges Jahr, wie diese Geschichte mit dem Perlentascherl 
vom Frl. St. war. Aber sonst dankt sie auf den Gruß riesig freundlich, 
aber gehen tut sie nie mit einer Schülerin, obwohl die Verbenowitsch 
gräßlich zudringlich ist und immer neben ihr daherrennt. 

26. Juni: Es ist wirklich blöd, was für eine entsetzliche Angst ich 
letzt bei der heil. Kommunion habe wegen des Herausfallens der h. 

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Hostie. Mir war beinahe übel vor Angst. Die Hella sagt, das muß i 

doch einen Grund haben, ich weiß aber wirklich keinen, außer daß ich \ 

durch das Malheur der Lutter aus der 111. noch mehr Angst habe. Die 
Hella sagt, ich kann ja zum Protestantismus übertreten, aber das tue * 

ich auf keinen Fall; denn nach dem Empfang der h. Kommunion fühlt 
man sich doch so rein und so viel besser als früher. Aber leider hält 
es niclit so lange an, als es sein sollte. 

27. Juni: Also die Mama ist wirklich krank. Der Papa hat es 
mir gerade vorhin gesagt. Er war so furchtbar nett und sagte: Wenn 
Euch nur das Schicksal Eure gute Mutter erhalt. Es geht ihr nicht zum 
Besten. Da frag ich: Papa, was fehlt denn eigentlich der Mama? Und 
der Papa sagt: „Mein liebes Kind, das ist ein heimtückisches Leiden, 
das sich schon lange vorbereitet hat und dann plötzlich einmal zum 
Ausbruch kommt" „Muß sie sidi also wirklich operieren lassen?" 
„Hoffen wir, daß das zu vermeiden ist. Aber ein Jammer ist es und 
bleibt es, daß die arme Mama krank ist." Und weil der Papa förmlich 
schlecht aussieht, wie er das sagt, so habe ich ihn getröstet und 
gesagt: „Die Moorbäder müssen sie doch gesund machen, wozu 
nimmt sie sie denn sonst?" Und der Papa sagt: „Ja, mein liebes Kind, 
wir wollen das Beste hoffen." Und dann haben wir nocli lange mit- 
einander geredet, daß die Mama sicli riesig schonen muß und daß im 
Herbst vielleicht die Tante Dora zu uns kommt, die Wirtschaft zu 
führen. Und da fragte ich den Papa, „Ist es wahr, daß du die Tante 
Dora nicht besonders leiden kannst?" Aber der Papa sagte: „Keine 
Idee, wer hat denn dir das in den Kopf gesetzt?" Und da sag ich: 
„Aber die Mama hast du doch lieber?" Da lachte der Papa und 
sagte: „Du Kindskopf, natürlich, sonst hätte ich die Tante Dora ge- 
heiratet und nicht die Mama." Ich hätte so riesig gern noch manches 
gewußt, aber das konnte ich doch den Papa nicht fragen, leider. Die 
Dora fehlt mir wirklich, besonders am Abend. 

2. Juli: Heute habe ich mich riesig geärgert in der Schule, Der 
Prof. W . . , , der Verräter, war heute nicht da, weil er im Gymnasium 
h. Beichte und Kommunion hatte und die Frau Direktorin wußte 
nichts davon und so war niemand zum sublieren da. Da sublierte der 
Herr Religionsprofessor, der wegen des Unterschreibens der Zeugnisse 
früher gekommen war. Weil aber die Jüdinnen auch da waren, so war 
natürlich keine Religionsstunde, sondern der H. Rel-Prof. plauderte 
mit uns. Er fragte jede, wo sie im Sommer hingeht und wie ich sage, 
nach Rodaun, sagt die Weinberger: Gott, nur nach Rodaun? und ein 
paar andere Mädchen sagen auch gleich: Nur nach Rodaun; da fährt 
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man ja nur mit der Dampftramway. Ich habe mich furchtbar geniert, 
weil wir doch sonst meistens nach Tirol oder Steiermark gefahren sind; 
das habe ich auch gleich gesagt und da sagt die Franke: Voriges Jahr 
wart Ihr, glaube ich, auch nur ganz in der Nähe von Wien, mir scheint 
in Hain .... und dann setzt sie ab und tut so, als ob sie noch nie 
etwas von Hainfeld gehört hätte. Das ist doch eine Falschheit; aber 
ich weiß, sie ist empört, weil wir nichts mit ihr reden seit damals vom 
Kussin! Und jetzt sieht man, was eine echte Freundschaft ist. Während 
ich mich noch riesig ärgere, sagt die Hella: Die Mama der Rita ist 
derzeit im Weltkurort Franzensbad; sie ist nämhch leidend und da 
muß dann auch jede Woche wenigstens einmal Prof. Seh . . . hin- 
kommen. Und der Herr Rel.-Prof. ist auch sehr lieb und sagt: In 
Rodaun ist es reizend schön und es hat eine prächtige Luft; das wird 
deiner Mama gewiß sehr gut tun, und das ist doch die Hauptsache, 
nicht wahr, Kinder. Der liebe Gott erhalte Euch nur recht lange Eure 
Eitern. Und wie der Herr Rel.-Prof. das sagt, so fängt die Lampel, 
deren Mama heuer im Winter gestorben ist, furchtbar zu weinen an, 
und ich auch, weil ich an mein Gespräch mit dem Papa dachte. Die 
Weinberger und die Franke haben aber geglaubt, ich weine, weil ich 
mich ärgere, daß wir bloß nach Rodaun gehen. Und in der Pause 
sagte die Franke: Das ist doch keine Schande, wenn man nur nach 
Rodaun geht, deswegen braucht man nicht zu weinen. Aber die Hella 
sagte: „Ich bitte dich, die Lainer können überall hingehen, die sind 
so vermögend, daß mancher sie beneiden könnte. Übrigens ist ihre 
Mama und ihre Schwester jetzt in Franzensbad, wo es riesig teuer ist 
und in Rodaun haben sie eine ganze Villa gemietet. Und geweint hat 
die Rita aus Kränkung wegen ihrer Mama, aber nicht wegen dir." 
Natürlich reden wir jetzt kein Wort mehr mit der Franke. Die Mama 
wollte es ohnedies nicht, sie hat ihr sehr mißfallen, als sie sie voriges 
Jahr kennen lernte. In solchen Dingen hat die Mama wirkUch immer 
das richtige Vorgefühl. . 

6. Juli: Heute ist Schulschluß gewesen. Ich habe lauter Sehrgul, 
mit Ausnahme von — Naturgeschichte natürÜch ! das war nicht anders 

zu erwarten. Die Prophezeihung der ich mag den Namen 

nicht schreiben, war vollkommen richtig. Der Frau Dr. M. und der Frau 
Dr. St. haben die meisten Schülerinnen, die noch da sind, Blumen 
gebracht zum Abschied. Und ausnahmsweise sind wir, ich und die Hella, 
mit der Frau Dr. M. bis zur Stadtbahn gegangen. Wenn wir ihr die 
Hand küssen, wird sie immer ganz rot, und wir tun es doch so gern. 

Sie macht im Sommer eine Reise nach — Deutschland 

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F 




natürlich; da hätte die Hella eigentlich gar nicht fragen brauchen; das 
ist doch selbstverständlich!!! 

8. Juli: Heute kommen die Mama und die Dora. Wir holen sie 
von der Bahn ab. Ja, richtig, das habe ich ganz vergessen. Neulich 
legte mir der Papa ein ganz neues 5 K-Stück unter die Serviette und 
wie ich die Serviette wegnehme, fällt es heraus und da sagte der Papa: 
Zur teilweisen Tilgung der Unkosten für den Blumenschmuck des Tisches. 
Gott, der Papa ist so gut, die paar Blumen haben doch keine 5 K 
gekostet, höchstens 3, denn wenn sie nbcli sehr schön waren, habe ich 
nur jeden 2. Tag neue gekauft. Also jetzt kann ich der Mama Rosen 
kaufen, viele, und sie entweder auf den Bahnhof mitbringen oder auf 
ihren Tisch stellen. Einesteils freue ich mich riesig, daß die Mama wieder 
kommt, aber andernleils war ich doch sehr gern mit dem Papa ganz 
allein, weil er alles mit mir so besproclien hat, wie mit der Mama ; und 
das hört jetzt v/ieder auf. 

10. Juli : Die Mama und die Dora schauen großartig aus ; besonders 
von der Mama freut es mich ; denn jetzt sieht man deutlich, daß sie 
wieder ganz gesund ist. Wenn wir nicht schon die Wohnung in Rodaun 
hätten, hätten wir ganz gut nach Tirol fahren können. Denn feiner ist 
es sicher, das kann man niciit leugnen. Die Dora schaut ganz fremd aus. 
Das ist ja eigentlich lächerlich, In 1 Monat verändert man sich doch 
nicht, aber sie schaut wirklich ganz anders aus; sie trägt übrigens 
eine andere Frisur, das Haar gescheitelt über die Ohren. Ich habe 
noch keine Gelegenheit gehabt, wegen der „kleinen Besorgung" etwas 
2u sagen und sie tut überhaupt nichts dergleichen. Sie muß im Herbst 
eine Aufnahmsprüfung machen für die VI., weil sie um ein Monat früher 
wegging. Der Papa sagt, das ist nur proforma und sie darf keine Lehr- 
bücher aufs Land mitnehmen. Am 9. ist die Hella weggefahren, zuerst 
gehen sie und ihre Mama und die Lizzi nach Gastein und dann nach 
Ungarn zu ihrem Onkel. Ohne Hella ist das Leben öde, viel ärger als 
ohne die Dora; da war's mir nur am Abend manchmal langweilig, beim 
Schlafengehen. Die Dora tut übrigens, als ob man sie in Franzensbad 
als wie eine Dame gehalten hätte. Das ist gewiß nicht wahr, denn das 
sieht man schon, daß sie noch lang keine ganz große Dame ist. 

11. Juli: Ich weiß nicht, was die Dora hat. Wenn sie ausgeht, 
geht sie allein und sagt nicht, wann und wohin, und sonst hat sie auch 
noch nichts vom Viktor gesprochen. Er muß doch wissen, daß sie da 
ist. Morgen fahren wir nach Rodaun, natürlich nicht mit der Darapf- 
tramway, sondern selbstverständlich mit der Eisenbahn. Und übermorgen, 
am 13., hat der Oswald mündlich Matura; er sagt immer Martura, weil 
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die Professoren einen martern wollen. Er sagt auch, in jeder Klasse ist 
mindestens 1 oder auch mehrere Streber, so wie bei uns die Ver- 
benowitsch ; und die korumbieren die Professoren, sagt er, denn durch 
die Streber werden die Professoren den anderen Schülern aufsässig. 
Also, das kann ja im Gymnasium sein, aber bei uns Ist es bestimmt 
nicht so. Denn soviel die Verb. . . . allen Lehrkräften nachläuft, kann 
sie doch niemand besonders leiden ; sie bekommt ihre guten Noten, 
aber niemand hat sie besonders gern. Die Mama sagt, der 13. ist ein 
Unglückstag und wenn nur dem Oswald nichts passiert. Sie war auch 
deshalb gestern im Hochamt und nicht in der 9 Uhr Messe wie 
meistens, ich habe aber v/irklich nicht dran gedacht, für den Oswald 
zu beten und ich glaube, er wird schon auf jeden Fall durchkommen. 

13. Juli : Gott sei Dank, der Oswald hat telegraphiert, er ist 
durchgekommen, d. h. er hat sein Lieblingswort telegraphiert: Schluß 
mit Jubel. Da hat sich die Mama wenigstens nicht aufregen brauchen, 
wie bei der schriftlichen Matura, wo er immer blöde Witze machte. Er 
kann aber erst am 17. kommen, da die Matura-Kneipe erst am 15. ist. 
Der Papa ist auch riesig froh. Hier ist es ganz schön ; eine ganze Villa 
für uns haben wir natürlich nicht, wie die Hella in der Schule absichtlich 
aufschnitt, sondern eine Wohnung im 1. Stock; im Hochparterre wohnt 
eine junge Frau, d. h. ein junges Ehepaar!! Das ist auch ein Wort, 
das ich nicht hören kann, ohne daß ich mich schütteln muß vor Grausen 
und Lachen zugleich. Die Resi muß auch gleich gedacht haben dran, 
denn sie hat die Dora und mich sehr angeschaut, wie sie es erzählte. 
Sie haben übrigens schon ein Kind, also es ist kein so gar junges 
Ehepaar mehr. Der Hausherr, der neben uns wohnt, läßt mir eine 
Schaukel machen im Garten. Denn eine Landwohnung ohne Schaukel 
ist gräßlich. 

16. Juli: Heute hat endlich die Dora etwas geredet vom Viktor, 
aber sehr kühl: es muß etwas gewesen sein. Sie könnte es mir schon 
sagen; nach dem, wie ich mich benommen habe, wäre sie eigentlich 
dazu verpflichtet. Ich habe ihn seit dem letzten Brief am 27. Juni nicht 
mehr gesehen; da muß eben etwas vorgefa . . . nein, das Wort be- 
deutet etwas ganz anderes, es muß etwas gewesen sein, aber was? 
Die Hella ist entzückt von Gastein, nur i c h fehle ihr, schreibt sie. Das 
kann ich voll verstehen, denn s i e fehlt mir ebenso. Vor Schluß des 
Schuljahres schrieb mir auch die Ada, ob wir heuer nicht nach H. 
kommen; sie hätte mir soviel zu erzählen und sie braucht meinen 
Rat. Ich werde ihr sehr gern raten, aber ich weiß eben nicht, um was 
es sich handelt. 

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■^^ 



18. Juli: Etwas Großartig-es» wir sind — — — aber nein, das 
muß ich der Reihe nach schreiben. Gestern kam der Oswald, der ist 
riesigf lustig- und hat zur Dora im Spaß gesag^t, wenn sie nicht seine 
Schwester wäre, würde er sich vielleicht verlieben in sie, weil sie nämlich 
so gut ausschaut. Und wie wir bald zum Nachtessen gehen sollen, so 
ruft uns die Mama und ich ärgere mich noch, wie ich sehe, daß es 
erst Vi 8 Uhr ist. Da kommt der Papa herein mit einem Akt, wie er 
sie immer aus dem Bureau bringt und sagt : „Mein Heber Oswald und 
Ihr beiden, ich habe Euch, spez. dem Oswald eine kleine Freude machen . 
wollen zur Matura." Aha, denke ich mir, also doch ein großes Los ! 
Da nimmt der Papa den Akt auseinander und sagt: „Ihr habt Euch 
als Kinder oft darüber gekränkt, daß wir nicht auch adelig sind wie 
die andern Lainers. Mein Großvater legte den Adel ab, und ich habe 
ihn für dich, Oswald, und auch für Euch wieder erworben. Wir heißerv 
jetzt Lainer von Lainsheim wie die Tante Anna und die Onkels." Der 
Oswald war ganz starr und ich faßte mich zuerst und umarmte den 
Papa. Und vorher sagte er noch: „Macht dem Namen Ehre." Der 
Oswald räusperte sich furchtbar lange und sagte : Meinen Dank, Vater, 
ich werde den Namen immer hochhalten, und sie küßten sich. Der 
Oswald sagte meistens Vater anstatt Papa; er sagt, das ist unmännlich. 
Wir waren den ganzen Abend so feierlich, obwohl die Mama Backhühner 
hatte machen lassen und der Papa einen Champagner besorgt hatte. 
Ich bin riesig glücklich : es ist doch herrlich, adelig zu sein. Und was 
die Mädchen sagen werden und die Lehrkräfte I Ich freue mich riesig 
darauf. Ich muß es morgen sofort der Hella schreiben. 

19. Juli: Das habe ich wunderbar gemacht. Ich wollte doch nicht 
so hinschreiben: Wir sind jetzt auch von Adel, so schrieb ich weiters 
gar nichts als Deine ewig treue Freundin Rita Lainer von Lainsheim. 
Der Resi habe Ich es heute in der Frühe gesagt, aber der Papa zankte 
zu Mittag und sagte, das war sehr überflüssig; aber mir scheint der 
Adel zu Kopf gestiegen zu sein. Also, das ist nicht richtig, aber freuen 
tut sich jedes und die Dora hat auch auf einen ganzen Bogen Papier 
ihren Namen geübt. Der Papa sagt, wir sind deswegen auch nichts 
anderes als früher, aber das ist nicht wahr, sonst hätte er sich doch 
nicht adeln lassen. Er sagt, der Oswald findet ein leichteres Fort- 
kommen, aber das ist es nicht allein. Der Hausherr hat es durch die 
Resi erfahren und hat uns nachmittags gratuliert und seine Frau auch. 

20. JuH: Der Oswald bleibt nicht hier, er sagt, es ist ihm viel 
zu fad, er macht eine größere Fußtour in die Alpen, auf den Groß- 
glockner und dann in die Karawanken. Er sagt auch vom Papa „Alter" 

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und das finde ich entsetzlich ordinär. Die Dora sagt, es ist direkt 
frivol!!, na also, das bedeutet allerdings noch etwas ganz anderes! 

24. Juli: Heute ist die Antwort der Hella gekommen; sie gratuliert 
mir riesig und dann schreibt sie, zuerst war sie ganz baff und glaubte, 
ich sei übergeschnappt oder habe einen dummen Witz gemacht. Aber 
ihre Mama hat es schon von ihrem Papa gewußt, weil es schon in der 
Amtszeitung oder wo gestanden ist. Nun sind wir beide von Adel und 
das ist sehr angenehm. Ich habe mich früher wirklich manchmal ge- 
ärgert, daß ich nicht adelig war und sie wohl. 

25. Juli: Heute ist der Oswald weggefahren. Er hat vom Papa 
300 K Reisegeld bekommen, und das alles wegen der Matura. Ich 
habe gesagt: „Da mach' ich gleich auch die Matura" und der Oswald 
sagte: „Dazu muß man schon ein bisserl mehr Grütze im Kopf haben, 
als ihr Mädeln habt." Das ist eine Frechheit, die Frau Dr. M. hat doch 
auch Gymnasialmatura und die Frau Dr. Steiner hat sie gar extra nach- 
getragen und die Dora sagte ganz ruhig: Möglicherweise werde ich 
dir beweisen, daß auch deine Schwester das leisten kann; übrigens 
sagst du doch selber immer, hauptsächlich kommt es auf die Frechheit 
an bei der Matura. Und da fällt mir auch etwas Köstliches ein und ich 
sage: Die Frechheit besitzen wir wohl nicht, aber dafür lernen wir, 
wenn wir eine Prüfung- machen! Die Mama wollte uns versöhnen, aber 
wir ließen uns nicht versöhnen. Und abends sagte die Dora zu mir: 
Der Oswald ist wahnsinnig arrogant, obwohl er eine Menge Genügend 
hat und gerade nur durchgekommen ist. Ja richtig, diese Blödheit vom 
Oswald; gleich nach dem Telegramm: „Schluß mit Jubel" kommt noch 
eins, das eigentlich hätte zuerst kommen sollen, da es 4 Stunden früher 
aufgegeben war, mit nichts anderem als „Durch". Die Mama regte 
sich noch hinterdrein riesig auf, weil sie noch fürchtete, es heiße am 
Ende doch durchgefallen und das andere Telegramm sei nur Galgen- 
humor gewesen. Solche blöde Witze würde die Dora oder ich nie 
machen. Der Papa sagt zwar immer: Auf der Universität wird sich der 
Oswald schon die Hörner abstoßen, aber er hat heute erklärt, er geht 
nicht auf die Universität, sondern er wird Bergbau studieren und 
vielleicht nachher Jus. 

29. Juli: Es ist hier greulich fad. Ich weiß gar nicht, was ich tun 
soll; den ganzen Tag kann ich unmöglich lesen und schaukeln und die 
Dora ist wieder so fad wie früher; das heißt noch fader, denn streiten 
tut sie nicht, aber reden, das heißt nämlich von gewissen Dingen 
reden auch nicht. Sie ist nur ganz vernarrt in den kleinen Buben von 
der jungen Frau im Hochparterre; 10 Monate ist er alt und ich weiß 

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nicht, was man an einem solchen kleinen Fratzen hat; sie schleppt ihn 
hei-um und vorgestern hat er sie ganz naß gemacht, das habe ich ihr 
vergönnt. Denn da hat ihr doch sehr gegraust, denn er hat sie 
angem . . . Hoffentlich ist sie jetzt kuriert. 

Gott sei Dank! morgen ist mein Geburtstag, das ist doch eine 
Abwechslung. Nachmittag gehen wir auf den Parapluie-Berg, hoffentlich 
ohne Parapluie. Der Papa kommt schon um 1 Uhr heraus, damit wir 
um 2 oder 7^3 Uhr weggehen können. Die Hella hat mir heute eine 
versperrbare Kasette für Briefe usw. 1 1 1 geschickt, natürlich mit Bonbons 
gefüllt und einen riesig langen Brief, wie sie sich unterhält in Gastein. 
Aber sie bleiben nur 4 Wochen, weil es wahnsinnig leuer ist, eine 
Semmel 5 Kreuzer und 1 Flasche Bier eine Krone. Und die Semmeln 
so klein, daß man zum Frühstück und zur Jause eigentlich immer drei- 
essen könnte. Aber im Hotel ist es großartig elegant, mehrere Grooms; 
dann sind riesig viele Amerikaner und Engländer und sogar eine 
Konsulsfamilie aus Sidney in Australien dort — Ich spiele fast den 
ganzen Tag mit zwei jungen Dackeln, die Max und Moritz heißen, ob- 
wohl eines natürlich ein Weibchen ist. Das soll man eigentlich nicht 
niederschreiben, denn es heißt etwas, nämlich in der Nebenbedeutung. 



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\ 



3. JAHR 
(Von 13—14 Jahren) 

31. Juli : Gestern war mein Geburtstag, der dreizehnte. Von der 
Mama bekam ich eine Radio-Uhr, wie ich sie mir für den Nachtkasten 
wünschte, mit selbstleuchtendem Zifferblatt. Das ist natürlich hauptsächlich 
für den Winter für die lang-en Nächte; g-estickte hohe Halskragen; vom 
Papa das Tagebuch eines bösen Buben, das eine Wärterin der Hella 
borgte, während sie im San. v/ar ; es ist köstlich, aber der Papa findet 
es blöd, weil ein Bub unmöglich das alles anstellen kann, ein neues 
Radtet mit einer ledernen Rackettasche, hochelegant, von Sirk, und 
Tennisbälle, von der Dora. Biliets de Con*., mondlichtfarben mit Silber- 
ecken. Die Großeltern schickten einen Korb Kirschen, Weichsein und 
einen Johannisbeeren und Erdbeeren ; die letzteren nur für mich zum 
Geburtstag. Von der Tante Dora bekam Ich drei Krawatten aus BerHn 
für Winterblusen. Nachmittags waren wir auf dem Par.-Berg, es v/äre 
ganz lustig gewesen, wenn die Mama auch mitgehen hätte können, oder 
vjenn die Hella da wäre. 

1. August: Heute kam ein Brief von der Ada; sie gratuliert mir zum 
Geburtstag, da sie glaubt, er ist am 1. August und dann kommt das 
Wichtigste. Sie ist furchtbar unglücklich. Sie will aus den engen Ver- 
hältnissen ihrer Familie heraus, schreibt sie, sie hält es in der dumpfen 
Atmosphäre ihres Hauses nicht aus. Sie war in St. P ... . 
bei dem Schauspieler, den sie so verehrt, und er hat sie geprüft und 
gesagt, sie hat entschieden schauspielerisches Talent ; er würde sie 
ausbilden, aber nur mit Einwilligung ihrer Eltern. Aber die bekommt 
sie natürlich nie. Sie schreibt, sie ist infolgedessen so nervös, daß 
sie den ganzen Tag weinen oder toben möchte, kurz sie hält ein solches 
ödes Leben nicht länger aus. Ich bin ihre einzige Hilfe. Sie möchte, 
daß ich zu ihnen komme und noch lieber, daß sie zu uns kommen könnte 
auf 2 oder 3 Wochen und da würde sie meiner Mama alles vorstellen 
und erklären, und dann möchte sie auf 1 Jahr zu uns nach Wien kommen; 
der Herr G., der Schauspieler, soll nämlich im Herbst ins Raimund- 

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theater kommen und da würde er sie unterrichten. Zum Schluß schreibt 
sie, sie überläßt es meiner Klugheit und meinem Takt, sie zum glück- 
lichsten Geschöpf unter der Sonne zu machen ! Ich weiß nicht recht, 
was ich machen soll. Jedenfalls habe ich schon die Einleitung gemacht ; 
es sei mir so schrecklich fad, wenn nur die Hella da wäre oder 
wenigstens die Ada, oder sogar die Marina. Da sagte die Mama : die 
Marina ist doch in Feld in Kärnten und die Ada wird kaum herkommen 
können. Dem Papa tut es auch sehr leid, daß ich mich so langweile 
und so sagte er beim Nachtessen: Möchtest du wirklich, daß die Ada 
herkommt; sie paßt ja im Alter eigentlich viel mehr zur Dora. Aber ich 
weiß, ihr zwei habt euch im Vorjahr besser vertragen. Und dann sagt 
er zur Mama: Sag Berta, geniert es dich, wenn die Ada kommt? Und 
die Mama sagt, „Aber keine Spur; wenn es der Gretel eine Freude 
macht; sie ist ja ohnehin leer ausgegangen, die Dora war mit mir in 
Franzensbad und der Oswald macht seine schöne Reise, nur unser Kleines 
hat nichts für sich bekommen; also willst du, Gretel? „Natürlich Mama, 
will ich, ich schreibe sofort; ich habe kein Vergnügen dran, den kleinen 
Balg herumzuschleppen wie die Dora und so großartig das Tagebuch 
eines bösen Buben ist, so kann ich doch nicht den ganzen Tag lesen." 
Also ich schreib' der Ada sofort, so als ob ich es durchaus wollte, 
daß sie kommt. Ich bin überglücklich, wenn alles gelingt und die Ada 
wirklich einmal eine große Schauspielerin wird, wie die Mama es immer 
von der Wolter sagt, dann habe ich etwas dazu beigetragen, daß Wien 
eine große Künstlerin hat und daß die Ada aus dem unglücklichsten 
Geschöpf das glücklichste geworden ist. 

2. August: Ich habe der Ada nichts davon geschrieben, daß wir 
geadelt, od. wie die Dora sagt r e n o b i I i e r t, da die Familie ja längst 
adelig ist, also renobiliert worden sind; sie erfährt es noch immer früh 
genug, wenn sie zu uns kommt. Die Mama sagt immer: Nur nicht 
protzen, und am wenigsten mit etwas, was man sich nicht einmal selber 
verdient hat. Also, das ist nicht ganz richtig, denn wenn der Papa nicht 
so hohe Verdienste um die Gesetze oder die Verwaltung hätte, wo er 
vor 2 Jahren die ganzen Nächte geschrieben hat, wäre er vielleicht nicht 
renobiliert worden. Ich sehe übrigens nicht ein, warum die Eltern daraus 
so ein Geheimnis machen mußten im verflossenen Winter. Das hätten 
wir doch ruhig erfahren können. Aber wahrscheinlich wollte uns der 
Papa eine rechte Überraschung machen. Und das ist ihm gelungen; das 
Gesicht von der Dora und wie .sich der Oswald geräuspert hat l ! Was 
für ein Gesicht ich eigentlich gemacht habe, darauf hat gar niemand acht 
gegeben, wie mir scheint. 

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3. August: Also jetzt weiß ich, warum' die Dora so anders ist zu 
mir als früher, d. h. warum sie wieder so ist, wie eben früher, vor dem 
heurigen Winter. Sie hat an der Mama eine wahre Freundin 
gefunden während der 4 Wochen in Fr. ! Idi brachte heute das 
Gespräch auf den Viktor und da sagte sie zuerst nur : Ich korrespondiere 
nicht mehr mit ihm. Und wie ich frage: „Habt ihr Euch gezankt und 
wer ist Schuld daran?" Da sagt sie: „O, nein, ich habe ihm ab- 
geschrieben." „Wieso abgeschrieben, er geht doch gar nicht nach 
Amerika?" Da sagt sie: „Also liebe Rita, damit wir ins Reine kommen; 
ich habe ihn auf den berechtigten Wunsch unserer Mutter aufgegeben." 
Sie sagt jetzt übrigens meistens Mutter statt Mama. Also das muß 
ich sagen, ich habe die Mama wirklich sehr, sehr gern, aber als 
Freundin kann ich sie mir nicht vorstellen. Wie kann man denn mit 
seiner eigenen Mutter eine wahre Freundschaft haben ? Die Dora muß 
wirklich keinen Begriff davon haben, was eine wahre Freundschaft 
bedeutet. Zu seiner Mama kann man doch unmöglich von gewissen 
Dingen sprechen, ich könnte nicht einmal fragen : Weißt du, was das 
heißt, es ist etwas vorgefallen oder passiert? Und überhaupt, 
es ist die Frage, ob sie es wirklich weiß. Denn wie sie 13 oder 15, 16 
Jahre war, hat man vielleicht ganz andere Ausdrücke gehabt und die 
modernen haben möglicher Weise damals gar nichts bedeutet. Und wie 
paßt es denn zu einer Freundschaft, daß dann die Mama dodi zur Dora 
sagt : Jetzt darfst du nicht weggehen, das Gewitter kann jeden Moment 
losbrechen, und neulich abends: Dora, du mußt den Shawl mitnehmen. 
Eine Freundschaft zwischen einer Mutter und einer Tochter gibt es 
absolut nicht, sowenig wie zwisdien einem Vater und einem Sohn. Da 
dürfte vor allem anderen nichts mehr befohlen und verboten werden 
und dann das noch viel Wichtigere, daß man absolut nicht alles reden 
kann, was man gerade möchte. Ich habe dann am Abend nur nodi 
gesagt: „Natürlich hat dir die Mama verboten, mit mir von gewissen 
Dingen zu reden; und das nennst du eine Freundschaft?" Da sagte 
sie ganz sanft: „Nein, Rita, die Mutter hat mir nichts verboten, 
aber ich sehe ein, es war unüberlegt von mir, mit dir über 
solche Dinge zu sprechen; man lernt den Ernst des Lebens früh 
genug kennen." Da lachte ich hellauf und sagte: „Das nennst 
du den Ernst des Lebens; weißt du nicht mehr, wie kostlich wir 
uns dabei unterhalten haben? Mir scheint, dein Gedächtnis hat 
gelitten in den Moorbädern." Drauf gab sie keine Antwort. Wenn nur 
wenigstens die Ada käme. Denn jetzt brauche ich sie ebenso wie 
sie mich. 

7 Tajtebudj 97 



4. August : Also Gott sei Dank, die Ada kommt, aber leider erst 
am 8., weil sie am 5. Wäsche haben und da könnte niemand mit ihr 
herfahren. Ich bin riesig froh, nur tut mir leid, daß sie im Kabinett 
schläft und nicht lieber die Dora. Aber die Mama sagt, wir Schwestern 
sollen nur beisammen bleiben und die Ada kann die Tür ins Speise- 
zimmer offen lassen, damit sie sich nicht am Ende fürchtet. 

7. August: Die Tage ziehen sich endlos. Die Dora ist so sanft 
und mild wie eine Klosterschwester, aber sie redet auch so wenig zu 
mir wie eine Nonne, und ist immer mit der Mama zusammen. Die zwei 
Dackeln sind nach Neulengbach verkauft und so ist es jetzt greulich fad 
für mich. . Gott sei Dank, morgen kommt die Ada. Wir holen sie von 
der Bahn ab um 6 Uhr, der Papa und ich. 

8. August: Nur schnell ein paar Worte, Die Ada ist um mehr 
als einen Kopf größer als ich; der Papa sagte: Ja, du Longinus, wo 
wächst du noch hin? Oder muß ich jetzt Sie sagen? Und die Ada 
sagte : „Aber nein, Herr Oberlandesgerichtsrat, sagen Sie nur Du, ich bin 
so glücklich, daß ich hier bin bei Ihnen." Und ihre Mama sagte: Ja, sie 
ist überall glücklicher als zu Haus, leider: „so ist die moderne 
Jugend." Der Papa half der Ada und sagte: „Gnädige Frau, in uns 
hat's auch einmal gegährt und geschäumt, aber es ist schon langfe her, 
daß wir es schon vergessen haben." Und da seufzte die Frau Dr. H. 
absichtlich so lang und tief, als ob sie ersticken müßte, und die Ada 
nahm mich beim Arm und sagte leise : „Hast du j e tz t einen B e gr iff 
von meinem Leben?" Ihre Mama bleibt heute über Nacht bei uns und 
lamentierte den ganzen Abend über alles Mögliche (so sagte nämlich 
die Ada vorm Schlafengehen) ; aber ich habe gar nicht darauf geachtet, 
denn ich brenne schon vor Neugierde auf das, was mir die Ada zu 
sagen hat. Also morgen, gleich nach dem Frühstück. 

12. August: Ich konnte drei Tage nicht schreiben, soviel erzählte 
mir die Ada. Ohne Kunst kann und will sie nicht leben, eher geht 
sie durch, bevor sie verzichtet. Jetzt hat sie noch ein Jahr 
Fortbildungsschule zu machen und dann den Französischen Kurs für die 
Staatsprüfung oder den Handarbeitskurs. Aber sie möclite das alles in 
Wien machen, damit sie nebenbei für das Theater studieren kann bei 
dera H. G. Sie sagt, sie ist gar nicht mehr in ihn verliebt, er ist ihr 
bloß Mittel zum Zweck. Sie würde alles opfern, um ihr Ziel zu 
erreichen. Erst verstand ich das alles gar niclit, aber sie sagte mir 
dann, was das heißt. Sie hat den Roman Elisabeth Kött von Bartsch 
gelesen, den auch die Mama hat, und noch viele andere Künstlerromane 
und überall steht, daß erst eine große Liebe die Frau zur 



96 



wahren Künstlerin macht. Etwas kann schon daran sein. Denn 
anders wird man wirklich durch eine große Liebe; das habe ich 
deutlich an der Dora g-esehen; wie sie so wahnsinnig vernarrt war in 
den Viktor, und wie sie jetzt wieder ! ! ist. Sie lernt auch wieder Latein, 
um alles Versäumte nachzuholen I Mit ihr spricht die Ada nicht von 
ihren Plänen, weil der Dora das richtige Verständnis fehlt! 
Nur heute erwähnte sie vor ihr, daß sie um jeden Preis im Herbst nach 
Wien kommen möchte, damit sie recht oft ins Theater gehen könnte. 
Und die Dora sagte, Gott, du irrst dich, wenn man auch in Wien ist, 
gar so oft kommt man nicht ins Theater; denn erstens hat man nur 
wenig Zeit und zweitens bekommt man sehr oft keine Sitze; in der 
Provinz denkt man sich das alles viel schöner, als es wirklich ist. 

14. August: Nur schnell ein paar Worte. Heute, während die Ada 
im Bad war, sagte die Mama zu uns beiden: „Kinder, ich habe Euch 
etwas zu sagen ; ich möchte nicht, daß ihr recht erschreckt in der Nacht. 
Die Mama der Ada sagte mir, daß die Ada sehr nervös ist und manchmal 
Schlafe aufsteht, ohne daß sie es weiß." „Gott," sag ich, „das ist 



im 



furchtbar interessant, da ist sie ja mondsüchtig; das wird immer 
beim Vollmond sein." Da sagt die Mama : „Ja aber Gretel, sag nur, 
woher weißt du alle diese Sachen? Hat dir die Ada schon davon 
erzählt?" „O nein, sag idi, die Franke haben ein mondsüchtiges Stuben- 
mädchen gehabt und die hat es der Hella und mir erzählt." Und jetzt 
fällt mir gerade ein, daß die Mama sagt : Woher weißt du alle diese 
Sachen ? Also muß das davon abhängen. Ob idi die Ada fragen 
könnte oder ob sie am Ende beleidigt wäre. Ich bin furchtbar neugierig, 
ob sie bei uns mondsüchtig wird. 

15. August: Heute hat mir die Hella geantwortet auf das, was 
ich ihr wegen der Freundschaft zwischen der Dora und der Mama 
schrieb. Sie glaubt es natürlich auch nidit, daß die Dora deswegen 
dem Viktor abgeschrieben hat, denn das ist doch kein Grund. 
Die Lizzi hatte nie eine besondere Freundschaft mir^ihrer Mama und 
die Hella schreibt, sie könnte es auch gar nicht begreifen: ich habe 
ganz recht, man hat die Eltern sehr gern, aber von einer Freund- 
schaft kann doch keine Rede sein. Und sie würde es sich auch sehr 
ausbitten, wenn ich auf einmal so die Freundschaft wechseln wollte. 
Die Dora wird wohl nie eine wahre Freundschaft gehabt haben und 
darum ist sie jetzt auf die Mama angewiesen. Die Brückners kommen 
schon am 19. zurüde, weil es in Gastein so furchtbar teuer ist. Wahr- 
scheinlich fahren sie dann nach Ungarn zu ihrem Onkel, oder nach 
Fieberbrunn in Tirol. Ich habe der Hella zum Namenstag das Tagebuch 



f 



W 



eines bÖsen Buben geschickt, weil sie es sich auch wünschte. Jetzt 
haben wir es beide und können einander immer die besten Sachen 
schreiben, damit die andere es auch gleich liest. 

20. August: Also heute Nacht ist die Ada richtig 
aufgestanden, davon hätten wir wahrscheinlich gar nichts gemerkt, 
aber sie hat den Monolog der Jungfrau von Orleans deklamiert und da 
sagt die Dora, die ihn sofort erkannte: „Rita, ich bitte dich, jetzt ist 
die Ada richtig mondsüchtig geworden." Wir rührten uns garnicht 
und sie ging ins Speisezimmer, aber dort war zugesperrt und der 
Schlüssel abgezogen, weil es direkt auf den Gang geht und dann stieß 
sie an den Streckfauteuil der Mama und da wachte sie auf. Es war 
gräßlich. Und dann irrte sie sich und ging in unser Zimmer anstatt ins 
Kabinett, aber sie war schon wach und bat uns vielmals um Entschul- 
digung und sagte, sie hätte das Kl. . . . gesucht. Dann ging sie in 
ihr Kabinett. Die Dora sagte, wir dürfen nichts dergleichen tun, denn 
offenbar geniert sich die Ada sehr. Aber keine Idee, nach dem Frühstück 
sagte sie: Heute nacht habe ich Euch gräßHch erschreckt; seid nicht 
böse, ich muß manchmal aufstehn in der Nacht, es leidet mich nicht 
im Bett. Die Mutter sagt immer, ich deklamiere dabei, ist das wahr? 
Habe ich etwas geredet? „Ja, sag ich, du hast den Monolog der J. v. O. 
deklamiert." „Wirklich," sagt sie, „ja das kommt daher, weil sie mich • 
nicht zum Theater gehen lassen; ich werde jedenfalls irrsinnig werden; 
Ihr wißt dann wenigstens den wahren Grund." Dieses Nachtwandeln ist 
ja sehr interessant, aber mir gruselt's doch ein bißchen vor der Ada 
und das ist auch wahr, was die Dora immer gesagt hat: Man weiß nie, 
wo die Ada eigentlich hinschaut. Wenn sie wirklich einmal irrsinnig 
wurÄe, Aas wäre entsetzVic\i. Übrigens fällt mir gerade ein, daß ihre 
Mama doch schon einmal in einer Irrenanstalt war. Wenn sie nur nicht 

am Ende bei uns irrsinnig wird. _ m i.^ c- ■ ^ 

21 August: Die Mama hat es auch gehört gestern Nacht, bie ist 
h-oh, daß sie es uns schon vorher gesagt hat und die Dora sagt, wenn 
sie es nicht vorher gewußt hätte, hätte sie wahrscheinlich einen Herz- 
krampf bekommen. Und der Papa sagte: „Die Ada ist durch und durch 
histerisch das hat sie von ihrer Mutter." Die Lizzi fährt heuer im Herbst 
nach England und bleibt ein ganzes Jahr dort zur Ausbildung. So gern 
ich die Ada habe und so leid sie mir tut, ist sie mir doch jetzt 
unheimlich und ich bin eigentlich froh, daß sie am Dienstag schon 
wieder fortfährt. Heute sagte sie mir etwas Schreckliches: Der Alexander, 
das ist nämlich der Schauspieler, ist ges chlechtskr ank, weil er 
früher Offizier war; sie sagt, alle Offiziere sind geschlechtskrank, das 



100 



ist selbslverständlich. Erst wollte ich mich nicht verraten, daß ich nicht 
sehr genau weiß, was einem da eigentlich fehlt, aber dann fragte ich 
doch und da sagte die Ada, eben das fehle einem, dieser Körperteil 
wird entweder immer kleiner umd kleiner und ganz zerfressen, oder 
umgekehrt immer größer, weil er schrecklich angeschwollen ist ; die letztere 
Art ist noch die bessere, weil dann eine Operation nützt; ein pensionierter 
Oberst, der in H. ein Haus hat, ließ sich daran in Wien operieren; 
aber er ist trotzdem nicht gesund geworden. Es gibt nur eine. Rettung, 
nämlich daß ein junges Mädchen sich einem geschlechtskranken Mann 
hingibt! (so sagte auch manchmal die Mad.), dann bekommt sie die 
Krankheit und er wird gesund. Und daran hat die Ada erkannt, daß 
sie den A . . . nicht wirklich liebt, sondern nur, weil er sie ausbilden 
würde; denn das täte sie nie und sie wüßte auch nicht, wie sie ihm 
das sagen soHte, selbst wenn sie wollte. Gewöhnlich verlangt es 
übrigens der betreffende Herr. Und wie ich sage: „Denk' dir nur, was 
tätest du dann, wenn du davon ein Kind bekämst," da sagt sie: „Keine 
Idee, wenn einer geschlechtskrank ist, ist es ausgeschlossen, daß 
man ein Kind bekommt. Und dann mußt du wissen, daß erst ein 
Kind einem die volle Weihe zur Künstlerin gibt." Also 
so etwas Ähnliches hat uns, der Hella und mir, auch die Franke gesagt, 
deren Kusine beim Theater ist; aber v/ir haben gedacht, die ist nur 
im Theater an der Wien, und da ist das schon möglich; aber in der 
Burg und in der Oper und selbst im deutschen Volkstheater wird das 
wahrscheinlich gar nicht sein dürfen. Ich erzählte das der Ada und die 
sagte : Gott, ich bin nur eine Provinzlerin, aber das weiß ich schon 
längst, daß jede Schauspielerin ein Kind hat. 

23. August: Die Ada ist wirklich die geborene Künstlerin, sie 
hat uns heute ein Stück aus einem großartigen Roman vorgelesen, aber 
wie! selbst die Dora sagt: „Ada, du bist phenommenal!" Da schleuderte 
sie das Buch weg und weinte und schluchzte schrecklich und sagte: 
„Meine Eltern versündigen sich an ihrem eigenen Fleisch und Blut; 
aber sie werden es bereuen. Wißt ihr noch, was die alte Zigeunerin 
mir voriges Jahr prophezeite: „Eine große, aber kurze Zukunft, nach 
langen schweren Kämpfen; und meine Lebenslinie ist geknickt!" Das 
wird alles so eintreffen und meine Mutter kann dann das schöne Gedicht 
von Freiligrath oder Anastasius Grün oder von wem es ist, deklamieren. 
„O lieb', so lang du lieben kannst, O lieb', so lang du lieben magst! Die 
Stunde kommt, die Stunde kommt, wo du an Gräbern stehst und klagst." 
Und dann deklamierte die Ada das ganze Gedicht und wenn ich mich 
abends niederlege, muß ich immer daran denken und kann nicht einschlafen. 

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■IH^-« 



24. August: Heute habe ich die Ada doch gefragt wegen der 
Mondsucht und sie hat gesagt, ja, wenn sie aufsteht, so ist das immer 
zu dieser Zeit und zum Vollmond. Das erstemal, voriges Jahr, hat 
sie es absichtlich getan, um ihre Mutter zu erschrecken, wie sie ihr das 
erstemal verboten hat, zum Theater zu gehen. Ich finde das nicht sehr 
gescheit, denn damit wird sie nichts durchsetzen. Übermorgen wird sie 
abgeholt und deshalb weinte sie heute den ganzen Vormittag. 

25. August: Heute war die Hella mit ihrer Mama und der Lizzi 
bei uns. Die Hella hat sich in Gastein großartig unterhalten und sie 
hat mir etwas Wichtiges unter vier Augen mitzuteilen. Insofern war es 
unangenehm, daß die Ada noch da ist. Der Hella ist die Ada überhaupt 
unsympathisch, sie sagt auch, man weiß nie, wo sie eigentlich hinschaut, 
sie schaut immer durch einen durch. Wir konnten nicht eine Minute 
allein reden miteinander. Hoffentlich kann die Hella noch einmal heraus- 
kommen, ehe sie nach Ungarn fahren. Die letzte Woche waren sie in 
Fieberbrunn in Tirol, weil eine Jugendfreundin ihrer Mama aus Berlin 
dort ist. 

26. August: Heute ist die Ada weggefahren, ihr Papa hat sie 
abgeholt. Er sagt, sie hat ein Radi zu viel, nämlich weil sie zum 
Theater will. 

28. August: Heute war die Hella heraußen ; sie ist allein gefahren 
und ich habe sie bei der Dampftramway abgeholt. Zuerst wollte sie mir 
nicht sagen, was das Wichtige sei, weil es für mich „nicht schmeichel- 
haft" sei; aber endlich rückte sie doch heraus. Die Familie Warth war 
'n Gastein und da die Hella die Lisel vom Turnen kennt, so redeten 
sie miteinander und da sagte der Robert, der freche Mensch : Ist ihre 
'^»■eundin noch immer ein solches Kind, wie damals in ... . und da tat 
er, als ob er nicht einmal mehr wüßte, wo; und überhaupt damals sagte 
er, als ob das vor 10 Jahren gewesen wäre. Aber das Frechste kommt 
erst; er sagte, ich hätte ihn nicht Bob nennen wollen, weil ich da 
immer an einen bestimmten Körperteil denken mußte ; das habe ich nie 
gesagt, sondern nur, daß mir das Wort Bob lächerlich und ordinär 
^orVoTnTiA,v vmd da sagte er noc\i, wie wir noch per Sie waren : „ja, 
»^räulein Grete, aus ihrem Munde bin ich lieber mit meinem vollen 
^ännemamen genannt." Das weiß ich noch wie heute und ich könnte 
^en Platz zeichnen, wo das war auf dem Weg zum Roten Kreuz. Die 
^ella sagte es ihm tüchtig: So, das kann alles sein, wir haben nie 
^<>n solchen Lappalien gesprochen, und damals waren wir ja „alle, w i e 
^ir da sind, noch rechte Kinder." Damit meinte sie auch den . . . 
*^h schreibe gar nicht seinen Namen. Ich habe mich aber doch wütend 
102 



geärgert und auch darüber, daß er sagte: Jetzt wird ihre Freundin ja 
wohl auch etwas mehr gleichsehen, aber damals war sie noch recht 
unentwickelt. Da sagte die Hella ganz kurz: „Das sind Ausdrücke, in 
denen man zu jungen Damen nicht spricht" und redete nie mehr mit 
ihm. Das ist nämlich wirklich großartig, was geht es denn den an, 
ob ich entwickelt bin oder nicht! Die Hella behauptet, ich sei 
früher zu wenig wählerisch gewesen. Der Bob ist ja jetzt noch ein 
Bub. Das paßt ausgezeichnet, Bob — Bub ; von jetzt an heißt er für 
uns nur Bub ; d. h. wenn wir überhaupt von ihm redeten. Und einen, 
der uns unsympathisch ist, nennen wir einfach Bob, oder noch besser 
Be, weil ja Bob wirklich unangenehm zu sagen ist. 

31. August: Die heurigen Ferien sind so fad. Jetzt- ist die Hella 
in Ungarn und mit der Dora rede ich sehr wenig, nämlich nichts 
interessantes. Und die Briefe von der Ada handeln immer nur 
von meinem Versprechen wegen Wien. Das ist übrigens köstlich,* 
ich habe ihr gar nichts versprochen, sondern bloß gesagt, ich werde 
es gelegentUch der Mama sagen. Und das habe ich auch schon getan, 
aber die Mama sagte : Davon ist gar keine Rede. 

1, September : Hallo, hussa ! Morgen fahre ich mit dem Papa der 
Hella nach Ungarn, nach K . . . . M , . . ich freue mich riesig. Die Hella ist 
ein Engel. Wie sie voriges Jahr zu Weihnachten krank war, hat ihr Papa 
gesagt: Sie soll sich wünschen, was sie will. Da sie aber gerade nichts 
Besonderes wußte und ohnehin Weihnachten kam, so sparte sie sich 
den Wunsch auf. Und jetzt schrieb sie ihrem Papa nach Krakau, wo 
er zu den Manövern war, wenn er ihr noch einen Hauptwunsch erfüllen 
will, so soll er, wenn er nach Wien kommt, mich nach K . . .-M . . . 
mitnehmen ; das ist der einzige größte Wunsch ihres Lebens 1 1 ! Und 
so war der Herr Oberst heute beim Papa im Bureau und zeigte ihm 
den Brief der Hella. Und morgen um 3 Uhr muß ich auf dem Staats- 
bahnhof sein. Leider ist das eine sehr unfeine Bahn. Die Westbahn ist 
entschieden feiner oder noch lieber wäre mir die Südbahn. 

2. September: Ich bin schon ganz aufgeregt; ich fahre allein 
hinein nadi Wien und muß in Liesing umsteigen; hoffentlich steige ich 
in den richtigen Zug ein. Heute in der Frühe kam ein Brief von der 
Hella, indem sie mir sdireibt: „Vielleicht dauert es nur mehr Tage, bis 
wir vereint sind." Aber nichts weiter; wahrscheinlich weiß sie noch 
niclit, daß ich wirklicli komme. Meine weißen Blusen muß mir die Mama 
nachschicken, weil sie bis auf eine sdimutzig sind. Anziehe;i werde ich 
das Kostüm und die rosa Bluse. Ich nehme mir 20 Blätter Tagebuch 
mit, das wird genug sein ; denn schreiben werde ich unbedingt, eventuell 

103 



in der Frühe, weil die Hella in den Ferien sicher bis um 9 Uhr im 
Bett liegt; in Wien möchte sie immer an den Sonntag-en solange liegen, 
aber Ihr Papa erlaubt es nicht. Aber reiten lerne ich auf keinen Fall, 
weil es schrecklich sein muß, vor einem fremden Herrn herunterzufallen. 
Bei der Hella war das dadurch anders, daß der Jenö, der Lajos und 
der ErnÖ ihre Kusins sind, und da ritt immer einer ganz neben ihr 
"nd hielt sie um die Mitte: aber das geht bei mir nicht. 

6. September: Gott, hier ist es herrlich! Der Jenö gefällt mir am 
besten, er geht überall hin mit mir, zeigt mir alles; der Hella ist der 
Lajos am liebsten und auch der Ernö. Der hat aber viel zu lernen, 
weil er beinahe durchgefallen wäre. Der Lajos wird nächstes Jahr sclion 
■-eutnant und der Jenö kommt heuer in die Akademie, der Ernö hinkt 
etwas, aber nicht viel, und so konnte er niciit auch Offizier werden; 
er wird Brücken- und Eisenbahningenieur, aber nicht hier, sondern er 
'geht dann später nach Amerika. 

Heute habe ich Zeit zum Schreiben, weil alle 4 nach S . . . 
fuhren per Rad und ich kann nicht Radfahren. 

Also auf der Fahrt war es herrlidh! Es ist wahr, mit einem 
^ftizier, noch dazu mit einem Obersten fahren, ist großartig. Alle 
^'ationsvorstände grüßten und die Kondukteure wissen gar nicht, was 
^le machen sollen vor Respekt. Natürlich glaubten alle, ich bin 
feine Tochter, da er noch von klein her Du zu mir sagt. Richtig, der 
apa hat zur Ada immer Sie gesagt. In Forgacs oder Parkas oder wie 
es heißt, stiegen wir aus und der Papa der Hella nahm einen Wagen 
jmd wir fuhren 2 Stunden nach K . . . M . . . Er war riesig lustig. 
"^ ^ . . . aßen wir zu Nacht, obwohl es erst Vs^ war. Es kamen 
S''eich alle Kellner hergestürzt. Übrigens das ist auch beim Papa so, 
'^^ die Stationsvorstände grüßen nicht alle. Der Papa sieht ja auch 
•■'esig vornehm aus, nur daß er eben nicht in Uniform ist. 

Etwas furchtbar Interessantes : Gestern war ein Herr v. Kraics 

a aus Radufalva, der hat das Gut Radufalva von seinem besten Freund 

geerbt zum Dank, ^e\\ er vor 8 Jahren auf seine Braut verzichtete, 

_'e den Freund lieble. Der Oberst Brückner sagt zwar, der K . . . 

^^ ein widerwärtiger Waschlappen, aber ich finde das durchaus nidit; 

^'" sieht so feurig aus, ein echter, edler Ungar. Die Hella sagt, er hat 

■^oer wahnsinnig viel Schulden gemacht, weil er jedes halbes Jahr ein 

'^«eres Verhältnis mit einer Dame hatte; und die vielen Geschenke 

en ihn fast an den Bettelstab gebracht. Also, wir können 

^ nicht recht glauben^ denn wenn eine Dame noch so für Blumen 

" Bonbons schwärmt, so kann man dadurch doch nicht an den Bettel- 

104 . M 



I 



Stab kommen. Und g'estern erzählte mir die Hella vor dem Einschlafen, 
daß der Lajos schon elwas „ang-esteckt" ist; es gibt keinen Offizier, 
der nicht gesell lechts krank ist und das macht sie eben so furchtbar 
interessant. Da erzählte ich ihr denn das, was mir die Ada vom Schau- 
spieler in St. P. erzählt hat. Aber die Hella sagte: Es fragt sicli, ob 
alles wahr Ist; bei einem Schauspieler kann es ja allerdings eher wahr 
sein, besonders da er früher beim Militär war, aber im allgemeinen 
sind die Zivilisten furchtbar solid!!! Und das wäre ihr an ihrem 
Mann gräßlich. Jeder Offizier hat wahnsinnig geiebt; so sagt man 
nämlich in der Umschreibung für geschlechtskrank, und sie würde nie 
einen Mann heiraten, der nicht vorher gelebt hatte. Die meisten 
Mädchen, besonders wenn sie schon alter sind, verlangen gerade das 
Gegenteil! und da fiel mir plötzlich ein, daß das v/ahrscheinlid? der 
wahre Grund Ist, warum' die Dora dem Herrn Obltnt. R . . . ab- 
geschrieben hat, und nicht die Freundschaft mit der Mama; das 
ist ja auch wirklich lächerltch und niemand wird ihr das glauben. Der 
Papa der Hella findet mich reizend; er ist übrigens auch großartig, 
nett. Der Onkel von der Hella redet fast gar nichts und man versteht 
ihn beinahe nicht; der Papa der Hella sagt immer, ^eine Schwägerin 
hat die Hosen an. Das möchte ich nie haben; der Herr im Haus muß 
unbedingt der Mann sein. „Aber nicht zu viel", sagt die Hella. Sie 
ärgert sich übrigens immer so, wenn ihr Papa das sagt, von den 
Hosen anhaben. Gestern bin ich schrecklich erschrodten ; wie wir auf 
die Veranda gehen wollen, weil wir die Burschen reden hörten, steht 
ein RolLstuhl da und drauf liegt der Großonkel der Hella, von dem 
sie mir einmal erzählte, daß er ganz verrücltt ist; er ist nicht wirklich 
gelähmt, sondern er tut nur so. Die Hella fürchtet sich vor ihm ent- 
setzlich, weil er sie einmal, wie sie 9 oder 10 Jahre alt war, durch- 
hauen wollte. Aber ihr' Onkel kam dazu und da hat er sie gleich los- 
gelassen. Sie sagt zwar immer: Er soll sich nur unterstehen, aber sie 
hat doch gräßliche Angst. Er ist immer in seinem Zimmer und hat 
einen Pfleger, weil keine Pflegerin es aushalten kann bei ihm. Er sollte 
eigentlich in einer Irrenanstalt sein, aber in Ungarn gibt es keine feineren. 
9. September: Heute vormittag war ein furchtaarer Skandal; der 
Großonkel, die Leute nennen ihn Kutya mog oder wie das geschrieben 
wird und das heißt verrückter Hund, also der Großonkel stellt 
uns nach. Er kann nämlich mit dem Stock gehen, wenn er will und 
da stellte er sich vor unser Parterrefenster und schaute zu, wie die 
Hella sich wusch und ich gerade aufstand. Da kam der Papa der Hella 
dazu und machte einen wahnsinnigen Skandal und der Onkel schimpfte 

105 



auch furchtbar auf Ungarisch. Und vor dem Essen hörten wir gerade 
noch, wie der Papa zur Tante Olga sagte: „Das waren gerade schöne 
Bissen für diesen alten Scliweinigl, solche unschuldige Kinder, die 
kämen sciiön zum Handkuß." Da mußten wir so furchtbar lachen, wir 
und unschuldige Kinder!!! was die Papas eigentlich glauben von 
uns; wir und unsciiuldig ! ! I Beim Essen durften wir einander gar nicht 
anschauen, sonst wären wir direkt herausgeplatzt vor Lachen, Und 
nachmittag sagte die Hella: „Du, weißt du, daß wir am selben Tag 
Namenstag haben?" Und wie ich sage: „Wieso denn, mir scheint, du 
bist von heute vormittag übergeschnappt," da lacht sie furclitbar und 
sagt: - „Ja natürlich, am 27. Dez., am Tag der Unschuldigen Kinder !" 
Das ist zu köstlich. Sie weiß das nämlich, obwohl sie protestantisch 
ist, weil die Marina, die falsche Peiscn, am 27. Dez. Geburtstag hat 
und wir sie deshalb in dem Brief damals „Unschuldiges Kind" am edeten 
und dabei hatte ich unabsichtHch ein so schiechtes K gemacht, daß es 
wie ein R aussah und also „Unschuldiges Rind" hieß, weswegen dann 
die Tante Alma den Riesenkrach machte. 

Icli bin mit allen 3 Burschen per Du geworden, der Papa der 
Hella sagte gestern beim Nachtmahlessen zum Erno: „Mir scheint gar 
ihr siezt euch noch, stoßt an auf Du und Du und seid keine Philister.* 
Da stießen wir an und nachher sagte der Jenö, als wir in der Fenster- 
nische standen und den Mond bewunderten: Du Margit, das war kein 
richtiges Bruderschafttrinken, man muß sich dazu küssen; geschwind, 
so lang wir allein sind; und ehe ich sagen konnte: das geht nicht, gab 
er mir scIion einen Kuß. Also bei Jenö macht es mir nichts, aber beim 
Laios wäre es mir wegen der Hella resp. der Uonka, so nennen sie 
hier die Hella, schrecklich unangenehm. 

Gerade sagt mir die Hella, sie hat gesehen, wie wir uns küßten, ^ 
und der Lajos sagte: „Schau Ilonka, sie geben uns ein gutes Beispiel"; 
Wir sind hier riesig glücklich. Leider muß der Jenö und der Lajos 
schon am 16. fort in die Anstalt, der Jenö in den ersten und der 
Lajos in den IIL Jahrgang der Akademie; gerade der fadere, der 
Ernö bleiht bis Oktober hier. So ist es immer im Leben, das Sdiöne 
vergeht und das Fade bleibt. Wir fahren täglich Kahn, gestern 
und heute bei Mondenschein. Und die Burschen schaukeln so gräßlich, 
daß wir immer entsetzlich Angst haben, daß der Kahn umkippt. Und 
dann sagen sie immer: „Ihr habt Euer Schicksal in der Hand; kauft 
Eudi los und Ihr seid sicher wie in Abrahams Schoß". 

12. September: Der Großonkel haßt uns seit neulich; wenn er 
sieht, droht er uns mit dem Stock und wenn wir uns aucli nicht 



uns 



106 



gerade fürchten, weil er uns ja nichts tun kann, so ist es uns doch 
furchtbar gruselig-. Es fallen einem immer alle möglichen Sachen ein, 
die man gelesen hat und aus Märchen und Sagen weiß. Das ist der 
einzige Grund, warum ich nicht so gern hier bin. Übrigens fahren wir 
am 18. weg. Natürlich werden der Lajos und der Jenö sehr oft zu 
Bruclcners kommen; ich freue mich schon riesig. Ich weiß nicht, wie 
das kommt, ich glaubte immer, daß sie nur ungarisch können, aber 
das stimmt durchaus nicht, nur bei ihnen zuhaus, wenn keine Gaste 
da sind, wird immer ungarisch gesprochen. Heute hat mir die Hella 
erst eingestanden, daß die vielen Blumen, die einmal an einen Sonntag, 
wie sie im Sanatorium war, bei ihrem Bett standen, vom Lajos wafen; 
sie wollte es nicht sagen, weil er es nicht wünschte. Eigentlich hat 
mich das geärgert, denn ich sehe, daß idi zu ihr viel aufriclitiger bin 
als sie zu mir. 

16. September: Heute sind die Burschen weggefahren und gestern 
waren' wir bis 12 Uhr Mitternacht auf. Wir waren nämlich in N . . . . 
JC . . . . die ungarischen Namen kann idi nicht schreiben und da 
kamen wir erst um V2I2 Uhr zurück. Es war herrlich. Umso trauriger 
ist es heute, wo es noch dazu regnet. Zum erstenmale, seit wir da 
sind. Abschied nehmen ist gräßlich, besonders für die Hinterbliebenen; 
denn die, die weggehen, haben sofort eine Abwechslung. Aber wer 
dableibt, dem ist alles entsetzlich öd und still. £)ie Hella und ich 
gingen nachmittags in das Zimmer von Jenö und Lajos, da war noch 
nidit aufgeräumt und eine gräßliche Unordnung. Da schluchzte die 
Hella plötzlich furchtbar und warf sich über das Bett des Lajos und 
küßte die Polster und die Decke. So liebt sie ihn! So liebt gewiß 
die Mad. den Oberleutnant, aber die Dora ist einer solchen Liebe, 
gar nicht fähig und dann redet sie sich auf die wahre tiefe Freund- 
schaft mit der Mama aus. Die Hella sagt, sie hat den Lajos immer 
schon geliebt, aber wenn sie mich und den jenö so zusammengehen 
und reden sah, das hat ihr erst die Augen geöffnet. Seither liebte 
sie den Lajos für ewig. Nächstes Jahr wird er sich wahrscheinlich mit 
ihr verloben, denn vor 14 geht das niclit, weil die Eltern es nicht 
erlauben. Er geht auch ihretwegen zu den Husaren, weil ihr die 
Husaren am besten gefallen; sie leben alle furchtbar und sind 
riesig vornehm. 

21. September: Seit Samstag sind wir wieder in Wien und die 
Eitern und die Dora sind am Donnerstag von Rodaun gekommen. 
Die Dora ist köstlich ; seit die Ada da war und mondsüchtig geworden 
ist, fürchtet sich die Dora, sie sei angesteckt. Sie scheint nicht zu 

107 



wissen, was das Wort eig-entlich bedeutet! Und während ich fort war, 
hat sie bei der Mama geschlafen und der Papa hat in unserm Zimmer 
g-eschlafen, weil sie sidi fürchtete, allein zu schlafen. Vom Alleinschlafen 
wird doch niemand mondsüchtig, aber das war nur der Vorwand ; 
besonders mutig war die Dora nie, eher etwas feig und da hat sie 
sich einfach gefürchtet, allein im Zimmer zu schlafen. Wenn sich der 
Papa auch gefürchtet hätte, hätte ich vielleicht gar standepete zurück- 
fahren müssen und wenn ich mich auch gefürchtet hätte, allein zu fahren 
und es wäre niemand dagewesen, mich zu begleiten, na, das wäre 
reizend geworden. Der Papa hat über meine „Kombinationen" riesig- 
gelacht und die Dora hat sich sehr geärgert. Sie ist wieder so fad und 
eingebildet wie vor ihrer Liebe. Also hat die Hella recht, wenn sie 
sagt: Die Liebe veredelt. Das war übrigens ein blöder Witz vom ErnÖ. 
y^ie die Hella einmal das sagte, sagt er: „Du hast dich versprochen, 
du wolltest sagen: vereselt". Natürlich well er niemanden liebt. 

22. September: Heute hat die Schule begonnen. Die Frau Dr. M. 
war entzückend, sie schaut großartig aus und machte uns im Gang 
dasselbe Kompliment, Gott sei Dank, sie ist wieder unser Klassen- 
vorstand. In Französisch haben wir eine Frau Dr. Dunker, die ist sehr 
häßlich, voll Wimmerln, das ist mir das Greulichste an einem Menschen; 
die Hella sagte, da müssen wir uns in aclitnehmen, daß sie nie unser 
BucJi in die Hand bekommt; denn sonst kriegen wir auch einen solchen 
Teint. In Math, und Physik haben wir ebenfalls eine neue Doktorin, 
die spridit so schnell, daß niemand sie versieht; aber sie sieht 
enorm geistreich aus, obwohl sie sehr klein ist. Wir nt-nr.en sie 
„Nüßchen", weil sie einen so kleinen Kopf und so schone licht- 
braune Augen hat. Sonst haben wir dieselben Lehrkräfte wie im vorigen 
Jahr und ein paar neue Schülerinnen sind auch gekommen und einige 
übersiedelt, aber lauter solche, mit denen wir nicht naher verkehrten. 
Die Franke geht heuer das letzte Jahr ins Lyzeum, sie wird im April 
schon 16 Jahre und ist wirklich riesig stark. Das muß ihr ärgster 
Feind sagen. Bei der Dora hat die Frau Direktorin EngHsch und das, 
ist ihr sehr angenehm, denn sie gehört zu ihren Lieblingen und das 
ist wegen der Matura doch sehr gut. 

25. September: Gestern und vorgestern war der Mama so schlecht, 
daß der Arzt nodi um ^/Al Uhr in der Nacht kommen mußte. Heute ist 
ihr, Gott sei Dank, wieder besser. Aber an solchen Tagen kann ich absolut 
nicht ins Tagebuch sciireiben; es kommt mir wie ein Verbrechen vor, Und 
soldie Tage dauern endlos, weil niemand viel redet und die Mahlzeiten 
sind schrecklich. Heute lag die Mama schon wieder auf der Chaiselongue. 

108 



y 



29. September: Ich habe greulich Zahnschmerzen gehabt seit vor- 
gestern Die Dora behauptet, das sind bloß Sdimerzen nach einer 
Goldplombe, wie die Frau Dr. M. sie hat. Das ist natürlich nicht wahr; 
erstens werde ich doch wissen, ob mir der Zahn weh tut oder mcht, 
und zweitens hat der Zahnarzt bestätigt, daß der Zahn em klenies 
Loch hat. Ich muß jeden zweiten Tag hingehen und das ist gewiß kein 
Vergnügen. Nod> dazu, wo wir heuer greulich viel zu lernen haben m 
der Sdiule. Das Nüßchen ist eigentlich sehr nett, wenn man sie nur 
besser verstände, aber sie redet so schnell, daß die V. Kl., wo sie auch 
unterrichtet, sie Wasserfall nennen. Der Frau Dr. M. hat nodi nie 
jemand einen Spitznamen gegeben, auch nicht im guten Sinn. Man 
müßte sie höchstens Engel nennen und das könnte auch einen wirklichen 
Namen bedeuten, das hat keinen Sinn. Im -Zeichnen werden wir Still- 
leben malen lernen und die allerbesten auch Tierstudien, da freue ich 

mich riesig. - jt^.j. ,, 

4. Oktober: Gott, heute, wie wir von der Raiserfeier naoihause 

2-ehen, begegnen wir auf der M . . . Straße den Viktor; leider hat er 
uns nicht bemerkt. Er war in Parade und ging mit drei anderen Offizieren, 
die wir aber, d. h. die Hella nicht kannten. Daß er uns nicht erkannte, hat 
uns beide riesig geärgert; die Hella meint, es kann nur sein, weil wir beide 
die neuen großen Herbsthüte aufhatten, die das Gesicht so beschatten. 
11. Oktober: Es ist ein wahnsinniger Skandal in der Zeichenstunde 
entstanden. Die Borovsky hat irgend einer ihrer Freundinnen auf einen 
Zettel geschrieben: „Die kleine Jüdin, die F . . . (das ist nämlich das 
Nüßchen) ist frisch aus Skandalizien importiert mit ihrem Roßhaarkopf 
mit oder ohne Einwohner". So ähnlich hat sie in dem Brief geschrieben 
und wie sie ihn der Fellner hinüberwirft, dreht sich grad das Fräulein 
Scholl um und fangt den Zettel ab; „Wer ist das, die F . . .?", fragt 
sie, aber niemand gibt eine Antwort. Das hat sie furchtbar geärgert 
und sie steckt den Brief in ihr Tascherl. Nach der Stunde um 1^ geht 
die Borovsky zu ihr und bittet sie um den Brief. Da fragt sie wieder: 
„Wer ist die F...?" Und die Fellner glaubt wahrscheinlich, der 
'Borovsky damit zu helfen und sagt: „Sie hat vergessen die Frau 
pr. Fudis zu schreiben." Also jetzt geht es los. Das schreib ich gar 
nicht alles nieder, weil es zu lange dauert; die Borovsky wird natürlich 
ausgeschlossen. Sie hat furchtbar geweint und gebeten und hat gesagt, 
sie hat es nicht so gemeint, aber das Frl. Scholl wird den Brief der 

Frau Direktorin geben. ^ ^. , . . , ..... 

12 Oktober: Heute Fortsetzung; die Frau Direktorin ist verkühlt 

und da" gab das Frl. Scholl den Brief der Frau Dr. M.; das war gut 

.109 



und schlecht zug^Ieich. Gut, weil die Borovsky vielleicht dodi bleiben 
darf, und schlecht, weil sich die Frau Dr. M. furchtbar geärgert hat. 
Dann hielt sie eine großartige Ansprache über die wahre Vornehmheit 
der Gesinnung, einfach großartig. Und ich war froh, daß ich nicht in 
die Sache verwickelt war, denn sie hat die Borovsky und die Fellner 
greulich hingestellt. Es wird also doch wahr sein, daß ihr Bräutigam 
selber ein Jude ist. Es ist gräßlich, daß gerade sie einen grausamen 
Mann bekommen soll; wenn das nämlidi alles wahr ist, was uns die 
Res! damals gesagt hat; aber etwas Wahres wird schon dran sein. Wir 
sind schon riesig neugierig, ob das Nüßchen- etwas erfahren hat und 
wenn, was sie tut. 

13. Oktober: Das Nüßchen scheint nichts zu wissen davon, sie 
war ganz wie gewöhnlich; die Hella meint und ich auch, daß sie sich 
nichts anmerken läßt, wenn selbst das Frl. Scholl ihr etwas erzählt 
hätte; übrigens wäre das eine Gemeinheit; so etwas erzählt man d^n 
Betreffenden doch nicht. Daß sie nichts erfahren hat, haben wir auch 
daraus entnommen, daß weder die Borovsky noch die Feilner gerufen 
wurden. 

14. Oktober: Heute hat die Stickerin die Taschentüclier für die 
Dora gebracht; ihr Monogramm und die Krone, prachtvoll; ich wünsche 
mir zu Weihnachten auch solche. Und für die Mama hat sie 6 Kaprize- 
polster gestickt, auch mit der Krone; nach und nach bekommen wir 
jetzt überall die Krone drauf. Ja richtig, das habe ich noch gar nicht 
geschrieben: Gleich in den ersten Schultagen hat uns der Papa jeder 
eine neue Visitkarte von ihm mit dem Adel mitgegeben, mir für die 
Frau Dr. M., und der Dora für die Frau Prof. Kreidl, wegen des Ein- 
tragens in den Katalog. Die Frau Prof. Kreidl hat gar nichts gesagt, 
aber die Frau Dr. M. war entzückend. Sie sagte: ,,So Lainer, da wirst 
du ja sehr zufrieden sein, mit dieser Standeserhöhung?" Und ich sagte: 
„O ja, es freut mich schon riesig, aber nur innerlich" und da sagte 
sie: Da hast du schon recht; „Religion, Namen und Geld machen nicht 
den Menschen aus." Gott, wie reizend. Ich mache auch das v. nur 
winzig klein vor meinem Namen; wer es weiß, sieht es schon. Gott 
wie schade, daß sie nicht von Adel ist! Sie würde es wohl verdienen II 

15. Oktober: Heute ist der Oswald weggefahren nach Leoben, 
er studiert Bergbau, aber gegen den Willen des Papas. Aber Papa 
sagt, zu einem Beruf darf man niemand zwingen, sonst hat der andere 
sein Leben lang die Ausrede, er ist nur gezwungen das und das ge- 
worden. Die Dora sagte neulich abends, der Oswald hat nur deshalb 
den Bergbau gewählt, damit er nicht zuhause bleiben muß; wenn er 

110 



1 



Jus oder auch Bodenkultur studiert, könnte er nicht von Wien weg 
und das ist ihm die Hauptsache. Dann ist er auch etwas falsch; denn 
w^e er nach der Matura von Graz zurückgekommen ist, hat er aus- 
drückhch gesagt: „Gott sei Dank, das man wieder einmal die Fuße 
unter den eigenen Tisch setzt und die Atmosphäre der 
Familie atmet." Well damals noch die Dora zu ihm sagte: „Na 
gar so heimisch scheinst du dich nicht zu fühlen, denn kaum bist du 
in die Ferien gekommen, so schmiedest du schon Reiseplane. Denn 
sie ärgert sich auch, daß der Oswald so herumfahren darf, wie er wiU. 
Und da redet ernoch von einer „unleidlichen Beaufsichtigung I! 
Was sollen denn da wir sagen? Er kann abends ausbleiben bis zehn 
und kommt nie zur Jause und tut überhaupt, was er will. Wenn ich 
mich einmal bei der Hella verspäte, beim Nachtmahl, ist gleich ein 
Riesenverdruß. Und die Ausreden, die die Dora erfinden mußte, wenn 
der Viktor sie erwartete, das ward' ich nie vergessen. Sie leugnet zwar 
alles ab, aber ich weiß es doch, weil ich doch selber mitgeholfen habe; 
sonst hätte er mich nicht „Schutzgeist" genannt. Jetzt tut sie, als ob 
sie sich gar nicht mehr erinnern könnte und drum erinnere ich sie 
absichtlich so oft daran, wenn wir allein sind. Neulich sagte sie gar: 
Ich bitte dich, Grete (nicht Rita) sprich nicht mehr davon; diese 
Sache ist für mich ewig begraben." Und wie ich sagte: Wieso. denn 
begraben? Das gibt es doch nicht, daß man eine wahre Liebe einfadi 
begräbt, da sagte sie: „Es war eben nicht die wahre Liebe und damit 

Schluß." 

16. Oktober: Heute hatte ich eine wahnsinnige Angst in der 
Rechenstunde. Die Hella wurde auf einmal ganz dunkelrot und da 
dachte ich mir: „Ab, jetzt!" Und schreibe ihr auf den Faulenzer: Ein- 
getreten??? Wir hatten nämhch verabredet, daß sie mir es sofort 
mitteilt, denn im Februar wird sie 14 und da wird es tatsächlich bald 
eintreten. Die Frau Dr. F. sagt: Lainer, was hast du der Br. hinüber- 
geschoben? und war schon bei der Bank und nimmt den Faulenzer- 
„Was soll das heißen: Eingetreten???" Vielleicht hat sie es wirklich 
nicht gewußt, aber mehrere Kinder, die es eben auch wissen, haben 
gelacht und ich habe mich schrecklich gefürchtet. Aber die Hella ist 
einfach großartig. „Entschuldigen Frau Dr., die Rita hat gefragt, ob 
schon Frost eingetreten ist, weil dann Natureis ist". „Und damit be- 
schäftigt Ihr Euch in der Mathematikstunde?" Aber Gott sei Dank, 
damit war alles erledigt. Nur die Hella sagt in der Pause zu mir, ich 
sei manclimal urblöd. Wozu ich das aufschreiben mußte. Wenn es 
eintritt, so ist es einfach selbstverständlich, daß sie es mir sofort 

111 



sagt. Es ist nämlich nicht eingetreten bei ihr. Übrigens haben wir ver- 
abredet, daß wir lieber „Endt" sagen werden; das heißt dann soviel 
a's entwickelt und zugleich endlich. Das ist wirklich ausgezeichnet 
"na die Hella sagt, das habe ich in einem lichten Moment gefunden. 

as ist eigentlich eine Keckheit, aber schließlich einer Freundin verzeiht 
^an vieles. Übrigens hat sie mir direkt verboten, daß ich sie unter der 

*"nde immer so fixiere. Das tue ich nämHch wirklich, weil ich immer 
S^laube: Na, also heute 

8. November: Am Geburtstage von Papa und der Dora ist der 
*^ama so schlecht geworden, daß gar keine Feier war; ich fürchte mich 

^"tsetzlich, daß die Mama ernstlich krank wird oder am Ende ; 

'*^'n, daran will ich nicht einmal denken; das darf man nicht einmal 

aussprechen, auch wenn man gar nicht abergläubisch ist. Die Tante 

ora ist vorige Woche gekommen, um der Mama den Haushalt abzu- 

^ehnien. Wir werden auch nicht aufs Eis gehen, weil man sich immer 

'■chtet, während man auf dem Eis ist, könnte es der Mama sclilechter 

*^"eh. Sobald sie für längere Zeil aufstehen kann, fährt der Papa mit 

2ü einem Professor, nämlich einem Frauenarzt; also muß es doch 

^^hr sein, daß die Krankheit der Mama daher kommt. 

16. November: Gott, das ist gräßlich, die Mama muß operiert 
^•■^en; ich bin so aufgeregt, daß ich nicht schreiben kann. 

19. November: Die Mama ist so gut und lieb, sie will, wir sollen 

Q «ufs Eis gehen, damit wir uns zerstreuen und nichV immer an die 

P^*"ation denken. Aber die Dora sagt auch, das wäre unmenschlich 

^ Eis gehen, wenn in ein paar Tagen die Mutter operiert wird. Und 

, ^'" f*apa sagt gestern abends zu uns: „Kinder, nehmt euch zusammen, 

{^*^* heißt's die Zähne aufeinander beißen und der armen Mama das 

. ^^2 nicht noch schwerer machen." Aber ich kann nicht, ich muß weinen, 

^^ °ft ich die Mama anschaue. 

23. November: Es ist so gräßlich bei uns, seit die Mama weg ist; 

^*" niußten in die Schule gehen und glaubten, sie fahre erst nachmittags 

""^ indessen kam der Wagen schon vormittags. Die Dora sagt, das 

p^*" abgekartet vom Papa, weil ich mich gar nicht beherrschen kann. 

^^tt, ^gj. i^gpn ^jenn das? Die Dora weint ja auch den ganzen Tag; 

^^U \iabe a\ic\\ "m der Sdiule so furchtbar geweint und die Hella auch. 

'28. November: Gott sei Dank, es ist alles gut vorüber gegangen; 

I Tagen ist die Mama wieder bei uns. Ich bin so glücklich; jetzt 

; ^ ich erst, was für eine gräßliche Angst ich gehabt habe. Wir gehen 

\ ^ alle Tage zur Mama ins Sanatorium; am liebsten ginge ich allem, 

*" ^vir gehen leider immer alle zusammen, d, h. entweder mit dem Papa 

112 



oder mit der Tante Dora. Nämlich die Dora geht bestimmt allein zur 
Mama, heute hat sie sich verraten mit den Blumen, sie tut, als ob es 
nur ihre Mama wäre. Wie wir am Donnerstag das erstemal bei der 
Mama waren, haben alle nur geflüstert und die Mama hat geweint, 
obwohl sie durch die Operation wieder ganz gesund wird. Gestern war 
leider die Tante Alma mit uns zugleich dort und da sagte der Papa, 
so viele Leute auf einmal regen die Mama zu viel auf, wir müssen fort- 
gehen. Natürlich hat er in Wirklichkeit gemeint, die Tante Alma und 
die Marina sollen fortgehen, aber die Tante hat nicht kapiert oder nicht 
kapieren wollen. Wozu die Tante überhaupt gekommen ist? Wir kommen 
doch seit dem Verdruß wegen der Marina und dem Balg, dem Erwin, fast 
gar nicht zusammen, nur wenn Familienabend ist; der Oswald sagt 
statt Familienzusammenkunft, Famiiienauseinanderkunft, weil meist jemand 
beleidigt ist. ' 

30. November: Heute war ich doch allein bei der Mama. Inder 
Schule habe ich gesagt, ich habe greuHch Kopfschmerzen, ob ich aus 
der französischen Stunde weggehen kann; das war nämlich audi wirklich 
wahr. Und zur Mama habe ich gesagt, die Frau Dr. Dunker war krank, 
wir hatten keine Stunde. Eigentlich soll man jemanden Kranken nicht 
anlügen, aber das war eine fromme Lüge, wie die Mama der Hella 
immer bei so etwas sagt, und herauskommen wird es aucii nicht, weil 
die Frau Dr. Dunker in der IV. nidits zu tun hat, so kann es die Dora 
nidit erfahren. Die Mama war riesig erfreut, daß ich auch einmal 
allein komme. Also damit war es direkt bewiesen, daß die Dora allein 
hingeht. Die Mama war so süß und die Schwester Klara sagte, sie sei 
ein Engel an Güte und Geduld. Da weinte ich furchtbar und die Mama 
mußte mich beruhigen. Zuhause wollte ich erst überhaupt nichts sagen, 
aber wie wir uns nach dem Essen anzogen, um zur Mama zu gehen 
sagte ich so en passant: „Heute sehe ich die Mama schon zum zweiten- 
mal." Und wie die Dora sagt: Wieso denn?, sag ich ganz kurz: „Eine 
Stunde entfiel und da benützte ich die Gelegenheit, um auch einmal 
die Mama allein zu besudien." Da sagt sie noch: Haben sie dich denn 
beim Portier so ohneweiters allein hineingehen lassen? Das wundert 
mich sehr, daß so sehr junge Madt^en, die fast nocJi Kinder sind, 
allein passieren dürfen. Zum Glück kam gerade die Tante herein und 
sagte: „Na, die Gretel hält niemand für ein so kleines Kind, und dann 
kennen Euch doch jetzt schon alle im Sanatorium." Am Weg haben 
wir nichts mit einander geredet. 

5. Dezember: Heute haben wir der Mama einen großen Nikolo 
mit Blumen in der Butte gebracht, und neben der Rute hing ein Zettel^ 

8 Tagebuch " 113 






drauf hatte der Papa g-esdirieben: Kranksein wird bestraft als unerlaubte 
Handlung- im Sinne des Paragraphen 7 des Mutter- und Hausfrauen- 
gesetzes. Das hat der iVIama riesigen Spaß gemacht. Der Professor sagt, 
es geht sehr gut vorwärts und in einigen Tagen darf sie heraus. 

6. Dezember: Das war mir gräßlich heute. Abends, wie wir aus 
dem Speisezimmer gehen, sagt der Papa: „Gretel, du hast etwas ver- 
gessen." Und wie ich zurückkomme, so nimmt er mich an der Hand und 
sagt: „Warum sagst du denn nicht, daß du so gern allein zur Mama 
gehst? Das brauchst du doch nicht verheimlichen." Und da weinte ich 
furchtbar und sagte: „Ja, vor dir nicht, aber die Dora braucht nicht 
altes wissen. Hat sie es dir gesagt von neulich?" Aber das von meinen 
angeblichen Kopfschmerzen weiß der Papa nicht, sondern nur, daß ich 
so gern allein zur Mama gehen wollte. Und er war so süß und küßte 
mich und streichelte mich und sagte: „Du bist ein lieber Kerl, mein 
Kexerl, bleib nur immer so." Aber ich riß mich schnell los, weil ich 
mich so genierte, daß ich doch eigentlich eine Lügerei gemacht habe. 
Ohne die Dora würde ich überhaupt nie lügen. 

6. Dezember: Der Papa ist ein Engel. Er und ich gingen vor- 
mittags zur Mama und die Tante und die Dora naclimittags. Und weil 
der Papa nodi ins Cafe gehen mußle, wo er sich mit einein Bekannten 
verabredet hatte, so ging ich erst allein zur Mama und er kam dann 
nach. Die Mama fragte mich nach meinen Weihnachtswünschen; aber 
idi sagte ihr, ich wünsche mir nur eins, daß sie gesund wird und ewig 
lebt. Da war ich erst froh, daß die Dora nicht dabei war, denn das 
hätte ich nie herausgebracht vor ihr. Aber dann mußte ich doch meine 
Wünsche sagen und da wünschte ich mir Taschentücher mit „Monogramm 
und Krone", Visitkarten mit Edle von, eine Bücliertasche, wie die 
meisten Mäddien in den Oberklassen sie haben und den Roman 
Elisabeth Kött. Abel- den letzteren bekomme ich nicht, da war die 
Mama ganz entsetzt und sagte: Aber liebes Kind, das ist niclits 
für dich; wer hat dir denn das in den Kopf gesetzt; sicher die Ada? 
Das würde dir, wie ich deinen Geschmack kenne, wirklich nicht gefallen. 
Also darauf muß ich verzichten, aber fad wäre es mir sicher nicht. 
11. Dezember: Heute ist die Mama wieder nachhause gekommen; 
wir haben nicht gewußt, wann, nur daß sie heute bestimmt kommt. 
Und weil ich so froh war, daß die Mama wieder ganz gesund ist, habe 
ich gerade ein paar Lieder gesungen und da hat die Mama gesagt: 
Das ist ein gutes Vorzeichen, wenn man mjt Gesang begrüßt wird. Da 
ärgerte sich die Dora, daß nicht sie gesungen hatte. Wir hatten alles 
mit Blumen garniert. 

114 



15. Dezember; Ich sticke für die Mama einen Schlummerpolster 
und die Dora maciit ein Fußbänkclien, damit sie beim Lesen recht 
bequem sitzt. Für den Papa haben wir eine neue Aktentasche g-ekauft, 
weil die seine schon so schäbig- ist, daß wir uns schon g-enieren; aber 
er sagt immer: „Die tuts noch lang-e." Ich habe so lang* nicht g-ewußt, 
was ich der Tante Dora geben soll und jetzt haben wir uns endlich zu 
einem Spitzenfichü entschlossen; denn sie hat solche Spitzensachen sehr 
gern. Der Hella gebe idi ein Skizzenbudi und einen weichen Bleistift- 
behälter; sie zeichnet großartig und wird sich vielleicht zur Malerin 
ausbilden, der Dora ein Handtäschchen und dem Oswald ein Zig-arretten- 
etui mit Pferdekopf, denn er ist furchtbar für Rennen und Turf ein- 
genommen. • 

16. Dezember: Durch die Krankheit der Mama habe ich g;ar keine 
Zeit gehabt, von der Schule etwas zu schreiben, obwohl schon manches 
zum Schreiben gewesen wäre, z. B. daß der Prof. W. wieder riesig 
freundlich tut, trotzdem er gar keine Stunde mehr bei uns hat und daß 
die meisten Mädchen das Nüßchen nicht leiden können, weil sie die 
Jüdinnen so bevorzugt. Das ist nämlich wirklich wahr, z. B. die Franke, 
die doch nie etwas kann, wird wahrscheinlich Lobenswert in Mathematik 
und Physik bekommen; und die Weinberger darf alles tun, was sie 
will. Ich habe immer Vorzüglich auf jeder Schularbeit und Hausarbeit, 
also mir ist das egal, aber die Verbenowitsch ärg-ert sich furditbar, 
weil sie nicht mehr der Liebling ist, wie bei der Frau Dr. St. Und 
neulicii war etwas sehr Unangenehmes in der Mathematikstunde. Bei 
einer Rechnung kam zufällig Va heraus und da fragte das Nüßchen, 
wie ^/a als Dezimalbruch heißt; und dann redeten wir überhaupt 
von den periodischen Dezimalbrüchen und wie sie immer die 
Periode sagl:, so lachen ein paar Mädchen, zum Glück auch ein paar 
Jüdinnen, und da wird sie furchtbar wild und schreit uns gräßlich an. 
Bei der Frau Dr. St. in der Ersten haben damals auch ein paar Kinder 
gelacht und sie hat g-etan, als ob sie es gar nicht bemerkte, und dann 
sag-te sie auch immer periodische Stellen und da denkt man 
wirklich nicht so an die wahre Bedeutung. Die Frau Dr. F. hat ge:ag1:, 
sie wird sich bei der Frau Dr. M. best^weren über unser unpassendes 
Benehmen. Also, alle Mädchen haben wirklich nicht g-elacht, z. B. ich 
und Hella haben nur einen einzigen Blick gewechselt, da haben wir 
uns ja ohnehin gleich verstanden. Das blöde Lachen kann ich auch 
nic^t leiden. 

20. Dezember: Heute ist der Oswald gekommen; er ist einfach 
gfottvoll. Es ist also doch wahr, daß er schon langst einen Schnurrbart 

■s* 115 



hatte und daß sie nur im Gymnasium keinen tragen dürfen; und daß, 
wenn einer in einem Pensionat oder Konvikt ist, jeden Samstag der 
Raseur kommt und sie sich rasieren lassen müssen. Er sagte immer, 
im Gymnasium wird alles Männliche in einem erstickt, Gott sei Dank, 
daß ich kein Mann bin und nicht ins Gymnasium gehen muß. Also er 
hat einen wunderbaren Schnurrbart und die Hella ist ganz weg von 
ihm, Sie hat ihn zuerst gar nicht erkannt und ist zurückgeprallt, erst an 
der Stimme hat sie ihn erkannt. Wir haben ausgerechnet, daß sie ihn 
seit den vorvorigen Ostern nicht mehr gesehen hat. Er hat sie zuerst 
Fräulein angesprochen, aber ihre Mama hat gesagt, das ist ein 
Blödsinn, Na, also blödsinnig ist es gerade nicht, einfach sehr fein!! 

23. Dezember: Die Mama freut sich^riesig, daß der Oswald da 
ist, und er ist auch riesig nett; sie bekommt von ihm eine wunderbare 
Gruppe aus Eisenblüte, die ein Gebirge darstellt mit einem Wald und 
davor ein paar Rehe wie auf einer Wiese. 

25. Dezember: Nur schnell ein paar Worte. Der Mama war gestern 
sehr gut und das lange Aufbleiben hat ihr nichts geschadet. Ich bin 
glücklich, wir haben jede eine Krawattennadel mit einem Saphir und 
drei kleinen Brillanten bekommen, sie sind aus Ohrgehängen von der 
Mama gemacht, die sie nie trägt. Aber das ist eben das Andenken, 
daß es von ihren Ohrringen gemacht ist. Und die Büchertasche und 
die Erzählungen von Stifter freuen mich auch riesig und die Taschen- 
tücher mit der Krone und alles andere. Und von der Hella den Rldikül 
mit meinem Monogramm und ebenfalls der Krone. Vom Oswald haben 
wir ich und die Dora kleine Briefbeschwerer und der Papa einen großen 
bekommen aus einer Erzgruppe. Wir brauchen eigentlich, zwei Scl,reib- 
tische. aber die hätten keinen Platz im Zimmer. Aberich werde mir 
das Ecktischchen als Schreibtisch herrichten und dort alles hinstellen, 

"^^^ "2^ Dezember: Gestern bei Brückner, das war wirklich greulich. 

Da hat' die Mama der Hella recht; wenn man so ausschaut, macht 

man keine Besuche, wenn man weiß, daß noch andere Leute auch 

kommen Die Hella sagte mir schon vorgestern, daß man es ihrer 

Kusine greulich anmerkt, daß sie in a . . . U . . , ist 1 Ihre Mama hat 

aidi auch wegen ihr schredclidi geniert und nicht wollen, daß die Emmy 

aufsteht. Wir waren einfach entsetzt und empört. Aber ihr Mann ist 

riesig zärtlich zu ihr; hübsch ist sie nicht, besonders die Wursteln unter 

den Augen sind ekelhaft. Viele Frauen sollen so aussehen, wenn sie 

schw .... sind. Sie hat ein Umstandskleid, da sieht man erst recht 

alles 1 Die Hella sagt, daß mandie Frauen wunderschön werden, wenn 

116 






r 



sie in a . . . U . . . sind, und wieder welche, die häßlich ausschauen. 
Hoffentlich gehöre ich zu den ersteren, falls ich überhaupt .... Nein, 
es ist doch greulich, auch wenn man dadurch schön wird; wenn ich 
nur an die Frau von Baldner denke, wie die ausgeschaut hat heuer im 
Sommer, und von der hat der Papa immer gesagt, sie ist bildschön. 
In a . . . U . . . ist überhaupt niemand schön. Wir sind dann bald 
nadi "der Jause ins Zimmer der Hella gegangen und sie sagte, lange 
hätte sie es nicht mehr ausgehalten, so hätte sie sich übergeben. 
Und da redeten wir noch so vieles, daß uns wirklich beiden beinahe 
schlecht wurde. Am Sonntag kommt die Emmy und ihr Mann zu 
Mittag zu Br. und da hat mich die Hella gebeten, ich möchte sie zu 
Mittag zu uns einladen, sonst wird ihr übel. Also natürHch kommt sie 
zu uns, da braucht ihr, Gott sei Dank, nicht Übel werden. Und dann 
sagte sie noch, ich möchte aber ja nicht glauben, daß sie wegen des 
Oswald kommen will, sondern nur aus diesem einen Grund. Das be- 
greife ich sehr gut, und sie braucht sich überhaupt vor mir nicht zu ent- 
schuldigen. , , 

29. Dezember: Heute war die Hella zu Mittag bei uns, sie hatte 
das neue pastellerdbeerfarbene Kleid an, das ihr großartig steht. Der 
Oswald sagte am Abend: „in 2 bis 3 Jahren wird die Hella eine 
famose Erscheinung werden." So etwas ärgert mich immer gräßlich, 
immer dieses werden. Der Papa der Hella sagte von mir einfach, ich 
bin reizend, und nicht so blöd: ich werde reizend werden. Das hasse 
i(^, dieses immer in die Zukunft reden. Übrigens war der Oswald 
riesig galant gegen die Hella. Und nachmittags, wie wir, ich und Hella 
miteinander über ihn redeten, wollte ich sie ein bischen mit dem Lajos 
aufziehen, aber da wurde sie ganz rot und sagte, er ist falsdi sonders- 
gleichen, denn seit Oktober war er ein einziges Mal an einem Sonntag 
bei ihnen und da mußten sie gerade ins Theater gehen. Er sagte zwar, 
wenn er sie nicht allein für sich haben könne, dann pfeife er auf die 
Besuche. Sie will nicht einsehen, daß sich darin die Größe seiner Liebe 
zeigt. Ich verstehe das ganz gut. Aber das ist wirklich unerhört, daß 
der Jenö nur ganz kurz nach mir gefragt hat damals. Und jetzt zu 
Weihnachten hätte es sich auch gehört, daß er eine Karte geschickt 
hätte. Aber so sind die Burschen. Für die paßt wirklidi das Sprich- 
wort: Aus den Augen, aus den Sinn. 

30. Dezember: Heute war die Frau Hofrätin Ricliter da, aber nur 
vormittags auf eine Viertelstunde. Kein Wort vom Viktor, obwohl ich 
deswegen eigens im ' Salon geblieben bin. Die Dora ließ sich nidit 
bhcken, obwohl sie bestimmt zuhause war. Er sieht eigentlich riesig 

117 



seiner Mama jrleich, auch die schöne gerade Nase und den feinen 
schmalen Mund; nur ist er groß und sie sehr klein, um einen halben 
Kopf kleiner als die Mama. Wir möchten sie doch einmal besuchen, 
aber ich glaube nicht, daß wir hingehen. 

31. Dezember: Ich habe eigentlich keine Zeit, da heute Sylvester- 
abend ist, aber ich muß schreiben. Heute vormittag gehen wir, die 
Dora und ich, aufs Eis, da begegnen wir den Viktor; er wird ganz 
blaß bis in die Lippen und grüßt und spricht uns an; die Dora will 
vorbeigehen, aber er hält sie zurück und sagt: sie muß ihm eine Aus- 
sprache gewähren und dann geht er mit uns aufs Eis, weil sie nicht 
in^ eine Konditorei gehen wollte. Also da hatte sie ganz Reclit, sie 
wird doch nidit mit ihm in eine Konditorei gehen. Was sie geredet 
haben, weiß ich natürlich nicht, aber die Dora weinte nachmittags 
gräßlich und von mir hat sich der Viktor gar nicht verabschiedet; ver- 
gessen kann er unmöglich haben, sondern entweder war ich gerade zu 
weit weg oder die Dora hat es nicht wollen; wahrscheinlich das letztere. 
Er tut mir wahnsinnig leid, denn er Hebt sie enorm. Aber sie wird 
erst zur Vernunft kommen, wenn es zu spät ist. Geredet hat sie kein 
Wort, ich glaube, auch nicht zur Mama, Nur nachmittags spielte sie 
iauler traurige Musik und daran merkt man sofort, wie viel es ge- ' 
schlagen hat. 

2. Jänner: Gestern hatte ich keine Zeit zum Schreiben, weil wir 
Besuch hatten, allerdings ziemlich faden, die Liste und die Trobisch; 
die Julie Tr. ist ein ödes Wesen, ich glaube, die weiß die einfaciisten 
Dinge in dieser Hinsicht nicht und die Annie ist überhaupt etwas 
blem-blem, höchstens die Lotte ist passabel. Aber da wir Gesellsdiafts- 
spiele mit Gewinsten spielten, so unterhielten wir uns sehr gut und 
der Fritz und der Rudi sind ganz nett. Am Abend war die Mama so 
ermüdet, daß der Papa sagte, die Einladerei müsse aufhören; na, aus 
dieser Einladerei mache ich mir wirklich nichts, besonders wenn die 
Dora immer von der Lektüre zu sprechen anfängt. Von den Büchern, 
das heißt nämlich von den fadesten Büchern wird immer geredet, wenn 
man nichts anderes reden kann. Heute hat der Unterricht wieder be- 
gonnen, Gott sei Dank mit einer DeutscKstunde. Auf einen guten 
Anfang halte ich wirklidi etwas, obwohl ich sonst absolut nicht aber- 
gläubisch bin. Übrigens haben wir in der Frühe zwei Rauch fangkehrer 
begegnet, die, ohne daß wir es eigens einrichteten,, links an uns vor- 
beigingen. Das soll Glück bedeuten. 

5. Jänner: Hochwichtig, bei der Hella seit gestern abends ... 1 
Sie war gestern nicht in der Schule, da ihr schon vorgestern furchtb^ 



■ 



118 



; 



schlecht war und ihre Mama schon glaubte, sie bekomme noch einmal 
Blinddarmentzündung. Statt dessen!!! Sie sieht so leidend und 
interessant aus, ich war den ganzen Nachmittag und Abend bei ihr; 
und zuerst wollte sie mir nicht recht sagen, wie und was. Aber wie ich 
sagtCj ich gehe weg, wenn sie es mir nicht sagt, sagte sie: „Ja, aber 
du darfst dazu nicht so blöde Gesichter machen und darfst mich über- 
haupt nicht anschauen". „Also gut", sag ich, „ich sdiau nicht, aber 
sag mir alles ganz genau." Da sagte sie mir alles, daß ihr wahnsinnig 
schlecht war, als ob sie entzweigeschnitten würde, viel ärger als nach 
der Blinddarmoperation, und dabei hatte sie ein wahnsinniges Fieber 

und fror doch dabei, den ganzen Freitag und gestern tableaull 

Und dann sagte ihr ihre Mama das Wichtigste, was sie ohnehin schon 
wußte. Und früher am Freitag hatte schon ihr Doktor gesagt: Warten 
wir ab, es kann auch andere!! Ursachen haben. Und dann flüsterte er 
zu ihrer Mama, aber die Hella verstand doch das Wort aufklären. 
Da wußte sie gleich, wieviel es geschlagen hatte. Vor ihrer Mama tat 
sie ganz unschuldig, als ob sie gar nichts wüßte und ihre Mama küßte 
sie und sagte, jetzt sei sie kein Kind mehr, jetzt gehöre sie zu den 
Erwachsenen. Lächerlich, also ich bin noch ein Kind! Also schließlicli 
am 30. Juli werd ich auch 14 und wenigstens 1 Monat vorher wird es 
auch bei mir sein, also höchstens 6 Monate bin ich noch ein Kind. 
Die Hella und ich haben furchtbar gelacht, aber ein bissei was bildet 
sie sich doch ein; sie gibt es zwar nicht zu, aber ich habe es recht 
gut gemerkt. Wirklich gar nichts hat sich bloß die Ada eingebildet. 
Weo-en der Schule ist es der Hella schrecklich unangenehm und vor 
ihrem Papa. Aber ihre Mama hat ihr versprochen, sie sagt ihm nidits. 
. Wenn es wahr ist 1 1 1 

7. Jänner: Die Hella war heute trotzdem in der Schule. Ich 
habe sie fortwährend angesehen, und in der Pause hat sie gesagt: „Ich 
hab dir schon einmal das blöde Fixieren verboten, und ich verbiete es 
dir heute zum zweitenmale. Mit solchen Dingen macht man Iceinen 
Spaß." Also da hört sich doch alles auf. Anschauen darf man einen 
nicht deswegen; gut, in der dritten Stunde setzte ich mich etwas ver- 
kehrt; da fängt sie auf einmal meinen Fuß mit dem ihren, daß ich bei- 
nahe laut auflachen muß und sagt: „Schau nur her, denn das ist noch 
blöder." Natürlich ermahnt uns die Dunker sofort, das heißt, sie ruft 
die Hella zum Weiterlesen, aber die Hella sagt gleich, es ist ihr sehr 
unwohl, sie hat zu mir gesagt, sie müsse um 12 Uhr weggehen. Alle 
Mädchen schauen einander an, well dodi jede weiß, was unwohl be- 
deutet, und die Frau Dr. Dunker will die Hella gleich entlassen, aber 

119 



sie sagt auf Französisch — das hat die Dunker riesig gern — sie 
bleibt schon bis zum Ende der Stunde. Einfach göttHch ! 

12. Janner: Heute waren wir in der Nachmittagsvorstellung im 
Deutschen Volkstheater im Vierten Gebot. Es war herrlich, der Ab- 
schied von der Großmutter, da haben fast alle Leute geweint. Ich habe 
es verbissen, weil die Dora zu .zweit neben mir saß, und die Hella 
ebenfalls wahrscheinlich aus demselben Grunde. Übrigens war sie ganz 
weg, weil in der großen Pause plötzlich der Lajos ersclieint, der im 
Parterre unten war, und die Hella und ihre Mama begrüßen kam. Er 
wollte nach der Vorstellung ohnehin zu ihnen kommen. Der Jenö hat 
Mumps, das ist eine schrecklich unangenehme Krankheit, und ich würde 
das me eingestehen, wenn ich ihn bekäme. Die ärgsten Krankheiten 
smd die, wo man geschwollen ist. Nächstnächsten Sonntag sind der 
Lajos und der Jenö und ich natürlicli bei Br. eingeladen. Ich freue 
mich riesig. 

18. Jänner: Jetzt habe ich eine Woche nicht geschrieben, wir 
haben wahnsinnig viel zu lernen, besonders in Französisch, wo wir sehr 
zurück sein sollen, so behauptet wenigstens die Dunker!! Sie kann die 
IWadame Amau nicht leiden, das sieht man deutlich. Also mir war die 
Mad. Amau entschieden lieber, schon weil sie keine Wimmerln hat 
Und in Geschichte beim Prof. Jordan ist es furchtbar schwer, weil man 
immer die Gründe selber finden muß; man muß verstandesmäßig' 
lernen, aber das ist bei der Geschichte sehr schwer. Niemand bekommt 
vorzüglich, höchstens die Verb eno witsch, aber die lernt auch aus einem 
Buch, aber nicht aus unserem, sondern dem, nach dem der Herr Prof. J. 
vorträgt. Und weil sie vorlernt, weiß sie natürlich immer schon alle 
^Gründe der Kriege und die Folgen. Folgen haben, heißt übrigens 
etwas ganz anderes, und deshalb dürfen die Hella und ich ein- 1 

ander gar nicht anschauen, wenn er beim Prüfen fragt: Welche Folgea ' 

hat dieses Ereignis gehabt? Neulich hat der Herr Prof. geglaubt, die 
Franke ladit ihn aus, aber sie hat nur wegen der Folgen gelacht; 
aber das konnte sie doch unmöglidi sagen, noch dazu einem Herrn ! ! !! 
20. Jänner: Wie wir, die Dora und ich, heute vom Eis weggehen 
begegnen wir die Mademoiselle und ich grüße sie gleich und frag sie 
wie es ihr (aber sehr betont) geht und auf einmal merk ich, daß die 
Dora weitergegangen ist und die Mademoiselle sagt: „Ihre Schwester 
hat es so eilig, ich will sie nicht aufhalten." Und wie ich die Dora 
einhole und frage; „Warum bist du weggerannt?", macht sie ein furchtbar 
hochmütiges Gesicht und sagt: „Dieser Verkehr paßt mir nicht." „Wieso 
denn, du hast doch die Mad. so gern gehabt und sie ist auch wirklich 
120 



wunder schon." Ja, sagt sie, das schon; aber es war eine große Takt- 
losigkeit, daß sie mir das alles — du weißt schon, was — erzählt hat. 
Aus einem solchen Verhältnis hinter dem Rücken der Eltern kann 
kein Glück erblühen. Da hatte ich eine furchtbare Wut und sagte: 
„Geh ich bitt dich, tu' nur nicht so. Vom Viktor haben auch die Eltern 
nichts wissen dürfen und du warst doch riesig glücklich." Da sagte sie 
ganz sanft: „Liebe Grete, auch du wirst Deine Ansichten ändern", und 
dann redeten wir kein Wort mehr. Aber ich ärgerte mich furchtbar über 
diese Gemeinheit; erst läßt sie sich alles erzählen, obwohl die Mademoiseile 
eigentlich gar nicht wollte, und jetzt tut sie, als wenn sie nicht wollen 
hätte. Wenn ich nm" wüßte, wo ich die Mademoiseile treffe, dann würde 
ich sie warnen. Jedenfalls schau ich, daß ich heut in 8 Tagen wieder 
um 7 Uhr durch die W ... . straße gehe, vielleicht treffe ich sie, da sie 
wahrscheinlich aus einer Privatstunde kommt. ' 

24. Jänner: Heute ist der Mama wieder sehr schlecht, trotz der 
Operation. Ich habe mir vorgenommen, daß ich weder am Sonntag zu 
Br. gehe, wo doch der Jenö kommen soll, noch am Montag auf die 
Mademoiseile warten werde. Ich habe auch der Hella nichts davon gesagt, 
weil sie wahrscheinlich sagen würde, das ist ein Unsinn, aber ich tue es 
doch lieber so; nicht weil die Dora schon zweimal so anzüglich von 
einem reinen Gewissen geredet hat, sondern weil mich nichts freut, 
wenn die Mama krank ist. 

26, Jänner: Die Mama ist ein Engel, Gestern fragte sie die Tante - 
Dora: „Ich bitt' dich, Dora, hat die Gretel schon die frischen Spitzen 
in ihrem blauen Kleiderl eingenäht, weil sie morgen bei Br. eingeladen 
ist." Da sagte ich: „Mama, ich gehe nicht" und die Mama fragte: „Ja, 
vvarura denn nicht, doch nicht am Ejide meinethalben?" Da stürzte ich 
zu ihr und sagte: „Es freut mich nichts, wenn du krank bist." Und da 
war die Mama furchtbar lieb und weinte und sagte: „Solche Augen- 
blicke lassen einen alle Schmerzen und Sorgen vergessen. Aber nein, 
nein, das darfst du nicht, du mußt gehen, übrigens ist mir heute 
schon wieder bedeutend besser und morgen ist wieder alles gut," Und 
da antwortete ich: „Ja, ich gehe, aber nur, wenn dir wirklich gut ' 
ist. Du mußt es mir aufrichtig sagen." Aber wegen der Mademoiseile 
gehe ich auf keinen Fall am Montag, 

28. Jänner: Heute war Mathematikschularbeit und deswegen konnte 
idi gestern nicht schreiben. Wir haben uns himmlisch unterhalten am 
Sonntag. Wir haben so gelacht, daß uns alles weh tat und die Hella 
wäre bald erstidct vor lauter Lachen. Der Lajos ist aber auch zum 
Winden; wie er die Frau vom Major Zoltan in der Akademie nachmadit 

121 



I ^TT »F ^ I _ __ s^m^m 



und den Hauptmann Riffl, das ist köstlich. Ich kann gar nicht schreiben, 
so zittert mir die Feder in der Hand vor Lachen, Und dann sagte mir 
der Jenö, während die Hella und der Lajos miteinander Lieder sangen, 
daß jeder Bursch in der Neustadt eine Geliebte hat, aber wirklich 
eine Geliebte. Meistens in Wien und einige auch in Wr .-Neustadt, 
aber das ist gefährlich wegen des Erwis(iitwerdens. Alle Offiziere wissen 
es, aber ertappen darf sich keiner lassen. Da erzählte ich ihm das vom 
Oswald, und da sagte er: „Da war der Oswald ein großer Esel, pardon, 
daß es dein Bruder ist, aber das hat er sehr blöd angestellt. Er ist 
eben immer Zivil gewesen, beim Militär ist das ganz anders." Aber da 
habe ich mich geärgert und habe gesagt: „Ich bitte dich Jenö, du bist 
doch auch noch kein Offizier, also kannst du es nicht wissen." Und 
deshalb sagte er dann zur Hella: „Du Ilona, du mu£t deine Freundin 
besser in Korda halten, sie neigt zur Insubordination." Sie soll jede 
Insubordination von mir aufschreiben und dann werde ich von ihm 
exemplarisch gestraft. Ja, aber da gehören zwei dazu! 

30. Jänner: Ich möchte so gern wissen, ob die Mademoiselle am 
Montag v/ieder um 7 Uhr durch die W . . . . gasse gegangen ist, weil 
sie neulich ausdrückhch sagte: A Revoir, ma cherie! Sie ist so schön 
und so blaß; wahrscheinlich kränkt sie sicli doch auch, und fürchten wird 
sie sich gewiß auch wegen — — — Das wäre entset:^licii. Ob sie von 
den gewissen Mitteln nichts weiß, aber sagen kann man ihr das 

absolut nidit. 

2. Februar: Jetzt ist mir ein wunderbarer Einfall gekommen und 

die Hella findet ihn einfach pyramidal. Wir schreiben der Mademoiselle 

anonym betreffs dieser Mittel und damit niemand meine Schrift erkennt, 

so sclireibt die Hella. Es muß nämlich so etwas sein mit der Mademoiselle, 

weil ich neulich gerade dazu kam, wie die Mama zur Tante Dora sagte: 

„Wenn man das gewußt hätte, hätten wir sie doch nicht für die Kinder 

eno-agiert; ihre Eltern können eine Freude haben." Und die Tante sagte: 

„Ja. das sind dann die Leute, die ihre Schande ins Wasser tragen." 

Also ist es klar, daß es so ist, denn die Schande, das bedeutet 

ein uneheliches Kind. Und das Ärgste ist, daß die Eltern dann 

wissen, daß die Betreffende das getan hat. Wir müssen ihr helfen, 

Gott die Arme. Also darum ist die Dora auf einmal so entrüstet. 

Aber woher sie es weiß? anmerken tut man der Mademoiselle gar 

nidits; ich hätte es bestimmt erkannt, die Hella sagt oft, ich habe 

ein Auge dafür. Und das ist wahr, bei dem Stubenmädchen vom Prof. 

Höfer habe ich es zu allererst gemerkt, nicht einmal der Papa hat es 

gekannt. 

122 



^ 



4. Februar: Also wir haben ihr geschrieben, d. h. die Hella, daß 
es solche Mittel gibt, und daß alles Genauere im Lexikon steht; 
damit aber niemand versteht, was, falls am Ende ihre tyrannische 
Mutter den Brief aufmacht, so haben wir keinen Band und keine Seite, 

sondern nur Buchstabe F M geschrieben. Und unterschrieben 

„Jemand, der Sie versteht." Leider können wir nie erfahren, ob sie den 
Brief bekommen hat, aber die Hauptsache ist, d a ß sie ihn bekommen hat. 

7. Februar: Also, was man wegen Briefen für eine Angst aussteht! 
Heute sagt die Schuldienerin in der Pause: „Bitt schön, Sie sind doch 
das Frl. Lainer aus der III.? Ein Brief ist für Ihnen da." Ich werde ganz 
rot, weil ich glaube, dodi von der Mademoiselle, und die Frau Berger 
glaubt aber, es ist von einem Bursdien und sagt: „EigentUch soll ich 
ihn der Frau Direktorin geben; ich darf keine Briefe an die Schülerinnen 
ausfolgen, aber bei Ihnen will ich eine Ausnahme machen. Aber, bitt 
schön, ein zweitesmal müßte ich ihn in die Kanzlei geben." Da sage idi: 
„Frau Berger, er ist bestimmt von keinem Herrn, sondern von einem 
Fräulein," und wie sie ihn mir gibt, sehe ich gleich, daß er wirklich von 
keinem Herrn ist, sondern nur von der Ada! Das ist doch zu blöd! 
Zu Neujahr machte sie mir Vorwürfe, daß ich mein Versprechen treulos 
gebrochen, und jetzt bittet sie mich, ich soll mich im Raimundtheater 
oder eventuell im Deutschen Volkstheater erkundigen, ob der Herr G . , . 
dort ist; sie kann ohne ihn nicht leben in St. P. Dabei hat sie In den 
Ferien doch gesagt, sie liebt ihn nicht, er ist ihr bloß Mittel zum 
Zweck. Das weiß ich positiv, daß sie das gesagt hat. Ich gehe absolujtj^ 
nicht in die Theaterkanzlei mich erkundigen und die Hella sagt auch, 
ein solches Ansinnen ist eine Frecliheit! Ich soll ihr einen ordent- 
lichen Brief schreiben, in was für eine Verlegenheit sie mich in der 
Schule hätte bringen können. Die Ada hat wirklich ein Radi zuviel, 
scheint mir, wie ihr Papa immer sagt. 

10. Februar: Das ist doch unerhört! heute werde ich in die Kanzlei 
gerufen, die Schuldienerin hat sich beschwert, daß ich unten beim Eingang 
schon zweimal Orangenschalen weggeworfen habe. Gestern war es wahr, 
da ist mir nämlich eine hinuntergefallen, aber ich habe sie ohnehin mit 
dem Fuß in die Ecke geschleudert, aber von zweimal weiß icli nichts. 
. Aber ich weiß schon, woher der Wind weht. Die Frau Berger hat ge- 
glaubt, ich werde ihr für den Brief etwas geben; ich mochte wissen, für 
so einen Brief, das ist doch lächerlich, dafür werde ich doch nicht 
20 Kreuzer hergeben. Aber seitdem hat sie eine furchtbare Wut, das 
habe ich sciion Mittwoch beim Füßeabputzen gemerkt. Ich habe also der. 
Frau Direktorin gesagt: „Es war nur einmal und da hab ich die Schalen 

123 



m 



^ 



in die Ecke geschleudert, wo niemand geht, aber zweimal war es be- 
stimmt nicht, das kann die Brückner bezeugen." Da sagte die Frau 
Direktorin: „Aus einer solchen Sache machen wir keine Staats- 
affaire, aber in Hinkunft bück dich, wenn dir etwas hinunterfällt." Die 
Frau Berger hat sich wütend geärgert und unsere ganze Klasse hat sidi 
vorgenommen, daß wir nicht gerade extra Mist machen, aber auch die 
Klasse nicht extra rein halten. Was an Papieren daliegt, bleibt eben 
liegen. Eine solche Frechheit, da hört sich schon alles auf. 

12. Februar: Heute haben wir die Zeugnisse bekommen. Ich habe 
kein einziges Befriedigend, lauter Lobenswert und Vorzüglich. Die 
Eltern haben sich riesig gefreut, und wir haben jede 2 K bekommen. 
Die Dora hat nämlich lauter Vorzüglich, nur drei Lobenswert; also sie 
lernt auch wahnsinnig und sie geht auch wieder in Latein bei der Frau 
Dr. M. Wenn sie nächstes Jahr wieder die Unterstufe hat, gehe ich 
auch, weil wir sie dadurch 3 Stunden mehr haben in der Woche. 
Richtig, die Franke hat tatsächHch Lobenswert in Math, und Physik, 
obwohl sie sehr wenig kann. Mir scheint überhaupt, daß das Nüßchen 
riesig gute Noten gegeben hat, denn die Hella hat doch 2mal Nidit 
genügend in Math.-Schularbeit gehabt und hat doch Lobenswert be- 
kommen. Bei der Frau Dr. M. muß man sich sclion wirklich die Noten 
verdienen und voriges Jahr bei der Fr. Dr. St. ebenfalls. Am ärgsten 
ist es beim Herrn Prof. Jordan. Es hat wirklich niemand Vorzüglich 
bekommen außer der Verbeno witsch, der falschen Katze. Morgen ist 
bei Br. große Geburtstagsfeier wegen dem 14. Geburtstag der Hella. 
Der Lajos und der Jcnö kommen und die beiden Ehrenfeld, weil die 
Hella sie sehr gern hat; besonders die Trude, die ältere, d. h. um 
2 Tage älter als die Kitty, denn sie sind Zwillinge 1 1 Das ist gräßlich I ! ! 
Sie sind erst seit heuer bei uns im Lyz. und die Hella trifft sie täglich 
am Eis, ich nicht, weil wir heuer keine Saisonkarten haben, sondern 
von Fall zu Fall zahlen, wegen der Krankheit der Mama. Ich gebe der 
Hella eine elektr. Taschenlampe mit Riesenreflektor, daß wirklich das 
ganze Zimmer licht ist und eine Bernsteinkette für den Hals. 

14. Februar: Gut, daß wir heute und morgen noch Semesterferien 
haben, daß ich Zeit habe, alles zu schreiben von gestern. Es war ein- 
fach phenommenall Ich war schon vormittags bei der Hella und habe 
ihr gratuliert und zu Mittag waren ich und der Lajos und der Jenö 
eingeladen und nachmittags kamen die zwei Ehrenfeld und braditen 
eine Bonboniere und drei Kusinen von der Hella und noch 2 Kusins, 
von denen der eine gräßlich blÖd ist und kein Wort redet und mehrere 
Tanten und andere Damen, weil auch gleich bei den Großen Gesell- 

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b 



p 



Schaft war. Aber wir haben uns ?ar nicht gekümmert um sie, das Speise- 
zimmer, das Zimmer der Lizzi und das Kabinett der Hella waren für uns 
hergerichtet. Es waren soviel Blumen für die Hella gekommen, daß man 
beinahe Kopfweh bekam von dem Duft. Zu Mittag brachte der Lajos einen 
Toast auf die Hella aus und bei der Jause noch einen zweiten. Die 
Hella war großartig und sie sagte dann abends zu mir: „Tatsächlich, 
man ist mit 14 Jahren ein anderes Wesen!" der Lajos hatte nämlich 
in seinem Toast gesagt, alle 7 Jahre wechselt der Mensch sein ganzes 
Wesen und die Hella findet, daß das vollkommen richtig ist. Also Gott 
sei Dank, in 6V2 Monaten wechsle ich auch mein ganzes Wesen. 
Sie hatte wirklich förmlich etwas Fremdes und wie alle blasen mußten, 
daß die Lichter auf der Torte bis auf das Lebenslicht in der Mitte aus- 
löschten, zum Zeichen, daß die anderen Jahre schon vergangen smd 
da ist sie wirklich ganz blaß geworden, weil sie fürchtete, daß jemand 
aus Spaß oder aus Ungeschicklichkeit ihr Lebenslicht auslascht. Aber 
Gott sei Dank, es ist nicht passiert. Ich habe eigentlich solche Sachen 
nicht sehr gern, weil idi mich auch immer fürchte, es könnte etwas 
passieren. Ich weiß ja auch, daß es nur ein Aberglauben ist, aber 
greulich unangenehm wäre es doch gewesen, wenn iemand das Lebens- 
licht ausgeblasen hätte. Der Lajos hat der Hella öffentlich ! eme 
große viereckige Bonboniere gegeben und heimlich ! ! emen silbernen 
Ring mit einem Herzanhängsel. Den soll sie immer tragen, bis er durch 
einen goldenen — nämlich den Ehe— ring ersetzt wird. Aber das 
kann sie nicht wegen ihrer Eltern und so bat sie mich, daß sie sagen 
könnte, sie hat ihn von mir, aber das geht wieder wegen meiner Eltern 
nicht. Diese Sachen sind so unangenehm und drum will kein Bursch 
zuhaus bleiben, weil immer um alles gefragt wird, was man hat und 
tut und trägt. Nacii .der Jause sangen wir: „War ich geblieben doch 
auf meiner stillen Heiden" und andere traurige Lieder, weil die die 
schönsten sind, und am Abend tanzten wir und der Papa der Hella 
spielte dazu; und dann tanzte die große Kusine, die Elwira und der 
Lajos Czardas, das war wunderbar. Überhaupt eine solche Geburtstags- 
feier wie gestern habe itJi noch nie erlebt. Das ist auch nur im Winter 
möglich; bei mir, am 30. JuH, kann das nie sein, weil gerade die 
Personen, die man liebt I! nicht an demselben Ort sind. Es sollte 
eigentlich niemand in den Ferienmonaten Geburtstag haben, sondern 
höchstens von Ende September bis Juni. Wenn ich nur auch schon 
14 Jahre wäre, ich kann es gar nicht erwarten. Die Mama der Hella 
sagte auch zu ihr beim Gratulieren, sie ist jetzt kein Kind mehr, sondern 
eine Erwachsene; wenn ich es nur auch "schon wäre!!! 

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I 



^ 



16. Februar: Wir haben eine neue Schüierin bekommen. Alle 
MädcJien und Lehrkräfte sind entzückt von ihr. Sie ist so klein wie 
zehn Jahre, aber reizend schön. Braune Locken (die Hella sagt Fuchs- 
rot, aber das Ist nicht wahr) bis zu den Schultern, große braune Augen 
und einen süßen Mund und einen Teint wie Milch und Blut. Sie ist 
die Tochter eines Bankdirektors in Hamburg; er hat sich erschossen, 
warum, das wissen wir nicht. Sie ist natürlich in Trauer und das steht 
ihr großartig. Sie spricht ganz Norddeutsch. Die Frau Dr. Fuchs ist 
ganz vernarrt in sie und die Frau Direktorin ist auch riesig lieb zu ihr. 
19. Februar: Heute sind wir mit der Anneliese nachhause ge- 
gangen, die Hella und ich. Sie heißt Anneliese von Zerkwitz. Ihre Mama 
kränkt sich so über den Tod ihres Papas, daß sie wahrscheinlich in ein 
Sanatorium kommen muß; deshalb sind sie nach Wien zu ihrem Onkel 
gekommen. Der ist ein Professor und "sie wohnen auf der Wiedner 
Hauptstraße. Die Dora findet sie auch reizend, die ganze Schule ist 
verhebt in sie. Sie wird auch mit uns in die Turnschule gehen; ich 
freue mich riesig. Sie wird zwar nicht neben mir und der Hella stehen, 
weil sie so klein ist; aber wir können sie doch immer anschauen, ihr 
alles zeigen und ihr bei den Geraten helfen. Die Hella ist ein bißchen 
eifersüchtig und sagte: „Die Anneliese hat mich, wie mir scheint, ganz 
ausgestochen bei dir". Ich sagte ihr, das sei bestimmt nicht wahr, aber 
ob die Anneliese nicht zum Verlieben sei? „Ja", sagte die Hella, „aber 
seine alten Freunde darf man deswegen nicht vernachläßigen". „Das 
tue ich auch gar nicht; aber die Anneliese braucht doch jemanden, der 
ihr alles sagt und zeigt." Und die Frau Direktorin und die Frau 
Dr. M. haben sie gerade vor mich gesetzt und zu uns gesagt: „Nehmt 
Eudi ihrer ein wenig an*'. 

20. Februar: Wie schade, daß ich die Anneliese nicht einladen 
kann, da die Mama schon seit acht Tagen im Bett liegen muß. Aber 
am Sonntag ist sie bei der Hella eingeladen und da ich natürlich auch 
hinkomme, freue ich mich riesig. Aber lieber wäre es mir natürlich bei 
uns zuhause; wegen der Mama geht es leider jetzt nicht, Die Dora 
glaubt, die Mama müsse noch einmal operiert werden, das glaube ich 
nicht, denn eine solche Operation kann man nur einmal machen. Ich 
weiß nur nicht, wenn damals die Operation gut war, was jetzt der Mama 
wieder fehlt. Die Dora fürchtet, daß die Mama den Krebs hat, das wäre 
schrecklich; ich glaube aber, daß dies nicht der Fall ist, denn am 
Krebs muß man sterben. 

23. Februar: Bei Brückner war es himmlisch! Die Anneliese kam 
erst um vier Uhr, weil sie erst um 3 Uhr mittagessen. Sie hatte ein 
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0^ 



v/eißes gesticktes Kleidchen mit schwarzen Seidenmaschen an. Die Mama 

der Hella küßte sie auf die Wangen mid hatte Tränen in den Augen, 

Ihre Mama ist nämlich tatsachhch im Sanatorium, weil sie nervenkrank 

ist. Jetzt ist die Anneliese bei ihrem Onkel und ihrer Tante. Aber sie -mSM 

■weint oft um ihren Papa und um ihre Mama. Bei den Gesellschafts- '^ 

spielen war sie aber ganz lustig, sie gewann gerade die schönsten 

Sachen, eine Taschentoilette, eine gefüllte Bonboniere, einen Jux- 

Eiephanten, einen Neger mit einer Vase und noch anderes. Ich gewann 

einen Stehtintenwischer, eine Doppelvase, einen Goldkrayon, sehr viele 

Bonbons und ein Notizbuch. Die Hella gewann auch eine Menge und 

ihre zwei Kusinen und die Jenny ebenfalls. Dann wurde musiziert und 

die Anneliese sang die Wacht am Rhein und viele Volkslieder; sie hat 

eine so süße Stimme, wie sie selber ist. Sie wurde schon um 7 Uhr 

abgeholt, ich ging um 8 Uhr fort. . 

1. März: Morgen sind die Hella und ich bei der Anneliese 
eingeladen. Ich freue mich so. Ich werde die Mama betteln, daß ich 
meine neue Theaterbluse anziehen darf und das grüne Frühjahrskostüm. 
Wir haben ja 10^ Wärme gehabt. 

3. März: Gestern waren wir bei der Anneliese. Sie wohnt mit 
ihrer Kusine zusammen; die ist erst U Jahre und geht nur in die 
Bürgerschule, aber sie ist ganz nett. Ich habe geglaubt, daß es beim 
Herrn Professor Arndt furchtbar elegant sein wird, doch ist dies nicht 
der Fall. Sie haben nur drei Zimmer und sind nicht besonders sdiön 
eingerichtet. Er Ist schon in Pension und die Emmy ist ihre Enkelin, 
■weil ihr Papa in Galizien ist, ich glaube Hauptmann oder Major. Es 
war nicht so unterhaltend wie bei der Hella. Gespielt wurde ohne 
Gewinnste und das ist fad ; es liegt einem ja nichts an den Gewinnsten 
selber, aber wozu spielt man, wenn man nichts gewinnt? Dann wurde 
vorgelesen aus einem Geschichtenbuch. Aber was die Hella und ich 
empörend fanden, ist, daß der Onkel der Anneliese zu uns beiden 
„Du" sagt. Die Hella ist doch schon vierzehn und ich werde es in ein 
paar Monaten. Aber die Hella hatte ganz recht; im Gespräche sagte 
sie: „Bei uns im Lyzeum sagen nur die Damen Du zu uns, die 
Professoren müssen Sie sagen." Leider ist er bald fortgegangen, so 
(jaß wir nicht wissen, ob er's kapiert hat. Die Hella sagte auch, daß 
es nicht besonders unterhaltend war. 

9. März: Gotteswiilen, die Mama hat wirklich Krebs; der Papa 
will es natürlich nicht sagen, aber sie muß sich unbedingt nocfi einmal 
operieren lassen. Die Dora ist ganz verweint und mir zittern die Knie. 
Am Freitag kommt die Mama ins Sanatorium. Am Donnerstag kommt 



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k. 



I 



wieder die Tante Dora und bleibt bei uns. bis die Mama gesund ist. 
Gott, ich fürchte so die Operation und fast noch mehr das Wegfahren 
der Mama. Das ist schrecklich; aber es haben ja so viele Leute Krebs 
und sterben doch nicht. 

22. März: Morgen Icommt die Mama wieder nachhause. O ich bin 
so froh! Im Sanatorium ist alles so still und man getraut sich kaum 
zu reden auf den Gängen. Die Mama hat gesagt: „Länger bleibe ich 
nicht mehr herinnen, ich will zu meinen Kindern." Wir waren täglich 
bei der Mama im Sanatorium und brachten ihr Veilchen und andere 
Blumen, weil sie die ersten Tage nach der Operation nichts essen 
durfte. Aber jetzt, zuhause ist es doch ganz anders. Ich wäre morgen 
gern von der Schule zuhaus geblieben, aber die Mama sagte: „Nein, 
Kinder, geht in die Schule, tut es mir zuliebe.« NatürHch gehen wir, 
aber aufpassen kann ich unmöglich beim Unterricht. 

24. März: Jetzt schläft die Mama. Sie sieht sehr schlecht aus 
und hat noch immer Schmerzen. Die Ärzte müssen es doch nicht recht 
verstehen; denn wenn sie sie ordentlich operiert hätten, könnte sie 
doch nicht jetzt nach der zweiten Operation Schmerzen haben. Ich 
möchte wissen, was die Mama mit der Dora geredet hat, weil beide 
geweint haben. Obwohl die Dora und ich jetzt ganz gut mit einander 
sind, wollte sie es mir nicht sagen, sondern sagte, sie habe es Mama 
versprochen, nichts darüber zu reden. Daß die Mama der Dora ein 
Geheimnis anvertraut, glaube ich zwar nicht, aber vielleicht war es 
etwas wegen dem Heiraten. Weil die Dora nur sagte: „Übrigens hätte 
die Mama mir das gar nicht zu sagen gebraucht, da ich ohnehin fest dazu 
entschloßen bin." Solche Andeutungen hasse ich, da ist es besser, 
gar nichts zu sagen. Wenn die Mama wieder aufstehen darf, fährt 
sie zur Erholung nach Abbazia und wahrscheinlich fahrt die Dora 
mit ihr. 

26. März: Nächste Woche soll die Mama mit der Dora nach 
Abbazia fahren. Die Dora glaubt, ich beneide sie wegen der Reise 
und sagte: „Ich würde gern verzichten auf die Reise und das Meer, 
wenn lieber die Mama gesund wäre. Und heuer, wo ich Matura habe 
verlange ich es mir schon gar nicht." Ich bin so traurig, daß ich absolut 
keine rote Masche ins Haar nehme, obwohl sie mir am besten steht. 
Ich trage jetzt meist eine schwarze, und seit gestern eine braune weil 
die Mama sagt: „Geh, Gretel, gib die schwarze Masche aus dem Haar- 
das schaut so düster aus und das paßt gar nicht zu dir." Ich konnte 
doch der Mama nicht sagen, wie mir zumute ist, und da nahm ich 
also die braune und sagte, die rote sei schon ganz verknittert. 

128 



b 



12. April : Ich komme gar nicht zum Schreiben. Es ist so traurig; 
bei uns, denn der Mama geht es sehr schlecht. Morgen kommt der 
Oswald in die Osterferien und die Mama freut sich riesig auf ihn. 
Ich sollte mit der Hella und ihrem Papa nach Maria-Zeil, fahren, weil 
sie vielleicht heuer in Mitterbach oder Mitterberg, das Hegt bei Maria- 
Zeil, eine Sommerwohnung nehmen werden. Aber ich gehe nicht mit, 
weil ich nicht aufgelegt bin dazu, und ich glaube, es ist auch der Mama 
lieber; denn sie sagte: „Also werde ich zu Ostern alle meme drei 
Lieblinge beisammen sehen." Wie sie das sagt, mußte ich weinen und 
rannte schnell zur Tür hinaus, damit sie es nicht sehe. Aber sie muß 
es doch gesehen haben, denn nach Tisch sagte sie zu mir: „Gretel, 
wenn du gern mit Brückners fährst, so gehe nur; ich bin so froh, 
wenn ihr eine Freude habt. Im heurigen Winter habt ihr ohnehin nichts 
genossen." Und da konnte ich mich nicht zurückhalten und weinte sehr 
und sagte : „Nein, Matna, ich will absolut nicht wegfahren. Ich will nur, 
daß du wieder ganz gesund wirst." Und da weinte auch die Mama 
und sagte: „Du liebes Kind, ganz gesund werde ich wohl nie mehr, 
aber bei euch bleiben möchte ich so gern, bis ihr alle groß seid ; dann 
braucht ihr mich nicht mehr so notwendig." Dann kam die Dora herein 
un<l als sie sah, daß die Mama weinte, sagte sie, der Papa habe mich 
gerufen. Das war aber nicht wahr, sondern am Abend sagte sie mir, 
daß es für die Mama keine Hilfe gebe, aber ich soll sie nicht aufregen 
und mir nichts anmerken lassen. Und dann weinten wir beide sehr und 
versprachen einander, daß wir immer beim Papa bleiben wollen. 

16. Mai : Am 24. April, gerade am Sonntag nach Ostern ist die 
Mama gestorben. Es ist schrecklich traurig bei uns. Bei Tisch redet 
fast keines ein Wort, nur der Papa redet so lieb zu uns. Die Tante ' 
Dora bleibt vielleicht für immer bei uns. Es ist nicht einmal noch drei 
Wochen, seit die Mama begraben wurde, aber uns ist es, als ob sie 
schon drei Jahre tot wäre, einerseits; und andererseits will man immer 
schnell in ihr Zimmer gehen, um sie um etwas zu fragen oder ihr etwas 
zu erzählen. Und abends, wenn wir uns niederlegen, da reden wir immer 
so lang von ihr und dann träume ich die ganze Nacht von ihr. Wozu 
die Menschen sterben müssen? Oder wenigstens nur die ganz alten 
Leute, die schon gar niemanden mehr haben. Aber eine Mama und ein 
Papa sollte nie sterben. In der Nadit, nachdem die Mama gestorben 
war, wollte die Hella, daß ich zu ihnen käme, aber ich blieb doch 
lieber zuhause; aber spät am Abend traute idi mich nicht ins Vor- 
zimmer, da ging die Dora mit mir. Der Papa hat die Tür vom Salon, 
wo die Mama aufgebahrt war, abgesperrt, aber trotzdem war es so 

9 T«r*budi 129 



unheimlich. Sie haben mich am 24. erst aufgeweckt, als die Mama schon 
tot war; ich hätte sie so gern noch vorher gesehen. O Gott, daß man 
sterben muß 1 Wenn ich nur wenigstens nach ihr Berta hieße; aber das 
Wollte sie nicht, daß eine von uns nach ihr heiße und der Papa wollte 
^s audi nicht beim Oswald. 

19. Mai : Etwas hat mich beim Begräbnis der Mama furchtbar 

geärgert von der Dora, eigentlich nicht geärgert, sondern gekränkt, 

^ämlich daß sie mit dem Papa in und aus der Kirche gegangen ist. 

^onst gehe doch immer ich mit dem Papa und die Dora ist immer mit 

^^r Mama gegangen. Und wie die arme Mama im Sanatorium war, ist 

**'« Dora mit der Tante gegangen. Aber beim Begräbnis ist der Papa 

"^»t ihr gegangen und ich mußte mit der Tante Dora gehen. Nach ein 

paar Tagen habe ich es ihr gesagt und da sagte sie, das sei ganz 

IJ^türlich, weil sie die ältere ist. Der Oswald hätte sollen mit mir gehen, 

^s hätte sich gehört. Aber der ging allein, Und das ärgert mich auch ; 

*^ die Tante Dora im Herbst zu uns gekommen ist, haben wir, ich 

^" die Dora, uns beim Essen und beim Nachtmahl an eine Seite 

^^^nimengesetzt und die Tante saß, vis-ä-vis der IWama und wenn die 

^ttia liegen mußte, blieb ihre Seite für die Teller frei. Nach ihrem 

°^ saß der Oswald an der vierten Seite und jetzt seit vielleicht 

. agen hat sich die Dora an den Platz der Mama gesetzt. Ich begreife 

^"^t, daß der Papa das erlaubt! 

19. Mai : Heute zu Mittag hat niemand etwas gegessen. Wir hatten 

attiij^^fj Kalbsbrust und -die haben wir auch am Begräbnistage der armen 

äilia gehabt, und wie der Braten auf den Tisch kommt, schaue icli 

^^ällig die Dora an ur>d sehe, wie sie ganz rot ist und furchtbar schluckt. 

H^ tonnte ich mich nicht mehr zurückhalten und sagte: „Idi kann keine 

_*lbsbrust essen, denn am Begräbnistag — ", da konnte icli gar 

^'^t weiterreden und der Papa stand gleich auf und kam zu mir und 

2^^ Öora und die Tante Dora weinten auch furchtbar. Und nach dem 

^s^n versprach uns die Tante, daß wir nie wieder im Leben Kalbsbrust 

^ben werden. Die Tante hat dann zur Jause einen Ulmerkuchen holen 

^^s^n, weil wir zu Mittag fast nichts gegessen hatten. 

j^ 26. Mai; Heute hat die Dora schriftliche Matura, den ersten Tag. 

,^'" Papa wollte, daß sie austritt, weil sie sehr schlecht aussieht, aber 

. ^ ®agte, nein, es sei ihr eine Zerstreuung und sie mochte sclion das 

^^^iJm fertig machen. Denn nächstes Jahr will sie ins Reformlyzeum 

. ^ri und fürs Gymnasium weiterlernen. Eigentlich hätte sie sollen in 

•p- ^ Tanzschule gehen, weil sie doch schon 17 wird, aber wegen der 

^^er ist das ganz unmöglidi und überdies will sie selbst nicht; selbst- 

130 



verständlich. Die Frau Direktorin glaubte auch, die Dora wird am Ende 
austreten, weil sie so nervös ist, aber sie wollte durchaus nicht. Gott, 
die Lehrkräfte waren alle so lieb zu uns nach dem Tode der Mama, 
nämlich die Damen. Die Professoren kümmern sich nicht um unsere 
häuslichen Angelegenheiten, denn sie kommen immer nur auf 1 oder 
2 Stunden. Die Frau Dr. Steiner, die wir heuer nicht einmal haben, 
war großartig; ich sah deutlich, daß 'sie Tränen in den Augen hatte, 
und die Frau Dr. M., also mein Gott, die ist eben immer ein Engel! 
Beim Frühlingsfest am 20. Mai waren wir nicht, obwohl der Papa es 
uns freistellte. Die Hella und die Anneliese haben mir furchtbar 
zugeredet; aber ich ging nicht und werde mich wohl nie mehr unter- 
halten. Für die andern soll es sehr lustig gewesen sein, aber für die . 
Dora und mich wäre es entsetzlich gewesen. Oft denke ich mir am 
Abend, es ist gar nicht wahr, die Mama ist bloß in Franzensbad und 
kommt wieder. Und dann weine ich solange, bis ich Kopfweh habe 
oder bis die Dora sagt: „Ich bitt dich, Gretl, hör auf, das ist schrecklich." 
Aber sie weint ja selber auch oft, ich höre es ganz gut, nur sage i c h 

nie etwas. 

4. Juni: Also die Dora sieht den Tod der Mama als eine Strafe 
Gottes für den Papa an! Aber was können denn wir dafür? Sie 
sagt, o ja auch, denn wir haben manches getan, was wir hätten nicht 
tun dürfen und vor allem andern haben wb- vor der Mama HeimlicSi- 
keiten gehabt. Und das ist jetzt die Strafe Gottes. Das ist gräßhch und 
ich fürchte mich jetzt so, weil sie immer vom Auge und vom Finger 
Gottes redet, in ein finsteres Zimmer zu gehen, weil icJi immer das 
Gefühl habe, es ist jemand drin, der mich furtitbar anschaut und mich 
anfassen will. %.. 

8. Juni: Der Papa ist wütend über die Dora; idi habe nämlich 
unabsichtlich gestern abends, wie ich die Salontür aufmache und der 
Papa herauskommt, furchtbar aufgesdirien, und wie der Papa fragt, was 
ich habe, habe ich ihm das von der Strafe Gottes erzählt; nur das von 
ihm habe ich nicht gesagt, sondern nur von der Dora und mir. Und 
da war der Papa furditbar böse, zum erstenmal seit dem« Tode der 
Mama, und hat zur Dora gesagt, sie soll nicht sich und mich krank 
machen mit ihren Hirngespinsten und da hat die Dora beinahe einen 
Herzkrampf bekommen, so daß der Doktor kommen mußte. Die Tante 
schHef bei uns im Zimmer und wir mußten beide Brompulver nehmen. 
Und heute war der Papa riesig lieb zu uns und sagte: „Kinder, Ihr 
habt euch keine Vorwürfe zu machen, ihr wart immer gute brave 
Mädeln und werdet es auch hoffentlich bleiben." Ja, das will ich wohl, 

. 9' . 131 



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denn das Auge der Mama wadit über uns. Die Hella findet, daß icii 
elend aussehe und sie fragte mich heute, ob vielleicht ....?? Aber 
ich sagte ihr, ich will von solchen Sachen nichts mehr reden, das bin 
ich dem Andenken meiner Mama schuldig. Sie wollte noch etwas sagen, 
aber ich sagte; „Nein, Hella, davon rede ich absolut nicht mehr. Das 
kannst du nicht verstehen, weil du eben deine Mama noch hast." 

12. Juni: Gott, das ist gräßlich; jetzt wollte ich nie mehr an 
solche Dinge denken und jetzt kommt eine solche Affäre! jetzt sitz ich 
unsdiuldig drin in der Patsche. Heute gleich nach 9 kommt eine aus 
der II. in die Mathematikstunde und sagt: „Die Frau Direktorin läßt 
bitten, die Lainer, die Brückner und die Franke sollen sofort in die 
Kanzlei kommen. Alle Mädchen schauen uns an, aber wir wissen nicht, 
warum. Wie wir in die Kanzlei kommen, ist die Tür von der Frau Dir. 
zu und das Fräulein N. sagt, wir sollen warten. Dann kommt die Frau 
Dir. hinaus und ruft mich hinein. Drin sitzt eine Dame, die schaut mich 
mit dem Lorgnon an. „Gehst du öfters mit der Zerkwitz?" fragt die 
Frau Direktorin. Ja, sag ich, und es ahnt mir gleich nichts Gutes. „Diese 
Dame ist die Mama der Zerkwitz, sie beschwert sich darüber, daß du 
init ihrer Tochter sehr unpassende Sachen redest; ist dies so?" „Wir, 
die Hella und ich, haben ihr nie etwas sagen wollen; aber sie hat uns 
sehr gebeten und dann glaubten wir auch, sie wisse es ohnehin schon 
und stellt sich nur so," „Was soll sie wissen und was habt ihr ge- 
sprochen?" fährt die Mama von der Anneliese los. „Bitte", sagt die 
Direktorin, „ich werde die Mädchen verhören; also die Brückner war 
auch dabei?" „Nur ganz selten", sage ich. „Ja, die Hauptschuldige ist 
die Lainer, deren Mama erst vor kurzem gestorbeh ist." 
Da habe ich die Tränen verbissen und gesagt: „Wenn die Anneliese 
nicht immer wieder angefangen hätte, hätten wir kein Wort von diesen 
Sachen geredet." Und dann habe ich überhaupt keine Antwort mehr 
gegeben. Jetzt mußte die Hella hereinkommen. Sie hat mir dann gesagt, 
wie sie mich angeschaut hat, hat sie gleich geiwußt, wieviel es geschlagen 
hat. „Was habt ihr mit der Zerkwitz geredet?" Zuerst wollte die Hella 
nichts sagen, aber dann sagte sie ganz kurz: „Vom Kinderkriegen und 
von dem Verheiratetsein!" „Gott im Himmel, solche Küken und sprechen 
von solchen Dingen", sagte die Mama von der Anneliese. „Solche 
verdorbene Geschöpfe." „Wir haben nicht geglaubt, daß die Anneliese 
Wirklich nichts weiß, sonst hätten wir nichts mit ihr geredet", sagte 
such Hella; sie war großartig. „Was den Alfred betrifft, so sind wir 
ganz unbeteiligt und wir haben ihr oft abgeraten, sich von der Schule 
abholen zu lassen; aber sie hörte nicht auf unsem guten'Rat." „Ich 
132 ■ 



I . 



spreche jetzt von euren Gesprächen, durch die ihr das arme unschuldige 
Kind verdorben habt"» sagte die Frau v. Zerkwitz. „Sie muß unbedingt 
schon etwas gewußt haben, sonst wäre sie nicht mit dem Alfred ge- 
gangen und auch nicht mit uns", sagte die Hella. „Ach, du himmlischer 
Vater das ist ja die weit Ärgerej eine solche Verdorbenheit!" Dann 
mußten wir hinausgehen. Draußen hat die Hella furchtbar geweint und 
ich auch, well wir uns fürcliten wegen zuhause. Wir konnten gar nicht 
in die Mathematikstunde gehen, weil wir ganz verweint waren. In der 
Pause ging die Hella an der Anneliese vorbei und sagte ganz laut: 
„Verräterin" und spuckte vor ihr aus. Deswegen mußte sie aus der Reihe 
treten. Ich trat auch aus der Reihe und wie die Frau Professor Kreindl 
sagte: „Du Lainer nicht, gehe nur weiter", sagte ich: „Bitte, ich habe 
auch ausgespuckt" und stellte mich neben die Hella. Alle Mädchen 
schauten uns an. Die Frau Prof. Kreindl weiß offenbar schon alles, denn 
sie sagte nichts weiter. In der Deutschstunde von 11—12 sagte die Frau 
Dr. M.: .Kinder, könnt ihr denn keinen Frieden halten? Diese ewigen. 
Anstände sind entsetzlich und dabei kommt nichts heraus als" Auf- 
regungen für euch und eure Eltern und uns". Knapp vor 12 wurde ich 
nochmals mit der Hella zur Frau Direktorin gerufen. „Mädchen", sagte 
sie „was habt ihr für abscheuHche Sachen? Was müßt ihr denn das, 
was eure Phantasie vorzeitig vergiftet, andern auch noch sagen? Und 
du Lainer, schämst du dich nicht, vor wenigen Wochen wurde deine 
Mama begraben, und jetzt hÖrt man solche Dinge von dir?" „Bitte", 
sagt die Hella; „dies war alles schon im Frühling und noch im Winter; 
denn da sind wir noch aufs Eis gegangen. Da war die Mama der Rita, 
noch ziemlich gesund. Und die Zerkwitz hat uns schreddidi sekkiert, 
ihr alles zu sagen. Ich habe die Rita oft gewarnt und gesagt: „Trau 
ihr nicht", aber sie war ganz vernarrt in die Zerkwitz. Bitte Frau. 
Direktorin, sagen Sie nichts davon dem Papa der Rita; denn er würde 
sich sehr kränken." 

Die Hella war einfach großartig, ich werde ihr das nie vergessen. 
Sie will mich das nicht schreiben lassen; wir schreiben nämlidi zu- 
sammen. Die Hella meint, wir müssen alles wörtlich niederschreiben, 
man kann nie wissen, wozu man es braucht. Die Hella ist eine Freundin, 
wie es keine zweite gibt, und dabei so mutig und gescheit. „Du bist 
geradeso ges(iieit", sagt sie zu mir, „aber nur bist du gleich so einge- 
schüchtert und dann bist noch von deiner Mama ihrem Tod sehr nervös. 
Wenn nur dein Papa nichts erfährt." Die dumme Gans hat aucäi die alte 
Sauce von den zwei Studenten am Eis aufgewärmt, die längst vorüber 
ist. „Nur niemanden sich anvertrauen", sagt die Hella und da hat sie 



133 



der i?" ''''^^*' ^*^ ^^^^^ ^^^ '*^' ^""«''«se niemals zugetraut. Was mit 
die p ''"''^ ^^'■' wissen ^wJr noch nicht. Wie sie heraufkam, legte sie 
^mger an die Lippen, das sollte natürlich heißen: „Nichts verraten!'* 
15. Juni: Heute war der Herr Landesschulinspektor da. Ich war 
, m der Mathematikstunde an der Tafel, da klopft es und herein 

idh ""^^ "^'^ ^^^^ Direktorin und der Herr L.-I. Im ersten Moment glaubte 
alle lu- '^^"""^ deswegen und werde totenblaß (d. h. das haben dann 
^xx&o- ""^^^ gesagt; die Hella sagt, ich habe wie eine trauernde Niobe 
kat»^^^-^^^"^" *^°** ^^' ^^"'^' ^^^ Rechnung war nicht schwer und dann 
■ i^ di ^t ^^ ^""^^^ ^"^ Rechnungen; in Math, und Französisch bin ich 
hatte^ ^^^^ '^^^ ^^^^ ^"^P- ^^^' *^^^ '"^ '^'■ä"^" '^ **en Augen 

hat V ^""^ ^^^^^ ^^"^^^ '^'"' ^^^^'^^O""' ^^ sagte die Direktorin: „Sie 
ich b]?5, '^"''=^em ihre Mama verloren". Da lobte mich der Herr Insp. und 
l^„ *odes Ding fang zu heulen an. Die Direktorin sagt: „Setz dich nur, 
S'e ^^^^ streicht mir über die Haare. Sie ist so lieb und ich hoffe, daß 
daß j "^'^ ^^^^ D""- ^' in der Konferenz für mich reden werden. Und 
^ich^ \^^ ^^P^ "'^^*^ erfährt; denn er würde mir natürlich auch schreck- 
Mgw ^o^^würfe machen, weil dies alles so knapp [nach dem Tode der 
get:^^ ^^™- Aber eigentlich war ja alles schon viel früher. Heraus- 
Nic(^,*^^en ist es ja nur, weil die Mama der Hella zu ihrer verheirateten 
s^g^ ^' ^" ^^^ Emmy fuhr, die ihr erstes Kind bekam. Und da 
alles ^j^'*" ^^en dem „reinen Kind" (so nennen wir jetzt die Falsche) 
Vei-5* 1 ^^"^ '^* "°^^ immer der Meinung, daß sich das „reine Kind" 
baU 'that. Das ist schon möghch, denn schließlich ist sie auch schon 
viel ^'^i'zehn Jahre; und mit 14 weiß man bestimmt schon sehr 
Aiij, ,', "^as gibt es nicht, daß man da noch an den Storch glaubt, wie die 
aU(;L *^5e es angeblich I ! I getan hat. Die Hella meint, ich werde jetzt 
A\xr, ^Id „entwickelt" sein, weil ich immer so blaue Ringe unter den 
hall ^ habe. Daß die Frau v. Zerkwitz gesagt hat, „solche Fratzen", 
es ^ '^^ ganz überhört; aber die Hella sagt, die Frau Direktorin habe 
..sci(^j^*'ch ein Räuspern zurückgewiesen. Über den Ausdruck 
M^t^^ Küken" hat sich die Hella gewunden vor Lachen, weil ihre 
ge^^ ^ei solchen Sachen auch immer sagt: „Ihr Küken, das 
als ^ ^^ch noch nichts an", Gott, wann soll man denn alles erfahren, 
'■^h ^^.*^^ man bald 14 isti Wir beide, die Hella und ich, haben eigent- 
^^^^Ht/^® Sachen sehr früh erfahren und geschadet hat es uns gar 
^^ ftöj/"^ ^^™^ ^^'^ ^^'^^ ^^S* immer, wenn man solche Sachen schon 
^'^Kt weiß, bekommt man ein altes Gesicht; aber das ist natürlich 
^f^^' ^^^^ warum die Mütter nicht wollen, daß wir es wissen? 
1.^ ^Ssen sich rein penieren. 



134 ''Sen sich rem genieren. 



16. Juni: Gestern abends, wie wir schon im Bett liegen, sagt die 
Dora: „Was hast du denn eigentlich mit der Z. oder wie sie heifit, 
geredet? Die Frau Direktorin hat mich heute in die Kanzlei gerufen 
und hat mir gesagt, daß du so unpassende Sachen sprichst. Ich solle 
auf dich aufpassen an Mutters Stelle!" Na also, das könnte mir 
passen! Übrigens ist ja das alles gewesen, wie die Mama noch lebte. 
Das weiß ja nie eine Mutter, was die Kinder untereinander reden. Die 
Dora glaubt, daß ich in der Konferenz einen Tadelbrief bekomme. Das 
wäre mir schrecklich unangenehm wegen dem Papa; das gäbe wieder 
einmal einen Mortsskandal; obwohl der Papa eigentlich jetzt immer nur 
sehr lieb ist; seit der Krankheit der Mama hab ich nicht ein einziges- 
mal einen Verdruß gehabt. Das ist wahr, der Tod macht die Menschen 
mild aber warum? Eigentlich sollte man doch böse werden, weil man 
sicli ja sehr krankt. Vorige Woche ist der Grabstein aufgestellt worden 
und da waren wir alle draußen. Ich möchte sehr gern einmal allein am 
Friedhof gehen, weil man sich doch vor den andern sehr geniert zu 

weinen. _ 

18. Juni: Das „reine Kind" kommt nicht mehr ins Turnen, 
wenigstens war sie seit damals nicht mehr da. Wir glauben, sie traut 
sich nicht, obwohl wir ohnehin nicJits sagen würden. Wir strafen sie 
mit stummer Verachtung, das ist am fühlbarsten. Und am Tennis- 
. platz kommt sie, Gott sei Dank, nicht. Ein falscher Mensch, das ist 
das Ärgste, denn da weiß man nie, wie man dran ist. Wenn eine recht 
aufschneidet, so kann ich ihr wenigstens sagen: Geh, bitt dich, lüg nicht 
ED dick aufgetragen; ich bin ja audi nicht auf den Kopf gefallen. Aber 
gegen die Falschheit gibt es kein Mittel. Drum kann ich auch die 
Katzen nicht leiden. Wir nennen das „reine Kind" auch „rote Katze". 
Ich glaube, sie weiß es. Übermorgen ist der Lyzeumsausflug nach Carnun- 
tum. Ich freue mich riesig. Um halb 8 müssen wir an der Schiffs- 
station sein. 

21, Juni: Der Ausflug war riesig nett. Die Hella sollte mich ab- 
holen. Sie verspätete sich aber sehr und so nahm ihre Mama ein Auto 
und glücklicherweise hatte ich gewartet. Ich fahre für mein Leben gern 
im Auto. Die Dora wollte nicht warten und fuhr schon um Vi^ mit 
der Elektrischen. Um ^/^B Uhr kam die Hella mit dem Auto und 
gerade, ehe das Schiff die Anker lichtete (mir scheint, das kann man 
nur von einem Segelschiff auf dem Meere sagen, aber das schadet 
nichts, ich bin ja nicht die Marina, di€ alles von der Marine weiß) 
also gerade zurecht kamen wir an. Es haben uns doch alle sehr an- 
geschaut, wie wir mit dem Auto angerast kamen. Beim Aussteigen fiel 

135 



^^ hin, das war dumm; aber ich glaube, es haben es nicht alle be- 
^ei-kt. Die Tante Dora hatte gesagt, für den einen Tag sollen wir die 
^^auer ablegen und der Papa sagte es auch und so zogen wir die 
^ 'Ben gestickten Kleider an und die Tante Dora war so gut und 
^ achte uns schwarze Schärpen als Gürtel; das sieht riesig elegant aus 
da r" Amerika soll man so Trauer tragen. Ich schwärme für Amerika, 
MäH "*^ ^^^ Freiheit. Dort gehen Knaben (d. h. junge Burschen) und 

Au fi ^"sa»»™^" «n die Schule! 1 Ja, also Heber vom 

^.^SHüg. Beim Fahren saßen wir im Schiffe neben der Frau Dr. M.; 

sa^'^^'" '^°^°^^'^' "^**' '^""^^^ *^^^ He"^. linl^s ich, so nahe, daß sie 
haH^' »^'"^^''» '^^^ zerquetscht mich oder mindestens mein Kleid!" Sie 
schif ^^"^^^"^^ ^"^^ ^'" "^^'^^s ^^^^^ a" "nd um den Hals eine Korallen- 
bur ^'■* ^'^ '^'' ^'"f**^^ großartig steht. Wie wir schon bald in Hain- 
MäH ?^^'"^"' '^* ^^^ *^e]Ia der Hut in die Donau gefallen und alle 
stÜr>! ^^^"^" ^"^' ^^'' ^'^ meinten, ein Kind sei ins Wasser ge- 

Schi ^^^^ ^^ ^^^ *^°*^ ^^' ^^^^ ""'' ^^"^ ^"*' ^''' singen auf den 
p^^oßberg und hatten eine schöne Aussicht, d. h. ich habe nur die 

^ar^ ^^' ^" angeschaut, weil sie so schön war; der Professor Wilke 

sie ^uch mit und ist mit ihr gegangen. Alle Mädchen sagen, er wird 

^as^^^^'^'^^'"'''^^ heiraten, vielleicht schon in den Ferien. Gott, wenn 

(Jq . '^ahr wäre, das wäre entsetzlich. Die Hella meint zwar, das sei 

höcL S^"^ ausgeschlossen wegen des deutschen Professors; sie müßte 

ej- ^.^*^^"s doch lieber den Professor W. heiraten als den andern, weil 

dfg ^^ Jude sein soll. „Nun ja, aber all das Übrige, das drum und 

f-^^ hängt, ist doch bei jedem gleich," sagte ich. „Das ist eben die 

'^^s ^*Sache, du Eserl", sagt die Hella. Und die Frau Dr. M. sagt: „So, 

s^^j* ^ßt du dir gefallen von deiner Intima? Was ist denn die. Haupt- 

tn^^l^^" ich will gerade sagen: „Das können wir nicht sagen," da 

^^ s die Hella und sagt: „Eben weil ich ihre Intima bin, darf ich 

t>^ Sen; von einer andern würde sie es sich nicht gefallen lassen." 

ließ gingen wir essen. Leider saßen wir nicht neben „Ihr". Wir 

K^jj ^ uns Schnitzel und viermal Schokoladetorte geben und der Herr 

^hj. J^^nsprof. ging gerade vorbei und sagte: „Wie lange habt denn 

u*^ t?^** schon ausgehungert?" Vor dem Essen gingen wir ins Museum, 

*^1^ ^«de besichtigen. Die Frau Direktorin und das Fräulein V. er- 

^'n^^^ alles. Wir haben unser Wissen sehr bereichert. Nachmittags 

I^^ ^^. ^''' "^*^^ Deutsch-Altenburg. Bei der Jause war es riesig lustig. 

^W^^ ^^Iten wir Gesellschaftsspiele und alle Lehrkräfte mit, die fünfte 

^if. ^ hat eia lustiges Theaterstück von einer Schülerin einstudiert. 

13^ igelten uns vor Lachen. Da kam auf einmal ein ganzer Trupp 




Offiziere vom Flugkorps, furchtbar fesch und einer setzte sich zum 
Klavier und spielte Tanzmusik. Und einer kam zur Frau Direktorin und 
bat, daß sie erlaube, daß die „Fräulein" tanzen dürfen. Die Direktorin 
wollte erst nicht, aber alle von der fünften und sechsten Klasse baten 
riesig und der Herr Rel.-Prof. sagte: „Aber, Frau Direktorin, lassen 
Sie ihnen die unschuldige Freude", und da durften sie richtig tanzen. 
Wir andern tanzten entweder miteinander oder wir sahen zu. Und auf 
einmal standen wir, die Hella und ich, ganz vom und da kam ein 
herrlicher Leutnant und sagt: „Darf ich die beiden Freundinnen auf 
ein Tänzchen trennen?" „O bitte", sage ich, und schon flog- ich mit 
ihm dahin. Mit einem Leutnant tanzen, ist herrlich. Dann tanzte der- 
selbe Leutnant mit der Hella und sie sagte am Abend beim Nach- 
hausefahren, daß der Leutnant eigentlich zuerst mit ihr tanzen wollte, 
aber ich habe gleich gesagt: „O bitte" und habe die Hand auf seine 
Schulter gelegt. Das ist natürlich nicht wahr, aber deshalb streitet man 
nicht mit seiner besten Freundin. Und schließlich hat er ja doch mit 
beiden getanzt. Leider durften wir nicht lange tanzen, weil wir so er- 
hitzt waren. Ja, das hätte ich bald bald vergessen, ein Hauptmann mit 
einem schwarzen Schnurrbart begrüßte die Frau Dr. M., denn er kannte 
sie. Sie wurde feuerrot; also wird es wahrscheinlich der sein und nicht 
der Herr Prof. Wilke und nicht der jüdische Professor, den sie heiraten 
wird. Mir gefiele er auch entschieden besser. Gott, sie waren alle so 
fesch I Bevor wir weggingen, brachte ein Oberleutnant einen ganzen 
Strauß Rosen und die Offiziere gaben jeder Lehrkraft, nämlich den 
Damen, eine. Und da passierte etwas sehr Komisches. In der Sechsten 
ist ein Mädchen, die schaut schon so alt aus, als ob sie 24 Jahre wäre 
und der gab „unser" Leutnant audi eine Rose. Da sagte sie: „Danke, 
ich bin keine Lehrkraft, ich gehe in die Sechste." Und da lachten alle 
furchtbar und sie genierte sich sehr, weil der Leutnant sie für eine 
Lehrkraft angesehen hatte. Und der Herr Rel.-Prof. sagte zu ihr: 
„Tschapperl, hättest sie schon nehmen können." Aber eigentlich hai 
sie ganz recht gehabt. Ich -glaube, es waren mindestens 20 Offiziere. 
Die Hella hat dem Leutnant natürlich gesagt, daß sie eine Oberstens- 
tochter ist. Ob wir ihn je wiedersehen. ^ 

Ich schreibe jetzt schon vier Tage an dem Ausflug. Gestern sagte 
mir die Dora, daß der Herr Rel.-Prof. zur Frau Direktorin, als ich in 
d,en, Armen des Leutnants lag, sagte: „Da schauen Sie die kleine Lainer 
an; das ist ein Hakerl, die Augen, die sie macht." Wieso Augen 
macht? ich habe gar keine Augen gemacht, überhaupt was soll das 
heißen: Augen machend ! NatüHich habe ich sie nicht zugemacht; da 

137 



war ich höchstens hingefallen und dann hatten alle gelacht. Aber aus- 
lachen lasse ich mich nicht gern. Die Dora habe ich eigentlich am 
ganzen Ausflug gar nicht gesehen und getanzt hat sie auch nicht. Sie 
sagte sehr anzüglich: „Natürlich nicht, da wir ja doch in Trauer sind, 
auch wenn wir weiße Kleider anhatten; Du bist eben ein Kind, dem 
man so etwas nicht übel nimmt." So etwas, ich dürfte weiß Gott was 
getan haben l Deswegen habe ich die Mama doch lieb und vergesse sie 
nidit. Da war der Papa ganz anders; vorgestern abends sagt er: „So 
so, mein Hexerl hat eine Eroberung gemacht: na, du fängst ja schon 
früh an. Aber mit einem Offizier ist's niclits, mein Hexerl, die kosten 
viel Geld." Na, den Leutnant mochte icli schon, da würde ich mit ihm 
im Aeroplan in die Luft hinauf, hinauf fahren, bis uns beiden ganz 
schwindlig wird. Gestern in der Reiigionsstunde, wie der Herr Prof. 
hereinkommt, lacht er riesig und sagt: „Na, Lainer, dreht sich noch die 
ganze Welt um dich? Der Herr Leutnant kann gar nimmermehr 
schlafen." Er muß ihn also kennen. Nämlich das weiß ich schon, daß 
sr nicht meinethalben nicht schlafen kann, aber daß er sich ihn gemerkt 
hat. Wenn ich nur wüßte, wie er heißt, vielleicht Leo oder Romeo; ja 
Komeo, das paßte herrlich für ihn! 

26. Juni: Gerade, wie ich gestern im besten Schreiben war, kommt 
«ie Tante Alma mit der Marina und dem Balg, dem Erwin, der da- 
mals eigentlich Schuld war an dem Tratsch. Seit dem Tode der Mama 
verkehren wir nämlich wieder. Ich glaube, die Mama hat die Tante 
A.ima nicht besonders mögen, und sie sie auch niclit. Gerade so wie 
«er Papa und die Tante Dora einander nicht gerade innig lieben. Das 
'St übrigens in den meisten Familien so, der Vater mag die Schwestern 
^^d Brüder der Mutter nicht, und umgekehrt. Aber warum elgentlidi? 
^b Er eine Braut hat, wahrscheinlich, und wie sie aussieht? Ich möchte 
bissen, ob Er für Braun oder Blond oder Schwarz schwärmt. Ja also 
"er Besuch ! Wir waren natürlich sehr kühl gegeneinander, die Marina und 
■«1. Sie bildet sich soviel darauf ein, daß sie in die Lehrerinnenanstalt 
seht. Als ob das so etwas Großartiges wäre! Da ist das Lyzeum ent- 
schieden mehr, denn vom Lyzeum kommt man an die Universität und 
"ach der Lehrerinnenanstalt nicht; und sie lernen auch nicht Englisch 
^«d Französisch nicht ordentlich, nämlich nur wer will. Weil die Tante 

Ima weiß, daß es den Papa ärgert, wenn jemand sagt, wir sehen 
'i'cht gut aus, so sagte sie: „Gott, die Dcra schaut aus, ganz über- 
^fbeitet; Gott sei Dank, daß sie bald fertig ist, eigentlich hat sie nicht 
^ei davon, da ist es doch besser, wenn ein Mädchen Lehrerin wird." 

er Erwm räkelte auf dem Sessel herum und sagte zu mir: „Glaubst 
138 



du, [ich traue midi auf den Teppich spucken; glaubst du es nicht?" 
„Ungezogen bist du genug dazu ; ich begreife nur nicht, daß die Marina, 
die künftige Lehrerin, dir nicht ein paar auf deinen kecken Schnabel 
gibt", sag' ich. Na und die Tante Alma: „Aber Kinder, was ist denn? 
Was treibt ihr denn für Spaß?" „Es ist gar kein Spaß; der Erwin will 
auf den Teppich spucken und das schaut ihm ganz gleich." Da sagte 
die Tante etwas auf Italienisch zu ihm und er machte mir dann hinter 
dem Rücken vom Papa eine lange Nase, was icli einfach ignorierte; so 
ein Fratz, das ist auch ein Kusin! Der Kamillo soll auch so frech ge- 
wesen sein als Bub. Aber der war noch nie bei uns, denn er ist seit 
zwei Jahren in Japan als Fähnrich. Der Marina steht die Trauer ent- 
schieden nicht gut; sie hat etwas Provinzlerisches und das wird sie ab- 
solut nicht los. Ihre Kleider sind zu lang und B . . . . hat sie nicht 
die Spur, obwohl sie im Dezember schon 17 Jahre wurde; sie ist 

eckelhaft mager. 

27. Juni: Heute war der Herr L.-Sch.-Insp. bei uns, u. zw. im 
Französischen. Die Frau Dr. Dunker ist immer furchtbar aufgeregt und 
sie sagte zu Beginn der Stunde: „Kinder, heute kommt der Herr 
Inspektor; nehmt Euch zusammen; ich bitte Euch, laßt mich nicht im 
Stiche." Es muß also docH wahr sein, was der Oswald immer sagte, 
daß die Inspektoren wegen der Lehrer kommen und nicht wegen der 
Schüler. „Bei der Inspektion, sagte der Oswald oft, hat jeder Schüler 
den Professor in der Hand." Als erste kam natürlich idi dran und da 
fiel mir absolut nicht ein, was trotteur heißt, Trottel wollte ich nicht 
sagen und so sagte ich gamidits. Da drehte sich die Anneliese um 
und sagte es mir ein, aber ich sagte es natürlich nicht nach, sondern 
blieb stumm wie ein Fisch. Endlich sagte der Herr Inspektor: „Über- 
setzen Sie nur den Satz zu Ende, dann wird es Ihnen der Sinn er- 
geben." Aber ich finde, das ist nicht wahr; wenn ich ein Wort nicht 
weiß, so hat der Satz eben keinen Sinn, oder wenigstens nicht den 
Sinn; den er haben soll. Wenn die Hella nicht heute wegen ge- 
fehlt hätte, hätte ja vielleicht sie mir einsagen können. Nachher machte 
mir die Frau Dr. Dunker Vorwürfe, daß man sich auf niemanden ver- 
lassen könne und daß ich eigentlich keine Eins verdiene. „Und das 
Dümmste war, daß du gelacht hast, wenn du schon ein so einfaches 
Vokabel nicht weißt." Ich konnte ihr doch nicht sagen, daß ich im 
ersten Moment „Trottel" übersetzen wollte. Das blöde aus dem Stegreif- 
übersetzen ist ebep zu schwer für uns. 

,28. Juni: Heute ist die Abschlußkonferenz. Ich bin hirchtbar auf- 
geregt, ob ich einen Tadel oder am Ende eine mindere Sittennote be- 

139 



F 



komme. Das wäre gräßlich. Die Hella macht sich nicht soviel draus, 
weil ihr Papa jetzt gerade zu den Manövern nach Ungarn oder Bosnien 
fährt und da bleibt er so lange fort, daß indessen schon die Ferien be- 
gonnen haben und niemand mehr ans Zeugnis denkt. Also morgen 
erfahr' ichs. Nein, Herrgott, morgen ist Feiertag und übermorgen ist 
Sonntag, also noch 27^ Tage muß ich „hangen und bangen in 
schwebender Pein", aber in einer anderen, als Goethe meint. 

30. Juni: Wegen der Matura der Dora, Martura sagte immer 
der Oswald, waren wir gestern und heute nachmittags zuhause. Die 
Brückner sind nach Breitenstein gefahren, eine Tante besuchen, die im 
Erholungsheim ist und deshalb konnte ich nicht mitfahren. Abends 
gingen wir in den Türkenschanzpark nachtmahlen, aber es war nichts 
los. Ja, das habe ich noch gar nicht geschrieben von dem „reinen 
Kind" beim Ausflug. Schon auf dem Schiff strich sie ein paarmal um 
die Hella und um mich herum und wollte sich ins Gespräch mischen, 
indirekt natürlich ! Aber es gelang ihr nicht ; besonders die Hella ist 
großartig in dieser Hinsicht ; sie schaut einfach über sie weg. Mir hat 
sie eigentlich leid getan, weil sie keine rechte Freundin hat außer uns 
beiden; aber die Hella sagte: „Hast du noch nicht genug? Willst du 
noch einmal in eine solche Sauce kommen ?" Und wie der Hella der 
Hut ins Wasser fiel, stand auf einmal, wie wir noch dem 'Hut nach- 
schauen und wahnsinnig lachen, die Anneliese hinter uns und bietet 
der Hella ein feines Spitzentuch an, das sie für den Abend mithatte, 
weil sie gleich immer Ohrenstechen bekommt. „Willst du vielleicht das 
Spitzentuch, damit du in Wien nicht ohne Hut gehen mußt?" „Bitte 
sich nicht zu bemühen, ich bin gewöhnt, mit bloßem Kopf zu gehen," 
aber wie sie das sagte, wie eine Königin! Das muß ich von ihr 
lernen. Sie ist ja eher kleiner als ich, aber da schaut sie aus wie eine 
ganz erwachsene Dame. Ich sagte ihr das auch und sie erwiderte: 
„Liebste Rita, das läßt sich nicht lernen; das ist angeboren." Das 
hat mich eigentlich geärgert, daß sie immer glaubt, eine Offizierstochter 
ist etwas Besonderes. ^ 

1. Juli: Gott sei Dank, es ist alles ohne Skandal abgelaufen. Die 
Frau Dr. M. sagte auf dem Gang zu mir: „Du Lainer, du bist hart an 
einer bösen Sache vorbeigerutscht. Wenn sich nicht Stimmen zu deinem 

Gunsten geltend gemacht hatten, dann weiß ich nicht " Da 

sagte ich: „Ich weiß es, Frau Dr., Sie allein haben mich vor der 
Sittennote bewahrt," und ich küßte ihr schnell die Hand. „Geh, du 
Kindskopf, auf der einen Seite wie ein Kind und auf der andern voller 
Gedanken, di? in dem Alter mindestens überflüssig sind." 

140 • ■ 



I 




* 



Also schließlich, für seine Gedanken kann man doch wirklich 
nichts, und in Hinkunft werden wir uns die Leute besser anschauen, 
mit denen wir so etwas reden. Das habe ich noch nicht geschrieben 
vom Ausflug: Wie wir in Wien mit der Bahn ankommen, holten die 
meisten Eltern ihre Kinder ab; unser Papa war auch da und auch die 
Mama von dem „reinen Kind". Gott sei Dank, daß sie den Papa nicht 
kannte. Also wie wir aussteigen, ist ein großes Gedränge, weil alle zu 
ihren Eltern wollen und auf einmal hÖre ich die Stimme der Hella: 
„Nein, gnädige Frau, Ihr Kind befindet sich nicht in unserer schlechten 
Gesellschaft." Ich drehe mich gleich um und da steht die Hella vor 
der Frau v. Zerkwitz. Die fragte sie nämlich; „Ah, Sie, wo ist denn 
meine kleine Anneliese?" Die Antwort war herrlich; das brächte ich 
nie zusammen ; mir fallen die guten Antworten immer erst hinterdrein 
ein. Drum hat auch damals der alte Herr im Theater, wie er die Hella 
fragte, ob sie allein da sei und sie ihn anschnauzte, gesagt: Frech wie 
eine Jüdin, oder freche Jüdin ! Das ist zu blöd, erstens ist das nicht frech, 
wenn man eine gute Antwort weiß, und zweitens muß man dazu doch 
nicht eine Jüdin sein. Drum sagte damals auch die Hella drauf: „Nein, 
Sie irren, Sie sind nicht an Ihresgleichen geraten." 

Am 6. ist schon Schluß ; aber wegen der Matura der Dora müssen 
wir bis zum 11. hierbleiben. Dann fahren wir nach Fieberbrunn in Tirol 
und werden heuer im Hotel wohnen, worauf ich mich riesig freue. Da 
hat sich die Hella voriges Jahr so großartig unterhalten. 

2. Juli: Gott, heute hab icli na, ich kann es nidit so hin- 
schreiben. Mitten in der Physikstunde bei der Wiederholung, wie ich 
an gar nichts denke, kommt das Fräulein N. mit einem Akt herein 
zum Unterschreiben. Wie wir aufistehen, denk ich - mir : Was ist den 
das? Und dann fällt mir gleich ein: Aha 11 In der Pause fragt micK 
die Hella, warum ich so blutrot geworden bin in der Physikstunde, ob 
ich Zuckerln mithatte. Ich wollte ihr doch nicht gleich den wahren 
Grund sagen und so sagte ich: „Nein, ich bin beinahe eingeschlafen 
vor Langeweile und wie das Fräulein N. hereinkam, bin ich zusammen- 
gefahren." Beim Nachhausegehen war ich sehr wortkarg und ging so 

langsam, (man soll nämlich nicht schnell gehen, wenn ) da sagt 

die Hella: „Ja sag mir, was hast du denn heute, daß du so feierUch 
bist? Bist du ohne mein Wissen verliebt oder am Ende gar . . . .?" 
Da sage ich: „Oder am Ende gar!" und sie sagt: „Na also, jetzt 
bist du mir wieder ebenbürtig" und gibt mir mitten auf der Straße ein 
Bussel. Da gehen gerade zwei Studenten vvorbei und der eine sagte: 
„Mir auch eins." Und die Hella sagt: „Ja, eine auf die Wange, die 

141 



—-ns 



brennt". Da sind sie schnell abgeschoben. Wir hätten sie auch wirklich 
nicht brauchen können; heute!! Die Hella wollte, ich solle ihr alles 
genau sagen; aber ich hatte wirklich nichts zu sagen und doch glaubt 
sie, ich wollte nichts sagen. Es ist wirklich sehr unangenehm und 
dann muß ich heute abends beim Ausziehen riesig achtgeben vor der 
Dora. Aber der Tante muß ich es sagen, wegen einer Lunab .... Das 
ist mir greulich peinlich. Bei der Hella war das eben anders, erstens 
weil sie vorher solche greuliche Krämpfe hätte und ihre Mama dadurch 
schon alles wußte und zweitens, eben weil es ihre Mama ist. Der 
Dora sag ich's auf keinen Fall, da geniere ich mich nocli mehr. Und 
eine Lunab .... würde ich mir nie selber kaufen und wenn ich 
80 Jahre alt wäre. Und wenn der Papa das erst wüßte, das wäre ent- 
setzlich. Ob die Männer das überhaupt wissen; von ihrer Frau eher, 
aber von den Töchtern doch absolut nicht. 

3. Juli: Jetzt" weiß es die Dora doch. Ich drehte nämÜch das Licht 
ab vor dem Ausziehen und da schimpfte die Dora: „Was sind das für 
blöde Witze, dreh sofort auf." „Fällt mir gar nicht ein." Da kommt sie 
herüber und will aufdrehen; „Ich bitt dich, laß, bis ich im Bett liege." 
»Ah soooo", sagt die Dora, „warum sagst du denn das nicht gleich; 

icli borg dir indessen meinen Billroth-B und du hast ja noch gar 

keine B . . . ." Und dann redeten wir noch sehr lang und viel mit- 
einander und sie sagte mir, daß die Mama ihr aufgetragen habe, mir 

alles zu sagen, wenn ihr hat es die Mama gesagt, aber sie 

sagte, am besten sagt es ein Madl dem andern, weil man sich am 
v^enigsten geniert. Die Mama wußte auch, daß die Hella schon im Jänner 

Aber wieso? ich habe nie etwas davon verraten! Es war sdion 

12 Uhr, wie wir das Licht abdrehten. 

6. Juli: Gott, ich bin so unglücklidi; heute wie wir die Zeugnisse 
bekommen und uns bei der Frau Dr. M. verabschieden, d. h. bedanken, 
ist sie furchtbar lieb und nett und zum Schluß sagt sie: „Icli hoffe, daß 
Ihr mir bei meiner Nadifolgerin oder meinem Nachfolger nicht allzu 
viel Schande bereitet." Zuerst verstehen wir sie gar nicht gleich und 
meinen, sie meint, es sei doch immer unsicher, ob eine Lehrkraft eine 
Klasse behält, aber da sagt sie schon: „Ich sdieide nämlich von der 
Anstalt, weil ich mich verheirate." Mir gab's einen Stich ins Herz und 
*tii sagte: „Gott, das ist doch nicht möglich." „Ja, ja, Lainer, es ist 
doch so." Und alle Kinder drängten sich zu ihr und wollten ihr die 
Hand küssen. Und da war es einen Augenblick ganz still und da sagte 
die Hella: „Frau Doktor, darf ich um etwas fragen? Aber sind Sie ja 
^icht böse!" „Na, so frag nurl" „Ist es der Herr Hauptmann von 

142 



Carnuntum?" Zuerst schaute sie g-anz verwundert und dann lachte sie 
hellauf: „Nein Brucicner, der ist es nicht, der hat ja schon eine Frau." 
Und die Gilly, die doch nie gar so schwärmte wie die Helia und ich, 
sagte: „Bitte, sagen Sie uns Frau Doktor, wen Sie heiraten." „Das ist, 
kein Geheimnis, icli heirate einen Professor nach Heidelberg." Und 
darum muß sie auch vom Lyzeum weg. Mir sind die ganzen Ferien 
verpatzt. Die Hella hat Prachtideen. Die Kinder wollten alle gar nicht 
weggehen und wollten die Frau Doktor nachhause begleiten. Da sagte 
sie: „Liebe Kinder, das geht nicht, idi fahre ja nach Purkersdorf zu 
meinen Eltern." Und jetzt kommt die göttliche Idee der Hella. Alle 
sagen: „Bitte, wir begleiten Sie auf die Stadtbahn", und endlich erlaubt 
sie's. Die Hella aber sagt: „Komm"' und wir rennen auf die Stadtbahn 
voraus und nehmen uns Karten bis Hütteldorf, damit wir rechtzeitig 
• zurückfahren können, und auf einmal, v/ie wir schon am Perron warten, 
kommt sie und alle Kinder mit ihr bis zum Einlaß. Da stürzen wir auf 
sie zu und steigen in den Zug ein, der gerade kommt. Natürlich hatten 
wir Zweite Klasse-Karten, da die Hella als Offizierstochter nur Zweite 
Klasse fahren darf und die Frau Doktor M-. fährt auch immer Zweiter. 
Und wir setzen uns zu Dreien auf einen Zweiersitz, trotzdem es furclitbar 
heiß war. Sie war riesig nett; idi bat sie um eine Photographie und sie 
versprach uns eine zu schicken. Dann kam leider schon Hütteldorf. 
„Kinder, Ihr müßt jetzt aussteigen." Und dann weinten wir beide 
furchtbar und da küßte sie unsl Nie werde ich diesen Augenblick voll 
Seligkeit vergessen und diese göttliche Fahrt! Solang man den Zug 
noch gesehen hat, winkten wir in einer Tour und sie winkte ebenfalls! 
Als wir unsere Karten abgeben wollten beim Hinausgehen, suchte die 
Hella überall ihr Portemonnaie und fand es niclit; sie muß es am 
Schalter liegen gelassen haben. Glücklicher "Weise hatte ich noch mein 
ganzes Taschengeld vom Juli und so mußte ich davon die Strafe zahlen 
Und da war einmal ich die Klügere; ich sagte, wir seien Dritter ge- 
fahren und nur durch die zweite durchgegangen; so haben wir nicht 
soviel Strafzahlen müssen; und es hat ja niemand was davon so einen 
.Betrug kann man sich schon erlauben. NatürHch fuhren wir zurüdc wirkHch 
Dritter; obwohl die Hella sagte, das störe ihr sehr die Erinnerung. Mir 
macht das gar nichtS; ich bin nicht so auf das „Milieu" wie die Hella. 
Wir kamen erst um 7,2 Uhr nachhause und die Tante Dora zankte 
furchtbar. Ich sagte, ich hätte bei der Frau Dr. Bibliotheksbücher geordnet, 
aber die Dora war um 12 Uhr im Lyzeum nachfragen und da war 
niemand da. Da seien wir gerade fortgegangen und hätten die Frau 
Dr. M. ein Stüdc begleitet, da sie wegen ihrer Verheiratung wegkommt. 

143 



r 



Da war die Dora ganz erstaunt und sagte: „Ah, jetzt versteh ich." 
Wie sie neulich ins Konferenzzimmer kam, redeten die Lehrkräfte gerade 
von einer Verlobung und das Fräulein Thim sagte: „Jede hat nicht so 
ein Glück, daß sie einen Universitätsprofessor kriegt." Das ging auf Sie. 
Na, die Thim kriegt bestimmt keinen, nicht einmal einen Schuldiener. 
Heute, ich schreibe nämlich schon zwei Tage an dem, hatte ich eine 
wahnsinnige Freude; Sie schickte mir ihre Photographie, einfach himm- 
lisch I ! Der Papa sagt, am Bild ist sie schöner als in Wirklichkeit. Das 
ist aber nicht wahr, sie ist wunderbar, diese Augen und dieser seelen- 
volle Blick! Die Hella hat natürlich auch eine Phot. bekommen. Wir 
lassen uns kleine Ledertäschchen mit Ausschnitt machen eigens für das 
Bild, damit wir es immer bei uns tragen können. Aber wir müssen 
damit bis nach den Ferien warten, weil ja die Hella ihr Geld verloren 
hat und ich das meine für die Strafzahlung beinahe ganz hergeben 
mußte. Und 3 K wird so ein Täschchen sclion kosten. Aber der Papa 
hat durchsichtige unzerreißbare Kuverts und da bitte ich ihn um zwei 
und aus denen kleben wir uns „Notbehelfe." 

Morgen hat die Dora Matura, sie ist schon sehr aufgeregt, obwohl 
sie doch ohnehin alles kann. Aber sie meint, passieren kann einem 
immer etwas. Der Papa ist aber gar nicht aufgeregt, nur beim Oswald 
voriges Jahr, da war er wohl aulgeregt und die liebe arme Mama hat sich 
auch furchtbar gesorgt um ihn; „Pah", hat der Oswald gesagt, „ich werd 
ihnen's schon zeigen, daß sie mir nichts anhaben können; nur frech 
muß man sein bei der Martura, das ist der ganze Witz!" Und dann hat 
er nichts telegraphiert als „Durch" und die arme Mama hat immer noch 
Angst gehabt und gemeint, das kann aucli heißen Durchgefallen.- 
Aber natürlich hieß es schon durchgekommen, weil indessen doch 
das zweite Telegramm schon da war. Und damals hat der Papa zwei 
Flaschen echten Champagner mit nach Rodaun gebracht, wie der Oswald- 
dann zurückkam. Nach der Dora ihrer Matura geht das nicht, weil die 
Mama nicht mehr da ist; o das ist so schrecklich, wenn ich so denke, 
noch vor 2'/2 Monaten wat sie da und jetzt 

9. Juli: Heute vormittag, während die Dora Matura machte (sie- 
hat Auszeichnung bekommen), war ich ganz allein am Friedhof. Zur 
Tante Dora sagte ich, ich gehe mit der Hella und ihrer Mama Einkäufe 
besorgen und zur Hella sagte ich, ich gehe mit der Tante fort und so 
bin ich nach Pötzleinsdorf hinausgefahren und dann auf den Friedhof 
gegangen. Es soll jeder immer nur allein auf den Friedhof gehen. Gar 
niemand war außer mir am Friedhof. Ich traute mich nicht, lange dort 
zu bleiben, damit ich nicht zu spät nachhause komme. Es ist so riesig 

144 



weit nach Pötzleinsdorf, und wenn man allein fährt, kommt einem jeder 
Weg so lang vor. Und wie ich wegging, ging ich in die falsche Richtung 
und kam auf eine ganz öde Straße gegen die Türkenschanze. So etwas 
ist sehr unangenehm und zuerst war auch weit und breit niemand zu 
sehen, den ich hätte fragen können. Dann kam zum Glück eine alte 
Frau und die fragte ich um den Weg und da sagte sie mir, ich solle 
nur durch die nächste Gasse, dis kommt, hinuntergehen, da komme ich 
zur Elektrischen. Und dies war auch richtig, da kam gerade ein Pötzleins- 
dorfer, in den stieg ich ein und kam noch lange vor der Dora nach- 
hause. Aber am Naclimittag hätte mich die Hella bald unabsichtlich 
verraten. Aber weil alle nur von der Matura redeten, so konnte ich es 
verwischen. Jetzt, wo die Dora die Matura hinter sich hat, muß sie mir 
noch vieles in gewisser Hinsicht sagen. Das versprach sie mir. Vor 
der Matura war sie immer so müde von dem vielen Ochsen, aber das 
ist ja jetzt vorbei und ich lerne in den Ferien überhaupt nie etwas. 
Wozu sind die Ferien da! Die Frau Doktor Dunker hat mir richtig nur 
befriedigend gegeben, das ist wirklich eine Gemeinheit; und bei der 
muß man noch drei Jahre lang lernen, pfui! Ich weiß bestimmt, daß ich 
mir jetzt gar keine Mühe nehmen werde im Französischen, denn einen 
Pik hgi sie jetzt sdion einmal auf mich, und wenn eine Lehrkraft einen 
Pik auf einen hat, nützt alles Lernen nichts. Wie anders war doch die 
Frau Dr. M. 1 1 Jetzt habe ich solange ihr Bild angeschaut, daß mich die 
Augen greulich brennen; aber das muß ich noch schreiben; Auch wenn 
man einmal oder zweimal nichts konnte, nie hat sie es einem nachgetragen 

nie, nie, nie die Süße, Göttliche 1 

10. Juli : Morgen fahren wir fort nach F. ; ich freue mich schon 
sehr. Es ist gräßlich fad heute, da die Hella gestern schon weggetahren 
ist nach Berchtesgaden für 6 Wochen, und auf der Rückfahrt kommen 
sie nach Salzburg und vielleicht fährt die Tante Dora für 2 Tage mit 
mir nach Salzburg, damit wir uns sehen können, ehe die Hella nach 
Ungarn fahrt. Die Glückliche ! Leider kann ich heuer nicht nach K . . . 
M . . - fahren, weil wir bis halben September in F. bleiben. Ich habe 
schon heute meine Namenstagsgescheiike bekommen, weil sie für die 
Reise gehörten: ein schwarzes Touristentäschchen mit schwarzem Leder- 
gürtel und V2 Dutzend Trauertaschentücher mit ganz feinem schwarzen 
Rand und für Brandmalerei und eine große Düte Reisebonbons von der 
Hella. Ohne der Hella ist es greulich auf der Welt. Hoffentlich heiraten 
wir einmal am selben Tag; denn die Mama sagte immer: „Die besten 
Mädchenfreundschaften gehen auseinander, wenn die eine heiratet. 
Wahrscheinlich, weil die andere sich doch ärgert, daß sie noch nicht 

10 Tagibudi MAS 



heiratet. Wie das bei der Hochzelt von der Frau Dr. M. sein wird! 
Und ob sie alles schon weiß ; wahrscheinlich und wenn nicht, so muß 
es ihr ihre Mama vorher sagen. Die Dora sagte gestern zu mir, daß die 
Mama zu ihr einmal sagte: „Ein Mädclien stellt sich immer alles falsch 
vor; in Wirkhchkeit kommt es ganz anders." Also bei uns ist das nicht 
so, denn wir wissen wirklich schon alles ganz genau, sogar das vom Nadct- 
ausziehen; o Gott, der Anblick damals! — Am 20. kommt der Oswald, 
aber zuerst macht er einen Abstecher nach München. 

12. Juli: Hier ist es herrlich; Berge und Berge ringsherum und 
da werden wir überall hinaufsteigen; Goii, wie ich mich freue! Da 
F kann ich unmöglich täglich Tagebuch schreiben; nun so wird's halt ein 

Wochenbi'.ch. Denn der Hella muß ich unbedingt jeden zweiten Tag 
schreiben. Wir wohnen in der Pension Edelweiß; es sind ungefähr 
40 Personen da, wenigstens haben wir's zu Mittag so gezählt. Im 
Vestibül ist eine Gast-Liste aufgehängt, die muß icli eingehend studieren. 
Von der Fahrt habe ich nichts gehabt, weil die Dora greulicii Kopfweh 
gehabt hatte und da konnte man die ganze Nacht nichts reden. Die 
halbe Nacht stand ich im Gang. In- einem Ort in Salzburg war ein 
furchtbares Feuer; aber es löschte niemand; es muß niemand etwas 
gewußt haben davon. Es ist sehr fein in der Pension, alles mit 
Teppichen belegt; in der Halle sind fünf oder sechs Gruppen arrangiert. 
Wir sind sehr zufrieden. Zu Mittag sind 4 Gänge, am Abend zwei. 
Auf jedem Tisch stehen Blumen. Der Pap^i sagt, man muß erst sehen, 
wie lange sie stehen. Der Papa hat einen neuen Touristenanzug, 
der ihm großartig steht, well er so groß und aristokratisch aussieht. 
Wir haben ganz leichte scJiwarze Etaminkleider und schwarze Spitzen- 
blusen und auch weiße Blusen und die weißen Kleider mit und hell- 
graue Touristenkostüme. Denn da hat der Papa wohl recht: Die Trauer 
sitzt innen und nicht außen. Vorläufig gehen wir aber doch in 
Schwarz, nur für den Fall der großen Hitze haben wir die weißen 
Sachen mit. Heute haben wir gar nicht weit vom Haus auf einem Ab- 
hang ein ganzes Bouquet Alpenrosen gepflückt. Die Dora hat das Bild 
der Mama mitgenommen und die Blumen davor gestellt; ich habe 
leider meins vergessen. Ich möchte sehr gerne eine Hochtour machen 
auf das Wildeck oder sonst wo hin. Selber Edelweiß pflücken wäre 
herrlich. Aber der Papa sagt, das ist in unserem Alter nicht zuträglich. 
Das Bad soll hier immer sehr kalt sein, meist nur 10 höchstens 12'^. 
Der Herr Dr. Klein hat gesagt, wir sollen nur bei wirklich warmen 
Wasser baden gehen. Da wird nicht viel werden. Bekanntschaften haben 
wir noch keine gemacht; aber die zwei Mädchen am zweiten Tisch von 

146 



I 



uns mit den bosnischen Blusen gefallen mir sehr gut. Vielleicht, dai5 
wir uns kennen lernen. Etwas ist vorläufig zu Wasser geworden. Ich 
wollte die Dora am Abend noch mancherlei Wichtiges frag^en, aber 
dadurch, daß die Tante Dora mit uns in einem Zimmer schläft, geht 
das nicht. Und das ist auch dumm; das Zimmer vom Papa hat einen 
herrhchen Balkon gerade auf die Promenade und unser Zimmer geht in 
einen Garten. Die Aussiclit ist ja sehr scliön, aber Papas Zimmer wäre 
mir entschieden lieber, aber für drei Personen wäre es viel zu klein; 
es ist bloß ein Bett darinnen und eine Garnitur von anno dazumal. 
Solche Garnituren sind mir ein Greuel; die Dame, der die Pension 
gehört, nennt das Empire!! Die muß noch nie eine Empire-Ein- 
richtung gesehen haben. 

15. Juli: Gestern hat mir die Dora beim Spazierengehen sehr 
viel von Tante Dora erzählt Ich habe eigentlich nie recht gewußt, 
ob der Onkel Richard in der Irrenanstalt angestellt ist oder ob er 
selber drin ist; das letztere ist der Fall. Er ist rückenmarkleidend und 
ganz verblödet ■ und manchmal hat er Tobsuditsan fälle. Wie er noch 
heraußen war, hat er einmal die Tante Dora gewürgt und dann hat er 
sie in anderer Hinsicht ganz heruntergebracht!!! Ich weiß 
nicht recht wieso, denn Kinder hat die Tante Dora nie gehabt. Warum 
eigentlich das vom Onkel Richard so verheimlicht wird! und wenn ich 
so denke, hat auch nie jemand von der Krankheit der Mama reden 
wollen. Dieses Verheimlichen hat doch keinen Sinn, denn erstens denkt 
man erst recht darüber nach und zweitens erfährt man ja doch die 
Wahrheit. Zuletzt hat sich die Tante Dora so gefürchtet vor dem 
Onkel, daß sie alle Türen zu ihrem Zimmer absperrte. Einen tob- 
süditlgen Mann haben, muß wohl gräßlich sein. Der Papa sagte einmal 
zur Dora: Die Tante Dora kann einen schon tobsüchtig machen m^t 
ihren Tücken und Nucken. Das war natürlich nur bildlich gemeint aber 
ich muß doch aufpassen, was die Tante eigentlich tut, was einLn so 
aufbringen kann. Höchstwahrscheinlich in dieser Hinsicht M- 
scheint, daß Tante Alma viel mehr Tücken und Nucken hat. und dlr 
Onkel Franz .st doch noch nicht tobsüchtig geworden. Die Dora saat 
der Onkel Richard kann noch 20 Jahre leben und ihr tut die Tante 
Dora sehr leid, daß sie an ein solches Ungeheuer gekettet ist. Wieso 
gekettet? Er ist doch im Irrenhaus und kann ihr nichts tun. Die Dora 
wußte das auch alles nicht, die Tante hat es ihr erst nach dem Tode 
der Mama erzählt. Die Dora meint, es ist am besten, man heiratet gar 
nicht, wenn man nicht einen Mann rasend liebt. Und dann nur mit 
Ehekontrakt!! Da ist nämlich das ausgeschlossen. Ich habe immer 

147 






geglaubt, ein Ehekontrakt wird wegen der Mitgift und des Geldes 
überhaupt gemacht; aber daß das den Zweck hat, hätte ich nie ge- 
glaubt. Die Frau vom Oberförster Mayer, die wir vor zwei Jahren im 
^ommer kennen gelernt haben, hat ihren Mann nur unter dieser Be- 
dmgung: geheiratet. Ich verstehe nur niclit, wenn das die Hauptsache 
ist beim Heiraten, worauf alle Männer brennen, so kann doch eigent- 
lich keiner mit einem Ehekontrakt einverstanden sein. Das muß doch 
anders sein, vielleicht ist das auch nur bei den Juden so, denn die 
"layers waren Juden. 

21.. Juli: Nein, das hätte ich nie gedadit, daß die Hella in der 
Hmsicht Recht behält. Heute schrieb mir die Anneliese einen 8 Seiten 
langen Brief. Wie damals die Hella fünf Tage zuhausebleiben mußte, 
nat sie geglaubt, die Anneliese werde wieder anbandeln. Aber offenbar 
traute sie sich nicht. Also sie schrieb mir: Einzig- geliebte Rita! Du 
°»st die einzige Freundin meines Lebens; alle Mädciien und Leute 
*iaben mich gern, wohin ich komme und nur du hast dich in Groll von 

^Y abgewendet. Was tat ich dir ? Na also, getan hat sie 

"»«■ schon etwas; denn es hätte können eine schöne Geschichte ent- 
gehen, wenn nicht die Frau Dr. M. gewesen wäre, dieser Engel in 
"'Menschengestalt! Sie schreibt, sie ist so einsam und traurig; sie ist 
"ämlich mit ihrer Mama in der Kaltwasserheilanstalt Grätsch bei Meran 
faer Bozen, das hab ich vergessen, da muß ich nachschauen, wenn 
^^ ihr antworte. Denn ich habe der Hella auf mein Ehrenwort ver- 
sprochen, daß ich mich nie wieder mit dem „reinen Kind" aussöhne, 
■^oei- schließlich eine Antwort ist eine Höflichkeit und bedeutet noch 
'^"ge keine Aussöhnung und am wenigstens eine Freundschaft. Dort 
'^ Grätsch sind gar keine jungen Mädchen, lauter Damen und alte 
'"Ferren, der jüngste ist 32 Jahre I brr, das glaube icli, daß sie sich 
^^tiärmlich langweilt. Also schreiben werde ich jedenfalls, aber sehr, 
^*^on sehr kühl. Zum Schlüsse sclireibt sie: Erhöre das Flehen einer 
^^glücklichen und laß dein Herz nicht von hartem Erz werden gegen 
^'^. die dich immer wahrhaft geliebt hat. Das ist eigentlich sehr schön 
^fid die Anneliese Hatte auch immer die besten Aufsätze; die Frau 
^^- M. lobte sie oft und ihren gewählten Stil, aber leiden hat sie sie 
^^^n später nicht können. Sie sagte ihr oft, sie solle nicht so affektiert 
^^"i> sonst verlernt sie noch das Reden vor lauter Affektation. Ich werde 
**'J=ht augenblicklich schreiben, sondern erst nach ein paar Tagen, und 
'^ gesagt sehr kühl. 

23. Juli: Heute bin ich mit den zwei Mädchen bekannt geworden, 
^'^ heißen Olga und Nelly, die eine ist 15, die andere 13 Jahre; ihren 
148 



Zunamen weiß ich nicht, nur daß sie ein Lederwarenjeschäft auf der 
Mariahilferstr. haben. Ihre Mama hat schon ganz graues Haar, ihr Papa 
kommt erst am 8. August. Wir haben einen Spaziergang für heute um 
4 Uhr verabredet nach Brennfelden. 

26. Juli: Ich habe mir vorgenommen, alle Tage vor dem Essen 
zu schreiben, denn nach dem Essen gehen wir alle mit unseren Hänge- 
matten in den Wald. Ich habe doch gleicli vorvorgestern an die Anne- 
liese geschrieben, damit sie weiß, wie sie dran ist. Der Hella schrieb 
ich noch nichts davon, weil ich doch nicht weiß, was die Anneliese 
antwortet. -Die Hella unterhält sich in Innichen königlich; aber leider 
schrieb sie nicht, wieso königlich ; sie schrieb auch nur knapp 3 Seiten 
mit dem Schluß, natürlich schrieb ich auch nicht soviel wie sonst. 

27. Juli: Der Dora gefallen die Weiner nicht besonders; sie 
findet sie furchtbar aufgeblasen. Am Lande trägt man keine goldenen 
Armbänder und Ketten und am wenigsten zu Dirndlkostümen. Da hat 
sie wohl recht, aber mir gefallen die zwei Mädeln ganz gut, besonders 
die kleinere, die Olga; die Nelly tut so großartig; sie gehen auch ins 
Lyzeum, aber ins Hietzinger Lyzeum; die Olga kommt aber erst in die 
zweite und die Nelly in die fünfte. Die Dora sagt, das Pulver haben 
beide nicht erfunden. Das ist auch garnicht notwendig, das hat zum 
Glück schon wer anderer erfunden. Wir haben uns gestern beim Spazieren- 
gehen sehr gut unterhalten. Heute gehe nur ich mit ihnen. Der Papa 
sagt: „Nur nicht alle Tage beisammenstecken: der Schluß ist dann 
immer ein Verdruß." Na, aber mit den Weiners nicht, das glaube ich 
wohl nicht, 

29. Juli: Morgen ist mein Geburtstag. Was ich bekommen werde. 
Etwas habe ich schon in Wien bekommen, nämlich 3 Paar ä jour 
Strümpfe, von der Tante pickfein; da sieht der Fuß so elegant aus. 
Aber ich muß riesig sparen damit und achtgeben. Die Tante sagte: 
Da wirst du dir hoffentlich das Faltenziehen an den Strümpfen beim 
Lernen abgewöhnen." Als ob ich in den Ferien überhaupt lernen würde. 



149 



LETZTES HALBJAHR 
(Von 14-14'/o Jahren) 

A- n!^' {"^'' ^'^*^ ^°^ ^^' ^^"'^ ^^^^^ '^^ '"^'^ ^'*'" Geburtstag j 
die Olga hat geglaubt, ich bin schon 16 oder mindestens 15; aber ich 

sagte: Da würde ich mich schön bedanken; au ssc h au en wie 16, das 
ist mir sehr angenehm, aber 16 sein möchte ich nicht, denn wie 
lang ist man dann noch jung, höchstens 2—3 Jahre. Aber so ein 
fremdes Gefühl/ wie die Hella sagte, habe ich wirklich nicht; ich bin 
nur sehr froh, daß jetzt niemand, nicht einmal die Dora sagen kann, 
ich bin ein Kind. Das Wort „Kind" hasse ich furchtbar, außer wenn 
die Mama sagte: „Du mein liebes Kind«, aber da meinte sie es auch 
ganz anders. Der Ring von der Mama hat mich von allen Geburtstags- 
geschenken am meisten gefreut; ich werde ihn ewig tragen. Und wie 
ich weinen wollte, sagte der Papa so lieb: „Nicht weinen, Gretel, am 
14 I ! Geburtstag darf man nicht weinen, das wäre ein schöner Anfang, 
nämlich vom Erwachsenseini Außer dem Ring bekam ich vom 
Papa noch eine entzückende schwarze Perlenkette um den Hals, die 
mir wirklich wunderbar steht und dabei so kühl ist; dann von Theodor 
Storm, Immensee, von der Tante Dora die schwarzen Ajour- Strümpfe 
und schwarze lange Seidenhandschuhe und von der Dora ein Sport- 
armband aus ganz dunkelgrauem Leder für die Uhr. Aber das trage 
ich erst in Wien in die Schule. Die Großeltern schickten wie immer 
Obst, aber vom Oswald ist nichts gekommen. Er kann doch unmöglich 
vergessen haben. Wahrscheinlich kommt es verspätet. Und vom Papa 
noch ein Kistchen Konsumbonbons, die. esse ich für mein Leben gern. 
Zu Mittag hatte die Tante Dora eigens meine Liebhngsmehispeise 
«Mohr im Hemd" bestellt und alle sagten: Ja, was ist denn das, an 
einem Wochentag so eine Sonntagsspeise? Und da kam es heraus, 
150 



< 






daß ich Geburtstag hatte und die zwei Weiner, die es schon wußten, 
sagten es den meisten Gästen und da gratulierten mir sehr viele. Die 
Olga und die Nelly hatten mir schon vormittag gratuliert und einen 
riesigen Strauß Feldblumen und einen aus Gartenblumen gegeben. 
Nachmittags gehen wir alle nach Flagg, dort ist es herrlicli schön. 

Am Abend: ich muß noch schreiben. Wir konnten die Partie s 

nicht machen, weil ein greuliches Gewitter war von 2—4 Uhr. Aber M 
wir unterhielten uns großartig. Und jetzt noch ein Erlebnis: Wie ich. ^ 

aus dem Speisesaal hinausgehe, um aufs zu gehen, sagt eme 

Stimme: Darf ich Ihnen auch gratulieren, Fräulein? Ich drehe mich um 
und hinter mir steht der riesengroße goldblonde Student, der mir schon 
seit drei Tagen aulgefallen ist. „Ich danke sehr, zu liebenswürdig", sag 
ich und will vorbei, denn ich mußte wirklich hinaus. Er fangt aber 
gleich zu sprechen an und sagt: „Das mit den 14 Jahren ist doch nur 
ein Witz? Fräulein sind heute wohl 16 geworden?" „Leider nein und 
zugleich Gott sei Dank", sag ich, „aber schließlich ist jeder so alt, als 
er aussieht. Pardon, ich muß dringend in mein Zimmer", sage Ich noch 

schnell und renne davon, denn sonst M Hoffentlich hat er die 

Wahrheit nidit geahnt. Das muß ich der Hella schreiben, die wird 
schön lachen. Sie schickte mir ein reizendes Schmuckdöschen mit einer 
Ansicht von Berchtesgaden, gefüllt mit meinen Lieblingen, Kognak- 
bonbons. Im Briefe beklagt sie sich über die „Kürze meines letzten 
Schreibens." Ich muß ihr morgen sofort einen langen Brief schreiben. 
Beim Abendessen sah ich erst, wo der „Baidur" sitzt; so nenne ich ihn 
wegen seines herrlichen blonden Haares und weil ich nicht weiß, wie ^j 
er heißt. Er ist mit einem alten Herrn und einer alten Dame und Jfl 
einem Fräulein, das ähnliches Haar hat wie er, aber seine Sohwester ^ 

kann sie unmöglich sein, dazu ist sie entschieden zu alt. 

31. Juli: Die Familie heißt Scharrer von Arneck und der Herr ist 
Oberbergrat in Pension. Das Fräulein ist richtig seine Schwester und 
Bürgerschullehrerin in Brunn. Ich habe das alles von dem Stubenmädchen 
erfahren. Aber idi war sehr schlau, ich wollte nicht direkt fragen und-^ 
da sagte ich: Wer ist denn der alte Herr mit den weißen Locken, der 
sieht meinem Großpapa so ähnlich. (Ich kenne meinen Großpapa gar 
ni'c/it, denn der vom Papa her ist schon seit 12 oder 15 Jahren ge- 
storben und der Papa der Mama lebt gar nicht in Wien, Sondern in 
Berlin). Da sagt die Luise: „Adi, Fräulein, meinen den Herrn Ober- 
bergrat Seh , von Seh Aber der Herr Großpapa von Fräulein 

wird wohl nicht so brummig sein." Da sag- ich: „So, ist er brummig?" 
Und sie erwidert: „Na, und wie; da muß man fliegen, sonst ist es aus 

151 



I 



4 



^d geschehen!;' Und dann gibt ein Wort das andere und sie erzählt 
"nd tlV"' f'«/"^' -t' f'^"'''" ''' ^^^°" 32 Jahre, sie heißt Hulda 
den, H ^^^ '" "'"^^ '^""'■^''" «nd der junge Herr ist aus 

Pracr f ps:^"2:en, weil sein Papa ihn so sekkiert. Er studiert in 

trauri "^^ \ ""' '" **'" ^^'■'"" nachhause. Das ist alles sehr 

Präuiel" T 'I^^.'^'^^"«" ^«'^ «« vergnügt aus mit Ausnahme von dem 
13 UnT'^^' m1 '^' '^^\f ^'"^^' ^^^ '«t 8:-ß»'^ i die Olga ist doch schon 

^as U « ^ ^ °^'' ^^ ""^ '^'^ ^^""^ ^'»-d "°cl^ also 

die N n ' '^""^ ^""""^ i^t in a . . . U . . . , die beiden sind empört und 

«it iK ' \7'^ ^^ '^'''- ^' ■'* "'" ^^^"^^>' sä^ genieren sich so, 

sagen K ^^'^\^\Sehen. Aber ich habe noch nichts bemerkt; sie 

^^^ s.Ut Z'^ "^^'^^ '"^" ^' ^^°" ^^"ff^t: -i'" Oktober wird 
'st Wilri, r ^^' Ereignis II eintreten," sagte die Olga. Das 
^^"en TkV ""'"Srenehm und mir hat die Frau W. gleich nicht ge- 
^enn*^ f" """" ""^' begreifen, wie so etwas überhaupt sein kann, 

^«i den'^ r /"" ^'^ ''*■ ^'"^ ^"^'"''^ ^'^ '^"^ ^'^'"^'" «^^"■- übrigens 
sagte . ^^ ^^ ^""^ ^° ^^"''^' gewesen sein, denn die Luise 

"^^der^^c Tl ^"""^^ "^'"•' '"* 2^ ""d das Fräulein ist nicht 32, 
älter , r ' ^'^ ^^^ ^''''' ''"^''^* S'^''"''^' ^'"^ '"t sie um 14 Jahre 

läßt' r^';''^- ^'^ *"* "^'•' ^'^^'g ^^'d, daß ihr Papa sie niclit heiraten 
nie '^l^^ ^^'^^ "'^''' ^^t beiraten lassen. Unser Papa wird sich gewiß 

^"es ri'^^o'.r^"" ^"""^^ ^'"^ ''°" ""' ''^'''^" ^^''■^*^" s°"- ''^ babe 
Weifte ^ geschrieben; sie geht mir schrecklich ab. denn die zwei 

nie *"^/'"'* mir doch eigentlich ganz fremd und der Dora könnte ich 

ein ?^^'"^ Geheimnisse anvertrauen, obwohl wir jetzt gan2 gut mit 

**Qer sind. Morgen kommt der Oswald. 

1.- August; So ein Bursch hat's gut. Der kommt und geht, wann 

j ^''^ und wohin er will. Heute kommt ein Telegramm vom Oswald, 

D^ ^^ bis Mitte August ausbleibt: Königsee, Watzraanntouren herrlich, 

JT ^"^'gt. Der Papa hat nicht viel gesagt, aber ich glaube, er ärgert 

... auch sehr. Überhaupt jetzt nach dem Tode der armen Mama, da 

_°"^te der Oswald doch nachhause kommen. Voriges Jahr nach der 

^ ^""a war er so lang fort, ganz allein, und heuer wieder. So 



^Vergnügen zum andern paßt sich wirklich nick> wenn einem 
wir j^.'^^^ Vierteljahr die Mama gestorben ist. Am zweiten Tag, wie 
ich '^'^ angekommen waren und noch gar niemanden kannten, ging 
eme^ft^ >n der Frühe um '/29 Uhr allein auf den Friedhof. Er liegt an 
Schrift ^'"^^^^"^ und hat uralte Grabsteine, manchmal kann man die In- 
nocK ?^ "'*^^* ^^^^ enträtseln, so verwischt ist sie; eine von 1798 
»»it römischen Ziffern. Dann habe ich mich auf eine kleine Bank 
152 



gesetzt und an die arme Mama und all das Traurige g-edacht und habe 
so schrecklich geweint, daß ich mir die Augen waschen mußte, damit 
niemand etwas merkt. Heute habe ich mich übrigens auch greulich 
geärgert. Kommt ein Brief von der Tante Alma, sie wollen auch her- 
kommen, wir sollen ihnen eine Wohnung suchen, ob wir etwas Passendes, 
das heißt bei der Tante Alma immer billig, finden, aber unbedingt 
privat; natürlich, denn in .einer Pension käme es ihnen viel zu teuer. 
Hoffentlich finden wir nichts Passendes, heute haben wir wirklich 
nichts gefunden, da wir wegen einem drohenden Gewitter nicht weit 
kamen. Und morgen hoffentlich auch nichts, das ist mein sehnlichster 
Wunsch; denn die Marina, diese Spioniererin, die könnte ich brauchen. 
Gott sei Dank sind auch die Tante Dora und die Dora entschieden 
dagegen. Aber der Papa sagte: Kinder, das geht nicht, es ist doch 
die Tante und suchen muß man jedenfalls. Also gut, suchen kann 
man schon; suchen und finden ist glücklicherweise zweierlei. 

2. August; Heute in der Frühe gingen wir Wohnung suchen und 
weil die Dora immer etwas drein setzt, daß sie das Richtige findet, so 
stöbert sie richtig 2 Zimmer und Küche auf, allerdings nur in einem 
Bauernhaus. Die Sommeipartei, die hier wohnte, mußte wegen dem. 
Tod der Großmama sofort nach Wien zurück und so gibt die Bäuerin 
die Wohnung sehr billig her. Die Dora schrieb gleich an die Tante 
und sie schrieb auch, daß wir uns alle sehr freuen, sie und alle zu 
sehen, was entschieden eine Falschheit ist. Und justament schrieb ich 
ein P. S-, wo ich alle grüßte und bemerkte, daß die Reise schandbar 
teuer ist; vielleicht schreckt sie das doch ab. Durch diesfes dumme 
Herumrennen um eine Wohnung habe ich weder gestern nachmittags 
noch heute vormittags die Weiners und natürlich auch nicht ' Gott 
Baidur gesehen. Und zu Mittag sieht man nicht zum Tisch vom Ober- 
bergrat, weil sie gerade einen Erkerplatz haben, da sie schon seit 
9 Jahren herkommen. 

Ich bin zwar totmüde, aber das muß ich noch- schreiben. Nach- 
mittags waren wir und Weiners beim Kreindlbauer und da schloß sich 
der Siegfried Seh. an, da er die Weiner kennt, die auch schon 3 Jahre 
herkommen. Er redete aber hauptsächHch mit der Dora und das ärgerte 
jnidi furchtbar. So redete ich einfach gar nichts, sondern ging ganz 
hinten. Und am Rückweg kommt er zu mir und sagt: „Nun Fräulein 
Grete, sind Sie immer SO insicflffekehct ? Dem Widersprechen Ihre 
Augen." Ich sagte: „Das kommt ganz auf meine Stimmung an und vor 
allem andern dränge ich mich niemanden auf." „Könnten Sie nicht bei 
Tisch mit Ihrer Mama Platz tauschen?" „Erstens ist das nicht meine 

153 



Mama, die ist am 2^. April gesiorben, sondern meine Tante und 
zweitens warum sagen Sie das mir, das sollten Sie lieber meiner 
Sdiwester sagen!" „Oh eifersüchtig I Dazu ist kein Grund. Ich kann ' 

doch nicht mit Ihrer Schwester nicht reden, wenn ich schon bei der Gesell- 
schaft bin; eifersüchtig dürfen Sie nicht sein, dazu haben Sie wirklich ' 
keine Ursache." Wenn ich nur wüßte, wie ich das mit dem Platz- 
wechseln machen soll, aber ich sitze ja immer neben dem Papa; und I 
gleich tue ich es auf keinen Fall; höchstens nächste Woche. Leb weh!, ' 1 
mein Recke Siegfried, schlaf süß und träume von 

3. August: Die Anneliese schrieb mir: „Du goldiges Wesen, kannst 
du mir also meine Jugendsünde verzeihen? Die Welt strahlt mir in 
doppelt hellem Lichte, seit ich deinen Brief erhalten habe." Ich weiß 
nicht, gar so verzeiherisch habe ich nicht geschrieben, nur daß es mir 
sehr leid tut, daß sie in Gratscli so einsam ist, und daß das Ge- 
schehene sich nicht mehr ändern laßt, man müsse es also begraben. Sie 
gratuliert mir auch noch nachträglich zum Geburtstag (wir haben namlidi 
im Winter unsere Geburtstage gegenseitig notiert) und schickt mir ein 
gepreßtes großes Vergißmeinnicht. Bis es gepreßt war, wartete sie mit 
dem Antworten. Ich weiß nun nicht, was ich tun soll. Der starke 
Siegfried wüßte mir wohl zu raten, aber dem kann ich doch die Sache 
nicht erzählen, weil ich ja dann auch sagen müßte, warum wir böse 
geworden sind und das wäre greulicli. Ich werde doch, bevor ich ant- 
worte, der Hella sclireiben. Aber das müßte ich heute noch tun, denn 
bis die Antwort kommt, das dauert hin und her gut drei und bis die 
Anneliese ^ann den Brief bekommt wieder einen oder 2 Tage, also alles 
zusammen mindestens 5 Tage. Es regnet in Strömen und da ist es sehr fad 
weil der Papa nicht erlaubt, daß wir allein ia der Halle sitzen; ich 
möchte wissen, warum nicht, Der Papa ist doch sonst wirklich sehr 
nett, ganz anders als andere Vater, aber in der Hinsicht ist er eckel- 
haft. Ich werde mich nach dem Essen auf den Streckfauteuil legen und 
Immensee lesen, denn ich bin noch immer nicht dazugekommen. 

6. August: Na also, heute ist die ganze Klerisei angekommen- 
die Marina mit einem staubgrauen Kostüm, das ihr greulich steht und 
der Erwin und der Ferdinand; der Ferdinand geht in die Neustädter 
Mil.-Akademie, in den Artillerie-Kurs in Wien; der ist noch der fescheste 
von allen. Der Onkel in greulicher Stimmung schimpfte über die Fahrt, 
über das Handgepäck, mir scheint, sie hatten aber auch vielleicht 8 oder 
10 Stück, wenigstens mußte ich einen schweren Plaid schleppen und 
die Dora eine Handtasche, von der sie sagte, da sei der ganze Familien- 
tratsch von 10 Jahren drin. Und die Tante Alma schaute zum Kugeln 
154 



mm 



aus, ein Touristenkleid so hoch geknöpft, daß man ihr beim Gehen die j 

braunen Strümpfe sah und einen Hut, wie eine Vog^elsclieuche. Wenn j 

ich denke, wie unsere Mama immer fein ausgesehen hat: sie war ja | 

allerdings mindestens um 20 Jahre jünger als die Tante Alma, aber "3 

trotzdem, wenn die Mama 80 Jahre alt geworden wäre, s o hatte sie : 

nie ausgeschaut. Gott sei Dank, daß wir in dem Aufzug niemanden '* 

und besonders nicht jemanden begegneten. Zum Mittagessen kamen j 

alle ausnahmsweise in die »Pension. Da wurden zwei Tisdie zusammen- ;; 

gestellt und das benützte ich, um den Platz zu wechseln; ich bot nämlich ■! 

der Tante Alma den Platz neben dem Papa an und setzte mich, neben 

die holde Marina, gerade gegenüber ^ I Übrigens bei Tisch sah 

die Marina ganz gut aus, die weiße Bluse steht ihr sehr gut und dann 
hat sie einen wunderbaren Teint, so weiß und nur an den Wangen ein 
bißchen rosa. Das ist aber auch das einzige Schöne an ihr. Die Frisur 
ist gräßlich, ganz glatt abgeteilt und die Gretelfrisur. Die trage ich 
schon lange nicht mehr, obwohl alle sagten, daß sie mir sehr gut stand. ^ 

Aber die Schnecken stehen mir bedeutend besser. Er hat die ganze i 

Zeit herübergeschaut und die Tante Alma sagte: „Ja die Grete, die 
blüht ja förmlich auf, da steckt doch hoffentlich nicht schon etwas i 

Männliches dahinter." „O nein", sagt der Papa, „die Landluft tut ihr 1 

so gut, und wenn sich die Kinder unterhalten, so verbittere ich ihnen ■] 

nicht jede unschuldige Freude." O mein herrlicher Papa, ich mußte 
mich zurückhalten, daß ich ihm nidit gleich ein Busserl gab. Alle waren 
ganz still und jedes sah auf seinen Teller so angelegentlich, als ob er 
nocli nie Rumpudding gegessen hätte. Nur der Ferdinand zwinkerte '■ 

der Marina zu, aber die merkte natürlidi nichts. Glücklicherweise hatten I 

alle bald fertig gegessen und jedes nahm ein zweitesmal und da wurde j 

wieder geredet. Wie wir dann in die Zimmer gingen, klopfte ich beim 
Papa an und gab ihm das versprochene Busserl und sagte: „Papa, du 
bist ein Juwel von einem Vaier." „Also sei auch du gefälligst ein 
Juwel von einer Tochter und halt Frieden mit der Marina und den 
andern." Da sagte ich: „Gott, ich kann sie nicht leiden, die Duck- 
mäuserin!" „Na, ja", sagt der Papa, „seine Eltern und seine Ver- 
wandten kann man sich leider nicht aussuchen." „Meine Eltern hätte ich i 
Plir auch mcht anders ausgesucht, denn einen solchen Papa und auch I 
eine solche Mama hätten wir g'ai' nicht Wieder tiadcn können." Da hob ] 
mich der Papa in die Höhe, als wie wenn ich noch ein kleines Maderl \ 
wäre, und sagte: „Du lieber Schatz du, mein Kleines", und vnr küßten 
uns sehr ab. Den Papa hab ich doch eigentlich am liebsten von allen 
Menschen; denn die Hella habe ich doch ganz anders gern, das ist 

155 



eben meine Freundin, und die Dora ist meine Schwester; und die 
Tante Dora habe ich ja auch gern und den Oswald, wenn er endlich 
auf der Bildfläche erscheint. 

8. August: Ich bin wütend! Heute bekomme ich von der Hella 
eine Karte, auf der steht nichts als „Tu, was du niclit lassen kannst", 
mit besten Grüßen Deine M. Auf offenen Karten sciireiben wir uns 
nämlich in einer Geheimschrift, die niemand anderer lesen kann, so 
daß H -- M ist. Zum Glück, daß es niemand lesen kann. Natürlich 
schrieb ich sofort der Anneliese und zwar sehr Üeb und der Hella 
sandte ich eine Karte, da schrieb ich nichts als in unserer Schrift: Ist 
bereits gescliehen. Mit besten Grüßen W. Nicht einmal Deine W. 
Ich bin neugierig, was sie tut. Der Recke Siegfried ist heute mit uns 
auf der Wiese im Heu gelegen und da sprach er großartig. Nur das 
finde ich nicht, daß alle Väter, ausnahmslos Tyrannen sind. Ich 
sagte: „Mein Papa wirklich nicht I" Da antwortete er: „Noch nicht, 
Sie werden es schon auch erfahren. Aber wer einen Charakter hat, 
der läßt sich nicht unterdrücken. Ich habe einfach mit meinem Alten 
g"ebrochen und bin aus dem Haus; es gibt mehr technische Hochschulen 
als die in Brunn. Und weil Sie sagen nicht alle Väter ; da schauen 
Sie die Hulda an ; so oft sie eine Partie gefunden hat, hat der Alte sie 
ihr verpatzt, weil kein Mensch sich eine solche Bevormundung gefallen 
läßt." „Wieso Bevormundung", frag ich, aber da stehen gerade alie auf 
zum Weggehen. Also vielleicht morgen; der arme Gequälte. 

9. August: Gott, das ist gräßlich, wenn das alles wirklich so ist, 
wie die Hella schreibt vom Angesteclct werden; ein Ausschlag am 
ganzen Körper, das ist das Greulichste, was es gibt. Ich muß den 
Brief sofort zerreißen, und weil sie 8 Seiten voll doch nicht in 
unserer Schrift schreiben konnte, muß ich ihn vernichten, damit 
niemand ihn in die Hand bekommt. Das ist besonders notwendig, jetzt 
wo die Marina, da ist, wo man nie wissen kann Aber ich 

weiß mir zu helfen; ich schreibe mir den Brief hier ab, wenn ich auch 

ein paar Tage dazu brauche. Also sie schreibt: 

Inniggeliebte Rita, was hast Du ZU meiner gestrigen Karte gesagt? 
Wenn Du dich geärgert hast, so sei mir nicht weiter böse. Du kannst 
umgehen und Briefe wechseln mit wem Du willst; aber alle Folgen 
hast Du Dir dann allein zuzuschreiben. Mein Papa sagt immer: Rote 
Haare, Gott bewahre! Und dabei bleibe ich, daß das „reine Kind" 
fuchsrote Haare hat. Also, wie du glaubst. 

Aber jetzt habe ich dir etwas viel Wichtigeres mitzuteilen. Aber 
versprich mir im vorhinein, daß Du diesen Brief augenblicklich zer- 

156 




reißt, sobald Du ihn gelesen hast. Sonst schicke ihn lieber ungelesen 
zurück. 

Also denke Dir. Hier in B. wohnt eine junge Frau mit ihrer 
Mama und ihrer Kusine, die studiert Medizin; sie sind Polen, für die 
ich seit jeher schwärme. Die junge Frau ist geschieden, denn sie 
ist von ihrem Mann in der Hochzeitsnacht angesteckt worden. 
Du weißt hoffentlich noch, was das heißt angesteckt werden. Aber 
es ist in Wirklichkeit anders, als wir glaubten. Sie hat nämlich am 
ganzen Körper und im Gesicht einen furchtbaren Ausschlag bekommen 
davon und wahrscheinlich werden ihr alle Haare ausfallen; das ist 
doch gräßlich. Die Studentin, ihre Kusine, die sehr arm sein soll, ist 
zu ihrer Pflege da. Das erzählte mir schon neulich unsere Rosa, die 
weiß es von dem Stubenmädchen In der Villa, welche diese Damen 
bewohnen. Mit der Lizzi kann man, wie Du sehr gut weißt, über so 
etwas nicht reden und so erfuhr ich weiter nichts; nur daß ich neulich, 
wie ich um Ansichtskarten ging, die drei Damen begegnete. Die junge 
Frau hatte einen dichten Schleier um den Kopf und um das Gesicht 
gewunden, daß man nichts sehen konnte. Sie saßen dann auf einer 
Bank in ihrem Vorgarten und da grüßte ich im Vorbeigehen am Rück- 
weg. Sie dankten alle drei sehr freundlich. Am nachmittag mußte ich 
• mich niederlegen, weil mir sehr elend war infolge . . . ! ! Da höre ich 
auf einmal auf der Veranda, die sich um das ganze Haus zieht, gerade 
vor meinem Fenster reden. Hier ist nämlich immer zuerst Schatten und 
da setzen sich immer alle hierher. Ich erkenne gleich die weiche 
Stimme der polnischen Studentin und höre, wie sie zur Frau Bürger- 
meisterin aus J. sagt: „Ach, meine arme Kusine ist schrecklich herein- 
gefallen", d. h. sie sagte chereingefallen, da sie alle h wie ch aus- 
spricht, wie alle Polen. „Das kommt davon, wenn man junge Mädchen 
wie eine Ware verkauft, ohne daß sie gefragt werden und wissen, um 
was es sich chandelt." Da zieh» ich mich sofort an und setze mich 
ganz nahe zum Fenster hinter den Vorhang und höre zu. Die Frau 
Bürgermeisterin sagt; Ja, es ist gräßlich, was man alles erlebt, wenn 
man verheiratet ist. Also mein Mann ist nicht so, aber — — — und 
dann verstand icll leider nicht, was sie weiter erzählte. Dieses Gespräch 
war am Donnerstag. Aber das ist nocli nicht alles. Ich dachte mir gleich, 
wenn ich nur einmal mit ihr reden könnte; sie hatte nämlich auch vom 
i^ u f k 1 ä r e n gesprochen, und wenn wir auch schon sehr aufgeklärt 
sind, so wird sie als Medizinstudentin doch noch vieles wissen, was 
wir nicht wissen. Etwas wird man schon noch erfahren können. Und 
da sie sagte, daß man die Mädchen nicht blind in die Ehe 

157 



rennen lassen darf, so muß sie einem doch etwas sagen, wenn man 
vorsichtig fragt. Ein Wort nämHtii, daß sie und die Bürgermeisterin 
2mal sagten, nämlich segsuel, weiß ich nicht und Du, liebste Rita, 
gewiß ebenso wenig. Sie sagte etwas von segsuelenVerhaltnissen; 
also wenn etwas von Verhältnissen geredet wird, so weiß man 
schon, daß es eine Bedeutung hat, aber segsuel, das ist die Frage. 
Es muß einen Sinn haben, daß sie es zusammen mit Verhältnis 
brauchte. Also jetzt paß auf. Am Samstag war Unterhaltungsabend und 
da kommt dieses Fräulein auch immer, da lege ich meinen Sang und 
Klang aus den Alpen aufs Klavier und jemand nimmt sie in die Hand 
und blättert drin, und es heißt, wem sie gehören, der muß singen. 
Zuerst tue ich nichts dergleichen, gehe hinaus, komme wieder herein 
und sag: Ich suche meine Noten, ich habe sie neulich liegen lassen. 
Da geht ein Riesenhalloh an und alle sagen: Wem sie gehören, der 
muß singen. Nun wußte ich aber, daß das Fräulein Karwinska schon 
ein paarmal beim Singen begleitet hat. Also sag idi: Bitte, ich singe 
schon, aber ich möchte bitten, daß das Fräulein K . . . mich begleitet. 
Denn die Herren hauen für meine Stimme zu stark hinein. Großes 
Gelächter, und ich hatte erreidit, was ich wollte. Wir wurden gegen- 
seitig vorgestellt und ich dachte mir: Die Bekanntschaft läßt du nicht 
mehr los. Am Sonntag stand ich ausnahmsweise schon um \g7 Uhr 
früh auf, weil das Fräulein nur in der Frühe spazieren gehen kann, da 
sie den ganzen Tag bei ihrer Kusine ist. Sie sitzt bei der Luisenquelle 
und ich gehe auch hin mit einem Buch; und wie sie kommt, springe 
ich auf, grüße sie und sage: Pardon Fräulein, falls icli am Ende Ihre 
Bank besetzt habe? „O nein, sagt sie, was, am Sonntag lernen Sie 
gar?" „O, nein, ich lese nur", antworte ich und versteclce sclmell das 
Buch unter meinem Sitz, weil ich in der Geschwindigkeit nicht wußte, 
was ich genommen hatte. Und denke Dir, das war mein Glück. Sie 
setzt sich zu mir und sagt: „Was lesen Sie denn, was Sie so ängstlich 
verbergen? Gewiß etwas, wovon die Mama nichts wissen darf." „O 
nein, sag ich, solche Bücher haben wir nicht mit am Land." „Also in der 
Stadt da naschen Sie manchmal davon?" »Gott, man muß doch auch 
endlich einmal etwas vom Leben erfahren; sagen tut einem niemand 
was, so schaut man halt, daß man gelegentlich in einem Buch etwas 
findet." „im Lexikon, nicht wahr?" „O nein, denn da drinnen steht 
durchaus nidit immer die Wahrheit." Da ladite sie furchtbar und sagte : 
„Was denn für eine Wahrheit?" „Na, das kann man sich sdion denken, 
Fräulein werden schon wissen, was ich meine." Bei einer Medizin- 
studentin kann man schon deutlicher sein und sie war audi gar nicht 

158 



entsetzt oder empört, sondern sagte: Ja ja, überall derselbe Kampf. 
Und da gebrauchte ich Dein Lieblingswort und sage: „Wieso Kampf? 
Ich möclite nur das eine wissen von dem Angestecktwerden." Da wird 
sie- ganz rot und sagt: „Ja, wer hat Ihnen denn das gesagt? Mir 
scheint, meine arme Kusine ist hier im Munde aller Leute, Wissen Sie, 
ich kann Ihnen das nicht sagen," Da sag ich: „Ja, aber wer denn, 
S i e studieren doch Medizin und sehen und reden das alle Tage." 
„Nein, liebes Kind (das hat micli w^ütend geärgert, das kannst Du 
Dir denken), dazu sind Sie noch viel zu jung." Was sagst Du dazu, 
zu jung sind wir mit 14'/o Jahren, das ist einfach lächerlich, Wahr- 
scJieinlich ist sie noch nicht soweit im Studieren und will das nicht ein- 
gestehen. Ich stehe also auf und sage: „Ich will Fräulein nicht länger 
stören" und grüße und gehe; aber gedacht habe ich mir: „Die kann 
mir gestohlen werden mit ihrem ganzen Studieren; das wird schon 
die richtige Doktorin werden!" 

Also was sagst Du dazu? Wir werden eben doch beim Lexikon 
bleiben, denn vieles wird schon richtig sein und das Meiste bis auf das 
Wort segsuel wissen wir zum Glück schon. Heuer im Winter wird 
das ja bei euch leichter gehen, daß wir zum Bücherkasten kommen 
können, als früher. Die dumme Gans grüße ich absolut nicht mehr. 

Also wegen dem „reinen Kind" will ich dich, teure Rita, absolut 
nicht beeinflussen, und ich Werde auch nie bö^e werden, auf dich,, weil 
Du eine Unwürdige mir vorziehst I ! ! 

Eine halbe Million Küsse sendet Dir, Ungetreue, trotzdem 

Deine 
unverbrüchlich treue Freundin H. 

P. S. An dem Brief schreibe ich 4 Tage ; zerreiß ihn un- 
bedingt!!! 

Jetzt wo ich den Brief abgeschrieben habe, sehe ich eigentlich 
nicht ein, warum die Hella verlangt, daß ich ihn zerreißen soll. Ich 
finde ihn nicht so arg. Nur das eine, das kann ich der Hella nicht tun, 
wegen des Nachschauens im Lexikon. Ich glaube, ich hätte immer das 
Gefühl, die Mama steht auf einmal hinter uns. Nein, das kann ich 
absolut nicht.. 

13. August: Durch das dumme Abschreiben bin ich gar nicht zu 
meiner Angelegenheit gekommen, obwohl die weit wichtiger ist. Am 
vorigen Mittwoch war nämlich ein großer Ausflug vom Verschön.- 
Verein nach Inner-Lahll auf Leiterwagen. Erst wollte die Dora nicht 
gehen, aber der Papa sagte, wenn es uns Vergnügen macht, so 
geht er gern mit und die Mama würde sich nur freuen, wenn sie sähe, 

159 



daß wir wieder an etwas Freude haben. Und zwei Tage vor dem Aus- 
flüge entschied sich endlich die Dora, daß sie doch g-ehen wollte; 
ich wußte sofort warum ; sie hatte geglaubt, bis dahin seien schon alle" 
Plätze vergeben und es werde heißen: Leider schon alles eingeteilt und 
besetzt. Aber zum Glück hatte sie sich sehr aeirrt. Der Herr Sekretär 
sagte im Gegenteil: Sehr erfreut; bitte wieviele Personen darf ich vor- 
merken? und da sagten wir: 7; nämlich den Papa, die Dora und ich, 
die Tante Alma (leider), die Marina (leider, leider) und die zwei Buben 
(ebenfalls leider). „Das erfordert einen Wagen mehr," sagte der Herr 
Sekretär und wir glaubten, wir würden familienweise fahren. Aber das 
war nicht so: Neben der Dora saß ein Herr, den ich schon ein paar- 
mal gesehen hatte und machte ihr riesig den Hof. Dann saßen 2 fremde 
Herren, die Frau Bang und ihre 2 Tochter und ihr Sohn, der ein 
bissei blemblem ist; herüben der Recke Siegfried, ein Fräulein, die 
eine Schauspielerin sein soll, die zwei Weiners und ihre Mama (trotz I I !) 
dann ich, darnach die Marina, der Papa, die Tante Alma und die zwei 
Buben vis-ä-vis. Wer auf dem zweiten und dritten Wagen saß, weiß 
ich nicht mehr. Um 6 Uhr früh versammelten wir uns beim Schulhaus, 
weii der Herr Oberlehrer die Führung übernahm. Ich wußte gar nicht, 
daß er zwei Töchter und einen Sohn hat, der heuer die Matura ge- 
macht hat. Zuerst war große Vorstellung und die Herren tranken ein 
Stamperl und einige Damen auch; ich aber nicht, denn Liqueur brennt 
einen greulich im Hals und drum schneiden alle, mindestens die 
Mädeln und die Damen so Gesichter beim Trinken, deshalb trinke ich 
nie einen Likör. Also die Hinfahrt war mäßig, weil es recht kalt und 
windig war, die meisten hatten ganz rote Nasen und blaue Lippen; ich 
biß mir fortwährend auf die Lippen, damit sie rot blieben, denn solche 
weiße oder bläuliche Lippen entstellen einen furchtbar, das weiß ich 
von der Dora heuer im Winter am Eis. Der Papa ging nur unsert- 
halben und die Tante Dora wieder blieb wegen der Tante Alma zu- 
hause. Die Marina trägt jetzt Schnecken, die sieht zum Kugeln aus. 
Die Dora verträgt sich übrigens ganz gut mit ihr, was ich von mir 
nicht behaupten könnte. Beim Absteigen sah ich erst, daß neben der 
Schauspielschulelevin auch die Schwester vom Siegfried,, das Fräulein 
Hulda saß. Sie ist sehr lieb, und muß einmal, vor grauen Jahren sehr 
schön gewesen sein, sie hat so sanfte braune Augen und dazu das 
Haar ihres Bruders; aber der hat herrliche Blauaugen, die ganz schwarz 
werden, wenn er zornig ist, z. B. wie er mir von seinem Papa erzählte. 
ich würde zittern vor ihm in seiner Wut. Ich gehe ihm nur etwas über 
die Schulter, so groß ist er. Der Papa nennt ihn den roten Bandwurm, 

160 



1 
^ 



aber damit tut er ihm wirklich unrecht. Er ist sehr breit, aber so 
schlank. In Unter-Toifen wurde Gabelfrühstück aus dem mitgebrachten 
Proviant gehalten, ungef. ^'2 Stunde, dann trieb der Oberlehrer riesig 
zum Aufbruch, weil wir gut 4 Stunden zu gehen hatten. Die zwei 
Buben schlössen sich an andere Buben an und wir fünf Mädeln, wir 2, 
die 2 Weiner und die Marina gingen zuerst miteinander. Die Tante 
Alma ging mit einer Pastorfrau aus Hildesheim oder wie es hieß und 
der Oberlehrerin. Es war zuerst sehr fad, so daß ich schon bereute, 
daß ich den Papa so gebettelt hatte, mitzugehen. Ungefähr nach 1 oder 
2 Stunden kommt der Sohn vom Oberlehrer und drei fesche Burschen 
und gehen mit uns. Da war's so lustig, daß wir vor Lachen gar nicht 
gehen konnten und die Großen uns immer antreiben mußten. Und die 
Marina war ganz ausgelassen, ich hätte nie gedacht, daß die so fesch 
sein könnte. Die eine Tochter vom Oberlehrer fiel hin und einer zog 
sie aus dem Bach, in den sie abgerutscht war vor Lachen. Wie wir 
nach Inner-Lahn kamen, weiß ich gar nicht, so gut unterhielten wir 
uns. Da war schon das Mittagessen bestellt, wir hatten alle einen wahn- 
sinnigen Hunger. Wir lachten unaufhörlich, denn wir hatten uns so 
zusammengesetzt, wie wir gegangen waren, obwohl die Tante Alma das 
erst nicht wollte. Aber sie wurde überstimmt. Mir war es sehr recht, 
daß der Recke Siegfried sah, daß man sich auch ohne ihn unterhalten 
kann. Denn er pickte der Schauspielelevin am Halse, oder vielleicht 
sie ihm — daß weiß ich nicht; oder wenigstens wußte Ich es damals 
noch nicht 1 Weil jedes wo anders saß, mußte jedes selber bezahlen 
und der Papa sagte am nächsten Tag, wir hätten ein Heidengeld ver- 
putzt; aber das war nicht im Gasthaus, sondern ist später geschehen, 
wie wir Andenken kaufen gingen. Und ich glaube, die Dora hat der 
Marina 3 K gegeben, damit sie auch Sachen kaufen konnte. Aber so 
etwas verrät die Dora nie. Überhaupt ihr Charakter gefällt mir immer 
besser; sie gleicht darin sehr der Mama. Also, die eingekauften Sachen 
wurden alle in zwei oder drei Rucksäcke gegeben und gehörten für 
eine Tombola beim Zurückkommen in Unter-Toifen. Ich muß mindestens 
7 K ausgegeben haben, denn der Papa gab jeder von uns in der Frühe 
5 K und dann hatte ich noch eine Menge Geld vom August-Taschen- 
geld und jetzt habe idi nur mehr 40 h. Nach dem Essen und Ein- 
kaufen legten wir uns in den Wald oder gingen -zu zweien herum. Wie 
ich so liege und schlafen will, kommt auf einmal jemand hinter mir 
und wie ich mich aufrichte, legt mir dieser Jemand die Hände über 
die Augen und sagt: „Der Berggeist". Und ich erkenne sofort seine 
Hände und sage: Recke Siegfriedl Da lacht er riesig und setzt sich zu 

11 Tagebuci 161 



mir und sagt: Sie haben sich ja heute so gut unterhalten, daß Sie gar 
keinen Blick für andere hatten." „O, nur vice versa (das habe ich von 
der Dora), ich dränge mich niemanden auf und werfe mich 
niemanden an den Hals." Da will er mich um die Mitte nehmen 
(und wahrsclieinlich küssen, höchst wahrscheinlich), aber ich spring-e 
schnell auf und rufe die Dora, d. h. Theo, denn wir haben vor den 
Herren ausgemacht, daß wir einander nur Theo und Rita nennen. Der 
Papa sagt zwar, das sei ein Blödsinn, der für die Dora gar nicht mehr 
paßt (aber für mich natürlich' ja!), aber wir sind bei unserer Abmachung 
geblieben. Da hält er mir die Hand auf den Mund und sagt: „Nicht 
rufen!" Aber indessen kamen schon die Dora, der Herr mit dem 
Zwicker, der ein Dr. jur. ist beim Bezirksgericht in Innsbruck, und die 
Marina und ein Eursch und da frage ich: „Was ist los, wann wird 
gejaust?" „Die hat schon wieder Hunger, so etwas" sagen alle und 
lachen furchtbar. Und die Dora schaute sehr glücklich aus. Auch hatte 
sie ein Edelweißbukett vorgesteckt, das sie früher nicht hatte; am 
Abend sagte sie mir, sie habe es vom Herrn Dr. P . . . bekommen. 
Er ist womöglich noch größer als der Recke Siegfried, denn die Dora 
ist etwas größer als ich und geht ihm nur bis zum Ohrrand. Um drei 
Uhr ging nodi die letzte Partie auf die Aussichtswarte, wir waren 
schon früher gewesen. Die Aussicht war herrlich. Aber eine schöne 
Aussicht und überhaupt eine schöne Gegend schaue ich mir lieber 
allein, d. h. mit dem Papa, oder ganz wenigen Personen an; mit so 
vielen hat man nichts; es nimmt förmlich ein jeder ein Stückerl weg. 
In einer schonen Gegend und am Friedhof muß man allein sein. Denn 
eine schöne Aussicht stimmt einen auch meist furchtbar traurig, und da 
kann man doch nicht unmittelbar vorher gelacht haben oder gleich 
darnach wieder lachen. Wenn ich in Inner-Lahn allein wäre, würde 
ich unbedingt melancholisch, so herrlich schön ist's dort. 

Um vier Uhr nach der Jause stiegen wir ab, der Herr Oberlehrer 
halte geglaubt, der Abstieg dauert höchstens zweieinhalb Stunden, aber 
wir brauchten mehr als drei. Denn alle waren sehr müde und vielen 
taten die Füße weh, z. B. der Tante Alma! Wir hatten das gleich 
gesagt, daß das für die Tante nichts ist; aber daß nur ja der Marina 
nichts geschieht, mußte sie mitgehen, und die Marina hat sich doch 
sehr gut unterhalten mit einem Herrn Furtner, der Bergbau studiert 
wie der Oswald, aber niclit in Leoben, sondern in Deutschland. Wie 
eigentlich ein Mädel ist, sieht man immer erst, wenn sie sich mit einem 
Herrn unterhält oder bei gewissen Gesprächen; also die letzten sind 
natürlich unmöglich mit der Marina seit der Erfahrung, die wir 

162 



gemacht. Aber jedenfalls ist sie netter, als man auf den ersten Blick 
meint. Beim Nadihausegehen war es riesig nett. Auf der Fahrt von 
Unter- Toifen nacJihause saßen wir ganz anders, als beim Hinfahren. 

Statt den Weiners saßen in unserem Wagen drei Burschen aus 
München, die waren riesig nett, da sangen wir alle möglichen Lieder, 
die wir wußten ; besonders „Hoch vom Dachstein, wo der Aar nur 
haust" und die „Forelle" und „Wo mel. Schatz is . . . ." waren herrlich, da 
sangen die Leute von zwei Wagen mit. Und dann sangen einige 
Alphornlieder mit Jodeln, daß die Berge hallten. Ein paar Herren vom 
dritten Wagen hatten einen Schwips und dabei war auch der Recke 
Siegfried!! Die Tante Alma hatte fürchterlich Kopfschmerzen; das 
ist eben ein Unsinn, daß sie mitgegangen war und da wußten wir nicht 
einmal noch, was nachkommt. Bei jedem Haus, wo junge Mädeln ab- 
gesetzt wurden, wurde ein Ständchen gebracht. Und am nächsten Abend 
sollte große Tombola sein mit den gekauften Andenken, aber da 
durften wir nicht mehr hingehen. 

14. August: Es ist greulich fad, ich weiß gar nicht, was ich 
eigentlich tun soll, so schreibe ich Tagebuch. Übrigens habe ich ja den 
Skandal noch nicht geschrieben. Am nächsten Tag Nachmittag kommt 
die Tante Alma, gerade wie wir weggehen wollen und sagt zum 
Papa: Ernst, ich bitte auf ein Wort. Nun dieses auf ein Wort der 
Tante Alma kennen wir schon, d. h. zu deutsch : ich mache Euch eine 
Szene. Also fäng^ sie an: „Ernst, du weißt, ich war nie eingenommen 
für diese gemeinsamen Partien, denn es schaut nichts heraus dabei. 
Aber um der Kinder willen, hauptsächlich um Deiner mutter- 
losen Kinder entschloß ich mich, mitzugehen. (Es hat sie gar niemand 
gebeten; und wegen ihr ist die Tante Dora zuhausgeblieben.) Weißt 
du, mit was für Leuten wir in einer Gesellschaft waren? Dieser freche 
junge Bursch, dem die Gretel so nachrennt, (das ist eine Gemeinheit! 
ich möchte wissen, wann ich ihm nachrenne; im Wald, da habe vielleic^it 
ich ihn um die Mitte genommen, und damals an meinem Geburtstage 
habe vielleicht auch ich angefangen), und die junge Schauspielelevin 
sind die halbe Nacht nach dem Ausflug nidit nachhau segekoram^n. Wo 
sie sich herumgetrieben haben, das wissen die Götter.! Reiner sind 
sie nicht nachhausegekommen. (Natüriich, wie hätten sie sich denn 
waschen SOlleni) Der Oberbergrat hat dem Lausbuben ordentlich den 

Standpunkt klar gemacht, aber die Mutter dieser ScliaUSpielerin miUmt 
natürlich das Mädchen in Schutz. Wenn ich denke, daß meine 
Marina so etwas täte, das brächte mich ins Grab." EndIi<Ji kommt 
der Papa zu Wort: „Ja, also liebe Alma, und was hat das alles mit 



11* 



i63 



meinen Kindern zu tun? Soviel idi weiß, sind diese zwei Leute g-ar 
nicht auf unserem Wagten gewesen, nicht Kinder? Ich war froh, daß 
der Papa sich an uns wendete und sagte: Der Siegfried Seh. und die 
Schauspielelevin sind im vierten Wagen gesessen, ich habe sie auf- 
steigen gesehen; und mir war es auch toute meme chause, wo er fährt 
und mit wem er fährt." (Das ist zwar nicht wahr, aber wegen der 
Tante sagte ich es.) „Dieses Mundwerk und diesen Ton gegen den 
eigenen Vater 1" Kaum daß sie das sagt, da ist der Papa wild ge- 
worden, wie ich ihn noch nie gesehen habe. „Meine Hebe Alma, ich ersuche 
dich, dich in meine Erziehungsmethode nicht zu mischen, so wenig 
wie ich Dir ja ein Wort in Deine Sachen drein rede." Das sagte der 
Papa so leise und ruhig, aber dabei war er ganz weiß vor Wut, und 
die Dora sagte mir dann, daß ich auch ganz weiß gewesen bin, 
natürlich auch vor Wut. Die Tante Alma sagte noch: „Ich will keine 
bösen Prophezeiungen sprechen, aber die Zukunft wird lehren, wer 
Recht hatte. Adieu." Wie sie draußen war, stürzten die Dora und ich 
zum Papa und sagten: „Ich bitte dich, P^pa, ärgere dich nicht so; .es 
steht gar nicht dafür." Und der Papa war riesig lieb und nett zu uns 
und sagte: „Ich weiß schon, daß ich mich auf Euch verlassen kann; 
Ihr seid ja die Kinder meiner Berta." Und da konnte ich mich nicht 
zurückhalten und sagte: „Nein Papa, ich habe wirklich kokettiert mit 
dem Siegfried, und im Wald hat er mich um die Mitte genommen; 
aber küssen habe ich mich nicht lassen, das schwöre ich dir. Und wenn 
du es nicht willst, so schwöre ich dir auch, daß ich kein Wort mehr 
mit ihm rede." Und der Papa sagte: „ja, ja Gretel, du hast schon 
noch Zeit mit solchen Sachen und wenn der Strick „der rot- 
haarige", mit dir schön tut, so macht er sich höchstens hinterdrein 
lächerlich. Und das will mein Mädel doch nicht, gelt Hexerl?" Da um- 
armte ich den Papa und schwor ihm bei meinem Ehrenwort, 
daß ich mit dem Siegfried kein Wort mehr rede. Nämlich der Gedanke 
ärgert mich wirklich kolossal, daß er sich lächerlich machen könnte; 
am Ende zu der Elevin, die in der halben Nacht mit ihm spazieren 
geht ; eine solche Unverschämtheit l 

Wir waren dann so aufgeregt, daß wir gar nicht spazierengingen 
und auch natürlich nicht zur Tombola. Aber um meine Sachen um 
7 K tuts mir riesig leid. Hoffentlich hat er nichts davon gewonnen. 

15. August: Nur ein paar Worte. In der Frühe, wie ich zum 
Frühstücke gehe, kommt mir auf dem Gang der S. (das ist gut, das 
kann seinen Vornamen und auch Sti-ick bedeuten, wie der Papa ihn 
nannte) entgegen und sagt: „Guten Morgen, Fräulein Gretchen. Warum 

164 



waren Sie neulich nicht bei der Tombola? Haben Sie nichts gestiftet? 
— „Oja, ich habe Sachen um 7 K gekauft dafür, aber es paßt einem 

mitunter die Gesellschaft nicht." Wieso denn auf einmal? Es 

waren ja alle Leute von der Partie? — »Ja, eben deshalb," sag 

ich und gehe vorbei. Dem habe ich's gut gegeben, den verstanden 
muß er es doch haben. Darin muß ich dem Papa recht geben, daß 
es nicht fein ist, zu fremden Leuten über seine Eltern schimpfen, wie 
er das jedesmal tut. Ich könnte kein Wort gegen- meine Eitern zu 
jemanden andern sagen, obwohl ich midi ja aucli manchmal wütend 
ärgere; also über die Mama schon deshalb nicht, weil sie tot ist. Aber 
auch über den Papa nicht; lieber würge ich das ärgste Unrecht 
hinunter. Denn damals in dem Verdruß mit der Tante Alma wegen der 
Marina, da war ich wirklich unschuldig und er schimpfte mich so aus, 
noch dazu vor der Tante Alma, das werde ich nie vergessen. Aber 
trotzdem, zu jemandem Fremden, den ich gerade erst kennen lernte, 
würde ich nie etwas gegen irgendwen von unserer Familie sagen; 
nicht einmal gegen die Dora, mit der ich früher doch gar nicht gut 
stand, habe ich nicht einmal zur Hella besonders viel geschimpft; 
höchstens daß sie falsdi ist, und das war früher wirklich der Fall, 
während jetzt nur äußerst selten. 

19. August: Es ist scheußlich fad; idi kann das Wort scheußlich 
nicht vertragen, aber für hier paßt es einzig. Heute abends kommt 
endlich der Oswald, Gott sei Dank. Der S. hat schon mehrmals An- 
näherungsversuche gemacht, die idi aber ignorierte. Er 
soll nur bei seiner Schauspielerin bleiben, die die halbe Nacht mit ihm 
Spazierengehen darf. Wosie übrigens waren, würde mich sehr interessieren. 
In der Nacht, es ist unerhört ! 1 1 Die Dora sagt, sie hat gleich eine 

Antipathie gegen den S. gehabt, weil er also das ist 

eine Lüge I — Schweißhände ! hat. Das ist absolut nicht wahr, 

im Gegenteil, er hat so entzückend kühle Hände, das muß ich doch 
besser wissen als die Dora. Aber das weiß ich seit jeher, wenn mir 
jemand den Hof macht, der ist der Dora unsympathisch, natürlidi. 
Ja; richtig, neulich am Sonntag hat mir die Annelise einen reizenden 
Brief geschrieben. Ich muß ihr heute noch antworten. 

22. August: Der OswaW ist ZU nett. Er hat nicfat au^ meinen 
Geburtstag vergessen, aber er sagte, damals war ihm grad das Moos, 
das heißt in der Studentensprache das Geld ausgegangen und dann 
fand er nichts Passendes, aber sobald wir nach Wien kommen, macht 
er seinen Fehler gut. Ich weiß aber nicht, was ich mir wünsdien soll. 
Jetzt bleibt der Oswald hier, bis wir alle nach Wien fahren und da 

165 



machen wir allein einige Partien. Das ist wirklich am besten. Mit den 
Weiners gehe ich jetzt auch nicht mehr so viel, weil sie sich auch auf 
der gemeinsamen Partie geärgert haben. Die Nelly findet den Oswald 
äußerst fesch und deswegen war sie heute zweimal bei unserem 
Tisch, einmal wegen des Roseggers, den wir ihr geliehen haben und 
dann wegen des Spaziergangs. 

24. August: Es ist ja eigentlich lächerlich, daß einen so etwas so 
freut von einem Bruder; aber wenn er es findet, so ist es sicher wahr. 
Der Oswald sagt heut zu mir: „Mädel, fesch wirst du zum Anbeißen. 
Du machst dich gehörig heraus." Ich sagte zwar: „Na, das Anbeißen 
möcht' ich keinem raten", und er sagte: „Ich auch nicht", aber es hat 
mich doch riesig gefreut, obwohl er nur mein Bruder ist Die Marina 
findet er scheußlich und die Dora ist ihm als Mann zu fad; da hat er 
wohl Recht. Ich begreife auch den Dr. P. nicht, daß der immer mit der 
Dora redet. Mit mir hat er übrigens noch keine 10 Worte gesprochen. 
Also ich kränke mich nicht darüber. - 

27. August: Wir waren gestern am Matscherkogel, wo eine herr- 
liche Aussiclit war. Die beiden Buben waren mit, sie hatten dem Papa 
eigens gebeten; aber die Tante Alma und die Marina natürlich nicht. 
Der Oswald nennt die Tante Alma immer Nadelpolster ohne 
Rundung, aber nur wenn der Papa nicht dabei ist, weil sie ja doch 
seine Schwester ist. Die Weiners wollten mitgehen, aber ich sagte, 
mein Bruder bleibt nur noch wenige Tage hier und das ist eine Ab- 
schtedspartie en familie." Da waren sie etwas beleidigt, aber mich 
hat das riesig geärgert, daß sie immer wieder absichtlich vor mir er- 
zählten, daß der S. sich mit der Schauspielelevin gegen den Willen 
seines Papas verlobt hat oder verloben wird. Mir liegt daran doch 
wirklich nichts. Aber sie haben einander immer BKcke zugeworfen, 
wenn sie davon redeten, besonders die Olga, die wirklich nicht sehr 
geistreich ist. Ich bin jetzt manchmal so traurig, daß ich gar nicht be- 
greifen kann, wie ich mich eigentlich auf dem gemeinsamen Ausflug so 
gut unterhalten habe. Ich denke so oft an die arme Mama und ich bin 
auch oft Schwarz gekleidet Das paßt am besten zu meiner Stimmung. 
30. August: Morgen scheinen die Seh ... . wegzufahren. Wenigstens 
hat der alte Herr vorgestern zum Papa gesagt: „Gott sei Dank, wenn 
man wieder bald in seine vier Wände und seine Bequemlichkeit kommt" 
Das sagt auch 'die Großmama der Hella immer vor der Abreise vom 
Land. Und dann standen heute 2 große Reisekörbe auf dem Gang, in 
der Nähe der Zimmer des Herrn Oberbergrats. Der Oswald findet den 
alten Herrn charmant; na also, Geschmacksache. Mit dem S. hat er, 
166 



m 



glaube ich, nie geredet, obwohl er auch deutsdinational ist, aber von 
einem andern Verband; der Oswald gehört zur Südmark, und der S. 
hat einmal riesig geschimpft über die Südmark, als ich ihm erzählte, 
daß der Oswald bei der Südmark ist. 

31. August: Heute ist er richtig weggefahren, d. h. die ganze 
Familie. Sie haben sich bei uns verabschiedet nach dem Nachtmahl 
gestern abends und heute sind sie mit dem 9 Uhr Zug nacli Innsbruck 
gefahren. Also Schweißhände hat er niciit, ich habe eigens aufgepaßt; 
das ist eine reine Einbildung von der Dora. Er und der Oswald be- 
grüßten sich mit Heil! Das ist ein großartiger Gruß und ich werde das 
zwischen der Hella und mir auch einführen. 

2. September: Heute sind auch die Weiners weg, weil man es 
ihrer Mama schon 2u stark anmerkt. Die Olga sagte beim Abschied, 
es ist ihr gräßlich peinlich, mit ihrer Mama zu fahren, sie wird wenn- 
möglich immer etwas zurückbleiben, damit man nidit glei(^ weiß, daß 
sie zusammengehören. 

4. September: Das ist doch unerhört!! Der S. ist wieder da, 
allein natürlich; alle Leute sind empört, denn er ist nur wegen des 
Fräuleins A., der Schauspielelevin zurückgekommen. Aber der Oswald 
hat ihn riesig in Schutz genommen, wie nachmittags die Frau Lunda 
zur Tante Dora sagte: „Das ist ein Skandal und seine Eltern hätten es 
nicht erlauben sollen, wenn schon die Mutter der Elevin nicht weiß, 
was sich gehört". Da sagte der Oswald: „Pardon, gnädige Frau, der 
junge Seh. ist doch kein Schulbub, der den Eltern am Rockschössel 
hängt; eine solche Bevormundung v/äre wirklich eines deutschen Mannes 
unwürdig." Der Frau L. habe ich das eigentlich gegönnt, denn die 
durchbohrt einen immer mit den Blicken und ist wahnsinnig neugierig. 
Und das Wort Bevormundung ist echtdeutsch, das hat auch der S. 
einmal gesagt, wie er von seiner Schwester redete und warum sie nicht 
geheiratet hat. Die Frau L. hat sich wütend geärgert und hat zur Tante 
Dora gewendet gesagt: „Natürlich, die jungen Herren halten fest zu- 
sammen, bis sie selber einmal Väter sind, da denken sie schon anders." 

8. September: Golt sei Dank, übermorgen fahren wir auch weg. 
Eigentlich war es ziemlich fad hier, jedenfalls kann ich in das Loblied 
der Hella vom vorigen Jahr nicht einstimmen; sie wohnten allerdings 
nicht in der Pension Edelweiß, sondern im Hotel Kaiser von Österreich. 
Das macht sehr viel aus, wo man wohnt. Richtig, da fällt mir gerade 
ein. Die junge Frau mit dem Ausschlag infolge Ansteckung muß 
doch nicht geschieden sein, wie mir die Hella vorvorige Woche schrieb; 
denn ihr Mann war zu Besuch dort, ein Schauspieler vom König!. 

167 



: 



Schauspielhaus in München. Also scheinen die Schauspieler wirklich 
auch alle angesteckt 2u sein; und die Hella behauptete immer, nur 
die Offiziere! In dem Punkt ist sie wirklich etwas übertrieben. 

14. September: Seit 11. sind wir schon in Wien, aber ich konnte 
absolut nicht schreiben, obwohl genug Grund dazu wäre. Denn die 
erste Person, die ich begegnete, als ich am 11. Kakao holte, den die 
Kesi vergessen hatte mitzunehmen, war der Oberleutnant R., nämlich 
der bieg er, der Viktor 1! Er erkannte mich natürlich sofort und war 
riesig liebenswürdig und begleitete mich ein Stück. So neben- 
bei fragte er nach der Dora, aber ich sah deutlich, daß er sie nicht 
mehr hebt. Das ist übrigens köstlich, daß er nicht wußte, daß die 
Dora heuer die Matura gemacht hat und daher nicht mehr ins Lyzeum 
geht. Daß Sie durchaus weiter studieren will, sagte ich ihm nicht, weil 
es doch absolut noch nicht sicher ist 

16. September: Gestern ist die Hella gekommen; ich bin glücklich: 
ich begrüßte sie mit Heill aber sie sagte, „mach keine Dummheiten", 
überdies paßt das nicht für eine österreichische Offizierstocliler ! ! ! Also 
darüber werden wir uns nach 2monatIicher Trennung nicht zerzanken 
und bervus ist auch sehr fesch, nur nicht so fein. Sie erzählte mir 
noch wahnsmmg viel von dieser jungen Frau; ihre Kusine soll in ihren 
Mann verhebt sein, sagten einige Damen in B. Das wäre greulich, 
denn dann würde si? auch angesteckt; aber die Hella sagt, sie hat nie 
etwas bemerkt obwohl sie die 14 Tage, die er da war, riesig aufgepaßt 
hat. hr hat bei 2 Unterhaltungsabenden gesung en, aber sie hat nich 
das Germgsle bemerkt. Die Lizzi hat sich verlobt, aber die Hella 
durfte nicht einmal mir etwas schreiben, weil die Verlobung erst jetzt 
m Wien offiziell gefeiert wird; mit einem Baron G. Er ist Gesandt- 
schaftsattache in London und dort hat sie ihn bei einer Gesellschaft 
kennen gelernt. Er liebt sie wahnsinnig. Im Sommer im Aug. kam er 
auf Urlaub nach B. und hielt um ihre Hand an; deshalb blieben sie 
den ganzen Sommer in B. und fuhren gar nicht nach Ungarn. Das 
waren die b e s o n d e r e n U m s t ä n d e, die mir die Hella nicht schreiben 
konnte. Also das hätte sie mir ruhig schreiSen können, ich hätte es 
niemanden verraten; denn schließlich ist die Lizzi doch schon 19V2 Jahre 
und da hätte sich niemand gar so gewundert, daß sie sich endlich verlobt 
Ein großes Verlobungsfest kann nicht gefeiert werden, weil der Vater 
vom Baron G. heuer im Juli gestorben ist Das ärgert die Hella riesig. 
Uie Lizzi behauptet, sie macht sich nichts daraus. 

18. September: Heute ist die Verlöbungsanzeige der Lizzi ge- 
kommen. Es muß herrlich sein, Verlobungskarten auszuschicken. Die 
168 



Dora ist ganz rot geworden vor Ärger, sie sagte zwar, wie icli fragte: 
„Was wirst du denn ganz rot, da ist doch nidits zum Genieren, wenn 
sich jemand verlobt!" „Ich bitte dich, was soll ich mich denn genieren, 
ich bin bloß riesig erstaunt." Aber vom Erstaunen wird man nicht so rot. 

19. September: Heute hat die Schule begonnen; leider, denn Sie 
ist nicht mehr bei uns. Und noch dazu ist die vorjährige III. heuer die 
IV. und das ist gräßlich, im selben Schulzimmer sitzen ohne S i e. Zum 
Glück haben wir wenigstens die Frau Dr. St. als Klassenvorstand und 
wieder in Mathematik und Physik; die Frau Dr. F., die wir Nüßchen 
und die V. Klasse Wasserfall nannten, ist nicht mehr bei uns, sondern 
an das Deutsche Lyz. in Lemberg angestellt worden. Wir mußten uns 
vorläufig so setzen, wie im Vorjahr, aber die Hella sagte, wir werden 
die Frau Dr. St, bitten, daß sie uns wo anders hinsetzt, denn die ^Er- 
innerung an die drei Jahre, wo wir die Frau Dr. M. hatten, würde uns 
in der Aufmerksamkeit stören. Das ist ein wunderbarer Einfall. In 
Deutsch haben wir einen Herrn, in Französisch leider wieder die Frau 
Dr. Dunker, deren Teint noch nicht schöner geworden ist, und in 
Englisch die Frau Direktorin, Das ist mir sehr angenehm, denn erstens 
ist sie sehr lieb und zweitens habe ich einen Stein im Brett bei ihr 
von der Dora her, die ihr Liebling war. In Latein gehe ich natürlich 
nicht, denn ohne Frau Dr. M. habe ich nidits davon. Richtig, » einen 
neuen Religionsprofessor haben wir, der Herr Professor K. ist in Pension 
gegangen, da er schon 60 Jahre alt war. 

21. September: Es ist uns gelungen. Heute iji der großen Pause 
sagte die Hella zur Frau Dr. St., die gerade Inspektion hatte: „Frau 
Dr., dürfen wir eine Bitte äußern?" Da sagte sie: „So, schon in der 
ersten Schulwoche; also was denn?" Und da sagten wir, sie möchte 
uns aus der dritten Bank Fensterseite wegsetzen, weil das unsere Plätze 
bei der Frau Dr. M. waren und das sei uns schrecklich." Zuerst wollte 
sie nicht recht, aber dann sagte sie: „Ich werde schon sehen, so könnt 
Ihr ohnehin nicht sitzen bleiben." Von 11—12 hatten wir Mathematik 
und nachdem die Frau Dr. Steiner sich niedergesetzt hatte, sagte sie: 
„Diese Sitzordnung war nur provisorisch. Ihr müßt doch etwas mehr 
nach der Größe sitzen". Und dann setzte sie alle und ich und die Hella 
kamen in die 5. Bank Fensterseite; an unseren Plätzen sitzen die zwei 
Zwillinge, die Ehrenfelds und vor uns die Lohr und eine neue, eine 
gewisse Hammer Friederike, deren Papa Konditor auf der Mariahilfer- 
straße ist. Wir sind sehr froh, daß wir aus der entsetzlichen dritten 
Bank weggekommen sind, wo Sie so oft neben uns stand und die 
Hand auf die Bank legte. 

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29. September: Heute war der Herr Prof. Fritsch, der Deutsch- 
professor, das erstemal da. Er räuspert sich in einemfort und trägt 
goldene Auffengiäser. Die Hella findet ihn e r tr ä gl i ch nett, ich aber 
nicht. Daß ich in meinem Leben kein Vorzüglich mehr in Deutsch be- 
l^omme, das weiß icli! Gestern war der neue Religionsprofessor das 
erstemal da, da saß ich allein, weil ja die Hella als Protestantin weg- 
geht. Er sieht furchtbar schlecht aus und hat die Augen immer gesenkt, 
obwohl er brennend schwarze Augen hat. Das nächstemal setze ich 
niich neben die Hammer, damit wir nicht so einzeln sitzen. 

2. Oktober: Heute hatten wir heil. Beichte und Kommunion, und 

weil die Lehrkräfte nicht erlauben, daß wir uns aussuchen, zu wem wir 

beichten gehen, mußte ich zum Herrn Professor Ruppy gehen. Das war 

oiT gräßlich. Ich habe so leise geflüstert, daß er mich dreimal ermahnen 

^me, lauter zu reden. Wie icii vom 6. Gebot anfing, deckte er sich 

<^'e Augen mit der Hand zu. Aber gefragt hat er, Gott sei Dank, 

J^eiter nichts. Die einzige Lehrkraft, die einem erlaubte, sich den geist- 

l^ichen Herrn auszusuchen, war die Frau Dr. M. Das heißt, direkt erlaubt 

"3t sie es auch nicht, aber wenn eine schnell zu einem andern Beichl- 

^uhl rannte, so hat sie getan, als ob sie es nicht bemerkt hätte.. Der 

J^err Rel.-Prof. gibt furchtbar lange Bußgebete auf; alle Mädchen, die 

'^ei ihm beichteten, verrichteten gräßlich lang ihre Buße. Hoffentlich ist 

^'" beim Prüfen nicht auch so streng, sonst bekomme ich Niclitgenügend; 

**as wäre greulich. 

3. Oktober: Heute war der Papa herrlich! Die Tante Dora muß 

*nm gesagt haben, daß ich sie neulich fragte, ob der Papa am Ende 

^'e Frau Rechnungsrat Riedl heiratet, weil ihr Mann fast zur selben 

^eit gestorben ist wie unsere Mama, und weil der Papa der Vormund 

. ^^ den drei Kindern ist. Heute war sie mit dem Willi da, weil er jetzt 

^ die Schule gekommen ist. Und da haben die Dora und ich darüber 

^erede^ und sie sagte, wenn der Papa das tut, geht sie aus dem Haus. 

_^d am Abend, wie wir nach dem Nachtmahl sitzen, so sag ich: Wenn 

"^'e Frau v. R. nur nicht so häßlich wäre. Findest du sie nicht auch 

^*^i-ecklich häßlich, Papa? Und der Papa lacht so lieb und sagt: „Du 

^»■auchst keine Angst haben, mein Hexerl, das tue ich Euch niclit an, 

^^ß ich euch eine Stiefmutier ins Haus setze." Und da war ich so froh 

^^<1 die Dora aucli, daß wir den Papa riesig abküßten, und die Dora 

^gte: „Ich wußte das ohnehin, daß du deinen Schwur an die Mama 

J^t brechen wirst", und sie weinte furchtbar. Und der Papa sagte: 

*'^ein Kinder, einen Schwur habe ich der Mama gar nicht geleistet, 

< ^S hätte ihre vornehme Natur auch nie verlangt. Aber bei so 

370 



I 



großen Mädeln, wie Ihr seid, gehört keine Stiefmutter ins Haus." Und 
dann sagte ich dem Papa, daß die Dora aus dem Haus ginge, obwohl 
ich mich eigentlich furchtbar geärgert habe darüber. Denn, wenn der 
Papa wirklich noch einmal heiraten würde, so müßte ich es ja auch 
ertragen; und daher die Dora ebenfalls. Aber der Papa sagte nochmals: 
„Habt keine Angst, ich heirate bestimmt kein zweitesmal." Und ich 

sagte: „Auch die Tante Dora nicht?" und er sagte: „Na die schon " 

und dann unterbrach er sich schnell und sagte: „Nein, nein, auch die Tante 
Dora nicht." Und jetzt gerade sagt mir die Dora, ich sei urblöd gewesen, 
denn ich weiß doch, daß der Papa nicht entzückt ist von der Tante. 
Und dann machte sie mir Vorwürfe, weil ich dem Papa gesagt habe, sie 
würde aus dem Hause gehen, wenn er doch heiratet. Ich bin ein Kind, 
dem man seine geheimsten Gedanken nicht anvertrauen dürfe!! So, jetzt 
haben wir mindestens '■^.U Stunden gestritten und es ist dabei '/^12 Uhr ge- 
worden. Glücklicher Weise haben wir morgen frei, weil Kaisers Geburtstag 
ist. Aber ich bin doch sehr froh, daß wir es positiv wissen, daß der Papa die 
Frau V. R. nicht heiratet. Ich könnte mich mit keiner Stiefmama vertragen. 

9. Oktober: In Deutsch ist es heuer gräßlich schwer. Wir dürfen 
beim Aufsatz keinen Plan machen, sondern wir müssen ihn so nieder- 
Sfiireiben und dann hinterdrein disponieren. Und das kann ich 
niciit. Der Prof, Fritsch ist sehr schön, aber alle Mädchen fürchten ihn 
entsetzlich, denn er ist gräßlich streng. Seine Frau ist im Irrenhaus 
und seine Kinder sind bei seiner Mama. Er hat sich von ihr scheiden 
lassen und da er zum Glück ein Protestant ist, kann er wieder heiraten, 
wenn er will. Die Hella ist ganz verliebt in ihn, aber ich absolut nicht. 
Denn ich denke nur immer an den Prof. W. in der IL und da habe ich 
genug. In einen Professor verliebe ich mich absolut nicht mehr. In der 
Lehrerinnenbildungsanstalt, wo die Marina jetzt im 4. Jahrgang ist, hat 
voriges Jahr ein Professor ein ehemalige Schülerin geheiratet. Aber 
das täte ich um keinen Preis, meinen alten Professor heiraten, der 
alle Fehler von einem v/eiß. Und dann muß er doch mindestens 12 
oder 20 Jahre älter sein als das Mädchen; und das ist doch greulich, 
da kann eine gleich ihren eigenen Papa heiraten ; der hat sie wenigstens 
sicher gern und sie weiß wenigstens, wie er alles haben will; aber so 
einen alten Professor, nee, das ist ein Geschmack! 

15. Oktober: Ich habe eine wahnsinnige Angst, daß die Hella 

rezitiv wird; sie sagt, ein zweitesmal, überhaupt jetzt, nachdem '- 

läßt sie sich absolut nicht operieren; da stirbt sie lieber. Gott, das 
wäre gräßlich! Ich habe ihr riesig zugeredet, daß sie ihrer Mama sagt, 
daß sie solche Schmerzen hat; aber sie will nicht. 

171 



19. Oktober: Der Papa der Hella wird im November General 
und kommt nach Krakau. Gott sei Dank, sie bleibt hier bei ihrer 
Großmama, bis sie mit dem Lyz. fertig ist. Nur zu Weihnachten und 
zu Ostern und in den Ferien fährt sie hin und sie freut sich schon 
wahnsinnig darauf. Vor lauter Freuden ist ihr wieder ganz gut. In 
der Schule sind alle sehr stolz drauf, daß in unserer Klasse eine 
Generalstochter ist. In der III. Kl. ist auch eine, sogar von einem 
Feldmarschall-Leutnant, aber er ist schon in Pension. Und der Papa 
sagt immer, wenn einer in Pension ist, kräht kein Hahn mehr 
iiadi ihm, 

22. Oktober: Wir haben kaum Zeit zum Lernen vor Aufregung^. 
Die Mama der Hella hat voriges Jahr zu Weihnachten mehrere Romane 
von Gey^stamm bekommen und neulich liegt einer auf dem Tisch und 
Wie ihre Mama draußen ist, blättert die Hella schnell und liest den 
Titel Frauenmacht!!! Wie ihre Mama fertig war, schaut sie, wohin 
sie ihn im Bücherkasten stellt und jetzt lesen wir ihn. Einfach groß- 
artig ! Ich kann die ganze Nacht nicht schlafen; die Signe, die er so 
liebt und die ihn doch betrügt. Wir haben so geweint, daß wir nicht 
Weiterlesen konnten. Und das Mädchen, das Grelchen, das so an ihrem 
Papa hängt; ja, ich kann das großartig begreifen, daß sie immer Angst 
hat, ihr Papa könnte diese eckelhafte Person, die Frau Elise heiraten, 
die docli so schon einen Mann hat. Und wie sie dann stirbt, Gott, daß 
ist so gräßlich und so schön, daß wir es dreimal hintereinander lasen. Ich 
hatte neulich ganz rote Augen vor lauter Weinen, so daß die Tante 
dann sagte, ich dürfe nicht soviel lernen; sie glaubt nämlich, die Hella 
Und ich lernen Literatur miteinander. Gott, das Lernen ist einem schrecklich, 
Nvenn man solche Bücher liest. 

" 24. Oktober: Wenn ich den Papa anschaue, muß ich immer an 
den Roman Frauenmacht denken; natürlich abgesehen von der 
Signe. Die Hella hofft noch etwas zu erwischen, aber es geht nicht so 
einfach, weil ihre Mama doch leicht draufkommen kann, da sie immer 
sehr vielen bekannten Damen Büdier leiht. Das gäbe einen Riesen- 
skandal. Das Buch vom Brüderchen verlangen wir uns nicht, da 
Wird nicht besonders viel drinstehen; aber ein Roman heißt Komödie 
der Ehe, das muß herrlich sein; den müssen wir unbedingt lesen. 

26. Oktober: Die Brudtners bleiben in ihrer Wohnung und die 
Großmama übersiedelt zu ihnen; nur der Herr General! II fährt nach 
K. und die Mama der Hella natürHch auch. Die Lizzi muß hierbleiben, 
denn sie geht zu den Schotten Kochen lernen, da sie im Faschiny 
heiratetül 

172 




31, Oktober: Heute sind die Eltern der Hella weggefahreh; sie 
hat furchtbar geweint, weil sie riesig gern mitgefahren wäre. Die Lizzi 
macht sich nichts draus, well sie schon verlobt ist und ihr Bräutigam, 
der Herr Baron, zu Weihnachten auf jeden Fall nach Wien oder 
Krakau kommt; das ist ihm einerlei. 

4. November: Heute haben wir, nämlich etliche in der Klasse, uns 
wütend geärgert in der Deutschstunde. Weil ein paar Mädchen nicht 
wissen, wo ein Beistrich gesetzt wird und wo nicht, hat der Professor 
nidit direkt, aber indirekt gesagt, wir haben in den verflossenen Jahren 
nichts gelernt. Wir haben sehr gut verstanden, daß das auf die Frau 
Dr. M. gegangen ist, bei der* die Deutsch stunden 10, nein lOOmal 
schöner waren als beim Professor F. Und gerade auf die Interpunktion 
hat die Frau Dr. M. riesig gehalten und uns viele Beispiele gesagt. 
Aber ob man einen Beistrich setzt oder nicht, davon hSngt doch 
nicht der gute Stil ab ! Und die zwei Ehrenfeld, die zuletzt auch sehr 
für die Frau Dr. M. schwärmten, sagten, wir, die Lieblinge der Frau 
Dr. M., sollten einmal bei einem bestimmten Aufsatz nicht einen einzigen 
Beistrich machen, ihm zum Justament. Das ist eine ausgezeichnete Idee, 
und wir, ich und die Hella, sind gleich dabei, wenn man sich nur auf 
die andern verlassen kann. 

6. November: Heuer müssen alle Klassen mindestens jeden 
Monat zwei Ausflüge, auch im Winter machen. Wenn das im Vorjahre 
bestimmt worden wäre, wie die Frau Dr. M. noch da war, wäre ich 
bestimmt jedesmal mitgegangen. Aber heuer, ohne sie, freut es uns 
nidit. Die Frau Dr. St. ist auch sehr lieb, aber so wie die Frau Dr. M. 
eben doch nidit. Überdies machen Wir mit dem Papa heuer jeden 
Sonntag einen Tagesausflug, wo auch immer die Hella, und wenn sie 
will, die Lizzi mitgeht. Sobald Schnee ist, machen wir Rodelpartien 
von Haiiifeld oder Lilienfeld aus. 

3. Dezember: Gott, fast einen Monat habe ich nichts geschrieben, 
aber dafür heute 1 Der Skandal in der Deutschstunde U Wir haben 
nämlich die Aufsätze zurückbekommen, in denen die Hella und ich, die 
2 Ehrenfeid, die Brauner, die Bergler Edith, und die Kühnelt absolut ■ 
keinen Beistrich gemacht haben. Und es wäre auch nichts heraus- 
gekommen, wenn nicht die dumme Person die Brauner, nachträgliqh 
alle Beistriche, die sie schon gemacht hatte, wegradiert hätte. Wir 
hatten verabredet, falls der Prof. etwas merkt, zu sagen, wir wollten 
vor dem Unterricht gemeinsam besprechen, wo Beistriche zu setzen 
seien, und es sei aber zu spät gewesen. Jetzt hat diese alberne Person 
alles verpatzt. Er wird den Fall vor die Konferenz bringen I Aber 

173 



w 



schließlich können nicht 6 Schülerinnen von 25 eine mindere Sittennote 
bekommen; das darf überhaupt nicht einmal sein. 

4. Dezember: Heute war die Frau Direktorin in der DeutscJi- 
stunde inspizieren. Nachher sagte sie, sie erwarte, daß wir die schonen 
Kenntnisse, die uns die Frau Dr. M. drei Jahre lang vermittelte, zum 
festen Unterbau unserer weiteren Ausbildung im Oberlyzeum machen. 
Und in der Englischstunde sprach sie über den beschränkteren Gebrauch 
der Satzzeichen im Englischen; und schließlich wurden wir 6 
Sünderinnen in die Kanzlei gerufen. Die ganze Schule weiß schon 
davon und bewundert unseren Mut, besonders die Unterklassen; die I 

V. und VI. ärgern sich, daß wir aus der IV. uns das trauten. Die Frau 
Direktorin schimpfte uns fürchterlich zusammen, sie sagte, das ist eine 
unerhörte Frechheit und zugleich machen wir damit der Frau Dr. M. 
eine sdiöne Schande. Da meldet sich die Hella und sagt ganz be- , 

scheiden: „Ich bitte, Frau Direktorin, darf ich ein Wort zu unserer ' 

Verteidigung sagen?" Und dann sagte sie, daß der Herr Prof. Fritsch j 

bei jeder Gelegenheit über die Frau Dr. M. eine Bemerkung macht, I 

natürlich nur indirekt, aber so, daß wir es doch verstehen, und daß 
wir deshalb das getan haben. Da antwortete die Frau Direktorin, das 
ist wohl nicht richtig, niemals werde eine Lehrkraft gegen eine andere 
sprechen, da hätten wir den Herrn Prof, einfach mißverstanden! Na 
also, das kennj man schon; auch das Nüßchen hat wie oft in der | 

Mathematik gesagt: „Das wißt Ihr nicht? Das müßt Ihr doch gelernt { 

haben." Aber die Betonung Hill Morgen ist Konferenz und wir sollen | 

trachten, noch vor der Konferenz alles gutzumachen. Die 2 Ehrenfeld i 

Sollten, daß wir die Arbeiten nochmals schreiben, mit den Beistrichen 
Natürlich, und morgen in der Deutschstunde auf den Tisch legen, aber ' 

alle andern stimmten dagegen; denn wir sahen sehr gut, daß die Frau ! 

*^irektorin ganz rot wurde, als die Hella das alles sagte. Die Korrek- 
turen werden wir machen, aber wir fangen alle ein neues Heft an. 

8. Dezember: Jetzt sind schon 3 Tage seit der Konferenz, aber' 1 
^ wird kein Wort von unserer Affäre gesprochen, und gestern in der 
%utschstunde gab der Prof. das Thema für die III. Hausarbeit, ohne 
laß er etwas Besonderes sagte. Ich glaube, er traut sich doch' nicht, 
^ie Hella hat uns entschieden gerettet, denn keine andere hätte sich 
getraut, das zu sagen, auch ich nicht. Die Hella sagte: „Meine liebe 
"ita, dafür bin ich eine Offizierstochter; wenn ich nicht Mut hätte, 
^er sollte ihn denn haben?" Alle Mädchen sehen uns in der Pause 
r ^nd beim Weggehen an, obwohl die Frau' Direktorin in der Kanzlei zu 
^S sagte: „Ich wünsche, daß dieser Vorfall nicht m der ganzen 
174 



^ 



p 



Anstalt herumgetragen wird." Aber die Brauner hat eine Schwester in 
der II. und die Bergler Edith eine in der V. und dadurch haben es 
alle Klassen erfahren. Die Eltern werden offenbar nicht vorgeladen, 
denn sonst wäre es schon geschehen. Übrigens habe ich vorsichtshalber 
zuhaus schon Andeutungen gemacht. Und da die Dora, Gott sei Dank, 
nicht mehr ins Lyzeum geht, kann unmöglich eine Klatscherei heraus- 
kommen. Wir waren nur im 1. Moment aufgeregt, aber die Hella hat 
ganz Recht, wenn sie sagt: „Es geschieht uns bestimmt nichts, denn 
wir sind im Recht." 

15. Dezember: Begegnung mit Viktor! ! ! Ich und die Dora gingen 
Weihnachtseinkäufe machen und wie wir gerade in die Tuchlauben ein- 
biegen, prallen wir aneinander. Die Dora ist doch blutrot geworden 
und beiden hat die Stimme gezittert. Er ist wunderbar; dieser 
schwarze Schnurrbart und diese Augen! Und die grünen Aufschläge 
stehen ihm herrlich. Er räusperte sich sdineü, damit man nichts merken 
sollte und ging bis am Hohen Markt mit uns; er hat noch ein halbes 
Jahr Urlaub bekommen, da er ein Halsleiden hat; also kann die Dora 
ganz beruhigt sein, falls sie geglaubt hat — — -. Beim Ab- 
schied hat er uns beiden die Hand geküßt und so süß gelächelt, 
wehmütig und süß zugleich. Ich wollte dann ein paarmal die Rede auf 
ihn bringen, aber wenn die Dora nicht will, da kann man sich auf den 
Kopf stellen und es nützt nichts; so ein Dickschädel! So war sie schon 
als ganz kleines Kind, wo sie immer so blöd gesagt hat: Do niti das 
sollte heißen: Dora will nidit; so ein Fratz! ein eigensinniger! 

17. Dezember: Gestern machten wir die erste Rodelpartie auf 
den Anninger; es war herrlich, wir kugelten fortwährend im Schnee; 
er lag ziemlich hoch, besonders dort, wo weniger Leute waren. Beim 
Nachhausegehen passierte der Hella etwas Köstliches; sie blieb an 
einer Wurzel hängen und riß sich die ganze Sohle von nagelneuen 
Delka-Schuhen ab. Sie mußte sich die Sohle mit Spagatschnüren fest- 
binden und dabei hinkte sie, daß alle Leute glaubten, sie hätte sich 
beim Rodeln den Fuß verstaucht. Und ihre Großmama war ganz außer 
slcli und sagte ; Das kommt von solchen unweiblichen Ver- 
gnügungen! Die Tante Dora ärgerte sich schrecklich darüber, weil sie 
doch auch dabei war, aber der Papa sagte: Die Großmama der Hella 
ist eine alte Dame und zu ihrer Zeit hatte man in dieser Hinsicht eben 
eine andere Auffassung. Ja, wirUich in dieser Hinsicht, das merkt 
die Hella jeden Tag ein Dutzendmal, was sie alles nicht reden und tun 
soll, und was alles für solche junge Mädchen nicht paßt ! Am liebsten 
wurde ihre Großmama sie in einen Glassturz setzen; aber undurch- 

175 



sichtig, damit sie nicht heraussehen und niemand hineinsehen 
■kann. (Die Hauptsache I) 

20. Dezember: Also heute war die letzte Deutschstunde vor 

Weihnachten und gar nichts ist in der Affaire weiter geschehen. Die 

Hella hat glänzend recht behalten. Gratuliert hat die elende Streberin,- 

^le Verbenowitsch, die sich bei jeder Lehrkraft einschmeichelt und die 

Hammer, Jie ja neu ist und die Frau Dr. M. nicht gekannt hat. Richtig, 

neulich um 1 Uhr haben wir die Franke begegnet; sie geht in eine 

Schauspielschule und sagt, da ist ein ganz anderer Ton, sie ist froh, 

^aß sie die Schule los ist. Die Affaire mit dem Professor F. hat sie 

Schon gewußt und hat uns zu unserer Charakterstärke gratuliert, 

besonders natürlich der Hella. Sie behauptet, in allen Lyzeen Wiens ist 

oie Sache bekannt geworden, sie wenigstens hat es von einer Schülerin 

^es Beamtentöchter-Lyzeums erfahren, deren Schwester mit ihr in die 

Schauspielschule geht. Sie ist sehr glücklich dort, nur daß man eine 

Solche Anstalt auch Schule nennt, ärgert sie; denn von Schule 

keine Rede; wir würden staunen, welche Freiheit im Ton dort herrscht. 

■^'e ist übrigens sehr hübsch, und noch stärker als sie ohnehin schon 

^^^. Und sie spricht sehr hübsch, nur etwas zu laut, so daß sich alle 

'-^üte nach uns umgedreht haben. Sie hofft, uns in 1 Jahr zu ihrem 

^»"sten Debüt einladen zu können ! 1 1 Also das möchte ich nie, so 

^^^ lauter Fremden auf einer Bühne stehen, da brächte ich niclit 

Wort heraus. 

21. Dezember: Die Hella ist furchtbar unglücklich. Vorgestern 

^kommt sie eine solche Influenza und Halsentzündung, daß sie nidit 

, ^^ Krakau fahren kann. Sie sagt, sie ist nur zum Unglück geboren; 

•^txt schon die zweiten verpatzten Weihnachten, vor zwei Jahren die 

»nddarmoperation und heuer diese elende Influenza. Hoffentlich kommt 

^•"e Mama nach Wien, aber dann ist wieder ihr Papa ganz allein. Und 

3s sollen erst wir sagen, Weihnachten ohne die Mama, das erste 

^^ihnachten ohne die Mama. Ich darf gar nicht daran denken, sonst 

?J^ß idi gleich weinen. Auch die Dora sagt, das sei gar kein rechtes 

^^ihnachtsfest ohne die Mama. Was der Papa zu dem Bild der Mama 

j^&en wird. Wenn nur der Rahmen wirklich morgen fertig ist. Die 

.^Ua ist hauptsächlich auch deshalb unglücklich, weil sie den Lajos 

^'^t sehen kann. Übrigens ist sie zugleich in einen Dragonerleutnant, 

^»i wir alle Tage begegnen und der ein Graf ist, sterblich verliebt 

p *i er in sie. Er weiß, daß ihr Papa General ist, denn wie ihr 

^*Pa zur Audienz zum Kaiser fuhr, hat die Hella ihn ein Stück im 

^to begleiten dürfen und da haben sie den Leutnant begegnet. 




Und seither grüßt er sie auf der Gasse. Er ist riesig groß und 
sieht riesig aristokratisch aus. Nur das ärgert mich an der Hella, daß 
sie immer ableugnet, wenn sie in jemanden verliebt ist. Ich sage es 
ihr immer, oder wenn sie etwas merkt, so leugne ich doch nicht. Was 
für einen Sinn hat das unter Freundinnen? z. B. voriges Jahr war sie 
doch bestimmt in den jungen Doktor im Sanatorium verliebt. Und wie 
v/ir damals irn September mit dem herrlichen Leutnant vom Fheger- 
korps aus Theben fuhren, habe ich doch nicht geleugnet, daß ich 
wahnsinnig verliebt bin. Aber sie glaubte es nidit und sagte: Das ist 
doch keine Liebe, wenn man sich monatelang nicht sieht und indessen 
mit anderen kokettiert. Das war auf den Recken Siegfried gemünzt. 
Gott, auf den I ! das ist wirklich zum Lachen. 

22. Dezember: Ich habe eine riesige Freude, die Frau Dr. M., 
das heißt, jetzt heißt sie Frau Professor Theyer hat mir geschrieben. 
Ich habe ihr nämlich zu Weihnachten gratuliert und da dankte sie mir, 
und gleich zu Neujahr, sie mir zuerst; das ist doch himmlisch I Ich 
habe mich wütend geärgert, daß die Dora sagt, sie hätte das getan, 
damit sie nicht noch einmal schreiben muß. Aber das ist bestimmt 
nicht wahr. Solche Sachen sagt die Dora nur, um mich zu ärgern. Aber 
der süße göttliche Brief, ich trage ihn mit Ihrer Photographie ewig 
bei mir. Der Hella schickte sie bloß eine Karte, natürlich, weil sie auch 
nur eine Karte schickte. Die Frau Dr. M. könnte ich mir ganz gut als 
Stiefmutter denken, das heißt, ganz gut nicht, aber am ehesten. Sie 
stJirieb auch so lieb von unserer Mama und daß diese Weihnachten für 
mich nicht so fröhlich sein werden wie sonst. Da hat sie wohl recht. 
Es ist niemanden bei uns so zumute, als ob übermorgen Heiliger Abend 
wäre. Das Einzige, daß ich mich freue auf die Augen, die der Papa 
machen wird, wenn er das Bild sehen wird. Aber sonst sollte man im 
ersten Jahre nach einem solchen Todesfall überhaupt Weihnaditen gar 
nicht feiern, denn an solchen Tagen ist man dann doppelt traurig. 

23. Dezember: Ich habe zwar noch furchtbar viel für Weihnachten 
zu tun, aber heute muß ich schreiben. Also heute vormittag' vielleicht 
um ^'alS Uhr läutet es. Ich glaube, es ist die Hella, die midi abholen 
wollte, falls ihr wieder gut ist, und stürze hinaus, reiße die Tür auf 
und sage: „Habe die Ehre", und will gerade die Fortsetzung sagen. 
^Habe Diaroe", da bin ich einfach paff, steht ein Herr draußen und 
frafft« Sind die Herrschaften zuhause? Im Moment erkenne ich ihn, es 
war der Dr. Pruckmüller VOn Fieberbf. Indessen macht schon die Dora 
die Tür vom Salon auf und jetzt kommt die große Falschheit: Sie war 
nicht im mindesten überrascht, sondern sagt: ^Ah, Herr Dr. 

12 Tajebudi "^^^^i* ^^ 



das ist schön, daß Sie Wort gehalten haben." Also hat er ihr offen- 
bar versprochen, daß er kommt und sie hat es wahrschtinlich g-ewußt, 
daß er heute kommt, denn sie hatte die schwarzseidene Zierschürze 
mit den Einsätzen umo-ebunden und die nehmen wir immer nur, wenn 
ßesucli kommt. So eine Falschheit! Justament, g-ing auch ich in den 
Salon. Dann kam die Tante Dora und lud ihn für abends ein. Dann 
ging er fort. Dabei hat er zu mir kein Wort geredet, mir scheint, er 
hat nicht einmal gesehen, daß ich auch noch auf der Welt bin. Erst 
beim Weggehen sagte er: „Nun, wie geht es Ihnen, Fräulein?" „Mein 
Gott", sag ich, „wie es^ einem kurz nacli einem Todesfall, noch dazu 
der Mama, gehen kann." Die Dora wird blutrot, denn sie hat ver- 
standen. Wenn der mein Schwager v/ird, nun da v/eiß ich, wie ich 
mich 2u stellen habe! Aber, bis dahin ist noch lange Zeit; denn er ist 
doch in Innsbruck und das wird der Papa wohl kaum erlauben, daß 
die Dora nach Innsbruck heiratet. Bei Tisch redete ich überhaupt kein 
Wort, weil ich empört war über diese Falschheit. Aber es kommt noch 
schöner. Also abends um 7 Uhr oder wieviel es war, rückt der 
Herr Dr. an. Die Dora erscheint in einer weißen Bluse mit einer 
schwarzen Schleife, und war solange in ihrem Zimmer geblieben, damit 
ich nicht wissen sollte, was sie anzieht. Ich hatte nämlich tatsädhlich 
geglaubt, sie zieht das schwarze Reformkleid mit den Einsätzen an, und 
zog es auch an. Na also, das war ja ganz egal. Bei Tisch redete er 
fortwährend mit der Dora und ich redete absichtlich mit dem Oswald. 
Dann sagte er, daß er mit dem 1. März nach Wien versetzt werde. 
Die Dora war wieder gar nicht erstaunt, also muß sie es gewußt 
haben! Aber jetzt erinnere ich mich ganz gut, im Oktober gab mir 
der Briefträger einen Brief an sie mit dem Poststempel Innsbruck. 
Also korrespondierte sie offenbar die ganze Zeit mit 
ihm. nicht einmal ein halbes Jahr nach dem Tode der Mama, das ist 
stark! Aber wie ich mich auf dem Land unterhielt, da stieß sie mich 
unterm Tisch an, ich sollte nicht so furchtbar lachen. Und wenn der 
Herr Schwager in spe, Gott, ich muß lachen, vor ein paar Jahren, mir 
scheint in Goisem, da nannten wir doch die DoVa die Inspe, weil sie 
vom Robert Warth und mir gesagt hatte: Das Brautpaar in spe! Und 
jetzt ist sie an dieser Stelle. Abends wie der Dr. wegging, zitterte ich 
schon, daß ihn der Papa zum Christbaum einlädt, aber Gott sei Dank, 
wie der Papa fragte: „Und was machen Sie morgen", sagte er: 
„Morgen bin ich bei der Familie meiner Schwester, die auf der Wieden 
an einen Hauptmann verheiratet ist." Gott sei Dfnk, das hätte gefehlt, 
wo wir so gar nicht in der Stimmung sind, Besuche zu empfangen, 

178 



überhaupt heuer, das erste WeihnacJiten ohne Mama. Und wenn sie 
wüßte, Ich möchte wirklich wissen, was mit der Seele eigent- 
lich geschieht. An den Himmel glaube ich natürlich schon lange nicht 
mehr; aber irgend wohin muß ja die Seele doch kommen. Es gibt so- 
vieie Rätsel, und die machen einen so traurig; in einem Zeitungsroman 
habe ich neulich als Überschrift eines Kapitels gelesen: Das Rätsel 
der Liebe. Also dieses Rätsel macht einen wohl nicht traurig, 
wie man an der Dora sieht. Übrigens scheinen alle Mädchen, d. h. 
alle älteren Schwestern in diesem Punkte gleich zu sein. Denn wenn 
ich denke, was mir die Hella von der Verlobung der Lizzi erzählte. 
Allerdings, die hat ihn doch wenigstens in London kennen gelernt, und 
nicht bei ihrer Familie; aber die Falschheit war ja dieselbe. Was das 
nur heißen soll? Wäre es nicht viel gefühlvoller und vernünftiger, der 
Schwester alles zu sagen ! Wie kann denn dann jemand erwarten, daß 
man ein Verbündeter sein soll. Nun, mir ist es red\t, ich lasse mir 
dadurch das Weihnachtsfest nicht stören; wenn man überhaupt 
von einem Fest reden kann. Am Stephanitag, wo er für abends ein- 
geladen ist, werde ich der Hella sagen, komme ich jedenfalls zu ihr 
und ihrer Großmama. Gut, daß sie doch in Wien geblieben ist. 

25. Dezember: Weihnachten war wirklich sehr traurig. Alle drei 
bekamen wir Mamas Bild in Lebensgröße in feinen grünen Rahmen für 
unsere Zimmer. Die Dora schluchzte laut auf und da weinte ich auch 
und ging zum Papa und umarmte ihn. Er hatte auch ganz nasse Augen; 
denn er hat die Mama rasend geliebt. Nur der Oswald weinte nicht 
direkt, aber er biß sich fortwährend auf die Lippen. Ich war nur froh 
daß der Dr. P. nicht da war, denn vor fremden Leuten zu weinen, ist 
greulich unangenehm. Wir haben beide sehr feine weiße Guipierblusen 
nicht Spitzenblusen bekommen, dann habe icii von der Tante ein Post- 
kartenalbum für 500 Stück, sehr fein, bekommen, ferner eine Gedichten- 
sammlung, die ich mir wünschte. Die ungarischen Tänze von Brahms 
weil mir die Dora die ihren im vorigen Jahr nicht leihen wollte, an- 
geblich weil sie mir zu schwer sind ; als ob s i e das etwas anging^e j 
das wird schon die Klavferlehrerm richtiger beurteiJen; femer Briefpapier 
mit meinem Monogramm, einen neuen Entoutcas mit Anhänger, Zopf- 
bänder, und solche Kleinigkeiten. Der Papa hatte eine riesige Freude 
mit dem Bildchen der Mama; wir hatten nämlich gar nichts gewußt 
davon, daß er uns die Mama im Großen machen läßt, und haben ihm 
nach der letzten Photographie vom vorvorigen Winter ein ganz kleines 
Bild vom Herrn Milanowitz, der Maler ist und die Mama sehr gut 
kannte, malen lassen, in Farbe natürlich. Dazu einen entzückenden 

12- 179 



■V^-f 



Rokokorahmen, zum Zusperren; wenn er offen ist, sieht es aus, als ob 
die Mama zum Fenster herausschauen würde. Das war meine Idee und 
der Herr Milanowitz fand sie höchst orig-inell. Der Dora ist es 
sehr unangenehm, daß er kein Geld dafür annahm, aber dadurch konnten 
wir den Rahmen noch eleganter machen lassen. Nach Weihnachten, zu 
Neujahr schicken wir, aber von unserem Geld dem Herrn M. feine 
Zigarren, ich wollte zu Weihnachten, aber wir kennen uns mit Zigarren 
gar nicht aus und sagen wollten wir niemand etwas, weil man nie 
wissen kann, ob sie es nicht doch verraten, angeblich unabsichtlich ; 
aber das ist nicht wahr, wenn man etwas verrät, hat man schon immer 
die Absicht im Geheimen; und man sagt dann nur, man habe sich 
verredet; aber das kennt man schon. Was die Dora extra bekommen 
hat, schreib ich nicht alles her, nur das eine; Um 7 Uhr, gerade wie 
der Papa den Baum anzündet, bringt der Dienstmann wunderbare Rosen 
mit ein paar Mistelzweigen durchflochten und unten ein Veilchenbouquet 

naturlich vom Herrn Dr. P. mit einer Karte, aber die hat sie 

nicht lesen lassen. Sie sagte nur: Dr. P. läßt allseits angenehme Feier- 
tage wünschen; mir scheint, er hat geschrieben: „Fröhliche Weih- 
nachten", aber das hat sich die Dora nicht zu sagen getraut. Ja, von 
der Hella habe ich ein Perlentäschchen bekommen, und sie von mir ein 
Fortemonnäe mit dem Doppeladler, sie wünschte sich nämlich ein solches 
militärisches Portemonnaie. So eine Militärschwärmerin wie die Hella habe 
ich noch nicht gesehen; ich finde ja auch die Offiziere riesig fesch, aber 
daß deswegen die anderen Herren gar nicht existieren für einen, das ist 
schon etwas übertrieben. Und lernen tun die anderen, z. B. die Doktoren 
und die Jus studieren oder selbst Bergbau, wenn ich schon nichts von 
der Hochschule für Bodenkultur sage, die nehm' ich auch nicht für „voll- 
wertig" (so sagt nämlich die Hella immer), lernen müssen also die alle 
entscliieden mehr als die Offiziere; das will die Hella nie gelten lassen 
und führt dann immer die Generalstabsoffiziere an; als ob alle 
„Generalstäbler" wären! Wir haben schon oft deswegen gestritten. 
Ich gönne es aber ihr von Herzen, daß sie einmal einen Offizier be- 
kommt, u. zw. einen, der selber die Kaution hat, denn sonst geht es 
ja nicht; denn die Brückner haben kein Vermögen, sagt der Papa. Er 
sagt das zwar auch immer von uns, aber das glaube icli nicht; reich 
sind wir ja gerade nicht, aber daß jede von uns die Kaution haben 
könnte, das glaube ich wohl. Übrigens die Dora verzichtet ja freiwillig 
darauf, wenn sie wirklich den Dr. P. heiratet. 

27. Dezember: Also gestern war ich richtig bis 9 Uhr bei der 
Hella und am ersten Feiertag war sie bei uns. Da sehe ich gerade, 

180 



i1 



daß ich da oben schrieb, die B. hätten kein Vermögen; dies scheint 
entschieden anders zu sein. Wir bekommen doch immer sehr viele und 
schöne Saclien zu Weihnachten, zum Geburtstag und zum Namenstag 
(den haben allerdings die Protestanten nicht) aber so großartige Sachen 
wie bei B. schenken wir einander nicht. Die Hella hat einen rosa Seiden- 
stoff für ein Tanzstundenkleid bekommen, der mindestens 50 K kostet 
und einen Spitzenkragen mit Manschetten, von dem wir selber beim 
Feiner gesehen haben, daß er 24 K kostet, dann noch einen goldenen 
Ring mit einem Smaragd und eine Menge Kleinigkeiten, die sie gar 
nicht angeschaut hat. Und ihre Schwester, was die erst alles bekommen 
hat, lauter Sachen für ihre Ausstattung! Und der Christbaum bei 
B. kostete 12 K und der unsere bloß 7, obwohl er ebenso schön ist. 
Also ich glaube wohl, daß die B. Geld haben und ich habe auch zur 
Hella gesagt: „Ihr müßt enorm reich sein." Und sie sagte: „Na, na, 
gar so arg ist's nicht; einen Generalstäbler darf ich mir einmal nicht 
aussuchen. Die Lizzi hat's entschieden gescheit gemacht, der Paul ist 
Baron und ist reich. Er ist eben wahnsinnig in sie verschossen; Ge- 
schmacksverirrung, nicht?" Das finde ich auch, denn gar so schön ist 
die Lizzi gerade nicht, außer das wunderbare blonde Haar, aber sonst, 
vor allem andern ist sie so mager, keine Spur B . . . . da hat die Hella 
zehnmal mehr. Und wenn man bis 20 keinen hat, bekommt man ihn 

auch nicht mehr. 

Etwas war köstlich heute. Die Hella fragt mich: „Du, wie heißt 
denn der Dr. deiner Schwester mit dem Vornamen?" Da fällt mir erst 
ein daß er auf seiner Visitkarte bloß stehen hat Dr. jur. A. Prudcmüller, 
und dann erinnere ich mich, daß die Dora im Sommer, als wir ihn 
kennen lernten, sagte, er heiße leider August, das passe gar nicht für 
ihn. Na, wir fachten uns halb krank, weil die Hella natürlich gleich 
singt: „O, du lieber Augustin" und dann fällt mir ein: Der dumme 
August im Zirkus und dann redeten wir drüber, wie die Dora ihn 
einmal nennen wird. Gusti oder Gustel, oder Augi, mein lieber Augi, 
mein geliebter Gusterl, nein, es war zum Totlachen. Und dann be- 
sprachen wir, welchen Namen wir einmal möchten und ich sagte; Ewald 
oder Leo, und die Hella sagte: Nicht auch Siegfried? Aber da hielt 
ich ihr den Mund zu und sagte: „Du, damit kannst du mich ernstlich 
böse machen, das ist und muß vergessen bleiben." Und dann sagte 
sie, sie hatte am liebsten, wenn ihr Bräutigam einmal Peter oder Thamian 
oder Chrysostomus heiße; dann würde sie ihn geliebter Dami oder 
Sosti nennen; aber dann sagte sie in allem Ernst, sie heirate nur einen 
Mann, der Egon, Alexander oder höchstens Georg heiße. Da kam 

181 



gerade ihre Mama herein, um uns zur Jause zu rufen, und sagie gleich; 
„Was ist da mit dem Alexander und Georg? Ihr seid schreckliche 
Mädchen. Wie ihr zwei Minuten allein seid (ich bin schon um ^l-ß ge- 
kommen und ura 4 Uhr jausnen die Brückners» das nennt die Mama 
der Hella 2 Minuten), so hört man schon unpassende Sachen." Und 
weil die Hella Angst hatte, ihre Mama glaube, weiß Gott was, so sagt 
sie: Aber nein, ^ama, wir haben nur darüber geredet, welchen Namen 
wir einmal für unsern Bräutigam am liebsten hätten." Ha, das war 
kostlich, wie ihre Mama auffährt. „Das ist es ja eben, daß Ihr mit kaum 
15 Jahren (ich bin es nicht einmal noch) nichts als solche Sachen 
im Kopf habt!" Solche Sachen, zum Lachen wirklich. Bei der Jause 
war es ungefähr so fad, wie neulich bei uns am Abend; denn der Herr 
Baron war da, d. h. sie sagen jetzt schon alle Du zu einander, weil 
die Hochzeit schon im Februar sein wird, sobald es bestimmt ist, ob 
der Baron in London bleibt oder nach Berlin kommt. Das muß doch 
komisch sein, zu einem ganz fremden Herrn „Du" zu sagen. Die Hella 
sagt, sie war es gleich gewöhnt und der Paul gefällt ihr überhaupt 
ganz gut. Wenn er der Lizzi Bonbons bringt, wenn sie ins Theater 
geht, bringt er auch immer ihr ein Extra-Sackerl voll. Das würden 
ändere Leute gewiß nicht tun und noch andere Leute würden es 
nicht nehmen! Wie ich heute nachhause kam, sagt der Papa: Na, ein 
andersma! schlaf gleich bei den Brückners, und da sagte ich: „Ich 
Wollte nicht stören." Und der Oswald sagt: „Dem Schnabel gehört 
eine Ohrfeige," der Papa war aber zum Glück schon bei der Tür 
<ifaußen und so sag idi: „Deine Kinder, wenn du überhaupt ein- 
mal welche hast, kannst du mit Ohrfeigen traktieren, daß sie grün und 
blau werden, aber über deine Schwestern hast du gar kein Recht, das 
nat dir der Papa schon einmal gesagt, in Fieberbrunn." „Ja, ja, der 
^apa hat euch zweien immer die Stange gehalten, das war von jeher 
so.« „Bitte mich nicht hineinzuziehen in Euren Streit", sagt die Dora, 
als ob sie etwas anders wäre als ich. Und dann sagt die Tante Dora: 
»Aber ich bitte Euch, streitet doch nicht in einemfort." „Ich habe 
'^icht angefangen," sage 'ich noch und gehe dann ohne Gute Nacht 
^*gen hinaus; d. h. zum Papa bin ich in sein Zimmer gegangen und 
^^e Tante Dora habe ich im Vorzimmer gesehen. Aber dem Oswald 
^^d der Dora habe ich nicht Gute Nacht gewünscht, denn ich brauche 
]**'f doch nicht alles gefallen zu lassen. Und jetzt ist es schon 
/sl2 Uhr, weil ich solange geschrieben und so viel geweint habe, denn 
J<^H bin sehr unglücklich. Das weiß nicht einmal die Hella. Ich muß 
^^tjit ins Bett gehen; ob ich werde schlafen können, das ist eine andere 
182 



Frag-e. Morgen gehe ich wieder allein auf den Friedhof, wenn es nur 
halbwegs möglich ist. • 

31. Dezember: Heute waren die Hella und ich auf dem Fried- 
hof. Ihr Papa und ihre Mama sind gestern abends wieder weggefahren 
nach Krakau und da sagte sie 2U ihrer Grotimama, sie ist den ganzen 
Vormittag bei mir und ich sagte, ich bin bei ihr. Und so fuhren wir 
allein nach Pötzleinsdorf. Die Hella schaute sich den ganzen Friedhof 
an und ich ging indessen zum Grabe unserer lieben einzigen Mama. 
Ich bin so unglücklich; die Hella tröstete mich zwar sehr, aber sie 
kann ja das doch nicht verstehen. 

1. Jänner 19 . . ! Wir haben gestern natürlich keinen Sylvester- 
abend gefeiert, sondern waren ganz allein und es war sehr traurig. 
Heute vormittags kam der Herr Dr. P. mit einem Bouquet Rosen für 
die Dora und der Tante Dora und mir gab er sehr schöne Veilchen 
beim Gratulieren. Da er am 4. wegfahren muß, so ist er für den 3. 
am Abend eingeladen. Ich bin nicht entzückt davon. Morgen fängt, 
Gott sei Dank, die Schule wiedei- an. Ich bin einem Mistwagen be- 
gegnet, das bedeutet Glück; der Papa sagt, es ist ein Skandal, daß 
bei uns in Wien noch immer der Mistbauer fahrt und gar am Neujahrs- 
tag um 2 Uhr nacliraittags. Aber schließlich, wenn er Glück bedeutet! 

2. Jänner: Also der Mistbauer hat nicht gelogen. Heute schon 
haben wir das Glück erlebt I In der großen Pause entsteht auf ein- 
mal im Vorraum ein ganzer Knäuel von Mädchen und plötzlich glaube 
i<^, mir zerspringt das Herz. Die Frau Dr. M. d. h. die Frau Professor 
Theyer sieht mitten unter den Mädchen und sieht uns gleich und gibt 
uns beiden die Hand, die wir sofort küssen. Sie ist zum Besuch ihrer 
Eltern da mit ihrem Mann, dem Herrn Professor; da sie nicht be- 
stimmt wußte, ob sie dazukomme, in die Schule zu kommen, so schrieb 
sie weder mir noch der Hella etwas davon. Gott, sie ist so schön und 
so entzückend lieb. Wie schon die Pause abgeläutet ist und die Frau 
Dr. Dunker heieinkcmmt, sehe ich sie nocli draußen stehen. Da halte 



,esa.t. dir ist furcii.b;. s..::^tzt% :lTu"i:^^ ^^^ 

die Frau Professor sehr und sagte: „Ihr seid ja ganz infnme 
Komödiantinnen; ich werde Euch gleich hineinjagen." Aber natürlich 
tat sie es niclit, sondern war furchtbar reizend und endlich sagte sie: 
Wir müssen jetzt in die Klasse gehen. Da baten wir sie riesig, sie 

183 



solle uns heraußen lassen bei ihr, aber sie sag^t; „Nein, dabei kann 
ich als Eure einstige Lehrkraft Euch nicht unterstützen. Aber ich sag- 
Euch etwas besseres. Besucht mich morgen auf ein Stündchen, wollt 
Ihr?" „Natürlich", riefen wir beide. Und sie sagte, sie wohne eigent- 
lich im Hotel, aber damit wir nicht allein ins Hotel kommen müßten, 
so wird sie bei ihren Eltern in der Schwindgasse sein und dorthin 
sollen wir bis um 4 oder Va^ Uhr kommen. Da küßten wir ihr beide 
Hände und waren so glüclcHdi! Also morgen um 4 Uhr! Gott, noch 
eine ganze Nacht und fast einen ganzen Tag müssen wir warten. 
„Wenn Eure Eltern es erlauben," sagte sie: mein Gott, wenn der Papa 
oder sogar die Großmama der Hella d a s nicht erlauben wollten! Der 
Papa sagte nur: „Ich bitt' dit^ Gretel, verlier nur niclit noch vorher 
deinen Verstand, sonst findest du nicht einmal in die Schwindgasse. 
Ist die Hella auch so verrückt?" Natürlich, wie kann man da anders sein. 

3. Jänner: Noch 2 Stunden, es ist gräßlich, um Va4 Uhr holt 
mich die Hella ab. In der Schule schauten wir uns heute fortwährend 
an und die anderen Mädchen glaubten, es sei etwas mit einem Herrn. 
Gott, wo denken wir jetzt an einen Herrn! Wir hatten eine wunder- 
bare Idee, wir machen Ihr noch schnell ein Andenken, da sie erst am 
5. am Abend wegfahrt. Ich habe mir auf maisgelber Seide eine Buch- 
zeichen Vordrucken lassen, Edelweiß und ihr Monogramm E. T. 
naturlich, das neue. Und die Hella malt in Intarsienimitation ein Papier- 
messer. Mir wäre so etwas auch lieber gewesen, aber ich habe keine 
Geduld dabei und da verpatze ich es sehr oft zum Schluß. Bei einer 
Stickerei kann man nichts verpatzen. Aber leider bekomme ich es vom 
Vordrucken erst um Va^ Uhr; also muß ich die ganze Nacht und 
morgen den ganzen Tag arbeiten. 

Abends: Gott sei Dank und leider Gott, wie mans nimmt, hat 
die dumme Person von Vordruckerin vergessen, auf das Lesezeichen 
und ich bekomme es erst morgen in der Frühe. Also kann ich jetzt 
sdireiben: Es war himmlisch! Wir mußten mindestens ^,U Stunde 
spazieren gehen vor Ihrem Haus, bis es endiicli 5 Minuten nach 4 war. 
Gott, Sie war süß I Sie wollte uns Sie sagen, aber das duldeten 
wir absolut nicht, und so sagte sie wieder Du. Ich weiß gar nicht, 
was wir alles geredet haben, nur, daß ich plötzlich sclireckli<^ weinte; 

und da zog sie mich an ihre B , nein so etwas schreibe ich nicht 

von ihr; sie zog mich an sich und da spürte idi Ihr Herz schlagen! 
und wurde fast verrückt. Die Hella behauptet, ich habe sie mit beiden 
Armen um den Hals genommen, aber das ist eine Einbildung von der 
Hella, das hätte ich mich nie getraut. Sie hat so entzückende Hände 

184 



und der Ehering glänzte so an ihrem 'göttlichen Ringfinger. Wir 
redeten natürlich von der Schule und da fragte sie plötzlich: Was war 
denn das eigentlich mit diesen Aufsätzen, in denen die halbe Klasse 
absichtlich keine Satzzeichen setzte? „Gott," sagen wir beide, „das 
ist eine gemeine Lüge, die halbe Klasse hat das nicht getan, sondern 
bloß 6, die Sie, Frau Doktor, immer besonders verehrten." Und dann 
erzählten wir ihr, wie alles war. Da lachte sie ein kleines Bißchen und 
sagte: „Na, Kinder, einen besonderen Liebesdienst habt Ihr mir 
damit nicht erwiesen. Das ganze war wirklich eine große Frechheit." 
Und da sag ich: „Und die Bemerkungen des Herrn Prof. Fritsch sind 
noch zehnmal frecher gewesen, denn sie bezogen sich auf eine Lehr- 
kraft und noch dazu auf Sie." Da sagte sie: „Liebe Kinder, das ist 
schon einmal so im Leben, daß den Abwesenden immer eine iible 
Nachrede gehalten wird, berechtigt und unberechtigt; das ist leider in 
jedem Beruf so." Und die Hella sagte dann noch, daß die Frau 
Direktorin nicht so ist, denn sonst wäre ein Riesenskandal entstanden, 
da die Affäre in sämtlichen Lyzeen Wiens bekannt ist. Da sagte die 
Frau Dr. M.: „Ja, die Frau Direktorin ist ein wirklich vornehmer 
Charakter." Also jetzt kommt nodi etwas Großartiges, eigentlich 2 
großartige Dinge: L) wartete sie uns mit herrlidien Bonbons auf, wie 
ich sie noch nie gegessen habe. Das bestätigte auch die Hella und 
wir beide kennen uns in Zuckerln wirklich gut aus. Und das zweite, 
noch herrlichere, war Folgendes: Nachdem wir schon einige Zeit dort 
waren, klopft es und herein kommt Ihr Mann, der Herr Prof. und 
sagt: ,,Größ Gott, mein Schatz*' und zu uns „Guten Tag, meine jungen 
Damen." Und dann stellt sie uns vor und sagt: „Zwei meiner liebsten 
Sdiülerinnen und meine treuesten Anhängerinnen." Da ladit der Herr 
Prof. sehr und sagt: „Das kann man nicht von allen Stiiülern be- 
hauplen." Da sag ich schnell: ,.0 bei der Frau Dr. schon, für die 
ginge die ganze Klasse heute noch durchs Feuer." Dann ging er wieder 
hinaus und sie sagte: Pardon, einen Augenblick und man hörte deut- 
lich, daß er sie im Nebenzimmer küßte, denn sie sagte noch im 
Hereinkommen: „Aber geh, leb wohl, Karl." Leider heißt er nur Karl, 
das ist ein so prosaischer Name und er nennt sie Lise und wenn sie 
allein sind, wahrsdieinlich Lieschen, da er ein Norddeutscher ist. Ich 
muß ins Bett gehen, es ist gleidi V2I2. Morgen Fortsetzung. Schlafe 
wohl, mein süßer herrhcher wqnniger goldener einziger Schatz! Gott, 
ich bin so glücklich I 

6. Jänner: Gott sei Dank, daß heute Feiertag ist und wir keine 
Rodelpartie machen können, weil die Dora verkühlt! ist Also am 

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4. habe ich das Lesezeichen bekommen und habe den g-anzen Tag- 
und bis 12 Uhr in der Nadit gearbeitet und gestern stand ich schon 
um Vfö Uhr auf und arbeitete wieder den ganzen Vormittag und 
nachmittag um 2 Uhr trugen wir die Andenken hin. So gern wir es 
selbst abgegeben hätten, so taten wir es doch nicht, sondern gaben 
es beim Stubenmädchen bloß ab. Sie fragte: Bitte, soll ich die Fräuleia 
anmelden, aber die Hella sagte gleidi: „Danke, nein, wir wollen nidit 
stören und unten sagte sie auf meine Vorwürfe: Nein, es ist besser 
so; Du bist ohnehin ganz aufgeregt, Du weißt, was Sie gesagt hat: 
>_Aber liebes Kind, du wirst ja krank; das darfst du mir nich.t antun!" 
»^ott, ich muß so weinen, dcß ich gar nicht schreiben kann, aber ich 
muß schreiben, denn es ist nod. soviel Herrliches zu bericlilen, was 
^ me, nie vergessen darf, und wenn ich 8 Tage dran schreiben muß. 
Was hegt daran; ich lebe ni:r mehr dieser Erinnerung und ich will 
auch nidits anderes, als ü i e einmal noch in meinem Leben wieder- 
sehen. Wir hatten ihr am Freitag natürlich Blumen gebracht, ich Mai- 
glöckchen mit Veilchen und Tuberosen und die Hella langstielige Eis- 
j^osen. Sie bedankte sich riesig und Holte sofort 2 Vasen, die ihre 
^ama hereinbrachte. Sie ist so klein wie die Krau Hofrätin R. und hat 
schon graue Haare, reizend; aber sie sieht eigentlich der Frau Dr. M. 
^»cht ähnlich. Beim Abschied wartete sie uns noch einmal mit den 
ßonbons auf, aber weil wir beide beinahe sdion weinten, so wollten 
Wir nicht mehr nehmen und da wickelte sie uns beinahe die ganzen 
«onbons ein und sagte: „Zum Trost in Eurem Leide." Bei jemanden 
ndern würde einem so eiwas wie eine Ironie vorkomme.., aber bei 
2\ -st es einfach süß. Es waren 17 große Bonbons und die Hella gab 

^^mit ich 9 Tage davon zehren kann. Von meinem Glück und 
l^e.nem Le.dJ! D.e Hella fühlt nicht ganz so diese Liebe wie ich 

«d gestern sagte sie, allerdings nur im Spaß: „Mir scheint, die ganze 
JVelt ist für dich versunken; ich muß dich herausreißen, sonst schnappst 

U noch über.« Und dann sagte sie, wie ich so' blöd sein konnte, und 
rä. '^' *^«^/Ä^ort Hochzeitsreise sagen konnte, obwohl sie sich 
^^üsperte. Das war am Blodsmn ersten Ranges und die Frau Prof. ist 

^«1 ganz rot geworden dabei. Ich t^„k j ■ r^ u i i. ^ 

Mf> -Cr« 1 LT ö , "^"^ aas gar nicht bemerkt, nur 

./« ihr Mann, der Herr Professor l.« ■ i j j • • n-j. 

fK„ , ' ,vr. j ""^ heremkam, da wurde sie wirklich 

\ammendrot. Wir redeten dann i.\; l- j i„ 

^ipc^vu- • L* •■ i-r , ^^^ "cch Verschiedenes in 

»eser Hinsicht, namhch die M^ii i -i i i i .. 

S"ern ,.^f. ^ u * L t ■ "^"^ uncl ich, ch hatte sie riesig- 

^'^rn getragt, ob sie konfessionslos c^« j ■ . i i n d ( 
*^odi Ain 1 j • .«11 u 11 geworden ist, da der Herr Prof. 

"cn ein Jude sein soll, obwohl er ^\^ .i- l ■ i . ...■,. l ■ u*. 

3§^ ^ «i&cntlich nicht judisch aussieht. 



Denn schließlich einen schwarzen Bart haben auch viele andere Herren. 
Aber i<^ g-etraute mich nicht zu frag-en und die Hella meint, das sei 
sehr vernünftige gewesen, denn an solche Dinge rührt man 
nicht. Ob Sie ein Kind bekommt? Gott, das wäre gräßlich. 
Vielleicht hat sie überhaupt auch einen soldien Ehe kontrakt ab- 
geschlossen, das wäre das Allerbeste. Die Hella glaubt aber, daß der 
Professor auf so etwas nicht eingegangen wäre. Aber schließlich, wenn 
er sie wahnsinnig liebt ... 

15. Jänner: Die Mädchen in unserer Klasse beneiden uns wahn- 
sinnig. Wir haben es nicht direkt gesagt, daß wir bei Ihr, der Einzigen, 
eingeladen waren, aber die Hella hatte ein Bonbon von ihrer Hand 
mit und sagte in der Pause: Das muß man mit Andacht essen und 
sdinitt es auseinander, um mir die Hälfte zu geben. Die Ehrenfelds 
glaubten, es sei von einer Eisbekanntschaft und die Trude sagte : „Ah, 
doppelt süß, von Chokolade und Liebe." „Ja," sag ich, „aber nicht in 
dem Sinn, wie D u es meinst." Und wie sie sagte: „Na, das weiß 
man schon, aber ich will nicht indiskret sein", sagt die Hella: „Also, 
damit du es weißt, dieses Bonbon. und noch viele andere haben wir 
von der Frau Dr. M. d. h. der verheirateten Frau Prof. Theyer 
bekommen, da wir eingeladen waren. Da waren alle ganz paff und 
sagten: „Gott, die Glücklichen; ja, Ihr wart immer die ausgesprochenen 
Lieblinge der Frau Dr. M., besonders die Lainer. Aber die hat es 
audi immer schreddich getrieben mit der Frau Dr. M." 

17. Jänner: Die ganze Schule weiß von unserer Einladung bei 
[hr, der Göttlichen ! Jetzt lese ich gerade alles noch einmal und sehe, 
daß ich noch riesig Vieles gar nicht geschrieben habe, nämlich das von 
ihrem Papa. Wie wir weggingen, weinten wir unten beim Haustor 
furchtbar, weil idi beim Toraufmachen sagte: Zum letztenmal! Da 
kommt ein alter Herr beim Tor herein und wie er sieht, daß Wir 
weinen, obwohl wir ganz im Dunkeln standen, kam er auf uns zu und 
fragte, was mit uns sei. Da sagte die Hella: „Wir haben unsere beste 
Freundin verloren." Da schaut uns der alte Herr riesig lang an und 
sagt: „Sind Sie nicht am Ende die beiden glühenden Verehrerinnen 
der Frau Dr. Mallburg? das ist meine Tochter! Und dann sagte er: 
„Aber so in Tranen gebadet können Sie UnmogUch auf die Gasse g-ehen. 
Kommen Sie nur noch einmal mit mir hinauf, meine Tochter wird Sie 
schon trösten." Und richtig gingen wir nochmals hinauf und sie war 
einzig. Ihr Papa machte die Tür auf und rief: „Lieserl, deine 
Verehrerinnen können sich von Dir nicht trennen und wollen sich in 
Tränenbächlein auflösen." Da kam sie hinaus und hatte einen rosa 

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Schlafrock!!! an zum Küssen. Und sie zog uns ins Zimmer hinein 
und sagte: „Kinder, sdiaut mich nicht an in dem alten Kitlei, der zum 
Wegwerfen ist." Am hebsten hätte ich gesagt: „Schenken Sie ihn 
mir." Aber das konnte ich doch nicht sagen. Und wie wir dann weg- 
gingen für ewig, ewig vielleicht, da küßte sie uns jede zwei- 
mal und sagte: Kinder, ich wünsche Euch, daß ihr recht glücklich werdet! 

18. Jänner: Die Hella hat mich für heute nachmittags eingeladen, 
da der Lajos und der Jenö kommen. Aber ich gehe nicht, denn mir 
liegt nicht das Mindeste am JenÖ. Das war nie eine echte Liebe. 
Ich mache mir aus niemanden auf der ganzen Welt etwas, außer Ihr, 
meiner Einzigen! Das versteht eben die Hella nicht und das nennt sie 
dann übergeschnappt sein. Auch der Papa woille, daß idi zur 
Großmama der Hella gehe, damit ich auf andere Gedanken 
komme. Mein Gott, ich rede ohnehin schon kein Wort mehr von Ihr, 
weil mich niemand versteht. Aber daß aucli der Papa so ist wie die 
anderen, das hätte ich nie geglaubt. Übrigens das ist Tatsadie, daß 
ich abmagere. Ich bin ganz froh, daß wir heute auch keine Rodelpartie 
machen, da die Dora verkühlt ist, nämlich diesmal wirklich verkühlt. 
Da gehe ich nach der Kirdie in die Schwindgasse und gehe vor 
ihrem Haus auf und ab; vielleicht treffe ich einmal ihren Papa oder 
ihre Mama. Vorgestern habe ich ihr geschrieben. 

24. Jänner: Ich bin glücklich. Sie hat mir postwendend geant- 
wortet, Das ist der zweite Brief von Ihr! Der Papa sagte heute zu 
Mittag: „Na Gretel, was machst denn du heute für ein beglücktes 
Gesicht; so sonnige Augen habe ich schon lange nicht an dir gesehen." 
Und da sagte ich nur ganz kurz: „Nach Tisch werde icli Dir den 
Grund sagen." Denn die anderen brauchen es nicht zu wissen. Und 
wie ich dann dem Papa ganz im allgemeinen sagte, daß mir die Frau 
Professor Th. geschrieben hat, sagte der Papa: „Also darüber hast 
du dich so gefreut. Aber ich habe auch etwas in petto, was dich 
freuen wird. Der 1. u. 2. Febr. sind ein Sonntag und Montag, da hast 
du 2 Tage frei und wenn du und die Hella für Samstag in der Schule 
dispensiert werdet, so könnlen wir eine Partie nacii Mariazeil machen. 
Was meinst du?" Also das ist herrlich, wenn nur die Hella mitfahren darf, 
denn ihre Großmama bildet sich ein, die Halsentzündung vor Weihnachten 
hat sie sich auf der Rodelpartie am Anninger geholt, wo ihr die Schuhsohle 
abriß! Als ob wir dafür könnten. Also hoffentlich hat sie es schon ver- 
gessen; sie ist ja doch sc^on 63 Jahre, da vergißt man sdion ziemlich viel. 
Abends: Also, die Hella darf mit; es wird herrlich! vielleicht 
probieren wir auch ein bischen Skilaufen. Übrigens ist die Hella ein 

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T 



greulicher Fratz; sagt sie: „Ja, ich geh mit, wenn du mir schwörst, 
daß du nicht in einemfort von der Frau Professor Th. schwärmst. Ich 
habe sie ja auch riesig- gern, aber du bist einfacli verrückt." Das ist 
unerhört und ich werde Ihren Namen nie mehr zu den andern aus- 
sprechen. Auf die Rodelpartie in Mariazeil freue ich mich riesig. So 
eine große Winterpartie haben wir noch nicht gemacht. Juchhu, das 
wird fein! Gott, wenn nur schon der 31. Jänner da wäre; ich freue 
mich wahnsinnig. 



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ZUM AUSGANG. 

Das frohe Hoffen der jung-en Rita, in glitzernder Winterpracht 
auf der sausenden I^odel hinzujagen, blieb unerfüllt. Mit rauher Hand 
grriff das Schicksal in das Leben der Geschwister ein. Am 29, Jänner 
bradite die Reltungsgesellschaft den Vater, vom Schlage getroffen, 
seinen ahnungslosen Töchtern ins Haus, wo er, ohne das Bewvfßtsein 
wiederzuerlangen, nadi wenigen Stunden starb. 

Aus der sorgenden, iiebewarmen Atmosphäre der Familie gerissen, 
von der Freundin getrennt, rang bei Verwandten in einer Provinzstadt 
das entsetzte Seelchen der jungen Waise um seinen Frieden 



■ 



QUELLENSCHRIFTEN ZUR SEELISCHEN ENTWICKLUNG 

Nr. II. 



VOM GEMEINSCHAFTSLEBEN 
DER JUGEND 



PSYCHOANALYTISCHE BEITRÄGE 
ZUR JUGENDFORSCHUNG 

■^ HERAUSGEGEBEN VON 

DR- SIEGFRIED BERNFELD 



INHALT: 

Die Psychoanalyse in der Jugendforschung^. Von Dr. Siegfried Bernfeld 

Ein Freundinnenkreis. Von Dr. Siegfried Bernfeld 

Ein Schülerverein. Von Gerhard Fuchs 

Ein Knabenbund in einer Schulgemeinde. Von Wilhelm Hoffer 

„Knurrland." Versudi der Analyse eines KinderBpieles. Von Gerhard Fuchs 

Die Inltiationsriten der historisdien Berufsstände. Von Erwin Koha 

WEITERE BÄNDE IN VORBEREITUNG 



INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 
LEIPZIG, HOSPITALSTRASSE 10 WIEN, VII. ANDREASGASSE 3 



-*' . 



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TAaEBUCH 

EINES 

HALBWÜCHSIGEN 

7^\ÄDCHENS 



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Inte m ationaler 
P^ychoanaly üscher'^riag ,