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Full text of "Totem und Tabu [2. Auflage]"

TOTEM UND TABU 

EINIGE ÜBEEEINSTIMMÜNGEN 

IM SEELENLEBEN DER WILDEN 

UND DER NEÜROTIKER 



VON 



PROF. Dr. SIGM. FREUD 



ZWEITE, UNVEKÄNDERTE AUFLAGE 




19 2 

INTERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG 
LEIPZIG WIEN ZÜRICH 



r^r\onlf* Orfgfnaffrom 

:3y V.iUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



^ «^ ^ Alle R^cbjie, besonders das der Übersetzung in alle Sprachen vorbehalten 
I ^ ^ Copyright by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag", 



Dnxck- und Verlagshaas Karl Prochaska, Teschen. 



^i- 



V Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



<^,. «^. w/^e. . C ^^ ^-<A73 



VORWORT. 

Die nachstehenden vier Aufsätze, die unter dem Untertitel 
dieses Buches in den beiden ersten Jahrgängen der von mir 
herausgegebenen Zeitschrift „Imago** erschienen sind, ent- 
sprechen einem ersten Versuch von meiner Seite, Gesichtspunkte 
uud Ergebnisse der Psychoanalyse auf ungeklärte Probleme 
der Völkerpsychologie anzuwenden. Sie enthalten also einen 
methodischen Gegensatz einerseits zu dem groß angelegten 
Werke von W. Wundt, welches die Annahmen und Arbeits- 
weisen der nicht analytischen Psychologie derselben Absicht 
dienstbar macht, und anderseits zu den Arbeiten der Züricher 
psychoanalytischen Schule, die umgekehrt Probleme der Indi- 
vidualpsychologie durch Heranziehung von völkerpsychologi- 
schem Material zu erledigen streben ^)- Es sei gern zugestanden, 
daß von diesen beiden Seiten die nächste Anregung zu meinen 
eigenen Arbeiten ausgegangen ist. 

Die Mängel dieser letzteren sind mir wohlbekannt. Ich will 
diejenigen nicht berühren, die von dem Erstlingscharakter dieser 
Üntersuchung'en abhängen. Andere aber erfordern ein "Wort 
der Einführung. Die vier hier vereinigten Aufsätze machen auf 
das Interesse eines größeren Kreises von Gebildeten Anspruch 



1) Jung, Wandlungen und Symbole der Libido, Jahrb. für psycho- 
analy tische und psychopathologische Forschungen, Bd. IV, 1912; der- 
selbe Autor, Versuch einer Darstellung der psychoanalytischen Theorie, 
ibid. Bd. V, 1913. 









UNIVERSITYOF MICHIGAN 



IV VORWORT. 



und können eigentlich doch nur von den wenigen verstanden und 
beurteilt werden, denen die Psychoanalyse nach ihrer Eigenart 
nicht mehr fremd ist. Sie wollen zwischen Ethnologen, Sprach- 
forschern, Folkloristen usw. einerseits und Psychoanalytikern 
anderseits vermitteln und können doch beiden nicht geben, was 
ihnen abgeht: den ersteren eine genügende Einführung in die 
neue psychologische Technik, den letzteren eine zureichende Be- 
herrschung des der Verarbeitung harrenden Materials. So werden 
sie sieb wohl damit begnügen müssen, hier wie dort Auf- 
merksamkeit zu erregen und die Erwartung hervorzJui af en, daß 
ein öfteres Zusammentreffen von beiden Seiten nicht ertrai^los 
für die Forschung bleiben kann. 

Die beiden Hauptthemata, welche diesem kleinen Buch den 
Namen geben, der Totem und das Tabu, werden darin nicht in 
gleichartiger Weise abgehandelt. Die Analyse des Tabu tritt 
als durchaus gesicherter, das Problem erschöpfender Lösungs- 
versuch auf. Die Untersuchung über den Totemismus bescheidet 
sich zu erklären : Dies ist, was die psychoanalytische Betrachtung 
zur Klärung der Totemprobleme derzeit beibringen kann. Dieser 
Unterschied hängt damit zusammen, daß das Tabu eigentlich 
noch in unserer Mitte fortbesteht; obwohl negativ gefaßt und 
auf andere Inhalte gerichtet, ist es seiner psychologischen Natur 
nach doch nichts anderes als der „kategorische Imperativ" 
Kant's, der zwangsartig wirken will und jede bewußte Motivie- 
rung ablehnt. Der Totemismus hingegen ist eine unserem heu- 
tigen Fühlen entfremdete, in Wirklichkeit längst aufgegebene 
und durch neuere Formen ersetzte religiös-soziale Institution, 
welche nur geringfügige Spuren in Religion, Sitte und Gebrauch 
des Lebens der gegenwärtigen Kulturvölker hinterlassen hat, 
und selbst bei jenen Völkern große Verwandlungen erfahren 
mußte, welche ihm heute noch anhängen. Der soziale und tech- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



VORWOBT. 



nische Fortschritt der Menschheitsgescliichte hat dem Tabu weit 
woniger anhaben können als dem Totem. In diesem Buche ist der 
Versuch gewagt worden, den ur&prünglichen Sinn des Totemismus 
aus seinen infantilen Spuren zu erraten, aus den Andeutungen, 
in denen er in der Entwicklung unserer eigenen Kinder wieder 
auftaucht. Die enge Verbindung zwischen Totem und Tabu 
weist die weiteren Wege zu der hier vertretenen Hypothese, und 
wenn diese am Ende recht unwahrscheinlich ausgefallen ist, so 
ergibt dif^^er Charakter nicht einmal einen Einwand gegen die 
Möglichkeit, daß sie mehr oder weniger nahe an die schwierig 
7u rekonstruierende Wirklichkeit herangerückt sein könnte. 



Eom, im September 1913. 



C^ nonl^ Orrgmaf fnom 

:3yV_:-UiJglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



r^r\onlf* OrFgfnaffrom 

:3y V.iUUglt UNI\(ERSITy OF MICHIGAN 



Inhalt. 

Seite 

I. Die iDsestschen 1 

11. Das Taba und die Ambivalenz der Gefühlsr^nngen 25 

III. Animismna, Magie und Allmacht der Gedanken . 100 

IV. Die infantile Wiederkehr des Totemismus • . .133 



C^ nonl^ Orrgmaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



X ...I /^j^iTi/:» Orrgmaffnonn 



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UNIVERSITYOF MICHIGAN 



I. 

DIE INZESTSCHEU. 

Den Menschen der Vorzeit kennen wir in den Entwicklungs- 
stadien, die er durchlaufen hat, durch die unbelebten Denkmäler 
und Geräte, die er uns hinterlassen, durch die Kunde von seiner 
Kunst, seiner Religion und Lebensanschauung, die wir entweder 
direkt oder auf dem Wege der Tradition in Sagen, Mythen und 
Märchen erhalten haben, durch die Überreste seiner Denkweisen 
in unseren eigenen Sitten und Gebräuchen. Außerdem aber ist er 
noch in gewissem Sinne unser Zeitgenosse; es leben Menschen, 
von denen wir glauben, daß sie den Primitiven noch sehr nahe 
stehen, viel näher als wir, in denen wir daher die direkten Ab- 
kömmlinge und Vertreter der früheren Menschen erblicken. Wir 
urteilen so über die sogenannten wilden und halbwilden Völker, 
deren Seelenleben ein besonderes Interesse für uns gewinnt, wenn 
wir in ihm eine gut erhaltene Vorstufe unserer eigenen Ent- 
wicklung erkennen dürfen. 

Wenn diese Voraussetzung zutreffend ist, so wird eine 
Vergleichung der „Psychologie der Naturvölker", wie die Völker- 
kunde sie lehrt, mit der Psychologie des Neurotikers, wie sie 
durch die Psychoanalyse bekannt worden ist, zahlreiche Über- 
einstimmungen aufweisen müssen, und wird uns gestatten, be- 
reits Bekanntes hier und dort in neuem Lichte zu sehen. 

Aus äußeren wie aus inneren Gründen wähle ich für diese 
Vergleichung jene Völkerstämme, die von den Ethnographen 

Frevd, Totem und Tabu. 1 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



I. DIE INZESTSCHEÜ. 



als die zurückgebliebensten, armseligsten Wilden beschrieben 
worden sind, die Ureinwohner des jüngsten Kontinents, Austra- 
lien, der uns auch in seiner Fauna soviel Archäisches, anderswo 
Untergegangenes, bewahrt hat. 

Die Ureinwohner Australiens werden als eine besondere 
Rasse betrachtet, die weder physisch noch sprachlich Verwandt- 
schaft mit ihren nächsten Nachbarn, den melanesischen, polynesi- 
sehen und malaiischen Völkern erkennen läßt. Sie bauen weder 
Häuser noch feste Hütten, bearbeiten den Boden nicht, halten 
keine Haustiere bis auf den Hund, kennen nicht einmal die 
Kunst der Töpferei. Sie nähren sich ausschließlich • von dem 
Fleische aller möglichen Tiere, die sie erlegen, und von Wurzeln, 
die sie graben. Könige oder Häuptlinge sind bei ihnen unbe- 
kannt, die Versammlung der gereiften Männer entscheidet über 
die gemeinsamen Angelegenheiten. Es ist durchaus zweifelhaft, 
ob man ihnen Spuren von Religion in Form der Verehrung 
höherer Wesen zugestehen darf. Die Stämme im Innern des 
Kontinents, die itifolge von Wasserarmut mit den härtesten 
Lebensbedingungen zu ringen haben, scheinen in allen Stücken 
primitiver zu sein, als die der Küste nahe wohnenden. 

Von diesen armen nackten Kannibalen werden wir gewiß 
nicht erwarten, daß sie im Geschlechtsleben in unserem Sinne 
sittlich seien, ihren sexuellen Trieben ein hohes Maß von Be- 
schränkung auferlegt haben. Und doch erfahren wir, daß sie 
sich mit ausgesuchtester Sorgfalt und peinlichster Strenge die 
Verhütung inzestuöser Geschlechtsbeziehungen zum Ziele ge- 
setzt haben. Ja ihre gesamte soziale Organisation scheint dieser 
Absicht zu dienen oder mit ihrer Erreichung in Beziehung ge- 
bracht worden zu sein. 

An Stelle aller fehlenden religiösen und sozialen Insti- 
tutionen findet sich bei den Australiern das System des To- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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DER TOTEMISMUS. 



temismus. Die australischen Stämme zerfallen in kleinere 
Sippen oder Clans, von denen sich jeder nach seinem Totem 
benennt. Was ist nun der Totem? In der Regel ein Tier, ein 
eßbares, harmloses oder gefährliches, gefürchtetes, seltener eine 
Pflanze oder eine Natnrkraf t (Regen, Wasser), welches in einem 
besonderen Verhältnis zu der ganzien Sippe steht. Der Totem 
ist erstens der Stammvater der Sippe, dann aber auch ihr Schutz- 
geist imd Helfer, der ihnen Orakel sendet, und wenn er sonst 
gefährlich ist, seine Kinder kennt und verschont. Die Totem- 
genossen stehen dafür unter der heiligen, sich selbstwirkend stra- 
fenden Verpflichtung, ihren Totem nicht zu töten (vernichten) 
und sich seines Fleisches (oder des Genusses, den er sonst bietet) 
zu enthalten. Der Totemcharakter haftet nicht an einem Einzfel- 
tier oder Einzelwesen, sondern an allen Individuen der Gattung. 
V^on Zeit zu 2^it werden Feste gefeiert, bei denen die Totom- 
genossen in zeremoniösen Tänzen die Bewegungen und Eigen- 
heiten ihres Totem darstellen oder nachahmen. 

Der Totem ist entweder in mütterlicher oder in väterlicher 
Linie erblich; die erstere Art ist möglicherweise überall die 
ursprüngliche und erst später durch die letztere abgelöst worden. 
Die Zugehörigkeit zum Totem ist die Grundlage aller sozialen 
Verpflichtungen des Australiers, setzt sich einerseits* über die 
Stammesangehörigkeit hinaus und drängt anderseits die Bluts- 
verwandtschaft zurück^). 

An Boden und örtlichkeit ist der Totem nicht gebunden; 
die Totemgenossen wohnen von einander getrennt und mit den 
Anhängern anderer Totem friedlich beisammen^). 



1) Frazer, Totemism and Exogamy, Bd. I, p. 53. The totem bond 
is stronger than the bond of blood or family in the modern sense. 

2) Dieser knappste Extrakt des totemistischen Systems kann nicht 
ohne Erläuterungen und Einschränkungen bleiben: Der Name Totem ist 

1* 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



4 I. DIE INZESTSCHEU. 



Und nun müssen wir endlich jener Eigentümlichkeit des 
totemistischen Systems gedenken, wegen welcher auch das Inter- 
esse des Psychoanalytikers sich ihm zuwendet. Fast überall, 
wo der Totem gilt, besteht auch das Gesetz, daß Mitglieder 
desselben Totem nicht in geschlechtliche Be- 
ziehungen zu einander treten, also auch einander 
nicht heiraten dürfen. Das ist die mit dem Totepi ver- 
bundene Exogamie. 

Dieses streng gehandhabte Verbot ist sehr merkwürdig. 
Es' wird durch nichts vorbereitet, was wir vom Begriff oder den 
Eigenschaften des Totem bisher erfahren haben; man versteht 
also nicht, wie es in das System des Totemismus' hineingeraten 

in der Form Totam 1791 durch den Engländer J, Long von den Rot- 
häuten Nordamerikas übernommen worden. Der Gegenstand selbst hat 
allmählich in der Wissenschaft großes Interesse gefunden und eine reich- 
haltige Literatur hervorgerufen, aus welcher ich als Hauptwerke das vier- 
bändige Buch von J. G. Frazer, „Totemism and Exogamy, 1910" und 
Bücher und Schriften von Andrew Lang („The secret of the Totem, 
1905") hervorhebe. Das Verdienst, die Bedeutung des Totemismus für 
die Urgeschichte der Menschheit erkannt zu haben, gebührt dem Schotten 
J. Ferguson Mc Lennan (1869 — 1870). Totemistische Institutionen 
wurden oder werden heute noch außer bei den Australiern bei den In- 
dianern Nordamerikas beobachtet, ferner bei den Völkern der ozeanischen 
Inselwelt, in Ostindien und in einem großen Teil von Afrika. Manche 
sonst schwer zu deutende Spuren und Überbleibsel lassen aber erschließen, 
daß der Totemismus einst auch bei den arischen und semitischen Ur- 
völkern Europas und Asiens bestanden hat, so daß viele Forscher geneigt 
sind, eine notwendige und überall durchschriftene Phase der menschlichen 
Entwicklung in ihm zu erkennen. 

Wie kamen die vorzeitlichen Menschen nur dazu, sich einen Totem 
beizulegen, das heißt die Abstammung von dem oder jenem Tier zur 
Grundlage ihrer sozialen Verpflichtungen und, wie wir hören werden, auch 
ihrer sexuellen Beschränkungen zu machen? Es gibt darüber zahlreiche 
Theorien, deren Obersicht der deutsche Leser in Wundts Völkerpsycho- 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



DIE EXOOAMIE BEIM TOTEMISMUS. 5 

ist. Wir verwundern uns darum nicht, wenn manche Forscher 
geradezu annehmen, die Exogamie habe ursprünglich — im 
Beginn der Zeiten und dem Sinne nach — nichts mit dem 
Totemismus zu tun, sondern sei ihm irgend einmal, als sich 
Heiratsbeschränkungen notwendig erwiesen, ohne tieferen Zu- 
sammenhang angefügt worden. Wie immer dem sein mag, die 
Vereinigung von Totemismus und Exogamie besteht und er- 
weist sich als eine sehr feste. 

< 
Machen wir ims die Bedeutung dieses Verbots durch weitere 

Erörterungen klar. 

a) Die Übertretung dieses Verbotes wird nicht einer so- 
zusagen automatisch eintretenden Bestrafung der Schuldigen 



• logie (Bd. II, Mythus und Religion) finden kann, aber keine Einigung» 
Ich verspreche, das Problem des Totemismus demnächst zum Gegenstand 
einer besonderen Studie zu machen, in welcher dessen Lösung durch An- 
wendung psychoanalytischer Denkweise versucht werden soll. (Vgl. die 
vierte Abhandlung dieses Bandes.) 

Aber nicht nur, daß die Theorie des Totemismus strittig ist, auch 
die Tatsachen desselben sind kaum in allgemeinen Sätzen auszusprechen, 

' wie oben versucht wurde. Es gibt kaum eine Bedeutung, zu welcher man 
nicht Ausnahmen oder Widersprüche hinzufügen müßte. Man darf aber 
nicht vergessen, daß auch die primitivsten und konservativsten Völker 
iu gewissem Sinne alte Völker sind und eine lange Zeit hinter sich 
haben, in welcher das Ursprüngliche bei ihnen viel Entwicklung und Ent- 
stellung erfahren hat. So findet man den Totemismus heute bei den 
Völkern, die ihn noch zeigen, in den mannigfaltigsten Stadien des Ver- 
falles, der Abbröckelung, des Überganges zu anderen sozialen und reli- 
giösen Institutionen, oder aber in stationären Ausgestaltungen, die sich 
weit genug von seinem ursprünglichen Wesen entfernt haben mögen. Die 
Schwierigkeit liegt dann darin, daß es nicht ganz leicht ist zu ent- 
scheiden, was an den aktuellen Verhältnissen als getreues Abbild der 
sinnvollen Vergangenheit, was als sekundäre Entstellung derselben gefaßt 

werden darf. 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



6 I. DIE INZESTSCHEU. 



Überlassen wie bei anderen Totem verboten (z*. B. das Totemtier 
nicht zu töten), sondern wird vom ganzen Stamme aufs ener- 
gischeste geahndet, als gelte es eine^ die ganze Gemeinschaft 
bedrohende Gefahr oder eine sie bedrückende Schuld abzuwehren. 
Einige Sätze aus dem Buche von Frazer^) mögen zeigen, wie 
ernst solche Verfehlungen von diesen, nach unserem Maßstabe 
sonst recht unsittlichen, "Wilden behandelt werden. 

„In Australia the regulär penalty for sexual interoourse 
with a person of a forbidden clan is death. It matters not 
whether the woman be of-the same local group or has been 
captured in war f rom another tribe ; a man of the wrong clan 
who uses her as his wife is hunted down and killed by his 
clansmen, and so is the woman; though in some cases, if they 
suceeed in eluding capture for a oertain time, the offence may be 
condoned. In the Ta-Ta-thi tribe, New South Wales, in, the rare 
cases which occur, the man is killed but the woman is only 
beaten or speared, or both, tili she is nearly dead; the reason 
given for not actually killing her being that she was probably 
coerced. Even in casual amours the clan prohibitions are strictly 
observed, any violations of these prohibitions ,are regarded with 
the utmost abhorrence and are punished by death (Howitt^" 

b) Da dieselbe harte Bestrafung auch gegen flüchtige Lieb- 
schaften geübt wird, die nicht zur Kindererzeugung geführt 
haben, so werden andere, z. B. praktische Motive des Verbotes 
unwahrscheinlich. 

c) Da der Totem hereditär ist und durch die Heirat nicht 
verändert wird, so lassen sich die Folgen des Verbotes etwa bei 
mütterlicher Erblichkeit leicht übersehen. Gehört der Mann 
z. B. einem Clan mit dem Totem Känguruh an und heiratet 
eine Frau vom Totem Emu, so sind die Kinder, Kjiaben und 



1) Frazer, 1. c. Bd. I, p, 54. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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DIE EXOGAMIE BEIM TOTEMISMUS. 



Mädchen, alle Emu. Einem Sohne dieser Ehe wird also durch 
die Totemregel der inzestuöse Verkehr mit seiner Mutter und 
seinen Schwestern, die Emu sind wie er, unmöglich gemacht^). 

d) Es bedarf aber nur einer Mahnung, um einzusehen, daß 
die mit dem Totem verbundene Exogamie mehr leistet, also mehr 
bezweckt, als die Verhütung des Inztests mit Mutter und Schwe- 
stern. Sie macht dem Manne auch die sexuelle Vereinigning mit 
allen Frauen seiner eigenen Sippe unmöglich, also mit einer 
Anzahl von weiblichen Personen, die ihm nicht blutsverwandt 
sind, indem sie alle diese Frauen wie Blutsverwandte behan- 
delt. Pie psychologische Berechtigung dieser großartigen Ein- 
schränkung, die weit über alles hinausgeht, was sich ihr bei 
zivilisierten Völkern an die Seite stellen läßt, ist zunächst nicht 
ersichtlich. Man glaubt nur zu verstehen, daß die EoUe des 
Totem (Tieres) als Ahnherrn dabei sehr ernst genommen wird. 
Alles, was von dem gleichen Totem abstammt, ist blutsverwandt, 
ist eine Familie, und in dieser Familie werden die entferntesten 
Verwandtschaftsgrade als absolutes Hindernis der sexuellen 
Vereinigung anerkannt. 

So zeigen uns denn diese Wilden einen ungewohnt hohen 
Grad von Inzestscheu oder Tnzestempfindlichkeit, verbunden 
mit der von uns nicht gut verstandenen Eigentümlichkeit, daß 
sie die reale Blutsverwandtschaft durch die Totemverwandt- 



1) Dem Vater, der Känguruh ist, wird aber — wenigstens durch 
dieses Verbot — der Inzest mit seinen Töchtern, die Emu sind, frei ge- 
lassen. Bei väterlicher Vererbung des Totem wäre der Vater Känguruh, 
die Kinder gleichfalls Känguruh, dem Vater würde dann der Inzest mit 
den Töchtern verboten sein, dem Sohne der Inzest mit der Mutter frei- 
bleiben. Diese Erfolge der Totemverbote ergeben einen Hinweis darauf, 
daß die mütterliche Vererbung älter ist als die väterliche, denn es liegt 
Grund vor anzunehmen, daß die Totemverbote vor allem gegen die in- 
zestuösen Gelüste des Sohnes gerichtet sind. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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8 I. DIE INZESTSCHEÜ. 



Schaft ersetzen. Wir dürfen indes diesen Gegensatz: nicht allzu- 
sehr übertreiben und wollen im Gedächtnis behalten, daß 
die Totemverbote den realen Inzest als Spezialfall mitein- 
schließen. 

Auf welche Weise es dabei zum Ersatz der wirklichen Fa- 
milie durch die Totemsippe gekommen, bleibt ein Rätsel, dessen 
Lösung vielleicht mit der Aufklärung des Totem selbst zu- 
•^ 1 iiuenf ällt. Man müßte freilich daran denken, daß bei einer 
gewissen, über die Eheschranken hinausgehenden Freiheit des 
Sexualverkehrs die Blutsverwandtschaft und somit die Inzest- 
verhütung so unsicher werden, daß man eine andere Fundierung 
des Verbotes nicht entbehren kann. Es ist darum nicht über- 
flüssig zu bemerken, daß die Sitten der Australier soziale Be- 
dingungen und festliche Gelegenheiten anerkennen, bei denen 
das ausschließliche Eheanrecht eines Mannes auf ein Weib durch- 
brochen wird. 

Der Sprachgebrauch dieser australischen Stämme^) weist 
eine Eigentümlichkeit auf, welche unzweifelhaft in diesen Zu- 
sammenhang gehört. Die Verwandtschaftsbezeichnungen näm- 
lich, deren sie sich bedienen, fassen nicht die Beziehung zv/ischen 
zwei Individuen, sondern zwischeft einem Individuum und einer 
Gruppe ins Auge; sie gehören nach dem Ausdruck L. H. Mor- 
gans dem „klassifizierenden" System an. Das will 
heißen, ein Mann nennt „Vater" nicht nur seinen Erzeuger, 
sondern auch jeden anderen Mann, der nach den Stammessatzun- 
gen seine Mutter hätte heiraten und so sein Vater hätte werden 
können; er nennt „Mutter" jede andere Frau neben seiner Ge- 
bärerin, die ohne Verletzung der Stammesgesetze seine Mutter 
hätte werden können; er heißt „Brüder", „Schwestern" nicht 



1) Sowie der meisten Totemvölker. 



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DIE KLASSIFIZIERENDEN VEEWANDTSCHAFTSNAMEN. 9 

nur die Kinder seiner wirklichen Eltern, sondern auch die 
Kinder all der genannten Personen, die in der elterlichen 
Gruppenbeziehung zu ihm stehen usw. Die Verwandtschafts- 
namen, die zwei Australier einander geben> deuten also nicht 
notwendig auf eine Blutsverwandtschaft zwischen ihnen hin, 
wie sie es nach unserem Sprachgebilauche müßten; sie be- 
zeichnen vielmehr soziale als physische Beziehungen. Eine An- 
näherung an dieses klassifikatorische System findet sich bei 
uns etwa in der Kinderstube, wenn das Kind veranlaßt wird, 
jeden Freund und jede Freundin der Eltern als „Onkel" und 
„Tante" zu begrüßen, oder im übertragenen Sinn, wenn wir von 
jjBrüdem in Apoll", „Schwestern in Christo" sprechen. 

Die Erklärung dieses für uns so sehr befremdenden Sprach- 
gebrauches ergibt sich leicht, wenn man ihn als Rest und An- 
zeichen jener Heiratsinstitution auffaßt, die der Rev. L. Fison 
„Gruppenehe" genannt hat, deren Wesen darin besteht, daß 
eine gewisse Anzahl von Männer^L eheliche Rechte über eine 
gewisse Anzahl von Frauen ausübt. Die Kinder dieser Gruppen- 
ehe würden dann mit Recht einander als Geschwister betrachten, 
obwohl sie nicht alle von derselben Mutter geboren sind, und 
alle Männer der Gruppe für ihre Väter halten. 

Obwohl manche Autoren, wie z. B. "Westermarck in 
seiner „Geschichte der menschlichen Ehe^)", sich den Folgerun-- 
gen widersetzen, welche andere aus der Existenz' der Gruppen- 
verwandtschaftsnamen gezogen haben, so stimmen doch gerade 
die besten Kenner der australischen Wilden darin überein, daß 
die klassifikatorischen Verwandtschaftsnamen als Überrest aus 
Zeiten der Gruppenehe zu betrachten sind. Ja, nach Spencer 
und Gillen^) läßt sich eine gewisse Form der Gruppenehe 

1) 2. Aufl., 1902. 

2) The Native Tribes of Central Australia, London 1899. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



10 I. ME INZESTSCHEU. 



bei den Stämmen der Urabunna und der Dieri noch als 
heute bestehend feststellen. Die Gruppenehe sei also bei diesen 
Völkern der individuellen Ehe vorausgegangen und nicht ge- 
schwunden, ohne deutliche Spuren in Sprache und Sitten zurück- 
zulassen. 

Erse^pen wir aber die individuelle Ehe durch die Gruppen- 
ehe, so wird uns das scheinbare Übermaß von Inzestvermeidung, 
welches wir bei denselben Völkern angetroffen haben, begreif- 
lich. Die Totemexogamie, das Verbot des sexuellen Verkehrs 
zwischen Mitgliedern desselben Clans, erscheint als das' ange- 
messene Mittel zur Verhütung des Gruppeninzests, welches 
dann fixiert Wurde und seine Motivierung um lange Zeiten über- 
dauert hat. 

Glauben wir so, die Heiratsbeschränkungen der "Wilden 
Australiens in ihrer Motivierung verstanden zu haben, so müssen, 
wir noch erfahren, daß die wirklichen Verhältnisse eine weit 
größere, auf den ersten Anblick verwirrende, Kompliziertheit 
erkennen lassen. Es gibt nämlich nur wenige Stämme in Austra- 
lien, die k^in anderes Verbot als die Totemschranke zeigen. 
Die meisten sind derart organisiert, daß sie zunächst in 
zwei Abteilungen zerfallen, die man Heiratsklassen (englisch: 
Phrathries) genannt hat. Jede dieser Heiratsklassen ist exogam 
und schließt eine Mehrzahl von Totemsippen ein. Gewöhnlich 
teilt sich noch jede Heiratsklasse in zwei Unterklassen (Sub- 
phrathries), der ganze Stamm also in vier; die Unterklassen 
stehen so zwischen den Phrathrien und den Totemsippen. 

Das typische, recht häufig verwirklichte Schema der Gta?- 
ganisation eines australischen Stammes sieht also folgender- 
maßen aus : 



f^nonl^ Orrginaffnonn 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



DIE HEIRATSKLASSEN. H 



Phrathrien 
a b 




A A -A Ä 

apY 6e->7 1Z3 ^56 

Die zXvölf Totemsippen sind in vier Unterklassen und z\vei 
Klassen untergebracht. Alle Abteilungen sind exogam^). Die 
Subklasse c bildet mit e, die Subklasse d mit / eine exogamc 
Einheit. Der Erfolg, also die Tendenz, dieser Einrichtungen 
ist nicht zweifelhaft; es wird auf diesem Wege eine weitere 
Einschränkung der Heiratswahl und der sexuellen Freiheit her- 
beigeführt. Bestünden nur die zwölf Totemsippen, so wäre 
jedem Mitglied einer Sippe — bei Voraussetzung der gleichen 
Menschenanzahl in jeder Sippe — ^^1x2 aller Frauen des Stam- 
mes zur Auswahl zugänglich. Die Existent der beiden 
Phrathrieo beschränkt diese Anzahl auf ^12 = ^/2 5 ^i^ Mann 
vom Totem a) kann nur eine Frau der Sippen 1 — 6 heiraten. 
Bei Einführung der beiden Unterklassen sinkt die Auswahl 
auf 3/^^ = 1/^; ^in Mann vom Totem a) muß seine Ehewahl 
auf die Frauen der Totem 4, 5, 6 beschränken. 

Die historischen Beziehungen der Heiratsklassen — deren 
bei einigen Stämmen bis zu acht vorkommen — zu den Totem- 
sippen sind durchaus ungeklärt. Man sieht nur, daß diese 
Einrichtungen dasselbe erreichen wollen wie die Totemexogamie 
Tmd au#h noch mehr anstreben. Aber während die Totem- 
exogamie den Eindruck einer heiligen Satzung macht, die ent- 



1) Die Anzahl der Totem ist willkürlich gewählt. 



C^ €\r\cA{? Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



12 I. DIE INZESTSCHEU. 



standen ist, man weiß nicht wie, also einer Sitte, scheinen die 
komplizierten Institutionen der Heiratsklassen, ihrer Unter- 
teilungen und der daran geknüpften Bedingungen zielbewußter 
Gesetzgebung zti entstammen, die vielleicht die Aufgabe der 
Inzestverhütung neu aufnahm, weil der Einfluß des Totem im 
Nachlassen war. Und während das Totemsystem, wie wir 
wissen, die Grundlage aller anderen sozialen Verpflichtungen 
und sittlichen Beschränkungen des Stammes ist, erschöpft sich 
die Bedeutung der Phrathrien im allgemeinen in der durch sie 
angestrebten Regelung der Ehewahl. 

In der weiteren Ausbildung des Heiratsklassensystems 
zeigt sich ein Bestreben, über die Verhütung des natürlichen 
und des Gruppeninzests hinauszugehen und Ehen zwischen ent- 
fernteren Gruppenverwandten zu verbieten, ähnlich wie es die 
katholische Kirche tat, indem sie die seit jeher für Geschwister 
geltenden Heiratsverbote auf die Vetternschaft ausdehnte und 
die geistlichen Verwandtschaftsgrade dazu erfand^). 

Es würde unserem Interesse wenig dienen, wenn wir in die 
außerordentlich verwickelten und ungeklärten Diskussionen über 
Herkunft und Bedeutung der Heiratsklassen, sowie über deren 
Verhältnis zum Totem, tiefer eindringen wollten. Für tmsere 
Zwecke genügt der Hinweis auf die große Sorgfalt, welche die 
Australier sowie andere wilde Völker zur Verhütung des Inzests 
aufwenden 2). Wir müssen sagen, diese Wilden sind selbst inzest- 
empfindlicher als wir. Wahrscheinlich liegt ihnen die Ver- 



1) Artikel Totemism in Encyclopedia Britannica. Elfte Auflage, 
1011 (A. Lang). 

2) Auf diesen Punkt hat erst kürzlich Storfer in seiner Studie: 
„Zur Sonderstellung des Vatermordes*', Schriften zur angewandten Seelen- 
kunde, 12. Heft, Wien 1911, nachdrücklich aufmerksam gemacht. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



ANDERE BESCHRÄNKUNGEN. 13 

ßuchiing näher, so daß sie eines ausgiebigeren Schutzes gegen 
dieselbe bedürfen. 

Die Inzestscheu dieser Völker begnügt sich aber nicht mit 
der Aufrichtung der beschriebenen Institutionen, welche uns 
hauptsächlich gegen den Gruppeninzest gerichtet scheinen. Wir 
müssen eine Reihe von „Sitten" hinzunehmen, welche den indivi- 
duellen Verkehr naher Verwandter in unserem Sinne behüten, 
die mit geradezu religiöser Strenge eingehalten werden, und 
deren Absicht uns kaum zweifelhaft erscheinen kann. Man 
kann diese Sitten oder Sitten verböte „Vermeidungen" (avoidances) 
heißen. Ihre Verbreitung geht weit über die australischen 
Totemvölker hinaus. Ich werde aber auch hier die Leser bitten 
müssen, mit einem fragmentarischen Ausschnitt aus dem reichen 
Material vorlieb zu nehmen. 

In Melanesien richten sich solche einschränkende Verbote 
gegen den Verkehr des Knaben mit Mutter und Schwestern. 
So z. B. verläßt auf Lepers Island, einer der Neuhebri- 
den, der Knabe von einem bestimmten Alter an das mütterliche 
Heim und übersiedelt ins „Klubhaus", wo er jetzt regelmäßig 
schläft und seine Mahlzeiten einnimmt. Er darf sein Heim 
zwar jipch. besuchen, um dort Nahrung zti verlangen; wenn 
aber seine Schwester zu Hause ist, muß er fortgehen, ehe er 
gegessen hat; ist 'keine Schwester anwesend, so darf er sich 
in der Nähe der Türe zum Essen niedersetzen. Begegnen sich 
Bruder und Schwester zufällig im Freien, so muß sie weg- 
laufen oder sich seitwärts verstecken. Wenn der Knabe ge- 
wisse Fußspuren im Sande als die seiner Schwester erkennt, 
so wird er ihnen nicht folgen, ebensowenig wie sie den seinigen. 
Ja, er wird nicht einmal ihren Namen aussprechen und wird 
sich hüten, ein geläufiges Wort zu gebrauchen, wenn es als 
Bestandteil in ihrem Namen enthalten ist. Diese Vermeidung, 



C^ non L^ Orrginaf fnom 

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14 I. DIE INZESTSCHEU. 



die mit der Pubertätszeremonie beginnt, wird über das ganze 
Leben festgehalten. Die Zurückhaltung zwischen einer Mutter 
und ihrem Sohne nimmt mit den Jahren zu, ist übrigens über- 
wiegend auf Seite der Mutter. Wenn sie ihm etwas zu essen 
bringt, reicht sie es ihm nicht selbst, sondern stellt eä vor ihn 
hin, sie redet ihn auch nicht vortraut an, sagt ihm — nach 
unserem Sprachgebrauch — nicht „Du", sondern „Sie". Ähn- 
liche Gebräuche herrschen in Neukaledonien. Wenn Bru- 
der und Schwester einander begegnen, so flüchtet sie ins Ge- 
büsch, und er geht vorüber, ohne den Kopf nach ihr zu wenden^). 

Auf der Gazellen-Halbinsel in Newbritannien 
darf eine Schwester von ihrer Heirat an mit ihrem Bruder 
nicht mehr sprechen, sie spricht auch seinen Namen nicht mehr 
aus, sondern bezeichnet ihn mit einer Umschreibung^). 

Auf Neumecklenburg werden Vetter und Base (ob- 
wohl nicht jeder Art) von solchen Beschränkungen getroffen, 
ebenso aber Bruder und Schwester. Sie dürfen sich einander 
nicht nähern, einander nicht die Hand geben, keine Geschenke 
machen, dürfen aber in der Entfernung von einigen Schritten 
miteinander sprechen. Die Strafe für den Inzest mit der Schwe- 
ster ist der Tod durch Erhängen 3). 

Auf den Fiji-Inseln sind diese Vermeidungsregeln be- 
sonders strenge ; sie betreffen dort nicht nur die blutsverwandte, 
sondern selbst die Gruppenschwester. Um so sonderbarer be- 
rührt es ims, wenn wir hören, daß diese Wilden heilige Orgien 
kennen, in denen eben diese verbotenen Verwandtschaftsgrade 



1) E. H. Co dring ton, „The Melanesians" bei Frazer, „Totemism 
und Exogamy", Bd. I, p. 77. 

2) Frazer, 1. c. II, pag. 124, nach Kleintitschen, Die Küsten- 
bewohner der Gazellen-Halbinsel. 

^) Frazer, 1. c. II, pag. 131, nach P. G. Peckel in Anthropos, 1908. 



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VERMEIDUNGEN ZWISCHEN BLUTSVERWANDTEN, 15 

die geschlechtliche Vereinigung aufsuchen, wenn wir es nicht 
vorziehen, diesen Gegensatzl zur Aufklärung des Verbotes zu 
verwenden, anstatt uns über ihn z:u verwundern^). 

Unter den Battas auf Sumatra betreffen die Vermei- 
dungsgebote alle nahen Verwandtschaftsbeziehungen. Es wäre 
für einen Batta z. B. höchst anstößig, seine eigene Schwester 
zu einer Abendgesellschaft zu begleiten. Ein Battabruder wird 
sich in Gesellschaft seiner Schwester unbehaglich fühlen, selbst 
wenn noch andere Personen mitanwesend sind. Wenn der eine 
von ihnen ins Haus kommt, so zieht es der andere Teil vor, 
wegzugehen. Ein Vater wird auch nicht allein im Hause mit 
seiner Tochter bleiben, ebensowenig wie eine Mutter mit ihrem 
Sohne. Der holländische Missionär, der über diese Sitten be- 
richtet, fügt hinzu, er müsse sie leider für sehr wohlbegründet 
halten. Es wird bei diesem Volke ohne weiteres angenommen, 
daß ein Alleinsein eines Mannes mit einer Frau zu ungehöriger 
Intimität führen werde, und da sie vom Verkehr naher Bluts- 
verwandter alle möglichen Strafen und üblen Folgen erwarten, 
tun sie recht daran, allen Versuchungen durch solche Verbote 
auszuweichen 2). 

Bei den Barongos an der Delagoa-Bucht in Afrika 
gelten merkwürdigerweise die strengsten Vorsichten der Schwä- 
gerin, der Frau des Bruders der eigenen Frau. Wenn ein 
Mann diese ihm gefährliche Person irgendwo begegnet, so weicht 
er ihr sorgsam aus. Er wagt es nicht, aus einer Schüssel mit 
ihr zu essen, er spricht sie nur zagend an, getraut sich nicht, 
in ihre Hütte einzutreten, und begrüßt sie nur mit zitternder 
Stimme 3). 

1) Frazer, 1. c. II, pag. 147, nach Bev. L. Fison. 

2) Frazer, 1. c. II, pag. 189. 

5) Frazer, 1. c. II, pag. 388, nach Junod. 



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16 I. DIE INZESTSCHEÜ. 



Bei den Akamba (oder Wakamba) in Britisch-Ostafrika 
herrscht ein Gebot der Vermeidung, welches man häufiger an- 
zutreffen erwartet hätte. Ein Mädchen muß zwischen ihrer 
Pubertät und ihrer Verheiratung dem eigenen Vater sorgfältig 
ausweichen. Sie versteckt sich, wenn sie ihn auf der Straße 
begegnet, sie versucht es niemals, sich neben ihn hinzusetzen, 
und benimmt sich so bis zum Moment ihrer Verlobung. Von 
der Heirat an ist ihrem Verkehr mit dem Vater kein Hindernis 
mehr in den Weg gelegt^). 

Die bei weitem verbreitetste, strengste und auch für zivi- 
lisierte Völker interessanteste Vermeidung ist die, welche den 
Verkehr zwischen einem Manne und seiner Schwiegermutter 
einschränkt. Sie ist in Australien ganz allgemein, ist aber 
aucfi bei den melanesischen, polynesischen und den Negervölkern 
Afrikas in Kraft, soweit die Spuren des Totemismus und der 
Gruppenverwandtschaft reichen, und wahrscheinlich noch dar- 
über hinaus. Bei manchen dieser Völker bestehen ähnliche Ver- 
bote gegen den harmlosen Verkehr einer Frau mit ihrem Schwie- 
gervater, doch sind sie lange nicht so konstant und so ernsthaft. 
In vereinzelten Fällen werden beide Schwiegereltern Gegen- 
stand der Vermeidung. 

Da wir uns weniger für die ethnographische Verbreitung 
als für den Inhalt und die Absicht der Schwiegermuttervermei- 
dung interessieren, werde ich mich auch hier auf die Wieder- 
gabe weniger Beispiele beschränken. 

Auf den Banks-Inseln sind diese Gebote sehr strenge 
und peinlich genau. Ein Mann wird die Nähe seiner Schwieger- 
mutter meiden, wie sie die seinige. Wenn sie einander zufällig 
auf einem Pfade begegnen, so tritt das Weib zur Seite und 



1) Frazer, 1. c. II, pag. 424. 



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DIE VERMEIDUNG DER SCHWIEGEBMUTTER. 17 

wendet ihm den Rücken, bis er vorüber ist, oder er tut das 
nämliche. 

In Van na Lava (Port Patteson) wird ein Mann nicht 
einmal hinter seiner Schwiegermutter am Strande einhergehen, 
ehe die steigende Flut nicht die Spur ihrer Fußtritte im Sande 
weggeschwemmt hat. Doch dürfen sie aus einer gewissen Ent- 
fernung miteinander sprechen. Es ist ganz ausgeschlossen, daß 
er je den Namen seiner Schwiegermutter ausspricht oder sie 
den ihres Schwiegersohnes^). 

Auf den Salomons-Inseln darf der Mann von seiner 
Heirat an seine Schwiegermutter weder sehen, noch mit ihr 
sprechen. Wenn er ihr begegnet, tut er nicht, als ob er sie 
kennen würde, sondern läuft, so schnell er kann, davon, um 
sich zu verstecken^). 

Bei den Zulukaffern verlangt die Sitte, daß ein Mann 
sich seiner Schwiegermutter schäme, daß er alles tue, um ihrer 
Gesellschaft auszuweichen. Er tritt nicht in die Hütte ein, in 
der sie sich befindet, und wenn sie einander begegnen, geht er 
oder sie bei Seite, etwa, indem sie sich hinter einem Busch 
versteckt, während er seinen Schild vors Gesicht hält. Wenn 
sie einander nicht ausweichen können und das Weib nichts 
anderes hat, um sich zu verhüllen, so bindet sie wenigstens ein 
Grasbüschel um ihren Kopf, damit dem Zeremoniell Genüge 
getan sei. Der Verkehr zwischen ihnen muß entweder durch 
eine dritte Person besorgt werden, oder sie dürfen aus einiger 
Entfernung einander zuschreien, wenn sie irgend eine Schranke, 
z. B. die Einfassung des Kraals, zwischen sich haben- Keiner 



1) Prazer, 1. c. II, pag. 76. 

2) Frazer, 1. c. II, pag. 117, nach C. Ribbe, Zwei Jahre unter den 
Kannibalen der Salomons-Inseln, 1905. 

Freud, Totem und Tabu. 2 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



18 I. DIE INZESTSCHEU. 



von ihnen darf den Namen des anderen in den Mund 
nehmen ^). 

Bei den B a s o g a, einem Negerstamme im Quellgebiete des 
Nils, darf ein Mann zu seiner Schwiegermutter nur sprechen, 
wenn sie in einem anderen Räume des Hauses ist und von ihm 
nicht gesehen wird. Dieses Volk verabscheut übrigens den Inzest 
so sehr, daß es ihn selbst bei Haustieren nicht straflos läßt 2). 

Während Absicht und Bedeutung der anderen Vermeidun- 
gen zwischen nahen Verwandten einem Zweifel nicht unter- 
liegen, so daß sie von allen Beobachtern als Schutzmaßregeln 
gegen den Inzest aufgefaßt werden, haben die Verbote, welche 
den Verkehr mit der Schwiegermutter betreffen, von manchen 
Seiten eine andere Deutung erfahren. Es erschien mit Recht 
unverständlich, daß alle diese Völker so große Angst vor der 
Versuchung zeigen sollten, die dem Manne in der Gestalt einer 
älteren Frau entgegentritt, welche seine Mutter sein könnte, 
ohne es wirklich zu sein^). 

Diese Einwendung wurde auch gegen die Auffassung von 
Fison erhoben, der darauf aufmerksam machte, daß gewisse 
Heiratsklassensysteme darin eine Lücke zeigen, daß sie die 
Ehe zwischen einem Manne und seiner Schwiegermutter nicht 
theoretisch unmöglich machen; es hätte darum einer beson- 
deren Sicherung gegen diese Möglichkeit bedurft. 

Sir J. Lubbock führt in seinem Werke „Origin of civi- 
lisation" das Benehmen der Schwiegermutter gegen den Schwie- 
gersohn auf die einstige Raubehe (mariage by capture) zurück. 
„Solange der Frauenraub wirklich bestand, wird auch die Ent- 
rüstung der Eltern ernsthaft genug gewesen sein. Als von 

1) Frazer, 1. c. II, pag. 385. 

2) Frazer, 1. c. II, pag. 461. 

3) V. Orawley, The mystic rose, London 1902, pag. 406. 



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EßKLÄKÜNGSVERSUCHE DIESER VERMEIDUNG. 19 

dieser Form der Ehe nur mehr Symbole übrig waren, wurde 
auch die Entrüstung der Eltern symbolisiert, und diese Sitte 
hielt noch an, nachdem ihre Herkunft vergessen war." Es wird 
Crawley leicht zti zeigen, wie wenig dieser Erklärungsversuch 
die Einzelheiten der tatsächlichen Beobachtung deckt. 

E. B. Tylor meint, die Behajidlung des Schwiegersohnes 
von Seiten der Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form 
der „Nichtanerkennung" (cutting) von seiten der Familie der 
Frau. Der Mann gilt als Fremder, und dies so lange, bis das 
erste Kind geboren wird. Allein abgesehen von den Fällen, in 
denen letztere Bedingung das Verbot nicht aufhebt, unterliegt 
diese Erklärung dem Einwand, daß sie die Orientierung der 
Sitte auf das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und Schwieger- 
mutter nicht aufhellt, also den geschlechtlichen Faktor über- 
sieht, und daß sie dem Moment des geradezu heiligen Absch'eus 
nicht Bechnung trägt, welcher in den Vermeidungsgeboten zum 
Ausdruck kommt i). 

Eine Zulufrau, die nach der Begründung des Verbotes ge- 
fragt wurde, gab die vom Zartgefühl getragene Antwort: Es 
ist nicht recht, daß er die Brüste sehen soll, die seine Frau 
gesäugt haben ^). 

Es ist bekannt, daß das Verhältnis zwischen Schwieger- 
sohn und Schwiegermutter auch bei den zivilisierten Völkern 
zu den heikein Seiten der Familienorganisation gehört. Es 
bestehen in der Gesellschaft der weißen Völker Europas und 
Amerikas zwar keine Vermeidungsgebote mehr für die beiden, 
aber es würde oft viel Streit und Unlust vermieden, wenn 



1) Crawley, 1. c, pag. 407. 

2) Crawley, 1. c, pag. 401, nach Leslie, Among the Zulus and 



Amatongas, 1875. 



2* 



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20 I. DIE INZESTSCHEÜ. 



solche noch als Sitte bestünden und nicht von den einzelnen 
Individuen wieder aufgerichtet werden müßten. Manchem 
Europäer mag es als ein Akt hoher Weisheit erscheinen, daß 
die wilden Völker durch ihre Vermeidungsgebote die Herstel- 
lung eines Einvernehmens zwischen den beiden so nahe verwandt 
gewordenen Personen von vornherein ausgeschlossen haben. Es 
ist kaum zweifelhaft, daß in der psychologischen Situation von 
Schwiegermutter und Schwiegersohn etwas enthalten ist, was 
die Feindseligkeit zwischen ihnen befördert und ihr Zusammen- 
leben erschwert. Daß der "Witz der zivilisierten Völker gerade 
das Schwiegermutterthema so gern zum Objekt nimmt, scheint 
mir darauf hinzudeuten, daß die Gefühlsrelationen lawischen 
den beiden außerdem Komponenten führen*, die in scharfem 
Gegensatz zu einander stehen. Ich meine, daß dies Verhältnis 
eigentlich ein „ambivalentes", aus widerstreitenden, zärtlichen 
und feindseligen Kegungen zusammengesetztes ist. 

Ein gewisser Anteil dieser Begungen liegt klar zu Tage: 
Von Seiten der Schwiegermutter die Abneigung, auf den Besitz 
der Tochter zu verzichten, das Mißtrauen gegen den Fremden, 
dem sie überantwortet ist, die Tendenz', eine herrschende Posi- 
tion zu behaupten, in die sie sich im eigenen Hause eingelebt 
hatte. Von selten des Mannes die Entschlossenheit, sich keinem 
fremden Willen mehr unterzuordnen, die Eifersucht gegen alle 
Personen, die vor ihm die Zärtlichkeit seines "Weibes besaßen, 
und — last not least — die Abneigung dagegen, sich in der 
Illusion der Sexualüberschätzung stören zu lassen. Eine solche 
Störung geht wohl zumeist von der Person der Schwiegermutter 
aus, die ihn durch so viele gemeinsame Züge an die Tochter 
mahnt und doch all der Reize der Ju^nd, Schönheit und 
psychischen Frische entbehrt, welche ihm seine Frau wert- 
voll machen. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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PSYCHOANALYTISCHE AUFFASSUNG DIESER VERMEIDUNGEN. 21 

Die Kenntnis versteckter Seelenregungen, welche die 
psychoanalytische Untersuchung einzelner Menschen verleiht, 
^gestattet uns, zu diesen Motiven noch andere hinzuzufügen. 
Wo die psychosexuellen Bedürfnisse der Frau in der Ehe und 
im Familienleben befriedigt werden sollen, da droht ihr immer 
die Gefahr der Unbefriedigung durch den frühzeitigen Ablauf 
der ehelichen Beziehung und die Ereignislosigkeit in ihrem 
Gefühlsleben. Die alternde Mutter schützt sich davor durch 
Einfühlung in ihre Kinder, Identifizierung mit ihnen, indem 
sie deren gefühlsbetonte Erlebnisse zu den eigenen macht. Man 
sagt, die Eltern bleiben jung mit ihren Kindern; es ist dies 
in der Tat einer der wertvollsten seelischen Gewinste, den El- 
tern aus ihren Kindern ziehen. Im Falle der Kinderlosigkeit 
■ entfällt so eine der besten Möglichkeiten, die für die eigene 
Ehe erforderliche Eesignation zu ertragen. Diese Einfühlung 
in die Tochter geht bei der Mutter leicht so weit, daß sie sich 
in den von ihr geKebten Mann — mitverliebt, was in grellen 
Fällen infolge des heftigen seelischen Sträubens gegen diese 
Gefülilsanlage zu schweren Formen neurotischer Erkrankung 
führt. Eine Tendenz zu solcher Verliebtheit ist bei der 
Schwiegermutter jedenfalls sehr häufig, und entweder diese 
selbst oder die ihr entgegenarbeitende Strebung schließen sich 
dem Gewühle der miteinander ringenden Kräfte in der Seele 
der Schwiegermutter an. ßecht häufig wird gerade die unzärt- 
liche, sadistische Komponente der Liebeserregung dem Schwieger- 
sohne zugewendet, um die verpönte, zärtliche, um so sicherer 
zu unterdrücken. 

Für den Mann kompliziert sich das Verhältnis zur 
Schwiegermutter durch ähnliche Regungen, die aber aus anderen 
Quellen stammen. Der Weg der Objektwahl hat ihn regulärer- 
weise über das Bild seiner Mutter, vielleicht noch seiner Schwe- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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22 I. DIE INZESTSCHEU. 



ster, zu seinem Liebesobjekt geführt; infolge der Inziestschranke 
glitt seine Vorliebe von beiden teuren Personen seiner Kind- 
heit ab, um bei einem fremden Objekt nach deren Ebenbild zu 
landen. An Stelle der eigenen Mutter und Mutter seiner Schwe- 
ßter sieht er nun die Schwiegermutter treten; es entwickelt 
sich eine Tendenz, in die vorzeitliche Wahl zurückzusinken, 
aber dieser widerstrebt alles in ihm. Seine Inzestscheu fordert, 
daß er an die Genealogie seiner Liebeswahl nicht erinnert werde ; 
die Aktualität der Schwiegermutter, die er nicht wie die Mutter 
von jeher gekannt hat, so daß ihr Bild im Unbewußten unver- 
ändert bewahrt werden konnte, macht ihm die Ablehnung leicht. 
Ein besonderer Zusatz von Eeizbarkcit und Gehässigkeit zur 
Gefühlsmischung läßt uns vermuten, daß die Schwiegermutter 
tatsächlich eine Inzestversuchung für den Schwiegersohn dar- 
stellt, sowie es anderseits nicht selten vorkommt, daß sich ein 
Mann manifesterweise zunächst in seine spätere Schwiegermutter 
verliebt, ehe seine Neigung auf deren Tochter übergeht. 

Ich sehe keine Abhaltung von der Annahme, daß es gerade 
dieser, der inzestuöse Faktor des Verhältnisses ist, welcher die 
Vermeidung zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter bei 
den Wilden motiviert. "Wir würden also in der Aufklärung der 
so streng gehandhabten „Vermeidungen" dieser primitiven Völ- 
ker die ursprünglich von Fison geäußerte Meinung bevor- 
zugen, die in diesen Vorschriften wiederum nur einen Schutz 
gegen den möglichen Inzest erblickt. Das nämliche würde für 
alle anderen Vermeidungen zwischen Bluts- oder Heiratsver- 
wandten gelten. Nur bliebe der Unterschied, daß im ersteren 
Falle der Inzest ein direkter ist, die Verhütungsabsicht eine 
bewußte sein könnte ; im anderen Falle, der das Schwiegermutter- 
verhältnis mit einschließt, wäre der Inzest eine Phantasieversu- 
chung, ein durch unbewußte Zwischenglieder vermittelter. 



C^ no n 1 ^ Ori"g I n a f f no m 

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BOLLE DES INZESTS IN NEUROSE UND LITERATUR. 23 

Wir haben in den vorstehenden Ausführungen wenig Ge- 
legenheit gehabt zu zeigen, daß die Tatsachen der Völkerpsycho- 
logie durch die Anwendung der psychoanalytischen Betrach- 
tung in neuem Verständnis gesehen werden können, denn die 
Inzestscheu der Wilden ist längst als solche erkannt worden 
und bedarf keiner weiteren ^Deutung. Was wir zu ihrer Würdi- 
gung hinzufügen können, ist die Aussage, sie sei ein exquisit 
infantiler Zug und eine auffällige Übereinstimmung mit dem 
seelischen Leben des Neurotikers. Die Psychoanalyse hat unö 
gelehrt, daß die erste sexuelle Objektwahl des Knaben eine 
inzestuöse ist, den verpönten Objekten, Mutter und Schwester, 
gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelehrt, auf denen 
sich der Heranwachsende von der Anziehung des Inztests frei 
macht. Der Neurotiker repräsentiert uns aber regelmäßig ein 
Stück des psychischen Infantilismus, er hat es entweder nicht 
vermocht, sich von den kindlichen Verhältnissen der Psycho- 
sexualität zu befreien, oder er ist zu ihnen zurückgekehrt. 
(Entwicklungshemmung und Eegression.) In seinem unbewuß- 
ten Seelenleben spielen darum noch immer oder wiederum die 
inzestuösen Fixierungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind 
dahin gekommen, das vom Inzestverlangen beherrschte Ver- 
hältnis zu den Eltern für den Kernkomplex der Neurose 
zu erklären. Die Aufdeckung dieser Bedeutung des Inzests 
für die Neurose stößt natürlich auf den allgemeinsten Un- 
glauben der Erwachsenen und Normalen; dieselbe Ablehnung 
wird z. B. auch den Arbeiten von Otto Rank entgegentreten, 
die in immer größerem Ausmaß dartun, wie sehr das Inzest- 
thema im Mittelpunkte des dichterischen Interesses steht und 
in ungezählten Variationen und Entstellungen der Poesie den 
Stoff liefert. Wir sind genötigt zu glauben, daß solche Ab- 
lehnung vor allem ein Produkt der tiefen Abneigung des Men- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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24 I- DIE INZESTSCHEU. 



sehen gegen seine einstigen, seither der Verdrängung verfal- 
lenen Inzestwünsche ist. Es ist uns darum nicht unwichtig, an 
den wilden Völkern zeigen zu können, daß sie die zur späteren 
Unbewußtheit bestimmten Inzestwünsche des Menschen noch als 
bedrohlich empfinden und der schärfsten Abwehrmaßregeln für 
würdig halten. 



C^ nonl^ Orrgmaf fnom 

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IL 

DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ 
DER GEFÜHLSREGUNGEN. 

Tabu ist ein polynesisches Wort, dessen Übersetzung uns 
Schwierigkeiten bereitet, weil wir den damit bezeichneten Be- 
griff nicht mehr besitzen- Den alten Römern war er noch ge- 
läufig; ihr sacer war dasselbe wie das Tabu der Polynesier- 
•Auch das a^o^ der Griechen, das Kodausch der Hebräer 
muß das nämliche bedeutet haben, was die Polynesier durch 
ihr Tabu, viele Völker in Amerika, Afrika (Madagaskar), Nord- 
und Zentral-Asien durch analoge Bezeichnungen ausdrücken. 

Uns geht die Bedeutung des Tabu nach zwei entgegen- 
gesetzten Richtungen auseinander. Es heißt uns einerseits: 
heilig, geweiht, anderseits: unheimlich, gefährlich, verboten, 
unrein. Der Gegensatz von Tabu heißt im Polynesischen noa 
= gewöhnlich, allgemein zugänglich. Somit haftet am Tabu 
etwas wie der Begriff einer Reserve, das Tabu äußert sich auch 
wesentlich in Verboten und Einschränkungen. Unsere Zu- 
sammensetzung „heilige Scheu" würde sich oft mit dem Sinn 
des Tabu decken. 

Die Tabubeschränkungen sind etwas anderes als die reli- 
giösen oder -die moralischen Verbote. Sie werden nicht auf das 
Gebot eines Gottes zurückgeführt, sondern verbieten sich eigent- 
lich von selbst; von den Moral verboten scheidet sie das Fehlen 
der Einreihung in ein System, welches ganz allgemein Enthal- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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26 n- DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

tungen für notwendig erklärt und diese Notwendigkeit auch 
begründet. Die Tabuverbote entbehren jeder Begründung; sie 
sind unbekannter Herkunft; für uns unverständlich, erscheinen 
sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft stehen. 

Wundt^) nennt das Tabu den ältesten ungeschriebenen 
Gesetzeskodex der Menschheit. Es wird allgemein angenommen, 
daß das Tabu älter ist als die Götter und in die Zeiten vor 
jeder Beligion zurückreicht. 

Da wir einer unparteiischen Darstellung des Tabu be- 
dürfen, um dieses der psychoanalytischen Betrachtung zu unter- 
ziehen, lasse ich nun einen Auszug aus dem Artikel „Taboo" der 
„Encyclopedia Britannica ^)" folgen, der den Anthropologen 
Northcote W. Thomas zum Verfasser hati 

„Streng genommen umfaßt tabu nur a) den heiligen (oder 
unreinen) Charakter von Personen oder Dingen, h) die Art dor 
Beschränkung, welche sich aus diesem Charakter ergibt, und 
c) die Heiligkeit (oder Unreinheit), welche aus der Verletzuns^ 
dieses Verbotes hervorgeht. Das Gegenteil von tabu heißt in 
Polynesien ,noaS was ,gewöhnlich' oder ,gemein' bedeutet..." 

„In einem weiteren Sinne kann man verschiedene A^ten 
von Tabu unterscheiden: 1. Ein natürliches oder direktes 
Tabu, welches das Ergebnis einer geheimnisvollen Kraft (M a n a) 
ist, die an einer Person oder Sache haftet; 2. ein mitgeteil- 
tes oder indirektes Tabu, das auch von jener Kraft ausgeht 
aber entweder a) erworben ist, oder h) von einem Priester, 
Häuptling oder sonst wem übertragen; endlich 3. ein Tabu, 
das zwischen den beiden anderen die Mitte hält, wenn nämlich 
beide Faktoren in Betracht kommen, wie z. B. bei der Aneig- 

1) Völkerpsychologie, II. Bd., „Mythus und Religion", 1906, II, p. 308. 
^) Elfte Auflage, 1911. — Daselbst auch die wichtigsten Literatur- 
nachweise. 



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CHARAKTEK UND ZIELE DES TABU. 27 



nung eines Weibes durch einen Mann. Der Name Tabu wird 
. auch auf andere rituelle Beschränkungen angewendet, aber man 
sollte alles, was besser religiöses Verbot heii3en könnte, nicht 
zum Tabu rechnen." 

„Die Ziele des Tabu sind mannigfacher Art: Direkte 
Tabu bezwecken a) den Schutz; bedeutsamer Personen, wie 
Häuptlinge, Priester und Gegenstände u. dgl. gegen mögliche 
Schädigung ; b) die Sicherung der Schwachen — Frauen, Kinder 
und gewöhnlicher Menschen im allgemeinen — g^gen das mäch- 
tige Mana (die magische Kraft) der Priester und Häuptlinge; 

c) den Schutz gegen Gefahren, die mit der Berührung von 
Leichen, mit dem Genuß gewisser Speisen usw. verbunden sind; 

d) die Versicherung gegen die Störung wichtiger Lebensakte, 
wie Geburt, Männerweihe, Heirat, sexuelle Tätigkeiten; e) den 
Schutz menschlicher Wesen gegen die Macht oder den Zorn 
von Göttern und Dämonen^); f) die Behütung Ungeborener 
und kleiner Kinder gegen die mannigfachen Gefahren, die ihnen 
infolge ihrer besonderen sympathetischen Abhängigkeit von 
ihren Eltern drohen, wenn diese z. B. gewisse Dinge tun oder 
Speisen zu sich nehmen, deren Genuß den Kindern besondere 
Eigenschaften übertragen könnte. Eine andere Verwendung des 
Tabu isü die zum Schutze des Eigentums einer Person, seiner 
Werkzeuge, seines Feldes usw. gegen Diebe." 

„Die Strafe für die Übertretung eines Tabu wird wohl ur- 
sprünglich einer inneren, automatisch wirkenden Einrichtung 
überlassen. Das verletzte Tabu rächt sich selbst. Wenn Vor- 
stellungen von Göttern und Dämonen hinzukommen, mit denen 
das Tabu in Beziehung tritt, so wird von der Macht der Gott- 
heit eine automatische Bestrafung erwartet. In anderen Fällen, 

1) Diese Verwendung der Tabu kann auch als eine nicht ursprüng- 
liche in diesem Zusammenhange beiseite gelassen werden. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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28 n. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

wahrscheiDÜch infolge einer weiteren Entwicklung des Be- 
griffes, übernimmt die Gesellschaft die Bestrafung des Ver- 
wegenen, dessen Vorgehen seine Genossen in Gefahr gebracht 
hat. So knüpfen auch die ersten Strafsysteme der Menschheit 
an das Tabu an-" 

„Wer ein Tabu übertreten hat, der ist dadurch selbst tabu 
geworden. Gewisse Gefahren, die aus der Verletzung eines 
Tabu entstehen, können durch Bußhandlungen und Eeinigungs- 
Zeremonien beschworen werden.*' 

„Als die Quelle des Tabu wird eine eigentümliche Zauber- 
kraft angesehen, die an Personen und Geistern haftet und von 
ihnen aus durch unbelebte Gegenstände hindurch übertragen 
werden kann. Personen oder Dinge, die tabu sind, können mit 
elektrisch geladenen Gegenständen verglichen werden; sie sind* 
der Sitz einer furchtbaren Kraft, welche sich durch Berührung 
mitteilt und mit unheilvollen Wirkungen entbunden wird, wenn 
der Organismus, der die Entladung hervorruft, zu schwach ist, ^ 
ihr zu widerstehen. Der Erfolg einer Verletzung des Tabu •] 
hängt also nicht nur von der Intensität der magischen Kraft 
ab, die an dem Tabu-Objekt haftet, sondern auch von der Stärke 
des Mana, die sich dieser Kraft bei dem Frevler entgegensetzt. - 
So sind z. B. Könige und Priester Inhaber einer großartigen ; 
Kraft, und es wäre Tod für ihre Untertanen, in unmittelbare 
Berührung mit ihnen zu treten, aber ein Minister oder eine 
andere Person von mehr als gewöhnlichem Mana kann unge- * 
fährdet mit ihnen verkehren, und diese Mittelspersonen können 
wiederum ihren Untergebenen ihre Annäherung gestatten, ohne 
sie in Gefahr zu bringen. Auch mitgeteilte Tabu hängen in 
ihrer Bedeutung von dem Mana der Person ab, von der sie aus- % 
gehen ; wenn ein König oder Priester ein Tabu auferlegt, ist es 
wirksamer, als wenn es von einem gewöhnlichen Menschen käme." ^4 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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QUELLE DES TABU. PROBLEME. 29 

Die Übertragbarkeit eines Tabu ist wohl jener Charakter, 
der dazu Veranlassung gegeben hat, seine Beseitigung durch 
Sühnezeremonien zu versuchen. 

„Es gibt permanente und zeitweilige Tabu. Priester und 
Häuptlinge sind das erstere, ebenso Tote, und alles, was zu 
: ihnen gehört hat. Zeitweilige Tabu schließen sich an gewisse 
^ Zustände an, so an die Menstruation und das Kindbett, an den 
^ Stand des Kriegers vor und nach der Expedition, an die Tätig- 
keiten des Fischens und Jagens u. dgl. Ein allgemeines Tabu 
kann auch wie das kirchliche Interdikt über einen großen Bezirk 
verhängt werden und dann jahrelang anhalten.*' 

Wenn ich die Eindrücke meiner Leser richtig abzuschätzen 
weiß, so getraue ich mich jetzt der Behauptung, sie wüßten 
nach all diesen Mitteilungen über das Tabu erst recht nicht, 

. was sie sich darunter vorzustellen haben, und wo sie es in 
ihrem Denken unterbringen können. Dies ist sicherlich die 
"Folge der ungenügenden Information, die sie von mir erhalten 
haben, und des Wegfalls aller Erörterungen über die Beziehung 
des Tabu zum Aberglauben, zum Seelenglauben und zur Re- 
ligion. Aber anderseits fürchte ich, eine eingehendere Schil- 
derung dessen, was man über das Tabu weiß, hätte noch ver- 
wirrender gewirkt, und darf versichern, daß die Sachlage in 
Wirklichkeit recht undurchsichtig ist. Es handelt sich also 
" um eine Eeihe von Einschränkungen, denen sich diese primi- 
tiven Völker unterwerfen; dies und jenes ist verboten, sie 
wissen nicht warum, es fällt ihnen auch nicht ein, danach zu 
fragen, sondern sie unterwerfen sich ihnen wie selbstverständ- 

e lieh und sind überzeugt, daß eine Übertretung sich von selbst 
auf die härteste Weise strafen wird. Es liegen zuverlässige 

^ Berichte vor, daß die unwissentliche Übertretung eines solchen 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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30 n. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

Verbotes sich tatsächlich automatisch gestraft hat. Der un- 
schuldige Missetäter, der z. B. von einem ihm verbotenen Tier 
gegessen hat, wird tief deprimiert, erwartet seinen Tod und 
stirbt dann in allem Ernst. Die Verbote betreffen meist Genuß- 
fähigkeit, Bewegungs- und Verkehrsfreiheit; sie scheinen in 
manchen Fällen sinnreich, sollen offenbar Enthaltungen und 
Entsagungen bedeuten, in anderen Fällen sind sie ihrem Inhalt 
nach ganz unverständlich, betreffen wertlose Kleinigkeiten, 
scheinen ganz von der Art eines Zeremoniells zu sein. All diesen 
Verboten scheint etwas wie eine Theorie zu Grunde zu liegen, 
als ob die Verbote notwendig wären, weil gewissen Personen 
und Dingen eine gefährliche Kraft zu eigen ist, die sich durch 
Berührung mit dem so geladenen Objekt überträgt, fast wie 
eine Ansteckung. Es wird auch die Quantität dieser gefähr- 
lichen Eigenschaft in Betracht gezogen. Der eine oder das 
eine hat mehr davon als der andere, und die Gefahr richtet sich 
geradezu nach der Differenz der Ladungen. Das Sonderbarste 
daran ist wohl, daß, wer es zu stände gebracht hat, ein solches 
V/erbot zu übertreten, selbst den Charakter des Verbotenen 
gewonnen, gleichsam die ganze gefährliche Ladung auf sich 
genommen hat. Diese Kraft haftet nun an allen Personen, die 
etwas Besonderes sind, wie Könige, Priester, Neugeborene, an 
allen Ausnahmszuständen, wie die körperlichen der Menstrua- 
tion, der Pubertät, der Geburt, an allem Unheimlichen, wie 
Krankheit und Tod, und was kraft der Ansteckungs- oder Aus- 
breitungsfähigkeit damit zusammenhängt. 

„Tabu*' heißt aber alles, sowohl die Personen als auch die 
örtlichkeiten, Gegenstände und die vorübergehenden Zustände, 
welche Träger oder Quelle dieser geheimnisvollen Eigenschaft 
sind. Tabu heißt auch das Verbot, welches sich aus dieser 
Eigenschaft herleitet, und Tabu heißt endlich seinem Wortsinn 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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PEOBLEME DES TABU. 31 



nach etwas, was zugleich heilig, über das Gewöhnliche erhaben 
wie auch gefährlich, unrein, unheimlich umfaßt. 

In diesem AVort uüd in dem System, das es bezeichnet, 
drückt sich ein Stück Seelenleben aus, dessen Verständnis uns 
wirklich nicht nahe gerückt erscheint. Vor allem sollte man 
meinen, daß man sich diesem Verständnis nicht nähern könne, 
ohne auf den für so tiefstehendo Kulturen charakteristischen 
Glauben an Geister und Dämonen einzugehen. 

.Warum sollen wir überhaupt unser Interesse an das Eätsel 
des Tabu wenden? Ich meine, nicht nur, weil jedes psycho- 
logische Problem an sich des Versuches einer Lösung wert ist, 
sondern auch noch aus anderen Gründen. Es darf uns ahnen, 
daß das Tabu der "Wilden Polynesiens doch nicht so weit von 
, uns abliegt, wie wir zuerst glauben wollten, daß die Sitten- 
und Moralverbote, denen wir selbst gehorchen, in ihrem Wesen 
eine Verwandtschaft mit diesem primitiven Tabu haben könn- 
ten, und daß die Aufklärung des Tabu ein Licht auf den 
dunkeln Ursprung unseres eigenen „kategorischen Imperativs" 
zu werfen vermöchte. 

Wir werden also in besonders erwartungsvoller Spannung 
aufhorchen, wenn ein Forscher wie W. Wundt uns seine Auf- 
fassung des Tabu mitteilt, zumal da er verspricht, „zu den 
letzten Wurzeln der Tabuvorstellungen zurückzugehen i)*'. 

Vom Begriff des Tabu sagt Wundt, daß es „alle die 
Bräuche umfaßt, in denen sich die Scheu vor bestimmten mit 
den kultischen Vorstellungen zusammenhängenden Objekten 
oder vor den sich auf diese beziehenden Handlungen aus- 
drückt 2)". 



1) lü der Völkerpsychologie, Band II, „Religion und Mythus", II, 
p. 300 u. ff. 

2) 1. c, p. 237. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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32 IL DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

Ein andermal: „Verstehen wir darunter (unter dem Taibu), 
wie es dem allgemeinen Sinne des Wortes entspricht, jedes in 
Brauch und Sitte oder in ausdrücklich formulierten Gesetzen 
niedergelegte Verbot, einen Gegenstand zu berühren, zu eigenem 
Gebrauch in Anspruch zu nehmen oder gewisse verpönte Worte 

zu gebrauchen ," so gebe es überhaupt kein Volk und keine 

Kulturstufe, die der Schädigung durch das Tabu entgegen wäre. 

Wundt führt dann aus, weshalb es ihm zweckmäßiger 
erscheint, die Natur des Tabu an den primitiven Verhältnissen 
der australischen AVilden als in der höheren Kultur der polyne- 
sischen Völker zu studieren. Bei den Australiern ordnet er die 
Tabuverbote in drei Klassen, je nachdem sie Tiere, Menschen 
oder andere Objekte betreffen. Das Tabu der Tiere, das wesent- 
lich im Verbot des Tötens und Verzehrens besteht, bildet den 
Kern des Totemismus^). Das Tabu der zweiten Art, das 
den Menschen zu seinem Objekt hat, ist wesentlich anderen 
Charakters. Es ist von vornherein auf Bedingungen einge- 
schränkt, die für den Tabuierten eine ungewöhnliche Lebens- 
lage herbeiführen. So sind Jünglinge tabu beim Fest der 
Männerweihe, Frauen während der Menstruation und unmittel- 
bar nach der Greburt, neugeborene Kinder, Kranke und vor 
allem die Toten. Auf dem fortwährend gebrauchten Eigentum 
eines Menschen ruht ein dauerndes Tabu für jeden anderen ; 
so auf seinen Kleidern, Werkzeugen und Waffen. Zum per- 
sönlichsten Eigentum gehört in Australien auch der neue Name, 
den ein Knabe bei seiner Männerweihe erhält, dieser ist tabu 
und muß- geheim gehalten werden. Die Tabu der dritten Art, 
die auf Bäumen, Pflanzen, Häusern, Ortlichkeiten ruhen, sind 
veränderlicher, scheinen nur der Kegel zu folgen, daß dem Tabu 



1) Vgl. darüber die erste und die letzte Abhandlung dieses Buches. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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WUNDT ÜBER DAS TABU. 33 

unterworfen wird, was aus irgend welcher Ursache Scheu er- 
regt oder unheimlich ist. 

Die Veränderungen, die das Tabu in der reicheren Kultur 
der Polynesier und der malaiischen Inselwelt erfährt, muß 
Wundt selbst für nicht sehr tiefgehend erklären. Die stärkere 
soziale Differenzierung dieser Völker macht sich darin geltend, 
daß Häuptlinge, Könige und Priester ein besonders wirksames 
Tabu ausüben und selbst dem stärksten Zwang des Tabu aus- 
gesetzt werden. 

Die eigentlichen Quellen des Tabu liegen aber tiefer als 
in den Interesfeen der privilegierten Stände; „sie entspringen 
da, wo die primitivsten und zugleich dauerndsten menschlichen 
Triebe ihren Ursprung nehmen, in der Furcht vor der 
Wirkung dämonischer Mächte^)**. „Ursprünglich 
nichts anderes als die objektiv gewordene Furcht vor der in 
dem tabuierten Gegenstand verborgen gedachten dämonischen 
Macht, verbietet das Tabu, diese Macht zu reizien, und es ge- 
bietet, wo es wissentlich oder unwissentlich verletzt worden 
ist, die Rache des Dämons zu beseitigen.*' 

Allmählich wird dann das Tabu zu einer in sich selbst 
begründeten Macht, die sich vom Dämonismus losgelöst hat. 
Es wird zum Zwang der Sitte und des Herkommens und schließ- 
lich des Gesetzes. „Das Gebot aber, das unausgesprochen hinter 
den nach Ort und Zeit mannigfach wechselnden Tabuverboten 
steht, ist ursprünglich das eine: Hüte dich vor dem Zorn 
der Dämonen." 

Wundt lehrt uns also, das Tabu sei ein Ausdruck und 
Ausfluß des Glaubens der primitiven Völker an dämonische 
Mächte. Später habe sich das Tabu von dieser Wurzel los- 



1) 1. c, p. 307. 

Freud, Totem und Tabu. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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34 II. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

gelöst und sei eine Macht geblieben, einfach weil es eine solche 
war, infolge einer Art von psychischer Beharrung; so sei es 
selbst die Wurzel unserer Sittengebote und unserer Gesetze 
geworden. So wenig nun der erste dieser Satze zum Wider- 
spruch reizen kann, so glaube ich doch dem Eindruck vieler 
Leser Worte zu leihen, wenn ich die Aufklärung Wundts 
als eine Enttäuschung anspreche. Das heißt wohl nicht, zu 
den Quellen der Tabuvorstellungen heruntergehen oder ihre 
letzten Wurzeln aufzeigen. Weder die Angst noch die Dä- 
monen können in der Psychologie als letzte Dinge gewertet 
werden, die jeder weiteren Zurückführung trotzen. Es wäre 
anders, wenn die Dämonen wirklich existierten ; aber wir wissen 
ja, sie sind selbst wie die Götter Schöpfungen der Seelenkräfte 
des Menschen; sie sind von etwas und aus etwas' geschaffen 
worden. 

Über die Doppelbedeutung des Tabu äußert Wundt be- 
deutsame, aber nicht ganz klar zu fassende Ansichten. Für 
die primitiven Anfänge des Tabu besteht nach ihm eine Schei- 
dung von heilig und unrein noch nicht. Eben darum fehlen 
hier jene Begriffe überhaupt in der Bedeutung, die sie eben 
erst durch den Gegensatz, in den sie zueinander traten, an- 
nehmen konnten. Das Tier, der Mensch, der Ort, auf dem ein 
Tabu ruht, sind dämonisch, nicht heilig und darum auch noch 
nicht in dem späteren Sinne unrein. Gerade für diese noch 
indifferent in der Mitte stehende Bedeutung des Dämonischen, 
das nicht berührt werden darf, ist der Ausdruck Tabu wohl 
geeignet, da er ein Merkmal hervorhebt, das schließlich dem 
Heiligen wie dem Unreinen für alle Zeiten gemeinsam bleibt: 
die Scheu vor seiner Berührung. In dieser bleibenden Gemein- 
schaft eines wichtigen Merkmals liegt aber zugleich ein Hin- 
weis darauf, daß hier zwischen beiden Gebieten eine ursprüng- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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WUNDT ÜBER DAS TABU. 35 

liehe Übereinstimmung obwaltet, die erst infolge weiterer Be- 
dingungen einer Differenzierung gewichen ist, durch welche 
sich beide schließlich zu Gegensätzen entwickelt haben. 

Der dem ursprünglichen Tabu eigene Glaube an eine dämo- 
nische Macht, die in dem Gegenstand verborgen ist und dessen 
Berührung oder unerlaubte Verwendung durch Verzauberung 
des Täters rächt, ist eben noch ganz und ausschließlich die 
objektivierte Furcht. Diese hat sich noch nicht in die beiden 
Formen gesondert, die sie auf einer entwickelten Stufe an- 
nimmt : in die Ehrfurcht und in den Abscheu. 

Wie aber entsteht diese Sonderung? Nach Wundt durch 
die Verpflanzimg der Tabugebote aus dem Gebiet der Dämonen 
— in das der Göttervorstellungen. Der Gegensatz von heilig 
und unrein fällt mit der Aufeinanderfolge zweier mythologi- 
scher Stufen zusammen, von denen die frühere nicht vollkom- 
men verschwindet, wenn die folgende erreicht ist, sondern in 
der Form einer niedrigeren und allmählich mit Verachtung sich 
paarenden Wertschätzimg fortbesteht. In der Mythologie gilt 
allgemein das Gesetz, daß eine vorangegangene Stufe eben des- 
halb, weil sie von der höheren überwunden und zurückgedrängt 
wird, nun neben dieser in erniedrigter Form fortbesteht, so 
daß die Objekte ihrer Verehrung in solche des Absehens sich 
umwandeln ^). 

Die weiteren Ausführungen Wundts beziehen sich auf 
das Verhältnis der Tabuvorstellungen zur Keinigung und zum 
Opfer. m 

2. 
Wer von der Psychoanalyse, das heißt von der Erforschung 
des unbewußten Anteils am individuellen Seelenleben her an 



n 1. c, p. 313. 

3* 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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36 n. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

das Problem des Tabu herantritt, der wird sich nach kurzem 
Besinnen sagen, daß ihm diese Phänomene nicht fremd sind. 
Er kennt Personen, die sich solche Tabuverbote individuell ge- 
schaffen haben und sie ebenso streng befolgen wie die Wilden 
die ihrem Stamme oder ihrer Gesellschaft gemeinsamen. Wenn 
er nicht gewohnt wäre, diese vereinzelten Personen als 
„Zwangs kranke" zu bezeichnen, würde er den Namen 
„Tabukrankheit" für deren Zustand angemessen finden 
müssen. Von dieser Zwangskrankheit hat er aber durch die 
psychoanalytische Untersuchung so viel erfahren, die klinische 
Ätiologie und das Wesentliche des psychologischen Mechanis- 
mus, daß er es sich nicht versagen kann, das hier Gelernte zur 
Aufklärung der entsprechenden völkerpsychologischen Erschei- 
nung zu verwenden. 

Eine Warnung wird bei diesem Versuche angehört werden 
müssen. Die Ähnlichkeit des Tabu mit der Zwangskrankheit 
mag eine rein äußerliche sein, für die Erscheinungsform der 
beiden gelten und sich nicht weiter auf deren Wesen erstrecken. 
Die Natur liebt es, die nämlichen Formen in den verschiedensten 
biologischen Zusammenhängen zu verwenden, z. B. ani Korallen- 
stock wie an der Pflanze, ja darüber hinaus an gewissen Kri- 
stallen oder bei Bildung bestimmter chemischer Niederschläge. 
Es wäre offenbar voreilig und wenig aussichtsvoll, durch diese 
Übereinstimmungen, die auf eine Gemeinsamkeit mechanischer 
Bedingungen zurückgehen, Schlüsse zu begründen, die sich auf 
innere Verwandtschaft beziehen. ^AVir werden dieser War nun ö* 
eingedenk bleiben, brauchen aber die beabsichtigte Vergleichung 
dieser Möglichkeit wegen nicht zu unterlassen. 

Die nächste und auffälligste Übereinstimmung der Zwangs- 
verbote (bei den Nervösen) mit dem Tabu besteht nun darin, 
daß diese Verbote ebenso unmotiviert und in ihrer Herkunft 



f^nonl^ Orrginaffnonn 

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TABU UND ZWANGSKRANKHEIT. 37 



rätselhaft sind. Sie sind irgend einmal aufgetreten und müssen 
nun infolge einer unbezwingbaren Angst gehalten werden. Eine 
äußere Strafandrohung ist überflüssig, weil eine innere Sicher- 
heit (ein Gewissen) besteht, die Übertretung werde zu einem 
unerträglichen Unheil führen. Da« Äußerste, was die Zwangs- 
kranken mitteilen können, ist die unbestimmte Ahnung, es 
werde eine gewisse Person ihrer Umgebung durch die Über- 
tretung zu Schaden kommen. Welches diese Schädigung sein 
soll, wird nicht erkannt, auch erhält man diese kümmerliche 
Auskunft eher bei den später zu besprechenden Sühne- und 
Abwehrhandlungen als bei den Verboten selbst. 

Das Haupt- und Kernverbot der Neurose ist wie beim Tabu 
das der Berührung, daher der Name: Berührungsangst, Delire 
de toucher. Das Verbot erstreckt sich nicht nur auf die direkte 
Berührung mit dem Körper, sondern nimmt den Umfang der 
übertragenen Redensart : in Berührung kommen, an. Alles, was 
die Gredanken auf das Verbotene lenkt, eine Gedankenberührung 
hervorruft, ist ebenso verboten wie der unmittelbare leibliche 
Kontakt; dieselbe Ausdehnung findet sich beim Tabu wieder. 

Ein Teil der Verbote ist nach seiner Absicht ohneweiters 
verständlich, ein anderer Teil dagegen erscheint uns unbegreif- 
lich, läppisch, sinnlos. Wir bezeichnen solche Gebote als „Ze- 
remoniell" und finden, daß die Tabugebräuche dieselbe Ver- 
schiedenheit erkennen lassen. 

Den Zwangsverboten ist eine großartige Verschiebbarkeit 
zu eigen, sie dehnen sich auf irgend welchen Wegen des Zu- 
sammenhanges von einem Objekt auf das andere aus und machen 
auch dieses neue Objekt, wie eine meiner Kranken treffend sagt, 
„unmöglich". Die Unmöglichkeit hat am Ende die ganze 
Welt mit Beschlag belegt. Die Zwangskranken benehmen sich 
so, als wären die „unmöglichen*' Personen und Dinge Träger 



' I ^ nonl^ Orrginaf fnom 

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38 II- I>AS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 



einer gefährlichen Ansteckung, die bereit ist, sich auf alles 
Benachbarte durch Kontakt zu übertragen. Dieselben Charak- 
tere der Ansteckungsfähigkeit und der Ubertragbarkeit haben 
wir eingangs bei der Schilderung der Tabuverbote hervorge- 
hoben. Wir wissen auch, wer ein Tabu übertreten hat durch 
die Berührung von etwas, was tabu ist, der wird selbst tabu 
und niemand darf mit ihm in Berührung treten. 

Ich stelle zwei Beispiele von Übertragung (besser Ver- 
schiebung) des Verbots zusammen; das eine aus dem Leben 
der Maori, das andere aus meiner Beobachtung an einer 
zwangskranken Frau. 

„Ein Maorihäuptling wird kein Feuer mit seinem Hauch 
anfachen, denn sein geheiligter Atem würde seine Kraft dem 
Feuer mitteilen, dieses dem Topf, der im Feuer steht, der Topf 
der Speise, die in ihm gekocht wird, die Speise der Persoai, 
die von ihr ißt, imd so müßte die Person sterben, die gegessen 
von der Speise, die gekocht in dem Topf, der gestanden im 
Feuer, in das geblasen der Häuptling mit seinem heiligen und 
gefährlichen Hauch i)." 

Die Patientin verlangt, daß ein Grebrauchsgegenstand, den 
ihr Mann vom Einkauf nach Hause gebracht, entfernt werde, 
er würde ihr sonst den Eaum, in dem sie wohnt, unmöglich 
machen. Denn sie hat gehört, daß dieser Gegenstand in einem 
Laden gekauft wurde, welcher in der, sagen wir: Hirschen- 
gasse liegt. Aber Hirsch ist heute der Name einer Freundin, 
welche in einer fernen Stadt lebt, die sie in ihrer Jugend unter 
ihrem Mädchennamen gekannt hat. Diese Freundin ist ihr heute 
„unmögliches tabu, und der hier in "Wien gekaufte Gegenstand 



1) Frazer, The golden bough, II, Taboo and the perils of the soul, 
1911, p. 136. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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ÜBEBEmSTIMMUNGEN VON TABU UND ZWANGSNEUROSE. 39 

ist ebenso tabu wie die Freundin selbst, mit der sie nicht in 
Berührung kommen will. 

Die Zwangsverbote bringen großartigen Verzicht und Ein- 
schränkimgen des Lebens mit sich wie die Tabuverbote, aber 
ein Anteil von ihnen kann aufgehoben werden durch die Aus- 
führung gewisser Handlungen, die nun auch geschehen müssen, 
die Zwangscharakter haben, — Zwangshandlungen — und 
deren Natur als Buße, Sühne, Abwehrmaßregeln und Reinigung 
keinem Zweifel unterliegt. Die gebräuchlichste dieser Zwangs- 
handlungen ist das Abwaschen mit Wasser (Waschzwang). Auch 
ein Teil der Tabuverbote kann so ersetzt, respektive deren 
Übertretung durch solches „Zeremoniell" gutgemacht werden 
und die Lustration durch Wasser ist auch hier die bevorzugte. 

Resümieren wir nun, in welchen Punkten sich die Über- 
einstimmung der Tabugebräuche mit den Symptomen der 
Zwangsneurose am deutlichsten äußert: 1. In der ünmotiviert- 
heit der Gebote, 2. in ihrer Befestigung durch eine innere Nö- 
tigung, 3. in ihrer Verschiebbarkeit und in der Ansteckungs- 
gefahr durch das Verbotene, 4. in der Verursachung von zeremo- 
niösen Handlungen, Greboten, die von den Verboten ausgehen. 

Die klinische Geschichte wie der psychische Mechanismus 
der Fälle von Zwangskrankheit sind uns aber durch die Psycho- 
analyse bekannt geworden. Erstere lautet für einen typischen 
Fall von Berührungsangst wie folgt : Zu allem Anfang, in gan^ 
früher Kinderzeit, äußerte sich eine starke Berührungs 1 u s t, 
deren Ziel weit spezialisierter war, als man geneigt wäre zu 
erwarten. Dieser Lust trat alsbald von außen ein Verbot 
entgegen, gerade diese Berührung nicht auszuführen i). Das 
Verbot wurde aufgenommen, denn es konnte sich auf starke 

1) Beide, Lust uiid Verbot, bezogen sich auf die Berührung der 
eigenen Genitalien. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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40 II DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

innere Kräfte stützen i); es erwies sich stärker als der Trieb, 
der sich in der Berührung äußern wollte. Aber infolge der 
primitiven psychischen Konstitution des Kindes gelang es dem 
Verbot, nicht den Trieb aufzuheben. Der Erfolg des Verbotes 
war nur, den Trieb — die Berührungslust — zu verdrängen 
und ihn ins Unbewußte zu verbannen. Verbot und Trieb blieben 
beide erhalten; der Trieb, weil er nur verdrängt, nicht auf- 
gehoben war, das Verbot, weil mit seinem Aufhören der Trieb 
zum Bewußtsein und zur Ausführung durchgedrungen wäi^e. 
Es war eine unerledigte Situation, eine psychische Fixierung 
geschaffen, und aus dem fortdauernden Konflikt von Verbot 
und Trieb leitet sich nun alles weitere ab. 

Der Hauptcharakter der psychologischen Konstellation, die 
so fixiert worden ist, liegt in dem, was man das ambivalente 
Verhalten des Individuums gegen das eine Objekt, viemehr die 
eine Handlung an ihm, heißen könnte^). Es will diese Hand- 
lung — die Berührung — immer wieder ausführen, es verab- 
scheut sie auch. Der Gegensatz der beiden Strömungen ist auf 
kurzem Wege nicht ausgleichbar, weil sie — wir können nur 
sagen — im Seelenleben so lokalisiert sind, daß sie nicht zu- 
sammenstoßen können. Das Verbot wird laut bewußt, die fort- 
dauernde Berührungslust ist unbewußt, die Person weiß nichts 
von ihr. Bestünde dieses psychologische Moment nicht, so könnte 
eine Ambivalenz weder sich so lange erhalten, noch könnte sie 
zu solchen Folgeerscheinungen führen. 

In der klinischen Geschichte des Falles haben wir das Ein- 
dringen des Verbots in so frühem Kindesalter als das maß- 
gebende hervorgehoben; für die weitere Gestaltung fällt diese 

1) Auf die Beziehung zu den geliebten Personen, von denen das 
Verbot gegeben wurde. 

2) Nach einem trefflichen Ausdruck von Bleuler. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



DIE AMBIVALENZ. 4I 



Rolle dem Mechanismus der Verdrängung auf dieser Altersstufe 
zli. Infolge der stattgehabten Verdrängung, die mit einem 
Vergessen — Amnesie — verbunden ist, bleibt die Motivierung 
des bewußt gewordenen Verbotes unbekannt und müssen alle 
Versuche scheitern, es intellektuell zu zersetzen, da diese den 
Punkt nicht finden, an dem sie angreifen könnten. Das Ver- 
bot verdankt seine Stärke — seinen Zwangscharakter — 
gerade der Beziehung zu seinem unbewußten Gregenpart, der 
im Verborgenen ungedämpften Lust, also einer inneren Not- 
wendigkeit, in welche die bewußte Einsicht fehlt. Die Über- 
fcragbarkeit imd Fortpflanzungsunfähigkeit des Verbotes spie- 
gelt einen Vorgang wieder, der sich mit der unbewußten Lust 
zuträgt und imter den psychologischen Bedingungen des Un- 
bewußten besonders erleichtert ist. Die Trieblust verschiebt 
sich beständig, um der Absperrung, in der sie sich befindet, zu 
entgehen, und sucht Surrogate für das Verbotene — Ersatz- 
objekte und Ersatzhandlungen — zu gewinnen. Darum wan- 
dert auch das Verbot und dehnt sich auf die neuen Ziele der 
verpönten Regung aus. Jeden neuen Vorstoß der verdrängten 
Libido beantwortet das Verbot mit einer neuen Verschärfung. 
Die gegenseitige Hemmung der beiden ringenden Mächte erzeugt 
ein Bedürfnis nach Abfuhr, nach Verringerung der herrschenden 
Spannung, in welchem man die Motivierung der Zwangshand- 
lungen erkennen darf. Diese sind bei der Neurose deutlich 
Kompromißaktionen, in der einen Ansicht Bezeugungen von 
Reue, Bemühungen zur Sühne und dergleichen, in der anderen 
aber gleichzeitig Ersatzhandlungen, welche den Trieb für das 
Verbotene entschädigen. Es ist ein Gesetz der neurotischen Er- 
krankung, daß diese Zwangshandlungen immer mehr in den 
Dienst des Triebes treten und immer näher an die ursprünglich 
verbotene Handlung herankommen. 



C^ nr^ti li^ Orrginaf frcrnn 

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42 ^I. r>AS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

unternehmen wir jetzt den Versuch, das Tabu zli behan- 
deln, als wäre es von derselben Natur wie ein Zwangsverbot 
unserer Kranken. "Wir machen uns dabei von vornherein klar, 
daß viele der für uns zu beobachtenden Tabuverbote sekundärer, 
verschobener und entstellter Art sind, und daß wir zufrieden 
sein müssen, etwas Licht auf die ursprünglichsten und be- 
deutsamsten Tabuverbote zu werfen. Ferner, daß die Ver- 
schiedenheiten in der Situation des Wilden und des Neurotikers 
wichtig genug sein dürften, um eine völlige Übereinstimmung 
auszuschließen, eine Übertragung von dem einen auf den an- 
deren, die einer Abbildung in jedem Punkte gleichkäme, zu 
verhindern. 

Wir würden dann zunächst sagen, es habe keinen Sinn, 
die Wilden nach der wirklichen Motivierung ihrer Verbote, 
nach der Genese des Tabu zu fragen. Nach unserer Voraus- 
setzung müssen sie unfähig sein, darüber etwas mitzuteilen, 
denn diese Motivierung sei ihnen „unbewußt". Wir konstruieren 
die Geschichte des Tabu aber folgendermaßen nach dem Vor- 
bild der Zwangs verböte. Die Tabu seien uralte Verbote, einer 
Generation von primitiven Menschen dereinst von außen auf- 
gedrängt, das heißt also doch wohl von der früheren Generation 
ihr gewalttätig eingeschärft. Diese Verbote haben Tätigkeiten 
betroffen, zu denen eine starke Neigung bestand. Die Verbote 
haben sich nun von Generation zu Generation erhalten, viel- 
leicht bloß infolge der Tradition durch elterliche und gesell- 
schaftliche Autorität. Vielleicht aber haben sie sich in den 
späteren Generationen bereits „organisiert" als ein Stück er- 
erbten psychischen Besitzes. Ob es solche „angeborene Ideen" 
gibt, ob sie allein oder im Zusammenwirken mit der Erziehung 
die Fixierung der Tabu bewirkt haben, wer vermöchte es gerade 
für den in Rede stehenden Fall zu entscheiden? Aber aus der 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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DIE AMBIVALENTE EINSTELLUNG ZUM TABU. 43 

Festhaltung der Tabu ginge eines hervor, daß die ursprüng- 
liche Lust, jenes Verbotene zu tun, auch noch bei den Tabu- 
völkem fortbesteht. Diese haben also zu ihren Tabuverboten 
eine ambivalente Einstellung; sie möchten im Unbe- 
wußten nichts lieber als sie übertreten, aber sie fürchten sich 
auch davor ; sie fürchten sich gerade darum, weil sie es möchten, 
und die Furcht ist stärker als die Lust. Die Lust dazu ist 
aber bei jeder Einzelperson des Volkes unbewußt wie bei dem 
Neurotiker. 

Die ältesten und wichtigsten Tabuverbote sind die beiden 
Grundgesetze des Totemismus: Das Totemtier nicht zu 
töten und den sexuellen Verkehr mit den Totemgenossen des 
anderen Geschlechts zu vermeiden. 

Das müßten also die ältesten und stärksten Gelüste der 
Menschen sein. Wir können das nicht verstehen und können 
demnach unsere Voraussetzung nicht an diesen Beispielen prüfen, 
solange uns Sinn und Abkunft des totemistischen Systems so 
völlig unbekannt sind. Aber wer die Ergebnisse der psycho- 
analytischen Erforschung des Einzelmenschen kennt, der wird 
selbst durch den Wortlaut dieser beiden Tabu und durch ihr 
Zusammentreffen an etwas ganz Bestimmtes gemahnt, was die 
Psychoanalytiker für den Knotenpunkt des infantilen Wunsch- 
lebens und dann für den Kern der Neurose erklären i). 

Die sonstige Mannigfaltigkeit der Tabuerscheinungen, die 
zu den früher mitgeteilten Klassifizierungsversuchen geführt 
hat, wächst für uns auf folgende Art zu einer Einheit zu- 
sammen: Grundlage des Tabu ist ein verbotenes Tun, zu dem 
eine starke Neigung im Unbewußten besteht. 

Wir wissen, ohne es zu verstehen, wer das Verbotene tut, 

1) Vgl. meine in diesen Aufsätzen bereits mehrmals angekündigte 
Studie über den Totemismus. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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44 n. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

das Tabu übertritt, wird selbst tabu. Wie bringen wir aber 
diese Tatsache mit der anderen zusammen, daß das Tabu nicht 
nur an Personen haftet, die das Verbotene getan haben, son- 
dern auch an Personen, die sich in besonderen Zuständen be- 
finden, an diesen Zuständen selbst und an unpersönlichen Din- 
gen? Was kann das für eine gefährliche Eigenschaft sein, 
die immer die nämliche bleibt unter all diesen verschiedenen 
Bedingungen? Nur die eine: die Eignung, die Ambivalenz des 
Menschen anzufachen und ihn in Versuchung zu führen, 
das Verbot zu übertreten. 

Der Mensch, der ein Tabu übertreten hat, wird selbst tabu, 
weil er die gefährliche Eignung hat, andere zu versuchen, daß 
sie seinem Beispiel folgen. Er erweckt Neid; warum sollte 
ihm gestattet sein, was anderen verboten ist? Er ist also wirk- 
lich ansteckend, insofern jedes Beispiel zur Nachahmung 
ansteckt, und darum muß er selbst gemieden werden. 

Ein Mensch braucht aber kein Tabu übertreten zu haben 
und kann doch permanent oder zeitweilig tabu sein, weil er 
sich in einem Zustand befindet, welcher die Eignung hat, die 
verbotenen Gelüste der anderen anzuregen, den Ambivalen^- 
konflikt in ihnen zu wecken. Die meisten Ausnahmsstellung^n 
und Ausnahmszustände sind von solcher Art und haben diese 
gefährliche Kraft. Der König oder Häuptling erweckt den 
Neid auf seine Vorrechte; es möchte vielleicht jeder König 
sein. Der Tote, das Neugeborene, die Frau in ihren Leidens- 
zuständen reizen durch ihre besondere Hilfslosigkeit, das eben 
geschlechtsreif gewordene Individuum durch den neuen Genuß, 
den es verspricht. Darum sind alle diese Personen und alle 
diese Zustände tabu, denn der Versuchung darf nicht nach- 
gegeben werden. 

Wii* verstehen jetzt auch, warum die Manakräfte verschie- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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DIE GEFAHR DEB VERSUCHUNG. 45 

dener Personen sich von einander abziehen, einander teilweise 
aufheben können. Das Tabu eines Königs ist zu stark für 
seinen Untertan, weil die soziale Differenz zwischen ihnen zu 
groß ist. Aber ein Minister kann etwa den unschädlichen Ver- 
mittler zwischen ihnen machen. Das heißt aus der Sprache 
des Tabu in die der Normalpsychologie übersetzt: Der Unter- 
tan, der die großartige Versuchung scheut, welche ihm die 
Berührung mit dem König bereitet, kann etwa den Umgang 
des Beamten vertragen, den er nicht so sehr zu beneiden braucht, 
und dessen Stellung ihm vielleicht selbst erreichbar scheint. 
Der Minister aber kann seinen Neid gegen den König durch 
die Erwägung der Macht ermäßigen, die ihm selbst eingeräumt 
ist. So sind geringere Differenzen der in Versuchung führenden 
Zauberkraft weniger zu fürchten als besonders große. 

Es ist ebenso klar, wieso die Übertretung gewisser Tabu- 
verbote eine soziale Gefahr bedeutet, die von allen Mitgliedern 
der Gesellschaft gestraft oder gesühnt werden muß, wenn sie 
nicht alle schädigen soll. Diese Gefahr besteht wirklich, wenn 
wir die bewußten Regungen für die unbewußten Gelüste ein- 
setzen. Sie besteht in der Möglichkeit der Nachahmung, in 
deren Folge die Gesellschaft bald zur Auflösung käme. Wenn 
die anderen die Übertretung nicht ahnden würden, müßten sie/ 
ja inne werden, daß sie dasselbe tun wollen wie der Übeltäter. 

Daß die Berührung beim Tabuverbot eine ähnliche Rolle 
spielt wie beim Delire de toucher, obwohl der geheime Sinn 
des Verbotes beim Tabu unmöglich ein so spezieller sein kann 
wie bei der Neurose, darf uns nicht Wunder nehmen. Die Be- 
rührung ist der Beginn jeder Bemächtigung, jedes Versuches, 
sich eine Person oder Sache dienstbar zu machen. 

Wir haben die ansteckende Kraft, die dem Tabu innewohnt, 
durch die Eignung, in Versuchung zu führen, zur Nachahmung 



C^ €\r\cA{? Orrginaf fnom 

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46 I^ I>A8 TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

anzuregen, übersetzt. Dazu scheint es nicht zu stimmen, daß 
sich die Ansteckungsfähigkeit des Tabu vor allem in der Über- 
tragung auf Gegenstände äußert, die dadurch selbst Träger 
des Tabu werden. 

Diese Übertragbarkeit des Tabu spiegelt die bei der Neurose 
nachgewiesene Neigung des unbewußten Triebes wieder, sich 
auf assoziativen Wegen auf immer neue Objekte zu verschieben. 
Wir werden so aufmerksam gemacht, daß der gefährlichen 
Zauberkraft des „Mana" zweierlei realere Fähigkeiten ent- 
sprechen, die Eignung, den Menschen an seine verbotenen 
Wünsche zu erinnern, und die scheinbar bedeutsamere, ihn zur 
Übertretung des Verbotes im Dienste dieser Wünsche zu ver- 
leiten. Beide Leistungen treten aber wieder zu einer einzigen 
zusammen, wenn wir annehmen, es läge im Sinne eines primi- 
tiven Seelenlebens, daß mit der Erweckung der Erinnerung an 
das verbotene Tun auch die Erweckung der Tendenz, es durch- 
zusetzen, verknüpft, sei. Dann fallen Erinnerung und Ver- 
suchung wieder zusammen. Man muß auch zugestehen, wenn 
das Beispiel eines Menschen, der ein Verbot übertreten hat, 
einen anderen zur gleichen Tat verführt, so hat sich der Un- 
gehorsam gegen das Verbot fortgepflanzt wie eine Ansteckung, 
wie sich das Tabu von einer Person auf einen Gegenstand und 
von diesem auf einen anderen überträgt. 

Wenn die Übertretung eines Tabu gutgemacht werden kann 
durch eine Sühne oder Buße, die ja einen Verzicht auf irgend 
ein Gut oder eine Freiheit bedeuten, so ist hiedurch der Beweis 
erbracht, daß die Befolgung der Tabuvorschrift selbst ein Ver- 
zicht war auf etwas, was man gern gewünscht hätte. Die 
Unterlassung des einen Verzichts wird durch einen Verzicht an 
anderer Stelle abgelöst. Für das Tabuzeremoniell würden wir 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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GENESE UND DEUTUNG DES TABU. 47 

hieraus den Schluß ziehen, daß die Buße etwas Ursprüng- 
licheres ist als die Reinigung. 

Fassen wir nun zusammen, welches Verständnis des Tabu 
sich uns aus der Gleichstellung mit dem Zwangsverbot des 
Neurotikers ergeben hat: Das Tabu ist ein uraltes Verbot, von 
außen (von einer Autorität) aufgedrängt und gegen die stärksten 
Gelüste der Menschen gerichtet. Die Lust, es zu übertreten, 
besteht in deren Unbewußten fort; die Menschen, die dem 
Tabu gehorchen, haben eine ambivalente Einstellung gegen das 
vom Tabu Betroffene. Die dem Tabu zugeschriebene Zauber- 
kraft führt sich auf die Fähigkeit zurück, die Menschen in 
Versuchung zu führen; sie benimmt sich wie eine Ansteckung, 
weil das Beispiel ansteckend ist, und weil sich das verbotene 
Gelüste im Unbewußten auf anderes verschiebt. Die Sühne 
der Übertretung des Tabu durch einen Verzicht erweist, daß dei; 
Befolgung des Tabu ein Verzicht zu Grunde liegt. 

3. 

Wir wollen nun wissen, welchen "Wert unsere Gleichstel- 
lung des Tabu mit der Zwangsneurose und die auf Grund dieser 
Vergleichung gegebene Auffassung des Tabu beanspruchen 
kann. Ein solcher Wert liegt offenbar nur vor, wenn unsere 
Auffassung einen Vorteil bietet, der sonst nicht zu haben ist, 
wenn sie ein besseres Verständnis des Tabu gestattet, als uns 
sonst möglich wird. Wir sind vielleicht geneigt zu behaupten, 
daß wir diesen Nachweis der Brauchbarkeit im vorstehenden 
bereits erbracht haben; wir werden aber versuchen müssen, 
ihn zu verstärken, indem wir die Erklärung der Tabuverbote 
und Gebräuche ins Einzelne fortsetzen. 

Es steht uns aber auch ein anderer Weg offen. Wir können 
die Untersuchung anstellen, ob nicht ein Teil der Voraussetzun- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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48 n. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

gen, die wir von der Neurose her auf das Tabu übertrageji 
haben, oder der Folgerungen, zu denen wir dabei gelangt sind, 
an deÄ Phänomenen des Tabu unmittelbar erweisbar ist. Wir 
müssen uns nur entscheiden, wonach wir suchen wollen. Die 
Behauptung über die Genese des Tabu, es stamme von einem 
uralten Verbote ab, welches dereinst von außen auferlegt worden 
ist, entzieht sich natürlich dem Beweise. Wir werden also eher 
die psychologischen Bedingungen fürs Tabu zu bestätigen 
suchen, welche wir für die Zwangsneurose kennen gelernt halben. 
Wie gelangten wir bei der Neurose zur Kenntnis dieser psycho- 
logischen Momente? Durch das analytische Studium der Sym- 
ptome, vor allem der Zwangshandlungen, der Abwehrmaßregeln 
und Zwangsgebote. Wir fanden an ihnen die besten Anzeichen 
für ihre Abstammung von ambivalenten Regungen oder 
Tendenzen, wobei sie entweder gleichzeitig dem Wunsche wie 
dem Gegenwunsche entsprechen oder vorwiegend im Dienste 
der einen von den beiden entgegengesetzten Tendenzien stehen. 
Wenn es uns nun gelänge, auch an den Tabuvorschriften die 
Ambivalenz, das Walten entgegengesetzter Tendenzen, aufzu- 
zeigen, oder unter ihnen einige aufzufinden, die nach der Art 
von Zwangshandlungen beiden Strömungen gleichzeitigen Aus- 
druck geben, so wäre die psychologische Übereinstimmung: zwi- 
schen dem Tabu und der Zwangsneurose im nahezu wichtigsten 
Stücke gesichert. 

Die beiden fundamentalen Tabuverbote sind, wie vorhin 
erwähnt, für unsere Analyse durch die Zugehörigkeit zum Tote- 
mismus unzugänglich; ein anderer xlnteil der Tabusatzungen 
ist sekundärer Abkunft und für unsere Absicht nicht verwertbax. 
Das Tabu ist nämlich bei den entsprechenden Völkern die all- 
gemeine Form der Gesetzgebung geworden und in den Dienst 
von sozialen Tendenzen getreten, die sicherlich jünger sind als 



C^ nonl^ Orrginaf from' 

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VERSUCH EINE« NACHWEISES DER AMBIVALENZ IM T^BU. 49 

das Tabu selbst, wie z. ß. die Tabu, die von Häuptlingen und 
Priestern auferlegt werden, um sich Eigentum und Vorrechte 
zu sichern. Doch bleibt uns eine große Gruppe von Vorschriften 
übrig, an denen unsere Untersuchung vorgenommen werden 
kann; ich hebe aus dieser die Tabu heraus, die sich a) an 
Feinde, b) an Häuptlinge, c) an Tote knüpfen, und 
werde das zu behandelnde Material der ausgezeichneten Samm- 
lung von J. G. F r a z e r in seinem großen AVerke : „The golden 
bough" entnehmen^). 

a) Die Behandlung der Feinde. 

AVenn wir geneigt waren, den wilden und halbwilden Völ- 
kern ungehemmte und reuelose Grausamkeit gegen ihre Feinde 
zuzuschreiben, so werden wir mit großem Interesse erfahren, 
daß auch bei ihnen die Tötung eines Menschen zur Befolgung 
einer Reihe von Vorschriften zwingt, welche den Tabugebräu- 
chen zugeordnet werden. Diese Vorschriften sind mit Leich- 
tigkeit in vier Gruppen zu bringen; sie fordern 1. Versöh- 
nung des getöteten Feindes, 2. Beschränkungen und 3. Sühne- 
handlungen, Reinigungen des Mörders und 4. gewisse zeremo-' 
nielle Vornahmen. Wie allgemein oder wie vereinzelt solche 
Tabugftbräuche bei diesen Völkern sein mögen, läßt sich einer- 
seits aus unseren unvollständigen Nachrichten nicht mit Sicher- 
heit entscheiden, und ist anderseits für unser Interesse an diesen 
Vorkommnissen gleichgültig. Immerhin darf man annehmen, 
daß es sich um weitverbreitete Gebräuche und nicht um ver- 
einzelte Sonderbarkeiten handelt. 

Di(3 Versöhnungs gebrauche auf der Insel Timor, nach- 
dem eine siegreiche Kriegerschar mit den abgeschnittenen Köpfen 
der besiegten Feinde zurückkehrt, sind darum besonders be- 

1) Third edition, part II, Taboo and the perils of the soul, 1911. 
Freud, Totem und Tabu. 4 



C^ nonl^ OrFgfuaf fnom 

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50 n. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 



deutsam, weil überdies der Führer der Expedition von schweren 
Beschränkungen betroffen wird (s. u.j. „Bei dem feier- 
lichen Einzug dBr Sieger werden Opfer dargebracht um 'die 
Seelen der Feinde zu versöhnen ; sonst müßte man Unheil für 
die Sieger vorhersehen. Es würd ein Tanz aufgeführt, und da- 
bei ein Gesang vorgetragen, in welchem der erschlagene Feind 
beklagt und seine Verzeihung erbeten wird: , Zürne uns nicht, 
weil wir deinen Kopf hier bei uns haben; wäre uns das Glück 
nicht hold gewesen, so hingen jetzt vielleicht unsere Köpfe 
iij deinem Dorf. AVir haben dir ein Opfer gebracht, um dich 
zu besänftigen. Nun darf dein Geist zufrieden sein und uns 
in Euhe lassen. Warum bis du unser Feind gewesen? Wären 
wir nicht besser Freunde geblieben? Dann wäre dein Blut nicht 
vergossen und dein Kopf nicht abgeschnitten worden i).'" 

Ähnliches findet sich bei den Palu in Celebes; die G alias 
opfern den Geistern ihre erschlagenen Feinde, ehe sie ihr 
Heimatsdorf betreten. (Nach Paulitschke: Ethnographie 
Nordostafrikas.) 

Andere Völker haben das Mittel gefunden, um aus ihren 
früheren Feinden nach deren Tod Freunde, Wächter und Be- 
schützer zu machen. Es besteht in der zärtlichen Behandlung 
der abgeschnittenen Köpfe, wie manche wilde Stämme Borneosi 
sich deren rühmen. Wenn die See-D ayaks von Sarawak 
von einem Kriegszug einen Kopf nach Hause bringen, so wird 
dieser Monate hindurch mit der ausgesuchtesten Liebenswürdig- 
keit behandelt und mit den zärtlichsten Namen angesprochen, 
über die ihre Sprache verfügt. Die besten Bissen von ihren 
Mahlzeiten werden ihm in den Mund gesteckt, Leckerbissen 
und Zigarren. Er wird wiederholt gebeten, seine früheren 
Freunde zu, hassen und seinen neuen Wirten seine Liebe izu 

^) Frazer, 1. c, p. 166. 



C^ nr^ti li^ Orrginaf frcrnn 

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DIE ZWIESPÄLTIGE BEHANDLUNG DER FEINDE. 51 



schenken, da er jetzt einer der Ihrigen ist. Man würde sehr 
irre gehen, wenn man an dieser uns gräßlich erscheinenden Be- 
handlung dem Hohn einen Anteil zuschriebe^). 

Bei mehreren der wilden Stämme Nordamerikas ist die 
Trauer um den erschlagenen und skalpierten Feind den Be- 
obachtern atifgef allen. Wenn ein Choctaw einen Feind ge- 
tötet hatte, so begann für ihn eine monatlange Trauer, während 
welcher er sich schweren Einschränkungen unterwarf. Ebenso 
trauerten die D a c o t a - Indianer. Wenn die s a g e n, be- 
merkt ein Gewährsmann, ihre eigenen Toten betrauert hatten, 
so trauerten sie dann um den Feind, als ob er ein Freund g'e- 
wesen wäre^). 

Noch ehe wii* auf die anderen Klassen von Tabugebräuchen 
zur Behandlung der Feinde eingehen, müssen wir gegen eine 
naheliegende Einwendung Stellung nehmen. Die Motivierung 
dieser Versöhnungs Vorschriften, wird man uns mit Frazer 
und anderen entgegenhalten, ist einfach genug und hat nichts 
mit einer „Ambivalenz" zu tun. Diese Völker werden von 
abergläubischer Furcht vor den Geistern der Erschlagenen be- 
herrscht, einer Furcht, die auch dem klassischen Altertum nicht 
fremd war, die der große britische - Dramatiker in den Hallu- 
zinationen Macbeths und Richards III. auf die Bühne 
gebracht hat. Aus diesem Aberglauben leiten sich folgerichtig 
alle die Versöhniuigsvorschriften ab, wie auch die später zu 
besprechenden Beschränkungen und Sühnungen; für diese Auf- 
fassung sprechen noch die in der vierten Gruppe vereinigten 
Zeremonien, die keine andere Auslegung zulassen als von Be- 
mühungen, die den Mördern folgenden Geister der Erschla- 

1) Frazer, Adonis, Attis, Osiris, p. 248, 1907, — Nach Hugh Low, 
Sarawak, London 1848. 

2) J. 0. Dorsay bei Frazer, Taboo etc., p. 181. 

4* 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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52 11- I>AS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 



genen zu verjagen i). Zum Überfluß gestehen die Wilden ihre 
Angst vor den Geistern der getöteten Feinde direkt ein und 
führen die besprochenen Tabugebräuche selbst auf sie zurück. 

Diese Einwendung ist in der Tat naheliegend, und wenn 
sie ebenso ausreichend wäre, könnten wir uns die Mühe unseres 
Erklärungsversuches gern ersparen. Wir verschieben es auf 
später, uns mit ihr auseinanderzusetzien, und stellen ihr zu- 
nächst nur die Auffassung entgegen, die sich aus den Voraus- 
setzungen der vorigen Erörterungen über das Tabu ableitet. 
Wir schließen aus all diesen Vorschriften, daß im Benehmen 
gegen die Feinde noch andere als bloß feindselige Regungen 
zum Ausdruck kommen. Wir erblicken in ihnen Äußerungen 
der Reue, der Wertschätzung des Feindes, des bösen Gewissens, 
ihn ums Leben gebracht zu haben. Es will uns scheinen, als 
wäre auch in diesen Wilden das Gebot lebendig: Du sollst 
nicht töten, welches nicht ungestraft verletzt werden darf, lange 
vor jeder Gesetzgebung, die aus den Händen eines Gottes emp- 
fangen wird. 

Kehren wir nun zu den anderen Klassen von Tabuvor- 
Schriften zurück. Die Beschränkungen des siegreichen 
Mörders sind ungemein häufig und meist von ernster Art. Auf 
Timor (vgl. die Versöhnungsgebräuche oben) darf der Führer 
der Expedition nicht ohne weiteres in sein Haus zurückkehren. 
Es wird für ihn eine besondere Hütte errichtet, in welcher er 
zwei Monate mit der Befolgung verschiedener Reinigungs- 
vorschriften verbringt. In dieser Zeit dai^f er sein Weib nicht 
sehen, auch sich nicht selbst ernähren, eine andere Person muß 



1) Frazer, Taboo, p. 169 u. s. f., p. 174. Diese Zeremonien bestehen 
in Schlagen mit den Schildern, Schreien, Brüllen und Erzeugung von 
Lärm mit Hilfe von Instrumenten usw. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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DIE BESC^HRÄNKUNGEN DER SIEGREICHEN MÖRDER. 53 

ihm das Essen in den Mund schieben i). — Bei einigen Dayak- 
stämmen müssen die vom erfolgreichen Kriegszug Heimkehren- 
den einige Tage lang abgesondert bleiben und sich gewisser 
Speisen enthalten, sie dürfen auch kein Eisen berühren und 
bleiben ihren Frauen fern. — In I/ogea, einer Insel nahe 
Neuguinea, schließen sich Männer, die Feinde getötet oder 
daran teilgenommen haben, für eine Woche in ihren Häusern 
ein. Sie vermeiden jeden Umgang mit ihren Frauen und ihren 
Freunden, rühren Nahrungsmittel nicht mit ihren Händen an 
und nähren sich nur von Pflanzenkost, die in besonderen Ge- 
fäßen für sie gekocht wird. Als Grund für diese letzte Be- 
schränkung wird angegeben, daß sie das Blut der Erschlagenen 
nicht riechen dürfen; sie würden sonst erkranken und sterben. 
— Bei dem Toaripi- oder Motumo tu-Stamm auf Neu- 
guinea darf ein Mann, der einen anderen getötet hat, seinem 
Weib nicht nahe kommen und Nahrung nicht mit seinen Fin- 
gern berühren. Er wird von anderen Personen mit besonderer 
Nahrung gefüttert. Dies dauert bis zum nächsten Neumond. 

Ich unterlasse es, die bei Frazer mitgeteilten Fälle von 
Beschränkungen des siegreichen Mörders vollzählig anzuführen, 
und hebe nur noch solche Beispiele hervor, in denen der Tabu- 
charakter besonders auffällig ist oder die Beschränkung im 
Verein mit Sühne, Reinigung und Zeremoniell auftritt. 

Bei den Monumbos in Deutsch-Neuguinea wird jeder, 
der einen Feind im Kampfe getötet hat, „unrein", wofür das- 
selbe Wort gebraucht wird, das auf Frauen während der Men- 
struation oder des 'Wochenbettes Anwendung findet. Er darf* 
durch lange Zeit das Klubhaus der Männer nicht verlassen, wäh- 
rend sich die Mitbewohner seines Dorfes um ihn versammeln 



1) Frazer, Taboo, p. 166, nach S. Müller, Reizen eu Onderzoe- 
dngen in den Indischen Archipel, Amsterdam 1857. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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54 11. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

und seinen Sieg mit Liedern und Tänzen feiern. Er dai'f nie- 
mand, nicht einmal seine eigene Frau und seine Kinder be- 
rühren; täte er es, so würden sie von Geschwüren befallen 
werden. Er wird dann rein durch Waschungen und anderes 
Zeremoniell. 

Bei den Natchez in Nordamerika waren junge Krieger, 
die den ersten Skalp erbeutet hatten, durch sechs Monate zur 
Befolgung gewisser Entsagungen g-enötigt. Sie durften nicht 
bei ihren Frauen schlafen und kein Fleisch essen, erhielten 
nur Fisch und Maispudding zur Nahrung. Wenn ein Choctaw 
einen Feind getötet und skalpiert hatte, begann für ihn eine 
Trauerzeit von einem Monat, während welcher er sein Haar 
nicht kämmen durfte. Wenn es ihn am Kopfe juckte, durfte 
er sich nicht mit der Hand kratzen, sondern bediente sich dazu 
eines kleinen Steckens. 

Wenn ein P i m a - Indianer einen Apachen getötet hatte, 
so mußte er sich schweren ßeinigimgs- und Sühnezeremonien 
unterwerfen. Während einer sechzehntägigen Fastenzteit durfte 
er Fleisch und Salz nicht berühren, auf kein brennendes Feuer 
schauen, zu keinem Menschen sprechen. Er lebte allein im 
Walde, von einer alten Frau bedient, die ihm spärliche Nah- 
rung brachte, badete oft im nächsten Fluß und trug — als 
Zeichen der Trauer — einen Klumpen Lehm auf seinem Haupte. 
Am siebzehnten Tage fand dann die öffentliche Zeremonie der 
feierlichen Reinigung des Mannes und seiner Waffen statt. 
Da die P i m a-Indianer das Tabu des Mörders viel ernster 
nahmen als ihre Feinde und die Sühne und Reinigung nicht 
wie diese bis nach der Beendigung des Feldzuges aufzuschieben 
pflegten, litt ihre Kriegstüchtigkeit sehr unter ihrer sittlichen 
Strenge oder Frömmigkeit, wenn man will. Trotz ihrer außer 
ordentlichen Tapferkeit erwiesen sie sich den Amerikanern als 



C^ no n 1 ^ Orrg I n a f f no m 

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BUSSEN UND SÜHNEN. 55 



unbefriedigende Bundesgenossen in ihren Kämpfen gegen die 
Apachen. 

So interessant die Einzelheiten und Variationen der Sühne- 
und Reinigungszeremonien nach Tötung eines Feindes für eine 
tiefer eindringende Betrachtung auch sein mögen, so breche 
ich deren Mitteilung doch ab, weil sie uns keine neuen Gesichts- 
punkte eröffnen können. Vielleicht führe ich noch an, daß die 
zeitweilige oder permanente Isolierung des berufsmäßigen Hen- 
kers, die sich bis in unsere Neuzeit erhalten liat, in diesen 
Zusammenliang gehört. Die Stellung des „Freimannes*' in der 
mittelalterlichen Gesellschaft vermittelt in der Tat eine gute 
Vorstellung von dem „Tabu" der Wilden i). 

In der gangbaren Erklärung all dieser Versöhnuugs-, Be- 
schränkungs-, Sühne- und ßeinigungsvorschriften werden zwei 
Prinzipien miteinander kombiniert. Die Fortsetzung des Tabu 
vom "Toten her auf alles, was mit ihm in Berührung gekommen 
ist, und die Furcht vor dem Geist des Getöteten. Auf welche 
Weise diese beiden Momente miteinander zur Erklärung des 
Zeremoniells zu kombinieren sind, ob sie als gleichwertig auf- 
gefaßt werden sollen, ob das eine das primäre, das andere sekun- 
där ist, und welches, das wird nicht gesagt und ist in der 
Tat nicht leicht anzugeben. Demgegenüber betonen wir die Ein- 
heitlichkeit unserer Auffassung, wenn wir all diese Vorschriften 
aus der Ambivalenz der Gefühlsregungen gegen den Feind 
ableiten. 

b) Das Tabu der Herrscher. 
Das Benehmen primitiver Völker gegen ihre Häuptlinge, 
Könige, Priester wird von zwei Grundsätzen regiert, die ein- 



^) Zu diesen Beispielen 0. Frazer, Taboo, p. 166 — 190. „Manslayers 
tebooed**. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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56 II. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

ander eher zu ergänzen als zu widersprechen scheinen. Man 
muß sich vor ihnen hüten und man muß sie behüten^). Beides 
geschieht vermittels einer Unzahl von Tabuvorschriften. Waxum 
man sich vor den Herrschern hüten muß, ist uns bereits be- 
kannt geworden: weil sie die Träger jener geheimnisvollen und 
gefährlichen Zauberkraft sind, die sich wie eine elektrische 
Ladung durch Berührimg mitteilt und dem selbst nicht durch 
eine ähnliche Ladung Geschützten Tod und Verderben bringt. 
Man vermeidet also jede mittelbare oder unmittelbare Berüh- 
rung mit der gefährlichen Heiligkeit und hat, wo solche nicht 
zu vermeiden ist, ein Zeremoniell gefunden, um die gefürch- 
teten Folg-en abzuwenden. Die Nubas in Ostafrika glauben 
z. B., daß sie sterben müssen, wenn sie das Haus' ihres Priester- 
königs betreten, daß sie aber dieser Gefahr entgehen, wenn sie 
beim Eintritt die linke Schulter entblößen und den König ver- 
anlassen, diese mit seiner Hand zu berühren. So trifft das Merk- 
würdige ein, daß die Berührung des Königs das Heil- und 
Schutzmittel gegen die Gefahren wird, welche aus der Berüh- 
rung des Königs hervorgehen, aber es handelt sich dabei wohl 
um die Heilkraft der absichtlichen, vom König ausgehenden 
Berührung im Gegensatz zur Gefahr, daß man ihn berühre, um 
den Gegensatz der Passivität und der Aktivität gegen den 
König. 

Wenn es sich um die Heilwirkimg der königlichen Berüh- 
rung handelt, brauchen wir die Beispiele nicht bei Wilden zu 
suchen. Die Könige von England haben in Zeiten, die noch 
nicht weit zurückliegen, diese Kraft an der Skrofulöse geübt, 
die darum den Namen : „The King's Evir* trug. Königin Elisa- 



1) Frazer, Taboo, p. 132, „He inust not only be guarded, he must 
also be guarded against". 



C^ no n 1 ^ Ori"g I n a f f no m 

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DAS TABU DER HERRSCHER. 57 

betli entsagte diesem Stück ihrer königlichen Prärogative 
ebensowenig wie ii-gend einer ihrer späteren Nachfolger. 
Charles I. soll im Jahre 1633 hundert Kranke auf einen Streich 
geheilt haben. Unter dessen zuchtlosem Sohn Charles II. 
feierten nach der Überwindung der großen englischen Revolu- 
tion der Königsheilungen bei Skrofeln ihre höchste Blüte. 

Dieser König soll im Laufe seiner Regierung bei hundert- 
tausend Skrofulöse berührt haben. Das Gedränge der Hei- 
lungffuchenden pflegte bei dieser Gelegenheit so groß zu sein, 
daß einmal sechs oder sieben von ihnen anstatt der Heilung 
den Tod durch Erdrücktwerden fanden. Der skeptische Oranier 
Wilhelm III., der nach der Vertreibung der Stuarts König von 
England wurde, weigerte sich des Zaubers; das einzigemal, 
als er sich zu einer solchen Bertihrung herbeiließ, tat er es mit 
den Worten: „Gott gebe Euch eine bessere Gesundheit und 
mehr Verstand^)." 

Von der fürchterlichen Wirkung der Berührung, in welcher 
man, ob auch unabsichtlich, gegen den König oder das, was 
zu ihm gehört, aktiv wird, mag folgender Bericht Zeugnis ab- 
legen. Ein Häuptling von hohem Rang und großer Heiligkeit 
auf Neuseeland hatte einst die Reste seiner Mahlzeit am Wege 
stehen lassen. Da kam ein Sklave daher, ein junger, kräftiger, 
hungriger Gesell, sah das Zurückgelassene und machte sich 
darüber, um es aufzuessen. Kaum war er fertig worden, da 
teilte ihm ein entsetzter Zuschauer mit, daß es die Mahlzeit 
des Häuptlings gewesen sei, an welcher er sich vergangen habe. 
Er war ein starker, mutiger Krieger gewesen, aber sobald er 
diese Auskunft vernommen hatte, stürzte er zusammen, wurde 
von gräßlichen Zuckungen befallen und starb gegen Sonnen- 



i) Frazer, The magic art I, p. 368. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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58 n. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

Untergang des nächsten Tages ^). Eine Maorifrau hatte ge- 
wisse Früchte gegessen und dann erfahren, daß diese von einem 
mit Tabu belegten Ort herrührten. Sie schrie auf, der Greist 
des Häuptlings, den sie so beleidigt, werde sie gewiß töten. 
Dies geschah am Nachmittag und am nächsten Tag um zwölf 
Uhr war sie tot^). Das Feuerzeug eines Maori-Häuptlings 
brachte einmal mehrere Personen ums Leben, Der Häuptling 
hatte es verloren, andere fanden es und bedienten sich seiner, 
um ihre Pfeifen anzuzünden. Als sie erfuhren, wessen Eigen- 
tum das Feuerzeug sei, starben sie alle vor Schrecken^). 

Es ist nicht zu verwundern, wenn sich das Bedürfnis fühl- 
bar machte, so gefährliche Personen wie Häuptlinge und Priester 
von den anderen zu isolieren, eine Mauer um sie aufzuführen, 
hinter welcher sie für die anderen unzugänglich waren. Es 
mag uns die Erkenntnis dämmern, daß diese ursprünglich aus 
Tabu Vorschriften gefügte Mauer lieute noch als höfisches Zere- 
moniell existiert. 

Aber der vielleicht größere Teil dieses Tabu der Herr- 
scher läßt sich nicht auf das Bedürfnis des Schutzes vor ihnen 
zurückführen. Der andere Gesichtspunkt in der Behandlung 
der privilegierten Personen, das Bedürfnis, sie selbst vor den 
ihnen drohenden Gefahren zu schützen, hat an der Schaffung 
der Tabu und 'somit an der Entstehung der höfischen Etikette 
den deutlichsten Anteil gehabt. 

Die Notwendigkeit, den König vor allen erdenklichen Ge- 
fahren zu schützen, ergibt sich aus seiner ungeheuren Bedeu- 



1) Old New Zealand, by a Pakeha Maori (London 1884), bei F razer, 
Taboo, p. 135. 

2) W. Brown, New Zealand and is Aborigines (London 1845), bei 
F razer ibid. 

3) Fjrazer, 1. c. 



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OrfgfrTaffrom 
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WIDERSPRÜCHE IN DFR BEHANDLUNG DER HERRSCHER. 59 

tung für das Wohl und Wehe seiner Untertanen. Streng ge- * 
nommen ist es seine Person, die den Lauf der Welt reguliert; 
sein Volk hat ihm nicht nur für den Regen und Sonnenschein 
zu danken, der die Früchte der Erde gedeihen läßt, sondern 
auch für den Wind, der Schiffe an ihre Küste bringt, und für 
den festen Boden, auf den sie ihre Füße setzen^). 

Diese Könige der Wilden sind mit einer Machtfülle und 
einer Fähigkeit zu beglücken ausgestattet, die nur Göttern zu 
eigen ist, und an welche auf späteren Stufen der Zivilisation 
nur die servilsten ihrer Höflinge Glauben heucheln werden. 

Es erscheint ein offenbarer Widerspruch, daß Personen 
von solcher Machtvollkommenheit selbst der größten Sorgfalt 
bedürfen, um vor den sie bedrohenden Gefahren beschützt zu 
werden, aber es ist nicht der einzige Widerspruch, der in der 
Behandlung königlicher Personen bei den Wilden zu Tage tritt. 
Diese Völker halten es auch für notwendig, ihre Könige zu 
überwachen, daß sie ihre Kräfte im rechten Sinne verwenden; 
sie sind ihrer guten Intentionen oder ihrer Gewissenhaftigkeit 
keineswegs sicher. Ein Zug von Mißtrauen mengt sich der Moti- 
vierung der Tabuvorschriften für den König bei. „Die Idee, 
daß urzeitliches Königstum ein Despotismus ist," sagt Fra- 
zer^), „demzufolge das Volk nur für seinen Herrscher existiert, 
ist auf die Monarchien, die wir hier im Auge haben, ganz und 
gar nicht anwendbar. Im Gegenteile, in diesen lebt der Herr- 
scher nur für seine Untertanen; sein Leben hat einen Wert 
nur so lange, als er die Pflichten seiner Stellung erfüllt, den 
Lauf der Natur zum Besten seines Volkes regelt. Sobald er 
darin nachläßt oder versagt, wandeln sich die Sorgfalt, die Hin- 
gebung, die religiöse Verehramg, deren Gegenstand er bisher 

1) Frazer, Taboo. The bürden of royalty, p. 7. 

2) 1. c, p. 7. 



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60 n. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

im ausgiebigsten Maße war, in Haß und Verachtung um. Er 
wird schmählich davongejagt und mag iroh sein, wenn er das 
nackte Leben rettet. Heute noch als Grott verehrt, mag es 
ihm passieren, morgen als Verbrecher erschlagen zu werden. 
Aber wir haben kein Recht, dies veränderte Benehmen seines 
Volkes als Unbeständigkeit oder Widerspruch zu verurteilen, 
das Volk bleibt vielmehr durchaus- konsequent. Wenn ihr König 
ihr Gott ist, so denken sie, muß er sich auch als ihr Beschützer 
erweisen; imd wenn er sie nicht beschützen will, soll er einem 
anderen, der bereitwilliger ist, den Platz räumen. Solange er 
aber ihren Erwartungen entspricht, kennt ihre Sorgfalt für 
ihn keine Grenzen, und sie nötigen ihn dazu, sich selbst mit 
der gleichen Fürsorge zu behandeln. Ein solcher König lebt 
wie eingemauert hinter einem System von Zeremoniell und 
Etikette, eingesponnen in ein Netz von Gebräuchen und Ver- 
boten, deren Absicht keineswegs dahin geht, seine Würde zu 
erhöhen; noch weniger sein Wohlbehagen zu steigern, sondern 
die einzig und allein bezwecken, ihn vor Schritten zurückzu- 
lialten, welche die Harmonie der Natur stören und so ihn, sein 
Volk und das ganze Weltall gleichzeitig zu Grunde richten 
könnten. Diese Vorschriften, weit entfernt, seinem Behagen 
zu dienen, mengen sich in jede seiner Handlungen, heben seine 
Freiheit auf und machen ihm das Leben, das sie angeblich ver- 
sichern wollen, zur Bürde und zur Qual." 

Eines der grellsten Beispiele von solcher Fesselung und 
Lähmung eines heiligen Herrschers durch das Tabu-Zeremoniell 
scheint in der Lebensweise des Mikado von Japan in früheren 
Jahrhunderten erzielt worden zu sein. Eine Beschreibung, die 
jetzt über zweihundert Jahre alt ist^), erzählt: „Der Mikado 



1) Kämpfer, History of Japan bei Frazer, 1. c, p. 3. 



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BESCHKÄNKUNGEN DEK KÖNIGE. ßl 



glaubt, daß es seiner Würde und Heiligkeit niclit angemessen 
sei, den Boden mit den Füßen zu berühren; wenn er also 
irgendwohin gehen will, muß er auf den Schultern von Män- 
nern hingetragen werden. Es geht aber noch viel weniger an, 
daß er seine heilige Person der freien Luft aussetze, und die 
Sonne wird der Ehre nicht gewürdigt, auf sein Haupt zu 
scheinen. Allen Teilen seines Körpers wird eine so hohe Heilig- 
keit zugeschrieben, daß weder sein Haupthaar, noch sein Bart 
geschoren und seine Nägel nicht geschnitten werden dürfen. 
Damit er aber nicht zu sehr verwahrlose, waschen sie ihn 
, nachts, wenn er schläft; sie sagen, was man in diesem Zustand 
von seinem Körper nimmt, kann nur als gestohlen aufgefaßt 
werden, und ein solcher Diebstahl tut seiner Würde und Hei- 
ligkeit keinen Eintrag. In noch früheren Zeiten mußte er jeden 
Vormittag einige Stunden lang mit der Kaiserkrone auf dem 
Haupte auf dem Throne sitzen, aber er mußte sitzen wie eine 
Statue, ohne Hände, Füße, Kopf oder Augen zu bewegen; 
nur so, meinte man, könne er Ruhe und Frieden im B/eiche er- 
halten. Wenn er unseligerweise sich nach der einen oder der 
anderen Seite wenden sollte, oder eine Zeitlang den Blick bloß 
auf einen Teil seines Reiches richtete, so würden Krieg, Hungers- 
not, Feuer, Pest oder sonst ein großes Unheil hereinbrechen, um 
das Land zu verheeren.'^ 

Einige der Tabu, denen barbarische Könige unterworfen 
sind, mahnen lebhaft an die Beschränkungen der Mörder. In 
Shark Point bei Kap Padron in Unter-Guinea (West- 
afrika) lebt ein Priesterkönig, Kukulu, allein in einem AVald. 
Er darf kein Weib berühren, auch sein Haus nicht verlassen, 
ja nicht einmal von seinem Stuhl aufstehen, in dem er sitzend 
schlafen muß. Wenn er sich niederlegte, würde der Wind auf- 
hören und die Schiffahrt gestört sein. Seine Funktion ist es, 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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62 II. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 



die Stürme in Schranken zu halten imd im allgemeinen für einen 
gleichmäßig gesunden Zustand der Atmosphäre zu sorgen i). 
Je mächtiger ein König von L o a n g o ist, sagt Bastian, desto 
mehr Tabu muß er beobachten. Auch der Thronfolger ist von 
Kindheit an an sie gebunden, aber sie häufen sich um ihn, wäh- 
rend er heranwächst; im Momente der Thronbesteigung ist er 
von ihnen erstickt. 

Unser Raum gestattet es nicht und unser Interesse erfor- 
dert es nicht, daß wir in die Beschreibung der an der Königs- 
oder Priesterwürde haftenden Tabu weiter eingehen. Führen 
wir noch an, daß Beschränkungen der freien Bewegung und der 
Diät die Hauptrolle unter ihnen spielen. Wie konservierend 
aber auf alte Gebräuche der Zusammenhang mit diesen privi- 
legierten Personen wirkt, mag aus zwei Beispielen von Tabu- 
zeremoniell hervorgehen, die von zivilisierten Völkern, also von 
weit höheren Kulturstufen, genommen sind. 

Der Flamen Dialis, der Oberpriester des Jupiter im 
alten B/om, hatte eine außerordentlich große Anzahl von Tabu- 
geboten zu beobachten. Er durfte nicht reiten, kein Pferd, 
keine Bewaffneten sehen, keinen Bing tragen, der nicht zer- 
brochen war, keinen Knoten an seinen Grewändern haben, Weizen- 
mehl und Sauerteig nicht berühren, eine Ziege, einen Hund, 
rohes Fleisch, Bohnen und Efeu nicht einmal beim Namen 
nennen ; sein Haar durfte nur von einem freien Mann mit einem 
Bronzemesser geschnitten, seine Haare und Nägelabfälle mußten 
unter einem glückbringenden Baum vergraben werden ; er durfte 
keinen Toten anrühren, nicht unbedeckten Hauptes unter freiem 
Himmel stehen und dergleichen. Seine Frau, die Flamin ica, 
hatte überdies ihre eigenen Verbote: Sie durfte auf einer ge- 

1) A. Bastian, „Die deutsche Expedition an der Loangoküs te", 
Jena 1874, bei Frazer, 1. c, p. 5. 



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BESCHRÄNKUNGEN DER KÖNIGE. 63 



wissen Art von Treppen nicht höher als drei Stufen steigen, 
an gewissen Festtagen ihr Haar nicht kämmen ; das Leder ihrer 
Schuhe durfte von keinem Tier genommen werden, das eines 
natürlichen Todes gestorben war, sondern nur von einem ge- 
schlachteten oder geopferten; wenn sie Donner hörte, war sie 
unrein, bis sie ein Sühnopfer dargebracht hatte ^). 

Die alten Könige von Irland waren einer Reihe von 
höchst sonderbaren Beschränkungen unterworfen, von deren Ein- 
haltung aller Segen, von deren Übertretung alles Unheil für 
das Land erwartet wurde. Das vollständige Verzeichnis dieser 
Tabu ist in dem Book of Rights gegeben, dessen älteste 
handschriftliche Exemplare die Jahreszahlen 1390 und 1418 
tragen. Die Verbote sind äußerst detailliert, betreffen gewisse 
Tätigkeiten an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten; 
in dieser Stadt darf der König nicht an einem gewissen Wochen- 
tag weilen, jenen Fluß nicht um eine genannte Stunde über- 
setzen, nicht volle neun Tage auf einer gewissen Ebene la- 
gern u. dgl.2). 

Die Härte der Tabubeschränkungen für die Priesterkönige 
hat bei vielen wilden Völkern eine Folge gehabt, die historisch 
bedeutsam und für unsere Gesichtspunkte besonders interessant 
ist. Die Priester-Königswürde hörte auf, etwas Begehrens- 
wertes zu sein; wem sie bevorstand, der wandte oft alle Mittel 
an, um ihr zu entgehen. So wird es auf Combodscha, wo 
es einen Feuer- und einen Wasserkönig gibt, oft notwendig, die 
Nachfolger mit Gewalt zur Annahme der Würde zu zwingen. 
Auf Nine oder Sa vage Island, einer Koralleninsel im 
Stillen Ozean, kam die Monarchie tatsächlich zu Ende, weil 
sich niemand mehr bereit finden wollte, das verantwortliche 

1) Frazer, 1. c, p. 13. 

2) Frazer, 1. c, p. 11. 



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64 II. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 



und gefährliche Amt zu übernehmen. In manchen Teilen von 
Westafrika wird nach dem Tode des König;s ein geheimes Konzil 
abgehalten, um den Nachfolger zu bestimmen. Der, auf welchen 
die Wahl fällt, wird gepackt, gebunden und im Fetischhaus 
im Gewahrsam gehalten, bis er sich bereit erklärt hat, die 
Krone anzunehmen. Gelegentlich findet der präsumtive Thron- 
folger Mittel und Wege, um sich der ihm zugedachten Ehre 
zu entziehen; so wird von einem Häuptling berichtet, daß 
er Tag und Nacht AVaffen zu tragen pflegte, um jedem Versuch, 
ihn auf den Thron zu setzen, mit Gewalt zu widerstehen^). 
Bei den Negern von Sierra Leone ward da>9 Widerstreben 
gegen die Annahme der Königswürde so groß, daß die meisten 
Stämme genötigt waren, Fremde zu ihren Königen zu machen. 

Frazer führt es auf diese Verhältnisse zurück, daß sich 
in der Entwicklung der Geschichte endlich eine Scheidung des 
ursprünglichen Priester-Königtums in eine geistliche und Avelt- 
liche Macht vollzog. Die von der Bürde ihrer Heiligkeit er- 
drückten Könige wurden unfähig, die Herrschaft in realen Din- 
gen auszuüben, und mußten diese geringeren, aber tatkräftigen 
Personen überlassen, welche bereit waren, auf die Ehren der 
Königswürde zu verzichten. Aus diesen erwuchsen dann die 
weltlichen Herrscher, während die nun praktisch bedeutungs- 
lose geistliche Oberhoheit den früheren Tabukönigen verblieb. 
Es ist bekannt, wieweit diese Aufstellung in der Geschichte 
des alten Japans Bestätigung findet. 

Wenn wir nun das Bild der Beziehungen der primitiven 
Menschen zu ihren Herrschern überblicken, so regt sich in uns 
die Erwartung, daß uns der Fortschritt von seiner Beschreibung 
zu seinem psychoanalytischen Verständnis nicht schwer fallen 

1) A. Bastian, „Die deutsche Expedition an der Loangoküste", bei 
Frazer, 1. c, p, 18. 



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DAS TABU DER HERRSCHER. 65 

wird. Diese Beziehungen sind sehr verwickelter Natur und 
nicht frei von Widersprüchen. Man räumt den Herrschern 
große Vorrechte ein, welche sich mit den Tabuverboten der 
anderen geradezu decken. Es sind privilegierte Personen; sie 
dürfen eben das tun oder genießen, was den übrigen durch das 
Tabu vorenthalten ist. Im Gegensatz zu dieser Freiheit steht 
aber, daß sie durch andere Tabu beschränkt sind, welche auf 
die gewöhnlichen Individuen nicht drücken. Hier ist also ein 
erster Gegensatz, fast ein Widerspruch, z\vischen einem Mehr 
von Freiheit und einem Mehr an Beschränkung für dieselben 
Personen. Man traut ihnen außerordentliche Zauberkräfte zu 
und fürchtet sich deshalb vor der Berührung mit ihren Per- 
sonen oder ihreni Eigentum, während man anderseits von diesen 
Berührungen die wohltätigste Wirkung erwartet. Dies scheint 
ein zweiter besonders greller Widerspruch zu sein; allein wir 
haben bereits erfahren, daß er nur scheinbar ist. Heilend und 
schützend wirkt die Berührung, die vom König selbst in wohl- 
wollender Absicht ausgeht; gefährlich ist nur die Berührung, 
die vom gemeinen Mann am König und am Königlichen verübt 
wird, wahrscheinlich, weil sie an aggressive Tendenzen mahnen 
kann. Ein anderer, nicht so leicht auflösbarer Widerspruch 
äußert sich darin, daß man dem Herrscher eine so große Ge- 
walt über die Vorgänge der Natur zuschreibt und sich doch 
für verpflichtet hält, ihn mit ganz besonderer Sorgfalt gegen 
ihm drohende Gefahren zu beschützen, als ob seine eigene 
Macht, die so vieles kann, nicht auch dies vermöchte. Eine 
weitere Erschwerung des Verhältnisses stellt sich dann her, 
indem man dem Herrscher nicht das Zutrauen entgegenbringt, 
er werde seine ungeheure Macht in der richtigen Weise zum 
Vorteil der Untertanen wie zu seinem eigenen Schutz verwenden 
wollen; man mißtraut ihm also und hält sich für berechtigt, 

Frendy Totfm und Tabu. 6 



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66 II. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

ihn zu überwachen. Allen diesen Absichten der Bevormundung 
des Königs, seinem Schutz: vor Gefahren und dem Schutz der 
Untertanen vor der Gefahr, die er ihnen bringt, dient gleich- 
zeitig die Tabuetikette, der das Leben des Königs unter- 
worfen wird. 

Es liegt nahe, folgende Erklärung für das komplizierte 
und widerspruchsvolle Verhältnis der Primitiven zu ihren Herr- 
schern zu geben: Aus abergläubischen und anderen Motiven 
kommen in der Behandlung der Könige mannigfache Tendenzen 
zum Ausdruck, von denen jede ohne Rücksicht auf die anderen 
zum Extrem entwickelt wird. Daraus entstehen dann die 
Widersprüche, an denen der Intellekt der Wilden übrigens so 
wenig Anstoß nimmt wie der der Höchstzivilisierten, wenn 
es sich nur um Verhältnisse der Religion oder der „Loyalität'' 
handelt. 

Das wäre soweit gut, aber die psychoanalytische Technik 
wird gestatten, tiefer in den Zusammenhang einzudringen und 
Näheres über die Natur dieser mannigfaltigen Tendenzen aus- 
zusagen. Wenn wir den geschilderten Sachverhalt der Analyse 
unterziehen, gleichsam als ob er sich im Symptombild einer 
Neurose fände, so werden wir zunächst an das Übermaß von 
ängstlicher Sorge anknüpfen, welches als Begründung des Tabu- 
zeremoniells ausgegeben wird. Dies Vorkommen einer solchen 
Überzärtlichkeit ist in der Neurose, speziell bei der Zwangs- 
neurose, die wir in erster Linie zum Vergleich heranziehen, 
sehr gewöhnlich. Ihre Herkunft ist uns sehr wohl verstä|jdlich 
worden. Sie tritt überall dort auf, wo außer der vorherrschen- 
den Zärtlichkeit eine gegensätzliche aber unbewußte Strömung 
von Feindseligkeit besteht, also der typische Fall der ambiva- 
lenten Gefühlseinstellung realisiert ist. Dann wird die Feind- 
seligkeiten überschrieen durch eine übermäßige Steigerung der 



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ERKLÄBUNGSVEESüCH DIESES TABU. 67 

Zärtlichkeit, die sich als Ängstlichkeit äußert und die zwang- 
haft wird, weil sie sonst ihrer Aufgabe, die unbewußte Gegen- 
strömung in der Verdrängung zu erhalten, nicht genügen würde. 
Jeder Psychoanalytiker hat es erfahren, mit welcher Sicherheit 
die ängstliche Überzärtlichkeit unter den unwahrscheinlichsten 
Verhältnissen, z. B. zwischen Mutter und Kind oder bei zärt- 
lichen Eheleuten, diese Auflösung gestattet. Auf die Behand- 
lung der privilegierten Personen angewendet, ergäbe sich die 
Einsicht, daß der Verehrung, ja Vergötterung derselben im 
Unbewußten eine intensive feindselige Strömung entgegensteht, 
daß also hier, wie wir es erwartet haben, die Situation der 
ambivalenten Gefühlseinstellung verwirklicht ist. Das Miß- 
trauen, welches als Beitrag zur Motivierung der Königstabu 
unabweisbar erscheint, wäre eine andere direktere Äußerung 
derselben unbewußten Feindseligkeit. Ja, wir wären — in- 
folge der Mannigfaltigkeit der Endausgänge eines solchen Kon- 
flikts bei verschiedenen Völkern — nicht um Beispiele ver- 
legen, in denen uns der Nachweis einer solchen Feindseligkeit 
noch viel leichter fiele. Die wilden Timmes von Sierra 
Leone, hören wir bei Frazer^), haben sich das Recht vor- 
behalten, ihren gewählten König am Abend vor seiner Krönung 
durchzuprügeln, und sie bedienen sich dieses konstitutionellen 
Vorrechtes mit solcher Gründlichkeit, daß der unglückliche 
Herrscher gelegentlich seine Erhebung auf den Thron um nicht 
lange Zeit überlebt, daher haben es sich die Großen des Volkes 
zur Regel gemacht, wenn sie einen Groll gegen einen bestimmten 
Mann haben, diesen zum König zu wählen. Immerhin wird 
auch in solchen grellen Fällen die Feindseligkeit sich nicht als 
solche bekennen, sondern sich als Zeremoniell gebärden. 

1) 1. c, p. 18, nach Zweifel et Monstier, Voyago aux sources 
da Niger, 1880. 

6* 



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68 n. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 



Ein anderes Stück im Verhallen der Primitiven gegen ihre 
Herrscher ruft die Erinnerung an einen Vorgang wach, der, 
in der Neurose allgemein verbreitet, in dem sogenannten Ver- 
folgungswahn offen zu Tage tritt. Es wird hier die Bedeutung 
einer bestimmten Person außerordentlich erhöht, ihre Macht- 
vollkommenheit ins Unwahrscheinliche gesteigert, um ihr desto 
eher die Verantwortlichkeit für alles Peinliche, was dem Kran- 
ken widerfährt, aufladen zu können. Eigentlich verfahren ja 
die Wilden mit ihren Königen nicht anders, wenn sie ihnen 
die Macht über Regen und Sonnenschein, Wind und Wetter 
zuschreiben und sie dann absetzen oder töten, weil die Natur 
ihre Erwartungen auf eine gute Jagd oder eine reife Ernte 
enttäuscht hat. Das Vorbild, welches der Paranoiker im Ver- 
folgungswahn wiederherstellt, liegt im Verhältnis des Kindes 
zu seinem Vater. Dem Vater kommt eine derartige Machtfülle 
in der Vorstellung des Sohnes regelmäßig zu, und es zeigt sich, 
daß das Mißtrauen gegen den Vater mit seiner Hochschätz'ung 
innig verknüpft ist. Wenn der Paranoiker eine Person seiner 
Lebensbeziehungen zli seinem „Verfolger" ernennt, so hebt er 
sie damit in die Väterreihe, bringt sie unter die Bedingungen, 
die ihm gestatten, sie für alles Unglück seiner Empfindung 
verantwortlich zu machen. So mag uns diese zweite Analogie 
zwischen dem Wilden und dem Neurotiker die Einsicht ahnen 
lassen, wie vieles im Verhältnis des Wilden zu seinem Herr- 
scher aus der infantilen Einstellung des Kindes zum Vater 
hervorgehen mag. 

Den stärksten Anhaltspunkt für unsere Betrachtungsweise, 
welche die Tabuverbote mit neurotischen Symptomen vergleichen 
will, finden wir aber im Tabuzeremoniell selbst, dessen Be- 
deutung für die Stellung des Königs tums vorhin erörtert wurde. 
Dieses Zeremoniell trägt seinen Doppelsinn und seine Herkunft 



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DIE AMBIVALENZ DER HÖFISCHEN ETIQÜETIE. 69 

von ambivalenten Tendenzen unverkennbar zur Schau, wenn 
wir nur annehmen wollen, daß es die Wirkungen, die es her- 
vorbringt, auch von allem Anfang an beabsichtigt hat. Es 
zeichnet nicht nur die Könige aus und erhebt sie über alle 
gewöhnlichen Sterblichen, es macht ihnen auch das Leben zur 
Qual und zur unerträglichen Bürde und zwingt sie in eine 
Knechtschaft, die weit äxger ist als die ihrer Untertanen. Es 
erscheint uns so als das richtige Gegenstück zur Zwangshand- 
lung der Neurose, in der sich der unterdrückte Trieb und der 
ihn unterdrückende zur gleichzeitigen und gemeinsamen Be- 
friedigung treffen. Die Zwangshandlung ist angeblich ein 
Schutz gegen die verbotene Handlung; wir möchten aber sagen, 
sie ist eigentlich die Wiederholung des Verbotenen. Das 
„angeblich*' wendet sich hier der bewußten, das „eigentlich'* 
der unbewußten Instanz des Seelenlebens zu. So ist auch das 
Tabuzeremoniell der Könige angeblich die höchste Ehrung und 
Sicherung derselben, eigentlich die Strafe für ihre Erhöhung, 
die Bache, welche die Untertanen an ihnen nehmen. Die Er- 
fahrungen, die Sancho Pansa bei Cervantes als Gou- 
verneur auf seiner Insel macht, haben ihn offenbar diese Auf- 
fassung des höfischen Zeremoniells als die einzig zutreffende 
erkennen lassen. Es ist sehr wohl möglich, daß wir weitere 
Zustimmungen zu hören bekämen, wenn wir Könige und Herr- 
scher von heute zur Äußerung darüber veranlassen könnten. 
Warum die Gefühlseinstellung gegen die Herrscher einen 
so mächtigen unbewußten Beitrag von Feindseligkeit ent- 
halten sollte, ist ein sehr interessantes, aber die Grenzen dieser 
Arbeit überschreitendes Problem. Den Hinweis auf den in- 
fantilen Vaterkomplex haben wir bereits gegeben; fügen wir 
hinzu, daß die Verfolgung der Vorgeschichte des Königtums 
uns die entscheidenden Aufklärungen bringen müßte. Nach 



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70 II. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

Frazers eindrucksvollen, aber nach eigenem Zugeständnis 
nicht ganz z'wingenden Erörterungen waren die ersten Könige 
Fremde, die nach kurzer Herrschaft zlim Opfertod bei feier- 
lichen Festen als Repräsentanten der Gottheit bestimmt waren ^). 
Noch die Mythen des Christentums wären von der Nachwirkung 
dieser Entwicklungsgeschichte der Könige berührt. 

c) Das Tabu der Toten. 

Wir wissen, daß die Toten mächtige Herrscher sind ; wir 
werden vielleicht erstaunt sein zu erfahren, daß sie als Feinde 
betrachtet werden. 

Das Tabu der Toten erweist, wenn wir auf dem Boden des 
Vergleiches mit der Infektion bleiben dürfen, bei den meisten 
primitiven Völkern eine besondere Virulenz. Es äußert sich 
zunächst in den Folgen, welche die Berührung des Toten nach 
sich zieht, und in der Behandlung der um den Toten Trauern- 
den. Bei den Maori war jeder, der eine Leiche berührt oder 
an ihrer Grablegung teilgenommen hatte, .aufs äußerste unrein 
und nahezu abgeschnitten von allem Verkehr mit seinen Mit- 
menschen, sozusagen boykottiert. Er konnte kein Haus be- 
treten, keiner Person oder Sache nahe kommen, ohne sie mit 
der gleichen Eigenschaft anzustecken. Ja, er durfte nicht ein- 
mal Nahrung mit seinen Händen berühren, diese waren ihm 
durch ihre Unreinheit geradezu unbrauchbar geworden. Man 
stellten ihm das Essen auf den Boden hin, und ihm blieb nichts 
übrig, als sich dessen mit den Lippen und den Zähnen, so gut 
es eben ging, zu bemächtigen, während er seine Hände nach 
dem Rücken gebo^^^n hielt. Gelegentlich war es erlaubt, daß 
eine andere Person ihn füttere, die es dann mit ausgestrecktem 

1) Frazer, „The magio art and the evolution of kings". 2 vol. 1911. 
(The golden bough.) 



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DAS TABU DER TOTEN. 71 



Arm tat, sorgsam, den Unseligen nicht selbst zu berühren, aber 
diese Hilfsperson war dann selbst Einschränkungen unter- 
worfen, die nicht viel weniger drückend waren als die eigenen. 
Es gab wohl in jedem Dorf ein ganz verkommenes, von der 
Gesellschaft ansgestoßenes Individuum, das in der armselig- 
sten Weise von spärlichen Almosen lebte. Diesem Wesen war 
es allein gestattet, sich auf Armeslänge dem zu nähern, der 
die letzte Pflicht gegen einen Verstorbenen erfüllt hatte. War 
aber dann uie Zeit der Abschließung vorüber, und durfte der 
durch die Leiche Verunreinigte sich wieder unter seine Ge- 
nossen mengen, so wurde alles Geschirr, dessen er sich in der 
gefährlichen Zeit bedient hatte, zerschlagen, und alles Zeug 
weggeworfen, mit dem er bekleidet gewesen war. 

Die Tabugebräuche nach der körperlichen Berührung von 
Toten sind in ganz Polynesien, Melanesien und in einem Teil 
von Afrika die nämlichen; ihr konstantestes Stück ist das 
Verbot, Nahrung selbst zu berühren, und die sich daraus er- 
gebende Notwendigkeit, von anderen gefüttert zu werden. Es 
ist bemerkenswert, daß in Polynesien oder vielleicht nur in 
Hawaii^) Priesterkönige während der Ausübung heiliger 
Handlungen derselben Beschränkung unterlagen. Bei den Tabu 
der Toten auf Tonga tritt die Abstufung und allmähliche Auf- 
hebung der Verbote durch die eigene Tabukraft sehr deutlich 
hervor. Wer den Leichnam eines toten Häuptlings berührt 
hatte, war durch zehn Monate unrein; wenn er aber selbst 
ein Häuptling war, nur durch drei, vier oder fünf Monate, je 
Dach dem Eang des Verstorbenen; aber wenn es sich um die 
Leiche des vergötterten Oberhäuptlings handelte, wurden selbst 
die größten Häuptlinge durch zehn Monate tabu. Die Wilden 
glauben fest daran, daß, wer solche Tabuvorschriften über- 

1) Frazer, Taboo, p. 138 usw. 



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72 H. I^AS TABU UND DIE AMbIVALKNZ. 

tritt, schwer erkranken und sterben muß, so fest, daß sie nach 
der Meinung eines Beobachters noch niemals den Versuch ge 
wagt haben, sich vom Gegenteil zu überzteugcn i). 

Im wesentlichen gleichartig, aber für unsere Zwecke inter 
e^santer sind die Tabubeschränkungen jener Personen, deren 
Berührung mit den Toten in übertragenem Sinne zu verstehen 
ist, der trauernden Angehörigen, der AVitwer und Witwen. 
Sehen wir in den bisher erwähnten \'orschriften nur den typi- 
schen Ausdruck der Virulenz und der Ausbreitungsfähigkeit 
des Tabu, so schimmern in den nun mitzuteilenden die Motive 
der Tabu durch, und zwar so\volil die vorgeblichen als auch 
solche, die wir für die tiefliegenden, echten halten dürfen. 

Bei den Shuswap in Britisch -Columbia jnüssen 
^Vitwen und AVitwer während ihrer Trauerzeit abgesondert 
leben ; sie dürfen weder ihi'en eigenen Köri)er noch iliren Kopf 
mit ihren Händen berühren; alles Geschirr, dessen sie sich 
bedienen, ist dem Gebrauche anderer entzogon. Kein Jäger 
wird sieh der Hütte, in welcher solche Trauernde wohnen, nähern 
wollen, denn das brächte ihm Unglück; wenn der Schatten 
eines Trauernden auf ihn fallen würde, müßte er erkranken. 
Die Trauernden schlafen auf Dornbüschen und umgeben ihr 
Bett mit solchen. Diese letztere Maßregel ist dazu bestimmt, 
den Geist des Verstorbenen fernzuhalten, und noch deutlicher 
ist wohl der von anderen nordamerikanischen Stämmen berich- 
tete Gebrauch der AVitwe. eine Zeitlang nacli dem Tode des 
Mannes ein hosenartiges Kleidungssiüek aus trockenem Gras 
zu trügen, um sich unzugänglich für die Annäherung des Geistes 
zu machen. So wird uns die Vorstellung nahegelegt, daß die 
Berührung „im übertragenen Sinne" doch nur als ein körper- 

^) W. Mariner, „The natives o£ the Tonga Islands", 1818, bei 
Frazer, 1. c, p. 110. 



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DIE BEHANDLUNG DER TRAUERNDEN. 73 

lieber Kontakt verstanden wird, da der Geist des Verstorbenen 
niebt von seinen Angehörigen weicht, nicht abläßt, sie während 
der Zeit der Trauer zu „umschweben''. 

Bei den Agutainos, die auf Palawan, einer der Phi- 
lippinen, wohnen, darf eine Witwe ihre Hütte die ersten 
sieben oder aeht Tage nach dem Todesfall nicht verlassen, es 
sei denn zur Nachtzeit, wenn süi Begegnungen nicht zu er- 
warten hat. Wer sie erschaut, gerät in Gefahr augenblicklich 
zu sterben, und darum warnt sie selbst vor ihrer Annäherung, 
indem sie bei jedem Schritt mit einem hölzernen Stab gegen 
die Bäume schlägt; diese Bäume aber verdorren. AVorin die 
Gefährlichkeit einer solchen Witwe bestehen mag, wird uns 
durch eine andere Beobachtung erläutert. Im Mekeo bezirk 
von Britisch-Neuguinea wird ein Witwer aller bürger- 
lichen Hechte verlustig und lebt für eine Weile wie ein Aus- 
gestoßener. Er darf keinen Garten bebauen, sich nicht öffent- 
lich zeigen, das Dorf und die Straße nicht betreten. Er schleicht 
wie ein wildes Tier im hohen Gras oder im Gebüsch umher, 
und muß sich im Dickicht verstecken, wenn er jemanden, be- 
sonders aber ein Weib, herannahen sieht. Diese letztere An- 
deutung macht es uns leicht, die Gefährlichkeit des Witwers 
oder der Witwe auf die Gefahr der Versuchung zurückzu- 
führen. Der Mann, der sein Weib verloren hat, soll dem Be- 
gehren nach einem Ersatz ausweichen; die AVitwe hat mit 
demselben Wunsch zu kämpfen und mag überdies als herren- 
los die Begehrliclikeit anderer Männer erwecken. Jede solche 
Ersatzbefriedigung läuft gegen den Sinn der Trauer; sie müßte 
den Zorn des Geistes auflodern lassen i). 

1) Dieselbe Kranke, deren „Unmöglichkeiten" ich oben (S. 38) mit 
den Tabu zusammengestellt habe, bekannte, daß sie jedesmal in Entrüstung 
gerate, wenn sie einer in Trauer gekleideten Person auf der Straße be- 
gegne. Solchen Leuten sollte das Ausgehen verboten seinl 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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74 II. 1>AS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

Eines der befremdendsten, aber auch lehrreichsten Tabu- 
gebräuche der Trauer bei den Primitiven ist das Verbot, den 
Namen des Verstorbenen auszusprechen. Es ist ungemein ver- 
bi-eitet, hat mannigfaltige Ausführungen erfahren und bedeut- 
same Konsequenzen gehabt. 

Außer bei den Australiern und Polynesiern, welche uns die 
Tabugebräuche in ihrer besten Erhaltung zu zeigen pflegen, 
findet sich dies Verbot bei so entfernten und einander so fremden 
Völkern wie die Samo jeden in Sibirien und die Todas in 
Südindien, die Mongolen der Bartarei und die Tuaregs 
der Sahara, die A i n o in Japan und die A k a m b a und N a n d i 
in Zentralafrika, die Tinguanen auf den Philippinen 
und die Einwohner der Nikobarischen Inseln, von Mada- 
gaskar und Borneo^). Bei einigen dieser Völker gilt das 
Verbot und die aus ihm sich ableitenden Folgen nur für die 
Zeit der Trauer, bei anderen bleibt es permanent, doch scheint 
es in allen Fällen mit der Entfernung vom Zeitpunkte des 
Todesfalles abzublassen. 

Die Vermeidung des Namens des Verstorbenen wird in 
der Regel außerordentlich streng gehandhabt. So gilt es bei 
manchen südamerikanischen Stämmen als die schwerste Belei- 
digung der Überlebenden, den Namen des verstorbenen Ange- 
hörigen vor ihnen auszusprechen, und die darauf gesetzte Strafe 
ist nicht geringer als die für eine Mordtat selbst festgesetzte 2). 
Warum die Nennung des Namens so verabscheut werden sollte, 
ist zunächst nicht leicht 2u erraten, aber die mit ihr verbundenen 
Gefahren haben eine ganze Eeihe von Auskunftsmitteln ent- 
stehen lassen, die nach verschiedenen Richtungen interessant und 
bedeutungsvoll sind. So sind die Masai in Afrika auf die 

1) Frazer, 1, c, p. 353. 

2) Frazer, 1, c, p. 352 usw. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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DIE VERPÖNUNG DES NAMENS VERSTORBENEE. 75 

Ausflucht gekommen, den Namen des Verstorbenen unmittel- 
bar nach seinem Tod© zu ändern; er darf nun ohne Scheu mit 
dem neuen Namen erwähnt werden, während alle Verbote an 
den alten geknüpft bleiben. Es scheint dabei vorausgesetzt, 
daß der Geist seinen neuen Namen nicht kennt und nicht er- 
fahren wird. Die australischen Stämme an der Adelaide 
und der Encounter Bay sind in ihrer Vorsicht so konsequent, 
daß nach einem Todesfall alle Personen ihre Namen gegen 
einen anderen vertauschen, welche ebenso oder sehr ähnlich 
geheißen haben wie der Verstorbene. Manchmal wird in weiterer 
Ausdehnung derselben Erwägung die Namensänderung nach 
einem Todesfall bei allen Angehörigen des Verstorbenen vor- 
genommen, ohne Rücksicht auf den Gleichklang der Namen, so 
bei einigen Stämmen in Victoriaund in Nordwestamerika. 
Ja bei den Guaycurus in Paraguay pflegte der Häupt- 
ling bei so traurigem Anlaß allen Mitgliedern des Stammes 
neue Namen zu geben, die sie fortan erinnerten, als ob sie sie 
von jeher getragen hätten^). 

Ferner, wenn der Name des Verstorbenen sich mit der 
Bezeichnxmg eines Tieres, Gegenstandes usw. gedeckt hatte, 
erschien es manchen unter den angeführten Völkern notwendig, 
auch diese Tiere und Objekte neu zu benennen, damit man beim 
Grebrauch dieser Worte nicht an den Verstorbenen erinnert 
werde. Daraus mußte sich eine nie zur Ruhe kommende Ver- 
änderung des Sprachschatzes ergeben, die den Missionären 
Schwierigkeiten genug bereitete, besonders wo die Namensverpö- 
nung eine permanente war. In den sieben Jahren, die der 
Missionär Dobrizhofer bei den Abiponen in Paraguay 
verbrachte, wurde der Name für Jaguar dreimal abgeändert, 

1) Frazer, 1. c, p. 357, nach einem alten spanischen Beobachter, 
1732. 



C^nonl^ * Orrgmaffnonn 

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76 II. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

und die Worte für Krokodil, Dornen und Tierschlachten hatten 
ähnliche Schicksale^). Die Scheu, einen Namen auszusprechen, 
der einem Verstorbenen angehört hat, dehnt sich aber auch 
nach der Richtung hin aus, daß man. alles zu erwähnen ver- 
meidet, wobei dieser Verstorbene eine Rolle spielte, und als 
bedeutsame Folge dieses Unterdrückungsprozesses ergibt sich, 
daß diese Völker keine Tradition, keine historischen Reminis- 
zenzen haben und einer Erforschung ihrer Vorgeschichte die 
größten Schwierigkeiten in den Weg legen. Bei einer Reihe 
dieser primitiven Völker haben sich aber auch kompensierende 
Gebräuche eingebürgert, um die Namen der Verstorbenen nach 
einer langen Zeit von Trauer wieder zu erwecken, indem man 
sie an Kinder verleiht, die als die Wiedergeburt der Toten be- 
trachtet werden. 

Das Befremdende dieses Namentabu ermäßigt sich, wenn 
wir daran g-emahnt werden, daß für die Wilden der Name 
ein wesentliches Stück und ein wichtiger Besitz der Persön- 
lichkeit ist, daß sie dem Worte volle Dingbedeutung zuschreiben. 
Dasselbe tun, wie ich an anderen Orten ausgeführt habe, unsere 
Kinder, die sich dai'um niemals mit der Annahme einer be- 
deutungslosen Wortähnlichkeit begnügen, sondern konsequent 
schließen, wenn zwei Dinge mit gleichklingenden Namen ge- 
nannt werden, so müßte damit eine tiefgehende Übereinstim- 
mung zwischen beiden bezeichnet sein. Auch der zivilisierte 
Erwachsene mag an manchen Besonderheiten seines Benehmens 
noch erraten, daß er von dem Voll- und Wichtignehmen der 
Eigennamen nicht so weit entfernt ist, wie er glaubt, und 
daß sein Name in einer ganz besondei'en Art mit seiner Person 
verwachsen ist. Es stimmt dann liiezu, wenn die psychoanaly- 
tische Praxis vielfachen Anlaß findet, auf die Bedeutung der 
^) Frazer, 1. c, p. 360. 



C^ no n 1 ^ Orrg I n a f f no m 

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DIE PSYCHOANALYTISCHE WÜRDIGUNG DER NAMEN. ^^ 

Namen in der unbewußten Denktätigkeit hinzuweisen^). Die 
Zwangsneurotiker benehmen sich dann, wie zu erwarten stand, 
in betreff der Namen ganz wie die Wilden. Sie zteigen die 
volle „Komplexempfindliehkeit" gegen das Aussprechen und 
Anhören bestimmter Worte und Namen (ähnlich wie auch andere 
Neurotiker), und leiten aus ihrer Behandlung des eigenen Na- 
mens eine gute Anzahl von oft schweren Hemmungen ab. Eine 
solche Tabukranke, die ich kannte, hatte die Vermeidung an- 
genommen, ihren Namen niederzuschreiben, aus Angst, er 
könnte in jemandes Hand geraten, der damit in den Besitz 
eines Stückes von ihrer Persönlichkeit gekommen wäre. In 
der krampfhaften Treue, durch die sie sich gegen die Ver- 
suchungen ihrer Phantasie schützen mußte, hatte sie sich das 
Gebot geschaffen, „nichts von ihrer Person herzugeben". Dazu 
gehörte zunächst der Name, in weiterer Ausdehnung die Hand- 
schrift, und darum gab sie schließlich das Schreiben auf. 

So finden wir es nicht mehr auffällig, wenn von den Wil^den 
der Name des Toten als ein Stück seiner Person gewertet und 
zum Gegenstand des den Toten betreffenden Tabu gemacht 
wird. Auch die Namensnennung des Toten läßt sich auf die 
Berührung mit ihm zuttickführen, und wir dürfen uns dem 
umfassenderen Problem zuwenden, weshalb die«^ Berührung von 
so strengem Tabu betroffen ist. 

Die naheliegendste Erklärung würde auf das natürliche 
Grauen hinweisen, welches der Leichnam und die Veränderun- 
gen, die alsbald an ihm bemerkt werden, erregt. Daneben müßte 
man der Trauer um den Toten einen Platz einräumen, als Motiv 
für alles, was sich auf diesen Toten bezieht. Allein das Grauen 
vor dem Leichnam deckt offenbar nicht die Einzelheiten der 



i) Stekel, Abraham, 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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78 ". DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 



Tabu Vorschriften, und die Trauer kann uns niemals erklären, 
daß die Erwähnung des Toten ein schwerer Schimpf für dessen 
Hinterbliebene ist. Die Trauer liebt es vielmehr, sich mit dem 
Verstorbenen zu beschäftigen, sein Andenken auszuarbeiten und 
für möglichst lange Zeit zu erhalten. Für die Eigentümlich- 
keiten der Tabugebräuche muß etwas anderes als die Trauer 
verantwortlich gemacht werden, was offenbar andere Absichten 
als diese verfolgt. Gerade die Tabu der Namen verraten uns 
dies noch unbekannte Motiv, und sagten es die Gebräuehe 
nicht, so würden wir es aus den Angaben der trauernden Wilden 
selbst erfahren. 

Sie machen nämlich keinen Hehl daraus, daß sie sich vor 
der Gegenwart und der Wiederkehr des Geistes des Verstor- 
benen fürchten; sie üben eine Menge von Zeremonien, um 
ihn fernzuhalten, ihn zli vertreiben i). Seinen Namen auszu- 
sprechen, dünkt ihnen eine Beschwörung, der seine Gegenwart 
auf dem Fuße folgen wird 2). Sie tun darum folgerichtig alles, 
um einer solchen Beschwörung und Erweckung aus dem Wege 
zu gehen. Sie verkleiden sich, damit der Geist sie nicht er- 
kenne^), oder sie entstellen seinen oder den eigenen Namen; 
sie wüten gegen den rücksichtslosen Fremden, der den Geist 
durch Nennung seines Namens auf seine Hinterbliebenen hetzt. 
Es ist unmöglich, der Folgerung auszuweichen, daß sie nach 
Wundts Ausdruck, an der Furcht „vor seiner zum Dämon 
gewordenen Seele" leiden*). 



>) Als Beispiel eines solchen Bekenntnisses sind bei Frazer, 1. c. 
p. 363, die Tuaregs der Sahara angeführt. 

2) Vielleicht ist hiezu die Bedingung zu fügen: solange noch etwas 
von seinen körperlichen Überresten existiert. Frazer, 1. c, p. 372. 

8) Auf den Nikobaren. Frazer, 1. c, p. 382. 

*) Wundt, Religion und Mythus, II. Bd., p. 49, 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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DIE ANGST VOR DEM VERSTORBENEN. 79 

Mit dieser Einsicht wären wir bei der Bestätigung der 
Auffassung Wundts angelangt, welche das Wesen des Tabu, 
wie wir gehört haben, in der Angst vor den Dämonen findet. 

Die Voraussetzung dieser Lehre, daß das teure Familien- 
mitglied mit dem Augenblicke seines Todes zum Dämon wird, 
von dem die Hinterbliebenen nur Feindseliges zu erwarten haben, 
und gegen dessen böse Grelüste sie sich mit allen Mitteln 
schützen müssen, ist so sonderbar, daß man ihr zunächst den 
Glauben versagen wird. Allein so ziemlich alle maßgebenden 
Autoren sind darin einig, den Primitiven diese Auffassung zu- 
zuschreiben. Westermarok, der in seinem Werke: „Ur- 
sprung und Entwicklung der Moralbegriffe" dem Tabu, nach 
meiner Schätzung, viel zti wenig Beachtung schenkt, äußert 
in dem Abschnitt: Verhalten gegen Verstorbene direkt: „Über- 
haupt läßt mich mein Tatsachenmaterial den Schluß ziehen, 
daß die Toten häufiger als Feinde denn als Freunde angesehen 
werden^) und daß Jevons und Grant Allen im Irrtum 
sind mit ihrer Behauptung, man habe früher geglaubt, die Bös- 
willigkeit der Toten richte sich in der Regel nur gegen Fremde, 
während sie für Leben und Ergehen ihrer Nachkommen und 
Clangenossen väterlich besorgt seien." 

1) Westermarok, 1. c, II. Bd., p. 424. In der Anmerkung und 
in der Fortsetzung des Textes die reiche Fülle von bestätigenden, oft 
sehr charakteristischen Zeugnissen, z. B. : Die Maoris glaubten, „daß die 
nächsten und geliebtesten Verwandten nach dem Tode ihr Wesen ändern 
und selbst gegen ihre früheren Lieblinge übel gesinnt werden". — Die 
Australneger glauben, jeder Verstorbene sei lange Zeit bösartig,; je enger 
die Verwandtschaft, desto größer die Furcht. Die Zentraleskimo werden 
von der Vorstellung beherrscht, daß die Toten erst spät zur Euhe ge- 
langen, anfänglich aber zu fürchten seien als unheilbrütende Geister, die 
das Dorf häufig umkreisen, um Krankheit, Tod und anderes Unheil zu 
verbreiten. (Boas.) 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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80 II. I>AS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

B. K 1 e i n p a u 1 hat in einem eindrucksvollen Buche die 
Reste des alten Seelenglaubens bei den zivilisierten Völkern 
zur Darstellung des Verhältnisses zwischen den Lebendigen 
und den Toten verwertet i). Es gipfelt auch nach ihm in der 
Überzeugung, daß die Toten mordlustig die Lebendigen nach 
sich ziehen. Die Toten töten; das Skelett, als welches der Tod 
heute gebildet wird, stellt dar, daß der Tod selbst nur ein 
Toter ist. Nicht eher fühlte sich der Lebendige vor der Nach- 
stellung der Toten sicher, als bis er ein trennendes- Wasser 
zwischen sich und ihn gebracht hat. Daher begrub man die 
Toten gern auf Inseln, brachte sie auf die andere Seite eines 
Flusses; die Ausdrücke Diesseits und Jenseits sind hievon aus- 
gegangen. Eine spätere Milderung hat die Böswilligkeit der 
Toten auf jene Kategorien beschränkt, denen man ein besonderes 
Recht zum Groll einräumen mußte, auf die Ermordeten, die 
ihren Mörder als böse Geister verfolgen, auf die in ungestillter 
Sehnsucht Gestorbenen wie die Bräute. Aber ursprünglich, 
meint Kleinpaul, waren alle Toten Vampyre, alle grollten 
den Lebenden und trachteten, ihnen zu schaden, sie des Lebens 
zu berauben. Der Leichnam hat überhaupt erst den Begriff 
eines bösen Geistes geliefert. 

Die Annahme, die liebsten Verstorbenen wandelten sich 
nach dem Tode zu Dämonen, läßt offenbar eine weitere Frage- 
stellung zu. Was bewog die Primitiven dazu, ihren teuren 
Toten eine solche Sinnesänderung zuzuschreiben ? Warum 
machten sie sie zu Dämonen? Westermarck glaubt, diese 
Frage leicht zu beantworten 2). „Da der Tod zumeist für das 
schlimmste Unglück gehalten wird, das den Menschen treffen 

1) R. Kleinpaul, Die Lebendigen und die Toten im Volksglauben, 
Religion und Sage, 1898. 

2) 1. c, p. 426. 



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Orfgmaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



DIE VERWANDLUNG DES VERSTORBENEN IN DÄMONEN. 81 

kann, glaubt man, daß die Abgeschiedenen mit ihrem Schicksal 
äußerst unzufrieden seien. Nach Auffassung der Naturvölker 
stirbt man nur durch Tötung, sei es gewaltsame, sei es durch 
Zauberei bewirkte, und schon deshalb sieht man die Seele als 
rachsüchtig und reizbar an; vermeintlich beneidet sie die Le- 
benden und sehnt sich naeh der Gresellschaft der alten Ange- 
hörigen — es ist daher begreiflich, daß sie trachtet, sie durch 
Krankheiten zu töten, um mit ihnen vereinigt zu werden . . . 

. . . Eine weitere Erklärung der Bösartigkeit, die man den 
Seelen zuschreibt, liegt in der instinktiven Furcht vor diesen, 
welche Furcht ihrerseits das Ergebnis der Angst vor den\ 
Tode ist." 

Das Studium der psychoneurotischen Störimgen weist uns 
auf eine umfassendere Erklärung hin, welche die Wester- 
m a r c k sehe miteinschließt. 

Wenn eine Frau ihren Mann, eine Tochter ihre Mutter 
durch den Tod verloren hat, so ereignet es sich nicht selten, 
daß die Überlebende von peinigenden Bedenken, die wir 
„Zwangsvorwürfe" heißen, befallen wird, ob sie nicht selbst 
durch eine Unvorsichtigkeit oder Nachlässigkeit den Tod der 
geliebten Person verschuldet habe. Keine Erinnerung dai-an, 
wie sorgfältig sie den Kranken gepflegt, keine sachliche Zurück- 
weisung der behaupteten Verschuldung vermag der Qual ein 
Endo zu machen, die etwa den pathologischen Ausdruck einer 
Trauer darstellt und mit der Zeit langsam abklingt. Die psycho- 
analytische Untersuchung solcher Fälle hat uns die geheimen 
Triebfedern des Leidens kennen gelehrt. Wir haben erfahren. 
daß diese Zwangsvorwürfe in gewissem Sinne berechtigt und 
nur darum gegen Widerlegung und Einspruch gefeit sind. Nicht 
als ob die Trauernde den Tod wirklich verschuldet oder die 
Vernachlässigung wirklich begangen hätte, wie es der Zwangs- 

Ireud, Totem and Tabu. 6 



C^ nr^n li^ Orrginaf frcrnn 

:3yv_:-uiJgliw UNIVERSITYOF MICHIGAN 



82 n. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

Vorwurf behauptet; aber es war doch etwas in ihr vorhanden, 
ein ihr selbst unbewußter AYunsch, der mit dem Tode nicht 
unzufrieden war, und der ihn herbeigeführt hätte, wenn er 
im Besitze der Macht gewesen wäre. Gregen diesen unbewußten 
Wunsch reagiert nun der Vorwurf nach dem Tode der geliebten 
Person. Solche im Unbewußten versteckte Feindseligkeit hinter 
zärtlicher Liebe gibt es nun in fast allen Fällen von intensiver 
Bindung des Gefühls an eine bestimmte Person, es ist dar 
klassische Fall, das Vorbild der Ambivalenz menschlicher Ge 
fühlsregungen. Von solcher Ambivalenz ist bei einem Men 
sehen bald mehr, bald Weniger in der Anlage vorgesehen 
normalerweise ist es nicht so viel, daß die beschriebenen Zwangs 
vorwürfe daraus entstehen können. Wo sie aber ausgiebig an 
gelegt ist, da wird sie sich gerade im Verhältnis zu den aller 
geliebtesten Personen, da, wo man es am wenigsten erwarten 
würde, manifestieren. Die Disposition zur Zwangsneurose, die 
wir in der Tabufrage so oft zum Vergleich herangezogen haben, 
denken wir uns durch ein besonderes hohes Maß solcher nr- 
sprünglicher Gefühlsambivalenz ausgezeichnet. 

Wir kennen nun das Moment, welches uns das vermeint- 
liche Dämonentum der frisch verstorbenen Seelen und die Not- 
wendigkeit, sich durch die Tabuvorschriften gegen ihre Feind- 
schaft zu schützen, erklären kann. Wenn wir annehmen, daß 
dem Gefühlsleben der Primitiven ein ähnlich hohes Maß von 
Ambivalenz zukomme, wie wir es nach den Ergebnissen der 
Psychoanalyse den Zwangskranken zuschreiben, so wird es ver- 
ständlich, daß nach dem schmerzlichen Verlust eine ähnliehe 
Reaktion gegen die im Unbewußten latente Feindseligkeit not- 
wendig wird, wie sie dort durch die Zwangs vorwürfe erwiesen 
wurde. Diese im Unbewußten als Befriedigung über den Todes- 
fall peinlich verspürte Feindseligkeit hat aber beim Primitiven 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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DÄMONEN ALS PROJEKTION DER P KINDSELIGKEIT GEGEN TOTE. 83 

ein anderes Schicksal; sie wird abgewehrt, indem sie auf das 
Objekt der Feindseligkeit, auf den Toten, verschoben wird. 
Wir heißen diesen im normalen wie im krankhaften Seelen- 
leben häufigen Abwehrvorgang eine Projektion. Der Über- 
lebende leugnet nun, daß er je feindselige Regungen gegen den 
geliebten Verstorbenen gehegt hat; aber die Seele des Verstor- 
benen hegt sie jetzt und wird sie über die ganze Zeit der 
Trauer zu betätigen bemüht sein. Der Straf- und Beue- 
charakter dieser Gefühlsreaktion wird sich trotz der geglückten 
Abwehr durch Projektion darin äußern, daß man sich fürchtet, 
sich Verzicht auferlegt und sich Einschränkungen unterwirft, 
die man zum Teil als Schutzmaßregeln gegen den feindlichen 
Dämon verkleidet. Wir finden so wiederum, daß das Tabu 
auf dem Boden einer ambivalenten Gefühlseinstellung erwachsen 
ist. Auch das Tabu der Toten rührt von dem Gegensatz zwi- 
schen dem bewußten Schmerz und der unbewußten Befriedi- 
gung über den Todesfall her. Bei dieser Herkunft des Grolles 
der Geister ist es selbstverständlich, daß gerade die nächsten 
und früher geliebtesten Hinterbliebenen ihn am meisten zu 
fürchten haben. 

Die Tabuvorschriften benehmen sich auch hier zwiespältig 
wie die neurotischen Symptome. Sie bringen einerseits durch 
ihren Charakter als Einschränkungen die Trauer zum Ausdruck, 
anderseits aber verraten sie sehr deutlich, was' sie verbergen 
wollen, die Feindseligkeit gegen den Toten, die jetzt als Not- 
wehr motiviert ist. Einen gewissen Anteil der Tabuverbote 
haben wir als Vers.uchungsangst verstehen gelernt. Der Tote 
ist wehrlos, das muß zur Befriedigung der feindseligen Gelüste 
an ihm reizen, und dieser Versuchung muß das Verbot ent- 
gegengesetzt werden. 

Westermarck hat aber Recht, wenn er für die Auf- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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84 n. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

fassung der Wilden keinen Unterschied zwischen gewaltsam 
und natürlich Gestorbenen gelten lassen will. Für das unbe- 
wußte Denken ist auch der ein Gremordeter, der eines natür- 
lichen Todes gestorben ist; die bösen Wünsche haben ihn ge- 
tötet. (Vgl. die nächsten Abhandlungen dieser Eeihe: Ani- 
mismus, Magie und Allmacht der Gedanken.) Wer sich für 
Herkunft und Bedeutung der Träume vom Tode teurer Ver- 
wandtei' (der Eltern und Geschwister) interessiert, der wird 
beim Träumer, beim Kind und beim Wilden die volle Überein- 
stimmung im Verhalten gegen den Toten, gegründet auf die 
nämliche Gefühlsambivalenz, feststellen können. 

AVir haben vorhin einer Auffassung von Wundt wider- 
sprochen, welche das Wesen des Tabu in der Furcht vor den 
Dämonen findet, und doch haben wir soeben der Erklärung 
zugestimmt, welche das Tabu der Toten auf die Furcht vor 
der zum Dämon gewordenen Seele des Verstorbenen zurückführt. 
Das schiene ein Widerspruch: es wird uns' aber nicht schwer 
werden, ihn aufzulösen. Wir haben die Dämonen zWar ange- 
nommen, aber nicht als etwas Letztes und für die Psychologie 
Unauflösbares gelten lassen. AVir sind gleichsam hinter die 
Dämonen gekommen, indem wir sie als Projektionen der feind- 
seligen Gefühle erkennen, welche die Überlebenden gegen die 
Toten hegen. 

Die nach unserer gut begründeten Annahme zwiespältigen 
— - zärtlichen und feindseligen — Gefühle gegen die nun Ver- 
storbenen wollen sich zur Zeit des Verlustes beide zur Geltung 
bringen, als Trauer und als Befriedigung. Zwischen diesen 
beiden Gegensätzen muß es ztim Konflikt kommen, und da der 
eine Gegensatzpartner, die Feindseligkeit — ganz oder zum 
größeren Anteile — , unbewußt ist, kann der Ausgang des 
Konfliktes nicht in einer Subtraktion der beiden Intensitäten 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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SCHÖPFUNG DER DlMONEN AUS DER UNBEW. FEINDSELIGKEIT, 85 

voneinander mit bewußter Einsetzung des Überschusses be- 
stehen, etwa wie man einer geliebten Person eine von ihr er- 
littene Rränkung verzeiht- Der Prozeß erledigt sich vielmehr 
durch einen besonderen psychischen Mechanismus', den man in 
der Psychoanalyse als Projektion zu bezeichnen gewohnt 
ist. Die Feindseligkeit, von der man nichts weiß und auch 
weiter nichts wissen will, wird aus der inneren Wahrnehmung 
in die Außenwelt geworfen, dabei von der eigenen Person gelöst 
und der anderen zugeschoben. Nicht wir, die Überlebenden, 
freuen uns jetzt darüber, daß wir des Verstorbenen ledig sind; 
nein, wir trauern um ihn, aber er ist jetzt merkwürdigerweise 
ein böser Dämon geworden, dem unser Unglück Befriedigung 
bereiten würde, der uns den Tod zu bringen sucht. Die Über- 
lebenden müssen sich nun gegen diesen hosten Feind verteidigen; 
sie sind von der inneren Bedrückung entlastet, haben sie aber 
nur gegen eine Bedrängnis von außen eingetauscht. 

Es ist nicht abzuweisen, daß dieser Projektionsvorgang, 
welcher die Verstorbenen zu böswilligen Feinden macht, eine 
Anlehnung an den reellen Feindseligkeiten findet, die man von 
letzteren erinnern und ihnen wirklich zum Vorwurf machen 
kann. Also an ihrer Härte, Herrschsucht, Ungerechtigkeit, und 
was sonst den Hintergrund auch der zärtlichsten Beziehungen 
unter den Menschen bildet. Aber es kann nicht so einfach zu- 
gehen, daß uns dieses Moment für sich allein die Projektions- 
schöpfung der Dämonen begreiflich mache. Die Verschuldungen 
der Verstorbenen enthalten gewiß einen Teil der Motivierung 
für die Feindseligkeit der Überlebenden, aber sie wären un- 
wirksam, wenn nicht diese Feindseligkeit aus ihnen erfolgt 
wäre, und der Zeitpunkt ihres Todes wäre gewiß der unge- 
eignetste Anlaß, die Erinnerung an die Vorwürfe zu wecken, 
die man ihnen zu machen berechtigt war. Wir können die 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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y 



gg IL DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ 

unbewußte Feindseligkeit als das regelmäßig wirkende imd 
eigentlich treibende Motiv nicht entbehren. Diese feindsehge 
Strömung gegen die nächsten und teuersten Angehörigen konnte 
zu deren Lebzeiten latent bleiben, das heißt sich dem Bewußtr ^ 
sein weder direkt noch indirekt durch irgend eine Ersatzbildimg < 
verraten. Mit dem Ableben der gleichzeitig geliebten und ge- 
haßten Personen war dies nicht mehr möglich, der Konflikt 
wurde akut. Die aus der gesteigerten Zärtlichkeit stammende 
l^rauer wurde einerseits unduldsamer gegen die latente Feind- 
seligkeit, anderseits durfte sie eä nicht zulassen, daß sich ans 
letzterer nun ein Gefühl der Befriedigung ergebe. Somit kaüi 
es zur Verdrängung der unbewußten Feindseligkeit auf dem 
Wege der Projektion, zur Bildung jenes Zeremoniells, in dem 
die Fui'cht vor der Bestrafung durch die Dämonen Ausdruck 
findet, und mit dem zeitlichen Ablauf der Trauer verKert 
auch der Konflikt an Schärfe, so daß das Tabu dieser Toten 
sich abschwächen oder in Vergessenheit versinken darf. 



Haben wir so den Boden geklärt, auf dem das überaus 
lehrreiche Tabu der Toten erwachsen ist, so wollen wir nicht 
versäumen, einige Bemerkungen anzuknüpfen, die für das Ver- 
ständnis des Tabu überhaupt bedeutungsvoll werden können. 

Die Projektion der unbewußten Feindseligkeit beim Tabu 
der Toten auf die Dämonen ist nur ein einzelnes Beispiel aus 
einer Reihe von Vorgängen, denen der größte Einfluß auf die 
Gestaltung des primitiven Seelenlebens zugesprochen werden 
muß. In dem betrachteten Falle dient die Projektion der Er- 
ledigung eines Gefühlskonfliktes; sie findet die nämliche Ver- 
wendung in einer großen Anzahl von psychischen Situationen, 
die zur Neurose führen. Aber die Projektion ist nicht für die 



f^nonl^ Orrginaffnonn 

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ÜBEK DIE PBOJEKTION. 87 

Abwehr geschaffen, sie kommt auch zu stände, wo es keine 
Konflikte gibt. Die Projektion innerer Wahrnehmungen nach 
außen ist ein primitiver Mechanismus, dem z. B. auch unsere 
Sinneswahrnehmungen unterliegen, der also an der Gestaltung 
unserer Außenwelt normalerweise den größten Anteil hat. Unter 
noch nicht genügend festgestellten Bedingungen werden innere 
Wahrnehmungen auch von Gefühls- und Denkvorgängen wie die 
Sinneswahmehmungen nach außen projiziert, zur Ausgestal- 
tung der Außenwelt verwendet, während sie der Innenwelt ver- 
bleiben sollten. Es hängt dies vielleicht genetisch damit zu- 
sammen, daß die Funktion der Aufmerksamkeit ursprünglich 
nicht der Innenwelt, sondern den von der Außenwelt zuströ- 
menden Reizen zugewendet war, und von den endopsychischen 
Vorgängen nur die Nachrichten über Lust- und Unlustentwick- 
lungen empfing. Erst mit der Ausbildung einer abstrakten 
Denksprache, durch die Verknüpfung der sinnlichen Reste der . 
Wortvorstellimgen mit inneren Vorgängen, wurden diese selbst 
allmählich wahmehmungsfähig. Bis dahin hatten die primi- 
tiven Menschen durch Projektion innerer Wahrnehmungen nach 
außen ein Bild der Außenwelt entwickelt, welches wir nun mit 
erstarkter Bewußtseinswahmehmung in Psychologie zurück- 
übersetzen müssen. 

Die Projektion der eigenen bösen Regungen in die Dä- 
monen ist nur ein Stück eines Systems, welches die ,,Welt- 
anschuuung'* der Primitiven geworden ist, und das wir in der 
nächsten Abhandlung dieser Reihe als das „animistische'' kennen 
lernen werden. Wir werden dann die psychologischen Charak- 
tere einer solchen Systembildung festzustellen haben und unsere 
Anhaltspunkte wiederum in der Analyse jener Systembildungen 
finden, welche uns die Neurosen entgegenbringen. Wir wollen 
vorläufig nur verraten, daß die sogenannte ,^ekundiire Bear- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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88 n. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ., 

beitung" des Trauminhalts das Vorbild für alle diese System- 
bildungen ist. Vergessen wir auch nicht daran, daß es vom 
Stadium der Systembildung an zweierlei Ableitungen für jeden 
vom Bewußtsein beurteilten Akt gibt, die systematische und 
die reale, aber unbewußte^). 

Wundt^) bemerkt, daß „unter den Wirkungen, die der 
Mythus allerorten den Dämonen zuschreibt, ziunächst die un- 
heilvollen überwiegen, so daß im Glauben der Völker sicht- 
lich die bösen Dämonen älter sind als die guten". Es ist nun 
sehr wphl möglich, daß der Begriff des Dämons überhaupt 
aus der so bedeutsamen Relation zu den Toten gewonnen wurde. 
Die diesem Verhältnis innewohnende Ambivalenz hat sich dann 
im weiteren Verlaufe der Menschheitsentwicklung darin ge- 
äußert, daß sie aus der nämlichen Wurzel zwei völlig entgegen- 
gesetzte psychische Bildungen hervorgehen ließ: Dämonen- und 
Gespensterfurcht einerseits, die Ahnenverehrung anderseits ^). 
Daß die Dämonen stets als die Geister kürzlich Verstorbener 
gefaßt werden, bezeugt wie nichts anderes den Einfluß der 
Trauer auf die Entstehimg des Dämonenglaubens. Die Trauer 
hat eine ganz bestimmte psychische Aufgabe zu erledigen, sie 
soll die Erinnerungen und Erwartungen der Überlebenden von 
den Toten ablösen. Ist diese Arbeit geschehen, so läßt der 

1) Den Projektionsschöpfungen der Primitiven stehen die Personi- 
fikationen nahe, durch welche der Dichter die in ihm ringenden entgegen- 
gesetzten Triebregungen als gesonderte Individuen aus sich herausstellt. 

2) „Mythus und Religion", II, S. 129. 

3) In den Psychoanalysen neurotischer Personen, die an Gespenster- 
angst leiden oder in ihrer Kindheit gelitten haben, fällt es oft nicht 
schwer, diese Gespenster als die Eltern zu entlarven. Vgl. hiezu auch 
die „Sexualgespenster" betitelte Mitteilung von P. Haeberlin (Sexual- 
probleme, Februar 1912), in welcher es sich um eine andere erotisch be- 
tonte Person handelt, der Vater aber verstorben war. 



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DAS TABU ALS ERGEBNIS DES AMBIVALENZKONPLIKTS. 89 

Schmerz nach, mit ihm die Reue und der Vorwurf und daxum 
auch die Angst vor dem Dämon. Dieselben Greister aber, die 
zunächst als Dämonen gefürchtet wurden, gehen nun der freund- 
licheren Bestimmung entgegen, als Ahnen verehrt und zur Hilfe- 
leistung angerufen zu werden. 

Überblickt man das Verhältnis der Überlebenden zu den 
Toten im Wandel der Zeiten, so ist es unverkennbar, daß dessen 
Ambivalenz außerordentlich nachgelassen hat. Es gelingt jetzt 
leicht, die unbewußte, immer noch nachweisbare Feindseligkeit 
gegen die Toten niederzuhalten, ohne daß es eines besonderen 
seelischen Aufwandes hiefür bedürfte. Wo früher der befrie- 
digte Haß und die schmerzhafte Zärtlichkeit miteinander ge- 
rungen haben, da erhebt sich heute wie eine Narbenbildung die 
Pietät und fordert das: De mortuis nil nisi bene. Nur die 
Neurotiker trüben noch die Trauer um den Verlust eines ihrer 
Teuren durch Anfälle von Zwangsvorwürfen, welche in der 
Psychoanalyse die alte ambivalente Gefühlseinstellung als ihr 
Geheimnis verraten. Auf welchem Wege diese Änderung her- 
beigeführt wurde, inwieweit sich konstitutionelle Änderung und 
reale Besserung der familiären Beziehungen in deren Verur- 
sachung teilen, das braucht hier nicht erörtert zu werden. Aber 
man könnte durch dieses Beispiel zur Annahme geführt werden, 
es sei den Seelenregungen der Primitiven über- 
haupt ein höheres Maß von Ambivalenz zuzuge- 
stehen, als bei dem heute lebenden Kulturmen- 
schen aufzufinden ist. Mit der Abnahme dieser 
Ambivalenz schwand auch langsam das Tabu, 
das Kompromißsymptom des Ambivalenzkonflik- 
tes. Von den Neurotikern, welche genötigt sind, diesen Kampf 
und das aus ihm hervorgehende Tabu zu reproduzieren, würden 
wir sagen, daß sie eine archaistische Konstitution als atavi- 



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90 II. DAS TABU UND DIB AMBIVALENZ. 

stischen Rest mit sich gebracht haben, deren Kompensation im 
Dienste, der Knlturanforderung sie nun zu so ungeheuerlichem 
seelischen Aufwand zwingt. 

.Wir erinnern uns an dieser Stelle der durch ihre Unklar- 
heit verwirrenden Auskunft, welche uns Wundt über die 
Doppelbedeutung des Wortes Tabu: heilig und unrein geboten 
hat (s. 0.). Ursprünglich habe das Wort Tabu heilig und unrein 
noch nicht bedeutet, sondern habe das Dämonische bezeichnet, 
das nicht berührt werden darf, und somit ein wichtiges, den 
beiden extremen Begriffen gemeinsames Merkmal hervorge- 
hoben, doch beweise diese bleibende Gemeinschaft, daß zwischen 
den beiden Gebieten des Heiligen und des Unreinen eine ur- 
sprüngliche Übereinstimmung obwalte, die erst später einer 
Differenzierung gewichen sei. 

Im Gegensatze hiezu leiten wir aus unseren Erörterungen 
mühelos ab, daß dem Worte Tabu von allem Anfang an die 
erwähnte Doppelbedeutung zukommt, daß es zur Bezeichnung 
einer bestimmten Ambivalenz dient und alles dessen, was auf 
dem Boden dieser Ambivalenz erwachsen ist. Tabu ist selbst 
ein ambivalentes Wort, und nachträglich meinen wir, man hätte 
aus dem festgestellten Sinne dieses Wortes allein erraten kön- 
nen, was sich als Ergebnis weitläufiger Untersuchung heraus- 
gestellt hat, daß das Tabuverbot als das Resultat einer Ge- 
fühlsambivalenz zu verstehen ist. Das Studium der ältesten 
Sprachen hat uns belehrt, daß es einst viele solclie Worte gab, 
welche Gegensätze in sich faßten, in gewissem — wenn auch 
nicht in ganz dem nämlichen Sinne — wie das AVort Tabu 
ambivalent waren ^). Geringe lautliche Modifikationen des 
gegensinnigen Urwortes haben später dazu gedient, um den 

1) Vgl. mein Referat über Abels „Gegensinn der Urworte** im 
Jahrbuch für psychoanalyt. und psychopathol, Forschungen, Bd, II, 1910, 



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TABU UND GEWISSEN. gj 



beiden hier vereinigten Gegensätzen einen gesonderten sprach- 
lichen Ausdruck zu schaffen. 

Das Wort Tabu hat ein anderes Schicksal gehabt; mit 
der abnehmenden Wichtigkeit der von ihm bezeichneten Ambi- 
valenz ist es selbst, respektive sind die ihm analogen Worte 
aus dem Sprachschatz geschwunden. Ich hoffe, in späterem 
Zusammenhange wahrscheinlich machen zu können, daß sich 
hinter dem Schicksal dieses Begriffes eine greifbare historische 
Wandlimg verbirgt, daß das Wort zuerst an ganz bestimmten 
menschlichen Relationen haftete, denen die große Gefühls- 
ambivalenz eigen war, und daß es von hier aus auf andere, 
analoge Eelationen ausgedehnt wurde. 

Wenn wir nicht irren, so wirft das Verständnis des Tabu 
auch ein Licht auf die Natur und Entstehung des Gewissens. 
Man kann ohne Dehnung der Begriffe von einem Tabugewissen 
und von einem Tabuschuldbewußtsein nach Übertretung des 
Tabu sprechen. Das Tabugewissen ist wahrscheinlich die 
älteste Form, in welcher uns das Phänomen des Gewissens 
entgegentritt. 

Denn was ist „Gewissen"? Nach dem Zeugnis' der Sprache 
gehört es zu dem, was man am gewissesten weiß; in manchen 
Sprachen scheidet sich seine Bezeichnung kaum von der des 
Bewußtseins. 

Gewissen ist die innere Wahrnehmung von der Verwer- 
fung bestimmter in uns bestehender Wunschregungen; der 
Ton liegt aber darauf, daß diese Verwerfung sich auf nichts 
anderes zu berufen braucht, daß sie ihrer selbst gewiß ist. Noch 
deutlicher wird dies beim Schuldbewußtsein, der Wahrnehmung 
do.r inneren Verurteilung solcher Akte, durch die wir bestimmte 
Wunschregungen vollzogen haben. Eine Begründung erscheint 
hier überflüssig; jeder, der ein Gewissen hat, muß die Be- 



C^ c\rsci\{^ Orfgfnaffrom 

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92 11- DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

rechtignng der Verurteilung, den Vorwurf wegen der voll- 
zogenen Handlung, in sich verspüren. Diesen nämlichen Cha- 
rakter zeigt aber das Verhalten der Wilden gegen das Tabu; 
das Tabu ist ein Gewissenögebot, seine Verletzung läßt ein 
entsetzliches Schuldgefühl entstehen, welches ebenso selbstver- 
ständlich wie nach seiner Herkunft unbekannt ist^). 

Also entsteht wahrscheinlich auch das Gewissen auf dem 
Boden einer Gefühlsambivalenz aus ganz! bestimmten mensch- 
lichen Eelationen, an denen diese Ambivalent haftet, und unter 
den für das Tabu und die Zwangsneurose geltend gemachtein 
Bedingungen, daß das eine Glied des Gegensatzes unbewußt 
sei und durch das zwanghaft herrschende andere verdrängt er- 
halten werde. Zu diesem Schlüsse stimmt mehrerlei, was wir 
aus der Analyse der Neurose gelernt haben. Erstens, daß im 
Charakter der Zwangsneurotiker der Zug der peinlichen Ge- 
wissenhaftigkeit hervortritt als Reaktionssymptom gegen die 
im Unbewußten lauernde Versuchung, und daß bei Steigerung 
des Klrankseins die höchsten Grade von Schuldbewußtsein von 
ihnen entwickelt werden. Man kann in der Tat den Ausspruch 
wagen, wenn wir nicht an den Zwangskranken die Herkunft 
des Schuldbewußtseins ergründen können, so haben wir über- 
haupt keine Aussicht, dieselbe zu erfahren. Die Lösung dieser 
Aufgabe gelingt nun beim einzelnen neurotischen Individuum; 
für die Völker getrauen wir uns eine ähnliche Lösung zu er- 
schließen. 

Zweitens muß es uns auffallen, daß das Schuldbewußtsein 



1) Es ist eine interessante Parallele, daß das Schuldbewußtsein des 
Tabu in nichts gemindert wird, wenn die Übertretung unwissentlich ge- 
schah (s. Beispiel oben), und daß noch im griechischen Mythus die Ver- 
schuldung des ödipus nicht aufgehoben wird dadurch, daß sie ohne, ja 
gegen sein Wissen und Wollen erworben wurde. 



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TABU UND SCHULDBEWÜSSTSEIN. 93 

viel von der Natur der Angst hat; es kann ohne Bedenken als 
„Gewissensangst" beschrieben werden- Die Angst deutet aber 
auf unbewußte Quellen hin; wir haben aus der Neurosien- 
psychologie gelernt, daß, wenn Wunschregungen der Verdrän- 
gung unterliegen, deren Libido in Angst verwandelt wird. Dazu 
wollen wir erinnern, daß auch beim Schuldbewußtsein etwas 
unbekannt und unbewußt ist, nämlich die Motivierung der 
Verwerfung. Diesem Unbekannten entspricht der Angst- 
charakter des Schuldbewußtseins. 

"Wenn das Tabu sich vorwiegend in Verboten äußert, so ist 
eine Überlegung denkbar, die uns sagt, es sei ganz, selbstver- 
ständlich und bedürfe keines weitläufigen Beweises aus der 
Analogie mit der Neurose, daß ihm eine positive, begehrende 
Strömung zu Grunde liege. Denn, was niemand zu tun be- 
gehrt, das braucht man doch nicht zu verbieten, und jedenfalls 
muß das, was aufs nachdrücklichste verboten wird, doch Gegen- 
stand eines Begehrens sein. Wenden wir diesen plausiblen Satz auf 
unsere Primitiven an, so müßten wir schließen, es gehöre zu 
ihren stärksten Versuchungen, ihre Könige und Priester zu 
töten, Inzest in verüben, ihre Toten zu mißhandeln u. dgl. 
Das ist nun kaum wahrscheinlich; den entschiedensten Wider- 
spruch erwecken wir aber, wenn wir den nämlichen Satz an 
den Fällen messen, in welchen wir selbst die Stimme desf Ge- 
wissens am deutlichsten zu vernehmen glauben. Wir würden 
dann mit einer nicht zu übertreffenden Sicherheit behaupten, 
daß wir nicht die geringste Versuchung verspüren, eines dieser 
Gebote zu übertreten, z. B. das Gebot: Du sollst nicht morden, 
und daß wir vor der Übertretung desselben nichts anderes ver- 
spüren als Abscheu. 

Mißt man dieser Aussage unseres Gewissens die Bedeu- 
tung bei, die sie beansprucht, so wird einerseits das Verbot 



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94 n. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

überflüssig — das Tabu sowohl wie unser Moralverbot — , 
anderseits bleibt die Tatsache des Gewissens unerklärt und 
die Beziehungen zwischen Grewissen, Tabu und Neurose ent- 
fallen ; es ist also jener Zustand unseres Verständnisses her- 
gestellt, der auch gegenwärtig besteht, solange wir nicht psycho- 
analytische Gresichtspunkte auf das Problem anwenden. 

Wenn wir aber der durch Psychoanalyse — an den Träu- 
men Gesimder — gefundenen Tatsache Rechnung tragen, daß 
die Versuchung, den anderen zu töten, auch bei uns stärker 
und häufiger ist, als wir ahnen, und daß sie psychische Wir- 
kungen äußert, auch wo sie sich unserem Bewußtsein nicht 
kundgibt, wenn wir ferner in den Zwangsvorschriften gewisser 
Neurotiker die Sicherungen und Selbstbestraf ungen . gegen den 
verstärkten Impuls zu morden erkannt haben, dann werden wir 
zu dem vorhin aufgestellten Satz: Wo ein Verbot vorliegt, 
müßte ein Begehren dahinter sein, mit neuer Schätzung zurück- 
kehren. Wir werden annehmen, daß dies Begehren, zu morden, 
tatsächlich im Unbewußten vorhanden ist, und daß das Tabu 
wie das Moralverbot psychologisch keineswegö überflüssig ist, 
vielmehr durch die ambivalente Einstellung gegen den Mord- 
impuls erklärt und gerechtfertigt wird. 

Der eine so häufig als fundamental hervorgehobene Cha- 
rakter dieses Ambivalenzverhältnisses, daß die positive begeh- 
rende Strömung eine unbewußte ist, eröffnet einen Ausblick 
auf weitere Zusammenhänge und Erklärungsmöglichkeiten. Die 
psychischen Vorgänge im Unbewußten sind nicht durchwegs 
mit jenen identisch, die uns aus unserem bewußten Seelenleben 
bekannt sind, sondern genießen gewisse beachtenswerte Frei- 
heiten, die den letzteren entzogen worden sind. Ein unbewußter 
Impuls braucht nicht dort entstanden zu sein, wo wir seine Äuße 
rung finden ; er kann von ganz anderer Stelle herstammen, sich 



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TABUVEBBOT UND MOBALVERBOT. 95 

ursprünglich auf andere Personen und Relationen bezogen haben 
und durch den Mechanismus der Verschiebung dorthin ge- 
langt sein, wo er uns auffällt. Er kann ferner dank der Un- 
zerstörbarkeit und Unkorrigierbarkeit unbewußter Vorgänge 
aus sehr frühen Zeiten, denen er angemessen war, in spätere 
Zeiten und Verhältnisse hinübergerettet werden, in denen seine 
Äußerungen fremdartig erscheinen müssen. All dies sind nur 
Andeutungen, aber eine sorgfältige Ausführung derselben würde 
zeigen, wie wichtig sie für das Verständnis der Kulturentwick- 
lung werden können. 

Zum Schlüsse dieser Erörterungen wollen wir eine spätere 
Untersuchungen vorbereitende Bemerkung nicht versäumen. 
Wenn wir auch an der Wesensgleichheit von Tabuverbot und 
Moralverbot festhalten, so wollen wir doch nicht bestreiten, 
daß eine psychologische Verschiedenheit zwischen beiden be- 
stehen muß. Eine Veränderung in den Verhältnissen der grund- 
legenden Ambivalenz; kann allein die Ursache sein, daß das 
Verbot nicht mehr in der Form des Tabu erscheint. 

Wir haben uns bisher in der analytischen Betrachtung der 
Tabuphänomene von den nachweisbaren Übereinstimmungen mit 
der Zwangsneurose leiten lassen, aber das Tabu ist doch keine 
Neurose, sondern eine soziale Bildung; somit obliegt uns die 
Aufgabe, auch darauf hinzuweisen, worin der prinzipielle Unter- 
schied der Neurose von einer Kulturschöpfung wie das Tabu 
zii suchen ist. 

Ich will hier wiederum eine einzelne Tatsache zum Aus- 
gangspunkt nehmen. Von der Übertretung eines Tabu wird bei 
den Primitiven eine Strafe befürchtet, meist eine schwere Er- 
krankung oder der Tod. Diese Strafe droht nun dem, der sich 
die Übertretung hat zu Schulden kommen lassen. Bei der 
Zwangsneurose ist dies anders. Wenn der Kranke etwas ihni 



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96 IL DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

Verbotenes ausführen soll, so fürchtet er die Strafe nicht für 
sich, sondern für eine andere Person, die meist unbestimmt ge- 
lassen ist, aber durch die Analyse leicht alö eine der ihm nächsten 
und von ihm geliebtesten Personen erkannt wird* Der Neuroti- 
ker verhält sich also hiebei wie altruistisch, der Primitive wie 
egoistisch. Erst wenn die Tabuübertretung sich im Missetäter 
nicht spontan gerächt hat, dann erwacht bei den Wilden eio^ 
kollektives Gefühl, daß sie durch den Frevel alle bedroht 
wären, und sie beeilen sich, die ausgebliebene Bestrafung selbst 
zu vollstrecken. Wir haben es leicht, uns den Mechanismus 
dieser Solidarität zu erklären. Die Angst vor dem anstecken- 
den Beispiel, vor der Versuchung zur Nachahmung, also vor 
der Infektionsfähigkeit des Tabu ist hier im Spiele. Wenn 
einer es zu stände ge-bracht hat, das verdrängte Begehren zli 
befriedigen, so muß sich in allen Gesellschaftsgenossen das 
gleiche Begehren regen; um diese Versuchung niederzuhalten, 
muß der eigentlich Beneidete um die Frucht seines Wagnisses 
gebracht werden, und die Strafe gibt den Vollstreckern nicht 
selten Gelegenheit, unter der Eechtfertigung der Sühne die- 
selbe frevle Tat auch ihrerseits zu begehen. Es ist dies ja 
eine der Grundlagen der menschlichen Strafordnung, und sie 
hat, wie gewiß richtig, die Gleichartigkeit der verbotenen Re- 
gungen beim Verbrecher wie bei der rächenden Gesellschaft 
zur Voraussetzung. 

Die Psychoanalyse bestätigt hier, was die Frommen zu 
sagen pflegen, wir seien .alle arge Sünder. Wie soll man nun 
den unerwarteten Edelsinn der Neurose erklären, die nichts 
für sich und alles für eine geliebte Person fürchtet? Die 
analytische Untersuchung zeigt, daß er nicht primär ist. Ur- 
sprünglich, das heißt zu Anfang der Erkrankung, galt die 
Strafandrohung wie bei den AVilden der eigenen Person; man 



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BEZIEHUNG DER NEUROSE ZU DEN KULTURBILDUNGEN. 97 

fürchtete in jedem Falle für sein eigenes Leben; erst später 
wiirde die Todesangst auf eine andere geliebte Person ver- 
schoben. Der Vorgang ist einigermaßen kompliziert, aber wir 
übersehen ihn vollständig. Zu Grunde der Verbotbildung liegt 
regelmäßig eine böse Regung — ein Todeswunsch — gegen 
eine geliebte Person. Diese wird durch ein Verbot verdrängt, 
das Verbot an eine gewisse Handlung geknüpft, welche etwa 
die feindselige gegen die geliebte Person durch Verschiebung 
vertritt, die Ausführung dieser Handlung mit der Todesstrafe 
bedroht. Aber der Prozeß geht weiter, und der ursprüngliche 
Todeswunsch gegen den geliebten anderen ist dann durch die 
Todesangst um ihn ersetzt. Wenn die Neurose sich also so 
zärtlich altruistisch erweist, so kompensiert sie damit nur 
die ihr zu Grunde liegende gegenteilige Einstellung eines bru- 
talen Egoismus. Heißen wir die Gefühlsregungen, die durch 
die Rücksicht auf den anderen bestimmt werden und ihn nicht 
selbst zum Sexualobjekt nehmen, soziale, so können wir das 
Zurücktreten dieser sozialen Faktoren als einen später durch 
Uberkompensation verhüllten Grundzug der Neurose heraus^ 
beben. 

Ohne uns bei der Entstehung dieser sozialen Regungen 
und ihrer Beziehung z}x den anderen Grundtrieben des Men- 
schen aufzuhalten, wollen wir an einem anderen Beispiel den 
zweiten Hauptcharakter der Neurose zum Vorschein bringen. 
Das Tabu hat in seiner Erscheinungsform die größte Ähnlich- 
keit mit der Berührungsangst der Neurotiker, dem Delire de 
toucher. Nun handelt es sich bei dieser Neurose regelmäßig 
um das Verbot sexueller Berührung, und die Psychoanalyse 
hat ganz allgemein gezeigt, daß die Triebkräfte, welche in der 
Neurose abgelenkt und verschoben werden, sexueller Herkunft 
sind. Beim Tabu hat die verbotene Berührung offenbar nicht 

Frend, Totem und Tabu. 7 



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98 n. DAS TABU UND DIE AMBIVALENZ. 

iiiir sexuelle Bedeutung, sondern vielmehr die allgemeinere des 

' ^' f ' 
Angreifens, der Bemächtigung, des Gteltendmachens der eigenen 

Person. AVenn es verboten ist, den Häuptling oder etwas, was 
mit ihm in Berührung war, selbst zu berühren, so soll damit 
demselben Impuls eine Hemmung angelegt werden, der sich 
andere Male in der argwöhnischen Überwachung des Häuptlings^ 
ja in seiner körperlichen Mißhandlung vor der Krönung (s. o.) 
zum Ausdruck bringt. Somit ist das Überwiegen der 
sexuellen Triebanteile gegen die sozialen das für 
die Neurose charakteristische Moment. Die so- 
zialen Triebe sind aber selbst durch Zusammentreten von egoisti- 
schen und erotischen Komponenten zu besonderen Einheiten 
entstanden. 

An dem einen Beispiele vom Vergleich des Tabu mit der 
Zwangsneurose läßt sich bereits erraten, welches' das Verhältnis 
der einzelnen Formen von Neurose zu den Kulturbildungen ist, 
und wodurch das Studium der Neurosenpeychologie für das 
Verständnis der Kulturentwicklung wichtig wird. 

Die Neurosen zeigen einerseits auffällige und tiefreichende 
Übereinstimmungen mit den großen sozialen Produktionen der 
Kunst, der Religion und der Philosophie, anderseits erscheinen 
sie wie Verzerrungen derselben. Man könnte den Ausspruch 
wagen, eine Hysterie sei ein Zerrbild einer Kunstsehöpfung, 
eine Zwangsneurose ein Zerrbild einer Religion, ein paranoischer 
Wahn ein Zerrbild eines philosophischen Systems. Diese Ab- 
weichung führt sich in letzter Auflösung darauf zurück, daß 
die Neurosen asoziale Bildungen sind; sie suchen mit privaten 
Mitteln zu leisten, was in der Gesellschaft durch kollektive 
Arbeit entstand. Bei der Triebanalyse der Neurosen erfährt 
man, daß in ihnen die Triebkräfte sexueller Herkunft den be- 
stimmenden Einfluß ausüben, während die entsprechenden 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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VERGLEICH VON NEUROSE UND TABU. 99 

Kjiilturbildungen auf sozialen Trieben ruhen, solchen, die aus 
der Vereinigung egoistischer und erotischer Anteile hervorge- 
gangen sind. Das Sexualbedürfnis ist eben nicht im stände, 
die Menschen in ähnlicher Weise wie die Anforderungen der 
Selbsterhaltung zu einigen ; die Sexualbefriedigung ist zunächst 
die Privatsache des Individuums. 

Glenetisch ergibt sich die asoziale Natur der Neurose ausf 
deren ursprünglichster Tendenz, sich aus einer unbefriedigenden 
Bealität in eine lustvollere Phantasiewelt zu flüchten. In 
dieser vom Neurotiker gemiedenen realen Welt herrscht die 
Gresellschaft der Menschen und die von ihnen gemeinsam ge- 
schaffenen Institutionen; die Abkehrung von der Bealität ist 
gleichzeitig ein Austritt aus der menschlichen Gemeinschaft^. 



!• 



C^ nonl^ Orrgmaf fnom 

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HL 
ANIMISMUS, MAGIE UND ALLMACHT DER GEDANKEN. 



Es ist ein notwendiger Mangel der Arbeiten, welche Ge- 
sichtspunkte der Psychoanalyse auf Themen der Geisteswissen- 
schaften anwenden wollen, daß sie dem Leser von beiden zu 
:we!iig bieten müssen. Sie beschränken sich darum auf den 
"Charakter von Anregungen, sie machen dem Fachmanne Vor- 
schläge, die er bei seiner Arbeit in Erwägung ziehen soll. Dieser 
Mangel wird sich aufs äußerste fühlbar machen in einem Auf- 
satz, welcher das ungeheure Gebiet dessen, was man Animismus 
nennt, behandeln will^). 

Animismus im engeren Sinne heißt die Lehre von den 
Seelenvorstellungen, im weiteren die von geistigen Wesen über- 
haupt. Man unterscheidet noch Animatismus, die Lehre von 
der Belebtheit der uns unbelebt erscheinenden Natur, und reiht 
hier den Animalismus und Manismus an. Der Name Animismus, 
früher für ein bestimmtes philosophisches System verwendet, 

1) Die geforderte Zusammendrängung des Stoffes bringt auch den 
Verzicht auf eingehende Literaturnachweise mit sich. An deren Stelle 
stehe der Hinweis auf die bekannten Werke von Herbert Spencer, J. G. 
Frazer, A. Lang, E. B. Tylor und W. Wundt, aus denen alle Be- 
hauptungen über Animismus und Magie entnommen sind. Die Selbstän- 
digkeit des Verfassers kann sich nur in der von ihm getroffenen Auswahl 
der Materien sowie der Meinungen kundgeben. 



f^nonl^ Orrginaffnonn 

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DAS SYSTEM DES ANIMISMU& 101 

scheint seine gegenwärtige Bedeutung durch E. B. Tylor er- 
halten zu haben ^). 

Was zur Aufstellung dieser Namen Anlaß gegeben hat, 
ist die Einsicht in die höchst merkwürdige Natur- und Welt- 
auffassung der uns bekannten primitiven Völker, der histori- 
schen sowohl wie der jetzt noch lebenden. Diese bevölkern die 
Welt mit einer Unzahl von geistigen Wesen, die ihnen wohl- 
wollend oder übelgesinnt sind; sie schreiben diesen Geistern 
und Dämonen die Verursachung der Naturvorgänge zu und 
halten nicht nur die Tiere und Pflanzen, sondern auch die un- 
belebten Dinge der Welt für durch sie belebt. Ein drittes und 
vielleicht wichtigstes Stück dieser primitiven „Naturphilo- 
sophie" erscheint uns weit weniger auffällig, weil wir selbst 
noch nicht weit genug von ihm entfernt sind, während wir doch 
die Existenz der Geister sehr eingeschränkt haben und die 
Naturvorgänge heute durch die Annahme unpersönlicher physi- 
kalischer Kräfte erklären. Die Primitiven glauben nämlich 
an eine ähnliche „Beseelung" auch der menschlichen Einzel- 
wesen. Die menschlichen Personen enthalten Seelen, welche 
ihren Wohnsitz verlassen und in andere Menschen einwandern 
können; diese Seelen sind die Träger der geistigen Tätigkeiten 
und bis zu einem gewissen Grad von den „Leibern" unabhängig. 
Ursprünglich wurden die Seelen als sehr ähnlich den Individuen 
vorgestellt und erst im Laufe einer langen Entwicklung haben 
sie die Charaktere des Materiellen bis zu einem hohen Grad 
von „Vergeistigung" abgestreift 2). 

Die Mehrzahl der Autoren neigt zu der Annahme, daß 
diese Seelenvorstellungen der ursprüngliche Kern des animisti- 

1) E. B. Tylor, Primitive Culture. I. Bd., p. 425, 4. Aufl., 1903. — 
W. Wundt, Mythus und Religion, II. Bd., p. 173, 1906. 

2) Wund t, 1. c, IV. Kapitel „Die Seelenvorstellungen", 



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102 lU. ANIMISMUS, MAGIE UND ALLMACHT DER GEDANKEN. 

sehen Systems sind, daß die Geister nur selbständig gewor- 
denen Seelen entsprechen, und daß auch die Seelen von Tieren, 
Pflanzen und Dingen in Analogie mit den Menschenseelen ge- 
bildet wurden. 

Wie sind die primitiven Menschen zu den eigentümlich 
dualistischen Grundanschauungen gekommen, auf denen dieses 
animistische System ruht? Man meint, durch die Beobachtung 
der Phänomene des Schlafes (mit dem Traum) und des ihm so 
ähnlichen Todes, und durch die Bemühung, sich diese jeden 
Einzelnen so nahe angehenden Zustände zu erklären. Vor allem 
müßte das TodeiBproblem der Ausgangspunkt der Theoriebildung 
geworden sein. Für den Primitiven wäre die Fortdauer des 
Lebens — die Unsterblichkeit — das Selbstverständliche. Die 
Vorstellung des Todes ist etwas spät und nur zögernd Rezipiertes, 
sie ist ja auch für uns noch inhaltsleer und unvollziehbar. 
Über den Anteil, den andere Beobachtungen und Erfahrungen 
an der Gestaltung der animistischen Grundlehren gehabt haben 
mögen, die über Traumbilder, Schatten, Spiegelbilder u. dgl., 
haben sehr lebhafte, zu keinem Abschluß gelangte Diskussionen 
stattgefunden^). 

Wenn der Primitive auf die sein Nachdenken anregenden 
Phänomene mit der Bildung der Seelenvorstellungen reagierte 
und diese dann auf die Objekte der Außenwelt übertrug, so 
wird sein Verhalten dabei als durchaus natürlich und weiter 
nicht rätselhaft beurteilt. Wundt äußert angesichts der Tat- 
sache, daß sich die nämlichen animistischen Vorstellungen l^i 
den verschiedensten Völkern und zu allen Zeiten übereinstim- 
mend gezeigt haben, dieselben „seien das notwendige psycho- 
logische Erzeugnis des mythenbildenden Bewußtseins und der 

1) Vgl. außer bei Wundt und H. Spencer die orientierenden Ar- 
tikel der Encyclopedia Britannica, 1911 (Animism, Mythology usw.). 



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DAS SYSTEM DES ANIMISMUS. IQ^ 

primitive Animismus dürfe als der geistige Ausdruck des 
menschlichen Naturzustandes gelten, insoweit dieser 
überhaupt für unsere Beobachtung erreichbar ist^)". Die Recht- 
fertigung der Belebung des Unbelebten hat bereits Hume in 
seiner „Natural History of Beligion" gegeben, indem er schrieb : 
„There is an universal tendency among mankind to conceive 
all beings like themselves and to tran^fer to every object 
those qualities with which they are familiarly acquainted and 
of which they are intimately conscious 2)." 

Der Animismus ist ein Denksystem, er gibt nicht nur die 
Erklärung eines einzelnen Phänomens, sondern gestattet es, das 
Ganze der AVeit als einen einzigen Zusammenhang, aus einem 
Punkte, zu begreifen. Die Menschheit hat, wenn wir den 
Autoren folgen wollen, drei solcher Denksysteme, drei große 
Weltanschauungen im Laufe der Zeiten hervorgebracht: Die 
animistische (mythologische), die religiöse und die wissen- 
schaftliche. Unter diesen ist die erstgeschaffene, die des Animis- 
mus, vielleicht die folgerichtigste und erschöpfendste, eine, die 
das Wesen der Welt restlos erklärt. Diese erste Weltanschau- 
ung der Menschheit ist nun eine psychologische Theorie. Es 
geht über unsere Absicht hinaus zu zeigen, wieviel von ihr 
noch im Leben der Gegenwart nachweisbar ist, entweder ent- 
wertet in der Form des Aberglaubens, oder lebendig als Grund- 
lage unseres Sprechens, Glaubens und Philosophierens. 

Es greift auf diese Stufenfolge der drei Weltanschauungen 
zurück, wenn gesagt wird, daß der Animismus selbst noch keine 
Religion ist, aber die Vorbedingungen enthält, auf denen sich 
später die Eeligionen aufbauen. Es ist auch augenfällig, daß 



1) 1. c„ p. 154. 

2) Bei Tylor, Primitive Culture, I. Bd., p. 477, 



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104 m. ANIMISMUS, MAGIE UND ALLMACHT DER GEDANKEN. 

der Mythus auf animistischen Voraussetzungen ruht; die Ein- 
zelheiten der Beziehung von Mythus und Animismus erscheinen 
aber als in wesentlichen Punkten ungeklärt. 



Unsere psychoanalytische Arbeit wird an anderer Stelle 
einsetzen. — Man darf nicht annehmen, daß die Menschen sich 
aus reiner spekulativer Wißbegierde zur Schöpfung ihres ersten 
Weltsystems aufgeschwungen haben. Das praktische Bedürf- 
nis, sich der Welt zu bemächtigen, muß seinen Anteil an dieser 
'Bemühung haben. Wir sind darum nicht erstaunt zu erfahren, 
daß mit dem animistischen System etwas anderes Hand in Hand 
geht, eine Anweisung, wie man verfahren müsse, um der Men- 
schen, Tiere und Dinge, respektive ihrer Greister, Herr zu 
werden. Diese Anweisung, welche unter dem Namen „Zau- 
berei und Magie" bekannt ist, will S. Reinach ^) die Stra- 
tegie des Animismus heißen; ich würde es vorziehen, sie mit 
Hubert und Mauß der Technik zu vergleichen^). 

Kann man Zauberei und Magie begrifflich von einander 
brennen? Es ist möglich, wenn man sich mit einiger Eigen- 
mächtigkeit über die Schwankungen des Sprachgebrauches hin- 
wegsetzen will. Dann ist Zauberei im wesentlichen die Kunst, 
die Geister zu beeinflussen, indem man sie behandelt wie unter 
gleichen Bedingungen die Menschen, also indem man sie be- 
schwichtigt, versöhnt, sich geneigt macht, sie einschüchtert, 
ihrer Macht beraubt, sie seinem Willen unterwirft, durch die- 
selben Mittel, die man für lebende Menschen wirksam gefunden 
hat. Magie ist aber etwas anderes; sie sieht im Grunde von 
den Geistern ab und sie bedient sich besonderer Mittel, nicht 

1) Cultes, Mythes et Religions, T. II, Introduction, p, XV, 1909. 

2) Ann^e sociologiqae, VII. Bd., 1904. 



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ZAUBEREI UND MAGIE. 106 



der banalen psychologischen Methodik. Wir werden leicht er- 
raten, daß die Magie das ursprünglichere und bedeutsamere 
Stück der animistischen Technik ist, denn unter den Mitteln, 
mit denen Geister behandelt werden sollen, befinden sich auch 
magische^), und die Magie findet ihre Anwendung auch in 
Fällen, wo die Vergeistigung der Natur, wie uns scheint, nicht 
durchgeführt worden ist. 

Die Magie muß den mannigfaltigsten Absichten dienen, 
die Naturvorgänge dem Willen des Menschen unterwerfen, das 
Individuum gegen Feinde und Gefahren schützen und ihm die 
Macht geben, seine Feinde zu schädigen. Die Prinzipien aber, 
auf deren Voraussetzung das magische Tun beruht — oder 
vielmehr das Prinzip der Magie — ist so augenfällig, daß es 
von allen Autoren erkannt werden mußte. Man kann es am 
knappsten, wenn man von dem beigefügten Werturteil absieht, 
mit den Worten E. B. Tylors ausdrücken: „mistaking an 
ideal connexion for a real one". An zwei Gruppen von magi- 
schen Handlungen wollen wir diesen Charakter erläutern. 

Eine der verbreitetsten magischen Prozeduren, um einem 
Feind zu schaden, besteht darin, sich ein Ebenbild von ihm 
aus beliebigem Material zu machen. Auf die Ähnlichkeit kommt 
es dabei wenig an. Man kann auch irgend ein Objekt zu seinem 
Bild „ernennen". Was man dann diesem Ebenbild antut, das 
stößt auch dem gehaßten Urbild zu; an welcher Körperstelle 
man da^s erstere verletzt, an derselben erkrankt das letztere. 
Man kann dieselbe magische Technik anstatt in den Dienst 



1) Wenn man einen Geist durch Lärm und Geschrei verscheucht, 
so ist dies eine rein zauberische Handlung; wenn man ihn zwingt, indem 
man sich seines Namens bemächtigt, so hat man Magie gegen ihn ge- 
braucht. 



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106 ni. ANIMI8MÜ8, MAGIE UND ALLMACHT DER GEDANKEN. 

privater Feindaeligkeit auch in den der Frömmigkeit stellen 
und 80 Göttern gegen böse Dämonen zu Hilfe kommen. Ich 
zitiere nach Frazer^): „Jede Nacht, wenn der Sonnengott 
Ra (im alten Ägypten) zu seinem Heim im glühenden Westen 
herabstieg, hatte er einen bitteren Kampf gegen eine Schar 
von Dämonen zu bestehen, die ihn unter der Führung des Ers^- 
feindes Apepi überfielen. Er kämpfte mit ihnen die ganze 
Nacht und häufig waren die Mächte der Finsternis stark genug, 
noch des Tages dunkle Wolken an den blauen Himmel zu senden, 
die seine Kraft schwächten und sein Licht abhielten. Um 
dem Gotte beizustehen, wurde in seinem Tempel zu Theben 
täglich folgende Zeremonie aufgeführt: Es wurde aus Wachs 
ein Bild seines Feindes Apepi gemacht, in der Gestalt eines 
scheußlichen Krokodils oder einer langgeringelten Schlange und 
der Name des Dämons mit grüner Tinte darauf geschrieben. In 
ein Papyrusgehäuse gehüllt, auf dem eine ähnliche Zeichnung 
angebracht war, wurde dann diese Figur mit schwarzem Haar 
umwickelt, vom Priester angespuckt, mit einem Steinmesser 
bearbeitet und auf den Boden geworfen. Dann trat er mit seinem 
linken Fuß auf sie und endlich verbrannte er sie in einem von 
gewissen Pflanzen genährten Feuer. Nachdem Apepi in solcher 
Weise beseitigt worden war, geschah mit allen Dämonen seines 
Gefolges das nämliche. Dieser Gottesdienst, bei dem gewisse 
Ileden hergesagt werden mußten, wurde nicht nur morgens, 
mittags und abends wiederholt, sondern auch jederzeit da- 
zwischen, wenn ein Sturm wütete, wenn ein heftiger Regenguß 
niederging odei* schwarze Wolken die Sonnenscheibe am Himmel 
verdeckten. Die bösen Feinde verspürten die Züchtigung, die 
ihren Bildern widerfahren war, als ob sie sie selbst erlitten 



1) The magic art. II, p. 67. 



C^ no n 1 ^ Orrgin a I f ro m 

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BEISPIELE MA6ISCHEB HANDLUNGEN. 107 

hätten; sie flohen und der Sonnengott triumphierte von 
neuem ^)." 

Aus der unübersehbaren Fülle ähnlich begründeter magi- 
scher Handlungen will ich nur noch zweierlei hervorheben, die 
bei den primitiven Völkern jederzeit eine große Rolle gespielt 
hab^i und zum Teil im Mythus und Kultus höherer Entwick- 
lungsstufen erhalten geblieben sind, nämlich die Arten des 
Regen- und des Fruchtbarkeitzaubers. Man erzeugt den Regen 
auf magischem Wege, indem man ihn imitiert, etwa auch noch 
die ihn erzeugenden Wolken oder den Sturm nachahmt. Es 
sieht aus, als ob man „regnen spielen" wollte. Die japanischen 
Ainos z. B. machen Regen in der Weise, daß ein Teil von ihnen 
Wasser aus großen Sieben ausgießt, während ein anderer eine 
große Schüssel mit Segel und Ruder ausstattet, als ob sie ein 
Schiff wäre, und sie so um Dorf und Gärten herumzieht. Die 
Fruchtbarkeit des Bodens sicherte man sich aber auf magische 
Weise, indem man ihm das Schauspiel eines menschlichen Ge- 
schlechtsverkehrs zeigte. So pflegen — ein Beispiel anstatt 
unendlich vieler — in manchen Teilen Javas zur Zeit des Heran- 
nahens der Reisblüte Bauer und Bäuerin sich nachts auf die 
Felder zu begeben, um durch das Beispiel, das sie ihm geben, 
den Reis zur Fruchtbarkeit anzuregen 2). Dagegen fürchtete 
man von verpönten inzestuösen Geschlechtsbeziehungen, daß sie 
Mißwuchs und Unfruchtbarkeit des Bodens erzeugen würden^). 

Auch gewisse negative Vorschriften — magische Vor- 



1) Das biblische Verbot, sich ein Bild von irgend etwas Lebendem 
zu machen, entstammte wohl keiner prinzipiellen Ablehnung der bilden- 
den Kunst, sondern sollte der von der hebräischen Eeligion verpönten 
Magie ein Werkzeug entziehen. Frazer, 1. c, p. 87, Note. 

2) The magic art., II, p. 98. 

•) Davon ein Nachklang im König ödipus des Sophokles. 



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108 in. ANIMISMUS, MAGIE UND ALLMACHT DER GEDANKEN. 

eichten also — sind dieser ersten Gruppe einzureihen. Wenn 
ein Teil der Bewohner eines Dayakdorfes auf Wildschwein- 
jagd ausgezogen ist, so dürfen die Zurückgebliebenen unt/er- 
des weder 01 noch Wasser mit ihren Händen berühren, sonst 
würden die Jäger weiche Finger bekommen und die Beute aus 
ihren Händen schlüpfen lassen^). Oder, wenn ein Gilyak- 
jäger im AValde dem Wilde nachstellt, so ist es seinen Kindern 
zu Hause verboten, Zeichnungen auf Holz! oder im Sand zu 
machen. Die Pfade im dichten Wald könnten sonst so ver- 
schlungen werden wie die Linien der Zeichnung, so daß der 
Jäger den Weg nach Hause nicht findet 2). 

Wenn in diesen letzten wie in so vielen anderen Beispielen 
magischer Wirkung die Entfernung keine Rolle spielt, die 
Telepathie also als selbstverständlich hingenommen wird, so 
wird auch uns das Verständnis dieser Eigentümlichkeit der 
Magie keine Schwierigkeit bereiten. 

Es unterliegt keinem Zweifel, was an all diesen Beispielen 
als das Wirksame betrachtet wird. Es ist die Ähnlichkeit 
zwischen der vollzogenen Handlung und dem erwarteten Ge- 
schehen. Frazer nennt darum diese Art der Magie imita- 
t i V e oder homöopathische. Wenn ich will, daß es regne, 
tio brauche ich nur etwas zu tun, was wie Regen aussieht oder 
an Regen erinnert. In einer weiteren Phase der Kulturentwick- 
lung wird man anstatt dieses magischen Regenzaubers' Bitt- 
gänge zu einem Gotteshaus veranstalten und den dort wohnenden 
Heiligen um Regen anflehen. Endlich wird man auch diese 
religiöse Technik aufgeben und dafür versuchen, durch welche 
Einwirkungen auf die Atmosphäre Regen erzeugt werden kann. 

In einer anderen Gruppe von magischen Handlungen 

1) The magic art., I, p, 120. 

2) 1, c, p. 122. 



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IMITATIVE MAGIH 109 



kommt dOvS Prinzip der Ähnlichkeit nicht mehr in Betracht, 
dafür ein anderes, welches sich aus den nachstehenden Bei- 
spielen leicht ergeben wird. 

Um einem Feinde zu schaden, kann man sich auch eines 
anderen Verfahrens bedienen. Man bemächtigt sich seiner 
Haare, Nägel, Abfallstoffe oder selbst eines Teilet seiner Klei- 
dung und stellt mit diesen Dingen etwas Feindseliges an. Es 
ist dann gerade so, als hätte man sich der Person selbst be- 
mächtigt, und was man den von der Person herrührenden Din- 
gen angetan hat, muß ihr selbst widerfahren. Zu den wesent- 
lichen Bestandteilen einer Persönlichkeit gehört nach der An- 
schauung der Primitiven ihr Name; wenn man also den Namen 
einer Person oder eines Geistes weiß, hat man eine gewisse 
Macht über den Träger des Namens erworben. Daher die merk- 
würdigen Vorsichten und Beschränkungen im Gebrauche der 
Namen, die in dem Aufsatz über das Tabu gestreift worden 
ßind^). Die Ähnlichkeit wird in diesen Beispielen offenbar er- 
setzt durch Zusammengehörigkeit. 

Der Kannibalismus der Primitiven leitet seine sublimere 
Motivierung in ähnlicher Weise ab. Indem man Teile vom 
Leib einer Person durch den Akt des Verzehrens in sich auf- 
nimmt, eignet man sich auch die Eigenschaften an, welche 
dieser Person angehört haben. Daraus erfolgen dann Vor- 
sichten und Beschränkungen der Diät unter besonderen Um- 
ständen. Eine Frau wird in der Gravidität vermeiden, das 
Fleisch gewisser Tiere zu genießen, weil deren unerwünschte 
Eigenschaften, z. B. die Feigheit, so auf das von ihr genährte 
Kind übergehen könnten. Es macht für die magische Wir- 
kung keinen Unterschied, auch wenn der Zusammenhang ein 
bereits aufgehobener ist, oder wenn er überhaupt nur in ein- 



1) Vgl. S. 74 u. ff. 



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110 in. ANIMISMUS, MAGIE UND ALLMACHT DER GEDANKEN. 

maliger, bedeutungsvoller Berührung beetand. So ist z. B- 
der Glaube an ein magisches Band, welches das Schicksal einer 
Wunde mit dem der Waffe verknüpft, durch welche sie her- 
vorgerufen wurde, unverändert durch Jahrtausende zu ver- 
folgen. Wenn ein Melanesier sich des Bogens bemächtigt hat, 
durch den er verwundet wurde, so wird er ihn sorgfältig an 
einem kühlen Ort verwahren, um so die Entzündung der Wunde 
niederzuhalten. Ist der Bogen aber im Besitz* der Feinde ge- 
blieben, so wird er gewiß in nächster Nähe eines Feuers- auf- 
gehängt werden, damit die Wunde nur ja recht entzündet werde 
und brenne. Plinius rät in seiner Nat. Hist. XXVIII, wenn 
man bereut, einen anderen verletzt zli haben, solle man auf 
die Hand spucken, welche die Verletzung verschuldet hat; der 
Schmerz des Verletzten werde dann sofort gelindert. Francis 
Bacon erwähnt in seiner Natural History den allgemein gül- 
tigen Glauben, daß das Salben einer Waffe, welche eine Wunde 
geschlagen hat, diese Wunde selbst heilt. Die englischen Bauern 
sollen noch heute nach diesem Rezept handeln, und wenn sie 
sicli mit einer Sichel geschnitten haben, das Instrument von 
da an sorgfältig rein halten, damit die Wunde nicht in Eiterung 
gerate. Im Juni des Jahres 1902, berichtete eine lokale eng- 
lische Wochenschrift, stieß sich eine Frau namens Matilda Henry 
in N r w i c h zufällig einen eisernen Nagel in die Sohle. Ohne 
die Wunde untersuchen zu lassen oder auch nur den Strumpf 
auszuziehen, hieß sie ihre Tochter, den Nagel gut einölen, 
in der Erwartung, daß ihr dann nichts geschehen könne. Sie 
selbst starb einige Tage später an Wundstarrkrampf^), infolge 
dieser verschobenen Antisepsis. 

Die Beispiele der letzteren Gruppe erläutern, was Fraz'er 
als k o n t'a g i ö s e Magie von der imitativen sondert. Was 

1) Frazer, The magic art. I, p. 201—203. 



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KONTAQIOSE MAGIE. 1 1 1 



11) ihnen als wirksam gedacht wird, ist nicht mehr die Ähn- 
lichkeit, sondern der Zusammenhang im Raum, die Kontigui- 
tät, wenigstens die vorgestellte Kontiguität, die Erinnerung 
an ihr Vorhandensein. Da aber Ähnlichkeit und Kontiguität 
die beiden wesentlichen Prinzipien der Assoziationsvorgänge 
sind, stellt sich als Erklärung für all die Tollheit der magischen 
Vorschriften wirklich die Herrschaft der Ideenassoziation her- 
aus. Man sieht, wie zutreffend sich Tylors oben zitierte 
Charakteristik der Magie erweist: mistaking an ideal con- 
nexion for a real one, oder wie es fast gleichlautend Frazer 
au&iged rückt hat: men mistook the order of their ideas for the 
Order of nature, and hence imagined that the control which 
they have, or seem to have, over their thoughts, permitbed 
them to exercise a eorresponding control over things^). 

Es wird dann zunächst befremdend wirken, daß diese ein- 
leuchtende Erklärung der Magie von manchen Autoren als 
unbefriedigend verworfen werden konnte^). Bei näherer Über- 
legung muß man aber dem Einwand Eecht geben, daß die 
Ässoziationstheorie der Magie bloß die Wege aufklärt, welche 
die Magie geht, aber nicht deren eigentliches Wesen, nämlich 
nicht das Mißverständnis, welches sie psychologische Gesetze 
an die Stelle natürlicher setzen heißt. Es bedarf hier offenbar 
eines d^^namischen Moments, aber während die Suche nach einem 
solchen die Kritiker der F r a z e r sehen Lehre in die Irre führt, 
wird es leicht, eine befriedigende Aufklärung der Magie zu 
geben, wenn man nur die Assoziationstheorie derselben weiter- 
führen und vertiefen will. 

Betrachten wir zunächst den einfacheren und bedeutsameren 



1) The magic axt., I, p. 420 ff. 

2) Vgl. den Artikel Magic (N. W. T.) in der 11. Auflage der Ency- 
clopedia Britannica. 



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112 HL ANIMISMÜS, MAGIE UND ALLMACHT DER GEDANKEN. 

Fall der imitativen Magie. Nach Frazer kann diese allein 
geübt werden, während die kontagiöse Magie in der Regel die 
imitative voraussetzt^). Die Motive, welche zur Ausübung der 
TVfagio drängen, sind leicht zu erkennen, es sind die Wünsche 
des Menschen. Wir brauchen nur bloß anzunehmen, daß der 
primitive Mensch ein großartiges Zutrauen zur Macht seiner 
Wünsche hat. Im Grund muß all das, was er auf magischem 
Wege herstellt, doch nur darum geschehen, weil er es will. 
So ist anfänglich bloß sein Wunsch das Betonte. 

Für das Kind, welches sich unter analogen psychischen 
Bedingungen befindet, aber motorisch noch nicht leistungsfähig 
ist, haben wir an anderer Stelle die Annahme vertreten, daß 
es seine Wünsche zunächst wirklich halluzinatorisch befrie- 
digt, indem es die befriedigende Situation durch die zentrifugalen 
Erregungen seiner Sinnesorgane herstellen läßt^). Für den er- 
wachsenen Primitiven ergibt sich ein anderer Weg. An seinem 
Wunsch hängt ein motorischer Impuls, der Wille, und dieser 
— der später im Dienst der Wimschbefriedigung das Antlitz 
der Erde verändern wird — wird jetzt dazu verwendet, die 
Befriedigung darzustellen, so daß man sie gleichsam durch 
motorische Halluzination erleben kann. Eine solche Darstel- 
lung des befriedigten Wunsches ist dem Spiele der Kinder 
völlig vergleichbar, welches bei diesen die rein sensorische 
Technik der Befriedigung ablöst. Wenn Spiel und imitative 
Daxstellung dem Kinde und dem Primitiven genügen, so ist 
dies nicht ein Zeichen von Bescheidenheit in unserem Sinne 
oder von Resignation infolge Erkenntnis ihrer realen Ohnmacht, 
sondern die wohl verständliche Folge der überwiegenden Wer- 

1) 1. c, p. 54. 

2) Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Ge- 
schehens. Jahrb. f. psychoanalyt. Forschungen, III. Bd., 1912, p. 2. 



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DIE ÜBEESCHÄTZÜNG DEE SEELISCHExX VOEGANGE. 113 



tung ihres Wunsches, des von ihm abhängigen Willens und der 
von ihm eingeschlagenen Wege. Mit der Zeit verschiebt sich 
der psychische Akzent von den Motiven der magischen Hand- 
lung auf deren Mittel, auf die Handlung selbst. Vielleicht 
sagen wir richtiger, an diesen Mitteln erst wird ihm die Über- 
schätzung seiner psychischen Akte evident. Nun hat es' den 
Anschein, als wäre es nichts ailderes als die magische Hand- 
lung, die Kraft ihrer Ähnlichkeit mit dem Gewünschten dessen 
Geschehen erzwingt. Auf der Stufe des animistischen Den- 
kens gibt es noch keine Gelegenheit, den wahren Sachverhalt 
objektiv zli erweisen, wohl aber auf späteren, wenn alle solche 
Prozeduren noch gepflegt werden, aber das psychische Phä- 
nomen des Zweifels als Ausdruck einer Vei;drängungsiieigung 
bereits möglich ist. Dann werden die Menschen zugeben, daß 
die Beschwörungen von Geistern nichts leisten, wenn nicht der 
Glaube an sie dabei ist, und daß auch die Zauberkraft des 
Gebets versagt, wenn keine Frömmigkeit dahinter wirkt ^). 

Die Möglichkeit einer auf der Kontiguitätsassoziation be- 
ruhenden kontagiösen Magie wird uns dann zeigen, daß sich 
die psychische Wertschätzung vom Wunsch und vom Willen 
her auf alle psychischen Akte, die dem Willen zu Gebote stehen, 
ausgedehnt hat. Es besteht also jetzt eine allgemeine Über- 
schätzung der seelischen Vorgänge, das heißt eine Einstellung 
zur Welt, welche uns nach unseren Einsichten in die Beziehung 
von Bealität und Denken als solche Überschätzung des letz- 
teren erscheinen muß. Die Dinge treten gegen deren Vorstel- 
lungen zurück; was mit den letzteren vorg^nomlnen wird, muß 
sich auch an den ersteren ereignen. Die Belationen, die zwi- 
schen den Vorstellungen bestehen, werden auch zwischen den 

A) Der König in „Hamlet" (III, 4.): „My worda fly up, my 
thoughts remain below; Woras without thoughts never to heaven go." 
Fread, Totcrm und Tabu. 8 



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114 IH. ANIMISMÜS, MAGIE UND ALLMACHT DER GEDANKEN. 

Dingen vorausgesetzt. Da das Denken keine Entfernungen 
kennt, das räumlich Entlegenste wie das zeitlich Verschie- 
denste mit Leichtigkeit in einen Bewußtseitisakt zusammen- 
bringt, wird auch die magische "Welt sich telepathisch über 
die räumliche Distanz hinaussetzen und ehemaligen Zusammen- 
hang wie gegenwärtigen behandeln. Das Spiegelbild der 
Innenwelt muß im animistischen Zeitalter jenes andere Welt- 
bild, das wir zu erkennen glauben, imsichtbar machen. 

Heben wir übrigens hervor, daß die beiden Prinzipien der 
Assoziation — Ähnlichkeit und Kontiguität — in der höheren 
Einheit der Berührung zusammentreffen. Kontiguitäts- 
assoziation ist Berührung im direkten, Ähnlichkoitsassoziation 
solche im übertragenen Sinne. Eine von uns noch nicht er- 
faßte Identität im psychischen Vorgang wird wohl durch den 
Gebrauch des nämlichen Wortes für beide Arten der Ver- 
knüpfung verbürgt. Es ist derselbe Umfang des Begriffet Be- 
rührung, der sich bei der Analyse des Tabu herausstellte^). 

Zusammenfassend können wir nun sagen: das* Prinzip, 
welches die Magie, die Technik der animistischen Denkweise, 
regiert, ist das der „Allmacht der Gedanken". 



Die Bezeichnung „Allmacht der Gedanken" habe ich von 
einem hochintelligenten, an Zwangsvorstellungen leidenden 
Manne angenommen, dem es nach seiner Herstellimg durch 
psychoanalytische Behandlung möglich geworden ist, auch seine 
Tüchtigkeit und Verständigkeit zu erweisen 2). Er hatte sich 

1) Vgl. die vorige Abhandlung dieser Reihe. 

2) Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, Jahrbuch für 
psychoanalyt. und psychopath. Forschungen, I. Bd., 1909. (Sammlung kl. 
Schriften zur Neurosenlehre, 3. Folge, 1913.) 



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DIE ALLMACHT DER GEDANKEN. 115 

dieses Wort geprägt zur Begründung aller jener sonderbaren 
und unheimlichen Geschehnisse, die ihn wie andere mit seinem 
Leiden Behaftete zu verfolgen schienen. Dachte er eben an 
eine Person, so kam sie ihm auch schon entgegen, als ob er 
sie beschworen hätte; erkundigte er sich plötzlich nach dem 
Befinden eines lange vermißten Bekannten, so mußte er hören, 
daß dieser eben gestorben sei, so daß er glauben konnte, jener 
habe sich ihm telepathisch bemerkbar gemacht; stieß er gegen 
einen Fremden eine nicht einmal ganze ernst gemeinte Ver- 
wünschung aus, so durfte er erwarten, daß dieser bald darauf 
starb und ihn mit der Verantwortlichkeit für sein Ableben be- 
lastete. Von den meisten dieser Fälle konnte er mir im Laufe 
der Behandlung selbst mitteilen, wie der täuschende Anschein 
entstanden war, und was er selbst an Veranstaltungen hinzu- 
getan hatte, um sich in seinen abergläubischen Erwartungen 
zu bestärken^). Alle Zwangskranken sind in solcher Weise, 
meist gegen ihre bessere Einsicht, abergläubisch. 

Der Fortbestand der Allmacht der Gedanken tritt uns bei 
der Zwangsneurose am deutlichsten entgegen, die Ergebnisse 
dieser primitiven Denkweise sind hier dem Bewußtsein am 
nächsten. Wir müssen uns aber davor hüten, darin einen aus- 
zeichnenden Charakter dieser Neurose zu erblicken, denn die 
analytische Untersuchung deckt das nämliche bei den anderen 
NTeurosen auf. Bei ihnen allen ist nicht die Realität des Er- 
lebens, sondern die des Denkens für die Symptombildung maß- 
gebend. Die Neurotiker leben in einer besonderen Welt, in 
welcher, wie ich es an anderer Stelle ausgedrückt habe, nur 



1) Es scheint, daß wir den Charakter des „Unheimlichen" solchen 
Eindrücken verleihen, welche die Allmacht der Gedanken und die ani- 
mistische Denkweise überhaupt bestätigen wollen, während wir uns be- 
reits im Urteil von ihr abgewendet haben. 

8* 



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116 III. ANIMISMUS, MAGIE UND ALLMACHT DEE GEDANKEN. 

die „neurotische Währung" gilt, das heißt nur das intensiv 
Gedachte, mit Affekt Vorgestellte ist bei ihnen wirksam, dessen 
Übereinstimmung mit der äußeren Realität aber nebensächlich. 
Der Hysteriker wiederholt in seinen Anfällen und fixiert durch 
seine Symptome Erlebnisse, die sich nur in seiner Phantasie 
so zugetragen haben, allerdings in letzter Auflösung auf wirk- 
liche Ereignisse zurückgehen oder aus solchen aufgebaut wor- 
den sind. Das Schuldbewußtsein der Neurotiker würde man 
ebenso schlecht verstehen, wenn man es auf reale Missetaten 
zurückführen wollte. Ein Zwangsneurotiker kann von einem 
Schuldbewußtsein gedrückt sein, das einem Massenmörder wohl 
anstünde; er wird sich dabei gegen seine Mitmenschen als 
der rücksichtsvollste und skrupulöseste Genosse benehmen 
und seit seiner Kindheit so benommen haben. Doch ist sein 
Schuldgefühl begründet; es fußt auf den intensiven und häu- 
figen Todeswünschen, die sich in ihm unbewußt gegen seine 
Mitmenschen regen. Es ist begründet, insofern unbewußte Ge- 
danken und nicht absichtliche Taten in Betracht kommen. So 
erweist sich die Allmacht der Gedanken, die Überschätzung 
der seelischen Vorgänge gegen die Eealität, als unbeschränkt 
wirksam im Affektleben des Neurotikers und in allen von diesem 
ausgehenden Folgen. Unterzieht man ihn aber der psycho- 
analytischen Behandlung, welche das bei ihm Unbewußte be- 
wußt macht, so wird er nicht glauben können, daß Gedanken 
frei sind, und wird sich jedesmal fürchten, böse Wünsche zu 
äußern, als ob sie infolge dieser Äußerung in Erfüllung gehen 
müßten. Durch dieses Verhalten wie durch seinen im Leben 
betätigten Aberglauben zeigt er uns aber, wie nahe er dem 
Wilden steht, der durch seine bloßen Gedanken die Außenwelt 
zu verändern vermeint. 

Die primären Zwangshandlungen dieser Neurotiker sind 



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DIE ALLMACHT IN DEB ZWANGSNEUROSE. 117 

eigentlich durchaus magischer Natur. Sie sind, wenn nicht 
Zauber, so doch Gregenzauber, zur Abwehr der Unheilserwar- 
tungen bestimmt, mit denen die Neurose zu beginnen pflegt. 
So oft ich das Geheimnis zu durchdringen vermochte, zeigte 
es sich, daß diese Unheilserwartung den Tod zum Inhalt hatte. 
Das Todesproblem steht nach Schopenhauer am Eingang 
jeder Philosophie; wir haben gehört, daß auch die Bildung 
der Seelenvorstellungen und des Dämonenglaubens, die den 
Animismus kennzeichnen, auf den Eindruck zurückgeführt wird, 
den der Tod auf den Menschen macht. Ob diese ersten Zwangs- 
oder Schutzhandlungen dem Prinzip der Ähnlichkeit, respek- 
tive des Konstrastes folgen, ist schwer zu beurteilen, denn sie 
werden unter den Bedingungen der Neurose gewöhnlich durch 
die Verschiebung auf irgend ein Kleinstes, eine an sich höchst 
geringfügige Aktion entstellt^). Auch die Schutzformeln der 
Zwangsneurose finden ihr Gegenstück in den Zauberformeln 
der Magie. Die Entwicklungsgeschichte der Zwangshandlun- 
gen kann man aber beschreiben, indem man hervorhebt, wie 
sie, vom Sexuellen möglichst weit entfernt, als Zauber gegen 
böse Wünsche beginnen, um als Ersatz für verbotenes* sexuelles 
Tun, das sie möglichst getreu nachahmen, zu enden. 

Wenn wir die vorhin erwähnte Entwicklungsgeschichte 
der menschlichen Weltanschauungen annehmen, in welcher die 
animistische Phase von der religiösen, diese von der 
wissenschaftlichen abgelöst wird, wird es uns nicht 
schwer, die Schicksale der „Allmacht der Gedanken" durch diese 
Phasen zu verfolgen. Im animistischen Stadium schreibt der 
Mensch sich selbst die Allmacht zu; im religiösen hat er sie 
den Göttern abgetreten, aber nicht ernstlich auf sie verzichtet, 

1) Ein weiteres Motiv für diese Verschiebung auf eine kleinste Ak- 
tion wird sich aus den nachstehenden Erörterungen ergeben. 



C^ no n 1 ^ Ori"g I n a f f no m 

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118 III. ANIMISMUS, MAGIE UND AUFMACHT DER GEDANKEN. 

denn er behält sich vor, die Götter durch mannigfache Be- 
einflussungen nach seinen Wünschen zu lenken. In der wissen- 
schaftlichen Weltanschauung ist kein Raum mehr für die All- 
macht des Menschen, er hat sich zu seiner Kleinheit bekannt 
und sich resigniert dem Tode wie allen anderen Naturnotwen- 
digkeiten unterworfen. Aber in dem Vertrauen auf die Macht 
des Menschengeistes, welcher mit den Grestetzen der Wirklich- 
keit rechnet, lebt ein Stück des primitiven Allmachtglaubens 
weiter. 

Bei der Rückverfolgung der Entwicklung libidinöser Stre- 
bungen im Einzelmenschen, von ihrer Gestaltung in der Reife 
bis zu den ersten Anfängen der Kindheit, hat sich zunächst 
eine wichtige Unterscheidung ergeben, die in den „Drei Ab- 
handlungen zur Sexualtheorie 1905" niedergelegt ist. Die 
Äußerungen der sexuellen Triebe sind von Anfang an zu er- 
kennen, aber sie richten sich zuerst noch auf kein äußeres 
Objekt. Die einzelnen Triebkomponenten der Sexualität ar- 
beiten jode für sich auf Lustgewinn und finden ihre Befriedi- 
gimg am eigenen Körper. Dies Stadium heißt das des Auto- 
erotismus, es wird von dem der Objekt wähl abgelöst. 

Es hat sich bei weiterem Studium als zweckmäßig, ja als 
unabweisbar gezeigt, zwischen diesen beiden Stadien ein drittes 
einzuschieben, oder, wenn man ^o will, das erste Stadium des 
Autoerotismus in zwei zu zerlegen. In diesem Zwischenstadium, 
dessen Bedeutsamkeit sich der Forschung immer mehr aufdrängt, 
haben die vorher vereinzelten Sexualtriebe sich bereits zu einer 
Einheit zusammengesetzt und auch ein Objekt gefunden; dies 
Objekt ist aber kein äußeres, dem Individuum fremdes, son- 
dern es ist das eigene, um diese Zeit konstituierte Ich. Mit 
Rücksicht auf später zu beobachtende pathologische Fixierim- 
gen dieses Zustandes heißen wir das neue Stadium das des 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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DER NAHZISSTISCHE CHARAKTER DER ALLMACHT. 119 

Narzißmus. Die Person verhält sich so, als wäre sie in 
sich selbst verliebt; die Ichtriebe und die libidinösen Wünsche 
sind für unsere Analyse noch nicht von einander zu sondern. 

Wenngleich uns eine genügend scharfe Charakteristik 
dieses narzißtischen Stadiums, in welchem die bisher dissoziier- 
ten Sexualtriebe zu einer Einheit zusammentreten und das Ich 
als Objekt besetzen, noch nicht möglich ist, so ahnen wir doch 
bereits, daß die narzißtische Organisation nie mehr völlig auf- 
gegeben wird. Der Mensch bleibt in gewissem Maße narziß- 
tisch, auch nachdem er äu£ere Objekte für seine Libido ge- 
funden hat ; die Objektbesetzungen, die er vornimmt, sind gleich- 
sam Emanationen der beim Ich verbleibenden Libido und kön- 
nen wieder in dieselbe zurückgezogen werden. Die psycho- 
logisch so merkwürdigen Zustände von Verliebtheit, die Nor- 
malvorbilder der Psychosen, entsprechen dem höchsten Stande 
dieser Emanationen im Vergleich zum Niveau der Ichliebe. 

Es liegt nun nahe, die von uns aufgefundene Hochschät- 
zung der psychischen Aktionen — die wir von unserem Stand- 
punkt aus eine Überschätzung heißen — bei den Primitiven und 
Neurotikern in Beziehung zum Narzißmus zu bringen und sie 
als wesentliches Teilstück desselben aufzufassen. Wir würden 
sagen, das Denken ist bei den Primitiven noch in hohem Maße 
sexualisiert, daher rührt der Glaube an die Allmacht der Ge- 
danken, die unerschütterliche Zuversicht auf die Möglichkeit 
der Weltbeherrschung und die Unzugänglichkeit gegen die leicht 
zu machenden Erfahrungen, welche den Menschen über seine 
wirkliche Stellung in der Welt belehren könnten. Bei den 
Neurotikern ist einerseits ein beträchtliches Stück dieser primi- 
tiven Einstellung konstitutionell verblieben, anderseits wird 
durch die bei ihnen eingetretene Sexualverdrängung eine neuer- 
liche Sexualisierung der Denkvorgänge herbeigeführt. Die 



f^nonl^ Orrginaffnonn 

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120 III- ANIMI3MÜS, MAGIE UND ALLMACIäT DER GEDANKEN, 

psychischen Folgen müssen in beiden Fällen dieselben sein, bei 
ursprünglicher wie bei regressiv erzielter libidinöser Uber- 
besetznng des Denkens: intellektueller Narzißmus, Allmacht 
der Gedanken I). 

Wenn wir im Nachweis der Allmacht der Gedanken bei den 
Primitiven ein Zeugnis für den Narzißmus erblicken dürfen, 
so können wir den Versuch wagen, die Entwicklungsstufen 
der menschlichen Weltanschauung mit den Stadien der libidi- 
nösen Entwicklung des Einzelnen in Vergleich zu ziehen. Es 
entspricht dann zeitlich wie inhaltlich die animistische Phase 
dem Narzißmus, die religiöse Phase jener Stufe der Objekt- 
findung, welche durch die Bindung an die Eltern charakterisiert 
ist, und die wissenschaftliche Phase hat ihr volles Gegenstück 
in jenem Reifezustand des Individuums, welcher auf das Lust- 
prinzip verzichtet hat und unter Anpassung an die Realität 
sein Objekt in der Außenwelt sucht 2). 

Nur auf einem Gebiete ist auch in unserer Kultur die 
„Allmacht der Gedanken" erhalten geblieben, auf dem der 
Kunst. In der Kunst allein kommt es noch vor, daß ein von 
Wünschen verzehrter Mensch etwas der Befriedigung älmliches 
macht, imd daß dieses Spielen — dank der künstlerischen Illu- 
sion — Affektwirkungen hervorruft, als wäre es etwas Reales. 
Mit Recht spricht man vom Zauber der Kunst und vergleicht 

1) It is almost an axiom with writers on tiiis subject, that a sort 
of Solipsism or Berkleianism (as Professor Sully terms it as he finds 
it in tho Child) operates in the savage to make liim refuse to recognise 
äeath as a fact.*' — Marett, Pre-ani-raistic religion, Folklore, XI. Bd., 
1900, p. 178. 

2) Es soll hier nur angedeutet werden, daß der ursprüngliche Nar- 
zißmus des Kindes maßgebend für die Auffassung seiner Charakterentwick- 
lung ist tmd die Annahme eines primitiven Minderwertigkeitsgefühles bei 
demselben ausschließt. 



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DIE KUNST ALS MAGIE. 1^1 

den Künstler mit einem Zauberer. Aber dieser Vergleich ist 
vielleicht bedeutsamer, als er zu sein beansprucht. Die Kunst, 
die gewiß nicht als l'art pour Part begonnen hat, stand ur- 
sprünglich im Dienste von Tendenzen, die heute zum großen 
Teil erloschen sind. Unter diesen lassen sich mancherlei ma- 
gische Absichten vermuten i). 



Die erste Weltauffassung, welche den Menschen gelang, 
die des Animismus, war also eine psychologische. Sie bedurfte 
noch keiner Wissenschaft zu ihrer Begründung, denn Wissen- 
schaft setzt erst ein, wenn man eingesehen hat, daß man die 
Welt nicht kennt und darum nach Wegen suchen muß, um 
sie kennen zu lernen. Der Animismus war aber dem primitiven 
Menschen natürlich und selbstgewiß; er wußte, wie die Dinge 
der Welt sind, nämlich so wie der Mensch sich selbst verspürte. 
Wir sind also darauf vorbereitet, zu finden, daß der primitive 
Mensch Strukturverhältnisse seiner eigenen Psyche in die 
Außenwelt verlegte 2), und dürfen anderseits den Versuch 

1) S. R ei nach, Uart et la magie in der Sammlung Cultes, Mythes 
et Eeligions, I. Bd., p. 125 bis 136. — Reinach meint, die primitiven 
Künstler, welche uns die eingeritzten oder aufgemalten Tierbilder in den 
Höhlen Frankreichs hinterlassen haben, wollten nicht „Grefallen erregen", 
sondern „beschwören". Er erklärt es so, daß sich diese Zeichnungen an 
den dunkelsten und unzugänglichsten Stellen der Höhlen befinden, und 
daß xiie Darstellungen der gefürchteten Raubtiere unter ihnen fehlen. 
„Les modernes parlent souvent, par hyperbole, de la magie du pinceau 
ou du ciseau d'un grand artiste et, en gßneral, de la magie de Tart. 
Entendu au sens propre, qui est celui d'une contrainte mystique exercee 
par la volonte de Thomme sur d'autres volont6s ou sur les choses, cette 
expression n'est plus admissible; mais nous avons vu qu'elle 6tait autre- 
fois rigouresement vraie, du moins dans Topinion des artistes" (p. 136), 

2) Durch sogenannte endopsychische Wahrnehmung erkannte. 



C nn n 1 ^ Orrgin a f f ro m 

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122 ni. ANIMISMÜS, MAGIE UND ALLMACHT DER GEDANKEN. 

machen, was der Animismus von der Natur der Dinge lehrt, 
in die menschliche Seele zurückzuversetzen. 

Die Technik des Animismus, die Magie, zeigt uns am deut- 
lichsten imd unvermengtesten die Absicht, den realen Dingen 
die Gesetze des Seelenlebens aufzuzwingen, wobei Geister noch 
keine Rolle spielen müssen, während auch Geister zu Objekten 
magischer Behandlung genommen werden können. Die Vor- 
aussetzungen der Magie sind also ursprünglicher und älter als 
die Geisterlehre, die den Kern des Animismus bildet. Unsere 
psychoanalytische Betrachtung trifft hier mit einer Lehre von 
R. R. Marett zusammen, welcher ein präanimistisches 
Stadium dem Animismus vorhergehen läßt, dessen Charakter am 
besten durch den Namen Animatismus (Lehre von der all- 
gemeinen Belebtheit) angedeutet wird. Es ist wenig mehr aus 
der Erfahrung über den Präanimismus zu sagen, da man noch 
kein Volk angetroffen hat, welches der Geistesvorstellungen 
entbehre ^). 

Während die Magie noch alle Allmacht den Gedanken vor- 
behält, hat der Animismus einen Teil dieser Allmacht den 
Geistern abgetreten und damit den Weg zur Bildung einer 
Religion eingeschlagen. Was soll nun den Primitiven zu dieser 
ersten Verzichtleistung bewogen haben? Kaum die Einsicht 
in die Unrichtigkeit seiner Voraussetzungen, denn er behält 
ja die magische Technik bei. 

Die Geister und Dämoueii sind, wie an andei^r Stelle au- 
gedeutet wurde, nichts als die Projektionen seiner Gefühls- 
regungen 2); er macht seine Affektbesetzungen zu Personen, 

1) R. R. Marett, Pre-animistic religiou, Folklore, XI. Bd., Nr. 2, 
London 1900. — Vgl. Wundt, Mythus und Religion, II. Bd., p. 171 u. ff. 

2) Wir nehmen an, daß in diesem frühen narzißtischen Staxiium 
Besetzungen aus libidinöser und anderen Erregungsquelleu vielleicht noch 
ununterscheidbar miteinander vereinigt sind. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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DIE PROJEKTION SEELISCHER VORGÄNGE NACH AUSSEN. 123 

bevölkert mit ihnen die Welt, und findet nun seine inneren 
seelischen Vorgänge außer seiner wieder, ganz ähnlich wie der 
geistreiche Paranoiker Schreber, der die Bindungen und 
Lösungen seiner Libido in den Schicksalen der von ihm kom- 
binierten „Gottesstrahlen" gespiegelt fand^). 

Wir wollen hier wie bei einem früheren Anlasse 2) dem 
Problem ausweichen, woher die Neigung überhaupt rührt, see- 
lische Vorgänge nach außen zu projizieren. Der einen An- 
nahme dürfen wir uns aber getrauen, daß diese Neigung dort 
eine Verstärkung erfährt, wo die Projektion den Vorteil einer 
psychischen Erleichterung mit sich bringt. Ein solcher Vor- 
teil ist mit Bestimmtheit zu erwarten, wenn die nach All- 
macht strebenden Regungen in Konflikt miteinander geraten 
sind; dann können sie offenbar nicht alle allmächtig werden. 
Der Krankheitsprozeß der Paranoia bedient sich tatsächlich 
des Mechanismus der Projektion, um solche im Seelenleben ent- 
standene Konflikte zu erledigen. Nun ist der vorbildliche Fall 
eines solchen Konflikts der zwischen den beiden Gliedern eines 
Gregensatzpaares, der Fall der ambivalenten Einstellung, den 
wir in der Situation des Trauernden beim Tode eines teuern 
Angehörigen eingehend zergliedert haben. Ein solcher Fall wird 
uns besonders geeignet scheinen, die Schöpfung von Projektions- 
gebilden zu motivieren. Wir treffen hier wiederum mit Mei- 
nungen der Autoren zusammen, welche die bösen Geister für 
die erstgeborenen unter den Geistern erklären und die Ent- 
stehung der Seelenvorstellungen aus dem Eindruck des Todes 



1) Schreber, Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. 1903. — 
Freud, Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiographisch be- 
schriebenen Fall von Paranoia, Jahrb. f. psychoanalyt. Forsch., III. Bd., 
1911. (Schriften zur Neurosenlehre, 3. Folge, 1913.) 

2) Vgl. die letztzitierte Abhandlung über Schreber, p. 59. 



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124 lU, AU^IMISMUS, MAGIE UND ALLMACHT DEE GEDANKEN. 

auf die Überlebenden ableiten. Wir machen nur den einen 
unterschied, daß wir nicht das intellektuelle Problem voraji- 
stellen, welches der Tod dem Lebenden aufgibt, sondern die zur 
Erforschung treibende Krait in den Gefühlskonflikt verlegen, 
in welchen diese Situation den Überlebenden stürzt. 

Die erste theoretische Leistung des Menschen — die Schöp- 
fung der Geister — würde also aus derselben Quelle ent- 
springen wie die ersten sittlichen Beschränkungen, denen er 
sich unterwirft, die Tabuvorschriften. Doch soll die Gleich- 
heit des Ursprungs nichts für die Gleichzeitigkeit der Ent- 
stehung präjudizieren. Wenn es wirklich die Situation des 
Überlebenden gegen den Toten war, die den primitiven Men- 
schen zuerst nachdenklich machte, ihn nötigte, einen Teil seiner 
Allmacht an die Geister abzugeben und ein Stück der freien 
Willkür seines Handelns zu opfern, so wären diese Kultur- 
schöpfungen eine erste Anerkennung der 'AvotY^^I, die sich dem 
menschlichen Narzißmus widersetzt. Der Primitive würde sich 
vor der Übermacht des Todes beugen mit derselben Geste, durch 
die er diesen zu verleugnen scheint. 

AVenn wir den Mut zur weiteren Ausbeutung unserer Vor- 
aussetzungen haben, können wir fragen, welches wesentliche 
Stück unserer psychologischen Struktur in der Projektions- 
schöpfung der Seelen und Geister seine Spiegelung und Wieder- 
kehr findet. Es ist dann schwer zu bestreiten, daß die primitive 
Seelen Vorstellung, soweit sie auch noch von der späteren völlig 
immateriellen Seele absteht, doch im wesentlichen mit dieser 
zusammentrifft, also Person oder Ding als eine Zweiheit auf- 
faßt, auf deren beide Bestandteile die bekannten Eigenschaften 
und Veränderungen des Ganzen verteilt sind. Diese ursprüng- 
liche Dualität — nach einem Ausdruck von H. Spencer^) — 

1) Im I. Band der „Prinzipien der Soziologie**. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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DIE SCHÖPFUNG DEK GEISTEK. 125 

ist bereits identisch mit jenem Dualismus, der sich in der 
uns geläufigen Trennung von Geist und Körper kundgibt, und 
dessen unzerstörbare sprachliche Äußerungen wir z;. B* in der 
Beschreibung des Ohnmächtigen oder Rasenden: er seinicht 
bei sich, erkennen i). 

Was wir so, ganz ähnlich wie der Primitive, in die äußere 
Realität projizieren, kann kaum etwas anderes sein als die 
Erkenntnis eines Zustandes, in dem ein Ding den Sinnen und 
dem Bewußtsein gegeben, präsent ist, neben welchem ein 
anderer besteht, in dem dasselbe latent ist, aber wieder- 
erscheinen kann, also die Koexistenz von Wahrnehmen und 
Erinnern, oder, ins Allgemeine ausgedehnt, die Existenz un- 
bewußter Seelen Vorgänge neben den bewußten 2). Man 
könnte sagen, der „Geist" einer Person oder eines Dinges' re- 
duziere sich in letzter Analyse auf deren Fähigkeit erinnert 
und vorgestellt zu werden, wenn sie der Wahrnehmung ent- 
zogen sind. 

Man wird nun freilich weder von der primitiven noch von 
der heutigen Vorstellung der „Seele" erwarten dürfen, daß 
ihre Abgrenzung vom anderen Teile die Linien einhalte, welche 
unsere heutige Wissenschaft zwischen der bewußten und der 
unbewußten Seelentätigkeit zieht. Die animistische Seele ver- 
einigt vielmehr Bestimmungen von beiden Seiten in sich. Ihre 
Flüchtigkeit und Beweglichkeit, ihre Fähigkeit, den Körper 
zu verlassen, dauernd oder vorübergehend von einem anderen 
Leibe Besitz zu nehmen, dies sind Charaktere, die unverkenn- 
bar an das Wesen des Bewußtseins erinnern. Aber die Art, 



1) H. Spencer, 1, c, p. 179. 

^) Vgl. meine kleine Schrift: A note on the ünconscious in Psycho- 
Analysis ans den Proceedings of the Society for Psychical Research, Part 
LXVI, vol. XXVI, London 1912. 



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126 III. ANIMISMUS, MAGIE UND ALLMACHT DEß GEDANKEN. 

wie sie sich hinter der persönlichen Erscheinung verborgen 
hält, mahnt an das Unbewußte; die Un Veränderlichkeit und 
ünzerstörbarkeit schreiben wir heute nicht mehr den bewußten, 
sondern den unbewußten Vorgängen zu, und diese betrax^hten 
wir auch als die eigentlichen Träger der seelischen Tätigkeit. 

Wir sagten vorhin, der Animismus sei ein Denksystem, 
die erste vollständige Theorie der Welt, und wollen nun aus 
der psychoanalytischen Auffassung eineö solchen Systems ge- 
wisse Folgerungen ableiten. Die Erfahrung jedes unserer Tage 
kann uns die Haupteigenschaften des „Systems''' immer von 
neuem vorführen. AVir träumen in der Nacht und haben es 
erlernt, am Tage den Traum zu deuten. Der Traum kann, 
ohne seine Natur zu verleugnen, wirr und zusammenhanglos 
erscheinen, er kann aber auch im Gregenteil die Ordnung der 
Eindrücke eines Erlebnisses nachahmen, eine Begebenheit aus 
der anderen ableiten und ein Stück seines Inhaltes auf ein 
anderes beziehen. Dies scheint ihm besser oder schlechter ge- 
lungen zu sein, fast niemals gelingt es so vollkommen, daß nicht 
irgendwo eine Absurdität, ein Riß im Gefüge zum Vorschein 
käme. Wenn wir den Traum der Deutung unterziehen, er- 
fahren wir, daß die inkonstante und ungleichmäßige Anord- 
nung der Traumbestandteile auch etwas für das Verständnis 
des Traumes recht Unwichtiges ist. Das' Wesentliche am 
Traum sind die Traumgedanken, die allerdings sinnreich, zu- 
sammenhängend und geordnet sind. Aber deren Ordnung ist 
eine ganz andere als die von uns am manifesten Trauminhalt 
erinnerte. Der Zusammenhang der Traumgedanken ist auf- 
gegeben worden und kann dann entweder überhaupt verloren 
bleiben oder durch den neuen Zusammenhang des Trauminhalts 
ersetzt werden. Fast regelmäßig hat, außer der Verdichtung 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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DER CHARAKTER EINES SYSTEMS. 127 



der Traumelemente, eine Umordnung derselben stattgefunden, 
die von der früheren Anordnung mehr oder weniger unab- 
hängig ist. Wir sagen abschließend, das, was durch die Traum- 
arbeit aus dem Material der Traumgedanken geworden ist, 
hat eine neue Beeinflussung erfahren, die sogenannte „sekun- 
däre Bearbeitung", deren Absicht offenbar dahingeht, die 
aus der Traumarbeit resultierende Zusammenhangslosigkeit und 
ün Verständlichkeit zu Gunsten eines neuen „Sinnes" zu be- 
seitigen. Dieser neue, durch die sekundäre Bearbeitung er- 
zielte Sinn ist nicht mehr der Sinn der Traumgedanken. 

Die sekundäre Bearbeitung des Produkts der Traum- 
arbeit ist ein vortreffliches Beispiel für das Wesen und die 
Ansprüche eines Systems. Eine intellektuelle Funktion in uns 
fordert Vereinheitlichung, Zusammenhang und Verständlichkeit 
von jedem Material der Wahrnehmung oder des Denkens, dessen 
sie sich bemächtigt, und scheut sich nicht, einen unrichtigen 
Zusammenhang herzustellen, wenn sie infolge besonderer Um- 
stände den richtigen nicht erfassen kann. Wir kennen solche 
Systembildungen nicht nur vom Traume, sondern auch von 
den Phobien, dem Zwangsdenken und den Formen des Wah- 
nes. Bei den Wahnerkrankungen (der Paranoia) ist die System- 
bildung das Sinnfälligste, sie beherrscht das Krantheitsbild, 
sie darf aber auch bei den anderen Formen von Neuropsychosen 
nicht übersehen werden. In allen Fällen können wir dann nach- 
weisen, daß eine Umordnung des psychischen Materials zu 
einem neuen Ziel stattgefunden hat, oft eine im Grunde recht 
gewaltrsame, wenn sie nur unter dem Gesichtspunkt des Sy- 
stems begreiflich erscheint. Es wird dann zum besten Kenn- 
zeichen der Systembildung, daß jedes der Ergebnisse desselben 
mindestens zwei Motivierungen aufdecken läßt, eine Motivie- 
rung aus den Voraussetzungen des Systems — also eventuell 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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128 UI. ANIMI8MÜS, MAGIE UND ALLMACHT DER GEDANKEN. 

eine wahnhafte — und eine versteckte, die wir aber als die 
eigentlich wirksame, reale, anerkennen müssen. 

Zur Erläuterung ein Beispiel aus der Neurose: In der 
Abhandlung über das Tabu erwähnte ich eine Kranke, deren 
Zwangs verböte die schönsten Übereinstimmungen mit dem 
Tabu der Maori zeigen i). Die Neurose dieser Frau ist auf 
ihren Mann gerichtet; sie gipfelt in der Abwehr des unbe- 
wußten Wunsches nach seinem Tod. Ihre manifeste, syste- 
matische Phobie gilt aber der Erwähnung des Todes über- 
haupt, wobei ihr Mann völlig ausgeschaltet ist und niemals 
Gegenstand bewußter Sorge wird. Eines Tages hört sie den 
Mann den Auftrag erteilen, seine stumpf gewordenen Rasier- 
messer sollen in einen bestimmten Laden zum Schleifen ge- 
bracht werden. Von einer eigentümlichen Unruhe getrieben, 
macht sie sich selbst auf den Weg nach diesem Laden und 
fordert nach ihrer Rückkehr von dieser Rekognoszierung von 
ihrem Manne, er müsse. diese Messer für alle Zeiten aus dem 
Wege räumen, denn sie habe entdeckt, daß neben dem von ihm 
genannten Laden sich eine Niederlage von Särgen, Trauer- 
waren u. dgl. befindet. Die Messer seien durch seine Absicht 
in eine unlösbare Verbindung mit dem Gedanken an den Tod 
geraten. Dies ist nun die systematische Motivierung des Ver- 
bots. Wir dürfen sicher sein, daß die Kranke auch ohne die 
Entdeckung jener Nachbarschaft das Verbot der Rasiermesser 
nach Hause gebracht hätte. Denn es hätte dazu hingereicht, 
daß sie auf dem Wege nach dem Laden einem Leichenwagen, 
einer Person in Trauerkleidung oder einer Trägerin eines 
Leichenkranzes begegnete. Das Netz der Bedingungen war 
weit genug ausgespannt, um die Beute in jedem Falle zu fan- 
gen ; es lag dann an ihr, ob sie es zuziehen wollte oder nicht. 



C^ nonl^ Orfginaf fnom 

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NEÜEOnSCHE SYSTEMBILDUNGEN. 129 

Man konnte mit Sicherheit feststellen, daß sie für andere Fälle 
die Bedingungen des Verbots nicht aktivierte. Dann hieß es 
eben, es sei ein „besserer Tag** gewesen. Die wirkliche Ur- 
sache des Verbots der Rasiermesser war natürlich, wie wir mit 
Leichtigkeit erraten, ihr Sträuben gegen eine Lustbetonung 
der Vorstellung, ihr Mann könne sich mit dem geschärften Ra- 
siermesser den Hals abschneiden. 

In ganz ähnlicher Weise vervollständigt und detailliert 
sich eine Gehhemmung, eine Abasie oder Agoraphobie, wenn 
es diesem Symptom einmal gelungen ist, sich zur Vertretung 
eines unbewußten Wunsches und der Abwehr gegen denselben 
aufzuschwingen. Was sonst noch an unbewußten Phantasien 
und an wirksamen Reminiszenzen in dem Kranken vorhanden 
ist, drängt diesem einmal eröffneten Ausweg zum symptoma- 
tischen Ausdruck zu und bringt sich in zweckmäßiger Neu- 
ordnung im Rahmen der Gehstörung unter. Es wäre also ein 
vergebliches, eigentlich ein törichtes Beginnen, wenn man das 
symptomatische Gefüge und die Einzelheiten, z. B. einer Agora- 
phobie aus der Grundvoraussetzung derselben verstehen wollte. 
Alle Konsequenz und Strenge des Zusammenhanges ist doch 
nur scheinbar. Schärfere Beobachtung kann, wie bei der Fas- 
sadenbildung des Traumes, die ärgsten Inkonsequenzen und 
Willkürlichkeiten der Symptombildung aufdecken. Die Ein- 
zelheiten einer solchen systematischen Phobie entnehmen ihre 
reale Motivierung versteckten Determinanten, die mit der Geh- 
hemmung nichts zu tun haben müssen, und darum fallen auch 
die Gestaltungen einer solchen Phobie bei verschiedenen Per- 
sonen so mannigfaltig und so widersprechend aus. 

Suchen wir nun den Rückweg zu dem uns beschäftigenden 
System des Animismus, so schließen wir aus unseren Ein- 

Freud, Tot«« und Tabu. 9 



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130 "I- ANIMISMÜS, MAGIE UND ALLMACHT DEB GEDANKEN. 

sichten über andere psychologische Systeme, daß die Motivie- 
rung einer einzelnen Sitte oder Vorschrift durch den „Aber- 
glauben" auch bei den Primitiven nicht die einzige und die 
eigentliche Motivierung zu sein braucht und uns der Verpflich- 
tung nicht überhebt, nach den versteckten Motiven derselben 
zu suchen. Unter der Herrschaft eines animistischen Systems 
ist es nicht anders möglich, als daß jede Vorschrift und jede 
Tätigkeit eine systematische Begründung erhalte, welche wir 
heute eine „abergläubische" heißen. „Aberglaube" ist wie 
„Angst", wie „Traum", wie „Dämon", eine der psychologischen 
Vorläufigkeiten, die vor der psychoanalytischen Forschung 
zergangen sind. Kommt man hinter diese, die Erkenntnis wie 
Wandschirme abwehrenden Konstruktionen, so ahnt man, daß 
dem Seelenleben und der Kulturhöhe der Wilden ein Stück 
verdienter Würdigung bisher vorenthalten wurde. 

Betrachtet man die Triebverdrängung als ein Maß des 
erreichten Kulturniveaus, so muß man zugestehen, daß auch 
unter dem animistischen System Fortschritte und Entwicklun- 
gen vorgefallen sind, die man mit Unrecht ihrer abergläubi- 
schen Motivierung wegen gering schätzt. Wenn wir hören, 
daß Krieger eines wilden Volksstammes sich die größte Keusch- 
heit und Eeinlichkeit auferlegen, sobald sie sich auf den Kriegs- 
pfad begeben 1), so wird uns die Erklärung nahegelegt, daß 
sie ihren Unrat beseitigen, damit sich der Feind dieses Teiles 
ihrer Person nicht bemächtige, um ihnen auf magische Weise 
zu schaden, und für ihre Enthaltsamkeit sollen wir analoge 
abergläubische Motivierungen vermuten. Nichtsdestoweniger 
bleibt die Tatsache des Triebverzichts bestehen, und wir ver- 
stehen den Fall wohl besser, wenn wir annehmen, daß der wilde 
Krieger sich solche Beschränkungen zur Ausgleichung auf- 

1) Frazer, Taboo aud the perils of the sou!, p, 168. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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ÜBERDETEKMINIEEUNQ UND FORTSCHRITT JM ANIMISMÜS. 131 

erlegt, weil er im Begriffe steht, sich die sonst untersagte 
Befriedigung grausamer und feindseliger Regimgen im vollen 
Ausmaße zu gestatten. Dasselbe gilt für die zahlreichen Fälle 
von sexueller Beschränkung, solange man mit schwierigen oder 
verantwortlichen Arbeiten beschäftigt ist^). Mag sich die Be- 
gründung dieser Verbote immerhin auf einen magischen Zu- 
sammenhang berufen, die fundamentale Vorstellung, durch Ver- 
zicht auf Triebbefriedigung größere Kraft zu gewinnen, bleibt 
doch unverkennbar, und die hygienische Wurzel des Verbots 
ist neben der magischen Rationalisierxmg derselben nicht zu 
vernachlässigen. Wenn die Männer eines wilden Volksstammes 
ztir Jagd, zum Fischfang, zum Krieg, zum Einsammeln kost- 
barer Pflanzenstoffe ausgezogen sind, so bleiben ihre Frauen 
imterdes im Hause zahlreichen drückenden Beschränkungen 
unterworfen, denen von den Wilden selbst eine in die Ferne 
reichende, sympathetische Wirkung auf das Gelingen der Ex- 
pedition zugeschrieben wird. Doch gehört wenig Scharfsinn 
dazti, um zu erraten, daß jenes in die Ferne wirkende Moment 
kein anderes als das Heimwärtsdenken, die Sehnsucht der Ab- 
wesenden, ist, und daß hinter diesen Einkleidungen die gute 
psychologische Einsicht steckt, die Männer werden ihr Bestes 
nur dann tun, wenn sie über den Verbleib der unbeaufsichtigten 
Frauen vollauf beruhigt sind. Andere Male wird es direkt, 
ohne magische Motivierung, ausgesprochen, daß die eheliche 
Untreue der Frau die Bemühungen des in verantwortlicher 
Tätigkeit abwesenden Mannes zum Scheitern bringt. 

Die unzähligen Tabuvorschriften, denen die Frauen der 
Wilden während ihrer Menstruation unterliegen, werden durch 
die abergläubische Scheu vor dem Blute motiviert und haben 
in ihr wohl auch eine reale Begründung. Aber es wäre unrecht, 

1) Frazer, 1. c, p. 200. 

9* 



Ononl^ Orrginaf fnom 

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132 IM- ANIMISMUS, MAGIE UND ALLMACHT DKR GEDANKEN. 

die Möglichkeit zu übersehen, daß diese Blutscheu hier auch 
ästhetischen und hygienischen Absichten dient, die sich in allen 
Fällen mit magischen Motivierungen drapieren müßten. 

AVir täuschen uns wohl nicht darüber, daß wir uns durch 
solche Erklärungsversuche dem Vorwurfe aussetzen, daß wir 
den heutigen Wilden eine Feinheit der seelischen Tätigkeiten 
zumuten, die weit über die AVahrscheinlichkeit hinausgeht. 
Allein ich meine, es könnte uns mit der Psychologie dieser Völ- 
ker, die auf der animistischen Stufe stehen geblieben sind, 
leicht so ergehen wie mit dem Seelenleben des Kindes, das wir 
Erwachsene nicht mehr verstehen, und dessen Reichhaltigkeit 
und Feinfühligkeit wir darum so sehr unterschätzt haben. 

Ich will noch einer Gruppe von bisher unerklärten Tabu- 
vorschriften gedenken, weil sie eine dem Psychoanalytiker ver- 
traute Aufklärung zuläßt. Bei vielen wilden Völkern ist es 
unter verschiedenen Verhältnissen verboten, scharfe "Waffen 
und schneidende Instrumente im Hause zu halten i). Frazer 
zitiert einen deutschen Aberglauben, daß man ein Messer nicht 
mit der Schneide nach oben liegen lassen dürfe. Gott und 
die Engel könnten sich daran verletzen. Soll man in diesem 
Tabu nicht die Ahnung gewisser „Symptomhandlungen" er- 
kennen, zu denen die scharfe Waffe durch unbewußte böse 
Regungen gebraucht werden könnte? 

1) Frazer, 1, c, p. 237. 



f^nonl^ Orrgmaffronn 

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IV. 
DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMÜS. 

Von der Psychoanalyse, welche zuerst die regelmäßige 
Uberdeterminierung psychischer Akte und Bildungen aufge- 
deckt hat, braucht man nicht zu besorgen, daß sie versucht 
sein werde, etwas so Kompliziertes wie die Religion aus einem 
einzigen Ursprung abzuleiten. AVenn sie in notgedrungener, 
eigentlich pflichtgemäßer Einseitigkeit eine einzige der Quellen 
dieser Institution zur Anerkennung bringen will, so beansprucht 
sie zunächst für dieselbe die Ausschließlichkeit so wenig wie 
den ersten Rang unter den zusammenwirkenden Momenten, Erst 
eine Synthese aus verschiedenen Gebieten der Forschung kann 
entscheiden, welche relative Bedeutung dem hier zu erörtern- 
den Mechanismus in der Genese der Religion zuzuteilen ist; 
eine solche Arbeit überschreitet aber sowohl die Mittel als 
auch die Absicht des Psychoanalytikers. 

1. 
In der ersten Abhandlung dieser Reihe haben wir den Be- 
griff des Totemismus kennen gelernt. Wir haben gehört, daß 
der Totemismus ein System ist, welches bei gewissen primitiven 
Völkern in Australien, Amerika, Afrika die Stelle einer Re- 
ligion vertritt und die Grundlage der sozialen Organisation 
abgibt. Wir wissen, daß der Schotte Mac Lennan 1869 
das allgemeinste Interesse für die bis dahin nui* als Kuriosa 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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134 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMÜS. 

gewürdigten Phänomene des Totemismus in Anspruch nahm, 
indem er die Vermutung aussprach, eine große Anzahl von 
Sitten und Grebräuchen in verschiedenen alten wie modernen 
Gesellschaften seien als Überreste einer totemistischen Epoche 
zu verstehen. Die Wissenschaft hat seither diese Bedeutung 
des Totemismus im vollen Umfange anerkannt. Als eine der 
letzten Äußerungen über diese Frage will ich eine Stelle aus 
den Elementen der Völkerpsychologie von W. Wundt (1912) 
zitieren^): „Nehmen wir alles dies zusammen, so ergibt sich 
mit hoher Wahrscheinlichkeit der Schluß, daß die totemisti- 
sche Kultur überall einmal eine Vorstufe der späteren Entwick- 
lungen und eine Übergangsstufe zwischen dem Zustand des 
primitiven Menschen und dem Helden- und Götterzeitalter ge^ 
bildet hat." 

Die Absichten der vorliegenden Abhandlungen nötigen uns 
zu einem tieferen Eingehen auf die Charaktere des Totemismus. 
Aus Gründen, welche später ersichtlich werden sollen, bevor- 
zug ich hier eine Darstellung von S. Eeinach, der^im Jahre 
1900 nachstehenden Code du totemisme in zwölf Artikeln, 
gleichsam einen Katechismus der totemistischen Religion, ent- 
worfen hat 2): 

1. Gewisse Tiere dürfen weder getötet noch gegessen wer- 
den, aber die Menschen ziehen Individuen dieser Tiergattun- 
gen auf und schenken ihnen Pflege. 

2. Ein zufällig verstorbenes Tier wird betrauert und unter 
den gleichen Ehrenbezeigungen bestattet wie ein Mitglied des 
Stammes. 



1) p. 139. 

2) Revue scientifique, Oktober 1900, abgedruckt in des Autors vi^- 
bandigem Werke Cultes, Mythes et Religions, 1909, T. I, p. 17 ff. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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EIN CODE DU TOTEMISME. 135 

3. Das Speiseverbot bezieht sich gelegentlich nur auf einen 
bestimmten Körperteil des Tieres. 

4. Wenn man ein für gewöhnlich verschontes '^Tier unter 
dem Drange der Notwendigkeit töten muß, so entschuldigt man 
sich bei ihm und sucht die Verletzung des Tabu, den Mord, durch 
mannigfache Kunstgriffe und Ausflüchte abzuschwächen. 

5. Wenn das Tier rituell geopfert wird, wird es feierlich 
beweint. 

6. Bei gewissen feierlichen Grelegenheiten, religiösen Ze- 
remonien, legt man die Haut bestimmter Tiere an. Wo der 
Totemismus noch besteht, sind dies die Totemtiere. 

7. Stämme und Einzelpersonen legen sich Tiernamen bei, 
eben die der Totemtiere. 

8. Viele Stämme gebrauchen Tierbilder als Wappen und 
verzieren mit ihnen ihre Waffen; Männer malen sich Tier- 
bilder auf den Leib oder lassen sich solche durch Tätowierung 
einritzen. 

9. Wenn der Totem zu den gefürchteten und gefährlichen 
Tieren gehört, so wird angenommen, daß er die Mitglieder des 
nach ihm genannten Stammes verschont. 

10. Das Totemtier beschützt und warnt die Angehörigen 
des Stammes. 

11. Das Totemtier kündigt seinen Getreuen die Zukunft 
an und dient ihnen als Führer. 

12. Die Mitglieder eines Totemstammes glauben oft daran, 
daß sie mit dem Totemtier durch das Band gemeinsamer Ab- 
stammung verknüpft sind. 

Man kann diesen Katechismus der Totemreligion erst wür- 
digen, wenn inan in Betracht zieht, daß ßeinach hier auch 
alle Anzeichen und Kesterscheinungen eingetragen hat, aus 
denen man den einstigen Bestand des totemistischen Systems 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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186 AV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES T0TEMI8MÜS. 

erschließen kann. Eine besondere Stellung dieses Autors zum 
Problem zeigt sieh darin, daß er dafür die wesentlichen Züge 
des Totemismus einigermaßen vernachlässigt. Wir werden 
uns überzeugen, daß er von den zwei Hauptsätzen des totemi- 
stischen Katechismus den einen in den Hintergrund gedrängt, 
den anderen völlig übergangen hat. 

Um von den Charakteren des Totemismus ein richtiges 
Bild zu gewinnen, wenden wir uns an einen Autor, welcher 
dem Thema ein vierbändiges Werk gewidmet hat, das die voll- 
ständigste Sammlung der hieher gehörigen Beobachtungen mit 
der eingehendsten Diskussion der durch sie angeregten Probleme 
verbindet. Wir werden J. G. Frazer, dem Verfasser von 
„Totemism and Exogamy^)", für Genuß und Belehrung ver- 
pflichtet bleiben, auch wenn die psychoanalytische Untersuchung 
zu Ergebnissen führen sollte, welche weit von den seinigen 
abweichen ^). 

1) 1910. 

2) Vielleicht tun wir aber vorher gut daran, dem Leser die Schwie- 
rigkeiten vorzuführen, mit denen Feststellungen auf diesem Gebiete zu 
kämpfen haben: 

Zunächst: die Personen, welche die Beobachtungen sammeln, sind 
nicht dieselben, welche sie verarbeiten und diskutieren, die ersteren Rei- 
sende und Missionäre, die letzteren Gelehrte, welche die Objekte ihrer 
Forschung vielleicht niemals gesehen haben, — Die Verständigung mit den 
Wilden ist nicht leicht. Nicht alle der Beobachter waren mit den Sprachen 
derselben vertraut, sondern mußten sich der Hilfe von Dolmetschern be- 
dienen oder in der Hilfssprache dos piggin-ongJish mit den Ausgefragten 
verkehren. Die Wilden sind nicht mitteilsam über die intimsten Ange- 
legenheiten ihrer Kultur und eröffnen «ich nur solchen Fremden, die viele 
Jalire in ihrer Mitte zugebracht haben. Sie geben aus den verschieden- 
artigsten Motiven (vgl. Frazer, The beginnings of religion and totemism 
among the Australian aborigines, Fortnightly Review, 1905; T. and. Ex. I, 
p. 150) oft falsche oder mißverständliche Auskünfte. — 3Ian darf nicht 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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J. G. FBAZER ÜBEB DEN TOTEMISMUS. Jgj 

Ein Totem, schrieb Frazer in seinem ersten Aufsatzl^), 
ist ein materielles Objekt, welchem der Wilde einen abergläu- 
bischen Respekt bezeugt, weil er glaubt, daß zwischen seiner 
eigenen Person und jedem Ding dieser Gattung eine ganz be- 
sondere Beziehung besteht. Die Verbindung zwischen einem 
Menschen und seinem Totem ist eine wechselseitige, der Totem 
beschützt den Menschen und der Mensch beweist seine Achtung 
vor dem Totem auf verschiedene Arten, so z. B. daß er ihn 
nicht tötet, wenn es ein Tier, und nicht abpflückt, wenn es 
eine Pflanze ist. Der Totem unterscheidet sich vom Fetisch 
darin, daß er nie ein Einzelding ist wie dieser, sondern immer 
eine Gattung, in der Regel eine Tier- oder Pf lanzenart> seltener 
eine Klasse von unbelebten Dingen und noch seltener von 
künstlich hergestellten Gegenständen. 



daran vergessen, daß die primitiven Völker keine jungen Völker sind, son- 
dern eigentlich ebenso alt wie die zivilisiertesten, und daß man kein 
Recht zur Erwartung hat, sie würden ihre ursprünglichen Ideen und In- 
stitutionen ohne jede Entwicklung und Entstellung für unsere Kenntnis- 
nahme aufbewahrt haben. Es ist vielmehr sicher, daß sich bei den Primi- 
tiven tiefgreifende Wandlungen nach allen Richtungen vollzogen liaben, 
so daß man niemals ohne Bedenken entscheiden kann, was an ihren ge- 
genwärtigen Zuständen und Meinungen nach Art eines Petrefakts die ur- 
sprungliche Vergangenheit erhalten hat, und was einer Entstellung und 
Veränderung derselben entspricht. Daher die überreichlichen Streitig- 
keiten unter den Autoren, was an den Eigentümlichkeiten einer primi- 
tiven Kultur als primär und was als spätere sekundäre Gestaltung aufzu- 
fassen sei. Die Feststellung des ursprünglichen Zustandes bleibt also 
jedesmal eine Sache der Konstruktion. — Es ist endlich nicht leicht, 
sich in die Denkungsart der Primitiven einzufühlen. Wir mißverstehen 
ßie ebenso leicht wie die Kinder und sind immer geneigt, ihr Tun und 
Fühlen nach unseren eigenen psychischen Konstellationen zu deuten. 

1) Totemism, Edinburgh 1887, abgedruckt im ersten Band des großen 
Werken; T. and Ex. 



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138 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMlöMüS. 

Man kann mindestens drei Arten von Totem unterscheiden : 

1. den Stammestotem, an dem ein ganzer Stamm teil hat, 
und der sich erblich von einer Generation auf die nächste über- 
trägt ; 

2. den Geschlechtstotem, der allen männlichen oder allen 
weiblichen Mitgliedern eines Stammes mit Ausschluß des an- 
deren Geschlechtes angehört, und 

3. den individuellen Totem, der einer einzelnen Person 
eignet und nicht auf deren Nachkommenschaft übergeht. Die 
beiden letzten Arten von Totem kommen an Bedeutung gegen 
den Stammestotem nicht in Betracht. Es sind, wenn nicht 
alles täuscht, späte und für das Wesen des Totem wenig be- 
deutsame Bildungen. 

Der Stammestotem (Clantotem) ist Gegenstand der Ver- 
ehrung einer Gruppe von Männern und Frauen, die sich nach 
dem Totem nennen, sich für blutsverwandte Abkömmlinge eines 
gemeinsamen Ahnen halten und durch gemeinsame Pflichten 
gegeneinander wie durch den Glauben an ihren Totem mitein- 
ander fest verbunden sind. 

Der Totemismus ist sowohl ein religiöses wie ein soziales 
System. Nach seiner religiösen Seite besteht er in den Be- 
ziehungen gegenseitiger Achtung und Schonung zwischen einem 
Menschen und seinem Totem, nach seiner sozialen Seite in den 
Verpflichtungen der Clanmitglieder gegeneinander und gegen 
andere Stämme. In der späteren Geschichte des Totemismus 
zeigen dessen beide Seiten eine Neigung auseinander zu gehen; 
das soziale System überlebt häufig das religiöse- und umge- 
kehrt verbleiben Reste von Totemismus in der Religion solcher 
Länder, in denen das auf den Totemismus gegründete soziale 
System verschwunden ist. Wie diese beiden Seiten des Tote- 
mismus ursprünglich miteinander zusammenhingen, können wir 



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FKAZERS DARSTELLUNG DES TOTEMISMUS. 139 

bei unserer Unkenntnis über dessen Ursprünge nicht mit Sicher- 
heit sagen. Doch ergibt sich im ganzen eine starke Wahr- 
scheinlichkeit dafür, daß die beiden Seiten des Totemismns zu 
Anfang unzertrennlich voneinander waren. Mit anderen Wor- 
ten, je weiter wir zurückgehen, desto deutlicher zeigt es sich, 
daß der Stammesangehörige sich zur selben Art zählt wie seinen 
Totem und sein Verhalten gegen den Totem von dem gegen 
einen Stammesgenossen nicht unterscheidet. 

In der speziellen Beschreibung des Totemismus als eines 
religiösen Systems stellt Frazer voran, daß die Mitglieder 
eines Stammes sich nach ihrem. Totem nennen und in der 
Eegel auch glauben, daß sie von ihm abstammen. 
Die Folge dieses Glaubens ist es, daß sie das Totemtier nicht 
jagen, nicht töten und nicht essen und sich jeden anderen Ge- 
brauch des Totem versagen, wenn er etwas anderes als ein Tier 
ist. Die Verbote, den Totem nicht zu töten und nicht zu essen, 
sind nicht die einzigen Tabu, die ihn betreffen; manchmal ist 
es auch verboten, ihn zu berühren, ja, ihn anzuschauen; in 
einer Anzahl von Fällen darf der Totem nicht bei seinem rich- 
tigen Namen genannt werden. Die Übertretung dieser den 
Totem schützenden Tabugebote straft sich automatisch durch 
schwere Erkrankungen oder Tod^). 

Exemplare des Totemtieres werden gelegentlich von dem 
Clan aufgezogen und in der Gefangenschaft gehegt 2). Ein 
tot aufgefundenes Totemtier wird betrauert und bestattet wie 
ein Clangenosse. Mußte man ein Totemtier töten, so geschah 
es unter einem vorgeschriebenen Rituale von Entscliuldigungen 
und Sühnezeremonien. 



1) Vgl. Die Abhandlung über das Tabu. 

^) Wie heute noch die Wölfe im Käfig an der Kapitolsstiege in Rom, 
die Bären im Zwinger von Bern. 



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140 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMSMUS. 

Von seinem Totem erwartete der Stamm Schutz und Scho- 
nung. Wenn er ein gefährliches Tier war (Raubtier, Gift- 
schlange), so setzte man voraus, daß er seinen Genossen nichts 
zu Leide tun würde, und wo sich diese Voraussetzung nicht 
bestätigte, wurde der Beschädigte aus dem Stamme ausgestoßen. 
Eide, meint Frazer, waren ursprünglich Ordalien; viele 
A^bstammungs- und Echtheitsproben wurden so dem 'Totem zur 
Entscheidung überlassen. Der Totem hilft in Krankheiten, gibt 
dem Stamme Vorzeichen und Warnungen. Die Erscheinung 
des Totemtieres in der Nähe eines Hauses wurde häufig als 
Ankündigung eines Todesfalles angesehen. Der Totem war 
gekommen, seinen Verwandten zu holen ^). 

Unter verschiedenen bedeutsamen Verhältnissen sucht der 
Clangenosse seine Verwandtschaft mit dem Totem zu betonen, 
indem er sich ihm äußerlich ähnlich macht, sich in die Haut 
des Totemtieres hüllt, sich das Bild desselben einritzt u. dgl. 
Bei den feierlichen Gelegenheiten der Geburt, der Männer- 
weihe, des Begräbnisses wird diese Identifizierung mit dem 
Totem in Taten und Worten durchgeführt. Tänze, bei denen 
alle Genossen des Stammes sich in ihren Totem verkleiden 
und wie er gebärden, dienen mannigfaltigen magischen und 
religiösen Absichten. Endlich gibt es Zeremonien, bei denen 
das Totemtier in feierlicher Weise getötet wird 2). 

Die soziale Seite des Totemismus prägt sich vor allem in 
einem streng gehaltenen Gebot und in einer großartigen Ein- 
schränkung aus. Die Mitglieder eines Totemclans sind Brüder 
und Schwestern, verpflichtet einander zu helfen und zu be- 
schützen; im Falle der Tötung eines Clangenossen durch einen 
Fremden haftet der ganze Stamm des Täters für die Bluttat, 

Also wie die weiße Frau mancher Adelsgeschlechter. 

2) L c, p. 45. — Siehe unten die Erörterung über das Opfer. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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DER INHALT DES TOTEMISMUS. 141 



und der Clan des Gemordeten fühlt sich solidarisch in der 
Forderung nach Sühne für das vergossene Blut. Die Totem- 
bände sind stärker als die Familienbande in unserem Sinne; 
sie fallen mit diesen nicht zusammen, da die Übertragung des 
Totem in der Regel durch mütterliche Vererbung geschieht und 
ursprünglich die väterliche Vererbung vielleicht überhaupt nicht 
in Geltung war. 

Die entsprechende Tabubeschränkung aber besteht in dem 
'Verbot, daß Mitglieder desselben Totemclans einander nicht 
heiraten und überhaupt nicht in Sexualverkehr miteinander 
treten dürfen. Dies ist die berühmte .und rätselhafte, mit 
dem Totemismus verknüpfte Exogamie. Wir haben ihr die 
ganze erste Abhandlung dieser Reihe gewidmet und brauchen 
darum hier nur anzuführen, daß sie der verschärften Inzest- 
scheu der Primitiven entspringt, daß sie als Sicherung gegen 
Inzest bei Gruppenehe vollkommen verständlich würde, und 
daß sie zunächst die Inzfestverhütung für die jüngere Genera- 
tion besorgt und erst in weiterer Ausbildung auch der älteren 
Generation zum Hindernis wird^). 

An diese Darstellung des Totemismus bei Frazer, eine 
der frühesten in der Literatur des Gegenstandes, will ich nun 
einige Auszüge aus einer der letzten Zusammenfassungen an- 
schließen. In den 1912 erschienenen Elementen der Völker- 
psychologie sagt "W. Wundt^): „Das Totamtier gilt als Ahnen- 
tier der betreffenden Gruppe. ,Totem' ist also einerseits Grup- 
pen-, anderseits Abstammungsname, und in letzterer Beziehung 
hat dieser Name zugleich eine mythologische Bedeutung. Alle 
diese Verwendungen des Begriffes spielen aber ineinander und 



1) S. die erste Abhandlung. 
3) p. 116. 



r^r\onlf* Orfgfnaffrom 

:)y V.iUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



142 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS. 

die einzelnen dieser Bedeutungen können zurücktreten, so daß 
in manchen Fällen die Totem^ fast zu einer bloßen Nomenklatur 
der Stammesabteilungen geworden sind, während in anderen 
die Vorstellung der Abstammung oder aber auch die kultische 
Bedeutung des Totems im Vordergrund steht . . • Der Begriff 
des Totem wird für die Stammesgliederung und Stam- 
mesorganisation maßgebend. Mit diesen Normen und 
mit ihrer Befestigung im Glauben und Fühlen der Stammes- 
genossen hängt es zusammen, daß man daö Totemticr ursprüng- 
lich jedenfalls nicht bloß als einen Namen für eine Gruppe 
von Stammesgliedem betrachtete, sondern daß das Tier meist 
als Stammvater der betreffenden Abteilung gilt . . . Damit 
hängt dann zusammen, daß diese Tierahnen einen Kult ge- 
nießen . . . Dieser Tierkult äußert sich ursprünglich, abgesehen 
von bestimmten Zeremonien und zeremoniellen Festen vor allem 
in dem Verhalten gegenüber dem Totemtier: nicht nur ein ein- 
zelnes Tier, sondern jeder Eepräsentant der gleichen Spezies 
ist in gewissem Grade ein geheiligtes Tier, es ist dem Totem- 
genossen verboten oder nur unter bestimmten Umständen er- 
laubt, das Fleisch des Totemtieres zu genießen. Dem entspricht 
die in solchem Zusammenhange bedeutsame Gegenerscheinung, 
daß unter gewissen Bedingungen eine Art von zeremoniellem 
Genuß des Totemf leisches stattfindet . . ." 

„ . . . Die wichtigste soziale . Seite dieser totemis tischen 
Stammesgliederung besteht aber darin, daß mit ihr bestimmte 
Normen der Sitte für den Verkehr der Gruppen untereinander 
verbunden sind. Unter diesen Normen stehen in erster Linie 
die für den Eheverkehr. So hängt diese Stammesgliederung 
mit einer wichtigen Erscheinung zusammen, die zum erstenmal 
im totemistischen Zeitalter auftritt: mit der Exogamie." 

Wenn wir durch all das hindurch, was späterer Forthil- 



ft nofil^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



KONSTBUKTION DES URSPRÜNGLICHEN TOTEMI8MU8. 143 

dung oder Abschwächung entsprechen mag, zu einer Chaxakte- 
ristik des tirsprünglichen Totemismus gelangen wollen, so er- 
geben sich uns folgende wesentliche Züge: Die Totem waren 
ursprünglich nur Tiere, sie galten als die Ahnen 
der einzelnen Stämme. Der Totem vererbte sich 
nur in weiblicher Linie; es war verboten, den 
Totem zu töten (oder zn essen, was für primitive Ver- 
hältnisse zusammenfällt); es war den Totemgenossen 
verboten, Sexualverkehr miteinander zu pflegen^). 
Es darf uns nun auffallen, daß in dem Code du totemisme, 
den Rein ach aufgestellt hat, das eine der Haupttabu, das 
der Exogamie, überhaupt nicht vorkommt, während die Vor- 
aussetzung des zweiten, die Abstammung vom Totemtier, nur 
eine beiläufige Erwähnung findet- Ich habe aber die Darstel- 
lung Reinachs, eines um den Gegenstand sehr verdienten 
Autors, ausgewählt, um auf die Meinungsverschiedenheiten 
unter den Autoren vorzubereiten, welche uns nun beschäf- 
tigen sollen. 

1) übereinstimmend mit diesem Text lautet das Fazit des Totemis- 
mus, welches Prazer in seiner zweiten Arbeit über den Gegenstand 
(The origiii o£ Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: Thus Totemism 
has commonly been treated as a primitive System both of religion and 
of Society. As a System of religion it embracee the mystic union of the 
savage with bis totem; as a system of society it comprises the relations 
in which men and women of the same totem stand to each other and 
to the members of other totemic groups. And corresponding to these two 
sides of the eyatem are two rough-and-ready tests or canons of Totemism: 
first, the rule that a man may not kill or eat bis totem animal or plant, 
and second, the rule that he may not marry or cohabit with a woman 
of the same totem/* (p. 101.) Prazer fügt dann hinzu, was uns mitten 
in die Diskussionen über den Totemismus hineinführt: Whether the two 
sides — the religious and the social — have always coexisted or are 
essenüally independent, is a question which has been variously answered. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



144 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS. 

2. 

Je unabweisbarer die Einsicht auftrat, daß der Totemismus 
eine regelmäßige Phase aller Kulturen gebildet habe, desto 
dringender wurde das Bedürfnis, zu einem Verständnis desselben 
zu gelangen, die Rätsel seines Wesens aufzuhellen. Rätselhaft 
ist wohl alles am Totemismus; die entscheidenden Fragen sind 
die nach der Herkunft der Totemabstammung, nach der Moti- 
vierung der Exogamie (respektive des durch sie vertretenen" 
Inzesttabu) und nach der Beziehung zwischen den beiden, der 
Totemorganisation und dem Inzestverbot. Das Verständnis 
sollte in einem ein historisches und ein psychologisches sein, 
Auskunft geben, unter welchen Bedingimgen sich diese eigen- 
tümliche Institution entwickelt, und welchen seelischen Be- 
dürfnissen der Menschen sie Ausdruck gegeben hatte. 

Meine Leser werden nun gewiß erstaunt sein zu hören, 
von wie verschiedenen Gesichtspunkten her die Beantwortung 
dieser Fragen versucht wurde, und wie weit die Meinungen der 
sachkundigen Forscher hierüber auseinandergehen. Es steht so 
ziemlich alles in Frage, was man allgemein über Totemismus 
und Exogamie behaupten möchte; auch das vorangeschickte, 
aus einer von Frazer 1887 veröffentlichten Schrift ge- 
schöpfte Bild kann der Kritik nicht entgehen, eine willkürliche 
Vorliebe des Referenten auszudrücken, und würde heute von 
Frazer selbst, der seine Ansichten über den Gegenstand wie- 
derholt geändert hat, beanständet werden^). 

1) AnläLßlich einer solchen Sinnesänderung schrieb er den schönen 
Satz nieder: „That my conclusions on these difficult qiiestions are final, 
I am noti so foolish as to pretend, I have changed my views repeatedly, 
and I am resolved to change them again with every change of the evi- 
dence, for like a chameleon the candid enquirer should shift his colours 
with the shifting colours of the ground he treads." Vorrede zum I, Band 
von Totemism and Exogamy. 1910. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV.:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



UNSTIMMIGKEITEN DER AUTOREN. 145 



Es ist eine naheliegende Annahme, daß man das Wesen 
des Totemismus und der Exogamie am ehesten erfassen könnte, 
wenn man den Ursprüngen der beiden Institutionen näher käme. 
Dann ist aber für die Beurteilung der Sachlage die Bemerkung 
von Andrew Lang nicht zu vergessen, daß auch die primi- 
tiven Völker uns diese ursprünglichen Formen der Institu- 
tionen und die Bedingungen für deren Entstehung nicht mehr 
aufbewahrt haben, so daß wir einzig und allein auf Hypothesen 
angewiesen bleiben, um die mangelnde Beobachtung zu er- 
setzen i). Unter den vorgebrachten Erklärungsversuchen er- 
scheinen einige dem Urteil des Psychologen von vornherein als 
inadäquat. Sie sind allzu rationell und nehmen auf den Ge- 
fühlscharakter der zu erklärenden Dinge keine Rücksicht. An- 
dere ruhen auf Voraussetzungen, denen die Beobachtung die 
Bestätigung versagt; noch andere berufen sich auf ein Ma- 
terial, welches besser einer anderen Deutimg unterworfen wer- 
den sollte. Die Widerlegung der verschiedenen Ansichten hat 
in der Regel wenig Schwierigkeiten; die Autoren sind wie 
gewöhnlich in der Kritik, die sie aneinander üben, stärker als 
in ihren eigenen Produktionen. Ein Non liquet ist für die 
meisten der behandelten Punkte das Endergebnis. Es ist da- 
her nicht zu verwundern, wenn in der neuesten, hier meist über- 
gangenen Literatur des Gegenstandes das unverkennbare Be- 
streben auftritt, eine allgemeine Lösung der totemistischen 
Probleme als undurchführbar abzuweisen. So z. B. Golden- 
weiser im J. of Am. Folk-Lore XXIII, 1910. Referat in Bri- 



1) „By the nature of the case, as the origin of totemism lies far 
beyond our powers of historical examination or of experiment, we must 
have recourse as regards this matter to conjecture", A. Lang, Secret 
of the Totem, p. 27. — .,Nowhere do we see absolutely primitive man, 
and a totemic System in the making." p. 29. 

Frend, Totem und Talin. 10 



C f^f^nic' Orrginaf frcrnn 

:3yv_:-uiJgliw UNIVERSITYOF MICHIGAN 



146 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMÜS 

tannica Year Book 1913.) Ich habe mir gestattet, bei der Mit- 
teilung dieser einander widerstreitenden Hypothesen von deren 
Zeitfolge abzusehen. 

a) Die Herkunft des Totemismus. 

Die Frage nach der Entstehung des Totemismus läßt sich 
auch so formulieren: Wie kamen primitive Menschen dazu, 
sich (ihre Stämme) nach Tieren, Pflanzen, leblosen Gegen- 
ständen zu benennen^)? 

Der Schotte Mac Leuna n, der Totemismus und Exo- 
gamie für die Wissenschaft entdeckte ^), enthielt sich, eine An- 
sicht über die Entstehung des Totemismus* zu veröffentlichen. 
Nach einer Mitteilung^ von A. Lang^) war er eine Zeitlang 
geneigt, den Totemismus auf die Sitte des Tätowierens zurück- 
zuführen. Die Verlautbarten Theorien zur Ableitung des Tote- 
mismus möchte ich in drei Gruppen bringen, als a) nominali- 
stische, ß) soziologische, y) psychologische. 

a) Die nominalistischen Theorien. 

Die Mitteilungen über diese Theorien werden deren Zu- 
sammenfassung unter dem von mir gebrachten Titel rechtfer- 
tigen. 

Schon Garcilaso de la Vega, ein Abkömmling der 
peruanischen Inka, der im XVH. Jahrhundert die Geschichte 
seines Volkes schrieb, soir, was ihm von totemistischen Phä- 
nomenen bekannt war, auf das Bedürfnis der Stämme, sich durch 



1) Wahrscheinlich iirsprünglich nur nach Tieren. 

2) The Worship of Animals and Planta, Fortnightly Review 1869— 
1870. — Primitive marriage 1865; beide Arbeiten abgedruckt in Studies 
in ancient History, 1876. 2. ed. 1886. 

3) The Secret o£ thc Totem, 1905, p. 31 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



DIE HERKUNFT DES TOTEMISMÜÖ, 147 

Namen von einander zu unterscheiden, zurückgeführt haben ^). 
Derselbe Gedanke taucht Jahrhunderte später in der Ethnology 
von A. K. Keane auf: die Totem seien aus „heraldic badges" 
(Wappenabzeichen) hervorgegangen, durch die Individuen, Fa- 
milien und Stämme sich von einander unterscheiden wollten^). 

Max Müller äußerte dieselbe Ansicht über die Bedeu- 
tung der Totem in seinen Contributions to the Science of My- 
thology^). Ein Totem sei: 1. ein Clanabzeichen, 2. ein Clan- 
name, 3. der Name des Ahnherrn des Clan, 4. der Name des 
vom Clan verehrten Gegenstandes. Später J. Pikler 1899: 
Die Menschen bedurften eines bleibenden, schriftlich fixier- 
baren Namens für Gemeinschaften und Individuen So ent- 
springt also der Totemismus nicht aus* dem religiösen, sondern 
aus dem nüchternen Alltagsbedürfnis der Menschheit. Der 
Kern des Totemismus, die Benennung, ist eine Folge der pri- 
mitiven Schrifttechnik'. Der Charakter der Totem ist^ auch 
der von leicht darstellbaren Schriftzeichen. Wenn die Wil- 
den aber erst den Namen eines Tieres trugen, so leiteten sie 
daraus die Idee einer Verwandtschaft von diesem Tiere ab*). 

Herbert Spencer^) legte gleichfalls der Namengebung 
die entscheidende Bedeutung für die Entstehung des Totemis- 
mus bei. Einzelne Individuen, führte er aus, hätten durch ihre 
Eigenschaften herausgefordert, sie nach Tieren zu benennen, 
und seien so zu Ehrennamen oder Spitznamen gekommen, welche 

1) Nach A. Lang, Secret of the Totem, p. 34. 

2) Ibid. 

3) Nach A. Lang. 

*) Pikler und So ml 6, Der Ursprung des Totemismus. 1901. Die 
Autoren kennzeichnen ihren Erklärungsversuch mit Recht als „Beitrag 
zur materialistischen Geschichtstheorie". 

^) Tho origin of animal worship, Fortnightly Eeview 1870. Prinzipien 
der Soziologie, I. Bd., §§ 169 bis 176. 

10* 



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OrfgfrTaffrom 
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148 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS. 

sich auf ilire Nachkommen fortsetzten. Infolge der Unbestimmt- 
heit und Unverständlichkeit der primitiven Sprachen seien 
dieöe Namen von den späteren Generationen so aufgefaßt wor- 
den, als seien sie ein Zeugnis für ihre Abstammung von diesen 
Tieren selbst. Der Totemismus hätte sich so als mißverständ- 
liche Ahnenverehrung ergeben. 

Ganz ähnlich, obwohl ohne Hervorhebung des Mißverständ- 
nisses hat Lord Avebury (bekannter unter seinem früheren 
Namen Sir John Lubbock) die Entstehung des Totemismus 
beurteilt: Wenn wir die Tierverehrung erklären wollen, dür- 
fen wir nicht daran vergessen, wie häufig die menschlichen Na- 
men von den Tieren entlehnt werden. Die Kinder und das 
Gefolge eines Mannes, der Bär oder Löwe genannt wurde, machten 
daraus natürlich einen Stammesnamen. Daraus ergab sich, daß 
das Tier selbst zu einer gewissen Achtung und endlich Ver- 
ehrung gelangte. 

Einen, wie es scheint, unwiderleglichen Einwand gegen 
solche Zurückführung der Totemnamen auf die Namen von 
Individuen hat Fison vorgebracht i). Er zeigt an den Ver- 
hältnissen von Australien, daß der Totem stets das Merkzeichen 
einer Gruppe von Menschen, nie eines einzelnen ist. Wäre es 
aber anders und der Totem ursprünglich der Name eines ein- 
zelnen Menschen, so könnte er bei dem System der mütterlichen 
Vererbung nie auf dessen Kinder übergehen. 

Die bisher mitgeteilten Theorien sind übrigens in offen- 
kun^ger Weise unzureichend. Sie erklären etwa die Tatsache 
der Tiernamen für die Stämme der Primitiven, aber niemals 
die Bedeutung, welche diese Namengebung für sie gewonnen 
hat, das totsmistische System. Die beachtenswerteste Theorie 
dieser Gruppe ist die von A. Lang in seinen Büchern Social 

1) Kamilaroi and Kurmai, p. 165, 1880 (nach A. Lang, Secret etc.). 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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NOMINALISTISCHE THEORIEN. 149 

origins 1903 und The secrot of the totem 1905 entwickelte. 
Sie macht immer noch die Namengebung zum Kern des Pro- 
blems, aber sie verarbeitet zwei interessante psychologische 
Momente und beansprucht ©o, das Rätsel des Totemismus der 
endgültigen Lösung zugeführt zu haben. 

A. Lang meint, es sei zunächst gleichgültig, auf welche 
Weise die Clans zu ihren Tiernamen gekommen seien. Man 
wolle nur annehmen, sie erwachten eines Tages zum Bewußt- 
sein, daß sie solche tragen, und wußten sich keine Rechenschaft 
zu geben, woher. Der Ursprung dieser Namen sei 
vergessen. Dann würden sie versuchen, sich durch Speku- 
lation Auskunft darüber zu schaffen, und bei ihren Überzeu- 
gungen von der Bedeutung der Namen müßten sie notwendiger- 
weise zu all den Ideen kommen, die im totemistischen System 
enthalten sind. Namen sind für die Primitiven — wie für 
die heutigen Wilden und selbst für unsere Kinder^) — nicht 
etwa etwas Gleichgültiges und Konventionelles, wie sie uns ' 
erscheinen, sondern etwas Bedeutungsvolles und Wesent- 
liches. Der Name eines Menschen ist ein Hauptbestandteil seiner 
Person, vielleicht ein Stück seiner Seele. Die Gleichnamigkeit 
mit dem Tiere mußte die Primitiven dazu führen, ein ge- 
heimnisvolles und bedeutsames Band zwischen ihren Personen 
und dieser Tiergattting anzunehmen. Welches Band konnte da 
anders in Betracht kommen als das der Blutsverwandtschaft? 
War diese aber infolge der Namensgleichheit einmal angenom- 
men, so ergaben sich aus ihr als direkte Folgen des Bluttabu 
alle Totemvorschriften mit Einschluß der Exogamie. 

„No more than these three things — a group animal name 
of unknown origin ; belief in a transcendental connection between 
all bearers, human and bestial, of the same name; and belief 



1) Vgl. die Abhandlung über das Tabu, S. 76. 



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150 I^^- I>IE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS. 

in the blood superstitions — was needed to give rise to all 
the totemic creeds and practioes, including exogamy." (Secret 
of the Totem, p. 126.) 

Längs Erklärung ist sozusagen zweizeitig. Sie leitet 
das totemistische System mit psychologischer Notwendigkeit 
aus der Tatsache der Totemnamen ab unter der Voraussetzung, 
daß die Herkunft dieser Namengebung vergessen worden sei. 
Das andere Stück der Theorie sucht nun den Ursprung dieser 
Namen aufzuklären; wir werden sehen, daß es von ganz an- 
derem Gepräge ist. 

Dies andere Stück der Lang sehen Theorie entfernt sich 
nicht wesentlich von den übrigen, die ich „nominalistisch" ge- 
nannt habe. Das praktische Bedürfnis nach Unterscheidung 
nötigte die einzelnen Stämme Namen anzunehmen, und darum 
ließen sie sich die Namen gefallen, die jedem Stamm von den 
anderen gegeben wurden. Dies „naming from without'* ist die 
Eigentümlichkeit der Lang sehen Konstruktion. Daß die Na- 
men, die so zu stände kamen, von Tieren entlehnt waren, ist 
nicht weiter auffällig und braucht von den Primitiven nicht 
als Schimpf oder Spott empfunden worden zu sein* Übrigens 
hat Lang die keineswegs vereinzelten Fälle aus späteren 
Epochen der Geschichte herangezogen, in denen von außen ge- 
gebene, ursprünglich als Spott gemeinte Namen von den so 
Bezeichneten akzeptiert und bereitwillig getragen wurden 
(Geusen, Whigs und T o r i e s). Die Annahme, daß die Ent- 
stehung dieser Namen im Laufe der Zeit vergessen wurde, ver- 
knüpft dies zweite Stück der Langschen Theorie mit dem 
vorhin dargestellten ersten. 



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SOZIOLOGISCHE THEORIEN. 151 

ß) Die soziologischen Theorien. 

S. Eeinaeh, der den Überbleibseln des totemistischen 
Systems in Kult und Sitte späterer Perioden erfolgreich nach- 
gespürt, aber von Anfang an das Moment der Abstammung 
vom Totemtier gering geschätzt hat, äußert einmal ohne Be- 
denken, der Totemismus scheine ihm nichts anderem zu sein 
als „uno hypertrophie de l'instinct social"^). 

Dieselbe Auffassung scheint das neue "Werk von E. Durk- 
heim: Les formes elementaires de la vie religieuse. Le Systeme 
totemique en Australie, 1912, zu durchziehen. Der Totem ist 
der sichtbare Repräsentant der sozialen Religion dieser Völker- 
Er verkörpert die Gemeinschaft, welche der eigentliche Gegen- 
stand der Verehrung ist. 

Andere Autoren haben nach näherer Begründung für diese 
Beteiligung der sozialen Triebe an der Bildung der totemisti- 
schen Institutionen gesucht. So hat A. C. Haddon an- 
genommen, daß jeder primitive Stamm ursprünglich von einer 
besonderen Tier- oder Pflanzenart lebte, vielleicht auch mit 
diesem Nahrungsmittel Händel trieb und ihn anderen Stäm- 
men im Austausch zuführte. So konnte es nicht fehlen, daß 
der Stamm den anderen unter dem Namen des Tieres, welches 
für ihn eine so wichtige Rolle spielte, bekannt wurde. Gleich- 
zeitig mußte sich bei diesem Stamm eine besondere Vertraut- 
heit mit dem betreffenden Tier und eine Art von Interesse für 
das&elbe entwickeln, welches aber auf kein anderes psychisches 
Motiv als auf das elementarste und dringendste der mensch- 
lichen Bedürfnisse, den Hunger, gegründet war 2). 

Die Einwendungen gegen diese rationalste aller Totem- 

1) 1. c, T. I, p. 41. 

2) Address to the Anthropological Section, British Association, Bel- 
fast 1902. Nach Frazer, 1. c, T. IV, p. 50 u. ff. 



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152 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHK DES TOTEMISMUS. 

thoorien besagen, daß ein solcher Zustand der Ernährung bei 
den Primitiven nirgends gefunden werde und wahrscheinlich 
niemals bestanden habe. Die Wilden seien omnivor, und zwar 
um so mehr, je niedriger sie stehen. Ferner sei es nicht zu 
verstehen, wie ans solcher ausschließlicher Diät sich ein fast 
religiöses Verhältnis zu dem Totem entwickelt haben konnte, 
das in der absoluten Enthaltung von der Vorzugsnahrung 
gipfelte. 

Die erste der drei Theorien, welche F r a z e r über die Ent- 
stehung des Totemismus ausgesprochen, war eine psychologi 
sehe; sie wird an anderer Stelle berichtet werden. 

Die zweite hier zu besprechende Theorie Frazers ent- 
stand unter dem Eindruck der bedeutungsvollen Publikation 
zweier Forscher über die Eingeborenen von Zentralaustralien ^). 

Spencer und Gillen beschrieben bei einer Gruppe von 
Stämmen, der sogenannten Aruntanation, eine Reihe von 
eigentümlichen Einrichtungen, Gebräuchen und Ansichten, und 
F r a z e r schloß sich ihrem Urteile an, daß diese Besonderheiten 
als Züge eines primären Zustandes zu betrachten seien und 
über den ersten und eigentlichen Sinn des Totemismus Auf- 
schluß geben können. 

Diese Eigentümlichkeiten sind bei dem Arunta stamm 
selbst (einem Teil der Aruntanation) folgende: 

1. Sie haben die Gliederung in Totemclans, aber der Totem 
wird nicht erblich übertragen, sondern (auf später mitzutei- 
lende Weise) individuell bestimmt. 

2. Die Totemclans sind nicht exogam, die Heiratsbeschrän- 
kungen werden durch eine hoch entwickelte Gliederung in Hei- 



1) The native tribes of Central Australia von Baldwin Spencer 
und H. J. Gillen, London 1891. 



C^ no n 1 ^ Ori"g I n a f f no m 

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SOZIOLOGISCHE THEOBIEN. 153 

ratsklassen hergestellt, welche mit den Totem nichts zu tun 
haben. 

3. Die Funktion der Totemclajis besteht in der Ausführung 
einer Zeremonie, welche auf exquisit magische Weise die Ver- 
mehrung des eßbaren Totemobjekts bezweckt (diese Zeremonie 
heißt Intichiuma). 

4. Die Arunta haben eine eigenartige Konzeptions- und 
Wiedergeburtstheorie. Sie nehmen an, daß an bestimmten 
Stellen ihres Landes die Geister der Verstorbenen desselben 
Totem auf ihre Wiedergeburt warten und in den Leib der 
Frauen eindringen, die jene Stellen passieren. Wird ein Kind 
geboren, so gibt die Mutter an, auf welcher Geisterstätte sie 
ihr Kind empfangen zu haben glaubt. Danach wird der Totem 
des Kindes bestimmt. Es wird ferner angenommen, daß die 
Geister (der Verstorbenen, wie der Wiedergeborenen) an eigen- 
tümliche Steinamulette gebunden sind (Namens Churinga), 
welche an jenen Stätten gefunden werden. 

Zwei Momente scheinen Frazer zum Glauben bewogen 
zu haben, daß man in den Einrichtungen der Arunta die 
älteste Form des Totemismus aufgefunden habe. Erstens die 
Existenz gewisser Mythen, welche behaupteten, daß die Ahnen 
der Arunta sich regelmäßig von ihrem Totem genährt und 
keine anderen Frauen als die aus ihrem eigenen Totem gehei- 
ratet hätten. Zweitens die anscheinende Zurücksetzung des 
Geschlechtsaktes in ihrer Konzeptionstheorie. Menschen, die 
noch nicht erkannt hatten, daß die Empfängnis die Folge des 
Geschlechtsverkehrs sei, durfte man wohl als die zurückgeblie- 
bensten und primitivsten unter den heute lebenden ansehen. 

Indem Frazer sich für die Beurteilung des Totemismus 
an die Intichiumazeremonie hielt, erschien ihm das tote- 
mistische System auf einmal in gänzlich verändertem Lichte 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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154 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS. 

als eine durchwegs praktische Organisation zur Bestreitung 
der natürlichsten Bedürfnisse des Menschen (vgl. oben Had- 
don^). Das System war eiiifach ein großartiges Stück von 
„cooperative magic". Die Primitiven bildeten sozusagen einen 
magischen Produktions- und Konsumverein. Jeder Totemclan 
hatte die Aufgabe übernommen, für die Eeichlichkeit eines 
gewissen Nahrungsmittels 2fu sorgen. Wenn es sich um nicht 
eßbare Totem handelte, wie um schädliche Tiere, um Eegen, 
Wind u. dgl., so war die Pflicht des Totemclan, dieses Stück 
Natur zu beherrschen und dessen Schädlichkeit abzuwehren. 
Die Leistungen eines jeden Clan kamen allen anderen zu gute. 
Da der Clan von seinem Totem nichts oder nur sehr wenig 
^ssen durfte, so beschaffte er dieses wertvolle Gut für die 
Anderen und wurde dafür von ihnen mit dem versorgt, was 
^ie selbst als ihre soziale Totempflicht zu besorgen hatten. 
Im Lichte dieser durch die Intichiumazeremonie vermit- 
telten Auffassung wollte es Frazer scheinen, als wäre man 
durch das Verbot, von seinem Totem zu essen, verblendet wor- 
den, die wichtigere Seite des Verhältnisses zu vernachlässigen, 
nämlich das Grebot, möglichst viel von dem eßbaren Totem 
für den Bedarf der anderen herbeizuschaffen. 

Frazer nahm die Tradition der Arunta an, daß jeder 
Totemclan sich ursprünglich ohne Einschränkung von seinem 
Totem genährt habe. Dann bereitete es Schwierigkeiten, die 
folgende Entwicklung zu verstehen, die sich damit begnügte, 
den Totem für andere zu sichern, während man selbst auf 



1) „There is nothing vague or mystical abotft it, nothing of that 
metaphysikal haze which some writers love to conjure up over the humble 
beginnings of human speculation but which is utterly foreign to the 
simple, sensuous, and concrete modes of the savage" (Totemism and 
Exogamy, I, p. 117), 



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OrfgfrTaffrom 
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SOZIOLOGISCHE THEORIES. — DAS INTICHIUMA. 155 

seinen Genuß fast verzichtete. Er nahm dann an, diese Ein- 
schränkung sei keineswegs aus einer Art von religiösem Re- 
spekt hervorgegangen, sondern vielleicht aus der Beobachtung, 
daß kein Tier seinesgleichen zu verzehren pflege, so daß dieser 
Abbruch der Identifizierung mit dem Totem der Macht, die man 
über denselben zu erlangen wünschte, Schaden brächte. Oder 
aus einem Bestreben, sich das Wesen geneigt zu machen, in- 
dem man es selbst verschonte. Frazer verhehlte sich aber 
die Schwierigkeiten dieser Erklärung nicht ^) und ebensowenig 
getraute er sich anzugeben, auf welchem Wege die von den 
Mythen der Arunta behauptete Gewohnheit, innerhalb des 
Totem zti heiraten, sich zur Exogamie gewandelt habe. 

Die auf das Intichiuma gegründete Theorie Frazers 
steht und fällt mit der Anerkennung der primitiven Natur 
der A r u n t a institutionen. Es scheint aber unmöglich, diese 
letztere gegen die von Durkheim^) und Lang^) vorge- 
brachten Einwendungen zu halten. Die Arunta scheinen 
vielmehr die entwickeltsten der australischen Stämme zu sein, 
eher ein Auflösungsstadium als den Beginn des Totemismus 
zu repräsentieren. Die Mythen, welche auf Frazer so großen 
Eindruck gemacht haben, weil sie im Gegensatz zu den heute 
herrschenden Institutionen die Freiheit betonen, vom Totem 
zu essen und innerhalb des Totem zu heiraten, würden sich uns 
leicht als Wunschphantasien erklären, welche in die Ver- 
gangenheit projiziert sind, ähnlich wie der Mythus vom gol- 
denen Zeitalter. 



1) 1. c, p. 120. 

2) L'annee sociologique T. I, Y, VIII und an anderen Stellen. Siehe 
besonders die Abhandlung Sur le totemisme. T. V, 1901, 

3) Social Origins und Beeret of the Tot^m. 



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156 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMÜS. 

7) Die psychologischen Theorien. 

Die erste psychologische Theorie Fräsers, noch vor seiner 
Bekanntschaft mit den Beobachtungen von Spencer und 
Gillen geschaffen, ruhte auf dem Glauben an die „äußerliche 
Seele" ^). Der Totem sollte einen sicheren Zufluchtsort für 
die Seele darstellen, an dem sie deponiert wird, um den Ge- 
fahren, die sie bedrohen, entzogen zu bleiben. Wenn der Pri- 
mitive seine Seele in seinem Totem untergebracht hatte, so 
war er selbst unverletzlich und natürlich hütete er sich, den 
Träger seiner Seele selbst zu beschädigen. Da er aber^ nicht 
wußte, welches Individuum der Tierart sein Seelenträger war, 
lag es ihm nahe, die ganze Art zu verschonen. Frazer hat 
diese Ableitung des Totemismus aus dem Seelenglauben später 
selbst aufgegeben. 

Als er mit den Beobachtungen von Spencer und Gillen 
bekannt wurde, stellte er die andere soziologische Theorie des 
Totemismus auf, welche eben vorhin mitgeteilt wurde, aber er 
fand dann selbst, daß das Motiv, aus dem er den Totemismus 
abgeleitet, allzu „rationell" sei, und daß er dabei eine soziale 
Organisation vorausgesetzt habe, die allzu kompliziert sei, alö 
daß man sie primitiv heißen dürfe ^). Die magischen Kooperativ- 
gesellschaften erschienen ihm jetzt eher als späte Früchte denn 
als Keime des Totemismxts. Er suchte ein einfacheres Moment, 
einen primitiven Aberglauben, hinter diesen Bildungen, um aus 
ihm die Entstehung des Totemismus abzuleiten. Dieses ur- 



1) The Golden Bough II, p. 332. 

2) „It is unlikely that a Community of savages should deliberately 
parcel out the realm of nature into provincea, assign each province to a 
particular band of magicians, and bid all the bands to work their magic 
and weavo their spells for the common good." T. and Ex. IV, p. 57. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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PSYCHOLOGISCHE THEORIEN - DIE ARUNTA. 157 

«prün gliche Moment fand er dann in der merkwürdigen Kon- ' 
zeptionstheorie der Arunta. 

Die Arunta heben, wie bereits erwähnt, den Zusammen 
hang der Konzeption mit dem Geschlechtsakt auf. Wenn ein 
Weib sich Mutter fühlt, so ist in diesem Augenblick einer der 
auf Wiedergeburt lauernden Geister von der nächstliegenden 
Geisterstätte in ihren Leib eingedrungen und wird von ihr als 
Kind geboren. Dies Kind hat denselben Totem wie alle an der 
gewissen Stelle lauernden Geister. Diese Kopzeptionstheorie 
kann den Totemismus nicht erklären, denn sie setzt den Totem 
voraus. Aber wenn man einen Schritt weiter zurückgehen und 
annehmen will, daß das Weib ursprünglich geglaubt, das Tier, 
die Pflanze, der Stein, das Objekt, welches ihre Phantasie in 
dem Moment beschäftigte, da sie sich zuerst Mutter fühlte, sei 
wirklich in sie eingedrungen und werde dann von ihr in mensch- 
lichei* Form geboren, dann wäre die Identität eines Menschen 
mit seinem Totem durch den Glauben der Mutter wirklich be- 
gl-ündet, und alle weiteren Totemgebote (mit Ausschluß der 
Exogamie) ließen sich leicht daraus ableiten. Der Mensch 
würde sich weigern, von diesem Tier, dieser Pflanze zu essen, 
weil er damit gleichsam sich selbst essen würde. Er würde 
sich aber veranlaßt finden, gelegentlich in zeremoniöser Weise 
etwas von seinem Totem zu genießen, weil er dadurch seine 
Identifizierung mit dem Totem, welche das Wesentliche am 
Totemismus ist, verstärken könnte. Beobachtungen von 
W. H. ß. Rivers an den Eingeborenen der Banks inseln schie- 
nen die direkte Identifizierung der Menschen mit ihrem Totem 
auf Grund einer solchen Konzeptionstheorie zu erweisen^). 

Die letzte Quelle des Totemismus wäre also die Unwissen- 
heit der Wilden über den Prozeß, wie Menschen und Tiere ihr 



1) T. and Ex. II, p. 89 und IV, p. 59. 



C^ no n 1 ^ Orrgin a f f ro m 

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158 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMÜS. 

Geschlecht fortpflanzen. Des besonderen die Unkenntnis der 
Rolle, welche das Männchen bei der Befruchtung spielt. Diese 
Unkenntnis muß erleichtert werden durch das lange Intervall, 
welches sich zwischen den befruchtenden Akt und die Geburt 
des Kindes (oder das Verspüren der ersten Kindsbewegungen) 
einschiebt. Der Totemismus ist daher eine Schöpfung nicht deö^ 
männlichen, sondern des weiblichen Geistes. Die Gelüste (sick 
fancies) des schwangeren Weibes sind die Wurzel desselben- 
„Anything indeed that Struck a woman at that mysterious mo- 
ment of her lifo when she first knows herseif to be a mother 
might easily be identified by her with the child in her womb. 
Such matemal fancies, so natural and seemingly so universaly 
appear to be the root of totemism^)." 

Der Haupteinwand gegen diese dritte F r a z e r sehe Theorie^ 
ist derselbe, der bereits gegen die zweite, soziologische, vor- 
gebracht wurde. Die Arunta scheinen sich von den An- 
fängen des Totemismus weit weg entfernt zu haben. Ihre Ver- 
leugnung der Vaterschaft scheint nicht auf primitiver Un- 
wissenheit zu beruhen; sie haben selbst in manchen Stücken 
väterliche Vererbung. Sie scheinen die Vaterschaft einer Art 
von Spekulation geopfert zu haben, welche die Ahnengeister zu 
Ehren bringen will 2). Wenn sie den Mythus der unbefleckten 
Empfängnis durch den Geist zur allgemeinen Konzeptionstheorie 
erheben, darf man ihnen darum Unwissenheit über die Bedin- 
gungen der Fortpflanzung ebensowenig zumuten, wie den alten 
Völkern um die Zeit der Entstehung der christlichen Mythen. 

Eine andere psychologische Theorie der Herkunft de& 
Totemismus hat der Holländer G. A. Wilck'en Aufgestellte 

1) 1. c. IV, p. 63. 

2) „That belief is a philosophy far frora primitive." A. Lang^ 
Secret of the Totem, p. 192. 



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PSYCHOLOGISCHE THEORIEN. 159 



Sie stellt eine Verknüpfung des Totemismus mit der Seelen- 
Wanderung her. „Dasjenige Tier, in welches die Seelen der 
Toten nach allgemeinem Glauben übergingen, wurde zum Bluts- 
ver*wandten, Ahnherrn und als solcher verehrt." Aber der 
Glauben an die Tierwanderung der Seelen mag eher aus dem 
Totemismus abgeleitet sein als umgekehrt^). 

Eine andere Theorie des Totemismus wird von ausgezeich- 
neten amerikanischen Ethnologen, Fr. Boas, Hill-Tout u.a., 
vertreten. Sie geht von den Beobachtungen an totemistischen 
fndianerstämmen aus imd behauptet, der Totem sei ursprüng- 
lich der Schutzgeist eines Ahnen, den dieser durch einen Traum 
erworben und auf seine Nachkommenschaft vererbt habe. Wir 
haben schon früher gehört, welche Schwierigkeiten die Ab- 
leitung des Totemismus aus der Vererbung von einem einzelnen 
her bietet; überdies sollen die australischen Beobachtungen 
die Zurückführung des Totem auf den Schutzgeist keineswegs 
unterstützen 2). 

Für die letzte der psychologischen Theorien, die von 
Wundt ausgesprochene, sind die beiden Tatsachen entschei- 
dend geworden, daß erstens das ursprüngliche Totemobjekt und 
das dauernd verbreitetste das Tier ist, und daß zweitens unter 
den Totemtieren wieder die ursprünglichsten mit Seelentieren 
zusammenfallen 3). Seelentiere, wie Vögel, Schlange, Eidechse, 
Maus eignen sich durch ihre schnelle Beweglichkeit, ihren Flug 
in der Luft, durch andere Überraschung und Grauen erregende 
Eigenschaften dazu, als die Träger der den Körper verlas- 
senden Seele erkannt zu werden. Daß Totemtier ist ein Ab- 
'kömmling der Tierverwandlungen der Hauchseele. So mündet 



1) Frazer, T. and Ex. IV, p. 45 u. ff. 

2) Frazer, 1. c, p. 48, 

3) Wundt, Elemente der Völkerpsychologie, p. 190. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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160 ^y- I>IE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMüS. 

hier für AYundt der Totemismus unmittelbar in den Seelen- 
glauben oder Animismus ein. j 

h) und c) Die Herkunft der Exogamie und ihre Be- 
ziehung zum Totemismus. 

Ich habe die Theorien des Totemismus mit einiger Aus- 
führlichkeit vorgebracht und muß dennoch befürchten, daß 
ich deren Eindruck durch die immerhin notwendige Verkürzung 
geschadet habe. In betreff der weiteren Fragen nehme ich 
mir im Interesse der Leser die Freibeit einer noch weitergehen- 
den Zusammendrängung. Die Diskussionen über die Exogamie 
der Totem Völker werden durch die Natur des dabei verwer- 
teten Materials besonders kompliziert und unübersehbar; man 
könnte sagen: verworren. Die Ziele dieser Abhandlung ge- 
statten es auch, daß ich mich hier auf Hervorhebung einiger 
Richtlinien beschränke und für eine gründlichere Verfolgung 
des Gegenstandes auf die mehrmals zitierten eingehenden Fach- 
schriften verweise. 

Die Stellung eines Autors zu den Problemen der Exogamie 
ist natürlich nicht unabhängig von seiner Parteinahme für 
diese oder jene Totemtheorie. Einige von diesen Erklärungen 
des Totemismus lassen jede Anknüpfung an die Exogamie ver- 
missen, so daß die beiden Institutionen glatt auseinanderfallen. 
So stehen hier zwei Anschauungen einander gegenüber, die eine, 
welche den ursprünglichen Anschein festhalten will, die Exo- 
gamie sei ein wesentliches Stück des totemistischen Systems, 
und eine andere, welche einen solchen Zusammenhang bestreitet 
und an ein zufälliges Zusammentreffen der beiden Züge älte- 
ster Kulturen glaubt. F r a z e r hat in seinen späteren Arbeiten 
diesen letzteren Standpunkt mit Entschiedenheit vertreten. 

„I must request the reader to bear constantly in mind that 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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DIE BEZIEHUNG DER EXOGAMIE ZUM TOTEMISMÜS. Ißl 

the two institutions of totcmism and exogamy are fundamen- 
tal ly distinct in origin and natura though they have acciden- 
tally crossed and blended in many tribes." (T. and Ex., L, Vor- 
rede XII.) 

Er warnt direkt vor der gegenteiligen Ansicht als einer 
Quelle unendlicher Schwierigkeiten und Mißverständnisse- Im 
Gegensatz hiezu haben andere Autoren den Weg gefunden, die 
Exogamie als notwendige Folge der totemistischen Grundan- 
schauungen zu begreifen. Durkheim hat in seinen Arbeiten^) 
ausgeführt, wie das an den Totem geknüpfte Tabu das Verbot 
mit sich bringen mußte, ein AVeib des nämlichen Totem zum 
geschlechtlichen Verkehr zu gebrauchen. Der Totem ist von 
demselben Blut wie der Mensch, und darum verbietet der Blut- 
bann (mit Rücksicht auf Defloration und Menstruation) den 
sexuellen Verkehr mit dem Weibe, das demselben Totem an- 
gehört ^). A. Lang, der sich hierin Durkheim anschließt, 
meint sogar, es bedürfte nicht des Bluttabu, um das Verbot 
der Frauen des gleichen Stammes zu bewirken^). Das allge- 
meine Totemtabu, welches z. B. verbietet, im Schatten des 
Totembaumes zu sitzen, würde hiefür hingereicht haben. 
A. Lang verficht übrigens auch eine andere Ableitung der 
Exogamie (s. u.) und läßt es zweifelhaft, wie sich diese beiden 
Erklärungen zueinander verhalten. 

In betreff der zeitlichen Verhältnisse huldigt die Mehr- 
zahl der Autoren der Ansicht, der Totemismus sei die ältere 
Institution, die Exogamie später hinzugekommen^). 

1) L'annöe sociologique 1898—1904. 

2) Siehe die Kritik der Erörterungen Durkheims bei Frazer. 
T. and Ex., IV, p. 101. 

3) Secret etc., p. 125. 

*) Z. B. Frazer, 1. c, IV, p. 75: „The totemic clan is a totally 
different social organism from the exogamous class, and we have good 
grounds for thinking that it is far older." 

Freud, Totem und Taba. 11 



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162 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS. 

Unter den Theorien, welche die Exogamie unabhängig vom 
Totemismus erklären wollen, seien nur einige hervorgehoben, 
welche die verschiedenen Einstellungen der Autoren zum 
Inzestproblem erläutern. 

Mac Lennan^) hatte die Exogamie in geistreicher Weise 
aus den Überresten von Sitten erraten, welche auf den ehe- 
maligen Frauenraub hindeuteten. Er nahm nun an, daß es in 
Urzeiten allgemein gebräuchlich gewesen sei, sich das Weib 
aus einem fremden Stamm zu holen, und die Heirat mit einem 
Weib aus dem eigenen Stamm sei allmählich unerlaubt gewor- 
den, weil sie ungewöhnlich war 2). Das Motiv für diese Ge- 
wohnheit der Exogamie suchte er in einem Frauenmangel jener 
primitiven Stämme, der sich aus dem Gebrauch, die meisten 
weiblichen Kinder bei der Geburt zu töten, ergeben hatte. Wir 
haben es hier nicht mit der Nachprüfung zu tun, ob die tat- 
sächlichen Verhältnisse die Annahmen Mac Lennans be- 
stätigen. Weit mehr interessiert uns das Argument, daß es 
unter den Voraussetzungen des Autors doch unerklärlich bliebe, 
warum sich die männlichen Mitglieder des Stammes auch die 
wenigen Frauen aus ihrem Blut unzugänglich machen sollten, 
und die Art, wie hier das Inzestproblem gänzlich beiseite ge- 
lassen wird^). 

Im Gegensatz hiezu und offenbar mit mehr Recht haben 
andere Forscher die Exogamie als eine Institution zur Ver- 
hütung des Inzests erfaßt^). 

Überblickt man die allmählich wachsende Komplikation 
der australischen Heiratsbeschränkungen, so kann man nicht 



1) Primitive marriage 1865. 

2) „Improper because it was unusual." 

3) Frazer, 1. c. IV, p. 73 bis 92. 

4) Vgl. die erste Abhandlung. 



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DIE HERKUNFT DER EXOOAMIE. 163 



anders als der Ansicht von Morgan, Frazer, Howitt, 
Baldwin Spencer i) beistimmen, daß diese Einrichtungen 
das Gepräge zielbewußter Absicht („deliberate design" nach 
Frazer) an sich tragen, und daß sie das erreichen sollten, 
was sie tatsächlich geleistet haben. „In no other way does it 
seem possible to explain in all its detail^ a System at once so 
complex and so regulär 2)." 

Es ist interessant hervorzuheben, daß die ersten der durch' 
die Einführung von Heiratsklassen erzeugten Beschränkungen 
die Sexualfreiheit der jüngeren Greneration, also den Inzest von 
Geschwistern und von Söhnen mit ihrer Mutter trafen, während 
der Inzest zwischen Vater und Tochter erst durch weitergehende 
Maßregeln aufgehoben wurde- 

Die Zurückführung der exogamischen Sexualbeschränkun- 
gen auf gesetz'gebeirische Absicht leistet aber nichtä für das Ver- 
ständnis des Motivs, welches diese Institutionen geschaffen hat. 
Woher stammt in letzter Auflösung die Inzestscheu, welche 
als die Wurzel der Exogamie erkannt werden muß? Es ist 
offenbar nicht genügend, sich zur Erklärung der Inzestscheu 
auf eine instinktive Abneigung gegen sexuellen Verkehr unter 
Blutsverwandten, d. h. also auf die Tatsache der Inzestscheu 
zu berufen, wenn die soziale Erfahrung nachweist, daß der 
Inzest diesem Instinkt ztoi Trotz kein seltenes? Vorkommnis • 
selbst in unserer heutigen Gesellschaft ist, und wenn die histo- 
rische Erfahrung Fälle kennen lehrt, in denen die inzestuöse 
Ehe bevorzugten Personen zur Vorschrift gemacht wurde. 

Westermarck^) machte zur Erklärung der Inzestscheu 

1) Morgan, Ancieht Society 1877. — Frazer, T. and Ex. IV, 
p. 105 ff. 

2) Frazier, 1. c, p. 106. 

3) Ursprung und Entwicklung der Moralbegriffe. II. Die Ehe. 1909. 
Dort auch die Verteidigung des Autors gegen ihm bekannt gewordene Ein- 
wendungen. jj# 



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1 64 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS. 

geltend, „daß zwischen Personen, die von Kindheit an bei- 
sammen leben, eine angeborene Abneigung gegen den Ge- 
schlechtsverkehr herrscht, und daß dieses* Gefühl, da diese Per- 
sonen in der Regel blutsverwandt sind, in Sitte und Gesetz 
einen natürlichen Ausdruck findet durch den Abscheu vor dem 
Geschlechtsumgang unter nahen Verwandten". Havelock 
Ellis bestritt zwar den triebhaften Charakter dieser Ab- 
neigung in seinen „Studies in the psychology of sex", trat aber 
sonst im wesentlichen derselben Erklärung bei, indem er 
äußerte: „das normale Unterbleiben des Zutagetretens des 
Paarungstriebes dort, wo es sich um Brüder und Schwestern 
oder um von Kindheit auf beisammenlebende Mädchen und 
Knaben handelt, ist eine rein negative Erscheinung, welche 
daher kommt, daß unter jenen Umständen die den Paarung^- 
trieb erweckenden Vorbedingungen durchaus fehlen müssen . . . 
Zwischen Personen, die von Kindheit zusammen aufgewachsen 
sind, hat die Gewöhnung alle sinnlichen Reize des Sehens, des 
Hörens und der Berührung abgestumpft, in die Bahn einer 
ruhigen Zuneigung gelenkt und ihrer Macht beraubt, die zur 
Erzeugung geschlechtlicher Tumeszenz erforderliche nötige 
erethistische Erregung hervorzurufen". 

Es erscheint mir sehr merkwürdig, daß Westermarck 
diese angeborene Abneigimg gegen den Geschlechtsverkehr mit 
Personen, mit denen man die Kindheit geteilt hat, gleichzieitig 
als psychische Repräsentanz der biologischen Tatsache ajisieht, 
daß Inzucht eine Schädigung der Gattung bedeutet. Ein der- 
artiger biologischer Instinkt würde in seiner psychologischen 
Äußerung kaum so weit irregehen, daß er anstatt der für die 
Fortpflanzung schädlichen Blutsverwandten die in dieser Hin- 
sicht ganz harmlosen Haus- und Herdgenossen träfe. Ich kann 
es mir aber auch nicht versagen, die ganz ausgezeichnete Kritik 



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ABLEITUNGEN DER INZESTSCHEÜ. 165 

mitzuteilen, welche F r a z e r der Behauptung von W e s t e r- 
marck entgegenstellt. Frazer findet es unbegreiflich, daß 
das sexuelle Empfinden sich heute so gar nicht gegen den Ver- 
kehr mit Herdgenossen sträubt, während die Inzestscheu, die 
nur ein Abkömmling von diesem Sträuben sein soll, gegenwärtig 
so übermächtig angewachsen ist. Tiefer dringen aber andere 
Bemerkungen Frazers, die ich unverkürzt hieher setze, weil 
sie im Wesen mit den in meinem Aufsatz über das Tabu ent- 
wickelten Argumenten zusammentreffen. 

„Es ist nicht leicht einzusehen, warum ein tief wurzeln- 
der menschlicher Instinkt die Verstärkung durch ein Gesetz 
benötigen sollte. Es gibt kein Gesetz, welches den Menschen 
befiehlt zu essen und zu trinken, oder ihnen verbietet, ihre 
Hände ins Feuer zu stecken. Die Menschen essen und trinken 
und halten ihre Hände vom Feuer weg, instinktgemäß, aus 
Angst vor natürlichen und nicht vor gesetzlichen Strafen, 
die sie sich durch Beleidigung dieser Triebe zuziehen würden. 
Das Gesetz verbietet dem Menschen nur, was sie unter dem 
Drängen ihrer Triebe ausführen könnten. Was die Natur selbst 
verbietet und bestraft, das braucht nicht erst das Gesetz zu 
verbieten und zu strafen. Wir dürfen daher auch ruhig an- 
nehmen, daß Verbrechen, die durch ein Gesetz verboten wer- 
den, Verbrechen sind, die viele Menschen aus natürlichen Nei- 
gungen gern begehen würden. Wenn es keine solche Neigung 
gäbe, kämen keine solchen Verbrechen vor, und wenn solche 
Verbrechen nicht begangen würden, wozu brauchte man sie 
zu verbieten? Anstatt also aus dem gesetzlichen Verbot des 
Inzests zu schließen, daß eine natürliche Abneigung gegen den 
Inzest besteht, sollten wir eher den Schluß ziehen, daß ein 
natürlicher Instinkt zum Inzest treibt, und daß, wenn das 
Gesetz diesen Trieb wie andere natürliche Triebe unterdrückt, 



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166 IV. DIE INFANTILE WJEDERKEHK DES TOTEMISMUS. 

dies seinen Grund in der Einsicht zivilisierter Menschen hat, 
daß die Befriedigung dieser natürlichen Triebe der Gesell- 
schaft Schaden bringt i).*' 

Ich kann dieser kostbaren Argumentation Frazers noch 
hinzufügen, daß die Erfahrungen der Psychoanalyse die An- 
nahme einer angeborenen Abneigung gegen den Inzestverkehr 
vollends unmöglich machen. Sie haben im Gegenteile gelehrt, 
daß die ersten sexuellen Regungen des jugendlichen Menschen 
regelmäßig inzestuöser Natur sind, und daß solche verdrängte 
Regungen als Triebkräfte der späteren Neurosen eine kaum zu 
überschätzende Rolle spielen. 

Die Auffassunng der Inzestscheu als' eines angeborenen 
Instinktes muß also fallen gelassen werden. Nicht besser steht 
es um eine andere Ableitung des Inzestverbots, welche sich 
zahlreicher Anhänger erfreut, um die Annahme, daß die pri- 
mitiven Völker frühzeitig bemerkt haben, mit welchen Ge- 
fahren die Inzucht ihr Geschlecht bedrohe, und daß sie darum 
in bewußter Absicht das Inzestverbot erlassen hätten. Die 
Einwendungen gegen diesen Erklärungsversuch drängen ein- 
ander 2). Nicht nur, daß das Inzestverbot älter sein muß als 
alle Haustierwirtschaft, an welcher der Mensch Erfahrungen 
über die Wirkung der Inzucht auf die Eigenschaften der Rasse 
machen konnte, sondern die schädlichen Folgen der Inzucht 
sind auch heute noch nicht über jeden Zweifel sicherg;estellt 
und beim Menschen nur schwer nachweisbar. Ferner maeht 
alles, was wir über die heutigen "Wilden wissen, es sehr un- 
wahrscheinlich, daß die Gedanken ihrer entferntesten Ahnen 



1) 1. c, p. 97. 

2) Vgl. Durkheim, La prohibition de Tlnceste. Uanaöe socio- 
logique, I, 1896/97. 



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INZESTSCHEÜ UND INZUCHT. 1G7 

bereits mit der Verhütung von Schäden für ihre spätere Nach- 
kommenschaft beschäftigt waren. Es klingt fast lächerlich, 
wenn man diesen ohne jeden Vorbedacht lebenden Menschen- 
kindern hygienische und eugenische Motive zumuten will, wie 
sie noch kaum in unserer heutigen Kultur Berücksichtigung 
gefunden haben ^). 

Endlich wird man auch geltend machen müssen, daß das 
aus praktisch hygienischen Motiven gegebene Verbot der In- 
zucht als eines die Rasse schwächenden Moments ganz un- 
angemessen erscheint, um den tiefen Abscheu zu erklären, 
welcher sich in unserer Gesellschaft gegen den Inzest erhebt. 
"Wie ich an anderer Stelle dargetau habe 2), erscheint diese 
Inzestscheu bei den heute lebenden primitiven Völkern eher 
noch reger und stärker als bei den zivilisierten. 

Während man erwarten konnte, auch für die Ableitung 
der Inzestscheu die Wahl zti haben zwischen soziologischen, 
biologischen und psychologischen Erklärungsmöglichkeiten, wo- 
bei noch die psychologischen Motive vielleicht als Repräsen- 
tanz von biologischen Mächten z(u würdigen wären, sieht man 
sich am Ende der Untersuchung genötigt, dem resignierten 
Ausspruch Frazers beizutreten: Wir kennen die Herkunft 
der Inzestscheu nicht und wissen selbst nicht, worauf wir 
raten sollen. Keine der bisher vorgebrachten Lösungen des 
Rätsels erscheint uns befriedigend^). 



1) Ch. Darwin meint von den Wilden: „they are not likely to 
reflect on distant evils to their progeny." 

2) Vgl. die erste Abhandlung. 

8) „Thus the nltimate origin of exogamy and with it the law of 
incest — since exogamy was devised to prevent incest — remains a pro- 
blem nearly as dark as ever." T. and Ex. I, p. 165. 



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168 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMÜS 

Ich muß noch eines Versuches erwähnen, die Entstehung 
der Inzestscheu zu erklären, welcher von ganz ajiderer Art 
ist als die bisher betrachteten. Man könnte ihn als eine histo- 
rische Ableitung bezeichnen. 

Dieser Versuch knüpft an eine Hypothese von Ch. Dar- 
win über den sozialen Urzustand des Menschen an. Darwin 
schloß aus den Lebensgewohnheiten der höheren Affen, daß 
auch der Mensch ursprünglich in kleinen Horden gelebt habe, 
innerhalb welcher die Eifersucht des ältesten und stärksten 
Männchens die sexuelle Promiskuität verhinderte. „Wir kön- 
nen in der Tat, nach dem was wir von der Eifersucht aller 
Säugetiere wissen, von denen viele mit speziellen "Waffen zum 
Kämpfen mit ihren Nebenbuhlern bewaffnet sind, schließen, 
daß allgemeine Vermischung der Geschlechter im Naturzustand 
äußerst unwahrscheinlich ist . . . Wenn wir daher im Strome 
der Zeit weit genug zurückblicken und nach den sozialen Ge- 
wohnheiten des Menschen, wie er jetzt existiert, schließen, ist 
die wahrscheinlichste Ansicht die, daß der Mensch ursprüng- 
lich in kleinen Gesellschaften lebte, jeder Mann mit einer Frau 
oder, hatte er die Macht, mit mehreren, welche er eifersüchtig 
gegen alle anderen Männer verteidigte. Oder er mag kein 
soziales Tier gewesen sein und doch mit mehreren Frauen für 
sich allein gelebt haben wie der Gorilla; denn alle Eingebo- 
renen stinmien darin überein, daß nur ein erwachsenes Männ- 
chen in einer Gruppe zu sehen ist. Wächst das jimge Männ- 
chen heran, so findet ein Kampf um die Herrschaft statt und 
der Stärkste setzt sich dann, indem er die anderen getötet oder 
vertrieben hat, als Oberhaupt der Gesellschaft fest (Dr. Sa- 
vage in Boston Journal of Natur. Hist. V., 1845 — 1847). 
Die jüngeren Männchen, welche hiedurch ausgestoßen sind und 
nun herumwandern, werden auch, wenn sie zuletzt beim Fin- 



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DIE DARWINSCHE URHOEDE. — ATKINSON. 169 

den einer Gattin erfolgreich sind, die zu enge Inzucht inner- 
halb der Glieder einer und derselben Pamilie verhüten i)." 

Atkinson^) scheint zuerst erkannt zu haben, daß diese 
Verhältnisse der Darwinschen Urhorde die Exogamie der 
jungen Männer praktisch durchsetzen mußten. Jeder dieser 
Vertriebenen konnte eine ähnliche Horde gründen, in welcher 
dasselbe Verbot des Geschlechtsverkehrs dank der Eifersucht 
des Oberhauptes galt, und im Laufe der Zeit würde sich aus 
diesen Zuständen die jetzt als Gesetz bewußte Kegel ergeben 
haben: Kein Sexualverkehr mit den Herdgenossen. Nach Ein- 
setzung des Totemismus hätte sich die Regel in die andere 
Form gewandelt: Kein Sexual verkehr innerhalb des Totem. 

A. Lang^) hat sidh dieser Erklärung der Exogamie an- 
geschlossen. Er vertritt aber in demselben Buche die andere 
(Durkheimsche) Theorie, welche die Exogamie als Kon- 
sequenz aus den Totemgesetzen hervorgehen läßt. Es ist nicht 
ganz einfach, die beiden Auffassungen miteinander zu ver- 
einigen; im ersten Falle hätte die Exogamie vor dem Totemis- 
mus bestanden, im zweiten wäre sie eine Folge desselben ^). 



1) Abstammung des Menschen, übersetzt von V, C a r u s, II. Bd., 
Kap. 20, p. 341. 

2) Primal Law, London 1903 (mit A. Lang, Social Origins). 

3) Secret of the Totem, p. 114, 143. 

*) „If it bo granted that exogamy existed in practice, on the lines 
of Mr. Darwins theory, before the totem beliefs lent to the practice a 
sacred sanction, cur task is relatively easy. The first practical rule 
would be that of the jealous Sire „No males to touch the females in my 
camp", with expulsion of adolescent sons. In efflux of time that 
rule, become habitual, would be, „No marriage within the local 
group". Next let the local groups receive names, such as Emus, Crows, 
Opossums, Snipes, and the rule becomee, „No Marriage within the local 
group of animal name; no Snipe to marry a Snipe". But, if the primal 



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170 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS. 

3. 

Einen einzigen Lichtstrahl wirft die psychoanalytische 
Erfahrung in dieses Dunkel. 

Das Verhältnis des Kindes zum Tiere hat viel Ähnlich- 
keit mit dem des Primitiven zum Tiere. Das Kind zeigt noch 
keine Spur von jenem Hochmut, welcher dann den erwachsenen 
Kulturmenschen bewegt, seine eigene Natur durch eine scharfe 
Grenzlinie von allem andereoi Animalischen abzusetzen. Es 
gesteht dem Tiere ohne Bedenken die volle Ebenbürtigkeit zu; 
im ungehemmten Bekennen zu seinen Bedürfnissen fühlt es 
sicli wohl dem Tiere verwandter als dem ihm wahrscheinlich 
rätselhaften Erwachsenen. 

In diesem ausgezeichneten Einverständnis zwischen Kind 
und Tier tritt nicht selten eine merkwürdige Störung auf. - 
Das Kind beginnt plötzlich eine bestimmte Tieraxt zin fürchten 
und sich vor der Berührung oder dem Anblick aller einzielnen 
dieser Art zu schützen. Es stellt sich das klinische Bild einer 
Tierphobie her, eine' der häufigsten unter den psycho- 
neurotischen Erkrankungen dieses Alters und vielleicht die 
früheste Form solcher Erkrankung. Die Phobie betrifft in 
der Regel Tiere, für welche das Kind bis dahin ein besonders 
lebhaftes Interesse gezeigt hatte, sie hat mit dem Einzeltier 
nichts zu tun. Die Auswahl unter den Tieren, welche Objekte 
der Phobie werden können, ist unter städtischen Bedingungen 

groups were not exogamous, they would become so, as soon as totemic 
myths and tabus were developed out of the animal, vegetable, and other 
names of small local groups." Secret of the Totem p. 143. (Die Hervor- 
hebung in der Mitte dieser SteUe ist mein Werk.) — In seiner letzten 
Äußerung über den Gegenstand (Folklore, Dezember 1911) teilt A. Lang 
übrigens mit, daß er die Ableitung der Exogamie aus dem ,,geneiBj 
totemic" Tabu aufgegeben habe. 



C^ no n 1 ^ Orrg I n a f f no m 

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DIE TIERPHOBIEN DER KINDER. 171 

nicht groß. Es sind Pferde, Hunde, Katzen, seltener Vögel, 
auffällig häufig kleinste Tiere wie Käfer und Schmetterlinge. 
Manchmal werden Tiere, die dem Kind nur aus Bilderbuch und 
Märchenerjzählung bekannt worden sind, Objekte der unsinni- 
gen und unmäßigen Angst, welche sich bei diesen Phobien 
zeigt; selten gelingt es einmal die Wege zu erfahren, »auf 
denen sich eine ungewöhnliche Wahl des Angsttieres vollzogen 
hat. So verdanke ich K. Abraham die Mitteilung eines 
Falles, in welchem ein "i^ind seine Angst vor Wespen selbst 
durch die Angabe aufklärte, die Farbe und Streifung des 
Wespenleibes hätte es an den Tiger denken lassen, vor dem es 
sich nach allem Gehörten fürchten durfte. 

Die Tierphobien der Kinder sind noch nicht Gegenstand 
aufmerksamer analytischer Untersuchung geworden, obwohl sie 
es im hohen Grade verdienen. Die Schwierigkeiten der Analyse 
mit Kindern in so zartem Alter sind wohl das Motiv der 
Unterlassung gewesen. Man kann daher nicht behaupten, daß 
man den allgemeinen Sinn dieser Erkrankungen kennt, und 
ich meine selbst, daß er sich nicht als einheitlich herausstellen 
dürfte. Aber einige Fälle von solchen auf größere Tiere ge- 
richteten Phobien haben sich der Analyse zugänglich erwiesen 
und so dem Untersucher ihr Geheimnis verraten. Es war in 
jedem Falle das nämliche: die Angst galt im Grunde dem 
Vater, wenn die untersuchten Kinder Knaben waren, und war 
nur auf das Tier verschoben worden. 

Jeder in der Psychoanalyse Erfahrene hat gewiß solche 
Fälle gesehen und von ihnen den nämlichen Eindruck emp- 
fangen. Doch kann ich mich nur auf wenige ausführliche 
Publikationen darüber berufen. Es ist dies ein Zufall der Lite- 
ratur, aus welchem nicht geschlossen werden sollte, daß wir 
unsere Behauptung überhaupt nur auf vereinzelt3 Beobachtun- 



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172 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS. 

gen stützen können. Ich erwähne z. B. einen Autor, welcher 
sich verständnisvoll mit den Neurosen des* Kindesalters be- 
schäftigt hat, M. AVulf f (Odessa). Er erzählt im Zusammen- 
hange der Krankengeschichte eines neunjährigen Knaben, daß 
dieser mit vier Jahren an einer Hundephobie gelitten hat. 
„Als er auf der Straße einen Hund vorbeilaufen sah, weinte 
er und schrie: ,Lieber Hund, fasse mich nicht, ich will artig 
sein.^ Unter ,artig sein* meinte er: ,nicht mehr Greige spielen' 
(onanieren) 1).** 

Derselbe Autor resümiert später: „Seine Hundephobie ist 
eigentlich die auf die Hunde verschobene Angst vor dem Vater, 
denn seine sonderbare Äußerung: ,Hund, ich will artig sein* 
— d. h. nicht masturbieren — bezieht sich doch eigentlich 
auf den Vater, der die Älasturbation verboten hat." In einer 
Anmerkung setzt er dann hinzu, was sich eben so völlig mit 
meiner Erfahrung deckt und gleichzeitig die Reichlichkeit 
solcher Erfahrungen bezeugt: „Solche Phobien (Pferdephobien, 
Hundephobien, Katzen, Hühner und andere Haustiere) sind, 
glaube ich, im Kindesalter mindestens ebenso verbreitet wie 
der Pavor nocturnus und lassen sich in der Analyse fast immer 
als eine Verschiebung der Angst von einem der Eltern auf 
die Tiere entpuppen. Ob die so verbreitete Mäuse- und Ratten- 
phobie denselben Meclianismus hat, möchte ich nicht be- 
haupten." 

Im ersten Band des Jahrbuches für psychoanalytische imd 
psychopathologische Forschungen teilte ich die „Analyse 
der Phobie eines fünfjährigen Knaben" mit, welche 
mir der Vater des kleinen Patienten zur Verfügung gestellt 

1) M. Wulff, Beiträge zur infantilen Sexualität. Zentralblatt für 
Psychoanalyse, 1912, II, Nr. 1, p. 15 ff. 



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AUFKLÄRUNG DER INFANTILEN TIERPHOBIEN. 173 

hatte. Es war eine Angst vor Pferden, in deren Konsequenz: 
der Knabe sich weigerte, auf die Straße zu gehen. Er äußerte 
die Befürchtung, das Pferd werde ins Zimmer kommen, werde 
ihn beißen. Es erwies sich, daß dies die Strafe für seinen 
Wunsch sein sollte, daß das Pferd umfallen (sterben) möge. 
Nachdem man den Knaben durch Zusicherungen die Angst 
vor dem Vater benommen hatte, ergab es sich, daß er gegen 
Wünsche ankämpfte, die das Wegsein (Abreisen, Sterben) des 
Vaters zum Inhalt hatten. Er empfand den Vater, wie er 
überdeutlich zu erkennen gab, als Konkurrenten in der Gunst 
der Mutter, auf welche Beine keimenden Sexualwünsche in 
dunkeln Ahnungen gerichtet wai^n. Er befand sich also in 
jener typischen Einstellung des männlichen Kindes, zu den 
Eltern, welche wir als den „Ödipuskomplex" bezeichnen, und 
in der wir den Kernkomplex der Neurosen überhaupt erkennen. 
Was wir neu aus der Analyse des „kleinen Hans** erfahren, 
ist die für den Totemismus wertvolle Tatsache, daß das Kind 
unter solchen Bedingungen einen Anteil seiner Gefühle von 
dem Vater weg auf ein Tier verschiebt. 

Die Analyse weist die inhaltlich bedeutsamen wie die zu- 
fälligen Assoziationswege nach, auf welchen eine solche Ver- 
schiebung vor sieht geht. Sie läßt auch die Motive derselben 
erraten. Der aus der Nebenbuhlerschaft bei der Mutter her- 
vorgehende Haß kann sich im Seelenleben des Knaben nicht 
ungehemmt ausbreiten, er hat mit der seit jeher bestehenden 
Zärtlichkeit und Bewunderung für dieselbe Person zu kämpfen, 
das Kind befindet sich in doppelsinniger — ambivalenter 
— Gefühlseinstellung gegen den Vater und schafft sich Er- 
leichterung in diesem Ambivalenzkonflikt, wenn es seine feind- 
seligen und ängstlichen Gefühle auf ein Vatersurrogat ver- 
schiebt. Die Verschiebung kann den Konflikt allerdings nicht 



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174 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMüS. 

in der Weise erledigen, daß sie eine glatte Scheidung der 
zärtlichen von den feindseligen Gefühlen herstellt. Der Kon- 
flikt setzt sich vielmehr auf das Verschiebungsobjekt fort, die 
Ambivalenz greift auf dieses letztere über. Es ist unverkenn- 
bar, daß der kleine Hans den Pferden nicht nur Angst, sondern 
auch Respekt und Interesse entgegenbringt. Sowie sich seine 
Angst ermäßigt hat, identifiziert er sich selbst mit dem ge- 
fürchteten Tier, springt als Pferd herum und beißt nun seiner- 
seits den Vater ^). In einem ajideren Auflösungsstadium der 
Phobie macht es ihm nichts, die Eltern mit anderen großen 
Tieren zu identifizieren 2). 

Man darf den Eindruck aussprechen, daß in diesen Tier- 
phobien der Kinder gewisse Züge des Totemismus' in negativer 
Ausprägung wiederkehren. AVir verdanken aber S. Ferenczi 
die vereinzelt schöne Beobachtung eines Falles, den man nur 
als positiven Totemismus bei einem Kinde bezeichnen kann^). 
Bei dem kleinen Arpad, von dem Ferenczi berichtet, er- 
wachen die totemistischen Interessen allerdings^ nicht direkt 
im Zusammenhang des Ödipuskomplexes, sondern auf Grund 
der narzißtischen Voraussetzung desselben, der Kastrations- 
angst. Wer aber die Geschichte des kleinen Hans aufmerksam, 
durchsieht, wird auch in dieser die reichlichsten Zeugnisse 
dafür finden, daß der Vater als der Besitzer des großen Geni- 
tales bewundert und als der Bedroher des eigenen Genitales 
gefürchtet wird. Im ödipus- wie im Kastrationskbmplex spielt 
der Vater die nämliche Rolle, die des gefürchteten Gegners^ 



1. c, p. 37. 

2) Die Giraffenphantasie, p. 24. 

3) S. Ferenczi, Ein kleiner Hahnemann. Intern. Zeitschrift für 
ärztliche Psychoanalyse, 1913, I, Nr. 3. 



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EIN FALL VON T0TEMISMU8 BEI EINEM KINDE. 175 

der infantilen Sexualinteressen. Die Kastration und ihr Ersatz 
durch die Blendung ist die von ihm drohende Strafe^). 

Als der kleine Arpad z^veieinhalb Jahre alt war, versuchte 
er einmal in einem Sommeraufenthalte ins Gfeflügelhaus z\i 
urinieren, wobei ihn ein Huhn ins Glied biß oder nach seinem 
Glied schnappte. Als er ein Jahr später an denselben Ort 
zurückkehrte, wurde er selbst zum Huhn, er interessierte sich 
nur mehr für das Geflügelhaus und alles, was darin vorging, 
und gab seine menschliche Sprache gegen Gackern und Krähen 
auf. Zur Zeit der Beobachtung (fünf Jahre) sprach er wieder, 
aber beschäftigte sich auch in der Rede ausschließlich nur 
mit Hühnern und anderem Geflügel. Er spielte mit keinem 
anderen Spielzeug, sang nur Lieder, in denen etwas vom Feder- 
vieh vorkam. Sein Benehmen gegen sein Totemtier war ex- 
quisit ambivalent, übermäßiges Hassen und Lieben- Am lieb- 
sten spielte er Hühnerschlachten. „Das Schlachten des Eeder- 
viehs ist ihm überhaupt ein Fest. Er ist im stände, stunden- 
lang um die Tierleiclien erregt herumzutanzen." Aber dann 
küßte und streichelte er das geschlachtete Tier, reinigte und 
liebkoste die von ihm selbst mißhandelten Ebenbilder von 
Hühnern. 

Der kleine Arpad sorgte selbst dafür, daß der Sinn seines 
sonderbaren Treibens nicht verborgen bleiben konnte. Er über- 
setzte gelegentlich seine Wünsche aus der totemistischen Aus- 
jdrucksweise zurück in die des Alltagslebens. „Mein Vater 
ist der Hahn," sagte er einmal. „Jetzt bin ich klein, jetzt 
bin ich ein Küchlein. Wenn ich größer werde, bin ich ein 



1) über den Ersatz der Kastration durch die auch im ödipusmythus 
enthaltene Blendung vgL die Mitteilungen von Reitler, Ferenczi, 
Hank und Eder in Internationale Zeitschrift für ärztliche Psycho- 
analyse, 1913, I, Nr. 2. 



C f^f^nic' Orrginaf frcrnn 

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176 IV- I>IE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS, 

Huhn. AVenn ich noch größer werde, bin ich ein Hahn." Ein 
andermal wünscht er sich plötzlich eine „eingemachte Mutter'' 
zu essen (nach der Analogie des eingemachten Huhns). Er 
war sehr freigebig mit deutlichen Kastrationsandrohungen gegen 
andere, wie er sie wegen onanistischer Beschäftigung mit 
seinem Gliede selbst erfahren hatte. 

Über die Quelle seines Interesses für das Treiben im 
Hühnerhof blieb nach Ferenczi kein Zweifel: „Der rege 
Sexualverkehr zwischen Hahn und Henne, das Eierlegen und 
das Herauskriechen der jungen Brut" befriedigten seine sexuelle 
Wißbegierde, die eigentlich dem menschlichen FamilienlebeB 
galt. Nach dem Vorbild des Hühnerlebens hatte er seine 
Objektwünsche geformt, wenn er einmal der Nachbarin sagte: 
„Ich werde Sie heiraten und Ihre Schwester und meine dnd 
Cousinen und die Köchin, nein, statt der Köchin lieber die 
Mutter." 

Wir werden an späterer Stelle die Würdigung dieser Be- 
obachtung vervollständigen können; heben wir jetzt nur als 
wertvolle Übereinstimmungen mit dem Totemismus zwei Züge 
hervor: Die volle Identifizierung mit dem Totemtier^) und 
die ambivalente Gefühlseinstellung gegen dasselbe. Wir halten 
uns nach diesen Beobachtungen für berechtigt, in die Formel 
des Totemismus — für den Mann — den Vater an Stelle des 
Totemtieres einzusetzen. Wir merken dann, daß wir damit 
keinen neuen oder besonders kühnen Schritt getan haben. Die 
Primitiven sagen es ja selbst und bezeichnen, soweit noch 
heute das totemistische System in Kraft besteht, den Totem 
als ihren Ahnherrn und Urvater. Wir haben nur eine Aus- 



1) In welcher nach Frazer das Wesentliche des Totemismus gegeben 
ist: „Totemism is an Identification of a man with his totem.** T. and 
Ex., IV, p. 5 



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DAS TOTEMTIEK IST EIN VATEREßSATZ. 177 

sage dieser Völker wörtlich gönommen, mit welcher die Ethno- 
logen wenig anzufangen wußten, und die sie darum gern in 
den Hintergi'imd gerückt haben. Die Psychoanalyse mahnt 
uns, im Gegenteile gerade diesen Punkt hervorzusuchen und 
an ihn den Erklärungsversuch des Totemismus zu knüpfen^). 
Das erste Ergebnis unserer Ersetzimg ist sehr merkwürdig. 
Wenn das Totemtier der Vater ist, dann fallen die beiden 
Hauptgebote des Totemismus, die beiden Tabuvorschriften, die 
seinen Kern ausmachen, den Totem nicht zu töten und kein 
Weib, das dem Totem angehört, sexuell zu gebrauchen, in- 
haltlich zusammen mit den beiden Verbrechen des ödipus, der 
seinen Vater tötete und seine Mutter zum Wei]>e nahm, und 
mit den beiden Urwünschen des Kindes, deren imgenügende 
Verdrängung oder deren Wiedererweckung den Kern vielleicht 
aller Psychoneurosen bildet. Sollte diese Gleichung mehr als 
ein irreleitendes Spiel des Zufalls sein, so müßte sie uns ge- 
statten, ein Licht auf die Entstehung des Totemismus« in un- 
vordenklichen Zeiten zu werfen. Mit anderen Worten, es müßte 
uns gelingen wahrscheinlich zu machen, daß das totemistische 
System sich aus den Bedingungen des Ödipuskomplexes ergeben 
hat wie die Tierphobie des „kleinen Hans" imd die Geflügel- 
perversion des „kleinen Arpad". Um dieser Möglichkeit nach- 
zugehen, werden wir im folgenden eine Eigentümlichkeit des 
totemistischen Systems oder, wie wir »agen können, der Totem- 
religion studieren, welche bisher kaum Erwähnung finden konnte. 



1) O. Bank, verdanke ich die Mitteilung eines Falles von Hunde- 
phobie bei einem intelligenten jungen Manne, dessen Erklärung, wie er 
au seinem Leiden gekommen sei, merklich an die oben (S. 153) erwähnt© 
Totemtheorie der Arunta anklingt. Er meinte von seinem Vater er- 
fahren zu haben, daß seine Mutter während der Schwangerschaft mit ihm 
einmal vor einem Hunde erschrocken sei. 

Freud, Totem und Tabu, 12 



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178 IV. DDE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS. 

4. 

Der im Jahre 1894 verstorbene W. Robertson Smith, 
Physiker, Philologe, Bibelkritiker und Altertumsforscher, ein 
ebenso vielseitiger wie scharfsichtiger und freidenkender Mann, 
sprach in seinem 1889 veröffentlichten Werke über die Re- 
ligion der Semiten 1) die Annahme aus, daß eine eigentümliche 
Zeremonie, die sogenannte Totemmahlzeit, von allem An- 
fang an einen integrierenden Bestandteil des totemistdschen 
Systems gebildet habe. Zur Stütze dieser Vermutung stand 
ihm damals nur eine einzige, aus dem V. Jahrhundert n. Chr. 
überlieferte Beschreibung eines solchen Aktes zu Gebote, aber 
er verstand es, die Annahme durch die Analyse des Opfer- 
wesens bei den alten Semiten zu einem hohen Grad von Wahr- 
scheinlichkeit zu erheben. Da das Opfer eine göttliche Person 
voraussetzt, handelt es sich hiebei um den Rückschluß von einer 
höheren Phase des religiösen Ritus auf die niedrigste des 
Totem ismus. 

Ich will nun versuchen, aus dem ausgezeichneten Buch 
von Robertson Smith die für unser Interesse entscheiden- 
den Sätze über Ursprung und Bedeutung des Opferritus her- 
auszuheben unter Weglassung aller oft so reizvollen Details 
und mit konsequenter Hintansetzung aller späteren Entwick- 
lungen. Es ist gauÄ ausgeschlossen, in einem solchen Auszug 
dem Leser etwas von der Luzidität oder von der Beweiskraft 
der Darstellung im Original zu übermitteln. 

Robertson Smith führt aus, daß das Opfer am Altar 
das wesentliche Stück im Ritus der alten Religion gewesen 
ist. Es spielt in allen Religionen die nämliche Rolle, so daß 



i)W. Robertson Smith, The religiou of the Semites. Second 
Edition, London 1907. 



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DEB ERSTE SINN DES OPFERS. 179 

man seine Entstehung auf sehr allgemeine und überall gleich- 
artig wirkende Ursachen zurückführen muß. 

Das Opfer — die heilige Handlung xax'i^o)(rjV (sacrificum, 
?spoüpYta) — bedeutete aber ursprünglich etwas anderes, als was 
spätere Zeiten darunter verstanden: die Darbringung an die 
Gottheit, um sie zu versöhnen oder sich geneigt zu machen. 
(Von dem Nebensinn der Selbstentäußerung ging dann die pro- 
fane Verwendung des Wortes aus.) Das Opfer war nachweisbar 
zuerst nichts anderes als „an act of social fellowship 
between the deity and his worshippers", ein Akt 
der Geselligkeit, eine Kommunion der Gläubigen mit ihrem 
Gotte. 

Als Opfer wurden dargebracht eßbare und trinkbare Dinge ; 
dasselbe, wovon der Mensch sich nährte, Fleisch, Zerealien, 
Früchte, Wein und öl, das opferte er auch seinem Gotte. Nur 
in bezug auf das Opferfleisch bestanden Einschränkungen und 
Abweichungen. Von den Tieropfern speist der Gott gemeinsam 
mit seinen Anbetern, die vegetabilischen Opfer sind ihm allein 
» überlassen. Es ist kein Zweifel, daß die Tieropfer die älteren 
sind und einmal die einzigen waren. Die vegetabilischen Opfer 
sind aus der Darbringung der Erstlinge aller Früchte hervor- 
gegangen und entsprechen einem Tribut an den Herrn des 
Bodens und des Landes. Das Tieropfer ist aber älter als der 
Ackerbau. 

Es ist aus sprachlichen Überresten gewiß, daß der dem 
Gott bestimmte Anteil des Opfers zuerst als' seine wirkliche 
Nahrung angesehen wurde. Mit der fortschreitenden Demate- 
rialisierung des göttlichen Wesens wurde diese Vorstellung an- 
stößig; man wich ihr aus, indem man allein den flüssigen 
Anteil der Mahlzeit der Gottheit zuwies. Später gestattete 
der Gebrauch des Feuers, welcher das Opferfleisch auf dem 

12* 



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180 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES T0TEMI8MUS. 



Altar in Rauch aufgehen ließ, eine Zurichtung der mensch- 
lichen Nahrungsmittel, durch welchje sie dem göttlichen Wesen 
angemessener wurden. Die Substanz des Trinkopfers war ur- 
sprünglich das Blut der Opfertiere; Wein wurde später der 
Ersatz des Blutes. Der Wein galt den Alten als das „Blut 
der Rebe", wie ihn unsere Dichter jetzt noch heißen. 

Die älteste Form des Opfers, älter als der Gebrauch des 
Feuers und die Kenntnis des Ackerbaues, war also das Tier- 
opfer, dessen Fleisch und Blut der Grott und seine Anbeter 
gemeinsam genossen. Es war wesentlich, daß jeder der Teil- 
nehrtier seinen Anteil an der Mahlzeit erhalte. 

Ein solches Opfer war eine öffentliche Zeremonie, das 
Fest eines ganzen Clan. Die Religion war überhaupt eine all- 
gemeine Angelegenheit, die religiöse Pflicht ein Stück der so- 
zialen Verpflichtung. Opfer und Festlichkeit fallen bei allen 
Völkern zusammen, jedes Opfer bringt ein Fest mit sich und 
kein Fest kann ohne Opfer gefeiert werden. Das Opferfest 
war eine Gelegenheit der freudigen Erhebung über die eigenen 
Interessen, der Betonung der Zusammengehörigkeit unterein- 
ander und mit der Gottheit. 

Die ethische Macht der öffentlichen Opfermahlzeit ruhte 
auf uralten Vorstellungen über die Bedeutung des gemein- 
samen Essens und Trinkens. Mit einem anderen zu es^n und 
zu trinken, war gleichzeitig ein Symbol und eine Bekräftigung 
von sozialer Gemeinschaft und von Übernahme gegenseitiger 
Verpflichtungen; die Opfermahlzeit brachte zum direkten Aus- 
druck, daß der Gott und seine Anbeter Commensalen sind, 
aber damit waren alle ihre anderen Beziehungen gegeben. Ge- 
bräuche, die noch heute unter den Arabern der Wüste in Kraft 
sind, beweisen, daß das Bindende an der gemeinsamen Mahl- 



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DIE BEDEUTUNG DER GEMEINSAMEN MAULZEIT. 181 

zeit nicht ein religiöses Moment ist, sondern der Akt des Es- 
sens selbst. Wer den kleinsten Bissen mit einem solchen 
Beduinen geteilt oder einen Schluck von seiner Milch getrunken 
hat, der braucht ihn nicht mehr als Feind zu fürchten, sondern 
darf seines Schutzes und seiner Hilfe sicher sein. Allerdings 
nicht für ewige Zeiten; streng genommen, nur für so lange, 
als der gemeinsam genossene Stoff der Annahme nach in seinem 
Körper verbleibt. So realistisch wird das Band der Vereini- 
gung aufgefaßt; es bedarf der Wiederholung, um es zu ver- 
stärken und dauerhaft zu machen. 

Warum wird aber dem gemeinsamen Essen und Trinken 
diese bindende Kraft zugeschrieben? In den primitivsten Ge- 
sellschaften gibt es nur ein Band, welches unbedingt und aus- 
nahmslos einigt, das der Stammesgemeinschaft (Kinship). Die 
Mitglieder dieser Gemeinschaft treten solidarisch für einander 
ein, ein Kin ist eine Gruppe von Personen, deren Leben solcher- 
art zu einer physischen Einheit verbunden sind, daß man sie 
wie Stücke eines gemeinsamen Lebens betrachten kann. Es 
heißt dann beim Mord eines einzelnen aus dem Kin nicht: das 
Blut dieses oder jenes ist vergossen worden, sondern unser 
Blut ist vergossen worden. Die hebräische Phrase, mit welcher 
die Stammesverwandtschaft anerkannt wird, lautet: Du bist 
mein Bein und mein Fleisch. Kinship bedeutet also einen 
Anteil haben an einer gemeinsamen Substanz. Es ist dann na- 
türlich, daß sie nicht nur auf die Tatsache gegründet wird, 
daß man ein Teil von der Substanz seiner Mutter ist, von der 
man geboren und mit deren Milch man genährt wurde, sondern 
daß auch die Nahrung, die man späterhin genießt und durch 
die man seinen Körper erneuert, Kinship erwerben und be- 
stärken kann. Teilte man die Mahlzeit mit seinem Gotte, so 
drückte es die Überzeugung aus, daß man von einem Stoff 



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182 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMFSMUS. 

mit ihm sei, und wen man als Fremden anerkannte, mit dem 
teilte man keine Mahlzeit. 

Die Opfermahlz^it war also ursprünglich ein Festmahl vön 
Stammverwandten, dem Gesetze folgend, daß nur Stammver- 
wandte miteinander essen. In unserer Gesellschaft einigt die 
Mahlzeit die Mitglieder der Familie, aber mit der Familie 
hat die Opfermahlzeit nichts zu tun. Kinship ist älter als 
Familienleben; die ältesten uns bekannten Familien umfassen 
regelmäßig Personen, die verschiedenen Verwandtschaftsver- 
bänden angehören. Die Männer heiraten Frauen aus fremden 
Clans, die Kinder erben den Clan der Mutter; es besteht keine 
Stammesverwandtschaft zwischen dem Manne und den übrigen 
Familienmitgliedern. In einer solchen Familie gibt es keine 
gemeinsame Mahlzeit. Die AVilden essen noch heute abseits 
und allein, und die religiösen Speiseverbote des Totemismus 
machen ihnen oft die Eßgemeinschaft mit ihren Frauen und 
Kindern unmöglich. 

AVenden wir uns nun zum Opfertier. Es gab, wie wir 
gehört, keine Stammeszusammenkunft ohne Tieropfer, aber — 
was nun bedeutsam ist — auch kein Schlachten eines Tieres 
außer für solche feierliche Gelegenheit. Man nährte sich ohne 
Bedenken von Früchten, Wild und von der Milch der Haus- 
tiere, aber religiöse Skrupel machten es dem einzelnen unmög- 
lich, ein Haustier für seinen eigenen Gebrauch zu töten. Es 
leidet nicht den leisesten Zweifel, sagt Robertson Smith, 
daß jedes Opfer ursprünglich Clanopfer war, und daß das 
Töten eines Schlachtopfers ursprünglich zu jenen 
Handlungen gehörte, die dem einzelnen verboten sind 
und nur dann gerechtfertigt werden, wenn der 
ganze Stamm die Verantwortlichkeit mit über- 
H i m m t. Es gibt bei den Primitiven nur eine Klasse von 



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DIE HEILIGKEIT DES OPFERTlEßEß. 183 



Handlungen, für welche diese Charakteristik zutrifft, nämlich 
Handlungen, welche an die Heiligkeit des dem Stamme ge- 
meinsamen Blutes rühren. Ein Leben, welches kein einzelner 
wegnehmen darf, und das nur durch die Zustimmung, unter 
der Teilnahme, aller Clangenossen geopfert werden kann, steht 
auf derselben Stufe wie das Leben der Stammesgenossen selbst. 
Die Eegel, daß jeder Gast der Opfermahlzeit vom Fleisch des 
Opfertieres genießen müsse, hat denselben Sinn wie die Vor- 
schrift, daß die Exekution an einem schuldigten Stammesgenossen 
von dem ganzen Stamm zu vollziehen sei. Mit anderen Worten : 
Das Opfertier wurde behandelt wie ein Stammverwandter, die 
opfernde Gemeinde, ihr Gott und das Opfertier 
waren eines Blutes, Mitglieder eines Clan. 

Robertson Smith identifiziert auf Grund einer rei- 
chen Evidenz das Opfertier mit dem altci] Totemtier. Es gab 
im späteren Altertum zwei Arten von Opfern, solche von Haus- 
tieren, die auch für gewöhnlich gegessen wurden, und un- 
gewöhnliche Opfer von Tieren, die als unrein verboten waren. 
Die nähere Erforschung zeigt dann, daß diese unreinen Tiere 
heilige Tiere waren, daß sie den Göttern als Opfer dai'gcbracht 
wurden, denen sie heilig waren, daß diese Tiere ursprünglich 
identisch waren mit den Göttern selbst, und daß die Gläubigen 
in irgend einer "Weise beim Opfer ihre Blutsverwandtschaft 
mit dem Tiere und dem Gotte betonten. Für noch frühere 
Zeiten entfällt aber dieser Unterschied zwischen gewöhnlichen 
und „mystischen** Opfern. Alle Tiere sind ursprünglich heilig, 
ihr Fleisch ist verboten und darf nur bei feierlichen Gelegen- 
heiten unter Teilnahme des ganzen Stammes genossen werden. 
Das Schlachten des Tieres kommt dem Vergießen von Stammes- 
blut gleich und muß unter den nämlichen Vorsichten und Si- 
cherungen gegen Vorwurf geschehen. 



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184 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOT£MISMUS. 



Die Zähmung von Haustieren und das Emporkommen der 
Viehzucht scheint überall dem reinen und strengen Totemismiis 
der Urzeit ein Ende bereitet zu haben ^). Aber was in der nun 
„Pastoralen" Religion den Haustieren an Heiligkeit verblieb, 
ist deutlich genug, um den ursprünglichen Totemcharakter der- 
selben erkennen zu lassen. Noch in späten klassischen Zeiten 
schrieb der Ritus an verschiedenen Orten dem Opferer vor, 
nach vollzogenem Opfer die Flucht zu ergreifen, wie um sich 
einer Ahndung zu cntzielien. In Griechenland muß die IdeC: 
daß die Tötung eines Oclisen eigentlich ein Verbrechen sei, 
einst allgemein geherj*scht haben. An dem athenischen Fest 
der Bouphonicn wurde nach dem Opfer ein förmlicher Pro- 
zeß eingeleitet, bei dem alle Beteiligten zum Verhör kamen. 
Endlich einigte man sich, die Scliuld an der Mordtat auf das 
Messer abzuwälzen, welches dann ins Afeer geworfen wurde. 

Trotz der Scheu, welche das Loben des heiligen Tieres als 
eines Stammesgenossen schützt, wird es zur NotAvendigkeit, ein 
solches Tier von Zeit zu Zeit in feierlicher Gemeinschaft zu 
töten und Fleisch und Blut desselben unter die Clangenossen 
zu verteilen. Das Motiv, welches diese Tat gebietet, gibt den 
tiefsten Sinn des Opfer wcsens preis. AVir haben gehört, daß 
in späteren Zeiten jedes gcmeiiisame Essen, die Teilnahme an 
der nämlichen Substanz, welche in ihre Körper eindringt, ein 
heiliges Band zwischen den Commensalen herstellt; in ältesten 
Zeiten scheint diese Bedeutung nur der Teilnahme an der Sub- 
stanz eines heiligen Opfers zuzukommen. Das heilige My- 
sterium des Opfertodes rechtfertigt sich, indem 



1) ,,Tlie inference is that the domestication to which totemism in- 
vaiiably ieads (wlien there are any animals cax)able of domestication) is 
fatal to totemism." Jevons, An iatroduction to the history of religion 
1911, fifth edition, p. 120. 



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DAS MYSI^RIUM DES OPFERTODES. 185 

nur auf diesem Wege das heilige Band herge- 
stellt werden kann, welches die Teilnehmer un 
tereinander und mit ihrem Gotte einigt^). 

Dieses Band ist nichts anderes* als das Leben des Opfer- 
tieres, welches in seinem Fleisch und seinem Blute wohnt und 
durch die Opfermahlzeit allen Teilnehmern mitgeteilt wird. 
Eine solche Vorstellung liegt allen Blutbündnissen jzu 
Grunde, durch die sich noch in späten Zeiten Menschen gegen- 
einander verpflichten. Die durchaus realistische Auffassung 
der Blutsgemeinschaft als Identität der Substanz läßt die Not- 
wendigkeit verstehen, sie von Zeit zu Zeit durch den physi- 
schen Prozeß der Opfermahlzeit zu erneuem. 

Brechen wir hier die Mitteilung der Gredankengänge von 
Robertson Smith ab, um ihren Kern in gedrängtes teer 
Kürze zu resümieren: Als die Idee des Privateigentums auf- 
kam, wurde das Opfer als eine Gabe an die Gottheit, als eine 
Übertragung aus dem Eigentum des Menschen in das deä Gottes 
aufgefaßt. Allein diese Deutung ließ alle Eigentümlichkeiten 
des Opferrituals unaufgeklärt. In ältesten Zeiten war das 
Opfertier selbst heilig, sein Leben unverletzlich gewesen; es 
konnte nur unter der Teilnahme und Mitschuld des ganzen 
Stammes und in Gegenwart des Gottes genommen werden, um. 
die heilige Substanz zu liefern, durch deren Genuß die Clan- 
genossen sich ihrer stofflichen Identität untereinander und mit 
der Gottheit versicherten. Das Opfer war ein Sakrament, das 
Opfertier selbst ein Stammesgenosse. Es war in Wirklichkeit 
das alte Totemtier, der primitive Gott selbst, durch dessen 
Tütung und Verzehrung die Clangenossen ihre Gottähnlichkeit 
auffrischten und versicherten. 

Aus dieser Analyse des Opferwesens zog ßobertson 

1) 1. c. p. 113. 



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186 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS. 

Smith den Schluß, daß die periodische Tötung und Auf- 
zehrung des Totem in Zeiten vor der Verehrung anthro- 
pomorpher Gottheiten ein bedeutsames Stück der Totem- 
religion gewesen sei. Das Zeremoniell einer solchen Totem- 
mahlzeit, meinte er, sei uns in der Beschreibung eines Opfers 
aus späteren Zeiten erhalten. Der hl. Nilus berichtet von 
einer Opfersitte der Beduinen in der sinaitischen Wüste um 
das Ende des IV. Jahi^hunderts nach Christi Geburt. Das 
Opfer, ein Kamel, wtirde gebunden auf einen rohen Altar von 
Steinen gelegt; der Anführer des Stammes ließ die Teilnehmer 
dreimal unter Gesängen um den Altar herumgehen, brachte 
dem Tiere die erste Wunde bei und trank gierig das hervor- 
quellende Blut; dann stürzte sich die ganze Gemeinde auf das 
Opfer, hieb mit den Schwertern Stücke des zuckenden Fleisches 
los und verzehrte sie roh in solcher Hast, daß in der kurzen 
Zwischenzeit zwischen dem Aufgang des Morgensterns, dein 
dieses Opfer galt, und dem Erblassen des Gestirns vor den 
Sonnenstrahlen alles vom Opfertier, Leib, Knochen, Haut, 
Fleisch und Eingeweide vertilgt war. Dieser barbarische, von 
höchster Altertümlichkeit zeugende Ritus war allen Beweis- 
mitteln nach kein vereinzelter Gebrauch, sondern die allge- 
meine ursprüngliche Form des Totemopfers, die in späterer 
Zeit die verschiedensten Abschwächungen erfulir. 

Viele Autoren haben sich geweigert, der Konzeption der 
Totemmahlzeit Gewicht beizulegen, weil sie durch die direkte 
Beobachtung auf der Stufe des Totemismus nicht erhärtet wer- 
den konnte. Robertson Smith hat noch selbst auf die Bei- 
spiele hingewiesen, in denen die sakramentale Bedeutung der 
Opfer gesichert scheint, z. B. bei den Menschenopfern der 
Azteken, und auf andere, welche an die Bedingungen der 
Totemmahlzeit erinnern, die Bärenopfer des Bärenstammes der 



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DIE TOTEMMALZEIT KACH ROBERTSON SMITH. 187 



Ouataouaks in Amerika und die Bärenfeste der Ainos in 
Japan. Frazer hat diese und ähnliche Fälle in den beiden 
letzterschienenen Abteilungen seines großen Werkes ausführ- 
lich mitgeteilt 1). Ein Indianerstamm in Kalifornien, der einen 
großen Raubvogel (Bussard) verehrt, tötet diesen in feierlicher 
Zeremonie einmal im Jahre, worauf er betrauert und seine Haut 
mit den Federn aufbewahrt wird. Die Zuni Indianer in Neu- 
mexiko y er fahren ebenso mit ihrer heiligen Schildkröte. 

In den Intichiumazeremonien der zentralaustralischen 
Stämme ist ein Zug beobachtet worden, welcher zu den Vor- 
aussetzungen von Robertson Smith vortrefflich stimmt. 
Jeder Stamm, der für die Vermehrung seines Totem, dessen 
Oenuß ihm doch «elbst verwehrt ist, Magie treibt, ist gehalten, 
bei der Zeremonie etwas von seinem Totem selbst zu genießen, 
ehe derselbe den anderen Stämmen zugänglich wird. Das 
schönste Beispiel für den sakramentalen Genuß des sonst ver- 
botenen Totem soll sich nach Frazer bei den Bini in West- 
afrika in Verbindung mit dem Begräbniszeremoniell dieser 
Stämme finden 2). 

Wir aber wollen* Robertson Smith in der Annahme 
folgen, daß die sakramentale Tötung und gemeinsame Auf- 
zehrung des sonst verbotenen Totemtieres ein bedeutungsvoller 
Zug der Totemreligion gewesen sei 3). 



1) Tho Golden Bough, Part V, Spirits of the com and of the wild; 
1912, in den Abschnitten: Eating the God und Killing the divine animal. 

2) Frazer, T. and Ex. T. II, p. 590. 

5) Die von verschiedenen Autoren (Marillier, Hubert und Maus« 
u. a.) gegen diese Theorie des Opfers vorgebrachten Einwendungen sind 
mir nicht, unbekannt geblieben, haben aber den Eindruck der Lehren von 
Kobertson Smith im wesentlichen nicht beeinträchtigt. 



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188 I^' I>IE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMÜS. 



5. 

Stellen wir uns nun die Szene einer solchen Totemmahlzeit 
vor und statten sie noch mit einigen wahrscheinlichen Zügen 
aus, die bisher nicht gewürdigt werden konnten. Der Clan, 
der, sein Totemtier bei feierlichem Anlasse auf grausame Art 
tötet und es roh verzehrt, Blut, Fleisch und Knochen; dabei 
sind die Stammesgenossen in die Ähnlichkeit der Totem ver- 
kleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie seine 
und ihre Identität betonen wollten. Es ist das Bewußtsein da- 
bei, daß man eine jedem einzelnen verbotene Handlung aus- 
führt, die nur durch die Teilnahme aller gerechtfertigt werden 
kann; es darf sich auch keiner von der Tötung und der Mahl- 
zeit ausschließen. Nach der Tat wird das hingemordete Tier 
beweint und beklagt. Die Totenklage ist eine zwangsmäßige, 
durch die Furcht vor einer drohenden Vergeltung erzwungene, 
ihre Hauptabsicht geht dahin, wie Robertson Smith bei 
einer analogen Gelegenheit bemerkt, die Verantwortlichkeit für 
die Tötung von sich abzuwälzen^). 

Aber nach dieser Trauer folgt die lauteste Festfreude, die 
Entfesselung aller Triebe und Grestattung aller Befriedigun- 
gen. Die Einsicht in das Wesen des Festes fällt uns hier 
ohne jede Mühe zu. 

Ein Fest ist ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Ex- 
zeß, ein feierlicher Durchbruch eines Verbots. Nicht weil die 
Menschen infolge irgend einer Vorschrift froh gestimmt sind, 
begehen sie die Ausschreitungen, sondern der Exzeß liegt im 
Wesen des Festes; die festliche Stimmung wird durch die 
Freigebung des sonst Verbotenen erzeugt. 

Was soll aber die Einleitung zu dieser Festesfreude, die 



1) Religion of the Semites, 2nd edition 1907, p. 412. 



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FEST UND TRAUER BEI DER TOTKMM AHLZEIT. 189 



Trauer über den Tod des Totemtieres? Wenn man sich über 
die Tötung des Totem, die sonst versagt ist, freut, warum; 
trauert man auch über sie? 

Wir haben gehört, daß sich die Clangenossen durch den 
Genuß des Totem heiligen, in ihrer Identifizierung mit ihm 
und untereinander bestärken. Daß sie das heilige Leben, dessen 
Träger die Substanz des Totem ist, in sich aufgenommen haben, 
könnte ja die festliche Stimmung und alles, was aus ihr folgt, 
erklären. 

Die Psychoanalyse hat uns verraten, daß das Totemtier 
wirklich der Ersatz des Vaters ist, und dazfu stimmte wohl der 
Widerspruch, daß es sonst verboten ist, es zu töten, und daß 
seine Tötung zur Festlichkeit wird, daß man das Tier tötet 
und es doch betrauert. Die ambivalente Gefühlseinstellung, 
welche den Vaterkomplex heute noch bei unseren Kindern aus- 
zeichnet und sich oft ins Leben der Erwachsenen fortsetzt, würde 
sich auch auf den Vaterersatz des Totemtiers erstrecken. 

Allein, wenn man die von der Psychoanalyse gegebene Über- 
setzung des Totem mit der Tatsache der Totemmahlzeit und 
der Darwin sehen Hypothese über den Urzustand der mensch- 
lichen Gesellschaft zusammenhält, ergibt sich die Möglichkeit 
eines tieferen Verständnisses, der Ausblick auf eine Hypothese, 
die phantastisch erscheinen mag, aber den Vorteil bietet, eine 
unvermutete Einheit zwischen bisher gesonderten Reihen von 
Phänomenen herzustellen. 

Die Darwinsche Urhorde hat natürlich keinen Raum 
für die Anfänge des Totemismus. Ein gewalttätiger, eifer- 
süchtiger Vater, der alle Weibchen für sich behält und die 
heranwachsenden Söhne vertreibt, nichts weiter. Dieser Ur- 
zustand der Gesellschaft ist nirgends Gegenstand der Beob- 
achtung geworden. Was wir als primitivste Organisation fin 



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190 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS. 



den, was noch heute bei gewissen Stämmen in Kraft besteht, 
das sind Männerverbände, die aus gleichberechtigten 
Mitgliedern bestehen imd den Einschränkungen des totemisti- 
schen Systems unterliegen, dabei mütterliche Erblichkeit. Kann 
das eine aus dem anderen hervorgegangen sein und auf welchem 
Wege war es möglich? 

Die Berufung auf die Feier der Totemmahlzeit gestattet 
uns eine Antwort zu geben: Eines Tages ^) taten sich die aus- 
getriebenen Brüder zusammen, erschlugen und verzehrten den 
Vater und machten so der Vaterhorde ein Ende. Vereint 
wagten sie und brachten zu stände, was dem einzielnen unmöglich 
geblieben wäre. Vielleicht hatte ein Kulturfortschritt, die 
Handhabung einer neuen Waffe, ihnen das Gefühl der Über- 
legenheit gegeben. Daß sie den Getöteten auch verzehrten, 
ist für den kannibalen Wilden selbstverständlich. Der gewalt- 
tätige Urvater war gewiß das beneidete und gefürchtete Vor- 
bild eines jeden aus der Brüderschar gewesen. Nun setz-ten 
sie im Akte des Verzehrens die Identifizierung mit ihm durch, 
eigneten sich ein jeder ein Stück seiner Stärke an. Die Totem- 
mahlzeit, vielleicht das erste Fest der Menschheit, wäre die 
Wiederholung und die Gedenkfeier dieser denkwürdigen, ver- 
brecherischen Tat, mit welcher so vieles seinen Anfang nahm, 
die sozialen Organisationen, die sittlichen Einschränkungen und 
die Religion 2). 

1) Zu dieser Darstellung, die sonst mißverständlich würde, bitte icli 
die Schlußsätze der nachfolgenden Anmerkung als Korrektiv hinzunehmen. 

2) Die ungeheuerlich erscheinende Annahme der Überwältigung und 
Tötung des tyrannischen Vaters durch die Vereinigung der ausgetriebenen 
Söhne hat sich auch Atkinson als direkte Folgerung aus den Verhält- 
nissen der Darwinschen Urhorde ergeben. „A youthful band of brothers 
living together in forced celibacy, or at most in polyandrous relation with 
some Single female captive. A horde as yet weak in their impubescence 



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DIE ENTSTEHUNG DER MANN ER VERBÄNDE AUS DER URHORDE. 191 

Um, von der Voraussetzung absehend, diese Folgen glaub- 
würdig zu finden, braucht man nur anzunehmen, daß die sich 
zusammenrottende Brüderschar von denselben einander wider- 
sprechenden Gefühlen gegen den Vater beherrscht war, die wir 
als Inhalt der Ambivalenz des Vaterkomplexes bei jedem un- 
serer Kinder und unserer Neurotiker nachweisen können. Sie 



they axe, but they would, when strength was gained with time inevitably 
wrench by combined attacks renewed again and again, both wife and Hfe 
frora the paternal tyrant" (Primal Law, p. 220 — 221). Atkinson, der 
übrigens sein Leben in Neu-Caledonien verbrachte und ungewöhnliche Ge- 
legenheit zum Studium der Eingeborenen hatte, beruft sich auch darauf^ 
daß die von Darwin supponierten Zustände der Urhorde bei wilden 
Rinder- und Pferdeherden leicht zu beobachten sind und regelmäßig zur 
Tötung des Vatertieres führen. Er nimmt dann weiter an, daß nach der 
Beseitigung des Vaters ein Zerfall der Horde durch den erbitterten Kampf 
der siegreichen Söhne untereinander eintritt. Auf diese Weise käme eine 
neue Organisation der Gesellschaft niemals zu stände: „an ever recurring^ 
violent succession to the solitary paternal tyrant by sons, whose par- 
ricidal hands were so soon again olenched in fratricidal 
strife" (p. 228). Atkinson, dem die Winke der Psychoanalyse nicht 
zu Gebote standen, und dem die Studien von Robertson Smith nicht 
bekannt waren, findet einen minder gewaltsamen (Übergang von der Ur- 
horde zur nächsten sozialen Stufe, auf welcher zahlreiche Männer in 
friedlicher Gemeinschaft zusammenleben. Er läßt es die Mutterliebef 
durchsetzen, daß anfangs nur die jüngsten, später auch andere Söhne in 
der Horde verbleiben, wofür diese Geduldeten das sexuelle Vorrecht des 
Vaters in Form der von ihnen geübten Entsagung gegen Mutter und 
Schwestern anerkennen. 

So viel über die höchst bemerkenswerte Theorie von Atkinson, 
ihre Übereinstimmung mit der hier vorgetragenen im wesentlichen 
Punkte und ihre Abweichung davon, welche den Verzicht auf den Zu- 
sammenhang mit so vielem anderen mit sich bringt. 

Die Unbestimmtheit, die zeitliche Verkürzung und inhaltliche Zu- 
sammendrängung der Angaben in meinen obenstehenden Ausführungen 
darf ich als eine durch die Natur des Gegenstandes geforderte Enthaltung 
hinstellen. Es wäre ebenso unsinnig, in dieser Materie Exaktheit anzu- 
streben, wie es unbillig wäre, Sicherheiten zu fordern. 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
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1 92 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMÜS. 

haßten den Vater, der ihrem Machtbedürfnis und ihren sexuellen 
Ansprüchen so mächtig im Wege stand, aber sie liebten und 
bewunderten ihn auch. Nachdem sie ihn beseitigt, ihren Haß 
befriedigt und ihren Wunsch nach Identifizierung mit ihm 
durchgesetzt hatten, mußten sich die dabei überwältigten zärt- 
lichen Regungen zur Geltung bringen i). Es geschah in der 
Form der Reue, es entstand ein Schuldbewußtsein, welches hier 
mit der gemeinsam empfundenen Reue zusammenfällt. Der 
Tote wurde nun stärker, als der Lebende gewesen war; all 
dies, wie wir es noch heute an Menschenschicksalen selieu. 
Was er früher durch seine Existenz verhindert hatte, das ver- 
boten sie sich jetzt selbst in der psychischen Situation des uns 
aus den Psychoanalysen so wohl bekannten „nachträg- 
lichen Gehorsams". Sie widerriefen ihre Tat, indem sie 
die Tötung des Vaterersatzes, des Totem, für unerlaubt er- 
klärten, und verzichteten auf deren Früchte, indem sie sich 
die freigewordenen Frauen versagten. So schufen sie aus dem 
SchuldbewußtseindesSohnes die beiden fundamentalen 
Tabu des Totemismus, die eben darum mit den beiden verdräng- 
ten Wünschen des Ödipuskomplexes übereinstimmen mußten. 
Wer dawiderhandelte, machte sich der beiden einzigen Ver 
brechen schuldig, welche die primitive Gesellschaft beküm- 
merten 2). 

1) Dieser neuen Gefühlseinstellung mußte auch zu gute komineu, 
daß die Tat keinem der Täter die volle Befriedigung bringen konnte. 
Sie war in gewisser Hinsicht vergeblich geschehen. Keiner der Söhne 
konnte ja seinen ursprünglichen Wunsch durchsetzen, die Stelle des Va- 
ters einzunehmen. Der Mißerfolg ist aber, wie wir wissen, der moralischen 
Reaktion weit günstiger als die Befriedigung. 

*) „Murder and incest, or offences of a like kind against the 
sacred law of blood are in primitive society the only crimes of which 
the Community as such takes cognisance . . ." Religion of the Semites, 
p. 419. 



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SCHULDBEWÜSSTSEIN UND NACHTRÄGLICHER GEHORSAM. 193 



Die beiden Tabu des Totemismus, mit denen die Sittlich- 
keit der Menschen beginnt, sind psychologisch nicht gleich- 
wertig. Nur das -eine, die Schonung des Totemtieres, ruht ganz 
auf Gefühlsmotiven ; der Vater war ja beseitigt, in der Realität 
war nichts mehr gutzumachen. Das andere aber, das Inzest- 
verbot, hatte auch eine starke praktische Begründung. Das 
sexuelle Bedürfnis einigt die Männer nicht, sondern entzweit sie. 
Hatten sich die Brüder verbündet, um den Vater zu überwäl- 
tigen, so war jeder des anderen Nebenbuhler bei den Frauen. 
Jeder hätte sie wie der Vater alle für sich haben wollen, und 
in dem Kampfe aller gegen alle wäre die neue Organisation zu 
Grunde gegangen. Es war kein Uborstarker mehr da, der die 
RoHe des Vaters mit Erfolg hätte aufnehmen können. Somit 
blieb den Brüdern, wenn sie miteinander leben wollten, nichts 
übrig, als — vielleicht nach Überwindung schwerer Zwischen- 
fälle — das Inzestverbot aufzurichten, mit welchem sie alle 
zugleich auf die von ihnen begehrten Frauen verzichteten, um 
deren wegen sie doch in erster Linie den Vater beseitigt hatten. 
Sie retteten so die Organisation, welche sie stark gemacht 
hatte, und die auf homosexuellen Gefühlen und Betätigungen 
ruhen konnte, welche sich in der Zeit der Vertreibung bei 
ihnen eingestellt haben mochten. Vielleicht war es auch diese 
Situation, welche den Keim zu den von Bachofen erkannten 
Institutionen des Mutterrechts legte, bis dieses von der 
patriarchalischen Familienordnung abgelöst wurde. 

An das andere Tabu, welches das Leber des Totemtieres 
beschützt, knüpft hingegen der Anspruch des Totemismus an, 
als erster Versuch einer Religion gewertet zu werden. Bot sich 
dem Empfinden der Söhne das Tier als natürlicher und nächst- 
liegender Ersatz des Vaters, so fand in der ihnen zwanghaft 
gebotenen Behandlung desselben doch noch mehr Ausdruck als 

Preud, Totem und Tabu. 13 



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1Ü4 IV. DIE INFANTILE WIEDEKKEHfi DES TOTEMISMUS. 

das Bedürfnis, ihre Reue zur Darstellung zu bringen. Es konnte 
mit dem Vatersurrogat der Versuch gemacht werden, das bren- 
nende Schuldgefühl zu beschwichtigen, eine Art von Aussöh- 
nung mit dem Vater zu bewerkstelligen. Das totemistische 
System war gleichsam ein Vertrag mit dem Vater, in dem der 
letztere all das zusagte, was die kindliche Phantasie vom Vater 
erwarten durfte, Schutz, Fürsorge und Schonung, wogegen man 
sich verpflichtete, sein Leben zu ehren, das heißt die Tat an 
ihm nicht zu wiederholen, durch die der wirkliche Vater zu 
Grunde gegangen war. Es lag auch ein Rechtfertigungsversuch 
im Totemismus. „Hätte der Vater uns behandelt wie der 
Totem, wir wären nie in die Versuchung gekommen, ihn zu 
töten.*' So verhalf der Totemismus dazu, die Verhältnisse zu 
beschönigen und das Ereignis vergessen zu machen, dem er 
seine Entstehung verdankte. 

Es wurden hiebei Züge geschaffen, die fortan für den 
Charakter der Religion bestimmend blieben. Die Totemreligion 
war aus dem Schuldbewußtsein der Söhne hervorgegangen als 
Versuch, dies Gefühl zu beschwichtigen und den beleidigten 
Vater durch nachträglichen Gehorsam zu versöhnen. Alle spä- 
teren Religionen erweisen sich als Lösungsversuche desselben 
Problems, variabel je nach dem kulturellen Zustand, in dem 
sie unternommeft werden, und nach den Wegen, die sie ein- 
schlagen, aber es sind alle gleichzielende Reaktionen auf die- 
selbe große Begebenheit, mit der die Kultur begonnen hat, und 
die seitdem die Menschlieit nicht zur Ruhe kommen läßt. 

Auch ein anderer Charakter, den die Religion treu bewahrt 
hat, ist damals schon im Totemismus hervorgetreten. Die Am- 
bivalenzspannung war wohl zu groß, um durch irgend eine 
Veranstaltung ausgeglichen zu werden, oder die psychologischen 
Bedingungen sind der Erledigung dieser Gefühlsgegensätze über- 



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DER TOTEMISMÜS ALS RELIGION. 195 

haupt nicht günstig. Man merkt jedenfalls, daß die dem Vater- 
komplex anhaftende Ambivalenz sich auch in den Totemismus 
und in die Religionen überhaupt fortsetzt. Die Eeligion des 
Totem umfaßt nicht nur die Äußerungen der Reue und die 
Versuche der Versöhnung, sondern dient auch d.er Erinnerung 
an den Triumph über den Vater. Dio Befriedigung darüber 
läßt das Erinnerungsfest der Totemmahlzeit einsetzen, bei dem 
die Einschränkungen des nachträglichen Gehorsams wegfallen, 
macht es zur Pflicht, das Verbrechen des Vatermordes in der 
Opferung des Totemtieres immer wieder von neuem zu wieder- 
holen, so oft der festgehaltene Erwerb jener Tat, die Aneig- 
nung der Eigenschaften des Vaters, infolge der veränderten 
Einflüsse des Lebens zu entschwinden droht. Wir werden nicht 
überrascht sein zu finden, daß auch der Anteil des Sohnes- 
trotzes, oft in den merkwürdigsten Verkleidungen und Umwen- 
düngen, in späteren Religionsbildungen wieder auftaucht. 

Verfolgen wir in Religion und sittlicher Vorschrift, die 
im Totemismus noch wenig scharf gesondert sind, bisher die 
Folgen der in Reue verwandelten zärtlichen Strömung gegen 
den Vater, so wollen wir doch nicht übersehen, daß im wesent- 
lichen die Tendenzen, welche zum Vatermord gedrängt haben, 
den Sieg behalten. Die sozialen Brudergefühle, auf denen die 
große Umwälzung ruht, bewahren von nun an über lange Zeiten 
den tiefstgehenden Einfluß auf die Entwicklung der Gesell- 
schaft. Sie schaffen sich Ausdruck in der Heiligung des ge- 
meinsamen Blutes, in der Betonung der Solidarität aller Leben 
desselben Clans. Indem die Brüder sich einander so das Leben 
zusichern, sprechen sie aus, daß niemand von ihnen vom anderen 
behandelt werden dürfe, wie der Vater von ihnen allen ge- 
meinsam. Sie schließen eine Wiederholung des Vaterschicksals 
aus. Zum religiös begründeten Verbot, den Totem zu töten, 

13* 



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196 IV. DIE INFANTILE WIEDEKKEHR DES TOTEMISMUS. 



kommt nun das sozial begründete Verbot des Brudermorden 
hinzu. Es wird dann noch lange währen, bis das Gebot die 
Einschränkung auf den Stammesgenossen abstreifen und den 
einfachen Wortlaut annehmen wird: Du sollst nicht morden. 
Zunächst ist an Stelle der Vaterhorde der Brüderclan 
getreten, welcher sich durch das Blutband versichert hat. Die 
Gesellschaft ruht jetzt auf der Mitschuld an dem gemeinsam 
verübten Verbrechen, die Heligion auf dem Schuldbewußtsein 
und der Reue darüber, die Sittlichkeit teils auf den Notwen- 
digkeiten dieser Gesellschaft, zum anderen Teil auf den vom 
Schuldbewußtsein geforderten Bußen. 

Im Gegensatz zu den neueren und in Anlehnung an die 
älteren Auffassungen des totemistischen Systems heißt uns also 
die Psychoanalyse einen innigen Zusammenhang und gleich- 
zeitigen Ursprung von Totemismus und Exogamie vertreten. 



Ich stehe unter der Einwirkung einer großen Anzahl von 
starken Motiven, die mich vom Versuche zurückhalten werden, 
die weitere Entwicklung der Religionen von ihrem Beginn im 
Totemismus an bis zu ihrem heutigen Stande zu schildern. 
Ich will nur zwei Fäden hindurch verfolgen, wo ich sie im 
Gewebe besonders deutlich auftauchen sehe: Das Motiv des 
'J'otemopfers und das Verhältnis des Sohnes zum Vater ^). 

Robertson Smith hat uns belehrt, daß die alte Totem- 
mahlzeit in der ursprünglichen Form des Opfers wiederkehrt. 
Der Sinn der Handlung ist derselbe: Die Heiligung durch die 
Teilnahme an der gemeinsamen Mahlzeit; auch das Schuld 



1) Vgl. die zum Teil von abweichenden Gesichtspunkten beherrschte 
Arbeit von C. G. Jung, Wandlungen und Symbole der Libido. Jahrbu! 
voD Bleuler-Freud, IV, 1012. 



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TOTEM UND GOTT. I97 

bewußtsein ist dabei geblieben, welches nur durch die Solida- 
rität aller Teilnehmer beschwichtigt werden kann. Neu hin- 
zugekommen ist die Stammesgottheit, in deren gedachter Ge- 
genwart das Opfer stattfindet, die an dem Mahle teilnimmt 
wie ein Stammesgenosse, und mit der man sich durch den 
Genuß am Opfer identifiziert. Wie kommt der Gott in die 
ihm ursprünglich fremde Situation? 

Die Antwort könnte lauten, es sei unterdes — unbekannt 
woher — die Gottesidee aufgetaucht, habe sich das ganze reli- 
giöse Leben unterworfen, und wie alles andere, was bestehen 
bleiben wollte, hätte auch die Totemmahlzeit den Anschluß an 
das neue System gewinnen müssen. Allein die psychoanalytische 
Erforschung des einzelnen Menschen lehrt mit einer ganz be- 
sonderen Nachdrücklichkeit, daß für jeden der Gott nach dem 
Vater gebildet ist, daß sein persönliches Verhältnis' zu Gott 
von seinem Verhältnis zum leiblichen Vater abhängt, mit ihm 
schwankt und sich verwandelt, und daß Gott im Grunde nichts 
anderes ist als ein erhöhter Vater. Die Psychoanalyse rät auch 
hier wie im Falle des Totemismus, den Gläubigen Glauben zu 
schenken, die Gott Vater nennen, wie sie den Totem Ahnherrn 
genannt haben. Wenn die Psychoanalyse irgend welche Be- 
achtung verdient, so muß, unbeschadet aller anderen Ursprünge 
und Bedeutungen Gottes, auf welche die Psychoanalyse kein 
Licht werfen kann, der Vateranteil an der Gottesidee ein sehr 
gewichtiger sein. Dann wäre aber in der Situation des primi- 
tiven Opfers der Vater zweimal vertreten, einmal als Gott und 
dann als das Totemopfertier, und bei allem Bescheiden mit der 
geringen Mannigfaltigkeit der psychoanalytischen Lösungen 
müssen wir fragen, ob das möglich ist und welchen Sinn es 
haben kann. 

Wir wissen, daß mehrfache Beziehungen zwischen dem 



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198 IV- ME INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS. 



Gott und dem heiligen Tier (Totem, Opfertier) bestehen: 
1. Jedem Gott ist gewöhnlich ein Tier heilig, nicht selten selbst 
mehrere; 2. in gewissen, besonders heiligen Opfern, den „my- 
stischen" wurde dem Gotte gerade dafe ihm geheiligte Tier 
zum Opfer dargebracht i) ; 3. der Gott wurde häufig in der 
Gestalt eines Tieres verehrt oder, ander« gestehen, Tiere ge- 
nossen göttliche Verehrung lange nach dem Zeitalter des 
Totemismus ; 4. in den Mythen verwandelt sich der Gott häufig 
in ein Tier, oft in das ihm geheiligte. So läge die Annahme 
nahe, daß der Gott selbst das Totemtier wäre, sich auf einer 
späteren Stufe des religiösen Fühlens aus dem Totemtier ent- 
wickelt hätte. Aller weiteren Diskussion überhebt uns aber 
die Erwägung, daß der Totem selbst nichts anderes ist als ein 
Vaterersatz. So mag er die erste Form des Vaterersatzes sein, 
der Gott aber eine spätere, in welcher der Vater seine mensch- 
liche Gestalt wiedergewonnen. Eine solche Neuschöpfung aus 
der Wurzel aller Religionsbildung, der Vatersehnsucht, 
konnte möglich werden, wenn sich im Laufe der Zeiten am 
Verhältnis zum Vater — und vielleicht auch zum Tiere - - 
AVesentliches geändert hatte. 

Solche Veränderungen .lassen sich leicht erraten, auch 
wenn man von dem Beginn einer psychischen Entfremdung 
von dem Tiere und von der Zersetzung des Totemismus durch 
die Domestikation absehen wilP). In der durch die Beseiti- 
gung des Vaters hergestellten Situation lag ein Moment, wel- 
ches im Laufe der Zeit eine außerordentliche Steigerung der 
Vatersehnsucht erzeugen mußte. Die Brüder, welche sich zur 
Tötung des Vaters zusammengetan hatten, waren ja jeder für 
sich vom Wunsche beseelt gewesen, dem Vater gleich zu wer- 

1) Robertson Smith, Religion of the Semites. 
8) S. o. S. 184. 



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DIE VERGOTTUNG DES UßVATERS. 199 

den, und hatten diesem Wunsche durch Einverleibung von 
Teilen seines Ersatzes in der Totemmahlzieit Ausdruck gege- 
ben. Dieser Wunsch mußte infolge des Druckes, welchen die 
Bande des Brüderclan auf jeden Teilnehmer übten, unerfüllt 
bleiben. Es konnte und durfte niemand mehr die Machtvoll- 
kommenheit des Vaters erreichen, nach der sie doch alle ge- 
strebt hatten. Somit konnte im Laufe langer Zeiten die Er- 
bitterung gegen den Vater, die zur Tat gedrängt hatte, nach- 
lassen, die Sehnsucht nach ihm wachsen, und es konnte ein 
Ideal entstehen, welches die Ma<^htfülle und Unbeschränktheit 
des einst bekämpften Urvaters und die Bereitwilligkeit, sich 
ihm zu unterwerfen, znim Inhalt hatte. Die ursprüngliche de- 
mokratische Gleichstellung aller einzelnen Stammesgenossen 
war infolge einschneidender kultureller Veränderungen nicht 
mehr festzuhalten; somit zeigte sich eine Geneigtheit, in An- 
lehnung an die Verehrung einzelner Menschen, die sich vor 
anderen hervorgetan hatten, das alte Vaterideal in der Schöp- 
fung von Göttern wieder zu beleben. Daß ein Mensch zum 
Gott wird und daß ein Gott stirbt, was uns heute als empörende 
Zumutung erscheint, war ja noch für das Vorstellungsvermögen 
des klassischen Altertums keineswegs anstößig i). Die Erhöhung 
des einst gemordeten Vaters zum Gott, von dem nun der Stamm 
seine Herkunft ableitete, war aber ein weit ernsthafterer Sühne- 
versuch als seinerzeit der Vertrag mit dem Totem. 

1) j,To US moderns for whom the breach which divides the humaÄ 
and the divine has deepened into an impassible gulf such mimiory maj 
appear impious, but it was otherwise with the ancients. To their thin- 
king gods and men were akin, for many families traced ther defloenfe 
from a divinity, and the deification of a man probably seemed as little 
extraordinary to them as the canonisation of a saint seems to a modera 
catholic." Frazer, Golden Bough, I. The magic art and the evolutioa 
of kings, II, p. 177. 



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200 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS. 

Wo sich in dieser Entwicklung die Stelle für die großen 
Muttergottheiten findet, die vielleicht allgemein den Vater- 
göttern vorhergegangen sind, weiß ich nicht anzugeben. Sicher 
scheint aber, daß die Wandlung im Verhältnis zum Vater sich 
nicht auf das religiöse Gebiet beschränkte, sondern folgerichtig 
auf die andere durch die Beseitigung des Vaters beeinflußte 
Seite des menschlichen Lebens, auf die soziale Organisation, 
übergriff. Mit der Einsetzung der Vatergottheiten wandelte 
sich die vaterlose Gesellschaft allmählich in die patriarchalisch 
geordnete um. Die Familie war eine Wiederherstellung der 
einstigen Urhorde und gab den Vätern auch ein großes Stück 
ihrer früheren Eechte wieder. Es gab jetzt wieder Väter^ 
aber die sozialen Errungenschaften des Brüderclan waren nicht 
aufgegeben worden, und der faktische Abstand der neuen Fa- 
milienväter vom unumschränkten Urvater der Horde war groß 
genug, um die Fortdauer des religiösen Bedürfnisses, die Er- 
haltung der ungestillten Vatersehnsucht, zu. versichern. 

In der Opferszene vor dem Stammesgott ist also der Vater 
wirklich zweimal enthalten, als Gott und als Totemopfertier. 
Aber bei dem Versuch, diese Situation zu verstehen, werden 
wir uns vor Deutungen in Acht nehmen, welche sie in flächen- 
hafter Auffassung wie eine Allegorie übersetzen wollen und 
dabei der historischen Schichtung vergessen. Die zweifache 
Anwesenheit des Vaters entspricht den zwei einander zeitlich 
ablösenden Bedeutungen der Szene. Die ambivalente Einstel- 
lung gegen den Vater hat hier plastischen Ausdruck gefunden 
und ebenso der Sieg der zärtlichen Gefühlsregungen des Soh- 
nes über seine feindseligen. Die Szene der Überwältigung des 
Vaters, seiner größten Erniedrigung, ist hier zum Material 
für eine Darstellung seines höchsten Triumphes geworden. Die 
Bedeutung, die das Opfer ganz allgemein gewonnen hat, liegt 



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DAS OPFER VOR GOTT. 201 



eben darin, daß es dem Vateir die Genugtuung für die an ihm 
verübte Schmach in derselben Handlung bietet, welche die Er- 
innerung an diese Untat fortsetzt. 

In weiterer Folge verliert das Tier seine Heiligkeit und 
das Opfer die Beziehung z.'ur Totemfeier; es wird zu einer 
einfachen Darbringung an die Gottheit, zu einer Selbstentäuße- 
rung zu Gunsten des Gottes. Gott selbst ist jetzt so hoch über 
den Menschen erhaben, daß man mit ihm nur durch die Ver- 
mittlung des Priesters verkehren kann. Gleichzeitig kennt die 
soziale Ordnung göttergleiche Könige, welche das patriarcha- 
lische System auf den Staat übertragen. Wir müssen sagen, 
die Rache des gestürzten und wiedereingesetzten Vaters ist 
eine harte geworden, die Herrschaft der Autorität steht auf 
ihrer Höhe. Die unterworfenen Söhne haben das neue Ver- 
hältnis dazu benützt, um ihr Schuldbewußtsein noch weiter 
.zu entlasten. Das Opfer, wie es jetzt ist, fällt ganz aus ihrer 
Verantwortlichkeit heraus. Gott selbst hat es verlangt und 
angeordnet. Zu dieser Phase gehören Mythen, in welchen der 
Gott selbst das Tier tötet, das ihm heilig ist, das er eigentlich 
selbst ist. Dies ist die äußerste Verleugnung der großen Untat, 
mit welcher die Gesellschaft und das Schuldbewußtsein begann. 
Eine zweite Bedeutung dieser letzteren Opferdarstellung ist 
nicht zu verkennen. Sie drückt die Befriedigung darüber aus, 
daß man den früheren Vaterersatz zu Gunsten der höheren 
Gottesvorstellung verlassen hat. Die flach allegorische Über- 
setzung der Szene fällt hier ungefähr mit ihrer psychoanalyti- 
schen Deutung zusammen. Jene lautet: Es werde dargestellt, 
daß der Gott den tierischen Anteil seines Wesens überwindet^). 

1) Die Überwindung einer Göttergeneration durch eine jmdere in 
den Mythologien bedeutet bekanntlich den historischen Vorgang der Er- 
setzung eines religiösen Systems durch ein neues, sei es infolge von Er- 



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202 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS. 

Es wäre indes irrig, wenn man glauben wollte, in diesen 
Zeiten der erneuerten Vaterautorität seien die feindseligen He- 
gungen, welche dem Vater komplex zugehören, völlig verstummt. 
Aus den ersten Phasen der Herrschaft der beiden neuen Vater- 
ersatzbildungen, der Götter und der Könige, kennen wir viel- 
mehr die energischesten Äußerungen jener Ambivalenz, welche 
für die Religion charakteristisch bleibt. 

Frazer hat in seinem großen Werk „The Golden Bough'* 
die Vermutung ausgesprochen, daß die ersten Könige der latei- 
nischen Stämme Fremde waren, welche die Rolle einer Gott- 
heit spielten und in dieser Rolle an einem bestimmten Fest- 
tage feierlich hingerichtet wurden. Die jährliche Opferung 
(Variante: Selbstopferung) eines Gottes scheint ein wesent- 
licher Zug der semitischen Religionen gewesen zu sein. Das 
Zeremoniell der Menschenopfer an d,en verschiedensten Stellen 
der bewohnten Erde läßt wenig Zweifel darüber, daß diese 
Menschen als Repräsentanten der Gottheit ihr Ende fanden, 
und in der Ersetzung des lebenden Menschen durch eine leb- 
lose Nachahmung (Puppe) läßt sich dieser Opfergebrauch noch 
in späte Zeiten verfolgen. Das theanthropische Gottesopfer, 
welches ich hier leider nicht mit der gleichen Vertiefung wie 
das Tieropfer behandeln kann, wirft ein . helles Licht nach 
rückwärts auf den Sinn der älteren Opferformen. Es bekennt 
mit kaum zu überbietender Aufrichtigkeit, daß das Objekt 
der Opferhandlung immer das nämliche war, dasselbe, was nun 



oberung durch ein Fremdvolk oder auf dem Wege psychologischer Eat- 
wieklung. Im letzteren Falle nähert sich der Mythus den „funktionalen 
Phänomenen" im Sinne von H. Silberer. Daß der das Tier tötende 
Gott ein Libidosymbol ist, wie C. G. Jung (1. c.) behauptet, setzt einea 
anderen Begriff der Libido als den bisher verwendeten voraus und er- 
acheint mir überhaupt fragwürdig. 



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DAS OOTTESOPPER. 203 



als Gott verehrt wird, der Vater also. Die Frage nach dem 
Verhältnis von Tier- und Menschenopfer findet jetzt eine ein- 
fache Lösung. Das ursprüngliche Tieropfer war bereits ein 
Ersatz für ein Menschenopfer, für die feierliche Tötung des 
Vaters, und als der Vaterersatz seine menschliche Gestalt wie- 
der erhielt, konnte sich das Tieropfer auch wieder in das Men- 
schenopfer verwandeln. 

So hatte sich die Erinnerung an jene erste große Opfertat 
als unzerstörbar erwiesen, trotz aller Bemühungen, sie zu ver- 
gessen, und gerade als man sich von ihren Motiven am wei- 
testen entfernen wollte, mußte in der Form des Gottesopfers 
ihre unentstellte Wiederholung zu Tage treten. Welche Ent- 
wicklungen des religiösen Denkens als Rationalisierungen diese 
Wiederkehr ermöglicht haben, brauche ich an dieser Stelle nicht 
auszuführen. Robertson Smith, dem ja unsere Zurück- 
führung des Opfers auf jenes große Ereignis der menschlichen 
Urgeschichte feili liegt, gibt an, daß die Zeremonien jener 
Feste, mit denen die alten Semiten den Tod einer Gottheit 
feierten, als „commemoration of a mythical tragedy^' 
ausgelegt wurden, und daß die Klage dabei nicht den Charakter 
einer spontanen Teilnahme hatte, sondern etwas Zwangsmäßiges, 
von der Furcht vor dem göttlichen Zorn Gobotenes an sich 
trug^). Wir glauben zu erkennen, daß diese Auslegung im 
Rechte war, und daß die Gefühle der Feiernden in der zu Grunde 
liegenden Situation ihre gute Aufklärung fanden. 



1) Religion of the Semites, p. 412—413. „The mourning is not a 
«pontaneous expression of sympathy with the divine tragedy but obli- 
gatory and enforced by fear of supernatural anger. And a chief object 
of the mourners isto disclaim responsibility for the gods 
death — a point which has already come before us in connection with 
theamthropic sacrifices, such as the „oxmurder at Athens**. 



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204 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES T0TEMISMU8, 

Nehmen wir es nun als Tatsache hin, daß auch in der 
weiteren Entwicklung der Religionen die beiden treibenden 
Faktoren, das Schuldbewußtsein des Sohnes und der Sohneg- 
trotz, niemals erlöschen. Jeder Lösungsverstich des religiösen 
Problems, jede Art der Versöhnung der beiden widerstreitenden 
seelischen Mächte wird allmählich hinfällig, wahrscheinlich 
unter dem kombinierten Einfluß von kulturellen Änderungen, 
historischen Ereignissen und inneren psychischen Wandlungen. 

Mit immer größerer Deutlichkeit tritt das Beetreben des 
Sohnes hervor, sich an die Stelle des Vatergottes zu setzen. 
Mit der Einführung des Ackerbaues hebt sich die Bedeutung 
des Sohnes in der patriarchalischen Familie. Er getraut sich 
neuer Äußerungen seiner inzestuösen Libido, die in der Be- 
arbeitung der Mutter Erde eine symbolische Befriedigung findet. 
Es entstehen die Göttergestalten des Attis*, Adonis, Tammuz 
u. a., Vegetationsgeister und zugleich jugendliche Gottheiten, 
welche die Liebeegunst mütterlicher Gottheiten genießen, den 
Mutterinzest dem Vater zum Trotze durchsetzen. Allein das 
Schuldbewußtsein, welches durch diese Schöpfungen nicht be- 
schwichtigt ist, drückt sich in den Mythen aus, die diesfen 
jugendlichen Geliebten der Muttergöttinnen ein kurzes Leben 
und eine Bestrafung durch Entmannung oder durch den Zorn 
des Vatergottes in Tierform bescheiden. Adonis wird durch 
den Eber getötet, das heilige Tier der Aphrodite; Attis, der 
Geliebte der Kybele, stirbt an Entmannung i). Die Beweinung 

^) Die Kastrationsangst spielt eine außerordentlich große Rolle in 
der Störung des Verhältnisses zum Vater bei unseren jugendlichen Neu- 
rotikern. Aus der schönen Beobachtung von Ferenczi haben wir er- 
sehen, wie der Knabe seinen Totem in dem Tier erkennt, welches nach 
seinem kleinen Gliede schnappt. Wenn unsere Kinder von der rituellen 
Beschneidung erfahren, stellen sie dieselbe der Kastration gleich. Die 
völkerpsychologische Parallele zu diesem Verhalten der Kinder ist meines 



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DIE ERSETZUNG DER VATERGOTTHEITEN DURCH SOHNESGÖTl'ER. 205 

und die Freude über die Auferstehung dieser Götter ist in das 
Rituale einer anderen Sohnesgottheit übergegangen, welche zu 
dauerndem Erfolge bestimmt war. 

Als das Christentum seinen Einzug in die antike AVeit 
begann, traf es auf die Konkurrenz der Mithrasreligion, und 
es war für eine Weile zweifelhaft, welcher Gottheit der Sieg 
zufallen würde. 

Die lichtumflossene Gestalt des persischen Götterjünglings 
ist doch unserem Verständnis dunkel geblieben. Vielleicht darf 
man aus den Darstellungen der Stiertötungen durch Mithras 
schließen, daß er jenen Sohn vorstellte, der die Opferung des 
Vaters allein vollzog und somit die Brüder von der sie drük- 
kenden Mitschuld an der Tat erlöste. Es gab einen anderen 
Weg zur Beschwichtigung dieses Schuldbewußtseins imd diesen 
beschritt erst Christus. Er ging hin und opferte sein eigenes 
Leben und dadurch erlöste er die Brüderschar von der Erbsünde. 

Die Lehre von der Erbsünde ist orphischer Herkunft ; 
sie wurde in den Mysterien erhalten und drang von da aus in 
die Philosophenschulen des griechischen Altertimis ein^). Die 
Menschen waren die Nachkommen von Titanen, welche den 
jungen Dionysos-Zagreus getötet und zerstückelt hatten; die 
Last dieses Verbrechens drückte auf sie. In einem Fragment 



Wissens noch nicht ausgeführt worden. Die in der Urzeit und bei primi- 
tiven Völkern so häufige Beschneidung gehört dem Zeitpunkt der Männer- 
weihe an, wo sie ihre Bedeutung finden muß, und ist erst sekundär in 
frühere Lebenszeiten zurückgeschoben worden. Es ist überaus interessant, 
daß die Beschneidung bei den Primitiven mit Haarabsohneiden imd Zahn- 
ausschlagen kombiniert oder durch sie ersetzt ist, und daß unsere Kinder, 
die von diesem Sachverhalt nichts wissen können, in ihren Angstreaktionen 
diese beiden Operationen wirklich wie Äquivalent« der Kastration be- 
liandeln. 

1) Reinach, Cultes, Mythes et Religions, II., p. 75 ff. 



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206 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES T0TEMI8MUS. 



von Anaximander wird gesagt, daß die Einheit der Welt 
durch ein urzeitliches Verbrechen zerstört worden sei, und 
daß alles, was daraus hervorgegangen, die Strafe dafür weiter 
tragen muß^). Erinnert die Tat der Titanen durch die Züge 
der Zusammenrottung, der Tötung und Zerreißung deutlich 
genug an das von St. N i 1 u s beschriebene Totemopf er, — wie 
übrigens viele andere Mythen des Altertums, z. B. der Tod 
des Orpheus selbst — , so stört uns hier doch die Abweichung, 
daß die Mordtat an einem jugendlichen Gotte vollzogen wird. 

Im christlichen Mythus ist die Erbsünde des Menschen 
unzweifelhaft eine Versündigung gegen Gottvater. Wenn nun 
Christus die Menschen von dem Drucke der Erbsünde erlöst, 
indem er sein eigenes Leben opfert, so zwingt er uns zti dem 
Schlüsse, daß diese Sünde eine Mordtat war. Nach dem im 
menschlichen Fühlen tief gewurzelten Gesetz! der Talion kann 
ein Mord nur durch die Opferung eines anderen Lebens ge- 
sühnt werden ; die Selbstaufopferung weist auf eine Blutschuld 
zurück^). Und wenn dieses Opfer des eigenen Lebens die Ver- 
söhnung mit Gottvater herbeiführt, so kann das zu sühnende 
Verbrechen kein anderes als der Mord am Vater gewesen sein. 

So bekennt sich denn in der christlichen Lehre die Mensch- 
heit am unverhülltesten zu der schuldvollen Tat der Urzeit, 
weil sie nun im Opfertod des einen Sohnes die ausgiebigste 
Sühne für sie gefunden hat. Die Versöhnung mit dem Vater 
ist um so gründlicl'cr, weil gleichzeitig mit diesem Opfer der 
volle Verzicht auf das Weib erfolgt, um dessen Willen man 
sich gegen den Vater empört hatte. Aber nun fordert auch 
das psychologische Verhängnis der Ambivalenz seine Rechte. 

1) „Une Sorte de p6che proethnique" 1. c, p. 76. 

2) Die Selbstmordimpulse unserer Neurotiker erweisen sich regelmäßig^ 
als Selbstbestrafungen für Tocleswünsche, die gegen andere gerichtet sind. 



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DAS ZEUGNIS DER ERBSÜNDE. 207 

Mit der gleichen Tat, welche dem Vater die größtmögliche 
Sühne bietet, erreicht auch der Sohn das Ziel seiner Wünsche 
gegen den Vater. Er wird selbst zum Gott neben, eigentlich 
an Stelle des Vaters. Die Sohnesreligion löst die Vaterreligiou 
ab. Zum Zeichen dieser Ersetzung wird die alte Totemmahl- 
zeit als Kommunion wieder belebt, in welcher nun die Brüder- 
schar vom Fleisch und Blut des Sohnes, nicht mehr dee Vaters^ 
genießt, sich durch diesen Genuß heiligt und mit ihm identi- 
fiziert. Unser Blick verfolgt durch die Länge der Zeiten die 
Identität der Totemmahlzeit mit dem Tieropfer, dem theanthro- 
pischen Menschenopfer und mit der christlichen Eucharistie 
und erkennt in all diesen Feierlichkeiten die Nachwirkung 
jenes Verbrechens, welches die Menschen so sehr bedrückte, imd 
auf das sie doch so stolz sein mußten. Die christliche Kom- 
munion ist aber im Grunde eine neuerliche Beseitigung des 
Vaters, eine Wiederholung der zu sühnenden Tat. Wir merken^ 
wie berechtigt der Satz von Frazer ist, daß „the Christian 
communion has absorbed within itself a sacrament which is 
doubtless far older than Christianity^)". 



Ein Vorgang wie die Beseitigung des Urvaters durch die 
Brüderschar mußte unvertilgbare Spuren in der Geschichte der 
Menschheit hinterlassen und sich in desto zahlreicheren Ersatz- 
bildungen zum Ausdruck bringen, je weniger er selbst erinnert 



1) Eating the God, p. 51 Niemand, der mit der Literatur de» 

Gegenstandes vertraut ist, wird annehmen, daß die Zurückführung der 
christlichen Kommunion auf die Totemmahlzeit eine Idee des Schreibers^ 
dieses Aufsatzes sei. 



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208 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS. 

werden sollte^). Ich gehe der Versuchung aus dem Wege, 
diese Spuren in der Mythologie, wo sie nicht schwer zu finden 
sind, nachzuweisen und wende mich einem anderen Gebiete zu, 
indem ich einem Fingerzeig von S. ßeinach in einer inhalts- 
reichen Abhandlung über den Tod des Orpheus folge 2). 

In der Geschichte der griechischen Kunst gibt es eine Si- 
tuation, welche auffällige Ähnlichkeiten und nicht minder 
tiefgehende Verschiedenheiten mit der von Robertson 
Smith erkannten Szene der Totemmahlzeit zeigt. Es ist die 
Situation der ältesten griechischen Tragödie. Eine Schar von 
Personen, alle gleich benannt und gleich gekleidet, umsteht 
einen einzigen, von dessen Reden und Handeln sie alle abhängig 
sind: es ist der Chor und der ursprünglich einzige Helden- 
darsteller. Spätere Entwicklungen brachten einen zweiten und 
dritten Schauspieler, um Gegenspieler und Abspaltungen des 
Helden darzustellen, aber der Charakter des Helden wie sein 



1) Ariel im „Sturm*': 

Füll fathom five thy father lies: 
Of bis bones are coral made; 
Those are pearls that were bis eyes; 
Nothing of him that doth fade 
But doth suffer a sea-change 
Into something rieh and stränge. 

In der schönen Übersetzung von Schlegel: 

Fünf Faden tief liegt Vater dein. 
Sein Gebein wird zu Korallen, 
Perlen sind die Augen sein. 
Nichts an ihm, das soll verfallen, 
Das nicht wandelt Meeres-Hut 
In ein reich und seltnes Gut. 

*) La Mort d*0rph6e in dem hier oft zitierten Buche: Cultes, Mythes 
et Religions. T. II, p. 100 ff. 



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DER TRAGISCHE HELD ALS ERSATZ DES URVATERS. 209 

Verhältnis zum Chor blieben unverändert. Der Held der Tra- 
gödie mußte leiden; dies ist noch heute der wesentliche In- 
halt einer Tragödie. Er hatte die sogenannte „tragische Schuld" 
auf sich geladen, die nicht immer leicht zu begründen ist; 
sie ist oft keine Schuld im Sinne des bürgerlichen Lebens. 
Zumeist bestand sie in der Auflehnung gegen eine göttliche 
oder menschliche Autorität, und der Chor begleitete den Helden 
mit seinen sympathischen Gefühlen, suchte ihn zurückzuhalten, 
zu warnen, zu mäßigen und beklagte ihn, nachdem er für sein 
kühnes Unternehmen die als verdient hingestellte Bestrafung 
gefunden hatte. 

Warum muß aber der Held der Tragödie leiden und was 
bedeutet seine „tragische^' Schuld? Wir wollen die Diskus- 
sion durch rasche Beantwortung abschneiden. Er muß leiden, 
weil er der Urvater, der Held jener großen urzeitlichen Tragödie 
ist, die hier eine tendenziöse Wiederholung findet, und die 
tragische Schuld ist jene, die er auf sich nehmen muß, um 
den Chor von seiner Schuld zu entlasten. Die Szene auf der 
Bühne ist durch zweckmäßige Entstellung, man könnte sagen: 
im Dienste raffinierter Heuchelei, aus der historischen Szene 
hervorgegangen. In jener alten Wirklichkeit waren es gerade 
die Chorgenossen, die das Leiden des Helden verursachten; hier 
aber erschöpfen sie sich in Teilnahme und Bedauern, und der 
Held ist selbst an seinem Leiden schuld. Das auf ihn ge- 
wälzte Verbrechen, die Überhebung und Auflehnung gegen 
eine große Autorität, ist genau dasselbe, was in Wirklichkeit 
die Genossen des Chors, die Brüderschar, bedrückt. So wird 
der tragische Held — noch wider seinen Willen — zum Er- 
löser des Chors gemacht. 

Waren speziell in der griechischen Tragödie die Leiden 
des göttlichen Bockes Dionysos und die Klage deö mit ihm 

Freud, Totem uod Tabu. 14 



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210 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS. 

sich identifizierenden Gefolges von Böcken der Inhalt der Auf- 
führung, so wird es leicht verständlich, daß das bereits* er- 
loschene Drama sich im Mittelalter an der Passion Christi neu 
entzündete. 

So möchte ich denn zum Schlüsse dieser mit äußerster. 
Verkürzung geführten Untersuchung das Ergebnis auss^prechen, 
daß im Ödipuskomplex die Anfänge von Religion, Sittlichkeit, 
Gesellschaft und Kunst zusammentreffen, in voller Überein- 
stimmung mit der Feststellung der Psychoanalys'e, daß dieser 
Komplex den Kern aller Neurosen bildet, so weit sie bis jetzt 
unserem Verständnis nachgegeben haben. Es erscheint mir als 
eine große Überraschung, daß auch diese Probleme des Völker- 
seelenlebens eine Auflösung von einem einzigen konkreten 
Punkte her, wie es das Verhältnis zum Vater ist, gestatten 
sollten. Vielleicht ist selbst ein andere^ psychologisches Pro- 
blem in diesen Zusammenhang einzubeziehen. Wir haben so 
oft Gelegenheit gehabt, die Gefühlsambivalenz im eigentlichen 
Sinne, also das Zusammentreffen von Liebe und Haß gegen 
dasselbe Objekt, an der Wurzel wichtiger Kulturbildungen auf- 
zuzeigen. Wir wissen nichts über die Herkunft dieser Ambi- 
valenz. Man kann die Annahme machen, daß sie ein fundamen- 
tales Phänomen unseres Gefühlslebens^ sei. Aber auch die 
andere Möglichkeit scheint mir wohl beach^tenswert, daß sie, 
dem Gefühlsleben ursprünglich fremd, von der Menschheit an 
dem Vaterkomplex 1) erworben wurde, wo die psychoanaly- 
tische Erforschung des Einzelmenschen heute noch ihre stärkste 
Ausprägung * nachweist 2). 



1) Kespektive Elternkomplex. 

2) Der Mißverständnisse gewöhnt, halte ich es nicht für überflüssig, 
ausdrücklich hervorzuheben, daß die hier gegebenen Zurückfüiirungen an 
die komplexe Natur der abzuleitenden Phänomene keineswegs vergessen 



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EINWENDUNGEN UND SCHWIEEIGKEITEN. 211 

Bevor ich nun abschließe, muß ich der Bemerkung Raum 
geben, daß der hohe Grad vpn Konvergenss zu einem umfassen- 
den Zusammenhange, den wir in diesen Ausführungen er- 
reicht haben, u;is nicht gegen die Unsicherheiten unserer Vor- 
aussetzungen und die Schwierigkeiten unserer Resultate ver- 
blenden kann. Von den letzteren will ich nur noch zwei be- 
handeln, die sich manchem Leser aufgedrängt haben dürften. 

Es kann zunächst niemandem entgangen sein, daß wir 
tiberall die Annahme einer Massenpsyche zu Grunde legen, in 
welcher sich die seelischen Vorgänge vollziehen wie im Seelen- 
leben eines einzelnen. "Wir lassen vor allem das Schuldbewußt- 
sein wegen einer Tat über viele Jahrtausende fortleben und 
in Generationen wirksam bleiben, welche von dieser Tat nichts 
wissen konnten. Wir lassen einen G^fühlsprozeß, wie er bei 
Generationen von Söhnen entstehen konnte, die von il^rem 
Vater mißhandelt wurden, sich auf neue Generationen fort- 
» setzen, welche^ einer solchen Behandlung gerade durch die Be- 
seitigung des Vaters entzogen worden waren. Dies scheinen 
allerdings .schwerwiegende Bedenken, und jede andere Erklä- 
rung scheint den Vorzug zu verdienen, welche solche Voraus- 
setzungen vermeiden kann. 

Allein eine weitere Erwägung zeigt, daß wir die Verant- 
wortlichkeit für solche Kühnheit nicht allein zu tragen haben. 

haben, und daß sie nur den Anspruch erheben, zu den bereits bekannten 
oder noch unerkannten Ursprüngen der Religion, Sittlichkeit und der Ge- 
sellschaft ein neues Moment hinzufügen, welches sich aus der Berücksich- 
tigung der psychoanalytischen Anforderungen ergibt. Die Synthese zu 
einem Ganzen der Erklärung muß ich anderen überlassen. Es geht aber 
diesmal aus der Natur dieses neuen Beitrages hervor, daß er in einer 
solchen Synthese keine andere als die zentrale Rolle spielen könnte, wenn- 
gleich die Überwindung von großen affektiven Widerstanden erfordert 
» werden dürfte, ehe man ihm eine solche Bedeutung zugesteht. 

14» 



r^nrinL"' OrFginaffronn 

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212 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS. 



Ohne die Annahme einer Massenpsyche, einer Kontuinuität im 
Gefühlsleben der Menschen, welche gestattet, sich über die Un- 
terbrechungen der seelischen Akte durch das Vergehen der In- 
dividuen hinwegzusetzen, kann die Völkerpsychologie über 
haupt nicht bestehen. Setzten sich die psychischen Prozesse der 
einen Generation nicht auf die nächste fort, müßte jede ihre 
Einstellung zum Leben neu erwerben, so gäbe es auf diesem 
Gebiet keinen Fortschritt und so gut wie keine Entwicklung. 
Es erheben sich nun zwei neue Fragen, wieviel man der psy- 
chischen Kontinuität innerhalb der G^nerationsreihen zutrauen 
kann, und welcher Mittel und Wege sich die eine Generation 
bedient, um ihre psychischen Zustände auf die nächste zu über- 
tragen. Ich werde nicht behaupten, daß diese Probleme weit 
genug geklärt sind, oder daß die direkte Mitteilung und Tra- 
dition, an die man zunächst denkt, für das Erfordernis hin- 
reichen. Im allgemeinen kümmert sich die Völkerpsychologie 
wenig darum, auf welche Weise die verlangte Kontinuität im 
Seelenleben der einander ablösenden Generation hergestellt 
wird. Ein Teil der Aufgabe scheint durch die Vererbung psy- 
chischer Dispositionen besorgt zu werden, welche aber doch 
gewisser Anstöße im individuellen Leben bedürfen, um zur 
Wirksamkeit zu erwachen. Es mag dies der Sinn des Dichter- 
wortes sein : Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es*, ;um 
es zu besitzen. Das Problem erschiene noch schwieriger, wenn wir 
zugestehen könnten, daß es seelische Regungen gibt, welche so 
spurlos unterdrückt werden können, daß sie keine ßesterschei- 
nungen zurücklassen. Allein solche gibt es nicht. Die stärkste 
Unterdrückung muß Raum lassen für entstellte Ersatzregungen 
und aus ihnen folgende Reaktionen. Dann dürfen wir aber an- 
nehmen, daß keine Generation im stände ist, bedeutsamere see- 
lische Vorgänge vor der nächsten zu verbergen. Die Psycho- 



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EINWENDUNGEN UND SCHWIERIGKEITEN. 213 

analyse hat uns nämlich gelehrt, daß jeder Mensch in seiner 
unbewußten Geistestätigkeit einen Apparat besitzt, der ihm 
gestattet, die Reaktionen anderer Menschen zu deuten, das heißt 
die Entstellungen wieder rückgängig zu machen, welche der 
andere an dem Ausdruck seiner Gefühlsregungen vorgenommen 
hat. Auf diesem Wege des unbewußten Verständnisses all der 
Sitten, Zeremonien und Satzungen, welche das ursprüngliche 
Verhältnis zum Urvater zurückgelassen hatte, mag auch den 
späteren Generationen die Übernahme jener Gefühlserbschaft 
gelungen sein. 

Ein anderes Bedenken dürfte gerade von selten der ana- 
lytischen Denkweise erhoben werden. 

iWir haben die ersten Moralvorschriften und sittlichen Be- 
schränkungen der primitiven Gesellschaft als Reaktion auf eine 
Tat aufgefaßt, welche ihren Urhebern den Begriff des Ver- 
brechens gab. Sie bereuten diese Tat und beschlossen, daß 
sie nicht mehr wiederholt werden solle, und daß ihre Aus- 
führung keinen Gewinn gebracht haben dürfe. Dies schöpfe- 
rische Schuldbewußtsein ist nun unter uns nicht erloschen. 
Wir finden es bei den Neurotikern in asozialer Weise wirkend, 
um neue Moralvorschriften, fortgesetzte Einschränkungen zu 
produzieren, als Sühne für die begangenen und als Vorsicht 
ge^en neu zu begehende Untaten i). Wenn wir aber bei diesen 
Neurotikern nach den Taten forschen, welche solche Realc- 
tionen wachgerufen haben, so werden wir enttäuscht. Wir 
finden nicht Taten, sondern nur Impulse, Gefühlsregungen, 
welche nach dem Bösen verlangen, aber von der Ausführung 
abgehalten worden sind. Dem Schuldbewußtsein der Neuro- 
tiker liegen nur psychische Realitäten zu Grunde, nicht fak- 
tische. Die Neurose ist dadurch charakterisiert, daß sie die 



i) Vgl. den zweiten Aufsatz dieser Reihe über das Tabu. 



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214 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEUR DES TOTEMISMUS. 

psychische Realität über die faktische setzt, auf Gedanken 
ebenso ernsthaft reagiert wie die Normalen nur auf Wirklich- 
keiten. 

Kann es sich bei den Primitiven nicht ähnlich verhalten 
haben? Wir sind berechtigt, ihnen eine außerordentliche Über- 
schätzung ihrer psychischen Akte als Teilerstjheinung ihrer 
narzißtischen Organisation zuzuschreiben^). Demnach könnten 
die bloßen Impulse von Feindseligkeit gegen den Vater, die 
Existenz der Wunschphantasie, ihn zu töten und zu verzehren, 
hingereicht haben, um jene moralische Reaktion zu erzeugen, 
die Totemismus und Tabu geschaffen hat. Man würde so der 
Notwendigkeit entgehen, den Beginn unseres kulturellen Be- 
sitzes, auf den wir mit Recht so stolz! sind, auf ein gräßliches, 
alle unsere Gefühle beleidigendes Verbrechen zurückzuführen. 
Die kausale, von Jenem Anfang bis in unsere Gegenwart rei- 
chende Verknüpfung litte dabei keinen Schaden, denn die psy- 
chische Realität wäre bedeutsam genug, um alle diese Folgen 
zu tragen. Man wird dagegen einwenden, daß ja eine Ver- 
änderung der Gesellschaft von der Form der Vaterhorde zu 
der des Brüderclan wirklich vorgefallen ist. Dies ist ein starkes 
Argument, aber doch nicht entscheidend. Die Veränderung 
könnte auf minder gewaltsame Weise erreicht worden sein und 
doch die Bedingung für das Hervortreten der moralischen Re- 
aktion enthalten haben. Solange der Druck des Urvaters sich 
fühlbar machte, waren die feindseligen Gefühle gegen ihn 
berechtigt, und die Reue über sie mußte einen anderen Zeit- 
punkt abwarten. Ebensowenig ist der zweite Einwand stich- 
haltig, daß alles, was sich aus der ambivalenten Relation zum 
Vater ableitet, Tabu und Opfervorschrift, den Charakter des 

1) Siehe den Aufsatz über Animismus, Magie und Allmaclit der Ge- 
danken. 



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HISTORISCHE ODER PSYCHISCHE REALITÄT. 215 

höchsten Ernstes und der vollsten Realität an sich trägt. Auch 
das Zeremoniell und die Hemmungen der Zwangsneurotiker 
zeigen diesen Charakter und gehen doch nur auf psychische 
Realität, auf Vorsatz und nicht auf Ausführungen zurück. 
Wir müssen uns hüten, aus unserer nüchternen Welt, die voll 
ist von materiellen Werten, die Geringschätzung des bloß Ge- 
dachten und Gewünschten in die nur innerlich reiche Welt des 
Primitiven und des Neurotikers einzutragen. 

Wir stehen hier vor einer Entscheidung, die uns wirklich 
nicht leicht gemacht ist. Beginnen wir aber mit dem Be- 
kenntnis, daß der Unterschied, der anderen fundamental er- 
scheinen kann, für unser Urteil nicht das Wesentliche des 
Gegenstandes trifft. Wenn für den Primitiven Wünsche und 
Impulse den vollen Wert von Tatsachen haben, so ist es an 
uns, solcher Auffassung verständnisvoll zu folgen, anstatt sie 
nach unserem Maßstab zu korrigieren. Dann aber wollen wir 
das Vorbild der Neurose, das uns in diesen Zweifel gebracht hat, 
selbst schärfer ins Auge fassen. Es ist nicht richtig, daß die 
Zwangsneurotiker, welche heute unter dem Drucke einer Über- 
moral* stehen, sich nur gegen die psychische Realität von Ver- 
suchungen verteidigen und wegen bloß verspürter Impulse be- 
strafen. Es ist auch ein Stück historischer Realität dabei; in 
ihrer Kindheit hatten diese Menschen nichts anderes als die 
bösen Impulse, und insoweit sie in der Ohnmacht des Kindes 
es konnten, haben sie diese Impulse auch in Handlungen um- 
gesetzt. Jeder von diesen Uberguten hatte in der Kindheit 
seine böse Zeit, eine perverse Phase als Vorläufer und Vor- 
aussetzung der späteren übermoralischen. Die Analogie der 
Primitiven mit den Neurotikern wird also viel gründlicher her- 
gestellt, wenn wir annehmen, daß auch bei den ersteren die 
psychische Realität, an deren Gestaltung kein Zweifel ist, an- 



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216 IV. DIE INFANTILE WIEDERKEHR DES TOTEMISMUS. 

fänglich mit der faktischen Realität zusammenfiel, daß die 
Primitiven das wirklich getan haben, was sie nach allen Zeug- 
nissen zu tun beabsichtigten. 

Allzuweit dürfen wir unser Urteil über die Primitiven 
auch nicht durch die Analogie mit den Neurotikern beeinflussen 
lassen. Es sind auch die Unterschiede in Rechnung zu ziehen. 
Gewiß sind bei beiden, Wilden wie Neurotikern, die scharfen 
Scheidungen zwischen Denken und Tun, wie wir sie ziehen, 
nicht vorhanden. Allein der Neuro tiker ist vor allem im Han- 
deln gehemmt, bei ihm ist der Gredanke der volle Ersatz für 
die Tat. Der Primitive ist ungehemmt, der Gedanke setzt sich 
ohne weiteres in Tat um, die Tat ist ihm sozusagen eher ein 
Ersatz des Gedankens, und darum meine ich, ohne selbst für 
die letzte Sicherheit der Entscheidung einzutreten, man darf 
in dem Falle, den wir diskutieren, wohl annehmen: Im An- 
fang war die Tat. 



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