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Full text of "Religion, Kirche, Religionsstreit in Deutschland [Politisch-Psychologische Schriftreihe der Sex-Pol Nr. 3]"

f^OLlTlSCM-PSYCNOLOGISCHE SCHRIFTENREIHE 

DIR SEX-POL. 






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KARL TESCHITZ 



RELIGION, KIRCHE, 

RELIGIONSSTREIT 
IN DEUTSCHLAND 




S8xpoi«v«rlag, KoRonhagen, Posibox S27 



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"' POLITISCH-PSYCHOLOGISCHE SCHRIFTENREIHE 

DER SEX-POL. 



NR. 3 



KARL TESCHITZ 
RELIGION, KIRCHE, 

RELIGIONSSTREIT 
N DEUTSCHLAND 



Sigmund-Freud-Institui 
- Bibliothek - 



19 3 5 



SEXPOL-VERLAG, KOPENHAGEN, POSTBOX 827 






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Copyright 1935 

Sexpol-Verlag 

Kopenhagen 



Druck: Universal Trykkeriet, Kopenhagen 



4, . 






I. Einleitung 

Das politische Interesse der Welt ist auf den Krieg in Äthiopien 
konzentriert. Ein an sich so bedeutsamer Vorgang wie die religiösen 
Auseinandersetzungen in Deutschland, ist etwas in den Hintergrund 
getreten. 

Es ist nicht ausgeschlossen, dass dieser Krieg zu einer revolutio- 
nären Umgestaltung der Gesellschaft in ein oder dem andern Land 
führt. Eine solche wird aber die Arbeiterbewegung erneut vor das 
Problem der Kirche und Religion stellen. Ein Beitrag dazu hofft 
diese, in einer andern weltpolitischen Situation begonnene Arbeit zu 
sein. Ihr Zweck ist die Schaffung grösserer Klarheit über die gesell- 
schaftlichen und psychologischen Vorgänge, die den gegenwärtigen 
Religionskämpfen in Deutschland, aber darüber hinaus der Religion 
überhaupt zu Grunde liegen. Aus dieser Klarheit sollen Waffen ge- 
wonnen werden im Kampf gegen den Faschismus, der im grossen 
gesehn auch stets ein Kampf gegen die Religion sein wird. 

Als Leser sind darum vor allem antifaschistische Kämpfer, Funk- 
tionäre der Arbeiterbewegung ausserhalb und innerhalb Deutschlands 
gedacht: darüber hinaus aber die grosse Menge der »allgemein In- 
teressierten«, die auf die Fragen, die der deutsche Kirchenstreit auf- 
wirft, Antwort haben möchten. Ihre Zahl ist bemerkenswerter Weise 
ebenso gross, wenn nicht grösser als die Zahl derjenigen, die die im 
engern Sinn politischen Vorgänge mit Aufmerksamkeit verfolgen. 
Man vergleiche den Raum, den ein gewisser Teil der bürgerlichen 
Tagespresse dem Kirchenstreit einräumt mit dem Raum, der der 
Handelspolitik Deutschlands oder selbst seiner Aufrüstung gewid- 
met ist. 

Die marxistischen Staats- und Wirtschaftspolitiker mögen dieses 
Interesse für unberechtigt halten. Aber selbst wenn dies nun wirklich 
der Fall sein sollte, dann ist die Frage nach der Herkunft dieses 
»unberechtigten« Interesses politisch umso berechtigter. Besonders, 
wenn man sich über die ideologische Wirkung des Nationalsozialismus 
in den ausserdeutschen Ländern klar werden will; wenn man sich 
nicht damit zufrieden geben will, die Beantwortung der Fragen, die 



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seine Kulturpolitik aufwirft, allein der bürgerlichen Tagespresse zu 
überlassen. ^ 

Aber hat die Arbeiterpresse etwa nicht zum Kirchenkonflikt Stel- 
lung genommen? - Gewiss. Aber ihre Stellung leidet ^n einer 
Schwäche, die bisher nahezu unserer gesamten Religionsauffassung 

eigen war. . . , , * i- »• 

Wir sehen die objektive Funktion der Religion m der kapitalisti- 
schen Gesellschaft. Wir wissen um die Millionen, die der Staat jedes 
Jahr der Kirche zuwendet, die Hilfe, die er ihr bei der Zwangsem- 
treibung ihrer Steuern angedeihen lässt, etc. Auf der andern Seite 
sehen wir. wie sich die Kirche dafür erkenntlich zeigt: Durch Ver- 
hinderung wissenschaftlicher Aufklärung über die Fragen des gesell- 
schaftlichen Lebens, durch die Predigt von Moral, Demut und Gehor- 
sam gegen die Obrigkeit, durch Propaganda für Geburtenvermehmng 

und gegen die Sowjetunion. „ ,. . 

Die Naturwissenschaft hat zwar die Autorität der Religion er- 
schüttert die Aufklärung ihrer eben genannten gesellschaftlichen 
Funktion hat sie weiter untergraben. Doch die Deutungskünste der 
Theologen haben die naturwissenschaftliche Propaganda gegen die 
Religion z T. unschädlich gemacht. Auch auf politischem und so- 
zialem Gebiet tritt die antireligiöse Propaganda keinem unvorbereite- 
ten Gegner gegenüber; die katholische und protestantische Kirche smd 
dabei der russischen weit überlegen. Aber zu dieser Verteidigung der 
Religion mit den scheinwissenschaftlichen Mitteln der Theologie tritt 
die tiefe gefühlsmässige Bindung ihrer Anhänger, die meist starker 
ist als alle verstandesmässigen Erwägungen. So reden wir mit un- 
serer antireligiösen Aufklärung vielfach über die Köpfe der noch 
religiösen Massen hinweg. Sie werden mit dem Schlagwort .Moses 
oder Darwin«, mit dem Nachweis, wieviel Geld die Pfaffen jedes Jahr 
vom Staat erhalten, kaum aufzuklären sein. 

Was hemmt sie aber, trotz Naturwissenschaft, trotz Klassenunter- 
drückung, zur Einsicht in das wahre Wesen der Religion zu gelangen? 
Wurden sie doch von unserer Propaganda gegen die Religion ganz im 
Gegenteil oft so sehr abgestossen, dass die einsetzende Gegenpropa- 
ganda gegen Gottlosigkeit und Kulturbolschewismus zu einem wirk- 
samen Mittel wurde, um die Massen desto fester an Kirche und 
Faschismus zu binden! Wie war das möglich? - Was treibt auf der 
andern Seite so viele Menschen in und ausserhalb Deutschlands, dem 
Kirchen- und Religionsstreit ein so brennendes Interesse zuzuwenden? 
Handelt es sich hier um Energien, die zum politischen Kampfwillen 
gegen den Faschismus entwickelt werden können? 

All diese Fragen sind bisher von der marxistischen Theorie unge- 
nügend beantwortet worden. Die Antwort, die für gewöhnlich ge- 
geben wird: Eben die durch die Klassenunterdrückung hervorgerufene 
Zurückgebliebenheit, Stumpfheit der Massen ist es, die die Erkenntnis 
der wirklichen Zusammenhänge verhindert, ist zwar im Ganzen ge- 



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sehen richtig, at^er ungenau, erklärt nicht das ungeheure posnuve 
Interesse an der Religion. -Wir werden um so besser gegen diese »Zu- 
rückgebliebenheit«, »Stumpjfheit« kämpfen können, je genauer wir 
wissen, worin sie eigentlich besteht. Doch die Frage: Was bindet die 
Werktätigen entgegen ihrem' Interesse an die religiöse Ideologie? ist 
nur eine Teilfrage. Allgemein ^efasst lautet das Problem: Was stimmt 
im ausgebeuteten, unterdrücktön Menschen überhaupt seiner Aus- 
beutung, Unterdrückung und religiösen Mystifizierung zu und ver- 
hindert ihn, dagegen zu rebellieren? Was kommt in ihm selbst der 
bürgerlichen bzw. faschistischen \Ideologje entgegen? Diese Frage ist 
von der gesamten Theorie der Arbeiterbewegung vernachlässigt wor- 
den, sofern sie für deren Politik ih den letzten Jahren entscheidend 
war (vgl. »Mässenpsychologie des Faschismus« von Wilh. Reich). 

Wir sagen: »Die Wissenschaft wird das Proletariat freimachen.« 
Gewiss ! Aber nicht nur etwa Chemie; Biologie, Ökonomie, welche die 
Natur- und Wirtschaftsgesetze erforschen, sind Wissenschaften. Wir 
müssen auch die Wissenschaft in unser Denken einbeziehen, die sich 
die Erforschung des seelischen Geschehens und seiner Widersprüche 
zur Aufgabe macht. Dies ist die dialektisch-materialistische Psy- 
chologie. 

Bei vielen Genossen scheint aber fast eine Scheu vorzuliegen, über 
psychologische Probleme einmal ruhig und sachlich nachzudenken. 
Manchmal nennen sie dgl. »Irrationalismus« (Hang, die Vernunft 
auszuschalten). Doch sie verwechseln dabei den Gegenstand der For- 
schung — psychische Vorgänge, die häufig ohne Mitwirkung der Ver^ 
nunft vor sich gehen — mit ihrer Methode, die in unserer Psychologie 
stets den Gesetzen der Vernunft gehorchen muss. 

Vor allem höhere Funktionäre und Intellektuelle sind befremdet 
von Fragestellungen wie: »Warum geht das kleine Ladenmädel X. 
lieber ins Kino als zur Gewerkschaftsversammlung?« »Warum liest 
Herr Hansen oder Jensen lieber von den wackern Pfarrern, die den 
Reichsbischof Müller und Ministerialdirektor Jäger als Kreaturen des 
Satans bezeichnen, als vom letzten Lohnabbau in Hitlerdeutschland?« 
Sie ahnen nicht, was eine wirklich gründliche Beantwortung solcher 
Fragen, die sich nicht mit Gemeinplätzen begnügt, für die revolutio- 
näre Politik und Propaganda bedeuten, würde. 

Dass Funktionäre den Kontakt mit ^em Alltagsleben der breiten 
Massen so oft verlieren, hängt wohl z. T. mit ihrer gesellschaftlichen 
Stellung zusammen: Sie sind Triebräder eines »Apparats«, , der 
weniger mit Menschen als mit »der Organisation« als Ganzes rechnen 
lässt. Doch diese Einstellung würde vielleicht leichter zu durch- 
brechen sein, brauchte nicht in so hohem Masse auch die Apparate 
der marxistischen Arbeiterorganisationen zu ergreifen, wenn die 
bürgerliche Erziehung nicht immer wieder Menschen produzierte, 
die eine Hemmung haben, sich in ihre Mitmenschen lebendig und 
unmittelbar einzufühlen. 

■ ■ . . \ 



'■'y^sip"^' -- 



M. 



Was heisst aber »dialektisch-materialistische Psycliologie«? Nichts 
I" anderes als: Dialektischer Materialismus, angewandt auf die Tat- 

l ■ Sachen des psychischen Geschehens. Die Tatsachen dieses Geschehens 

C- ' _ die Art wie der christliche Kleinbürger Schulze, der Hitlerjunge 

Müller und nicht zuletzt der sozialdemokratische Arbeiter Krause 
denkt und fühlt -- müssen wir verstehen, seine inneren Widerspruche 
entwickeln, zeigen, wie Kirche, Kirchenopposition, Neuheidentum und 
Nationalsozialismus sich diese Widersprüche zu Nutze machen. Dabei 
wird sich zeigen, dass diese psychologischen Tatsachen durchaus 
nicht in der Luft schweben. Wenn wir die Triebkräfte aufdecken, 
die ihnen zu Grunde liegen, wird sich zeigen, dass sie sich zu einem 
wesentlichen Teil aus der Erziehung innerhalb der bürgerlichen 
Familie erklären lassen. Und der Bestand dieser Familie ist letzten 
Endes durch die Produktionsverhältnisse bestimmt. 

Wenn wir uns dabei psychoanalytische Erkenntnisse zu Nutze 
machen werden, dann darum, weil die Psychoanalyse in der natur- 
wissenschaftlichen Erforschung psychischen Geschehens bisher von 
allen psychologischen Schulen am weitesten gekommen ist. Die 
Psychoanalyse hat die überragende Bedeutung unbewusster seelischer 
Vorgänge für das Denken und Handeln der Menschen entdeckt, sie hat 
die entscheidende Rolle der Energie des Geschlechtstriebes für den ge- 
samten Lebensprozess dargestellt. Deren Bedeutung, auch schon für 
die früheste kindliche Entwicklung, ist uns bisher entgangen, weil 
die bürgerliche Moral den Menschen zwingt , einen grossen Teil semer 
Triebregungen aus dem Be^^'usstsein ins Unbewusste zu verdrangen. 
Die Psychoanalyse ist allerdings in ihrer späteren Entwicklung an 
vielen besonders an für die Beurteilung sozialer Zusammenhange 
wichtigen Stellen ihren eigenen revolutionären Grundsalzen untreu 
geworden und verbürgerlicht. 

Erst die Arbeiten von Wilh. Reich haben uns den Zugang zu 
diesen Grundsätzen wieder erschlossen. Reichs Arbeit besteht im 
wesentlichen- 1) In einer dialektisch-materialistischen Kritik gewisser 
psychoanalytischer Theorien. 2) In einer Erweiterung ihrer natur- 
wissenschaftlich-biologischen Grundlagen: Entdeckung der ent- 
scheidenden Rolle des Orgasmus (Höhepunkt des sexuellen Erlebens, 
volkstüml. »Auslösung«) und seines ungestörten Verlaufs tur aen 
gesamten Triebhaushalt. 3) In der konsequenten Anwendung psycho- 
logischer Erkenntnisse in der Gesellschaftswissenschaft, insbesondere 
4) In dem Nachweis, dass die materiellen Bedingungen der bürger- 
lichen Gesellschaft vor allem durch die Vermittlung der Famihen- 
ernehung bestimmte psychische Strukturen schaffen (psychische 
Struktur = seelischer Aufbau, seelische Gliederung). Diese erweisen 
sich als widerstandsfähiger als die Bedingungen selbst, denen sie ihre 

Entstehung verdanßen. 

Die so entstandene Betrachtungsweise, auf deren Boden sich die 
vorliegende Untersuchung stellt, nennt Reich -»Sexualökonomie«. Sie 

6 



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ist, wie die obige Übersicht zeigt, keine einfache Kombination von 
Marxismus und Psychoanalyse, sie hat nichts gemein mit rein theo- 
retischen Versuchen, Freud und Marx auf einen Nenner zu bringen 
{sog. Freudomarxismus). Die aus ihr sich ergebende massenpsycho- 
logische und sexualpolitische Praxis ringt noch um ihre Anerkennung 
innerhalb der Arbeiterbewegung. Von der offiziellen Psychoanalyse 
\vird die Sexualökonomie abgelehnt. Aber keine Betrachtungsweise, 
die mit vielen liebgew^ordenen Denkgewohnheiten bricht, wird sich von 
heute auf morgen durchsetzen können. 

Doch denjenigen revolutionären Leser, der die Wichtigkeit der 
Fragestellung anerkennt, bitten wir, in die manchmal ungewöhnliche 
Art der Beantwortung einzudringen, selbst w^enn sie ihm zunächst 
einige Schwierigkeiten machen wird. Ich habe mich bemüht, die 
Darstellung so zu halten, dass sie auch ohne Vorschulung von jedem, 
der eine gewisse Einfühlungsgabe besitzt, verstanden werden kann.^) 

Eine andere Schwierigkeit, die vorliegende Analyse zu einer stets 
unmittelbar brauchbaren Waffe im antifaschistischen Kampf zu 
machen, entspringt nicht so sehr der Neuheit der Betrachtungsweise 
als den Bedingungen der Emigration, unter denen diese Arbeit ent- 
standen ist. So wird vieles in ihr nur Anregung sein, ohne im Ein- 
jzelnen zeigen zu können, wie praktisch-politische Arbeit unter reli- 
giösen Menschen geleistet werden soll. Aber Voraussetzung solcher 
Arbeit ist doch: Wirkliches Verständnis dessen, was im religiösen 
Menschen vorgeht. 

Allerdings, und dies bildet die dritte Schwierigkeit bei der Ab- 
fassung dieser Schrift: Wir wissen einfach vieles noch nicht. Wir 
stehen nach 90 Jahren Marxismus und 40 Jahren Psychoanalyse erst 
am Beginn einer wirklich materialistischen Religionsforschung. 

Aus all diesen Gründen wäre mir nichts lieber, als aus den Kreisen 
derer, die mitten in der praktischen antifaschistischen oder anti- 
religiösen Arbeit stehen, Kritik und Anregungen zu Verbesserungen 
zu erhalten. 

Endlich noch ein Wort an zwei besondere Kategorien von Lesern. 
Unter jenen »allgemein Interessierten«, die meine Schrift in die Hand 
bekommen, werden sich vielleicht auch religiöse Menschen finden. 
Sie w^erden sich durch sie wahrscheinlich im Tiefsten gekränkt und 
abgestossen fühlen. Ihnen möchte ich nur sagen, dass ich die tiefe 
Verwurzelung religiöser Vorstellungen, das persönliche Glücks- und 
Sicherheitsgefühl, das aus ihnen entspringt, durchaus zu würdigen 
weiss; und dass ich nicht so denken und schreiben würde, wüsste ich 
nicht, dass jenes Stück persönlichen Trostes, das die wenigen wirklich 
Gläubigen bei ihrem Gott finden, mit daran schuld ist, dass ein Sy- 
stem, das Millionen ausbeutet, unterdrückt und in den Krieg treibt, 
noch nicht durch ein besseres ersetzt ist. 
^)~Eine Schwierigkeit, in die sexualökonomische Betrachtungsweise einzudringen, 

besteht u. a. in dem Mangel einer einführenden Literatur für den Ungeschulten, 

dem jedoch mit der Zeit abgeholfen werden soll. 

7 



V 



Und endlich ein Wort an den »unpolitischen« Wissenschaft 
(Psychoanalytiker, Religionshistoriker etc.). Er wird manches find- 
was Ihm aus anderen Zusammenhängen bekannt ist, vielleicht au 
einiges »rem wissenschaftlich« Neue. Er wird die Sbhrift ~ hoffei 
hch -- mit einigem Interesse lesen, aber den politischen Zusamm« 
hang, m den alles gebracht ist, zum Teufel wünschen 

Ihm sei gesagt, dass gerade sein Unpolitisch-sein mit Schu 

daran war, dass z. B. in Deutschland in aller Ruhe hinter seme 

Rucken das Fundament untergraben wurde, auf dem er sich friedli, 

theoretisierend sicher wähnte. Im dritten Reich wird er, der imm 

unpohtische Wissenschaft machen wollte, gezwungen, entwed 

politische Unwissenschaft zu machen oder in die vom Nazire-in 

immer enger gesteckte Grenze völliger Lebensferne zu flüchten W 

lange wird es noch dauern, bis man auch klassische Philologie od. 

Ägyptologie nur mehr nach rassischen Gesichtspunkten wird treibe 

dürfen? Endlich bleibt unserm Wissenschaftler die Möglichkeit 2 

schweigen bzw. zu emigrieren. Der Kampf der politisch aktive 

wissenschaftlichen Forscher wird auch für ihn gekämpft; sofern , 

auf logische Konsequenz und Sauberkeit im Denken hält Und die-^ 

werden ihn oft aus der wissenschaftlichen Problematik seines Fach 

selbst heraus an den Rand revolutionären Denkens bringen. Er kan 

dann der Arbeiterbewegung grosse Dienste leisten, auch wenn ih 

seme psychische Struktur daran hindert, aktiv am politischen Kamp 

teilzunehmen. ^ 



Im Oktober 1935. 



Karl Teschitz. 






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8 




II. Stellung der Arbeiferpresse im Kirchenstreif 

Bis Ende JOSi 
Fassen wir das Gesagte zusammen: Unser bisheriges Wissen über 
tion T'k- r '^''T'' "* -genügend. Wir haben'zwar de Funk 
t.on der Kirche m der kapitalistischen Gesellschaft klargestellt Aber 
eme K.rche besteht aus Menschen. Diese Menschen glaub n jtde 
für sich an Gott m der Form, die ihnen die Kirche übermitteU nZ 
geboren zwar die Fragen des Glaubens nach bürgerlicher Ansi^^hfz 
den Mntimsten« Angelegenheiten, die »jeder mit sich tlbst ab 
zumachen hat. »ReUgion ist Priuatsache. ist der Leitsatz de Sozial' 

Die Funktion der Kirche in der kapitalisUsche,, Gesell^cliatt ' 
nennen wr d.e objektive Funktion, der Religion. Die typrcheArt 
und We,se, w,e der d„rehschnittlicl>e Gläubige .u Seinern GoU steht 
w,e er an rehg.öse Vorstellungen und Lehren gründe "ist L„Sn 
wir d,e subjekhve Funktion der Religion, über sie haben vir b.she" 

irZITL^'-!'''''' ""T" •■■"«-"S'««'' Arbeit. rson' 

Oolt„.,leJ,„l,. .ir S°S, V,.H.„ ■ ? IJP"*: >D.o erosso Lltb.,, .n„ 

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Dies zeigt sich besonders bei einer genaueren Betrachtung dessen, 
was die Arbeiterpresse zum Kirchenkonflikt geschrieben hat. Diese 
Pressestimmen entsprechen wahrscheinlich nicht genau dem Ver- 
halten der in Deutschland kämpfenden Revolutionäre. Trotzdem kann 
man sich aus ihnen auch über die Art, wie sie denken, ein gewisses 
Bild machen, ein Bild, das natürlich stets durch neue und genauere 
Berichte ergänzt werden kann. 

Wie sieht die Analyse der sozialistischen Presse aus? Kurz zu- 
sammengefasst folgendermassen: Die Massenbeteiligung am Kirchen- 
kampf ist Ausdruck einer wachsenden antifaschistischen Stimmung 
_ besonders bei kleinbürgerlichen und bäuerlichen Massen. Diese 
Stimmung verdankt ihr Entstehen wesentlich ökonomischen Ur- 
Sachen sie kann bloss den einzig sinnvollen politischen Ausdruck 
nicht finden. Trotzdem sind die Führer im Kirchenstreit — Pastoren, 
Bischöfe, hohe Beamte — keine Antifaschisten.») - 

Ihr Streit mit der staatlichen Kirchenpolitik ist bloss Ausdruck 
wachsender Gegensätze im eigenen Lager der herrschenden Klasse. 
Die antifaschistischen Kämpfer müssen sich diese Gegensatze zu 
Nutze machen.^) Sie müssen den Massen bewusst machen, dass nur 
der politische Kampf gegen den Faschismus das erreichen kann, was 
sie im Kirchenkampf unklar anstreben. Auch die religiöse Freiheit 
kann nur in Sowjetdeutschland verwirklicht werden.^) 

So gibt die sozialistische Presse einige Haupttatsachen richtig 
wieder, enthält aber ebensoviel Falsches und lässt eine Anzahl Fragen 

überhaupt ungelöst. ^. ». w t- i,r«i, 

1) Warum stellen sich die angeblich antifaschistischen kirchUch 
interessierten Massen überhaupt unter die Führung vori Pastoren, 
hohen Beamten etc.? Dass in dieser Tatsache em Problem steckt, 
ist fast völlig übersehen worden. .Die neue Front« (Organ der 
sozialistischen Arbeiterpartei) gibt zwar (Nr. 20. Nov 1934) eine 
Erklärung: Die Massen folgen den Pfarrern >nicht um des Glaubens 
willen sondern weil sie darin eine Spur von Widerstand gegen den 
verhassten und gefürchteten Faschismus sehen.« Ähnlich schreibt 
auch »Unser Weg« (Organ der internationalen Kommunisten Deutsch- 
lands Nr 3 1934). Das ist sicher teilweise richtig. Aber gesetzt, 
das politische Moment wäre allein entscheidend, dann muss man doch 
sogleich weiter fragen: Warum findet die angeblich im Kern po- 
litische Opposition so leicht gerade diesen religiösen Ausdruck? 
Wieso führt sie z. B. dazu, vor dem Fenster des in Hausarrest be- 

1) Die sozialdemokratische Presse ist allerdings erst nach verschiedenen 
^ ScTiwankungen zu dieser Auffassung gelangt; vgl- Neuer Vorwärts 20-22 

(1933) 44 (1934), Zeitschrift für Sozialismus (Juni iyJ4). , .. _ 

2) Die reformistische .Zeitschrift für Sozialismus« (Juni 1934) druckt es zag- 
hafter so aus, der Kirchenstreit gäbe den Antifaschisten gewisse Chancen. 
Der kommunistische Kulturpolitiker Maslowski beton mit Rech die Not- 
wendigkeit kämpferischer Aktivität (Neue Weltbühne 16/1934). Nur sagt er 
leider nicht, worin sie bestehen soll. 

3) So wiederholt Rundschau. Vgl. Nr. 6, 60 (1934). 

10 



.Ä?s^. 






findlichen Bischofs Wurm Choräle zu singen? Die Oppositionen, die 
den Kirchenkonflikt tragen, enstehen ja in ganz verschiedenen Ge- 
sellschaftsklassen: Auf der einen Seite innerhalb der Bourgeoisie 
seihst, auf der andern innerhalb der kleinbürgerlichen aber auch der 
proletarischen Massen. Wie finden diese beiden Oppositionen so 
leicht zusammen, so dass die eine zur Massenbasis der andern wird? 
Die Erklärung der Neuen Front erscheint ungenügend, wenn man 
sich diese Oppositionen unmittelbar ökonomisch bedingt vorstellt. 

Hingegen wird uns vielleicht eine andere Erwägung weiterhelfen. 
Württemberg und Westfalen — beides Zentren der kirchlichen Op- 
position — waren vor dem Hitlerumsturz Zentren der religiös- 
sozialistischen Bewegung, zu tausenden wurde das von Pfarrer Eckert 
herausgegebene »Sonntagsblatt des arbeitenden Volks« gelesen. Diese 
Massen waren subjektiv ehrlich sozialistisch eingestellt, doch zugleich 
stark religiös gebunden. Sie waren Sozialdemokraten und folgten 
Eckert nicht zur KPD. Es sind sicherlich z. T. die gleichen Massen, 
die heute hinter den oppositionellen Pfarrern stehen. Sie sind gegen 
Hitler, folgen aber den Pfarrern entgegen der Behauptung der Neuen 
Front auch um des Glaubens willen. 

Hier liegt ein Widerspruch in der psychischen Struktur der durch- 
schnittlichen Mitglieder der Masse vor. Doch wir deuten die Lösung 
des Problems hier nur an, sparen uns seine ausführliche Darle- 
gung auf. 

2) Wie sehen die Widersprüche im Lager der Bourgeoisie, die 
dem Kirchenkonflikt zu Grunde liegen, wirklich aus? 

'^ a) ökonomische Gründe. 

Handelt es sich bei der Kirchenopposition etwa um die alten 
Deutschnationalen, um die Garde Hugenbergs, die mit dem hinter 
Hitler stehenden Finanzkapital um die Profite rauft? — Ähnliches 
behauptet z. B. die Rundschau.^) 

Sehen wir uns aber die ökonomischen Widersprüche an, mit 
denen die herrschende Klasse heute in Deutschland wirklich zu 
kämpfen hat. Dann können wir vielleicht einen Gegensatz zwischen 
Export- und Rüstungs- bzw. Agrarkapital feststellen. Der Hugen- 
bergkreis setzte sich im wesentlichen aus diesen letzteren zusammen. 
Aber der Kurs der Regierung geht durchaus in seinem Sinn, von 
einem Gegensatz kann keine Rede sein. Doch wir haben diesen 
Abstecher in die Ökonomie nur unternommen, um zu zeigen, wie an 
den Haaren herbeigezogene ökonomische »Erklärungen« sogar in 
Widerspruch zu der nüchternen ökonomischen Betrachtung selbst 
geraten; von einer wirklichen Erklärung kann erst recht nicht die 
Rede sein. 



1) Vgl. die Nr. vom 20. Juni 1933. Vorsichtiger auch 60 (15./XI. 1934) : »Zum 
andern stehen die meisten Kirchenoberen dem Hugenbergkreis nahe, der mit 
der NSDAP-Führung rivalisiert.« 

11 



'J^f ■ .»K-O-f ■ 



Ein anderer Versuch, Hitlers, Kirchenpolitik unmittelbar Öko- 
Tiomisch.zu erklären, findet sich in Rundschau Nr. 60/1934: 

»Hitler Vill eine solche faschistische VNatTonälfeirche schaffen, um sie im 
Interesse des Monopolkapitals als reibungslos funktionierendes- Instrument für 
die Ausbeutung- und Niederhaltung der Werktätigen, für die Erleichterung des 
Te^ror^ und-'vor allein der Kriegsabenteuer, für Kräftigung der braunen Diktatur 
zu verwenden.« ' '-. 

Aber warum duldet — ^ ja stützt das Monopolkapital dann auch 
die Kirchenopposition? ^ , " ~, ^ 

b) Staatspoliiische ErUläuingen. 
Auf der einen Seite steht die Tendenz der Gleichschaltung. Vgl., 
dazu das obige Rundschauzitat aber auch Neue Front -(Nr. 20. 1934) : 

*Da ist zunächst auf der Seite des faschistischen Regimes die unbedingte 
Notwendigkeit der Gleichschaltung aller Organisationen, die m irgend eme^ Form 
Sammelpunkte oppositioneller Kräfte werden könnten, ^ Die Gleichschaltung auch 
deTkirchUchen Organisationen ist für den deutschen Fakhismus angesichts der 
konfessionellen Spaltung Deutschlands weit notwendiger als .. B. für den Italien.- 
sehen Faschismus.« \ 

Die politische Gleichschaltung aller Wirtschafts- und Kulturorga- 
nisationen ist ein Grundprinzip sowohl des italienischen als des deut- 
schen Faschismus. Gegen sie hätte sich die protestantische Kirche nie 
gewehrt. Gerade die Kirchenopposition hat stets ihre politische Loyali- 
tät betont, viele Nazipfarrer gehören ihr an, die sich nicht erst. seit 
März 1933 zu Hitler bekennen. Wir werden weiter=unten zeigen, da&s 
es sich hier um viel mehr handelt als die Gleichschaltung irgend einer 
andern Kulturorganisation. Die »Gleichschaltung«, die die deutschen 
Christen mit der Kirche vorhaben, bedeutet nämlich tatsächlich ihre 
Vernichtung; genau so. wie man die freien Gewerkschaften nicht 
gleichschalten konnte, sondern in etwas ganz anderes, namlich die 
Arbeitsfront verwandeln musste. Die Erklärung aus irgend einer all- 
gemeinen Gleichschaltungsnotwendigkeit ist darum oberflächlich, be- 
sagt im Grunde gar nichts. ^ 

Auf der andern Seite kommt die sozialistische Presse zu sehr 
richtigen Feststellungen über die Gründe für die Unterstützung, die 
die Kirchenopposition durch die Bourgeoisie erhält. Rundschau 60 
schreibt : 

*Sie (die Kirchenfübrer? -sind ffegen eine- übersteigerte, zu offen staatspoliti- 
sche Verwendung der Kirche, wie sie Hitler wünscht, weil sie davon gerade eine 
Verringerung des Einflusses der Kirche auf die Werktätigen befurchten.« 

Die Bourgeoisie — schreibt die Neue Front in der angeführten Nummer — 
»will ein zweitei Eisen im Feuer haben, und denkt nicht daran, alles auf die 
Karte des Nationalsozialismus zu setzen«. 

»Die Bourgeoisie« schreibt »Unser Wege, »hat kein unbegrenztes Interesse am 
Faschismus. Wichtig sind für sie die Bütteldienste, durch die er die Arbeiter- 
bewfguS verschlägt. Weniger wichtig ist für sie die Ideologie durch die er gross 
wurde Der Junker insbesondere liat nichts übrig für die Ideologie des stolzen 
Germanentums. Er hält ... auf die Erziehung seiner Knechte im Geiste christ- 
licher Demut und Unterwürfigkeit.« 

12 



Doch wenn man sich diesen Argumenten anschliesst, dann ver- 
steht man nicht, wieso Hitler und seine engern Berater sich überhaupt 
auf das Abenteuer des Kirchenstreits oder gar die Schaffung einer 
neuen Religion einzulassen brauchten. 

c) Ideologische Begründung. 

»Der Kirchenstreit entzündet sich«, schreibt »Unser Weg«, an der Unverein- 
barkeit beider Ideologien. Der universalistische Wesenszug des Christentums 
Tviderspricht der Nazirassenideologie, das faschistische Führerprinzip den demo- 
liratischen Formen des Protestantismus.« 

»Es ist ein Kampf, der sich an Ideologien entzündet hat«, schreibt 
die Neue Front. 

Dies ist gewiss der richtige Ausgangspunkt! Doch wir dürfen als 
Marxisten nicht dabei stehen bleiben. Wir müssen die ideologischen 
Tatbestände genau beschreiben, ihre innere Widersprüchlichkeit ent- 
hüllen und sie dann schrittweise über die verschiedenen Zwischen- 
glieder bis zu den Produktionsverhältnissen verfolgen, die sie letzten 
Endes bedingen. Doch diese Methode haben die meisten Marxisten in 
der Praxis nicht zu üben gelernt. Sie bleiben beim Ansatz stecken, 
führen die ideologischen, ökonomischen und staatspolitischen Begrün- 
dungen nebeneinander an, ohne die notwendige Verbindung her- 
zustellen. 

3) Und nun zu den praktischen Folgerungen für die proletarische 
Politik, Die reformistische Presse stellt diese Frage überhaupt nicht 
klar, die revolutionäre betont wohl die Notwendigkeit, den Kirchen- 
streit für den antifaschistischen Kampf auszunützen. Aber wie soll 
das geschehen? Unser Weg schreibt; 

»Wir müssen den Kleinbürgern klar zu machen versuchen, dass ihre Oppo- 
sition falsche Bahnen geht, wenn sie sich im Kirchenstreit erschöpft. Wir müssen 
sie von der Illusion befreien, als wäre diese lutherische Glaubensfreiheit von 
irgend einem Wert für sie. Wir müssen ihnen sagen: Was ist schon erreicht? 

Dürft ihr heute Eure Gedanken frei aussprechen und drehen sich nicht alle 

diese Gedanken im Grunde darum, dass sich in dieser wachsenden Not und Unter- 
drückung nicht mehr leben lässt?« 

Ähnlich äussert sich die Neue Front, — Doch der am Kirchenstreit 
interessierte Kleinbürger wird wahrscheinlich antworten: »Meine Ge- 
danken drehen sich gar nicht bloss um die wachsende Not und Unter- 
drückung. Gewiss, es geht mir schlecht, aber nicht schlechter als ge- 
gebenenfalls unter dem Bolschewismus. Aber dass man unsern Herrn 
Pastor, der auch in der schwersten Zeit immer so tröstende und herz- 
liche Worte gefunden hat, durch irgend einen gleichgeschalteten 
Schreihals ersetzen will — dagegen protestiere ich.« Die religiöse 
Bindung ist eben nicht ein gewöhnlicher »Irrtum«, der durch eine 
Lektion marxistischer Ökonomie zu beseitigen ist. 

Dieser rein negativen Stellungnahme sind die Parolen der KPD 
■vorzuziehen. 

13 



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Wir müssen »diesen (den kirchlich oppositionellen) Massen zum Bewusstsein-. 
bringen, dass auch ihre Ziele im Kampf gegen die faschistische Gewissensdiktatur 
nur im revolutionären Sturz des Faschismus, nur im Sozialismus, der die Tren- 
nung von Kirche und Staat fordert, verwirklicht werden können.« (Rundschau 
27, 1934.) 

Hier wird das revolutionäre Element, das in der kirchlich opposi- 
tionellen Bewegung enthalten sein kann — der Kampf nicht nur um 
Religions- sondern um Gewissens- und Meinungsfreiheit überhaupt — 
richtig hervorgehoben. 

»Die Kommunisten zeigen den christlichen Werktätigen den Ausweg: Das 
sozialistische Deutschland, in dem es vollste Glaubens- und Religionsfreiheit, m 
dem es Brot, Arbeit und Wohlstand für alle Schaffenden geben wird.« (Rund- 
schau 60/1934.) 

Allerdings besteht die Gefahr, dass diese Haltung in Opportunismus 
umschlägt. So wenn Rundschau 6/1934 schreibt, der Kirchenstreit sei 

»Ausdruck des gesteigerten sozialen Drucks der unteren Volksmassen, mit 
denen besonders die unteren Geistlichen fester verbunden sind, als die Emporkömm- 
linge des Hitlerregimes ...... Wir Kommunisten vertreten daher in der Roten 

Hilfe den Standpunkt, dass jedem eingekerkerten antifaschistischen Pfarrer ebenso 
unsere Hilfe zu Teil werden muss, wie allen andern Antifaschisten. Wir werden 
jede Pfarrei in ihrem Kampf unterstützen, wenn sie sich dagegen wehrt, dass ihr 
Zwangsgebete, religiöse kirchliche Handlungen von der faschistischen Diktatur 
aufgezwungen werden.« 

Hier wird zu Unrecht die Tatsache verschwiegen, dass nur ein ganz 
geringer Teil der Pfarrer Antifaschisten sind. Doch ausserdem besteht 
die Gefahr, dass eine allzu intensive Beteiligung der Kommunisten am 
Kirchenstreit überhaupt verwirrend wirkt. Ähnliches ist nämlich bei 
der Saarabstimmung anlässlich des Auftretens der katholisch-soziali- 
stischen Einheitsfront beobachtet worden. Ein bürgerlicher Berichter- 
statter schreibt {Dagbladet, Oslo, 1571. 1935): 

»Fürchterlich sind die Nazidrohungen, aber noch fürchterlicher ist der un- 
beherrschte Flirt der Kommunisten mit der katholischen Kirche ..--■■ Es ist un- 
heimlich, überzeugte Kommunisten zur Jungfrau Maria und zum heiligen Geist 
schwören zu sehn. Es ist Schwindel, wenn dem Katholizismus Fortschritt und 
Glück an der Saar garantiert wird. Und es ist wahr, dass die ganze Idee des 
Kommunismus davon ausgeht, alle Religion und besonders die kathol's<=he aus- 
der Gesellschaft zu beseitigen. Es ist wahr, dass die Roten in der SU Kirchen 
gestürmt haben etc.« 

Einem Kleinbürger, der von der antisowjetistischen Greuelpropa- 
ganda überzeugt ist, kann ein religionsfreundliches Verhalten der 
Kommunisten nicht bloss sympathisch sondern auch unter Umständen 

unheimlich erscheinen. 

Im Jahr 1935 (bis Oktober).. 

Was das Jahr 1935 betrifft, so hat sich an der Haltung der kom- 
munistischen Partei und ihrer Auffassung des Kirchenstreits nichts, 
geändert. Die Kirchenopposition ist, soweit es sich um die Massen 
handelt, nichts als der Ausdruck der politischen Opposition gegen die 
nationalsozialistische Staats-, Wirtschafts- und Kriegspolitik. So ist 
z. B. der Widerstand der katholischen Jugendlichen ohne Vorbehalt 

14 









»ein Bestandteil des Kampfes der antifaschistischen Volksfront im Kampf 
um Versammlungs- und Koalitionsfreiheit, gegen die faschistische Totalität. 2000- 
Jungkatholiken haben zu Ostern ihre Wallfahrt nach Rom zu einer eindeutig 
antifaschistischen Demonstration gestaltet. Viele von ihnen sind nach ihrer Rück- 
kehr von der Gestapo verhaftet und aufs schwerste misshandelt worden.« (Rund- 
schau 1935/22.) 

Hier möchte einen der gleiche Ekel vor den weihrauchwedeln- 
den Kommunisten ergreifen, wie den kleinbürgerlichen Berichterstat- 
ter des »Dagbladet«. Statt in diese Anbiederungen an die katholische 
Kirche zu verfallen, müssen die Kommunisten sich lieber ernsthaft 
fragen, wieso es zu diesem Zusammenstoss zweier reaktionärer Mächte 
kommt. Gewiss sind in der katholischen Jugend und ihrem Kampf 
besonders in der letzten Zeit auch antifaschistische politische Tenden- 
zen vorhanden. Aber wir dürfen niemals die reaktionären Bindungen 
vergessen, die gleichzeitig in jedem einzelnen Jugendlichen wirksam 
sind und die bei einer Wallfahrt nach Rom gewiss ausschlaggebend 
waren. Nicht die Walfahrt ist eine antifaschistische Demonstration,. 
aber ihre polizeiliche Bestrafung kann vielleicht aus einzelnen Ju- 
gendlichen wirkliche Antifaschisten machen. 

Ebensowenig, wie die katholische Kirchenopposition kann man 
die evangelische, soweit sie die Massen betrifft, einfach erklären aus. 
. der politischen 

»Unzufriedenheit des Kleinbürgertums in Deutschland, welches noch nicht,, 
wie das Proletariat auf die Ebene des illegalen Kamps gegen die faschistische 
Diktatur steigt und kein anderes Ventil findet.« (Rundschau 1935/21.) 

Wenn man von dieser falschen Einschätzung der Massen ausgeht, 
dann ist es verständlich, dass man auf Seiten des nationalsozialisti- 
schen Staates nichts anderes vermutet, als den Wunsch, den »Totali- 
tätskurs im Interesse des Monopolkapitals, dessen Ausbeutung und 
Kriegspolitik fortzusetzen« (Rundschau 1935/8). Gewiss, letzten En- 
des werden alle Massnahmen des faschistischen Regimes von diesen 
Interessen diktiert. Aber wenn man sie als »Erklärung« für jede ein- 
zelne oft in sich widerspruchvolle Massnahme des Regimes anführt, 
erklärt man gar nichts und schafft bloss eine Nacht, in der alle Katzen 
grau werden. In der gleichen Richtung liegt auch die Erklärung: 

»Hitler sieht vor allem in der Gleichschaltung der Kirchen ein wichtiges 

Mittel zur höchstmöglichen Einspannung der Werktätigen für die Kriegspolitik 
und die Kriegsabenteuer des faschistischen Regimes.« (Rundschau 1935, H. 15.) 

Hier wird das notwendige -Resultat einer gesellschaftlichen Ent- 
wicklung (Faschismus bedeutet Krieg!) unmittelbar als Ursache für 
eine dazu noch in sich widerspruchsvolle Einzelmassnahme ausge- 
geben. Widerspruchsvoll: Denn noch nie (wenigstens seit dem 3ten 
christlichen Jahrhundert) hat die Friedensbotschaft des Christentums 
die Kirche daran gehindert, die Soldaten »moralisch zu stärken«. 
Wenn Rundschau 21 von der Friedfertigkeitslehre des Christentums 
spricht, die der faschistischen Kriegsideologie hindernd im Wege stehe, 
so setzt sie sich damit in Widerspruch zur gesamten geschichtlichen 
Erfahrung. 

15 



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= :^, .;*"_ rr A 1 -f VT^Tsn-lsj^*!«^ fr^'^' ** *^;'7*^''^ 






A„oh die Beurteilung der Bischöfe und Pastoren, die nach Meinung 
H„ Rundschau enmal vom Kirchenvolk zur Opposition gedrangt wer- 
tn danttude als Repräsentanten einer konservativen Oppos^on 
^:g;n Hitler "scheinen und end.chachd^r asoyale^Hm^^^^^^ 

rlfSrdtrvS n^mn^T wiTnicht in seinL Gesan.t- 
utamrenhang eruannt und die Widersprüche dieses Verhaltens aus 
ihm TnT^ckcU, sondern diese Widersprüche werden zusammenhangs- 
los neben einander gestellt. helriftt 
Was die Literatur der 2ten Internationale im Jahr 193o betnttt, 
was aie i^iii-idiui u „;.v,. „.aänelich Nur emen 
so war sie mir leider zum grossen Teil nicht ^"«""«"cn i 

. »i,- ,_, im »Nullen Vorwärts« vom 8. Septemher iMao 
Aufsalzvon Aufhauser im .Neuen vor ^^^ Katholizismus auf 

konnte ich lesen. Auch er scnaizi u verbot der Doppel- 

^T ,'rrf: -„"C" •;: :™t'= „^ 'toJessloreller Standesver^nen 

f H .t crk ^rt das d ese Standesvereine nach Aussage der Nazis 

mene i.eser wuu ' Artikel von Aufhäuser lesen wir, 

drssTs:Ta.h lis*:n sTanlTvereine .die Widerlegung der Übe 
dass mese ^^' . .- , ^^^ marxistischen Irrlehren« ebenso 

r„ trt°Pr"- S«erwi"e .Pflege des Gemüts durch arbeiter- 
T^liche Feste Förderung des deutschen Volksliedes, La.enbuhnen- 
yusar^menfassung der Jungarbeitergruppen zur Ertüchtigung 
T; MuXder etc ♦ Also eher ein Programm der Entpol itisierung 
, ^. Maske der Gewerkschatlsähnlichkeit. Und der faschistische 
lT.ll hätf andere MögUchkeiten gehabt, eine Entwicklung in uner- 
nlwedh gewerkschaftlicher Richtung zu verhindern, a s das 
Verbot der DoppeZtgliedschatt, wenn nicht die Gegensätze zwischen 
Katho izismus und Nationalsozialismus, die auf andern Gebieten be- 
ttln s^Timmer mehr vertieft hätten und darum die katholischen 
Arbei'terundTor allem den Klerus mit wachsendem Misstrauen er- 

'"' Etenrowenig existieren auch die Verbindungslinien zwischen 
kirScher und sozialistischer Ideologie, die Aufhäuser sehen w.11. 
kircnucner m ,„„,., .„sabeeordneter von den abgehetzten Men- 

Wenn einma em ^»^^''^^^.^"baben und vom Typus des ver- 
.. sehen spricht de a''8^_f f ^'^^r an eine Wendung des Schicksals nicht 
zweifelten Arbeiters redet, "»'^ f/f^.':™^" ickt die Kirche in der 
mehr glauben kann. ^»"^^^'^'i'stDfnnsf gebraucht das Ver- 

^rT^zx r s-h^ ^^^}iz tr^e - 

r^h'-din^l- ATfhte^-Sti^rrHoh-ofrdic .^L^d- Kirche 
Tdeta auch bloss die ökonomischen Lehren des Marxismus zu ver- 



16 



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söhnen, sind seit der päpstlichen Encyclica »quadragesimb anno« vom 
Jahre 1931 erledigt. Hier wird jeder »religiöse Sozialismus« vom 
Papst mit grösster Schärfe zurückgewiesen, das Ideal eines Stände- 
staats als das katholische hingestellt, der deutlich Züge des italieni- 
schen Faschismus trägt und der heute in Österreich unter direkter 
Berufung auf die kirchlichen Lehren annähernd verwirklicht ist. 
Also wozu diese Anbiederungen? 

Die weitaus beste Analyse des Kirchenstreits, die ich bisher in der 
marxistischen Literatur gefunden habe, findet sich in der Zeitschrift 
»Neue Front« (SAP). H. 18—20 (1935). Klar wird darin gezeigt, dass 
die politische Unzufriedenheit die Kirchenopposition zwar auf der 
einen Seite gewaltig anschwellen lässt, dass es aber bei der Kirchen- 
opposition im Kern »die alte Reaktion« ist, »die kleinbürgerliche und 
die grossbürgerliche, die hier ihr Wesen treibt und die das Nazitum 
nicht mit revolutionärer sondern mit konservativer Zielsetzung an- 
greift.« (H. 19.) Die innere Zwiespältigkeit aller im Kirchenstreit Be- 
teiligten wird richtig charakterisiert (H. 20) ; 

»Im Kirchenkampf stehen sich zwei Gruppen gegenüber, welche beide Glieder 
der kapitalistischen Welt sind und daher beide gleichermassen der Feind der Ar- 
beiterklasse. Beide sind aber zwiespältig, wie wir sahen, — weder prinzipielle 
Gegner des Regimes, noch aber auch reibungslos eiagegliedert in das heutige Sy- 
stem. Die oppositionellen Christen greifen zwar wie wir den Nationalsozialismus 
an, aber nicht wie wir von dem revolutionären, sondern von einem reaktionären 
Standpunkt aus. Die Neuheiden treten zwar im Namen des Regimes auf, aber 
sie unterwühlen zugleich das gesamte System der bürgerlichen Ideologie, welche 
der sozialistischen unvereinbar und feindlich gegenüber steht. Die Arbeiterklasse 
kann daher mit keiner der beiden Gruppen etwa ein Bündnis eingehen, wie das 
die KPD und der sozialdemokratische Parteivorstand gerne möchten. Sie kann 
aber wohl die einzelnen Aktionen der Bekenntniskirchen unterstützen, sie ermun- 
tern und fördern bei der Bildung oppositioneller Zentren; und sie wird auf der 
anderen Seite die Erschütterung der feindlichen Ideologien ausnützen, die Risse 
und Sprünge darin erweitern und vertiefen.« 

Wie wir sehen, wird hier die richtige Folgerung für das praktische 
Verhalten der Arbeiterklasse gezogen. 

Die Schwäche des Artikels besteht allerdings darin, dass die Zwie- 
spältigkeit der verschiedenen Gruppen zu wenig konkret herausgear- 
beitet wird. 

»Scheinbar geht es im Kirchenstreit um rein ideologische Dinge: Rassen- 
prinzip gegen christliche Sakramente, faschistischer gegen kirchlicher Totalitäts- 
anspruch, Führerprinzip gegen evangelische Gemeinde-» Demokratie« usw. und 
für viele erschöpft sich darin das Wesen des Kirchenstreits. In Wahrheit sind 
diese religiösen Auseinandersetzungen nichts anderes als ideologische Verkleidun- 
gen sozialer und politischer Kämpfe.« (H. 19.) 

Hier wird nicht die Ideologie des Kirchenstreits eingehend analysiert 
und gezeigt, wie diese Ideologie nicht bloss Schein ist, sondern ganz 
konkret mit der Art und Weise zusammenhängt, wie sich die in den 
zitierten Artikeln der NF im ganzen richtig aufgezeigten gesellschaft- 
lichen Widersprüche in den Massenindividuen verkörpern. Nein, diese 
Ideologien werden aufgefasst als ^nichts anderes als ideologische 

17 



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III. Der Profestantismus 

1. Motive der „Teilnahme" am Kirchenstreif und ihre politische 

Bedeutung 

a) Zwei Berichte, 

»Im März wurde der Pfarrer der Pauluskirche, Dr. von Rabenau, einer der 
heftigsten Gegner des Reichsbischofs Müller und seines Systems, von seinem Amt 
suspendiert. Der Reichsbischof setzte an seiner Stelle den deutschchristlichen 
Pastor Rotcnberg ein, der sich jedoch vorige Woche zurückzog und das Amt von 
neuem Dr. von Rabenau übergab, indem er behauptete, dass ein langes Zusammen- 
arbeiten mit den deutschen Christen ihn davon überzeugt habe, dass es für diese 
Kirchenbewegung nicht möglich sein würde, die evangelische Kirche zu rekon- 
struieren. Dr. von Rabenau sollte gestern seine erste Predigt nach der langen 
Abwesenheit halten und seine Gemeinde war in einer Anzahl von etwa 1500 — 2000 
erschicBen, um ihn zu begrüssen. 

Gerade als der Gottesdienst beginnen sollte, ereignete sich inzwischen eine 
unerwartete Unterbrechung. Der dritte Pfarrer der Pauluskirche, der deutsch- 
christliche Dr. Peter hielt seinen Einzug an der Spitze von etwa einem halben 
hundert Gesinnungsgenossen. Sie sperrten die Tür zur Sakristei ab und Dr. Peter 
trat vor den Altar, wo er begann, eine Erklärung des Reichsbischofs Müller zu 
verlesen. Dr. von Rabenau, Dr. Rotenberg und der Vizepfarrer Kube kamen auf 
einem andern Weg zur Kirche herein und Dr. von Rabenau forderte Dr. Peter 
auf, den Gottesdienst seinen Gang gehen zu lassen. Da Dr. Peter sich weigerte, 
den Altar zu verlassen, bestieg Dr. von Rabenau den Predigtstuhl und fragte die 
Gemeinde, wen sie zu hören wünschte. Die Antwort war tausendstimmig: »Wir 
wollen Dr. von Rabenau hören«, und da auch nicht diese deutliche Kundgebung 
Dr. Peter veranlassen konnte, den Altar zu verlassen, begann Dr. von Rabenau 
unangefochten seine Predigt. 

Es entwickelte sich nun ein skandalöser Kampf zwischen den beiden Pfarrern. 
Sooft Dr. von Rabenau zu reden begann, liess der Organist, der den deutschen: 
Christen angehörte, die Orgel durch den Raum brausen und sooft Dr. Peter am 
Altar zu beten begann, wurde er von der Gemeinde übertäubt, die Choräle sang 
und Sprechchöre mit dem Text bildete: »Du sollst den Namen Gottes, Deines 
Herrn, nicht eitel nennen«. Um die Verwirrung komplett zu machen, begannen 
nun die Kirchenßlocken zu läuten — ohne dass es jedoch möglich war aufzuklären,, 
auf welcher Seite der Läuter stand — und eine ungeheure Menschenmenge sammelte 
sich vor der Kirche. 

Nach 2 Stunden gelang es Dr. von Rabenau, seiner Gemeinde verständlich zu 
machen, dass er wünschte, sie sollte die Kirche verlassen. Mit dem Pfarrer an 
der Spitze zog sie darauf singend aus der Pauluskirche hinaus und horchte in 
andächtiger Stille Dr. von Rabenaus Predigt auf dem Kirchplatz. .Nur 60 Men- 
schen blieben in der Kirche, um Dr. Peter zu hören.« (Politiken, 4./XIL 1934.) 

»Im Hessen-Kasseler Landeskirchentag trat eine Gruppe auf, die sich als 
nationalsozialistische Fraktion innerhalb des Hessen-Kasseler Landeskirchentags 

19 



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geschrieen?« (aus einem lUegaieo *■ » 

dächtnis zitiert). Uirt-hpn streit. 

h\ Das Interesse am hirctiensireu. 

tj ■ i,f«r.9 Warum möchte man gern da- 

,.ofse„ BoxUan-pf """^^'j-^^r Hu ^ DenloTh hat der Sensa- 
mit Religion noch mit Po'''* ! ^^ [t^i^^e Ursachen. Der moderne 
«onshunger der ^M^--^!/? : f Llbensäusserungen auf den ver- 
Kapitalismus hindert die Ireien paschismus, der Not 

schiedensten Gebieten (vgl. dazu Kap- 5)^ ^ ^„^^^^ ^„^ 

und Hoffnungslosigkeit «eiter f"«"'' '^^^^ B;dürfnis nach einem 
^iele durch Gleichschaltung verekeU. muss das Be ^^^ ^^^_^^.^^. 

ersatzweise« .Sich »"^l'"™' ""'ildürTnU in sehr geschickter Weise 
«hen Machthaber kamen ^-esem Bedürfnis p.^.^erke etc. 

durch Veranstaltung "«mer neuer Au marsche ^^ ^^^^ 

fach. Aber mit der Zeit «™ ^^^^"^ 'c" „n der Sammelbüchse 
dem: Wenn Gering und Gobbels personl^ ^ ^^^^ ^.^ j^,^.^^^ 

-^X^DtelLTa^rsLt tSj'^esümmt viel zum Interesse 

^^t^^ ^^ XrfltSr-nSr -tr feUrS 
verbergen. Den zankenden P«^*«^^^" ^^^^^^^ ^^s Mittelalters einander 
Pathos zur Verfügung mtt l^^J^^l^,^,,,,., Es ist ihnen trotz 
^gegenseitig mit dem ^^"^ ^^^^^^^ glaubhaft. Der Zank der ehr- 
aller Bemühungen nicht mehr ^ech^ 6 ^^^, ^ie eine unfrei- 

würdigen Gottesdiener ^«J^^ J^^^^f^^ ,,,,^ solchen Bericht kann 
billige Gotteslästerung Im I^t^J^^^\^^.„,^, ,ite und unbestrittene 
sich die Freude verstecken, ^^^^ J^^ ^' .^^t I^ dieser Empfin- 

Autorität wie die Kirche 7.. "^^^ ^^^^^^^^^ steckt mehr als in 

dang der Kirche alyiner lach^rUch^^^^^^ revolutionärer Ge- 

der blossen Sensationslust enS^ucks J ^^^^^^^ ^^^ ^^^^^^^ 
sinnung. Aber von dieser passiven t^re 
-SÄÄr^TKircb^^^^^^^^^^ 

■ -'th!;:Ä^--" f T-^'^rrer/n" dX r ": i" 



20 



uiijii..L...^js,^.,-.- ..,.,.. . ,; , . , - . ,..,.,. ^ ■ , . ..V. ..^;--..^.2^;£335Stf.:_- 



■■^ 



beiden haben, ist sie eine entschiedene Gegnerin der Hitlerherrschaft, 
»Also muss man ihr bewusst machen«, wird mancher unserer unent- 
wegten Antifaschisten sagen, »dass nur der revolutionäre Kampf . . .« 
Aber so einfach ist das nicht. »Ich war immer gegen den Kommunis- 
mus«, sagte sie, »weil ich glaube, der Wunsch nach Privateigentum 
gehört zur menschlichen Natur. Auch der russische Bauer will seine 
Privatkuh und sein Privatschwein und ist deshalb gegen die KoUek- 
tivisierung. Ausserdem sind die meisten Kommunisten hier in Deutsch- 
land so unvorsichtig, dass ihr Verhalten an Selbstmord grenzt. Aber 
in der BK arbeite ich jetzt aktiv mit.« »Glauben Sie damit die Nazis 
wirklich zu bekämpfen?« »Die Regierung sitzt viel zu fest, als dass 
ich mir in absehbarer Zeit von einem solchen Kampf etwas ver- 
spreche. Aber ich will wenigstens im Kampf gegen den allgemeinen 
Verfall geistiger Werte auf meinem Platz sein« (Nebenbei bemerkt: 
Die Frau ist bis 1934 niemals in die Kirche gegangen). 

Nehmen wir ein anderes Beispiel: Einen sozialdemokratischen 
Funktionär. Er ist niemals kirchenfromm gewesen und steht gefühls- 
mässig auch heute gegen die Nazis. Seine Kinder hat er aber stets- 
in den Religionsunterricht geschickt. Die Konfirmation sollte ihnen 
eine schöne »Erinnerung fürs Leben« sein; besonders, da der Herr 
Pfarrer auch für den Fortschritt war und so schön vom »Höheren 
im Menschen« reden konnte, das ja auch irgendwie mit dem Sozialis- 
mus zusammenhängt. Und dieses »Höhere«, dessen Ausdruck uie 
Kirche ist, soll nun von diesen verfluchten Nazis auch noch gleich- 
geschaltet werden? Nein! — Darum hinein in die Bekenntnisfront l 
Mit den Kommunisten fängt man sich lieber nichts an, sonst riskiert 
man sein Leben — und noch dazu als Familienvater. (Es ist gewiss 
kein Zufall, dass Hauptstützpunkte der BK in Württemberg und West- 
falen seinerzeit Hauptverbreitungsgebiete der sozialdemokratischen 
religiös-sozialistischen Bewegung waren). 

»Oppositionelle« Menschen gibt es nun allerdings heute in Deutsch- 
land unzählige; käme es nur auf ihre Zahl an — wir sähen die Hitler- 
herrschaft längst gestürzt. In zufälligen Gesprächen mit ganz Frem- 
den bekommt man oft Dinge zu hören — besonders als Ausländer — 
die dem Betreffenden, brächte er sie an »geeigneter« Stelle vor, ein 
paar Wochen Konzentrationslager einbringen würden wenn nicht 
mehr. Aber neben der Opposition steht bei den meisten die alles be- 
herrschende Angst, vielfach auch das Misstrauen gegen die revolutio- 
näre Bewegung, ein Misstrauen, das nach den begangenen Fehlern gar 
nicht unverständlich ist. Doch soweit diese Menschen gerade den 
Kirchenstreit als Auspuff für ihre Mi&stimmung wählen, scheint ihre 
Abneigung vor politischer Aktivität unserer Erfahrung nach nicht 
kleiner sondern eher grösser zu sein als die des Durchschnitts. 
Aktivist im Kirchenstreit wird man ja stets nur dann, wenn man 
neben aller eventueller politischer Oppositionseinstellung ein Stück 
religiöser Struktur in sich trägt, das durch die besondere Situation 

21 



-: si; 



n A..C,. r.fi Pr^i aktivisiert wird.^) Doch unsere Untersuchung wird 
r^^eldg^gen da dieser Struktur politisch nicht eine revolu- 
tionäre sondern eine konservative Grundhaltung -t^P"*'' ^^J^ 
heraus beteiligt man sich wohi an einer OpposUionsbe.ve^un d. u 
•V, MUfllipder — das möge man nie vergessen — im vergieicn zui 
;;Än Opposittn J «enig persönlichen Gefahren verbunden 
fst Aber man setzt mil ihr nicht sein Leben im .Uegalen Kampf aufs 

^"'zusammenfassend können wir sagen: Das «-"'X';-^^;^,^^;^,,^" 
Kirchenstreit ist wohl vielfach ^^^ Ausdruck po..hscher Unzufneden^ 

i, •+ rkr^T^ncitinn 2peen die faschistische LnterarucKuug 

heit, Opposition gegen uic * Unzufrieden- 

irgend eine Art materialistisch zu erklaren. 

2. Der religiöse Konfliki 
a) historische Übersicht, 1. Teil. 
■ T H«r Fntwicklung des Konflikts der protestantischen Gläubigen 
In der Entwicklung ues , x„„.n wir 2 Perioden unterscheiden: 
mit dem Nationalsoziahsmus können .ir 2 Period^^^ 

Die erste ist gekennzeichnet durch de Rolle der ^ ^^^^^.^^.^^^^ 
deutscher Christen (^^gekDChrK Diese von de ^ 

.um Kampf um die ---J^g^l^^^^^^.i^^^f. UbS "^^g des NS-Partei- 
.ei ^^^^^^^.^^^Z'^^^^^^^ Vertretungs- 

korperscnaiien ^o^ii^ T^j^c^Tiine Pfarrer Müllers, eines per- 

ach traditionellen ^™PP- f^j^.^'^^t R^hSof. Die Opposition 
r^httlcr:! Pfrer"or;dTsammen. der aber auch bei den 

schioss sica iuiii TTr,tPr<!tritzung fand. Er nahm den Kampf 

Gemeindemitghedernsur^^^^^^^^^^ 

gegen die Z™"«'"",""" „"' „{„„„ Zwangseingliederung der evan- 

T"rn"randTskthelld;™^^^^^^^^ 

Ä:" u^Än - Beru^ng a^^d^^^^^^^^^ und das aus .r 

r ugtrr'eTrxrr'eTf^^^^^^^^^ -d tr. 

foktobflls^, als Bekenntniskirche aerRefs-h:- gesehl.^^^^^^^ 
Organisation gegenüber (Dahlemer bynoae, «jh 

. . t- * „:«!, r.i/.ht pinfach nach dem Vorgang des Vul- 

1) Diese religiöse Struktur lasstsichj cht e.ofach ^^^.^^^i^ar »erklären«. 

■. ßärmarxismus aus politisch-ökonomische^ ^ ^^^^ ^„^^^^^^ ^^^^^^ .^ 
■ . Diese Tatsachen liegen ihr bloss mmrcKi 
Kap. 5. 

22 



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^■-V. 



wurde die Reichskirchenregierung (RKR) als ungesetzlich erklärt, ein 
kirchliches Notrecht verkündet, eigene Seminare und Priesterordina^ 
tionen eingerichtet und endlich in der Folge eine sogenannte Treu- 
handstelle geschaffen, an die die Bekenntnisgemeinden finanzielle Bei- 
träge abzuführen hatten. Die Landeskirchen von Bayern, Württemberg 
und Hannover traten dabei geschlossen zur BK, Mahrarens, der 
Landesbischof von Hannover, wurde Führer der Gesamt-BK. In ihrem 
Kampf wurde die BK von den Gerichten unterstützt, die zahl- 
reiche Massnahmen der RKR für ungesetzlich erklärten, Zwangs- 
beurlaubungen und Gehaltssperren aufhoben etc. Dem Druck der BK 
weichend zog der Staat auch Oktober 1934 den in die RKR entsandten 
Kirchenkommissar Jäger zurück, der sich durch seine Verachtung der 
traditionellen Einstellung und durch seine Zwangsmassnahmen (Ab- 
setzung der bayrischen und württembergischen Bischöfe) besonders 
uftbeliebt gemacht hatte; die BK hat sich nicht gescheut, ihn als 
Werkzeug des Satans zu bezeichnen. Dabei mögen aussenpolitische 
Rücksichten, vielleicht auch der Einfluss der Reichswehr mitgespielt 
haben; auch die der BK freundliche Resolution der Weltkirchenkonfe- 
renz auf der dänischen Insel Fanö (Sept. 1934) dürfte Eindruck 
gemacht haben. 

Doch der BK gelang es nicht, Müller zu stürzen, obwohl fast alle 
deutschen Theologieprofessoren seinen Rücktritt forderten. 

Während dieser ganzen Zeit stützte sich die RKR stark auf die 
Bewegung der DChr. Doch als diese sich immer mehr zersplitterten 
und an Bedeutung verloren — und damit kommen wir zur zweiten 
Periode — trat der Staat immer stärker als Gegenspieler in den 
Vordergrund (seit Anf. 1935). Wir setzen unsere Chronik später, bei 
der Darlegung der Rolle des Staates fort. 

Die Auseinandersetzungen zwischen BK und DChr und die zwischen 
BK und Staat bzw. nationalsozialistischer Bewegung haben aber viel 
Gemeinsames. Wir gehen darum aus vom Gegensatz BK — DChr. 

b) BK gegen DChr. 



Deutsche Christen. 

1) Erneuerung der Kirche von der 
völkischen Ideologie bzw. von der Wirk- 
lichkeit der nationalsozialistischen Be- 
wegung her. 

»Evangelischer Glaube schliesst in 
sich die Bereitschaft, immer wieder in 
die geschichtliche Wirklichkeit von Staat 
und Volk hineinzulauschen. ...Wir sehen 
in den Männern der nationalsozialisti- 
schen Bewegung und des nationalso- 
zialistischen Staats Gottes Werkzeuge 
(aus einem DChr-Bekenntnis zitiert in 
der Zeitschrift der opp. Theologen »Junge 
Kirche« (JK), 1934, H. 1, S. 30). 

»Die »Glaubensbewegung deutsche Chri- 
sten«, die vom Nationalsozialismus her 
innerhalb der volksfremd gewordenen 
Kirche zum Leben erweckt worden ist...« 



Bekenntniskirche. 

1) Erneuerung der Kirche allein von 
der heiligen Schrift und vom Glaubens- 
bekenntnis her. 

»In der Kirche ist man sich einig 
darüber, dass es in der ganzen Welt 
keinen dringlicheren Anspruch gibt als 
den, den das Wort Gottes darauf hat, 
verkündet und gehört zu werden; diesem 
Anspruch muss Genüge getan werden, 
koste es, was es wolle und werde aus 
der Welt und aus der Kirche selbst, was 
da aus ihnen werden möge. In der 
Kirche ist man sich einig darüber, dass 
das Wort Gottes alles und jedes aus 
dem Felde schlägt, was ihm wider- 
stehen mag, dass es darum über uns 
und über alle seine Feinde siegen wird, 
weil es — »gekreuzigt gestorben, be- 

23 



»7«TWN-S'^ -».-»O -v 






(Reichslejter Kinder im »Evangelium im 
dritten Reich« 31./XII. 1933). 

»Drinnen im Hörsaal wird von Wun- 
der geredet und draussen auf der Strasse 
geschieht es. Drinnen sinnen wir über 
Glauben nach, ohne dass mehr gewendet 
wird, als der Deckel eines Buchs, und 
draussen versetzt der Glauben Berge. 
Drinnen spinnt man über den Nikode- 
mus bei Nacht. Seine Gedanken und die 
zukünftige Lehre der Wiedergeburt ma- 
len sich aus und draussen vollzieht 
sich die Wiedergeburt eines ganzen 
Volks aus Nacht und Not und Hoff- 
nungsleere. ... Kirche ist der geformte 
Rettungswille eines ganzen Volkes« 
(Aus »Unmögliche Existenz«, ein Wort 
wider Karl Barth von Fr. Tügel, Ham- 
burg, Agentur des Rauhen Hauses, S. 

14, 26). „ . ^ 

2) Demnach: Rückhaltlose Bejahung 
der Aktivität im kirchlichen wie im 
politischen Leben. Jesus als Held, als 
erster Nationalsozialist, dem wir nach- 
eifern sollen. Nationalsozialismus ist 
Fleisch gewordenes Christentum. 



3) Dementsprechend: Weltlichkeü, 
Übertragung der völkischen Ordnung 
der Welt auf die Kirche: Arierpara- 
graph, Führerprinzip. 



4) Ablehnung der kirchlichen Sün- 
denlehre. . 

»Einer neuen gründlichen Eindeut- 
schung bedürfen vor allen die theologi- 
schen Grundbegriffe wie Sünde, Erb- 
sünde, Busse, Gnade, Glaube, Erlösung, 
Rechtfertigung, Demut.« (Bischof Hos- 
senfelder in einer amtlichen Verlaut- 
barung der Kirchenregierung vom 10/XI. 

1933). 

Da es sich bei den meisten dieser 
Begriffe um gute deutsche Worte han- 
delt, muss es mit der »Eindeutschung« 
wohl so seine eigene Bewandtnis haben. 

Klarer hat sich der frühere Berliner 
Leiter der DChr Krause in seiner be- 
rühmten Sportpalastrede 13./XI. 1933 
ausgedrückt: Der Sündenbegriff sei m 
Wirklichkeit nichts anderes, als em 
Minderwertigkeitskomplex (wobei der 
Germane Krause, ohne es selbst zu be- 
merken, einen Begriff der jüdischen 
Individualpsychologie verwendet). Nie- 
mand von den anwesenden Reichs-Kir- 
chenfunktionären protestierte. Dennoch 
musste Krause daraufhin zurücktreten. 
Er hatte zu deutlich gesprochen. 

24 



graben, am dritten Tag wieder auf- 
erstanden, siUend zur Rechten Gottes, 
des Vaters« — schon ein für allemal 
Über und für uns und alle seine andern 
Feinde gesiegt ftaf.« (Karl Barth »Theo- 
logische Existenz heute« S. 4). 

Man beachte den Unterschied schon 
bloss im Tonfall, in der Melodie der 
Sprache im Barth- und Tügelzitat, 



2) Demnach: Wohl Verantwortung ge- 
genüber dem politischen Geschehn. Be- 
jahung des nationalsozialistischen Staats 
als Retter vor dem Bolschewismus. 
Dennoch ist die Aktivität, die daraus 
entspringt, nichts Absolutes. Passwe 
Hingabe an Gottes Botschaft: Das Evan- 
gelium ist auch zum Nationalsozialis- 
mus gesandt, nicht etwa umgekehrt 

3) Dementsprechend: Betonung des 
Vberwelt liehen, Transzendenten. Ab- 
lehnung des Arierparagraphen für die 
Ordnung des kirchlichen Lebens. Beto- 
nung der Freiheit der Schriftdeutung 
gegenüber dem Führerprinzip in der 
Kirche. Die Kirche ist nicht = Staat. 

4) Sündenlehre bleibt Kernstück. 
Auch Abstammung aus edelstem ari- 
schen Geblüt schützt vor Sünde nicht. 



'l-i0W\^ 



5) Dementsprechend; Abkehr uon 
der überkommenen Dogmatik. Jäger 
(Ministerialdirektor im Reichskultus- 
ministerium) erklärt am ll./VIII. 1934 
in Stuttgart: »Das Bekenntnis solle 
nicht über das Evangelium gestellt wer- 
den. Bekenntnisse sind wandlungsfähig. 
Am Ende der Entwicklung sähe er eine 
Nationalkirche stehen.« 



6) Methode der Gewalt, des Rechts- 
bruchs, der politischen Diffamierung im 
Kirchenkampf. 



7) Kein Widerstand gegen die Ein- 
gliederung der kirchlichen Jugendver- 
bände in die Hitlerjugend. 



\: 



5) Diese Gesamthaltung findet die 
BK zusammengefasst in den Glaubens- 
bekenntnissen der Reformationszeit. 
Diese früher oft halb vergessene dogma- 
tische Grundlage des Protestantismus 
wird zur Fahne, um die die BK sich 
sammelt. Bei allen theologischen Spitz- 
findigkeiten, mit denen der Kampf um 
seine Reinhaltung geführt wird, darf 
man die Wirklichkeit der psychologi- 
schen Grundlage nicht vergessen, für 
die das Bekenntnis nur Ausdruck ist. — 
Betonung der im Bekenntnis gegebenen 
histor. Verschiedenheiten schliesst na- 
türlich eine »überkonfessionelle« Reichs- 
kirche aus. 

6) Betonung des in der Kirchenver- 
fassung vom Sommer 1933 gegebenen 
Rechtsstandpunktes. Gegenüber den 
Gewaltmethoden des Gegners Betonung 
der christlichen Liebe und der Notwen- 
digkeit, mit der Kraft des Wortes allein 
zu kämpfen. 

7} Bedenken dagegen. Doch klagt der 
Theologe, der in der JK dazu Stellung 
nimmt, nicht nur über die Gefahr der 
Entkirchlichung der Jugend. Er stellt 
viel mehr auch fest, es »würde diese 
Regelung eine fast völlige Fernhaltung, 
der Jugend vom Elternhaus bedeuten. 
Dieses würde sich mit Recht dagegen 
zur Wehr setzen. Ausserdem entspricht 
es nicht der Auffassung evangelischer 
Jugendarbeit, Elternhaus und Familie 
für das Leben der Jungen und Mädchen 
immer mehr auszuschalten. Vielmehr 
sehen wir ihre Aufgabe in der Stärkung 
ihres Einflusses auf die ganze Erzie- 
hungsarbeit.« 



c) Soziale Zuordnung. 

Diese Übersicht zeigt, wie sehr die Parolen der Bekenntnisfront 
der Einstellung des unpolitischen Kleinbürgers entsprechen müssen. 
Sie sind politisch gesehn nichts als die höhere Weihe der kleinbürger- 
lichen Vorliebe für ein ehrbares und anständiges, vom politischen 
Dreck ab - — und den überkommenen »höheren« Werten zugewandtes 
Privatleben. 

»Anständigkeit«, die zwar politische Arbeit aus »Verantwortung« 
einschliesst, nicht aber aus leidenschaftlicher Hingabe (vgl. 2), die 
Gewalt und Rechtsbruch auf jeden Fall ablehnt (6). Abwendung von 
der politischen Hingabe (vgl. 2) bedeutet in der Folge z. B. regel- 
mässige Bibellektüre nach ganz bestimmten Plänen, wie sie in JK 
Nr. 1 (1935) entwickelt werden; auch die ganze scholastische Form 
der Diskussion in einer Zeitschrift wie der JK mit nicht weniger als 
22.000 Abonnenten deutet auf ein Massenbedürfnis nach Weitabge- 
wandtheit hin. Die überkommenen idealen Werte kann man im 

2S 







Hv 



= h 









l.iy.. 



Gottesslauben (vgl. 1) ebenso finden, wie in der überkommenen Dog- 
Gotlesgauben ( g ) __^^^ ^^^^^ ^^^ Durchschnittsmenschen. 

"ine AuHassung. die Sexualität sei etwas Schmutziges, mU dem g^ 
heimnisvollen Glanz der Erbsünde,, ehre veröltet «, "nd das^^^ 
pineerichtete Privatleben fuhrt man vor aiiein 
pSe gegen deren Zerstörung durch Dienst in der Hitlerjugend 
man sich zur Wehr setzen muss (7). 

DiTsedeutung, die die Familie und *re Trad.t.on nun ™ed 
nmsekehrt für die Kirche haben, hat einer der fuhrenden Manner 
der BK der frühere U-Bootkapitän und jetzige Pfarrer N.emoller 

SO beschrieben: 

- u^„ iinrl pntscheiduDKsvolIen Jahre meines 

.Wenn heute diese .^■"«^'«"'^^'^^^^^.f" "°ll dfe Fra^^^ ob d^«" ^^^^^ ^'^k- 

Lebens von neuem vor mir stehen. ^»^'^'^»^„^T'fjjf Tradition d^s Elternhauses den 

lieh zur Kanzel gehen rnu.se, f ^^^ «^ n^cht^e Trad Uon ^^^ ^.^^ verpOichtet, 

eigentlichen Ausschlag ^^^^-.^^^^^J^^^s dt Weß In der Tat wohl kaum gefunden 
es hier auszusprechen, dass ><=*\.^'V^,^^/,.°^° „ J^^r christlichen Erziehung denken 
haben würde, man kann f ".f '^^,f.';«*'^^,';i,\* bTzweifdn, dass einer christlichen 
wie man will; man wird "^'* .f"!^" *^,'„tommt die ihr gern beigelegt wird. 
Erziehung die überragende B^^^^"*;"^ pf^^Xuses mit zu den entscheidenden 
Aber dass der Geist eines fromrnen E'^^j^f^^J^ „i,h nach meiner eigenen 

1934, S. 801). . 

ll.rt den Wert den diese kleinbürgerliche Bindung a" Fam. he 
„nd mrche f^ 1 herrschende Grossbourgeoisie !>=". ™thullt me- 
mand bes'er. als der Jurist der BK, Reichsgerichtsrat Flor (JK 1934, 

S. 10): . ^ u A 

A f«,v.» <;ip stützt den Staat dadurch, dass 
.Die Kirche hat ihre »--«^^-^^^^^y^/.^f diforundlage schaffen hilft für 
sie die Seele des Volks f." Gott fuhrt ^J° ™'^i^,^„ Dienst kann aber nur eine 
den Aufbau eines innerlich gesunden Staates uie ^^^^^ ^.^ ^„^ ^^^ 

selbständige Kirche dem S^aat e.sten; denn d.e Arbeit^ ^^^_^^.^ .^^ ^^^ .^^^ 
Staat nahezu wertlos, wenn die «»rche von g .^^ .^ ^^^ ^^^^^ 

Organe in Weltanschauungsfragen nicht mehr f^e. s ^^^^^ ^^^^ ^^^^ ^^^^^ 

des Valkes (vom Ref. hervorgehoben) die Asbest ^^^^^^^ Bedeutung nicht 

Sri.:' ™:L"^ lÄ^Tito f ^j^x^ri:^-^'^^^^ 

SSe^r s=S,' r-tlh- r-Känr S„ Kireh. di. ErhaUun« ihr.r 
Selbständigkeit zugesichert.« 

j=« «ifaQi unterstützen, aber »das VoLk« 

Die Kirche muss zwar .!^;" ^^^^^ ^J^^'^ ^j^^ ,^ deutlich merken. 

d. i. die Masse der Unterdruckten darf es^mcm ^^^^ 

rsltr^ r. er^u^srn^^irtefselbst. der besondere 

•'Cerfnril'hTrhlrirert eines Mitgliedes der BK in 

Berlin.' die uns in einem Bericht mitgeteilt wird. 

.. . ™^i=i^n Anast vor dem Kommunismus (Unterdrückung 

Dieser Mann hat am meisten Angst ^°; " ,- j^ j^ier als weitaus kleineres 

der Kirche in Russland) und ^-»^»tc-fü den ganzen KirchenstreiL Auch die 

Übel an. Dies ist ^<?hl charaktenstisc^ für de^ ^^ Nationalsozialisten oder 

„.eisten Bekenntniskirchenmitgheder waren gang..^.^^^^^ ^.^^^^ ^^^. ^^^ 

sind es schon, sie ^'i^^'^^^"""'' '^i^Lings Ausnahmen geben, die im Kirchen- 
selbständig zu erhalten. Es mag allerdings au 

26 



streit einen getarnten politischen Streit sehen, sie sind aber sicher in der 
Minderheit. 

Wenn wir dieser Haltung jedoch die Ideologie der deutschen 
Christen gegenüberstellen, entdecken wir etwas Merkwürdiges. Welt- 
zugewandtheit, politische Aktivität bis zur Anwendung von Gewalt 
und bis zur Sprengung des bürgerlichen Rechtsbegriffs; und all das 
nicht durch irgend eine moralische Verantwortung begründet, sondern 
aus dem Mitschwingen des Einzelnen mit dem Volksganzen: Das ist 
nicht mehr die Einstellung des altmodischen kleinen Mannes, dem 
Ruhe die erste Bürgerpflicht ist. Hier kommen Empfindungen zu 
Wort, die viel mehr Ähnlichkeit mit denjenigen der revolutionären 
Kämpfer haben. Zur Vermeidung von Missversiändnissen: Wir 
sprechen von Empfindungen, Gefählseinstellungen, nicht von Zielen! 

Doch die Ähnlichkeit geht noch weiter! In der Ablehnung der 
Erbsündenlehre wird sich der Revolutionär mit dem deutschen 
Christen ebenso einig sein (allerdings nicht in der dafür gegebenen 
Begründung!) wie in der Feststellung, dass die Auflösung der Fa- 
milienerziehung nicht eine Gefahr sondern einen Fortschritt bedeutet. 
• Doch wäre es einseitig, im Gegensatz zwischen DChr und BK nur 
den Gegensatz »Subjektiv revolutionär — reaktionär« zu sehn. Gleich- 
zeitig existiert nämlich auch der gerade umgekehrte Gegensatz zwi- 
schen ihnen. So vertritt die BK in der Ablehnung des Arierparagra- 
phen für die Ordnung der kirchlichen Angelegenheiten ein fort- 
schrittliches Element gegenüber den DChr — wenn auch ihr Mut 
zu einer Kritik der Anwendung dieses Paragraphen ausserhalb der 
Kirche nicht ausreicht. Fortschrittlich gegenüber den DChr und den 
Nazis im Ganzen gesehn ist die BK auch in der Ablehnung des 
Führerglaubens, des Glaubens an die Unbedingtheit einer staatlichen 
Autorität. 

Aber an der Tatsache, dass die BK ja statt dessen eine andere 
absolute Autorität anerkennt, nämlich die der göttlichen Offenbarung, 
kann man sehen, dass diese Seite des Gegensatzes von weniger grosser 
Bedeutung ist. Sie lässt sich verstehn im Zusammenhang mit der 
Zwiespältigkeit in den christlichen Lehren selbst, auf die wir in 
Kap. 5 näher eingehn werden. 

d) ökonomische Erklärungsversuche. 

Gibt es für diese beiden Einstellungen eine aus der ökonomischen 
Lage entspringende Begründung? Gewiss. Anhänger der BK sind die- 
jenigen Schichten des Kleinbürgertums, denen es verhältnismässig gut 
geht oder die wenigstens durch ihre Tradition »Bildung und Besitz« re- 
präsentieren : Die Pfarrer selbst, Beamte, theologische Universitäts- 
profe&soren, Mitglieder kirchlicher Vereine und seit jeher aktive 
Kirchengemeindemitglieder, die erfahrungsgemäss dem gut situierten 
Kleinbürgertum entstammen. 

Dazu kommen wohl auch gewisse Teile der Grossbourgeoisie— 

27 




^jp»;— _ . . , z. ,_«ji.,Mi-«r'"^'T=r|r»-»."='"^:^;r- ^■y—^ ■ •- ' '-JffT' 



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r 



Militär Grossgrundbesilz - dessen Auffassungen wohl am besten 
da ob^n zitierte Gutachten von Flor wiedergibt. Be. den deutsch n 
Christen (und der deutschen Glaubensbewegung, die je zt vielfach 
ih-re Nachfolgerschaft angetreten hat), spielt die SA mU >hrer prole- 
tarUierten Anhängerschaft eine wesentliche Rolle wahrend n der 
BK nach verschiedenen Berichten proletarische Anhangerschaft fast 

''"was nun die Grossbourgeoisie betrifft, so hat es von jeher in 
ihrem Interesse gelegen, ihre Klasseninleressen nicht nur auf direkt 
politischem sondern auch auf indirektem, nach aussenhm unpohf- 
Lhem Weg zu sicher,,: Etwa durch den Ein""","" ^f "^f": f" 
»unpolitischen. Presse und nicht zuletzt der Kirche. S,e wird zur 
Unterstützung der BK durch die Einsicht getrieben, dass mit der 
EnSiichung ein gefährliches Moment in das «"en'hch» Leben 
tritt Die Kirche hat eine ältere Erfahrung in der Erhaltung der 
bestehenden Gesellschaftsordnung als der Nationalsozialismus, auf 
dessen eine Karte man nicht alles setzen will. 

Bei den kleinbürgertichen Anhängern der BK mögen - weniger 
bewusst - ähnliche Motive vorliegen. Hier lässt sich der Wunsch 
S dem .Unpolitisch-sein. nicht mehr so leicht Are* aus der 
KlassenlL erklären. Hingegen wird seine Wurzel uns klar, wenn 
wr an dU starke familiäre Bindung in diesen Schichten denken und 
r die damit verbundene individualistische Enge "er gesamten 
?^hensautfassung. So wird bei diesen Anhängern der BK die Be- 
Lmon gegen Sie staatliche Kirchenpolitik zur Rebellion des un- 
p':s:hrn' Menschen gegen die ihm unheimlich ^OSef^-rlich er- 
scheinende Politisierung des gesamten Lebens, die auch vor den 
L*hr .unantastbaren Werten des Privatlebens, nicht halt macht 
i, B Recht der Eltern auf die Kindererziehung). 
' vollends versagt die unmittelbar ökonomische Erklärung bei der 
Frage, warum die Jugend fast aller Schichten gegen das traditiondle 
Kirch;ntum steht. Doch auch hier gibt die Besinnung auf die fami- 
Uäre Situation eine Lösung: Die Familietradition, in der die Alteren 
nMh stehen ist heute aus den verschiedensten Gründen m Auflosung, 
bSriffen. was eine Erschütterung der traditionellen sexualverneinen- 
den Mor^l bei der Jugend zur Folge hat. Die amoraische Ideologie 
der Iri denschattlichen Hingabe, die Ablehnung der Sundenlehre der 
ganzen dogmatischen Enge der Kirchen ist es, die die Jugend m^ 
Tager zuerst der DChr und dann weiter ins antikirchhche Lager hin- 
überzog Es ist eine Ideologie dort vorbanden, die üirer unklaren 
Sehnsucht nach Sexualbejahung entgegenkam, ohne natürlich im 
Bahrten des Faschismus etwas anderes bewirken zu können als dass 
dU Tugend duch die Bejahung ihrer verhüllten (und m der Folge 
verbogenen) Sehnsucht um deren wirkliche Erfüllung betrogen wird.M 

verPOgeneii ; ^..„,,„1.1! k.on auch niemals =tw.s darüber sagen. 

^^T*^^^^^'; i'°?rz'.f Ause" .nd?rseS,,Be,, «erade die religiöse Form an- 
XT,.. Eine ErW^unS dafür versuchen »ir in Kap, 5 zu geben. • 

28 






Endlich sagt uns die direkt ökonomische Erklärung auch nichts 
über die Ursache, wieso diese subjektiv revolutionär eingestellten 
Nationalsozialisten sich auf Hitlers Seite geschlagen haben und den 
Weg nicht zur wirklich revolutionären Front fanden, überhaupt 
höre ich manchen Leser verwundert fragen: »Wie? Die Nazichristen, 
die antikirchlichen Nationalsozialisten sind die Revolutionäre, die 
tapferen Kirchenleute, die wir schon fast für Bundesgenossen im anti- 
faschistischen Kampf hielten, sind die Reaktionäre? — Das ist doch 
ein Widerspruch!« 

e) ein Paradox wird aufgelöst. 
Dass es im Nationalsozialismus Tendenzen gibt, die mit denen der 
revolutionären Bewegung grosse Ähnlichkeit haben, ja aus den glei- 
chen psychologischen Motiven entspringen, wird für manche Leser 
etwas Neues sein. Die Beschreibung und Aufklärung dieser Tatsache 
verdanken wir Reichs »Massenpsychologie des Faschismus«. Er zeigt 
dort, wie die Unterdrückung wichtiger Lebensbedürfnisse die klein- 
bürgerlichen Menschen zwar zur revolutionären Auflehnung gegen 
den Kapitalismus treibt, wie aber in den selben Menschen gleichzeitig 
durch die sexualunterdrückende Erziehung in der bürgerlichen Fa- 
milie eine psychische Struktur begründet wurde, die zu Autoritäts- 
bindung und zu nationalistischem bzw. religiösem Mystizismus treibt 
(vgl. dazu auch Kap. 5). In der Seele der kleinbürgerlichen Frau und 
des sozialdemokratischen Arbeiters, die wir oben als Beispiel anführ- 
ten, liegt genau wie in der des »revolutionären« SA-Mannes ein solcher 
Widerspruch, Nur sind die Akzente in beiden Fällen verschieden ver- 
teilt. Bei dem scheinbar »antifaschstischen« Kirchenkämpfer kann 
man an jenes Radieschen denken, mit dem ein witziges Gedicht von 
Tucholsky einst einen sozialdemokratischen Minister verglich: Aussen 
rot und innen weiss. Bei ihren Gegnern ist das Verhältnis umgekeürt: 
Oberflächlich gesehn sind es bloss treue Nationalsozialisten, die auf 
den Führer, 6m nordische Rasse, auf nationale Ehre und Wehrfähig- 
keit schwören. Aber in der Tiefe haben sie eine Einstellung, die der 
der wirklich revolutionären Kämpfer nicht so unähnlich Ist. Zu ihnen 
gehören die SA-Männer, die Hitler für den deutschen Lenin hielten, 
die hinter Röhm standen, als man sie um den erhofften Sozialismus 
betrog. Und zu ihnen gehören die deutschen Christen, die die Kirche 
vom Leben her in einer Weise reformieren wollten — dass sie aller- 
dings dadurch aufhören würde, Kirche zu sein. — Was mit dieser 
psychologischen Erkenntnis gewonnen sei, wird jetzt vielleicht man- 
cher politische Praktiker uns fragen. Worauf zu antworten wäre: 
Die Theorie von der Zwiespältigkeit der psychischen Struktur, die wir 
hier gaben, kann natürlich nur ein Hinweis, eine Anleitung sein, die 
Wirklichkeit genauer zu beobachten, in jeder Situation die besondere 
Form und Färbung zu entdecken, die dieser Widerspruch annimmt. 
Und ihn dann den Massen, die man beeinflussen will, so ohne alle 

29' 



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T„eoH. so uni„ten.Mue„ "f^«;/-;- ^ ^rutn.tn VSr. 
mehr als bisher verstanden fühlen una zui 
Vertrauen gewinnen. 

3. Stellung des Staates im Kirchenstreit 
a) 2 Tendenzen. 

i,'„^v,ar, stnikfiir des nationalsozialistischen 
Der zwiespältigen P^y^'"^'=5'="JJ™"",',he"de Tendenzen in der 

Mas.enanhangs -"'^-^^'="^^,"'^^«."11 die Kirehc in ihrer 
staatlielren «'«henpollbk selbst^ O.ee^i ^.^^ 

bisherigen ;n*hang,gen Fenn - -'-"■ ^^f^,,, „„,,,ückUch gegen 

^S-^trir lr,rr ÖU"«nLie «K. Uhen.es Reeh. 

"tifandere Tendenz enUpr^^U den .re.oiut.oniiren. Wnnse>.n 
.er NS-Massen naeh U-nges^a tong^der M. _^^^ ^^^_ ^^^^^^ ^_^^^^^ 
organ,sal.on. Dabe. s im o ^^^ xeuheidentum kann 

im engeren Sinn religiös "'''=""", bezeichnet werden. Baidur 

nicht als HeHgiou ^s ^^-^-^ -^ ,, ,er 

von Schirach verbietet '^»^"f ^^^^j^^^.^ bezeichnen die neuheidni- 
HJ, andere Erlasse von f "U^jl^J^^^^^^^^ Diese Nationalsoziali- 

sche Bewegung verachthch als Ha-^erbe. cgu g ^^^^^ ^.^^^^ 

sten halten mit I^^-'^^-^^^^'J.f ^ J^; ^ ^jenseitigen rehgiösen My- 
für gekommen und ^'•^^]^*^" ^^^^^'^^^^eit gen politischen. Und das 
stizismus entschlossen d.rch -^J^f/^^^jf^^ J ,,i ^^i^^r Meinung 

»positive Chnstenturn«? J?^^.^^^°;,',,f dessen Boden er sich nach 
nach selbst l^^ f^'^'Z^^J^^s^^^^^^^^ diesem Gemeinplatz hat er 

§ 24 seines P^^'t^^S'^^'^^^^.f ^^ ^-^^^^^^en hineingelegt, die im drit^ 
t tSTT^^:^^^^-^ -es Weizen, hottten. 

b) Historische Übersicht 2. Teil. 

A .tTnaih Tahren des Kirchenstreits wechseln die 
In den ersten ^"derthalb Jährende ,,,.„,^uonären Linie 

beiden Tendenzen "^^^-"^f ^^j, ^,1,3^ ".i;, Sommer 1933, wo der 
liegender Eingriff waren die ^ ^'=^™;\^ ^^^^^^^ ,,^,ae, die in der 
Staats- und Parteiapparat "; .f-,f ^„'^^^^^f, .leressierter Menschen 
Folge mit den Stimmen Ivirchlich ganz 

ihren Sieg ^"^"f " . ^^.^^ ^-^ Eingliederung des evangelischen 

Ein ^'-l^*^.^^^^.f;f"^J^;;"v,,,,,g ,.v,schen RKR und HJ-Leitung 

Jugendvverks in die »-^ f^^^^^;;;.,,^ ,,,„ sich die praktische Aus- 

vom 19./XIL If 3^7^^^?°j^f''vgl den Briefwechsel zwischen dem 
Wirkung der Sache ansieni. >b'- „^ -OoMur vnn Schi- 

Reichsjugendpfarrer und dem Reichsjungendfuhrer Baidur ^on Schi 

30 



v< 



vom 
eines e\'. 



räch ™m Nov 1934 (aus »Der deutsche Weg. 1935 H. ö). Der Reichs 
jugendpfarrer bittet um eine persönhche Rücksprache mit Balau! . . 

Au.::^:':^::'^^'':!;::: i^rii::'^,":^^ r ^^^<^^^^^^^^^^^r.r .eine 

,9.;Xn. U>,3 hinter. Licht füh.^n^^^^, // ?^^J^7,f'hT4ltr T '''""""" 
licichsjugcndpfarrers kann sich so etwas nicht vortteuln) 

in der m befilSf ^.^^l::, ^JZJ'^ abzustreitende Tatsache, dass die 

gegen derartige unzulässige oder taldiose Beliind^r ,n ^ . '''''' ''*^ ^""^ 

wird sie entweder diszi,,Hnansch beZiU och-r"^'' '"!'"' '^"^ "J^hrer, so 

gradiert ...^.Spricht de. Reid^uriX.i^t- , ^ht ^ ^S^^^.^r^Lt''^^"^ '^- 
deutliches Befehlswort ... so kTiin iVh ,n , i- / huizester inst ein 

von Kindern evangelischer Hit r„ ; r K^H Lnden" „7^""' '""■ ^^ . ^''"^^'-l«" 
ten Jugend nicht mehr tragen.« '^oniirmanden und der von mir cin.geglieder- 

Der Roiclisjugcndpfarrer forrl^rt nur., n: i 

dass Zeit für Kirthenhcsuch und re Hgiö,^' B^treuunn^eibt 'h T'"'^^' 7^''"''' 

sionarischer Kurse und Lager von der Konf m 1 ui ' "'^'^'"'^'"ne volksmis- 

griffen in Konfirmandenunferrieht und K^.. f 1 '^^'■. ";""\':<^«-' V'-^-'I^ot von Ein- 

Baldur anlwnrtPt nrn ■iiivr \ ^^«rchenhesueh der Konfirmanden etc 

führ^'si^ht-'sS' au Lr^ta^if tlh's h;::;;^ "'T'^T'^r ^^- Heiehsjugeod. 
den im Verkehr mit DienststeHen des HH -, ^'^^^^^''orUn, weil seine Form 

Widerspricht sondern ^o,.:'l^l;:::,^-t:S!^::- :;:^;^^'^^ n^eht nur 

HeicJsi:SnJfüirt::iW;"%?rt:^^^,^'^f'^ -'^ ^™ 

ausgesprochen^ in der der Heiehi::.:;:;^;:::; '^^^ An^S^ ^a^f •^i^r I^LE^^T^ 

ist. Er hat auf s^hr viden ^Füht a^ cg^n^d^ Tg^l^rw^r"' 'f^"^""^^'^^^''^^^ 
christliche Bewegung streng verhüten 7 ' Werbung für d.e gegen- 

die Tatsache Er.Äh^ng. ^^^^I^ ^„er ■de^^.;i^-.£;-^^:S:Z;T:?:^^ 
Also Fusstritte nach allen Seilen, vor allem aber gegen den Reichs- 
jugendpfarrer; wäre er Katholik, brauchte er sich eine so erbärmliche 
Behandlung nicht gefallen zu lassen. "Jaiiuie 

In der Folge kam es zu Verhaftungen von Pfarrern - meist in der 
m, den Form des Hausarrests, im grössern Masstab wohl zum "s^en 
Mal bei den Auseinandersetzungen der RKR mit der bayrischen und 
vyurttembergischen Kirche im Oktober 1934; zum Verbot, l^chlice 
Versammlungen aus.serhalb der Kirche abzuhalten (in ve;schiedenen 

Ce" TM.'welr' 7 ^"^"; '^^"^^^" ''''''' ganzW^ichmttseU 
Lnde 1934), welches die aus ihren Kirchen ausgewiesenen BK-Pfarrer 
besoi^ders schwer trifft; zum Verbot, über den Kirchenstreit andere 
als die Berichte der RKR und der offiziellen NachrichlensteHen zu 

S;"h e^tin'^rt^V'''' ;r '-- ^^'^^ ^^^'^^ ^^^iMer^^^Z^ 
.ehort h.erhm die Duldung aller Übergriffe der DChr bzw der SA 

gegen die BK (Störung von Gottesdiensten. Zerstörung von religiö-n 
\ersammlungsräumen ausserhalb der Kirche etc) '^'^Sio.en 

Doch daneben war auch die andere Tendenz wirksam. Man liess 
chafft R ^f^'^;;,Ö-ganisationsarbeit im gan.en ungeschoren (trol 
s^:harfer Beobachtung und über^vachung), die Gerichte gaben ihr i 
P ozessen gegen ungesetzliche Massnahmen der RKR R ch td 
T ennung von Kirche und Staat, die die Einstellung der staa ichen 
IvHchenzuschusse bedeutet hätte, wurde zwar angediohl aber eben so 

31 



W,:. 



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f:U 



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I '': 



. ,., VerslaalUohung der K'«h ^^ f «'"'^ 

^enig durchgeführt «.ed-eVe«^^.^^^^ '\^"d ^n d« ntuung des 

forderten. Vgl. »"^jj^b^r eia schärferer Wmdm de ^^ ^^^.^ 

Seit Anfang ^^^f 'tf^^ spüren. Dies hangt ^om ^nsch- 

Staate. gegenüber d« BK ^^ ^p Massenbewegung be^de^ 8^ ^ ^^^^ 

zusammen, dass auf d.e DO ^.j^j^^^en 5.»»= '<>^'^„^ „„^h völki- 

ihre Kräfte von nun neulschland günstigen 

wegung einsetzen ^„„t den t" °^"^„ Hemmungen für 

^"' '^rlaa äbsttmung die »"»-"^^ ^^cht «eggefallen, «as 
Ausgang der »aaraDs ^.^^^^ j^, ^'^ '^ ,u spüren bekommen 

einen stärkern D™* J°" Katholische Kirche zu sp 
Lben der BK vor allem „.»vertrauen gestiegen auf 

-"i'ber auch in der BK Kr.nt ^^ ^rseben E*l.: ^^ 
^™"t ■'"rwÄC und Hannover unterteil. ^ ^ 
von Bayern, Wun ^^urg-Lippe dem schlössen sich 

Braunsch-eig -^.e 'aber auch aus and^n G b ete ^^^^^ 
evangelischen Kirche , ^^ ^^^ pchr steu ^^.^^^^^ ^^„ 

^ehr und mehr Pastoren ^^ ^^^^,^ ^ ^ BK es^ ^.^ ^^^„^j. 

nehmendem G^^^^^-.f/^ aufzunehmen, der die DChr n^^^ ^^^^^j^,., 

Kampf mit der Pos^üon^;^^^^^ vorgelagert -J-M ^^^ ^^.^^ ,^ 
häufen emem grossen ^^^ j^g.ß.^egung selbst, 
revolutionären Flug ^_^ Gemeinden* ein- 

,Mythus«. d^,eh das /Wort a ^.^^ ^^^ ^,er 

Die neue Pjl^^^J.^gy^ode der aUpreBssiscb^n ^^^.^. 

geleitet, das die »^^^^^ März 1935 beschloss. ts 
Vng in Dahlem Anfang ^^^^^^ ^^^^^^ ^^^ ^^^^,^ ,,_ 

Wir sehen i^nser Volk von e.ner Menschen Bild und 

, ht*! einer «euen Religion .. . ^^^„ Gott nach des 1 s^iehe Al^ 

'''neser Wahnglaube ri^'^'J^Zi erlöst der Mensch sich .^hristentum. • • 

^^"X bXr-sc und VolUst^^ Ijf ^^, Staat ^--^^^ ^^, „ü,,,, und der 

Staat selbst verliert seine ^^tontat zu der 

«lirhes bekleiden lassl unu r ^wissen bindenden loiau 

. Weltanschauungs- und nei b j^j Schrift Alten u 

32 



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^1 i*<^ 




NS selbst. Zugleich wird hier in grossartiger Weise die Zwiespältig- 
keit des Gegensatzes BK-NS klar. Die Ablehnung der Selbsterlösung, 
die Besorgnis, dass die Staatsvergötterung die staatliche Autorität 
untergräbt, die ganze Betonung der Jenseitigkeit und ihrer Verwurze- 
lung in der Offenbarung sind Proteste der Reaktion gegen eine fort- 
schrittliche, subjektiv revolutionäre Einstellung (Gegensatz A). Im 
Protest jedoch gegen die alleinige Anerkennung von Blut und Rasse 
als »Schöpfer und Herrn staatlicher Autorität«, gegen den Tötalitäts- 
anspruch des Staates überhaupt klingt die subjektiv revolutionäre 
Seite des Christentums gegen die reaktionäre Seite des NS an (Gegen- 
satz B). Doch der Leser wird selbst das Empfinden haben, dass der 
Ton auf A liegt, B nur eine Begleitstimme dazu darstellt. 

Nun aber ging der Sturm los. Pfarrer, besonders solche, die die 
Dahlemer Botschaft verlesen hatten, wurden massenweise verhaftet 
und ins Konzentrationslager gebracht, es hagelte Strafversetzungen, 
polizeiliche Redeverbote und Ausweisungen von Pfarrern aus ihren 
Gemeinden. 

All das sind Methoden, die deshalb besonders infam wirken, aa es 
sich um Pölizeiraassnahmen handelt, die dem Angegriffenen keine 
Möglichkeit geben, sich gegen offen vorgebrachte Anschuldigungen 
offen zu verteidigen. Man hatte auf Seiten der BK den Eindruck, dass 
hier systematisch ein Gefühl der Rechtlosigkeit und Verbitterung er- 
zeugt werden sollte, um im Falle, dass sich dieses Luft machte, noch 
schärfer einzugreifen. Tatsächlich sind auch mehrere Pfarrer, die das 
Winterhilfswerk oder die HJ kritisierten, zu Gefängnisstrafen verur- 
teilt worden. In diesem Zusammenhang könnte man sich auch fragen 
ob das sture Festhalten an einer so ungeeigneten Persönlichkeit wie 
Müller als Reichsbischof nicht im Geheimen dem Wunsch dient, auf 
diesem indirekten Weg die Kirche zu diskreditieren und kaputt zu 
machen. Wobei wir nicht die antikirchliche Gesinnung als solche kri- 
tisieren, sondern die Feigheit, Hinterhältigkeit, persönliche Rück- 
sichtslosigkeit und unnütze Grausamkeit, mit der sie sich im Faschis- 
mus Ausdruck gibt und infolge der bremsenden konservativen Ten- 
denz geben muss: So sieht die viel berufene »deutsche Ehre« in der 
Praxis aus. 

Trotz alledem nahm die Anfang Juni 1935 in Augsburg tagende 
BK-Synode dem Staat gegenüber wiederum eine versöhnlichere Hal- 
tung ein. was zwar keinen revolutionären Mut aber taktische Klugheit 
beweist. ' Sie bestätigte das in Dahlem im Oktober beschlossene Kir- 
chenregiment, aber billigte auch den Vertrag der RKR über Eingliede- 
rung des evangelischen Jugendwerks in die HJ — trotz seiner für die 
Kirche verderblichen Auswirkungen. 

Doch dies Entgegenkommen half im Grunde wenig. Frick betonte 
in mehreren Reden und Interviews, es handle sich im Kirchenstreit 
bloss um persönliche Differenzen, ferner aber auch um das Treiben 
von Staatsfeinden — womit er entweder abgrundtiefe Ahnungslosig- 

33 



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• t die raffinierte Absicht be- 
Ar,. Wahrscheinlichere it-t. vprsDrechen zu ent- 

G,eich«U,g -,vd der ^ .^ August dass nur .ne^^^_^^ _,,^„ 

zurückgedrängt man b ^^^^^^ ^"jf""' "bk nnl HiUe derer 
RKR ord.n.erte Harr ^„„^andkasse d" J'^; ßK-Pfarrern 

denkt daran, da^s auch ^^^_^ ^^;^„ "' 't:,«t wurde durch 

gewisse KirchengeMer den » ^^^^^,^,,„ Zunac t ^_^ ^.^ ^^^^ 

zugänglich 8?"f ' '™i„nit, dass Gemcmden. d.e üe ,„ 

Verordnung Kerrls bestimm ^husse mehr e 

Uandkasse *ruhren U=,« bK LandesMscho ^v r -rd^^^^^ ^^^^, 
Hannover, wo der ruh „.i,. Ende Septem ^^^^^ ^,^_._ 

•^"^ ;f°r Ret tr " et. die Vcüm-M zu -ech ^e^__ ,,,„geiischen 
durch em '^";™^j,„ung des Bestandes der ü ;„ i^^ und 

Ordnungen zur S'^her" 8 g geordneter Zus^^^^^^^^^^^ 

Kirche und zur Wiedernc j^ji^et er einen f-"^" Hinsicht 

, ^..ikirchen». Am 5. Oktober u ; finanzieller Hmbicni. 

^^^^- ^^^ ^^"^\"^ -^ ^--^^ ^'^^S :; • dabo. ge..ss 
nem Ausschuss beiz ehn j^^ig^ng der B^ ^^^ j ,„ wird 

Von einer emseiU^enBe ^^^^^^^^ "S^n n und p;iiüscher 
keine Rede sein, f '^'l^t-^jign, Ruin, Polizeischikancn 
„.an sie vN'CÜer mit finanzieüe .vicklung anzu- 

Diffamierung bedrohen^ ^^., folgende Entvcklun^ 

Dabei scheint ^^*^n der letz ^^^ kirchenfevndlich emg 

bahnen: Die R«g•^^7f^,^^;e^ Kazimassen Ovulen d- K. che 

u-^i.iin' rpvolutionareu ^''" Tr„_,TT,f öeeen sie, v-lu" 

ten, subjektiv re o ^^^^ ^.^ .V^tmUtel zu unterstützen, 

schützen, sind ^^^!f ''"^^/ , _ staatlichen Machtmittel, ^ __ ^ie 

nicht mit vollem Einsatz der staa^^^^^^^^^^ ^.^ f ^"''^,eh Unzu- 

dfl^ was sich in den Kircnen t- ^^ gefahriicn li^i- 

fnd Ir sich für die N^f ^^^f fe^r Monopols, das ein grosses 

lieh wäre die Durchbrechung 

34 






Stück jenes Nimbus ausmacht, auf dem die Stärtce dieser Herrschaft _ 
beruht: Wenn man sich von den Kirchen zu viel bieten lässt, so könnte 
ja morgen dieser und jener kommen und eine eigene Meinung haben 
wollen, und dann brauchte sieh ja kein Mensch mehr vor uns, den 
Führern der Nation, 2;u fürchten. 

Darum werden die immer schärferen, auf »Entkonfessionalisierung 
des öffentlichen Lebens« (wie das Schlagwort huitet) abzielenden 
Massrcgeln begreiflich. 

Die Perspektive dieses Kampfes: Er wird wohl so lange unent- 
schieden weiter gehn, als die Widersprüche, die ihm zu Grunde liegen, 
politische Kraft haben: Also wohl so lange, wie der deutsche Faschis- 
mus selbst existiert. Unsere Aufgabe: Die Infamie des Regimes ent- 
hüllen, ohne sich damit zum Anwalt der BK 2U machen. Die anti- 
kirchlichen Tendenzen der revolutionären Nationalsozialisten ent- 
wickeln, ohne sich damit zum Anwalt des Regimes zu machen. 



35 



Jv'V-^ 



^rfT-^f^T^^f^T -''S*'*^' 



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"i-f^f. , 

fei- 



IV. Der Katholizismus 



Die inner. Geschlossenheit d^ K^*°f r:Ä"i^' ^^ ?^ 
tlonalsozialistischen W«<''»«'.%"i°'*Herfu spalten. Nicht gegen eme 
protestantische Kirche von »"'^^^''j'^Jn.aterielle Mittel der K,rche 
Fraktion wie die DChr., die Apparat un ^ j^ ,j^en. Sondern es 

™rte, wehren sich die ^'-^-^'^r^melharen Zusammenstoss 
kommt von allem Anfang an -»^>°»^a 5,,,, b^. nalio'.aUo..a h- 
.wiseben Katholischer «'«f^^^^f >ge"agt, es handelt ^^'^^ ^Lu^ 

t^ rrüreUir -^-r^'i^^^^^ 

^on^Z^^Z^^Z sie vennt. -wa -- 

!■ So^iführer die mehr als Bürokraten oa eigentlichen Nazi- 

die Nazif uhrer a st^n^ngen kamen -- die ^ig hmen 

Wirtschaft ^^ f^f ;^,^ittelnde, beruhigende Stellung 
scheinen: Frick, Schacht etc. ^,5 die protestan- 

Vor der Machtergreifung hatte "« «« ^ ^^^„^^1. Eintritt m 
,, J:L den Nationalsozialisrnn Jts^^^^^^^ ^ sTu^^V/I 

th'^trrÄ TnÄdrohnng des Ent^gs der Sakram 

-'r::'a,s die P-stant^.-;- - l^-^f^i ~V 
die ihr gefährliche, ,^»^'f ^^/christentums. unbeschränkte Gewal 
*^'*r^/Tug»trzTetn7durch den Staat, unbeschrankte 
;r:g d^^orfpnanzung (vgl^Not«.K^^ ^^^^ ^^^ ^^^ 
J Eine Lo'^l'erung dieser Autfassug ^^^ ^^^^^^ ^^^^^ ^^^^S 

5. M*r. >n'ef ga^cn estTe^urchaus nicht auf, sondern empfah- 
nicht erneut ein, gauei* ^ ^ 

Köln 1932. Z"S-'"r'^f"K?PA Verlag, Freiburg (Schweiz) l933/^^. 6- Die 
E^-„f letlSÄiX^Js wi nicht ,an. einhe.tUch. 

36 



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IS 



^ 



■"^? 



len z. T. ausdrücklich, für das Zentrum zu stimmen. Die Wahl 
zeigte, dass dem Nationalsozialismus zwar nicht ein Einbruch in ^jj^ 
bisherigen Zentrumswähler, wohl aber in die katholischen Nicht- 
wählerschichten gelang (bayrische Wahlstatistik [) ; was wiederum 
beweist, wie die faschistische Propaganda besonders stark auf ^^^ 
P^-i- ". unter gewöhnlichen Verhältnissen unpolitischen Menschen wirkt. 

Dieses Wahlergebnis zusammen mit dem Terror gegen alles Nicht- 
nationalsozialistische zwang die Kirche zu einer Schwenkung. Hitlers 
Regierungserklärung vom 23. März 1933, die die Unantastbarkeit der 
Rechte der christlichen Konfessionen zusagte, bot willkommenen 
Anlass dazu. Die Fuldaer Bischofskonferenz, die alle deutschen 
Bischöfe zusammenfasst, hob mit Hinweis auf diese Regierungserklä- 
rung am 28. März das Verbot gegen den Nationalsozialismus auf, wo- 
bei sie aber gleichzeitig betonte, von der früher erfolgten Verurteilung 
gewisser nationalsozialistischer Lehren nichts zurückzunehmen: Ein 
abstossendes Spie! der Taktik auf beiden Seiten. Denn Hitler dachte 
ebensowenig ernsthaft daran, seinen Kampf gegen den kirchlichen 
Einfluss aufzugeben, wie die Bischöfe ihm diese Absicht etwa wirklich 
geglaubt hätten. 

Im Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und dem deutschen 
Reich vom 20. Juli 1933 wurden die Rechte der Kirche nochmals in 
feierlicher Form festgelegt. Neben allgemeinen Bestimmungen über 
ihren Schutz sind in ihm wichtig vor allem: Sicherung der katholi- 
schen Bekenntnisschulen, der kirchlichen Vereine und Jugendorgani- 
sationen und der Seelsorge in den staatlichen Jugendorganisationen 
und im Heer. Die KK machte dafür die Konzession, dass sie Geist- 
lichen Mitgliedschaft in politischen Parteien verbot und in den Ab- 
schnitt über den Religionsunterricht in den Schulen folgende Be- 
stimmung aufnahm: 

»Im Religionsunterricht wird die Erziehung zum vaterländischen, staatstür- 
gerlichen und sozialen Pflichtbewusstsein aus dem Geiste des christlichen Glau 
^ bens- und Sittengesetzes mit besonderem Nachdruck gepflegt werden, ebenso wift 

es im gesamten übrigen Unterricht geschieht.« (§ 21). 

Mit dem Konkordat sind die Einflussphären von Kirche und Staat 
scheinbar abgegrenzt, der Friede scheinbar hergestellt. Doch so ein- 
fach ging die Sache nicht. Es gibt nämlich »rein religiöse« Fragen 
(z. B. Gestaltung des Gottesdienstes), in die der Staat der Kirche ge- 
wiss nichts dreinredet; auf der anderen Seite »rein politische« Fragen 
in denen die Kirche dem Staat nichts vorschreiben wird (z. B. Aussen- 
handelspolitik). Doch dazwischen liegt das weite Gebiet der Kultur- 
politik (z. B. Jugenderziehung, Familien- und Schulgesetzgebung, 
— Öffentliche Meinungsbildung). Während die protestantische Kirche 

mangels einer klaren Theorie und einer einheitlichen Organisation 
auf diesem Gebiet gegenüber dem NS völlig versagt oder sich eine 
Behandlung en Canaille gefallen lassen muss, sagt die katholische 
Kirche, die iiber eine ausgearbeitete Staats- und Gesellschaftslehre 

37 



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.ffVßf Wo die Grenzen auf den 

.hinssene Organisation veriug _ ^^ ^^^^ das 

^ind eine geschlossene B .^„.e ich! ^^ ^^^^^ ^bleiben. Dabei 

.Zwischengebieten« l^^^f^;^,, Zerwürfnisse mcht ^u^ble ^^^ 

^^^^^^^fkT^^ZtlcUnnS der .^^^-^t^e^Tn Widerspruch 
^eigt sich die g^^^^*^^^ären Tendenzen im NS f^^ bedeutsame " 

^ndBK: D^^ ^^^^^l^^rder KK- Daneben gibt ^^^^ ^-^ -,^ wider- 
,u den ^onf:Zisc^^^^^^^^ Tendenzen m der KK, 

Die KK kann nur die ^n de ^^^^^ ^^^^r ' .dlfale Te U des Natio- 
,ea verkündete ^^Z^^,^,, erkennen^ Zlse^s Quelle der Welt- 
^"^"''Susser dagegen Biut -^ f^- f ^J ,,, j^talt der 
nalsoziahsmus se ^.^ vorlautig m sondern bloss 

anschauung absolut^ be ^.^^ ^,,,ter "^^f^V.^digung steht 

baden Auffassung^^n n (^^^, ^^^ ^.^ ^^,,benjerkun^^ .^ 

,uf die Form^ "^^^^^^^^^^ ^^^^^'^G^b- Moral. Familien- 

der strenge Jf ^^_;^^'f^°„ gefasst hat. die Glaubei^ ^^^ 

^^veränderliche ^ogm^^^ ^.^ Gewissenhaftigkeit e^^^^^^^ 
^nd Staatsleben betreffen. ^.^ ^^,,^6 ^^^^.f^.^ Mittel dazu 

roralschnüffelnden Beam^^^^^ L^eni^^^^ ,,, Kon- 

zil ihrer Grundsatze im ^^^^^ -"f ,"\tusche Postbeamten und 
t^ : Ob die kathohscb .^^^^ ^tt^'g im Strandbad sitt- 

"^^^Xr. in - au ^X^f^r^"^ '^» 

gegenüber et^s Offenbarung soll »»^^ gelöste, selbs - 

Jahren verkunaeic ^^^ ^lutzusaniii sondern ver- 

heit, AU-Kirche und tos absoluten Werte ".^^ _^^^ ^^^^^ 

herrliche Ich -»^^Xionen«. schreib «-»^^^.„^^en Christlich, 
zweifelte .■■■• «" ,v„„ der .m *" «"'"„jen wirklichen Lebens, 

" m -chtJt wurde -i« «-»und Sur durchrausch. . 

keit m'^^ ^hten Volksari u begeisterte gefuhls- 

der das '^'^^^'Uü.äeien Dogmen w.rd das g ^_^^^ ^^^ 

^^ Cschwilgen ge8»"r^tf' Sonderrechte wachenden Kon- 
mässige »tschwi B ^^j j^.ne Sonoer deutlich, 

38 



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?;5i>7sr«sfr^-' 



stk«, durch die Bejahung eines bestimmten Gefühlsinhalts zu politi- 
schen Anschauungen verführen, die im Widerspruch zu ihren wirk- 
lichen Interessen stehen ! 

Und wir sehn, dass der Nationalsozialismus sich bei seinem Kampf 
gegen die KK nicht auf naturwissenschaftliche Beweise über die Un- 
möglichkeit eines »gasförmigen Säugetiers« einlässt, wie Haekel einst 
spöttisch Gott nannte, sondern seinen Kampf mit der viel populäreren 
Parole gegen Dogmengezänk und Konfessionenstreit führt. Der Kampf 
begann schon 1934: 

GÖbbels (30./I. 1934 im Berliner Sportpalast): »Ich habe kein Verständnis 
dafür, dass die Kirchen in einer solchen Notzeit, wie der heutigen, ihre Kraft in 
orthodoxen Streitigkeiten vergeuden, statt sozial und charitativ zu tun, was ihr 
göttlichen Lehrer ihnen aufgetragen hat.« 

Göring in Köln 27. Juni 1934: »Wenn die Kirche meint, zuerst kommte sie und 
dann das Volk, so mnss ich sagen: In dem Augenblick ist auch die Konfession 
ein Spaltpilz. Nur dann, wenn ich jedem einzelnen die Freiheit seines Willens 
lasse, wenn jeder weiss, ich kann zu meinem Gott sprechen, wie ich will, dann 
erst habe ich die wahre Achtung vor Gott. Gott hat uns kein katholisches oder 
evangelisches Blut gegeben, sondern er hat uns bewusst denselben deutschen 
Körper mit demselben deutschen Blut geschenkt. Damit hat er eher bestimmt: 
Du bist Deutscher und sonst nichts.« Der bayrische Kultusminister Schemm im 
pädagogischen Funk des Deutschlandsenders: »Wir stellen unsere Schule auf 
christliche Grundlage, wobei uns die Unterschiede in den christlichen Konfes- 
sionen ohne jede Bedeutung sind.« (Zitiert nach Eccl. 1934/40). 

Zu diesen Parolen trat in der letzten Zeit die gegen den politischen 
Katholizismus. Ohne die Frage entscheiden zu wollen, wie weit po- 
litische Katholiken heute wirklich in Deutschland illegal arbeiten, 
können wir sagen: Diese Parole trifft die ganze hinterlistige, sich 
hinter alle möglichen Mittelsmänner, Darlehnskassen, »rein religiöse« 
Vereine etc. versteckende, typisch reaktionäre Art der KK, sich Ein- 
fiuss im öffentlichen Leben zu verschaffen. Ich weiss aus eigener 
Erfahrung, wie gross im Deutschland der Weimarer Republik die 
Erbitterung gegen diese Seite der KK gewesen ist, besonders bei so- 
zialdemokratischen Arbeitern und dass manche von ihnen z. B. in 
Hessen schon 1930 nationalsozialistisch wählten, weil sie sahen, dass 
die SPD infolge ihrer Koalitionspolitik dagegen nicht auftreten 
konnte. 

Der Kampf, der an diesem Gegensatz entbrannte, ging besonders 
um Rosenbergs »Mythus«: Von der Regierung allen Schulbibliotheken 
zur Anschaffung empfohlen, von der NS-Bewegung in hunderten 
Tages- und Fachzeitungen (etwa für Lehrer) propagiert, vom Papst 
auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt, von den Bischöfen in 
dutzenden von Hirtenbriefen als verderblich und gefährlich hingestellt. 






2. Faschistischer Akfivismus gegen christliche Moral 

»Ehre der Nation«, »Wehrfähigkeit«, »körperliche Ertüchtigung«: 
In diesen Parolen in Verbindung mit der Anwendung auch brutalster 
Mittel zur Durchsetzung des eigenen politischen Willens steckt eine 

39 



Ä^Mil 



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I 



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A-^ d^T kirchlichen Liebes-, Demuls- 
Selbst- und Lebensbejahung, die^ a ^ ^ _^^^ .^^ ^.^^ verkrampfte, 
und Gehorsamspredigt durchaus ^^^^^^^^^^^ ^^^.^^, Aber troUdem 

häufig sadistisch gefärbte LebensD j f^^, „^her. als die des 

steht sie der Haltung des revolutionären ^ P^^^^ ^^^.^^^.^ ^^^ 
Kirchenchristen ^^^ ^^^^ Z^n" äes.en Aggressivität (An- 
ein Fatum (höheres Schicksaij 

griffslust) völlig ^^'^'''''^2rnm Form und Inhalt unterscheiden. In 
Dabei müssen wir ^^ederum tor ^ ^^^^^^^j^^^^, ^le ihnen ent- 
ihrem Inhalt sind diese Parolen und ^^ i^^penahstische 

sprechen, durchaus reaktionär. Ihnen e ^ bereitungen. seine 

Tu senpolitik des F-^^^^-^J;,,rs^'sserun en anders Denkender 
Unterdrückung aller f^-^^^^^'/.^^^H die Kirche gegen den Inhalt 
seine Judenverfolgungen. Und so^e j^^tschritthche. soziah- 

l.er Massnahmen ^^^J^^e Seite des Christentums m 

^"^^^^^^:^Zrc.e hat die KK .ur Ver- 
Im Gegensatz zur P^^f ^ebot im T«-^^ Leben nicht ge- 

letzung des christlichen Li^^^^^^^^^^^ Bestimmungen gegen d^ 

schwiegen. Als die ^S d^^^ f ^^härfte die KK bei dieser Gelegen 
studentische Mensur aufho^jen, s j^^t e^n. Die Wazis 

stuaenusi. «ffpntlichkeit das kirchliche Me"= wegen Rasse, 

sich da^u 10./IV. 1933: _^_^__ 

iS.» A"W"=?r,,'rfsUr Sn,m" ni. und Sorge. "'%*'; JX,u Be«.te ««- 
ErlisbuB! 1"' ""%" des sdiwepsu» oo'i 1»""«" 

• erten den Judenboykott. Erzbischot Gr6ber 

Die Nazis organisierten den 
»bedauerte, darauf hin ^^^^^^^ ^^^ ^^. 

den benachbarten Volkern den ^^^^^^ »1^" '^"°i Ju^ d«r Fall ist.« (Auf- 

,u£ vom 16./IV. Novemberverbrechern auf. 

Die Nazis ^^elUen die Theorie v^^^^^^ ^,,,,,1,, hätten, 

die 14 Jahre Schmach ^"^ Unehre " 
Die Bischöfe hingegen stellten fest. 

,1, Art unritterlich zu sein gegen den 
■ K» finnische und christliche ^n.. " ^ Arbeit und Erfolg mangel- 

haft bleiben musste. weil die N erna 

40 



■ '''■^'^^^'s?^s^--<- 






StX- 






1 



Die Nazis schalteten überall gleich; kein Geflügelzüchterverein 
ohne Naziführer. Die bayrischen Bischöfe »hofften«. 

»dass die Reichsregierung nicht die Bestrebungen und das Vorgehn jener 
billigt, die grundsätzlich einen verschiedenen Rechtsmasstab anlegen.« 

Ähnliche Worte finden sich gegen den Führerkult, gegen die Ra- 
che- und Revanchepolitik, gegen den Presseterror (vgl. Eccl. 1933^ 
50 — 52). Die Bischöfe erlauben sich hier wie auch sonst (z. B. in der 
Kritik des Sterilisationsgesetzes, des Bauernkalenders etc.) eine of- 
fenere, scheinbar »mutigere« Sprache als sich sonst irgend jemand 
im dritten Reich erlauben darf. Ich sage »scheinbar mutiger«, denn 
wer nicht, wie die kämpfenden Revolutionäre an Leib und Leben 
bedroht ist, wessen Äusserungen zudem durch einen internationalen 
Vertrag (Konkordat) vor Verbot geschützt sind, den kann man nicht 
schlechthin »mutig« nennen. 

Doch was die sozialistische Seite des Christentums betrifft, hat es 
die KK bei diesen Ansätzen bewenden lassen. Es ist ihr nicht ein- 
gefallen, einen konsequenten Kampf gegen Kriegsbegeisterung, »Schein 
der Härte und Ungerechtigkeit gegen treue Staatsbürger«, »Unritter- 
lichkeit gegen den unterlegenen Gegner« etc. zu führen, zu dem die 
Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht und die neuste deut- 
sche Judengesetzgebung so schönen Anlass geben würden; der neuste 
Hirtenbrief der Fuldaer Bischofskonferenz (vom Anf. September 
1935) enthält jedenfalls nichts davon. Er hat Sorgen, die der auf 
Erhaltung ihres gesellschaftlichen Einflusses bedachten Kirche näher 
liegen, als dgl. humanitäre Angelegenheiten: Nämlich Erhaltung der 
christlichen Moral, der katholischen Bekenntnisschulen und Jugend- 
vereine und — last not least — nur keine Gleichstellung der uneheli- 
chen mit den ehelichen Kindern. 

In der Form — um auf sie wieder zurück zu kommen — in der 
der Nationalsozialismus seine reaktionären Massnahmen durchführt 
steckt viel revolutionärer Elan. Vgl. dpn Grundsatz: Gut ist, was dem 
deutschen Volk nützt, schlecht ist, was ihm schadet. Also: Handeln 
aus der unmittelbaren Erkenntnis des Zweckmässigen heraus. Hat 
nicht Lenin zur Frage der proletarischen Moral etwas Ähnliches ge- 
sagt: »Moralisch ist, was der Revolution nützt, unmoralisch, was ihr 
schadet«. Die Nazis haben auch hier den revolutionären Impuls . 
»Nieder mit der Moral, Handeln aus der Notwendigkeit des Lebens 
heraus!« aufgefangen und den Zwecken der politischen Reaktion 
dienstbar gemacht. 

Doch die KK kann ohne Moral, ohne ein System, das dem Men- 
schen von aussen die Gesetze seines Handelns aufzwingt, nicht sein. 
Ganz anders als Jesus, der an die Stelle der Autorität, der Justiz, des 
»Gesetzes« die Liebe setzen wollte; und nur darum scheitern musste, 
da er von der Notwendigkeit der Umstrukturierung des Menschen 
ebensowenig wusste wie die meisten Kommunisten und darum sogar 

41 



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«.;■;<- J.\ 






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. . u -^ht QnHers ausdrücken konnte denn als 
den Grundsatz der Liebe nicht ^"^^^^^^^'^ ^j ,, ^^s eigentlich ein 
Gebot: .Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst., w 
Widerspruch in sich selbst ist. Handeln aus dem Sitten- 

Die KK kennt darum ^«5, ^^^ ^n^^^^^^ Vaterlandsliebe der alten 
gesetz, spricht von ^er ^wohlge^^^^^^^ 

Propheten«, spricht von der ^^J'^'^'',.^. bänden darf man dieses Ge- 
vor der Obrigkeit, allerdings: Unter^U^^^^ ^^^ Lebensnotwendigkeit 
setz sogar brechen: Aber nicht etwa a ^^^^^^^ ^.^ ^^^ ^^^^_._ 

heraus, sondern bloss ^^e^^^^^^ i^ Widerspruch geraten. (Fuldaer 
recht und den Geboten ^^nes^'l^^^Zo^^^^^ ^- «^ '''''''' 
Hirtenbrief Sept. 1935), ^-/-V,:^,^, ^^s 
werden; so sieht ihr .Antifaschismus* aus. 

3. Rassenlehre gegen Verachtung des .Fleuch«- 

... 1- u o„^Ti Raqsenunterschiede an. Docn lur 
Die KK erkennt naturUch auch ^^^ ^^.„„„g. „ie in der 

sie ist Rasse nur ™ «'«'''" f'°tolut. versucht alle Geschichte, 
Ewigkeit Bipfeit. Der NS »f 'f^^^";,^;„„^t;rschied .urückzuftthrea. 
Philosophie, So.iolog.e auf ^^^^^^''Z:,^. ist, interessiert uns 
^nthtt^ w""™/- "-•> aer geseUschamichen Funkfon 

''^roSire gesellscharUic^ .^^^^^^^^^^^^ 

ders der Auffassung ™" ^'5 JXr^nKopf schüttelt, als die Skandi- 
_ über die übrigens niemand mehr to^^ p^^^ ^^ ^.^^ ^^^^^ 

navier, die ja doch ■»■" "e'^'™ "° „„terdrücktcn Klasse eine ideolog.- 

_ist ziemlich ^'"^«-/tlbstgefühls (es geht uns »ar dreckig, 
sehe Kompensation 'l"^es Seins g ^_^^ ^.^ ^^ ^^^ ^^^^^ g^g^„ 

aber wir sind von '<"" "r"?': Rassenlehre hauptsächlich nur in der 
das Kapital ab, das J^' °^* j^^.^i^rVemirklichung des .nationalen. 
Hand der .jüdischen Wucherer, is.^ ^^^ ^„^_^ judenver- 

Sozialismus f /^^ J-^t /ul^'^ptri^istischer Krieg gegen die 
folgung, m der Folge a»e ^„biektiv, vom Einzelnen her ge- 

.Minderrassigen- Do h -"'^ .exuaUeindliches und darum reaktio- 
sehn tragt die R"^«"''°;\f^ j„ Bewegliche, Ungehemmte, Schmut- 
.te"s«uelfe! auf den di: eigene Sexualscheu projiziert wird, vgl. 
auchKap. 6 S.92). ^ ^.^^j anerkennt, Faulhaber in 

^"T tlfn Predigten das Alte Testament verherrlicht u. s. w., 
seinen berühmten Predigten ^ fortschrittlicher Gesinnung, das 

''^'VaStachen Unterdr^kung in Widerspruch gerät: an sich 
2ur fäschistiscnen ^ ^^^ .^ _p _^.^^j^ ^^^^^^^ 

t^rdif librraf: Boürgroisie, aber sie tut es auch im Faschismus mit 
^"'D^b r/uTnverfolgung ist nur die eine Seite der Rassenlehre, 
42 



. «' ^''V, 



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die negative, möchte man sagen. Ihr tritt als positive die Bejahung 
des eigenen Körpers gegenüber, die verschiedene subjektiv revolutio- 
näre Elemente enthält, die mit den reaktionären Auffassungen der 
Kirche auf den betreffenden Gebieten zusammenstossen. 

a) Einheit von Körper/Seele. 

»Man forschte nach den leiblichen Gesetzen und den seelischen Geboten dieser 
<}emeinschaften und da fand man, dass naan Geist und Leib nicht von einander 
trennen konnte, dass die Gesetze der leiblichen Vererbung unmittelbaren Wider- 
schein hatten in der seelischen Haltung.« (Rosenbergs Rede »Der Kampf um die 
Weltanschauung«, Volk. Beob. 23./II. 1934). 

Die KK protestiert gegen solche Äusserungen. Denn sie arbeitet 
— wie auch alle idealistische Philosophie — die scharfe Trennung 
von Körper und Geist, von Natur und »Übernatur«, von Sünde und 
Gnade heraus. In der Erkenntnis der »Einheit von Körper und Geist« 
liegt die revolutionäre Vereinung dieser Jahrtausende alten Zwei- 
teilung. Doch sogleich wird diese revolutionäre Erkenntnis von Ro- 
senberg im weitern Verlauf seiner Rede ins Reaktionäre abgebogen 
durch die Gleichsetzung von Körper = Erbmasse; wobei man den 
Nazi Rosenberg damit entschuldigen könnte, dass er nicht viel reak- 
tionärer ist als die Psychiater fast aller demokratischen Länder, die 
das gleiche tun. Die Gleichsetzung Körper = Erbmasse lässt nämlich 
vergessen, dass es eine soziale Umwelt und eine durch sie bedingte 
Triebentwicklung und Charakterstruktur gibt. 

b) Eugenik. 
Das »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« vom 
14. Juli 1933 ermöglicht die Unfruchtbarmachung von Erbkranken, 
ev. zwangsweise. 

»Erbkrank im Sinne dieses Gesetzes ist, wer an einer der folgenden Krank- 
heiten leidet: 1. angebornem Schwachsinn, 2. Schizophrenie, 3. zirkulärem (ma- 
nisch-depressivem) Irresein, 4. erblicher Fallsucht, 5, erblichem Veitstanz 
(Huntingtonscher Chorea), 6. erblicher Blindheit, 7. erblicher Taubheit, 8. schwerer 
erblicher körperlicher Missbildung. Ferner kann unfruchtbar gemacht werden, 
TFer an schwerem Alkoholismus leidet« (aus § 1). 

Das Gesetz fusst auf dem vollkommen unwissenschaftlichen Erb- 
lichkeitsbegriff, den die nationalsozialistische Rassenlehre mit einem 
grossen Teil der bürgerlichen Psychiatrie gemeinsam hat. In Wirk- 
lichkeit müssen wir nämlich bei der Verursachung von seelischen 
Erkrankungen, und Geisteskrankheiten nicht eine (Erblichkeit) son- 
dern drei Gruppen von Ursachen unterscheiden: 1) Die im eigent- 
lichen Sinn erbliche Konstitution, Sie ist z. B. bei Veitstanz, manchen 
schweren Misshildungen allein ausschlaggebend, spielt aber im übri- 
gen allein lange nicht die entscheidende Rolle, die man ihr für ge- 
wöhnlich zuschreibt. 2) Die in der frühen Kindheit erworbene Veran- 
lagung. Es gibt Konstitutionen, die auf gewisse Schädigungen in der 
frühen Kindheit besonders empfindlich sind und dann bestimmte 

43 



1 






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T." c ;.t wahrscheinlich der Fall bei der 
Veranlagungen ausbilden. Dies isi . . jj.^jepressiver Erkrankung. 
Veranlagung zu s'^hizophrener und man _^_ ^^^^^^^^ ^^^^^^^ ^^^^ ^.^ 

Es kann also durch richtige f-""^'*^ *^ j^^^^ selbst wenn dies schon 
Veranlagung tatsächlich erworben "• ' ^^^ ^^^ frühzeitigem Ein- 
geschehen ist, kann in gunstigen r a _ charakteranalytische 
griff die krankhafte Veranlagung z^ü- ^^^ ^^^_^^_^ .^^ ^„^ „jeht 
Behandlung zersetzt werden, ^tf il'^'^^^Vf (z. B. Tod des Ehe- 
zu rechtfertigen. 3) Die «^ "f ^,^^^^^^^^ von nehensäch- 
gatten). Sie ist bei ^'^^^^.^f^' Verursachung der Trunksucht spielt 
lieber Bedeutung. Doch bei ^^^ \^;'t Veranlagung oft eine ent- 
sie neben der obengenannten ^^^J^'^^^^^^,^ bedeutet also nichts 
scheidende Rolle. Sterilisa lon von l" Ausgaben für eine 
anderes, als dass sich der ^«'^^fjf ^ ^.^^sucht ersparen will; dass 
verbesserte soziale Bekämpfung der ^^^^^^^ Alkoholbesteuerung 
er den Alkoholkapitalisten ^icüt a , ^^^^ -^^ ^jj^er so- 
die Profite schmälern -^ ^' ^^^^^, J^r E "z'hung die Trunksucht auch 
zlalistischen Gesellschaft ^«^ "^^^^l^'i-.h wäre, 
bei niedrigen Mkoholpreisen unmog ^^^^^^^ ^^ ,,, ,,„ den 

Zudem ist zu erwarten dass a trangs beim Manne) 

Nazis geübt wird i^!^^^^ 'ehädigt, zumindest heim Mann, 
die sexuelle Genussfahigkeit scnwe ^^.^^^ ^^^^ ^^^^^ ^,^^ 

Exakte Untersuchungen hegen, ^ovie _ ^^^ Sterilisationsgesetz 

Zusammenfassend gönnen wir sg^^.^^^^ Erkenntnis und 

steht nicht auf der Höhe ^-fJ'^J'^ZlcU. das .krankec deutsche 
Heilungsmöglichkeit, hier ^ar ^e^ ^^ Kurieren. Vater einer Ver- 
Volk mit dem Messer des Chirurgen 

gewaltigung klaren D^^^^"^" ^.^, Tendenz, die wir als Sozialisten 
Dennoch steckt m ^en^ G^^«»^ ^^^^ wissenschaftliche Erkenntnis 
beiahen müssen: E^^^^'^J^porTpflanzung heranzuziehen, diese 
überhaupt zur Regelung ^ - Jortp ^^^^^ ^^ beeinflus^sen. 

Fortpflanzung durch ^en^'"^^. ''^Charakteristisches: Alle schonen. 
J^d nun sehen wir etwas f r CharaMe ^_^^^ ^.^ ^^ 

.wissenschaftlichen. Argumen. d^^^^^^ ^^^^ Tendenz (nicht 

und zieht gerade jene Seite ^e^ ^^^ ^^^ Revolutionären hegt- 

Durchführung natürlich) ^-J^^^^^^^l der Papst bereits 1930 m 
.Der Einzelne aber« schreibt «^^^'^ .^^„ ^.^ der keuschen 

der .Encyclica casti -°",^^^"* jf Lcil^eVLiii anderes Verfügungs- 
Ehe), .hat über die Glieder -^ j.^^^^^^^^cken entsprechend ge- 
recht, als dass er sie ihren ^^'^'^''"''^^^ Und diese natürlichen 
brauchen kann« ^Herdersche Ai^sgJ J ^ ^^^^^ 
Zwecke sind nach kirchlicher Auffassung^ ^,^ .Regelung des 

vor allem die Vermehrung. D.e L^^^t ^ ^ .^^ ,,i^ Zweck 

natürlichen Verlangens, die^nder^^^^^^^^ ^^^^ ^^^„^ ^ 

zweiter Ordnung« (§ 60). me na Lustfunktion wenn auch 

man bei unerwünschter ^^^tpfUnzung d e Lus ^.^.^^on 

nur bruchstückweise erhält - nichts anderes bedeuie 

44 -M-- 









— dann bejaht man damit diese Lustfunktion, stellt sie über die 
FortpOanzugsfunktion: Und das darf auf keinen Fall zugelassen wer 
den Darum wird gegen alle eugenischen Massnahmen der Bann al" 
schleudert: °^~ 

Nachkommenschaft zu e^^fartfn ist) in r.^^ 7""'-^"'^« nur eine minderwertige 
durch äP7tIi,.h»„ Pi „ .„ r"^" '®*'' ™° Gesetzes wegen auch gegen ihren Willp« 
f^ar n?,h ' 1,%^^'''." f ";'" "^»"''l'-^hen Fähigkeiten berauben .u lassen, und 

nä^iiehtich %fnrars?: e'l r ''''°'?*^ "'■^''r^^^'*^" ^^^^^«^ ^^"^ <^- ^^Tst 
Gerechtiakeit tlrTI tlu ■ u ■"r'.''?"^"» '"^«"^ sie gegen a//« Recht und alle 
sirn'riehrbthTt?.n/^V ' ?^"8keit eine Gewalt in Anspruch nehmen, d« 
Gast" eonnSb i? n '^*=? "?\5«'««'' Weise überhaupt nicht haben kann.« (Encyci 

folinSe Ster ;,v7,n^^' ? ^•'^' «"* ^^"^ «"*=*» f"«- ^'^ ^"=* f«'«'^ Stücken '^^. 
loigende Menljsierung auf eigenen Antrag vgl. oben. 

Doch der Kirche geht es mit ihrem Kampf um Recht und Gerechtig 
keit weniger um das Recht auf Bedürfnisbefriedigung, sondern — wie 
aus dem ganzen Zusammenhang ihrer Lehren hervorgeht — a) Um 
Schutz der Familie gegenüber Eingriffen von Seiten der Gesellschaft 
die sie gefährden könnten. Denn das Leben der Kirche wird durch 
Emgriff m die Familie unmittelbarer bedroht, als das Leben selbst 
des bürgerlichen Staates (vgl. Kap. 5). b) Um Verhinderung auch 
nur des leisesten Ansatzes einer Trennung von Sexualität und Fort- 
pflanzung. 

So erhob sich bei der Verkündung des Sterilisationsgesetzes bei 
den Katholiken grosser Protest. Dieser hat sich allerdings etwas be- 
ruhigt, seitdem man entdeckt hat, dass man sich der Zwangssterili- 
sierung durch Übersiedlung in eine Anstalt entziehen kann. Dort ist 
Fortpflanzung ebenso ausgeschlossen wie ein Sexuallehen überhaupt- 
Die Gesetze der Natur sind erfüllt. - Die berühmte Humanität der 
KK hört aber eben da auf, wo es sich um die Durchsetzung derartiger 
»Naturgesetze« handelt. 









c) Beweriiing des vorehelichen Geschlechtsuerkehrs. 
Gilt es wirklich, den Edelrassemenschen zu züchten, dann muss 
man vor allem dafür sorgen, dass der Bauernstand nicht ausstirbt 
Darum findet eine offizielle schlesische Bauernzeitung es für richtig 
dass ein Paar vor der Ehe »vertrauten Verkehr« pflegt, »ehe es vor 
Staat und Kirche ein Ehepaar wird. Stellt es sich heraus, dass der 
Verkehr keine Folgen hat, so wäre es zwecklos, also nach bäuerlichen 
Begriffen schädlich und unmoralisch, käme es zur Eheschliessung«. 
Also Bejahung des ausserehelichen Geschlechtsverkehrs: Wenn auch 
nicht im Interesse der lustvollen Befriedigung eines natürlichen Be- 
dürfnisses — was allein wirklich revolutionär wäre ~ sondern im 
Interesse der Fortpflanzung — was den Ansatz zur Rebeilion sogleich 
wieder ms Reaktionäre abbiegt. Doch schon das ist der KK zu viel. 

wir/T^'^c"»^ ^^T ''^"^ vorehelichen Geschlechtsverkehr das Wort geredet, so 
ira die Sittenreinheit der Jugend untergraben. Mit dem Adel der Keuschheit 

45 




•.■■-A-; 



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nann wird das Beispiel der 

S ta Ehestand ^'^o^rt 1.^" R"»''-''«'''"' "'' " , ,■ h 

Breslau in «nem seelsorgen ^„„nte die Kirche praktisch 

Den vorehelichen Geschlechtsverkehr kon^^^^^^^^ ^^^^^ ,^„„ 

bei den Bauern nicht ""/f ^"■^,°^"* „inen Gewissens«, das n.ch 
dann v,enigstens ohne »das «uck d« ^,„^^,^ „^ einander 

deshalb gestört ist, weil ^-e B^"."°)""f a„ t ,,or der Übertretung 
«„* sondern ^eil ^«Jf ^ -/^n» befagtem VerKehr nun gar 
des kirchUchen Gebots haben Aber ^^^_^ ^„^^^^ ^ ^, 

von offizieller Seite »das Wort i"^^^ ,(.,ü^k des reinen Gewis- 
Sedenen Sündern -''/""^^rX "u Teil «erden: Ganz abgesebn 
sens« auch ohne Segen der K>rche zu Geschlechtsverkehrs in 

davon, ob die Rechtfertigung ^es uneh^'>*^° ^chtig oder falsch 
g^ankter Bauernzeitung nun ^xualokon^^^ ^^^^^ ^^ 

Ist. Die KK «™«'^' S ' ig^gen^ nicht die Förderung der Ver- 
Wirkung solcher -R;«^^«^ f ^^r,eiung der Jugend ist. 
mehrung sondern die sexuelle 



d) Uneheliche Maf(crscha/(. 



d) Uneheliche ^""-^^""''^^.^,^ „,uer. behauptet 
. Titel »ein offenes Wort für 'i^%,"3°f^'':f Nationalsozialismus 
»Unter dem Titel *e.'° ".., 27 v. 6. Juli 193*)' »fj ' hochzuhalten 

Der deutsche r^f^''«-J«'^|;J^^"gesunde arische Rinder die Rasse hoc^^^^^^^ 
begrüsse jeden Versuch, ?"'^='\ !^; ^^ das Kind einer leg'timen tn ^.^ 

und stosse sich deshalb nicht daran, on ^.^^^ ^ der ^^^^' ^^^^^„, 

oder nicht. ^Es »^t doch so dassg ^^^.^^^^ ^ Partner e«^^^^^ ^^^_ 

Ser der Uebe sind,^ -s ^^^ „j,,, «ind ist m>xn^ ^^-^^ ,, der 
rassisch ho<=l»y^^^^%,^;°ul die der Liebe entbehrt, ist em 
fertigere, und J^^^f nfch Eccl. 1935/7.) 
arischen Rasse*. (Z.t. nach Eccl o,,i,„ng zur Sexualität 

Hier sehen -ir die ^^^''^^^S^^'Z^.^^^ ^ -^^r"" 

nahezu offen ^^^^^^f^:. H5herzüchtung ^^J^ 
mit der reaktionären Vorstdlu^^^^ .^ ^.^^^ ^^^ die proletan 

Wir finden sie Charakter stischer ^^^ ^^ ^^^^^ ^^^nn ein 

X Nazianhänger besum^^^^^ ^-^^^tTzu^ü^^^^^ 

Weisung: ., jugr liberalisüschen 

. F^^ilie als rückständige B^ft*°*V^"i' "gedanken nicht be- 

*Wer Ehe und Familie als ^^ ^^sozialistischen ^l^"^«;- J^^eres Volkes.« 

■ Zeit hinstellt, hat «"^^^^er den nau» heiligsten Eutern unser ^_^.^^ 

grfen. oder begeht bewussten Ve^^^^^^^ ^^^ '^^^^''"*i,ilhrgeniesst unsere- 

Dennoch: »jede ledige Butter die g ^^^^^ ^^^" •„ der Regel Ver- 



.:_=ss>jv;7>"?^ 



»Gewiss ist die Einehe zu schützen und durchaus beizubehalten als organische 
Zelle des Volkstums, aber schon Professor Wieth Knudsen hat mit Recht darauf 
hingewiesen dass ohne Vielweiberei nie der germanische Völkerstrom früherer 
Jahrhunderte entstanden wäre. ... Es gab auch später Zeiten, da die Zahl der 
Frauen diejenige der Männer bei weitem überwog. Heute ist dies wieder der 
Fall Sollen diese Frauen mitleidig als Jungfrauen belächelt, ihres Lebensrechts 
beraubt durchs Dasein gehn? Soll eine heuchlerische, geschlechtsbefnedigte Ge- 
sellschaft über diese Frauen verächlich aburteilen dürfen? Ein kommendes Reich 
wird beides verneinen. Es wird bei Beibehaltung der Ehe den Müttern deutscher 
Kinder auch ausserhalb der Ehe die gleiche Achtung entgegenbringen ... (was 
in der »deutschen Justiz« im oben zitierten Artikel allerdings schon wieder 
abgelehnt wird!). Ein deutsches Reich der Zukunft wird gerade die kinderlose 
Frau — gleich ob verheiratet oder nicht — als ein nicht vollwertiges Glied der 
Volksgemeinschaft betrachten ..« 

Der gleiche Ansatz zu (revolutionärer) Sexualbejahung auch 
ausserhalb der Ehe samt (reaktionärer) Umbiegung: Alles bloss im 
Dienste der Vermehrung. 

Die KK ist natürlich über solche Auffassungen entsetzt. Denn sie 
fühlt ganz richtig, dass von der Bejahung der Fortpflanzung ausser- 
halb der Ehe zur Bejahung der Lust ausserhalb der Fortpflanzung 
nur mehr ein kleiner Schritt ist. 

»Wir stellen ... fest, dass jeder, der die unbedingte Gleichstellung der uneheli- 
chen und ehelichen Mutter verlangt und sogar Staatsgesetze dafür fordert, die 
Ehe selbst entweiht und entwertet und die Schranken der Sittlichkeit zum Schaden 
des ganzen Volkes verletzt.« (Erzbischof Gröber von Freiburg m e/nem Hirten- 
brief über die christliche Familie vom 2./I. 1935 zit. nach Eccl. 1935/7.) 

Jesus hat zwar in Hinblick auf eine »Sünderin« gesagt: »Wer sich 
frei weiss von Schuld, werfe den ersten Stein auf sie«. Er hatte offen- 
bar von den »Sittengesetzen« der KK noch keine Kenntnis. 

Und die Praxis? Es wird von zuverlässigen Genossen berichtet, 
dass immer häufiger Hitlermädels schwanger werden. In Berlin- 
Lichtenberg soll ein eigenes Heim für solche Mädels eingerichtet 
worden sein. Die Mädels schämen sich ihrer Schwangerschaft nicht, 
zeigen im Gegenteil einen gewissen Stolz, kommen sich interessant 
vor und werden in ' der Mädelsgruppe nicht dafür verurteilt. Die 
Eltern sind es, die auf Beseitigung der »Schande« drängen und die 
Mädels nicht selten zu den Kommunisten schicken(!), die in solchen 
Dingen erfahren seien, 

Ist das wirkliche sexuelle Befreiung? Gewiss nicht. Beweis: Die 
Kinder verdanken ihr Leben nicht einer bewusst aufgenommenen, 
innerlich bejahten Beziehung, sondern der Gelegenheit: Man schläft 
zusammen auf Gartenbänken, in Scheunen nach Tanzunterhaltungen, 
oft ohne den Namen des Jungen überhaupt zu kennen. Doch auch 
schon diese, durch die kollektive Jugendgruppe gestützte halbe 
Sexualbejahung tritt in Widerspruch zur Familie, zur Kirche. 

e) Sündenlehre. 
Was hilft es, wenn z. B. die Pfarrer jeden Sonntag gegen Entsittli- 
chung, Laster und Sünde donnern und in einem NS-Schulungskurs 

47 




. .... .,.a5*jj^ rsi^jTrr^^'r 



;"-Äi. 



, N j T ..itpr der Landesführerschule 
für Lehrer in Ketten (Ruhr) der LeiUr der L. 
Königswinter Friederichs folgendes sagt. 

.W», die Er.sün.e .s., Eine - M-sjH«°^,V:"„°^'Th«t,i»r^^^^^ 
verbr^teL Uhre, um Ao«.. u^ö F»rdU ^",»'«"J*,T«. Die Erbsü»de .s. e,»e 
koiTiDlexe zu machtpohtischen ^v^ecKtu 
«ememe Lehre.. . ^^ , j, ^ner von der Segnung der Wöchneriixnen 

In höhnischer Weise spricht der Rfd°"^I°°oi_jj des Lebens nichts versteht. 

Weg«. 1935 Nr. 6) bereits an bewusste 

Dies gren.t - allerdings "o" g-.tl^-_^be-Us ^_^ ^^^^^ ^_^ 

sexualpolitische »«"^S? >H «sundes 'erotisches Empfinden gegen 
.ulässig-rohenForm^H.er«rdgesunde^^^_^ ^,^ ^^^.^ ^^^ 

ÄÄrg^^arirrKalenvonPOPriederichsiernen. 

4. Der Kampf um die Jugend 

a) Das Konkordat. ,. tt^n 

schon bald nach ^f^^%^t^:^^XJ^'^- 
scharfsinnige Leute, ""^/«""'S^f ",„„„alen unter die religiöse 
er Anfügung, "■'"=7*""^opümistUche Katholiken meinten das 
rrrN:r d^r." -- «-„ es auch durch 

,, Ver.r.„.u„. der K.rche - ^^^^''-j^.^, ,„ .^n 

Da.u gehört die P"P^«-^,^J ^äbÄ.^'Man hebt .war die 
Schulen, Lehrerkurse. w.e <>" oDener^ ^^_ Gelegenheit, dass 

Konfessionsschule nicht auf, betoni ^ i^ehe Kultusminister 

sie nicht wünschenswert se.. Z^ B^ d r y 
Schemm im NS-Lehrerhund (2J». 1934). 

• j«- 1 iphp ru unsern Volks- 

,Der weg zum Herrgott «^'^f/^-^ ^Sn KaipV denjenigen anzusagen, 

suchen. ..- ""» .,„.,„_ rtipipnieen vorgenn, aie e:. ««b 
brutalste» MiHeln ««»^"Hflt't; ub° er Volk zu tragen.. 

Durch gewaltige Propaganda uhtman^z.^^^^^^ ^^ ^^_^_^^^ .^^ ^.^ 

dinss in Mönchen, die Eltern "a™ München mit grossem 

katholische Konfessionsschule zu sch^kn^n ^^. ^^^ ^^^^^^ 

Erfolg vgl. Eccl. 1«35, 18). «"^ wenn «• _ P ^^^ .^^ ^^^^^ em 
- nichts nut.t, dann scheut s.ch d r Nb ^^^^^ ^^^^^ ^^^ 

refCn:c;"T^i-n., während in allen Hirtenbriefen der 

48 



KK immer wieder an die Eltern appelliert wird, ihre Kinder dem 
Katholizismus zu bewahren. 

c) Verdränffung aus den staatlichen Jugendorganisationen. 
In der HJ ist jede konfessionelle Propaganda verboten Auf 

^:2:K.^'lr'^^'r^'r ^— - --den, do^müstn 
rnnehmen """'^^'^^^^ "^^'^^^^^ Schikanen wie für die Evangelischen 

Für die Verschickung der Jugendlichen zum sogenannten Land- 
jahr wird konfessionelle Trennung abgelehnt. Zeit fir reSe Vor- 
trage wahrend der Woche wird nicht frei gegeben, auf VerschTckun« 
in Gegenden mit gleicher Konfession wird keine Rücksicht gen_ 
(Erlass des preuss. Kultusministers vom I3,/VI. 1934 ^ wl w^rdTj 
doch so ganz anders in der Weimarer Republik!) 

d) Behinderung und Benachteiligung katholischer 
Jugendorganisationen. 

or.fuJr^ '""T'- Z'^'^^' '''''' Schikanen gegen katholische Jugend- 
organ sationen berichtet, die bekanntlich der HJ nicht eingegliedert 
sind (Doppelmitgliedschaft verboten) : Schlägereien mit def HJ die 
führen r^R''';'^ Fahnenverbot gegen kathol. Jugendorganisationen 
fuhren (Z. B Januar 1934 in Köln), Zurücksetzung in Schule und 
B^ufsleben. Den HJ-Mitgliedern hingegen wird oft Schulgelder 

Tr nfvl^AM K*' ?o^^ '"'"^ Rundschreiben des Gaus Westfalen 
der HJ vom Oktober 1934 sogar gratis Sportausrüstung zugesagt (Der 

dir^nL^lfKll!- rf katholischen Studentenvefbände müssen - 

aas Frmzip, nur Katholiken aufzunehmen, aufgeben. 

5. Katholisches Vereinsleben, Presse efc. 

öff.nt?vh^'\?'^^"'^ *^^""^' ''^"^ ^•^^"- 1^34 verbietet sämtliche 
otfenthche Veranstaltungen und Kundgebungen kirchlichen Charak- 

II 'f""f "«^"^^^ sind Veranstaltungen in der Kirche, alther- 
gebrachte Prozessionen und Wallfahrten, geschlossene Weihnachts- 
i ' p "-n *^"PP^"«Piele«- Begründung: Beunruhigung der Sicherheit 

der Bevölkerung (!). Zudem seien religiöse Veranstaltungen in pro- 
tanen Räumen (Turn- und Festhallen) profanierend für die Religion 
(der besorgte Göring! welch bitterer Hohn liegt in dieser Begründung) 
Runi'^ f^^i<^he Nummer des Deutschen Wegs (1935/5). der wir diesen 
Runde^rlass entnehmen, bringt auch ein Beispiel, wie man den Ein- 
nuss der Kirche bei den Krankenpflegerinnen brechen will. 

irerinr?Jnn.f'"^'^^"''^ ^^'' Krankenpflegerinnen«, schreibt das NS-KrankenDne- 

Endlich versuchen sich die Nazis Einblick in die Vermögensge- 
ßarung der kirchlichen Vereine zu verschaffen, ihre Funktionäre durch 

49 • ■-■ ..■. 




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™u nniitischem HinUrgrund unmöglich zu 
Korruptionsprozesse mit poimscnem n"- s 

machen. .. ^ „ „ ,,„ j„„h Verbole politische Gleichschal- 

Die kathohsche P^"^'- d" ^^^^kteure ohn 'dies schon geschädigt 

r^rd^crD^—enT^rA^^^^^^^^^^ -<• A-nemen 

"-rr ;rrt"r NS Parte.pP.at a - ^^^^^^^^ 

raLtru^mm^^riÄ;^^}^^^^^^ 
aer KK, viel meh. als die d. P™ ^^ ^^ ^n.rt^o.. H^otheReL 
rKe;°u:d"Sngrn"rk'eranUert war, der versteht, «ie sehr 
dkser Angriff sie beunruhigen undiedrohen muss. 

6. Folgen 
Diese gibt, wie uns scheint, ein Artikel im Deutschen Weg (12./I. 
1935) sehr gut wieder (abgekürztes Referat) . 

„ in dem eigenartigen Verhältnis d^^^J^^^^J^^^ j^^^„ ^^hr zweifelhaft sem, dass 
und der NS-Bewegung obwaltet Es »kann ne ^ ^j^^^.j.genden Mehrzahl seiner 
: sein (des NS) letztes Zael im Hnu^d^W.1 Unterdrückung jedes eigen- 

Ober- und Unterführer auf ^^J^^iojm Oeme j. t^„ p^„ eine Form des 

ständigen Lebens der Kirche ist und da s s e ^ 8^^.^^^^^^ „„^ j^ ausnahmslos 

Christentums ^°^"e^»L«'^"'='^, ^,"^'o/,^^*Lu„d Rassegedankens unterwirft, mit an- 
allen Belangen dem Primat des Staats- und «^ s ^^^^, ^.^ angestrebte 
deren Worten, ein Christentum, das sich «^J^^ ^" ^ '^^^ germanischen Glau- 
Endform mit einem alles beherrschenden Emschlag^au^^^ Verbindung zu kirch- 
bensbewegung zu denken wäre.* Die N^i- Katholiken «1°^ dabei oft 
lichem Leben und rehgioser P^°J'^™^;'/^ ^^^raus klar wird, wie sehr die na- 

kleinlicher und gehässiger als P[°^^f ^p^^^ ^ g^gen die kirchliche Unterdrückung 
tionalsozialistische Gesinnung oft aus Protes^^^g^^^^^ ^^^ ^ , ^^^, 

entstanden ist). Ziel is^^: ^ ^-tuscher Raffiniertheit, die den Tgp der mchU 

'^Su^::^rSi:^r^^^^ % Zu^antt darstellt. 

Grundlinien in diesem Kampf sind^ Bewusstsein der Nation. Neu- 

1.) Ausschaltung alles «l'-^^^'^^J^,^ j^^^eligiöser Hinsicht. Unterdrückung der 
tralisierung aller P-teiverans^Uungen in rehg.o^^^ ^^^ Sportlagern. Parole: 

religiösen Betätigung in allen Fuhrer , Jug , , , , 

Gegen den Konfessionenstreit kopiert und ihr entwunden: 

2.) Die Beeinflussungsmittel der Kirche ^e^ Versammlungen müssen als 
Vereinsleben, Wohlfahrtspflege P';^^'S^/''^'ewusstsein gehämmert, dass alles 
Geisteserhebung genügen). Es wird 
Leibliche und Geistige ^^.f/jf ",'„^'d™;"Kirche bis in die letzte Organisation des 

3.) Hemmungslose Kri ik ^" f ^ ^^ , ^tü, ^Is Störung des inneren Friedens. 

Mythus als Lehrmittel ^^^ S^^ulen d.ent ^ ^^.^^^„^en Propagandamittel der 
4) Alle über die Kirchenmauern ni^^ ^^^ Regierung und 
Kirche werden abgeschnürt, wahrend der P-paga^ ^PP^^^ ^^^ Entchristlichung. 
^r^Sis^t^S^^S^MlÄeiie-er öffentlichen Rechtfertigung. 

50 



-- «j;SS-^7-v^i^~ 



i 



5.) Überwachung und Einschüchterung der kirchentreuen Katholiken. Prozes- 
sionen werden photographiert, um »unzuverlässige Elemente« in der Beamten- 
schaft festzustellen. Exerzitien werden überwacht. Übergriffe der HJ gegen die 
katholische Jugend. 

6.) Systematische Abriegelung der Kirche aus Jugend, Lehrerorganisation und 
Schule. »Wir nehmen nicht dem Volk die Kirche, sondern der Kirche das Volk.« 
Fernziel: Entkräftung des Konkordats aus Mangel an Kirchenvolk. 

7.) Bis dahin: Die Partei steht auf dem Standpunkt des positiven Christen- 
tums, hat Euch vor dem Bolschewismus gerettet, hält sich von religiöser Ein- 
mischung fern. Bezweiflung dieses Scheins wird auf unblutigem Wege unter- 
drückt, übergriffe werden als Einzelfälle hingestellt, der Schuldige zum Schein 
gemassregelt, während in Wirklichkeit alles beim alten bleibt. 

Hier zeigt sich deutlich der Gegensatz von relativ konservativem 
Staatsapparat und subjektiv revolutionär vordrängender NS-Be- 
wegung. Dabei soll der Apparat der Kirche nicht von oben her zer- 
trümmert werden, sondern man wendet sich an die Massen: »Wir 
nehmen nicht dem Volk die Kirche sondern der Kirche das Volk!« 
Das könnte auch die Parole einer wirklich revolutionären Partei sein. 
(Zur Bedeutung des »Sich an die Masse wendens« für die revolutio- 
näre Politik vgl. Parell »Was ist Klassenbewusstsein?« Sex-Pol 
Verlag) . 

So hat der Osservatore Romano, dass offizielle Organ des Vatikans 
vielleicht doch nicht so ganz unrecht, wenn er einmal den National- 
sozialismus mit dem Bolschewismus vergleicht. Wer ihn aber vom 
bolschewistischen Standpunkt bekämpfen will, rauss wissen, welche 
subjektiv-revolutionären Bestandteile er enthält. Nur dann wird es 
gelingen, zu verhindern, dass diese Massenregungen der schwärzesten 
Klassenunterdrückung, Reaktion und Barbarei dienstbar gemacht 
werden. - 

7. Entwicklung im Jahre 1935 

Was geschichtlich im Jahre 1935 folgte, ist nur eine weitere 
Entfaltung der aufgezeigten Gegensätze. Nach dem für Deutschland 
günstigen Ausfall der Saarabstimmung, an der die Katholiken ein 
wesentliches »Verdienst« haben, begann «schlagartig«, wie die Nazi- 
presse schrieb, eine Aktion gegen verschiedene Klöster wegen Devisen- 
verschiebungen ins Ausland. Hunderte von Mönchen und Nonnen 
wurden zu hohen Zuchthaus- und Geldstrafen verurteilt. Als die 
katholischen Bischöfe die Verurteilten, wenn auch in sehr vorsichtiger 
Form in Schutz zu nehmen versuchten (»wir lehnen ihre Handlungs- 
weise ab, aber erst eine zukünftige Zeit wird das letzte Urteil 
sprechen«), antwortete die Nazipresse mit einer Riesenkampagne gegen 
den »politischen Katholizismus«, die Berichte über die Devisenpro- 
zesse erschienen gerade an Tagen gross aufgemacht, wo die Caritas 
einsammeln wollte und daneben ergoss sich wieder einmal ein »Ver- 
sammlungssturm« über Deutschland. 

Der katholische Frontkämpferbund wurde aufgelöst, die Bestim- 
mungen gegen die katholischen Jugendorganisationen verschärft. Die 
Jungen dürfen nicht mehr -in einheitlicher Tracht und mit Wimpeln. 

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auf Fahrt gehen. Ausserdem sind ihre Veranstaltungen dem Terror 
der HJ preisgegeben, die selbst vor Störung von Gottesdiensten nicht 
zurückschreckt. . 

Wie verschiedene Berichte zeigen, geben die katholischen Arbeiter 
in den Betrieben bei den Diskussionen über die Kirchenfrage auch 
ihrer politischen Unzufriedenheit Ausdruck. Jüngere, politisch aktive 
Katholiken bilden sogar illegale Zirkel, geben abgezogene Flugschriften 
mit verbotenen Reden kirchlicher Würdenträger heraus und treten 
an sozialistische Genossen mit der Bitte heran, ihre Erfahrungen bei 
der illegalen Arbeit auszutauschen. 

Es kann wohl sein, dass auch die KK. nachdem sie zunächst als 
konservative Macht mit dem NS in Konflikt geriet, nun sekundär 
auch zu einem Sammelbecken unklar revolutionärer Kräfte wird. 
Doch auch hier ist vor Überschätzung zu warnen. 

»Die Reden die der Papst in der letzten Zeit gehalten hat«, schreibt ein Be- 
richterstatter, :.und in denen deutliche Spitzen gegen das Regime enthalten waren, 
fanden starke Beachtung. Der Einfluss des Papstes, der Bischöfe und des Klerus 
Überhaupt ist noch immer ungeheuer. Für Rom würden die Leute ganz Berlin m 
Brand stecken.« 

Man wäre unter Umständen bereit, in Bayern einer separatistischen 
Parole zu folgen mit dem Ziel einer klerikal-faschistischen Monarchie 
nach österreichischem Muster. Die enge Verbindung des hohen Klerus 
mit den alten Fürstenhäusern geben Gerüchten über solche Plane 
erhöhte Bedeutung. Und die katholischen Arbeiter würden kaum 
protestieren. Denn (um unserm Berichterstatter weiter zu folgen) : 

»was die Bishöfe sagen, macht das Volk. Auch die Jugend, soweit sie von 
den Jungmännervereinen erfasst ist. würde lieine Ausnahme machen, eher schon 
das Bürgertum.« 

Die in kulturpolitischen Fragen scharfe Sprache der Bischöfe 
stärkt eben das Vertrauen politisch unklarer Katholiken zu ihnen, 
selbst wenn der Inhalt dieser Sprache ein reaktionärer ist. Andere 
durchschauen allerdings das Spiel. 

»Sie sagen«, schreibt unser Berichterstatter, »es sei nicht wahr dass die 
Kirche sich ernsthaft auflehne. Man benehme sich geradezu wurdelos (durch 
Veranstaltung von Gebeten für den Führer, der Ref.), längst seien die Kirchen- 
fürsten und die übrigen Geistlichen bis auf wenige Ausnahmen zahm. 

Infolge dieser Entwicklung findet man bei ehemaligen e.ngeschworenen 
Kirchengegnern aus sozialistischen Kreisen Genugtuung darüber, dass jetzt die 
kSS Kirche das bekommt, was das Zentrum wegen seiner erpresserischen 
Po itik von ehemals reichlich verdient hat. Die Reden in den Versammlungen der 
Lntlchen GlTubensbewegung wirken in manchen Kreisen der ehemaligen Freiden- 
kef so dasTsk mefnen.'sie'seien in die Zeit vo. 30 Jahren rückversetzt, wo der 
»Pfaffenspiegel« Aufsehen erregte.« 

Diese Berichte, die aus zuverlässiger deutscher Quelle stammen, 
fordern uns auf, der deutschen Glaubenbewegung erhöhte Aufmerk- 
samkeit zu schenken. (Vgl. Kap. 6 und 7.) 

Ebenso, wie die Kirche erst sekundär in grösserm Ausmass ein 

52 



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Sammelbecken politisch Unzufriedener wird, so wird sie erst sekundär 
zu einer politischen Gefahr, wobei man die oben erwähnte erhöhte 
Empfindlichkeit des Nazistaats für dgl. in Rechnung ziehen muss. 
Dabei dient die Verschärfung des Kampfes gegen die KK nicht zuletzt 
auch dazu, um mit populären Parolen (»gegen die Devisenschieber, 
politischen Giftmischer, Dunkelmänner« etc.) die Unzufriedenheit von 
den wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten abzulenken; genau 
wie die neue Terrorwelle gegen die Juden u. a. auch diesen Sinn hat. 
Die KK antwortet mit einem gemeinsamen Hirtenbrief aller deut- 
schen Bischöfe, der auf der Fuldaer Bischafskonferenz August 1935 
beschlossen, in der Presse jedoch nicht publiziert werden durfte. Er 
wurde aber am I. September von allen Kanzeln verlesen. Er fasst 
in gemässigtem Ton die ganzen Gegensätze noch einmal zusammen 
und ist dabei ein Meisterstück konservativer Seelenführung. Man lese 
z. B. einen Satz wie diesen: 

»Auch wäre es eine furchtbare Belastung der deutschen Ehre vor der ganzen 
Welt, wenn das Schlagwort des Kommunismus von der Gleichheit ehelicher und 
unehelicher Mutterschaft wieder aufgegriffen würde.« 

Hier schlägt man die revolutionäre Seite des NS mit seinen eigenen 
konservativen Waffen, geht aber auch sonst nirgends über die von 
uns aufgezeigte konservative Opposition hinaus. Im übrigen pro- 
testierte der Berliner Nuntius mehrmals gegen die konkordatswidrige 
Beschlagnahme bishöflicher Hirtenbriefe, gegen das ant-ikatholische 
Agitationsplakat »Deutsches Volk horch auf« und neuerdings (Ok- 
tober) gegen die im Zusammenhang mit den Devisenprozessen er- 
folgte Verhaftung des Bischofs von Meissen (ein Schritt, den meines 
Wissens selbst Bismarck nicht -gewagt hat und der auf Katholiken 
als eine Ungeheuerlichkeit wirken muss) : Bisher vergebens. 



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V. Grundlagen der Religion 



1 Zusammenfassung unserer bisherigen Uniersuchung 
Heben wir in dem buntbewegten Bild des deutschen Kirchen- 
Streits die Hauptlinien heraus! Dann zeigt sich: 

Kirche und Staat bzw. nationalsozialistische Be^v«gung stehen 
' K^rnnf miteinander Doch sind es nicht etwa vorwiegend die 
J^ltsSLC s^v sozialistischen ^^^-ente im C^^^^^^^^^^^ 
!v „ wiHpr<inruch zur politischen Reaktion des Faschismus geraten. 
Ner^rade^umgekehrtf Es ist vorwiegend die reaktionäre Seite de. 
KTrckenmaubrs die mit den subjektiv revolutionären Elementen 
i^ ?aschismur;„,ammenstösst. Kleinbürgerlicher Indiv,dual.smns. 
Famm~erung, Sexualablehnung (Sündenlehr^e) auf Seae^^^ 

Kirche stehen gegen Kollektivismus wenn «"* '°,. ""^f^^^J^^'^t 
Form als .Volksgemeinsehaft.). Erz.ehung du ch f-^^dlolog e 
„nrf Beiahunß des Körpers (wenn auch mystifiziert in der Ideologie 
von de For Pflanzung und Veredlung der Rasse in der aber oft 
subjektive und spontane Sexualbejahung versteckt durchbricht)^ 

Daneben läuft allerdings noch -eine andere Linie: Die sub «iktiv 
tortslrittlichen, sozialistischen Elemente im ^bristen um-^lei^be- 
rechtiEung aller Menschen, Friedenssehnsucht etc. — treten in oegen 
lu zur faschistischen Unterdrückung auf allen «^^leten zu seiner 
Führermystik, zu seinem Antisemitismus und seiner Kriegsbegeiste 
™ng Befde allgemeinen Zwangsherrschaft auf allen Lebe"sgebie. 
™n bei der brutalen Gleichschaltung vor allem auch "«kulturell n 
Lebens der Presse, Litteratur, Wissenschaft usw.. kann Jedoch bereits 
der Mut des Bekennens zu etwas, das im Widerspruch zur o"'™!^" 
IdeoHe steht revolutionär wirken. Wenn z. B. Pfarrer N.emoUcr 
d sXpo*«on in der Weise Ausdruck gab, dass er -- «^ -n 
einer der letzten öffentlichen Versammlungen der f«^.'""'"'f "^^^ 
Tin, Zoo in Berlin) mit deutlicher Anspielung auf Hitler mit den 
^":rtere;n.e«:te: ^Mit 7 Mann haben wir "-« Bergung bego- 

neu' Es waren auch nur 7 Mann so wirkten diese Worte aucn 

au? alle politisch oppositionellen Menschen, die anwesend waren, nach 
Berichten von Augenzeugen irgendwie ermutigend. • 

54 






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Doch wenn wir diese Seite des Kirchenstreits bisher wenig, viel- 
leicht zu wenig hervorgehoben haben, dann aus zwei Gründen: Wir 
wollten der im Ausland fast allgemein verbreiteten Meinung entgegen- 
treten, die die Kirchen in Deutschland, nur weil sie »irgendwie« 
oppositionell sind, bereits der antifaschistischen Front einordnet. 
Doch diese Meinung fragt weder: »Wer opponiert?« noch »Mit wel- 
chen Argumenten, in welcher Richtung wird opponiert?« Man kann 
das Wollen der Kirchenmänner noch nicht mit dem der Antifaschisten 
vergleichen, weil einige von ihnen die gleichen Leiden wie sie zu 
erdulden haben. 

Gewiss: Wenn die Pfarrer sich dagegen wehren, dass Hitlerbilder 
auf den Altar gestellt werden, wenn sie den Treueid auf den Führer 
nicht ohne Vorbehalt leisten wollen und Karl Barth deswegen seine 
Professur verliert, so bedeutet das einen Angriff .auf den national- 
sozialistischen Führerglauben. Aber auf der andern Seite hat die 
Kirche niemals im Namen der christlichen Nächstenliebe gegen die 
Konzentrationslager protestiert, im Namen der christlichen Friedens- 
botschaft gegen die deutsche Aufrüstung und Wehrhaftigkeitsideo- 
logie. Die Kirchenopposition hat im wesentlichen nicht revolutionä- 
ren sondern konservativen Charakter. Trotzdem kann sie indirekt 
auch der Arbeit der Revolutionäre nützen, wie wir in einem späteren 
Kapitel zeigen werden. 

Welches Interesse hat der faschistische Staat am Kampf gegen die 
Kirchen? Als Antwort wird in den demokratischen Zeitungen oft 
folgende Phrase serviert: Im Kirchenstreit träte die Absolutheitsf or- 
derung des Christentums in Gegensatz zur Absolutheitsforderung des 
Nationalsozialismus, 

Warum aber fordert dann der deutsche Faschismus von der Kir- 
che eine Unterordnung, auf die sie nicht eingehen kann, während der 
österreichische Faschismus unmittelbar auf den kirchlichen Lehren 
baut, der italienische zumindest mit der Zeit sich gut mit ihnen ver- 
tragen gelernt hat? 

Wir können darum keine aus irgend einem »Prinzip des Faschis- 
mus« folgende Absolutheitsforderung anerkennen, sondern den Kon- 
flikt des Nationalsozialismus mit den Kirchen nur aus den besondern 
Bedingungen des deutschen Faschismus erklären. Dann ergibt sich 
folgender Tatbestand: 

Da in Deutschland die Verwurzelung des Marxismus in den breiten 
Massen viel tiefer, die Arbeiterbewegung viel entwickelter war als 
z. B. in Italien, muss die Unterdrückung auch all derjenigen Bewe- 
gungen schärfer sein, hinter denen sich die politische Opposition 
auch nur bloss verstecken könnte — selbst wenn diese Bewegungen 
selbst ihrem Wesen und Ziel nach ganz ungefährlich sind (vgl. Ver- 
bot der ernsten Bibelforscher, einer kleinbürgerlichen religiösen Sekte 

in Deutschland). 

Eine grosse Zahl Nazis in führenden Stellungen ist infolge ihrer 

55 



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kleinbürgerlichen Herkunft und Beschränktheit überhaupt unfähig, 
ideologische Vorgänge zu beurteilen. Darum nähren sie Misstrauen 
gegen alles, was den geistigen Horizont der 25 Punkte des Nazipro- 
gramms irgendwie übersteigt. 

Vor allem aber handelt es sich bei den Massen der Nazianhänger 
um einen wirklichen, subjektiv revolutionären Druck, die Fesseln 
der lebensverneinenden christlichen Religion abzuwerfen. (Anders 
in Österreich, wo der Faschismus keine revolutionäre Massenbasis 
besitzt, sondern aus der Spaltung der revolutionären Kräfte in So- 
zialisten und Nazis als lachender Dritter profitiert.) 

Aber warum halten demgegenüber die Kirchenanhänger mit sol- 
cher Leidenschaft an der »Religion« fest, so wie sie sie nun einmal 
verstehen? 

Unsere Analyse war zunächst eine soziale: Sie zeigte, wie die 
verschiedenen Gedanken und Strebungen im Kirchenstreit den Klas- 
sengegensätzen zuzuordnen sind. Dass die Kirchen heute die stärksten 
Stützen bürgerlich-konservativen Denkens und Fühlens darstellen, er- 
klärt schon allein, dass viele Menschen mit entsprechender Struktur 
heute mit ihnen sympathisieren, die vor der »nationalen Revolution« 
dem religiösen Leben ziemlich gleichgültig gegenüberstanden. 

Aber die Kirchen sind mehr, als irgend ein bürgerlich-konserva- 
tiver Verein. Ein Etwas tritt bei ihnen dazu, das jene bürgerlich- 
konservative Haltung mit seinem »Heiligenschein« vergoldet, das 
eigentlich »Religiöse«, dasjenige, was die religiöse Ideologie von an- 
dern Ideologien gleichen oder ähnlichen politischen und sozialen In- 
halts unterscheidet und auf die Menschen nicht nur heute sondern 
von jeher einen ungeheuren Zauber ausgeübt hat. Wir müssen an- 
nehmen, dass dieses »Etwas« mit der Hartnäckigkeit zusammenhängt, 
mit der an Kirche und Religion festgehalten wird. 

Im folgenden Kapitel wollen wir die Frage nach dem Wesen dieses 
»Etwas« beantworten. Es wird uns dies das Verständnis der grossen 
antichristlichen Religionsbewegung in Deutschland, des national- 
sozialistischen Neuheidentums sehr erleichtern. Anderseits erscheint 
es aber notwendig, sich einmal grundsätzlich über das Wesen der 
Religion klarer zu werden, als bisher. Denn wenn wir unter religiö- 
sen Menschen politische Arbeit treiben wollen, so müssen wir sie 
zunächst einmal wirklich verstehen. Dieses Verständnis darf aber 
nicht nur gefühlsmässig sein, es muss durch klares Wissen unterbaut 
werden. Doch die Arbeiterbewegung besitzt ein solches Wissen heute 
nur sehr unvollständig. Sie weiss Bescheid über die objektive Funk- 
tion der Kirche in der kapitalistischen Gesellschaft, wie sie ihren 
Ausdruck findet in der Vertröstung auf das bessere Jenseits, in der 
Lehre von der gottgewollten Obrigkeit und in dem Versuch einei 
Korrektur der Klassenunterdrückung durch »christliche Nächsten- 
liebe« in Form von Almosen. 

Doch wir können den Streit zwischen Kirche und Faschismus 

56 



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gar nicht verstehen, wenn wir bloss diese sozialen Lehren des Christen 
ums vor Augen haben: Wir müssen hier zumindest die Sexuä luT 

p::M'w"ss''nrt't"b^''"'=" ^'^'''"- "»''^ -•■- "'""^-n 
P.JI. J u 1 '^'^''"'"hewegung wenig, noch weniger über die 
Frage, wie s.ch die religiöse Ideologie von andern bürgerlichen Ide^ 
logien (Ph,losophie. Recht, Moral etc.) unterscheidet Darum Un" 
klarhct m allen Analysen des Kirchenstreits (vgl. Kap. 2) Un"cher 
heit bei aller praktischen antireligiösen Arbeit unsicher- 

Wir meinen, dass sich diese Unvollständigkeit in der Erfassung 
der Rehgjon bis auf Marx und Engels .urückverfolgen lässt Einf 
ms emzelne gehende Kritik ihrer Religionsauttassung mü te da! 
ganze Problem der Ideologie mit einbeziehen und würde hTer zu wti 
fuhren. Die folgenden Darlegungen wollen darum nur Vorlauf", dil 
Resultate zusammenfassen, die sich bei konsequenter Anwenl 
der sexualökonomischen Grundprinzipien auf das "d^^^fy, °f ™f 
und seine Darstellung bei Marx und Engels ergeben r».h.ir. 
man oft zu Resultaten, die von gewissen fraditiotu™ Auffl" 
des Marxismus überraschend weit abweichen. Doch zeigt e ne nThtre 
Überlegung, dass diese Abweichungen niemals die dialektisch laterla 
hsüsche Methode und ihren revolutionären Grundansa selbst be-' 
treffen, sondern nur gewisse Auffassungen, die aus einer ungenü- 
genden Anwendung dieser. Methode selbst entstammen Aber hier 
wie auf manchen andern Gebieten der Selualökonomie is noch vie el 
im FIuss und bleibt der Verbesserung durch die künftige Wskussion 
und praktische Erfahrung offen. ^ "isKnssion 



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2. Marx und Engels über Religion: Religion als Ideologie 

.nff^f "'' ""![ T. ^^^' ^''^^^ ^™ Antidühring aus, die die Religions- 
auffassung des Marxismus übersichtlich zusammenfasst: ^'''^'°''' 

Dasein beherrschen eine WidPrsn!pi/i,T,r ^^^]"^^. Machte, die ihr alltägliches 

von überirdischer'arelmen In Ten t?L.l' ^f '"ß'^'t^l ''"'''''' ^''^ P°"" 
die Mächte der Natur di7 d ese R?,.Wnf 5T^ der Geschichte sind es zuerst 
Entwicklung bei derVerschiäenen Ä'^ T-^ erfahren, und in der weiteren 
Personifikafionen durchmacrei HiX^ ''. ^'% mannigfachsten und buntesten 
indoeuropäischen 4rer d^rch die v^^'leiThtde 7^^^^^^^ wenigstens für die 

Sprung in den indischen Vedas zurLIt^rf^ii! ^ Mythologie bis auf seinen Ur- 
Persern, Griechen Sern und Ger^^^^^^^ ^""^ "^ f^'"'^'^ Fortgang bei ludern. 

ewnüberstehcn. sie mit derselben ^tSLZt T, *"";°^ Ü""'" ""«"-l-Iärlicli 
Wie die Nalurmächtc" b., ofe Pha« S/^^^^^^^ beherrschen, 

die geheimnisvollen Kräfte der N»l,.r üil • ',. '" "''' anfangs nur 

«haftUche Attribn", we'Men Sp^ienUt'XÄ^^^^^^^^^^ 

Phi.o.phie ,a^r nf rtd.^fhe'n'llS^J- SS^^^tS^Z;:^ 

57 



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körperung vorfand. In dieser bequemen, handlichen und allen anpassbaren Ge- 
stalt kann die Religion fortbestehen als unmittelbare, d. h. gefuhUmassige Form 
des' Verhaltens der Menschen zu den sie beherrschenden fremden naturlichen und 
gesellschaftlichen Mächten, solange die Menschen unter der Herrschaft solcher 
Mächte stehen. Wir haben aber mehrfach gesehen, dass m der heutigen bürger- 
lichen Gesellschaft die Menschen von den von ihnen selbst geschaffenen ökono- 
mischen Verhältnissen, von den von ihnen selbst produzierten Produktionsmitteln 
w e von dner fremdet Macht beherrscht werden. Die tatsächliche Grundlage der 
TelUösen Reflexaktion dauert also fort und mit ihr der rel.g.ose Refle,. elbst. 
Und ^venn auch die bürgerliche Ökonomie eine gewisse Einsicht in den tatsach- 
lichen Zusammenhang dieser Fremdherrschaft eröffnet so^ ändert dies der Sache 
nach nichts. Die bürgerliche Ökonomie kann weder die Krisen "^Ganzen ver- 
hindern noch den einzelnen Kapitalisten vor Verlusten, schlechten Schulden und 
Bankrott oder den einzelnen Arbeiter vor Arbeitslosigkeit und Elend schützen 
Es Sst noch immer: Der Mensch denkt und Gott (d. h die Fremdherrschaft 
fer kanita?°stisch"n Produktionsweise) lenkt. Die blosse Erkenntnis, und ginge 
sfe weüer und tkfer. als die bürgerliche Ökonomie, genügt nicht, um gesell- 
schaniiche Mächte de^ Herrschaft der Gesellschaft zu unterwerfen. Dazu gehört 
Tor allem eine giellschaftliche Tat. Und wenn diese Tat vollzogen... wenn der 
Mensch Tlso nicht mehr bloss denkt sondern auch lenkt dann erst verschwindet 
die eVzte fremde Macht, die sich jetzt noch in der Rel.gioo widerspiegelt und 
dlit verschwindet auch die religiöse Widerspiegelung selbst, aus dem einfachen 
Grund, weil es dann nichts mehr widerzuspiegeln gibl.«iJ. 

Hier erheben sich sogleich folgende Fragen: 

1) Wie sieht dieser .phantastische Reflex, im einzelnen aiis? 
Wie kommt er im Kopfe des durchschnittlichen Gläubigen zostande? 
Wie verbindet er sich mit gefühlsmässigen Emstellungen? .Die Re- 
ligion kann fortbestehen als unmittelbare d. h. gefühlsmass.ge Form 
des Verhaltens der Menschen zu den sie beherrschenden natürlichen 
und gesellschaftlichen Mächten.« (Engels, Antidühring) M. a. W.: 
Wie verankert sich die Religion psychologisch? 

Die folgende Untersuchung wird zeigen, dass die Religion zwar 
ein ^gefühlsmässiges« Verhalten ist, doch durchaus kein .unmittel- 
bares«. , r. ri 

2) Wie unterscheidet sie sich als .phantastischer« Reflex von an- 
dern Formen der Ideologie — Recht, Philosophie, Moral — die ja 
auch Reflexe der wirklichen Verhältnisse, wenngleich minder .phan- 
tastische« sind? M. a. W.: Was ist das spezifisch Religiöse in der re- 
ligiösen Ideologie? 

3) Wie kann dieser .Reflex« schon vor der Veränderung der wirk- 
lichen Verhältnisse bei einem möglichst grossen Teil der Unterdrück- 
ten aufgehoben, wie kann dieser Prozess beschleunigt und erleichtert 
werden? Denn die Befreiung von diesen und andern »Ideologien« 
schon vor der .Veränderung der Verhältnisse* ist ja Vorbedingung 
für diese Veränderung selbst. Zeigt unsere Untersuchung Wege, diese 

1) Vgl. dazu Engels: Antidühring, 5. Aufl. S. 342-44 dem auch dieses Zitat 
In nommen ist Ferner von Engels: .Feuerbach« 3. Kap., Brief an Conrad 
SchmSt aus dem Jahr 1890. Marx: .Zur Judenfrage«, .Rundschreiben gegen 
Hermann Kriege«. .Der Kommunismus des Rheinischen Beobachters« .Deut- 
sche Ideologie« 1. Thcil (Feuerbach). .Das Kapital« Bd. 1, S. 85. Gute 
Ifr^Jlnntf der Stellen in A. Lukatschewski: Marx und Engels über Religion, 
Og^AnSfeHgL^er Staatsverlag, Moskau. Zitate im folgenden nach der Marx- 
Engels-Gesamtausgabe (MEG). 

58 



/7. ;•■ - ->-:»"r^ ---:;-T*!^'"if:^-'»^</\-vf; 'r-'V"^ 






Befreiung zu erleichtern, m. a. W. liefert sie Waffen für den proleta- 
rischen Klassenkampf? 

Diese Fragen haben Marx und Engels nicht beantwortet und man 
setzt sich nicht in Widerspruch zu ihnen, wenn man das offen aus- 
spricht. Im Gegenteil: Engels hat sehr gut gewusst, dass diese und 
andere Probleme bei ihm und Marx ungelöst geblieben sind. Am 
14. VI. 1893 schrieb er in einem Brief an Sorge: 

* Sonst fehlt uns nur noch ein Punkt, der aber in den Sachen von Marx 

und mir regelmässig nicht genug hervorgehoben ist. 

Nämlich wir alle haben zunächst das Hauptgewicht auf die Ableitung der 
politischen, rechtlichen und sonstigen ideologischen Vorstellungen und durch 
diese Vorstellungen vermittelten Handlungen aus den ökonomischen Grundtat- 
sachen gelegt und legen müssen. Dabei haben wir dann die formelle Seite über 
der inhaltlichen vernachlässigt: Die Art und Weise, wie diese Vorstellungen etc. 
zustande kommen. Das hat dann den Gegnern willkommenen Anlass zu Miss- 
verständnissen gegeben 

Diese Seite der Sache, die ich hier nur andeuten kann, haben wir, glaube 
i«.^.* ^^^> ^^^^ "^^^'' ifernachlässigt, als sie verdient. Es ist die alte Geschichte: Im 

pg^ Anfang wird immer die Form über dem Inhalt vernachlässigt. Wie gesagt, ich 

habe das ebenfalls getan, und der Fehler ist mir immer erst post festum aufge- 
stossen. Ich bin also nicht nur weit entfernt davon, Ihnen irgend einen Vorwurf 
daraus zu machen, dazu bin ich als älterer Mitschuldiger ja gar nicht berechtigt, 
im Gegenteil — aber ich möchte Sie doch für die Zukunft auf diesen Punkt auf- 
merksam machen.<c (Hervorhebungen vom Ref.) 

Reich hat versucht, mit dieser Anregung Ernst zu machen und 
■die Lücke in der marxistischen Soziologie auszufüllen, die sich daraus 
ergibt, dass der subjektive Faktor in der Geschichte von den grossen 
Strategen des Klassenkampfs zwar praktisch berücksichtigt, aber 
nicht genügend theoretisch erfasst wurde. 

»Der Marxsche Satz, dass sich das Materielle (das Sein) im Menschenkopf 
jn Ideelles (in Bewusstsein) umsetzt, und nicht ursprünglich umgekehrt, lässt 
zwei Fragen offen: erstens, wie das geschieht, was dabei »im Menschenkopfe« 
'■i' vorgeht, zweitens wie das so entstandene Bewusstsein (wir werden von nun an 

1^^;.. von psychischer Struktur sprechen) auf den ökonomischen Prozess zurückwirkt. 

Diese Lücke füllt die analytische Psychologie aus, indem sie den Prozess im 
menschlichen Seelenleben aufdeckt, der von den Seinsbedingungen bestimmt ist 
und somit den subjektiven Faktor wirklich erfasst.« (Massenpsychologie ...S. 29.) 

Mit diesen Sätzen ist die Aufgabe abgesteckt, die sich aus der na- 
turwissenschaftlichen Anwendung der Psychoanalyse in der Gesell- 
schaftslehre ergibt. Doch die konsequente Weiterbildung der psycho- 
analytischen Erklärung der Ideologien zur sexualökonomischen 
Strukturlehre, die sich seit Erscheinen der Massenpsychologie vollzog, 
hat zu Konsequenzen geführt, die weiter reichen, als Reich selbst 
zunächst dachte. Es handelt sich m. E, nicht mehr bloss um Aus- 
füllung einer Lücke. Die innere Logik der Sexualökonomie treibt 
vielmehr zur Kritik und Neuformulierung gewisser Sätze des dialek- 
tischen Materialismus selbst, die bisher — mit Unrecht t— als unver- 
rückbare Grundsätze angesehen wurden. 

Die marxistische Gesellschaftslehre fasst, wie wir gesehen haben, 
die Religion als »phantastischen Reflex« der Wirklichkeit im Men- 

59 



«-•.■■■":•. •.-■.•■-■.■ . - -■--:!; 



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schenkopfe. Sie ist ebenso wie die anderen Ideologien — Recht, Phi- 
losophie, Moral — vor allem ein Bewusstseinsphänomen. Bewusst- 
sein wird hier jedoch vor allem gefasst als bewusstes Sein, Gedanken, 
Theorie. Vgl. besonders »Deutsche Ideologie« (MEG I. B. 5) S. 15: 
Moral Religion, Metaphysik sind »Ideen, Vorstellungen«, es sind. 
(S 16) :.Nebelbildungen im Gehirn«, Theologie. Philosophie. Moral 
sind (S 21) »reine Theorien«. Die wirkliche Befangenheit der Men- 
schen (der antiken Gesellschaft) innerhalb ihres materiellen Lebens- 
erzeugungsprozesses »spiegelt sich ideell wieder in den alten Natur- 
und Volksreligionen« (Kapital. Ausg. des Marx-Engels-Lenmmstituts 

Wir sehen : Marx und Engels hatten hier vorwiegend die bewusste, 
intellektuelle Seite der Religion im Auge. Den gleichen Eindruck ge- 
winnt man aber auch, wenn man das vergleicht, was Marx und En-^ 
gels über bestimmte religiöse Erscheinungen gesagt haben. Z. B. über 
Naturreligion (^.Deutsche Ideologie« S. 20, ähnlich im :.Feuerbach«) : 

»Das Bewusstsein ist natürlich zuerst bloss Bewusstsein über die «ächzte 
sinnliche Umgebung und Bewusstsein des bornierten Zusammenhanges mit an- 
deren Personen und Dingen ausserdem sich bewusst werdenden Individuum ; es- 
fstTu gSer Zeit Bewusstsein der Natur, die den Menschen anfangs als eme 
durchau fremde allmächtige und unangreifbare Macht gegenübertrat und zu der 
«i.h hT Menschen rein tierisch verhalten, von der sie sich imponieren lassen, 
■ H.f Vi^ und also ein rein tierisches Bewusstsein der Natur (Naturreligion). 
-"Man S Mer ^iglei^S: Diese Naturreligion oder dies bestimmte Verhalten. , 
zur Natur ist bedingt durch die Gesellschaftsform und umgekehrt...« 

Der Jenseitsglaube des Christentums hat in der modernen Zeit 
seinen »menschlichen Grund« darin, das sich der Mensch :. zu dem 
seiner wirklichen Individualität jenseitigen Staatsleben als seinem 
wahren Leben verhält« (p^Zur Judenfrage« MEG I. S. 590). In der 
Antike war er Ausdruck für die reale Unmöglichkeit, das Los der 
Unterdrückten im Diesseits durch Übergang zu einer höhern Produk- 
tionsweise zu verbessern wegen ungenügender technischer Entwick- 
lung und Ungleichartigkeit der Interessen bei den verschiedenen Tei- 
len der Unterdrückten (vgl. Engels *Zur Geschichte des Urchristen- 
tum« Neue Zeit 1893—94). Ähnliche Parallelen zwischen Ökonomie 
und religiöser Ideologie weist Engels für die neuere englische Ge- 
schichte auf (»über histor. Materialismus«. Neue Zeit 1893). Wier 
gibt Engels eine Erklärung für die calvinistische Lehre von der Gna- 
denwahl, nach der nicht .das Drängen und Laufen« des Menschen 
sondern allein Gottes vorherbestimmter Wille entscheiden; s^e ent- 
spricht der Übermacht, mit der die neuentstandene ^apitahstische 
Produktionsweise im 16ten und 17ten Jahrhundert deni ^^^f""^^^ 
ßegenübertrat. Der abstrakte Gott des Christentums entspricht der 
abstrakten Gleichheit aller Menschen in der warenproduzierenden 
Gesellschaft (Kapital S. 85 vgl. auch Theorien über den Mehrwert 

■ "^'mer^könnte man einwenden: .Die angeführten Beispiele bewei- 
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:sen, dass du Marx und Engels Unrecht tust. Denn sie erfassen ja 
nicht nur die intellektuelle Seite der Religion, sondern sie sehen sie 
rstets im Zusammenhang mit den realen Verhältnissen — der Situa- 
tion des Menschen in der auf Sklaverei fassenden Gesellschaft oder 
im Kapitalismus — , die natürlich auch eine gefühlsmässige Einstel- 
lung, etwa das Gefühl der Hilflosigkeit bedingen. 

Richtig! Doch das Gefühl der Hilflosigkeit wird bei ihnen stets 
nur berücksichtigt, soweit es unmittelbar aus den realen Verhältnis- 
sen d. h. letzten Endes den Produktionsverhältnissen entspringt. Die 
religiöse Seite der Sache erscheint — selbst wenn dies nicht theore- 
tisch so formuliert wird — nur als eine Begleiterscheinung (über die 
Theorie von der Rückwirkung vgl. weiter unten). Sie wird vorwie- 
gend erfasst als Lehre (z. B. von der Vergeltung im Jenseits), als 
Gedankensystem (etwa von der Gnadenwahl, vom Wesen Gottes), 
das dem Gehirn der Theologen oder auch der griechischen Popular- 
philosophen entspringt. Kritik der religiösen Beziehung zur Wirk- 
lichkeit ist Kritik der theologischen Auffassung der Wirklichkeit 
(»Zur Kritik der Hegeischen Rechtsphilosophie, Einleitung« MEG 
I. Bd. 1). 

Dass Marx und Engels nicht nur die Religion sondern auch die 
andern Formen der Ideologie zu eng, nämlich einseitig intellektuell, 
als Erzeugnisse »geistiger Arbeit« verstanden, zeigt auch sehr schön 
ihre historische Erklärung für die Entstehung des falschen Bewusst- 
seins: Nämlich aus der Teilung der geistigen und körperlichen Ar- 
beit im Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung der Produktiv- 
kräfte. Diese isoliert die Ideologieproduzenten vom Produktionspro- 
zess und sie geraten in der Folge in Abhängigkeit von der herrschen- 
den Klasse (vgl. »Deutsche Ideologie« S. 21): 

»Die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung 
hat, disponiert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, so dass 
ihr damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die Mittel zur 
geistigen Produktion abgehen, unterworfen sind.« 

Nun haben Marx und Engels gewiss insofern recht, als die intel- 
lektuelle Oberfläche der psychischen Struktur, die »Ideologie«, der 
unmittelbaren Beeinflussung durch die Ideologieproduzenten der 
herrschenden Klasse (»die Lakaien des Kapitals«, wie Marx sie an 
anderer Stelle nennt), direkt zugänglich ist: Schule, Kirche, Univer- 
sitätswissenschaft, Presse etc. 

Und sie ist dieser Beeinflussung zugänglich; denn einerseits sind 
die Massen der Unterdrückten real und intellektuell hilflos, ander- 
seits ist die Ideologie der herrschenden Klasse der ökonomischen und 
politischen Situation dieser Massen durchaus angepasst, gibt nur eine 
falsche, allein in ihrem Interesse liegende Erklärung dafür. 

Es ist das bleibende Verdienst von Marx und Engels, diese sehr 
wichtige Seite der Produktion und Reproduktion der Ideologie auf- 
gedeckt und in den verschiedensten Zusammenhängen dargestellt zu ' 

61 



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. ■ A fnr alle sDätere Forschung — auch für die- 
haben. Ihre Resultate ^-^^^J^^^ ^V^f^eh betreffen sie nur die ob- . 

Religionsforschung -- grundegen . Ideologie geschaf- 

iektiv-gesellschaftliche Funktion der 5 ^ngepasst der ökono- 

en im Interesse der l^-^^^^/^'l^.^.f;,'^ K^en Doch die Gesetze der 
.^isch-politischen Situation 'jJ^^^'ZTm<^^^ir^^^^ auf die ma- 
subjektiven Aneignung der I^e^l^^f ^' ^^^ ^a hier nicht nur jene in- - 

'Ar eine ^^^^^f^^ZI^2..^e. aus den 90e. .a.ren _ 

Engels hat in seinen * berunm« Ideologie entw.cl^elt, ihr 

wohl die Auffassung ^^ "" J/Xnsverhällnisse zugestanden die 
eine Rückwirkung auf die ?™°""' ^„^h diese Auffassung lasst 
nur .letzten Endes. e"'-*"f ?f^„',;'t „s Reflex in keinen rechten 
sich mit der Theorie von der "»^»S'.^^^ „„, i„ ^en Analysen be- 
Zusammenhang bringen. Sie J. ^ {„„„en habe, nirgends an- 

slimmter religiöser y"'?«""'^''' "^'^teh auch darin, dass kein Buch 
gewendet. Ihre Unklarheit zeigt seh ^ ^^^^^^.^^^_^ j^„^.„g 

?„„ Marx und Engels ^» -«^;;^^ Xen Worte »leUten Endes.'K 

rufen hat, wie diese b"den ~'"^^^ ^^ ,.,„,, etc. bei Marx und 

Doch die zu enge Auffassung von » ij„ „ehe Ansicht vom 

Engels wird •'egreitUch wenn wir ihre p^^^ ^.^ ^,^^^ _ 

Suc^urs^S -rd^r^utschen Ideologie, der diese An- 

sieht zusammenfasst: 

sivii.«- bewusste Sein, una 

das Sein der Menschen st inr j^^^ ^n- m emei Cam^>-f j. 

sehen ■-''■-»Cmelb. physSen.. 

.US ihrem uom,t.e.b.r Produktion steht also 

Dem wirklichen ^t'^fT^ZX" ^'-^^--^ '" ^" '''=^"''" ^ 
das Bewusstsein (als Ideologie) g<=?e°"^' ;„ bestimmt (ja sogar 

^Ln Philosophie .«- f-^,teit - nach aem berühmten Satz von 
schafft), bestimmt m Wirklichkeit _^ 

Marx - das gesellschaftliche »''" "^Z; "^^^e Auffassung vom Kopf 
**' Dieser Satz stellt -7;;,tbst^äÄ "ken bei Marx nicht nach 
: ,„f die Beine, «f^f -.^^^^fslnnlichkeit gegenübergestellt wird 
Feuerbachscher Art die aosir 

■ tik Hitlers als »Lakaien 

des Finanzkapitals«, oder i ^Ökonomisten« haben (^ " ' ;.^ die die, " 

■ '^ ''Z '^'"nd 'En^etthanddt. allerdings ^]^, -^fSt% et^^'ncch ins 
von Marx und hngeis 8^_ ^^^i^eten Schwachen ''^'^'L^hang auch, dass . 
wie sich zeigen ^'^^ '.^nver h ^ .^^ .^ diesem Zusammenhang .^ 

Groteske verzerrten. Charakter ^.^.^^^^^ ^^^ ff^Karl Mafx ausgewählte : 



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sondern die Sinnlichkeit als »praktisch sinnliche menschliche Tätig- 
keit« (5te These über Feuerbach), wird der Dialektik der Weg frei- 
gemacht nicht nur zur Erfassung der wirklichen gesellschaftlichen 
Verhältnisse sondern auch zur revolutionären Tat. 

Aber trotzdem trägt dieser Ansatz aus dem Jahr 1843 die Eier- 
schalen seiner Entstehung aus der Opposition gegen die idealistische 
Philosophie in sich: Wir meinen die Spaltung des Menschen über- 
haupt in einen denkenden und einen seienden (d. h. materiell pro- 
duzierenden) Teil. Ist das Verhältnis zwischen den beiden auch 
grundsätzlich richtig gefasst: In der Schärfe der Gegenüberstellung 
selbst wird unbesehn die ganze idealistische Verwirrung mitgeschleppt, 
die aus der Theologie überkommene Gegenübersetzung von »Geist 
und Fleisch«, »Höherem und- Niedrigem«, »Denken und Sein«. Und 
an jenem Gegensatz halten Marx und Engels grundsätzlich fest, selbst 
wenn sie ihn bei Gelegenheit einschränken : Denken selbst als Element 
der Produktivkräfte, Lehre von der Rückwirkung der Ideologie^). 

Aber in. Wirklichkeit kann der Mensch nicht »eingeteilt« werden 
in Denken und Produzieren, sondern er hat zunächst ein biologisch 
bestimmtes Trieb- und Affektleben, das bestimmten Gesetzen gehorcht 
und das zum Motor sowohl des Denken als der materiellen Produktion 
wird, umgekehrt aber auch von den selbstgeschaffenen Verhältnissen 
beeinflusst und geformt wird. 

Geben wir ein Beispiel ! Moral erschöpft sich nicht in theoretischen 
Sätzen wie: »Widersetzlichkeit gegen Staatsorgane ist unerlaubt«, 
»Geschlechtsverkehr ausserhalb der Ehe ist verboten«. Der »wirk- 
liche sinnliche« Kleinbürger, der nach seiner »Moral« gefragt wird, 
wird in den meisten Fällen auf diese Frage keine Antwort wissen. 
Aber er "wird ganz gefühlsmässig moralisch handeln : Vor jedem 
Polizeimann, der ihn anschreit, werden ihm die Knie zittern, kein 
Verhütungsmittel wird ihm sicher genug sein, um die unerwünschten 
Folgen ausserehelichen Geschlechtsverkehrs zu verhüten. Bekommen 
wir ihn in Analyse, so zeigt sich, wie die Eindrücke seiner frühen 
Jugend, der strenge Vater, die fürsorgliche, überängstliche Mutter, 



1) Gewiss haben Marx und Engels die Ideologie, das Bewusstsein an einigen 
Stellen weiter gefasst, als bloss als intellektuelle Spiegelung. Man denke an 
den berühmten Satz aus der Kritik der Hegeischen Rechtsphilosophie (Ein- 
leitung) »...die materielle Gewalt müss gestürzt werden durch materielle Ge- 
walt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die 
Massen ergreift.« . 

Doch hier ist Theorie nur verstanden als revolutionäre Theorie, die ein 
den realen Verhältnissen entsprechendes, unmittelbar aus ihnen entspringen- 
des Handein ermöglicht. Also ist es hier doch wieder weniger die Theorie 
als eben jene Verhältnisse, die die materielle Gewalt aus sich erzeugen. Nir- 
gends wird die reaktionäre »Theorie« in gleicher Weise als materielle Gewalt 
gefasst. Diese ist vielmehr in den Machtverhältnissen lokalisiert, die diese 
reaktionäre Theorie bedingen. 

Der schwankenden Bedeutung des Marxschen Ideologie- und Bewusst- 
seinsbegriffs wäre nur durch eine ausführliche Untersuchung beizukommen. 
Für unsere Zwecke hoffen wir genügend klar gezeigt zu haben, dass im 
Ganzen die intellektualistische Auffassung überwiegt. 

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die ihn von den :.bösen Folgen, der Onanie warnte, diese Struktur 

in ihm erzeugt haben. 

Doch ohne das besondere Verfahren der Analyse kann er sich das 
^veder bewusst machen noch die gefühlsmässigen Reaktionen andern, 
die die Folge davon sind. Die durchschnittliche Triebstruktur der 
Eltern, die ganze Institution der bürgerlichen Familie die diese 
Erziehung bedingt, sind genau so wie die Gesetze des kapitalistischen 
Markts Verhältnisse, die - von den Menschen se bst unter be- 
stimmten Bedingungen erzeugt^) - sich ihnen als fremde Machte 
gegenüberstellen, und so ihr Leben bestimmen. 

Also: Der wirkliche sinnliche Mensch ist nicht nur der materiell 
produzierende Mensch, der ausserdem auch Bewusstsein hat sondern 
der Mensch mit einer bestimmten Trieb- und Bedürfnisstruktur. Er 
ist gezwungen, Voraussetzungen für die Befriedigung seiner Be- 
-dürfnisse zu schaffen: Zunächst für die Befriedigung meiner ma. 
teriellen Bedürfnisse (Wohnungs-Nahrungsbedürfnisse etc.) durch 
materielle Produktion - die darum tatsächlich .letzten Endes, 
entscheidet; dann aber vor allem für die Befriedigung seiner sexuellen 
Bedürfnisse und endlich für all die Bedürfnisse, die sich aus 
einer Kombination. Umsetzung, Verfeinerung dieser beiden Grund- 
bedürfnisse ableiten lassen. Die Verhältnisse, die er dabei eingeht 
verselbständigen sich und nehmen die Form von fremden Macbten 
an die eigenen Gesetzen gehorchen: Eigentum. Klassenteilung, Fa- 
milie, Kirche. Staat, bürgerliche Moral. Sie ^^1rken gleichzeitig auf 
Trieb- und Bedürfnisstrukturen zurück: Direkt durch Einsatz be- 
stimmter Machtmittel und durch Produktion bestimmter Ideologien 
indirekt durch die Erziehung, in der die Unterdrückung der Sexualität 
eine entscheidende Rolle spielt. 

Es ist interessant, dass Marx und Engels eine richtige Empfindung 
für diese Zusammenhänge gehabt haben müssen, selbst wenn sie 
mangels einer naturwissenschaftlichen Psychologie keinen theoreti^ 
sehen Ausdruck dafür finden konnten. Vgl. im Rundschreiben gegen 
Hermann Kriege aus dem Jahr 1846 (MEG I. Bd. 6, S. 18) : 

»Die Kriefi€sch. Religion kehrt ihre schlagende Pointe hervor in folgendem 
Passus-%w7r haben noch etwas mehr zu tun als für unser lamp.ges Selbst zu 
L™ wir gehören der Menschheit.« Mit diesem infamen und ekelhaft^ 
Sni'smTs «Len eine von dem Selbst getrennte und unlerschiedeue »Mensch- 

jede andere. Eine ^^^f «= •'*Yn' ZlSnet für tapfere — Mönche, aber nimmer 
Selbstverachtung predigt, ist ganz geeignei lur lap ^ ^^^ 

beweisen • • * • • ■ «^ 

An anderer Stelle (.Die heilige Familie« MEG I Bd. 3 S. 191) 
erklärt Marx gegen Hr. Edgar: 

. ..IV- ^„- ^..ttorrechtlichen zur vaterrechtlichen Gesell- 

1) Nämlich beim Übergang von der ™""^'^^^*=*';"^,,^,_.__w 
Schaft. Vgl. dazu Reich »Der Einbruch der SexualmoraU. 

^4 






H.n iS/« . i absolute Subjektivität nicht in der Liebe ihre bete noire, 

ar ^ i ^1^ If-T ^^^^l^^^""' i° der Liebe, die den Menschen erst wahrhaft 

an die gegenständliche Welt ausser ihm glauben lehrt Die Liebe ist ein 

unkritischer unchristlicher Materialist.« (Aus dem Zusammenhang geht eindeu 
tig hervor, dass Marx die sinnliche, sexuelle Liebe meint). 

Doch diese richtige Einsicht in die Strukturfrage, in den Zusam- 
menhang Religion — Sexualverneinung, Atheismus — Sexualbejahung 
schwebt ohne materialistische Trieb- und Sexualtheorie in der Luft, 
kann dem Zusammenhang der materialistischen Gesellschaftslehre 
nicht eingegliedert werden und ist darum auch geschichtlich 
wirkungslos geblieben. 

An dieser theoretischen Schwäche tragen natürlich Marx und 
Engels keine Schuld, sondern die Entwicklung der wissenschaftlichen 
Erkenntnis Mitte des vorigen Jahrhunderts, die ihnen keine Voraus- 
setzungen in die Hand gab, eine solche Trieb- und Sexualtheorie 
auszuarbeiten. 

Aber noch mehr: Der Ideologiebegriff, die schärfste Waffe des 
Marxismus im Kampf gegen die herrschende Klasse, wandelt selbst 
seine Bedeutung. War im Anfang die »Entlarvung« von Recht, Moral, 
Religion als Werkzeuge der Unterdrückung ein Hebel des revolutio- 
nären Fortschritts, so wird heute die intellektualistische Einengung, 
die für die meisten Marxisten mit diesem Begriff historisch untrennbar 
verbunden ist, zu einem Hemmschuh für die lebendige Weiter- 
entwicklung der revolutionären Theorie und Praxis. 

Die Marxschen Lehren von Klassenteilung und Staat, vom Mehr- 
wert, von der Entfremdung und Gegenüberstellung selbstgeschaffener 
Verhältnisse bleiben auch weiterhin die Grundlage aller revolutionären 
Arbeit: Doch das meiste, was an konkreter Ideologieanalyse bisher 
vom Marxismus geleistet wurde, muss neu gemacht werden, wobei 
die Angst vor Irrtümern und Unvollkommenheiten einen nicht von 
der Arbelt abschrecken darf. 

Ein Problem, wo die Schwäche der Marx-Engelsschen Religions- 
autfassung besonders deutlich wird, ist das der Naturreligion. Hier 
ist alles Konstruktion, die Formel »tierisches Bewusstsein der Natur« 
ist von der neueren ethnologischen Forschung durch konkretes Wissen 
ersetzt worden, wie es bei der Entstehung primitiver Religion zugeht: 
Extatische Rauschzustände, die durch asketische Prozeduren her- 
beigeführt werden, spielen dabei eine Hauptrolle. Hier hat die 
künftige Forschung noch viel zu leisten, besonders wenn wir be- 
denken, wie sehr Vorstellungen und Gefühlseinstellungen aus der 
primitiven Religion auch in den sogenannten »höheren Religionen« 
eine Rolle spielen. 

Doch die Arbeit wird sich dabei nicht die Äusserungen von Engels 
m einem Brief an Conrad Schmidt (27./X. 1890) zum Leitfaden 
machen können: 

ceht*^^^- """^ '^^^ ^^^^ höher in der Luft schwebenden ideologischen Gebiete an- 
b nt, Keligion, Philosophie u. s. w., so haben diese einen vorgeschichtlichen, von 

65 



^:P^- 






<>" «'f tr marj.r:er„?„'^tr„" rese?'rss:3::eo'7rter vor. 

So: ea von d ' N°a?ur"vr der Besehatteoheit des Manschen -Ibjt. v- 

allmählichen Beseitigung dieses Blodinns < 

.Blasphemie., wie sie Marx und Engels - nicht nur hier -lieben, 
ist zwar unter Atheisten ein amüsantes Gesellschaftsspiel. Doch ^v^nn 
man bestimmte religiöse Vorstellungen wie etwa den Geisterg auben, 
der doch im katholischen Heiligenglauben fortlebt und gesellschaft- 
liche Macht besitzt, als Blödsinn verspottet, versperrt man sich den 
Weg zur Untersuchung und Bewältigung der Schwierigkeiten, vor die 
die Religion die revolutionäre Arbeiterbewegung stellt. 

Mit Hinblick auf unsere oben formulierten Fragen können wir 
also zusammenfassend sagen: Da Marx und Engels die subjektive 
Aneignung und Verankerung von bestimmten psychischen Haltungen 
nkhf sehen konnten - Haltungen, die sie zu eng als blosse .Ideologie, 
auffassten - waren ihnen auch die Gesetze der .Rückwirkung auf 
me Basis, verschlossen, bloss die Tatsache dieser Ruckwirkung 
haben sie festgestellt. Sie fassten dämm auch den Kampf gegen diese 
^Ideologien, zu einseitig als Propaganda der revolutionären Theorie 
während sich aus dem Wissen ihrer Verankerung m bestimmten 
psychischen Strukturen auch bestimmte "^"«/^™P"«^,";^^„^^/;\'^' 
auf die wir im letzten Kapitel eingehen werden. Im folgenden Ab- 
schnitT gXn wir bloss eine Darstellung dieser Verankerung selbst. 



3. Religion als psychische Struktur 

Die Fassung der Religion als Ideologie gibt ^^^^J^^^^f^ 
ihre Verwurzelung in der psychischen Struktur, im Gefühls- und 
Triebleben des durchschnittlichen Massenindividuums ^^^1^1^*^^^;^' 
fassen Dazu ist es notwendig, nicht von den religiösen Dogmen 
ondern vom religiösen Leben, nicht von der Theologie sonderen von 
der ReUgTon als massenpsychologischer Erscheinung auszugehn 
Nehmen wir unsere Beispiele aus dem bereits gesammelten 

^^^ftJ^uL^^l^g zwischen Religion und Familienerzi« 
Die Familienerziehung muss nach Auffassung der P^°f t_^°*^;,^^^^ 
Theologen geschützt werden gegen ihre Auflösung durch Erziehung 
l d rnatlnalsozialistischen Verbänden. Die Familie ist bedroh 
durch die Duldung des ausserehelichen Geschlechtsverkehrs und der 
unehelichen Mutterschaft, sagen die katholischen B^^,^*^«/;^ ^^^^. 
b) Der Zusammenhang zwischen Religion und Sexualunier 

66 



■»^-ET'i- '; ;•;••,,; .V:;"?!^''--.; 



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drückung: Vgl. neben den zitierten Marxstellen die gesamte Erbsünden- 
lehre, die Lehre von der Sündigkeit des Fleisches, die in Widerstreit 
zur nationalsozialistischen Auffassung von der Rolle des Körpers- 
kommt, den Kampf der katholischen Kirche gegen das Sterilisations- 
gesetz. 

Welches Interesse die Kirche an der sexuellen Enthaltsamkeit, 
besonders der Jugend haben muss, zeigt die hinterlistige Art, wie sie 
ihr die Freude an gesunder, natürlicher Sexualität, an erotisch be- 
tontem Schmuck und Spiel zu verekeln sucht. Folgendes Flugblatt 
bekam der Verfasser im Winter 1931 um 11 Uhr nachts am Bahnhof 
Friedrich*strasse in Berlin in die Hand gedrückt: 



Entmannte Männlichkeit. 



Wilhelm Dornemann, Hagen 1. W. 



Vor kurzem hat ein Volkskenner über unsere Zeit etwa so geurteilt: Das. 
moderne Weibliche siegt immer mehr über das Männliche, der Genuss über die 
Sittlichkeit, die Weichlichkeit über den Heldengeist. Hat dieser Mann nicht 
recht? Wir haben heute in der Tat weithin eine entmannie Männlichkeit mit 
allen ihren Auswirkungen. 

Wo wir hinschauen, sehen wir das Vordringen eines modernen Dirnengeistes : 
Sinnlich, eitel, anmassend und aufdringlich ; 

Diese lüsternen Mädels, die auf den Strassen umherschwänzeln und -tänzeln, 
rechnen offenbar mit der inneren Schlaffheit der jungen Männer. Denn sie 
würden gewiss nicht immer ihre Beine zur Schau bringen, sich nicht beständig 
an ihrem Bubikopf zu schaffen machen und nicht dauernd ihre begehrlichen 
Augen umherwandern lassen, wenn sie nicht wüssten, dass solches Gebahren auf 
die jungen Männer Eindruck macht 

Aber gibt es denn keine harmlose Freundschaft zwischen einem Jüngling und 
einem Mädel? — Die »Freundschaften«, die so »harmlos« beginnen, werden gar 
sehr schnell zu schwärmerischen Liebschaften. Und diese frühen Liebschaften 
zerstören viel Gutes und Edles im Seelenleben tausender junger Menschen, weil 
sie für eine gottgewollte echte Liebe noch nicht reif sind 

Diese törichten Liebeleien, die häufig den Grund für soviel Unglück im 
späteren Leben legen, wären nicht möglich, wenn wir ein straffes, reines, ritter- 
liches Jungmannesgeschlecht hätten. 

.Tausende von jungen Männern, die sich in unseren christlichen Jung- 

männervereinen im Deutschen Sittlichkeitsbunde vom Weissen Kreuz (Sitz No- 
wawes bei Potsdam, Heinestrasse 1) zur gegenseitigen Stärkung und zum Kampf 
für ihre Altersgenossen zusammengeschlossen haben, stehen in diesem Erleben. 

Sie haben ihre Reinheit, Kraft und Mannhaftigkeit von Jesus Christus, dem 
gekreuzigten und auferstandenen Herrn und Heiland. Er will auch Dir Deine 
Schuld vergeben, wenn Du aufrichtig zu ihm kommst. Er will auch in Dir die 
Macht der Sünde brechen, wenn Du ihm aufrichtig nachfolgst 



Doch die Kirche wäre die raffinierte Institution nicht, die sie ist, 
würde sie sich auf eine derart unverblümte Propaganda der Sexual- 
unterdrückung beschränken. Sie verfährt viel geschickter, trifft zu- 
gleich viel mehr Fliegen auf einen Schlag mit ihrer Sündenlehre. Um 
ihr Wesen zu erfassen, tun wir gut, von einem Zitat aus dem 7ten 
Kapitel des Römerbriefs des Apostel Paulus auszugehen; 

»Die Sünde erkannte ich nicht, ausser durch das Gesetz. Denn ich wusste 
nichts von der Begierde, wo das Gesetz nicht gesagt hätte: Du sollst nicht be- 
gehren. Da ergriff aber die Sünde die Gelegenheit des Gebots und erregte in 
mir alle Begierde. Ausserhalb des Gesetzes ist die Sünde tot. Ich aber lebte 
einst ohne das Gesetz. Als aber das Gebot kam, lebte die Sünde wieder auf 

67 



'ffT^.r'!'i^?r^-f'if^.'-'7!^-Tl-^f''-'.'^"i ~'".'i ■ "TT-"''-:" ».;■;•-■ 



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Das Gesetz ist ja heilig und das Gebot ist heilig, recht und gut 

Wir wissen, dass das Gesetz geistig ist. Ich bin aber fleischlich und 

unter das Gesetz der Sünde verkauft. Was ich tue, weiss ich nicht. Nicht das 
tue ich nämlich, was ich will, sondern was ich hasse, das tue ich. Wenn ich 
das tue, was ich nicht will, so gebe ich doch zu, dass das Gesetz gut ist. Nun 
nicht ich es, sondern die in mir wohnende Sünde 

Ich weiss nämlich, dass nicht in mir, das heisst in meinem Fleisch das Gute 
wohnt. Das Wollen steht nämlich zu meiner Verfügung, das Vollbringen des 
Guten aber nicht. Nicht das Gute, das ich will, tue ich. sondern das Böse, das 
ich nicht will, vollbringe ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, tue 

nicht ich es, sondern die in mir wohnende Sünde 

Ich freue mich also an Gottes Gesetz dem inneren Menschen nach, ich sehe 

aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das dem Gesetz in meinem Verstand 
widerstreitet und mich gefangen nimmt im Gesetz der Sünde in meinen Gliedern. 

Ich unglücklicher Mensch f Wer wird mich aus diesem Todesleib herausreissen? 
Ich danke Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn.« 



Diese berühmte Paulusstelle gibt wahrheitsgetreuer als manche 
philosophische Abhandlung die psychische Situation des Menschen in 
der auf Triebunterdrückung gegründeten Klassengesellschaft wieder. 
Die Einschränkung der sexuellen und aggressiven Regungen (das 
Gesetz) kommt von aussen, ist gesellschaftlich bedingt. Paulus sagt 
an einer andern Stelle (im Galaterbrief), das Gesetz sei zwischen- 
durch — u, zw. seit Moses — hereingekommen und meint damit 
ganz richtig, dass es nicht ewig sondern historischen Ursprungs sei. 

Erst die Einschränkung aber erzeugt, sobald sie verinnerlicht 
wird (das Gesetz in meinem Verstand), Angst und böses Gewissen: 
Denn einerseits nehmen die unterdrückten Triebe infolge der Auf- 
stauung der vegetativen Energie nun einen sadistischen und perversen 
Charakter an, den sie ursprünglich gar nicht besassen: Der ent- 
haltsame Jüngling z. B. phantasiert davon, alle Mädchen zu ver- 
gewaltigen, eine Phantasie, die sich dem sexuell befriedigten Menschen 
gar nicht aufdrängt. Diesen künstlich entstellten, von Reich so- 
genannten sekundären Trieben^) nachzugeben, erscheint aber in der 
Folge doppelt gefährlich. Und das umso mehr, wenn der ursprüng- 
liche Anlass der Triebeinschränkung nicht mehr erinnert werden 
kann, nach einem von der Psychoanalyse aufgedeckten Gesetz der 
Verdrängung verfällt und nur mehr als geheimnisvolle »Stimme des 
Gewissens« im Innern wirkt. »Die Sünde« ist nichts anderes, als der 
entstellte, mit schlechtem Gewissen belastete Triebanspruch in uns 
selbst. Doch diese Sünde ist unvermeidlich: Der aus biologisch be- 
dingter Energie gespeiste Triebanspruch (das Gesetz in meinen 
Gliedern) setzt sich immer wieder — und wenn auch in noch so 
verstellter Form — gegen das Gesetz im Verstand durch. Und erst 
die Vorstellung von der Gnade Christi, die die Kirche verkündigt, 
schafft dem bedrängten Gewissen wenigstens auf eine Zeit lang Ruhe. 

Aber fragt man die Kirche nach einer genauen inhaltlichen Be- 
stimmung dessen, was Sünde ist, so wird man keine klare Antwort 



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1) Vgl. Zeitschr. für polit. Psychol. u. Sexualök. 1935/3(7). 

68 



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erhalten.!) Die geläufige Antwort nämlich: »Verstoss gegen den in 
der heiligen Schrift geoffenbarten Willen Gottes« liefert uns völlig 
der Interpretation aus, die die Theologen dieser sehr vieldeutigen 
Offenbarung jeweils geben. 

Sehen wir uns diese Interpretation etwas näher an. Da steht auf 
der einen Seite die Aufgabe, das Evangelium der jeweiligen Klassen- 
moral anzupassen. Der Werktätige, der hungert und sieh unterdrückt 
fühlt, soll auf politischen Kampf verzichten, gehorsam dem Wort; 
Seid Untertan der Obrigkeit. Aus diesem Gehorsam heraus muss er 
im Fall eines Krieges auch zu den Waffen greifen; aber nicht nur 
aus Gehorsam sondern auch aus Liebe zu seinen Nächsten, die er mit 
der Waffe in der Hand gegen den bösen Feind beschützen muss (gilt 
natürlich nicht für den Klassenkampf!). Von hier aus rechtfertigt 
die Kirche auch den Nationalismus, bejaht die »nationalen Werte« 
der Familie, der Heimat, des Volkstums. Und demjenigen, der sich 
in der so bestimmten Ordnung der Welt nicht zufrieden fühlt, ver- 
spricht sie das Gottesreich, das nicht von dieser Welt sei. In dieser 
Welt nämlich zieme dem Menschen Demut — aber vor allem auch 
Keuschheit! Ausserehelicher Geschlechtsverkehr ist als »Hurerei« 
ebenso verpönt wie Onanie und wie — im Bereich der katholischen 
Kirche — Ehescheidung. Doch diesen Katechismus der bürgerlichen 
Moral versüsst das Christentum mit illusionärer Bejahung sozialisti- 
scher Wünsche und Sehnsüchte: Politischer Kampf ist zwar verboten 
aber es heisst trotzdem: »Wehe den Reichen«, »ein Kamel geht 
leichter durch ein Nadelöhr als ein Reicher durch die Pforte des Him- 
melreichs eingehe«. Der tatsächlichen Unterstützung aller Kriegsvorbe- 
reitung — man denke nur an die aktive Rolle der Priesterschaft bei der 

Mobilisierung Abessiniens, um ein aktuelles Beispiel zu geben steht 

die Friedensbotschaft des Christentums gegenüber: »Ehre sei Gott in 
der Höhe und Friede auf Erden«. Die Friedensschalmei bläst die 
Kirche immer dann sehr geschickt, wenn es nicht gefährlich ist. 
Trotzdem weiss sie der Massensehnsucht nach internationaler 
Verbrüderung entgegenzukommen: »Gehet hin und prediget allen 
Völkern« heisst es im Mathäusevangelium. — Nur in den Fragen 
der Sexualethik hat die Kirche der Klassenmoral, die sie predigt» 
nichts entgegenzustellen, was wenigstens in der Illusion die Sexualität 
bejahen würde. Die Kirche kann niemals die Sexualität bejahen, 
sondern nur die — Fortpflanzung. 

Das Christentum, wie es die Kirche predigt, hat auf diese Weise 
eme ähnlich widerspruchsvolle Struktur wie der Nationalsozialismus. 
Die Durchsetzung der bürgerlichen Wirklichkeit wird erleichtert 

1) Ein scharfsinniger Theologe (Bultmann in der Zeitschrift für neutestament- 
hche Wissenschaft, 1924) hat das Bestehen einer besonderen christlichen Ethik 
zum Schrecken \^eniger scharfsinniger Berufskollegen überhaupt geleugnet. 
Für den Christen bestehen keine andern ethischen Forderungen als für den 
NichtChristen, nur stellt der Christ sie »unter Gottes Gehorsam«, d. h. er fasst 
sie als Gottes Forderungen auf. 

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wipv'j',ff^?.?y3?r,.v^ ■:^'.--;<5rrr-^-''-:'^'" 






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durch Bejahung der sozialistischen Illusion. Und diese Bejahung 
ermöglicht der Kirche ein ungeheuer geschmeidiges Lavieren, sie 
vermag sich auf diese Weise bei einiger Geschicklichkeit stets als 
Anwalt der jeweiligen Massensehnsucht hinzustellen. 

Doch kehren wir zu unserm Ausgangspunkt, der Sundenlehre 
zurück ! Man könnte vielleicht meinen, die Verschwommenheit und 
innere Widersprüchlichkeit dessen, was »Sünde« inhaltlich sei, würde 
ihre Wirkungskraft beeinträchtigen! Aber gerade umgekehrt! Gerade 
diese Verschwommenheit bedingt die massenpsychologische Wirkungs- 
kraft des Sündenbegriffs. Von lausenden Kanzeln werden die Glaubigen 
jeden Sonntag angedonnert: »Die menschliche Natur ist von Geburt 
an verworfen und böse, ihr seid sündig!« Jeder kleine Mann kann sich 
zu dieser Melodie seinen eigenen Text machen: Denn sollte er sich 
etwa zufällig von »Sünde« frei fühlen, so wird ihm gesagt, dies sei 
ein Zeichen besondern Hochmuts, besonderer Verstocktheit. So wird 
■er getrieben, in seinem Gewissen zu bohren und zu forschen, die an 
sich harmloseste Handlung, den von jeder Realisierbarkeit weit ent- 
fernten Tagtraum unter die Lupe zu nehmen: Schuldig ist ja bereits, 
wer die Frau des andern bloss mit begehrlichen Augen ansieht. Denn 
nicht nur das Tun. sondern auch schon das Wünschen ist verdam- 
menswert, wenn es gegen das - jeweils gesellschaftlich herrschende 

— Gesetz verstösst. 

Und dieses Gesetz — Paulus sagt es selbst -^ ist in Wirklichkeit 
undurchführbar. Zunächst ist es die Sünde der * sexuellen Begehrlich- 
keit« mit der die Menschheit nicht fertig werden kann, dmm sich 
der biologisch bedingte Triebauspruch niemals völlig unterdrucken 
lässt. Haben aber die Christen ihre sexuellen Wünsche mit Unter- 
stützung der Kirche brav aus ihrem Bewusstsein verdrängt^), dann 
schwellen zum Ersatz andere Triebe mächtig an: Selbstsucht (»Nar- 
zissmus« um hier den Fachausdruck der Analyse zu nennen, der sich 
mit dem theologischen Begriff natürlich nicht ganz deckt), Angriff s- 
und Rauflust (vgl. eingesperrte Tiere), Sadismus. Aber sogleich ist die 
Kirche da und wettert gegen die Bösartigkeit und Eigenwilligkeit 
des Menschen: Und diesmal nicht ganz mit Unrecht. Nur erwähnt 
sie dabei nicht, dass es sich nun um Triebstrukturen handelt, die erst 
durch die Versagung künstlich geschaffen wurden. 

Politisch wird damit wiederum erreicht, dass mit den irrationalen, 
in der Tat praktisch unbrauchbaren Regungen der Aggression und 



1) »Die meDSchliche Selbstbeherrschung, ich spreche von der gemäss den grie- 
chisch^n Philosophen, fordert da.u auf, gegen die Begehrhchkei zu kämpfen 
und ihrnicht hinsichtlich der Werke nachzugeben; unsere Selbstbeherrschung 

■ aber verlangt, überhaupt nicht zu begehren: Srcht dass jemand, dfr schon 
begehrt, standhaft sei, sondern dass man über das Begehren selbst Herr 
werde Diese Enthaltsamkeit kann man auf keine andere We.se erhalten, als 
lurch die Gnade Gottes.« (Clemens .^lexandrinus. Stromäte.s Buch II. Cap. 7). 
dS Wrchenvaterstelle vom Ende des 2. Jahrhunderts zeigt sehr schon den 
?örtsehriU von der äusserlichen Versagung zur Verdrängung, die die Klassen- 
gesellschaft historisch gesehn dem Christentum verdankt. 

70 






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des Selbstgefühls zusammen auch rational berechtigte Regungen der 
Kritik gegen die herrschende Gesellschaftsordnung der Verdammung 
durch das mobilisierte böse Gewissen ausgeliefert werden. Für die 
Kirche aber wird damit erreicht, dass die Gläubigen von der unerfüll- 
baren Forderung ständig in Spannung gehalten werden. Immer wieder 
müssen sie letzten Endes bei der Kirche, bei der durch ihre Autorität 
verkündeten, in Christus geoffenbarten Sündenvergebung Trost und 
Beruhigung suchen : Wais die Bindung an die Kirche stets wach erhält. 
So werden die Kirchenfrommen zu treusten Befolgern der bürger- 
lichen Moral. Ihrem Respekt vor der Autorität, der kirchlichen wie 
der staatlichen, ihrer Gleichgültigkeit gegen das Fortbestehn sozialer 
Unterdrückung, ihrer feindlichen Einstellung gegen das kämpfende 
Proletariat entspricht subjektiv: Sexualscheu, durch ständige Übung 
im Sich-selbst-beherrschen entstandene Gehemmtheit, Angst vor dem 
»Chaos« der Revolution, die nichts anderes ist, als die Angst vor den 
»chaotischen Trieben« in ihnen selbst, die sie ständig niederhalten 
müssen. 

Wo aber wird der letzte Grund zu dieser Haltung gelegt? Religions- 
unterricht und Sündenpredigt allein können nicht ausschlaggebend 
sein. Denn das Kind, das ihrer Einwirkung unterliegt, muss ein 
Stück Schuldgefühl und Angst vor den eigenen Trieben bereits vorher 
in sich tragen — andernfalls wird ihm die ganze Religion mit ihrer 
Sünden- und Gnadenlehre fremd bleiben. 

Bei der Beantwortung dieser Frage ergibt sich allerdings fol- 

j^. ' gende Schwierigkeit: Während wir uns bisher auf Erfahrungen und 

■^v ' Beobachtungen berufen haben, die die meisten Leser selbst machen 

r können und z. T. auch gemacht haben, so müssen wir jetzt Beobach- 

'^ ' ' tungen und Tatsachen heranziehen, die den meisten neu und fremd- 

~" artig erscheinen werden, Sie wurden an gesunden und kranken Men- 

"^■T^ sehen gemacht, die wir in Analyse bekommen und wo durch ein 

'". *- besonderes Verfahren die Erinnerungssperre aufgehoben wird, die 

uns die Erlebnisse unserer frühen Kindheit verhüllt. Diese Beobach- 

^ tungen an erwachsenen Menschen sind in der Folge durch direkte 

? Kinderbeobachtungen bestätigt worden. 

Der beschriebenen Haltung des Erwachsenen liegt nach diesen 
Beobachtungen zu Grunde die Unterdrückung der freien und natür- 
lichen Lebensäusserungen des Kindes: Vor allem das Verbot der 
kindlichen Onanie und der gemeinsamen sexuellen Spiele der Kinder 
verbunden mit vorausgegangener zu strenger Reinlichkeits- und Ess- 
erziehung. 

Das Onanieverbot kann in grober Form durchgeführt werden: 
Schläge, Festbinden der Hände, Drohung: Das Glied wird dir abge- 
schnitten. Oder in verhüllter Form: Spielen mit den Geschlechts- 
teilen, Schlafen mit den Händen unter der Bettdecke wird für unge- 
sund erklärt, es »schwächt«, Hände in die Hosentaschen stecken 
sieht nicht gut aus, ist ungezogen, etc. 

71 



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Das Verbot, das zunächst von aussen kam, wird in der Folge ver- 
innerlicht. Die Personen, Anlässe, bei denen es gegeben wurde, wer- 
den vergessen, aus dem Bewusstsein »verdrängt«, die meisten Erwach- 
senen können sich an die damit verbundenen Erlebnisse nicht oder 
bloss unvollkommen erinnern. Die Wirkung des Verbots aber bleibt 
als sexualablehnende Ideologie und als Sexualstörung bestehen. 

Doch zusammen mit der Onanie werden auch eine Menge anderer 
natürlicher Lebensäusserungen der Kinder zerstört, die die Erziehung 
und Beaufsichtigung in dem Milieu der bürgerlichen Familie, so wie 
es nun einmal besteht, erschweren, die den Eltern Unbequemlichkei- 
ten machen würden. Ziel der Erziehung ist ja »das brave Kind«, das 
niemals in die Hosen macht, niemals nascht, aber auch niemals etwas 
bei Tisch stehen lässt, das niemals ein unanständiges Wort sagt oder 
gar »so etwas« tut, das in Gegenwart Fremder nur spricht, wenn 
es gefragt wird, das mit andern Kindern nicht rauft, mit einem Wort: 
Den Eltern in allen Punkten gehorsam ist^). 

Jede Unterdrückung einer freien Lebensäusserung erzeugt, wie 
die Erfahrung lehrt, Angst oder Wut — bz\s'. oft eine gegen die eigene 
Person gekehrte Kombination von beiden, z. B. Verzweiflung. So ent- 
steht etwa aus dem Verbot der Onanie die Angst vor der Dunkelheit, 
die meist zur Onanie benutzt wurde, es kann sich auch eine allge- 
meine Ängstlichkeit entwickeln. Wut kommt zum Vorschein in Reiz- 
barkeit, Schreianfällen, Quälen von Tieren. Doch all diese Charakter- 
züge müssen dem Kind nun von neuem abgewöhnt werden. 

Hier setzt nun die religiöse Erziehung ein.* Dem von Ängstlichkeit 
und Schuldgefühl gegen die Eltern erfüllten Kind erzählt man nun 
von einem besseren Vater, der zwar auch streng ist — wie der Vater 
zuhause — aber auch liebevoll — was der Vater zuhause vielleicht 
nicht ist ; der zwar alle Sünden sieht — und niemand ist ohne Sün- 
den — aber der zugleich seinen Sohn zur Vergebung der Sünden 
sendet: Und welchem Kind wird es nicht leicht fallen, zu diesem 
Sohn eine Beziehung zu finden (der ja auch seinerseits die Kinder 
lieb hat und zu sich kommen lässt) — selbst wenn der Vater fern 
und unnahbar erscheint. 

So führt die religiöse Erziehung das weiter, wozu schon vorher 
der Grund gelegt war. Sie erleichtert es dem Kinde, seine aggressiven 
Impulse im Sinne der christlichen Nächstenliebe durch Freundlich- 

1) Freud erklärt in der »Zukunft einer Illusionc die Religion folgendermassen 
(vgl. besonders S. 24 ff) : Mit den Übermächten der Natur und des Schicksals 
wird der Mensch dadurch fertig, dass er auf eine ähnliche Situation in der 
Kindheit zurückgreift: Auf seine Hilflosigkeit den ^pltern gegenüber. Aus 
der kindlichen Erinnerung an den Vater schafft er sich die Göltcrgestaltcn, 
die er nicht nur fürchten muss, sondern an die er sich auch vertrauensvoll 
um Hilfe wenden kann. — Freud fasst jedoch dabei eine Situation als absolut, 
die nur in der heutigen Gesellschaft besteht: Nur das »brave Kind* ist den 
Eltern gegenüber völlig hilflos, nur der sexuell gestörte, neurotische Envach- 
sene zu dem sich in der Folge das brave Kind entwickelt, flieht vor den 
Schlägen des Schicksals in die kindliche Situation den Eltern gegenüber 
zurück. 

72 






keit und Dienstfertigkeit zu kompensieren, die von gesunden Menschea 
oft als süss und unecht empfunden wird; später wird, ihm viel- 
leicht diese übergrosse Weichheit lästig. Vom jungen Mann verlangt 
man ein männliches Auftreten (vgl. das zu Beginn des Kapitels zi- 
tierte Flugblatt), mit dem nun die Weichheit künstlich überbaut 
wird u. s. w. So legt sich in der Entwicklung des Charakters Schicht 
auf Schicht: Bis wir den gehemmten, sexualscheuen jungen Mann 
aus dem christlichen Jünglingsverein vor uns haben, der in Hoch- 
achtung und Demut stirbt vor all den Personen, von denen die ent- 
scheidenden Versagungen und Verbote in seinem Leben ausgegangen 
sind: Er ehrt nicht nur Vater und Mutter, »auf dass er lang lebe 
und es ihm wohlergehe auf Erden«, sondern auch alle Personen, die 
ihre Stelle vertreten: Lehrer, staatliche Autoritäten, Gott. 

Durch die Sexualablehnung, die ihm anerzogen ist, ist er vorbe- 
reitet zur Ablehnung alles Geschlechtsverkehrs, den diese Autoritäten 
nicht gut heissen. Er wird darum eine streng monogame Ehe eingehn. 
und alle Kritik der Eheinstitution mit moralischer Entrüstung voa 
sich weisen, bzw. den politischen Parteien seine Unterstützung geben, 
die diese Kritik unterdrücken. In seiner Ehe wird es ihm nicht so- 
sehr auf die Befriedigung der von ihm sogenannten »tierischen Lust« 
als auf -»seelische Kameradschaft« ankommen — während der sexuell 
gesunde Mensch stets die Einheit von beidem erstrebt — , ferner auf 
Kinderzeugung. Und seine Kinder wird er nach denselben Prinzipien 
erziehen, nach denen er erzogen worden ist: Der Zirkel von Produk- 
tion und Reproduktion der bürgerlichen Struktur und Ideologie ist 
geschlossen. 

Und zum Schluss noch als Entgegnung auf naheliegende Einwän- 
de: Wir wissen natürlich, dass unsere Darstellung der religiösen 
Entwicklung in keinem Punkt erschöpfend ist; dass je nach den 
individuellen Bedingungen auch Momente in der kindlichen Entwick- 
lung für die Bildung der religiösen Struktur wichtig werden, die wir 
nicht ausdrücklich. genannt haben; dass andererseits gewisse Erschei- 
nungen des christlichen Lebens wie Demut, Askese, Liebe eine aus- 
führliche psychologische Analyse fordern, zu der auch schon zahl- 
reiche Arbeiten vorliegen. Eine solche Arbeit über die Religion würde 
aber ein eigenes Buch füllen. Wir haben uns darum begnügt, die 
wichtigsten Elemente der Verwurzelung der Religion an typischen 
Beispielen darzustellen: Sexualunterdrückung und Hemmung aller 
freien Lebensäusserungen, Schuldgefühl und Angst, »Ersatzvater«, 
Beruhigung des Schuldgefühls durch die Sündenvergebung, charak- 
terliche Verarbeitung der gehemmten und umgeformten Triebimpulse. 
Doch noch bleibt eine wichtige Frage übrig: Die Religion legt dem 
Menschen eine grosse Menge Einschränkungen auf. Das tun aber 
in gleicher Weise, mit inhaltlich fast den gleichen Forderungen auch 
Moral, Recht, ferner bestimmte politische Bewegungen, wie der 
Faschismus. 

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Jedes menschliche Wesen strebt aber nach Angstvermeidung und 
nach Lusterhöhung. Es wird sich also diese Einschränkungen nicht 
gefallen lassen, wenn ihm dafür nicht etwas anderes als Ersatz ge- 
boten wird. Was ist aber dieses Andere und was bietet die Religion ' .■ 
im besondern für Ersatzbefriedigungen? (ein nicht sehr glückliches 
Wort, da wirkliche Befriedigung, wie wir sehen werden, nicht erreicht 
^rd.) 

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4. Religion als .Erlösung' . "-^ 

Moral, Recht, Faschismus, Religion regeln das Leben des Menschen 
autoritär, rechtfertigen politisch gesehn Ehe, Staat, überhaupt die 
bestehende Gesellschaft. Aber was bieten sie dem Menschen noch 
ausserdem? 

Das Recht garantiert demjenigen, der die Gesetze befolgt, Straf- 
freiheit, Ungestörtheit durch den Eingriff der staatlichen Autorität. ^ 
Die Moral bietet ihm »das gute Gewissen«, das »ein sanftes Ruhe- 
kissen ist«, den Lohn, den »die gute Tat in sich selbst trägt«; die 
kleinbürgerlich-banale Spruchweisheit, in die sich diese Moral fassen 
lässt, verweist unmittelbar auf die Schicht, in der sie am meisten 
verbreitet ist. ; 

Der Faschismus gibt seinen Anhängern Ehrgefühl, Rassen- und 
Nationalstolz, politische Macht und Achtung und vor allem Aner- 
kennung durch den Führer. Bei dieser Gelegenheit zeigt sich, wie '":^ 
IC wenig die Definition, die Schleiermacher von der Religion gab ,; 
^'- (»schlechthinnige Abhängigkeit vom Absoluten«) für diese spezi- ;./ 
%_ fisch ist, d. h. etwas trifft, das sie von andern Erscheinungen unter- V. 
■ scheidet. Denn auch der an einen Führer gebundene ist von ihm ' 
t als von etwas Absolutem schlechthin abhängig. Ebenso ist Freuds ' tjM 
^■. • Erklärung der Religion als wiederkehrende Vaterbindung (vgl. An- ' ^ 
'p merkung S.d2) zwar an sich richtig aber nicht spezifisch. Denn auch 
'■:' . der faschistische Führer spielt im Empfinden des an ihn Gebundenen 
•: , . Vaterrolle (vgl. dazu im einzelnen Reich, Massenpsychologie). 
).;'" In der Religion erlebt jedoch der Gläubige die Bindung an Gott, _^ 
*. ■ den Lohn für seinen Gehorsam. und sein Vertrauen auf eine ganz be- '\^ 
1" sondere Weise. Und diese besondere Form des Erlebens unlerschei- [%■ 
t det die Religion von verwandten Erscheinungen, gibt uns die natur- 
|> wissenschaftliche Formel für das eigentlich »Religiöse der Religion«. 
Wir verdanken diese Formel dem norwegischen Religionspsycho- 
logen Ola Raknes, auf dessen Ausführungen wir uns im Folgenden 
I weitgehend stützen. Sein ausgezeichnetes Buch »Mötet med det 
I heilage« (Begegnung mit dem Heiligen) ist leider nur in norwegi- ^ ■ 
l^; schem Landsmaal erschienen und darum dem nicht norwegischen 1 
Z.:.\. Leser nur schwer zugänglich^). '■ 
TL- Eine fremde, jenseitige Macht, Gott, bricht gleichsam in sein Be- 
i wusstsein plötzlich ein. Er fühlt sich von ihr entweder bloss in un- 
|J . bestimmter Weise gehoben und getragen, er fühlt ihre Macht im Sa- 

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krament der Sündenvergebung, er hört als Prophet oder religiös 
Entrückter unmittelbar ihre Stimme, er erlebt als Mystiker unmittel- 
har die Vereinigung mit ihr. So, wenn Paulus davon spricht, dass 
er in Christus und Christus in ihm sei, wenn katholische Nonnen sich 
als »Bräute Christi« bezeichnen. 

Wir können auf Grund unserer Erfahrungen nicht an das wirk- 
liche Bestehen solcher überirdischer Mächte ausser uns glauben, 
können darum auch den Theologen nicht beistimmen, die von einem 
besonderen religiösen Sinn im Menschen reden, dessen Fehlen es 
unmöglich mache, über religiöse Dinge mitzureden. Wir müssen uns 
die Sache' vielmehr folgendermassen erklären. 

Im gewöhnlichen Leben werden in unserer Gesellschaft bestimmte 
Vorstellungen aus dem Bewusstsein verdrängt, die dazugehörige Ener- 
gie in krampfhaften Körper- und Charakterhaltungen gebunden. Im 
Zustand religiöser Erregung, »Erbauung« brechen diese Kräfte plötz- 
lich in unser Bewusstsein ein: Aber nicht so, dass sogleich eine 
dauernde organische Verschmelzung stattfände. Der Einbruch ge- 
schieht vielmehr bloss an einer Stelle, wie durch ein Loch, das sich 
nachher wieder schliesst. Und die Kräfte brechen endlich nicht als / 

das ein, was sie wirklich sind, sondern sie werden in einer Form 
bewusst, auf die das Bewusstsein vorbereitet ist: So wie die hysteri- 
sche Frau im geheimnisvollen Knacken der Tür den Mann vermutet, 
der sie vergewaltigen will, der Geizhals den Dieb, der Liebende die 
Geliebte, der von Gläubigern verfolgte den Gerichtsvollzieher: So ge- 
winnen diese übermächtigen Kräfte für den Religiösen, der von ihrem 
Einbruch überwältigt wird, die Gestalt der Mächte, denen er als Kind 
ebenso hilflos gegenüberstand, bei denen er aber auch umgekehrt in 
den äusseren Nöten des Lebens Schutz finden konnte: Es sind das 
die Eltern, insbesondere der Vater. 

1) Raknes geht in seinem Buch von den geläufigen wissenschaftlichen Definitio- 
nen der Religion aus und zeigt, dass sie unspezifisch sind, d. h. auch andere 
Erscheinungen als die religiösen umfassen, während die theologische Auffas- 
sung der Religion als etwas ganz Besonderem, das dem areligiösen 'wjissen- 
schaftlichen Denken unzugänglich sei, aufhöre, wissenschaftlich zu sein. 
Um aus dieser doppelten Schwierigkeit einen Ausweg zu finden, greift er auf 
die Entstehung der Religion in den uns bekannten primitiven Gesellschaften 
zurück und fragt: Was sind es für Erlebnisse, die ein profanes Ding, einen 
profanen Menschen in diesen Gesellschaften zu einem heiligen machen? — Als 
typische Erlebnisse dieser Art findet er die extatischen Erlebnisse. Er geht 
nun unter Heranziehung eines reichen ethnologischen, religionsgeschichtlichen 
und psychopathologischen Materials der Frage nach, wie diese Exlasen aus- 
sehen, findet dabei eine erstaunliche formale Ähnlichkeit — trotz verschie- 
denster kultureller Bedingungen und Inhalte. Dabei zeigt sich, dass extatische 
Erlebnisse auch in den Religionen der sogenannten Kulturvölker in mehr 
oder minder ausgesprägter Form eine entscheidende Rolle spielen. Zum 
Schluss versucht Raknes im Anschluss an ethnologische Berichte eine Dar- 
stellung, wie im allgemeinen bei den allcrprimitivsten Völkern Extasen zu 
Stande kommen; denn dies ist ja für das Zustandekommen aller religiösen 
»Tradition« von entscheidender Bedeutung, Er zeigt, wie die Vorstellungen, 
die dabei eine Rolle spielen (Totemtier, -pflanze) mit dem Kampf um aus- 
reichende Nahrungsversorgung zusammenhängen, geht aber auf die Trieb- 
dynamik, die dabei massgebend ist, nicht ein. 

75 



Dieses plötzliche Einbrechen unbewusster Kräfte ins Bewusstseim 
kennen wir in seiner ausgeprägtesten Form als Extase (Extasis griech. 
^Ausser- sich- sein). Raknes hat in seinem Buch vor allem für die 
primitiven Gesellschaften gezeigt, wie am Ursprung der Religion stets- 
extatische Erlebnisse stehen. Sie sind es, — oder die ihnen sehr ver- 
wandten Träume ~ die ein vorher gewöhnliches, profanes Tier — 
oder auch ein Ding, einen Menschen — zu einem heiligen machen. 
Das Tier wird zum Totemtier, der Stein, die Pflanze zur Totempflanze 
dessen, dem es in der Extase, im extatischen Traum als solches er- 
scheint, der Mensch wird durch die Entrückung zum Priester, zum 
Medizinmann. 

Die Primitiven konnten sich solche Erlebnisse nur aus Einwir- 
kung höherer Mächte erklären, während wir neben dieser in der re- 
ligiösen Sphäre fortlebenden »Erklärung« auch über andere, natur- 
wissenschaftliche Erklärungen verfügen^). 

Doch wir wollen uns hier nicht weiter mit der Extase bei den 
Primitiven befassen, so wichtig dies auch für die Erforschung des 
Ursprungs der Religion sein mag, sondern uns an Beispiele halten, 
die dem religiösen Leben der Gegenwart näher liegen. 

Die heilige Theresa, eine spanische Mystikerin des 16ten Jahrhun- 
derts, deren Schriften bis zum heutigen Tag grossen Einfluss auf die 
Gestaltung des religiösen Lebens in der katholischen Kirche ausüben, 
beschreibt ihre extatischen Erlebnisse folgendermassen (Oeuvres 
compl^tes, trad. nouv., Paris 1907, L, S. 147 ff, zitiert nach Raknes 
S. 122 f) : 

»Theresa spricht in ihrer Selbstbiographie von 4 Graden der OratioQ (my- 
stische Vereinigung mit Gott) und vergleicht sie mit 4 Arten, einen Garten zu 
bewässern. »Zuerst kann man mit Mühe und Anstrengung Wasser aus einem. 
Brunnen schöpfen. Dann kann man eine Standpumpe mit Ausguss gebrauchen, 
die man mit einem Schwengel in Gang setzt und diese Methode habe ich selbst 
oft gebraucht: Sie ist minder anstrengend und man bekommt mehr Wasser. Wei- 
ter kann man Wasser aus einem Bach oder einem Teich hereinleiten; die Be- 
wässerung ist dann besser, die Erde wird bis in grössere Tiefe feucht, man muss 
nicht so oft giessen und der Gärtner hat nicht annähernd so schwere Arbeit 
mehr. Die vierte Art ist ein reichlicher Regen, und das ist die ohne Vergleich 
beste Art, denn dann ist es der Herr selbst, der wassert, ohne irgendwelche Arbeit 
von unserer Seite.« 

Das »Pumpen« in den ersten Stadien geschieht durch Konzentra- 
tion der Aufmerksamkeit auf Jesus Christus und sein Leben. 



1) Ohne Zweifel hängt die Vorstellung von einer höhern Kraft, die in der 
Extase in der Gestalt des Totems ins Bewusstsein einbricht, mit der Angst 
der Primitiven vor den unbewältigten Naturkräften, mit ihrer Angst vor Nah- 
rungssorgen zusammen; Totemtiere sind oft bevorzugte Nahrungstiere. Aber 
der Umstand, dass sich die Primitiven bei den festlichen Totemmahlzeiten 
manchmal die Hoden des Tiers zu den extatischen Tänzen umbinden, ihre 
Vorstellung, sich die Kraft des Tiers dabei einzuverleiben, endlich die Ver- 
bindung dieser Feste mit Pubertätsriten, Beschneidung deutet — so ergänzen 
wir Raknes — darauf hin, dass unterdrückte sexuelle Kräfte bei der Entstehung 
der extatischen Riten eine wichtige Rolle spielen. Die genauere Erforschung 
der Bedingungen der Extase bei den Primitiven muss jedoch künftiger For- 
schung vorbehalten bleiben. 

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»Wir kommen nun »zum rinnenden Wasser, oder. Bach oder Quelle. Man 
"hat noch die volle Mühe, es zu leiten, doch die Wässerung ist viel weniger er- 
müdend.« Dies dritte Stadium ist »ein Schlaf der Seelenkräfte, ein Zustand, da 
sie nicht völlig verschwunden sind, aber dennoch nicht wissen, wie sie wirken ... 
Man könnte es vergleichen mit jemand, der schon mit dem geweihten Wachslicht 
in der Hand jeden Augenblick den Tod erwartet, ihn erwartet mit brennender 
Sehnsucht. In diesen letzten Atemzügen ist die Seele überflutet von unsäglicher 
Freude. Nach meiner Meinung heisst das, fast ganz dieser Welt abzusterben und 
scnon die Gemeinschaft mit Gott zu geniessen. Ich finde keine anderen Worte, 
um es zu sagen und ich weiss nicht, wie ich es anschaulich machen soll. Im 
übrigen weiss ja auch die Seele selbst nicht, was sie tun soll. Soll sie reden, 
soll sie weinen? Sie weiss es nicht. Es ist eine strahlende Wüste, ein himmli- 
sches Von- sich-sein, das einen das wahre Wissen lehrt. Es ist für die Seele ein 
unendlich seliges Geniessen... Die Seelenkräfte sind fast ganz vereinigt mit Gott, 
obwohl sie noch nicht so in ihn eingetaucht sind, dass sie nicht mehr arbeiten.,. 
Der Willen ist ganz damit einverstanden, dass die Gnade auf diese Weise über die 
Seele hereinströmt... In den verschiedenen Orationen, die aus dieser dritten Be- 
wässerungsart kommen — und dies ist Quellwasser — hat die Seele solches 
Glück und solchen Frieden, dass der Körper deutlich an ihrem Glück und ihrer 
Seligkeit teilnimmt.« 

...Die vierte Stufe nennt Theresa »Vereinigungsoration«. In den früheren Zu- 
ständen wusste man noch von sich, aber hier »weiss man nichts mehr; man ge- 
niesst bloss ohne zu wissen, was man geniesst... Alle Sinne sind so aufgesogen 
in diesem Genuss, dass keiner von ihnen frei ist, sich mit etwas anderem abzu- 
:geben, sei es nun das Äussere oder das Innere... Der Körper ist ohnmächtig und 
die Seele ist unfähig, das Glück vorauszusehn, das sie geniesst... Zu Beginn kam 
dieses Wasser vom Himmel fast immer nach einem innerlichen Gebet... Während 
die Seele auf diese Weise ihren Gott sucht, fühlt sie mit starkem und süssem 
Empfinden, dass sie das Meiste nicht weiss. Der Atem steht stille, die Körper- 
kräfte versinken, so dass man nicht einmal die Hände ausstrecken kann, ohne dass 
«es weh tut 

Nach meiner Meinung dauert es niemals lang, dass auf diese Weise alle 
Seelenkräfte zugleich stille stehn... Ich sage es noch einmal: Dies, dass die 
Kräfte ganz untätig sind, dass auch die Phantasie nicht arbeitet — denn meiner 
Meinung nach ist auch die Phantasie unwirksam — das dauert niemals lange. 

...Wir kommen nun zu den innersten Empfindungen der Seele in diesem 
IZustand... Ich für meinen Teil halte es für unmöglich, etwas davon zu wissen 
oder gar, von ihnen zu sprechen. Da ich mich nun zum Schreiben setzte, fragte 
ich mich, was die Seele da macht; es war nach dem Altargang und ich kam 
eben aus dem Orationszustand, von dem ich spreche. Da sagte mir Unser Herr 
diese Worte: Du wirst aufgezehrt, meine Tochter, von einem Drang, tiefer in mich 
einzudringen. Es ist nicht mehr länger sie, die lebt, ich bin es, der in ihr lebt.^ 

Aus der Analyse zahlreicher Extasen findet Raknes, dass typisch 
dabei sind : Plötzlichkeit, Passivität, Erkenntnisgefühl verbunden mit 
Unaussprechlichkeit des Erkannten, gewisse Allgemeinempfindungen, 
kurze Dauer, Gefühl der Erleichterung, Bereicherung nachher. Wir 
können noch von uns aus hinzufügen: Bestimmte willkürliche Vorbe- 
Teitungen, Übungen etc. die aber von einem bestimmten Augenblick. 
^n anfangen, in einen unwilkürlichen Prozess überzugehen. 

Nun erlebt ganz gewiss der Durchschnittschrist die Extase nicht 
in der gleichen Form und Stärke, wie der Mystiker und Heilige. Aber 
2u der Schilderung der heiligen Theresa gibt es Punkt für Punkt Pa- 
rallelen im Leben des frommen Menschen. »Andacht« wird durch 
Tjestimmte äussere Veranstaltungen — dunkler Kirchenraum, Hän- 
defalten, Musik — bewusst gefördert, doch ohne dass in der Folge 
«die religiöse Ergriffenheit »über einen kommt«, ist alles äussere Tun 

77 






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i..r „nd unbefriedigend. Doch wenn das geschieht, dann hat der 
Cmubi^e ein fas" körperliches Glücksgefühl, das er aber ebensowenig. 
Gaubige ein last P ^^^^^ j^.^ Unmoghchkeit, 

wie die heihge Theresa in w Diskus- 

über dieses Innerste zu sprechen, macht ja ^"cü so oi 
Lnpn zwischen Freidenkern und Rehgiosen ein Ende. Der tromme . 
h^t dL Geführet^ zu wissen, was der Andere nicht weiss und doch 
hat das ueiuni, eiwd^ ^ . Wm*ipn ist es ein Geheimnis, den 

kann er es nicht aussprechen: »Den W eisen isi es eui 

Theresa. Das übermachtige Gefühl ^on seiner j. p . ^^^ten -) 

Woher »»" oezi Tatsache erinnern, dass 

r::;f b« Xn ReSöIen un. se.ua.ab.ehnende, bei den typUchen 
MV Sern sogar um streng asketisch lebende Menschen b«ndelt_ 
"^r^wen^n wir -" /" --^f^^^^ ITar";':^!:' d e'":^ 
^^ -f 'citeleYrr h^b fjwi d.tTen zu^'^igen. Denn während die 
™hen auf die" ir uns bisher berufen haben iedermann zugäng- 
ncrund «r^tändlich sind, müssen wir in der Folge w.ederum Er- 

f ""T rr^Ler^ifdietrrhrur-^^nTLrn 
stammen. F»; ^'^J-'^^;' " i^, die Mehrzahl sein - können wir 
ntSel7d:r erstaunl^ben Parallelen zwischen den re'igiösen und 
"1" „hvsiologischen Phänomenen einen Wahrschemhchke.ts- 
S lieSn Def Wert dieser Parallelen wird allerdings dadurch 
erMht dass Raknes seine Phänomenologie der Extase aufstellte, ehe 
"von Psychoanalyse, geschweige denn von der sexualokonomischen 

^^'meT wIrdXrn Willkürliche Vorhereitungen Muske.bewe- 

■ Itn.m bestimmten Augenblick in unwillkürliche über, hier 

*""rrtwrireren"dende Höhepunkt plötzlich ansteigend und 

rr/dird t :Liver HingeSe-heit ..^^ " rpe^^L^ neil 
:;rblirSr%rLrs.toi» des Atems,, Jede Ahlen- 

' ' „ .^. ij KoKon in ihrem Buch »Über drei Haupt- 

1) Harald und Christian |«=»;J^^^.*^"P^f'^„d ihre psychologische Grundlage« 

typen der religiösen fl^^n formen ^"^ 'hre p y ^^ ^,^ Erinnerung an 

geworfenen Probleme würde hier zu weit fuhren 

78 



j«- .•■—,:-.'-,-• ■xi'.yr-' *V"t-'2'^Y"^^;-;:";T.'^"'"''*^.C^'t^'r-"^*~--'' '":■''' ■yc;r-''i*-*y*^''''-"''<'5^"i.rvt""^'^JT^'t^*~-V'^- ■ '"■"''■■-'j^'*^^s*-|^*?5 



kung durch äussere Vorgänge wird als störend und schmerzhaft emp- 
funden, hier wie dort stellt auch die Phantasie im Augenblick höch- 
ster Erregung ihre Tätigkeit ein, Phantasien während des Akts sind 
Zeichen einer Störung. Kurz vorher hat man das Gefühl des Eindrin- 
gens und Durchdrungenwerdens, während das Gefühl der eigenen Per- 
sönlichkeit sich auflöst (vgl. die letzten Sätze im Bericht der Hlg. 
Theresa). Im Akt selbst ist der Mensch ein Stück Natur geworden, 
die Empfindungen dabei sind darum nahezu unaussprechlich und es 
hat eingehender klinischer Beobachtung bedurft, um die Orgasmus- 
phänomenologie auch nur so weit auszuarbeiten, wie wir heute damit 
gekommen sind. 

Doch die sexuelle Energie kann im sexualverneinenden religiösen 
Menschen nicht als solche durchbrechen, sie kann auch nicht in der 
einzig wirklich natürlichen Form als Erregung und Entspannung 
am Genitale abgeführt werden. An Stelle dessen tritt die phanta- 
sierte Vereinigung mit einem Bild des Vaters (oder der Mutter). Die 
Psychoanalyse hat rntdeckt, dass der unbewusste Wunsch nach 
sexueller Vereinigung mit den Eltern u. zw. in heterosexueller und 
homosexueller Form bei fast allen Menschen unserer Kultur vorhan- 
den ist, die Sexualökonomie hat gezeigt, wie er durch die Hemmung 
der genitalen Befriedigung jedoch ungeheuer an Energie gewinnt. 

Mit der phantasierten Vereinigung in der religiösen Extase müs- 
sen allerdings auch gewisse körperliche Vorgänge Hand in Hand gehen, 
die mit der körperlichen Erschütterung und Entlastung im sexuellen 
Orgasmus eine Ähnlichkeit haben: Denn in beiden Fällen berichten 
die Betreffenden von Körpersensationen, aber auch von dem Gefühl 
von Befreiung, Erleichterung, unaussprechlichen Glücks nachher i). 
Doch wissen wir über die körperliche Grundlage der religiösen Extase 
noch weniger als über die des Orgasmus, nämlich gar nichts. Doch 
die Minderwertigkeit der »extatischen« Befriedigung gegenüber der 
orgastischen beweist die Angst, mit der diese Befriedigung selbst 
bei der heiligen Theresa verbunden ist und die beim orgastisch po- 
tenten gesunden Menschen natürlich fehlt 2). Diese Angst spielt bei 
andern Mystikern und Propheten aber auch bei den gewöhnlichen 
Gläubigen eine entscheidende, oft das ganze Leben beherrschende und 
wir können ruhig sagen vergiftende Rolle. Der religiöse »Orgasmus« 
ist darum teuer bezahlt. Er schwindet aber zusammen mit aller 
religiösen Bindung sogleich, wenn wir bei einem religiösen Men- 
schen in der Analyse die Fähigkeit zum wirklichen Orgasmus her- 
stellen: Und das selbst dann, wenn über Religion in der Analyse gar 



1) Hier hat wohl auch »das ozeanische Gefühl« seinen Platz, das Romain Rol- 
land, unserer Meinung nach mit Recht, als ein Grundphänomen der Religion 
ansieht. Freud hat Rollands Auffassung im »Unbehagen in der Kultur« ab- 
gelehnt. 

2) Während sie beim Neurotiker gerade im Zusammenhang mit dem Orgasmus 
auftritt, ebenso die Vorstellung vom Sterben (= sich im Orgasmus auflösen). 
Vgl. »Psychischer Kontakt und vegetative Strömung« von W. Reich. 

79 



nicht gesprochen wurde. Dies ist ein weiterer klinischer Beweis für 
unsere Religionstheorie. 

Zusammenfassend können wir sagen: Die Kraft, mit der die Men- 
schen an der Religion festhalten — ganz abgesehen davon, dass die 
religiöse Ideologie von der herrschenden Klasse als gesellschaftlich 
herrschende Ideologie propagiert und durchgesetzt wird — leitet sich 
aus zwei Quellen ab: Einerseits ist es die illusionäre Bejahung gewisser 
sozialistischer Ziele in der religiösen Moral — doch diesen Zug teilt 
das Christentum mit andern Institutionen z. B. dem Faschismus. Weit 
wichtiger aber ist die Form des Gotteserlebnisses selbst, das den 
Menschen von gewissen quälenden Spannungen erlöst, die die Reli- 
gion »hinter seinem Rücken«, d. h. in diesem Fall durch die sexual- 
unterdrückende Erziehung selbst verursacht hat. 

Dabei liefert die Sexualunterdrückung die Energie, die Bindung 
an den Vater (eventuell auch die Mutter) den Inhalt, der orgastische 
Erregungsablauf die Form des religiösen Erlebnisses. 

So gleicht die Kirche auf sexualökonomischem Gebiet dem Kapi- 
talisten, der der Arbeiterklasse den Mehrwert, den er aus ihr gepresst 
hat, zum kleinen Teil in Form von Almosen wiedergibt. Wenn die 
Arbeiterklasse es gelernt haben wird, sich nicht mit Almosen zu be- 
:gnügen, sondern aufs Ganze zu gehn, dann wird für den Kapitalisten 
ebensowenig Platz in der Gesellschaft sein wie für den Priester. 



:^p^^|rp^r^-f-?^?^:^--f^^ •::-.:y::-.--;-rf^''^^^ß^ 






I 



VI. Die deutsche Glaubensbewegung 
1. Der äussere Tatbestand 

Die germanischen Religionsbewegungen sind in den letzten Jahren 
in Deutschland aus dem Pyoden geschossen, wie Pilze nach einem 
Regen. Von. einem deutsch-arisch revidierten Christentum bis zur 
Erneuerung des Wotanskults sind alle Schattierungen vertreten. Einig 
sind sie sich in der Ablehnung des Judentums und dementsprechend 
des alten Testaments. Um nur einige zu nennen: Von den deutschen ^ 
Christen hat sich die »deutsche Glaubensfront« unter Krauses Führung 
abgespalten, die wiederum erbittert bekämpft wird von Arthur Dinters 
»deutscher Volkskirche«. Rein heidnisch sind Ludendorffs Anhänger, 
die sich um seine Zeitschrift »Am heiligen Quell deutscher Kraft« 
sammeln, ferner die aus der deutschen Glaubensbewegung (DG) ab- 
gespaltene nordische Glaubensbewegung. Doch all diese Gruppen und 
Grüppchen, die mit der Geste des Propheten gegeneinander losziehen, 
kommen nicht an Bedeutung der DG gleich; mit ihr allein werden wir 
uns darum im Folgenden beschäftigen. 

Sie ist aus verschiedenen andern nordisch-religiösen Gruppen im 
Jahre 1933 hervorgegangen und steht unter der Führung des Tübinger 
Professors für Indologie und Religionsgeschichte Wilhelm Hauer, der 
bereits vor der »nationalen Revolution« als Führer des jugendbewegten 
Köngener Bundes und des inzwischen verbotenen Bundes freireligiöser 
Gemeinden eine bedeutende Rolle spielte; sein Stellvertreter ist der 
Herausgeber des »Reichswart«, Graf Reventlow. Die Bewegung ist 
straff organisiert, hat ständig sich vermehrende Ortsgruppen über ganz 
Deutschland hin; genaue Mitgliederzahlen sind nicht zu erhalten, die 
Schätzungen schwanken zwischen mehreren Hunderttausend und 2 
Millionen. 

'2. Verschiedene Auffassungen 

Das Emporwachsen einer nichtchristlichen Religionsbewegung in 
Europa ruft bei vielen Menschen ein ungeheures Befremden hervor. 
Für die einen ist Religion so mit der Vorstellung »in grauer Vorzeit 
entstanden unter unfasslichen Bedingungen« verknüpft, dass sie 

81 






nicht verstehen wollen, wie dgl. in unserer ^aufgeklärten« Zeit mög- 
lich sei: Eine Einstellung, in der sich ebenso unbewusste Bindung an 
den christlichen Offenbarungsbegriff verbergen kann, wie mangeln- 
des Verständnis für die psychische Realität und Gegenwärtigkeit einer 

Relißion 

Andere sehen mit Schrecken, dass sich mitten im christlichen 
Europa auf einmal eine heidnische Insel bildet. Doch diese Christen 
müssten sich von ihrem Standpunkt aus eigentlich auch darüber 
freuen können, dass damit die so unendlich oberflächliche und am 
äussern Schein haftende Vorstellung von der .christlich-abendländi- 
schen. Kultur als einem festen Besitz einen kräftigen Stoss erleidet; 
dass das Christentum damit aufhört, der .geographische Begriff, zu 
sein über den schon Kierkegaard spottete und dass es mit der Existenz 
religiöser NichtChristen zur Selbstbesinnung gerufen wird 

Andere endlich fassen das Neuheidentum als groteske Wotansan- 
beterei und stellen es in Parallele mit andern .Absonderlichkeiten, 
des Nationalsozialismus, wie der Judenfresserei und dem Fuhrerkult. 
Aber nichts ist verkehrter und letzten Endes auch unmarxistischer. 
als die Einstellung des überlegenen Spötters gegenüber emex Be- 
wegung die Millionen ergreift; das brächte übrigens eme blosse 
Wotansanbeterei auch niemals fertig. Unsere Aufgabe ist es, sie in 
ihrer materiellen Grundlage d. h. vom wirkhchen Leben der wirk- 
lichen Menschen her zu verstehen. Dabei gehen wir in gewohnter Weise 
vom ersten, oberflächlichsten Eindruck aus. den wir von der Ideologie 
des Neuheidentums empfangen. 

3. Die „oberste Schicht": Wogende Patheiik 

»Jetzt sind die heiligen Nächte. Draussen stehen die Bäume Uietlich. ^chwei- 
,.ntit Zy ist ^^^^f^^^^ 

tlete S\ v^rbind^t'^lle t:l™ :^e^ Man .irä^s, ein Teil äie.es 

p-.n fühlt Ski in der Gemeinschaft geheimer Mächte, hört ein Raunen ,n der 
Sr'alfob dt Ihnen wach geworden wären, uns uralte Kunde zu bringen zu 
.euem Glauben und SchafTen^^^ ^^^^^ Gottesjahres, in dem sein Seelentum sich 
.ntfaite't unter dem Einfluss einer anderen als der angestammten Glaubenswelt... 
D^fvolkes WmeTum R^^ findet Erfüllung und Begründung erst m emem neuen 
ni m neutscher Glaube und heroische Haltung, für die Kampf und Tragik 

Glauben ...... Deut^^^^^ eng zusammen ... Glaubcnswelt aus indo- 

g^vSsleÄ' und tis?'" Willen'sstarkes Jasagen zur letzten Wirklichkeit. 
Meister Ekkehart ^^.^^f^^^^^S^Xf!; ^'^0^ 

SÄ^i: ^::tSt^:rZ ^;^:^.r^Lr^ ^n dem sogenannten 

llrZuTJorl^^^^^^^^ stehen vor dem Unfasstaren -;^-"57«" ^f/^- 

mis dieses Lebens, der auf- and abivogt in ewigkeitst.efen Schopfungswellen. 

Urkraf schöpferischen Lebens der Rasse des Blutes des Bodens ...... aus 

änne" unS Sehnen Gott fühlen erzählt tausend Geheimnisse ein un- 

82 



rr ■■■*l?tvi"-S*:^^ 



~^Z^^ '^ — 



entrinnbares Auf und Ab, Auftauchen und Wiedersinken ein Fluten 

eine Wellenbewegung « 

(Aus DGl, 1934, H. 1 — 3. Hervorhebungen vom Ref.) 

Ungefähr die Hälfte der DG-Literatur ist in diesem Stil ge- 
schrieben. Würden wir im Leben einem Menschen begegnen, der so 
spricht und denkt, so würden wir sagen: »Ist der aber unecht, auf- 
geblasen, langweilig!« Wäre aber wirklich echte Leidenschaft hinter 
seinen Worten zu spüren, dann würden wir sagen, dass sich hinter 
diesem geschraubt vornehmen und grossartigem Ton etwas anderes 
verbergen muss: Neben der hohen Meinung von sich selbst vielleicht 
eine tiefe Unsicherheit, wohl auch der Wunsch etwas Echtes auszu- 
sprechen, das inmitten der Konventionalität des bürgerlichen Alltags» 
seiner maskenhaften Gefühllosigkeit ebensowenig Platz findet wie im 
konventionellen Religionsbetrieb der Kirchen. Et^as vom kleinen 
Mann liegt darin, der sich gern in vornehmen, »tiefsinnigen« Kate- 
gorien ausdrücken will, und darum tönende Worte ohne tiefen Sinn 
aneinanderreiht; aber auch etwas von echter Leidenschaft, die hoch 
über der kalten Besserwisserei mancher Intellektueller steht. 

Jene »Vornehmheit« kommt auch in der stehen Betonung zum Aus- 
druck, die DG übe wie alle echt arische Religiosität Toleranz, achte 
die religiöse Überzeugung jedes Andersgläubigen. Man zitiert dazu — 
ein vornehmer Mann hat vornehme Ahnen — sowohl Aussprüche alt- 
indischer Kaiser wie Friedrichs des Grossen: »In meinem Land kann 
jeder nach seiner Fagon selig werden«. Ohne hier auf die geschicht- 
lichen Voraussetzungen der Toleranz einzugehn — bei Friedrich dem 
Grossen hängt sie wohl weniger mit seiner arischen Abstammung als 
mit der im dritten Reich verpönten Aufklärung zusammen ^ müssen 
wir sagen: »Die sogenannte Toleranz der DG ist einfach nicht echt«. 
Zwischenrufer in Hauerversammlungen werden genauso hinausge- 
prügelt wie in andern Naziversammlungen. Und neben der »vorneh- 
men« Zeitschrift »Deutscher Glaube« gibt es ein weniger vornehmes 
Kampfblatt »Der Blitz«, das gegen BK und KK noch schärfere Töne 
findet, als Göring und Frick. Als ein Beispiel der DG-Toleranz zitieren 
wir daraus das folgende Gedicht: 

Trotz alledem I 

Ob ihr mit Lügengiften Wir gehen unsre Wege 

Uns meuchlings morden wollt, Mit deutschem Männerschritt 

Ob es von Priesterzorne Und nehmen Euch die Schäfleiu 

In allen Tempeln grollt, — Aus Euren Tempeln mit! 

Ihr könnt uns nicht besiegen Wer hemmet die Lawinen, 

Mit Weihrauch und Geschrei. Wenn sie zu Tale ziehn? 

Euch retten weder Sprüchlein, Wer kann die Blumen hindern, ' 

Noch Judenxauberei. In ihrer Art zu blühn? 

Willi Schäfer. 
4. Aggressivität 

Schon im tiefsinnigen Reden verbirgt sich eine ungeheuer hohe 
Selbsteinschätzung, hinter der »Toleranz« steht die wütendste Aggres- 

85 



\ 



/ 



sion. Sie zeigt sich in der fieberhaften Organisations- und Versamm- 
lungstätigkeit (man lese bloss den Versammlungskalender im Reichs- 
wart) verbunden mit einer militärischen Disziplin. Man vergleiche 
folgende 

»Anordnung der Führung: 

1 Allen Gliederungen ist es untersagt, von sich aus Flugblätter im Namen 
der ADG zu veröffentlichen und zu vertreiben. Entwürfe sind zur Genehmigung 
iei dem Vorsitzenden der Geschäftsstelle vorzulegen.« 

deren Sprache zur wogenden Pathetik der sonstigen Äusserungen in 
seltsamem Gegensatz steht. 

Wer in so aggressiver Weise das Geschrei von allen Dächern organi- 
siert, dass der christliche Nachbar in der Stadt nichts mehr zu suchen 
liabe — denn das ist doch der Sinn der Rede, das Christentum sei den 
Germanen nicht artgemäss — kann nicht gut hingehn und sagen, 
dass er diesem Nachbarn im übrigen nicht zu nahe treten wolle, 
sondern seine Überzeugung durchaus achte. 

Auch die Ideale, die die DG dabei als Vorbilder anfuhrt, Ketzer 
und Rebellen aus 15 Jahrhunderten, zeugen von dieser Aggressivität: 
aber gerade in jener Heldenverehrung liegt wiederum etwas Unechtes 
und Krampfhaftes: Die meisten wirklichen Helden redeten wenig 
vom heldischen Gedanken, sondern traten in einer schwierigen, ja hoff- 
nungslosen Situation für die Sache ein. die sie als richtig erkannt 
hatten Wenn die DG mit der Duldung, ja dem Wohlwollen des na- 
tionalsozialistischen Staats den Kampf gegen das Christentum auf- 
nimmt so möge sie sich nicht auf Widukind oder Giordano Bruno 
berufen die ihre Sache unter etwas schwierigeren Umstanden ver- 
traten. Bruno endete auf dem Scheiterhaufen. Graf Reventlow, dem 
einmal (im März 1934) in seinem Reichswart ein sozialistischer Ar- 
tikel durchrutschte, gab eine feige Loyalitätserklärung ab, während 
der Verfasser des Artikels ins Konzentrationslager kam. Das ist das 
Heldentum in der Theorie und in der Praxis. 

5. Die zentrale Vorstellung der DG 
Was ist nun der Inhalt des neuen Glaubens, der mit so viel 
unechtem Pathos und echter Leidenschaft, solcher Geschäftigkeit und 
solchem Draufgängertum verkündet wird? Hauer formuliert ihn 
«inmal (DGl 1934, 2) so: 

^Erarifteitwerden von einer letzten Wirklichkeit, die alles trägt das Hinein- 
bezogenSen^n dfe schaffende Gemeinschaft mit dem Ewigen und das tapfere 
S^d vc^rrauens^^^ Jasagen zu seinen Forderungen an uns. Dies kann man von 
kdem echten Glauben sagen, aber jeder Glaube hat seine eigene Form. Diese 
fnts^ringraus einem besternten Seelentum, das seine Wurzeln m der rassischen 
Anlage hat. 

Dies »Seelentum« wird etwas später (S. 55) gefasst als 

*der religiöse Urwille des deutschen Volkes, der sich in den grossen Kündern 
^nd Gestaltern deutschen Wesens und Lebens geoffenbart hat ... Es gibt für uns 

S4 



n 



Sx 






1! 



-"öj?nxs-;"~ • . 



keine höhere Offenbarung der ewigen Wirklichkeit, als die im deutschen Raum 
und aus der deutschen Seele.« 

Wir sehen: Ein Etwas, das uns ergreift, das gleichsam aus einer 
andern Welt in uns einbricht; es das typisch religiöse Erleben, wie 
wir es im vorigen Kapitel besehrieben. Und darum ist die DG eine 
wirklich religiöse Bewegung, trotz des Einspruchs mancher christ- 
licher Theologen. Ganz nach Art der christlichen Mystiker suchen 
die DG-Leute für dieses Etwas beständig nach Worten, ohne ihr 
Erleben jemals genau erfassen zu können. Allerdings läuft »das 
Unsagbare« Gefahr, sich aus dem Ausdruck für etwas Echtes in die 
Phrase gespielten Tiefsinns zu verwandeln. Die Formlosigkeit, die 
Ablehnung aller gedanklichen Fixierung wird — teilweise aus dem 
Protest gegen die kirchliche Dogmatik geboren — selbst zu etwas 
Starrem, wenn sie Programm wird. ^ 

Endlich ist dies Unsagbare im Gegensatz zum Christengott etwas 
Unpersönliches: »Letzte Wirklichkeit«, »religiöser Urwille«, »Gott- 
heit« (nach einer Formulierung von Ekkehard im Gegensatz zum 
persönlichen Gott) . 

Doch ein starkes Empfinden knüpft sich nicht an leere Abstrak- 
tionen. »Das ewig Wirkliche kann gar nicht mit dem entweder-oder 
von bewusst oder unbewusst, persönlich oder unpersönlich be- 
schrieben werden, das sind Begriffe aus dem menschlichen Bereich. 
Göttliches Sein hat beides in sich und offenbart sich deshalb auf 
beiderlei Art.« (Hauer in DGI 1934, H. 10, S. 445). 

Die religiöse Macht, die ins Bewusstsein einbricht, ist aber nicht 
nur als etwas Abstraktes, Jenseitiges, überirdisches gesetzt, wie im 
Christentum, sondern zugleich als solches in der Diesseitigkeit, im 
Gefühl der Einheit von ich und Welt, ich und Natur, ich und Volk 
aufgehoben. Dieses von einem Gefühl des Strömens, der Hingabe 
begleitete Gefühl der Einheit ist etwas, das wir als Revolutionäre 
durchaus bejahen können. Es ist die Einstellung des innerlich ge- 
lösten, von Sexualhemmungen völlig befreiten, unmetaphysischen und 
amoralischen Menschen, der sich jedoch gleichzeitig in die Gesell- 
schaft einzugliedern vermag, in die heutige Klassengesellschaft, die 
auf Triebunterdrückung aufgebaut ist, allerdings nur mit revolutio- 
närem Protest. Wir glauben nicht, dass die DG-Leute in Wirklich- 
keit zu solcher Lebenshaltung fähig sind, dass vielmehr Hauer bloss 
ihre Sehnsucht danach ausspricht. Und diese Sehnsucht äussert sich 
ja in der Ideologie der DG auch nicht rein — sonst müsste sie sexual- 
bejahend sein, was sie nicht ist — sondern in mystifizierter Weise. 

Die Mystifikation liegt im Inhalt, mit dem diese Wirklichkeit 
erfüllt wird: Volk nicht als ein in Herrschende und Unterdrückte 
gespaltenes, dessen »Gemeinschaft« nicht schon verwirklicht sondern 
durch die Aufhebung der Unterdrückung erst zu schaffen ist. Trieb- 
hafte, oder wie die Sexualökonomie sagt vegetative Sehnsucht nicht 
als Sehnsucht nach Sexualbefriedigung sondern als Rauschen des 
arischen Blutes. 85 



' ■■■;■■ f^' '.''■.- ■ - ■■' ■; - ' ' • .* ' .' ' 



Sie liegt in der Form, in der diese .Wirklichkeit, eben doch als ■ 
fremde Macht erlebt und so aus einer wirklichen Wirklichkeit doch 
wieder zu einem .Mythus, entwürdigt wird. Es müssen a so 
Bindungen vorhanden sein, die ein wirkliches Strömen der vegeta- 
tiven Kräfte verhindern. 

Ein Aufsatz: »Treue als Kernpunkt deutscher Glaubensunter- 
weisung, von Friedrich Solger (DGl 1934, H. 12) führt uns weiter: 

.Wo liegt im Kinde der Kern, dea wir zum^Wachsen -u bringen haben, damit 
.es fähTg^eJde. ein Leben starken und -hten GUubens zu fuh ea ^^^^^^ 

Das G--;-^'=»'"-o-y;-::heU de; M^..^:?!. entzündet das Glaubens- 
der Treue lebt ...... D"^.f/ß^j3'f^''des Glaubens geht aus jener Urform des 

leben des Kindes ...... Das Wesen ^^^ ^'^ . ^ Eltemhause, mögen Liebe 

Glaubens im Kinde hervor ...... ^'"/"f *^° •>;^'d*ass es zwecklos wäre, sie von 

und Treue so eng miteinander verbunden .emda^s^s --^^^^^^^^ ^,^^^ ^^^ 

einander sondern zu wollen Jf^r^i. uns eeht Treue fordert immer letzthin 

bundenheit, die aus der Vergangenheit mit uns gelit. ireue lo 

Artverbundenheit.€ ^ i, • 

Hier enthüllt der götlliche Urgrund sein menschliches Geheimnis: 
Es fst die Gestalt der Mutter, wie sie in der bürgerlichen Fam.he das 
KinH »n sich bindet wobei die Unterdrückung der genitalen Sexualität 
^l Bindunt V rew igt und vor allem mit Schuldgefühl belastet (denn 
das K?nd darf 7a nicht, wie es gern mochte die Mutter sexuell be- 
ihren"') Und all die symbolisch-mystischen Ausdrucksformen die 
dte DG für das Göttliche findet, erweisen sich durch <>'» 8""^ als 
tibHche b- Muttersymbole: Ob es nun ■>" - f '^"^.«/f/'"'':^ 
ist, der das Schiff an sich zieht (Reventlow .Wo ''' G°"„' ^ .S»»). °b 
es der Urgrund alles Seienden ist, aus dessen .ewigem Grund ... die 
Welt und alles Lebendige als eine Formwerdung göttlicher Ge- 
Xuungskräfte geboren ...wird (Hauer DG. '«^ • JO • °f r "b - 
die über allen griechischen Göttern waltende Ananke ist, m der 
Hauer nordischen Glauben verkörpert sieht: All das ist genau so 
Ausdruck für die Liebesbindung an die Mutter wie die Hingabe an 
Ätur, das romantische Naturgefühl, das die DG pflegt vgL dazu 
den ersteh Teil des Zitats S. 82 - er stammt von Hauer!).») Und es 
passtlut .u diesem Bild, wenn Reventlow in seinem Buch in der 
Kraft die uns zu dieser verborgenen Mutler treibt den platonischen 
Ero wredertindet. Aber warum wird die Mutterbindung hinter diesen 
unnerstalichen Symbolen verborgen? Einerseits drucken sich die 
veTlativen Kräfte die gehemmt sind, gern in Bildern von etwas 
„ , . ^^„ bonn TTipUtpns nicht die Selbstbeobachtung 

öi. klinischen Beobachtu-gen der AnalyM,. ^ 

-.) ,„ diesem ^"»«jr=°^»"| »^°'ä, ,°^lt„rrrLhen Religion, erfolgte. 

86 






?:rÄ.;'--.v (O;/,;;:"-, 



r- I 



Grossem, Verschwommenem, Unerreichbarem aus. Das Gefühl der 
Ferne, Unerreichbarkeit, des Geheimnisvollen entspricht der unmit- 
telbaren Wahrnehmung, dass die vegetative Sehnsucht des sexuell 
gestörten Menschen nie wirklich befriedigt werden kann. Ferner 
spricht sich aber darin wohl ebenso die Skepsis des naturwissen- 
schaftlich gebildeten modernen Menschen aus, dem eine zu massive 
Gottesvorstellung unerträglich ist. wie der Stolz des patriarchalisch 
erzogenen Mannes, der sich wohl einem männlichen Gott unterwerfen 
kann, nicht aber einer Göttin.^) 

6. Wie wirkf sich die religiöse MuHerbindung aus? 
a) Sündenlehre und Moral. 
Die aktive, »heldische« Lebenseinstellung, das Gefühl des Ge- 
borgepseins bei einer unpersönlichen Mutter führt zur schärfsten 
Ablehnung der christlichen Sündenlehre ;2) diese ist ja, wie wir oben 
sahen nur sinnvoll, wenn sexuelle und aggressive Regungen gleich- 
massig gebrochen worden sind. Doch der aggressive »Held« kann sich 
nicht dauernd seiner Aggression schämen und sich zerschlagen und 
sündig fühlen. Er weiss zwar von Schuld, aber auch von ihrer Suhnung 
durch die Tat (um diesen banalen Tatbestand in der pathetischen 
Sprache der DG auszudrücken). 

Der religiös stärker an die Mutter gebundene Mann kann auch 
nicht die Sehnsucht nach der Frau in gleichem Masse als gefährhch, 
erniedrigend, sündig ausehn, wie der von der Angst vor dem rächenden 
Vater beherrschte Christ.^) 
1) Bei dieser Gelegenheit können wir den Unterschied der sexualö^konomischen 
^ und der ökonomistisch-marxistischen bzw. der ^.^^"^^1'^^^^^,'' y,f!^Ztn 
tungsweise zeigen. Der ökooomistische Marxist wurde sich damit begnügen 
die Ideologie der DG als Mystifikation im Interesse der herrschenden Klasse 
zu enüarven, der Psychoanalytiker, sie als Mutterbindung symbolisch zu 
deuten und auf kindliche Erlebnisse (Ödipuskomplex) ^."y^^»""^"];^?,^;^^^;^ 
Sexualökonomie zeigt die Einheit von aktue le^m, g-g«"^^"\^^f ?^^ J"^^iXjt . 
und seiner Formung. Bestimmtheit durch Bindungen aus Jer V^/^^^^^^^j"^: 
sie zeigt die Einheit von Gesundem. Revolutionaren und Krankem. Reaktio- 
närem In dieser Einheit schlagen die Gegensätze memander um, sie ist eine 
dialektische. - , 

2> Wohl ist die Mutterbindung auch in die christliche Lehre einbezogen als 
MaHenverehrung. Doch diese trägt im Gegensatz zur im ganzen weltzuge- 
w^ndt Iktiven Lltung der DO einen schwärmerischpassiven Charakter Jm 
Zusammenhang damit vergesse man auch nicht, dass die DG in protestanti- 
schen Gegendel wo die Kirche der *Muttersehnsucht« keine Rechnung tragt. 
mehr Anhang findet, als in katholischen. Hauer ist nicht umsonst Ursprung- 
lieber protestantischer Theologe. 
3) Wenn wir die Sache aus der Perspektive des kleinen Jungen zu sehn ver- 
' TuXn Se% de^ Erwachsene unbawusst mit sich trägt so konnten wir uns 
die Sache so vorstellen: Der kleine Junge, der vor allem den Vater turcntei 
und auch liebt, verletzt mit jeder Liebesregung der ^*-"er gegenüber n feiner 
Vorstellung die väterlichen Rechte. Der bloss bzw. starker an die Mutter 
gebund ne darf sich mehr erlauben: Natürlich keine genitalen Reg^nge^ - 
Auch historisch ist die Sündenlehre mit der Vorstellung von Gottes Zorn 
verknüpft: Man lese nur das erste und -«ite Kapitel des Römerb^^^^^ 
siebentes die oben zitierte klassische Formulierung der Sundenlehre enthalt. 

87 




,„ dieser Sehnsucht wird anerdings '='''» f"des nur die Fcrt- 

sr-s: st^^sf n^rrcÄ't r.f a;. vo.ie..n. 

von to Sündigkeit des F'e-ches "nv^r'^gUch^ ^^^ 

Was die *"ff""^.:™it1nchkeT in Hauers Buch .Deutsche 

über g«™«°''<='^:''™'r'';.,f'^* Seite ^"^ d'' landläufige bürger- 
Gollschau« lehrreich. Auf der e menbeite wi abernommen: 

„che Moral in -'^-— ^^n" ^rf ^^ rden n,it Leidenschaft 
^T^k ^r AufSbrnntfehU die Ehe. Statt dessen heisst es: 

X- •,• r„t ni,. Ehrfurcht vor ihr schützt den Menschen 

Oas ist in. vergleich - ^ ^J^ ^r^l^Xfr^^e^s" 
reicMich vieldeutig. Aber zudem "i°;^^/ "f "^'^j^^^ Herkunftc durch- 

^^^"r>:"/^tTu;r^"tn r^ L" tL^n mr aUe zeit 
gesetzt haben^ *^"t "i,d im ständigen Werden neu erspürt.. Also 
gefangen werden: es ^^"^^ »"^.."'^^^^e Art Selbstregulierung - 
statt der moralischen Reguherung eine ^^^^ 

natürlich aus dem Bewusstsem der .Artung, heraus, u 
zum Schluss 

,,- u *„„ WnlVn des Volkes entspricht, nicht gut, was 
jGut .... das, was dem höchsten Wollen des 
diesem Wollen zuwiderläuft.« 

Hier ahnt Hauer -^^^^l^^^tJ^jT^ "^^^ 

Krterngr ZaSen^U^'. "chlichen Lebens durch die 
Selbststeuerung. 

h) Stellung zur Frau and zum Geschlechtsleben. 

DJ üieuuiiy "- Gerade auf dem Glaubens- 

.Eine der schlin^n^sten yerfälsehunßen ch^. s>^^^ ^^^^ .^ 

gebiete verheerend -"«f ^''■»'^ J^*;^*f „^^J GeS^fe des Mannes ist und Mann und 
den. Während sie nordisch K*™"^^" Miteinander eine Ganzheil bedeuten, von 
Weib erst durch das B«'"°;"f",5°^hei veränderen gleich wertvoll ist: ^..^. 
der jeder Teil trotz ^^'""ZlnS^^^n^r iuhezug auf den Mann, dem s>e gehört. 
ist sie vorderasiatisch «tf ^%"" X °"^ dem »guten Geist* des Mannes wider- 
L übrigen aber das >bose Fleisch«, ^as dem^ß ^„^ ^.^ ^^ ,i„en möglichst 

streitet Und wüstenland.sch ^^f ^^f^ „Vert ;n sich hat sie, sondern nur 

hohen Preis zu erzielen gilt •; -. ^.''^^ "° ^^^ ausgewachsen ist und also ihren 
Jls Besitzstück des Mannes S- hat wenn sie g^^. ^^.^^ Möglichkeit aus 

Wert als Ware erreicht hat. kerne E^"^^^°^^J J entwickeln.« (Friedrich Prinz 
sich selbst heraus «'f ^j^ .^J^^yortrag geha Uen auf der Arbeitswoche der Deut- 
zur Lippe: *Rasse «"«^^^laube« Vortrag ge ^^. ^^^^^ ^^.^^ 27.) 
sehen Glaubensbewegung in bcharzieia ai" 

^drtck'unrderTaTr'seirr n.e'Lr oder minder offen ausgespro- 



88 



ebenen Parole: »Heraus mit der Frau aus dem Erwerbsleben, zurück 
hinter den Kochtopfk. zur Ausschaltung der Frau aus Berufsleben 
und Hochschulstudium, zu ihrer Degradierung zur Haushalts- und 
Gebärmascbine; denn das ist der wirkliche Sinn der Phrase, die Frau 
solle ihrem wahren Beruf als Hausfrau und Mutter wiedergegeben 
werden. Es ist kein Zufall, dass gerade die der heidnisch-rehgiosen 
Bewegung nahestehende Zeitschrift »Die deutsche Kämpfenn<< im 
Namen des nordischen Frauenideals scharf gegen diese »judisch- 
orientalische Erniedrigung der Frau, protestiert hat, dass sie die 
Ausschaltung der Frau aus dem Berufsleben ebenso angriff wie die 
Wiedereröffnung von Bordellen in Hamburg und im Rhemland 

Dennoch ist die Hochschätzung der Frau in der DG nicht von 
Sexualbejahung bestimmt sondern bloss von der Bejahung der Frau 
als Mutter (was ja der religiösen Zentralvorstellung entspricht) und 
dementsprechend von einer Bejahung der Fortpflanzung. Allerdmgs 
einer so radikalen Bejahung der Fortpflanzung, dass man sich aanei 
sogar über die bürgerliche Ehe hinaussetzen kann. Dabei berührt sich 
die DG mit den Bestrebungen mancher nationalsozialistischer Staats- 
politiker, die unehelichen Kinder den ehelichen gleichzustellen. Doch 
es scheint ein Gefühl dafür vorhanden zu sein, dass man auch hier 
noch nicht stehen bleiben kann, wenn man sich erst einmal auf dieses 
Gebiet eingelassen hat. Ein schönes Beispiel dafür ist Hauer^s Aufsatr 
über .Liebe und Ehe aus letzter Verantwortung^^ (abgedruckt m 
»Deutsche Gottschau« S. 258 ff.) ; er ist voll von Widersprüchen. 

Die christliche Sexuahdeologie wird abgelehnt: 

»In diese Weltzukehr aus Glauben gehört auch die Umwertung i«^ Bereich' 
»in diese weiizuKe Sündhaften und Geistwidrigen, das dem 

^USiUichen^eit de! ESuch ^de. chH.tUchen Weit in unsern Bereich an- 
haftet, ist weggenommen.« 

Aber sogleich bekommt der idealistische Kulturphilosoph Angst.. 

i. #;™T«tA nf^istesrichtunE das Geschlechtliche seines 
sierung preisgab, wodurch es zu^inerArms^i^^^^^^ - 

SSsciS;/r^fSsir^&eS:t^a^U ihren Beziehungen erschaut.« 

Würde Hauer damit bloss meinen, dass die blosse Bejahung der 
sinnlichen, körperlichen Geschlechtsbeziehung bei Unfähigkeit zur 
zärtlichen ebensowenig sexuell gesund sei wie die moralische Ge- 
hemmtheit, so könnten wir mit ihm einig sein. Aber er meint etwas 
anderes. 

.Jeder Trieb trägt in sich das Muss zur Verantwortung. In ihm r^^^ 
abgründiger Wille, so im Geschlechtstrieb der Wille zum Kmd Wer ^lesen^^men 
verneint, versündigt sich am Willen der Natur. Sie aber wird sich rächen.« 

Hauer belastet hier den Trieb mit einer moralisch begründeten 
Zweckvorstellung. Interessant ist es, wie er diese moralische Ver- 
fälschung des Triebbegriffs etwas später rationalisiert: 

»9 



|i|<|i lu Jiii.ifiii™ .'f*ifr!iH>V^} 



»Das tiefste Glück, die letzte Vollendung der Umarmung bleibt versagt, wenn 
die mngabe nicht restlos, frei von Überlegung und Vorsichten geschehen darf.. 

Richtig ' Aber das ist, wenn man kein Kind wünscht, nur dann 
der Fall - sobald man über die Technik der Empfängnisverhütung 
nicht genügend Bescheid weiss, was aber von einem Indologen auch 
nicht ohne weiteres zu erwarten ist. 

Auf der andern Seite hat aber Hauer eine ganz richtige Auf- 
fassung vom Wesen der geschlechtlichen Vereinigung. 

geben sich absichtslos diesem Sein hin.« 

Darum will Hauer auch die uneheliche Verbindung nicht nach Art 
der Kirche und der bürgerlichen Moral verbieten. 

.An und für sieh, von der L^e ^^J^^^^^S^JTl:^^^ 
^^^ "ifr^e? ss^ re^igiösTX nung^^es^ Menschen, die nicht geehlicht 

ausserlich getasste religiöse f Aürfi-n auch wenn sie einander lieben, dass 

sind. -<=i,-,<=l^t„^.y:;:^/^G"tTdrige^^^ affentliche Meinung des 

das unehliche Kind ^twa^^ J^°^ J^f^^^j, Haltung des Staates, die sich in seinen 
SutrausSrsie^rdu^^ auf der Seite dieses Urteils. Dagegen müssen 

wir uns aus unserer Haltung wehren.« 

Aber zugleich muss auch .ein starker Wille zur sittlichen Verant- 
wortung. vorhanden sein, es muss sich um .reife Menschen, handeln 
Tnd .wer die Vereinigung in der Liebe bejaht, der musste reif sem 
für das Kind.. Wozu von unserm Standpunkt zu sagen wäre: Auch 
wTr w' sen. dass besonders bei der Auflösung der traditionellen Moral 
Rohel en und Rücksichtslosigkeiten in der Beziehung der Geschlechter 
vorkommen können. Aber wir suchen ihnen nicht mit der Mora - 
nauke nicht mit Begriffen, wie Reife und Verantwortungsbewusst- 
Äirkolimen, sondern die psychologischen Ursachen die Praxis 
der gesamten sexualverneinenden Erziehung zu erkennen, di. so ehern 
Verhalten zu Grunde liegen. Und was das Kmderzeugen betrifft, so 
meinen wir. dass gesunde Menschen eine natürliche Freude an 
Kindern haben und sich welche anschaffen werden, wenn sie öko- 
nomisch dazu in der Lage sind: Dass man aber keinen wie immer 
gearteten moralischen Druck in dieser Hinsicht ausüben darf, so wie 

"^"und^die"" Ursachen der ganzen Misere? Richtig sieht Hauer, dass 
unsere Liebes- und Ehenot letzten Endes in der Liebesunfähigkeit 
wurzelt in der Hemmung vieler Menschen, einander wirklich hin- 
zugeben Aber er erwartet Abhilfe von seiner völhgen Erneuerung 
aus tiefsten Kräften., statt nach den gesellschaftlichen und psycho- 
logischen Ursachen dieser Liebsunfähigkeit zu suchen, und sie m 

90 



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einer Erziehung zu finden, die nicht nur das sexuelle Leben der 
Kinder unterdrückt (von dem Hauer natürlich nichts weiss), sondern 
das sexuelle Leben der Menschen überhaupt erst mit dem 20. — 23. 
-Jahr beginnen lässt. Vorher sei der Mensch nämlich nicht reif. Da 
sei Enthaltsamkeit geboten und zwar schon aus physiologischen 
Gründen, 

da die Kräfte des Zeugungsorgans nötig seien zum Aufbau des Körpers, und 

für gewöhnlich dieser Prozess für den Mann nicht vor dem 23. und für das 

Mädchen nicht vor dem 18. — 20. Jahr abgeschlossen sei. (Was natürlich rein 
medizinisch gesehn Unsinn ist. Gesund ist allein ein möglichst befriedigendes Ge- 
schlechtsleben von Kindheit an, mit voller geschlechtlicher Vereinigung vom 
zeugungsfähigen Alter angefangen, der Ref.) 

Wir haben dieses Erziehungssystem mit Hauers eigenen Worten 
beschrieben, der es voll bejaht. 

Doch die Massen strömen zur DG, weil sie dort etwas vermuten, 
was an ihre Sehnsucht nach Triebbejahung anklingt. Vgl. den Bericht 
über Hauers Sportpalastrede (nach »Basler Nachrichten« 27./28. 
Mai 1935). 

»Für die DG sei die Ehe der Ausdruck der heiligen Liebe zwischen Mann und 
Weib, die nicht erst in eine besondere Heiligkeit hineingetaucht werden müsse. 
Hier gab es besonders starken Beifall, denn das sind Dinge, die eine Zuhörerschaft 
im Sportpalast am leichtesten begreift.« 

c) Schicksalsglauben. 

Der Ablehnung der Sündenlehre für das persönliche Leben ent- 
spricht der Übergang von der Vorstellung eines göttlichen Weltregi- 
ments zum Schicksalsglauben. 

In der Familie unserer Gesellschaft übt der Vater durch seine Be- 
rufsarbeit und durch seine Anweisungen und Anschauungen einen 
mehr bewussten Einfluss auf die Kinder aus, während die Mutter mehr 
unpersönlich, durch ihre gefühlsmässige Einstellung, durch ihr 
ganzes Wesen, die »Atmosphäre«, die von ihr ausgeht, das Schicksal 
der Kinder bestimmt (Ursache: Stärkere Unterdrückung der Frau, 
die die Entwicklung ihres Denkens und bewussten WoUens be- 
hindert). Im Glauben, in der Hingabe an ein unpersönliches Schicksal 
finden wir also die religiöse Mutterbindung wieder. 

Praktisch kann dieser Schicksalsglaube mancherlei bedeuten. Wir 
heben heraus: Amoralische Hingabe an den Drang in unserm Innern; 

»Nur wer wirklich in seinem innersten Wesen flutet und bewegt wird, wer 
also aus dem Unbewussten heraus lebt, steht dem Schicksal nahe.« (DGl 1935, 
S. 11.) 

Oder auch eine gewisse Gleichgültigkeit gegen die Aussenwelt, 
bzw. die reaktionäre Herabsetzung der Tatsachen des gesellschaft- 
lichen und wirtschaftlichen Lebens zu einer Wirklichkeit zweiten 
Ranges: 

91 



^■- 






d) Blut- und Rassenlehre. 
Reich hat in seiner Massenpsychologie gezeigt, was der national- 
sozialistischen Vorstellung von der Höherwertigkeit der nordischen 
und ihrer »Vergiftung« durch die minderwertige jüdische Rasse vor- 
wiegend zu Grunde liegt: 

»Die Weltanschauung von der »Seele« und ihrer »Reinheit« ist die Welt- 
anschauung der Asexualität. der sexuellen Reinheit, also im Grunde eine Er- 
scheinung der durch die patriarchalische und pri%'atwirtschaftliche Gesellschaft 
bedingten Sexualverdrängung und Sexualscheu.« (Massenpsychologie S. 129.) 

Die historische Entwicklung, die mit dem scheinbar »rein Ökono- 
misch« erklärbaren Boykott jüdischer Geschäfte begann und mit dem 
immer stärkeren Hervortreten der Streicherschen Pornographie und 
der Judengesetzgebung vom September 1935 vorläufig abgeschlossen 
ist, haben ihm gegenüber dem Ökonomismus in allen Punkten Recht 

gegeben. 

In unserm Zusammenhang interessiert es uns, welche besondere 
Rolle die Rassenlehre in der DG spielt. Es zeigt sich dabei, dass 
weniger die Judenfresserei oder die Phantasie vom blondhaarigen, 
blauäugigen, langschädligen nordischen Edelmenschen im Vorder- 
grund steht, sondern mehr die Vorstellung der Artverbundenheit, der 
rassischen Geprägtheit und Bedingtheit des »religiösen Urwillens«.i) 

1) Wenn dazu das Goethewort von der »geprägten Form, die lebend sich ent- 
wickelt und keine Zeit und keine Macht zerstückelt«, zitiert wird, so tut man 
damit Goethe, dem Kosmopoliten, sehr unrecht, der dabei nur an die »an- 
geborne Kraft und Eigenheit« des Individuums dachte (wie er selbst sagt), 
dem aber der Gedanke an einen besondern Wert der rassischen Reinheit 
ganz fern lag. Überhaupt fällt es der DG natürlich leicht, aus der deutschen 
und europäischen Geschichte Ahnen für ihre »heldische Haltung«, für ihre 
unpersönliche Gotlesvorstellung und Protest gegen das kirchliche Christentum 
zu beschwören ;■ es würde zu weit führen im einzelnen auf diese »Ahnen- 
macherei« einzugehen. Denn »Ahnenmacherei« kann man es insofern nennen, 
als das wesentlichste Stück, die Vorstellung von der rassischen Bedingtheit^ 
bei all diesen Vorläufern fehlt, 

92 



»Alles, was den Menschen nur in seiner äusseren Existenz betrifft, in seinemi 
materiellen Sein, was er also an den ausgesprochen mechanischen Funktionen 
und Verflechtungen des Gesellschaftsapparates tut, oder was diese an ihm tun, 
ist noch kein Schicksal, sondern bestenfalls Geschick, kein wirkliches Geschehn 
sondern nur Ereignis.« (DGl 1935, S. 11.) 

Er kann ein »Gefühl unendlicher Geborgenheit in dem gewaltigen. 
Getriebe des Daseins« (Hauer DGI 1935, 9) bedeuten, d. h. unmittel- 
barer Ausdruck der religiösen Mutterbindung sein. Er kann zur 
kritiklosen Bejahung der bestehenden Verhältnisse werden, was na- || 

türlich Aktivität im Rahmen dieser Verhältnisse nicht aus — sondern 
geradezu einschliesst. Das ist der politische Sinn, des von der DG 
gepredigten »Gläubigen Jasagens«. AVir stellen uns der Welt wie 
sie ist, nicht wie wir sie erträumen« umschreibt Hauer an anderer 
Stelle den Schicksalsglauben und meint mit Erträumen wohl nicnts 
Anderes, als das revolutionäre Verändern. 



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?A-.k--,_^.,^„,::afaj..^.^^.^afr— "- - 






Die Artverbundenheit ist die Heiligkeit des Blutes. 

» in ihm rinnt das Wallen und Schaffen der Ahnen heilige Schauer 

■ergreifen uns bei dieser Betrachtung; eine tiefe Ehrfurcht zwingt uns, die Ahnen 
in uns zu ehren, sie die gegenwärtig sind, uns zu lenken und zu richten. Eine 
strenge Liebe bindet uns an jene lange Reihe derer, denen wir durch Blut ver- 
bunden sind das Blut im tiefsten Sinn gefasst, die tragende Urgewalt des 

Lebens.« (Hauer, Deutsche Gottschau S. 45.) 

Hier erweist sich die Rassenlehre als eine neue Seite der Mutter- 
bindung. Die Beziehung der »Artverbundenheit« zur Mutterbinuung 
liaben wir schon oben festgestellt. In diesem Zusammenhang erin- 
nern wir uns auch der Göbbelsschen Sätze (zit. Massenpsychologie 
S. 93): 

»Wenn jemand Deine Mutter mit der Peitsche mitten durchs Gesicht schlägt, 
sagst Du dann auch: »Danke schon! Er ist auch ein Mensch!?« Das ist kein 
Mensch, das ist ein Unmensch! Wieviel schlimmeres hat der Jude unserer Mutter 
Deutschland angetan und tut es ihr heute noch an!« 

Uiid die Behauptung, dass wohl »die- Angehörigen eines rassischen 
Bereichs in der Gedankenwelt eines andern unterzutauchen ver- 
mögen«, dass dies aber »nicht ohne Gefahr und schwersten Schaden 
geschieht« (Hauer, DGl. 1934, H. 9, S. 393) ist rational sinnlos, aber 
verständlich, wenn wir uns den kleinen Jungen vorstellen, der mit 
krankhafter Zärtlichkeit an seiner Mutter hängt und sich hinter ihre 
Schürze verkriecht, wenn ein Fremder in's Zimmer kommt. Doch 
jene Zärtlichkeit des kleinen Jungen ist gemischt mit Schuldgefühl 
(das, wie wir aus den Analysen wissen, daraus stammt, das der Junge 
alle Hassregungen die er etwa gegen die Mutter hatte, unterdrücken 
musste). So wird aus der natürlichen Beziehung auf einmal eine 
pflichtbetonte, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse, die an 
sich eine Naturgegebenheit ohne besondern Wertakzent ist, wird zur 
»heiligen Verpflichtung«. Auf den unterdrückt sexuellen Charakter 
dieser Bindung weist aber der Gebrauch des Blutsymbols hin. Das 
Gefühl des roten, heissen, strömenden Bluts klingt an orgastische 
Empfindungen an. 

Hauer gibt, wenn auch verblümt, den irrationalen Charakter der 
ganzen Blut-Rassenlehre zu. Die Resultate der Rassenforschung 
beruhen »mehr auf einer intuitiven Zusammenschau, als auf blossen 
Schlussfolgerungen. Es gehört zu dieser Forschung eine innewoh- 
nende Urteilskraft, die mit dem Gegenstand eng verwandt ist.« 
(Gottschau S. 50) Ferner meint Hauer, dass in jedem Menschen 
»rassische Urelemente schlummern aus einer Zeit, als die Rasse, der 
er angehörte noch eingebettet war in die früheren Formen der 
Menschheit. Denn die Rasse ist nicht fertig aus dem Boden ge- 
sprungen oder vom Himmel gefallen. Sie ist geworden in Jahrtau- 
senden und Jahrzehntausenden.« 

Aus diesen Überresten aus einer rassischen Urzeit erklärt Hauer 
in der Folge den erstaunlichen Erfolg der Neger- und Jazzmusik kurz 

^ 93 



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nach dem Krieg (I). Für die Möncherei des Mittelalters wird die 
vorgeschichtliche Verwandtschaft der diaarischen Rasse mit der 
vorderasiastischen, der ostischen mit der orientalischen verantwort- 
lich gemacht. Wenn man auf diesem Weg weitergehl, kann man mit 
Hilfe der Rassentheorie auch den Marxismus als eine urdeutsche 
Erscheinung erklären ; denn zur Hälfte handle es sich um Gedanken des 
Ariers Hegel, in denen der Jude Marx »untergetaucht« sei, die andere 
Hälfte falle auf die vorgeschichtliche Verwandtschaft etc. Wir können 
an diesem Beispiel sehn, wie die Rassenlehre einem immerhin klugen 
Kopf, wie Hauer, zu einem »Geheim Verwickelten« wird (wie er sagfT, 
um das sich primitivere Gemüter, wie Streicher, wenig scheren 
dürften Sie lauft Gefahr, sich in ein Nichts aufzulösen, wenn man 
nicht, wie Hauer zum Schluss die Überlegenheit und Vorbildlichkeit 
der nordischen Rasse einfach dekretiert (Gottschau S. 52—53). 

In der Rassenlehre liegt übrigens auch ein Quell für die un- 
bedingte Bejahung der Vermehrung der :»Art<r, mit der man »ver- 
bunden« ist — selbst über die Schranken bürgerlicher Ehemoral 
hinaus. 

7. Soziale Zuordnung 

In der DG ist — wie im Nationalsozialismus überhaupt — subjektiv^ 
Revolutionäres und Reaktionäres gemischt: Revolutionär ist der 
Drang nach Echtheit des Empfindens, die von allen angelernten 
Glaubenssätzen und -phrasen wieder zu ursprünglichem Erleben 
drängt, ist die Sehnsucht nach amoralischer Hingabe an das Lebens- 
gefühl'in uns, die Bemühung, sich in Widerspruch gegen alle Dog- 
matik auf den wirklichen Mensehen zu besinnen; i) revolutionär ist 
die Bejahung der aktiven Lebenshaltung, die sich im Diesseits zu 
bewähren hat. Revolutionär ist der Protest gegen die bürgerlich- 
christliche Einschätzung der Frau, ja des Körpers überhaupt: Aber 
hier meldet sich bereits die reaktionäre Umbiegung all dieser 
Strebungen. Nicht die Frau als Mensch wird voll bejaht sondern nur 
die Frau als Mutter, nicht die sexuelle, genitale Liebe sondern nur 
die Fortpflanzung. Nicht der wirkliche Mensch in seiner materiellen 
und sexuellen Not wird anerkannt sondern nur der rassenbewusste 
Arier. So echt die Sehnsucht und auch die Erlebnisse des rauschenden 
Blutes sein mögen: Sie finden keine Verbindung zur sozialen Wirk- 
lichkeit. So revolutionär der aktive Einsatz gemeint sein mag: Durch 
die Begriffe der Volksgemeinschaft, der Rasse, der Ehre verbaut er 
sich den Weg zu jener wirklichen revolutionären Aktivität, die der 



1) Dabei fällt einem Feuerbach ein, der mit ähnlich leidenschaftlichem Pathos 
den wirklich sinnlichen Menschen in den Mittelpunkt seiner Philosophie stellte, 
wie die DG den für jeden spürbaren »religiösen Ürwillen«: Und dabei doch 
— wie Marx in seinen Thesen zeigte — nicht soweit ging, die wirklich sinn- 
liche Tätigkeit, d. h. die materielle Produktion aufzudecken, sondern in einer 
abstrakten Sinnlichkeit stehen blieb. Ein ähnliches Gefühl hat man, wenn 
die DG von »Wirklichkeit« und »Lebendigkeit« redet, ohne die konkreten 
Bedingungen dieser Lebendigkeit zu erwähnen. 

94 



¥ 



heutigen Gesellschaft gegenüber nicht anders als kritisch eingestellt 
sein kann, übrigens fehlt in der Literatur der DG die Verherriichung: 
der Autorität, des blinden Gehorsams und des Führergedankens — 
bei aller Loyalität für Hitler selbstverständlich. Dies scheint für daa 
Vorwiegen der subjektiv revolutionären Tendenzen zu sprechen. 

Doch aus all/ diesen Gründen erklärt sich der scharf« Gegensatz: 
gegen Kirche und Christentum. Aus den verschiedensten Schichten 
der deutschgläubigen Struktur fliesst der Protest gegen das Christen- 
tum zusammen und fast immer sind es die subjektiv revolutionären 
Tendenzen in der DG, die gegen die reaktionären der Kirche pro- 
testieren. Die Lebensferne des alten Testaments in Beziehung «üt 
unsere Gesellschaft widerspricht dem Wunsch nach Echtheit und 
Ursprünglichkeit, die Verherrlichung des Leidens und Dienens der 
Aktivität, sein moralischer, handfester Gott-Vater dem Weltbild des 
modernen Menschen ebensosehr wie der Sehnsucht, im Strome des 
Naturgeschehens mitzuschwingen. Seine Auffassung der Frau, seine 
Verketzerung des Fleisches widerspricht dem natürlichem Emp- 
finden der DG-Leute — wenn auch sie von bürgerlichen Vorurteilen 
auf diesem Gebiete nicht frei sind. 

Doch nun dreht sich die dialektische Schaukel um: All diese z-üge 
des Christentums werden unter dem Begriff des »Jüdisch-orientali- 
schen« zusammengefasst und ihm nun vom reaktionären Rassen- 
standpunkt, von der engstirnigen »Deutschland, Deutschland über 
alles «-Ideologie aus d^r Krieg gemacht; man lasse sich da durch die 
vornehmen Formulierungen Hauers nicht täuschen, der ja auch sonst 
— 2. B. in seinen Anschauungen über Liebe und Ehe oder in seiner 
Interpretation der Rassenlehre — den nationalsozialistischen Durch- 
schnitt weit überragt. 



8. Materialistische Erklärung 
Dem überwiegen subjektiv-revolutionärer Elemente in der Ideo- 
logie der DG entspricht ihre Verbreitung innerhalb der SA und der 
Jugend überhaupt. Dass man aber darüber hinaus versucht, den Weg 
zu den ehemaligen marxistischen Freidenkern zu finden, zeigt der 
Kampf, den besonders Reventlow im »Reichswart« gegen allen Druck 
zu religiöser Betätigung oder Kircheneintritt führt. Einen solchen 
Druck hatte der reaktionäre Flügel der N. S.D. A. P. besonders am 
Anfang der Machtergreifung ausgeübt. Lehrer, Kommunalbeamte etc.. 
beeilten sich, den Verdacht des »Marxismus« abzuschütteln, der mit 
dem Kirchenaustritt verbunden war. Gegen diesen Druck wandte 
sich die DG und auf ihre Initiative erliess Hess im Oktober 1933 den 
bekannten Erlass, der die Glaubens- und Gewissensfreiheit garantiert; 
'praktisch kam dieser Erlass hauptsächlich der^völkischreligiösen Be- 
wegung zu Gute, während man ihn, was die Kirchen betrifft, wie 
wir oben sahen, umgeht. Durch Veröffentlichung jedes einzelnen 

95 






* 



A^^ 



Falles, wo in Hinblick auf Kirchenzugehörigkeit irgend ein Druck 
ausgeiibt wurde, trat Reventlow für die Interessen der Nichtchristen 
ein Allerdings natürlich nicht im atheistischen Sinne. Aber viele 
Freidenker sind ja niemals wirklich areligiös gewesen, sondern hatten 
den Gottesglauben auf dem Wege über die Beschäftigung mit der 
Naturwissenschaft durch eine romantische Naturverehrung ersetzt, 
die in astronomischen oder biologischen Liebhaberstudien ihre 
Nahrung fand. An solche Naturverehrung fällt der DG mit ihrer 
Naturmystik die Anknüpfung leicht. Und sie versucht diesen, durch 
die nationale Revolution geistig heimatlos gewordenen Menschen be- 
wusst eine neue Heimat zu geben. 

Und es ist gewiss kein Zufall, dass gerade Reventlow das Pech 
passierte, dass in seinen Reichswart xMärz 1934 ein Artikel hmem- 
rutschte, der unter der Überschrift »Wir sind doch ganz allem« auf- 
zeigte, dass der nationalen Revolution noch eine Hauptaufgabe be- 
vorstehe: Nämlich die Enteignung der Bank- und Börsenfürsten. Der 
»Reichswart« wurde daraufhin verboten, doch Reventlow erkaufte sich 
die Erlaubnis zum Wiedererscheinen durch eine loyalitätstriefende 
Erklärung, wie wir bereits oben kurz erwähnt haben. 

Doch der Hinweis, dass es sich bei der Mitgliedern der DG haupt- 
sächlich um proletarisierte Kleinbürger handelt, gibt bloss eine ganz 
allgemeine Erklärung dafür, dass sich in ihren Reihen so starke 
subjektiv-revolutionäre Tendenzen entwickeln konnten. Doch wir 
verstehen damit noch nicht die Form, die diese Ideologie in unserm 
besondern Fall annimmt und auch nicht, warum besonders die Jugend 
von dieser Form angezogen wird. 

Das Folgende soll bloss der Versuch einer sexalökonomischen 
Erklärung sein, die auf diese Fragen Antwort gibt. Doch ein Versuch, 
selbst wenn er unvollkommen ist und Irrtümer enthält, kann vielleicht 
dem die Arbeit erleichtern, der unter besseren Bedingungen, als wir 
die Erforschung des Neuheidentums fortsetzt. , 

Denken wir an das Schema, das wir in Kap. 5 für die Entwicklung 
des christlich-bürgerlichen Menschen gaben. Die Vorstellung von 
einem strengen Vatergott und der eigenen Verworfenheit setzt nicht 
nur eine Unterdrückung der sexuellen sondern auch der aggressiven 
Regungen voraus. Dabei wird die Sexualität des erwachsenen Mannes 
— und von ihm allein reden wir im Folgenden, da seine Ideologie 
gesellschaftlich ausschlaggebend ist — gespalten: Ein Teil wendet 
sich nach aussen, der Frau zu: Aber er ist gebremst, mit Schuld- 
gefühl beladen, einem Schuldgefühl, das nur durch Eingehn einer von 
den Autoritäten gebilligten Ehe auf Lebenszeit beruhigt werden kann. 
Ein anderer bleibt in kindlicher Form gebunden; doch unter dem 
Einfluss des strengen Vaters nicht an die Gestalt der Mutter (was 
natürlich wäre) sondern an eine Vatergestalt (Gott, Christus). 

Von 2 Seiten wird diese christlich-bürgerliche Struktur erschüt- 
tert: Wirtschaftliche Not und Klassenkampf zwingen die Menschen, 

96 



die Aggressionshemmung, das Unpolitisch-sein über Bord zu werfen: 
Der wohlerzogene Student aus" gutem Haus lernt genau so, uen 
Schlagring zu gebrauchen, wenn es gegen die »Untermenschen« geht, 
wie der geduckte Kontorist in SA-Stiefel gesteckt über seinen jüdi- 
schen Chef triumphiert, der ihn ausbeutet. 

Auf der andern Seite führt die kollektive Arbeits- und Lebens- 
weise, besonders in den grossen Städten, zur Auflösung der traditio- 
nellen Sexualmoral besonders bei der Jugend, die »Versuchung« wird 
für den moralisch erzogenen Mann und das »anständige« Mädchen so 
gross, dass sie ihr nicht mehr widerstehen können. 

Doch, die tiefen, in der Kindheit eingepflanzten Hemmungen sind 
nicht ohne weiteres aufzuheben. Es tritt nur eine teilweise Lösung 
bzw. Verschiebung ein. Vegetative Energie wird frei: Das hat das 
Gefühl des Wogens und Strömens zur Folge, das »ozeanische Gefühl«, 
das die Schriften der DG nicht müde werden, in den verschiedensten 
Formen zu beschreiben (»Strömen des Bluts«, »vom Unbewussten ge- 
lragen werden« »mitschwingen im Rhythmus des Lebens«). Das 
Stehenbleiben bei dieser Form sich auszudrücken zeigt aber auch, 
dass eine wirkliche Befriedigung und Ordnung des Gefühlslebens nicht 
erreicht wird; so kommt es zur Unfähigkeit zu klarem, logischem 
Denken, zur Ausbildung von Ausdrucksformen, die an gehemmte 
Jugendbewegler im Alter von 16 — 19 Jahren erinnern. Die Beziehung 
Hauers und anderer DG-Leute zur Jugendbewegung ist gewiss kein 

Zufall. 

Auf der andern Seite tritt eine Lockerung der Sexualverneinung 
ein. Der phantasierte Teil der vegetativen Kräfte geht von der homo- 
sexuellen Vater- zur natürlicheren Mutterbindung über. Der reale 
belastet sich nicht mehr mit der Vorstellung von der Sündigkeit des 
Fleisches, gelangt aber nicht zur Sexualbejahung sondern bloss zur 
Bejahung der Frau als Mutter, zur Bejahung der Fortpflanzung. 

Die ständige Störung des Trieblebens, seine ständige Belastung mit 
einem moralischen Anspruch, wie wir sie bei Hauer sahen, treibt in 
der Folge die ganze pathetische Symbolik hervor: Die Familienbin- 
dung, in der DG wesentlich Bindung an die Mutter, wandelt sich zur 
»Artverbundenheit« und zur Rassenlehre, die Sehnsucht nach der 
Mutter zur Sehnsucht nach dem »schöpferischen Urgrund alles Seins«. 
Damit soll nicht etwa gesagt sein, dass die Vaterbindung, die Bejahung 
der Autorität etc. damit aufgehoben sei. Sie tritt nur innerhalb der 
Ideologie der DG zurück; doch die meisten DG-Leute sind ja zugleich 
brave Parteimitlieder, allerdings nicht Hauer selbst, der den Eintritt 
in die N. S. D. A. P. mit der Begründung abgelehnt hat, dass die Partei 
nach § 24 ihres Programms für das positive Christentum eintrete; 
also gerade der Punkt, der die Verbundenheit mit den traditionellen, 
autoritären Mächten besonders stark zum Ausdruck brachte; denn 
die sophistische Interpretation, die wir oben berichten, ist wohl erst 
neueren Datums. 

97 



. .»-- .''x.'**-" ^r^'- 



Fassen wir unsern Eindruck zusammen! Dann können wir für 
die dem Christentum entsprechende Struktur das Bild eines vielfach 
verzahnten Mauer- und Hebelwerks gebrauchen, das über den ourch 
das Patriarchat unterdrückten vegetativen Kräften geschaffen wurde. 
Es dient dazu, diese Kräfte umzuformen und der herrschenden Ge- 
sellschaft dienstbar zu machen. 

Die Verhältnisse haben einen Teil dieses Gebäudes abgetragen. Es 
ist einfacher geworden, lässt deutlicher die in der Tiefe wirkenden 
Kräfte erkennen; diesen geänderten Verhältnissen entspricht die 
Ideologie der DG. Statt der Sehnsucht nach der Erlösung durch Jesus 
Christus fühlen die Menschen nun »Sehnsucht nach Hingabe an den 
Lebensstrom des Unbewussten«. Doch indem dieser Lebensstrom als 
»rassisch bestimmter religiöser Urwille« gefasst wird, tritt jene Sehn- 
sucht doch wieder in den Dienst der alten Mächte. 

Aber das alte erprobte Gebäude, die Kirche mit ihrer Jahrhunderte 
alten Tradition der Seelenbeherrschung ist verlassen und wir können 
darin vom revolutionären Standpunkt aus einen Fortschritt erblicken. 
Der neue Bau sieht zwar schön aus, aber er kann beim nächsten Wind- 
stoss zusammenbrechen. Doch die Menschen, die ihn heute noch be- 
wohnen, scheinen uns für eine zukünftige Veränderung der Verhält- 
nisse wichtiger zu sein, als manche sOppositionellen« in Kutte und 
Talar. 



98 



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VII. Einige praktische Folgerungen 

Dass die aus unsern Auffassungen folgende Praxis nicht unmittel- 
bar in unsere Darstellung hineingearbeitet werden konnte, ist gewiss 
eine theoretische Schwäche dieser Arbeit, die unmittelbarer Ausdruck 
der organisatorischen Schwäche der Sex-Pol-Bewegung ist; diese muss 
ja, trotz des wachsenden Interesses, das man ihr in den verschieden- 
sten Ländern entgegenbringt, um ihre volle Anerkennung und Ein- 
ordnung in die Arbeiterbewegung noch kämpfen. Wir müssen uns 
darum damit begnügen, eine Anzahl Vorschläge und Richtlinien zu 
geben. 

Dabei wird es von Bedeutung sein, ob wir uns die Schulung und Er- 
ziehung der bereits im sozialistischen Lager Stehenden als Aufgabe 
setzen oder die politische Arbeit und Propaganda unter den z. T. re- 
ligiös beeinflussten Schichten des Kleinbürger- und Bauerntums und 
der verkleinbürgerlichten Arbeiterschaft, die wir erst gewinnen wol- 
len; ferner, ob wir uns in einem demokratischen oder faschistischen 
Land befinden, in dem etwa die besondere Situation des deutschen 
Kirchenstreits vorliegt. 

a) Arbeit unter den Genossen. 
Die marxistische Arbeiterbewegung hat von jeher Kirche und 
Religion abgelehnt. Dabei haben sich Marx und Engels stets dagegen 
erklärt, den Kampf gegen die Religion in den Mittelpunkt der politi- 
schen Arbeit zu stellen. Die oben aus dem »Antidühring« von Engels 
zitierte Stelle ist geschrieben, um zu zeigen, wie sinnlos es wäre, nach 
Dührings Vorschlag die Religion in einem sozialistischen Staat ver- 
bieten zu wollen. Dadurch würde man bloss den streitbaren Klerikalis- 
mus stärken. In Wirklichkeit ist das Absterben der Religion ein Pro- 
zess, der sich mit der Veränderung der gesellschaftlichen Voraus- 
setzungen vollzieht, die ihr zu Grunde liegen. In diesem Punkt sind 
wir selbstverständlich mit Engels einig, obwohl wir glauben, dass die 
Beziehung zwischen Religion und Gesellschaft verwickelter ist, als er 
meinte. Der Sinn jenes Nachweises von Engels ist, »geduldig an der 
Organisierung und Aufklärung des Proletariats zu arbeiten, einer 

99 



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Sache die zum Absterben der Religion führt und sich nicht in das 
Abenteuer eines politischen Krieges gegen die Religion zu sturzen.<c 
(Lenin .über Religion« S. 21.) In der Folge zeigt Lenin, wie diese 
Taktik im Satz des Erfurter Programms (1891) .Erklärung der Re- 
ligion zur Privatsache, ihren Niederschlag fand. Gemeint war damit 
einerseits Kampf gegen alle polizeiliche Behinderung dieser oder jener 
Religion sogar einschliesslich der Jesuiten, anderseits aber Trennung 
von Kirche und Staat, Sperrung aller staatlichen Zuschüsse an die 
Kirche. Beseitigung der staatlichen Zwangseintreibung kirchlicher 
Steuern und endlich Freiheit für all die. welche sich zum Atheismus 
bekennen und ihre Kinder areligiös erziehen wollten. 

Die Religion sollte also bloss im Bezug auf den Sfaaf Privatsache 
sein, meinte damals Engels und schlug darum auch für^das Erfurter 
Programm eine Formulierung vor, die das zum Ausdruck brachte und 
opportunistische Umdeutungen ausschloss, jedoch nicht angenommen 

'^'^ Denn der immer opportunistischer werdenden deutschen Sozial- 
demokratie war gerade die Vieldeutigkeit der Formulierung wU kom- 
men Aus einer Privatsache dem Staat gegenüber wurde die Religion 
immer mehr eine Privatsache der Partei gegenüber. Im Gorlitzer Pro- 
gramm (1921) heisst es: .Religon ist Privatsache. Sache mnerer Über- 
zeugung, nicht Parteisache, nicht Staatssache.. Aus lauter Angst, die 
religiösen Gefühle der kleinbürgerlichen Mitglieder zu verletzen, die 
Koalition mit dem Zentrum zu behindern, verzichtete man am jede 
wirksame Agitation gegen die Einmischung der Kirche in Staat. V r- 
waltung und Schule sowie im Grossen und Ganzen auch auf ede ^Ib- 
ständige Kulturpolitik, die die Grenze des bürgerlich-liberalen über- 
schritten hätte. . , . 

In der kommunistischen Partei fiel man dagegen in den schon von 
Marx Engels und Lenin überwundenen Fehler zurück, machte der 
Religion (nach einem Wort Lenins) den r-r-revolutionaren Krieg und 
gründete nach dem Muster des russischen einen deutschen »Verband 
der kämpfenden Gottlosen*, zu dem es in der alten bolschewistischen 
Partei kein Gegenstück gegeben hatte. 

Diesen beiden falschen Einstellungen gegenüber wird es die Aut- j 

eabe der bewusstesten Revolutionäre sein, wiederum die ricMigen von j 

Lenin in seiner oben genannten Schrift vertretenen Grundsatze inner- « 

halb der Parteikader durchzusetzen (wobei wir uns einen solchen 
Kader auch als Gruppe, Fraktion innerhalb einer reformistischen 
Massenpartei denken können): Nämlich Klarheit über die eigene 
Tblehnende Stellung zur Religion, aber auch darüber, dass der Kamp 
fieeen sie nicht auf eine abstrakt ideologische Propaganda beschrankt 
werden darf, wie sie die Gottlosen so oft übten, »man darf ihn nicht 
auf eine solche Propaganda reduzieren, man muss den Kampf mit der 
konkreten Praxis der auf die Beseitigung der sozialen Wurzeln der 
Religion gerichteten Klassenbewegung in Zusammenhang brmgen<c 

100 



(Lenin). Dieser Grundsatz gilt aber natürlich nicht nur für unsere 
Arbeit unter Aussenstehenden sondern gerade auch für die zu leistende 
Klärungsarbeit innerhalb der Arbeiterbewegung selbst. 

Was können wir für diese Arbeit aus der sexualökonomischen Re- 
ligionstheorie lernen? Kann sie uns neue Wege zeigen, mit unsern 
Bemühungen Anschluss an die »konkrete Praxis der auf die Besei- 
tigung der sozialen Wurzeln der Religion gerichteten Klassenbe- 
wegung« zu finden? Wohlgemerkt: Wir sprechen jetzt von Arbeit 
unter Menschen, die sich bereits als Sozialisten fühlen, aber ihren 
Sozialismus vielleicht religiös begründen oder neben ihrem politi- 
schen ein religiöses Leben als »Privatsache« führen. Wir wissen: 
Diese Art von Genossen gibt in ruhigen Zeiten gewiss brav ihren 
Stimmzettel zu den Wahlen ab, zahlt auch regelmässig Gewerkschafts- 
beiträge. Aber ihre politische Überzeugung entspringt nicht dem un- 
mittelbaren Erleben der Unterdrückung sondern ist irgendwie mora- 
lisch begründet und wird in schwierigen Situationen, wo revolutio- 
näres Handeln aus der Klassenlage heraus geboten ist, Hemmungen 
unterworfen sein: Ihre religiöse Bindung wird mit einem Stück 
bürgerlicher, autoritärer, »staatstreuer«, vorsichtiger Haltung ver- 
bunden sein. 

Aber wie an diese Einstellung herankommen? Auf keinen Fall 
durch »abstrakten Kampf«, durch landläufige »Entlarvung der Re- 
ligion«, selbst wenn diese Argumente aus der sexualökonomischen 
Theorie gebrauchen sollte. Vor einer direkten »Anwendung« der Ar- 
gumente aus dem fünften Kapitel in Form von »Aufklärung« kann 
nicht genug gewarnt werden. Sondern: Verbindung mit der konkreten 
Klassenbewegung; und zwar derjenigen, die die Voraussetzungen der 
religiösen Bindung aufhebt. 

Die solidarische Zusammenarbeit mit areligiösen Genossen in 
allen wirtschaftlichen und staatspolitischen Fragen, die Erfahrungen 
der österreichischen und der spanischen Arbeiterbewegung in der 
Kirchen- und in der Gewaltfrage, die bei religiösen Sozialisten oft eine 
grosse Rolle spielt, werden seine Kirchenbindung vielleicht erschüt- 
tern. Aber daneben können wir vor allem an die Klassenbewegung 
anknüpfen, die diejenigen Voraussetzungen der Religion untergräbt, 
die in der Familie und Sexualunterdrückung liegen. Also: Der Protest 
der Jugend gegen die »moralische« Einstellung des Elternhauses in 
sexuellen Dingen muss von uns bejaht werden, genau wie der sexuelle 
Wissens- und Betätigungsdrang der Kinder, die Opposition der Frauen 
gegen die Tyrannei kleinbürgerlich eingestellter Männer, ihr Wunsch 
im Gebrauch von Verhütungsmitteln unterrichtet zu werden. Eine 
andere Aufgabe ist z. B. die Aufklärung des Widerspruchs zwischen 
der Langweile, die in Jugendgruppen bei den meisten politischen Re- 
feraten herrscht (obwohl man eigentlich verpflichtet ist, sich dafür 
zu interessieren) und der Freude an den Tanzunterhaltungen (obwohl 
man ja eigentlich nicht nur deshalb in die Gruppe kommen sollte); 

101 



das Geheimnis besteht hier darin, dass sich die meisten danach sehnen 
etwas zu hören, was ihr persönliches Leben mehr angehl, als die 
meisten hochpolitischen Referate und sich .ugle.ch dieses person- 
Hchen Lebens, das zum grossen Teil aus "'besgeschichen besteht 
schämen. Eine andere Aufgabe ist die Schaffung einer Kunst 
(Theater, Kabarett), die der Sehnsucht des Arbeiters Rechnung tragt, 
etwas von .Lieb« zu hören (Beweis für dieses '"»f«"^- "^^ f "»I 
tesuch) ohne der reaktionären Verkitschung ^"^ Zf'^TlineZ 
Liebessehnsucht der Massen Konzessionen zu machen. Mit emem 
Wort- Anzustreben ist die Schaffung einer sexualbejahenden prole- 
tarischen Kulturbewegung, deren Arbeitsmöglichkeiten wir hier nur 
andeuten konnten: näheres in der übrigen Sex-Pol-Literatur. 

Eine solche Kulturbewegung hätte auch Grundsätze für eine so- 
zialistische Erziehung auszuarbeiten. Doch ohne den systematischen 
Beobachtungen und Erfahrungen vorzugreiten, die dazu heule bereUs 
in sozialistisch geleiteten Schulen und Kindergärten gesammelt wer- 
den ruen dürfen wir jetzt schon sagen: Religiöse Erziehung wurden 
trSv^r allem deshalb ablehnen, weil sie -"P^^^T Ve'shaT 
wissenschaftlich., »verdummend« ist; sondern ganz einfach deshalb. 
Z^s^gesundheüsschädUch ist. Eure Religion, würden wir sagen 
Tann ia t^ Euch Erwachsene etwas Wunderschönes sem, aber es hat 
Sh eben lefder gezeigt, dass ihre Angst- und Schuldvorstellungen, 
z B me Lehren vL hIuc und Teufel - an die übrigens d^ liberalen 
Theologen selbst nicht mehr glauben - bei den Kindern hanfig ner- 
I^se Erkrankungen auslösen. Jeder Kinderanalytiker kann diese Be- 
hauptung mit reichem Material belegen. c„i,„«n 

Eine Kulturbewegung, wie die hier angedeutete, wurde im Rahmen 
einer auch in ökonomischen und staatspolitischen Fragen richtig ar- 
beUenden Partei Entscheidendes dazu beilragen, wenigstens die Ju- 
gend gegen bürgerliche und religiöse Einflüsse zu immunisieren und 
würde dt; allgemein politischen Arbeit einen mächtigen Auftrieb 

''"todem kleinen Kreis derjenigen, die bereits j" '^-^E"^™« 

n\ TZ tt l^-rcT wi: reCrsTsTetic^t^nuTdre-L 
:^Z2":l:^n ReUgion, "-.»«ie. nialerieaun Verhällni^^^^^^^^ 
besser verstehen lehrt, was für den Revolutionär ^"' »' %^f ^ J"' 
voll ist, sondern zu immer neuen Ideen auf dem Gebiet der Kultur- 
politili anzuregen imstande ist. f d^*^'"^/'^) 

b) Arbeil unter Kleinbürgern etc. • ■< ^ 

Denken wir zunächst an die Verhältnisse in demokratischen Län- 
dern Dirso^ialistische Bewegung tritt in ihnen heute viel ach ,n der 
Form von .Anti.-bewegungen auf: Antifaschismus, Antikne^ -alko- 
hol und -religionsbewegung. Das verdeckt häutig die Unfähigkeit 
konkrete posifive Ziele und Wege zu formulieren, an die Praxis der/ 



1 A(» 



li ■" 






bestehenden Klassenbewegung wirklich anzuknüpfen. Dass dieses 
Verfahren bei der Religion das Gegenteil des Erstrebten bewirkt, näm- 
lich Stärkung des Klerikalismus, haben schon Engels und Lenin ge- 
sehn und unsere theoretischen Erwägungen liefern nur eine Bestäti- 
gung und noch genauere Erklärung dazu. Bei der abstrakten Propa- 
ganda der naturwissenschaftlichen Religionsauffassurig bekommt der 
Gläubige das Gefühl, dass ihm etwas weggenommen werden soll, das 
ihm Ersatzbefriedigung gibt für etwas, das er unbewusst entbehren 
muss. Gegen die vermeintliche Öde und Lieblosigkeit einer Ordnung 
ohne Religion, wie sie ihm die Revolutionäre aufzwingen wollen, flüch- 
tet er in die Arme der Reaktion zurück, die dann mit dem Schlagwort 
vom Kulturbolschewismus gute Geschäfte macht. Nicht ganz mit 
Unrecht sagt Rosenberg darum (Mythus S. 7) : 

»Die Dinge liegen nun so, dass die römische Kirche vor Darwinismus und 
Liberalismus keine Furcht empfand, weil sie hier nur intellektualistische Versuche 
ohne gemeinschaftsbildende Kraft erblickte, die nationalistische Wiedergeburt 

des deutschen Menschen aber erscheint deshalb so gefährlich, weil hier eine 

typenschaffende Macht zu erstehen droht,« 

die, so fügen wir hinzu, nicht mit naturwissenschaftlichen Be- 
weisen die Bibel widerlegen will, sondern den gefühlsmässigen Kern 
der Religion angreift und umgestaltet. 

Die proletarische Freidenkerbewegung als besondere, neben der 
Partei arbeitende Gruppe wird stets Gefahr laufen, einen abstrakten 
Kampf gegen die Religion zu führen und der Reaktion Leute in die 
Arme zu treiben, die das sozialistische Wirtschaftsprogramm an sich 
bejahen würden. Man wird Mittel und Wege finden müssen, dieser 
Gefahr zu begegnen. 

Wichtig bleibt demgegenüber: Anknüpfung an die konkrete Praxis 
der Klassenbewegung gegen die Religion. Gemeinsames Vorgehn mit 
religiösen Arbeitern bei politischen und ökonomischen Kämpfen in 
der von Lenin angegebenen Weise wird diese eher in Widerspruch zur 
Kirche bringen und ihre Ablösung von ihr befördern, als abstrakte 
antireligiöse Propaganda. 

Doch ganz besonders wird zur Ablösung von der Kirche die Förde- 
rung und Entwicklung der Klassenbewegung beitragen, die aus der 
sexuellen Unterdrückung der Massen durch die Klassengesellschaft 
entspringt: Das Massenbedürfnis nach Anleitung im Gebrauch von Ver- 
hütungsmitteln, nach Beratung in seelischen Schwierigkeiten (Puber- 
tätsschwierigkeiten, Problem der Eifersucht und des Alkoholismus 
etc.) ist ungeheuer. Der Einwand mancher Genossen, dass in einer 
stark kirchlich beeinflussten Bevölkerung eher Misstrauen oder 
Ablehnung dagegen zu erwarten ist, dass man mit dgl. Arbeit ähnlich 
abstossend wirkt wie mit direkt antireligiöser Propaganda, ist durch 
die Praxis der deutschen Sex-Pol-Verbände widerlegt, die binnen ganz 
kurzer Zeit im katholischen Rheinland 40.000 Mitglieder sammelten, 
von denen ein grosser Teil vorher niemals politisch organisiert war; 

103 



f» 



er ist auch durch die Erfahrung widerlegt, dass ein Pfarrer verhäUnis- 
"isig Uichl sogar bei seinen eigenen Anhängern durch se.ua.- 
Dolitische Argumente geschlagen werden kann {vgl. Reich, Ma^en 
nsvchologie S 184). Natürlich ist auch hier Verständnis ""1 Takt 
am pS man kann den unzufriedenen Frauen natürlich nicht den 
R^t an den Kopf werfen .such Dir halt einen Freund., wir dürfen 
d:m schthterncn Jugendlichen nicht *ne weiteres d.Oo.njea 
»Heilmittel, empfehlen. Denn vergessen wir nicht. Unbetried.gtes 
Nahrung bedürfnis kann niemals dazu führen, dass i-andaU ideale 
moralische Forderung aufstellt, zu tasten wer "^-ne Kleider ha sich 
im Winter warm anzuziehn, erklärt nicht das Frieren al^ «'«"*= 
Tat. Wenn aber die sexuellen Funktionen in der K mdheit mit 
Ihweren Angst- und Schuldgefühl belastet werden, bildet sich leicht 
einrasketlche Einstellung heraus, die Auffassung. Sexualita sc, 
e was Minderwertiges, Unwichtiges, Zweitrangiges: Eine Emstellung. 
d^fwir be! unsefer sexualpolitischen Arbeit in Rechung stellen 

""Dennoch sind die Schwierigkeiten - so lehrt <"<= Erfahrung - 
geringer, als manche Arbeiterfunktionare glauben, die selbst mo 
S gehemmt sind. Ist es aber erst einmal gelungen, das Bewussl- 
ein der Massen von ihrer sexuellen Unterdrückung zu heben, gehen 

d fortgeschrittensten Jugendlichen "'=[1"^''' 'r bedfn'.te "vot 
«nndes sexuelles Leben hindernde, gesellschaftlich bedingte Wob 
Zg norscZ heu«, durch Selbsthilfe zu korrigieren, Möglichkeiten 
k^llfk^v zu schaffen, dass ein Paar un.«<ör< eine Nacht -b"ngen 
kann- Dann wird die Kirche kommen, und über .moralische Ver 
derbnis. reden. Doch dann ist sie in der unangenehmen Rolle des 
Angrrifers dann muss sie das offen sagen, was sie bisher stets noch 
frgeTdv^e versteckt predigen konnte: Und dann wird «c es sein d^e 
s'fhbei allen nicht ganz verbauten und innerlich zerbrochenen Men- 
sehen lächerlich macht. 

c) Im Faschismus. 
Bei Entwicklung dieser Gedanken höre ich viele, besonders Emi- 
granten Genossen elwenden: .Wie willst Du aber das al es für die 
Lkämpfung des Faschismus in Deutschland fruchtbar machen? Wie 
"du genügend Kräfte schulen, die die vorgeschlagene Praxis zur 
Inwendüng bringen? Wo doch gründliche f*"'""*^- ^^ '« .^^ 
damit man nicht durch Fehler mehr schadet als nutzt. Ist es nicnt 
heX überhrpt wichtiger, den ökonomisch-politischen Kampf gegen 
den Faschismus in den Vordergrund zu stellen, als sich mit diesen 
kulturpolitischen Fragen zu befassen, die demgegenüber ja doch erst 

in zweiter Linie kommen?« , , ., , ■^\,r,^'> 9\ T«t p^ 

Hier lassen sich 2 Fragen trennen: 1) Ist es wichtig? 2) Ist es 

""^ Zutrage 1 ein kleiner Bericht, der aus einer zuverlässigen Quelle 
104 



■w 



stammt. Ein Berliner Friseurgehilfe hat in seiner Eigenschaft^ als 
national-sozialistischer Blockwart die Pflicht, ^^^en Monat einen 
Bericht über die politische Stimmung der Kundschaft abzugehen Auf 
den Bezirksversammlungen der politischen Leiter werden diese 
Berichte zusammengestellt, das, worin sie alle uberem summen. . 
undiskutiert an eine höhere Parteistelle weitergegeben, die Ab- 
weichungen vom Durchschnitt werden diskutiert. 

Unser Friseurgehilfe berichtet für September 1935: Die Haupt- 
klage der Leute bezieht sich auf die steigenden Lebensmittelpreise 
und auf die Verwahrlosung der Jugend. Seine Frau ist entsetzt, 
erwartet, dass man ihn bald abholen und ins Konzentrationslager 
bringen wird. Doch es stellt sich heraus, dass sein Bericht gar nich 
diskutiert wurde, denn das waren Punkte, m denen alle Beri h e 
übereinstimmten. Im Gegenteil: Der Bericht fand -" ^ohe^^^ ^ ^J^^^ 
so viel Beifall, das man den Verfasser zu emer Reichskoeferenz 

^''llso^ Die Verwahrlosung der Jugend, eine Sache, die nicht bloss 
mit der Arbeitslosigkeit zusammenhängt, sondern vor allem auch mit 
sexuellen Schwierigkeiten, ist in Deutschland ein Tagesgespräch^ De 
Nazi bereiten sich bereits darauf vor, die Unzufriedenheit darüber 

fn ihremtnne zu kanalisieren und wir ? Können aus Mangel an 

geschulten Kräften nichts tun, da unsere Genossen nun einmal aut 
die steigenden Lebensmittelpreise allein spezialisiert smd. 

Also- Wichtig wäre sexualpolitische Arbeit schon. Aber es er- 
scheint fast unmöglich, heute und sofort genügend Leute dafür zu 
schulen Die deutsche Sex-Pol-Bewegung war zu jung, um mit wirk- 
Uch durchgeschulten Kadern in die Illegalität zu gehn die mter- 
nationale Sex-Pol ist heute organisatorisch noch zu schwach, um 
allervon aussenher helfen zu können, die bisherigen Arbeiterparteien 
s nd noch zu misstrauisch, zu sehr in einem gewissen Ökonomismus 
befangen um sich für sexualpolitisch geprägte Kulturarbeit ein- 
zusetzen Sie werden erst durch praktische Erfolge in nichtfaschisti- 
schen Ländern überzeugt werden können. 

Und die reale Entwicklung gibt der Sex-Pol täglich in steigendem 
Masse recht: Enthüllung der sexualökonomischen Grundlage des Anti- 
semitismus durch die Streicherpropaganda, zunehmende .Verwahr- 
losung« der deutschen Jugend, Anwachsen der sexualpolitischen 
Verbände Lisa Jensens in Schweden, theoretisch unklare aber leiden- 
schaftliche Diskussionen über »Ehereform«, »Sexualaufklärung m den 
Schulen« etc. in aller Welt. 

d) Unsere Haltung im Kirchenstreit. 
Die Tatsache des Religionsstreites erschüttert sowohl das Ansehn 
der traditionellen Gottesvorstellung wie das des faschistischen Re- 
gimes Von der Religion fällt der Nimbus des Unerschütterlichen, 
Ehrwürdigen ab: vom Nationalsozialismus der Nimbus, dass er eine 






geschlossene, völlig einheitliche Kraft sei und dass es unmöglich sei, 
ihm offen und organisiert Widerstand zu leisten. Wir haben gezeigt 
dass all dies im Fall des Religionsstreites noch nicht eine unmittel- 
bare Stärkung der sozialistischen Front bedeutet. Doch schon das 
blosse klare Wissen um die Zusammenhänge, die Erkenntnis, dass 
man hier nicht alles auf eine Formel bringen kann, wird uns 
nützlich sein. 

Die Formel, die neuerdings die Rundschau vertritt: Die Unter- 
drückung der Kirchen soll 'die Schaffung einer braunen National- 
kirche vorbereiten, die als ein Werkzeug der ideologischen Kriegsvor- 
bereitung zu dienen hat, die Formel wirkt genau so lebensfern und 
unverständlich wie seinerzeit die Art und Weise, wie man jede Kapi- 
tulation der deutschen Sozialdemokratie als »Vorbereitung des Krieges 
gegen die Sowjetunion« hinstellte. Gewiss bereiten die Nazis ideolo- 
gisch den Krieg vor: Etwa durch die Luftschutzpropaganda oder 
durch die Hetze gegen Litauen. Gewiss dient auch der Kampf 
gegen die Kirchen der Stärkung ihrer Macht und so indirekt auch 
der Kriegsvorbereitung. Aber die Art, wie gewisse Teile der revolutio- 
nären Bewegung es sich angewöht haben, alle gesellschaftlichen 
Vorgänge, die sie nicht ganz verstehen, mit einer nur zum kleinen 
Teil richtigen abstrakten Formel zu erklären, muss ihnen das Ver- 
trauen all derer verscherzen, die gegen die Nazis eingestellt sind und 
dringend jemanden suchen, der ihnen Klarheit schafft über die merk- 
würdigen Dinge, die sich da unter der Einwirkung einer geheimnis- 
vollen »fremden Macht« {wie Engels die kapitalistischen Produk- 
tionsverhältnisse nannte) abspielen. Doch sie finden ihn in unsern 
Reihen meistens nicht. 

Hier würde die Grundauffassung der Sex-Pol bestimmt ermögli- 
chen, die wirklichen Geschehnisse viel anschaulicher und verständ- 
licher zu ordnen und zu erklären. Halten wir uns stets vor Augen: 
Der durchschittliche Mensch in der kapitalistischen Gesellschaft 
(nicht bloss die Gesellschaft) trägt einen Widerspruch in sich — 
denn die wirklich klassenbewussten Proletarier ebenso wie die 
klassenbewussten Bourgeois sind in der Minderheit. Dieser Wider- 
spruch besteht zwischen seiner sozialistischen Sehnsucht, seinem 
Willen, eine Ordnung zu schaffen, in der für die offensichtlichen 
Schäden der heutigen Ordnung kein Platz ist — und seiner gefühls- 
mässigen Bindung an das Bestehende, an Moral, Autorität, Familie. 
In Nazis, Neuheiden, Katholiken, Bekenntnischristen, Reformisten 
und unpolitischen Kleinbürgern ist dieser Widerspruch vorhanden: 
Nur in verschiedener Form und Ausprägung. Wenn wir versuchen, 
diesen Widerspruch in den Menschen zu finden — die vorliegende 
Arbeit sucht dazu anzuleiten — dann werden wir leichter den Weg 
zu einer Sprache finden, die auch, ja gerade denen verständlich ist, 
die noch nicht bei uns sind. 

Dies gilt nicht nur für unsere Propaganda in Deutschland selbst 

106 



r 



sondern vor allem auch unserer antifaschistischen Propaganda im 
Ausland. Warum sich Herr Jensen und Hansen für die kultur- 
politischen Vorgänge in Deutschland oft mehr interessieren als für den 
Aussenhandel oder für die Befreiung Thälmanns, dürfte hoffentlich 
schon klar geworden sein. Er ist ja weder Kommunist noch Handels- 
politiker sondern begreift am besten den Geist, dem er gleicht (um 
ein Faustzitat zu variieren) : D. h. interessiert sich für die Vorgänge 
am meisten, die sich in der gleichen Sphäre abspielen wie sein täg- 
liches Leben, in dem oft Religion und Kirche eine wichtige Rolle 
spielen. Aber er will, wenn er davon hört, nicht eine grossartige 
politische Deutung hören, denn er ist im allgemeinen nur zu ge- 
wissen Tagesstunden und zu Wahlzeiten politisch interessiert. Er 
will vor allem verstehen, was diese Leute treibt, so merkwürdige 
Sachen zu machen, will auch alles so hübsch im Detail und mit 
kleinen Geschichten und Beispielen lesen, wie einen Detektivroman, 
Wir werden ihn am besten erfassen, wenn wir in unserer Presse 
neben den politischen Berichten das täglichen Leben im Faschismus, 
die Vorgänge in Kunst, Sport, Theater und nicht zuletzt Kirche 
lebendig und anschaulich schildern und den politischen Sinn der 
Vorgänge aus den Schilderungen selbst heraus entwickeln und nicht 
gewaltsam in sie hineintragen. Doch hierbei kann uns die sexual- 
ökonomische Theorie gute Dienste leisten. 

Aber wie sollen sich die Revolutionäre in Deutschland selbst zum 
Kirchenstreit verhalten? Wir haben bereits oben die Parole for- 
muliert, die wir vorschlagen: Die Infamie des Regimes enthüllen, 
ohne uns damit zum Anwalt der Kirche zu machen. 

Wenn SA-Truppen Gottesdienste stören, alte wehrlose Pastoren 
in's Konzentrationslager schleppen, wenn katholischen Jugendgrup- 
pen das gemeinsame auf Fahrt gehen verboten wird, wenn man 
katholischen Sportvereinen Spielplätze und Turnhallen wegnimmt, 
wenn man überhaupt die Gefühle religiöser Menschen nach Art des 
Stürmers in roher Weise verspottet, dann können wir zu den Be- 
troffenen hingehn (natürlich unter Wahrung der für illegale Arbeit 
nötigen Vorsichtsmassnahmen) und ihnen sagen: »Wir protestieren 
mit Euch gegen diese empörenden Unterdrückungsmassnahmen und 
Roheiten! Niemals wird dgl. in einem sozialistischen Deutschland 
möglich sein. Darum schliesst Euch mit uns zusammen zum Kampf 
gegen den Faschismus der Euch ja nicht nur auf religiösem sondern 
auch Ökonomischem, kulturellem etc. Gebiet unterdrückt.« 

Wir sind darum grundsätzlich einverstanden mit der Parole der 
KPD: Gemeinsamer Kampf für Glaubens- und Gewissensfreiheit. 
Allerdings müssen wir uns darüber klar sein, dass damit nur Kampf 
gegen die nationalsozialistischen Zwangs- und Terrormassnahmen 
gegen Kirche und kirchliche Organisationen gemeint sein kann, genau 
so, wie auch Lenin und die Bolschewiki gegen die polizeiliche Schi- 
Itanierung der Sekten im zaristischen Russland auftraten. Nicht aber 

107 



^^ 






■^ 



darf damit eine Bejahung von Kirche und Religion selbst verbunden 
werden. Wenn die »Junge Garde« (Organ des kommunistischen Ju- 
gendverbandes) in ihrer Septembernummer 1935 jedoch schreibt: 

»Jawohl, mit ganzem Herzen sind wir an Seiten der katholischen Jugend, 
mit all unsern Kräften wollen wir unsere katholischen Kameraden im Kampf um 
die Freiheit ihres Glaubens und ihrer Organisationen, im Kampf gegen den Terror 
und mittelalterliche faschistische Barbarei beistehn.« 

Dann geht die Stellungnahme von einer Abwehr der faschistischen 
Unterdrückung in eine Bejahung der Religion selbst über, der Religion, 
die im Grunde um nichts besser als diese Unterdrückung ist. Und es 
ist wenig angebracht, wenn die Uunge Garde« die Erlaubtheit des 
Widerstandes gegen die faschistische Staatsmacht ausgerechnet mit 
einem Zitat aus dem Fuldaer Hirtenbrief stützen will: 

»Wenn die Gesetze des Staates mit dem Naturrecht und dem Gebote Gottes 
in Widerspruch stehen, gilt das Wort: »Man muss Gott mehr gehorchen als den 
Menschen.« 

Denn jenes Naturrecht und göttliche Gebot steht der Sterilisation 
ebenso entgegen, wie der Ehescheidung, der Rassetheorie ebenso wie _ 

der Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln. In ;| | 

seinem Namen wurde unxi wird gegen die Sowjetunion gehetzt, ^| 

wurden tausende österreichischer und spanischer Arbeiter hm- | 

gemordet. ' 1 t| 

Nein, statt die Worte der Bischöfe im Munde zu fuhren, sollte man t. ^ 

den katholischen Jugentlichen lieber zeigen, dass die Bischöfe sie 
bei allen Lebensfragen, die über die religiösen ^.Bedürfnisse« hmaus- 
gehen, im Stiche lassen. 

Wir müssen uns hüten, die revolutionären Kräfte zu überschätzen, 
die aus dem Kirchenstreit entwickelt werden können. 

Das katholische Volk steht, so zeigen uns verschiedene Berichte, 
trotz Widerstands gegen die Nazis, geschlossen hinter den Bischöfen. 
Und die Bischöfe stehn hinter Rom, das heute neben dem Faschismus 
die stärkste reaktionäre Macht darstellt. Man kann nicht nach Art 
der Rundschau bereits jeden Widerstand katholischer Jugendgruppen 
als Teil des antifaschistischen Kampfs bezeichnen, die eingesperrten | 

Pfarrer ohne weiters als Kämpfer gegen den Nationalsozialismus 
aufführen. Dies kann man erst tun, wenn der Widerstand und die 
Zusammenarbeit mit den Revolutionären sich auf Gebiete erstreckt, 
die nichts mehr unmittelbar mit Kirche und Religion zu tun haben. 

Sollte einmal die Reichswehr zusammen mit den Kirchen die 
Bankrottmasse eines zusammenbrechenden Nationalsozialismus über- 
nehmen — wenn es erlaubt ist, eine solche Möglichkeit heute schon 
auszudenken — dann werden die Revolutionäre die betrogenen sein, 
die mit opportunistischen Parolen einen blossen Scheinkontakt zu den 
konfessionellen Gruppen hergestellt hatten. Diese Warnung scheint 
umso dringender, als die in der Jungen Garde vertretene Linie nicht 

108 



"1: 



'-'.i 



nur theoretische Bedeutung hat, sondern wie wir erfahren, auch für 
die Zusammenarbeit zwischen Kommunisten und Katholiken in der 
neu gegründeten »Weltjugendvereinigung« gegen Krieg und Faschis- 
mus massgebend sein soll. 

Überhaupt erseheint der Übergang vom r-r-revolutionären Frei- 
denkerkrieg zum gemeinsamen »Glaubenskampf« zu plötzlich. Man 
kann hier so wenig wie in andern grundsätzlichen Fragen seine 
Haltung ändern, ohne darüber zu diskutieren und die in der Ver- 
gangenheit begangenen Fehler zuzugeben. Sonst wird Opportunismus 
und vor allem ein verwirrender Eindruck bei den Aussenstehenden 
unvermeidlich sein. 

Man kann heute nicht zu Katholiken hingehn und sie zu gemein- 
samen Widerstand gegen kirchenstürmende SA auffordern ohne 
ihnen gleichzeitig zu sagen: Unsere Haltung in den Jahren der Wei- 
marer Republick war falsch. Niemals werden wir in Zukunft Eure 
Gefühle in roher Weise verletzen, niemals werden wir in einem 
sozialistischen Deutschland mit den Mitteln der Gewalt gegen Religion 
und Kirche vorgehn. Aber bei der nun einmal verfahrenen Situation 
werden wir bei Zusammenarbeit mit religiösen Menschen stets auf 
grundsätzliche Diskussionen gefasst sein müssen. Wir werden uns 
bemühen müssen, solche grundsätzliche abstrakte Diskussionen zu 
vermeiden oder zumindest so zu führen, dass wir, ohne unsern Stand- 
punkt zu verstecken, dem andern das Gefühl geben, dass wir seine 
Überzeugung verstehen und achten — wenngleich nicht teilen. 

Eine allzu einseitige Stellungnahme für die Kirche würde ausser- 
dem den Kontakt mit den Neuheiden erschweren, den die revolutio- 
näre Bewegung stärker als bisher aufnehmen müsste. Erst neuerdings 
wird von dem wachsenden Interesse früherer Freidenker für die DG 
berichtet, die der KK die reaktionäre Rolle, die sie in der Weimarer 
Republik spielte, nicht verzeihen können und die sich darüber freuen, 
dass sie jetzt sozusagen den verdienten Lohn bekommt. 

Bei den DG-Leuten handelt es sich zudem oft um junge Menschen, 
die noch nicht auf den blinden Gehorsam so festgelegt sind, den der 
Faschismus von seinen Anhängern fordert, die noch mit Problemen 
ringen, die zum grossen Teil dem radikalen Flügel des NS angehören. 
Sie auf die Widersprüche ihrer Ideologie aufmerksam zu machen, 
ihre Diskussionen im revolutionären Sinne weiterzutreiben müsste 
nicht allzu schwer sein. Anleitung haben wir im Kapitel über die 
DG gegeben. Aber hier wie auf manchen andern Gebieten steht der 
Mangel an geschulten Genossen einer solchen Arbeit hindernd im 
Weg. Wer nur den Kampf gegen Hunger und Arbeitslosigkeit sieht 
ohne die damit verknüpften psychologischen Probleme, wird unfähig 
sein, sie zu leisten. 

Dabei ist allerdings eines zu berücksichtigen: In Diskussionen mit 
Gegnern, besonders mit religiösen, niemals mit psychologischen 
Tiefendeutungen and wissenschaftlichen Terminologien arbeiten! 

109 






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Dass der Sündenlehre der Onaniekonflikt zu Grunde liegt, dass es 
sich beim »Urgrund des Werdens« um das Gefühl der Einheit von 
ich und Welt, ich und Natur handelt, das durch die Mutterbindung^ 
mystifiziert ist, das ist Wissen für uns! Der andere kann uns nicht 
verstehen, wenn wir direkt auf sein Unbewusstes lossteuern — und 
noch dazu in einer Terminologie, deren Sinn vielleicht dem Leser 
dieses kleinen Buchs klar geworden ist, die aber auf einen Unvor- 
bereiteten fremdartig, wenn nicht abstossend wirken muss. Die 
Widersprüche, die in der Heldenverehrung, im leeren Tiefsmn, m 
den Auffassungen von Liebe und Ehe liegen, können wir bewusst 
machen. Dass, wer immer vom Heldischen redet, noch kein Held ist 
(eher umgekehrt), dass eine Aneinanderreihung von tönenden Worten 
noch kein Tiefsinn ist sondern höchstens die Sehnsucht danach, dass 
die Frau nicht zugleich hinter den Herd gesetzt und an der Seite des 
Mannes kämpfende Germanin sein kann, dass man der sexuellen 
Vereinigung nicht unbedingten Eigenwert geben und sie dennoch mit 
der Pflicht zur Kinderzeugung belasten kann, besonders unter den 
heutigen Wirtschaftsverhältnissen r Darüber kann man mit jeder- 
mann reden. 

Wenn aber unser Gegner vom Rassengefühl redet, das er m seinen 
Adern rauschen fühlt, müssen wir wissen, dass er mnerlich ^ oder 
um es wissenschaftlich genau zu fassen, vegetativ - erregt ist und 
ihm dabei zugleich unbewusst das Bild seiner Mutter vorschwebt. Und 
wir werden Achtung davor haben — ohne ihm von unserm Wissen 
zu sagen. Aber wir können ihn vielleicht fragen, ob er nicht auch em 
ähnliches Rauschen in den hohen Augenblicken seines Lebens spurte, 
da er sich einer geliebten Frau nähert. Weiter will ich das phanta- 
sierte Zwiegespräch nicht ausspinnen, sonst wird ein Rezept daraus: 
Und Rezepte sind in unserm Fall sinnlos. 

Was ich mit all dem sagen wollte, war vor allem, dass man bei 
der Arbeit unter religiösen Menschen auf die einfachen menschlichen 
Dinge mehr Wert legen muss, als auf tönende Parolen. Darauf kann 
eine Theorie nur hinweisen, sie kann den Verständigen anleiten aber 
sie kann die verständnisvolle menschliche Einstellung nicht ersetzen. 



110 




Literaturnachweis 

Da es sich in dieser Arbeit nicht um eine wissenschaftliche Aus- 
einandersetzung mit den Theorien der verschiedenen Gruppen handelt 
sondern um eine massenpsgchologische Untersuchung, wurde vor- 
wiegend Material aus Zeitungen und Zeitschriften zu Grunde gelegt, 
ferner verschiedene persönliche Berichte in Deutschland revolutionär 
arbeitender Genossen. Wir geben hier eine Übersicht über die benutzte 
Zeitschriften- und Zeitungsliteratur: 

Für die Bekenntniskirche und ihren Kampf mit den deutschen 
Christen: Die Zeitschrift »Junge Kirche« (Verlag der Jungen Kirche, 
Göttingen), abgekürzt JK, 

Für die katholische Kirche: die Wochenschrift »Ecclesiastica«, 
(KIPA-Veriag, Freiburg, Schweiz), die eine Zusammenstellung aller 
wichtigen kirchlichen Ereignisse, Konkordate, Hirtenschreiben auf der 
ganzen Welt bringt, abgk. Eccl. Ferner: »Der Deutsche Weg«, eine 
von katholischen Emigranten herausgegebene Wochenschrift mit viel 
interessantem Material (Oidenzaal, Postbus 18, Holland). 

Für die deutsche Glaubenswegung: Die Monatsschrift »Deutscher 
Glaube« (Karl Gutbrodverlag, Stuttgart), abgk. DGl; ferner: »Reichs- 
wart«, die Wochenschrift Reventlows (Berlin). 

Ferner wurden die Nachrichten über den Kirchenstreit aus »Po- 
litiken« (Kopenhagen) und aus den »Basler Nachrichten« benutzt, die 
wohl innerhalb der internationalen Presse den ausführlichsten Nach- 
richtendienst über den Kirchenstreit haben. 

Für die benutzte Buchliteratur verweise ich auf die einzelnen. 
Anmerkungen. 



111 



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Inhaltsverzeichnis 



]. liinlcitung 



II. Slc'lliJiiß der Arbeiterpresse im Kirehenstreil 

bis Ende 1934 

Im Jahr 1935 (bis Oktober) 

III. Der Protestantismus ■■ 

1. Motive der »Teilnahme« am Kirchenstreit 

2. Der religiöse Konflikt ■ 

;i. Stelluiii,' des Staates im Kirchenstreit 

W, Der Katholizismus ■ •■ ■■• 

1. Gottesfilauhe gegen »Mythus« 

2. Fasehistischcr Aktivismus gegen chnsUiche Moral 

3. Rassenlehre gegen Verachtung des »Fleisches« ... 

4. Der Kampf um die Jugend 

5. Katholisches Vereinsleben, Presse etc. 

(j. Folgen -; ••• •-• 

7. Entwicklung im Jahre 1935 

V. Grundlagen der Religion 

1 /usammenfassung der bisherigen Untersuchung 

2. Mar.v und Engels über Religion: Religion als Ideolo 

3. Religion als psychische Struktur 

4. Religion als »Erlösung« 

VI. Die deutsche Glaubensbewegung 

1. Der äus.sere Tatbestand ■• • 

Verschiedene Auffassungen 

Die »oberste Schicht«: Wogende Pathetik ... . 

Aggressivität 

Die zentrale Vorstellung der DG 

Wie wirkt sich die religiöse Mutterbindung aus' 

Soziale Zuordnung 

Materialistische Erklärung 



2, 
3. 
4. 

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6, 

7. 
8. 



VII. Einige praktische Folgerungen 

a) Arbeit unter Genossen 

b) Arbeil unier Kleinbürgern etc. 

c) Im Faschismus ■• 

d) Unsere Haltung im Kirchenstreit 

Literaturnachweis 



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Wir empfehlen der Beachtung uns erer Leser: 

W. REICH: 

MASSENPSYCHOLO.GIE DES FASCHISMUS 

1 

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