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Full text of "Traumdeutung [3. vermehrte Auflage]"

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PSYCHOLOGY 


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DIE 


TRAUMDEUTUNG. 










DIE 


TRAUMDEUTUNG 

VON 

PROF. DR SIGM. FREUD. 


* FLECTERE S1 NEQUEO S UPEROS, A CH ERONTA MOVEBO « 


DRITTE VERMEHRTE AUFLAGE. 


LEIPZIG UND WIEN. 
FRANZ DEUTICKE 
1911 . 


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k. u. K Hofbuchdruckeiei karl Prochaska in feschen 


Vorbemerkung. 


Indem ich liier die Darstellung- der Traumdeutung versuche, 
glaube ich den Umkreis neuropathologischer Interessen nicht über- 
schritten zu haben. Denn der Traum erweist sich bei der psycho- 
logischen Prüfung als das erste Glied in der Reihe abnormer psychischer 
Gebilde, von deren weiteren Gliedern die hysterische Phobie, die 
Zwangs- und die Wahnvorstellung den Arzt aus praktischen Gründen 
beschäftigen müssen. Auf eine ähnliche praktische Bedeutung kann 
der Traum wie sich zeigen wird — Anspruch nicht erheben; 
um so größer ist aber sein theoretischer Wert als Paradigma, und 
wer sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklären weiß, 
wird sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs- und Wahn- 
ideen, eventuell um deren therapeutische Beeinflussung, vergeblich 
bemühen. ° 


Derselbe Zusammenhang aber, dem unser Thema seine Wichtig- 
keit verdankt, ist auch für die Mängel der vorhegenden Arbeit ver- 
antwortlich zu machen. Die Bruchflächen, welche man in dieser 
Darstellung so reichlich finden wird, entsprechen ebensovielen 
Kontaktstellen, an denen das Problem der Traumbildung in um- 
assendere Probleme der Psychopathologie eingreift, die hier nicht 
behandelt werden konnten, und denen, wenn Zeit und Kraft ausreichen 

und weiteres Material sich einstellt, spätere Bearbeitungen gewidmet 
werden sollen. b 

Eigentümlichkeiten des Materials, an dem ich die Traumdeutung 
erläutere, haben mir auch diese Veröffentlichung schwer gemacht. Es 
uird smh aus der Arbeit selbst ergeben, warum alle in der Literatur 
erzählten oder von Unbekannten zu sammelnden Träume für meine 
-iucc^e un iranchbar sein mußten; ich hatte nur die Wahl zwischen 
° n ClgeDcn F Kiu men und denen meiner, in psychoanalytischer Behänd- 


VI 


lung stehenden, Patienten. Die Verwendung des letzteren Matenas 
wurde mir durch den Umstand verwehrt, daß hier die Traumvorgange 
einer unerwünschten Komplikation durch die Einmengung neurotischer 
Charaktere unterlagen. Mit der Mitteilung meiner eigenen Träume 
aber erwies sich als untrennbar verbunden, daß ich von en nimi a 
meines psychischen Lebens fremden Einblicken mehr «o&*h * 
mir lieb sein konnte, und als sonst einem Autor, der nicht Po 
sondern Naturforscher ist, zur Aufgabe fällt. Das war peinlich, aber 
unvermeidlich ; ich habe mich also darein gefügt, um nicht auf 
Beweisführung für meine psychologischen Ergebnisse ubeihaupt e 
"zu müssen. Natü&h habe ich doch der Versuchung nicht 
widerstehen können, durch Auslassungen und Ersetzungen matte« 
Indiskretionen die Spitze abzubrechen ; so oft dies geschah gereichte 
es dem Werte der von mir verwendeten Be, spiele zum “ 

Nachteile Ich kann nur die Erwartung anssprechen, daß che Lesei 
dieser Arbeit sich in meine schwierige Lage versetzen werden, um 
Sicht mit mir zu üben, und ferner, daß alle Personen, die s,ch 
in den mitgeteilten Träumen irgendwie betroffen finden, wenigstens 
Traumleben Gedankenfreiheit nicht werden versagen wollen. 


Vorwort zur zweiten Auflage. 


Daß voii diesem schwer lesbaren Buche nocli vor Vollendung 
des ersten Jahrzehnts eine zweite Auflage notwendig geworden ist 
verdanke ich nicht dem Interesse der Fachkreise, an die ich mich in 
den vorstehenden Sätzen gewendet hatte. Meine Kollegen von der 
Psychiatrie Schemen sich keine Mühe gegeben zu haben, über das 
anfängliche Befremden hinauszukommen, welches meine neuartige Auf- 
fassung des Traumes erwecken konnte, und die Philosophen von Beruf 
die nun einmal gewöhnt sind, die Probleme des Traumlebens als An- 
hang zu den Bewußtseinszuständen mit einigen — meist den nämlichen 
— Sätzen abzuhandeln, haben offenbar nicht bemerkt, daß man gerade 
an diesem Ende allerlei hervorziehen könne, was zu einer gründlichen 
Umgestaltung unserer psychologischen Lehren führen muß 0 Das Ver- 
halten der wissenschaftlichen Buchkritik konnte nur die Erwartung 
berechtigen, daß Totgeschwiegenwerden das Schicksal dieses meines 
YV erkes sein müsse ; auch die kleine Schar von wackeren Anhängern, 
die meiner Führung in der ärztlichen Handhabung der Psychoanalyse 
folgen und nach meinem Beispiel Träume deuten, um diese Deutungen 
m der Behandlung von Neurotikern zu verwerten, hätte die erste 
Auflage des Buches nicht erschöpft. So fühle ich mich denn jenem 
weiteren Kreise von Gebildeten und Wißbegierigen verpflichtet, deren 
leilnahme mir die Aufforderung verschafft hat, die schwierige und 
für so vieles grundlegende Arbeit nach neun Jahren von neuem vor- 
zunehmen. 

Ich freue mich sagen zu können, daß ich wenig zu verändern 
fand. Ich habe hie und da neues Material eingeschaltet, aus meiner 
vermehrten Erfahrung einzelne Einsichten hinzugefügt, an einigen 
wenigen Punkten Umarbeitungen versucht; alles Wesentliche über 
üen l raum und seine Deutung sowie über die daraus ableitbaren 
psychologischen Lehrsätze ist aber ungehindert geblieben: es hai 
wenigstens subjektiv, die Probe der Zeit bestanden. Wer meine anderen 
Arbeiten (über Ätiologie und Mechanismus der Psyclioneurosen) kennt, 
weiü, daß ich niemals Unfertiges für fertig ausgegeben und mich 
stets bemüht habe, meine Aussagen nach meinen fortschreitenden 
hmsiehten abzuändern; auf dem Gebiete des Traumlebens durfte ich 
hei meinen ersten Mitteilungen stehen bleiben. In den langen Jahren 


VIII 


meiner Arbeit an den Neurosen problemen bin ich wiederholt ins 
Schwanken geraden und an manchem irre geworden; dann war es 
immer wieder die „Traumdeutung“, an der ich meine Sicherheit 
wiederfand. Meine zahlreichen wissenschaftlichen Gegner zeigen also 
einen sicheren Instinkt, wenn sie mir gerade auf das Gebiet der 
Traumforsch ung nicht folgen wollen. 

Audi das Material dieses Buches, diese zum größten Teil durch 
die Ereignisse entwerteten oder überholten eigenen Träume, an denen 
ich die Regeln der Traumdeutung erläutert hatte, erwies bei der 
Revision ein Beharrungsvermögen, das sich eingreifenden Änderungen 
widersetzte. Für mich hat dieses Buch nämlich noch eine andere subjek- 
tive Bedeutung, die ich erst nach seiner Beendigung verstehen konnte. 
Es erwies sich mir als ein Stück meiner Selbstanalyse, als meine 
Reaktion auf den Tod meines Vaters, also auf das bedeutsamste Ereignis, 
den einschneidendsten Verlust im Leben eines Mannes. Nachdem ich 
dies erkannt hatte, fühlte ich mich unfähig, die Spuren dieser Ein- 
wirkung zu verwischen. Für den Leser mag es aber gleichgültig sein, 
an welchem Material er Träume würdigen und deuten lernt. 

Wo ich eine unabweisbare Bemerkung nicht in den alten Zu- 
sammenhang eiiifiigcn konnte, habe ich ihre Herkunft von der zweiten 
Bearbeitung durch eckige Klammern angedeutet. 

Berchtesgaden, im Sommer 1908. 


Vorwort zur 


dritten Auflage. 


Während zwischen der ersten und der zweiten Auflage dieses 
Buches ein Zeitraum von neun Jahren verstrichen ist, hat sich das 
Bedürfnis nach einer dritten bereits nach wenig mehr als einem Jahre 
bemerkbar gemacht. Ich darf mich dieser Wandlung freuen; wenn 
ich aber vorhin die Vernachlässigung meines Werkes von seiten der 
Leser nicht als Beweis für dessen Unwert gelten lassen wollte, kann 
ich das nunmehr zu Tage getretene Interesse auch nicht als Beweis für 
seine Trefflichkeit verwerten. 

Der Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis hatauchdie .. 1 nnini- 
deutung“ nicht unberührt gelassen. Als ich sie 1899 niedersehrieb, bestand 
die „Sexualtheorie“ noch nicht, war die Analyse der komplizierteren 


IX 


Formen von Psyclioneurosen noch in ihren Anfängen. Die Deutung 
der Träume sollte ein Hilfsmittel werden, um die psychologische 
Analyse der Neurosen zu ermöglichen ; seither hat das vertiefte* 5 Ver- 
ständnis der Neurosen auf die Auffassung des Traumes zurückgewirkt. 
Die Lehre von der Traumdeutung selbst hat sich nach einer Richtuuo- 
weiter entwickelt, auf welche in der ersten Auflage dieses Buches nicht 
genug Akzent gefallen war. Durch eigene Erfahrung wie durch die 
Arbeiten von W. St ekel und anderen habe ich seither den Umfan o* 
und die Bedeutung der Symbolik im Traume (oder vielmehr im 
unbewußten Denken) riehtiger würdigen gelernt. So hat sich im 
Laufe dieser Jahre vieles angesammelt, was Berücksichtigung verlangte. 
Ich habe versucht, diesen Neuerungen durch zahlreiche Einschaltungen 
m den Text und Anfügung von Fußnoten Rechnung zu tragen. Wenn 
diese Zusätze nun gelegentlich den Rahmen der Darstellung zu spren- 
gen drohen, oder wenn es doch nicht an allen Stellen gelungen ist 
en fiüheren Text auf das Niveau unserer heutigen Einsichten zu 
heben, so bitte ich für diese Mängel des Buches um Nachsicht, da sie 
nur folgen und Anzeichen der nunmehr beschleunigten Entwicklung 
unseies Wissens sind. Ich getraue mich auch vorherzusagen, nach 
welchen anderen Richtungen spätere Auflagen der Traumdeutung — 
talls sich em Bedürfnis uach solchen ergeben würde — von der vor- 
liegenden abweichen werden. Dieselben müßten einerseits einen engeren 
Anseh -uß an den reichen Stoff der Dichtung, des Mythus, des Sprach- 
gebrauchs und des Folklore suchen, anderseits die Beziehungen des 
raumes zur Neurose und zur Geistesstörung noch eingehender, als es 
hier möglich war, behandeln. ö ’ 

Herr Otto Rank hat mir bei der Auswahl der Zusätze wertvolle 
Dienste geleistet und die Revision der Druckbogen allein besorgt 

» D»k “ ftr ihre Beitr ®e e Berichtigungen 

Wien, im Frühjahr 1911. 


Inhaltsverzeichnis. 


Seite 

I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme 1 

II. DieMethode der Traumdeutung. DieAnalyse eines Traum- 
musters 69 

III. Der Traum ist eine Wunscherfüllung 89 

IV. Die Traumentstellung 98 

V. Das Traummaterial und die Traum quellen 119 

a) Das Rezente und das Indifferente im Traume 120 

b) Das Infantile als Traumquelle 137 

c) Die somatischen Traumquellen 159 

d) Typische Träume l 74r 

VI. Die Traumarbeit 

ci) Die Verdichtungsarbeit ^23 

b) Die Verschiebungsarbeit ~ 4 1 

c) Die Darstellungsmittel des Traumes - 44 

d) Die Rücksicht auf Darsteilbarkei -65 

e ) Beispiele. Rechnen und Reden im Traume 

y) Absurde Träume. Die intellektuellen Leistungen im Traume . . • -83 

a) Die Affekte im Traume 308 

h) Die sekundäre Bearbeitung 

VII. Zur Psychologie der Traum v orgän ge 340 

a) Das Vergessen der Träume 34- 

b) Die Regression 

c) Zur Wunscherfüllung 367 

d) Das Wecken durch den Traum. Die Funktion des Traumes. Der 



e) Der Primär- und der Sekundärvorgang. Die Verdrängung .... 390 

f) Das Unbewußte und das Bewußtsein. Die Realität 406 

VIII. Literaturverzeichnis 410 


I. 


Die wissenschaftliche Literatur der 
Traumprobleme.* * ) 

Auf den folgenden Blättern werde icli den Nachweis erbringen 
daß es eine psychologische Technik gibt, welche gestattet, Träume 
zu deuten, und daß bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum 
sich als ein sinnvolles psychisches Gebilde herausstellt, welches an 
angebbarer Stelle m das seelische Treiben des Wachens einzureihen 
ist. Ich werde ferner versuchen, die Vorgänge klar zu legen, von 
denen die Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traumes herrührt, 
und aus ihnen einen Rückschluß auf die Natur der psychischen Kräfte 
ziehen, aus deren Zusammen- oder Gegeneinander wirken der Traum 
lervorgeht So weit gelangt, wird meine Darstellung abbrechen, denn 

hf iTmfas^ 61 ! PUn p t yT' eiCllt hab3n ’ W ° das Problem des Träumens 
R.fl, f r Cre Probleme emmtlndet, deren Lösung an anderem 
Material m Angriff genommen werden muß. 

über flen 6 JJ bersi ° bt . übe1 ’ die Leistungen früherer Autoren sowie 
r Wt fn & e ö6 Qw artigen Stand der Traumprobleme in der Wissen- 

ich r im Verlaufb der Abhandlung nicht 

liche°vti We T e5 damUf zurückzuk °mmen. Das wissenschaft- 
ei otandnis des 1 raumes ist nämlich trotz mehrtausendjährie-er 
Bemühung sehr wenig weit gediehen. Dies wird von “ fi 

en vi fuhren" K'V d ‘ft “ “ berflttssi g scheint, einzelne Stimmen 
meiner Arbeit anfll" bcbn,ten ) . deren Verzeichnis ich zum Schlüsse 
reichlich inteL fll ^N? I l de - n i S ‘ ch ™ le anregende Bemerkungen nnd 
weni“4 Z w«, l tCn T " unserem Thema > ohmte oder 

end»ültiM(fete Noch T® 8 träfe oder «»« seiner Kätsel 

dete°n Laien uberg^angr' 8 “ ' *** d< * ^ebil- 

-- V a 4‘ä^ 

enthüllt, wenn man davon die richtige Übersetzung 

*) [Bis zur ersten Veröffentlichung dieses «uchos, 1900.] 

1 reucl > Traumdeutung. 3. Aufl. 


2 


I. Literatur der Traumprobleme. 


trifft. Er kenut einige der Charaktere des Traumlebens, z. B. daß 
der Traum kleine, während des Schlafes eintretende Reize ins Große 
uiudeutet („man glaubt, durch ein Feuer zu gehen und heiß zu 
werden, wenn nur eine ganz unbedeutende Erwärmung dieses oder 
jenes Gliedes stattlind et“), und zieht aus diesem Verhalten den Schluß, 
daß die Träume sehr wohl die ersten bei Tag nicht bemerkten An- 
zeichen einer beginnenden Veränderung im Körper dem Arzte ver- 
raten können. Zu einem tieferen Verständnis der aristotelischen Ab- 
handlung vorzudringen, ist mir, bei nichtausreichender Vorbildung 
und ohne kundige Hilfe, nicht möglich geworden. 

Die Alten vor Aristoteles haben den Traum bekanntlich 
nicht für ein Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern für 
eine Eingebung von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen 
Strömungen, die wir in der Schätzung des Traumlebens als jedei- 
zeit vorhanden auffinden werden, machten sich bereits bei ihnen 
geltend. Man unterschied wahrhafte und wertvolle Träume, dem 
Schläfer gesandt, um ihn zu warnen oder ihm die Zukunft zu ver- 
künden, von eitlen, trügerischen und nichtigen, deren Absicht es war, 
ihn in die Irre zu führen oder ins Verderben zu stürzen.*) Diese 
vorwissenschaftliche Traumauffassung der Alten stand sicherlich im 
vollsten Einklänge mit ihrer gesamten Weltanschauung, welche als 
Realität in die Außenwelt zu projizieren pflegte, was nur innerhalb 
des Seelenlebens Realität hatte. Sie trug überdies dem Haupteindruck 
Rechnung, welchen das Wachleben durch die am Morgen übiig 
bleibende Erinnerung von dem Traume empfängt, denn in diesei Ei- 
inneruno- stellt sich der Traum als etwas Fremdes, das gleichsam aus 
einer anderen Welt herrührt, dem übrigen psychischen Inhalt entgegen. 
Es wäre übrigens irrig zu meinen, daß die Lehre von der über- 
natürlichen Herkunft der Träume in unseren Tagen der Anhänger 
entbehrt: von allen pietistischen und mystischen Schriftstellern abge- 
sehen — die ja recht daran tun, die Reste des ehemals ausgedehnten 
des Übernatürlichen besetzt zu halten, solange sie nicht 



Männer, die ihren religiösen Glauben an die Existenz und an das 
Eingreifen übermenschlicher Geisteskräfte gerade aut die Unei ^ ai 



sich viele Jahrhunderte hindurch erhalten. J 


Aristoteles. — Die Traumlehre der Alteu. 


3 


barkeit der Traumerscheinungen zu stützen versuchen (Haffner 32 ) 
Die Wertschätzung des Traumlebens von seiten mancher Philo- 
sophenschulen, z. B. der Schellingianer, ist ein deutlicher Nach- 
klang der im Altertum unbestrittenen Göttlichkeit des Traumes und 
auch über die divinatorische, die Zukunft verkündende, Kraft des 
Traumes ist che Erörterung nicht abgeschlossen, weil die psycho- 
logischen Erklärungsversuche zur Bewältigung des angesammelten 
Materials nicht ausreichen, so unzweideutig auch die Sympathien 
eines jeden, der sich der wissenschaftlichen Denkungsart ergeben hat. 
zur Abweisung einer solchen Behauptung hinneigen mögen. 

Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der 
laum probleme zu schreiben, ist darum so schwer, weil in dieser 
Erkenntnis, so wertvoll sie an einzelnen Stellen geworden sein mag 
em h ortschritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist. Es 
ist nicht zur Bildung eines Unterbaues von gesicherten Resultaten ge- 
'ornmen, auf dem dann em nächstfolgender Forscher weitergebaut 
hatte, sondern jeder neue Autor faßt die nämlichen Probleme von 
neuem und wie vom Ursprung her wieder an. Wollte ich mich an 

gG C iT A [ ltore 1 n halten ™d von jedem einzelnen im Auszug 
beuchten, welche Ansichten über die Traumprobleme er geäußerf 

so mußte ich darauf verzichten, ein übersichtliches Gesamtluid vom 
gegenwärtigen Stande der Traumerkenntnis zu entwerfen; ich habe 
es darum vorgezogen, die Darstellung an die Themata an tatt an die 

rriff- i ^ T de bGi J' edem der Traumprobleme 
gelegt ’ist M enal ZUr Lösun S desselben in der Literatur nieder- 

Q , , Da f m „ ir aber nicbt gelungen ist, die gesamte, so sehr ver- 

es# stÄÄt 

sehen Bl ScbL haben - di f meisteu Autoren sich veranlaßt ge- 
I i . c -, raum in dem nämlichen Zusammenhänge ahzu- 

in die%svchoLthSn! •" U ° h ' 'L WUrd 'K ur « “nalog-er Zustande, welche 
(wie der SÄ ™°. hen > ™ d traumähul.chor Vorkommnisse 
sich in ,1 ysionen etc.) anzuseh ließen. Dagegen zeigt 

zu h halten en nnTe?w te a n e Arbelten , tks !5 estrebe ”> ** Thema eingeschränkt 
lebens znm Porr t 7 ein zeliie krage aus dem Gebiete des Traum- 

ich einen Ausdruck fYb nehmen ’ dieser Veränderung möchte 
Aufklärung und Ühf • L berzeil S un £ sebea , daß in so dunklen Dingen 
nnflt n b d Ubereiu stimmung nur durch eine Reihe von Detail 

DeSteSnng Vrf'“ ^ <Jllrf t e 1 "- Kichts »»de«, als eine solche 
ich hier bieten Ich hatte • Sp f ^ l Ideologischer Natur, kann 

Schlafes zu befassen T T 8 ’ mi ° h mit dem Problem des 
Problem D , ? , D ’ . denn dies ist em wesentlich physiologisches 
1 oblem, wenngleich xn der Charakteristik des Schl4«sTandes d“ 


4 


I. Literatur der Traumprobleme. 


Veränderung der Funktionsbedingungen für den seelischen Apparat 
mit enthalten sein muß. Es bleibt also auch die Literatur des Schlafes 
hier außer Betracht. 

Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an sich 
führt zu den folgenden, zum Teil ineinander fließenden Frage- 
stellungen : 

a) Beziehung des Traumes zum Wachleben. Das naive 
Urteil des Erwachten nimmt an, daß der Traum — wenn er schon 
nicht aus einer anderen Welt stammt — doch den Schläfer in eine 
andere Welt entrückt hatte. Der alte Physiologe Bur dach 8 ), dem 
wir eine sorgfältige und feinsinnige Beschreibung der Traumphäno- 
mene verdanken, hat dieser Überzeugung in einem viel bemerkten 
Satze Ausdruck gegeben (p. 474): „ . . . nie wiederholt sich das Leben 
des Tages mit seinen Anstrengungen und Genüssen, seinen Freuden 
und Schmerzen, vielmehr geht der Traum darauf aus, uns davon zu 
befreien. Selbst wenn unsere ganze Seele von einem Gegenstand 
erfüllt war, wenn tiefer Schmerz uuser Inneres zerrissen, oder eine 
Aufgabe unsere ganze Geisteskraft in Anspruch genommen hatte, gibt 
uns "der Traum entweder etwas ganz Fremdartiges, oder er nimmt aus 
der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen Kombinationen, 
oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein und symbolisiert 
die Wirklichkeit.“ 

In ähnlichem Sinne äußert sich noch L. Strümpell bb ) in der 
mit Recht von allen Seiten hoch gehaltenen Studie über die Ratnr 
und Entstehung der Träume (p. 16): „Wer träumt, ist der Welt des 
wachen Bewußtseins abgekehrt“ . . . (p. 17): „Im Traume geht das 
Gedächtnis für den geordneten Inhalt des wachen Bewußtseins und 
dessen normales Verhalten so gut wie ganz verloren“ . • • (p. 19): 
„Die fast erinnerungslose Abgeschiedenheit der Seele im Traume von 
dem regelmäßigen Inhalt und Verlaufe des wachen Lebens“ . . . - 
Die überwiegende Mehrheit der Autoren hat aber für die Be- 
ziehung des Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auffassung 
vertreten. So Haffner 33 ) (p. 19): „Zunächst setzt der Traum das 

Wachleben fort. Unsere Träume schließen sieh stets an die kurz zu- 
vor im Bewußtsein gewesenen Vorstellungen . an. Eine genaue Be- 
obachtung wird beinahe immer einen Faden linden, in welchem der 
Traum an die Erlebnisse des vorhergehenden Tages anknüpfte. * 
Wey "andt 7r ’) (p. 6) widerspricht direkt der oben zitierten Behauptung 
Burd'achs, „denn es läßt sich oft, anscheinend in der überwiegen- 
den Mehrzahl der Träume beobachten, daß dieselben uns^ gerade ins 
o-owöhnliche Leben zurückfuhren, statt uns davon zu befreien. M a urj ) 
(p 56) sagt in seiner knappen Formel: ..Nous revous de ce que uous 
avons vu, dit, desire ou fait“ ; Jessen 33 ) in seiner 135o erschienenen 
Psychologie (p. 530) etwas ausführlicher: ..Mehr oclei . \\tmigei ym 

der Inhalt der Träume stets bestimmt durch die individuelle Persön- 
lichkeit, durch das Lebensalter. Geschlecht. Stand, Bildungsstu e, ge- 


Beziehung- zum Waehieben. 


5 


wohnte Lebensweise und durch die Ereignisse und Erfahrungen des 
ganzen bisherigen Lebens.“ 

Nicht anders dachten die Alten über die Abhängigkeit des Traum- 
inhalts vom Leben. Ich zitiere nach Radestock 54 ) (p. 139): Als 
Xeixes ror seinem Zuge gegen Griechenland von diesem seinem Ent 
Schluß durch guten Rat abgelenkt, durch Träume aber immer wieder 
dazu angefeuert wurde, sagte schon der alte rationelle Traumdeuter 
der Perser, Artabanos, treffend zu ihm, daß die Traumbilder meist 
das enthielten, was der Mensch schon im Wachen denke. 

Lehrgedichte des Lucretius, De rerum natura, findet sich 
(IV, v. 9o9) die Stelle: 


„Et quo quisque fere Studio devinctus adhaeret, 
aut quibus in rebus multum sumus ante morati 
atque in ea ratione fuit contenta magis mens 
in somnis eadem plerumque videmur obire : 
eausidici causas agere et componere leges, 1 
induperatores pugnare ac proelia obire,“ etc. etc. 

Cicero (De Divinatione II) sagt ganz ähnlich, wie so viel 
spater Maury: ’ 

„Maximeque rehquiae earum rerum moventur in animis et agi- 
tantur, de quibus vigilantes aut cogitavimus aut egimus “ 

Der Widerspruch dieser beiden Ansichten über die Beziehung 
von Traumleben und Wachleben scheint in der Tat unauflösbar. Es 
ist darum am Platz der Darstellung von F. W. H i 1 d e b r a n d 1 35) n 875) 

f-^o£ e en , ken ’ Y e Cher • 1 , nemtj die Eigentümlichkeiten des Traumes 
leßen sich überhaupt nicht anders beschreiben als durch eine „Reihe 
von Gegensätzen, welche scheinbar bis zu Widersprüchen sich zu- 

tr P no.i F \?‘ ?,De f . 6r , Ste ? dieser Gegensätze bilden einerseits die 
T ^ " geschiedenheit oder Abgeschlossenheit des 

ffete H S ir V ul ^ '™ kllcIl f und wahren Leben und anderseits das 
,tete Hinubergreifen des einen in das andere, ehe stete Ab- 
hängigkeit des einen von dem anderen. — Der Traum ist etwas von 

sa-enT^n ^^ klichkei ; durchaus Gesondertes, man möchte 

wfrülil t i h 86 bst hermetlsch abgeschlossenes Dasein, von dem 
Tch unsvo T g w r n n Vi dU1 ^ eiDe «-bersteigliche Kluft. Er 
r^selbeTn " Wirkh ° hke * los > löecht die normale Erinnerung 

g^z andere T eb^ ““ T? ^ UnS in eine “dere Welt und in eine 
frihaffen h^t^ bensgesclnchte die im Grunde nichts mit der wirklichen 

Einschlafen unser Hildebrandt fuhrt dann aus, wie mit dem 

einer unsiebB ff <? ein mit semen Existenzformen „wie hinter 
Traume et fi b s n /erschmndet. Man macht dann etwa im 

xlnoteon J? S w 6 , n f h St Hel -a, dem dort gefangenen 

von dem ExkhL orz «&lj?b e s m Moselweinen anzubieten. Man wird 
die intercSnte TH ll 1 ebe f würdigste empfangen und bedauert fast, 
usi0n durch das Erwachen gestört zu sehen. Nun 


G 


I. Literatur der Traumprobleme. 


aber vergleicht man die Traumsituation mit der \\ irklichkeit. Man 
war nie Weinhändler und hat’s auch nie werden wollen. Man hat 
nie eine Seereise gemacht und würde St. Helena am wenigsten zum 
Ziele einer solchen nehmen. Gegen Napoleon hegt man durchaus 
keine sympathische Gesinnung, sondern einen grimmigen patriotischen 
Haß. Und zu alledem war der Träumer überhaupt noch nicht unter 
den Lebenden, als Napoleon auf der Insel starb; eine persönliche Be- 
ziehung zu ihm zu knüpfen, lag außerhalb des Bereiches der Möglich- 
keit. So erscheint das Traumerlebnis als etwas cingeschobenes Fremdes 
zwischen zwei vollkommen zueinander passenden und einander fort- 


setzenden Lebensabschnitten. 

„Und dennoch“, setzt Hildebrandt fort, „eben so wahr und 
richtig ist das scheinbare Gegenteil. Ich meine, mit dieser Ab- 
geschlossenheit und Abgeschiedenheit geht doch die innigste Beziehung 
und Verbindung Hand in Hand. Wir dürfen geradezu sagen: Was 
der Traum auch irgend biete, er nimmt das Material dazu aus der 
Wirklichkeit und aus dem Geistesleben, welches an dieser Wirklichkeit 
sich abwickelt . . . Wie wunderlich er’s damit treibe, er kann doch 
eigentlich niemals von der realen Welt los und seine sublimsten wie 
possenhaften Gebilde müssen immer ihren Grundstoff entlehnen von 
dem, was entweder in der Sinnwelt uns vor Augen getreten ist, oder 
in unserem wachen Gedankengange irgendvvie bereits Platz gefunden 
hat, mit anderen Worten, von dem, was wir äußerlich oder innerlich 
bereits erlebt haben.“ 

b) Das Traummaterial. — D as Gedächtnis im TL raume. 
Daß alles Material, was den Trauminhalt zusammensetzt, auf irgend 
eine Weise vom Erlebten abstammt, also im Traume reproduziert, 
erinnert wird, dies wenigstens darf uns als unbestrittene Erkenntnis 
o-elten. Doch wäre es ein Irrtum anzunehmen, daß ein solcher Zu- 
sammenhang des Trauminhalts mit dem Wachlebcn sich mühelos als 
augenfälliges Ergebnis der angestellten Vergleichung ergeben muß. Der- 
selbe muß vielmehr aufmerksam gesucht werden und weiß sich in 
einer ganzen Reihe von Fällen für lange Zeit zu verbergen. Der 
Grund hiefür liegt in einer Anzahl von Eigentümlichkeiten, \\ eiche 
die Erinnerungsfähigkeit im Traume zeigt, und die, obwohl allgemein 
bemerkt, sich doch bisher jeder Erklärung entzogen haben. Es wird 
der Mühe lohnen, diese Charaktere eingehend zu würdigen. _ 

Es kommt zunächst vor, daß im Trauminhalt ein Material aut- 
auftritt, welches man dann im Wachen nicht als zu seinem Wissen und 
Erleben gehörig anerkennt. Man erinnert wohl, daß man das Be- 
treffende geträumt, aber erinnert nicht, daß und wann man es erlebt 
hat. Man bleibt dann im Unklaren darüber, aus welcher Quelle 
der Traum geschöpft hat, und ist wohl versucht, an eine sei in- 
ständig produzierende Tätigkeit des Traumes zu glauben, bis olt 
nach langer Zeit ein neues Erlebnis die verloren gegebene Ernuieiung 
an das frühere Erlebnis wiederbringt und damit die l raumquelle 


Das Traumgedächtnis. — Hypermnesie des Traumes. 


7 


taufdeckt. Man muß dann zugestehen, daß man im Traume etwas 
gewußt und erinnert hatte, was der Erinnerungsfähigkeit im Wachen 
entzogen war. 

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Art erzählt Del- 
boeuf 16 ) aus seiner eigenen Traumerfahrung. Er sah im Traume 
den Hof seines Hauses mit Schnee bedeckt und fand zwei kleine 
Eidechsen halb erstarrt und unter dem Schnee begraben, die er als 
Tierfreund aufnahm, erwärmte und in die für sie bestimmte kleine 
Höhle im Gemäuer zurückbrachte. Außerdem steckte er ihnen einige 
Blätter von einem kleinen Farnkraut zu, das auf der Blauer wuchs 
und das sie, wie er wußte, sehr liebten. Im Traume kannte er den 
Namen der Pflanze : Asplenium ruta muralis. — Der Traum ging 
dann weiter, kehrte nach einer Einschaltung zu den Eidechsen zurück 
und zeigte Delboeuf zu seinem Erstaunen zwei neue Tierchen, die 
sich über die Reste der Farne hergemacht hatten. Dann wandte er 
den Blick aufs freie Feld, sah eine fünfte, eine sechste Eidechse den 
Weg zu dem Loche in der Blauer nehmen, und endlich war die ganze 
Straße bedeckt von einer Prozession von Eidechsen, die alle in der- 
selben Richtung wunderten. 

Delboeufs "Wissen umfaßte im Wachen nur wenige lateinische 
Pflanzennamen und schloß die Kenntnis eines Asplenium nicht ein. 
Zu seinem großen Erstaunen mußte er sich überzeugen, das ein 
Farn dieses Namens wirklich existiert. Asplenium ruta muraria 
war seine richtige Bezeichnung, die der Traum ein wenig entstellt 
hatte. An ein zufälliges Zusammentreffen konnte man ■wohl nicht 
denken; es blieb aber für Delboeuf rätselhaft, woher er im Traume 
die Kenntnis des Namens Asplenium genommen hatte. 

Der Traum war im Jahre 1862 vorgefallen; sechzehn Jahre 
später erbliekt der Philosoph bei einem seiner Freunde, den er 
besucht, ein kleines Album mit getrockneten Blumen, wie sie als 
Erinnerungsgaben in manchen Gegenden der Schweiz an die Fremden 
verkauft werden. Eine Erinnerung steigt in ihm auf, er öffnet das 
Herbarium, findet in demselben das Asplenium seines Traumes und 
erkennt seine eigene Handschrift in den beigefügten lateinischen 
Namen. Nun ließ sich der Zusammenhang lierstellen. Eine 
Schwester dieses Freundes hatte im Jahre 1860 — zwei Jahre vor 
dem Eidechsentraume — auf der Hochzeitsreise Delboeuf besucht. 
Sie hatte damals dieses für ihren Bruder bestimmte Album bei sich 
und Delboeuf unterzog sich der Blühe, unter dem Diktat eines 
Botanikers zu jedem der getrockneten Pflänzchen den lateinischen 
JNamen iimzuzuschreiben. 

Die Gunst des Zufalls, welche dieses Beispiel so sehr mitteilens- 
wert macht, gestattete Delboeuf, noch ein anderes Stück aus dem 
nnalt dieses I raumes auf seine vergessene Quelle zurückzuführen. 

7 U .w? e - S “?• • r * e , 1877 fiel llim ein alter Bund einer illustrierten 
sc u m die Hände, in welcher er den ganzen Eidechsenzug ab- 


8 


I. Literatur der Traumprobleme. 


gebildet sah, wie er ihn 1862 geträumt hatte. Der Band trug die 
Jahreszahl 1861 und Delboeuf wußte sich zu erinnern, daß er 
von dem Erscheinen der Zeitschrift an zu ihren Abonnenten 
gehört hatte. 

Daß der Traum über Erinnerungen verfügt, welche dem Wachen 
unzugänglich sind, ist eine so merkwürdige und theoretisch bedeut- 
same Tatsache, daß ich durch Mitteilung noch anderer „hyper- 
mnestiseher“ Träume die Aufmerksamkeit für sie verstärken möchte. 
Maury 48 ) erzählt, daß ihm eine Zeitlang das Wort Mussidan bei 
Tag in den Sinn zu kommen pflegte. Er wuißte, daß es der Name 
einer französischen Stadt sei, aber -weiter nichts. Eines Nachts träumte 
ihm von einer Unterhaltung mit einer gewissen Person, die ihm sagte, 
sie käme aus Mussidan, und auf seine Frage, wo die Stadt liege, 
zur Antwort gab : Mussidan sei eine Kreisstadt im Departement 
de la Dordogne. Erwacht, schenkte M a u r y der im Traume erhal- 
tenen Auskunft keinen Glauben; das geographische Lexikon belehrte 
ihn aber, daß sie vollkommen richtig sei. In diesem Falle ist das 
Mehr wissen des Traumes bestätigt, die vergessene Quelle dieses 
Wissens aber nicht aufgespürt worden. 

Jessen 36 ) erzählt (p. 55) ein ganz ähnliches Traumvorkommnis 
aus älteren Zeiten: „Dahin gehört u. a. der Traum des älteren 

Scaliger (Hennings 1. c., p. 300), welcher ein Gedicht zum Lobe 
der berühmten Männer in Verona schrieb und dem ein Mann, welcher 
sich Brugnolus nannte, im Traume erschien und sich beklagte, 
daß er vergessen sei. Obgleich Scaliger sich nicht erinnerte, je 
etwas von ihm gehört zu haben, so machte er doch Verse auf ihn, 
und sein Sohn erfuhr nachher in Verona, daß ehemals ein solcher 
Brugnolus als Kritiker daselbst berühmt gewesen sei.“ 

An einer mir leider nicht zugänglichen Stelle (Proceedings of 
the Society for psychical research) soll M y e r s eine ganze Sammlung 
solcher hypermnestischer Träume veröffentlicht haben. Ich meine, 
jeder der sich mit Träumen beschäftigt, wird es als ein sehr gewöhn- 
liches Phänomen anerkennen müssen, daß der Traum Zeugnis für 
Kenntnisse und Erinnerungen ablegt, welche der Wachende nicht zu 
besitzen vermeint. In den psycho-analytischen Arbeiten mit Nervösen, 
von denen ich später berichten werde, komme ich jede Woche mehr- 
mals in die Lage, den Patienten aus ihren Träumen zu beweisen, 
daß sie Zitate, obszöne Worte u. dgl. eigentlich sehr gut kennen, 
und daß sie sich ihrer im Traume bedienen, obwohl sie sie im wachen 
Leben vergessen haben. Einen harmlosen Fall von Traumhypermnesie 
will ich hier noch mitteilen, weil sich bei ihm die Quelle, aus welcher 
die nur dom Traume zugängliche Kenntnis stammte, sehr leicht auf- 


finden ließ. 

Ein Patient träumte in einem längerem Zusammenhänge, daß 
er sich in einem Kaffeehause eine „Kontuszöwka“ geben lasse, fiagte 

was das wohl sei; er habe den Namen 


aber nach der Erzählung, 


Das Traumgedächtnis. — Hyperuinesie des Traumes. 


9 


nie gehört. Ich konnte antworten, Kontuszöwka sei ein polnischer 
Schnaps, den er im Traume nicht erfunden haben könne, da mir der 
Name von Plakaten her schon lange bekannt sei. Der Mann wollte 
nur zuerst keinen Glauben schenken. Einige Tage später, nachdem 
er seinen Traum im Kaffeehause hatte zur Wirklichkeit werden lassen 
bemerkte er den Namen auf einem Plakat, und zwar an einer Straßen- 
ecke, welche er seit Monaten wenigstens zweimal im Tage hatte 
passieren müssen. & 

[Ich habe selbst an eigenen Träumen erfahren, wie sehr man 
der Aufdeckung der Herkunft einzelner Traumelemente vom 
Zufalle abhängig bleibt. So verfolgte mich durch Jahre vor der Ab- 
fassung dieses Buches das Bild eines sehr einfach gestalteten Kirch- 
tuimes, den gesehen zu haben ich mich nicht erinnern konnte. Ich 
erkannte ihn dann plötzlich, und zwar mit voller Sicherheit, auf einer 
kleinen Station zwischen Salzburg und Reichenhall. Es war in der 
zweiten Hälfte der Neunzigeijahre, und ich hatte die Strecke im 
Jahre 1886 zum erstenmal befahren. In späteren Jahren, als ich 
mich bereits intensiv mit dem Studium der Träume beschäftigte, 
wurde das häufig wiederkehrende Traumbild einer gewissen merk- 
würdigen Lokalität mir geradezu lästig. Ich sah in bestimmter ört- 
licher Beziehung zu meiner Person, zu meiner Linken, einen dunklen 
Kaum, aus dem mehrere groteske Sandsteinfiguren hervorleuchteten. 
Lm Schimmer von Erinnerung, dem ich nicht recht glauben wollte 
sagte mir es sei ein Eingang in einen Bierkeller; es gelang mir aber 
nedei au fzu klaren, was dieses Traumbild bedeuten wolle, noch woher 
es stamma Im Jahre 1907 kam ich zufällig nach Padua, das ieh zu 

T 5 üidlt hatte besuchen können. 

fzr 1 ■ , S " C V? lJer 1 . scl ' 0 “" Universitätsstadt war unbefrie- 
Ä ; ,1' h '? (,i ' fresken Gi Ottos in der Madonna 

■, , • 4.) e n a ni(dlt besichtigen können und machte mitten auf der 

sl/Tn Tp reüd T btraße Kehrt > als man mir mitteilte, das Kirchlein 
später IpZJ^i & es P errt - Bei meinem zweiten Besuche, zwölf Jahre 
Weff zuf Mndf 1 ii’ ! ZU enk L chädi g en mid suchte vor allem den 

linkerhand M von ^ & ena . ? uf * An der zu ihr führenden Straße, 

Ä n t m u r We pT ric htung, wahrscheinlich an der Stelle 

oft im ivll ^ i ^ entdeckte ich die Lokalität, die ich so 
turen rwn/ den in ihr enthaltenen Sandstein- 

ö rEi ne dpr o, If 1 lat der E mg^g m einen Restaurationsgarten, 
duktiin bezieht W f 1 f hor der Traum Mafc erial zur Repro- 

Wachens nicht pri ^ 61 1 das > u der Denktätigkeit des 

lebmi Ich werrlp f®** — d n j eht ver wendet wird,- ist das Kindheits- 
and betont haben: "*** der ÄUt ° ren anführeD > die bemerkt 

worde^dtßVpri? t35) 23 V »Ausdrücklich ist schon zugegeben 

kmft u’ns gL blS T fi mit wuaderba rer Reproduktion- 
Zeit treu C die V °^ “* 


10 


L. Literatur der Traumprobleme. 


Strümpell 66 ) (p. 40) : „Die Sache steigert sich noch mehr, wenn 
man bemerkt, wie der Traum mitunter gleichsam aus den tiefsten 
und massenhaftesten Verschüttungen, welche die spätere Zeit auf die 
frühesten Jugenderlebnisse gelagert hat, die Bilder einzelner Lokali- 
täten, Dinge, Personen ganz unversehrt und mit ursprünglicher 
Frische wieder hervorzieht. Dies beschränkt sich nicht bloß auf 
solche Eindrücke, die bei ihrer Entstehung ein lebhaftes Bewußtsein 
gewonnen oder sich mit starken psychischen Werten verbunden haben, 
und nun später im Traume als eigentliche Erinnerungen wiederkehren, 
an denen das erwachte Bewußtsein sich erfreut. Die Tiefe des Tranm- 
gedächtnisses umfaßt vielmehr auch solche Bilder von Personen, 
Dingen, Lokalitäten und Erlebnissen der frühesten Zeit, die entweder 
nur ein geringes Bewußtsein oder keinen psychischen Wert besaßen 
oder längst das eine wie das andere verloren hatten und deshalb auch 
sowohl im Traume wie nach dem Erwachen als gänzlich fremd und 
unbekannt erscheinen, bis ihr früher Ursprung entdeckt wird.“ 

Volkelt 7ä ) (p. 119): „Besonders bemerkenswert ist es, wie gern 
Kindheits- und Jngenderinnernngen in den Traum eingehen. Woran 
wir längst nicht mehr denken, was längst für uns alle Wichtigkeit 
verloren: der Traum mahnt uns daran unermüdlich.“ 

Die Herrschaft des Traumes über das Kindheitsmaterial, welches 
bekanntlich zum größten Teil in die Lücken der bewußten Erinne- 
rungsfähigkeit fällt, gibt Anlaß zur Entstehung von interessanten 
hypermnestischen Träumen, von denen ich wiederum einige Beispiele 

mitteilen will. . 

Maury 48 ) erzählt (p. 92), daß er von seiner Vaterstadt Me aus 

als Kind häufig nach dem nahe gelegenen Trilport gekommen war, 
wo sein Vater den Bau einer Brücke leitete. In einer Nacht versetzt 
ihn der Traum nach Trilport und läßt ihn wieder in den Straßen 
der Stadt spielen. Ein Mann nähert sich ihm, der eine Art Umform 
träfet. Maury fragt ihn nach seinem Namen; er stellt sich ^oi\ el 
heiße C . und sei Brückenwächter. Nach dem Erwachen fragt 
der an der Wirklichkeit der Erinnerung noch zweifelnde Maury 
eine alte Dienerin, die seit der Kindheit bei ihm ist, ob sie sich an 
einen Mann dieses Namens erinnern kann. Gewiß, lautet die Ant- 
wort, er war der Wächter der Brücke, die Ihr \ ater damals ge- 
baut hat. 

Ein ebenso schön bestätigtes Beispiel von der Sicherheit der nn 
Traume auftretenden Kindheitserinnerung berichtet M a u r y von einem 
Herrn F . . .. der als Kind in Montbrison anfgewaclisen war. 
Dieser Mann beschloß, 25 Jahre nach seinem Weggang, die Heimat 
und alte, seither nicht gesehene Freunde der Familie wieder Vi- 
suellen. In der Nacht vor seiner Abreise träumt er, daß er am Ziele 
ist und in der Nähe von Montbrison einen ihm vom Ansehen 
unbekannten Herrn begegnet, der ihm sagt er sei der Herr J . an 
Freund seines Vaters. Der Träumer wußte, daß er einen Hei 


Infantiles und rezentes Material. 


11 


dieses Namens als Kind gekannt hatte, erinnerte sich aber im Wachen 
nicht mein an sein Anssehen. Einige Tage später nun wirklich in 
Montbrison angelangt, findet er die für unbekannt gehaltene 
Lokalität des Traumes wieder und begegnet einem Herrn, den er sofort 
als den T. des Traumes erkennt. Die wirkliche Person war nur 
stärker gealtert, als sie das Traumbild gezeigt hatte. 


Ich kann hier einen eigenen Traum erzählen, in dem der zu 
erinnernde Eindruck durch eine Beziehung ersetzt ist. Ich sah in 
einem Traume eine Person, von der ich im Traume wußte, es sei der 
Aizt meines heimatlichen Ortes. Ihr Gesicht war nicht deutlich sie 
vermengte sich aber mit der Vorstellung eines meiner Gymnasiallehrer, 
en ich noch heute gelegentlich treffe. Welche Beziehung die beiden 
I eisonen verknüpfe, konnte ich dann im Wachen nicht ausfindig 
machen. Als ich aber meine Mutter nach dem Arzte dieser meiner 
ersten Kinderjahre fragte, erfuhr ich, daß er einäugig gewesen war 
und einäugig ist auch der Gymnasiallehrer, dessen Person die des 
Arztes im Traume gedeckt hatte. Es waren 38 Jahre her, daß ich 
den Arzt nicht mehr gesehen, und ich habe meines Wissens im 
wachen Leben niemals an seine Person gedacht, obwohl eine Narbe 
am Kinn mich an seine Hilfeleistung hätte erinnern können. 


n ii E i kll £? t ’ aE sol ] te em Gegengewicht gegen die übergroße 
Kolle der Kmdheitsemdrucke im Traumleben geschaffen werden, 

r£ n T? ehre ? Auto f n behaupten, in den meisten Träumen ließen 
sich Elemente aus den allerjüngsten Tagen nachweisen. Robert 55 ) 
Cp. 4b) äußert sogar: Im allgemeinen beschäftigt sich der normale 
Traum nur mit den Eindrücken der letztver|angenen Ta^e Wir 

de?T n a eif mgS er , fo J ire ^ daß dle von Robert aufgebaute 0 Theorie 
bun JrW 11 - 68 6 S tw \ 6 Z ; irückclrän gung der ältesten und Vorschie- 

der g R o b nT ö T 1 Emdrii ? ke S ebie terisch fordert. Die Tatsache aber, 
Ausdruck gibt, besteht, wie ich nach eigenen Unter- 

Ärt" ZU E /°h Ei “ ^rilALher Autor 

iNelson ) meint, am häufigsten finden sich im Traume Eindrücke 

rob T K n d r, .? a T tag / ° de i,™ m dritt <® Tage ™rher verwertet, 
T ; ' die Emclrucke des dem Traume unmittelbar vorhergehenden 
Tages meht abgeschwäeht - nicht abgelegen - genug whren 

Trauminhahs^mVr'T ^ den intimen Zusammenhang des 

gefallen dlß Ä ^ Schieben nicht bezweifeln mochten, auf- 

ti^en erst chnn * UC We 0 ie ^ as wac ^ e Denken intensiv beschaff 
lst dann im Traume auftreten wenn sie von der Ta°-es- 

Z " r A ite «atangt wZen sin]. J °So 
Zeit sohno-e Hie T ^ Tv, n f^ em beben Toten nicht die erste 
Indes i Irauer den Überlebenden ganz ausfüllt (De läge) 15 ). 

p • • , c eine b er letzten Beobachterinnen, Miß Hall am 33 ) auch 

diesen PunTrdsf 6 ]? 6 "^ 111 ? 011 VeEl)dten gesammelt und vertritt für 
kt das liecht der psychologischen Individualität, 


12 


I. Literatur der Trau mpr üble me. 


Die dritte, merkwürdigste und unverständlichste Eigentümlich- 
keit des Gedächtnisses im Traume zeigt sich in der Auswahl des re- 
produzierten Materials, indem nicht wie im Wachen nur das Bedeut- 
samste, sondern im Gegenteil auch das Gleichgültigste, Unscheinbarste 
der Erinnerung wert gehalten wird. Ich lasse hierüber jene Autoren 
zum Worte kommen, welche ihrer Verwunderung den kräftigsten 
Ausdruek gegeben haben. 

Hildebrandt 3ö ) (p. 11): „Denn das ist das Merkwürdige, daß 
der Traum seine Elemente in der Regel nicht aus den großen und 
tiefgreifenden Ereignissen, nicht aus den mächtigen und treibenden 
Interessen des vergangenen Tages, sondern aus den nebensächlichen 
Zugaben, so zu sagen aus den wertlosen Brocken der jüngst ver- 
lebten oder weiter rückwärts liegenden Vergangenheit nimmt. Der 
erschütternde Todesfall in unserer Familie, unter dessen Eindrücken 
wir spät ein schlafen, bleibt ausgelöscht aus unserem Gedächtnisse, 
bis ihn der erste wache Augenblick mit betrübender Gewalt in die- 
selbe zurückkehren läßt. Dagegen die Warze auf der Stirn eines 
Fremden, der uns begegnete, und an den wir keinen Augenblick 
mehr dachten, nachdem wir an ihm vorübergegangen waren, die spielt 
eine Rolle in unserem Traume“ . . . 

Strümpell 66 ) (p. 39) : „ . . solche Fälle, wo die Zerlegung eines 
Traumes Bestandteile desselben auffindet, die zwar aus den Erleb- 
nissen des vorigen oder vorletzten Tages stammen, aber doeh so 
unbedeutend und wertlos für das waehe Bewußtsein waren, daß sie 
kurz nach dem Erleben der Vergessenheit anheimfielen. Dergleichen 
Erlebnisse sind etwa zufällig gehörte Äußerungen oder oberflächlich 
bemerkte Handlungen eines anderen, rasch vorübergegangene Wahr- 
nehmungeii von Dingen oder Personen^ einzelne kleine fetüeke aus 

einer Lektüre u. dgl.“ . . . 

H a v e 1 o c k E 1 1 i s 23 ) (p. 727) : „The profound emotions of waking 
life, the questions and problems on which we spread our chiefvoluu- 
tary mental energy, are not those which usually present themselves 
at once to dreameonsciousness. It is so far as the immediate past is 
concerned, mostly the trifling, the incidental, the „forgotten lmpres- 
sions of daily life which reappear in our dreams. The psychic- acti- 
vities that are awake most intensely are those that sleep most pio- 

Binz' 1 ) (p. 45) nimmt gerade die in Rede stehenden Eigentüm- 
lichkeiten des Gedächtnisses im Traume zum Anlaß, seine Unbefnedi- 


Warum träumen wir niciit immer tue oeuuuiim^muiu^. — , , 

verlebten Tage, sondern tauchen oft ein ohne irgend erkennbaies 
Motiv in weit hinter uns liegende, fast erloschene \ ergangen iheit« 
Warum empfängt im Traume das Bewußtsein so oft den Eint me 
gleichgültiger Erinnerungsbilder, während die Gehirnzellen ca, w 


Erinnerung an nebensächliche Eindrücke. 


13 


sie die reizbarsten Aufzeichnungen des Erlebten in sich tragen meist 
stunnu und starr liegen, es sei denn, daß eine akute Auffrischung 
während des Wachens sie kurz vorher erregt hatte?“ 

Man sieht leicht ein, wie die sonderbare Vorliebe des Traum- 
gedächtnisses für das Gleichgültige und darum Unbeachtete an den 
Tageserlebnissen zumeist dazu führen mußte, die Abhängigkeit des 
Traumes vom Tagesleben überhaupt zu verkennen und dann wenigstens 
den Nachweis derselben in jedem einzelnen Falle zu erschweren. So 
war es möglich, daß Miß Whiton Calkins 12 ) bei der statistischen 
Bearbeitung ihrer (und ihres Gefährten) Träume doch 11% der An- 
zahl übrig behielt, in denen eine Beziehung zum Tagesleben nicht 
ersichtlich war. Sicherlich hat Hildebrandt mit der Behauptung 
recht, daß sich alle Traumbilder uns genetisch erklären würden wenn 
wir jedesmal Zeit und Sammlung genug darauf verwendeten/ ihrer 
Herkunft nachzuspüren. Er nennt dies freilich „ein äußerst müh- 
seliges und undankbares Geschäft. Denn es liefe ja meistens darauf 
hinaus, allerlei psychisch ganz wertlose Dinge in den abgelegensten 
Winkeln der Gedächtniskammer aufzustöbern, allerlei völlig indiffe- 
rente Momente längst vergangener Zeit aus der Verschüttung die 
ihnen vielleicht schon die nächste Stunde brachte, wieder zu Ta°-e zu 
fördern“. Ich muß aber doch bedauern, daß der scharfsinnige Autor 
sich von der Verfolgung des so unscheinbar beginnenden Weges ab- 
halten ließ; er hätte ihn unmittelbar zum Zentrum der Traumerklärumr 
geleitet. 6 

Das Verhalten des Traumgedächtnisses ist sicherlich höchst be- 
eutsam für jede Theorie des Gedächtnisses überhaupt. Es lehrt 
aab „Nichts, was wir geistig einmal besessen, ganz und gar verloren 
gehen kann (Sch o lz, 5£ >) p. 34). Oder, wie Delboeuf% es aus- 
ruckt, „que toute Impression meme la plus insignifiante, laisse une 
tiace inalt6rable, ind6fimment susceptible de reparaitre au jour “ ein 
Schluß, zu welchem so viele andere, pathologische Erscheinungen des 
Seelenlebens gleichfalls drängen. Man halte sich nun diese außer- 
ordentliche Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses im Traume vor Armen 

wäh deQ l W T 6rSP !r h lebhaft ZU em P find en, d en gewisse später zu er- 

aufi ‘ eU ™ mUss “. "-ein sie die Absurdität 
partielles ™ 

Träuienü ni::T V“ A 1 “ geraten, das Phänomen des 
die Äiiim ™ 1 ’ das d<5s Ennnerns zu reduzieren, im Traume 

keit Ihen ? die ' rt n n ? htS , m0ht rastenden Reproduktionstätig- 
’ „*? S1 , ch Selbstzweck ,st. Mitteilungen wie die von 

zwischen der^lrlrf stlmmen > zufolge feste Beziehungen 

weisbar sind in 1 d wh“ u “ e “ s und dem Inhalt der Träume ntSh- 
ältesten 7eiln d VV ?! se > da8 , lm tlefen Sd '>» fe Eindrücke aus den 
reproduzierten W” ^ Ior ? e " rl : "-r rezente Eindrücke vom Traume 
p.oduzieit werden. Es wird aber eine solche Auffassung von vorn- 


14 


I. Literatur der Traumprobleme. 


herein unwahrscheinlich durch die Art, wie der Traum mit dem zu 
erinnernden Material verfährt. Strü mp eil UG ) macht mit Recht darauf 
aufmerksam, daß Wiederholungen von Erlebnissen im Traume nicht 
Vorkommen. Der Traum macht wohl einen Ansatz dazu, aber das 
folgende Glied bleibt aus; es tritt verändert auf oder an seiner Stelle 
erscheint ein ganz fremdes. Der Traum bringt nur Bruchstücke von 
Reproduktionen. Dies ist sicherlich so weit die Regel, daß es eine 
theoretische Verwertung gestattet. Indes kommen Ausnahmen vor, 
in denen ein Traum ein Erlebnis ebenso vollständig wiederholt wie 
unsere Erinnerung im Wachen es vermag. Delboeuf erzählt von 
einem seiner Universitätskollegen, daß er im Traume eine gefährliche 
Wagenfahrt, bei welcher er einem Unfälle nur wie durch ein Wunder 
entging, mit all ihren Einzelheiten wieder durchgemacht habe. Miß 
Calkins 12 ) erwähnt zweier Träume, welche die genaue Reproduktion 
eines Erlebnisses vom Vortage zum Inhalt hatten, und ich selbst 
werde späterhin Anlaß nehmen, ein mir bekannt gewordenes Beispiel 
von unveränderter Traumwiederkehr eines Kindererlebnisses mitzu- 
teilen. *) 

c) Traumreize und Traumquellen. Vas man unter 
Traumreizen oder Traumquellen verstehen soll, das kann durch eine 
Berufung auf die Volksrede „Träume kommen vom Magen ’ ver- 
deutlicht werden. Hinter der Aufstellung dieser Begriffe verbirgt sich 
eine Theorie, die den Traum als Folge einer Störung des Schlafes 
erfaßt. Man hätte nicht geträumt, wenn nicht irgend etwas Störendes 
im Schlafe sich geregt hätte, und der Traum ist die Reaktion auf 
diese Störung. 

Die Erörterungen über die erregenden Ursachen der L räume 
nehmen in den Darstellungen der Autoren den breitesten Raum ein. 
Daß das Problem sich erst ergeben konnte, seitdem der Traum ein 
Gegenstand der biologischen Forschung geworden war, ist selbstver- 
ständlich. Die Alten, denen der Traum als göttliche Sendung ga , 
brauchten nach einer Reizquelle für ihn nicht zu suchen; aus dem 
Willen der göttlichen oder dämonischen Macht er floß der Traum, aus 
deren Wissen oder Absicht sein Inhalt. Für die Wissenschaft erhob 
sich alsbald die Frage, ob der Anreiz zum Träumen stets der näm- 
liche sei oder ein vielfacher sein könne, und damit die Erwägung, 
ob die ursächliche Erklärung des Traumes der Psychologie oder vie * 
mehr der Physiologie an he im lalle. Die meisten Autoren scheinen an- 
zunehmen, daß die Ursachen der Schlafstörung, also die Quellen des 
Träumens, mannigfaltiger Art sein können und daß Leibi eize cbe _o 
wie seelische Erregungen zur Rolle von Iraumeiiegein geangen. 

*) [Aus späterer Erfahrung füge ich hinzu, daß ^ r ' n ’ C ^ 
und unwichtige Beschäftigungen des Tages vom b ont 

Wirklichkeit“. „Ich habe das alles am Tage wirklich getan. J 


Traumreize und Traumquellen. 


15 


der Bevorzugung der einen oder der anderen unter den Traumquellen 
in der Herstellung einer Rangordnung unter ihnen je nach ihrer 
Bedeutsamkeit für die Entstehung des Traumes gehen die Ansichten 
weit auseinander. 

Wo die Aufzählung der Traumquellen vollständig ist, da ergeben 
sich schließlich vier Arten derselben, die auch zur Einteilung der 
Träume verwendet worden sind. 

Äußere (objektive) Sinneserr eg un g. 

Innere (subjektive) Sinn es erreg ung. 

Innerer (org anischer) Leibreiz. 

Rein psychische Reizquellen. 

1. Die äußeren Sinnesreize. Der jüngere Strtim- 


1 . 

2 . 

3 . 

4 . 

ad 


pell, der Sohn des Philosophen, dessen Werk über den Traum uns 
1s als We ö weisei in die Traumprobleme diente, hat 
bekanntlich die Beobachtung eines Kranken mitgeteilt, der mit all- 
gemeiner Anästhesie der Körperdecken und Lähmung mehrerer der 
höheren Sinnesorgane behaftet war. Wenn man bei diesem Manne 
die wenigen noch offenen Sinnespforten von der Außenwelt abschloß 
verfiel er m Schlaf. Wenn wir einschlafen wollen, pflegen wir alle 
eine Situation anzustreben, die jener im Strümpell sehen Experiment 

** „ i i .. die wichtigsten Sinnespforten, die Augen, 

und suchen von den anderen Sinnen jeden Reiz oder jede Ver- 
änderung der auf sie wirkenden Reize abzuhalten. Wir schlafen 
dann ein, obwohl uns unser Vorhaben nie völlig gelingt. Wir können 
weder die Reize vollständig von den Sinnesorganen fernhalten, noch 
ne Erregbarkeit unserer Sinnesorgane völlig aufheben. Daß wir 
durch stärkere Reize jederzeit zu erwecken sind, darf uns beweisen, 
„daß die Seele auch im Schlafe in fortdauernder Verbindung mit der 
außerle, blichen Welt“ geblieben ist. Die Sinnesreize, “die uns 

werden ^ Sctafes zukommen > können sehr wohl zu Traumquellen 

Von solchen Reizen gibt es nun eine große Reihe von den un- 
vermeidlichen an, die der Schlafzustand mit sich bringt oder nur 
gelegentlich zulassen muß, bis zum zufälligen Weckreize, welcher ge- 

1 ann snri r T is > dem ScUafe ei * ^nde zu machen. Es 

nTJlf t UGh - “• d “ Augen dringen, ein Geräusch sich ver- 

Wir könnTn^™^ u D n ® ckent ^ er Stoff die Nasenschleimhaut erregen, 
teile entblößen dl f ch Bew egungen einzelne Körper- 

durch lafvew l d 80 d<3r AbküUimgBempfindnng aussetzen oder 
er7euo -on 1 Ö F l UnC Un ^ Un ^ SC ^ ruc k- und Beriilirirngsempfindung-eii 

T *“V Filege Stecheu oder ein nlteht- 

ÄVit lA“ “ r;hr f e Sinne zugleich bestürmen. Die Aufinerk- 

ta welchen dl ^ h A elne , ganzc Reihc ™ n T>«™cn gesammelt, 
TmSuMtl’ sV' 3Im T.7 a0 ! 1OT . konstatierte Reiz und ein Stück des 
erkauo t we den ^ *»r «eiz als Traumquelle 


IG 


I. Literatur der Traumprobleine. 


Eine Sammlung solcher, auf objektive — mehr oder minder 
akzidentelle — Sinnesreizung zurückgehender Träume führe ich hier 
nach Jessen, 36 ) p. 527, an: Jedes undeutlich wahrgenommene 

Geräusch erweckt entsprechende Traumbilder, das Köllen des Donners 
versetzt uns mitten in eine Schlacht, das Krähen eines Hahnes kann 
sich in das Angstgeschrei eines Menschen verwandeln, das Knarren 
einer Tür Träume von räuberischen Einbrüchen hervorrufen. Wenn 
wir des Nachts unsere Bettdecke verlieren, so träumen wir vielleicht, 
daß wir nackt umhergehen oder daß wir ins Wasser gefallen sind. 
Wenn wir schräg im Bette liegen und die Füße über den Kand des- 
selben herauskommen, so träumt uns vielleicht, daß wir am Rande 
eines schrecklichen Abgrundes stehen, oder daß wir von einer steilen 
Höhe hinabstürzen. Kommt unser Kopf zufällig unter das Kopfkissen, 
so hängt ein großer Felsen über uns und steht im Begriff, uns unter 
seiner Last zu begraben. Anhäufungen des Samens erzeugen wol- 
lüstige Träume, örtliche Schmerzen die Idee erlittener Mißhandlungen, 
feindlicher Angriffe oder geschehender Körperverletzungen . . . 

Meier (Versuch einer Erklärung des Nachtwandeins. Halle 
1758, S. 33) träumte einmal, daß er von einigen Personen überfallen 
würde, welche ihn der Länge nach auf den Rücken auf die Eide 
hinlegten und ihm zwischen die große und die nächste Zehe einen 
Pfahl in die Erde schlugen. Indem er sich dies im Traume vorstellte, 
erwachte er und fühlte, daß ihm ein Strohhalm zwischen den Zehen 
stecke. Demselben soll nach Hennings (Von den Träumen und 
Nachtwandlern. Weimar 1784, S 258) ein anderes Mal, als ei sein 
Hemd am Halse etwas fest zusammengesteckt hatte, geträumt haben, 
daß er gehängt würde. H offbauer träumte in seiner Jugend, von 
einer hohen Mauer hinabznfallen und bemerkte beim Erwachen, daß 
die Bettstelle auseinander gegangen und daß er wirklich gefallen 

war Gregory berichtet, er habe einmal beim Zubettegeüen 

eine Fische mit heißem Wasser an die Füße gelegt und darauf im 
Traum eine Reise auf die Spitze des Ätna gemacht, wo er die Hitze 
des Erdbodens fast unerträglich gefunden. Ein anderer träumte nach 
einem auf den Kopf gelegten Blasenpflaster, daß er von einem Haufen 
von Indianern skalpiert werde; ein dritter, der in einem feuchten 
Hemde schlief, glaubte durch einen Strom gezogen zu werden. Lin 
im Schlafe eintretender Anfall von Podagra ließ einen Kranken glauben, 
er sei in den Händen de Inqu-sition und erdulde die Qualen dei 

Folter (Macni sh).‘\. • . >. „„ 

Das auf die Ähnlichkeit zwischen Reiz und Iraummhalt ge 

gründete Argument läßt eine Verstärkung zu, wenn es gelingt, bei 
einem 
dem 

ließ seine Knie unbedeckt und träumte, daß er in der Stacht auf nnem 
Postwagen reise. Br bemerkt dabei, daß Reisende wohl wissen 



Außere Sinnesreize als Traum quellen. — Experimentelle Träume. 17 


würden, wie in einer Kutsche die Knie des Nachts kalt würden. 
Ein anderes Mal ließ er den Kopf hinten unbedeckt und träumte' 
daß er einer religiösen Zeremonie in freier Luft beiwohne. Es war 
nämlich in dem Lande, in welchem er lebte, Sitte, den Kopf stets 
bedeckt zu tragen, ausgenommen bei solchen Veranlassungen wie die 
eben genannte.“ 

Maur y 48 ) teilt neue Beobachtungen von an ihm selbst erzeugten 
Träumen mit. (Eine Reihe anderer Versuche brachte keinen Erfolg.) 

1. Er wird au Lippen und Nasenspitze mit einer Feder ge- 
kitzelt. — Träumt von einer schrecklichen Tortur; eine Pechlarve 
wird ihm aufs Gesicht gelegt, dann weggerissen, so daß die Haut 
mitgeht. 

2 . Man wetzt eine Schere an einer Pinzette. — Er hört Glocken 
läuten, dann Sturmläuten und ist in die Junitage des Jahres 1848 
versetzt. 


3. Man läßt ihn Kölnerwasser riechen. — Er ist in Kairo im 
Laden von Johann Maria Farina. Daran schließen sich tolle Aben- 
teuer, die er nicht reproduzieren kann. 

4. Man kneipt ihn leicht in den Nacken. — Er träumt daß 
man ihm ein Blasenpflaster auflegt und denkt an einen Arzt der 
ihn als Kind behandelt hat. 

, rii Di ^ ier ^ e ! n h e iß es Eisen seinem Gesicht. Er träumt von 
den „Chauffeurs“ *), che sich ins Haus eingeschlichen haben und die 
Bewohner zwingen, ihr Geld herauszugeben, indem sie ihnen die 
*uße ins Kohlenbecken stecken. Dann tritt die Herzogin von Abran- 
tes aul, deren Sekretär er im Traume ist. 

. . ^. an ihm einen Tropfen Wasser auf die Stirn. — Er 

ist in Italien, schwitzt heftig und trinkt den weißen Wein von 
Urvieto. 


- Man laßt wiederholt durch ein rotes Papier das Licht einer 
Kerze auf ihn fallen. — Er träumt vom Wetter, von Hitze und be- 
hnclet sich wieder m einem Seesturm, den er einmal auf dem Kanal 
l-i a lU a n c h e mitgemacht. 

Andeie Versuche, Träume experimentell zu erzeugen, rühren 
von d H ervey, 31 ) Weygandt 73 ) u. a. her. S ’ 

h „ m y™ lrM * rere “ Sei*® f die „auffällige Fertigkeit des Traumes 

in Tih pÄ"’ P lotzllcl "; Stacke aus der Sinneswelt dergestalt 

vorbereitrfe b de i TO f weben > aaß sie diesen eine allmählich schon 
vorbereitete und eingeleitete Katastrophe bilden“ (Hildebrandt) 3S ) 

„ln jüngeren Jahren“, erzählt dieser* Autor, „bediente ich mich zu 

beSnten“ 3, 8 m best T nter Morgenstunde aufzustehen, des 

hundertmalen •" ! ;tlntCrke " «“gebrachten Weckers. Wohl zu 
Is Jn " s begegnet, daß der Ton dieses Instruments in 

Tortur bo3tate D ff6Ur ’" Bo " a< ’ 1 ’ v0 " der Vendee, die sich dieser 


* reud, Traumdeutung. 3. Aufl. 


18 


I. Literatur der Traumprobleme. 


eineu vermeintlich sehr langen und zusammenhängenden Traum der- 
gestalt hineinpaßte, als ob dieser ganze Traum eben nur auf ihn an- 
gelegt sei und in ihm seine eigentliche logisch unentbehrliche Pointe, 
sein natürlich gewiesenes: Endziel fände/ 1 

Ich werde drei dieser Weckerträume noch in anderer Absicht 


zitieren. 

Volk eit (p. 68) erzählt: „Einem Komponisten träumte einmal, 
er halte Schule und wolle eben seinen Schülern etwas klar machen. 
Schon ist er damit fertig und wendet sich an einen der Knaben mit 
der Frage: „Hast du mich verstanden?“ Dieser schreit wie ein 
Besessener: „0 ja.“ Ungehalten hierüber verweist er ihm das Schreien. 
Doch schon schreit die ganze Klasse: „Orja.“ Hierauf: „Eurjo." 

Und endlich: „Feuerjo!“ Und nun erwacht er von wirklichem 

Feuerjogeschrei auf der Straße. _ 

Garnier (Traite des facult6s de 1 ame, 1865) bei Radestock. 0 ) 
berichtet, daß Napoleon I. durch die Explosion der Höllenmaschine 
aus einem Traume geweckt wurde, den er im Wagen schlafend hatte, 
und der ihm den Übergang über den Tagliamento und die Kano- 
nade der Österreicher wieder erleben ließ, bis er mit dem Ausruf auf- 


schreckte: „Wir sind unterminiert.“ 

Zur Berühmtheit gelangt ist ein Traum, den Maury b ) erlebt 
hat (p. 161). Er war leidend und lag in seinem Zimmer zu Bett; 
seine Mutter saß neben ihm. Er träumte nun von der Schreckens- 
herrschaft zur Zeit der Revolution, machte greuliche Mordszenen mit 
und wurde dann endlich selbst vor den Gerichtshof zitiert. Dort sah 
er Robespierre, Marat, Fouquier-Tin ville und alle die 
traurigen Helden' jener gräßlichen Epoche, stand ihnen Rede, 
wurde nach allerlei Zwischenfällen, die sich in seiner Erinnerung 
nicht fixierten, verurteilt und dann von einer unübersehbaren .Menge 
begleitet auf den Richtplatz geführt. Er steigt aufs Schafott, der 
Scharfrichter bindet ihn aufs Brett; es kippt um; das Messer der 
Guillotine fällt herab; er fühlt, wie sein Haupt vom Rumpfe getrennt 
wird, wacht in der entsetzlichsten Angst auf — und bildet, daß der 
Bettaufsatz herabgefallen war und seine Halswirbel, wirklich ähnlich 
wie das Messer einer Guillotine, getroffen hatte. 

An diesen Traum knüpft sich eine interessante von Le Lor- 
rain i5 ) und Egger 20 ) in der Revue philosophique eingeleitete Dis- 
kussion ob und wie es dem Träumer möglich werde in dem kurzen 
Zeitraum, der zwischen der Wahrnehmung des Weckreizes und dem 
Erwachen verstreicht, eine anscheinend so überaus i eiche bulle 

Trauminhalt zusammenzudrängen. . , , ^ 

Beispiele dieser Art lassen die objektiven Sinnesreizungen ™^rend 
des Schlafes als die am besten sichergestellte unter den iia "!”J. d 
erscheinen. Sie ist es auch, die in der Kenntnis des i Laien einzig und 
allein eine Rolle spielt. Fragt man einen Gebildeten, dei sonst de 
Traumliteratur fremd geblieben ist, wie die Träume Zustandekommen, 


Träume auf den Weckreiz. 


19 


so wird er zweifellos mit der Berufung auf eineu ihm bekannt 
gewordenenen Fall antworten, in dem ein Traum durch einen nach 
dem Erwachen erkannten objektiven Sinnesreiz aufgeklärt wurde 
Die wissenschaftliche Betrachtung kann dabei nicht halt machen • 
sie schöpft den Anlaß zu weiteren Fragen aus der Beobachtung daß 
der während des Schlafes auf die Sinne einwirkende Reiz im Traume 
ja nicht in seiner wirklichen Gestalt auftritt, sondern durch irgend 
eine andere Vorstellung vertreten wird, die in irgend welcher Be- 
ziehung zu ihm steht Die Beziehung aber, die den Traumreiz und 
den 1 raumerfolg verbindet, ist nach den Worten Maury s 47 ) une 
affinitb quelconque, mais qui n’est pas unique et exclusive “ (p ? 7 2) 
Man höre z. B drei der Weckerträume Hildebrandts; man 'wird 
sich dann die Frage vorzulegen haben, warum derselbe Reiz so ver- 
schiedene und warum er gerade diese Traumerfolge hervorrief: 

^li ^V m ^ S e ^ e an einem Frühlingsmorgen spazieren 

und schlendre durch die grünenden Felder weiter bis zu einem be- 
nachbarten Dorfe, dort sehe ich die Bewohner in Feierkleidern das 
Gesangbuch unter dem Arme, zahlreich der Kirche zuwandern. 
Kichtig ! es ist ja Sonntag und der Frühgottesdienst wird bald be- 
ginnen. Ich beschließe, an diesem teilzunehmen, zuvor aber, weil ich 
etwas echauffiert bin, auf dem die Kirche umgebenden Friedhöfe mich 
fahrend ich hier verschiedene Grabschriften lese, höre 

rli 1 h Gloc] S ner 1 d ® n T ™ hinansteigen und sehe nun in der Höhe 
des letzteren die kleine Dorfglocke, die das Zeichen zum Beginn der 

da 1 ' dann f t Noch eine ganze Weile hängt sie bewe|ungslos 

SÄ fangt anza schwingen — und plötzlich ertönen ihre 
Schlage hell und durchdringend — so hell und durchdringend daß 

von’ Z’ Wecke? “ ““ ^ ma0hei1 ' Die GloekentSne aber komm® 

„Eine zweite Kombination. Es ist heller Wintertag • die Straßen 

SeM;i°°f iff &C “ ee bedeckt Wl habe meine Teilnahme an einer 

^ der h 9ehl?t eS!lSt ’ ( aber J l8n « e ™ rteI b bis Meldung er- 
Ä der Schlitten stehe toi- der Tür. Jetzt erfolgen die Vor- 

tS," Einsteigen - der Pelz wird angelegt, der Fußsack' 

Sfie Vga 16 l bfah A bis die Z*«* «•» harrenden Kossl das 
tp q ? Zeiehen geben. Nun ziehen diese an; die kräftig geschüttel- 

einer^lätLkei^d“ 611 lhr ® . 7 . oh J bekanil te Janitscharenmusik mit 
zerreißt W?il ’ • p® au S enbllckhcb das Spinngewebe des Traumes 
glocke. “ Cr 1StS mcits anderes > als der schrille Ton der Wecker- 

einigeÄLnd Befs P iel ' ** sehe ein Küchenmädchen mit 

zimmer schrehe, ft? T den Korridor e ^ang zum Speise- 

Gefahr das CleicT Porzellansaule in ihren Armen seheint mir in 

ich, (fie ganze T ^ ^ - 21 } vcrl, ® ren - „Nimm dich in acht,“ warne 

i „die ganze Ladung wird zur Erde fallen.“ Natürlich bleibt der 


20 


I. Literatur der Traumprobleine. 


obligate Widerspruch nicht aus: man sei dergleichen schon gewohnt 
u. s. w., während dessen ich noch immer mit Blicken der Besorgnis 
die Wandelnde begleite. Richtig, an der Türschwelle erfolgt ein 
Straucheln — das zerbrechliche Geschirr Mit und rasselt und prasselt 
in hundert Scherben auf dem Fußboden umher. Aber — das endlos 
sich fortsetzende Getön ist doch, wie ich bald merke, kein eigentliches 
Rasseln, sondern ein richtiges Klingeln ; — und mit diesem Klingeln 
hat, wie nunmehr der Erwachende erkennt, nur der Wecker seine 
Schuldigkeit getan.“ 

Die' Frage, warum die Seele im Traume die Natur des objektiven 
Sinnesreizes verkenne, ist von Strümpell 130 ) — und fast ebenso von 
Wundt 76 ) — dahin beantwortet worden, daß sie sich gegen solche im 
Schlaf angreifende Reize unter den Bedingungen der Illusionsbildung 
befindet. Ein Sinneseindruck wird von uns erkannt, richtig ge- 
deutet, d. h. unter die Erinnerungsgruppe eingereiht, iu die er nach 
allen vorausgegangenen Erfahrungen gehört, wenn der Eindruck stark, 
deutlich, dauerhaft genug ist, und wenn uns die für diese Überlegung 
erforderliche Zeit zu Gebote steht. Sind diese Bedingungen nicht 
erfüllt, so verkennen wir das Objekt, von dem der Eindruck herrührt ; 
wir bilden auf Grund desselben eine Illusion. „Wenn jemand auf 
freiem Felde spazieren geht und einen entfernten Gegenstand undeut- 
lich wahrnimmt, kann es kommen, daß er denselben zuerst für ein 
Pferd hält.“ Bei näherem Zusehen kann die Deutung einer ruhenden 
Kuh sich aufdrängen, und endlich kann sich die V orstellung mit 
Bestimmtheit in die einer Gruppe von sitzenden Menschen auflösen. 
Ähnlich unbestimmter Natur sind nun die Eindrücke, welche die Seele 
im Schlafe durch äußere Reize empfängt; sie bildet auf Grund der- 
selben Illusionen, indem durch den Eindruck eine größere oder kleinere 
Anzahl von Erinnerungsbildern wachgerufen wird, durch welche der 
Eindruck seinen psychischen W r ert bekommt. Aus welchem der vielen 
in Betracht kommenden Erinnerungskreise die zugehörigen Bilder 
o-eweckt werden, und welche der möglichen Assoziationsbeziehungen 
dabei in Kraft treten, dies bleibt auch nach Strümpell unbestimm- 
bar und gleichsam der Willkür des Seelenlebens überlassen. 

Wir stehen hier vor einer Wahl. Wir können zugeben, daß 
die Gesetzmäßigkeit in der Traumbildung wirklich nicht weiter zu 
verfolgen ist, und somit verzichten zu fragen, ob die Deutung der 
durch den Sinneseindruck hervorgerufenen Illusion nicht noch anderen 
Bedingungen unterliegt. Oder wir können auf die 'S crmutnug ge- 
raten "daß die im Schlafe eingreifende objektive bmnesre.znng als 
Traumquelle nur eine bescheidene Rolle spielt, und daß andeie 
Momente die Auswahl der wachzurufenden Erinnerungsbilder deter- 
minieren. ln der Tat, wenn man die experimentell erzeugten 1 raume 
Mn nr V s prüft, die ich in dieser Absicht so ausführlich mMed 
liebe, so ist man versucht zu sagen, der allgestellte ’S ersuch deck 
eigentlich nur eines der Traumelemente nach seiner Herkunlt, nn 


Illusionstheorie der objektiven Sinnesreize. — Innere Sinnesreize 


21 


der übrige Trauminhalt erscheint vielmehr zu selbständig zu sehr im 
einzelnen bestimmt, als daß er durch die eine Anforderung er müsse 
sich mit dem experimentell eingeführten Element vertragen ’ aufgeklärt 
werden könnte Ja man beginnt selbst an der Illusionstheorie und 
an der Macht des objektiven Eindrucks, den Traum zu gestalten zu 
zweifeln, wenn man erfährt, daß dieser Eindruck gelegentlich ’ die 
allersonderbarste und entlegenste Deutung im Traume erfährt. So 
erzählt z- B. M. Simon 63 ) einen Traum, in dem er riesenhafte 
1 ersonen bei Tische sitzen sah und deutlich das furchtbare Geklapper 
horte, das ihre aufeinander schlagenden Kiefer beim Kauen erzeugten. 
Als er erwachte, hörte er den Hufschlag* eines vor seinem Fenster 
vorbeigaloppierenden Pferdes. Wenn hier der Lärm der Pferdehufe 
geiatle Vorstellungen aus dem Erinnerungskreis von Gullivers 
weisen, Aufenthalt bei den Biesen von B ro bd i ngn ag und bei den 
tugendhaften Pferdewesen wachgerufen hat — wie ich ohne alle 
Untei Stützung von Seite des Autors etwa deuten könnte — , sollte die 

f i en R i eiz f “gewöhnlichen Erinnerungskreises 
nicht außerdem durch andere Motive erleichtert gewesen sein?*) 

ad 2. Innere (subjektive) Sinneserregung. 

daß dÄllf ' Tu UD?eD , ZUm Tl ' 0tz Wird mon zu S ebeu müssen, 

daß d,e Rolle objektiver Sinneserregungen während des Schlafes als 

I ffi'f T“ feststeht, und wenn diese Reize ihrer Natur 

r haafigkeit nach vielleicht unzureichend erscheinen, um alle 
Traumbilder zu erklären, so wird man darauf hingewiesen nach 
anderen, aber ihnen analog wirkenden Traumquellen zu suchen Ich 
weiß nun nicht, wo zuerst der Gedanke aufgetaucht ist neben den 
äußeren Sinnesreizen die inneren (subjektiven) Erregungen in den 
■ mnesoiganen m Anspruch zu nehmen 5 es ist aber Tatsache daß 
d \ 6 V n allen 1 ° eue 1 r 1 e . n 1 Darstellungen der Traumätiologie mehr’ oder 
mmder nachdrücklich geschieht. „Eine wesentliche Rolle spielen 
feiner, wie ich glaube,“ sagt Wundt™) (p. 363 ) ..bei den Traum“ 
l usmnen jene subjektiven Gesichts- und Gehörsempfindungen' die 

ävrstä; sss~*."ssrvrt f'- ss 

sehen wir f öcümetteilmge, Fische, bunte Perlen, Blumen u. dgl. 

v r -— “ * 

• chaos als bewegte Gegenstände angeschaut 

Szeue arme!, men, daß es sieh um eine 


22 


I. Literatur der Traumprobleme. 


werden. — Hierin wurzelt wohl auch die große Neigung des 
Traumes zu den mannigfachsten Tiergestalten, deren Formen- 
reichtum sich der besonderen Form der subjektiven Lichtbilder leicht 
anschmiegt. “ 

Die subjektiven Sinneserregungen haben als Quelle der Traum- 
bilder offenbar den Vorzug, daß sie nicht wie die objektiven vom 
äußeren Zufalle abhängig sind. Sie stehen sozusagen der Erklärung 
zu Gebote, so oft diese ihrer bedarf. Sie stehen aber hinter den 
objektiven Sinnesreizen darin zurück, daß sie jener Bestätigung ihrer 
Rolle als Traumerreger, welche Beobachtung und Experiment bei 
den letzteren ergeben, nur schwer oder gar nicht zugänglich sind. 
Den Haupterweis für die traumerregende Macht subjektiver Sinnes- 
erregungen erbringen die sogenannten hypnagogiseken Halluzinationen, 
die von Joh. Müller als „phantastische Gesichtserscheinungen“ be- 
schrieben worden sind. Es sind dies oft sehr lebhafte, wechselvolle 
Bilder, die sich in der Periode des Einschlafens bei vielen Menschen 
ganz regelmäßig einzustellen pflegen und auch nach dem Offnen der 
Augen eine Weile bestehen bleiben können. Maury, 4S ) der ihnen 
im hohen Grade unterworfen war, hat ihnen eine eingehende Würdi- 
gung zugewendet und ihren Zusammenhang, ja vielmehr ihre Iden- 
tität 0 mit den Traumbildern (wie übrigens schon Joh. Müller) be- 
hauptet. Für ihre Entstehung, sagt Maury, ist eine gewisse seelische 
Passivität, ein Nachlaß der Aufmerksamkeitsspannung erforderlich 
(p. 59 u. f.). Es genügt aber, daß man auf eine Sekunde in solche 
Lethargie verfalle, um bei sonstiger Disposition eine hypnagogische 
Halluzination zu sehen, nach der man vielleicht wieder aufwacht, bis 
das sich mehrmals wiederholende Spiel mit dem Einschlafen endigt. 
Erwacht man dann nach nicht zu langer Zeit, so gelingt es nach 
Maury häufig, im Traume dieselben Bilder nachzuweisen, die einem 
als hypnagogische Halluzinationen vor dem Einschlafen vorgeschwebt 
haben (p. 134). So erging es Maury einmal mit einer Reihe von 
grotesken Gestalten mit verzerrten Mienen und sonderbaren hrisuren, 
die ihn mit unglaublicher Aufdringlichkeit in der Periode des Ein- 
schlafens belästigten, und von denen er nach dem Erwachen sich er- 
innerte, geträumt zu haben. Ein andermal, als er gerade an Hunger- 
gefühl litt, weil er sich schmale Diät aufcrlegt hatte, sah er hvpna- 
goo-isch eine Schüssel und eine mit einer Gabel bewaffnete Hand, die 
lieh etwas von der Speise in der Schüssel holte. Im 1 raume beland 
er sich an einer reich gedeckten Tafel und hörte das Geräusch das 
die Speisenden mit ihren Gabeln machten. Lin andermal, als ei 
mit gereizten und schmerzenden Augen entschlief, hatte er die 
hypnagogische Halluzination von mikroskopisch kleinen Zeic en. c i 
er mit großer Anstrengung einzeln entziffern mußte; nach einer., um 
aus dem Schlafe geweckt, erinnerte er sich an einen 1 raum in ^ de m 
ein aufgeschlagenes Buch, mit sehr kleinen Lettern gedruckt, voikam, 
welches er mühselig hatte durchlesen müssen. 


Hypuagogische Halluzinationen. — lauerer, organischer Leibreiz. 23 

Ganz ähnlich wie diese Bilder können auch Gehörshallnzinationen 
.von Worten, Namen u. s. w. hypnagogisch auftreten und dann im 
Traum sich wiederholen, als Ouvertüre gleichsam, welche die Leit- 
motive der mit ihr beginnenden Oper ankündigt. 

Auf den nämlichen Wegen wie Joh. Müller und Maury 
wandelt ein neuerer Beobachter der hypnagogischen Halluzinationen 
G. Tr u m b u 11 La dd 40 ). Er brachte es durch Übung dahin, daß 
er sich 2—5 Minuten nach dem allmählichen Einschlafen jäh aus dem 
Schlafe reißen konnte, ohne die Augen zu öffnen, und hatte dann die 
Gelegenheit, die eben entschwindenden Netzhautempfindungen mit den 
m der Erinnerung überlebenden Traumbildern zu vergleichen. Er 
versichert, daß sich jedesmal eine innige Beziehung zwischen beiden er- 
kennen ließ in der Weise, daß die leuchtenden Punkte und Linien 
des Eigenlichtes der Netzhaut gleichsam die Umrißzeichnung, das 
Schema für die psychisch wahrgenommenen Traumgestalten brachten. 
Emern Traume z. B., in welchem er deutlich gedruckte Zeilen vor 
sich sah, die er las und studierte, entsprach eine Anordnung der 
leuchtenden Punkte in der Netzhaut in parallelen Linien Um es mit 
seinen Worten zu sagen : Die klar bedruckte Seite, die er im Traume 
gelesen, loste sich m ein Objekt auf, daß seiner wachen Wahrnehmun«- 
erschien wie ein Stück eines reellen bedruckten Blattes, das man aus 
allzu großer Entfernung, um etwas deutlich auszunehmen, durch ein 
Lochelchen m einem Stücke Papier ansieht. Ladd meint ohne 
übrigens, den zentralen Anteil des Phänomens zu unterschätzen, daß 
kaum, ein visueller Traum in uns abläuft, der sich nicht an das 
Material der inneren Erregungszustände der Netzhaut anlehnte. Be- 
sonders gilt dies für die Träume kurz nach dem Einschlafen im 
dunklen Zimmer, während für die Träume am Morgen nahe dem Er- 
wachen das objektive, im erhellten Zimmer ins Auge dringende Licht 
die Reizquelle abgebe. Der wechselvolle, unendlich abänder ungsfähio- e 
ßgenhchterregung entspricht genau der unruhig» 

ßlnK ht ’ d Un T Sere , n Träume uns vorführen. Wenn man den 
eobachtungen von La dd Bedeutung beimißt, wird man die Ergiebig- 
kei dieser subjektiven Reizquelle für den Traum nicht gerinn an - 

bStedT 6 “’ T n Gesichtsbik ' er mac hen bekanntlich den Hanpt- 

Sn tr,nN, T m n f S . Der Beitr! « ™> “deren SinnL- 
g eten bis auf den des Gehörs ist geringfügiger und inkonstant. 

We-e sind rlieT 6 / 61 ’’ ° 1 r ^ flIls 1 ch ^ Leibreiz. Wenn wir auf dem 
n ege sind, die Traumquellen nicht außerhalb, sondern innerhalb des 

i^nwen dfAT ,r S ° TT T?“ e™ el ' inn<!1 ' n > daß Stalle " nsere 

von ihrem P ?’ \ “u Zl U tai b d der Gesundheit uns kaum Kunde 
heißen L r tand geben, m Zuständen von Reizung — die wir so 

Empfindungen für^ ^ muki j eiten ® ine Quelle von meist peinlicheu 

anlatenden Schme ^ und F?’ ^ ^ ^ der von außen 

Es sind sehr alte hMM d Lm b nndua gsreize gleichgestellt werden muß. 
™ sein alte Erfahrungen, welche z. B. Strümpell zu der 


24 


1. Literatur der Traumprobleme. 


Aussage veranlassen (p. 107) : „Die Seele gelangt im Schlafe zu einem 
viel tieferen und breiteren Empfindungsbewußtsein von ihrer Leiblich- 
keit als im Wachen, und ist genötigt, gewisse Reizeindrücke zu 
empfangen und auf sich wirken zu lassen, die aus Teilen und Ver- 
änderungen ihres Körpers herstammen, von denen sie im Wachen 
nichts wußte.“ Schon Aristoteles 1 ) erklärt es für sehr wohl 
möglich, daß man im Traume auf beginnende Krankheitszustände auf- 
merksam gemacht würde, von denen man im Wachen uoch nichts 
merkt (kraft der Vergrößerung, die der Traum den Eindrücken an- 
gedeihen läßt, siehe p. 1), und ärztliche Autoren, deren Anschauung 
es sicherlich ferne lag, an eine prophetische Gabe des Traumes zu 
glauben, haben wenigstens für die Krankheitsanklindigung diese Be- 
deutung des Traumes gelten lassen. (Vgl. M. Simon, 6 ') p. 31, und 


viele ältere Autoren.) , 

Es scheint an beglaubigten Beispielen für solche diagnostische 
Leistungen des Traumes auch aus neuerer Zeit nicht zu fehlen. So 
z. B. berichtet Tissie 63 ) nach Artigues, Essai snr la valeur s6meio- 
logique des reves die Geschichte einer 43jährigen Frau, die duich 
einige Jahre in scheinbar voller Gesundheit von Angstträumen heim- 
gesucht wurde und bei der ärztliche Untersuchung dann eine beginnende 
Herzaffektion aufwies, welcher sie alsbald erlag. 

Ausgebildete Störungen der inneren Organe wirken offenbar bei 
einer ganzen Reihe von Personen als Traumerreger. Allgemein wird 
auf die Häufigkeit der Angstträume bei Herz- und Lungenkranken 
hingewiesen, ja diese Beziehung des Traumlebens wird von vielen 
Autoren so sehr in den Vordergrund gedrängt, daß ich mich hier mit 
der bloßen Verweisung auf die Literatur (Rades tock,°0 Spitta, ) 
Maury, M. Simon, Tissi6) begnügen kann. Tissie meint sogar, 
daß die erkrankten Organe dem Trauminhalt das charakteristische 
Gepräge aufdrücken. Die Träume der Herzkranken sind gewöhnlich 
sehr kurz und enden mit schreckhaftem Erwachen; fast immer spielt 
im Inhalt derselben die Situation des Todes unter gräßlichen Umständen 
eine Rolle. Die Lungenkranken träumen von Ersticken, Gediänge, 
Flucht und sind in auffälliger Zahl dem bekannten Alptraume unter- 
worfen, den übrigens Börner 7 ) durch Lagerung aufs Gesicht, durch 
Verdeckung der Respirationsöffnungen experimentell hat hervorrufen 
können. Bei Digestionsstörung enthält der Traum Vorstellungen ans 
dem Kreise des Genießens und des Ekels. Der Einfluß sexueller 
Erregung endlich auf den Inhalt der Träume ist für die Erfahrung 
eines jeden einzelnen greifbar genug und leiht der ganzen ^ene Aon 
der Traumerregung durch Organreiz ihre stärkste Stütze. 

Es ist auch, wenn man die Literatur des 1 raumes durcharbeitet, 
o-anz unverkennbar, daß einzelne der Autoren (Maury, ') " ev 

o-andt 70 ), durch den Einfluß ihrer eigenen Krankheitszustande auf 
den Inhalt ihrer Träume zur Beschäftigung mit den Iraumproblemen 
ce führt worden sind. 


Theorien von Schopenhauer und Ivrauss. 


25 


Der Zuwachs an Traumquellen aus diesen unzweifelhaft fest- 
gestellten Tatsachen ist übrigens nicht so bedeutsam, als man meinen 

möchte. Der Traum ist ja ein Phänomen, das sich bei Gesunden 

vielleicht bei allen, vielleicht allnächtlich — einstellt, und das Organ- 
erkrankung offenbar nicht zu seinen unentbehrlichen Bedingungen 
zählt. Es handelt sich für uns aber nicht darum, woher besondere 
Tiäume rühren ; sondern was für die gewöhnlichen Träume normaler 
Menschen die Reizquelle sein mag. 

Indes bedarf es jetzt nur eines Schrittes weiter, um auf eine 
Traumquelle zu stoßen, die reichlicher fließt ‘als jede frühere und 
eigentlich für keinen Fall zu versiegen verspricht. Wenn es sicher- 
gestellt ist, daß das Körperinnere im kranken Zustand zur Quelle 
der I raumreize wird, und wenn wir zugeben, daß die Seele im 
bchlafzustand von der Außenwelt abgelenkt, dem Innern des Leibes 
groocre Aufmerksamkeit zuwenden kann ; so liegt es nahe anzunehmen, 
caß die Organe nicht erst zu erkranken brauchen, um Erregungen 
die irgendwie zu Traumbildern werden, an die schlafende Seele 
gelangen zu lassen. Was wir im Wachen dumpf als Gemeingefühl 
nui seiner Qualität nach wahrnehmen und wozu nach der Meinung 
, 'S 6 alIe Organsysteme ihre Beiträge leisten, das würde nachts 
Z Jl { ST n 1 ? mwirl 5 un g ™d mit seinen einzelnen Kornpo- 

für d i e maC ] tlgS i? und S leicll zeitig die gewöhnlichste Quelle 

fm die Erweckung der Traumvorstellungen ergeben. Es erübrige 

rS r!' ,e na0h "' elch “ E ^ln sich die Org£ 

reize m I raumvorstellungen umsetzen. 6 

welche\lio bp\ Gn ^' er , J*® ne Theorie der Traumentstehung berührt, 
Dunkel n t TT" 8 ? H? allen ärztliche “ Autoren geworden ist. Dm 
°" t 1’ TeÄ de "'r. ern unseres Wesens, das „moi splanchnique“, 

der Traumen tstpl [ Ur llnsere Kenntnis gehüllt ist, und das Dunkel 

üer 1 1 aumentstehung entsprechen einander zu gut, um nicht in Be 

Ziehung znemander gebracht zu werden. Der ideetanl welcher 

fl r 7fn Am 9 lg “ n ™P find “ ri g Traumbildner macht. h?t überdies 

Se so4füw£ f ^ A ” rei , Z > da “ er Traum ™d Geistesstörung 

lonisd^vereid^en^läilf““!“^ ‘in ’'° n z eigen, and, ätiS 

die iL r g denn Altcrat| onen des Gemeingefühls und Eeize 

dln Bede„ f ürr n , 0r ? nCn «uchliner Weltreichen-’ 

damm nlÄ E «etehnug der Psychosen bezichtigt. Es “st 

als einen Urhebe^ ,7 eiJn dle Leibreiztheorie sich auf mehr 

Fu r e i ne TMl ? elbsHindl g angegeben, zurück fuhren läßt, 
gebend, den den i c , llt “ re “ w “rde der Gedarkengang nmß- 


“’t to **n^rÄ j£L?Z 

iss & t: 

lag höchstens Omen unbewußten Einfluß auf unsere 


2(5 


I. Literatur der Traumprobleme. 


Stimmung, Bei Nacht aber, wenn die übertäubeude Wirkung der 
Tageseindrücke aufgehört hat, vermögen jene aus dem Innern herauf- 
dringenden Eindrücke sich Aufmerksamkeit zu verschaffen — ähnlich 
wie wir bei Nacht die Quelle rieseln hören, die der Lärm des Tages 
unvernehmbar machte. Wie anders aber soll der Intellekt auf diese 
Reize reagieren, als indem er seine ihm eigentümliche Funktion voll- 
zieht? Er wird also die Reize zu raum- und zeiterfüllenden Gestalten, 
die sich am Leitfaden der Kausalität bewegen, umformen und so 
entsteht der Traum. In die nähere Beziehung zwischen Leibreizen 
und Traumbildern versuchten dann Scherner 08 ) und nach ihm 
Volkelt 72 ) einzudringen, deren Würdigung wir uns auf den Ab- 
schnitt über die Traumtheorien aufsparen. 


In einer besonders kousequent durchgeführten Untersuchung hat 
der Psychiater Krauss 39 ) die Entstehung des Traumes wie der Delirien 
und Wahnideen von dem nämlichen Element, der organisch be- 
dingten Empfindung, abgeleitet. Es lasse sich kaum eine Stelle 
des Organismus denken, welche nicht der Ausgangspunkt eines 
Traumes oder Wahnbildes werden könne. Die organisch bedingte 
Empfindung „läßt sich aber in zwei Reihen trennen : 1. in die der 
Totalstimmungen (Gemeingefühle), 2. in die spezifischen, den Haupt- 
systemen des vegetativen Organismus immanenten Sensationen, wovon 
wir fünf Gruppen unterschieden haben, ci) die Muskelempfindungen, 
b) die pneumatischen, c) die gastrischen, d) die sexuellen und c) die 
peripherischen“ (p. 33 des zweiten Artikels). 

Den Hergang der Traumbilderentstehung auf Grund der Leib- 
reize nimmt Krauss folgendermaßen an; Die geweckte Empfindung 
ruft nach irgend einem Assoziationsgesetz eine ihr verwandte Vor- 
stellung wach und verbindet sich mit ihr zu einem organischen Gebilde, 
o-eo-en ^welches sich aber das Bewußtsein anders verhält als normal- 
Denn dies schenkt der Empfindung selbst keine Aufmerksamkeit, 
sondern wendet sie ganz den begleitenden Vorstellungen zu, was zu- 
o-leich der Grund ist, warum dieser Sachverhalt solange verkannt 
werden konnte (p. 11 u. f.). Krauss findet für den Vorgang auch 
den besonderen Ausdruck der Transsubstantiation der Empfin- 
dungen in Traumbilder (p. 24). 

Der Einfluß der organischen Leibreize auf die ff raumbildung 
wird heute nahezu allgemein angenommen, die Frage nach dem 
Gesetze der Beziehung zwischen beiden sehr verschiedenartig, oftmals 
mit dunklen Auskünften, beantwortet. Es ergibt sich nun auf dein 
Boden der Leibreiztheorie die besondere Aufgabe der 1 raumdeutuug. 
den Inhalt eines Traumes auf die ihn verursachenden organischen 
Reize zurückzuführen, und wenn man nicht die von Schemel ) . 
gefundenen Deutungsregeln anerkennt, steht man oft vor dei mi - 
Fichen Tatsache, daß die organische Reizquelle stell ehen durch melde 
anderes als durch den Inhalt des Traumes verrat. 


Organischer Leibreiz und typische Träume. 27 

Ziemlich übereinstimmend hat sich aber die Deutung verschiedener 
Trau in formen gestaltet, die man als „typische“ bezeichnet hat, weil sie 
bei so vielen Personen mit ganz ähnlichem Inhalt wiederkehren. Es 
sind dies die bekannten Träume vom Herabfallen von einer Höhe vom 
Zahnausfallen, vom I liegen und von der V erlegenheit, daß 5 man 
nackt oder schlecht bekleidet ist. Letzterer Traum soll einfach von 
der im Schlafe gemachten Wahrnehmung herrühren, daß man die 
Bettdecke abgeworfen hat und nun entblößt daliegt. Der Traum vom 
Zahnausfallen wird auf „Zahnreiz« zurückgeführt, womit aber nicht 
ein krankhafter Erregungszustand der Zähne gemeint zu sein braucht 
Der Traum zu fliegen ist nach _ Strümpell das von der Seele ge- 

rn auch te adäquate Bild, womit sie das von den auf- und niedersteigenden 
Lungenflügeln ausgehende Reizquantum deutet, wenn gleichzeitig das 
Hautgefuhl des Thorax schon bis zur Bewußtlosigkeit herabgesunken 
st. Durch den letzteren Umstand wird die an die Vorstellungsform 
es Schwebens gebundene Empfindung vermittelt. Das Herabfallen aus 
der Hohe soll dann seinen Anlaß haben, daß bei eingetretener Bewußt- 
osigkeit des Hautdruckgefühles entweder ein Arm vom Körper 
herabsinkt oder ein eingezogenes Knie plötzlich gestreckt wird, wo- 
duich das Gefühl des Hautdruckes wieder bewußt wird, der Über- 
gang zum Bewußtwerden aber als Traum vom Niederfallen sich 

Es“ ÄT (Strtt , mP , eU ’ V 18 >' Die Schwäche dieser 
plausibeln Ei klar ungs versuche liegt offenbar darin, daß sie ohne 

weiteren Anhalt die oder jene Gruppe von Organempfinduno-en aus 

Träume ** 

,. f- b ‘ mon ^ hat versucht, aus der Vergleichung einer Reihe von 

ändt e Ll IäUmen fr den “Einfluß“ dTorieTz” 

auf die ßeshmmung ihrer Traumerfolge abzuleiten. Er sagten 34) 
SuJk d“efilr t d “"Organapparat, der normaler “wifse 

itne“ 1 * tff Lt“ de ' U Eree " u “K®Stancl befindet, ‘lUden^er” sonst' 0 ™ 

Eine andere Regel lautet fn ‘l ft ) . \ t j • 

im Schlafe in Tätigkeit w* 'Yf nn ein Organapparat sich 

der Traum Vn,i«ü, L ' re ^ lui » oder Störung befindet, so wird 

£orgSchIrÄr, bn, l Sen ’ , Welcl>e sioh di ° Ausübung 
ChV, an 1 ez,eh . en> * 6 J ener Apparat versieht. “ 
supponierten Einfluß aif dif Traum e““ 160 ’ den /° n ? er Leibreiztheorie 
experimentell zu erweisen Prb^t V ^ ei “ einzdues Gebiet 

Glieder des Schlafenden -71 - ,. eisuc Le gemacht, die Stellungen der 

seinen Abänderungen ver^icher^rT lTf\ T | aumerf( %e mit 
nis mit. er ö liclien. Lr teilt folgende Sätze als Ergeb- 


28 


I. Literatur der Traumprobleme. 


1. Die Stellung eines Gliedes im Traume entspricht ungefähr der 
in der Wirklichkeit, d. h. man träumt von einem statischen Zustand 
des Gliedes, welcher dem realen entspricht. 

2. Wenn man von der Bewegung eines Gliedes träumt, so ist 
diese immer so, daß eine der bei ihrer Vollziehung vorkommenden 
Stellungen der wirklichen entspricht. 

3. Man kann die Stellung des eigenen Gliedes im Traume auch 
einer fremden Person zuschieben. 

4. Man kann auch träumen, daß die betreffende Bewegung ge- 
hindert ist. 

5. Das Glied in der betreffenden Stellung kann im Traume als 
Tier oder Ungeheuer erscheinen, wobei eine gewisse Analogie beider 
hergestellt wird. 

6. Die Stellung eines Gliedes kann im Traume Gedanken an- 
regen, die zu diesem Gliede irgend eine Beziehung haben. So z. B. 
träumt man bei Beschäftigung mit den Fingern von Zahlen. 

Ich würde aus solchen Ergebnissen schließen, daß auch die 
Leibreiztheorie die scheinbare Freiheit in der Bestimmung der zu 
erweckenden Traumbilder nicht gänzlich auszulöschen vermag.*) 

ad 4. Psychische Reizquellen. Als wir die Beziehungen 
des Traumes zum Wachleben und die Herkunft des Traummaterials 
behandelten, erfuhren wir, es sei die Ansicht der ältesten wie der 
neuesten Traumforscher, daß die Menschen von dem träumen, was 
sie bei Tag treiben und was sie im Wachen interessiert. Dieses aus 
dem Wachleben in den Schlaf sich fortsetzende Interesse wäre nicht 
nur ein psychisches Band, das den Traum ans Leben knüpft, sondern 
ergibt uns auch eine nicht zn unterschätzende Traumquelle, die neben 
dem im Schlafe interessant Gewordenen — den während des Schlafes 
einwirkenden Reizen — ausreichen sollte, die Herkunft aller Traum- 
bilder aufzuklären. Wir haben aber auch den Widerspruch gegen 
obige Behauptung gehört, nämlich daß der Traum den Schläfer ' on 
den Interessen des Tages abzieht und daß wir meistens ' on 
den Dingen, die uns bei Tag am mächtigsten ergriffen haben, erst 
dann träumen, wenn sie für das Wachleben den Reiz der Aktualität 
verloren haben. So erhalten wir in der Analyse des Traumlebens bei 
jedem Schritt den Eindruck, daß es unstatthaft ist, allgemeine Regeln 
aufzustellen, ohne durch ein „oft“, „in der Regel", „meistens Ein- 
schränkungen vorzusehen und auf die Gültigkeit der Ausnahmen vor- 
zubereiten. q ii f 

Wenn das Wachinteresse nebst den inneren und äubeien ocnlai- 

reizen zur Deckung der Traumätiologie ausreichte, so müßten wir 
im stände sein von der Herkunft aller Elemente eines Traumes be- 
friedigende Rechenschaft zu geben; das Rätsel der Traum quellen wäre 

*) [Von den sehr ausführlichen Traumprotokollen dieses norwegischen hor- 
schers ist kürzlich der erste Band in deutscher Übersetzung veröffentlicht worden. 
S. Literaturverzeichnis, Nr. 74a. 


Die psychischen Traumquellen. 


29 


gelöst uucl es bliebe noch die Aufgabe, den Anteil der psychischen 
und der somatischen Traumreize in den einzelnen Träumen abzu- 
grenzen. In Wirklichkeit ist diese vollständige Auflösung eines Traumes 
noch in keinem Falle gelungen und jedem, der dies versucht hat 
sind — meist sehr reichlich - Traumbestandteile übrig geblieben’ 
über deren Herkunft er keine Aussage machen konnte. Das Tages- 
interesse als psychische Traumquelle trägt offenbar nicht so weit, als 
man nach den zuversichtlichen Behauptungen, daß jeder im Traume 
sein Geschäft weiter betreibe, erwarten sollte. 

Andere psychische Traumquellen sind nicht bekannt. Es lassen 
also alle in der Literatur vertretenen Traumerklärungen — mit Aus- 
nahme etwa der später zu erwähnenden von Scherner 58 ) eine 

große Lücke offen, wo es sich um die Ableitung des für den Traum 
am meisten charakteristischen Materials an Vorstellungsbildern handelt. 
In dieser Verlegenheit hat die Mehrzahl der Autoren die Neigung 
entwickelt, den psychischen Anteil an der Traumerregung, dem so 
schwer beizukommen ist, möglichst zu verkleinern. Sie unterscheiden 
zwar als Hauptemteilung den Ne r y e n r e i z- und den Assoziations- 
traum, welch letzterer ausschließlich in der Reproduktion seine Quelle 
findet (Wundt, 76 ) p. 365), aber sie können den Zweifel nicht los- 
werden, „ob sie sieh ohne anstoßgebenden. Leibreiz einstellen“ (Vol- 
Kelt, -) p. 127). Aueh die Charakteristik des reinen Asoziations- 
traumes versagt: „In den eigentlichen Assoziationsträumen kann von 
einem solchen festen Kerne nicht mehr die Rede sein. Hier dringt 
die lose Gruppierung auch in den Mittelpunkt des Traumes ein. Das 
ohnedies von Vernunft und Verstand freigelassene Vorstellungsleben 

n Vlw t UC1 V ° n JGnen gewichtvolleren Leib- und Seelenerregungen 

nicht mehr zusammengehalten und so seinem eigenen bunten Schieben 
und Ii eiben seinem eigenen lockeren Durcheinandertaumeln Uber- 

eileTau V, T eU ’ P ' 118) ' Eme V ® rkleine ™g des psychischen An- 

ftte Jl r*T7 TOrS T ht danD Wundt, indem er ans- 
fuhrt, daß man die „Phantasmen des Traumes wohl mit Unrecht als 

™'mmlSrn° at T n i a r 3 S e -- Wahrscheinlich sind die meisten Traum- 
Vorstellungen in Wirklichkeit Illusionen, indem sie von den leisen 

»uiMesemdrucken ausgehen, die niemals im Schlafe erlöschen“ (p. 359 
. y & a u ^ * ) ^ at S1 °h diese Ansicht angeeignet und sie verall- 
Lr be . hau P. tet , für alle Traumvorstellungen, daß ihre nächste 

ck r erst , ***** sich 

psvchinue nVvieimit , i ^ ' kes reves d origine absolument 

6): s— * - 

WundÄne^MitmwTl 611 ’ W ‘° der einfi aßreiche Philosoph 

daß in den meisten qv? Dg emnekn } en j versäumen nicht anzumerken, 
oder als Tagesinteiv *' somatische Reize und die unbekannten 
zusammemvfrken erka rmten psychischen Anreger des Traumes 


30 


I. Literatur der Traumproblemc. 


Wir werden später erfahren, daß das Rätsel der Traumbildung 
durch die Aufdeckung einer unvermuteten psychischen Reizquelle 
gelöst w erden kann. Vorläufig wollen wir uns über die Überschätzung 
der nicht aus dem Seelenleben stammenden Reize zur Traumbildung 
nicht verwundern. Nicht nur daß diese allein leicht aufzufinden und 
selbst durchs Experiment zu bestätigen sind; es entspricht auch die 
somatische Auffassung der Traumentstehung durchweg der heute in 
der Psychiatrie herrschenden Denkrichtung. Die Herrschaft des Gehirns 
über den Organismus wird zwar nachdrücklichst betont, aber alles, 
was eine Unabhängigkeit des Seelenlebens von nachweisbaren orga- 
nischen Veränderungen oder eine Spontaneität in dessen Äußerungen 
erweisen könnte, schreckt den Psychiater heute so, als ob dessen An- 
erkennung die Zeiten der Naturphilosophie und des metaphysischen 
Seelenwesens wiederbringen müßte. Das Mißtrauen des Psychiaters 
hat die Psyche gleichsam unter Kuratel gesetzt und fordert nun, daß 
keine ihrer Regungen ein ihr eigenes Vermögen verrate. Doch zeigt 
dies Benehmen von nichts anderem als von einem geringen Zutrauen 
in die Haltbarkeit der Kausal Verkettung, die sich zwischen Leiblichem 
und Seelischem erstreckt. Selbst wo das Psychische sich bei der Er- 
forschung als der primäre Anlaß eines Phänomens erkennen läßt, wird 
ein tieferes Eindringen die Fortsetzung des Weges bis zur organischen 
Begründung des Seelischen einmal zu finden wissen. Wo aber das 
Psychische für unsere derzeitige Erkenntnis die Endstation bedeuten 
müßte, da braucht es darum nicht geleugnet zu werden. 


d) Warum man den Traum nach dem Erwachen 
vergißt? 

Daß der Traum am Morgen „zerrinnt“, ist sprichwörtlich. 
Freilich ist er der Erinnerung fähig. Denn wir kennen den Traum 
ja nur aus der Erinnerung an ihn nach dem Erwachen ; aber a\ ir 
glauben sehr oft, daß wir ihn nur unvollsülndig erinnern, wählend in 
der Nacht mehr von ihm da war ; wir können beobachten,^ \\ ie eine 
des Morgens noch lebhafte Traumerinnerung im Laute des. lages bis 
auf kleine Brocken dahinschwindet; wir wissen oft, daß wir geträumt 
haben, aber nicht, was wir geträumt haben, und wir sind an die 
Erfahrung, daß der Traum dem Vergessen unterworfen ist, so gewöhnt, 
daß wir die Möglichkeit nicht als absurd verwerfen, daß auch der bei 
Nacht geträumt haben könnte, der am Morgen weder vom Inhalt 
noch von der Tatsache des Träumens etwas weiß. Anderseits kommt 
es vor, daß Träume eine außerordentliche Haltbarkeit im Gedächt- 
nisse zeigen. Ich habe bei meinen Patienten Träume analysiert, die 
sich ihnen vor 25 und mehr Jahren ereignet hatten und kann mich 
an einen eigenen Traum erinnern, der durch mindestens 37 Jahre 
vom heutigen Tage getrennt ist und doch an seiner Gedäclituisfrische 
nichts eingebüßt hat. Dies alles ist sehr merkwürdig und zunächst 
nicht verständlich. 


Das Vergessen der Träume. 


31 


Uber das Vergessen der Träume handelt am ausführlichsten 
ot i tim pell. ) Dies \ ergessen ist offenbar ein komplexes Phänomen 
denn Sti iimpell führt es nicht auf einen einzigen^ sondern auf eine 
ganze Keihe von Gründen zurück. 

Zunächst sind für das Vergessen der Träume alle jene Gründe 
wirksam, die im Wachleben das Vergessen herbeiführen. Wir pflegen 
als Wachende eine Unzahl von Empfindungen und Wahrnehunjen 
alsbald zu vergessen, weil sie zu schwach waren, weil die an sie 
geknüpfte Seelenregung einen zu geringen Grad hatte. Dasselbe 
ist rücksichtlich vieler Traumbilder der Fall • sie werden vergessen 
weil sie zu schwach waren, während stärkere Bilder aus ihrer Nähe 
ermnert werden Übrigens ist das Moment der Intensität für sich 
allem sicher nicht entscheidend für die Erhaltung der Traumbilder* 
Mm mp eil gesteht wie auch andere Autoren (Calkins 12 ) zu daß 
man häufig Traumbilder rasch vergißt, von denen man weiß, daß sie 
sehr lebhaft waren während unter den im Gedächtnis erhaltenen sich 
sehr viele schattenhafte, sinnesschwache Bilder befinden. Ferner pfW 
man im Wachen leicht zu vergessen, was sich nur einmal ereignet 
< t, und besser zu merken, was man wiederholt wahrnehmen konnte. 
Die meisten Traumbilder sind aber einmalige Erlebnisse;*) diese 

f!“ “ ' m w h ^K r? S leichmilßi g am Vergessen aller Träume bei- 
rr i bede titsnmer ist dann ein dritter Grund des Vergessens. 
Dam,t Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken n s. w. eine lewisse 
Enrmerungsgroße erlangen, ist es notwendig, daß sie nicht vereinzelt 

Art^emveheif er I''T elb ^ Qdl,ü ^ en i F* Ver|esel.sehaftungen p“ r 
0 r>i • T* d L< f man emeD kleinen Vers in seine Worte auf und 

WnH C ‘f e dur ®kemander, so wird es sehr schwer, ihn zu merken 

und d^GMze Zf saoh = eDläß 1 er hilft ein Wortdem anderen 

wV • bftnze s eht sinnvoll in der Erinnerung leicht und lanve fest 

selten tri”' das vk 1 “ ™ lm , a %emeinen ebenso schwer und ebenso 

n den lltn EX e “v N “i fohlt den Träumen 

den meisten Faßen Verständigkeit und Ordnung Die Traum- 

S n “Äes7oc Z k^t “S 

behalten. ’ * "" S elac ’ e dle sonderbarsten Träume am besten 

S t r ti m n”e 1 1 V andm7 Yl ^ * 7 Vergossen des Traumes erscheinen 

die *'*“• sind «W«*»» bemerkt worden, v*L 


32 


I. Literatur der Traumprobleme. 


Erinnerungen aus dem Wachleben, sondern nur Einzelheiten aus dem- 
selben übernimmt, die er aus ihren gewohnten psychischen Verbin- 
dungen reißt, in denen sie im Wachen erinnert werden. Die Traum- 
komposition hat somit keinen Platz in der Gesellschaft der psychischen 
Reihen, mit denen die Seele erfüllt ist. Es fehlen ihr alle Erinnerungs- 
hilfen. „Auf diese Weise hebt sich das Traumgebilde gleichsam von 
dem Boden unseres Seelenlebens ab und schwebt im psychischen 
Raume wie eine Wolke am Himmel, die der neu belebte Atem rasch 
verweht“ (p. 87). Nach derselben Richtung wirkt der Umstand, daß 
mit dem Erwachen sofort die herandrängende Sinneswelt die Auf- 
merksamkeit mit Beschlag belegt, so daß vor dieser Macht die 
wenigsten Traumbilder stand halten können. Diese weichen vor den 
Eindrücken des jungen Tages wie der Glanz der Gestirne vor dem 
Lichte der Sonne. 


An letzter Stelle ist als förderlich für das Vergessen der Träume 
der Tatsache zu gedenken, daß die meisten Menschen ihren Träumen 
(überhaupt wenig Interesse entgegenbringen. Wer sich z. B. als 
Forscher eine Zeitlang für den Traum interessiert, träumt, während- 
des auch mehr als sonst, das heißt wohl : er erinnert seine Träume 

leichter und häufiger. 


Zwei andere Gründe des Vergessens der Träume, die Bona telli 
rbei Benini 3 )) zu dem S trü mp el Ischen hinzugefügt, sind wohl be- 
o-eits in diesen enthalten, nämlich 1. daß die Veränderung des Gemein- 
defühles zwischen Schlafen und Wachen der wechselseitigen Repio- 
suktion ungünstig ist, und 2. daß die andere Anordnung des Vor- 
tellungsmaterials im Traume diesen sozusagen unübersetzbar fürs 
Wachbewußtsein macht. 

Nach all diesen Gründen fürs Vergessen wird es, wie Strüm- 
pell selbst hervorhebt, erst recht merkwürdig, daß soviel von den 
Träumen doch in der Erinnerung behalten wird. Die fortgesetzten 
Bemühungen der Autoren, das Erinnern der Träume in Regeln zu 
fassen, kommen einem Eingeständnis gleich, daß auch hier etwas 
rätselhaft und ungelöst geblieben ist. Mit Recht sind einzelne Eigen- 
tümlichkeiten der Erinnerung an den Traum neuerdings besonders 
bemerkt worden, z. B. daß man einen Traum, den man am Morgen 
für vergessen hält, im Laufe des Tages aus Anlaß einer Y\ ahrnehniung 
erinnern kann, die zufällig an den — doch vergessenen — Inhalt 
des Traumes anrührt. (Rade s t ock, 54 ) T i s s i e Die gesamte 

Erinnerung an den Traum unterliegt aber einer Einwendung die ge- 
eignet ist, ihren Wert in kritischen Augen recht ausgiebig herabzu- 
setzen. Mau kann zweifeln, ob unsere Erinnerung, die soviel \om 
Traume wegläßt, das, was sie erhalten hat. nicht vermischt. 

Solche Zweifel aii der Exaktheit der Reproduktion des Traumes 
spricht auch S t r U m pell aus: „Dann geschieht es eben leicht, daß das, 
wache Bewußtsein unwillkürlich manches m die Ennneiung dis 


Psychologische Charaktere des Traumes. 


33 


Traumes einfügt: man bildet sich ein, Allerlei geträumt zu haben 
was der gewesene Traum nicht enthielt.“ 

Besonders entschieden äußert sich Jessen 36 ) (p. 547); 
„Außerdem ist aber bei der Untersuchung und Deutung zu- 
sammenhängender und folgerichtiger Träume der, wie es scheint bis- 
her wenig beachtete Umstand sehr in Betracht zu ziehen daß es 
dabei fast immer mit der Wahrheit hapert, weil wir, wenn wir einen 
gehabten Traum in unser Gedächtnis zurückrufen, ohne es zu bemerken 
oder zu wollen, die Lücken der Traumbilder ausfüllen und ergänzen, 
beiten und vielleicht niemals ist ein zusammenhängender Traum so 
zusammenhängend gewesen, wie er uns in der Erinnerung erscheint 
Auch dem wahrheitsliebendsten Menschen ist es kaum möglich einen 
gehabten merkwürdigen Traum ohne allen Zusatz und ohne alle Aus- 
schmückung zu erzählen : das Bestreben des menschlichen Geistes 
alles im Zusammenhänge zu erblicken, ist so groß, daß er bei der 
-Erinnerung eines einigermaßen unzusammenhängenden Traumes die 
Mängel des Zusammenhanges unwillkürlich ergänzt. “ 

Fast wie eine Übersetzung dieser Worte Jessens klingen die 
ocn gewiß selbständig konzipierten Bemerkungen von Y Egger* 20 ) 

” • • • Y, /observation des reves a ses difficult6s sp6ciales et le seul 
moyen d 6viter toute erreur en pareille matiere est de confier au 
papier sans le momdre retard ce que l’on vieut dAprouver et de 
remarquer ; smon l’oubli vieut vite ou total ou partiel ; l’oubli total est 
saas gravrö; ma.s loubli partiel est perfide; ca‘r si l’tn se me“* 
a racon er ce que l’on n’a pas oubl«, on expose ä oomplÄt“ ^ 

S # " Ies “ent’s « disjLts fourni par ^la 

memoire . ; ; , on devient artiste ä son insu, et le lAcit neriodi- 
quement r^pete s impose ä la creance de son auteur, qui, de ? bonne 

Line's mtr o ls COmm “ 1111 ^ aUthenti( l Ue ’ düment ^tabli selon les 

Ganz ähnlich Spitta 6d ) (p. 338), der anzunehmen scheint daß 
fc ftÄth de “ den Traum zu reprodu^r“ 

Tro n ß Da Wir n T . eme andere als eine objektive Kontrolle für die 

Treue unserer Erinnerung nicht besitzen, diese aber beim Traume 

als Quelle i eigenes Frlebms ist und für den wir nur die Erinnerung 
Eriniru ^”Ä% r 7 ,Cher bWU * “ 

Traumes 01 ' Psychologischen Besonderheiten des 

von rW^A in dcr , wissenschaftlichen Betrachtung des Traumes 

SeoLgÄ-TcIch“ d T T r m ‘T Er ^ l "' is — 

tigkeit ist, doch erscheint uns der fertige Traum als etwas 

-Freud, Traumdeutung. 3. Aufl. 


34 


I. Literatur der Traumproblome. 


Fremdes, zu dessen Urheberschaft zu bekennen es uns so wenig drängt, 
daß wir ebenso gern sagen: „Mir hat geträumt“ wie: „Ich habe ge- 
träumt.“ Woher rührt diese „Seelenfremdheit“ des Traumes? Nach 
unseren Erörterungen über die Traumquellen sollten wir meinen, sie 
sei nicht durch das Material bedingt, das in den Trauminhalt gelangt; 
dies ist ja zum größten Teil dem Traumleben wie dem Wachleben 
gemeinsam. Man kann sich fragen, ob es nicht Abänderungen der 
psychischen Vorgänge im Traume sind, welche diesen Eindruck hei- 
vorrufen, und kann so eine psychologische Charakteristik des Traumes 


V6rsucli6n» 

Niemand hat die Wesensverschiedenheit von Traum- und Wach- 
leben stärker betont und zu weitgehenderen Schlüssen verwendet als 
G Th. Fechner 25 ) in einigen Bemerkungen seiner Elemente der 
Psychophysik (p. 520, II. T.). Er meint, „weder die einfache Herab- 
drückung des bewußten Seelenlebens unter die Hauptschwelle , noch 
die Abziehung der Aufmerksamkeit von den Einflüssen der Außen- 
welt genüge, um die Eigentümlichkeiten des Iraumlebens dem wachen 
Leben gegenüber aufzuklären. Er vermutet vielmehr, daß auch 
der Schauplatz der Träume ein anderer ist als dei des 
wachen Vorstellungslebens. „Sollte der Schauplatz der psy cho- 
physisclien Tätigkeit während des Schlafens und des Wachens der- 
selbe sein, so könnte der Traum meines Erachtens bloß eine, aut 
einem niederen Grade der Intensität sich haltende Fortsetzung des 
wachen Vorstellungslebens sein, und müßte übrigens dessen Stofl und 
dessen Form teilen. Aber es verhält sich ganz anders. * 

Was Fechner mit einer solchen Umsiedelung der beelentatig- 
keit meint, ist wohl nicht klar geworden ; auch hat kein anderer, so- 
viel ich weiß, den Weg weiter verfolgt, dessen Spur er m jenei 
Bemerkung aufgezeigt. Eine anatomische Deutung im bin ne der ph) - 
siologischen Gehirnlokalisation oder selbst mit Bezug auf die histo- 
logische Schichtung der Hirnrinde wird man wohl auszuschließen 
haLn. Vielleicht aber erweist sich der Gedanke einmal als sinnreich 
und fruchtbar, wenn man ihn auf einen seelischen Apparat bezieht, 
der aus mehreren hintereinander eingeschalteten Instanzen aulge- 

baut Autoren i ia b e n sich damit begnügt die eine oder die 

anderen der greifbareren psychologischen Besonderheiten des liaum- 
lebens hervorzuheben und etwa zum Ausgangspunkte veitei i eichen 

rl er Er JdäruiiffS' versuche zu machen. 

Es ist mit Recht bemerkt worden, daß eine der- Hauptogentum- 
lichkeiten des Traumlebens schon im Zustand des Einschlatens ■ 
und als den Schlaf einleitendes Phänomen zu beze.chnen st Da 
Charakteristische des wachen Zustandes ist nach fec j 5 “"'i' ,? 

(p. 351), daß die Denktittigkeit in Begriffen und micht in Bild ern 
vor sich o-eht. Nun denkt der Traum hauptsächlich m Addern und 
nl kln° beobachten, daß mit der Annäherung an den Schlaf in 


Warum wir au die liealität der Traumbilder glauben. 35 

demselben Maße, in dem die gewollten Tätigkeiten sich erschwert 
zeigen, ungewollte Vorstellungen hervortreten, die alle in die 
Klasse der Bilder gehören. Die Unfähigkeit zu solcher .Vorstellungs- 
ai beit, die wir als absichtlich gewollte empfinden, und das mit dieser 
Zerstreuung regelmäßig verknüpfte Hervortreten von Bildern 
cues sind zwei Charaktere, die dem Traume verbleiben und die wir 
bei der psychologischen Analyse desselben als wesentliche Charaktere 
des Traumlebens anerkennen müssen. Von den Bildern — den 
ypnagogischen Halluzinationen — haben wir erfahren, daß sie selbst 
dem Inhalt nach mit den Traumbildern identisch sind. *) 

1 u . ® 1 ' Traum ^ denkt also vorwiegend in visuellen Bildern aber 
doch nicht ausschließlich. Er arbeitet auch mit Gehörsbildern und in 
0 ringerem Ausmaße mit den Eindrücken der anderen Sinne. Vieles 

calso d durch“ WnrJT 6 ° der VOr 2 estellt (wahrscheinlich 

mso durch Wortyorstellungsreste vertreten), ganz wie sonst im 

Machen Charakteristisch für den Traum sind aber doch nur iene 
a se emente, welche sich wie .Bilder verhalten, d. h. den Wahr- 
Hinw^^f 11 ain , lcbe T smd a ^ s den Erinnerungsvorstellungen Mit 
äTSÄÄw Psychiater wohlbfkannten Dikjen 
4 Halluzination können wir mit allen 

d aß der W halluziniert daß Ö“ 

merkt ^ k ^ h ^or^C^Ts äTT 

Einnicken mehrmni ^ and ® lt , um beim Zusichkommen, das mit dem 

litativ andei^s gearteten "piS ztmTchef ^ 

einzige AbIeicZ“n ‘“fs .T" 81611 “* “ Halluzination ist nicht die 
WachgedaZ Tu d es^T.? V ° n TT f ™ i],m entsprechenden 
er steht geltet der Trau m eine Situation, 

wie cli arnatisiert eine Idee 

des Traumlebens P ' wird »wS tdl'r ^ CWkteristik dieser Seite 

daß man beim Träumen i S r> U(1 ^’ wp nn man hinzunimmt, 

eine besondere Aufklärung nie ln ^ 1 f ’ fbe ^ usna hmen fordern 

meint, die Halluzination %1 ckt zu «enken sondern zu erleben ver- 
Kritik, manZe S JÄL mt 7 ° llem Glauben ^fnimmt. Die 
gedacht — geträumt re f u’ Sond J™ nar m eigentümlicher Form 
scheidet den^r Cfft ^ Erwachen. Dieser Charakte“ 

“* der Re^li« XÄr" ‘’ er Tag& “’ die niemals 

lebens in VowCCsui 1 ,'* bisher l,etn " :llt 'jten Charaktere des Traum- 
*»i«®den Sätzen zusammengefaßt (p. 476 ): „Zu den wesen“ 

Gedankon i m Zratan”/,lof ScLiScko» 'io“?’“ 1 '!? ' ,io sicb solb,t “tatrakle 

*• M « ■Äaas a % nss 

3 * 


3(5 


1. Literatur der Traumprobleme. 


liehen Merkmalen des Traumes gehört: ci) daß die subjektive Tätig- 
keit unserer Seele als objektiv erscheint, indem das Wahrnehmungs- 
vermögen die Produkte der Phantasie so auflaßt, als ob es sinnliche 
Rührungen wären; . . . b) der Schlaf ist eine Aufhebung der Eigen- 
mächtigkeit. Daher gehört eine gewisse Passivität zum Einschlafen . . . 
Die Schlummerbilder werden durch den Nachlaß der Eigenmächtig- 


keit bedingt. u . . . . . . ,, , 

Es handelt sich nun um den Versuch, die Gläubigkeit der oeele 
ge^en die Traumhalluzinationen, die erst nach Einstellung einer ge- 
wissen eigenmächtigen Tätigkeit auftreten können, zu erklären. 
Strümpell 66 ) führt aus, daß die Seele sich dabei korrekt und ihrem 
Mechanismus gemäß benimmt. Die Traumelemente sind keineswegs 
bloße Vorstellungen, sondern wahrhafte und wirkliche Erleb- 
nisse der Seele, wie sie im Wachen durch Vermittlung der Sinne 
auftreten (p. 34). Während die Seele wachend in Wortbildern und 
in der Sprache vorstellt und denkt, stellt sie vor und denkt im 
Traume in wirklichen Empfindungsbildern (p. 35). Überdies kommt 
im Traume ein Raumbewußtsein hinzu, indem, wie im \\ achen, 
Empfindungen und Bilder in einen äußeren Raum versetzt werden 
(p. 36). Man muß also zugestehen, daß sich die Seele im 1 raume 
ihren Bildern und Wahrnehmungen gegenüber in derselben Lage 
befindet wie im Wachen (p. 43). Wenn sie dabei dennoch irre geht 
so rührt dies daher, daß ihr im Schlafzustand das Kriterium felfit, 
welches allein zwischen von außen und von innen gegebenen Sinnes- 
wahrnehmungen unterscheiden kann. Sie kann ihre Bilder nie i _ en 
Proben unterziehen, welche allein deren objektive Realitä erv eisen. 
Sie vernachlässigt außerdem den Unterschied zwischen vi ' 61 
lieh vertauschbaren Bildern und anderen, wo diese Wil [lkurwej -fallt. 
Sie irrt, weil sie das Gesetz der Kausalität nicht auf den Inhalt ihres 
Traumes anwenden kann (p. 58). Kurz ihre Abkekrung von der 
Außenwelt enthält auch den Grund für ihren Glauben an die subjektive 

ira Tm selben Schlüsse gelangt nach teilweise abweichenden psycho- 
logischen Entwicklungen D e 1 b o e u f 1 °). V ir schenken c en • 
bildern den Realitätsglauben, weil wir nn Schlafe keine anderen Li 
drücke zum Vergleiche haben, weil wir von der Außenweh abgeloA 
sind. Aber nicht etwa darum glauben wir an die V ah i heit um 
Halluzinationen, weil uns im Schlafe die Möglichkeit 
Proben anzustellen. Der Traum kann uns alle diese 1 klungen m» 
snieffeln uns etwa zeigen, daß wir die gesehene Rose eiu i <- 
rSmen dabei doch. ’ Es gibt nach Delboeuf kern« 

Kriterium dafür, ob etwas ein Traum ist o er Tatsache 

nnßer und dies nur in praktischer Allgemeinheit der *- y- c 

des Envachens. Ich erkllire alles Air Täuschung , 

Einschlafen und Erwachen erlebt vsoiden is , / 34 ) 

Erwachen merke, daß ich ausgekleidet in meinem Bette hege (p. **). 


Ablösung der Vorstellungen von ihren psychischen Werten. 37 

Wahrend des Schlafes habe ich die Traumbilder für wahr gehalten 
infolge der nicht einzuschläfernden Denkgewohnheit eine Außen- 
welt anzunehmen, zu der ich mein Ich in Gegensatz bringe. *) 

Wird so die Abwendung von der Außenwelt zu denfbestimmen- 
den Moment für die Ausprägung der auffälligsten Charaktere des 
lraumlebens erhoben, so verlohnt es sich, einige feinsinnige Be- 
merkungen des alten Burdach 8 ) anzuführen, welche auf die Be- 
ziehung der schlafenden Seele zur Außenwelt Licht werfen und dazu 
angetan sind, vor einer Überschätzung der vorstehenden Ableitungen 
zurückzuhalten. „Der Schlaf erfolgt nur unter der Bedingung “ 
sag urdach, „daß die Seele nicht von Sinnesreizen angeregt 
wird, . . aber es ist nicht sowohl der Mangel an Sinnesreizen die Be- 
dingung des Schlafes, als vielmehr der Mangel an Interesse dafür- 
mancher sinnliche Eindruck ist selbst notwendig, insofern er zur 
Bei uhigung der Seele dient, wie denn der Müller nur dann schläft 
wenn er das Klappern seiner Mühle hört, und der, welcher aus’ 

Xd? Cht e “ Nachtllcht zu brennen für nötig hält, im Dunkeln 
nicht emschlafen kann (p. 457). ’ 

• ü+ ^ e6 i e S1 °b im Schlafe gegen die Außenwelt und 

zieht sich von der Peripherie . . . zurück .... Indes ist der Zusammen- 
hang nicht ganz unterbrochen: wenn man nicht im Schlafe selbst 
sondern ers t nach dem Erwachen hörte und fühlte, so könnte man 

durch lie Ei Snd h e n rnn^ n V f f ch . wie Delboeuf, die Traumtätigkeit zu erklären ' 
korrekten Funktion dfs intakten 1* a ^ n0rm Ä em g ef ührte Bedingung an der sonst 
H a f f n e r **) unternommen ^ A ? paratS ZUr Fol * e haben hat 

Das erste Kenuzeichen des Traumes nach* iht audereu Worten beschrieben, 

die Emanzipation der VorlllnTv! \ *T ^ ® ° rt ' und Zeitlosigkeit. d. i. 

der örtlichen und zeitigen Ordnun- Mit dTJ“ f z,1 . kommenden Stelle in 

eharakter des Traumes die Vprwnnh i ese J? y er bindet sic h der zweite Grund- 

Phantasiekombinationen mit äußeren ^Valirneh a uzmatl0aen ) Imaginationen und 
höheren Seelenkräfte, inZsonderr EeJHZlHT 0 ^ 6 ^* die Gesamtkeit der 

einerseits und die freie Selbstbcstimm ^ krte . 1 * und Schlußfolgerung 

bilder sich anschließen und diese i P a , . anderseits an die sinnlichen Phantasie- 
diese Tätigkeiten an der Regellosigkeit 6 d Gnterla ge haben, so nehmen auch 
teil, sagen wir, denn an ÄÄ ist teil. Sie nehmen 

kraft, im Schlafe in keiner Weise llw' f w® U . rt ® llskraft > wie unsere Willens- 
sebarfsinnig und ebenso frei wie im wachen 7 / Tati & ke it nach ebenso 

Traume nicht gegen die DenWset™ n Zustande. Der Mensch kann auch im 
entgegengesetzt sich Darstellende identisch verst oßen, d. h. nicht das ihm als 

nur das begehren, was efl ;VÄ ! etze11 “n" Er kanu auch im Traume 
dieser Anwendung der Gesetze des TW Tw n ( ‘ SUb ratione boni). Aber in 
im Traume irregeführt durch die Ve^wcch^ UDd ^ ° T wird der mens cbliche Geist 
«o kommt es, daß wir w-t Vorstellu ^ einer anderen, 

während wir andarseits die schürf»; .» r ° ß T Widerspruche setzen und begeheu, 
testen Schlußfolgerungen IJrtoll.Wldm.g«, uud die kpusfqueni 

fassen können. Mangel an O r i e n t i c g '° ndhaftesten und heiligsten Entschließungen 
mit welchem unsere Phantasie irn Tn n ö . ls t das ganze Geheimnis des Fluges, 
tisch er Reflexion sowie« Csiw“ S1 ° h bewe ^> und Mangel an kri- 
maßlosen Extravaganzen unserer Urteilp '^• Un ^ mit ni ‘ dertin - i st die Hauptquelle der 
Traume“ (p. 18) . S UnSerer Urteile unserer Hoffnungen und Wünsche im ' 


38 


I. Literatur der Traumprobleme. 


überhaupt nicht geweckt werden. Noch mehr ttird die toitdauei 
der Sensation dadurch bewiesen, daß man nicht immer durch die 
bloß sinnliche Stärke eines Eindruckes, sondern durch die psychische , 
Beziehung desselben geweckt wird; ein gleichgültiges Wort weckt 
den Schlafenden nicht, ruft man ihn aber beim Namen, so erwacht er, . . . 
die Seele unterscheidet also im Schlafe zwischen den Sensationen . . . 
Daher kann man denn auch durch den Mangel eines Sinnesreize^, 
wenn dieser sich auf eine für die Vorstellung wichtige Sache bezieht, 
o-eweckt werden ; so erwacht man vom Auslöschen eines Nachtlichtes 
und der Müller vom Stillstand seiner Mühle, also vom Aufhören 
der Sinnestätigkeit, und dies setzt voraus, daß diese perzipiert worden 
ist, aber als gleichgültig oder vielmehr befriedigend, die Seele nicht 
aufgestört hat“ (p. 460 u. ff.). 

Wenn wir selbst von diesen nicht gering zu schätzenden Ein- 
wendungen absehen wollen, so müssen wir doch zugestehen, daß 
die bisher gewürdigten und aus der Abkehrung von der Außenwelt 
abgeleiteten Eigenschaften des Traumlebens die Fremdartigkeit des- 
selben nicht voll zu decken vermögen. Deun im anderen Falle mußte 
es möglich sein, die Halluzinationen des Traumes in Vorstei ungen die 
Situationen des Traumes in Gedanken zurückzuverwandeln und da- 
mit die Aufgabe der Traumdeutung zu lösen. Nun verfahren wir 
nicht anders, wenn wir nach dem Erwachen den Traum aus dei 
Erinnerung reproduzieren, und ob uns diese Rückübersetzung ganz 
oder nur feilweise gelingt, der Traum behält seine Rätselhaftigkeit 

UnTe ™^f e Amoren nehmen auch alle unbedenklich an, daß im Traume 
noch andere und tiefer greifende Veränderungen mit dem Vorstellungä- 
material des Wachens vorgefallen sind, lane deiselben sue 
Striimoell GG ) in folgender Erörterung herauszugreifen (p. 1<). r Uie 
Seele verliert mit dem Aufhbren der sinnlich tätigen Anschauung 
und des normalen Lebensbewußtseins auch den Grund, in "elchem 
ihre Gefühle, Begehrungen, Interessen unn Handlungen 
Auch diejenigen geistigen Zustände, Gefühle, Inteies , 
Schätzungen welche im Wachen den Erinnerungsbildern anhaften, 
unterließen . . einem verdunkelnden Drucke, infolgedessen sich ihre 
Verbindung mit den Bildern auflöst, die Wal.rno hmungsb.lder von 

Dingen, Personen, Lokalitäten, Begebenheiten und Handlungen des 

wachen Lebens werden einzeln sehr zallle.oh rqiroduz «t ?be‘ 
1-pirip^ derselben bringt seinen psychischen V eit mit. Uie.e 
ist von ihnen abgelbst und sie schwanken deshalb m der Seele nac 1 

Cigen DÄ n twSnng der Bilder von ihrem psychischen Werte die 
selbst wiederum auf die Abwendung von der Außenwelt zuitick- 
leführt wdrd Toll nach Strümpell einen Han, .timte, 1 an dem L.n- 
Ä der Fiemdartigkeit haben! mit dem sich der Traum in unserer 
Erinnerung dem Lebeu gegenuberstellt. 


Die Absurdität des Traumes. 


39 


Wir haben gehört, daß schon das Einschlafen den Verzicht auf 
eine der seelischen Tätigkeiten, nämlich auf die willkürliche Leitung 
des Vorstellungsablaufes, mit sich bringt. Es wird uns so die ohnedies 
naheliegende Vermutung aufgedrängt, daß der Schlafzustand sich 
auch über die seelischen Verrichtungen erstrecken möge. Die eine oder 
andere dieser Verrichtungen wird etwa ganz aufgehoben; ob die 
übrigbleibenden ungestört weiter arbeiten, ob sie unter solchen Um- 
ständen normale Arbeit leisten können, kommt jetzt in Erao-e. Der 
Gesichtspunkt taucht auf, daß man die Eigentümlichkeiten des 
Traumes erklären könne durch die psychische Minderleistung im 
Schlafzustand, und nun kommt der Eindruck, den der Traum unserem 
wachen Urteil macht, einer solchen Auffassung entgegen. Der Traum 
ist unzusammenhängend, vereinigt ohne Anstoß die ärgsten Wider- 
sprüche, läßt Unmöglichkeiten zu, läßt unser bei Tag einflußreiches 
issen bei Seite, zeigt uns ethisch und moralisch stumpfsinnig. 
U er sich im Wachen so benehmen würde, wie es der Traum in 
seinen Situationen vorführt, den würden wir für wahnsinnig halten- 
wer im \\ achen so spräche oder solche Dinge mitteilen wollte, wie 
sie im Trauminhalt Vorkommen, der würde uns den Eindruck eines 
Verworrenen und eines Schwachsinnigen machen. Somit glauben wir 
nur dem Tatbestand Worte zu leihen, wenn wir die psychische Tätm- 
keit im Traum nur sehr gering anschlagen und insbesondere die 
höheren intellektuellen Leistungen als im Traume aufgehoben oder 
wenigstens schwer geschädigt erklären 

wir,1 f V n i nge ' V «»f “h' 1 EÜ ; mUt « kei ‘ ~ Ton ' J en Ausnahmen 
ilil e die seln - l,aben die Autoren solche 

Urteile über den Traum gefällt, die auch unmittelbar zu einer be- 

an'Ti Zeb h Tn E . rtIä ™? d es Traumlebens hinleiten. Es ist 
an tlei Zeit, daß ich mein eben ausgesprochenes Besinne durch eine 

untUjirzte V ° n A r Pr ü Che ” T"“ Autoren - Philosophen 
ersetze! ~ uber ^ P s y cholo gischen Charaktere des Traumes 

• . ^ a<dl Cemoine 1 “) ist die Inkohärenz der Traumbilder der 
einzig wesentliche Charakter des Traumes. 

Maury *») pflichtet dem bei; er sagt (p. 163) : il n'y a nas des reve* 
a solument rjisonnables et qui ne contiennent quelque incoherence 
quelque anachronisme, quelque absurdite q q lncoJ ^ence, 

vers ra ^Inllenl,a S n P . ;UaW) fehl ‘ T ~““ 

mentale U pW 1 ^ '' ^ ^ °’ est ranarchie psyehique, affective et 

“ntrmf Zs L "T 118 iV ^ S et s’exercant 

spirituel. “ r b t ’ dans le reve Esprit est un automate 

Wachet durch °dir* l ln& i Lösi p g u . nd Curcheinandermiscliung des im 

gehalteLn Vorste mLIm « Gewalt des zentralen Ich zusfmmen- 
fe tenen \ oi Stellungslebens“ räumt selbst V o 1 k e 1 1 ‘-) ein (p. 14), nach 


40 


I. Literatur der Traumprobleme. 


dessen Lehre die psychische Tätigkeit während des Schlafes keines- 
wegs zwecklos erscheint. 

Die Absurdität der im Traume vorkommenden Vorstellungs- 
Verbindungen kann man kaum schärfer verurteilen, als es schon 
Cicero (De divin. II) tat: Nihil tarn praepostere, tarn incondite, 
tarn monstruose cogitari potest, quod non possimus somniare. 

Fechner 52 ) sagt (p. 522): Es ist als ob die psychologische 
Tätigkeit aus dem Gehirn eines Vernünftigen in das eines Narren 
über siedelte. 

Rade stock 54 ) (p. 145): „In der Tat scheint es unmöglich, in 
diesem tollen Treiben feste Gesetze zu erkennen. Der strengen 
Polizei des vernünftigen, den wachen Vorstellungslauf leitenden Willens 
und der Aufmerksamkeit sich entziehend, wirbelt der Traum in tollem 
Spiele alles kaleidoskopartig durcheinander.“ 

H i 1 d e b r a n d t 34 ) (p. 45) : „Welche wunderlichen Sprünge erlaubt 
sich der Träumende z. B. bei seinen Verstandesschlüssen ! Mit welcher 
Unbefangenheit sieht er die bekanntesten Erfahrungssätze geradezu 
auf den Kopf gestellt! Welche lächerlichen Widersprüche kann er in 
den Ordnungen der Natur und der Gesellschaft vertragen, bevor ihm, 
wie man sagt, die Sache zu bunt wird, und die Überspannung des 
Unsinnes das Erwachen herbeiführt! Wir multiplizieren gelegentlich 
ganz harmlos : Drei mal drei macht zwanzig ; es wundert uns gar 

nicht, daß ein Hund uns einen Vers hersagt, daß ein Toter auf 
eigenen Füßen nach seinem Grabe geht, daß ein I eisstück auf dem 
Wasser schwimmt ; wir gehen alles Ernstes in höherem Aufträge nac 
dem Herzogt um Bernburg oder dem Fürstentum Liechtenstein, um 
die Kriegsmarine des Landes zu beobachten oder lassen uns ^ on 
Karl dem Zwölften kurz vor der Schlacht bei Pultawa als Freiwillige 

an werben.“ . .. „• j ,• u 

Binz 4 ) (p. 33) mit dem Hinweise auf die aus diesen Eindrücken 

sich ergebende Traumtheorie : „Unter zehn Träumen sind mindestens 
neun absurden Inhalts. Wir koppeln in ihnen Personen und Dinge 
zusammen, welche nicht die geringsten Beziehungen zueinander 
haben. Schon im nächsten Augenblick, wie in einem Kaleidoskop, 
ist die Gruppierung eine andere geworden, womöglich noch un- 
sinniger und toller, als sie es schon vorher war; und so geht das 
wechselnde Spiel des unvollkommen schlafenden Gehirns weiter, bis 
wir erwachen, mit der Hand nach der Stirn greifen und uns fragen, 
ob wir in der Tat noch die Fähigkeit des vernünftigen \ orstellens 

und Denkens besitzen.“ . , m .... 

Maury 48 ) (p. 50) findet für das Verhältnis der lranmbilder zu 

den Gedanken des Wachens einen für den Arzt sehr eindrucksvollen 
Vergleich: „La production de ces images que chez 1 homme cvedl 

fait le plus souvent naitre la volonte, correspond, pour 1 Intelligence, 
ä ce que sont pour la motilitc certains monvements qnenous oürent 
la chorbe et les affections paralytiquos' .... Im übrigen ist 


Dio oberflächlichen Assoziationen im Traume. 


41 


der Traum „toute une s6rie de ddgradations de la facultd pensante et 
raisonnante“ (p. 27). 

Es ist kaum nötig, die Äußerungen der Autoren anzuführen, 
welche den Satz von M a u r y für die einzelnen höheren Seelen- 
leistungen wiederholen. 

Nach Strümpell 66 ) treten im Traume — selbstverständlich auch 
dort, wo der Unsinn nicht augenfällig ist — sämtliche logische, auf 
Verhältnissen und Beziehungen beruhende Operationen der Seele 
zurück (p. 26). Nach Spitta 64 ) (p. 148) scheinen im Traume die Vor- 
stellungen dem Kausalitätsgesetz völlig entzogen zu sein. Radestock 54 ) 
u. a. betonen die dem Traume eigene Schwäche des Urteils und des 
Schlusses. Nach Jodl 37 ) (p. 123) gibt es im Traume keine Kritik, 
kerne Korrektur einer Wahrnehmungsreihe durch den Inhalt des 
Gresamtbewußtseins. Derselbe Autor äußert: „Alle Arten der Be- 
wußtsemstätigkeit kommen im Traume vor, aber unvollständig, ge- 
lemmt, gegeneinander isoliert.“ Die Widersprüche, in welche sich 
der lraum gegen unser waches Wissen setzt, erklärt Stricker 77 ), 78 ) 
(mk vielen anderen) daraus, daß Tatsachen im Traume vergessen 
oder logische Beziehungen zwischen Vorstellungen verloren gegangen 

Von den Autoren, die im allgemeinen so ungünstig über die 
psychischen Leistungen im Traume urteilen, wird indes zugegeben, 

Wkf 61 w geW ! S ^' ^ est VOn see l isc l ier Tätigkeit dem Traume ver- 
bleibt. Wundt ), dessen Lehren für so viel andere Bearbeiter der 
liaumprobleme maßgebend geworden sind, gesteht dies ausdrücklich 

sieh n ? C l der Art und Bes cbaffenheit des im Traume 

s ch außeinden Restes von normaler Seelen tätigkeit fragen. Es wird 

Z GeÄ h • !ge T n zu ^ ebe “’ daß di e Reproduktionsfähigkeit, 
h le JZ- ]m S a T e T- Weni - Sten ^ elitten haben scheint 
Wachens S k L e g“ lie . lt die gleiche Funktion des 

tütendes S ^ a 1 ufw f r sen kanr b obwohl ein Teil der Absurdi- 

erklärf werden nll 'TVq Ver ge ß lichkeit eben dieses Traumlebens 
Seele wss 9 11 ^ ^ st es das Gemiitsleben der 

dirigiert. Als befallen , wird lmd dann den Traum 

der Gefühle nie; ] U • ezeic ^ lnet »die konstante Zusammenfassung 
(]). 84). d mn6rsten s »bjektiven Wesens des Menschen“ 

■Seelen«, Vkifte"? ( ?' 3 ? ““H 1 ? eine der im Traume sich äußernden 
Sefd^e W-e der all egorisier enden Umdeutung,“ 

auch im Traume r ™tersogeu wirf. Sieb eck »=) konstatifrt 
jfi, ,T in TI, »ergänzende Deutungstätigkeit“ der 
geübt wird Tine E V ° D , 11 gegcnalles Wahrnehmen und Anschauen 
mit de7Beurte hL T re es für den Traum 

der des Bewußtseins n " Ln p etlC1 höchsten psychischen Funktion, 

etwas wiSn^ kZ , , w ™” V* umo nnr durchs Bewußtsein 

wissen, kann an dessen Erhaltung kein Zweifel sein; doch 


42 


I. Literatur der Traumprobleme. 


meint Spitta, es sei im' Traume nur das Bewußtsein erhalten, nicht 
aucli das Selbstbewußtsein. Delboeuf 16 ) gesteht ein, daß er diese 
Unterscheidung nicht zu begreifen vermag. _ 

Die Assoziationsgesetze, nach denen sich die Vorstellungen ver- 
knüpfen, gelten auch für die Traumbilder, ja ihre Herkunft kommt 
im Traume reiner und stärker zum Ausdruck. Strümpell 6 ®) (p. 70): 
„Der Traum verläuft entweder ausschließlich, wie es scheint, nach 
den Gesetzen nackter Vorstellungen oder organischer Beize mit 
solchen Vorstellungen, das heißt, ohne daß Beflexion und Verstand, 
ästhetischer Geschmack und sittliches Urteil etwas dabei vermögen." 
Die Autoren, deren Ansichten ich hier reproduziere, stellen sich die 
Bildung der Träume etwa folgender Art vor: Die Summe der im 
Schlafe 3 einwirkenden Sensationsreize aus den verschiedenen, an anderer 
Stelle angeführten Quellen wecken in der Seele zunächst eine Anzahl 
von Vorstellungen, die sich als Halluzinationen (nach Wundt 
richtiger Illusionen wegen ihrer Abkunft von den äußeren und inneren 
Beizen) darstellen. Diese verknüpfen sich untereinander nach den 
bekannten Assoziationsgesetzen und rufen ihrerseits nach denselben 
Beteln eine neue Beihe von Vorstellungen (Bildern) wach. Das ganze 
Material wird dann vom noch tätigen Beste der ordnenden und 
denkenden Seelenvermögen, so gut es eben gehen will, verarbeitet 
(vgl. etwa Wundt 76 ) und Weygandt 70 ). Es ist bloß noch nicht 
o-elungen, die Motive einzusehen, welche darüber entscheiden, daß 
die Erweckung der nicht von außen stammenden Bilder nach diesem 
oder nach jenem Assoziationsgesetz vor sich gehe 

Es ist aber wiederholt bemerkt worden, daß die Assoziationen, 
welche die Traumvorstellungen unter einander verbinden, von ganz 
besonderer Art und verschieden von den im wachen Denken tätigen 
sind. So sagt Volk eit 72 ) (p. 15): „Im Traume jagen und haschen 
sich die Vorstellungen nach zufälligen Ähnlichkeiten und kaum 
wahrnehmbaren Zusammenhängen. Alle Träume sind von solo hen 
nachlässigen, zwanglosen Assoziationen durchzogen. - au ^ , 
auf diesen Charakter der Vorstellungsbmdung, der ihm gestattet, da* 
Traumleben in engere Analogie mit gewissen Geistesstörungen zu 
bringen, den größten Wert. Er anerkennt zwei Hauptcharaktei e 
des °,,delire a : 1. une action spontane et comme nutomatique de 

l’esprit ; 2. une association vicieuse et irreguliere des idees (p. l-o). 
Von Maury selbst rühren zwei ausgezeichnete 1 rauinbeispiele hei. 
in denen der bloße Gleichklang der V orte die Wcnupfung dei 
Traumvorstellungen vermittelt. Er träumte einmal, da 
PiDerfahrt (p61erinage) nach Jerusalem oder Mekka unternehme. 
dann 1 befand er sich nach vielen Abenteuern beim Chenuhnr 
Pelletier, dieser gab ihm nach einem Gespräche eine ^cliauit 
(pelle) von Zink und diese wurde m einem darauffolgenden raun 
stück sein großes Schlachtschwert (p. 137). Eni andermal ging ei 
ta TraunmLuf d* Landstraße und las auf den Jtedenstemen d,e 


Psychologische Wertschätzung des Traumlebens. 


43 


Kilometer ab, darauf befand er sich bei einem Gewürzkrämer der 
eine große Wage hatte, und ein Mann legte Kilo gewichte auf die 
Wagschale, um Maury abzu wägen; dann sagte ihm der Gewürz- 
krämer: „Sie sind nicht in Paris, sondern auf der Insel Gilolo.“ 
Es folgten darauf mehrere Bilder, in welchen er die Blume Lo- 
belia sah, dann den General Lopez, von dessen Tod er kurz 
vorher gelesen hatte; endlich erwachte er, eine Partie Lotto 
spielend.*) 

Wir sind aber wohl gefaßt darauf, daß diese Geringschätzung 
der psychischen Leistungen des Traumes nicht ohne Widerspruch 
von anderer Seite geblieben ist. Zwar scheint der Widerspruch hier 
schwierig. Es will auch nicht viel bedeuten, wenn einer der Herab- 
setzer des Traumlebens versichert (Spitta, 64 ) p. 118), daß dieselben 
psychologischen Gesetze, die im Wachen herrschen, auch den Traum 
regieren, oder wenn ein anderer (Dugas) 19 ) ausspricht : Le reve n’est 
pas d6raison ni meine irraison pure, solange beide sich nicht die 
Mühe, nehmen, diese Schätzung mit der von ihnen beschriebenen 
psychischen Anarchie und Auflösung aller Funktionen im Traume in 
Einklang zu bringen. Aber anderen scheint die Möglichkeit gedämmert 
zu haben, daß der Wahnsinn des Traumes vielleicht doch nicht ohne 
Methode sei, vielleicht nur Verstellung wie der des Dänenprinzen auf 
dessen Wahrsinn sich das hier zitierte, einsichtsvolle Urteil bezieht. 
Diese Autoren müssen es vermieden haben, nach dem Anschein zu 
urteilen, oder der Anschein, den der Traum ihnen bot, war ein 
anderer. 7 


So würdigt Havelock Ellis 23 ) den Traum, ohne bei seiner 
scheinbaren .Absurdität verweilen zu wollen, als „an archaic world 
ol vast emotions and imperfect thouglits,“ deren Studium uns .primi- 
tive Entwicklungsstufen des psychischen Lebens kennen lehren 
konnte. Em Denker wie Delboeuf* 3 ) behauptet —freilich ohne den 
y weis gegen das widersprechende Material zu führen und darum 

2F, ' ü T 3oht . : >; D “ S !e sommeil, hormis la percepticm, toutes 
es facultas de 1 espnt, mtelligence, Imagination, memoire, volonte 
moralit6, restent mtactes dans leur essence ; seulement, eiles s’appli- 

Z\ n Ll deS °, bje S r a f naireS et mobiles - Le songeur est un acteur 

r ZVl S / 0US ! et ^ sages ’ les bo ™ s * les victimes, 

nains et les geants, les demons et les anges“ (p. 222). Am 

S r D M SCkttt ,S erabsetZUn ^ der ^fischen Leistung im 
M a u r v i I q U \ S d . H e r v e y bestritten zu haben, gegen den 

Bemüh nno- pol ® ir T siert und dessen Schrift ich mir trotz aller 

M le ~\U ° bt T?TT Ciaffei1 konnte - Maury sagt über ihn (p. 19): 
dVLVeTn i He / Yey prSte * kinteliigeime, durant le som- 

sister le «omm Z ^ T ®f d attentiou et il ne sernble faire con- 
— r ^ som meil que dans l’occlusion des sens, dans leur fermeture 

gleichen A n famrsb u c h st a 1 ! 1° " ' ' •? .?i nS i.^ r ^ 1,1 11 so * c ^ er Träume, die von Worten mit 
'ingsbuchstabcn und ähnlichem Anlaute erfüllt sind, zugänglich werden. 


44 


I. Literatur der Traumprobleme. 


au Monde exterieur; en sorte que l’liomme qui dort ne se distingue 
guere, selon sa maniere de voir, de l’homme qui laisse vaguer sa 
pensee en se bouchant les sens; toute la difference qui sbpare alors 
la pensee ordinaire du celle du dormeur c’est que, chez celui-ci, l’id6e 
prend une forme visible, objective et ressemble, ä s’y m^prendre, 
a la Sensation d6termin6e par les objets extörieurs; le Souvenir revet 
l’apparence du fait präsent. “ 

Maury fügt aber hinzu: „qu’il y a une difference de plus et 
capitale a savoir que les facultas intellectuelles de rhomme endormi 
n’offrent pas lAquilibre qu’ eiles gardent chez l’homme reveille.“ 

Die Skala der Würdigung des Traumes als psychisches Produkt 
hat in der Literatur einen großen Umfang ; sie reicht von der tiefsten 
Geringschätzung, deren Ausdruck wir kennen gelernt haben, durch 
die Ahnung eines noch nicht enthüllten Wertes bis zur Über- 
schätzung, die den Traum weit über die Leistungen des Wachlebens 
stellt. Hild ebrandt, 35 ) der, wie wir wissen, in drei Antinomien die 
psychologische Charakteristik des Traumlebens entwirft, faßt im dritten 
dieser Gegensätze die Endpunkte dieser Reihe zusammen (p. 19): 
.,Es ist der zwischen einer Steigerung, einer nicht selten bis zur 
Virtuosität sich erhebenden Potenzierung und anderseits einer 
entschiedenen, oft bis unter das Niveau des Menschlichen führenden 
Herabminderung und Schwächung des Seelenlebens.“ 

„Was das Erstere betrifft, wer könnte nicht aus eigener Erfahrung 
bestätigen, daß in dem Schaffen und Weben des Traumgenius bis- 
weilen eine Tiefe und Innigkeit des Gemütes, eine Zartheit der 
Empfindung, eine Klarheit der Anschauung, eine Feinheit der Be- 
obachtung, eine Schlagfertigkeit des Witzes zu Tage tritt, wie vir 
solches alles als konstantes Eigentum während des wachen Lebens 
zu besitzen bescheidentlich in Abrede stellen würden? Der Tiaum 
hat eine wunderbare Poesie, eine treffliche Allegorie, einen unver- 
gleichlichen Humor, eine köstliche Ironie. Er schauet die V eit in 
einem eigentümlichen idealisierenden Lichte und potenziert den Effekt 
ihrer Erscheinungen oft im sinnigsten Verständnisse des ihnen zum 
Grunde liegenden Wesens. Er stellt uns das irdisch bchöne in va ir 
haft himmlischem Glanze, das Erhabene in höchster Majestät, das 
erfahrungsgemäß Furchtbare in der grauenvollsten Gestalt, das Lächer- 
liche mit unbeschreiblich drastischer Komik vor Augen ; und bisweilen 
sind wir nach dem Erwachen irgend eines dieser Eindrücke noch so 
voll, daß es uns Vorkommen will, dergleichen habe die wirkliche 

Welt uns noch nie und niemals geboten.“ . , 

Man darf sich fragen, ist es wirklich das nämliche Objekt, dem 
jene geringschätzigen Bemerkungen und diese begeisterte Anpreisung 
gilt? Haben die einen die blödsinnigen Träume, die anderen die tief- 
sinnigen und feinsinnigen übersehen? Und wenn beiderlei a or "omni , 
Träume, die solche und die jene Beurteilung verdienen, scheint es 
da nicht müßig, nach einer psychologischen Charakteristik des 


Psychologische Wertung des Traumes. 


45 


Traumes zu suchen, genügt es nicht zu sagen, im Traume sei alles 
möglich, von der tiefsten Herabsetzung des Seelenlebens bis zu einer 
im Wachen ungewohnten Steigerung desselben? So bequem diese 
Lösung wäre, sie hat dies eine gegen sich, daß den Bestrebungen 
aller Traumforscher die Voraussetzung zu Grunde zu liegen scheint, 
es gäbe eine solche, in ihren wesentlichen Zügen allgemeingültige 
Charakteristik des Traumes, welche über jene Widersprüche hinweg- 
helfen müßte. 


Es ist unstreitig, daß die psychischen Leistungen des Traumes 
bereitwilligere und wärmere Anerkennung gefunden haben in jener 
jetzt hinter uns liegenden intellektuellen Periode, da die Philosophie 
und nicht die exakten Naturwissenschaften die Geister beherrschte. 
Aussprüche, wie die von Schubert, daß der Traum eine Befreiung 
des Geistes von der Gewalt der äußeren Natur sei, eine Loslösung der 
Seele von den Fesseln der Sinnlichkeit, und ähnliche Urteile von dem 
jüngeren Fichte*) u. a., welche sämtlich den Traum als einen Auf- 
schwung des Seelenlebens zu einer höheren Stufe darstellen, erscheinen 
uns heute kaum begreiflich ; sie werden in der Gegenwart auch nur 
bei Mystikern und Frömmlern wiederholt. Mit dem Eindringen 
natui wissenschaftlicher DenkAveise ist eine Reaktion in der Würdigung 
des Traumes einhergegangen. Gerade die ärztlichen Autoren sind 
am ehesten geneigt, die psychische Tätigkeit im Traume für gering- 
fügig und wertlos anzuschlagen, Avährend Philosophen und nicht 
zünftige Beobachter — Amateurpsychologen — , deren Beiträge gerade 
auf diesem Gebiete nicht zu vernachlässigen sind, im besseren Ein- 
vernehmen mit den Ahnungen des Volkes, meist an dem psychischen 
Werte der Träume festgehalten haben. Wer zur Geringschätzung der 
psychischen Leistung im Traume neigt, der bevorzugt begreiflicher- 
weise m der Traumätiologie die somatischen Reizquellen; für den 
welcher der träumenden Seele den größeren Teil ihrer Fähigkeiten 
mi Wachen belassen hat, entfällt natürlich jedes Motiv, ihr nicht auch 
selbständige Anregungen zum Träumen zuzugestehen. 
tt Unter den Überleitungen, ivelche man auch bei nüchterner 
ergleichung versucht sein kann, dem Traumleben zuzuschreiben, ist 
che des Gedächtnisses die auffälligste; Avir haben die sie beweisenden, 
gar nicht seltenen Erfahrungen ausführlich behandelt. Ein anderer 
von alten Autoren häufig gepriesener Vorzug des Traumlebens, daß 

^al 1Ch - S f 0UVe r lll T UJ f r - 7 1 Glt ' und °rtsentfernungen liimvegzusetzen ver- 
ge, ist mit Leichtigkeit als eine Illusion zu erkennen. Dieser 

VoI-mS • 1S rL W T • H 1 1 d e b r an d J 35 ) bemerkt, eben ein illusorischer 

hirnve? 1 LlaUU ? en ^ tZt i S1C1 über Zeit und ß aum nicht anders 
hinweg als das wache Denken, und eben weil es nur eine Form des 

uoch ränocl n i° Cr S™** ^ sich in bezu S auf Zeitlichkeit 
noch eines anderen Vorzuges erfreuen, noch in anderem Sinne vom 


*) Haffnor 82 ) und Spitta 84 ). 


46 


I. Literatur der Traumprobleme. 


Ablauf der Zeit unabhängig sein. Träume, wie der oben p. 16 mit- 
geteilte Maurys 48 ) von seiner Hinrichtung durch die Guillotine 
scheinen zu beweisen, daß der Traum in eine sehr kurze Spanne 
Zeit weit mehr Wahrnehmungsinhalt zu drängen vermag, als unsere 
psychische Tätigkeit im Wachen Denkinhalt bewältigen kann. Diese 
Folgerung ist indes mit mannigfaltigen Argumenten bestritten worden ; 
seit den Aufsätzen von Le Lorrain 45 ) und Egger 20 ) „über die 
scheinbare Dauer der Träume“ hat sich hierüber eine interessante 
Diskussion angesponnen, welche in dieser heiklen und tiefreichenden 
Frage wahrscheinlich noch nicht die letzte Aufklärung erreicht hat. 

Daß der Traum die intellektuellen Arbeiten des Tages aufzu- 
nehmen und zu einem bei Tag nicht erreichten Abschluß zu bringen 
vermag, daß er Zweifel und Probleme lösen, bei Dichtern und Kom- 
ponisten die Quelle neuer Eingebungen werden kann, scheint nach 
vielfachen Berichten und nach der von Chabaneix 11 ) angestcllten 
Sammlung unbestreitbar zu sein. Aber wenn auch nicht die Tatsache, 
so unterliegt doch deren Auffassung vielen, ans Prinzipielle streifenden 
Zweifeln. 

Endlich bildet die behauptete divinatorische Kraft des Traumes 
ein Streitobjekt, an welchem schwer iiberwindliche Bedenken mit 
hartnäckig wiederholten Versicherungen Zusammentreffen. Man ver- 
meidet es — und wohl mit Recht — , alles Tatsächliche an diesem 
Thema abzuleugnen, weil für eine Reihe von Fällen die Möglichkeit 
einer natürlichen psychologischen Erklärung vielleicht nahe bevorsteht. 

f) Die ethischen Gefühle im Traume. 

Aus Motiven, welche erst nach Kenntnisnahme meiner eigenen 
Untersuchungen über den Traum verständheh werden können, habe 
ich von dem Thema der Psychologie des Traumes das 'leilproblem 
abgesondert, ob und in wie weit die moralischen Dispositionen und 
Empfindungen des Wachens sich ins Traumleben erstrecken.. Del 
nämliche Widerspruch in der Darstellung der Autoren, den wir für 
alle anderen seelischen Leistungen mit Befremden bemerken mußten, 
macht uns auch hier betroffen. Die einen versichern mit ebensolcher 
Entschiedenheit, daß der Traum von den sittlichen Anforderungen 
nichts weiß, wie die andern, daß die moralische Natur des Menschen 
auch fürs Traumleben erhalten bleibt. 

Die Berufung auf die allnächtliche Traumerfahrung scheint die 
Richtigkeit der ersteren Behauptung über jeden Zweifel zu erheben. 
Jessen 8G ) sagt (p. 553): „Auch besser und tugendhafter wird man 
nicht im Schlafe, vielmehr scheint das Gewissen in den Träumen zu 
schweigen, indem man kein Mitleid empfindet und die schwersten 
Verbrechen, Diebstahl, Mord und Totschlag mit völliger Gleich- 
gültigkeit und ohne nachfolgende Reue verüben kann. . ,. 

Radestock 54 ) (p. 146): „Es ist zu berücksichtigen, daß die 
Assoziationen im Traume ablaufen und dio Vorstellungen sich ver- 
binden, ohne daß Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack 




Die ethischen Gefühle im Traume. 


47 


und sittliches Urteil etwas dabei vermögen 5 das Urteil ist höchst 
schwach und es herrscht ethische Gleichgültigkeit vor.“ 

\ olkelt 7 ) (p. 23): „Besonders zügellos aber geht es, wie jeder 
weiß, im Traume in geschlechtlicher Beziehung zu. Wie der 
Träumende selbst aufs Äußerste schamlos und jedes sittlichen Gefühls 
und Urteils verlustig ist, so sieht er auch alle anderen und selbst 
die verehrtesten Personen mitten in Handlungen, die er im Wachen 

auch nur in Gedanken mit ihnen zusammenzubringen sich scheuen 
würde. 

Den schärfsten Gegensatz hiezu bilden Äußerungen wie die 
von Schopenhauer, daß jeder im Traume in vollster Gemäßheit 
seines Charakters handelt und redet. RPh. Fischer*) behauptet, 
daß die subjektiven Gefühle und Bestrebungen oder Affekte und 
Leidenschaften m der Willkür des Traumlebens sich offenbaren, daß 

die moralischen Eigentümlichkeiten der Personen in ihren Träumen 
sich spiegeln. 

. , Haffner ^ 2 ) (p. 25): „Seltene Ausnahmen abgerechnet, 
wu-d ein tugendhafter Mensch auch im Traume tugendhaft sein •' er 
wird den Versuchungen widerstehen, dem Haß, dem Neid, dem Zorn 
und allen Lastern sich verschließen- der Mann der Sünde aber wird 

auch m seinen Träumen in der Regel die Bilder finden, die er im 
Wachen vor sich hatte.“ ’ 

Ar* ® cIlol . z5 2r [P*. 36 ) : » Im Traume ist Wahrheit, trotz aller 

o n kierUn ^ in Hoheit oder Erniedrigung erkennen wir unser eigenes 
Selbst wieder . Der ehrliche Mann kann auch im Traume 

kein entehrendes Verbrechen begehen, oder wenn es doch der Fall 

DiV^K- S1Cb aIS Üb6r et ™ seiner ^ Framdes! 

Lei römische Kaiser, der einen seiner Untertanen hinrichten ließ 

CL^hatTe g darr mt ^ dem Kaiser den Ko P f Abschlagen 

daß 1 1, d f - S ° Un f ch 5 mcht > wenn er dies damit rechtfertigte 

“’” v : «Mete Gedanken im Wachen haben’ 

müsse. Von etwas, das in unserem Innern keinen Raum haben kann 

Sni™ chf ^ b « aUch b ^mender Weise : „Es Mit mir auch im 

wortef gerad “ u Ä“ Abänderung eines bekannten Sprich- 

Zn wie“ T e r Zeltlan S cleine Trä ™« ma ich wül dir 
sagen wie es um dem Inneres steht.“ 

Die kleine Schrift von Hilde hr an rlt 35-> • i i 

Ä Äen°- 

&in^ÄÄ g 4 e t d " Z: t 

steht cs als Cs fesf T e In ! ere f » Auch f«r Hildebrandt 
j o unreiner jen"es, desto unAmer 1 dter ’ deS ‘° reiDer 


48 


I. Literatur der Traumprobleme. 


Die sittliche Natur des Menschen bleibt auch im Traume be- 
stehen : „Aber während kein noch so handgreiflicher Rechnungsfehler, 
keine noch so romantische Umkehr der \\ issenschaft, kein noch so 
scherzhafter Anachronismus uns verletzt oder uus auch nur verdächtig 
wird so geht uns doch der Unterschied zwischen Gut und Böse, 
zwischen Recht und Unrecht, zwischen Tugend und Laster nie 
verloren. Wie vieles auch von dem, was am Tage mit uns geht, in 
den Schlummerstunden weichen mag, — Kants kategorischer Impe- 
rativ hat sich als untrennbarer Begleiter so an unsere F ersen geheftet, 

daß wir ihn auch schlafend nicht los werden Erklären aber 

läßt sich (diese Tatsache) eben nur daraus, daß das Fundamentale der 
Menschennatur, das sittliche Wesen, zu fest gefügt ist, um an cei 
Wirkung der kaleidoskopischen Durchschüttelung teil zu nehmen, 
welcher Phantasie, Verstand, Gedächtnis und sonstige I akultäten 
gleichen Ranges im Traume unterliegen“ (p. 45 u. ff.). 

In der weiteren Diskussion des Gegenstandes sind nun mei 
würdige Verschiebungen und Inkonsequenzen bei beiden Gruppen 
von Autoren hervorgetreten. Streng genommen wäre für alle dje 
ienigen, welche meinen, im Traume zerfalle die sittliche Persönlichkeit 
des Menschen, das Interesse an den unmoralischen Träumen mit dieser 
Erklärung zu Ende. Sie könnten den Versuch den Träumer für 
seine Träume verantwortlich zu machen, aus der Schlechtigkeit seiner 
Träume auf eine böse Regung in seiner Natur zu schließen, mit der 
selben Ruhe ablehnen wie den anscheinend gleichwertigen V ersuch 
aus der Absurdität seiner Träume die Wertlosigkeit seiner intellektuellen 
Leistungen im Wachen zu erweisen. Die anderen, für die sich „dei 
kategorische Imperativ“ auch in den Traum erstreckt, hatten che 
Verantwortlichkeit für unmoralische Träume ohne Einschränkung an 
zunehmen; es wäre ihnen nur zu wünschen, daß eigene 4 räume von 
solch verwerflicher Art sie nicht an der sonst festgehaltenen VVeit- 
schätzuna- der eigenen Sittlichkeit irre machen mußten. 

Nun scheint es aber, daß niemand von sich selbst so recht sieb ei 
weiß, in wie weit er gut oder böse ist, und daß niemand die - 
innerung an eigene unmoralische Träume verleugnen kann. Denn 
über jenen Gegensatz in der Beurteilung der Traummoralitat hinweg 

zehren sich bef den Autoren beider Gruppen Bemühungen die Herkunft 

defmisitlhen Träume aufzuklären, und es entwickelt sich ein neuer 
Gegensatz, je nachdem deren Ursprung in den Funktionen des ps> 
chifchen Lebens oderin somatisch bedingtenBeei^ 
gesucht wird. Die zwingende Gewalt der Tatsächlichkeit läßt dann 
Vertreter der Verantwortlichkeit wie der Unverantwortlichken s 
Traumlebens in der Anerkennung einer besonderen psychischen Quelle 
für die Unmoralität der Träume Zusammentreffen. 



Kontrastierende Vorstellungen. 


49 


nicht verantwortlich, weil unserem Denken und Wollen die Basis 
entrückt ist, auf welcher unser Leben allein Wahrheit und Wirklich- 
keit hat ... Es kann eben darum kein Traumwollen und Traum 
handeln Tugend oder Sünde sein.“ Doch ist der Mensch für ‘ den 
sündhaften Traum, verantwortlich, sofern er ihn indirekt verursacht 
Es erwächst ftir ihn die Pflicht, wie im Wachen, so ganz besonders' 
vor dem Schlafengehen seine Seele sittlich zu reinigen. 

Viel tiefer reicht die Analyse dieses Gemenges von Ablehnung- 
und von Anerkennung der Verantwortlichkeit für den sittlichen Inhalt 
der Traume bei Hi 1 d e b r a n d t. Nachdem er ausgeführt, daß die 
dramatische Darstellungsweise des Traumes, die Zusammendrämnmo- 
der kompliziertesten Überlegungsvorgänge in das kleinste Zeiträumchen 
und die auch von ihm zugestandene Entwertung und Vermengung der 
m orstellungselemente im Traume gegen den unsittlichen Anschein der 
1 raume m Abzug gebracht werden muß, gesteht er, daß es doch den 

so f ÄiÄ 

eotschieden zurückwersen wollen, so gebrauchen wir” wohl die Beden“ 
i ’ ,. Das S ? 1 unä nicllt lm Traume eingefallen. Damit sprechen wir 
h yfe'!!"p emers f ts ?’! s i daß ™ Traumgebiet für das fernste und 

weil dort d^se’ 1 f'eT l0 t em "T ftir UDSere Gedanke “ einzustehen hätten, 
,Tnd 1~L. 6eäanken unserem wirklichen Wesen nur so lose 

trachtet^ zus ™® hä “gen, daß sie kaum noch als die unsrigen be- 
trrftet werden dürfen; aber indem wir eben auch auf diesem Gebiet 

vlnÄur^o 801 ^ GeCl r k , e “ r drttokli ° h z " leuguS ™ 

unsere Bechtfertigung D nicTt TOUkommm stin‘ wtede Z weun^sie^nitht 

™ 

emtes MorivLelm S i oh . ni T Iich keine Traumtat denken, deren 

historischen Stnff & ^ . aUS ’ er bearbeitete nur ein Quentlein 

? S T gefUD o den *** - draniatischer 
haßt der st ein TofS? ^ f T P °f elS SzeQe: Wer «einen Bruder 
ausgeführtJ GteMde dt IZ 1 Ü ^ C 3 A )? hrend ganze, breit 

seiner sittlichen Sterkt l TT mes nach dem Erwachen, 

liehe Bilduno-sstoff ich rlnlü l’ • 6 a . C l< ? n } cann , so will jener ursprtiug- 
Man fühlt sich für die Vp ’ ceme bicherhehe Seite abgewinnen lassen, 
nicht für die tanze itJZ ^ des Träumenden verantwortlich, 
«atz. „Kurz verstehen W ’ t * ^ för eineu ^wissen Prozent- 

Wort Christi- Au II H die T n schwer auzu fechten den Sinne das 
nnsti. Aus dem Herzen koiameu arge Gedanken, - dann 

reud ' Traumdeutung. 3. Au fl. 


4 


50 


I. Literatur der Traumprobleine. 


können wir auch kaum der Überzeugung uns erwehren, daß jede im 
Traume begangene Sünde ein dunkles Minimum wenigstens von Schuld 
mit sich führe.“ 

In den Keimen und Andeutungen böser Regungen, die als Ver- 
suchungsgedanken tagsüber durch unsere Seelen ziehen, findet also 
Hilde br an dt die Quelle für die Unmoralität der Träume, und er 
steht nicht an, diese unmoralischen Elemente bei der sittlichen H Ein- 
schätzung der Persönlichkeit einzurechnen. Es sind dieselben Gedanken 
und die nämliche Schätzung derselben, welche, wie wir wissen, die 
Frommen und Heiligen zu allen Zeiten klagen ließ, sie seien arge 


Sünder. . •> 

An dem allgemeinen Vorkommen dieser kontrastierenden 

Vorstellungen — bei den meisten Menschen und auch auf anderem als 
ethischem Gebiete — besteht wohl kein Zweifel. Die Beurteilung der- 
selben ist gelegentlich eine minder ernsthafte gewesen Bei Spitta ) 
findet sich folgende Melier gehörige Äußerung von A. Zeller (Ar- 
tikel „Irre“ in der allgemeinen Enzyklopädie der Wissenschaften \on 
Er sch und Gr über) zitiert (p. 144): „So glücklich ist selten ein 

Geist organisiert, daß er zu allen Zeiten volle Macht besäße und nicht 
immer wieder nicht allein unwesentliche, sondern auch völlig Iratzen- 
hafte und widersinnige Vorstellungen den stetigen, klaren ang seine 
Gedanken unterbrächen, ja die größten Denker haben sich ubei diese, 
traumartige, neckende und peinliche Gesindel von Vorstellungen 
beklagen ^gehabt, da es ihre tiefsten Betrachtungen und ihre heiligste 

und ernsthafteste Gedankenarbeit stört. ‘ « dieser 

Ein helleres Licht fällt auf die psychologische Stellung diesei 

Kontrastgedanken aus einer weiteren Bemerkung ^ HiUebrar^ 
daß der Traum uns wohl bisweilen m Tiefen und ^ alte ^ ^ 
Wesens blicken lasse, die uns im Zustand des Wachens mei 

scUossen bleiben (p. 55). Dieselbe ™ 

Stelle der Anthropologie, wenn er meint, dei Tmim 1 offen _ 

da um uns die verborgenen Anlagen zu entdecken uncl . 

baren, nieht was wir sind sondern was wir 

wenn wir eine andere Erziehung gehabt hatten; Rad ® st0 ° k } ' 

mit den Worten, daß der Traum uns oft nur oftenbait, vas uns 
nicht gestehen wollen, und daß wir ihn darum mit Unrecht einen 
Lü-nef und Betrüger schelten. Wir werden aufmerksam gemach 
daß das Auftauchen dieser, unseren, des 

ÄS XÄ yÄS Efc: 

cateespeute da un pezzo, bi ndestano, pass on di ’ anzi 

(pA49), ? und Von Vo°l k e 1 t«) : ^bTvorstellung^ 

Bewußtsein fast unbeachtet eiugegaugen sind und a on 


Das Unterdrückte. 


51 


nie wieder der Vergessenheit entzogen würden, pflegen sehr häufig 
r? eU ir^ ia - Um 1 -Anwesenheit in der Seele kund zu tun“ (Y>. 105? 
Endlich ist es hier am Platze uns zu erinnern, daß nach Schleier- 
m ach er ) sclwn das Einschlafen vom Hervortreten ungewollter 
Vorstellungen (Bilder) begleitet war. 

Als „ungewollte Vorstellungen dürfen wir nun dies -anze 
V orstellungsmatenal zusammenfassen, dessen Vorkommen in den un- 
moralischen wie m den absurden Träumen unser Befremden erregt 
Em wichtiger Unterschied liegt nur darin, daß die ungewollten Vo & r- 
s e ungen auf sittlichem Gebiete den Gegensatz zu unserem sonstigen 
Empfinden erkennen lassen, während die anderen uns bloß fremdartig- 
eise leinen. Es ist bisher kein Schritt geschehen, der uns ermöglichte 

dl6Se wl7 d T h tiefer gehende Erk enntnis aufzuheben! 

Welche Bedeutung hat nun das Hervortreten ungewollter Vor- 
stellungen im Traume, welche Schlüsse für die Psychologie der 
wachenden und der träumenden Seele lassen sich aus diesem nächt- 
• f ®. n Auftauc .l en kontrastierender ethischer Regungen ableiten 0 Hier 
GkppLun" g™*™*™«** eine abermals verschieden 
uSr g n A t ° ren 1 Zu verze ichnen. Den Gedankengang von 
Hildebrandt und anderen Vertretern seiner Grundansicht lmnn 

o-Zo-en 0l aIich C ?m fo rtsctzen, als daß den unmoralischen Re- 

«hfZt !?b“Sr em %f' T ' W “Bewohne, die 2 war 

Hildebrandt dem TraümeTe M " Vo ™“ sseto >ng™ her kann 

SS :fnÄr Z uf rf • I,ä V U f™ SeoülXorkZZcln, 

IT" “na. 

danken, L “ftT kornn^ ? C . h , H die sündigen“ Ge- 

Tat werden zu lassen V-Jv. cV l1ntei ^ 1 Üp * ven > sie nicht reifen und zur 
gewollten“ Vorstellungen / CSe [. Auff J lssun ^ könnten wir die „un- 
drlickten“ bezeichnen nnrl i -Pt 10 . während des Tages „unter- 
psychisches Phänomen erblicken* ’ lr<!m Auftaach °B «in echtes 

kcrun| i,C FrteTset l, V e l!f tten , Wir kein Eech ‘ z " laterer Fol- 
Traume wie im WaeLn uSn? 1 llD « e '™ llte ? Vorstellungen im 
Charakter einer Äw^^i^Ä ^ ^ 


eines 


ge- 


4 * 


52 


I. Literatur der Traumproblcme. 


wisset* in aßen mechanischen Prozesses von Bi Idem uud Vor- 
stellungen durch innere Bewegungen dar“ (p. 360). Ein unmoralischer 
TraunT beweise weiter nichts für das Seelenleben des Träumers, als 
daß dieser von dem betreffenden Vorstellungsinhalt irgendwie einmal 
Kenntnis gewonnen habe, gewiß nicht eine ihm eigene Seelenregung. 
Bei einem anderen Autor, Maury 18 ), könnte man in Zweifel geraten, 
ob nicht auch er dem Traumzustand die Fähigkeit zuschreibt, die 

seelische Tätigkeit nach ihren Komponenten zu zerlegen, anstatt sie 
planlos zu zerstören. Er sagt von den Träumen, in denen man sich 
über die Schranken der Moralität hinaussetzt: Ce sont nos penchants 
qui parlent et qui nous font agir, saus que la eonscience nons retienne, 
bien que parfoit eile nons avertisse. J’ai mes defauts et mes p el i- 
chants vicieux; ä Tötat de veille, je täche de lütter contre eux, et ll 
m’arrive assez souvent de n’y pas suecomber. Mais dans mes songes 
i’y succombe toujours ou pour mieux, dire j'agis par leur impulsion, 
sans crainte et sans remords .... Evidemment les visvons qui se 
deroulent devant ma pensöe et qui eonstituent le reve, me sont 

sugg6r6es par les incitations que je ressens et que ma volonte absente 

ne cherehe pas ä refouler“ (p. 113). . . , r , 

Wenn man an die Fähigkeit des Traumes glaubte, eine wirklich 

vorhandene, aber unterdrückte oder versteckte, unmoralische ^Po- 
sition des Träumers zu enthüllen, so könnte man dieser Meinung 
schärferen Ausdruck nicht geben als mit den Worten Maui } 8 (P* °) • 

En reve l’hoinme se revele donc tont entier ä soi-meme dans sa 
nuditö et sa misere natives. Des qu'il suspend 1 exercice de sa yolonte 
ü devient le jouet de toutes les passions contre lesquelles, a 1 6tat de 
veille la eonscience, le sentiment d’honneur, la crainte nous d6 en j 
An anderer Stelle findet er das treffende Wort (p. 462). Dans le 

reve, c’est surtout Thomme instinctif que se revehy .... 1 

revient pour ainsi dire ä l’6tat de nature quand ll veve, mais m » 
les id6es acqnises ont P 6netr6 dans son espnt, pU« les penoh anU 
en desaccord avec eiles conservent encore sur lm d influence dan* 
le reve.“ Er führt dann als Beispiel an, daß seine Traume ihn nicht 
selten als Opfer gerade jenes Aberglaubens zeigen, den er in seinen 

Schriften am heftigsten bekämpft hat. 

Der Wert all dieser scharfsinnigen Bemerkungen für ei 1 => 
cholo^ische Erkenntnis des Traumlebens wird aber bei i aU1 } ‘ 
durch beeintr»ohti S t, daß er in den von ihm so rieht, g beobachteten 
Phänomenen nichts als Beweise fltr den .Autoniatisnie psycholog, qn 
fehen “m der nach ihm das Tranmleben beherrscht. D.«» Au«- 

Affektmitivicklnng im Traume die 


Tranmtheorien und Funktion des Traumes. 


53 


Beurteilung nicht zuläßt, welche man dem übrigen Trauminhalt 
schenkt und das Problem wird vor uns aufgerollt, was an den psy- 
chischen Vorgängen im Traume real sein mag, das heißt einen An- 

Epral“? ^ “ ter PSyChiS ° hen Aachens 

g) Traumtheorien und Funktion des Traumes. 

i Jr ^; llssa ^ e Ube1 ’ clen Traum, welche möglichst viele der be- 
obachteten Charaktere desselben von einem Gesichtspunkte aus zu 
erklären versucht und gleichzeitig die Stellung des Traumes zu einem 
umfassenderen Erscheinungsgebiet bestimmt, wird man eine Traum* 
theone heißen dürfen Die einzelnen Traumtheorien werden sich 
dann unterscheiden, daß sie den oder jenen Charakter des Traumes 
zum wesentlichen erheben, Erklärungen und Beziehungen an ihn an- 
knupfen lassen. Eine Funktion, d. i. ein Nutzen oder eine sonstige 
Leistung des Traumes, wird nicht notwendig aus der Theorie abSfr 
sein müssen, aber unsere auf die Teleologie gewohnheitsgemäß 
lichtete Erwartung wird doch jenen Theorien entgegenkommen die 
mit der Einsicht m eine Funktion des Traumes verbunden sTn? 

gelernt die 11 !? TW* Au ? ssu »g e * *es Traumes kennen 

g rnt, die den Namen von Traumtheonen in diesem Sinne mehr 

oder weniger verdaten. Der Glaube der Alten, daß der Traum eSe 

Sendung der Götter sei, um die Handlungen der Mensehen zu lenken 

Ml eme vollständige Theorie des Traumes, die Uber alles am Traum 

Wissenswerte Auskunft erteilte. Seitdem der Traum ein SensZd 

dei biologischen Forschung geworden ist, kennen wir eine Größere 

ständige^ 00 Traumtlleo ™”> ^er darunter auch manche recht unvoll- 

locker^rn^^^ 

den BeSZ, des SST ^ Nachdenken sämtlich aus 

“ ‘:= 

oder, wenn störende ReL f berechnet Traumlos schlafen 

zweckmäßigen Reaktionen JÄ dritter’ dÄnmts.^ 


54 


I. Literatur der Traumproblenie. 


2. Solche Theorien, welche im Gegenteil für den Traum eine 
Herabsetzung der psychischen Tätigkeit, eine Auflockerung der 
Zusammenhänge, eine Verarmung an anspruchsfähigeni Material an- 
nehmen. Diesen Theorien zufolge müßte eine ganz andere psycho- 
logische Charakteristik des Schlafes gegeben werden als etwa nach 
Delboeuf. Der Schlaf erstreckt sich weit über die Seele, er besteht 
nicht bloß in einer Absperrung der Seele von der Außenwelt, _ er 
dringt vielmehr in ihren Mechanismus ein und macht ihn zeitweilig 
unbrauchbar. Wenn ich einen Vergleich mit psychiatrischem Material 
heranziehen darf, so möchte ich sagen, die ersteren Theorien kon- 
struieren den Traum wie eine Paranoia, die zweiterwähnten machen 
ihn zum Vorbilde des Schwachsinns oder einer Amentia. 

Die Theorie, daß im Traumleben nur ein Bruchteil der durch 
den Schlaf lahmgelegten Seelentätigkeit zum Ausdruck komme, ist 
die bei ärztlichen Schriftstellern und in der wissenschaftlichen Welt 
überhaupt weit bevorzugte. Soweit ein allgemeineres Interesse für 
Traumerklärung vorauszusetzen ist, darf man sie wohl als die her r- 
schende Theorie des Traumes bezeichnen. Es ist hervorzuheben, 
mit welcher Leichtigkeit gerade diese Theorie die ärgste Klippe jeder 
Traumerklärung, nämlich das Scheitern an einem der durch den 
Traum verkörperten Gegensätze, vermeidet. Da ihr der Traum das 
Ergebnis eines partiellen Wachens ist („ein allmähliches, partielles und 
zugleich sehr anomalisches Wachen“ sagt Herbarts Psychologie 
über den Traum), so kann sie durch eine Reihe von Zuständen vun 
immer weiter gehender Erweckung bis zur vollen W achheit die ganze 
Reihe von der Minderleistung des Traumes, die sich durch Absurdität 
verrät, bis zur voll konzentrierten Denkleistung decken. 

Wem die physiologische Darstell ungs weise unentbehrlich ge- 
worden ist oder wissenschaftlicher dünkt, der wird diese Theorie des 
Traumes in der Schilderung von Binz 1 ) ausgedrückt finden (p. 45). 

„Dieser Zustand (von Erstarrung) aber geht in den frühen 
Morgenstunden nur allmählich seinem Ende entgegen. Immei geiingei 
werden die in dem Gehirneiweiß aufgehäuften Ermüdungsstoffe und 
immer mehr von ihnen wird zerlegt oder von dem rastlos treibenden 
Blutstrom fortgespült. Da und dort leuchten schon einzelne Zellenhaufen 
wach geworden hervor, während ringsumher noch alles in Erstarrung 
ruht. Es tritt nun die isolierte Arbeit der Einzel gruppen 
vor unser umnebeltes Bewußtsein, und zu ihr fehlt die Kontrolle 
anderer, der Assoziation vorstehender Gehirnteile. Darnm fugen die 
geschaffenen Bilder, welche meist den materiellen Eindrücken nahe- 
liegender Vergangenheit entsprechen, sich wild und regellos aneinander. 
Immer größer wird die Zahl der freiwerdenden Gehirnzellen, immer 

geringer die Unvernunft des Traumes. .. 

Man wird die Auffassung des Träumern als eines unvollständigen, 
partiellen Wachens oder Spuren von ihrem Einflüsse, sicherlich bei 
allen modernen Physiologen und Philosophen finden. Am ausiuhr- 




Theorie des partiellen Schlafes der Seele. 


55 


liclisten ist sie beiMaury 48 ) dargestellt. Dort hat es oft den Anschein, 
als stellte sich der Autor das Wachsein oder Eingeschlafensein nach 
anatomischen Regionen verschiebbar vor, wobei ihm allerdings eine 
anatomische Provinz und eine bestimmte psychische Funktion an- 
einander gebunden erscheinen. Ich möchte hier aber nur andeuten, 
daß, wenn die Theorie des partiellen Wachens sich bestätigte, über 
den feineren Ausbau derselben sehr viel zu verhandeln wäre. 

Eine Funktion des Traumes kann sich bei dieser Auffassung des 
Traumlebens natürlich nicht heraussteilen. Vielmehr wird das Urteil 
über die Stellung und Bedeutung des Traumes konsequenterweise 
durch die Äußerung von Binz gegeben (p. 357): „Alle Tatsachen, 
wie wir sehen, drängen dahin, den Traum als einen körperlichen, 
in allen Fällen unnützen, in vielen Fällen geradezu krankhaften Vor- 
gang zu kennzeichnen . . 


Der Ausdruck „körperlich“ mit Beziehung auf den Traum, der 
seine Hervorhebung dem Autor selbst verdankt, weist wohl nach 
mehr als ein er Richtung. Er bezieht sich zunächst auf die Traum- 
ätiologie, die ja Binz besonders nahe lag, wenn er die experimen- 
telle Erzeugung von Träumen durch Darreichung von Giften studierte. 
Es Hegt nämlich im Zusammenhänge dieser Art von Traumtheorien 
die Anregung zum Träumen womöglich ausschließlich von soma- 
tischer Seite ausgehen zu lassen. In extremster Form dargestellt 
lautete es so: Nachdem wir durch Entfernung der Reize uns in 
Schlaf versetzt haben, wäre zum Träumen kein Bedürfnis und kein 
Anlaß bis zum Morgen, wo das allmähliche Erwachen durch die neu 
anlangenden Reize sich in dem Phänomen des Träumens spiegeln 
konnte. Nun gelingt es aber nicht, den Schlaf reizlos zu halten • es 
kommen, ähnlich wie Mephisto von den Lebenskeimen kW von 
überall her Reize an den Schlafenden heran, von außen, von innen 
von all den Körpergebieten sogar, um die man sich als Wachender 
me gekümmert hat. So wird der Schlaf gestört, die Seele bald an 
dem bald an jenem Zipfelchen wach gerüttelt und funktioniert dann 
ein Weilchen mit dem geweckten Teil, froh wieder einzuschlafen. Der 
raum ist die Reaktion auf die durch den Reiz verursachte Schlaf- 
störung, übrigens eine rein überflüssige Reaktion. 

K 1 A ; V , D T Traum der d °ch immerhin eine Leistung des Seelenorgans 
bleibt ak einer, körperlichen Vorgang zu bezeichnen, hat aber Sick 
noch einen anderen Smn. Es ist die Wurde eines psychischen Vor- 
g nges che damit dem Traume abgesprochen werden soll. Das in 

den zehn" p" d “ nÄ “ d j” bereits sehr alte Gleichnis von 

Uber ”2 T. 1 S T e i nes der Musik ganz »“kundigen Menschen, die 
im he*,* asten des Instnmientes hinlanfen“ veranschaulicht vielleicht 

d“r eSSn'w W hft lgUng d 6 ^leistang bei den Vertretern 

di ? Lr AnffässJ . SOhafl Zl ' meiSt , gefunden hat. Der Traum wird in 

«icser Auffassung etwas ganz und gar Undentbares; denn wie sollten 


5(3 I. Literatur der Traumprobleuie. 

die zehn Finger des unmusikalischen Spielers ein Stück Musik pro- 
duzieren können’? 

Fs hat der Theorie des partiellen Wachens schon frühzeitig 
nicht an Einwänden gefehlt. Burdach 8 ) meint 1830: „Wenn man 
sagt, der Traum sei ein partielles Wachen, so wird damit erstlich 
weder das Wachen, noch das Schlafen erklärt, zweitens nichts anderes 
gesagt, als daß einige Kräfte der Seele im Traume tätig sind, während 
andere ruhen. Aber solche Ungleichheit findet während des ganzen 
Lebens statt . . .“ (p. 483). 

An die herrschende Traumtheorie, welche im Traume einen 
„körperlichen“ Vorgang sieht, lehnt sich eine sehr interessante Auf- 
fassung des Traumes an, die erst 1866 von Robert 55 ) ausgesprochen 
wurde und die bestechend wirkt, weil sie für das Träumen eine 
Funktion, einen nützlichen Erfolg anzugeben weiß. Robert nimmt 
zur Grundlage seiner Theorie zwei Tatsachen der Beobachtung, bei 
denen wir bereits in der Würdigung des Traummaterials verweilt haben 
(vgl. p. 12), nämlich daß man so häufig von den nebensächlichsten 
Eindrücken des Tages träumt, und daß man so selten die großen 
Interessen des Tages mit hinübernimmt. Robert behauptet als aus- 
schließlich richtig : Es werden nie Dinge, die man voll ausgedacht 
hat, zu Traum erregern, immer nur solche, die einem unfertig im 
Sinne liegen oder den Geist flüchtig streifen (p. 10). — „Darum 
kann man meistens den Traum sich nicht erklären, weil die Ursachen 
desselben eben die nicht zum genügenden Erkennen des 
Träumenden gekommenen Sinneseindrücke des ver- 
flossenen Tages sind.“ Die Bedingung, daß ein Eindruck in 
den Traum gelange, ist also, entweder daß dieser Eindruck in seiner 
Verarbeitung gestört wurde, oder daß er als allzu unbedeutend auf 
solche Verarbeitung keinen Anspruch hatte. 

Der Traum stellt sich Robert nun dar „als ein körperlicher 
Ausscheidungsprozeß, der in seiner geistigen Reaktionserscheinung 
zum Erkennen gelangt“. Träume sind Ausscheidungen von 
im Keime erstickten Gedanken.' „Ein Mensch, dem man die 
Fähigkeit nehmen würde, zu träumen, müßte in gegebener Zeit geistes- 
gestört werden, weil sich in seinem Hirn eine Unmasse unfertiger, 
unausgedachter Gedanken und seichter Eindrücke ansammeln würde, 
unter deren Wucht dasjenige ersticken müßte, was dem Gedächtnisse 
als fertiges Ganzes einzuverleiben wäre.“ Der Traum leistet dem 
überbürdeten Gehirn die Dienste eines Sicherheitsventils. Die Träume 
haben heilende, entlastende Kraft (p. 32) . 

Es wäre mißverständlich, an Robert die Frage zu richteD, 
wie denn durch das Vorstellen im Traume eine Entlastung der Seele 
herbeigeführt werden kann. Der Autor schließt offenbar aus jenen 
beiden Eigentümlichkeiten des Traummaterials^ daß während des 
Schlafes eine solche Ausstoßung von wertlosen Eindrücken irgend- 
wie als somatischer Vorgang vollzogen werde, und das 1 räumen ist 


Theorien von Robert und Del 


57 


age. 

kein besonderer psychischer Prozeß, sondern nur die Kunde die wir 
von jener Aussonderung erhalten. Übrigens ist eine Ausscheidung 
nicht das einzige, was nachts m der Seele vorgeht. Robert fügt 
selbst hinzu, daß überdies die Anregungen des Tages ausgearbeitet 
werden und, „was sich von dem unverdaut im Geiste liegenden Ge- 
dankenstoff nicht ausscheiden läßt, wird durch der Phantasie put 
lehnte Gedankenfaden «einem abgerundeten Ganzen 
verbunden und so dem Gedächtnisse als unschädliches Phantasie- 
gemälde eingereiht“ (p. 23). 

In den schroffsten Gegensatz zur herrschenden Theorie tritt die 
Roberts aber in der Beurteilung der Traumquellen. Während dort 
überhaupt nicht geträumt würde, wenn nicht die äußeren und inneren 
bensationsreize die Seele immer wieder weckten, liegt der Antrieb 
^im Träumen nach der Theorie Roberts in der Seele° selbst, in ihrer 
Überladung, die nach Entlastung verlangt, und Robert urteilt voll- 
kommen konsequent, daß die im körperlichen Befinden liegenden 

lmte ^ eordnete n einnehmen, 

und einen Geist, in dem kein dem wachen Bewußtsein entnommener 

Stoff zur Traumbildung wäre, keinesfalls zum Träumen veranlassen 
Wen Zuzugeben sei bloß, daß die im Traume aus den Sen 

}Z K Gh n'f! S S1C ^ entwickelnden Phantasiebilder durch die Nerven- 
leize beeinflußt werden können (p. 48). So ist der Traum nach 

keiT^ n 1 °°!, n,C i t 80 % ailz abhängig vom Somatischen, er ist zwar 
kein psychischer Vorgang, hat keine Stelle unter den psychischen 

a ”Ä°eL r e Äion er zu V eJ-' 

ÜS ÄÄÜT ° <le " ““ 

Aut die nämlichen Charaktere des Traumes A; a l a 
Y ves T) S 1 TraUr f 5 I f atena,s deutlich werden stützt ein anderer* 2 Autor 

durch D doi‘ Tod 'Co“nTdfe S Eäir naChdem "Z“, ihm teure PerS0D 

nicht tränrnt Zi “’ d . Erf “ r ™g gemacht, daß man von dem 

erst dU Ä r»d^T" ber a T ebi f beschäf !%‘ hat, oder 
Seine Nachforschungen bei essen tagsüber zu weichen beginnt. 

Allgemeinheit ^äe^SacliverhaUes^Eine^s^^jme^BernmT H ** 

Pendant Hat de >>*" 

«TbÄ e P ,™ T f ? " Ä- 

kommende ÄÄtüTÄ X, 


58 


1. Literatur der Traumprobleme. 


Eindrücken der letzten Tage und früherer Zeiten. xUles was in 
unseren Träumen Auftritt, was wir zuerst geneigt sein mögen, als 
Schöpfung des Traumlebens anzusehen, erweist sich bei genauerer 
Prüfung als unerkannte Reproduktion, als „Souvenir inconscient“. Aber 
dieses V orstellungsmaterial zeigt einen gemeinsamen Charakter, es rührt 
von Eindrücken her, die unsere Sinne wahrscheinlich stärker be- 
troffen haben als unseren Geist, oder von denen die Aufmerksamkeit 
sehr bald nach ihrem Auftauchen wieder abgelenkt wurde. Je weniger 
bewußt und dabei je stärker ein Eindruck gewesen ist, desto mehr 
Aussicht hat er, im nächsten Traume eine Rolle zu spielen. 

Es sind im wesentlichen dieselben zwei Kategorien von Ein- 
drücken, die nebensächlichen und die unerledigten, wie sie Robert^) 
hervorhebt, aber Delage wendet den Zusammenhang anders, indem 
er meint, diese Eindrücke werden nicht, weil sie gleichgültig sind, 
traumfähig, sondern weil sie unerledigt sind. Auch die nebensächlichen 
Eindrücke sind gewissermaßen nicht voll erledigt worden, auch sie 
sind ihrer Natur nach als neue Eindrücke „autant de ressorts tendus“, 
die sich während des Schlafes entspannen -werden. Noch mehr An- 
recht auf eine Rolle im Traume als der schwache und fast unbeachtete 
Eindruck wird ein starker Eindruck haben, der zufällig in seiner 
Verarbeitung aufgehalten wurde oder mit Absicht zurückgedrängt 
worden ist Die tagsüber durch Hemmung und Unterdrückung auf- 
o-espeicherfe psychische Energie wird nachts die Triebfeder des 
Traumes. Im Traume kommt das psychisch Unterdrückte zum 

orscliem ^ 

Leider bricht der Gedankengang von Delage an dieser Stelle 
ab* er kann einer selbständigen psychischen Tätigkeit im Traume 
nur die o-eringste Rolle einräumen, und so schließt er sich mit seiner 
Traumtheorie unvermittelt wieder au die heu sehende Leine vom 
partiellen Schlafen des Gehirns an : „En somme le reve est le procluit 
de la pens6e errante, sans but et sans direction. se hxant successive- 
ment sur les Souvenirs, qui ont gard6 assez d'intensitö ponr se plac-er 
sur sa route et l’arreter au passage, etablissant entre eux un lien 
tantot faible et indecis, tantot plus fort et plus serre selon qne 
l’activite actuelle du cerveau est plus ou moins abolie par le sommeil. 

Zu einer dritten Gruppe kann man jene Theorien des Traumes 
vereinigen, welche der träumenden Seele die Fälligkeit und Neigung 
zu besonderen psychischen Leistungen zuschreiben, die sie un \\ achen 
entweder gar nicht oder nur in unvollkommener )\ eise ausfnluen 
kann. Aus der Betätigung dieser Fähigkeiten ergibt sich zumeist 
eine nützliche Funktion des Traumes. Die Wertschätzungen, welche 
der Traum bei älteren psychologischen Autoren gefunden hat, „ekoiei 

*1 fGauz ähnlich äußert sich der Dichter Aua toi e France (Lys rouge): Ce 
que uoÄflanuil, ce sout les restes nuüheureus 

glige dans la veille. Le reve est souveut la revauche des choses qu on nupr.^e 
lo reproche des Gtres abandonnes.] 


Die Theorie Scheruers. 


59 


meist in die^e Reihe. Ich will mich aber damit begnügen, nn deren 
Statt die Äußerung von Bur dach 8 ) anzuführen, derzufolge der 
Traum „die Naturtätigkeit der Seele ist, welche nicht dureh die 
Macht der Individualität beschränkt, nicht durch Selbstbewußtsein 
gestört, nicht durch Selbstbestimmung gerichtet wird, sondern die in 
freiem Spiele sich ergehende Lebendigkeit der sensiblen Zentralpunkte 
ist'- (p. 486). 

Dieses Schwelgen im freien Gebrauche der eigenen Kräfte stellen 
sich Bur dach u. a. offenbar als einen Zustand vor, in welchem 
die Seele sich erfrischt und neue Kräfte für die Tagesarbeit sammelt 
also etwa nach Art eines Ferienurlaubes. Bur dach zitiert und 
akzeptiert darum auch die liebenswürdigen Worte, in denen der Dichter 
Novalis das Walten des Traumes preist: „Der Traum ist eine 
Schutzwehr gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens 
eine freie Erholung der gebundenen Phantasie, wo sie alle Bilder 
des Lebens durcheinander wirft und die beständige Ernsthaftigkeit 
des erwachsenen Menschen durch ein fröhliches Kinderspiel unter- 
bricht; ohne die Träume würden wir gewiß früher alt, und so kann 
man den iraum, wenn auch nicht als unmittelbar von oben gegeben 
och als eine köstliche Aufgabe, als einen freundlichen Begleiter auf 
der Wallfahrt zum Grabe betrachten . u 

Die erfrischende und heilende Tätigkeit des Traumes schildert 

nvS Pl V’ kin .i e53 ) Cp. 466): „Besonders würden die 

pioduktiven Traume diese Funktionen vermitteln. Es sind leichte 
pie e ei Imagination, die mit den Tagesbegebenheiten keinen Zu- 
sammenhang haben. Die Seele will die Spannungen des wachen 
mcht fortsetzen, sondern sie auflösen, sich von ihnen erholen. 

Sie heX TramVt 1 Wac ( J iens entgegengesetzte Zustände, 

öie heilt liaungkeit durch Freude, Sorgen durch Hoffnungen und 

S; “wt “??> äurohTiebe und 

diXh iTh Mut Uüd Zuversie ht; den Zweifel beschwichtigt sie 
P f..ii erzeug ung und festen Glauben, vergebliche Erwartung durch 

Erfüllung. Viele wunde Stellen des GemUtes, die der Ta" 

uud y“r “ne^er A f e "„ WttK,e i Z der ® oh H er sic zudeckt 

i i M -Auflegung bewahrt. Darauf beruht zum Teil ’ die 

der r i kllI 1 S r.. der Zeit -“ Wir empfinden es alle, daß 

al V ?l u f, Wohltat für das Seelenleben ist, und die dunkle 

mtbeü S daß dof fr7 “ ’f ‘ ? offeilbar das Vorurteil nid t 
seTne WouLt^pYnZ em61 ’ is ‘- d ““ d » Schlaf 

Der originellste und weitgehendste Versuch den Traum in« 

ZenWten h" f dM d “ ** -s’t im Sei iS stand 

,S ‘ dei ' T °" Scherner^)1861 unter- 
stie-pn ^til i • i Schorn er s, m einem schwülen und schwül- 
def Op geschrieben, von einer nahezu trunkenen Begeisterung für 

den Gegenstand getragen, die abstoßend wirken muß, wenn sie "nicht 


60 


I. Literatur der Traumprobleme. 


mit sich fortzureißen vermag, setzt einer Analyse solche Schwierig- 
keiten entgegen, daß wir bereitwillig nach der klareren und kürzeren 
Darstellung greifen, in welcher der Philosoph Volkelt 72 ) die Lehren 
Sclierners uns vorführt. „Es blitzt und leuchtet wohl aus den 
mystischen Zusammenballungen, aus all dem Pracht- und Glanzgewoge 
ein ahnungsvoller Schein von Sinn heraus, allein hell werden hie- 
durch des Philosophen Pfade nicht.“ Solche Beurteilung findet die 
Darstellung Scherners seihst hei seinem Anhänger. 

Scherner gehört nicht zu den Autoren, welche der Seele ge- 
statten, ihre Fähigkeiten unverringert ins Traumleben mitzunehmen. 
Er führt selbst aus, wie im Traume die Zentralität, die Spontanenergie 
des Ich entnervt wird, wie infolge dieser Dezentralisation Erkennen, 
Fühlen, Wollen und Vorstellen verändert werden, und wie den Über- 
bleibseln dieser Seelenkräfte kein wahrer Geistcharakter, sondern nur 
noch die Natur eines Mechanismus zukommt. Aber dafür schwingt 
sich im Traume die als Phantasie zu benennende Tätigkeit der 
Seele, frei von aller Verstandesherrschaft und damit der strengen 
Maße* ledig, zur unbeschränkten Herrschaft auf. Sie nimmt zwar 
die letzten Bausteine aus dem Gedächtnis des Wachens, aber führt 
aus ihnen Gebäude auf, die von den Gebilden des Wachens hirnmel- 
weit verschieden sind, sie zeigt sich im Traume nicht nur reproduktiv, 
sondern auch produktiv. Ihre Eigentümlichkeiten verleihen dem 
Traumleben seine besonderen Charaktere. Sie zeigt eine \ orliebe 
für das Ungemessene, Übertriebene, Ungeheuerliche. 
Zugleich aber gewinnt sie durch die Befreiung von den hinderlichen 
Denkkategorien eine größere Schmiegsamkeit, Behendigkeit, endungs 
lu st * sie ist aufs feinste empfindsam für die zarten Stimmungsreize 
des Gemüts, für die wühlerischen Affekte, sie bildet sofort das inneie 
Leben in die äußere plastische Anschaulichkeit hinein. Der iraum- 
phantasie fehlt die Begriffssprache; wjis sie sagen will, muß 
sie anschaulich hinmalen, und da der Begriff hier nicht schwächend 
einwirkt, malt sie es in Fülle, Kraft und Größe der Anschauungs- 
form hin. Ihre Sprache wird hiedurch, so deutlich sie ist, weitläufig, 
schwerfällig, unbeholfen. Besonders erschwert wird die Deutlichkeit 
ihrer Sprache dadurch, daß sie die Abneigung hat, ein Objekt durch 
sein eigentliches Bild auszudrücken und lieber ein fremdes Bild 
wählt, insofern dieses nur dasjenige Moment des Objekts, an dessen 
Darstellung ihr liegt, durch sich auszudrücken im stände ist. Das 
ist die symbolisierende Tätigkeit der Phantasie Sehr 

wichtig ist ferner, daß die Traumphantasie die Gegenstände nicht 
erschöpfend, sondern nur in ihrem Umriß und diesen m freiestei 
Weise nachbildet. Ihre Malereien erscheinen daher wie genial hm- 
gehaucht. Die Tranmphantasie bleibt aber nicht bei dei bloßen 
Hinstellung des Gegenstandes stehen, sondern s;e ist mir erbe] ^ notl ^ 
das Traum-Ich mehr oder weniger mit ihm zu 

eine Handlung zu erzeugen. Der Gesichtsreiztraum z. B. malt Gold 


Die Traumphantasie. 


61 


der Träumer sammelt sie, freut sich, 


trägt 


stücke auf die Straße; 
sie davon. 

Das Material, an welchem die Traumphantasie ihre künstleiische 

keAt vollzieht, ist rmeh Sp ll P rn d r ArwA« /I A 1 i • 


Tätigkeit vollzieht, ist nach Scherner vorwiegend das der bei 
Tag so dunklen, organischen Leibreize (vgl. p. 25), so daß in der 
Annahme der Traumquellen und Traumerreger die allzu phantastische 
Theorie Scherners und die vielleicht übernüchterne Lehre W u n d t s 
und anderer Physiologen, die sich sonst wie Antipoden zueinander 
verhalten, sich hier völlig decken. Aber während nach der physio- 
logischen Theorie die seelische Reaktion auf die inneren Leibreize 
mit der Erweckung von irgend zu ihnen passenden Vorstellungen 
erschöpft ist, die dann einige andere Vorstellungen auf dem We°-e 
der Assoziation sich zur Hilfe rufen, und mit diesem Stadium die 
Verfolgung der psychischen Vorgänge des Traumes beendigt scheint 
geben die Leibreize nach Scherner der Seele nur ein Material! 
das sie ihren phantastischen Absichten dienstbar machen kann. Die 
Iraumbildung fhngt für Scherner dort erst an, wo sie für den 
•Blick der anderen versiegt. 

Zweckmäßig wird man freilich nicht finden können, was die 
1 raumphantasie mit den Leibreizen vornimmt. Sie treibt ein neckendes 
Spiel, mit ihnen, stellt sich die Organquelle, aus der die Reize im 
betreffenden Traume stammen, in irgend einer plastischen Symbolik 

J° r * Ja , p v er rr ner m ® lüt > wonn Volkelt und andere ihm nicht 
tolgen, daß die Traumphantasie eine bestimmte Lieblingsdarstellung 
für den ganzen Organismus habe; diese wäre das Haus Sie scS 
sich aber zum Glück für ihre Darstellungen nicht an diesen Stoff zu 
'^7 ^ann auch um gekehrt ganze Reihen von Häusern benützen, 

ft™ Z ZiT S -l 0rffan 1 5 ezeic J 1 r n 1 e11 ’ z * B - sehr lail ge Häuserstraßen 
, u \ Eingeweidereiz. Andere Male stellen einzelne Teile des Hauses 

DeckZ- emZ y ne Kör P? tei h dar > 80 z - B - ^ Kopfschmerztraum ^ die 
Decke eines Zimmers (welche der Träumer mit ekelhaften kröten 
artigen Spinnen bedeckt sieht) den Kopf te 

Geo-ensäck 1 ',,? n Sy Vlf ik werden beliebige andere 

KürZZ Darstellung der den Traumreiz ausschickenden 

”^em t Ae“sen L T Lfä 

pfeife "Sen die ann/l r , ^ ? nd “- Klarinette und ’ Tabake“ 

t“ “»“lieben Gliedes, der Pelz 
Schrit-f-pno-A i 1 * ^^hchen Geschlechtstraume kann sich die 

hSu ^ ™Sre° nSC ' d “ ch einen schmale“ 

mitten durch den JfofVtine'riil 0, | le weibliche Scheide durch einen 

aum führenden, schlüpfrig weichen, sehr schmalen 


62 


L. Literatur der Traumprobleme. 


Fußpfad symbolisieren, den die Träumerin wandeln muß, um etwa 
einen Brief zu einem Herrn zu tragen“ (Volkelt p. 39). Besonders 
wichtig ist es, daß am Schlüsse eines solchen Leibreiztraumes die 
Traumphantasie sich sozusagen demaskiert, indem sie das erregende 
Organ oder dessen Funktion unverhüllt hinstellt. So schließt der 
„Zahnreiztraum“ gewöhnlich damit, daß der Träumer sich einen Zahn 
aus dem Munde nimmt. 

Die Traumphantasie kann ihre Aufmerksamkeit aber nicht bloß 
der Form des erregenden Organs zuwenden, sie kann ebensowohl 
die in ihm enthaltene Substanz zum Objekt der Symbolisierung nehmen. 
So führt z. B. der Eingeweidereiztraum durch kotige Straßen, der 
Harnreiztraum an schäumendes Wasser. Oder der Reiz als solcher, 
die Art seiner Erregtheit, das Objekt, das er begehrt, werden sym- 
bolisch dargestellt oder das Traum-Ich tritt in konkrete Verbindung 
mit den Symbolisierungen des eigenen Zustandes, z. B. wenn wir bei 
Schmerzreizen uns mit beißenden Hunden oder tobenden Stieren ver- 
zweifelt balgen oder die Träumerin sich im Geschlechtstraume von 
einem nackten Manne verfolgt sieht. Von all dem möglichen 
Reichtum in der Ausführung abgesehen, bleibt eine symbolisierende 
Phantasietätigkeit als die Zentralkraft eines jeden Traumes bestehen. 
In den Charakter dieser Phantasie näher einzudringen, der so erkannten 
psychischen Tätigkeit ihre Stellung in einem System philosophischer 
Gedanken anzuweisen, versuchte dann Volkelt 7 -) in seinem schön 
und warm geschriebenen Buche, das aber allzu schwer verständlich 
für jeden bleibt, der nicht durch frühe Schulung für das ahnungsvolle 
Erfassen philosophischer Begriffsschemen vorbereitet ist. 

Eine nützliche Funktion ist mit der Betätigung der symboli- 
sierenden Phantasie Scherner’s in den Träumen nicht verbunden. 
Die Seele spielt träumend mit den ihr dargebotenen Reizen. Man 
könnte auf die Vermutung kommen, daß sie unartig spielt. Man 
könnte aber auch an uns die Frage richten, ob unsere eingebende 
Beschäftigung mit Scherners Thorie des T. raumes zu ligen 
etwas Nützlichem führen kann, deren AN illkürlichkeit und Loy- 
gebundenheit von den Regeln aller Forschung doch allzu augeniällig 
scheint. Da wäre es denn am Platze, gegen eine Verwerfung der 
Lehre Scherners vor aller Prüfung als allzu hochmütig ein Veto 
einzulegen. Diese Lehre baut sich auf dem Eindruck auf den 
jemand von seinen Träumen empfing, der ihnen große Aufmerksam- 
keit schenkte, und der persönlich sehr wohl verlanlagt scheint, dunklen 
seelischen Dingen liachzuspüren. Sie handelt ferner von einem Gegen- 
stand, der den Menschen durch Jahrtausende rätselhaft, wohl aber 
zugleich inhalts- und beziehungsreich erschienen ist, und zu dessen 
Erhellung die gestrenge Wissenschaft, wie sie selbst bekennt, nie 1 
viel anderes beigetragen hat, als daß sie im \ ollen Jegensa z zur 
populären Empfindung dem Objekt Inhalt und Bedeutsam ^ei a zu 
sprechen versuchte. Endlich wollen wir uns ehrlich sagen, daß e: 




63 


Beziehungen zwischen Traum und Psychosen. 

den Anschein hat, wir könnten bei den Versuchen, den Traum auf* 
zuklären, der Phantastik nicht leicht entgehen. Es gibt auch Gan- 
glienzellen-Phantastik ; die p. 54 zitierte Stelle eines nüchternen und 
exakten Forschers wie Binz, 4 ) welche schildert, wie die Aurora des 
Erwachens über die eingeschlafenen Zellhaufen der Hirnrinde hin- 
zielit, steht an Phantastik und an — Unwahrscheinlichkeit hinter den 
Schern ersehen Deutungsversuchen nicht zurück. Ich hoffe zeigen 
zu können, daß hinter den letzteren etwas Reelles steckt, das alfer- 
dings nur verschwommen erkannt worden ist und nicht den Charakter 
der Allgemeinheit besitzt, auf den eine Theorie des Traumes Anspruch 
erheben kann. Vorläufig kann uns die Schern er sehe Theorie des 
1 raumes m ihrem Gegensatz zur medizinischen etwa vor Aue-en 
führen, zwischen welchen Extremen die Erklärung des Traumlebens 
heute noch unsicher schwankt. 

Ä) Beziehungen zwischen Traum und Geistes- 
krankheiten. 

Wer von den Beziehungen des Traumes zu den Geistesstörungen 
spricht, kann dreierlei meinen: 1. ätiologische und klinische Be- 

ziehungen etwa wenn ein Traum einen psychotischen Zustand ver- 
tiitt, einleitet oder nach ihm erübrigt. 2. Veränderungen, die das 
laumleben im h alle der Geisteskranlch eiten erleidet. 3. Innere Be- 
ziehung-en zuuschen Traum und Psychosen, Analogien, die auf Wesens- 

Ät '*”■ PP“" ““"««en Beziehungen zwischen 
jrV® ,A , V 'f, Ph “ no “ le,len s "".l in früheren Zeiten der 

Medizin und m der Gegenwart von neuem wieder — ein Lieblinws- 

thema ärztlicher Autoren gewesen, wie die bei Spitta 64 ) Rad°e- 

fp!« 6 V’l x lmc * T i s s ] 6 6S ) gesammelte Literatur des 

Gegenstandes lehrt. Jüngst hat Sante de Sanctis >”) diesem 

un““a tSn“ wivf 1 “ fme f ka ? mk6i ‘ J zugewendet. Dem Interesse 
bloß zu streifen. ° 8 enu S eil > ' leI1 bedeutsamen Gegenstand 

T Zu d , ei L kl “rischen und ätiologischen Beziehungen zwischen 
Traum und Psychosen will ich folgende Beobachtungen <ds Pandio- 
mata mitteilen. Hohnbaum berichtet (bei Kiat?ss4 daß d fr 

Die Psychose kann mit denf wllwn, de >» 

enthaltenden Traum mit einem Schlage ‘ 


die wahn hafte 
Leben treten 


Erklärung 


durch weitere Träume ' lH l ~ nS . Leben treten od er sich 

langsam entwickeln, in eincm lfof v<af Tf S ™ z " käni l’ f ™ haben, 
au den era-reifomlen T„ ?“ cle . Sanctis schlossen sich 


weiterer KtiS 'f* m 

Tissi4 > ™ ÄI12J 


64 


I. Literatur der Traumprobleme. 


zur Folge hatte. Hier wird uns der Traum als Ätiologie der Geistes- 


störung vorgeführt, obwohl wir dem Tatbestand ebenso Rechnung 
tragen, wenn wir aussagen, die geistige Störung habe ihre erste 
Äußerung am Traumleben gezeigt, sei im Traume zuerst durchge- 
brochen. In anderen Beispielen enthält das Traumleben die krank- 
haften Symptome, oder die Psychose bleibt aufs Traumleben einge- 
schränkt. So macht T ko m a y e r 70 ) auf Angstträume aufmerksam, 
die als Äquivalente von epileptischen Anfällen aufgefaßt werden 
müssen. Allison hat nächtliche Geisteskrankheit (nocturnal insanitv) . 
beschrieben (nach Radestock), bei der die Individuen tagsüber an- 
scheinend vollkommen gesund sind, während bei Nacht regelmäßig 
Halluzinationen, Tobsuchtsanfälle u. dgl. aultreten. Ähnliche Beobachtungen 
bei de Sanctis (paranoisches Traumäquivalent bei einem Alkoholiker, 

Stimmen, die die Ehefrau der Untreue beschuldigen); bei Tissie. 

T i s s i 6 bringt aus neuerer Zeit eine reiche Anzahl von Beobachtungen, in 
denen Handlungen pathologischen Charakters (aus W ahnvoraussetzungen. 
Zwangimpulse) sich aus Träumen ableiten. Guislain beschreibt 
einen Fall, in dem der Schlaf durch ein intermittierendes Irresein er- 
setzt war. , 

Es ist wohl kein Zweifel, daß eines Tages neben der ^ Psycho- 
logie des Traumes eine Psychopathologie des Traumes die Ärzte be- 
schäftigen wird. 

Besonders deutlich wird es häufig in Fällen von Genesung nach 
Geisteskrankheit, daß bei gesunder Funktion am Tage das Tiaum- 
leben noch der Psychose angehören kann. Gregory soll auf dieses 
Vorkommen zuerst aufmerksam gemacht haben (nach krauss ). 
Macario (bei TissiÄ) erzählt von einem Maniacus, der eine Woche 
nach seiner völligen Herstellung in Träumen die Ideenflucht und die 
leidenschaftlichen Antriebe seiner Krankheit wieder erlebte. 


Über die Veränderungen, welche das Traumleben bei dauernd 
erführt, sind bis letzt nur sehr wenige Untersuchungen 



Traum uud Psychose. — Die Wunscherfüllun». 


65 


Psychologie :« , 
uns 


In 


der Tat können wir im Traume fast alle Erschei- 
nungen, die uns in den Irrenhäusern begegnen, selber durchleben.“ 
Die einzelnen Übereinstimmungen, auf Grund deren eine solche 
Gleichstellung sich dem Urteil empfiehlt, zählt Spitta 64 ) (übrigens 
sehr ähnlich wie Maury) in folgender Reihe auf: „1. Aufhebung 

oder doch Retardation des Selbstbewußtseins, infolgedessen Unkenntnis 
über den Zustand als solchen, also Unmöglichkeit des Erstaunens 
Mangel des moralischen Bewußtseins. 2. Modifizierte Perzeption der 
Sinnesorgane, und zwar im Traume verminderte, im Wahnsinn im 
allgemeinen sehr gesteigerte. 3. Verbindung der Vorstellungen unter- 
einander lediglich nach den Gesetzen der Assoziation und Reproduktion 
also automatische Reihenbildung, daher Unproportionalität der Ver- 
lältnisse zwischen den Vorstellungen (Übertreibungen, Phantasmen) 
und aus alle dem resultierend 4. Veränderung beziehungsweise Um- 
’eirung der Persönlichkeit und zuweilen der Eigentümlichkeiten des 
Charakters (Perversitäten).“ 

Radestock fügt noch einige Züge hinzu, Analogien im Ma- 
e \!. a , ; Gebiete des Gesichts- und Gehörsinnes und des Gemein- 
getuüls hndet man die meisten Halluzinationen und Illusionen Die 
wenigsten Elemente liefern wie beim Traume der Geruchs- und Ge- 
sc macksinn. — Dem Fieberkranken steigen in den Delirien wie dem 
wlT eD i Q Erinnerungen aus langer Vergangenheit auf; was der 
Ä Gesunde vergessen zu haben schien, dessen erinnert 
pCh dcr Schlafende und Kranke.« - Die Analogie von Traum und 
Psychose erhält erst dadurch ihren vollen Wert, daß sie sich wie eine 

. la die f ' eme l re Mimik und bis auf einzelne Auf- 
fälligkeiten des Gesichtsausdruckes erstreckt 

der T?ST r.W iC n n n nä «**•««> Leiden Gequälte- gewährt 
l l 1 ,’ was die Wirklichkeit versagte: Wohlsein und Glück- so 

Größ" S D, a f h i b “ deD ! Geiste3k ranken die lichten Bilder von Glück 

rZ% Erb ‘t enheit Und Eeichtum - Der vermeintliche Besitz von 
Gütern und die imaginäre Erfüllung von Wünschen, deren Verwei- 

?b 0 -abfn°m4lm er i 1 - CL fi Un8 i ^ P s > Tchischen Grund des Irreseins 
. a j machen häufig den Hauptinhalt des Deliriums aus Die Frau 

"sthr^icl^^rTHch f ^l i :b^ r0rt ' 0ntIiCh rei0h > *• ■"*«*«» 

AusfltSug v» GH a esUg 0 er». 8 , t «-r feinsinnigen 

psycholo^heo Theorie def ÄefLd Ter 

o er Schätzung der eigenen geistigen Leistungen, die dem 

Freud, Traumdeutung, 3. Aufl. 


66 


1. Literatur der Traumprobleme. 


nüchternen Urteil als unsinnig erscheinen, findet sich hier wie durt; 
dem rapiden V or stellungsverlauf des Traumes entspricht die 
Ideenflucht der Psychose. Bei beiden fehlt jedes Zeitmaß. Die 
Spaltung der Persönlichkeit im Traume, welche z. B. das 
eigene Wissen auf zwei Personen verteilt, von denen die fremde das 
eigene Ich im Traume korrigiert, ist völlig gleichwertig der bekannten 
Persönlichkeitsteilung bei halluzinatorischer Paranoia ; auch der 
Träumer hört die eigenen Gedanken von fremden Stimmen vor- 
gebracht. Selbst für die konstanten Wahnideen findet sich eine Ana- 
logie in den stereotyp wiederkehrenden pathologischen Träumen (reve 
obsedan t). — Nach der Genesung von einem Delirium sagen die 
Kranken nicht selten, daß ihnen die ganze Zeit ihrer Krankheit wie 
ein oft nicht unbehaglicher Traum erscheint, ja sie teilen uns mit, 
daß sie gelegentlich noch während der Krankheit geahnt haben, sie 
seien nur in einem Traume befangen, ganz wie es oft im Schlaftraume 

vorkommt. _ , , 

Nach alledem ist es nicht zu verwundern, wenn Kadestock 
seine wie vieler anderer Meinung in den Worten zusammenfaßt, daß 
der Wahnsinn, eine anormale krankhafte Krscheinung als eine 
Steigerung des periodisch wiederkehrenden normalen Traumzustandes 

zu betrachten ist“ (p. 228). . 

Noch inniger vielleicht, als es durch diese Analogie der sich 
äußernden Phänomene möglich ist, hat Krauss 39 )die Verwandtschaft 
von Traum und Wahnsinn in der Ätiologie (vielmehr: in den Kr- 
reo-ungsquellen) begründen wollen. Das beiden gemeinschaftliche 
Grundelement ist nach ihm, wie wir gehört haben, die organisch 
bedingte Empfindung, die Leibreizsensation, das durch Beitrage 
von allen Organen her zustande gekommene Gememgefuhl (vgl. 

Peisse bei Maury 48 ), (p. 52). . . n . 

Die nicht zu bestreitende, bis in charakteristische Einzelheiten 

reichende Übereinstimmung von Traum uud Geistesstörung gehört zu 
den stärksten Stützen der medizinischen Theorie des Traumlebens, 
nach welcher sich der Traum als ein unnützer und störender \ organg 
und als Ausdruck einer herabgesetzten Seelentätigkeit darstellt. Man 
wird indes nicht erwarten können, die endgültige Aufklai ung über 
den Traum von den Seelenstörungen her zu empfangen, w es a 1- 
tremein bekannt ist, in welch unbefriedigendem Zustand unsere Einsic lt 
m den Hergang der letzteren sich befindet. M ohl aber ist es valn- 
seheinlicli, daß eine veränderte Auffassung des Traumes uuscie 
Meinungen über den inneren Mechanismus der Geistesstörungen mit- 
beeinflussen muß, und so dürfen wir sagen, daß wir an dei Au^L r, 
der Psychosen arbeiten, wenn wir uns bemühen, das Geheimnis de 

Traumes aufzuliellen. 

(Es bedarf einer Rechtfertigung, dttB ich die Literatur der Tranm- 
probleinc nicht auch Uber den Zeitabschnitt vom ersten Erschauen 


Die Literatur seit 1900. 


67 


bis zur zweiten Auflage dieses Buches tortgeführt habe. Dieselbe mag 
dem Leser wenig befriedigend erscheinen; ich bin nichtsdestoweniger 
durch sie bestimmt worden. Die Motive, die mich überhaupt zu einer 
Darstellung der Behandlung des Traumes in der Literatur veranlaßt 
hatten, waren mit der vorstehenden Einleitung erschöpft, eine Fort- 
setzung dieser Arbeit hatte mich außerordentliche Bemühung gekostet 
und — sehr wenig Nutzen oder Belehrung gebracht. Denn der in 
Rede stehende Zeitraum von neun Jahren hat weder an tatsächlichem 
Material noch an Gesichtspunkten für die Auffassung des Traumes 
Neues oder Wertvolles gebracht. Meine Arbeit ist in den meisten seither 
veröffentlichten Publikationen unerwähnt und unberücksichtigt ge- 
blieben; am wenigsten Beachtung hat sie natürlich bei den sog. 
„liaum forsch ern gefunden, die von der dem wissenschaftlichen 
Menschen eigenen Abneigung, etwas Neues zu erlernen, hiemit ein 
g änzendes Beispiel gegeben haben. „Lessavants ne sont pas curieux,“ 
meint der Spötter Anatole France. W T enn es in der Wissenschaft 
ein Recht zur Revanche gibt, so wäre ich wohl berechtigt, auch 
meinerseits die Literatur seit dem Erscheinen dieses Buches zu ver- 
nachiassigen. Die wenigen Berichterstattungen, die sich in wissen- 
scJiattbchen Journalen gezeigt haben, sind so voll von Unverstand und 
J 1 ^erständmssen, daß ich den Kritikern mit nichts anderem als mit 
V 61 ' n ^ f f orderun §'j dieses Buch noch einmal zu lesen, antworten könnte. 
Vielleicht durfte die Aufforderung auch lauten: es überhaupt zu lesen, 
v,- - i ln c en A 7 eite ^ jener Arzte, welche sich zur Anwendung des 
pp choanalystischen Heilverfahrens entschlossen haben und anderer 
(Jung, Abraham, Riklin, Muthmann, Steke 1, Rank u. a.), 
^A® Ch A Ch , Träa “ e «röffentlicht un( , nadi meinen Alnveisung J u > 

A V ° rC 6 p- diese Arbeiten tiber die Bestätigung meiner 

- ungen hmausgehen, habe ich deren Ergebnisse in den Zu- 
;™™ wn = n ? emer Darstellung eingetragen. Ein Nachtrag zum 
Literatm Verzeichnis am Ende dieses Buches stellt die wichtigsten 
dieser- !, eueren Veröffentlichungen zusammen. Das reichhaltige Buch 

EmclmfnejA? e ^A lictls Uber die Träume, dem bald nach“ seinen. 

sieh m t L Übersetzung- ins Deutsche zu teil geworden ist, hat 

ihm Z ” • A“»tung,“ zeitlich gekreuzt, so daß ich von 

m“ Ich mX‘ S , 1 I 'i I,men k ,° nDte Wie c,er 1‘alienische Autor von 

arm' an Idee!, sei“" . 6r “fa e “’ <laß seine “'ge Arbeit überaus 

lichkeit der W •’ T Z 11111 ’ man au s ihr nicht einmal die Mög- 
lichkeit der bei mir behandelten Probleme ahnen könnte S 

meine Behain^rT® 1 ' ™ gedenken, die nahe an 

H. S w o b o d a dpr iaam piobleme streifen. Ein j üngerer Philosoph, 

loo-ischen Period Gihi w . u D p r ° ommen hut, die Entdeckung der bio- 
iV;ih Fi- i ( lü Keilien ™n 23 und 28 Tagen) die von 

hat in einer & itlnnf 1 ^ ^ psycbiscbe Geschehen auszudehnen, 

__i_^_emer phantasievollen Schrift*) mit diesem Schlüssel unten’ 

*) H. Sw ob oda, Die Perioden des menschlichen Organismus, 1904. 


68 


I. Literatur der Traumprobleme. 


anderem auch das Rätsel der Träume gelüst. Die Bedeutung der 
Träume wäre dabei zu kurz gekommen ; das Inhaltsmaterial derselben 
würde sich durch das Zusammentreffen all jener Erinnerungen er- 
klären, die in jener Nacht gerade eine der biologischen Perioden zum 
ersten- oder n-tenmal vollenden. Eine persönliche Mitteilung des Autors 
ließ mich zuerst annehmen, daß er selbst diese Lehre nicht mehr 
ernsthaft vertreten wolle. Es scheint, daß ich mich in diesem Schluß 
geirrt habe ; ich werde an anderer Stelle einige Beobachtungen zu 
der Aufstellung S wob oda’s mitteilen, die mir aber ein überzeugendes 
Ergebnis nicht gebracht haben. Bei weitem erfreulicher war mir der 
Zufall, an unerwarteter Stelle eine Auffassung des Traumes zu finden, 
die sich mit dem Kern der meinigen völlig deckt. Die Zeit Verhältnisse 
schließen die Möglichkeit aus, daß jene Äußerung durch die Lektüre 
meines Buches beeinflußt worden sei; ich muß also in ihr die einzige 
in der Literatur nachweisbare Übereinstimmung eines unabhängigen 
Denkers mit dem Wesen meiner Traumlehre begrüßen. Das Buch, 
in dem sich die von mir ins Auge gefaßte Stelle über das Träumen 
findet, ist 1900 in zweiter Auflage unter dem Titel „Phantasien eines 
Realisten“ von Lynkeus veröffentlicht worden. 


II. 


Die Methode der Trau m d e u t u n g. 

Die Analyse eines Traummusters. 

Die Überschrift, die ich meiner Abhandlung gegeben habe, 
läßt erkennen, an welche Tradition in der Auffassung der Träume 
ich anknitpfen möchte. Ich habe mir vorgesetzt zu zeigen, daß 
Träume einer Deutung fähig sind, und Beiträge zur Klärung der 
eben behandelten Traumprobleme werden sich mir nur als etwaiger 
Nebengewinn bei der Erledigung meiner eigentlichen Aufgabe ergeben 
können. Mit der Voraussetzung, daß Träume deutbar sind, trete ich 
sofort in Widerspruch zu der herrschenden Traumlehre, ja zu allen 
Ti aumtheonen mit Ausnahme der Schern ersehen, denn ,, einen 
Traum deuten ' heißt, seinen „Sinn“ angeben, ihn durch etwas er- 
setzen, was sich als vollwichtiges, gleichwertiges Glied in die Ver- 
kettung unserer seelischen Aktionen einfügt. Wie wir erfahren haben 
lassen aber die wissenschaftlichen Theorien des Traumes für ein 
I roblem der Traumdeutung keinen Raum, denn der Traum ist für 
sie überhaupt kein seelischer Akt, sondern ein somatischer Vorgang 
der sich durch Zeichen am seelischen Apparat kundgibt. Anders 
hat sich zu allen Zeiten die Laienmeinung benommen. Sie bedient 
sich ihres guten Rechtes, _ inkonsequent zu verfahren, und obwohl sie 
zugestellt, der Traum sei unverständlich und absurd, kann sie sich 
doch nicht entschließen, dem Traume jede Bedeutung abzusprechen. 

\ on einer dunklen Ahnung geleitet, scheint sie doch anzunehmen, 
er lraum habe einen Sinn, wiewohl einen verborgenen, er sei zum 
Ersätze eines anderen Denkvorganges bestimmt, und es handle sich 
nur arum, diesen Ersatz in richtiger Weise aufzudecken, um zur 
verborgenen Bedeutung des Traumes zu gelangen. 

Die Laien weit hat sich darum von jeher bemüht, den Traum 
zu deuten ‘ und dabei zwei im Wesen verschiedene Methoden ver- 
UC «’ ^ as ( T rste ttieser Verfahren faßt den Trauminhalt als Ganzes 
i - U ^ e u ? c denselben durch einen anderen, verständlichen 

in gewissen Hinsichten analogen Inhalt zu ersetzen. Dies ist die 
symbolische Iraumdeutung; sie scheitert natürlich von vorn- 


70 


II. Methode der Traumdeutung. 


herein an jenen Träumen, welche nicht bloß unverständlich, sondern 
auch verworren erscheinen. Ein Beispiel für ihr Verfahren gibt etwa 
die Auslegung, welche der biblische Josef dem Traume des Pharao 
angedeihen ließ. Sieben fette Kühe, nach denen sieben magere kommen, 
welche die ersteren aufzehren, das ist ein symbolischer Ersatz für die 
Vorhersagung von sieben Hungerjahren im Lande Ägypten, welche 
allen Überfluß aufzehren, den sieben fruchtbare Jahre geschaffen haben. 
Die meisten der artefiziellen Träume, Avelche von Dichtern geschaffen 
wurden, sind für solche symbolische Deutung bestimmt, denn sie geben 
den vom Dichter gefaßten Gedanken in einer Verkleidung wieder, 
die tx\ den aus der Erfahrung bekannten Charakteren unseres Träumens 
passend gefunden wird.*) Die Meinung, der Traum beschäftige sich 
vorwiegend mit der Zukunft, deren Gestaltung er im voraus ahne — 
ein Rest der einst den Träumen zuerkannten prophetischen Bedeutung 

wird dann zum Motiv, den durch symbolische Deutung gefundenen 

Sinn des Traumes durch ein „es wird“ ins Futurum zu versetzen. 

Wie man den Weg zu einer solchen symbolischen Deutung 
findet, dazu läßt sich eine Unterweisung natürlich nicht geben. Das 
Gelingen bleibt Sache des witzigen Einfalls, der unvermittelten In- 
tuition, und darum konnte die Traumdeutung mittels Symbolik sich 
zu einer Kunstübung erheben, die an eine besondere Begabung ge- 
bunden schien.*''") Von solchem Anspruch hält sich die andere der 
populären Methoden der Traumdeutung völlig fern. Man könnte sie 
als die „Chiffriermethode“ bezeichnen, da sie den Traum wie eine 
Art von Geheimschrift behandelt, in der jedes Zeichen nach einem 
feststehenden Schlüssel in ein anderes Zeichen von bekanntet Be- 
deutung übersetzt wird. Ich habe z. B. von einem Briefe geträumt, 
aber auch von einem Leichenbegängnis u. dgl. ; ich sehe^ nun in 
einem „Traumbuche“ nach und finde, daß „Brief" mit „\ erdruß , 
„Leichenbegängnis“ mit „Verlobung“ zu übersetzen ist. Es bleibt 
mir dann überlassen, aus den Schlagworten, die ich entziffert habe, 
einen Zusammenhang herzustellen, den ich wiederum als zukünftig 


*) [in einer Novelle „Gradiva“ des Dichters W. Jensen entdeckte ich 
zufälli"- mehrere artifizielle Träume, die vollkommen korrekt gebildet waren und sich 
deaten° ließen, als wären sie nicht erfunden, sondern von realen Personen getraum 
worden. Der Dichter bestätigte auf Anfrage von meiner Seite, daß ihm meine 
Traumlehre fremd geblieben war. Ich habe diese Übereinstimmung zwischen meiner 
Forschung und dem Schaffen des Dichters als Beweis für die Nichtigkeit meiner 
Traumanalyse verwertet. („Der Wahn und die Träume in W . Jensens r^adiva 
erstes Heft der von mir herausgegebenen „Schriften zur angewandten beeleu- 
kunde“ 190G. — Dr. Alfred Robitsek hat dann gezeigt, daß der Traum de» 
Helden’ in Goetho’s Eg m o n t eine regelrechte Deutung zuläßt wie irgend ein 
selbsterlebter Traum (Die Analyse von Egmouts Traum, Jahrb. von Bleuler 

F **) Nach Abschluß meines Manuskripts ist mir oiue Schrift von Stumpf ’) 
ziige<mngen, die in der Absicht zu erweisen, der Traum sei sinnvoll und deutbar, mit 
meiner Arbeit Zusammentritt!. Die- Deutung geschieht aber mittels einer allegon- 
sioronden Symbolik ohne Gewähr für Allgemeiugültigkeit des A erfahrens. 


Die symbolische und die Chifl'riermethode. 


71 


hinnehme. Eine interessante Abänderung- dieses Chiffrierverfahrens, 
durch welche dessen Charakter als rein mechanische Übertragung 
einigermaßen korrigiert wird, zeigt sich in der Schrift über Traum- 
deutung des Artemidoros aus Daldis. 2 ) Hier wird nicht nur auf den 
Trauminhalt, sondern auch auf die Person und die Lebensumstände 
des Träumers Rücksicht genommen, so daß das nämliche Traum- 
element für den Reichen, den Verheirateten, den Redner andere Be- 
deutung hat als für den Armen, den Ledigen und etwa den Kauf- 
mann. Das Wesentliche an diesem Verfahren ist nun, daß die Deu- 
tungsarbeit nicht auf das ganze des Traumes gerichtet wird, sondern 
auf jedes Stück des Trauminhalts für sich, als ob der Traum ein 
Konglomerat wäre, in dem jeder Brocken Gestein eine besondere 
Bestimmung verlangt. Es sind sicherlich die unzusammenhängenden 
und verworrenen Träume, von denen der Antrieb zur Schöpfung der 
Chiffriermethode ausgegangen ist.'") 

Für die wissenschaftliche Behandlung des Themas kann die 
Unbrauchbarkeit beider populärer Deutungsverfahren des Traumes 
keinen Moment lang zweifelhaft sein. Die symbolische Methode ist in 
ihrer Anwendung beschränkt und keiner allgemeinen Darlegung fähig. 
Bei der Chiffriermethode käme alles darauf an, daß der „Schlüssel“ 4 , 
das Traumbuch, verläßlich wäre, und dafür fehlen alle Garantien. 
Man wäre versucht, den Philosophen und Psychiatern Recht zu geben 
und mit ihnen das Problem der Traumdeutung als eine im aginäre 
Aufgabe zu streichen. 

Allein ich bin eines Besseren belehrt worden. Ich habe einsehen 
müssen, daß hier wiederum einer jener nicht seltenen Fälle vorliegt, 
m denen ein uralter, hartnäckig festgehaltener V olksglaube der Wahr- 
heit der Dinge näher gekommen zu sein scheint als das Urteil der 


*) [Dr. Alf. Kobitsek macht mich darauf aufmerksam, daß die orientalischeu 
Iraumbüeber, von denen die unserigen klägliche Abklatsche sind, die Deutung der 
Iraumelemente meist nach dem Gleichklaug uud der Ähnlichkeit der Worte vor- 
nehmen. Da diese Verwandtschaften bei der Übersetzung in unsere Sprache verloren 
gohen müssen, würde daher die Unbegreiflichkeit der Ersetzungen in unseren 
popu ären „ Traumbüchern u stammen. — Über diese außerordentliche Bedeutuucr des 
Wortspiels und der Wortspielerei in den alteu orientalischen Kulturen mag man°sich 
aus den Schriften Hugo W in c k 1 er s unterrichten. Das schönste Beispiel einer Traum- 
deutung welches uns aus dem Altertum überliefert ist, beruht aut einer Wortspielerei. 
Artemidoros-) erzählt [p. 255]: „Es scheint mir aber auch Arista ndros dem 

I G v a ° L°f Von ? Makedonien eine gar glückliche Auslegung gegeben zu haben, 

‘ , . r ^ ein göSchlossen hielt und belagerte und wegen des großen Zeit- 

seinem Und hc trübt, das Gefühl hatte, er sehe einen Satyr os auf 
und ^ fe r b i‘ l 6 zufilll, S befand s icb Ari standros in der Nähe von Tyros 

in re) 111 ^T * 1 * - 6 d ® S K ? m " S > der dl e Syrier bekriegte. Indem er nun das Wort Satyros 
lLmr ,n A " 4 ° 5 Z , erlegte ’ bewirkte er, daß der König die Belagerung nachdrück- 
Ty o l i Uh nahn b 80 ddjß er Herr der Stadt wurde.“ [Sd-Vipo* = dein ist 
fLL.iATd h d n ? d * lr ‘? um 30 inni S am sprachlichen Ausdruck, daß 
si.raehe Ft m KeCh . • ben ? erk ^ U kann ’ jede S l ,raebe habe ihre eigene Traum- 

Bueh wie rl>f ^ raam 18 , 111 der Regel unübersetzbar iu andere Sprachen und eiu 
J>ueh wie das vorliegende darum auch]. 


72 


II. Methode der Traumdeutung. 


heilte geltenden Wissenschaft. Ich muß behaupten, daß der Traum 
wirklich eine Bedeutung hat und daß ein wissenschaftliches Verfahren 
der Traumdeutung möglich ist. Zur Kenntnis dieses Verfahrens bin 
ich auf folgende Weise gelangt : 

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Auflösung ge- 
wisser psyeliopathologischer Gebilde, der hysterischen Phobien, der 
Zwangsvorstellungen u. a. in therapeutischer Absicht; seitdem ich 
nämlich aus einer bedeutsamen Mitteilung von Josef Breuer weiß, 
daß für diese als Krankheitssymptome empfundenen Bildungen Auf- 
lösung und Lösung in eines zusammenfailen. *) Hat man eine solche 
pathologische Vorstellung auf die Elemente zurückführen können, aus 
denen sie im Seelenleben des Kranken hervorgegangen ist, so ist 
diese auch zerfallen, der Kranke von ihr befreit. Bei der Ohnmacht 
unserer sonstigen therapeutischen Bestrebungen und angesichts der 
Rätselhaftigkeit dieser Zustände erschien es mir verlockend, auf dem 
von Breuer eingeschlagenen Wege trotz aller Schwierigkeiten bis 
zur vollen Aufklärung vorzudringen. Wie sich die Technik des Ver- 
fahrens schließlich gestaltet hat, und welches die Ergebnisse der Be- 
mühung gewesen sind, darüber werde ich an anderen Orten aus- 
führlich Bericht zu erstatten haben. Im Verlaufe dieser psychoana- 
lytischen Studien geriet ich auf die Traumdeutung. Die Patienten, 
die ich verpflichtet hatte, mir alle Einfälle und Gedanken mitzuteilen, 
die sich ihnen zu einem bestimmten Thema aufdrängten, erzählten 
mir ihre Träume und lehrten mich so, daß ein Traum in die psy- 
chische Verkettung eingeschoben sein kann, die von einer patho- 
logischen Idee her nach rückwärts in der Erinnerung zu verfolgen 
ist Es lag nun nahe, den Traum selbst wie ein Symptom zu be- 
handeln und die für letztere ausgearbeitete Methode der Deutung auf 
ihn anzuwenden. 

Dazu bedarf es nun einer gewissen psychischen Vorbereitung 
des Kranken. Man strebt zweierlei bei ihm an, eine Steigerung seiner 
Aufmerksamkeit für seine psychischen Wahrnehmungen und eine Aus- 
schaltung der Kritik, mit der er die ihm auftauchenden Gedanken 
sonst zu sichten pflegt. Zum Zwecke seiner Selbstbeobachtung mit 
gesammelter Aufmerksamkeit ist es vorteilhaft, daß er eine ruhige 
Lage einnimmt und die Augen schließt; den Verzicht auf die 
Kritik der wahrgenommenen Gedankenbildungen muß man ihm 
ausdrücklich auferlegen. Man sagt ihm also, der Erfolg der Psycho- 
analyse hänge davon ab, daß er alles beachtet und mitteilt, was 
ihm durch den Sinn geht, und nicht etwa sich verleiten läßt, den 
einen Einfall zu unterdrücken, weil er ihm unwichtig oder nicht 
zum Thema gehörig, den anderen, weil er ihm unsinnig erscheint. 
Er müsse sich völlig unparteiisch gegen seine Einfälle verhalten; 
denn gerade an dieser Kritik läge es, wenn es ihm sonst nicht ge- 


*) Breuer und Freud, Studien über Hysterie, Wien 1S95, 2. Aufl., 1909. 


Psychische Vorbereitung zur Traumdeutung. 


73 


länge, die gesuchte Auflösung des Traumes, der Zwangsidee u d<d 
zu finden. 

Bei den psychoanalytischen Arbeiten habe ich gemerkt, daß 
die psychische Verfassung des Mannes, welcher nachdenkt, ’ eine 
ganz andere ist als die desjenigen, welcher seine psychischen Vor- 
gänge beobachtet. Beim Nachdenken tritt eine psychische Aktion 
mehr ins Spiel als bei der aufmerksamsten Selbstbeobachtung, wie es 
auch die gespannte Miene und die in Falten gezogene Stirn des 
Nachdenklichen im Gegensatz zur mimischen Kühe des Selbst- 
beobachters erweist. In beiden Fällen muß eine Sammlung der Auf- 
merksamkeit vorhanden sein, aber der Nachdenkende tibt außerdem 
eine Kritik aus, infolge deren er einen Teil der ihm aufsteigen- 
den Einfälle verwirft, nachdem er sie wahrgenommen hat, andere 
kurz abbricht, so daß er den Gedankenwegen nicht folgt, welche sie 
eröffnen würden, und gegen noch andere Gedanken weiß er sich so 
zu benehmen, daß sie überhaupt nicht bewußt, also vor ihrer Wahr- 
nehmung unterdrückt werden. Der Selbstbeobachter hingegen hat 
nur die Mühe, die Kritik zu unterdrücken; gelingt ihm dies, so 
dim ®* ne Unzahl von Einfällen zum Bewußtsein, die sonst 
unfaßbar geblieben wären. Mit Hilfe dieses für die Selbstwahr- 
ne imung neu gewonnenen Materials läßt sich die Deutung der patho- 
logischen Ideen sowie der Traumgebilde vollziehen. Wie man sieht 
anclelt es sich darum, einen psychischen Zustand herzustellen, der 
mit dem vor dem Einschlafen (und sicherlich auch mit dem hypno- 
tischen) eme gewisse Analogie in der Verteilung der psychischen 

Energie (der beweglichen Aufmerksamkeit) gemein hat. Beim Ein- 

schlafen treten die „ungewollten Vorstellungen“ hervor durch den 
acia euer gewissen willkürlichen (und gewiß auch kritischen) 

' ion, die wir auf den Ablauf unserer Vorstellungen ein wirken 
lassen; als den Grund dieses Nachlasses pflegen wir „Ermüdung-“ 
anzugeben; die auftauchenden ungewollten Vorstellungen verwandeln 
vn 1 cj Yf e 6 lmd ‘‘(Bustische Bilder. (Vergleiche die Bemerkungen 
m?n ^ Ch i ei f*macher«) Seite 34.) Bei dem Zustand, den 

riekJT Ana Y e , de , r , Träume und Pathologischen Ideen benützt, ver- 
zich et man absichtlich und willkürlich auf jene Aktivität und ver- 

zm ^ aufmrrkY Part %r PS r i hlSChe ? ner S ie (° der ein Stück derselben) 

Ged^ken k rl ^ Vei S lgU ^ der J etzt auftauchenden ungewollten 
wedanken, die ihren Charakter als Vorstellungen (dies der Unter- 

so h die ge fn n dGn / l l lf and \f m Einschlafen ) beibehalten. Man macht 
rn£ k ew ° 1] . ten Vorstellungen zu „gewollten“. 

Einfälle mi/v^ Y' dert r Einstedun g auf anscheinend „freisteigende“ 
manchen Per ^ dl . e . sonst g e g en die se geübte Kritik scheint 
danken“ nfl ^ ni(dlt leicht zu werden. Die „ungewollten Ge- 

hinderu will ? T h f tl ^ st . e “ Widerstand, der sie am Auftauchen 

' Ve T Wir aber lmserem Dichter- 

^ ’ 1 ei Glauben schenken, muß eine ganz ähnliche 


74 


II. Methode der Traumdeutung. 


Einstellung’ auch die Bedingung der dichterischen Produktion ent- 
halten. An einer Stelle seines Briefwechsels mit Körner, deren 
Aufspürung Herrn Otto Rank zu danken ist, antwortet Schiller 
auf die Klage seines Freundes über seine mangelnde Produktivität: 
,,Der Grund deiner Klagen liegt, wie mir scheint, in dem Zwange, 
den dein Verstand deiner Imagination auflegt. Ich muß hier einen 
Gedanken hinwerfen und ihn durch ein Gleichnis versinnlichen. 
Es scheint nicht gut und dem Schöpfungswerke der Seele nachteilig 
zu sein, wenn der Verstand die zuströmenden Ideen, gleichsam an den 
Toren schon, zu scharf mustert. Eine Idee kann, isoliert betrachtet, 
sehr unbeträchtlich und sehr abenteuerlich sein, aber vielleicht wird 
sie durch eine, die nach ihr kommt, wichtig, vielleicht kann sie in einer 
gewissen Verbindung mit anderen, die vielleicht ebenso abgeschmackt 
scheinen, ein sehr zweckmäßiges Glied abgeben: Alles das kann 

der Verstand nicht beurteilen, wenn er sie nicht so lange festhält, bis 
er sie in Verbindung mit diesen anderen angeschaut hat. Bei einem 
schöpferischen Kopfe hingegen däuclit mir, hat der Verstand seine 
Wache von den Toren zurückgezogen, die Ideen stürzen pele-mele 
herein, und alsdann erst übersieht und mustert er den großen Haufen. 

Ihr Herren Kritiker, und wie ihr Euch sonst nennt, schämt oder 

fürchtet Euch vor dem augenblicklichen, vorübergehenden Wahn- 
witze. der sich bei allen eigenen Schöpfern findet und dessen längere 
oder kürzere Dauer den denkenden Künstler von dem I raumer 
unterscheidet. Daher Eure Klagen über Unfruchtbarkeit, weil Ihr zu 
früh verwerft und zu strenge sondert“ (Brief vom 1. Dezember l<bb). 

Und doch ist ein „solches Zurückziehen der Wache von den 
Toren des Verstandes“, wie Schiller es nennt, ein derartiges sich 
in den Zustand der kritiklosen Selbstbeobachtung Versetzen keines- 


wegs schwer.] 

Die meisten meiner Patienten bringen es nach der ersten Unter- 
weisung zu stände-, ich selbst kann es sehr vollkommen, wenn ich 
mich dabei durch Niederschreiben meiner Einfälle unterstütze. Dei 
Betrag von psychischer Energie, um den man so die kritische latig- 
keit herabsetzt, und mit welchem man die Intensität der Selbst 
beobaclitung erhöhen kann, schwankt erheblich je nach dem Ilienia, 
Avelches von der Aufmerksamkeit fixiert werden soll. 

Der erste Schritt bei der Anwendung dieses Verfahrens lehrt nun. 
daß man nicht den Traum als Ganzes, sondern nur die einzelnen 
Teilstücke seines Inhalts zum Objekt dev Aufmerksamkeit 
darf Frage ich den noch nicht eingeübten Patienten: V as fällt Ihnen 
zu diesem Traume ein? so weiß er in der Regel nichts m seinem 
geistigen Blickfelde zu erfassen. Ich muß ihm den l ramii zcibtnc 
vorlegen, daun liefert er mir zu jedem Stücke eine Reihe \on i Ein- 
fällen^ die man als die „Hintergedanken* dieser ^ 

zeichnen kann. In dieser ersten wichtigen Bedingung aa eicht ako die 


Schwierigkeiten des Materials. 


75 


von mir geübte Methode der Traumdeutung bereits von der populären, 
historisch und sagenhaft berühmten Methode der Deutung durch Sym- 
bolik ab und nähert sich der zweiten, der „Chiffriermethode“. Sie ist 
wie diese eine Deutung en detail, nicht en müsse; wie diese faßt sie 
den Traum von vornherein als etwas Zusammengesetztes, als ein 
Konglomerat von psychischen Bildungen auf. 

Im Verlaufe meiner Psychoanalysen bei Neurotikern habe ich 
wohl bereits viele tausend Träume zur Deutung gebracht, aber dieses 
Material möchte ich hier nicht zur Einführung in die Technik und 
Lehre der Traumdeutung verwenden. Ganz abgesehen davon, daß 
ich mich dem Ein wand aussetzen würde, es seien ja die Träume von 
Neuropathen, die einen Rückschluß auf die Träume gesunder 
Menschen nicht gestatten, nötigt mich ein anderer Grund zu deren 
Verwerfung. Das Thema, auf welches diese Träume zielen, ist 
natürlich immer die Krankheitsgeschichte, welche der Neurose zu 
Grunde liegt. Hiedurch würde für jeden Traum ein überlanger Vor- 
bericht und ein Eindringen in das Wesen und die ätiologischen 
Bedingungen der Psychoneurosen erforderlich, Dinge, die an und für 
sich neu und im höchsten Grade befremdlich sind und so die Auf- 
merksamkeit vom Traumproblem ablenken würden. Meine Absicht 
geht vielmehr dahin, in der Traumauflösung eine Vorarbeit für die 
Erschließung der schwierigeren Probleme der Neurosenpsychologie 
zu schaffen. Verzichte ich aber auf die Träume der Neurotiker 
mein Hauptmaterial, so darf ich gegen den Rest nicht allzu wählerisch 
verfahren. Es bleiben nur noch jene Träume, die mir gelegentlich 
von gesunden Personen meiner Bekanntschaft erzählt Avorden sind 
oder die ich als Beispiele in der Literatur über das Traumleben ver- 
zeichnet finde. Leider geht mir bei all diesen Träumen die Analvse 
ab, ohne aa 7 eiche ich den Sinn des Traumes nicht finden kann. Mein 
\ erfahren ist ja nicht so bequem Avie das der populären Chiffrier- 
metliode, Avelche den gegebenen Trauminhalt nach einem fixierten 
Schlüssel übersetzt; ich bin vielmehr gefaßt darauf, das derselbe 
lraummhalt bei verschiedenen Personen und in verschiedenem Zu- 
sammenhang auch einen anderen Sinn verbergen mag. Somit bin 
ich auf meine eigenen Träume angeiviesen als auf ein reichliches 
und bequemes Material, das von einer ungefähr normalen Person 
iSf Sich auf mannigfache Anlässe des täglichen Lebens 

snh'w' QU 11 , A T d T slcherlich Zweifel in die Verläßlichkeit 
“»“^1 entgegensetzen. Die Willkür sei dabei keines- 

bel Ö der C7h h i 0SS i en 'i^ aCh 1 memem Urteile degcn die Verhältnisse 
ändert . t ^ elle1 ’ S Uns % er als bei der Beobachtung 

deutunp- 5 w “T V6rSl l chen > ™ man in der Trauin- 

ichTn dCr - Selbst f al .Y sc reicht. Andere Sclwierigkeiten habe 

liehe S 0 “ 1 o ei ST? lünern ZU üb ?rwinden. Man hat eine begreif- 
weiß sie], i ’i - 0Vie , Intimes ans seinem Seelenleben preiszugeben, 
sich dabei auch nicht gesichert vor der Mißdeutung der Fremden. 


7(5 


II. Analyse eines Traummusters. 


Aber darüber muß man sich hinaussetzen können. „Tout psvcho- 
logiste u schreibt Delboeuf, 20 ) „est obligö de faire l’aveu meine de 
ses faiblesses s’il croit par lä jeter du iour sur quelque probleme 
obscure.“ Und auch beim Leser, darf ich annehmen, wird das an- 
fängliche Interesse an den Indiskretionen, die ich begehen muß, sehr 
bald der ausschießlichen Vertiefung in die hiedurch beleuchteten 
psychologischen Probleme Platz machen. 

Ich werde also einen meiner eigenen Träume hervorsuchen und 
an ihm meine Deutungsweise erläutern. Jeder solche Traum macht 
einen Vorbericht nötig. Nun muß ich aber den Leser bitten, für 
eine ganze Weile meine Interessen zu den seinigen zu machen und 
sich mit mir in die kleinsten Einzelheiten meines Lebens zu ver- 
senken, denn solche Übertragung fordert gebieterich das Interesse 
für die versteckte Bedeutung der Träume. 


Vorbericht: Im Sommer 1895 hatte ich eine junge Dame 

psychoanalytisch behandelt, die mir und den Meinigen freundschaft- 
lich sehr nahe stand. Man versteht es, daß solche Vermengung der 
Beziehungen zur Quelle mannigfacher Erregungen für den Arzt werden 
kann, zumal für den Psychotherapeuten. Das persönliche Interesse 
des Arztes ist größer, seine Autorität geringer. Ein Mißerfolg droht 
die alte Freundschaft mit den Angehörigen der Kranken zu lockern. 
Die Kur endete mit einem teilweisen Erfolg, die Patientin verlor 
ihre hysterische Angst, aber nicht alle ihre somatischen Symptome. 
Ich war damals noch nicht recht sicher in den Kriterien, welche die 
endgültige Erledigung einer hysterischen Krankengeschichte bezeichnen, 
und mutete der Patientin eine Lösung zu, die ihr nicht annelimbai 
erschien. In solcher Uneinigkeit brachen wir der Sommerzeit wegen 
die Behandlung ab. — Eines Tages besuchte mich ein jüngerer 
Kollege, einer meiner nächsten Freunde, der die Patientin Iima 
und ihre Familie in ihrem Landaufenthalt besucht hatte. Ich fragte 
ihn, wie er sie gefunden habe, und bekam die Antwort: Es geht ihr 
besser, aber nicht ganz gut. Ich weiß, daß mich diese Worte meines 
Freundes Otto oder der Ton, in dem sie gesprochen waren, ärgerten. 
Ich glaubte einen Vorwurf herauszuhören, etwa daß ich der Patientin 
zu viel versprochen hätte, und führte — ob mit liecht oder Unrecht — 
die vermeintliche Parteinahme Ottos gegen mich auf den Einfluß 
von Angehörigen der Kranken zurück, die, wie ich annahm, meine 
Behandlung nie gern gesehen hatten. Übrigens wurde mir meine 
peinliche Empfindung nicht klar, ich gab ihr auck keinen Ausdruck. 
Am selben Abend schrieb ich noch die Krankengeschichte Irmas 
nieder, um sie, wie zu meiner Rechtfertigung, dem Dr. M., einem 
gemeinsamen Freunde, der damals tonangebenden Persönlichkeit ^ in 
unserem Kreise, zu übergeben, ln der auf diesen Abend folgenden 
Nacht (wohl eher am Morgen) hatte ich den nachstehenden iraurn, 
der unmittelbar nach dem Erwachen fixiert v ui de. 


Der Traum von Irmas Injektion. 


77 


T raum vom 23./24. Juli 1 895. 


Eine große Halle — viele Gäste, die wir empfangen. — Unter 
ihnen Irma, die ich sofort bei Seite nehme, um gleichsam ihren Brief 
zu beantworten, ihr Vorwürfe zu machen, daß sie die „Lösung“ 
noch nicht akzeptiert. Ich sage ihr: Wenn du noch Schmerzen hast, 
so ist es wirklich nur deine Schuld. — Sie antwortet: Wenn du 

wüßtest, was ich für Schmerzen jetzt habe im Halse, Magen und 
Leib, es schnürt mich zusammen. — Ich erschrecke und sehe sie an. 


Sie sieht bleich und gedunsen aus; ich denke, am Ende übersehe ich 
da doch etwas Organisches. Ich nehme sie zum Fenster und schaue 
ihr in den Hals. Dabei zeigt sie etwas Sträuben, wie die Frauen, 
die ein künstliches Gebiß .tragen. Ich denke mir, sie hat es doch 
nicht nötig. — Der Mund geht dann auch gut auf und ich finde 
rechts einen großen weißen Fleck und anderwärts sehe ich an merk- 
würdigen krausen Gebilden, die offenbar den Nasenmuscheln nach- 
gebildet sind, ausgedehnte weißgraue Schorfe. — Ich rufe schnell 
Dr. M. hinzu, der die Untersuchung Aviederholt und bestätigt . . . . 
Dr. M. sieht ganz anders aus als sonst; er ist sehr bleich, hinkt, 
ist am Kinn bartlos .... Mein Freund Otto steht jetzt auch neben 
ihr und Freund Leopold perkutiert sie über dem Leibchen und sagt : 
Sie hat eine Dämpfung links unten, weist auch auf eine infiltrierte 
Hautpartie an der linken Schulter hin (was ich trotz des Kleides wie 
ei spüre) • • . • M. sagt: Kein Zweifel, es ist eine Infektion, aber es 
macht nichts; es wird noch Dysenterie hinzukommen und das Gift 
sich ausscheiden .... Wir wissen auch unmittelbar, woher die 
Infektion rührt. Freund Otto hat ihr unlängst, als sie sich unwohl 
fühlte, eine Injektion gegeben mit einem Propylpräparat, Propylen . . . 
Propionsäure .... Trimethylamin (dessen Formel ich fett 
gedruckt vor mir sehe) . . Man macht solche Injektionen nicht so 
leichtfertig . . . Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein. 


Dieser Traum hat vor vielen anderen eines voraus. Es ist 
sofort klar an welche Ereignisse des letzten Tages er anknüpft und 
welches Thema er behandelt Der Vorbericht gibt hierüber Aus- 
kunft. Die Nachricht, die ich von Otto über Irmas Befinden er- 
halten die Krankengeschichte, an der ich bis tief in die Nacht ge- 
bptT<f?\ h q beU . ! nem< , Seelentätigkeit auch während des Schlafes 
Inhnlilf' T irotzdeiu dür £ e niemand, der den Vorbericht und den 
was rlpr Tr Trau ! ne 1 s zur Kenntnis genommen hat, ahnen können, 
aum bedeutet. Ich selbst weiß es auch nicht. Ich wundere 


78 


11. Analyse eines Traummusters. 


mich über die Krankheitssymptome, welche Irma im Traum mir 
klagt, da es nicht dieselben sind, wegen welcher ich sie behandelt 
habe. Ich lächle über die unsinnige Idee einer Injektion mit Propion- 
säure und über den Trost, den Dr. M. ausspricht. Der Traum erscheint 
mir gegen sein Ende hin dunkler und gedrängter, als er zu Beginn 
ist. Um die Bedeutung von alledem zu erfahren, muß ich mich zu 
einer eingehenden Analyse entschließen. 


Anal y se : 

Die Halle — viele Gäste, die wir empfangen. Wir 

wohnten in diesem Sommer auf der Bellevue, einem einzel- 

stehenden Hause auf einem der Hügel, die sich an den Kahlenberg 
anschließen. Dies Haus war ehemals zu einem Vergnügungslokal 
bestimmt, hat hievon die ungewöhnlich hohen, hallenförmigen Käume. 
Der Traum ist auch auf der Bellevue vorgefallen, und zwar wenige 
Tage vor dem Geburtsfeste meiner Frau. Am Tage hatte meine 

Frau die Erwartung ausgesprochen, zu ihrem Geburtstage würden 

mehrere Freunde, und darunter auch Irma, als Geäste zu uns kommen. 
Mein Traum antizipiert also diese Situation : Es ist der Geburtstag 

meiner Frau und viele Leute, darunter Irma, werden von uns als 
Gäste in der großen Halle der Bellevue empfangen. 

Ich mache Irma Vorwürfe, daß sie die Lösung 
nicht akzeptiert hat; ich sage: W e n n du noch Schmer- 
zen hast, ist es deine eigene Schuld. Das hätte ich ihr auch 
im Wachen sagen können oder habe es ihr gesagt. Ich hatte damals 
die (später als unrichtig erkannte) Meinung, daß meine Aufgabe sich 
darin erschöpfe, den Kranken den verborgenen Sinn ihrer Symptome 
mitzuteilen ; ob sie diese Lösung dann annehmen oder nicht, wovon 
der Erfolg abhängt, dafür sei ich nicht mehr verantwortlich. Ich bm 
diesem jefzt glücklich überwundenen Irrtum dankbar dafür, daß er 
mir die Existenz zu einer Zeit erleichtert, da ich in all meiner um er- 
meidlichen Ignoranz Heilerfolge produzieren sollte. Ich merke aber 
an dem Satze, den ich im Traume zu Irma spreche, daß ich vor allem 
nicht Schuld sein will an den Schmerzen, die sie noch hat. Venn 
es Irmas eigene Schuld ist, dann kann es nicht meine sein. Sollte in 
dieser Richtung die Absicht des Traumes zu suchen sein? 

Irmas Klagen; Schmerzen im Halse, Leibe und 
M a g e n, es schnürt sie zusammen. Schmerzen im Magen 
gehörten zum SymptoniKomplex meiner Patientin, sie waren aber 
nicht sehr vordringlich; sie klagte eher über Emptinduugen von Übel- 
keit und Ekel. Schmerzen im Halse, im Leibe. Schnüren in der lven e 
spielten bei ihr kaum eine Rolle. Ich wundere mich warum ich 
mich zu dieser Auswahl der Symptome mi Traume entschlossen habe, 
kann es auch für den Moment nicht finden. 

Sie sieht bleich und gedunsen aus. 


Der Traum von Irmas Injektion. 


79 


Meine Patientin war immer rosig. Ich vermute, daß sieh liier 
eine andere Person ihr unterschiebt. 

Ich erschrecke im Gedanken, daß ich doch eine 
organische Affektion übersehen habe. 

Wie mau mir gern glauben wird, eine nie erlöschende Angst 
beim Spezialisten, der fast ausschließlich Neurotiker sieht und der so 
viele Erscheinungen auf Hysterie zu schieben gewohnt ist, welche 
andere Arzte als organisch behandeln. Anderseits beschleicht mich — 
ich weiß nicht woher — ein leiser Zweifel, ob mein Erschrecken 
ganz ehrlich ist. Wenn die Schmerzen Irmas organisch begründet 
sind, so bin ich wiederum zu deren Heilung nicht verpflichtet. Meine 
Kur bessitigt ja nur hysterische Schmerzen. Es kommt mir also 
eigentlich vor, als sollte ich einen Irrtum in der Diagnose wünschen; 
dann wäre der Vorwurf des Mißerfolges auch beseitigt. 

Ich nehme sie zum Fenster, um ihr in den Hals zu 
sehen. Sie sträubt sich ein wenig wie die Frauen, die 
falsche Zähne tragen. Ich denke mir, sie hat es ja doch 
nicht nötig. 

Bei Irma hatte ich niemals Anlaß, die Mundhöhle zu inspizieren. 
Der Vorgang im Traume erinnert mich an die vor einiger Zeit vor- 
genommene Untersuchung einer Gouvernante, die zunächst den Ein- 
druck von jugendlicher Schönheit gemacht hatte, beim Öffnen des 
Mundes aber gewisse Anstalten traf, um ihr Gebiß zu verbergen. An 
diesen Fall knüpfen sich andere Erinnerungen an ärztliche Unter- 
suchungen und an kleine Geheimnisse, die dabei, keinem von beiden 
zur Lust, enthüllt werden. — Sie hat es doch nicht nötig, ist wohl 
zunächst ein Kompliment für Irma; ich vermute aber noch eine 
andere Bedeutung. Man fühlt es bei aufmerksamer Analyse, ob man 
che zu erwartenden Hintergedanken erschöpft hat oder nicht. Die 
rt, wie Iima. beim lenster steht, erinnert mich plötzlich an ein 
anderes Erlebnis. Irma besitzt eine intime Freundin, die ich sehr 
hoch schätze. Als ich eines Abends bei ihr einen Besuch machte, 
fand ich sie m der im Traume reproduzierten Situation beim Fenster 
und ihr Arzt, derselbe Dr. M., erklärte, daß sie einen diphtheritischen 
Belag habe Die Person des Dr. M. und der Belag kehren ja im 
I ortgang des 1 raumes wieder. Jetzt fällt mir ein, daß ich in den 
etzten Monaten allen Grund bekommen habe, von dieser anderen 
anzun ® hmen > sie sei gleichfalls hysterisch. Ja, Irma selbst hat 
es mir verraten. Vas weiß ich aber von ihren Zuständen? Gerade 

T rnnlT’ C t i hysterischen Würgen leidet wie meine Irma im 

FrPnnlr ♦ habe also im Traume meine Patientin durch ihre 
I reundm ersetzt. Jetzt erinnere ich mich, ich habe oft mit der Ver- 

nehmef ^ ? ame könnte mich gleichfalls in Anspruch 

rEnn t u l rl lhr T S y m P t . ömen zu befreien. Ich hielt es aber 
Natur 6 <=f- . l | ^^hrschemlich, denn sie ist von sehr zurückhaltender 

> ic s raubt sich, wie es der Traum zeigt. Eine andere 


80 


II. Analyse eines Traummusters. 


Erklärung wäre, daß sie es nicht nötig hat; sie hat sich wirklich 
bisher stark genug gezeigt, ihre Zustände ohne fremde Hilfe zu be- 
herrschen. Nun sind nur noch einige Züge übrig, die ich weder bei 
Irma noch hei ihrer Freundin unterbringen kann: bleich, gedunsen, 
falsche Zähne. Die falschen Zähne führten mich auf jene Gouvernante; 
ich fühle mich nun geneigt, mich mit schlechten Zähnen zu begnügen. 
Dann fallt mir eine an dere Person ein, auf welche j ene Z üge anspielen können. 
Sie ist gleichfalls nicht meine Patientin und ich möchte sie nicht zur 
Patientin haben, da ich gemerkt habe, daß sie sich vor mir geniert 
und ich sie für keine gefügige Kranke halte. Sie ist für gewöhnlich 
bleich und als sie einmal eine besonders gute Zeit hatte, war sie 
gedunsen.*) Ich habe also meine Patientin Irma mit zwei anderen 
Personen verglichen, die sich gleichfalls der Behandlung sträuben 
würden. Was kann es für Sinn haben, daß ich sie im Traume mit 
ihrer Freundin vertauscht habe? Etwa, daß ich sie vertauschen 
möchte ; die andere erweckt entweder bei mir stärkere Sympathien 
oder, ich habe eine höhere Meinung von ihrer Intelligenz. Ich halte 
nämlich Irma für unklug, weil sie meine Lösung nicht akzeptiert. 
Die andere wäre klüger, würde also eher nachgeben. Der Mund 
geht dann auch gut auf; sie würde mehr erzählen als I r m a.**) 

Was ich im Halse sehe: einen weißen Fleck und 

verse liorfte Nasenmuscheln. 

Der weiße Fleck erinnert an Diphtheritis und somit an Irmas 
Freundin, außerdem aber an die schwere Erkrankung meiner ältesten 
Tochter vor nahezu zwei Jahren und an all den Schreck jener bösen 
Zeit. Die Schorfe an den Nasenmuscheln mahnen an eine Sorge um 
meine eigene Gesundheit. Ich gebrauchte damals häufig Kokain, um 
lästige Nasenschwellungen zu unterdrücken, und hatte vor wenigen 
Tagen gehört, daß eine Patientin, die es mir gleich tat, sich eine 
ausgedehnte Nekrose der Nasenschleimhaut zugezogen hatte. Die 
Empfehlung des Kokains, die 1885 von mir ausging, hat mir auch 
schwerwiegende Vorwürfe eingetragen. Ein teurer, 189.) schon ver- 
storbener Freund hatte durch den Mißbrauch dieses Mittels seinen 
Untergang beschleunigt. 

Ich rufe schnell Dr. M. hinzu, der die Untersuchung 
wied er ho lt. 


*) Auf diese dritte Person läßt sich auch die noch unaufgeklärte Klage über 
Schmerzen im Leibe zurückfiihreu. Es handelt sich natürlich um meine eigene 
Frau; die Loibschmerzen erinnern mich an einen der Anlässe, bei denen ihre Scheu 
mir deutlich wurde. Ich muß mir eingestehen, daß ich Irma und meine Iran in 
diesem Traume nicht sehr liebenswürdig behandle, aber zu meiner Entschuldigung 
sei bemerkt, daß ich beide am Ideal der braven, gefügigen Patientin messe _ 

**) Ich ahne, daß die Deutung dieses Stückes nicht weit genug geführt ut, 
um allem verborgenen Sinne zu folgen. Wollte ich die \ergeicmng er rei rauen 
fortsetzen, so käme ich weit ab. - Jeder Traun» hat mindestens eine Stelle an 
welcher er unergründlich ist, gleichsam einen Nabel, durch cm er mi em 
erkannten Zusammenhänge. 


Der Traum vou Irmas Injektion. 


81 


Das entspräche einfach der Stellung, die M. unter uns einnahm. 
Aber das „schnell“ ist auffällig genug, um eine besondere Erklärung 
zu fordern. Es erinnert mich an ein trauriges ärztliches Erlebnis. 
Ich hatte einmal durch die fortgesetzte Ordination eines Mittels, 
welches damals noch als harmlos galt (Sulfonal), eine schwere Intoxi- 
kation bei einer Kranken hervorgerufen und wandte mich dann eiligst 
an den erfahrenen älteren Kollegen um Beistand. Daß ich diesen 
Fall wirklich im Auge habe, wird durch einen Nebenumstand er- 
härtet. Die Kranke, welche der Intoxikation erlag, führte denselben 
Namen wie meine älteste Tochter. Ich hatte bis jetzt niemals daran 
gedacht; jetzt kömmt es mir beinahe wie eine Schicksalsvergeltuno- 
vor. Als sollte sich die Ersetzung der Personen in anderem Sinne 
hier fortsetzen ; diese Mathilde für jene Mathilde; Aug’ um Auo-’ 
Zahn um Zahn. Es ist, als ob ich alle Gelegenheiten hervorsuch te* 
aus denen ich mir den Vorwurf mangelnder ärztlicher Gewissenhaftig- 
keit machen kann. 

Dr. M. ist bleich, ohne Bart am Kinn und hinkt. 

Davon ist soviel richtig, daß sein schlechtes Aussehen häufig die 
Sorge seiner Freunde erweckt. Die beiden anderen Charaktere 
müssen einer anderen Person angehören. Es fällt mir mein im Aus- 
land lebender älterer Bruder ein, der das Kinn rasiert trägt und dem 
wenn ich mich recht erinnere, der M. des Traumes im ganzen ähnlich 
sah. Uber ihn kam vor einigen Tagen die Nachricht, daß er wegen 
einer arthntischen Erkrankung in der Hüfte hinke. Es muß einen 
Grund haben, daß ich die beiden Personen im Traume zu einer 
einzigen verschmelze. Ich erinnere mich wirklich, daß ich o- e o-en 
beide aus ähnlichen Gründen mißgestimmt war. Beide hatten einen 
gewissen Vorschlag, den ich ihnen in der letzten Zeit gemacht hatte 
zurückgewiesen. 


Freund Otto stehtjetztbei der Kranken und Freund 
Leopold untersucht sie und weist eine Dänin fu ng links 
unten nach. ö 

Freund Leopold ist gleichfalls Arzt, ein Verwandter von Otto. 
Das .Schicksal hat die beiden, da sie dieselbe Spezialität ausüben zu 
Konkurrenten gemacht, die man beständig miteinander vergleicht 
Sie haben mir beide Jahre hindurch assistiert, als ich noch eine öffentliche 
Urdmation für nervenkranke Kinder leitete. Szenen wie die im 
I raume reproduzierte, haben sich dort oftmals zugetragen. Während 
ich mit Otto über die Diagnose eines Falles debattierte, hatte Leopold 
das Kmd neuerdings untersucht und einen unerwarteten Beitrag zur 
Entscheidung beigebracht. Es bestand eben zwischen ihnen "eine 
«inniiche Lharakterverschiedenheit wie zwischen dem Inspektor Brasil 
und seinem Freunde Karl. Der eine tat sich durch „Fixigkeit“ 
ieh T r m 6r and ^ e wai \ L ™S sam > bedächtig, aber gründlich. Wenn 

ütr,, TraUme 0t i t0 i Und den vorsichti ö en Leopold einander gegen- 
Uberstelle, so geschieht es offenbar, um Leopold herauszustreichen. 


Freud, Traumdeutung. 3. Aufl. 


82 


II Analyse eines Traummusters. 


Es ist ein ähnliches Vergleichen wie oben zwischen der unfolgsamen 
Patientin Irma und ihrer für klüger gehaltenen Freundin. Ich merke 
jetzt auch eines der Geleise, auf denen sich die Gedankenverbindung 
{ m Traume fortschiebt : vom kranken Kinde zum Kinderkranken- 
institut. — Die Dämpfung links unten macht mir den Eindruck, als 
entspräche sie allen Details eines einzelnen Falles, in dem mich Leo- 
pold durch seine Gründlichkeit frappiert hat. Es schwebt mir außer- 
dem etwas vor wie eine metastatische Affektion, aber es könnte 
auch eine Beziehung zu der Patientin sein, die ich an Stelle von 
Irma haben möchte. Diese Dame imitiert nämlich, soweit ich es über- 
sehen kann, eine Tuberkulose. 

Eine infiltrierte Hautpartie an der linken Schulter. 

Ich weiß sofort, das ist mein eigener Schulterrheumatismus, den 
ich regelmäßig verspüre, wenn ich bis tief in die Nacht wach geblieben 
bin. Der Wortlaut im Traume klingt auch so zweideutig: was 

ich -wie er spüre. Am eigenen Körper spüre, ist gemeint. 

Übrigens fällt mir auf, wie ungewöhnlich die Bezeichnung „infiltrierte 
Hautpartie“ klingt. An die „Infiltration links hinten oben“ sind wir 
gewöhnt; die bezöge sich auf die Lunge und somit wieder auf 

Tuberkulose. . T ,. , u 

Trotz des Kleides. Das ist allerding nur eine Einschaltung. 
Die Kinder im Krankeninstitut untersuchten wir natürlich entkleidet ; 
es ist irgend ein Gegensatz zur Art, wie man erwachsene weibliche 
Patienten untersuchen muß. Von einem hervorragenden Kliniker 
pflegte man zu erzählen, daß er seine Patienten nur durch die Kleidei 
physikalisch untersucht habe. Das Weitere ist mir dunkel, ich habe, 
offen gesagt, keine Neigung, mich hier tiefer einzulassen. 

Dr. M. sagt: Es ist eine Infektion, aber es macht 

nichts. Es wird noch Dysenterie hinzukommen und 

das Gift sich ausscheiden. . 

Das erscheint mir zuerst lächerlich, muß aber doch, wie alles 
andere, sorgfältig zerlegt werden. Näher betrachtet, zeigt es doe 
eine Art von Sinn. Was ich an der Patientin gefunden habe, yar 
eine lokale Diphtheritis. Aus der Zeit der Erkrankung meiner 
Tochter erinnere ich mich an die Diskussion über Diphtheritis und 
Diphtherie. Letztere ist die Allgemeininfektion, che von der lokalen 
Diphtheritis ausgeht. Eine solche Allgemeimnfektioii weist Leopold 
durch die Dämpfung nach, welche also am metastatische Heide denken 
läßt. Ich glaube zwar, daß gerade bei Diphtherie derartige Metastasen 
nicht Vorkommen. Sie erinnern mich eher an 1 yanne. 

Es macht nichts, ist ein Trost Ich meine, e fügt _ sich 

folgendermaßen ein: Das letzte Stück des 1 raumes hat den Inhal 

gebracht, daß die Schmerzen der Patientin 

nischen Affektion herrühren. Es ahnt mir, daß ich auch tourt i 
die Schuld von mir abwälzen will. Für den I ortbestand diphthen ti 
scher Leiden kann die psychische Kur nicht verantwortlich gemacht 


Der Traum vou Irmas Injektion. 


83 


werden. Nun geniert es mich doch, daß ich Irma ein so schweres 
Leiden andichte, einzig und allein, um mich zu entlasten. Es sieht 
so grausam aus. Ich brauche also eine Versicherung des guten Aus- 
ganges und es scheint mir nicht übel gewählt, daß ich den Trost 
gerade der Person des Dr. M. in den Mund lege. Ich erhebe mich 
aber hier über den Traum, was der Aufklärung bedarf. 

Warum ist dieser Trost aber so unsinnig? 

Dysenterie: Irgend eine fernliegende theoretische Vorstellung, 
daß Krankheitsstoffe durch den Darm entfernt werden können. Will 
ich mich damit über den Reichtum des Dr. M. an weit hergeholten 
Erklärungen, sonderbaren pathologischen Verknüpfungen lustig 
machen? Zu Dysenterie fällt mir noch etwas anderes ein. Vor einigen 
Monaten hatte ich einen jungen Mann mit merkwürdigen Stuhl- 
beschwerden übernommen, den andere Kollegen als einen Fall von 
..Anämie mit Unterernährung“ behandelt hatten. Ich erkannte, daß 
es sich um eine Hysterie handle, wollte meine Psychotherapie ? nicht 
an ihm versuchen und schickte ihn auf eine Seereise. Nun bekam 
ich vor einigen Tagen einen verzweifelten Brief von ihm aus Ägypten, 
daß er dort einen neuen Anfall durchgemacht, den der Arzt für 
Dysenterie erklärt habe. Ich vermute zwar, die Diagnose ist nur ein 
Irrtum des unwissenden Kollegen, der sich von der Hysterie äffen 
läßt; aber ich konnte mir doch die Vorwürfe nicht ersparen, daß ich 
am ^f ran k" en i u die Lage versetzt, sich zu seiner hysterischen Darm- 
aftektion etwa noch eine organische zu holen. Dysenterie klingt 
ferner an Diphtherie an, welcher Name fff im Traume nicht 
genannt wird. 

Ja es muß so sein, daß ich mich mit der tröstlichen Prognose: 
Ls wird noch Dysenterie hinzukommen u. s. w. über Dr. M. lusti°- 
mache, denn ich entsinne mich, daß er mir einmal vor Jahren etwas 
ganz Ähnliches von einem anderen Kollegen lachend erzählt hat. Er 
war zur Konsultation mit diesem Kollegen bei einem schwer Kranken 
berufen worden und fühlte sich veranlaßt, dem anderen, der sehr 
hoffnungsfreudig schien, vorzuhalten, daß er beim Patienten Eiweiß 
im Harne finde. Der Kollege ließ sich aber nicht irre machen, 
sondern antwortete beruhigt: Das macht nichts, Herr Kollege 

tlL' ElWe }?™ d f c n h . Ausscheiden! - Fs ist mir also nidit ' 
mehr zweifelhaft, daß in diesem Stück des Traumes ein Hohn auf die 
der Hysterie unwissenden Kollegen enthalten ist. Wie zur Bestätigung 
fahrt mir jetzt durch den Sinn: Weiß denn Dr. M., daß die Er- 

TnSTF “ )ei f . Sei 1 ner P f tientin ’ der Freundin Irmas, welche eine 
lubeikulose befürchten lassen, auch auf Hysterie beruhen? Hat er 
diese Hysterie erkannt oder ist er ihr „aufgesessen“? 

zu beb Ldeln 9 n tlV - ^ icl - haben ’ diesen Freund so schlecht 

* behandeln ? Das ist sehr einfach: Dr. M. ist mit meiner „Lösung“ 

diesen! T™, ei * verstandei b ™ Irma selbst. Ich habe also ln 

lesem I raume bereits an zwei Personen Rache genommen, an Irma 


84 


II. Analyse eines Traummusters. 


mit den Worten: Wenn du noch Schmerzen hast, ist es deine eigene 
Schuld, und an Dr. M. mit dem Wortlaute der ihm in den Mund 
gelegten unsinnigen Tröstung. 

Wir wissen unmittelbar, woher die Infektion rührt. 
Dies unmittelbare Wissen im Traume ist sehr merkwürdig. Eben 
vorhin wußten wir es noch nicht, da die Infektion erst durch Leopold 
nachgewiesen wurde. 

Freund Otto hat ihr, als sie sich unwohl fühlte, 
eine Injektion gegeben. Otto hatte wirklich erzählt, daß er in 
der kurzen Zeit seiner Anwesenheit bei Irinas Familie ins benach- 
barte Hotel geholt wurde, um dort jemandem, der sich plötz- 
lich unwohl fühlte, eine Injektion zu machen. Die Injektionen er- 
innern mich wieder an den unglücklichen Freund, der sich mit 
Kokain vergiftet hat. Ich habe ihm das Mittel nur zur internen 
Anwendung während der Morphiumentziehung geraten; er machte 
sich aber unverzüglich Kokaininjektionen. 

Mit einem Propylpräparat . . . Propylen . . . Pro- 
pionsäure. Wie komme ich nur dazu? Am selben Abend, nach 
welchem ich an der Krankengeschichte geschrieben und darauf ge- 
träumt hatte, öffnete meine Frau eine Flasche Likör, auf welcher 
„Ananas“*) zu lesen stand, und die ein Geschenk unseres Freundes 
Otto war. Er hat nämlich die Gewohnheit, bei allen möglichen An- 
lässen zu schenken; hoffentlich wird er einmal durch eine Frau davon 
kuriert.**) Diesem Likör entströmte ein solcher Fuselgeruch, daß ich 
mich weigerte, davon zu kosten. Meine Frau meinte: Diese Flasche 
schenken wir den Dienstleuten, und ich, noch vorsichtiger, untersagte 
es mit der menschenfreundlichen Bemerkung, sie sollen sich auch 
nicht vergiften. Der Fuselgeruch (Amyl . . .) hat nun offenbar bei 
mir die Erinnerung an die ganze Reihe: Propyl, Methyl u. s. w. 

geweckt, die für den Traum die Propylenpräparate lieferte. Ich habe 
dabei allerdings eine Substitution vorgenommen, Propyl geträumt, 
nachdem ich Amyl gerochen, aber derartige Substitutionen sind viel- 
leicht gerade in der organischen Chemie gestattet. 

Trimethylamin. Von diesem Körper sehe ich im Traume 
die chemische Formel, was jedenfalls eine große Anstrengung meines 
Gedächtnisses bezeugt, und zwar ist die Formel fett gedruckt, als 
wollte man aus dem Kontext etwas als ganz besonders wichtig heraus- 
heben. Worauf führt mich nun Trimethylamin, auf das ich in 
solcher Weise aufmerksam gemacht werde ? Auf ein Gespräch mit 
einem anderen Freunde, der seit Jahren um all meine keimenden 


’) „Ananas“ enthält übrigens einen merkwürdigen Auklang an den Familien- 
namen meiner Patientin Irma. 

*») [Hierin erwies sich dieser Traum nicht als prophetisch. _ In anderem 
Sinno behielt er Recht, denn die „ungelösten“ Magenbeschwerden meiner Pa J* en ‘ ,u ’ 
an denen ich nicht Schuld haben wollte, waren die t orläufer eines ernsthaften 
Gallensteinleidens.] 


Der Traum von Irinas Injektion. 


85 


Arbeiten weiß, wie ich um die seinigen. Er hatte mir damals 
gewisse Ideen zu einer Sexualchemie mitgeteilt und unter anderem 
erwähnt, eines der Produkte des Sexualstoffwechsels glaube er im 
Trimethylamin zu erkennen. Dieser Körper führt mich also auf die 
Sexualität, auf jenes Moment, dem ich für die Entstehung der ner- 
vösen Affektionen, welche ich heilen will, die größte Bedeutung bei- 
lege. Meine Patientin Irma ist eine jugendliche Witwe; wenn es 
mir darum zu tun ist, den Mißerfolg der Kur bei ihr zu entschul- 
digen, werde ich mich wohl am besten auf diese Tatsache berufen, 
an welcher ihre Freunde gern ändern möchten. Wie merkwürdig 
übrigens ein solcher Traum gefügt ist! Die andere, welche ich an 
Iimas Statt im Traume als Patientin habe, ist auch eine junge Witwe. 

Ich ahne, warum die Formel Trimethylamin im Traume sicli 
so breit gemacht hat. Es kommt soviel wichtiges in diesem einen 
Horte zusammen: Trimethylamin ist nicht nur eine Anspielung auf 
das übermächtige Moment der Sexualität, sondern auch auf eine 
Person, an deren Zustimmung ich mich mit Befriedigung erinnere, 
wenn ich mich mit meinen Ansichten verlassen fühle. Sollte dieser 
freund, der in meinem Leben eine so große Rolle spielt, in dem 
Gedankenzusammenhang des Traumes weiter nicht Vorkommen ? Doch • 
er ist ein besonderer Kenner der Wirkungen, welche von Affektionen 
der Rase und ihren Nebenhöhlen ausgehen, und hat der Wissenschaft 
emige höchst merkwürdige Beziehungen der Nasenmuscheln zu den 
weiblichen Sexualorganen eröffnet. (Die drei krausen Gebilde im Halse 
? r irma h Ich habe Irma von ihm untersuchen lassen, ob ihre 
liÄwf 2611 etwa nasalen Ursprungs sind. Er leidet aber selbst 
an Raseneiterungen, die n;ir Sorge bereiten, und darauf spielt wohl 
diePyamie an die mir bei den Metastasen des Traumes vorschwebt. 

Man macht solch e Inj ektionen nicht so leichtfertig, 
lei wnd der Vorwurf der Leichtfertigkeit unmittelbar gegen Freund 
Otto geschleudert Ich glaube, etwas Ähnliches habe Ih mir am 

gefm^mi^h zu^he^’ er dnrch Wort und Blick seine Parteinahme 

beeinflussen ^ iH ^ ez ei ^S' e f l schien. Es war etwa: Wie leicht er sich 
beeinflussen laßt, wie leicht er mit seinem Urteile fertio- wird — 

storijenen 1 Freund ”7 der ^stehende Satz wiederum auf den ver- 
Ich hatte Tnfkt- ’ dCr S . lch 1 so rasch zu Kokaininjektionen entschloß, 
sichttt Be d 7 V Z 0 “ Mitt 5 wie 8*»#, ** nicht bealf 

mit jenen chemische (< ~ n 1C ^ S e S en Otto erhebe, leichtfertig 

die Geschichte umzugrehen, merke ich, daß ich wieder 

selbe ^ Vorwurf' T« “^ckhohen Mathilde berühre, aus der der- 

BGiS « 

- ff ÄÄÄ 


86 


II. Analyse eines Traummusteis. 


Lande, und ich hörte über sie, daß sie an einer Venenentzündung 
leide. Ich dachte sofort daran, es handle sich um ein Infiltrat 
durch Verunreinigung der Spritze. Ls ist mein Stolz, daß ich ihr 
in zwei Jahren nicht ein einziges Infiltrat gemacht habe; es ist 
freilich meine beständige Sorge, ob die Spritze auch rein ist. . Ich 
hin eben gewissenhaft. Von der Venenentzündung komme ich wieder 
auf meine Frau, die in einer Schwangerschaft an Venenstauungen 
gelitten, und nun tauchen in meiner Erinnerung drei ähnliche Situ- 
ationen’ mit meiner Frau, mit Irma und der verstorbenen Mathilde 
auf, deren Identität mir offenbar das Recht gegeben hat, die drei 
Personen im Traume füreinander einzusetzen. 


Ich habe nun die Traumdeutung vollendet.*) V ährend dieser 
Arbeit hatte ich Mühe, mich all der Einfälle zu erwehren, zu denen 
der Vergleich zwischen dem Trauminhalt und den dahinter versteckten 
Traumgedanken die Anregung geben mußte. Auch ist mir unterdes 
der „Sinn“ des Traumes aufgegangen. Ich habe eine Absicht gemerkt, 
welche durch den Traum verwirklicht wird und die das Motiv des 
Träumens gewesen sein muß. Der Traum erfüllt einige wünsche, 
welche durch die Ereignisse des letzten Abends (die Aach rieht Ottos, 
die Niederschrift der Krankengeschichte) in mir rege gemacht worden 
sind. Das Ergebnis des Traumes ist nämlich, daß ich nicht bchuld 
bin an dem noch vorhandenen Leiden Irmas, und daß Otto daian 
schuld ist. Nun hat mich Otto durch seine Bemerkung über Irmas 
unvollkommene Heilung geärgert; der Traum rächt mich an ihm. 
indem er den Vorwurf auf ihn selbst zurückwendet. Aon der \ei- 
ant wortung für Irmas Befinden spricht der Traum mich frei, indem 
er dasselbe auf andere Momente (gleich eine ganze Reihe von Be- 
gründungen) zurückführt. Der Traum stellt einen gewissen Sach- 
verhalt so dar, wie ich ihn wünschen mochte; sein Inhalt i* 
also eine Wunscherfttllung, sein Motiv ein V unscli. 

Soviel springt in die Augen. Aber auch von den Details des 
Traumes wird mir manches unter dem Gesichtspunkte der Ilunsch- 
erflillung verständlich. Ich räche mich nicht nur an Otto ful seine 
voreilige Parteinahme gegen mich, indem ich ihm eine voieihge a z 
liehe Handlung zuschiebe (die Injektion), sondern ich nehme auch 
Roche an ihm für den schlechten Likör der nach lusel duftet. 

und ich finde im Traume einen Ausdruck, der beide Wu urfe s eiern 
die Injektion mit einem Propyhmpriipara, Ich hm noch nicht he 
friedigt sondern setze meine Rache fort, indem ich 
verläßlicheren Konkurrenten gegenüberstelle. Ich ^ sc lieme » damit ^ 
sap-eu • Der ist mir lieber als du. Otto ist abei nicht d .' r ., 
difschweie meines Zornes zu fühlen hat. Ich räche mich auch 

*) Wenn ich auch, wie begreiflich, nicht alles nntgeteilt bnbe, "ab nur zu 
Deutungsarbeit eingefallen ist. 


Der Traum von Irmas Injektion. 


87 


an der unfolgsamen Patientin, indem iek sie mit einer klügeren, 
gefügigeren vertausche. Ieh lasse aueh dem Dr. M. seinen Wider- 
spruch nicht ruhig hingehen, sondern drüeke ihm in einer deutlichen 
Anspielung meine Meinung aus, daß er der Sache als ein Unwissen- 
der gegenübersteht („es ward Dysenterie hinzutreten ete.“). Ja, mir 
seheint, ieh appelliere von ihm weg an einen anderen, Besserwissen- 
den (meinen Freund, der mir vom Trimethylamin erzählt hat), 
wie ich von Irma an ihre Freundin, von Otto an Leopold mich 
gewendet habe. Sehafft mir diese Personen weg, ersetzt sie mir 
durch drei andere meiner Wahl, dann bin ich der Vorwürfe ledig, 
die ich nieht verdient haben will! Die Grundlosigkeit dieser Vor- 
würfe selbst wird mir im Traume auf die weitläufigste Art erwiesen. 
Irinas Schmerzen fallen nicht mir zur Last, denn sie ist selber sehuld 
an ihnen, indem sie meine Lösung anzunehmen verweigert. Irmas 
Schmerzen gehen mich nichts an, denn sie sind organischer Natur, 
dureh eine psychische Kur gar nieht heilbar. Irmas Leiden erklären 
sieh befriedigend durch ihre Witwenschaft (Trimethylamin!), woran 
ich ja niehts ändern kann. Irmas Leiden ist durch eine unvor- 
sichtige Injektion von seiten Ottos hervorgerufen worden mit einem 
dazu nieht geeigneten Stoff, wie ich sie nie gemaeht hätte. Irmas 
Leiden rührt von einer Injektion mit unreiner Spritze her wie die 
Venenentzündung meiner alten Dame, während ich bei meinen 
Injektionen niemals etwas anstelle. Ieh merke zwar, diese Er- 
klärungen für Irmas Leiden, die darin Zusammentreffen mich zu 
entlasten, stimmen untereinander nicht zusammen, ja sie schließen 
einander aus. ^ Das ganze Plaidoyer — nichts anderes ist dieser 
Traum erinnert lebhaft an die Verteidigung des Mannes, der 
von seinem Nachbar angeklagt war, ihm einen Kessel in schadhaftem 
Zustand zurüekg'egeben zu haben. Erstens habe er ihn unversehrt 
zurückgebracht, zweitens war der Kessel sehon durchlöchert, wie er 
ihn entlehnte, drittens hatte er nie einen Kessel vom Nachbar ent- 
lehnt. Aber um so besser* wenn nur eine dieser drei Verteidigungs- 
arten stichhaltig erkannt wird, muß der Mann freigesprochen werden. 

Es spielen in den Traum noeli andere Themata hinein, deren 
Beziehung zu meiner Entlastung von Irmas Krankheit nicht so 
duiehsichtig ist : Die Krankheit meiner Toehter und die einer gleich- 
namigen Patientin, die Kokainsehädliehkeit, die Affektion meines in 
»yP terl reisenden Patienten, die Sorge um die Gesundheit meiner 
i 1 aU o mcines Bruders, des Dr. M., meine eigenen Körperbesehwerden, 
c le i orge um den abwesenden Freund, der an Naseneiterungen 
leidet. Doeh wenn ieh all das ins Auge fasse, fügt es sieh zu einem 
einzigen Gedankenkreis zusammmen, etwa mit der Etiquette: Sorge 
um die Gesundheit, eigene und fremde, ärztliche Gewissenhaftigkeit, 
ich erinnere mieh an eine unklare peinliehe Empfindung, als mir 
o die E ach rieht von Irmas Befinden braehte. Aus dem im 
l raume mitspielenden Gedankenkreis möehte ich naehträelieh den 


88 


II. Analyse eines Traummusters. 


Ausdruck für diese flüchtige Empfindung einsetzen. Es ist, als oh er 
mir gesagt hätte: Du nimmst deine ärztlichen Pflichten nicht ernst- 
haft genug, bist nicht gewissenhaft, hältst nicht, was du versprichst. 
Daraufhin hätte sich mir jener Gedankenkreis zur Verfügung 
gestellt, damit ich den Nachweis erbringen könne, in wie hohem 
Grade ich gewissenhaft bin, w r ie sehr mir die Gesundheit meiner 
Angehörigen, Freunde und Patienten am Herzen liegt. Bemerkens- 
werterweise sind unter diesem Gedankenmaterial auch peinliche Er- 
innerungen, die eher für die meinem Freunde Otto zugeschriebene 
Beschuldigung als für meine Entschuldigung sprechen. Das Material 
ist gleichsam unparteiisch, aber der Zusammenhang dieses breiteren 
Stoffes, auf dem der Traum ruht, mit dem engeren Thema des 
Traumes, aus dem der Wunsch hervorgegangen ist, an Irmas Krank- 
heit unschuldig zu sein, ist doch unverkennbar. 

Ich will nicht behaupten, daß ich den Sinn dieses Traumes 
vollständig aufgedeckt habe, daß seine Deutung eine lückenlose ist. 

Ich könnte noch lange bei ihm verweilen, weitere Aufklärungen 
aus ihm entnehmen und neue Rätsel erörtern, die er aufwerfen 
heißt. Ich kenne selbst die Stellen, von denen aus weitere Gedanken- 
zusammenhänge zu verfolgen sind 5 aber Rücksichten, wie sie bei 
jedem eigenen Traume in Betracht kommen, halten mich von der 
Deutungsarbeit ab. Wer mit dem Tadel für solche Reserve rasch 
bei der Hand ist, der möge nur selbst versuchen, aufrichtiger zu 
sein als ich. Ich begnüge mich für den Moment mit der einen neu 
gewonnenen Erkenntnis: Wenn man die hier angezeigte Methode 

der Traumdeutung befolgt, findet man, daß der Traum wirklich 
einen Sinn hat und keineswegs der Ausdruck einer zerbröckelten 
Hirntätigkeit ist, wie die Autoren wollen. Nach vollendeter 
Deutungsarbeit läßt sich der Traum als eine W u n s c h- 
erfüllung erkennen. 


m. 

Der Traum ist eine Wunscherfüllung. 

Wenn man einen engen Hohlweg passiert hat und plötzlich auf 
emer Anhöhe angelangt ist, von welcher aus die Wege sich teilen 
und die reichste Aussicht nach verschiedenen Richtungen sich öffnet 
darf man einen Moment lang verweilen und überlegen, wohin man 
zunächst sich wenden soll. Ähnlich ergeht es uns, nachdem wir 
diese erste Traumdeutung überwunden haben. Wir stehen in der 
Klarheit einer plötzlichen Erkenntnis. Der Traum ist nicht ver- 
gleichbar dem unregelmäßigen Ertönen eines musikalischen Instru- 
ments, das anstatt von der Hand des Spielers von dem Stoß einer 
äußeren Gewalt getroffen wird, er ist nicht sinnlos, nicht absurd, setzt 
nicht voraus, daß em Teil unseres Vorstellungsschatzes schläft, während 
ein anderer zu erwachen beginnt. Er ist ein vollgültiges psychisches 
Phänomen und zwar eine Wunscherfüllung; er ist einfureiUn in den 
Zusammenhang der uns verständlichen seelischen Aktionen des 
Wachens; eine hoch komplizierte intellektuelle Tätigkeit hat ihn 
aufgebaut Aber eine Fülle von Fragen bestürmt uns im gleichen 

Ti ^ ent i ^ A Wir i! mS i dl m 61 ' Erkenntnis freuen wollen. Wenn der 
Tiaum laut Angabe der Traumdeutung einen erfüllten Wunsch dar- 

dfeip woher rührt die auffällige und befremdende Form, in welcher 

mit den^,f 6r T U f g aUs S edrückt ist? Welche Veränderung ist 
Tran! Traum & edanken vorgegangen, bis sich aus ihnen der manifeste 
WeTiJT wir v ltn b f m Erwachen erinnern, gestaltete? Auf welchem 

Material daT e zujm ra T derUDg ^ ^ & e & an & en ? Woher stammt das 
’ 1 T f Um lraume verarbeitet worden ist? Woher rühren 

bemerken L„n£t U ‘l C “z ei B n ’ % ™ “• ^ Traumgedanken 
clürten ? (Die Analogie mit dem Kessel Seite S7 t Kn ™ r P m 

lassen und einen einzigen Weg weiter zTCfelgem ‘ “wir Wn er- 


90 


III. Der Traum ist. eine Wunscherfülluug. 


fahren, daß der Traum einen Wunsch als erfüllt darstellt. Unser 
nächstes Interesse soll es sein zu erkunden, ob dies ein allgemeiner 
Charakter des Traumes ist, oder nur der zufällige Inhalt jenes 
Traumes („von Irmas Injektion“), mit dem unsere Analyse be- 
gonnen hat, denn selbst, wenn wir uns darauf gefaßt machen, daß 
jeder Traum einen Sinn und psychischen Wert hat, müssen wir 
noch die Möglichkeit offen lassen, daß dieser Sinn nicht in jedem 
Traume der nämliche sei. Unser erster Traum war eine Wunsch- 
erfüllung; ein anderer stellt sich vielleicht als eine erfüllte Befürch- 
tung heraus ; ein dritter mag eine Reflexion zum Inhalt haben, ein 
vierter einfach eine Erinnerung reproduzieren. Gibt es also noch 
andere Wunschträume oder gibt es vielleicht nichts anderes als 
Wunsch träume ? 

Es ist leicht zu zeigen, daß die Träume häufig den Charakter 
der Wunscherfüllung un verhüllt erkennen lassen, so daß man sich 
wundern mag, warum die Sprache der Träume nicht schon längst 
ein Verständnis gefunden hat. Da ist z. B. ein Traum, den ich mir 
beliebig oft, gleichsam experimentell, erzeugen kann. Wenn ich am 
Abend Sardellen, Oliven oder sonst stark gesalzene Speisen^ nehme, 
bekomme ich in der Nacht Durst, der mich weckt. Dem Erwachen 
geht aber ein Traum voraus, der jedesmal den gleichen Inhalt hat, 
nämlich, daß ich trinke. Ich schlürfe Wasser in vollen Zügen, es 
schmeckt mir so köstlich, wie nur ein kühler Trunk schmecken 
kann, wenn man verschmachtet ist, und dann erwache ich und muß 
wirklich trinken. Der Anlaß dieses einfachen Traumes ist der 
Durst, den ich ja beim Erwachen verspüre. Aus dieser Empfindung 
geht der Wunsch hervor zu trinken, und diesen W unsch zeigt mir 
der Traum erfüllt. Er dient dabei einer Funktion, die ich bald ei- 
rate. Ich bin ein guter Schläfer, nicht gewöhnt durch ein Bedürfnis 
geweckt zu werden. Wenn es mir gelingt, meinen Durst duich 
den Traum, daß ich trinke, zu beschwichtigen, so brauche ich nicht 
aufzuwachen, um ihn zu befriedigen. Es ist also ein Bequemlichkeits- 
traum. Das Träumen setzt sich an Stelle des Handelns wie auch 
sonst im Leben. Leider ist das Bedürfnis nach Wasser, um den 
Durst zu löschen, nicht mit einem Traume zr befriedigen, wie niem 
Rachedurst gegen Freund Otto und Dr. M., aber der gute W 1 < 
ist der gleiche. Derselbe Traum hat sich unlängst einigermaßen 
modifiziert. Da bekam ich schon vor dem Einschlafen _ ui.T uuc 
trank das Wasserglas leer, das auf dem Kästchen ^ neben meinem 
Bette stand. Einige Stunden später kam in der Nacht ein neuei 
Durstanfall, der seine Unbequemlichkeiten im Gefolge hatte. m um 
Wasser zu verschaffen, hätte ich aufstehen und mir das G as 10 > en 
müssen, welches auf dem Nachtkästchen nieinei Iiau staue, 
träumte also zweckentsprechend, daß meine Iiau niu aus einem 
Gefäße zu trinken gibt; dies Gefäß war ein etruskise ei sc len 
krug, den ich mir von einer italienischen Reise heimgebracht nuct 


Bequemlichkeitsträuuie. 


91 


seither verschenkt hatte. Das Wasser in ihm schmeckte aber so 
salzig (von der Asche offenbar), daß ich erwachen mußte. Man 
merkt, wie bequem der Traum es einzurichten versteht; da Wunscli- 
erfüllung seiue einzige Absicht ist, darf er vollkommen egoistisch 
sein. Liebe zur Bequemlichkeit ist mit .Rücksicht auf andere wirk- 
lich nicht vereinbar. Die Einmengung des Aschenkruges ist wahr- 
scheinlich wieder eine Wunscherfüllung; es tut mir leid, daß ich dies 
Geftiß nicht mehr besitze, wie übrigens auch das Wasserglas aufSeiten 
meiner Frau mir nicht zugänglich ist. Der Aschenkrug paßt sich 
auch der nun stärker gewordenen Sensation des salzigen Geschmacks 
an, von der ich weiß, daß sie mich zum Erwachen zwingen wird.*) 

Solche Bequemlichkeitsträume waren bei mir in j uvenilen Jahren 
sehr häufig. Von jeher gewöhnt, bis tief in die Nacht zu arbeiten, 
war mir das zeitige Erwachen immer eine Schwierigkeit. Ich pflegte 
dann zu träumen, daß ich außer Bett bin und beim Waschtische stehe. 
Nach eine Weile konnte ich mich der Einsicht nicht verschließen, 
daß ich noch nicht aufgestanden bin, hatte aber doch dazwischen eine 
W eile geschlafen. Denselben Trägheitstraum in besonders witziger 
Form kenne ich von einem jungen Kollegen, der meine Schlafneigung 
zu teilen scheint. Die Zimmerfrau, bei der er in der Nähe des Spitals 
wohnte, hatte den strengen Auftrag, ihn jeden Morgen rechtzeitig zu 
wecken, aher auch ihre liebe Not, wenn sie den Auftrag ausführen 
wollte. Eines Morgens war der Schlaf besonders süß. Die Frau rief 
ins Zimmer: Herr Pepi, stehen’ s auf, Sie müssen ins Spital. Darauf- 
mn träumte der Schläfer ein Zimmer im Spital, ein Bett, in dem er 
lag, und eine Kopftafel, auf der zu lesen stand: Pepi II . . . cand. 
med., 22 Jahre. Er sagte sich träumend: Wenn ich also schon im 
öpital bin, brauche ich nicht erst hineinzugehen, wendete sich um 
und schlief weiter. Er hatte sich dabei das Motiv seines Träumens 
unverhohlen eingestanden. 

Ein anderer Traum, dessen Reiz gleichfalls während des Schlafes 
selbst einwirkt: Eine meiner Patientinnen, die sich einer ungünstig 
verlaufenen Kieferoperation hatte unterziehen müssen, sollte nach dem 
unsche der Arzte Tag und Nacht einen Kühlapparat auf der kranken 
W ange tragen, feie pflegte ihn aber wegzuschleudern, sobald sie ein- 
geschlafen war. Eines Tages bat man mich, ihr darüber Vorwürfe 


ii T* .^ aS Sächliche der Dursttrüume war auch Weyn-andt 73- ) bekannt der 

luLe faßt rU sfe r !rtTt ft*™?* t wird am präzisesten Von ’aüen 

auigetaßt. sie erzeugt stets eine Vorstellung des Durstlöschons. - Die Art wie sich 

fieee?dTn m E?„nJ ^ r#t, öschen yorsteDt, ist mannigfaltig und wird nach ein^r nahe 
sich sofort nach de 'v s I )e j! allsle j t - Eine allgemeine Erscheinung ist auch hier, daß 
Wirk rr r . ^Stellung des Durstlöschens eine Enttäuschung über die geringe 

ineinHuLe“ V ™ tl ! c ( hen Erfrischungen ciustellt.“ Er übersieht aber da^Al "ge- 
meingültige ,n der Reaktion des Traumes auf den Reiz. - Wenn andere Perkonen 

SO bedeutet 1 dhw Dl y* tQ be [ allen werden > erwachen, ohne vorher zu träumen,’ 


92 


111. Der Traum ist eine Wunschcrfüllung. 


zu machen ; sie hatte den Apparat Aviederum auf den Boden geworfen. 
Die Kranke verantAvortete sich : „Diesmal kann ich Avirklieh nichts dafür; 
es Aval' die Folge eines Traumes, den ich bei Nacht gehabt. Ich ivar 
im Traume in einer Loge in der Oper und interessierte mich lebhaft 
ftir die Vorstellung. Im Sanatorium aber lag der Herr Karl Meyer 
uncl jammerte fürchterlich vor Kopfschmerzen. Ich habe mir gesagt, 
da ich die Schmerzen nicht habe, brauche ich auch den Apparat nicht; 
darum habe ich ihn weggeworfen.“ Dieser Traum der armen Dul- 
derin klingt Avie die Darstellung einer Redensart, die sich einem in 
unangenehmen Lagen über die Lippen drängt: Ich wüßte mir Avnrklich 
ein besseres Vergnügen. Der Traum zeigt dieses bessere Vergnügen. 
Herr Karl Meyer, dem die Träumerin ihre Schmerzen zuschob, Avar 
der indifferenteste junge Mann ihrer Bekanntschaft, an den sie sich 
erinnern konnte. 

Nicht schAvieriger ist cs, die Wunscherfüllung in einigen anderen 
Träumen aufzudecken, die ich von Gesunden gesammelt habe. Ein 
Freund, der meine Traumtheorie kennt und sie seiner Frau mitgeteilt 
hat, sagt mir eines Tages: „Ich soll dir von meiner Frau erzählen, 
daß sie gestern geträumt hat, sie hätte die Periode bekommen. Du 
Avirst Avissen, Avas das bedeutet.“ Freilich Aveiß ich’s; Avenn die junge 
Frau geträumt hat, daß sie die Periode hat, so ist die Periode aus- 
geblieben. Ich kann mir’s denken, daß sie gern noch einige Zeit ihre 
Freiheit genossen hätte, ehe die BeschAverden der Mütterlichkeit be- 
ginnen. Es war eine geschickte Art, die Anzeige von ihrer ersten 
Gravidität zu machen. Ein anderer Freund schreibt, seine Frau habe 
unlängst geträumt, daß sie an ihrer Hemdenbrust Milchflecken bemerke. 
Dies ist auch eine Graviditätsanzeige, aber nicht mehr vom ersten 
Mal; die junge Mutter Avünscht sich, für das ZAveite Kind mehr Nahrung 
zu haben, als seinerzeit fürs erste. 

Eine junge Frau, die Wochen hindurch bei der Pflege ihres 
infektiös erkrankten Kindes vom Verkehre abgeschnitten Avar, träumt 
nach glücklicher Beendigung der Krankheit von einer Gesellschaft, in 
der sich A. Daudet, ßourget, M. Pr6vost und andere befinden, 
die sämtlich sehr liebensAviirdig gegen sie sind und sie vortrefflich 
amüsieren. Die betreffenden Autoren tragen auch im Traume die 
Züge, AA r elche ihnen ihre Bilder geben; M. Pr6vost, von dem sic 
ein Bild nicht kennt, sieht dem — Desinfektionsmanne gleich, der am 
Tage vorher die Krankenzimmer gereinigt und sie als erster Besucher 
nach langer Zeit betreten hatte. Man meint, den Traum lückenlos 
übersetzen zu können: Jetzt Aväre es einmal Zeit für etAAas Amüsan- 
teres als diese eAvigen Krankenpflegen. 

Vielleicht Avird diese Auslese genügen, um zu erAveisen, daß man 
sehr häufig und unter den mannigfaltigsten Bedingungen 1 räume 
findet, die sich nur als Wunscherfüllungen verstehen lassen, und die 
ihren Inhalt unverhüllt zur Schau tragen. Es sind dies zumeist 
kurze und einfache Träume, die von den verworrenen und über- 


Un verhüllte Wuuschträume. 


93 


reichen Traumkompositionen, welche wesentlich die Aufmerksamkeit 
der Autoren auf sich gezogen haben, wohltuend abstechen. Es ver- 
lohnt sich aber, bei diesen einfachen Träumen noch zu verweilen. 
Die allerein fach sten Formen von Träumen darf man wohl bei Kindern 
erwarten, deren psychische Leistungen sicherlich minder kompliziert 
sind als die Erwachsener. Die Kinderpsychologie ist nach meiner 
Meinung dazu berufen, für die Psychologie der Erwachsenen ähn- 
liche Dienste zu leisten wie die Untersuchung des Baues oder der 
Entwicklung niederer Tiere für die Erforschung der Struktur der 
höchsten Tierklassen. Es sind bis jetzt wenig zielbewußte Schritte 
geschehen, die Psychologie der Kinder zu solchem Zwecke auszunützen. 

Die Träume der kleinen Kinder sind häufig simple Wunscher- 
fttllungen und dann im Gegensätze zu den Träumen Erwachsener gar 
nicht interessant. Sie geben keine Rätsel zu lösen, sind aber natürlich 
unschätzbar für den Beweis, daß der Traum seinem innersten Wesen 
nach eine Wunscherfüllung bedeutet. Bei meinem Material von 

eigenen Kindern konnte ich einige Beispiele von solchen Träumen 
sammeln. 


Einem Ausfluge nach dem schönen Hallstatt im Sommer 1898 
von Aussee aus verdanke ich zwei Träume, den einen von meiner 
damals 8^ jährigen Tochter, den anderen von einem 5 V 4 jährigen 
na en. Als Vorbericht muß ich angeben, daß wir in diesem 
Sommer axif einem Hügel bei Aussee wohnten, von wo aus wir eine 
herrliche Dachsteinaussicht bei schönem Wetter genossen. Mit dem 

bernrohre war die Simony-Hütte gut zu erkennen. Die Kleinen be- 
mühten sich wiederholt, sie durchs Fernrohr zu sehen; ich weiß 
tTh 7?! Cl ; em Erfol £ e - Vor der Partie Gatte ich den Kindern er- 

auf de^ T V^ 6 a w u Uße ^ Dacllsteins - Sie freuten sich sehr 
mil 1? T g ' Von Hallstatt aus gingen wir ins Escherntal, das 
mit seinen wechselnden Ansichten die Kinder sehr entzückte. Nur 

TI de1 ' fU p- ,ahri . ge Enal f wurde allmählich mißgestimmt. So 

worauf ir-h^ t m ^ 1 ^ lt can h fragte er: Ist das der Dachstein? 
uorauf ich antworten mußte: Nein, nur ein Vorberg. Nachdem sich 

diese Frage einigemal wiederholt hatte, verstummte er ganz- den 

tkTn g r W ^ff fal V V0llte f überl ^pt nicht mitmachen 1 . Ich 
hielt ihn für ermüdet. Am nächsten Morgen kam er aber T 

dafFwb- Uf n h o U und erzählte: Heute Nacht habe ich geträumt 
Isflte ^ r ß ta er d auf dem 

5-f Tr tetetva sä 

3 SS Ssf -ff? » S?' “ “ 'ÄS 

suchte hin! ? - D lraum entschädigte ihn dafür. Ich ver- 


94 


111. Der Traum ist eine Wunscherfollung. 


Auch bei dem 8 V-, jährigen Mädchen waren auf diesem AusHuge 
Wünsche rege geworden, die der Traum befriedigen mußte. Wir 
hatten den 12jährigen Knaben unserer Nachbarn nach Hallstatt mit- 
genommen, einen vollendeten Ritter, der, wie mir schien, sich bereits 
aller Sympathien des kleinen Frauenzimmers erfreute. Sie erzählte 
nun am nächsten Morgen folgenden Traum; Denk’ dir, ich half ge- 
träumt, daß der Emil einer von uns is, Papa und Mama zu euch 
sagt und im großen Zimmer mit uns schläft wie unsere Buben. Dann 
kommt die Mama ins Zimmer und wirft eine Handvoll großer 
Schokoladestangen in blauem und grünem Papiere unter unsere 
Betten. Die Brüder, die sich also nicht kraft erblicher Übertragung 
auf Traumdeutung verstehen, erklärten ganz wie unsere Autoren: 
Dieser Traum ist ein Unsinn. Das Mädchen trat wenigstens für einen 
Teil des Traumes ein, und es ist wertvoll für die Theorie der Neu- 
rosen zu erfahren, für welchen: Daß der Emil ganz bei uns ist, das 
ist ein Unsinn, aber das mit den Schokoladestangen nicht. Mir war 
gerade das letztere dunkel. Die Mama lieferte mir hiefür die Er- 
klärung. Auf dem Wege vom Bahnhofe nach Hause hatten die 
Kinder vor dem Automaten Halt gemacht und sich gerade solche 
Schokoladestangen in metallisch glänzendem Papiere gewünscht, die 
der Automat nach ihrer Erfahrung zu verkaufen hatte. Die Mama 
hatte mit Recht gemeint, jener Tag habe genug Wunscherfüllungen 
gebracht, und diesen Wunsch für den Traum übrig gelassen. Mir war 
die kleine Szene entgangen. Den von meiner Tochter proskribierten 
Teil des Traumes verstand ich ohne weiteres. Ich hatte selbst 
gehört, wie der artige Gast auf dem Wege die Kinder aufgefordert 
hatte zu warten, bis der Papa oder die Mama nachkommen. Aus 
dieser zeitweiligen Zugehörigkeit machte der Traum der Kleinen eine 
dauernde Adoption. Andere Formen des Beisammenseins als die im 
Traume erwähnten, die von den Brüdern hergenommen sind, kannte 
ihre Zärtlichkeit noch nicht. Warum die Schokoladestangen unter die 
Betten geworfen wurden, ließ sich ohne Ausfragen des Kindes natürlich 


nicht aufklären. 

Einen ganz ähnlichen Traum wie den meines Knaben habe ich 
von befreundeter Seite erfahren. Er betraf ein Sjähriges Mädchen. 
Der Vater hatte mit mehreren Kindern einen Spaziergang nach 
Dornbach iu der Absicht unternommen, die Rohrerhütte zu besuchen, 
kehrte aber um, weil es zu spät geworden war, und versprach den 
Kindern, sie eiu anderes Mal zu entschädigen. Auf dem Rückwege 
kamen sie an einer Tafel vorbei, welche den Weg zum Harneau 
anzeigt. Die Kinder verlangten nun auch aufs Harneau geführt zu 
werden, mußten sich aber aus demselben Grund wiederum auf einen 
andern Tag vertrösten lassen. Am nächsten Morgen kam das bjäü- 
rige Mädchen dem Papa befriedigt entgegen: Papa, heut hab ich 
geträumt, du warst mit uns bei der Rohrerhütte und auf dein Harneau. 
Ihre Ungeduld hatte also die Erfüllung des vom 1 apa geleisteten V er- 
Sprechens im Traume antizipiert 


Wunschtniume kleiner Kinder. 


95 


Ebenso aufrichtig ist ein anderer Traum, den die landschaftliche 
Schönheit Aussees bei meinem damals 3 y, jährigen Töchterchen er- 
regt hat. Die Kleine war zum erstenmal über den See gefahren und 
die Zeit der Seefahrt war ihr zu rasch vergangen. An der Landungs- 
Stelle wollte sie das Boot nicht verlassen und weinte bitterlich. Am 
nächsten Morgen erzählte sie: Heute Nacht bin ich auf dem See 
gefahren. Hoffen wir, daß die Dauer dieser Traumfahrt sie besser 
befriedigt hat. 

Mein ältester, damals 8j übriger Knabe träumt bereits die Rea- 
lisiei ung seiner Phantasien. Er ist mit dem Achilleus in. einem Wci°*en 
gefahien und der Diomedes war Whgenlenker. Er hat sich natürlich 
tags vorher für die Sagen Griechenlands begeistert, die der älteren 
ochwester geschenkt worden sind. 

Wenn man mir zugibt, daß das Sprechen aus dem Schlafe der 
Kinder gleichfalls dem Kreise des Träumens angehört, so kann ich im 
folgenden einen der jüngsten Träume meiner Sammlung mitteilen. 
iiem jüngstes Mädchen, damals 19 Monate alt, hatte eines Morgens 
erbrochen und war darum den Tag über nüchtern erhalten worden. 

i Ql 1 r CJt ’ ? e dl< ? sem Hungertag folgte, hörte man sie erregt aus 
dem Schlafe rufen: Anna F.eud, Er(d)beer, Hochbeer, Eier- 
(sjpeis, 1 app. Ihren Namen gebrauchte sie damals, um die Besitz- 
ergreifung auszudrücken ; der Speiszettel umfaßte wohl alles, was ihr 
als _ begehrenswerte Mahlzeit erscheinen mußte ; daß die Erdbeeren 
darin m zwei Varietäten vorkamen, wareine Demonstration gegen 
die haushche Sanitätspolizei und hatte seinen Grund in dem von ihr 

mf alDTrSlT ^ ebe £ u “f tand > daß die Kinderfrau ihre Indisposition 
auf allzu leichlichen Erdbeergenuß geschoben hatte : für dies ihr un- 
bequeme Gutachten nahm sie also im Traume ihre Revanche *) 

Wenn wir che Kindheit glücklich preisen, weil sie die 'sexuelle 

reS O n il r h £ kenD \ S ° W ° llen Wir Dicht erkennen, eine wie 
reiche Quelle der Enttäuschung, Entsagung und damit der Traum- 

anregung der andere der großen Lebenstriebe für sie werden kann**) 

Hier em zweites Beispiel dafür. Mein 22m onatiger Neffe hat zu 

^kommen, mir ‘zu gratulieren und 

—l! k ein Korbchen mit Kirschen zu überreichen, die um 

kurz nachher bei der Grofmutter ^eren a” E ? Ice ^ v °llbringt dann der Traum 
ergänzt. Nachdem sie eTnen i^ " \ ^ Ki ? des ,,n ? efähr 211 ™ Jahren 

Hungern gez wunTen w^ träumt sio L " m k Umuh ° ihrer Wanderniere zum 

liehe Zeit des blühenden MädcKntTms daß Sfr TeidlTT^ J“ ^ löck ' 

gebeten“, zu Gast ^eladen ist nnr i - j i f. , , ei< * e Hauptmahlzeiten „aus* 
kommt. S 1St> UDd J edesm al die köstlichsten Bissen vorgesetzt be- 

freilicb*^aü^8exueHe^TM^kr^te^hi Snfo 1 Bl ® eo ^ en ^ e ^ en ^r Kinder belehrt uns 
keit des Kindes eine 3/end " ? Sta ' tUn » iu der P-Jchi.chen Tätig- 

läßt nns an dem Glücke ‘der Kindheit wiT die^F uber h sehene Kolle s P iclen , «"<3 
struieren, einigermaßen zweifoln V<rl r i„<! v r d Erwachsenen es späterhin kon- 
theorie“, 1905 und 2. Aufl. 1 1910 deS Verfassers ” Drei Abhandlungen zur Sexual- 


96 


III. Der Traum ist eiue WuuacherfUllung. 


diese Zeit des Jahres noch zu den Primeurs zählen. Es scheint ihm 
hart anzukommen, denn er wiederholt unaufhörlich : Kirschen sind 
d(r)in, und ist nicht zu bewegen, das Körbchen aus den Händen zu 
geben. Aber er weiß sich zu entschädigen. Er pflegte bisher jeden 
Morgen seiner Mutter zu erzählen, daß er vom „weißen Soldat^ ge- 
träumt, einem Gardeoffizier im Mantel, den er einst auf der Straße 
bewunderte. Am Tag nach dem Geburtstagsopfer erwacht er freudig 
mit der Mitteilung, die nur einem Traume entstammen kann: He(r)- 
man alle Kirschen aufgessen!*) 

Wovon die Tiere träumen, weiß ich nicht. Ein Sprichwort, 
dessen Erwähnung ich einem meiner Hörer danke, behauptet es zu 
wissen, denn es stellt die Frage auf: Wovon träumt die Gans? 
und beantwortet sie: Vom Kukuruz (Mais).**) Die ganze Theorie, 
daß der Traum eine Wunsch er füllung sei, ist in diesen zwei Sätzen 
enthalten. 


*) [Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß sich bei kleinen Kindern bald kom- 
pliziertere und minder durchsichtige Träume einzustellen pflegen, und daß anderseits 
Träume von so einfachem infantilen Charakter unter Umständen auch hei Erwach- 
senen häufig Vorkommen. Wie reich an ungeahntem Inhalt Träume von Kindern im 
Alter von vier his fünf Jahren bereits sein können, zeigen die Beispiele in meiner 
„Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben“ [Jahrhuch von Bleuler-Freud I., 
1909] und in Jungs „Über Konflikte der kindlichen Seele“ [ehda. II. B. 1910]. 
Anderseits scheinen sich bei Erwachsenen Träume vom infantilen Typus hesonders 
häufig wieder einzustellen, wenn sie unter ungewöhnliche Lehensbedingungen ver- 
setzt werden. So berichtet Otto Nordens kjöld in seinem Buch „Antarctjc 
1904 über die mit ihm überwinternde Mannschaft: (Bd. I pag. 33ti) „Sehr bezeich 
nend für die Richtung unserer innersten Gedanken waren unsere Träume, die nie 
lehhafter und zahlreicher waren als gerade jetzt. Selbst diejenigen unserer Kameraden, 
die sonst nur ausnahmsweise träumten, hatten jetzt des Morgens, wenn wir nnsere 
letzten Erfahrungen aus dieser Phantasiewelt mit einander austauschten, lange Ge- 
schichten zu erzählen. Alle handelten sie von jener äußeren Welt, die uns jetzt so 
fern lag, waren aber oft unseren jetzigen Verhältnissen angepaßt. Ein besonders 
charakteristischer Traum bestand darin, daß sich einer der Kameraden auf die Schul- 
bank zurückversetzt glaubte, wo ihm die Aufgabe zuteil wurde, ganz kleinen Miniatur- 
seehunden, die eigens für Unterrichtszwecke angefertigt waren, die Haut ahzuziehen. 
Essen und Trinken waren ührigens die Mittelpunkte, nm die sich unsere 1 räume am 
häufigsten drehten. Einer von uns, der nächtlicher Weise darin exzellierte, auf große 
Mittagsgesellschaften zu gehen, war seelenfroh, wenn er des Morgens berichten 
konnte, „daß er ein Diner von drei Gängen eingenommen hahe“: ein auderer träumte 
von Tabak, von ganzen Bergen Tahak; wieder andere von dem Schilf, das mit vollen 
Segeln auf dem offenen Wasser daherkam. Noch ein anderer Traum verdient der 
Erwähnung: Der Briefträger kommt mit der Post und gibt eiue lange Erklärung, 

warum diese so lauge habe auf sich warten lassen, er habe sie verkehrt abgeliefert 
und erst nach großer Mühe sei es ihm gelungen, sie wieder zu erlangen. Naturlicb 
beschäftigte man sich im Schlaf mit noch unmöglicheren Dingen, aber der Mangel 
an Phantasie in fast allen Träumen, die ich selbst träumte oder erzählen horte, var 
sranz auffallend. Es würde sicher von großem psychologischen Interesse sein wenu 
alle diese Träume aufgezeichnet würden. Mau wird aber leicht verstehen können, 
wie ersehnt der Schlaf war, da er uns alles bieten konnte, was ein jeder von nus 
am glühendsten begehrte.“] 

**) [Ein ungarisches, von Fe renczi 87 ) ungezogenes Sprichwort behauptet voll- 
ständiger, daß „das Schwein von Eicheln, die Gaus von Mais träumt. J 


Wunsch träume kleiner Kinder. 


97 


Wir bemerken jetzt, daß wir zu unserer Lehre von dem ver- 
borgenen Sinn des Traumes auch auf dem kürzesten Wege gelangt 
wären, wenn wir nur den Sprachgebrauch befragt hätten. Die Spruch- 

weisheit redet zwar manchmal verächtlich genug vom Traume man 

meint, sie wolle der Wissenschaft Recht geben, wenn sie urteilt: 
Träume sind Schäume — , aber für den Sprachgebrauch ist der 
Traum doch vorwiegend der holde Wunscherfüller. „Das liätt’ ich 
mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt,“ ruft entzückt, 
wer in der Wirklichkeit seine Erwartungen übertroffen findet. 


ung. 3. Aull. 


Freud, Traumdeut) 


7 


IV. 


Die Traumentstellung. 

Wenn ich nun die Behauptung aufstclle, daß Wunscherfüllung 
der Sinn eines jeden Traumes sei, also daß es keine anderen 
als Wunschträume geben kann, so bin ich des entschiedensten 
Widerspruchs im vorhinein sicher. Man wird mir entgegenhalten: 
„Daß es Träume gibt, welche als Wunscherfüllungen zu verstehen 
sind, ist nicht neu, sondern längst von den Autoren bemerkt worden. 
[Vgl. Radestock 54 ) (p. 137 — 138), Volkelt ,2 ) (p. 110 111), 
Purkinje 53 ) (p. 456), Tissid 68 ) (p. 70), M. Simon 83 ) (p. 42 über 
die Hungerträume des eingekerkerten Baron T r e n c k) und die 
Stelle bei Griesinger 31 ) (p. 111).] Daß es aber nichts anderes 
gibt als Wunscherfüllungsträume, das ist wieder eine der ungerecht- 
fertigten Verallgemeinerungen, in denen Sie sich letzter Zeit auszu- 
zeichnen belieben. Es kommen doch reichlich genug Träume vor, 
welche den peinlichsten Inhalt erkennen lassen, aber keine Spur irgend 
einer Wunscherfüllung. Der pessimistische Philosoph Ed. v. Hart- 
mann steht wohl der Wunscherfüllungstheorie am fernsten. Er 
äußert in seiner Philosophie des Unbewußten, II. Teil (Stereotypaus- 
gabe, p. 344): , ..„ii 

„Was den Traum betrifft, so treten mit ihm alle Plackereien 

des wachen Lebens auch in den Schlafzustand hinüber, nur das Ein- 
zige nicht, was den Gebildeten einigermaßen mit dem Leben ans- 
sülmen ka nn : wissenschaftlicher und Kunstgenuß. . . •“ -Aber auch 

minder unzufriedene Beobachter haben hervorgehoben, daß im liannic 

Schmerz und Unlust häufiger sei als Lust, so Scholz 59 ) (p. 33). 
Volkelt 72 ) (p. 80) u. a. Ja die Damen Sarah Weed und hlorence 
Ha llam 33 ) haben aus der Bearbeitung ihrer Träume einen ziffer- 
mäßigen Ausdruck für das Überwiegen der Unlust in den Träumen 
entnommen. Sie bezeichnen 58% der Träume als peinlich und nni 
28'6% als positiv angenehm. Außer diesen 1 räumen, welche cie 
mannigfaltigen peinlichen Gefühle des Lebens in den Schlaf fortsetzen, 
gibt es auch Angsttränme, in denen uns diese entsetzlichste aller Ln- 


Manifester und latenter Traumiuhalt. 


99 


lustempfindungen schüttelt, bis wir erwachen, und von solchen Angst- 
träumen werden gerade die Kinder so leicht heinigesucht [vgl. De- 
backer 17 ) über den Pavor nocturnus], bei denen Sie die Wunsch- 
träume unverhüllt gefunden haben.“ 

Wirklich scheinen gerade die Angstträume eine Verallgemeinerung 
des Satzes, den wir aus den Beispielen des vorigen Abschnittes ge- 
wonnen haben, der Traum sei eine Wunscherfüllung, unmöglich zu 
machen, ja diesen Satz als Absurdität zu brandmarken. 

Dennoch ist es nicht sehr schwer, sich diesen anscheinend zwin- 
genden Einwäuden zu entziehen. Man wolle bloß beachten, daß unsere 
Lehre nicht auf der Würdigung des manifesten Trauminhalts beruht, 
sondern sich auf den Gedankeninhalt bezieht, welcher durch die 
Deutungsarbeit hinter dem Traume erkannt wird. Stellen wir mani- 
festen und latenten Trauminhalt einander gegenüber. Es ist 
richtig, daß es Träume gibt, deren manifester Inhalt von der pein- 
lichsten Art ist. Aber hat jemand versucht, diese Träume zu deuten, 
den latenten Gedankeninh alt derselben aufzudecken? Wenn aber nicht, 
dann treffen uns die beiden Einwände nicht mehr ; es bleibt immerhin 
möglich, daß auch peinliche und Angstträume sich nach der Deutung 
als Wunsch erfiillungen enthüllen.*) 

Bei wissenschaftlicher Arbeit ist es oft von Vorteil, wenn die 
Lösung des einen Problems Schwierigkeiten bereitet, ein zweites 
hinzuzunehmen, etwa wie man zwei Nüsse leichter miteinander als 
einzeln aufknackt. So stehen wir nicht nur vor der Frage: Wie 
können peinliche und Angstträume Wunscherfüllungen sein, sondern 
ttir können auch aus unseren bisherigen Erörterungen über den Traum 
eine zweite Frage aufwerfen: Warum zeigen die Träume indifferenten 
Inhalts, welche sich als Wunscherfüllungen ergeben, diesen ihren 
Sinn nicht unverhüllt? Man nehme den weitläufig behandelten Traum 
^? n ^ lrrias Injektion, er ist keineswegs peinlicher Natur, er ist durch 
die Deutung als eklatante Wunscherfüllung zu erkennen. Wozu bedarf 
es aber überhaupt einer Deutung? Warum sagt der Traum nicht 
direkt, ivas er bedeutet? Tatsächlich macht auch der Traum von 
In J ektl0n zunächst nicht den Eindruck, daß er einen Wunsch 
es lräumers als erfüllt darstellt. Der Leser Avird diesen Eindruck nicht 
jekommen haben, aber auch ich selbst wußte es nicht, ehe ich die 
Analyse angestellt hatte. Heißen wir dieses der Erklärung bedürftige 
Verhalten des I raumes: die Tatsache der Traumentstellung, 
so erhebt sich also die zweite Frage: Wovon rührt diese Traum- 
entstellung her? 

Wenn man hierüber seine ersten Einfälle befragt, könnte man 
aut verschiedene mögliche Lösungen geraten, z. B. daß während des 
ocnlat es ein Unvermögen bestehe, den Traumgedanken einen ent- 


Kritiker^ mLr S V un o laulj * 1 ch, mit welcher Hartnäckigkeit sich Leser und 

manifestem und , ru ‘ ” ung versc . lll * e ^ en und d' 0 grundlegende Unterscheidung von 
manitestem und latentem Trauinmhalt unbeachtet lassen.] 


7 * 


10ü 


IV. Die Traumcntstclluug. 


sprechenden Ausdruck zu schaffen. Allein die Analyse gewisser 
Träume nötigt uns, für die Traumentstellung eine andere Erklärung 
zuzulassen. Ich will dies an einem zweiten Traume von mir seihst 
zeigen, welcher wiederum vielfache Indiskretionen erfordert, aber für 
dies persönliche Opfer durch eine gründliche Aufhellung des Problems 
entschädigt. 

Vorbericht: Im Frühjahr 1897 erfuhr ich, daß zwei Pro- 
fessoren unserer Universität mich für die Ernennungzum Prof, 
extraord. vorgeschlagen haben. Diese Nachricht kam mir über- 
raschend und erfreute mich lebhaft als Ausdruck einer durch persön- 
liche Beziehungen nicht aufzuklärenden Anerkennung von seiten 
zweier hervorragender Männer. Ich sagte mir aber sofort, daß ich 
an dieses Ereignis keine Erwartungen knüpfen dürfe. Das Ministerium 
hatte in den letzten Jahren Vorschläge solcher Art unberücksichtigt 
gelassen, und mehrere Kollegen, die mir an Jahren voraus waren und 
an Verdiensten mindestens gleich kamen, warteten seitdem vergebens 
auf ihre Ernennung. Ich hatte keinen Grund anzunehmen, daß es mir 
besser ergehen würde. Ich beschloß also bei mir, mich zu trösten. 
Ich bin, soviel ich weiß, nicht ehrgeizig, übe meine ärztliche Tätigkeit 
mit zufriedenstellendem Erfolge aus, auch ohne daß mich ein Titel 
empfiehlt. Es handelte sich übrigens gar nicht darum, ob ich die 
Trauben für süß oder sauer erklärte, da sie unzweifelhaft zu hoch für 
mich hingen. 

Eines Abends besuchte mich ein befreundeter Kollege, einer von 
denjenigen, deren Schicksal ich mir zur Warnung hatte dienen lassen. 
Seit längerer Zeit ein Kandidat für die Beförderung zum Professor, 
die den Arzt in unserer Gesellschaft zum Halbgott für seine Kranken 
erhebt, und minder resigniert als ich, pflegte er von Zeit zu Zeit 
seine Vorstellung in den Bureaux des hohen Ministeriums zu machen, 
um seine Angelegenheit zu iördern. Von einem solchen Besuche 
kam er zu mir. Er erzählte, daß er diesmal den hohen Herrn in 
die Enge getrieben und ihn gerade heraus befragt habe, ob an dem 
Aufschub seiner Ernennung wirklich — konfessionelle Rücksichten 
die Schuld trügen. Die Antwort hatte gelautet, daß allerdings — bei 
der gegenwärtigen Strömung — Se. Exzellenz vorläufig nicht in der 
Lago sei u. s. w. „Nun weiß ich wenigstens, woran ich bin,“ schloß 
mein Freund seine Erzählung, die mir nichts Neues brachte, mich 
aber in meiner Resignation bestärken mußte. Dieselben konfessionellen 
Rücksichten sind nämlich auch auf meinen Fall anwendbar. 

Am Morgen nach diesem Besuche hatte ich folgenden Irnum. 
der auch durch seine Form bemerkenswert war. Er bestand aus 
zwei Gedanken und zwei Bildern, so daß ein Gedanke und ein Bild 
einander ablösten. Ich setze aber nur die erste Hälfte des Ti au nies 
hieher, da die andere mit der Absicht nichts zu tun hat, welcher die 
Mitteilung des Traumes dienen soll. 


Der Oukeltruum. 


101 


I. Freund R. ist mein Onkel. — Ich empfinde große 
Zärtlichkeit für ihn. 

II. Ich sehe sein Gesicht etwas verändert vor mir. 
Es ist wie in die Länge gezogen, ein gelber Bart, der es 
umrahmt, ist besonders deutlich hervorgehoben. 

Dann folgen die beiden anderen Stücke, wieder ein Gedanke 
und ein Bild, die ich übergehe. 

Die Deutung dieses Traumes vollzog sich folgendermaßen : 

Als mir der Traum im Laufe des Vormittags einfiel, lachte ich 
auf und sagte : Der Traum ist ein Unsinn. Er ließ sich aber nicht 
abtun und ging mir den ganzen Tag nach, bis ich mir endlich am 
Abend Vorwürfe machte: Wenn einer deiner Patienten zur Traum- 
deutung nichts zu sagen wüßte als : Das ist ein Unsinn, so würdest 
du es ihm verweisen und vermuten, daß sich hinter dem Traume eine 
unangenehme Geschichte versteckt, welche zur Kenntnis zu nehmen 
er sich ersparen will. Verfahre mit dir selbst ebenso ; deine Meinung, 
der Traum sei ein Unsinn, bedeutet nur einen inneren Widerstand 
gegen die Traumdeutung. Laß dich nicht abhalten.“ Ich machte mich 
also an die Deutung. 

„R. ist mein Onkel.“ Was kann das heißen? Ich habe doch nur 
einen Onkel gehabt, den Onkel Josef.*) Mit dem war’s allerdings eine 
traurige Geschichte. Er hatte sich einmal, es sind mehr als 30 Jahre 
61 ’ m ff ew h) u stich tiger Absicht zu einer Handlung verleiten lassen, 
welche das Gesetz schwer bestraft, und wurde dann auch von der 
Strafe betroffen. Mein Vater, der damals aus Kummer in wenigen 
lagen grau wurde, pflegte immer zu sagen, Onkel Josef sei nie ein 
schlechter Mensch gewesen, wohl aber ein Schwachkopf; so drückte 
er sich aus. \\ enn also Freund R. mein Onkel Josef ist, so will ich 
damit sagen : R ist ein Schwachkopf. Kaum glaublich und sehr un- 
angenehm . Aber da ist ja jenes Gesicht, das ich im Traume sehe, 
mit den länglichen Zugen und dem gelben Barte. Mein Onkel hatte 
wnkhch so ein Gesicht länglich, von einem blonden schönen Barte 
umrahmt. Mein I reund R. war intensiv schwarz, aber wenn die 
Schwarzhaarigen zu ergrauen anfangen, so büßen sie für die Pracht 

unerfrpnf^ dj£ p re i ^ S ° hwarze , r Bart mactt Haar für Haar eine 
S r 1 :? Farbe ?T« der - UDg dllr0h; er wird zuerst ^tbraun dann 
fetz^der Rotl nn d r fimtl ! gl S U ‘ . In diesem Stadium befindet sich 
wie ich mit i[-o° mCS j re und es R ; übrigens auch schon der ineinige, 
X iVLf • i v rgI ! Ugen beme " ke - Das Gesicht, das ich im Traume 

Fs V 1? - g u a u mem6S 1 Freauc1es K - und das meines Onkels. 

1 Vie cme Mischphotographie von Gal ton, der, um Familien- 

(Üa 7 W pii^ 9 ^ el ^würdig’, wie sich hier meine Erinnerung — im Wachen für 

Ss st * ä 


102 


IV. Die Traumentstelluug. 


ähnlichkeiten zu eruieren, inehrei'e Gesichter auf die nämliche Hatte 
photographieren ließ. Es ist also kein Zweifel möglich, ich meine wirklich, 
daß mein Freund R. ein Schwachkopf ist — wie mein Onkel Josef. 

Ich ahne noch gar nicht, zu welchem Zwecke ich diese Beziehung 
hergestellt, gegen die ich mich unausgesetzt sträuben muß. Sie ist 
doch nicht sehr tiefgehend, denn der Onkel war ein Verbrecher, mein 
Freund R. ist unbescholten. Etwa bis auf die Bestrafung dafür, daß 
er mit dem Rade einen Lehrbuben niedergeworfen. Sollte ich diese 
Untat meinen? Das hieße die Vergleicliuug ins Lächerliche ziehen. 
Da fällt mir aber ein anderes Gespräch ein, das ich vor einigen Tagen 
mit einem anderen Kollegen N., und zwar über das gleiche Thema 
hatte. Ich traf N. auf der Straße; er ist auch zum Professor vorge- 
schlagen, wußte von meiner Ehruug und gratulierte mir dazu. Ich 
lehnte entschieden ab. „Gerade Sie sollten sich den Scherz nicht 
machen, da Sie den Wert des Vorschlages an sich selbst erfahren 
haben.“ Er darauf, wahrscheinlich nicht ernsthaft : „Das kann man 
nicht wissen. Gegen mich liegt ja etwas Besonderes vor. Wissen Sie 
nicht, daß eine Person einmal eine gerichtliche Anzeige gegen 
mich erstattet hat? Ich brauche Ihnen nicht zu versichern, daß die 
Untersuchung eingestellt wurde; es war ein gemeiner Erpressungs- 
versuch ; ich hatte noch alle Mühe, die Anzeigerin selbst vor Bestrafung 
zu retten. Aber vielleicht macht man im Ministerium diese Angelegen- 
heit gegen mich geltend, um mich nicht zu ernennen. Sie aber, Sie 
sind unbescholten.“ Da habe ich ja den Verbrecher, gleichzeitig aber 
auch die Deutung und Tendenz meines Traumes. Mein Onkel Josef 
stellt mir da beide nicht zu Professoren ernannte Kollegen dar, den 
einen als Schwachkopf, den anderen als Verbrecher. Ich weiß jetzt 
auch, wozu ich diese Darstellung brauche. Wenn für den Aufschub 
der Ernennung meiner Freunde R. und N. „konfessionelle“ Rück- 
sichten maßgebend sind, so ist auch meine Ernennung in Frage ge- 
stellt; wenn ich aber die Zurückweisung der Beiden auf andere 
Gründe schieben kann, die mich nicht treffen, so bleibt mir die 
Hoffnung ungestört. So verfährt mein Traum, er macht den einen. 
R., zum Schwachkopf, den anderen, N., zum Verbrecher; ich bin 
aber weder das eine noch das andere ; unsere Gemeinsamkeit ist auf- 
gehoben, ich darf mich auf meine Ernennung zum Professor freuen, 
und bin der peinlichen Anwendung entgangen, die ich aus Rs. Nach- 
richt, was ihm der hohe Beamte bekannt, für meine eigene Peison 
hätte machen müssen. 

Ich muß mich mit der Deutung dieses Traumes noch weiter 
beschäftigen. Er ist für mein Gefühl noch nicht befriedigend erledigt, 
ich bin uoch immer nicht über die Leichtigkeit beruhigt, mit der ich 
zwei geachtete Kollegen degradiere, um mir den Weg zur Professur 
frei zu halten. Meine Unzufriedenheit mit meinem A 01 gehen hat sic 1 
bereits ermäßigt, seitdem ich den Wert der Aussagen im Traume zu 
würdigen weiß. Ich würde gegen jedermann bestreiten, daß ich R. 


Die Deutung des Onkeltraumes. 


103 


wirklich für einen Schwachkopf halte, und daß ich an Ns. Darstellung 
jener Erpressungsaffäre nicht glaube. Ich glaube ja auch nicht, daß 
Irma durch eine Injektion Ottos mit einem Propylenpräparat gefähr- 
lich krank geworden ist; es ist hier wie dort nur mein Wunsch, 
daß es sich so verhalten möge, den mein Traum ausdrückt. 
Die Behauptung, in welcher sich mein Wunsch realisiert, klingt im 
zweiten Traume minder absurd als im ersten; sie ist hier in ge- 
schickter Benützung tatsächlicher Anhaltspunkte geformt, etwa wie 
eine gut gemachte Verleumdung, an der „etwas daran ist“, denn 
Freund R. hatte seinerzeit das Votum eines Fachprofessors gegen sich, 
und Freund N. hat mir das Material für die Anschwärzung arglos 
selbst geliefert. Dennoch, ich wiederhole es, scheint mir der Traum 
weiterer Aufklärung bedürftig. 

Ich entsinne mich jetzt, daß der Traum noch ein Stück enthielt, 
auf welches die Deutung bisher keine Rücksicht genommen hat. Nach- 
dem mir eingefallen, R. ist mein Onkel, empfinde ich im Traume 
warme Zärtlichkeit für ihn. Wohin gehört diese Empfindung? Für 
meinen Onkel Josef habe ich zärtliche Gefühle natürlich niemals 
gehabt. Freund R. ist mir seit Jahren lieb und teuer; aber käme 
ich zu ihm und drückte ihm meine Zuneigung in Worten aus, die 
aunähernd dem Grad meiner Zärtlichkeit im Traume entsprechen, so 
wäre er ohne Zweifel erstaunt. Meine Zärtlichkeit gegen ihn erscheint 
mir unwahr und übertrieben, ähnlich wie mein Urteil über seine 
geistigen Qualitäten, das ich durch die Verschmelzung seiner Persön- 
lichkeit mit der des Onkels ausdrücke ; aber in entgegengesetztem 
Sinne übertrieben. Nun dämmert mir aber ein neuer Sachverhalt 
Die Zärtlichkeit des Traumes gehört nicht zum latenten Inhalt, zu den 
Gedanken hinter dem Traume ; sie steht im Gegensätze zu diesem Inhalt ‘ 
w / St 8' eei '8' ne b mir die Kenntnis der Traumdeutung zu verdecken! 
Wahrscheinlich ist gerade dies ihre Bestimmung. Ich er inn ere mich 
mit welchem Widerstand ich an die Traumdeutung ging wie lange 
leh sie aufschieben wollte und den Traum für baren Unsinn erklärte 
Von meinen psychoanalytischen Behandlungen her weiß ich, wie ein 
solches Verwerfungsurteil zu deuten ist. Es hat keinen Erkenntnis- 
wert, sondern bloß den einer Affektäußerung. Wenn meine kleine 
1 och ter einen Apfol nicht mag, den man ihr angeboten hat, so be- 
hauptet sie der Apfel schmeckt bitter, ohne ihn auch nur gekostet zu 
haben. Wenn meine 1 atienten sich so benehmen wie die Kleine, so 
veiß ich, daß es sich bei ihnen um eine Vorstellung handelt, welche 
"l V r dr W n W0llen ; dasselbe gilt für meinen Traum. Ich 
JS lh . n . n , 1Clt deut . en > M ' ci1 die Deutung etwas enthält, wogegen ich 
Zh Jl ; ■ f vollzo S ener Traumdeutung erfahre ich, wogegen 
ln??? die Behauptung, daß R. ein Schwach- 
en 11 l Zärtlichkeit, die ich gegen R. empfinde, kann ich nicht 

zurückflihtT! w raUmgedan m en ’ wohl aber auf dies mein Sträuben 
zurückfühien. Wenn mein Traum im Vergleiche zu seinem latenten 


104 


IV. Die Traumentstellung. 


Inhalt in diesem Punkte entstellt, und zwar ins Gegensätzliche ent- 
stellt ist, so dient die im Traume manifeste Zärtlichkeit dieser Ent- 
stellung oder, mit anderen Worten, die Entstellung erweist sich 
hier als absichtlich, als ein Mittel der Verstellung. Meine Traum- 
gedanken enthalten eine Schmähung für R. •, damit ich diese nicht 
merke, gelangt in den Traum das Gegenteil, ein zärtliches Empfinden 
für ihn. 

Es könnte dies eine allgemein gültige Erkenntnis sein. Wie die 
Beispiele in Abschnitt III gezeigt haben, gibt es ja Träume, welche 
anverhüllte Wunscherfüllungen sind. Wo die Wunscherfüllung un- 
kenntlich, verkleidet ist, da mußte eine Tendenz zur Abwehr gegen 
diesen Wunsch vorhanden sein, und infolge dieser Abwehr könnte 
der Wunseli sich nicht anders als entstellt zum Ausdruck bringen. 
Ich will zu diesem Vorkommnis aus dem psychischen Binnenleben 
das Seitenstück aus dem sozialen Leben suchen. Wo findet man im 
sozialen Leben eine ähnliche Entstellung eines psychischen Aktes? 
Nur dort, wo es sich um zwei Personen handelt, von denen die eine 
eine gewisse Macht besitzt, die zweite wegen dieser Macht eine Rück- 
sicht zu nehmen hat. Diese zweite Person entstellt dann ihre psychi- 
schen Akte oder, wie wir auch sagen können, sie verstellt sich. 
Die Höflichkeit, die ich alle Tage übe, ist zum guten Teile eine solche 
Verstellung ; wenn ich meine Träume für den Leser deute, bin ich 
zu solchen Entstellungen genötigt. Über den Zwang zu solcher Ent- 
stellung klagt auch der Dichter: 

„Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben doch 
nicht sagen.“ 

In ähnlicher Lage befindet sich der politische Schriftsteller, der 
den Machthabern unangenehme Wahrheiten zu sagen hat. Wenn er 
sie unverhohlen sagt, wird der Machthaber seine Äußerung unter- 
drücken, nachträglich, wenn es sich um mündliche Äußerung handelt, 
präventiv, wenn sie auf dem Wege des Drucks kundgegeben werden 
soll. Der Schriftsteller hat die Zensur zu fürchten, er ermäßigt und 
entstellt darum den Ausdruck seiner Meinung. Je nach der Stärke 
und Empfindlichkeit dieser Zensur sieht er sich genötigt, entweder 
bloß gewisse Formen des Angriffs einzuhalten oder in Anspielungen 
anstatt in direkten Bezeichnungen zu reden oder er muß seine an- 
stößige Mitteilung hinter einer harmlos erscheinenden Verkleidung 
verbergen, er darf z. B. von Vorfällen zwischen zwei Mandarinen 
im Reiche der Mitte erzählen, während er die Beamten des Vater- 
landes im Auge hat. Je strenger die Zensur waltet, desto weitgehen- 
der wird die Verkleidung, desto witziger oft die Mittel, welche den 
Leser doch auf die Spur der eigentlichen Bedeutung leiten. 

Die bis ins einzelne durchzuführende Übereinstimmung zwischen 
den Phänomenen der Zensur und denen der Traumentstellung gibt 


Die psychische Zensur. 


105 


uns die Berechtigung, ähnliche Bedingungen für beide vorauszusetzen. 
Wir würden also als die Urheber der Traumgestaltung zwei psychi- 
sche Mächte (Strömungen, Systeme) im Einzelmenschen annehmen, 
von denen die eine den durch den Traum zum Ausdruck gebrachten 
Wunsch bildet, während die andere eine Zensur an diesem Traum- 
wunsche übt und durch diese Zensur eine Entstellung seiner Äußerung 
erzwingt. Es fragt sich nur, worin die Machtbefugnis dieser zweiten 
Instanz besteht, kraft deren sie ihre Zensur ausüben darf. Wenn wir 
uns erinnern, daß die latenten Traumgedanken vor der Analyse nicht 
bewußt sind, der von ihnen ausgehende manifeste Trauminhalt aber 
als bewußt erinnert wird, so liegt die Annahme nicht fern, das Vor- 
recht der zweiten Instanz sei eben die Zulassung zum Bewußtsein. 
Aus dem ersten System könne nichts zum Bewußtsein gelangen, was 
nicht vorher die zweite Instanz passiert habe, und die zweite Instanz 
lasse nichts passieren, ohne ihre Rechte auszuliben und die ihr ge- 
nehmen Abänderungen am Bewußtseinsweiber durchzusetzen. Wir 
verraten dabei eine ganz bestimmte Auffassung vom „Wesen“ des 
Bewußtseins; das Bewußtwerden ist für uns ein besonderer psychischer 
Akt, verschieden und unabhängig von dem Vorgangdes Gesetzt- oder 
Vorgestelltwerdens, und das Bewußtsein erscheint uns als ein Sinnes- 
organ, welches einen anderwärts gegebenen Inhalt wahrnimmt. Es 
lä Jt sich zeigen, daß die Psychopathologie dieser Grundannahmen 
schlechterdings nicht entraten kann. Eine eingehendere Würdigung 
derselben dürfen wir uns für eine spätere Stelle Vorbehalten. 

Wenn ich die Vorstellung der beiden psychischen Instanzen 
un “ £ rer Beziehungen zum Bewußtsein festhalte, ergibt sich für die 
auffällige Zärtlichkeit, die ich im Traume für meinen Freund R. 
emphnde, der m der Traumdeutung so herabgesetzt wird, eine völlig 
kongruente Analogie aus dem politischen Leben der Menschen. Ich 
versetze mich m ein Staatsleben, in welchem ein auf seine Macht 
eifersüchtiger Herrscher und eiue rege öffentliche Meinung miteinander 
ringen. Das V olk empöre sich gegen einen ihm mißliebigen Beamten 
und verWe dessen Entlassung; um nicht zu zeigen, daß er dem 
Volkswillen Rechnung tragen muß, wird der Selbstherrscher dem 
Beamten gerade dann eine hohe Auszeichnung verleihen, zu der sonst 
hem Anlaß Vorlage So zeichnet meine zweite, den Zugang zum 
Bewußtsein beherrschende Instanz Freund R. durch einen Erguß von 
übergroßer Zärtlichkeit aus, weil die Wunschbestrebungen des ersten 
Systems ihn m einem besonderen Interesse, dem sie gerade nach 
langen, als einen Schwachkopf beschimpfen möchten. *) 

Vorkomll^^Wäh^^^vf 0 T. rä , Um V 5n K Wcdcr bei mir noch bei anderen seltene 
Problems beschäftigt W d \ , d ? r Bearbeitung eines gewissen wissenschaftlichen 
K b " f ch i.T h m 1 0hrer0 Kächt0 kurz nacheinander ein leicht 
Freunde zum Inhalt h&t’ ' ° rsohl U D g; mit elne m längst bei Seite geschobenen 

Sinn dieser Träum! Vn Beim vierten oder fünften Male gelingt es mir endlich, den 
dieser Träume zu erfassen. Er liegt in der Aufmunterung, doch den letzten 


106 


IV. Diu Traumentstellung. 


Vielleicht werden wir hier von der Ahnung erfaßt, daß die 
Traumdeutung imstande sei, uns Aufschlüsse über den Bau unseres see- 
lischen Apparats zu geben, welche wir von der Philosophie bisher vergebens 
erwartet haben. Wir folgen aber nicht dieser Spur, sondern kehren, 
nachdem wir die Traumentstellung aufgeklärt haben, zu unserem 
Ausgangsproblem zurück. Es wurde gefragt, wie denn die Träume 
mit peinlichem Inhalt als Wunscherfüllungen aufgelöst werden können. 
Wir sehen nun, dies ist möglich, wenn eine Traumentstellung statt- 
gefunden hat, wenn der peinliche Inhalt nur zur Verkleidung eines 
erwünschten dient. Mit Rücksicht auf unsere Annahmen über die 
zwei psychischen Instanzen können wir jetzt auch sagen : die pein- 
lichen Träume enthalten tatsächlich etwas, was der zweiten Instanz 
peinlich ist, was aber gleichzeitig einen Wunsch der ersten Instanz 
erfüllt. Sie sind insofern Wunschträume, als ja jeder Traum von der 
ersten Instanz ausgeht, die zweite sich nur abwehrend, nicht 
schöpferisch gegen den Traum verhält. Beschränken wir uns auf 
eine Würdigung dessen, was die zweite Instanz zum Traume beiträgt, 
so können wir den Traum niemals verstehen. Es bleiben dann alle 
Rätsel bestehen, welche von den Autoren am Traum bemerkt worden sind. 

Daß der Traum wirklich einen geheimen Sinn hat, der eine 
Wunscherfüllung ergibt, muß wiederum für jeden Fall durch die 
Analyse erwiesen werden. Ich greife darum einige Träume peinlichen 
Inhalts heraus und versuche deren Analyse. Es sind zum Teil Träume 
von Hysterikern, die einen langen Vorbericht und stellenweise ein 
Eindringen in die psychischen Vorgänge bei der Hysterie erfordern. 
Ich kann dieser Erschwerung der Darstellung aber nicht aus dem 
Wege gehen. 

Wenn ich einen Psychoneurotiker in analytische Behandlung 
nehme, werden seine Träume regelmäßig, wie bereits erwähnt, zum 
Thema unserer Besprechungen. Ich muß ihm dabei alle die psycho- 
logischen Aufklärungen geben, mit deren Hilfe ich selbst zum ^ er- 
ständnis seiner Symptome gelangt bin, und erfahre dabei ^ eine uner- 
bittliche Kritik, wie ich sie von den Fachgenossen wohl nicht, schärfer 
zu erwarten habe. Ganz regelmäßig erhebt sich der Widerspruch 
meiner Patienten gegen den Satz, daß die Träume sämtlich A unsch- 
erfüllungen seien. Hier einige Beispiele von dem Material an Träumen, 
welche mir als Gegenbeweise vorgehalten werden. 

„Sie sagen immer, der Traum ist ein erfüllter Wunsch, ^ beginnt 
eine witzige Patientin. „Nun will ich Ihnen einen 1 raum eizählen, 
dessen Inhalt ganz im Gegenteil dahin geht, daß mir ein Wunsch 

liest von Rücksicht für die betreffende Person aufzugeben, sich von ihr völlig frei 
zu machen, und hatte sich in so heuchlerischer Weise ins Gegenteil verkleidet. \ ou 
einer Person habe ich einen „heuchlerischen Oedipustraum 1 * mitgeteilt, in dem sich 
die feindseligen Regungen und Todeswünscke der Traumgedanken durch manifeste 
Zärtlichkeit ersetzen. (Typisches Beispiel eines verkappten Oedipustraumes Zentral- 
bla« für Psychoanalyse, Bd. I, Heft 1/11, 1910.) Eine andere Art von heuchlerischen 
Trllumen wird an anderer Stelle (s. u. p. 317 u. ft.) erwähnt werden.] 


Träume vou eiuem versagten Wunsch. 


107 


n i e h t erfüllt wird. Wie vereinen Sie das mit Ihrer Theorie ? Der 
Traum lautet wie folgt: 

Ich will ein Souper geben, habe aber nichts vorrätig als 
etwas geräucherten Lachs. Ieh denke daran, einkaufen zu gehen, 
erinnere mich aber, daß es Sonntag Nachmittag ist, wo alle Läden 
gesperrt sind. Ich will nun einigen Lieferanten telephonieren, aber 
das Telephon ist gestört. So muß ich auf den Wunsch, ein Souper 
zu geben, verzichten.“ 

Ich antworte natürlich, daß über den Sinn dieses Traumes nur 
die Analyse entscheiden kann, wenngleich ich zugebe, daß er für 
den ersten Anblick vernünftig und zusammenhängend erscheint und 
dem Gegenteil einer Wunscherfüllung ähnlich sieht. „Aus welchem 
Material ist aber dieser Traum hervorgegangen ? Sie wissen, daß 
die Anregung zu einem Traume jedesmal in den Erlebnissen des 
letzten Tages liegt.“ 

Analyse: Der Mann der Patientin, ein biederer und tüehtiger 
Großfleischhauer, hat ihr tags vorher erklärt, er werde zu dick und 
wolle darum eine Entfettungskur beginnen. Er werde früh aufstehen, 
Bewegung machen, strenge Diät halten, und vor allem keine Ein- 
ladungen zu Soupers mehr annehmen. — Von dem Manne erzählt 
sie lachend weiter, er habe am Stammtisch die Bekanntschaft eines 
Malers gemacht, der ihn durchaus abkonterfeien wolle, weil er einen 
so ausdrucksvollen Kopf noch nieht gefunden habe. Ihr Mann habe 
aber in seiner derben Manier erwidert, er bedanke sieh schön und 
< ? 1 r /’ ei 1 & anz überzeugt, ein Stück vom Hintern eines schönen jungen 
Mädchens sei dem Maler lieber als sein ganzes Gesicht.*) Sie sei 
jetzt sehr verhebt in ihren Mann und necke sieh mit ihm herum. 
Sie hat ihn auch gebeten, ihr keinen Kaviar zu schenken. — Was 
soll daß heißen? 

Sie wünscht es sich nämlich sehon lange, jeden Vormittag eine 
Kaviarsemmel essen zu können, gönnt sich aber die Ausgabe nicht. 
Natürlich bekäme sie den Kaviar sofort von ihrem Manne, wenn sie 
ihn darum bitten würde. Aber sie hat ihn im Gegenteil gebeten, 
neckerT^a, 11 ^ aviar zu sehenken 5 damit sie ihn länger damit 

nt mir fadenscheinig. Hinter solehen 
pflegen sieh uneingestandene Motive 
die Hypnotisierten Bernheims, die 
ausführen, und, nach ihren Motiven 
1: Ieh weiß nicht, warum ieh das 

offenbar unzureichende Begründung 
rird es wohl mit dem Kaviar meiner 

') Dem Maler sitzen - Goethe: Und wenn er keinen Hintern hat, 

H ie kann der Edle sitzeu ? 


(Diese Begründung sc 
unbefriedigenden Auskünfte 
zu verbergen. Man denke 
einen posthypnotischen Auft 
befragt, nieht etwa antwo 
getan habe, sondern ein 
erfinden müssen. So ähnlie. 


108 


IV. Die Traumentstelluug. 

Patientin sein. Ich merke, sie ist geuötigt, sich im Leben einen 
unerfüllten Wunsch zu schaffen. Ihr Traum zeigt ihr auch die 
Wunschver Weigerung als eingetroffen. Wozu braucht sie aber einen 
unerfüllten W unsch ?) 

Die bisherigen Einfälle haben zur Deutung des Traumes Dicht 
ausgereicht. Ich dringe nach weiteren. Nach einer kurzen Pause, 
wie sie eben der Überwindung des Widerstandes entspricht, 
berichtet sie ferner, daß sie gestern einen Besuch bei einer Freundin 
gemacht, auf die sie eigentlich eifersüchtig ist, weil ihr Mann diese 
Frau immer so lobt. Zum Glück ist diese Freundin sehr dürr und 
mager und ihr Mann ist ein Liebhaber voller Körperformen. Wovon 
sprach nun diese magere Freundin? Natürlich von ihrem Wunsche, 
etwas stärker zu werden. Sie fragte sie auch: „Wann laden Sie uns 

wieder einmal ein? Man ißt immer so gut bei Ihnen.“ 

Nun ist der SiDn des Traumes klar. Ich kann der Patientin 
sagen: „Es ist gerade so, als ob Sie sich bei der Aufforderung gedacht 
hätten : Dich werde ich natürlich einladen, damit du dich bei mir 
anessen, dick werden und meinem Manne noch besser gefallen kannst. 
Lieber geb’ ich kein Souper mehr. Der Traum sagt Ihnen daDD, 
daß Sie kein Souper geben können, erfüllt also Ihren Wunsch, zur 
Abrundung der Körperformen ihrer Freundin nichts beizutragen. 
Daß man von den Dingen, die man in Gesellschaften vorgesetzt 
bekommt, dick wird, lehrt Sie ja der Vorsatz Ihres Mannes, im 
Interesse seiner Entfettung Souperein laduu gen nicht mehr anzu- 
nehmen.“ Es fehlt jetzt nur noch irgend ein Zusammentreffen, 
welches die Lösung bestätigt. Es ist auch der geräucherte Lachs 
im Trauminhalt noch nicht abgeleitet. „Wie kommen Sie zu dem 
im Traume erwähnten Lachs?“ „Geräucherter Lachs ist die Lieblings- 
speise dieser Freundin,“ antwortet sie. Zufällig kenne ich die Dame 
auch und kann bestätigen, daß sie sich den Lachs ebensowenig ver- 
gönnt wie meine Patientin den Kaviar. 

Derselbe Traum läßt auch noch eine andere und feinere 
Deutung zu, die durch einen Nebenumstand selbst notwendig gemacht 
wird. Die beiden Deutungen widersprechen einander nicht, sondern 
überdecken einander und ergeben ein schönes Beispiel für die 
gewöhnliche Doppelsinnigkeit der Träume wie aller anderen psycho- 
pathologischen Bildungen. Wir haben gehört, daß die Patientin 
gleichzeitig mit ihren Traume von der Wunschverweigerung bemüht 
war, sich einen versagten Wunsch im Beulen zu verschaffen (die 
Kaviarsemmel). Auch die Freundin hatte einen W unsch geäußert, 
nämlich dicker zu werden, und es würde uns nicht wundern, wenn 
unsere Dame geträumt hätte, der Freundin gehe ein Wunsch nicht 
in Erfüllung. Es ist nämlich ihr eigener Wunsch, daß der Freundin 
ein Wunsch — nämlich der nach Körperzunahme — nicht in Er- 
füllung gehe. Anstatt dessen träumt sie aber, daß ihr selbst ein 
Wunsch nicht erfüllt wird. Der Traum erhält eine neue Deutung, 


Die hysterische Identifizierung, 


109 


wenn sie im Traume nicht sich, sondern die Freundin meint, wenn 
sie sich an Stelle der Freundin gesetzt oder, wie wir sagen können, 
sich mit ihr identifiziert hat. 

Ich meine, dies hat sie wirklich getan, und als Anzeichen 
dieser Identifizierung hat sie sich den versagten Wunsch im Realen 
geschaffen. Was hat aber die hysterische Identifizierung für Sinn ? 
Das aufzuklären bedarf einer eingehenden Darstellung. Die Iden- 
tifizierung ist ein fltr den Mechanismus der hysterischen Symptome 
höchst wichtiges Moment; auf diesem Wege bringen es die Kranken 
zu stände, die Erlebnisse einer großen Reihe von Personen, nicht 
nur die eigenen, in ihren Symptomen auszudrücken, gleichsam für 
einen ganzen Menschenhaufen zu leiden und alle Rollen eines Schau- 
spiels allein mit ihren persönlichen Mitteln darzustellen. Man wird 
mir einwenden, das sei die bekannte hysterische Imitation, die Fähig- 
keit Hysterischer, alle Symptome, die ihnen bei anderen Eindruck 
machen, nachzuahmen, gleichsam ein zur Reproduktion gesteigertes 
Mitleiden. Damit ist aber nur der Weg bezeichnet, auf dem der 
psychische Vorgang bei der hysterischen Imitation abläuft; etwas 
anderes ist der Weg, und der seelische Akt, der diesen Weg geht. 
Letzterer ist um ein Geringes komplizierter, als man sich die Imitation 
der Hysterischen vorzustellen liebt; er entspricht einem unbewußten 
Schlußprozeß, wie ein Beispiel klarstellen wird. Der Arzt, welcher 
eine Kranke mit einer bestimmten Art von Zuckungen unter anderen 
Kranken auf demselben Zimmer im Krankenhause hat zeigt sich 
nicht erstaunt, wenn er eines Morgens erfährt, daß dieser besondere 
hysterische Anfall Nachahmung gefunden hat. Er sagt sich einfach : 
Die anderen haben ihn gesehen und nachgemacht; das ist psychische 
Infektion. Ja, aber die psychische Infektion geht etwa auf folgende 

a Thu U - P 1 ® Kranken Wlssen in der Regel mehr von einander als der 
rzt über jede von ihnen, und sie kümmern sich umeinander, wenn 
die ärztliche Visite vorüber ist. Die eine bekomme heute ihren 
Anfall; es wird alsbald den anderen bekannt, daß ein Brief vom 
ause Auffrischung des Liebeskummers uiid dergleichen davon die' 
Ursache ist. Ihr Mitgefühl wird rege, es vollzieht sich in ihnen 
vorSL n TT ht i Um Bf^ßtseii 1 gelangender Schluß: Wenn man 

solche An A| U ^ a t he S ° 016 ^ UfäHe haben kann > 80 kanD ich ™ch 
dt? p* A ^ p bek ° mmen > denn ich habe dieselben Anlässe. Wäre 

Antstt? Be T UßtS ?i mS f ^ h . l 8, er Schluß, so würde er vielleicht in die 
stKer mT? ’ de ? pichen Anfall zu bekommen; er vollzieht 
sich aber auf einem anderen psychischeu Terrain, endet daher in der 

ntät7Z\e S ^P toms - Die Identifizierung ist also 

ätiol o rischen A nf i’ souder e 1 S ” u n g auf Grund des gleichen 

sich auf ein im T P lacbes ’ Sle druckt eiu „gleichwie“ aus und bezieht 
sich auf ein im Unbewußten verbleibendes Gemeinsames.' 

zum Aufdruck . " S T* *£ der H ? steri ® am häufigsten benützt 
Ausdruck einer sexuellen Gemeinsamkeit. Die Hysterica identi- 


110 


IV. Dio Traumentstellung. 


fi ziert sich in ihren Symptomen am ehesten — wenn auch nicht aus- 
schließlich — mit solchen Personen, mit denen sie im sexuellen 
Verkehre gestanden hat, oder welche mit den nämlichen Personen 
wie sie selbst sexuell verkehren. Die Spraehe trägt einer solchen 
Auffassung gleichfalls Rechnung. Zwei Liebende sind „Eines“. In der 
hysterischen Phantasie wie im Traume genügt es für die Identifizierung, 
daß man an sexuelle Beziehungen denkt, ohne daß sie darum als 
real gelten müssen. Die Patientin folgt also bloß den Regeln der 
hysterischen Denkvorgänge, wenn sie ihrer Eifersucht gegen die 
Freundin (die sie als unberechtigt übrigens selbst erkennt) Ausdruck 
gibt, indem sie sich im Traume an ihre Stelle setzt und durch die 
Schaffung eines Symptoms (des versagten Wunsches) mit ihr identi- 
fiziert. Man möehte den Vorgang noek sprachlich in folgender Weise 
erläutern: Sie setzt sieh an die Stelle der Freundin im Traum, weil 
diese sich bei ihrem Manne an ihre Stelle setzt, weil sie deren Platz 
in der Wertsehätzung ihres Mannes einnehmen möehte.*) 

In einfacherer Weise und doeh aueh naeh dem Sehema, daß 
die Nichterfüllung des einen Wunsches die Erfüllung eines anderen 
bedeutet, löste sich der Widerspruch gegen meine Traumlehre bei 
einer anderen Patientin, der witzigsten unter all meinen Träume- 
rinnen. leb hatte ihr an einem Tage auseinandergesetzt, daß der 
Traum eine Wunseherftillung sei; am nächsten Tag braehte sie mir 
einen Traum, daß sie mit ihrer Schwiegermutter nach dem gemein- 
samen Landaufenthalt fahre. Nun wußte ich, daß sie sieh heftig 
gesträubt hatte, den Sommer in der Nähe der Schwiegermutter zu 
verbringen, wußte aueh, daß sie der von ihr gefürchteten Gemein- 
schaft in den letzten Tagen dureh die Miete eines vom Sitze der 
Schwiegermutter weit entfernten Landaufenthalts glücklich ausgewichen 
war. Jetzt machte der Traum diese erwünschte Lösung rückgängig; 
war das nieht der sehärfste Gegensatz zu meiner Lehre von der 
Wunseherftillung durch den Traum? Gewiß, man brauchte nur die 
Konsequenz aus diesem Traum zu ziehen, um eine Deutung zu haben. 
Naeh diesem Traume hatte ich Unreeht; es war also ihr Wunsch, 
daß ich Unreeht haben sollte, und diesen zeigte ihr der 
Traum erfüllt. Der Wunseh, daß ieh Unrecht haben sollte, der 
sieh an dem Thema der Landwohnung erfüllte, bezog sich aber in 
Wirklichkeit auf einen anderen und ernsteren Gegenstand. Ieh hatte 
um die nämliehe Zeit aus dem Material, welehes ihre Analyse ergab, 
geschlossen, daß in einer gewissen Periode ihres Lebens etwas für ihre 
Erkrankung Bedeutsames vorgefallen sein müsse. Sie hatte es in Ab- 
rede gestellt, weil es sich nieht in ihrer Erinnerung vorfand. Wir 

*) Ich bedauere selbst die Einschaltung* solcher Stücke aus der Psychopathologie 
der Hysterie, welche, infolge ihrer fragmentarischen Darstellung und aus allem 
Zusammenhang gerissen, doch nicht sehr aufklilrend wirken können. Wenn sie auf 
dio innigen Beziehungen des Themas vom Traume zu den Psychoneurosen hinzuweisen 
vermögen, so haben sie die Absicht erfüllt, in der ich sie aufgenomnieu habe. 


Auflösung peinlicher Träume. 


111 


kamen bald darauf, daß ich Recht hatte. Ihr Wunsch, daß ich Un- 
recht haben möge, verwandelt in den Traum, daß sie mit ihrer 
Schwiegermutter aufs Land fahre, entsprach also dem berechtigten 
Wunsche, daß jene damals erst vermuteten Dinge sich nie ereignet 
haben möchten. 

Ohne Analyse, nur vermittelst einer Vermutung, gestattete ich 
mir, ein kleines Vorkommnis bei einem Freunde zu deuten, der 
durch die acht Gymnasialldassen mein Kollege gewesen war. Er 
hörte einmal in einem kleinen Kreise einen Vortag von mir über 
die Neuigkeit, daß ein Traum eine Wunsch erftillung sei, ging nach 
Hause, träumte, daß er alle seineProzesse verloren habe — er 
war Advokat — und beklagte sich bei mir darüber. Ich half mir mit 
der Ausflucht: Man kann nicht alle Prozesse gewinnen, dachte aber 
bei mir: Wenn ich durch acht Jahre als Primus in der ersten Bank 
gesessen, während er irgendwo in der Mitte der Klasse den Platz 
gewechselt, sollte ihm aus diesen Knabenjahren der Wunsch fern 
geblieben sein, daß ich mich auch einmal gründlich blamieren möge? 

Ein anderer Traum von mehr düsterem Charakter wurde mir 
gleichfalls von einer Patientin als Einspruch gegen die Theorie des 
Wunschtraumes vorgetragen Die Patientin, ein junges Mädchen, 
begann: Sie erinnern sich, daß meine Schwester jetzt nur einen 
Buben hat, den Karl; den älteren, Otto, hat sie verloren, als ich noch 
in ihrem Hause war. Otto war mein Liebling, ich habe ihn eigent- 
lich erzogen. Den Kleinen habe ich auch gern, aber natürlich lange 
nicht so sehr wie den Verstorbenen. Nun träume ich diese Nacht, 
daß ich den Karl tot vor mir liegen sehe. Er liegt 
in seinem kleinen Sarge, die Hände gefaltet, Kerzen 
rings herum, kurz ganz so wie damals der kleine Otto, 
dessen Jod mich so erschüttert hat. Nun sagen Sie mir, 
was soll das heißen ? Sie kennen mich ja ; bin ich eine so schlechte 
Person, daß ich meiner Schwester den Verlust des einzigen Kindes 
wünschen sollte, das sie noch besitzt? Oder heißt der Traum, daß 
ich lieber den Karl tot wünschte als den Otto, den ich um so viel 
lieber gehabt habe? 

Ich versicherte ihr, daß diese letzte Deutung ausgeschlossen 

y^aeh kurzem Besinnen konnte ich ihr die richtige Deutung 
des Traumes sagen, die ich dann von ihr bestätigen ließ. Es gelang 
mn dies, weil mir die ganze Vorgeschichte der Träumerin bekannt war. 

ltihzeitig verwaist, war das Mädchen im Hause ihrer um vieles 
ä teren ochv\ester aufgezogen worden und begegnete unter den 
freunden und Besuchern des Hauses auch dem Manne, der einen 
bleibenden Eindruck auf ihr Herz machte. Es schien eine Weile, 
a s o c lese kaum ausgesprochenen Beziehungen mit einer Heirat 
enc en so ten, aber dieser glückliche Ausgang wurde durch die 
► c nves ei \ ereitelt, deren Motive nie eine A T öllige Aufklärung ge- 
unc en ia en. Lach dem Bruche mied der von unserer Patientin 


112 


IV Die Traurneutstelluuir 

<5 


geliebte Manu das Haus; sie selbst machte sich eiuige Zeit nach dem 
Tode des kleinen Otto, an den sie ihre Zärtlichkeit unterdessen ge- 
wendet hatte, selbständig. Es gelang ihr aber nicht, sich von der 
Abhängigkeit frei zu machen, in welche sie durch ihre Neigung zu 
dem Freunde ihrer Schwester geraten war. Ihr Stolz gebot ihr, 
ihm auszuweichen; es war ihr aber unmöglich ihre Liebe auf andere 
Bewerber zu übertragen, die sich in der Folge einstellten. Wenn 
der geliebte Mann, der dem Literatenstand angehörte, irgendwo einen 
Vortrag angekündigt hatte, war sic unfehlbar unter den Zuhörern 
zu finden, und auch sonst ergriff sie jede Gelegenheit, ihn an drittem 
Orte aus der Ferne zu sehen. Ich erinnerte mich, daß sie mir Tags 
vorher erzählt hatte, der Professor ginge in ein bestimmtes Konzert, 
und sie wolle auch dorthin gehen, um sich wieder einmal seines An- 
blickes zu erfreuen. Das war am Tag vor dem Traume : an dem Tage, 
an dem sie mir den Traum erzählte, sollte das Konzert stattfinden. 
Ich konnte mir so die richtige Deutung leicht konstruieren und fragte 
sie, ob ihr irgend ein Ereignis einfalle, das nach dem Tode des kleinen 
Otto eingetreten sei. Sie antwortete sofort : Gewiß, damals ist der Pro- 
fessor nach langem Ausbleiben wiedergekommen, und ich habe ihn an 
dem Sarge des kleinen Otto wieder einmal gesehen. Es war genau 
so, wie ich es erwartet hatte. Ich deutete also den Traum in folgender 
Art: „Wenn jetzt der andere Knabe stürbe, würde sich dasselbe wieder- 
holen. Sie würden den Tag bei ihrer Schwester zubringen, der Pro- 
fessor käme sicherlich hinauf, um zu kondolieren, und unter den näm- 
lichen Verhältnissen Avie damals Avürden Sie ihn Aviedersehen. Der 
Traum bedeutet nichts als diesen Ihren Wunsch nach Wiedersehen, 
gegen den Sie innerlich ankämpfen. Ich Aveiß, daß Sie das Billet für 
das heutige Konzert in der Tasche tragen. Ihr Traum ist ein Unge- 
duldstraum, er hat das Wiedersehen, das heute stattfinden soll, um 
einige Stunden verfrüht.“ 

Zur Verdeckung ihres Wunsches hatte sie offenbar eine Situation 
geAvählt, in Avelcher solche Wünsche unterdrückt zu Averden pflegen, 
eine Situation, in der man von Trauer so sehr erfüllt ist, daß man an 
Liebe nicht denkt. Und doch ist es sehr gut möglich, daß auch in 
der realen Situation, Avelche der Traum getreulich kopierte, am Sarge 
des ersten, von ihr stärker geliebten Knaben sie die zärtliche Emp- 
findung für den lange vermißten Besucher nicht hatte unterdrücken 
können. 

Eine andere Aufklärung fand ein ähnlicher Traum einer anderen 
Patientin, die sich in früheren Jahren durch raschen Witz und heitere 
Laune hervorgetan hatte und diese Eigenschaften jetzt wenigstens noch 
in ihren Einfällen wahrend der Behandlung beAvies. Dieser Dame kam 
es im Zusammenhänge eines längeren Traumes vor, daß sie ihre ein- 
zige, 15jährige Tochter in einer Schachtel tot daliegen sah. Sie hatte 
nicht übel Lust, aus dieser Traumerscheinung einen Eimvaud gegen 
die Wunscherfüllungstheorie zu machen, ahnte aber selbst, daß das 


Auflösung peinlicher Träume. 


113 


Detail der Schachtel den Weg- zu einer anderen Auffassung des Traumes 
anzeigen müsse.*) Bei der Analyse fiel ihr ein, daß in der Gesellschaft 
Abends vorher die Rede auf das englische Wort „box“ gekommen 
war und auf die mannigfaltigen Übersetzungen desselben im Deutschen, 
als: Schachtel, Loge, Kasten, Ohrfeige u. s. w. Aus anderen Bestand- 
stücken desselben Traumes ließ sich nun ergänzen, daß sie die Ver- 
wandtschaft des englischen „box“ mit dem deutschen „Büchse“ er- 
raten habe und dann von der Erinnerung heimgesucht worden sei, 
daß „Büchse“ auch als vulgäre Bezeichnung des weiblichen Genitales 
gebraucht werde. Mit einiger Nachsicht für ihre Kenntnisse in der 
topographischen Anatomie konnte man also annehmen, daß das Kind 
in der „Schachtel“ eine Frucht im Mutterleibe bedeute. Soweit auf- 
geklärt, leugnete sie nun nicht, daß das Traumbild wirklich einem 
Wunsche von ihr entspreche. Wie so viele junge Frauen war sie 
keineswegs glücklich, als sie in die Gravidität geriet, und gestand sich 
mehr als einmal den Wunsch ein, daß ihr das Kind im Mutterleibe 
absterben möge; ja in einem Wutanfalle nach einer heftigen Szene mit 
ihrem Manne schlug sie mit den Fäusten auf ihren Leib los, um das 
Kind darin zu treffen. Das tote Kind war also wirklich eine Wunsch- 
erfüllung, aber die eines seit 15 Jahren beseitigten Wunsches, und es 
ist nicht zu verwundern, wenn man die Wunscherfüllung nach so ver- 
spätetem Eintreffen nicht mehr erkennt. Unterdessen hat sich eben 
zu viel geändert. 


Die Gruppe, zu welcher die beiden letzten Träume gehören, die 
den Tod lieber Angehöriger zum Inhalt haben, soll bei den typischen 
Träumen nochmals Berücksichtigung finden. Ich werde dort an neuen 
Beispielen zeigen können, daß trotz des unerwünschten Inhalts alle 
diese Träume als W unscherfüllungen gedeutet werden müssen. Keinem 
Patienten, sondern einem intelligenten Reehtsgelehrten meiner Bekannt- 
schaft, verdanke ich folgenden Traum, der mir wiederum in der 
Absicht erzählt wurde, mich von voreiliger Verallgemeinerung in der 
Lehre vom Wunschtraume zurückzuhalten. „Ich träume,“ berichtet 
mein Gewährsmann, „daß ich, eine Dame am Arm, vor mein 
Maus komme. Dort wartet ein geschlossener Wagen, 
ein Herr tritt auf mich zu, legitimiert sich als Polizei- 
agent und fordert mich auf, ihm zu folgen. Ich bitte 
nur noch um die Zeit, meine Angelegenheiten zu ordnen. 
„ fauben Sie, daß es vielleicht ein Wunsch von mir ist, verhaftet 

unfpr d Ti ? n GW \ ß , v Cht ’ T ß ich zu o e ben. Wissen Sie vielleicht, 
unter welcher Beschuldigung Sie verhaftet wurden. — „Ja, ich glaube 

Vefbreehp ndeSm ° rdeS ‘vr~ Kiades ^ord? Sie wissen doch, daß dieses 
_ n - n , n ^ r , **f utfcer iin l lrem Neugeborenen begehen kann? 

- ” Da3 ist nchtl S- ' ) — Und unter welchen Umständen haben Sie 


**) Es eret-nlt s ;?h hnffi i r l' er !, lltelten Sou P er der geräucherte Lachs, 
daß erst wi,»?n * , hd,ufi jr daß em Traum unvollständig erzählt wird, und 
erst während der Analyse die Erinnerung an diese ausgelassenen Stücke des 

Freurl r r 


Freud, Traumdeutung. 3. An#. 


8 


114 


IV. Die Traumeutstelluug. 


geträumt; was ist am Abend vorher vorgegangen ? „Das möchte ich 
Ihnen nicht gern erzählen, es ist eine heikle Angelegenheit.“ — Ich brauche 
es aber, sonst müssen wir auf die Deutung des Traumes verzichten. 
— „Also hören Sie. Ich habe die Nacht nicht zu Hause, sondern bei 
einer Dame zugebracht, die mir sehr viel bedeutet. Als wir am 
Morgen erwachten, ging neuerdings etwas zwischen uns vor. Dann 
schlief ich wiederum ein und träumte, was Sie wissen.“ — Es ist eine 
verheiratete Frau? „Ja.“ — Und sie wollen kein Kind mit ihr er- 
zeugen? — „Nein, nein, das könnte uns verraten.“ — Sie üben also 
nicht normalen Koitus? — „Ich gebrauche die Vorsicht, mich vor 
der Ejakulation zurückzuziehen.“ — Darf ich annehmen, Sie hätten 
das Kunststück in dieser Nacht mehreremal ausgeführt, und seien 
nach der Wiederholung am Morgen ein wenig unsicher gewesen, ob 
es Ihnen gelungen ist? — „Das könnte wohl sein.“ — Dann ist Ihr 
Traum eine Wunscherfüllung. Sie erhalten durch ihn die Beruhigung, 
daß Sie kein Kind erzeugt haben, oder was nahezu das gleiche ist, 
Sie hätten ein Kind umgebracht. Die Mittelglieder kann ich ihnen 
leicht nachweisen. Erinnern Sie sich, vor einigen Tagen sprachen 
wir über die Ehenot und über die Inkonsequenz, daß es gestattet ist, 
den Koitus so zu halten, daß keine Befruchtung zu stände kommt, 
während jeder Eingriff, wenn einmal Ei und Same sich getroffen und 
einen Fötus gebildet haben, als Verbrechen bestraft wird. Im An- 
schluß daran gedachten wir auch der mittelalterlichen Streitfrage, in 
welchem Zeitpunkte eigentlich die Seele in den Fötus hineinfahre, 
weil der Begriff des Mordes erst von da an zulässig wird. Sie kennen 
gewiß auch das schaurige Gedicht von Lenau, welches Kindermord 
und Kinderverhütung gleichstellt. — „An Lenau habe ich merk- 
würdigerweise heute Vormittag wie zufällig gedacht.“ — Auch ein 
Nachklang Ihres Traumes. Und nun will ich Ihnen noch eine kleine 
Nebenwunscherfüllung in Ihrem Traume nachweisen. Sie kommen 
mit der Dame am Arm vor Ihr Haus. Sie führen Sie also heim, 
anstatt daß Sie in Wirklichkeit die Nacht in deren Hause zubringen. 
Daß die Wunsch erfüllung, die den Kern des Traumes bildet, sich in 
so unangenehmer Form verbirgt, hat vielleicht mehr als einen Grund. 
Aus meinem Aufsatze über die Ätiologie der Augstneurose könnten 
Sie erfahren, daß ich den Coitus interruptus als eines der ursächlichen 
Momente für die Entstehung der neurotischen Angst in Anspruch 
nehme. Es würde dazu stimmen, wenn Ihnen nach mehrmaligem 
Koitus dieser Art eine unbehagliche Stimmung verbliebe, die nun als 
Element in die Zusammensetzung Ihres Traumes eingeht. Dieser 
Verstimmung bedienen Sie sich auch, um sich die V unsclierfüllung 
zu verhüllen. Übrigens ist auch die Erwähnung des Kindesmordes 
nicht erklärt. Wie kommen Sie zu diesem spezifisch weiblichen Ver- 
brechen? — „Ich will Ihnen gestehen, daß ich vor Jahren einmal in 

Traumes auftaucbt. Diese nachträglich eingefiigten Stücke ergeben regelmäßig den 
Schlüssel zur Traumdeutung. Vergleiche weiter unten über das Vergessen der Träume. 


Auflösung peinlicher Träume. 


115 


eine solche Angelegenheit verflochten war. Ich war schuld daran, daß 
ein Mädchen sich durch eine Fruchtabtreibung vor den Folgen eines 
Verhältnisses mit mir zu schützen versuchte. Ich hatte mit der Aus- 
führung des Vorsatzes gar nichts zu tun, war aber lange Zeit in be- 
greiflicher Angst, daß die Sache entdeckt würde.“ — „Ich verstehe, 
diese Erinnerung ergab einen zweiten Grund, warum Ihnen die Ver- 
mutung, Sie hätten Ihr Kunststück schlecht gemacht, peinlich sein 
mußte. “ 

Ein junger Arzt, welcher in meinem Kolleg diesen Traum er- 
zählen hörte, muß sich von ihm betroffen gefühlt haben, denn er 
beeilte sich ihn nachzuträumen, dessen Gedankenform auf ein anderes 
Thema anzuwenden. Er hatte Tags vorher sein Einkommenbekenntnis 
übergeben, welches vollkommen aufrichtig gehalten war, da er nur 
wenig zu bekennen hatte. Er träumte nun, ein Bekannter komme 
aus der Sitzung der Steuerkommission zu ihm und teile ihm mit, daß 
alle anderen Steuerbekenntnisse unbeanstandet geblieben seien, das 
seinige aber habe allgemeines Mißtrauen erweckt und werde ihm eine 
empfindliche Steuerstrafe eintragen. Der Traum ist eine lässig ver- 
hüllte Wunscherfüllung, für einen Arzt von großem Einkommen zu 
gelten. Er erinnert übrigens an die bekannte Geschichte von jenem 
jungen Mädchen, welchem abgeraten wird, ihrem Freier zuzusagen, 
weil er ein jähzorniger Mensch sei und sie in der Ehe sicherlich mit 
Schlägen traktieren werde. Die Antwort des Mädchens lautet dann: 
Schliig’ er mich erst! Ihr Wunsch, verheiratet zu sein, ist so lebhaft 
daß sie die in Aussicht gestellte Unannehmlichkeit, die mit dieser Ehe 
verbunden sein soll, mit in den Kauf nimmt und selbst zum Wunsche 


[Fasse ich die sehr häufig vorkommenden Träume solcher Art 
die meiner Lehre direkt zu widersprechen scheinen, indem sie das , 
Versagen eines Wunsches oder das Eintreffen von etwas offenbar Un- 
gewünschtem zum Inhalt haben, als „Gegenwunschträume“ zusammen 
so sehe ich, daß sie sich allgemein auf zwei Prinzipien zurückführen 
lassen, von denen das eine noch nicht erwähnt worden Lt r.Kwr.M 


erhebt. 



mit der „Wunschtheorie des Traumes.“] 


8 * 


11G 


IV. Die Traimieiitstcllunjr. 

o 


letzte Kurtraum dieser Art, den ich mitteilen will, zeigt wiederum 
das nämliche. Ein junges Mädchen, welches sich die Fortsetzung 
meiner Behandlung mühsam erkämpft hat gegen den Willeu ihrer 
Angehörigen uud der zu Kate gezogenen Autoritäten, träumt: Zu 
Hause verbiete man ihr, weiter zu mir zu kommen. Sie 
beruft sich daun bei mir auf ein ihr g c g e b e u e s Ver- 
sprechen, sie im Notfälle auch umsonst zu behandeln, 
und ich sage ihr: In Geldsachen kann ich keine Rück- 
sicht üben. 

Es ist wirklich nicht leicht, hier die Wunscherfüllung nachzu- 
w r eisen, aber iu all solcheu Fällen findet sich außer dem einen Rätsel 
noch ein anderes, dessen Lösung auch das erste löseu hilft. Woher 
stammen die Worte, die sie mir in den Mund legt? Ich habe ihr 
natürlich nie etwas Ähnliches gesagt, aber einer ihrer Brüder und 
gerade jener, der den größten Einfluß auf sie hat, war so liebeuswürdig. 
über mich diesen Ausspruch zu tun. Der Traum will also erreichen, 
daß der Bruder Recht behalte und diesem Bruder Recht verschaffen, 
will sie nicht nur im Traume ; es ist der Inhalt ihres Lebens und das 
Motiv ihres Krankseins. 

Das andere Motiv der Gegemvunsch träume liegt so nahe, daß 
man leicht in Gefahr kommt, es zu übersehen, wie mir selbst durch 
längere Zeit geschehen ist. In der Sexualkonstitution so vieler Men- 
schen gibt es eine masochistische Komponente, die durch die Ver- 
kehrung ins Gegenteil der aggressiven, sadistischen entstanden ist. 
Man heißt solche Menschen „ideelle“ Masochisten, wenn sie die Lust 
nicht in dem ihnen zugefügten körperlichen Schmerz, sondern in der 
Demütigung und seelischen Peinigung suchen. Es leuchtet olrne 
weiteres ein, daß diese Personen Gegenwunsch- und Unlustträume 
haben können, die für sie doch nichts anderes als Wunscherfüllungen 
sind, Befricdigumg ihrer masochistischen Neigungen. Ich setze einen 
solchen Traum hieher: Ein junger Mann, der in früheren Jahren 
seinen älteren Bruder, dem er homosexuell zugetan war, sehr gequält 
hat, träumt nun nach gründlicher Charakterwandlung einen aus drei 
Stücken bestehenden Traum. I. Wie ihn sein älterer Bruder 
„sekiert“. II. Wie zwei Erwachsene in homosexueller 
Absicht miteinander schön tun. III. Der Bruder hat das 
Unternehmen verkauft, dessen Leitung er sich für seine 
Zukunft Vorbehalten hat. Aus letzterem Traume erwacht er 
mit dcu peinlichsten Gefühlen, nnd doch ist es ein masochistischer 
Wunschtraum, dessen Übersetzung lauten könnte: es geschähe mir 
ganz recht, wenn der Bruder mir jeneu \ erkauf autäte zur Strafe 
für alle Quälereien, die er von mir ausgestanden hat.] 

Ich hoffe, die vorstehenden Erwägungen uud Beispiele werden 
genügen, um cs — bis auf weiteren Einspruch — glaubwürdig er- 
scheinen zu lassen, daß auch die Träume mit peinlichem Inhalt als 
Wunschcrfüllungen aufzulösen sind. Es wird auch niemand eiue 


Der Traum, eine verkleidete Erfüllung eines verdrängten Wunsches. 117 


Äußerung des Zufalls darin erblicken, daß man bei der Deutung 
dieser Träume jedesmal auf Themata gerät, von denen man nicht 
gern spricht oder an die man nicht gern denkt. Das peinliche Ge- 
fühl, welches solche Träume erwecken, ist wohl einfach identisch mit 
dem Widerwillen, der uns von der Behandlung oder Erwägung solcher 
Themata — meist mit Erfolg — abhalten möchte, und welcher von 
jedem von uns überwunden werden muß, wenn wir uns genötigt sehen, 
es doch in Angriff zu nehmen. Dieses im Traume also wiederkehrende 
Unlustgefühl schließt aber das Bestehen eines Wunsches nicht aus; es 
gibt bei jedem Menschen Wünsche, die er anderen nicht mitteilen 
möchte, und Wünsche, die er sich selbst nicht eingestehen will. 
Anderseits finden wir uns berechtigt, den Unlustcharakter all dieser 
Träume mit der Tatsache der Traumentstellung in Zusammenhang zu 
bringen und zu schließen, diese Träume seien gerade darum so ent- 
stellt, und die Wunscherfüllung in ihnen bis zur Unkenntlichkeit ver- 
kleidet, weil ein Widerwillen, eine Verdrängungsabsicht gegen das 
Thema des Traumes oder gegen den aus ihm geschöpften Wunsch 
besteht. Die Traumentstellung erweist sich also tatsächlich als ein 
Akt der Zensur. Allem, was die Analyse der Unlustträume zu Tage 
gefördert hat, tragen nur aber Rechnung, wenn wir unsere Formel 
die das Wesen des Traumes ausdrücken soll, in folgender Art ver- 
ändern: Der Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines 
(unterdrückten, verdrängten) Wunsches.*) 

Xun erübrigen noch die Angstträume als besondere Unterart der 
Träume mit peinlichem Inhalt, deren Auffassung als Wunschträume 
bei dem Unaufgeklärten die geringste Bereitwilligkeit begegnen wird. 
Doch kann ich die Angstträume hier ganz kurz abtun; es ist nicht 
eine neue Seite des Traumproblems, die sich uns in ihnen zeigen 
würde, sondern es handelt sich bei ihnen um das Verständnis der 
neurotischen Angst überhaupt. Die Angst, die wir im Traume emp- 
finden, ist nur scheinbar durch den Inhalt des Traumes erklärt. Wenn 
wir den Trauminhalt der Deutung unterziehen, merken wir, daß die 
Traumangst durch den Inhalt des Traumes nicht besser gerechtfertigt 
wird als etwa die Angst einer Phobie durch die Vorstellung, an 
welcher die Phobie hängt. Es ist z. B. zwar richtig, daß man aus 
dem lenster stürzen kann und darum Ursache hat, sich beim Fenster 
einer gewissen Vorsicht zu befleißen, aber es ist nicht zu verstehen, 
warum bei der entsprechenden Phobie die Angst so groß ist und den 
Kranken weit über ihre Anlässe hinaus verfolgt. Dieselbe Aufklärung 
erweist sich dann als gültig für die Phobie wie für den Angsttraurm 


und Mo i k Z ? Uh ^ 1C L hler , (le V0D ° tt0 Kank Verrührende Erweiterung 

an: , nI ?, 0r Traum stollt «gehoMUg auf de? 
Reffei auch nr i w- ° T^*“** 6 ? ^rantil-sox aelleu Materials aktuelle in der 
erflüt dar“ r En T n a V 1 , ver f, üllto / und symbolisch eingekleideter Formals 
P 519 1910 1 ’ ^ S1C 86 St deUtet ‘“ J;lhrb ' v. Bleuler-Freud, II. B. 


113 


IV. Die Traumentstelluii" 

Ö 

üie Angst ist bcidein.ul an die sie begleitende Vorstellung nur an- 
gelötet und stammt aus anderer Quelle. 

W egen dieses intimen Zusammenhanges der Traumangst mit der 
Neurosenangst muß ich hier bei der Erörterung der ersteren auf die 
letztere verweisen. In einem kleinen Aufsätze Uber die „ Angst- 
neurose“ (Neurolog. Zentralblatt, 1895) habe ich seinerzeit behauptet, 
daß die neurotische Angst aus dem Sexualleben stammt und einer von 
ihrer Bestimmung abgelenkten, nicht zur Verwendung gelaugten 
Libido entspricht. Diese Formel hat sich seither immer mehr als 
stichhaltig erwiesen. Aus ihr läßt sich nun der Satz ableiten, daß die 
Angstträume Träume sexuellen Inhalts sind, deren zugehörige Libido 
eine Verwandlung in Angst erfahren hat. Es wird sich späterhin die 
Gelegenheit ergeben, diese Behauptung durch die Analyse einiger 
Träume bei Neurotikern zu unterstützen. Auch werde ich bei weiteren 
Versuchen, mich einer Theorie des Traumes zu nähern, nochmals auf 
die Bedingung der Angstträume und deren Verträglichkeit mit der 
Wunscherfüllungstheorie zu sprechen kommen. 


V. 


Das Traummaterial und die Traumquellen. 

Als wir aus der Analyse des Traumes von Irmas Injektion 
ersehen hatten, daß der Traum eine Wunsch erfüllung ist, nahm uns 
zunächst das Interesse gefangen, ob wir hiemit einen allgemeinen 
Charakter des Traumes aufgedeckt haben, und wir brachten vorläufig 
jede andere wissenschaftliche Neugierde zum Schweigen, die sich in 
uns während jener Deutungsarbeit geregt haben mochte. Nachdem 
wir jetzt auf dem einen Wege zum Ziele gelangt sind, düi’fen wir 
zurückkehren und einen neuen Ausgangspunkt für unsere Streifungen 
durch die Probleme des Traumes wählen, sollten wir darüber auch 
das noch keineswegs voll erledigte Thema der Wunscherfüllung für 
eine Weile aus den Augen verlieren. 

Seitdem wir durch Anwendung unseres Verfahrens der Traum- 
deutung einen latenten Trauminhalt aufdecken können, der an 
Bedeutsamkeit den manifesten Trauminhalt weit hinter sich läßt, 
muß es uns drängen, die einzelnen Traumprobleme von neuem auf- 
zunehmen, um zu versuchen, ob sich für uns nicht Rätsel und Wider- 
sprüche befriedigend lösen, die, solange man nur den manifesten 
Trauminhalt kannte, unangreifbar erschienen sind. 

Die Angaben der Autoren Uber den Zusammenhang des Traumes 
mit dem Wachleben sowie über die Herkunft des Traummaterials 
sind im einleitenden Abschnitt ausführlich mitgeteilt worden. Wir 
erinnern uns auch jener drei Eigentümlichkeiten des Traumgedächt- 
nisses, die so vielfach bemerkt, aber nicht erklärt worden sind: 

1. Daß der Iraum die Eindrücke der letzten Tage deutlich 
bevorzugt [Robert 55 ), Strümpell 66 ), Hildebrandt 35 ), auch 
Weed-Hallam 33 )]; 

2. daß er eine Auswahl nach anderen Prinzipien als unser 
Wachgedächtnis trifft, indem er nicht das Wesentliche und Wichtige, 
sondern das Nebensächliche und Unbeachtete erinnert (vgl. Seite 12) ; 

3- er die Verfügung über unsere frühesten Kindheits- 
eindrücke besitzt und selbst Einzelheiten aus dieser Lebenszeit 


120 


\ • -Lr«ium material und Trauinquellen. 

hervorholt, die uns wiederum als trivial erscheinen und im Wachen 
für längst vergessen gehalten worden sind.“) 

Diese Besonderheiten in der Auswahl des Traummaterials sind 
von den Autoren natürlich am manifesten Trauminlialt beobachtet 
worden. 

a) Das Rezente und das Indifferente im Traume. 

Wenn ich jetzt in Betreff der Herkunft der im Trauminhalt 
auftretenden Elemente meine eigene Erfahrung zu Rate ziehe, so muß 
ich zunächst die Behauptung aufstellen, daß in jedem Traume eine 
Anknüpfung an die Erlebnisse des letz tabgelaufenen Tages 
aufzufinden ist. "Welchen 1 raum immer ich vornehme, einen eigenen 
oder fremden, jedesmal bestätigt sich mir diese Erfahrung. In Kenntnis 
dieser Tatsache kann ich etwa die Traumdeutung damit beginnen, 
daß ich zuerst nach dem Erlebnisse des Tages forsehe, welches den 
Traum angeregt hat; für viele Fälle ist dies sogar der nächste Weg. 
An den beiden Träumen, die ich im vorigen Abschnitt einer genauen 
Analyse unterzogen habe (von Irmas Injektion, von meinem Onkel 
mit dem gelben Barte), ist die Beziehung zum Tage so augenfällig, 
daß sie keiner weiteren Beleuchtung bedarf. Um aber zu zeigen, wie 
regelmäßig sich diese Beziehung erweisen läßt, will ich ein Stück 
meiner eigenen Traumchronik darauf hin untersuchen. Ich teile die 
Träume nur so weit mit, als es zur Aufdeckung der gesuchten Traum- 
quelle bedarf. 

1. Ich mache einen Besuch in einem Hause, wo ich nur mit 
Schwierigkeiten vorgelassen werde u. s. w., lasse eine Frau unter- 
dessen auf mich warten. 

Quelle: Gespräch mit einer Verwandten am Abend, daß eine 
Anschaffung, die sie verlangt, warten müsse, bis u. s. w. 

2. Ich habe eine Monographie über eine gewisse (unklar) 
Pflanzenart geschrieben. 

Quelle: Am Vormittag im Schaufenster einer Buchhandlung 
eine Monographie gesehen über die Gattung Cvklamen. 

3. Ich sehe zwei Frauen auf der Straße, Mutter und Tochter, 
von denen die letztere meine Patientin war. 

Quelle: Eine in Behandlung stehende Patientin hat mir abends 
mitgeteilt, welche Schwierigkeiten ihre Mutter einer Fortsetzung der 
Behandlung entgegenstellt. 

4. In der Buchhandlung von S. und R. nehme ich ein Abon- 
nement auf eine periodische Publikation, die jährlich 20 fl. kostet. 

*) Es ist klar, daß die Auffassung Roberts, der Traum sei dazu bestimmt, 
unser Gedächtnis von den wertlosen Eindrücken des Tages zu entlasten, nicht mehr 
zu halten ist, wenn im Traume einigermaßen häufig gleichgültige Erinnerungsbilder 
aus unserer Kindheit auftreten. Man müßte den Schluß ziehen, daß der Traum die 
ihm zufallende Aufgabe sehr ungenügend zu erfüllen pflegt. 


Das Rezente und das Indifferente iin Traume. 


121 


Quelle: Meine Frau hat mich am Tage daran erinnert, daß 
ich ihr 20 fl. vom Wochengelde noch schuldig bin. 

5. Ich erhalte eine Zuschrift vom sozialdemokratischen 
Komitee, in der ich als Mitglied behandelt Averde. 

Quelle: Zuschriften erhalten gleichzeitig vom liberalen 

Wahlkomitee und vom Präsidium des humanitären Vereines, dessen 
Mitglied ich wirklich bin. 

6. Ein Mann auf einem steilen Felsen mitten im Meere 
in Böckl in scher Manier. 

Quelle: Dreyfus auf der Teufelsinsel, gleichzeitig Nach- 
richten von meinen Verwandten in England u. s. av. 

Man könnte die Frage aufwerfen, ob die Traumanknüpfung un- 
fehlbar an die Ereignisse des letzten Tages erfolgt, oder ob sie sich 
auf Eindrücke eines längeren Zeitraumes der jünsten Vergangenheit 
erstrecken kann. Dieser Gegenstand kann prinzipielle Bedeutsamkeit 
AA-ahrscheinlich nicht beanspruchen, doch möchte ich mich für das 
ausschließliche Vorrecht des letzten Tages vor dem Traume (des 
Traumtages) entscheiden. So oft ich zu finden vermeinte, daß ein 
Eindruck vor zwei oder drei Tagen die Quelle des Traumes gewesen 
sei, konnte ich mich doch bei genauerer Nachforschung überzeugen, 
daß jener Eindruck am Vortage Avieder erinnert Avoi'den war, daß 
also, eine nachweisbare Reproduktion am Vortage sich zwischen dem 
Ereignistage und der Traumzeit eingeschoben hatte, und konnte außer- 
dem den^ rezenten Anlaß nacliAveiseu, von dem die Erinnerung an den 
älteren Eindruck ausgegangen sein konnte. (Hingegen konnte ich mich 
nicht davon überzeugen, daß zivischen dem erregenden Tageseindruck 
und dessen Wiederkehr im Traume ein regelmäßiges Intervall von 
biologischer Bedeutsamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 
18 Stunden) eingeschoben ist.]*) 


PI • n ) [H. Swoboda 1 7 ) hat, wie im ersten Abschnitt p. G7 mitgeteilt, die von W 
Fließ gefundenen biologischen Intervalle von 23 und 28 Tagen im weiten Aus- 

7«Uen a r f ^ T JfK' Ge8C 1 heh « n übertragen und insbesondere behauptet, daß diese 
Di Tr i! t A " aU " h r Tra Umelemente in den Träumen entscheidend sind, 
li i rt ? wurde nicht wesentlich abgeändert, wenn sich solches nachweisen 
LSe n, r Herkunft des Traumma terials ergäbe sich eine neue Quelle. Ich 

s0 " ah "’ AufMtM 

I. Traum vom 1./2. Oktober 1910. 

barkeiten^v^fnH ' ' ' , Ir f ndw ,° | n Italien - Drei Töchter zeigen mir kleine Kost- 
efnem der Stücke Z A “ t 'iuarladeu, setzen sich mir dabei auf den Schoß. Bei 
eine kleine Profilmnsl-^ • Das haben Sie ja von mir. Ich seho dabei deutlich 
V,,; k mit den Scharfgeschnittenen Zügen Savonarolas. 
f i A W • habe ,ch zuletzt das Bild Savonarolas gesehen’ Ich war nach 
d?chtc U ich e H S m0H,0S - Keiseta ^ ba ^es am 4. und 5. September in Fforenz- dort 
Münch s * im düster * 1 ^^"pifl 6186 6 * * V das Medaillon mit den Zügen des fanatischen 

brennung “and 1 zu zeten UU T ES?™ “ ^ W ° er deU Tod dllrch 

’ gen, uud ich meine, am 3. vormittags machte ich ihn auf das- 


122 


V. Trauuimaterial uud Traumquelleu. 


Ich meine also, es gibt für jeden Traum einen Traumerreger aus 
jenen Erlebnissen, über die „man noch keine Nacht geschlafen kat u . 

Die Eindrücke der jüngsten Vergangenheit (mit Ausschluß des 
Tages vor der Traumnacht) zeigen also keine andersartige Beziehung 
zum Trauminhalt als andere Eindrücke aus beliebig ferner liegenden 
Zeiten. Der Traum kann sein Material aus jeder Zeit des Lebens 
wählen, wofern nur von den Erlebnissen des Traumtages (den „rezenten** 
Eindrücken) zu diesen früheren ein Gedankenfaden reicht. 

Woher aber die Bevorzugung der rezenten Eindrücke? Wir 
werden zu Vermutungen über diesen Punkt gelangen, wenn wir einen 
der erwähnten Träume einer genaueren Analyse unterziehen. Ich 
wähle den Traum von der Monographie. 

Trauminhalt: Ich habe eine Monographie über eine 
gewisse Pflanze geschrieben. Das Buch liegt vor mir, 
ich blättere eben eine eingeschlagene farbigeTafel um. 
Jedem Exemplar ist ein getrocknetes Spezimen der 
Pflanze beigebunden, ähnlich wie aus einem Herbarium. 

Analyse: Ich habe am Vormittag im Schaufenster einer 

Buchhandlung ein neues Buch gesehen, welches sich betitelt: Die 
Gattung Cyklamen, offenbar eine Monographie über diese Pflanze. 

selbe aufmerksam. Von diesem Eindruck bis zur Wiederkehr im Traume sind 
allerdings 21 1 Tage verflossen, eine „weibliche Periode“ nach Fließ. Zum Un- 
glück für die Beweiskraft dieses Beispiels mnß ich aber erwähnen, daß an dem 
Traum tage selbst der tüchtige, aber düster blickende Kollege bei mir war (das 
erste Mal seit meiner Rückkunft), für den ich vor Jahren schon den Scherznamen 
„Rabbi Savonarola“ aufgebracht habe. Er stellte mir einen Unfallkranken vor, der 
in dem Pontebbazug verunglückt war, in dem ich selbst 8 Tage vorher gereist war. 
nnd leitete so meine Gedanken zur letzten Italienreise zurück. Das Erscheinen des 
auffälligen Elements „Savonarola“ im Trauminhalt ist durch diesen Besuch des 
Kollegen am Traumtage aufgeklärt, das 28tägigo Intervall wird seiner Bedeutung für 
dessen Herleitung verlustig. 

II. Traum vom 10./11. Oktober. 

Ich arbeite wieder einmal Chemie im Universitätslaboratorinm. Hofrat L. 
läd mich ein, an einen anderen Ort zu kommen und geht auf dem Korridor voran, 
eine Lampe oder sonst ein Instrument wie scharfsinnig (?) [scharfsichtig?] in der er- 
hobenen Hand vor sich hintragend, in eigentümlicher Haltung mit vorgestrecktem 
Kopf. Wir kommen dann über einen freien Platz . . . (Rest vergessen). 

Das Auffälligste in diesem Trauminhalt ist die Art, wie Hofrat L. die Lampe 
(oder Lupe) vor sich hinträgt, das Auge spähend in die Weite gerichtet. L. habe 
ich viele Jahre lang nicht mehr gesehen, aber ich weiß jetzt schon, er ist nur eine 
Ersatzperson für einen anderen Größeren, für den Archimedes nahe bei der Are- 
thusaquelle in Syrakus, der genau so wie er im Traum dasteht und so den Brenn - 
spicgel handhabt, nach dem Belagerungsheer der Römer spähend.. Wann habe ich 
dieses Denkmal zuerst (und zuletzt) gesehen? Nach meinen Aufzeichnungen, war e* 
am 17. September abends und von diesem Datum bis zum Traume ^sind. tat- 
sächlich 13 -[-10 = 23 Tage verstrichon, eine „männliche Periode** nach Fließ. 

Leider hebt das Eingehen auf die Deutung des Traumes auch hier oin Stuck 
von der Unerläßlichkeit dieses Zusammenhanges auf. Der Traurnanlaß war die am 
Traumtag erhaltone Nachricht, daß die Klinik, in deren IlÖrsaal ich als Gast meine 
Vorlosungon abhalto, demnächst andorswohin verlegt werden solle. Ich nahm an. 
daß die neue Lokalität sehr unbequem gelegen sei, sagte mir, das werde dann sein. 


Der Traum vou der botanischen Monographie. 


123 


Cyklamen ist die Lieblingsblume meiner Frau. Ich mache 
mir Vorwürfe, daß ich so selten daran denke, ihr Blumen mit- 
zubringen, wie sie sich's wünscht. — Bei dem Thema: Blumen 
mitbringen erinnere ich mich einer Geschichte, welche ich 
unlängst im Freundeskreise erzählt und als Beweis für meine Be- 
hauptung verwendet habe, daß Vergessen sehr häufig die Ausführung 
einer Absicht des Unbewußten sei und immerhin einen Schluß auf die 
geheime Gesinnung des Vergessenden gestatte. Eine junge Frau, 
welche daran gewöhnt war, zu ihrem Geburtstage einen Strauß 
von ihrem Manne vorzufinden, vermißt dieses Zeichen der Zärtlich- 
keit an einem solchen Festtag und bricht darüber in Tränen aus. 
Der Mann kommt hinzu, weiß sich ihr Weinen nicht zu erklären, 
bis sie ihm sagt: Heute ist mein Geburtstag. Da schlägt er sich 
vor die Stirn, ruft aus: Entschuldige, hab’ ich doch ganz daran 
vergessen, und will fort, ihr Blumen zu holen. Sie läßt sich aber 
nicht trösten, denn sie sieht in der Vergeßlichkeit ihres Mannes 
einen Beweis dafür, daß sie in seinen Gedanken nicht mehr dieselbe 
Rolle spielt wie einstens. — Diese Frau L. ist meiner Frau vor 
zwei Tagen begegnet, hat ihr mitgeteilt, daß sie sich wohlfühlt, und 


als ob ich überhaupt keinen Hörsaal zur Verfügung 1 habe, und von da an müßteu 
meine Gedanken bis in den Beginn meiner Dozentenzeit zurückgegangen sein, als ich 
wirklich keinen Hörsaal hatte und mit meinen Bemühungen, mir einen zu ver- 
schaffen, auf geringes Entgegenkommen bei den hochvermögenden Herren Hofräteu 
und Professoren stieß. Ich ging damals zu L., der gerade die Würde eiues Dekans 
bekleidete, und den ich für einen Göuner hielt, um ihm meine Not zu klagen. Er 
versprach mir Abhilfe, ließ aber dann nichts weiter von sich hören. Im Traum ist er der 
Archimedes, der mir gibt, tttj a~<ö und mich selbst in die andere Lokalität geleitet. 
Daß den Traumgedanken weder Rachsucht, noch Größenbewußtsein fremd sind wird 
i ~ eutun £ s kn n< lige leicht erraten. Ich muß aber urteilen, daß ohne diesen Traum- 
anlaß der Archimedes kaum in den Traum dieser Nacht gelangt wäre; es bleibt mir 
unsicher, ob der starke und noch rezente Eindruck der Statue in Siracusa sieh nicht 
auch bei einem anderen Zeitintervall geltend gemacht hätte. 


in. Traum vom 2./3. Oktober 1910. 

(Bruchstück) . . . Etwas von Prof. Os er, der selbst das Menu für mich jre- 
macht hat, was sehr beruhigend wirkt (Anderes vergessen). 

• u ^ e . r ^' ra I 1 . n i * st d *° R 0akt ion auf eine Verdauungsstörung dieses Ta°-es, die 
mich erwägen ließ, ob ich mich nicht wegen Bestimmung einer Diät an einen Kol- 
le 0 en wenden solle. Daß ich im Traum den im Sommer verstorbenen Os er dazu 
bestimme, knüpft an den sehr kurz vorher (1. Okt.) erfolgten Tod eines auderen von 
mir hochgeschätzten Universitätslehrers an. Wann ist aber Oser gestorben und 

22 Aui • 7 ? T ? d . Grfahr ® n? Nach dem Ausweis des Zeitungsblattes am 
mäßit nnrV« d ,i lch .. damals „ in Holland weilte, wohin ich die Wiener Zeitung regel- 
haben TW*' w lleß ’ muß ich d,e Todesnachricht am 24. oder 25. August gelesen 
4_ 2 — oq t! Inte ^ va11 entspricht aber keiner Periode mehr, es umfaßt 7 -f 30 4- 

ÄvL"hon!.T ” e ’ ° der Vlelle ‘cht 3S Tage. Ich kann mich nicht besinnen, iu der 
Zwischenzeit \on Oser gesprochen oder au ihu gedacht zu haben. 

Intervafkfr^h™ Sh Periodenlehro . nich ‘ m ehr ohne weitere Bearbeitung brauchbare 
Konstant finl • i nun aus meinen Träumen ungleich häufiger als die regulären. 

seltaf.)“" d ' e T “‘ bebm ‘“ eU> B “ ieh ""e Eindruck. <4 


\ Trauunnaterial uud Traumquelleu. 

sich luicli mir erkundigt. Sie stand in früheren Jnhren in meiner Be- 
handlung. 

Ein neuer Ansatz: Ich habe wirklich einmal etwas Ähnliches 
geschrieben wie eine Monographie über eine Pflanze, nämlich einen 
Aufsatz über die Kokapflanz e, welcher die Aufmerksamkeit von 
K. Koller auf die anästhesierende Eigenschaft des Kokains gelenkt 
hat. Ich hatte diese Verwendung des Alkaloids in meiner Publikation 
selbst angedeutet, war aber nicht gründlich genug, die Sache weiter 
zu verfolgen. Dazu fällt mir ein, daß ich am Vormittag des Tages 
nach dem Traume (zu dessen Deutung ich erst abends Zeit fand) des 
Kokains in einer Art von Tagesphantasie gedacht habe. Wenn ich 
je Glaukom bekommen sollte, würde ich nach Berlin reisen und 
mich dort bei meinem Berliner Freunde von einem Arzte, den er 
mir empfiehlt, inkognito operieren lassen. Der Operateur, der nicht 
wüßte, an wem er arbeitet, würde wieder einmal rühmen, wie leicht 
sich diese Operationen seit der Einführung des Kokains gestaltet 
haben; ich würde durch keine Miene verraten, daß ich an dieser 
Entdeckung selbst einen Anteil habe. An diese Phantasie schlossen 
sich Gedanken an, wie unbequem es doch für den Arzt sei, ärztliche 
Leistungen von seiten der Kollegen für seine Person in Anspruch 
zu nehmen. Den Berliner Augenarzt, der mich nicht kennt, würde 
ich wie ein anderer entlohnen können. Nachdem dieser Tagtraum 
mir in den Sinn gekommen, merke ich erst, daß sich die Erinnerung 
an ein bestimmtes Erlebnis hinter ihm verbirgt. Kurz nach der 
Entdeckung Kollers war nämlich mein Vater an Glaukom erkrankt ; 
er wurde von meinem Freunde, dem Augenärzte Dr. Königstein, 
operiert, Dr. Koller besorgte die Kokainanästhesie und machte 
dann die Bemerkung, daß bei diesem Falle sich alle die drei Per- 
sonen vereinigt fänden, die an der Einführung des Kokains Anteil 
gehabt haben. 

Meine Gedanken gehen nun weiter, wann ich zuletzt an diese 
Geschichte des Kokains erinnert worden bin. Es war dies vor 
einigen Tagen, als ich die Festschrift in die Hand bekam, mit deren 
Erscheinen dankbare Schüler das Jubiläum ihres Lehrers und Labo- 
ratoriumsvorstandes gefeiert hatten. Unter den Ruhmestiteln des 
Laboratoriums fand ich auch angeführt, daß dort die Entdeckung der 
anästhesierenden Eigenschaft des Kokains durch K. Koller vorge- 
fallen sei. Ich bemerke nun plötzlich, daß mein Traum mit einem 
Erlebnis des Abends vorher zusammenhängt. Ich hatte gerade 
Dr. Königstein nach Hause begleitet, mit dem ich in ein Gespräch 
über eine Angelegenheit geraten war, die mich jedesmal, wenn sie 
berührt wird, lebhaft erregt. Als ich mich in dem Hausflure mit 
ihm aufhielt, kam Professor Gärtner mit seiner jungen Frau hinzu. 
Ich konnte mich nicht enthalten, die Beiden darüber zu beglück- 
wünschen, wie blühend sie aussehen. Nun ist Professor Gärtner 
einer der Verfasser der Festschrift, von der ich eben sprach, und 


Der Traum von der botanischen Monographie. 


125 


konnte mich wohl an 
Geburtstagsenttäuschung 
mit Dr. Königstein, 
wähnt worden. 

Ich will versuchen, 


diese erinnern. Auch die Frau L., deren 
ich unlängst erzählte, war im Gespräche 
in anderem Zusammenhänge allerdings, er- 


auch die anderen Bestimmungeu des Traum- 
inhalts zu deuten. Ein getrocknetes Spezimen der Pflanze liegt 
der Monographie bei, als ob es ein Herbarium wäre. Aus Her- 
barium knüpft sich eine Gymnasialerinnerung. Unser Gymnasial- 
direktor rief einmal die Schüler der höheren Klassen zusammen, um 
ihnen das Herbarium der Anstalt zur Durchsicht und zur Reinigung 
zu übergeben. Es hatten sich kleine Würmer eingefunden — 
Bücherwurm. Zu meiner Hilfeleistung scheint er nicht Zutrauen 
gezeigt zu haben, denn er überließ mir nur wenige Blätter. Ich weiß 
noch heute, daß Kruziferen darauf waren. Ich hatte niemals ein be- 
sonders intimes Verhältnis zur Botanik. Bei meiner botanischen Vor- 
prüfung bekam ich wiederum eine Kruzifere zur Bestimmung und — 
erkannte sie nicht. Es wäre mir schlecht ergangen, wenn nicht meine 
theoretischen Kenntnisse mir herausgeholfen hätten. — Von den Kruzi- 
feren gerate ich auf die Kompositen. Eigentlich ist auch die Artischocke 
eine Komposite, und zwar die, welche ichmeineLieblingsblume 
heißen könnte. Edler als ich, pflegt meine Frau mir diese Lieblings- 
blume häufig vom Markte heimzubringen. 

Ich sehe die Monographie vor mir liegen, die ich geschrieben 
habe. Auch dies ist nicht ohne Bezug. Mein visueller Freund schrieb 
mir gestern aus Berlin : „Mit deinem Traumbuche 

mich sehr viel. Ich sehe es fertig vor 
blättere darin.“ Wie habe ich ihn um 

Wenn ich es doch auch schon fertig vor mir liegen sehen könnte ! 


beschäftige ich 
mir liegen und 
diese Sehergabe beneidet ! 


Die zusammengel egte 


farbige Tafel: 


, . . o .o- ö ~ Als ich Student 

der Medizin war, litt ich viel unter dem Impuls, nur aus Mono- 
graphien lernen zu wollen. Ich hielt mir damals, trotz meiner 
beschränkten Mittel, mehrere medizinische Archive, deren farbige 
Tafeln mein Entzücken waren. Ich war stolz auf diese Neigung zur 
Gründlichkeit. Als ich dann selbst zu publizieren begann, mußte ich 
auch die Tafeln für meine Abhandlungen zeichnen und ich weiß, daß 
eine c erselben so kümmerlich ausfiel, daß mich ein wohlwollender 
College ihretwegen verhöhnte. Dazu kommt noch, ich weiß nicht 
recht wie, eine sehr frühe Jugenderinnerung. Mein Vater machte sich 
einmal den Scherz, mir und meiner ältesten Schwester ein Buch mit 
tar bigen Tafeln (Beschreibung einer Reise in Persien) zur Ver- 
nichtung zu uberlassen. Es war erziehlich kaum zu rechtfertigen. Ich 
var damals fünf Jahre, die Schwester unter drei Jahren alt, und das 
Dikl, wie wir Kinder tibersehg dieses Buch zerpflückten (wie eine 


\ i , _ 0 uuui ^cimiLiGiviuu twie eine 

Artischocke, Blatt für Blatt, muß ich sagen), ist nahezu das Einzige, 
was mir aus dieser Lebenszeit m plastischer Erinnerung geblieben ist. 
- ich dann Student wurde, entwickelte sich bei mir eine aus- 


126 


V. Traummaterial uud Traum quellen. 


gesprochene Vorliebe, Bücher zu sammeln und zu besitzen (aualog 
der Neigung, aus Monographien zu studieren, eine Liebhaberei, wie 
sie in den Traumgedanken betreffs Cyklamen und Artischocke bereits 
vorkommt). Ich wurde ein Bücherwurm (vgl. Herbarium). Ich 
habe diese erste Leidenschaft meines Lebens, seitdem ich über mich 
nachdenke, immer auf diesen Kindereindruck zurückgeführt oder viel- 
mehr, ich habe erkannt, daß diese Kinderszene eine „Deckerinnerung“ 
für meine spätere Bibliophilie ist.*) Natürlich habe ich auch frühzeitig 
erfahren, daß man durch Leidenschaften leieht in Leiden gerät. Als 
ich 17 Jahre alt war, hatte ich ein ansehnliches Konto beim Buch- 
händler und keine Mittel, es zu begleichen, und mein Vater ließ es 
kaum als Entschuldigung gelten, daß sich meine Neigungen auf nichts 
Böseres geworfen hatten. Die Erwähnung dieses späteren Jugend- 
erlebnisses bringt mich aber sofort zu dem Gespräche mit meinem 
Freunde Dr. Königstein zurück. Denn um dieselben Vorwürfe 
wie damals, daß ich meinen Liebhabereien zuviel nachgebe, 
handelte es sich auch im Gespräche am Abend des Traumtages. 

Aus Gründen, die nicht hieher gehören, will ich die Deutung 
dieses Traumes nicht verfolgen, sondern bloß den Weg angeben, 
welcher zu ihr führt. Während der Deutungsarbeit bin ich an das 
Gespräch mit Dr. Königstein erinnert worden, und zwar von mehr 
als einer Stelle aus. Wenn ich mir Vorhalte, welche Dinge in diesem 
Gespräche berührt worden sind, so wird der Sinn des Traumes mir 
verständlich. Alle angefangenen Gedankengäuge, von den Liebhabereien 
meiner Frau und meinen eigenen, vom Kokain, von den Schwierig- 
keiten ärztlicher Behandlung unter Kollegen, von meiner Vorliebe für 
monographische Studien und meiner Vernachlässigung gewisser Fächer 
wie der Botanik, dies alles erhält dann seine Fortsetzung und mündet 
in irgend einen der Fäden der vielverzweigten Unterredung ein. Der 
Traum bekömmt wieder den Charakter einer Rechtfertigung, eines 
Plaidoyers für mein Recht, wie der erst analysierte Traum von 
Irmas Injektion; ja er setzt das dort begonnene Thema fort und er- 
örtert es an einem neuen Material, welches im Intervall zwischen 
beiden Träumen hinzugekommen ist. Selbst die scheinbar indifferente 
Ausdrucksform des Traumes bekömmt einen Akzent. Es heißt jetzt: 
Ich bin doch der Mann, der die wertvolle und erfolgreiche Abhandlung 
(Uber das Kokain) geschrieben hat, ähnlich wie ich damals zu meiner 
Rechtfertigung vorbrachte : Ich bin doch ein tüchtiger und fleißiger 
Student; in beiden Fällen also: Ich darf mir das erlauben. Ich kann 
aber auf die Ausführung der Traumdeutung hier verzichten, weil mich 
zur Mitteilung des Traumes nur die Absicht bewogen hat, an einem 
Beispiele die Beziehung des Trauminhalts zu dem erregenden Erlebnis 
des Vortages zu untersuchen. So lange ich von diesem Traume nur 

*) Vergl. meinen Aufsatz „Über Deckeriuuerungen“ in der Monatsschrift für 
Psychiatrie und Neurologie, 1899. 


Die Kolle des indifferenten rezenten Eindruckes. 


127 


den manifesten Inhalt kenne, wird mir nur eine Beziehung des Trauines 
zu einem Tageseindruck augenfällig ; nachdem ich die Analyse gemacht 
habe, ergibt sich eine zweite Quelle des Traumes in einem anderen 
Erlebnis desselben Tages. Der erste der Eindrücke, auf welche sich 
der Traum bezieht, ist ein gleichgültiger, ein Nebenumstand. Ich 
sehe im Schaufenster ein Buch, dessen Titel mich flüchtig berührt, 
dessen Inhalt mich kaum interessieren dürfte. Das zweite Erlebnis 
hatte einen hohen psychischen Wert; ich habe mit meinem Freunde, 
dem Augenarzt, wohl eine Stunde lang eifrig gesprochen, ihm An- 
deutungen gemacht, die uns beiden nahe gehen mußten, und Er- 
innerungen in mir wachgerufen, bei denen die mannigfaltigsten 
Erregungen meines Innern mir bemerklich wurden. Überdies wurde 
dieses Gespräch unvollendet abgebrochen, weil Bekannte hinzukamen. 
Wie stehen nun die beiden Eindrücke des Tages zu einander und zu 
dem in der Nacht erfolgenden Traum? 

Im Trauminhalt finde ich nur eine Anspielung auf den gleich- 
gültigen Eindruck und kann so bestätigen, daß der Traum mit Vor- 
liebe Nebensächliches aus dem Leben in seinen Inhalt aufnimmt. In 
der Traumdeutung hingegen tiihrt alles auf das wichtige, mit Recht 
erregende Erlebnis hin. Wenn ich den Sinn des Traumes, wie es 
einzig richtig ist, nach dem latenten, durch die Analyse zu Tage ge- 
förderten Inhalt beurteile, so bin ich unversehens zu einer neuen und 
wichtigen Erkenntnis gelangt. Ich sehe das Rätsel zerfallen, daß der 
Traum sich nur mit den wertlosen Brocken des Tageslebens beschäftigt ; 
ich muß auch der Behauptung widersprechen, daß das Seelenleben 
des Wachens sich in den Traum nicht fortsetzt, und der Traum dafür 
psychische Tätigkeit an läppisches Material verschwendet. Das Gegen- 
teil ist wahr ; was uns bei Tage in Anspruch genommen hat, beherrscht 
auch die Traumgedanken, und wir geben uns die Mühe zu träumen 
nur bei solchen Materien, welche uns bei Tage Anlaß zum Denken 
geboten hätten. 


Die naheliegendste Erklärung dafür, daß ich doch vom gleich- 
gültigen Tageseindruck träume, während der mit Recht aufregende 
mich zum Traume veranlaßt hat, ist wohl die, daß hier wieder ein 
Phänomen der Traumentstellung vorliegt, welche wir oben auf eine 
als Zensur waltende psychische Macht zurückgeführt haben. Die Er- 
innerung an die Monographie über die Gattung Cyklamen erfährt eine 
Verwendung, als ob sie eine Anspielung auf das Gespräch mit dem 
freunde wäre, ganz ähnlich wie im Traume von dem verhinderten 
oouper die Ervvähnung der Freundin durch die Anspielung „ge- 
räucherter Lachs« vertreten wird. Es fragt sich nur, durch welche 
Mittelglieder kann der Eindruck der Monographie zu dem Gespräche 
mit dem Augenarzt in das Verhältnis der Anspielung treten, da eine 
solche Beziehung zunächst nicht ersichtlich ist. In dem Beispiele vom 
verhinderten Souper ist die Beziehung von vornherein gegeben: „ge- 
wucherter Lachs als die Lieblingsspeise der Freundin gehört ohne 


128 


\ . Traum material und Traumtjuellen. 


weiteres zu dem Vorstellungskreise, den die Person der Freundin bei 
der Träumenden anzuregen vermag. In unserem neuen Beispiel handelt 
es sich um zwei gesonderte Find rücke, die zunächst nichts gemeinsam 
haben, als daß sie am nämlichen 1 age erfolgen. Die Monograplne 
fällt mir am Vormittag auf, das Gespräch führe ich dann am Abend. 
Die Antwort, welche die Analyse an die Hand gibt, lautet: Solche 

erst nicht vorhandene Beziehungen zwischen den beiden Eindrücken 
werden nachträglich vom Vorstellungsiuhalt des einen zum Vorstellungs- 
inhalt des anderen angesponnen. Ich habe die betreffenden Mittel- 
glieder bereits bei der Niederschrift der Analyse hervorgehoben. An 
die Vorstellung der Monographie über Cykiamen würde ich ohne 
Beeinflussung von auderswoher wohl nur die Idee knüpfen, daß diese 
die Lieblingsblume meiner Frau ist, etwa noch die Erinnerung an den 
vermißten Blumenstrauß der Frau L. Ich glaube nicht, daß diese 
Hintergedanken genügt hätten, eineu Traum hervorzurufen. 

„There ueeds no ghost, my lord, come from the grave 

To teil ns this“ 

heißt es im Hamlet. Aber siehe da, in der Analyse werde ich 
daran erinnert, daß der Manu, der unser Gespräch störte, Gärtner 
hieß, daß ich seine Frau blühend fand; ja ich besiuue mich eben 
jetzt nachträglich, daß eine meiner Patientinnen, die den schönen 
Namen Flora trägt, eine Weile im Mittelpunkte unseres Gespräches 
staud. Es muß so zugegangen sein, daß ich über diese Mittelglieder 
aus dem botanischen Vorstellungskreis die Verknüpfung der beiden 
Tageserlebnisse, des gleichgültigen und des aufregenden, vollzog. Daun 
stellten sich weitere Beziehungen ein, die des Kokains, welche mit 
Fug und Recht zwischen der Person des Dr. Köuigstein und 
einer botanischen Monographie, die ich geschrieben habe, vermitteln 
kann, und befestigten diese Verschmelzung der beiden Vorstellungs- 
kreise zu einem, so daß nun eiu Stück aus dem ersten Erlebnis als 
Anspielung auf das zweite verwendet werden konnte. 

Ich bin darauf gefaßt, daß man diese Aufklärung als eine will- 
kürliche oder als eine gekünstelte anfechteu wird. Was wäre geschehen, 
wenn Professor Gärtner mit seiner blühenden Frau nicht hiuzu- 
getreten wäre, wenn die besprochene Patientin nicht Flora, sondern 
Anna hieße? Und doch ist die Antwort leicht. Weuu sich nicht 
diese Gedankenbeziehungen ergeben hätten, so wären wahrscheinlich 
andere ausgewählt worden. Es ist so leicht, derartige Beziehungen 
herzustellen, wie ja die Scherz- und Rätselfragen, mit denen wir uns 
den Tag erheitern, zu beweisen vermögen. Der Machtbereich des 
Witzes ist ein uneingeschränkter. Um einen Schritt weiter zu gehen: 
wenn sich zwischen den beiden Eindrücken des Tages keine genug 
ausgiebigen Mittel beziehungeu hätten herstellen lassen, so wäre der 
Traum eben anders ausgefallen; eiu anderer gleichgültiger Eindruck 
des Tages, wie sie in Schuren au uns herantreten und von uns vergessen 
werden, hätte für den Traum die Stelle der ., Monographie“ übernommen. 


Der indifferente Eindruck ein Verschieb uugsersatz des wichtigen. 129 


wäre in Verbindung mit den Inhalt des Gespräches gelangt und hätte 
dieses im Trauminhalt vertreten. Da kein anderer als der von der 
Monographie dieses Schicksal hatte, so wird er wohl der für die Ver- 
knüpfung passendste gewesen sein. Man braucht sich nie wie Häuschen 
Schlau bei Lessing darüber zu wundern, „daß nur die Reichen in 
der Welt das meiste Geld besitzen“. 

Der psychologische Vorgang, durch welchen nach unserer Dar- 
stellung das gleichgültige Erlebnis zur Stellvertretung für das psychisch 
wertvolle gelangt, muß uns noch bedenklich und befremdend erscheinen. 
In einem späteren Abschnitt werden wir uns vor der Aufgabe sehen, 
die Eigentümlichkeiten dieser scheinbar inkorrekten Operation unserem 
Verständnis näher zu bringen. Hier haben wir es nur mit dem Er- 
folge des Vorganges zu tun, zu dessen Annahme wir durch ungezählte 
uncl regelmäßig wiederkehrende Erfahrungen bei der Traumanalyse 
gedrängt werden. Der Vorgang ist aber so, als ob eine Verschie- 
bung — sagen wir: des psychischen Akzents — auf dem Wege 
jener Mittelglieder zu stände käme, bis anfangs schwach mit Intensität 
geladene Vorstellungen durch Übernahme der Ladung von den an- 
fänglich intensiver besetzten zu einer Stärke gelangen, welche sie 
befähigt, den Zugang zum Bewußtsein zu erzwingen. Solche Ver- 
schiebungen wundem uns keineswegs, wo es sich um die Anbringung 
von Affektgrößen oder überhaupt um motorische Aktionen handelt. 
Daß die einsam gebliebene Jungfrau ihre Zärtlichkeit auf Tiere über- 
trägt, der Junggeselle leidenschaftlicher Sammler wird, daß der Soldat 
eiuen Streifen farbigen Zeuges, die Fahne, mit seinem Herzblute ver- 
teidigt, daß im Liebesverhältnis ein um Sekunden verlängerter Hände- 
druck Seligkeit erzeugt, oder im Othello ein verlorenes Schnupftuch 
eineu Wutausbruch, das sind sämtlich Beispiele von psychischen Ver- 
schiebungen, die uns unanfechtbar erscheinen. Daß aber auf demselben 
Wege und nach denselben Grundsätzen eine Entscheidung darüber 
gefällt wird, was in unser Bewußtsein gelangt und was ihm vorent- 
halten bleibt, also was wir denken, das macht uns den Eindruck des 
Krankhaften, und wir heißen es Denkfehler, wo es im Wachleben 
vorkommt. Verraten wir hier als das Ergebnis später anzustellender 
Betrachtungen, daß der psychische Vorgang, den wir in der Traum- 
verschiebung erkannt haben, sich zwar nicht als ein krankhaft ge- 
störter, wohl aber als ein vom normalen verschiedener, als ein Vor- 
gang von mehr primärer Natur herausstellen wird. 

Wir deuten somit die Tatsache, daß der Trauminhalt Reste von 
nebensächlichen Erlebnissen aufnimmt, als eine Äußerung der Traum- 
entstellung (durch Verschiebung) und erinnern daran, daß wir in 
der Traumentstellung eine Folge der zwischen zwei psychischen Instanzen 
bestehenden Durchgangszensur erkannt haben. Wir erwarten dabei, 
daß die Traumanalyse uns regelmäßig die wirkliche, psychisch bedeut- 
same Traumquelle aus dem Tagesleben aufdeckeu wird, deren Erinne- 
rung ihren Akzent auf die gleichgültige Erinnerung verschoben hat. 

Kreud, Traum leutung. 3. Aufl. 


9 


130 


V. Traummaterial uud Traumquellen. 


Durch diese Auffassung haben wir uns in vollen Gegensatz zu der 
Theorie von Kober t u,r ’) gebracht, die für uns unverwendbar geworden 
ist. Die Tatsache, welche Robert erklären wollte, besteht eben nicht ; 
ihre Annahme beruht auf einem Mißverständnis, auf der Unterlassung, 
für den scheinbaren Trauminhalt den wirklichen Sinn des Traumes 
einzusetzen. Man kann noch weiterhin gegen die Lehre von Robert 
einwenden : Wenn der Traum wirklich die Aufgabe hätte, unser Ge- 
dächtnis durch besondere psychische Arbeit von den „Schlacken“ der 
Tageserinnerung zu befreien, so müßte unser Schlafen gequälter sein 
und auf angestrengtere Arbeit verwendet werden, als wir es von 
unserem Avachen Geistesleben behaupten können. Denn die Anzahl 
der indifferenten Eindrücke des Tages, vor denen AA’ir unser Gedächtnis 
zu schützen hätten, ist offenbar unermeßlich groß ; die Nacht AA'ürde 
nicht hinreichen, die Summe zu beAvältigen. Es ist sehr viel AA'ahr- 
scheinlicher, daß das Vergessen der gleichgültigen Eindrücke ohne 
aktives Eingreifen unserer seelischen Mächte vor sich geht. 

Dennoch verspüren A\ T ir eine Warnung, von dem Robertschen 
Gedanken ohne Aveitere Berücksichtigung Abschied zu nehmen. Wir 
haben die Tatsache unerklärt gelassen, daß einer der indifferenten Ein- 
drücke des Tages — und zAvar des letzten Tages — regelmäßig einen 
Beitrag zum Trauminhalt liefert. Die Beziehungen zwischen diesem 
Eindruck und der eigentlichen Traumquelle im UnbeAA'ußten bestehen 
nicht immer von vornherein ; Avie Avir gesehen haben, av erden sie erst 
nachträglich, gleichsam zum Dienste der beabsichtigten Verschiebung, 
Avährend der Traumarbeit hergestellt. Es muß also eine Nötigung 
vorhanden sein, Verbindungen gerade nach der Richtung des rezenten, 
obAA’ohl gleichgültigen Eindruckes anzubahnen ; dieser muß eine be- 
sondere Eignung durch irgend eine Qualität dazu bieten. Sonst wäre 
es ja ebenso leicht durchführbar, daß die Traumgedanken ihren Akzent 
auf einen umvesentlichen Bestandteil ihres eigenen Vorstellungskreises 
verschieben. 

Folgende Erfahrungen können uns hier auf den Weg zur Auf- 
klärung leiten. Wenn uns ein Tag zAA'ei oder mehr Erlebnisse gebracht 
hat, Avelche Träume anzuregen AA’ürdig sind, so vereinigt der Traum 
die Erwähnung beider zu einem einzigen Ganzen ; er gehorcht einem 
ZAvang, eine Einheit aus ihnen zu gestalten; z. B. : Ich 

stieg eines Nachmittags im Sommer in ein Eisenbahncoupe ein, in 
Avelchem ich ZA\ - ei Bekannte traf, die einander aber fremd AA’aren. Der 
eine Avar ein einflußreicher Kollege, der andere ein Angehöriger einer 
A T ornehmen Familie, in AA-elcher ich ärztlich beschäftigt Avar. Ich machte 
die beiden Herren miteinander bekannt ; ihr Verkehr ging aber Avährend 
der langen Fahrt über mich, so daß ich bald mit dem einen, bald 
mit dem anderen einen Gesprächstoff zu behandeln hatte. Den Kollegen 
bat ich, einem gemeinsamen Bekannten, der eben seine ärztliche Praxis 
begonnen hatte, seine Empfehlung zuzuAveuden. Der Kollege enviderte, 
er sei von der Tüchtigkeit des jungen Mannes überzeugt, aber sein un- 


„Rapprochement force“ der Traumreize. 


131 


scheinbares Wesen werde ihm den Eingang in vornehme Häuser 
nicht leicht werden lassen. Ich erwiderte : Gerade darum bedarf er 
der Empfehlung. Bei dem anderen Mitreisenden erkundigte ich mich 
bald darauf nach dem Befinden seiner Tante — der Mutter einer 
meiner Patientinnen — , welche damals schwer krank danieder lag. 
ln der Nacht nach dieser Reise träumte ich, mein junger Freund, für 
den ich die Protektion erbeten hatte, befinde sich in einem eleganten 
Salon und halte vor einer ausgewählten Gesellschaft, in die ich alle 
mir bekannten vornehmen und reichen Leute versetzt hatte, mit welt- 
männischen Gesten eine Trauerrede auf die (für den Traum bereits 
verstorbene) alte Dame, welche die Tante des zweiten Reisegenossen 
war. [Ich gestehe offen, daß ich mit dieser Dame nicht in guten Be- 
ziehungen gestanden hatte.] Mein Traum hatte also wiederum Ver- 
knüpfungen zwischen beiden Eindrücken des Tages aufgefunden und 
mittels derselben eine einheitliche Situation komponiert. 

Auf Grund vieler ähnlicher Erfahrungen muß ich den Satz auf- 
stellen, daß für die Traumarbeit eine Art von Nötigung besteht, alle 
vorhandenen T ra um r eiz q uel 1 en zu einer Einheit im Traume zusammen- 
zusetzen.* *) Wir werden diesen Zwang zur Zusammensetzung in einem 
späteren Abschnitt (über die Traumarbeit) als ein Stück der Ver- 
dichtung, eines anderen psychischen Primärvorganges, kennen lernen. 

Ich will jetzt die Frage in Erörterung ziehen, ob die traum- 
erregende Quelle, auf welche die Analyse hinftihrt, jedesmal ein re- 
zentes (und bedeutsames) Ereignis sein muß, oder ob ein inneres Er- 
lebnis, also die Erinnerung an ein psychisch wertvolles Ereignis, ein 
Gedankengang die Rolle des Traumerregers übernehmen kann. Die 
Antwort, die sich aus zahlreichen Analysen auf das bestimmteste ergibt, 
lautet im letzteren Sinne. Der Traumerreger kann ein innerer Vor- 
gang sein, der gleichsam durch die Denkarbeit am Tage rezent ge- 
worden ist. Es wird jetzt wohl der richtige Moment sein, die ver- 
schiedenen Bedingungen, welche die Traumquellen erkennen lassen, in 
einem Schema zusammenzustellen. 

Die Traumquelle kann sein: 

a) Ein rezentes und psychisch bedeutsames Erlebnis, welches im 
Traume direkt vertreten ist,**) 

. k) Mehrere rezente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den Traum 
zu einer Einheit vereinigt werden.***) 

c) Ein oder mehrere rezente und bedeutsame Erlebnisse, die im 
Iran m mhalt durch die Erwähnung eines gleichzeitigen, aber indifferenten 
Mlebnisses vertreten werden. f) 


in K u ^? lß,ung> der Traumarbeit, gleichzeitig als interessant Vorhandenes 

* Der ^ e T , an uu f, z ^ erschmelzen, ist bereits von mehreren Autoren bemerkt 

° rp* Von 6 a £ e ) (S. 41), Delboeuf 16 ): rapprochement force (S. 236). 

4V aura von Irma9 Injektion; Traum vom Freunde, der mein Onkel ist. 
) Y aum V0D der Trauerrede des jungen Arztes, 
f) Traum von der botanischen Monographie. 


9 * 


132 


V. Traummatcriai uud Traunujuelleu. 

fl) Ein luneics bedeutsames Erlebnis (Erinnerung, Gedankenming), 
welches dann im 1 raume regelmäßig durch die Erwähnung eines 
rezenten, aber indifferenten Eindruckes vertreten wird.*) 

Wie man sieht, wird für die Traumdeutung durchwegs die Be- 
dingung festgehaltcn, daß ein Bestandteil des Trauminhalts” einen re- 
zenten Eindruck des Vortages wiederholt. Dieser zur Vertretung im 
Traume bestimmte Anteil kann entweder dem Vorstellungskreis'' des 
eigentlichen Traumerregers selbst angehöreu, und zwar entweder als 
wesentlicher oder als unwichtiger Bestandteil desselben — oder er 
rtihrt aus dem Bereiche eines indifferenten Eindruckes her, der durch 
mehr oder minder reichliche Verknüpfung mit dem Kreise des Traum- 
erregers in Beziehung gebracht worden ist. Die scheinbare Mehrheit 
der Bedingungen kommt hier nur durch die A 1 ter native zu stände, 
daß eine V e r s c h i e b u n g unterblieben oder v o r g e f a 1 1 e n 
ist, und wir merken hier, daß diese Alternative uns dieselbe Leichtig- 
keit bietet, die Kontraste des Traumes zu erklären, wie der medi- 
zinischen Theorie des Traumes die Reihe vom partiellen bis zum 
vollen Wachen der Gehirnzellen (vgl. Seite 54). 

Man bemerkt an dieser Reihe ferner, daß das psychisch wert- 
volle, aber nicht rezente Element (der Gedankengang, die Erinnerung) 
für die Zwecke der Traumbildung durch ein rezentes, aber psychisch 
indifferentes Element ersetzt w erden kann, wenn dabei nur die beiden 
Bedingungen eingehalten werden, daß 1. der Trauminhalt eine An- 
knüpfung an das rezent Erlebte erhält; 2. der Traumerreger ein 
psychisch wertvoller Vorgang bleibt. In einem einzigen Falle (fl) 
werden beide Bedingungen durch denselben Eindruck erfüllt. Zieht 
man noch in Erwägung, daß dieselben indifferenten Eindrücke, welche 
für den Traum verwertet werden, solange sie rezent sind, diese 
Eignung einbüßen, sobald sie einen Tag (oder höchstens mehrere) 
älter geworden sind, so muß man sich zur Annahme entschließen, daß 
die Frische eines Eindruckes ihm an sich einen gewissen psychischen 
Wert für die Traumbildung verleiht, welcher der Wertigkeit affekt- 
betonter Erinnerungen oder Gedankengänge irgendwie gleichkommt. 
Wir werden erst bei späteren psychologischen Überlegungen erraten 
können, worin dieser Wert rezenter Eindrücke für die Traum- 
bildung begründet sein kann.**) 

Nebenbei wird hier unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß 
zur Nachtzeit und von unserem Bewußtsein unbemerkt wichtige Ver- 
änderungen mit unserem Erinnerungs- und Vorstellungsmaterial vor 
sich gehen können. Die Forderung, eine Nacht über eine Angelegen- 
heit zu schlafen, che man sich endgültig über sie entscheidet, ist offen- 
bar vollberechtigt. Wir merken aber, daß wir an diesem Punkte aus 
der Psychologie des Träumens in die des Schlafes übergegriffen haben, 
ein Schritt, zu welchem sich der Anlaß noch öfter ergeben wird. 


*) Solcher Art sind die meisten Träume meiner Patienten während der Analvse. 

**) Vgl. im Abschnitt VII über die „Übertragung“. 


Es gibt keine „ harmlosen * Träume. 


133 


Es gibt nun einen Eiirwand, welcher die letzten Schlußfolgerungen 
uinzustoßen droht. Wenn indifferente Eindrücke nur, solange sie 
rezent sind, in den Trauminhalt gelangen können, wie kommt es, daß 
wir im Trauminhalt auch Elemente aus früheren Lebensperioden vor- 
linden, die zur Zeit, da sie rezent waren — nach Strümpells 
Worten keinen psychischen Wert besaßen, also längst vergessen sein 
sollten, Elemente also, die weder frisch noch psychisch bedeutsam sind ? 

Dieser Einwand ist voll zu erledigen, wenn man sich auf die 
Ergebnisse der Psychoanalyse bei Neurotikern stützt. Die Lösung 
lautet nämlich, daß die Verschiebung, welche das psychisch wichtige 
Material durch indifferentes ersetzt (für das Träumen -wie für das 
Denken), hier bereits in jenen frühen Lebensperioden stattgefunden 
hat und seither im Gedächtnis fixiert worden ist. Jene ursprünglich 
indifferenten Elemente sind eben nicht mehr indifferent, seitdem sie 
durch Verschiebung die Wertigkeit vom psychisch bedeutsamen Material 
übernommen haben. Was wirklich indifferent geblieben ist, kann auch 
nicht mehr im Traume reproduziert werden. 

Aus den vorstehenden Erörterungen wird man mit Recht schließen, 
daß ich die Behauptung aufstelle, es gebe keine indifferenten Traum- 
erreger, also auch keine harmlosen Träume. Dies ist in aller Strenge 
und Ausschließlichkeit meine Meinung, abgesehen von den Träumen 
der Kinder und etwa den kurzen Traumreaktionen auf nächtliche Sen- 
sationen. Was man sonst träumt, ist entweder manifest als psychisch 
bedeutsam zu erkennen, oder es ist entstellt und dann erst nach voll- 
zogener Traumdeutung zu beurteilen, worauf es sich wiederum als 
bedeutsam zu erkennen gibt. Der Traum gibt sich nie mit Kleinig- 
keiten ab ; um geringes lassen wir uns im " 

scheinbar harmlosen Träume erweisen sich 
um ihre Deutung bemüht; 


chlafe nicht stören. Die 
als arg, wenn man sich 
die Redensart gestattet, 
Da dies wiederum ein 


zu 


aus meiner 


wenn man mir 

sie haben es „faustdick hinter den Ohren“ 

Punkt ist, bei dem ich Widerspruch erwarten darf, und da ich gern 
die Gelegenheit ergreife, die Traumentstellung bei ihrer Arbeit 
zeigen, will ich eine Reihe von „harmlosen“ Träumen 
Sammlung hier der Analyse unterziehen. 

I. Eine kluge und feine junge Dame, die 
zu den Reservierten, zu den „stillen Wassern“ 
habe geträumt, daß ich auf den Mark. „„ „ 

und beim Fleischhauer soAvie bei der Gemüsefrau nichts 
bekomme. Gewiß ein harmloser Traum, aber so sieht 
nicht aus; ich lasse ihn mir 


aber auch im Leben 
gehört, erzählt: Ich 
iv t zu spät komme 


em 


T: 


raum 


rieht folgendermaßen: Si 


1 e 


geht 
t r ä g t. 


Be- 


Köchin, die den Korb 
nachdem sie etivas verlangt 
haben, und will ihr 


merkung: Das ist 
Gemüsefrau. Die 


etwas 
auch gut. 
av i 1 1 ihr 


detailliert erzählen. Dann lautet der 

auf den Markt mit ihrer 
Der Fle i s c li h a u e r sagt ihr, 
hat: Das ist nicht mehr zu 
anderes geben mit der Be- 
Sie lehnt ab und geht zur 
ein eigentümliches Gemüse 


134 


V. Traummaterial uml 'I 


'rauinquellcu. 


vei kaufen, was in Bündeln zusnminengebundeii ist aber 
schwarz von Farbe. Sie sagt: Das kenne ich , ich’t d , 

• i iP,* e -^ a o eaa U B ti ü p f u ng des Traumes ist einfach ijenuo-. Sie war 
wirklich zu spät auf den Markt gegangen und hatte nichts mehr be- 
kommen. Die Fleischbank war schon geschlossen, drängt 
sich einem ah Beschreibung des Erlebnisses auf. Doch halt ist das 
nicht eine recht gemeine Redensart, die - oder vielmehr deren Gegen- 
teil - auf eine Nachlässigkeit in der Kleidung eines Mannes geht? 
Die Tiaumerm hat diese Worte übrigens nicht gebraucht, ist vielleicht 
ihnen ausgewichen; suchen wir nach der Deutung der im Traume 
enthaltenen Einzelheiten. 


Wo etwas im Traume den Charakter einer Rede hat, also gesagt 
oder gehört wird, nicht bloß gedacht - was sich meist sicher unter- 
beneiden läßt , das stammt von Reden des wachen Lebens her, die 
treilich als Rohmaterial behandelt, zerstückelt, leise verändert, vor 
allem aber aus dem Zusammenhänge gerissen worden sind.*) Man 
kann bei der Deutungsarbeit von solchen Reden ausgehen. Woher 
stammt also die Rede des Fleischhauers: Das ist nicht mehr zu 
a r ^ ^ r ° n m * r se lbst ; ich hatte ihr einige Tage vorher erklärt, 
„daß die ältesten Kindererlebnisse nicht mehr als solche zu haben 
sind, sondern durch „Übertragungen“ und Träume in der Analyse 
ersetzt werden. Ich bin also der Fleischhauer, und sie lehnt diese 
U bei trag ungen alter Denk- und Empfindungs weisen auf die Gegenwart 
ab. Woher rührt ihre Trauerrede: Das kenne ich nicht, das 
nehme ich nicht? Diese ist für die Analyse zu zerteilen. „Das 
kenne ich nicht“ hat sie selbst tags vorher zu ihrer Köchin ge- 
sagt, mit der sie einen Streit hatte, damals aber hinzugefügt : B e- 
nehmen Sie sich anständig. Hier wird eine Verschiebung greif- 
bar 5 von den beiden Sätzen, die sie gegen ihre Köchin gebraucht, 
hat sie den bedeutungslosen in den Traum genommen* der unterdrückte 
aber: „Benehmen Sie sich anständig!“ stimmt allein zum übrigen 
Trauminhalt. So könnte man jemandem zurufen, der unanständige 
Zumutungen wagt und vergißt, „die Fleischbank zuzuschließen.“ Daß 
n Deutun ö wirklich auf die Spur gekommen sind, beweist dann 
der Zusammenklang mit den Anspielungen, die in der Begebenheit 
mit der Gemüsefrau niedergelegt sind. Ein Gemüse, das in Bündeln 
zusammengebunden verkauft wird (länglich ist, wie sie nachträglich 
hinzufügt), und dabei schwarz, was kann das anderes sein als die 
Iraumvereinigung von Spargel und schwarzem Rettig? Spargel 
brauche ich keinem und keiner Wissenden zu deuten, aber auch das 
andere Gemüse — als Zuruf: Schwarzer, rett’ dich! — scheint 

*’). Vergleiche über die Hoden im Traume im Abschnitte über die Traumarbeit. 
Lin einziger der Autoren scheint die Herkunft der Traumreden erkannt zu haben, 
Delboeuf 30 ) (p. 2*2G), indem er sie mit „chliches“ vergleicht. 


Beispiele von „harmlosen“ Träumen. 


135 


mir auf das nämliche sexuelle Thema hinzuweisen, das wir gleich an- 
fangs errieten, als wir für die Traumerzählung einsetzen wollten: die 
Fleischbank war geschlossen. Es kommt nicht darauf an, den Sinn 
dieses Traumes vollständig zu erkennen 5 so viel steht fest, daß er sinn- 
reich ist und keineswegs harmlos.*) 

II. Ein anderer harmloser Traum derselben Patientin, in gewisser 
Hinsicht ein Gegenstück zum vorigen : IhrMannfragt: S o 1 1 m a n 
das Klavier nicht stimmen lassen? Sie: Es lohnt nicht, 
es muß ohnedies neu beledert werden. Wiederum die 
Wiederholung eines realen Ereignisses vom Vortag. Ihr Mann hat so 
gefragt und sie so ähnlich geantwortet. Aber was bedeutet es, daß 
sie es träumt? Sie erzählt zwar vom Klavier, es sei ein ekelhafter 
Kasten, der einen schlechten Ton gibt, ein Ding, das ihr Mann 
schon vor der Ehe besessen hat**) u. s. w., aber den Schlüssel zur 
Lösung ergibt doch erst die Rede: Es lohnt nicht. Diese stammt 
von einem gestern gemachten Besuche bei ihrer Freundin. Dort wurde 
sie aufgefordert, ihre Jacke abzulegen, und weigerte sich mit den 
Worten: es lohnt nicht, ich muß gleich gehen. Bei dieser Erzählung 
muß mir einfallen, daß sie gestern während der Analysenarbeit plötz- 
lich an ihre Jacke griff, an der sich ein Knopf geöffnet hatte. Es ist 
also, als wollte sie sagen : Bitte, sehen Sie nicht hin, es lohnt nicht. 
So ergänzt sich der Kasten zum Brustkasten, und die Deutung 
des Traumes führt direkt in die Zeit ihrer körperlichen Entwicklung, 
da sie anfing, mit. ihren Körperformen unzufrieden zu sein. Es führt 
auch wohl in frühere Zeiten, wenn wir auf das „Ekelhaft“ und 
den „schlechten Ton“ Rücksicht nehmen und uns daran erinnern, 
wie häufig die kleinen Hemisphären des weiblichen Körpers — als 
Gegensatz und als Ersatz — für die großen eintreten, — in der An- 
spielung und im Traume. 

III. Ich unterbreche diese Reihe, indem ich einen kurzen harm- 
losen Traum eines jungen Mannes einschiebe. Er hat geträumt, daß 
er wieder seinen W i n t e r r o c k a n z i e h t, was schrecklich 
i s t. Anlaß dieses Traumes ist angeblich die plötzlich wieder einge- 
tretene Kälte. Ein feineres Urteil wird indes bemerken, daß die beiden 

*) Für Wißbegierige bemerke ich, daß hinter dem Traume sieh eine Phantasie 
verbirgt von unanständigem, sexuell provozierendem Benehmen meinerseits und von 
Abwehr von Seite der Dame. Wem diese Deutung unerhört erscheinen sollte, den 
mahne ich an die zahlreichen Fälle, wo Arzte solche Anklagen von hj'sterischen 
t rauen erfahren haben, bei denen die nämliche Phantasie nicht entstellt und als 
Traum aufgetreten, sondern unverhüllt bewußt und wahnhaft geworden ist. — Mit 
diesem Traume trat die Patientin in die psychoanalytische Behandlung ein. Ich lernte 
erst später verstehen, daß sie mit ihm das initiale Trauma wiederholte, von dem 
ihre Neurose ausging, und habe seither das gleiche Verhalten bei anderen Personen 
gefunden, die in ihrer Kindheit sexuellen Attentaten ausgesetzt waren und nun 
gleichsam deren Wiederholung im Traume herbeiwünschen. 

**) Eine Ersetzung durch das Gegenteil, wie uns nach der Deutung klar 
werden wird. 


136 


\ . Traummalcrial und Tiaunupicllcn. 

kurzen Stücke des Traumes nicht gut zueinander passen, denn in der 
Külte den schweren oder dicken Rock tragen, was könnte daran 

„schrecklich“ sein. Zum Schaden für die Harmlosigkeit dieses Traumes 
biingt auch der erste Kinfall bei der Analyse die Erinnerung, daß 
eine Dame ihm gestern vertraulich gestanden, daß ihr letztes Kind 
einem geplatzten Kondom seine Existenz verdankt. Er rekonstruiert 
nun seine Gedanken bei diesem Anlasse: Ein dünner Kondom ist ge- 
fährlich, ein dicker schlecht. Der Kondom ist der „Überzieher“ mit 
Recht, man zieht ihn ja über ; so heißt man auch einen leichten Rock. 

Ein Ereignis wie das von der Dame berichtete wäre für den un- 

verheirateten Mann allerdings „schrecklich“. — Nun wieder zurück 
zu unserer harmlosen Träumerin. 

IV. Sie steckt eine Kerze in den Leuchter; die Kerze; 

ist aber gebrochen, so daß sie nicht gut steht. Die 

Mädchen in der Schule sagen, sie sei ungeschickt ; das 
Fräulein aber, es sei nicht ihre Schuld. 

Ein realer Anlaß auch hier ; sie hat gestern wirklich eine Kerze 
in den Leuchter gesteckt; die war aber nicht gebrochen. Hier ist eine 
durchsichtige Symbolik verwendet worden. Die Kerze ist ein Gegen- 
stand der die weiblichen Genitalien reizt; wenn sie gebrochen ist, so 
daß sie nicht gut steht, so bedeutet dies die Impotenz des Mannes 
(„es sei nicht ihre Schuld“). Ob nur die sorgfältig erzogene und 
allem Häßlichen fremd gebliebene junge Frau diese Verwendung der 
Kerze kennt? Zufällig kann sie noch angeben, durch welches Erlebnis 
sie zu dieser Erkenntnis gekommen ist. Bei einer Kahnfahrt auf dem 
Rhein fährt ein Boot an ihnen vorüber, in dem Studenten sitzen, 
welche mit großem Behagen ein Lied singen oder brüllen: „Wenn 
die Königin von Schweden bei geschlossenen Fensterläden mit Apollo- 
kerzen . . . .“ 

Das letzte Wort hört oder versteht sie nicht. Ihr Mann muß 
ihr die verlangte Aufklärung geben. Diese Verse sind dann im Traum- 
inhalt ersetzt durch eine harmlose Erinnerung an einen Auftrag, den 
sie einmal im Pensionat ungeschickt ausführte, und zwar vermöge 
des Gemeinsamen : geschlossene Fensterläden. Die Verbindung 
des Themas von der Onanie mit der Impotenz ist klar genug. „Apollo“ 
im latenten Trauminhalt verknüpft diesen Traum mit einem früheren, 
in dem von der jungfräulichen Pallas die Rede war. Alles wahrlich 
nicht harmlos. 

V. Damit man sich die Schlüsse aus den Träumen auf die wirk- 
lichen Lebensverhältnisse der Träumer nicht zu leicht vorstelle, füge 
ich noch einen Traum an, der gleichfalls harmlos scheint und von 
derselben Person herrührt. Ich habe etwas geträumt, erzählt sie, 
was ich bei Tag wirklich getan habe, nämlich einen 
kleinen Koffer so voll mit Büchern gefüllt, daß i c li M ü li e 
hatte, ihn zu schließen, und ich habe es so geträumt, wie 


Das Infantile als Traumquelle. 


137 


es wirklich vorgefallen ist. Hier legt die Erzählerin selbst das 
Hauptgewicht auf die Übereinstimmung von Traum und Wirklichkeit. 
Alle solche Urteile über den Traum, Bemerkungen zum Traume, ge- 
hören nun, obwohl sie sich einen Platz im wachen Denken geschaffen 
haben, doch regelmäßig in den latenten Trauminhalt, wie uns noch 
spätere Beispiele bestätigen werden Es wird uns also gesagt, das, was 
der Traum erzählt, ist am Tage vorher wirklich vorgefallen. Es wäre 
nun zu weitläufig mitzuteilen, auf welchem Wege man zum Einfalle 
kommt, bei der Deutung das Englische zur Hilfe zu nehmen. Genug, 
es handelt sich wieder um eine kleine box (vergleiche Seite 113 
den Traum vom toten Kind in der Schachtel), die so angefüllt worden 
ist, daß nichts mehr hineinging. Wenigstens nichts Arges diesmal. 

In all diesen „harmlosen“ Träumen schlägt das sexuelle Moment 
als Motiv der Zensur sosehr auffällig vor. Doch ist dies ein Thema 
von prinzipieller Bedeutung, welches wir zur Seite stellen müssen. 


b) Das Infantile als Traum quelle. 

Als dritte unter den Eigentümlichkeiten des Trauminhalts haben 
wir mit allen Autoren (bis auf Robert) angeführt, daß im Traume 
Eindrücke aus den frühesten Lebensaltern erscheinen können, über 
welche das Gedächtnis im Wachen nicht zu verfügen scheint. Wie 
selten oder wie häufig sich dies ereignet, ist begreiflicherweise schwer 
zu beurteilen, weil die betreffenden Elemente des Traumes nach dem 
Erwachen nicht in ihrer Herkunft erkannt werden. Der Nachweis, daß 
es sich hier um Eindrücke der Kindheit handelt, muß also auf objek- 
tivem Wege erbracht werden, wozu sich die Bedingungen nur in 
seltenen Fällen zusammenfinden können. Als besonders beweiskräftig 
wird von A. Maury 48 ) die Geschichte eines Mannes erzählt, welcher 
eines Tages sich entschloß, nach zwanzigjähriger Abwesenheit seinen 
Heimatsort aufzusuchen. In der Nacht vor der Abreise träumte er er 
sei in einer ihm ganz unbekannten Ortschaft und begegne daselbst’auf 
der Straße einem unbekannten Herrn, mit dem er sich unterhalte. In 
seine Heimat zurückgekehrt, konnte er sich nun überzeugen, daß diese 
unbekannte Ortschaft in nächster Nähe seiner Heimatstadt wirklich 
existiere, und auch der unbekannte Mann des Traumes stellte sich als 
em dort lebender Freund seines verstorbenen Vaters heraus. Wohl ein 
zwingender Beweis dafür, daß er beide, Mann wie Ortschaft, in seiner 
Kindheit gesehen hatte. Der Traum ist übrigens als Ungeduldstraum 
zu deuten wie der des Mädchens, welches das Billet für den Konzert- 
abend in der Tasche trägt (Seite 112), des Kindes, welchem der Vater 
den Ausnug nach dem Hameau versprochen hat u. dH. Die Motive 
welche dem 1 rä inner gerade diesen Eindruck aus 'seiner Kindheit 
repioduzieren, sind natürlich ohne Analyse nicht aufzudecken. 

Einer meiner Kolleghörer, welcher sich rühmte, daß seine Träume 
nur sehr selten der Traumentstellung unterliegen, teilte mir mit daß 
er vor einiger Zeit im Traume gesehen, sein ehemaliger Hof- 


138 


V. Traum material uud Traumquelleu. 


meister befinde sich im Bette der Bonne, die bis zu seinem 
elften Jahre im Hause gewesen war. Die Örtlichkeit für diese Szene 
fiel ihm noch im Traume ein. Lebhaft interessiert teilte er den Traum 
seinem älteren Bruder mit, der ihm lachend die Wirklichkeit des 
Geträumten bestätigte. Er erinnere sich sehr gut daran, denn er sei 
damals sechs Jahre alt gewesen. Das Liebespaar pflegte ihn, den älteren 
Knaben, durch Bier betrunken zu machen, wenn die Umstände einem 
nächtlichen Verkehre günstig waren. Das kleinere, damals dreijährige 
Kind — unser Träumer — , das im Zimmer der Bonne schlief, wurde 
nicht als Störung betrachtet. 

Noch in einem anderen Falle läßt es sich mit Sicherheit ohne 
Beihilfe der Traumdeutung feststellen, daß der Traum Elemente aus 
der Kindheit enthält, wenn nämlich der Traum ein sogenannter 
perennierender ist, der, in der Kindheit zuerst geträumt, später 
immer wieder von Zeit zu Zeit während des Schlafes des Erwachsenen 
auf tritt. Zu den bekannten Beispielen dieser Art kann ich einige aus 
meiner Erfahrung hinzufügen, wenngleich ich an mir selbst einen 
solchen perennierenden Traum nicht kennen gelernt habe. Eiu Arzt 
in den Dreißigern erzählte mir, daß in seinem Traumleben von den 
ersten Zeiten seiner Kindheit an bis zum heutigen Tage häufig ein 
gelber Löwe erscheint, über den er die genaueste Auskunft zu geben 
vermag. Dieser ihm aus Träumen bekannte Löwe fand sich nämlich 
eines Tages in natura als ein lange verschollener Gegenstand aus 
Porzellan vor, und der junge Mann hörte damals von seiner Mutter, 
daß dieses Objekt das begehrteste Spielzeug seiner frühen Kinderzeit 
gewesen war, woran er sich selbst nicht mehr erinnern konnte. 

Wendet man sich nun von dem manifesten Trauminhalt zu den 
Traumgedanken, welche erst die Analyse aufdeckt, so kann man mit 
Erstaunen die Mitwirkung der Kindheitserlebnisse auch bei solchen 
Träumen konstatieren, deren Inhalt keine derartige Vermutung erweckt 
hätte. Dem geehrten Kollegen vom „gelben Löwen“ verdanke ich ein 
besonders liebenswürdiges und lehrreiches Beispiel eines solchen Traumes. 
Nach der Lektüre von Nansens Reisebericht Uber seine Polarexpe- 
dition träumte er, in einer Eiswüste galvanisiere er den kühnen Forscher 
wegen einer Ischias, über welche dieser klage ! Zur Analyse dieses 
Traumes fiel ihm eine Geschichte aus seiner Kindheit ein, ohne welche 
der Traum allerdings unverständlich bleibt. Als er ein drei- oder vier- 
jähriges Kind war, hörte er eines Tages neugierig zu, wie die Er- 
wachsenen von Entdeckungsreisen sprachen, und fragte dann den Papa, 
ob das eine schwere Krankheit sei. Er batte offenbar Reisen mit 
„Reißen“ verwechselt, und der Spott seiner Geschwister sorgte dafür, 
daß ihm das beschämende Erlebnis nicht in Vergessenheit geriet. 

Ein ganz ähnlicher Fall ist es, wenn ich in der Analyse 
des Traumes von der Monographie über die Gattung Cyklamen 
auf eine erhalten gebliebene J ugenderinnernng stoße, daß der \ ater 
dem fünfjährigen Knaben ein mit farbigen Tafeln ausgestattetes 


Das infantile Momeut zum Onkeltraum. 


139 


Buch zur Zerstörung überläßt. Man wird etwa den Zweifel auf- 
werfen, ob diese Erinnerung wirklich an der Gestaltung des Traum- 
inhalts Anteil genommen hat, ob nicht vielmehr die Arbeit der 
Analyse eine Beziehung erst nachträglich herstellt. Aber die Reich- 
haltigkeit und Verschlungenheit der Assoziationsverknüpfungen bürgt 
für die orstere Auffassung: Cyklamen — Lieblingsblume — Lieb- 
lingsspeise — Artischocke; zerpflücken wie eine Artischocke, Blatt 
für Blatt (eine Wendung, die einem anläßlich der Teilung des chine- 
sischen Reiches damals täglich ans Ohr schlug) ; — Herbarium — 
Bücherwurm, dessen Lieblingsspeise Bücher sind. Außerdem kann ich 
versichern, daß der letzte Sinn des Traumes, den ich hier nicht 
ausgeführt habe, zum Inhalt der Kinderszene in intimster Be- 
ziehung steht. 

Bei einer anderen Reihe von Träumen wird man durch die 
Analyse belehrt, daß der Wunsch selbst, der den Traum erregt hat, 
als dessen Erfüllung der Traum sich darstellt, aus dem Kinderleben 
stammt, so daß man zu seiner Überraschung im Traume das 
Kind mit seinen Impulsen weiterlebend findet. 

Ich setze an dieser Stelle die Deutung des Traumes fort, aus 
dem wir bereits einmal neue Belehrung geschöpft haben, ich meine 
den Traum: Freund R. ist mein Onkel (Seite 101). Wir haben dessen 
Deutung so weit gefördert, daß uns das Wunschmotiv, zum Professor 
ernannt zu werden, greifend entgegentrat, und wir erklärten uns die 
Zärtlichkeit des Traumes für Freund R. als eine Oppositions- und 
Trotzschöpfung gegen die Schmähung der beiden Kollegen, die in den 
Traumgedanken enthalten war. Der Traum war mein eigener; ich 
darf darum dessen Analyse mit der Mitteilung fortsetzen, ° daß mein 
Gefühl durch die erreichte Lösung noch nicht befriedigt war. Ich 
wußte, daß mein Urteil über die in den Traumgedanken miß- 
handelten Kollegen im Wachen ganz anders gelautet hätte; die Macht 
des Wunsches, ihr Schicksal in Betreff ihrer Ernennung nicht zu teilen 
erschien mir zu gering, um den Gegensatz zwischen wacher und 
Traumschätzung voll aufzuklären. Wenn mein Bedürfnis, mit einem 
anderen Titel angeredet zu werden, so stark sein sollte, so beweist 
dies einen krankhaften Ehrgeiz, den ich nicht an mir kenne, den 
ich fern von mir glaube. Ich weiß nicht, wie andere, die ' mich 
zu kennen glauben, in diesem Punkte über mich urteilen würden : 
vielleicht habe ich auch wirklich Ehrgeiz besessen; aber wenn so 
bat er sich längst auf andere Objekte als auf Titel und Rang eines 
L rofessor extraordinarius geworfeu. 

Woher dann also der Ergeiz, der mir den Traum eingegeben 
hat/ Da fällt nur ein, was ich so oft in der Kindheit erzählen 
gehört habe, daß bei meiner Geburt eine alte Bäuerin der über den 
Erstgeborenen glücklichen Mutter prophezeit, daß sie der Welt einen 

f !-° ff 11 ^ r n £ eschenkt habe. Solche Prophezeiungen müssen sehr 
läufig vorfallen; es gibt soviel erwartungsvolle Mütter und soviel 


140 


V. Traummatorial uud Traumquullen. 

alte Bäuerinnen oder andere alte Weiber, deren Macht auf Erden 
vergangen ist, und die sich darum der Zukunft zugewendet haben. 
Es wird auch nicht der Schade der Prophetin gewesen sein. Sollte 
meine Giößensehnsucht aus dieser Quelle stammen ? Aber da besinne 
ich mich eben eines anderen Eindruckes aus späteren Jugendjahren, 
der sich zur Erklärung noch besser eignen würde: Es war eines 
Abends in einem der Wirtshäuser im Prater, wohin die Eltern den 
elf- oder zwölfjährigen Knaben mitzunehmen pflegten, daß uns ein 
Mann auffiel, der von Tisch zu Tisch ging und für ein kleines 
Honorar V erse über ein ihm aufgegebenes Thema improvisierte. Ich 
wurde abgeschickt, den Dichter an unseren Tisch zu bestellen, uud 
er erwies sich dem Boten dankbar. Ehe er nach seiner Aufgabe 
fragte, ließ er einige Reime über mich fallen und erklärte es in 
seiner Inspiration für wahrscheinlich, daß ich noch einmal „Minister“ 
werde. An den Eindruck dieser zweiten Prophezeiung kann ich mich 
noch sehr wohl erinnern. Es war die Zeit des Bürgerministeriums, 
der Vater hatte kurz vorher die Bilder der bürgerlichen Doktoren 
Herbst, G i s k r a, U n g e r, Berger u . a. nach Hause gebracht, 
und wir hatten diesen Herren zur Ehre illuminiert. Es waren sogar 
Juden unter ihnen; jeder fleißige Judenknabe trug also das Minister- 
portefeuille in seiner Schultasche. Es muß mit den Eindrücken jener 
Zeit sogar Zusammenhängen, daß ich bis kurz vor der Inskription 
an der Universität willens war, Jura zu studieren, und erst im letzten 
Moment umsattelte. Dem Medeziner ist ja die Ministerlaufbahn über- 
haupt verschlossen. Und nun mein Traum! Ich merke es erst jetzt, 
daß er mich aus der trüben Gegenwart in die hoffnungsfrohe Zeit 
des Bürgerministeriums zurückversetzt und meinen Wunsch von 
damals nach seinen Kräften erfüllt. Indem ich die beiden gelehrten 
und achtenswerten Kollegen, weil sie Juden sind, so schlecht be- 
handle, den einen, als ob er ein Schwachkopf, den anderen, als ob 
er ein Verbrecher wäre, indem ich so verfahre, benehme ich mich, 
als ob ich der Minister wäre, habe ich mich an die Stelle des Ministers 
gesetzt. Welch gründliche Rache an Seiner Exzellenz! Er verweigert 
es, mich zum Professor extraordinarius zu ernennen, und ich setze 
mich dafür im Traume an seine Stelle. 

In einem anderen Falle konnte ich merken, daß der Wunsch, 
welcher den Traum erregt, obzwar ein gegenwärtiger, doch eine 
mächtige Verstärkung aus tiefreichenden Kindererinnerungen bezieht. 
Es handelt sich hier um eine Reihe von Träumen, denen die Sehn- 
sucht, nach Rom zu kommen, zu Grunde liegt. Ich werde diese 
Sehnsucht wohl noch lange Zeit durch Träume befriedigen müssen, 
denn um die Zeit des Jahres, welche mir für eine Reise zur Ver- 
fügung steht, ist der Aufenthalt in Rom aus Rücksichten der Gesund- 
heit zu meiden.*) So träume ich denn einmal, daß ich vom Coup6- 

*) [Ich habe seither längst erfahren, daß auch zur Erfüllung solcher lange für 
unerreichbar gehaltener Wünsche nnr etwas Mut erfordert wird.] 


Sehnsuchtsträume von Ko ui. 


141 


fenster aus Tiber und Engelsbrücke sehe; dann setzt sich der Zug 
in Bewegung, und es lallt mir ein, daß ich die Stadt ja gar nicht 
betreten habe. Die Aussicht, die ich im Traume sah, war einem 
bekannten Stiche nachgebildet, den ich tags zuvor im Salon eines 
Patienten flüchtig bemerkt hatte. Ein andermal führt mich jemand 
auf einen Hügel und zeigt mir Rom, vom Nebel halb verschleiert und 
noch so fern, daß ich mich über die Deutlichkeit der Aussicht 
wundere. Der Inhalt dieses Tranmes ist reicher, als ich hier aus- 
führen möchte. Das Motiv, „das Gelobte Land von fern sehen“, ist 
darin leicht zu erkennen. Die Stadt, die ich so zuerst im Nebel 
gesehen habe, ist Lübeck; der Hügel findet sein Vorbild in — 
Gl ei dien bei* g. ln einem dritten Traume bin ich endlich in Rom, 
wie mir der Traum sagt. Ich sehe aber zu meiner Enttäuschung 
eine keineswegs städtische Szenerie, einen kleinen Fluß mit 
dunklem Wasser, auf der einen Seite desselben schwarze 
Felsen, auf der anderen Wiesen mit großen weißen 
Blumen. Ich bemerke einen Herrn Zucker (den ich 
oberflächlich kenne) und beschließe, ihn um den Weg 
in die Stadt zu fragen. Es ist offenbar, daß ich mich ver- 
gebens bemühe, eine Stadt im Traume zu sehen, die ich im Wachen 
nicht gesehen habe. Wenn ich das Landschaftsbild des Traumes in 
seine Elemente zersetze, so deuten die weißen Blumen auf das mir 
bekannte Ravenna, das wenigstens eine Zeitlang als Italiens 
Hauptstadt Rom den Vorrang abgenommen hatte. In den Sümpfen 
um Ravenna haben wir die schönsten Seerosen mitten im schwarzen 
Wasser gefunden ; der Traum läßt sie auf Wiesen wachsen wie die 
Narzissen in unserem A u s s e e, Aveil es damals so mühselig war, sie 
aus dem Wasser zu holen. Der dunkle Fels, so nahe am Wasser, 
erinnert lebhaft an das Tal der Tepl bei Karlsbad. „Karlsbad“ 
setzt mich nun in den Stand, mir den sonderbaren Zug zu erklären, 
daß ich Herrn Zucker um den Weg frage. Es sind hier in dem 
Material, aus dem der Traum gesponnen ist, zwei jener lustigen jü- 
dischen Anekdoten zu erkennen, die soviel tiefsinnige, oft bittere Le- 
bens\v*eisheit A r erbergen, und die wi r in Gesprächen und Briefen so 
gern zitieren. Die eine ist die Geschichte von der „Konstitution“, 
des Inhalts, wie ein armer Jude ohne Fahrbillet den Einlaß in den 
Lilzug nach Karlsbad erschleicht, dann ertappt, bei jeder Revision 
vom Zuge gewiesen und immer härter behandelt Avird, und der dann 
einem Bekannten, welcher ihn auf einer seiner Leidensstationen antrift’t, 
auf die Frage, wohin er reise, zur AntAvort gibt: „Wenn’s meine 

Konstitution aushält — nach Karlsbad.“ Nahe dabei ruht im Ge- 
ächtnis eine andere Geschichte von einem des Französischen unkun- 
digen Juden, dem eingeschärft wird, in Paris nach dem Wege zur Rue 
Richelieu zu fragen. Auch Paris Aval* lange Jahre hindurch ein Ziel 
meiner Sehnsucht, und die Seligkeit, in Avelcher ich zuerst den Fuß 
aut das Pflaster a*ou Paris setzte, nahm ich als Gewähr, daß ich 


142 


V . Traummaterial uud Traumquellen. 

auch die Erfüllung anderer Wünsche erreichen werde. Das Uin-den- 
\v eg-.Fragen ist ferner eine direkte Anspielung an Rom, denn nach 
Rom fuhren bekanntlich alle Wege. Übrigens deutet der Name 
Zucker wiederum auf Karlsbad, wohin wir doch alle mit der 
konstitutionellen Krankheit Diabetes Behafteten schicken. Der 
Anlaß dieses Traumes war der Vorschlag meines Berliner Freundes 
uns zu Ostern in Prag zu treffen. Aus den Dingen, die ich mit ihm 
zu besprechen hatte, -würde sich eine -weitere Beziehung zu Zucker 
und Diabetes ergeben. 

Ein vierter Traum, kurz nach dem letzterwähnten, bringt mich 
wieder nach Rom. Ich sehe eine Straßenecke vor mir und wundere 
mich darüber, daß dort so viele deutsche Plakate angeschlagen sind. 
Tags vorher hatte ich meinem Freunde in prophetischer Voraussicht 
geschrieben, Prag dürfte für deutsche Spaziergänger kein bequemer 
Aufenthaltsort sein. Der Traum drückte also gleichzeitig den Wunsch 
aus, ihn in Rom zu treffen anstatt in einer böhmischen Stadt, und 
das wahrscheinlich aus der Studentenzeit stammende Interesse daran 
daß in Prag der deutschen Sprache mehr Duldung gewährt sein möge. 
Die tschechische Sprache muß ich übrigens in meinen drei ersten 
Kinderjahren verstanden haben, da ich in einem kleinen Orte Mährens 
mit slawischer Bevölkerung geboren bin. Ein tschechischer Kinder- 
vers, den ich in meinem 17. Jahre gehört, hat sich meinem Gedächt- 
nis mühelos so eingeprägt, daß ich ihn noch heute hersagen kann, 
obwohl ich keine Ahnung von seiner Bedeutung habe. Es fehlt also 
auch diesen Träumen nicht an mannigfaltigen Beziehungen zu den Ein- 
drücken meiner ersten Lebensjahre. 

Auf meiner letzten Italienreise, die mich unter anderem am 
Trasimenersee vorüberführte, fand ich endlich, nachdem ich den 
Tiber gesehen und schmerzlich bewegt 80 Kilometer weit von Rom 
umgekehrt war, die Verstärkung auf, welche meine Sehnsucht nach 
der ewigen Stadt aus Jugendeindrücken bezieht. Ich erwog gerade 
den Plan, ein nächstes Jahr an Rom vorbei nach Neapel zu reisen, 
als mir ein Satz einfiel, den ich bei einem unserer klassischen Schrift- 
steller gelesen haben muß : Es ist fraglich, wer eifriger in seiner 
Stube auf und ab lief, nachdem er den Plan gefaßt, nach R o m zu 
gehen, der Konrektor Win ekel mann oder der Feldherr Hanni- 
bal. Ich war ja auf den Spuren Hannibals gewandelt; es war 
mir so wenig wie ihm beschieden, Rom zu sehen, und auch er war 
nach Kampanien gezogen, nachdem alle Welt ihn in Rom er- 
wartet hatte. Hannibal, mit dem ich diese Ähnlichkeit erreicht 
hatte, war aber der Lieblingsheld meiner Gymnasialjahre gewesen; 
wie so viele in jenem Alter, hatte ich meine Sympathien während der 
Punischen Kriege nicht den Römern, sondern dem Karthager zuge- 
wendet. Als dann im Obergymnasium das erste Verständnis für die Kon- 
sequenzen der Abstammung aus landesfre mder Rasse erwuchs, und die 
antisemitischen Regungen unter den Kameraden mahnten Stellung zu 


Das infantile Moment zu den li o m -Träumen. 


143 


nehmen da hob sich die Gestalt des semitischen Feldherrn noch 
höher in meinen Augen. Hannibal und Rom symbolisierten dem 
Jüno-lino- den Gegensatz zwischen der Zähigkeit des Judentums und 
der ^Organisation der katholischen Kirche. Die Bedeutung, welche die 
antisemitische Bewegung seither für unser Gemütsleben gewonnen hat, 
verhalf dann den Gedanken und Empfindungen jener frühen Zeit zur 
Fixierung. So ist der Wunsch, nach Rom zu kommen, für das 
Traumleben zum Deckmantel und Symbol für mehrere andere heiß- 
ersehnte Wünsche geworden, an deren Verwirklichung man mit der 
Ausdauer und Ausschließlichkeit des Puniers arbeiten möchte, und 
deren Erfüllung zeitweilig vom Schicksal ebenso wenig begünstigt 
scheint wie der Lebenswunsch Hannibals, in Rom einzuziehen. 

Und nun stoße ich erst auf das Jugenderlebnis, das in all diesen 
Empfindungen und Träumen noch heute seine Macht äußert. Ich 
mochte zehn oder zwölf Jahre gewesen sein, als mein Vater begann, 
mich auf seine Spaziergänge mitzunehmen und mir in Gesprächen seine 
Ansichten über die Dinge dieser Welt zu eröffnen. So erzählte er mir 
einmal, um mir zu zeigen, in wie viel bessere Zeiten ich gekommen 
sei als er: Als ich ein junger Mensch war, bin ich in deinem Ge- 
burtsorte am Samstag in der Straße spazieren gegangen, schön ge- 
kleidet, mit einer neuen Pelzmütze auf dem Kopfe. Da kommt ein 
Christ daher, haut mir mit einem Schlage die Mütze in den Kot und 
ruft dabei: Jud, herunter vom Trottoir! „Und was hast du getan?“ 
Ich bin auf den Fahrweg gegangen und habe die Mütze aufgehoben, 
war die gelassene Antwort. Das schien mir nicht heldenhaft von dem 
großen starken Manne, der mich Kleinen an der Hand führte. Ich 
stellte dieser Situation, die mich nicht befriedigte, eine andere gegen- 
über, die meinem Empfinden besser entsprach, die Szene, in welcher 
Hannibals Vater Hamilkar*) Barkas, seinen Knaben vor dem 
Hausaltar schwören läßt, an den Römern Rache zu nehmen. Seitdem 
hatte Hannibal einen Platz in meinen Phantasien. 

Ich meine, daß ich die Schwärmerei für den karthagischen Ge- 
neral noch ein Stück weiter in meine Kindheit zurück verfolgen kann, 
so daß es sich auch hier nur um die Übertragung einer bereits ge- 
bildeten Affektrelation auf einen neuen Träger handeln dürfte. Eines 
der ersten Bücher, das dem lesefähigen Kinde in die Hände fiel, war 
Thiers’ Konsulat und Kaiserreich; ich erinnere mich, daß ich meinen 
Holzsoldaten kleine Zettel mit den Namen der kaiserlichen Marschälle 
auf den flachen Rücken geklebt, und daß damals schon M a s s 6 n a (als J ude : 
Menasse) mein erklärter Liebling war. Napoleon selbst schließt 
sich durch den Übergang über die Alpen an Hannibal an. Und 
vielleicht ließe sich die Entwicklung dieses Kriegerideals noch weiter 
zurück in die Kindheit verfolgen bis auf Wünsche, die der bald freund- 

*) [^ n ^ er ersten Auflage stand hier der Name : Hasdrubal, ein befremdender 
Irrtum, dessen Aufklärung ich in meiner „Psychopathologie des Alltagslebens“ (1901. 
1904, 2. und 3. Aufl. 1907 und 1910 gegeben habe).] 


144 


\ . Traummatoriul uud Trauimpiellen. 


schaftliche, bald kriegerische Verkehr während der ersten drei Jahre 
mit einem um ein Jahr älteren Knaben bei dem schwächeren der 
beiden Gespielen hervorrufen mußte. 

tiefer man sich in die Analyse der Träume einläßt, desto 
häufiger wird man auf die Spur von Kindheitserlebnissen geführt 
welche im latenten Trauminhalt eine Rolle als Traumquellen spielen! 

Wir haben gehört (Seite 14), daß der Traum sehr selten Er- 
innerungen so reproduziert, daß sie unverkürzt und unverändert den 
alleinigen manifesten Trauminhalt bilden. Immerhin sind einige Bei- 
spiele für dieses Vorkommen sichergestellt, zu denen ich einige neue 
hinzufügen kann, die sich wiederum auf Infantilszenen beziehen. Bei 
einem meiner Patienten brachte einmal ein Traum eine kaum entstellte 
Wiedergabe eines sexuellen Vorfalles, die sofort als getreue Erinnerung 
erkannt wurde. Die Erinnerung daran war im Wachen zwar nie 
völlig verloren gewesen, aber doch stark verdunkelt worden, und ihre 
Neubelebung war ein Erfolg der vorausgegangenen analytischen Arbeit. 
Der Träumer hatte mit zwölf Jahren einen bettlägerigen Kollegen be- 
sucht, der sich wahrscheinlich nur zufällig bei einer Bewegung im 
Bette entblößte. Beim Anblick seiner Genitalien von einer Art Zwang 
ergriffen, entblößte er sich selbst uud faßte das Glied des anderen, 
der ihn aber unwillig und verwundert ansah, worauf er verlegen wurde 
und abließ. Diese Szene wiederholte ein Traum 23 Jahre später auch 
mit allen Einzelheiten der in ihr vorkommenden Empfindungen, ver- 
änderte sie aber dahin, daß der Träumer anstatt der aktiven die passive 
Rolle übernahm, während die Person des Sehulkollegeu durch eine der 
Gegenwart ungehörige ei'setzt wurde. 

In der Regel freilich ist die Infantilszene im manifesten Traum- 
inhalt nur durch eine Anspielung vertreten und muß durch Deutung 
aus dem Traume entwickelt werden. Die Mitteilung solcher Beispiele 
kann nicht sehr beweiskräftig ausfallen, weil ja für diese Kinder- 
erlebnisse meistens jede andere Gewähr fehlt; sie werden, wenn sie in 
ein frühes Alter fallen, von der Erinnerung nicht mehr anerkannt. 
Das Recht, überhaupt aus Träumen auf solche Kindererlebnisse zu 
schließen, ergibt sich bei der psychoanalytischen Arbeit aus einer ganzen 
Reihe von Momenten, die in ihrem Zusammenwirken verläßlich genug 
erscheinen. Zum Zwecke der Traumdeutung aus ihrem Zusammen- 
hänge gerissen, werden solche Zurückführungen von Träumen auf 
Kindererlebnisse vielleicht wenig Eindruck machen, besonders da ich 
nicht einmal alles Material mitteile, auf welches sich die Deutung 
stützt. Indes will ich mich von der Mitteilung darum nicht abhalten 
lassen. 

I. Bei einer meiner Patientinnen haben alle Träume den Charakter 
des „Gehetzten”; sie hetzt sich, uni zurecht zu kommen, den Eiseu- 
bahnzug nicht zu versäumen u. dgl. In einem Traume soll sie ihre 
Freundin besuchen; die Mutter hat ihr gesagt, sie soll fahren, nicht 
gehen ; sie läuft aber und f ä 1 1 1 dabei in einem fort. — Das 


Aufdeckung von Kiadheitserlobiiisseu bei der Traumdeutung. 


145 


bei der Analyse auftauchende Material gestattet, die Erinnerung an 
Kinderhetzereien zu erkennen (man weiß, was der Wiener „eine 
Hetz“ nennt), und gibt speziell für den einen Traum die Zurück- 
führung auf den bei Kindern beliebten Scherz, den Satz: „Die Kuh 
rannte bis sie f i e l u so rasch auszusprechen, als ob er ein einziges 
Wort wäre, was wiederum ein „Hetzen“ ist. Alle diese harmlosen 
Hetzereien unter kleinen Freundinnen werden erinnert, weil sie andere, 
minder harmlose, ersetzen. 

II. Von einer anderen folgender Traum : Sie ist in einem 
großen Zimmer, in dem allerlei Maschinen stehen, etwa 
so, wie siesick eine orthopädische Anstalt vorstellt. Sie 
hört, daß ich keine Zeit habe, und daß sie die Behand- 
lung gleichzeitig mit fünf anderen machen muß. Sie 
sträubt sich aber und will sich in das für sie bestimmte 
Bett — oder was es ist — nicht legen. Sie steht in 
einem Winkel und wartet, daß ich sage, es ist nicht 
wahr. Die anderen lachen sie unterdes aus, es sei Fa- 
ser ei von ihr. — Daneben, als ob sie viele kleine Quadrate 
machen würde. 

Der erste Teil dieses Trauminhalts ist eine Anknüpfung an die 
Kur und Übertragung auf mich. Der zweite enthält die Anspielung 
an die Kinderszene; mit der Erwähnung des Bettes sind die beiden 
Stücke aneinander gelötet. Die orthopädische Anstalt geht auf eine 
meiner Reden zurück, in der ich die Behandlung ihrer Dauer wie 
ihrem Wesen nach mit einer orthopädischen verglichen hatte. 
Ich mußte ihr zu Anfang der Behandlung mitteilen, daß ich vor- 
läufig wenig Zeit für sie habe, ihr aber später eine ganze 
Stunde täglich widmen würde. Dies machte die alte Empfindlichkeit 
in ihr rege, die ein Hauptcharakterzug der zur Hysterie bestimmten 
Kinder ist. Sie sind unersättlich für Liebe. Meine Patientin war die 
jüngste von sechs Geschwistern (daher: mit fünf a n d e r en) und als 
solche der Liebling des Vaters, scheint aber gefunden zu haben, daß 
der geliebte Vater ihr noch zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit 
widme. Daß sie wartet, bis ich sage, es ist nicht wahr, hat folgende 
Ableitung: Ein kleiner Schneider junge hatte ihr ein Kleid gebracht, 
und sie ihm dafür das Geld mitgegeben. Dann fragte sie ihren Mann, 
ob sie das Geld nochmals bezahlen müsse, wenn er es verliere. Der 
Mann, um sie zu necken, versicherte: ja (die Neckerei im Traum- 
inhalt), und sie fragte immer wieder von neuem und wartete dar- 
auf, daß er endlich sage, es ist nicht wahr. Nun läßt 
sich für den latenten Trauminhalt der Gedanke konstruieren, ob sie 
mir wohl das Doppelte bezahlen müsse, wenn ich ihr die doppelte Zeit 
widme, em Gedanke, der geizig oder schmutzig ist. (Die Unrein- 
hchkeit der Kinderzeit wird sehr häufig vom Traume durch Geldgeiz 
ersetzt; das Wort „schmutzig“ bildet dabei die Brücke.) Wenn all das 
vom Warten, bis ich sage u. s. w., das Wort „schmutzig“ im Traume 

Freud, Traumdeutung. 3. Aufl. 


10 


146 


\ Traummatorial und Traumquellen. 


umschreiben soll, so stimmt das I m - W i n k e 1 - S t e h e n u nd das S i c h- 
nicht-ins- Bett-Logen dazu als Bestandteil einer Kinderszene, in 
der sie das Bett schmutzig gemacht hätte, zur Strafe in den Win- 
kel gestellt wird unter der Androhung, daß sie der Papa nicht 
mehr lieb haben werde, die Geschwister sie auslachen u. s. w. Die 
kleinen Quadrate zielen auf ihre kleine Kickte, die ihr die Bechen- 
kunst gezeigt, wie man in neun Quadrate, glaube ich, Zahlen so ein- 
schreibt, daß sie, nach allen Richtungen addiert, 15 ergeben. 

III. Der Traum eines Mannes: Er sieht zwei Knaben, die 
sich balgen, und zwar Faßbinderknaben, wie er aus 
den herumliegenden Gerätschaften schließt; einer der 
Knaben hat den anderen n i e d e r g e w o r f e n, der liegende 
Knabe hat Ohrringe mit blauen Steinen. Er eilt dem 
Missetäter mit erhobenem Stocke nach, um ihn zu 
züchtigen. Dieser flüchtet zu einer Frau, die bei einem 
Bretterzaun stellt, als ob sie seine Mutter wäre. Es ist 
eine Taglöhnersfrau, die dem Träumer den Rücken zu- 
wendet. Endlich kehrt sie sich um und schaut ihn mit 
einem gräßlichen Blicke an, so daß er erschreckt davon- 
läuft. An ihren Augen sieht man vom unteren Lid das 
rote Fleisch vor stehen. 

Der Traum hat triviale Begebenheiten des Vortages reichlich 
verwertet. Er hat gestern wirklich ZAvei Knaben auf der Straße ge- 
sehen, von denen einer den anderen hinwarf. Als er hinzueilte, um 
zu schlichten, ergriffen sie beide die Flucht. — Faßbinderknaben : Avird 
erst durch einen nachfolgenden Traum erklärt, in dessen Analyse er 
die Redensart gebraucht : Dem Faß den Boden ausschlage n. — 
Ohrringe mit blauen Steinen tragen nach seiner Beobachtung meist 
die Prostituierten. So fügt sich ein bekannter Klapphornvers von 
zwei Knaben an: Der andere Knabe, der hieß Marie (d. h. : war 
ein Mädchen). — Die stehende Frau: Nach der Szene mit den beiden 
Knaben ging er am Donauufer spazieren und benützte die Einsamkeit 
dort, um gegen einen Bretterzaun zu urinieren. Auf dem weiteren 
Wege lächelte ihn eine anständig gekleidete ältere Dame sehr freund- 
lich an und Avollte ihm ihre Adreßkarte überreichen. 

Da die Frau im Traume so steht Avie er beim Urinieren, so 
handelt es sich um ein urinierendes Weib, und dazu gehört dann der 
gräßliche „Anblick“, das Vorstehen des roten Fleisches. Avas sich 
nur auf die beim Kauern klaffenden Genitalien beziehen kann, die, in 
der Kinderzeit gesehen, in der späteren Erinnerung als „Avildes 
Fleisch“, als „Wunde“ wieder auftreten. Der Traum vereinigt zwei 
Anlässe, bei denen der kleine Knabe die Genitalien kleiner Mädchen 
sehen konnte, beim IdinAverfen und bei deren Urinieren, und 
Avie aus dem anderen Zusammenbang heiworgekt. bewahrt er die Er- 
innerung an eine Züchtigung oder Drohung des Vaters AA'Cgen der von 
dem Buben bei diesen Anlässen beAA'iesenen sexuellen Neugierde. 


Kinck'rszcnon im latenten Trauminhalt. 


147 


IV. Eine ganze Summe von Kindererinnerungen, zu einer Phan- 
tasie notdürftig vereinigt, findet sich hinter folgendem Traume einer 
jüngeren Dame. 

Sie geht in Uetze aus, Kommissionen zu machen. Auf 
dem Graben sinkt sie dann, wie zusammengebrochen, 
in die Knie. Viele Leute sammeln sich um sie, beson- 
ders die Fiakerkutscher; aber niemand hilft ihr auf. 
Sie macht viele vergebliche Versuche; endlich muß es 
gelungen sein, denn man setzt sie in einen Fiaker, der 
sie nach Hause bringen soll; durchs Fenster wirft man 
ihr einen großen schwer gefüllten Korb nach (ähnlich 
einem E i n k a n f s k o r b e). 

Es ist dieselbe, die in ihren Träumen immer gehetzt wird, wie 
sie als Kind gehetzt hat. Die erste Situation des Traumes ist offenbar 
von dem Anblicke eines gestürzten Pferdes hergenommen, wie 
auch das „Zusammenbrechen“ auf Wettrennen deutet. Sie war 
in jungen Jahren Reiterin, in noch jüngeren wahrscheinlich auch 
Pferd. Zu dem Hinstürzen gehört die erste Kindheitserinnerung' 
an den 17jährigen Sohn des Portiers, der, auf der Straße von epilep- 
tischen Krämpfen befallen, im Wagen nach Hause gebracht wurde. 
Davon hat sie natürlich nur gehört, aber die Vorstellung von epilep- 
tischen Krämpfen, vom „Hin fall enden“ hat große Macht über 
ihre Phantasie gewonnen und später ihre eigenen hysterischen An- 
fälle in ihrer Form beeinflußt. — Wenn eine Frauensperson vom 
Fallen träumt, so hat das wohl regelmäßig einen sexuellen Sinn, sie 
wird eine „Gefallene“; für unseren Traum wird diese Deutung 
am wenigsten zweifelhaft sein, denn sie fällt auf dem Graben, 
jenem Platze von Wien, der als Korso der Prostitution bekannt ist. 
Der Einkaufskorb gibt mehr als eine Deutung; als Korb erinnert 
er an die vielen Körbe, die sie zuerst ihren Freiern ausgeteilt, und 
später, wie sie meint, sich auch selbst geholt hat. Dazu gehört dann 
auch, daß ihr niemand anfh elfen will, was sie selbst als Ver- 
schmähtwerden auslegt. Ferner erinnert der Einkaufs korb an 
Phantasien, die der Analyse bereits bekannt geworden sind, in denen 
sie tief unter ihrem Stande geheiratet hat und nun selbst zu Markte 
einkaufen geht. Endlich aber könnte der Einkaufskorb als Zeichen 
einer dienenden Person gedeutet werden. Dazu kommen nun 
weitere Kindheitserinnerungen, an eine Köchin, die weggeschickt 
wui de, weil sie stahl; die ist auch so in die Knie gesunken 
und hat gefleht. Sie war damals zwölf Jahre alt. Dann an ein 
Stubenmädchen, das weggeschickt wurde, weil es sich mit dem 
Kutscher des Hauses abgab, der sie übrigens später heiratete. 
Diese Erinnerung ergibt uns also eine Quelle für die Kutscher im 
1 raume (die sich im Gegensatz zur Wirklichkeit der Gefallenen nicht 
annehmen). Es bleibt aber noch das Nach werfen des Korbes, und 
zvni durchs Fenster, zu erklären. Das mahnt sie an das Expe- 

10 * 


148 


V. Traummaterial uml Traumquelleu. 

dieren des Gepäcks auf der Eisenbahn, an das „Fensterin“ auf 
dem Lande, an kleine Eindrücke von dem Landaufenthalte, wie ein 
Herr einer Dame blaue Pflaumen durchs Fenster in ihr Zimmer 
wirft, wie ihre kleine Schwester sich gefürchtet, weil ein vorüber- 
gehender Trottel durchs Fenster ins Zimmer sah. Und nun taucht 
dahinter eine dunkle Erinnerung aus dem zehnten Lebensjahre auf, 
von einer Bonne, die auf dem Lande Liebesszeneu mit einem Diener 
des Hauses aufführte, von denen das Kind doch etwas gemerkt haben 
konnte, und die mitsamt ihrem Liebhaber „expediert“, hinaus- 
geworfen“ wurde (im Traume der Gegensatz : „h i u e i n g e w o r f e n“), 
eine Geschichte, der wir uns auch von mehreren anderen Wegen her 
genähert hatten. Das Gepäck, der Koffer einer dienenden Person, 
wird aber in Wien geringschätzig als die „sieben Zwetschken" 
bezeichnet. „Pack’ deine sieben Zwetschken zusammen und geh’“. 

An solchen Träumen von Patienten, deren Analyse zu dunkel 
oder gar nicht mehr erinnerten Kindereindrücken, oft aus den ersten 
drei Lebensjahren, führt, hat meine Sammlung natürlich überreichen 
V orrat. Es ist aber mißlich, Schlüsse aus ihnen zu ziehen, die für 
den Traum im allgemeinen gelten sollen; es handelt sich ja regel- 
mäßig um nenrotische, speziell hysterische Personen, und die Bolle, 
welche den Kinderszenen in diesen Träumen zufällt, könnte durch die 
Natur der Neurose und nicht durch das Wesen des Traumes bedingt 
sein. Indes begegnet es mir bei der Deutung meiner eigenen Träume, 
die ich doch nicht wegen grober Leidenssymptome unternehme, 
ebenso oft, daß ich im latenten Trauminhalt unvermutet auf eine 
Infantilszene stoße, und daß mir eine ganze Serie von Träumen mit 
einemmal in die von einem Kindererlebnis ausgehenden Bahnen ein- 
mündet. Beispiele hiefür habe ich schon erbracht und werde ich 
noch bei verschiedenen Anlässen weitere erbringen. Vielleicht kann 
ich den ganzen Abschnitt nicht besser beschließen, als durch Mit- 
teilung einiger eigenen Träume, in denen rezente Anlässe und lang- 
vergessene Kindererlebnisse mitsammen als Traumquellen auftreten. 

Nachdem ich gereist bin, müde und hungrig das Bett aufgesucht 
habe, melden sich im Schlafe die großen Bedürfnisse des Lebens und 
ich träume : Ich gehe in eine Küche, um mir Mehlspeise 
geben zu lassen. Dort stehen drei Frauen, von denen 
eine die Wirtin ist und e t w a s in der Hand dreht, als 
ob sie Knödel machen würde. Sie antwortet, daß ich 
warten soll, bis sie fertig ist (nicht deutlich als Rede). 
Ich werde ungeduldig und gehe beleidigt weg. Ich 
ziehe einen Überrock an; der erste, den ich versuche, 
ist mir aber zu lang. Ich ziehe ihn wieder aus, etwas 
überrascht, daß er P e 1 z b e sa t z h a t. Ein zweiter, den 
ich anziehe, hat einen langen Streifen mit türkischer 
Zeichnung eingesetzt. Ein Fremder mit langem Ge- 
sichte und kurzem Spitzbarte kommt hinzu und hindert 


KiiideremdrUcko im latenten Trauminhalt. 


149 


mich am Anüiclien, indem er ihn für den seinen erklärt. 
Ich z e i g e ihm nun, daß er über und über türkisch ge- 
stickt ist. Er fragt: Was gehen Sie die türkischen 

(Zeichnungen, Streifen . . . .) an? Wir sind aber dann 
ganz freundlich miteinander. 

In der Analyse dieses Traumes fällt mir ganz unerwartet der 
erste Roman ein, den ich, vielleicht 13jährig, gelesen, d. h. mit dem 
Ende des ersten Bandes begonnen habe. Den Namen des Romans 
und seines Autors habe ich nie gewußt, aber der Schluß ist mir nun 
in lebhafter Erinnerung. Der Held verfällt in Wahnsinn und ruft 
beständig die drei Frauennamen, die ihm im Leben das größte Glück 
und das Unheil bedeutet haben. PAlagie ist einer dieser Namen. 
Noch weiß ich nicht, was ich mit diesem Einfall in der Analyse 
beginnen werde. Da tauchen zu den drei Frauen die drei Parzen 
auf, die das Geschick des Menschen spinnen, und ich weiß, daß eine 
der drei Frauen, die Wirtin im Traume, die Mutter ist, die das 
Leben gibt, mitunter auch, wie bei mir, dem Lebenden die erste 
Nahrung. An der Frauenbrust treffen sich Liebe und Hunger. Ein 
junger Mann, erzählt die Anekdote, der ein großer Verehrer der 
Frauenschönheit wurde, äußerte einmal, als die Rede auf die schöne 
Amme kam, die ihn als Säugling genährt: es tue ihm leid, die gute 

Gelegenheit damals nicht besser ausgenützt zu haben. Ich pflege 
mich der Anekdote zur Erläuterurg für das Moment der Nach- 
träglichkeit in dem Mechanismus der Psychoneurosen zu bedienen. 
— Die eine der Parzen also reibt die Handflächen aneinander, als ob 
sie Knödel machen würde. Eine sonderbare Beschäftigung für eine 
Parze, welche dringend der Aufklärung bedarf! Diese kommt nun 
aus einer anderen und früheren Kindererinnerung. Als ich sechs 
Jahre alt war und den ersten Unterricht bei meiner Mutter genoß, 
sollte ich glauben, daß wir aus Erde gemacht sind und darum zur 
Erde zurückkehren müssen. Es behagte mir aber nicht und ich 
zweifelte die Lehre an. Da rieb die Mutter die Handflächen anein- 
ander — ganz ähnlich wie beim Knödelmachen, nur daß sich kein 
Teig zwischen ihnen befindet — und zeigte mir die schwärzlichen 
Epidermisschuppen, die sich dabei abreiben, als eine Probe der 
Erde, aus der wir gemacht sind, vor. Mein Erstaunen über diese 
Demonstration ad oculos war grenzenlos, und ich ergab mich in das, 
uas ich später in den Worten ausgedrückt hören sollte: Du bist der 
Natur einen Tod schuldig.*) So sind es also wirklich Parzen, zu denen 
ich in die Küche gehe, wie so oft in den Kinderjahren, wenn ich 
hungrig war, und die Mutter beim Herd mich mahnte zu warten, 
is das Mittagessen fertig sei. Und nun die Knödel! Wenigstens einer 
meiner Universitätslehrer, aber gerade der, dem ich meine histolo- 

) Beide zu diesen Kinderszeuen gehörigen Affekte, das Erstaunen und die 
rge ung ins. I nvermeidliche, fanden sich in einem Traume kurz vorher, der mir 
zuerst die Erinnerung an dieses Kindererlebnis wiederbrachte. 


150 


\ . Irauminaterial und Traumquellen. 


gischen Kenntnisse (Epidermis) verdanke, könnte sich bei dem 
. amen Knödl an eine Person erinnern, die er belangen mußte, weil 
sie ein 1 lagiat an seinen Schriften begangen hatte. Ein Plagiat 
begehen, sich ancignen, was man bekommen kann, auch wenn es 
einem anderen gehört, leitet offenbar zum zweiten Teil des Traumes 
in dem ich wie der Ubcrrockdieb behandelt werde, der eine 
Zieitlang in den Hörsälen sein Wesen trieb. Ich habe den Ausdruck 
I lagiat niedergeschrieben, absichtslos, weil er sich mir darbot und 
nun merke ich, daß er dem latenten Trauminhalt angehören muß 
weil er als Brücke zwischen den verschiedenen Stücken des manifesten 

Trauminhalts dienen kann. Die Assoziationskette — Pelagie 

Plagiat - Plagiostomen*) (Haifische) — Fischblase 
verbindet den nltcn Ronmii mit der Affcire Knödl und mit den 
Uberziehern, die ja offenbar ein Gerät der sexuellen Technik be- 
deuten. [Vgl. Maurys Traum von Kilo — Lotto, Seite 40.] 
Line höchst gezwungene und unsinnige Verbindung zwar, aber doch 
keine, die ich im Wachen hersteilen könnte, wenn sie nicht schon 
durch die Traumarbeit hergestellt wäre. Ja, als ob dem Drange, 
Verbindungen zu erzwingen, gar nichts heilig wäre, dient nun der 
teure Name Brücke (Wortbrücke s. o.) dazu, mich an dasselbe 
Institut zu erinnern, in dem ich meine glücklichsten Stunden als 
Schüler verbracht, sonst ganz bedürfnislos [„So wird’s Euch an der 
V eisheit Brüsten mit jedem Tag'e mehr gelüsten“], im vollsten 
Gegensatz zu den Begierden, die mich, während ich träume, plagen. 
Und endlich taucht die Erinnerung an einen anderen teuren Lehrer 
auf, dessen Name wiederum an etwas Eßbares anklingt (Fl eise hl, 
wie Knödl) und an eine traurige Szene, in der Epidcrmis- 
schuppcn eine Rolle spielen (die Mutter — Wirtin) und Geistes- 
störung (der Roman) und ein Mittel aus der lateinischen Küche, das 
den Hunger benimmt, das Kokain. 

So könnte ich den verschlungenen Gedankenwegen weiter 
folgen und das in der Analyse fehlende Stück des Traumes voll nuf- 
klären, aber ich muß es unterlassen, weil die persönlichen Opfer, die 
es erfordern würde, zu groß sind. Ich greife nur einen der Fäden 
auf, der direkt zu einem der dem Gewirre zu Grunde liegenden 

Der Fremde mit langem Gesichte und 


Traumgedaukcn führen kann. 


(.lugwuiuii neu. ul iiiciu jl upuviu, ein \ t ruaenuger i\nme 7 ui-i 
auch dein Humoristen Stetten heim zu einer andeutungsvollen Be- 
merkung Anlaß gegeben hat. („Er nannte mir seinen Namen und 
drückte mir errötend die Hand.“) Übrigens derselbe Mißbrauch mit 
Namen wie oben mit Pelagie, Knödl. Brücke, Fleisch! Daß 
solche Namenspielcrci Kinderunart ist, darf man ohne Widerspruch 

*') Die Plagiostomen ergänze ich nicht willkürlich; sie mahnen mich an 
eine ärgerliche Gelegenheit von Blamage vor demselben Lehrer. 


Der Iluugertrauin vou deu Parzen. 


151 


behaupten; wenn ich mich in ihr ergehe, ist es aber ein Akt der 
Vergeltung, denn mein eigener Karne ist unzähligemal solchen 
schwachsinnigen Witzeleien zum Opfer gefallen. Goethe bemerkte 
einmal wie empfindlich man für seinen Kamen ist, mit dem man sich 
verwachsen fühlt wie mit seiner Haut, als Herder auf seinen Kamen 
dichtete : 

,,Der du von Göttern abstammst, von Goten oder vom Kote“ — 
„So seid ihr Götterbilder auch zu Staub.“ 

Ich merke, daß die Abschweifung über den Mißbrauch von 
Kamen nur diese Klage vorbereiten sollte. Aber brechen wir hier 
ab. — Der Einkauf in Spalato mahnt mich an einen anderen Ein- 
kauf in Cattaro, bei dem ich allzu zurückhaltend war und die 
Gelegenheit zu schönen Erwerbungen versäumte. (Die Gelegenheit 
bei der Amme versäumt, s. o.) Einer der Traumgedanken, die dem 
Träumer der Hunger eingibt, lautet nämlich: Man soll sich 

nichts entgehen lassen, nehmen, was man haben kann, 
auch wenn ein kleines Unrecht dabei mitläuft; man 
soll keine Gelegenheit versäumen, das Leben ist so 
kurz, der Tod unvermeidlich. Weil es auch sexuell gemeint 
ist und weil die Begierde vor dem Unrecht nicht Halt machen will, 
hat dieses „carpe diem“ die Zensur zu fürchten und muß sich hinter 
einem Traume verbergen. Dazu kommen nun alle Gegengedanken 
zu Wort, die Erinnerung an die Zeit, da die geistige Nahrung 
dem Träumer allein genügte, alle Abhaltungen und selbst die Drohungen 
mit den ekelhaften sexuellen Strafen. 

II. Ein zweiter Traum erfordert einen längeren Vorbericht: 

Ich bin auf den W 7 estbalmhof gefahren, um meine Ferienreise 
nach Aussee anzutreten, gehe aber schon zum früher abgehenden 
Ischler Zuge auf den Perron. Dort sehe ich nun den Grafen Thun 
dastehen, der wiederum zum Kaiser nach Ischl fährt. Er war trotz 
des Regens im offenen Wagen angekommen, direkt durch die Ein- 
gangstür für Lokalzüge hinausgetreten und hatte den Türhüter, der 
ihn nicht kannte und ihm das Billet abnehmen wollte, mit einer 
kurzen Handbewegung ohne Erklärung von sich gewiesen. Ich soll 
dann, nachdem er im Ischler Zuge abgefahren ist, den Perron wieder 
verlassen und in den heißen Wartesaal zurückgehen, setze es aber 
mühselig durch, daß ich bleiben darf. Ich vertreibe mir die Zeit, 
aufzupassen, wer da kommen wird, um sich auf dem Protektionswege 
ein Coup6 anweisen zu lassen; nehme mir vor, dann Lärm zu schlagen, 
d. h. gleiches Recht zu verlangen. Unterdessen singe ich mir etwas 
vor, was ich dann als die Arie aus Figaros Hochzeit erkenne: 

„Will der Herr Graf ein Tänzelein wagen, 

Tänzelein wagen, 

Soll er ’s nur sagen, 

Ich spiel ihm eins auf.“ 

(Ein anderer hätte den Gesang vielleicht nicht erkannt.) 


152 


V. Tmumniateriiil und Traumquollcu. 


Ich war den ganzen Abend in übermütiger, streitlustiger Stimmung 
gewesen, hatte Kellner und Kutscher gel'rozzelt, hoffentlich ohne ihnen 
wehe zu tun; nun gehen mir allerlei freche und revolutionäre 
Gedanken durch den Kopf, wie sie zu den Worten Figaros passen 
und zur Erinnerung an die Komödie von Beaumarchais, die ich 
in der Comddie franyaise aufführen gesehen. Das Wort von den 
großen Herren, die sich die Mtihe gegeben haben, geboren zu werden ; 
das Herrenrecht, das der Graf Almaviva bei Susanne zur Geltung 
bringen will ; die Scherze, die unsere bösen oppositionellen Tagschreiber 
mit dem Namen des Grafen Thun anstellen, indem sie ihn Graf 
Nichtsthun nennen. Ich beneide ihn wirklich nicht; er hat jetzt einen 
schweren Gang zum Kaiser, und ich bin der eigentliche Graf 
Nichtsthun; ich gehe auf Ferien. Allerlei lustige Ferien Vorsätze 
dazu. Es kommt nun ein Herr, der mir als Regierungsvertreter bei 
den medizinischen Prüfungen bekannt ist, und der sich durch seine 
Leistungen in dieser Rolle den schmeichelhaften Beinamen des,, Regierungs- 
beischläfers“ zugezogen hat. Er verlangt unter Berufung auf seine 
amtliche Eigenschaft ein Ilalbcoupe erster Klasse, und ich höre den 
Beamten zu einem andern sagen: Wo geben wir den Herrn mit der 
halben Ersten hin? Eine nette Bevorzugung; ich zahle meine erste 
Klasse ganz. Ich bekomme dann auch ein Coupd für mich, aber 
nicht in einem durchgehenden Wagen, so daß mir die Nacht über 
kein Abort zur Verfügung steht. Meine Klage beim Beamten hat 
keinen Erfolg; ich räche mich, indem ich ihm den Vorschlag mache, 
in diesem Coupe wenigstens ein Loch im Boden anbringen zu lassen, 
für etwaige Bedürfnisse der Reisenden. Ich erwache auch wirklich 
um 3 / 4 3 Uhr morgens mit Harndrang aus nachstehendem Traume: 

Menschenmenge, Studentenversammlung. — Ein Graf (Thun 
oder Taaffe) redet. Aufgefordert, etwas über die 
Deutschen zu sagen, erklärt er mit höhnischer Gebärde 
für ihre Lieblingsblume den Huflattich und steckt 
dann etwas wie ein zerfetztes Blatt, eigentlich ein zu- 
sammengekniilltes Blattgerippe ins Knopfloch. Ich 
fahre auf, fahre also auf,*) wundere mich aber doch 
über diese meine Gesinnung. Dann undeutlicher: Als ob 

es die Aula wäre, die Zugänge besetzt, und man müßte 
fliehen. Ich bahne mir den Weg durch eine Reihe von 
schön eingerichteten Zimmern, offenbar Regierungs- 
zimmern mit Möbeln in einer Farbe zwischen braun 
und violett, und komme endlich in einen ^Gfang, in dem 
eine Haushälterin, ein älteres dickes Frauenzimmer, 
sitzt. Ich vermeide es, mit ihr zu sprechen; sie hält 

*j Diese Wiederholung hat sich, scheinbar aus Zerstreutheit, in den Text des 
Traumes eingeschlichen und wird von mir belassen, da die Analyse zeigt, daß sie 
ihre Bedeutung hat. 


Ein revolutionärer Traum. 


153 


mich aber offenbar für berechtigt, hier zu passieren, 
denn sie fragt, ob sie mit der Lampe mitgehen soll. Ich 
deute oder sage ihr, sie soll auf der Treppe stehen 
bleiben, und komme mir dabei sehr schlau vor, daß ich 
die Kontrolle am Ende vermeide. So bin ich drunten 
und finde einen schmale n, steil aufsteigenden Weg:, den 
ich gehe. 

Wieder undeutlich . . . Als ob jetzt die zweite Aufgabe 
käme, aus der Stadt wegzukommen, wie früher aus dem 
Hause. Ich fahre in einem Einspänner und gebe ihm 
Auftrag, zu einem Bahnhofe zu fahren. „Auf der Bahn- 
streckeselbstkann ich nicht mitlh neu fahren“, sage ich, 
nachdem er einen Einwand gemacht hat, als ob ich ihn 
übermüdet hätte. Dabei ist es, als wäre ich schon eine 
Strecke mit ihm gefahren, die man sonst mit der Bahn 
fährt. Die Bahnhöfe sind besetzt; ich überlege, ob ich 
nach Krems oder Znaim soll, denke aber, dort wird der 
Hof sein, und entscheide mich für Graz oder so etwas. 
Nun sitze ich im Waggon, der ähnlich einem Stadtbahn- 
wagen ist, und habe im Knopfloch ein eigentümlich 
geflochtenes, langes Ding, daran violettbraune V eilchen 
aus starrem Stoffe, was den Leuten sehr auffällt. Hier 
bricht die Szene ab. 

Ich bin wieder vor dem Bahnhofe, aber zu zweit mit 
einem älteren Herrn, erfinde einen Plan, um unerkannt 
zu bleiben, sehe diesen Plan aber auch schon ausge- 
führt. Denken und Erleben ist hier gleichsam eins. Er 
stellt sich blind, wenigstens auf einem Auge, und ich 
halte ihm ein männliches Uringlas vor (das wir in der 
Stadt kaufen mußten oder gekauft haben). Ich bin also 
sein Krankenpfleger und muß ihm das Glas geben, weil 
er blind ist. W enn der Kondukteur uns so sieht, muß 
er uns als unauffällig entkommen lassen. Dabei ist die 
Stellung des Betreffenden und sein urinierendes Glied 
plastisch gesehen. Darauf das Erwachen mit Harndrang. 

,^ e L,£ anze Traum macht etwa den Eindruck einer Phantasie, 
die den iräumer in das Revolutionsjahr 1848 versetzt, dessen An- 
denken ja durch das Jubiläum des Jahres 1898 erneuert war, wie 
überdies durch einen kleinen Ausflug in die Wachau, bei dem ich 
Emmeradorf kennen gelernt hatte, welchen Ort ich fälschlich für den 
Ruhesitz des Studentenführers Fischhof hielt, auf den einige Züge 
tes mani esten drauminhalts weisen mögen. Die Gedankenverbindung 
ir mich dann nach England, in das Hans meines Bruders, der 
semcr brau scherzhaft vorzuhalten pflegte „Fifty years ago“ nach 
dem Titel eines Gedichtes von Lord Tennyson, worauf die Kinder 
zu rektifizieren gewöhnt waren : Fi ft een years ago. Diese Phantasie, 


154 


V. Traummatorial uud Trauimjuclleu 

die sich an die Gedanken anschließt, welche der Anblick des Grafen 
l hun hervorgerufen hatte, ist aber nur wie die Fassade italienischer 
Kirchen ohne organischen Zusammenhang' dem Gebäude dahinter Vor- 
gesetzte anders als diese Fassaden ist sie übrigens lückenhaft, verworren, 
und Bestandteile aus dem Innern drängen sich an vielen Stellen durch! 
Die erste Situation des Traumes ist aus mehreren Szenen zusammen- 
gebraut, in die ich sie zerlegen kann. Die hochmütige Stellung des 
Grafen im Traume ist kopiert nach einer Gymnasialszene aus meinem 
15. Jali re. Wir hatten gegen einen mißliebigen und ignoranten Lehrer 
eine Verschwörung angezettelt, deren Seele ein Kollege war, der sich 
seitdem Heinrich VIII, von England zum Vorbilde genommen zu 
haben scheint. Die Führung des Hauptschlages fiel mir zu, und eine 
Diskussion Uber die Bedeutung der Donau für Österreich (Wachau!) 
war der Anlaß, bei dem es zur offenen Empörung kam. Ein Mitver- 
schworener war der einzige aristokratische Kollege, den wir hatten, 
wegen seiner auffälligen Hingeuent wicklung die „Giraffe^ genannt, 
und der stand, vom Schultyrannen, dem Professor der deutschen 
Sprache, zur Rede gestellt, so da wie der Graf im Traume. Das Erklären 
der Lieblingsblume und Ins-Knopfloch-Stecken von etwas, was wieder 
eine Blume sein muß (was an die Orchideen erinnert, die ich einer 
Freundin am selben Tage gebracht hatte, und außerdem an eine Rose 
von Jericho), mahnt auffällig an die Szene aus den Königsdramen 
Shakespeares, die den Bürgerkrieg der roten und der weißen 
Rose eröffnet; die Erwähnung Heinrichs VIII. hat den Weg zu dieser 
Reminiszenz gebahnt. Dann ist es nicht weit von den Rosen zu deu 
roten und weißen Nelken. (Dazwischen schieben sich in der Analyse 
zwei Verslein ein, eins deutsch, das andere spanisch: Rosen. 
Tulpen, Nelken, alle Blumen welken. — Isabelita, no llores que se 
marchitan las flores. Das Spanische vom Figaro her.) Die weißen 
Nelken sind bei uns in Wien das Abzeichen der Antisemiten, die 
roten das der Sozialdemokraten geworden. Dahinter eine Erin- 
nerung an eine antisemitische Herausforderung während einer Eisen- 
bahnfahrt im schönen Sachsenland (Angelsachsen). Die dritte 
Szene, welche Bestandteile für die Bildung der ersten Traumsitu- 
ation abgegeben hat, fällt in meine erste Studentenzeit. In einem 
deutschen Studentenvereine gab es eine Diskussion über das Ver- 
hältnis der Philosophie zu den Naturwissenschaften. Ich grüner 
Junge, der materialistischen Lehre voll, drängte mich vor, um 
eiuen höchst einseitigen Standpunkt zu vertreten. Da erhob sich ein 
überlegener älterer Kollege, der seitdem seine Fähigkeit erwiesen 
hat, Menschen zu lenken und Massen zu organisieren, der übrigens 
auch einen Namen aus dem Tierreiche trägt, und machte uns 
tüchtig herunter; auch er habe in seiner Jugend die Schweine 
gehütet und sei dann reuig ins Vaterhaus zurückgekehrt. Ich fuhr 
auf (wie im Traume), wurde sangrob und antwortete, seitdem ich 
wüßte, daß er die Schweine gehütet, wunderte ich m ic h nicht 


Ein revolutionärer Traum. 


155 


mehr über den Ton seiner Reden. (Im Traume wundere ich mich 
über meine deutschnationale Gesinnung.) Großer Aufruhr; ich wurde 
von vielen Seiten aufgefordert, meine Worte zurückzunehmen, blieb 
aber standhaft. Der Beleidigte war zu verständig, um das Ansinnen 
einer Herausforderung, das man an ihn richtete, anzunehmen, 
und ließ die Sache auf sich beruhen. 

Die übrigen Elemente der Traumszene stammen aus tieferen 
Schichten. Was soll es bedeuten, daß der Graf den „Huflattich“ 
proklamiert? Hier muß ich meine Assoziationsreihe befragen. Huf- 
lattich — lattice — Salat — Salathund (der Hund, der anderen 
nicht gönnt, was er doch selber nicht frißt). Hier sieht man durch 
auf einen Vorrat an Schimpfwörtern : Gir-affe, Schwein, Sau, 
Hund; ich wüßte auch auf dem Umwege über einen Namen zu einem 
Esel zu gelangen und damit wieder zu einem Hohn auf einen aka- 
demischen Lehrer. Außerdem übersetze ich mir — ich weiß nicht, 
ob mit Recht — Huflattich mit „pisse-en-lit“: die Kenntnis 
kommt mir aus dem Germinal Zolas, in dem die Kinder auf- 
gefordert werden, solchen Salat mitzubringen. Der Hund — chien — 
enthält in seinem Namen einen Anklang an die größere Funktion 
(chier, wie pisser für die kleineren). Nun werden wir bald das 
Unanständige in allen drei Aggregatzuständen beisammen haben; denn 
im selben Germinal, der mit der künftigen Revolution genug zu tun 
hat, ist ein ganz eigentümlicher Wettkampf beschrieben, der sich auf 
die Produktion gasförmiger Exkretionen, Flatus genannt, bezieht.'") 
Und nun muß ich bemerken, wie der Weg zu diesen Flatus seit langem 
angelegt ist, von den Blumen aus über das spanische Verslein, 
die Isab eli ta, zu Isabel la und F erdin and, über Heinrich VIII., 
die engliehe Geschichte zum Kampfe der Armada gegen England, 
nach dessen siegreicher Beendigung die Engländer eine Medaille prägten 
mit der Inschrift: Afflavit et dissipati sunt, da der Sturmwind die 
spanische Flotte zerstreut hatte. Diesen Spruch gedachte ich aber zur 
halb scherzhaft gemeinten Überschrift des Kapitels „Therapie“ zu 
nehmen, wenn ich je dazu gelange» sollte, ausführliche Kunde von 
meiner Auffassung und Behandlung der Hysterie zu geben. 

Von der zweiten Szene des Traumes kann ich eine so ausführ- 
liche Auflösung nicht geben, und zwar aus Rücksichten der Zensur. 
Ich setze mich hier nämlich an die Stelle eines hohen Herrn jener 
Revolutionszeit, der auch ein Abenteuer mit einem Adle r gehabt, 
an incontinentia alvi gelitten haben soll u. dgl., und ich glaube, ich 
wäre nicht berechtigt, hier die Zensur zu passi e ren, obwohl 
ein Hofrat (Aula, consiliarius aulicus) mir den größeren Teil 
jener Geschichten erzählt hat. Die Reihe von Zimmern im Traume 
verdankt, ih re Anregung dem Salonwagen Seiner Exzellenz, in den ich 

i ) Nieht im Germinal, sondern in La Terre. Ein Irrtum, der mir erst naeh 
. cr i A r 'yy s o bemerklieh wird. — leb mache übrigens auf die identischen Buchstaben 
in Huflattich und Flatus aufmerksam. 


156 


V. Traum material uud Traumquelleu. 


einem Moment hineinblicken konnte; sie bedeutet aber, wie so haufitr 
im 1 raume, Frauenzimmer (ärarische Frauenzimmer). Mit der 
ei^on der Hauslndtenn statte ich einer geistreichen älteren Dame 
schlechten Dank für die Bewirtung und die vielen guten Geschichten 
nb, die mir in ihrem Hause geboten • worden sind. — Der Zuo- mit 
der Lampe geht auf Grillparzer zurück, der ein reizendes Erlebnis 
ähnlichen Inhalts notiert und dann in Hero und Leander (des 

Meeres und der Liebe Wellen — die Ar mada und der Stur m) 
verwendet hat.*) J 


Auch die detaillierte Analyse der beiden übrigen Traumstücke 
muh ich zurückhalten; ich werde nur jene Elemente herausgreifen 
die zu den beiden Kinderszenen führen, um deren Willen ich den 
Lraum überhaupt aufgenommen habe. Man wird mit Recht vermuten 
dali es sexuelles Material ist, welches mich zu dieser Unterdrückung 
nötigt ; man braucht sich aber mit dieser Aufklärung nicht zufrieden 
zu geben. Man macht doch sich selbst aus vielem kein Geheimnis 
was man vor anderen als Geheimnis behandeln muß, und hier handelt 
es sich nicht um die Gründe, die mich nötigen, die Lösung zu ver- 
bergen, sondern um die Motive der inneren Zensur, welche den eigent- 
lichen Inhalt des Traumes vor mir selbst verstecken. Ich muß also 
darum sagen, daß die Analyse diese drei Traumstticke als impertinente 
I rahlereien, als Ausfluß eines lächerlichen, in meinem wachen Leben 
längst unterdrückten Größenwahnes erkennen läßt, der sich mit ein- 
zelnen Ausläufern bis in den manifesten Trauminhalt wagt (ich 
komme mir schlau vor), allerdings die übermütige Stimmung des 
Abends vor dem Träumen trefflich verstehen läßt. Prahlerei zwar auf 
allen Gebieten; so geht die Erwähnung von Graz auf die Redensart: 
Was kostet Graz? in der man sich gefallt, wenn man sich über- 
reich mit Geld versehen glaubt. Wer an Meister Rabelais’ unüber- 
troffene Schilderung von dem Leben und Taten des Gargantua und 
seines Sohnes Pantagruel denken will, wird auch den angedeuteten 
Inhalt des ersten Traumstückes unter die Prahlereien einreihen können. 
Zu den zwei versprochenen Kin'derszenen gehört aber folgendes: Ich 
hatte für diese Reise einen neuen Koffer gekauft, dessen Farbe, ein 
B ra u n viol et t, im Traume mehrmals auftritt (violett braune 
Veilchen aus starrem Stoffe neben einem Dinge, das man „Mädchcn- 
fänger‘‘ heißt — die Möbel in den Regierungszimmern). Daß man 
mit etwas Neuem den Leuten auffällt, ist ein bekannter Kinder- 
glaube. Nun ist mir folgende Szene aus meinem Kinderleben erzählt 
worden, deren Erinnerung ersetzt ist durch die Erinnerung an die Er- 
zählung. Ich soll — im Alter vor zwei Jahren — noch gelegentlich 


*) [An diesem Teil des Traumes hat II. Silber er in einer inhaltsreichen 
Arbeit (Phantasie und Mythos, Jahrb. für Psychoanalyse Bd. II, 1910) zu zeigen 
versucht, daß die Traumarbeit nicht nur die latenten Traumgedanken, sondern auch 
die psychischen Vorgänge bei der Traumbildung wiederzugeben vormöge. ( r Da< 
funktionale Phänomen.“)] 


Infantile W urzeln des revolutionären Traumes. 


157 


das Bott na ß gemacht haben, und als ich dafür Vorwürfe zu hören 
bekam, den Vater durch das Versprechen getröstet haben, daß ich 
ihm in N. (der nächsten größeren Stadt) ein neues schönes, rotes 
Bett kaufen werde. (Daher im Traume die Einschaltung, daß wir das 
Glas in der Stadt gekauft haben oder kaufen mußten; 
was man versprochen hat, muß man halten.) [Man beachte übrigens 
die Zusammenstellung des männlichen Glases und des weiblichen 
Koffers, box.] Der ganze Größenwahn des Kindes ist in diesem Ver- 
sprechen enthalten. Die Bedeutung der Harnschwierigkeiten des Kindes 
für den Traum ist uns bereits bei einer früheren Traumdeutung (ver- 
gleiche den Traum Seite 145) aufgefallen. 

Dann gab es aber einmal einen anderen häuslichen Anstand, als 
ich sieben oder acht Jahre alt war, an den ich mich sehr wohl erinnere. 
Ich setzte mich abends vor dem Schlafengehen über das Gebot der 
Diskretion hinweg, Bedürfnisse nicht im Schlafzimmer der Eltern in 
deren Anwesenheit zu verrichten, und der Vater ließ in seiner Straf- 
rede darüber die Bemerkung fallen : aus dem Buben wird nichts werden. 
Es muß eine furchtbare Kränkung für meinen Ehrgeiz gewesen sein, 
denn Anspielungen an diese Szene kehren immer in meinen Träumen 
wieder und sind regelmäßig mit Aufzählung meiner Leistungen und 
Erfolge verknüpft, als wollte ich sagen : Siehst du, ich bin doch etwas 
geworden. Diese Kinderszene gibt nun den Stoff für das letzte Bild 
des Traumes, in dem natürlich zur Rache die Rollen vertauscht sind. 
Der ältere Mann, offenbar der Vater, da die Blindheit auf einem Auge 
sein einseitiges Glaukom bedeutet,*) uriniert jetzt vor mir wie ich 
damals vor ihm. Mit dem Glaukom mahne ich ihn an das Kokain, 
daß ihm bei der Operation zu gute kam, als hätte ich damit mein 
Versprechen erfüllt. Außerdem mache ich mich über ihn lustig ; weil 
er blind ist, muß ich ihm das Glas Vorhalten und schwelge in An- 
spielungen an meine Erkenntnisse in der Lehre von der Hysterie, auf 
die ich stolz bin.«*) 


*) -Andere Deutung: Er ist einäugig wie 0 d li i n, der Göttervater. — Odhins 
1 rost.^— Der 1 rost aus der Kinderszene, daß ich ihm ein neues Bett kaufen werde. 
.. „ '•••) Dazu einiges Deutungsmaterial: Das mit dem Glase Vorhalten, erinnert an 

die Geschichte vom Bauern, der beim Optiker Glas nach Glas versucht, aber nicht 
lesen kann. — (Bauernfänger — Mädchen fä ng e r im vorigen Traumstiick.) — Die 
Behandlung des schwachsinnig gewordenen Vaters bei den Bauern in Zolas La 
A ? rre '. ~.! e , trauri g e Genugtuung, daß der Vater in seinen letzten Lebenstagen 
wie ein Kind das Bett beschmutzt hat; daher bin ich im Traume sein Kranken- 
pfleger. — „Denken und Erleben sind hier gleichsam Eins“ erinnert an ein stark 
revolutionäres Buchdrama von Oskar Pauizza, in dem Gottvater als paralytischer 
Greis schmählich genug behandelt wird; dort heißt es: Wille und Tat sind bei ihm 

fehfmn , ! ;,,d er muß von seiDem Erzengel, einer Art Ganymed, abgehalten werden zu 
schimpfen und zu fluchen, weil diese Verwünschungen sich sofort erfüllen würden. 

M l7 la v n f mlC ? en i ,S ‘ ei ” a “ S S P iiterer ** der Kritik stammender Vorwurf 

d?e hohe olr- t -i W ’ e u. b u rha " pt £ anze rebellische, majestätsbeleidigende und 
die hohe Obrigkeit verhöhnende Inhalt des Traumes auf Auflehnung g e <mn den 

Fürst heißt Landesvater, „ad der Vater ist die Weste, erste, 
tur das Kmd einzige Autorität, aus dessen Machtvollkommenheit im Laufe der 


158 


\ . 1 raummaterial uml Trauiiujutdlcn. 

^y enn ( ^ c beiden Urinierszenen aus der Kindheit bei mir ohne- 
dies mit dem Thema der Größensucht eng verbunden sind, so kam 
ihrer Erweckung auf der Reise nach Aussee noch der zufällige Um- 
stand zu gute, daß mein Coup6 kein Klosett besaß, und ich vorbereitet 
sein mußte, während der Fahrt iii Verlegenheit zu kommen, was dann 
am Morgen, auch eintraf. Ich erwachte dann mit den Empfindungen 
des körperlichen Bedürfnisses. Ich meine, man könnte geneigt sein, 
diesen Empfindungen die Rolle des eigentlichen Traumerregers zuzu- 
weisen, würde aber einer anderen Auffassung den Vorzug geben 
nämlich daß die Traumgedanken erst den Harndrang hervorgerufen 
haben. Es ist bei mir ganz ungewöhnlich, daß ich durch irgend ein 
Bedürfnis im Schlafe gestört werde, am wenigsten um die Zeit dieses 
Erwachens, 3 / 4 o Uhr morgens. Einem weiteren Einwand begegne ich 
durch die Bemerkung, daß ich auf anderen Reisen unter bequemeren 
\ erhältnissen fast niemals den Harndrang nach frühzeitigem Erwachen 
verspürt habe. Übrigens kann ich diesen Punkt auch ohne Schaden 
unentschieden lassen. 

Seitdem ich ferner durch Erfahrimgen bei der Traumanalyse 
aufmerksam gemacht worden bin, daß auch von Träumen, deren 
Deutung zunächst vollständig erscheint, weil Traumquellen und 
Wunscherreger leicht nachweisbar sind, — daß auch von solchen 
Träumen wichtige Gedankenfaden ausgehen, die bis in die früheste 
Kindheit hineinreichen, habe ich mich fragen müssen, ob nicht auch 
in diesem Zuge eine wesentliche Bedingung des Träumens gegeben ist. 
Wenn ich diesen Gedanken verallgemeinern dürfte, so käme jedem 
Traum in seinem manifesten Inhalt eine Anknüpfung an das rezent 
Erlebte zu, in seinem latenten Inhalt aber eine Anknüpfung an das 
älteste Erlebte, von dem ich bei der Analyse der Hysterie wirklich 
zeigen kann, daß es im gutem Sinne bis auf die Gegenwart rezent 
geblieben ist. Diese Vermutung erscheint aber noch recht schwer er- 

menschlichen Kulturgeschichte die anderen sozialen Obrigkeiten hervergegangen sind 
(insofern nicht das „Mutterrecht“ zur Einschränkung dieses Satzes nötigt.) — Die 
Fassung im Traume „Denken und Erleben sind Eins“, zielt auf die Erklärung der 
hysterischen Symptome, zu der auch das männliche Glas eine Beziehung hat. 
Einem Wiener brauchte ich das Prinzip des „Gschnas“ nicht auseinanderzusetzen; 
es besteht darin, Gegenstände von seltenem und wertvollem Ansehen aus trivialem, 
am liebsten komischem und wertlosem Material herzustellen, z. B. Rüstungen aus 
Kechtöpfen, Strohwischen und Salzstangeln, wie es unsere Künstler au ihren lustigen 
Abenden lieben. Ich hatte nun gemerkt, daß die Hysterischen es ebenso machen; 
neben döm, was ihnen wirklich zugesteßen ist, gestalten sie sich unbewußt gräßliche 
oder ausschweifende Phantasiebegebenheiten, die sie aus dem harmlosesteu und 
banalsten Material des Erlebens aufbauen. An diesen Phantasieu hängen erst die 
Sympteme, nicht an den Erinnerungen der wirklicheu Begebenheiten, seien diese nun 
ernsthaft oder gleichfalls harmles. Diese Aufklärung hatte mir über viele Schwierig- 
keiten hinweggehelfen und machte mir viel Freude. Ich konnte sie mit dem Traum- 
element des „männlichen Glases** andeuten, weil mir von dem letzteu „Gschnas- 
abend" erzählt werden war, es sei dort ein Giftbecher der Lukretia Borgia ausgestellt 
gewesen, dessen Kern und Hauptbestandteil ein Urin glas für Männer, wie es in 
den Spitälern gebräuchlich ist, gebildet hätte. 


Die somatischen Traumquellen. 


159 


weislich ; ich werde auf die wahrscheinliche Rolle frühester Kindkeits- 
erlebnisse für die Traumbildung noch in anderem Zusammenhang 
(Abschnitt VII) zurückkommen müssen. 

Von den drei eingangs betrachteten Besonderheiten des Traum- 
gedächtnisses hat sich uns die eine — die Bevorzugung des Neben- 
sächlichen im Trauminhalt — durch ihre Zurückführung auf die 
Tr aumentste llung befriedigend gelöst. Die beiden anderen, die 
Auszeichnung des Rezenten wie des Infantilen haben wir bestätigen, 
aber nicht aus den Motiven des Träumens ableiten können. Wir wollen 
diese beiden Charaktere, deren Erklärung oder Verwertung uns er- 
übrigt, im Gedächtnis behalten; sie werden anderswo ihre Einreihung 
finden müssen, entweder in der Psychologie des Schlafzustandes oder 
bei jenen Erwägungen über den Aufbau des seelischen Apparats, die 
wir später anstellen werden, wenn wir gemerkt haben, daß man durch 
die Traumdeutung wie durch eine Fensterlücke in das Innere desselben 
einen Blick werfen kann. 

Ein anderes Ergebnis der letzten Traumanalysen will ich aber gleich 
hier hervorheben. Der Traum erscheint häufig mehrdeutig; es 
können nicht nur, wie Beispiele zeigen, mehrere Wunscherfüllungen 
nebeneinander in ihm vereinigt sein; es kann auch ein Sinn, eine 
Wunscherfüllung die andere decken, bis man zu unterst auf die 
Erfüllung eines Wunsches aus der ersten Kindheit stößt, und auch 
hier wieder die Erwägung, ob in diesem Satze das „häufig“ nicht 
richtiger durch „regelmäßig“ zu ersetzen ist. 

c) Die s oma tischen Traum quellen. 

Wenn man den Versuch macht, einen gebildeten Laien für die 
Probleme des Träumens zu interessieren, und in dieser Absicht die 
Frage an ihn richtet, aus welchen Quellen wohl nach seiner Meinung 
die Träume herrühren, so merkt man zumeist, daß der Gefragte im 
gesicherten Besitze eines Teiles der Lösung zu sein vermeint. Er ge- 
denkt sofort des Einflusses, den gestörte oder beschwerte Verdauung 
(„.Träume kommen aus dem Magen“), zufällige Körperlage und kleine 
Erlebnisse während des Schlafens auf die Traumbildung äußern, und 
scheint nicht zu ahnen, daß nach Berücksichtigung all dieser Momente 
etwas der Erklärung Bedürftiges noch erübrigt. 

M eiche Rolle für die Traumbildung die wissenschaftliche Literatur 
den somatischen Reizquellen zugesteht, haben wir im einleitenden 
Abschnitt (Seite 14 u. ft.) ausführlich auseinandergesetzt, so daß wir 
uns hier nur an die Ergebnisse dieser Untersuchung zu erinnern 
»rauchen. W ir haben gehört, daß dreierlei somatische Reizquellen 
unterschieden werden, die von äußeren Objekten ausgehenden objek- 
tnen Sinnesreize, die nur subjektiv begründeten inneren Erregungs- 
zustände der Sinnesorgane und die aus dem Körperinnern stammenden 
eibreize, und wir haben die Neigung der Autoren bemerkt, neben 


16 U 


\ . Traummaterial uud Traumquellen. 


diesen somatischen Reizquellen etwaige psychische Quellen des Traumes 
m den Hintergrund zu drängen oder ganz auszuschalten (Seite 29). 
Bei der Prüfung der Ansprüche, welche zu Gunsten dieser Klassen 
von somatischen Reizquellcn erhoben werden, haben wir erfahren, 
daß die Bedeutung der objektiven Sinnesorganerrcgungcn — teils 
zufällige Reize während des Schlafes, teils solche, die sich auch vom 
schlafenden Seelenleben nicht fern halten lassen — durch zahlreiche 
Beobachtungen sichergestellt wird und durch das Experiment eine 
Bestätigung erfährt (Seite 16), daß die Rolle der subjektiven Sinnes- 
erregungen durch die Wiederkehr der hypnagogischen Sinnesbildcr iu 
den Träumen (p. 22) dargetan erscheint, und daß die im weitesten 
Umfang angenommene Zurückführung unserer Traumbilder und Traum- 
vorstellungen auf inneren Leibreiz zwar nicht in ihrer ganzen Breite 
beweisbar ist, aber sich an die allbekannte Beeinflussung anlehnen 
kann, welche der Erregungszustand der Digestions-, Harn und Sexual- 
organc auf den Inhalt unserer Träume ausübt. 

„Nervenreiz“ und „Leibreiz“ wären also die somatischen 
Quellen des Traumes, d. h. nach mehreren Autoren die einzigen 
Quellen des Traumes überhaupt. 

Wir haben aber auch bereits einer Reihe von Zweifeln Gehör 
geschenkt, welche nicht sowohl die Richtigkeit als vielmehr die Zu- 
länglichkeit der somatischen Reizthcoric anzugreifen schienen. 

So sicher sich alle Vertreter dieser Lehre bezüglich deren tat- 
sächlichen Grundlagen fühlen mußten — zumal soweit die akziden- 
tellen und äußeren Nervenreize in Betracht kommen, die im Traum- 
inhalt wiederzufinden keinerlei Mühe erfordert — , so blieb doch keiner 
der Einsicht fern, daß der reiche Vorstellungsinhalt der Träume eine 
Ableitung aus den äußeren Nervenreizen allein wohl nicht zulasse. 
Miß Mary Whiton Calkins 12 ) hat ihre eigenen Träume und die 
einer zweiten Person durch sechs Wochen hindurch von diesem 
Gesichtspunkte aus geprüft und nur 13’2% resp. 6' 7 % gefunden, in 
denen das Element äußerer Sinneswahrnehmung nachweisbar war; nur 
zwei Fälle der Sammlung ließen sich auf organische Empfindungen 
zurückführen. Die Statistik bestätigt uns hier, was uns bereits eine 
flüchtige Überschau unserer eigenen Erfahrungen hatte vermuten 
lassen. 

Man beschied sich vielfach, den „Nervenreiztraum“ als eine gut 
erforschte Unterart des Traumes vor anderen Traumformen liervorzu- 
heben. Spitta 61 ) trennte die Träume in Nervenreiz- und Asso- 
ziationstraum. Es war aber klar, daß die Lösung unbefriedigend 
blieb, solange es nicht gelang, das Band zwischen den somatischen 
Traumquellen und dem Vorstcllungsinhalt des Traumes nachzuweisen. 

Neben den ersten Einwand, der Unzulänglichkeit in der 
Häufigkeit der äußeren Rcizquellen, stellt sich so als zweiter die 
Unzulänglichkeit in der Aufklärung des Traumes, die durch die 
Einführung dieser Art von Traumquellen zu erreichen ist. Die 'S er- 


Die somatischen Traumquellen nach den Autoren. 


161 


treter der Lehre sind uns zwei solcher Aufklärungen schuldig, 
erstens, warum der äußere Reiz im Traume uicht in seiner wirklichen 
Natur erkannt, sondern regelmäßig verkannt wird (vergl. die Wecker- 
träume, Seite 19), und zweitens warum das Resultat der Reaktion der 
wahrneh inenden Seele auf diesen verkannten Reiz so unbestimmbar 
wechselvoll ausfallen kann. Als Antwort auf diese Frage haben wir 
von Strümpell 66 ) gehört, daß die Seele infolge ihrer Abwendung 
von der Außenwelt während des Schlafens nicht im stände ist, die 
richtige Deutung des objektiven Sinnesreizes zu geben, sondern ge- 
nötigt wird, auf Grund der nach vielen Richtungen unbestimmten 
Anregung Illusionen zu bilden, in seinen Worten aus^edrückt 

(p. 108): 

„Sobald durch einen äußeren oder inneren Nervenreiz während 
des Schlafes in der Seele eine Empfindung oder ein Empfindungs- 
komplex, ein Gefühl, überhaupt ein psychischer V organg entsteht und 
von der Seele perzipiert wird, so ruft dieser Vorgang aus dem 
der Seele vom Wachen her verbliebenen Erfahrungskreise Empfindungs- 
bilder, also frühere Wahrnehmungen, entweder nackt oder mit zu- 
gehörigen psychischen Werten hervor. Er sammelt gleichsam um sich 
eine größere oder kleinere Anzahl solcher Bilder, durch welche der 
com Nervenreiz herrührende Eindruck seinen psychischen Wert be- 
kommt. Man sagt gewöhnlich auch hier, wie es der Sprachgebrauch 
üi das wache Verhalten tut, daß die Seele im Schlafe die Nervenreiz- 
eindriieke deute. Das Resultat dieser Deutung ist der sogenannte 
Nervenreiztraum, d. h. ein Traum, dessen Bestandteile dadurch 
bedingt sind, daß ein Nervenreiz nach den Gesetzen der Reproduktion 
seine psychische Wirkung im Seelenleben vollzieht/* 

In allem wesentlichen mit dieser Lehre identisch ist die Äußerung 
TOÜ (ij ( H e Voreilungen des Traumes gehen jedenfalls zum 

gro en 1 eil von Sinnesreizen aus, namentlich auch von solchen des 
allgemeinen Sinnes, und sind daher zumeist phantastische Illusionen, 
wahrscheinlich nur zum kleineren Teil reine, zu Halluzinationen ge- 
steigerte Erinnerungsvorstellungen. Für das Verhältnis des Traum- 
lnlialts zu den I raumreizen, welches sich nach dieser Theorie ergibt 
hudet Strümpell das treffliche Gleichnis (p. 84), es sei, wie „wenn 
die zehn Finger eines der Musik ganz unkundigen Menschen über die 
lasten des Instruments hinlaufen.“ Der Traum erschiene so nicht als 
iF?, n0men ’ au » Psychischen Motiven entsprungen, son- 
sehpr 'tJv * ^ m6 . S Phy^ologischen Reizes, der sich in psychi- 

koinpr 3 oma 0 u b le äußert, weil der vom Reize betroffene Apparat 
ist z^R d fm, nder r s ,/ ä hi g ist - Auf eine ähnliche Voraussetzung 
durch rlnlf r k -f? g n, er Zwangsvorstellungen aufgebaut, die M e y n e r t 

stäikA b n U f hm Gleiclims vom Zifferblatt, auf dem einzelne Zahlen 
stäi ker gewölbt vorspnngen, zu geben versuchte. 

wordpnlt l u Le f re 1 von den somatischen Traumreizen ge- 
worden ist und so bestechend sie erscheinen mag, so ist es doch leicht, 

rreud, Traumdeutung. 3. Auti, 


11 


162 


V, Traum material uud Traumcjuollen. 


den schwachen Punkt in ihr aufzu weisen. Jeder somatische Traum- 
reiz, welcher im Schlafe den seelischen Apparat zur Deutung durch 
Illusionsbildung auffordert, kann ungezählt viele solcher Deutungs- 
versuche anregen, also in ungemein verschiedenen Vorstellungen seine 
Vertretung im Trauminhalt erreichen. Die Lehre von Strümpell 
und Wundt ist aber unfähig, irgend ein Motiv anzugeben, welches 
die Beziehung zwischen dem äußeren Reiz und der zu seiner Deutung 
gewählten Traum Vorstellung regelt, also die „sonderbare Auswahl zu 
erklären, welche die Reize „oft genug bei ihrer reproduktiven Wirk- 
samkeit treffen.“ (Lipps, Grundtatsachen des Seelenlebens, beite 170.) 
Andere Einwendungen richten sich gegen die Grundvoraussetzung der 
cranzen Illusionslehre, daß die Seele im Schlafe nieht in der Lage sei, 
die wirkliche Natur der objektiven Sinnesreize zu erkennen. Der alte 
Physiologe Bur dach 8 ) beweist uns, daß die Seele auch im behlale 
sehr wohl fähD ist, die an sie gelangenden Sinneseindrücke richtig zu 
deuten und der riehtigen Deutung gemäß zu reagieren, indem er aus- 
führt, daß man gewisse, dem Individuum wichtig erscheinende binnes- 
eindrücke von der Vernachlässigung während des Schlafes ausnehmen 
kann (Amme und Kind), und daß man durch den eigenen Namen 
weit sicherer geweckt wird als durch einen gleichgültigen Gehors- 
eindruck, was ja voraussetzt, daß die Seele auch im Schlafe Z '™ 8C e n 
den Sensationen unterscheidet (Abschnitt I, p. 3 <). Bur dach Mol ert 
aus diesen Beobachtungen, daß während des bchlafzustandes nicht eine 
Unfähigkeit, die Sinnesreize zu deuten, sondern ein Mangel an 
Interesse für sie anzunehmen ist. Die nämlichen Argumente, le 
Bur dach 1830 verwendet, kehren dann zur Bekämpfung der sornaü- 
schen Reiztheorie unverändert bei Lipps im Jahre 1883 D 

Seele erscheint uns demnach wie der Schläfer m dei Anekdo , 
der auf die Frage „Schläfst du“ antwortet „Nein nach der zweiten 
Anrede, „dann leih’ mir ( zehn Gulden“ aber sieb hinter der Ausrede 

™ rS ° Difu ÄnShkeit der Lehre von den somatischen Traum- 
reizen hi ßt sich auch auf andere Weise darum . Die Bedang ^ 
daß ich durch äußere Reize nicht zum 1 raumen genohgt werde 
wenngleich diese Reize im Trauminhalt erscheinen, sobald und fui 
den Fall, daß ich träume. Geg;en einen Hau - oder et"ä 

der mich im Schlafe befällt, stehen mir verschiedene Reaktionen z 
Gebote Ich kann ihn überhören und dann beim Erwachen hme , 
daß z B ein Bein unbedeekt oder ein Arm gedruckt war ; die l atlio- 
lome zeigt mir ja die zahlreichsten Beispiele, daß verschieden.™ ti 
und kräfti- erregende Empfindlings- und Bewegungsreize wahrend des 
Schlafef wirkungslos bleiben. Ich kann die Sektion wahrend des 
Schlafes verspüren, gleichsam durch den Schlaf hinduici, ^i 
der Rekl n schmerzhaften Reizen geschieht, aber ohne den Schm«* 
fn^ einen Traum zu verweben; 

erwachen, um ihn zu beseitigen. Eist aut Mein iuo ö i i 


Die Scherncr sehe Leibreiztheorie. 


163 


ist, daß ich durch den Nervenreiz zum Traum veranlaßt werde ; die 
anderen Möglichkeiten werden aber mindestens ebenso häufig voll- 
zogen wie die der Traumbildung. Dies könnte nicht geschehen, wenn 
nicht das Motiv des Träumens außerhalb der somatischen 
Reizquellen läge. 

In gerechter Würdigung jener oben aufgedeckten Lücke in der 
Erklärung des Traumes durch somatische Reize haben nun andere 
Autoren — Scher n er r,s ), dem der Philosoph Volk eit 72 ) sich an- 
schloß — die Seelentätigkeitcn, welche aus den somatischen Reizen 
die bunten Traumbilder entstehen lassen, näher zu bestimmen gesucht, 
also doch wieder das Wesen des Träumens ins Sceliche und in eine 
psychische Aktivität verlegt. Scherncr gab nicht nur eine poetisch 
nachempfundene, glühend belebte Schilderung der psychischen Eigen- 
tümlichkeiten, die sich bei der Traumbildung entfalten; er glaubte 
auch das Prinzip erraten zu haben, nach dem die Seele mit den ihr 
dargebotenen Reizen verfährt. In freier Betätigung der ihrer Tages- 
fesseln entledigten Phantasie strebt nach Schern er die Traumarbeit 
dahin, die Natur des Organs, von dem der Reiz ausgeht, und die 
Art dieses Reizes symbolisch darzustellen. Es ergibt sich so eine 
Art von Traumbuch als Anleitung zur Deutung der Träume, mittels 
dessen aus Traumbildern auf Körpergefühle, Organzustände und Reiz- 
zustände geschlossen werden darf. „So drückt das Bild der Katze 
die ärgerliche Mißstimmung des Gemütes aus, das Bild des hellen und 
glatten Gebäcks die Leibesnacktheit. Der menschliche Leib als Ganzes 
wird von der Traumphantasie als Haus vorgestellt, das einzelne Körper- 
organ durch einen Teil des Hauses. In den „Zahnreizträumen“ ent- 
spricht dem Mundorgan ein hochgewölbter Hausflur und dem Hinab- 
fall des Schlundes zur Speiseröhre eine Treppe, im „Kopfschmerztraum“ 
wird zur Bezeichnung der Höhenstellung des Kopfes die Decke eines 
Zimmers gewählt, welche mit ekelhaften, krötenartigen Spinnen be- 
deckt ist • (Volkelt, p. 39). „Diese Symbole werden vom Traume 
m mehrfacher Auswahl für das nämliche Organ verwendet ; so findet 
die atmende Lunge in dem flammenerfüllten Ofen mit seinem Brausen 
ihr Symbol, das Herz in hohlen Kisten und Körben, die Harnblase in 
runden, beutelförmigen oder überhaupt nur ausgehöhlten Gegenständen, 
besonders wichtig- ist es, daß am Schlüsse des Traumes öfters das er- 
regende Organ oder dessen Funktion unverhüllt hingestellt wird und 
zwar zumeist an dem eigenen Leibe des Träumers. So endet der „Zahn- 
reiztraum gewöhnlich damit, daß der Träumer sich einen Zahn aus 
dem Munde zieht (p. 35). Man kann nicht sagen, daß diese Theorie 
der Traumdeutung viel Gunst bei den Autoren gefunden hat Sie 
erschien vor allem extravagant; man hat selbst gezögert, das Stück 
herauszufinden, das sie nach meinem Urteil beanspruchen 

mit oL § ^ 7-f m , an sieht, zur Wiederbelebung der Traumdeutung 

mttels Symbolik deren sich die Alten bedienten, nur daß das Ge* 
iet, aus welchem die Deutung geholt, werden soll, auf den Umfam 




ll* 


L64 


V. Traum material und Traum<[uelleu. 


der menschlichen Leiblichkeit beschränkt wird. Der Mangel einer 
wissenschaftlich faßbaren Technik bei der Deutung muß die Anwend- 
barkeit der Schern ersehen Lehre schwer beeinträchtigen. Willkür 
in der Traumdeutung scheint keineswegs ausgeschlossen, zumal da 
auch hier ein Reiz sich in mehrfachen Vertretungen im Trauminhalt 
äußern kann; so hat bereits Scherners Anhänger Volkelt die 
Darstellung des Körpers als Haus nicht bestätigen können. Es muß 
auch Anstoß erregen, daß hier wiederum der Seele die Traumarbeit 
als nutz- und ziellose Betätigung auferlegt ist, da sich doch nach der 
in Rede stehenden Lehre die Seele damit begnügt, über den sie be- 
schäftigenden Reiz zu phantasieren, ohne daß etwas wie eine Erledigung 
des Reizes in der Ferne winkte. 

Von einem Einwand aber wird die Schemel’ sehe Lehre der 
Symbolisierung von Leibreizen durch den Traum schwer getroffen. 
Diese Leibreize sind jederzeit vorhanden, die Seele ist für sie nach 
allgemeiner Annahme während des Sehlafens zugänglicher als im 
Wachen. Man versteht dann nicht, warum die Seele nicht kontinuierlich 
die Nacht hindurch träumt, und zwar jede Nacht von allen Organen. 
Will man sich diesem Einwand durch die Bedingung entziehen, es 
müßten vom Auge, Ohre, von den Zähnen, Därmen u. s. w. besondere 
Erregungen ausgehen, um die Traumtätigkeit zu wecken, so steht man 
vor der Schwierigkeit, diese Reizsteigerungen als objektiv zu erweisen, 
was nur in einer geringen Zahl von Fällen möglich ist. . Wenn der 
Traum vom Fliegen eine Symbolisierung des Auf- und Niedersteigens 
der Lungenflügel bei der Atmung bedeutet, so müßte entweder dieser 
Traum, wie schon Strümpell bemerkt, weit häufiger geträumt werden 
oder eine gesteigerte Atmungstätigkeit während dieses Traumes nach- 
weisbar sein. Es ist noch ein dritter Fall möglich, der wahrschein- 
lichste von allen, daß nämlich zeitweise besondere Motive wirksam 
sind, um den gleichmäßig vorhandenen viszeralen Sensationen Auf- 
merksamkeit zuzuwonden, aber dieser hall führt bereits über le 

Scherner sehe Theorie hinaus. . , 

Der Wert der Erörterungen von Scherner und Volk eit 
liegt darin, daß sie auf eine Reihe von Charakteren des Trauminhaltes 
msudiATi welche der Erklärung bedürftig sind und neue 



Die somatischen Reize als rezentes Material behandelt. 


165 


greifen, dann wieder ihre alte Stellung einnehmen, bis endlich der Träumer 
sich auf eine Brücke setzt und einen langen Zahn aus seinem Kiefer zieht ; 
oder ein ähnlicher von V o 1 k e 1 1, in dem zwei Reihen von Schubladen 
eine Rolle spielen, und der wiederum mit dem Ausziehen eines Zahnes 
endifft: dergleichen bei beiden Autoren in großer Fülle mitgeteilte 


Traumbildungen lassen es nicht zu, daß man die Sch er ner sehe 
Theorie als müßige Erfindung bei Seite wirft, ohne nach ihrem guten 
Kerne zu forschen. Es stellt sich dann die Aufgabe, für die vermeint- 
liche Symbolisierung des angeblichen Zahnreizes eine andersartige Auf- 
klärung zu erbringen. 

Ich habe es die ganze Zeit über, welche uns die Lehre, von den 
somatischen Traumquellen beschäftigte, unterlassen, jenes Argument 
geltend zu machen, welches sich aus unseren Traumanalysen ableitet. 
Wenn wir durch ein Verfahren, das andere Autoren auf ihr Material 
an Träumen nicht angewendet haben, erweisen konnten, daß der Traum 
einen ihm eigenen Wert als psychische Aktion besitzt, daß ein Wunsch 
das Motiv seiner Bildung wird, und das die Erlebnisse des Vortages 
das nächste Material für seinen Inhalt abgeben, so ist jede andere 
Traumlehre, welche ein so wichtiges Untersuchungs verfahren vernach- 
lässigt und dementsprechend den Traum als eine nutzlose und rätsel- 
hafte psychische Reaktion auf somatische Reize erscheinen läßt, auch 
ohne besondere Kritik gerichtet. Es müßte denn, was sehr unwahr- 
scheinlich ist, zwei ganz verschiedene Arten von Träumen geben, von 
denen die eine nur uns, die andere nur den früheren Beurteilern des 
Traumes untergekommen ist. Es erübrigt nur noch, den Tatsachen, 
auf welche sich die gebräuchliche Lehre von den somatischen Traum- 
reizen stützt, eine Unterbringung innerhalb unserer Traumlehre zu 
verschaffen. 

Den ersten Schritt hiezu haben wir bereits getan, als wir den 
Satz aufstellten, daß die Traumarbeit unter dem Zwange stehe alle 
gleichzeitig vorhandenen Traumanregungen zu einer Einheit zu ver- 
arbeiten (Seite 160). Wir sahen, daß, wenn zwei oder mehr eindrucks- 
fähige Erlebnisse vom Vortage übrig geblieben sind, die aus ihnen 
sich ergebenden Wünsche in einem Traume vereinigt werden des- 
gleichen, _ daß zum Traummaterial der psychisch wertvolle Eindruck 
und die indifferenten Erlebnisse des Vortages zusammentreten voraus- 
gesetzt daß sich kommunizierende Vorstellungen zwischen beiden her- 
s teilen lassen. Der Traum erscheint somit als Reaktion auf alles, was 
m der schlafenden I syche gleichzeitig als aktuell vorhanden ist. So- 
weit wir also das I raummaterial bisher analysiert haben, erkannten 
wir es a s eine Sammlung von psychischen Resten, Erinnerungsspuren 
tlenen wir (wegen der Bevorzugung des rezenten und des infantilen 
1 taterials) einen psychologisch derzeit unbestimmbaren Charakter von 
Aktualität zusprechen mußten. Es schafft uns nun nicht viel Ver- 
” en , ? l vorherzusagen, was geschehen wird, wenn zu diesen Erinne- 
gsa Qualitäten neues Material an Sensationen während des Schlaf- 




166 


V. Tnuunmatorial und Tmuinquullcn. 


5Den. U 16 Heize wamwm uro uuuiaiw > 
um es anders zu“ sagen“ in eine Wunscherfüllung verarbeitet, deren 
andere Bestandteile die uns bekannten psychischen Tagesreste sind. 
Diese Vereinigung muß nicht vollzogen werden; wir haben ja gehört, 
daß gegen körperliche Reize während des Schlafes mehr als eine Art 
des Verhaltens möglich ist. Wo sie vollzogen wird, da ist es eben 
gelungen, ein Vorstellungsmaterial für den Traummhalt zu finden, 
welches für beiderlei Traumquellen, die somatischen ine die psychi- 
schen, eine Vertretung darstellt. 

Das Wesen des Traumes wird nicht verändert, wenn zu den 
psychischen Traumquellen somatisches Material hinzutritt; er bleibt 
eine Wunscherfüllung, gleichgültig wie deren Ausdruck durch das 

aktuelle Material bestimmt wird. . _ .. T ,. ,, m 

Ich will hier gern Raum lassen für eine Reihe von Eigentüm- 
lichkeiten, welche die Bedeutung äußorer Reize für den Traum ver- 
änderlich gestalten können. Ich stelle mir vor, daß ein Zusammen- 
wirken individueller, physiologischer und zufälliger, in den jeweiligen 
Umständen gegebener Momente darüber entscheidet, wie man sich m 
den einzelnen Fähen von intensiverer objektiver Reizung wahren des 
Schlafes benehmen wird ; die habituelle und akzidentelle Schlaftiefe im 
Zusammenhalt mit der Intensität des Reizes wird cs das cine ^ al .® r ; 
möglichen, den Reiz so zu unterdrücken, daß er im Schlafe nicht steif, 
ein anderes Mal dazu nötigen aufzuwachen, oder den \ erblich untei 
stützen den Reiz durch Verwebung in einen Traum zu überwinden 
Der Mannigfaltigkeit dieser Konstellationen entsprechend werden äußere 
objektive Reize Ö bei dem einen häufiger oder seltener im Traume zum 
Ausdruck kommen als bei dem anderen. Bei mn, er 1 durch 

gezeichneter Schläfer bin und hartnäckig daran fes 
keinen Anlaß im Schlafe stören zu lassen, ist die Einmengung «inlleiei 
Erregungsursachen in die Träume sehr selten 

Motive mich doch offenbar sehr leicht zum Traumen billigen. Ich 

habe eigentlich nur einen einzigen Traum aufgezeichnet in^dem^em^ 

obiektive, schmerzhafte Reizquelle zu erkennen ist u ‘ 

diiem Traume wird es sehr lehrreich werden nachzusehen, welchen 

Traumerfolg der äußere Heiz gehabt hat. . „ ha f t . 

Ich reite auf einem grauen Pferde zue st 

iSSSliil 

telligenten Roß immer mein zu > Sattel habe 

ÄÄ h* und 


Dur Traum vorn Reiten. 


167 


Croup da« Pferdes vollkommen ausfüllt. Iclx reite so 
k n a p p zwischen zwei Lastwagen hindurch. Nachdem ich 
die Straße eine Strecke weit geritten bin, kehre ich 
um und will abstcigen, zunächst vor einer kleinen offe- 
nen Kapelle, die in der Straßenfront liegt. Dann steige 
ich wirklich vor einer ihr nahestehenden ab; das Hotel 
ist in derselben Straße; ich könnte das Pferd allein 
hin geh eil lassen, ziehe aber vor, es bis dahin zu führen. 
Es ist, als ob ich mich schämen würde, dort als Reiter 
anzukommen. Vor dem Hotel steht ein Hotelbursche, 
der mir einen Zettel zeigt, der von mir gefunden wurde, 
und mich darum verspottet. Auf dem Zettel steht, zwei- 
mal unterstrichen: Nichts essen und dann ein zweiter 
Vorsatz (undeutlich) wie: nichts arbeiten; dazu eine 

dumpfe Idee, daß ich in einer fremden Stadt bin, in der 
ich nichts arbeite. 

Dem Traume wird man zunächst nicht anmerken, daß er unter 
dem Einflüsse, unter dem Zwange vielmehr, eines Schmerzreizes ent- 
standen ist. Ich hatte aber tags vorher an Furunkeln gelitten, die 
mir jede Bewegung zur Qual machten, und zuletzt war ein Furunkel 
an der Wurzel des Skrotum zur Apfelgröße horangewachsen, hatte mir 
bei jedem Schritte die unerträglichsten Schmerzen bereitet, und fieber- 
hafte Müdigkeit, Eßunlust, die trotzdem festgehaltcne schwere Arbeit 
des Tages hatten sich mit den Schmerzen vereint, um meine Stimmung 
zu stören. Ich war nicht recht fähig, meinen ärztlichen Aufgaben 
nachzukommen, aber bei der Art und bei dem Sitze des Übels ließ 
sich an eine andere Verrichtung denken, für die ich sicherlich so 
untauglich gewesen wäre wie für keine andere, und diese ist das 
Reiten. Gerade in diese Tätigkeit versetzt mich nun der Traum; es 
ist die energischeste Negation des Leidens, die der Vorstellung zu- 
gänglich ist. Ich kann überhaupt nicht reiten, träume auch sonst 
nicht davon, bin überhaupt nur einmal auf einem, Pferde gesessen 
und damals ohne Sattel, und es bchagte mir nicht. Aber in diesem 
Traume reite ich, als ob ich keinen Furunkel am Damm hätte, nein 
gerade weil ich keinen haben will. Mein Sattel ist der Be- 
schreibung gemäß der Breiumschlag, der mir das Einschlafen ermöglicht 
hat. Wahrscheinlieh habe ich durch die ersten Stunden des Schlafes 
— so verwahrt nichts von meinem Leiden verspürt. Dann meldeten 
sich die schmerzhaften Empfindungen und wollten mich aufwecken 
da kam der Traum und sagte beschwichtigend: „Schlaf doch weiter! 
du wiist doch nicht aufwachen ! Du hast ja gar keinen Furunkel, denn 
du reitest ja auf einem Pferde, und mit 'einem Furunkel an der Stelle 
ann man doch nicht reiten !“ Und es gelang ihm so; der Schmerz 
wurde tibertäubt und ich schlief weiter. 

P e f Iraum hat sich aber nicht damit begnügt, mir durch die 
hartnäckige Festhaltung einer mit dem Leiden unverträglichen Vor- 


168 


V. Traummatorial und Traumquollon. 


Stellung, den Furunkel „abzusuggerieren“, wobei er sieb benommen 
wie der halluzinatorische Wahnsinn der Mutter, die ihr Kind ver- 
loren hat,*) oder des Kaufmanns, den Verluste um sein Vermögen 
gebracht haben ; sondern die Einzelheiten der abgeleugneten Sensation 
und des zu ihrer Verdrängung gebrauchten Bildes dienen ihm auch 
als Material, um das, was sonst in der Seele aktuell vorhanden ist, an 
die Situation des Traumes anzuknüpfen und zur Darstellung zu bringen. 
Ich reite ein graues Pfei’d, die Farbe des Pferdes entspricht genau 
dem pfeffer- und salzfarbigen Dreß, in dem ich dem Kollegen 
P. zuletzt auf dem Lande begegnet bin. Scharf g e w ü r z t e Nahrung 
ist mir als die Ursache der Furunkulose vorgehalten worden, immer- 
hin als Ätiologie dem Zucker vorzuziehen, an den man bei Furun- 
kulose denken kann. Freund P. liebt es, sich mir gegenüber aufs 
hohe Roß zu setzen, seitdem er mich bei einer Patientin abgelöst, 
mit der ich große Kunststücke ausgeführt hatte (ich sitze im 
Traume auf dem Pferde zuerst ■wie ein Kunstreiter tangential), 
die mich aber wirklich, wie das Roß in der Anekdote den Sonntags- 
reiter geführt hat, wohin sie wollte. So kommt das Roß zur sym- 
bolischen Bedeutung einer Patientin (es ist im Traume höchst in- 
telligent). „Ich fühle mich ganz heimisch oben“ geht auf 
die Stellung, die ich in dem Hause inne hatte, ehe ich durch P. er- 
setzt wurde. „Ich habe gemeint, Sie sitzen oben fest im 
Sattel“, hat mir mit Beziehung auf dasselbe Haus einer meiner 
wenigen Gönner unter den großen Ärzten dieser Stadt vor kurzem 
gesagt. Es war auch ein Kunststück, mit solchen Schmerzen acht, 
bis zehn Stunden täglich Psychotherapie zu treiben, aber ich weißs 
daß ich ohne volles körperliches Wohlbefinden meine besonder j 
schwierige Arbeit nicht lange fortsetzen kann, und der Traum ist vol 
düsterer Anspielungen auf die Situation, die sich dann ergeben muß 
(der Zettel, wie ihn die Neurastheniker haben und dem Arzte vor- 
zeigen) : — Nicht arbeiten und nicht essen. Bei weiterer 

Deutung sehe ich, daß es der Traumarbeit gelungen ist, von der 
Wunschsituation des Reitens den Weg zu finden zu sehr frühen 
Kinderstreitszenen, die sich zwischen mir und einem jetzt in England 
lebenden, übrigens um ein Jahr älteren Neffen abgespielt haben mußten. 
Außerdem hat er Elemente aus meinen Reisen in Italien aufge- 
nommen 5 die Straße im Traume ist aus Eindrücken von Verona und 
von Siena zusammengesetzt. Noch tiefer gehende Deutung führt zu 
sexuellen Tranmgedanken, und ich erinnere mich, was bei einer Pa- 
tientin, die nie in Italien war, die Traumanspielungen an das schöne 
Land bedeuten sollten (gen Italien — Genitalien), nicht ohne An- 
knüpfung gleichzeitig an das Haus, in dem ich vor Freund P. Arzt 
war, und an die Stelle, an welcher mein F urunkel sitzt. 

*) Vergleiche die Stelle bei Griesinger'") und die Bemerkung in meinem 
zweiten Aufsatz über die A b w ehr - P ay c b o neu ro se n, Neurologisches Zeutral- 
blatt, 189G. 


Der Wunsch, den Schlaf fortzusetzen. 


169 


Unter den in den vorstehenden Abschnitten erwähnten Träumen 
fanden sieh bereits mehrere, die als Beispiele für die Verarbeitung 
sogenannter Nervenreize dieuen können. Der Traum vom Trinken in 
vollen Zügen ist ein solcher; in ihm ist der somatische Reiz anschei- 
nend die einzige Trauniquelle, der aus der Sensation entspringende 
Wunsch — der Durst — das einzige Traummotiv. Ähnlich ist es in 
anderen einfachen Träumen, wenn der somatische Reiz für sich allein 
einen Wunsch zu bilden vermag. Der 9 raum der Kranken, die Nachts 
den Kühlapparat von der Wange ab wirft, zeigt eine ungewöhnliche 
Art, auf Schmerzensreize mit einer Wunsch erfüllung zu reagieren ; es 
scheint, daß es der Kranken vorübergehend gelungen war, sich anal- 
gisch zu machen, wobei sie ihre Schmerzen einem Fremden zuschob. 

Mein Traum von den drei Parzen ist ein offenbarer Hunger- 
traum, aber er weiß das Nahrungsbedürfnis bis auf die Sehnsucht 
des Kindes nach der Mutterbrust zurückzuschieben, und die harmlose 
Begierde zur Decke für eine ernstere, die sich nicht so unverhüllt 
äußern darf, zu benützen. Im Traume vom Grafen Thun konnten 
wir sehen, auf welchen Wegen ein akzidentell gegebenes körperliches 
Bedürfnis mit den stärksten aber auch stärkst unterdrückten Regungen 
des Seelenlebens in Verbindung gebracht wird. Und wenn, wie in 
dem von Garnier berichteten Falle, der erste Konsul das Geräusch 
der explodierenden Höllenmaschine in einen Sch lachten träum verwebt, 
ehe er davon erwacht, so offenbart sich darin ganz besonders klar 
das Bestreben, in dessen Dienst die Seelentätigkeit sich überhaupt um 
die Sensationen während des Schlafens kümmert. [Ein junger Advokat, 
der voll von seinem ersten großen Konkurs des Nachmittags ein- 
scliläft, benimmt sich ganz ähnlich wie der große Napoleon. Er 
träumt von einem gewissen G. Reich in Hussiatyn, den er aus 
c em Konkurs kennt, aber Hussiatyn drängt sich weiter gebieterisch 
auf ; er muß erwachen und hört seine Frau, die an einem Bronchial- 
katarrh leidet, heftig — husten.] 

Halten wir diesen Traum des ersten Napoleon, der übrigens ein 
ausgezeichneter Schläfer war, und jenen anderen des langschläfrigen 
Studenten zusammen, der von seiner Zimmerfrau geweckt, er müsse 
ms pitci j sich in ein fepitalsbett träumt und dann mit der Motivierung 
weiterschläft: Wenn ich schon im Spital bin, brauche ich ja nicht 
au zus eien, um hinzugehen. Der letztere ist ein offenbarer Bequem- 
hehkeitstrau m, der Schläfer gesteht sich das Motiv seines Träumens 
um er 10 i en ein, deckt aber damit eines der Geheimnisse des Träumens 
überhaupt auf. In gewissem Sinne sind alle Träume — Bequem- 
IC Ä eitstr ^ u nie; sie dienen der Absicht, den Schlaf fortzusetzen, 

< nshitt zu erwachen. DerTraumistderWächterdesSchlafes, 

wei'flon se . ln ... örer : Gegen die psychisch erweckenden Momente 

wir diese Auffassung an anderer Stelle rechtfertigen ; ihre An- 

bier d > ark -? lt i aU d,e > Rolle der ob .i ekti ^ eu äußeren Reize können wir 

erei s egründen. Die Seele kümmert sich entweder überhaupt 


170 


V. Trannimaterml und Trauinquullen. 


nicht um die Anlässe zu Sensationen während des Schlafes, weun sie 
dies gegen die Intensität und die von ihr wohlverstandene Bedeutung 
dieser Beize vermag ; oder sie verwendet den Traum dazu, diese Reize 
in Abrede zu stellen, oder drittens, wenn sie dieselben anerkennen muß, 
so sucht sie jene Deutung derselben auf, welche die aktuelle Sensation 
als einen Toilbestand einer gewünschten und mit dem Schlafen ver- 
träglichen Situation hinstellt. Die aktuelle Sensation wird in einen 
Traum verflochten, um ihr die Realität zu rauben. Napoleon 
darf weiter schlafen; es ist ja nur eine Traumerinnerung an den 
Kanonendonner von Arcole, was ihn stören will.*) 

Der Wunsch zu schlafen [,auf den sich das bewußte 
Ich eingestellt hat und der nebst der Traumzensur 
dessen Beitrag zum Träumen darstcllt,! muß so als Motiv 
der Traumbildung jedesmal eingerechnet werden, und 
jeder gelungene Traum ist eine Erfüllung desselben. 
Wie dieser allgemeine, regelmäßig vorhandene und sich glcichbleibende 
Schlafwunsch sich zu den anderen Wünschen stellt, von denen bald der, 
bald jener durch den Trauminhalt erfüllt werden, dies wird Gegen- 
stand einer anderen Auseinandersetzung sein. In dem Schlafu unsch 
haben wir aber jenes Moment aufgedeckt, welches die Lücke in ei 
Strümpell- Wund t sehen Theorie auszufüllon, eie Schiefheit und 
Launenhaftigkeit in der Deutung des äußeren Reizes aufzukläien ver ' 
mag. Die richtige Deutung, deren die schlafende Seele sehr wohl 
fähig ist, nähme ein tätiges Interesse in Anspruch, stellte die An 01 
dorung dom Schlafe ein Ende zu machen ; es werden darum von den 
überhaupt möglichen Deutungen nur solche zugelassen, die mit der 
absolutistisch geübten Zensur des Schlafwunsches vereinbar sind. Etwa: 
Die Nachtigall ist’s und nicht die Lerche. Denn wenn’s die Lerche 
ist, so hat die Liebesnacht ihr Endo gefunden. Unter den nun zu- 
lässigen Deutungen des Reizes wird dann jene ausgewählt, we c ic c e 
beste Verknüpfung mit den in der Seele lauernden Wunschanregungen 
erwerben kann. So ist alles eindeutig bestimmt und nichts der \\ ül- 
kür überlassen. Die Mißdeutung ist nicht Illusion, sondern - wenn 
man so will — Ausrede. Hier ist aber wiederum, wie bei dem Er- 
satz durch Verschiebung zu Diensten der Traumzonsur, ein Akt der 
Beugung des normalen psychischen Vorganges zuzugeben. 

Wenn die äußeren Nerven- und inneren Leibreizo intensiv genug 
sind, um sich psychische Beachtung zu erzwingen, so stellen sie 
falls überhaupt Träumen und nicht Erwachen ihr Erfolg is 
festen Punkt für die Traumbildung dar einen Kern im ^aummaterK 
zu dem eine entsprechende Wunscherfüllung in ahn ich ® r ^ 

sucht wird, wie (siehe oben) die vermittelnden \ o^tel^^VC ^Y^ y 
zwei psychischen Traumreizen. Es ist insofern fm eine Anzalü 
von Träumen richtig, daß in ihnen das somatische Element den 


*) Der Inhalt dieses Traumes wird 
kenne, nicht übereinstimmend erzählt. 


in 


den zwei Quellen, aus denen ich ihn 


Verwertung peinlicher Sensationen zur Erfüllung verdrängter W (irische. 171 

Trauminhalt kommandiert. In diesem extremen Falle wird selbst 
behufs der Traumbildung ein gerade nicht aktueller Wunsch geweckt. 
Der Traum kanu aber nicht anders als einen Wunsch in einer 
Situation als erfüllt darstellen 5 er ist gleichsam vor die Aufgabe 
gestellt zu suchen, welcher Wunsch durch die nun aktuelle Sensation 
als erfüllt dargestellt werden kann. Ist dies aktuelle Material von 
schmerzlichem oder peinlichem Charakter, so ist es doch darum zur 
Traumbildung nicht unbrauchbar. Das Seelenleben verfügt auch 
über Wünsche, deren Erfüllung Unlust hervorruft, was ein Wider- 
spruch scheint, aber durch die Berufung auf das Vorhandensein 
zweier psychischer Instanzen und die zwischen ihnen bestehende Zensur 
erklärlich wird. 

Es gibt, wie wir gehört haben, im Seelenleben verdrängte 
Wünsche, die dem ersten System angehören, gegen -deren Erfüllung 
das zweite System sich sträubt. Es gibt, ist nicht etwa historisch 
gemeint, daß es solche Wünsche gegeben hat und diese dann vernichtet 
worden sind; sondern die Lehre von der Verdrängung, deren man 
in der Psyehoneurotik bedarf, behauptet, daß solche verdrängte 
Wünsche noch existieren, gleichzeitig aber eine Hemmung, die auf 
ihnen lastet. Die Sprache trifft das Richtige, wenn sie vom „Unter- 
drücken“ solcher Impulse redet. Die psychische Veranstaltung, da- 
mit solche unterdrückte Wünsche zur Realisierung durchdringen, 
bleibt erhalten und gebrauchsfähig. Ereignet es sich aber, daß ein 
solcher unterdrückter Wunsch doch vollzogen wird, so äußert sich 
die überwundene Hemmung des zweiten (bewußtseinsfähigen) Systems 
als Unlust. Um nun diese Erörterung zu schließen : wenn Sensationen 
mit Unlustcharakter im Schlafe aus somatischen Quellen vorhanden 
sind, so wird diese Konstellation von der Traumarbeit benützt, um 
die Erfüllung eines sonst unterdrückten Wunsches — mit mehr oder 
weniger Beibehalt der Zensur — darzustellen. 

Dieser Sachverhalt ermöglicht eine Reihe von Angstträumen, 
während eine andere Reihe dieser der Wunsch theorie ungünstigen 
Traumbildungen einen anderen Mechanismus erkennen läßt. Die 
Angst in den Träumen kann nämlich eine psychoneurotisclie sein, 
aus psycliosexuellen Erregungen stammen, wobei die Angst verdrängter 
Libido entspricht. Dann hat diese Angst wie der ganze Angsttraum 
die Bedeutung eines neurotischen Symptoms, und wir stehen an der 
Grenze, wo die wunscherfüllende Tendenz des Traumes scheitert. In 
anderen Angstträumen aber ist die Angstempfindung somatisch gegeben 
(etwa wie bei Lungen- und Herzkranken bei zufälliger Atem- 
behinderung), und dann wird sie dazu benützt, solchen energisch 
unterdrückten Wünschen zur Erfüllung als Traum zu verhelfen, 
deren Träumen aus psychischen Motiven die gleiche Angstentbindung 
zur Folge gehabt hätte. Es ist nicht schwer, die beiden scheinbar 
gesonderten Fälle zu vereinigen. Von zwei psychischen Bildungen, 
emer Affektneigung und einem Vorstellungsinhalt, die innig zusammen- 


172 


V. Traummatorial und Traumquellen. 


gehören, hebt die eine, die aktuell gegeben ist, auch im Traume die 
andere; bald die somatisch gegebene Angst den unterdrückten Vor- 
stellungsinhalt, bald der aus der Verdrängung befreite, mit sexueller 
Erregung einbergehende Vorstellungsinhalt die Angstentbindung. Von 
dem einen Falle kann man sagen, daß ein somatisch gegebener 
Affekt psychisch gedeutet wird; im anderen Falle ist alles psychisch 
gegeben, aber der unterdrückt gewesene Inhalt ersetzt sich leicht 
durch eine zur Angst passende somatische Deutung. Die Schwierig- 
keiten, die sich hier für das Verständnis ergeben, haben mit dem 
Traume nur wenig zu tun ; sie rühren daher, daß wir mit diesen Er- 
örterungen die Probleme der Angstentwicklung und der Verdrängung 
streifen. 

Zu den kommandierenden Traumreizen aus der inneren Leiblich- 
keit gehört unzweifelhaft die körperliche Gesamtstimmung. Nicht 
daß sie den Trauminhalt liefern könnte, aber sie nötigt den Traum- 
gedanken eine Auswahl aus dem Material auf, welches zur Dar- 
stellung im Trauminhalt dienen soll, indem sie den einen Teil dieses 
Materials, als zu ihrem Wesen passend, nahe legt, den anderen fern 
hält. Überdies ist ja wohl diese Allgemeinst! mmung vom Tage her 
mit den für den Traum bedeutsamen psychischen Resten verknüpft. 

Wenn die somatischen Reizquellen während des Schlafes — die 
Schlafsensationen also — nicht von ungewöhnlicher Intensität sind, ( 
so spielen sie nach meiner Schätzung für die Traumbildung eine 
ähnliche Rolle wie die als rezent verbliebenen, aber indifferenten Ein- 
drücke des Tages. Ich meine nämlich, sie werden zur Traumbildung 
herangezogen, wenn sie sich zur Vereinigung mit dem Vorstellungs- 
inhalt der psychischen Traumquelle eignen, im anderen Falle aber 
nicht. Sie werden 'wie ein wohlfeiles, allezeit bereitliegendes Material 
behandelt, welches zur Verwendung kommt, so oft man dessen be- 
darf, anstatt daß ein kostbares Material die Art seiner Verwendung 
selbst mit vorschreibt. Der Fall ist etwa ähnlich, wie wenn der 
Kunstgönner dem Künstler einen seltenen Stein, einen Onyx, bringt, 
aus ihm ein Kunstwerk zu gestalten. Die Größe des Steines, seine 
Farbe und Fleckung helfen mit entscheiden, welcher Kopf oder 
welche Szene in ihm dargestellt werden soll, während^ bei gleich- 
mäßigem und reichlichem Material von Marmor oder Sandstein der 
Künstler allein der Idee nachfolgt, die sich in seinem binne gestaltet. 
Auf diese Weise allein scheint mir die Tatsache verständlich, daß 
jener Trauminhalt, der von den nicht ins Ungewohnte gesteigerten 
Reizen aus unserer Leiblichkeit geliefert wird, doch nicht in allen 
Träumen und nicht in jeder Nacht im Traume erscheint. 

Vielleicht wird ein Beispiel, das uns wieder zur Traumdeutung 
zurückführt, meine Meinung am besten erläutern. Eines Tages mühte 
ich mich ab zu verstehen, was die Empfindung von Gehemmtsein, 
nicht von der Stelle können, nicht fertig werden u. dgl., die so häutig 
geträumt wird und die der Angst so nahe verwandt ist, wohl be- 


Ein Traum vom Oohemmtsein. 


173 


deuten mag. In der Nacht darauf hatte ich folgenden Traum : Ich 
gehe in sehr unvollständiger To il et te aus einer Woh- 
nung im Parterre über d i e T r e p p e i n e i n höheres Stock- 
werk. Dabei ti berspringe ich j ede smal drei Stufen, freue 
mich, daß ich so flink Treppen steigen kann. Plötzlich 
sehe ich, daß ein Dienstmädchen die Treppen herab 
und also mir entgegenkommt. Ich schäme mich, will 
mich eilen, und nun tritt jenes Gehemmtsein auf, ich 
klebe an den Stufen und komme nicht von der Stelle. 

Analyse: Die Situation des Traumes ist der alltäglichen 
Wirklichkeit entnommen. Ich habe in einem Hause in Wien zwei 
Wohnungen, die nur durch die Treppe außen verbunden sind. Im 
Hochparterre befindet sich meine ärztliche Wohnung und mein Arbeits- 
zimmer, einen Stock höher die Wohnräume. Wenn ich in später 
Stunde unten meine Arbeit vollendet habe, gehe ich über die Treppe 
ins Schlafzimmer. An dem Abend vor dem Traume hatte ich diesen 
kurzen Weg wirklich in etwas derangierter Toilette gemacht, d. h. 
ich hatte Kragen, Krawatte und Manschetten abgelegt; im Traume 
war daraus ein höherer, aber, wie gewöhnlich, unbestimmter Grad von 
Kleiderlosigkeit geworden. Das Überspringen von Stufen ist meine 
gewöhnliche Art, die Treppe zu gehen, übrigens eine bereits im 
Traume anerkannte Wunscherfüllung, denn mit der Leichtigkeit dieser 
Leistung hatte ich mich ob des Zustandes meiner Herzarbeit getröstet. 
Ferner ist diese Art, die Treppe zu gehen, ein wirksamer Gegensatz 
zu der Hemmung in der zweiten Hälfte des Traumes. Sie zeigt mir 
— was des Beweises nicht bedurfte — , daß der Traum keine Schwierig- 
keit hat, sich motorische Aktionen in aller Vollkommenheit ausgeführt 
vorzustellen ; man denke an das Fliegen im Traume ! 

Die Treppe, über die ich gehe, ist aber nicht die meines Hauses ; 
io 1 eikenne sie zunächst nicht, erst _die mir entgegenkommende 
Person klärt mich über die gemeinte Örtlichkeit auf. Diese Person 
ist das Dienstmädchen der alten Dame, die ich täglich zweimal be- 
S -k C r e ’i l - m 1,u ' Injektionen zu machen; die Treppe ist auch ganz 
ähnlich jener, die ich zweimal im Tage dort zu ersteigen habe. 

„ ^ ie S elan f t nuu diese Treppe und diese Frauensperson in meinen 

ira ™- Das Schämen, weil man nicht voll angekleidet ist, hat un- 
zweifelhaft sexuellen Charakter; das Dienstmädchen, von dem ich 
träume, ist älter als ich, mürrisch und keineswegs anreizend. Zu 
diesen fragen fällt mir nun nichts anderes ein als das folgende: 
\ < r na 1Ca in diesem Hause den Morgenbesuch mache, werde ich ge- 
wöhnlich auf der Treppe von Räuspern befallen; das Produkt der 
.xpektoration gerät auf die Stiege. In diesen beiden Stockwerken 
behndet sich nämlich kein Spucknapf, und ich vertrete den Standpunkt, 
t cie Reinhaltung- der 'Treppe nicht auf meine Kosten erfolgen 

ZV „ n n- U 1 S h die A “ bnn g™g eines Spucknapfes ermöglicht 
werden soll. Die Hausmeistern, eine gleichfalls ältliche und mürrische 


174 


V. Tranmmaterial und Trauraquellen. 


Person, aber von reinlichen Instinkten, wie ich ihr zuzugestehen 
bereit bin, nimmt in dieser Angelegenheit einen anderen Standpunkt 
ein. Sie lauert mir auf, ob ich mir wieder die besagte Freiheit er- 
lauben werde, und wenn sie das konstatiert hat, höre ich sie ver- 
nehmlich brummen. Auch versagt sie mir dann für Tage die gewohnte 
Hochachtung, wenn wir uns begegnen. Am Vortag des Traumes 
bekam nun die Partei der Hausmeisterin eine Verstärkung durch 
das Dienstmädchen. Ich hatte eilig wie immer meinen Besuch bei 
der Kranken abgemacht, als die Dienerin mich im Vorzimmer 
stellte und die Bemerkung von sich gab: „Herr Doktor hätten sich 
heute schon die Stiefel abputzen können, ehe Sie ins Zimmer 
kommen. Der rote Teppich ist wiederum ganz schmutzig von Ihren 
Füßen.“ Dies ist der ganze Anspruch, den Treppe und Dienstmädchen 
geltend machen können, um in meinem Traume zu erscheinen. 

Zwischen meinem Über-die-Treppc-Fliegen und dem Auf-der- 
Treppe-Spucken besteht ein inniger Zusammenhang. Bachenkatarrh 
wie Herzbeschwerden sollen beide die Strafen für das Laster des 
Bauchens darstellen, wegen dessen ich natürlich auch bei meiner 
Hausfrau nicht den Buf der größten Nettigkeit genieße, in dem einen 
Hause so wenig wie in dem anderen, die der Traum zu einem Ge- 
bilde verschmilzt. 

Die weitere Deutung des Traumes muß ich verschieben, bis 
ich berichten kann, woher der typische Traum von der unvoll- 
ständigen Bekleidung rührt. Ich bemerke nur als vorläufiges Er- 
gebnis des mitgeteilten Traumes, daß die Traumsensation der _ ge- 
hemmten Bewegung überall dort hervorgerufen wird, wo ein gewisser 
Zusammenhang ihrer bedarf. Ein besonderer Zustand meiner Motilität 
im Schlafe kann nicht die Ursache dieses Trauminhaltes sein, denn 
einen Moment vorher sah ich mich ja wie zur Sicherung dieser Er- 
kenntnis leichtfüßig über die Stufen eilen. 

d) Typische Träume. 

Wir sind im allgemeinen nicht im stände, den Traum eines 
anderen zu deuten, wenn derselbe uns nicht die hinter dem r l raum- 
in halt stehenden unbewußten Gedanken ausliefern will, und dadurch 
wird die praktische Verwertbarkeit unserer Methode der lrauin- 
deutung schwer beeinträchtigt.*) Nun gibt es aber, so . recht im 
Gegensatz zu der sonstigen Freiheit des einzelnen, sich seine 
Traumwelt in individueller Besonderheit auszustatten und dadurch dem 
Verständnis der anderen unzugänglich zu machen, eine gewisse An- 
zahl von Träumen, die fast jedermann in derselben V eise geträumt 
hat von denen wir anzunehmen gewohnt sind, daß sie auch bei jet er- 
mann dieselbe Bedeutung haben. Ein besonderes Interesse wendet 
sich diesen typischen Träumen auch darum zu, weil sie vermutlicli 

*) [Abgesehen von den Fällen, in denen sich der Träumer der uns bekannten 
Symbole zur Darstellung der latenten Traumgedanken bedient, s. u.j 


Der Verlogenheitstraum der Naektlieit. 


175 


bei allen Menschen aus den gleichen Quellen stammen, also besonders 
o-ut o-eeio-net scheinen, uns über die Quellen der Träume Aufschluß 
zu geben. 

Die typischen Träume der Menschen wären der eingehendsten 
Untersuchung würdig. Ich werde aber nur Muster dieser Gattung ein- 
o-ehender würdigen und wähle hiefür zunächst den sogenannten Ver- 
Feo-enheitstraum der Nacktheit und den Traum vom Tod teurer Ver- 

O 

wandter. 

Der Traum, daß man nackt oder schlecht bekleidet in Gegen- 
wart Fremder sei, kommt auch mit der Zutat vor, man habe sich 
dessen gar nicht geschämt u. dgl. Unser Interesse gebührt aber dem 
Nacktheitstraume nur dann, wenn man in ihm Scham und Verlegenheit 
empfindet, entfliehen oder sich verbergen will und dabei der eigen- 
tümlichen Hemmung unterliegt, daß man nicht von der Stelle kann 
und sich unvermögend fühlt, die peinliche Situation zu verändern. 
Nur in dieser Verbindung ist der Traum typisch; der Kern seines 
Inhaltes mag sonst in allerlei andere Verknüpfungen einbezogen werden 
oder mit individuellen Zutaten versetzt sein. Es handelt sich im 
wesentlichen um die peinliche Empfindung von der Natur der Scham, 
daß man seine Nacktheit, meist durch Lokomotion, verbergen möchte 
und es nicht zu stände bringt. Ich glaube, die allermeisten meiner 
Leser werden sich in dieser Situation im Traume bereits befunden 
haben. 

Für gewöhnlich ist die Art und Weise der Entkleidung wenig 
deutlich. Man hört etwa erzählen, ich war im Hemde, aber dies ist 
selten ein klares Bild ; meist ist die Unbekleidung so unbestimmt, daß 
sie durch eine Alternative in der Erzählung wiedergegeben 'wird : „Ich 
war im Hemde oder im Unterrocke.“ In der Regel ist der Defekt 
der Toilette nicht so arg, daß die dazugehörige Scham gerechtfertigt 
schiene. Für den, der den Rock des Kaisers getragen bat, ersetzt sich 
die Nacktheit häufig durch eine vorschriftswidrige Adjustierung. Ich 
bin ohne Säbel aut der Straße und sehe Offiziere näher kommen, 
oder ohne Halsbinde, oder trage eine karrierte Zivilhose u. dgl. 

Die Leute, vor denen man sich schämt, sind fast immer Fremde 
mit unbestimmt gelassenen Gesichtern. Niemals ereignet es sich im 
typischen I raume, daß man wegen der Kleidung, die einem selbst 
solche Verlegenheit bereitet, beanstandet oder auch nur bemerkt wird. 
Die Leute machen ganz im Gegenteil gleichgültige, oder nie ich es 
in einem besonders klaren Traume wahrnehmen konnte, feierlich steife 
Mienen. Das gibt zu denken. 

Die Schamverlegenheit des Träumers und die Gleichgültigkeit 
der Leute ergeben mitsammen einen Widerspruch, wie er im Traume 
läufig vorkommt. Zu der Empfindung des Träumenden würde doch 
nur passen, daß die Fremden ihn erstaunt anseben und verlachen, 
oder sich Uber ihn entrüsten. Ich meine aber, dieser anstößige Zug 
ist durch die Wunscherfüllung beseitigt worden, während der andere, 


176 


V. Traummat.urial uud Tiaunicjuelleii. 


durch irgend welche Macht gehalten, stehen blieb, und so stimmen 
die beiden Stücke dann schlecht zueinander. Wir besitzen ein inter- 
essantes Zeugnis dafür, daß der Traum in seiner durch Wunsch- 
erfüllung partiell entstellten Form das richtige Verständnis nicht ge- 
funden hat. Er ist nämlich die Grundlage eines Märchens geworden, 
welches uns allen in der Andersenschen Fassung*) bekannt ist, 
und in der jüngsten Zeit durch L. Fulda im „Talisman“ poetischer 
Verwertung zugeführt worden ist. Im Andersenschen Märchen 
wird von zwei Betrügern erzählt, die für den Kaiser ein kostbares 
Gewand weben, das aber nur den Guten und Treuen sichtbar sein 
soll. Der Kaiser geht mit diesem unsichtbaren Gewand bekleidet aus, 
und durch die prüfstein artige Kraft des Gewebes erschreckt, tun alle 
Leute, als ob sie die Nacktheit des Kaisers nicht merkten. 

Letzteres ist aber die Situation unseres Traumes. Es gehört 
wohl nicht viel Kühnheit dazu anzunehmen, daß der unverständliche 
Trauminhalt eine Anregung gegeben hat, um eine Einkleidung zu 
erfinden, in welcher die vor der Erinnerung stehende Situation sinn- 
reich wird. Dieselbe ist dabei ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt 
und fremden Zwecken dienstbar gemacht worden. Aber wir werden 
hören, daß solches Mißverständnis des Trauminhaltes durch die bewußte 
Denktätigkeit eines zweiten psychischen Systems häufig vorkommt 
und als ein Faktor für die endgültige Traumgestaltung anzuerkennen 
ist, ferner, daß bei der Bildung von Zwangsvorstellungen und Phobien 
ähnliche Mißverständnisse — gleichfalls innerhalb der nämlichen psy- 
chischen Persönlichkeit — eine Hauptrolle spielen. Es läßt sich auch 
für unseren Traum angeben, woher das Material für die Umdeutung 
genommen wird. Der Betrüger ist der Traum, der Kaiser der 
Träumer selbst, und die moralisierende Tendenz verrät eine dunkle 
Kenntnis davon, daß es sich im latenten Trauminhalte um unerlaubte, 
der Verdrängung geopferte Wünsche handelt. Der Zusammenhang, 
in welchem solche Träume während meiner Analysen bei Neurotikern 
auftreten, läßt nämlich keinen Zweifel darüber, daß dem Traume 
eine Erinnerung aus der frühesten Kindheit zu Grunde liegt. Nur 
in unserer Kindheit gab es die Zeit, daß wir in mangelhafter Be- 
kleidung von unseren Angehörigen wie von fremden Pflegepersonen, 
Dienstmädchen, Besuchern gesehen wurden, und wir haben uns damals 
unserer Nacktheit uicht geschämt.**) An vielen Kindern kann man 
noch in späteren Jahren beobachten, daß ihre Entkleidung wie be- 
rauschend auf sie wirkt, anstatt sie zur Scham zu leiten. Sie lachen, 
springen herum, schlagen sich auf den Leib, die Mutter oder wer 
dabei ist, verweist es ihnen, sagt: Pfui, das ist eine Schande, das 
darf man nicht. Die Kinder zeigen häufig Exhibitionsgelüste; inan 
kann kaum durch ein Dorf in unseren Gegenden gehen, olme daß 

*) „Des Kaisers neuo Kleider.“ . ... 

**) Das Kind tritt auch im Märchen auf, denn dort ruft plötzlich ein kleines 

Kind: „Aber er hat ja par nichts an.“ 


Der Nacktheitstrauni als Exhibitionstraum aufzuklären. 


177 


man einem zwei- bis dreijährigen Kleinen begegnete, welches vor dem 
Wanderer, vielleicht ihm zu Ehren, sein Hemdchen hoch hebt. Einer 
meiner Patienten hat in seiner bewußten Erinnerung eine Szene aus 
seinem achten Lebensjahre bewahrt, wie er nach der Entkleidung vor 
dem Schlafengehen im Hemde zu seiner kleinen Schwester im nächsten 
Zimmer hinaustanzen will, und wie die dienende Person es ihm ver- 
wehrt. In der Jugendgeschichte von Neurotikern spielt die Entblößung 
vor Kindern des anderen Geschlechtes eine große Rolle ; in der Para- 
noia ist der Wahn, beim An- und Auskleiden beobachtet zu werden, 
auf diese Erlebnisse zurückzuführen; unter den pervers Gebliebenen 
ist eine Klasse, bei denen der infantile Impuls zum Zwang erhoben 
worden ist, die der Exhibitionisten. 

Diese der Scham entbehrende Kindheit erscheint unserer Rück- 
schau später als ein Paradies, und das Paradies selbst ist nichts 
anderes als die Massenphantasie von der Kindheit des einzelnen. 
Darum sind auch im Paradies die Menschen nackt und schämen sich 
nicht voreinander, bis ein Moment kommt, in dem die Scham und 
die Angst erwachen, die Vertreibung erfolgt, das Geschlechtsleben 
und die Kulturarbeit beginnt. In dieses Paradies kann uns nun der 
Traum allnächtlich zurückführen; wir haben bereits der Vermutung 
Ausdruck gegeben, daß die Eindrücke ' aus der ersten Kindheit (der 
prähistorischen Periode bis etwa zum vollendeten vierten Jahre) an und 
für sich, vielleicht ohne daß es auf ihren Inhalt weiter ankäme, nach 
Reproduktion verlangen, daß deren Wiederholung eine Wunscherfüllung 
ist. Die Nacktheitsträume sind also Exhibition s träume.*) 

Den Kern des Exhibitionstraumes bildet die eigene Gestalt, die 
nicht als die eines Kindes, sondern wie in der Gegenwart gesehen 
wird, und die mangelhafte Bekleidung, welche durch die Überlagerung 
so vieler späterer Neglig^erinnerungen oder der Zensur zur Liebe 
undeutlich ausfällt; dazu kommen nun die Personen, vor denen man 
sich schämt. Ich keune kein Beispiel, daß die tatsächlichen Zuschauer 
bei jenen infantilen Exhibitionen im Traume wieder auftreten. Der 
Traum ist eben fast niemals eine einfache Erinnerung. Merkwürdiger- 
weise werden jene Personen, denen unser sexuelles Interesse in der 
Kindheit galt, in allen Reproduktionen des Traumes, der Hysterie und 
der Zwangsneurose ausgelassen ; erst die Paranoia setzt die Zuschauer 
wieder ein und schließt, obwohl sie unsichtbar geblieben sind, mit 
anatischer Überzeugung auf ihre Gegenwart. Was der Traum für 
sie einsetzt, „viele fremde Leute die sich nicht um das gebotene 
ochauspiel kümmern, ist geradezu der Wunschgegensatz zu jener 
einzelnen, wohl vertrauten Person, der man die Entblößung bot. „Viele 
rem o Leu te finden sich in Träumen übrigens auch häufig in be- 


SchwwllS 6 An/ ; ah i- in . tc , reSS Ü lter Nacktheitsträume bei Frauen, die sieb ohne 
chen ZUrLn* ln [ a '? tl c Exhibitionslust zurückführen ließen, aber in man- 

Fcrenc ? zi Ä7 )°mitgeteüt ) ^ n ^ e ^ an ^ e ^ ten »typischen“ Nacktheitstrau in abweichcn, hat 


Freud, Traumdeutung, 3. Aufl. 


12 


178 


V, Traummaterial und Tniuinijudlen. 


liebigem anderen Zusammenhang; sie bedeuten immer als Wunsch- 
gegensatz „Geheimnis“.*) Man merkt, wie auch die Restitution des 
alten Sachverhalts, dio in der Paranoia vor sich geht, diesem Gegen- 
sätze Rechnung trägt. Man ist nicht mehr allein, man wird ganz 
gewiß beobachtet, aber die Beobachter sind „viele, fremde, merkwürdig 
unbestimmt gelassene Leute“. 

Außerdem kommt im Exhibitionstraume die Verdrängung zur 
Sprache. Die peinliche Empfindung des Traumes ist ja die Realdion 
des zweiten psychischen Systems dagegen, daß der von ihr verworfene 
Inhalt der Exhibitionsszene dennoch zur Vorstellung gelangt ist. Um 
sie zu ersparen, hätte die Szene nicht wieder belebt werden dürfen. 

Von der Empfindung des Gehemmtseins werden wir später noch- 
mals handeln. Sie dient im Traume vortrefflich dazu, den Willens- 
konflikt, das Nein, darzustellen. Nach der unbewußten Absicht soll 
die Exhibition fortgesetzt, nach der Forderung der Zensur unter- 
brochen werden. 

Die Beziehungen unserer typischen Träume zu den Märchen 
und anderen Dichtungsstoffen siud gewiß weder vereinzelte noch zu- 
fällige. Gelegentlich hat ein scharfes Dichterauge den Umwandlungs- 
prozeß, dessen Werkzeug sonst der Dichter ist, analytisch erkannt und 
ihn in umgekehrter Richtung verfolgt, also die Dichtung aut den 
Traum zurückgeführt. Ein Freund macht mich auf folgende Stelle aus 
G Kellers „Grünem Heinrich“ aufmerksam: „Ich wünsche Ihnen 

nicht, lieber Lee, daß Sie jemals die ausgesuchte pikante Wahrheit in 
der Lage des Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm bedeckt vor 
Nausikaa und ihren Gespielen erscheint, so recht, aus Erfahrung 
empfinden lernen! Wollen Sie wissen, wie das zugeht ? Halten wir 
das Beispiel einmal fest. Wenn Sie einst getrennt von Ihrer Heimat 
und allem, was Ihnen lieb ist, in der Fremde umherschweifen und 
Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben Kummer und Sorge, 
sind wohl gar elend und verlassen, so wird es Ihnen des Nachts un- 
fehlbar träumen, daß Sie sich Ihrer Heimat nähern; Sie sehen sie 
glänzen und leuchten in den schönsten Farben, holde, ferne und hebe 
Gestalten treten Ihnen entgegen; da entdecken Sie plötzlich, daß Sie 
zerfetzt, nackt und staubbedeckt umhergehen. Eine namenlose Scham 
und Angst faßt Sie, Sie suchen sich zu bedecken, zu verbergen und 
erwachen im Schweiße gebadet. Dies ist, solange es Menschen gibt, der 
Traum des kummervollen, umhergeworfenen Mannes, und so hat H o m e 1 
jene Lage aus dem tiefsten und ewigen Wesen der Menschheit heraus- 

Das tiefste und ewige Wesen der Menschen, auf dessen Erweckung 
der Dichter in der Regel bei seinen Hörern baut, das sind jene Re- 
gungen des Seelenlebens, die in der später prähistorisch gevoideiien 
Kinderzeit wurzeln. Hinter den bewußtseinsfähigen und emwandfi eien 

*) Dasselbe bedeutet, aus begreiflichen Gründen, im Traume die Anwesenheit 
der „ganzen Familie“. 


Die Träume vom Tod teurer Personen. 


179 


W Unschön des Heimatlosen brechen im Traume die unterdrückten und 
unerlaubt gewordenen Kinderwiiusche hervor, und darum schlügt der 
Traum, den die Sage von der Nausikaa objektiviert, regelmäßig in 
einen Angsttraum um. 

Mein eigener, auf Seite 173 erwähnter Traum von dem Eilen über 
die Treppe, das sich bald nachher in ein An-den-Stufen-Kleben ver- 
wandelt, ist gleichfalls ein Exhibitionstraum, da er die wesentlichen 
Bestandstucke eines solchen aufweist. Er müßte sich also auf Kinder- 
erlcbnisse zurückfuhren lassen, und die Kenntnis derselben müßte einen 
Aufschluß darüber geben, inwiefern das Benehmen des Dienstmäd- 
chens gegen mich, ihr Vorwurf, daß ich den Teppich schmutzig ge- 
macht habe, ihr zur Stellung verhilft, die sie im Traume einnimmt. 
Ich kann die gewünschten Aufklärungen nun wirklich beibringen. In 
einer Psychoanalyse lernt man die zeitliche Annäherung auf sach- 
lichen Zusammenhang um deuten ; zwei Gedanken, die, anscheinend 
zusammenhangslos, unmittelbar aufeinander folgen, gehören zu einer 
Einheit, die zu erraten ist, ebenso wie ein a und ein b, die ich neben- 
einander hinschreibe, als eine Silbe: ab, ausgesprochen werden sollen. 
Ähnlich mit der Aufeinanderbeziehung der Träume. Der erwähnte 
Tiaum von der Treppe ist aus einer Traumreihe herausgegriffen, 
deren andere Glieder mir der Deutung nach bekannt sind. Der von 
ihnen eingeschlossene Traum muß in denselben Zusammenhang* ge- 
hören. Nun liegt ^ jenen anderen einschließenden Träumen die Er- 
mneiimg an eine Kinderfrau zu Grunde, die mich von irgend einem 
I ernenn der Säuglingszeit bis zum Alter von 2 l f, Jahren betreut hat, 
von der mir auch eine dunkle Erinnerung im Bewußtsein geblieben 
ist. Nach den Auskünften, die ich unlängst von meiner Mutter ein- 
geholt habe, war sie alt und häßlich, aber sehr klug und tüchtig; 
nacn den Schlüssen, die ich aus meinen Träumen ziehen darf, hat 
sie mu* mcht immer die liebevollste Behandlung angedeihen und mich 
halte Worte hören lassen, wenn ich der Erziehung zur Reinlichkeit 
ein genügendes \ erständnis entgegenbrachte. Indem also das Dienst- 
mädchen dieses Erziehungswerk fortzusetzen sich bemüht, erwirbt sie 
den Anspruch, von mir als Inkarnation der prähistorischen Alten im 
Hr bel r de t ZU Werden ‘ Es ist ™hl anzunehmen, daß das 
gichito e ta*) enn ’ tr0tZ li,rcr schlecl>t8U Behandlung, seine Liebe 

<1 i i r fe f ' n Jw I n 'l ' m leiniuen, die typisch genannt werden 
oder ’ fWbM e . m r , em Inhnlte > da “ ei“ ‘eurer Verwandter, Eltern 
diesen T ” V ^ 01 ’ VnK I ^ 1 ’ u ‘ s ' w - gestorben ist. Man muß sofort voii 
_^D-uumen zwei Klassen unterscheiden, die einen, bei welchen 



12 * 


180 


V. Traummateriiil und Traumqucllun. 


man im Traume von Trauer unberührt bleibt, so daß mau sieb nuch 
dem Erwachen über seine Gefühllosigkeit wundert, die anderen, bei 
denen man tiefen Schmerz Uber den Todesfall empfindet, ja ihn selbst 
in heißen Tränen während des Schlafes äußert. 


Die Träume der ersten Gruppe dürfen wir bei Seite lassen ; 
sie haben keinen Anspruch, als typisch zu gelten. Wenn man sie 
analysiert, findet man, daß sie etwas anderes bedeuten als sie enthalten, 
daß sie dazu bestimmt sind, irgend einen anderen Wunsch zu ver- 
decken. So der Traum der Tante, die den einzigen Sohn ihrer 
Schwester aufgebahrt vor sich sieht (Seite 111). Das bedeutet nicht, 
daß sie dem kleinen Neffen den Tod wünscht, sondern verbirgt nur, 
wie wir erfahren haben, den Wunsch, eine gewisse geliebte Peison 
nach langer Entbehrung wieder zu sehen, dieselbe, die sie früher 
einmal nach ähnlich langer Pause bei der Leiche eines anderen 
Neffen wiedergesellen hat. Dieser Wunsch, welcher der eigentliche 
Inhalt des Traumes ist, gibt keinen Anlaß zur Trauer, und darum 
wird auch im Traume keine Trauer verspürt. Mau merkt es hier, 
daß die im Traume enthaltene Empfindung nicht zum manifesten 
Trauminhalt gehört, sondern zum latenten, daß der Affektinhalt des 
Traumes von der Entstellung frei geblieben ist, welche den Vor- 
stellungsinhalt betroffen hat. 

Anders die Träume, in denen der Tod einer geliebten ver- 
wandten Person vorgestellt und dabei schmerzlicher Affekt verspürt 
wird. Diese bedeuten, was ihr Inhalt besagt, den Wunsch, daß die 
betreffende Person sterben möge, und da ich hier erwarten darf, daß 
sich die Gefühle aller Leser und aller Personen, die Ähnliches ge- 
träumt haben, gegen meine Auslegung sträuben werden, muß ich den 
Beweis auf der breitesten Basis anstreben. 


Wir haben bereits einen Traum erläutert, aus dem wir lernen 
konnten, daß die Wünsche, welche sich in Träumen als erfüllt dar- 
stellen, nicht immer aktuelle Wünsche sind. Es können auch ver- 
flossene, abgetane, überlagerte und verdrängte Wünsche sein, denen 
wir nur wegen ihres Wiederauftauchens un 1 raume doch eine Alt 
von Fortexistenz zusprechen müssen. Sie sind nicht tot wie die \ er- 
storbenen nach unserem Begriffe, sondern wie die Schatten der Odyssee, 
die, sobald sie Blut getrunken haben, zu einem gewissen hebet . er- 
wachen. In jenem Traume vom toten Kinde m der Schachtel 
(Seite 113) handelte es sich um einen Wunsch, der vor lo Jahren 
«aktuell war und von damals her unumwunden eingestanden _ wuide. 
Es ist vielleicht für die Theorie des Traumes nicht gleichgu ti ö , 
ich hinzufüge, daß selbst diesem Wunsche eine Erinnerung aus de 
frühesten Kindheit zu Grunde liegt. Die Tränmenn hat ab k emms 
Kind — wann, ist nicht sicher festzustellen — geholt, daß hieM L 
in der Schwangerschaft, deren Frucht sie wurde, in eine schwere \ er 
Stimmung verfallen war’ und dem Kinde in ihrem Le.be sehnhehst den 


Die Feindseligkeit dos Kindes gegen Geschwister. 


181 


Tod gewünscht hatte. Selbst erwachsen und gravid geworden, folgte 
sie nur dem Beispiele der Mutter. 

Wenn jemand unter Schmerzensäußerungen davon träumt, sein 
Vater oder seine Mutter, Bruder oder Schwester seien gestorben, so 
werde ich diesen Traum niemals als Beweis dafür verwenden, daß 
er ihnen jetzt den Tod wünscht. Die Theorie des Traumes fordert 
nicht so viel; sie begnügt sich zu schließen, daß er ihnen — irgend 
einmal in der Kindheit — den Tod gewünscht habe. Ich fürchte 
aber, diese Einschränkung wird noch wenig zur Beruhigung der 
Beschwerdeführer beitragen ; diese dürften ebenso energisch die Mög- 
lichkeit bestreiten, daß sie je so gedacht haben, wie sie sich sicher 
fühlen, nicht in der Gegenwart solche Wünsche zu hegen. Ich muß 
darum ein Stück vom untergegangenen Kinderseelenleben nach den 
Zeugnissen, die noch die Gegenwart aufweist, wieder hersteilen.*) 

Fassen wir zunächst das Verhältnis der Kinder zu ihren Ge- 
schwistern ins Auge. Ich weiß nicht, warum wir voraussetzen, 
es müsse ein liebevolles sein, da doch die Beispiele von Geschwister- 
feindschaft unter Erwachsenen in der Erfahrung eines jeden sich 
drängen, und wir so oft feststellen können, diese Entzweiung rühre 
noch aus der Kindheit her, oder habe von jeher bestanden. Aber auch 
sehr viele Erwachsene, die heute an ihren Geschwistern zärtlich hängen 
und ihnen beistehen, haben in ihrer Kindheit in kaum unterbrochener 
Feindschaft mit ihnen gelebt. Das ältere Kind hat das jüngere miß- 
handelt, angeschwärzt, es seiner Spielsachen beraubt ; das jüngere hat 
sich in ohnmächtiger Wut gegen das ältere verzehrt., es beneidet und 
gefürchtet, oder seine ersten Regungen von Freiheitsdrang und Rechts- 
bewußtsein haben sich gegen den Unterdrücker gewendet. Die Eltern 
sagen, die Kinder vertragen sich nicht, und wissen den Grund hiefür 
nicht zu finden. Es ist nicht schwer zu scheu, daß auch der Charakter 
des braven Kindes ein anderer ist, als wir ihn bei einem Erwachsenen 
zu finden wünschen. Das Kind ist absolut egoistisch, es empfindet 
seine Bedürfnisse inteusiv und strebt rücksichtslos nach ihrer Befriedi- 
gung, insbesondere gegen seine Mitbewerber, andere Kinder, und in 
erster Lime gegen seine Geschwister. Wir heißen das Kind aber 
darum nicht „schlecht“, wir heißen es „schlimm“; es ist unverantwort- 
lich für seine bösen Taten vor unserem Urteil wie vor dem Straf- 
gesetz. Und das mit Recht; denn wir dürfen erwarten, daß noch 
innerhalb von Lebenszeiten, die wir der Kindheit zurechnen, in 
dem kleinen Egoisten die altruistischen Regungen und die Moral er- 
wachen werden, daß, mit Meynert zu reden, ein sekundäres Ich 
üas pnmäre überlagern und hemmen wird. Wohl entsteht die Mora- 
lität nicht gleichzeitig auf der ganzen Linie, auch ist die Dauer der 
morallosen Kindheitsperiode bei den einzelnen Individuen verschieden 

DsvehnnL^?- 1 ' , hiezu = Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben im Jahrbuch für 

Fnfo.ntiln ^ ytlSC w! U “ d l )S y cho P at bologische Forschungen, Bd. I, 1909, und Uber 
infantile Sexualtheorien“ in Sexualprobleme, I, 1908.] ” 




182 


V. Trauminatcrial und Tiauinijuelhin. 


lang. Wo die Entwicklung dieser Moralität ausbleibt, sprechen wir 
gern von „Degeneration“; es handelt sich offenbar um eine Ent- 
wicklungshemmung. Wo der primäre Charakter durch die spätere 
Entwicklung bereits überlagert ist, kann er durch die Erkrankung 
an Hysterie wenigstens partiell wieder freigelegt werden. Die Über- 
einstimmung des sogenannten hysterischen Charakters mit dem eines 
schlimmen Kindes ist geradezu auffällig. Die Zwangsneurose hin- 
gegen entspricht dem Durchbruch einer Übermoralität, die als ver- 
stärkende Belastung dem sich immer wieder regenden primären 
Charakter auferlegt war. 

Viele Personen also, die heute ihre Geschwister lieben und sich 
durch ihr Hinsterben beraubt fühlen würden, tragen von früher her 
böse Wünsche gegen dieselben in ihrem Unbewußten, welche sich in 
Träumen zu realisieren vermögen. Es ist aber ganz besonders 
interessant, kleine Kinder bis zu drei Jahren oder wenig darüber in 
ihrem Verhalten gegen jüngere Geschwister zu beobachten. Das 
Kind war bisher das einzige, nun wird ihm angekündigt, daß der 
Storch ein neues Kind gebracht hat. Das Kind mustert den An- 
kömmling und äußert dann entschieden: „Der Storch soll es wieder 
mitnehmen.“ *) 

Ich bekenne mich in allem Ernst zur Meinung, daß das Kind 
abzuschätzen weiß, welche Benachteiligung es von dem Fremdling zu 
erwarten hat. Von einer mir nahestehenden Dame, die sich heute 
mit ihrer um vier Jahre jüngeren Schwester sehr gut verträgt, weiß 
ich, daß sie die Nachricht von deren Ankunft mit dem Vorbehalt 
beantwortet hat: „Aber meine rote Kappe werde ich ihr doch nicht 
geben.“ Sollte das Kind erst später zu dieser Erkenntnis kommen, 
so wird seine Feindseligkeit in diesem Zeitpunkte erwachen. Ich 
kenne einen Fall, daß ein nicht dreijähriges Mädchen den Säugling 
in der Wiege zu erwürgen versuchte, von dessen weiterer Anwesen- 
heit ihr nichts Gutes ahnte. Der Eifersucht sind Kinder um diese 
Lebenszeit in aller Stärke und Deutlichkeit fähig. Oder das kleine 
Geschwisterchen ist wirklich bald wieder verschwunden, das Kind hat 
wieder alle Zärtlichkeit im Hause auf sich vereinigt, nun kommt ein 
neues vom Storche geschickt; ist es da nicht korrekt, (laß unsci 
Liebling den Wunsch in sich erschaffen sollte, der neue Konkurrent 
möge dasselbe Schicksal haben wie (1er frühere, damit es ihm wieder 
so °"ut gehe wie vorhin und in der Zwischenzeit ! Natürlich ist dieses 
Verhalten des Kindes gegen die Nachgcborcncn in normalen \ crlialt- 
nissen eine einfache Funktion des Altersunterschiedes. Bei einem 


*) [Der SVoiiihrigre Hans, dessen Phobie Gegenstand der Analyse in der vorhin 
erwähnten Veröffentlichung ist, ruft im Fieber kurz nach der Geburt emer Selnvester 
Ich will aber kein Schwesterchen haben. In seiner iSeurose, 1 „ 
er den Wunsch, daß die Mutter das Kieme beim Baden in die V anne fallen 
möge damit es sterbe, unumwunden ein. Dabei ist Hans ein gutartiges zärtliches 
Kind,’ welches bald auch diese Schwester liebgewinut und sie besonders gerne protegiert.] 


Dio Vorstellung des Kindes vom „Totsein“. 


m 


gewissen Intervall werden sich in dem älteren Mädchen bereits die 
mütterlichen Instinkte gegen das hilflose Neugeborene regen. 

Empfindungen von Feindseligkeit gegen die Geschwister müssen 
im Kindesalter noch weit häufiger sein, als sie der stumpfen Be- 
obachtung Erwachsener auffallen. 

Bei meinen eigenen Kindern, die einander rasch folgten, habe 
ich die Gelegenheit zu solchen Beobachtungen versäumt ; ich hole sie 
jetzt bei meinem kleinen Neffen nach, dessen Alleinherrschaft nach 
15 Monaten durch das Auftreten einer Mitbewerberin gestört wurde. 
Ich höre zwar, daß der junge Manu sich sehr ritterlich gegen das 
Schwesterchen benimmt, ihr die Hand küßt und sie streichelt; ich 
überzeuge mich aber, daß er schon vor seinem vollendeten zweiten 
Jahre seine Sprachfähigkeit dazu benützt, um Kritik an der ihm doch 
nur überflüssig erscheinenden Person zu üben. So oft die Rede auf 
sie kommt, mengt er sich ins Gespräch uud ruft unwillig : Zu k(l)ein, 
zu k(l)ein. In den letzten Monaten, seitdem das Kind sich durch 
vortreffliche Entwicklung dieser Geringschätzung entzogen hat, weiß 
er seine Mahnung, daß sie soviel Aufmerksamkeit nicht verdient, anders 
zu begründen. Er erinnert bei allen geeigneten Anlässen daran: 
Sie hat keine Zähne.*) Von dem ältesteu Mädchen einer anderen 
Schwester haben wir alle die Erinnerung bewahrt, wie das damals 
sechsjährige Kind sich eine halbe Stunde lang von allen Tanten be- 
stätigen ließ : „Nicht wahr, das kann die Lucie noch nicht verstehen ?“ 
Lucie war die um 2 A Jahre jüngere Konkurrentin. 

Den gesteigerter Feindseligkeit entsprechenden Traum vom Tode 
der Geschwister habe ich z. B. bei keiner meiner Patientinnen ver- 
mißt. Ich fand nur eine Ausnahme, die sich leieht in eine Bestätigung 
dei Regel umdeuten ließ. Als ich einst einer Dame während einer 
Sitzung diesen Sachverhalt erklärte, der mir bei dem Symptom an 
der Tagesordnung in Betracht zu kommen schien, antwortete sie mir 
zu meinem Erstaunen, sie habe solche Träume nie gehabt. Ein an- 
derer Traum fiel ihr aber ein, der angeblich damit nichts za schaffen 
hatte, em Traum, den sie mit vier Jahren, zuerst als damals Jüngste 
und dann wiederholt geträumt hatte. „Eine Menge K i n d er, alle 
ihre Brüder, Schwestern, Cousins und Cousinen tummel- 

ri n S1 i C r, auf G1Uer Wiese - Plötzlich bekamen sie 
,n 1 U g e 1, f 1 o g e n auf u n d w aren w eg.“ Von der Bedeutung des 
raumes hatte sie keine Ahnung; es wird uns nicht schwer fallen, 
einen laum ■vom lode aller Geschwister in seiner ursprünglichen, 
durch die Zensur wenig beeinflußten Form darin zu erkennen. Ich 
getraue mich folgende Analyse unterzuschieben. Bei dem Tode eines 
aus der Kinderschar — die Kinder zweier Brüder wurden in diesem 
halle in ge schwisterlicher Gemeinschaft aufgezogen — wird unsere 

Kritik seiner Sch *) leidet der 3 Vnj : ‘> iiri^o Hans seine vernichtende 

nicht sprechen kann.] C ” nimmt ail > daß sie "'egen des Mangels der Zähne 


184 


V. Traummaterial uud Traumqucllon. 


noch nicht vierjährige Träumerin eine weise, erwachsene Person ge- 
fragt haben: Was wird denn aus den Kindern, wenn sie tot sind? 
Die Antwort wird gelautet haben: Dann bekommen sie Flügel und 
werden Engerl. Im Traume nach dieser Aufklärung haben nun die Ge- 
schwister alle Flügel wie die Engel und — was die Hauptsache ist — sie 
fliegen weg. Unsere kleine Engelmacherin bleibt allein, man denke, das 
einzige nach einer solchen Schar! Daß sich die Kinder auf einer 
Wiese tummeln, von der sie wegfliegen, deutet kaum mißverständlich 
auf Schmetterlinge hin, als ob dieselbe Gedankenverbindung das Kind 
geleitet hätte, welche die Alten bewog, die Psyche mit Schmetterlings- 
flügeln zu bilden. 

Vielleicht wirft nun jemand ein, die feindseligen Impulse der 
Kinder gegen ihre Geschwister seien wohl zuzugeben, aber wie käme 
das Kindergemüt zu der Höhe von Schlechtigkeit, dem Mitbewerber 
oder stärkeren Spielgenossen gleich den Tod zu wünschen, als ob alle 
Vergehen nur durch die Todesstrafe zu sühnen seien? Wer so spricht, 
erwägt nicht, daß die Vorstellung des Kindes vom „Todsein“ mit der 
unserigen das Wort und dann nur noch wenig anderes gemein hat. 
Das Kind weiß nichts von den Greueln der Verwesung, vom Frieren 
im kalten Grabe, vom Schrecken des endlosen Nichts, das der Er- 
wachsene, wie alle Mythen vom Jenseits zeugen, in seiner Vorstellung 
so schlecht verträgt. Die Furcht vor dem Tode ist ihm fremd, darum 
spielt es mit dem gräßlichen Worte und droht einem anderen Kinde: 
„Wenn du das noch einmal tust, wirst du sterben, wie der Franz 
gestorben ist,“ wobei es die arme Mutter schaudernd überläuft, die 
vielleicht nicht daran vergessen kann, daß die größere Hälfte der 
erdgeborenen Menschen ihr Leben nicht über die Jahre der Kindheit 
bringt. Noch mit acht Jahren kann das Kind, von einem Gange 
durch das Naturhistorische Museum heimgekehrt, seiner Mutter sagen. 

Mama“, ich habe dich so lieb; wenn du einmal stirbst, lasse ich dich 
ausstopfen und stelle dich hier im Zimmer auf, damit ich dich immei, 
immer sehen kann!“ So wenig gleicht die kindliche Vorstellung vom 
Gestorbensein der unserigen.") 

Gestorben sein heißt für das Kind, welchem ja überdies die 
Szenen des Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird, so viel als 
fort sein“, die Überlebenden nicht mehr stören. Es unterscheidet 
nicht, auf welche Art diese Abwesenheit zu stände kommt, ob duich 
Verreisen, Entfremdung oder Tod. Wenn in den prähistorischen 
Jahren eines Kindes seine Kinderfrau weggeschickt worden und einige 
Zeit darauf seine Mutter gestorben ist, so liegeu für seine Erinnerung, 
wie man sie in der Analyse aufdeckt, beide Ereignisse in einer Leihe 
übereinander. Daß das Kind die Abwesenden nicht sehr intensiv ver 


*) Von einem hochbegabten zehnjährigen Knaben horte ich nac 1 

liehen Tode seines Vaters zu meinem Erstaunen folgende Äußerung . Df®* 5 ' 
gestorben ist, verstehe ich, aber warum er nicht zum Nachtmahl nac) > > 

kann ick mir nickt erklären. 


Das Verhältnis des Kindes zu den Eltern. 


185 


mißt, hat manche Mutter zu ihrem Schmerze erfahren, wenn sie nach 
mehrwöchentlicher Sommerreise in ihr Haus zurückkehrte und auf ihre 
Erkundigung hören mußte : Die Kinder haben nicht ein einziges Mal 
nach der Mama gefragt. Wenn sic aber wirklich in jenes „unentdeckte 
Land“ verreist ist, „von des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt“, so 
scheinen die Kinder sie zunächst vergessen zu haben und erst nach- 
träglich beginnen sie, sich an die Tote zu erinnern. 

Wenn das Kind also Motive hat, die Abwesenheit eines anderen 
Kindes zu wünschen, so mangelt ihm jede Abhaltung, diesen W unsch 
in die Form zu kleiden, es möge tot sein, und die psychische Reak- 
tion auf den Todes wunsch träum beweist, daß trotz aller Verschieden- 
heit im Inhalt der Wunsch beim Kinde doch irgendwie das nämliche 
ist wie der gleichlautende Wunsch des Erwachsenen. 

Wenn nun der Todeswunsch des Kindes gegen seine Geschwister 
erklärt wird durch den Egoismus des Kindes, der sie die Geschwister 
als Mitbewerber auffassen läßt, wie soll sich der Todeswunsch gegen 
die Eltern erklären, die für das Kind die Spender von Liebe und 
Erfüller seiner Bedürfnisse sind, deren Erhaltung es gerade aus ego- 
istischen Motiven wünschen sollte? 

Zur Lösung dieser Schwierigkeit leitet uns die Erfahrung, daß 
die Träume vom Tode der Eltern überwiegend häufig den Teil des 
Elternpaares betreffen, der das Geschlecht des Träumers teilt, daß also 
der Mann zumeist vom Tode des Vaters, das Weib vom Tode der 
Mutter träumt. Ich kann das nicht als regelmäßig hinstellen, aber 
das Uberwiegen in dem angedeuteten Sinne ist so deutlich, daß es eine 
Erklärung durch ein Moment von allgemeiner Bedeutung fordert. Es 
verhält sich grob ausgesprochen — so, als ob eine sexuelle Vor- 
liebe sich frühzeitig geltend machen würde, als ob der Knabe im 
Vater, das Mädchen in der Mutter den Mitbewerber in der Liebe 
erblickte, durch dessen Beseitigung ihm nur Vorteil erwachsen kann. 

Ehe man diese Vorstellung als ungeheuerlich verwirft, möge man 
auch hier die realen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern ins 
Auge fassen. Man hat zu sondern, was die Kulturforderung der 
Pietät von diesem Verhältnis verlangt, und was die tägliche Beobachtung 
als tatsächlich ergibt. In der Beziehung zwischen Eltern und Kindern 
hegen mehr als nur ein Anlaß zur Feindseligkeit verborgen ; die Be- 
dingungen für das Zustandekommen von Wünschen, welche vor der 
Zensur nicht bestehen, sind im reichsten Ausmaße gegeben. Ver- 
weilen wir zunächst bei der Relation zwischen Vater und Sohn. Ich 
meine die Heiligkeit, die wir den • Vorschriften des Dekalogs ’ zuer- 
^annt haben, stumpft unseren Sinn für die Wahrnehmung der Wirklich- 
en' m V ir S etraueu uus vielleicht kaum zu merken, daß der 
größere Teil der Menschheit sich über die Befolgung des vierten 
Debotes hmaussetzt In den tiefsten wie in den höchsten Schichten 
der menschlichen Gesellschaft pflegt die Pietät gegen die Eltern vor 
anderen Interessen zurückzutreten. Die dunklen Nachrichten, die in 


186 


V. Trauinnmtorial und Traumquellen. 


Mythologie und Sage aus der Urzeit der menschlichen Gesellschaft auf 
uns gekommen sind, geben von der Machtfülle des Vaters und von 
der Rücksichtslosigkeit, mit der sie gebraucht wurde, eine unerfreu- 
liche Vorstellung. Kronos verschlingt seine Kinder, etwa wie der 
Eber den Wurf des Muttorschweines, und Zeus entmannt den Vater*) 
und setzt sich als Herrscher an seine Stelle. Je unumschränkter der 
Vater in der alten Familie herrschte, desto mehr muß der Sohn als 
berufener Nachfolger in die Lage des Feindes gerückt, desto größer 
muß seine Ungeduld geworden sein, durch den Tod des Vaters selbst 
zur Herrschaft zu gelangen. Noch in unserer bürgerlichen Familie 
pflegt der Vater durch die Verweigerung der Selbstbestimmung und 
der dazu nötigen Mittel an den Sohn dom natürlichen Keime der 
Feindschaft, der in dem Verhältnisse liegt, zur Entwicklung zu ver- 
helfen. Der Arzt kommt oft genug in die Lage zu bemerken, daß 
der Schmerz über den Verlust des Vaters beim Sohne die Befriedigung 
über die endlich erlangte Freiheit nicht unterdrücken kann. Den Rest 
der in unserer heutigen Gesellschaft arg antiquierten potestas patris 
familias pflegt jeder Vater krampfhaft festzuhalten und jeder Dichter 
ist der Wirkung sicher, der wie Ibsen den uralten Kampf zwischen 
Vater und Sohn in den Vordergrund seiner Fabeln rückt. Die An- 
lässe zu Konflikten zwischen Tochter und Mutter ergeben sich, wenn 
die Tochter heranwächst und in der Mutter die Wächter in findet, 
während sie nach sexueller Freiheit begehrt, die Mutter aber durch 
das Aufblühen der Tochter gemahnt wird, daß für sie die Zeit ge- 
kommen ist, sexuellen Ansprüchen zu entsagen. 

Alle diese Verhältnisse liegen offenkundig da vor jedermanns 
Augen. Sie fördern uns aber nicht bei der Absicht, die Träume vom 
Tode der Eltern zu erklären, welche sich bei Personen finden, denen 
die Pietät gegen die Eltern längst etwas Unantastbares geworden ist. 
Auch sind wir durch die vorhergehenden Erörterungen darauf vor- 
bereitet, daß sich der Todeswunsch gegen die Eltern aus der frühesten 
Kindheit ableiten wird. 

Mit einer alle Zweifel ausschließenden Sicherheit bestätigt sich 
diese Vermutung für die Psychoneurotiker bei den mit ihnen vor- 
genommenen Analysen. Man lernt hiebei, daß sehr frühzeitig die 
sexuellen Wünsche des Kindes erwachen — sow'oit sie im keimenden 
Zustand diesen Namen verdienen — , und daß die erste ^Neigung des- 
Mädchens dem Vater, die ersten infantilen Begierden des Knaben der 
Mutter gelten. Der Vater wird somit für den Knaben, die Mutter 
für das Mädchen zum störenden Mitbewerber, und wie wenig für das 
Kind dazu gehört, damit diese Empfindung zum Todeswunsch führe. 

*) Wenigstens in einigen mythologischen Darstellungen. Nach anderen wird 
die Entmannung nur von Kronos an seinem Vater Uranos vollzogen 

[Über die mythologische Bedeutung dieses Motivs vergl. Otto Kanh. JJcr 
Mythus von der Geburt des Holden, fünftes Tieft der «Schriften zur angew. Seelen- 
künde, 1909“.] 


Die sexuellen Regungen der Kinder gegen die Eltern. 


187 


haben wir bereits für den Fall der Geschwister ausgeführt. Die 
sexuelle Auswahl macht sich in der Regel bereits bei den Eltern 
geltend; ein natürlicher Zug sorgt dafür, daß der Mann die kleinen 
Töchter verzärtelt, die Frau den Söhnen die Stange hält, während 
beide, wo der Zauber des Geschlechtes ihr Urteil nicht verstört, mit 
Strenge für die Erziehung der Kleinen wirken. Das Kind bemerkt 
die Bevorzugung sehr wohl und lehnt sich gegen den Teil des Eltern- 
paares auf, der sich ihr widersetzt. Liebe bei dem Erwachsenen zu 
finden, ist ihm nicht nur die Befriedigung eines besonderen Bedürf- 
nisses, sondern bedeutet auch, daß in allen anderen Stücken seinem 
Willen nachgegeben wird. So folgt es dem eigenen sexuellen Triebe 
und erneuert gleichzeitig die von den Eltern ausgehende Anregung, 
wenn es seine Wahl zwischen den Eltern im gleichen Sinne wie 
diese trifft. 


Von den Zeichen dieser infantilen Neigungen seitens der Kinder 
pflegt man die meisten zu übersehen ; einige kann man auch nach 
den ersten Kinderjahren bemerken. Ein achtjähriges Mädchen meiner 
Bekanntschaft benützt die Gelegenheit, wenn die Mutter vom Tische 
abberufen wird, um sich als ihre Nachfolgerin zu proklamieren. „Jetzt 
will ich die Mama sein: Karl, willst du noch Gemüse? Nimm doch, 
ich bitte dich“ u. s. w. Ein besonders begabtes und lebhaftes Mädchen 
von nicht vier Jahren, an der dies Stück Kinderpsychologie besonders 
durchsichtig ist, äußert direkt: „Jetzt kann das Muatterl einmal fort- 
gelien, dann muß das Vaterl mich heiraten, und ich will seine Frau 
sein.“ Im Kinderleben schließt dieser Wunsch durchaus nicht aus, 
daß das Kind auch seine Mutter zärtlich liebe. Wenn der kleine 
Knabe neben der Mutter schlafen darf, sobald der Vater verreist ist, 
und nach dessen Rückkehr ins Kinderzimmer zurück muß zu einer 
Person, die ihm weit weniger gefällt, so mag sich leicht der Wunsch 
bei ihm gestalten, daß der Vater immer abwesend sein möge, damit 
ey seinen Platz bei der lieben, schönen Mama behalten kann, und ein 
Mittel zur Erreichung dieses Wunsches ist es offenbar, wenn der 
Vater tot ist, denn das eine hat ihn seine Erfahrung gelehrt : „Tote“ 

Leute, wie der Großpapa z. B., sind immer abwesend, kommen nie 
wieder. 

Wenn sich solche Beobachtungen an kleinen Kindern der 
voigeschlagenen Deutung zwangslos fügen, so ergeben sie allerdings 
nicht die volle Überzeugung, welche die Psychoanalysen erwachsener 
Neurotiker dem Arzte auf drängen. Die Mitteilung der betreffenden 
Traume erfolgt hier mit solchen Einleitungen, daß ihre Deutung als 
Wunschtraume unausweichlich wird. Ich linde eines Tages eine Dame 
betrübt und verweint. Sie sagt: Ich will meine Verwandten nicht mehr 
sehen, es muß ihnen ja vor mir grausen. Dann erzählt sie fast ohne 
ergang, daß sie sich an einen Traum erinnert, dessen Bedeutung 
je na rieh nicht kennt. Sie hat ihn mit vier Jahren geträumt, er 
lautet folgendermaßen: Ein Luchs oder Fuchs geht auf dem 


188 


V. Traunimutcruil und Traumquellon 


Dache spazieren, dann fällt etwas herunter oder sie 
fällt herunter, und dann trägt man die Mutter tot aus 
dem Hause, wobei sie schmerzlich weint. Ich habe ihr kaum mit- 
geteilt, daß dieser Traum den Wunsch aus ihrer Kindheit bedeuten 
muß, die Mutter tot zu sehen, und daß sie dieses Traumes wegen 
meinen muß, die Verwandten grausen sich vor ihr, so liefert sie be- 
reits etwas Material, den Traum aufzuklären. „Luchsaug“ ist ein 
Schimpfwort, mit dem sie einmal als ganz kleines Kind von einem 
Gassenjungen belegt wurde; ihrer Mutter ist, als das Kind drei Jahre 
alt war, ein Ziegelstein vom Dache auf den Kopf gefallen, so daß sic 
heftig geblutet hat. 

Ich hatte einmal Gelegenheit, ein junges Mädchen, das ver- 
schiedene psychische Zustände durchmachte, eingehend zu studieren. 
In einer tobsüchtigen Verworrenheit, mit der die Kraukheit begann, 
zeigte die Kranke eine ganz besondere Abneigung gegen ihre Mutter, 
schlug und beschimpfte sie, sobald sie sich dem Bette näherte, während 
sie gegen eine um vieles ältere Schwester zu derselben Zeit liebevoll 
und gefügig blieb. Daun folgte ein klarer, aber etwas apathischer 
Zustand mit sehr gestörtem Schlafe; in dieser Phase begann ich die 
Behandlung und analysierte ihre Träume. Eine Unzahl derselben 
handelte mehr oder minder verhüllt vom Tode der Mutter; bald 
wohnte sie dem Leichenbegängnis einer alten Frau bei, bald sah sie 
sich und ihre Schwester in Trauerkleidern bei Tische sitzen; es blieb 
über den Sinn dieser Träume kein Zweifel. Bei noch weiter fort- 
schreitender Besserung traten hysterische Phobien auf; die quälendste 
darunter war, daß der Mutter etwas geschehen sei. Von wo sie immer 
sich befand, mußte sie dann nach Hause eilen, um sich zu überzeugen, 
daß die Mutter noch lebe. Der Fall war nun, zusammengehalten mit 
meinen sonstigen Erfahrungen, sehr lehrreich ; er zeigte in gleichsam 
mehrsprachiger Übersetzung verschiedene Reaktionsweisen des psychi- 
schen Apparats auf dieselbe erregende Vorstellung. In der Verworren- 
heit, die ich als Ü b e r wäl tig u n g der zweiten psychischen Instanz 
durch die sonst unterdrückte erste auffasse, wurde die unbewußte 
Feindseligkeit gegen die Mutter motorisch mächtig ; als dann die erste 
Beruhigung eintrat, der Aufruhr unterdrückt, die Herrschaft der Zensur 
wieder hergestellt war, blieb dieser Feindseligkeit nur mehr das Gebiet 
des Träumens offen, um den Wunsch nach ihrem Tode zu verwirk- 
lichen ; als das Normale sich noch weiter gestärkt hatte, schuf es als 
hysterische Gegensatzreaktion und Abwehrerscheinung die übermäßige 
Sorge um die Mutter. In diesem Zusammenhänge ist es nicht mehr 
unerklärlich, warum die hysterischen Mädchen so oft überzärtlich an 

ihren Müttern hängen. _ . 

Ein andermal hatte ich Gelegenheit, tiefe Einblicke in das un- 
bewußte Seelenleben eines jungen Mannes zu tun, der durch Zwangs- 
neurose fast existenzuiifähig, nicht aui die Straße gehen konnte, v eil 
ihn die Sorge quälte, er bringe alle Leute, die an ihm vorbeigingen, 


Die infantile Wurzel der Ödipussage. 


189 


um. Kr verbrachte seine Tage damit, die Beweisstücke für sein Alibi 
in Ordnung zu halten, falls die Anklage wegen eines der in der Stadt 
vorgefallenen Morde gegen ihn erhoben werden sollte. Überflüssig zu 
bemerken, daß er ein ebenso moralischer wie fein gebildeter Mensch 
war. Die — übrigens zur Heilung führende — Analyse deckte als die 
Begründung dieser peinlichen Zwangsvorstellung Mordimpulse gegen 
seinen etwas tiberstrengen Vater auf, die sich, als er sieben Jahre alt 
war, zu seinem Erstaunen bewußt geäußert hatten, aber natürlich aus 
weit früheren Kindesjahren stammten. Nach der qualvollen Krankheit 
und dem Tode des Vaters trat im 31. Lebensjahre der Zwangsvorwurf 
auf, der sich in Form jener Phobie auf Fremde übertrug. Wer im 
stände war, seinen eigenen Vater von einem Berggipfel in den Ab- 
grund stoßen zu wollen, dem ist allerdings zuzutrauen, daß er auch 
das Leben ferner Stehender nicht schone; der tut darum recht daran, 
sich in seine Zimmer einzuschließen. 

Nach meinen bereits zahlreichen Erfahrungen spielen die Eltern 
im Kinderseelenleben aller späteren Psychoneurotiker die Hauptrolle, 
und Verliebtheit gegen den einen, Haß gegen den anderen Teil des 
Elternpaares gehören zum eisernen Bestand des in jener Zeit gebildeten 
und für die Symptomatik der späteren Neurose so bedeutsamen Ma- 
terials an psychischen Regungen. Ich glaube aber nicht, daß die 
Psychoneurotiker sich hierin von anderen normal verbleibenden Men- 
schenkindern scharf sondern, indem sie absolut Neues und ihnen Eigen- 
tümliches zu schaffen vermögen. Es ist bei weitem wahrscheinlicher 
und wird durch gelegentliche Beobachtungen an normalen Kindern 
unterstützt, daß sie auch mit diesen verliebten und feindseligen Wün- 
schen gegen ihre Eltern uns nur durch die Vergrößerung kenntlich 
machen, was minder deutlich und weniger intensiv in der Seele der 
, meisten Kinder vorgeht. Das Altertum hat uns zur Unterstützung 
dieser Erkenntnis einen SageD Stoff überliefert, dessen durchgreifende 
und allgemeingültige Wirksamkeit nur durch eine ähnliche Allgemein- 
! gültigkeit der besprochenen Voraussetzung aus der Kinderpsychologie 
| verständlich wird. 

Ich meine die Sage vom König Ödipus und das gleichnamige 
Drama des Sophokles. Ödipus, der Sohn des La'ios, Königs 
von I heben, und der Jo käste wird als Säugling ausgesetzt, weil ein 
Orakel dem Vater verkündet hatte, der noch ungeborene Sohn werde 
sein Mörder sein. Er wird gerettet und wächst als Königssohn an 
i einem fremden Hofe auf, bis er, seiner Herkunft unsicher, selbst das 
Orakel befragt und von ihm den Rat erhält, die Heimat zu meiden 
weil er der Mörder seines Vaters und der Ehegemahl seiner Mutter 
v erden müßte. Auf dem Wege von seiner vermeintlichen Heimat weg 
itriflt er mit König La'ios zusammen und erschlägt ihn in rasch ent- 
branntem Streite. Dann kommt er vor Theben, wo er die Rätsel 
der den Weg sperrenden Sphinx löst und zum Dank dafür von den 
Liiebanern zum König gewählt und mit Jokastes Hand beschenkt 


190 


V. Tmummatcrial und Traumquellen. 


wird. Er regiert lange Zeit in Frieden und Würde und zeugt mit der 
ilnn iinbekannten Mutter zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Fest 
ausbricht, welche eine neuerliche Befragung des Orakels von seiten 
der T heb an er veranlaßt. Hier setzt die Tragödie des Sophokles 
ein. Die Boten bringen den Bescheid, daß die Pest aufhören werde, 
wenn der Mörder des La'fos aus dem Lande getrieben sei. Wo aber 
weilt der? 

„Wo findet sich 

die schwererkennbar dunkle Spur der alten Schuld?“ 

(Übersetzung von Donner, v. 109.) 

Die Handlung des Stückes besteht nun in nichts anderem als in 
der schrittweise gesteigerten und kunstvoll verzögerten Enthüllung — 
der Arbeit einer Psychoanalyse vergleichbar — , daß Ödipus selbst 
der Mörder des Laios, aber auch der Sohn des Ermordeten und der 
Jo käste ist. Durch seine unwissentlich verübten Greuel erschüttert, 
blendet sich Ödipus und verläßt die Heimat. Der Orakelspruch 
ist erfüllt. 

König Ödipus ist eine sogenannte Schicksalstragödie; ihre 
tragische Wirkung soll auf dem Gegensatz zwischen dem über- 
mächtigen Willen der Götter und dem vergeblichen Sträuben der vom 
Unheil bedrohten Menschen beruhen; Ergebung in den Willen der 
Gottheit, Einsicht in die eigene Ohnmacht soll der tief ergriffene Zu- 
schauer aus dem Trauerspiele lernen. Folgerichtig haben moderne 
Dichter es versucht, eine ähnliche tragische Wirkung zu erzielen, in- 
dem sie den nämlichen Gegensatz mit einer selbsterfundenen Fabel 
verwoben. Allein die Zuschauer haben ungerührt zugesehen, wie trotz 
alles Sträubens schuldloser Menschen ein Fluch oder Orakelspruch sich 
an ihnen vollzog; die späteren Schicksalstragödien sind ohne Wirkung 
geblieben. 

Wenn der König Ödipus den modernen Menschen nicht min der 
zu erschüttern weiß als den zeitgenössischen Griechen, so kann die 
Lösung wohl nur darin liegen, daß die Wirkung der griechischen 
Tragödie nicht auf dem Gegensatz zwischen Schicksal und Menschen- 
willen ruht, sondern in der Besonderheit des Stoffes zu suchen ist, an 
welchem dieser Gegensatz erwiesen wird. Es muß eine Stimme in 
unserem Innern geben, welche die zwingende Gewalt des Schicksals 
im Ödipus anzuerkennen bereit ist, während wir Verfügungen wie 
in der „Ahnfrau“ oder in anderen Schicksalstragödien als willkürliche 
zurückzuweisen vermögen. Und ein solches Moment ist in der lat 
in der Geschichte des Königs Ödipus enthalten. Sein Schicksal er- 
greift uns nur darum, weil es auch das unserige hätte werden könuen, 
weil das Orakel vor unserer Geburt denselben Fluch über uns ver- 
hängt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht war es beschieden, die 
erste sexuelle Kegung auf die Mutter, den ersten Haß und gewalt- 
tätigen Wunsch «•egen den Vater zu richten; unsere Träume über- 


Der Ödipusmythus. 


191 


zeugen uns davon. König Ödipus, der seinen Vater Laitos er- 
schlagen und seine Mutter Jo käste geheiratet hat, ist nur die Wunscli- 
erfüllung unserer Kindheit. Aber glücklicher als er, ist es uns seitdem, 
insofern wir nicht Psychoneurotiker geworden sind, gelungen, unsere 
sexuellen Regungen von unseren Müttern abzulösen, unsere Eifersucht 
gegen unsere Väter zu vergessen. Vor der Person, an welcher sich 
jener urzeitliehe Kindheitswunsch erfüllt hat, schaudern wir zurück 
mit dem ganzen Betrage der Verdrängung, welche diese Wünsche in 
unserem Innern seither erlitten haben. Während der Dichter in jener 
Untersuchung die Schuld des Ödipus ans Licht bringt, nötigt er uns 
zur Erkenntnis unseres eigenen Innern, in dem jene Impulse, wenn 
auch unterdrückt, noch immer vorhanden sind. Die Gegenüberstellung, 
mit der uns der Chor verläßt, 

. . . „sehet, das ist Ödipus, 

der entwirrt die hohen Rätsel und der Erste war an Macht, 

dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten ; 

Seht, in welches Mißgeschickes grause Wogen er versank!“ 
diese Mahnung trifft uns selbst und unseren Stolz, die wir seit den 
Kindesjahren so weise und so mächtig geworden sind in unserer 
Schätzung. Wie Ödipus leben wir in Unwissenheit der die Moral 
beleidigenden Wünsche, welche die Natur uns aufgenötigt hat, und 
nach deren Enthüllung möchten wir wohl alle den Blick abwenden 
von den Szenen unserer Kindheit. 

Daß die Sage von Ödipus einem uralten Traumstoffe entsprossen 
ist, welcher jene peinliche Störung des Verhältnisses zu den Eltern 
durch die ersten Regungen der Sexualität zum Inhalt hat, dafür findet 
sich im Texte der Sophokl eisehen Tragödie selbst ein nicht mißzu- 
verstehender Hinweis. Jo käste tröstet den noch nicht aufgeklärten, 
aber durch die Erinnerung der Orakelsprüche besorgt gemachten 
Ödipus durch die Erwähnung eines Traumes, den ja so viele Men- 
schen träumen, ohne daß er, meint sie, etwas bedeute: 


,Denn viele Menschen sahen auch 


in Träumen schon 
(V. 955 ) 


Sich zuges eil t der Mutter: Doch wer alles dies 
kur nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht.“ 

,, P Gr rj ] 1raun b mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird ebenso wie 
damals auch heute vielen Menschen zu teil, die ihn empört und ver- 

chis^r^i rmvn^r f* ^ T be S reiflich der Schlüssel der Tragödie und 
Lbe rrftr“ I raume vom Tode des Vaters. Die Ödipus- 
Träume nnr / 0 • 10 m dei ^ lia,ntesi e auf diese beiden typischen 

5 ’ (1G Träume ß vom Erwachsenen mit Ablehnungs- 

Tn il en Ä T ?’ f° muß n die ^ Scbreck Selbstbestrafung 
von Zer 1 mfßv ,men ’ P** weitere Gestaltung rührt wiederum 

welche ihn einer tl b< ? ben sekundären Bearbeitung des Stoffes her, 
10 ihn einer theologisierenden Absicht dienstbar zu machen sucht 


iy2 


V. Tniummaterial und Traum quellen. 


(Vgl. den Traumstoff von der Exhibition Seite 176.) Der Versuch, 
die göttliche Allmacht mit der menschlichen Verantwortlichkeit zu 
vereinigen, muß natürlich au diesem Material wie an jedem anderen 
mißlingen.*) 

Ich kann die typischen Träume vom Tode teurer Verwandten 
nicht verlassen, ohne daß ich deren Bedeutung für die Theorie des 
Traumes überhaupt noch mit einigen Worten beleuchte. Diese Träume 
zeigen uns den recht ungewöhnlichen Fall verwirklicht, daß der durch 
deu verdrängten Wunsch gebildete Traumgedanko jeder Zensur entgeht 
und unverändert in den Traum Übertritt. Es müssen besondere Ver- 
hältnisse sein, die solches Schicksal ermöglichen. Ich finde die Be- 
günstigung für diese Träume in folgenden zwei Momenten: Erstens gibt 
es keinen Wunsch, von dem wir uns ferner glauben ; wirmeinen, das 
zu wünschen könnte „uns auch im Traume nicht einfallen“, und darum 
ist die Traumzensur gegen dieses Ungeheuerliche nicht gerüstet, ähnlich 
etwa wie die Gesetzgebung So Ions keine Strafe für den Vatermord 
aufzustellen wußte. Zweitens aber kommt dem verdrängten und nicht 
geahnten Wunsche gerade hier besonders häufig ein Tagesrest entgegen 
in Gestalt einer Sorge um das Leben der teuren Person. Diese Sorge 
kann sich nicht anders in den Traum eintragen, als indem sie sich des 
gleichlautenden Wunsches bedient; der Wunsch aber kann sich mit 


*) Auf demselben Boden wie „König Ödipus“ wurzelt eine andere der großen 
tragischen Dichterschopfungen, der Hamlet Shakespeares. Aber in der ver- 
änderten Behandlung des nämlichen Stoffes offenbart sich der ganze Unterschied im 
Seelenleben der beiden weit auseinander liegenden Kulturperioden, das säkulare Fort- 
schreiten der Verdrängung im Gemiitsleben der Menschheit. Im Ödipus wird die zu 
Grunde liegende Wunschphantasie des Kindes wie im Traume ans Licht gezogen und 
realisiert; iin Hamlet bleibt sie verdrängt, und wir erfahren von ihrer Existenz — 
dem Sachverhalt bei einer Neurose ähnlich — nur durch die von ihr ausgehenden 
Hemmungswirkungen. Mit der überwältigenden Wirkung des moderneren Dramas 
hat es sich eigentümlicherweise als vereinbar gezeigt, daß man über den Charakter 
des Helden in voller Unklarheit verbleiben könne. Das Stück ist auf die Zögerung 
Hamlets gebaut, die ihm zugeteilte Aufgabe der Rache zu erfüllen; welches die 
Gründe oder Motive dieser Zögerung sind, gesteht der Text nicht eiu ; die vielfältigsten 
Deutungsversuche haben es nicht anzugeben vermocht. Nach der heute noch herr- 
schenden, durch Goethe begründeten Auffassung stellt Hamlet den Typus des 
Menschen dar, dessen frische Tatkraft durch die überwuchernde Entwicklung der 
Gedankentätigkeit gelähmt wird („Von des Gedankens Blasse angekränkelt ). x ac 
anderen hat der Dichter einen krankhaften, unentschlossenen, in das Bereich dei 
Neurasthenie fallenden Charakter zu schildern versucht. Allein die l abel des Stuckes 
lehrt daß Hamlet uns keineswegs als eine Person erscheinen soll, die des Handelns 
überhaupt unfähig ist. Wir sehen ihn zweimal handelnd auftreten, das emerna* *“ 
rasch auffahrender Leidenschaft, wie er den Lauscher hinter der Tapete uiederstoßt. 
ein anderesmal planmäßig, ja selbst arglistig, indem er mit der 

lichkeit des Renaissance-Prinzen die zwei Höflinge m deu ihm s ® lbst .^ e ^ ft G . . 
Tod schickt. Was hemmt ihn also bei der Erfüllung der Aufgabe, di ie de! r G 
seines Vaters ihn. gestellt hat? Hier bietet sich wieder die Auskunft daß cs die 
besondere Natur dieser Aufgabe ist. Hamlet kann alles, nur “*« h * 
dem Manne vollziehen, der seinen Vater beseitigt und bei seiner Mutter dessen SteUe 
eingenommen hat, an dem Manne, der ihm die Realisierung seiner v er d nlng eu Kinder- 
wünsche zeigt. Der Abscheu, der ihn zur Rache drängen sollte, ersetzt sich so bei 


Zur Deutung des „ Hamlet u . 


193 


der am Tage rege gewordenen Sorge maskieren. Wenn man meint, 
daß dies alles einfacher zugeht, daß man eben bei Nacht und im Traume 
nur fortsetzt, was man bei Tag angesponnen hat, so läßt man die 
Träume vom Tode teurer Personen eben außer allem Zusammenhang 
mit der Traumerklärung und hält ein sehr wohl reduzierbares Rätsel 
überfliissigerweise fest. 

Lehrreich ist es auch, die Beziehung dieser Träume zu den 
Angstträumen zu verfolgen. In den Träumen vom Tode teurer Per- 
sonen hat der verdrängte Wunsch einen Weg gefunden, auf dem er 
steh der Zensur — und der durch sie bedingten Entstellung — ent- 
ziehen kann. Die nie fehlende Begleiterscheinung ist dann, daß 
schmerzliche Empfindungen im Traume verspürt werden. Ebenso kommt 
der Angsttraum nur zu stände, wenn die Zensur ganz oder teilweise 
überwältigt wird, und anderseits erleichtert es die Überwältigung der 
Zensur, wenn Angst als aktuelle Sensation aus somatischen Quellen 
bereits gegeben ist. Es wird so handgreiflich, in welcher Tendenz die 
Zensur ihres Amtes waltet, die Traumentstellung ausübt; es geschieht, 
um die Entwicklung von Angst oder anderen Formen 
peinlichen Affekts zu verhüten. 

Ich habe im vorstehenden von dem Egoismus der Kinderseele 
gesprochen und knüpfe nun daran mit der Absicht, hier einen Zu- 
sammenhang ahnen zu lassen, daß die Träume auch diesen Charakter 


ihm durch Selhslvorwürfe, durch Gewissensskrupel, die ihm Vorhalten, daß er, wörtlich 
verstanden, selbst uicht hesser sei als der von ihm zu strafende Sünder. Ich hafco 
dabrn ins Bewußte übersetzt, was in der Seelo des Helden unhewußt hleiben muß • 
wenn jemand Hamlet einen Hysteriker nennen will, kann ich cs nur als Folgerung 
aus meiner Deutung anerkennen. Die Sexualabncigung stimmt sehr wohl dazu, dio 
Hamlet dann im Gespräche mit Ophelia äußert, die nämliche Sexualabneigung. 
3, f VOn .. der S ?® 10 de * «»«tan ^n uächsten Jahren immer mehr Besitz nehmen 
sollte, his zu ihren Gipfelaußerungen im Timon von Athen. Es kann natürlich 
nur das e'genc Seelenlehen des Dichters go wesen sein, das uns im Hamlet entge«-cn- 
Nn.il dem Werke- ron Georg Brandes über Shakespeare ( 1806 )° die 

tiz, daß das Drama unmittelbar nach dem Tode von Shakespeares Vater (1601) 
also in der Irischen Trauer um ihn, in der Wiederbelebung, dürfen wir annehmen 

Ssfar/h daß Shal Zii " IiChen K /? dheitsc "Prangen gedichtet worden ist. Bekannt’ 
; Q f „ felia kespeares früh verstorbener Sohn den Namen Hamnet (idon- 

tltjl l Vie Hamlet das Verhältnis des Sohnes zu den Eh ein 
behandelt so ruht der in der Zeit nahestehoude Mach et h auf dem Thema der 

Ü b e rd o u t ü n ß 6 'f ä hi 1 s ; S ^if* 8 neur . otische Symptom, wie selbst der Traum, dor 

jede echte diehterfsche b ® ZU sel ° em y 01 ' 611 Verständnis fordort, so wird auch 

(O Rnnlü“ i - te mletstoftes mit dem „Mythus von der Geburt des Helden 

1 «, in. “ ä“:; 1 T™ - 

«» ä f . ■Sfilte»™ »inw.ndto 'Scolcnknud" 

1 rohlcm des Hamlet und der Ödipuskomplex.] 


Freud, Traumdeutung. .3. 


Auf!. 


13 


194 


V. Traum material und Traurmjuellen. 


bewahrt haben. Sie sind sämtlich absolut egoistisch, in allen ^ tiitt 
das liebe Ich auf, wenn auch verkleidet. Die Wünsche, die in ihnen 
erfüllt werden, sind regelmäßig Wünsche dieses Iclis; es ist nur ein 
täuschender Anschein, wenn je das Interesse für einen anderen einen 
Traum hervorgerufen haben sollte. Ich will einige Beispiele, welche 
dieser Behauptung widersprechen, der Analyse unterziehen. 

I. Ein noch nicht vierjähriger Knabe erzählt: Er hat eine 
große garnierte Schüssel gesehen, worauf ein gio es 
Stück Fleisch gebraten war, und das Stück war au 1 ein- 
mal ganz - nicht zerschnitten — aufgegessen Die 
Person, die es gegessen hat, hat er nicht gesehen. ) 

AVer ma°- der fremde Mensch sein, von dessen üppiger Fleiscli- 
mahlzeit unser” Kleiner träumt? Die Erlebnisse des Traumtages müssen 
uns darüber aufklären. Der Knabe bekömmt seit einigen lagen nach 
ärztlicher Vorschrift Milchdiät; am Abend des Traumtages war er aber 
unartig, und da wurde ihm zur Strafe die Abendmahlzeit entzogen 
Er hat schon früher einmal eine solche Hungerkur durchgemacht und 
sich sehr tapfer dabei benommen. Er wußte, daß er nichts bekommen 
wird, getraute sich aber auch nicht, mit einem Worte anzudeuteu, 
daß er Hunger hat. Die Erziehung fängt an, bei ihm zu wirken , sie 
äußert sich bereits im Traume, der einen Anfang von 1 raumentstellung 
zeigt. Es ist kein Zweifel, daß er selbst die Person ist deren Wunsche 
auf eine so reiche Mahlzeit, und zwar eine Bratenmahlzeit, zielen. Da 
er aber weiß, daß diese ihm verboten ist, wagt er es ‘ nicht, wie die 
huno-rio-en Kinder es im Traume tun (vgl. den Erdbeertraum memei 
kleinen Anna, Seite 95), sich selbst zur Mahlzeit hinzusetzen. Die 

Person bleibt anonym. , 

II. Ich träume einmal, daß ich in der Auslage einer Buclihand- 
luno- ein neues Heft jener Sammlung im Liebhaberemband se e, ci 

ich°sonst zu kaufen pflege (Künstlermonographien, Monographie^zur 

AVeltgeschichte, berühmte Kuuststätten u. s. w.) Die neue bam 
lung nennt sich: Berühmte Redner (oder Reden) und das 
Heft I derselben trägt den Namen Dr. Lecher. 

In der Analyse wird es mir unwahrscheinlich, daß mich cer 
Ruhm Dr. Lechers, des Dauerredners der deutsclien s ru \ , 
im Parlament, während meiner Träume beschäftige. Der > ac iv .^ ’ < 
“L, daß &h vor einigen Tagen neue . X'Ä » 

Kur aufgenommen habe, und nun zehn bis elf Stun . < ö 

sprechen genötigt bin. Ich bin also selbst so ein Dauerrednei. . 

(las Große, Überreiche, Übe; niöfligo una Übertriebo.ie der 
könnte ein Kindheitscharakter sein. Das Kind Grißen; cs ist schwer 

als groß zu werden, von aUcm so ™ unersättlich nach Wiederholung dessen, 

zu befriedigen, kennt kein Gönn , xerian bescheiden, resignieren 

Ct ^Ä^h^^lÄu neigt aueh der Neurotiker 
zur Maßlosigkeit lind Unmlißigkcit. 


Dor Egoismus dor Träume. 


195 


III. Ich träume ein andermal, daß ein mir bekannter Lehrer an 
unserer Universität sagt: Mein iS oh n, der Myop. Dann folgt ein 
Dialog aus kurzen Reden und Gegenreden bestellend. Es folgt aber 
dann ein drittes TraumstUck, in dem ich und meine Söhne Vor- 
kommen, und für den latenten Trauminhalt sind Vater und Sohn, 
Professor M., nur Strohmänner, die mich und meinen Ältesten decken. 
Ich werde diesen Traum wegen einer anderen Eigentümlichkeit noch 
weiter unten behandeln. 

IV. Ein Beispiel von wirklich niedrigen egoistischen Gefühlen, 
die sich hinter zärtlicher Sorge verbergen, gibt folgender Traum. 

Mein Freund Otto schaut schlecht aus, ist braun im 
Gesichte und hat vor tretende Augen. 

Otto ist mein Hausarzt, in dessen Schuld ich hoffnungslos ver- 
bleibe, weil er seit Jahren die Gesundheit meiner Kinder überwacht, 
sie erfolgreich behandelt, wenn sie erkranken, und sie überdies zu 
allen Gelegenheiten, die einen Vorwand abgeben können, beschenkt. 
Er war am Traumtage zu Besuch, und da bemerkte meine Frau, daß 
er miide und abgespannt aussehe. Nachts kömmt mein Traum und 
leiht ihm einige der Zeichen der Basedowschen Krankheit. Wer 
sich in der Traumdeutung von meinen Regeln freimacht, der wird 
diesen 1 raum so verstehen, daß ich um die Gesundheit meines Freundes 
besorgt bin, und daß diese Besorgnis sich im Traume realisiert. Es 
wäre ein Widerspruch nicht nur gegen die Behauptung, daß der Traum 
eine Wunscherfüllung ist, sondern auch gegen die andere, daß er nur 
egoistischen Regungen zugänglich ist. Aber wer so deutet, möge mir 
erkläien, warum ich bei Otto die Basedowsche Krankheit befürchte, 
211 welcher Diagnose sein Aussehen auch nicht den leisesten Anlaß 
gibt? Meine Analyse liefert hingegen folgendes Material aus einer Be- 
gebenheit, die sich vor sechs Jahren zugetragen hat. Wir fuhren eine 
kleine Gesellschaft, in der sich auch Professor R. befand, in tiefer 
Dunkelheit durch den Wald von N., einige Stunden weit von unserem 
Sommeraufenthalt entfernt. Der nicht ganz nüchterne Kutscher wnrf 



Darauf der Edle: Das tut 


h fds daß Sie mir ein Nachthemd leihen, 
mir leid, das kann ich nicht, und ging von 


dannen. 



13 * 


190 


V. Traum material und Traumquellcm. 


Pädagogen. 


(Im Waclien fühle icli midi jetzt dieses Wissens nicht 
recht sicher.) Freund Otto ist aber diejenige Person, die ich gebeten 
habe, für den Fall, daß mir etwas zustößt, die körperliche Erziehung 
meiner Kinder, speziell in der Pubertätszeit (daher das Nachthemd) 
zu überwachen. Indem ich nun hrcund Otto im 1 raume mit den 
Krankheitssymptomen jenes edlen Helfers sehe, will ich offen bai sagen. 
Wenn mir etwas zustößt, wird von ihm ebensowenig etwas für die 
Kinder zu haben sein, wie damals von Herrn Baron L. trotz seiuer 

Der egoistische Einschlag dieses 


liebenswürdigen Anerbietungen. uv r cgoisuswic 
Traumes dürfte nun wohl aufgedeckt sein.*) 

Wo steckt aber hier die Wunscherfüllung? Nicht in 
an Freund Otto, dessen Schicksal es nun einmal ist, m meinen 
Träumen schlecht behandelt zu werden, sondern in folgender Beziehung. 
Indem ich Otto als Baron L. im Traume darstelle, habe ich gleich- 
zeitig meine eigene Person mit einer anderen identifiziert, nämlich mit 

der des Professors R., denn ich fordere ja etwas von Otto, wie in 

" ’ 1 ' Und daran hegt 


der Rache 


jener Begebenheit R. vom Baron L. 
es. Professor R. hat ähnlich wie 
Schule selbständig verfolgt und ist 
längst verdienten Titel gelangt. Ich 


gefordert 

o 


hat. 

ich seinen Weg außerhalb 
erst in späten Jahren zu dem 
will also wieder einmal Professor 
eine Wuuscherfüllung, 
meine Knaben selbst 


der 


worden! Ja selbst das „in spaten Jahicn 
denn es besagt, daß ich lange genug lebe, 
durch die Pubertät zu geleiten. 


ist 

um 


[Die anderen Formen von typischen Träumen batte ich m der 
ersten Auflage dieses Buches nur flüchtig gewürdigt, ei mn z 
wenig gutes Material zu Gebote stand. Meine seither gemehrte Er- 
fahrung gestattet mir nun, diese Träume im Groben in zwei fassen 
einzuteilen, in solche, die wirklich jedesmal den gleichen Sinn haben, 
und zweitens in solche, die trotz des gleichen oder ähnlichen Inh. s 
doch die verschiedenartigsten Deutungen erfahren müssen. \ on den 
fachen Tarnen der ersten Art will ich den Prldungstraum und den 

sogenannten Zahnreiztraum eingehender behandeln. . 

* Jeder, der mit der Maturitätsprüfung seine Gynmasialstudien 
abgeschlossen hat, klagt über die Hartnäckigkeit, mit welche 
Angsttraum, daß er durchfallen werde, die Klasse 
,1 dfrl ihn verfolgt. Für den Besitzer eines akademischen G indes 01 
Äi <W typische Trannr durch einen "»<>err,n der d ™ 
kalt daß er die rigorosen Prüfungen abzulegen habe, um 
den ? er vergeblich noch hn Schlaf, einwendet, daß er ja schon so.t 

ij“[Äis Dr. .tone, in mnem - -«£* £ SÄ 

niseben Gosollsehntt vom tg,-» <1« Tr,U ™ J'T.“ ’ E i,nvai,0, <äor Autor könne 
gegen diese unwissenschaftliche } ei allgemeine™ g Träume 

dofh nur über die Träume von Osterrembern urte en alle ihre 

von Amerikanern niehts aosangen. feie sei für ihre 1 erson 
Träume streng altruistisch seien]. 


Prüfungstiäume. 


197 


«Jahren praktiziere, Privatdozent sei oder Kanzleileiter. Es sind die 
unauslöschlichen Erinnerungen an die Strafen, die wir in der Kind- 
heit für verübte Untaten erlitten haben, dio sich so an den beiden 
Knotenpunkten unserer Studien, an dem „dies irae, dies illa“ der 
strengen Prüfungen in unserem Inneren wieder geregt haben. Auch 
die „Prüfungsangst“ der Neurotiker findet in dieser Kinderangst ihre 
Verstärkung. Nachdem wir aufgehört haben Schüler zu sein, sind 
es nicht mehr wie zuerst die Eltern und Erzieher oder später die 
Lehrer, die unsere Bestrafung besorgen ; die unerbittliche Kausalver- 
kettung des Lebens hat unsere weitere Erziehung übernommen, und 
nun träumen wir von der Matura oder von dem Rigorosum, — und 
wer hat damals nicht selbst als Gerechter gezagt? — so oft wir er- 
warten, daß der Erfolg uns bestrafen werde, weil wir etwas nicht 
recht gemacht, nicht ordentlich zu stände gebracht haben, so oft wir 
den Druck einer Verantwortung fühlen. 

Die eigentliche Aufklärung der Prüfungsträume danke ich einer 
Bemerkung von seiten eines kundigen Kollegen, der einmal in einer 
wissenschaftlichen Unterhaltung hervorhob, daß seines Wissens der 
Maturatraum nur bei Personen vorkomme, die diese Prüfung bestanden 
haben, niemals bei solchen, die an ihr gescheitert sind. Der ängst- 
liche Prüfungstraum, der, wie sich immer mehr bestätigt, dann auf- 
tritt, wenn man vom nächsten Tage eine verantwortliche Leistung und 
die Möglichkeit einer Blamage erwartet, würde also eine Gelegenheit 
aus der Vergangenheit herausgesucht haben, bei welcher sich die 
große Angst als unberechtigt erwies und durch den Ausgang wider- 
legt wurde. Es wäre dies ein sehr auffälliges Beispiel von Mißver- 
ständnis des Trauminhalts durch die wache Instanz. Die als Em- 
pörung gegen den Traum aufgefaßte Einrede: Aber ich bin ja schon 
Doktor u. dgl. wäre in Wirklichkeit der Trost, den der Traum spen- 
det, und der also lauten würde: Fürchte dich doch nicht vor morgen 5 
denke daran, welche Angst du vor der Maturitätsprüfung gehabt hast 
und cs ist dir doch nichts geschehen. Heute bist du ja schon Doktor 
u. s w. Die Angst aber, die wir dem Traume anrechnen, stammte 
aus den Tagesresten. 

Die I roben auf diese Erklärung, die ich bei mir und anderen 
anstcllen konnte, wenngleich sie nicht zahlreich genug waren, haben 
gut gestimmt. Ich bin z. B. als Rigorosant in gerichtlicher Medizin 
< urch ge fallen ; niemals hat dieser Gegenstand mir im Traume zu 
schaffen gemacht, während ich häufig genug in Botanik, Zoologie 
oder Chemie geprüft wurde, in welchen Fächern ich mit gut begrün- 

i!n Cr i Ar l SSt ? U1 ’ ^ ruh A n ? S e g an gen, der Strafe aber durch Gunst des 
> c lc-wsas oder des Prüfers entgangen bin. Im Gymnasialprüf ungs- 
traume werde ich regelmäßig aus Geschichte geprüft, wo ich damals 

d tor°p d r t en iabe ’- aber al,erdin S s nur, weil mein liebenswür- 
n ö n 1 rofessor — der einäugige Helfer eines anderen Traumes, vgl. 

^ ’ nicht übersehen hatte, daß auf dem Prüfungszettel, den ich 


198 


V. Traummaterial lind Traum quellen. 


ihm zurückgab, die mittlere von drei Fragen mit dem Fingernagel 
durchgestrichen war, zur Mahnung, daß er auf dieser Frage nicht 
bestehen solle. Einer meiner Patienten, der von der Matura zurück- 
getreten war und sie später nachgetragen hatte, dann aber hei der 
Offiziersprüfung durchgefallen und nicht Offizier geworden ist, be- 
richtet mir, daß er oft genug von der ersteren, aber nie von der 
letzteren Prüfung träumt. 

Der oben erwähnte Kollege [Dr. St ekel in Wien] macht auf 
den Doppelsinn des Wortes „Matura“ ("Reife) aufmerksam und will 
beobachtet haben, daß Maturitätsträume recht häufig auftreten, wenn 
eine sexuelle Erprobung für den nächsten Tag angesetzt ist, wo die 
gefürchtete Blamage also in der Entfaltung einer geringen Potenz be- 
stehen könnte. Ein deutscher Kollege hat dagegen, wie es scheint 
mit Recht, den Einwand erhoben, daß der Name dieser Prüfung in 
Deutschland — Abiturium — sich diesem Doppelsinn nicht bietet. 


Wegen des ähnlichen Affekteindrucks verdienen die Träume vom 
Nichterreicken eines Eisenbahnzuges den Prüfungsträumen angereiht 
zu werden. Ihre Aufklärung rechtfertigt dann diese Annäherung. Es 
sind Trostträume gegen eine andere im Schlaf empfundene Angstre- 
gung, die Angst zu sterben. „Abi'eisen“ ist eines der häufigsten und 
am besten zu begründenden Todessymbole. Der Traum sagt dann 
tröstend: Sei ruhig, du wirst nicht sterben (abreisen), wie der Prü- 

fungstraum beschwichtigte : Fürchte nichts ■ es wird dir auch diesmal 
nichts geschehen. Die Schwierigkeit im Verständnis beider Arten von 
Träumen riibrt daher, daß die Angstempfindung gerade an den Aus- 
druck des Trostes geknüpft ist. — Über Todessymbole handelt ausführ- 
lich Stekel in seinem neu erschienenen Buch: „Die Sprache des 
Traumes“. 


Der Sinn der „Zahnreizträume“, die ich bei meinen Patienten 
oft genug zu analysieren hatte, ist mir lange Zeit entgangen, weil sich 
zu meiner Überraschung der Deutung derselben regelmäßig allzu 
große Widerstände entgegenstellten. 

Endlich ließ die übergroße Evidenz keinen Zweifel daran, daß 
bei Männern nichts anderes als das Onaniegelüste der Pubertätszeit 
die Triebkraft dieser Träume abgebe. Ich will zwei solcher Träume 
analysieren, von denen einer gleichzeitig ein „Flug träum“ ist. Beide 
rühren von derselben Person her, einem jungen Manne mit starker, 
aber im Eeben gehemmter Homosexualität : 

Er befindet sich bei einer Fideliovorstellung im 
Parkett der Oper, neben L., einer ihm sympathischen 
Persönlichkeit, deren Freundschaft e r g e 1 n e 1 w e 1 e n 
möchte. Plötzlich fliegt er schräg hinweg über das 
Parkett bis ans Ende, greift sich dann in den Mund 
und zieht sich zwei Zähne aus. 


Zulinroizträume. 


199 

Don Flug beschreibt er selbst, als ob er in die Luft „geworfen“ 
würde. Da es sich um eine Vorstellung des . „Fidelio“ handelt, hegt 
das Dichterwort nahe: 

„Wer ein holdes Weib errungen“ — 

Aber das Erringen auch des holdesten Weibes gehört nicht zu 
den Wünschen des Träumers. Zu diesen stimmen zwei andere Verse 
besser • 

„Wem der große W u r f gelungen, 

Eines Freundes Freund zu sein . . .“ 

Der Traum enthält nun diesen „großen Wurf“, der aber nicht 
allein Wunscherfüllung ist. Es verbirgt sich hinter ihm aueh die 
peinliehe Überlegung, daß er mit seinen Werbungen um Freundschaft 
schon so oft Ungliiek gehabt hat, „hinausgeworfen“ wurde, und die 
Furcht, dieses Schieksal könnte sich bei dem jungen Manne, neben 
dem er die Fideliovorstellung genießt, wiederholen. Und nun schließt 
sich daran das für den feinsinnigen Träumer beschämende Geständnis 
an, daß er einst naeh einer Abweisung von seiten eines Freundes aus 
Sehnsueht zweimal hintereinander in sinnlieher Erregung onaniert hat. 

Der andere Traum: Zwei ihm bekannte Universitäts- 
professoren behandeln ihn an meiner Statt. Der eine 
tut irgend etwas an seinem Glied e; er hat Angst vor 
einer Operation. Der andere stößt mit einer eisernen 
Stange gegen seinen Mund, so daß er ein oder zwei Zähne 
verliert. Er ist mit vier seidenen Tüchern g.ebunden. 

Der sexuelle Sinn dieses Traumes ist wohl nieht zweifelhaft. Die 
seidenen Tücher entsprechen einer Identifizierung mit einem ihm be- 
kannten Homosexuellen. Der Träumer, der niemals einen Koitus aus- 
geführt, auch nie. in der Wirklichkeit gesehleehtlichen Verkehr mit 
Männern gesucht hat, stellt sich den sexuellen Verkehr nach dem 
Vorbilde der ihm einst vertrauten Pubertätsonanie vor. 

Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen des typischen 
Zahnreiztraumes, z. B. daß ein anderer dem Träumer den Zahn aus- 
zieht und ähnliches, dureh die gleiche Aufklärung verständlich werden. 
Rätselhaft mag es aber seheinen, wieso der „Zahnreiz“ zu dieser Be- 
deutung gelangen kann. Ieh maehe hier auf die so häufige Verlegung 
von unten naeh oben aufmerksam, die im Dienste der Sexual Verdrän- 
gung steht, und vermöge weleher in der Hysterie allerlei Sensationen 
und Intentionen, die sieh an den Genitalien abspielen sollten, wenig- 
stens an anderen einwandfreien Körperteilen realisiert werden können. 
Ein Fall von solcher Verlegung ist es auch, wenn in der Symbolik 
des unbewußten Denkens die Genitalien durch das Angesicht ersetzt 
werden. Der Sprachgebrauch tut dabei mit, indem er „Hinterbacken“ 
als Homologe der Wangen anerkennt, , ? Schamlippen“ neben den 
Rippen nennt, welehe die Mundspalte einrahmen. Die Nase wird in 
zahlreichen Anspielungen dem Penis gleichgestellt, die Behaarung hier 


200 


V. Trauimruiterial und Traum<|uollc*ü. 


und dort vervollständigt die Ähnlichkeit. Nur ein Gebilde stellt außer 
jeder Möglichkeit von Vergleichung, die Zähne, und gerade dies Zu- 
sammentreffen von Übereinstimmung und Abweichung macht die Zähne 
für die Zwecke der Darstellung unter dem Drucke der »Sexualver- 
drängung geeignet. 

Ich will nicht behaupten, daß nun die Deutung des Zahnreiz- 
traumes als Onanietraum, an deren Berechtigung ich nicht zweifeln 
kann, voll durchsichtig geworden ist.*) Ich gebe so viel, als ich zur 
Erklärung weiß, und muß einen Rest unaufgelöst lassen. Aber ich 
muß auch auf einen anderen im sprachlichen Ausdruck enthaltenen 
Zusammenhang hinweiscn. In unseren Landen existiert eine unfeine 
Bezeichnung für den masturbatori sehen Akt: sich einen ausreißen 
oder sich einen herunterreißen.**) Ich weiß nicht zu sagen, woher 
diese Redeweisen stammen, welche Verbildlichung ihnen zu Grunde 
liegt, aber zur ersteren von den beiden würde sich der „Zahn“ sehr 
gut fügen, f) 


*) [Nach einer Mitteilung von C. G. Jung haben die Zahnroizträume bei 
Frauen die Bedeutung von Geburtst räumen.] 

**) [Vgl. hiezu den „biographischen“ Traum auf Seite 200] 

-j-) [Da die Träume vom Zahnziehen oder Zahnausfall im Volks- 
glauben auf den Tod eines Angehörigen gedeutet werden, die Psychoanalyse ihnen 
aber solche Bedeutung höchstens im oben angedeuteten parodistischen Sinn zugestehen 
kann, schalte ich hier einen, von Otto Rank 109 ) zur Verfügung gestellten „Zahn- 
reiztrau m“ ein : 


»Zum Thema der Zahnreizträume ist mir von einem Kollegen, der sieh seit 
einiger Zeit für die Probleme der Traumdeutung lebhafter zu interessieren beginnt, 
der folgende Bericht zugekommen: 

„Mir träumte kürzlich, ich sei beim Zahnarzt, der mir einen 
rückwärtigen Zahn ries Unterkiefers ausbohrt. Er arbeitet so lange 
herum, bis der Zahn unbrauchbar geworden ist. Dann faßt er ihn 
mit der Zange und zieht ihn mit einer spielenden Leichtigkeit heraus, 
die mich in Verwunderung setzt. Er sagt, ich solle mir nichts 
daraus machen, denn das sei gar nicht der eigentlich behandelte 
Zahn und legt ihn auf den Tisch, wo der Zahn (wie mir nun scheint, 
ein oberer Schneidez ahn) in mehre re Schichten zerfällt. Ich erhebe 
mich vom 0 p e r a ti o n s s tuh 1, trete neugiorig näher und stelle inter- 
essiort eine medizinische Frage. Der Arzt erklärt mir, während er 
die einzelnen Teilstücke des auffallend weißen Zahnes sondert und 
mit einem Instrument zermalmt (pulverisiert), daß das mit der 
Pubertät zusammonhiingt und daß die Zähne nur vor der Pubertät 
so leicht h er au «gehen; bei Frauen sei das hiefiir entscheidende 
Moment die Geburt eines Kindes. — Ich merke dann (wie ich glaube 
im Halbschlaf), daß dieser Traum von oiner Pollution begleitet war, 
die ich aber nicht mit Sicherheit an eine bestimmte* Stelle des 
Traumes einzuroihen weiß; am eh es ton scheint sie mir noch beim 
Iler ausziehen dos Zahnes eingetreten zu sein. 

Ich träumo dann weiter einen mir nicht mohr erinnerlichen 
Vorgang, der damit abschloß, daß ich Hut und Rock in der Hoffnun 
man wordo mir die Kleidungsstücke nachbringen, irgendwo (mö 
lieh erweise in dor Garderobe des Zahnarztos) zurück lassend und 
bloß mit dem Üborrock bekleidet mich be oil te. einen abgehenden 
Zug noch zu orreichen. Es gelang mir auch im letzten Moment auf 


tL in 


Zalmruiztmume. 


201 


Zur zweiten Gruppe von typischen Tniuinen gelieren die, in 
denen man fliegt oder schwebt, fällt, schwimmt u. dgL Was bedeuten 
diese Träume? Das ist allgemein nicht zu sagen. Sie bedeuten, wie 
wir hören werden, in jedem Falle etwas anderes, nur das Material 
an Sensationen, das sie enthalten, stammt allemal ans derselben Quelle. 


iloii rückwärtigen Waggon a u f z u sp rin g e n, wo bereits jemand stand. 
Ich konnte jedoch nicht mehr in das inner o des Wagens gelangen, 
sondern mußte in einer unbequemen Stellung, aus der ich mieh 
mit schließlic hem Erfolg zu befreien versuchte, die R eise mitmaeh en. 
Wir fahren durch ein großes Tunnel, wobei in der Gegenrichtung 
zwei Züge wie durch unseren Zug hindurch fahren, als ob dieser das 
Tunnel wäre. I e h schaue wie von außen durch ein W ag go n f e n s te r 
hinein. 


Als Material zu einer Deutung dieses Traumes ergeben sieh felgende Erleb- 
nisse uud Gedanken des Vortrages : 

I. Ieh stehe tatsächlich seit kurzem in zahnärztlicher Behandlung und habe 
zur Zeit des Traumes kontinuierlich Schmerzen in dem Zahn des Unterkiefers, der im 
Traume ausgebohrt whd und an dem der Arzt auch in Wirklichkeit sehen länger 
herumarbeitet, als mir lieb ist. Am Vormittag des Traumtages war ich neuerlich 
wegen der Schmerzen beim Arzt gewesen, der mir nahegelegt hatte, einen anderen 
als den behandelten Zahn im selben Kiefer ziehen zu lassen, von dem wahrscheinlich 
der Sehmerz herrühren dürfte. Es handelte sich um einen eben durchbrechenden 
„ Weisheitszahn“. Ich hatte bei der Gelegenheit auch eine darauf bezügliche Frage 
an sein ärztliches Gewissen gestellt. 

II. Am Nachmittag desselben Tages war ich genötigt, einer Dame gegenüber 
meine üble Laune mit den Zahnschmerzen entschuldigen zu müssen, worauf sie mir 
erzählte, sie habe Furcht, sich eine Wurzel ziehen zu lassen, deren Krone fast gänz- 
lieh abgebröekelt sei. Sie meinte, das Ziehen wäre bei den Angenzähnen besonders 
sehmerzhaft und gefährlich, obwohl ihr anderseits eine Bekannte gesagt habe, daß 
es. bei den Zähnen des Oberkiefers (um einen selchen handelte es sich bei ihr) 
leichtei gehe. Diese bekannte habe ihr auch erzählt, ihr sei einmal in der Narkose 
ein falscher Zahn gezogen worden, eine Mitteilung, welche ihre Seheu vor der not- 
wendigen Operation nur vermehrt habe. Sie fragte mich dann, ob unter Augenzähnen 
Backen- oder Eckzühne zu verstehen seien und was über diese bekannt sei. Ich 
machte sie einerseits auf den abergläubischen Einschlag in all diesen Meinungen 
auimerksam, ohne jedoch die Betonung des richtigen Kernes maucher volkstümlicher 
Anschauungen zu versäumen. Sie weiß darauf von einem ihrer Erfahrung nach 
sehr alten und allgemein bekannten Volksglauben zu berichten, der behauptet: 
Wenn eine Schwangere Zahnschmerzen hat, so bekommt sie einen 


. 11 r ; dieses Sprichwort interessierte mich mit Rücksicht auf die von Freud 
in seiner lraumdeutung (2. And. S. 193 f.) mitgeteilte typische Bedeutung der Zahn- 

<? a ja auch in ^m Volksspruch der Zahn und das 
unnhehe Genitale (Bub) in eine gewisse Beziehung gebracht werden. Ich las also 
am Abend desselben lages die betreffende Stelle in der Traumdeutung nach und 

SnflnS^nr • hn wiedergegebenen Ausführungen, deren 

Einfluß auf meinen Iraum ebenso leieht zu erkennen ist, wie die Einwirkung der 

M°!nnp™^M annt ? ^bniaae Freu<L schreibt von den Zahnreizträumen, „daß bei 
Träume 11 ab^ebe r™ 0nam T e? 1 f liist ? der Pubertätszeit die Triebkraft dieser 

- CrnCr: L Ich r ine ’ daßauch die Mufigen Modifikationen 
zkÄ Z ’ B * daß ein anderer dem Träumer den Zahn aus- 

“ ?uj hnll f ?** dureh dl , c 2 leicbe Auf klärung verständlich werden. Rätselhaft 
Zlf-hl wi s f ebe . lnen ’ W1C ; SÜ der Zahnreiz zu dieser Bedeutung gelangen kann Ich 
mache hier auf che so häufige Verlegung von unten nach cbenV ve^egen- 


202 


V. Tniumnmtcrial und 'rriunnquellcn. 


Aus den Auskünften, die man durch die Psychoanalysen erhält, 
muß man schließen, daß auch diese Träume Eindrücke der Kinder- 
zeit wiederholen, nämlich sich auf die Bewegungsspiele beziehen, die 
für das Kind eine so außerordentliche Anziehung haben. Welcher 
Onkel hat nicht schon ein Kind fliegen lassen, indem er die Arme 

deu Traume vom Unterkiefer in den Oberkiofer] aufmerksam, die im Dienste der 
Sexual Verdrängung steht und vermöge welcher in der Hysterie allerlei Sensationen 
und Intentionen, die sich an den Genitalien abspielen sollten, wenigstens an anderen 
einwandfreien Körperstellen realisiert werden können“ (S. 194). „Aber ich muß auch 
auf einen anderon im sprachlichen Ausdruck enthaltenen Zusammenhang hinweisc». 
In unseron Landen existiert eine unfeine Bezeichnung für den masturbatorischon Akt : 
sieh einen ausreißen oder sich einen heruuterreißen“ (S. 195). Dieser Ausdruck war 
mir schon in früher Jugend als Bezeichnung für die Onanie geläufig und von hier 
aus wird der geübte Traumdeuter unschwer den Zugang zum Kiudheitsmatcrial, das 
diesem Traume zugrunde liegen mag, finden. Ich erwähno nur noeh. daß die Leich- 
tigkeit mit der im Traume der Zahn, der sich nach dem Ziehen in einen oberen 
Scbneidczahn verwandelt, herausgeht, mich an einen Vorfall meiner Kindcrzeit erinnert, 
wo ich mir oinen wackligen oberen Vorderzahn leieht und schmerzlos selbst 
aus riß Dieses Ereignis, das mir heute noch iu allen seinen Einzelheiten deutlich 
erinnerlich ist, fällt in dieselbe frühe Zeit, iu die bei mir die ersten bewußten Ouame- 
versuche zurückgehen (Deckerinneruug). 

Der Hinweis Freuds auf eine Mitteilung von C. G. Jung, wonach dio Zahn- 
reizträume bei Frauen die Bedeutung v o n G e bu r ts t r ä u in e " 
deutune S 194 Anmkg.) sowie der Volksglaube von der Bedeutung .des Zahnschmer- 
zes bei Schwangeren haben die Gegenüberstellung der weiblichen Bedeutung gegen- 
über der männlichen (Pubertät) im Traume veranlaßt. Dazu erinnere ich mich eines 
früheren Traumes, wo mir bald nachdem ich aus der Behandlung eines Zahnarz es 
entlassen worden war, träumte, daß mir die eben eingesetzten Goldkronen heraus- 
iielen worüber ich mich wegen des bedeutenden Kostenaufwandes, den ich damals 

hau,, im Traum, sehr ärgerte. Dieser Traum w.rd nur 
,etzt im Hinblick auf ein gewisses Erlebnis als Anpreisung der materiellen Vorzüge 
der Masturbation gegenüber der in jeder Form ökonomisch nachteiligeren Objcktliebe 
vorständlich (Goldkronen) und ieh glaube, daß die Mitteilung iener Dame über d 
Bedeutung des Zahnschmerzes bei Schwangeren, diese Gedankengänge in mir wieder 

wachrief“. we^ ^ ^ weitereg oinleuchtende und wie ich glaube auch einwand- 
freie Deutuno- des Kollegen, der ich nichts hinzuzufügen habe, als etwa den Hinweis 
au e d?r:aVb.,uli,h,S Sinn de, zwei,«, Traum.eil,., e ”„ 

(Tunnel durch den die Züge in verschiedenen Richtungen hinein- und herausfahren) 
sowie die Gefahren desselben (Schwangerschaft; Uberzieher) darstellt. 

Darre freu schoint mir der Fall theoretisch nach zwei Richtungen interessant. 

Dagegen sc Freud aufgedeckten Zusammenhang, daß die 

STatiöuTm T ^ aum, bd n Akt d,“ kILiebeus“ erfolgt. Sind wir doch genbtg 
v J l n i cher Form immor sie auftreten mag, als eine masturbator.scbe 
BpfrldKiCruwLn, welche ohne Zuhilfenahme mechanischer Reizungen zustande 
Befncdigu g * * ’ ^ ß . ^: esem Falle die pollutionistische Befriedigung nicht 

sexuellen m “ “Hebung w.„ etsebein, ist folgend.,. 

Es liegt der Ein wand nähe, daß die F r oudsche d c T VorlrSgcr.Xhi 


2U3 


Fliogotrauino. 


auästrcukend durchs Zimmer mit ihm eilte, oder Fallen mit ihm ge- 
spielt, indem er es auf den Knien schaukelte und das Bein plötzlich 
streckte, oder es hoch hob und plötzlich tat, als ob er ihm die Un- 
terstützung entziehen wollte. Die Kinder jauchzen dann und verlan- 
gen unermüdlich nach Wiederholung, besonders wenn etwas Schreck 
und Schwindel mit dabei ist; dann schaffen sie sich nach Jahren die 
Wiederholung im Traume, lassen aber im Traume die Hände weg, 
die sie gehalten haben, so daß sie nun frei schweben und fallen. Die 
Vorliebe aller kleinen Kinder für solche Spiele wie für Schaukeln und 
Wippen ist bekannt ; wenn sie dann gymnastische Kunststücke im 
Zirkus sehen, wird die Erinnerung von neuem aufgefrischt. Bei man- 
chen Knaben besteht dann der hysterische Anfall nur aus Reproduk- 
tionen solcher Kunststücke, die sie mit großer Gechicklichkeit aus- 
führen. Nicht selten sind bei diesen an sich harmlosen Bewegungs- 
spielen auch sexuelle Empfindungen wachgerufen worden.*) Um es 
mit einem bei uns gebräuchlichen, all diese Veranstaltungen decken- 
den Worte zu sagen: es ist das „Hetzen“ in der Kindheit, welches 
die Träume vom Fliegen, Fallen, Schwindeln u. dgl. wiederholen, 
dessen Lustgefühle jetzt in Angst verkehrt sind. Wie aber jede Mutter 
weiß, ist auch das Hetzen der Kinder in der Wirklichkeit häufig 
genug in Zwist und Weinen ausgegangen. 

Ich habe also guten Grund, die Erklärung abzulehnen, daß der 
Zustand unserer Hautgefühle während des Schlafes, die Sensationen 


Besuch beim Zahnarzt, das Gespräch mit der Dame und die Lektüre der Traum- 
deutung erklärten hinreichend, daß der auch nachts dnreh Zahnschmerzen beunruhigte 
•Schläfer diesen Traum produziere; wenn rr.an durchaus wollo sogar zur Beseitigung 
des schlafstöreuden Schmerzes (mittels. der Vorstellung von der Entfernung des 
schmerzenden Zahnes bei gleichzeitiger Übertönung der gefürchteten Schmerzempfin- 
dung durch Libido). Nun wird man aber selbst bei den weitestgehenden Zugeständ- 
nissen in dieser Richtung die Behauptung nicht ernsthaft vertreten wollen, daß die 
Lektüre der Freud sehen Aufklärungen den Zusammenhang von Zahnziehen und 
Masturbationsakt in dem Träumer hcrgestellt oder auch nur wirksam gemacht haben 
könnte, wenn er nicht, wie der Träumer selbst eingestanden hat („sich einen aus- 
reißen“) längst vorgebildet gewesen wäre. Was vielmehr diesen Zusammenhang neben 
dem Gespräch mit der Dame belebt haben mag, ergibt die spätere Mitteilung des 
Träumers, daß er bei der Lektüre der Traumdeutung aus begreiflichen Gründen an 
diese typisehe Bedeutung der Zahnreizträumo nicht recht glauben mochto und den 
V unsch hegte, zu wissen, ob dies für alle derartigen Träume zutreffo. Der Traum 
bestätigt ihm nun das wenigstens für seine eigene Person uud zeigt ihm so, w r arnm 
ei daran zweifeln mußto. Der Traum ist also auch in dieser Hinsicht die Erfüllung 
eines Wunsches: nämlich sich von der Tragweite und der Haltbarkeit dicse*r 
r reudschen Auffassung zu überzeugen^.] 

) juuger, y on Nervosität freier Kollege teilt mir hiezu mit: -Ich 
weiß aus eigener Erfahrung, daß ich früher beim Schaukeln, uud zwar in dem 
. 0lnen > w ® die Abwärtsbewegung die größte Wucht hat, oin eigentümliches Gefühl 
m en Genitalien bekam, das ich, obwohl cs mir eigentlich nicht angenehm war, 
doch als Lustgefühl bezeichnen muß.“ — Von Patienten habe ich oftmals gehört 
daß die ersten Erektionen mit Lustgefühl, die sie erinnern, in der Knabenzeit beim 
Klettern aufgetreten smd. — Aus den Psychoanalysen ergibt sich mit aller Sicherheit, 

a u g die ersten sexuellen Kegungen in den Rauf- und Kingspielon der Kinder- 
janre wurzeln. 


204 


V. Tniumniaterial und Trauniquullcn. 


von der Bewegung unserer Lungen u dgl. die Träume vom Fliegen 
und Fallen hervorrufen. Ich sehe, daß diese Sensationen seihst aus 
der Erinnerung reproduziert sind, auf welche der Traum sich bezieht, 
daß sie also Trauminhalt sind und nicht Traumquellen. 

Dieses gleichartige und aus der nämlichen Quelle stammende 
Material von Bewegungsemplindungen wird nun zur Darstellung der 
allermannigfaltigsten Traumgedanken verwendet. Die meist lustbeton- 
ten Träume vom Fliegen erfordern die verschiedensten Deutungen, 
ganz spezielle bei einigen Personen, Deutungen von seihst typischer 
Natur bei anderen. Eine meiner Patientinnen pflegte sehr häufig zu 
träumen, daß sie über die Straße in einer gewissen Höhe schwebe, 
ohne den Boden zu berühren. Sie war sehr klein gewachsen und 
scheute jede Beschmutzung, die der Verkehr mit Menschen mit sich 
bringt. Ihr Schwebetraum erfüllte ihr beide Wünsche, indem er ihre 
Füße vom Erdboden abhob und ihr Haupt in höhere Regionen ragen 
ließ. Bei anderen Träumerinnen hatte der Fliegetraum die Bedeutung 
der Sehnsucht: Wenn ich ein Vöglein wär’ ; andere wurden so nächt- 
licherweise zu Engeln in der Entbehrung, bei Tage so genannt zu 
werden. Die nahe Verbindung des Fliegens mit der Vorstellung des 
Vogels macht es verständlich, daß der Fliegetraum bei Männern meist 
eine grobsinnliche Bedeutung hat. Wir werden uns auch nicht ver- 
wundern, zu hören, daß dieser oder jener Träumer jedesmal sehr stolz 
auf sein Fliegenkönnen ist. 

Dr. Paul Federn (Wien) hat die bestechende Vermutung aus- 
gesprochen, daß ein guter Teil der Fliegeträume Erektionsträume sind, 
da das merkwürdige und die menschliche Phantasie unausgesetzt be- 
schäftigende Phänomen der Erektion als Aufhebung der Schwerkraft 
imponieren muß. (Vgl. hiezu die geflügelten Phallen der Antike). 

Die Träume vom Fallen tragen häufiger den Angstcharakter. 
Ihre Deutung unterliegt bei Frauen keiner Schwierigkeit, da sie fast 
regelmäßig die symbolische Verwendung des Fallens akzeptieren, wel- 
ches die Nachgiebigkeit gegen eine erotische Versuchung umschreibt. 
Die infantilen Quellen des Falltraumes haben wir noch nicht erschöpft ; 
fast alle Kinder sind gelegentlich gefallen und wurden dann aufgeho- 
ben und geliebkost • wenn sie Nachts aus dem Bettchen gefallen waren, 
von ihrer Pflegeperson in ihr Bett genommen. 

Personen, die häufig vom Schwimmen träumen, mit großem Be- 
hagen die Wellen teilen u. s. w. sind gewöhnlich Bettnässer gewesen 
und wiederholen nun im Traume eine Lust, auf die sie seit langer 
Zeit zu verzichten gelernt haben. Zu welcher Darstellung sich die 
Träume vom Schwimmen leicht bieten, werden wir bald an dem 
einen oder dem anderen Beispiele erfahren. 

Die Deutung der Träume vom Feuer gibt einem erbot der 
Kinderstube Recht, welches die Kinder nicht „zündeln“ heißt, damit 
sie nicht nächtlicher Weile das Bett nilssen sollen. Es liegt nämlich 
auch ihnen die Reminiszenz an die Enuresis nocturna der Kinder- 


Verwiegen sexueller Wtlnschu in dun latenten Traumgedanken. 205 


jalire zu Grunde. In dem „Bruchstück einer Hysterieanalyse“ I905 :!: ) 
habe ich die vollständige Analyse und Synthese eines solchen Feuer- 
traumes im Zusammenhänge mit der Krankengeschichte der Träume- 
rin gegeben und gezeigt, zur Darstellung welcher Regungen reiferer 
Jahre sich dieses infantile Material verwenden läßt. 

Man könnte noch eine ganze Anzahl von „typischen“ Träumen 
anführen, wenn man darunter die Tatsache der häufigen Wiederkehr 
des gleichen manifesten Trauminlialts bei verschiedenen Träumern 
verstellt, so z. B. : Die Träume vom Gehen durch enge Gassen, vom 
Gehen durch eine ganze Flucht von Zimmern, die Träume vom nächt- 
lichen Räuber, dem auch die Vorsichtsmaßregeln der Nervösen vor 
dem Schlafengehen gelten, die von Verfolgung durch wilde Tiere, 
(Stiere, Pferde) oder von Bedrohung mit Messern, Dolchen, Lanzen, 
die beide letztere für den manifesten Trauminhalt von Angstleidenden 
charakteristisch sind u. dgl. Eine Untersuchung, die sich speziell 
mit diesem Material beschäftigen würde, wäre sehr dankenswert. Ich 
habe an ihrer Statt zwei Bemerkungen zu bieten, die sich aber nicht 
ausschließlich auf typische Träume beziehen. 

I. Je mehr man sich mit der Lösung von Träumen beschäftigt, 
desto bereitwilliger muß man anerkennen, daß die Mehrzahl der 
Träume Erwachsener sexuelles Material behandelt und erotische 
Wünsche zum Ausdruck bringt. Nur wer wirklich Träume analysiert, 
d. h. vom manifesten Inhalt derselben zu den latenten Traumgedanken 
vordringt, kann sich ein Urteil hierüber bilden, nie wer sich damit 
begnügt, den manifesten Inhalt zu registrieren [wie z. B. Näcke in 
seinen Arbeiten über sexuelle Träume]. Stellen wir gleich fest, daß 
diese Tatsache uns nichts Überraschendes bringt, sondern in voller Über- 
einstimmung mit unseren Grundsätzen der Traumerklärung steht. 
Kein anderer Trieb hat seit der Kindheit so viel Unterdrückung er- 
fahren müssen, wie der Sexualtrieb in seinen zahlreichen Komponenten,**) 
< ndeien erübrigen so viele und so starke unbewußte 
V ünsche, die nun im Schlafzustande traumerzeugend wirken. Man 
darf bei der Traumdeutung diese Bedeutung sexueller Komplexe nie- 
mals vergessen, darf sie natürlich auch nicht zur Ausschließlichkeit 
übertreiben. 

An vielen Träumen wird man bei sorgfältiger Deutung fest- 
stellen können, daß sie selbst bisexuell zu verstehen sind, indem sie 
eine unabweisbare Uberdeutung ergeben, in welcher sie homosexuelle 
d. li. der normalen Geschlechtsbetätigung der träumenden Person ent- 
gegengesetzte Regungen realisieren. Daß aber alle Träume bisexuell 
zu deuten seien, wie W. Stekel (Die Sprache des Traumes, 1911) 
und Alt Adler (Der psychische Hennaphroditismus im Leben und 
m der Neu rose, Fortschritte der Medizin 1910, Nr. IG und spätere Ar- 

-Ir 1 ' Scllrift . en 7 - Neurosenlehre. Zweite Folge, 1909]. 

) L' er o J - des Verf. „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“, 1905, 2. Auf], 1910] 


20G 


V. Traum material und Truumquollen. 


beiten im Zcntralblatt für Psychoanalyse I. 3 910/1 1) behaupten, scheint 
mir eine ebenso unbeweisbare wie unwahrscheinliche Verallgemeinerung, 
welche ich nicht vertreten möchte. Ich wüßte vor allem den 
Augenschein nicht wegzuschaffen, daß es zahlreiche Träume gibt, 
welche andere als — im weitesten Sinn — erotische Bedürfnisse 
befriedigen, die Hunger- und Durstträume, Bequemlichkeitsträume 
u. s. w. Auch die ähnlichen Aufstellungen, „daß hinter jedem Traum die 
Todesklausel zu finden sei“ (Stekel), daß jeder Traum ein „Port- 
schreiten von der weiblichen zur männlichen Linie“ erkennen lasse 
(Adler), scheinen mir das Maß des in der Traumdeutung Zulässigen 
weit zu überschreiten. 

Daß die auffällig harmlosen Träume durchweg grobe erotische 
Wünsche verkörpern, haben wir bereits an anderer Stelle behauptet 
und könnten wir durch zahlreiche neue Beispiele erhärten. Aber auch 
viele indifferent scheinende Träume, denen man nach keiner Richtung 
etwas Besonderes anmerken würde, führen sich nach der Analyse auf 
unzweifelhaft sexuelle Wunschregungen oft unerwarteter Art zurück. 
Wer würde z. B. bei nachfolgendem Traume einen sexuellen 
Wunsch vor der Deutungsarbeit vermuten? Der Träumer erzählt: 
Zwischen zwei stattlichen Palästen steht etwas zurück- 
tretend ein kleines Häuschen, dessen Tore geschlossen 
sind. Meine Frau führt mich das Stück der Straße bis 
zu dem Häuschen hin, drückt die Tür ein und dann 
schlüpfe ich rasch und leicht in das Innere eines schräg 
aufs teig enden Hofes. 

Wer einige Übung im Übersetzen von Träumen hat, wird aller- 
dings sofort daran gemahnt werden, daß das Eindringen in enge 
Räume, das Öffnen verschlossener Türen zur gebräuchlichsten sexuellen 
Symbolik gehört, und wird mit Leichtigkeit in diesem Traume eine 
Darstellung eines Koitusversuches von rückwärts [zwischen den beiden 
stattlichen Hinterbacken des weiblichen Körpers] finden. Der enge 
schräg aufsteigende Gang ist natürlich die Scheide; die der Frau des 
Träumers zugeschobene Hilfeleistung nötigt zur Deutung, daß in Wirk- 
lichkeit nur die Rücksicht auf die Ehefrau die Abhaltung von einem 
solchen Versuche besorgt, und eine Erkundigung ergibt, daß am 
Traumtag ein junges Mädchen in den Haushalt des Träumers einge- 
treten ist, welches sein Wohlgefallen erregt und ihm den Eindruck 
gemacht hat, als würde es sich gegen eine derartige Annäherung 
nicht zu sehr sträuben. Das kleine Haus zwischen den zwei Palästen ist 
von einer Reminiszenz an den Hradschin in Prag hergenommen und 
weist somit auf das nämliche aus dieser Stadt stammende Mädchen hin. 

Wenn ich gegen Patienten die Häufigkeit des Odipustraumes. 
mit der eigenen Mutter geschlechtlich zu verkehren, betone, so be- 
komme ich zur Antwort: Ich kann mich an einen solchen Traum 
nicht erinnern. Gleich darauf steigt aber die Erinnerung an einen 
anderen unkenntlichen und indifferenten Traum auf, der sich bei dem 


Goburtsträume. 


207 


Betreffenden häufig wiederholt hat, und die Analyse zeigt, daß dies 
ein Traum des gleichen Inhalts, nämlicli wiederum ein Ödipustraum 
ist. Ich kann versichern, daß die verkappten Träume vom Sexual- 
verkehre mit der Mutter um ein Vielfaches häufiger sind, als die auf- 
richtigen.*) .. 

Es gibt Träume von Landschaften oder Örtlichkeiten, bei denen 

im Traume noch die Sicherheit betont wird: Da war ich schon ein- 
mal. Diese Örtlichkeit ist dann immer das Genitale der Mutter; in 
der Tat kann man von keiner anderen mit solcher Sicherheit be- 
haupten, daß man „dort schon einmal war“. 

Einer großen Anzahl von Träumen, die häufig angsterfüllt sind, 
oft das Passieren von engen Räumen oder den Aufenthalt im Wasser 
zum Inhalt haben, liegen Phantasien Uber das Intrauterinleben, das 
Verweilen im Mutterleibe und den Geburtsakt zu Grunde. Im fol- 
genden gebe ich den Traum eines jungen Mannes wieder, der in der 
Phantasie schon die intrauterine Gelegenheit zur Belauschung eines 
Koitus zwischen den Eltern benützt. 

„Er befindet sich in einem tiefen Schacht, in dem 
ein Fenster ist, wie im Semmeringtunnel. Durch dieses 
sieht er zuerst leere Landschaft und dann komponiert 
er ein Bild hinein, welches dann auch sofort da ist und 
die Leere a u s f U 1 1 1. Das Bild stellt einen Acker dar, der 
vom Instrument tief aufgewühlt wird, und die schöne 
Luft, die Idee der gründlichen Arbeit, die dabei ist, die 
blauschwarzen Schollen machen einen schönen Ein- 
druck. Dann kommt er weiter, sieht eine Pädag ogik auf- 
geschlagen .... und wundert sich, daß den sexuellen 
Gefühlen [des Kindes] darin soviel Aufmerksamkeit 
geschenkt wird, wobei er an mich denken muß.“ 

Ein schöner Wassertraum einer Patientin, der zu einer beson- 
deren Verwendung in der Kur gelangte, ist folgender: 

In ihrem Sommeraufenthalt am ** See stürzt sie 
sich ins dunkle Wasser dort, wo sich der blasse Mond 
im Wasser spiegelt. 


*) [Ein typisches Beispiel eines solchen verkappten Ödipustraumes habe ich 
in Nr. 1 des Zentralblattes für Psychoanalyse veröffentlicht ; ein anderes mit aus- 

führlicher Deutung O. llank ebendort in Nr. 4. Den Alten war übrigens auch die 
symbolische Deutung der unverhüllten Ödipusträumo nicht fremd. (Vgl. 0. liank 10 “) 
p. 534): „So ist von Julius Cilsar ein Traum vom geschlcchtlicheu Verkehr mit der 
Mutter überliefert, den die Traumdeuter als günstiges Vorzeichen für dio Besitz- 
ergreifung der Erde (M u tter = Erd e) anslegten. Ebeuso bekannt ist das den Tarqui- 
niern gegebene Orake', demjenigen von ihnen werde die Herrschaft Horns Zufällen, 
der zuerst die Mutter küsse (osculum matri tulerit), was Brutus als Hinweis auf 
die Mutter-Erde auffaßte (terram oscnlo contigit, scilicet qnod ea communia inater 
omnium mortalium esset. Livius I, LXI).“ Dieso Mythen und Deutungen weisen auf 
eine richtige psychologische Erkenntnis hin. Ich habe gefunden, daß die Personen, 
dio sich von der Mutter bevorzugt oder ausgezeichnet wissen, im Leben jeno be- 
sondere Zuversicht zu sich selbst, jenen unerschütterlichen Optimismus bekunden, die 
nicht selten als heldenhaft erscheinen und deu wirklichen Erfolir erzwingen. 1 


208 


\ . Trauinniaterial und Traumquellcn. 


Träume dieser Art sind Geburtsträume; zu ihrer Deutung ge- 
langt man, wenn man die im manifesten Traume mitgcteilte Tatsache 
umkehrt, also anstatt: sich ins Wasser stürzen, — aus dem Wasser 
herauskommen, d. h.: geboren werden. Die Lokalität, aus der man 
geboren wird, erkennt man, wenn man an den mutwilligen Sinn von 
„la lune“ im Französischen denkt. Der blasse Mond ist dann der weiße 
Popo, aus dem das Kind hergekommen zu sein bald errät. Was soll 
es nun heißen, daß die Patientin sich wünscht, in ihrem Sommer- 
aufenthalt „geboren zu werden“? Ich befrage die Träumerin, die ohne 
zu zögern antwortet: Bin ich nicht durch die Kur wie neugeboren? 
So wird dieser Traum zur Einladung, die Behandlung an jenem 
Sommerorte fortzusetzen, d. h. sie dort zu besuchen; er enthält viel- 
leicht auch eine ganz schüchterne Andeutung des Wunsches, selbst 
Mutter zu werden.*) 

Einen anderen Geburtstraum entnehme ich samt seiner Deutung 
einer Arbeit von E. Jones: s)r ’) „Sie stand am Meeresufer und 
beaufsichtigte einen kleinen Knaben, welcher der ihrige 
zu sein schien, während er ins Wasser watete. Dies tat er 
so weit, bis das Wasser ihn bedeckte, so daß sie nur noch 
seinen Kopf sehen konnte wie er sich an der Oberfläche 
auf und nieder bewegte. Die Szene ver -wandelte sich 
dann in die gefüllte Halle eines Hotels. Ihr Gatte ver- 
ließ sie, und sie ,trat in einGesp räch mit' eine mFremden.“ 

Die zweite Hälfte des Traumes enthüllte sich ohne weiteres bei 
der Analyse als Darstellung einer Flucht von ihrem Gatten und An- 
knüpfung intimer Beziehungen zu einer dritten Person. Der erste 
Teil des Traumes war eine offenkundige Geburtsphantasie. In den 
Träumen wie in der Mythologie wird die Entbindung eines Kindes 
aus dem Fruchtwasser gewöhnlich mittels der Umkehrung als Eintritt 
des Kindes ins Wasser dargestellt; neben vielen anderen bieten die 
Geburt des Adonis, Osiris, Moses und Bacchus gut bekannte Beispiele 
hiefür. Das Auf- und Niedertauchen des Kopfes im Wasser erinnert 
die Patientin sogleich an die Empfindung der Kindesbewegungen, 
welche sie während ihrer einzigen Schwangerschaft kennen gelernt 
hatte. Der Gedanke an den ins Wasser steigenden Knaben erweckt 
eine Träumerei, in welcher sie sich selbst sah, wie sie ihn aus dem 
Wasser herauszog, ihn in die Kinderstube führte, ihn wusch und 
kleidete und schließlich in ihr Haus führte. 

Die zweite Hälfte des Traumes stellt also Gedanken dar, welche 
das Fortlaufen betreffen, das zu der ersten Hälfte der verborgenen 

*) [Dio Bedeutung dor Phantasien und unbewußten Gedanken über das Leben 
im Muttorleibe habe ich erst vor kurzem würdigen gelernt. Sio enthalten sowohl 
die Aufklärung für die sonderbare Angst so vieler Menschen, lebendig begraben zu 
werdon, als auch die tiefste unbowußte Begründung des Glaubens an ein Fortleben 
nach dem Tode, welches nur die Projektion in die Zukunft dieses unheimlichen 
Lebens vor der Geburt darstellt. Der Geburtsakt ist übrigens das erste 
Angstorlobnis und somit die Quelle und Vorbild des Angstaffektes.] 


Sexuelle Symbolik im Traum. 


209 


Traumgedanken in Beziehung steht; die erste Hälfte des Traumes ent- 
spricht dem latenten Inhalt der zweiten Hälfte, der Geburtsphantasie. 
Außer der früher erwähnten Umkehrung greifen weitere Umkehrungen 
in jeder Hälfte des Traumes Platz. In der ersten Hälfte geht das 
Kind in das Wasser und dann baumelt sein Kopf; in den zugrunde 
liegenden Traumgedanken tauchen erst die Kindesbewegungen auf 
und dann verläßt das Kind das Wasser (eine doppelte Umkehrung). 
In der zweiten Hälfte verläßt ihr Gatte sie ; in den Traumgedanken 
verläßt sie ihren Gatten.“ [Übersetzt von 0. Rank.] 

Einen anderen Geburtstraum erzählt Abraham 79 ) von einer 
jungen, ihrer ersten Entbindung entgegensehenden Frau (p. 22): Von 
einer Stelle des Fußbodens im Zimmer führt ein unterirdischer Kanal 
direkt ins Wasser (Geburtsweg — Fruchtwasser). Sie hebt eine 
Klappe im Fußboden auf und sogleich erscheint ein in einen bräun- 
lichen Pelz gekleidetes Geschöpf, das beinahe einem Seehund gleicht. 
Dieses Wesen entpuppt sich als der jüngere Bruder der Träumerin, 
zu dem sie von jeher in einem mütterlichen Verhältnis gestanden hatte. 

Den Geburtsträumen schließen sich die Träume von „Rettungen“ 
an. Retten, besonders aus dem Wasser retten, ist gleichbedeutend 
mit Gebären, wenn es von einer Frau geträumt wird, modifiziert aber 
diesen Sinn, wenn der Träumer ein Mann ist. [Siehe einen solchen 
Traum bei Pfister: Ein Fall von psychanaly tisch er Seelsorge und 

Seelenheilung. Evangelische Freiheit 19Ö9.] — Über das Symbol des 
„Rettens“ vergl. meinen Vortrag: Die zukünftigen Chancen der psycho- 
analytischen Therapie. Zentralblatt für Psychoanalyse, Nr. 1, 1910, 
sowie: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens. I. Über einen 
besonderen Typus der Objektwahl beim Manne, Jahrbuch Bleuler — 
Freud Bd. II, 1910. 

Die Räuber, nächtlichen Einbrecher und Gespenster, vor denen 
man sich vor dem Zubettgehen fürchtet, und die auch gelegentlich 
den Schlafenden heimsuchen, entstammen einer und derselben infan- 
tilen Reminiszenz. Es sind die nächtlichen Besucher, die das Kind 
aus dem Schlafe geweckt haben, um es auf den Topf zu setzen, damit 
es das Bett nicht nässe, oder die die Decke gehoben haben, um sorg- 
sam nachzuschauen, wie es während des Schlafens die Hände hält. 
Aus den Analysen einiger dieser Angstträume habe ich noch die 
1 erson des nächtlichen Besuchers zur Agnoszierung bringen können 
Der Räuber war jedesmal der Vater, die Gespenster werden wohi 
e ler weiblichen Personen im weißen NachtgeAvande entsprechen, 
i i-i ^\ enn man sieb mit der ausgiebigen Verwendung der Sym- 
bolik für die Darstellung sexuellen Materials im Traume vertraut ge- 
macht hat, muß man sich die Frage vorlegeu, ob nicht viele dieser 
bymbole wie die „Siegel“ der Stenographie mit ein- für allemal 
restgelegter Bedeutung auftreten, und sieht sich vor der Versuchung 
em neues Traumbuch nach der Chiffriermethode zu entwerfen. Dazu 
ist zu bemerken : Diese Symbolik gehört nicht dem Traume zu eigen 

Freud, Traumdeutung. 3. Aufi. 


14 


210 


V. Traummaterial und Traumqucllen. 


an, sondern dem unbewußten Yorstcllen, speziell des Volkes, und ist 
im Folklore, in den Mythen, Sagen, Redensarten, in der Spruohweis- 
heit und in den umlaufenden Witzen eines Volkes vollständiger als im 
Traume auf zu linden. *) 

Der Traum bedient sich dieser Symbolik zur verkleideten Dar- 
stellung seiner latenten Gedanken. Unter den so verwendeten Sym- 
bolen sind nun allerdings viele, die regelmäßig oder fast regelmäßig 
das nämliche bedeuten wollen. Nur möge man der eigentümlichen 
Plastizität des psychischen Materials eingedenk bleiben. Ein Symbol 
kann gelegentlich einmal im Trauminhalt nicht symbolisch, sondern 
in seinem eigentlichen Sinne zu deuten sein 5 andere Male kann ein 
Träumer sich aus speziellem Erinnerungsmaterial das Recht schaffen, 
alles Mögliche als Sexualsymbol zu verwenden, was nicht allgemein 
so verwendet wird. Auch sind die gebräuchlichen sexuellen Symbole 
nicht gerade jedesmal eindeutig. 

Nach diesen Einschränkungen und Verwahrungen führe ich an: 
Der Kaiser und die Kaiserin [König und Königin] stellen wirklich 
zumeist die Eltern des Träumers dar, Prinz oder Prinzessin ist er 
selbst. — Alle in die Länge reichenden Objekte, Stöcke, Baumstämme, 
Schirme [des der Erektion vergleichbaren Aufspanuens wegen!], alle 
länglichen und scharfen Waffen : Messer, Dolche, Piken, wollen das 
männliche Glied vertreten. Ein häufiges, nicht recht verständliches 
Symbol desselben ist die Nagelfeile (des Reibens und Schabens wegen?). 
— Dosen, Schachteln, Kästen, Schränke, Ofen entsprechen dem Frauen- 
l c ib. — Zimmer im Traume sind zumeist Frauenzimmer, die Schil- 
derung ihrer verschiedenen Eingänge und Ausgänge macht au dieser 
Auslegung gerade nicht irre. Das Interesse, ob das Zimmer „offen 
oder „verschlossen“ ist, wird in diesem Zusammenhänge leicht ver- 
ständlich. [Vgl. den Traum Doras (Freud 89 )]. Welcher Schlüssel 
das Zimmer aufsperrt, braucht dann nicht ausdrücklich gesagt zu 
werden: die Symbolik von Schloß und Schlüssel hat Uhl and 1111 
Lied vom „Grafen Eberstein“ zur anmutigsten Zote gedient. — Der 
Traum, durch eine Flucht von Zimmern zu gehen, ist ein Bordell- 
odor Haremstraum. — Stiegen, Leitern, Treppen, resp. das Steigen 
auf ihnen, und zwar sowohl aufwärts als abwärts, sind symbohsc le 
Darstellungen des Geschlechtsaktes.**) - Glatte Wände, über die man 


*) I Vgl. die Arbeiten von Bleuler und seinen Züricher Schülern Maeder, 
Abraham u. a. über Symbolik, und die nicht ärztlichen Autoren, auf welche sie 
sieh beziehen (Kleinpaul n. a.).] 

**) Ich wiederhole hierüber, was ich an anderer Stelle (Die zukunft^en 
Chancen der psychoanalytischen Therapie, Zentral bl. f Psychoanalyse b^b- 
1910) geäußert habe: „Vor einiger Zeit wurde es mir bekannt, daß ein uns ferner 
stehender Psychologe sich an einen von uns mit der Bomerkung gewence . mr 1 ' 
schätzten doch gewiß die geheime sexuelle Bedeutung der Träume, ^.n Jidiü.gster 
Tr'ium sei eine Stiege hinauf zu steigen, uml da sei doch *-> j ‘ \ 

dahinter 61 ' Dureil diesen Einwand aufmerksam gemacht, haben wir dom Vorkommen 
Jon Stiegei, Treppen, Leitern im Traum Aufmerksamkeit geschenkt und konnten 


Soxuollu Symbolik im Traum 


211 


klettert, Fassaden von Häusern, an denen man sich — häutig unter 
starker Angst — herabläßt, entsprechen aufrechten menschlichen 
Körpern, wiederholen im Traum wahrscheinlich die Erinnerung an 
das Emporklettern des kleinen Kindes an Eltern und Pflegepersonen. 
Die „glatten“ Mauern sind Männer ; an den „Vorsprüngen“ der Häuser 
hält man sich nicht selten in der Traumangst fest. — Tische, ge- 
deckte Tische und Bretter sind gleichfalls Frauen, wohl des Gegen- 
satzes wegen, der hier die Körperwölbungen aufhebt. „Holz“ scheint 
überhaupt nach seinen sprachlichen Beziehungen ein Vertreter des 
weiblichen Stoffes (Materie) zu sein. Der Name der Insel Madeira 
bedeutet im Portugiesischen : Holz. Da „Tisch und Bett“ die Ehe 
ausmachen, wird im Traume häufig der erstere für das letztere gesetzt, 
und soweit es angeht, der sexuelle Vorstellungskomplex auf den Eß- 
komplex transponiert. — Von Kleidungsstücken ist der Hut einer Frau 
sehr häufig mit Sicherheit als Genitale, und zwar des Mannes, zu 
deuten. In Träumen der Männer findet man häufig die Krawatte 
als Symbol des Penis, wohl nieht nur darum, weil sie lange herab- 
hängt und für den Mann charakteristisch ist, sondern auch, weil man 
sie nach seinem Wohlgefallen auswählen kann, eine Freiheit, die beim 
Eigentlichen dieses Symbols von der Natur verwehrt ist. Personen, 
die dies Symbol im Traume verwenden, treiben im Leben oft großen 
Luxus mit Krawatten und besitzen förmliche Sammlungen von ihnen. 

— Alle komplizierten Maschinerien und Apparate der Träume sind 
mit großer Wahrscheinlichkeit Genitalien, in deren Beschreibung sich 
die Traumsymbolik so unermüdlich wie die Witzarbeit erweist. — 
Ebenso sind viele Landschaften der Träume, besonders solche mit Brücken 
oder mit bewaldeten Bergen unschwer als Genitalbeschreibungen zu 
erkennen. Endlich darf man bei unverständlichen Wortneubildungen 
an Zusammensetzung aus Bestandteilen mit sexueller Bedeutung denken. 

— Auch Kinder bedeuten im Traume oft nichts anderes als Genitalien, 
wie ja Männer und Frauen gewöhnt sind, ihr Genitale liebkosend 
als ihr „Kleines“ zu erwähnen. — Als ein ganz rezentes Traumsymbol 
des männlichen Genitales ist das Luftschiff zu erwähnen, welches so- 
wohl durch seine Beziehung zum Fliegen wie gelegentlich durch seine 
Form solche Verwendung rechtfertigt. — Mit einem kleinen Kinde 
spielen, den Kleinen schlagen usw. sind häufig Traumdarstellungen der 
Onanie. Eine Reihe anderer, zum Teil noch nicht genügend veri- 
fizierter Sym bole hat St ekel 114 ) angegeben und durch Beispiele be~ 

bald feststellen, daß die Stiege (und was ihr analog ist) ein sicheres Koitussymbol 
darstellt. Die Grundlage der Vergleichung ist nicht schwer aufzufinden, in rhyth- 
mischen Absätzen, unter znnehmonder Atemnot kommt man auf eine Höhe und kann 
dann in ein paar raschen Sprüngen wieder unten sein. So findet sich der Rhythmus 
des Koitus im Stiegensteigen wieder. Vergessen wir nicht den Sprachgebrauch 
leranzuziehen. Er zeigt uns, daß das „Steigen“ ohne weitores als Ersatzbezeichnung 
der sexuellen Aktion gebraucht wird. Man pflegt zu sagon, der Mann ist ein 
„Steiger , „nachsteigen“. Im Französischen heißt die Stufe der Treppe ln marche- 
„nn vieux mareheur“ deckt sich ganz mit unserem „ein alter Steiger“. 

14 * 


212 


V. Traum material uud Traum quellen. 


legt. Rechts uncl Liuks sollen nach ihm im Traum ethisch auf- 
zufassen sein. „Der rechte Weg bedeutet immer den Weg des 
Rechtes, der linke den des Verbrechens. So kann der linke Homo- 
sexualität, Inzest, Perversion, der rechte die Ehe. Verkehr mit einer 
Dirne usw. darstellen. Immer gewertet von dem individuell moralischen 
Standpunkt des Träumers“ (1. c. p. 466). Die Verwandten überhaupt 
spielen im Traume meistens die Rolle von Genitalien (p. 473). Das 
Nichtein holen eines Wagens löst St ekel als das Bedauern über 
eine nicht einznholende Altersdifferenz (p. 479). Das Gepäck, mit 
dem man reist, sei die Sündenlast, von der man gedrückt wird (ibid.). 
Auch den häufig in Träumen vorkommenden Zahlen hat St ekel 
fixierte Symbolbedeutungen zugewiesen, doch erscheinen diese Auf- 
lösungen weder genügend sichergestellt, noch allgemein gütig, wenn- 
gleich die Deutung im einzelnen Falle meist als wahrscheinlich an- 
erkannt werden darf. — In dem kürzlich veröffentlichten Buche von 
W. St ekel „Die Sprache des Traumes“, welches von mir nicht 
mehr verwertet werden konnte, findet sich (p. 72) eine Liste der ge- 
bräuchlichsten Sexualsymbole, welche dem Nachweis dienen soll, daß 
alle Sexualsymbole bisexuell verwendet würden. „Wo gäbe es ein 
Symbol, das — wenn es die Phantasie nur einigermaßen erlaubt — 
nicht männlich und weiblich zugleich gebraucht werden könnte!“ Der 
eingeschobene Satz nimmt allerdings viel von der Sicherheit dieser 
Behauptung zurück, denn die Phantasie erlaubt es eben nicht immer. 
Ich halte es aber doch für nicht überflüssig auszusprechen, daß nach 
meinen Erfahrungen der allgemeine Satz Stekels vor der An- 
erkennung einer größeren Mannigfaltigkeit zurnckzutreten hat. Außer 
Symbolen, die ebenso häufig für das männliche wie für das weibliche 
Genitale stehen, gibt es solche, die vorwiegend oder fast ausschließlich 
eines der Geschlechter bezeichnen, und noch andere, von denen nur 
die männliche oder nur die weibliche Bedeutung bekannt ist. Lange, 
feste Gegenstände und Waffen als Symbole des weiblichen Genitale» 
zu gebrauchen oder hohle [Kasten, Schachteln, Dosen etc.] als Sym- 
bole des männlichen, gestattet eben die Phantasie nicht. 

Es ist richtig, daß die Neigung des Traumes uud der unbewußten 
Phantasien, die Sexualsymbole bisexuell zu verwenden, einen archaischen 
Zug verrät, da in der Kindheit die Verschiedenheit der Genitalien un- 
bekannt ist und beiden Geschlechtern das nämliche Genitale zu- 
gesprochen wird. 

Diese in hohem Grade unvollständigen Andeutungen ^mögen ge- 
nügen, um andere zu sorgfältigerer Sammelarbeit anzuregen.*) 

*) Bei aller Verschiedenheit der S eh c rn e r sehen Auffassung von der Tranm- 
symbolik und der hier entwickelten, muß ich doch hervorheben, daß Sch erner ' j 
als der eigentliche Entdecker der Symbolik im Traume anerkannt werden sollte, um 
daß die Erfahrungen der Psychoanalyse sein für phantastisch gehaltenes vor rnn 
50 Jahren veröffentlichtes Buch nachträglich m Ehren gebracht haben. 


Beispiele sexueller Symbolik. — Der Hut. 


213 


Icl, werde nun einige Beispiele von der Verwendung solcher 
Symbole iu Träumen anfügen, welche zeigen sollen, wie unmöglich 
es wird, zur Deutung des Traumes zu gelangen, wenn man sich der 
Traumsymbolik verschließt, wie unabweisbar sich aber eine solche auch 
in vielen Fällen aufdrängt. 

1. Der Hut als Symbol des Mannes (des männlichen 

Genitale s.*) 

(Teilstück aus dem Traum einer jungen, infolge von Versuchungsangst 

agoraphobischen Frau.) 

„Ich gehe im Sommer auf der Straße spazieren, trage einen 
Strohhut von eigentümlicher Form, dessen Mittelstück nach oben auf- 
gebogen ist, dessen Seitenteile nach abwärts hängen (Beschreibung hier 
stockend), und zwar so, daß der eine tiefer steht als der andere. Ich 
bin heiter und in sicherer Stimmung, und wie ich an einem Trupp 
junger Offiziere vorbeigehe, denke ich mir: Ihr könnt mir alle nichts 
anhaben.“ 

Da sie zu dem Hut im Traume keinen Einfall produzieren kann, 
sage ich ihr: Der Hut ist wohl ein männliches Gouitale mit seinem 
emporgerichteten Mittelstück und den beiden herabhängenden Seiten- 
teilen. Daß der Hut ein Mann sein soll, ist vielleicht sonderbar, aber 
man sagt ja auch: „Unter die Haube kommen!“ Absichtlich enthalte 
ich mich der Deutung jenes Details über das ungleiche Herabhängen 
der beiden Seitenteile, obwohl gerade solche Einzelheiten in ihrer De- 
terminieruug der Deutung den Weg weisen müssen. Ich setze fort: 
Wenn sie also einen Mann mit so prächtigem Genitale hat, braucht 
sie sich vor den Offizieren nicht zu fürchten, d. h. nichts von ihnen 
zu wünschen, da sie sonst wesentlich durch ihre Versuchungsphantasien 
vom Gehen ohne Schutz und Begleitung abgehalten wird. Diese 
letztere Aufklärung ihrer Angst hätte ich ihr schon zu wiederholten 
Malen, auf anderes Material gestützt, geben können. 

Es ist nun sehr beachtenswert, wie sich die Träumerin nach 
dieser Deutung benimmt. Sie zieht die Beschreibung des Hutes zurück 
und will nicht gesagt haben, daß die beiden Seitenteile nach abwärts 
hingen. Ich bin des Gehörten zu sicher, um mich beirren zu lassen, 
und beharre dabei. Sie schweigt eine Weile und findet dann den Mut 
zu fragen, was es bedeute, daß bei ihrem Manne ein Hodc tiefer stehe 
als der andere, und ob es bei allen Männern so sei. Damit war dies 
sonderbare Detail des Hutes aufgeklärt und dio ganze Deutung von 
ihr akzeptiert. 

Das Hutsymbol war mir längst bekannt, als mir die Patientin 
diesen Traum mitteilte. Aus anderen, aber minder durchsichtigen Fällen 
glaubte ich zu entnehmen, daß der Hut auch für ein weibliches Ge- 
nitale stehen kann. 


*) Aus „Nachträge zur Traumdeutung“ 
Nr. 5/G, 1911. ö 


Zentralblatt für Psychoanalyse I, 


214 


V. Triunmnaterial und TrciuuMpir.lleii. 


2. Das Kl ui ne ist das G en i tal e — das Überfall ren werden 
ist ein Symbol des Geschlechtsverkehrs. 

(Ein anderer Traum derselben agoraphobischen Patientin.) 

„Ihre Mutter schiekt ihre kleine Tochter weg, damit sie allein 
gehen muß. Sie führt dann mit der Mutter in der Eisenbahn und 
sieht ihre Kleine direkt auf den Schienenweg zugehen, so daß sie Uber- 
fahren werden muß. Man hört die Knochen krachen (dabei ein un- 
behagliches Gefühl aber kein eigentliches Entsetzen). Dann sieht sie 
sich aus dem Waggonfenster um, ob man nicht hinten die Teile sieht. 
Dann macht sie ihrer Mutter Vorwürfe, daß sie die Kleine allein hat 
gehen lassen.“ Analyse. Die vollständige Deutung des Traumes ist 
hier nicht leicht zu geben. Er stammt aus einem Zyklus von Träumen 
und kann nur im Zusammenhänge mit diesen anderen voll verstanden 
werden. Es ist eben nicht leicht, das für den Erweis der Symbolik 
benötigte Material genügend isoliert zu bekommen. — Die Kranke 
findet zuerst, daß die Eisenbahnfahrt historisch zu deuten ist,, als An- 
spielung auf eine Fahrt von einer Nervenheilanstalt weg, in deren 
Leiter sie natürlich verliebt war. Die Mutter holte sie von dort ab, 
der Arzt erschien auf dem Bahnhof und überreichte ihr einen Strauß 
Blumen zum Abschied ; es war ihr unangenehm, daß die Mutter Zeugin 
dieser Huldigung sein mußte. Hier erscheint also die Mutter als 
Störerin ihrer Liebesbcstrebungen, welche Rolle der strengen Frau 
während ihrer Mädchenjahre wirklich zugefallen war. — Der nächste 
Einfall bezieht sich auf den Satz: sie sieht sich um, ob man nicht die 
Teile von hinten sieht. In der Traumfassade müßte man natürlich an 
die Teile des überfahrenen und zermalmten Töchterchens denken. Der 
Einfall weist aber nach ganz anderer Richtung. Sie erinnert, daß sie 
einmal den Vater im Badezimmer nackt von rüekwärts gesehen, kommt 
auf die Geschlechtsunterschiede zu sprechen und hebt hervor, daß man 
beim Manne die Genitalien noch von rüekwärts sehen könnc 5 beim 
Weibe aber nicht. In diesem Zusammenhänge deutet sie nun selbst, 
daß das Kleine das Genitale sei, ihre Kleine (sie hat eine 4 jährige 
Tochter) ihr eigenes Genitale. Sie maeht der Mutter den Vorwuii. 
daß sie verlangt hätte, sie solle so leben, als ob sie kein Genitale hätte 
und findet diesen Vorwurf in dem einleitenden Satz des Traumes 
wieder : Die Mutter schickte ihre Kleine weg, damit sie allein gehen 
mußte. In ihrer Phantasie bedeutet das Alleingehen auf der Straße 
keinen Mann, keine sexuelle Beziehung haben (coire = Zusammengehen), 
und das mag sie nicht. Nach allen ihren Angaben hat sie wirklich 
als Mädchen unter der Eifersucht der Mutter infolge ihrer Bevorzugung 

durch den Vater gelitten. -i r i \ 

Das „Kleine“ ist als Symbol des (männlichen oder weiblichen) 

Genitales von St ekel*) angegeben worden, der sich hierbei auf einen 
sehr verbreiteten Sprachgebrauch berufen konnte. 


*) Beiträge zur Traumdeutung. Jahrbuch 
Forsch. Bd. I. 1909, p. 473. — Ebendort p. 475, 


für psychoiuialyt. und psychop. 
wird auch ein Traum mitgeteilt. 


Das „ Kleine“ als Sexualsymbol. 


215 


Diu tiefere Deutung dieses Traumes ergibt sich aus einem anderen 
Traum derselben Nacht, in dem sie sich mit ihrem Bruder identifiziert. 
Sio war wirklich ein bubenlmftes Mädel, mußte oft hören, daß an ihr 
ein Bub verloren gegangen sei. Zu dieser Identifizierung mit dem 
Bruder wird es dann besonders klar, daß das „NI eine das Genitale 
bedeutet. Die Mutter droht ihm (ihr) mit der Kastration, die nichts 
anderes als Bestrafung für das Spielen mit dem Gliede sein kann, und 
somit zeigt die Identifizierung, daß sie selbst als Kind onaniert hat, 
was ihre Erinnerung bisher uur vom Bruder bewahrt hatte. Eine 
Kenntnis des männlichen Genitales, die ihr später verloren ging, muß 
sie nach den Angaben dieses zweiten Traumes damals früh erworben 
haben. Ferner deutet der zweite Traum auf die infantile Sexualtheorie 
hin, daß die Mädel durch Kastration aus Buben hervorgehen. Nach- 
dem ich ihr diese Kindermeinung vorgetragen, findet sie sofort eine 
Bestätigung hierfür in der Kenntnis der Anekdote, daß der Bub dat. 
Mädel fragt : Abgeschnitten ?• worauf das Mädel antwortet: Nein, immer 
so g’west. 

Das Wegschicken der Kleinen, des Genitales im ersten Traum, 
bezieht sich also auch auf die Kastrationsdrohung. Endlich grollt sie 
der Mutter, daß sie sie nicht als Knaben geboren hat. 

Daß das „Überfahrenwerden“ sexuellen Verkehr symbolisiert, 
würde aus diesem Traume nicht evident, wenn man es nicht aus zahl- 
reichen anderen Quellen sicher wüßte. 

3. Darstellung des Genitales durch Gebäude, Stiegen, 

Schachte. 

(Traum eines durch seinen Vaterkomplex gehemmten jungen Mannes.) 

„Er geht mit seinem Vater an einem Ort spazieren, der gewiß 
der Prater ist, denu man sieht die Rotunde, vor dieser einen kleineren 
Vorbau, an dem ein F esselballon angebracht ist, der aber ziem- 
lich schlaff scheint. Sein Vater fragt ihn, wozu das alles ist; er 
wundert sich darüber, erklärt es ihm aber. Dann kommen sie in einen 
Hof, in dem eine große Platte von Blech ausgebreitet liegt. Sein Vater 
will sich ein großes Stück davon abreißen, sieht sich aber vorher 
um, ob es nicht jemand bemerken kann. Er sagt ihm, er braucht es 
doch nur dem Aufseher zu sagen, dann kann er sich ohne weiteres 
davon nehmen. Aus diesem Hof führt eine Treppe in einen Schacht 
herunter, dessen Wände weich ausgepolstert sind, etwa wie ein Leder- 
fauteuil. Am Ende dieses Schachtes ist eine längere Plattform und 
dann beginnt ein neuer Schacht . . .“ 

Analyse. Dieser Träumer gehörte einem therapeutisch nicht 
günstigen Typus von Kranken an, die bis zu einem gewissen Punkt 
der Analyse überhaupt keine Widerstände machen und sich von da 


in welchem der Hut mit schiefstehender Feder in der Mitte den (impotenten) Mann 
symbolisiert. 


2LG 


V. Tniumma toriul und Tniumqucllcu. 


an fast unzugänglich erweisen. Diesen Traum deutete er last selbst- 
ständig. Die Rotunde, sagte er ? ist mein Genitale, der Fesselballon 
davor mein Penis, über dessen Schlaffheit ich zu klagen habe. Man 
darf also eingehender übersetzen, die Rotunde sei das — vom Kind 
regelmäßig zum Genitale gerechnete — Gesäß, der kleinere Vorbau 
der llodensack. Im Traum fragt ihn der Vater, was das alles ist, 
d. h. naeh Zweck und Verrichtung der Genitalien. Es liegt nahe, 
diesen Sachverhalt umzukehren, so daß er der fragende Teil wird. 
Da eine solche Befragung des Vaters in Wirklichkeit nie stattgefunden 
hat, muß man den Traumgedanken als Wunsch auffassen oder ihn 
etwa konditionell nehmen: „Wenn ieh den Vater um sexuelle Auf- 
klärung gebeten hätte“. Die Fortsetzung dieses Gedankens werden 
wir bald an anderer Stelle finden. 

Der Hof, in dem das Bleeh ausgebreitet liegt, ist nieht in erster 
Linie symboliseh zu fassen, sondern stammt aus dem Geschäftslokal 
des Vaters. Aus Gründen der Diskretion habe ieh das „Blech“ für 
das andere Material, mit dem der Vater handelt, eingesetzt, ohne sonst 
etwas am Wortlaut des Traumes zu ändern. Der Träumer ist in das 
Geschäft des Vaters eingetreten und hat an den eher unkorrekten 
Praktiken, auf denen der Gewinn zum guten Teil beruht, gewaltigen 
Anstoß genommen. Daher dürfte die Fortsetzung des obigen Traum- 
gedankens lauten : („Wenn ieh ihn gefragt hätte), würde er mich be- 
trogen haben, wie er seine Kunden betrügt.“ Für das Abreißen, 
welehes der Darstellung der geschäftlichen Unredlichkeit dient, gibt 
der Träumer selbst die zweite Erklärung, es bedeute die Onanie. Dies 
ist uns nicht nur längst bekannt (siehe oben S. 200), sondern stimmt 
aueh sehr gut dazu, daß das Geheimnis der Onanie durch das Gegen- 
teil ausgedrtiekt ist (man darf es ja offen tun). Es entspricht dann 
allen Erwartungen, daß die onanistisehe Tätigkeit wieder dem Vater 
zugeschoben wird, wie die Befragung in der ersten Traumszene. Den 
Sehaeht deutet er sofort unter Berufung auf die weiehe Polsterung der 
Wände als Vagina. Daß das Herabsteigen, wie sonst das Aufsteigen, 
den Koitusverkehr in der Vagina besehreiben will, setze ieh aus anderer 
Kenntnis ein (vergl. Zentralblatt f. Psychoanalyse Nr. 1). 

Die Einzelheiten, daß auf den ersten Sehacht eine längere Platt- 
form folgt und dann ein neuer Sehaeht, erklärt er selbst biographisch. 
Er hat eine Zeitlang kodiert, dann den Verkehr infolge von Hemmungen 
aufgegeben und hofft ihn jetzt mit Hilfe der Kur wieder aufnehmen 
zu können. Der Traum wird aber gegen Ende undeutlicher und dem 
Kundigen muß es plausibel erscheinen,, daß sieh schon in der zweiten 
Traumszene der Einfluß eines anderen Themas geltend mache, auf welches 
das Geschäft des Vaters, sein betrügerisches Vorgehen, die erste als 
Sehaeht dargestellte Vagina deuten, so daß man eine Beziehung auf 
die Mutter annehmen könnte. 


Symbolische Ihuiteu, Landschaft. — Stiegentraum 


217 


4. Das männliche Genitale durch Personen, das weibliche 
durch eine Landschaft symbolisiert. 

(Traum einer Frau aus dem Volke, deren Mann Wachmann ist, 
mitgeteilt von B. Dattner.) 

. . . Dann sei jemand in die Wohnung eingebrochen und sie 
habe angstvoll nach einem Wachmanne gerufen. Dieser aber sei mit 
zwei „Pülchern“ einträchtig in eine Kirche*) gegangen, zu der mehrere 
Stufen**) emporführten ; hinter der Kirche sei ein Berg***) gewesen 
und oben ein dichter Waltl.f) Der Wachmann sei mit einem 
Helm, Ringkragen und Mantel ff) versehen gewesen. Er habe einen 
braunen Vollbart gehabt. Die beiden Vaganten, die friedlich mit 
dem Wachmann gegangen seien, hätten sackartig aufgebundene 
Schürzen um die Lenden gehabt, fff) Vor der Kirehe habe zum 
Berg ein Weg geführt. Dieser sei beiderseits mit Gras und Gestrüpp 
verwachsen gewesen, das immer dichter wurde und auf der Höhe des 
Berges ein ordentlicher Wald geworden sei. 

5. Ein Stiegentraum. 

(Mitgeteilt und gedeutet von Otto Rank.) 

Demselben Kollegen, von dem der (p. 200 f.) angeführte Zahnreiz- 
traum herriihrt, verdanke ich den folgenden ähnlich durchsichtigen 
Pollutionstraum : 

„Ich jage im Stiegenhans die Treppe hinunter einem kleinen 
Mädchen, das mir irgend etwas getan hat, nach, um es zu bestrafen. 
Unten am Ende der Stiege hält mir jemand (eine erwachsene weib- 
liche Person?) das Kind auf; ich fasse es, weiß aber nicht, ob ich 
es geschlagen habe, denn plötzlich befand ich mich mitten auf der 
Stiege, wo ich das Kind (gleichsam wie in der Luft) koitierte. Eigent- 
lich war es kein Koitus, sondern ich rieb nur mein Genitale an ihrem 
äußeren Genitale, wobei ich dieses sowie ihren seitwärts zurückgelegten 
Kopf überaus deutlich sah. Während des Sexualaktes sah ich links 
ober mir (auch wie in der Luft) zwei kleine Gemälde hängen, Land- 
schaften, die ein Haus im Grünen darstellten. Auf dem einen kleineren 
stand unten an Stelle der Namenssignatur des Malers mein eigener 
Vorname, als wäre es für mich zum Geburtstagsgeschenk bestimmt. 
Dann hing noch ein Zettel vor beiden Bildern, worauf stand, daß 
billigere Bilder auch zur Verfügung stehen; (ich sehe mich dann 
höchst undeutlich so wie oben auf dem Treppenabsatz im Bette liegen 

*) Oder Kapelle = Vagina. 

**) Symbol des Koitus. 

***) Mons veneris. 
t) Crines pubis. 

tf) Dämonen in Mänteln und Kapuzen sind nach der Aufklärung eines 
Fachmannes phallischer Natur. 

ttt) 01° beiden Hälften des Hodensackes. 


218 


Trnummatcrial und TnuiiiHpudlen 


und) erwache durch die Empfindung der Nässe, welche von der er- 
folgten Pollution herrührt.“ 

Deutung: Der Träumer war am Abend des Traumtages im 
Laden eines Buchhändlers gowesen, wo er während der Wartezeit 
einige der ausgestellten Bilder besichtigt hatte, die ähnliche Motive 
wio dio Traumbilder darstellten. Bei einem kleinen Bildchen, das ihm 
besonders gefallen hatte, trat er näher und sah nach dem Namen des 
Malers, der ihm jedoch völlig unbekannt war. 

Am selben Abend hatte er später in Gesellschaft von einem 
böhmischen Dienstmädchen erzählen gehört, die sich gerühmt hatte, 
ihr außereheliches Kind sei „auf der Stiege gemacht worden“. Der 
Träumer hatte sich nach dem Detail dieses nicht alltäglichen Vor- 
kommnisses erkundigt und erfahren, daß das Dienstmädchen mit ihrem 
Verehrer nach Hause in die Wohnung ihrer Eltern gegangen war, wo 
zu geschlechtlichem Verkehr keine Gelegenheit gewesen wäre und 
daß der erregte Mann den Koitus auf der Stiege vollzogen hatte. 
Der Träumer hatte dazu in scherzhafter Anspielung auf den boshaften 
Ausdruck für Weinfälscherei geäußert : das Kind sei wirklich „auf der 
Kellerstiege gewachsen“. 

Dies die Tagesanknüpfungen, die ziemlich aufdringlich im 
Trauminhalt vertreten sind und vom Träumer ohne weiteres reproduziert 
werden. Ebenso leicht produziert er aber ein altes Stück infantiler 
Erinnerung, das ebenfalls im Traume Verwendung gefunden hat. Das 
Stiegenhaus ist das jenes Hauses, in welchem er den größten Teil 
seiner Kinderjahre verbracht und wo er insbesondere die erste be- 
wußte Bekanntschaft mit den Sexualproblemen gemacht hatte. In 
diesem Stiegenhaus hatte er häufig gespielt und war dabei unter 
anderem auch rittlings längs des Geländers hinuntergerutscht, wobei 
er sexuelle Erregung verspürt hatte. Im Traume eilt er nun ebenfalls 
ungemein rasch über die Stiege hinunter, so rasch, daß er nach 
eigener deutlicher Angabe, die einzelnen Stufen gar nicht berührt, 
sondern, wie man zu sagen pflegt, „hinunterfliegt“ oder rutseht. Mit 
Bezug auf das infantile Erlebnis scheint dieser Beginn des Traumes 
den Moment der sexuellen Erregung darzustellen. — In diesem Stiegen- 
haus und der dazugehörigen Wohnung hatte der Träumer aber auch 
mit den Nachbarskindern häufig sexuelle Baufspiele getrieben, wobei 
er sich in ähnlicher Weise befriedigt hatte, wie es im 1 raume ge- 
schieht. ^ 

Weiß man aus Freuds sexualsymbolischen Forschungen (siehe 
Zentralblatt f. Ps. A., H. 1, S. 2f), daß die Stiege und das Stiegen- 
steigen im Traume fast regelmäßig den Koitus symbolisieren, so wird 
der Traum völlig durchsichtig. Seine Triebkraft ist, wie ja auch sein 
Effekt, die Pollution, zeigt, rein libidinüser Natur. Im Schlafzustand 
erwacht die sexuelle Erregung (im Traume dargcstellt durch das 
Hinuntereilen — ratschen — über die Stiege), deren sadistischer Ein- 
schlag auf Grund dor Kaufspiele in der \ erfolgung und Überwältigung 


Stiegeuträumo. •" 1 J 

des Kindes angedcutet ist. Die libidinösc Erregung steigert sich und 
drängt zur sexuellen Aktion (dargestellt im Traume durch das hassen 
dos Kindes und seine Beförderung in die Mitte der Stiege). Bis daher 
wiiro der Traum rein sexualsymbolisch und für den wenig geübten 
Traumdeuter völlig undurchsichtig. Aber der überstarken libidinösen kr- 
reo-uno- genügt dieso symbolische Befriedigung nieht, welche die Ruhe 
des Schlafes gewährleistet hätte. Die Erregung führt zum Orgasmus 
und damit wird die ganze Stiegensymbolik als Vertretung des Koitus 
entlarvt. — Wenn Freud als einen der Gründe für die sexuelle 
Verwertung des Stiegcnsymbols den rhythmischen Charakter beider 
Aktionen hervorhebt, so seheint dieser Traum besonders deutlich dafür 
zu sprechen, da naeli ausdrücklicher Angabe des iräumers die 
Rhythmik seines Soxualaktes das im ganzen Traum am deutlichsten 
ausgeprägte Element gewesen sei. 

Noch eine Bemerkung über die beiden Bilder, die abgesehen 
von ihrer realen Bedeutung aueh in symbolischem Sinne als „Weibs- 
bilder“ gelten, was sehon daraus hervorgeht, daß es sich um ein 
großes und ein kleines Bild handelt, ebenso wie im Trauminhalt ein 
großes (erwachsenes) und ein kleines Müdehon Vorkommen. Daß auch 
billigere Bilder zur Verfügung stehen, führt zum Protistuiertenkomplex 
wie anderseits der Vorname des Träumers auf dem kleinen Bilde und 
der Gedanke, es sei ihm zum Geburtstag bestimmt, auf den Eltern- 
komplex hin weisen (auf der Stiege geboren = im Koitus erzeugt). 

Die undeutliche Schlußszene, wo der Träumer sich selbst oben 
auf dem Treppenabsätze im Bette liegen sieht und Nässe verspürt, 
seheint über die infantile Onanie hinaus noch weiter in die Kindheit 
zurückzuweisen, und vermutlieh ähnlich lustvollo Szenen von Bett- 
nässen zum Vorbild zu haben.“ 

6. Ein modifizierter Stiegen träum. 

Ieh mache einem meiner Patienten, einem sehwerkranken Ab- 
stinenten, dessen Phantasie an seine Mutter fixiert ist, und der wieder- 
holt vom Treppensteigen in Begleitung der Mutter geträumt hat, die 
Bemerkung, daß mäßige Masturbation ihm wahrscheinlich weniger 
sehädlieh wäre als seine erzwungene Enthaltsamkeit. Diese Beeinflussung 
provoziert folgenden Traum: 

„Sein Klavierlehrer mache ihm Vorwürfe, daß er sein Klavierspiel 
vernachlässigt, die Etüden von M o s c h c 1 e s sowie den G radus ad 
Parnassum von Clcmenti nicht übt.“ 

Er bemerkt hiezu, der Gradus sei ja aueh eine Stiege und die 
Klaviatur selbst sei eine Stiege, weil sie eine Skala enthalte. 

Man darf sagen, es gibt keinen Vorstellungskrcis, der sieh der 
Darstellung sexueller Tatsachen und Wünsche verweigern würde. Ich 
schließe mit dem Traume eines Chemikers, eines jungen Mannes, der 
sich bemühte, seine onanistisehen GeAvöhnheiten gegen den Verkehr 
mit dem Weibe aufzugebon. 


220 




V. Traum material und Traumi|uellen. 

V o r b e r i e h t. Am Tage vor dem Traume hat er einem Stu- 
denten Aufschluß über die Grignardsche Reaktion gegeben, bei 
welcher Magnesium unter katalytischer .Jodeinwirkung in absolut reinem 
Äther aufzulösen ist. Zwei Tage vorher gab es bei der nämlichen 
Reaktion eine Explosion, bei der sieh ein Arbeiter die Hand ver- 
brannte. 

Traum: I. Er soll Phenylmagnesiumbromid machen, sieht die Appa- 
ratur besonders deutlich, hat aber sich selbst ftirs Magnesium substituiert. 
Er ist nun in eigentümlich schwankender Verfassung, sagt sich immer: 
Es ist das Richtige, es geht, meine Füße lösen sich schon auf, meine 
Knie werden weich. Dann greift er hin, fühlt au seine Füße, nimmt 
inzwischen (er weiß nicht wie) seine Beine aus dem Kolben heraus, 
sagt sich wieder: Das kann nicht sein. — Ja doch, cs ist richtig ge- 
macht. Dabei erwacht er partiell, wiederholt sich den Traum, weil 
er ihn mir erzählen will. Er fürchtet sich direkt vor der Auflösung 
des Traumes, ist während dieses Halbschlafes sehr erregt und wieder- 
holt sich beständig : Phenyl, Phenyl. 

II. Er ist mit seiner ganzen Familie in *** mg, soll um 
'/ a 12 Uhr beim Rendezvous am Schottentor mit jener gewissen Dame 
sein, wacht aber erst um l j i \2 Uhr auf. Er sagt sich: Es ist jetzt 
zu spät; bis du hinkommst, ist es l fA Uhr. Im nächsten Moment 
sieht er die ganze Familie um den Tisch versammelt, besonders deut- 
lich die Mutter und das Stubenmädchen mit dem Suppentopf. Er 
sagt sich dann : Nun, wenn wir schon essen, kann ich ja nicht 
mehr fort. 

Analyse: Er ist sicher, daß schon der erste Traum eine Be- 
ziehung zur Dame seines Rendezvous hat (der Traum ist in der Nacht 
vor der erwarteten Zusammenkunft geträumt). Der Student, dem er 
die Auskunft gab, ist ein besonders ekelhafter Kerl; er sagte ihm: 
Das ist nicht das Richtige, weil das Magnesium noch ganz unberührt 
war, und jener antwortete, als ob ihm gar nichts daran läge: Das ist 
halt nicht das Richtige. Dieser Student muß er selbst sein; — er ist 
so gleichgültig gegen seine Analyse, wie jener für seine Synthese — ; 
das Er im Traume, daß die Operation vollzieht, aber ich. Wie ekel- 
haft muß er mir mit seiner Gleichgültigkeit gegen den Erfolg er- 
scheinen ! 

Anderseits ist er dasjenige, womit die Analyse (Synthese) ge- 
macht wird. Es handelt sich um das Gelingen der Kur. Die Beine 
im Traume erinnern an einen Eindruck von gestern abends. Er traf 
in der Tanzstunde mit einer Dame zusammen, die er erobern will; 
er drüokte sie so fest an sich, daß sie einmal aufschrie. Als er mit 
dem Druck gegen ihre Beine aufhörte, fühlte er ihren kräftigen 


I 



Ein Traum eines Chemikers. 


221 


Gegendruck auf seinen Unterschenkeln bis oberhalb der Knie, an den 
im ^Traume erwähnten Stellen. In dieser Situation ist also das Weib 
das Magnesium in der Retorte, mit dem es endlich geht. Er ist 
feminin gegen mich, wie er viril gegen das Weib ist. Geht es mit 
der Dame, so geht es auch mit der Kur. Das sich Befühlen und die 
Wahrnehmungen an seinen Knien deuten auf die Onanie und ent- 
sprechen seiner Müdigkeit vom Tage vorher. Das Rendezvous war 
wirklich für x j,Y2 Uhr verabredet. Sein Wunsch, es zu verschlafen 
und bei den häuslichen Sexualobjekten (d. h. bei der Onanie) zu 
bleiben, entspricht seinem Widerstande. 

Zur Wiederholung des Namens Phenyl berichtet er: Alle diese 

Radikale auf yl haben ihm immer sehr gefallen, sie sind sehr bequem 
zu gebrauchen: Benzyl, Azetyl u. s. w. Das erklärt nun nichts, aber 
als ich ihm das Radikal: Schlemihl vorschlage, lacht er sehr und 
erzählt, daß er während des Sommers ein Buch von Prevost ge- 
lesen und in diesem war im Kapitel: Les exclus de l’amour allerdings 
von den „Schiemilies“ die Rede, bei deren Schilderung er sich 
sagte: Das ist mein Fall. — Schlemihlerei wäre es auch gewesen, 
wenn er das Rendezvous versäumt hätte.] 


VI. 


Die Traumarbeit. 


Alle anderen bisherigen Versuche, die Traumprobleme zu er- 
ledigen, knüpften direkt an den in der Erinnerung gegebenen mani- 
festen Trauminhalt an und bemühten sich, aus diesem die Traum- 
deutung zu gewinnen, oder, wenn sie auf eine Deutung verzichteten, 
ihr Urteil über den Traum durch den Hinweis auf den Trauminhalt 
zu begründen. Nur wir allein stehen einem anderen Sachverhalt 
gegenüber; für uns schiebt sich zwischen den Trauminhalt und die 
Resultate unserer Betrachtung ein neues psychisches Material ein : 
der durch unser Verfahren gewonnene latente Trauminhalt oder 
die Traumgedanken. Aus diesem letzteren, nicht aus dem manifesten 
Trauminhalt entwickelten wir die Lösung des Traumes. An uns tritt 
darum auch als neu eine Aufgabe heran, die es vordem nicht ge- 
gegeben hat, die Aufgabe, die Beziehungen des manifesten Traum- 
inhalts zu den latenten Traumgedanken zu untersuchen und nach- 
zuspüren, durch welche Vorgänge aus den letzteren der erstere 
geworden ist. 

Traumgedanken und Trauminhalt liegen vor uns wie zwei Dar- 
stellungen desselben Inhalts in zwei verschiedenen Sprachen, oder 
besser gesagt, der Trauminhalt erscheint uns als eine Übertragung 
der Traumgedanken in eine andere Ausdrucksweise, deren Zeichen 
und Fügungsgesetze wir durch die Vergleichung von Original und 
Übersetzung kennen lernen sollen. Die Traumgedanken sind uns 
ohne weiteres verständlich, sobald wir sic erfahren haben. Der 
Trauminhalt ist gleichsam in einer Bilderschrift gegeben, deren Zeichen 
einzeln in die Sprache der Traumgedanken zu übertragen sind. 
Mail würde offenbar in die Irre geführt, wenn man diese Zeichen 
nach ihrem Bilderwerte anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen 
wollte. Ich habe etwa ein Bilderrätsel (Rebus) vor mir: ein Haus, 
auf dessen Dach ein Boot zu sehen ist, dann ein einzelucr Buchstabe, 
dann eine laufende Figur, deren Kopf wegapostrophiert ist u. dgl. 
Ich könnte nun in die Kritik verfallen, dieso Zusammenstellung und 
deren Bestandteile für unsinnig zu erklären. Ein Boot gehört nicht 
auf das Dach eines Hauses, und eine Person ohne Kopl kann nicht 


Die Vordichtungsarbeit. 


223 


laufen ; auch ist die Person größer als das Haus, und wenn das 
Ganze’ eine Landschaft darstellen soll, so fügen sich die einzelnen 
Buchstaben nicht ein, die ja in freier Natur nicht Vorkommen. Die 
richtige Beurteilung dos Rebus ergibt sich offenbar erst dann, wenn 
ich gegen das Ganze und die Einzelheiten desselben keine solchen 
Einsprüche erhebe, sondern mich bemühe, jedes Bild durch eine Silbe 
oder ein Wort zu ersetzen, welches nach irgend welcher Beziehung 
durch das Bild darstellbar ist. Die Worte, die sich so zusammen- 
linden sind nicht mehr sinnlos, sondern können den schönsten und 
sinnreichsten Dichterspruch ergeben. Ein solches Bilderrätsel ist 
nun der Traum, und unsere Vorgänger auf dem Gebiete der Traum- 
deutung haben den Fehler begangen, den Rebus als zeichnerische 
Komposition zu beurteilen. Als solche erschien er ihnen unsinnig 
und wertlos. 

ci) Die Verdichtungsarbeit. 

Das erste, was dem Untersucher bei der Vergleichung von 
Trauminhalt und Traumgedanken klar wird, ist, daß hier eine groß- 
artige Verdichtungsarbeit geleistet wurde. Der Traum ist 
knapp, armselig, lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur 
Reichhaltigkeit der Traum gedanken. Der Traum füllt nieder- 
geschrieben eine halbe Seite; die Analyse, in der die Traumgedanken 
enthalten sind, bedarf das sechs-, acht-, zwölffache an Schriftraum. 
Die Relation ist für verschiedene Träume wechselnd; sie ändert, 
soweit ich es kontrollieren konnte, niemals ihren Sinn. In der Regel 
unterschätzt man das Maß der statthabenden Kompression, indem man 
die ans Licht gebrachten Traumgedanken für das vollständige Material 
hält, während weitere Deutungsarbeit neue, hinter dem Traume ver- 
steckte Gedanken enthüllen kann. Wir haben bereits anführen 
müssen, daß man eigentlich niemals sicher ist, einen Traum voll- 
ständig gedeutet zu haben; selbst wenn die Auflösung befriedigend 
und lückenlos erscheint, bleibt es doch immer möglich, daß sich noch 
ein anderer Sinn durch denselben Traum kundgibt. Die V e r- 
dichtungsquote ist also — streng genommen — unbestimmbar. 
Man könnte gegen die Behauptung, daß aus dem Mißverhältnis 
zwischen Trauminhalt und Traumgedanken der Schluß zu ziehen 
sei, es finde eine ausgiebige Verdichtung des psychischen Materials 
bei der Traumbildung statt, einen Einwand geltend machen, der für 
den ersten Eindruck recht bestechend scheint. Wir haben ja so oft 
die Empfindung, daß wir sehr viel die ganze Nacht hindurch 
geträumt und dann das meiste wieder vergessen haben. Der Traum, 
den wir beim Erwachen erinnern, wäre dann bloß ein Rest der 
gesamten Traumarbeit, welche wohl den Traumgedanken an Umfang 
gleicliküme, wenn wir sie eben vollständig erinnern könnten. Daran 
ist ein Stück sicherlich richtig ; man kann sich nicht mit der Beobach- 
tung täuschen, daß ein Traum am getreuesten reproduziert wird, 


224 


VJ. Die Traumarbeit. 


wenn man ihn bald nach dein Erwachen zu erinnern versucht, und 
daß seine .Erinnerung gegen den Abend hin immer mehr und mehr 
lückenhaft wird. Zum anderen Teil aber läßt sich erkennen, daß 
die Empfindung, man habe sehr viel mehr geträumt als man repro- 
duzieren kann, sehr häufig auf einer Illusion beruht, deren Entstehung 
späterhin erläutert werden soll. Die Annahme einer Verdichtung . 
in der Traumarbeit wird überdies von der Möglichkeit des Traum - 
vergessens nieht berührt, denn sie wird durch die Vorstellungsmassen 
erwiesen, die zu den einzelnen erhalten gebliebenen Stücken des 
Traumes gehören. Ist tatsächlich ein großes Stück des Traumes 
für die Erinnerung verloren gegangeu, so bleibt uns hiedurch etwa der 
Zugang zu einer neuen Reihe von Traumgedanken versperrt. Es ist 
eine durch nichts zu rechtfertigende Erwartung, daß die unter- 
gegangenen Traumstücke sich gleichfalls nur auf jene Gedanken 
bezogen hätten, die wir bereits aus der Analyse der erhalten geblie- 
benen kennen. 

Angesichts der überreichen Menge von Einfällen, welche die 
Analyse zu jedem einzelnen Element des Trauminhalts beibringt, 
wird sich bei jedem Leser der prinzipielle Zweifel regen, ob man 
denn all das, was einem bei der Analyse nachträglich einfallt, zu 
den Traumgedanken rechnen darf, d. h. annehmen darf, all diese 
Gedanken seien schon während des Schlafzustandes tätig gewesen 
und hätten an der Traumbildung mitgewirkt? Ob nicht vielmehr 
während des Analysiercns neue Gedankenverbindungen entstehen, die 
an der Traumbildung unbeteiligt waren? Ich kann diesem Zweifel nur 
bedingt beitreten. Daß einzelne Gedankenverbindungen erst während 
der Analyse entstehen, ist allerdings richtig; aber man kann sich 
jedesmal überzeugen, daß solche neue Verbindungen sich nur zwischen 
Gedanken herstellen, die schon in den Traumgedanken in anderer 
Weise verbunden sind; die neuen Verbindungen sind gleichsam 
Nebenschließungen, Kurzschlüsse, ermöglicht durch den Bestand 
anderer und tiefer liegender Verbindungswege. Für die Überzahl 
der bei der Analyse aufgedeekten Gedankenmassen muß man zu- 
gestehen, daß sie schon bei der Traumbildung tätig gewesen sind, 
denn wenn man sich durch eine Kette solcher Gedanken, die außer 
Zusammenhang mit der Traumbildung scheinen, durchgearbeitet hat. 
stößt man dann plötzlich auf einen Gedanken, der, im Trauminhalt 
vertreten, für die Traumdeutung unentbehrlich ist und doch nicht 
anders als durch jene Gedankenkette zugänglich war. Man vergleiche 
hiezu etwa den Traum von der botanischen Monographie, der als 
das Ergebnis einer erstaunlichen Verdichtungsleistung erscheint, 
wenngleich ich seine Analyse nicht vollständig mitgeteilt habe. 

Wie soll man sich aber dann den psychischen Zustand während 
des Schlafens, der dem Träumen vorangeht, vorstellen? Bestehen alle 
die Traumgedanken nebeneinander, oder werden sie. nacheinander 
durchlaufen oder werden mehrere gleichzeitige Gedankengänge von 


Überdeterminieraug der Traumelemente. 


22o 


verschiedenen Zentren aus gebildet, die dann Zusammentreffen ? Ich 
meine, es liegt noch keine Nötigung vor, sich von dem psychischen 
Zustand bei der Traumbilduug eine plastische Vorstellung zu schaffen. 
Vergessen wir nur nicht, daß es sich um unbewußtes Denken 
handelt, und daß der Vorgang leicht ein anderer sein kann als der, 
welchen wir beim absichtlichen, von Bewußtsein begleiteten Nach- 
denken in uns wahrnehmen. 

Die Tatsache aber, daß die Traumbildung auf einer Verdich- 
tung beruht, steht unerschütterlich fest. Wie kommt diese Verdich- 
tung nuu zu stände? 

Wenn man erwägt, daß von den aufgefundenen Traumgedanken 
nur die wenigsten durch eines ihrer Vorstellungselemente im Traume 
vertreten sind, so sollte man schließen, die Verdichtung geschehe 
auf dem Wege der Auslassung, indem der Traum nicht eine 
getreuliche Übersetzung oder eine Projektion Punkt für Punkt der 
Traumgedanken, sondern eine höchst unvollständige und lückenhafte 
Wiedergabe derselben sei. Diese Einsicht ist, wie wir bald fiuden 
werden, eiue sehr mangelhafte. Doch fußen wir zunächst auf ihr 
und fragen uns weiter: Wenn nur weuige Elemente aus den Traum- 
gedanken in deu Trauminhalt gelangen, welche Bedingungen be- 
stimmen die Auswahl derselben? 

Um hierüber Aufschluß zu bekommen, wendet man nun seine 
Aufmerksamkeit den Elementen des Trauminhalts zu, welche die 
gesuchten Bedingungen ja erfüllt haben müssen. Ein Traum, zu 
dessen Bildung eine besonders starke Verdichtung beigetragen, wird 
für diese Untersuchung das günstigste Material sein. Ich wähle den 
auf Seite 122 mitgeteilten Traum von der botanischen Monographie. 

Trau miuh alt: Ich habe eine M onographie Uber 
eine (unbestimmt gelassene) Pflanzenart geschrieben. 
Das Buch liegt vor mir, ich blättere eben eine ein- 
geschlagene farbige Tafel um. Dem Exemplar ist ein 
getrocknetes Spezimen der Pflanze beigebunden. 

Das augenfälligste Element dieses Traumes ist die botanische 
Monographie. Diese stammt aus den Eindrücken des Traumtages; 
m einem Schaufenster einer Buchhandlung hatte ich tatsächlich eine 
Monographie über die Gattung „Cyklamen“ gesehen. Die 
Erwähnung dieser Gattung fehlt im Trauminhalt, in dem nur die 
Monographie und ihre Beziehung zur Botanik übrig geblieben sind. Die 
„botanische Monographie“ erweist sofort ihre Beziehung zu der 
rbeit über Kokain, die ich eiumal geschrieben habe; vom Kokain 
aus geht die Gedankenverbindung einerseits zur Festschrift uud zu 
gewissen Vorgängen in einem Universitätslaboratorium, anderseits zu 
meinem Freunde, dem Augenärzte Dr. König st ein, der an der Ver- 
wertung des Kokains seinen Anteil gehabt hat. An die Person des Dr. K. 
Knupit sich weiter die Erinnerung an das unterbrochene Gespräch das 
ich abends zuvor mit ihm geführt, und die vielfältigen Gedanken über 

Freud, Traumdeutung. 3. Aufl. 


226 


VI. Die Traumarboit. 


die Entlohnung ärztlicher Leistungen unter Kollegen. Dieses Gespräch 
ist nun der eigentliche aktuelle Traumerreger; die Monographie Uber 
Cyklamen ist gleichfalls eine Aktualität, aber indifferenter Natur; wie 
ich sehe, erweist sich die „botanische Monographie“ des Traumes als 
ein mittleres Gemeinsames zwischen beiden Erlebnissen des 
Tages, von dem indifferenten Eindruck unverändert übernommen, mit 
dem psychisch bedeutsamen Erlebnis durch ausgiebigste Assoziations- 
verbindungen verknüpft. 

Aber nicht nur die zusammengesetzte Vorstellung „botanische 
Monographie“, sondern auch jedes ihrer Elemente „botanisch“ 
und „Monographie“ gesondert geht durch mehrfache V erbinduugeu 
tiefer und tiefer in das Gewirre der Traumgedanken ein. Zu „bo- 
tanisch“ gehören die Erinnerungen an die Person des Professors 
Gärtner, an seine blühende Frau, an meine Patientin, die Flora 
heißt, und an die Dame, von der ich die Geschichte mit den vergessenen 
Blumen erzählt habe. Gärtner führt neuerdings auf das Labora- 
torium und auf das Gespräch mit K önigst ein; in dasselbe Gespräch 
gehört die Erwähnung der beiden Patientinnen. Von der Frau mit 
den Blumen zweigt ein Gedankenweg zu den Lieblingsblumen 
meiner Frau ab, dessen anderer Ausgang im Titel der bei Tag flüchtig 
gesehenen Monographie hegt. Außerdem erinnert „botanisch“ an 
eine Gymnasialepisode und an ein Examen der Universitätszeit, 
und ein neues in jenem Gespräche angeschlagenes Thema, das meiner 
Liebhabereien, knüpft sich durch Vermittlung meiner scherzhaft so- 
genannten Lieblingsblume, der Artischocke an die von den 
vergessenen Blumen ausgehende Gedankenkette an; hinter „Arti- 
schocke“ steckt die Erinnerung an Italien einerseits und an eine 
Kinderszene anderseits, in der ich meine seither intim gewordenen 
Beziehungen zu Büchern eröffnet habe. „Botanisch“ ist also ein 
wahrer Knotenpunkt, in welchem für den Traum zahlreiche Gedanken- 
gänge Zusammentreffen, die, wie ich versichern kann, in jenem Ge- . 
spräche mit Fug und Recht in Zusammenhang gebracht worden sind. 
Man befindet sich hier mitten in einer Gedankenfabrik, in der wie J 
im Weber-Meisterstück 

„Ein Tritt tausend Fäden regt, 

Die Schifflein herüber, hinüber schießen, 

Die Fäden ungesehen fließen, 

Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.“ 

„Monographie“ im Traume rührt wiederum an zwei Themata, 
an die Einseitigkeit meiner Studien und an die Kostspieligkeit meiner 
Liebhabereien. 

Aus dieser ersten Untersuchung holt mail sich den Eindruck, 
daß die Elemente „botanisch“ und „Monographie“ darum in den 
Trauminhalt Aufnahme gefunden haben, weil sie mit den meisten 
Traumgedanken die ausgiebigsten Berührungen aufweisen können, 
also Knotenpunkte darstellen, in denen sehr viele der fl raum- 


„ Ei ii schöner Traum. “ 


227 


gedanken zusammen treffen, weil sie mit Bezug auf die Traumdeutung 
vieldeutig sind. Man kann die dieser Erklärung zu Grunde liegende 
Tatsache auch anders aussprechen und dann sagen : Jedes der Elemente 
des Trauminhalts erweist sich als über dete r mini er t, als mehr- 
fach in den Traumgedanken vertreten. 

Wir erfahren mehr, wenn wir die übrigen Bestandteile des 
Traumes auf ihr Vorkommen in den Traumgedanken prüfen. Die 
farbige Tafel, die ich aufschlage, geht (vergl. die Analyse Seite 
125) auf ein neues Thema, die Kritik der Kollegen an meinen 
Arbeiten, und auf ein bereits im Traume vertretenes, meine Lieb- 
habereien, außerdem auf die Kindererinnerung, in der ich ein Buch 
mit farbigen Tafeln zerpflücke 5 das getrocknete Exemplar der Pflanze 
rührt an das Gymnasialerlebnis vom Herbarium und hebt diese 
Erinnerung besonders hervor. Ich sehe also, welcher Art die Be- 
ziehung zwischen Trauminhalt und Traumgedanken ist: Nicht nur die 
Elemente des Traumes sind durch die Traumgedanken mehrfach 
determiniert, sondern die einzelnen Traumgedanken sind auch im 
Traume durch mehrere Elemente vertreten. Von einem Element des 
Traumes führt der Assoziation sweg zu mehreren Traumgedanken; von 
einem Traumgedanken zu mehreren Traumelementen. Die Traum- 
bildung erfolgt also nicht so, daß der einzelne Traumgedanke oder 
eine Gruppe von solchen eine Abkürzung für den Trauminhalt liefert, 
und dann der nächste Traumgedanke eine nächste Abkürzung als 
Vertretung, etwa wie aus einer Bevölkerung Volksvertreter gewählt 
werden, sondern die ganze Masse der Traumgedauken unterliegt einer 
gewissen Bearbeitung, nach welcher die meist- und bestunterstützten 
Elemente sich für den Eintritt in den Trauminhalt herausheben, etwa 
der YY ahl durch Listenskrutinium analog. Welchen Traum immer 
ich einer ähnlichen Zergliederung unterziehe, ich finde stets die 
nämlichen Grundsätze bestätigt, daß die Traumelemente aus der 
ganzen Masse der Traumgedanken gebildet werden, und daß jedes von 
1 nen in bezug auf die Traumgedanken mehrfach determiniert er- 
scheint. 

Es ist gewiß nicht überflüssig, diese Relation von Trauminhalt 
und 1 rau mgedanken an einem neuen Beispiel zu erweisen, welches 
sich durch besonders kunstvolle Verschlingung der wechselseitigen Be- 
ziehungen auszeichnet. Der Traum rührt von einem Patienten her, den 
ich wegen Claustrophobie (Angst in geschlossenen Räumen) behandelte. 
Es wird sich bald ergeben, weshalb ich mich veranlaßt finde, diese aus- 
nehmend geistreiche Traumleistung in folgender Weise zu überschreiben: 


II. „Ein schöner Traum,“ 

Er fährt mit großer Gesellschaft in die X-Straße, 
in der sich ein bescheidenes Einkehrwirtshaus be- 
1 11 et (was nicht richtig ist) . In den Räumen desselben wird 
heater gespielt; er ist bald Publikum, bald Schau- 


15 * 


228 


VI. Die Tniunmrboit. 




Spieler. Am Ende heißt es, man müsse sich umziehen, 
um wieder in die Stadt zu kommen. Ein Teil des Per- 
sonals wirdindiePart er re räume verwiesen, einanderer 
in die des ersten Stockes. Dann entsteht ein Streit. Die 
oben ärgern sich, daß die unten noch nicht fertig sind, 
so daß sie nicht herunter können. Sein Bruder ist oben, 
er unten und er ärgert sich über den Bruder, daß man 
so gedrängt wird. (Diese Partie unklar.) Es war übrigens 
schon beim Ankommen bestimmt und eingeteilt, wer 
oben und wer unten sein soll. Dann geht er allein Uber 
die Anhöhe, welche die X-Straße gegen die Stadt hin 
macht, und geht so schwer, so mühselig, daß er nicht 
von der Stelle kommt. Ein älterer Herr gesellt sich zu 
ihm und schimpft über den König von Italien. Am 
Ende der Anhöhe geht er dann viel leichter. 

Die Beschwerden beim Steigen waren so deutlich, daß er nach 
dem Erwachen eine Weile zweifelte, ob es Traum oder Wirklich- 
keit war. 

Dem manifesten Inhalt nach wird man diesen Traum kaum 
loben können. Die Deutung will ich regelwidrig mit jenem Stücke 
beginnen, welches vom Träumer als das deutlichste bezeichnet wurde. 

Die geträumte und wahrscheinlich im Traume verspürte Beschwerde, 
das mühselige Steigen unter Dyspnoe, ist eines der Symptome, die \ 
der Patient vor Jahren wirklich gezeigt hatte, und wurde damals im 
Vereine mit anderen Erscheinungen auf eine (wahrscheinlich hysterisch 
vorgetäuschte) Tuberkulose bezogen. Wir kennen bereits diese dem 
Traume eigentümliche Sensation der Gehhemmungaus den Exhibitions- 
träumen und finden hier wieder, daß sie als ein allezeit bereit liegendes 
Material zu Zwecken irgend welcher anderen Darstellung verwendet 
wird. Das Stück des Trauminhalts, welches beschreibt, wie das Steigen 
anfänglich schwer war, und am Ende der Anhöhe leicht wurde, er- 
innerte mich bei der Erzählung des Traumes an die bekannte meister- 
hafte Introduktion der „Sappho“ von A. Daudet. Dort trägt ein 
junger Mann die Geliebte die Treppen hinauf, anfänglich wie feder- 
leicht; aber je weiter er steigt, desto schwerer lastet sie auf seinen 
Armen, und diese Szene ist vorbildlich für den Verlauf des Verhält- 
nisses, durch dessen Schilderung Daudet die Jugend mahnen will, I 
eine ernstere Neigung nicht an Mädchen von niedriger Herkunft und 
zweifelhafter Vergangenheit zu verschwenden.*) Obwohl ich wußte, 
daß mein Patient vor kurzem ein Liebesverhältnis mit einer Dame ' 
vom Theater unterhalten und gelöst hatte, erwartete ich doch nicht. 1 
meinen Deutungseinfall berechtigt zu finden. Auch war es ja in der 
Sappho umgekehrt wie im Traume; in letzterem war das Steigen 
anfänglich schwer und späterhin leicht; im Boman diente es der Sy m- ■ 

*) [Man denko zur Würdigung dieser Darstellung des Dichters an die p. ‘210 
milgeteilte Bodeutung der Stiegentriiume.] 


Dio Analyse des , schönen“ Traumes. 


229 


bolik nur, wenn das was zuerst leicht genommen wurde, sicli am 
Ende als eine schwere Last erwies. Zn meinem Erstaunen bemerkte 
der Patient, die Deutung stimme sehr wohl zum Inhalt des Stückes, 
das er am Abend vorher im Theater gesehen. Das Stück hieß : 
„Rund um Wien“ und behandelte den Lebenslauf eines Mädchens, 
das zuerst anständig, dann zur Demimonde übergeht, Verhältnisse mit 
hochstehenden Personen anknüpft, dadurch „in die Höhe 
kommt“, endlich aber immer mehr „herunter kommt“. Das 
Stück hatte ihn anch an ein anderes, vor Jahren gespieltes, erinnert, 
welches den Titel trug: „Von Stufe zu Stufe“, und auf dessen 
Ankündigung eine aus mehreren Stufen bestehende Stiege zu 
sehen war. 

Nun die weitere Deutung. In der X-Straße hatte die Schau- 
spielerin gewohnt, mit welcher er das letzte, beziehungsreiche Ver- 
hältnis unterhalten. Ein Wirtshaus gibt es in dieser Straße nicht. 
Allein, als er der Dame zuliebe einen Teil des Sommers in Wien 
verbrachte, war er in einem kleinen Hotel in der Nähe abgestiegen. 
Beim Verbissen des Hotels sagte er dem Kutscher : Ich bin froh, daß 
ich wenigstens kein Ungeziefer bekommen habe (übrigens auch eine 
seiner Phobien). Der Kutscher darauf: Wie kann man aber da ab- 
steigen ! Das ist ja gar kein Hotel, eigentlich nur ein Einkehr- 
wirtshaus. 

An das Einkehrwirtshaus knüpft sich ihm sofort die Erinner un g 
eines Zitats: 

„Bei einem Wirte wnndermild, 

Da war ich jüngst zu Gaste.“ 

Der Wirt im U h 1 a n d sehen Gedichte ist aber ein Apfelbaum 

Nun setzt ein zweites Zitat die Gedankenkette fort: 

Faust (mit der Jungen tanzend). 

Einst hatt’ ich einen schönen Traum; 

Da sah ich einen Apfelbaum, 

Zwei schöne Äpfel glänzten dran, 

Sie reizten mich, ich stieg hinan. 

Die Schön e. 

Der Äpfelchen begehrt ihr sehr, 

Und schon vom Paradiese her. 

Von Freuden fühl’ ich mich bewegt, 

Daß auch mein Garten solche trägt. 

Es ist nicht „der leiseste Zweifel möglich, was unter dem Apfel- 
baume und dem Äpfelchen gemeint ist. Ein schöner Busen stand 
auch obenan unter den Reizen, durch welche die Schauspielerin meinen 
1 raumer gefesselt hatte. 


230 


V l. Die Traumarboit. 


Wir hatten nach dem Zusammenhang der Analyse allen Grund 
anzunehmen, daß der Traum auf einen Eindruck aus der Kindheit 
zurückgelie. Wenn dies richtig war, so mußte er sich auf die Amme 
des jetzt bald fünfzigjährigen Mannes beziehen. Für das Kind ist 
der Busen der Amme tatsächlich das Einkehrwirtshaus. Die Amme 
sowohl als die Sappho Daudets erscheinen als Anspielung auf die 
vor kurzem verlassene Geliebte. 

Im Trauminhalt erscheint auch der (ältere) Bruder des Patienten, 
und zwar ist dieser oben, er selbst unten. Dies ist wieder eine 
Umkehrung des wirklichen Verhältnisses, denn der Bruder hat, 
wie mir bekannt ist, seine soziale Position verloren, mein Patient sie 
erhalten. Der Träumer vermied bei der Reproduktion des Traum- 
inhalts zu sagen: Der Bruder sei oben, er selbst „parterre“ gewesen. 
Es wäre eine zu deutliche Äußerung geworden, denn man sagt bei 
uns von einer Person, sie ist „parterre“, wenn sie Vermögen und 
Stellung eingebüßt hat, also in ähnlicher Übertragung, wie man 
„heruntergekommen“ gebraucht. Es muß nun einen Sinn haben, 
daß an dieser Stelle im Traume etwas umgekehrt dargestellt ist. Die 
Umkehrung muß auch für eine andere Beziehung zwischen Traum- 
gedanken und Trauminhalt gelten. Es liegt der Hinweis darauf vor, 
wie diese Umkehrung vorzunehmen ist. Offenbar am Ende des 
Traumes, wo es sich mit dem Steigen wiederum umgekehrt ver- 
hält wie in der Sappho. Dann ergibt sich leicht, welche Umkehrung 
gemeint ist: In der Sappho trägt der Mann das zu ihm in sexuellen 

Beziehungen stehende Weib ; in den Traumgedanken handelt es sich 
also umgekehrt um ein Weib, das den Mann trägt, und da dieser 
Fall sich nur in der Kindheit ereignen kann, bezieht er sich wieder 
auf die Amme, die schwer an dem Säugling trägt. Der Schluß des 
Traumes trifft es also, die Sappho und die Amme in der nämlichen 
Andeutung darzustellen. 

Wie der Name Sappho vom Dichter nicht ohne Beziehung 
auf eine lesbische Gewohnheit gewählt ist, so deuten die Stücke des 1 
Traumes, in denen Personen oben und unten beschäftigt sind, auf 
Phantasien sexuellen Inhalts, die den Träumer beschäftigen und als 
unterdrückte Gelüste nicht außer Zusammenhang mit seiner Neurose 
stehen. Daß es Phantasien und nicht Erinnerungen der tatsächlichen Vor- 
gänge sind, die so im Traume dargestellt werden, zeigt die Traum- 
deutung selbst nicht an; dieselbe liefert uns nur einen Gedankeninhalt 
und überläßt es uns, dessen Realitätswert festzustellen. Wirkliche und 
phantasierte Begebenheiten erscheinen hier und nicht nur hier, . 
auch bei der Schöpfung wichtigerer psychischer Gebilde als der 
Träume — zunächst als gleichwertig. Große Gesellschaft bedeutet, 
wie wir bereits wissen, Geheimnis. Der Bruder ist nichts ander es, 
als der in die Kindheitsszene durch „Zurückphantasieren eingetragene 
Vertreter aller späteren Nebenbuhler beim Weibe. Die Episode \on 
dem Herrn, der auf den König von Italien schimpft, bezieht sich 


Der Käfer trau in. 


231 


durch Vermittlung eines rezenten und an sich gleichgültigen Erlebnisses 
wiederum auf das Eindrängen von Personen niederen Standes in 
höhere Gesellschaft. Es ist, als ob der Warnung, welche Daudet 
dem Jüngling erteilt, eine ähnliche für das säugende Kind gültige, 
an die Seite gestellt werden sollte.*) 

Um ein drittes Beispiel für das Studium der Verdichtung bei der 
Traumbildung bereit zu haben, teile ich die partielle Analyse eines 
anderen Traumes mit, den ich einer älteren,** in psychoanalytischer 
Behandlung stehenden Dame verdanke. Den schweren Angstzuständen 
entsprechend, an denen die Kranke litt, enthielten ihre Träume über- 
reichlich sexuelles Gedankenmaterial, dessen Kenntnisnahme sie anfangs 
ebenso sehr überraschte wie erschreckte. Da ich die Traumdeutung 
nicht bis ans Ende führen kann, scheint das Traummaterial in mehrere 
Gruppen ohne sichtbaren Zusammenhang zu zerfallen. 

III. Trau min halt: Sie besinnt sich, daß sie zwei 

Maikäfer in einer Schachtel hat, denen sie die Freiheit 
geben muß, weil sie sonst ersticken. Sie öffnet die 
Schachtel, die Käfer sind ganz matt; einer fliegtzum 
geöffneten Fenster heraus, der andere aber wird vom 
Fensterflügel zerquetscht, während sie das Fenster 
schließt, wie irgend jemand von ihr verlangt (Äuße- 
rungen des Ekels). 

Analyse: Ihr Mann ist verreist, die vierzehnjährige Tochter 
schläft im Bette neben ihr. Die Kleine macht sie am Äbend auf- 
merksam, daß eine Motte in ihr Wasserglas gefallen ist; sie versäumt 
es aber, sie herauszuholen, und bedauert das arme Tierchen am 
Morgen. In ihrer Abendlektüre war erzählt, wie Buben eine Katze 
in siedendes Wasser werfen, und die Zuckungen des Tieres geschildert. 
Dies sind die beiden an sich gleichgültigen Traumanlässe. Das Thema 
von der Grausamkeit gegen Tiere beschäftigt sie weiter. Ihre 
Tochter war vor Jahren, als sie in einer gewissen Gegend zum Sommer 
wohnten, sehr grausam gegen das Getier. Sie legte sich eine 
Schmetterlingsammlung an und verlangte von ihr Arsenik zur 
Tötung der Schmetterlinge. Einmal kam es vor, daß ein Nachtfalter 
mit der Nadel durch den Leib noch lange im Zimmer herumflog; 
ein andermal fanden sich einige Raupen, die zur Verpuppung auf- 
bewahrt wurden, verhungert. Dasselbe Kind pflegte in noch zarterem 
Alter Käfern und Schmetterlingen die Flügel auszureißen; heute 
würde sie vor all diesen grausamen Handlungen zurückschrecken ; sie 
ist sehr gutmütig geworden. 

_ *) üie phantastische Natur der auf die Ammo des Träumers bezüglichen 
Situation^ wird durch den objektiv erhobenen Umstand erwiesen, daß die Amme in 
diesem Fallo die Mutter war. Ich erinnere übrigens an das auf Seite 149 erwähnte 
bedauern des jungen Mannes der Anekdote, die Situation bei seiner Amme nicht 
besser ausgoniitzt zu haben, welches wohl die Quelle dieses Traurqtes ist. 


232 


VI. Die Traumarboit. 


Dieser Widerspruch beschäftigt sie. Er erinnert an einen 
audeien V iderspruch, den zwischen Aussehen und Gesinnung, wüe er 
in Adam Bede von der Eliot dargestellt ist.. Ein schönes, aber 
eitles und ganz dummes Mädchen, daneben ein häßliches, aber edles’. Der 
Aristokrat, der das Gänschen verführt; der Arbeiter, der adelig 
fühlt, und sich ebenso benimmt. Man kann das den Leuten nicht a n- 
s eben. Wer würde ihr anschen, daß sie von sinnlichen Wünschen 
geplagt wird ? 

In demselben Jahre, als die Kleine ihre Schmetterlingsammlung 
anlegtc, litt die Gegend arg unter der Maikäfer plage. Die Kinder 
wüteten gegen die Käfer, zerquetschten sie grausam. Sie hat da- 
mals einen Menschen gesehen, der den Maikäfern die Flügel ausriß 
und die Leiber dann verspeiste. Sie selbst ist im Mai geboren, hat 
auch im Mai geheiratet. Drei Tage nach der Hochzeit schrieb sie 
den Eltern einen Brief nach Hause, wie glücklieh sic sei. Sie war es 
aber keineswegs. 

Am Abend vor dem Traume hatte sie in alten Briefen gekramt 
und verschiedene ernste und komische Briefe den Ihrigen vorgelesen, 
so einen höchst lächerlichen Brief eines Klavierlehrers, der ihr als 
Mädchen den Hof gemacht hatte, auch den eines aristokratischen 
Verehrers.*) 

Sie macht sich Vorwürfe, daß eine ihrer Töchter ein scldeehtes 
Buch von Mau passant in die Hand bekommen,**) Der Arsenik, 
den ihre Kleine verlangt, erinnert sie an die Arsenik pillen, die 
dem Duc de Mora im Nabab die Jugendkraft wiedergeben. 

Zu „Freiheit geben“ fällt ihr die Stelle aus der Zauberflöte ein : 
„Zur Liebe kann ich dich nicht zwingen, 

Doch geh’ ich dir die Freiheit nieht.“ 

Zu den „Maikäfern“ noch die Rede des K ä t h ch en s :***) 
„Verliebt ja bist du wie ein Käfer mir.“ 

Dazwischen Tannhäuser : „Weil du von böser Lust beseelt — “ 

Sie lebt in Angst und Sorge um den abwesenden Mann. Die 
Furcht, daß ihm auf der Reise etwas zustoße, äußert sich in zahl- 
reichen Phantasien des Tages. Kurz vorher hatte sie in ihren un- 
bewußten Gedanken während der Analyse eine Klage über seine 
„Greisenhaftigkeit“ gefunden. Der Wunschgedanke, welchen dieser 
Traum verhüllt, läßt sich vielleicht am besten erraten, wenn ich er- 
zähle, daß sie mehrere Tage vor dem Traume plötzlich mitten in ihren 
Beschäftigungen durch den gegen ihren Mann gerichteten Imperativ 
ersclireekt wurde: Häng’ dich auf. Es ergab sich, daß sie einige 

*) Dies ist der eigentliche Traumerreger. 

**) Zu ergänzen: Solche Lektüre sei G i ft für ein junges Mädchen. Sic selbst 
hat in ihrer Jugend viel aus verbotenen Büchern geschöpft. 

***) Ein weiterer Godankengang führt zur Penthesileia desselben Dichters: 
Grausamkeit gegen den Geliebten. 


Samniefpersoiieu uud Mischpersonen. 


233 


Stunden vorher irgendwo gelesen hatte, beim Erhängen stelle sich eine 
kräftige Erektion ein. Es war der Wunsch nach dieser Erektion, der 
in dieser schreckenerregenden Verkleidung aus der Verdrängung wieder- 
kehrte. „Häng’ dich auf“, besagte so viel als „Verschaff dir eine 
Erektion um jeden Preis“. Die Arsenikpillen des Dr. Jenkins im 
Na bah gehören hieb er; es war der Patientin aber auch bekannt, 
daß man das stärkste Aphrodisiakum, Kant h ariden, durch Zer- 
quetsch envon Käfern bereitet (sog. spanische Fliegen). Auf diesen 
Sinn zielt der Hauptbestandteil des Trauminhalts. 

Das Fenster öffnen und -schließen ist eine der ständigen Diffe- 
renzen mit ihrem Manne. Sie selbst schläft aerophil, ihr Mann aerophob. 
Die Mattigkeit ist das Hauptsymptom, über das sie in diesen Tagen 
zu klagen gehabt hat. 

In allen drei hier mitgeteilten Träumen habe ich dui’cli die 
Schrift hervorgehoben, wo eines der Traumelemente in den Traum- 
gedankeu wiederkehrt, um die mehrfache Beziehung der ersteren 
augenfällig zu machen. Da aber für keinen dieser Träume die Analyse 
bis ans Ende geführt ist, verlohnt es sich wohl, auf einen Traum mit 
ausführlicher mitgeteilter Analyse einzugehen, um die Überdetermi- 
nierung des Trauminhalts an ihm zu erweiseu. Ich wähle hiefür den 
Traum von Irmas Injektion. Wir werden an diesem Beispiel mühelos 
erkennen, daß die Verdichtuugsarbeit bei der Traumbildung sich mehr 
als nur eines Mittels bedient. 

Die Hauptperson des Trauminhalts ist die Patientin Irma, die 
mit den ihr im Leben zukommenden Zügen gesehen wurde und also 
zunächst sich selbst darstellt. Die Stellung aber, in welcher ich sie 
beim Fenster untersuche, ist von einer Erinnerung an eine andere 
Person hergenommen, von jener Dame, mit der ich meine Patientin 
vertauschen möchte, wie die Traumgedanken zeigen. Insofern Irma 
einen diphtheri tischen Belag erkennen läßt, bei dem die Sorge um 
meine älteste Tochter erinnert wird, gelangt sie zur Darstellung dieses 
meines Kindes, hinter welchem, durch die Namensgleichheit mit ihr 
verknüpft, sich die Person einer durch Intoxikation verlorenen Patientin 
verbirgt. Im weiteren Verlaufe des Traumes wandelt sich die Be- 
deutung von Irmas Persönlichkeit (ohne daß ihr im Traume gesehenes 
Bild sich änderte) ; sie wird zu einem der Kinder, die wir in der 
öffentlichen Ordination des Kinderkrankeninstituts untersuchen, wobei 
meine h reunde die Verschiedenheit ihrer geistigen Anlagen erweisen. 
Der Übergang wurde offenbar durch die Vorstellung meiner kindlichen 
Tochter vermittelt. Durch das Sträuben beim Mundöffnen wird die- 
selbe Irma zur Anspielung auf eine andere, einmal von mir unter- 
suchte Dame, ferner in demselben Zusammenhang auf meine eigene 
rmu. In den krankhaften Veränderungen, die ich in ihrem Halse 
entdecke, habe ich überdies Anspielungen auf eine ganze Reihe von 
noch anderen Personen zusammengetragen. 


234 


VI. Die 1 'niuinarboit. 


All diese Personen, auf die ich bei der Verfolgung von Irma“ 
gerate, treten im Traume nicht leibhaftig auf ; sie verbergen sich hinter 
der I raumpersonen „Irma“, welche so zu einem Sammelbild mit aller- 
dings widerspruchsvollen Zügen ausgestaltet wird. Irma wird zur Ver- 
treterin dieser anderen, bei der Verdichtungsarbeit hingeopferten Per- 
sonen, indem ich an ihr all das vorgehen lasse, was mich Zug für 
Zug an diese Personen erinnert. 

Ich kann mir eine Sammel person auch auf andere Weise für 
die Traumverdichtung hersteilen, indem ich aktuelle Züge zweier oder 
mehrerer Personen zu einem Traumbilde vereinige. Solcher Art ist 
der Dr. M. meines Traumes entstanden, er trägt den Namen des 
Dr. M., spricht und handelt wie er ; seine leibliche Charakteristik und 
sein Leiden sind die einer anderen Person, meines ältesten Bruders; 
ein einziger Zug, das blasse Aussehen, ist doppelt determiniert, indem 
er in der Realität beiden Personen gemeinsam ist. Eine ähnliche Misch- 
person ist der Dr. R. meines Onkeltraumes. Hier aber ist das Traum- 
bild noch auf andere Weise bereitet. Ich habe nicht Züge, die dem 
einen eigen sind, mit Zügen des anderen vereinigt und dafür das Er- 
innerungsbild jedes einen um gewisse Züge verkürzt, sondern ich habe 
das Verfahren eingeschlagen, nach welchem Gral ton seine Familien- 
porträts erzeugt, nämlich beide Bilder aufeinander projiziert, wobei 
die gemeinsamen Züge verstärkt hervortreten, die nicht zusammen- 
stimmenden einander auslöschen und im Bilde undeutlich werden. Im 
Onkeltraume hebt sich so als verstärkter Zug aus der zwei Personen 
gehörigen und darum verschwommenen Physiognomie der blonde 
Bart hervor, der überdies eine Anspielung auf meinen Vater und 
auf mich enthält, vermittelt durch die Beziehung zum Ergrauen. 

Die Herstellung von Sammel- und Mischpersonen ist eines der 
Hauptarbeitsmittel der Traumverdichtung. Es wird sich bald der An- 
laß ergeben, sie in einem anderen Zusammenhänge zu behandeln. 

Der Einfall „Dysenterie“ im Injektionstraume ist gleichfalls mehr- 
fach determiniert, einerseits durch den paraphrasischen Gleichklang mit 
Diphtherie, anderseits durch die Beziehung auf den von mir in den 
Orient geschickten Patienten, dessen Hysterie verkannt wird. 

Als ein interessanter Fall von Verdichtung erweist sich auch die 
Erwähnung von „Propylen“ im Traume. In den Traumgedauken 
war nicht „Propylen“, sondern „Amylen“ enthalten. Man könnte 
meinen, daß hier eine einfache Verschiebung bei der Traumbildung 
Platz gegriffen hat. So ist es auch, allein diese Verschiebung dient 
den Zwecken der Verdichtung, wie folgender Nachtrag zur Traum- 
analyse zeigt. Wenn meine Aufmerksamkeit bei dem Worte „Pro- 
pylen“ noch einen Moment Halt macht, so Mit mir der Gleichklang 
mit dem Worte „Propyläen“ ein. Die P r o p y 1 ä e n befinden sich 
aber nicht nur in Athen, sondern auch in München. In dieser Stadt 
habe ich ein Jahr vor dem Traume meinen damals sch werk ranken 
Freund aufgesucht, dessen Erwähnung durch das bald auf Propylen 
folgende Trimethylamin des Traumes unverkennbar wird. 


Bildung von Mittelvorstelluugen. 


235 


Ich gehe über den auffälligen Umstand hinweg, daß hier und 
anderswo bei der Traumanalyse Assoziationen von der verschiedensten 
Wertigkeit, wie gleichwertig, zur Gedankenverbindung benützt werden, 
und gebo der Versuchung nach, mir den Vorgang bei der Ersetzung 
von Amylen in den Traumgedanken durch Propylen in dem 
Trauminhalt gleichsam plastisch vorzustellen. 

Hier behnde sich die Vorstellungsgruppe meines Freundes Otto, 
der mich nicht versteht, mir Unrecht gibt und mir nach Amylen 
duftenden Likör schenkt; dort durch Gegensatz verbunden die meines 
Freundes Wilhelm, der mich versteht, mir recht geben würde, und 
dem ich soviel wertvolle Mitteilungen, auch über die Chemie der 
Sexualvorgänge, verdanke. 

Was aus der Gruppe Otto meine Aufmerksamkeit besonders er- 
regen soll, ist durch die rezenten, den Traum erregendeu Anlässe be- 
stimmt; das Amylen gehört zu diesen ausgezeichneten, für den Traum- 
inhalt prädestinierten Elementen. Die reiche Vorstellungsgruppe „Wil- 
helm“ wird geradezu durch den Gegensatz zu Otto belebt und die 
Elemente in ihr hervorgehoben, welche an die bereits erregten in Otto 
anklingen. In diesem ganzen Traume rekurriere ich ja von einer 
Person, die mein Mißfallen erregt, auf eine andere, die ich ihr nach 
Wunsch entgegenstellen kann, rufe ich Zug für Zug den Freund 
gegen den Widersacher auf. So erweckt das Amylen bei Otto auch 
in der anderen Gruppe Erinnerungen aus dem Kreise der Chemie; 
das Trimethylamin, von mehreren Seiten her unterstützt, gelangt in 
den Trauminhalt. Auch „Amylen“ könnte unverwandelt in den 
Trauminhalt kommen, es unterliegt aber der Einwirkung der Gruppe 
„Wilhelm“, indem aus dem ganzen ErinnerungsumfaDg, den dieser 
Name deckt, ein Element hervorgesucht wird, welches eine doppelte 
Determinierung für Amylen ergeben kann. In der Nähe von Amylen 
liegt für die Assoziation „Propylen“; aus dem Kreise „Wilhelm“ 
kommt ihm München mit den Propyläen entgegen. In P r o p y 1 e n- 
Propyläen treffen beide Vorstellungskreise zusammen. Wie durch 
einen Kompromiß gelangt dieses mittlere Element dann in den Traum- 
inhalt. Es ist hier ein mittleres Gemeinsames geschaffen wor- 
den, welches mehrfache Determinierung zuläßt. Wir greifen so mit 
Händen, daß die mehrfache Determinierung das Durchdringen in den 
Trauminhalt erleichtern muß. Zum Zwecke dieser Mittelbildung ist 
unbedenklich eine Verschiebung der Aufmerksamkeit von dem eigent- 
lich Gemeinten zu einem in der Assoziation nahe Liegenden vorge- 
nommen worden. 

Das Studium des Injektionstraumes gestattet uns bereits einige 
Übersicht über die Verdichtungsvorgänge bei der Traumbildung zu 
gewinnen. Wir konnten die Auswahl der mehrfach in den Traum- 
gedanken vorkommenden Elemente, die Bildung neuer Einheiten 
(Sammelpersonen, Mischgebilde) und die Herstellung von mittleren 
Gemeinsamen als Einzelheiten der Verdichtungsarboit erkennen. Wozu 


230 


\ f. Die Trauinarhcit. 


die Verdichtung dient und wodurch sie gefordert wird, werden wir 
uns erst fragen, wenn wir die psychischen Vorgänge bei der Traum- 
bi Idung im Zusammenhänge erfassen wollen. Begnügen wir uns jetzt 
mit der h eststellung der Iraum Verdichtung als einer bemerkens- 
werten Relation zwischen Traumgedanken und Trauminhalt. 

Am greifbarsten, wird die Verdichtungsarbeit des Traumes, wenn 
sie Woitc und Namen, zu ihren Objekten gewählt hat. Worte werden 
vom Traume überhaupt häufig wie Dinge behandelt und erfahren dann 
dieselben Zusammensetzungen, Verschiebungen, Ersetzungen und also 
auch Verdichtungen wie die Dingvorstellungen. Komische und selt- 
same Wortschöpfungen sind das Ergebnis solcher Träume. Als mir 
einmal ein Kollege einen von ihm verfaßten Aufsatz überschickte, in 
welchem eine physiologische Entdeckung der Neuzeit nach meinem 
Urteil überschätzt und vor allem in überschwenglichen Ausdrücken 
abgehandelt war, da träumte ich die nächste Nacht einen Satz, der 
sich offenbar auf diese Abhandlung bezog: „Das ist ein w' ahr- 
haft norekdaler Stil.“ Die Auflösung des Wortgebildes bereitete 
mir anfänglich Schwierigkeiten ; es war nicht zweifelhaft, daß cs den 
Superlativen „kolossal, pyramidal“ parodistisch nachgeschaffen war- 
aber woher es stammte, war nicht leicht zu sagen. Endlich zerfiel mir 
das Ungetüm in die beiden Namen Nora und Ekdal aus zwei be- 
kannten Schauspielen von Ibsen. Von demselben Autor, dessen 
letztes Opus ich im Traume also kritisierte, hatte ich vorher einen 
Zeitungsaufsatz über Ibsen gelesen. 

II. Eine meiner Patientinnen teilt mir einen kurzen Traum mit, 
der in eine unsinnige Wortkombination ausläuft. Sie befindet sich mit 
ihrem Manne bei einer Bauernfestlichkeit und sagt dann: Das wird 
in einen allgemeinen „Maistollmütz“ ausgehen. Dabei im 
Traume der dunkle Gedanke, das sei eine Mehlspeise aus Mais, eine 
Art Polenta. Die Analyse zerlegt das Wort in M a i s — toll — manns- 
toll — Olmütz, welche Stücke sich sämtlich als Reste einer Konver- 
sation bei Tisch mit ihren Verwandten erkennen lassen. Hinter Mais 
verbargen sich außer der Anspielung auf die eben eröffnete Jubiläums- 
ausstellung die Worte: Meißen (eine Meißner Porzellanfigur, die 
einen Vogel darstellt), Miß (die Engländerin ihrer Verwandten war 
nach 0 1 m ü t z gereist), in i es = ekel, übel im scherzhaft gebrauchten 
jüdischen Jargon, und eine lange Kette von Gedanken und An- 
knüpfungen ging von jeder der Silben des Wortklumpens ab. 

III . Ein junger Mann, bei dem ein Bekannter spät abends an- 
geläutet hat, um eine Besuchskarte abzugeben, träumt in der darauf- 
folgenden Nacht: Ein Geschäftsmann wartet spät abends, 
um den Z i m me r tel egr ap h e n zu richten. Nachdem er 
weggegangen ist, läutet es noch i m m e r n i cli t k o n t i n u i e r- 
lich, sondern nur in einzelnen Schlägen. Der Diener 
holt den Manu -wieder, und der sagt: E s ist doch m e r k- 


Wort- und Namenverdichtungen 


237 


würdig, daß auch Leute, die sonst tutelrein sind, solche 
Angelegenheiten nicht zu behandeln verstehen. 

Der indifferente Traumanlaß deckt, wie man sieht, nur eines 
der Elemente des Traumes. Zur Bedeutung ist er überhaupt nur ge- 
kommen, indem er sich an ein früheres Erlebnis des Träumers ange- 
reiht hat, das, an sich auch gleichgültig, von seiner Phantasie mit stell- 
vertretender Bedeutung ausgestattet wurde. Als Knabe, der mit seinem 
Vater wohnte, schüttete er einmal schlaftrunken ein Glas Wasser auf 
den Boden, so daß das Kabel des Zinimertolegraphen durchtränkt 
wurde, und das kontinuierliche Läuten den Vater im Schlafe 
störte. Da das kontinuierliche Läuten dem Naßwerden entspricht, so 
werden dann „einzelne Schläge“ zur Darstellung des Tropfen- 
fallens verwendet. Das Wort „tutelrein“ zerlegt sich aber nach 
drei Richtungen und zielt damit auf drei der in den Traumgedanken 
vertretenen Materien : „Tutel“ = Kuratel bedeutet Vormundschaft ; 
Tutel (vielleicht „Tuttel“) ist eine vulgäre Bezeichnung der weib- 
lichen Brust, und der Bestandteil „rein“ übernimmt die ersten Silben 
des Zimmertelegraphen, um „Zimmer rein“ zu bilden, was mit dem 
Naßmachen des Fußbodens viel zu tun hat und überdies an einen der 
in der Familie des Träumers vertretenen Namen anldingt*) 

IV. In einem längeren wüsten Traume von mir. der eine Schiffs- 
reise zum scheinbaren Mittelpunkte hat, kommt es vor, daß die nächste 
Station Hearsing heißt, die nächst weitere aber Fließ. Letzteres 
ist der Name meines Freundes in B., der oft das Ziel meiner Reise 
gewesen ist. Hearsing aber ist kombiniert aus den Ortsnamen 
unserer Wiener Lokalstrecke, die so häufig auf ing ausgehen: 
Hietzing, Liesing, Mödling (Medelitz, „meae deliciae“ der alte 
Name, also „meine Freud’“) und dem englischen H e a r s a y = 
Hörensagen, was auf Verleumdung deutet und die Beziehung zu dem 

*) Die nämliche Zerlegung* und Zusammensetzung der Silben — eine wahre 
Silbenchemie — dient uns im Wachen zu mannigfachen Scherzen. „Wie gewinnt 
man auf die billigste Art Silber? Man begibt sich in eine Allee, in der Silberpappeln 
stehen, gebietet Schweigen, dann hört das , Pappeln* (Schwätzen) auf, und das Silber 
wird frei.“ Der erste Leser und Kritiker dieses Buches hat mir den Einwand ge- 
macht, den die späteren wahrscheinlich wiederholen werden, „daß der Träumer eft 
zu witzig erscheine“. Das ist richtig, se lange es nur auf den Träumer hezogen 
wird, involviert einen Vorwurf nur dann, wenn es auf den Traumdeuter iibergreifen 
soll. In der wachen Wirklichkeit kann ich wenig Anspruch auf das Prädikat „witzig“ 
erheben ; wenn meine Träume witzig erscheinen, so liegt es nicht an meiner Persen, 
Sendern an den eigentümlichen psychologischen Bedingungen, unter denen der Traum 
gearbeitet wird, und hängt mit der Theorie des Witzigen und Komischen intim zu- 
sammen.^ Der Traum wird witzig, weil ihm der gerade und nächste Weg zum Aus- 
druck seiLcr Gedanken gesperrt ist; er wird es notgedrungen. Die Leser können 
sich üherzeugen, daß die Träume meiner Patienten den Eindruck des Witzigen 
(Witzelnd -*n) im selben und im höheren Grade machen wie die meinen. [Immerhin 
gah mir dieser Vorwurf Anlaß, die Technik des Witzes mit der Traumarheit zu ver- 
gleichen, was in dem 1905 veröffentlichten Buche „Der Witz und seine Beziehung 
zum Unbewußten“ geschehen ist.l 


238 


VI. Die Trauinarbeit. 


indifferenten Traumerreger des Tages herstellt, einem Gedichte in den 
„Fliegenden Blättern“ von einem verleumderischen Zwerge, „Sagter 
Hatergesagt“. Durch Beziehung der Endsilbe „ing“ zum Namen 
Fließ gewinnt man „ Vlissi ugen“, wirklich die Station der Seereise, 
die mein Bruder berührt, wenn er von England zu uns auf Besuch 
kommt. Der englische N ame von Vlissingen lautet aber F 1 u s h i n g, 
was in englischer Sprache Erröten bedeutet und an die Patienten mit 
„Errötensangst“ mahnt, die ich behandle, auch an eine rezente Publi- 
kation Bechterews über diese Neurose, die mir Anlaß zu ärger- 
lichen Empfindungen gegebenen hat. 

V. Ein anderes Mal habe ich eincu Traum, der aus zwei geson- 
derten Stücken besteht. Das erste ist das lebhaft erinnerte Wort 
„ Autodidasker“, das andere deckt sich getreu mit einer vor Tagen 
produzierten, kurzen und harmlosen Phantasie des Inhalts, daß ich 
dem Professor N., wenn ich ihn nächstens sehe, sagen muß: „Der 
Patient, über dessen Zustand ich Sie zuletzt konsultiert habe, leidet 
wirklich nur an einer Neurose, ganz wie Sie vermutet haben.“ Das 
ueugebildete „Autodidasker“ hat nun nicht nur der Anforderung 
zu genügen, daß cs komprimierten Sinn enthält oder vertritt, es soll 
auch dieser Sinn in gutem Zusammenhänge mit meinem aus dem 
Wachen wiederholten Vorsatze stehen, dem Professor N. jene Genug- 
tuung zu geben. 

Nun zerlegt sich Autodidasker leicht in Autor, Auto- 
didakt und Lasker, an den sich der Name Lasalle schließt. Die 
ersten dieser W orte führen zu der — dieses Mal bedeutsamen — Ver- 
anlassung des Traumes. Ich hatte meiner Frau mehrere Bände eines 
bekannten Autors mitgebracht, mit dem mein Bruder befreundet ist, 
und der, wie ich erfahren habe, aus demselben Orte stammt wie ich 
(J. J. David). Eines abends sprach sie mit mir über den tiefen Ein- 
druck, den ihr die ergreifend traurige Geschichte eines verkommenen 
Talents in einer der David sehen Novellen gemacht hatte, und unsere 
Unterhaltung wendete sich darauf den Spuren von Begabung zu, die 
wir an unseren eigenen Kindern wahrnehmen. Unter der Herrschaft 
des eben Gelesenen äußerte sie eine Besorgnis, die sich auf die Kinder 
bezog, und ich tröstete sie mit der Bemerkung, daß gerade solche Ge- 
fahren durch die Erziehung abffewendet werden können. In der JNacnt 
ging mein Gedankengang weiter, nahm die Besorgnisse meiner brau 
auf und verwob allerlei anderes damit. Eine Äußerung, die der Dichter 
gegen meinen Bruder in bezug auf das Heiraten getan hatte, zeigte 
meinen Gedanken einen Nebenweg, der zur Darstellung im Traume 
führen konnte. Dieser Weg leitete nach Breslau, wohin eine uns sehr 
befreundete Dame geheiratet hatte. Für die Besorgnis, am Weibe zu 
Grunde zu gehen, die den Kern meiner Traumgedanken bildete, fand 
ich in Breslau die Exempel Lasker und Lasalle auf. die mir gleich- 
zeitig die beiden Arten dieser Beeinflussung zum L nheil darzustellen 


W ortneubildungen. 


239 


gestatteten.*) Das „Cherchez la fern me“, in dem sich diese Gedanken 
zusammenfassen lassen, bringt mich in anderem Sinne auf meinen noch 
unverheirateten Bruder, der Alexander heißt. Nun merke ich, daß 
Alex, wie wir den Namen abkürzen, fast wie eine Umstellung von 
Lasker klingt, und daß dieses Moment mitgewirkt haben muß, meinen 
Gedanken die Umwegrichtung über Breslau mitzuteilen. 

Die Spielerei mit Namen und Silben, die ich hier treibe, enthält 
aber noch einen weiteren Sinn. Sie vertritt den Wunsch eines glück- 
lichen Familienlebens für meinen Bruder, und zwar auf folgendem 
Wege. In dem Künstlerroman L’oeuvre, der meinen Traumgedanken 
inhaltlich nahe liegen mußte, hat der Dichter bekanntlich sich selbst 
und sein eigenes Familienglück episodisch mitgeschildert und tritt 
darin unter dem Namen Sandoz auf. Wahrscheinlich hat er bei der 
Namensverwandlung folgenden Weg eingeschlagen. Zola gibt um- 
gekehrt (wie die Kinder so gern zu tun pflegen) A 1 o z. Das war ihm 
wohl noch zu unverhüllt; darum ersetzte sich ihm die Silbe Al, die 
auch den Namen Alexander einleitet, durch die dritte Silbe desselben 
Namens sand, und so kam Sandoz zu stände. So ähnlich entstand 
also auch mein Autodidasker. 

Meine Phantasie, daß ich Professor N. erzähle, der von uns 
beiden gesehene Kranke leide nur an einer Neurose, ist auf folgende 
Weise in den Traum gekommen. Kurz vor Schluß meines Arbeits- 
jalires bekam ich einen Patienten, bei dem mich meine Diagnostik im 
Stiche ließ. Es war ein schweres organisches Leiden, vielleicht eine 
Rückenmarks Veränderung, anzunehmen, aber nicht zu beweisen. Eine 
Neurose zu diagnostizieren wäre verlockend gewesen und hätte allen 
Schwierigkeiten ein Ende bereitet, wenn nicht die sexuelle Anamnese, 
ohne die ich keine Neurose anerkennen will, vom Kranken so ener- 
gisch in Abrede gestellt worden wäre. Iu meiner Verlegenheit rief 
ich den Arzt zur Hilfe, den ich menschlich am meisten verehre (wie 
andere auch), und vor dessen Autorität ich mich am ehesten beuge. 
Er hörte meine Zweifel an, hieß sie berechtigt und meinte dann : 
„Beobachten Sie den Mann weiter, es wird eine Neurose sein.“ Da 
ich weiß, daß er meine Ansichten über die Ätiologie der Neurosen 
nicht teilt, hielt ich meinen Widerspruch zurück, verbarg aber nicht 
meinen Unglauben. Einige Tage später machte ich dem Kranken die 
Mitteilung, daß ich mit ihm nichts anzufangen wisse, und riet ihm 
sic 1 an einen anderen zu wenden. Da begann er zu meiner höchsten 
Überraschung, mich um Verzeihung zu bitten, daß er mich belogen 
habe; er habe sich so sehr geschämt, und nun enthüllte er mir gerade 
{ as Stück sexueller Ätiologie, das ich erwartet hatte, und dessen ich 
zui Annahme einer Neurose bedurfte. Mir war es eine Erleichterung 
ajer auch gleichzeitig eine Beschämung; ich mußte mir zugestehen > 
Äi m cm K onsiliarius, durch die Berücksichtigung der Anamnese un- 


) Lasker starb an progressiver 
erworbenen Infektion (Lues); Lasalle, 


Paralyse, also 
wie bekannt, 


an den Folgen der beim Weibe 
im Daeil wegen einer Dame. 


240 


VJ. Die 'I Yauinarboit. 


^ mm /,u sagen, 
er recht gehabt habe 


beirrt, richtiger gesehen hatte. Ich nahm mir vor, es ihm zu 
wenn ich ihn wiedersehe, ihm zu sagen, daß 
und ich unrecht. 

Gerade dies tue ich nun im Traume. Aber was für Wunsch- 
erfüllung soll es denn sein, wenn ich bekenne, daß ich unrecht habe? 
Gerade das ist mein Wunsch; ich möchte unrecht haben mit meinen 
Befürchtungen, resp. ich möchte, daß meine Frau, deren Befürchtungen 
ich in den Traumgedanken mir angeeignet habe, unrecht behält. Das 
Thema, auf welches sich das liecht- oder Unreell tbohalten im Traume 
bezieht, ist von dem für die Traumgedanken wirklich Interessanten 
nicht weitab gelegen. Dieselbe Alternative der organischen oder der 
funktionellen Schädigung durch das Weib, eigentlich durch das Sexual- 
leben : Tabesparalyse oder Neurose, an welch letztere sich die Art des 
Unterganges von Las alle lockerer anreiht. 

Professor N. spielt in diesem festgefügten (und bei sorgfältiger 
Deutung ganz durchsichtigen) Traume nicht nur wegen dieser Analogie 
und wegen meines Wunsches, unrecht zu behalten, eine Rolle — auch 
nicht wegen seiner nebenher gehenden Beziehungen zu Breslau und 
zur Familie unserer dorthin verheirateten Freundin—, sondern auch 
wegen folgender kleinen Begebenheit, die sich an unsere Konsultation 
anschloß. Nachdem er mit jener Vermutung die ärztliche Aufgabe 
erledigt hatte, wandte sich sein Interesse persönlichen Dingen zu. 
„Wieviel Kinder haben Sie jetzt?“ — „Sechs.“ — Eine Gebärde von 
Respekt und Bedenklichkeit. — „Mädel, Buben?“ — „Drei und drei, 
das ist mein Stolz und mein Reichtum.“ — »Nun, geben Sie acht, 
mit den Mädeln geht es ja gut, aber die Buben machen einem später 
Schwierigkeiten in der Erziehung.“ — Ich wendete ein, daß sie bis 
jetzt recht zahm geblieben sind; offenbar behagte mir diese zweite 
Diagnose über die Zukunft meiner Buben ebenso wenig wie die früher 
gefällte, daß mein Patient nur eine Neurose habe. Diese beiden Ein- 
drücke sind also durch Kontiguität, durch das Erleben in einem Zuge 
verbunden, und wenn ich die Geschichte von der Neurose in den 


Traum nehme, ersetze ich durch sie die Rede über die Erziehung, die 
noch mehr Zusammenhang mit den Traumgedanken aufweist, da sie 
so nahe an die später geäußerten Besorgnisse meiner Frau rührt. So 
findet selbst meine Angst, daß N. mit den Bemerkungen über die Er- 
ziehungsschwierigkeiten bei den Buben recht behalten möge, Eingang 
in den Trauminhalt, indem sie sich hinter der Darstellung meines 
Wunsches, daß ich mit solchen Befürchtungen unrecht haben möge, 
verbirgt. Dieselbe Phantasie dient unverändert der Darstellung beider 
Glieder der Alternative. 

Die Wortverbildungen des Traumes ähneln sehr den bei der 
Paranoia bekannten, die aber auch bei Hysterie und Zwangsvor- 
stellungen nicht vermißt werden. Die Sprachkiinste der Kinder, die 
zu gewissen Zeiten die Worte tatsächlich wie Objekte behandeln, auch 
neue Sprachen und artefizielle Wortfügungen erfinden, sind für den 
Traum wir für die Psychoneurosen hier die gemeinsame Quelle. 


gegensätzlichen 


Die V erschiebungsarbeit. 


241 


Wo in einem Traume Reden Vorkommen, die ausdrücklich als 
solche von Gedanken unterschieden werden, da gilt als ausnahmslose 
Regel, daß Traumrede von erinnerter Rede im Traummaterial ab- 
stammt. Der Wortlaut der Rede ist entweder unversehrt erhalten oder 
leise im Ausdruck verschoben* häufig ist die Traumrede aus ver- 
schiedenen Redeerinnerungen zusammengestttckelt ; der W ortlaut dabei 
das sich gleich gebliebene, der Sinn womöglich mehr- oder anders- 
deutig verändert. Die Traumrede dient nicht selten als bloße An- 
spielung auf ein Ereignis, bei dem die erinnerte Rede vorfiel. ') 

b) Die Verschiebungsarbeit. 

Eine andere, wahrscheinlich nicht minder bedeutsame Relation 
mußte uns bereits auffallen, während wir die Beispiele für die Traum- 
verdichtung sammelten. Wir konnten bemerken, daß die Elemente, 
welche im Trauminhalt sich als die wesentlichen Bestandteile hervor- 
d Tätigen, in den Traumgedanken keineswegs die gleiche Rolle spielen. 
Als Korrelat dazu kann man auch die Umkehrung dieses Satzes aus- 
sprechen. Was in den Traumgedanken offenbar der wesentliche Inhalt 
ist, braucht im Traume gar nicht vertreten zu sein. Der Traum ist 
gleichsam anders zentriert, sein Inhalt um andere Elemente als 
Mittelpunkt geordnet als die Traumgedanken. So z. B. ist im Traume 
von der botanischen Monographie Mittelpunkt des Trauminhalts offenbar 
das Element „botanisch“ • in den Traumgedanken handelt es sich um die 
Komplikationen und Konflikte, die sich aus verpflichtenden Leistungen 
zwischen Kollegen ergeben, in weiterer Folge um den Vorwurf, daß 
ich meinen Liebhabereien allzu große Opfer zu bringen pflege, und 
das Element „botanisch“ findet in diesem Kerne der Traumgedanken 
überhaupt keine Stelle, wenn es nicht durch eine Gegensätzlichkeit 
locker damit verbunden ist, denn Botanik hatte niemals einen Platz 
unter meinen Lieblingsstudien. In dem Sapphotraume meines Patienten 
ist das Auf- und Niedersteigen, Oben- und Unten sein zum 
Mittelpunkte gemacht ; der Traum handelt aber von den Gefahren 
sexueller Beziehungen zu niedrig stehenden Personen, so daß nur 
eines der Elemente der Traumgedanken, dies aber in ungebührlicher 
V erbreiterung, in den Trauminhalt eingegangen scheint. Ähnlich ist 
im Traume von den Maikäfern, welcher die Beziehungen der Sexu- 
alität zur Grausamkeit zum Thema hat, zwar das Moment der Grau- 
samkeit im Trauminhalt wieder erschienen, aber in andersartiger Ver- 
knüpfung und ohne Erwähnung des Sexuellen, also ans dem Zu- 
sammenhang gerissen und dadurch zu etwas Fremdem umgestaltet. In 

*) (bei einem an Zwangsvorstellungen leidenden jungen Manne, init übrigens 
intakten und hochontwickelten intellektuellen Funktionen, fand ich unlängst die ein- 
zige Ausnahme von dieser Kegel. Die Reden, die in seinen Träumen vorkamen, 
stammen nicht von gehörten oder selbst gehaltenen Reden ab, sondern entsprachen 
dem unentstellten Wortlaute seiner Zwangsgedanken, die ihm im Wachen nur abgo- 
ändort zum Bewußtsein kamen.] 

Freud, Traumdeutung. 3. Aufl. 


IG 


242 


VI. Die Trimmarbeit. 


dem Onkeltraume wiederum scheint der blonde Bart, der dessen Mittel- 
punkt bildet, außer aller Sinnbeziehung zu den GrüßenwUnschen, die 
wir als den Kern der Traumgedanken erkannt haben. Solche Träume 
machen dann mit gutem Rechte einen „verschobenen“ Eindruck, 
[in vollen Gegensatz zu diesen Beispielen zeigt dann der Traum von 
Irmas Injektion, daß bei der Traumbildung die einzelnen Elemente 
auch wohl den Platz behaupten können, den sie in den Traum- 
gedanken einnehmen. Die Kenntnisnahme dieser neuen, in ihrem 
Sinne durchaus inkonstanten Relation zwischen Traumgedanken und 
Trauminhalt ist zunächst geeignet, unsere Verwunderung zu erregen. 
Wenn wir bei einem psychischen Vorgang des Normallebens finden, 
daß eine Vorstellung aus mehreren anderen herausgegriffen wurde und 
für das Bewußtsein besondere Lebhaftigkeit erlangt hat, so pflegen 
wir diesen Erfolg als Beweis dafür anzusehen, daß der siegenden Vor- 
stellung eine besonders hohe psychische Wertigkeit (ein gewisser Grad 
von Interesse) zukommt. Wir machen nun die Erfahrung, daß diese 
Wertigkeit der einzelnen Elemente in den Traumgedanken für die 
Traumbildung nicht erhalten bleibt oder nicht in Betracht kommt. Es 
ist ja kein Zweifel darüber, welches die höchstwertigen Elemente der 
Traumgedanken sind; unser Urteil sagt es uns unmittelbar. Bei der 
Traumbildung können diese wesentlichen, mit intensivem Interesse 
betonten Elemente nun so behandelt werden, als ob sie minderwertig 
wären, und an ihre Stelle treten im Traume andere Elemente, die in 
den Traumgedanken sicherlich minderwertig waren. Es macht zu- 
nächst den Eindruck, als käme die psychische Intensität*) der ein- 
zelnen Vorstellungen für die Traumauswahl überhaupt nicht in Be- 
tracht, sondern bloß die mehr oder minder vielseitige Determinierung 
derselben. Nicht was in den Traumgedanken wichtig ist, kommt in 
den Traum, sondern was in ihnen mehrfach enthalten, könnte man 
meinen ; das Verständnis der Traumbildung wird aber durch diese 
Annahme nicht sehr gefördert, denn von vornherein wird man nicht 
glauben können, daß die beiden Momente der mehrfachen Determi- 
nierung und der eigenen Wertigkeit bei der Traumauswahl anders als 
gleichsinnig wirken können. Jene Vorstellungen, welche in den Traum- 
gedanken die wichtigsten sind, werden wohl auch die am häufigsten 
in ihnen wiederkehrenden sein, da von ihnen wie von Mittelpunkten 
die einzelnen Traumgedanken ausstrahlen. Und doch kann der Traum 
diese intensiv betonten und vielseitig unterstützten Elemente ablehnen 
und andere Elemente, denen nur die letztere Eigenschaft zukommt, 
in seinen Inhalt aufnehmen. 

Zur Lösung dieser Schwierigkeit wird man einen anderen Ein- 
druck verwenden, den man bei der Untersuchung der Überdetenni- 
nierung des Trauminhalts empfangen hat. Vielleicht hat schon mancher 
Leser dieser Untersuchung bei sich geurteilt, die Überdetermiuierung 


*) Psychische Intensität, Wertigkeit, Intcressebetonung einer \ orstcllung ist 
natürlich von Binnlichor Intensität, Intensität des Vorgestellten, gesondert zu halten. 


Die Überdetorminierung. 


243 


der Traumelemente sei kein bedeutsamer Fund, weil sie ein selbst- 
verständlicher ist. Man geht ja bei der Analyse von den Traum- 
elomenten aus und verzeichnet alle Einfälle, die sich an dieselben 
knüpfen; kein Wunder dann, daß in dem so gewonnenen Gedanken- 
material eben diese Elemente sich besonders häufig wiederfinden. Ich 
könnte diesen Einwand nicht gelten lassen, werde aber selbst etwas 
ihm ähnlich Klingendes zur Sprache bringen: Unter den Gedanken, 
welche die Analyse zu Tage fördert, finden sich viele, die dem Kern 
des Traumes fernerstehen, und die sich wie künstliche Einschaltungen 
zu einem gewissen Zweck ausnehmen. Der Zweck derselben ergibt 
sich leicht; gerade sie stellen eine Verbindung, oft eine gezwungene 
und gesuchte Verbindung, zwischen Traumiuhalt und Traumgedanken 
her, und wenn diese Elemente aus der Analyse ausgemerzt würden, 
entfiele für die Bestandteile des Trauminhalts oftmals nicht nur die 
Überdeterminierung, sondern überhaupt eine genügende Determinierung 
durch die Traumgedanken. Wir werden so zum Schlüsse geleitet, daß 
die mehrfache Determinierung, die für die Traumauswahl entscheidet, 
wohl nicht immer ein primäres Moment der Traumbildung, sondern 
oft ein sekundäres Ergebnis einer uns noch unbekannten psychischen 
Macht ist. Sie muß aber bei alledem für daj Eintreten der einzelnen 
Elemente in den Traum von Bedeutung sein, denn wir können beob- 
achten, daß sie mit einem gewissen Aufwand hergestellt wird, wo sie 
sich aus dem Traummaterial nicht ohne Nachhilfe ergibt. 

Es liegt nun der Einfall nahe, daß bei der Traumarbeit eine 
psychische Macht sich äußert, die einerseits die psychisch hochwertigen 
Elemente ihrer Intensität entkleidet und anderseits auf dem Wege 
der Überdete rminierung aus minderwertigen neue Wertigkeiten 
schafft, die dann in den Trauminhalt gelangen. W enn das so zugeht, 
so hat bei der Traumbildung eine Übertragung und Ver- 
schiebung der psychischen Intensitäten der einzelnen Ele- 
mente stattgefunden, als deren Folge die Textverschiedenheit von 
Trauminhalt und Traumgedanken erscheint. Der Vorgang, den wir so 
supponieren, ist geradezu das wesentliche Stück der Traumarbeit; er 
verdient den Namen der Traum Verschiebung. Traum Ver- 
schiebung und Traumverdichtung sind die beiden Werk- 
meister, deren lätigkeit wir die Gestaltung des Traumes hauptsächlich 
zuschreiben dürfen. 

Ich denke, wir haben es auch leicht, die psychische Macht, die 
sich in den .Tatsachen der Traumverschiebung äußert, zu erkennen. 
Der Erfolg dieser Verschiebung ist, daß der Trauminhalt dem Kerne 
der Traumgedanken nicht mehr gleich sieht, daß der Traum nur eine 
Entstellung des Traumwunsches im Unbewußten wiedergibt. Die Traum- 
entstellung aber ist uns bereits bekannt; wir haben sie auf die Zensur 
zurückgeführt, welche die eine psychische Instanz im Gedankenleben 
gegen eine andere ausübt. Die Traumverschiebung ist eines der Haupt- 
mittel zur Erzielung dieser Entstellung. Is fecit, cui profuit. Wir dürfen 

16 * 


244 


VI Die Trauinarbeit. 


annehmen, daß die Traum Verschiebung durch den Einfluß jener Zensur, 
der endopsychischen Abwehr, zu stände kommt.*) 

In welcher Weise die Momente der Verschiebung, Verdichtung 
und Überdeterminierung bei der Traumbildung ineinander spielen, 
welches der übergeordnete und welches der nebensächliche Faktor 
wird, das würden wir späteren Untersuchungen Vorbehalten. Vorläufig 
können wir als eine zweite Bedingung, der die in den Traum gelangen- 
den Elemente genügen müssen, angeben, daß sie der Zensur des 
Widerstandes entzogen seien. Die Traumverschiebung aber 
wollen wir von nun an als unzweifelhafte Tatsache bei der Traum- 
deutung in Rechnung ziehen. 

c ) Die Darstellungsmittel des Traumes. 

Außer den beiden Momenten der Traum Verdichtung und 
Traum v er Schiebung, die wir bei der Verwandlung des latenten 
Gedankenmaterials in den manifesten Trauminhalt als wirksam auf- 
gefunden haben, werden wir bei der Fortführung dieser Untersuchung 
noch zwei weiteren Bedingungen begegnen, die unzweifelhaften Einfluß 
auf die Auswahl des in den Traum gelangenden Materials üben. Vorher 
möchte ich, selbst auf die Gefahr hin, daß wir auf unserem Wege 
Halt zu machen scheinen, einen ersten Blick auf die Vorgänge bei 

*) [Da ich die Zurückführung der Traumentstellung auf die Zensur als den 
Kern meiner Traumauffassung bezeichnen darf, schalte ich hier das letzte Stück jener 
Erzählung „Träumen wie Wachen“ aus den „Phantasien eines Realisten“ von 
Ljnkcus, Wien, 2. Auflage, 1900, ein, in dem ich diesen Hauptcharakter meiner 

Lehre wiederfinde: _ _ 

„Von einem Manne, der die merkwürdige Eigenschaft hat, niemals Unsinn zu 

träumen.“ — — — — 

„Deine herrliche Eigenschaft, zu träumen wie zu wachen, beruht auf deinen 
Tugenden, auf deiuer Güte, deiner Gerechtigkeit, deiner Wahrheitsliebe; cs ist die 
moralische Klarheit deiner Natur, die mir alles an dir verständlich macht.“ 

„Wenn ich es aher recht bedenke“, erwiderte der andere, „so glauhe ich bei- 
nahe, alle Menschen seien so wie ich beschaffen, und gar niemand träume jemals 
Unsinn ! Ein Traum, an den man sich so deutlich erinnert, daß man ihn nacherzüblen 
kann, der also kein Fiebertraum ist, hat immer Sinn und es kann auch gar nicht 
anders sein! Denn was miteinander in Widerspruch steht, könnte sich ja nicht zu 
einem Ganzen gruppieren. Daß Zeit und Raum oft durcheinander gerüttelt werden, 
benimmt dein wahren Inhalt des Traumes gar nichts, denn sie sind beide gewiß ohne 
Bedeutung für seinen wesentlichen Inhalt gewesen. Wir machen es ja oft im Wachen 
auch so; denke an das Märchen, an so viele kühne und sinnvolle Pbantasiegebilde, 
zu denen nur ein Unverständiger sagen würde: ,Das ist widersinnig! Denn das ist 

nicht möglich 1 !“ . , , 

„Wenn man nur die Träume immer richtig zu deuten wußte, so wie au da» 

eben mit dem meinen getan hast!“ sagto der Freund. 

Das ist gewiß keine leichte Aufgabe, aher es müßte bei einiger Aufmerksam- 
keit dem Träumenden selbst wohl immer gelingen. — Warum cs meistens nicht 
gelingt? Es scheint bei Euch etwas Verstecktes in den Träumen zu liefen etwas 
Unkeusches eigener und höherer Art, eine gowisso Heimlichkeit in Eurem esen, 
die schwer auszudonken ist; und darum scheint Euer Träumen so oft ohne binn, sogar 
ein Widersinn zu sein. Es ist aber im tiefsten Grunde durchaus nicht so; ja. es kann 
gar nicht so sein, denn es ist immer derselhe Mensch, ob er wacht oder träumt. J 


] )ie 1 husteilungsmittel des Traumes. 


245 


der Ausführung der Traumdeutung werfen. Ich verhehle mir nicht, 
daß es am ehesten gelingen würde, dieselben klarzustellen und ihre 
Zuverlässigkeit gegen Einwendungen zu sichern, wenn ich einen ein- 
zelnen Traum zum Muster nähme, seine Deutung entwickle, wie ich 
es in Abschnitt II bei dem Traume von Irmas Injektion gezeigt habe, 
dann aber die Traumgedanken, die ich aufgedeckt habe, zusammen- 
stelle, und nun die Bildung des Traumes aus ihnen rekonstruiere, also 
die Analyse der Träume durch eine Synthese derselben ergänze. Diese 
Arbeit habe ich an mehreren Beispielen zu meiner eigenen Belehrung 
vollzogen ; ich kann sie aber hier nicht aufnehmen, weil mannigfache 
und von jedem billig Denkenden gutzuheißende Rücksichten auf das 
psychische Material zu dieser Demonstration mich daran verhindern. 
Bei der Analyse der Träume störten diese Rücksichten weniger, denn 
die Analyse durfte unvollständig sein und behielt ihren Wert, wenn 
sie auch nur ein Stück weit in das Gewebe des Traumes hineinführte. 
Von der Synthese wüßte ich es nicht anders, als daß sie, um zu über- 
zeugen, vollständig sein muß. Eine vollständige Synthese könnte ich 
nur von Träumen solcher Personen geben, die dem lesenden Publikum 
unbekannt sind. Da aber nur Patienten, Neurotiker, mir dazu die 
Mittel bieten, so muß dies Stück Darstellung des Traumes einen 
Aufschub erfahren, bis ich — an anderer Stelle — die psychologische 
Aufklärung der Neurosen so weit führen kann, daß der Anschluß an 
unser Thema herzustellen ist.*) 

Aus meinen Versuchen, Träume aus den Traumgedanken syn- 
thetisch herzustellen, weiß ich, daß das bei der Deutung sich ergebende 
Material von verschiedenartigem Werte ist. Den einen Teil desselben 
bilden die wesentlichen Traumgedanken, die also den Traum voll er- 
setzen und allein zu dessen Ersatz hinreichen würden, wenn es für 
den Traum keine Zensur gäbe. Den anderen Teil kann man unter 
dem Namen „Kol lateralen“ zusammenfassen; in ihrer Gesamtheit 
stellen sie die Wege dar, auf denen der wirkliche Wunsch, der sich 
aus den Traumgedanken erhebt, in den Traumwunsch übergeführt wird. 
Von diesen „Kollateralen“ besteht ein erster Anteil aus Anknüpfungen 
an die eigentlichen Traumgedanken, welche, schematisch genommen, 
Verschiebungen vom Wesentlichen aufs Nebensächliche entsprechen. 
Ein zweiter Anteil umfaßt die Gedanken, welche diese durch Ver- 
schiebung bedeutsam gewordenen, nebensächlichen Materialien unter 
sich verbinden und von ihnen bis zum Trauminhalt reichen. Ein 
dritter Anteil endlich enthält die Einfälle und Gedankenverbindungen, 
durch die man bei der Deutungsarbeit vom Trauminhalt zu den 
mittleren Kollateralen gerät, und die nicht notwendig sämtlich 
auch bei der Traumbildung beteiligt gewesen sein müssen. 

Uns interessieren an dieser Stelle ausschließlich die wesentlichen 
Traumgedanken. Diese enthüllen sich zumeist als ein Komplex von 

*) fleh habeylie vollständige Analyse und Synthese zweier Träume seither in 
dem „Bruchstück einer Hysterieanalyse“, 1905, gegeben. 1 


246 


VI. Die Trimmarbeit. 


Gedanken und Erinnerungen vom allerverwickeltsten Aufbau mit allen 
Eigenschaften der uns aus dem Wachen bekannten Gedankengänge. 
Nicht selten sind es Gedankenzüge, die von mehr als einem Zentrum 
ausgehen, aber der Berührungspunkte nicht entbehren ; fast regelmäßig 
steht neben einem Gedankengang sein kontradiktorisches Widerspiel, 
durch Kontrastassoziation mit ihm verbunden. 

Die einzelnen Stücke dieses komplizierten Gebildes stehen natür- 
lich in den mannigfaltigsten logischen Relationen zueinander. Sie bilden 
Vorder- und Hintergruud, Abschweifungen und Erläuterungen, Bedin- 
gungen, Beweisgänge und Einsprüche. Wenn dann die ganze Masse 
dieser Traumgedanken der Pressung der Traumarbeit unterliegt, wobei 
die Stücke gedreht, zerbröckelt und zusammengeschoben werden, etwa 
wie treibendes Eis, so entsteht die Frage, was aus den logischen 
Banden wird, welche bishin das Gefüge gebildet hatten. Welche Dar- 
stellung erfahren im Traume das „Wenn, weil, gleichwie, obgleich, 
entweder — oder“ und alle anderen Konjunktionen, ohne die wir Satz 
und Rede nicht verstehen können? 

Man muß zunächst darauf antworten, der Traum hat für diese 
logischen Relationen unter den Traumgedanken keine Mittel der Dar- 
stellung zur Verfügung. Zumeist läßt er all diese Konjunktionen un- 
berücksichtigt und übernimmt nur den sachlichen Inhalt der Traum- 
gedanken zur Bearbeitung. Der Traumdeutung bleibt es überlassen, 
den Zusammenhang wieder herzustellen, den die Traumarbeit ver- 
nichtet hat. 

Es muß am psychischen Material liegen, in dem der Traum ge- 
arbeitet ist, wenn ihm diese Ausdrucksfähigkeit abgeht. In einer ähn- 
lichen Beschränkung befinden sich ja die darstellenden Künste, Malerei 
und Plastik, im Vergleich zur Poesie, die sich der Rede bedienen 
kann, und auch hier liegt der Grund des Unvermögens in dem Ma- 
terial, durch dessen Bearbeitung die beiden Künste etwas zum Aus- 
druck zu bringen streben. Ehe die Malerei zur Kenntnis der für sie 
gültigen Gesetze des Ausdrucks gekommen war, bemühte sie sich 
noch, diesen Nachteil auszugleichen. Aus dem Munde der gemalten 
Personen ließ man auf alten Bildern Zettelchen heraushängen, welche 
als Schrift die Rede brachten, die im Bilde darzustellen der Maler 
verzweifelte. 

Vielleicht wird sich hier ein Einwand erheben, der für den 
Traum den Verzicht auf die Darstellung logischer Relationen bestreitet. 
Es gibt ja Träume, in welchen die kompliziertesten Geistesoperationen 
vor sich gehen, begründet und widersprochen, gewitzelt und verglichen 
wird wie im wachen Denken. Allein auch liier trügt der Schein : 
wenn man auf die Deutung solcher Träume eingellt, erfährt man, daß 
dies alles Traummaterial ist, nicht Darstellung intellek- 
tueller Arbeit im Traume. Der Inhalt der Traumgedanken 
ist durch das scheinbare Denken des 1 raumes wiedergegeben, nicht 
die Beziehungen der Triuimgetlanken zueinander, in deren 


Die Darstellung der logischen Relationen. 


247 


Feststellung das Denken besteht. Ich werde hiefür Beispiele erbringen. 
Am leichtesten ist es aber zu konstatieren, daß alle Heden, die in 
Träumen Vorkommen und die ausdrücklich als solche bezeichnet werden, 
unveränderte oder nur nur wenig modifizierte Nachbildungen von Reden 
sind, die sich ebenso in den Erinnerungen des Traummaterials vorfinden. 
Die Rede ist oft nur eine Anspielung auf ein in den Traumgedanken 
enthaltenes Ereignis; der Sinn des Traumes ein ganz anderer. 

Allerdings werde ich nicht bestreiten, daß auch kritische Denk- 
arbeit, die nicht einfach Material aus den Traumgedanken wiederholt, 
ihren Anteil an der Traumbildung nimmt. Den Einfluß dieses Faktors 
werde ich zu Ende dieser Erörterung beleuchten müssen. Es wird sich 
dann ergeben, daß diese Denkarbeit nicht durch die Traumgedanken, 
sondern durch den in gewissem Sinne bereits fertigen Traum hervor- 
gerufen wird. 

Es bleibt also vorläufig dabei, daß die logischen Relationen zwi- 
schen den Traumgedanken im Traume eine besondere Darstellung 
nicht finden. Wo sich z. B. Widerspruch im Traume findet, da ist es 
entweder Widerspruch gegen den Traum oder Widerspruch aus dem 
Inhalt eines der Traumgedanken; einem Widerspruch zwischen den 
Traumgedanken entspricht der Widerspruch im Traume nur in höchst 
indirekt vermittelter Weise. 

Wie es aber endlich der Malerei gelungen ist, wenigstens die 
Redeabsicht der dargestellten Personen, Zärtlichkeit, Drohung, Ver- 
warnung u. dgl. anders zum Ausdruck zu bringen als durch den 
flatternden Zettel, so hat sich auch für den Traum die Möglichkeit 
ergeben, einzelnen der logischen Relationen zwischen seinen Traum- 
gedanken durch eine zugehörige Modifikation der eigentümlichen 
Traumdarstellung Rücksicht zuzuwenden. Mann kann die Erfahrung 
machen, daß die verschiedenen Träume in dieser Berücksichtigung 
verschieden weit gehen; während sich der eine Traum über das 
logische Gefüge seines Materials völlig hinaussetzt, sucht ein anderer 
dasselbe möglichst vollständig anzudeuten. Der Traum entfernt sich 
hierin mehr oder weniger weit von dem ihm zur Bearbeitung vor- 
liegenden Text. Ähnlich wechselnd benimmt sich der Traum übrigens 
auch gegen das zeitliche Gefüge der Traumgedanken, wenn ein solches 
im Unbewußten hergestellt ist (wie z. B. im Traume von Irmas In- 
jektion). 

Durch welche Mittel vermag aber die Traumarbeit die schwer 
darstellbaren Relationen im Traummaterial anzudeuten? Ich werde 
versuchen, sie einzeln aufzuzählen. 

Zunächst wird der Traum dem unleugbar vorhandenen Zu- 
sammenhang zwischen allen Stücken der Traumgedanken dadurch im 
ganzen gerecht, daß er dieses Material in einer Zusammenfassung als 
Situation oder Vorgang vereinigt. Er gibt logischen Zusammen- 
hang wieder als Gleichzeitigkeit; er verfährt darin ähnlich wie 
der Maler, der alle Philosophen oder Dichter zum Bilde einer Schule 


248 


VI. Die Traumarbeit. 


von Athen oder des Parnaß zusammenstellt, die niemals in einer 
Halle oder auf einem Berggipfel beisammen gewesen sind, wohl aber 
für die denkende Betrachtung eine Gemeinschaft bilden. 

Diese Darstellungsweise setzt der Traum ins einzelne fort. So oft 
er zwei Elemente nahe beieinander zeigt, bürgt er für einen besonders 
innigen Zusammenhang zwischen ihren Entsprechenden in den Traum- 
gedanken. Es ist wie in unserem Schriftsystem : ab bedeutet, daß die 
beiden Buchstaben in einer Silbe ausgesprochen werden sollen, a und b 
nach einer freien Lücke läßt a als den letzten Buchstaben des einen 
Wortes und b als den ersten eines anderen Wortes erkennen. Dem- 
zufolge bilden sich die Traumkombinationen nicht aus beliebigen, 
völlig disparaten Bestandteilen des Traummaterials, sondern aus solchen, 
die auch in den Traumgedanken in innigerem Zusammenhang stehen. 

Die Kausalbeziehungen darzustellen, hat der Traum zwei 
Verfahren, die im Wesen auf dasselbe hinauslaufen. Die häufigere 
Darstellungsweise, wenn die Traumgedanken etwa lauten: Weil dies 
so und so war, mußte dies und jenes geschehen, besteht darin, den 
Nebensatz als Vortraum zu bringen und dann den Hauptsatz als 
Haupttraum anzufügen. Wenn ich recht gedeutet habe, kann die Zeit- 
folge auch die umgekehrte sein. Stets entspricht dem Hauptsatz der 
breiter ausgeführte Teil des Traumes. 

Ein schönes Beispiel von solcher Darstellung der Kausalität hat 
mir einmal eine Patientin geliefert, deren Traum ich späterhin voll- 
ständig mitteilen werde. Er bestand aus einem kurzen Vorspiel und 
einem sehr Aveitläufigen Traumstück, das in hohem Grade zentriert 
war und etwa Uberschrieben werden konnte: Durch die Blume. Der 
Vortraum lautete so: Sie geht in die Kii che zu den beiden 
Mägden und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden „mit 
dem Bissei Essen“. Dabei sieht sie sehr viel grobes 
Küchengeschirr zum Abtropfen umgestürztin der Küche 
stehen, und zwar in Haufen aufeinander gestellt. Die 
beiden Mägde gehen Wasser holen und müssen dabei 
wie in einen Fluß steigen, der bis ans Haus oder in den 

H o f r e i c h t. _ 

Dann folgt der Haupttraum, der sich so einleitet: Sie steigt 
von hoch herab, über eigentümlich gebildete Geländer, 
und freut sich, daß ihr Kleid dabei nirgends hängen 
bleibt u. s. av. Der Vortraum bezieht sich nun auf das elterliche 
Haus der Dame. Die Worte in der Küche hat sie aaoIiI oft so von 
ihrer Mutter gehört. Die Haufen von rohem Geschirr stammen aus 
der einfachen Geschirrhandlung, die sich in demselben Hause befand. 
Der zAveite Teil des Traumes enthält eine Anspielung auf den Vater, 
der sich viel mit Dienstmädchen zu schaffen machte und dann bei 
einer ÜberscliAvemmung — das Haus stand nahe am Ufer des Flusses 
— sich eine tödliche Erkrankung holte. Der Gedanke, der sich 
hinter diesem Vortraume verbirgt, heißt also: Weil ich aus diesem 


Darstellung 


249 


der Knusalbeziohnng und der Alternative. 

Hause, aus so kleinlichen und unerquicklichen Verhältnissen stamme. 
Der Haupttraum nimmt denselben Gedanken wieder auf und bringt 
ihn in durch Wunschorfüllung verwandelter Form: Ich bin von hoher 
Abkunft. Eigentlich also: Weil ich von so niedriger Abkunft bin, war 

mein Lebenslauf so und so. • . . 

Soviel ich sehe, bedeutet eine Teilung des Traumes m zwei 
ungleiche Stücke nicht jedesmal eine kausale Beziehung zwischen den 
Gedanken der beiden Stücke. Oft scheint es, als ob m den beiden 
Träumen dasselbe Material von verschiedenen Gesichtspunkten aus dai - 
gestellt würde ; oder die beiden Träume sind aus gesonderten Zentren 
fm Traummaterial hervorgegangen und überschneiden einander im 
Inhalt, so daß in dem einen Traum Zentrum ist, was im anderen als 
Andeutung mitwirkt lind umgekehrt. In einer gewissen Anzahl von 
Träumen bedeutet aber die Spaltung in kürzeren Vor- und längeren 
Nachtraum tatsächlich kausale Beziehung zwischen beiden Stücken. 
Die andere Darstellungsweise des Kausalverhältnisses findet Anwendung 
bei minder umfangreichem Material und besteht darin, daß ein Bild 
im Traume, sei es einer Person oder einer Sache, sich in ein anderes 
verwandelt. Nur wo wir diese Verwandlung im Traume vor sich 
gehen sehen, wird der kausale Zusammenhang • ernstlich behauptet; 
nicht wo wir bloß merken, es sei an Stelle des einen jetzt das andere 
gekommen. Ich sagte, die beiden Verfahren, Kausalbeziehung darzu- 
stellen, liefen auf dasselbe hinaus ; in beiden Fällen wird die V e r- 
ursachung dargestellt durch ein Nacheinander, einmal durch 
das Aufeinanderfolgen der Träume, das andere Mal durch die unmittel- 
bare Verwandlung eines Bildes in ein anderes. In den allermeisten 
Fällen freilich wird die Kausalrelation überhaupt nicht dargestellt, 
sondern fällt unter das auch im Traumvorgang unvermeidliche Nach- 
einander der Elemente. 

Die Alternative „Entweder — Oder“ kann der Traum überhaupt 
nicht ausdrücken ; er pflegt die Glieder derselben wie gleichberechtigt 
in einen Zusammenhang aufzunehmen. Ein klassisches Beispiel hiefür 
enthält der Traum von Irmas Injektion. In dessen latenten Gedanken 
heißt es offenbar: Ich bin unschuldig an dem Fortbestand von Irmas 
Schmerzen; die Schuld liegt entweder an ihrem Sträuben gegen 
die Annahme der Lösung oder daran, daß sie unter ungünstigen 
sexuellen Bedingungen lebt, die ich nicht ändern kann, oder ihre 
Schmerzen sind überhaupt nicht hysterischer, sondern organischer 
Natur. Der Traum vollzieht aber alle diese einander fast ausschließen- 
den Möglichkeiten und nimmt keinen Anstoß, aus dom Traumwunsch 
eine vierte solche Lösung hinzuzufügen. Das Entweder — Oder habe 
ich dann nach der Traumdeutung in den Zusammenhang der Traum- 
gedanken eingesetzt. 

Wo aber der Erzähler bei der Reproduktion des Traumes eiu 
Entweder — Oder gebrauchen möchte: Es war entweder ein Garten 
oder ein Wohnzimmer u. s. w., da kommt in den Traumgedanken 


2M 


VI. Die Trimmarbeit. 


nicht etwa eine Alternative, sondern ein „und“, eine einfache Aij- 
reilumg, vor. Mit Entweder — Oder beschreiben wir zumeist einen noch 
auflösbaren Charakter von Verschwommenheit an einem Traumelement. 
Die Deutungsregel für diesen Fall lautet: Die einzelnen Glieder der 
scheinbaren Alternative sind einander gleich zu setzen und durch 
flUiid zu verbinden. Ich träume z. B., nachdem ich längere Zeit ver- 
geblich auf die Adresse meines in Italien weilenden F reundes ge- 
wartet habe, daß ich ein Telegramm erhalte, welches mir diese Adresse 
mitteilt. Ich sehe sie in blauem Druck auf den Papierstreifen des 
Telegramms; das erste Wort ist verschwommen, 
etwa via, 

oder Villa, das zweite deutlich : S e z e r n o. 
oder sogar (Casa). 

Das zweite Wort, das an italienische Namen anklingt, und mich 
an unsere etymologischen Besprechungen erinnert, drückt auch meinen 
Arger aus, daß er seinen Aufenthalt solange vor mir geheim ge- 
halten ; jedes der Glieder aber des Ternavorschlages zum ersten Worte 
läßt sich bei der Analyse als selbständiger und gleichberechtigter 
Ausgangspunkt der Gedanken Verkettung erkennen. 

In der Nacht vor dem Begräbnis meines Vaters träume ich von 
einer bedruckten Tafel, einem Plakat oder Anschlagezettel — etwa 
wie die das Rauchverbot verkündenden Zetteln in den Wartesälen der 
Eisenbaimen, — auf dem zu lesen ist, entweder : 

Man bittet, die Augen zuzudrücken. 

oder 

M an bittet, ein Auge zu zu drücken, 
was ich in folgender Form darzustellen gewohnt bin : 

Man bittet, f V C Auge(n) zuzudrücken. 

Jede der beiden Fassungen hat ihren besonderen Sinn und führt 
in der Traumdeutung auf besondere Wege. Ich hatte das Zeremoniell 
möglichst einfach gewählt, weil ich wußte, wie der Verstorbene über 
solche Veranstaltungen gedacht hatte. Andere Familienmitglieder waren 
aber mit solch puritanischer Einfachheit nicht einverstanden ; sie 
meinten, man werde sich vor den Trauergästen schämen müssen. 
Daher bittet der eine Wortlaut des Traumes, „ein Auge zuzudrücken“, 
d. h. Nachsicht zu üben. Die Bedeutung der Verschwommenheit, die 
wir mit einem Entweder — Oder beschrieben, ist hier besonders leicht 
zu erfassen. Es ist der Traumarbeit nicht gelungen, einen einheitlichen, 
aber dann zweideutigen Wortlaut für die Traumgedanken herzustellen. 
00 sondern sich die beiden Hauptgedaukenzüge schon im Trauminhalt 
voneinander. 

In einigen Fällen drückt die Zweiteilung des Traumes in zwei 
gleich große Stücke die schwer darstellbare Alternative aus. 


Gegensatz und Widerspruch. 


251 


Höchst auffällig ist das Verhaltendes Traumes gegen die Kategorie 
von Gegensatz und Widerspruch. Dieser wird schlechtweg ver- 
nachlässigt, das „Nein“ scheint für den Traum nicht zu existieren. 
Gegensätze werden mit besonderer Vorliebe zu einer Einheit zusammen- 
o-ezogen oder in einem dargestellt. Der Traum nimmt sich ja auch 
die Freiheit, ein beliebiges Element durch seinen Wunschgegensatz 
darzustellen, so daß man zunächst von keinem eines Gegenteils fähigen 
Elemente weiß, ob es in den Traumgedanken positiv oder negativ 
enthalten ist.*) In dem einen der letzterwähnten Träume, dessen Vor- 
dersatz wir bereits gedeutet haben („weil ich von solcher Abkunft 
bin“), steigt die Träumerin über ein Geländer herab und hält dabei 
einen blühenden Zweig in den Händen. Da ihr zu diesem Bilde einfällt, 
wie der Engel einen Lilienstengel auf den Bildern von Mariä Ver- 
kündigung (sie heißt selbst Maria) in der Hand trägt, und wie die weiß- 
gekleideten Mädchen bei der Fronleichnamsprozession gehen, während 
die Straßen mit grünen Zweigen geschmückt sind, so ist der blühende 
Zweig im Traume ganz gewiß eine Anspielung auf sexuelle Unschuld. 
Der Zweig ist aber dicht mit roten Blüten besetzt, von denen jede 
einzelne einer Kamelie gleicht. Am Ende ihres Weges heißt es im 
Traume weiter, sind die Blüten schon ziemlich abgefallen ; dann folgen 
unverkennbare Anspielungen auf die Periode. Somit ist der nämliche 
Zweig, der getragen wird wie eine Lilie und wie von einem unschul- 
digen Mädchen, gleichzeitig eine Anspielung auf die Kameliendame, 
die, wie bekannt, stets eine weiße Kamelie trug, zur Zeit der Periode 
aber eine rote. Der nämliche Bliitenzweig („des Mädchens Blüten“ 
in den Liedern von der Müllerin bei Goethe) stellt die sexuelle Un- 
schuld dar und auch ihr Gegenteil. Der nämliche Traum auch, welcher 
die Freude ausdrückt, daß es ihr gelungen, unbefleckt durchs Leben 
zu gehen, läßt an einigen Stellen (wie an der vom Abfallen der Blüten) 
den gegensätzlichen Gedankengang durchschimmern, daß sie sich ver- 
schiedene Sünden gegen die sexuelle Reinheit habe zu Schulden kommen 
lassen (in der Kindheit nämlich). Wir könnten bei der Analyse des 
Traumes deutlich die beiden Gedankengänge unterscheiden, von denen 
der tröstliche oberflächlich, der vorwurfsvolle tiefer gelagert scheint, 
die einander schnurstracks zuwiderlaufen, und deren gleiche aber 
gegenteilige Elemente durch die nämlichen Traumelemente Darstellung 
gefunden haben. 

) [Aus einer Aibeit von K. Abel, Der Gegensinn der Urworte, 1884 [S. mein 
Referat im B 1 e u 1 e r-F r e u d’schen Jahrbuch II, 1910] erfuhr ich die überraschende, 
auch. von. anderen Sprachforschern bestätigte Tatsache, daß die ältesten Sprachen 
sich in diesem Punkte ganz ähnlich benehmen wie der Traum. Sie haben anfänglich 
nur ein Wort für die beiden Gegensätze au don Enden einer Qualitäten- oder Tätig- 
keitsreihe (starkschwach, altjung, fernnah, binden-trennen) und bilden gesonderte 
Bezeichnungen für die beiden Gegensätze erst sekundär durch leichte Modifikationen 
des gemeinsamen Urwortcs. Abel weist diese Verhältnisse im großen Ausmaße im 
Altägyp tischen nach, zeigt aber deutliche Reste derselben Entwicklung auch in den 
semitischen und indogermanischen Sprachen auf]. 


252 


VI Die Trnumarboit. 


Einer einzigen unter den logischen Rolatiunen kommt der Mecha- 
nismus der Traumbildung im höchsten Ausmaße zu gute. Es ist dies 
die Relation der Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Berührung, das 
„Gleich wie“, die im Traume wie keine andere mit mannigfachen 
Mitteln dargestellt werden kann Die im Traummaterial vorhandenen 
Deckungen oder Fälle von „Gleichwie“ sind ja die ersten »Stützpunkte 
der Traumbildung, und ein nicht unbeträchtliches »Stück der Traum-, 
arbeit besteht darin, neue solche Deckungen zu schaffen, wenn die 
vorhandenen der Widerstandszensur wegen nicht in den Traum ge- 
langen können. Das Verdichtungsbestreben der Traumarbeit kommt 
der Darstellung der Ähnlichkeitsrelation zu Hilfe. 

Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Gemeinsamkeit wird 
vom Traume ganz allgemein dargestellt durch Zusammenziehung zu 
einer Einheit, welche entweder im Traummaterial bereits vorgefunden 
oder neu gebildet wird. Den ersten Fall kann man als Identifizie- 
rung, den zweiten als M i s c h b i 1 d u n g benennen. Die Identifizierung 
kommt zur Anwendung, wo es sich um Personen handelt; die Misch- 
bildung, wo Dinge das Material der V ereinigung sind, doch werden 
Mischbilduugen auch von Personen hergestellt. Örtlichkeiten werden 
oft wie Personen behandelt. 

Die Identifizierung besteht darin, daß nur eine der durch ein 
Gemeinsames verknüpften Personen im Trauminhalt zur Darstellung 
gelangt, während die zweite oder die anderen Personen für den Traum 
unterdrückt scheinen. Diese eine deckende Person geht aber im 
Traume in alle die Beziehungen und Situationen ein, welche sich von 
ihr oder von den gedeckten Personen ableiten. Bei der Misch bildung, 
die sich auf Personen erstreckt, sind bereits im Traumbild Züge, die 
den Personen eigentümlich, aber nicht gemeinsam sind, vorhanden, 
so daß durch die Vereinigung dieser Züge eine neue Einheit, eine 
Mischperson, bestimmt erscheint. Die Mischung selbst kann auf ver- 
schiedenen Wegen zu stände gebracht werden. Entweder die Traum- 
person hat von der einen ihrer Bezieliungspersonen den Namen — 
wir wissen dann in einer Art, die dem Wissen im Wachen ganz analog 
ist, daß diese oder jene Person gemeint ist — , während die visuellen 
Züge der anderen Person angehören; oder das Traumbild selbst ist 
aus visuellen Zügen, die sich in Wirklichkeit auf beide verteilen, 
zusammengesetzt. Anstatt durch visuelle Züge kann der Anteil der 
zweiten Person auch vertreten werden durch die Gebärden, die man 
ihr zuschreibt, die Worte, die man sie sprechen läßt, oder die Situation, 
in welche man sie versetzt. Bei der letzteren Art der Kennzeichnung 
beginnt der scharfe Unterschied zwischen Identifizierung und Misch- 
personbildung sich zu verflüchtigen. [Es kann aber auch Vorkommen, 
daß die Bildung einer solchen Mischperson mißlingt. Dann wird die 
Szene des Traumes der einen Person zugeschrieben und die andere 
— in der Regel wichtigere — tritt als sonst unbeteiligte Anwesende 
daneben Inn. Der Träumer erzählt etwa: Meine Muttci war auch 
dabei (Stelcel)]. 


Ä lmlichkeit, Übereinstimmung. 


253 


Das Gemeinsame, welches die Vereinigung der beiden Personen 
rechtfertigt, d. h. veranlaßt, kann im Traume dargestellt sein oder 
fehlen. In der Regel dient die Identifizierung oder Mischpersonbddung 
eben dazu, die Darstellung dieses Gemeinsamen zu ersparen. Anstatt 
zu wiederholen: A ist mir feindlich gesinnt, B. aber auch, bilde ich 
im Traume eine Mischpersou aus A und B, oder stelle uur A vor m 
einer andersartigen Aktion, welche sonst B charakterisiert. Die so ge 
wonnene Traumperson tritt mir im Traume in irgend welcher neuen 
Verknüpfung entgegen, und aus dem Umstand, daß sie sowohl A als 
auch B bedeutet, schöpfe ich dann die Berechtigung, in die betreffende 
Stelle der Traumdeutung einzusetzen, was den beiden gemeinsam ist, 
nämlich das feindselige Verhältnis zu mir. Auf solche Weise erziele 
ich oft eine ganz außerordentliche Verdichtung für den Trauminhalt; 
ich kann mir die direkte Darstellungsehr komplizierter Verhältnisse, 
die mit einer Person zuzammenhängen, ersparen, wenn ich zu dieser 
Person eine andere gefunden habe, die auf einen Teil dieser Beziehungen 
den gleichen Anspruch hat. Es ist leicht zu verstehen, inwiefern diese 
Darstellung durch Identifizierung auch dazu dienen kann, die Wider- 
standszensur zu umgehen, welche die Traumarbeit unter so harte Be- 
dingungen setzt. Der Anstoß für die Zensur mag gerade in jenen 
Vorstellungen liegen, welche im Material mit der einen Person ver- 
knüpft sind; ich finde nun eine zweite Person, welche gleichfalls Be- 
ziehungen zu dem beanständeten Material hat, aber nur zu einem Teile 
desselben. Die Berührung in jenem nicht zensurfreien Punkte gibt mir 
jetzt das Recht, eine Mischperson zu bilden, die nach beiden Seiten 
hin durch indifferente Züge charakterisiert ist. Diese Misch- und 
Identifizierungsperson ist nun als zensurfrei zur Aufnahme in den 
Trauminhalt geeignet, und ich habe durch Anwendung der Traum- 
verdichtung den Anforderungen der Traumzensur genügt. 

Wo im Traume auch ein Gemeinsames der beiden Personen dar- 


gestellt ist, da ist dies gewöhnlich ein Wink, nach einem anderen 
verhüllten Gemeinsamen zu suchen, dessen Darstellung durch ehe Zensur 
unmöglich gemacht wird. Es hat hier gewissermaßen zu Gunsten der 
Darstellbarkeit eine Verschiebung in Betreff des Gemeinsamen statt- 
gefunden. Daraus, daß mir die Mischperson mit einem indifferenten 
Gemeinsamen im Traume gezeigt wird, soll ich ein anderes keineswegs 
indifferentes Gemeinsame in den Traumgedanken erschließen. 

Die Identifizierung oder Mischpersonbildung dient demnach im 
Traume verschiedenen Zwecken, erstens der Darstellung eines beiden 
Personen Gemeinsamen, zweitens der Darstellung einer verschobenen 
Gemeinsamkeit, drittens aber noch, um eine bloß gewünschte 
Gemeinsamkeit zum Ausdrucke zu bringen. Da das Herbeiwünschen 
einer Gemeinsamkeit zwischen zwei Personen häufig mit einem Ver- 
tauschen derselben zusammenfällt, so ist auch diese Relation im 
Traume durch Identifizierung ausgedrückt. Ich. wünsche im Traume 
von Irmas Injektion diese Patientin mit einer anderen zu vertauschen, 


254 


VI. Die Traumarbeit. 


wünsche also, daß die andere meine Patientin sein möge, wie es die 
eine ist ; der r l raum trägt diesem Wunsche Rechnung, indem er 
mir eine Person zeigt, die Irma heißt, die aber in einer Position 
untci sucht wird, wie ich sic nur bei der anderen zu sehen Gelegenheit 
hatte. Im Onkeltraume ist diese Vertauschung zum Mittelpunkte des 
Traumes gemacht ; ich identifiziere mich mit dem Minister, indem ich 
meine Kollegen nicht besser als er behandle und beurteile. 

Ks ist. eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden 
habe, daß jeder Traum die eigene Person behandelt. Träume sind 
absolut egoistisch. Wo im Trauminhalt nicht mein Ich, sondern nur 
eine fremde Person vorkommt, da darf ich ruhig annehmen, daß mein 
Ich durch Identifizierung hinter jener Person versteckt ist. Ich darf 
mein Ich eigänzen. Andere Male, wo mein Ich im Traume erscheint, 
lehrt mich die Situation, in der es sich befindet, daß hinter dem Ich 
eine andere Person durch Identifizierung sich verbirgt. Der Traum 
soll mich dann mahnen, in der Traumdeutung etwas, was dieser Peison 
anhängt, das verhüllte Gemeinsame, auf mich zu übertragen. Es gibt 
auch Träume, in denen mein Ich nebst anderen Personen vorkommt, 
die sich durch Lösung der Identifizierung wiederum als mein Ich ent- 
hüllen. Ich soll dann mit meinem Ich vermittels dieser Identifizierungen 
gewisse Vorstellungen vereinigen, gegen deren Aufnahme sich die 
Zensur erhoben hat. Ich kann also mein Ich in einem Traume mehr- 
fach darstellen, das einemal direkt, das anderemal vermittels der 
Identifizierung mit fremden Personen. Mit mehreren solchen Identifi- 
zierungen läßt sich ein ungemein reiches Gedankenmaterial ver- 
dichten.*) 

Durchsichtiger noch als bei Personen gestaltet sich die Auf- 
lösung der Identifizierungen bei mit Eigennamen bezeichneten Örtlich- 
keiten, da hier die Störung durch das im Traume übermächtige Ich 
entfällt. In einem meiner Romträume (Seite 142) heißt der Ort, an 
dem ich mich befinde, Rom; ich erstaune aber über die Menge von 
deutschen Plakaten an einer Straßenecke. Letzteres ist eine Wunsch- 
erftillung, zu der mir sofort Prag einfällt; der Wunsch selbst mag 
aus einer heute überwundenen deutschnationalen Periode der Jugend- 
zeit stammen. Um die Zeit, da ich träumte, war in Prag ein Zu- 
sammentreffen mit einem Freunde in Aussicht genommen ; die Identi- 
fizierung von Rom und Prag erklärt sich also durch eine gewünschte 
Gemeinsamkeit; ich möchte meinen Freund lieber in Rom treffen als 
in Prag, für diese Zusammenkunft Prag und Rom vertauschen. 

Die Möglichkeit, Mischbildungen zu schaffen, steht obenan unter 
den Zügen, welche den Träumen so oft ein phantastisches Gepräge 
verleihen, indem durch sie Elemente in den Trauminhalt eingeführt 

“) Wenn ich im Zweifel bin, hinter welcher der im Traume auftretenden Per- 
sonen ich mein Ich zu suchen habe, so halte ich mich an folgende Kogel : Die 
Person, die iin Traume einem Affekt unterliegt, den ich als Schlafender verspüre, die 
verbirgt mein Ich. 


Mannigfache Verwertung der Mischbildungen. 


255 


werden, welche niemals Gegenstand der Wahrnehmung sein konnten. 
Der psychische V organg bei der Mischbildung im Traume ist offenbar 
der nämliche, wie wenn wir im Wachen einen Zentauren oder Drachen 
uns vorstollen oder nachbildcn. Der Unterschied liegt nur darin, daß 
bei der phantastischen Schöpfung im Wachen der beabsichtigte Ein- 
druck des Neugcbildes selbst das Maßgebende ist, während die Misch- 
bildung des Traumes durch ein Moment, welches außerhalb ihrer Ge- 
staltung liegt, das Gemeinsame in den Traumgedanken, determiniert 
wird. Die Mischbildung des Traumes kann in sehr mannigfaltiger 
Weise ausgeführt werden. In der kunstlosesten Ausführung werden 
mir die Eigenschaften des einen Dinges dargestellt, und diese Dar- 
stellung ist von einem Wissen begleitet, daß sie auch für ein anderes 
Objekt gelte. Eine sorgfältigere Technik vereinigt Züge des einen 
wie des anderen Objektes zu einem neuen Bilde und bedient sich 
dabei geschickt der etwa in der Realität gegebenen Ähnlichkeiten 
zwischen beiden Objekten. Das Neugebildete kann gänzlich absurd 
ausfallen oder selbst als phantastisch gelungen erscheinen, je nachdem 
Material und Witz bei der Zusammensetzung es ermöglichen. Sind 
die Objekte, welche zu einer Einheit verdichtet werden sollen, gar zu 
clisparat, so begnügt sich die Traumarbeit oft damit, ein Mischgebilde mit 
einem deutlicheren Kerne zu schaffen, an den sich undeutlichere Be- 
stimmungen anfügen. Die Vereinigung zu einem Bilde ist hier gleichs am 
nicht gelungen; die beiden Darstellungen überdecken einander und 
erzeugen etwas wie einen Wettstreit der visuellen Bilder. Wenn man 
sich die Bildung eines Begriffes aus individuellen Wahrnehmungs- 
bildern vorführen wollte, könnte man zu ähnlichen Darstellungen in 
einer Zeichnung gelangen. 

Es wimmelt natürlich in den Träumen von solchen Mischgebilden ; 
einige Beispiele habe ich in den bisher analysierten Träumen bereits 
mitgeteilt; ich werde nun weitere hinzufügen. In dem Traume auf 
Seite 251, welcher den Lebenslauf der Patientin „durch die Blume“ 
oder „verblümt“ beschreibt, trägt das Traum-Ich einen blühenden 
Zweig in der Hand, der wie wir erfahren haben, gleichzeitig Unschuld 
und sexuelle Sündigkeit bedeutet. Der Zweig erinnert durch die Art, 
vvie die Blüten stehen, außerdem an Kirschblüten; die Blüten selbst, 
einzeln genommen, sind Kamelien, wobei dazu das ganze noch 
den Eindruck eines exotischen Gewächses macht. Das Gemeinsame 
an den Elementen dieses Mischgebildes ergibt sich aus den Traum- 
gedanken. Der blühende Zweig ist aus Anspielungen an Geschenke 
zusammengesetzt;, durch welche sic bewogen wurde oder werden sollte, 
sich gefällig zu erweisen. So in der Kindheit die Kirschen, in späteren 
Jahren ein Kamelienstock; das Exotische ist eine Anspielung auf einen 
viclgei eisten Naturforscher, welcher mit einer Blumenzeichnung um 
ihre Gunst werben wollte. Eine andere Patientin schafft sich im 
raume ein Mittelding aus Badekabinen im Seebade, ländlichen 
1 J ° r 1 häusehen und den Bodenkammern unserer städtischen 




VI. Die Traumarboit. 


Wohnhäuser. Den heulen ersten It/lementen ist die .Beziehung aut 
menschliche Nacktheit und Entblößung gemeinsam; es hißt sich aus 
der Zusammensetzung mit dem dritten Element schließen, daß (in 
ihrer Kindheit) auch die Bodenkammer der Schauplatz von Entblößung 
war. [Ein Träumer schafft sich eine Mischlokalität aus zwei Örtlich- 
keiten, in denen „ Kur" gemacht wird, aus meinem Ordinationszimmer 
und dem öffentlichen Lokal, in dem er zuerst seine Frau kennen 
gelernt hat]. Ein Mädchen träumt, nachdem der ältere Bruder ver- 
sprochen hat, sie mit Kaviar zu regulieren, von diesem Bruder, daß 
dessen Beine von den sch warzen Kaviarperlen übersät sind. 
Die Elemente „Ansteckung“ im moralischen Sinne und die Er- 
innerung an einen Ausschlag der Kindheit, der die Beine mit 
roten, anstatt mit schwarzen Pünktchen übersät erscheinen ließ, 
haben sich hier mit den Kaviar per len zu einem neuen Begriff 
vereinigt, dessen, „was sie von ihrem Bruder bekommen 
hat. 1 eile des menschlichen Körpers werden in diesem Traume 
behandelt wie Objekte, wie auch in sonstigen Träumen. [In einem 
von Ferenczi 87 ) mitgeteilten Traume kam ein Mischgebilde vor, 
dasaus der Person eines Arztes und aus einem Pferde zusammen- 
gesetzt war und überdies ein Nachthemd anhatte. Das Gemein- 
same dieser drei Bestandteile ergab sich aus der Analyse, nachdem 
das Nachthemd als Anspielung auf den Vater der Träumerin in einer 
Kindheitsszene erkannt war. Es handelte sich in allen drei Fällen 
um Objekte ihrer geschlechtlichen Neugierde. Sie war als Kind 
von ihrer Kindsfrau öfters in das militärische Gestüt mitgenommen 
worden, wo sie Gelegenheit hatte, ihre — damals noch ungehemmte 
— Neugierde ausgiebig zu befriedigen.] 

Ich habe vorhin behauptet, daß der Traum kein Mittel hat, die 
Relation des Widerspruches, Gegensatzes, das „Nein“ auszudrücken. 
Ich gehe daran, dieser Behauptung zum erstenmal zu widerspi'echen. 
Ein Teil der Fälle, die sich als „Gegensatz“ zusammenfassen lassen, 
findet seine Darstellung einfach durch Identifizierung, wie wir gesehen 
haben, wenn nämlich mit der Gegenüberstellung ein Vertauschen, an 
die Stelle setzen, verbunden werden kann. Davon haben wir wiederholt 
Beispiele erwähnt. Ein anderer Teil der Gegensätze in den Traum- 
gedanken, der etwa unter die Kategorie „Umgekehrt, im Gegen- 
teil“ fällt, gelangt zu seiner Dai'stellung im Traume auf folgende 
merkwürdige, beinahe witzig zu nennende Weise. Das „Umgekehrt“ 
gelangt nicht für sich in den Trauminhalt, sondern äußert seine An- 
wesenheit im Material dadurch, daß ein aus sonstigen Gründen nahe 
liegendes Stück des schon gebildeten Trauminhalts — gleichsam nach- 
träglich — umgekehrt wird. Der Vorgang ist leichter zu illustrieren 
als zu beschreiben. Im schönen Traume von „Auf und Nieder“ 
(Seite 228), ist die Traumdarstellung des Steigens umgekehrt wie das 
Vorbild in den Traumgedanken, nämlich die Iutroduktionsszene der 
Sappho Daudets; es geht im Traume anfangs schwer, später leicht, 


Umgekehrt., im Gegenteil. 


257 


während in der Szene das Steigen anfangs leicht, später immer schwerer 
wird. Auch das „Oben“ und „Unten“ in bezug auf den Bruder ist 
verkehrt im Traume dargestcllt. Dies deutet auf eine Relation von 
Umkehrung oder Gegensatz, die zwischen zwei Stücken des Materials 
in den Traumgedanken besteht, und die wir darin gefunden haben, 
daß in der Kindheitsphantasic des Träumers er von seiner Amme ge- 
tragen wird, umgekehrt wie im Roman der Held die Geliebte trägt. 
Auch mein Traum von Goethes Angriff gegen Herrn M. (Seite 292) 
enthält ein solches „Umgekehrt“, das erst redressiert werden muß, 
che man auf die Deutung des Traumes gelangen kann. Im Traume 
hat Goethe einen jungen Mann Herrn M. angegriffen; in der Realität, 
wie sic die Traumgedanken enthalten, ist ein bedeutender Mann, mein 
Freund, von einem unbekannten jungen Autor angegriffen worden. 
Im Traume rechne ich vom Sterbedatum G o e t h c s an; in der Wirk- 
lichkeit ging die Rechnung vom Geburtsjahre des Paralytikers aus. 
Der Gedanke, der in dem Traummatcrial maßgebend ist, ergibt sich 
als der Widerspruch dagegen, daß Goethe behandelt werden soll, 
als sei er ein Verrückter. Umgekehrt, sagt der Traum, wenn du das 
Buch nicht verstehst, bist du der Schwachsinnige, nicht der Autor. 
In all diesen Träumen von Umkehrung scheint mir überdies eine 
Beziehung auf die verächtliche Wendung („einem die Kehrseite 
zeigen“) enthalten zu sein (die Umkehrung in bezug auf den Bruder 
im Sapphotraum). [Es ist ferner bemerkenswert, wie häufig die Um- 
kehrung gerade in Träumen benötigt wird, die von verdrängten homo- 
sexuellen Regungen eingegeben werden.] 

[Die Umkehrung, Verwandlung ins Gegenteil, ist übrigens eines 
der beliebtesten, der vielseitigsten Verwendung fähigen Darstellungs- 
mittel der Traumarbeit. Sie dient zunächst dazu, der Wunscherfüllung 
gegen ein bestimmtes Element der Traumgedanken Geltung zu ver- 
schaffen. Wäre es doch umgekehrt gewesen! ist oftmals der beste 
Ausdruck für die Relation des Ich gegen ein peinliches Stück Er- 
innerung. Ganz besonders wertvoll wird die Umkehrung aber im 
Dienste der Zensur, indem sie ein Maß von Entstellung des Darzu- 
stellenden zu Stande bringt, welches das Verständnis des Traumes zu- 
nächst geradezu lähmt. Man darf darum, wenn ein Traum seinen 
binn hartnäckig verweigert, jedesmal den Versuch der Umkehrung 
nnt bestimmten Stücken seines manifesten Inhalts wagen, worauf nicht 
selten alles sofort klar wird. 

Neben der inhaltlichen Umkehrung ist die zeitliche nicht zu 
übersehen. Emo häufige Technik der Traumentstcllung besteht darin 
den Ausgang der Begebenheit oder den Schluß des Gedankenganges zu 
Eingang des I raumes darzustellen und am Ende desselben die Voraus- 
setzungen des Schlusses oder die Ursachen des Geschehens nachzu- 
tragen. Wer nicht an dieses technische Mittel der Traumen tstcllun°- 

Freud, Trnnmdeutung. 3. Auf], 


17 


258 


VT. l)i«s Trimmarbeit. 


gedaeht hat, steht daun der Aufgabe der Traumdeutung ratlos gegen- 
über.*) 

Ja in manclien Fällen erhält man den Sinn des Traumes erst, 
wenn man an dem Trauminhalt eine mehrfache Umkehrung, nach 
verschiedenen Relationen, vorgenommen hat. So z. B. verbirgt sich 
im Traume eines jungen Zwangsneurotikers die Erinnerung an den 
infantilen Todeswunseli gegen den geftirehteten Vater hinter folgendem 
Wortlaut: Sein Vater seh impft mit ihm, weil er so spät 
naeh Hause kommt. Allein der Zusammenhang der psychoana- 
lytischen Kur und die Einfälle des Träumers beweisen, daß es zu- 
nächst lauten muß: Er ist böse auf den Vater und sodann, daß 
ihm der Vater auf alle Fälle zu früh (d. h. zu bald) nach Hause 
kam. Er hätte es vorgezogen, daß der Vater überhaupt nicht nach 
Hause gekommen wäre, was mit dem Todeswunsch gegen den Vater 
identisch ist (v. S. 187). Der Träumer hatte sieh nämlieh als kleiner 
Knabe während einer längeren Abwesenheit des Vaters eine sexuelle 
Aggression gegen eine andere Person zu Schulden kommen lassen 
und war mit der Drohung gestraft worden : Na wart’, bis der Vater 

zurüekkommt !] 


Will man die Beziehungen zwischen Trauminhalt und Traum- 
gedanken weiter verfolgen, so nimmt man jetzt am besten den Traum 
selbst zum Ausgangspunkte und stellt sieh die Frage, was gewisse 
formale Charaktere der Ti*au.mdarstellung in bezug auf die Traum- 
gedanken bedeuten. Zu diesen formalen Charakteren, die uns im 
Traume auffallen müssen, gehören vor allem die Unterschiede in der 
sinuliehen Intensität der einzelnen Traumgebilde und in der Deutlich- 
keit einzelner Traumpartien oder ganzer Träume untereinander ver- 
glichen. Die Unterschiede in der Intensität der einzelnen Traumgebilde 
umfassen eine ganze Skala von einer Sehärfe der Ausprägung, die 
man — wiewohl ohne Gewähr — geneigt ist, über die der Realität 
zu stellen, bis zu einer ärgerliehen Verschwommenheit, die man als 
charakteristisch für den Traum erklärt, weil sie eigentlieli mit keinem 
der Grade der Undeutlichkeit, die wir gelegentlich an den Objekten 
der Realität wahrnehmen, vollkommen zu vergleichen ist. Gewöhnlich 
bezeichnen wir überdies den Eindruck, den wir von einem undeut- 

*) [Derselben Technik der zeitlichen Umkehrung bedient sich manchmal der 
hysterische Anfall, um seinen Sinn dem Zuschauer zu verbergen. Ein hysterisches 
Mädchen hat z. 15. in einem Anfalle einen kleinen Roman darzustellen, den sie sich 
im Anschluß an eine Begegnung in der Stadtbahn im Unbewußten phantasiert hat. 
Wie der Betreffende, durch die Schönheit ihres. Fußes augezogen, sie, während sie 
liest, anspricht, wie sie dann mit ihm geht und eine stürmische Liebesszene erlebt. 
Ihr Anfall setzt mit der Darstellung dieser Liebesszene durch die Körperzuckungcn 
ein [dabei Lippenbewegungen fürs Küssen, Verschränkung der Arme für die Um- 
armung], darauf eilt sie ins andere Zimmer, setzt sich auf einen Stuhl, hebt das 
Kleid, °um den Fuß zu zeigen, tut, als oh sie in einem Buche lesen würde, und spricht 
mich an (gibt mir Antwort).] 


Die Qualitäten tler Lebhaftigkeit und der Deutlichkeit. 


259 


liehen Traumobjekt empfangen, als „flüchtig“, während wir von den 
deutlicheren Traumbildern meinen, daß sie auch durch längere Zeit 
der Wahrnehmung stand gehalten haben. Es fragt sich nun, durch 
welche Bedingungen im Traummaterial diese Unterschiede in der Leb- 
haftigkeit der einzelnen Stücke des Trauminhaltcs hervorgerufen werden. 

Man hat hier zunächst gewissen Erwartungen entgegenzutreten, 
die sich wie unvermeidlich cinstellen. Da zu dem Material des Traumes 
auch wirkliche Sensationen während des Schlafes gehören können, 
wird man wahrscheinlich voraussetzen, daß diese oder die von ihnen 
abgeleiteten Traumelemente im Trauminhalt durch besondere Intensität 
hervorstechen, oder umgekehrt, daß, was im Traume ganz besonders 
lebhaft ausfällt, auf solche reale Schlafsensationen zuruckführbar sein 
wird. Meine Erfahrung hat dies aber niemals bestätigt. Es ist nicht 
richtig, daß die Elemente des Traumes, welche Abkömmlinge von 
realen Eindrücken während des Schlafes (Nervenreizen) sind, sich vor 
den anderen, die aus Erinnerungen stammen, durch Lebhaftigkeit aus- 
zeichnen. Das Moment der Realität geht für die Intensitätsbestimmung 
der Traumbilder verloren. 

Ferner könnte man an der Erwartung festhalten, daß die sinn- 
liche Intensität (Lebhaftigkeit) der einzelnen Traumbilder eine Bezie- 
hung habe zur psychischen Intensität der ihnen entsprechenden Ele- 
mente in den Traumgedanken. In den letzteren füllt Intensität mit 
psychischer Wertigkeit zusammen; die intensivsten Elemente sind keine 
anderen als die bedeutsamsten, welche den Mittelpunkt der Traum- 
gedanken bilden. Nun wissen wir zwar, daß gerade diese Elemente 
der Zensur wegen meist keine Aufnahme in den Trauminhalt finden. 
Aber es könnte doch sein, daß ihre sie vertretenden nächsten Abkömm- 
linge im Traume einen höheren Intensitätsgrad aufbringen, ohne daß 
sie darum das Zentrum der Traumdarstellung bilden müßten. Auch 
diese Erwartung wird indes durch die vergleichende Betrachtung von 
Traum und Traummaterial zerstört. Die Intensität der Elemente hier 
hat mit der Intensität der Elemente dort nichts zu schaffen; es findet 
zwischen I raummaterial und Traum tatsächlich eine völlige „Um- 
wertung aller psychischen Werte“ statt. Gerade in einem 
flüchtig hingehauchteu, durch kräftigere Bilder verdeckten Element 
des 1 raumes kann man oft einzig und allein einen direkten Abkömmling 
dessen entdecken, was in den Traumgedanken übermäßig dominierte. 

. . Intensität der Elemente des Traumes zeigt sich anders deter- 
miniert, und zwar durch zwei voneinander unabhängige Momente, 
m nächst ist es leicht zu sehen, daß jene Elemente besonders intensiv 
(arges teilt sind, durch welche die Wunscherfüllung sich ausdrückt. 
Dann aber lehrt die Analyse, daß von den lebhaftesten Elementen des 
1 raumes auch die meisten Gedankengänge ausgehen, daß die lebhaftesten 
gleichzeitig die bestdeterminierten sind. Es ist keine Änderung des 
> inncs, wenn wir den letzten empirisch genommenen Satz in nach- 
stehender Form aussprechen: Die größte Intensität zeigen jene Ele- 

17 * 


260 


VI. Die Traunmrbeit. 


mento des Traumes, für deren Bildung die ausgiebigste Vordich- 
tungsarboit iu Anspruch genommen wurde. Wir dürfen dann 
ei uaiten, daß diese Bedingung und die andere der Wunschcrfüllun«' 
auch in einer einzigen Formel ausgedrückt werden können. 

Das Problem, das ich jetzt behandelt habe, die Ursachen der 
giößeren oder geringeren Intensität oder Deutlichkeit der einzelnen 
I raumolemente, möchte ich vor Verwechslung mit einem anderen 
Problem schützen, welches sich auf die verschiedene Deutlichkeit 
ganzer Träume oder Traumabschnitte bezieht. Dort ist der Gegen- 
satz von Deutlichkeit: Verschwommenheit, hier Verworrenheit. ° Es 
ist allerdings unverkennbar, daß in beiden .Skalen die steigenden und 
fallenden Qualitäten einander im Vorkommen begleiten. June Partie 
des 1 raumes, die uns klar erscheint, enthält zumeist intensive Ele- 
mente ; ein unklarer Iraum ist im Gegenteil aus 'wenig intensiven 
Elementen zusammengesetzt. Doch ist das Problem, welches die 
Skala vom anscheinend Klaren bis zum Undeutlich — Verworrenen 
bietet, weit komplizierter als das der Lebhaftigkeitsschwankungen der 
1 raumelemente ; ja ersteres entzieht sich aus später anzuführenden 
Gründen hier noch der Erörterung. Iu einzelnen Fällen merkt man 
nicht ohne Überraschung, daß der Eindruck von Klarheit oder Un- 
deutlichkeit, den man von einem Traume empfängt, überhaupt nichts 
für das Traumgeftige bedeutet, sondern aus dom Traummaterial als 
ein Bestandteil desselben herrtihrt. So erinnere ich mich an einen 
I raum, der mir nach dem Erwachen so besonders gut gefügt, lücken- 
los und klar erschien, daß ich noch in der Schlaftrunkenheit mir vor- 
setzte, eine neue Kategorie von Träumen zuzulassen, die nicht dem 
Mechanismus der Verdichtung und Verschiebung unterlegen waren, 
sondern als „Phantasien während des Schlafens^ bezeichnet werden 
durften. Nähere Prüfung ergab, daß dieser rare Traum dieselben 
Risse und Sprünge in seinem Gefüge zeigte wie jeder andere; ich 
ließ darum die Kategorie der Traumphantasien auch wieder fallen. 
Der reduzierte Inhalt des Traumes war aber, daß ich meinem Freunde 
eine schwierige und lange gesuchte Theorie der Bisexualität vortrug, 
und die wuuisch erfüllen de Kraft des Traumes hatte es zu verantworten, 
daß uns diese Theorie (die übrigens im Traume nicht mitgetcilt wurde) 
klar und lückenlos erschien. Was ich also für ein Urteil über den 
fertigen Traum gehalten hatte, war ein Stück, und zwar das wesent- 
liche Stück des Trauminhalts. Die Traumarbeit griff hier gleichsam 
in das erste wmche Denken über und übermittelte mir als Urteil 
über den Traum jenes Stück des Traummaterials, dessen genaue 
Darstellung im Traume ihr nicht gelungen war. Ein vollkommenes 
Gegenstück hiezu erlebte ich einmal bei einer Patientin, die einen 
in die Analyse gehörigen Traum zuerst überhaupt nicht erzählen 
•wollte, „weil er so undeutlich und venvorren sei", und endlich 
unter wiederholten Protesten gegen die Sicherheit ihrer Darstellung 
angab, es seien im Traume mehrere Personen vorgekommen, sie, ihr 






Inhaltliche Darstellung durch die Form des Traumes. 


20 1 


Mann und ihr Vater, und als ob sie nicht gewußt hätte, ob ihr Mann 
ihr Vater sei, oder wer eigentlich ihr Vater sei, oder so ähnlich. 
Die Zusammenstellung dieses Traumes mit ihren Einfällen in der 
Sitzung ergab als unzweifelhaft, daß es sich um die ziemlich alltägliche 
Geschichte eines Dienstmädchens handle, welches bekennen mußte, 
daß sie ein Kind erwarte, und nun Zweifel zu hören bekomme, „wer 
eigentlich der Vater (des Kindes) sei.“") Die Unklarheit, die der 
Traum zeigte, war also auch hier ein Stück aus dem traumerregenden 
Material. Ein Stück dieses Inhalts war in der Form des Traumes 
dargestellt worden. [Die Form des Traumes oder des Träumens wird 
in ganz überraschender Häufigkeit zur Darstellung des verdeckten 
Inhalts verwendet. 

Glossen über den Traum, anscheinend harmlose Bemerkungen zu 
demselben dienen oft dazu, ein Stück des Geträumten in der raffiniertesten 
Weise zu verhüllen, während sie es doch eigentlich verraten. So z. B. 
wenn ein Träumer äußert : Hier ist der Traum v e r wi s c h t, und die Ana- 
lyse eine infantile Reminiszenz au das Belauschen einer Person ergibt, 
die sich nach der Defäkation reinigt. Oder in einem anderen Falle, der 
ausführliche Mitteilung verdient. Ein junger Mann hat einen sehr deut- 
lichen Traum, der ihn an bewußt gebliebene Phantasien seiner Knaben- 
jahre mahnt : Er befinde sich abends in einem Sommerhotel, irrt sich 
in der Zimmernummer und kommt in einen Raum, in dem sich eine 
ältere Dame und ihre zwei Töchter entkleiden, um zu Bette zu gehen. 
Er setzt fort: Dann sind einige Lücken im Traum, da fehlt 
e twas, und am Ende war ein Mann im Zimmer, der mich hinauswerfen 
wollte, mit dem ich ringen mußte. Er bemüht sich vergebens den 
Inhalt und die Absicht jener knabenhaften Phantasie zu erinnern, auf 
die der Traum offenbar anspielt. Aber man wird endlich aufmerksam, 
daß der gesuchte Inhalt durch die Äußerung über die undeutliche 
Stelle des Traumes bereits gegeben ist. Die „Lücken“ sind die 
Genitalöffuu ngen der zu Bette gehenden Frauen; „da fehlt etwas“ be- 
schreibt den Hauptcharakter des weiblichen Genitales. Er brannte in 
jenen jungen Jahren vor Wißbegierde, ein weibliches Genitale zu 
sehen und war noch geneigt, an der infantilen Sexualtheorie, die dem 
Weibe ein männliches Glied zuschreibt, festzuhalten]. 

Alle Träume derselben Nacht gehören ihrem Inhalt nach zu dem 
nämlichen Ganzen ; ihre Sonderung in mehrere Stücke, deren Gruppie- 
rung und Anzahl, all das ist sinnreich und darf als ein Stück Mittei- 
lung aus den latenten Traumgedanken aufgefaßt werden. [Bei der 
Deutung von Träumen, die aus mehreren Hauptstücken bestehen, oder 
überhaupt solchen, die derselben Nacht angehören, darf man auch an 
die Möglichkeit nicht vergessen, daß diese verschiedenen und aufein- 
ander folgenden Träume dasselbe bedeuten, die nämlichen Regungen in 
verschieden em Material zum Ausdruck bringen. Der zeitlich voran- 


*) Begleitende hysterische Symptome: Ausbleiben der Periode und srroße Yer- 
stanmung, das ITauptleiden dieser Kranken. 


262 


VI. Die Traumarbeit. 


gehende dieser homologen Träume ist dann häutig der entstelltere ,! 
schüchterne, der nachfolgende ist dreister und deutlicher. 

Schon der biblische Traum des Pharao von den Ähren und von 
den Kühen, den Joseph deutete, war von dieser Art. Er findet 
sich bei Joseph us (Jüdische Altertümer, Buch JT, Kap. 5 und 0) 
ausführlicher als in der Bibel berichtet. Nachdem der Koni«- 
den ersten Traum erzählt hat sagt er: „Nach diesem ersten Trauim 

gesicht wachte ich beunruhigt auf und dachte nach, was dasselbe 
wohl bedeuten möge, schlief jedoch hierüber allmählich wieder ein und 
hatte nun einen noch viel seltsameren Traum, der mich noch mehr in 
Furcht und Verwirrung gesetzt hat.“ Nach Anhören der Träumer - 
zählung sagt Joseph: „Dein Traum, o König, ist dem Anschein nach 
wohl ein zweifacher, allein beide Gesichte haben nur eine Bedeutung“. 

Jung"), der in seinem „Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes“ 
erzählt, wie der versteckt erotische Traum eines Schulmädchens von 
ihren Freundinnen ohne Deutung verstanden uud in Abänderungen 
weitergeführt wurde, bemerkt zu einer dieser Traumerzählungen „daß 
der Schlußgedanke einer langen Reihe von Traumbildern genau das 
enthält, was schon im ersten Bild der Serie darzustelleu versucht 
worden war. Die Zensur schiebt den Komplex so lange wie möglich 
weg durch immer wieder erneute symbolische Verdeckungen, Vor 
Schiebungen, Wendungen ins Harmlose u. s. w.“ (1. c. p. 87). 

Schern er 58 ) hat diese Eigentümlichkeit der Traumdarstellung gut 
gekannt und beschreibt sie im Anschluß an seine Lehre von den 
Organreizen als ein besonderes Gesetz (p. 166). „Endlich aber be- 
obachtet die Phantasie in allen von bestimmten Nervenreize ausgehen- 
den symbolischen Traumbildungen das gemeingiltige Gesetz, daß sie 
bei Beginn des Traumes nur in den fernsten und freiesten Andeutungen 
des Reizobjekts malt, am Schlüsse aber, wo der malerische Erguß sich 
erschöpft hatte, den Reiz selbst resp. sein betreffendes Organ oder 
dessen Funktion in Nacktheit hinstellt, womit der Traum seinen orga- 
nischen Anlaß selbst bezeichnend, das Ende erreicht — — — .“ 

Eine schöne Bestätigung dieses S eherner* sehen Gesetzes hat 
Otto Rank 106 ) in seiner Arbeit: „Ein Traum, der sich selbst deutet“ fl 
beliefert. Der von ihm dort mitgeteilte Traum eines Mädchens setzte 
sich aus zwei auch zeitlich gesonderten Träumen einer Nacht zusammen, 
von denen der zweite mit einer Pollution abschloß. Dieser Pollutions- 
traum gestattete eine bis ins einzelne durchgeführte Deutung unter 
sehr weitgehendem Verzicht auf die Beiträge der Träumerin und die 
Fülle der Beziehungen zwischen den beiden Trauminhalten ermöglichte 
es zu erkennen, daß der erste Traum in schüchterner Darstellung 
dasselbe zum Ausdruck bringe Avie der zweite, so daß dieser, der 
Pollutionstraum, zur Atollen Aufklärung des ersteren A T orholfen hatte. 
Rank erörtert a t oii diesem Beispiele aus mit gutem Hecht die Be- 
deutung der Pollutionsträume für die Theorie des Träumens über- 

Q 

haupt.] 




Die Traumhonimung. 


265 


lu solche Lage, Klarheit oder Verworrenheit des Traumes auf 
Sicherheit oder Zweifel im Traummaterial umdeuten zu können, 
kommt man aber nach meiner Erfahrung nicht in allen ballern ich 
werde späterhin den bisher nicht erwähnten Faktor bei der Traum- 
bildung aufzudecken haben, von dessen Einwirkung diese Qualitäten- 
skala des Traumes wesentlich abhängt. . 

In manchen Träumen, die ein Stück weit eine gewisse Situation 
und Szenerie festhalten, kommen Unterbrechungen vor, die mit fol- 
«•enden Worten beschrieben werden: „Es ist dann aber, als wäre es 

Gleichzeitig ein anderer Ort, und dort ereignete sich dies und jenes. 
Was in solcher Weise die Haupthandlung des Traumes^ unterbricht, 
die nach einer W eile wieder fortgesetzt werden kann , das stellt sich im 1 raum- 
material als ein Nebensatz, als ein eingeschobener Gedanke heraus. 
Die Kondition in den Traumgedanken wird im Traume durch Gleich- 
zeitigkeit dargestellt (wenn — wann). 

Was bedeutet die so häufig im Traume erscheinende Sensation 
der gehemmten Bewegung, die so nahe an Angst streift? Man will 
gehen und kommt nicht von der Stelle, will etwas herrichten und 
stößt fortwährend auf Hindernisse. Der Eisenbahnzug will sich in 
Bewegung setzen und man kann ihn nicht erreichen ; man hebt die 
Hand, um eine Beleidigung zu rächen, und sie versagt u. s. w. 
Wir sind dieser Sensition im Traume schon bei den Exhibitions- 
träumen begegnet, haben ihre Deutung aber noch nicht ernstlich ver- 
sucht. Es ist bequem aber unzureichend, zu antworten, im Schlafe 
bestehe motorische Lähmung, die sich durch die erwähnte Sensation 
bemerkbar macht. Wir dürfen fragen: Warum träumt man dann 

nicht beständig von solchen gehemmten Bewegungen? und wir dürfen 
erwarten, daß diese im Schlafe jederzeit hervorzurufende Sensation 
irgend welchen Zweckeu der Darstellung diene und nur durch das 
im Traummaterial gegebene Bedürfnis nach dieser Darstellung erweckt 
werde. 

Das Nichtzustandebringen tritt im Traume nicht immer als 
Sensation, sondern auch einfach als Stück des Trauminhalts auf. Ich 
halte einen solchen Fall für besonders geeignet, uns über die Bedeu- 
tung dieses Traumrequisits aufzuklären. Ich werde verkürzt einen 
Traum mitteilen, in dem ich der Unredlichkeit beschuldigt erscheine. 
Die Örtlichkeit ist ein Gemenge aus einer Privat heil- 
anstalt und mehreren anderen Lokalen. Ein Diener er- 
scheint, um mich zu einer Untersuchung zu rtifen. Im 
Traume weiß ich, daß etwas vermißt wird, und daß die 
Untersuchung wegen d e s V er dach t e s erfolgt, daß ich 
mir das Verlorene angeeignet. Die Analyse zeigt, daß 
Untersuchung zweideutig zu nehmen ist und ärztliche 
Untersuchung m i t ei n s ch li eß t. Im Bewußtsein meiner 
Unschuld und meiner Konsiliarfunktion in diesem 
Hause gehe ichruhigmit dem Diener. An einer Tür emp- 


264 


VJ. Diu Traumurbeit, 


fängt uns ein 


t o n d : 


n n d o r e r 
Don haben 


Diener und 


- -- öa K t ) auf inieh deu- 
... i • ,, , bie m,r mitgebracht, der ist ia ein 

anständiger Mensch. Ich gehe dann ohne Diener in 
einen großen Saal, in dom Maschinen stehen, der mich 
an ein Inferno mit seinen höllischen Strafaufgaben er- 
innert. An einem Apparat sehe ich einen Kollegen 
eingespannt, der allen Grund hätte, sich um mich zu 
bekümmern; er beachtet mich aber nicht. Es heißt 
dann, daß ich j etzt gehen kann. Da finde ich meinen 
xi u t nicht und kann doch nicht gehen. 

Es ist offenbar die Wunscherfüllung des Traumes, daß ich als 
ehrlicher Mann anerkannt werde und gehen darf: in den Traum- 
gedanken muß also allerlei Material vorhanden sein, welches den 
Widerspruch dagegen enthält. Daß ich gehen darf, ist das Zeichen 
meiner Absolution; wenn also der Traum am Ende ein Ereignis 
bringt, das mich im Gehen aufhält, so liegt es wohl nahe zu 
schließen, daß durch diesen Zug das unterdrückte Material des 'Wider- 
spruchs sich zur Geltung bringt. Daß ich den Hut nicht finde, be- 
deutet also: Du bist doch kein ehrlicher Mensch. Das Nichtzustandc- 
br ingen des Traumes ist ein Ausdruck des Widerspruches, 
cm „ N ein , wonach also die frühere Behauptung zu korrigieren ist 
daß der I rau in das Nein nicht auszudriieken vermag.*) 

In anderen fr; i innen, welche das Nichtzustandekommen der Bewe- 
gung nicht bloß als Situation, sondern als Sensation enthalten, ist derselbe 
Widerspruch durch die Sensation der Bewegungshemmung kräftiger aus- 
gedrückt als ein Wille, dem ein Gegenwille sich widersetzt. Die 
Sensation der Bewegungshemmung stellt also einen Willens- 
konflikt dar. Wir werden später hören, daß gerade die motorische 
Lähmung im Schlafe zu den fundamentalen Bedingungen des psychi- 
schen Vorganges während des Iräumens gehört. Der auf die motorischen 
Bahnen übertragene Impuls, ist nun nichts anderes als der Wille, 
und daß wir sicher sind, im Schlafe diesen Impuls als gehemmt 
zu empfinden, macht den ganzen Vorgang so überaus geeignet zur 
Darstellung des \Y ollens und des „Nein**, daß sich ihm entgegen- 
setzt. Nach meiner Erklärung der Angst begreift es sich auch 
leicht, daß die Sensation der Willenshemmung der Angst so nahe 


) Eine lieziehung zu einem Kindlieitserlebnis ergibt sich in der vollständigen 
Analyse durch folgende Vermittlung: — Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, 
der Mohr kann gehen. Und dann die Scherzfrage: Wie alt ist der Mohr, wenn 
er seine Schuldigkeit getan hat? Ein Jahr, dann kann er gehen. (Ich soll so viel 
wirres schwarzes Haar mit zur Welt gebracht haben, daß mich die junge Mutter 
für einen kleinen Mohren erklärte.) — Daß ich den Hut nicht finde, ist ein mehr- 
sinnig verwertetes Tageserlcbnis. Unser im Aufbewahreu geniales Stubenmädchen 
hatte ihn versteckt. — • Auch die Ablehnung trauriger Todesgedankeu verbirgt sich 
hinter diesem Träumende: Ich habe meine Schuldigkeit noch lange nicht getan; 
ich darf noch nicht gehen. — Geburt und Tod wie in dem kurz vorher erfolgten 
Traume von Goethe und dem Paralytiker (Seite 292 ). 


Diu Rücksicht, auf Darstellbarkoit. 


265 


aloht und sich im Traume so oft mit ihr verbindet. Die Angst ist 
ein libidinöser Impuls, der vom Unbewußten ausgebt und vom Vor- 
bewußten gehemmt wird. Wo also im Traume die Sensation der 
Heinmuim mit Angst verbunden ist, da muß es sich um ein Wollen 
handeln, daß einmal fällig war Libido zu entwickeln, um eine sexuelle 

Regung. 

ö [Was die häufig während eines Traumes auftauchende Urteils- 
äußerung : .,Das ist ja nur ein Traum“ bedeute und welcher psy- 
chischen Macht sie zuzuschreiben sei, werde ich an anderer Stelle 
(s. u. p. 329) erörtern. Ich nehme hier vorweg, daß sie zur Entwer- 
tung des Geträumten dienen soll. Das in der Nähe liegende, interessante 
Problem, was dadurch ausgedrückt wird, wenn ein gewisser Inhalt im 
Traum selbst als „geträumt“ bezeichnet wird, das Rätsel des „Traumes 
im Traume“ hat W. St ekel 114 ) durch die Analyse einiger über- 
zeugender Beispiele in ähnlichem Sinne gelöst. Das „Geträumte“ des 
Traumes soll wiederum entwertet, seiner Bealität beraubt werden •, 
was nach dem Erwachen aus dem „Traum im Traume“ weiter geträumt 
wird, das will der Traumwunsch an die Stelle der ausgelösclitcn 
Realität setzen. Man darf also annehmen, daß das „Geträumte“ 
die Darstellung der Realität, die wirkliche Erinnerung, der fortsetzende 
Traum im Gegenteil die Darstellug des bloß vom Träumer Gewünschten 
enthält. Der Einschluß eines gewissen Inhalts in einen „Traum im Traume“ 
ist also gleichzusetzen dem Wunsche, daß das so als Traum bezeichnete 
nicht hätte geschehen sollen. Die Traumarbeit verwendet das Träumen 
selbst als eine Form der Ablehnung.] 

d) Die Rücksicht auf Darstellbarkeit. 

Wir haben es bisher mit der Untersuchung zu tun gehabt, wie 
der Traum die Relationen zwischen den Traumgedanken darstellt, 
griffen dabei aber mehrfach auf das weitere Thema zurück, 'welche 
Veränderung das Traummaterial überhaupt für die Z'wecke der Traum- 
bildung erfährt. Wir wissen nun, daß das Traummaterial, seiner Rela- 
tionen zum guten Teile entblößt, einer Kompression unterliegt, während 
gleichzeitig Intensitätsverschiebungen zwischen seinen Elementen eine 
psychische Umwertung dieses Materials erzwingen. Die Verschiebungen, 
die wir berücksichtigt haben, erwiesen sich als Ersetzungen einer be- 
stimmten Vorstellung durch eine andere ihr in der Assoziation irgend- 
wie nahestehende und sie wurden der Verdichtung dienstbar gemacht, 
indem auf solche Weise anstatt zweier Elemente ein mittleres Gemein- 
sames zwischen ihnen zur Aufnahme in den Traum gelangte. Von 
einer anderen Art der Verschiebung haben wir noch keine Erwähnung 
getan. Aus den Analysen erfährt man aber, daß eine solche besteht 
und daß sie sich in einer Vertauschung des sprachlichen 
Ausdruckes für den betreffenden Gedanken kund gibt. Es bandelt 
sich beidemalc um Verschiebung längs einer Assoziationskette, aber 
der gleiche Vorgang findet in verschiedenen psychischen Sphären 


20(3 


VI. Die Tmiunurbuit. 


st-itt, und das Ergebnis dieser Verschiebung ist das einemal, daß .-in 
Element durch ein anderes substituiert wird, während inx andern 
hallo ein li/lement seine Wortfassung gegen eine andere vertauscht. 

Diese zweite Art der bei der Traumbildung vorkommenden 
Vei Schiebungen hat nicht nur großes theoretisches Interesse 5 sondern 
ist auch besonders gut geeignet, den Anschein phantastischer Absur- 
dität, mit dem der Traum sich verkleidet, aufzuklären. Die Ver- 
schiebung erfolgt in der Regel nach der Richtung, daß ein farbloser 
und abstrakter Ausdruck des Traumgedankens gegen einen bildlichen 
und konkreten eingetauscht wird. Der Vorteil und somit die Absicht 
dieses Ersatzes liegt auf der Hand. Das Bildliche ist für den r J raum 
da r s t c 1 1 u n g s f ä h i g, läßt sich in eine Situation einfügen, wo der 
abstrakte Ausdruck der Traumdarstcllung ähnliche Schwierigkeiten 
bereiten würde, wie etwa ein politischer Leitartikel einer Zeitung der 
Illustration. Aber nicht nur die Darstellbarkeit, auch die Interessen 
der Verdichtung und der Zensur können bei diesem Tausche gewinnen. 
Ist erst der abstrakt ausgedrückte, unbrauchbare Traumgedank in 
eine bildliche Sprache urageformt, so ergeben sich zwischen diesem 
neuen Ausdruck und dem übrigen Traummaterial leichter als vorher 
die Berührungen und Identitäten, welcher die Traumarbeit bedarf, 
und die sie schafft, wo sie nicht vorhanden sind, denn die konkreten 
Termini sind in jeder Sprache ihrer Entwicklung zufolge anknüpfungs- 
reicher als die begrifflichen. Man kann sich vorstellen, daß ein gutes 
Stück der Zwischenarbeit bei der Traumbildung, welche die geson- 
derten Traumgedanken auf möglichst knappen und einheitlichen Aus- 
druck im Traume zu reduzieren sucht, auf solche Weise, durch passende 
sprachliche Umformung der einzelnen Gedanken vor sich geht. Der 
eine Gedanke, dessen Ausdruck etwa aus anderen Gründen feststeht, 
wird dabei verteilend und auswählend auf die Ausdrucksmöglichkeiten 
des anderen einwirken und dies vielleicht von vornherein, ähnlich 
wie bei der Arbeit des Dichters. Wenn ein Gedicht in Reimen ent- 
stehen soll, so ist die zweite Reimzeile an zwei Bedingungen ge- 
bunden; sie muß den ihr zukommenden Sinn ausdrücken und ihr 
Ausdruck muß den Gleichklang mit der Reimzeile finden. Die besten 
Gedichte sind wohl die, wo man die Absicht, den Reim zu finden, 
nicht merkt, sondern wo beide Gedanken von vornherein durch gegen- 
seitige Induzierung den sprachlichen Ausdruck gewählt haben, der 
mit leichter Nachbearbeitung den Gleichklang entstehen läßt. 

In einigen Fällen dient die Ausdrucksvertauschung der Traum- 
verdiehtung noch auf kürzerem Wege, indem sie eine Wortfügung 
finden läßt, welche als zweideutig mehr als einem der Traumgedanken 
Ausdruck gestattet. Das ganze Gebiet des Wortwitzes wird so der 
Traumarbeit dienstbar gemacht. Man darf sich über die Rolle, 
welcho dem Worte bei der Traumbildung zufällt, nicht wundern. 
Das Wort, als der Knotenpunkt mehrfacher Vorstellungen, ist sozu- 
sagen eine prädestinierte Vieldeutigkeit und die Neurosen (Zwangs- 




Dio Verschiebung 


dos sprachlichen Ausdruckes. -^67 

Vorstellungen, Phobien) benützen die Vorteile, die das Wort so zur 
Verdichtung und Verkleidung bietet, nicht minder ungesehen! wie 
der Traum".*) Daß die Traumverstellung bei der Verschiebung des 
Ausdruckes mitprofitiert, ist leicht zu zeigen. Es ist ja irreführend, 
wenn ein zweideutiges Wort anstatt zweier eindeutiger gesetzt wird ; 
und der Ersatz der alltäglich nüchternen Ausdrucksweise durch eine 
bildliche hält unser Verständnis auf, besonders da der Traum niemals 
aussagt, ob die von ihm gebrachten Elemente wörtlich oder im über- 
tragenen Sinne zu deuten sind, direkt oder durch Vermittlung ein- 
ovschobener Redensarten auf das Traummaterial bezogen werden sollen. " ) 
Beispiele von Darstellungen im Traume, die nur durch Zweideutigkeit 
des Ausdruckes zusammengehalten werden, habe ich bereits mehrere 
angeführt („Der Mund geht gut auf“ im Injektionstraume ; „Ich kann 
noch nicht gehen“ im letzten Traume, Seite 264 u. s. w.). Ich werde nun 
einen Traum mitteilen, in dessen Analyse die Verbildlichung des ab- 
strakten Gedankens eine größere Rolle spielt. Der Unterschied solcher 
Traumdeutung von der Deutung mittels Symbolik läßt sich noch immer 
scharf bestimmen ; bei der symbolischen Traumdeutung wird der Schlüssel 
der Symbolisierung vom Traumdeuter willkürlich gewählt ; in unseren 
Fällen von sprachlicher Verkleidung sind diese Schlüssel allgemein 
bekannt und durch feststehende Sprachübung gegeben. Verfugt man über 
den richtigen Einfall zur rechten Gelegenheit, so kann man Träume 
dieser Art auch unabhängig von den Angaben des Träumers ganz 
oder stückweise auflösen. 

Eine mir befreundete Dame träumt: Sie befindet sich in 
der Oper. Es ist eine Wagnervorstellung, die bis % 8 Uhr 
morgens gedauert hat. Im Parkett und Parterre 
stehen Tische, an denen gespeist und getrunken wird. 
Ihr eben von der Hochzeitsreise heim gekehrter V etter 
sitzt an einem solchen Tische mit seiner jungen Frau; 
neben ihnen ein Aristokrat. Von diesem heißt es, die 
iu n°:e Frau habe sich ihn von der Hochzeitsreise mit- 
gebracht, ganz offen, etwa wie man einen Hut von' der 
Hochzeitsreise mitbringt. In mittendes Parketts befindet 
sich ein hoher Turm, (1er oben eine Plattform trägt, 
die mit einem eisernen Gitter umgeben ist. Dort hoch 

*) [Vgl. Der Witz und seine Beziehung zum Unbe wußten, 1905 — und die 
„ Wortbrücken u in den Lüsungen neurotischer Symptome.] 

**) [Es ist iin allgemeinen bei der Deutung eines jeden Traumelements zweifel- 
haft, ob es: 

a) im positiven oder negativen Sinne genommen werden seil (Gegensatzrelation) ; 

b) historisch zu deuten ist (als Reminiszenz) ; 

c) symbolisch, oder ob 

d) seine Verwertung vom Wortlaute ausgehen soll. Trotz dieser Vieldeutigkeit 
darf man sagen, daß die Darstellung der Traumarbeit, die ja nicht beabsichtigt, 
verstanden zu werden, dem Übersetzer keine größeren Schwierigkeiten zumutet, 
als etwa die alten Hieroglyphenschreiber ihren Lesern.] 


VJ. l)io l'raumarbeit. 


2GS 


oben ist der 


Dirigent 


er 1 ä u ft best ii n d i g li i n t e 1 
furchtbar und leitet von 


mit den Zügen Hans Richters 


s ei n e in Gitter herum, schwitzt 
. diesem Posten aus das unten 

u in die Basis des lurmes angeordnete 0 r c h e s t e r. Sie 


selbst sitzt mit einer (mir bekannten) Freundin in einer 
Loge. Ihre jüngere Sehwester will ihr aus dem Parkett 
ein großes S t ti e k Kohle h i n a u f r e i c h e n mit der M o t i- 
viernng, sic habe doeh nicht gewußt, daß es so lange 
dauern werde, und müsse jetzt wohl erbärmlieli frieren. 
(Etwa als ob die Logen während der langen Vorstellung 
geheizt werden müßten). 

Der Traum ist wohl unsinnig genug, obwohl sonst gut auf eine 
Situation gebracht. Der Turin mitten im Parkett, von dem aus der 
Dirigent das Orehester leitet; vor allem aber die Kohle, die ihr die 
Schwester hinaufreieht ! Ieh habe von diesem Traume absichtlich keine 
Analyse verlangt ; mit etwas Kenntnis von den persönlichen Be- 
ziehungen der Träumerin, gelang es mir, Stücke von ihm selbständig 
zu deuten. Ich wußte, daß sie viel Sympathie für einen Musiker 
gehabt hatte, dessen Laufbahn vorzeitig dureh Geisteskrankheit unter- 
brochen worden war. Ieh entsehloß mich also den Turm im Parkett 
wörtlieh zu nehmen. Dann kam heraus, daß der Mann, den sie an 
Hans Ilielit er s Stelle zu sehen gewünseht hätte, die übrigen Mit- 
glieder des Orchesters turmhoeh überragt. Dieser Turm ist als ein 
Mischgebilde dureh Apposition zu bezeichnen; mit seinem 
Unterbau stellt er die Größe des Mannes dar, mit dem Gitter oben, 
hinter dem er wie ein Gefangener oder wie ein Tier im Käfig 
(Anspielung auf den Namen des Unglücklichen) herumläuft, das spätere 
Sehieksal desselben. „Narrenturm“ wäre etwa das Wort, in dem 
die beiden Gedanken hätten Zusammentreffen können. 

Nachdem so die Darstellungsweise des Traumes aufgedeekt war, 
konnte man versuchen, die zweite scheinbare Absurdität, die mit den 
Kohlen, die ihr von der Sehwester gereicht werden, mit demselben 
Schlüssel anfzulösen. „Kohle“ mußte „heimliche Liebe“ bedeuten. 

„Kein Feuer, keine Kohle 
Kann brennen so heiß, 

Als wie heimliche Liebe, 

Von der niemand was -weiß.“ 


Sie selbst und ihre Freundin waren sitzen geblieben; die 
jüngere Schwester, die noeh Aussicht hat zu heiraten, reicht ihr die 
Kohle hinauf, „weil sie doeh nicht gewußt habe, daß es so lange 
dauern wird.“ Was so lange dauern wird, ist im Traume 
nicht gesagt; in einer Erzählung würden wir ergänzen: die Vor- 
stellung; im Traume dürfen wir den Satz für sieh ins Auge fassen, 
ilm für zweideutig erklären und hiuzufügen, „bis sie heiratet.“ 
Die Deutung „heimliche Liebe“ wird dann unterstützt durch die Er- 


Die Traumsymbolik. 


26 Ü 


wähuung des Vetters, der mit seiner Frau im Parkett sitzt, und durcl 
die dieser letzteren angedichtete offene Liebschaft. Die Gege - 
Sätze zwischen heimlicher und offener Liebe, zwischen! ihrem Feuei 
und der Kälte der jungen Frau beherrschenden irauin. Hier wie dort 
übrigens ein „Hochstehender“ als Mittelwort zwischen dem 
Aristokraten und dem zu großen Hoffnungen berechtigenden Musiker. 

Mit den vorstehenden Erörterungen haben wir endlich ein drittes 
Moment aufgedeckt, dessen Anteil bei der Verwandlung der Traum- 
Gedanken in den Traumiulialt nicht gering anzuschlagen ist : Die 

Rücksicht auf die Darstellbarkeit in dem eigentüm- 
lichen psychischen Material, dessen sich der lraum 
bedient, also zumeist in visuellen Bildern. Unter den verschiedenen 
N ebenauknü pfungen an die wesentlichen Traumgedanken wird diejenige 
bevorzugt werden, welche eine visuelle Darstellung erlaubt, und die 
Traumarbeit scheut nicht die Mühe, den spröden Gedanken etwa zuerst 
in eine andere sprachliche Form umzugießen, sei diese auch die 
ungewöhnlichere, wenn sie nur die Darstellung ermöglicht und so der 
psychologischen Bedrängnis des eingeklemmten Denkens ein Ende macht. 
Diese Umleerung des Gedankeninhalts in eine andere Form kann sich 
aber gleichzeitig in den Dienst der Verdichtungsarbeit stellen und Bezie- 
hungen zu einem anderen Gedanken schaffen, die sonst nicht vorhanden 
wären. Dieser andere Gedanke mag etwa selbst zum Zwecke des Ent- 
gegenkommens vorher seinen ursprünglichen Ausdruck verändert haben. 

Angesichts der Rolle, welche Witzworte, Zitate, Lieder und 
Sprichwörter im Gedankenleben der Gebildeten spielen, "wäre es voll- 
kommen der Erwartung gemäß, wenn V erkleidungen solcher Art 
überaus häufig für Darstellung der Traumgedanken verwendet werden 
sollten. Was bedeuten z. B. im Traume Wagen, von denen jeder mit 
anderem Gemüse angefüllt ist? Es ist der Wunschgegensatz von „Kraut 
und Rüben“, also „Durcheinander“ und bedeutet demnach „Unordnung“. 
Ich habe mich gewundert, daß mir dieser Traum nur ein einziges 
Mal berichtet worden ist. Nur für wenige Materien hat sich eine 
allgemein gültige Traumsymbolik herausgebildet, auf Grund allgemein 
bekannter Anspielungen und Wortersetzungen. Ein gutes Teil dieser 
Symbolik hat übrigens der Traum mit den Psyclioneurosen, den Sagen 
und Volksgebräucheu gemeinsam. 

Ja, wenn man genauer zusieht, muß man erkennen, daß die 
Traumarbeit mit dieser Art von Ersetzung überhaupt nichts Originelles 
leistet. Zur Erreichung ihrer Zwecke, in diesem Falle der zensur- 
freien Darstellbarkeit, wandelt sie eben nur die Wege, die sie im un- 
bewußten Denken bereits gebahnt vorfindet, bevorzugt sie jene Um- 
wandlungen des verdrängten Materials, die als Witz und Anspielung auch 
bewußt werden dürfen, und mit denen alle Phantasien der Neurotiker 
erfüllt sind. Hier eröffnet sich dann plötzlich ein Verständnis für 
die Traumdeutungen Sch cm er s, deren richtigen Kern ich an anderer 
otclle verteidigt habe. Die Phantasiebeschaftigiing mit dem eigenen 


270 


VI. Diu Traiiinarbeit. 


für 


Körper ist keineswegs dem Traume allein eigentümlich udet 
charakteristisch. Meine Analysen haben mir gezeigt, daß sie im 
bewußten Denken der Neurotiker ein regelmäßiges Vorkommnis 
und auf die sexuelle Neugierde zurliekgeht, deren Gegenstand 
Genitalien des anderen, aber doch auch des eigenen Geschlechtes 
den heramvachsenden Jtingling oder für die Jungfrau werden. 
aber Schern er und Volkelt ganz zutreffend hervorheben, ist das 
Haus nicht der einzige Vorstellungskreis, der zur Symbolisierung der 


ihn 

un- 

ist 

die 

für 

Wie 


wenig wie im un- 
Patienten, die aller- 
imd der Genitalien 
Gebiet der äußeren 


Leiblichkeit verwendet wird — im Traume so 
bewußten Phantasieren der Neurose. Ich kenne 
dings die architektonische Symbolik des Körpers 
(reicht doch das sexuelle Interesse weit über das w ™,u ilulllulCi 
Genitalien hinaus) beibehalten haben, denen Pfeiler und Säulen Beine be- 
deuten (wie im Hohen Lied), die jedes Tor an eine der Körperöffn ungen 
(„Loch“), die jede Wasserleitung an den Harnapparat denken läßt u. s. w. 
Aber ebenso gern wird der Vorstellungskreis des Pflanzenlebens oder 
der Küche zum Versteck sexueller Bilder gewählt; im ersteren Falle 
hat der Sprachgebrauch, der Niederschlag von Phatasievergleiehungen 
ältester Zeiten, reichlich vorgearbeitet (der „Weinberg“ des Herrn, der 
„Samen , der „Garten“ des Mädchens im Hohen Lied). In scheinbar 
harmlosen Anspielungen an die Verrichtungen der Küche lassen sich 
die häßlichsten wie die intimsten Einzelheiten des Sexuallebens denken 
und träumen, und die Symptomatik der Hysterie wird geradezu un- 
deutbar, wenn man vergißt, daß sich sexuelle Symbolik hinter dem 
Alltäglichen und Unauffälligen als seinem besten Versteck verbergen 
kann. Es hat seinen guten sexuellen Sinn, wenn neurotische Kinder 
kein Blut und kein rohes Fleisch sehen wollen, bei Eiern und Nudeln 
erbrechen, wenn die dem Menschen natürliche Furcht vor der Schlange 
beim Neurotiker eine ungeheuerliche Steigerung erfährt, und überall 
wo die Neurose sich solcher Verhüllung bedient, wandelt sie die 
Wege, die einst in alten Kulturperioden die ganze Menschheit be- 
gangen hat, und von deren Existenz unter leichter Verschüttung heute 
noch Sprachgebrauch, Aberglaube und Sitte Zeugnis ablegen. 

Ich füge hier den angekündigten Blumentraum einer Patientin 
ein, in dem ich 


schöne Traum 
mehr gefallen. 


alles, was sexuell zu deuten ist, unterstreiche 
wollte der Träumerin nach der 


Deutung 


gar 


Der 

nicht 


fi) Vortraum : Sie geht i n d i e K ti c h e zu d e n b e i d e n AI ä d- 
c h e n und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden „ m i t 
dem Bis sei Essen“ und sieht dabei soviel um gestürzt es 
Geschirr zu m Abtropfen stehen, grobes G e s c h irr i n 
Haufen zusammengestellt. Späterer Zusatz: Die beiden 

Mädchen gehen Wasser holen und müssen dabei wie in 
einen Fluß steigen, der bis ins II a ns oder in den Ilo f 
reich t.*) 


*) Zur Deutung’ dieses als „kausal“ zu nolimcnden Vortraumes siehe S. ‘2*18. 


271 


Die Symbolik des Sexuellen. 


ft) Haupttraum:* **) ***) ) Sie steigt von hoeb herab ) ubei eigen- 
tümliche Geländer oder Zäune, die zu großen Car re aus 
vereinigt sind und aus Fleehtwerk von kleinen Qua- 
draten bestellend*) Es ist eigentlieb nich t zum Steigen 
eingerichtet; sie hat immer Sorge daß s l? P . lafc ^ [ ul . 
den Fuß findet, und freut sich, daß ihr Kleid dabei 
nirgends hängen bleibt, daß sie im Gehen so anständig 
bleib t.f) Dabei trägt sie einen großen Ast m der Hand,, ,) 
eigentlieh wie einen Baum, der diek mit roten Bluten 
besetzt ist, verzweigt und ausgebreitet.Ttf) Dabei ist die 
Idee Kir sehblüten, sie sehen aber auch aus wie gefüllte 
Kamelien, die freilieh nieht auf Bäumen wachsen. W ah- 
rend des Herabgehen s hat sie zuerst einen, dann plötzlich 

zwei, später wieder einen.fjit) Wie sie unten anlangt, sind 
die unteren Blüten schon ziemlich abgefallen. Sie sieht 
dann, unten angelangt, einen Hausknecht, der einen eben 
solehen Baum, sie möchte sagen — kämmt, d h. mit einem 
Holze dicke Haarbüschel, die wie Moos von ihm herab- 
hängen, rauft. Andere Arbeiter haben solehe Aste aus 
einem Garten abgehauen und auf die Straße geworfen, 
wo sie herumliegen, so daß viele Leute sich davon nehmen. 
Sie fragt aber, ob das reeht ist, ob man sich auch einen 
nehmen kann. §) Im Garten steht ein junger Mann (von 
ihr bekannter Persönlichkeit, ein Fremder), _ auf den sie zu geht, 
um ihn zu fragen, wie man solche Aste in ihren eigenen 
Garten umsetzen könne. §§) Erumfängtsie, woraufsiesieh 
sträubt und ihn fragt, was ihm einfällt, ob man sie denn 
so umfangen darf. Er sagt, das ist kein Unree ht, das ist 
erlaubt.§§§) Er erklärt sich dann bereit, mit ihr in den 
anderen Garten zu gehen, um ihr das Einsetzen zu zeigen, 
und sagt ihr etwas, was sie nicht reeht versteht: Es 

fehlen mir ohnedies drei Meter — (später sagt sie : Quadrat- 
meter) oder drei Klafter Grund. Es ist, als ob er für 


*) Ihr Lebenslauf. 

**) Hohe Abkunft, Wunschgegensatz zum Vortraume. 

***) Misebgebilde, das zwei Lokalitäten vereinigt, den sogenannten Boden des 
Vaterhauses, auf dem sie mit dem Bruder spielte, dem Gegenstand ihrer spätoren 
Phantasien, und den Hof eines schlimmen Onkels, der sie zu neeken pflegte. 

•j - ) Wunschgegensatz zu einer realen Erinnerung vom Hofe des Onkels, daß 
sie sieh im Selilafe zu entblößen pflegte. 

ff) Wie der Engel in der Verkündigung Mariä einen Lilienstengel, 
j'j'f) Hie Erklärung dieses Misehgebildes siehe S. 251: Unschuld, Periode, Ka- 
meliendame. 

ftft) Auf die Mehrheit der ihrer Phantasie dionenden Personen. 

§) Ob man sieh auch einen herunterreißen darf i. o. rnasturbioren. 

§§) Der Ast hat längst die Vortretung des männliehen Gonitalos übernommen, 
enthält übrigens eine sehr doutliehe Anspielung auf den Familiennamen. 

§§§) Bezieht sieh wie das Nächstfolgende auf ehelicho Vorsichten. 


272 


VI. Die Traumarbeit. 


seine 
als ob er 


Bereitwilligkeit 


die Absicht lnltte 


etwas von ihr verlangen würd 


, ----- -5 sich in ihrem Garten zu ent- 

schädigen, oder als wollte er irgend ein Gesetz betrügen 
etnen Vorteil davon haben, ohne daß sie einen .Schaden 
hat. Ub er ihr dann wirklich et was zeigt, weiß sie nicht,*) 
rn „ mu emen anderen Vorstellungskreis erwähnen der 

im L räumen wie in der Neurose häufig zur Verhüllung sexuellen In- 
halts dient Ich meine den des Wohnungswechsels. Seine 
\\ ohnung wechseln ersetzt sich leicht durch A uszieli en, also durch 
ein mehrdeutiges Wort, das in den Vorstellungskreis der Kleidung 
fuhrt st dann noch im Traume ein Lift dabei, so erinnert man 
sich daß „to lift‘* im Englischen aufheben bedeutet, also „Kl ei de r- 
au fliehen“. 


Ich habe natürlich gerade an solchem Material Überfluß, aber 
dessen Mitteilung würde, zu tief in die Erörterung neurotischer Ver- 
hältnisse führen. Alles leitete zum gleichen Schluß, daß man keine 
besondere symbolisierende Tätigkeit der Seele bei der Traumarbeit 
anzunehmen braucht, sondern daß der Traum sich solcher Symboli- 
sier ungen, welche im unbewußten Denken bereits fertig enthalten 
sind, bedient, weil sie wegen ihrer Darstellbarkeit, zumeist auch wegen 
ihrer Zensurfreiheit, den Anforderungen der Traumbildung besser 
genügen. 


c) Beispiele. — Rechnen und Reden im Traume. 

Ehe ich nun das vierte der die Traumbildung beherrschenden 
Momente an die ihm gebührende Stelle setze, null ich aus meiner 
Traumsammlung einige Beispiele heranziehen, welche teils das Zu- 
sammenwirken der drei uns bekannten Momente erläutern, teils Be- 
weise für frei hingestellte Behauptungen nachtragen oder unabweisbare 
Folgerungen aus ihnen ausführen können. Es ist mir ja in der vor- 
stehenden Darstellung der Traumarbeit recht schwer geworden, meine 
Ergebnisse an Beispielen zu erweisen. Die Beispiele für die einzelnen 
Sätze sind nur im Zusammenhänge einer Traumdeutung beweiskräftig : 
aus dem Zusammenhänge gerissen, büßen sie ihre Schönheit ein, und 
eine auch nur wenig vertiefte Traumdeutung wird bald so umfangreich, 
daß sie den Faden der Erörterung, zu deren Illustrierung sie dienen 
soll, verlieren läßt. Dieses technische Motiv mag entschuldigen, wenn 
ich nun allerlei aneinandereihe, was nur durch die Beziehung auf 
den Text des vorstehenden Abschnittes zusammengehalten wird. 

Zunächst einige Beispiele von besonders eigentümlichen oder von 
ungewöhnlichen Darstellungswcisen im Traume. Im Traume einer 
Dame heißt es: Ein Stubenmädchen steht auf der Leiter 


*) [Ein analoger „biographischer“ Traum ist der unter den Beispielen zur Traum- 
symbolik p. 215 als dritter mitgeteiltc; ferner der von Rank 106 ) ausführlich mitgeteilte 
„Traum, der sieh selbst deutet“; einen anderen, der „verkehrt“ gelesen werden muß. 
sieho bei St ekel 114 ) p. 48G]. 


213 


Beispiele von Darstellungen im Traume. 

wie zum Fenster p utzen und hat einen Schimpanse und 
eine Gorillakatze (später korrigiert : Angorakatze) bei sich. 
Sie wirft die Tiere auf die Träumerin; der Schimpanse 
schmiegt sich an die letztere an, und das ist sehr ekel- 
haft. Dieser Traum hat seinen Zweck durch ein höchst einfaches 
Mittel erreicht, indem er nämlich eine Redensart wörtlich nahm und 
nach ihrem Wortlaute darstellte. „Affe“ wie Tiernamen überhaupt 
sind Schimpfwörter, und die Traumsituation besagt nichts anderes als 
„mit Schimpfworten um sich werfen“. Diese selbe Samm- 
lung wird alsbald weitere Beispiele für die Anwendung dieses einfachen 
Kunstgriffes bei der Traumarbeit bringen. 

Ganz ähnlich verfährt ein anderer Traum : E i n e F r a u m i t e i n e m 
Kinde, das einen auffällig mißbildeten Schädel hat; von 
diesem Kinde hat sie gehört, daß es durch die Lage im 
Mutterleibe so geworden. Man könnte den Schädel, 
sagt der Arzt, durch Kompression in eine bessere Form 
bringen, allein das würde dem Gehirn schaden. Sie denkt, 
da es ein Bub ist, schadet es ihm weniger. — Dieser Traum 
enthält die plastische Darstellung des abstrakten Begriffes: „Kinder- 
eindrücke“, den die Träumerin in den Erklärungen zur Kur ge- 
hört hat. 

Einen etwas anderen Weg schlägt die Traumarbeit im folgenden 
Beispiel ein. Der Traum enthält die Erinnerung an einen Ausflug 
zum Hilmteich bei Graz : Es ist ein schreckliches Wetter 
draußen; ein armseliges Hotel, von den Wänden tropft 
das Wasser, die Betten sind feucht. (Letzteres Stück des 
Inhalts ist minder direkt im Traume, als ich es bringe.) Der Traum 
bedeutet „überflüssig“. Das Abstraktum, das sich in den Traum- 
gedanken fand, ist zunächst etwas gewaltsam äquivok gemacht 
worden, etwa durch „überfließend“ ersetzt oder durch „flüssig und 
überflüssig“, und dann durch eine Häufung gleichartiger Eindrücke 
zur Darstellung gebracht. Wasser draußen, Wasser innen an den 
Wänden, Wasser als Feuchtigkeit in den Betten, alles flüssig und 
,, überflüssig. — [Daß zu Zwecken der Darstellung im Traume die 
Orthographie weit hinter dem Wortklang zurücktritt, wird uns nicht 
gerade Wunder nehmen, wenn sich z. B. der Reim ähnliche Freiheiten 
gestatten darf. In einem weitläufigen von Rank 106 ) mitgeteilten und 
sehr eingehend analysierten Traum eines jungen Mädchens wird er- 
zählt, daß sie zwischen Feldern spazieren geht, wo sie schöne Gerste- 
und Kornähren abschneidet. Ein Jugendfreund kommt ihr entgegen, 
und sie will es vermeiden, ihn anzutreffen. Die Analyse zeigt, daß es 
sich um einen Kuß in Ehren handelt (1. c. p. 491). Die Ähren, die 
nicht abgerissen, sondern abgeschnitten werden sollen, dienen in diesem 
1 raum als solche und in ihrer Verdichtung mit Ehre, Ehrungen 
zur Darstellung einer ganzen Reihe von anderen Gedanken]. 

Freud, Traumdeutung. 3. Aufl. 


18 


274 


VI. Die Trauinarbeit. 


Dafür hat dio »Sprache in anderen Füllen dem Traume die Dar- 
stellung seiner Gedanken sehr leicht gemacht, da sie über eine ganze 
Reihe von Worten verfügt, die ursprünglich bildlich und konkret ge- 
meint waren und gegenwärtig im abgeblaßten, abstrakten Sinne ge- 
braucht werden. Der Traum braucht diesen Worten nur ihre frühere 
volle Bedeutung wiederzugeben oder in den Bedeutungswandel des 
Wortes ein Stück weit herabzusteigen. Z. B. es träumt jemand, daß 
sein Bruder in einem Kasten steckt; bei der Deutuugsarbeit ersetzt 
sich der Kasten durch einen „Schrank“ und der Traumgedanke 
lautet nun, daß dieser Bruder sich „einschränken“ solle, an seiner 
Statt nämlich. [Ein anderer Träumer „steigt auf einen Berg, von dem 
aus er eine ganz außerordentlich weite Aussicht hat. Er identifiziert 
sich dabei mit einem Bruder, der eine „Rundschau“ herausgibt, 
welche sich mit den Beziehungen zum fernsten Osten beschäftigt]. 

Es wäre eine besondere Arbeit, solche Darstellungsweisen zu 
sammeln und nach den ihnen zu Grunde liegenden Prinzipien zn 
ordnen. [Manche dieser Darstellungen sind fast witzig zu nennen. 
Man hat den Eindruck, daß man sie niemals selbst erraten hätte, wenn 
der Träumer sie nicht mitzuteilen wüßte: 

1. Ein Mann träumt, man frage ihn nach einem Namen, an den 
er sich aber nicht besinnen könne. Er erklärt selbst, das wolle heißen : 
Es fällt mir nicht im Traume ein. 

2. Eine Patientin erzählt einen Traum, in welchem alle handeln- 
den Personen besonders groß wai*en. Das will heißen, setzt sie hinzu, 
daß es sich um eine Begebenheit aus meiner frühen Kindheit handeln 
muß, denn damals sind mir natürlich alle Erwachsenen so ungeheuer 
groß erschienen. Ihre eigene Person trat in diesem Trauminhalt 
nicht auf. 

Die Verlegung in die Kindheit wird in anderen Träumen auch 
anders ausgedrückt, indem Zeit in Raum übersetzt wird. Man sieht 
die betreffenden Personen und Szenen wie weit entfernt am Ende eines 
langen Weges oder so, als ob man sie mit einem verkehrt gerichteten 
Opernglas betrachten würde. 

3. Ein im Wachleben zu abstrakter und unbestimmter Ausdrucks- 
weise geneigter Mann, sonst mit gutem Witz begabt, träumt in ge- 
wissem Zusammenhänge, daß er auf einen Bahnhof gehe, wie eben ein 
Zug ankomme. Dann werde aber der Perron an den stehenden 
Zug angenähert, also eine absurde Umkehrung des wirklichen Vor- 
gangs. Dieses Detail ist auch nichts anderes als ein Index, der daran 
mahnt, daß etwas anderes im Tranuiinhalt umgekehrt werden solle. 
Dio Analyse desselben Traumes führt zu Erinnerungen an Bilderbücher, 
in denen Männer dargestellt waren, die auf dem Kopf standen und 
auf den Händen gingen. 

4. Derselbe Träumer berichtet ein anderes Mal von einem kurzen 
Traum, der fast an die Technik eines Rebus erinnert. Sein Onkel 


Zahlen und Rechnungen im Traum. 


275 


<Wbt ihm im Automobil einen Kuß. Er fügt unmittelbar die Deutung 
hinzu, die ich nie gefunden hatte, das heiße: Autoerotismus. 
Ein ^chorz im Wachen hatte ebenso lauten können]. 

Der Traumarbeit gelingt oft auch die Darstellung von sehr 
sprödem Material, wie es etwa Eigennamen sind, durch gezwungene 
Verwertung sehr entlegener Beziehungen. In einem meiner Träume 
hat mir der alte Brücke eine Aufgabe gesteht. Ich fer- 
tige ein Präparat an und klaube etwas heraus, was wie 
zerknülltes Silberpapier aussieht. (Von diesem Traume noch 
später mehr.) Der nicht leicht auffindbare Einfall dazu ergibt : 
Stanniol“, und nun weiß ich, daß ich den Autornamen Stannius 
meine, den eine von mir in früheren Jahren mit Ehrfurcht betrachtete 
Abhandlung über das Nervensystem der Fische trägt. Die erste wissen- 
schaftliche Aufgabe, die mir mein Lehrer gestellt, bezog sich wirklich 
auf das Nervensystem eines Fisches, des Ammocoetes. Letzterer Name 
war im Bilderrätsel offenbar gar nicht zu gebrauchen. 

Ich will mir nicht versagen, hier noch einen Traum mit sonder- 
barem Inhalt einzusclialten, der auch noch als Kindertraum bemerkens- 
wert ist und sich durch die Analyse sehr leicht aufklärt. Eine Dame 
erzählt: Ich kann mich erinnern, daß ich als Kind wiederholt geträumt 
habe, der liebe Gott habe einen zugespitzten Papierhut 
auf dem Kopfe. Einen solchen Hut pflegte man mir nämlich sehr 
oft bei Tische aufzusetzen, damit ich nicht auf die Teller der anderen 
Kinder hinschauen könne, wieviel sie von dem betreffenden Gericht 
bekommen haben. Da ich gehört habe, Gott sei allwissend, so be- 
deutet der Traum, ich wisse alles auch trotz des aufgesetzten Hutes. 

Worin die Traumarbeit besteht und wie sie mit ihrem Matei'ial, 
den Traumgedanken, umspringt, läßt sich in lehrreicher Weise an 
den Zahlen und Rechnungen zeigen, die in Träumen Vorkommen. Ge- 
träumte Zahlen gelten überdies dem Aberglauben als besonders ver- 
heißungsvoll. Ich werde also einige Beispiele solcher Art aus meiner 
Sammlung heraussuchen. 

I. Aus dem Traume einer Dame, kurz vor Beendigung ihrer Kur : 

Sie will irgend etwas bezahlen; ihre Tochter nimmt 
i li r 3 fl. 65 kr. aus der Geldtasche; sie sagt aber: Was 
tust du? Es kostet ja nur 21 kr. Dieses Stückchen Traum war 
mir durch die Verhältnisse der Träumerin ohne weitere Aufklärung 
ihrerseits verständlich. Die Dame war eine Fremde, die ihre Tochter 
in einem Wiener Erziehungsinstitut untergebracht hatte und meine 
Behandlung fortsetzen konnte, so lange ihre Tochter in Wien blieb. 
In drei Wochen war deren Schuljahr zu Ende und damit endete auch 
die Kur. Am Tage vor dem Traume hatte ihr die Institutsvorsteherin 
nahe gelegt, ob sie sich nicht entschließen könnte, das Kind noch ein 
weiteres Jahr bei ihr zu lassen. Sie hatte dann offenbar bei sich diese 
Anregung dahin fortgesetzt, daß sie in diesem Falle auch die Be- 
handlung um ein Jahr verlängern könnte. Darauf bezieht sich nun 

18 * 


276 


VI. Die Traumarbeit. 


cler Traum, denn ein Jahr ist gleich 365 Tagen, die drei Wochen 
bis zum Abschluß des Schuljahres und der Kur lassen sich ersetzen 
durch 21 Tage (wenngleich nicht ebensoviele Behandlungsstunden). 
Die Zahlen, die in den Traurngedanken bei Zeiten standen, werden 
im Traume Geldwerten beigesetzt, nicht ohne daß damit ein tieferer 
Sinn zum Ausdruck kitme, denn „Time is inoney“, Zeit hat Geld- 
wert 365 Kreuzer sind dann allerdings 3 Gulden 65 Kreuzer. Die 
Kleinheit der im Traume erscheinenden Summen ist offenkundige 
Wunscherfüllung; der Wunsch hat die Kosten der Behandlung wie 
des Lehrjahres im Institut verkleinert. 

II. Zu komplizierteren Beziehungen führen die Zahlen in einem 
anderen Traume. Eine junge, aber schon seit einer Reihe von Jahren 
verheiratete Dame erfährt, daß eine ihr fast gleichalterige Bekannte, 
Elise L., sich eben verlobt hat. Daraufhin träumt sie: Sie sitzt 
mit ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parketts ist 
ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und ihr 
Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber nur 
schlechte Sitze bekommen, 3 für 1 fl. 50 kr., und die 
konnten sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch 
kein Unglück gewesen. 

Woher rühren die 1 fl. 50 kr.? Aus einem eigentlich indiffe- 
renten Anlaß des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne 
150 fl. zum Geschenk bekommen und sich beeilt, sie los zu werden, 
indem sie sich einen Schmuck dafür kaufte. Wir wollen anmerken, 
daß 150 fl. 100 mal mehr als 1 fl. 50 kr. Woher die 3, die bei den 
Theatersitzen steht? Dafür ergibt sich nur die eine Anknüpfung, daß 
die Braut um ebensoviel Monate — drei — jünger ist als sie. Zur 
Auflösung des Traumes führt dann die Erkundigung, was der Zug im 
Traume, daß eine Seite des Parketts leer bleibt, bedeuten kann. Der- 
selbe ist eine unveränderte Anspielung auf eine kleine Begebenheit, 
die ihrem Mann guten Grund zur Neckerei gegeben hat. Sie hatte sich 
vorgenommen, zu einer der angekündigten Theatervorstellungen der 
Woche zu gehen, und war so vorsorglich, mehrere Tage vorher 
Karten zu nehmen, für die sie Vorkaufsgebühr zu zahlen hatte. Als 
sie dann ins Theater kamen, fanden sie, daß die eine Seite des Hauses 
fast leer war; sie hätte es nicht nötig gehabt, sich so sehr zu 
beeilen. 

Ich werde jetzt den Traum durch die Traumgedanken ersetzen : 
„Ein Unsinn war es doch, so früh zu heiraten, ich hätte es nicht 
nötig gehabt, mich so zu beeilen; ;m dem Beispiele der Elise 
L. sehe ich, daß ich noch immer einen Mann bekommen hätte. Und 
zwar einen hundertmal besseren (Mann, Schatz), wenn ich nur ge- 
wartet hätte (Gegensatz zu dem Beeilen der Schwägerin). Drei 
solche Männer hätte ich für das Geld (die Mitgift) kaufen können!" 
Wir werden darauf aufmerksam, daß in diesem Traume die Zahlen 
in weit höherem Grade Bedeutung und Zusammenhang verändert 


Reolmeu iin Traum. 


277 


haben, als im vorher behandelten. Die Umwandlung«- und Entstcl- 
huvsarbeit des Traumes ist hier ausgiebiger gewesen, was wir so 
deuten, daß diese Traumgedanken bis zu ihrer Darstellung ein be- 
sonders hohes Maß von innerpsychischem Widerstand zu überwinden 
hatten. Wir wollen auch nicht übersehen, daß in diesem Traume ein 
absurdes Element enthalten ist, nämlich, daß zwei Personen drei 
Sitze nehmen sollen. Wir greifen in die Deutung der Absurdität im 
Traume Uber, wenn wir auführen, daß dieses absurde Detail des Traum- 
inhalts den mcistbetonten der Traumgedanken darstellen soll: Ein U n- 
sinn war es, so früh zu heiraten. Die in einer ganz nebensächlichen 
Beziehung der beiden verglichenen Personen enthaltene 3 (3 Monate 
Unterschied im Alter) ist dann geschickt zur Produktion des für den 
Traum erforderlichen Unsiuns verwendet worden. Die Verkleinerung 
der realen 150 fl. auf 1 fl. 50 kr. entspricht der Geringschätzung 
des Mannes (oder Schatzes) in den unterdrückten Gedanken der 
Träumerin. 

III. Ein anderes Beispiel führt uns die Rechenkunst des Traumes 
vor, die ihm soviel Mißachtung eingetragen hat. Ein Mann träumt: 
Er sitzt bei B. . (einer Familie seiner früheren Bekanntschaft) 
und sagt: Es war ein Unsinn, daß Sie mir die Mali nicht 
gegeben haben. Darauf fragt er das Mädchen: Wie alt 

sind Sie denn? Antwort: Ich bin 1882 geboren. — Ah, 
dann sind Sie 28 Jahre alt. 

Da der Traum im Jahre 1898 vorfällt, so ist das offenbar 
schlecht gerechnet, und die Rechenschwäche des Träumers darf der 
des Paralytikers an die Seite gestellt werden, wenn sie sich etwa 
nicht anders aufklären läßt. Mein Patient gehörte zu jenen Personen, 
deren Gedanken kein Frauenzimmer, das sie sehen, in Ruhe lassen 
können. Seine Nachfolgerin in meinem Ordinationszimmer war einige 
Monate hindurch regelmäßig eine junge Dame, der er begegnete, 
nach der er sich häufig erkundigte, und mit der er durchaus höflich 
sein wollte. Diese war es, deren Alter er auf 28 Jahre schätzte. 
Soviel zur Aufklärung des Resultats der scheinbaren Rechnung. 1882 
war aber das Jahr, in dem er geheiratet hatte. Er hatte es nicht 
unterlassen können, auch mit den beiden anderen weiblichen Personen, 
die er bei mir traf, Gespräche auzuknüpfen, den beiden keineswegs 
jugendlichen Mädchen, die ihm abwechselnd die Tür zu öffnen 
pflegten, und als er die Mädchen wenig zutraulich fand, sich die 
Erklärung gegeben, sie hielten ihn wohl für einen älteren „ge- 
setzten u Herrn. 

[IV. Einen anderen Zahlentraum, der durch durchsichtige De- 
terminierung oder vielmehr Überde terminierung ausgezeichnet ist, 
verdanke ich mitsamt seiner Deutung Herrn B. Dattner: 

„Mein Hausherr, Sicherheitswachmann in Magistratsdiensten, 
träumt, er stünde auf der Straße Posten, was eine Wunscherfüllung 


27« 


VI I)it* Tramnarlxdl, 


ist. Del kommt ein Inspektor auf ihn zu, der auf dem Riiigkragen 
die Nummer 22 und G2 oder 26 trägt. Jedenfalls aber seien mehrere 
Zweier draufgewesen. Schon dio Zerteilung der Zahl 2262 hei der 
Wiedergabe des Traumes laßt darauf schließen, daß die Bestandteile 
oine gesonderte Bedeutung haben. Sie hätten gestern im Amt über 
die Dauer ihrer Dienstzeit gesprochen, fällt ihm ein. Ursache gab 
ein Inspektor, der mit 62 Jahren in Pension gegangem sei. Der 
Träumer hat erst 22 Dienstjahre und braucht noch 2 Jahre 2 Monate, 
um eine 90% Pension zu erreichen. Der Traum spiegelt ihm nun 
zuerst die Erfüllung eines langgehegten Wunsches, den Inspektorsrang 
vor. Der Vorgesetzte mit der 2262 auf dom Kragen ist er selbst, er 
versieht seinen Dienst auf der Straße, auch ein Lieblingswunsch, hat 
seine 2 Jahre und 2 Monate abgedient und kann nun wie der 62jährige 
Inspektor mit voller Pension aus dem Amte scheiden.“] 

Wenn wir diese und ähnliche (später folgende) Beispiele Zu- 
sammenhalten, dürfen wir sagen: Die Traumarbeit rechnet überhaupt 
nicht, weder richtig noch falsch; sie fügt nur Zahlen, die in den 
Traumgedanken Vorkommen und als Anspielungen auf ein nicht 
darstellbares Material dienen könuen, in der Form einer Rechnung 
zusammen. Sie behandelt dabei die Zahlen in genau der nämlichen 
Weise als Material zum Ausdruck ihrer Absichten wie alle anderen 
Vorstellungen, wie auch die Namen und die als Wortvorstellungen 
kenntlichen Reden. 

Denn die Traumarbeit kann auch keine Rede neu schaffen. 
Soviel von Rede und Gegenrede in den Träumen Vorkommen mag, 
die an sich sinnig oder unvernünftig sein können, die Analyse zeigt 
uns jedesmal, daß der Traum dabei nur Bruchstücke von wirklich 
geführten oder gehörten Reden den Traumgedanken entnommen hat 
und höchst willkürlich mit ihnen verfahren ist. Er hat sie nicht nur 
aus ihrem Zusammenhänge gerissen und zerstückt, das eine Stück 
aufgenommen, das andere verworfen, sondern auch oft neu zusammen- 
gefiigt, so daß die zusammenhängend scheinende Traumrede bei der 
Analyse in drei oder vier Brocken zerfällt. Bei dieser Neuverwendung 
hat er oft den Sinn, den die Worte in den Traumgedanken hatten, 
bei Seite gelassen, und dem Wortlaute einen völlig neuen Sinn 
abgewonnen.*) Bei näherem Zusehen unterscheidet man an der Traum- 

*) [In der gleichen Weise wie der Trauin verführt auch die Neurese. Ich 
kenne eine Patientin, die daran leidet, daß sie Lieder oder Stücke von selchen un- 
willkürlich und widerwillig hört [halluziniert], eline deren Bedeutung für ihr Seelen- 
leben verstehen zu können. Sie ist übrigens gewiß nicht paranoisch. Die Analyse 
zeigt dann, daß sie den Text dieser Lieder mittels gewisser Lizenzen mißbräuchlich 
verwendet hat. „Leise, leise, fromme Weise.“ Das bedeutet für ihr Unbewußtes: 
Fremme Waise, und diese ist sie selbst. „0 du seelige, o du fröhliche“ ist der 
Anfang eines Weihnachtsliedes,* indem sie es nicht bis zu „Weihnachtszeit“ fortsetzt, 
macht sie daraus oin Brautlied u. dgl. — Derselbe Entstellungsmechanismus kann 
sich übrigens auch ohne Halluzination im hießen Einfall durchsetzen. Warum wird 
einer meiner Patienten ven der Erinnerung an ein Gedicht heiingesucht, das er in 
jungen Jahren lernen mußte; 


Heden im Traum. 


279 


ri ,lo deutlichere, kompakte Bestandteile von anderen die als Binde- 
mittel dienen und wahrscheinlich ergänzt worden sind, wie wir aus- 
gelassene Buchstaben und Silben beim Lesen ergänzen. Die Iraum- 
rede hat so den Aufbau eines Brecciengesteines, in dem größere 
Brocken verschiedenen Materials durch eine erhärtete Zwischenmasse 

zusaimnengehalten werden. . .. „ 

In voller Strenge richtig ist diese Beschreibung allerdings nur 
für jene Reden im Traume, die etwas vom sinnlichen Charakter der 
Rede haben und als „Reden“ beschrieben werden. Die anderen die 
nicht gleichsam als gehört oder als gesagt empfunden werden (keine 
akustische oder motorische Mitbetonung im Traume haben), sind 
einfach Gedanken, wie sie in unserer wachen Denktätigkeit Vor- 
kommen und unverändert in viele Träume übergehen. bür das 
indifferent gehaltene Redematerial des Traumes scheint auch die Lektüre 
eine reich fließende und schwer zu verfolgende Quelle abzugeben. 
Alles aber, was im Traume als Rede irgendwie auffällig hervortritt, 
unterwirft sich der Zurückführung auf reale, selbst gehaltene odoi 


gehörte Rede. 

Beispiele für die Ableitung solcher Traumreden haben wir 
bereits bei der Analyse von Träumen gefunden, die zu anderen 
Zwecken mitgeteilt worden sind. So in dem „harmlosen Markt- 
traum“ auf Seite 134, in dem die Rede: Das ist nicht mehr zu 
haben, dazu dient, mich mit dem Fleischhauer zu identifizieren, 
während ein Stück der anderen Rede: Das kenne ich nicht, das 
nehme ich nicht, geradezu die Aufgabe erfüllt, den Traum harmlos 
zu machen. Die Träumerin hatte nämlich am Vortage irgend welche 
Zumutung ihrer Köchin mit den Worten zurückgewiesen: Das kenne 
ich nicht, benehmen Sie sich anständig, und nun von dieser 
Rede das indifferent klingende erste Stück in den Traum genommen, 
um mit ihm auf das spätere Stück anzuspielen, das in die Phantasie, 
welche dem Traume zu Grunde lag, sehr wohl gepaßt, aber auch die- 
selbe verraten hätte. 


Ein ähnliches Beispiel an Stelle vieler, die ja alle das nämliche 
ergeben : 

Ein großer Hof, in dem Leichen verbrannt werden. 
Er sagt: Da geh’ ich weg, das kann ich nicht sehen. 


„Nächtlich am Bnsento lispeln . . .“? 

Weil sich seine Phantasie mit einem Stück dieses Zitats : 

„Nächtlich am Busen“ begnügt. 

Es ist bekannt, daß der parodistische Witz auf dieses Stückchen Technik 
nicht verzichtet hat. Die „Fliegenden Blätter“ brachten einst unter ihren Illustra- 
tionen zu deutschen „Klassikern“ auch ein Bild zum Schillcrschen „Siegesfest“, za 
dem das Zitat vorzeitig abgeschlossen war. 

„Und des frisch erkämpften Weibes 
Freut sich der Atrid und strickt.“ 

(Fortsetzung: Um den Reiz des schönes Leibes 
Seine Arme hochbeglückt.)] 


2S0 


vi. Die Trimmarbeit. 


buben u n d fr n g t 
wertet: Na. 
gewesen 


(Keine deutliche Rede.) Dann trifft er zwei Fleischhauei- 

j,Na 5 liats gesell in eckt V“ Der eine ant- 

nötgut war’s. Als ob es Menschenflciseh 
vr ä r e. 

Der harmlose Anlaß dieses Traumes ist folgender: Er macht 
nach dem Nachtmahl mit seiner Frau einen Besuch bei den braven 
aber keineswegs appetitlichen Nachbarsleuten . Die jrastfreund- 
hche alte Dame befindet sich eben bei ihrem Abendessen und 
nötigt ihn (man gebraucht dafür scherzhaft unter Männern ein zu- 
sammengesetztes, sexuell bedeutsames Wort) davon zu kosten. Er lehnt 
ab, er habe keinen Appetit mehr. „Aber geh en’s weg, das werden 
bie noch vertragen“ oder so ähnlich. Er muß also kosten und rühmt 
dann das Gebotene vor ihr. „Das ist aber gut.“ Mit seiner Frau 
wieder allem schimpft er dann sowohl über die Aufdringlichkeit der 
Nachbarm, als auch über die Qualität der gekosteten Speise. „Das 
kann ich nicht sehen“, das auch im Traume nicht als eigentliche Rede 
aut tritt, ist ein Gedanke, der sich auf die körperlichen Heize der ein- 
ladenden Dame bezieht, und zu übersetzen wäre, daß er diese zu 
schauen nicht begehrt. 

Lehrreicher wird sich die Analyse eines anderen Traumes ge- 
stalten den ich wegen der sehr deutlichen Rede, die seinen Mittel- 
punkt bildet, schon an dieser Stelle mitteile, aber erst bei der Wiirdi- 
gung dei Affekte im Traume auf klären werde. Ich träume sehr klar: 
Ich bin nachts ins Brücke sehe Laboratorium gegangen 
und öffne auf ein leises Klopfen an der Tür d e°m (ver- 
storbenen) Professor Flcischl, der mit mehreren Fremden 
eint ritt und sich nach einigen W orten an seinen Tisch 
setzt. Dann folgt ein zweiter Traum: Mein Freund Fl. ist im 
Juli unauffällig nach Wien gekommen; ich bogegneihn 
auf der Straße im Gespräche mit meinem (verstorbenen) 

1 reunde P. und gehe mit ihnen irgendwohin, wo sie 
einander wie an einem kleinen Tische gegenii bo rsitzen, 
ich an der schmalen Seite des Tischchens vorn. Fl. er- 
zählt von seiner Schwester und sagt: In drei viertel 

Stunden war sie tot, und dann etwas wie: Das ist die 

Schwelle. Da P. ihn nicht versteht, wendet sich Fl. an 
mich und fragt mich, wieviel von seinen Dingen ich P. 
denn mitgoteilt habe. Darauf ich, von merkwürdigen 
Affekten ergriffen, Fl. mitteilon will, daß P. (ja gar 
nichts wissen kann weil er) gar nicht am Leben ist. 
Ich sage aber, den Irrtum selbst bemerkend: Nonvixit. 
Ich s c li e dann P. durch dringend an, unter in eine in Blicke 
wird er bleich, verschwommen, seine Augen werden 
krankhaft blau — und endlich löst er sich auf. Ich bin 
ungemein erfreut darüber, verstehe jetzt, daß auch 
Ernst Flcischl nur eine Erscheinung, ein Revenaut war, 


Der Traum „Non vixit“. 


281 


lllu l finde cs ganz wohl möglich, daß eine solche Person 
nur so lange besteht, als man es mag, und daß sie durch 
den Wunsch des anderen beseitigt werden kann. 

Dieser seliöne Traum vereinigt so viele der am Trauminhalt 
rätselhaften Charaktere, — die Kritik wahrend des 1 raumes selbst, 
daß ieh meinen Irrtum, Non vixit zu sagen anstatt Non vivit, selbst 
bemerke; den unbefangenen Verkehr mit Verstorbenen, die der Traum 
selbst für verstorben erklärt; die Absurdität der »Sehlußfolgeiuug und 
die hohe Befriedigung, die dieselbe mir bereitet, — daß ieh „für mein 
Leben gern“ die volle Lösung dieser Rätsel mitteilen möehte. leb 
bin aber in Wirklichkeit unfähig, das zu tun — was ich nämlieh im 
Traume tue — die Rüclcsiebt auf so teure Personen meinem Ehrgeiz 
aufzuopfern. Bei jeder Verhüllung wäre aber der mir wohlbekannte 
Sinn des Traumes zu Schanden geworden. So begnüge ieh mich denn, 
zuerst liier, und dann an späterer Stelle einige Elemente des Traumes 
zur Deutung herauszugreifen. 

Das Zentrum des Traumes bildet eine Szene, in der ieh P . dureh 
einen Blick vernichte. Seine Augen werden dabei so merkwürdig und 
unheimlieh blau, und dann löst er sieh auf. Diese Szene ist die un- 
verkennbare Nachbildung einer wirklieh erlebten. leb war Demon- 
strator am physiologischen Institut, batte den Dienst in den Früh- 
stunden, und Br Liebe hatte erfahren, daß ich einigemal zu spät ins 
Sehttlerlaboratorium gekommen war. Da kam er einmal pünktlich 
zur Eröffnung und wartete mieh ab. Was er mir sagte, war karg und 
bestimmt; es kam aber gar niebt auf die Worte an. Das Überwälti- 
gende waren die fürehterliehen blauen Augen, mit denen er mieh an- 
sah, und vor denen ieh verging — wie P. im Traume, der zu meiner 
Erleichterung die Rollen verwechselt hat. Wer sieh an die bis ins hohe 
Greisenalter wunderschönen Augen des großen Meisters erinnern kann 
und ihn je im Zorne gesehen hat, wird sieh in die Affekte des jugend- 
liehen Sünders von damals leieht versetzen können. 

Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das „Non vixit“ ab- 
zuleiten, mit dem ieh im Traume jene Justiz übe, bis ich mieh besann, 
daß diese zwei Worte nieht als gehörte oder gerufene, sondern als 
gesehene so hohe Deutlichkeit im Traume besessen batten. Dann 
wußte ieh sofort, woher sie stammten. Auf dem Postament des Kaiser 
Josef-Denkmals in der Wiener Hofburg sind die schönen Worte zu 
lesen : 

Saluti patriae vixit 

non diu sed totus. 


Aus dieser Iusekrift hatte ieh herausgeklaubt, was zu der einen feind- 
seligen Gedankenreibe in meinen Traumgedanken paßte, und was 
heißen sollte: Der Kerl hat ja gar nichts dreinzureden, er lebt ja gar 
nicht. Und nun mußte ieh mieh erinnern, daß der Traum wenige 
Tage nach der Enthüllung des Fl ei sc hl -Denkmals in den Arkaden 
der Universität geträumt worden war, wobei ich das Denkmal 


282 


V I hi»! Tnuimai beit. 


Brück os wiedergesellen hatte und (im Unbewußten) mit Bedauern 
erwogen haben muß, wie mein hoch begabter, und ganz der Wissen- 
schaft ergebener Freund 1\ durcli einen allzufrühcn Tod seinen be- 
gi Undeten Anspruch auf ein Denkmal in diesen Räumen verloren. So 
setzte ich ihm dies Denkmal im Traume; mein Freund P. hieß mit 
dem Vornamen Josef.*) 

Nach den Regeln der Traumdeutung wäre ich nun noch immer 
nicht berechtigt, das non vivit, das ich brauche, durch non vixit 
das mir die Erinnerung an das Josefs-Monument zur V erfügung stellt! 
zu ersetzen. Ein anderes Element der Traumgedanken muß dies durch 
seinen Beitrag ermöglicht haben. Es heißt mich nun etwas darauf 
achten, daß in der Traumszene eine feindselige und eine zärtliche 
Gedankenströmung gegen meinen Freund P. Zusammentreffen, die 
erstere oberflächlich, die letztere verdeckt, und in den nämlichen 
Worten: Non vixit ihre Darstellung erreichen. Weil er sich um 
die Wissenschaft verdient gemacht hat, errichte ich ihm ein Denkmal; 
aber weil er sich eines bösen Wunsches schuldig gemacht hat (der am 
Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichtete ich ihn. Ich 
habe da einen Satz von ganz besonderem Klange gebildet, bei dein 
mich ein Vorbild beeinflußt haben muß. Wo findet sich nur eine 
ähnliche Antithese, ein solches Nebeneinanderstellen zweier entgegen- 
gesetzter Reaktionen gegen dieselbe Person, die beide den Anspruch 
erheben, voll berechtigt zu sein, und doch einander nicht stören wollen? 1 
An einer einzigen Stelle, die sich aber dem Leser tief einprägt; in 
der Rechtfertigungsrede des Brutus in Shakespeares Julius 
Cäsar: „Weil Cäsar mich liebte, wein’ ich um ihn; weil er glück- 
lich war, freue ich mich ; weil er tapfer war, ehr’ ich ihn, aber weil 
er herrsch süchtig war, erschlug ich ihn.“ Ist das nicht der nämliche 
Satzbau und Gedankengegensatz wie in dem Traumgedanken, den 
ich aufgedeckt habe? Ich spiele also den Brutus im Traume. Wenn 
ich nur von dieser überraschenden Kollateralverbindung noch eine 
andere bestätigende Spur im Trauminhalt auffinden könnte ! Ich denke, 1 
dies könnte folgendes sein: Mein Freund Fl. kommt im Juli nach 
Wien. Diese Einzelheit findet gar keine Stütze in der Wirklichkeit. 
Mein Freund ist im Monat Juli meines Wissens niemals in Wien 
gewesen. Aber der Monat Juli ist nach Julius Cäsar benannt und 
könnte darum sehr wohl die von mir gesuchte Anspielung auf den 
Zwischengedanken, daß ich den Brutus spiele, vertreten.**) 

Merkwürdigerweise habe ich nun wirklich einmal den Brutus 
gespielt. Ich habe die Szene Brutus und Cäsar aus Schillers Gedichten 
vor einem Auditorium von Kindern aufgeführt, und zwar als I4jälirigcr 
Knabe im Vereine mit meinem um ein Jahr älteren Neffen, der damals 

*) Als Beitrag' zur Übordetenniuierung: Meiue Entschuldigung für mciu Zu- 

spätkommen lag dariu, daß iek nach langer Nachtarbeit am Morgen den weiten 
Weg von der Kaiser Jo s o f - Straße in die Währiugorstraße zu machen hatte. 

**) Dazu noch Cäsar- Kaiser. 




Absurde Träume vom (oton Vater. 


283 


aus England zu uns gekommen war, — auch so. ein Kevenaut 
denn es war der Gespiele meiner ersten Kinderjalire, der mit ihm 
wieder auftauchte. Bis zu meinem vollendeten dritten Jahre waren wn 
unzertrennlich gewesen, hatten einander, geliebt und miteinander 
o-erauft und diese Kinderbeziehung hat, wie ich schon einmal ange- 
deutet, ? überall meine späteren Gefühle im Verkehre mit Alters- 
genossen entschieden. Mein Neffe John hat seither sehr viele Inkar- 
nationen gefunden, die bald diese, bald jene Seite seines m mcmei 
unbewußten Erinnerung unauslöschlich fixierten Wesens wiederbelebten. 
Er muß mich zeitweilig sehr schlecht behandelt haben, und ich muß 
Mut bewiesen haben gegen meinen Tyrannen, denn es ist mir in 
späteren Jahren oft eine kurze Rechtfertigungsrede wiedererzählt 
worden, mit der ich mich verteidigte, als mich der Vater sein 
Großvater — zur Rede stellte: Warum schlägst du den John? Sie 
lautete in der Sprache des noch nicht Zweijährigen: Ich habe ihn 
ge (sch) lagt, weil er mich ge(sch)lagt hat. Diese Kinderszene 
muß es sein, die non vivit zum non vixit ablenkt, denn in der 
Sprache späterer Kinderjahre heißt ja das Schlagen — Wichsen; 
die Traumarbeit verschmäht es nicht, sich solcher Zusammenhänge zu 
bedienen. Die in der Realität so wenig begründete Feindseligkeit 
gegen meinen Freund P., der mir vielfach überlegen war und darum 
auch eine Neuausgabe des Kindergespielen abgeben konnte, geht 
sicherlich auf die komplizierte infantile Beziehung zu John zurück. 

Ich werde also auf diesen Traum noch zurückkommen. 


/) Absurde Träume. Die intellektuellen Leistungen im 

Traume. 

Bei unseren bisherigen Traumdeutungen sind wir so oft auf das 
Element der Absurdität im Trauminhalt gestoßen, daß wir die 
Untersuchung nicht länger aufschieben wollen, woher dasselbe rührt, 
und was es etwa bedeutet. Wir erinnern uns ja, daß die Absurdität 
der Träume den Gegnern der Traumschätzung ein Hauptargument bot, 
um im Traume nichts anderes als eiu sinnloses Produkt einer redu- 
zierten und zerbröckelten Geistestätigkeit zu sehen. 

Ich beginne mit einigen Beispielen, in denen die Absurdität des 
Trauminhalts nur ein Anschein ist, der bei besserer Vertiefung in 
den Sinn des Traumes sofort verschwindet. Es sind einige Träume, 
die — wie man zuerst meint, zufällig — vom toten Vater handeln. 

I. Der Traum des Patienten, der seinen Vater vor sechs Jahren 
verloren : 

Dem Vater ist ein großes Unglück widerfahren. Er 
ist mit dem Nachtzuge g e fah r eu, d a ist eine Entgleisung 
erfolgt, die Sitze sind zusammengekommen, und ihm 
ist der Kopf quer z u s a m m e u g e d r ii c k t w orden. Er sieht 
ihn dann auf dem Bette liegen, mit einer Wunde über 
dem Augenbrauenrand links, die vertikal verläuft. Er 


284 


V l. Trimmarbeit. 


wundert sich darüber, daß der Vater verunglückt ist 
(da er doch sehen tot ist, wie er hei der Erzählung ergänzt). 
Die Augen sind so klar. 

Nach der herrschenden Beurteilung der Träume hätte man 
sich diesen lrauminhalt so aufzuklären: Der Träumer hat zuerst 

während er sich den Unfall seines Vaters vorstellt, vergessen, daß 
dieser schon seit Jahren im Grabe ruht; im weiteren Verlaute des 
1 räume ns wacht diese Erinnerung auf und bewirkt, daß er sich 
über den eigenen Traum noch selbst träumend verwundert. Die 
Analyse lehrt aber, daß es vor allem überflüssig ist, nach solchen 
Erklärungen zu greifen. Der Träumer hatte bei einem Künstler eine 
Büste des Vaters bestellt, die er zwei Tage vor dem Traume in 
Augenschein genommen hat. Diese ist es, die ihm verunglückt 
vorkommt. Der Bildhauer hat den Vater nie gesehen, er arbeitet 
nach ihm vorgelegten Photographien. Am Tage vor dem Traume 
selbst hat der pietätvolle Sohn einen alten Diener der Familie ins 
Atelier geschickt, ob auch der dasselbe Urteil über den marmornen 
Kopf fällen wird, nämlich daß er zu s ch ma 1 i n d e r Q u er r i c h t u n g 
von Schläfe zu Schläfe ausgefallen ist. Nun folgt das Erinnerungs- 
material, das zum Aufbau dieses Traumes beigetragen hat Der Vater 
hatte die Gewohnheit, wenn geschäftliche Sorgen oder Schwierigkeiten 
in der Familie ihn quälten, sich beide Hände gegen die Schläfen zu 
drücken, als ob er seinen Kopf, der ihm zu weit würde, zusammen- 
pressen wollte. — Als Kind von vier Jahren war unser Träumer 
zugegen, wie das Losgehen einer zufällig geladenen Pistole dem Vater 
die Augen schwärzte (die Augen sind so klar). — An der Stelle, 
wo der Traum die Verletzung des Vaters zeigt, trug der Lebende, 
wenn er nachdenklich oder traurig war, eine tiefe Längsfurche zur 
Schau. Daß diese Furche im Traume durch eine Wunde ersetzt ist, 
deutet auf die zweite Veranlassung des Traumes hin. Der Träumer 
hatte sein kleines Töchterchen photographiert; die Platte war ihm aus 
der Hand gefallen und zeigte, als er sie aufhob, einen Sprung, der 
wie eine senkrechte Furche über die Stirn der Kleinen lief und bis 
zum Augenbrauenbogen reichte. Da konnte er sich abergläubischer 
Ahnungen nicht erwehren, denn einen Tag vor dem Tode der Mutter 
war ihm die photographische Platte mit deren Abbild gesprungen. 

Die Absurdität dieses Traumes ist also bloß der Erfolg einer 
Nachlässigkeit des sprachlichen Ausdruckes, der die Büste und die 
Photographie von der Person nicht unterscheiden will. Wir sind alle 
gewöhnt so zu reden: Findest du den Vater nicht getroffen? Freilich 
wäre der Anschein der Absurdität in diesem Traume leieht zu ver- 
meiden gewesen. Wenn man schon nach einer einzigen Erfahrung 
urteilen dürfte, so möchte man sagen, dieser Anschein von Absurdität 
ist ein zugelassener oder gewollter. 

II. Ein zweites, ganz ähnliches Beispiel aus meinen eigenen 
Träumen (ich habe meinen Vater im Jahre 1890 verloren) : 


Absurde Träume vom toten Vater. 


285 


Der Vater hat nach seinem Tode eine politische 
Rolle bei den Magyaren gespielt, sie politisch geemig , 
wozu ich ein kleines undeutliches Bild sehe: pme Mensehenmenge 
wie im Reichstage; eine Person, die auf einem odei au 


zwei 


mi 


Stühlen steht, andere um 


ch daran, 


ähnlich gesehen 
ß u n g 


ihn herum, 
auf dem Totenbette 
und freue mieh, daß 


Ich erinnere 
Garibaldi so 
diese V e r h e i- 


ge worden i s t. 

o 


daß er 
h a t, 

doeli wahr 0 

Das ist doch absurd genug. Es ist zur Zeit geträumt, da die 
Uuo-arn dureh parlamentarische Obstruktion in den gesetzlosen 
Zustand gerieten und jene Krise durclimaehten, aus der Kol oman 
S zell sie befreite. Der geringfügige Umstand, daß die im Traume 
<reseliene Szene aus so kleinen Bildern bestellt, ist nicht ohne Be- 
deutuno- für die Aufklärung dieses Elements. Die gewöhnliche visuelle 
Traumdarstellung unserer Gedanken ergibt Bilder, die uns etwa den 
Eindruck der Lebensgröße machen; mein Traumbild ist aber die 
Reproduktion eines in den Text einer illustrierten Geschichte Österreichs 
eingesehobenen Holzschnittes, der Maria Theresia auf dem Reiehstage 
von Preßburg darstellt; die berühmte Szene des „Moriamur pro rege 
nostro“*). Wie dort Maria Theresia, so steht im Traume der Vater 
von der Menge umringt; er steht aber auf einem oder zwei Stühlen, 
also als Stuhlrichter. (Er hat sie geeinigt: — hier vermittelt die 
Redensart: Wir werden keinen Richter brauchen.) Daß er auf 
dem Totenbette Garibaldi so ähnlich sah, haben wir Umstehenden 
wirklieh alle bemerkt. Er hatte postmortale Temperatursteigerung, 
seine Wangen glühten rot und röter . . . unwillkürlich setzen wir 
fort: Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine lag, was uns alle bändigt, 
das Gemeine. 


Diese Erhebung unserer Gedanken bereitet uns darauf vor, daß wir 
gerade mit dem „Gemeinen“ zu tun bekommen sollen. Das „post- 
mortale“ der Temperaturerhöhung entspricht den Worten „nach 
seinem Tode“ im Trauminhalt. Das Quälendste seiner Leiden war 
die völlige Darmlähmung (Obstruktion) der letzten Woehen ge- 
wesen. An diese knüpfen allerlei unehrbietige Gedanken an. Einer 
meiner Altersgenossen, der seinen Vater noch als Gymnasiast verlor, 
bei welehem Anlaß ieh ihm dann tief erschüttert meine Freundschaft 
antrug, erzählte mir einmal höhnend von dem Schmerze einer Ver- 
wandten, deren Vater auf der Straße gestorben und nach Hause ge- 
bracht worden war, wo sich dann bei der Entkleidung der Leiche 
fand, daß im Moment des Todes oder postmortal eine Stuhl- 
entleerung stattgefunden hatte. Die Toehter war so tief unglücklich 


*) Jch weiß nicht mehr, bei welehem Autor ieh einen Traum erwähnt gefunden 
habe, in dem es von ungewöhnlich kleinen Gestalten wimmelte, und als dessen Quelle 
sieh einer der Stiebe Jacques Callots herausstellte, die der Träumer bei Tag 
betrachtet hatte. Diese Stiche enthalten allerdings eine Unzahl sehr kleiner Figuren ; 
eine Reihe derselben behandelt die Greuel des Dreißigjährigen Krieges. 


286 


VI. Die Trauinarbeit. 


tlaiübei, claß ihr dieses häßliche Detail die Erinnerung an den Vater 
stören mußte. Hier sind wir nun zu dem Wunsche vorgedrungen der 
sich m diesem Traume verkörpert. Nach seinem Tode rein und 
groß vor seinen Kindern dastehen, wer möchte das nicht 
wünschen? Wohin ist die Absurdität dieses Traumes geraten? Ihr 
n schein ist nur dadurch zu stände gekommen, daß eine völlig zulässige 
Redensart, bei welcher wir gewöhnt sind über die Absurdität himve«’- 
zusehen, die zwischen ihren Bestandteilen vorhanden sein mag im 
1 raume getreulich dargestellt wird. Auch hier können wir den Eindruck 
nicht abweisen, dab der Anschein der Absurdität ein gewollter, absicht- 
lich hervorgerufener, ist.*) 

. UT In dem Beispiel, das ich jetzt anführe, kann ich die Traumarbeit 
dabei ertappen, wie sie eine Absurdität, zu der im Material gar kein 
Anlaß ist, absichtlich fabriziert. Es stammt aus dem Traume, den mir 
die Begegnung mit dem Grafen Thun vor meiner Ferialreise ein- 
gegeben hat. „Ick fahre in einem Einspänner und gebe 
A uftrag z u einem Bahnhofe zu fahren. „Auf der Bahn- 

*) Die Häufigkeit, mit welcher im Traume tote Personen wie lebend auftreten, 
handeln und mit uns verkehren, hat eine ungebührliche Verwunderung hervorgerufen 
und sonderbare Erklärungen erzeugt, aus donen unser Unverständnis für den Traum 
sehr auffällig erhellt. Und doch ist die Aufklärung dieser Träume eine sehr nahe- 
liegende. Wie oft kommen wir in die Lage uns zu denken: Wenn der Vater noch 
leben würde, was würde er dazu sagen? Dieses Wenn kann der Traum nicht anders 
darstcllen als durch die Gegenwart in einer bestimmten Situation. So träumt z. B. 
ein junger Mann, dem sein Großvater ein großes Erbe hinterlassen bat, bei einer 
Gelegenheit von Vorwurf wegen einer bedeutenden Geldaasgabe, der Großvater sei 
wieder am Leben und fordere Rechenschaft von ihm. Was wir für die Anflehnung 
gegen den Traum halten, der Einspruch aus unserem besseren Wissen, daß der Mann 
doch schon gestorben sei, ist in Wirklichkeit der Trostgedanke, daß der Verstorbene 
das nicht zu erleben brauchte, oder die Befriedigung darüber, daß er nichts mehr 
dreinzureden hat. 

[Eine andere Art von Absurdität, die sich in Träumen von toten Angehörigen 
findet, drückt nicht Spott und Hohn aus, sondern dient der äußersteu Ablehnung, der 
Darstellung eines verdrängten Gedankens, den man gerne als das Alleruudenkbarste 
hinstellen möchte. Träume dieser Art erscheinen nur auflösbar, wenn man sich erinnert, 
daß der Traum zwischen Gewünschtem und Realem keinen Unterschied macht. So 
träumt z. B. ein Mann, der seinen Vater in dossen Krankheit gepflegt und unter 
dessen Tod schwer gelitten hatte, eino Zeit nachher folgenden unsinnigen Traum : 
Der Vater war wieder am Leben und sprach mit ihm wie sonst, aber 
(das Merkwürdige war), er war doch gestorben und wußte es nur nicht. 
Man versteht diesen Traum, wenn man nach „er war doch gestorben“ einsetzt: 
infolge dos Wunsches des Träumers und zu „er wußte es nicht“ ergänzt: 
daß der Träumer diesen Wunsch hatte. Der Sohn hatte während der Kranken- 
pflege wiederholt den Vater tot gewünscht, d. h. den eigentlich crbarmuugsvollen 
Gedanken gehabt, der Tod möge doch endlich dieser Qual ein Ende machen. In der 
Trauer nach dem Tode wurde selbst dieser Wunsch des Mitleidcns zum unbewnßten 
Vorwurf, als ob er durch ihn wirklich beigetragen hätte, das Leben des Kranken zu 
verkürzen. Durch Erweckung der frühinfantilsten Regungen gegen den Vater wurde 
es möglich, diesen Vorwurf als Traum auszudrücken, aber gerade wogen der welten- 
weiton Gegensätzlichkeit zwischen dem Traumerreger und dom Tagesgodanken mußte 
dieser Traum so absnrd ausfallen (Vgl. hiezu: Formulierungen über die zwei Prinzipien 
des seelischen Geschehens. Jahrbuch B 1 eul er* Freud 111. 1. 1911).] 


Einzelne Absurditäten im Traume. 


287 


strecke selbst kann ich natürlich nicht mit Ihnen fahren“ 
sao-e ich, nachdem er einen Ein wand gemacht, als ob ich 
ihn übermüdet hätte) dabei ist es so, als w a r e ich schon 
eine Strecke mit ihm gefahren, die man sonst mit der 
Balm fährt. Zu dieser verworrenen und unsinnigen Geschichte gibt 
die Analyse folgende Aufklärungen : Ich hatte am Tage einen Ein- 
spänner genommen, der mich nach Dornbach in eine entlegene Straße 
führen sollte. Er kannte aber den Weg nicht und fuhr nach Art dieser 
guten Leute immer weiter, bis ich es merkte und ihm den Weg zeigte, 
wobei ich ihm einige spöttische Bemerkungen nicht ersparte. Von 
diesem Kutscher spinnt sich eine Gedankenverbindung zu den Aristo- 
kraten an, mit der ich später noch Zusammentreffen werde. Vorläufig' 
nur die Andeutung, daß uns bürgerlichem Plebs die Aristokratie 
dadurch auffällig wird, daß sie sich mit Vorliebe an die Stelle des 
Kutschers setzt. Graf Thun lenkt ja auch den Staatswagen von 
Österreich. Der nächste Satz im Traume bezieht sich aber auf 
meinen Bruder, den ich also mit dem Einspännerkutscher identifiziere. 
Ich hatte ihm heuer die gemeinsame Italienfahrt abgesagt („Auf die 
Balmstrecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren“), und diese 
Absage war eine Art Bestrafung für seine sonstige Klage, daß ich 
ihn auf diesen Reisen zu übermüden pflege (was unverändert in 
den Traum gelangt), indem ich ihm zu rasche Ortsveränderung, 
zuviel des Schönen an einem Tage, zumute. Mein Bruder hatte 
mich an diesem Abend zum Bahnhofe begleitet, war aber kurz vorher 
bei der Stadtbahnstation Westbahnhof ausgesprungen, um mit der 
Stadtbahn nach Purkersdorf zu fahren. Ich hatte ihm bemerkt, er 
könne noch eine Weile länger bei mir bleiben, indem er nicht mit 
der Stadtbahn, sondern mit der Westbahn nach Purkersdorf fahre. 
Davon ist in den Traum gekommen, daß ich mit dem Wagen eine 
Strecke gefahren bin, die man sonst mit der Bahn fährt. In 
Wirklichkeit war es umgekehrt (und „Umgekehrt ist auch g e- 
fahren“); ich hatte meinem Bruder gesagt: Die Strecke, die du mit 
der Stadtbahn fährst, kannst du auch in meiner Gesellschaft in der 
Westbahn fahren. Die ganze Traumverwirrung richte ich dadurch 
an, daß ich anstatt „Stadtbahn“ — „Wagen“ in den Traum einsetze, 
was allerdings zur Zusammenziehung des Kutschers mit dem Bruder 
gute Dienste leistet. Dann bekomme ich im Traume etwas Unsinniges 
heraus, was bei der Erklärung kaum entwirrbar scheint, und beinahe 
einen Widerspruch mit einer früheren Rede von mir („Auf die Bahn- 
strecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren“) herstellt. Da ich 
aber Stadtbahn und Einspännerwagen überhaupt nicht zu verwechseln 
brauche, muß ich diese ganze rätselhafte Geschichte im Traume ab- 
sichtlich so gestaltet haben. 

Tu welcher Absicht aber? Wir sollen nun erfahren, was die 
Absurdität im Traume bedeutet, und aus welchen Motiven sie zugelassen 
oder geschaffen wird. Die 


Lösung 


des Geheimnisses im 


vorliegenden 


288 


VI. Dio Trimmarbeit. 


Fallo ist folgende: ich brauche im Traume eine Absurdität und etwas 
unverständliches in Verbindung mit dem „Fahren“, weil ich in den 
1 raumgedanken ein gewisses Urteil habe, das nach Darstellung ver- 
langt. An einem Abend bei jener gastfreundlichen und geistreichen 
Dame, die in einer anderen Szene des nämlichen Traumes als Haus- 
hälterin“ auftritt, hatte ich zwei Rätsel gehört, die ich nicht auflösen 
konnte. Da sie der übrigen Gesellschaft bekannt waren, machte ich 
mit meinen erfolglosen Bemühungen die Lösung zu linden eine etwas 
lächerliche Figur. Es waren zwei Äquivoke mit „Nachkommen“ und 
„Vorfahren“. Sie lauteten, glaube ich, so: 

Der Herr befiehlt’s, 

Der Kutscher tut's. 

Ein jeder hat ’s, 

lm Grabe ruht’s. (Vorfahren.) 

Verwirrend wirkte es, daß das zweite Rätsel zur einen Hälfte 
identisch mit dem ersten war: 

Der Herr befiehlt’s, 

Der Kutscher tut’s. 

Nicht jeder hat’s, 

iu der Wiege ruht’s. (Naehkoiam en.) 

_ Als ich nun den Grafen Thun so großmächtig v o r f a h r e n 
sah, in die Figaro- Stimmung geriet, die das Verdienst der hohen 
Herren darin findet, daß sie sieh die Mühe gegeben haben, geboren 
zu werden (Nachkommen zu sein), wurden diese beiden Rätsel zu 
Zwischengedanken für die Traumarbeit. Da man Aristokraten leicht 
mit Kutschern verwechseln kann, und man dem Kutscher früher 
einmal in unseren Landen „Herr Schwager“ zu sagen pflegte, konnte 
die Verdiehtungsarbeit meinen Bruder in dieselbe Darstellung einbe- 
ziehen. Der Traumgedanke aber, der dahinter gewirkt hat, lautet: 
Es ist ein Unsinn, auf seine Vorfahren stolz zu sein. 
Lieber bin i e h selber ein V o r f a h r, ein A li n h e r r. Wegen 
dieses Urteils : Es ist ein Unsinn, also der Unsinn im Traume, .letzt 
löst sich wohl aueh das letzte Rätsel dieser dunklen Traumstelle, daß 
ich mit dem Kutscher schon vorher gefahren, mit ihm schon 
vorgefahren. 

Der Traum wird also dann absurd gemacht, wenn in den Traum- 
gedanken als eines der Elemente des Inhalts das Urteil vorkommt: 
Das ist ein Unsinn, wenn überhaupt Kritik und Spott einen der un- 
bewußten Gedankenzüge des Träumers motivieren. Das Absurde wird 
somit eines der Mittel, durch welches die Traumarbeit den Wider- 
spruch darstellt, wie die Umkehrung einer Materialbeziehung zwischen 
Traumgedanken und Trauminhalt, wie die Verwertung der motorischen 
Hemmungseinpfindung. Das Absurde des Traumes ist aber nicht mit 
einem einfachen „Nein“ zu übersetzen, sondern soll die Disposition 
der Traumgedanken wiedergeben, gleichzeitig mit dem Widerspruch 


Dio Absurdität ist oiue absichtlich hergestollte. 


289 


zu höhnen oder zu lachen. Nur in dieser Absicht liefert die Traum- 
arbeit etwas Lächerliches. Sie verwandelt hier wiederum ein Stück 
des latenten Inhalts in eine manifeste Form.*) 

Eigentlich sind wir einem überzeugenden Beispiel von solcher 
Bedeutung eines absurden Traumes schon begegnet. Jener ohne Ana- 
lyse gedeutete Traum von der Wagner Vorstellung, die bis morgens 
»7 8 Uhr dauert, bei der das Orchester von einem Turme aus dirigiert 
wird usw. (siehe Seite 267) will offenbar besagen: Das ist eine vei- 
dr eilte Welt und eine verrückte Gesellschaft. Wers verdient, den 
triff! es nicht, und wer sich nichts daraus macht, der liat's, womit sie 
ihr Schicksal im Vergleiche zu dem ihrer Kousine meint. — Daß sich 
uns als Beispiele für die Absurdität der Träume zunächst solche vom 
toten Vater dargeboten haben, ist auch keineswegs ein Zufall. Hier 
finden sich die Bedingungen für die Schöpfung absurder Träume in 
typischer Weise zusammen. Die Autorität, die dem Vater eigen ist, 
hat frühzeitig die Kritik des Kindes hervorgerufen; die strengen 
Anforderungen, die er gestellt, haben das Kind veranlaßt, zu seiner 
Erleichterung auf jede Schwäche des Vaters scharf zu achten; aber 
die Pietät, mit der die Person des Vaters besonders nach seinem Tode 
für unser Denken umgeben ist, verschärft die Zensur, welche die 
Äußerungen dieser Kritik vom Bewußtwerden abdrängt. 

IV. Ein neuer absurder Traum vom toten Vater: 

Ich erhalte eine Zuschrift vom Gemeinderat meiner 
Geburtsstadt betreffend die Zahlungskosten für eine 
Unterbringung im Spital im Jahre 1851, die wegen eines 
Anfalls bei mir not wendig war. Ich mache mich darüber 
lustig, denn erstens war ich 1851 noch nicht am Leben, 
zweitens ist mein Vater, auf den es sich beziehen kann, 
schon tot. Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer, wo er auf 
dem Bette liegt, und erzähle es ihm. Zu meiner Über- 
raschung erinnert er sich, daß er damals 1851 einmal 
betrunken war und eingesperrt oder verwahrt werden 
mußte. Es war, als er für das Haus T... gearbeitet. Du 
hast also auch getrunken, frage ich. Bald darauf hast 
du geheiratet? Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren bin, 
was mir als unmittelbar folgend vorkommt. 

Die Aufdringlichkeit, mit welcher dieser Traum seine Absurditäten 
zur Schau trägt, werden wir nach den letzten Erörterungen nur als 
Zeichen einer besonders erbitterten und leidenschaftlichen Polemik in 

*) Die Traumarbeit parodiert also den ihr als lächerlich bezeichneten Gedanken, 
indem sie etwas Lächerliches in Beziehung* mit ihm erschafft. So ähnlich verfährt 
Heine, wenn er die schlechten Verse des Bayerkönigs verspotten will. Er tut es in 
noch schlechteren : 

Herr Ludwig ist ein großer Poet. 

Und singt er, so stürzt Apollo 
Vor ihm auf die Knie und bittet und fleht, 

„Halt ein, ich werde sonst toll oh!“ 

Freud, Traumdeutung 3. Aufl. 


19 


290 


VI. Die Trimmarbeit, 


den Traumgedanken übersetzen. Mit um so größerer Verwunderung 
konstatieren wir aber, daß in diesem Traume die Polemik offen betrieben 
und der Vater als diejenige Person bezeichnet ist, die zum Ziele des 
Gespöttes gemacht wird. Solche Offenheit scheint unseren Voraus- 
setzungen über die Zensur bei der Traumarbeit zu widersprechen. 
Zur Aufklärung dient aber, daß hier der Vater nur eine vor- 
geschobene Person ist, während der Streit mit einer anderen geführt 
wird, die im Traume durch eino einzige Anspielung zum Vorschein 
kommt. Während sonst der Traum von Auflehnung gegen andere 
Personen handelt, hinter denen sich der Vater verbirgt, ist es hier 
umgekehrt; der Vater wird ein Strohmann zur Deckung anderer, 
und der Traum darf darum so unverhüllt sich mit seiner sonst ge- 
heiligten Person beschäftigen, weil dabei ein sicheres Wissen mitspielt, 
daß er nicht in Wirklichkeit gemeint ist. Man erfährt diesen Sach- 
verhalt aus der Veranlassung des Traumes. Er erfolgte nämlich, 
nachdem ich gehört hatte, ein älterer Kollege, dessen Urteil für un- 
antastbar gilt, äußere sich abfällig und verwundert darüber, daß einer 
meiner Patienten die psychoanalytische Arbeit bei mir jetzt schon 
ins fünfte Jahr fortsetze. Die einleitenden Sätze des Traumes 
deuten in durchsichtiger Verhüllung darauf hin, daß dieser Kollege 
eine Zeitlaug die Pflichten übernommen, die der Vater nicht mehr 
erfüllen konnte (Z a h 1 u n g s k o s t e n, U n t e r b r i n g u n g i m Spital); 
und als unsere freundschaftlichen Beziehungen sich zu lösen begannen, 
geriet ich in denselben Empfindungskouflikt, der im Falle einer Miß- 
helligkeit zwischen Vater und Sohn durch die Rolle und die früheren 
Leistungen des Vaters erzwungen wird. Die Traumgedanken wehren 
sich nun erbittert gegen den Vorwurf, daß ich nicht schneller 
vorwärts komme, der von der Behandlung dieses Patienten her 
sich dann auch auf anderes erstreckt. Kennt er denn jemanden, der 
das schneller machen kann? Weiß er nicht, daß Zustände dieser Art 
sonst überhaupt unheilbar sind und lebenslange dauern? Was sind 
vier bis fünf Jahre gegen die Dauer eines ganzen Lebens, zumal, 
wenn dem Kranken die Existenz während der Behandlung so sehr 
erleichert worden ist? 

Das Gepräge der Absurdität wird in diesem Traume zum guten 
Teil dadurch erzeugt, daß Sätze aus verschiedenen Gebieten der Traum- 
gedanken ohne vermittelnden Übergang aneinander gereiht werden. So 
verläßt der Satz: Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer etc. 
das Thema, aus dem die vorigen Sätze geholt sind, und reproduziert 
getreulich die Umstände, unter denen ich dem Vater meine eigen- 
mächtige Verlobung mitgeteilt habe. Er will mich also an die vor- 
nehme Uneigennützigkeit mahnen, die der alte Mann damals bewies, 
und diese in Gegensatz zu dem Benehmen eines anderen, einer neuen 
Person, bringen. Ich merke hier, daß der Traum darum den Water 
verspotten darf, weil er in den Traumgedanken in voller Anerkennung 
anderen als Muster vorgehalten wird. Es liegt im Wesen jeder Zensur, 


Dio Absurdität drückt Spott und Hohn aus. 291 

daß man von den unerlaubten Dingen das, was unwahr ist, eher sagen 
darf als die Wahrheit. Der nächste Satz, daß er sich erinnert, e i n- 
mal betrunken und darum eingesperrt gewesen zu sein, 
enthält nichts mehr, was sich in der Realität auf den Vater bezieht. 
Die von ihm gedeckte Person ist hier niemand geringerer als der 
große — Meynert, dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung _ ge- 
folgt bin, und dessen Benehmen gegen mich nach einer kurzen Periode 
der Bevorzugung in unverhüllte Feindseligkeit umschlug. Der Traum 
erinnert mich an seine eigene Mitteilung, er habe in jungen Jahren ein- 
mal der Gewohnheit gefrönt, sich mit Chloroform zu be- 
rauschen, und habe darum die Anstalt aufsuchen müssen, und 
an ein zweites Erlebnis mit ihm kurz vor seinem Ende. Ich hatte 
einen erbitterten literarischen Streit mit ihm geführt in Sachen der 
männlichen Hysterie, die er leugnete, und als ich ihn als Totkranken 
besuchte und nach seinem Befinden fragte, verweilte er bei der Be- 
schreibung seiner Zustände und schloß mit den Worten: „Sie wisseD, 
ich war immer einer der schönsten Fälle von männlicher Hysterie.“ 
So hatte er zu meiner Genugtuung und zu meinem Erstaunen 
zugegeben, wogegen er sich so lange hartnäckig gesträubt. Daß ich 
aber in dieser Szene des Traumes Meynert durch meinen Vater 
verdecken kann, hat seinen Grund nicht in einer zwischen beiden 
Personen aufgefundenen Analogie, sondern ist die knappe, aber völlig 
zureichende Darstellung eines Konditionalsatzes in den Traumgedanken, 
der ausführlich lautet: Ja, wenn ich zweite Generation, der Sohn eines 
Professors oder Hofrates, wäre, dann wäre ich freilich rascher 
vorwärts gekommen. Im Traume mache ich nun meinen Vater 
zum Hofrat und Professor. Die gröbste und störendste Absurdität 
des Traumes liegt in der Behandlung der Jahreszahl 1851, die mir 
von 1856 gar nicht verschieden vorkommt, als würde die Diffe- 
renz vonftinfJahren gar nichts bedeuten. Gerade dies soll 
aber aus den Traumgedanken zum Ausdruck gebracht werden. Vier 
bis fünf Jahre, das ist der Zeitraum, während dessen ich die 
Unterstützung des eingangs erwähnten Kollegen genoß, aber auch die 
Zeit, während welcher ich meine Braut auf die Heirat warten ließ, 
und durch ein zufälliges, von den Traumgedanken gern ausgenütztes 
Zusammentreffen auch die Zeit, während welcher ich jetzt meinen ver- 
trautesten Patienten auf die völlige Heilung warten lasse. „ Was 
sind fünf Jahre?“ fragen die Traumgedanken. „Das ist für 
mich keine Zeit, das kommt nicht in Betracht. Ich habe 
Zeit genug vor mir, und wie jenes endlich geworden ist, was Ihr 
auch nicht glauben wolltet, so werde ich auch dies zu stunde bringen.“ 
Außerdem aber ist die Zahl 51, vom Jahrhundert abgelöst, noch 
anders, und zwar im gegensätzlichen Sinne determiniert ; sie kommt 
durum auch mehrmals im Traume vor. 51 ist das Alter, in dem der 
Mann besonders gefährdet erscheint, in dem ich Kollegen plötzlich 

19 * 




292 VI. L)ie Traumarbeit. 

habe sterben sehen, darunter einen, der nach langem Harren einige 
Tage vorher zum Professor ernannt worden war. 

V. Ein anderer absurder Traum, der mit Zahlen spielt. 

Einer meiner Bekannten, Herr M., ist von keinem 
Geringeren als von Goethe in einem Aufsatze an- 
gegriffen worden, wie wir alle meinen, mit ungerecht- 
fertigt großer Heftigkeit. Herr M. ist durch diesen 
Angriff natürlich vernichtet. Er beklagt sich darüber 
bitter bei einer Tischgesellschaft; seine Verehrung für 
Goethe hat aber unter dieser persönlichen Erfahrung 
nicht gelitten. Ich suche mir die zeitlichen V erhültnisse, 
die mir unwahrscheinlich Vorkommen, ein wenig auf- 
zuklären. Goethe ist 1832 gestorben; da sein Angriff 
auf M. natürlich früher erfolgt sein muß, so war 
Herr M. damals ein ganz juuger Mann. Es kommt mir 
plausibel vor, daß er 18 Jahre alt war. Ich weiß aber 
nicht sicher, welches Jahr wir gegenwärtig schreiben, 
und so versinkt die ganze Berechnung im Dunkel. Der 
Angriff ist übrigens in dem bekannten Aufsatze von 
Goethe „Natur“ enthalten. 

Wir werden bald die Mittel in der Hand haben, den Blödsinn 
dieses Traumes zu rechtfertigen. Herr M., den ich aus einer Tisch- 
gesellschaft kenne, hatte mich unlängst aufgefordert, seinen 
Bruder zu untersuchen, bei dem sich Zeichen von paralytischer 
Geistesstörung bemerkbar machten. Die Vermutung war richtig; 
es ereignete sich bei diesem Besuche das Peinliche, daß der Kranke 
ohne jeden Anlaß im Gespräche den Bruder durch Anspielung auf 
dessen Jugendstreiche bloßstellte. Den Kranken hatte ich nach 
seinem Geburtsjahre gefragt und ihn wiederholt zu kleinen Be- 
rechnungen veranlaßt, um seine Gedächtnisschwächung klar zu legen; 
Proben, die er übrigens noch recht gut bestand. Ich merke schon, 
daß ich mich im Traume benehme wie ein Paralytiker. (Ich weiß 
nicht sicher, welches J a h r w i r s c h r e i b e n.) Anderes Material 
des Traumes stammt aus einer anderen rezenten Quelle. Ein mir 
befreundeter Redakteur einer medizinischen Zeitschrift hatte eine 
höchst ungnädige, eine „vernichtende“ Kritik über das letzte 
Buch meines Freundes Fl. in Berlin in sein Blatt aufgenommen, die 
ein recht jugendlich er und wenig urteilsfähiger Referent verfaßt 
hatte. Ich glaubte ein Recht zur Einmengung zu haben und stellte 
den Redakteur zur Rede, der die Aufnahme der Kritik lebhaft be- 
dauerte, aber eine Remedur nicht versprechen wollte. Daraufhin 
brach ich meine Beziehungen zur Zeitschrift ab und hob in meinem 
Absagebriefe die Erwartung hervor, daß unsere persönlichen 
Beziehungen u n t e r diesem V o r f a 1 1 e nicht leiden w ü r d e n. 
Die dritte Quelle dieses Traumes ist die damals frische Erzählung 
einer Patientin von der psychischen Erkrankung ihres Bruders, der 


Der absurde Goethe-Traum. 


298 


mit dem Ausrufe „Natur, Natur“ in Tobsucht verfallen war. Die 
Ärzte hatten gemeint, der Ausruf stamme aus der Lektüre jenes 
söhönen Aufsatzes von Goethe und deute auf die Überarbeitung 
des Erkrankten bei seinen uaturphilosophischen Studien. Ich zog es 
vor an den sexuellen Sinn zu denken, in dem auch die Minder- 
o-ebildeten bei uns von der „Natur“ reden, und daß der Unglückliche 
sich später an den Genitalien verstümmelte, schien mir wenigstens 
nicht Unrecht zu geben. 18 Jahre war das Alter dieses Kranken, 
als jener Tobsuchtsaufall sich einstellte. 

Wenn ich noch hinzufüge, daß das so hart kritisierte Buch 
meines Freundes („Man fragt sich, ist der Autor verrückt oder ist 
man es selbst,“ hatte ein anderer Kritiker geäußert) sich mit den 
zeitlichen Verhältnissen des Lebens beschäftigt und auch 
Goethes Lebensdauer auf ein Vielfaches einer für die Biologie be- 
deutsamen Zahl zurückführt, so ist es leicht einzusehen, daß ich 
mich im Traume an die Stelle meines Freundes setze. (Ich suche 
mir die zeitlichen Verhältnisse . . . ein wenig auf- 
zuklären.) Ich benehme mich aber wie ein Paralytiker und der 
Traum schwelgt in Absurdität. Das heißt also, die Traumgedanken 
sagen ironisch: „Natürlich, er ist der Narr, der Verrückte, und Ihr 
seid die genialen Leute, die es besser verstehen. Vielleicht aber doch 
umgekehrt?“ Und diese Umkehrung ist nun ausgiebig im Traum- 
inhalt vertreten, indem Goethe den jungen Mann angegriffen hat, 
was absurd ist, während leicht ein ganz junger Mensch noch heute 
den unsterblichen Goethe angreifen könnte, und indem ich vom 
Sterbejahre Goethes an rechne, während ich den Paralytiker 
von seinem Geburtsjahre an rechnen ließ. 

Ich habe aber auch versprochen zu zeigen, daß kein Traum 
von anderen als egoistischen Regungen eingegeben wird. Somit muß 
ich es rechtfertigen, daß ich in diesem Traume die Sache meines 
Freundes zu der meinigen mache und mich an seine Stelle setze. 
Meine kritische Überzeugung im Wachen reicht hiefür nicht aus. 
Nun spielt aber die Geschichte des 18jährigen Kranken und die ver- 
schiedenartige Deutung seines Ausrufes „Natur“ auf den Gegensatz 
an, in den ich mich mit meiner Behauptung einer sexuellen Ätiologie 
für die Psychoneurosen zu den meisten Ärzten gebracht habe. Ich 
kann mir sagen : So wie deinem Freunde, so wird es auch dir mit der 
Kritik ergehen, ist dir zum Teil auch bereits so ergangen, und nun 
darf ich das „Er“ in den Traumgedanken durch ein „Wir“ ersetzen. 
„Ja, Ihr habt recht, wir zwei sind die Narren.“ Daß „mea res agitur“, 
daran mahnt mich energisch die Erwähnung des kleinen, unvergleichlich 
schönen Aufsatzes von Goethe, denn der Vortrag dieses Aufsatzes 
in einer populären Vorlesung war es, der mich schwankenden Abi- 
turienten zum Studium der Naturwissenschaft drängte. 

VI. Ich bin es schuldig geblieben, noch von einem anderen Traume, 
m dem mein Ich nicht vorkommt, zu zeigen, daß er egoistisch ist. 


294 


VI. Die '1 Yuumarboit. 


Ich erwähnte auf Seite 195 einen kurzen Traum, daß Professor M. 
sagt: „Mein Sohn, der Myop. . .“ und gab an, das sei nur ein 
V ortraum zu einem anderen, indem ich eine Rolle spiele. Hier ist 
der fohlende Haupttraum, der uns eine absurde und unverständliche 
Wortbildung zur Aufklärung bietet: 

Wegen irgend welcher Vorgänge in der Stadt Rom 
ist es notwendig, die Kinder zu flüchten, was auch ge- 
schieht. Die Szene ist da nn vor einem Tore, Doppel- 
tor nach antiker Art (d i o Porta r o m a n a in Siena, wie 
ich noch im Traume weiß). Ich sitze auf dem Rande eines 
Brunnens undbinsehr betrübt, weine fast. Eine weib- 
liche Person — Wärterin, Nonne — bringt die zwei 
Knaben heraus und übergibt sie dem Vater, der nicht 
ich bin. Der Ältere der beiden ist deutlich mein 
Ältester, das Gesicht des anderen sehe ich nicht; die 
Frau, dio den Knaben bringt, verlangt zum Abschied 
einen Kuß von ihm. Sie zeichnet sich durch eine rote 
Nase aus. Der Knabe verweigert ihr den Kuß, sagt aber, 
ihr zum Abschied die Hand reichend: Auf Geseres und 
zu uns beiden (oder zu einem von uns): Auf Ungeseres. 
Ich habe die Idee, daß letzteres einen Vorzug bedeutet. 

Dieser Traum baut sich auf einem Knäuel von Gedanken auf, 
die durch ein im Theater gosehen es Schauspiel „Das neue Ghetto“ 
angeregt wurden. Die Judenfrage, die Sorge um die Zukunft der 
Kinder, denen man ein Vaterland nicht geben kann, die Sorge, sie 
so zu erziehen, daß sie freizügig werden können, sind in den zuge- 
hörigen Traumgedanken leicht zu erkennen. 

„An den Wässern Babels saßen wir und weinten.“ — 
Siena ist wie Rom durch seine schönen Brunnen berühmt; für Rom 
muß ich im Traume (vergl. Seite 141) mir irgend einen Ersatz aus be- 
kannten Örtlichkeiten suchen. Nahe der Porta rornana von Siena 
sahen wir ein großes, hell erleuchtetes Haus. Wir erfuhren, daß es 
das Manicomio, die Irrenanstalt sei. Kurz vor dem Traume hatte ich 
gehört, daß ein Glaubensgenosse seine mühselig erworbene Anstellung 
an einer staatlichen Irrenanstalt hatte aufgeben müssen. 

Unser Interesse erweckt die Rede. Auf Geseres, wo man nach 
der im Traume festgehaltenen Situation erwarten müßte : Auf Wieder- 
sehen, und ihr ganz sinnloser Gegensatz : Auf Ungeseres. 

Geseres ist nach den Auskünften, die ich mir bei Schrift- 
gelehrten geholt habe, ein echt hebräisches Wort, abgeleitet von einem 
Verbum „goiser“ und läßt sich am besten durch „anbefohlene Leiden, 
Verhängnis“, wiedergeben. Nach der Verwendung des Wortes jm 
Jargon sollte man meinen, es bedeute „Klagen und Jammern“. Un- 
geseres ist meine eigenste Wortbildung und zieht meine Aufmerk- 
samkeit zuerst auf sich, macht mich aber zunächst ratlos. Die kleine 
Bemerkung zu Ende des Traumes, daß Ungeseres einen \orzug gegen 


Geseres und 


Uugeseres. ' 


295 


Geseres bedeute, öffnet den Einfüllen und damit dem Verständnis die 
Pforten Ein solches Verhältnis findet ja beim Kaviar statt; der 
ungesalzene wird höher geschätzt als der g e s a 1 z e n e Kaviar 
fürs* Volk, „noble Passionen“ : darin liegt eine scherzhafte Anspielung 
an eine der Personen meines Haushaltes verborgen, von der ich hotte, 
daß sie, länger als ich, die Zukunft meiner Kinder in acht nehmen 
wird. Dazu stimmt es dann, daß eine andere Person meines Haus- 
haltes, unsere brave Kinderfrau, in der Wärterin (oder Nonne) vom 
Traume wohl kenntlich gezeigt wird. Zwischen dem Paar gesalzen- 
ungesalzen und Geseres-Ungeseres fehlt es aber noch an 
einem vermittelnden Übergang. Dieser findet sich m „gesäuert 
und ungesäuert“; bei ihrem fluchtartigen Auszug aus Ägypten 
hatten die Kinder Israels nicht die Zeit, ihren Brotteig gären zu lassen, 
und essen zur Erinnerung daran noch heute ungesäuertes Brot zur 
Osterzeit. Hier kann ich auch den plötzlichen Einfall unterbringen, 
der mir während dieses Stückes der Analyse gekommen ist. Ich ei- 
innerte mich, wie wir in den letzten Ostertagen in den Straßen der 
uns fremden Stadt Breslau herum spazierten, mein Freund aus Berlin 
und ich. Ein kleines Mädchen fragte mich um den Weg in eine ge- 
wisse Straße; ich mußte mich entschuldigen, daß ich ihn nicht wisse, 
und äußerte dann zu meinem Freunde: Hoffentlich beweist die Kleine 
später im Leben mehr Scharfblick bei der Auswahl der Personen, 
von denen sie sich leiten läßt. Kurz darauf fiel mir ein Schild in 
die Augen: Dr. Her ödes, Sprechstunde . . . Ich meinte: Hoffentlich 
ist der Kollege nicht gerade Kinderarzt. Mein Freund hatte mir 
unterdessen seine Ansichten über die biologische Bedeutung der bi- 
lateralen Symmetrie entwickelt und einen Satz mit der Einleitung 
begonnen: „Wenn wir das eine Auge mitten auf der Stirn trügen wie 
der Kyklop. . .“ Das führt nun zur Rede des Professors im Vor- 
traume: Mein Sohn, der Myop. Und nun bin ich zur Haupt- 
quelle für das Geseres geführt worden. Vor vielen Jahren, als 
dieser Sohn des Professors M., der heute ein selbständiger Denker ist, 
noch auf der Schulbank saß, erkrankte er an einer Augenaffektion, 
die der Arzt für besorgniserweckend erklärte. Er meinte, solange sie 
einseitig bleibe, habe sie nichts zu bedeuten, sollte sie aber auch 
auf das andere Auge übergreifen, so wäre es ernsthaft. Das Leiden 
heilte auf dem einen Auge schadlos ab ; kurz darauf stellten sich aber 
die Zeichen für die Erkrankung des zweiten wirklich ein. 
setzte Mutter ließ sofort den Arzt in die Einsamkeit ihres 
enthaltes kommen. Der schlug sich aber jetzt auf die 


Die ent- 
Landauf- 
andere 


Seite. „Was machen Sie für Geseres?“ herrschte er die 
Mutter an. „Ist es auf der einen Seite gut geworden, so wird es 
auch auf der anderen gut werden.“ Und so ward es auch. 

Und nun die Beziehung zu mir und den meinigen. Die Schul- 
bank, auf der der Sohn des Professors M. seine erste Weisheit er- 
lernt, ist durch Schenkung der Mutter in das Eigentum meines 


296 


VI. Die Traumarbeit 


Ältesten übergegangen, dem ich im Traume die Abschiedsworte in den 
Mund lege. Der eine der Wünsche, die sich an diese Übertragung 
knüpfen lassen, ist nun leicht zu erraten. Diese Schulbank soll aber 
auch durch ihre Konstruktion das Kind davor schützen, kurzsichtig 
und einseitig zu werden. Daher im Traume Myop (dahinter 
Kyklop) und die Erörterungen über Bilateral! Ult. Die Sorge 
um die Einseitigkeit ist eine mehrdeutige ; es kann neben der körper- 
lichen Einseitigkeit die der intellektuellen Entwicklung gemeint sein. 
Ja, scheint es nicht, daß die Traumszene in ihrer Tollheit gerade 
dieser Sorge widerspricht? Nachdem das Kind nach der einen 
Seite hin sein Abschiedswort gesprochen, ruft es nach d e r a n d e r e n 
hin das Gegenteil davon, Avie um das Gleichgewicht herzustellen. 
Es handelt gleichsam in Beachtung der bilateralen 
Symmetrie! 

So ist der Traum oft am tiefsinnigsten, avo er am tollsten er- 
scheint. Zu allen Zeiten pflegten die, Avelche etwas zu sagen hatten 
und es nicht gefahrlos sagen konnten, gern die Narrenkappe aufzu- 
setzen. Der Hörer, für den die untersagte Rede bestimmt AA r ar, duldete 
sie eher, wenn er dabei lachen und sich mit dem Urteil schmeicheln 
konnte, daß das Unliebsame offenbar etwas Närrisches sei. Ganz so 
Avie in Wirklichkeit der Traum, verfahrt im Schauspiel der Prinz, 
der sich zum Narren verstellen muß, und darum kann man auch vom 
Traume aussagen, was Hamlet, Avobei er die eigentlichen Bedingungen 
durch Avitzig-unverständliche ersetzt, A r on sich behauptet: „Ich bin nur 
toll bei Nord-Nord- West; weht der Wind aus Süden, so kann ich 
einen Reiher von einem Falken unterscheiden.“”) 

Ich habe also das Problem der Absurdität des Traumes dahin 
aufgelöst, daß die Traumgedanken niemals absurd sind — Aveuigstens 
nicht von den Träumen geistesgesunder Menschen — und daß die 
Traumarbeit absurde Träume und Träume mit einzelnen absurden 
Elementen produziert, wenn ihr in den Traumgedanken Kritik, Spott 
und Hohn zur Darstellung in ihrer Ausdrucksform vorliegt. Es liegt 
mir nun daran zu zeigen, daß die Traumarbeit überhaupt durch das 
Zusammenwirken der drei erAvähnten Momente — und eines vierten 
noch zu erwähnenden — erschöpft ist, daß sie sonst nichts leistet als 
eine Übersetzung der Traumgedanken unter Beachtung der vier ihr 
vorgeschriebenen Bedingungen, und daß die Frage, ob die Seele im 
Traume mit all ihren geistigen Fähigkeiten arbeitet oder nur mit 
einem Teile derselben, schief gestellt ist und an den tatsächlichen 
Verhältnissen abgleitet. Da es aber reichlich Träume gibt, in deren 

*) Dieser Traum gibt auch ein gutes Beispiel für den allgemein gültigen Satz, 
daß die Träume derselben Nacht, wenngleich in der Erinnerung gesondert, auf dem 
Boden des nämlichen Gedankenmaterials erwachsen sind. Die Traumsituation, daß ich 
meine Kinder aus der Stadt Rom flüchte, ist übrigens durch die Rückbeziehung auf 
eineu analogen, in meine Kindheit fallenden Vorgang entstellt. Der Sinn ist, daß 
ich Verwandte beueide, denen sich bereits vor vielen Jahren ein Anlaß geboten hat, 
ihre Kinder auf einen anderen Boden zu versetzen, 


Keine Urteilsleistung im Traume. 


297 


Inhalt geurteilt, kritisiert und anerkannt wird, in denen Verwunderung 
über ein einzelnes Element des Traumes auftritt, Erklärungsversuche 
gemacht und Argumentationen angestellt werden, muß ich die Ein- 
wendungen, die aus solchen Vorkommnissen sich ableiten, an aus- 
gewählten Beispielen erledigen. 

Meine Erwiderung lautet: Alles, was sich als scheinbare 
Betätigung der Urteilsfunktion in den Träumen vor- 
findet, ist nicht etwa als Denkleistung der 1 raumarbeit 
aufzufassen, sondern gehört dem Material der Traum- 
gedanken an und ist von dorther als fertiges Gebilde 
in den manifesten Trauminhalt gelangt. Ich kann meinen 
Satz zunächst noch überbieten. Auch von den Urteilen, die man 
nach dem Erwachen über den erinnerten Traum fällt, den Emp- 
findungen, die die Reproduktion dieses Traumes in uns hervorruft, 
gehört ein guter Teil dem latenten Trauminhalt an und ist in die 
Deutung des Traumes einzu fügen. 

I. Ein auffälliges Beispiel hiefür habe ich bereits angeführt. 
Eine Patientin will ihren Traum nicht erzählen, weil er zu unklar 
ist. Sie hat eine Person im Traume gesehen, und weiß nicht, ob es 
der Mann oder der Vater war. Dann folgt ein zweites Traum- 
stück, in dem ein „Misttriigerl“ vorkommt, an das folgende Erinne- 
rung sich anschließt. Als junge Hausfrau äußerte sie einmal scherz- 
haft vor einem jungen Verwandten, der im Hause verkehrte, daß ihre 
nächste Sorge die Anschaffung eines neuen Misttrügerls sein müsse. 
Sie bekam am nächsten Morgen ein solches zugeschickt, das aber mit 
Maiglöckchen gefüllt war. Dieses Stück Traum dient der Darstellung 
der Redensart „Nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen“. Wenn 
man die Analyse vervollständigt, erfährt man, daß es sich in den 
Traumgedanken um die Nachwirkung einer in der Jugend gehörten 
Geschichte handelt, daß ein Mädchen ein Kind bekommen, von dem 
es unklar war, wer eigentlich der Vater sei. Die Traum- 
darstellung greift also hier ins Wachdenken über und läßt eines der 
Elemente der Traumgedanken durch ein im Wachen gefälltes Urteil 
über den ganzen Traum vertreten sein. 

II. Ein ähnlicher F'all : Einer meiner Patienten hat einen Traum, 
der ihm interessant vorkommt, denn er sagt sich unmittelbar nach 
dem Erwachen: Das muß ich dem Doktor erzählen. Der 
Traum wird analysiert und ergibt die deutlichsten Anspielungen auf 
ein Verhältnis, das er während der Behandlung begonnen, und von 
dem er sich vorgenommen hatte, mir nichts zu erzählen.*) 

III. Ein drittes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung : 

*) Die noch im Traume enthaltende Mahnung oder der Vorsatz: Das muß ich 
dem Doktor erzählen, bei Träumen während der psychoaualytischcn Behandlung ent- 
spricht regelmäßig einem großen Widerstand gegen die Beichte des Traume» und 
wird nicht selten vom Vergessen des Traumes gefolgt. 


298 


VI. Dio T rauimirbuit. 


Ich gehe mit P. durch eine Gegend, in der Häuser 
und Gürten Vorkommen, ins Spital. Dabei die Idee, daß 
ich diese Gegend schon mehrmals iin Traume gesehen 
habe. Ich kenne mich nicht sehr gut a u s 5 er zeigt mir 
einen Weg, der durch eine Ecke in eine Restauration 
führt (Saal, nicht Garten); dort frage ich nach Frau 
Doni und höre, sie wohnt im Hintergründe in einer 
kleinen Kammer mit drei Kindern. Ich gehe hin und 
treffe schon vorher eine undeutliche Person mit meinen 
zwei kleinen Mädchen, die ich dann mit mir nehme, 
nachdem ich eine W eile mit ihnen gestanden bin. Eine 
Art Vorwurf gegen meine Frau, daß sie sie dort ge- 
lassen hat. 

Beim Erwachen fühle ich dann große Befriedigung, die ich 
damit motiviere, daß ich jetzt aus der Analyse erfahren werde, was 
es bedeutet: Ich habe schon davon geträumt.*) Die Analyse 
lehrt mich aber nichts darüber; sie zeigt mir nur, daß die Befriedi- 
gung zum latenten Trauminhalt und nicht zu einem Urteile über den 
Traum gehört. Es ist die Befriedigung darüber, daß ich in 
meiner Ehe Kinder bekommen habe. P. ist eine Person, mit 
der ich ein Stück weit im Leben den gleichen Weg gegangen bin, 
die mich dann sozial und materiell weit überholt hat, die aber in ihrer 
Ehe kinderlos geblieben ist. Die beiden Anlässe des Traumes können 
den Beweis durch eine vollständige Analyse ersetzen. Tags zuvor las 
ich in der Zeitung die Todesanzeige einer Frau D 0 n a A . . y (woraus 
ich Doni mache), die im Kindbett gestorben; ich hörte von meiner 
Frau, daß die Verstorbene von derselben Hebamme gepflegt worden 
sei wie sie selbst bei unseren beiden Jüngsten. Der Name Dona war 
mir aufgefallen, denn ich hatte ihn kurz vorher in einem englischen 
Roman zum erstenmal gefunden. Der andere Anlaß des Traumes 
ergibt sich aus dem Datum desselben ; es war die Nacht vor dem Ge- 
burtstage meines ältesten, wie es scheint, dichterisch begabten Knaben. 

IV. Dieselbe Befriedigung verbleibt mir nach dem Erwachen aus 
dem absurden Traume, daß der Vater nach seinem Tode eine politische 
Rolle bei den Magyaren gespielt, und motiviert sich durch die Fort- 
dauer der Empfindung, die den letzten Satz des Traumes begleitete: 
„Ich erinnere mich daran, daß er auf dem Totenbette 
Garibaldi so ähnlich gesehen, und freue mich darüber, daß 
es doch wahr geworden ist . . . (Dazu eine vergessene 
Fortsetzung.) Aus der Analyse kann ich nun einsetzen, was in 
diese Traumlücke gehört. Es ist die Erwähnung meines zweiten 
Knaben, dem ich den Vornamen einer großen historischen Persönlich- 
keit gegeben habe, die mich in den Knabenjahren, besonders seit 
meinem Aufenthalt in England, mächtig angezogen. Ich hatte das 

*) Ein Thema, über welches sich eine weitläufige Diskussion iu den letzten 
Jahrgängen der Revue philosophique angesponnen hat (Paramnesie im Traume). 


299. 


Üborgroifen der Tr&uni&rboit ins Wucliuiu 

j a hr der Erwartung über den Vorsatz, gerade diesen Namen zu ver- 
wenden wenn es ein Sohn würde, und begrüßte mit ihm hoch be- 
friedigt schon den eben Geborenen. Es ist leicht zu merken, wie 
die unterdrückte Größensucht des Vaters sich in seinen Gedanken auf 
die Kinder überträgt; ja man wird gern glauben, daß dies einer der 
We^e ist auf denen die im Leben notwendig gewordene Unterdrückung 
derselben vor sich geht. Sein Anrecht, in den Zusammenhang dieses 
Traumes aufgenommen zu werden, erwarb der Kleine dadurch, daß 
ihm damals der nämliche — beim Kinde und beim Sterbenden leicht 
verzeihliche — Unfall widerfahren war, die Wäsche zu beschmutzen. 
Vergleiche hiezu die Anspielung „Stuhlrichter“ und den Wunsch 
des Traumes: Vor seinen Kindern groß und rein dazustehen. 

V. Wenn ich nun Urteilsäußerungen, die im Traume selbst ver- 
bleiben, sich nicht ins Wachen fortsetzen oder sich dahin verlegen, 
heraussuchen soll, so werde ich's als große Erleichterung empfinden, 
daß ich mich hiefür solcher Träume bedienen darf, die bereits in 
anderer Absicht mitgeteilt worden sind. Der Traum von Goethe, 
der Herrn M. angegriffen hat, scheint eine ganze Anzahl von Urteils- 
akten zu enthalten. Ich suche mir die zeitlichen Verhält- 
nisse, die mir unwahrscheinlich Vorkommen, ein wenig 
aufzuklären. Sieht das nicht einer kritischen Regung gegen den 
Unsinn gleich, daß Goethe einen jungen Mann meiner Bekanntschaft 
literarisch angegriffen haben soll? „Es kommt mir plausibel 
vor, daß er 18 Jahre alt war.“ Das klingt doch ganz wie das Er- 
gebnis einer allerdings schwachsinnigen Berechnung ; und „Ich weiß 
nicht sicher, welches Jahr wir schreiben“ wäre ein Beispiel 
von Unsicherheit oder Zweifel im Traume. 

Nun weiß ich aber aus der Analyse dieses Traumes, daß diese 
scheinbar erst im Traupie vollzogenen Urteilsakte in ihrem Wortlaute 
eine andere Auffassung zulassen, durch welche sie für die Traum- 
deutung unentbehrlich werden und gleichzeitig jede Absurdität ver- 
mieden wird. Mit dem Satze: „Ich suche mir die zeitlichen 
Verhältnisse ein wenig aufzuklären“, setze ich mich an die 
Stelle meines Freundes, der wirklich die zeitlichen Verhältnisse des 
Lebens aufzuklären sucht. Der Satz verliert hiemit die Bedeutung 
eines Urteiles, welches sich gegen den Unsinn der vorhergehenden 
Sätze sträubt. Die Einschaltung, „die mir unwahrscheinlich 
vork ommt“, gehört zusammen mit dem späteren „Es kommt mir 
plausibel vor“. Ungefähr mit den gleichen Worten habe ich der 
Dame, die mir die Krankengeschichte ihres Bruders erzählte, erwidert: 
Es kommt mir unwahrscheinlich vor, daß der Ausruf „Natur, 
Natur“, etwas mit Goethe zu tun hatte; es ist mir viel plau- 
sibler, daß er die Ihnen bekannte sexuelle Bedeutung gehabt hat.“ 
Es ist hier allerdings ein Urteil gefällt worden, aber nicht im Traume, 
sondern in der Realität, bei einer Veranlassung, die von den Traum- 
gedanken erinnert und verwertet wird. Der Trauminhalt eignet sich 


VI. Die Trimmarbeit. 


300 




dieses Urteil an wie irgond ein anderes Bruchstück der Traum- 
geclanken. 

Die Zahl 18, mit der das Urteil im Traume unsinuigerweise in 
ei jindung gesetzt ist, bewahrt noch die Spur des Zusammenhanges, 
aus dem das reale Urteil gerissen wurde. Endlich daß „ich nicht 
sicher bin, welches Jahr wir schreiben“, soll nichts anderes 
als meine Identifizierung mit dem Paralytiker durchsetzen, in dessen 
Examen sich dieser eine Anhaltspunkt wirklich ergeben hatte. 

Bei der Auflösung der scheinbaren Urteilsakte des Traumes kann 
man sich an die eingangs gegebene Regel für die Ausführung der 
Deutungsarbeit mahnen lassen, daß mau den im Traume hergestellten 
Zusammenhang der Traumbestandteile als einen unwesentlichen Schein 
beiseite lassen und jedes Traumelemeut für ' sich der Zurückführung 
unterziehen möge. Der Traum ist ein Konglomerat, das für die Zwecke 
der Untersuchung wieder zerbröckelt werden soll. Man wird aber 
anderseits aufmerksam gemacht, daß sich in den Träumen eine 
psychische Kraft äußert, welche diesen scheinbaren Zusammenhang 
herstellt, also das durch dio Traumarbeit gewonnene Material einer 
sekundären Bearbeitung unterzieht. Wir haben hier Äußerungen 
jener Macht vor uns, die wir als das vierte der bei der Traumbildung 
beteiligten Momente später würdigen werden. 

VI. Ich suche nach anderen Beispielen von Urteilsarbeit in den 
bei’eits mitgeteiltcn Träumen. In dem absurden Traume von der Zu- 
schrift des Gemeinderates frage ich: Bald darauf hast du ge- 
heiratet? Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren bin, was 
mir unmittelbar folgend vor kommt. Das kleidet sich ganz 
in die Form einer Schlußfolge. Der Vater hat bald nach dem 
Anfall im Jahre 1851 geheiratet; ich bin ja der Älteste, 1856 ge- 
boren; also das stimmt. Wir wissen, daß dieser Schluß durch die 
Wunscherfüllung verfälscht ist, daß der in den Traumgedanken 
herrschende Satz lautet: 4 oder 5 Jahre, das ist kein Zeit- 
raum, das ist nicht zu rechnen. Aber jedes Stück dieser 
Schlußfolge ist nach Inhalt wie nach Form aus den Traumgedanken 
anders zu determinieren: Es ist der Patient, über dessen Geduld der 
Kollege sich beschwert, der unmittelbar nach Beendigung der Kur zu 
heiraten gedenkt. Die Art, wie ich mit dem Vater im Traume ver- 
kehre, erinnert an ein Verhör oder ein Examen, und damit an 
einen Universitätslehrer, der in der Iuskriptionsstuude ein vollstän- 
diges Nationale aufzunehmen pflegte. Geboren, wann? 1856. — Patre? 
Darauf sagte man den Vornamen des Vaters mit lateinischer Endung, 
und wir Studenten nahmen an, der Hofrat ziehe aus dem Vornamen 
des Vaters Schlüsse, die ihm der Vorname des Inskribierten nicht 
jedesmal gestattet hätte. Somit wäre das Schluß ziehen des Traumes 
nur die Wiederholung des Schlußziehens, das als ein Stück Material 
in den Traumgedanken auftritt. Wir erfahren hieraus etwas Neues. 
Wenn im Trauminhalt ein Schluß vorkommt, so kommt er ja sieher- 




Die scheinbaren Urteilsaußor ungen des Traumes. 


301 


lieh ans den Traumgedanken; in diesen mag er aber enthalten sein 
als ein Stück des erinnerten Materials oder er kann als logisches Band 
eine Reihe von Tranmgedanken miteinander verknüpfen In jedem 
Falle stellt der Schluß im Traume einen Schluß aus den Traum- 
gedankon dar.*) 

Die Analyse dieses Traumes wäre hier fortzusetzen. An das 
Verhör des Professors reiht sich die Erinnerung an den (zu meiner 
Zeit lateinisch abgefaßten) Index der Universitätsstudenten. I erner an 
meinen Studieugang. Die fünf Jahre, die für das medizinische 
Studium vorgesehen sind, waren wiederum zu wenig für mich. Ich 
arbeitete unbekümmert in weitere Jahre hinein, und im Kreise meiner 
Bekannten hielt man mich für verbummelt, zweifelte man, daß ich 
„fertig“ werden würde. Da entschloß ich mich schnell, meine 
Prüfungen zu machen, und wurde doch fertig ; trotzdesAufs ch u b s. 
Eine neue Verstärkung der Traumgedanken, die ich meinen Kritikern 
trotzig entgegenhalte. „Und wenn Ihr es auch nicht glauben wollt, 
weil ich mir Zeit lasse ; ich werde doch fertig, ich komme doch zum 
Schluß. Es ist schon oft so gegangen.“ 

Derselbe Traum enthält in seinem Anfangsstück einige Sätze, 
denen man den Charakter einer Argumentation nicht gut absprechen 
kann. Und diese Argumentation ist nicht einmal absurd, sie könnte 
ebensowohl dem wachen Denken angehören. Ich mache mich im 
Traume über die Zuschrift des Gemeinderates lustig, 
denn erstens war ich 1851 noch nicht auf der Welt, 
zweitens ist mein Vater, auf den es sich beziehen kann, 
schon tot. Beides ist nicht nur an sich richtig, sondern deckt sich 
auch völlig mit den wirklichen Argumenten, die ich -im Falle einer 
derartigen Zuschrift in Anwendung bringen würde. Wir wissen aus 
der früheren Analyse (Seite 290), daß dieser Traum auf dem Boden 
von tief erbitterten und hohngetränkten Traumgedauken erwachsen ist ; 
wenn wir außerdem noch die Motive zur Zensur als recht starke an- 
nehmen dürfen, so werden wir verstehen, daß die Traumarbeit eine 
tadellose Widerlegung einer unsinnigen Zumutung nach 
dem in den Traumgedanken enthaltenen Vorbild zu schaffen allen 
Anlaß hat. Die Analyse zeigt uns aber, daß der Traumarbeit hier 
doch keine freie Nachschöpfung auferlegt worden ist, sondern daß 
Material aus den Traumgedanken dazu verwendet werden mußte. Es 
ist, als kämen in einer algebraischen Gleichung außer den Zahlen ein 
-}- und — , ein Potenz- und ein Wurzelzeichen vor, und jemand, der 
diese Gleichung abschreibt, ohne sie zu verstehen, nähme die Ope- 
rationszeichen wie die Zahlen in seine Abschrift hinüber, würfe aber 
dann beiderlei durcheinander. Die beiden Argumente lassen sich auf 

*) Diese Ergebnisse korrigieren in einigen Punkten meine frühere^ Angaben 
über die Darstellung der logischen Relationen (Seite 247). Letztere beschreiben das 
allgemeine Verhalten der Traumarbeit, berücksichtigen aber nicht die feinsten und 
sorgfältigsten Leistungen derselben. 




302 VI Dio Traunmrboit. 

folgendes Material zurückführen. Es ist mir peinlich, zu denken, dali 
manche der Voraussetzungen, die ich meiner psychologischen Auf- 
lösung der Psychoneurosen zu Grunde lege, wenn sie erst bekannt 
geworden sind, Unglauben und Gelachter hervorrufen werden. So muß 
ich behaupten, daß bereits Eindrücke aus dem zweiten Lebensjahre, 
mitunter auch schon aus dem ersten, eine bleibende Spur im Gemüts- 
leben der später Kranken zurücklassen und — obwohl von der Er- 
innerung vielfach verzeirt und übertrieben — die erste und unterste 
Begründung für ein hysterisches Symptom abgeben können. Patienten, 
denen ich dies an passender Stelle auseinandersetze, pflegen die neu- 
gewonnene Aufklärung zu parodieren, indem sie sich bereit erklären, 
nach Erinnerungen aus der Zeit zu suchen, da sie noch nicht 
am Leben waren. Eine ähnliche Aufnahme dürfte nach meiner 
Erwartung die Aufdeckung der ungeahnten Rolle finden, welche bei 
weiblichen Kranken der Vater in den frühesten sexuellen Regungen 
spielt. (Vgl. die Auseinandersetzung Seite 186.) Und doch ist nach 
meiner gut begründeten Überzeugung beides wahr. Ich denke zur 
Bekräftigung an einzelne Beispiele, bei denen der Tod des Vaters in 
ein sehr früheres Alter des Kindes fiel, und spätere sonst unerklärbare 
Vorfälle bewiesen, daß das Kind doch Erinnerungen an die ihm so 
früh entschwundene Person unbewußt bewahrt hatte. Ich weiß, daß 
meine beiden Behauptungen auf Schlüssen beruhen, .deren Gültigkeit 
man anfechten wird. Es ist also eine Leistung der Wunscherfüllung, 
wenn gerade das Material dieser Schlüsse, deren Beanstandung 
ich fürchte, von der Traumarbeit zur Herstellung einwandfreier 
Schlüsse verwendet wird. 

VII. In einem Traume, den ich bisher nur gestreift habe, wird 
eingangs die Verwunderung über das auftauchende Thema deutlich 
ausgesprochen. 

Der alte Brücke muß mir irgend eine Aufgabe ge- 
stellt haben; sonderbar genug bezieht sie sich auf Prä- 
paration meines eigenen Untergestells, Becken und 
Beine, das ich vor mir sehe wie imSeziersaal, doch ohne 
den Mangel am Körper zu spüren, auch ohne Spur von 
Grauen. Louise N. steht dabei und macht die Arbeit bei 
mir. Das Becken ist ausge weidet, man sieht bald die 
obere, bald die untere Ansicht desselben, was sich ver- 
mengt. Dicke, fl eischrote Knollen (bei denen ich noch 
im Traume a n II ä m o r r h o i d e n denke) sind zu sehen. Auch 
mußte etwas sorgfältig ausgeklaubt werden, was darüber 
lag und zerknülltem Silberpapier glich.*) Dann war ich 
wieder im Besitze meiner Beine und machte einen Weg 
durch die S t a d t, n a h m a b e r (a u s M ü d i g k e i t) e i n e n W a gen. 
Der Wagen fuhr zu meinem Erstaunen in ein Haustor 


*) Stanniol, Anspielung auf Stannius, Nervensystem der Fische, vgl. S 275. 


Verwunderung im Traume. 


303 


hinein das sich öffnete und ihn durch einen Gang p a s- 
sieren’ließ, der am Ende abgeknickt, schließlich weiter 
ins Freie führte.*) Schließlich wanderte ich mit einem 
alpinen Führer, der meine Sachen trug, durch wech- 
selnde Landschaften. Auf einer Strecke trug er mich 
mit Rücksicht auf meine müden Beine. Der Boden war 
sumpfig; wir gingen am Rande hin; Leute saßen a m 
Boden/ein Mädchen unter ihnen, wie Indianer oder 
Zigeuner. Vorher hatte ich auf dem schl üpfrigen Boden 
mich selbst weiter bewegt unter steter Verwunderung, 
daß ich es nach der Präparation so gut kann. Endlich 
kamen wir zu einem kleinen Holzhaus, das in ein offenes 
Fenster ausging. Dort setzte mich der Führer ab und 
legte zwei bereit stehende Holzbretter auf dasFenster- 
brett, um so den Abgrund zu überbrücken, der vom 
Fenster aus zu überschreiten war. Ich bekam jetzt wirk- 
lich Angst für meine Beine. Anstatt des erwarteten Über- 
ganges sah ich aber zwei erwachsene Männer auf Holz- 
bänken liegen, die an den Wänden der Hütte waren, und 
wie zwei Kinder schlafend neben ihnen. Als ob nicht 
die Bretter, sondern die Kinder den Übergang ermög- 
lichen sollten. Ich erwache mit Gedankenschreck. 

Wer sich nur einmal einen ordentlichen Eindruck von der Aus- 
giebigkeit der Traumverdichtung geholt hat, der wird sich leicht vor- 
stellen können, welche Anzahl von Blättern die ausführliche Analyse 
dieses Traumes einnehmen muß. Zum Glück für den Zusammenhang 
entlehne ich dem Traume aber bloß das eine Beispiel für die Ver- 
wunderung im Traume, die sich in der Einschaltung „sonderbar 
genug“ kundgibt. Ich gehe auf den Anlaß des Traumes ein. Es ist 
ein Besuch jener Dame Louise N., die auch im Traume der Arbeit 
assistiert. „Leih' mir etwas zum Lesen.“ Ich biete ihr „She“ von 
Rider Haggard an. Ein „sonderbares Buch, aber voll von 
verstecktem Sinne“, will ich ihr auseinandersetzen; „das ewig Weib- 
liche, die Unsterblichkeit unserer Affekte — ; — “. Da unterbricht sie 
mich: Das kenne ich schon. Hast du nichts eigenes? — „Nein, meine 
eigenen unsterblichen Werke sind noch nicht geschrieben.“ — Also 
warm erscheinen denn deine sogenannten letzten Aufklärungen, die, 
wie du versprichst, auch für uns lesbar sein werden? fragt sie etwas 
anzüglich. Ich merke jetzt, daß mich ein anderer durch ihren Mund 
mahnen läßt, und verstumme. Ich denke an die Überwindung, die es 
mich kostet, auch nur die Arbeit über den Traum, in der ich soviel 
vom eigenen intimen Wesen preisgeben muß, in die Öffentlichkeit zu 
schicken. „Das beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben 
doch nicht sagen/ 4 Die Präparation am eigenen Leib, die mir im 

*) Die Örtlichkeit im Flure meines Wohnhauses, wo 
Parteien stehen; sonst aber mehrfach überbestimmt, 


die Kinderwagen der 


304 


VI. Uio Traunjarboit. 


Traume aufgetragen wird, ist also die mit der Mitteilung der Träume 
verbundene S c 1 b s t a n a 1 y s e. Der alte Brücke kom mt mit Recht 
hiezu; schon in diesen ersten Jahren wissenschaftlicher Arbeit traf es 
sich, daß ich einen Fund liegen ließ, bis sein energischer Auftrag mich 
zur Veröffentlichung zwang. Die weiteren Gedanken aber, die sich an 
die Unterredung mit Louise N. anspinnen, greifen zu tief, um bewußt 
zu werden; sie erfahren eine Ablenkung über das Material, das in mir 
nebstbei durch die Erwähnung der „She“ von Rider Haggar d 
geweckt worden ist. Auf dieses Buch und auf ein zweites desselben 
Autors, „Heart of the world u , geht das Urteil „sonderbar genug“, 
und zahlreiche Elemente des Traumes sind den beiden phantastischen 
Romanen entnommen. Der sumpfige Boden, über den man getragen 
wird, der Abgrund, der mittels der mitgebrachten Bretter zu über- 
schreiten ist, stammen aus der „She“ ; die Indianer, das Mädchen, das 
Holzhaus aus „Heart of the world“. In beiden Romanen ist eine Frau 
die Führerin, in beiden handelt es sich um gefährliche Wanderungen, 
in She um einen abenteuerlichen W eg ins Unentdeckte, kaum je 
Betretene. Die müden Beine sind nach einer Notiz, die ich bei dem 
Traume finde, reale Sensation jener Tage gewesen. Wahrscheinlich 
entsprach ihnen eine müde Stimmung und die zweifelnde Frage : Wie 
weit werden mich meine Beine noch tragen? In der „She“ endet das 
Abenteuer damit, daß die Führerin, anstatt sich und den anderen die Un- 
sterblichkeit zu holen, im geheimnisvollen Zentralfeuer den Tod findet. 
Eine solche Angst hat sich unverkennbar in den Traumgedanken 
geregt. Das „Holzhaus“ ist sicherlich auch der Sarg, also das 
Grab. Aber in der Darstellung dieses unerwünschtesten aller Gedanken 
durch eine Wunscherfüllung hat die Traumarbeit ihr Meisterstück 
geleistet. Ich war nämlich schon einmal in einem Grabe, aber es war 
ein ausgeräumtes Etruskergrab bei Orvieto, eine schmale Kammer 
mit zwei Steinbänken an den Wänden, auf denen die Skelette ron 
zwei Erwachsenen gelagert waren. Genau so sieht das Innere des 
Holzhauses im Traume aus, nur ist Stein durch Holz ersetzt. Der 
Traum scheint zu sagen: „Wenn du schon im Grabe weilen sollst, 

so sei es das Etruskergrab“, und mit dieser Unterschiebung ver- 
wandelt er die traui'igste Erwartung in eine recht erwünschte. Leider 
kann er, wie wir hören werden, nur die den Affekt begleitende Vor- 
stellung in ihr Gegenteil verkehren, nicht immer auch den Affekt 
selbst. So wache ich denn mit „Gedankcnschreck“ auf, nachdem sich 
noch die Idee Darstellung erzwungen, daß vielleicht die Kinder er- 
reichen werden, was dem Vater versagt geblieben, eine neuerliche An- 
spielung an den sonderbaren Roman, in dem die Identität einer Person 
durch eine Generationsreihe von 2000 Jahren festgehalten wird. 

VIII. In dem Zusammenhang eines anderen Traumes findet sich 
gleichfalls ein Ausdruck der Verwunderung über das im Traume Er- 
lebte, aber verknüpft mit einem so auffälligen, weit hergeholten und 
beinahe geistreichen Erklärungsversuche, daß ich bloß seinetwegen den 


Ein Erklärungsversuch im Traume. 


305 


o-anzen Traum der Analyse unterwerfen müßte, auch wenn der 1 raum 
nicht noch zwei andere Anziehungspunkte für unser Interesse besäße. 
Ich reise in der Nacht vom 18. auf den 19. Juli auf der Sudbahn- 
strecke und höre im Schlafe: „Hollthurn, 10 Minuten aus- 
rufen. Ich denke sofort an Holothurien — ein natur- 
historisches Museum — , daß hier ein Ort ist, wo sic i 
tapfere Männer erfolglos gegen die Übermacht ihres 

Land esli errn gewehrt h aben. — Ja, die Gegenreformation 

in Österreich! - Als ob es ein Ort in Steiermark oder 
Tirol wäre. Nun sehe ich undeutlich ein kleines Museum, 
in dem die Reste oder Erwerbungen dieser Männer aul- 
bewahrt werden. Ich möchte aussteigen, verzögere es 
aber. Es stehen Weiber mit Obst auf dem Perron sie 
kauern auf dem Boden und halten die Körbe so einladend 
hin. — Ich habe gezögert aus Zweifel, ob wir noch Zeit 
haben, und jetzt stehen wir noch immer. — Ich bin plötz- 
lich in einem anderen Coup 6, in dem Leder und Sitze 
so schmal sind, daß man mit dem Rücken direkt an die 
Lehne stößt.* **) ) Ich wundere mich darüber, aber ich kann 
ja im schlafenden Zustand umgestiegen sein. Mehrere Leute, 
darunter ein englisches Geschwisterpaar; eine Reihe 
Bücherdeutlichaufeinem Gestell ander Wand. Ich sehe 
„Wealth of nations“, „Matter and Motion“ (von Maxwell), 
dick und in braune Leinwand gebunden. Der Mann fragt 
die Schwester nach einem Buche von Schiller, ob sie das 
vergessen hat. Es sind die Bücher bald wie die meinen, 
bald die der Beiden. Ich möchte mich da bestätigend 
oder unterstützend ins Gespräch mengen . Ich 

wache, am ganzen Körper schwitzend, auf, weil alle Fenster geschlossen 
sind. Der Zug hält in Marburg. 

Während der Niederschrift fällt mir ein Traumstück ein, das 
die Erinnerung übergehen wollte. Ich sage dem Geschwister- 
paare auf ein gewisses Werk: It is from . . ., korrigiere 
mich aber: 1 1 i s by ... Der Mann bemerkt zur Schwester: 
Er hat es ja richtig gesagt. 

Der Traum beginnt mit dem Namen der Station, der mich wohl 
unvollkommen geweckt haben muß. Ich ersetze diesen Namen, der 
Marburg lautete, durch Hollthurn. Daß ich Marburg beim ersten 
oder vielleicht bei einem späteren Ausrufen gehört habe, beweist die 
Erwähnung Schillers im Traume, der ja in Marburg, wenngleich 
nicht im steirischen, geboren ist.*'*) Nun reiste ich diesmal, obwohl 


*) Dieso Beschreibung ist für mich selbst nicht verständlich, aber ich folge 
dem Grundsätze, den Traum in jenen Worten wiederzugeben, die mir beim Nieder- 
schreiben einfallen. Die Wortfassung ist selbst ein Stück der Traumdai Stellung. 

**) [Schiller ist nicht in einem Marburg, sondern in Marbach geboren, 
wie jeder deutsche Gymnasiast weiß, und wie auch ich wußte. Es ist dies wieder 

Freud, Traumdeutung. 3. Aufl. 20 


306 


VI. Dio Traumarbeit. 




erster Klasse, unter solir unangenehmen Verhältnissen. Der Zug war 
UberlUllt, in dem Coup6 liatto icli einen Herrn und eine Dame an- 
getroffen, die sehr vornohm schienen und nicht die Lebensart besaßen 
oder es nicht der Mühe wert hielten, ihr Mißvergnügen über den 
Eindringling irgendwie zu verbergen. Mein höflicher Gruß wurde 
nicht erwidert; obwohl Mann nnd Frau nebeneinander saßen (gegen 
die Fahrtrichtung), beeilte sich die Frau doch, den Platz ihr gegenüber 
am Fenster vor meinen Augen mit einem Schirme zu belegen; die 
Tür wurde sofort geschlossen, demonstrative Reden über das Öffnen 
der Fenster gewechselt. Wahrscheinlich sah man mir den Lufthunger 
bald an. Es war eine heiße Nacht und die Luft im allseitig abge- 
schlossenen Coupö bald zum Ersticken. Nach meinen Reisoerfahruugen 
kennzeichnet ein so rücksichtslos übergreifendes Benehmen Leute, die 
ihre Karte nicht oder nnr halb bezahlt haben. Als der Kondukteur 
kam nnd ich mein teuer erkauftes Bildet vorzeigte, tönte es aus dem 
Munde der Dame unnahbar nnd wie drohend : Mein Mann hat Legi- 
timation. Sie war eine stattliche Erscheinung mit mißvergnügten 
Zügen, im Alter nicht weit von der Zeit des Verfalls weiblicher 
Schönheit ; der Mann kam überhaupt nicht zn Worte, er saß regungslos 
da. Ich versuchte zn schlafen. Im Traume nehme ich fürchterliche 
Rache an meinen unliebenswüi’digen Reisegefährten ; man würde nicht 
ahnen, welche Beschimpfungen und Demütigungen sich hinter den 
abgerissenen Brocken der ersten Traumhälfte verbergen. Nachdem dies 
Bedürfnis befriedigt war, machte sich der zweite Wunsch geltend, das 
Coupe zu wechseln. Der Traum wechselt so oft die Szene, nnd ohne 
daß der mindeste Anstoß an der Veränderung genommen wird, daß 
es nicht im geringsten auffällig gewesen wäre, wenn ich mir alsbald 
meine Reisegesellschaft durch eine angenehmere aus meiner Erinnerung 
ersetzt hätte. Hier aber tritt der Fall ein, daß irgend etwas den 
Wechsel der Szene beanständete und es für notwendig hielt, ihn zu 
erklären. Wie kam ich plötzlich in ein anderes Coup6? Ich konnte 
mich doch nicht erinnern umgestiegen zu sein. Da gab es nur eine 
Erklärung: ich mußte im schlafenden Zustand den Wagen 
verlassen haben, ein seltenes Vorkommnis, wofür aber doch die 
Erfahrung des Neuro pathologen Beispiele liefert. Wir wissen von 
Personen, die Eisenbahnfahrten in einem Dämmerzustand unternehmen, 
ohne durch irgend ein Anzeichen ihren abnormen Zustand zu 
verraten, bis sie an irgend einer Station der Reise voll zu sich kommen 
und dann die Lücke in ihrer Erinnerung bestaunen. Für einen 
solchen Fall von „Automatisme ambulatoire“ erkläre ich also 
noch im Traume den meinigen. 

Die Analyse gestattet eine andere Auflösung zu geben. Der Er- 
klärungsversuch, der mich so frappiert, wenn ich ihn der Traum- 
einer jener Irrtümor (vgl. Seite 143), die sich als Ersatz für eine absichtliche Ver- 
fälschung an anderer Stelle einschleichen, und deren Aufklärung ich in der „Psycho- 
pathologie des Alltagslebens“ versucht habe] 


Ein Erklärungsversuch im Traume. 


30? 


\vur< 

von 




arbeit zusehreiben müßte, ist nieht originell, sondern aus der Neurose 
eines meiner Patienten kopiert. Ich erzählte bereits an anderer Stelle 
von einem hochgebildeten und im Leben weichherzigen Manne, der 
kurz naeh dem Tode seiner Eltern begann, sich mörderischer Nei- 
o-unven anzuklagen, und nun unter den Vorsichtsmaßregeln litt, die 
er z*ur Sicherung gegen dieselben treffen mußte. Es war ein lall von 
sehweren Zwangsvorstellungen bei voll erhaltener Einsieht. Zuerst 
rde ihm das Passieren der Straße durch den Zwang verleidet, sich 
ruu allen Begegnenden Reehensehaft abzulegen, wohin sie versehwun- 
den seien; entzog sich einer plötzlich seinem verfolgenden Blicke, so 
blieb ihm die peinliehe Empfindung und die Möglichkeit in Gedanken, 
er könnte ihn beseitigt haben. Es war unter anderem eine Kains- 
phantasie dahinter, denn „alle Mensehen sind Brüder“. Wegen der 
Unmöglichkeit, diese Aufgabe zu erledigen, gab er das Spazierengehen 
auf und verbrachte sein Leben eingekerkert zwischen seinen vier 
Wänden. In sein Zimmer gelangten aber durch die Zeitung beständig 
Nachriehten von Mordtaten, die draußen geschehen waren, und sein 
Gewissen wollte ihm in der Form des Zweifels nahe legen, daß er 
der gesuchte Mörder sei. Die G ewißheit, daß er ja seit Wochen seine 
Wohnung nieht verlassen habe, schützte ihn eine Weile gegen diese 
Anklagen, bis ihm eines Tages die Möglichkeit durch den Sinn fuhr, 
daß er sein Haus im bewußtlosen Zustand verlassen und 
so den Mord begangen haben könne, ohne etwas davon zu wissen. 
V on da an schloß er die Haustür ab, übergab den Schlüssel der alten 
Haushälterin und verbot ihr eindringlich, denselben auch nieht auf 
sein Verlangen in seine Hände gelangen zu lassen. 

Daher stammt also der Erklärungsversuch, daß ich im bewußt- 
losen Zustand umgestiegen bin — , er ist aus dem Material der Traum- 
gedanken fertig in den Traum eingetragen worden und soll im Traume 
offenbar dazu dienen, mieh mit der Person jenes Patienten zu identi- 
fizieren. Die Erinnerung an ihn wurde in mir dureli naheliegende 
Assoziation geweckt. Mit diesem Manne hatte ieh einige Wochen vor- 
her die letzte Naehtreise gemaeht. Er war geheilt, begleitete mich in 
die Provinz zu seinen Verwandten, die mich beriefen; wir hatten ein 
Coup6 für uns, ließen alle Fenster die Nacht hindurch offen und hat- 
ten uns, so lange ich waeh blieb, vortrefflich unterhalten. Ich wußte, 
daß feindselige Impulse gegen seinen Vater aus seiner Kindheit in 
sexuellem Zusammenhänge die Wurzel seiner Erkrankung gewesen 
waren. Indem ich mieh also mit ihm identifizierte, wollte ieh mir 
etwas Analoges eingestehen. Die zweite Szene des Traumes löst sieh 
auch wirklich in eine übermütige Phantasie auf, daß meine beiden 
ältliehen Reisegefährten sieh darum so abweisend gegen mich benehmen, 
weil ich sie durch mein Kommen an dem beabsichtigten näeht- 
lichen Austauseh von Zärtlichkeiten gehindert habe. Diese Phantasie 
aber geht auf eine frühe Kinderszene zurüek, in der das Kind, wahr- 
scheinlich von sexueller Neugierde getrieben, in das Schlafzimmer der 

20 * 




308 


VI. Die Traumarbeit. 




Eltern eindringt und durch das Machtwort des Vaters daraus ver- 
trieben wird. 

Ich halte es flir überflüssig, weitere Beispiele zu häufen. Sie 
würden alle nur bestätigen, was wir aus den bereits angeführten ent- 
nommen haben, daß ein Urteilsakt im Traume nur die Wiederholung 
eines Vorbildes aus dem Traumgedanken ist. Zumeist eine übel an- 
gebrachte, iu unpassendem Zusammenhänge eingefügte Wiederholung, 
gelegentlich aber, wie in unseren letzten Beispielen, eine so geschickt 
verwendete, daß man zunächst den Eindruck einer selbständigen Denk- 
tätigkeit im Traume empfangen kann. Von hier aus könnten wir 
unser Interesse jener psychischen Tätigkeit zuweuden, die zwar nicht 
regelmäßig bei der Traumbildung mitzuwirken scheint, die aber, wo 
sie es tut, bemüht ist, die nach ihrer Herkunft disparaten Traumele- 
mente widerspruchsfrei und sinnvoll zu verschmelzen. Wir empfinden 
es aber vorher noch als dringlich, uns mit den Affektäußerungen zu 
beschäftigen, die im Traume auftreten, und dieselben mit den Affekten 
zu vergleichen, welche die Analyse in den Traumgedanken aufdeckt. 

(j) Die Affekte im Traume. 

Eine scharfsinnige Bemerkung von Stricker 77 ) hat uns auf- 
merksam gemacht, daß die Affektäußerungen des Traumes nicht die 
geringschätzige Art der Erledigung gestatten, mit der wir erwacht den 
Trauminhalt abzuschütteln pflegen. „Wenn ich mich im Traume vor 
Räubern fürchte, so sind die Räuber zwar imaginär, aber die Furcht 
ist real,“ und ebenso geht es, wenn ich mich im Traume freue. Nach 
dem Zeugnisse unserer Empfindung ist der im Traume erlebte Affekt 
keineswegs minderwertig gegen den im Wachen erlebten von gleicher 
Intensität, und energischer als mit seinem Vorstellungsinhalte, erhebt 
der Traum mit seinem Affektinhalt den Anspruch, unter die wirkli- 
chen Erlebnisse unserer Seele aufgenommen zu werden. Wir bringen 
diese Einreihung nun im Wachen nicht zu stände, Aveil Avir einen 
Affekt nicht anders psychisch zu Avürdigen verstehen als in der Ver- 
knüpfung mit einem Vorstellungsinhalt. Passen Affekt und Vorstellung 
der Art und der Intensität nach nicht zueinander, so Avird unser 
A\ r aches Urteil irre. 

An den Träumen hat immer Verwunderung erregt, daß Vor- 
stellungsinhalte nicht die AffektAvirkung mit sich bringen, die wir als 
notA\ r endig im Avachen Denken erwarten Avtirden. S t r ü m p e 1 1 äußerte, 
im Traume seien die Vorstellungen von ihren psychischen Werten 
entblößt. Es fehlt im Traume aber auch nicht am gegenteiligen Vor- 
kommen, daß intensive Affektäußerung bei einem Inhalt auftritt, der 
zur Entbindung von Affekt keinen Anlaß zu bieten scheint. Ich bin 
im Traume in einer gräßlichen, gefalnwollen, ekelhaften Situation, ver- 
spüre aber dabei nichts von Furcht oder Abscheu ; hingegen entsetze 
ich mich andere Male über harmlose, und freue mich über kindische 
Dinge. 


Die Affekte im Traume. 


30 ( J 

Dieses Rätsel des Traumes verschwindet uns so plötzlich und so 
vollständig wie vielleicht kein anderes dor Traumrätsel, wenn wir vom 
manifesten Trauminhalt zum latenten übergehen. Wir werden mit 
seiner Erklärung nichts zu schaffen haben, denn es besteht nicht mehr. 
Die Analyse lehrt uns, daß die Vorstellungsinhalte Ver- 
schiebungen und Ersetzungen erfahren haben, während 

dio Affekte unverrüclct geblieben sind. Kein Wunder, daß 
der durch dio Traumentstellung veränderte Vorstellungsinhalt zum 
erhalten gebliebenen Affekt dann nicht mehr paßt; aber auch keine 
Verwunderung mehr, wenn die Analyse den richtigen Inhalt an seine 
frühere Stelle eingesetzt hat. 

An einem psychischen Komplex, welcher die Beeinflussung der 
Widerstandszensur erfahren hat, sind die Affekte der resistente Anteil, 
der uns allein den Fingerzeig zur richtigen Ergänzung geben kann. 
Deutlicher noch als beim Traume enthüllt sich dies Verhältnis bei den 
Psychoneurosen. Der Affekt hat hier immer Recht, wenigstens seiner 
Qualität nach ; seine Intensität ist ja durch Verschiebungen der neuro- 
tischen Aufmerksamkeit zu steigern. Wenn der Hysteriker sich wun- 
dert, daß er sich vor einer Kleinigkeit so sehr fürchten muß, oder 
der Mann mit Zwangsvorstellungen, daß ihm aus einer Nichtigkeit ein 
so peinlicher Vorwurf erwächst, so gehen beide irre, indem sie den 
Vorstellungsinhalt — die Kleinigkeit oder die Nichtigkeit — für das 
Wesentliche nehmen, und sie wehren sich erfolglos, indem sie diesen 
Vorstellungsinhalt zum Ausgangspunkte ihrer Denkarbeit machen. Die 
Psychoanalyse zeigt ihnen dann den richtigen Weg, indem sie im Ge- 
genteil den Affekt als berechtigt anerkennt, und die zu ihm gehörige, 
durch eine Ersetzung verdrängte Vorstellung aufsucht. Voraussetzung 
ist dabei, daß Affektentbindung und Vorstellungsinhalt nicht diejenige 
unauflösbare organische Einheit bilden, als welche wir sie zu behan- 
deln gewöhnt sind, sondern daß beide Stücke aneinander gelötet sein 
können, so daß sie durch Analyse voneinander lösbar sind. Die Traum- 
deutung zeigt, daß dies in der Tat der Fall ist. 

Ich bringe zuerst ein Beispiel, in dem die Analyse das schein- 
bare Ausbleiben des Affekts bei einem Vorstellungsinhalt aufklärt, 
der Affektentbindung erzwingen sollte. 

I. Sie sieht in einer Wüste drei Löwen, von denen 
einer lacht, fürchtet sich aber nicht vor ihnen. Dann 
muß sie doch vor ihnen geflüchtet sein, denn sie will 
auf einen Baum klettern, findet aber ihre Cousine, die 
französische Lehrerin ist, schon oben u. s. w. 

Dazu bringt die Analyse folgendes Material : Der indifferente 
Anlaß zum Traume ist ein Satz ihrer englischen Aufgabe geworden : 
Die Mähne ist der Schmuck des Löwen. Ihr Vater trug einen sol- 
chen Bart, der wie eine Mähne das Gesicht umrahmte. Ihre eng- 
lische Sprachlehrer in heißt Miß Lyons (Lions = Löwen). Ein Be- 
kannter hat ihr die Balladen von L o e w e zujreschickt. Das sind also 


310 


VI. Die Trauniarbeit. 


die drei Lei wen ; warum sollte sie sich vor ihnen fürchten? — Sie 
hat eine Erzählung gelesen, in welcher ein Neger, der die anderen 
zum Aufstand aufgehetzt, mit Bluthunden gejagt wird und zu seiner 
Rettung^ auf einen Baum klettert. Dann folgen in übermütigster Stim- 
mung Erinnerungsbrocken wie die: Die Anweisung, wie man Löwen 
fängt, aus den „Fliegenden Blättern“ : Man nehme eine Wüste und 
siebe sie durch, dann bleiben die Löwen übrig. Ferner die höchst 
lustige, aber nicht sehr anständige Anekdote von einem Beamten, der 
gefragt wird, -warum er sich denn nicht um die Gunst seines Chefs 
ausgiebiger bemühe, und der zur Antwort gibt, er habe sich wohl bemüht 
da hineinzukricchcn, aber sein Vordermann war schon oben. Das 
ganze Material wird verständlich, wenn man erfährt, daß die Dame 
am Traumtage den Besuch des Vorgesetzten ihres Mannes empfangen 
hatte. Er war sehr höflich mit ihr, küßte ihr die Hand, und sie 
fürchtete sich gar nicht vor ihm, obwohl er ein sehr „großes 
Tier“ ist und in der Hauptstadt ihres Landes die Rolle eines »Löwen 
der Gesellschaft“ spielt. Dieser Löwe ist also vergleichbar dem 
Löwen im Sommernachtstraume, der sich als Schnoek, der Schreiner 
demaskiert, und so sind alle Traumlöwen, vor denen man sich nicht 
fürchtet. 

II. Als zweites Beispiel ziehe ich den Traum jenes Mädchens heran, 
das den kleinen Sohn ihrer Schwester als Leiche im Sarg liegen sah, 
dabei aber, wie ich jetzt hinzufüge, keinen Schmerz und keine Trauer 
verspürte. Wir wissen aus der Analyse, warum nicht. Der Traum 
verhüllte nur ihren Wunsch, den geliebten Mann wiederzusehen ; der 
Affekt mußte auf den Wunsch abgestimmt sein und nicht auf dessen 
Verhüllung. Es war also zur Trauer gar kein Anlaß. 

In einer Anzahl von Träumen bleibt der Affekt wenigstens noch 
in Verbindung mit jenem Vorstellungsinhalt, welcher den zu ihm pas- 
senden ersetzt hat. In anderen geht die Auflockerung des Komplexes 
weiter. Der Affekt erscheint völlig gelöst von seiner zugehörigen Vor- 
stellung, und findet sich irgendwo anders im Traume untergebracht, 
wo er in die neue Anordnung der Traumelemente hineinpaßt. Es ist 
dann ähnlich, wie wir's bei den Urteilsakten des Traumes erfahren 
haben. Findet sich in den Traumgedanken ein bedeutsamer Schluß, 
so enthält auch der Traum einen solchen; aber der Schluß im Traume 
kann auf ein ganz anderes Material verschoben sein. Nicht selten er- 
folgt diese Verschiebung nach dem Prinzip der Gegensätzlichkeit. 

Die letztere Möglichkeit erläutere ich an folgendem Traumbci- 
spiele, das ich der erschöpfendsten Analyse unterzogen habe. 

III. Ein Schloß am Meere, sp fiter liegt cs nicht 
direkt am Meere, sondern an einem schmalen Kanal, 
der ins Meer führt. Ein Herr P. ist der Gouverneur. Ich 
stehe mit ihm in einem großen dreifenstrigen Salon, 
vor dem sich Mauer vor Sprünge wie Festungszinnen er- 
heben. Ich bin etwa als freiwilliger Marineoffizier der 


Erklärung 


des Ausbleibens erwarteter Affekte. 


311 


Besatzung zugeteilt. Wir befürchten das Eintreffen von 
feindlichen Kriegsschiffen, da wir uns im Kriegszustand 

befinden. Herr P. hat die Absicht wegzugehen; er er- 
teilt mir Instruktionen, was in dem befürchteten Falle 
zu geschehen hat. Seine kranke Frau befindet sich mit 
derT Kindern im gefährdeten Schlosse. Wenn das Bom- 
bardement beginnt, soll der große Saal geräumt werden. 
Er atmet schwer und will sich entfernen, ich halte ihn 
zurück und frage, auf welche Weise ich ihm nötigen- 
falls Nachricht zukommen lassen soll. Darauf sagt er 
noch etwas, sinkt aber gleich darauf tot um. Ich habe 
ihn wohl mit den Fragen überflüssiger weise angestrengt. 
Nach seinem Tode, der mir weiter keinen Eindruck 
macht, Gedanken, ob die Witwe im Schlosse bleib en 
wird, ob ich dem Oberkommando den Tod anzeigenund 
als der nächste im Befehl die Leitung des Schlosses 
übernehmen soll. Ich stehe nun am Fenster und mustere 
die vorbeifahrenden Schiffe; es sind Kauffahrer, die 
auf dem dunklen Wasser rapid vorbeisausen, einige mit 
mehreren Kaminen, andere mit bauschiger Decke (die 
g anz ähnlich ist, wie die Bahnhofsbauten im [nicht erzählten] Vor- 
traume). Dannsteh tmeinBrudernebenmirund wirse hauen 

beide aus dem Fensteraufden Kanal. Bei einem Schiffe 
erschrecken wir und rufen: Da kommtdasKriegsschiff. 
Es zeigt sich aber, daß nur dieselben Schiffe zurück- 
kehren, die ich schon kenne. Nun kommt ein kleines 
Schiff, komisch abgeschnitten, so daß es mitten in seiner 
Breiteen digt;aufDecksiehtman eigentümliche beclier- 
oderdosenartige Dinge. Wir rufen wieaus einem Munde: 
Das ist das Frühstücksschiff. 

Die rasche Bewegung der Schiffe, das tiefdunkle Blau des Was- 
sers, der braune Rauch der Kamine, clas alles ergibt zusammen einen 
hochgespannten, düsteren Eindruck. 

Die Örtlichkeiten in diesem Traume sind aus mehreren Reisen 
an die Adria zusammengetragen (Miramare, Duino, Venedig, Aquileja). 
Eine kurze, aber genußreiche Osterfahrt nach Aquileja mit meinem 
Bruder, wenige Wochen vor dem Traume, war mir noch in frischer 
Erinnerung. Auch der Seekrieg zwischen Amerika und Spanien und 
an ihn geknüpfte Besorgnisse um das Schicksal meiner in Amerika 
lebenden Verwandten spielen mit hinein. An zwei Stellen dieses 
Traumes treten Affektwirkungen hervor. An der einen Stelle bleibt 
ein zu erwartender Affekt aus, es wird ausdrücklich hervorgehoben, 
daß mir der Tod des Gouverneurs keinen Eindruck macht; an einer 
anderen Stelle, wie ich das Kriegsschiff zusehen glaube, erschrecke 
ich und verspüre im Schlafe alle Sensationen des Schreckens. Die 
Unterbringung der Affekte ist in diesem gut gebauten Traume so er- 


312 


VI. Die Traumarbeifc. 


folgt, daß jeder auffällige Widerspruch vermieden ist. Es ist ja kein 
Grund, daß ich beim Tode des Gouverneurs erschrecken sollte und 
es ist wohl angebracht, daß ich als Kommandant des Schlosses bei 
dem Anblicke des Kriegsschiffes erschrecke. Nun weist aber die 
Analyse nach, daß Herr P. nur ein Ersatzmann für mein eigenes Ich 
ist (im liaume bin ich sein Ersatzmann). Ich bin der Gouverneur 
der plötzlich stirbt. Die Traumgedanken handeln von der Zukunft 
der Meiuigen nach meinem vorzeitigen Tode. Kein anderer peinlicher 
Gedanke findet sich in den Traumgedanken. Der Schreck, der im 
Traume an den Anblick des Kriegsschiffes gelötet ist, muß von dort 
losgemacht und hielier gesetzt werden. Umgekehrt zeigt die Analyse, 
daß die Region der _ Traumgedanken, aus der das Kriegsschiff genom- 
men ist, mit den heitersten Reminiszenzen erfüllt ist. Es war ein Jahr 
vorher in Venedig, wir standen an einem zauberhaft schönen Tage 
an den Fenstern unseres Zimmers auf der Riva Schiavoni und schau- 
ten auf die blaue Lagune, in der heute mehr Bewegung zu finden 
war als sonst. Es wurden englische Schiffe erwartet, die feierlich emp- 
fangen werden sollten, und plötzlich rief meine Frau heiter wie ein 
Kind: Da kommt (las englische Kriegsschiff! Im Traume 
erschrecke ich bei den nämlichen Worten ; wir sehen wieder, daß 
Rede im Traume von Rede im Leben abstammt. Daß auch das Ele- 
ment „englisch“ in dieser Rede für die Traumarbeit nicht verloren 
gegangen ist, werde ich alsbald zeigen. Ich verkehre also hier 
zwischen Traumgedanken und Trauminhalt Fröhlichkeit in Schreck, 
und brauche nur anzudeuten, daß ich mit dieser Verwandlung selbst 
ein Stück des latenten Trauminhalts zum Ausdruck bringe. Das Bei- 
spiel beweist aber, daß es der Traumarbeit freisteht, den Aftektanlaß 
aus seinen Verbindungen in den Traumgedanken zu lösen und beliebig 
wo anders im Trauminhalt einzufügen. 

Ich ergreife die nebstbei sich bietende Gelegenheit, das F r ü h- 
stücksschiff“, dessen Erscheinen im Traume eine rationell festgehaltene 
Situation so unsinnig absehließt, einer näheren Analyse zu unter- 
ziehen. Wenn ich das Traumobjekt besser ins Ange fasse, so fällt 
mir nachträglich auf, daß es schwarz war und durch sein Abschueiden 
in seiner größten Breite an diesem Ende eine weitgehende Ähnlich- 
keit mit einem Gegenstand erzielte, der uns in den Museen etrus- 
kischer Städte interessant geworden war. Es war dies eine rechteckige 
Tasse aus schwarzem Ton, mit zwei Henkeln, auf der Dinge wie 
Kaffee- oder Teetassen standen, nicht ganz unähnlich einem unserer 
modernen Service für den Früh stück tisch. Auf Befragen erfuhren 
wir, das sei die Toilette einer etruskischen Dame mit den Schminke- 
und Puderbüchsen darauf; und wir sagten uns im Scherze, es wäre 
nicht übel, so ein Diug der Hausfrau mitzubringen. Das Trauniobjekt 
bedeutet also — schwarze Toilette, Trauer und spielt direkt auf 
einen Todesfall an. Mit dem anderen Ende mahnt das Traumobjekt 
an den „Nachen“ vom Stamme vsxuc, wie mein sprachgelehrter Freund 




Ablösung und Umstellung der Affekte. 


313 


mir mitgeteilt, auf den in Vorzeiten die Leiche gelegt und dem Meere 
zur Bestattung tiberlassen wurde. Hieran reiht sich, warum im Iraume 

die Schiffe zurückkohron. . , r . u 

Still auf gerettetem Boote, treibt ui den Hafen der brms. 

Es ist die Rückfahrt nach dem' Schiffbruche, das brüh stucks- 
schiff ist ia wie in seiner Breite abgebrochen. Woher aber der Name 
Fr tili stücks u sch iff ? Hier kommt nun das „Englische' zur \ erwendung, 
das wir bei den Kriegsschiffen erübrigt haben. Frühstück — b re ak- 
fast Fastenbrecher. Das Brechen gehört wieder zum Sclutt- 
bruclio das Fasten schließt sich der schwarzen Toilette an. 

An’ diesem Frühstücksschiffe ist aber nur der Name vom Iraume 
neugebildet. Das Ding hat existiert und mahnt mich an eine der 
heitersten Stunden der letzten Reise. Der Verpflegung in Aquileja 
mißtrauend, hatten wir uns von Görz Eßwaren mitgenommen, emo 
Flasche dos vorzüglichen Istrianer Weines in Aquileja eingekauft und 
während der kleine Postdampfor durch den Kanal delle Mee langsam 
in die öde Lagunenstrecko nach Grado fuhr, nahmen wir, die ein- 
zigen Passagiere, in heiterster Laune auf Deck das brühstück ein, 
das uns schmeckte wie selten eines zuvor. Das war also das „Früh- 
stücks sch iff“, und gerade hinter dieser Reminiszenz frohesten 
Lebensgenusses verbirgt der Traum die betrübendsten Gedanken an 
eine unbekannte und unheimliche Zukunft. 

Die Ablösung der Affekte von den Vorstellungsmassen, die ihre 
Entbindung hervorgerufen haben, ist das Auffälligste, was ihnen bei 
der Traumbildung widerfahrt, aber weder die einzige noch die wesent- 
lichste Veränderung, die sie auf dem Wege von den f l raumgedanken 
zum manifesten Traume erleiden. Vergleicht man die Affekte in den 
Traumgedanken mit denen im Traume, so wird eines sofort klar: Wo 
sich im Traume ein Affekt findet, da findet er sich auch in den Traum - 
gedanken, aber nicht umgekehrt. Der Traum ist im allgemeinen 
affektärmer als das psychische Material, aus dessen Bearbeitung er 
hervorgegangen ist. Wenn ich die Traumgedanken rekonstruiert habe, 
so übersehe ich, wie in ihnen regelmäßig die intensivsten Seelen- 
regungen nach Geltung ringen, zumeist im Kampfe mit anderen, die 
ihnen scharf zuwiderlaufen. Blicke ich dann auf den Traum zurück, 
so finde ich ihn nicht selten farblos, ohne jeden intensiveren Gefühls- 
ton. Es ist durch die Traumarbeit nicht bloß der Inhalt, sondern auch 
oft der Gefühlston meines Denkens auf das Niveau des Indifferenten 
gebracht. Ich könnte sagen, durch die Traumarbeit wird eine 
Unterdrückung der Affekte zu stände gebracht. Man nehme 
z. B. den Traum von der botanischen Monographie Ihm entspricht 
im Denken ein leidenschaftlich bewegtes Plaidoy er für meine Freiheit, 
so zu handeln, wie ich handle, mein Leben so einzurichten, wie es 
mir einzig und allein richtig scheint. Der daraus hervorgegangene 
Traum klingt gleichgültig : Ich habe eine Monographie geschrieben, 
sie liegt vor mir, ist mit farbigen Tafeln versehen, getrocknete 


314 


VJ. Dio Trimmarbeit. 


i flanzon sind jedem Exemplar beigelegt. Es ist wie die Ruhe eines 
Leichenfeldes ; man verspürt nichts mehr vom Toben der Schlacht. 

Es kann auch anders Ausfallen, in den Traum selbst können 
lebhafte Affektäußer ungen eingehen; aber wir wollen zunächst bei der 
unbestreitbaren Tatsache verweilen, daß so viele Träume indifferent 
erscheinen, während man sich in die Traumgedanken nie ohne tiefe 
Ergriffenheit versetzen kann. 

Die volle theoretische Aufklärung dieser Affektunterdrückung 
während der Traumarbeit ist hier nicht zu geben; sie würde das 
sorgfältigste Eindringen in die Theorie der Affekte und in den 
Mechanismus der Verdrängung voraussetzen. Ich will nur zwei Ge- 
danken hier eine Erwähnung gönnen. Die Affektentbinduug bin ich 
aus anderen Gründen — genötigt mir als einen zentrifugalen, 
gegen das Körperinnere gerichteten Vorgang vorzustellen, analog den 
motorischen und sekretorischen Innervationsvorgängeu. Wie nun im 
Schlafzustand che Aussendung motorischer Impulse gegen die Außen- 
welt aufgehoben erscheint, so könnte auch die zentrifugale Erweckung 
von Affekten durch das unbewußte Denken während des Schlafe* 
erschwert sein. Die Affektregungen, die während des Ablaufes der 
Traumgedanken zu Stande kommen, wären also an und für sich 
schwache Regungen, und darum die in den Traum gelangenden auch 
nicht stärker. Nach diesem Gedankengangc wäre die „Unterdrückung 
der Affekte*' überhaupt kein Erfolg der Traumarbeit, sondern eine 
Folge des Schlafzustandes. Es mag so sein, aber es kann unmöglich 
alles sein. Wir müssen auch daran denken, daß jeder zusammen- 
gesetztere Traum sich auch als das Kompromißergebnis eines Wider- 
streites psychischer Mächte enthüllt hat. Einerseits haben die wunsch- 
bildenden Gedanken gegen den Widerspruch einer zensurierenden 
Instanz anzukämpfen, anderseits haben wir oft gesehen, daß im un- 
bewußten Denken selbst ein jeder Gedankenzug mit seinem kontra- 
diktorischen Gegenteil zusammengespannt war. Da alle diese Ge- 
dankenzüge affektfahig sind, so werden wir im ganzen und großen 
kaum irre gehen, wenn wir die Affektunterdrückung auffassen als 
Folge der Hemmung, welche die Gegensätze gegeneinander, und die 
Zensur gegen die von ihr unterdrückten Strebungen übt. Die 
A f f e k t h e m m u n g wäre dann der zweiteErfolg derTrau m- 
zensur, wie die Traumentstellung deren erster war. 

Ich will ein Traumbeispiel einfügen, in dem der indifferente 
Empfindungston des Trauminhalts durch die Gegensätzlichkeit in den 
Traumgedanken aufgeklärt werden kann. Ich habe folgenden kurzen 
Traum zu erzählen, den jeder Leser mit Ekel zur Kenntnis nehmen 
wird : 

IV. Eine Anhöhe, auf dieser etwas wie ein Abort im 
Freien, eine sehr lange Bank, an deren Ende ein großes 
Abortloch. Die ganze hintere Kante dicht besetzt mit 
Häufchen Kot von allen Größen und Stufen der Frise he. 


315 


Unterdrückung und Aufhebung der Affekte. 

Hinter cler Bank ein Gebüseh. leb uriniere auf die 
Bank; ein langer Harnstrahl spült alles rein, die Kot- 
patzen lösen sieh leielit ab und fallen in die Öffnung. 
Als ob am Ende noeh etwas übrig bliebe. 

Warum empfand ieh bei diesem Traume keinen Ekel? 

Weil, wie die Analyse zeigt, an dem Zustandekommen dieses 
Traumes die angenehmsten und befriedigendsten Gedanken mitgewirkt 
hatten. Mir fällt in der Analyse sofort der Augiasstall ein, den 
Herkules reinigt. Dieser Herkules bin ieh. Die Anhöhe und das 
Gebüsch gehören naeh Aussee, wo jetzt meine Kinder weilen. Ich 
habe die Kindheitsätiologie der Neurosen aufgedeekt und dadurch 
meine eigenen Kinder vor Erkrankung bewahrt. Die Bank ist (bis 
auf das Abortloek natürlich) die getreue Nachahmung eines Möbels, 
das mir eine anhängliehe Patientin zum Geschenk gemacht hat. Sie 
mahnt mieli daran, wie meine Patienten mieh ehren. Ja selbst das 
Museum menschlicher Exkremente ist einer herzerfreuenden Deutung 
fähig. So sehr ieh mieh dort davor ekle, im Traume ist es eine 
R eminisz enz an das sehöne Land Italien, in dessen kleinen Städten 
bekanntlich die W. C. nicht anders ausgestattet sind. Der Harnstrahl, 
der alles rein abspült, ist eine unverkennbare Größenanspielung. . So 
löscht Gulliver bei den Liliputanern den großen Brand; er zieht 
sieh dadureh allerdings das Mißfallen der allerkleinsten Königin zu. 
Aber aueh Gargantua, der Übermenseh bei Meister Rabelais, 
nimmt so seine Raehe an den Parisern, indem er auf Notre-Dame 
reitend seinen Harnstrahl auf die Stadt riehtet. In den Garnier sehen 
Illustrationen zum Rabelais habe ich gerade gestern vor dem 
Schlafengehen geblättert. Und merkwürdig wieder ein Beweis, daß 
ich der Übermenseh bin! Die Plattform von Notre-Dame war mein 
Lieblingsaufenthalt in Paris; jeden freien Naehmittag pflegte ich auf 
den Türmen der Kirche zwischen den Ungetümen und Teufels- 
fratzen dort herumzuklettern. Daß aller Kot vor dem Strahle so 
raseh versehwindet, das ist das Motto : Afflavit et dissipati sunt, 
mit dem ieh einmal den Abschnitt über Therapie der Hysterie über- 
schreiben werde. 

Und nun die wirksame Veranlassung des Traumes. Es war ein 
heißer Naehmittag im Sommer gewesen, ieh hatte in den Abend- 
stunden meine Vorlesung über den Zusammenhang der Hysterie mit 
den Perversionen gehalten, und alles, was ieh zu sagen wußte, miß- 
fiel mir so gründlieh, kam mir alles Wertes entkleidet vor. Ich war 
müde, ohne Spur von Vergnügen an meiner schweren Arbeit, sehnte 
mich weg von diesem Wühlen im menschlichen Selimutze, nach meinen 
Kindern und dann nach den Schönheiten Italiens. In dieser Stimmung 
ging ieh vom Hörsaal in ein Cafi6, um dort in freier Luft einen be- 
scheidenen Imbiß zu nehmen, denn die Eßlust hatte mich verlassen. 
Aber einer meiner Hörer ging mit mir; er bat um die Erlaubnis 
dabei zu sitzen, während ieh meinen Kaffee trank und an meinem 


31G 


VI Die Trimmarbeit. 


Kipfel würgte, und begann mir Schmeicheleien zu sagen Wie viel er 
bei mir gelernt, und daß er jetzt alles mit anderen Augen ansehe 
daß ich den Augiasstall der Irrttimer und Vorurteile der Nouro- 
sonlehre gereinigt, kurz daß ich ein sehr großer Mann sei. Meine 
Stimmung paßte schlecht zu seinem Lobgesangc; ich kämpfte mit dem 
Ekel, ^ging früher heim, um mich los zu machen, blätterte noch vor 
dem Schlafengehen im Rabelais und las eine Novelle von C. F. 
Meyer „Die Leiden eines Knaben“. 

Aus diesem Material war der Traum hervorgegangeti, die Novelle 
von Meyer brachte die Erinnerung an Kindheitsszenen hinzu (vergl. 
den Traum vom Grafen Thun, letztes Bild). Die Tagesstimmung 
von Ekel und Überdruß setzte sich im Traume insofern durch, als 
sie fast sämtliches Material für den Trauminhalt beistellen durfte. 
Aber in der Nacht wurde die ihr gegensätzliche Stimmung von 
kräftiger und selbst übermäßiger Selbstbctonung rege und hob die 
erstere auf. Der Trauminhalt mußte sich so gestalten, daß er in 
demselben Material dem Kleinheitswahn wie der Selbstüberschätzung 
den Ausdruck ermöglichte. Bei dieser Kompromißbildung resultierte 
ein zweideutiger Trauminhalt, aber auch durch gegenseitige Hemmung 
der Gegensätze ein indifferenter Empfmdungstou. 

Nach der Theorie der Wunscherfüllung wäre dieser Traum nicht 
ermöglicht worden, wenn nicht der gegensätzliche, zwar unterdrückte 
aber mit Lust betonte, Gedankenzug des Größenwahns zu dem des 
Ekels hinzugetreten wäre. Denn Peinliches soll im Traume nicht dar- 
gestellt werden ; das Peinliche aus unseren Tagesgedanken kann nur 
dann den Eintritt in den Traum erringen, wenn es seine Einkleidung 
gleichzeitig einer Wunscherfüllung leiht. 

Die Traumarbeit kann mit den Affekten der Traumgedanken 
noch etwas anderes vornehmen, als sie zuzulassen oder zum Nullpunkte 
kcrabzudrücken. Sie kann dieselben in ihr Gegenteil ver- 
kehren. Wir haben bereits die Deutungsregel kennen gelernt, daß 
jedes Element des Traumes für die Deutung auch sein Gegenteil dar- 
stellen kann, ebensowohl wie sich selbst. Man weiß nie im vorhinein, 
ob das eine oder das andere zu setzen ist; erst der Zusammenhang 
entscheidet hierüber. Eine Ahnung dieses Sachverhalts hat sich offen- 
bar dem Volksbewußtsein aufgedrängt; die Traumbücher verfahren 
bei der Deutung der Träume sehr häufig nach dem Prinzip des Kon- 
trastes. Solche Verwandlung ins Gegenteil wird durch die innige 
assoziative Verkettung: ermöglicht, die in unserem Denken die Vor- 
Stellung eines Dinges an die seines Gegensatzes fesselt. Wie jede 
andere Verschiebung dient sic den Zwecken der Zensur, ist aber 
auch häufig das Werk der Wunscherfüllung, denn die Wunsclierfülluug 
besteht ja in nichts anderem als in der Ersetzung eines unliebsamen 
Dinges durch sein Gegenteil. Ebenso wie die Dingvorstelhmgen 
können also auch die AtFekte der Traumgedauken im Traume ins 
Gegenteil verkehrt erscheinen, und es ist wahrscheinlich, daß diese 


Verkehrung der Affekte. 


317 


Affekt verkeil rung zumeist von der Traumzensur bewerkstelligt wird. 
Affek tunterdr Uckung wie Affektverkehrung dienen ja 
auch im sozialen Leben, das uns die geläufige Analogie zur Iraum- 
zensur gezeigt hat, vor allem der Verstellung. Wenn ich münd- 
lieh mit der Person verkehre, vor der ich mir Rücksicht auferlegen 
muß während ich ihr Feindseliges sagen möchte, so ist es beinahe 
wichtiger, daß ich die Äußerungen meines Affekts vor ihr verberge, 
als daß ich die Wortfassung meiner Gedanken mildere. Spreche ich 
zu ihr in nicht unhöflichen Worten, begleite aber diese mit einem 
Blicke oder einer Gebärde des Hasses und der Verachtung, so ist die 
Wirkung, die ich bei dieser Person erziele, nicht viel anders, als 
wenn ich ihr meine Verachtung ohne Schonung ins Gesicht geworfen 
hätte. Die Zensur heißt mich also vor allem meine Affekte unter- 
drücken, und wenn ich ein Meister in der Verstellung bin, werde ich 
den entgegengesetzten Affekt heucheln, lächeln, wo ich zürnen, und 
mich zärtlich stellen, wo ich vernichten möchte. 

Wir kennen bereits ein ausgezeichnetes Beispiel solcher Affekt- 
verkehrung im Traume im Dienste der Traumzensur. Im Traume 
„von des Onkels Bart“ empfinde ich große Zärtlichkeit für meinen 
Freund R., während und weil die Traumgedanken ihn einen Schwach- 
kopf schelten. Aus diesem Beispiele von Verkehrung der Affekte 
haben wir uns den ersten Hinweis auf die Existenz einer Traum- 
zensur geholt. Es ist auch hier nicht nötig anzunehmen, daß die 
Traumarbeit einen derartigen Gegenaffekt ganz von neuem schafft; 
sie findet ihn gewöhnlich im Material der Traumgedanken bereit- 
liegend und erhöht ihn bloß mit der psychischen Kraft der Abwehr- 
motive, bis er für die Traumbildung überwiegen kann. Im letzt- 
erwähnten Onkeltraume stammt der zärtliche Gegenaffekt wahrscheinlich 
aus infantiler Quelle (wie die Fortsetzung des Traumes nahe legt), 
denn das Verhältnis Onkel und Neffe ist durch die besondere Natur 
meiner frühesten Kindererlebnisse (vergl. die Analyse Seite 283) bei 
mir die Quelle aller Freundschaften und alles Hasses geworden. 

[Es gibt eine Klasse von Träumen, die auf die Bezeichnung als 
„heuchlerische“ einen besonderen Anspruch haben und die Theorie 
der Wunscherfüllung auf eine harte Probe stellen. Ich wurde auf sie 
aufmerksam, als Frau Dr. M. Hilferding in der „Wiener psycho- 
analytischen Vereinigung“ den im nachstehenden abgedruckten Traum- 
bericht Roseggers zur Diskussion brachte. 

Rosegger in „Waldheimat“ II. Band erzählt in der Geschichte 
..Fremd gemacht“ (p. 303): „Ich erfreue mich sonst eines gesunden 
Schlummers, aber ich habe die Ruhe von so mancher Nacht eingebüßt, 
ich habe neben meinem bescheidenen Studenten- und Literaten dasein 
den Schatten eines vcritabeln Schneiderlebcns durch die langen Jahre 
geschleppt, wie ein Gespenst, ohne seiner los Averden zu können. 

Es ist nicht wahr, daß ich mich tagsüber in Gedanken so häufig 
und lebhaft mit meiner Vergangenheit beschäftigt hätte. Ein der Haut 


318 


VI. Dio Traumarbeit. 


eines Philisters entsprungener Welt- und HimmelsstUrmer hat anderes 
zu tun. Aber auch an seine nächtlichen Träume wird der flotte 
Bursche kaum gedacht haben ; erst später, als ich gewohnt worden 
war, über alles nachzudenken oder auch, als sich der Philister in mir 
wieder ein wenig zu regen begann, fiel es mir auf, wieso ich denn 
— wenn ich überhaupt träumte — allemal der Schneidergesell’ war 
und daß ich solchergestalt schon so lange Zeit bei meinem Lehrmeister 
unentgeltlich in der Werkstatt arbeitete. Ich war mir, wenn ich so 
neben ihm saß und nähte, und bügelte, sehr wohl bewußt, daß ich 
eigentlich nicht mehr dorthin gehöre, daß ich mich als »Städter mit 
anderen Dingen zu befassen habe*, doch hatte ich stets Ferien, war 
stets auf der Sommerfrische und so saß ich zur Aushilfe beim Lehr- 
meister. Es war mir oft gar unbehaglich, ich bedauerte den Verlust 
der Zeit, in welcher ich mich besser und nützlicher zu beschäftigen 
gewußt hätte. Vom Lehrmeister mußte ich mir mitunter, wenn etwas 
nicht ganz nach Maß und »Schnitt ausfallen wollte, eine Rüge gefallen 
lassen; von einem Wochenlohn jedoch war gar niemals die Rede. Oft. 
wenn ich mit gekrümmtem Rücken in der dunkeln Werkstatt so 
dasaß, nahm ich mir vor, die Arbeit zu kündigen und mich fremd zu 
machen. Einmal tat ichs sogar, jedoch der Meister nahm keine Notiz 
davon, und nächstens saß ich doch wieder bei ihm und nähte. 

Wie mich nach solch’ langweiligen Stunden das Erwachen be- 
glückte! Und da nahm ich mir vor, wenn dieser zudringliche Traum 
sich wieder einmal einstellen sollte, ihn mit Energie von mir zu 
werfen und laut auszurufen : es ist nur Gaukelspiel, ich hege im Bette 
und will schlafen . . . Und in der nächsten Nacht saß ich doch wieder 
in der Schneiderwerkstatt. 

►So ging es Jahre in unheimlicher Regelmäßigkeit fort. Da war 
es einmal, als wir, der Meister und ich, beim Alpelhofer arbeiteten, 
bei jenem Bauern, wo ich in die Lehre eingetreten war, daß sich 
mein Meister ganz besonders unzufrieden mit meinen Arbeiten zeigte. 
..Möcht’ nur wissen, wo du deine Gedanken hast!“ sagte er und sah 
mich etwas finster an. Ich dachte, das Vernünftigste wäre, wenn ich 
jetzt aufstünde, dem Meister bedeutete, daß ich nur aus Gefälligkeit 
bei ihm sei, und wenn ich dann davon ging. Aber ich tat es nicht. 
Ich ließ es mir gefallen, als der Meister einen Lehrling aufnahm und 
mir befahl, demselben auf der Bank Platz zu machen. Ich rückte in 
den Winkel und nähte. An demselben Tag wurde auch noch ein Ge- 
selle aufgenommen, bigott, es war der Böhm, der vor neunzehn 
Jahren bei uns gearbeitet hatte und damals auf dem Wege vom Wirts- 
hause in den Bach gefallen war. Als er sich setzen wollte, war kein 
Platz da. Ich blickte den Meister fragend an, und dieser sagte zu 
mir: „Du hast ja doch keinen Schick zur Schneiderei, du kannst 
gehen, du bist fremd gemacht.“ — So übermächtig war hier- 
über mein Schreck, daß ich erwachte. 


Heuchlerische Träume. 


319 


Das Morgengrauen schimmerte zu clen klaren Fenstern herein 
in mein trautes Heim. Gegenstände der Kunst umgaben mich ; im 
stilvollen Bücherschrank harrto meiner der ewige Homer, der gigan- 
tische Dante, der unvergleichliche Shakespeare, der glorreiche Goethe 
— die Herrlichen, die Unsterblichen alle. Vom Nebenzimmer her 
klangen die hellen Sümmchen der erwachenden und mit ihrer Mutter 
schäkernden Kinder. Mir war zu Mute, als hätte ich dieses idyllisch 
süße, dieses friedensmilde und poesiereiche, helldurchgeistigte Leben, 
in welchem ich das beschauliche menschliche Glück so oft und tief 
empfand, von neuem wiedergefunden. Und doch wurmte es mich, daß 
ich mit der Kündigung meinem Meister nicht zuvorgekommen, sondern 
von ihm abgedankt worden war. 

Und wie merkwürdig ist mir das : Mit jener Nacht, da mich der 
Meister „fremd gemacht“ hatte, genieße ich Ruhe, träume nicht mehr 
von meiner in ferner Vergangenheit liegenden Schneiderzeit, die in 
ihrer Anspruchslosigkeit ja so heiter war und die doch einen so 
langen Schatten in meine späteren Lebensjahre herein geworfen hat.“ 

In dieser Tx-aumreihe des Dichters, der in seinen jungen Jahren 
Schneidei'geselle gewesen war, fällt es scliwei', das Walten der Wunsch- 
erfüllung zu erkennen. Alles Erfreuliche liegt im Tagesleben, während 
der Traum den gespenstigen Schatten einer endlich überwundenen 
unerfreulichen Existenz fortzuschleppen scheint. Eigene Träume von 
ähnlicher Art haben mich in den Stand gesetzt, einige Aufklärung 
über solche Träume zu geben. Ich habe als junger Doktor lange 
Zeit im chemischen Institut gearbeitet, ohne es in den dort ei'forderten 
Künsten zu etwas bringen zu können, und denke darum im Wachen 
niemals gerne an diese unfruchtbare und eigentlich beschämende 
Episode meines Lernens. Dagegen ist es bei mir ein wiederkehrender 
Traum geworden, daß ich im Laboratorium arbeite, Analysen mache, 
verschiedenes erlebe u. s. w. ; diese Träume sind ähnlich unbehaglich 
wie die Prüfungsträume und niemals sehr deutlich. Bei der Deutung 
eines dieser Träume wui’de ich endlich auf das Wort „Analyse“ 
aufmerksam, das mir den Schlüssel zum Vei'ständnis bot. Ich bin ja 
seither „Analytiker“ geworden, mache Analysen, die sehr gelobt 
werden, allerdings P sy ch o - A n al y s e n. Ich verstand nun, wenn 
ich auf diese Art von Analysen im Tagesleben stolz geworden bin, 
mich vor mir selbst rühmen möchte, wie weit ich es gebracht habe, 
hält mir nächtlicher Weile der Traum jene anderen mißglückten Ana- 
lysen vor, auf die stolz zu sein ich keinen Grund hatte; es sind Straf- 
träume des Emporkömmlings, wie die des Schneidergesellen, der ein 
gefeierter Dichter geworden war. Wie wird es aber dem Traume 
möglich, sich in dem Konflikt zwischen Parvenüstolz und Selbstkritik 
in den Dienst der letzteren zu stellen und eine vernünftige Warnung 
anstatt einer unerlaubten Wunscherfüllung zum Inhalt zu nehmen? 
Ich erwähnte schon, daß die Beantwortung dieser Frage Schwierig- 


320 


VI. Dio Traumarbeit. 


keiten macht. Wir können erschließen, daß zunächst eine Übermütige 
Ehrgeizphantasie die Grundlage des Traumes bildete, an ihrer statt 
ist aber ihre Dämpfung und Beschämung in den Trauminhalt gelangt. 
Man darf daran erinnern, daß es masochistische Tendenzen im Seelen- 
leben gibt, denen man eine solche Umkehrung zuschreiben könnte. 
Genaueres Eingehen auf einzelne dieser Träume läßt aber noch 
anderes erkennen. In dem undeutlichen Beiwerk eines meiner Labo- 
ratoriumsträume hatte ich gerade jenes Alter, welches mich in das 
dlisterste und erfolgloseste Jahr meiner ärztlichen Laufbahn versetzt; 
ich hatte noch keine Stellung und wußte nicht, wie ich mein Leben 
erhalten sollte, aber dabei fand sich plötzlich, daß ich die Wahl 
zwischen mehreren Frauen hatte, die ich heiraten sollte! Ich war also 
wieder jung und vor allem, sie war wieder jung, die Frau, die alle diese 
schweren Jahre mit mir geteilt hatte. Somit war einer der unablässig 
nagenden Wünsche des alternden Mannes als der unbewußte Traum- 
erreger verraten. Der in anderen psychischen Schichten tobende Kampf 
zwischen der Eitelkeit und der Selbstkritik hatte zwar den Traum- 
inhalt bestimmt, aber der tiefer wurzelnde Jugendwunsch hatte ihn 
allein als Traum möglich gemacht. Man sagt sich auch manchmal im 
Wachen: Es ist ja sehr gut heute, und es war einmal eine harte 
Zeit; aber es war doch schön damals; du warst ja noch so jung. 

Bei der Beurteilung von Träumen, die ein Dichter mitteilt, darf 
man oft genug annehmen, daß er solche als störend empfundene und 
für unwesentlich erachtete Einzelheiten des Trauminhaltes von der 
Mitteilung ausgeschlossen hat. Seine Träume geben uns dann Rätsel 
auf, die bei exakter Wiedergabe des Trauminhaltes bald zu lösen 
wären. 

O. Rank machte mich auch aufmerksam, daß im G r i m m sehen 
Märchen vom tapferen Schneiderlein oder „Sieben auf einen Streich“ 
ein ganz ähnlicher Traum eines Emporkömmlings erzählt wird. Der 
Schneider, der Heros und Schwiegersohn des Königs geworden ist, 
träumt eines Nachts bei der Prinzessin, seiner Gemahlin, von 
seinem Handwerk; diese mißtrauisch geworden bestellt nun Bewaffnete 
für die nächste Nacht, die das aus dem Traum Gesprochene anhöreu 
und sich der Person des Träumers versichern sollen. Aber das 
Sclmeiderlein ist gewarnt und weiß jetzt den Traum zu korrigieren.] 

Die Komplikation der Aufhebungs-, Subtraktions- und Ver- 
kehrungsvorgänge, durch welche endlich aus den Affekten der Traum- 
gedanken die des Traumes werden, läßt sich an geeigneten Syn- 
thesen vollständig analysierter Träume gut überblicken. Ich will hier 
noch einige Beispiele von Affektregung im Traume behandeln, die 
etwa einige der besprochenen Fälle als realisiert erweisen. 

V. In dem Traume von der sonderbaren Aufgabe, die mir der alte 
Brücke stellt, mein eigenes Becken zu präparieren, vermisse ich 
im Traume selbst das dazu gehörige Grauen. Dies ist 
nun Wunschorfüllung in mehr als einem Sinne. Die Präparation be- 


Gegenseitige Förderung der Affekte. 


321 


deutet die Selbstnnulyse, die ich gleichsam durch die Veröffentlichung 
des Traumbuches vollziehe, die mir in Wirklichkeit so peinlich war, 
daß ich den Druck des bereitlicgcnden Manuskripts um mehr als ein 
Jahr aufgeschoben habe. Es regt sich nun der Wunsch, daß ich mich 
über diese ablialtende Empfindung hinaussetzen möge, darum ver- 
spüre ich im Traume kein „Grauen“. Das „Grauen“ im anderen 
Sinne möchte ich auch gern vermissen: es graut bei mir schon 
ordentlich, und dies Grau der Haare mahnt mich gleichfalls, nicht 
länger zuiückzuhalten. Wir wissen ja, daß am Schlüsse des Traumes 
der Gedanke zur Darstellung durchdringt, ich würde es den Kindern 
überlassen müssen, in der schwierigen Wanderung ans Ziel zu 
kommen. 

In den zwei Träumen, die den Ausdruck der Befriedigung in 
die nächsten Augenblicke nach dem Erwachen verlegen, ist diese 
Befriedigung das eincmal motiviert durch die Erwartung, ich werde 
jetzt erfahren, was es heißt, „ich habe schon davon geträumt“, und 
bezieht sich eigentlich auf die Geburt der ersten Kinder, das andere- 
mal durch die Überzeugung, es werde jetzt eintreffen, „was sich 
durch ein Vorzeichen angekündigt hat“, und diese Befriedigung ist 
die nämliche, die seinerzeit den zweiten Sohn begrüßt hat. Es sind 
1 hier im Traume die Affekte verblieben, die in den Traumgedanken 
herrschen, aber es geht wohl in keinem Traume so ganz einfach zu. 
Vertieft man sich ein wenig in beide Analysen, so erfährt man, 
daß diese der Zensur nicht unterliegende Befriedigung einen Zuzug 
aus einer Quelle erhält, welche die Zensur zu fürchten hat, und 
deren Affekt sicherlich Widerspruch erregen würde, wenn er sich 
nicht durch den gleichartigen, gern zugelassenen Befriedigungsaffekt 
aus der erlaubten Quelle decken, sich gleichsam hinter ihm ein- 
schleichen würde. Ich kann dies leider nicht an dem Traumbeispiel 
i selbst erweisen, aber ein Beispiel aus anderer Sphäre wird meine 
'Meinung verständlich machen. Ich setze folgenden Fall: Es gäbe 

fin meiner Nähe eine Person, die ich hasse, so daß in mir eine leb- 
hafte Regung zu stände kommt, mich zu freuen, wenn ihr etwas 
widerfährt. Dieser Regung gibt aber das Moralische in meinem 
Wesen nicht nach • ich wage es nicht, den Unglückswunsch zu 
'äußern, und nachdem ihr unverschuldet etwas zugestoßen ist, unter- 
drücke ich meine Befriedigung darüber und nötige mich zu Äußerungen 
und Gedanken des Bedauerns. Jeder Mann wird sich in solcher Lage 
i schon befunden haben. Nun ereigne es sich aber, daß die gehaßte 
I Person sich durch eine Überschreitung eine wohlverdiente Unannehm- 
lichkeit zuziehe ; dann darf ich meiner Befriedigung darüber freien 
Lauf lassen, daß sic von der gerechten Strafe getroffen worden ist, 
und äußere mich darin übereinstimmend mit vielen anderen, die un- 
parteiisch sind. Ich kann aber die Beobachtung machen, daß meine 
Befriedigung intensiver ausfällt als die der anderen; sie hat einen 
Zuzug aus der Quelle meines Hasses erhalten, der bis dahin von der 

Kreml, Traumdeutung. 3 . Aufl. 21 




322 


VJ. Die Tranmarbeit. 


inneren Zensur verhindert war, Affekt zu liefern, unter den geänderten 
Verhältnissen aber nicht mehr gehindert wird. Dieser Fall trifft in 
der Gesellschaft allgemein zu, wo antipathische Personen oder An- 
gehörige einer ungern gesehenen Minorität eine »Schuld auf sich laden. 
Ihre Bestrafung entspricht dann gewöhnlich nicht ihrem Verschulden, 
sondern dom Verschulden vermehrt um das bisher effektlose Übel- 
wollen, das sich gegen sie richtet. Die Strafenden begehen dabei 
zweifellos eine Ungerechtigkeit ; sie werden aber an der Wahrnehmung 
derselben gehindert durch die Befriedigung, welche ihnen die Auf- 
hebung einer lange festgehaltcnen Unterdrückung in ihrem Innern 
bereitet. In solchen Fällen ist der Affekt seiner Qualität nach zwar 
berechtigt, aber nicht sein Ausmaß; und die’ in dem einen Punkte 
beruhigte Selbstkritik vernachlässigt nur zu leicht die Prüfung des 
zweiten Punktes. Wenn einmal die Türe geöffnet ist, so drängen 
sich leicht mehr Leute durch, als man ursprünglich cinzulassen beab- 
sichtigte. 

Der auffällige Zug des neurotischen Charakters, daß affektfähige 
Anlässe bei ihm eine Wirkung erzielen, die qualitativ berechtigt, 
quantitativ über das Maß hinausgeht, erklärt sich auf diese Weise, 
soweit er überhaupt eine psychologische Erklärung zuläßt. Der Über- 
schuß rührt aber aus unbewußt gebliebenen, bis dahin unterdrückten 
Aftektquellen her, die mit dem realen Anlaß eine assoziative Ver- 
bindung hersteilen können, und für deren Affektentbindung die ein- 
spruchsfreie und zugelasscne Affektquelle die erwünschte Bahnung er- 
öffnet. Wir werden so aufmerksam gemacht, daß wir zwischen der 
unterdrückten und der unterdrückenden seelischen Instanz nicht aus- 
schließlich die Beziehungen gegenseitiger Hemmung ins Auge fassen 
dürfen. Ebensoviel Beachtung verdienen die Fälle, in denen die 
beiden Instanzen durch Zusammenwirken, durch gegenseitige Ver- 
stärkung einen pathologischen Effekt zu stunde bringen. Diese an- 
deutenden Bemerkungen über psychische Mechanik wolle man nun 
zum Verständnis der Affektäußerungen des Traumes verwenden. Eine 
Befriedigung, die sich im Traume kundgibt, und die natürlich alsbald 
an ihrer Stelle in den Traumgedanken aufzufinden ist, ist durch diesen 
Nachweis allein nicht immer vollständig aufgeklärt. In der Regel 
wird man für sie eine zweite Quelle in den Traumgedanken aufzu- 
suchen haben, auf welche der Druck der Zensur lastet, und die unter 
dem Drucke nicht Befriedigung, sondern den gegenteiligen Affekt 
ergeben hätte, die aber durch die Anwesenheit der ersten Traum- 
quelle in den Stand gesetzt wird, ihren Befriedigungsaffekt der 
Verdrängung zu entziehen und als Verstärkung zu der Befriedigung 
aus anderer Quelle stoßen zu lassen. So erscheinen die Affekte 
im Traume als zusammengefaßt aus mehreren Zuilüssen und als 
überdeterminiert in bezug auf das Material der Traumgedanken: 
Affcktqucllen, d i e d e n nämlichen Affekt 1 i c f e r n können. 


Die Affekte im Traume „Neu vixit“. 


323 


treten bei der Traumarbeit zur Bildung desselben zu- 

bdmi jEiJ 1 \veiiig Ein I) 1 ick in diese verwickelten Verhältnisse erhält 
man durch dic° Analyse des schönen Traumes, in dem „Non vixit“ 
den Mittelpunkt bildet (vergl. Seite 282). In diesem Traume sind die 
Affektäußerungen von verschiedener Qualität an zwei stellen des 
manifesten Inhalts zusammengedrängt. Feindselige und peinliche 
Bedungen (im Traume selbst heißt es „von merkwürdigen Affekten 
ergriffen“) überlagern einander dort, wo ich den gegnerischen Freund 
mft den beiden Worten vernichte. Am Ende des Traumes bin ich 
ungemein erfreut und urteile dann anerkennend über eine im Wachen 
als°absurd erkannte Möglichkeit, daß es nämlich Revenants gibt, die 
man durch den bloßen Wunsch beseitigen kann. 

Ich habe die Veranlassung dieses Traumes noch nicht mitgeteilt. 
Sie ist eine wesentliche und führt tief in das Verständnis des Traumes 
hinein. Ich hatte von meinem Freunde in Berlin (den ich mit hl. be- 
zeichnet habe) die Nachr'cht bekommen, daß er sich einer Operation 
unterziehen werde, und daß in Wien lebende Verwandte mir die 
weiteren Auskünfte über sein Befinden geben würden. Diese ersten 
Nachrichten nach der Operation lauteten nicht erfreulich und machten 
mir Sorge. Ich wäre am liebsten selbst zu ihm gereist, aber ich war 
gerade zu jener Zeit mit einem schmerzhaften Leiden behaftet, das 
mir jede Bewegung zur Qual machte. Aus den Traumgedanken er- 
fahre ich nun, daß ich für das Leben des teuren Freundes fürchtete. 
Seine einzige Schwester, die ich nicht gekannt, war, wie ich wußte, 
in jungen Jahren nach kürzester Krankheit gestorben. (Im Traume: 
Fl. erzählt von seiner Schwester und sagt: in 3 /i 

Stunden war sie tot.) Ich muß mir eingebildet haben, daß seine 
eigene Natur nicht viel resistenter sei, und mir vorgestellt, daß ich 
auf weit schlimmere Nachrichten nun endlich doch reise — und zu 
spät komme, worüber ich mir ewige Vorwürfe machen könnte.*") 
Dieser Vorwurf wegen des Zuspätlcommens ist zum Mittelpunkte des 
Traumes geworden, hat sich aber in einer Szene dargestellt, in der 
der verehrte Meister meiner Studentenjahre Brücke mir mit einem 
fürchterlichen Blicke seiner blauen Augen den Vorwurf macht. Was 
diese Ablenkung der Szene zu stände gebracht, wird sich bald er- 
geben; die Szene selbst kann der Traum nicht so reproduzieren, wie 
ich sie erlebt habe. Er läßt zwar dem anderen die blauen Augen, 
aber er gibt mir die vernichtende Rolle, eine Umkehrung, die offen- 
bar das Werk der Wunscherftillung ist. Die Sorge um das Loben 

* [Analog habe ich später die außerordentlich starke Lustwirkung der tenden- 
ziösen Witze erklärt.] 

**) Diese Phantasie aus den unbewußten Traumgedanken ist es, die gebieterisch 
non vivit anstatt n o n vixit verlangt. „Du bist zu spät gekommen, er lebt nicht 
mehr.“ Daß auch die manifeste Situation des Traumes auf „non vivit“ zielt, ist 
Seite 283 angegeben worden. 


21 * 


324 


VI. Die Trauinarhmt. 


des Freundes, der Vorwurf, daß ich nicht zu ihm hinreise, meine 
Beschämung (er ist unauffällig (zu mir) nach Wien gekommen), 
mein Bedürfnis, mich durch meine Krankheit für entschuldigt zu 
halten, das alles setzt den Gefühlssturm zusammen, der im Schlafe 
deutlich verspürt, in jener Region der Traumgedanken tobt. 

An der Traumveranlassung war aber noch etwas anderes, was 
auf mich eine ganz entgegengesetzte Wirkung hatte. Bei den un- 
günstigen Nachrichten aus den ersten Tagen der Operation erhielt ich 
auch die Mahnung, von der ganzen Angelegenheit niemandem zu 
sprechen, die mieh beleidigte, weil sie ein überflüssiges Mißtrauen in 
meine Versehwiegen heit zur Vorraussetzung hatte. Ich wußte zwar« 
daß dieser Auftrag nicht von meinem Freunde ausging, sondern einer 
Ungeschicklichkeit oder Überängstlichkeit des vermittelnden Boten 
entsprach, aber ich wurde von dem versteckten Vorwurfe sehr peinlich 
berührt, weil er — nicht ganz unberechtigt war. Andere Vorwürfe 
als solche, an denen „etwas daran ist“, haften bekanntlich nieht, haben 
keine aufregende Kraft. Zwar nicht in der Sache meines Freundes, 
aber früher einmal in viel jüngeren Jahren hatte ich zwischen zwei 
Freunden, die beide auch mieh zu meiner Ehrung so nennen wollten, 
überflüssigerweise etwas ausgeplaudert, was der eine über den anderen 
gesagt hatte. Auch die Vorwürfe, die ich damals zu hören bekam, 
habe ich nicht vergessen. Der eine der beiden Freunde, zwischen 
denen ich damals den Unfriedensstifter machte, war Professor 
Fleischl; der andere kann durch den Vornamen Josef, den auch 
mein im Traume auftretender Freund und Gegner P. führte, ersetzt 
werden. 

Von dem Vorwürfe, daß ich nichts für mich zu behalten ver- 
möge, zeugen im Traume die Elemente unauffällig und die Frage 
Fis., wie viel von seinen Dingen ich P. denn mitgeteilt 
habe. Die Einmengung dieser Erinnerung ist es aber, welche den 
Vorwurf des Zuspäikommens aus der Gegenwart in die Zeit, da ich 
im Br lick eschen Labotorium lebte, verlegt, und indem ich die zweite i 
Person in der Vernichtungsszenc des Traumes durch einen Josef 
ersetze, lasse ich diese Szene nicht nur den einen Vorwurf darstellen, 
daß ich zu spät komme, sondern auch den von der Verdrängung 
stärker betroffenen, daß ich kein Geheimnis bewahre. Die Verdichtungs- 
und Verschiebungsarbeit des Traumes sowie deren Motive werden hier 


augenfällig. 

Der in der Gegenwart geringfügige Arger über die Mahnung, 
nichts zu verraten, holt sieh aber Verstärkungen ans in der Tiefe 
fließenden Quellen und schwillt so zu einem Strome feindseliger 
Regungen gegen in Wirklichkeit geliebte Personen an. Die Quelle, 
welche die Verstärkung liefert, fließt im Infantilen. Ich habe schon 
erzählt, daß meine warmen Freundschaften wie meine Feindschaften 
mit Gleichalterigen auf meinen Kinderverkehr mit einem um ein Jahr 
älteren Neffen zurückgehen, in dem er der Überlegene war. ich mich 


Die Affekte im Traume „Neu vixit“. 


325 


frühzeitig zur Wehre setzen lernte, wir unzertrennlich miteinander 
lebten und einander liebten, dazwischen, wie Mitteilungen älterer 
Personen bezeugen, uns rauften und — verklagten. Alle meine 
Freunde sind in gewissem Sinne Inkarnationen dieser ersten Gewalt, 
die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt , Revenants. Mein 
Neffe selbst kam in den Jünglingsjahren wieder, und damals führten 
wir Cäsar und Brutus miteinander auf. Ein intimer Freund und ein 
o-ehaßter Feind waren mir immer notwendige Erfordernisse meines 
Gefühlslebens; ich wußte beide mir immer von neuem zu verschaffen 
und nicht selten stellte sich das Kindheitsideal so weit her, daß 
Freund und Feind in dieselbe Person zusammenfielen, natürlich nicht 
mehr gleichzeitig oder in mehrfach wiederholter. Abwechslung, wie es 
in den ersten Kinderjahren der Fall gewesen sein mag. 

Auf welche Weise bei so bestehenden Zusammenhängen ein 
rezenter Anlaß zum Affekt bis auf den infantilen zurückgreifen kann, 
um sich durch ihn für die Affektwirkung zu ersetzen, das mochte 
ich hier nicht verfolgen. Es gehört der Psychologie des unbewu jten 
Denkens an und fände seine Stelle in einer psychologischen Au - 
ldärung der Neurosen. Nehmen wir für unsere Zwecke der lraum- 
deutung an, daß sich eine Kindererinnerung eiustellt oder eine solche 
phantastisch gebildet wird etwa folgenden Inhalts : Die beiden Kindei 
geraten in Streit miteinander um ein Objekt, welches, lassen wir 
dahingestellt, obwohl die Erinnerung oder Erinnerungstäuschung ein 
ganz bestimmtes im Auge hat; — ein jeder behauptet ei sei 
früher gekommen, habe also das Vorrecht darauf; es kommt 
zur Schlägerei, Macht geht vor Recht ; nach den Andeutungen des 
Traumes könnte ich gewußt haben, daß ich im Unrecht bin (d e n 
Irrtum selbst bemerkend); ich bleibe aber diesmal der Stärkere, 
behaupte das Schlachtfeld, der Unterlegene eilt zum \ ater, respektive 
Großvater, verklagt mich, und ich verteidige mich mit den mir durch 
die Erzählung des Vaters bekannten Worten: Ich h abe ihn g e- 
1 ag t, weil er mich g e 1 a g t hat; so ist diese Erinnerung od er 
wahrscheinlicher Phantasie, die sich mir während der Analyse des 
Traumes — ohne weitere Gewähr, ich weiß selbst nicht wie - auf- 
drängt, ein Mittelstück der Traumgedanken, das die in den Traum- 
gedanken waltenden Affektregungen, wie eine Brunnenschale die zu- 
geleiteteu Gewässer, sammelt. Von hier aus fließen die Traumgedanken 
in folgenden W egen : Es geschieht dir ganz recht, daß du mir den 
Platz hast räumen müssen; warum hast du mich vom Platze ver- 
drängen wollen? Ich brauche dich nicht, ich werde mir schon einen 
anderen verschaffen, mit dem ich spiele u. s. w. Dann eröffnen sich 
die Wege, auf denen diese Gedanken wieder in die Traumdarstellung 
einmünden. Ein solches „ote-toi que je m’y mette‘* mußte ich seiner- 
zeit meinem verstorbenen Freunde Josef zum Vorwurfe machen. Er 
war in meine Fußstapfen als Aspirant im Br ü c k eschen Laboratorium 
getreten, aber dort war das Avancement langwierig. Keiner der beiden 


326 


VI. Die Traumarbeit. 


Assistenten rückte von der Stelle, die Jugend wurde ungeduldig. Mein 
Freund, der seine Lebenszeit begrenzt wußte, und den kein ^intimes 
Verhältnis an seinen Vordermann band, gal) seiner Ungeduld 
gelegentlich lauten Ausdruck. Da dieser Vordermann ein schwer 
Kranker war, konnte der Wunsch, ihn beseitigt zu wissen, außer dem 
Sinne: durch eine Beförderung auch eine anstößige Nebendeutung zu- 
lasseu. Natürlich war bei mir einige Jahre vorher der nämliche 
Wunsch, eine frei gewordene Stelle einzunehmen, noch viel lebhafter 
gewiesen; wo immer es in der Welt Rangordnung und Beförderung 
gibt, ist ja der Weg für der Unterdrückung bedürftige Wünsche er- 
öffnet. Shakespeares Prinz Ilal kann sich nicht einmal am 
Bett des kranken Vaters der Versuchung entziehen, einmal zu 
probieren, wie ihm die Krone steht. Aber der Traum straft, wie be- 
greiflich, diesen rücksichtslosen Wunsch nicht an mir, sondern 
an ihm.*) 

„Weil er herrschsüchtig war, darum erschlug ich ihn.“ Weil 
er nicht erwarten konnte, daß ihm der andere den Platz räume, darum 
ist er selbst hinweggeräumt worden. Diese Gedanken hege ich un- 
mittelbar, nachdem ich in der Universität der Enthüllung des dem 
anderen gesetzten Denkmals beigetvohnt habe. Ein Teil meiner im 
Traume verspürten Befriedigung deutet sich also: Gerechte Strafe; es 
ist dir recht geschehen. 

Bei dem Leichenbegängnis dieses Freundes machte ein junger 
Mann die unpassend scheinende Bemerkung: Der Redner habe so 

gesprochen, als ob jetzt die Welt ohne den einen Menschen nicht 
mehr bestehen könne. Es regte sich in ihm die Auflehnung des 
wahrhaften Menschen, dem man den Schmerz durch Übertreibung 
stört. Aber an diese Rede knüpfen sich die Traumgedanken an : Es 
ist wirklich niemand unersetzlich ; wie viele habe ich schon zu Grabe 
geleitet; ich aber lebe noch, ich habe sie alle überlebt, ich behaupte 
den Platz. Ein solcher Gedanke im Moment, da ich fürchte, meinen 
Freund nicht mehr unter den Lebenden anzutreffen, wenn ich zu ihm 
reise, läßt nur die weitere Entwicklung zu, daß ich mich freue wieder 
jemanden zu überleben, daß nicht ich gestorben bin, sondern er, 
daß ich den Platz behaupte, wie damals in der phantasierten Kinder- 
szene. Diese aus dem Infantilen kommende Befriedigung darüber, 
daß ich den Platz behaupte, deckt den Hauptanteil des in den Traum 
aufgenommenen Affekts. Ich freue mich darüber, daß ich überlebe, 
ich äußere das mit dem naiven Egoismus der Anekdote zwischen 
Ehegatten : „Wenn eines von uns stirbt, übersiedle ich nach Paris." 

Es ist für meine Erwartung so selbstverständlich, daß nicht ich der 
eine bin. 


*) Es wird aufgefallen sein, daß der Name Josef eine so große Rolle in 
meinen Träumen spielt (siebe den Oukeltraum). Hinter den Personen, die so heißen, 
kann ich mein Ich im Traume besonders leicht verbergen, denn Josef hieß auch 
der aus der Bibel bekannte Traumdeuter. 


Diu Affekte im Traume ,Non v 1 x 1 1 “ . 


‘621 


Man kanu sich’s nicht verbergen, daß schwere Sc bstuberwmdung 
> /jU Gehört seine Träume zu deuten und mitzuteilen. Man muß 
Job afs den’ einzigen Bösewicht enthüllen unter all den Edlen, mit 
denen mau das Leben teilt. Ich finde es also ganz begreiflich, daß 
die Heven ants nur so lange bestehen, als man sie mag und daß 
sie durch den Wunsch beseitigt werden können Das ist also das, 
wofür mein Freund Josef gestraft worden ist. Die Revcnants sind 
aber die aufeinander folgenden Inkarnationen meines Kmdhciosfreundes, 
ich bin also auch befriedigt darüber, daß ich mir diese Person lmmei 
wieder ersetzt habe, und auch für den, den ich jetzt zu verlieren im 
Beoriffe bin, wird sich der Ersatz schon finden. Es ist niemand un- 

ci setz hm. | 1 j er a ]j er die Traumzensur? Warum erhebt sie nicht 

den energischesten Widerspruch gegen diesen Gedankengang der 
rohesten Selbstsucht und verwandelt die an ihm haftende Befriedigung 
nicht in schwere Unlust? Ich meine, weil andere einwurfsfreie 
Gedankenzüge über die nämlichen Personen gleichfalls in Befriedigung 
ausgehen und mit ihrem Affekt jenen aus der verbotenen infantilen 
Quelle decken. In einer anderen Schickt von Gedanken habe ich 
mir bei jener feierlichen Denkmalsenthüllung gesagt : Ich habe so 

viele teure Freunde verloren, die einen durch Tod, die anderen durch 
Auflösung der Freundschaft*, es ist doch schön, daß sie sich mir er- 
setzt haben, daß ich den einen gewonnen habe, der mir mehr bedeutet, 
als die anderen konnten, und den ich jetzt in dem Alter, wo man 
nicht mehr leicht neue Freundschaften schließt, für immer festhalten 
werde. Die Befriedigung, daß ich diesen Ersatz für die verlorenen 
Freunde gefunden habe, darf ich ungestört in den Traum hinüber- 
nehmen, aber hinter ihr schleicht sich die feindselige. Befriedigung 
aus infantiler Quelle mit ein. Die infantile Zärtlichkeit hilft sicher- 
lich die heute berechtigte verstärken ; aber auch der infantile Haß hat 
sich seinen Weg in die Darstellung gebahnt. 

Im Traume ist aber außerdem ein deutlicher Hinweis auf einen 
anderen Gedankengang enthalten, der in Befriedigung . auslaufen darf. 
Mein Freund hat kurz vorher nach langem Warten ein Töchterchen 
bekommen. Ich weiß, wie sehr er seine früh verlorene Schwester 
betrauert hat, und schreibe ihm, auf dieses Kind würde er die Liebe 
übertragen, die er zur Schwester empfunden : dieses kleine Mädchen 

würde ihn den unersetzlichen Verlust endlich vergessen machen. 

So knüpft auch diese Reihe wieder an den Zwischengedanken 
des latenten Trauminhalts an, von dem die Wege nach entgegen- 
gesetzten Richtungen auseinandergehen: Es ist niemand unersetzlich. 
Sieh, nur Rcvenants; alles was man verloren hat, kommt wieder. 
Und nun werden die assoziativen Bande zwischen den widerspruchs- 
vollen Bestandteilen der Traumgedanken enger angezogen durch den 
zufälligen Umstand, daß die kleine Tochter meines Freundes denselben 
Namen trägt wie meine eigene kleine Jugendgespielin, die mit mir 


528 


VI. Die Trauinarboit 




gleichaltenge bchwestcr meines ältesten Freundes und Gegners Ich 
habe den Namen „Pauline“ mit Befriedigung gehörend um 7u 
dieses Zusammentreffen anzuspiclcn, habe ich im Traume einen Josef 
durch einen anderen Josef ersetzt und fand cs unmöglich, den gleichen 
Anlaut in den Namen Meischl und Fl. zu unterdrücken. Von hier 
aus lauft dann cm Gedankenfaden zur Namengebung bei meinen 
eigenen Kmdern. Ich h eit darauf, daß ihre Namen nicht nadi der 
p de des Tages gewählt, sondern durch das Andenken an teure 
Personen bestimmt sein sollten. Ihre Namen machen die Kinder zu 
„Revenants . Und schließlich, ist Kinder haben nicht für uns alle 
der einzige Zugang zur Unsterblichkeit? 

Uber die Affekte des Traumes werde ich nur noch wenige Be- 
merkungen von einem anderen Gesichtspunkte aus anfügen. Inder 
heclo des Schlafenden kann eine Affektneigung — was wir Stimmung 
heißen — als dominierendes Element enthalten sein und dann den 
Iraum mitbestimmcn. Diese Stimmung kann aus den Erlebnissen und 
Gedankengangen des Tages hervorgehen, sie kann somatische Quellen 
haben; in beiden Fällen wird sie von ihr entsprechenden Gedanken- 
gaugen begleitet sein. Daß dieser Vorstcllungsinhalt der Traum- 
gedanken das einemal primär die Affektneigung bedingt, das andere Mal 
sekundär durch die somatisch zu erklärende Gcfühlsdisposition geweckt 
wird, bleibt für die Traumbildung gleichgültig. Dieselbe steht allemal 
unter der Einschränkung, daß sie nur darstellen kann, was Wunsch- 
erfüllung ist, und daß sic nur dem Wunsche ihre psychische Trieb- 
kraft entlehnen kann. Die aktuell vorhandene Stimmung wird dieselbe 
Behandlung erfahren wie die aktuell während des Schlafes auftauchende 
Sensation (vergl. Seite 170), die entweder vernachlässigt wird oder 
im Sinne einer Wunscherfüllung umgedeutet. Peinliche Stimmungen 
wahrend des Schlafes werden zu T. riebkräften des Traumes, indem sic 
energische Wünsche wecken, die der Traum erfüllen soll. Das Material, 
an dem sie haften, wird so lange umgearbeitet, bis es zum Ausdruck 
der Wunscherfüllung verwendbar ist. Je intensiver und je dominieren- 
der das Element der peinlichen Stimmung in den Traumgedanken ist 
desto sicherer Averden die stärkst unterdrückten Whnschrcgungen die 
Gelegenheit zur Darstellung zu kommen benützen, da sic durch die J 
aktuelle Existenz der Unlust, die sie sonst aus Eigenem erzeugen 
müßten, den schwereren Teil der Arbeit für ihr Durchdringen zur 
Darstellung bereits erledigt finden, und mit diesen Erörterungen streifen 
Avir Avieder das Problem der Angstträume, die sich als der Grenzfall 
für die Traumlcistung herausstellen werden. 

h) Die sekundäre Bearbeitung. 

Wir wollen endlich an die Hervorhebung des vierten der bei der 
Traumbildung beteiligten Momente gehen. 

Setzt man die Untersuchung des Trauminhalts in der vorhin 
öingclciteten Weise fort, indem man auffällige Vorkommnisse im 


1 >io sekundäre Bearbeitung. 


32 l J 


Trauunuhalt auf ihre Herkunft aus den Traumgedanken prüft, so stößt 
man auch auf Elemente, für deren Aufklärung es einer völlig^ neuen 
Annahme bedarf. Ich erinnere an die Fälle, wo man sich im Traume 
wuii dort, ärgert, sträubt, und zwar gegen ein Stück des Trauminhalts 
selbst. Die meisten dieser Regungen von Kritik im Traume sind nicht 
gegen den Trauminhalt geriehtet, sondern erweisen sich als über- 
nommene und passend verwendete Teile des Traummaterials, wie ich 
an geeigneten Beispielen dargelegt habe. Einiges der Art fügt sich 
aber einer soleheu Ableitung nicht; man kann das Korrelat dazu im 
Traummaterial nicht auffinden. Aas bedeutet z. B. die im I raume 
nieht gar seltene Kritik: Das ist ja nur ein Traum? Dies ist eine 
wirkliche Kritik des Traumes, wie ieh sie im Wachen üben könnte. 
Gar nieht selten ist sie aueh nur die Vorläuferin des Erwachens; noch 
häufiger geht ihr selbst ein peinliches Gefühl vorher, das sich nach 
der Konstatierung des Traumzustandes beruhigt. Der Gedanke: „Das 
ist ja nur ein Traum“ während des Traumes beabsichtigt aber dasselbe, 
was er auf offener Bühne im Munde der schönen Helena von Offen- 
bach besagen soll; er will die Bedeutung des eben Erlebten herab- 
drücken und die Duldung des Weiteren ermöglichen. Er dient zur 
Einsehläferung einer gewissen Instanz, die in dem gegebenen Moment 
alle Veranlassung hätte, sich zu regen und die Fortsetzung des 
Traumes — oder der Szene — zu verbieten. Es ist aber bequemer 
weiter zu schlafen und den Traum zu dulden, „weil’s doch nur ein 
Traum ist“. Ieh stelle mir vor, daß die verächtliche Kritik: Es ist 
ja nur ein Traum, dann im Traume auftritt, wenn die niemals ganz 
sehlafendc Zensur sich durch den bereits zugelassenen Traum über- 
rumpelt fühlt. Es ist zu spät ihn zu unterdrücken, somit begegnet sie 
mit jener Bemerkung der Angst oder der peinlichen Empfindung, 
welche sich auf den Traum hin erhebt. Es ist eine Äußerung des 
esprit d’esealier von seiten der psychischen Zensur. 

An diesem Beispiel haben wir aber einen einwandfreien Beweis 
dafür, daß nicht alles, was der Traum enthält, aus den Traumgedanken 
stammt, sondern daß eine psychische Funktion, die von unserem waehen 
Denken nieht zu unterscheiden ist, Beiträge zum Trauminhalt liefern 
kann. Es fragt sich nun, kommt dies nur ganz ausnahmsweise vor 
oder kommt der sonst nur als Zensur tätigen psychischen Instanz ein 
regelmäßiger Anteil an der Traumbildung zu? 

Mau muß sich ohne Schwanken für das letztere entscheiden. Es 
ist unzweifelhaft, daß die zensurierende Instanz, deren Einfluß wir 
bisher nur in Einschränkungen und Auslassungen im Trauminhalt 
erkannten, auch Einschaltungen und Vermehrungen desselben ver- 
schuldet. Diese Einsehaltungen sind oft leieht kenntlieh ; sie werden 
zaghaft beriehtet, mit einem „als ob“ eingeleitet, haben an und für 
sieh keine besonders hohe Lebhaftigkeit und sind stets an Stellen an- 
gebracht, wo sie zur Verknüpfung zweier Stücke des Trauminhalts, 
zur Anbahnung eines Zusammenhanges zwischen zwei Traumpartien 


VI Die Trimmarbeit. 


330 

dienen können »Sie zeigen eine geringere Haltbarkeit im Gedächtnis 
als die echten Abkömmlinge des Traummateriales; unterliegt der Traum 
dem Vergessen, so killen sie zuerst aus, und ich hege eine starke Ver- 
mutung, daß unsere häufige Klage, wir hätten soviel geträumt, das 
meiste davon vergessen und nur Bruchstücke behalten, auf den als- 
baldigen Ausfall gerade dieser Kittgedanken beruht. Bei vollständiger 
Analyse verraten sich diese Einschaltungen manchmal dadurch, daß 
sich zu ihnen kein Material in den Traumgedanken findet. Doch muß 
ich bei sorgfältiger Prüfung diesen Fall als den selteneren bezeichnen : 
zumeist lassen sich die Schaltgedanken immerhin auf Material in den 
Traumgedanken zurückführen, welches aber weder durch seine eigene 
Wertigkeit noch durch Überdeterminierung Anspruch auf Aufnahme in 
den Traum erheben könnte. Die psychische Funktion bei der Traum- 
bildung, die wir jetzt betrachten, erhebt sich, wie es scheint, nur im 
äußersten Falle zu Neuschöpfungen; so lange es noch möglich ist, ver- 
wertet sie, was sie Taugliches im Traummaterial auswählen kann. 

W as dieses Stück der Traumarbeit auszcichnet und verrät, ist 
seine Tendenz. Diese Funktion verfährt ähnlich, wie es der Dichter 
boshaft vom Philosophen behauptet; mit ihren Fetzen und Flicken 
stopft sie die Lücken im Aufbau des Traumes. Die Folge ihrer Be- 
mühung ist, daß dci Traum den Anschein der Absurdität und Zu- 
sammenhauglosigkeit verliert und sich dem Vorbilde eines verständ- 
lichen Erlebnisses annähert. Aber die Bemühung ist nicht jedesmal 
vom vollen Erfolge gekrönt. Es kommen so Träume zu stände, die 
für die oberflächliche Betrachtung tadellos logisch und korrekt er- 
scheinen mögen; sie gehen von einer möglichen Situation aus, führen 
dieselbe durch widerspruchsfreie Veränderungen fort und bringen es. 
wiewohl dies am seltensten, zu einem nicht befremdenden Abschluß. 
Diese Träume haben die tiefgehendste Bearbeitung durch die dem 
wachen Denken ähnliche psychische Funktion erfahren; sie scheinen 
einen Sinn zu haben, aber dieser Sinn ist von der wirklichen Bedeutung 
des Traumes auch am weitesten entfernt. Analysiert man sie, so über- 
zeugt man sich, daß hier die sekundäre Bearbeitung des Traumes am 
freiesten mit dem Material nmgesprungen ist, am wenigsten von dessen 
Relationen beibehalten hat. Es sind das Träume, die sozusagen schon 
einmal gedeutet worden sind, ehe wir sie im Wachen der Deutung 
unterziehen Tn anderen Träumen ist diese tendenziöse Bearbeitung nur 
ein Stück weit gelungen; so weit scheint Zusammenhang zu herrschen, 
dann wird der Traum unsinnig oder verworren, vielleicht um sich 
noch ein zweites Mal in seinem Verlaufe zum Anschein des ^ er- 
ständigen zu erheben. In anderen Träumen hat die Bearbeitung über- 
haupt versagt ; wir stehen wie hilflos einem sinnlosen Haufen von 
Inhaltsbrocken gegenüber. 

Ich möchte dieser vierten, den Traum gestaltenden Macht, die 
uns ja bald als eine bekannte erscheinen wird — sie ist in Wirklich- 
keit die einzige uns auch sonst vertraute unter den vier Traumbildnern : 


Die Phantasien oder Tagträumo. 


331 


ich möchte diesem vierten Moment also die Fähigkeit, schöpferisch 

neue Beiträge zum Traume zu liefern, nicht peremptorisch absprechen. 
Sicherlich aber äußert sich auch ihr Einfluß, wie der der anderen, 
vorwiegend in der Bevorzugung und Auswahl von bereits gebildetem 
I psychischen Material in den Traumgedanken. Es gibt nun einen Fall, 
in dem ihr die Arbeit, an den Traum gleichsam eine Fassade anzu- 
bauen, zum größeren Teil dadurch erspart bleibt, daß im Material der 
Tran mgedanken ein solches Gebilde, seiner Verwendung harrend, 
bereits ^fertig vorgefunden wird. Das Element der Traumgedanken, das 
ich im Auge habe, pflege ich als „Phantasie“ zu bezeichnen; ich 
gehe vielleicht Mißverständnissen aus dem Wege, wenn ich sofort als 
das Analoge aus dem Wachleben den Tagtraum namhaft mache.*) 
Die Rolle dieses Elements in unserem Seelenleben ist von den Psychiatern 
noch nicht erschöpfend erkannt und aufgedeckt worden; M. Benedikt 
hat mit dessen Würdigung einen, wie mir scheint, viel versprechenden 
Anfang gemacht. Dem unbeirrten Scharfblicke der Dichter ist die 
Bedeutung des Tagtraumes nicht entgangen; allgemein bekannt ist die 
Schilderung, die A. Daudet im Nabab von den Tagträumen einer 
der Nebenfiguren des Romans entwirft. Das Studium der Psycho- 
neurosen führt zur überraschenden Erkenntnis, daß diese Phantasien 
oder Tagträume die nächsten Vorstufen der hysterischen Symptome — 
wenigstens einer ganzen Reihe von ihnen — sind ; nicht an den 
Erinnerungen selbst, sondern an den auf Grund der Erinnerungen 
aufgebauten Phantasien hängen erst die hysterischen Symptome. Das 
häufige Vorkommen bewußter Tagesphantasien bringt diese Bildungen 
unserer Kenntnis nahe ; wie es aber solche bewußte Phantasien gibt, 
so kommen überreichlich unbewußte vor, die wegen ihres Inhalts und 
ihrer Abkunft vom verdrängten Material unbewußt bleiben müssen. 
Eine eingehendere Vertiefung in die Charaktere dieser Tagesphantasien 
lehrt uns, mit wie gutem Rechte diesen Bildungen derselbe Name 
zugefallen ist, den unsere nächtlichen Denkproduktionen tragen, der 
Name: Träume. Sie haben einen wesentlichen Teil ihrer Eigen- 
schaften mit den Nachtträumen gemein; ihre Untersuchung hätte uns 
eigentlich den nächsten und besten Zugang zum Verständnis der 
Nachtträume eröffnen können. 

Wie die Träume sind sie Wunscherfülluugen ; wie die Träume 
basieren sie zum guten Teil auf den Eindrücken infantiler Erlebnisse; 
wie die Träume erfreuen sie sich eines gewissen Nachlasses der Zensur 
für ihre Schöpfungen. Wenn man ihrem Auf baue nachspürt, so wird 

I man inne, wie das Wunschmotiv, das sich in ihrer Produktion betätigt, 
das Material, aus dem sie gebaut sind, durcheinander geworfen, um- 
geordnet und zu einem neuen Ganzen zusammen gefügt hat. Sie stehen 
zu den Kindheitseiinnerungen, auf die sie zurückgehen, etwa in dem- 
selben Verhältnis wie manche Barockpaläste Roms zu den antiken 
— 


*) reve, petit roman — day-dream, story. 


382 


VI. Die T rauiuarl)i‘it 


Ruinen, deren Quadern und Säulen das Material für den Bau in 
moderneren Formen hergegeben haben. 

In der ,, sekundären Bearbeitung“, die wir unserem vierten 
traumbildenden Moment gegen den Traumiulialt zugeschrieben haben, 
linden wir dieselbe Tätigkeit wieder, die sich bei der Schöpfung der 
Tagträume ungehemmt von anderen Einflüssen äußern darf. Wir 
könnten ohne weiteres sagen, dies unser viertes Moment sucht aus dem 
ili m dargebotenen Material etwas wie einen T a g t r a u m zu gestalten. 
Wo aber ein solcher Tagtraum bereits im Zusammenhänge der Traum- 
gedanken gebildet ist, da wird dieser Faktor der Traumarbeit sich 
seiner mit Vorliebe bemächtigen und dahin wirken, daß er in den 
Trauminhalt gelange. Es gibt solche Träume, die nur in der Wieder- 
holung einer Tagesphantasie, einer vielleicht unbewußt gebliebenen, 
bestehen, so z. B. der Traum des Knaben, daß er mit den Helden des 
Trojanischen Krieges im Streitwagen fährt. In meinem Traume 
„Autodidasker“ ist wenigstens das zweite Traumstück die getreue 
Wiederholung einer an sich harmlosen Tagesphantasie über meinen 
Verkehr mit dem Professor N. Es rührt aus der Komplikation der 
Bedingungen her, denen der Traum bei seinem Entstehen zu genügen 
hat, daß häufiger die Vorgefundene Phantasie nur ein Stück des 
Traumes bildet, oder daß nur ein Stück von ihr zum Trauminhalt 
hin durehdriugt. Im ganzen wird dann die Phantasie behandelt wie 
jeder andere Bestandteil des latenten Materials; sie ist aber oft im 
Traume noch als Ganzes kenntlich. In meinen Träumen kommen oft 
Partien vor, die sich durch einen von den übrigen verschiedenen 
Eindruck hervorheben. Sie erscheinen mir wie fließend, besser 
zusammenhängend und dabei flüchtiger als andere Stücke desselben 
Traumes; ich weiß, dies sind unbewußte Phantasien, die im Zusammen- 
hänge in den Traum gelangen, aber ich habe es nie erreicht, eine 
solche Phantasie zu fixieren. Im übrigen werden diese Phantasien wie 
alle anderen Bestandteile der Traumgedanken zusammengeschobeu, 
verdichtet, die eine durch die andere überlagert u. dgl. ; es gibt aber 
Übergänge von dem Falle, wo sie fast unverändert den Trauminhalt 
oder wenigstens die Traumfassade bilden dürfen, bis zu dem entgegen- 
gesetzten Falle, wo sie nur durch eines ihrer Elemente oder eine entfernte 
Anspielung an ein solches im Trauminhalt vertreten sind. Es bleibt 
offenbar auch für das Schicksal der Phantasien in den Traumgedanken 
maßgebend, welche Vorteile sie gegen die Ansprüche der Zensur und 
des Verdichtungszwanges zu bieten vermögen. 

Bei meiner Auswahl von Beispielen für die Traumdeutung bin ich 
Träumen, in denen unbewußte Phantasien eine erheblichere Rolle 
spielen, möglichst ausgewichen, Aveil die Einführung dieses psychischen 
Elements Aveitläufige Erörterungen aus der Psychologie des unbewußten 
Denkens erfordert hätte. Gänzlich umgehen kann ich jedoch die 
„Phantasie“ auch in diesem Zusammenhänge nicht, da sie häufig voll 
in den Traum gelangt und noch häufiger deutlich durch ihn durch- 


Phantasien iin Traume. 


353 


schimmert. Ich will etwa noch einen Traum anführen, der aus zwei 
verschiedenen, gegensätzlichen und einander an einzelnen Stellen 
deckenden Phantasien zusammengesetzt erscheint, von denen die eine 
die oberflächliche ist, die andere gleichsam zur Deutung der ersteren 

Der Traum lautet — es ist der einzige, über den ich keine 
sorgfältigen Aufzeichnungen besitze — ungefähr so: Der Träumer 
ein unverheirateter junger Mann — sitzt in seinem, richtig gesehenen, 
Stammwirtshause •, da erscheinen mehrere Personen, ihn abzuholen, 
darunter eine, die ihn verhaften will. Er sagt zu seinen Tischgenossen : 
Ich zahle später, ich komme wieder zurück. Aber die riefen hohn- 
lächelnd : Das kennen wir schon, das sagt ein jeder. Ein Gast ruft ihm 
noch nach : Da geht wieder einer dahin. Er wird dann in ein euges 
Lokal geführt, wo er eine Frauensperson mit einem Kinde auf dem 
Arme findet. Einer seiner Begleiter sagt: Das ist der Hen Müllei. 
Ein Kommissär oder sonst eine Amtsperson blättert in einem Packe 
von Zetteln oder Schriften und wiederholt dabei: Müller, Müller, 
Müller. Endlich stellt er an ihn eine Frage, die er mit Ja beantwortet. 
Er sieht sich dann nach der Frauensperson um und merkt, daß sie 


einen großen Bart bekommen hat. 

Die beiden Bestandteile sind hier leicht zu sondern. Das Ober- 
flächliche ist eine Verhaftungs phantasie, sie scheint uns von der 
Traumarbeit neu gebildet. Dahinter aber wird als das Material, das 
von der Traumarbeit eine leichte Umformung erfahren hat, die Phan- 
tasie der Verheiratung sichtbar, und die Züge, die beiden ge- 
meinsam sein können, treten wieder wie bei einer Galtonschen 
Mischphotographie besonders deutlich hervor. Das Versprechen des 
bisherigen Junggesellen, seinen Platz am Stammtische wieder aufzu- 
suchen, der Unglaube der durch viele Erfahrungen gewitzigten 
Kneipgenossen, der Nachruf : Da geht (heiratet) wieder einer dahin, 
das sind auch für die andere Deutung leicht verständliche Züge. 
Ebenso das Jawort, das man der Amtsperson gibt. Das Blättern in 
einem Stoß von Papieren, wobei man denselben Namen wiederholt, 
entspricht einem untergeordneten, aber gut kenntlichen Zug aus den 
Hochzeitsfeierlichkeiten, dem Vorlesen der stoßweise angelangten 
Glückwunschtelegramme, die ja alle auf denselben Namen lauten. 
In dem persönlichen Auftreten der Braut in diesem Traume hat sogar 


*) [Ein gutes Beispiel eines soleheu, dureli Übereinauderlagcrung mehrerer 
Phantasien entstandenen Traumes habe ieh im „Bruchstück einer Hysterieanalyse“ 
11)05 analysiert. Übrigens habe ieh die Bedeutung soleher Phantasien für die Traum- 
bildung untersehätzt, solange ieh vorwiegend meine eigenen Träume bearbeitete, 
denen seltener Tagträume, meist Diskussionen und Gedankenkonflikte zu Grunde 
liegen. Bei anderen Personen ist die volle Analogie des näehtliehen Traumes 
mit dem Tagtranme oft viel leichter zu erweisen. Es gelingt häufig bei 
Hysterischen eine Attacke dureli einen Traum zu ersetzen; man kann sieh dann 
leieht überzeugen, daß für beide psyehiseho Bildungen die Tagtraumphantasie die 
näehste Vorstnfo ist.] 


334 


VI. Die Traumarbeit. 


die Heiratsphantasie den Sieg Uber die sie deckende Verhaftun^- 
phantasio davongetragen. Daß diese Braut am Ende einen Bart 
zur Schau trägt, konnte ich durch eine Erkuudigung — zu einer 
Analyse kam es nicht — auf klären. Der Träumer war tags vorher 
mit einem Freunde, der ebenso ehefeindlich ist wie er, ° Uber die 
Straße gegangen und hatte diesen Freund auf eine brünette Schönheit 
aufmerksam gemacht, die ihnen entgegen kam. Der Freund aber 
hatte bemerkt : Ja, wenn diese Frauen nur nicht mit den Jahren Bärte 
bekämen wie ihre Väter. 

Natürlich fehlt es auch in diesem Traume nicht an Elementen, 
bei denen die Traumentstellung tiefer gehende Arbeit verrichtet hat! 
So mag die Rede: „Ich werde später zahlen“ auf das zu befürchtende 
Benehmen des Schwiegervaters in Betreff der Mitgift zielen. Offenbar 
halten den Träumer allerlei Bedenken ab, sich mit Wohlgefallen der 
Heiratsphantasie hinzugeben. Eines dieser Bedenken, daß man mit 
der Heirat seine Freiheit verliert, hat sich in der Umwandlung zu 
einer Verhaftungsszene verkörpert. 

Wenn wir nochmals darauf zurückkommen wollen, daß die 
Traumarbeit sich gern einer fertig Vorgefundenen Phantasie bedient, 
anstatt eine solche aus dem Material der Traumgedanken erst zu- 
sani menzusetzen, so lösen wir mit dieser Einsicht vielleicht eines 
der interessanten Rätsel des Traumes. Ich habe auf Seite 18 den 
Traum von Maury 48 ) erzählt, der von einem Brettchen im Genick 
getroffen mit einem langen Traume, einem kompletten Roman aus den 
Zeiten der großeu Revolution, erwacht. Da der Traum für zusammen- 
hängend ausgegeben wird und ganz auf die Erklärung des Weck- 
reizes angelegt ist, von dessen Eintreffen der Schläfer nichts ahnen 
konnte, so scheint nur die eine Annahme übrig zu bleiben, daß der 
ganze reiche Traum in dem kurzen Zeiträume zwischen dem Auf- 
fallen des Brettes auf Maury s Halswirbel und seinem durch diesen 
Schlag erzwungenen Erwachen komponiert worden und stattgefunden 
haben muß. Wir würden uns nicht getrauen, der Denkarbeit iiu 
Wachen eine solche Raschheit zuzuschreiben, und gelangten so dazu, 
der Traumarbeit eine bemerkenswerte Beschleunigung des Ablaufes 
als Vorrecht zuzugesteheu. 

Gegen diese rasch populär gewordene Folgerung haben neuere 
Autoren (Le Lorrain 45 ), Egger 20 ) u. a.) lebhaften Einspruch er- 
hoben. Sie zweifeln teils die Exaktheit des Traumberichtes von seiten 
Maurys an, teils versuchen sie darzutun, daß die Raschheit unserer 
wachen Denkleistungen nicht hinter dem zurückbleibt, was man der 
Traumleistung ungeschmälert lassen kann. Die Diskussion rollt prin- 
zipielle Fragen auf, deren Erledigung mir nicht nahe bevorzustehen 
scheint. Ich muß aber bekennen, daß die Argumentation, z. B. 
Eggers, gerade gegen den Guillotinen träum Maurys mir keinen 
überzeugenden Eindruck gemacht hat. Ich würde folgende Erklärung 
dieses Traumes Vorschlägen: Wäre es denn so sehr unwahrscheinlich. 


335 


Erklärungsversuch des Guillotiiientraunies. 

daß der Traum Maurys eine Phantasie darstellt, die in seinem Ge- 
dächtnis seit Jahren fertig aufbewahrt war und in dem Moment geweckt 
— ich möehte sagen: an ge spielt — wurde, da er den Weckreiz 
erkannte? Es entfällt dann zunächst die ganze Schwierigkeit, emo so 
lano-e Geschiehto mit all ihren Einzelheiten in dem überaus kurzen 
Zeiträume, der hier dem Träumer zur Verfügung steht, zu kom- 
ponieren; sie ist bereits komponiert. Hätte das Holz Maurys Nacken 
j'jii Waehen getroffen, so wäre etwa Kaum für den Gedanken gewesen. 
Das ist ja gerade so, als ob man guillotiniert würde. Da er aber 
im Sehlaf'e von dem Brette getroffen wird, so benützt die Traumarbeit 
den anlangcnden Reiz rasch zur Herstellung einer Wunscherfüllung, 
als ob sie denken würde (dies ist durchaus figürlich zu nehmen): 
,, Jetzt ist eine gute Gelegenheit, die Wunsch phantasie wahr zu machen, 
die ich mir zu der und der Zeit bei der Lektüre gebildet habe. 
Daß der geträumte Roman gerade ein solcher ist, -wie ihn der Jüngling 
unter mäehtig erregenden Eindrücken zu bilden pflegt, scheint mir 
nicht bestreitbar. Wer hätte sich nicht gefesselt gefühlt und zumal 
als Franzose und Kulturhistoriker — durch die Schilderungen aus der 
Zeit des Schreekens, in der der Adel, Männer und Frauen, die Blüte 
der Nation, zeigte, wie man mit heiterer Seele sterben kann, die 
Frisehe ihres Witzes und die Feinheit ihrer Lebensformen bis zur 
verhängnisvollen Abberufung festhielt? Wie verlockend, sich da mitten 
hinein zu phantasieren als einer der jungen Männer, die sieh mit 
einem Handkuß von der Dame verabschieden, um unersehroeken das 
Gerüst zu besteigen ! Oder wenn der Ehrgeiz das Hauptmotiv des 
Phantasierens gewesen ist, sich in eine jener gewaltigen Individualitäten 
zu versetzen, die nur durch die Macht ihrer Gedanken und ihrer 
flammenden Beredsamkeit die Stadt beherrschen, in der damals das 
Herz der Menschheit krampfhaft sehlägt, die Tausende von Menschen 
aus Überzeugung in den Tod sehieken und die Umwandlung Europas 
anbahnen, dabei selbst ihrer Häupter nieht sieher sind, und sie eines 
Tages unter das Messer der Guillotine legen, etwa in die Rolle eines 
der Girondisten oder des Heros Danton? Daß die Phantasie Maurys 
eine solehe ehrgeizige gewesen ist, darauf scheint der in der Erinne- 
rung erhaltene Zug hinzuweisen „von einer unübersehbaren Menschen- 
menge begleitet“. 

Diese ganze seit langem fertige Phantasie braucht aber während 
des Schlafes auch nieht durchgemacht zu werden ; es genügt, wenn 
sie sozusagen ,, angetupft“ wird. Ieh meine das folgendermaßen : 
Wenn ein paar Takte angeschlagen werden und jemand wie im Don 
Juan dazu sagt: Das ist aus Figaros Hochzeit von Mozart, so 
wogt es in mir mit einem Male von Erinnerungen, aus denen sich 
im nächsten Moment niehts Einzelnes zum Bewußtsein erheben kann. 
Das Schlagwort dient als Einbruehsstation, von der aus ein Ganzes 
gleichzeitig in Erregung versetzt wird. Nieht anders brauchte es im 
unbewußten Denken zu sein. Durch den Weekreiz wird die psychische 


33C 


VI. Die Traumarbeit. 


7jU ^ n P z "f ganzen Guillotinenpha.itasic eröffnet. 

in 
ren 

---? — — — w tvn/^o hu iicuimc gerührt 
wurde. Man Jiat dabei kein Mittel zur Versicherung, daß man wirklich 
etwas Geträumtes erinnert. Man kann dieselbe Erklärung, daß es sich 
um fertige Phantasien handelt, die durch den Weckreiz als Ganzes in 
Erregung gebracht werden, noch für andere auf den Weckreiz ein- 



cuooo AUicibbüü uuer üRiJ aas rroblem cie^ 

beschleunigten Vorstellungsablaufes im Traume auf diese Weise über- 
haupt wegzuräumen ist. 

Es ist unvermeidlich, daß man sich hier um das Verhältnis 
dieser sekundären Bearbeitung des Trauminhalts zu den übrigen 
haktoren der Traumarbeit bekümmere. Geht es etwa so vor sich, 
daß die traumbildenden Faktoren, das Verdichtungsbestreben, der 
Zwang der Zensur auszuweichen und die Rücksicht auf Darstell bar- 
keit in den psychischen Mitteln des Traumes vorerst aus dem Material 
einen vorläufigen Trauminhalt bilden, und daß dieser dann nachträg- 
lich umgeformt wird, bis er den Ansprüchen einer zweiten Instanz 
möglichst genügt? Das ist kaum wahrscheinlich. Man muß eher 
an nehmen, daß die Anforderungen dieser Instanz von allem Anfänge 
an eine der Bedingungen abgeben, denen der Traum genügen soll, 
und daß diese Bedingung ebenso wie die der Verdichtung, der 
Widerstandszensur und der Darstellbarkeit gleichzeitig auf das große 
Material der Traumgedanken induzierend und auswählend einwirken. 
Unter den vier Bedingungen der Traumbildung ist aber die letzt- 
erkannte jedenfalls die, deren Anforderungen für den Traum am 
wenigsten zwingend erscheinen. Die Identifizierung dieser psychischen 
Funktion, welche die sogenannte sekundäre Bearbeitung des Traum- 
inhalts vornimmt, mit der Arbeit unseres wachen Denkens ergibt sich 
mit hoher Wahrscheinlichkeit aus folgender Erwägung : Unser waches 
(vorbewußtes) Denken benimmt sich gegen ein beliebiges Wahr- 
nehmungsmaterial ganz ebenso wie die in Frage stehende Funktion 
gegen den Trauminhalt. Es ist ihm natürlich, in einem solchen 
Material Ordnung zu schaffen, Relationen herzustellen, es unter die 
Erwartung eines intelligibeln Zusammenhanges zu bringen. Wir 
gehen darin eher zu weit; die Kunststücke der Taschenspieler äffen 
uns, indem sie sich auf diese unsere intellektuelle Gewohnheit stützen. 
In dem Bestreben, die gebotenen Sinneseindrücke verständlich zu- 
sammenzusetzen, begehen wir oft die seltsamsten Irrtümer oder 
falschen selbst die Wahrheit des uns vorliegenden Materials. Die 
liicher gehörigen Beweise sind zu sehr allgemein bekannt, um breiter 
Anführung zu bedürfen. Wir lesen über sinustörende Druckfehler 
hinweg, indem wir das Richtigo illusiomeren. Ein Redakteur eines 


Diu sekundäre Bearbeitung. 


337 


vieDelesenen französischen Journals soll clie Wette gewagt haben, er 
werde in jeden Satz eines langen Artikels durch den Druck ein- 
schalten lassen, „von vorn“ oder „von hinten“, ohne daß einen- der 
Leser es bemerken würde. Er gewann die Wette. Ein komisches 
Beispiel von falschem Zusammenhänge ist mir vor Jahren bei der 
Zeitun^slektüre aufgcfallen. Nach jener Sitzung der französischen 
Kammer in welcher D u p u y durch das beherzte Wort . La s6anco 
conti nue ? den Schreck über 'das Platzen der von einem Anarchisten 
in den Saal geworfenen Bombe aufhob, wurden die Besucher der 
Galerie als Zeugen über ihre Eindrücke von dem Attentat vernommen. 
Unter ihnen befanden sich zwei Leute aus der Provinz, deren einer 
erzählte, unmittelbar nach Schluß einer Kede habe er wohl eine 
Detonation vernommen, aber gemeint, es sei im Parlament Sitte, 
jedesmcil, wenn ein Redner geendigt, einen Schuß abzufeuern. Der 
audere, der wahrscheinlich schon mehrere Redner angehört hatte, war 
in dasselbe Urteil verfallen, jedoch mit der Abänderung, daß solches 
Schießen eine Anerkennung sei, die nur nach besonders gelungenen 
Reden erfolge. 

Es ist also wohl keine andere psychische Instanz als unser nor- 
males Denken, welche an den Trauminhalt mit dem Anspruch heran- 
tritt, er müsse verständlich sein, ihn einer ersten Deutung unterzieht 
und dadurch das volle Mißverständnis desselben herbeiführt. Für unsere 
Deutung bleibt es Vorschrift, den scheinbaren Zusammenhang im 
Traume, als seiner Herkunft nach vei*dächtig, in allen Fällen unbeachtet 
zu lassen und vom Klaren wie vom Verworrenen den gleichen Weg 
des Rückgangs zum Traummaterial einzuschlagen. 

Wir merken aber dabei, wovon di