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Full text of "Tolstois Kindheitserinnerung. Ein Beitrag zu Freuds Libidotheorie"

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INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



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1 



I M A G O - B Ü C H E R / II 

TOLSTOIS KINDHEITS- 
ERINNERUNGEN 

VON DR- N. OSSIPOW 



IMAGO-BÜCHER/ II 



TOLSTOIS 
RINDHEITSERINNERUNGEN 

EIN BEITRAG ZU FREUDS LTBIDOTHEORIE 

VON 

' D». N. OSSIPOW 




INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

LEIPZIG / WIEN / ZÜRICH 

19^5 



ALLE RECHTE 

BESONDERS DIE DER ÜBERSETZUNG 

VORBEHALTEN 



COPVBIGHT 1923 

BY INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 

GES. M. B. H. WIEN 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



GEDRUCKT BEI K. LIEBEL IN WIEN 



1 

VORBEMERKUNGEN 



Alle Werke Leo Tolstois — die dichterischen, pubii- 
/.istisclien, philosophischen und religiösen - — stellen eine 
Selbstanalyse und in mancher Beziehung sogar eine 
Psychoanalyse im Freud'schen Sinne dar. 

In der Beschreibung der Seelenerlebnisse von Dimitri 
Nechljudow, im 14. Kapitel des Romanes „Auferstehung", 
hat Tolstoi seine eigenen Erlebnisse in folgende Formel zu- 
sammengefaßt : 

„In Nechljudow lebten, -wie schließlich in allen Menschen, zwei^ 
Menschen: der eine, der geistige Mensch, der für sich nur solche 
Güter anstrebt, die zugleich auch für andere Güter sind, und der andere, 
der tierische Mensch, der nur sein eigenes Wohl sucht und bereit 
ist, diesem die ganze Welt zu opfern.'' (In Nechljudow geht zwischen diesen 
beiden Menschen ein echter innerer Kampf vor sich, der ihm bald 
bewußt, bald unbewußt ist.) 

„Nur ein Schurke, ein Lump konnte so handeln! Und ich, ich bin 
dieser Schurke und dieser Lump ? — sagte er laut. Ist es denn wirklich 
wahr, bin ich wirklich ein Schurke? Ja, wer denn sonst? — antwortete 
er sich selbst . . . ." 



1) Die Spemmgen in allen Zitaten aus Tolstois Werien stammen vom 
Verfasser. 

I Ossipoui; Tolsiois Kindheit serianeruneen 



^ 



Ossipow : Tolstois Kindheitserlmierungen 



„In Nechljudows Leben war schon mehrmals geschelien. was er 
„ seiner Seele Säiiberimg" nannte. Die Saubening seiner Seele nannte er 
den Seelenzustand, in dem er plötzlich, manchmal nach großen Inter- 
vallen, die Verlangsamung des inneren Lebens gewahr wurde und all den 
inneren Kehricht auszufegen begann, der, in seiner Seele ange- 
sammelt, die Ursache dieses Stillstandes bildete. Jedesmal nach solchem 
Aufw^achen stellte sich Neclüj udo^v Lebensregeln zusammen, denen er 
für immer folgen wollte: er schrieb sein Tagebucli und begann ein neues 
Leben, das er nie mehr zu ändern hoffte, — turning a neu? leaf — wie 
er sich sagte. Aber die Verlockungen der Welt umgarnten ihn wieder, 
ohne daß er dessen gewahr wurde, und er sank hinab, oft tiefer nocli 
als früher." — ■ [In den Momenten des Aufwachens seines ,.geistigen 
Menschen" betet Nechljudow zu Gott wie ein Kind:] „Er betete, bat 
Gott, ihm zu helfen, in ihm zu wohnen und ihn zu reinigen, und 
unterdessen war das, worum er flelite. schon geschehen. Gott, der in 
ihm lebte, erwachte in seinem Bewußtsein. Er fühlte sich als Ihn[!]^ 
und empfand darum nicht nur Freiheit, Wachsamkeit und Lebensfreude 
sondern fühlte die ganze Macht des Guten. Alles, alles, das Allerbeste 
was nm- ein Mensch tun kann, fühlte er sich jetzt imstande zu voll- 
hringen. In seinen Augen waren Tränen wenn er dies sagte, gute und 
schlechte Tränen: gute Tränen, w^eil es Freudetränen über das Erw^achen 
des geistigen Menschen in ihm waren, und sclilechte, weil sie Tränen 
der Rührung über sich selbst, über seine Tugend, waren.'" 

Der Gedanke, daß der Mensch eine Einheit von 
mehreren Wesen darstelh, hat von jeher die Dichter, 
Philosophen und Gelelirten beschäftigt, aber eine beh-iedigende 
wissenschaftliche Bearbeitung hat dieser Gedanke noch nicht 



i) Im russischen Text steht eben: ,,er fülilte sich als rhii'\ nicht „er 
fiihltc Ihn d. h. Gott in sich". Das findet seine Erklänuig darin, wie Tolstoi 
damals Gott verstand. Zu der Zeil, als die ,.AnfersteIinng" geschrieben wurde. 
steht in seinem Tagebuchc folgendes: „ . . , Dieses innere Gesetz ist dasselbe, was 
wir Vernunft, Geivissen, Liebe, das Gute. Gott, nennen. Diese Worte liaben 
verschiedene Bedeutungen, doch bestimmen sie alle ein und dasselbe von ver- 
schiedenen Seiten." (Leo Tolstoi, Tagebuch, i. Band, München, 1917, S. 5.) 
— Gräfin A. A. Tolstoi, seine Tante schrieb ihm: .,Mir scheint es, daß Sie 
sich einer schon bekannten Lehre liing'eben. welche den Golt menschen leugnet, 
aber den Menschengott erkennt." {Leo Tolstois Briefwechsel mit der 
Gräfin A. A. Tolstoi, St. Petersburg, igii. Russisch). 



Vofheine?-kungen 



gefunden. Das Seelenleben des Menschen kann man als eine 
ununterbrochene Kette von S t r e b u n g e n zu 1 u s t b r i n- 
genden Zielen betrachten. Einige von diesen Zielen steckt 
sich der Mensch selbst, und darum erscheinen ihm die 
Strehungen, die auf diese Ziele gerichtet sind, aus seinem 
Ich im engeren Sinne des Wortes zu entstehen — 
„meine Streb ungen" nach LosskyV So stellt sich 
Nechljudow als Ziel die Säuberung seiner Seele, darum 
analysiert er seme Seelenerlebnisse, stellt Lebensregeln zu- 
sammen, schreibt sein Tagebuch u. s. w. — das sind alles 
Ich-Tätigkeiten. Dieses Ich ist eben das menschhche, 
aber weder das geistige noch das tierische Ich. Wir können es 
als das Individual-Ich bezeichnen, weil es für den Menschen, 
als einmaliges, un wiederholbares Individuum, am meisten 
charakteristisch ist. 

Die anderen Ziele sind dem Menschen gegeben, er 
fühlt sich gezwimgen, zu ihnen zu streben, oft sogar gegen 
die Wünsche und Absichten seines Individual-Ichs. „Ich tue 
nicht das, was ich will, sondern was ich hasse, das tue ich", 
sagt der Apostel Paulus^. Dementsprechend werden die 
Strebungen, die auf diese „gegebenen" Ziele gerichtet sind, 
mit dem Gefühl der Gegebenheit und der Gezwungenheit 
erlebt — e$ sind „die mir gegebenen Strebungen" 
nach Lossky. 

Von den „mir gegebenen" Strebungen ist bei jedem 
Menschen eine unzählige Menge vorhanden. Hierher gehören 
alle Strebungen, die als Quelle den Leib des Individuums 
haben — somatogene Strebungen, die in zwei groi3e 



i) Die Grundlehren der Psychologie vom voluiitarislischen Standpunkte. 
St. Petersburg, 2. Aufl.. 1911. (Riissisch). 

2) An die Römer. VII, 15. 



Ossipow: Tolstois Kindheit ser innerin )ge)i 



Gruppen geteilt, werden können ; i .) die Gruppe der 
Strebungen, deren Ziel die Erhaltung des individuellen 
Lebens ist (die Strebung zur Nahrungsaufnahme, zur 
Wärme u. s. w.) — die individuellen, „mir gegebenen" 
Strebungen d. h. die Ichtriebe; und 2.) die Gruppe der 
Strebungen, deren Endziel die Arterhallung ist — die Genital- 
resp. die Sexualtriebe. 

Weil jede Strebung^ wie auch jedes psychische Erlebnis 
überhaupt, jemandes Strebung ist, irgend einem Subjekt, 
irgend einem Ich angehört, so gehören auch die sexuellen 
Strebungen einem bestimmten Ich, dem Sexual-Ich an^ dieses 
kann in der Beziehung zum Individual-Ich das S u b-I c h 
genannt werden. Dementsprechend können die Individual- 
triebe (Ichtriebe) als dem individuellen Sub-Ich zugehörig 
aufgefaßt werden. Da die Individualtriebe mit den Ich- 
Tätigkeiten in der gemeinsamen Strebung zu demselben Ziel 
der Selbstbehauptung (Egoismus, Wille zur Macht) 
zusammenfließen, so sind die Konflikte zwischen dem Indi- 
vidual-Ich und dem Individual-Sub-Xch verhältnismäßig selten 
und bei weitem nicht so wesentlich, wie die Konflikte 
zwischen dem Ich und dem Sexual-Ich. 

Außer den somatogen gegebenen Strebungen erlebt jeder 
Mensch noch viele andere Strebungen, die denselben Charakter 
der Gegebenheit und der Gezwungenheit besitzen, deren 
Quelle aber nicht im Leibe des Menschen liegt; dieser Art 
sind z. B. die ethischen Forderungen resp. Verbote. Der 
bekannte Professor des Staatsrechtes an der Universität 
St. Petersburg Petraschilzky schreibt : 

Die ethischen Forderungen „haben einen besonderen mystisch- 
autoritativen Charakter: sie stehen unseren anderen emotiven Be- 
wegungen, den Appetiten, Strebungen, Begierden gegenüber und wider- 



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Vorbemerkungen 



streben ilmen, als Impulse, die mit der Aureole des Höchsten und der 
Autorität umgeben sind; diese Impulse scheinen aus einer unbekannten, 
von unserem gewöhnlichen Ich verschiedenen, geheimms- 
vüllen Quelle zu staimnen .... Die menschliche Sprache, die Poesie, 
Mythologie, Religion, die metaphysischen Systeme sind Abbildungen, 
IiUei-pretationen und Übersetzungen dieser charaktei-isti sehen Eigenschaften 
der ethischen Emotionen in die Sprache der Vorstellungen und zwar in der 
Richtung und in dem Sinne, daß neben unserem Ich in diesen 
Fällen noch ein anderes Wesen vorhanden ist, irgend eine Stimme 
zu uns spricht (conscieutia. Gewissen^ die Stimme des Gewissens, dem 
Gewissen gehorchen, das Gewissen fürchten usw., der „Dämon" des 
Sokrates, ,.das metaphysische Ich" nach Kant.) Diese /.u unserem Ich 
sprechende Stimme scheint von einem hölieren Wesen auszugehen; 
die religiöse Psychik der Völker schreibt diese Stimme den Göttem zu, 
die monotheistischen Religionen Gott, die metaphysische Philosophie 
schafft ihr metaphysische Personifizierungen (,die Natur', ,die Vernunft', ,der 
WiUe' als metaphysische Wesen; ,der objektive Geist' usw.); die posi- 
tivistische mid skeptische Psychik derjenigen, die jedem Mystizismus 
fremd bleiben wollen, schaffen dieser Stimme dennoch mystische Personi- 
fizierungen: ,der Volksgeist', der gemeinsame Wille . . . ."^ 

Während Petraschitzky im Menschen das Vorlianden- 
sein der höheren ihm gegebenen Strebungen anerkennt, 
verneint er jedes reale Substrat dieser Strebungen. Dennoch 
haben wir ein reales Substrat für die ethischen Strebungen 
und das ist die Menschheit in ihrem Ganzen. Der Mensch 
existieit nicht allein und hat nie allein existiert. Der Mensch 
ist ein Teil des Ganzen: seiner Familie, seiner Volksklasse, 
seines Volkes, seines Staates, der ganzen Menschheit. Die 
Menschheit als Ganzes, gewissermaßen als organische Ein- 
heit, stellt eben dieses Substrat, dieses Supra-Ich, dar, dem 



i) In Ge-wissen entspricht die Vorsilbe ge den lateinischen Vorsilben 
cum-, con-, co-. Das entspre eilende russische Wort sso-vjest hat dieselbe Struktur. 

2) Das Zitat ist dem Buche von N. O. Lossky entnommen: „Die Be- 
gründung des Intuitivismus". 2. Auflage. St. Petersburg 1908. Russischi. 



:3 



Ossipow: Tolstois Kbirlheitserinnei-ungen 



als ihrer nächsten Quelle, die höheren Strebungen des Indi- 
viduums entstammen. Als die allernächste Quelle der ethischen 
oder, genauer zu sagen, der sozial-ethischen Strebungen, 
ist im Anschluß an Freud „der kritische Einfluß der Eltern"' 
zu betrachten, „an welche sich im Laufe der Zeiten die 
Erzieher, Lehrer und als unübersehbarer, unbestimmbarer 
Schwärm alle anderen Personen des Milieus (die Mitmenschen, 
die öffentliche Meinung) anschließen."^ Die sozial-ethischen 
Forderungen, die vom Indi\adual-lch assimiliert sind, 
bilden in seiner Seele eine mehr oder minder autonome 
Gruppe von Strebungen (Forderungen), die auch als Supra- 
Ich bezeichnet werden kann. Dieses innerseelische Supra-Ich 
ist ein Repräsentant der höheren Mächte in der Menschen- 
seele. In diesem letzten, psychologischen Sinne werden 
wir die Bezeichnung Supra-Ich hier weiter gebrauchen; 
ebenso wie wir unter Sub-Ich nicht den Leib, sondern seme 
Repräsentanz in der Seele verstehen werden. 

Das Individual-Ich kann sich den sittlichen Strebungen 
widersetzen. Ein Seelenkonflikt ist nicht nur zwischen dem 
Ich und dem Sexual-Ich, sondern auch zwischen dem Ich 
und dem Supra-Ich möglich. Das sittliche Verbot lautet:, 
„töte nicht!", aber das Ich Raskolnikows („Schuld und Sühne 
von Dostojewsky) sagt, daß man die alte Wucherin zum 
Wohl der Menschen töten darf. Und .Rasfcolnikow führt 
einen dauernden schweren Kampf mit seinen ethischen 
Strebungen. 

Das Bereich der höheren „gegebenen" Strebungen enthäh 
nicht allein ethische Fordemngen; hierher gehören auch die 
wissenschaftlichen, ästhetischen, rehgiösen Strebungen u. a. m. 



ii 



i) Zur EinfüJirmig des Narzißmus (1911). Sammlung kleiner Schriften 
mr Neuroeenlclire. \ierte Folge. Leipzig imd Wie» 1918. S. 105. 



Vorbetnerkungen 



Wir unterscheiden also in der Menschenseele drei 
Gruppen von Strebungen: „meine" Strebungen, die soma- 
togenen „mir gegebenen" Strebungen und die ethischen 
„mir gegebenen" Strebungen.' Dementsprechend unter- 
scheiden wir drei Ich: das Individual-Ich, das (Sexual-) 
Sub-lch und das (ethische) Supra-Ich. Diese Unterscheidung 
entspricht Tolstois Formel: Nechljudow, der tierische Mensch, 
der geistige Menscli. 

Man muß beachten, daß ein und dieselbe Aktion bei 
verschiedenen Individuen durch verschiedene Strebungen, 
bezw. verschiedene ich hervorgerufen werden kann. So ist 
z. B. für den einen die Eheschheßung eine Aktion des Indi- 
vidual-Iclis, — Vernunftheirat; für den andern ist sie eine 
Aktion des SexunlJchs, — Liebesheirat. Der eine stiehlt 
nicht, mit Rücksicht auf unangenehme Folgen, Strafe usw., 
der andere kann überhaupt nicht stehlen, weil sein Supra- 
Ich zu gebieterisch ist und jede Überlegung und jeden 
Zweifel ausschließt. 

Um möglichst scharf den Begriff des Individual-Ichs 
zu präzisieren, achten wir darauf, daß wir unter der Per- 
sönlichkeit im weitesten Sinne des Wortes, im Anschluß 
an James, all das verstehen können, was die betreffende 
Person als ihr angehörend betrachtet: sich selbst, ihr KJeid, 
ihr Haus, ilir Gut, ihr Geld, ihre Werke, Frau und Kind, 
Vorfahren und Freunde usw. Wenn wir aus diesem Zusammen- 
hang all das, was die Ausstrahlungen des Individuums dar- 
stellt, wegnehmen, so bleibt das Individuum selbst übrig, 
in dem wir Leib und Seele unterscheiden. Von dem Indi- 



i) Lossky stellt drei charakterologisclie Gruppen fest: a) sinnliche 
Menschen (.mit Überwiegen der somalogeneii Strebungen); b) egozentrische 
Menschen ; c) überpersonliohe Menschen (mit Überwiegen der höheren Slrebungen). 



Ossipow: Tolstois Kindheit serimnwimgen 



viduuni können wir den Leib wegdenken, dann bleibt die 
Seele übrig. Aber im Bereiche der Seele selbst können wir 
„meine" und „mir gegebene" Strebungen unterscheiden. Sub- 
trahieren wir die „mir gegebenen" Strebungen, so bleiben 

„meine" Strebungen und das dazu gehörende Subjekt 

das Individual-Ich — übrig. Das Indiridual-Ich, das Sub-Ich 
und das Supra-Ich zusammen bilden das Gesamt-Ich.^ 

Wenn wir nun von der Seelenstatik zur Seelen- 
dynamik übergehen, müssen wir unsere Aufmerksamkeit 
auf die Begriffe der Form und der Materie lenken. 
„Form und Mateiie" — das ist der Grunddualismus 
jedes Organismus. 

„Aus der winzigen Eizelle, die nu)- unter dem Mikroskop 
gut sichtbar ist, erwächst ein Wesen, das vierzig und mehr 
Küogramm wiegt. Die Eizelle der Mutter selbst hat ihren 
Anfang — zugleich mit vielen Millionen anderer Zellen ~ 
von einer ebensolchen Eizelle der Großmutter genommen, 
die der Großmutter ihrerseits von der Urgroßmutter, usw. 
Indem wir das Schicksal der Teile, aus denen wie das Ei, 
so auch der aus ihm erwachsende Organismus besteht, in 
Gedanken verfolgen und die Tatsache des Stoffwechsels be- 
rücksichtigen, kommen wir leicht zu dem Schlüsse, dai^ alle 
Substanzen, alle chemischen Verbindungen, die im gegebenen 
Moment vorhanden sind, verhähnismäÖig wenige Jahre vorher 
an verschiedenen Orten der Natur zerstreut waren und von 



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i) Im gewohnlichen Sprachgebrauche unterscheidet man auch nvischp 
dem Individuum im Ganzen genommen und dem Individual-Ich. So könnt 
man meinen, daß im. Ausdrucke „ich selbst" „ich" das Tndividual-Ifh h 
zeichnet, und „selbst^' die anderen IcJi deckt, so daß der ganze Ausdruck ; 1." 
seDist" dem Gesamt-Ich entspricht. Dennoch muß man sagen, daI3 der x.pwKl^?, 
hche Sprachgebrauch diesen Ausdruck nicht eindeutig versteht In dem Zh T 
bekannten Ausrufe Moiitaigres: Que Dieu w d^favie de ,mi-mime! versteil 
IWontaigne unter moi-,7,,nu das Sub-Ich. und anderseits versteht man im Satz 
,.das mache ich selbst-^ unter „selbst" das Individual-Ich. 



Vorbemerku ngeii 



dort entnommen wurden, so daß es kein einziges Teilchen 
gibt, welclies das unentreißbare Eigentum des menschlichen 
Organismus darstellte. Der Körper des Menschen wird aus 
ihm fremdem Material gebildet . . . Dasjenige Material, aus 
dem der Organismus gebaut wird, kann seine Materie 
genannt werden. An und für sich kann es ein selbständiges 
eigenes Leben besitzen, aber für unseren Körper ist es nur 
Materie. In dieser Weise ist der Begriff der Materie relativ. 
. . . Wie schon gezeigt wurde, ist für deu gegebenen Körper 
die gegebene Materie fremd, zufällig. Es ist evident, daß 
irgend eine für sie äußerliche Kraft die zei-streuten Teile 
anzieht, sie verbindet und in gewisser Weise veiteilt. Dies 
verbindende Etwas, das den Organismus zum Körper, zu einer 
Einheit und dazu zu einer Einheit ganz bestimmter Ai't 
macht, diese Ursache des gegebenen Seins, aitiov toü gKcxi 
nach dem Ausdruck des Aristoteles, können wir, im Anschluß 
an ihn Form nennen . . . Also ist der Organismus ein zu- 
sammengesetztes Ganzes, in ^velchem wir die materiellen 
Teile und die Form unterscheiilen."^ 

Was ist denn eine Form? Selbstaktivität. Einer- 
seits ist der Organismus die Form, die die Materie organisiert, 
andererseits ist er für sich selbst das Ich, das die zu ihm 
gelangenden Reize orgiinisiert. „Am ehesten kaiui man das 
Ich als etwas Aktives charakterisieren : als Kraft, Streben, 
Wollen, das seine Aktivität aus sich selbst schöpft, aber 
in seiner Tätigkeit durch fremde Elemente, durch die 
Gegenkraft, nach L. Lopatin's bildlichem Ausdruck, 
bestimmt wird."^ Das Individual-Ich ist, wie ein jedes Ich, 



i) Wi, Karpow. Die Grimdzüge der organischen Naturauffassung. Russisch. 
2) Wl. Karpow. a. a. O. 



1 Ossipow : Tolstois Kindheitserinnerungen 






selbst aktiv. Selbstaktiv sind auch das Siib-Ich, das Supra- j( 

Ich und die fremden Ich. Für jedes Ich ist die Tendenz j 

charakteristisch j sich des ganzen Körpers und der ganzen Seele 1 

des Individuums bemächtigen zu ^vollen. In Beziehung zum 
Individual-Ich stellen alle anderen Ich das transsubjektive 
Milieu dar: und zwar Sub-Ich und Supra-Ich — das inner- 1 

seelische transsubjektive Milieu, die fremden Ich - — das 
außerseelische transsubjektive Milieu. Die Heizungen, ' 

die von dem innerseelischen Milieu ausgehen, unterscheiden -1 

sich von jenen des außerseelischen Milieus dadurch, daß das 
Individual-Ich vor ihnen nicht einfach davonlaufen kann, 
wie Freud feinsinnig bemerkt.^ Die gegenseitigen Verhält-^ 
nisse aller eben genannten Ich bilden ein System von 
K r a f t z e n t r e n, innerhalb dessen der Ablauf des Seelen- 
lebens stattfindet. Solange das Individual-Ich die Antriebe 
tles Sub-Ichs, die Fordeioingen des Supra-Ichs, sowie die 
Reizungen seitens der fremden Ich beherrscht, heißen wir 
den psychischen Zustand des Individuums normal; dabei 
spielt das Individual-Ich die Rolle der Form und die 
anderen Ich die der Materie. Wenn diese Rolle der Form 
dem Individual-Ich mißlingt, so entsteht ein Seelen- 
konflikt, d. h. das Leben des Individuums untei'liegt ent- ! 

weder dem Supra-Ich oder dem Sub-Ich und das Individuum 
iührt dann ein einseitiges Leben : ein asketisches, be- 
ziehungs-weise ein ausschweifendes. In diesen letzten Fällen 
ist nicht wie in der Norm das Individual-Ich die Form im j 

Aristoteles-Karpow'schen Sinne, sondern das Supra-Ich, 
bezw. das Sub-Ich, während das Individual-Ich in die Lage 
der Materie versetzt wird. Solche Änderungen im Seelen- jj 

i) Triebe luid Triebs cliicksale, Sainmkmg kleiner Schriften zur Neurosen- 
lehre. Vierte Folge. 



J'orbemt^rkungen 1 1 



leben sind durchaus möglich^ denn wir v\'issenj daß „Form 
und Materie" relative Begriffe sind. 

Soviel über die Seelendynamik. 

Beachten wir nun v\'eiter, daß das Individual-Ich eine 
zweifache Verbindung mit seinen Erlebnissen besitzt, wie 
Lossky, besonders in seinen letzten Aibeiten, hervorhebt. 

i) Das Ich erlebt den einen oder anderen Zustand — 
die K r 1 e b e n s b i n d u n g. 

2) Das Ich kennt diese Erlebnisse teilweise — die 
W i s s e n s b i n d u n g. 

Die Fähigkeit des Ichs, Stoffe und Eindrücke zu 
assimilieren, Reize, Antriebe, Foi'derungen zu verglei- 
chen und zu kombinieren, Ziele zu stellen und Impulse 
zu ihrer Realisierung zu geben — all das erwächst in der 
Seele von selbst wie eine Urkraft. Das ist die Erlebens- 
bindung des Ichs. „Das Wissen erscheint post factum, nimmt 
den Niederschlag des Lebens, der schon in die Ewigkeit 
getaucht ist, entrollt ihn, zergliedert, vergleicht. Und diese 
sekundäre Tätigkeit ist auch ein Akt unseres Ichs, in dem 
es sich mittelbar wahrnimmt, wie etwas Vergangenes, wie 
die Form, welche das Leben dem Schöpfungsprodukt gegeben, 
während es sich mit ihm zusammen abgesondert liat."' Mit 
anderen V\''orten, das Seelenleben als solches verläuft u n- 
bewußt,^ einerlei ob es die Betätigungen des Individual- 
Ichs, des Sub-Ichs oder des Supra-Ichs darstellt, und nur im 
sekundären seelischen Prozesse des B e w u ß t m a c h e n s seitens 
des Individual-Ichs wird das Seelenleben zum bewußten 



1) Wl. Karpow, a. a. O. ■ . ■ ■ 

a'; über die Rechtfertig'diig des Unbewußten siehe Freud: ..Das Unbewußte" 
lind ..Einige Bemerlciuigen über den Begriff des Unbewußten''. Sammlung kleiner 
Schriften. Vierte Folge, 



J 



12 Ossipow: Tolst ois Kindheitserinnerungen 

Leben. In diesem letzten Falle lebt das Individual-Ich nicht 
nur, sondei-n stellt sich auch das Erlebte vor; aus dem sich 
einfach erlebenden Leben wird ein vorgestelltes Leben. 
Das vorgestellte, bezv\'. das bewußte, Leben deckt bei weitem 
nicht das unbewLdBte Leben. Das Wissen und das Erleben 
sind zwei nach ihrer psychologischen Natur ganz verschiedene 
Dinae, auch w^enn sie den nämlichen Inhalt haben. 

Wenn wir das von uns Ausgeführte auf die zu Anfang 
des Kapitels wiedergegebene Formel Tolstois über seine 
Seelenerlebnisse anwenden, so können wir sagen, daß Tolstoi 
sich nicht liebt, im Gegenteil sich beschimpft, sich haßt, 
d. h. daß seine Libido (die Sexualenergie) gegen sein 
Individual-Ich gerichtet ist. Ais Resultat dieses Selbstliasses 
erscheint die Strebung des Individual-Ich s zur Veränderung. 
Das Individual-Ich stellt sich als Ziel seine Selbstreinig-ung 
und nimmt deswegen eine Reihe von Handlungen vor, stellt 
sich als Ziel ein Leben nach bestimmten Idealen; folghch 
hebt zu dieser Zeit das Sexual-Ich die idealen Forderungen, 
bezw. liebt nicht das wirkliebe Ich, sondern das Ideal-Ich. 
Aber da ziehen die Verlockungen des Lebens, eigentlich die 
fremden Ich (die Frauen) die Libido an sich. Tolstois Leben 
wird durch das Sexual-Ich, durch dessen Besetzungen mit 
fremden Objekten, geformt. Nach einiger Zeit verurteilt das 
Individual-Icli, unter dem Einflüsse des Supra-Ichs, dieses 
Leben. Die Libido wendet sich von ihrem aktuellen Ich 
weg und richtet sich wieder auf das Ideal-Ich und insofern 
das aktuelle Ich den Idealen folgt, bewundert das Sexual-Ich 
das Gesamt-Ich des Individuums (Narzißmus). So bildet also 
die Libidoverteilung auf das System des Ichs das 
Hauptmoment für die Charakteristik der Persönlichkeit. 



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J 



I 'orhenwrhinsen 1 5 



Das erste dichterisdie AVerk von Leo Tolsioi — die 
Erzählung „Kindheit" — -wurde ini Jahre 1852 gescliriehen. 
Damals war der Autor q,\. Jolire alt. Zuerst betitelte Tolstoi 
dieses Werk: „Die Geschichte meiner Kindheit." Und wirklich 
trägt diese Erzählung in sehr hohem Grade aut ohiographischen 
Charakter; wenigstens im psychologischen Sinne ist 
dieses Werk einer Autobiographie gleichw ertig. Der bekannte 
Tolstoi-Biograph Birjukow schreibt: „Was die Beschreibung- 
des Innenlebens seines kindlichen Helden anbelangt, so können 
wir getrost behaupten, daß der Dichter, in dieser oder jener 
Art alle Erlebnisse seines Helden durchlebte, was uns wohl 
das Recht verleihen dürfte, sie als Anhaltspunkte für unsere 
Biographie zu benützen."' Der 24Jä}nige Autor wollte sich 
in seinem Leben umsehen und sich die Erlebnisse seiner 
stürmischen Seele in ihren c^'^■igell Übergängen von Selbst- 
enlzücken zur Selbstenttäuschung klarmachen. Die Erzählung 
Kindheit" beginnt so: „Am 12. August iS . . , genau am 
dritten Tag nach meinem Geburlstag, an welchem ich 
] o Jahre alt geworden war . . . ." W' arum beginnt Tolstois 
Erzählung mil derxi zehnten Lebensjahr? Freud hat unsere 
Aufmerksamkeit auf eine interessante psychologische Tatsaclie 
gelenkt, auf das Fehlen der Erinnerungen an die ersten 
Jahre unseres Lebens. Freud schreibt: „ . . . die eigentüm- 
liche Amnesie, welche den meisten Menschen (nicht allen!) 
die ersten Jahre ihrer Kindheit bis zum 6. odei- 8. Lebens- 
jahre verhüllt. Es ist uns bisher noch nicht eingefallen, uns 
über die Tatsache dieser Amnesie zu verwundern; aber wir 



1! Leo N.Tolstois Biographie und Memoiren. Autobiographische 
Memoiren. Briefe und biographisches Material. Herausgegeben von Paul B irjukow 
und durchgesehen von Leo Tolstoi. L Bd., Kindlieit und frühes Mannesaltcr. 
Wien, 190G, IL Bd. 1909. 



4 

^ 






i.\ 



1 4 Ossipow : Tolstois KindJieitseriuneruiigen 

hätten guten Grund dazu. Denn mau berichtet uns, daß 
wir in diesen Jahren, von denen wir spater nichts im 
Gedächtnis behalten haben als einige unverständliche Er- 
innerungsbrocken, lebhaft auf Eindrücke reagiert hätten, daß 
wir Schmerz und Freude in menschlicher Weise zu äußern 
verstanden, Liebe, Eifei-sucht und andere Leidenschaften gezeigt, 
die uns damals heftig bewegten, ja, daß wir Ausspmche getan, 
die von den Erwachsenen als gute Beweise für Einsicht und 
beginnende Urteilsfähigkeit gemerkt wurden. Und von alle- 
dem wissen wir als Erwachsene aus eigenem nichts. Warum 
bleibt unser Gedächtnis so sehr hinter unseren anderen 
seelischen Tätigkeiten zurück? Wir haben doch Grund zu 
glauben, daß es zu keiner anderen Lebenszeit aufnahms- und 
reproduktionsfähiger ist als gerade in den Jahren der Kind- 
heit."* Leo Tolstoi suchte immer eine klare, genau formulierte 
Antwort auf alle bei ihm entstehenden Fragen, und da er 
kein genügendes Material für bestimmte Antworten auf seine 
Erlebnisse vor seinem zehnten Lebensjahre fand, läßt er seine 
Erzählung erst mit diesem Zeitpunkt einsetzen. Und dennoch 
beschäftigte Tolstoi die Frage der Erinnerungen aus früherer 
Zeit. In der „Kindheit" gibt es ein Kapitel, welches einer 
früheren Periode, etwa dem Alter von 5—4, Jahren, gewidmet 
ist und in der letzten Zeit sind autobiographische Notizen 
Tolstois veröffentlicht worden, welche den ersten Lebens- 
erinnerungen gewidmet shid und in denen Tolstoi die in- 
fantile Amnesie gleich Freud feststellt. Diese Skizzen sind 
für die Persönlichkeit und die Tätigkeit Tolstois so inter- 
essant und im allgemein-psychologischen Sinne so wichtig, 
daß es sich lohnt, sie vollständig und in wörtlicher Über- 

1) Drei Abhandlungen ziir Sexualtheorie. 4. Aufl., Leipzigund Wien, 1920,3.40. 



Vorbemerkungen 1 5 



Setzung anzuführen.^ Die „Ersten Erinnerungen" waren zuerst 
in P. Birjukows Tolstoi-Biographie veröffentlicht worden. 
Von zwei Bänden dieser Biographie besteht eine deutsche 
Übersetzung, die, zum Lesen ganz geeignet, für die psyclio- 
logische Analyse abei- einiger Korrekturen (in der Richtung- 
getreuerer Anpassungen an den Originaltext) bedarf. Die von 
Birjukow geschriebene Biographie hat unter anderem eine 
wichtige positive Seite: der Autor stand in persönlichen 
Beziehungen zu Leo Tolstoi. Wie es im Titel heißt, ist 
Bii-jukows Arbeit von Tolstoi selbst durchgesehen. Aber dieser 
Umstand verursacht auch den wesentlichen Defekt der ganzen 
Arbeit. Birjukow ist Tolstois Nachfolger, teilt alle seine 
Ansichten der nachkritischen Periode und darum betrachtet 
er die vorkritische Periode mit den Augen des Tolstoismus. 
Kurz gesagt, Birjukow fühlt sich als Besitzer der Wahrheit und 
darum fällt er Lob und Tadel einzig vom Standpunkte dieser 
Wahrheit aus. 

Noch eine Bemerkung über die F>inteilung von Tolstois 
Leben in Perioden. „In meinem Entwürfe (der Biographie) 
erläuterte ich den Plan," schreibt Birjukow, „das menschliche 
Leben in Zeiträume von je 7 Jahren einzuteilen. Ich hatte 
einst von Tolstoi selbst gehört, er glaube daran, daß — 
wie die Physiologen das menschliche Leben in Perioden von 
je 7 Jahren einteilen ■ — auch das psychische Leben dieselben 
Perioden des Wachstums habe und daß jede Periode von je 
7 Jahren ihren eigenen physiognoniischen Charakter trage. 
Dennoch teilte Tolstoi selbst sein Leben andei-s ein : 



1) Die Übersetzung dieser Erinnerungen sowie aller anderen Zitate aus 
dem Russischen, stammt von Frau V. Riabow. der ich auch hier meinen 
hcnlichen Dank dafür ausspreche. 



2) Birjukow, I, 6. 



] 6 Ossipoiv : Tolstois Kindlic.it si'Hjmenmgen 

„Indem ich meinem Leben diesen Spiegel vorhielt, das heißt, 
indem ich es vom Standpunkte des Guten und des IJbels, das ich getan 
hatte, prüfte, sah ich, daß sich mein ganzes langes Leben in vier 
Perioden auflöst. In jene — besonders im Vergleiche zu den darauf 
folgenden — herrliche, jene unschuldige, frohe, poetische Zeit der 
Kindlieit bis zum vier:-^ehnten Jahre. Dann die zweite, jene furchtbaren 
'/.wanzig Jahre, die Periode roher Ausschweifung, der Frondienste des 
Ehrgeizes und der Eitelkeit, und vor allem der Sinnlichkeil. Dann die 
dritte, achtzehn Jahre umfassende Periode, von meiner Heirat an bis zu 
meiner geistigen Geburt, eine Periode, die man vom w^eltbchen Gesichts- 
pimkte aus moralisch nennen könnte; ich will sagen, daß ich wahrend 
dieser achtzehn Jahre ein geregeltes, anständiges Familienleben lebte, 
ohne mich irgendwelchen von der öifentlichen Meinung verdammten 
Lastern hinzugehen, nichts destoweniger war dies eine Periode, in der 
sämtliche Interessen auf egoistische Familiensorgen gerichtet waren, auf 
die Vermehrung des Vermögens, literarische F^rfolge und auf Genuß 
jeder Art. Und dann, dem Ende zu, gestaltet sich noch eine vierte 
Periode von zwanzig Jahren, in welcher ich jetzt leJie und in welcher 
ich zu stei'ben lioffe, und von deren Gesichtspunkten aus ich all die 
Bedeutung meines vergangenen Lebens abmesse, und die ich in nichts 
zu ändern wünschen würde, es sei denn in jenen Gewohnheiten des 
Übels, die mir aus früheren Jahren anhaften,"^ 

Diese Einteilung Kindheit — Sturm- und Drangperiode 
— Familienleben — nachkritische Periode ■ — ■ werden auch 
wir in unserer Arbeit benutzen, natürlich ohne Slellungnahme 
zu Tolstois Werturteilen über diese Perioden. 



i) GesdirieLen am G. Jünner 1905. Birjukow, I, ij. 



I 



I 



II 
DIE „ERSTEN ERINNERUNGEN«^ 



55' 



Ich bin im Dorfe Jassnaja Poljana geboren und habe dort meine 

erste Kindheit zugebracht. Da sind meine ersten Erinnerungen (die 

ich der Reihe nach zu ordnen nicht vermag, weil ich nicht weiß, was 

früher, was später war; von manchem weiß ich sogar nicht, ob es hn 

Traume oder im Wachen geschah). Da sind die Erinnerungen: Ich bin 

Msammengebmiden; ich möchte meine Anne freimachen und icli kann 

es nicht tun und ich schreie und weine und mein Geschrei ist mir 

selbst imangenehm; aber ich kann nicht aufhören. Jemand stehl über mich 

gebückt, ich erinnere mich nicht, wer es ist. Und das aUes im Halbdunkel. 

Aber ich erinnere mich, daß es zwei sind. Mein Geschrei wirkt auf 

sie, sie beunruhigen sich wegen meines Schreiens, aber binden mich nicht 

los', was ich möchte, und ich schreie noch lauter. Ihnen scheint es, daß 

es so nötig ist (nämlich daß ich zusammengebunden sei), während ich 

weiß, daß es nicht nötig ist und ihnen dies beweisen will; und ich 

vergehe in lautem Geschrei, das .liir selbst zuwider, aber unaufhaltsam 

ist ° Ich fühle die Ungerechtigkeit und die Grausamkeit — nicht der 

Menschen, weil sie mich bedauern^ aber des Schicksals, und habe 



i) „Erste Erinnerungen-. {Aus autoLiographisclien Skizzen 1878. Ge- 
sammelte Werke von Leo Tolstoi. Band I. Berlin 1921.) (Russ.) 

2) Das russische Zeitwort jaljet ( „/« soll vor „«" wie im franiüsischen 
Journal lauten) hat nicht nur dcJi Sinn „bedauern^', „Mitleid haben", sondern 
auch „heben". 

3 Ossipoui; Tolstois Kinähfitserinnffungin 



f 



1 8 Ossipow: Tolstois Kindheitserinjwruiigen 

Mitleid mit mir selbst. Ich weiß nicht und werde es nie erfahren, was es 
eigentlich war: wickelte man mich, als ich ein Säugling war und be- 
freite ich meinen Arm oder war es, daß man mich wickelte, als ich 
schon älter, ein Jahr alt war, damit ich meine Flechten nicht kratze - 
habe ich viele Eindrücke, wie es im Traume geschieht, in diese eine 
Erinnerung gesammelt: jedenfalls ist das eine wahr, daß es mein erster 
und stärkster Lebenseindruck war. Und erinnerlich ist mir nicht mein 
Geschrei, nicht das Leiden, sondern die Kompliziertheit und die Gegen- 
sätzlichkeit des Eindruckes. Ich will Freiheit, sie stört niemanden und 
ich, der Kraft braucht, ich bin schwach und sie sind stark. 

Ein anderer Eindruck ist ein frölilicher. Ich sitze im Trog und 
mich umgibt ein neuer, nicht unangenehmer Geruch von irgend einem 
Stoff, mit welchem man meinen kleinen Körper reibt. Wahrscheinlich 
war es Kleie und sie war im Wasser und im Trog, aber die Neuheit 
der Eindrücke von der Kleie weckte mich, und ich bemerkte zum erstenmal 
meinen kleinen Körper und fing an, ihn mit seinen mir an der Brust 
sichtbaren Rippen zu lieben und auch den glatten, dunklen Trog, die 
entblößten Arme meiner Njanja, das wanne, laue, schreckliche Wasser, 
sein Geräusch und besonders die Empfindung der Glattheit der nassen 
Ränder des Trogs, wenn ich mit den Händchen über sie fuhr. 

Es ist sonderbar und schauderhaft zu denken, daß ich von meiner 
Geburt bis- zum Alter von drei Jahren, in der Zeit, als ich an der Brust 
saugte, als man mich von der Brust abnahm, als ich zu kriechen, zu 
gehen, zu sprechen anfing, wieviel ich auch in meinem Gedächtnis 
suche, keinen einzigen Eindruck außer jenen beiden finden kann. Wann 
habe ich denn angefangen? Wann fing ich zu leben an? Und warum ist 
es mir fröhlich, mir mein damaliges Ich vorzustellen, es war mir doch 
schrecklich, — wie es auch jetzt vielen schrecklich ist, — mich mir selbst 
in der Zeit vorzustellen, in der ich wieder in diesen Zustand des Todes 
eintreten werde, von dem es keine in Worten auszudrückenden Er- 
innerungen gibt? Lebte ich denn damals nicht, als ich sehen, hören, 
verstehen, sprechen lernte, als ich schlief, an der Brust saugte, die Brust 
küßte und lachte und meine Mutter erfreute? Ich lebte und lebte glück- 
selig! War es nicht damals, daß ich all dasjenige erwarb, wodurch ich 
jetzt lebe, und so viel und so schnell erwarb, daß ich im ganzen 
übrigen Leben auch nicht den hundertsten Teil davon erworben habe? 



B -LILU-J > i» 



1 

i 



Die „Erstell Erinnerungen' i9 



Vom fün^ährigen Knaben bis zu mir ist nur ein Schritt; vom Neu- 
geborenen bis zum fünfjährigen — eine riesige Entfernung; vom Embryo 
bis zum Neugeborenen — ein Abgrund. Aber die Nichtexistenz und 
den Embryo trennt schon kein Abgrund, sondern Unfaßbarkeit. Es be- 
deutet wenig, wenn man sagt, daß Raum, Zeit und Kausalität Denk- 
fomien sind und daß das Wesen des Lebens außerhalb dieser Formen 
liegt, sondern unser ganzes Leben ist eine immer mehr und mehr ge- 
steigerte Unterwerfung unter diese Formen und dann wieder eine Be- 
freiung von ihnen. 

Meine nächsten Erinnerungen gehören schon ins Alter von 4—5 
Jahren, aber deren sind auch sehr wenige und keine von ihnen bezieht 
sich auf das Leben außerhalb der Hauswände. Die Natur existierte bis 
zu meinem 5. Jahre für mich nicht. Alles, woran ich mich erinnere, 
alles geschieht im Bettchen, im Zimmer. Das Gras, die Blätter, der 
Himmel, die Sonne existierten nicht für mich. Es ist unmöglich anzu- 
nehmen, daß man mich nicht mit Blumen, mit Blättern hatte spielen 
lassen, daß ich kein Gras gesehen, daß man mich nicht vor der Sonne 
geschützt hätte, aber bis zu meinem fünften, sechsten Jahre habe ich keine 
einzige Erinnerung an das, was wir Natur nennen. Wahrscheinlich muß 
man sich von ihr entfernen, um sie zu sehen, und ich war selbst die Natur, 
Die nächste Erinnerung nach dem Trögehen ist die Erinnerung 
an „Jeremejewna". „Jeremejewna" war ein Wort, mit welchem man 
uns Kimler schreckte, aber meine Erinnerung an sie ist folgende: ich 
bin im Bettchen und mir ist froh und wohl zu Mute, wie immer, und 
ich würde mich dessen nicht erinnern, aber plötzlich sagt Njanja oder 
iemand von denen, die mein Leben ausmachen, etwas mit einer für 
mich neuen Stimme und gellt fort, und es wird mir nicht nur fröhlich, 
sondern auch ängstlich zu Mut. Und ich erinnere mich, daß ich nicht 
allein bin, sondern mit noch jemandem, solch einem Wesen wie ich. 
(Es ist wahrscheinlich meine um ein Jahr jüngere Schwester Maschenka, 
deren Bettchen in unserem Zimmer stand.) Und ich erinnere mich, daß 
es einen Vorhang bei meinem Bette gibt und zusammen mit meiner 
Schwester freue und ängstige ich mich über das Ungewöhnliche, das 
uns geschehen ist, und ich verstecke mich im Kissen, verstecke mich 
und gucke zur Tür, aus welcher ich etwas Neues und Lustiges erwarte. 
Und wir lachen und verstecken uns und warten. Und da erscheint 



"iV- 



20 Ossipow: Tolstois Kijidheitserinnej-iiiigün 






jemand in Kleid und Haube, so wie ich es nie gesehen habe, aber icK 
erkenne, daß es dieselbe Person ist, die immer mit mir ist (ob Njanja. 
oder meine Tante, weiß ich nicht), und diese Person spricht mit einer 
gi-oben Stimme, die ich kenne, etwas SchreckHches über böse Kinder 
und über Jeremejewna. Ich heule vor Schrecken und Freude und er- 
schrecke und freue mich wirklich zugleich, daß mir graut, und ich 
will, daß diejenige, welche mich erschreckt, nicht erfahre, daß ich sie 
erkannt habe. Wir werden still, aber fangen später absichtlich wieder 
zu flüstern an, um wieder .Teremejewna herbeizurufen. 

Ich habe eine aiidere Erinnerung, die der an Jeremejewna gleich ist 
wahrscheinlich eine spätere, weil sie klarer ist; aber für mich blieb sie [ 

immer unbegreiflich. In dieser Erinnerung spieh der Deutsche Fedor 
Iwanowitsch, unser Lehrer, die Hauptrolle, aber ich weiß bestimmt 
daß ich mich noch nicht imter seiner Aufsicht befand, also geschah 
es vor meinem fünften Jahre. Und das ist mein erster Eindruck von 
Fedor Iwanowitsch, und er erfolgte so früh, daß ich mich noch an 
niemanden, — weder Brüder noch Vater — erinnere. Wenn ich auch 
eine Vorstellung von einer einzelnen Person hahe, so ist es nur- die 
meiner Schwester, und auch nur darum, weil sie ebenfalls wie ich sich 
vor Jeremejewna fürchtete. Mit dieser Erinnerung verbindet sich bei 
mir auch die erste Vorstellung davon, daß unser Haus einen oberen 
Stock besitzt. Wie ich dahin geriet, ob ich selbst hinaufgestiegen bin, 
oder ob mich Jemand hingebracht hat, ich weiß gar nichts, ich erinnere 
mich aber, daß unser viele sind, wir halten uns alle im Reigen 
Hand in Hand, unter uns sind fremde Frauen (ich weiß nicht, warum 
es mir erinnerlich ist, daß es Wäscherinnen sind), und wir fangen alle 
an, uns zu drehen, zu hüpfen und Fedor Iwanowitsch springt, die Beine 
zu hoch hebend, und zu geräuschvoll und laut und in einem imd demselben 
Augenblick fühle ich, daß es nicht gut, daß es unsittlich ist, und ich be- 
merke ihn und fange wie mir scheint zu weinen an, und alles nimmt ein Ende. 

Das ist alles, woran ich mich bis zum Alter von 5 Jaliren erinnere. 
Weder von meinen Njanjas, Tanten, Geschwistern, noch von meinem j 

\ater, von den Zimmern und Spielzeugen ~ von nichts weiß mein -| 
Gedächtnis. Mehr bestimmte Erinnerungen beginnen bei mir von der 
Zeit an, wo man mich nach unten zu Fedor Iwanowitsch und den 
älteren Knaben übersiedelte. 



! 



I 



Die „Ersten Ennnei-uugeiT 



31 



Bei meiner Versetzung nach unten zu Fetlor Iwanowitäch und den 
Knaben empfand ich zum erstenmal, und daiann stärker als jemals 
später, das GefüW, das man das Pflichtgerühl, das Gefühl des Kreuzes 
nennt, das 'm tragen jeder Mensch berufen ist. Mir tat es leid, das 
Bekannte (das seit Ewigkeit Bekannte) zu verlassen, traurig war es, 
poetisch traurig, nicht so sehr von den Leuten — der Schwester, der t 

Niania, der Tante zu scheiden, wie von dem Bettchen, dem kleinen Vor- , 

han'^, den Kissen, und furchtbar war das neue Leben, in welches ich 
eintrat. Ich bemühte mich. Lustiges in dem neuen Leben, welches mich 
erwartete, zu finden; ich bemühte mich, den ft-eundlichen Reden, mit 
denen Fedor Iwanowitsch mich zu sich lockte, zu glauben, bemühte 
mich, die Verachtung, mit der die Knaben mich, den jüngsten xu sich 
nahmen, nicht zu sehen; bemühte mich '/.u denken, daß es eine Schande ^ 

sei für einen großen Knaben, mit Mädchen zu wohnen, daß es nichts 
Gutes in dem Leben oben nnt der Njanja gab; aber in meiner Seele war es 
lürchthar traurig, und ich wußte, daß ich unwiederbringhch die Unschuld 
und das Glück verlor, und nur das Gefühl der Selbstwürde, das Bewußtsein, 
daß ich meine Pflicht erfülle, stützte mich. Später im Leben geschah 
es mir oftnials, daß ich solche Augenblicke an Kreuzwegen des Lebens, 
neue Pfade antretend, erlebte. Ich empfand stille Trauer über die Un^ 
wiedcrbringlichkeit des Verloi-enen. Ich glaubte immer nicht, daß es 
geschehen werde, obgleich man mir davon gesagt hatte, daß man mich 
zu den Knaben bringen würde; aber ich erinnere mich, daß der Schlafrock 
mit den am Rücken angenähten Hosenträgern, den man mir anzog, mich 
wie auf hnuier von oben abgesclmitten hatte, und ich bemerkte hier 
zum erstEnmal nicht alle diejenigen, mit denen ich üben wohnte, aber 
die Hauptperson, mit der ich lebte und welche ich früher nicht ver- 
standen hatte. Das war meine Tante Tatjana Alexandrowna. Ich erinnere 
micli ihrer, der nicht hochgewachsenen, starken, schwarzliaarigen, 
guten, zarten, mitleitligen Frau. Sie zog mir den Schlafrock an, um- 
gürtete mich und ich sah, daß sie dasselbe fiihlte wie ich, daß es 
ihr leid, furclitbar leid tat, aber so sein sollte. Zum erstenmal fühlte 
ich, daß das Leben keine Spielsache, sondern eine schwere Sache sei 
— 'werde ich nicht, wenn ich sterben werde, dasselbe fühlen, verstellen, 
daß der Tod oder das -zukünftige Leben kein Spielzeug, sondern eine 
schwere Sache ist? 



^ Ossipoiv: Tols tois KimiJieitserimiei-ungen 

Diese autobiographischen Skizzen, haben für den Psycho- 
logen, besonders aber für den Psychoanalytiker einen besonderen 
Wert dadurch, daß sie ohne jede Tendenz geschrieben sind. 
Sie stellen eine Reihe von freisteigenden Erinnerungen dar. 

Der 50 jährige Tolstoi bemüht sich, sein Leben vom 
ersten Anfang an zu erinnern. Es scheint ihm, daß es der 
Erinnerungen genug geben wird, nur ist es schwer, sie in der 
Zeit zu lokalisieren, und er ist nicht ganz siclier, ob sie im 
Traum oder im Wachen erlebt worden seien. Aber es ergibt 
sich, daß bis ins Alter von 3 Jahren sich nur zwei Er- 
innerungen finden: die Wickelerinnerung und die Trog^ 
erinnerung. Der Autor bleibt mit Bewunderung vor der 
Tatsache der infantilen Amnesie stehen und spricht 
später den Gedanken aus, das Leben des Mensclien unter- 
hege den Formen von Zeit, Raum und Kausalität, wobei er 
diese im Sinne Kants versteht. Femer spricht Tolstoi darüber, 
daß er sich bis ins Aher von 5 Jahren nicht an die Natui^ 
erinnert und erläutert diese Amnesie: „Wahrscheinhch muß 
man sich von ihr entfernen, um sie zu sehen, und ich war 
selbst die Natur." Endlich bemüht sich Tolstoi, sein weiteres 
Leben zu erinnern ~ wieder mit demselben Mißerfolg. Im 
Gedächtnis entstehen nur drei Erinnerungen: Jeremejewna, 
der Reigen und der Umzug. 






in 
ZWEI ALLERERSTE ERINNERUNGEN 

(Das Individual-Ich und die Ich-Libido.) 



Betrachten wir die erste, die Wickelerinnerung. "Wir 
haben da: i) das Bild; 2) den Seelenzustand ; 5} die Be- 
schreibung des Seelenzustandes; +) die Reduzierung dieses 
Seelenzustandes auf eine Formel. 

Es ist evident, daß die Frage über die Wahrhaftigkeit 
dieser Erinnerung das Bild und den Seelenzustand betreffen 
soll, während die Beschreibung des letzteren selbstverständlich 
eine Übersetzung des damaligen Zustandes in die Sprache 
des 50jährigen Autors ist. Selbstverständhch gehört auch die 
Reduzierung der Seelenerlebnisse auf eine Formel: „Kompli- 
ziertheit und Gegensätzlichkeit der Eindrücke" 
dem 5ojähngen Autor an. 

Die Wahrhaftigkeit des Bildes ruft keinen Zweifel hervor. 
Es bleibt nur die Frage offen, ob ein einjähriges Kind einen 
so komplizierten Seelenzustand erleben kann? Nach allen 
seinen Zweifeln sagt Tolstoi doch ganz bestimmt: „Es ist 
wahr, daß es mein erster und stärkster Lebenseindruck ge- 
wesen ist." Die Komphzierliieit und die Gegensätzlichkeit der 



•^ 



24 Ossipow : Tolstois KiiidJieitsei-imiertmgeii 

Eiiidiüüke, bezw. der Strebungen ist ein charakteristischer 
Zug von Tolstois Persönlichkeit. Der Seelenzustand beim 
Gewickeltwerden: „ich möchte meine Anne freimaclien und 
ich kann es nicht tun und ich schreie und weine und mein 
Geschrei ist mir seihst unangenehm . . . Jemand sieht über 
mich gebückt . . . ich eriimere mich, daß es zwei sind. Mein 
Gesclnei wirkt auf sie, sie beunruhigen sich wegen meines 
Schreiens, abei' binden mich niclit los . . . Ihnen scheint es, 
daß es so nötig ist, wälirend ich weiß, daß es nicht nötig 
ist . . . Ich fülile die Ungerechtigkeit und die Grausamkeit 
— nicht der Menschen, weil sie mich bedauern (lieben), 
aber des ScJncksals und liabe Mitleid mit mir selbst" — dieser 
Seelenzustand entspricht gänzhch den Zuständen, die Tolstoi 
in seinem Leben oft zu erleben hatte. 

Greifen wir zwei Beispiele heraus. 

Tolstoi wollte seinem Reichtum entsagen (in der nach- 
kritischen Periode), wollte sich von der materiellen Seite des 
Lebens befreien. Diese Strebung entstammte hauptsächlich 
seinen Überlegungen, seinem Individual-Ich (nicht seinem 
Supra-lch), er hielt es für recht zu tun — es war „meine", 
aber keine „mh- gegebene" Strebung. Der Verzicht auf seinen 
Reichtum war für Tolstoi die Folge seiner rationalistischen 
Auffassung des Christentums: „Man soll glauben, ohne Glaube 
ist das Dasein unmöglich; abei- man muß nicht daran glauben, 
was uns die andeien sagen, sondern daran, woran zu glauben 
Sie selbst durch Ihren eigenen Gedankengai]g, Ihre eigene 
Vernunft gebracht werden."' Das ist aber kein Glaube, sondern 
ein Vernunftschluß. So ein Vernunftschluß ~ eine Aktion 
des Individual-Ichs — war auch sein Wunsch, sehi Vermögen 



1) „Und das Licht leuchtet in der Finsternis". Drama aus dein Nachlasse. 



Zwei aÜertTste Erinnertmgeii 25 



y.u verleilen. Aber er war durcli seine Nächsten ,,gebimden", 
und „weinte und schrie" und war mit seinen Betätigungen 
unzufrieden, aber konnte sicli von ihnen niclit freimachen. 
Und erj der Kraft brauchte, war schwach. Was eigentlich 
hielt Tolstoi zurück, seinen Reichtum zu verteilen? Die Liebe 
zu seinen Angehörigen und das Bewußtsein ihrer Liebe zu 
ihm. „Ich fühlte die Ungerechtigkeit und die Grausamkeil — 
nicht der Menschen, weil sie mich lieben ..." 

Wenden wir uns dem zweiten Beispiele zu. 

Im Jahre 1886 beschreibt Tolstoi seine Beobachtungen, 
Überlegungen und Qualen, verursacht durch die schreckliche 
Not und das Elend in Moskau, wie in allen Großstädten. Nach 
seinem Besuch in einem Nachtasyl streitet Tolstoi zu Hause 
Ulli seinem Freund, welcher ilnn zu l>eweisen sucht, daß das 
Elend fMii<* natürliche Erecheinung des Sladllebens ist. „Ich 
fing meinem Freunde zu erwidern an, aber mit solcher 
Hitze und solcher Bosheit, daß meine Frau aus dem anderen 
Zimmer herbeilief und fi-agle, was geschehen sei? Es zeigte 
sich, tliiß ich, es selbst nidit bemerkend, mit Tränen in der 
Stimme schrie und auf meinen Freund mit den Händen losging. 
Ich schrie : so kann man nicht leben, man kann und darf nicht 
so leben, man darf nicht! Man sagte mir, daß ich mich wegen 
meiner unnötigen Hitze schämen solle, daß ich von nichts ruhig 
sprechen könne, daß ich in meinem Ärger unangenehm würde, 
und bewies mir hauptsächlich, daß die Existenz solcher Un- 
glücldiclien gar nicht die Ursache dazu sein könnte, das Leben 
seiner Angeliörigen zu verderben. Ich fühlte, daß es ganz 
richtig war und schwieg, aber in meiner Seolentiefe fühlte ich, 
daß ich auch recht hatte, und konnte mich nicht beruhigen." 



i) „\Vas sollen wir tun'?"' Verlag J. L,adysclmikow, Berlin, 1920. (Russ.) 



^ 



26 Ossipow: Tolstois Kindheitserimierungen 

Vergleichen wir die drei Erlebnisse : beim Wickeln, beirri 
Versuche, sein Vermögen zu verteilen und beim Streit wegen 
der Bettler. In allen drei Fällen haben wir die Forderung 
seines Individual-lchs und die Gegenkraft der 
Umgebenden. Im ersten Falle wünscht das Individual-Ich, 
die Arme zu befreien, aber es ist von seinen Verwandten, 
physisch gebunden j im zweiten Falle will das Individual- 
Ich seinen Plan ausführen, aber es ist von der Liebe zu 
seinen Verwandten gebunden, folglich psychisch gebunden^ 
was nicht minder real ist ; im dritten Falle ist das Individual-Ich 
durch die Gegenkraft der Verwandten und der ganzen Ge- 
sellschaft gebunden. In allen drei Fällen unterliegt das 
Individual-Ich, aber mit „Schreien und Weinen". Hier wurzelt 
der Konflikt: im ersten Falle ein äußerer, im zweiten und 
dritten ein äußerer und innerer (innerseelischer). 

Wir haben keinen Grund, an der Wahrhaftigkeit der Er- 
innerung an den äußeren Konflikt zu zweifeln. ,jDaß eii> 
Mensch eine Erinnerung an seine Säuglingszeit bewahren 
könne, ist vielleicht nicht unmöglich, kann aber keineswegs 
als gesichert gelten," schreibt Freud.' Und Ha velock Elli s 
behauptet, daß Kindererinnerungen oft sehr viel weiter zurück- 
reichen, als man gewöhnlich glaubt. Was aber die Wahrhaftig- 
keit des innerseelischen Konflikts, wie er in dieser allerersten 
Erinnerung beschrieben ist, betrifft, so ist sie mehr als 
zweifelhaft. 

Die Übereinstimmung dieser Erinnerung mit Tolstois 
ganzer Persönhchkeit — ihre innere Wahrhaftigkeit — kann 
zum Beweis zweier entgegengesetzte!- Behauptungen benützt 
werden. 

1) Vgl. dazu: „Eine Khidheitserinneriing des Leonardo da Vinci." Von 
Sigm. Freud, 2. Aufl., Leipzig und Wien, 191g, S. 32 ff. 



Zwei allererste Krumerungen ==7 



i) Diese Erinnerung stimmt in so hohem Grade mit der 
ganzen Persönlichkeit des Autors überein, daß man sie als 
Künstlerbild, welches beim sojährigen Autor entstanden ist, 
als das Resultat seiner Introspektion im gegebenen Augenblick 
betrachten kann; dieses Künstlerbild ist fälschlich in die 
Säufflingszeit versetzt. „Es kann wohl keine Erinnerung sein, . 
sondern eine Phantasie, die er sich später gebildet und in 
seine Kindheit versetzt hat." ^ Aber aucli in diesem Falle 
soll man auf das achten, was Freud über die Phantasien 
sagt: „Die spät geschaffenen Phantasien der Menschen über 
ihre Kindheit lehnen sicli sogar in der Regel an kleine 
Wirklichkeiten dieser sonst vergessenen Vorzeit an." 

2) Die Übereinstimmung der Erinnerung mit der ganzen 
Persönlichkeit ist der Beweis für ihre Wahrhaftigkeit. 

Es scheint mir, daß diese Behauptungen einander nicht 
widersprechen. Das, woran sich Tolstoi erinnert, hat er 
wirklich erlebt, aber nur im unbewußten psychisclien Prozeß, 
ohne Übergang zur Vorstellung. Aber da dieser unbewußte 
psychische Prozeß das Wesen der Persönlichkeit Tolstois darstellt, 
so ist es natürlich, daß er sich in verschiedenen Variationen un- 
zählige Male in Tolstois Leben wiederholte, von ihm bewußt- 
gemacht und in die Sprache der Vorstellungen übersetzt 
wurde. Nachher wurde diese Übertragung in die Vorstellungs- 
sprache auch auf das erste, elementare, aber dem Wesen nacli 
gleiche Erlebnis angewandt. 

Man kann glauben, daß der äußere Konflikt beim 
Gewickeltwerden eine wirkliche Erinnerung ist und die 
Beschreibung des innerseelischen Konflikts vom 50jährigen 
Autor hinzugefügt wurde. Aber der innerseelische Konflikt 



1) Freud, Eine KindheiLseriniierung des Leonardo da Vinci 



. L. c. S. 22. 



1 



aS Osaipow: Tolstois Kiiid heitxer inner wigeu 

ist bei der ol^en angeführten Icli-Auffassung eigentlich nur 
die FoitsetzLing, resp. die Weiterentwicklung des äußeren. 
Konflikts. Für das IndivJdual-Tch stellen die Supra- und 
Sub-Ichs in gewisser Bezieliung die Außen^velt — das trans- 
subjektive innerseelische Milieu — dtir. Also können -wir 
behaupten, daß Tolstois erste Erinnerung der Wahrheit ent- 
spricht, nur ist die Wahrheit in einer schärfer ausgeprägten 
Form dargelegt, als sie damals erlebt worden war. XJnd die 
Wahrheit ist die, daß Tolstoi sein ganzes Leben lang 
im Zustande des Konfliktes wm e mit der U ni- 
g e b u n g, so auch mit sich selbst lebte. 

Achten wir darauf, daß Tolstoi in der ereten Erinnerung 
bemerkt, daß er „Mitleid mit sich selbst" fühlte (russisch 
aucli als „Liebe zu sich selbst" zu verstehen), ^ ein Nar- 
zißmus, der uns noch speziell beschäftigen wird. 

Da für den Psychoanalytiker nach Fieuds Ausdruck 
nichts „zu geringfügig" ist, so ist es an Tolstois erster Er- 
innerung nicht zufällig, daß zwei Personen im Halbdunkel 
neben ihm standen. Das kann man als Hinweis nehmen, 
daß er eigentlich zwei Mütter hatte: die eine, die ihm das 
Leben gesclienkt hatte, und die er im Alter von v'k Jahren 
verlor, und die andere, die Tante Tatjana Alexandrowna, die 
ihm seine verstorbene Mutter ersetzte. 

Die zweite Erinnerung, die zur selben Zeit gebort, 
ergänzt die erste wesentlich. Die erste Erinnerung gibt nur 
die formale Seite, die Form des Seelenlebens, die Seelen- 
stimmung. In dieser ersten Erinnerung sehen wir den Wimsdi, 
sich von Hindernissen zu befreien: was mit der Freiheit 
anzufangen sei, wozu sie zu verwenden sei, das erfahren wir 
aus der zweiten — freudigen — Erinnerung. Es scheint, 
daß es angenehm ist, mit den freien Händchen die feuchten. 



'/Avei nUercrsti' Kriuuentug<-ti 29 



Rander des Trugs zu betasten und dabei sinnlichen Genuß 
y.u empfinden. Das Fehlen von Zusammengebundenheit er- 
laubt auchj andere sinnliche Genüsse unbehindert zu geniel^en, 
denn die Aufmeil<samkeil wird nicht vom Gegenstande des 
Genusses abgelenkt: man kann (}enuß am Gerucli (Kleie), 
an Tönen (Wassergeplätscher) und am Sehen (die entblößten 
Arme der Njanja imd sein eigener kleiner Körper) empfinden. 
Auf diese Weise gibt uns die zweite Erinnerung den Inhalt 
des Seelenlebens. 

Erganzen wir die angefühlten sinnliclien Genüsse durch 
den sinnlichen Genuß an der Muskehätigkeit (aus der ersten 
Ei'innerung) und fügen wii- außerdem die folgenden Über- 
legungen Tolstois hinzu: „Lebte ich denn damals nicht, 
als ich sehen, hören, verstehen, sprechen lernte, als ich schlief, 
an der Brust saugte, die Brust küßte und lachte und meine 
Mutter erfreute? Ich lebte und lebte glückselig!" Dann 
erhalten wir das Vollbild des sinnlichen Lebens des Säuglings: 
Schau-, Hör-, 1'ast^, Riech-,' Geschmarkfi-, Beweguiigslust — 
all das lauter sinnliche Genüsse, resp. parliell-sexuelle Be- 
tätigungen. 

„Es ist nicht gleichgültig, was ein Mensch aus seiner 
Kindheit zu erinnern glaubt^ in der Regel sind hinter den 
von ihm selbst nicht verstandenen ErinnerungsresLen unschätz- 
bare Zeugnisse für die bedeutsamsten Züge seiner seelischen 
Entwicklung verborgen."' [n dieser Hinsicht zeigt uns Tolstois 
zweite Erinnerung starke Sinnlichkeit und besonders 
ist der Hin^veis auf narzißtische Schaulust interessant. „Ich 
bemerkte zum ersten Male meinen kleinen Körper und fing 

" ,) Tolstoi verzeichnet in seinen Sclmften auffallend häufig Geruchs ein drücke. 

2) Frend,Eine Kindlieilserinnenuig des Leonardo da Vinci. 2. Aufl., 1919- 
S. 24. 



1 



50 Ossipow: Tolstois Kiudheitserinnerutigen 

an, ihn mit seinen an der Brust mir sichtbaren Rippen zu 
lieben." Dieselbe narzißtische Schaulust notiert Tolstoi in 
seiner Erzählung „Kindheit" in dem Kapitel „Etwas in der 
Art einer ersten Liebe": Der lo jährige Nikolenka (Tolstoi 
selbst) külJte Katinkas nackte Schulter, „Dieses Lustgefühl 
war für mich ganz neu 5 nur einmal, als ich meinen bloßen 
Arm betiachtete, hatte ich etwas ähnliches empfunden."^ 

Über Tolstois Sinnlichkeit überhaupt werden wir in 
einem der weiteren Kapitel sprechen, jetzt aber lenken wir 
unsere Aufmerksamkeit auf seinen Narzißmus. 

Jeder Mensch liebt sich selbst. Die Selbstliebe ist eine 
gesetzmäßige normale Erscheinung. Tolstoi notiert in seinem 
Tagebuch folgendes: „Beim Eintritt in das Leben liebt der 
Mensch nur sich selbst und sondert sich von den anderen 
Wesen dadurch ab, daß er unverbrüchlich nur das liebt, was 
sein eigenes Leben ausmacht. Aber sobald er sich seiner selbst 
bewußt wird, kommt er auch zum Bewußtsein seiner 
Liebe, er begnügt sich nicht mehr mit der Liebe zu sich 
selbst und beginnt andere Wesen zu lieben. Und je länger 
er ein bewußtes Leben lebt, umso mehr andere Wesen beginnt 
er zu lieben, und ist diese Liebe auch nicht die unverbrüch- 
liche und stetige, mit der er sich selbst liebt, so ist sie doch 
so, daß er allen Wesen, die er liebt, von Herzen wohl will, 
sich ihres Wohlseins ft'eut und durch jedes Ungemach, das 
den geliebten Wesen widerfährt, leidet."' Aus diesen Worten 
folgt, daß die Liebe /.u sich selbst ein unbewußter, primärer 
Prozeß ist, die Liebe zu den anderen Menschen aber durcli 



1) Diese SLelle wurde seinerzeit von der Zensur gesLrichen und erscliien 
mir in der letzten Auflage. (Deutsch in Reclains Universal Bibliothek.) 

2) Leo Tolstoi, Tagebuch,!. Band. (1895-1899). Tolstoi-Eibliotliek,herausg. 
von L. Bemdl, München, 1917, S. 15- 



Zivei allererste Erimierimgen - 3t_ 



das Stadium des Denkens durchgeiit. Das ist aber ein über- 
mäßiger Rationalismus! Man hat gar keinen Grund, solch 
einen Unterschied zwischen den Prozessen dieser beiden 
Libidobesetzungen zu behaupten. Aber für Tolstois Persönlicli- 
keit ist diese Unterscheidung charakteristisch. 

Der Mensch hat zwei ursprünghche Sexualobjekte: 
sich selbst und das pflegende Weib," schreibt Freud.* „Die 
individuellen Differenzen betreffen nur den Unterschied in 
der Knergie der beiden I.ibidoströmungeu. Es ist evident, daß 
ein in einer Richtung starker Libidostrom den Strom in 
einer anderen Richtung herabsetzt. Die Libidobesetzungen 
des eigenen Ichs und der fremden Ich verhalten sich zu 
einander, wie der Körper eines Protoplasmatierchens zu den 
von ihm ausgeschickten Pseudopodien."^ 

Wir müssen den normalen, primären, sozusagen physio- 
logischen Narzißmus, der bei allen Individuen in der Periode 
des Intrauterinlebens normalerweise die ausschließliche Libido- 
axiwendung darstellt, und als Rest das ganze Leben lang 
existiert, von den anderen Arten des Narzißmus unterscheiden. 
Bald nach der Geburt besetzt die Libido auch fremde Objekte 
und von dieser Zeit an besetzt sie lebenslang gleichzeitig das 
Individuul-Ich und die fremden Ich, resp. die fremden Objekte. 
Wenn im Laufe der weiteren Entwicklung die Ichbesetzung 
anormal stark und tUe Objektbesetzung umgekehrt äußei-sl 
schwach ausfiÜh, dann sprechen wir vom charakterologi- 
schen Narzißmus. Und wenn endlich die Libido die fremden 
Objekte gar nicht beset/,t, dann handelt es sich um den 
pathologischen Narzißmus (Dementia praecox, bezw. Para- 
pln-enien). 

j) „Zur Einfühmiig des Narzißmus". A. n. 0. S, 95. 
2I Ebenda. S. 81. 



52 Ossipow: Tolstois Khidheitserume-rungeii. 



Aber der quantitative Hinweis ist für das Kennzeichen, 
des charakteroiogischen Narzißmus niclit genügend. Der Narziß- 
mus wird in der Normbreite dadurch charakterisiert, daß die 
Libido zu den fremden Wesen nur durch das eigene Ich 
gelangt. Genauer gesagt, lieht der Narziß die anderen Wesen, 
nur wegen ihrer Liebe zu ihm, er liebt ihre Liebe. Das ist 
die „Liebe zur Liebe", die Tolstoi seilest notiert „Ich fühlte 
das Bedürfnis, von jedermann gekannt und geliebt zu 
sein. Ich fühlte das Bedürfnis, meinen Namen zu nennen, 
und alle sollten von dieser Mitteilung großen Eindi'uck 
empfangen, sich um mich scharen und mir für etwas danken." ^ 
Die „Liebe zur Liebe" ist eine narzißtische Objeküiebe. 
Wer an „Liebe zur Liebe" leidet, der muß beständig die 
fremde Meinung beachten. Tolstoi sagt: „Mitenka (Tolstois 
Bruder) muß jene wertvolle Veranlagung besessen haben, von 
der ich glaube, daß sie meine Mutter, und weiß, daß sie 
Nikolenka (Tolstois Bruder) besessen hat, die mir hingegen 
stets ganzlich gefehlt hat — ich meine die völlige Gleich- 
gültigkeit dem Urteil anderer gegenüber. Ich war noch bis 
vor ganz Kurzem beinahe nie imstande, mich über das 
Urteil der Menschen hinwegzusetzen."" Tolstoi besuchte ein 
Nachtasyl und da innringten ihn die Armeji; unter ihnen 
befand sich eine Frau, die mehrere Tage nichts gegessen 
hatte. „Ich gab ihr einen Rubel und erinnere mich, daß ich 
sehr froh war, daß die anderen es gesehen hatten. Eine Alte, 
die es sah, bat mich auch um Geld. Es war mir so an- 
genehm zu geben, daß ich schon ohne zu untersuchen, ob 
es nötig war, zu geben oder niclit, auch der Alten gab . . . 



i) Birjukow, I, 145. 

2) Birjukow, I, 158, gescliriebeii in den Jaliren 1903-1906. 



1 



i 



Zivei allererste Eruuu'rungcn 55 



Als ich das Geld verteilte, näherten sich noch mehr Leute . . . 
Ich empfand .... Unruhe vor dem, was die Krämer 
und die Hausknechte von mir denken mochten. 

Am 12. Mai 185Ö schreibt Tolstoi in sein Tagebuch : 
„Ein überaus wirksames Mhtel, sich mehr Lebensglück 
zu sichern, besteht darin, daß man ausnahmslos nach allen 
Richtungen, wie eine Spinne, ein ganzes Gewebe der Liebe 
spinnt und daiin fäJigt, was sich nur fangen läßt, alte Weiber, 
Kinder, Frauen und Polizeisoldaten.'" Das ist wieder keine 
echte Ohjektliebe, weil sie eigenes Lebensglück verfolgt. 

Sich selbst bis zur Vergötterung liehendj verstand es 
Tolstoi, diese Vergötterung und Liebe auf andere Menschen 
zu übertragen. Er verstand es, geniale Einfühlung in fremdes 
Seelenleben zu offenbaren. Die ganze Liliido, die, wie in 
einem Brennpunkt, im Ich konzentriert ist, wird auf ein 
fremdes Ich übertragen und dann lebt das eigene Ich im 
fremden Ich. Das eigene Ich identifiziert sich mit dem 
fremden Ich. Aber die Mechanismen der Übertragung und 
der Identifizierung machen noch keine Diflerentialdiagnose 
zwischen der Selbstliebe und der echt altruistischen Objekt- 
liebe aus. Die Hauptsache ist, ob das eigene Ich bei der 
Identifikation dem fremden Ich unterliegt oder nicht. Im 
Falle der narzißtischen Identifizierung strebt das eigene Ich 
danach, das fremde Ich dennoch nach seinem Muster zu 
formen Das eigene Ich sucht weiter die Rolle der „Form" 
vx^ spielen. Bei der altruistischen Übertragung unterliegt das 
eigene Ich dem fremden Ich, es wird zur „Materie". Tolstois 
Fähigkeit zur narzißüschen Identifizierung wird durch seme 



t) Was sollen wir Um? S. 55, 54. 
2) Birjuko w, T. 
3 Ossipow: Tolstois KimUiritseiinnerungdi 



54 Ossipow: Tolstoi s Kindheitserinnerungcn 

Heldengestalten in den dichterischen Werken bewiesen. Tolstoi 
bildet seine Helden vorwiegend nach dem narzißtischen Aus- 
wahltypus. Nämlich er bildet ab : i . sich selbst (z. B. Lewiu 
in „Anna Karenina"); 2. was er selbst war (z. B. Nikolenka 
in der „Kindlieit"); 5. was er selbst sein mochte (z. B. Andrei 
Bolkonski in „Krieg und Frieden"); 4. die Personen, die ein 
Teil der eigenen Persönlichkeit sind (die Vorfahren, die in 
„Krieg und Frieden" abgebildet werden). 

Kannte Tolstoi eine echt altruistische Objektliebe? Darüber 
sprechen wir später. 

Die narzißtische Einstellung bringt in inter-individuellen 
Beziehungen notwendiger w^eise die Selbstüberschätzung und 
die Unterschätzung der anderen mit sich. Daraus resultieren 
aber Stolz und Eitelkeit. Birjid^ow sagt: „Tolstoi (in 
den Jahren 1851 — 1858) verkehrte mit Männern, die auf 
seiner eigenen Erziehungsstufe standen und war selbst ihnen 
gegenüber sehr reserviert, unabhängig, ja stets in Opposition 
und von dem Wunsche beseelt, die anderen zu beeinüussen, 
während er selbst äußeren Einflüssen nur scliwer zugänglich 
war."^ Seine Eitelkeit notiert Tolstoi in seinem Tagebuche 
(1832). „Eitelkeit; es ist dies die Leidenschaft, durch welche 

1) Sielie Freud, Zur Einfüliriiiig des Narzißmus 'a. a. O. über die Objekl- 
waliltypen. Die Fragen, die Tolsbois dichterisches Schaffen betreffen und zu 
deren Erforschung in sehr bedeutendem Maße die Arbeiten von Dr. Otto Rank 
verhelfen, ebenso wie die Erläuterung der patholog4scbeu Angst vor dem 
Tode, au der Tolstoi litt und auf die als den wichtigsten Faktor zum Ver- 
ständnis von Tolstois Wandlung imd Personli clücei t M e r e s c h k o w s k i liiugewicsen 
hat, behalten wir unseren weiteren Arbeiten vor. Es sei hier nur bemerkt, 
daß O. Rank ganz recht hat, wenn er in seiner Studie üljer das Doppelganger- 
motiv (Psyclioanalj'tische Beiträge zur Mythenforschung. Leipzig und Wien, 1919^ 
Todesangst und Narzißmus in nalie Beziehungen bringt. Der „ewige Narziß- 
Leo Tolstoi schreibt in seinem Tagebucbe (Oktober i865"l : „Ich schwanke unter 
der Last des Todes, ich schwanke und habe nicht die Kraft, stehen zu bleiben. 
Und icli will den Tod nicht, ich will und liebe die Unsterblichkeit." 
Birjukoiv, II, 20. 

2) Birjuko w, I, 27a, 



Zwei allererste Erinnerungen 55 



wir anderen den geringsten und uns selbst den größten Schaden 
zufügen."* Birjukow erzählt: Als sie (Leo Tolstoi und sem 
Bruder Nikolaus, im Jahre 1831) in der Stadt gingen, fuhr 
ein Herr an ihnen vorüber, der mit unbehandschuhten 
Händen einen Stock vor sich hin hieU. „Dieser Mensch 
scheint offenbai' irgend ein Spitzbube zu sein," rief Leo 
Tolstoi seinem Bruder zu. „Warum?" fragte Nikolaus. „Nun, 
weil er keine Handscliuhe trägt. "^ 

In der „Jugend" widmet Tolstoi ein ganzes Kapitel der 
Beschreibung seiner Bemühungen, conuue. ü faut zu sein. 

Der Narziß ist selbstgenügsam und unzugäng- 
lich.^ Folglich hat er kein Bedürfnis, Freuirde zu haben. 
Ini Leben Leo Tolstois fällt eine besondere Einsamkeit auf, 
nicht jene^ die dem Genie eigen ist, sondern eine andere, 
eine irdisiJie, alltägliche, menschliche. Er hat fast alles, was 
der Mensch auf der Erde erreichen kann, für sich gewonnen, 
nur keinen Freund . . . Sein langes Leben lang umgeben ihn 
nur Verwandle, Verehrer, Beobachter und Beobachtete und 
endlich Schüler — diese aber scheinen ihm am fernsten zu 
stehen." (M e r e s c h k w s k i.)* 

Es versteht sich von selbst, daß Tolstoi kein gewöhnlicher 
Nai-ziß war. Es gibt ebenso Narzisse von höchster Begabung, 
als auch solche, die mit Gaben karg bemessen sind. Die 
Konstatierung des Narzißmus gibt uns noch keine Vorstellung 
von dem Diapason der Persönlichkeit. Wie umfangreich aber 
dieses Diapason bei Tolstoi gewesen, braucht man nicht zu sagen. 



Voegels 
3* 



1) Birjukow, I, 2oG. 

2) Ebenda, I, 174- 

5) Freud. Zur Einf. d. N. a. a. 0. 

4) „Tolstoi und Dostojewski-. S. 76. Erster Band, 2. .\uflage, BerUn. 

s Verlag, 1919- Deutsch von K. v. Gutschow. 



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l^ 



56 ■ Ossipow: To lstois Kindheit serimicrnngefi 

Die Selbstliebe, der Narzißmus, war bei Tolstoi ambi- 
valent, wie wir es im Anfang des ersten Kapitels im Benehmen 
Necliljudows gegenüber sich selbst gesehen haben, wo er sich 
als Schurke u. dgl. beschimpft und sich später als Gott fühlt. 
Das ist die „Verkehrung ins Gegenteil": der Liebe 
in den Haß und umgekehrt (Freud^), wieder einer der 
charakteristischen Züge von Tolstois Persönlichkeit. Diese 
Ambivalenz ist auch in der ersten Erinnerung notiert: „ich 
schreie und weine und mein Geschrei ist mir selbst un- 
angenehm" — „ich fühle Mitleid mit mir selbst" (d. h. Liebe 
zu sich selbst). In seiner geistreichen Arbeit „Tolstoi und 
Dostojewski" schreibt D. S. Mereschkowski ^ „Hier wie doit 
ist die erste Ursache und die Vereinigung dieser anscheinend 
so entgegengesetzten Gefühle das eigene Ich, entweder das 
aufs äußerste gesteigerte oder das aufs äußerste verneinte. 
Aller Anfang und das Ende ist das Ich; weder Liebe noch 
Haß können diesen Kreis zerreißen," Demenl-sprechend war 
auch das Verhältnis Tolstois zu den anderen Menschen 
wechselnd. 

Außer der Ambivalenz ist für Tolstois Narzißmus noch 
seine Kenntnis seiner selbst charakteristisch. Leo Tolstoi schreibt 
über seinen Bruder Sergei : „Seijoscha aber bewunderte ich 
enthusiastisch und ahmte ihn nach . . . Ich bewunderte . . . 
insbesondere, so seltsam dies auch klingen mag, die Un- 
bewußtheit seines Egoismus. Ich war stets meiner 
selbst gewahr, hatte stets Klarheit über mich selbst und 
wußte auch, ob die Gedanken und Empfindungen anderer 
über mich gerecht waren oder ungerecht, und dies störte 



i\ 5*riebe und Triebschicksale, Samml. kl. Sehr. 1. c. S. 252- 
• -j: a) a. a. ü. 



*<v 



T^iuei allererste Erinnerungen 57 



meine Lebensfreude. Darum ^vohl liebte ich an anderen 
nichts sü sehr al. das gerade Gegenteil - unbewußten 



Egoismus.' 



Der gewöhnliche Narziß leidet an keinen Seelenkonflikten, 
er geht in seiner Selbstliebe auf. Er hat nur äußere Konflikte 
mit der Umgebung, welclie nicht einfach die Rolle der 
Materie" für seine Majestät, das narzißtische Ich, spielen 
will. Ein geistreicherer Narziß leidet an Seelenkonflikten, 
eben an den Konflikten zwischen der Selbstüebe und der 
narzißtischen Objektliebe (Liebe zur Liebe). Er will geliebt 
werden, deshalb fühh er sich manchmal gezwungen, etwas 
zu tun, was seiner Selbstliebe widerstrebt. Der Tolstoische Kar- ' | 

zißmus wird durch die Ambivalenz, das Selbstbewußtsein, 
die geniale Übertragung und Identifizierung charakterisiert. 
Beim Voi-handensein dieser Eigenschaften ist es evident, daß 
Tolstoi an innerseelischen Konflikten leiden mußte. 

Die erste Erinnerung gibt uns, wie wh oben gesagt 
haben, die Vorstellung von der formalen Seite von Tolstois 
Seelenleben. Außerdem Buden wir daselbst auch ein inhalt- 
liches Merkmal: eben einen Hinweis auf die aktionsstarke, 
bezw aküonslustige Muskulatur. Die aktionsstarke Muskulatur 
■st im Korperbereiche dasselbe, was die Selbstbehauptmig des 
Individuums im Seelenbereiche ist. Tolstoi war senr ganzes 
Lehen lang ein tatkräftiger, temperamentvoller 
Mann. Eine „he.ße, nnpulsive Natur", bemerkt Bu.ukow. S. A. 
Behi^ der Bruder von Tolstois Frau er/.ählt m semen „Ei- 
innemngen an Graf L. N. Tolstoi" : „Meine Mutter sagte 



1} Birjukow, I, 88. 
2) I, 507- 



58 



Ossipow: Tolstois Kindheit seriimerungen 



mir daß er bei der Schilderung seiner ersten Liebe in dem 
Romane ,Kindheit' zu erzählen unterließ, wie er aus Eifer- 
sucht den Gegenstand seiner Liebe vom Balkon gestoßen 
habe. Es war dies meine damals g jährige Mutter, die dann 
lange hinkte."' Nicbt das Kontemplative, sondern die Aktion 
war Tolstois Sphäre. Auch die gewöhnhche Narzisse (wenigstens 
die Männer unter ihnen) haben gewöhnlich ein aktionsstarkes 
Indivi dual -Ich. " - - 

Opposition bis zum Unsinn getrieben — das ist Tolstois 
Einstellung. Und dieses Merkmal hat nahe Beziehung zum 
Narzißmus. Der gewöhnliche Narziß sagt immer auf alle Ge- 
danken, Vorschläge, Unternehmungen anderer Leute: „Nein . 
Die innere Verbindung dieses stumpfsinnigen Neins mit dem 
Narzißmus ist evident: „Was nicht Meine Majestät Ich ist - — 
ist nicht nur wertlos, sondern sogar ekelhaft." Da aber die 
von unzähligen fremden Ich ausgehenden Äußerungen natur- 
gemäß äußerst mannigfaltig und einander widersprechend 
sind, wobei die narzißtische Reaktion immer dasselbe „Nein 
bleibt, so muß der Narziß fortwährend in Gegensätzlichkeit 
mit sich selbst verfallen. Der Narziß, der an Ambivalenz 
der Gefühle leidet, hat in dieser Ambivalenz noch eine 
zweite Wurzel für die Gegensätzlichkeit zu sich selbst. Und 
Tolstoi verfällt foi'twährend in den Gegensatz zu sich selbst. 
„Aber wahr ist das, daß es mein erster imd stärkster 
Lebenseindruck war. Und erinneiiich sind mir nicht mein 
Geschrei, nicht das Leiden, sondern die Kompliziertheit und 
die Gegensätzlichkeit des Eindruckes." Der berühmte Dichter 
Fet, der sein ganzes Leben lang in freundschaftlichem 



i) I, 117. 

2) Verg]- den Negativisiims der Schizophrenen. 



'Iwei allererste Erinnerungen 5^ 



Verliältnis zu Tolstoi staiid, schreibt über seinen Eindruck aus 
der ersten Zeit seiner Bekanntschaft mit Tolstoi: „Ich ge- 
wahrte jedoch von allem Anfang an beim jungen Tolstoi 
eine Art unbewußter Fehidseligkeit allen im Reiche des 
Denkens angenommenen Gesetzen gegenüber."' Diese Zeit 
Tolstois erster Bekanntschaft mit dem Kreise der berühmten 
Scliriftstcller wiederholt das Bild des Wickeins, nur bemühten 
sich statt der Njanja und der Tante Tuigeniew, Nekrassow, 
Fet, Grigorowitsch und andere literarische Größen, Tolstoi 
zu bändigen.^ Grigorowitsch erzählt in seinen „Literarischen 
Erinnerungen", wie er Tolstoi zum Mittagessen mit den 
Redaktionsmitgliedern der damals hochangesehenen und sehr 
einflußreichen Zeitschrift „Zeitgenosse" begleitete. „Ich empfahl 
ihm unterwegs, vorsichtig zu sein und gewisse Gesprächsstoffe 
yu meiden, vor allem nicht George Sand anzugreifen, die 
damals der Abgott der meisten Mitglieder war . . . Als jemand 
einen neuen Roman der George Sand lobte, erklärte er 
ülötzhch, daß er sie hasse, und fügte hinzu, daß ihre Heldinnen, 
wenn sie in Wirklichkeit existierten, verdienten, an einen 
Henkerkarren angeschnallt und als abschreckendes Beispiel 
durch die Straßen Petersburgs getrieben zu werden . . . Gleich- 
viel welche Meinung ausgesprochen wurde — und je größer die 
Autorität des Sprechers war, umsomehr — er bestand darauf, semen 
gegnerischen Standpu^^^^ zu betonen und schroff zu erwidern."' 
Tolstoi erwähnt auch selbst seinen Hang zum Widerspruch. 
So z B. in einem Briefe an Tatjana Alexandrowna: „weil ich dir 
nicht, wie es sonst meine Art ist,„widersprechen kann.' 



'C4 



i) Birjnkow, I, 274. 

2) Birjnkow, I, Neuntes Kapitel. 

g) Birjiikow, II, 277. 

4) Birjukow, I, 166. 



'■* 






40 



Ossipow: Tolstois Kindheit scriiiuenn igen 



Tolstoi widerspricht sith selbst auf Schritt und Tritt. 
Anstatt vieler Beispiele nur ein einziges: Tolstoi schätzt die 
ffeistie;e Arbeit sehr hoch, wie man aus dem folgenden Zitat 
ersieht : „Nur diejenigen, denen die ethischen Wahrheiten 
wichtig und teuer sind, wissen, wie wichtig und kostbar die 
Erklärung, die Vereinfachung der sittlichen Wahrheit ist und 
durch welch lange Arbeit man sie erlangt, nämlich ihren 
Übergang aus der nebelhaften, unbestimmt bew^ußten Voraus- 
setzung, aus dem Wunsche, aus unbestiinmten inkohärenten 
Ausdrücken in einen festen, bestimmten Ausdruck, welcher 
unvermeidliche, ihm entsprechende Handlungen fordert."* 
Gleichzeitig mit dieser hohen Schätzung der geistigen Arbeit 
schreibt Tolstoi sein Volksmärchen „Über den dummen Iwan 
und seine zwei Brüder : Semen, den Krieger und Taraß, den 
Dickbäuchigen, und die stumme Scliwester Mahuija und den 
alten Teufel und die drei Teufelchen."' In derbem Stil (das 
sieht man schon aus dem Titel), in verschrobenen AVorten, 
beschreibt Tolstoi ein für ihn ideales Reich, wo es kein Geld 
gibt und alle nur mit den Händen arbeiten. In dieses Reich 
kam der Teufel in der Gestalt eines schneidigen Herrn und 
sollte dort vor Hunger sterben. Dei- Teufel beschloß, das 
Volk des dummen Zaren Iwan über die geistige Arbeit 
zu belehren. „Im Reiche Iwans war ein hoher Turm erbaut 
und es fühlte nach oben eine Ti-eppe, oben gab es einen Erker. 
Dahin fülrrte Iwan den Herrn, damit ei' zu sehen sei. Der 
Herr stellte sich auf den Turm und begann von dort aus zu 

i) „"Was sollen wir tim ?" S. S5. Hier ist der MBcliuiiismus des geistigen 
Schaffens überhaupt angedeutet: 1) Nebelhafte, unbestimmt bewußte Voraus- 
setzung-, das ist Strebung zu bewußt gestelltem Ziele, aber mir in nebelhaften 
Umrissen: z) ünbe^vußte Tätigkeit gleich Wunsch, Eros; 5) Erste Anfänge der 
bewußten Bearbeitung- (sekundäre Bearbeitung) des unbewußten Wunsches. 

2) Leo Tolstoi. Volkserzählimgen. Prag, i888. (Russ.) 



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Zwei allererste Kriimenwgen 4^ 



reden. Und die Narren veisammelten sich, um zu schauen. 
Die Narren dachten, daß der Herr in der Tat zeigen würde, 
wie man ohne Hände mit dem Ropfe arbeiten könne. Aber 
der alte Teufel belehrte nur mit Worten, wie man, ohne zu 
arbeiten, leben könne. Die Narren verstanden nichts. Sie 
schauten, schauten noch und gingen auseinander, jeder zu 
seiner Bescliäftigung. Der alle Teufel stand auf dem Turm 
einen ganzen Tag, stand einen zweiten hindurch und sprach 
fortwäln-end. Er bekam Hunoer. V>nd die Nan-en kamen niclit 
auf den Gedanken, ihm Brot auf den Turm zu bringen. Der 
alte Teufel stand im Erker noch einen Tag und wurde schwach 

er wankte einmal und stieß mit dem Kopfe an eine Säule. 

Das sah ein Narr, sagte es der Frau von Iwan und die Frau 
lief zu ihrem Manne aufs Feld. Iwan kam zum Turm, aber 
der alte Teufel war schon ganz schwach vor Hunger, fing zu 
wanken an, mit dem Kopf an die Säulen zu stoßen. Als sich 
Iwan ihm näherte, stolperte der Teufel, fiel und rutschte die 
Treppe hinunter, zälilte alte Stufen mit dem Kopfe. — Nun, 
sagte Iwan, der t^chneidlge Herr hatte Recht, daß ein anderes 
Mal auch der Kopf platzt, es ist was anderes als Hühneraugen 
luf den Händen, von solcher Arbeit kriegt man Goschwülste 
auf dem Kopf." Das ist also die zweite Stellungnahme des- 
" selben Tolstoi zur geistigen Arbeit. 

In der zweiten Erinnerung ist die autoerotische Schaulust 
eine auffällige Tatsache. „Ich bemerkte zum erstenmal meinen 
kleinen Kürj^er und fing an, ihn mit seinen mir an der Brust 
.^..t^thnren Ripp en zll lieben."^ Die narzißtische Schaulust 

ri Schon Mereschkow-ski und Rank haben diese Slelle beachtet. Nur 

...,-ir Tolstoi damals uneefähr ein Jala- alt, , „ , _, 

..arTollO^ Nfrziß.m.5 und A.Uocrolismus n.achl Fr.ud folgouden 

Unterschied „Es isl eine notwendige Annahme, daß eine dem Ich vcrglciclibure 



41 



OisipoiL-: Tolstois K imlheitserinnerungcn 



macht nach der scharfsimngen FeststeUuiig von Freud drei 
Phasen durch. „Der Schautrieb ist nämhch zu Anfang seiner 
Betätigung ouioerotisch, er hat wohl ein Objekt, aber er findet 
es am eigenen Körper. Erst späterhin wird er dazu geleitet 
(auf dem Wege der Vergleicbung), dieses Objekt mit einenx 
analogen des fremden Körpers zu vertauschen. Diese (d. h. 
narzißtische) Vorstufe ist nun dadurch interessant, daß aus 
ihr die beiden Situationen des resultierenden Gegensatzpaares 
hervorgehen, je nachdem der Wechsel an der einen oder anderen 
Stelle vorgenommen wird."^ Das Schema für den Schautrieb 
könnte lauten (Freud): 



a) Ich beschaue mich selbst 

fl) Ich b^sc/iauf ein fr i; indes Objekt 
(Aitive Schaulust) 



tsi- Ich werde von mir beschaut 

Y) Ich werde von einer fremden Person beschaut 
(Zeigehist, Exhihitionismus) 



Tolstoi betrachtete seinen bloßen Arm (a), auch die ent- 
blößten Arme der Njanja (ß) mit Lustgefühl; er liebte es immer, 
die Situation so aus7Aiwählen {x), daß man ihn beschaute^ 

Einheit nicht voji Anfang aji im Individmim vorhanden ist; das ]ch ninO ent- 
wickelt werden. Die autoerolischcn Triebe sind aber liranfänglich; es muß also 
irgend etwas zum Autoerotismus luiizwkommen, eine nene psychische Aktion, 
lim den Narzißmus zu gestalten.'' (Zur Einfidirung des Nariißinns. A. a. 0. S. 82). 
Es scheint, daß Freud in seinen späteren Arbeiten seine Bcstimnunig des Nar- 
zißmus etwas geändert hat. „Das Ich findet sich ursprünglich, zu allem 
Anfang des Seelenlebens, triebbesetzt und zum Teil fEÜiig, seine Triebe an sich 
selbst zu befriedigen. Wir heißen diesen Zustand den des Narzißmus, die Be- 
friedigungsmoglidikeit die autoerotische-' iTriebo und Triebscliicksale. A. a. O. 
S. 272.). Mir scheint es, daß das Ich, welches einfach erlebt wird, (vergl. oben 
Kap. D iiraiifänglich und immer zugegen ist, was selbstversläiidlicli seine weitere 
Entwicklung nicht ausschließt; imLaufe dieser Entwickhmgentsteht die Vorstelhmg 

von Ich, d. h. das vorgestellte Ich. Mit anderen Worten: das Ich ist ursprunghch und 
numeral identisch, was seine qualitative Verandeiiingen nicht aiisschheßt. 
Der Narzißmus ist die Libidobesetzimg der ganzen eigenen Persönlichkeit (.des 
Gesamt-Ichs), er ist also nranfängüch. Der Autoerotismus ist ein einzelner 
narzißtischer Akt; gemäß dem eingebürgerten Sprachgebrauch ist namlich 
der Autoerotismus ein auf den Leib des Individiuims gerichteter Akt. Der Narziflinus 
schlici3t in sich den Autoerotismus ein. Es sei noch bemerkt, daß den ühhch 
gewordenen und in mancher Beziehung sehr becjuemen Terminis „Ichbbido" 
und „Objchtlibido" insofeme ein Mangel anhaftet, als das Icli in diesem Falle 
auch ein Objekt ist. 

1) Triebe und Triebschicksale. A. a. O. S. 266. 



'LuH'i itUiuerstc Erituierungeu 45 



bewunderte, sich mit ihm heschäftigle, er hebte immer, Auf- 
sehen hervorzurufen — Exhibitionismus im weitesten 
Sinne des Wortes.' Ausführhche Tagebücher, Beichten, Geständ- 
nisse — ist das nicht narzißtischer Exhibitionismus? Exhibi- 
tionismus ist eine kompHzieite Erscheinung. Narzißtischer 
Exhibitionismus ist die Einladung seitens des Narziß zur 
Bewunderung seiner ganzen Erscheinung. „In der Literatur 
aller Zeiten und aller Völker wird sich wohl kaum ein zweiter 
Schriftsteller hnden, der sein persönhches Privatleben, ja oft 
die intimsten Seiten desselben, mit einer so großherzigen oder 
ungenierten Aufrichtigkeit enthüllt, wie 'J'olstoi." (Merescli- 

kowski.)^ 

Betrachten wir jetzt einige Alikömmliuge der naraißtisclien 
Schaulust und der narzißtischen Zeigelust. Der Narziß sieht 
sich sehr gerne im Spiegel. Daß wir diese Eigenschaft bei \ 

Tolstoi nicht finden, erklärt sich daraus, daß er von seiner -^ 

Häßlichkeit überzeugt war. „Ich bildete mir ein, daß es kein 1 

irdisches Glück für einen Menschen geben könne, der eine 
so breite Nase, so dicke Lippen und kleine Augen habe wie j 

ich. Ich bat Gott, ein Wunder zu wirken und mich in einen ] 

hübscheu Knaben zu verwandeln. Und ich halte alles, was \ 

ich damals besaß und je in künftigen Zeiten besitzen wia-de, j 

für ein hübsches Gesicht hingegeben."^ Tolstoi liebte das 
Körperliche, das Fleischliche, heiß. In seinen dichterischen 
Werken beschreibt er meisterhaft und mit auffallender Liebe 
körperliche Eigenschaften seiner Helden und sogar der Neben- , 

Personen. „Tch glaube nicht," schreibt Mereschkowski, „daß 



1) Der Zeigesiicht ungeoitlitet. Htl Tolsloi an ScluichtemheiL. Zur Frage 
ie HerkimfL dieser Schüchternheit kehren »vir noch zurück. 



über die Herkimft 

2) A. a. 0. S. ig. 

5) Birjukow, I, 105. 






\ 



44 



Ossipüw: Tolstois Kiitäheitseritmerutigen 



es in der ganzen W eltUtei-atur einen Schriftsteller gibt, der 
Leo Tolstoi in der Schilderung des menschlichen Körpers durch 
das Wort gleichkommt . . . Diese ihm allein in so hohem Grade 
eigene Gabe, die man vielleicht das Hell seh en des Flei- 
sch e s nennen könnte . . . Es ist ihm so leicht und angenehm, 
lebende Körper und ihre Bewegungen zu schildern, daß er 
von Zeit zu Zeit wie spielend damit Mißbrauch treibt.'" 

Im Zusammenhange mit dem Narzißmus steht der 
Rationalismus.' Der Narziß liebt sich in seiner ganzen 
Ei-scheinung, folglich lielat er auch seine Gedanken. Für Tolstois 
Rationahsmus ist seine Ansicht über die Wirksamkeit des 
Verstandes in den Sexualangelegenheiten beweisend. Tolstoi 
meint, daß die „mir gegebenen" Zustände, wenn sie dem 
Ich unerwünscht sind, von der Vernunfttätigkeit des Ichs 
besiegt werden können. Wenn unser Icli denkt, daß der oder 
jener Trieb ihm nötig ist, so wird er wirklich nötig. 

„Eugen [in der Erzählung „der Teufel"] wohnte den 
zweiten Monat auf dem Lande und wußte entschieden nicht, 
was er tun sollte. Die unwillkürliche Enthaltsamkeit fing 
an, auf ihn schleclit zu wirken, und da er überzeugt war, 
daß es ihm unbedingt nötig sei, so wurde es ilim wirklich 
nötig und er fühlte, daß er nicht frei war und daß er 
gegen seinen Willen jede junge Frau mit den Augen be- 
gleitete." Und doch beweist die ganze Erzählung gerade 
das Gegenteil. Eugen unterliegt dem Triebe, ungeachtet 
allen Verstandesanstrengungen. Tolstoi, der geniale Künstler, 
w^iderspricht dem moralisierenden Tolstoi. 



i) A. a. O. S. 155, 157. 

2) Der Rationalismus ist „die Meinung, es stecke im Verstaiidesmäßigen 
und Erklärbaren das Wesen der Dinge." H. K-ickorl, Die Philosophie des Lebens. 
Tübingen 1920, S. 38. 



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h 



V.itei aUn-crsie Erinnrnnigcn 45 



1 



Ein anderes Beispiel für den RationaUsniu.s: Der Wobl- 
taligkeitsversuch zeigte Tolstoi, daß Not und l'Ueiid durch 
äußere Mittel nicht zu bewältigen sind. „Icli verstand es 
nicht, daß einem solclien Menschen (d. ]i. einem tief ge- 
sunkenen) zu helfen nur dadurch möglicli ist, daß man 

seine Weltanschauung ändert Aber dazu muß man seine 

eigene Wehansrhauung ändern."' Und Tolstoi ändert seine 
Weltanschauung und begebt dal)ei den Fehler, daß er die 
Kraft des Sub-Icbs, nämlich des Sexual-Sub-Ichs, das durch 
die VerstandesLütigkeit nicht bezwungen werden kann, 
nicht in Rechunng zieht. Das ist der Glaube an „die 
Allmacht der Gedanken." (Freud.) Und der Glaube 
an die AUmacht der Gedanken steht in der nächsten Be- 
ziehung zum Narzißmus, wie wir aus Freuds Forschungen 

wnssen. 

Wir finden bei Tolstoi sogar den Glauben an die 

magische i5edeutung der Worte: .„Tolstoi pflegte einer 'J-agebucli- 

Aufzeichnung oft das Datum des folgenden 'J'ages hinztizu- 

fügeii, gewölmlich mit der — nur in Anfangsbuclislaben 

oeschriebenen — formelhaften Wendung: „wenn ich am 

Leben sein werde . 

Im Zusammenhang mit dem Rationahsmus und dem 
Glauben an die Allmacht der Gedanken stellt Tolstois Leiden- 
schaft für Wortstreite. Diese Leidenschaft in nucc ist in der 
ersten Erinnerung notiert: „Ihnen scheint es, daß es so 
nötig ist (d. h. daß ich zusammengebunden sei), wahrend 
ich weiß, daß es nicht nötig ist, und es ihnen beweisen 
will, und ich vergehe in lautem Geschrei, das mir selbst 



i) „Was sollen wir tun?" 

2) Tagebuch- Anmerkungen. S. 265. 



4Ö Ossipow: Tolstois K vidheüseriniierurigen 



zuwider, aber unaufhaltsam ist." Tolstoi gab immer sich 
selbst und allen Menschen die Schuld am ganzen Welt- 
elend, während die Menschen daran bei weitem nicht schuld 
sind. Für vieles ist das Schicksal, d. li. die Existenz von 
höheren als menschlichen Kräften in der Welt verantwort- 
lich. Tolstoi spricht in der ersten Erinnerung auch diesen 
Gedanken aus: „Ich fühle die Ungerechtigkeit und die 
Grausamkeit — nicht der Menschen, weil sie mich bedauern 
(lieben), aber des Schicksals und habe Mitleid mit mir selbst." 
Dieses Anerkennen einer höhei'en Macht ist eine seltene 
Erscheinung in Tolstois Leben und Gedankengang. Tolstoi 
erkennt gewöhnlich, daß alles Büse in der Welt von den 
falschen Überzeugungen der Menschen stammt. Folglich 
muß man nur die eigenen und fremden Ansichten ändern, 
um das Böse zu vernichten. Tolstoi war in gewisser Be- 
ziehung ein sokratischer Mensch. Bei einer solchen Voraus- 
setzung ist es nur natürlich, daß man seinen Gegner mit 
allen seinen Kräften zur eigenen Überzeugung zu zwingen 
sucht. ^ 

Tolstoi war ein großer Mensch, dennoch dürfen ^vir 
über Tolstois Größenwahn sprechen, und eben nicht nur 
über den Größenwahn in dei' Phantasie, weil ja in der 
Phantasie jeder von seiner außerordentlichen Größe träumt, 
Nikolenkas Pliantasien („Kindheit" usw.) über den Ruhm 



i) Es ist interessant zu bemerken, daß Tolstoi, vielleiclit unbewußt, in 
der Erzälilimg „Der Teufel" Eugens Scliwiegermntter die sexuelle Ätiologie 
der Leidenschaft für Wort Streitereien in den Mund legt. Engen ist an einem 
Sexualkonflikt zu Grunde gegangen; nach der einen Variante hat er sich cr- 
scliossen, nach der anderen wurde er ein geisteskranker Alkoholiker. Seme 
Frau und seine Mutter konnten gar nicht verstehen, wodurch es geschehe» 
war. Aber die Schwiegermutter „versicherte, daß sie es immer vorausgesagt 
hatte. Das war klar zu sehen, als er stritt.'^ Diesen Sati hat Tolstoi in beiden 
Varianten bewahrt. 



Zu-ci alln-vrsrc Eriniu'runixeu 47 



Stehen sogar hinter der W irklich l^ ei t, die Tolstoi ungeheueren 
Ruhm gebracht hat, zurück. Aber hier ist ein Beispiel des 
Größenwahns im Wachzustande. Als junger Leutnant trägt 
Tolstoi am 5. März 1855 in sein Tagebuch folgendes ein: 
„Ein Gespräch über Gottheit und Glaube rief in mir eine 
große, eine erstaunliche Idee wach, der mein Leben zli 
weiheil ich mich fähig fühle. Diese Idee ist die Gründung 
einer neuen Religion, die der augenblicklichen Entwicklungs- 
stufe der Menschlieit entspräche — die Religion Jesu, 
jedoch vom Dogma und Mystizismus gereinigt, eine praktische 
Religion, die nicht künftiges Glück verheißt, sondern Glück 
auf Erden schenkt.'" Schon dieses Eine, daß der Mensch 
eine Rehgion mit der Vernunft zu gründen glaubt, zeigt 
nicht nur Größenwahn, sondern die ganze UnerfüUbarkeit 
dieses Wunsches. Keine einzige Religion wurde willkürlich 
geschaifen. Ein anderes Beispiel: Tolstoi stellte einen Wolil- 
tätigkeitsprospekt zusammen. „Ich stellte mir schon vor, daß, 
von den Bettlern abgesehen, es sogar keine Notdürftigen 
in der Stadt geben würde, und daß alles das ich voU- 
b)ingen werde." ^ 

Der Narzißmus ist eine Verstärkung des Individual-Ichs 
durch die Energie des Sexual-Ichs, — „die libidinöse Er- 
gänzung zum Egoismus des Selbsterhaltungstriebes." (Freud.) 
Durch die SexualenergJe gestärkt, strebt das Individual-Icli 
nicht nur zur Selbsterhaltung, resp. Selbstbehauptungy sondern 
auch dazu, daß alles durch das eigene Ich bestimmt wird. 
Diese Strebung, das I-eben der ganzen Welt durch sich 
selbst zu bestimmen, ist eine teuflische Strebung. Wenn 



1) Birjukow, I, 251. 

2) „Was sollen ivir Uui?" L. c. 



^.8 Üssipow: lo/stois K.indheiTseriniu:rungen 



ein großer Narziß, wie Tolstoi, Satan gleicht, so gleiclien 
die Tewühnlichen Narzisse den kleinen Teufeldien. 

Wenn der Zusammenhang des Rationalismus mit der 
autoerotischen Scliaulust nicht klar genug erscheint, müssen 
wir unsere Aufmerksamkeit auf die Totsache der mehr- 
fachen Determinierung lenken. Die autoerotische Scliaulust 
erweitert sich zur Selhstbewunderung überhaupt und zur 
Bewunderung der eigenen Gedankengänge im besonderen. 
Ks gesellt sich noch eine andere determinierende Ursache 
hinzu, nämlich die Liebe zum Nachdenken. Mit dieser Liebe 
zum Nachdenken bei Tolstoi werden wir uns im Kap. V 
beschäftigen. (Auch sie ist libidinösen Ursprungs.) Auf solche 
Weise wird die überwiegende Zahl der Seelenerscheinungen 
mehrfach determiniert. 

Gehen wir jetzt zu den Zeigelusterscheinungen 
über. Die Gräfin A. A. Tolstoi, Tante von Leo Tolstoi, eine 
hochgebildete Dame, sagte von ihrem berühmten Neffen^ 
(hiß seine ganze Tätigkeit darauf gerichtet sei, Staunen her- 
vorzurufen. Wenn Jemand aber Staunen zu erregen strebt, 
so heißt es, daß er seine Mitmenschen einlädt, an seiner 
Selbstbewunderung teilzunehmen. Das ist Tolstois Grund- 
strebung, insofern er ein Narziß ist. Die ganze Persönlich- 
keit und Tätigkeit Tolstois werden uns unbegreiflich bleiben, 
wenn wir nicht auf diese seine Zeigelust und die daraus 
entspringenden Extravaganzen achten. Ein Beispiel aus der 
Kinderzeit: „Einmal kam er in den Salon und machte vor 
jedem rücklings eine Verbeugung, Aen Kopf neigend und 
grüßend."^ (Solche Streiche, wenn sie unmotiviert gehäuft 
vorkommen, sind imstande, einen Verdacht auf Dementia 

i) Birjukow, I, 117. 



^ 



'Lwei allererste Erünwrungeu 49 



praecox hervorzurufen.) „Einmal kam er auf die Idee, sich 
die Augenbrauen wegzurasieren; und er führte es aus, ent- 
stellte damit nur noch ein Gesicht, das niemals besonders 
schön gewesen war^ und bereitete sich selbst dadurcli viel 
Leid."^ „Aus imbekannten Gründen (er behauptet nun selbst, 
er habe es einfach getan, um etwas Ungewöhnliches zu tun, 
und die anderen zu überraschen,) war Lewotschka auf die 
Idee gekommen, aus einem Fenster des zweiten Stockwerkes 
mehrere Ellen tief hinab zu springen." Und er hat diese 
Absiclit ausgeführt. „Zum Glück waren keine Knochen ge- 
brochen und die schadhchen Folgen auf eine leichte Gehirn- 
erschütterung beschränkt."^ Möghcherweise war es ein Flug- 
versuch? „Tolstoi selbst erzählte im Famihenkreise in meiner 
Gegenwart, daß er als sieben- oder achtjähriges Kind nur 
einen Wunsch hatte^ den zu fliegen. Er bildete sich ein, 
daß man es könne, wenn man auf den Fersen kauere 
und mit den Armen die Knie umschließe, und daß man 
umso höher fliege, je fester man die Knie hielte.'*^ 

Fet erzählt von Leo Tolstoi als jungem Gutsbesitzer: 
„Auf imsere Nachfrage gab uns der Graf (Nikolaus Tolstoi) 
mit unverhohlenem Vergnügen folgende Auskunft über seinen 
geliebten Bruder: Lewotschka, sagte er, tut sein Bestes, um 
mit dem Leben und der Arbeitsweise der Bauern, von denen 
wir alle sehr wenig wissen, vertraut zu werden Turn- 
übungen stehen in keinem Widerspruche zur Landwirtschaft. 
Sein Verwalter sieht die Sache jedoch anders an. Ich wollte 
mir Befehle holen, sagte er, doch der Herr hängt in seiner 



< 



i) Birjukow, I, iiG. 

2) Ebenda. (Ans Erziililungen von Tolstois Schwester Maria Nikolajewna.") 
g) Birjukow, I, 118, ._ . -_ - „■ 

^ Ossipow: Tolstois Kinilhtilscriiaierungen 



50 Ossipow : Tolstois Kindheitserinnerinige}/ 

roten Hose mit einem Knie an der Stange, den Kopf nacH 
miten schwingend, wobei sein Haar wild flalLert und sein 
Gesicht ganz purpurrot ist. Ich wußte wirklich nicht, ob 
ich seine Befehle entgegennehmen oder dastehen und mich 
über ihn wundern solle." ^ 

Dem amerikanischen Schriftsteller Schyler erzählt Tolstoi : 
„Als ich zum zweitenmal ins Ausland ging, besuchte ich 
Auerbach, ohne meinen Namen zu nennen. Als ich ins 
Zimmer trat, sagte ich bloß: ,Ich bin Eugen Baumann/ 
(Der Held einer Auerbachschen Geschichte.) Und als er Er- 
staunen zeigte, beeilte ich mich, rasch hinzuzusetzen: jNicht 
gerade dem Namen, aber dem Charakter nach."' Auerbach 
erinnerte sich an diesen Vorfall und sagte Schyler; „Ja^ ich 
erinnere mich des Schreckens, den mir der wunderlich aus- 
sehende Herr verursachte, als er mir sagte, er wäre Eugen 
Baumann; fürchtete ich doch, daß er mir mit einer Ver- 
leumdungs- oder Ehrenbeleidigungsklage drohen würde." =* 

Solche Beispiele von Extravaganzen kann man in 
Tolstois Biographie massenhaft finden. Turgeniew sagte von 
Tolstoi: „Nicht ein Wort, nicht eine Bewegung ist natüiiich 
an ihm. Er posiert beständig und es ist mir rätselhaft, wie 
ein so Iduger Mann diesen kindlichen Stolz auf seinen 
dummen Grafentitel haben kann."^ Dabei dürfen wir nicht 
vergessen, daß Turgeniew Tolstois künstlerisches Genie außer- 
ordentlich hoch schätzte.'' Über die nachkritische Periode 
berichtet S. A. Behrs, daß schon am Tage seiner Ankunft 



i) Pets Erinnenmgeii. Birjukow, I, 547. 

2) Birjukow, I, 374. 

3) Ebenda, 281. 

4) Ebenda, 283. 



7.WCI allererste Erbinerimgen S^ 



Leo Nikolniewitsch „seinen ernsten Ton", seine neue, fast 
„mönchische Stille" nicht aufrecht zu erhalten vermochte, 
„sicherlich meinen Kummer über den Eindruck, den er auf 
mich hervorgebracht, erratend, scherzte er zu unser aller 
Freude mit mir und sprang plötzlich auf meinen Rücken, 
als ich im Saale auf und ab ging."^ 

Die Neigung zu Extravaganzen, von denen wir Beispiele 
soeben in Tolstois Handlungen beobachtet haben, durchdringt 
sein Wesen bis zum höchsten Gipfel seiner Gedanken. Zum 
Beispiel, in seinem Briefe an die Gräfin A. A. Tolstoi lesen 
wir: „diese Laufbahn (d. h. die Annäherung an Gott) ist 
freudig, erstens darum, weil je näher zum Licht, desto besser^ 
zweitens dadurch, daß man bei jedem neuen Schritte sieht, 
wie wenig man getan hat und wie viel noch von diesem 
freudigen Wege übrig bleibt." Ganz richtig meint Bulgakow,^ 
daß im Vergleich mit der feurigen Sprache des Künstlers 
Tolstoi alle Versicherungen des räsonierenden Predigers wie 
kindliches Lallen klingen. Alle Leute meinen, daß das Er- 
reichen des gestellten Zieles freudig sei, und freudig ist auch 
die Annäherung an das Ziel. Tolstoi zeigt auch hier seine 
oppositionelle Einstellung und die beständige Strebung, Staunen 
zu erregen: erfreuend ist nicht das Bewußtsein der An- 
näherung, also der Verkürzung des Weges, sondern seine 
Länge! So manifestiert sich auch in diesem verschrobenen 
Denken seine Neigung zur Extravaganz. 

Der Grundakt jedes Lebewesens ist die Organisation 
der zu ihm gelangenden Eindmcke. Dieser Grundakt hat 



i) Mereschkowski, a. a. O. S. 64. 

2) Menschengott und Menschentier. (Üher Tolstois Werke „Der Teufel" 
und „Vater Sergius".) Russ. 1912. 



Ossipow: Tolstois Kiiullintserhinentiigfii 



t 



als Ziel die Selbsterhaltung, bezw. die Selbstl^ehaiiptimg. Mit 
anderen Worten, der Grundaki ist: die Formgebung aller 
anderen Ichs durch das Individnol-Ich. Das momentan- 
statische Resultat dieser Formgebung nennen wir „Zu- 
stand". Die Art und Weise des Überganges eines Seelen- 
zustandes in einen anderen nennen wir Temperament. 
Tolstois Grundakt wird dadurch charakteiisiert, daß die 
Knei'gie seines IndividualTchs durch die Sexualenergie ge- 
stärkt wird. Sein Individuat-Ich ist nai-zißtisch. Das narzißtische 
Ich wird durch die Schätzungsakte — die Selbstüber- 
schätzung und die Unterschätzung der Anderen — charak- 
terisiert. Im inter-individuellen Milieu führt die Selbst- 
überschätzung zu den Zuständen des Stolzes und der Eitel- 
keit. Aus Selbstüberschätzung, Stolz, Eitelkeit usw. folgen 
der Oppositionszustand, das Streiten, die „teuflischen" Akte 
(d. h. das Streben, selbst die Ursache alles Geschehens zu 
sein), die narzißtische Identifizierung, die Einsamkeit. — 
Falls die narzißtischen Akte mißlingen, haben wir die Eifer- 
sucht. Anderseits führt die Selbstüberschätzung zu der Liebes- 
provozierung derMitmenschen. Diese Liebesprovozierung bedingt 
die beständige Beachtung der fremden Meinung, staunen- 
erregende Akte, Extravaganzen, Zeigelustakte, Posier ungsakte. 
Im innerseelisclien Milieu hat die narzißtische Einstellung 
die Selbstgenügsamkeit zu Folge (was seinerseits die Un- 
zugänglichkeit in inter-individuellen Verliältnissen bedingt). 
Die Selbstüberschätzung führt zur Selbstbewunderung, unter 
anderem zur Bewunderung des eigenen Gedankenganges, 
zum Glauben an die Allmacht der Gedanken, zu magischen 
Akten, zu Größenwahn, zu Rationalismus (eine der Wurzeln!). 
Andererseits beeinflußt die Neigung zu Extravaganzen auch 
das Innenleben des Individuums und führt zur Verschrobenheit 



J.wci alteri'J-sUi Eriu/ierim^ni 55 



des Gedankenganges, während die oppositionelle Einslellung 
7,um Sich-selbst- Widersprechen fühi't. 

Alle diese Eisch einungen stellen eine liompli zierte 
Weiterentwicklung zweier Grunclphänomene dar: i. des stark 
angelegten Individual-lchs, was seinen Ausdruck in der 
aktionsstarken Muskidatur findet, und '2. der Libidobesetzung 
dieses Individual-Ichsj was seinen Ausdruck in der auto- 
erotischen Schaulust findet. 

Nehmen wir ein beliebiges Seelenerlehnis Tolstois, so 
finden wir da immer die Kiemente des Narzißmus, der 
seinen ersten und prägnantesten Ausdruck eben in der 
autüeroüschen Schaulust noch wäin-end der Säuglingszeit 
bekommen hat. Jedes Erlebnis, dynamisch beti-achtet, kann 
man mit einem Flusse vergleichen, der seine Wasser aus 
verschiedenen Nebenflüssen erhält. Zwar ist es ' schwer, im 
Pi-oßen Flusse die Gewässer seiner Nebenflüsse zu unter- 
scheiden, aber dennoch müssen wir bei der Analyse diese 
Unterscheidung machen. Ebenso finden wir in den kom- 
plizierten Seelen erlebnissen Elemente verschiedenen Ur- 
sprungs, die, dieser Verschiedenheit ungeachtet, ein einziges 
Ganzes bilden. 

Die zweite Eli'innerung erhebt eine sehr wichtige Frage: 

Die Neuheit der Eindrücke von der Kleie weckte mich 

und ich bemerkte zum ersten Mal meinen kleinen Körper 

und hng an ili'^ ^-li lieben." Man kann sich folgende 

i) Bei der in Kap. i angefüllten Anffiissuiig des Iiidividiial-Ichs und 
bei der Feststellung des iunerseelisclicn Milieus verliert der Gegensatz iwisclieu 
Individuum uud i\'Iiliou seine Schärfe, wie es für den Gegensatz von Indmdual- 
nnd Sozialpsychologie von Freud festgestellt ist. (.-Massenpsychologie nud 
Ich-Analyse." Leipzig und Wien 1921.) Freud sagt: In der Individualpsycho- 
loffie kommt mau nur selten in die Lage, von den Beziehungen des Einzelnen 
zu anderen Individuen alnuselien. Wir können aber noeli huizufngcn, daU üas 
Individuum „mit sich selbst allein" in der Gesellschaft {der Sub- und bupra- 
Xc\\) verbleibt. 



1 



54 



Osxipöiv : Tolstois Kindheitseri7uiertuigen 



sukzessive Reihe der Entwicklung vorstellen: i. Der Säugling- 
leidet an Flechten; 2. man reibt ihn mit Kleie; 5. dieses 
Ereignis lenkt die Aufmerksamkeit des Säuglings auf seinen 
eigenen Körper und auf die entblößten Arme der Njanja 
usw.; 4. beim Säughng entwickelt sich Sinnlichkeit mit 
überwiegender Richtung auf seinen eigenen Leibj 3. der 
sinnliche Genuß am eigenen Leib geht in Selbstbewun- 
derung, resp. Selbstliebe überhaupt über. In Form einer 
Karikatur könnte man sagen : Hätte der Säughng Tolstoi 
keine Flechten, würde man ihn nicht mit Kleie reiben, 
dann hätte er seinen Leib nicht zu lieben angefangen, usw. 
Mit einem Wort, gäbe es keine Flechten und keine Kleie- 
kur, hätten wir keinen „Tolstoi". Wie jede Karikatur einen 
Teil Wahrheit, so auch hier. Wenn wir Tolstoi als eine 
historische Erscheinung, als ein einmaliges, unwiederholbares, 
unersetzbares Individuum betrachten, so müssen wir sagen, 
daß die oben angeführte Entwicklungsreihe tatsächlich statt- 
gefunden hatte. Zweifellos hatten die Flechten und die Kleie- 
kur auch ihre Bedeutung.^ Aber selbstverständlich kann man 
ihnen keine die Persönlichkeit determinierende Kraft zu- 
schreiben. Nicht jeder Säugling, den man mit Kleie reibt, 
wird zu einem Tolstoi. Die Persönlichkeit ist selbstaktiv und 
ihre Entwicklung wird durch ihre eigene Energie bestimmt, 
trotz des beständigen Vorhandenseins von Gegenkräften der 
Umgebung. Wenn es keine Flechten und keine Kleiekur geben 
würde, so würde das narzißtische Gepräge der Persönliclikeit 



1) .,Die bei der Analyse mclit selten eniiiUelle Bcdeutunff der ExiHiÜicme in 
iraiim.ind Neurose geht nach einem Himveis Freuds fiuf den Umstand zurück, 
daü Ausschlage m der Kmdheit dem von der Erzielum^ zur Schamhaftigkeit 
angehalenen Kmde die beste Gelegenheit zu ungestraften Entblößungen vor 
seiner Umgebung- und zur Selbstbeschammg bieten." O. Rank P-ivchoanal Bei- 
träge zur Mytheiiforscliung. 1919, S, 211. 



t :A 



'Liuei alle.re.rate Rrimierungen 



bei einem anderen Anlasse erwachen. Aber tatsächlich offenbarte 
es sich bei Tolstoi eben bei der Kleiekur. So sehen wir im 
Akzidentellen das Gesetzmäßige. 

Bevor wir zu den heteroerotischen Erlebnissen bei 
Tolstoi übergehen, wollen wir Tolstois Erzählung „Vater 
Sereius" analysiei'en, in der er in künstlerischer Form die 
Entwicklung des Narzißmus darstellt. Wie in jedem wahr- 
haft künstlerischen Werke, so ist auch in „Vater Sergius" 
der organische Charakter der Themaentwicklung klar aus- 
geprägt. 






. i 



IV 



/ 



ÜBER DEN NARZISSMUS 

„Die zwei eiitgegirngesttzifsieii Ideen, (Üc 

es überhaupt auf Erden gebeiv kann, sind 

, aufeinander gestoßen: der Menschmgoit steht 

dem Gotimciischen gegeniihct; der Apollo von 

Belvedere und Clmstus,^^ 

DOSTOJEWSKI. 

Tolstoi selbst kannte und beobachtete fortwährend den 
Narzißmus in sich. Diese Beobachtungen verwertete er in 
künstlerischer Form in der Erzählung- „Vater Sergius".^ 
(Geschrieben in den Jahren i8go, 1891, 1 S98. Gedruckt 
nach seinem Tode.) 

Der Fürst Steplian Kassatsky „schien äußerlicli ein ganz gewöhn- 
licher junger, glänzender Garde- Offizier /.u sein, Aav seine Karriere machte, 
aher m seinem Innern ging eine komplizierte und gespannte Arbeit vor 
sich. Die Arbeit ging von seiner Kindheit an vor sich, scheinbar die 
allennannigfalligste, aber im Grunde immer ein und dieselbe; und sie 
bestand darin, in allen Geschäften, die sich auf seinem Wege vorfanden, 
Vollkommenheit und Erfolge zu erreichen, die das Lob und das 
Staunen der Menschen hervorrufen sollten. Handelte es sich um 
Lernen, um Wissenschaften — so machte er sich daran und arbeitete so 
lange, bis man ihn lobte und den anderen als Beispiel hinstellte. Wenn 
er etwas erreicht hatte, so nahm er etwas anderes vor. So errang er 
den ersten Platz im Lernen; so geschah es, daß er, noch in der 



1) Leo Tolstoi. Vater Sergius. Prag. 1920. (Russ.) 



TJeber dfii Xarzißmiif: 



KacTetteiischuie, als er seine Ungeschickliclikeit in der französischen Sprache 
hemerkt hatte, es ciahinbrachte, das Französische ehensogut zu beherrschen 
■wie. das Russisclie; und so geschah es spater, als er sich mit dem Schach- 
spiele beschäftigte, daß er, noch in der Kadettensdiule, ausge/.eichnet /.u 
spielen begann .... Er hatte immer ein Ziel vorgesteckt und, wie un- 
bedeutend es auch -war, er ergab sich ihm ganz und lebte nur für dieses 
Ziel, bis er es erreichte .... Eben diese Strebung, sich auszuzeichnen 
luid, um sich auszuzeichnen, das gesteckte Ziel zu erringen, erfüllte sein 
Leben .... Er wurde sehr bald ein mustcrliafter Offizier." 

Woher entstellt beim Mensclien d.is Streben nach 
Vollkommenheit? Das kleine Rind ist immer mehr oder 
weniger ein Narziß. „Der Reiz des Kindes beruht zum guten 
Teil auf dessen Narzißmus, seiner Selbstgenügsamkeit und 
IJnzugiingiichkeit." (Freud') Das Kind überschätzt seine 
Ivräfte, leidet an Größenwahn. Es wünscht nicht nur j,groß 
und erwachsen" zu sein, sondern halt sich zeitweise schon 
dafür. Die Vorstellung vom eigenen Ich, die sich beim Kinde 
entwickelt, entspricht der Wirkliclikeit nicht, es spiegelt sich 
eben das wirkliche Ich in dieser Vorstellung in übertriebener 
Form. Der Zusammenstoß mit der realen Welt zeigt dem 
Kinde diese Überschätzung des eigenen Ichs. Dann be- 
kommt das Kind eine der Wirldiclikeit mehr entsprechende 
Vorstellung seines Ichs und die überschätzte Vorstellung 
wird zum Ideal-Ich. „Diesem Ideal-Ich gilt nun die Selbst- 
liebe welche das wirkliche Ich genoß. Der Narzißmus er- 
scheint auf dieses neue, ideale Ziel vei-schoben, welches sicli, 
wie das infantile im Besitz aller wertvollen Vollkommen- 
lieiten befindet. Der Mensch hat sicli hier, wie jedesmal 
' auf dem Gebiete der Libido, unfähig erwiesen, auf die ein- 
mal genossene Befriedigung zu verzichten. Er will die 

i) Zur Eiiifülirung des Narzißmus. Sammlung kleiner Schriften zur 
Ketiroseiilehre. Vierte Folge. Leipzig und Wien 1918. S. 96. 



5 8 Ossipow : Tolstois Küidheitserinnerimgen 



narzißtische Vollkommenheit seiner Kindheit nicht entbehren 



und wenn er diese nicht festhalten konnte, durch die Mahnungen 
während seiner Entwicklungszeit gestört und in seinem Ui'- 
teile geweckt, sucht er sie in der neiien Form des Ichideals 
wieder zu gewinnen. Was er als sein Ideal vor sich hin 
projiziert, ist nur der Ei-satz für den verlorenen Narzißmus 
seiner Kindheit, in der er sein eigenes Ideal war." (Freud) 

So sehen wir beim heranwachsenden Kinde die Libido 
auf das Ideal-Ich gerichtet. Die Strebung, daß das wirkliche 
Ich dem Ideal-Ich entspreche, ist die Strebung zur Voll- 
kommenheit, und diese Strebung zur Vollkommenheit ist 
libidinösen, bezw. narzißtischen Ursprungs. 

Das Streben nach Vollkommenheit kann auch ein Selbst- 
ziel sein, als Ausdruck der Entfaltung, der Machtentwicklung 
des Individual-Ichs. Jeder natürliche Prozeß strebt, das 
Tätigkeitsmaximum zu erreichen (Karpow). Aber Stephans 
Streben nach Vollkommenheit war eben ein narzißtisches, 
weil es keinen Selbstzweck darstellt, sondern nur ein Mittel, 
sich auszuzeichnen und das Lob und die Bewunderung 
der Menseben auszulösen. 

Es entsteht nun die Frage, ob das Streben nach Voll- 
kommenheit von dem Supra-Ich auszugehen vermag. Auf 
diese Frage müssen wir bejahend antworten, aber das vom 
Supra-Ich ausgehende Streben nach Vollkommenheit trägt 
ein besonderes Gepi'äge: es ist immer einseitig, d. h. es 
ist das Streben nach einer speziellen Vollkommenheit, z. B. 
nach Vollkommenheit in der Wissenschaft,^ nach religiöser 
Vollkommenheit usw. Das ergibt sich aus der Natur des 
Supra-Ichs, das, als Ganzes, das menschliche Individuum als 

i) Der Lenllimte hnmoristisclie Philosoph Knsma Prntkow sagt: „Der 
Spezialist ist einer Zalingeschivulst ähnlich — seine Fülle ist einseitig." 



lieber den Narzißjmis. 59 



einen Teil betrachtet und es dementsprechend zum speziellen 
Zweck benutzt. Die Strebung zur mannigfaltigen Voll- 
kommenheit kann nur individualistisch, resp. narzißtiscli sein. 
Nun wollen wir die Analyse der Erzählung „Vater 

Sergius" fortsetzen. 

Der Garde- Offizier Fürst Steplian „faßte den Gedanken, eine 
glänzende Stellung in der höchsten AVeit zu erringen . . , , Er war ge- 
■wohnt der Erste zu sein, und in dieser Beziehung war er es bei weitem 
nicht. Dazu mußte man entweder Flügel- Adjutant sein — und er er- 
wartete diese Ernennung — oder in diese Kreise heiraten. Und das 
beschloß er zu tun.'" 

Mit dieser Absicht machte er einer jungen Gräfin, die sehr an- 
ziehend war, den Hof und verliebte sich in sie. Sein Antrag wurde 
angenommen, „Er war über die Leichtigkeit erstaunt, mit welcher er 
solch ein Glück erlangte .... Er war sehr verliebt und blind und darum 
bemerkte er das nicht, was fast alle in der Stadt wußten: daß seine 
liraut vor einem Jahre die Geliebte von Nikolai Pawlowitsch [Kaiser 
Nikolaus l] gewesen war." 

Als seine Braut es ihm eingestanden hatte, lief Fürst Stephan er- 
schrocken und beleidigt davon. „Wenn der Geliebte seiner Braut ein 
gewöhnlicher Mensch gewesen wäre, hätte er ihn getötet, aber er war 
der angebetete Zar." Und „da geschah in Petersburg .... ein Ereignis, 
das alle erstaunte: der schöne Fürst, der Hauptmann der Leib-Eskadron 
des Rm-assier-Regiments, dem alle die Ernennung zum Flügel- Adjutanten 
und eine glänzeede Karriere bei dem Kaiser Nikolaus I. prophezeiten, 
bat um seinen Abschied, einen Monat vor seiner Hochzeit mit einem 
schönen Hoffräulein, das sich der besonderen Gunst der Kaiserin erfreute, 
brach mit seiner liraut, gab sein Gut seiner Schwester und begab sich 
in ein Kloster mit der Absicht, dort als Mimch einzutreten." 

Fürst Stephan wurde Mönch unter dem Namen Sergius. „Einzi« 
seine Schwester, die ebenso stolx und ehrgeizig wie ihr Bruder war, 
verstand ihn. Sie verstand es, daß er Mönch wurde, um über den- 
jenigen zu stehen, die ihm zeigen wollten, daß sie über ihm 
stehen. Und sie verstand ihn richtig. Indem er Mönch wurde, zeigte 
er, daß er alles dasjenige verachte, was den anderen und ihm selbst so 



' 






6fi Ossipow: l'olstois Kuiäliiulseri.ninrinigfti 

wichtig schien x.u der Zeit, als er diente, und daß er auf uinc solche 
neue Hühe steige, daß er von oben herab auf die Leute sehen könne, 
die er früher beneidete. Aber nicliit allein dieses Gefiilil, wie es seine 
Schwester sich vorstellte, leitete ihn .... In ihm war auch ein anderes: 
ein echt religiöses Gefühl, \velches seine Schwester nicht kannte, 
welches sich mit dem Gefühl des Stolzes und dem Wunsch," Erster zu 
sein, zusammenflocht. '' 

Hier ist die Einkleidung des Fürsten Slcphuii präzis als ein 
narzißtischer Akt erklärt. Der Stolz und der Ehrgeiz waren 
dahei als Hauptmotive tätig". Die Beteiligung des Supra-Ichs 
(das Vorhandensein des echt religiösen Gefühls) hilft nur der 
Realisiei'ung des Strebens, ohne eine bedeutende Rolle dabei 
zu spielen, gerade so, wie der Heiratsantrag des Fürsten 
Stephan auch unter der Beihilfe des Sexual-Ichs (der Objekt- 
libido), als einer Nebenursache, stattfand. Sergius ergab sich 
einem „Greise". 

,, Auch im Kloster fand er Freude im Erringen der größten, so- 
wohl äußeren wie auch inneren Vollkommenheit. Wie im Regiment 
tat er mehr, als gefordert wurde .... Aber es gab Augenblicke, 
wo die Reue über seine Bekehrung ilui ergriff .... Und diis dauerte 
einen Tag, manchmal zwei, und vei'ging dann von selbst .... So 
verlebte Sergius im ersten Kloster, wohin er eingetreten war, sieben 
Jahre .... Im siebenten Jahre seines Klosterleb eus wurde es Sergius 
langweilig. Alles, was man erlernen sollte, alles was 7ai erreichen 
war, hatte er erreicht, und weiter gab es nichts zu tun." Sergius 
bekam eine Ernennung in ein bei der Hauptstadt gelegenes Kloster. 
,,Im früheren Kloster quälte die Sexualverführung Sergius wenig, 
hier aber erhob sich diese Verführung mit furchtbarer Kraft. Aber 
Sergius überwand sie. Dagegen konnte er seine Antipathie gegen den 
Abt des neuen Klosters nicht beherrschen. Er bemühte sich, hörte aber 
nicht auf, in seiner Seelentiefe den Abt -/.u verurteilen." Nach einem 
Inzidente mit dem Abte bat Sergius seinen Greis um Überführung 
zurück in sein früheres Kloster. Der Greis antwortete ihm : „ Man 
braucht Einsamkeit, mn den Stolz zu demütigen", und gab ihm seinen 




1 



(..'i'hisr den Narzißmus 6 1 



Segen dazu, in ein drittes Kloster zu faliren und dort Einsiedler zu 
^Verden. 

Sergius wurde Einsiedler und wohnte in einer Hölile, die in 
einen Berg gegraben war. ,,Sein Leben war schwer — nicht durch die 
Last des Fastens und des Betens; das war keine Arbeit — sondern 
durch den inneren Kampf, den er gar nicht erwartet hatte. Der 
Queüen des Kampfes waren zwei; Zweifel und sexuelle Begierde, 
und beide Feinde erhoben sich immer zusammen." 

„Du Niederträchtiger, Niederträchtiger! ATillst ein Heiliger sein, 
— begann er sich zu schelten. Und er fing an zu beten. Aber wie er 
nun zu beten anhng, stellte er sich lebhaft vor, wie er selbst im Kloster 
ausgesehen: in hoher Mönchskappe, im Ordeiismantet, eine imposante 
Gestah. Er schüttelte den Kopf. Kein, es ist nicht recht. Es ist ein 
Betrug. Andere werde ich betrügen, aber mich selbst und Gott niclit. 
Ich bin kein großer Mensch, sondern ein armseliger, lächerlicher! Und 
er schlug den Rand seiner Mönchskleidung zurück und schaute auf 
seine kläglichen' Beine in Unterhosen und lächelte." 

Hier ist kurz und präzis der ambivalente Charakter 
von Vaters Sergius', bezw. Tolstois Nai-zißmus ausgedrückt. 

Der Narziß liebt sicli selbst! Wie kann denn der Narziß 
sich hassen? Liebe und Haß sind ein Gegensatzpaar. Wie ist 
soUh eine Gegensätzlichkeit in einem Individuum im Ver- 
hähnis zu ein und demselben Gegenstande zu verstehen und 
zu erklaren? Halten wir uns als Beispiel eben an Sergius' 
Charakter. 

Das Individual-Ich strebt zum Mtiximum seiner Macht- 
entwickhmg hin. l^as Sexual-Ich bewundert diese Tätigkeit 
und besetzt das Individitai-lch mit seiner Energie. Unter- 
dessen zeigt das Rcalleben die Schwäche des Individual-Ichs. 
In seiner sekundären, bewußt machen den Tätigkeit überzeugt 

i) hii russischen Text sieht das Wort .,;ntty" (,,;" ist in lesen, wie im 
Pranzösisclien „;'örjivifl/") — AiJjektiv vom Zeitwort ^,jn}jei'^, was zugleich „be- 
dauern" unil ..lieben" bedeiUcl. Also, kann man den Aiisdruc:k ..kläglicbe Beine" 
iiuch als „liebe Beine" verstellen — Regression zur autoerolischen Scliaulust 1 



\ 



62 



Ossipow: Tolstois Kulälieitscrinueruugen 



sich das Individual-Ich von der Inkongruenz zwischen seiner 
VorstelKing seines eigenen Selbst und seinem Realwesen. Die 
überschätzte Yoi-stellung vom eigenen Selbst wird zum Ideal- 
Ich. Das Sexual-Ich nimmt seine Libido vom aktuellen Ich 
und überträgt dieselbe auf das Ideal-Ich. 

Woher kommt aber der Haß? Betrachten wir zuerst 
das Wesen des Egoismus, die Iclihaftigkeit. 

In seinem Streben nach Allmacht verschlingt und 
assimiliert das Ich die anorganische Natur, die Pflanzenw^elt. 
Das Ich tötet und verschlingt die Tierwelt. Wenn das Ich 
die Pflanzen- und Tierwelt nicht ganz vernichtet, so ver- 
ändert es sie nach seinem Willen, indem es Getreide und 
Vieh züchtet. Das Ich verwandelt die Tiere in Instrumente. 
Es geht in seitiem Streben nach Allmacht noch weiter: es 
verwandelt seine Mitmenschen in Sklaven, das heißt, es be- 
trachtet sie als Arbeitsvieh oder sogar als Maschinen (Frühei' 
gab es sogar Menschenfresser). Auch hier macht die Gier des 
Ichs zur Allmacht nicht halt; es strebt, sich die Seelenwelt 
unterzuordnen, indem es die Geisteskraft, die Talente und 
Fertigkeiten anderer Menschen zwingt, seinem Aufblühen zu 
dienen. Das Ich strebt, sich auch der Urkräfte zu bemächtigen : 
es verschlingt den Raum mit seinen Automobilen, bezwingt 
das Wasser mit seinen Unterseebooten und besiegt die Luft 
mit den Aeroplanen. Was für einen Charakter hat denn die 
Aktivität des Ichs im Allgemeinen? Aus dem Baum macht 
es Holz, aus dem Ochsen — Beefsteak, aus dem Menschen 
— eine Maschine, das heißt, es depersonalisiert alles. So 
sieht der Ichtrieb aus, überhaupt die Ichhaftigkeit. 



i) Der Gedanke von der Depersonalisation der Welt durch den Menschen 
stammt aus dorn Buche Herschensohns: „Das dreifache Bild der Vollendung', 
(Russ.), das ich leider nicht Lei der Hand habe. 



Ut'hev den ^arzißtnus ti^ 



Das Ich begegnet nicht nur in der Natur, den Pflanzen, 
Tieren und den anderen Menschen einer Gegenmacht, dos Ich 
findet eine Gegenniaclit auch im Bereiche des Individuums 
selbst. Die gesamte Aktivität des Individuums ist nicht nur 
egoistisch, sondern auch altruistisch. Den Altruismus 
vertritt in erster Linie die Genitalfunktion. Der Genital- 
trieb ist seinem Charakter nach dem Ichtriebe gerade ent- 
gegengesetzt. Das Ziel der Genitalfunktion ist die Zeusaniü 
und die Ernährung des Kindes^ das Kind kann in der ersten 
Zeit nicht ohne die Mutter existieren. Und diese Bindung 
„Mutter-Kind" liegt allen sozialen Organismen zu Grunde. 
Die Mutterschaft zeichnet sich durch Zärtlichkeit, Angst 
um die Existenz des Khides, Zorn über diejenigen, die es 
beleidigen, aus. Folglich ist hier die Achtung der Persön- 
lichkeit gegeben; hier ist keizie Depersonalisation, sondex-n 
im Gegenteil Verehrung der Pei'son. So sieht der Genital- 
bezw. der Sexualtrieb aus, überhaupt die Geschlecht- 
lichkeit. 

Wir haben also den Ichtrieb, bezw. das individuelle 
Sub-lch als Vertreter des Egoismus, des Strebens zur Ahmacht, 
zum Weltherrschen, zur Depersonalisation des Wellalls kennen 
gelernt. Für das Individual-Ich zerfällt die Welt in zwei 
Teile: den einen Teil verleibt sich das Individual-Sub-Ich ein, 
den andern betrachtet es als seinen Feind, haßt diesen Teil 
der Welt oder ist ihm gegenüber gleichgültig. Der Haß 
stammt von den Ichtrieben. „Man kann behaupten, dalJ 
die richtigen Vorbilder für die Haßrelation nicht aus dem 
Sexualleben, sondern aus dem Ringen des Ichs um seine 
Erhaltung und Behauptung stammen (Freud^). 



i) Triebe luid Triebs cliicksale. A. a. O. 



64 Ossipow: Tolstois KindhcksernuicruniKn) 




Individuelles Sub-Ich =r^ —'' , Außenwelt 

Dagegen haben wir den Genital-, resp. Sexualtrieb — 
das sexuelle Sub-kh — als Vertreter des Altruismus, des 
Strebens zur Selbstopleruiig, zur Verehrung der Person kennen 
gelernt. Das Wesen der Ichhaftigkeit ist die Depersonalisation, 
das Wesen der Geschlechtlichkeit ist die Persönlichkeitsachtung. 
— Vom Sexualtriebe stammt die Liebe. Für das 
Sexual-Sub-Ich zerfällt die Welt auch in zwei Teile: den 
einen Teil liebt das Sexual-Icb, dew anderen betrachtet es als 
Feind, der eventuell dem Geliebten Schaden bringen kann, 
und diesen Teil der Welt haßt es oder ist ihm gegenüber 
gleichgültig. 



ine^^^i_— ■■'■ I 



Sexuelles Sub-Ich -^^^dlZ i ^^"0^"^«^* 



Das Sexual-Ich kann hassen, eben dank seiner Ich-Natur, 
seiner Ichhaftigkeit. Eine Mutter, die ihr Kind liebt, haßt 
alle diejenigen, welche gegen ihr Kind feindlich gesinnt sind — 
Familienegoismus. 

„Liebe und Haß, die sich uns als volle materielle Gegen- 
sätze vorstellen, stehen also docli in keiner einfachen Beziehung 
zueinander. Sie sind nicht aus dei" Spaltung eines Urgemein 
samen hervorgegangen, sondern haben verschiedene Ursprünge 
(Freud'). 

W^ ollen wir jetzt diese Verhältnisse auf das Seelenleben 
des Individuums anwenden, d. h. auf das innerseelische Milieu, 
so können wir sagen: Das Sexual-Ich haßt das aktuelle Ich 

1) A. a. O. 



ii 






Uebei- den Narzißmus (5 = 

(= das Inclividual-Sul)-Ich), wenn es das Ideal-Ich liebt, weil 
das aktuelle Ich die Realisation des Ideals stört. 

V<^ D^g Ideal-Ich 

SexueUes Sub-lch — — -^___^ 

iia^ — Das Indiv.-Sub-Ich 

Die Verhältnisse können sich aber ändern: das Individual- 
Ich kann sich in seinen Idealen täuschen, diese sogar hassen; 
dann wendet das Sexual-Ich seine Triebe dem aktuellen Ich, 
resp. einem fremden Ich zu. 

Ji^-31- — " Das Iiid.-Sub-Icli, resp. ein fremdes Ich 
Sexuelles Sub-lch =^d_____^ 

HnssBii Das Ideal-Ich 

Infolge dieser An der Lilndoverteiliing besteht die 
Ambivalenz von Sergius' (oder Tolstois) Narzißmus darin, 
daß sein Sexual-Ich bald das ideale, bald das aktuelle Ich 
liebt. Ob sich Sergius (Tolstoi) vergöttere oder hasse, er bleibt 
immer im Bereiche des Narzißmus. Zugleich verstehen -v^ir, 
daß lieben und hassen sich immer auf verschiedene Gegen- 
stände beziehen, obgleich diese Gegenstände, dank der Viel- 
seitigkeit der Menschennatur, sich in ein und demselben 
InJividuum befinden können. 

Die gewöhnlichen Narzisse unterscheiden ihr aktuelles 
Ich vom Ideal-Ich nicht, resp. haben keine Ideale. Sie sind 
ganz mit ihrem aktuellen Ich zufrieden und ungestört gehen 
sie in ihrer Selbstliebe, in der Vergötterung ihres Gesamt-Ichs, auf. 

Es ist interessant, daß Sergius in der zitierten Beschrei- 
bung der Seelenerlebnisse sukzessiv zu Genüssen des Säuglings- 
alters, resp. der ersten Kindheit regi'ediert. Zuerst betet er 
sein Ideal-Ich au, liaßt also alles, was der Realisienmg des- 
selben im Wege steht, d. h. sein wirkliches Ich. (Du Nieder- 
trächtiger, Niederträchtiger! usw.) Dann bewundert er seine 

5 Ofsipow: ToUtoii Kindheitscrinnertmgen 



66 



Ossipoiv: Tolstois KindheitaeTuinfnmgni 



Erscheinung im ganzen (er stellt, sidi lebhaft vor, wie er 
selbst im Kloster ausgesehen: „in hoher Mönchskappe, im 
Ordeiisinantel, eine imposante Gestalt"), mu nathlier /Air 
autoerotischen Schaulust zurückzukehren („Die lieben, klag- 
Uchen Beine"). 

Am selben Tage (das war im sechsten Jahre von Sergiiis' Kinsiedler- 
leben), als Vater Sergius diesen inneren Kampf zu bestehen hatte, geschah 
folgendes: eine lustige Gesellscliaft aus der neben dem Kloster gelegenen 
Provin/.stadt wettete mit einer schönen jungen Strohwitwe Makowkina, 
die behauptete, daß sie die Nacht bei Vater Sergius znbrhigen wih-de, 
Makowkina klopfte bei Vater Sergius an, als er eben in einem Zustande 
von schwankendem Seelengleichgewicht eingeschlafen war. Weiter folgt 
das wunderbar dargestellte Bild der Verführung des Vaters Sergius durch 
Makowkina. Sergius erlebte schwere Augenblicke der Sexualen-egung. 
Am Ende war er durch Makowkina gezwungen, sich ihr zu nähern. 
Da er seiner Begierde nicht unterliegen wollte, hieb er sich den Zeige- 
finger (Penissymbot !) der linken Hand mit einer Axt ab. Das übrig 
gebliebene Gelenk des Fingers mit dem Saume seines Gewandes haltend, 
näherte er sich der Dame. Nur auf diese Art blieb Sergius Sieger. 
Makowkina ließ sich nach diesem Vorfall in einem Frauenkloster ein- 
kleiden. 

Alle diese Ereignisse wurden überall bekannt und der Ruhm von 
Vater Sergius vermehrte sieh. ,,Der Besucher begannen mehr und mehr 
zu kommen, neben seiner Zelle ließen sich Mönche nieder und es 
wurde eine Kirche und ein Gasthaus gebaut. Der Ruhm Vater Sergius , 
seiner Taten, wie immer übertrieben, verbreitete sich weiter imd weiter. 
Man strömte von weit bei ihm ■/.usaminen und fing an, ihm Kranke zu 
bringen, da man behauptete, daß er sie heile." Anfangs „suchte Vater 
Sergius nicht einmal der Gedanke heim, daß er jemanden heilen könnte, 
aber dennoch geschahen viele solche Ereignisse nach seinem Segen, und 
der Abt und die Mönche sorgten um ilm sehr, da er ihnen nüt'/.lich 
war und sein Ruhm ihrem Kloster großes Ansehen und materielle Vor- 
teile brachte. 

Innerlich war Sergius trübe gestimmt. ,,Vater Sergius lebte schon 
mehrere Wochen mit einem beständigen Gedanken: ob er gut tat, 



lieber den Narzißinns Öy 

sich der Lage hinzugeben, in welche er nicht so selir durch sich selbst, 

als durch den Vorsteher und den Abt versetzt "worden war Er 

fühlte, daß er immer mehr und mehr für die Menschen und nicht 
für Gott arbeitete .... er konnte sich nicht enthalten, sich dessen zu 
freuen, sich mit den Folgen seiner Tätigkeit, ihrem EiiiFluB auf die 
Menschen zu bescliäftigen .... Er fühlte in seiner Seelentiefe, daß er 

sich ihrer freute, sich des Entzückens freute, welches ihn umgab 

Es gab freilich eine Zeit, wo er sicli entschloß, wegzugchen, sich zu 

verstecken Aber sein gewöhnlicher Zustand war Ermüdung und 

Rührung über diese Ermüdimg." 

Vater Sergius erreichte äußerlich den höchsten Punkt der Karriere 
eines „Greises": er wurde zum angebeteten Heiler der menschlichen 
Körper und Seelen. Aber sein innerer Zustand war damals so un- 
befriedigend, daß er daran dachte, mit seiner Tätigkeit aufzuhören und 
sich zu verbergen. Was eigentlich verursiichte seine Unbefriedigung? 
„Er fühlte in seiner Seelentiefe, daß der Teufel seine ganze Tätigkeit 
für Gott mit der Tätigkeit für Menschen vertauscht hatte." Vater Sergius 
macht hier einen auffälligen Fehler; der Teui'el hatte nichts vertauscht, 
aber wie seine ganze Tätigkeit von Anfang an weder Gott noch den 
Menschen gewidmet war und nur ausschließlich seinem Selbst diente, 
so blieb sie auch jetxt dieseShe. Vater Sergius besaß keine Menschen- 
liebe. Anstatt zu fragen; für Gott oder für die Menschen, müßte man 
eine andere Frage stellen: für die Menschen oder für sich selbst? Die 
Antwort darauf ist leicht : für sich selbst. „ Das alles (d. h. die ihn 
erwartende Besucherschar) war Vater Sergius längst bekannt und nicht 
interessant. Er wußte, daß er von diesen Leuten nichts Neues erfahren 
würde, daß diese Leute in ihm kein religiöses Gefühl hervorrufen konnten, 
aber er liebte es, sie zu sehen, als eine Menschenmenge, der er selbst, 
sein Segen, nötig und teuer waren, und darum war sie ihm gleichzeitig 
lästig und doch angenehm." 

Einst fühlte sich Vater Sergius während des Gottesdienstes schlecht, 
überwand es aber und setzte den Gottesdienst fort. „Ja, so machen es 
die Heiligen'', dachte er. Nach dem Gottesdienste segnete er das Volk 
und „beantwortete die Fragen mit einer Stimme, deren schwacher Ton 
ihn selbst rührte." [Narzißmus.] Am selben Tage wandte sich ein 
Kaufmann, der eine 2 2 jährige Tochter hatte, mit einer Bitte an Vater 



68 



Ossipoiv: Tolstois Kimlheitserinnerunge-Ti 



Sergiiis: ., Besondere Schwäche hat sie keine, leidet nur an Neurasthenie, ^ 

wie der Doktor sagte Heiliger Vater 1 Beleben Sie das Vaterherz, 

stellen Sie seinen Stamm wieder her! Durch Ihre Gebete retten 
Sie seine kranke Tochter! .... Am Tage geht sie nicht aus, hat 
Licbtangst. imd kann nur nach Sonnenuntergang herauskommen. Vater 
Sergius erlaubte ihm. mit der Kranken am Abend xu kommen. 

Es war ein wunderschöner Maiabend . , . . Sergius las ein Gebet, 
in welchem er von seiner Weltentsagung sprach und eilte, es durchzu- 
lesen, um nach dem Kaufmann mit der kranken Tochter vm. schicken: 
sie interessierte ihn dadurch, daß auch ihr Vater imd sie selbst ilm für 

einen Heiligen hielten, einen solchen, dessen Gebet erhiUt wird 

Man kommt tausende Werst gefahren, man schreibt in den Zeitungen, 
dem Kaiser bin ich bekannt, in Europa, im ungläubigen Europa kennt 
man mich, dachte er. Und plötzlich schämte er sich seiner Eitelkeit 

lind er fing wieder zu beten an Er erinnerte sich seiner 

Gebete während der ersten Zeit seiner Einsiedelei, als er um die Gabe 
der Reinheit, der Demut und Liebe betete, und wie es ihm damals 
geschienen, daß Gott seine Gebete erhört hätte, wie er rein war iind 
sich den Finger abgehauen hatte. Und er erhob den in Falten gerunzelten 
Fingerstummel und küßte ihn ... . (!) Jetzt aber hatte er keine 
Liebe, keine Demut und auch keine Reinheit. Er fragte sich, oh er 
jemanden lieb habe .... ob er das Gefühl der Liebe zu all diesen Leuten, 
die btmte bei ihm gewesen, empfunden hatte .... Die Liebe, die von 
ihnen ausging, war ihm angenehm und nötig, aber er fühlte keine 
Liebe zu ihnen. Es war ihm angenehm gewesen zu erfahren, daß die 
Kaufmannstochtei 3 2 Jahre alt war, und er wünschte zu wissen, ob sie 
schön sei. Und nach ihrer Krankheit fragend, wollte er eben wissen, 
ob sie Frauenreiz hatte oder nicht .... Der Kaufmann kam mit 

seiner Tochter, führte sie in die Zelle und güig sogleich weg 

Als das Mädchen vorüberging und neben ihm stehen blieb, erschrak er 
selbst über die Art, wie er ihren Körper betrachtete .... Vater 
Sergius sah an ihrem Gesicht, daß sie sinnlich und schwachsinnig war .... 

i) Im Text steht ,,Neurastlienikerin", eine interessante Entstellung, 
die ein russisches Wortspiel darstellt, indem das Wort ..Niclitgut wachsen de" 
bedeutet, — ein gutes Beispiel der Volkselymologie, d. h. der Sinngebung des 
Sinnlosen 



1 



Ueber den Narzißmus ßg 



Er sagte: Wo hast du Schmerz? — Alles schmerzt mich, sagte sie und 
ihr Gesicht erhellte sich plötzlich durch ein Lächeln. — Du wirst 
gesund sein, sagte er, bete! — Wozu beten, ich liabe gebetet, hilft 
nichts! Und sie lächelte fortwährend. Beten Sie und legen Sie Ihre 
Hände auf mich. Ich habe Sie im Traum gesehen, daß Sie mir so das 
Händchen auf die Brust gelegt haben. Sie nahm seine Hand und drückte 
sie auf ihre Brust. Da hierher. — Er gab ihr seine rechte Hand. 
Wie heißt du ? fragte er, am ganzen Körper bebend und fühlend, daß 
er besiegt war, daß die Begierde schon seiner Beherrscliung entzogen 
war. — Marie. — Sie nahm seine Hand und küßte sie und dann faßte 
sie ihn mit einer Hand um die Hüfte und drückte ihn an sicli. — Was 
machst d«? sagte er. Marie, du bist der Teufel. — Nnn, macht nichts. 

Und sie setzte sich, ihn umarmend, mit ihm auf das Bett 

Vater Sergius sündigte. [Hier beginnt ein neuer Teil der Erzählung, 
der vom Autor nach 7 Jahren hin zugeschrieben wurde.] Bei Tages- 
anbruch, während Marie schlief, schnitt sich Vater Sergius das Haar ab, 
zog ein Bauemkleid an, welches er schon früher in einem Augenblick des 
Zweifels besorgt hatte, und ging fort, seine Zelle auf immer verlassend. 

Wenn wir jetzt die ganze Laufbahn des Sei'gius übei- 
blickeii, sü sehen wir, daß sie die sukzessive Entwicklung 
des Individual-Iclis, vvelrhes diirth starke Sexualenergie 
besetzt ist, darstellt, d. h. die sukzessive Entwicklung 
eines, mächtigen Narzißmus. Das Individual-Ich des 
Knaben bemüht sich, sich seinei- Umgebung zu bemächtigen, 
nicht nur, um der Erste zu sein, sondein auch, um sich 
selbst zu bewundern und als Gegenstand des Staunens und 
der Bewunderung für andere zu dienen. (Narzißmus und 
narzißtischer Exhibitionismus.) Dem Knaben gehngt es, dem 
Offizier anfänglich auch. Aber liier tritt ein tragisches Er- 
eignis ein. V\''orin liegt die Tragödie? Tolstoi gibt gegen seine 
Gewohnheit, keine ausfülirliche Erklärung, weil sie ohnehin 
auf der Hand liegt. Es ist die beleidigte Eigenliebe: Fürst 
Stephan fürchtet sich vor dein Verdacht, daß er die Geliebte 



Ossipow: Tolstois KindhcUscriiiiiennigen 



des Kaisers absiclulicli heirate, um die Gunst des Zaren zu 
genießen, außerdem spielt liier Eifersucht eine Rolle; aber 
sexuelle Eifersucht, obgleicli sie eine komplizierte Er- 
scheinung darstellt, ist im fliinid genommen ein gestörtes 
Eigentunisgefühl, sie entsteht aus Jchtriehen, nämlich aus 
der l'enden/. zur Einverleibung imd tritt erst später in 
den Zusammenhang Her Sexualerlebnisse ein, wo sie wieder 
der Ausdruck der Jchhaftigkeit ist. Mit einem Worte, Fürst 
Stephan kann seine so glänzend angefangene Karriere nicht 
fortsetzen. Er beginnt eine andere, eine solche, die sogar 
höher ist, als die vorhergehende, weil sie schon den Be- 
reich der niu' irdischen Macht ver]äj:!t. AVenn Fürst Stephan 
vorher davon schwärmte, dem Kaiser möglichst nah zu 
stehen, so verwandelt sich jetzt dieser Wunsch in den, die 
Nähe Gottes zu erringen. Folglich ist seine Einkleidung 
nur eine Fortsetzung der narzißtischen Entwicklung. Im 
Kloster verläuft Sergius' Leben in derselben Art, wie in 
der Kadettenschule und im Regiment; er erreicht bald 
alles, was zu erreichen möglich ist Dann wird er in ein 
anderes Kloster versetzt, wo er eine höhere Ernennung 
bekommt, aber hier mifilingt ihm die weitere Karriere 
wegen seines Charakters — seines Stolzes — und ob- 
gleich er noch viele Stufen zu durchlaufen hat, um den 
höchsten Punkt in der Mönchskarriere zu erreichen, unter- 
bricht er diese Karriere, um eine noch höhere zu be- 
ginnen und wird Einsiedler. Auch diese Karriere gelingt 
ihm glänzend. Dessen ungeachtet bleibt Sergius unbefriedigt. 
Logisch konsequent wäre es für Sergius, eine neue, noch 
höhere Karriere zu beginnen, aber welche könnte das 
sein? 

Hier fällt er durch seine Sexualität. 



Leber den Narzißmus 'j\ 



Verweilen -wir zuerst dabei, wariiin Serf»ius eigentlich 
kein echter Greis gewesen. Den wirkiicli heiligen Greis zeigt 
uns Dostojewski in seinem Vater Sossitna („Die iJrüder 
Karamasow"). Auch Sosshna ist in seiner Jugend ein reicher 
Offizier gewesen, aber seine Bekehrung., sein Eintritt ins 
Kloster war tlnrch kein äußeiliches Ereignis, sondej-n durcii 
ein inneres Erlebnis heivorgerufen. Rr war Inlzig und auf- 
bi:ausend (dasselbe wird von Sergius berichtet) und da 
schlug er einmal wegen einer Kleinigkeit seine Ordonnanz 
ins Gesicht. „Ich legte mich schlafen," erzählt (Jreis Sossiina, 
„schlief etwa drei Stunden, stehe auf, der Tag briclit schon 
an. Ich erhob mich plötzlich, wollte nicht mehr schlafen, 
näherte mich dem Fenster, öffnete es — es ging auf 
den Garten — ich sehe, die Sonne geJii auf, es ist 
warm, schön, die Vögelchen fangen zu zwitschern an. Was 
ist es denn, denke ich, daß ich in meiner Seele gleichsam 
etwas Schändliches und Niedriges empfinde? .... Und da 
kam ich plötzli(-h auf den Gedanken, was es ist: ich habe 
gestern Abend Athanasius (die Ordonnanz) geschlagen ! Alles 
stellte sich mir wieder dar, als ob es sich nochmals wieder- 
holte: da steht er vor mir und ich schlage ihn aus voller 
Kraft ins Gesicht; er aber hält die Hände in strammer 
militärischer fhdtung, den Kopf gerade, glolzt mich au» wie 
in dei" Front, zuckt zuerst bei jedem Schlag zusammen und 
darf nicht einmal die Hände aufheben, um sich zu schützen, 
— dahin ist der Mensch gebrachl, und es \)>\ ein Mensch, 
der den anderen Menschen sclilägl. Solch ein \'erbrechen ! 
Wie eine scharfe Nadel ging es mir ilurcli die Seele. 
Ich sielie wie vei'rückl, imd die Sonne, sie scheint, die 
BUitlcheii, sie freuen sicli, glänzen und die Vögelchen, die 
\'ngelchen, sie lol,)en Gott Ich bedeckte das 



72 



Ossipow: Tolstois Kindheitserinnerungen 



Gesicht mit beiden Händen, fiel aui' das Uett und weinte 
bitterlich." 

Die Akti\'ität des Supra-lchs wurde in deui Offiziere 
wach, ein rein innerliches Erlebnis zwang ihn, seine Karriere 
zu ändern. Die Ejforschung von Süssinias Chai'akter und 
Leben, seiner Menschenliebe, wäre sehr interessant, aber 
hier begnügen wir uns mit dem Hinweis auf die Tat- 
sache, daß Sossima seine Sexualenergie sublim ierte, was 
Sergius nicht gelingt, weil dieser sein Ich idealisiert. 
„Es liegt nahe, die Beziehungen dieser Idealisiei-ung zur 
Sublimierung zu untersuchen. Die Sublimierung ist ein Prozeß 
an der Objektlibido und besteht darin, daß sich der Trieb 
auf ein andei-es, von der sexuellen Befriedigung entferntes 
Ziel wirft, der Akzent ruht dabei auf der Ablenkung vom 
Sexuellen.'*^' Ebenso ist auch Sossima nach seinem sadistischen 
Akte nicht den weiteren Weg der Entwicklung des Sadismus 
zur Selhstqualerei^ gegangen, sondern er gab seine ganxe 
sexuelle Energie an den Dienst des Supra-lchs ab. Das 
Supra-Ich wurde zu jener Fornij die Sossunas Leben 
organisierte. 

„Die Idealisierung ist" — setzt Freud in seiner 
angeführten Arbeit über den Narzißmus auseinandei' — „ein 
Vorgang mit dem Objekt, durch welchen dieses ohne Änderung 
seiner Natur vergrößert und psychisch erhöht wird. Die 
Idealisierung ist sowohl auf dem Gebiete der Ichlibido, wie 
auch der Objektlibido möglich. So ist z. B. die Sexualüber- 
schätzung des Objektes eine Idealisierung desselben. Insofern 
also Sublimierung etwas beschreibt, was mit dem Trieb, 
Idealisierung etwas, was am Objekt vorgeht, sind die beiden 

i) Freud. Zitr EinfüliTuiig des Narzißmus. A. a. O. loz. 
2] Freud. Triehe und Trieb Schicksale. A. a. O. 



\:- 



1 



lieber den Narzißmus 73 



begrifflich auseinandei' xu halten." FolgIic}i bleibt der Sexual- 
trieb bei der Idealisierung gänzlich oder nur teils unverändert 
auf das Ideal-Ich gerichtet. Und da der Sexuallrieb als 
solcher unsublimiert bleibt, so kann er immer den Ideal- 
gegenstand verlassen und sich auf einen realen richten, wie 
es auch bei Vater Sergius geschah (Sein Sündenfall). „Wer 
seinen Narzißmus — lehrt uns Freud — gegen die Ver- 
ehrung eines hohen Ich-Ideals eingetauscht hat, dem braucht 
darum die Sublimierung seiner libidinösen Triebe nicht ge- 
lungen zu sein. Das Ich-Ideal fordeit zwar solche Subli- 
mierung, aber es kann sie nicht erzwingen, die Sublimierung 
bleibt ein besonderer Prozeß, dessen Einleitung vom Ideal 
angeregt w^erden mag, dessen Durchführung durchaus unab- 
hängig von solcher Am-egung bleibt. Man findet gerade bei 
Neurotikern die höchsten Spannungsdifferenzen zwischen der 
Ausbildung des Ich-Ideals und dem Maß von Sublimierung 
ihrer primitiven libidinösen Triebe und es fällt im All- 
gemeinen viel schwerer, den -Idealisten von dem unzweck- 
mäßigen Verbleib seiner Libido zu überzeugen als den simplen 
in seinen Ansprüchen genügsam gebliebenen Menschen." 
Freuds geniale Differenzierung zwischen Sublimierung und 
Idealisieining zeigt uns, daß Sergius noch der Weg der 
Sublimierung übrig blieb, aber wie wir eben gelesen haben, 
gelingt die Sublimierung dem Simplen leichter als dem 
Menschen mit liohen Idealen. Das Supra-Ich war bei 
Vater Sergius zu schwach oder richtiger sein Individual-Ich 
und sein Sexual-Ich waren zu stark, zu selbständig, zu 
eigensinnig. Der Narzißmus des Vaters Sergius war so 
stai'k, daß er aus seinem Sündenfalle nicht die Schwäche 
seines aktuellen Ichs ersah, welches nicht imstande war, 
dem Ideal-Ich zu folgen, sondern Gott und seine Existenz 



74 



Ossipow: Tolstois Kindheitserinnerungen 



verneinte. „Ja, ich muß mit mir endigen. Es gibt keinen 
Gott. Wie endigen? Mich ins Wasser werfen? Ich kann 
schwimmen — werde nicht ertrinken. Mich hängen ? Ja^ 
da ist mein Gürtel, — am Ast." Aber Vater Sergius 
vollbringt diesen Entschluß nicht und das ist selbstverständ- 
lich. Da Vater Sergius sich in seinem Ideal-Ich enttäuscht 
hatte, so konnte er sein Individual-Ich nicht genug hassen, 
um es zu toten. Jeder Selbstmord ist jedenfalls ein Sexual- 
akt, nach der Formel : „Ich töte den, der meinem Liebling 
weh tut." Das Ideal-Ich besitzt keine eigene Triebkraft und 
erhält eine solche nur durch die Libidobesetzung. Wie kann 
man den Seelenzustand des Vaters Sergius nacli dem Sünden- 
falle in einigen Worten zusammen fassen ? Das Sexual-Ich, 
welches früher das aktuelle Ich und später das Ideal-Ich 
mit Libido besetzte, behauptet jetzt seine Selbstexistenz, resp. 
Sonderexistenz und verläßt damit das Bereich des Individuums, 
das innerseelische Milieu, und richtet seine Libido- auf fremde 
Ich. Folglich mußte des Vaters Sergius \^-eilerer Lebensweg 
durch das Sexual-Ich bestimmt werden. Der Verkehr mit 
Marie ist als der erste Schritt auf dem ^Vege dei' Menschen- 
liebe zu betrachten. Das ist keine Paradoxie: das Wesent- 
liche ist das Durchbrechen des geschlossenen Narzißmus- 
kreises. 



Vater Sergius schlief ein: „Aber dieser Schlaf dauerte nur einen 
Augenblick, er erwachte sogleich und fing entiveder /.u träumen oder 
sich 7,u erinnern an. Und da sieht er sich, fast noch als Kind, im 

Mutterhause auf dem Lande Und da führt, man in iiire Knaben- 

gesellschaft ein Mädchen Paschenka ein. Man muß mit ilir spielen, 
aber es ist langweilig, Sie ist duinrn; es endigt damit, daß man sie aus- 
lacht, man zwingt sie zu zeigen, wie sie schwimmen kann. Sie legt 
sich auf die Diele und zeigt es auf trockenem Boden. Und alle lachen 
und machen sie zur Närrin." 



f 



Veber den j\arzißmus yg 



Hier fällt die geniale künstlerische Intuition Tolstois mit 
der genialen wissenschaftlichen Intuition Freuds zusammen. 
Freud behauptet, daß jedes rezente traumatische Ereignis 
auf Wegen mannigfaltiger Assoziationen die Erinnerung an 
ein mehr oder weniger gleiches Ereignis aus der ersten 
Kindheit erweckt. Als Sergius alles verloren hatte und ratlos 
wurde, kehrte sein Gedanke unbewußt in die Zeiten der 
ersten Kindheit, in das „Mutterhaus" zurück. Vater Sergius 
hatte ein Verhältnis mit einem einfältigen Mädchen, dessen 
Dummheit er zu seinem egoistischen Genuß benutzte und das 
demütig seinen Wunsch erfüllte. Es ist selbstverständlich, daß 
Vater Sergius nicht gefallen wäre, wenn er den entsprechenden 
Wunsch nicht gehabt hätte, und daß das einfältige Mädchen 
nicht imstande gewesen wäre, ihn zu verführen. Die assozia- 
tiven Wege, mittels deren Vater Sergius von de'r einfältigen 
Marie zu Paschenka hinüberging, sind folgende: „Man muß 
mit ihr spielen^ aber es ist langweilig." -^ Man muß Marie 
heilen, aber es ist langweilig, und man mochte etwas ganz 
anderes. j,Die ist einfältig" — Marie ist einfältig. — „Sie 
legt sich auf die Diele und zeigt, wie man schwimmt, auf 
trockenem Boden." Die schwimmenden Bewegungen auf 
trockenem Boden erinnern an Koitusbewegungen usw. 

In der angeführten Szene mit Paschenka erscheint die 
gewöhnliche kindliche Grausamkeit, d. h. Sadismus in nuce. 
Also sehen wir, daß Vater Sergius' Erinnerungen von einem 
sadistischen Akte ausgehen. 

Dann erinnerte sich Sergius, schon im Wachen, daß er mehrmals 
Paschenka geU'offen hatte, die unglückhch verheiratet war, ihren Sohn 
verloren, ihre Tochter unglücklich verheiratet hatte, und jetzt ihre Enkel 
pflegte. Endlich schlief er ein und träumte von einem Engel, der zu 
ihm kam und sagte: „Geh' zu Paschenka hin und erfahre von ihr, 



76 



Ossipow: Tolstois Kindheitserinnerungen 



■was du SU tun hast, worin deine Sünde besteht und worin deine 
Rettung liegt. Er erwachte und beRchließend, es sei eine Offenbai-ung 
Gottes .... ging er dahin." 

Paschenka isl ein prägnantes Beispiel der tätigen Menschen- 
liebe bei vollständiger Selbst Vergessenheit. „Böse Beziehungen 
zmschen den Menschen zu ertragen, wai- iln- fast physisch 

unmöglich Sie litt einfach durch den Anblick der 

Bosheit, wie durch einen schlechten Geruch, ein grelles 
Geräusch, durch Schläge auf den Leib." Sie^war ein Mensch, 
dessen Leben das Supra-Ich fonnte. Diesen Weg sollte 
Sergius einschlagen. Die Engelserscheinimg war eben eine 
Aktion des Supra-Ichs. Hier erhebt sich eine außerordentlich 
wichtige Frage über die Verhältnisse zw^ischen dem 
Supra-Ich und dem Sexual-Ich. Es scheint, daß dem 
Supra-Ich nur das Individual-Ich und besonders der Narzißmus 
gerade entgegengesetzt sind, während das Sexual-Ic]i und 
seine außerseelischen Besetzungen im Gegenteil für die nach- 
folgende Sublimierung eher günstig sind. Zu dieser Frage 
kehren wir noch zurück. 

Jetzt wollen wir die Analyse der Erzählung fortsetzen. 
Die erste Begegnung mit Paschenka trägt den uns w^ohl- 
bekannten Charakter narzißtischer Selbstbewunderung. 

„Praskowja Michajlowna (d. h. Paschenlca) erkannte ihn nicht .... 
Entschuldigen Sie, Vater. Vielleicht sind Sie hungrig? Er nahm das 
Brot und das Geld und Praskowja Michajlowna wundert sich, daß er 
nicht w^eggeht, sondern sie anschaut. — , Paschenka, ich bin zu dir ge- 
kommen, empfange mich! .... Paschenka faßte sich an der aus- 
getrockneten Brust, öffnete den Mund und erstarrte. — ,Aber, ist 
es möglich 1 Stjepa, Sergius, Vater Sergius! — ,Ja, er selbst — sagte 
Sergius leise. ,Nur kein Sergius, kein Vater Sergius, sondern der große 
Sünder Stephan Kassatsky, ein verlorener, großer Sünder. Empfange 
mich, hilf mir!' — ,Aber ist es möglich! Wie haben Sie sich denn so 
gedemütigt? Aber so konunen Sie dochl 



I 

1 



Ueber den Narzißmus jj 

Wiedei- der altbekannte Wunsch, Staunen zu erregen, 
verbunden mit Selhstquälerei. Aber jetzt vergeht endlich der 
Wunsch, Staunen zu erregen. Auf diesem Wege ist ja schon 
alles erreicht, die Selbstquälerei abei- gibt noch Möglichkeit 
zu weiterer Entwicklung. Vom Sadismus ausgehend kann die 
Selbstquülerei in Masochismus übergehen. Tolstoi schreibt 
folgendes : 

„Paschenka, ich bin kein heiliger, nicht einmal ein einfacher, 
gewöhnlicher Mensch : ich bin ehi Sünder, ein schmutziger, nieder- 
trächtiger, irrender, stolzer Sünder, schlechter — ich weiß nicht, ob 
als alle, aber schlechter als alle schlechten Leute." Dann bittet Sergius 
Paschenka, ihm ihr Leben zu erzählen. Als sie ihm ihr Leben voller 
Entbehrungen und schwerer Arbeit erzälüt, erinnert sich Kassatsky, 
wie er vom Hörensagen wußte, daß Paschenkas Mann sie schlug, und 
Kassatsky sah jetzt .... sah fast anschaulich, wie es vor sich ging. 

So erlebt Sergius sadistisch-masochistische Bilder. 
Aus Tolstois Tagebuch wissen vvir, daß ihn selbst zu der Zeit 
nnasochistische Bilder verfolgten. 

„Ich wünschte oft zu leiden, Verfolgung zu erdulden. Das be- 
deutet, daß ich faul war und nicht selbst arbeiten, sondern andere für 
mich arbeiten lassen wollte dadurch, daß sie mich quälten, während ich 
nur zu leiden hätte." 

Aber Tolstoi ging diesen Weg nicht. 

"Während ihrer Erzählung wird Paschenka fortwährend von ihrer 
Tochter oder ihrem Schwiegersohn unterbrochen, mn ihnen verschiedene 
Dienste zu leisten. Paschenka erfüllt alles ohne Murren: „Also das ist 
es, was mein Traum bedeutete. Paschenka ist eben das, was ich sein 
sollte und was ich nicht war. Ich lebte für die Menschen unter dem 
Vorwand, es sei für Gott, sie lebt für Gott, sich einbildend, daß sie 
(lir die Menschen lebt .... Ja, es gibt keinen Gott für denjenigen, der 
so lebte wie ich, für den Ruhm unter den Menschen. Ich werde 
ihn suchen. 

j) Leo Tolstoi. Tagebuch. Erster Band. 1895 — 1899. Mimchen. 1917. S. 11, 



1 



1 



78 



Ossipow: Tolstois Kiiidheitserinncrungen 



Kassatsky wird ein Wanderer. Nach acht Monaten verliaftet 
man ihn als einen heimatlosen Landstreicher olme Paß und verbannt 
ihn nach Sibirien. ,,In Sibirien Heß er sich bei einem reichen Bauern 
nieder und lebt jetzt dort. Er arbeitet bei seinem Hausherrn im 
Gemüsegarten, unterrichtet Kinder und pflegt Kranke. 

Diese Erzählung blieb ohne endgiltige Bearbeitung. Der ' 
eben angeführte Schluß sclieinl nur darum geschrieben zu 
sein, um einen Punkt zu setzen. Jedenfalls ist es unklar, wo 
Sergius Gott gefunden hat. Sergius erlebte die narzißtischen, 
die egoistisch-idealen Strebungen, das objektsexuelle Leben, 
es blieb ihm nur das durch das Supra-Ich oiganisierte Leben, 
aber dieses Leben war Tolstoi unzugänglich und er konnte 
es nicht abbilden. Dein Sergius war sogar die Menschen- 
liebe unzugänglich. ... 

Vor dem oben augeführten Schluß, der in farblosen 
Worten abgefaßt ist, befindet sich eine malerisch gezeichnete 
Szene. 

Einst wanderte Sergius mit zwei alten Frauen und einem Soldaten 
und traf eine vornehme Gesellschaft von Herren und Damen, in der 
sich ein reisender Franzose befand. Die Herrschaften hielten sich auf, 
um dem Franzosen russische Pilger zvi zeigen. „Sie sprachen französisch, 
glaubend, daß man sie nicht verstehe. — Demandez hur, sagte der 
Franzose, s'ils sont bien surs de ce qun hur pelerinage est agreable h 
Dieu. — Man fragte sie. Die alten Frauen antworteten: ,Wie es Gott an- 
nehmen wird. Mit den Füßen waren wir ja dort, aber ob wir mit 
dem Herzen auch da sein werden?' Man fragte den Soldaten. Er sagte, 
er sei allein, und wüßte nicht, was mit sich zu tun. Man fragte Kassatsky, 
wer er sei. — , Gottes Diener'. — Qu'est ce qu'ü dit? B. ne repond 
pas. — II dit, qu'il est un serviteur de Dieu. — Cela doit Hre un 
fiU de pr^tre. II a de la race. Avez-vous de la pciite monnaie? — Der 
Franzose hatte Kleingeld und gab jedem 20 Kopeken. - — Mais diies 
leur, que ce n'est pas pour les cierges que je leur donne, mais pour 
qu'ils se regaleiit de the; tschai, (st;7mi — sagte er lächelnd; pour vous, 
mon vieux, Kassatsky mit seiner gantierten Hand auf die Schlüter 



lieber den Narzißmus 79 



klopfend, — ,Vergelt es dir Christus', antwortete Kassatsky, die Mütze 
nicht aufsetzend und mit seinem Kahlkopf grüßend. Und Kassatsky war 
diese Begegnung besonders erfreuend, weil er die Meinung der 
Menschen nicht geachtet hatte." 

Und es ist wirklich wunderbar, daß Sergius sich ent- 
halten hatte, französisch zu antworten und die ganze Ge- 
sellschaft in größtes Staunen zu setzen, was doch seinem 
Cliarakter so sehr entsprechen würde^ Es war aber keine 
Demut, sondern wieder die alte Selbstbewunderung, die ihn 
dazu brachte. Es war eine Introversion, d. h. er bewun- 
derte sich innerlich. Sergius hatte wirklich seinen Wunsch, 
andere zu erstaunen, besiegt, d. h. er hatte seine Zeigelust 
besiegtj aber daß dieser Sieg über die Zeigelusl ilnn wieder 
Gelegenheit gab, über sich selbst in Rührung zu geraten, 
zeigt, daß er doch ein Narziß geblieben war. „Wie (d. h. mit 
\'\elchen Eigenschuften) man in der Wiege liegt, so geht man 
ins Grab," -— sagt das russische Sprichwort. 

Fassen wir jetzt Sergius' ganze Laufbahn in den präzisen 
Ausdrücken der Libidotlieorie zusammen. Man findet die zwei 
ui'sprünglichen Sexualobjekte: sich selbst und das pflegende 
Weib. Mit anderen Woiten, es gibt zwei Wege ; den des 
Narzißmus und den der Objektliebe. Sergius ging den narziß- 
tischen Weg der Idealisierung ad ultmium und als er auf 
diesem Wege Fiasko erlitt, weil er den höchsten Punkt er- 
reicht und dennoch keine Befriedigung empfunden hatte, 
blieb ilim noch der zweite Weg offen. Sergius tritt auf diesen 
Weg dank seinem Sündenfall wie mit einem Schlage über. 
Auf diesen Weg geraten, rekapituliert er zuerst in Gedanken 
den regelrechten Gang der Sexualität vom Sadisnuis durch 
Autosadismus (Selbstquälerei) zum Masochismus. \'om Maso- 
chismus wäre der nächste ^A'eg zur asexuellen Mensch enliebe. 



8o 



Ossipow: Tolstois Kindheitscrinnerungen 



resp. zur Sublimierung. Diesen Weg zeigt uns Tolstoi nicht. 
Der Autor deutet ihn nur in banalen Worten an. 

Es ist zweifellos, daß die Erzählung „Vater Sergius" in 
psychologischer Beziehung einen autobiographisclien Charakter 
trägt. „Hier ist kein Kloster, sondern Jassnaja Poljaiia (Tolstois 
Gut) und durch den Mönchskittel scheint zu sehr die allen 
bekannte Bluse durch", wie Bulgako\^'^ ganz richtig bemerkt. 
„Welche bunte Menge von Besuchein hat nicht in Jassnaja 
Poljana vorgesprochen ! Söhne des malaischen Archipels, 
Australier, .Japaner und Amerikaner, sibirische Flüchtlinge 
und Vertreter sämtlicher europäischer Nationen haben dieses 
Dorf besucht und daheim dann erzählt, wie groß die Worte 
und Gedanken des greisen Sehers waren, der darin wohnt. 

Obgleich Tolstoi den Ruhm sehr liebte, empfand er 
ihn dennoch manchmal als lästig. In der Erzählung finden 
wir die folgende Stelle : 

„Manchmal in seinen hellen Augenblicken dachte er, daß er einem 
Orte gleich geworden sei, wo fi-üher eine Quelle gewesen. ,Es gab eine 
schwache Quelle lebendigen Wassers, welche ruhig aus mir, durch mich 
quoll. Das war das echte Leben .... aber nun — ehe das Wasser 
Zeit hat, sich m sammeln, kommen schon die Durstenden, drängen sich, 
einander stoßend. Und sie haben alles zertreten, der Schmutz allein ist 
geblieben.' So dachte er in seltenen Augenblicken j aber sein gewöhnlicher 
Zustand war Ermüdung und Rührung über sich selbst wegen dieser 
Ermüdung. 

Es fehlte Tolstoi an einer echten altruistischen Menschen- 
hebe; wie das aber zu verstehen ist, darüber sprechen wir 
im nächsten Kapitel. 

Zweifel an seinem Glauben, beständige Qualen darüber, 
zu hohe Ideale, schwerer Kampf mit sich selbst, seinen Nächsten 



i) „Menschengott und Menschentier." (Russ.) 
2) Birjukovv, I, 61. 



Ueher den Narzißmus gi 



und der ganzen Welt, Durst nach der Wahrheit, Skeptizismus, 
— das ist der Seelenzustand von Leo Tolstoi, dem großen 
Narzißten, in seiner nachki-itischen Periode. Es gibt nicht nur 
keine Harmonie, wie es Birjukow^ meint, sogar das seehsche 
Gieiclige wicht erreichte Tolstoi selten. 

Das wird klar bewiesen durch die Erzählung „Vater 
Sergius", zu der die Worte Turgenjews gut passen, daß „in 
ein literarisches Werk doch mehr von jenem Teile der Seele 
überströmt, den man nicht gern zeigt. "^ 

Mereschkowski sagt von Tolstoi : „Er hat nie jemanden 
geliebt, ja auch sich selbst wagte er nicht mit der letzten 
leidenschaftslosen und furchtlosen Liebe zu lieben. Wer aber 
hat mit größeren Qualen nach Liebe verlangt als er? Er hat 
nie an etwas geglaubt. Wer aber hat unei-sättlicher nach Glauben 
gedürstet als er? Das ist nicht alles — aber ist es etwa 
wenig ?"^ 

i) Eirjukow, I, 110. „Es ist klar . . . daß alle diese Eigenschaften . . . 
das Urelement gcLüdet haben, ans dem sich allmiililidi die harmonische 
Seele des Kunst 1er pliilosophen herausgebildet hat." 

a) Birjiikow, II, 505. Aus einem Briefe von Turgenjew an Tolstoi. Diese 
\Vorte von Turgenjew entsprechen denen von Jean Paul, die Rank als Motto 
zu seinem Buche (Das Inzestraotiv usw.) gewälilt hat. 

5) Mereschkowski, Tolstoi und Dostojewski. I. Aufl. Berlin, iqiq, 
Bd. I, S. 84. 



6 Ossipoiv: 2'ohiois Kinäheilserinnerungen 



V 

DREI WEITERE ERINNERUNGEN 

(Objektlibido) 

Der Mensch hat xwei ursprüngUche Sexualobjekte: 
sich selbst und das pflegende Weib." (Freud^). Die beiden 
ei-sten Erinnerungen Tolstois haben uns den narzißtischen 
Weg der Libido gezeigt. Drei weitere sollen uns den Grund 
zur Erforschung des zweiten Libidoweges — der Fremd- 
objektlibido — geben. 

Die hier folgende, besonders charakteristische Erinnerung 
an Jeremejewna ist nichts anderes als die Erinnerung an 
ein Spiel. Sie bietet ein besonderes psychologisches Interesse, 
■weil sie uns das charakteristische Merkmal des Spieles (Proprium) 

verrät. 

„Ich bin im Bettchen und mir ist froh und -wohl zu Mute, wie 
immer und ich wurde mich dessen nicht erinnern, aber plötzlich sagt 
IS^janja oder jemand von denen, die mein Leben ausmachen, etwas mit 
einer Tür mich neuen Stimme mid geht foit; und es wird mir nicht 
nur fröhlich, sondern auch ängstlich zu Mut. ' 

Das kleine lünd fühlt sich vor dem Einschlafen froh 
und wohl im Bettchen. „Das Schlafen ist somatisch eine 
Reaktivierung des Aufenthaltes im Mutterleibe mit der Er- 
füllung der Bedingungen von Ruhelage, Wärme und Reiz- 
abhaltung^ ja viele Menschen nehmen im Schlafe die fötale 

i) Zur Einfüliruiig des Narzißmus. A. a. O. 95. 



Drei weitere Erinnerungen 8= 

Körperhaltung wieder ein. Der psychische Zustand der 
Schlafenden charakterisiert sich durch nahezu YöUige Zurück- 
ziehung aus der Welt der Umgebung und Einstellung alles 
Interesses für ""sie. Die Regression der Libidoentwicklung 
„reicht beim Schlafzustand bis zur Herstellung des primitiven 
Narzißmus."^ Der narzißtische Zustand ist lustvoll. In unserem 
Falle kann das Kind noch nicht einschlafen, d. h. seine 
Libido besetzt noch die Frenndobjekte. Dieser Zustand, wenn 
die Kinder sich nicht gleich von den ReizLmgen der Außen- 
welt abwenden, d. h. ihre Objektbesetzungen nicht gleich 
auf ihr Ich zurückziehen können, ist allen wohl bekannt. 
Die Libido ist noch auf ein fremdes Ich — hier auf die 
Njanja — gerichtet. Dann amüsiert Njanja die Kinder, um 
der Objekthbido eine Katharsis zu ermöglichen und sie von 
den Objekten frei zu machen. Wenn Njanja fort geht, wird 
die Objekthbido frei. Frei gew^ordene Libido verursacht aber 
Angst. „Die Aufklärung über die Herkunft der kindlichen 
Angst" schreibt Freud, „verdanke ich einem dreijährigen 
Knaben, den ich einmal aus seinem dunklen Zimmer bitten 
hörte: jTante, sprich mit mir; ich fürchte mich, weil es so dunkel 
ist' Die Tante rief ihn an: ,Was liast du denn davon? Du 
siehst mich ja nicht.' ,Das macht nichts', antwortete das 
Kind, ,wenn jemand spricht, wird es hell.' Er fürchtete sich 
also nicht vor der Dunkelheit, sondern weil er eine geliebte 
Person vermißte."^ Der kleine Tolstoi empfindet jetzt also 
gleichzeitig Lust und Angst. Nur ist diese Angst nicht ernst, 

i) Metapsychologische Ergäiizung ■mr Traumlelire. (Freud, Saiumluiig 
kleiner Schriften. Vierte Folge. S. 540). 

2) Freiid. Drei Ahhandlungen zur Sexual theorie. A. a. O. 87. 

Vergl. die Erzählung „Kosaken" von Leo Tolstoi. Der Kosak Lukasclika 
hielt Wache und erwartete einen möglichen Angriff der Feinde. Er lauerte auf 
den Feind und war in einer gespannten Stimmung, Er stand allein und wußte 
nicht, daß Onkel Jerosclika in der Nälie nach dem AVilde herumirrte. „Der 



84 Ossipow: Tolstois Kbidheitserinnerungen 

weil der Knabe ihr baldiges Ende voraussieht. Wir haben 
hier ein Erlebnis mit der Antizipation des guten Endes. Die 
Antizipation des guten Endes ist die Libidobesetzung eines 
angenehmen vorgestellten (imagini eilen) Bildes. 

„Und ich erinnere mich, daß ich nicht allein bin, sondern mit 
noch iemandein, solch einem Wesen wie ich. Es ist wahrscheinlich meine 
um ein Jahr jüngere Schwester Maschenka, deren Bettchen in unserem 
Zimmer stand. ^ Und ich erinnere mich, daß es einen Vorhang bei meinem 
Bette gibt und zusammen mit meiner Schwester freue und ängstige ich mich 
über das Ungewöhnliche, das ims geschehen ist und ich verstecke mich 
im Kissen, verstecke micli und gucke zur Tür, aus -welcher ich etwas 
Neues und Lustiges er-warte. Und -wir lachen, verstecken uns und warten. 

Dieses „sich verstecken, gucken und warten" ist auch 
ein wohlbekanntes Phänomen, das man als lustig-ängstliche 
Erwartung bezeichnen kann. Gewiß spielt hier auch die 
Neugier eine Rolle. „Ich verstecke mich im Kissen' — 
lustvoller narzißtischer Akt. „Gucken" — eine Bewegung 
der Libido vom Ich zxnn Fremdobjekt = Angst, aber mit 
der Antizipation des guten Endes. Das Phänomen kann man 
als oszillierende Libidobewegungen bezeichnen. 

„Und da erscheint jemand in Kleid und Haube, so wie ich es 
nie gesehen habe, aber ich erkenne, daß es dieselbe Person ist, die 
immer mit mir ist (ob Njanja oder meine Tante, weiß ich nicht), und 
diese Person spricht mit einer groben Stimme, die ich kenne, etwas 
Schreckliches über böse Kinder und über Jercmejewna. Ich heule vor 
Schrecken und Freude und erschrecke und freue mich ■wirklich zugleich, 
daß mir graut, und ich will, daß diejenige, welche mich erschreckt, 
nicht erfahre, daß ich sie erkannt habe." 

Tag graute schon .... Die klingende Stimme des Alten, die im Walde er- 
tönte, vernichtete plötzlich die nächtliclie Stille und Unlieimlichkeit, welche 
den Kosaken umgaben. Als oh es plötzlich heller und lichter würde." 

i) Maa-ia Nikolaewna, Tolstois Scliwester, erzählt: „Drei von uns schliefen 
in demselben Zimmer — ich, Lewotschka und Dimetschka (die Pflegetochter 
der Familie Tolstoi, von gleichem Alter wie Leivotschkn). Wir spielten oft 
miteinander und bildeten eine Gesellschaft fiir uns, ganz von unseren älteren 
Brüdern getrennt." Birjukow I, 6S. Liegt da eine Vercirängimg vor? 



Drei weitere Erinnerungen 8g 

Den Zustand des Knaben vor dem Erscheinen von 
Jeremejewna können wir mit gutem Recht als Vorlust be- 
trachten. Mit denr Erscheinen der Jeremejewna kommt die 
Endjust zustande. . 

„Ich heule vor Schrecken und Freude und erschrecke und freue 
mich wirklich zugleich. *■ 

Der Seelenzustand des Kindes ist hier mit der Tolstoi 
eigentümUchen Präzision beschrieben. Für den Endlust -Zustand 
ist der schnellere Rhythmus der Libidooszillationen charak- 
teristisch. Die Libido besetzt erst die geliebte Person, dann 
die imaginierte feindhche Person, dann wieder die geliebte 
usw., um endlich in ihre stabile Position der Fixiemng an 
das pflegende Weib zurückzukehren. Bei der Vorlust fanden 
die Libidoschwingurigen unter Beibehalten der narzißtischen 
Fixierung statt. Bei der Endlust schwingt die ganze Libido 
zwischen der geliebten Person und der feindlichen hin und 
her, daher wächst die Angstj sie verliert aber dennoch ihren 
Lustcharakter nicht, weil das gute Ende antizipiert wird. 
Vorlust ist ein autoerotisches Erlebnis, Endlust ist hetero- 
erotisch. 

1 «Wir werden still, aher fangen später absichtlich wieder zu Flüstern 

an, um Jeremejewna wieder herheizurufen. " 

Aus diesem Beispiel können wir folgende Kennzeichen 
des Spieles feststellen; 

i) Das Spiel ist immer lustvoU. 

2) Im Spiele werden mannigfaltige Affekte ausgelebt, 
— Katharsis. 

5) Der wesentlichste Affekt ist die lust volle Angst, d. h. 
Angst (frei gewordene Libido) mit der Antizipation des 
guten Ausgangs des Erlebnisses. 

4) Wiederholung. 



86 Ossipow: Tolstois Kindheitserinnerungen 

5) Das Spiel hat z'wei verschiedenartige Lustmomente : 
die autoerotische Verlust und die heteroerotische Endlust. 

Verweilen wir ein wenig bei dieser Unterscheidung 
zwischen Vorlust und Endlust. Fi'eud hat diese Unterscheidung 
beim Sexualakte scharfsinnig und endg-ültig gezogen.^ Vor- 
lust wird beim Beschauen, Betasten u. dgl. erlebt, das ist 
also Lust, die bei der Erreichung vorläufiger Sexualziele 
erlangt wird. Endlust wird bei Entleerung der Sexualstoffe 
erlebt. „Die Vorlust ist dann dasselbe, was bereits der 
infantile Sexualtrieb, wenngleich in verjüngtem Maße er- 
geben konnte; die Endlust ist neu, also wahrscheinlich an 
Bedingungen geknüpft, die erst mit der Pubertät eingetreten 
sind. Die Formel für die neue Funktion der erogenen Zonen 
lautete nun : Sie werden dazu verwendet, um mittels der 
von ihnen wie im infantilen Leben zu gewinnenden Ver- 
lust die Herbeiführuug der größeren Befriedigungslust zu 
ermöglichen." Wir können also sagen, daß die Vorlust eine 
partielle Libidobetätigiing und die Endlust eine totale Libido- 
betätigung begleitet. 

Wenden wir uns nun zu dem zweiten mächtigen 
Trieb, dem Nahrungstrieb, dem Hunger. Gewöhnlich betrachtet 
man den Hunger als einen qualvollen Zustand. Aber Petra- 
schitzki hat ganz richtig ein Hunger-Leiden vom Hunger- 
Appetit unterschieden. Der Appetit (ad-petitus. Strebung nach) 
ist lustvoll, Leo Tolstoi erinnert sich in der „Jugend" an 
feierliche Mittagessen, die in seiner Kinderzeit, zu Lebzeiten 
der Großmutter, stattfanden. 

„Das Mittagessen war nicht mehr wie zu Mamas oder Großmamas 
Zeiten eine Art Feierlichkeit .... "Wie anders war es in Moskau .... 
Plötzlich öffnete sich die Tür .... die Großmutter wogte aus ihrem 

1) Freud. Drei Abhaiidhingen zur Sexualtheorie. 72—76. 



Drei weitere Erinnerungen 87 

Zimmer liervor .... Gawrilo stürzt auf ihren Sessel zu, die Stühle 
klappGni, ich fühle wie mir ein Schauer über den Rücken läuft, die 
Allkündigung des Appetits, und greife nach der feuchten, gestärkten 
Serviette, kaue eine Brotrinde und betrachte mit ungeduldigem, freudigem 
Begehren, unter dem Tisch die Hände reibend, die dampfenden Suppen- 
teller, die der Kammerdiener nach Rang, Alter und nach dem Ermessen 
der Großmutter jedem von uns vollgießt." 

Wäre Appetit nicht etwas Lustvolles, so könnte der 
Gebrauch „guten Appetit" zu wünschen nicht existieren. 
Guter Appetit ist ein Zeichen von Gesundheit. Appetit ist 
Vorlust, die entsprechende Endlust entsteht beim Essen. Der 
Prozeß der Appetitsteigerung ist lustvoll, wenn man weiß, 
daß man zu essen bekommen wird, wenn also das gute 
Ende antizipiert wird. Andernfalls verwandelt sich die Hunger- 
Lust in das Hunger-Leiden. Auf solche Weise erhalten wir 
eine mehr oder weniger nahe Analogie im Ablauf zweier 
mächtiger Triebe. Die sexuellen Vorlusterlebnisse unter- 
scheiden sich von den alimentären nur dadurch, daß die 
ersteren eher autonom, d. h. eher selbständig, für sich, 
existieren können als die letzteren. Der Grund dafür ist in 
der höheren Zusammengesetztheit des Sexualtriebes im Ver- 
gleich mit dem Nahrungstriebe zu suchen. Aber wenn wir 
als Parallele zum hungrigen Menschen den gesunden Durch- 
schnittsmenschen in seinem Sexualleben nehmen, so wird 
die Analogie vollkommen. Menschen, die ein Verweilen bei 
vorläufigen Sexualakten nicht kennen, genießen die sexuelle 
Vorlust nur, wenn sie wissen, daß ihnen die Endlust zu- 
gänghch sein wird. Im andern Falle verwandelt sich die 
Voidust in Unlust. Andererseits können auch, y\-\e z. B. in 
unserer kulturellen Gesellschaft, die Vorstadien der Nahrungs- 
aufnahme eine besondere Ausbildung erfahren. Zu diesen 
Vorstadien gehört das Umkleiden der Engländer, „das 



88 Ossipow: Tolstois Kindheitserinnerungen 



Gläschen Wodka" vor dem Mittagessen der Russen, die 
Suppe der Deutschen (Pawlow). 

Es entsteht jetzt die Fi-age, was eigenthch der Kern 
des Spieles ist und ob sich alle Spiele notwendigerweise aus 
Vorlust und Eudlust zusammensetzen müssen. 

Ich meine, wir können Pfeifer nur zustimmen, wenn 
er sagtj daß den Kern des Spieles „die infantilerotische Be- 
tätigung der Partialtriebe der Sexualität bildet."^ 

In den „Kindheitserinnerungen" ^ Leo Tolstois 
finden wir ein interessantes individuelles Spiel, an dem zwar 
Lewotschka selbst nicht teilnahm, das man aber dennoch 
hier erwähnen darf. . " _ 

„Dann erinnere ich mich noch ihrer verzweifelten Tränen (d. h. 
Dunetschkas, der Pflegetochter der Familie Tolstoi), als sie und mein 
Bruder Mitenka ein Spiel ersonnen hatten, das darin bestand, daß sie 
einander abwechselnd ein kleines Kupferkettchen in den Mund spuckten, 
und sie so stark spuckte, während wieder Mitenka den Mund so weit 
aufriß, daß er die Kette schluckte. Sic weinte untröstlich, bis der Arzt 
kam und alle beruhigte.^ 

Wir haben hier ein interessantes Spiel, bei dem die 
„Verlegung nach oben" eine Rolle spielt. 

Maria Nikolaewna, Tolstois Schwester, erzählt auch 
noch folgendes Spiel: 

„Milaschki (Liebling) war eines unserer Lieblingsspiele. Einer von 
uns spielte den Milaschki, das ist ein Kind, das von den anderen ganz 
besonders verzogen wurde, das man ins Bettchen legte, fütterte, unter 
ärztliche Behandlung stellte, kurzum aus dem man viel Wesens machte. 
Von diesem Milaschki verlangte die Spielregel, daß er sich ohne Klagen 
in alle Streiche füge, die man ihm spielt, und seine Rolle ergebungsvoll 

i) Sjgm. Pfeifer. ÄuÖenmgen infantilerotischer Triebe im Spiele. 
Imago 1914 H. 4. 

a) Von diesen „Kindheitseriniienmgeu" wird später die Rede sein. 
5) Birjukow, I. 80. 



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Drei weitere Erinnerungen Sa 



durchführte. Ich weiß noch, wie sehr wir uns während des Spieles 
kränkten und ärgerten, wenn unser Milaschki (gewöhnlich Lewotschka) 
tatsächlich einschlief, sobald wir ihn ins Bett gelegt hatten. Die Spiel- 
regel verlangte von ihm, daß er weine, Medizin einnehme, untersucht, 
frottiert werde usw. Und sein Schlaf machte unserem Spiele ein Ende 
und rief uns aus dem Reiche der Phantasie in die Wirklichkeit zurück." 

Man darf annehmen^ daß Lewotschka nicht jedesmal 
einschhef, und daß bei solchem Spiele ein so stark sinnlich 
veranlagter Knabe (siehe die zweite Erinnerung) oft die 
Gelegenheit zu infantil-erotischen Betätigungen fand. Sonst 
aber ist dieses Spiel „Milaschki" mit den Puppenspielen 
identisch und gehört in die Gruppe der Phantasiespiele. Die 
Phantasiespiele sind genetisch komplizierter als die Bewegungs- 
spiele, sie haben mindestens zwei andersartige Wurzehi : 
i) Das introvertierte, d. h. die Phantasien besetzende Trieb- 
lebenj q) die Selbstbehauptung des Individual-Ichs^ die Kinder 
erleben die lustvolle Überzeugung, selbst die Ursache der 
Geschehnisse zu sein. Insofern die Plinntasiespiele intro- 
vertiertes Triebleben repräsentieren, besitzen sie alle Cliaraktei'- 
züge der Bewegungsspiele. Jedenfalls bieten sie zahlreiche 
Gelegenheiten, verschiedenartige Affekte auszuleben, unter 
anderem auch die Uistvolle Angst. 

Die dritte Erinnerung ist ebenso w^ie die beiden ersten 
für Tolstois Charakteristik bedeutung-svoll, nicht nur darum, 
-weil sie uns den psychischen Kern zweier seiner starken 
Leidenschaften — der Vorliebe zum Kartenspiel U7ul ziu- 
Jagd — zeigt, sondern auch darum, weil die Strehimg, lust- 
volle Angst zu erleben, Tolstois ganze Persönlichkeit aus- 
zeichnet. Mereschkowski sagt von Tolstoi: „ein großer, end- 
los vielseitiger Jäger." ^ 

i) A. a. O. 51. Birjukow (11. 25) schreiht: „Trotz seiner starken leiden- 
schaftlichen Begeisterung für seine Familie und die Landwirtschaft, liatte Tolstoi 



9o Ossipow : Tolstois KindheitserinneruTigen 

Noch als zwanzigjähriger Jüngling, vor seinem Ein- 
treten ins Militär und der Reise in den Kaukasus, spielte 
Tolstoi viel und leidenschaftlich Karten. Zu dieser Zeit ge- 
hört Birjukows Bemerkung: „Das Kartenspiel muß wohl 
eine seiner stärksten Leidenschaften gewesen sein."^ Tolstoi 
spielte viel Karten, als er Offizier war. „Eines Tages setzte 
ich zum Scherz eine kleine Summe ein: ich verlor. Ich 
wiederholte es: und verlor wieder. Das Glück war mir nicht 
hold; die Leidenschaft für das Spiel war erwacht und binnen 
zwei Tagen hatte ich mein ganzes Geld und das, welches 
mir Nikolaus gegeben hatte (gegen 250 Rubel) verloren und 
obendrein noch 500 Rubel, für die ich einen Wechsel aus- 
stellte. " ^ Im Jahre 1852 zeichnete Tolstoi in sein Tage- 
buch ein: „Die Spielwut ist eine schmutzige (sie!) Leiden- 
schaft, die langsam in eine Begierde nach stäikerer Auf- 
regung übergeht. Es ist jedoch möglich, ihi- zu widerstreben." 
Wie scharf Tolstoi sich selbst auch später über seine Leiden- 
schaft für das Kartenspiel äußerte, so müssen wir doch 
sagen, daß er nie ein Spieler im echten Sinne des Wortes 
gewesen war, der alles um des Kartenspieles willen vergißt. 
Tolstoi rechnet immer sorgfältig seinen Verlust zusammen 
(z. ß. in demselben Brief, den wir oben zitiert haben) und 
bei der Beschreibung eines seiner Verluste lesen wir; 

damals noch eine andere Leidenschaft, die mitunter sogar die beiden ersten 
verdrängte. Diese Leidenschaft war die Jagd. Er gesteht es selbst seiner Frau, 
wahrscheinlich nachdem sie ihm wegen der langen Trennung Vorwürfe gemacht 
hat. Im Anglist i86,]., also im zweiten Jalir ihrer Ehe, heißt es in einem Brief 

an sie: , Du sagst, ich werde Dich vergessen. Nicht einen Augenblick, 

namentlich nicht, wenn ich mit Menschen zusammen bin. Auf der Jagd vergesse 
ich Dich, dami denke ich nur an mein Doppelgewehr, aber unter Menschen 
denke ich an Dien bei jeder Begegmnig, bei jedem Wort und möchte Dir 
immer Dinge sagen, die ich niemand aiiGer Dir sagen kann.'" 

1) Birjukow, I, 164. 

2) A. a. O. 197. 

5) Birjukow, I, 205, 



Drei weitere Erbinerimgen q i 

„Gestern abends beschäftigte ich mich damit, meine Geldangelegen- 
heiten und meine Schulden zu überdenken. Icli sann darüber nach, 
wie ich sie zahlen sollte. Nachdem ich alles genau überlegt hatte, wurde 
es mir klar, daß mir meine Schulden keine allxu große Last sein 
würden, wenn ich jetzt nicht allzu viel verausgabte . . . .^ 

Tolstoi ist fortwährend seit seiner frühesten Jugend mit 
dem Zusammenzahlen seiner Ausgaben beschäftigt. Es ist 
wahr, daß er mehr ausgab, als er konnte^ aber er strebte 
beständig, seinen rriateriellen Wohlstand herzustellen. Und 
er verstand es, sich am Rande des Abgrundes zu halten 
und in späteren Zeiten nicht nur sein Vermögen zu be- 
wahren, sondern es auch zu vermehren. Wir können folgendes 
schließen: Tolstoi hatte eine große Neigung zum Spiel, aber 
zur selben Zeit besaß er das Streben zu ordentlichem Leben. 
Da sehen wir noch eine Wurzel zu Konflikten in Tolstois 
Seele. Tolstoi war ordentlich, sparsam und eigensinnig. 
Über den Eigensinn haben wir schon im Kapitel III viel 
gesprochen. Von seiner Sparsamkeit liefert uns Tolstois Bio- 
graphie viele Beweise. Hier einer von ihnen: Tolstoi sclireibt 
von seiner zweiten Mutter Tatjana Alexandrowna: „Tantchen 
bewahrte gerne Näschereien allerlei Art in ihrem Zimmer 
auf: getrocknete Feigen, Lebkuchen, Datteln. Sie kaufte der- 
gleichen gerne und bewiitete mich damit. Ich werde nie 
vergessen und kann mich nie ohne grausame Selbstvoi"würfe 
daran erinnern, wie ich ihr wiederholt Geld für diese Näscherei 
verweigerte und wie sie traurig seufzend davon abstand."" 

Was die OrdentUchkeit betrifft, so haben wir auch 
von ihr zahlreiche Beweise. 

„Nikolaus hat entdeckt, daß ich ohne ineinen Reinlichkeitstrieb 
ein sehr angenehmer Reisegefährte wäre. Er ärgert sich darüber, 



i) Birjukow, I, 197. 
2) Ebendort ^-4. 



92 Ossipow: Tolstois Kindheitserinnerimgen 

daß ich meine Wäsche, ■wie er beliauptet, dutzendmal im Tage 
■wechsle. 

Tolstois ganzes Leben ist von Strebungen voll, bald 
sein Äußeres in Ordnung zu bringen („comme ü fauf^), 
bald seine Seele. Dieser Strebung entspringt das beständige 
Aufschreiben von Tagesordnungen, Lebensregeln, Programmen 
und dergleichen. Wir erhalten so die drei Charaktereigen- 
tümlichkeiten, deren Zusammentreffen den Analcharakter 
(Freud)^ ausmacht. 

Mereschkowski hat ganz recht, wenn er die Auto- 
charakteristik, die Tolstoi in seiner „Beichte" gibt, korrigiert.^ 

Tolstoi schreibt: 

„Ich trieb Unzucht, ich betrog. Lüge, Diebstahl, Buhlerei aller 
Art, Trunkenheit, Gewalttaten, Mord — es gab kein Verbrechen, das 
ich nicht begangen hätte. " . . . 

Mereschkowski meint, „daß Tolstoi kein ,DieV, nur 
ein sparsamer Hausvater und Haushalter gewesen sei, kein 
,gewalttätiger', sondern ein guter Herr seiner Diener und 
Hausgenossen, kein ,Mörder', sondern ein tapferer ICrieger, 
kein ,Trunkenbold', sondern ein weiser und nüchterner 
Epikureer, der sich an der unschuldigsten Freude des Lebens 
bei-auschte, kein ,Buhler', sondern ein treuer Ehegatte, der 
das ehehche Lager in unbefleckter Reinheit erhalten hat, 
ein kinderhebender Vater, wie die Väter des Alten Testamentes 
Abraham, Isaak und Jakob, es gewesen .... Wenn er sich 
über etwas zu schämen nötig hätte, so wäre es nicht über 
seine Handlungen und Gefühle, sondern nur über seine 
Worte und Gedanken." 




i) Eirjukow, I, 175. 

2) Charakter und Anc 
Zweite Folge. 

5) A. a. O. 128, lag. 



2) Charakter nnd Analerotik. Sammhing kleiner Schriften zur Neurosen- 
lehre. Zweite Folge. 



IL 



r 



Drei weitere Eriuneruiigeii 05 

Auf Grund von Freuds Forschuugen können wir auf die 
große Bedeutung der Analerotik in Tolstois Kindheit schließen. 
Als direkten Beweis dafür können wir vielleicht foWnde 

o 
Erinnerung anfliliren : 

„Praskowja Issaewna war eine ehrwürdige Person, die ' Haus- 
hälterin, dessen ungeachtet stand bei ihr, in ihrem kleinen Zimmerchen, 
unser Kindertopf. Ich erinnere mich, daß es eine der angenehmsten 
Empfindungen war, nach der Unterrichtsstunde oder in ihrer Mitte 
sich in ihrem Zimmerchen äu setzen und mit ihr zu plaudern und sie 
anzuhören. Wahrsclieinlich liebte sie es, uns in diesen Zeiten besonders 
glücklicher und rührender Aufrichtigkeit zu sehen. , Praskowja Issaewna, 
wie kämpfte Großpapa? Zu Pferde? fragte man sie ächzend, um nur 
zu plaudern und zu hören." ^ 

Die vierte Erinnerung unterscheidet sich von den 
anderen schon durch die Art, wie sie erzählt wird. Der 
Autor übergeht lange nicht zum Sachverhalt der Erinnerung, 
sondern vei^weilt bei der Beschreibung von Nebentatsaclien. 
Hier gibt es eine Stockung. Zerteilen wir diese Erinnerung 
in mehrere Teile, wie man es bei einer Traumanalyse zu 
tun pflegt. 

1. „Ich habe eine andere Erinnerung, die der an Jeremejewna gleich 
ist, wahrscheinlich eine spätere, w^eil sie klarer ist; aber für mich 
blieb sie immer unbegreiflich." 

2. „In dieser Erinnerung spielt der Deutsche Fedor Iwanowitsch, 
unser Lehrer, die Hauptrolle, aber ich weiß bestimmt, daß ich mich 
noch nicht unter seiner Aufsicht befand, also geschah es vor meinem 
fünften Jahre, Und das ist mein erster Eindruck von Fedor Iwanowitsch.*' 

Wir erwarten, daß jetzt die Erzählung selbst folgen 

wirdj aber der Autor weicht dem Thema noch aus. 

3. Und er erfolgte so früh, daß ich mich noch an niemanden 
— weder Brüder noch Vater — erinnere, '^'\'enn ich auch eine 

1.) „Kindlieitsei-inneningen". Tolstois Gesamte Werke. B, I, Verlag- „Slowo". 
Berlin, 1921. In der deutschen Ausgabe von Tolstois Biographie ist diese Stelle 
unvollständig und iitclit genau übersetzt. B. I, 81. 



94 Ossipow: Tolstois Kindheit serimwriui gen 

Vorstellung von einer einzelnen Person habe, so ist es nur die meiner 
Schwester und aiich nur darum, weil sie sich ebenfalls, wie ich, vor 
Jeremejewna fürchtete.' 

Aus den psychoanalytischen Forschungen wissen wir, 
daß alle Einfälle einen Sinn und eine nahe Beziehung zum 
Hauptthema haben. Folghch erscheint hier die Erinnerung 
an die Schwester nicht zufällig, die Schwester wird hier als 
die Mitgespielin erinnert. Wir wissen auch, daß außer 
Jeremejewna die Kinder noch „Milaschki" spielten, und die 
heiden Spiele sollten notwendigerweise vielfachen Anlaß zu 
partiell -sexuellen Betätigungen geben. Wir können vermutenj 
daß der vierjährige Lewotschka irgend welche partiell-sexuelle 
Erlebnisse mit seiner Schwester oder Dunetschka hatte, die er in 
der vorigen Erinnerung wie auch hier verdrängt. Dunetschka 
nahm zweifellos teil an allen Erlebnissen dieser Zeit. 

IV. „Mit dieser Erinnerung verbindet sich auqh bei mir die erste 
Vorstellung, daß unser Haus einen oberen Stock besitzt. Wie ich dahin 
geriet, ob ich selbst hinaufgestiegen war oder mich jemand hingebracht 
hat, ich weiß gar nichts. 

Die Erinnerung an den oberen Stock dürfte hier irgend 
eine symbolische Bedeutung haben, aber der Mangel an 
Material erlaubt uns keine Vermutungen. Endlich kommt 
jetzt die Erzählung: 

V. „Ich erinnere mich aber, daß unserer viele sind, wir halten 
uns alle im Reigen, Hand in Hand, in der Zahl der sich Haltenden 
sind fremde Frauen (ich weiß nicht, warum es mir erinnerlich ist, daß 
es Wäscherinnen sind) und wir fangen alle an, uns zu drehen, zu hüpfen. 

VI. „Fedor Iwanowitsch springt, die Beine zu hoch hebend und zu 
geräuschvoll und laut, und in ein und demselben Augenblick fühle ich, 
daß es nicht gut, unsittlich ist und ich bemerke ihn und, wie mir scheint, 
fange ich zu weinen an, und alles nimmt ein Ende." 

Der Knabe freut sich — wie wir unter V sehen — 
heim Spiele mit den Dienstboten. Es ist ein großes Vergnügen. 



Dfei weitere Erinna'unseji 



ffen 95 



Wenn Tolstoi sich an Maskenbälle erinnert, wo die mas- 
kierten Gutsbesitzer ankamen, so sagt er: „Alles dies war 
höchst ungewöhnlich und für die Erwachsenen wahrschein- 
lich unterhaltlich. Uns Kindern aber ging nichts über die 
Dienerschaft."^ Und daß die Sitten der Dienstboten da- 
mals grob waren, ist unbestreitbar. Nehmen wir jetzt Ab- 
schnitt VI. Fedor Uvanowitsch, ein guter und gutherziger 
Mensch, trank manchmal sehr viel, wie wir aus dem Kapitel 
erfahren werden, das in den früheren Ausgaben von der 
Zensur unterdrückt wurde. Fedor Iwanowitsch war gewiß 
auch kein Asket. F-s ist möglich, daß er sich allerlei Frivoli- 
täten mit den Dienstmädchen erlaubte. Dies %veckte im 
Knaben die Assoziation an seine eigenen Handlungen, die 
er mit seiner Schwester oder Dunetschka geti'ieben und ver- 
drängt hatte (Abschnitt III). Jetzt tut Fedor Iwanowitsch das 
gleiche. Das Kind sieht das Verdrängte und darum erschrickt- 
es und weint (Abschnitt VI). 

Die fünfte Erinnerung ist ebenso bedeutungsvoll, wie 
die vier ersten. 

„Bei meiner Versetzung nach unten, zu Fedor Iwanowitsch und 
dem Knahen empfand ich zum erstenmal und darum stärker als jemals 
später das Gefühl, welches man das Pflichtgefühl, das Gefühl des Kreuzes 
nennt, welches zu tragen jeder Mensch berufen ist ... . und ich be- 
merkte hier zum erstenmal nicht alle diejenigen, mit denen icl) oben 
wohnte, aber die Hauptperson, mit der ich lebte und welche ich früher 
nicht verstanden hatte. Das war meine Tante Tatjana Alexandrowna. 
Ich erinnere mich ihrer, der nicht hoch gewachsenen, starken, schwarz- 
haarigen, guten, zarten, mitleidigen. Sie zog mir den Schlafrock an, 
umgürtete mich, mich umarmend und küßte mich und ich sah, daß 
sie dasselbe fühlte, wie ich, daß es ihr leid, furchtbar leid tat, aber so 
sein sollte. 

i) Birjukovv, I, 84. 



gö Ossipow : Tolstois Kindheitserimierungeit 

Die Tante Tatjana Alexandrowna "war Tolstois zweite 
Mutter. Von seiner ersten Mutter, die ihm das Leben gab, 
schreibt Tolstoi folgendes : 

„An meine Mutter erinnere ich mich ganz und gar nicht. Ich 
■war eineinhalb Jahre alt, als sie starb. Durch einen seltsamen Zufall 
blieb kein einziges Bild von ihr bewahrt, so daß ich sie mir als ein 
■wirkiiclies, körperliches Wesen nicht vorzustellen vermag. In gewisser 
Beziehung ist mir dies Heb, weil dadurch in der Vorstellung, die ich 
mir von ihr mache, nur ihre geistige Gestalt lebt und alles schön ist, 
was ich von ihr weiß, mid ich glaube, dem ist so, nicht nur, well 
alle, die mit mir über meine Mutter sprachen, trachteten, gut von ihr 
zu sprechen, sondern auch, weil wirklich viel des Guten in ihr war. " * 

Weiter schreibt Tolstoi in seinen Erinnerungen über 
seine Mutter und seinen ältesten Bruder Nikolenka (Nikolenka 
war 6 Jahre alt, als die Mutter starb): 

Sie hatten beide einen mir teueren Zug gemeinsam, auf den ich 
aus den Briefen meiner Mutter schließe und den ich an meinem Bruder 
selbst wahrgenommen habe: eine schöne Gleichgültigkeit gegen das Urteil 
der Welt und Bescheidenheit, die sie die Vorzüge des Geistes, der Seele 
und der Erziehung verstecken ließ, durch welche sie sich vor anderen 
auszeichneten. Sie schienen sich gleichsam dieser Vorzüge zu schämen .... 
Sie verdammten nie jemand."^ 

Durch eben diese Eigenschaften zeichnete sich Leo Tolstoi 
nie aus. Er \vußte von ihrer Existenz nur aus den Erzählungen 
über seine Mutter und durch die Beobachtung seines Bruders. 
Diese Eigenschaften wurden zu Leo Tolstois Ideal. Von 
Kindheit an hatte Tolstoi das Idealbild seiner Mutter vor Augen. 

Wenn wir darauf achten, daß die beiden allerersten 
Erinnerungen, welche seine auffallende Sinnlichkeit verraten, 



i) Birjukow, T, 45. Tolstois Mutter ist in „Krieg und Fneden" in der 
Prinzessin Maria Bolkonski naturgetreu abgebildet. Der Autor bewalirt sogar 
ihren Namen und hat nur den ersten Buchstaben in ihrem Familiennamen aus 
W in B verwandelt. 

2) Ebenda. 44, 



i 



Drei weitere Erinnerungen 9™ 

in die Säuglingszeit gehören^ und weiter, wenn Tolstoi sich auch 
nicht erinnert, so doch vermutetj daß er damals „die Brust 
küßte und lachte und seine Mutter erfreute", so weist uns 
diese Vermutung auf die Fixierung seiner Libido an die 
Mutter hin. 

Die Mutter starb und nach ihrem Tode besetzte die 
Libido ihr Idealbild. Es ist wohl möghch, daß die Differen- 
zierung zwischen der idealen und der realen Welt, eben in- 
folge des Todes der Mutter, bei Tolstoi als ganz kleinem Kind 
vorhanden war. Dementsprechend wurde das Verhältnis zur 
Wirklichkeit ambivalent. Die Wirklichkeitj die an das Ideal 

f erinnerte, wurde hochgepriesen und die vom Ideal abweichende 

verachtet. Möglicherweise wurde diese Ambivalenz nachher 

il' auf die eigene Person übertragen. Die Differenzierungen im Be- 

' reiche der Außenwelt gehen gewöhnlich denjenigen der Innen- 

welt voran. Jedenfalls ist dem so in der Bewußtseinssphäre, 
im Unbewußten kann es anders sein. Auf diese Weise ist die 
narzißtische Ambivalenz als sekundäre zu betrachten. Weiter 
erinnert Tolstoi über seine Mutter: „Sie erschien mir als 
ein so hohes, reines, durchgeistigtes Geschöpf, daß ich oft 

I während meines Kampfes mit überstarken Versucliungen zu 

ihrer Seele betete und sie bat, mir beizustehen. Dieses Gebet 
hat mir auch stets geholfen." 

Wie stark Tolstois Fixierung an die Mutter-Imago imd 

seine Sehnsucht nach ihr war, ersieht man aus dem folgenden 

poetischen Bilde in der „Beichte": „Ich bin vielleicht nur 

, ein aus dem Neste gefallenes Vögelchen, das auf dem Rücken 

liegend im hohen Grase piepst, — aber ich piepse, weil ich 

j weiß, daß meine Mutter mich in sich getragen, ausgebi-ütet, 

erwärmt, gefüttert und geliebt hat. Wo ist sie, diese meine 
Mutter? Wenn ich ausgesetzt worden bin, wer hat mich denn 

7 Ossipoui: Tolsiois KindJu-Userinnerungen 



'J 



98 Ossipow: Tolstois Kindheitserinnerungen 

ausgesetzt? Ich kanns mir nicht verheimlichen, daß mich 
jemand hebend geboren hat. Wer ist denn dieser Jemand?" 
Das Schicksal war indessen Tolstoi sehr günstig, weil 
Tatjana Alexandrowna wirklich die Mutter zu ersetzen im- 
stande war. Tolstoi schreibt: 

„Was Einfluß auf mein Leben anbelangt, so steht an dritter Stelle 
gleich nach meinem Vater und meiner Mutter mein , Tantchen', wie 
■wir sie nannten; Tatjana Alexandrowna Jergolski. Sie war eine sehr 
entfernte Verwandte meiner Großmutter Gortschako w. 

„In der Zeit, an die ich mich erinnere, war sie über 40 Jahre 
alt und ich habe niemals darüber nachgedacht, ob sie hübsch oder nicht 
hübsch sei. Ich liebte sie einfach, liebte ihre Augen, ihr Lächeln und 
ihre dunkle, breite, kleine Hand, auf welcher sich die blauen Adern 
deutlich abzeichneten. Sie liebte wahrscheinlich meinen Vater und mein 
Vater liebte sie. Allein sie heiratete ilm nicht, als sie noch jung waren, 
damit er meine reiche Mutter heiraten könne, und sie heiratete ihn 
späterhin nicht, weil sie ihre reine, stille Zärtlichkeit für ihn und uns 
nicht trüben wollte .... Ihr Hauptcharakterzug war Liebe. Ich wünschte 
nur, es wäre dies nicht einzig und allein die Liebe zu einem einzigen 
Menschen — zu meinem Vater — gewesen. Doch wenn auch, ihre 
Liebe erstreckte sich von diesem einen Punkt aus auf alle rundum. Wir 
fühlten, daß sie uns um seinetwillen liebe, daß sie durch ihn jeden 
liebe, weil ihr ganzes Leben Liebe war .... Icli erwähnte bereits, daß 
,Tantchen' den größten Einfluß auf mein Leben hatte. Dieser Einfluß 
bestand vor allem darin, daß sie mich von Kindheit an die geistige 
Wonne der Liebe gelehrt. Sie lehrte sie mich nicht in Worten, sondern 
durch ihr ganzes Leben, durch ihr ganzes Wesen, das mich mit Liebe 
erfüEte. Ich sah, ich fühlte, wie sie in Liebe lebte, und ich verstand, 
das Glück der Liebe — und zwar von allem Anfang an. 

Die systematische Beschreibung seiner Kindheit beginnt 
Tolstoij wie wir oben gesagt haben, mit 1 o Jahren, aber in 



i) Eirjulcow, I, 70. 

2} Birjukow, I, 72, 7g, 74, 75. 



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Drei weitere Erinnerungen 99 



einem Kapitel erinnert er sich einer früheren Zeit^ zu der 
er etwa 5 — 4 Jahre alt war. 

„Nachdem ich mich müde gelaufen, saß ich gerne am Teetisch, 
' auf meinem hohen Stühlchen; es war schon spät, ich hatte längst meine 

Tasse Milch mit Zucker ausgetrunken, die Augen -wollten mir vor Müdig- 
keit zufallen, aber ich rührte mich nicht von der Stelle, ich saß und 
lauschte. Und wie sollte icli nicht lauschen? Maman spricht mit jemandem 
und der Klang ihrer Stimme ist so süß, so freundlich. Der bloße Klang 
sagt meinem Herzen so viell .... Ich stehe auf, ziehe beide Beine in 
die Höhe und lege mich behaglich im Lehnstuhl zurecht .... Es kam 
vor, daß mich im Halbsclilumraer eine zärtliche Hand berührte; an der 
bloßen Berührung erkannte ich sie und noch im Sclilafe und unwill- 
kürlich ergriff ich diese Hand und di-ückte sie fest, fest an meine Lippen. 
Es waren schon alle weggegangen, eine Kerze brannte im Gastzimmer; 
Maman hatte gesagt, sie wollte mich selbst wecken; dann setzte sie sich 
auf den Lehnstuhl, auf dem ich schlief, fuhr mit ihrer wunderbaren, 
zarten Hand über meine Haare und in mein Ohr klang die lii^e, be- 
kannte Stimme. — ,Steh auf, mein tlerzchen, es ist Zeit, schlafen zu 
gehen.' — Niemandes gleichgültige Bhcke stören sie, sie scheut sich nicht, 
aU ihre Zärtlichkeit und Liebe über mich auszugießen. Icli rülire mich 
nicht, sondern küsse nur noch inniger ihre Hand. — ,Steh' auf, mein 
Engel.' Sie faßt mit der anderen Hand meinen Hals und kitzelt mich. 
Im Zimmer ist es still, halbdunkel; ich bin vom Kitzeln und vom Er- 
wachen aufgeregt. Mamachen sitzt dicht neben mir, sie berührt mich, 
ich fülile ihren Geruch^ und höre ihre Stimme. Dies alles zusammen 
mrkt so auf mich, daß ich aufspringe, mit meinen Armen iliren Hals 
umfange, mich an ihren Busen drücke und atemlos ausrufe: Ach, 
liebe, liebe Mama, wie hab' ich dich lieb ! — Auf ihrem Antlitz spielt 
ihr trauriges, bezauberndes Lächeln, sie nhnmt meinen Kopf in beide 
Hände, küßt mich auf die Stirn und setzt mich auf ihren Schoß. 
Wenn ich nachher nach oben ging, und in meinem ■\vattierten Schlaf- 
röckchen vor den Heiligenbildern stand — welch w^underhares Gefühl 
durchzog mich, wenn ich sprach: „Lieber Gott, nimm Papa und Mama 

1) „Ich fühle ihren Geruch" ist willkürlich durch: „ich empfinde ihre 
Nähe" iobersetzt. Die Übersetzung von Raphael Löweufcld ist xum Lesen gut 
geeignet, aber für die Psychoanalyse bedarf sie einiger Korrekturen. 



100 Ossipow: Tolstois Kindheitserinnerungen 

. in deine Hut!" Wenn ich die ersten Gebete stammelte, welche meien 

\ Kinderlippen nach der geliebten Mutter wiederholten, floß die Liebe 

' zu ihr und meine Liebe zu Gott eigentümlicherweise in ein Gefühl 

\ * " 

^ zusammen. 

: Irrtümlich behauptet Birjukow, daß die Gestalt der Mutter 

; in der Erzählung „Kindheit" frei erfunden sei.^ Wir können 

im Gegenteil feststellen, daß diese Mutter-Imago nicht nur 
nicht frei erfunden ist, sondern den Bildern der beiden Mütter 
von Tolstoi entspricht. Die Mutter der „Kindheit" stellt eine 
Verdichtung der ersten und der zweiten Mutter dar. Die 
hochpoetischen Züge, das unirdische Kolorit, das Zusammen- 
fließen der Liebe zur Mutter und zu Gott, — das gehört 
der ersten Mutter-Imago, die Sinnlichkeit und die Zärtlichkeit, 
die früher auch der ersten Mutter zuteil wurden, gehören 
jetzt der zweiten, sind auf die zweite Mutter übertragen. 
Daß in der angeführten Szene Tatjana Alexandrowna gemeint 
wird, beweist unzweideutig folgende Stelle aus Tolstois 
j Memoiren : ^ 

^ nich hatte Ausbrüche zärtlicher, leidenschaftlicher Liebe für sie. 

Ich erinnere mich, wie sie einst auf dem Diwan im Salon saß und ich 
mich hinter sie stahl. Ich war damals ungefähr fünf Jahre alt. Sie be- 
rührte mich liebkosend mit der Hand. Da haschte ich nach dieser Hand 
und küßte sie ab und weinte aus lauter Zärtlichkeit." 

Das angeführte Bild des typischen sinnlich -zärthcheu 
Verhältnisses zwischen Mutter und Sohn ist geradezu voll- 
ständig. Die Sinnlichkeit ist hier durch sinnlichen Genuß au 
Gesichts-, Gehörs-, Geruchs- und lastempfindungen vertreten, 
ebenso wie in der zweiten Erinnerung. Für Tolstoi ist es 
charakteristisch, daß er keine besondere Prädominierung eines 

der Sinne zeigt. Wie in seinem Leben, so auch in seinem 

f, 

(. ■ i) Birjukow, I, 5^. 

L a) Birjukow, I, 72. 



Drei weitere Erinnerungen i o i 

dichterischen Schaffen nützt er alle sinnlichen Empfindungen 
aus, sogar die Geruchsempfin düngen spielen bei Tolstoi eine 
bedeutende Rolle. 

Wie stark die Fixierung an Tatjana Alexandrowna war, 
sehen wir unter anderem an folgenden Beispielen. Im Briefe 
vom 6. I. i85i2 schreibt Tolstoi:' „Ich schrieb Dir unlängst, 
daß ich Tränen über deinen Brief vergossen .... Früher 
schämte ich mich dieser Schwäche, doch sind die Tränen, 
die ich bei dem Gedanken an Dich und Deine Lieben (d. h. 
an Tolstois Eltern) vergieße, so süß, daß ich sie nun ohne 
Skrupel und falsche Scham fließen lasse .... Wenn Du 
sagst, daß die Reihe nun an Dir sei, uns zu verlassen, und 
zu jenen zu gehen, die nicht mehr sind und die Du so sehr 
geliebt, wenn Du sagst, daß Du zu Gott betest, er möge 
Deinem Dasein, das Dir so unerträglich und einsam scheint, 
ein Ende bereiten, wenn Du dies sagst, dann ist mir, teuerste 
Tante, als beleidigtest Du Gott und mich und uns alle, die 
Du so liebst. Du bittest Gott um Deinen Tod, das heißt um 
das größte Unglück, das mich treffen könnte. Dies ist keine 
Phrasej Gott ist mein Zeuge, daß die zwei größten Schicksals- 
schläge, die mich treffen könnten, Dein Tod wäre oder der 
Nikolaus' — der beiden Menschen, die ich mehr liebe als 
mich selbst .... Freilich bin ich mir bewußt, daß es eine 
häßliche Empfindung- ist, die mir diese Woi'te diktierte; ich 
bin eifersüchtig auf Deinen Kummer." Wie wir wissen, liebte 
Tatjana Alexandrowna Tolstois Vater. Folglich ist hier Tolstoi 
auf diese Liebe eifersüchtig. Weiter phantasiert Tolstoi : 

„Jahre sind vergangen, ich bin weder jimg noch alt, lebe in 
Jassnaja und meine Angelegenheiten sind in Ordnung. Ich habe keinen 
Kummer, keine Sorgen. Du lebst gleichfalls in Jassnaja. Du bist ein 



i) Birjukow, I, 195. 



loa Ossipow: Tolstois Küidheitserinnerungen 

■wenig älter geworden, bist aber noch frisch und bei guter Gesundheit. 
Wir führen das Leben, das wir stets geführt . . . ." 

Weiter beschreibt Tolstoi sein zukünftiges Leben, das seinem 
kindlichen Leben mutatis mutandis genau entsprechen soll. 

„Ich bin verheiratet. Meine Frau ist ein süßes, sanftes, zärtliches 
Weib ; sie liebt Dicli ebensosehr wie ich Dich liebe ; wir haben Kinder, 
die Dich Großmama nennen .... Nun sollte freilich auch jemand den 
Platz ausfüllen, den Du in unserer Familie ausgefüllt hast — doch wird 
sich wohl nie eine so wundervolle Seele finden, die zu lieben versteht 
wie Du. Für Dich gibt es keinen Ersatz . . . . ^ Wollte mich jemand 
zum Kaiser von Rußland machen oder mir Peru schenken — mit einem 
Worte, käme eine Fee mit einer Wünschelrute und fragte mich, was 
ich mir wünsche, so wollte ich, die Hand auf dem Herzen, ihr zur 
Antwort geben, ich wünsche nichts, als daß dieser Traum je Wirklich- 
keit werde. 

Dieser Traum ging in Erfüllung. Aber noch vor seiner 
Heirat lebte Tolstoi mit Tatjana Alexandrowna zusammen 
und da gab es Stunden, wo Tolstoi mit ihr wieder die Bezie- 
hungen „Mutter-Sohn" erlebte, sogar mit Anspielungen auf 
das Verhältnis von „Mann und Frau". 

„Außer beim Tedeum und Requiem habe ich sie nie beten 
gesehen. Nur aus einer ganz besonderen Milde, mit welcher sie mir 
begegnete, wenn ich manchmal spät nachts, nachdem ich mich schon 
von ihr verabschiedet hatte, nochmals zu ihr zurückkehrte, erriet ich, 
daß ich sie im Gebete unterbrochen hatte. ,Komm' herein, komm' 
herein!' sagte sie dann. ,Gerade habe ich zu Natalja Petrowna gesagt, 
daß Nikolaus noch einmal hereinschauen würde.' Sie gab mir oft den 
Namen meines Vaters und dies tat mir besonders wohl, da es mir zeigte, 
daß mein Vater und ich in ihrer großen Liebe in eins verschmolzen. 
Um diese späte Nachtstunde war sie bereits in ihrem Nachtkleid, hatte 

i) Wie sehr die Träume vom zukünftigen Leben das kindliche Leben 
wiedergeben, beweist unter anderem ein Beispiel aus meiner eigenen Kindheit; 
als 5Jä]n-iger Knabe pflegte ich zu sagen, daß ich nicht heiraten kann, denn 
wer soll dann der Onkel sein. Ich war der einzige Sohn, mid hatte mu* Schwestern. 
In unserer Familie wohnte aber immer der unverheiratete Bruder meiner Mutter. 



r 



Df'ei weitere Erinnerungen 105 

einen Schal um die Schultern, ■während ilire kleinen spindelartigen Beine 
in Pantoffeln staken. Natalja Petrowna -war in einem ähnlichen Neglige. 
,Setze dich, setze dich , pflegte sie zu sagen, wenn sie sah, daß ich 
nicht schlafen konnte oder unter der Einsamkeit litt. Und die Erinnerungen 
an diese unregelmäßigen langen Stunden des Wachens sind mir besonders 
teuer. " 

Über Tolstois Verhältnis zu seinem Vater wie zu den 
Geschwistern werden wir nicht sprechen, weil wir zu diesem 
Zweck alle drei Erzählungen „Kindheit", „Knabenalter" und 
j, Jugend" analysieren müßten. Aus Tolstois „Familienroman" 
(Freud) entnehmen wir nur die Fixierung an die ideale 
Mutter-Imago und an die zweite Muttei-, 

Die sexuelle Entwicklung auf dem Wege der Objekt- 
libido können wir folgendermaßen skizzieren: Im Intrauterin- 
leben wird die Libido auf das eigene Ich gerichtet. Dieses 
Ich ist aber mit der Mutter unzertrennlich verbunden. Die ur- 
sprüngliche Ichlibido hat also zwei zusammen gelötete Objekte: 
das eigene Ich des Individuums und die Mutter. . 

Libido Ich (=das Indiv.-Ich -|- die Mutter). 

Nach der Geburt manifestieren sich die Sinnlichkeit 
und die Zärtlichkeit^ die auf die Mutler gerichtet sind, zu- 
gleich kann die Sinnlichkeit auch auf die eigene Person gerichtet 
sein — der Weg des (charakterologischen) Narzißmus, den 
w^ir in den Kapiteln III und IV erläutert haben. 

^,_- Iclilibido 
Libido ,:::^^i^ 

^~'~~~~~- Objektlibido i;— Sinnlichkeit | 

^\ „ ,- ,. . (Mutter. 

Zärtlichkeit J 

Von der Ichlibido stammt auch die Jagdleidenschaft. 

x) Eirjukow, I, 343. 



I' 



L 



104 Ossipow: Tolstois Kindheitserinnerungen 

Von den Ichtrieben stammen die Gewalt (Sadismus) 
und der Haß (die Eifersucht), die in den Zusammenhang 
der Sexualität eintreten. 

Auf das (kannibalische) Stadium der Sexualität finden 
wir bei Tolstoi keinen Hinweis außer der Jagdleidenschaft. 
Die zweite Phase — die analerotische — ist aber, "wie oben 
gezeigt wurde, bei Tolstoi deutlich ausgeprägt. 

Dann werden die seelischen Mächte aufgebaut, die dem 
Sexualtriebe als Hemmnisse in den Weg treten und gleich 
wie Dämme seine Richtung beengen (der Ekel, das Scham- 
gefühl, die ästhetischen und moralischen Idealauforderungen). ' 
Die Sinnlichkeit und die Zärtlichkeit — die inzestuösen und 
auch alle anderen — werden verdrängt (siehe die vierte 
Erinnerung). Trotzdem kommen Durchbrüche von Sinnlich- 
keit und Zäi'tlichkeit vor. 

Wir finden folgende interessante Seiten in der „Kindheit": 

Die 'Rinder spielen im Wald. Die Erzählung wird in Nikolenkas 
(Tolstois eigenem) Namen geführt. „Als Ljubotschka im Spiel von einem 
Baum amerikanische Früchte pflückte, riß sie ein Blatt mit einer großen 
grünen Raupe ab. Erschreckt schleuderte sie es auf den Boden .... 
Das Spiel hörte auf und wir bückten uns alle und steckten die Köpfe 
zusammen, um dieses Wundeitier zu betrachten , . , , Der Wind höh 
das Busentuch von ihrem (d. h. Katinka-Dun etschkas, die oben erwähnt 
wurde) weißen Halse. Ich blickte schon nicht mehr auf die Raupe, 
sondern auf die nur zwei Finger breit von meinen Lippen entfernte 
nackte Schulter. Ich sah und sah, und preßte dann meine Lippen so 
heftig darauf, daß Katinka zurückwich, und empfand dabei solchen Genuß^ 
daß ich am liebsten nie aufgehört hätte. Katinka wandte sich nicht 
einmal um; aber ich bemerkte, daß nicht nur die Stelle, die ich geküßt, 
sondern ihr ganzer Hals rot wurde. Wolodja sagte verächtlich, ohne 
den Kopf zu heben: „Was sind das für Zärtlichkeiten!" und beschäftigte 

1) Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. A. a- O. 



r 
f 



Drei weitere Erinnerungen 105 

sich weiter mit der Raupe (Verdrängende Kräfte!). Mir aber traten vor 
Lust und Scham Tränen in die Augen. Dieses Lustgefühl war für mich 
ganz neu; nur einmal, als ich meinen bloßen Arm betrachtete, hatte 
ich etwas Ähnliches empfunden. Obgleich ich mich sehr schämte, ver- 
wandte ich von Jetzt ab kein Auge von Katinka." (Das Kapitel, aus 
dem wir dieses Zitat entnommen hahen, ist „Etwas wie eine erste 
Liebe" betitelt).^ 

Die Kinder sitzen in einer dunklen Kammer und schauen, wie 
der blödsinnige Grischa betet. Nikolenka ist ganz in seine Betrachtimg 
vertieft. „ . . . . Jemand faßte meine Hand und flüsterte: wessen Hand 
ist das? In dem Verschlage war es ganz finster, aber an der Berührung 
allein und an der Stimme, welche mir direkt ins Ohr flüsterte, erkannte 
ich Katinka sofort. Ganz unwillkürlich ergriff ich den nackten Arm am 
Ellbogen und drückte meine Lippen darauf. " 

Katinka ist also das erste Liebesobjekt Tolstois. Katinka 
ist die Pflegetochter von Tolstois Eltern (Dunetschka). Die 
eben zitierte Szene ähnelt außerordentlich der früher an- 
geführten Szene mit Tatjana Alexandrowna. Tatjana Alexan- 
drowna war auch Pflegetochter von Tolstois Großeltern. Auf 
diese W eise ist die erste Obj ektwahl Tolstois nach dem 
Mutter -Vorbilde geschehen. 

Wir haben die Szene mit Katinka nach der klassischen 
Ausgabe zitiert. Die Zensur hatte seinerzeit die folgende 
Seite gestrichen : 

„In demselben Augenblick (als Nikolenka Katinka an der Berührung 
erkannte) empfand ich ein süßes Zittern und dachte an die Stelle unter 
dem Busentuch, die ich heute im Walde geküßt hatte. Ich erwiderte 
nichts auf die Frage, sondern ergriff mit beiden Händen ihren Arm, 
preßte ihn gegen meine Lippen und küßte ihn heftig. Aber damit be- 
gnügte ich mich nicht; ohne ihren Arm loszulassen, knöpfte ich vor- 
sichtig den Ärmel auf und hedeckte den Arm. von der Handwurzel bis 

1) Leo Tolstoi. Kindlieit. Übertragen und eingeleitet von Adolf Heß. 
Keclam. 



1 



io6 Ossipow: Tolst ois Kindheitserinnerungen 

zum Ellbogen an der SteUe, an der zur Ader gelassen wird, mit leiden- 
schaftlichen Küssen. Als ich die Lippen in dieses Grübchen schmiegte, 
empfand icli einen unbeschreiblichen Genuß und dachte nur an eins 
— nämlich mit den Lippen nicht zu viel Geräusch zu machen, um 
mich nicht, zu verraten. Katinka zog ihre Hände nicht zurück, sondern 
suchte mit der anderen meinen Kopf, streichelte mein Gesicht und das 
Haar und suchte mich fortzudrängen. Dann zog sie, als ob sie sich 
schämte, schnell ihren Arm zurück mid streifte den Ärmel herunter; 
ich packte ihn aber wieder und preßte ihn noch stärker, bis mir Tränen 
aus den Augen rannen. Ich tat ihr leid, sie beugte sich über mich und 
berührte mein Haar. Jetzt war mir so wohl wie nie im Leben j ich 
wünschte nur, dieser selige Zustand möchte nie aufhören. Wie soll 
ich den Genuß beschreiben, den ich empfand. Es kam hinzu, daß die 
Haut auf dem Arm, den ich küßte, so zart und so weich war, und 
der Gedanke, daß dieser Arm Katinka gehörte, die ich stets geliebt 
hatte, und von der ich mich morgen, vielleicht auf immer trennen, 
sollte. Aber was bedeutete dieses süße Weh, das ich empfand und das 
mir Tränen in die Augen trieb?" 

Nikolenka verliebte sich noch in demselben Jahr in Sserjoscha 
Iwin, der fast im gleichen Alter war. „ . . . . Seine originelle Schönheit 
frappierte mich beim ersten Anblick ganz. Ich fühlte mich unwider- 
stehlich zu ihm hingezogen; ihn sehen war für mich Glücks genug und 
eine Zeit lang vereinigten sich alle Kräfte meiner Seele in diesem 
Wunsche; wenn es vorkam, daß ich drei oder vier Tage verbringen 
mußte, ohne ihn zu sehen, so grämte ich mich und mir wurde ganz 
weinerlich zu Mute. Alle meine Gedanken, im Wachen und im Träumen, 
waren bei ihm; wenn ich mich schlafen legte, wünschte ich, von ihm 
zu träumen; schloß ich die Augen, so sah ich ihn vor mir und letzte 
mich an diesem Trugbild, wie an dem höchsten Genüsse. Keinem auf 
der Welt hätte ich dieses Gefühl anvertrauen mögen, so wert hielt ich 
es ... . Ich wünschte nichts, beanspruchte nichts und war bereit, für 
ihn alles zu opfern. Außer der leidenschaftlichen Zuneigung, die er mir 
zu sich einflößte, rief seine Anwesenheit in mir noch ein anderes, nicht 
minder starkes Gefühl wach — die Furcht, ihn zu erzürnen, durch 
irgend etwas zu beleidigen, ihm zu mißfallen, vielleicht weil sein Gesicht 
einen hochfahrenden Ausdruck hatte oder weil ich, mein ungünstiges 



Drei weitere Erinnerungen 107 

Äußere verachtend, bei anderen die Vorzüge der Schönheit zu sehr 
schätzte, oder, was wahrscheinlicher ist, weil das ein sicheres Anzeichen 
der Liebe ist: ich fürchtete ihn ebenso sehr wie ich ihn liebte. 
Beim ersten Mal, als Sserjoscha mit mir sprach, -wurde ich von dem 
unerwarteten Glücke so verwirrt, daß ich abwechselnd bleich und rot 
wurde, und ihm gar nicht antworten konnte .... Zuweilen erschien 
mir sein Einfluß drückend, unerträglich, aber mich demselben zu ent- 
ziehen, lag nicht in meiner Macht .... Ich wagte nicht nur nicht, ihn 
zu küssen, was ich häufig lebhaft wünschte, oder ihn bei der Hand zu" 
nehmen und zu sagen, wie froh ich sei, ihn zu sehen, sondern ich 
wagte nicht einmal ihn Sserjoscha (Diminutivum) zu nennen, sondern 
unbedingt Ssergei, das war nun einmal bei uns so abgemacht. Jeder 
Ausdruck von Gefühl bezeugte Rinderei, und wer sich derartiges er- 
laubte, war noch ein kleiner Bub." 

Die erste ObjeMwahl — Katinka — war nach dem 
Anlehnungstypus vollzogen worden. ^ Die zweite — Sserjoscha 
— erfolgte auf komplizierten Wegen: 1) Auch nach dem 
Anlehnungstypus, weil Sserjoscha den Vater ersetzte; 2) nach 
dem narzißtischen Typus, weil Sserjoscha das war, was 
Tolstoi selbst sein wollte (ein hübscher Knabe usw.). Der 
Übergang zur Wahl des zweiten Objektes ist klar: Tolstoi 
zeigte die Fixierung an die Mutter, er identifizierte sich 
mit ihr; die Mutter liebte den Vater, also liebte auch Tolstoi 
den Vater, resp. eine ihm ähnliche Person.'' Daß im Ver- 
hältnisse zu Sserjoscha die Gefühle des Sohnes zum Vater 
hervortreten, ist aus der typischen ambivalenten Einstellung 
zu Sserjoscha ersichtlich; 

„Ich fürchtete ihn ebenso sehr wie ich ihn liebte." 



1) Zur Einfülirung des Narzißmus. L. c. S. 98. 

2) Die ausführlichG Besprechung; des Ödipuskomplexes (Freud, Traum- 
deutung und Rank, Das Inzest -Motiv in Dichtung und Sage) behalten wir 
uns für die Analyse der ErzäJüimgen „Kindheit, Knabenalter imd Jugend" vor. 



J 



108 Ossipow: Tolstois Kindlieitser inner un gen 

Und -weiter: 

„Zuweilen erschien mir sein Einfluß drückend, unerträglich, aber 
mich demselben zu entziehen, lag nicht in meiner Macht. 

Wir sehen auch aus dem oben angeführten Zitat, daß 
die Zärthchkeit in der Gemeinschaft der Knahen stark ver- 
drängt wurde. 

Im selben Jalire -wurde Nikolenka Sserjoscha untreu — 
er verliebte sich in Sonitschka, ein 13 jähriges Mädchen. 
„Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich untreu in 
der Liebe und zum erstenmal empfand ich die Süßigkeit 
dieses Gefühls." Es ist interessant zu beobachten, daß Tolstoi 
seine Verliebtheit in Sserjoscha, einen Knaben, ganz gleich 
schätzt wie seine Verliebtheit in das Mädchen, aber es ist 
sonderbar, daß er seine Untreue gegen Sserjoscha für die 
erste hält und Katinka vergißt. Das kann man wahrscheinlich 
dadurch erklären, daß sein Verhältnis zu Katinka, welche 
mit ihm zusammen wohnte, fortdauerte und ihm kein 
Hindernis zu neuen Verliebtheiten bot. Das bemerkt man 
auch bei Erwachsenen häufig! Andererseits ist es wohl 
möglich, daß Tolstoi seine Verliebtheit in Sseijoscha (Vater) 
und in Katinka (Mutter) als Ödipuskomplex unbewußt in 
Eins zusammenfaßte und jetzt seine Untreue gegen diese 
Ödipus-Einstellung als die erste Untreue bezeichnete.^ 

Beide Brüder waren in Sonitschka verliebt. Nach einem 
Kinderball bei ihrer Großmutter, wo sie das Mädchen zum 
erstenmal gesehen hatten, lagen sie nachts in ihren Betten 
und führten folgendes Gespräch miteinander: 

„ — Nur eines wünschte ich mir, — fuhr ich fort, — und das wäre, 
immer bei ihr zu sein, sie immer zu sehen und weiter nichts. Und 

t j) Katiiika war ein Familienmitglied und unter dem Bilde von Sserjoscha 

F verbirgt sich nicht nur Tolstois Vater, sondern auch Tolstois Bruder. Katinka 

und Sserjoscha gehören also dem Familienkreise an. 





t- 



Di'ei weitere Erinne?-ungen io9 

du — bist du auch verliebt? Gestehe nur die Wahrheit, Wolodja. 
Seltsam, ich wollte, daß alle in Sonitschka verliebt seien und das auch 
äußerten. — Was geht das dich an? — sagte Wolodja, sich mit dem 
Gesicht zu mir wendend, — vielleicht. 

— Du wolltest nicht schlafen, du hast dich nur so gestellt? — 
rief ich, als ich an seinen glänzenden Augen sah, daß er gar nicht an 
Schlaf dachte, luid w^arf die Decke zurück. — Komm, sprechen -wir 
lieber von ihr, nicht wahr, sie ist entzückend? .... so entzückend, 
daß, wenn sie mir sagen würde: Nikolenka, springe aus dem Fenster 
oder stürze dich ins Feuer, — ich mich bestimmt keinen Augenblick 
besinnen würde — ich spränge sofort und mit Freuden. Ach, wie 
reizend sie ist! — fügte ich hinzu; meine Phantasie zauberte sie mir 
ganz lebhaft vor, und um dieses Bild recht zu genießen, warf ich mich 
mit einem Ruck auf die andere Seite und steckte meinen Kopf unter 
die Kissen. Ich möchte gleich losweinen, Wolodja. — Du bist dumm! 
— sagte er lächelnd und nach kurzer Pause. — Ich bin gar nicht so 
wie du, ich denke m,ir, wenn es möglich wäre, möchte ich zunächst 
neben ihr sitzen und mit ihr sprechen .... ~ Ahl also du bist auch 
verliebt? — unterbrach ich ihn. — Dann, fuhr Wolodja mit einem 
zärtlichen Lächeln fort, — möchte ich ihre Fingerchen, ihre Augen, 
ihr Mündchen, ihr Naschen, ihr Füßchen, mit einem Worte, alles an ihr 
küssen- - — Dummheitenl rief ich unter den Kissen lier. — Du verstehst 
gar nichtsl — sagte Wolodja verächtlich. — Nein, ich verstehe wohl, 
aber du verstehst nichts und schwatzest dummes Zeug, — sagte ich unter 
Tränen. — Na, zum Weinen ist da gar kein Grund. Ein rechtes Weibl" 

Nikolenka verstand gut, wie angenehm alles war, wo- 
von Wolodja schwärmte, aber er verdrängle die sinnlichen 
Wünsche. Die Aktivität des Triebes war bei Nikolenka sehr 
stark: vgl. die Bereitschaft aus dem Fenster zu springen, 
sich ins Feuer zu stürzen. Aber die Verdrängung war auch 
mächtig: er setzt selbst seinen ßegehrungen die Grenze: 
immer bei ihr zu sein, sie immer zu sehen und weiter 
nichts. Darum ärgern ihn Wolodjas Worte, die an seiner 
Verdrängung rütteln, so sehr. 



^ 



110 Ossipow: Tolstois Kiiidheit serinner ungen 

Wenn wir die Liebe zu Katinka mit der zu Sonitschka 
vergleichen, so seilen wir, daß der organische Entwicklungs- 
prozeß selbst ■ zu demselben Resultate geführt hat, welches 
die Zensur verlangte, indem sie die Beschreibung der sinn- 
lichen Betätig-ungen in der Szene mit Katinka strich. Für 
Sonitschka blieb nur die Zärtlichkeit übrig. 

Das verschiedene Verhältnis Nikolenkas und Wolodias 
zur sexuellen Frage kann man nicht durch den Altersunterschied 
erklären: der Unterschied von 2 Jahren kann hier keine 
RoUe spielen. Die Verschiedenheit der Brüder in sexueller 
Beziehung ^vurde noch deutlicher beim Eintritt in die Pubertät. 

„Aber auch nicht eine von den Veränderungen, die sich in meinen 
Anschauungen vollzogen, war von so großem Eindruck auf mich selbst, 
wie die, welche mich in einem unserer Mädchen nicht mehr den weib- 
lichen Dienstboten sehen ließ, sondern das Weib, von welchem bis zu 
einem gewissen Grade meine Ruhe und mein Glück abhängen konnte .... 
Mascha^ war etwa fünfundzwanzig Jahre alt, als ich vierzehn zählte." 
Nikolenka hört zufäUig Wolodias und Maschas Treiben im Mädchen- 
zimmer. Mascha sagt: „ — O, wo wollen Sie mit ihren Händen hin? 
Schämen Sie sich! — und Mascha lief in ihrem Tuch, das nach der 
Seite gezerrt war und unter welchem ihr weißer voller Nacken hervor- 
glänzte, an mir vorüber. Ich kann kaum sagen, wie sehr mich diese 
Entdeckung in Erstaunen setzte, aber das Gefühl des Erstaunens machte 
sogleich einem Mitempfinden mit Wolodja Platz. Mich wunderte nicht 
mehr seine Handlungsweise selbst, sondern wie er dazu gekommen -war, 
diese Handlung für einen Genuß zu halten. Unwillkürlich wandelte 
mich die Lust an, ihn nachzuahmen. Ganze Stunden brachte ich bis- 
weilen im Treppentlur zu, ohne etwas Bestimmtes zu denken und horchte 
mit angespannter Aufmerksamkeit auf die leisesten Bewegungen, die sich 
oben vernehmen ließen; aber ich konnte es nie über mich gewinnen, 

i) Es ist interessant zu bemerken, daß die Mehriald der Prau enge stalten 
in den dichterischen Werken Tolstois, welche ihn, resp. den Helden sinnlich 
anziehen, den Namen seiner Mutter tragen: Mascha im „Knabenalter", Marianka 
in den „Kosaken", Maria in „Vater Sergius", die Zigeunerin Mascha im Drama. 
„Der lebende Leichnam". 






Drei weitere Erinnerungen 1 1 1 

Wolodia nachzuahmen, obgleicli ich z,u nichts auf der Welt solclie Lust 
verspürte. Bisweilen horchte ich, das Ohr an die Tür gelegt, mit einem 
drückenden Gefühl des Neides und der Eifersucht auf das Treiben im 
Mädchenzimmer .... Ich hatte manchmal gehört, wie Mascha zu Wolodja 
sagte: Eine Strafe Gottes! Was in aller Welt wollen Sie von mir, 
machen Sie, daß Sie fortkommen, Sie ausgelassener Mensch .... Warum 
kommt Nikolai Petrowitsch (Nikolenkas voller Name) nie hierher, Dumm- 
heiten machen ? . . . . Sie wußte nicht, daß Nikolai Petrowitsch unter 
der Treppe kauerte und alles auf der Welt hergegeben hätte, um an 
der Stelle des ausgelassenen Menschen zu sein. Ich war schamhaft von 
Natur, aber meine Schamhaftigkeit wuchs noch durch die Überzeugung 
von meiner Häßlichkeit .... Ich war zu stolz, um mich an meine 
L^e zu gewöhnen, ich tröstete mich, wie der Fuciis, der sich einredete, 
daß die Trauben noch grün seien, d. h. ich bemühte mich, alle Annehm- 
lichkeiten zu verachten, die ein angenehmes Äußeres verschaffen kann, 
die in meinen Augen Wolodja genoß und um die ich ihn von ganzer 
Seele beneidete, und ich spannte alle Kräfte meines A'"erstandes und meiner 
Einbildung an, um, in einer stolzen Zurückgezogenheit Genuß zu finden. 

Der Eintritt in die Pubertät wird bei Tolstoi durch 
•die starke, aber zugleich mächtig verdrängte Sinnlichkeit 
gekennzeichnet. Wir wissen schon aus dem oben skizzierten 
Entwicklungsgang von Tolstois Sexualleben, daß die Sinn- 
lichkeit verdrängt wurde. Zur Zeit der Geschlechtsreife ver- 
mochte das neue, schon genitale Ansteigen der Sinnlich- 
keit die Verdrängung nicht zu beseitigen. Der Sexualdrang 
rief auch die Verstärkung des Schamgefühls hervor, welches 
noch „durch die Überzeugung von seiner Häßlichkeit" ge- 
stärkt wurde. Zugleich führten die realen Ereignisse dazu, 
daß das Erwachen der genitalen Sinnlichkeit an einem 
Objekte geschali, das gerade nur die Siinilichkeit, nicht aber 
die Zärtlichkeit zu erwecken imstande war. So wird der 
Eintritt in die Pubertät durch das Auseinandergehen der 
sinnlichen und der zärtlichen Strömungen charakterisiert. 



112 Ossipow : Tolstois Ki7idheitserbinerungen 



( 



1^ 



A 



j? 



Die Normalität des Gesclilechtslebens wird nur durch das 
exakte Zusammentreffen der beiden auf Sexualobjekt und 
Sexualziel gerichteten Strömungen, der zärtlichen und sinn- 
lichen, gewährleistet, von denen die erstere in sich faßt, was 
von der infantilen Früliblüte der Sexuahtät erübrigt. Es ist 
wie der Durchschlag eines Tunnels von beiden Seiten her."* 
Bei Tolstoi blieben aber die zäi'thchen und die sinnüchen 
Strömungen auf immer getrennt. 

Tolstois Seelenkonflikt bestand im Kampfe dreier 
sexueller Strömungen miteinander: der narzißtischen, 
der zärtlichen und der sinnlichen. 

Das nächste Resultat seines Mißerfolges mit Mascha 
*. war das folgende: , 

„Ich fülilte mich mehr imd mehr einsam und meine Haupt- 

r- vergnügen waren einsame Meditationen und Beobachtungen 

Kaum wird man mir glauben, welches die beständigen und die Lieblings- 
gegenstände meiner Meditationen in meinem Knabenalter waren, — so 

|- sehr waren sie für mein Alter und meinen Zustand unpassend - 

Diese Gedanken stellten sich meinem Verstand mit solcher Klarheit und 
Wunderlichkeit vor, daß ich mich sogar bemühte, sie im Leben anzu- 
w^enden, dabei bildete ich mir ein, der erste zu sein, der große und 
nützliche Wahrheiten entdecke. Einst kam mir der Gedanke, daß das 
Glück nicht von äußerlichen Ursachen abhänge, sondern von unserem 
Verhalten gegen sie, daß der Mensch, der gewohnt ist, Leiden au er- 
tragen, nicht unglücklich sein könne, — und um mich an die Arbeit 
zu gewöhnen, hielt ich auf den ausgestreckten Armen, des schrecklichen 
Schmerzes ungeachtet, Tatitschews Wörterbücher fünf Minuten lang, 
oder ging in eine dunkle Kammer und geißelte mich mit einem Strick 
auf den nackten Rücken so stark, daß mir die Tränen unwillkürlich 
in die Augen traten. Ein anderes Mal, mich plötzlich erinnernd, daß 



i) Freud. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie a. a. O. S. 71. Siehe 
auch „Beiträge zur Psychologie des Liebe sieb ens". I. imd II. Sammlung kleiner 
Schriften zur Neurosenlehre. Vierte Folge. L. c. 



F 



Drei weitere Erinnerungen 115 

der Tod mich jede StundCj jede Minute erwarte, entschied ich, ohne 
zu verstehen, wie es bis jetzt die Leute nicht verstanden liatten, daß 
der Mensch nicht anders glücklich sein könne, als wenn er die Gegen- 
wart ausnütze ohne an die Zukunft zu denken, — und unter dem Ein- 
flüsse dieses Gedankens vernaclilässigte ich drei Tage lang meine Auf- 
gaben und beschäftigte mich nur damit, im Bette liegend, das Lesen 
irgend eines Romans und das Essen von Honigkuchen zu genießen, die 
ich für mein letztes Geld kaufte .... Aber ich schwai-mte für keine 
philosophische Richtung so sehr wie für den Skeptizismus, welcher mich 
einst in einen Zustand nahe der Verrücktheit brachte. Ich stellte mir 
vor, daß außer mir niemand und nichts in der ganzen Welt existiere, 
daß die Gegenstände keine Gegenstände, sondern Bilder seien, welche' 
nur dann erscheinen, wenn ich auf sie achtgebe, und sobald ich auf- 
hörte, an sie zu denken, verschwänden diese Bilder sogleich. Mit einem 
Worte, ich kam zum selben Resultat wie Schelling, in der Überzeugung, 
daß nicht die Gegenstände existierten, sondern mein Verhältnis zu ihnen. 
Es gab Augenblicke, wo ich unter dem Einflüsse dieser beständigen 
Idee solch einen Grad der Verrücktheit erlangte, daß ich mich manch- 
mal schnell auf die entgegengesetzte Seite umkehrte, in der Hoffnung, 
unerwartet die Leere (neant) dort zu treffen, wo ich nicht war . . . , 
Aus dieser ganzen schweren geistigen Arbeit erwarb ich nichts außer 
der Geschicklichkeit des Verstandes, die meine Willenskraft schwächte, 
und der Gewohnheit an fortwährende geistige Analyse, welche die Frische 
der Gefühle und die Klarheit der Vernunft vernichtete .... Meine 
Neigung zu abstraktem Nachdenken entwickelte in mir so unnatürlich 
das Bewußtsein, daß ich oft, wenn ich an die einfachste Sache zu denken 
anfing, in den endlosen Kreis der Analyse meiner Gedanken geriet-, ich 
dachte schon nicht mehr an die Frage, die mich beschäftigte, sondern 
dachte daran, woran ich dachte. Ich fragte mich: woran denke ich? 
Ich antwortete: ich denke daran, woran ich denke. Und jetzt worüber 
denke ich ? Ich denke, daß ich darüber denke, worüber ich denke usw. 
Fast verlor ich den Verstand .... Und dennoch schmeichelten die 
philosophischen Entdeckungen, die ich machte, meiner Eigenliebe sehr: 
ich bildete mir oft ein, ein großer Mann zu sein, der zum Wohl 
der Menschheit neue Wahrheiten entdeckt, und sah auf die übrigen 

1) Solipsismus. 
8 Ossipow: Tolstois Kindhcitserinnerungen 



114 



Ossipow: Tolstois Kindheitserinnerungen 



Sterblichen im stolzen Bewußtsein meiner eigenen Würde herunter, aber 
sonderbar: wenn ich mit diesen Sterblichen in Zusammenstoß kam, so 
bangte mir vor jedem und je höher ich mich in meiner eigenen Meinung 
stellte, desto -weniger war ich den anderen gegenüber imstande, nicht nur 
das Bewußtsein der eigenen Würde zu zeigen, sondern konnte mich sogar 
nicht gewöhnen, mich nicht jedes meiner einfachsten Worte oder Be- 
wegungen zu schämen. 

So sehen wir, daß Tolstoi selbst seinen Forschertrieb 
in Zusammenhang mit Sexualerlebnissen stellt. Das weitere 
Schicksal von Tolstois Forschertrieb lassen wir beiseite und 
kehren zu seinem Sexualleben zurück. 

Im Alter von 1 9 Jahren gab Tolstoi sich selbst den 
folgenden Rat: „Betrachte die Gesellschaft der Frauen wie 
ein notwendiges Übel des gesellschaftlichen Lebens und halte 
dich von ihnen soviel als möglich fern."^ Von der Winter- 
saison 1844/1845 erinnert Sagoskin: „Tolstoi war bei allen 
Bällen, Soireen und adeligen Gesellschaften anwesend, überall 
ein gerne gesehener Gast, der immer tanzte, dabei im Gegen- 
satze zu seinen adeligen Mitstudenten alles andere, nur 
kein Frauen jäger. Eine seltsame Scheuheit und Schüchtern- 
heit zeichneten ihn stets aus."^ Im Jahre i8gi „traf Tolstoi 
eine .... S. N. und entbrannte für sie in sentimentaler 
Liebe, die er, zufolge seiner gewohnten Schüchternheit, 
nicht zn bekennen wagte und mit sich fort nach dem. 
Kaukasus nahm." (Zärtliche Strömung). Im Kaukasus ver- 
liebte sich Tolstoi in ein einfaches Kosakenmädchen. Hier 
wiederholten sich fast dieselben Verhältnisse wie mit Mascha. 
(Gehemmte sinnliche Strömung).'* 



1) Eirjukow, I, 150. 

2) Birjukow, I, 127. 
5) Birjukow, I, 17g. 

4) Sielie die Erzäldung „Kosaken". 



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Drei weitere Ei-innerungen iig 

Gewiß hatte Tolstoi Verkehr mit gemeinen Frauen, 
aber seine Selbstbeschuldigungen in der „Beichte" über die 
Ausschweifungen seiner Jugendjahre sind jedenfalls über- 
trieben. ■ - •-*•> '--' - ■" ■ •■" r"'-- 

Über Tolstois Romane schreibt Birjukow: „In Tolstois 
Leben hatte bis dahin (1856) bereits die eine oder andere 
Liebesaffaire zu spielen begonnen, aber die hatten zu nichts 
geführt. Der ernsteste Fall war seine knabenhafte Liebe 
für Sonitschka Kaloschin. Auf diese folgte das Abenteuer 
mit S. N.j während er noch an der Universität war: diese 
Liebe bestand jedoch nur in seiner eigenen Phantasie, da 
S. N. selbst kaum etwas davon wußte. Von dem Kosaken- 
mädchen haben w^ir bereits gesprochen. Nach ihr kam eine 
Schwärmerei für Frau S., deren diese selbst sich wahr- 

f 

scheinlich kaum bewußt wurde; Tolstoi war stets schüchtern 
und zurückhaltend in solchen Dingen. 

Seine Liebe für W. A. war ein mächtigeres und ernsteres 
Gefühl. Sie hatten einander ihre Empfindungen eingestanden 
und galten vor Verwandten und Bekannten als Brautleute.*" 
W. A. war die Tochter eines benachbai'ten Gutsbesitzers. Im 
August begab sich das Fräulein mit ihrer Tante nach Moskau, 
um hei den Festlichkeiten aus Anlaß der Krönung Alexanders II. 
am 26. August i8g6 anwesend zu sein. Die junge Dame 
vergnügte sich während dieser Festliclikeiten außerordentlich. 
Dieser Umstand war Tolstois erste Enttäuschung. Er schreibt --j 

ihr Briefe, in denen ei' ihr eine ernstere Lebensauffassung 
beizuhi-ingen sucht. Nach der Krönung kehrte die Dame 
nach ihrem Gut zurück, w^o Tolstoi oft im Hause verkehrte. 
Die gegenseitige Neigomg steigerte sich. Doch beschloß Tolstoi 
ihre Neigung der Prüfung von Zeit und Entfernung zu 

1) Birjukow, I, 508. 



1 1 6 Ossipow : Tolstois Kindkeitserinnerungen 

unterwerfeiij und ging für zwei Monate nach Petersburg. 
Von Moskau aus schrieb er einen Brief, in dem er eine 
Art Erziehung der jungen Dame versuchte, einen Brief, aus 
dem es klar hervorgeht, daß, v\'as man Leidenschaft der 
Liebe nennt, zwischen ihnen nicht bestand. Während seines 
Aufenthaltes in Petersburg erfuhr Tolstoi aus glaubwürdiger 
Quelle, daß dieses „reizende Mädchen" ihrem Klavierlehrer, 
Mortier, gestattete, ihr Liebeserklärungen zu machen und 
daß sie sich tatsächlich in ihn verliebt hatte. Und all dies 
spielte sich während jener unglückseligen Krönungsfeierlich- 
keiten ab. Es ist wahr, daß sie ihr Bestes tat, dieses Gefülü 
zu töten, und sogar jeden Verkehr mit Mortier abbrach, 
doch war schon die Tatsache dieser jähen Liebesgeschichte 
ein fürchterlicher Schlag für Tolstoi. Noch einige Zeit 
dauerte ihr Briefwechsel und dann endeten ihre Beziehungen 
von selbst.^ 

Im Jahre 1862 verliebte sich Tolstoi in Sophia Andre- 
jewna Behrs. Die beiden Familien Behrs und Tolstoi waren 
schon längst miteinander bekannt: die Güter der Großeltern 
lagen unweit voneinander. Tolstoi beschrieb seine Verliebt- 
heit in „Anna Karenina" (Lewin -Tolstoi j Kitty-Sophia Andre- 
jewna). Doch diese Verliebtheit war nicht besonders dauer- 
haft. Tatsächhch litt Tolstoi an Zweifeln vor der Heirat 
ebenso wie nach der Heirat. Einen Monat vor seinem Heirats- 
antrag schrieb er in sein Tagebuch; „Ich habe Angst vor 
mir selbst. Wie wenn es nur der Wunsch zu lieben und 
nicht Liebe ist? Ich versuche mir ihre Schwächen vorzu- 
halten, und dennoch liebe ich."^ Das gegenseitige Verhält- 
nis von Leo Tolstoi und Sophia Andrejewna werden wir 

1) Eirjukow, I, 10. Kapitel. „Ein Roman". 

2) Birjukow, I, 486. 



Drei weitere Erinnerungen wj 



nicht in seiner historischen Wahrheit diskutieren. Es ist 
aher interessant, wie Tolstoi sein Verhähnis zum Eheleben 
schon in der nachkritischen Periode auffaßte. In der Er- 
zählung „Der Teufel" ist Tolstois Seelenkonflikt mit der- 
selben psychologischen Wahrheit (von äußeren Geschehnissen 
abgesehen) wie der Narzißmus in „Vater Sergius" abgebildet. 

Auf dem transsubjektiven Libido\^^eg zeigte Tolstoi ver- 
drängte Sinnlichkeit und intensive Zärtlichkeit zu seiner 
zweiten Mutter und zu einer Reihe von Muttersurrogaten. 
Aber außerhalb seiner Familie vermochte Tolstoi nie irgend 
eine Person mit Libido zu besetzen. 

Tolstoi war ein großer Narziß mit starker Ambivalenz 
der Gefühle. 



k VI 



li 






DER SEELENKONFLIKT 

(Das Sexual-Ich) 

„Das Liebesteben solcher „Jedem wahren Künstler 

Menschen bleibt in die zwei geht es wie dem Bileam, der 

Richtungen gespalten, die von veifluchte, was er segnen wollte^ 

der Kunst als himmlische und und segnete, was er verfluchte, 

irdische (oder tierische) Liebe — und beide Male das segjiete 

personifiziert werden. Wo sie wid verfluchte, was wirklich 

lieben, begehren sie nicht wid Segen und Fluch verdiente, 

wo sie begehren, können sie Denn er tat nicht das, was er 

nicht lieben." wollte, sondern was er mußte." 
PREUD TOLSTOI 

„Gerade so wie mit Bileam, ist es auch mit Leo Tolstoi, 
dem Dichter: sein ganzes Leben hindurch fluchte er, wo 
er segnen, und segnete, "wo er fluchen wollte. Er tat nicht 
das, was er wollte, sondern das, was er mußte. In dem, 
w^orin er seine Schande und seine Sünde sieht — Hegt sein 
ewäger Ruhm und seine Rechtfertigung."^ Der Moralist 
Tolstoi verflucht seine literarischen Werke, aber sem Fluch 
wirkt nicht, seine Erzählungen und Romane werden gelesen, 
entzücken die Leser und bringen ihnen nicht nur Genuß, 
sondern auch Nutzen. Der Moralist Tolstoi hält seine philo- 
sophischen und religiösen Werke für sehr wichtig, und trotz- 
dem widersprechen sie seinem Künstlerschaffen. Der Ver- 
gleich des Künstlers Tolstois mit dem Moralisten Tolstoi 
kann nicht zweifelhaft ausfallen. Während der Erste groß, 

i) Mereschko wski, L. c. S, 250. 



4 



Der SeeleTikonflikt 119 



originell, genial-scharfsinnig, feurig ist, ist der Zweite kalt, 
besser gesagt lauwarm und banal. Und nur soweit der 
Künstler in Tolstois moralischen Werken durchschimmert, 
sind diese Werke imstande, Einfluß auf die Leser auszuüben. 
Und im Gegensatz dazu: wo der Moralist sich tendenziös 
in das Tun des Künstlers mischt, befinden sich in den ge- 
nialen Kunstwerken falsche Striche, die dem ganzen Werk 
w^idersprechen. Besonders deutlich wird der Gegensatz zwischen 
dem Künstler und dem Moralisten in der sexuellen Frage. 
Nehmen wir eine Analyse der in der naclikritischen Periode 
(188g) geschriebenen Erzählung Tolstois „Der Teufel" vor. 

Eugen Irtenjew, 26 Jahre alt, ist genötigt, wegen der Verwickelt- 
heJt der Geschäfte auf dem Gute, das er von seinem Vater geerbt ]iat, 
seinen Dienst in Petersburg aufzugeben und sich auf dem Lande nieder- 
zulassen. „Da wohnte er nun den zweiten Monat auf dem Lande und 
wußte gar nicht, was er tun sollte. Die gezwungene Abstinenz fing an, 
schlecht auf ihn zu wirken .... und da er überzeugt war, daß es 
ihm unbedingt nötig sei, so wurde es ihm wirklich nötig, und er 
begann zu fühlen, daß er nicht frei war und daß er gegen seinen Willen 
jede junge Frau mit den Augen hegleitete." 

[Und doch beweist die ganze Erzählung gerade das Gegenteil: 
Eugen unterliegt dem Triebe, ungeachtet aller Verstandes- 
anstrengungen.] 

Nach langem Zagen und Bedenken \vendet sich Eugen an den 
Wächter Danila, der ihm die Bekanntschaft mit einem jungen Weibe, 
Stepanida, deren Mann in der Stadt wohnt, verschafft. Zum ersten Mal 
treffen sie sich im Walde. „Er näherte sich ihr und, sich umscliauend, 
berührte er sie. Nach einer Viertelstunde gingen sie auseinander ; er 
fand sein Pince-nez, besuchte im Vorbeigehen Danila, gab ihm auf seine 
Frage: Sind Sie zufrieden, mein Herr? einen Rubel und ging nach 
Hause. Er war zufrieden. Die Scham war nur anfangs, dann verging 
sie und alles war gut. Hauptsächlicli war es gut, daß ihm jetzt leicht, 
ruhig und frisch zu Mute war. Dabei hatte er Stepanida nicht einmal 



120 Ossipow: Tolstois Kindheitse?-ifinerungsn 

ordentlich angesehen. Er erinnerte sich nur, daß sie rein, frisch, nicht 
häßlich und einfach, ohne Grimassen, war." 

W ir haben hier ein klares Beispiel für die Selbst- 
aktivität des Geschlechtstriebes und seine von den Reizen des 
Objektes unabhängige Entstehung. Stepanida "war für Eugen 
nur ein „pot de chanibre". Der Anfang seines Verhältnisses 
zu Stepanida ist für ihn eine reine Aktion der genitalen 
Sexualität. In seinen nachkritischen Werken stellt Tolstoi 
das Sexualproblem eben in dieser vereinfachten Form dar, 
in einer Art von „erotischem Materialismus , welcher 
jede „Romantik der Liebe" ausschließt/ Es ist ein 
künstlerisches Experiment. Sehen wir zu, welches Resultat 
es zeitigte. 

Eugens Mutter hat den Wunsch, iliren Sohn zu verheiraten. „Eugen 
träumte selbst vom Heiraten, nur nicht so, wie seine Mutter: der Ge- 
danke, aus der Heirat ein Mittel zur Verbesserung seiner finanziellen 
Lage zu machen, war ihm abscheulich. Er wollte ehrlich eine Liebes- 
heirat eingehen. Unterdessen dauerte, was er gar nicht erwartet 
hatte, sein Verkehr mit Stepanida fort und bekam sogar den Charakter 
von etwas Beständigem. Eugen lagen Ausschweifungen so fern, diese 
heimliche und, wie er fühlte, schlechte Tat, fiel ihm so schw^er, daß 
er sich gar nicht darauf einrichtete und sogar nach dem ersten Rendezvous 
hoffte, Stepanida gar nicht mehr zu sehen, aber es geschah, daß nach, 
einiger Zeit ihn wieder die Unruhe packte, welche er .diesem*^ zu- 
schrieb. Und die Unruhe war diesmal nicht mehr unpersönlich; denn 
Tor seiner Vorstellung standen eben ihre schwarzen, glänzenden Augen, 
ihre tiefe Stimme .... ihr Geruch nach etwas Frischem und Kräftigem, 
ihre hohe Brust, die das Hemd hob, und alles dies in demselben Nuß- 
baum- und Ahorndickicht, das von hellem Licht überflutet war .... 
Wie sehr es ihn auch beschämte, wandte er sich doch wieder an Danila. 
Und wieder wurde ein Rendez-vous um Mittag im Walde bestimmt. 

i) Eulgakow. L. c. 

2) Für Ellgen war der Verkehr mit Stepanida gewissermaßen „tabu", 
deshalb enthielt er sieb, das Sexuelle mit vollen^ Namen zu nennen. 



Der Seelejikonflikt 



121 



Dieses Mal sah Eugen sie näher an, und alles au ihr schien i]iin an- 
ziehend. Aber er beslimmle ihr doch selbst kein Rendez-vous .... Er 
hoffte, dieses Rendez-vous wüi-de das letzte sein. Sie gefiel ihm. Er 
dachte, daß ihm solch ein Verkehr nötig war, und daß dabei nichts 
Schlechtes wäre; aber in seiner Seelentiefe hatte er einen strengeren 
Richter, der es nicht gut hieß. So hoffte er, es sei zum letzten Mal, 
oder wenn er es auch nicht hoffte, so wollte er wenigstens nicht selbst 
an dieser Tat teilnehmen und sie sich fürs nächste Mal vorbereiten." 
Eugen hat drei Strebungen: i. Er strebt danach, eine 
Liebesheirat zu schließen; 2. er strebt nach dem Verkehr 
mit Stepanida; 5. er strebt danach, diesen Verkehr abzu- 
brechen. Wie kann man solchen Widerspruch der Strebungen, 
den Seelenkonflikt in einer Persönlichkeit, verstehen? Die 
einzige Antwort kann nur lauten, daß die menschliche 
Persönlichkeit etwas Kompliziertes ist und daß man das Ich 
des Individuums nicht mit der Persönlichkeit im Ganzen 
identifiziei'en darf, wie im 1. Kapitel ausgeführt wurde. Jede 
Strebung, wie jede psychische Erscheinung überhaupt, gehört 
jemandem, einem Subjekt, einem „Ich" an. Aber ein und 
dasselbe Subjekt kann nicht widei-sprechende Ziele verfolgen. 
Folglich bleibt inis nur die Annahme übrig, daß die Persön- 
lichkeit des Menschen eine organische Einheit von 
vielen Ichs darstellt. Das eine Ich Eugens — das Ich im 
engeren Sinne des Wortes, w^elches wir das Individual- 
Ich genannt haben — strebt nach der Liebesheirat. Das 
andere Ich — das sexuelle Ich, oder das Sub-Ich — strebt 
nach Stepanida. Das dritte Ich — das sittliche Ich oder 
das Supra-Ich — strebt danach, den Verkehr mit Stepanida 
abzubrechen. Das IndividuaUch Eugens denkt, „daß ihm 
solch ein Verkehr nötig und daß dabei nichts Schlechtes 
wäre", aber in seiner Seelentiefe verurteilt ein strengerer 
Richter — das Supra-Ich — den Verkehr mit Stepanida. 




1 22 Ossipow : Tolstois Kindheitserinnerimgen 

Dessen ungeachtet bringt das Sub-Ich Eugen zum Verkehr 
mit Stepanida. Aber das Wiedersehen kommt nicht durch 
die Tätigkeit sämtlicher Kräfte des Individuums zustande, 
sondern ausschließlich durch die Aktivität des Sub-Ichs (des 
Sexual-Ichs). 

„Im Herbst fuhr Eugen oft in die Stadt und befreundete sich dort 
mit der Familie Annenski. Die Annenskis hatten eine Tochter, die eben 
das Institut verlassen hatte. Und hier geschah es z.um größten Bedauern 
von Eugens Mutter, daß er sich, wie sie sagte, zu niedrig einschätzte, 
sich in Lisa Annenski verliebte und ihr einen Heiratsantrag machte. 
Von da an hört das Verhältnis mit Stepanida auf .... Warum Eugen 
Lisa wählte, kann man nicht erklären, wie man überhaupt niemals er- 
klären kann, warum ein Mann eben diese und keine andere Frau wählt. 
Der Gründe w^aren eine Menge — positive, wie auch negative .... 
Die Hauptsache war aber, daß die Annäherung in einer Zeit begann, 
zu der Eugen zur Heirat reif war. Er verliebte sich, weil er wußte, 
daß er heiraten würde. Anfangs gefiel Lisa Eugen nur, aber als er be- 
stimmte, daß sie seine Frau sein würde, empfand er für sie ein viel 
stärkeres Gefühl. Er fühlte, daß er verliebt war .... Ihre Verliebtheit gah 
ihren Augen einen besonderen Ausdruck, welcher Eugen so stark fesselte." 

Eugens Heirat war rationell begründet : das war das 
Werk seines Individual-Ichs, die sexuellen Strebungen folgten 
nur nach und das Supra-Ich willigte ein. Lisa, die seit ihrem 
Institutsleben zur Verliebtheit neigte, verliebt sich in Eugen 
und ihr Verhältnis zu ihm ist ein vollwertiges, d. h. 
sinnliches und zärtliches. — ■ Sie heiraten. 

„Je mehr er sie kannte, desto mehr liebte er sie. Er hatte gar 
nicht erwartet, so eine Liebe zu treffen und diese Liebe vergrößerte 
noch sein Gefühl. " 

[Liebe zur Liebe, Narzißmus.] 

„Die Rührungen und Entzückungen des Verliebten gelangen ihm 
schlecht, obgleich er sich sehr bemühte, sie zu empfinden; aber es gelang 
etwas ganz anderes, nämlich daß das Leben nicht nur fröhlicher und 
angenehmer, sondern leichter wurde. Er wußte nicht, woher es kam, 



1 



Der Seelenkonflikt i^,-- 



aber es war so. Der Grund war wohl, daß für sie gleich nach der Ver- 
lobung feststand, daß niemand auf der Welt sich mit Eugen Irtenjew 
vergleichen könne, daß er höher, klüger, reiner, edler als alle wäre, 
und daß es darum aller Menschen Pflicht sei, diesem Irtenjew zu dienen 
und ihm Angenehmes zu erweisen ; da man aber nicht alle zwingen 
könne, es zu tun, so solle man es nach Kräften selbst vollziehen. So 
tat sie auch; alle ihre Seelenkräfte waren darauf gerichtet zu erfahren, 
zu erraten, was er liebte und es dann zu vollbringen, einerlei was und 
■wie schwer es auch sei. Sie besaß dasjenige, was den Hauptreiz des 
Verkehrs mit einer Hebenden Frau ausmacht, sie besaß dank der Liebe 
2.U ihrem Manne ein Hellsehen für seine Seele. Sie ahnte, so schien 
ihm oft, besser als er selbst jeden Zustand seiner Seele, Jede Nuance 
seines Gefühls und handelte demgemäß; so verletzte sie nie seine Gefühle, 
mäßigte immer seine trüben Stimmungen und verstärkte die freudigen. 
Aber sie verstand nicht nur seine Gefühle, sondern auch seine Gedanken. 
Dinge, die ihr am fremdesten gewesen waren, in der Landwirtschaft, in 
der Zuckerfabrik, beim Urteilen über Menschen, verstand sie plötzlich 
und konnte ihm nicht nur eine Mitsprechende, sondern oft, wie er ihr 
selbst sagte, eine nützliche, unersetzliche Ratgeberin sein. Alles auf der 
Welt sah sie nur mit seinen Augen. Sie liebte ihre Mutter, aber als sie 
sah, daß die Einmischung der Schwiegermutter Eugen unangenehm war, 
stellte sie sich sogleich auf die Seite ihres Mannes und zwar mit solclier 
Entschlossenheit, daß er sie bezähmen mußte. 

An Lisa haben wir ein Beispiel von echter Verliebt- 
heit;, während Eugen die narzißtische Position behält. Eugen 
war die Form und Lisa — die Materie. 

„Das Einzige, das ihr Glück zwar nicht vergiftete, aber bedrohte, 
war ihre Eifersucht; eine Eifersucht, die sie zurückhielt, nicht zeigte, 
aber an der sie oft litt," Aber Lisa hat gar keine äußeren Gründe für 
ihre Eifersucht, bis das folgende geschieht: sie sind das zweite Jahr ver- 
heiratet; Lisa ist im fünften Monat ihrer zweiten Schwangerschaft. (Die 
erste endigte aus traumatischen Gründen in einen Abortus). An dem 
Tag vor Pfingsten ist auf dem Gutshause große Reinigung; unter den 
Frauen, die daran Teil nehmen, befindet sich auch Stepanida. Seit seiner 
Heirat hat Eugen Stepanida gänzlich ,vergessen', hier trifft er sie. 



. 



( 



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134 OssipoiL): Tolstois Kindheitserinnerungen 

„Mit den Augen lächelnd schaute sie ihn lustig an und ihren Rock 
zurück y-i eh end, ging sie zur Tür hinaus. ,Was ist das für ein Unsinn? .... 
Was ist das? .... Es kann nicht sein', sagte sich Eugen, sich ver- 
finsternd und den Eindruck wie eine lästige Fliege abwehrend, 
unzufrieden damit, daß er sie bemerkt hatte und konnte dabei seine 
Augen nicht von ihr wenden, von ihrem Körper, der sich beim kräftigen, 
behenden Gang ihrer nackten Füße wiegte, von ihren Armen, Schultern, 
den schönen Falten ihres Hemdes und ihres roten Rocks, den sie hoch 
über ihre weißen Waden aufgeschürzt hatte .... Er kehrte in sein 
Zimmer zurück, aber kaum hatte er fünf Scliritte getan, als er, selbst 
unwissend wie und auf wessen Befehl, sich wieder umwandte, lun 
sie noch einmal zu sehen .... Als er in sein Zimmer trat, verließ es 
eine alte Frau, eine andere TaglÖhnerin. , Diese ist liinausgegangen und 
jetzt kommt die andere, Stejjanida. alleine herein,' begann plötzlich 
jemand in ihm zu überlegen." 

Eugen ging auf die Terrasse. 

„Mein Gott! Wenn sie, die mich für so ehrlich, rein und un- 
schuldig hält, wenn sie wüßte! dachte er. Lisa empfing ihn, wie immer, 
mit einem leuchtenden Gesicht. Aber heute erschien sie ihm besonders 
blaß, gelb, lang und mager," 

Eugen beginnt einen Kiunpf mit seiner Leidenschaft 
zu Stepanida. Diesen Kampf zu verfolgen^ wäre sehr intei'essant, 
besonders vom psychotherapeutischen Standpunkt aus, aber 
das würde uns zu sehr von unserem Thema ablenken. Ebenso 
wollen wir nicht analysieren^ warum dieser Kampf für 
Eugen unglücklich ausfällt, und was für einen Gedanken 
Tolstoi in dieser Erzählung ausdrücken wollte. Wir wollen 
nur jene Seite dieser Erxählung betrachten, die das Sexual- 
beziehungsweise das Eheleben Tolstois charakterisiert. 

Der neu erwachte sexuelle (sinnliche) Tiieb zu Stepanida 
ist Eugen so fremd, daß er ihn wie eine lästige Fliege ab- 
wehrt und Eugens Ich die Überlegungen über Stepanida 
{„jetzt kommt die andere, Stepanida, .... begann plötzlich 



^ 



^ 



Der Seelenkonflikt 12« 



jemand in ihm zu überlegen") nicht einmal als ihm 
angehörend erkennt. 

„Aber die Hauptsache war, daß er fühlte, daß er hesiegt war, 
daß er keinen eigenen Willen hatte und es eine fremde Kraft war, die 
ihn trieb; daß er sich heute nur durch glückhchen Zufall gerettet hatte, 
aber wenn nicht lieute, so doch morgen oder übermorgen v.u Grunde 
gehen würde. ,Aber ich soll doch etwas tun. Nicht an sie denken', be- 
fahl er sich. ,Nicht denken , und sogleich begann er zu denken und 
sah sie vor sich und sah den Schatten der Ahornbäume." 

Das Sexual-Ich beginnt die Oberhand zu gewinnen, 
wird die Form, welche das Individual-Ich und das Supra- 
Ich Eugens zu organisieren beginnt. 

„Er konnte nicht zu Hause sitzen, sondern wo er auch war, auf 
dem Felde, im Walde, im Garten, auf der Dreschtenne, — überall ver- 
folgte ihn nicht nur der Gedanke, sondern auch Stepanidas lebendiges 
Bild, so daß er sie nur selten vergessen konnte. Das war nicht das 
Ärgste; vielleicht hätte er dieses Gefühl zu überwinden verstanden, ärger 
war, daß er, der früher ganze Monate gelebt hatte, ohne sie zu sehen, 
sie jetzt fortwährend sah und traf. Sie verstand augenscheinlich, daß er 
sein Verhältnis mit ihr aufs neue anknüpfen wollte, und bemühte sich, 
ihm zu begegnen. Weder von ihm noch von ihr war etwas gesagt 
worden; aber wenn er und sie auch nicht gerade zu einem Rendez-vous 
gingen, so bemühten sie sich doch zusammenzukommen." 

Das heißt, daß Eugens Individual-Ich diese Rendez-vous 
nicht wollte, aber das Sexual-Ich nach ihnen strebte. 

„ Er fühlte, daß er die Macht über sich verlor, fast verrückt wurde. 
Seine Strenge gegen sich selbst verringerte sich nicht um ein Haar; 
im Gegenteil, er sah die ganze Abscheulichkeit seiner Wünsche, sogar 
seiner Handlungen, denn sein Spazieren im Walde war eine Handhmg. 
Er wußte, sollte er ihr nur irgendwo im Dunkel begegnen, würde er 
sie, wenn möglich, berühren, wenigstens wenn er seinem Gefühl nach- 
geben sollte. Er wußte, daß nur die Scham vor den Leuten, vor ihr, 
wahrscheinlich vor sich selbst, ihn abhielt," 

[Kein einziges Wort von Lisa also 1] 



I 



:26 Ossipow: Tolstois K iiidhcitser inner un gen 



„Und er wußte, daß er Möglichkeiten aufsuchte, diese Scham zu 
umgehen, die Dunkelheit oder eine Berührung, bei der diese Schani von 
tierischer Leidenschaft erstickt würde . . . ." 

„In solch einem halbverrückten Zustande befand sich Eugen, als, 
wie es oft geschieht, nach den Junigewittem die Juliplatzregen aus- 
brachen. Eugen saß zu Hause mit seiner Frau, die heute besonders 
langweilig war .... Ja, ich soll ausgehen, die Reibeisen besehen, 
man hat sie gestern gebracht, — sagte er. Er stand auf und ging .... 
Aber kaum hatte er zwanzig Schritte gemacht, als sie ihm begegnete, 
mit ihrem hoch über die weißen "Waden gezogenen Rocke .... Was 
willst du? fragte er sie, sie im ersten Augenblick nicht erkennend. Als 
er sie erkannte, war es schon zu spät. Sie blieb stehen und sah ihn 
lächelnd lange an. — Ich suche mein Kalb. Wohin gehen Sie denn ins 
Ungewitter? sagte sie, als ob sie ihn jeden Tag gesehen hätte. ~ Komm 
in die Hütte, sagte er, plötzlich selbst nicht wissend wie, als ob jemand 
anderer aus ihm diese Worte spräche. 

Eugen erkennt im ersten Augenblick Stepanida nicht, 
obgleich er gerade zu ihr geht. Er geht aber vom Sexual- 
Ich getrieberij "was ihm in diesem Augenblick nicht ganz 
bewußt ist. Sein Ich maskiert diese Sexualbetätigungen und 
spielt ihm vor, er ginge die Reibeisen besehen. Darum eben 
erkennt Eugen Stepanida nicht augenblicklich und fragt sie 
ratlos: was willst du? Stepanida aber, die keinen solchen 
Seelenzwd espalt hat, antwortet ihm so, als ob sie ihn jeden 
Tag gesehen hätte. 

Das Rendez-vous in der Hütte findet nicht statt, weil Eugens Frau 
ihm einen Dienstboten nachschickt, um ihn zu erinnern, daß er ver- 
sprochen hat, einer kranken Frau mittags eine Arznei zu bringen. Eugens 
Frau, Lisa, ist eifersüchtig und diese Eifersucht gibt ihr den Antrieb, in 
diesem Falle nach ihrem Manne zu schicken. 

In seinen Leiden bittet Eugen sogar seinen Onkel, den er gar 
nicht achtet, um Hilfei „Retten Sie mich vor mir selbst! 

Eugen reist mit seiner Frau in die Krim ab, ohne daß er ein 
einziges Mal nach jenem Regentage Stepanida wiedergesehen hätte. In 



f 



Der Seelenkonflikt i^y 



der Krim bringen sie zwei Monate sehj- angenehm zu und kehren dann 
auf ihr Gut zurück. 

„An die Leiden der Verführung und des Kampfes hatte er sogar 
zu denken vergessen und konnte sie nur mit Schwierigkeit in seiner 
Vorstellung reproduzieren. Es stellte sich ihm wie ein Wahnsinnsanfall 
vor, den er durchgemacht hatte. Er fühlte sich von ,dem' his zu einem 
solchen Grade frei, daß er sich nicht fürchtete, den Verwalter hei der 
ersten Gelegenheit nach Stepanida zu fragen." 

Dieses Fragen ist schon ein Durchbruch der Verdrängung. 

Eugen hegegnet Stepanida, „ er schaute sie an, erkannte sie und fühlte 
mit Freude, daß er ganz ruhig blieb. " Später trifft er Stepanida noch einmal, 
wie sie Stroh trägt. „Ein paarmal schielte er nacli ihr hinüber, und fühlte 
wieder etwas, konnte sich aber keine Rechenschaft geben. Erst am 
anderen Tage als er wieder auf die Dreschtenne der Meierei fuhr und dort 
zwei Stunden blieb, was gar nicht nötig war, mit den Augen unaufiiörlich 
die bekannte schöne Erscheinung der jungen Frau liebkosend, fühlte er, 
daß er verloren war, ganz rücksichtslos verloren . . . ." 

Tolstoi hat zwei Varianten vom Ende der Erzählung hinterlassen: 
nach der einen tötet Eugen sich seihst, nach der anderen tötet er Stepanida. 

Wollen wir jetzt die Verhältnisse zwischen Eugen und 
Stepanida einerseits und Eugen und Lisa andererseits analy- 
siereuj so müssen wir sagen: 

Infolge der übergroßen Scham und des Widerstandes 
von Eugens Supra-Ich und teilweise auch seinem Individual- 
Ich beginnt sein Roman mit Stepanida sozusagen vom Ende, 
vom Genitalakte. Aber bald kommt die gesetzmäßige Ent- 
wcldung: die Vorlusterlebnisse fangen an zu erscheinen, 
aber noch vor ihrer ganzen Entwicklung bricht der Roman 
ab. Die Tatsache, daß dieser Roman aufhört, ohne seinen 
Entwicklungszykhis durchzumachen, gibt die Möglichkeit zu 
seiner Wiederaufnahme. Und doch ist es zweifellos, daß 
seine Entwicklung nie eine vollwertige werden konnte, weil 
die Zärtlichkeit kaum imstande wäre sich zu entwickeln. 



138 Ossipow: Tolstois Kindheitserinncrungen ^^ 

Das Objekt ist unpassend dazu. Eben darum bricht dieser 
Roman ab und es kann ein neuer Roman mit Lisa an- 
fangen. Die Begegnung mit Lisa erlaubt Eugens Individual- 
Ich, Aktivität zu offenbaren und das Sub-Ich zu besiegen, 
Eugens Heirat mit Lisa, wenn auch nicht aus materiellen 
Rücksichten gescldossenj ist dot:h keine Liebesheirat. Lisa 
verliebt sich in Eugen und diese Verhebtheit zieht, ihn zu 
ihr hin, weil er selbst in sich verliebt und stark narzißtisch 
ist. Lisas Verliebtheit findet bei ihm volles Entgegenkommen, 
in Lisa findet er einen Genossen für seine Selbstbewunderung. 
Außerdem ist seine Heirat mit Lisa auch eine ehrgeizige, 
Eugens Ehrgeiz besteht nicht darin, eine i-eiche Frau zu 
heiraten, wie seine Mutter wollte, sondern gerade darin, mit 
Hintansetzung aller materiellen Rücksichten ein junges 
Mädchen aus seinem Stande zu wählen, damit alle mit ihm 
gemeinsam bewundern könnten, was für ein musterhafter 
junger Mann er sei. Eugens Selbstverliebtheit zwingt ihn, 
seinen Verkehr mit Stepanida aufzugeben, weil er in seinem 
Verhältnis mit ihr nicht genug Anlaß zur Selbstbe^vunderung 
findet. Eugens Ehe ist glücklich, aber die eclite Sexualität 
(irdische, sinnliche Liebe) fehlt ihr. „Die Rühiimgen und 
Entzückungen des Verliebten gelangen ihm schlecht, — ob- 
gleich er sich sehr bemühte, sie zu empfinden." — Lisa gehört 
die Zärtlichkeit, aber keine Sinnlichkeit.^ 



i) Tolstois Drama „Der teilende Leiclmam" ist dem Leben eiitnonuiien 
und gibt ein walires Geschehnis wieder. Trotzdem hat Tolstoi seinem Helden 
viele von seinen eigenen Charakterzügen verliehen. In diesem Drama finden 
wir wieder das Nicht zusammentreffen der sinnlichen imd zärtlichen Strömungen, 
ebenso wie den Narzißmus. Die Zärtlichkeit gehört der Frau und die Sinnlich- 
keit der Zigeunerin. Der Held des Dramas äußert sich über sein Familien- 
leben folgendermaßen: „Das Familienleben? Ja. Meine Frau war eine ideale 
Frau! Sie lebt auch jetKt. Doch, was soll ich dir sagen? Es fehlte die 
Rosine. Weißt du, was in dem Quaß die Rosine bedeutet? (Die Rosine im 
Quaß ist ein Gärmittel). Es gab kein moussierendes Spiel in unserem Leben." 



Der Seelenkonfliht j r>9 

Die neue Begegnung mit Stepanida zwingt das Sub-Ich 
sich zu erheben, ■ 

Eugen spricht vor seinem Selbstmord mit sich selbst in folgender 
"Weise: 

„Ja, zwei Lebensweisen sind für mich möglich: die eine, die, 
welche ich mit Lisa angefangen habe. Der Dienst, die Wirtschaft, das 
Kind, die Achtung der Menschen. Wenn diese Lebensweise .... Dann 
soll es sein, daß sie, Stepanida, nicht existiert. Man soll sie wegschicken 
■wie ich sagte, oder sie vernichten, damit sie nicht sei. " 

Es ist klar, daß Lisa als Persönhchkeit, als Individuum 
keine Rolle in diesem Lebensbüde spielt, sie ist nur ein 
Mittel zur Realisierung von Eugens egoistischen Plänen. 
Dieses Lebensbild ist der Wunschtraum von Eugens 
Individual-Ich. 

„Und die andere Lebensweise ist auch hier. Sie (Stepanida) von 
ihrem Manne fortnehmen, ihm Geld gehen, Scham und Schande ver- 
gessen und mit ihr leben. Aher dann soll es sein, daß Lisa und Mimi 
(das Kind) nicht seien. Nein, was denn, das Kind stört nicht, aber daß 
Lisa nicht sei, daß sie fortfahre. Daß sie erfahre, — verfluche und 
wegfahre. ' 

Das ist der Wunschtraum des Sexual-Ichs. 
Aber hier hebt gleich der Narziß sein Haupt: 

„Daß sie erfahre, daß ich sie für ein Frauenzimmer vertauscht 
habe, daß ich ein Betrüger, ein Niederträchtiger bin, — nein, das ist 
zu schrecklich! Das darf nicht sein." 

Wieder kein Wort von Lisa, von ihrwi wahrscheinlichen Leiden. 
Nur das eine tut ihm leid, daß er ihre Anbetung verlieren werde. 

Nun kommt der Kompromiß: „Ja, aber es kann auch so werden, 
setzte er zu denken fort, — es kann so werden: Lisa wird erkranken 
und sterben. Sie wird sterben, und alles wird schön sein. Schon?! Oh, 
Niederträchtiger! Nein, wenn schon jemand sterben soll, so muß sie 
es ... . Wenn sie stürbe, Stepanida, wie gut wäre es ... . Ja, nur 
zwei Ausgänge, meine Frau zu töten oder sie. Denn so weiter zu leben, 
ist unmöglich. Unmöglich! Man muß nachdenken und vorsehen. Wenn 
9 Ossipoiv: Tolstois Kindheitserinnerungen 



^ 



I 



150 Ossipow: To lstois Kindheitserinnerungen 

es so bleibt wie es ist, was wird daraus? Es wird wieder, daß ich 
mir sagen werde, daß ich nicht will, daß ich abbreche, aber ich sage 
es nur und werde abends auf den Hinterhöfen sein, — und sie weiß 
es und sie wird kommen. Und entweder erfahren es die Leute und 
sagen es meiner Frau, oder ich sage es ihr selbst, weil ich doch nicht 
lügen kann, ich kann nicht so leben. 

Zum ersten Mal hören wir hier die Stimme desSupra-Ichs 
Eugens. Sein Sub-Ich wünschte so ein Leben und sein Individual- 
Ich willigte ein, aber das Supra-Ich verbot es. Dieses Verbot ist 
ein „mir gegebener" Zustand: „Ich kann doch nicht lügen, 
ich kann nicht so leben, — obgleich ich es wünsche." 

Jetzt kommt wieder der Narziß an die Reihe; 

„Ich kann nicht. Alle werden es erfahren, auch Parascha und der 
Schmied." Parascha und der Schmied sind keine Persönlichkeiten aus 
der Erzählung, es sind die ersten besten, die die Dorfbewohner repräsen- 
tieren .... „Nur zwei Ausgänge: meine Frau töten, oder sie ... . Ach, 
ja, es gibt einen dritten: sich selbst, — sagte er mit leiser Stimme." 

Mord und Selbstmord sind Akte. Zum Vollbringen eines 
Aktes genügt ein negatives Ziel nicht, es muß unbedingt 
ein positives geben. 

Die Ermordung der Gemahlin ist ein Lustakt des Sub- 
Ichs. Die Ernnordung Stepanidas — ein Lustakt des Narziß- 
mus. Der Selbstmord ist ein Lustakt des Ideal-Ichs, das mit 
Libido besetzt ist. Die Selbst Verliebtheit Eugens verwandelt 
sich unter dem Einfluß des IdeaLIchs in Selbstabscheu. 
Eugens Libido besetzt mit ihrer Energie das Ideal-Ich und 
das aktuelle Ich ruft den Haß gegen sich hervor. 

Rekapitulieren wir noch einmal die einzelnen Momente 
in Eugens Seelenkonflikt, i.) Eugen hat hohe Ideale in 
Betreff des Familienlebens. „Für mich ist mein zukünftiges 
Familienleben ein Heiligtum, das ich in keinem Falle ver- 
letzen werde." Diese Ideale fordern ein bestimmtes Benehmen. 



Der Seelenkonflikt i^j 



Die Vorstellung von diesem Benehmen ist die Vorstellung 
vom Ideal-Ich. Dieses Ideal-Ich wird mit Libido besetzt und 
dank dieser Libidobesetzung kann das Ideal-Ich wirksam sein. 
Das Vorhandensein des Ideal-Ichs schließt selbstverständlich 
die Anwesenheit des wirklichen Ichs nicht aus. Manchmal 
entspricht das wirkliche Ich den Idealforderungen, manch- 
mal nicht. In diesem letzten Falle entsteht eben ein Seelen- 
konflikt, Konflikt zwischen dem Ideal-Ich und dem wirklichen 
Ich, Konflikt auf narzißtischem Boden, s.) Dieser narzißtische 
Konflikt wird noch durch die sinnliche Neigung zu Stepanida 
und die narzißtisch-zärtliche Neigung zu Lisa verstärkt und 
verschärft, — es entsteht ein Konflikt auf heteroerotischem 
Boden, welcher auf Grund des narzißtischen Konflikts ent- 
standen ist. Betrachten wir die Entwicklung des heteroerotischen 
Konfliktes. Im Verhältnis zu Lisa gab es sehr wenig Sinn- 
liches, nur „Liebe zur Liebe" und Zärtlichkeit. Aber auch 
die Zärtliclikeit tritt bald zurück. Der Konflikt nimmt den 
Charakter eines Konfliktes zwischen Sinnlichkeit (Stepanida) 
und Narzißmus (Lisa) an. 5.) Dieser Konflikt könnte beseitigt 
wrerden, wenn Eugen zu lügen imstande wäre. Da er es 
nicht ist, bleibt der Konflikt ungelöst. Das Individual-Ich ist 
nicht imstande, den drei Strebungen (der Strebung nach 
sinnlichen Genüssen mit Stepanida, der Strebung nach Selbst- 
bew^underung, der Strebung nach Wahrhaftigkeit) eine ein- 
heitliche Form zu geben. Folglich ist der Grundkern von 
Eugens Seelenkonflikt der narzißtische Konflikt: die Un- 
möglichkeit, hohe Ideale mit ausgeprägter Sinnlich- 
keit zu vereinigen. 

Im „Teufel" ist die Sinnlichkeit in klarem Licht ge- 
schildert. Eugen kämpft mit ihr, sieht aber seinen Feind 
oder, genauer gesagt, den Feind seines Ideal-Ichs in seiner 
9' 



152 Ossipow: Tolstois Kindfieitserinnerimgen 

ganzen Kraft und sogar in der Gesetzmäßigkeit seiner Existenz. 
Um die Erforschung von Tolstois psych osexueller Konstitution 
weiter durchzufüliren, ist es ferner notwendig, sich mit der 
„Kreutzer-Sonate" zu beschäftigen/ die Tolstoi in demselben 
Jahre (1889) schrieb. 

Der Held der Geschichte, Posdnyschew, erzählt eine erlebte „Episode" 
— den Mord seiner Frau. Posdnyschew verneint die Möglichkeit einer 
idealen Liebe. „Im Leben dauert diese Vorliebe des einen für den 
andern manchmal, aber sehr selten jahrelang, öfters dauert sie nur 
Monate oder sogar nur Wochen, Tage oder Stunden, sagte er, augen- 
scheinlich wissend, daß er alle durch seine Meinung erstaunte und damit 
sehr zufrieden," (Narzißtische Bewunderung,) „Seelenverwandtschaft! Ein- 
heit der Ideale! wiederholte er ... . aber warum schläft man in diesem 
Falle zusammen? (Verzeihen Sie die Grobheit!) Sonst legen sich die Leute 
infolge der Idealeinheit zusammen schlafen, sagte er und lachte nervös .... 
Bei uns heiraten die Leute, indem sie in der Ehe nichts als den Koitus 
sehen und es entsteht entweder Betrug oder Gewalt .... Mann und 
Frau täuschen den Menschen nur vor, daß sie monogam sind, aber in 
Wirklichkeit leben sie in Polygamie. Das ist schlimm, aber es geht 
noch; aber wenn, wie am häufigsten geschieht, Mann und Frau die 
äußere Verpflichtung auf sich genommen haben, das ganze Leben mit- 
einander zu verbringen, — wenn sie dann schon nach dem zweiten 
Monat einander hassen, sich scheiden wollen und doch zusammen bleiben, 
dann wird es zu dieser schreckHchen Hölle, in der man zum Trunken- 
bold wird, sich erschießt oder einander vergiftet." 

Indem Posdnyschew den gegenwärtigen Zustand des 
Ehelebens so charakterisiertj behauptet er, daß alle Ehen ein 
einziges Ziel, den Koitus, verfolgen, jede Idealisierung sei 
Heuchelei. In Wirklichkeit aber finden Sinnlichkeit und 
Idealisierung ihren ganz natürlichen Platz im Zusammen- 
liange des vollständigen Ablaufs eines Liebesromans. 

1) Die Kreiitier-Sonate. Berlin. Verlag ,,Mysl." igai. (Russ.) Deutsch: 
Die Kreutzer-Sonate. Übersetzt von E. A. HaulT. Berhn. Verlag von Otto Janke. 
1^. Auflage. 



Der Seelenkonflikt igi 



Ja, noch mehr. Die Idealisierung ist ja ein gesetz- 
mäßiges Sexualphänomen — die Sexualüberschätzung. 
Die Frage ist nur, wie oft ein Roman vollwertig abläuft. 
Jedenfalls ist die echte Monogamie möglich und ti'ägt keine 
inneren Widersprüche in sich. 

Posdnyschew geht zu seiner Erzählung über. 

„Bis zu meiner Heirat lebte ich, wie alle leben, d. h. liederlich, 
und war überzeugt, daß ich so lebe, wie es nötig ist. Ich war kein 
Verführer, hatte keine unnatürliche Liebhaberei, machte nicht daraus 
das Hauptziel meines Lebens, wie es viele von meinen Altersgenossen 
taten, sondern überließ mich der Ausschweifung anständig, um der Gesund- 
heit willen. Ich vermied solche Frauen, die mich durch die Geburt 
eines Rindes oder durch ihre Anhänglichkeit an mich fesseln könnten .... 
Aber darin ist ja der Hauptschmutz, rief er. — Die Sittenlosigkeit 
besteht ja nicht in etwas Physischem, keine physische Aus- 
schweifung ist eine Unsittlichkeit, sondern die Unsittlichkeit, die 
echte Unsittlichkeit liegt eben in der Selbstbefreiung von den sittlichen 
Beziehungen zu der Frau, mit der man in physischen Verkehr tritt." 

Jeder Verkehr mit einer Frau müßte also eine vollwertige Liebes- 
beziehung sein. Inwiefern das erfüllbar ist, ist eine andere Frage. 

Posdnyschew erzählt ferner die gewöhnliche Geschichte seines ersten 
Koitus: ein Kamerad verlockt ihn, in ein Toleranzhaus mitzufahren. „Es 
geschah das Schreckliche, daß ich nicht darmn fiel, weil ich der natür- 
lichen Verführung durch den Reiz einer bestimmten Frau unterlag . . . ." 

Bis jetzt ist alles konsequent; im vollwertigen Liebesroman darf 
die Sinnlichkeit vorhanden sein, aber sie muß frei entstehen und nicht 
von Kameraden, Wein usw. hervorgerufen werden. 

„Ich entsinne mich, daß mir sogleich, noch dort, ehe ich das 
Zimmer verlassen hatte, traurig zu Mute wurde, so traurig, daß ich 
weinen wollte. Über meine verlorene Unschuld, über das auf ewig 
verdorbene Verhältnis zur Frau wollte ich weinen. Ja, das natürliche, 
einfache Verhältnis zur Frau war auf ewig verdorben; ein reines Ver- 
hältnis zur Frau hatte ich von damals angefangen nie mehr und 
konnte es nicht haben. Ich war das geworden, was man einen Wüstling 
nennt. 



I 



i- 

I,. 



15^. Ossipow: Tolstois Kindheitserinnerungen 

Vorläufig kommen wir zu folgendem Schlüsse: ein un- 
persönliches Verhältnis zur Frau macht den Menschen zum 
Wüstlingj d. h. es drängt aus allen manigfaltigen Beziehungen 
zu sehr die Sinnlichkeit auf Kosten der Zäitlichkeit hervor. 
Später ergibt sich, daß im Vergleich mit anderen Kameraden 
PosdnyscheAV kein Wüstling im vollen Sinne diese? Wortes war. 

„So lebte ich bis zu 30 Jahren, keinen Augenblick verließ mich 
die Absicht, zu heiraten und mir das höchste, reine Familienleben ein- 
zurichten, unc! darum suchte ich ein zu diesem Ziel passendes Mädchen. 

Hier ist schon eine erste Inkonsequenz: die Answalil 
des Mädchens zur Ehe wird rationalistisch begründet, ob- 
gleich man aus den früheren Worten Posdnyschew^s den 
Schluß ziehen könnte, daß diese Wahl einer „zufälligen" 
Wirkung des Mädchens auf die Sinnlichkeit überlassen 
werden soll. 

„Endlich fand ich ein Mädchen, das ich meiner würdig schätzte .... 
Eines Abends saß ich neben ihr und bewunderte ihre schlanke Gestalt 
im enganliegenden Jersey, ilire Locken, und entschied plötzlich, sie sei 
es ... , Nach einem in ihrer Nähe zugebrachten Tag sehnte ich mich 
nach noch größerer Annäherung." 

Von diesem Augenblicke an basiert Posdnyschews Er- 
zählung auf der Überzeugung, daß die Wahl seiner Braut 
auf Grund der Sinnlichkeit geschehen sei. Wie wir uns 
überzeugen konnteUj spielten aber bei dieser Wahl auch 
rationalistische Rücksichten mit. 

Mit der ganzen Kraft der Tolstoischen Sprache wendet 
sich Posdnyschew gegen die Mütter imd Mädchen, welche 
Bräutigame fangen. Er vergleicht diese Tätigkeit mit Auf- 
stellen von Fallen, in denen die Verführungen, die die 
Sinnlichkeit der Männer erregen, als Lockung dienen: 

„Die Frauen w^issen sehr gut, daß die allerhöchste, die poetische 
Liebe, wie wir sie nennen, nicht von inneren Vorzügen abhängt sondern 



Der Seelenkonßikt i^g 



von der physisclien Annäherung und dabei von der Frisur, von der 
Farbe, dem Schnitt des Kleides .... Die Kokette hat es in ihrem 
klaren Bewußtsein, jedes unschuldige Mädchen weiß es unbewußt, wie 
es die Tiere wissen. Davon kommen diese Jersey, diese Tournüren, 
diese nackten Schultern, Anne, fast die Brüste . . , . Lauter Toleranz- 
häuser .... Sie sagen, daß die Frauen in unserer Gesellschaft andere 
Interessen haben als die Mädchen in den Toleranzhäusern, ich aber 
sat^e — nein, und werde es beweisen. AVenn die Menschen verschiedene 
Lebensziele verfolgen und ein anderes inneres Leben führen, so muß 
sich dieser Unterschied jedenfalls auch im Äußeren ausdrücken, auch 
ihr Äußeres muß verschieden sein. Nun aber sehen Sie jene unglück- 
liehen Verlorenen an und dann die Weltdamen der höchsten Stande. 
Es sind dieselben Gewohnheiten und Gebärden, dieselben Parfüms, die- 
selbe Entblößung der Arme, der Schultern, der Busen, dieselben glatt 
anschließenden Kleider, die das Hinterteil hervortreten lassen, dieselbe 
Leidenschaft für Edelsteine, für glänzende Schmucksachen, dieselbe Gier 
nach Unterhaltung, Tanz, Musik und Gesang. Die einen wie die anderen 
suchen mit allen Mitteln zu verführen. Es ist kein Unterschied vor- 
handen, "Will man strenge Worte gebrauchen, so muß man sagen, daß 
die Prostituierte für den Augenblick gewöhnlich verachtet, die Pro- 
stituierte auf Lebenszeit dagegen verehrt wird. 

„Die Frauen haben aus sich solch ein Werkzeug für die Einwir- 
kung auf die Sinnlichkeit zusammengestellt, daß kein Mann ruhig 
mit einer Frau verkehren kann . . . Wie nur der Mann sich einer 
Frau nähert, sogleich verfällt er ihrem Gift und wird wie verrückt. Und 
firüher wurde mir immer unheimlich, seltsam zu Mute, wenn ich eine 
aufgeputzte Frau mit rotem Kopftuch und aufgebauschten Unterröcken 
oder unsere Damen im Ballstaat sah. Jetzt aber ist mir der Anblick 
geradezu schrecklich, ich sehe etwas Gefährliches und Gesetzwidriges 
darin und fühle das Verlangen, die Polizei zu rufen, um die Ursache 
der Gefahr entfernen zu lassen." 

Wenn Tolstoi auf seinen sch"wachen Punkt, die Ver- 
drängung der Sinnlichkeit gelangt, so läßt ihn sein Künstler- 
eenie im Stich und er wird zum Moralisten, dessen Fehler 
evident sind. So geschieht es auch hier. 



1 56 Ossipow : Tolstois Kindheitserinnet-ungen 

Posdnyschew beschreibt seine sinnliche Reizung beim 
Verkehr mit seiner Braut und plötzlich fängt er an, sie 
durch Quantität und Qualität der Bestandteile der Speisen 
zu erklären. Nach langweiligen Berechnungen, welche Speisen 
der Bauer braucht, sagt Tolstoi, daß dies für den arbeitenden 
Bauer ganz natürlich sei. Die gleiche oder sogar noch reichere 
Nahrung, ruft aber beim Müßigen Sexualerregungen hervor. 

„Im Wesen war diese meine Liebe das Werk einerseits der Tätig- 
keit der Mama und der Schneider, anderseits des Überschusses der von 
mir verschlungenen Nahrung bei müßigem Leben .... Wozu führt das? 
Zu sinnlichen Exzessen. Und wenn es dazu kommt — wird das Sicher- 
heitsventil geöffnet — und alles ist in Ordmmg. Aber schließen Sie 
einmal das Ventil, wie ich es vor meiner Heirat zuweilen versuchte, 
und sogleich entsteht eine Aufregung, welche, angefacht durch Romane, 
Gedichte, Lieder, durch unser müßiges, luxuriöses Leben, eine Verliebt- 
heit erster Sorte hervorruft." 

Also verneint Posdnyschew die ideale Liebe, indem er 
behauptet, es sei alles nur Sinnlichkeit. So wird die ideale 
Liebe zur sinnlichen reduziert und die sinnHche zur Nahrung. 
Am Ende könnte man denken, daß Fleisch, Kaffee usw. eine 
Selbstaktivität besitzen, während unser Ich ganz passiv und 
unser ganzes Leben und Treiben nur ein Spiel der Speisen ist. 

Posdnyschew heiratet in folgender Gemütsstimmung: 
1.) Seine Frau muß eine Vollkommenheit sein. „Meine Frau 
soUte ein Inbegiiff aller Vollkommenheiten sein, unsere gegen- 
seitige Liebe sollte erhaben und die Reinheit unseres Famihen- 
lebens so fleckenlos wie das der Tauben sein." a.) Seine Braut 
reizte ihn sinnlich. 5.) Die Sinnhchkeit ist etwas Abscheu- 
liches. Darauf könnte man erwidern, daß Posdnyschew die 
Grundbedeutung der Sinnlichkeit und ihre Abscheulichkeit 
erst nach dem Mord verstanden hat. Dem ist aber nicht so^ 
wie gleich evident sein wird. 



Der Seelenkonßikt i^j 



„Nun, so haben sie mich gefangen. Ich war verliebt, wie man 
sagt .... Die Zeit der Brautschaft dauerte nicht lange, ich kann jetzt 
nicht ohne Beschämung an dieselbe zurückdenken ! Welche Abscheiilich- 
keitl Man versteht unter der Liehe etwas Geistiges, nicht etwas Sinn- 
liches. Aber wenn die Liebe geistig ist, so muß sich in Worten und 
Gesprächen diese geistige Gemeinschaft äußern. Doch nichts davon war 
bei uns zu finden. Wenn wir allein waren, fiel es uns entsetzlich schwer 
zu sprechen. Was für eine Sisyphusarbeit 1 Kaum hatte man etwas er- 
dacht, was man sagen wollte, so war es schon ausgesprochen, und wir 
schwiegen wieder, um etwas neues zu erdenken. Wir hatten nichts zu 
sprechen .... Und dabei noch diese widerliche Naschhaftigkeit, Konfekte, 
diese grobe Gier nach Süßigkeiten und die Vorbereitungen zur Hochzeit." 

Wir finden hier keine Ahnung von Zärtlichkeit, vollständiges 
Fehlen von Gefühlen des Naheseins, des Teuerseins u. dgl. 

„So heiraten alle, so heiratete auch ich und es begann der so 
viel gerühmte Honigmonat. Der Name allein, wie gemein er schon 
istl . . . . Der Honigmonat bietet nicht das geringste Entzücken, im 
Gegenteil, er ist unangenehm, beschämend, häßlich, kümmerlich und 
vor allem langweilig, ganz unglaublich langweilig. Das ist etwas der Art, 
■was ich fühlte, als ich rauchen lernte, wenn ich den Reiz empfand, 
mich zu erbrechen, den Speichel hinabschluckte und mich anstellte, als 
ob es sehr angenehm sei. Der Genuß beim, Rauchen ist ganz ebenso 
■vrie dabei — wenn er wirklich kommt, so kommt er erst später, vor- 
her müssen die Ehegatten sich zu diesem Laster erziehen, um später 
Genuß daran zu finden. ,Wieso Laster? sagte ich. ,Sie sprechen ja von 
der allernatürlichsten Sache. ,Von der natürlichsten,' sagte er, , natür- 
lichsten? Nein, ich sage Ihnen, ich bin im Gegenteil zur Überzeugung 
gekommen, daß das widernatürlich ist.'" 

Da Posdnyschew die Sinnlichkeit so energisch verneint, sollte er 
natürlich die Vernichtung des Menschengeschlechtes predigen. So ist 
es auch, 

„Was für ein Geschrei! Daß nicht das Menschengeschlecht auf- 
höre zu existieren, wenn ein paar Dutzend aufhören wollen, Schweine zu 
sein .... Warum soll es sich fortpflanzen, das Menschengeschlecht? .... 
Das Ziel des einzelnen Menschen, wie der Menschheit überliaupt, ist 
das Glück. Zur Erreichung des Glückes ist den Menschen das Gesetz 



158 Ossipow: Tolstois Kindheitserinnerungen 



gegeben, das sie befolgen sollen.' Das Gesetz verfolgt die Einigung der 
Menschheit. Diese Eintracht wird jedoch durch die Leidenschaften ver- 
hindert. Die stärkste aller Leidenschaften aber ist die sinnliche Liebe. 
■_ Wenn also die Leidensciiaften, und besonders die stärkste derselben, die 

sinnliche Lielie, vernichtet werden, so vollzieht sich die Einigung, die 
t Menschheit hat das Gesetz erfüllt und hat keinen Grund mehr zu leben . . . , 

[ Alle Religionen sagen ein Ende der Welt voraus und auch nach den 

\ Lehren der Wissenschaft ist dasselbe unvermeidlich. Was liegt also Sonder- 

f- bares darin, daß auch die Lehren der Moral zu demselben Ende führen ? 

\ „Wenn aber der Mensch wie in unserer Gesellschaft nur nach 

■ sinnlicher Liebe strebt, und wenn er sie auch einhüllt in die schein- 

' bar moralische Form der Ehe, so ist diese doch nichts anderes als die 

[. Erlaubnis zur Ausschweifung mit einer und derselben Frau — 

I sie ist doch nur ein sittenloses Leben, in ■welchem ich versank und in 

1 welches ich auch sie hinabzog und das wir moralisches Familienleben 

nennen .... Ich begriff nicht, daß die Worte des Evangeliums, daß 
derjenige, der eine Frau mit Begierde ansieht, schon mit ihr die Ehe 
[ gebrochen hat, — sich nicht nur auf fremde Frauen beziehen, sondern 

hauptsächlich auch auf die eigene Frau." 

! Also erkennt Tolstoi als Ideal die vollständige Enthaltsam- 

keit, die Keuschheit an. Und nur der Unmöglichkeit, die 

\ Keuschheit im Leben durchzuführen, nachgebend, willigt er 

in eine gefülillose Verbindung mit der Ehefrau ein. Mit 
anderen Worten, er verbannt die extra-genitale Sinnhchkeit 

I gänzUch und läßt nur das Minimum der genitalen Sinnlichkeit 

: übrig, indem er letztere auf einen fast mechanischen Akt 

t, herabsetzt. Das ist aber eine Reductio ad absurdum ! Begehren 

ohne Begierde. Tolstoi hat nicht Mut genug, die Vernichtvmg 
I» der Menschheit aufrichtig zu predigen. 

Einen schonen Honigmonat von einem Menschen zu erwarten, der 

^ an Sinnlichkeitsverdrängung leidet, ist kaum möglich ! „Wie sehr ich 

\ mich auch bemühte einen Honigmonat zu verleben, es mißlang .... 

! Je mehr ich mich bemühte, desto weniger gelang es. Die ganze Zeit 

war häßlich, beschämend und langweilig, bald aber wurde es auch 

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Der Seelenkonflikt i^g 



peinlich und unerträglicli . Ich glaube, ain dritten oder vierten Tag traf 
ich meine Frau in tiefer Betrübnis. Ich fragte sie nach dem Grunde, 
umarmte sie, was nach meiner Überzeugung alles war, was sie wünsclien 
konnte, aber sie machte sich los und brach in Tränen aus. Worüber ? 
Sie -wußte es nicht au sagen, aber sie war betrübt luid schwermütig .... 
Ich bestürmte sie mit Fragen, und sie antwortete, sie sehne sich nach 
ihrer Mutter. Dies schien mir nicht die Wahrheit z,u sein. Icli suchte 
sie zu trösten, sprach aber kein 'Nl'^ort von ihren Eltern, Icli begriff 
nicht, daß sie ganz einfach betrübt und die Erwähnung ihrer Mutter 
nur ein Vorwand war. Sie hörte mich nicht an. Dann nannte ich sie 
launisch und spottete über ihre Schwermut. Da plötzlich versiegten ihre 
Tränen und sie warf mir mit den heftigsten Worten grausamen Egoismus 
vor. Ich blickte sie erstaunt an, ihre Miene drückte nur Zorn aus und 
dieser Zorn gah mir. Ich kann das Entsetzen niclit beschreiben, das ich 
bei diesem Anblick empfand. Wie ? Was ist das ? dachte ich. Liebe 
— ein Herzensbund — und dabei dieser Abscheu vor mir \ Was ist 
das? Warum? Das ist nicht möglich! Sie ist nicht mehr dieselbe. Ich 
versuchte, sie zu besänftigen, aber ich stieß auf eine so unerschütterliche 
Mauer, auf kalte, giftige Feindschaft, daß mich plötzlich ein Grimm er- 
faßte, und wir warfen uns eine Menge Bosheiten an den Kopf. Der 
Eindruck dieses ersten Streites war entsetzlich. Ich nenne das einen Streit, 
es war nur die Offenbarung jenes Abgrundes, welcher in Wirklichkeit 
zwischen uns lag. Mit der Befriedigung der Sinnlichkeit verschwand 
die Liebe, und wir beide standen einander gegenüber in unserer 
wahren Gestalt, das heißt als zwei einander vollkommen fremde 
Egoisten, welche so viel Vergnügen als möglich sich durch den anderen 
verschaffen w^ollten, zw^ei Menschen, w^elche sich gegenseitig auszubeuten 
suchten. Was ich Streit genannt habe, war unsere wirkliche Stellung 
zueinander, wie sie sich bei dem Schwinden der Sinnlichkeit zeigte." 

Die beschriebenen Szenen deuten auf vollständiges Fehlen 
von zärtlichen Regungen. Die Sexualität, der keine zärtliche 
Strömung zugänglich ist, erreicht dadurch starke Steigerung 
der Sinnlichkeit (nach der Analogie zweier kommuni- 
zierender Röhren) und regrediert hier zu ihrer Urquelle: 
dem primären Sadismus resp. dem Kannibalismus. 



140 Ossipow: Tolstois Kindheitserinnerungen 

Es folgen neue Zanke. „Ich wurde zornig, warf ihr Mangel an 
Zartgefühl vor. Sie antwortete mit gleichen Vorwürfen, und so begann 
die Geschichte von neuem. In ihren Worten, in dem Ausdruck ihres 
Gesichtes und in ihren Blicken sah icli wieder denselben Haß, der mich 
früher schon so sehr in Erstaunen versetzt hatte. Es war früher vor- 
gekommen, daß ich mit meinem Bruder, mit meinen Freunden, sogar 
mit meinem Vater gestritten hatte, aber niemals hatte sich zwischen 
uns diese giftige Bosheit gezeigt, welche ich jetzt bemerkte," 

„Unsere Streitigkeiten entstanden aus so nichtigen Veranlassungen, 
daß es nachher, wenn sie wieder beigelegt waren, unmöglich war, sich 
darauf zu besinnen. Der Verstand war nicht imstande, der be- 
ständig- zwischen uns schwebenden Feindschaft genug Gründe zu 
liefern. Wie es bei der heiter lachenden Jugend vorkommt, daß sie 
sich nichts Lächerliches zu erdenken weiß, um darüber zu lachen und 
daher über ihr eigenes Gelächter lacht, so vermochten auch wir keine 
Gründe für unseren Haß zu finden und verabscheuten einander ganz 
einfacli deshalb, weil wir in unseren Herzen Abscheu gegeneinander 
hegten. Aber noch erstaunlicher waren die Nichtigkeiten, welche den 
Vorwand zur Versöhnung lieferten. Zuweilen waren es Worte, Auf- 
klärungen, sogar Tränen, zuweilen aber — und icli erinnere mich 
immer mit Abseilen daran — trat nach den heftigsten Reden plötzlich 
Schweigen ein, es folgten Blicke, Lächeln, Küsse, Umarmungen. — Pfui, 
wie erbärmlich! Wie ist es möglich, daß ich diese ganze Kläglichkeit 
nicht einsah?" 

Es unterließ keinem Zweifel, daß Posdnyschews Sinn- 
lichkeit ausgeprägt sadistische Züge trägt. ^ 

i) Einen älmlichen sexuellen Haß beschreibt Tolstoi im „Knabenalter". 
„Ja, das war ein echtes Haßgefiilil, nicbt derjenige Haö, über den man nur in 
Romanen schreibt und an den ich nicht glaube, der Haß, der Genuß findet 
im Verursachen von Übel, Es \var ein Haß, der unüberwindhcben Abscheu 
gegen den Menschen einflößt, welcher dennoch Ilire Achtung verdient, Iluien 
sein Haar, seinen Hals, seinen Gang, den Klang seiner Stimme, alle seine 
Glieder, seine Bewegungen widrig macht; zugleich zieht er Sie mit einer un- 
erklärlichen Kraft an und zwingt Sie mit unruhiger Aufmerksamkeit seinen 
geringsten Handlungen zu folgen." Noch bestimmter drückt den libidinösen 
Charakter des Hasses Lermontow aus: „Ich liebe meine Feinde, obgleich 
nicht nach christlicher Art, Sie belustigen mich, regen mir das Blut auf. 
Immer auf der Wache stehen, jeden Blick fangen, den Sinn jedes Wortes, die 
Absichten erraten . . . ." Diese aniiehende Wirkung des Haßobjektes stellt 
eben das sexuelle Stigma des Hasses dar. 



Der Seelenkonßikt i^i 



Posdnyscliew betrachtet es auch als Verbrechen, daß der ehe- 
liche Verkehr fortdauerte, als die Frau schwanger -wurde, „Man braucht 
nur zu denken, was für ein Wunder in einer Frau vorgellt, wenn sie 
Mutter wird." Posdnyschew meint, daß alles Unheil davon kommt, daß 
man die Frau als Genußmittel betrachtet. Er fordert, daß diese Ansicht 
über die Frau geändert werde. Die ganze Frauenfrage liege nur darin, 
meint er. Er spricht ferner von der Eifersucht. „Ic]i will nicht von jener 
wirklichen Eifersucht sprechen, w^elche mehr oder weniger berechtigt 
ist ... . iVber ich spreche von jener unbestimmten Eifersucht, welche 
die unvermeidliche Begleiterin jener unmoralischen Ehen ist und welclie 
keine Ursache und daher auch kein Ende hat .... Diese Eifersucht ist 
entsetzlich, ganz entsetzlich! .... während der ganzen Zeit meiner Ehe . 
habe ich fortwährend daran gelitten." 

So verläuft das Familienleben in ewigen Streitigkeiten, Szenen, 
Eifersucht. In 8 Jahren hat die Frau 5 Kinder. Die Kinder belästigen 
Posdnyschew sehr, 

„Sie erkrankte und die schurkischen Ärzte verboten ihr zu ge- 
bären und gaben ihr ein Mittel dagegen .... Die letzte Entschuldigung 
für unser schweinisches Leben — die Kmder — verschwand, und unser 
Dasein wurde noch häßlicher .... Das Mittel der schurkischen Ärzte 
begann augenscheinlich zu wirken, sie erholte sich und verschönerte sich 
wie em freundlicher Nachsommer. Sie bemerkte das und beschäftigte 
sich mehr mit ihrer Person .... Sie stand in der vollen Kraft einer 
dreißigjährigen, nicht gebärenden, wohlgenährten, sinnlichen Frau. Ihre 
Erscheinung flößte eine Art von Unruhe ein, wie ein feuriges Pferd, 
welches lange gestanden hat und eingespannt wird, und welchem man 
die Zügel abgenommen liat .... Wenn sie an Männern vorüberging, 
zog sie deren Blicke auf sich .... Mehr und mehr beschäftigte sie sich 
mit ihrer eigenen Person .... Sie spielte wieder mit Vergnügen Klavier, 
das sie bisher ganz vernachlässigt hatte. Damit fing die ganze Geschichte 
an. Dann erschien dieser Mensch .... Er war ein Musiker, ein Geiger, 
halb Musiker von Profession, halb ein Mitglied der Gesellschaft," 

„Unsere Streitigkeiten liatten in letzter Zeit eine schreckliche Heftig- 
keit angenommen und, was besonders erstaunlich war, sie wechselten 
ab mit ebenso heftiger, tierischer Leidenschaft .... Vor jener Kata- 
strophe, mit der ich ein Ende machte, war ich mehrmals dem Selbstmord 



142 Ossipow: Tolstois Kindheä serinnei-ungen 

nahe, und sie inadite auch einen Versuch, sich zu vergiften .... Als 
dieser Herr nach Moskau kam, — sein Name war Truchatschewsky 
— besuchte er mich eines Vormittags .... Aber seltsam, eine merk- 
würdige, unheimliche Kraft veranlaßte mich, ihn nicht abzustoßen, 
sondern im Gegenteil ihn anzuziehen .... Icli litt entsetzlich unter der 
Eifersucht, obgleich — oder vielleicht gerade weil — eine unbekannte 
Gewalt mich gegen meinen Willen veranlaßte, nicht nur höflich sondern 
sogar besonders liebenswürdig gegen ilin zu sein .... Ich mußte ihm 
schmeicheln, um nicht von dem "\'' erlangen überwältigt zu werden, ihn 
zu ermorden." 

Posdnyschews Verhältnis zu Truchatschewsky war ambi- 
valent. Woher kommt aber die positive Seite dieses Ver- 
hältnisses? Wahrscheinlich hatte Posdnyschew den unbewußten 
Wunschj daß Truchatschewsky mit seiner Frau in intime 
Beziehung trete^ dam^it sein FamiUenleben auf die übliche 
polygame Bahn gelange. Zugleich wird die sadistische Stre- 
bung bei Posdnyschew wach. 

„Ich empfand ein heftiges Verlangen, sie (d. h. die Frau) zu 
schlagen, zu erwürgen . . . ." 

Posdnyschews Frau und Truchatschewsky musizieren miteinander; 
unter anderem die Kreutzer- Sonate von Beethoven. „ Die Sonate ist 
schreckUch .... Überhaupt die Musik ist etwas Schreckliches. Warum? 
Das weiß ich nicht. Was ist die Musik? Was bewirkt sie? Und wozu 
bringt sie hervor, was sie bewirkt ? Man sagt, die Musik wirke erhebend 
auf die Seele. Unsinn! Lüge! Sie wirkt schrecklich — ich spreche von 
mir selbst — aber diu-chaus nicht erhebend. Sie wirkt nicht erhebend 
und nicht erniedrigend sondern erschütternd auf das Herz .... Die 
Musik versetzt mich unmittelbar in jenen Seelenzustand, in dem sich 
derjenige befand, der sie komponierte, meine Seele vereinigt sich mit 
der sein igen und gemeinsam mit ihr schwebt sie aus einer Stimmung 
in die andere. Warum aber ? Das weiß ich nicht. Der Komponist der 
Kreutzer-Sonate, Beethoven, wußte, warum er sich in dieser Stimmung 
befand. Diese Stimmung lenkte seine Tätigkeit und darum hatte sie fiir 
ihn einen Sinn, für mich aber ganz und gar nicht. Und darum bringt 
■ die Musik nur eine Aufregung ohne bestimmtes Ziel hervor. Wird ein 



^ 



Der Seelenkort flikt iat. 



Marsch gespielt, sa marschieren die Soldaten im Schritt, bei den Klängen 
eines Tanzes wird getanzt, wird eine Messe gesungen, so verrichtet man 
seine Andacht, in jedem Falle hat die Musik einen bestimmten Zweck 
erfüllt .... Hier aber entstellt nur Aufregung, welche keinem Zweck 
entspricht, und deshalb ist die Musik so schrecklich und hat oft so ge- 
fährliche Wirkungen .... Nelimen w^ir zum Beispiel diese Kreiitzer- 
Sonate, das erste Presto! — und es gibt noch viele solcher Stücke. 
Darf man etwa solche in einem Salon, inmitten von dekolletierten 
Damen, oder in Konzerten spielen, und dann nach dem Beifallklatschen 
ein anderes Stück folgen lassen? Solche Stücke darf man nur unter ge- 
wissen, bedeutsamen Umständen spielen, wenn es sich darum handelt, 
eine wichtige, dieser Musik entsprechende Tat zu vollbringen. Aber einen 
Sturm von Gefühlen hervorzurufen, welche w^eder dem Ort noch den 
Zeitumständen entsprechen und in nichts ihre Betätigung finden können, 
das kann nur verderblich wirken. 

Posdnyschew verreist in Dienstangelegenheiten in. seinen Verwaltungs- 
bezirk. Dort erliält er einen Brief, in dem seine Frau erwähnt, daß 
Truchatschewsky sie in seiner Abwesenheit einmal besuclite. Posdnyschew 
ist überzeugt gewesen, daß Truchatschewsky in seiner Abwesenheit sein 
Haus nicht besuchen werde. Diese Nachricht ruft einen starken Eifer- 
suchtsanfall hervor. Posdnyschew schiebt alle seine Beschäftigungen bei- 
seite und fährt nach Hause. Er kommt um ein Uhr nachts nach Hause 
und trifft seine Frau mit Truchatschewsky beim Abendessen. Posdnyschew 
tritt in das Zimmer mit der Absicht, die beiden zu töten. Zu diesem 
Zweck hält er hinter seinem Rücken einen Dolch verborgen. „Ich erinnere 
mich nur des Ausdrucks ihrer Gesichter, als ich die Tür öffnete. Ich 
erinnere mich deshalb daran, weil mir dieser eine schmerzhafte Freude 
gew^ährte. Es war der Ausdruck des Schreckens, wie ich ihn gewünscht 
hatte .... Wieder empfand ich das Bedürfnis nacli einer Gewalttat und 
gab mich dem Entzücken der Wut hin . . . ." Truchatschewsky ver- 
schwindet und Posdnyschew tötet seine Frau. 

Wir müssen in der Kreutzer-Sonate zwei Seiten unter- 
scheiden: 

1.) Die künstlerisclie Seite. Da haben wir eine 
psychologisch scharfsinnige und malerische Beschreibung des 






L 



1 44 Ossipow : Tolstois Kindheitserinnerungen 

dramatischen Erlebnisses eines Menschen^ der außerordentlich 
sinnlich veranlagt ist, mit Neigung zu Sadismus, der aber 
zugleich seine Sinnlichkeit verdrängt. Es ist ein Drama 
der mißlungenen Verdrängung. Die verdrängte Sinnlich- 
keit hat in der Mordtat die Befriedigung gefunden. 

2.) Die moralisierende Seite. Hier finden wir auch 
t wichtige und interessante Fragestellungen, da sich das ganze 

Drama auf der Basis des gegenwärtigen, verfallenden Familien- 
lebens abspielt. Der Hauptgedanke der Erzählung aber, näm- 
lich daß die absolute Keuschheit oder mindestens die Askese 
im Eheleben als Ideal der Menschheit gelten soll, ist aus der 
Handlung nicht abzuleiten. Posdnyschews Drama ist ein 
t Verdrängungsdrama, ein Sonderfall des Sexuallebens. Aus 

i diesem Sonderfall einen allgemein-gültigen Schluß zu ziehen, 

ist unerlaubt. Nicht jeder, nicht einmal die Mehrzahl hat 
Ekelgefühle beim Gedanken an die Flitterwochen. Diese Er- 
zählung rechtfertigt keineswegs die Askese, sondern im Ge- 
genteil die Sinnlichkeit. Wenn Posdnyschew keinen so starken 
Kampf gegen seine Sinnlichkeit geführt hätte, so hätte sein 
ganzes Leben einen anderen Charakter und es fände kein 
Mord statt. 

I Tolstoi, der Moralist, verneint, haßt und verdrängt die 

Sexualität. Tolstoi, der Künstler, zeigt uns die volle Macht 
der Sexualität, die keine echte Verdrängung ohne Subli- 
mierung zuläßt. Tolstois Helden kämpfen gegen die Sexuali- 
• tat zu Gunsten des Ichideals, nicht wegen der überpersön- 

lichen Ziele. Das verbirgt aber einen inneren nicht zu über- 
windenden Widerspruch; Jedes Ideal hat Anspruch auf Voll- 
kommenheit, aber der Mensch ohne Sexualität in direkter 
oder sublimierter Form ist kein Mensch mehr, sondern ein 
Krüppel. ..--.... 



Der Seelenkonflikt j,ic 



I 



Die Kreutzer-Sonate ist in gewisser Beziehung eine Psycho- 
analyse, da alle Erlebnisse auf das elementare Triebleben, im 
besonderen auf das Sexualleben reduziert werden. Nur ist die 
Psychoanalyse tendenzfrei, hält sich von jeder Wertung fern. 
„Die Psychoanalyse will nichts anderes als Zusammenhänge auf- 
decken, indem sie Offenkundiges auf Verborgenes zurückführt.'" 
Die Tatsache, daß die ideale Liebe ihrer Herkunft nach sinnliche 
Liebe ist, sagt noch absolut nicht, daß die ideale Liebe deshalb 
jeden Wert verliert. Die Herkunft als solche entwertet die Er- 
scheinung nicht. Wir können nur sagen, daß die Sexualität als 
solche kein Wertphänomen darstellt, sondern einfach ein Faktum 
ist. Diese Meinung spricht auch Posdnyschew im Anfange 
seiner Erzählung aus, dann aber vergißt er sie gänzlich. Diese 
Ansicht wurde schon von Plato^ ausgesprochen und neuerdings 
von Rickert^ erläutert. Die Instinkte sind wertindifferent, wir 
können nicht sagen, ob es gut oder schlecht ist, sich zu ernähren, 
das ist conditio sine qua non des Lebens und nichts weiter. 

Tolstoi kommt in seinem Verdrängungseifer zu einem 
evident absurden Schluß, indem er behauptet, daß die Natur 
selbst das Sexuelle als etwas Schweinisches brandmarkt. Jede 
Sexualitätsverneinung ist eine Kulturerscheinung. Die Ver- 
drängung der Sinnlichkeit ist ein allgemeines Kulturleiden, 
sie charakterisiert das Liebesleben des Kulturmenschen.^ 

Es ist noch zu bemerken, daß Tolstoi sehr oft den || 

Kampf mit den Naturgesetzen mit dem Kampf um die 
hygienischen Regeln verwechselt. * 

Soviel über die Kreutzer-Sonate. 

i) Freud, Über die allgemeinste Erniedrigung des Licbesleben. Vierte 
Folge, L. c. S. 224. 

2) „Gastmahl." Die Rede des Fausanias. 

5) „Lebenswerte und Kuiturwerte." Logos. 

4) Preud, Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens, L. c. 

]o Ossipoiu; Tolstois TCiTidJicitserinncningen 



L 



146 Ossipow: Tolstois Kindheitsermnerungen 

Welche Hinweise auf Tolstois psychosexuelle Konsti- 
tution sind nun in den Erzählungen „Der Teufel" und 
die „Kreutzer-Sonate" enthalten. 

1.) Die Kreutzer-Sonate belehrt uns, daß Tolstoi sadistische 
Neigungen hat. Das fügt sich ganz gut zu unserer Ver- 
mutung; daß bei Tolstoi die anal-sadistische Phase in der 
Kinderzeit stark ausgeprägt war. Im weiteren Leben mani- 
festierte sich der Sadismus in Selbstquälerei. Wie Meresch- 
kowski ganz richtig bemerkt, ist Tolstois „Beichte" eine 
moralische Selbstgeißelung. 

3.) Tolstois Familienleben entsprach, seinem psycholo- 
gischen Charakter nach, dem Verhältnis Eugens zu Lisa. 
Es fehlte die eigentliche Sinnlichkeit. Es fehlte die Rosine. 
Es versteht sich von selbst, daß die Tatsache, daß die Familie 
Tolstoi 15 Kinder erzeugte, nicht dagegen spricht. Die 
Sinnlichkeit war, wenigstens in Phantasien, auf Objekte von 
niederem Stande gerichtet. Vielleicht war dieser Umstand 
eine der Ursachen von Tolstois Neigung zur Verein- 
fachung, zum Volke ? Tolstois heteroerotische Libido w^ar 
zu stark an die Mutter-Imago (und Schwester?) fixiert, darum 
stellte er große Forderungen an seine Frau. „Meine Frau 
sollte ein Inbegriff aller Vollkommenheiten sein." (Kreutzer- 
Sonate). Ahnliche Forderungen finden wir in den anderen 
ß dichterischen Werken Tolstois, wie auch in seiner Biographie. 

Die Fixierung an zwei Mutter-Imagines hatte zur Folge, 
daß Tolstoi immer zwei Lebensweisen hochschätzte. Die 
zw^eite Mutter ist etwas sehr gutes, aber die erste ist viel- 
leicht noch besser. Und Tolstoi hatte immer zwei Lebens- 
ansichten; gut ist ein unmittelbares, unreflexiertes, sinnliches 
Leben, das Naturleben, aber gut ist auch ein ideales, alle 
5innHchkeit verdrängendes Leben. - . 



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Der Seeletikonflikt i^y 



5.) Starke Verdrängung der Sinnlichkeit führte dazu, 
daß auch die Musik, die Poesie, die Dichtung verdrängt 
wurden. Von der Musik vei'drängung war schon oben die 
Rede. Posdnyschews Ansichten können wir auch Tolstoi 
selbst zuschreiben, weil Tolstoi sie in seinem Nachworte zu der 
Kreutzer-Sonate in seinem eigenen Namen wiederholt. 

„Wein, Weib und Gesang! sagen die Poeten. Betrachten 
Sie einmal die ganze Poesie, die ganze Malerei und Skulptur 
mit diesen nackten Statuen der Venus und Phryne, und Sie 
sehen, daß die Frau ein Genußmittel ist." Tolstoi verneint 
die Dichtiuig, weil sie dank ihrer Fähigkeit, die Sinnlich- 
keit hervorzurufen, gefährlich sei. Die verneinende Beziehung 
zur Wissenschaft hat auch in der Sinnlichkeitsverdrängung 
eine ihrer Wurzeln. Kurz und gut, alles unterliegt der Ver- 
drängung, was die Sinnlichkeit erregen kann: Konfekt, zu 
reiche Nahrung, Tanz, Musik, Dichtung. Tolstois Verdrängung 
trägt den Charakter der Angsthysterie. Zuerst besetzt er 
ebenso wie seinen eigenen Körper, so auch den fremder Per- 
sonen mit Libido. Siehe die erotische Schaulust in der zweiten 
Erinnerung. Und nicht nur das Körperliche, sondern sogar die 
Damenkleider ziehen sein Interesse an. Tolstois Verwandter, 
Fürst D. D. Obolenskii, erzählt: Ich erinnere mich seiner 
als „homme du monde", als ich ihn noch auf Bällen sah, 
und ich erinnere mich einer Bemerkung von ihm: „Sehen 
Sie doch, wieviel Poesie in der Ballrobe einer Frau liegt, 
wieviel feiner Geschmack, wieviel Denken und Herrlich- 
keit schon allein in den Blumen, die ans Kleid gesteckt 
sind."^ Nachher unterliegt das Körperliche der Verdrängung. 
Der Verdrängung unterliegt nämlich der Affektbetrag, die 
Vorstellung bleibt im Bewußtsein intakt. Der verdrängte 

1) Birjukow, II, 289. 



148 Ossipow: Tols tois Kindheitserinnerungen 

Affekt verwandelt sich in Angst. Die Angst bezieht sich auf 
das KörperUchej wie wir das in der Kreutzer-Sonate sehen 
(ähnhche Erlebnisse finden wir auch in der „Auferstehung"). 
So eine Verdrängung können wir als eine wirklich miß- 
glückte betrachten. In -w^eiterer Entwicklung kommt es „zur 
Bildung eines Fluchtversuches, der eigentlichen Phobie, einer 
Anzahl von Vermeidungen, welche die Angstentbindung aus- 
schließen sollen")-^ Man kann sagen, daß aller moralisierenden 
Tätigkeit Tolstois eine echte Phobie vor dem Sinnlichen 
zugrunde liegt. 

So verwandelt sich der Liebling in den Feind. In seinen 
dichterischen Phantasien tötet Tolstoi seinen Feind — die 
Sinnhchkeit — in der Person von Stepanida und Posdny- 
schews Frau, im Leben strebt er in seinen Moralschriften 
gleichfalls die Ausrottung der Sinnlichkeit an. 

Wir wollen jetzt in groben Zügen den Entwicklungs- 
gang der heteroerotischen Libido Tolstois skizzieren. 

1 .) Zuerst herrscht die mannigfaltige Sinnlichkeit (zweite 
Erinnerung) und Zärtlichkeit, die an die erste Mutter fixiert ist. 

2.) Die Libido besetzt zugleich das Idealbild der ersten 
Mutter und die zweite Mutter. 

5.) Es etabhert sieb die anal-sadistische Organisation. 

4.) Es findet die Verdrängung der Sinnlichkeit statt 
(vierte Erinnerung). Als Resultat dieser Verdrängung bildet 
sich der Analcharakter aus. (Ordentlich, sparsam, eigensinnig.) 

5.) In der Beziehung zu Katinka haben wir den ersten 
Durchbruch der Sinnlichkeit. („Die Verdrängung ist mobil" 
Freud) und die erste Aufwendung von Zärtlichkeit für ein 
fremdes Objekt (d. h. nicht die Mutter). 

1) Freud, Die Verdrängung. Vierte Auflage. L. e. 



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Der Seelenkonflikt i^n 



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6.) Die Sexualität wird gespalten: die sinnliche Strömung 
verdrängt, die zärtliche auf Sonitschka gerichtet. 

j.) Zur Zeit der Pubertätsreife wird die Verdrängiuig 
besonders evident: die Sinnlichkeit gehört Mascha, wird aber 
verdrängt. Auf ihre Kosten entwickelt sich die Neigung zum 
Philosophieren, die Grübelsucht. 

8.) Die Spaltung tritt klar zu Tage : die Sinnlichkeit 
gehört teilweise den niederen Objekten (Marianka in der 
autobiographischen Erzählung „Kosaken" und etliche Weiber 
überhaupt), teilweise in gehemmter Form den Gesellschafts- 
damen (Siehe die im Kap. V erwähnten Romane). Die Zärt- 
lichkeit bleibt an die Mutter fixiert. Und doch w^ird die 
Sinnlichkeit nicht in den Verhältnissen mit niederen Objekten 
erschöpft. Sie wird teilweise sublimiert und ihre Energie auf 
dichterisches Schaffen resp. mannigfaltige Tätigkeit (landwirt- 
schaftliche, militärische, pädagogische), die mit großem Eifer 
ausgeführt wird, verbraucht. Zugleich aber wird die ver- 
drängte Sinnlichkeit als ätiologisches Moment der neurotischen 
Erscheinungen wirksam (Grübelsucht, Reinlichkeitstrieb, Angst, 
Schüchternheit und anderes). 

9.) Durchbruch der Sinnlichkeit und das nicht lange 
dauernde Zusammentreffen der sinnlichen und zärtlichen 
Strömungen in der Beziehung zu Sophia Andrejewna. 

10.) Neuerliche Spaltung. Unmittelbare Sinnlichkeit wird 
nur im Verhältnis zur Frau als genitale Sinnlichkeit manifest. 
Die extra-genitale wird definitiv und gänzlich verdrängt. 

11.) Eine Unterbrechung des glücklichen Familienlebens 
durch stark ausgeprägte Angstneurose. So schreibt Tolstoi 
während der Reise ins Pensensker Gouvernement an Sophia 
Andrejewna: „Seit zwei Tagen quält mich eine entsetzliche 
Unruhe! Vorgestern übernachtete ich in Arsamas und mir 



150 



Ossipow: Tolstois Kindheitserinnerungen 



passierte etwas ganz Ungewohntes .... Plötzlich überfiel 
mich eine furchtbare Trauer, Schrecken, ein furchtbares Ent- 
setzen, wie ich es noch nie verspürt habe .... möge Gott 
jeden davor behüten .... Ich kann allein sein, wenn ich 
fortwährend beschäftigt bin, aber ohne Arbeit, wie jetzt, 
fühle ich, daß ich nicht mehr einsam sein kann." 

12.) Die Krise. „In einem seiner autobiographischen 
Werke erklärt Tolstoi selbst, daß es eine eigentliche Krise, 
eine Umwälzung in seinem Leben gar nicht gegeben habe."^ 
Das war nur eine starke Aufw^allung der Sinnlichkeit und 
eine dementsprechend starke Verdrängung derselben. 

15.) Nachkritische Periode. Die Verdrängung alles Sinn- 
lichen als ein phobisches Phänomen. 

Tolstoi erlebte das Schicksal Eugens und Posdnyschews 
darum nicht, weil er seine Sinnlichkeit im Schaffen sublimierte. 



1) Birjukow, 11, 93. Die Angstzustände sind außerordentlich Scharf- 
sinnig und malerisch in den „Aufzeichnungen eines Geisteskranken" (aus dem 
Nachlasse) geschildert. 

2) Birjukow, II, 511. 



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fc-. 



I , 



VII 

„DIE AMEISENBRÜDER" 

(Das Supra-Ich) 



Außer den „Ersten Erinnerungen" hat Tolstoi noch 
die „Kindheitserinnerungen" geschrieben. Dieses Werk 
ist (1903 — 1906) den Bitten Birjukows, Tolstois Biographen, 
zufolge entstanden. Schon aus der Einleitung zu diesen „Kind- . 
heitserinnerungen" sehen wir, daß sie bei weitem nicht den- 
selben psychologischen Wert haben, wie die von uns ana- 
lysierten „Ersten Erinnerungen". Tolstoi schreibt: „Indem 
ich meinem Leben diesen Spiegel "vorhieltj das heißt, indem 
ich es vom Standpunkte des Guten und des Übeln, das ich 
getan hatte, prüfte, sah ich . . . ."^ Das sind keine frei- 
steigenden Erinnerungen mehr, sondern tendenziöse. „Ich 
glaube, daß eine solche Autobiographie, wenn auch sehr 
mangelhaft, den Menschen nützlicher wäre, als all das künst- 
lerische Geschwätz, mit dem die zwölf Bände meiner -j 
Werke erfüllt sind und welchem die Menschen unserer Zeit 
eine unverdiente Bedeutung beimessen."^ Tolstoi gelang es 
nicht, seine Absicht auszuführen, er hat nur einige Skizzen 
niedergeschrieben. Diese Skizzen sind aber dadurch bedeutungs- 

1) Birjukow, I, 17. 
a) Birjukow, I, 18. 



1 



152 Ossipow: Tolstois Kindheitserinnerungen 



y voUj daß sie uns bestimmte Tatsachen vermitteln^ auch in 

' psychologischer Beziehung enthalten sie manche wichtige 

Aufzeichnungen. Ihnen haben wir die Erinnerungen an die 
\ - Mutter, an Tatjana Alexandrowna und andere entnommen. 

( Außerdem finden sich hier auch Tolstois Erinnerungen an 

das grüne Stäbchen. 

\ 

„Ja, der Fanfaronow-Hügel ist eine meiner frühesten, liebsten 

i und wichtigsten Erinnerungen. Mein ältester Bruder, Nikolenka, war 

I sechs Jahre älter als ich. Er war also zehn oder elf, als ich ^-ier oder 

fünf Jahre alt war. — Damals nämlich, als er uns aiif Aen Fanfaronow- 

I Hügel führte Seine Phantasie war so reich, daß er stundenlang 

\ Geistergeschichten oder Humoresken nach Art der Mrs. Radcliffe er- 

zählen konnte, ohne zu stocken oder zu zögern — in einem Tone der 
Wahrhaftigkeit, der ganz vergessen ließ, daß, was er erzalilte, Erfindung 
war .... Eines Tages, ais ich fünf, Mitenka sechs und Serjoscha sieben 
Jahre alt war, verkündete er uns, er wisse ein Geheimnis, dessen Ent- 
hüllung alle Menschen glücklich machen würde; es sollte dann weder 
Krankheit noch Sorgen mehr geben; keiner wurde mehr dem andern 
zürnen; alle würden einander lieben, alle würden , Ameisenbrüder' 
werden. Er meinte wahrscheinhch ,Mährische Brüder', von denen er 
^ gehört und Über die er gelesen hatte. In unserer Sprache aber bheben 

sie die Ameisenbrüder. [Der russische Ausdruck für Ameise ist Murawei; 
Mähren =Morawja; daher die Verwechslung.] Und ich entsinne mich, 
daß uns das Wort Ameise besonders gefiel, weil es uns an die Ameisen 
in einem Ameisenhaufen ermnerte. Wir erfanden sogar ein Ameisen- 
brüderspiel, das darin bestand, daß wir unter Stühlen kauerten, hinter 
Schachtehi Schutz suchten, uns hinter Tüchern verbargen imd so im 
^ Dunkeln, dicht aneinander gedrückt, herumkrochen. Ich weiß noch, 

,-^' daß ich dabei ein besonderes Gefühl der Liebe und Ergriffenheit ver- 

(, spürte und dieses Spiel sehr gerne hatte. In die Aineisenbrüderschaft 

waren wir somit aufgenommen; doch das Hauptgeheimnis, das die Tilgung 
a]ler mensclilichen Leiden in sich harg, das Ende von Zank und Zorn 
bringen sollte und das Mittel, unveränderlich glücklich zu werden, dies 
Geheimnis hatte er, wie er uns sagte, auf ein grünes Stäbchen 
geschrieben und dieses Stäbchen an der Straße, am Rande eines 



Die Ameisenbrüder ^^x 



I 



Abhan^fes, vergraben. An dieser Stelle möchte ich, da mein, Leichnam doch 
irgendwo ruhen muß, begraben werden — in Erinnerung an Nikolenka. 
Außer diesem kleinen Stäbchen gab es ein anderes Mysterium, einen 
gewissen ,Fanfaronow-Hügel , auf welchen er uns zu führen verspracli, 
sobald wir die erforderlichen Prüfungen bestanden haben würden. Diese 
Prüfungen waren: erstens, in einer Ecke zu stehen und nicht an einen 
weißen Bären zu denken. Ich erinnere mich, wie icli midi in eine 
Ecke stellte und es versuchte, aber unmöglich vermeiden konnte, an den 
weißen Bären zu denken. Die zweite Bedingung war, oline Scliwanken 
eine Bretterfuge am Fußboden entlang zu gehen ; und die dritte, leicliteste, 
ein ganzes Jahr lang weder einen lebenden noch einen toten oder ge- 
bratenen Hasen anzuschauen; außerdem mußten wir uns verpflichten, 
dieses Geheimnis keinem zu verraten. Wer diese Bedingungen und andere 
noch schwierigere, die uns Nikolenka später enthüllen wollte, bestand, 

dessen Wimsch sollte in Erfüllung gehen, was es auch vi'äre Den 

tiefsten Eindruck aber hat mir die .Anieisenbruderschaft' hinterlassen 
und das damit zusammenhängende geheimnisvolle grüne Stäbchen, das 
alle Menschen glücklich machen sollte. Heute nehme ich an, daß Niko- 
lenka wahrscheinlich von den Freimaurern gelesen oder gehört hatte, 
von ihren Bestrebungen für das Glück der Menschheit und den geheimnis- 
vollen Einweihungsriten bei Eintritt in den Orden; er hatte wahr- 
scheinlich auch von den ,Mährischen Brüdern' gehört und all dies in 
seiner eifrigen Phantasie, seiner Menschenliebe und Herzensgüte mit- 
einander vermengt und daraus die Geschichten erdichtet, die ihm selber 
Freude bereiteten und uns mystifizierten. Das Ideal der Ameisenbrüder, 
die sich Hebend aneinander schmiegen — wenn auch nicht unter zwei 
Lehnstühlen, hinter Vorhängen und Tüchern — nein, die ganze Mensch- 
heit Hand in Hand unter der weiten Himmelskuppel eng vereint, ist 
für mich stets dasselbe geblieben. 

Zu den „Ameisenbrüdern" kehrt Tolstoi am Schlüsse 
seiner unvollendeten Skizzen noch einmal zurück : 

„Ich will nur von einem Seelenzustand erzählen, den ich mehr- 
mals in der ersten Kindheit erlebt hatte, und welcher, glaube ich, wichtig, 

i) Tolstois Werke. B. I. Kindheitserinnerungen, Verlag „Slowo" (Russ.) 
Birjukow, I, 85-88. 



154 OssipowT Tolstois Kindheit serinner uri gen 



r 



wichtiger als viele später erlebten Gefühle war. Es war die erste Liebes- 
erfahrung, nicht Liehe zu einer Person, sondern Liebe zur Liebe. Liebe 
zu Gott — ein Gefühl, das ich später nur selten aber dennoch empfand, 
dank der Spur, glaube ich, die in erster Kindheit gehahnt war. Damals war 
dieses Gefühl folgendermaßen entstanden: wir, besonders ich mit Mitenka 
und den Mädchen, setzten uns unter Stühle, so dicht wie möglich zu- 
t einander. Diese Stühle verhängten wir mit Tüchern, umzäunten sie mit 

r Kissen und sagten, wir seien Ameisenbrüder, und dabei fühlten wir eine 

besondere Zärtlichkeit zueinander. Manchmal ging diese Zärtlichkeit 
in Liebkosungen, in Einanderstreicheln, sich Aneinanderschmiegen 
über, aber das geschah selten und wir fühlten selbst, daß es nicht das 
Rechte war und hörten gleich wieder damit auf, Ameisenbrüder zu sein, 
wie wir es nannten (wahrscheinlich waren es irgend welche Geschichten 
über die Mährischen Brüder, die durch Nikolenkas Fanfaronow-Hügel 
zu uns gelangten), bedeutete nur, sich von allen und allem abzusondern 
' und einander zu lieben. Manchmal redeten wir unter den Stühlen dar- 
über, was und wen ein jeder liebte, was für das Glück nötig wäre, 
wie wir leben und alle liehen wallten. So weit ich mich entsinne, 
pflegte dieses Spiel aus dem Reisespiel zu entstehen. Man setzte sich 
auf Stühle, spannte Stühle an, richtete einen gedeckten Wagen oder ein 
Kabriolet ein, und eben die im Wagen Sitzenden gingen aus Reisenden in 
Ameisenbrüder über. Zu ihnen gesellten sich die übrigen. Es war sehr, 
sehr gut und ich danke Gott dafür, daß ich spielen konnte. Wir nannten 
es Spiel und dennoch ist alles in der Welt Spiel außer diesem."^ 

Betrachten wir diese letzte Erzählung von den Ameisen- 
brüdern etwas näher. Wir finden hier wie in der ersten 
Erinnerung das Bild, den Seelenzustand, die Beschreibung 
desselben, und seine Reduzierung auf eine Formel. Außer- 
dem haben wir hier noch ein Moment mehr, nämlich die 
Hinweisung auf die Psychogenese dieses Seelenzustandes. 

Das Spiel selbst gehört in die Gruppe der Phantasie- 
spiele, denen die introvertierte (d. h. auf die Phantasiebilder 
L . gerichtete) Libido zu Grunde liegt. Außerdem hat an dem 

i) Tolstois Werke. L. c. 



Die Ameisenbrüder ^ sg 



Reisespiel auch die Muskelerotik Anteil. Das Ganze ist folg- 
lich ein Sexualerlebnis. 

In der Beschreibung des Spieles haben wir vier sukzes- 
sive Seelenzustände zu unterscheiden. i.)Ein zärtlich-sinnlicher 
Sexualzustand. Q.) Der Zustand der Sinnlichkeitsverdrängung. 
5.) Der Zärtlichkeitszustand. Dieser letztere ruft einen Ver- 
gleich mit dem Haufen von Hündchen im Uterus der Hündin 
hervor. Das ist ein pi-imär-narziß tisch er Seelenzustand. Das 
ist kein Spiel mehr oder, richtiger gesagt, noch kein Spiel 
(Vgl. Kap. V), sondern ein reines Sexualphänomen. Das ist 
die zeitliche Regression. Dieser Zustand bereitet Genuß, weil 
er „die sicherste Libidoposition", den Narzißmus, wieder 
herstellt. 4.) Dann kommt eine neue Änderung des Seelen- 
zustandes. Die Zärtlichkeit bekommt ein neues Objekt: ein 
Idealbild der allgemeinen Menschenliebe, das von Nikolenka 
den anderen Kindern eingegeben ist. Die verdrängte Sinn- 
liclikeit wird sublimiert, d. h. ihre Energie wird auf dieses 
Idealbild gerichtet. Dieses Idealbild ist von außen (von 
Nikolenka) aufgenötigt.^ 

Das weitere Schicksal dieses letzten Seelenzustandes, der 
als Keim zu betrachten ist, kann verschieden sein, je nach- 
dem, was in der weiteren Entwicklung bevorzugt wird: die 
Idealisierung oder die Sublimierung. Lenken wir unsere Auf- 
merksamkeit auf Lewotschka. Wenn wir an dem oben ge- 
brauchten Vergleich mit den Hündchen im Uterus festhalten, 
so ist sein Zustand der des Narzißmus. Alle Geschwister 
werden dabei in seinem Ich aufgelöst. Das von außen auf- 
genötigte Ideal wird von Lewotschka als ein Ideal, das er 
allein zu reahsieren hat, aufgefaßt, es wird zum Icliideal 
resp. Ideal-Ich, und die Entwicklung bleibt auf narzißtischem 

1) Vgl. Freud, Zur Einführung des Narzißmus. L. c. 



I 



ig6 Ossipow: Tolstois Kindheit s erinnerun gen 

Wege geschlossen. Anderseits hätte ein anderes Moment mehr 
Eindruck auf Lewotschkas Seele machen können, nämlich 
die allen Kindern gemeinsame Strebung zur Verwirklichung 
des allgemeinen Glücks, die Selbstvergessenheit zu Gunsten 
des Allgemeinwohls, eine echte Sublimierung, also keine Ver- 
drängung der Sexualität, sondern ihre Anwendung auf höhere 
Ziele. Wir wissen schon, daß Leo Tolstoi den ersten Weg 
gegangen ist. Der Hauptunterschied liegt darin, ob die Mehr- 
zahl der Kinder als eine solche aufgefaßt wird, oder ob sie 
im eigenen Ich verschwindet. 

Fragen wir nun, was oder w^er die Sinnlichkeit ver- 
drängt hat 5 ob die Ideale immer von außen aufgenötigt 
werden; und was eigentlich die Sublimierung bedeutet. 
Wenn wir auf diese Fragen antworten, daß die Verdrängung 
eine Leistung des Supra-Ichs ist, daß die Ideale auch vom 
Supra-Ich ausgehen können und die Sublimierung eine Libido- 
besetzung des Supra-Ichs darstellt, dann entsteht eine neue 
Reihe von Fragen: was ist unter dem Supra-Ich zu ver- 
stehen? Wie ist das gegenseitige Verhältnis zwischen Supra- 
Ich und Ideal-Ich aufzufassen, und welche Verbindung be- 
steht zwischen Sittlichkeit und Sexualität? 

Wie bereits im i. Kapitel angekündigt, befassen wir 
uns hier nur mit dem sittlichen Supra-Ich. 

In erster Linie müssen wir hervorheben, daß die herr- 
schenden wissenschaftlichen Moralsysteme — die Lehren von 
der autonomen Moral — nur eine Seite des Gegenstandes 
berühren, nämlich die bewußte Sittlichkeit. „Sittlich ist noch 
nicht der Mensch, der tut, was alle für wichtig oder für 
jgute Sitte' halten. Sondern sittlich ist erst der Mensch, der 
die Sitten seiner Gemeinschaft anerkennt, nicht weil sie 
Sitten sind, die von allen befolgt werden und die man 



ii*k 



Die Ameisenbrüder i -^ 



darum achtet, sondern weil er in ihnen objektiv giUige 
Normen sieht, denen er Gehorsam schuldet. " Das ist die 
bewußte Moral, die — vom topischen Gesichtspunkte aus — 
dem System Bw angehört. Uns interessiert aber hier die unbe- 
wußte Sitthchkeit, die dem System Ubw angehört. Als Reprä- 
sentanten dieser Sittlichkeit können wir die Scham betrachten, 
„Man gewinnt bei dem Kulturkinde den Eindruck, daß der 
Aufbau dieser Dämme (Ekel, Scham, Ästhetik, Moral) ein Werk 
der Erziehung ist, und sicherlich tut die Erziehung viel dazu. 
In Wirklichkeit ist diese Entwicklung eine organisch bedingte, 
hereditär fixierte und kann sich gelegentlich ohne Mithilfe 
der Erziehung herstellen. Die Erziehung verbleibt durchaus 
in dem ihr angewiesenen Machtbereich, wenn sie sich darauf 
einschränkt, das organisch Vorgezeichnete nachzuziehen und 
es etwas sauberer und tiefer auszuprägen."^ „Organisch be- 
dingte Entwicklung" heißt aber, daß die Scham sich auf 
Kosten der Selbstaktivität des Organismus entwickelt. Die 
Aktivität des Organismus zeigt von Anfang an zwei Rich- 
tungen : die eine zur Selbsterhaltung resp. Selbstbehauptung 
des Individuums, die andere zur Arterhaltung. Die eine ist 
die Aktivität des Individual-Ichs, die andere die Aktivität des 
Sexual-Ichs. Wohin gehört nun die Scham ? Weder zum 
Individual- noch zum Sexual-Ich, da beide durch sie in ihren 
Betätigungen nur gehindert werden. Es muß also im Indi- 
viduum eine dritte Quelle der Selbstaktivität vorhanden sein. 
Diese Quelle nennen wir eben das Supra-Ich. 

Der Mensch nimmt eine Mittelstellung ein. Einerseits 
ist er ein organisches Ganzes, das aus Teilen — aus 
Zellen — besteht ; andererseits ist er selbst ein Teil der 
ganzen Menschheit. 

i) Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. L. c. 



f 



158 Ossipow: Tol stois Kindlieitserinnerungen 

„Die Zellen, die einen zusammengesetzten Organismus 
bilden, leben ein zweifaches Leben. Einerseits lebt die 
Zelle, als eine elementare Lebenseinheit, für sich: sie strebt 
sich zu erhalten, ernährt sich, wächst, pflanzt sich fort. 
Andererseits dient die Zelle dem ganzen Organismus, eine 
gewisse Arbeit in ihm erfüllend: die Drüsenzelle sondert die 
dem ganzen Organismus nötigen Stoffe ab, die Muskelzelle 
kontrahiert sich, um den ganzen Organismus in Bewegung 
zu setzen usw.j zu diesem Zweck spezialisiert sich die Zelle. 
Eine beliebige Seite der Zellentätigkeit kann sich verstärken, 
sich zum Übermaß entwickeln und als Resultat solcher ein- 
seitigen Entwicklung entstehen die kontraktilen, die reiz- 
leitenden und die secernierenden Zellen."^ 

Wie jede Zelle des menschlichen Organismus ein zwei- 
faches Leben führt, so führt auch der Mensch als ein 
Ganzes ein zweifaches Leben : einerseits ist er ein sich 
selbst genügendes Individuum, andererseits ist er ein Teil 
des Ganzen: der Familie, des Volkes, des Staates, der Kirche, 
der ganzen Menschheit. „Das Individuum führt wirklich 
eine Doppclexistenz als sein Selbstzweck und als Glied in 
einer Kette, der es gegen, jedenfalls ohne seinen WiUen 
dienstbar ist. Es hält selbst die Sexualität für eine seiner 
Absichten, während eine andere Betrachtung zeigt, daß es 
nur ein Anhängsel an sein Keimplasma ist, dem es seine 
Kräfte gegen eine Lustprämie zur Verfügung stellt, der 
sterbliche, Träger einer — vielleicht — unsterblichen Substanz, 
wie ein Majoratshen* nur der jeweilige Inhaber einer ihn 
überdauernden Institution."^ Nun steigt der Zweifel auf, ob 



1) Wl. Karpow, Lehrbuch der Histologie. (Russ.) ■ 

2) Freud, Zur Einführung des Narzißmus. L. c. S, 84. -' 



\ 



] 



Die Ameisenbrüder j ,- g 



wir nicht ohne Supra-Ich auskommen könnten? Jede über- 
flüssige Annahme stört ja die "W'^eitere Arbeit. - 

Darin kann uns noch folgende Beobachtung bestärken. 
Die Scham arbeitet zu Gunsten der Sexualität. In der ersten 
Kindheit verdrängt die Scham die Sinnlichkeit (besonders 
die genitale), weil zu starke Entwicklung der Sinnlichkeit 
in dieser Lebensperiode der zeitgemäßen Betätigung in der 
Pubertätsperiode schaden könnte. Im Knabenalter verdrängt 
die Scham die Zärtlichkeit (Siehe Wolodjas Benehmen gegen 
Nikolenka), weil wiederum die intensive Zärtlichkeit in der 
Pubertätsreife den Sexualverkehr stören würde. Weiter sei 
noch bemerkt, daß es keine Scham in den iVtutterkind Verhält- 
nissen gibt und in allem, was sich an ihnen betätigt, mit 
Ausnahme der inzestuösen Regungen. 

Im Gegensatz dazu beobachten wir im Leben, daß die 
schamhaftesten Menschen die stark sexuell veranlagten sind, 
was der Verwertung einer gemeinsamen Quelle von Scham 
und Sexualität widerspiicht ; in diesem letzten Falle sollte 
eine umgekehrte Proportionalität bestehen. 

Wenn wir die weitere Betätigung der Scham verfolgen, 
so sehen wir, daß die Scham gegen den Familienegoismus 
gerichtet ist. 

Folglich wirkt die Scham manchmal zu Gunsten, manch- 
mal zu Ungunsten der Sexualität. Oft wird die Scham auch 
gegen das Individual-Ich, gegen den Egoismus gerichtet. Mit 
einem Woi-t, die Scham verfolgt ihre eigenen Ziele. Dem- 
entsprechend markieren wir die Quelle dieser Aktivität als 
Supra-Ich. Das Supra-Ich, das als autonome Gruppe der 
„mir gegebenen" Strebungen in der Seele der Menschen 
vorhanden ist, ist als Repräsentanz der Menschheit zu be- 
trachten (siehe Kapitel I). 



i6o Ossipoiv: Tolstois K indheitserinnerungen 

Die Scham hilft der Sexualität und reguliert sie in den 
Entwicklungsjahren, damit sich die Menschheit fortpflanzen 
kann; sie hindert die ausschweifenden Sexualbetätigungen im 
Mannesalter, damit nicht die ganze Energie des Individuums 
auf sexuelle Genüsse verbraucht werde. Auf solche Weise ent- 
stehen die zielgehemmten Triebe, d. h. die „Abschnü- 
lomgen", auf deren Basis die ganze Kulturentwicklung ruht. 
So viel über die Berechtigung der Annahme des Supra-Ichs. 

Wir wollen nur noch eine Frage aus diesem Gebiete 
berühren. Die Idealvorstellungen, die das eigene Ich zum 
Objekt nehmen, bilden das Ideal-Ich. Das Ideal-Ich unter- 
scheidet sich von anderen Ichs dadurch, daß es keine selbst- 
aktive Quelle darstellt, sondern nur insofern wirksam ist, als 
es vom Sexual-Ich resp. vom Supra-Ich und von fremden 
Ichs aktiviert wird. Und wie immer im Seelenleben, geht 
die stärkste Aktivierung vom Sexual-Ich aus. Das beweist 
die alltägliche Beobachtung: die Ideale sind wirksam, wenn 
sie geliebt werden. Es entsteht nun die Frage, warum bei 
der Idealisierung das sexuelle Gepräge des Erlebnisses fort- 
besteht, während es bei, der Sublimierung verschwindet? 
Freud schreibt: „Die Sublimierung ist ein Prozeß an der 
Objektlibido und besteht darin, daß sich der Trieb auf ein 
anderes, von der sexuellen Befriedigung entferntes Ziel wirft; 
der Akzent ruht dabei auf der Ablenkung vom Sexuellen. 
Die Idealisierung ist ein Vorgang mit dem Objekt .... In- 
sofern also Sublimierung etwas beschreibt, was mit dem 
Trieb, Idealisierung etwas, was am Objekt vorgeht, sind die 
beiden begrifflich auseinanderzuhalten."^ Warum verändert 
sich der Trieb selbst, wenn er auf das Supra-Ich gerichtet 
ist, während er ohne Veränderung bleibt, wenn er auf die 

]} Ziir Einfülirung des Narzißmus. Vierte Folge, S. 102, 



V 



Die Ameisenbrüder 161 



Ideale gerichtet ist? Der Unterschied liegt darin, daß das 
Supra-Ich selbstaktiv ist und dadurch (in verhältnismäßig 
seltenen Fällen) sich des Ti-iebes zu bemächtigen imstande 
ist. Das geschieht aber nur auf der höchsten Stufe der Subli- 
mierung, wie es im Beispiel von Sossima ersichtlich ist. 
(Siehe Kapitel IV). Die ersten Grade der Sublimierung be- 
halten noch Züge der sexuellen Erlebnisse, wovon man sich 
aus den folgenden Worten von Mereschkowski ^ überzeugen 
kann : „Wir sind gewohnt zu glauben, daß je abstrakter ein 
Gedanke ist, er um so kälter und leidenschaftsloser sein 
müsse. Aber das ist nicht der Fall, wenigstens nicht mehr 
für uns. Bei den Helden Dostojew^skis sieht man, wie ab- 
strakte Gedanken leidenschaftlich sein können, wie meta- 
physische Sätze und Folgerungen nicht allein in unserem 
Verstände, sondern auch im Herzen, im Gefühl, im Willen 
wurzeln. Es gibt Gedanken, die mehr Öl in das Feuer der 
Leidenschaften gießen, die menschliches Fleisch und Blut 
stärker erregen als die unbändigsten Lüste. Es gibt eine Logik 
der Leidenschaften^ aber es gibt auch Leidenschaften der 
Logik. Dies sind vorzugsweise unsere besonderen, neuen, 
den Menschen früherer Kulturperioden unbekannten Leiden- 
schaften. Die Berührung eines nackten Körpers mit etwas 
sehr Kaltem verursacht zuweilen das Gefühl der Verbrennung, 
die Berührung des Herzens mit der abstraktesten Metaphysik 
ruft zuweilen die Wirkung einer glühenden Leidenschaft 

hervor." 

Das ist die Schilderung einer Libidobesetzung von Ge- 
danken, bezw. Idealen. Eine derartige Sublimierung trägt noch 
die unzweifelhaften Züge der Libidobesetzung, 

1) L. c. S. 34,0. ' 

11 Osiipow: ToUtoit KindlseiiserinncruTTgen 



J' 



[ VIII 

j ÜBER DIE INFANTILE AMNESIE 

■' ■ ii^"f geheimnisvolie, dem menschlichen 

VerStande unerfaßhare Art werden die 
; _ Eindrücke früher Kindheit im Gedächt- 

nisse hewahrt und sie werden nicht nur 
i ■ bewahrt, sondern verwachsen auch in tm- 

* ergrüiidlicher Tiefe mit dem Innersten der 

r .... Seele, gleich Samen, der auf guten BodeJt 

f . . - fallt, und strecken dann nach vielen Jahreti 

[. plötzlich ihre Friihlingstriebe in Gottes 

.. .:. Welt en,por.^^ leO TOLSTOV 

^ Die Tatsache der infantilen Amnesie^ ihre Erstaunlich- 

keit und Unbegreiflichkeit wird von Tolstoi und Freud 
fast in denselben Ausdrücken vermerkt. (Siehe Kapitel II). 

' „Es ist sonderbar und schauderhaft zu denken, daß ich von 

meiner Geburt bis zum Alter von 5 Jahren .... wieviel 

y ich auch in meinem Gedächtnis suche, keinen einzigen Ein- 

druck außer jenen beiden finden kann" usw. Weiter sagt 
Tolstoij daß für ihn die Natur bis zum Alter von 5 Jahren 
nicht existierte. „Es ist unmöglich anzunehmen, daß man 
mich nicht mit Blumen, mit Blättern hatte spielen lassen, 
daß ich kein Gras gesehen, daß man mich nicht vor der 
Sonne geschützt hätte, aber bis zu meinem fünften, sechsten 
Jahre habe ich keine einzige Erinnerung an das, was wir 

1) Birjukow, I, 85. . - . . 



l 



' 



y 



I 



über die infantile Amnesie 165 

Natur nennen. Wahrscheinlich muß man sich von ihr ent- 
fernen, um sie zu sehen und ich war selbst die Natur." 
Diesen Erklärungsversuch könnte man so auffassen, daß wir 
in den ersten Jahren unseres Lebens gänzlich instinktiv leben, 
d. h, daß die bewußtmachende Funktion des Ichs noch un- 
tätig ist. Wenn wir aber unbew^ußt gelebt haben, so ist es 
nur zu verständlich, daß wir auch keine bewußte Erinnerung 
behalten. Dem widerspricht aber die direkte Beobachtung: 
kleine Kinder sind nicht nur instinktive Wesen, sondern 
urteilen auch und sind zu streng logischen Operationen 
fällig, welche in der Sphäre des klaren Bewußtseins vor sich 
gehen. So z. B. sagte mir einst ein kleiner Freund, der noch 
nicht volle 4 Jahre alt war, daß er ein Arzt sei. Ich ant- 
wortete ihm, das sei unmöglich, er wäre noch ein kleiner 
Knabe und wisse selbst sehr gut, daß die Ärzte immer Er- 
wachsene seien. Auf diesen meinen Zweifel sagte er mit 
ruhigem Überzeugung: „Du bist mein Freund (russ. drug 
d. h. wörtlich „alter ego") und bist ein Arzt, also bin ich auch 
ein Arzt." 

Nur Freud allein konnte auf Grund seiner psycho- 
analytischen Untersuchungen die infantile Amnesie erklären. 
„Es kann sich also um gar keinen wirklichen Untergang 
der Kindheitseindrücke handeln, sondern um eine Amnesie, 
ähnUch jener, die wir bei den Neurotikern für spätere Er- 
lebnisse beobachten, und deren Wesen in einer bloßen Ab- 
haltung vom Bewußtsein (Verdrängung) besteht."^ 

Um den Charakter der infantilen Amnesie anschau- 
licher zu machen, muß man sie mit einigen anderen Amnesien 
der Erwachsenen vergleichen. Freud vergleicht die infantile 
Amnesie mit der hysterischen. Es gibt noch eine andere 

1) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, S, 40. 
11' 



164. Ossipow: Tol stois Kindheitserinnerungen ^ 

Möglichkeit: die infantile Amnesie mit der „Amnesie der 
Unglücklichen" zu vergleichen. Wir finden ein Beispiel 
einer solchen im Roman „Auferstehung". 

Katjuscha, ein junges Mädchen, halb Magd, halb Fräulein, wohnt 
bei awei Schwestern — Gutsbesitzerinnen, alten Jungfern. Wie Katjuscha 
16 Jahre alt ist, kommt zu den beiden Damen Nechljudow, ihr Neffe, 
ein reicher Fürst. „Und Katjuscha, ohne es ihm oder sogar sich selbst 
gestehen zu dürfen, verliebte sich in ihn." Später, nach zwei Jahren, 
kommt derselbe Neffe, als er in den Krieg zieht, wieder zu seinen 
Tanten, bleibt vier Tage bei ihnen mid am Tage vor seiner- Abreise 
verführt er Katjuscha, steckt ihr am letzten Tag einen Hundertrubel- 
schein in die Hand und fährt weg. Fünf Monate nach seiner Abreise 
erhält sie die Sicherheit, daß sie schwanger ist ... . Sie bittet um ihre 
Entlassung und die Damen, die sehr unzufrieden mit ihr waren, lassen 
sie gehen. „Ein schweres Leben begann für Katjuscha, sie wechselte 
Stelle auf Stelle, gebar ein Kind, welches im Findelhause starb, litt an 
sexuellen Verfolgungen der Männer und endete damit, daß sie eine 
Prostituierte wurde und in einem Toleranzhause wohnte." Später 
wird sie der Vergiftung eines betrunkenen Kaufmannes beschuldigt und 
zu Zwangsarbeit verurteilt, obgleich sie unschuldig ist. Unter den 
Geschworenen befindet sich Nechljudow. Dieses Zusammentreffen macht 
auf ihn einen so tiefen Eindruck, daß er sich vornimmt, sein ganzes 
Leben zu ändern, weil er sich für Katjuschas Unglück verantwortlich 
fühlt. Er beschließt sogar, sie zu heiraten. Katjuscha war damals 
27 Jahre alt. 

So können wir in Katjuschas Lehen zwei Perioden 
unterscheiden; eine verhältnismäßig glückliche Periode bis 
zum Alter von 18 Jahren und eine unglückliche von 18 — 27. 

Im Gefängnis, in der Nacht der Verurteilimg kann Katjuscha lange 
nicht einschlafen. „Sie erinnerte sich an viele Leute, nur nicht an 
Nechljudow. Von ihrer Kindheit, ihrer Jugend und besonders 
von ihrer Liebe zu Nechljudow erinnerte sie gar nichts. Es 
war zu schmerzhaft. Diese Erinnerungen lagen irgendwo 
weit, unangerührt in ihrer Seele. Selbst im Traume sah sie 
Nechljudow nie." 



über die infantile Amnesie 



165 



Warum kann aber die Erinnerung an ein glückliches 
Leben schmerzhaft sein? ' _ _ _. 

Nechljudow besucht Katjuscha im Gefängnis. 

„ — Katjuscha, ich bin zu dir gekommen, um Verzeihung zu 
bitten .... — ,Es ist sonderbar, was Sie reden', sagte sie, wie es ihm 
schien, verächtlich lächelnd. 

„Nechljudow fühlte, daß in ihr etw^as geradezu Feindseliges 
gegen ihn wax, das sie in ihrem jetzigen Wesen festhielt, und 
ihn hinderte, bis in ihr Herz zu dringen .... Nechljudow vHinschte 
nur das Eine, daß sie aufhöre, diejenige zu sein, die sie jetzt war, daß 
sie aufwache und die werde, die sie früher gewesen .... Aber sie er- 
gab sich nicht, wollte sich nicht ergeben. — ,Wozu des Vergangenen 
gedenken? , sagte sie trocken, sich noch mehr verfinsternd. 

Das ist Widerstand im Freud'schen Sinne, — die 
Kehrseite der Verdrängung. 

„Zumeist wunderte sich Nechljudow darüber, daß Katjuscha das 
Schmachvolle ihrer Lage nicht empfand, sondern zufrieden, ja stolz darauf 
zu sein schien." Katjuscha schämt sich, eine Arrestantin zu sein, aber sie 
fühlt keine Scham, eine Prostituierte zu sein. „Das war jedoch nicht 
gar so verwunderlich, denn jeder Mensch hält ja die Ausübung seiner 
Beschäftigung für gut imd wichtig." 

„Ihre Weltanschauung bestand darin, daß das Glück aller Männer 
ohne Ausnahme — alter und junger, gebildeter und ungebildeter — 
im intimen Verkehr mit anziehenden Frauen bestehe, und daher alle 
Männer, wenn sie auch den Schein annehmen, mit anderen Dingen 
beschäftigt zu sein, im wesentlichen doch nur das eine begehren. Sie, 
die eine anziehende Persönlichkeit war, konnte dieses Begehren be- 
friedigen oder unbefriedigt lassen, darum war sie ein wichtiges und 
notwendiges Wesen .... Daher stellte sich ihr die ganze Welt als eine 
Versammlung von Männern dar, die vom sexuellen Begehren getrieben 
-werden .... Und Massiowa schätzte diese Lebensanschauung hoher als 
alles in der Welt und konnte nicht anders, als sie so zu schätzen, denn 
wenn sie ihre Meinung änderte, verlor sie die Bedeutung, welche diese 
Ansicht ihr unter den Menschen gab. Um ihre Bedeutung im Leben 
aber nicht zu verlieren, hatte sie sich instinktiv Leuten angeschlossen, 



^ IW 



166 Ossipow: Tolstois Kindheit serinnerungen 

welche das Leben von demselben Gesichtspunkte aus betrachteten. Eine 
Ahnung sagte ihr, daß Nechljudow sie in eine andere Welt versetzen 
wollte; dem -widersetzte sie sich, denn sie sah voraus, daß sie in ver- 
änderter Lebenslage ihren Wert verlieren mußte, dessen Bewußtsein ihr 
Sicherheit und Selbstachtung verlieh. Aus diesem Grund wies sie auch 
die Erinnerung an ihre Jugend und ihre ersten Beziehungen zu Nechljudow 
von sich. Sie waren nicht mit ihrer jetzigen Weltanschauung 
zu vereinigen, und deshalb ganz aus ihrem Gedächtnis verbannt, oder 
ruhten unberührt in einem verborgenen Winkel desselben, so verschlossen 
und verklebt waren sie, wie die Bienen die Nester der Filz- 
raupen verkleben, welche die Arbeit eines ganzen Bienen- 
stocks zu zerstören vermögen." 

Beim nächsten Zusammentreffen mit Katjuscha, als Nechljudow 
die Kassationsbittschrift zur Unterzeichnung ins Gefängnis bringt, findet 
er sie leicht betrunken; darauf beginnt zwischen ihnen der folgende Dialog: 

„Ich sagte, ich sei gekommen, um Sie um Vergebung zu bitten, 
— Ach, was soll dieses fortwährende Vergebung und Vergebung, das 
ist ganz unnütz .... lieber sollten Sie .... — Ich will meine Schuld 
sühnen, fuhr Nechljudow fort, und zwar nicht mit Worten, sondern 
mit der Tat, Ich bin entschlossen, Sie zu heiraten. 

Ihr Gesicht drückte plötzlich Schrecken aus; die schielenden Augen 
blieben stehen und starrten ins Leere. 

— Wozu denn das? sagte sie endlich und runzelte ärgerlich die 
Stirn. — Ich fühle mich vor Gott dazu verpflichtet. — Was für einen 
Gott haben Sie denn entdeckt? Sie reden lauter sonderbares Zeug, 
Gott? Was für einen Gott? Damals hätten Sie an Gott denken sollen, 
sagte sie und hielt mit offenem Munde an. 

Erst jetzt bemerkte Nechljudow, daß ihrem Munde ein starker 
Branntweingeruch entströmte, und er verstand plötzlich den Grund 
ihrer Erregung .... Ich bin zur Zwangsarbeit verurteilt. Ich bin eine 
Dirne. Sie aber sind ein vornehmer Herr, ein Fürst, und der braucht 
sich mit mir nicht zu besudeln. Bleib du nur bei deinen Fürstinnen. 
Mein Preis ist zehn Rubel .... Wie hart deine Worte auch sind, du 
kannst doch nicht aussprechen, was ich empfinde, sagte Nechljudow 
zittemd und mit leiser Stimme. Du kannst dir nicht vorstellen, wie 
schwer ich meine Schuld gegen dich empfinde. — ,Wie schwer ich 



über die infantile Anniesie 



167 



meine Schuld empfinde' höhnte sie ihm mit Bitterkeit nach; damals 
hast du sie nicht empfunden und stecktest mir hundert Rubel zu. Das 
ist dein Preis .... Ich weiß, ich weiß. Was soll aber jetzt geschehen? 
sprach Nechljudow. Jetzt habe ich mich entschlossen, dich nicht zu 
verlassen. Was ich gesagt, werde ich ausführen. — Ich aber sage, daß 
nichts daraus wird, erwiderte sie und lachte laut. — Katjuscha, begann 
gj,^ — Geh! Ich bin zu Zwangsarbeit verurteilt — und du bist ein 
Fürst und hast hier nichts zu suchen, rief sie in zorniger Aufwallung 
und entriß ihm ihre Hand. Du willst jetzt nur deine Seele erretten, 
fuhr sie fort, sich beeilend, alles herauszusagen, was in ihr aufstieg. 
Durch mich hast du dir in diesem Leben Genuß verschafft, durch mich 
willst du dich von deiner Sündenschuld loskaufen. Du bist mir zuwider, 
du, deine Brille, dein ganzes feistes, verruchtes Gesicht ! Geh fort ! Verlasse 
mich! rief sie laut und sprang mit einer energischen Bewegung auf. 

Als Katjuscha in ihre Zelle zurückkehrte, „legte sie sich auf die 
Pritsche, wo sie bis zum Abend bUeb, und unverwandt in die Ecke 
starrte. Qualvolle Gedanken wälzten sich in ihrem Hirn. Das, was 
Nechljudow ihr gesagt, rief sie in jene Welt zurück, in der sie gelitten 
und der sie voll Haß den Rücken gewandt hatte, weü sie sie nicht 
verstand. Jetzt war sie aufgerüttelt aus der Vergessenheit, in 
der sie gelebt; aber mit der deutlichen Erinnerung an das, 
was einst gewesen, weiter zu leben — das war allzu qualvoll. 
Am Abend kaufte sie wieder Branntwein und berauschte sich mit ihren 
Gefährtinnen." 

Katjusclia erinnert sich gar nicht an ihre glückhche 
Lebensperiode und widersteht dem Vorschlage Nechljudows, 
ihre Profession zu verlassen, aus ein und demselben Grunde j 
diese beiden Gedanken an Vergangenheit und Zukunft müßten 
sie um ihr seelisches Gleichgewicht bringen. Die Strebung 
nach Gleichgewicht kann man als eines der Grundprinzipien 
des Seelenlebens ansehen. Wenn sich ein Mensch nach langem 
Leiden mit irgendeiner Lage versöhnt hat, so ist ihm 
jeder Reiz unangenehm, der ihn aus dieser Lage zu bringen 
droht, selbst wenn dieser Reiz ihm etwas Gutes vorspiegelt. 



i68 Ossipow: Tolstois Kindheitserinnerungen 



Am leichtesten geschieht das, wenn keine Sicherheit gegeben 
ist, daß die neue Veränderung dauerhaft sein werde. In diesem 
Falle wird das Gleichgewicht — wenn auch in schlechter Lage 
: — vorgezogen. „Aus der Wechselwirkung der Individuen 

aufeinander entsteht der Impuls, welcher das einzelne Indi- 
j viduum aus dem Gleichgewiclitszustand bringt; das Grund- 

prinzip, das die Tätigkeit des Individuums leitet, ist die 
r Strebung zum Behalten des Gleichgewichts, zur 

j Standhaftigkeit, zur Selbsterhaltung. Das aus dem 

I Gleichgewicht gebrachte Individuum, wie jeder Körper über- 

haupt, kehrt auf dem kürzesten Weg zu ihm zurück." 
; „Jeder natürliche Prozeß, welcher im Ganzen das Maxi- 

' mum seiner Tätigkeit zu vollbringen strebt, wird in seiner 

i Arbeit vom Prinzip des Minimum geleitet; mit anderen 

I Worten: er ist durch und durch teleologisch. Natura nihil 

agit frustra. Die Gleichgewichtslehre findet ihre Anwendung 
f auch im psychischen Leben des Menschen" (Karpow). 

: Masslowa hatte sich eine bestimmte Weltanschauung zu- 

rechtgelegt, die ihr erlaubte, leidlich gut zu existieren und 
sich eine gewisse Befriedigung bezw. Genuß zu verschaffen. 
Nechljudows Vorschlag droht, ihr Gleichgemcht zu stören 
und die Antwort auf diese Drohung ist die möglichst schnelle 
Beseitigung dieses Vorschlages. Wenn sie frei wäre, könnte 
sie davonlaufen, — die erste einfachste Reaktion gegen die 
Gleichgewichtsstörung. Das kann sie nicht. So bemüht sie 
sich, ihn von sich abzuweisen, ihn zur Flucht zu zwingen. 
Darum macht sie, als ob sie seinen Vorschlag nicht hörte, 
nicht bemerkte, ihn ablehnte. Die nächste Stufe der Selbst- 
rettung vor einem das Gleichgewicht störenden Reiz ist 
die Verdrängung, d. h. das Verstoßen ins Unbewußte. 
Die letzte Stufe endlich wäre eine klar bewußte, logisch 



j 



1 



Lfber die infantile Amnesie i69 



konsequente Verurteilung. Auf diese Weise haben wir die 
folgende Reihe von Reaktionen zur Wiederherstellung des 
Gleichgewichtes : - _ 

1. Flucht bezw. Mord; 

2, Verdrängung; 
5. Verurteilung. 

Für die innei-seelischen Erlebnisse gelten nur die zwei 
letzten Stufen. 

Die infantile Amnesie dürfen wir^ ihrem Wesen nach, 
in eine Parallele mit Katjuschas Amnesie stellen. Sie ist 
eine Verdrängung der Erinnerung an die glückselige Lebens- 
periode. Das gewöhnlichste Verhältnis der Erwachsenen zur 
Kindheit ist ja eine hohe Schätzung derselben. 

„ Glückliche, selige, unwiderbringliche Tage der Kindheit ! Wie 
soll man die Erinnerung an euch nicht hegen imd pflegen ! " [So beginnt 
Tolstoi das Kapitel „Die Kindheit".] 

„Man hat sich müde gelaufen Lind sitzt matt auf seinem hohen Kinder- 
stuhl am Teetisch ; es ist schon spät, die Tasse Milch mit Zucker ist langst 
geleert, Schlaf fällt auf die Augen, aber man rührt sich nicht von der Stelle — 
sitzt da und hört und sieht. Wie soll man nicht hören ! Mama spricht 
mit jemandem, ihre Stimme klingt so lieb, so unbeschreiblich freundlich. 
Der bloße Klang sagt meinem Herzen so unendlich viel! usw. 

Da haben wir den unmittelbaren Genuß an Geschmacks- 
empfindungen und dann an Gehörsempfindungen. Weiter 
werden die sinnlichen Genüsse an Gesichts-, Tastempfindungen 

beschrieben. 

„Kein gleichgültiger Blick stört sie [die Mutter], olme Scheu gießt 
sie all ihre Zärtlichkeit und Liebe über mich aus. 

Und sogar die Geruchsempfindungen nehmen an den 
sinnlichen Genüssen teil. 

„Ich spüre ihren Duft." „Kommt man dann nach oben und steht 
in seinem wattierten Schlafrock vor dem Heiligenbild, welch wunder- 
bares Gefühl empfindet man bei den Worten : Lieber Gott, beschütze 



i 



L 



170 Ossipow: Tolstois Kindheitserinnerungen 



meine Eltern, Papa, Mama und Großmama, den Lehrer Karl Iwano- 
witsch, meinen Bruder und meine Schwester. Wenn ich diese Worte 
sprach, die meine Lippen zuerst der lieben Mutter nachstaramelten, floß 
die Liebe zu Gott und den Eltern sonderbar in ein Gefühl zusammen .... 
Kein Zweifel störte damals meine Ruhe. Nach dem Gebet wickelte ich 
mich, leicht und fröhlich im Herzen, in meine Decke ein. Ein schöner 
f Traum folgte dem anderen .... Dann stopfte ich mein liebstes Spielzeug, 

' ein Häschen oder Hündchen aus Porzellan in eine Ecke des Federkissens und 

freute mich, wie gut, warm und behaglich es dort liegen könne." 

'. Wenn wir diesen Seelenzustand in eine Formel fassen, 

\ so können wir sagen, daß die ganze Libido auf ein Objekt 

'■. gerichtet ist: auf die Mutter. Dabei wird die Mutter mit 

: der eigenen Person, mit Gott, mit den anderen Menschen 

' zusammengefaßt. Das ist der sehge Zustand, wo das Welt- 

ganze im eigenen Ich konzentriert wird. Keine Differenz 
zwischen Ichlibido und Objektlibido, zwischen der Selbstliebe 
und der Liebe zu Gott, kein Konflikt, keine Verdrängung. 
Das ist der allumfassende Narzißmus und die selbstvergessende 
Fremdliebe, der selige Zustand, der dabei noch von ver- 
schiedenartigen sinnlichen Genüssen und Zärtlichkeitserleb- 
nissen voll ist. 

Wir sind gern bereit zuzustimmen, daß das Bild dieses 

l seligen Zustandes, das von Tolstoi gezeichnet ist, etwas poetisiert 

ist Aber wenn wir uns die Entwicklung der Erlebnisse etwas 

primitiver vorstellen und die Zeit des Erlebens in eine noch 

frühere Periode — in die Säuglingszeit — verlegen, so ent- 

, spricht, aller Wahrscheinlichkeit nach, das beschriebene Bild 

dem wirklichen Seelenzustand des Säuglings volikommen. 

1 Diesen Zustand können wir als primären Narzißmus, — 

I „die sicherste Libidoposition" (Freud) — bezeichnen. 

Y-'- Der Ablauf der seelischen Vorgänge wird, wie Freud 

[ annimmt, automatisch durch das Lustprinzip reguliert. Das 

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über die infantile Amnesie 



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Streben nach Gleichgewicht, das Prinzip von „Maximum- 
Minimum" usw. können wir leicht dieser Lustregulierung 
bezw. dem ökonomischen Prinzip unterordnen. Aber mit dem 
ökonomischen Prinzip allein kommen wir doch nicht aus. 
In diese Frage, die neuerdings von Freud in seiner Schrift 
„Jenseits des Lustprinzips" aufgeworfen ist, werden wir hier 
nicht eingehen. 

Es sei noch über Tolstois „ Erste Erinnerungen " be- 
merkt, daß sie merkwürdigerweise gar nicht entstellt sind. 
Die erste Erinnerung gibt uns den Hinweis auf den Seelen- 
konflikt, die zweite auf die überaus starke und reich verzweigte 
Sinnlichkeit, im Besonderen auf den Narzißmus, die dritte 
auf die Neigung zu starken Empfindungen, die vierte auf 
die Verdrängung und auf allerlei Leiden Tolstois auf dem 
transsubjektiven Libidoweg, die hauptsächlich in Folge der 
zu starken Fixierung an die Mutter (fünfte Erinnerung) ent- 
standen sind. Alle diese Erinnerungen stellen den „Kern" 
dar, aus dem sich im weiteren Leben die reiche Pflanze 
entwickelt. Das Fehlen der Entstellungen, die gewöhnlich 
in Kindheitserinnerungen beobachtet werden, findet seine Er- 
klärung in der genialen Fähigkeit Tolstois, unbewußtes Seelen- 
leben bewußt zu machen. Diese Fähigkeit ist gleichzeitig 
die Ursache, warum Tolstoi in seinen psychologischen Schil- 
derungen den Ergebnissen der Freud' sehen Schule so 
nahe steht. 



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INHALTSVERZEIC HNIS 



f ■. 



1 



Seite 



I. Vorbemerkungen i 

n. Die „Ersten Erinnerungen" 17 

III, Zwei allererste Erinnerungen (Das Individual-Ich und die 

Ich-Libido) 25 

rV. Über den Narzißmus 56 

V. Drei weitere Erinnerungen (Objektlibido) 82 

VI. Der Seelenkonflikt 118 

VII. „Die Ameisenbrüder" {Das Supra-Ich) 151 

Vin. Über die infantile Amnesie 1Ö2 



( 



IMAGO'BÜCHER 



DER KÜNSTLER 

ANSÄTZE ZU EINES. SEXÜALPSYC H OLO GIE 

VON 
DR.. OTTO RANK 

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TOLSTOIS KINDHEITSERINNERUNGEN 

EIN BEITRAG ZU FREUDS LIBID OTHEO RIE 

VON ^ . .- 

DR. N. OSSIPOW 

ni ' ' ■ 

DER EIGENE UND DER FREMDE GOTT 

ZUR PSYCHOANALYSE DER RELIGIÖSEN ENTWICKLUNG 

VON 
DR. THEODOR REIK 

IV 

DOSTOJEWSKI 

SKIZZE ZU SEINER PSYCHOANALYSE ' , - 

VC N ■ " . ..- . 

. . JOLAN NEUFELD 



INTE RNA T I O N A L E R 
P SY C H OA NA LYTISCHER f^ E R L A G 
.,,. WIEN, VII. ANDKEASGASSE ) 



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WERKE VON PROF, S I G M. FREUD 



Vorlesungen zur Eiaführung: in die Psychoanalyse. (Fehlleistunjfen, 
Traum, Allgemeine Neurosenlehre.) Drei Teile in einem Band. 
Großoktavausgabe, 4. Auflage (5.— 11. Tausend) 1922. 
Taschenausgabe. 2. Auflage (3.-7. Tausend) 1923. 

Die Traumdeutung. 7. Auflage, mit Beiträgen von Dr. Otto Rank. 1922. 

Über den Traum. 3. Auflage. Miindien 1921. 

Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Über Vergessen, Ver- 
sprechen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum. 9, Auflage. 1923. 

Totem und Tabu. Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der 
Wilden und der Neurotiker. 3. Auflage. 1922. 

Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten. 3. Auflage. 
Leipzig und Wien 1921. 

Über Psychoanalyse. Fünf Vorlesungen, gehalten zur 20 jähr. Gründungs- 
feier der Clark University in Worcester, Mass. 6. Auflage. 1922. 

Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. 5. Auflage. 1922. 

Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre. Erste Folge. 
4. Auflage. 1922. — Zweite Folge. 3. Auflage. 1921. — Drilie Folge. 
2. Auflage. 1921. - Vierte Folge. 2. Auflage. 1922. - Fünfte Folge. 1922. 

Studien über Hysterie (mit Dr. Josef Breuer). 3. Auflage. 1922. 

Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva". (Schriften 
zur angewandten Seelenkunde, 1. Heft.) 2. Auflage. 1912. 

Eine Kindheitscrinnerung des Leonardo da Vinci. (Schriften zur 
angewandten Seelenkunde, 7. Heft.) 3. Auflage. 1923. 

Jenseits des Lustprinzips. 3. Auflage (5.— 9. Tausend) 1923. 

Massenpsychologie und Ich-Analyse. 2. Aufl. (6.— 10. Tausend) 1923. 
Das Ich und das Es. 1923. 



Zu beziehen durch den INTERNATIONALEN PSYCHO- 
ANALYTISCHEN VERLAG, Wien, VII. Andreasgasse 3 



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