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Full text of "Traumdeutung [3. vermehrte Auflage]"

DIE 



TRAUMDEUTUNO 



VON 



\/ 



PROF. DR SlGMr FREUD. 



*FLECTERE Sl NEQUEO SVPEROS, ACHERONTA MOVEBOt 
DRITTE VERMEHRTE AUFLAGE. 



LEIPZIG UND WIEN. 

FRANZ DEUTICKE. 

1911. 



r^r\onlf* Orfgmaffrom 

:)y V.iUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



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K. u. K. Hofbuchdnickerei Karl Prochaska in Teschen. 



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Vorbemerkung. 



Indem ich hier die Darstellung der Traumdeutung versuche, 
glaube ich den Umkreis neuropathologischer Interessen nicht über- 
schritten zu haben. Denn der Traum erweist sich bei der psycho- 
logischen Prüfung als das erste Glied in der Reihe abnormer psychischer 
Gebilde, von deren weiteren Gliedern die hysterische Phobie, die 
Zwangs- und die Wahnvorstellung den Arzt aus praktischen Gründen 
beschäftigen müssen. Auf eine ähnlich e prak tische Bedeutung kann 
der Traum — wie sich zeigen wird — Anspruch nicht erheben; 
um so größer ist aber sein theoretischer Wert als Paradigma, und 
wer sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklären weiß, 
wird sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs- und Wahn- 
ideen, eventuell um deren therapeutische Beeinflussung, vergeblich 
bemühen. 

Derselbe Zusammenhang aber, dem unser Thema seine Wichtig- 
keit verdankt, ist auch für die Mängel der vorliegenden Arbeit ver- 
antwortlich zu machen. Die Bruchflächen, welche man in dieser 
Darstellung so reichlich finden wird, entsprechen ebenso vielen 
Kontaktstellen, an denen das Problem der Traumbildung in um- 
fassendere Probleme der Psychopathologie eingreift, die hier nicht 
behandelt werden konnten, und denen, wenn Zeit und Kraft ausreichen 
und weiteres Material sich einstellt, spätere Bearbeitungen gewidmet 
werden sollen. 

Eigentümlichkeiten des Materials, an dem ich die Traumdeutung 
erläutere, haben mir auch diese Veröfl'entlichung schwer gemacht. Es 
wird sich aus der Arbeit selbst ergeben, warum alle in der Literatur 
erzählten oder von Unbekannten zu sammelnden Träume für meine 
Zwecke unbrauchbar sein mußten; ich hatte nur die Wahl zwischen 
den eigenen Träumen und denen meiner, in psychoanalytischer Behand- 



C^ r\g^ ^ Orrginaffnonn 

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VI 

lung stehenden, Patienten. Die Verwendung des letzteren Materials 
wurde nair durch den Umstand verwehrt, daß hier die Traumvorgänge 
einer unerwünschten Komplikation durch die Einmengung neurotischer 
Charaktere unterlagen. Mit der Mitteilung meiner eigenen Traume 
aber erwies sich als untrennbar verbunden, daß ich von den Intimitäten 
meines psychischen Lebens fremden Einblicken mehr eröffitiete, als 
mir lieb sein konnte, und als sonst einem Autor, der nicht Poet, 
sondern Naturforscher ist, zur Aufgabe fällt. Das war peinlich, aber 
unvermeidlich ; ich habe mich also darein gefllgt, um nicht auf die 
Beweisführung für meine psychologischen Ergebnisse überhaupt ver- 
zichten zu müssen. Natürlich habe ich doch der Versuchung nicht 
widerstehen können, durch Auslassungen und Ersetzungen manchen 
Indiskretionen die Spitze abzubrechen; so oft dies geschah, gereichte 
es dem Werte der von mir verwendeten Beispiele zum entschiedensten 
Nachteile. Ich kann nur die Erwartung aussprechen, daß die Leser 
dieser Arbeit sich in meine schwierige Lage versetzen werden, um 
Nachsicht mit mir zu üben, und ferner, daß alle Personen, die sich 
in den mitgeteilten Träumen irgendwie betroffen finden, wenigstens dem 
Traumleben Gedankenfreiheit nicht werden versagen wollen. 



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Vorwort zur zweiten Auflage, 

Daß von diesem schwer lesbaren Buche noch vor Vollendung 
des ersten Jahrzehnts eine zweite Auflage notwendig geworden ist, 
verdanke ich nicht dem Interesse der Fachkreise, an die ich mich in 
den vorstehenden Sätzen gewendet hatte. Meine Kollegen von der 
Psychiatrie scheinen sich keine Mühe gegeben zu haben, über das 
anfangliche Befremden hinauszukommen, welches meine neuartige Auf- 
fas;5ung des Traumes erwecken konnte, und die Philosophe n von^Beruf^ 
die nun einmal gewöhnt sind, die Probleme des Traumlebens als An- 
hang zu den Bewußtseinszustfinden mit einigen — meist den nämlichen 
— Sätzen abzuhandeln, haben offenbar nicht bemerkt, daß man gerade~7 
an diesem Ende allerlei hervorziehen könne, was zu einer gründlichenj 
Umgestaltung unserer psychologischen Lehren führen muß. Das Ver- 
halten der wissenschaftlichen Buchkritik konnte nur die Erwartung 
berechtigen, daß Totgeschwiegenwerden das Schicksal dieses meines 
Werkes sein müsse ; auch die kleine Schar von wackeren Anhängern, 
die meiner Führung in der ärztlichen Handhabung der Psychoanalyse 
folgen und nach meinem Beispiel Träume deuten, um diese Deutungen 
in der Behandlung von Neurotikem zu verwerten, hätte die erste 
Auflage des Buches nicht erschöpft. So fühle ich mich denn jenem 
weiteren Kreise von Gebildeten und Wißbegierigen verpflichtet, deren 
Teilnahme mir die Aufforderung verschafft hat, die schwierige und 
für so vieles grundlegende Arbeit nach neun Jahren von neuem vor- 
zunehmen. 

Ich freue mich Pagen zu können, daß ich wenig zu verändern 
fand. Ich habe hie und da neues Material eingeschaltet, aus meiner 
vermehrten Erfahrung einzelne Einsichten hinzugefügt, an einigen 
wenigen Punkten Umarbeitungen versucht; alles Wesentliche über 
den Traum und seine Deutung sowie über die daraus ableitbaren 
psychologischen Lehrsätze ist aber ungeändert geblieben; es hat, 
wenigstens subjektiv, die Probe der Zeit bestanden. Wer meine anderen 
Arbeiten (über Ätiologie und Mechanismus der Psychoneurosen) kennt, 
weiß, daß ich niemals Unfertiges für fertig ausgegeben und mich 
stets bemüht habe, meine Aussagen nach meinen fortschreitenden 
Einsichten abzuändern; auf dem Gebiete des Traumlebens durfte ich 
bei meinen ersten Mitteilungen stehen bleiben • In den langen Jahren 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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vm 

meiner Arbeit an den Neurosen problemen bin ich wiederholt ins 
Schwanken geraten und an manchem irre geworden: dann war es 
immer wieder die „Traumdeutung^, an der ich meine Sicherheit 
wiederfand. Meine zahlreichen wissenschaftlichen Gegner zeigen also 
einen sicheren Instinkt, wenn sie mir gerade auf das Gebiet der 
Traumforschung nicht folgen wollen. 

Auch das Material dieses Buches, diese zum größten Teil durch 
die Ereignisse entwerteten oder überholten eigenen Träume, an denen 
ich die Regeln der Traumdeutung erläutert hatte, erwies l>ei der 
Revision ein Beharrungsvermögen, das sich eingreifenden Änderungen 
widersetzte. Für mich hat dieses Buch nämlich noch eine andere subjek- 
tive Bedeutung, die ich erst nach seiner Beendigung verstehen konnte. 
rEs^erwies sich mir als ein Stück meiner Selbstanalyse, als meine 
LReaktion auf den Tod meines Vaters, also auf das bedeut4?amste Ereignis, 
den einschneidendsten Verlust im Leben eines Mannes. Nachdem ich 
dies erkannt hatte, fühlte ich mich unfähig, die Spuren dirser Ein- 
wirkung zu verwischen. Für den Leser mag es aber gleichgültig sein, 
an welchem Material er Träume würdigen und deuten lernt. 

Wo ich eine unabweisbare Bemerkung nicht in den alten Zu- 
sammenhang einfügen konnte, habe ich ihre Herkunft von der zweiten 
Bearbeitung durch eckige Klammern angedeutet. 

Berchtesgaden, im Sommer 1908. 



Vorwort zur dritten Auflage, 

Während zwischen der ersten und der zweiten Auflage dieses 
Buches ein Zeitraum von neun Jahren verstrichen ist, hat sich das 
Bedürfnis nach einer dritten bereits nach wenig mehr als einem Jahre 
bemerkbar gemacht. Ich darf mich dieser Wandlung freuen ; wenn 
ich aber vorhin die Vernachlässigung meines Werkes von Seiten der 
Leser nicht als Beweis für dessen Unwert gelten lassen wollte, kann 
ich das nunmehr zu Tage getretene Interesse auch nicht als Beweis für 
seine Trefflichkeit verwerten. 

Der Forfochritt wissenschaftlicher Erkenntnis hat auch die „Traum- 
deutung" nicht unberührt gelassen. Als ich sie 1899 niederschrieb, bestand 
die „Sexualtheorie" noch nicht, war die Analyse der komplizierteren 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



IX 

Formen von Psychoneurosen noch in ihren Anfängen. Die Deutung 
der Träume sollte ein Hilfsmittel werden, um die psychologische 
Analyse der Neurosen zu ermöglichen; seither hat das vertiefte Ver- 
stäncmis der Neurosen auf die Auffassung des Traumes zurückgewirkt. 
Die Lehre von der Traumdeutung selbst hat sich nach einer Richtung 
weiter entwickelt, auf welche in der ersten Auflage dieses Buches nicht 
genug Akzent gefallen war. Durch eigene Erfahrung wie durch die 
Arbeiten von W. St ekel und anderen habe ich seither den Umfang 
und die Bedeutung der Symbolik im Traume (oder vielmehr im 
unbewußt'Cn Denken) richtiger würdigen gelernt. So hat sich im 
Laufe dieser Jahre vieles angesammelt, was Berücksichtigung verlangte. 
Ich habe versucht, diesen Neuerungen durch zahlreiche Einschaltungen 
in den Text und Anfügung von Fußnoten Rechnung zu tragen. Wenn 
diese Zusätze nun gelegentlich den Rahmen der Darstellung zu spren- 
gen drohen, oder wenn es doch nicht an allen Stellen gelungen ist, 
den früheren Text auf das Niveau unserer heutigen Einsichten zu 
heben, so bitte ich für diese Mängel des Buches um Nachsicht, da sie 
nur Folgen und Anzeichen der nunmehr beschleunigten Entwicklung 
unseres Wissens sind. Ich getraue mich auch vorherzusagen, nach 
welchen anderen Richtungen spätere Auflagen der Traumdeutung — 
falls sich ein Bedürfiiis nach solchen ergeben würde — von der vor- 
liegenden abweichen werden. Dieselben müßten einerseits einen engeren 
Anschluß an den reichen Stoff der Dichtung, des Mythus, des Sprach- 
gebrauchs und des Folklore suchen, anderseits die Beziehungen des 
Traumes zur Neurose und zur Geistesstörung noch eingehender, als es 
hier möglich war, behandeln. 

Herr Otto Rank hat mir bei der Auswahl der Zusätze wertvolle 
Dienste geleistet und die Revision der Druckbogen allein besorgt. 
Ich bin ihm und vielen anderen ftir ihre Beiträge und Berichtigungen 
zu Dank verpflichtet. 

Wien, im Frühjahr 1911. 



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Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

I. Die wissenBchaftliche Literatur der Traamprobleme 1 

II. Die Methode der Traamdeutung. Die Analyse eines Traam- 

mnsters 69 

III. Der Traum ist eine Wunscherfüllnng 89 

IV. Die Traumentstellung^ 98 

y. Das Tranmmaterial und die Traamquellen 119 

a) Das Rezente und das Indifferente im Traame 120 

b) Das Infantile als Tranmqnelle 137 

c) Die somatischen Traumquellen 159 

rf) Typische Träume 174 

VI. Die Traumarbeit 222 

a) Die Verdichtungsarbeit 223 

b) Die Verschiebungsarbeit 241 

c) Die Darstellungsmittel des Traumes 244 

d) Die Rücksicht auf Darstellbarkeit 265 

e) Beispiele. Rechnen und Reden im Traume 272 

/) Absurde Träume. Die iiiteUektuellen Leistungen im Traume . • 283 

g) Die Affekte im Traume 308 

h) Die sekundäre Bearbeitung 328 

VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 340 

o) Das Vergessen der Träume 342 

b) Die Regression 356 

c) Zur Wunscherfüllung 367 

d) Das Wecken durch den Traum. Die Funktion des Traumes. Der 
Angsttraum 380 

e) Der Primär- und der Sekundärrorgang. Die Verdrängung .... 390 

f) Das Unbewußte und das Bewußtsein. Die Realität 406 

VIII. LiteraturversBeichnis 415 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Die wissenschaftliche Literatur der 
Traiimprobleme.*) 

Auf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis erbringen, 
daß es eine psychologische Technik gibt, welche gestattet, Träume 
zu deuten, und daß bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum 
sich als ein sinnvolles psychisches Gebilde herausstellt, welches an 
angebbarer Stelle in das seelische Treiben des Wachens einzureihen 
ist. Ich werde femer versuchen, die Vorgänge klar zu legen, von 
denen die Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traumes herrührt, 
und aus ihnen einen Rückschluß auf die Natur der psychischen Kräfte 
ziehen, aus deren Zusammen- oder Gegeneinanderwirken der Traum 
hervorgeht. So weit gelangt, wird meine Darstellung abbrechen, denn 
sie wird den Punkt erreicht habsn, wo das Problem des Träumens 
in umfassendere Probleme einmündet, deren Lösung an anderem 
Material in Angriff genonmien werden muß. 

Eine Übersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie 
über den gegenwärtigen Stand der Traumprobleme in der Wissen- 
schaft stelle ich vo>an, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht 
häufig Anlaß haben werde, darauf zurückzukommen. Das wissenschaft- 
liche Verständnis des Traumes ist nämlich trotz mehrtausendjähriger 
Bemühung sehr wenig weit gediehen. Dies wird von den Autoren 
so allgemein zugegeben, daß es überflüssig scheint, einzelne Stimmen 
anzuführen. In den Schriften, deren Verzeichnis ich zum Schlüsse 
meiner Arbeit anfüge, finden sich viele anregende Bemerkungen und 
reichlich interessantes Material zu unserem Thema, aber nichts oder 
wenig, was das Wesen des Traumes träfe oder eines seiner Rätsel 
endgültig löste. Noch weniger ist natürlich in das Wissen der gebil- 
deten Laien übergegangen. 

Die erste Schrift, in welcher der Traum als ein Objekt ^ der 
Psychologie abgehandelt wird, scheint die des Aristoteles^) (Über 
Träume und Traumdeutung) zu sein. Aristoteles erklärt, der 
Traum sei zwar dämonischer Natur, aber nicht göttlicher, was wohl 
einen tiefen Sinn enthüllt, wenn man davon die richtige Übersetzung 

*) [Bis zur eMten VeröffentlichuDg dieses Buches, 1900.] 
Fread, Traomdoutung. 3. Aufl. 1 



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2 I. Literatur der Tranmprobleme. 

triflFIt. Er kennt einige der Charaktere des Traumlebens, z. B. daß 
der Traum kleine, während des Schlafes eintretende Reize ins Große 
umdeutet (^man glaubt, durch ein Feuer zu gehen und heiß zu 
werden, wenn nur eine ganz unbedeutende Erwärmung dieses oder 
jenes Gliedes stattfindet^), und zieht aus diesem Verhalten den Schluß, 
daß die Träume sehr wohl die ersten bei Tag nicht bemerkten An- 
zeichen einer beginnenden Veränderung im Körper dem Arzte ver- 
raten können. Zu einem tieferen Verständnis der aristotelischen Ab- 
handlung vorzudringen, ist mir, bei nichtausreichender Vorbildung 
und ohne kundige Hilfe, nicht möglich geworden. 

4-^ Die Alten vor Aristoteles haben den Traum bekanntlich 
nicht für ein Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern für 
eine Eingebung von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen 
Strömungen, die wir in der Schätzung des Traumlebens als jeder- 
zeit vorhanden auffinden werden, machten sich bereits bei ihnen 
geltend. Man unterschied wahrhafte und wertvolle Träume, dem 
kSchläfer gesandt, um ihn zu warnen oder ihm die Zukunft zu ver- 
ktlnden, von eitlen, trügerischen und nichtigen, deren Absicht es war, 
ihn in die Irre zu fllhren oder ins Verderben zu stürzen.*) Diese 
vorwissenschaftliche Traumauffassung der Alten stand sicherlich im 
vollsten Einklänge mit ihrer gesamten Weltanschauung, welche als 
Realität in die Außenwelt zu projizieren pflegte, was nur innerhalb 
des Seelenlebens Realität hatte. Sie trug überdies dem Haupteindruck 
Rechnung, welchen das Wachleben durch die am Morgen übrig- 
bleibende Erinnerung von dem Traume empßlngt, denn in dieser Er- 
innerung stellt sich der Traum als etwas Fremdes, das gleichsam aus 
einer anderen Welt herrührt, dem übrigen psychischen Inhalt entgegen. 
Es wäre übrigens irrig zu meinen, daß die Lehre von der über- 
natürlichen Herkunft der Träume in unseren Tagen der Anhänger 
entbehrt; von allen pietistischen und mystischen Schriftstellern abge- 
sehen — die ja recht daran tun, die Reste des ehemals ausgedehnten 
Gebietes des Übernatürlichen besetzt zu halten, solange sie nicht 
durch naturwissenschaftliche Erklärung erobert sind — , trifft man 
doch auch auf scharfsinnige und allem Abenteuerlichen abgeneigte 
Männer, die ihren religiösen Glauben an die Existenz und an das 
Eingreifen übermenschlicher Geisteskräfte gerade auf die Unerklär- 



*) [Siehe dagegen: O. Qruppe: GriechiBcfae Mythologie and KeUgions- 
geschichte S. 930. f^MüJx teilte die Träume in zwei Klassen. Die eine sollte nur darch 
die Gegenwart (oder Vergangenheit) beeinflaßt, für die Zukunft aber bedeutungslos 
sein; sie umfaßte die £vu7ivtct, insomnia, die unmittelbar die gegebene VorstellaDg 
oder ihr Gegenteil wiedergeben, z. B. den Hunger oder dessen Stillung und die 
^avTccafiaTS, weiche die gegebene Vorstellung phantastisch erweitern, wie z. B. der 
Alpdruck, Ephialtes. Die andere Klasse dagegen galt als bestimmend filr die Zukunft; 
zu ihr gehören: 1. die direkte Weissagung, die man im Traume empfängt (ypijfxatiap.'iC, 
oraculum), 2. das Voraussagen eines bevorstehenden Ereignisses (opctjACt, visio), 3. der 
symbolische, der Auslegung bedürftige Traum (ovEtpö;, somnium). Diese Theorie hat 
sich viele Jahrhunderte hindurch erhalten.^] 



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Aristoteles, — Die Traumlehre der Alten. 3 

barkeit der Traumerscheinungen zu stützen versuchen (Haffner^-). 
Die Wertschätzung des Traumlebens von Seiten mancher Philo- 
ßophenschulen, z. B. der Schellingianer, ist ein deutlicher Nach- 
klang der im Altertum unbestrittenen Göttlichkeit des Traumes, und 
auch über die divinatorische, die Zukunft verkündende, Kraft des 
Traumes ist die Erörterung nicht abgeschlossen, weil die psycho- 
logischen Erklärungsversuche zur Bewältigung des angesammelten 
Materials nicht ausreichen, so unzweideutig auch die Sympathien 
eines jeden, der sich der wissenschaftlichen Denkungsart ergeben hat, 
zur Abweisung einer solchen Behauptung hinneigen mögen. 
i^^ Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der 
Traumprobleme zu schreiben, ist darum so schwer, weil in dieser 
Erkenntnis, so wertvoll sie an einzelnen Stellen geworden sein mag, 
ein Fortschritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist Es 
ist nicht zur Bildung eines Unterbaues von gesicherten Resultaten ge- 
kommen, auf dem dann ein nächstfolgender Forscher weitergebaut 
hätte, sondern jeder neue Autor faßt die nämlichen Probleme von 
neuem und wie vom Ursprung her wieder an. Wollte ich mich an 
die Zeitfolge der Autoren halten und von jedem einzelnen im Auszug 
berichten, welche Ansichten über die Traumprobleme er geäußert, 
so müßte ich darauf verzichten, ein übersichtliches Gesamtbild vom 
gegenwärtigen Stande der Traumerkenntnis zu entwerfen; ich habe 
es darum vorgezogen, die Darstellung an die Themata anstatt an die 
Autoren anzuknüpfen und werde bei jedem der Traumprobleme an- 
führen, was an Material zur Lösung desselben in der Literatur nieder- 
gelegt ist. 

Da es mir aber nicht gelungen ist, die gesamte, so sehr ver- 
streute und auf anderes übergreifende Literatur des Gegenstandes zu 
bewältigen, so muß ich meine Leser bitten sich zu besch^den, wenn 
nur keine grundlegende Tatsache und kein bedeutsamer Gesichtspunkt 
in meiner Darstellung vorloren gegangen ist. 

Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sich veranlaßt ge- 
sehen, Schlaf und Traum in dem nämlichen Zusammenhange abzu- 
handeln, in der Regel auch die Würdigung analoger Zustände, welche 
in die Psychopathologie reichen, und traumähnlicher Vorkommnisse 
(wie der Halluzinationen, Visionen etc.) anzuschließen. Dagegen zeigt 
sich in den jüngsten Arbeiten das Bestreben, das Thema eingeschränkt 
zu halten und etwa eine einzelne Frage aus dem Gebiete des Traum- 
lebens zum Gegenstand zu nehmen. In dieser Veränderung möchte 
ich einen Ausdruck der Überzeugung sehen, daß in so dunklen Dingen 
Aufklärung und Übereinstimmung nur durch eine Reihe von Detail- 
untersuchungen zu erzielen sein dürften. Nichts anderes als eine solche 
Detailuntersuchung, und zwar speziell psychologischer Natur, kann 
ich hier bieten. Ich hatte wenig Anlaß, mich mit dem Problem des 
Schlafes zu befassen, denn dies ist ein wesentlich physiologisches 
Problem, wenngleich in der Charakteristik des Schlafzustandes die 



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4 I. Literatur der Traumprobleme. 

Veränderung der Funktionsbedingungen für den seelischen Apparat 
mit enthalten sein muß. Es bleibt also auch die Literatur des Schlafes 
hier außer Betracht. 

Das wissenschaftliche Literesse an den Traumphänomenen an sich 
fuhrt zu den folgenden, zum Teil ineinander fließenden Frage- 
stellungen : 

^^ ä) Beziehung des Traumes zum Wachleben. Das naive 
Urteil des Frwachten nimmt an, daß der Traum — wenn er schon 
nicht aus einer anderen Welt stammt — doch den Schläfer in eine 
andere Welt entrückt hatte. Der alte Physiologe Burdach^), dem 
wir eine sorgfältige und feinsinnige Beschreibung der Traumphäno- 
mene verdanken, hat dieser Überzeugung in einem viel bemerkten 
Satze Ausdruck gegeben (p. 474) : „ . . . nie^wiedjBrholt sich das Leben 
desTagfifljnit^ßiiifin.^^ .Genüssen^ seiaea , Freuden 

und Schmerzen, vielmehr geht der^ Traum darauf aus, iiag davo n "zu 
bBflra^. Selbst wenn unsere ganze Seele von einem Gegenstand 
erfüllt war, wenn tiefer Schmerz unser Inneres zerrissen, oder eine 
Aufgabe unsere ganze Geisteskraft in Anspruch genommen hatte, gibt 
uns der Traum entweder etwas ganz Fremdartiges, oder er nimmt aus 
der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen Kombinationen, 
oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein und symbolisiert 
die Wirklichkeit." 

In ähnlichem Sinne äußert sich noch L. Strümpell^®) in der 
mit Recht von allen Seiten hoch gehaltenen Studie über die Natur 
und Entstehung der Träume (p. 16): „Wer träumt, ist der Welt des 
wachen Bewußtseins abgekehrt '^ ... (p. 17): „Im Traume geht das 
Gedächtnis für den geordneten Inhalt des wachen Bewußtseins und 
dessen normales Verhalten so gut wie ganz verloren" . . . (p. 19) : 
^Die fast erinnerungslose Abgeschiedenheit der Seele im Traume von 
dem regelmäßigen Inhalt und Verlaufe des wachen Lebens** .... 
Die überwiegende Mehrheit der Autoren hat aber für die Be- 
ziehung des Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auffassung 
vertreten. So Haffner ^^) (p. 19): „Zunächst setzt der Traum das 
Wachleben fort. Unsere Träume schließen sich stets an die kurz zu- 
vor im Bewußtsein gewesenen Vorstellungen an. Eine genaue Be- 
obachtung wird beinahe immer einen Faden finden, in welchem der 
Traum an die Erlebnisse des vorhergehenden Tages anknüpfte," 
W e y g a n d t ^^) (p. 6) widerspricht direkt der oben zitierten Behauptung 
Burdachs, ^denn es läßt sich oft, anscheinend in der überwiegen- 
den Mehrzahl der Träume beobachten, daß dieselben uns gerade ins 
gewöhnliche Leben zurückführen, statt uns davon zu befreien. '^ M a u r y *®) 
(p. 56) sagt in seiner knappen Formel: „Nous revons de ce que nons 
avons vu, dit, desirö ou fait" ; Jessen ^^) in seiner 1855 erschienenen 
Psychologie (p, 530) etwas ausführlicher: ^Mehr oder weniger wird 
der Inhalt der Träume stets bestimmt durch die individuelle Persön- 
lichkeit, durch das Lebensalter, Geschlecht, Stand, Bildungsstufe, ge- 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Beziehung zum Wachleben. 5 

wohnte Lebensweise und durch die Ereignisse und Erfahrungen des 
ganzen bisherigen Lebens." 

t/^l^icht anders dachten die Alten über die Abhängigkeit des Traum- 
inhalts vom Leben. Ich zitiere nach Radestock ^*) (p. 139): Als 
Xerxes vor seinem Zuge gegen Griechenland von diesem seinem Ent 
Schluß durch guten Rat abgelenkt, durch Träume aber immer wieder 
dazu angefeuert wurde, sagte schon der alte rationelle Traumdeuter 
der Perser, Artabanos, treffend zu ihm, daß die Traumbilder meist 
das enthielten, was der Mensch schon im Wachen denke. 

Im Lehrgedichte des Lucretius, De rerum natura, findet sich 
(IV, V. 959) die Stelle: 

„Et quo quisque fere studio devinctus adhaeret, 
aut quibus in rebus multum sumus ante morati 
atque in ea ratione fuit contenta magis mens, 
in somnis eadem plerumque videmur obire; 
causidici causas agere et componere leges, 
induperatores pugnare ac proelia obire," etc. etc. 

Cicero (De Divinatione II) sagt ganz ähnlich, wie so viel 
später Maury: 

„Maximeque reliquiae earum rerum moventur in animis et agi- 
tantur, de quibus vigilantes aut cogitavimus aut egimus." 

7 6 Der Widerspruch dieser beiden Ansichten über die Beziehung 
von Traumleben und Wachleben scheint in der Tat unauflösbar. Es 
ist darum am Platz, der Darstellung von F. W. H i 1 d e b r a n d t ^^) (1875) 
zu gedenken, welcher meint, die Eigentümlichkeiten des Traumes 
ließen sich überhaupt nicht anders beschreiben als durch eine „Reihe 
von Gegensätzen, welche scheinbar bis zu Widersprüchen sich zu- 
spitzen^ (p. 8). 7,Den ersten dieser Gegensätze bilden einerseits die 
strenge Abgeschiedenheit oder Abgeschlossenheit des 
Traumes von dem wirklichen und wahren Leben und anderseits das 
stete Hinübergreifen des einen in das andere, die stete Ab- 
hängigkeit des einen von dem anderen. — Der Traum ist etwas von 
der wachend erlebten Wirklichkeit durchaus Gesondertes, man möchte 
sagen ein in sich selbst hermetisch abgeschlossenes Dasein, von dem 
wirklichen Leben getrennt durch eine unübersteigliche Kluft. Er 
macht uns von der Wirklichkeit los, löscht die normale Erinnerung 
an dieselbe in uns aus und stellt uns in eine andere Welt und in eine 
ganz andere Lebensgeschichte, die im Grunde nichts mit der Avirklichen 
zu schaffen hat , . . .^ Hildebrandt führt dann aus, wie mit dem 
Einschlafen unser ganzes Sein mit seinen Existenzformen „wie hinter 
einer unsichtbaren Falltür" verschwindet. Man macht dann etwa im 
Traume eine Seereise nach St. Helena, um dem dort gefangenen 
Napoleon etwas Vorzügliches in Moselweinen anzubieten. Man wird 
von dem Exkaiser aufs liebenswürdigste empfangen und bedauert fast, 
die interessante Illusion durch das Erwachen gestört zu sehen. Nun 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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6 I. Literatur der Traumprobleme, 

aber vergleicht man die Traumsituation mit der Wirklichkeit, Man 
war nie Weinhändler und hat's auch nie werden wollen. Man hat 
nie eine Seereise gemacht und würde St. Helena am wenigsten zum 
Ziele einer solchen nehmen. Gegen Napoleon hegt man durchaus 
keine sympathische Gesinnung, sondern einen grimmigen patriotischen 
Haß. Und zu alledem war der Träumer überhaupt noch nicht unter 
den Lebenden, als Napoleon auf der Insel starb; eine persönliche Be- 
ziehung zu ihm zu knüpfen, lag außerhalb des Bereiches der Möglich- 
keit. So erscheint das Traumerlebnis als etwas eingeschobenes Fremdes 
zwischen zwei vollkommen zueinander passenden und einander fort- 
setzenden Lebensabschnitten. 

17 T^Und dennoch", setzt Hildebrandt fort, „eben so wahr und 
richtig ist das scheinbare Gegenteil. Ich meine, mit dieser Ab- 
geschlossenheit und Abgeschiedenheit geht doch die innigste Beziehung 
und Verbindung Hand in Hand. Wir dürfen geradezu sagen: Was 
der Traum auch irgend biete, er nimmt das Material dazu aus der 
Wirklichkeit und aus dem Geistesleben, welches an dieser Wirklichkeit 
sich abwickelt . . . Wie wunderlich er s damit treibe, er kann doch 
eigentlich niemals von der realen Welt los und seine sublimsten wie 
possenhaften Gebilde müssen immer ihren Grundstoff entlehnen von 
dem, was entweder in der Sinnwelt uns vor Augen getreten ist, oder 
in unserem wachen Gedankengange irgendwie bereite Platz gefunden 
hat, mit anderen Worten, von dem, was wir äußerlich oder innerlich 
bereits erlebt haben." 

h) DasTraummaterial. — Das Gedächtnis im Traume. 
Daß alles Material, was den Trauminhalt zusammensetzt, auf irgend 
eine Weise vom Erlebten abstammt, also im Traume reproduziert, 
erinnert wird, dies wenigstens darf uns als unbestrittene Erkenntnis 
gelten. Doch wäre es ein Irrtum anzunehmen, daß ein solcher Zu- 
sammenhang des Traumiuhnlts mit dem Wachleben sich mühelos als 
augenfälliges Ergebnis der angestellten Vergleichung ergeben muß. Der- 
selbe muß vielmehr aufmerksam gesucht werden und weiß sich in 
einer ganzen Reihe von Fällen für lange Zeit zu verbergen. Der 
Grund hiefür liegt in einer Anzahl von Eigentümlichkeiten, welche 
die Erinnerungsfähigkeit im Traume zeigt, und die, obwohl allgemein 
bemerkt, sich doch bisher jeder Erklärung entzogen haben. Es wird 
der Mühe lohnen, diese Charaktere eingehend zu würdi^^en. 

Es kommt zunächst vor, daß im Trauminhalt ein Material auf- 
auftritt, welches man dann im Wachen nicht als zu seinem Wissen und 
Erleben gehörig anerkennt. Man erinnert wohl, daß man das Be- 
treffende geträumt, aber erinnert nicht, daß und wann man es erlebt 
hat. Man bleibt dann im Unklaren darüber, aus welcher Quelle 
der Traum geschöpft hat, und ist wohl versucht, an eine selb- 
ständig produzierende Tätigkeit des Traumes zu glauben, bis oft 
nach langer Zeit ein neues Erlebnis die verloren gegebene Erinnerung 
an das frühere Erlebnis wiederbringt und damit die Traumquelle 



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Das Tranmgedächtnis. — Hypermnesie des Traumes. 7 

aufdeckt. Man muß dann zugestehen, daß man im Traume etwas / 
gewußt und erinnert hatte, was der Erinnerungsfähigkeit im Wachen ^ 
entzogen war. 

l.^ Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Art erzählt Del- 
boeuf^^) aus seiner eigenen Traumerfahrung. Er sah im Traume 
den Hof seines Hauses mit Schnee bedeckt und fand zwei kleine 
Eidechsen halb erstarrt und unter dem Schnee begraben, die er als 
Tierfreund aufnahm, erwärmte und in die für sie bestimmte kleine 
Höhle im Gemäuer zurückbrachte. Außerdem steckte er ihnen einige 
Blätter von einem kleinen Famkraut zu, das auf der Mauer wuchs 
und das sie, wie er wußte, sehr liebten. Im Traume kannte er den 
Namen der Pflanze : Asplenium ruta muralis. — Der Traum ging 
dann weiter, kehrte nach einer Einschaltung zu den Eidechsen zurück 
und zeigte Delboeufzu seinem Erstaunen zwei neue Tierchen, die 
sich über die Reste der Farne hergemacht hatten. Dann wandte er 
den Blick aufs freie Feld, sah eine fünfte, eine sechste Eidechse den 
Weg zu dem Loche in der Mauer nehmen, und endlich 'war die ganze 
Straße bedeckt von einer Prozession von Eidechsen, die alle in der- 
selben Richtung wanderten. 

Delboeufs Wissen umfaßte im Wachen nur wenige lateinische 
Pflanzennamen und schloß die Kenntnis eines Asplenium nicht ein. 
Zu seinem großen Erstaunen mußte er sich überzeugen, das ein 
Farn dieses Namens wirklich existiert. Asplenium ruta muraria 
war seine richtige Bezeichnung, die der Traum ein wenig entstellt 
hatte. An ein zufälliges Zusammentreffen konnte man wohl nicht 
denken ; es blieb aber für D e 1 b o e u f rätselhaft, woher er im Traume 
die Kenntnis des Namens Asplenium genommen hatte. 

Der Traum war im Jahre 1862 vorgefallen; sechzehn Jahre 
später erblickt der Philosoph bei einem seiner Freunde, den er 
besucht, ein kleines Album mit getrockneten Blumen, wie sie als 
Erinnerungsgaben in manchen Gegenden der Schweiz an die Fremden 
verkauft werden. Eine Erinnerung steigt in ihm auf, er öffnet das 
Herbarium, findet in demselben das Asplenium seines Traumes und 
erkennt seine eigene Handschrift in den beigefügten lateinischen 
Namen. Nun ließ sich der Zusammenhang herstellen. Eine 
Schwester dieses Freundes hatte im Jahre 1860 — zwei Jahre vor 
dem Eidechsentraume — auf der Hochzeitsreise Delboeuf besucht. 
Sie hatte damals dieses für ihren Bruder bestimmte Album bei sich 
und Delboeuf unterzog sich der Mühe, unter dem Diktat eines 
Botanikera zu jedem der getrockneten Pflänzchen den lateinischen 
Naxnen hinzuzuschreiben. 

l^ Die Gunst des Zufalls, welche dieses Beispiel so sehr mitteilens- 
wert macht, gestattete Delboeuf, noch ein anderes Stück aus dem 
Inhalt dieses Traumes auf seine vergessene Quelle zurückzuführen. 
Eines Tages im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Bund einer illustrierten 
Zeitschrift in die Hände, in welcher er den ganzen Eidechsenzug ab- 



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8 I. Literatur der Traumprobleme. 

gebildet sah, wie er ihn 1862 geträumt hatte. Der Band trug, die 
Jahreszahl 1861 und Delboeuf wußte sich zu erinnern, daß er 
von dem Erscheinen der Zeitschrift an zu ihren Abonnenten 
gehört hatte. 

«t Daß der Traum über Erinnerungen verfügt, welche dem Wachen 
unzugänglich sind, ist eine so merkwürdige und theoretisch bedeut- 
same Tatsache, daß ich durch Mitteilung noch anderer „hyper- 
mnestischer" Träume die Aufmerksamkeit für sie verstärken möchte. 
Maupy^®) erzählt, daß ihm eine Zeitlang das Wort Mussidan bei 
Tag in den Sinn zu kommen pflegte. Er wußte, daß es der Name 
einer firanzösischen Stadt sei, aber weiter nichts. Eines Nachts träumte 
ihm von einer Unterhaltung mit einer gewissen Person, die ihm sagte, 
sie käme aus Mussidan, und auf seine Frage, wo die Stadt liege, 
zur Antwort gab: Mussidan sei eine Kreisstadt im Departement 
de la Dordogne, Erwacht, schenkte Mau ry der im Traume erhal- 
tenen Auskunft keinen Glauben; das geographische Lexikon belehrte 
ihn aber, daß sie vollkommen richtig sei. In diesem Falle ist das 
Mehrwissen des Traumes bestätigt, die vergessene Quelle dieses 
Wissens aber nicht aufgespürt worden. 

Jessen*^) erzählt (p. 55) ein ganz ähnliches Traumvorkonminis 
aus älteren Zeiten: „Dahin -gehört u, a. der Traum des älteren 
Scaliger (Hennings 1. c, p. 300), welcher ein Gedicht zum Lobe 
der berühmten Männer in Verona schrieb und dem ein Mann, welcher 
sich Brugnolus nannte^ im Traume erschien und sich beklagte, 
daß er vergessen sei. Obgleich Scaliger sich nicht erinnerte, je 
etwas von ihm gehört zu haben, so machte er doch Verse auf ihn, 
und sein Sohn erfuhr nachher in Verona, daß ehemals ein solcher 
Brugnolus als Kritiker daselbst berühmt gewesen sei." 

3 e An einer mir leider nicht zugänglichen Stelle (Proceedings of 
the Society for psychical research) soll Myers eine ganze Saminlung 
solcher hypermnestischer Träume veröflFentlicht haben. Ich meine, 
jeder der sich mit Träumen beschäftigt, wird es als ein sehr gewöhn- 
liches Phänomen anerkennen müssen, daß der Traum Zeugnis für 
Kenntnisse und Erinnerungen ablegt, welche der Wachende nicht zu 
besitzen vermeint. In den psycho-analytischen Arbeiten mit Nervösen, 
von denen ich später berichten werde, komme ich jede Woche mehr- 
mals in die Lage, den Patienten aus ihren Träumen zu beweisen, 
daß sie Zitate, obszöne Worte u. dgl. eigentlich sehr gut kennen, 
und daß sie sich ihrer im Traume bedienen, obwohl sie sie im wachen 
Leben vergessen haben. Einen harmlosen Fall von Traumhypermnesie 
will ich hier noch mitteilen, weil sich bei ihm die Quelle, aus welcher 
die nur dem Traume zugängliche Kenntnis stammte, sehr leicht auf- 
finden ließ. 

3l Ein Patient träumte in einem längerem Zusammenhange, daß 
er sich in einem Kaffeehause eine „Kontuszöwka" geben lasse, fragte 
aber nach der Erzählung, was das wohl sei; er habe den Namen 



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Das Traumgedächtnis. — Hypermnesie des Traumes. 9 

nie gehört. Ich konnte antworten, Kontuszöwka sei ein polnischer 
Schnaps, den er im Traume nicht erfunden haben könne, da mir der 
Name von Plakaten her schon lange bekannt sei. Der Mann wollte 
mir zuerst keinen Glauben schenken. Einige Tage später, nachdem 
er seinen Traum im Kaffeehause hatte zur Wirklichkeit werden lassen, 
bemerkte er den Namen auf einem Plakat, und zwar an einer Straßen- 
ecke, welche er seit Monaten wenigstens zweimal im Tage hatte 
passieren müssen. 

'y f [Ich habe selbst an eigenen Träumen erfahren, wie sehr man 
mit der Aufdeckung der Herku6fc einzelner Traumelemente vom 
Zufalle abhängig bleibt. So verfolgte mich durch Jahre vor der Ab- 
fassung dieses Buches das Bild eines sehr einfach gestalteten Kirch- 
turmes, den gesehen zu. haben ich mich nicht erinnern konnte. Ich 
erkannte ihn dann plötzlich, und zwar mit voller Sicherheit, auf einer 
kleinen Station zwischen Salzburg und Reichenhall. Es war in der 
zweiten Hälfte der Neunzigerjahre, und ich hatte die Strecke im 
Jahre 1886 zum erstenmal befahren. In späteren Jahren, als ich 
mich bereits intensiv mit dem Studium der Träume beschäftigte, 
wurde das häufig wiederkehrende Traumbild einer gewissen merk- 
würdigen Lokalität mir geradezu lästig. Ich sah in bestimmter ört- 
licher Beziehung zu meiner Person, zu meiner Linken, einen dunklen 
Raum, aus dem mehrere groteske Sandsteinfiguren hervorleuchteten. 
Ein Schimmer von Erinnerung, dem ich nicht recht glauben wollte, 
sagte mir, es sei ein Eingang in einen Bierkeller ; es gelang mir aber 
weder aufzuklären, was dieses Traumbild bedeuten wolle, noch woher 
es stamme. Im Jahre 1907 kam ich zufkUig nach Padua, das ich zu 
meinem Bedauern seit 1895 nicht wieder hatte besuchen können- 
Mein erster Besuch in der schönen Universitätsstadt war unbefrie- 
digend geblieben; ich hatte die Fresken Giottos in der Madonna 
deir Arena nicht besichtigen können und machte mitten auf der 
dahin führenden Straße Kehrt, als man mir mitteilte, das Kirchlein 
sei an diesem Tage gesperrt. Bei meinem zweiten Besuche, zwölf Jahre 
später, gedachte ich mich zu entschädigen und suchte vor allem den 
Weg zur Madonna delF Arena auf An der zu ihr führenden Straße, 
linkerhand von meiner Wegrichtung, wahrscheinlich an der Stelle, 
wo ich 1895 umgekehrt war, entdeckte ich die Lokalität, die ich so 
oft im Traume gesehen hatte, mit den in ihr enthaltenen Sandstein- 
tiguren. Es war in der Tat der Eingang in einen Kestaurationsgarten. 
[Eine der Quellen, aus welcher der Traum Material zur Repro- 
duktion bezieht, zum Teil solches, das in der Denktätigkeit des 
Wachens nicht erinnert und nicht verwendet wird, ist das Kindheits- 
leben- Ich werde nur einige der Autoren anfuhren, die dies bemerkt 
und betont haben: 

Hildebrandt^^) (p. 23): „Ausdrücklich ist schon zugegeben 
worden, daß der Traum bisweilen mit wunderbarer Reproduktions- 
kraft uns ganz abgelegene und selbst vergessene Vorgänge aus fernster 
Zeit treu vor die beele zurückfuhrt." 



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10 I. Literatur der Traumprobleme. 

'3'^^Strüinpell ^^) (p. 40) : „Die Sache steigert sich noch mehr, wenn 
man bemerkt, wie der Traum mitunter gleichsam aus den tiefsten 
und massenhaftesten Verschüttungen, welche die spätere Zeit auf die 
frühesten Jugenderlebnisse gelagert hat, die Bilder einzelner Lokali- 
täten, Dinge, Personen ganz unversehrt und mit ursprünglicher 
Frische wieder hervorzieht. Dies beschränkt sich nicht bloß auf 
solche Eindrücke, die bei ihrer Entstehung ein lebhaftes Bewußtsein 
gewonnen oder sich mit starken psychischen Werten verbunden haben, 
und nun später im Traume als eigentliche Erinnerungen wiederkehren, 
an denen das erwachte Bewußtsein sich erfreut. Die Tiefe des Traum- 
gedächtnisses umfaßt vielmehr auch solche Bilder von Personen, 
Dingen, Lokalitäten und Erlebnissen der frühesten Zeit, die entweder 
nur ein geringes Bewußtsein oder keinen psychischen Wert besaßen 
oder längst das eine wie das andere verloren hatten und deshalb auch 
sowohl im Traume wie nach dem Erwachen als gänzlich fremd und 
unbekannt erscheinen, bis ihr früher Ursprung entdeckt wird.^ 

Volkelt ^^) (p. 119): „Besonders bemerkenswert ist es, wie gern 
Kindheits- und Jugenderinnerungen in den Traum eingehen. Woran 
wir längst nicht mehr denken, was längst für uns alle Wichtigkeit 
verloren: der Traum mahnt uns daran unermüdlich." 

Die Herrschaft des Traumes über das Kindheitsmaterial, welches 
bekanntlich zum größten Teil in die Lücken der l)ewußton Erinne- 
rungsfUhigkeit ßillt, gibt Anlaß zur Entstehung von interessanten 
hypermnestischen Träumen, von denen ich wiederum einige Beispiele 
mitteilen will. 

Maury *®) erzählt (p. 92), daß er von seiner Vaterstadt Meaux 
als Kind häufig nach dem nahe gelegenen Tri Iport gekommen war, 
wo sein Vater den Bau einer Brücke leitete. In einer Nacht versetzt 
ihn der Traum nach Trilport und läßt ihn wieder in den Straßen 
der Stadt spielen. Ein Mann nähert sich ihm, der eine Art Uniform 
trägt. Maury fragt ihn nach seinem Namen; er stellt sich vor, er 
heiße C . . . und sei Brücken Wächter. Nach dem Erwachen fragt 
der an der Wirklichkeit der Erinnerung noch zweifelnde Maury 
eine alte Dienerin, die seit der Kindheit bei ihm ist, ob sie sich an 
einen Mann dieses Namens erinnern kann. Gewiß, lautet die Ant- 
wort, er war der Wächter der Brücke, die Ihr Vater damals ge- 
baut hat. 

^-^ Ein ebenso schön bestätigtes Beispiel von der Sicherheit der im 
Traume auftretenden Kindheitserinnerung berichtet Maury von einem 
Herrn F , . ., der als Kind in Montbrison aufgewachsen war. 
Dieser Mann beschloß, 25 Jahre nach seinem Weggang, die Heimat 
und alte, seither nicht gesehene Freunde der Familie wieder zu be- 
suchen. In der Nacht vor seiner Abreise träumt er, daß er am Ziele 
ist und in der Nähe von Montbrison einen ihm vom Ansehen 
unbekannten Herrn begegnet, der ihm sagt, er sei der Herr T., ein 
Freund seines Vaters. Der Träumer wußte, daß er einen Herrn 



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Infantiles und rezentes Material. 11 

dieses Namens als Kind gekannt hatte, erinnerte sich aber im Wachen 
nicht mehr an sein Aussehen. Einige Tage später nun wirklich in 
Montbrison angelangt, findet er die für unbekannt gehaltene 
Lokalität des Traumes wieder und begegnet einem Herrn, den er sofort 
als den T. des Traumes erkennt Die wirkliche Person war nur 
stärker gealtert, als sie das Traumbild gezeigt hatte. 

^^Ich kann hier einen eigenen Traum erzählen, in dem der zu 
erinnernde Eindruck durch eine Beziehung ersetzt ist. Ich sah in 
einem Traume eine Person, von der ich im Traume wußte, es sei der 
Arzt meines heimatlichen Ortes. Ihr Gesicht war nicht deutlich, sie 
vermengte sich aber mit der Vorstellung eines meiner Gynmasiallehrer, 
den ich noch heute gelegentlich treffe. Welche Beziehung die beiden 
Personen verknüpfe, konnte ich dann im Wachen nicht ausfindig 
machen. Als ich aber meine Mutter nach dem Arzte dieser meiner 
ersten Kinderjahre fragte, erfuhr ich, daß er einäugig gewesen war, 
und einäugig ist auch der Gymnasiallehrer, dessen Person die des 
Arztes im Traume gedeckt hatte. , Es waren 38 Jahre her, daß ich 
den Arzt nicht mehr gesehen, und ich habe meines Wissens im 
wachen Leben niemals an seine Person gedacht, obwohl eine Narbe 
am Kinn mich an seine Hilfeleistung hätte erinnern können. 

Es klingt, als sollte ein Gegengewicht gegen die übergroße 
Rolle der Kindheitseindrücke im Traumleben geschaffen werden, 
wenn mehrere Autoren behaupten, in den meisten Träumen ließen 
sich Elemente aus den allerjUngsten Tagen nachweisen. Robert *} 
(p. 46) äußert sogar: Im allgemeinen beschäftigt sich der normale 
Traimi nur mit den Eindrücken der letztvergangenen Tage. Wir 
werden allerdings erfahren, daß die von Robert aufgebaute Theorie 
des Traumes eine solche Zurückdrängung der ältesten und Vorschie- 
bung der jüngsten Eindrücke gebieterisch fordert. Die Tatsache aber, 
der Robert Ausdruck gibt, besteht, wie ich nach eigenen Unter- 
suchungen versichern kann, zu Recht. Ein amerikanischer Autor 
Nelson^ ^) meint, am häufigsten finden sich im Traume Eindrücke 
vom Tage vor dem Traumtage oder vom dritten Taoje vorher verwertet, 
als ob die Eindrücke des dem Traume unmittelbar vorhergehenden 
Tages nicht abgeschwächt — nicht abgelegen — genug wären. 

3 i^ Es ist mehreren Autoren, die den intimen Zusammenhang des 
Tratiminhalts mit dem Waehleben nicht bezweifeln mochten, auf- 
gefallen, daß Eindrücke, welche das wache Denken intensiv beschäf- 
tigen, erst dann im Traume auftreten, wenn sie von der Tages- 
gedankenarbeit einigermaßen zur Seite gedrängt worden sind. So 
träumt man in der Regel von einem lieben Toten nicht die erste 
Zeit, solange die Trauer den Überlebenden ganz ausfüllt (Delage)^^). 
Indes hat eine der letzten Beobachterinnen, Miß Hallam^^), auch 
Beispiele vom gegenteiligen Verhalten gesammelt und vertritt ftlr 
diesen Punkt das Recht der psychologischen Individualität. 



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12 I. Literatur der Traumprobleme. 

Die dritte, merkwürdigste und unverständlichste Eigentümlich- 
keit des Gedächtnisses im Traume zeigt sich in der Auswahl des re- 
produzierten Materials, indem nicht wie im Wachen nur das Bedeut- 
samste, sondern im Gegenteil auch das Gleichgültigste, Unscheinbarste 
der Erinnerung wert gehalten wird. Ich lasse hierüber jene Autoren 
zum Worte kommen, welche ihrer Verwunderung den kräftigsten 
Ausdhick gegeben haben. 

^Y Hildebrandt ^^) (p. 11): „Denn das ist das Merkwürdige, daß 
der Traum seine Elemente in der Regel nicht aus den großen und 
tiefgreifenden Ereignissen, nicht aus den mächtigen und treibenden 
Interessen des vergangenen Tages, sondern aus den nebensächlichen 
Zugaben, so zu sagen aus den wertlosen Brocken der jüngst vei^^ 
lebten oder weiter rückwärts liegenden Vergangenheit nimmt Der 
erschütternde Todesfall in unserer Familie, unter dessen Eindrücken 
wir spät einschlafen, bleibt ausgelöscht aus unserem Gedächtnisse, 
bis ihn der erste wache Augenblick mit betrübender Gewalt in die- 
selbe zurückkehren läßt. Dagegen die Warze auf der Stirn eines 
Fremden, der uns begegnete, und an den wir keinen Augenblick 
mehr dachten, nachdem wir an ihm vorübergegangen waren, die spielt 
eine Rolle in unserem Traume" . . • 

•^i Strümpell ^^) (p. 39) : ^ . . solche Fälle, wo die Zerlegung eines 
Traumes Bestandteile desselben auffindet, die zwar aus den Erleb- 
nissen des vorigen oder vorletzten Tages stammen, aber doch so 
unbedeutend und wertlos fUr das wache Bewußtsein waren, daß sie 
kurz nach dem Erleben der Vergessenheit anheimfielen. Dergleichen 
Erlebnisse sind etwa zußtUig gehörte Äußerungen oder oberflächlich 
bemerkte Handlungen eines anderen, rasch vorübergegangene Wahr- 
nehmungen von Dingen oder Personen, einzelne kleine Stücke aus 
einer Lektüre u. dgl.'* 

HavelockEllis^^) (p. 727) : ^The profound emotions of waking 
life, the questions and problems on which we spread our chief volun- 
tary mental energy, are not those which usually present themselves 
at once to dreamconsciousness. It is so far as the immediate past is 
concerned, mostly the trifling, the incidental, the „forgotten^ impres- 
sions of daily life which reappear in our dreams. The psychic acti- 
vities that are awake most intensely are those that sleep most pro- 
foundly." 

B i n z ^) (p. 45) nimmt gerade die in Rede stehenden Eigentüm- 
lichkeiten des Gedächtnisses im Traume zum Anlaß, seine Unbefnedi- 
gung mit den von ihm selbst unterstützten Erklärungen des Traumes 
auszusprechen : „Und der natürUche Traum stellt uns ähnliche Fragen. 
Warum träumen wir nicht immer die Gedächtniseindrücke der letzt- 
verlebten Tage, sondern tauchen oft ein ohne irgend erkennbares 
Motiv in weit hinter uns liegende, fast erloschene Vergangenheit? 
Warum empfangt im Traume das Bewußtsein so oft den Eindruck 
gleichgültiger Erinnerungsbilder, während die Gehirnzellen da, wo 



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Erinnerung an nebensächliche Eindrücke. 13 

sie die reizbarsten Aufzeichnungen des Erlebten in sich tragen, meist 
stumm und starr liegen, es sei denn, daß eine akute Auffrischung 
während des Wachens sie kurz vorher erregt hatte P'^^ 

-^ >^ Man sieht leicht ein, wie die sonderbare Vorliebe des Traum- 
gedächtnisses für das Gleichgültige und darum Unbeachtete an den 
Tageserlebnissen zumeist dazu führen mußte, die Abhängigkeit des 
Traumes vom Tagesleben überhaupt zu verkennen und dann w^enigstens 
den Nachweis derselben in jedem einzelnen Falle zu erschweren. So 
war es möglich, daß Miß Whiton Calkins^^) bei der statistischen 
Bearbeitung ihrer (und ihres Geführten) Träume doch 11 7o der An- 
zahl übrig behielt, in denen eine Beziehung zum Tagesleben nicht 
ersichtlich war. Sicherlich hat Hildebrandt mit der Behauptung 
recht, daß sich alle Traumbilder uns genetisch erklären würden, wenn 
wir jedesmal Zeit und Sammlung genug darauf verwendeten, ihrer 
Herkunft nachzuspüren. Er nennt dies freilich „ein äußerst müh- 
seliges und undankbares Geschäft. Denn es liefe ja meistens darauf 
hinaus, allerlei psychisch ganz wertlose Dinge in den abgelegensten 
Winkeln der Gedächtniskammer aufzustöbern, allerlei völlig indiffe- 
rente Momente längst vergangener Zeit aus der Verschüttung, die 
ihnen vielleicht schon die nächste Stunde brachte, wieder zu Tage zu 
fördern". Ich muß aber doch bedauern, daß der scharfsinnige Autor 
sich von der Verfolgung des so unscheinbar beginnenden Weges ab- 
halten ließ; er hätte ihn unmittelbar zum Zentrum der Traumerklärung 
geleitet. 

3 L Das Verhalten des Traumgedächtnisses ist sicherlich höchst be- 
deutsam für jede Theorie des Gedächtnisses überhaupt. Es lehrt, 
daß jjNichts, was wir geistig einmal beses sen^ _ganz, -und gat-j^erlorea 
gehen kann (Scholz, ^*^) p. 34). Oder, wie Del boeuf^®) es aus- 
drückt, 7,que toute impression meme la plus insignifiante, laisse une 
trace inalt6rable, ind6finiment susceptible de reparaitre au jour,'^ ein 
♦Schluß, zu welchem so viele andere, pathologische Erscheinungen des 
Seelenlebens gleichfalls drängen. Man halte sich nun diese außer- 
ordentliche Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses im Traume vor Augen, 
um den Widerspruch lebhaft zu empfinden, den gewisse später zu er- 
wähnende Traumtheorien aufstellen müssen, wenn sie die Absurdität 
und Inkohärenz der Träume durch ein partielles Vergessen des uns 
am Ta^e Bekannten erklären wollen. 

Man könnte etwa auf den Einfall geraten, das Phänomen des 
Träumens überhaupt auf das des Erinnerns zu reduzieren, im Traume 
die Äußerung einer auch nachts nicht rastenden Reproduktionstätig- 
keit sehen, die sich Selbstzweck ist, Mitteilungen wie die von 
Pilcz^^) würden hiezu stimmen, denen zufolge feste Beziehungen 
zwischen der Zeit des Träumens und dem Inhalt der Träume nach- 
weisbar sind in der Weise, daß im tiefen Schlafe Eindrücke aus den 
ältesten Zeiten, gegen Morgen aber rezente Eindrücke vom Traume 
reproduziert werden. Es wird aber eine solche Auffassung von vorn- 



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14 I. Literatur der Tranmprobleme. 

herein unwahrscheinlich durch die Art, wie der Traum mit dem zu 
erinnernden Material verfährt Strümpell ^^) macht mit Recht darauf 
aufmerksam, daß Wiederholungen von Erlebnissen im Traume nicht 
vorkommen. Der Traum macht wohl einen Ansatz dazu, aber daa 
folgende Glied bleibt aus; es tritt verändert auf oder an seiner Stelle 
erscheint ein ganz fremdes. Der Traum bringt nur Bruchstücke von 
Reproduktionen. Dies ist sicherlich so weit die Regel, daß es eine 
theoretische Verwertung gestattet. Indes kommen Ausnahmen vor, 
in denen ein Traum ein Erlebnis ebenso vollständig wiederholt wie 
unsere Erinnerung im Wachen es vermag. Delboeuf erzählt von 
einem seiner Universitätskollegen, daß er im Traume eine geftlhrliche 
Wagenfahrt, bei welcher er einem Unfälle nur wie durch ein Wunder 
entging, mit all ihren Einzelheiten wieder durchgemacht habe. Miß 
Calkins^^) erwähnt zweier Träume, welche die genaue Reproduktion 
eines Erlebnisses vom Vortage zum Inhalt hatten, und ich selbst 
werde späterhin Anlaß nehmen, ein mir bekannt gewordenes Beispiel 
von unveränderter Traumwiederkehr eines Kindererlebnisses mitzu- 
teilen. *) 

37 r) Traumreize und Traumquellen. Was man unter 
Traumreizen oder Traumquellen verstehen soll, das kann durch eine 
Berufung auf die Volksrede „Träume kommen vom Magen" ver- 
deutlicht werden. Hinter der Aufstellung dieser Begriffe verbirgt sich 
eine Theorie, die den Traum als Folge einer Störung des Schlafes 
erfaßt. Man hätte nicht geträumt, wenn nicht irgend etwas Störendes 
im Schlafe sich geregt hätte, und der Traum ist die Reaktion auf 
diese Störung. 

Die Erörterungen über die erregenden Ursachen der Träume 
nehmen in den Darstellungen der Autoren den breitesten Raum ein. 
Daß das Problem sich erst ergeben konnte, seitdem der Traum ein 
Gegenstand der biologischen Forschung geworden war, ist selbstver- 
ständlich. Die Alten, denen der Traum als göttliche Sendung galt, 
brauchten nach einer Reizquelle für ihn nicht zu suchen ; aus dem 
Willen der göttlichen oder dämonischen Macht erfloß der Traum, aus 
deren Wissen oder Absicht sein Inhalt. Für die Wissenschaft erhob 
sich alsbald die Frage, ob der Anreiz zum Träumen stets der näm- 
liche sei oder ein vielfacher sein könne, und damit die Erwägung, 
ob die ursächliche Erklärung des Traumes der Psychologie oder viel- 
mehr der Physiologie anheimfalle. Die meisten Autoren scheinen an- 
zunehmen, daß die Ursachen der Schlafstörung, also die Quellen des 
Träumens, mannigfaltiger Art sein können und daß Leibreize ebenso 
wie seelische Erregungen zur Rolle von Traumerregern gelangen. In 



*) [AuB späterer Erfahrung' füge ich hlDzu, daß gar eicht bo selten harmlose 
und unwichtige Beschäftigungen des Tages vom Traume wiederholt werden, etwa: 
Koffer packen, in der Küche Speisen zubereiten a. dgl. Bei solchen Träumen betont 
der Träumer selbst aber nicht den Charakter der Erinnerung, sondern den der 
„Wirklichkeit". „Ich habe das alles am Tage wirklich getan.**] 



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Traumreize und Traum quellen. 15 

der Bevorzugung der einen oder der anderen unter den Traumquellen, 
in der Herstellung einer Rangordnung unter ihnen je nach ihrer 
Bedeutsamkeit für die Entstehung des Traumes gehen die Ansichten 
weit auseinander. 

•3^ Wo die Aufzählung der Traumquellen vollständig ist, da ergeben 
sich schließlich vier Arten derselben, die auch zur Einteilung der 
Träume verwendet worden sind. 

1. Äußere (objektive) Sinneserregung. 

2. Innere (subjektive) Sinneserregung. 

3. Innerer (organischer) Leibreiz. 

4. Rein psychische Reizquellen. 

ad 1. Die äußeren Sinnesreize. Der jüngere Strüm- 
pell, der Sohn des Philosophen, dessen Werk über den Traum uns 
bereits mehrmals als Wegweiser in die Traumprobleme diente, hat 
bekanntlich die Beobachtung eines Kranken mitgeteilt, der mit all- 
gemeiner Anästhesie der Körperdecken und Lähmung mehrerer der 
höheren Sinnesorgane behaftet war. Wenn man bei diesem Manne 
die wenigen noch oflFenen Sinnespforten von der Außenwelt abschloß, 
verfiel er in Schlaf. Wenn wir einschlafen wollen, pflegen wir alle 
eine Situation anzustreben, die jener im Strümpellschen Experiment 
ähnUch ist. Wir verschließen die wichtigsten Sinnespforten, die Augen, 
und suchen von den anderen Sinnen jeden Reiz oder jede Ver- 
änderung der auf sie wirkenden Reize abzuhalten. Wir schlafen 
dann ein,, obwohl uns unser Vorhaben nie völlig gelingt. Wir können 
weder die Reize vollständig von den Sinnesorganen fernhalten, noch 
die Erregbarkeit unserer Sinnesorgane völlig aufheben. Daß wir 
durch stärkere Reize jederzeit zu erwecken sind, darf uns beweisen, 
^daß die Seele auch im Schlafe in fortdauernder Verbindung mit der 
außerleiblichen Welt" geblieben ist. Die Sinnesreize, die uns 
während des Schafes zukommen, können sehr wohl zu Traumquellen 
werden. 

:>^ Von solchen Reizen gibt es nun eine große Reihe von den un- 
vermeidlichen an, die der Schlafzustand mit sich bringt oder nur 
gelegentlich zulassen muß, bis zum zufälligen Weckreize, welcher ge- 
eignet oder dazu bestimmt ist, dem Schlafe ein Ende zu machen. Es 
kann stärkeres Licht in die Augen dringen, ein Geräusch sich ver- 
nehmbar machen, ein riechender Stoff die Nasenschleimhaut erregen. 
Wir können imSchlafe durch ungewollte Bewegungen einzelne Körper- 
teile entblößen und so der Abkühlungsempfindung aussetzen oder 
durch Lageverändung uns selbst Druck- und Berührungsempfindungen 
erzeugen. Es kann uns eine Fliege stechen oder ein kleiner nächt- 
licher Unfall kann mehrere Sinne zugleich bestürmen. Die Aufmerk- 
samkeit der Beobachter hat eine ganze Reihe von Träumen gesammelt, 
in welchen der beim Erwachen konstatierte Reiz und ein Stück des 
Trauminhalts so weit übereinstimmten, daß der Reiz als TraumqueUe 
erkannt werden konnte. 



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16 I. Literatur der Traumprobleme. 

-i^ Eine Sammlung solcher, auf objektive — mehr oder minder 
akzidentelle — Sinnesreizung zurückgehender Träume ftlhre ich hier 
nach Jessen,^^) p. 527, an: J^es undeutlich wahrs^enommene 
Geräusch erweckt entsprechende Traumbilder, das Rollen des Donners 
versetzt uns mitten in eine Schlacht, das ELrähen eines Hahnes kann 
sich in das Angstgeschrei eines Menschen verwandeln, das Knarren 
einer Tür Träume von räuberischen Einbrüchen hervorrufen. Wenn 
wir des Nachts unsere Bettdecke verlieren, so träumen wir vielleicht, 
daß wir nackt umhergehen oder daß wir ins Wasser gefallen sind. 
Wenn wir schräg im Bette liegen und die Fuße über den Rand des- 
selben herauskommen, so träumt uns vielleicht, daß wir am Rande 
eines schrecklichen Abgrundes stehen, oder daß wir von einer steilen 
Höhe hinabsttlrzen. Kommt unser Kopf zufällig unter das Kopfkissen, 
so hängt ein großer Felsen über uns und steht im Begriff, uns unter 
seiner Last zu begraben. Anhäufungen des Samens erzeugen wol- 
lüstige Träume, örtliche Schmerzen die Idee erlittener Mißhandlungen, 
feindlicher Angriffe oder geschehender Körperverletzungen • . . 

„Meier (Versuch einer Erklärung aes Nachtwandeins. Halle 
1758, S. 33) träumte einmal, daß er von einigen Personen überfallen 
würde, welche ihn der Länge nach auf den Rücken auf die Erde 
hinlegten und ihm zwischen die große und die nächste Zehe einen 
Pfahl in die Erde schlugen. Indem er sich dies im Traume vorstellte, 
erwachte er und fühlte, daß ihm ein Strohhalm zwischen den Zehen 
stecke. Demselben soll nach Hennings (Von den Träumen und 
Nachtwandlern. Weimar 1784, S 258) ein anderes Mal, als er sein 
Hemd am Halse etwas fest zusammengesteckt hatte, geträumt haben, 
daß er gehängt würde. Hoffbauer träumte in seiner Jugend, von 
einer hohen Mauer hinabzufallen und bemerkte beim Erwachen, daß 
die Bettstelle auseinander gegangen und daß er wirklich gefallen 

war Gregory berichtet, er habe einmal beim Zubettegehen 

eine Flasche mit heißem Wasser an die Füße gelegt und darauf im 
Traum eine Reise auf die Spitze des Ätna gemacht, wo er die Hitze 
des Erdbodens fast unerträglich gefunden. Ein anderer träumte nach 
einem auf den Kopf gelegten Blasenpflaster, daß er von einem Haufen 
von Indianern skalpiert werde; ein dritter, der in einem feuchten 
Hemde schlief, glaubte durch einen Strom gezogen zu werden. Ein 
im Schlafe eintretender Anfall von Podagra ließ einen Kranken glauben, 
er sei in den Händen de In'julsition und erdulde • die Qualen der 
Folter (Macnish).'^,. 

Das auf die Ähnlichkeit zwischen Reiz und Trauminhalt ge- 
gründete Argument läßt eine Verstärkung zu, wenn es gelingt, bei 
einem Schlafenden durch planmäßige Anbringung von Sinnesreizen 
dem Reize entsprechende Träume zu erzeugen. Solche Versuche hat 
nach Macnish schon Giron de Buzareingues angestellt. „Er 
ließ seine Knie unbedeckt und träumte, daß er in der Nacht auf einem 
Postwagen reise. Er bemerkt dabei, daß Reisende wohl wissen 



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Äußere Sinnesreize als Traumquellen. — Experimentelle Träume. 17 

würden, wie in einer Kutsche die Knie des Nachts kalt würden. 
Ein anderes Mal ließ er den Kopf hinten unbedeckt und träumte, 
daß er einer religiösen Zeremonie in freier Luft beiwohne. Es war 
nämlich in dem Lande, in welchem er lebte, Sitte, den Kopf stets 
bedeckt zu tragen, ausgenommen bei solchen Veranlassungen, wie die 
eben genannte.^ 

uo Maury*®) teilt neue Beobachtungen von an ihm selbst erzeugten 
Träumen mit. (Eine Reihe anderer Versuche brachte keinen Erfolg.) 

1. Er wird an Lippen und Nasenspitze mit einer Feder ge- 
kitzelt. — Träumt von einer schrecklichen Tortur; eine Pechlarve 
wird ihm aufs Gesicht gelegt, dann weggerissen, so daß die Haut 
mitgeht. 

2. Man wetzt eine Schere an einer Pinzette. — Er hört Glocken 
läuten, dann Sturmläuten und ist in die Junitage des Jahres 1848 
versetzt, 

3. Man läßt ihn Kölnerwasser riechen. — Er ist in Kairo im 
Laden von Johann Maria Farina. Daran schließen sich tolle Aben- 
teuer, die er nicht reproduzieren kann. 

4. Man kneipt ihn leicht in den Nacken. — Er träumt, daß 
man ihm ein Blasenpflaster auflegt und denkt an einen Arzt, der 
ihn als Kind behandelt hat. 

5. Man nähert ein heißes Eisen seinem Gesicht. Er träumt von 
den „Chauflfeurs^ *), die sich ins Haus eingeschlichen haben und die 
Bewohner zwingen, ihr Geld herauszugeben, indem sie ihnen die 
Füße ins Kohlenbecken stecken. Dann tritt die Herzogin von Abran- 
t6s auf, deren Sekretär er im Traume ist. 

8. Man gießt ihm einen Tropfen Wasser auf die Stirn. — Er 
ist in Italien, schwitzt heftig und trinkt den weißen Wein von 
Orvieto. 

9. Man läßt wiederholt durch ein rotes Papier das Licht einer 
Kerze auf ihn fallen. — Er träumt vom Wetter, von Hitze und be- 
findet sich wieder in einem Seesturm, den er einmal auf dem Kanal 
La Manche mitgemacht. 

Andere Versuche, Träume experimentell zu erzeugen, rUhren 
von d'Hervey, ^*) Weygandt^*^) u. a. her. 

tif Von mehreren Seiten ist die „außUUige Fertigkeit des Traumes 
bemerkt worden, plötzliche Eindrücke aus der Sinneswelt dergestalt 
in seine Gebilde zu verweben, daß sie in diesen eine allmählich schon 
vorbereitete und eingeleitete Katastrophe bilden" (Hildebrandt). ^^) 
„In jtlngeren Jahren", erzählt dieser Autor, „bediente ich mich zu 
Zeiten, um regelmäßig in bestimmter Morgenstunde aufzustehen, des 
bekannten, meist an Uhrwerken angebrachten Weckers. Wohl zu 
hundertmalen ist mir's begegnet, daß der Ton dieses Instruments in 

^) yChauffears** hieBea Banden von Räubern in der Yendee, die sich dieser 
Tortar bedienten. 

Freud, Traumdeatung. 3. Aufl. ^ 



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18 I. Literatur der Traomprobleme. 

einen yermeintlich sehr langen und zusammenhängenden Traum der- 
gestalt hineinuaßte, als ob dieser ganze Traum eben nur auf ihn an- 
gelegt sei una in ihm seine eigentliche logisch unentbehrliche Pointe, 
sein natürlich gewiesenes Endziel fUnde.^ 

Ich werde drei dieser Weckerträume noch in anderer Absicht 
zitieren. 

Volkelt (p. 68) erzählt: ^Einern Komponisten träumte einmal, 
er halte Schule und wolle eben seinen Schülern etwas klar machen« 
Schon ist er damit fertig und wendet sich an einen der Knaben mit 
der Frage: ^Hast du mich verstanden?" Dieser schreit wie ein 
Besessener: „0 ja." Ungehalten hierüber verweist er ihm das Schreien. 
Doch schon schreit die ganze Klasse: „Orja." Hierauf: „Eurjo." 
Und endlich: „Feuerjo!" Und nun erwacht er von wirklichem 
Feuerjogeschrei auf der Straße. 

Garnier (Trait6 des facultös de Täme, 1865) bei Rad e stock ^*) 
berichtet, daß Napoleon I. durch die Explosion der Höllenmaschine 
aus einem Traume geweckt wurde, den er im Wagen schlafend hatte, 
und der ihm den Übergang über den Tagliamento und die Kano- 
nade der Österreicher wieder erleben ließ, bis er mit dem Ausruf auf- 
schreckte: „Wir sind unterminiert." 

Zur Berühmtheit gelangt ist ein Traum, den Maury**) erlebt 
hat (p. 161). Er war leidend uud lag in seinem Zimmer zu Bett; 
seine Mutter saß neben ihm. Er träumte nun von der Schreckens- 
herrschaft zur Zeit der Revolution, machte greuliche Mordszenen mit 
und wurde dann endlich selbst vor den Gerichtshof zitiert Dort sah 
er Robespierre, Marat, Fouquier-Tin ville und alle die 
traurigen Helden jener gräßlichen Epoche, stand ihnen Rede^ 
wurde nach allerlei ZwischenfkUen, die sich in seiner Erinnerung 
nicht fixierten, verurteilt und dann von einer unübersehbaren Menge 
begleitet auf den Richtplatz gefUhrt. Er steigt aufs Schafott, der 
Scharfrichter bindet ihn aufs Brett; es kippt um; das Messer der 
Guillotine fUUt herab ; er fühlt, wie sein Haupt vom Rumpfe getrennt 
wird, wacht in der entsetzlichsten Angst auf — und findet, daß der 
Bettaufsatz herabgefallen war und seine Halswirbel, wirklich ähnlich 
wie das Messer einer Guillotine, getrofifen hatte. 

*/ ^ An diesen Traum knüpft sich eine interessante von L e L o r- 
rain*^) und Egger^^) in der Revue philosophique eingeleitete Dis- 
kussion, ob und wie es dem Träumer möglich werde, in dem kurzen 
Zeitraum, der zwischen der Wahrnehmung des Weckreizes und dem 
Erwachen verstreicht, eine anscheinend so überaus reiche Fülle von 
Trauminhalt zusammenzudrängen. 

Beispiele dieser Art lassen die objektiven Sinnesreizungen während 
des Schlafes als die am besten sichergestellte unter den Traumquellen 
erscheinen. Sie ist es auch, die in der Kenntnis des Laien einzig und 
allein eine Rolle spielt. Fragt man einen Gebildeten, der sonst der 
Traumliteratur fremd geblieben ist, wie die Träume zu stände kommen^ 



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Träume auf den Weckreiz. 19 

so wird er zweifellos mit der Berufung auf einen ihm bekannt 
gewordenenen Fall antworten, in dem ein Traum durch einen nach 
dem Erwachen erkannten objektiven Sinnesreiz aufgeklärt wurde. 
Die wissenschaftliche Betrachtung kann dabei nicht halt machen ; 
sie schöpft den Anlaß zu weiteren Fragen aus der Beobachtung, daß 
der während des Schlafes auf die Sinne einwirkende Reiz im Traume 
ja nicht in seiner wirklichen Gestalt auftritt, sondern durch irgend 
eine andere Vorstellung vertreten wird, die in irgend welcher Be- 
ziehung zu ihm steht. Die Beziehung aber, die den Traumreiz und 
den Traumerfolg verbindet, ist nach den Worten Maurys*^) ;,une 
affinit6 quelconque, mais qui n'est pas unique et exclusive.'* (p. 72). 
Man höre z. B. drei der Weckerträume Hildebrandts; man wird 
sich dann die Frage vorzulegen haben, warum derselbe Reiz so ver- 
schiedene und warum er gerade diese Traumerfolge hervorrief: 

Lf 'j (p. 37), „Also ich gehe an einem Frühlingsmorgen spazieren 
und schlendre durch die grünenden Felder weiter bis zu einem be- 
nachbarten Dorfe, dort sehe ich die Bewohner in Feierkleidem, das 
Gesangbuch unter dem Arme, zahlreich der Kirche zuwandern. 
Richtig! es ist ja Sonntag und der FrUhgottesdienst wird bald be- 
ginnen. Ich beschließe, an diesem teilzunehmen, zuvor aber, weil ich 
etwas echauffiert bin, auf dem die Kirche umgebenden Friedhofe mich 
abzukühlen. Während ich hier verschiedene Grabschriften lese, höre 
ich den Glöckner den Turm hinansteigen und sehe nun in der Höhe 
des letzteren die kleine Dorfglocke, die das Zeichen zum Beginn der 
Andacht geben wird. Noch eine ganze Weile hängt sie bewegungslos 
da, dann fängt sie an zu schwingen — und plötzlich ertönen ihre 
Schläge hell und durchdringend — so hell und durchdringend, daß 
sie meinem Schlafe ein Ende machen. Die Glockentöne aber kommen 
von dem Wecker." 

„Eine zweite Kombination- Es ist heller Wintertag ; die Straßen 
sind hoch mit Schnee bedeckt. Ich habe meine Teilnahme an einer 
Schlittenfahrt zugesagt, muß aber lange warten, bis die Meldung er- 
folgt, der Schlitten stehe vor der Tür. Jetzt erfolgen die Vor- 
bereitungen zum Einsteigen — der Pelz wird angelegt, der Fußsack 
hervorgeholt — und endlich sitze ich auf meinem Platze. Aber noch 
verzögert sich die Abfahrt, bis die Zügel den harrenden Rossen das 
ftlhlbare Zeichen geben. Nun ziehen diese an ; die kräftig geschüttel- 
ten Schellen beginnen ihre wohlbekannte Janitscharenmusik mit 
einer Mächtigkeit, die augenblicklich das Spinngewebe des Traumes 
zerreißt. Wieder ist's nichts anderes, als der schrille Ton der Wecker- 
glocke." 

„Noch das dritte Beispiel! Ich sehe ein Küchenmädchen mit 
einigen Dutzend aufgetürmter Teller den Korridor entlang zum Speise- 
zimmer schreiten. Die Porzellansäule in ihren Armen scheint mir in 
Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren. „Nimm dich in acht," warne 
ich, „die ganze Lfäung wird zur Erde fallen. ** Natürlich bleibt der 



Q* 



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20 I* Literatur der Traumprobleme. 

obligate Widerspruch nicht aus: man sei dergleichen schon gewohnt 
u. s. w,, während dessen ich noch immer mit Blicken der Besorgnis 
die Wandelnde begleite. Richtig, an der Türschwelle erfolgt ein 
Straucheln — das zerbrechliche Geschirr ftQlt und rasselt und prasselt 
in hundert Scherben auf dem Fußboden umher. Aber — das endlos 
sich fortsetzende Getön ist doch, wie ich bald merke, kein eigentliches 
Rasseln, sondern ein richtiges Klingeln ; — und mit diesem Klingeln 
hat, wie nunmehr der Erwachende erkennt, nur der Wecker seine 
Schuldigkeit getan." 

*// Die Frage, warum die Seeleim Traume die Natur des objektiven 
Sinnesreizes verkenne, ist von Strümpell ^^) — und fast ebenso von 
Wundt^®) — dahin beantwortet worden, daß sie sich gegen solche im 
Schlaf angreifende Reize unter den Bedingungen der Illusionsbildung 
befindet. Ein Sinneseindruck wird von uns erkannt, richtig ge- 
deutet, d. h. unter die Erinnerungsgruppe eingereiht, in die er nach 
allen vorausgegangenen Erfahrungen gehört, wenn der Eindruck stark, 
deutlich, dauerhaft genug ist, und wenn uns die fttr diese Überlegung 
erforderliche Zeit zu Gebote steht. Sind diese Bedingungen nicht 
erfüllt, so verkennen wir das Objekt, von dem der Eindruck herrührt ; 
wir bilden auf Grund desselben eine Illusion- ;,Wenn jemand auf 
freiem Felde spazieren geht und einen entfernten Gegenstand undeut- 
lich wahrnimmt, kann es kommen, daß er denselben zuerst für ein 
Pferd hält/ Bei näherem Zusehen kann die Deutung einer ruhenden 
Kuh sich aufdrängen, und endlich kann sich die Vorstellung mit 
Bestimmtheit in die einer Gruppe von sitzenden Menschen auflösen. 
Ahnlich unbestimmter Natur sind nun die Eindrücke, welche die Seele 
im Schlafe durch äußere Reize empfängt; sie bildet auf Grund der- 
selben Illusionen, indem durch den Eindruck eine größere oder kleinere 
Anzahl von Erinnerungsbildern wachgerufen wird, durch welche der 
Eindruck seinen psychischen Wert bekommt. Aus welchem der vielen 
in Betracht kommenden Erinnerungskreise die zugehörigen Bilder 
geweckt werden, und welche der möglichen Assoziationsbeziehungen 
dabei in Kraft treten, dies bleibt auch nach Strümpell unbestimm- 
bar und gleichsam der Willkür des Seelenlebens überlassen. 

Wir stehen hier vor einer WahL Wir können zugeben, daß 
die Gesetzmäßigkeit in der Traumbildung wirklich nicht weiter zu 
verfolgen ist, und somit verzichten zu fragen, ob die Deutung der 
durch den Sinneseindruck hervorgerufenen Elusion nicht noch anderen 
Bedingungen unterliegt. Oder wir können auf die Vermutung ge- 
raten, daß die im Schlafe eingreifende objektive Sinnesreizung als 
Traum quelle nur eine bescheidene Rolle spielt, und daß andere 
Momente die Auswahl der wachzurufenden Erinnerungsbilder deter- 
minieren. In der Tat, wenn man die experimentell erzeugten Träume 
Maurys prüft, die ich in dieser Absicht so ausführlich mitgeteilt 
habe, so ist man versucht zu sagen, der angestellte Versuch deckt 
eigentlich nur eines der Traumelemente nach seiner Herkunft, und 



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IllnsioDStheorie der objektiven Sinnesreize. — Innere Sinnesreize. 21 

der übrige Trauminhalt erscheint vielmehr zu selbstHndig, zu sehr im 
einzelnen bestimmt, als daß er durch die eine Anforderung, er müsse 
sich mit dem experimentell eingeführten Element vertragen, aufgeklärt 
werden könnte. Ja man beginnt selbst an der Illusionstheorie und 
an der Macht des objektiven Eindrucks, den Traum zu gestalten, zu 
zweifeln, wenn man erfkhrt, daß dieser Eindruck gelegentlich die 
allersonderbarste und entlegenste Deutung im Traume erfkhrt. So 
erzählt z. B. M. Simon ®^) einen Traum, in dem er riesenhafte 
Personen bei Tische sitzen sah und deutlich das furchtbare Geklapper 
hörte, das ihre aufeinander schlagenden Kiefer beim Kauen erzeugten. 
Als er erwachte, hörte er den Hufschlag eines vor seinem Fenster 
vorbeigaloppierenden Pferdes. Wenn hier der Lärm der Pferdehufe 
gerade Vorstellungen aus dem Erinnerungskreis von Gullivers 
fieisen, Aufenthalt bei den Riesen von Brobdingnag und bei den 
tugendhaften Pferdewesen wachgerufen hat — wie ich ohne alle 
Unterstützung von Seite des Autors etwa deuten könnte — , sollte die 
Auswahl dieses für den Reiz so ungewöhnlichen Erinnerungskreises 
nicht außerdem durch andere Motive erleichtert gewesen sein?*) 

^ ^ ad 2. Innere (subjektive) Sinneserregung. 

' Allen Einwendungen zum Trotz wird man zugeben müssen, 
daß die Rolle objektiver Sinneserregungen während des Schlafes als 
Traumerreger unbestritten feststeht, und wenn diese Reize ihrer Natur 
und Häufigkeit nach vielleicht unzureichend erscheinen, um alle 
Traumbilder zu erklären, so wird man darauf hingewiesen, nach 
anderen, aber ihnen analog wirkenden Traumquellen zu suchen. Ich 
weiß nun nicht, wo zuerst der Gedanke aufgetaucht ist, neben den 
äußeren Sinnesreizen die inneren (subjektiven) Erregungen in den 
Sinnesorganen in Anspruch zu nehmen ; es ist aber Tatsache, daß 
dies in allen neueren Darstellungen der Traumätiologie mehr oder 
minder nachdrücklich geschieht. „Eine wesentliche Rolle spielen 
femer, wie ich glaube," sagt Wundt*^®) (p. 363), „bei den Traum- 
illusionen jene subjektiven Gesichts- und Gehörsempfindungen, die 
uns aus dem wachen Zustand als Lichtchaos des dunklen Gesichts- 
feldes, als Ohrenklingen, Ohrensausen u. s. w. bekannt sind, unter 
ihnen namentlich die subjektiven Netzhauterregungen. So erklärt 
sich die merkwürdige Neigung des Traumes, ähnliche oder ganz 
übereinstimmende Objekte in der Mehrzahl dem Auge vorzuzaubern. 
Zahllose Vögel, Schmetterlinge, Fische, bunte Perlen, Blumen u. dgl. 
sehen wir vor uns ausgebreitet. Hier hat der Lichtstaub des 
dunklen Gesichtsfeldes phantastische Gestalt angenommen imd die 
zahlreichen Lichtpunkte, aus denen derselbe besteht, werden von dem 
Traume in ebenso vielen Einzelbildern verkörpert, die wegen der 
Beweglichkeit des Lichtchaos als bewegte Gegenstände angeschaut 

'^) [EUesenhafte Personen im Traam lassen annehmen, daß es sich um eine 
Szene aus der Kindheit des Träumers handelt.] 



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22 !• Literatur der Traomprobleme. 

werden. — Hierin wurzelt wohl auch die große Neigung des 
Traumes zu den mannigfachsten Tiergestalten, deren Formen- 
reichtum sich der besonderen Form der subjektiven Lichtbilder leicht 
anschmiegt." 

t/iL Die subjektiven Sinneserregungen haben als Quelle der Traum- 
bilder offenbar den Vorzug, daß sie nicht wie die objektiven vom 
äußeren Zufalle abhängig sind. Sie stehen sozusagen der Erklärung 
zu Gebote, so oft diese ihrer bedarf. Sie stehen aber hinter den 
objektiven Sinnesreizen darin zurück, daß sie jener Bestätigung ihrer 
Rolle als Traumerreger, welche Beobachtung und Experiment bei 
den letzteren ergeben, nur schwer oder gar nicht zugänglich sind. 
Den Haupterweis Air die traumerregende Macht subjektiver Sinnes- 
erregungen erbringen die sogenannten hypnagogischen Halluzinationen, 
die von Joh. Müller als „phantastische Gesichtserscheinungen" be- 
schrieben worden sind. Es sind dies oft sehr lebhafte, wechselvolle 
Bilder, die sich in der Periode des Einschlafens bei vielen Menschen 
ganz regelmäßig einzustellen pflegen und auch nach dem Öffiien der 
Augen eine Weile bestehen bleiben können. Maury, *^) der ihnen 
im hohen Grade unterworfen war, hat ihnen eine eingehende Würdi- 
gung zugewendet und ihren Zusammenhang, ja vielmehr ihre Iden- 
tität mit den Traumbildern (wie übrigens schon Joh. Müller) be- 
hauptet. Für ihre Entstehung, sagt Maury, ist eine gewisse seelische 
Passivität, ein Nachlaß der Aufmerksanikeitsspannung erforderlich 
(p. 59 u. f.). Es genügt aber, daß man auf eine Sekunde in solche 
Lethargie verfalle, um bei sonstiger Disposition eine hypnagogbche 
Halluzination zu sehen, nach der man vielleicht wieder aufwacht, bis 
das sich mehrmals wiederholende Spiel mit dem Einschlafen endigt. 
Erwacht man dann nach nicht zu langer Zeit, so gelingt es nach 
Maury häufig, im Traume dieselben Bilder nachzuweisen, die einem 
als hypnagogische Halluzinationen vor dem Einschlafen vorgeschwebt 
haben (p. 134). So erging es Maury einmal mit einer Reihe von 
grotesken Gestalten mit verzerrten Mienen und sonderbaren Frisuren, 
die ihn mit unglaublicher Aufdringlichkeit in der Periode des Ein- 
schlafens belästigten, und von denen er nach dem Erwachen sich er- 
innerte, geträumt zu haben. Ein andermal, als er gerade an Hunger- 
gefühl litt, weil er sich schmale Diät auferlegt hatte, sah er hypna- 
gogisch eine Schüssel und eine mit einer Gabel bewafiiiete Hand, die 
sich etwas von der Speise in der Schüssel holte. Im Traume befand 
er sich an einer reich gedeckten Tafel und hörte das Geräusch, das 
die Speisenden mit ihren Gabeln machten. Ein andermal, als er 
mit gereizten und schmerzenden Augen einschlief, hatte er die 
hypnagogische Halluzination von mikroskopisch kleinen Zeichen, die 
er mit großer Anstrengung einzeln entziffern mußte ; nach einer Stunde 
aus dem Schlafe geweckt, erinnerte er sich an einen Traum, in dem 
ein aufgeschlagenes Buch, mit sehr kleinen Lettern gedruckt, vorkam, 
welches er mühselig hatte durchlesen müssen. 



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Hypnagogische Halluzinationen. — Innerer, organischer Leibreiz. 23 

''^Ganz ähnlich wie diese Bilder können auch Grehörshalluzinationen 
von Worten, Namen u. s. w. hypnagogisch auftreten und dann im 
Traum sich wiederholen, als Ouvertüre gleichsam, welche die Leit- 
motive der mit ihr beginnenden Oper ankündigt. 

Auf den nämlichen Wegen wie Job. Müller und Maury 
wandelt ein neuerer Beobachter der hypnagogischen Halluzinationen, 
G. Trumbull Ladd*^). Er brachte es durch Übung dahin, daß 
er sich 2 — 5 Minuten nach dem allmählichen Einschlafen jäh aus dem 
Schlafe reißen konnte, ohne die Augen zu öffnen, und hatte dann die 
Grelegenheit, die eben entschwindenden Netzhautempfindungen mit den 
in der Erinnerung überlebenden Traumbildern zu vergleichen. Er 
versichert, daß sich jedesmal eine innige Beziehung zwischen beiden er- 
kennen ließ in der Weise, daß die leuchtenden Punkte und Linien 
des Eigenlichtes der Netzhaut gleichsam die Umrißzeichnung, das 
Schema für die psychisch wahrgenommenen Traumgestalten brachten. 
Einem Traume z. B., in welchem er deutlich gedruckte Zeilen vor 
sich sah, die er las und studierte, entsprach eine Anordnung der 
leuchtenden Punkte in der Netzhaut in parallelen Linien. Um es mit 
seinen Worten zu sagen : Die klar bedruckte Seite, die er im Traume 
gelesen, löste sich in ein Objekt auf, daß seiner wachen Wahrnehmung 
erschien wie ein Stück eines reellen bedruckten Blattes, das man aus 
allzu großer Entfernung, um etwas deutlich auszunehmen, durch ein 
Löchelchen in. einem Stücke Papier ansieht. Ladd meint, ohne 
übrigens den zentralen Anteil des Phänomens zu unterschätzen, daß 
kaum ein visueller Traum in uns abläuft, der sich nicht an das 
Material der inneren Erregungszustände der Netzhaut anlehnte. Be- 
sonders gilt dies für die Träume kurz nach dem Einschlafen im 
dunklen Zimmer, während für die Träume am Morgen nahe dem Er- 
wachen das objektive, im erhellten Zimmer ins Auge dringende Licht 
die Reizquelle abg'ebe. Der wechselvolle, unendlich abänderungsfilhige 
Charakter der Eigenlichterregung entspricht genau der unruhigen 
Bilderflucht, die unsere Träume uns vorführen. Wenn man den 
Beobachtungen von Ladd Bedeutung beimißt, wird man die Ergiebig- 
keit dieser subjektiven Reizquelle für den Traum nicht gering an- 
schlagen können, denn Gesichtsbilder machen bekanntlich den Haupt- 
bestandteil unserer Träume aus. Der Beitrag von anderen Sinnes- 
gebieten bis auf den des Gehörs ist geringfügiger und inkonstant. 

vff" ad 3. Innerer, organischer Leibreiz. Wennwiraufdem 
Wege sind, die Traumquellen nicht außerhalb, sondern innerhalb des 
Organismus zu suchen, so müssen wir uns daran erinnern, daß fast alle unsere 
inneren Organe, die im Zustand der Gesundheit uns kaum Kunde 
von ihrem Bestand geben, in Zuständen von Reizung — die wir so 
heißen — oder in Krankheiten eine Quelle von meist peinlichen 
Empfindungen für uns werden, welche den Erregern der von außen 
anlangenden Schmerz- und Empfindungsreize gleichgestellt werden* muß. 
Es sind sehr alte Erfahrungen, welche z. B. Strümpell ^'^) zu der 



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24 I- Literatur der Tranmprobleme. 

Aussage veranlassen (p. 107) : ^Die Seele gelangt im Schlafe zu einem 
viel tieferen und breiteren Empfindungsbewußtsein von ihrer Leiblich- 
keit als im Wachen, und ist genötigt, gewisse Reizeindrücke zu 
empfangen und auf sich wirken zu lassen, die aus Teilen und Ver- 
änaerungen ihres Körpers herstanmien, von denen sie im Wachen 
nichts wußte." Schon Aristoteles^) erklärt es für sehr wohl 
möglich, daß man im Traume auf beginnende Krankheitszustände auf- 
merksam gemacht würde, von denen man im Wachen noch nichts 
merkt (kraft der Vergrößerung, die der Traum den Eindrücken an- 
gedeihen läßt, siehe p. 1), und ärztliche Autoren, deren Anschauung 
es sicherlich ferne lag, an eine prophetische Gabe des Traumes zu 
glauben, haben wenigstens ftlr die Krankheitsankündigung diese Be- 
deutung des Traumes gelten lassen. (Vgl. M. Simon, ^^) p. 31, und 
viele ältere Autoren.) 

yf Es scheint an beglaubigten Beispielen für solche diagnostische 
Leistungen des Traumes auch aus neuerer Zeit nicht zu fehlen. So 
z. B. berichtet Tissi6^^) nach Artigues, Essai sur la valeur 86m6iO" 
lomque des reves die Geschichte einer 43jährigen Frau, die durch 
emige Jahre in scheinbar voller Gesundheit von Angstträumen heim- 
gesucht wurde und bei der ärztliche Untersuchung dann eine beginnende 
Herzaffektion aufwies, welcher sie alsbald erlag. 

Ausgebildete Störungen der inneren Organe wirken offenbar bei 
einer ganzen Reihe von Personen als Traumerreger. Allgemein wird 
auf die Häufigkeit der Angstträume bei Herz- und Lungenkranken 
hingewiesen, ja diese Beziehung des Traumlebens wird von vielen 
Autoren so sehr in den Vordergrund gedrängt, daß ich mich hier mit 
der bloßen Verweisung auf die Literatur (R a d e s t o c k, ^*) S p i 1 1 a, ^ *) 
Maury, M. Simon, Tissi6) begnügen kann. Tissi6 meintsogar, 
daß die erkrankten Organe dem Trauminhalt das charakteristische 
Gepräge aufdrücken. Die Träume der Herzkranken sind gewöhnlich 
sehr kurz und enden mit schreckhaftem Erwachen; fast immer spielt 
im Inhalt derselben die Situation des Todes unter gräßlichen Umständen 
eine Rolle. Die Lungenkranken träumen von Ersticken, Gedränge^ 
Flucht und sind in auffälliger Zahl dem bekannten Alptraume unter- 
worfen, den übrigens Börner^) durch Lagerung aufs Gesicht, durch 
Verdeckung der Respirationsöflfhungen experimentell hat hervorrufen 
können. Bei Digestionsstörung enthält der Traum Vorstellungen ans 
dem Kreise des Genießens und des Ekels. Der Einfluß sexueller 
Erregung endlich auf den Inhalt der Träume ist ftlr die Erfahrung" 
eines jeden einzelnen greifbar genug und leiht der ganzen Lehre von 
der Traumerregung durch Organreiz ihre stärkste Stütze. 

^C Es ist auch, wenn man die Literatur des Traumes durcharbeitet, 
ganz unverkennbar, daß einzelne der Autoren (Maury, *^) Wey- 
gandt ^^), durch den Einfluß ihrer eigenen Krankheitszustände auf 
den Inhalt ihrer Träume zur Beschäftigung mit den Traumproblemen 
geführt worden sind. 



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Theorien von Schopenhaner nnd Krauss. 25 

Der Zuwachs an Traumquellen aus diesen unzweifelhaft fest- 
gestellten Tatsachen ist übrigens nicht so bedeutsam^ als man meinen 
möchte. Der Traum ist ja ein Phänomen, das sich bei Gesunden — 
vielleicht bei allen, vielleicht allnächtlich — einstellt, und das Organ- 
erkrankung offenbar nicht zu seinen unentbehrlichen Bedingungen 
zählt. Es handelt sich für uns aber nicht darum, woher besondere 
Träume rühren, sondern was für die gewöhnlichen Träume normaler 
Menschen die Reizquelle sein mag. 

Indes bedarf es jetzt nur eines Schrittes weiter, um auf eine 
Traumquelle zu stoßen, die reichlicher fließt als jede frühere und 
eigentlich für keinen Fall zu versiegen verspricht. Wenn es sicher- 
gestellt ist, daß das Körperinnere im kranken Zustand zur Quelle 
der Traumreize wird, und wenn wir zugeben, daß die Seele im 
Schlafzustand von der Außenwelt abgelenkt, dem Innern des Leibes 
größere Aufmerksamkeit zuwenden kann, so liegt es nahe anzunehmen, 
daß die Organe nicht erst zu erkranken brauchen, um Erregungen, 
die irgendwie zu Traumbildern werden, an die schlafende Seele 
gelangen zu lassen. Was wir im Wachen dumpf als Gemeingefuhl 
nur seiner Qualität nach wahrnehmen und wozu nach der Meinung 
der Arzte alle Organsysteme ihre Beiträge leisten, das würde nachts, 
zur kräftigen Einwirkung gelangt und mit seinen einzelnen Kompo- 
nenten tätig, die mächtigste und gleichzeitig die gewöhnlichste Quelle 
fttr die Erweckung der Traumvorstellungen ergeben. Es erübrigte 
dann noch die Untersuchung, nach welchen Regeln sich die Organ- 
reize in Traumvorstellungen umsetzen. 

Wir haben hier jene Theorie der Traumentstehung berührt, 
welche die bevorzugte bei allen ärztlichen Autoren geworden ist. Das 
Dunkel, in welches der Kern unseres Wesens, das „moi splanclmique", 
wie Tissi6 ^^) es nennt, für unsere Kenntnis gehüllt ist, und das Dunkel 
der Traumentstehung entsprechen einander zu gut, um nicht in Be- 
ziehung zueinander gebracht zu werden. Der Ideengang, welcher 
die vegetative Organempfindung zum Traumbildner macht, hat überdies 
für den Arzt den anderen Anreiz, daß er Traum und Geistesstörung, 
die soviel Übereinstimmung in ihren Erscheinungen zeigen, auch ätio- 
logisch vereinigen läßt, denn Alterationen des Gemeingefljhls und Eeize, 
die von den inneren Organen ausgehen, werden auch einer weitreichen- 
den Bedeutung ftlr die Entstehung der Psychosen bezichtigt. Es ist 
darum nicht zu verwundern, wenn die Leibreiztheorie sich auf mehr 
als einen Urheber, der sie selbständig angegeben, zurückführen läßt. 
<7 Für eine Reihe von Autoren wurde der Gedar kengang maß- 
geoend, den der Philosoph Schopenhauer^^) im Jahre 1851 ent- 
wickelt hat. Das Weltbild entsteht in uns dadurch, daß unser 
Intellekt die ihn von außen treflFenden Eindrücke in die Formen der 
Zeit, des Raumes und der Kausalität umgießt. Die Reize aus dem 
Innern des Organismus, vom sympathischen Nervensystem her, 
äußern bei Tag höchstens einen unbewußten Einfluß auf unsere 



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26 I. Literatur der Tranmprobleme. 

Stimmuiig. Bei Nacht aber, wenn die übertäubende Wirkung der 
Tageseindrücke aufgehört hat, vermögen jene aus dem Innern herauf- 
dringenden Eindrücke sich Aufmerksamkeit zu verschaffen — ähnlich 
wie wir bei Nacht die Quelle rieseln hören, die der Lärm des Tages 
unvemehmbar machte. Wie anders aber soll der Intellekt auf diese 
Reize reagieren, als indem er seine ihm eigentümliche Funktion voll- 
zieht? Er wird also die Reize zu räum- und zeiterfllllenden Grestalten, 
die sich am Leitfaden der Kausalität bewegen, umformen und so 
entsteht der Traum. In die nähere Beziehung zwischen Leibreizen 
und Traumbildern versuchten dann Scherner ^^) und nach ihm 
Volke It^''^) einzudringen, deren Würdigung wir uns auf den Ab- 
schnitt über die Traumtheorien aufsparen. 

^^ ' In einer besonders konsequent durchgeführten Untersuchung hat 
der Psychiater Krauss ^^) die Entstehung des Traumes wie der Delirien 
und Wahnideen von dem nämlichen Element, der organisch be- 
dingten Empfindung, abgeleitet. Es lasse sich kaum eine Stelle 
des Organismus denken, welche nicht der Ausgangspunkt eines 
Traumes oder Wahnbildes werden könne. Die organisch bedingte 
Empfindung „läßt sich aber in zwei Reihen trennen: 1. in die der 
Totalstimmungen (Gemeingefühle), 2. in die spezifischen, den Haupt- 
systemen des vegetativen Organismus immanenten Sensationen, wovon 
wir fünf Gruppen unterschieden haben, a) die Muskelempfindungen, 
h) die pneumatischen, c) die gastrischen, d) die sexuellen und e) die 
peripherischen" (p. 33 des zweiten Artikels), 

:>'^Den Hergang der Traumbilderentstehung auf Grund der Leib- 
reize nimmt Krauss folgendermaßen an: Die geweckte Empfindung 
ruft nach irgend einem Assoziationsgesetz eine ihr verwandte Vor- 
stellung wach und verbindet sich mit ihr zu einem organischen Gebilde, 
gegen welches sich aber das Bewußtsein anders verhält als normal. 
Denn dies schenkt der Empfindung selbst keine Aufmerksamkeit, 
sondern wendet sie ganz den begleitenden Vorstellungen zu, was zu- 
gleich der Grund ist, warum dieser Sachverhalt solange verkannt 
werden konnte (p. 11 u. f.). Krauss findet für den Vorgang auch 
den besonderen Ausdruck der Transsubstantiation der Empfin- 
dungen in Traumbilder (p. 24). 

Der Einfluß der organischen Leibreize auf die Traumbildung 
wird heute nahezu allgemein angenommen, die Frage nach dem 
Gesetze der Beziehung zwischen beiden sehr verschiedenartig, oftmals 
mit dunklen Auskünften, beantwortet. Es ergibt sich nun auf dem 
Boden der Leibreiztheorie die besondere Aufgabe der Traumdeutung, 
den Inhalt eines Traumes auf die ihn verursachenden organischen 
Reize zurückzuführen, und wenn man nicht die von Scher n er *'*^) auf- 
gefundenen Deutungsregeln anerkennt, steht man oft vor der miß- 
lichen Tatsache, daß die organische Keizquelle sich eben durch nichts 
anderes als durch den Inhalt des Traumes verrät. 



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Organischer Leibreiz und typische Träume. 27 

^tZiemlich übereinstimmend hat sich aber die Deutung verschiedener 
Traumformen gestaltet, die man als „typische" bezeichnet hat, weil sie 
bei so vielen Personen mit ganz ähnlichem Inhalt wiederkehren. Es 
sind dies die bekannten Träume vom Herabfallen von einer Höhe, vom 
Zahnausfallen, vom Fliegen und von der Verlegenheit, daß man 
nackt oder schlecht bekleidet ist. Letzterer Traum soll einfach von 
der im Schlafe gemachten Wahrnehmung herrühren, daß man die 
Bettdecke abgeworfen hat und nun entblößt daliegt. Der Traum vom 
Zahnausfallen wird auf „Zahnreiz" zurückgeführt, womit aber nicht 
ein krankhafter Erregungszustand der Zähne gemeint zu sein braucht. 
Der Traum zu fliegen ist nach Strümpell ^^'j das von der Seele ge- 
brauchte adäquate Bild, womit sie das von den auf- und niedersteigenden 
Lungenflügeln ausgehende Reizquantum deutet, wenn gleichzeitig das 
Hautgefühl des Thorax schon bis zur Bewußtlosigkeit herabgesunken 
ist. Durch den letzteren Umstand wird die an die Vorstellungsform 
des Schwebens gebundene Empfindung vermittelt. Das Herabfallen aus 
der Höhe soll darin seinen Anlaß haben, daß bei eingetretener Bewußt- 
losigkeit des HautdruckgefUhles entweder ein Arm vom Körper 
herabsinkt oder ein eingezogenes Bjiie plötzlich gestreckt wird, wo- 
durch das Gefühl des Hautdruckes wieder bewußt wird, der Über- 
gang zum Bewußtwerden aber als Traum vom Niederfallen sieh 
psychisch verkörpert (Strümpell, p. 118), Die Schwäche dieser 
plausibeln Erklärungsversuche liegt ofifenbar darin, daß sie ohne 
weiteren Anhalt die oder jene Gruppe von Organempfindungen aus 
der seelischen Wahrnehmung verschwinden oder sich ihr aufdränsren 
lassen, bis die für die Erklärung günstige Konstellation hergestellt 
ist. [ch werde übrigens später Gelegenheit haben, auf die typischen 
Träume und ihre Entstehung zurückzukommen. 

M. Simon ^^) hat versucht, aus der Vergleichung einer Reihe von 
ähnlichen Träumen einige Regeln für den Einfluß der Organreize 
auf die Bestimmung ihrer Traumerfolge abzuleiten. Er sagt (p. 34) : 
Wenn im Schlafe irgend ein Organapparat, der normaler Weise am 
Ausdruck eines Aflckts beteiligt ist, durch irgend einen anderen 
Anlaß sich in dem Erregungszustand befindet, in den er sonst bei 
jenem Affekt versetzt wird, so wird der dabei entstehende Traum 
Vorstellungen enthalten, die dem Affekt angepaßt sind. 

•Eine andere Regel lautet (p. 35): Wenn ein Organapparat sich 
im Schlafe in Tätigkeit, Erregung oder Störung befindet, so wird 
der Traum Vorstellungen bringen, welche sich auf die Ausübung 
der organischen Funktion beziehen, die jener Apparat versieht. 

MourlyVold^^) hat es unternommen, den von der Leibreiztheorie 
supponierten Einfluß auf die Traumerzeugung für ein einzelnes Gebiet 
experimentell zu erweisen. Er hat Versuche gemacht, die Stellungen der 
Glieder des Schlafenden zu verändern und die Traumerfolge mit 
seinen Abänderungen verglichen. Er teilt folgende Sätze als Ergeb- 
nis mit. 



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28 I* Literatur der Tramnprobleme. 

^^ 1. Die Stellung eines Gliedes im Traume entspricht ungefkhr der 
in der Wirklichkeit, d. h. man träundt von einem statischen Zustand 
des Gliedes, welcher dem realen entspricht. 

2. Wenn man von der Bewegung eines Gliedes träumt, so ist 
diese immer so, daß eine der bei ihrer Vollziehung vorkommenden 
Stellungen der wirklichen entspricht. 

3. Man kann die Stellung des eigenen Gliedes im Traume auch 
einer fremden Person zuschieben. 

4. Man kann auch träumen, daß die betreffende Bewegung ge* 
hindert ist. 

5. Das Glied in der betreffenden Stellung kann im Traume als 
Tier oder Ungeheuer erscheinen, wobei eine gewisse Analogie beider 
hergestellt wird. 

6. Die Stellung eines Gliedes kann im Traume Gedanken an- 
regen, die zu diesem Gliede irgend eine Beziehung haben. So z. B. 
träumt man bei Beschäftigung mit den Fingern von Zahlen. 

Ich würde aus solchen Ergebnissen schließen, daß auch die 
Leibreiztheorie die scheinbare Freiheit in der Bestimmung der zu 
erweckenden Traumbilder nicht gänzlich auszulöschen vermag.*) 

ad 4. Psychische Reizquellen. Als wir die Beziehungen 
des Traumes zum Wachleben und die Herkunft des Traummaterials 
behandelten, erfuhren wir, es sei die Ansicht der ältesten wie der 
neuesten Traumforscher, daß die Menschen von dem träumen, was 
sie bei Tag treiben und was sie im Wachen interessiert. Dieses aus 
dem Wachleben in den Schlaf sich fortsetzende Interesse wäre nicht 
nur ein psychisches Band, das den Traum ans Leben knüpft, sondern 
ergibt uns auch eine nicht zu unterschätzende Traumquelle, die neben 
dem im Schlafe interessant Gewordenen — den während des Schlafes 
einwirkenden Reizen — ausreichen sollte, die Herkunft aller Traum- 
bilder aufzuklären. Wir haben aber auch den Widerspruch gegen 
obige Behauptung gehört, nämlich daß der Traum den Schläfer von 
den Interessen des Tages abzieht und daß wir — meistens — von 
den Dingen, die uns bei Tag am mächtigsten ergriffen haben, erst 
dann träumen, wenn sie für das Wachleben den Reiz der Aktualität 
verloren haben. So erhalten wir in der Analyse des Traumlebens bei 
jedem Schritt den Eindruck, daß es unstatthaft ist, allgemeine Regeln 
aufzustellen, ohne durch ein „oft", ^in der Regel", „meistens" Ein- 
schränkungen vorzusehen und auf die Gtütigkeit der Ausnahmen vor- 
zubereiten. 

^' i' Wenn das Wachinteresse nebst den inneren und äußeren Schlaf- 
reizen zur Deckung der Traumätiologie ausreichte, so müßten wir 
im Stande sein, von der Herkunft aller Elemente eines Traumes be- 
friedigende Rechenschaft zu geben ; das Rätsel der Traumquellen wäre 

*) [Von den sehr ansfUhrlichen Tranmprotokollen diesem norwegiBcben For- 
schers ist kürzlich der erste Band in deutscher Übersetzung yeröffentlicht worden. 
S. Literatur Verzeichnis^ Nr. 74a. 



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Die psychischen Traumquellen. 29 

gelöst und es bliebe noch die Aufgabe, den Anteil der psychischen 
und der somatischen Traumreize in den einzelnen Träumen abzu- 
grenzen. In Wirklichkeit ist diese vollständige Auflösung eines Traumes 
noch in keinem Falle gelungen und jedem, der dies versucht hat, 
sind — meist sehr reichlich — Traumbestandteile übrig geblieben, 
über deren Herkunft er keine Aussage machen konnte. Das Tages- 
interesse als psychische Traumquelle trägt offenbar nicht so weit, als 
man nach den zuversichtlichen Behauptungen, daß jeder im Traume 
sein Geschäft weiter betreibe, erwarten sollte. 

^-7 Andere psychische Traumquellen sind nicht bekannt. Es lassen 
also alle in der Literatur vertretenen Traumerklärungen — mit Aus- 
nahme etwa der später zu erwähnenden von Scherner ^*^) — eine 
große Lücke offen, wo es sich um die Ableitung des fUr den Traum 
am meisten charakteristischen Materials an Vorstellungsbildern handelt. 
Li dieser Verlegenheit hat die Mehrzahl der Autoren die Neigung 
entwickelt den psychischen Anteil an der Traumerregung, dem so 
schwer beizukommen ist, möglichst zu verkleinern. Sie unterscheiden 
zwar als Haupteinteilung den Nervenreiz- und den Assoziations- 
traum, welch letzterer ausschließlich in der Reproduktion seine Quelle 
findet (Wundt,*^^) p. 365), aber sie können den Zweifel nicht los- 
werden, „ob sie sich ohne anstoßgebenden Leibreiz einstellen" (Vol- 
kelt,^^j p. 127). Auch die Charakteristik des reinen Asoziations- 
traumes versagt: „In den eigentlichen Assoziationsträumen kann von 
einem solchen festen Kerne nicht mehr die Rede sein. Hier dringt 
die lose Gruppierung auch in den Mittelpunkt des Traumes ein. Das 
ohnedies von Vernunft und Verstand freigelassene Vorstellungsleben 
ist hier auch von jenen gewichtvolleren Leib- und Seelenerregungen 
nicht mehr zusammengehalten und so seinem eigenen bunten Schieben 
und Treiben, seinem eigenen lockeren Durcheinandertaumeln über- 
lassen" (Volkelt, p. 118). Eine Verkleinerung des psychischen An- 
teiles an der Traumerregung versucht dann Wundt, indem er aus- 
führt, daß man die „Phantasmen des Traumes wohl mit Unrecht als 
reine Halluzinationen ansehe. Wahrscheinlich sind die meisten Traum- 
vorstellungen in Wirklichkeit Illusionen, indem sie von den leisen 
SinneseindrUcken ausgehen, die niemals im Schlafe erlöschen" (p. 359 
u. f.). Weygandt^^) hat sich diese Ansicht angeeignet und sie verall- 
gemeinert. Er behauptet für alle Traumvorstellungen, daß ihre nächste 
Ursache Sinnesreize sind, daran erst schließen sich reproduktive Asso- 
ziationen" (p. 17). Noch weiter in der Verdrängung der psychischen 
Reizquellen geht Tissi6^*^) (p. 183): Les reves d'origine absolumeut 
psychique n' existent pas, und anderswo (p. 6): les pens6es de nos 
reves nous viennent du dehors .... 

Diejenigen Autoren, welche wie der einflußreiche Philosoph 
Wundt eine Mittelstellung einnehmen, versäumen nicht anzumerken, 
daß in den meisten Träumen somatische Reize und die unbekannten 
oder als Tagesinteresse erkannten psychischen Anreger des Traumes 
zusanmienwirken. 



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30 I- Literatur der Tranmprobleme. 

^ Wir werden später erfahren, daß das Rätsel der Traumbildong 
durch die Aufdeckung einer unvermuteten psychischen Reizquelle 
gelöst werden kann. Vorläufig wollen wir uns tlbier die Überschätzung 
der nicht aus dem Seelenleben stammenden Reize zur Traumbildung 
nicht verwundem. Nicht nur daß diese allein leicht aufzufinden und 
selbst durchs Experiment zu bestätigen sind; es entspricht auch die 
somatische Auffassung der Traumentstehung durchweg der heute in 
der Psychiatrie herrschenden Denkrichtung. Die Herrschaft des Gehirns 
über den Organismus wird zwar nachdrücklichst betont, aber alles, 
/ was eine Unabhängigkeit des Seelenlebens von nachweisbaren orga- 
nischen Veränderungen oder eine Spontaneität in dessen Äußerungen 
erweisen könnte, schreckt den Psychiater heute so, als ob dessen An- 
erkennung die Zeiten der Naturphilosophie und des metaphysischen 
Seelenwesens wiederbringen müßte. Das Mißtrauen des Psychiaters 
hat die Psyche gleichsam unter Kuratel gesetzt und fordert nun, daß 
keine ihrer Regungen ein ihr eigenes Vermögen verrate. Doch zeigt 
dies Benehmen von nichts anderem als von einem geringen Zutrauen 
in die Haltbarkeit der Kausalverkettung, die sich zwischen Leiblichem 
und Seelischem erstreckt. Selbst wo das Psychische sich bei der Er- 
forschung als der primäre Anlaß eines Phänomens erkennen läßt, wird 
ein tieferes Eindringen die Fortsetzung des Weges bis zur organischen 
Begründung des Seelischen einmal zu finden wissen. Wo aber das 
Psychische für unsere derzeitige Erkenntnis die Endstation bedeuten 
müßte, da braucht es darum nicht geleugnet zu werden. 

6^ d) Warum man den Traum nach dem Erwachen 
vergißt? 

Daß der Traum am Morgen „zerrinnt", ist sprichwörtlich. 
Freilich ist er der Erinnerung fiihig. Denn wir kennen den Traum 
ja nur aus der Erinnerung an ihn nach dem Erwachen; aber wir 
glauben sehr oft, daß wir ihn nur unvollständig erinnern, während in 
der Nacht mehr von ihm da war; wir können beobachten, wie eine 
des Morgens noch lebhafte Traumerinnerung im Laufe des Tages bis 
auf kleine Brocken dahinschwindet; wir wissen oft, daß wir geträumt 
haben, aber nicht, was wir geträumt haben, und wir sind an die 
Erfahrung, daß der Traum dem Vergessen unterworfen ist, so gewöhnt, 
daß wir die Möglichkeit nicht als absurd verwerfen, daß auch der bei 
Nacht geträumt haben könnte, der am Morgen weder vom Inhalt 
noch von der Tatsache des Träumens etwas weiß. Anderseits kommt 
es vor, daß Träume eine außerordentliche Haltbarkeit im Gedächt- 
nisse zeigen. Ich habe bei meinen Patienten Träume analysiert, die 
sich ihnen vor 25 und mehr Jahren ereignet hatten, und Kann mich 
an einen eigenen Traum erinnern, der durch mindestens 37 Jahre 
vom heutigen Tage getrennt ist und doch an seiner Gedächtnisfrische 
nichts eingebüßt hat. Dies alles ist sehr merkwürdig und zunächst 
nicht verständlich. 



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Das Vergessen der Träume. 31 

i> Über das Vergessen der Träume handelt am ausführlichsten 
Strümpell.^*^) Dies Vergessen ist offenbar ein komplexes Phänomen, 
denn Strümpell führt es nicht auf einen einzigen, sondern auf eine 
ganze Reihe von Gründen zurück. 

i^ Zunächst sind für das Vergessen der Träume alle jene Gründe 
wirksam, die im Wachleben das Vergessen herbeiführen. Wir pflegen 
als Wachende eine Unzahl von Empfindungen und Wahrnehungen 
alsbald zu vergessen, weil sie zu schwach waren, weil die an sie 
geknüpfte Seelenregung einen zu geringen Grad hatte. Dasselbe 
ist rücksichtlich vieler Traumbilder der Fall; sie werden vergessen, 
weil sie zu schwach waren, während stärkere Bilder aus ihrer Nähe 
erinnert werden. Übrigens ist das Moment der Intensität fttr sich 
allein sicher nicht entscheidend fttr die Erhaltung der Traumbilder; 
Strümpell gesteht wie auch andere Autoren (Calkins^^) zu, daß 
man häufig Traumbilder rasch vergißt, von denen man weiß, daß sie 
sehr lebhaft waren, während unter den im Gedächtnis erhaltenen sich 
sehr viele schattenhafte, sinnesschwache Bilder befinden. Ferner pflegt 
man im Wachen leicht zu vergessen, was sich nur einmal ereignet 
hat, und besser zu merken, was man wiederholt wahrnehmen konnte- 
Die meisten Traumbilder sind aber einmalige Erlebnisse;*) diese 
Eigentümlichkeit wird gleichmäßig zum Vergessen aller Träume bei- 
tragen. Weit bedeutsamer ist dann ein dritter Grund des Vergessens. 
Damit Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken u s. w. eine gewisse 
Erinnerungsgrüße erlangen, ist es notwendig, daß sie nicht vereinzelt 
bleiben, sondern Verbindungen und Vergesellschaftungen passender 
Art eingehen. Löst man einen kleinen Vers in seine Worte auf und 
schüttelt diese durcheinander, so wird es sehr schwer, ihn zu merken. 
^Wohlgeordnet und in sachgemäßer Folge hilft ein Wort dem anderen 
und das Ganze steht sinnvoll in der Erinnerung leicht und lange fest. 
Widersinniges behalten wir im allgemeinen ebenso schwer und ebenso 
selten wie das Verworrene und Ordnungslose." Nun fehlt den Träumen 
in den meisten Fällen Versütndigkeit und Ordnung. Die Traum- 
kompositionen entbehren an sich der Möglichkeit ihres eigenen Ge- 
dächtnisses und werden vergessen, weil sie meistens schon in den 
nächsten Zeitmomenten auseinanderfallen. — Zu diesen Ausführungen 
stimmt allerdings nicht ganz, was Radestock ^^) (p. 168) bemerkt 
haben wdll, daß wir gerade die sonderbarsten Träume am besten 
behalten. 

fff Noch wirkungsvoller für das Vergessen des Traumes erscheinen 
Strümpell andere Momente, die sich aus dem Verhältnis von Traum 
und Wachleben ableiten. Die Vergeßlichkeit der Träume für das 
wache Bewußtsein ist augenscheinlich nur das Gegenstück zu der 
früher erwähnten Tatsache, daß der Traum (fast) nie geordnete 



♦) Periodisch Tv^iederkehrende Träame sind wiederholt bemerkt worden, vgl. 
die Sammlang von Chabaneix. ^^) 



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32 I. Literatur der Tranmprobleme. 

Erinneningen aus dem Wachleben, sondern nur Einzelheiten aus dem- 
selben übernimmt, die er aus ihren gewohnten psychischen Verbin- 
dungen reißt, in denen sie im Wachen erinnert werden. Die Traum- 
komposition hat somit keinen Platz in der Gesellschaft der psychischen 
Reihen, mit denen die Seele erfüllt ist. Es fehlen ihr alle Erinnerungs- 
hilfen. ^Auf diese Weise hebt sich das Traumgebilde gleichsam von 
dem Boden unseres Seelenlebens ab und schwebt im psychischen 
Räume wie eine Wolke am Himmel, die der neu belebte Atem rasch 
verweht*^ (p. 87). Nach derselben Richtung wirkt der Umstand, daß 
mit dem Erwachen sofort die herandrängende Sinneswelt die Auf- 
merksamkeit mit Beschlag belegt, so daß vor dieser Macht die 
wenigsten Traumbilder stand halten können. Diese weichen vor den 
Eindrücken des jungen Tages wie der Glanz der Gestirne vor dem 
Lichte der Sonne. 

/f An letzter Stelle ist als fbrderlich für das Vergessen der Träume 
der Tatsache zu gedenken, daß die meisten Menschen ihren Träumen 
(überhaupt wenig Interesse entgegenbringen. Wer sich z. B. als 
Forscher eine Zeitlang für den Traum interessiert, träumt während- 
des auch mehr als sonst, das heißt wohl: er erinnert seine Träume 
leichter und häufiger. 

Zwei andere Gründe des Vergessens der Träume, die Bonatelli 
rbei Benini ^)) zu dem Str um pel Ischen hinzugeftlgt, sind wohl be- 
geits in diesen enthalten, nümlich 1. daß die Veränderung des Gemein- 
defllhles zwischen Schlafen und Wachen der wechselseitigen Repro- 
suktion ungünstig ist, und 2. daß die andere Anordnung des Vor- 
tellungsmaterials im Traume diesen sozusagen unübersetzbar fürs 
Wachoewußtsein macht. 

Nach all diesen Gründen fürs Vergessen wird es, wie Strüm- 
pell selbst hervorhebt, erst recht merkwürdig, daß soviel von den 
Träumen doch in der Erinnerung behalten wird. Die fortgesetzten 
Bemühungen der Autoren, das Erinnern der Träume in Regeln zu 
fassen, konamen einem Eingeständnis gleich, daß auch hier etwas 
rätselhaft und ungelöst geblieben ist. Mit Recht sind einzelne Eigen- 
tümlichkeiten der Erinnerung an den Traum neuerdings besonders 
bemerkt worden, z. B. daß man einen Traum, den man am Morgen 
flir vergessen hält, im Laufe des Tages aus Anlaß einer Wahrnehmung 
erinnern kann, die zufkllig an den — doch vergessenen — Inhalt 
des Traumes anrührt. (Radestock, **) Tissi6^®).) Die gesamte 
Erinnerung an den Traum unterliegt aber einer Einwendung, die ge- 
eignet ist, ihren Wert in kritischen Augen recht ausgiebig herabzu- 
setzen. Man kann zweifeln, ob unsere Erinnerung, die soviel vom 
Traume wegläßt, das, was sie erhalten hat, nicht verfälscht. 

Solche Zweifel an der Exaktheit der Reproduktion des Traumes 
spricht auch Strünapell aus: „Dann geschieht es eben leicht, daß das 
wache Bewußtsein unwillkürlich manches in die Erinnerung des 



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Psychologische Charaktere des Traumes. 33 

Traumes einfügt: man bildet sich ein, Allerlei geträumt zu haben, 
was der gewesene Traum nicht enthielt.'^ 
6 ^Besonders entschieden äußert sich Jessen^^) (p. 547): 

„Außerdem ist aber bei der Untersuchung und Deutung zu- 
sammenhängender und folgerichtiger Träume der, wie es scheint, bis- 
her wenig beachtete Umstand sehr in Betracht zu ziehen, daß es 
dabei fast immer mit der Wahrheit hapert, weil wir, wenn wir einen 
gehabten Traum in unser Gedächtnis zurückrufen, ohne es zu bemerken 
oder zu wollen, die Lücken der Traumbilder ausfüllen und ergänzen. 
Selten und vielleicht niemals ist ein zusammenhängender Traum so 
zusammenhängend gewesen, wie er uns in der Erinnerung erscheint. 
Auch dem wahrheitsliebendsten Menschen ist es kaum möglich, einen 
gehabten merkwürdigen Traum ohne allen Zusatz und ohne alle Aus- 
schmückung zu erzählen : das Bestreben des menschlichen Geistes, 
alles im Zusammenhange zu erblicken, ist so groß, daß er bei der 
Erinnerung eines einigermaßen unzusammenhängenden Traumes die 
Mängel des Zusammenhanges unwillkürlich ergänzt." 

Fast wie eine Übersetzung dieser Worte Jessens klingen die 
doch gewiß selbständig konzipierten Bemerkungen von V. Egger:^^) 

„ Tobservation des reves a ses difticult6s sp6ciales et le seul 

moyen d'6viter toute erreur en pareille matiere est de confier au 
papier sans le moindre retard ce que Ton vieut d'6prouver et de 
remarquer; sinon, loubli vieut vite ou total ou partiel ; Toubli total est 
sans gravit6 ; mais Toubli partiel est perfide; car si Ton se met ensuite 
k raconter ce que Ton n'a pas oubli6, on est expose h compl6ter par 
imagination les fragmenta incoh6rents et disjoints fourni par la 
memoire . . . . ; on devient artiste k son insu, et le r6cit periodi- 
quement r6p6t6 s'impose k la creance de son auteur, qui, de bonne 
foi, le präsente comme im fait authentique, düment 6tabli selon les 
bonnes m6thodes ..." 

Ganz ähnlich Spitta ^^) (p. 338), der anzunehmen scheint, daß 
wir überhaupt erst bei dem Versuche, den Traum zu reproduzieren, 
die Ordnung in die lose miteinander assoziierten Traumelemente ein- 
führen — „aus dem Nebeneinander ein Hintereinander, Aus- 
einander machen, also den Prozeß der logischen Verbindung, der 
im Traume fehlt, hinzufügen." 

Da wir nun eine andere als eine objektive Kontrolle für die 
Treue unserer Erinnerung nicht besitzen, diese aber beim Traume, 
der unser eigenes Erlebnis ist und für den wir nur die Erinnerung 
als Quelle kennen, nicht möglich ist, welcher Wert bleibt da unserer 
Erinnerung an den Traum noch übrig? 

il e) Die psychologischen Besonderheiten des 
Traumes. 

Wir gehen in der wissenschaftlichen Betrachtung des Traumes 
von der Annahme aus, daß der Traum ein Ergebnis unserer eigenen 
Seelentätigkeit ist; doch erscheint uns der fertige Traum als etwas 



Freudy Trmumdeutaoff. 3. Aufl. 



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34 L Literatur der Traumprobleme. 

Fremdegj zu dessen Urheberschaft zu bekennen es uns so wenig drängt, 
daü wir ebenso gern sagen: „Mir hat geträumt" wie: „Ich habe ge- 
«/ träumt." Woher rührt diese ^^Seelenfremdheit" des Traumes? Nach 
unseren Erörterungen über die Traumquellen sollten wir meinen, sie 
sei nicht durch das Material bedingt, das in den Trauminhalt gelangt ; 
dies ist ja zum größten Teil dem Traumleben wie dem Wachleben 
gemeinsam. Man kann sich fragen, ob es nicht Abänderungen der 
psychischen Vorgänge im Traume sind, welche diesen Eindruck her^ 
vorrufen, und kann so eine psychologische Charakteristik des Traumes 
versuchen. 

Niemand hat die Wesensverschiedenheit von Traum- und Wach- 
leben stärker betont und zu weitgehenderen Schlüssen verwendet als 
G. Th. Fechner^^) in einigen Bemerkungen seiner Elemente der 
Psychophysik (p. 520, II. T.). Er meint, „weder die einfache Herab- 
drückung des bewußten Seelenlebens unter die Hauptschwelle **, noch 
die Abziehung der Aufmerksamkeit von den Einflüssen der Außen- 
welt genüge, um die Eigentümlichkeiten des Traumlebens dem wachen 
Leben gegenüber aufzuklären. Er vermutet vielmehr, daß auch 
der Schauplatz der Träume ein anderer ist als der des 
wachen Vorstellungslebens. „Sollte der Schauplatz der psycho- 
physischen Tätigkeit während des Schlafens und des Wachens der- 
selbe sein, so könnte der Traum meines Erachtens bloß eine, auf 
einem niederen Grade der Intensität sich haltende Fortsetzung des 
wachen Vorstellungslebens sein, und müßte übrigens dessen Stoff und 
dessen Form teilen. Aber es verhält sich ganz anders." 

'^Was Fechner mit einer solchen Umsiedelung der Seelentätig- 
keit meint, ist wohl nicht klar geworden; auch hat kein anderer, so- 
viel ich weiß, den Weg weiter verfolgt, dessen Spur er in jener 
Bemerkung aufgezeigt. Eine anatomische Deutung im Sinne der phy- 
siologischen Gehimlokalisation oder selbst mit Bezug auf die histo 
logische Schichtung der Hirnrinde wird man wohl auszuschließen 
haben. Vielleicht aber erweist sich der Gedanke einmal als sinnreich 
und fruchtbar, wenn man ihn auf einen seelischen Apparat bezieht^ 
der aus mehreren hintereinander eingeschalteten Instanzen aufge- 
baut ist. 

Andere Autoren haben sich damit begnügt, die eine oder die 
anderen der greifbareren psychologischen Besonderheiten des Traum- 
lebens hervorzuheben und etwa zum Ausgangspunkte weiter reichen- 
der Erklärungsversuche zu machen. 

Es ist mit Recht bemerkt worden, daß eine der Haupteigentttm- 
lichkeiten des Traumlebens schon im Zustand des Einschlafens auftritt 
und als den Schlaf einleitendes Phänomen zu bezeichnen ist. Das 
Charakteristische des wachen Zustandes ist nach Schleiermacher^^) 
(p. 351), daß die Denktätigkeit in Begriffen und nicht in Bildern 
vor sich geht. Nun denkt der Traum hauptsächlich in Bildern, und 
man kann beobachten, daß mit der Annäherung an den Schlaf in 



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Warum wir an die Realität der Traumbilder glauben. 35 

demselben Maße, in dem die gewollten Tätigkeiten sieh erschwert 
zeigen, ungewollte Vorstellungen hervortreten, die alle in die 
Klasse der Bilder gehören. Die Unfkhigkeit zu solcher Vorstellungs- 
arbeit, die wir als absichtlich gewollte empfinden, und das mit dieser 
Zerstreuung regelmäßig verknüpfte Hervortreten von Bildern, 
dies sind zwei Charaktere, die dem Traume verbleiben, und die mr 
bei der psychologischen Analyse desselben als wesentliche Charaktere 
des Traumlebens anerkennen müssen. Von den Bildern — den 
hypnagogischen Halluzinationen — haben wir erfahren, daß sie selbst 
dem Inhalt nach mit den Traumbildern identisch sind. *) 

^ '^ Der Traum denkt also vorwiegend in visuellen Bildern, aber 
doch nicht ausschließlich. Er arbeitet auch mit (iehörsbildem und in 
geringerem Ausmaße mit den Eindrücken der anderen Sinne, Vieles 
wird auch im Traume einfach gedacht oder vorgestellt (wahrscheinlich 
also durch Wortvorstellungsreste vertreten), ganz wie sonst im 
Wachen, Charakteristisch für den Traum sind aber doch nur jene 
Inhaltselemente, welche sich wie Bilder verhalten, d. h. den Wahr- 
nehmungen ähnlicher sind als den Erinnerungsvorstellungen. Mit 
Hinwegsetzung über alle die dem Psychiater wohlbekannten Diskussionen 
über das Wesen der Halluzination können wir mit allen sachkundigen 
Autoren aussagen, daß der Traum halluziniert, daß er Gedanken 
durch Halluzinationen ersetzt. In dieser Hinsicht besteht kein Unter- 
schied zwischen visuellen und akustischen Vorstellungen; es ist be- 
merkt worden, daß die Erinnerung an eine Tonfolge, mit der man 
einschläft, sich beim Versinken in den Schlaf in die Halluzination 
derselben Melodie verwandelt, um beim Zusichkommen, das mit dem 
Einnicken mehrmals abwechseln kann, wieder der leiseren und qua- 
litativ anders gearteten Erinnerungsvorstellung Platz zu machen. 

Die Verwandlung der Vorstellung in Halluzination ist nicht die 
emzxQQ Abweichung des Traumes von einem etwa ihm entsprechenden 
Wachgedanken. Aus diesen Bildern gestaltet der Traum eine Situation, 
er stellt etwas als gegenwärtig dar, er dramatisiert eine Idee, 
wie Spitta^*)(p. 145) es ausdrückt Die Charakteristik dieser Seite 
des Traumlebens wird aber erst vollständig, wenn man hinzunimmt, 
daß man beim Träumen — in der Regel; die Ausnahmen fordern 
eine besondere Aufklärung — nicht zu denken, sondern zu erleben ver- 
meint, die Halluzination also mit vollem Glauben aufnimmt. Die 
Kritik, man habe nichts erlebt, sondern nur in eigentümlicher Form 
gedacht — geträumt, regt sich erst beim Erwachen. Dieser Charakter 
scheidet den echten Schlaftraum von der Tagträumerei, die niemals 
mit der Realität verwechselt wird. 

Burdach^) hat die bisher betrachteten Charaktere des Traum- 
lebens in folgenden Sätzen zusammengefaßt (p. 476): „Zu den wesent- 

*) [H. Silberer hat an schönen Beispielen gezeigt, wie sich selbst abstrakte 
Gedanken im Zustande der Schläfrigkeit in anschaalich-plastische Bilder umsetzen, 
die das Nämliche ausdrücken wollen. (Jahrbuch von Bleuler- Freud, Band 1, 1909.)] 

3* 



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36 I. Literatur der Traomprobleme. 

liehen Merkmalen des Traumes gehört: a) daß die subjektive Tätig- 
keit unserer Seele als objektiv erscheint, indem das Wahrnehmungs- 
vermögen die Produkte der Phantasie so auffaßt, als ob es sinnliche 
Rührungen wären ; . . . b) der Schlaf ist eine Aufhebung der Eigen- 
mächtigkeit Daher gehört eine gewisse Passivität zum Einschlafen . . . 
Die Schlummerbilder werden durch den Nachlaß der Eigenmächtig- 
keit bedingt." 

^Es handelt sich nun um den Versuch, die Gläubigkeit der Seele 
v^ gegen die Traumhalluzinationen, die erst nach Einstellung einer ge- 
wissen eigenmächtigen Tätigkeit auftreten können, zu erklären. 
Strümpell ^^) fllhrt aus, daiß die Seele sich dabei korrekt und ihrem 
Mechanismus gemäß benimmt. Die Traumelemente sind keineswegs 
bloße Vorstellungen, sondern wahrhafte und wirkliche Erleb - 
nisse. der Seele, wie sie im Wachen durch Vermittlung der Sinne 
aultreten (p. 34). Während die Seele wachend in Wortbildem und 
in der Sprache vorstellt und denkt, stellt sie vor und denkt im 
Traume in wirklichen Empfindungsbildern (p. 35). Überdies kommt 
im Traume ein Raum be wußtsein hinzu, indem, wie im Wachen, 
Empfindungen und Bilder in einen äußeren Raum versetzt werden 
(p. 36). Man muß also zugestehen, daß sich die Seele im Traume 
ihren Bildern und Wahrnehmungen gegenüber in derselben Lage 
befindet wie im Wachen (p. 43). Wenn sie dabei dennoch irre geht, 
so rllhrt dies daher, daß ihr im Schlafzustand das Kriterium fehlt, 
welches allein zwischen von außen und von innen gegebenen Sinnes- 
wahrnehmungen unterscheiden kann. Sie kann ihre Bilder nicht den 
Proben imterziehen, welche allein deren objektive Realität erweisen. 
Sie vernachlässigt außerdem den Unterschied zwischen willkür- 
lich vertauschbaren Bildern und anderen, wo diese Willkür wegfUllt 
Sie irrt, weil sie das Gesetz der Elausalität nicht auf den Inhalt ihres 
Traumes anwenden kann (p. 58). Kurz, ihre Abkehrung von der 
Außenwelt enthält auch den Grund für inren Glauben an die subjektive 
Traumwelt. 

Zum selben Schlüsse gelangt nachteilweise abweichenden psycho- 
logischen Entwicklungen Delboeuf^^). Wir schenken den Traum- 
bildern den Realitätsglauben, weil wir im Schlafe keine anderen Ein- 
drücke zum Vergleiche haben, weil wir von der Außenwelt abgelöst 
sind. Aber nicht etwa darum glauben wir an die Wahrheit unserer 
Halluzinationen, weU uns im Schlafe die Möglichkeit entzogen ist, 
Proben anzustellen. Der Traum kann uns alle diese Prüfungen vor- 
spiegeln, ims etwa zeigen, daß wir die gesehene Rose berühren und 
wir träumen dabei doch. Es gibt nach D e 1 b o e u f kein stichhaltige 
Bjriterium dafllr, ob etwas ein Traum ist oder wache Wirklichkeit, 
außer — und dies nur in praktischer Allgemeinheit — der Tatsache 
des Erwachens. Ich erkläre alles ftlr Täuschung, was zwischen 
Einschlafen und Erwachen erlebt worden ist, wenn ich durch das 
Erwachen merke, daß ich ausgekleidet in meinem Bette liege (p. 84). 



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Ablösung der Vorstellungen von ihren psychischen Werten. 37 

Während des Schlafes habe ich die Traumbilder für wahr gehalten 
infolge der nicht einzuschläfernden Denkgewohnheit, eine Außen- 
welt anzunehmen, zu der ich mein Ich in Gegensatz bringe.*) 

i> Wird so die Abwendung von der Außenwelt zu dem bestimmen- 
den Moment für die Ausprägung der aufikUigsten Charaktere des 
Traumlebens erhoben, so verlohnt es sich, einige feinsinnige Be- 
merkungen des alten Burdach ^) anzuführen, welche auf die Be- 
ziehung der schlafenden Seele zur Außenwelt Licht werfen und dazu 
angetan sind, vor einer Überschätzung der vorstehenden Ableitungen 
zurückzuhalten. „Der Schlaf erfolgt nur unter der Bedingung,'^ 
sagt Burdach, „daß die Seele nicht von Sinnesreizen angeregt 
wird, . . . aber es ist nicht sowohl der Mangel an Sinnesreizen die Be- 
dingung des Schlafes, als vielmehr der Mangel an Interesse dafür; 
mancher sinnliche Eindruck ist selbst notwendig, insofern er zur 
Beruhigung der Seele dient, wie denn der Müller nur dann schläft, 
wenn er das Klappern seiner Mühle hört, und der, welcher aus 
Vorsicht ein Nachtlicht zu brennen für nötig hält, im Dunkeln 
nicht einschlafen kann (p. 457). 

„Die Seele isoliert sich im Schlafe gegen die Außenwelt und 
zieht sich von der Peripherie , . . zurück .... Indes ist der Zusammen- 
hang nicht ganz unterbrochen: wenn man nicht im Schlafe selbst, 
sondern erst nach dem Erwachen hörte und fühlte, so könnte man 



♦) Einen ähnlichen Versuch wie Delboeuf, die TraumtÄtigkeit zu erklären 
durch die Abfindernngf, welche eine abnorm eingeführte Bedingung an der sonst 
korrekten Funktion des intakten seelischen Apparats zur Folge haben mnß, hat 
Haffner^^)untemommen,dieseBedingung aber in etwas anderen Worten beschrieben. 
Das erste Kennzeichen des Traumes ist nach ihm die Ort- und Zeitlosigkeit. d. i, 
die Emanzipation der Vorstellung von der dem Individuum zukommenden Stelle in 
der örtlichen und zeitlichen Ordnung. Mit diesem verbindet sich der zweite Orund- 
charakter des Traumes, die Verwechslung der Halluzinationen, Imaginationen und 
Phantasiekombinationen mit äußeren Wahrnehmungen. ^Da die Gesamtheit der 
höheren Seelenkräfte, insbesondere Begriffsbildung, Urteil und Schlußfolgerung 
einerseits und die freie Selbstbestimmung anderseits an die sinnlichen Phantasie- 
bilder sich anschließen und diese jederzeit zur Unterlage haben, so nehmen auch 
diese Tätigkeiten an der Begellosigkeit der Traumvorstellungen teil. Sie nehmen 
teil, sagen wir, denn an und fdr sich ist unsere Urteilskraft, wie unsere Willens- 
kraft, im Schlafe in keiner Weise alteriert. Wir sind der Tätigkeit nach ebenso 
scharfsinnig und ebenso frei wie im wachen Zustande. Der Mensch kann auch im 
Traume nicht gegen die Denkgesetze an sich verstoßen, d. h. nicht das ihm als 
entgegengesetzt sich Darstellende identisch setzen u. s. w. Er kann auch im Traume 
nur das begehren, was er als ein Gutes sich vorstellt (sub ratione boni). Aber in 
dieser Anwendung der Gesetze des Denkens und Wollens wird der menschliche Geist 
im Traume irregeführt durch die Verwechslung einer Vorstellung mit einer anderen. 
So kommt es, daß wir im Traume die größten Widersprüche setzen und begeben, 
während wir anderseits die scharfsinnigsten Urteilsbildungen und die konsequen- 
testen Schlußfolgerungen vollziehen, die tugendhaftesten und heiligsten Entschließungen 
fassen können. Mangel an Orientierung ist das ganze Geheimnis des Fluges, 
mit welchem unsere Phantasie im Traume sich bewegt, und Mangel an kri- 
tischer Beflexion sowie an Verständigung mit anderen, ist die Hauptquelle der 
maßlosen Extravaganzen unserer Urteile wie unserer HofTnnngen und Wünsche im 
Traume" (p. 18). 



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38 !• Literatur der Tranmprobleme. 

überhaupt nicht geweckt werden. Noch mehr wird die Fortdauer 
der Sensation dadurch bewiesen, daß man nicht immer durch die 
bloß sinnliche Stärke eines Eindruckes, sondern durch die psychische 
Beziehung desselben geweckt wird; ein gleichgültiges Wort weckt 
den Schlafenden nicht, ruft man ihn aber beim Namen, so erwacht er, . . . 
die Seele unterscheidet also im Schlafe zwischen den Sensationen . . . 
Daher kann man denn auch durch den Mangel eines Siimesreizes, 
wenn dieser sich auf eine für die Vorstellung wichtige Sache bezieht, 
geweckt werden; so erwacht man vom Auslöschen eines Nachtlichtes 
und der Müller vom Stillstand seiner Mühle, also vom Aufhören 
der Sinnestätigkeit, und dies setzt voraus, daß diese perzipiert worden 
ist, aber als gleichgültig oder vielmehr oefriedigend, die Seele nicht 
aufgestört hat^ (p. 460 n. ff.). 

i ^ Wenn wir selbst von diesen nicht gering zu schätzenden Ein- 
wendungen absehen wollen, so müssen wir doch zugestehen, daß 
die bisher gewürdigten und aus der Abkehrung von der Außenwelt 
abgeleiteten Eigenschaften des Traumlebens die Fremdartigkeit des- 
selben nicht voll zu decken vermögen. Denn im anderen Falle müßte 
«s möglich sein, die Halluzinationen des Traumes in Vorstellungen, die 
Situationen des Traumes in Gedanken zurückzuverwandeln, una da- 
mit die Aufgabe der Traumdeutung zu lösen. Nun verfahren wir 
nicht anders, wenn wir nach dem Erwachen den Traum aus der 
Erinnerung reproduzieren, und ob uns diese Rückübersetzung ganz 
oder nur teilweise gelingt, der Traum behält seine Rätselhaftigkeit 
unverringert bei. 

Die Autoren nehmen auch alle unbedenklich an, daß im Traume 
noch andere und tiefer greifende Veränderungen mit dem Vorstellungs- 
material des Wachens vorgefallen sind. Eine derselben sucht 
Strümpell ^^) in folgender Erörterung herauszugreifen (p. 17): „Die 
Seele verliert mit dem Aufhören der sinnlich tätigen Anschauung 
und des normalen Lebensbewußtseins auch den Grund, in welchem 
ihre Geftihle, Begehrungen, Interessen und Handlungen wurzeln. 
Auch diejenigen geistigen Zustände, Geftihle, Interessen, Wert- 
schätzungen, welche im Wachen den Erinnerungsbildern anhaften, 
unterliegen . . . einem verdunkelnden Drucke, infolgedessen sich ihre 
Verbindung mit den Bildern auflöst, die Wahmehmungsbilder von 
Dingen, Personen, Lokalitäten, Begebenheiten und Handlungen des 
wachen Lebens werden einzeln sehr zahleich reproduziert, aber 
keines derselben bringt seinen psychischen Wert mit. Dieser 
ist von ihnen abgelöst und sie schwanken deshalb in der Seele nach 
eigenen Mitteln umher . . . ." 

Ul Diese Entblößung der Bilder von ihrem psychischen Werte, die 
selbst wiederum auf die Abwendung von der Außenwelt zurttek- 
geführt wird, soll nach Strümpell einen Hauptanteil an dem Ein- 
druck der Fremdartigkeit haben, mit dem sich der Traum in unserer 
Erinnerung dem Leben gegenüberstellt. 



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Die Absorditat des Traumes. 39 

^7 Wir haben gehört, daß schon das Einschlafen den Verzicht auf 
eine der seelischen Tätigkeiten, nämlich a uf die willkttrliche Leitung 
des VorstellungsablaufeS) mit sich bringt. Es wird uns so die ohnedies 
naheliegende Vermutung aufgedrängt, daß der Schlafzustand sich 
auch über die seelischen Verrichtungen erstrecken möge. Die eine oder 
andere dieser Verrichtungen wird etwa ganz aufgehoben; ob die 
übrigbleibenden ungestört weiter arbeiten, ob sie unter solchen Um- 
ständen normale Arbeit leisten können, kommt jetzt in Frage. Der 
Gesichtspunkt taucht auf, daß man die Eigentümlichkeiten des 
Traumes erklären könne durch die psychische Minderleistung im 
Schlafzustand, und nun kommt der Eindruck, den der Traum unserem 
wachen Urteil macht, einer solchen Auffassung entgegen. Der Traum 
ist unzusammenhängend, vereinigt ohne Anstoß die ärgsten Wider- 
sprüche, läßt Unmöglichkeiten zu, läßt unser bei Tag einflußreiches 
Wissen bei Seite, zeigt uns ethisch und moralisch stumpfsinnig. 
Wer sich im Wachen so benehmen würde, wie es der Traum in 
seinen Situationen vorführt, den würden wir für w ahnsinnig halten ; 
wer im Wachen so spräche oder solche Dinge mitteilen wollte, wie 
sie im Trauminhalt vorkommen, der würde uns den Eindruck eines 
Verworrenen und eines Schwachsinnigen machen. Somit glauben wir 
nur dem Tatbestand Worte zu leihen, wenn wir die psychische Tätig- 
keit im Traum nur sehr gering anschlagen und insbesondere die 
höheren intellektuellen Leistungen als im Traume aufgehoben oder 
wenigstens schwer geschädigt erklären. 

Mit ungewöhnlicher Einmütigkeit — von den Ausnahmen 
wird an anderer Stelle die Rede sein — haben die Autoren solche 
Urteile über den Traum gefkllt, die auch unmittelbar zu einer be- 
stimmten Theorie oder Erklärung des Traumlebens hinleiten. Es ist 
an der Zeit, daß ich mein eben ausgesprochenes Resum6 durch eine 
Sammlung von Aussprüchen verschiedener Autoren — Philosophen 
und Arzte — über die psychologischen Charaktere des Traumes 
ersetze : 

6f Nach Lemoine*^) ist die Inkohärenz der Traumbilder der 
einzig wesenthche Charakter des Traumes. 

M a u r y ***) pflichtet dem bei ; er sagt (p. 163) : il n'y a pas des reves 
absolument raisonnables et qui ne contiennent quelque incohörence, 
qnelque anachroiHsme, quelque absurdite. 

Nach H^gel bei Spitta^^) fehlt dem Traume aller objektive 
verständige Zusammenhang. 

Dugas^^) sagt: Le reve, c'est ranarchie psychique, affective et 
mentale, c'est le jeu des fonctions livr^es ä elles-memes et s exergant 
Sans controle et sans but; dans le reve Tesprit est un automate 
spirituel. 

„Die Auflockerung, Lösung und Durcheinandermischung des im 
Wachen durch die logische Gewalt des zentralen Ich zusammen- 
gehaltenen Vorstellungslebens" räumt selbst V o 1 k e 1 1 ^-) ein (p. 14), nach 



v/ 



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40 I. Literatur der Traamprobleme. 

dessen Lehre die psychische Tätigkeit während des Schlafes keines- 
wegs zwecklos erscheint. 

Die Absurditä t der im Traume vorkommenden Vorstellungs- 
verbindungen kann man kaum schärfer verurteilen, als es schon 
Cicero (De divin. II) tat: Nihil tam praepostere, tam incondite, 
tarn monstruose cogitari potest, quod non possimus somniare. 

Fechner^*) sagt (p. 522): Es ist als ob die psychologische 
Tätigkeit aus dem Gehirn eines Vernünftigen in das eines Narren 
übersiedelte. 

Radestock^*) (p, 145): „In der Tat scheint es unmöglich, in 
diesem tollen Treiben feste Gesetze zu erkennen. Der strengen 
Polizei des vernünftigen, den wachen Vorstellungslauf leitenden Willens 
und der Aufmerksamkeit sich entziehend, wirbelt der Traum in tollem 
Spiele alles kaleidoskopartig durcheinander." 

tfi H i 1 d e b r a n d t ^*) (p. 45) : „Welche wunderlichen Sprünge erlaubt 
sich der Träumende z. B. bei seinen Verstandesschlüssen ! Mit welcher 
Unbefangenheit sieht er die bekanntesten Erfahrungssätze geradezu 
auf den Kopf gestellt ! Welche lächerlichen Widersprüche kann er in 
den Ordnungen der Natur und der Gesellschaft vertragen, bevor ihm^ 
wie man sagt, die Sache zu bunt wird, und die Überspannung des 
Unsinnes das Erwachen herbeiftihrt! Wir multiplizieren gelegentlich 
ganz harmlos: Drei mal drei macht zwanzig; es wundert uns gar 
nicht, daß ein Hund uns einen Vers hersagt, daß ein Toter auf 
eigenen Füßen nach seinem Grabe geht, daß ein Felsstück auf dem 
Wasser schwimmt; wir gehen alles Ernstes in höherem Auftrage nach 
dem Herzogtum Bernburg oder dem Fürstentum Liechtenstein, um 
die ELriegsmarine des Landes zu beobachten oder lassen uns von 
Karl dem Zwölften kurz vor der Schlacht bei Pultawa als Freiwillige 
anwerben.'^ 

B i n z ^) (p. 33) mit dem Hinweise auf die aus diesen Eindrücken 
sich ergebende Traumtheorie: „Unter zehn Träumen sind mindestens 
neun absurden Inhalts. Wir koppeln in ihnen Personen und Dinge 
zusammen, welche nicht die geringsten Beziehungen zueinander 
haben. Schon im nächsten Augenblick, wie in einem Kaleidoskop, 
ist die Gruppierung eine andere geworden, womöglich noch un- 
sinniger und toller, als sie es schon vorher war; und so geht das 
wechselnde Spiel des unvollkommen schlafenden Gehirns weiter, bis 
wir erwachen, mit der Hand nach der Stirn greifen und uns fragen, 
ob wir in der Tat noch die Fähigkeit des vernünftigen Vorstellens 
und Denkens besitzen. '^ 

Maury*^) (p. 50) findet für das Verhältnis der Traumbilder zu 
den Gedanken des Wachens einen für den Arzt sehr eindrucksvollen 
Vergleich: „La production de ces images que chez Thomme 6veill6 
fait le plus souvent naitre la volonte, correspond, pour Tintelligence, 
a ce que sont pour la motilite certains mouvements que nous oflrent 
la chor6e et les affections paralytiques^ .... Im übrigen ist ihm 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



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Dio oberflächlichen Assoziationen im Traume. 41 

der Traum „toute nne s6rie de d6gradations de la facultö pensante et 
raisonnante'^ (p. 27). 

Es ist kaum nötig, die Äußerungen der Autoren anzuführen, 
welche den Satz von Maury für die einzehien höheren Seelen- 
leistungen wiederholen. 

^" Nach Strümpell ^^) treten im Traume — selbstverständlich auch 
dort, wo der Unsinn nicht augenfällig ist — sämtliche logische, auf 
Verhältnissen und Beziehungen beruhende Operationen der Seele 
zurück (p. 26). Nach Spitta^^) (p. 148) scheinen im Traume die Vor- 
stellungen dem Kausalitätsgesetz völlig entzogen zu sein. Radestock ^*) 
u. a. betonen die dem Traume eigene Schwäche des Urteils und des 
Schlusses. Nach JodP^) (p. 123) gibt es im Traume keine Kritik, 
keine Korrektur einer Wahrnehmungsreihe durch den Inhalt des 
Gesamtbewußtseins. Derselbe Autor äußert: „Alle Arten der Be- 
wußtseinstätigkeit kommen im Traume vor, aber unvollständig, ge- 
hemmt, gegeneinander isoliert.'^ Die Widersprüche, in welche sich 
der Traum gegen unser waches Wissen setzt, erklärt Stricker'*^), ^®) 
(mit vielen anderen) daraus, daß Tatsachen im Traume vergessen 
oder logische Beziehungen zwischen Vorstellungen verloren gegangen 
sind (p. 98) u. s. w. u. s. w. 

9: Von den Autoren, die im allgemeinen so ungünstig über die 
psychischen Leistungen im Traume urteilen, wird indes zugegeben, 
daß ein gewisser Rest von seelischer Tätigkeit dem Traume ver- 
bleibt. Wundt^^j, dessen Lehren für so viel andere Bearbeiter der 
Traumprobleme maßgebend geworden sind, gesteht dies ausdrücklich 
zu. Man könnte nach der Art und Beschaffenheit des im Traume 
sich äußernden Restes von normaler Seelentätigkeit fragen. Es wird 
nun ziemlich allgemein zugegeben, daß die Reproduktionsfkhigkeit, 
das ^edäcjitnis im Traume am wenigsten gelitten zu haben scheint, 
ja eine ^gewisse Überlegenheit gegen die gleiche Funktion des 
Wachens (vgl oben p. 9) aufweisen kann, obwohl ein Teil der Absurdi- 
täten des Traumes durch die Vergeßlichkeit eben dieses Traumlebens 
erklärt werden soll. Nach Spitta^*) ist es das Gemütsleben der 
Seele, was vom Schlafe nicht befallen wird und dann den Traum 
dirigiert. Als „Gemüt" bezeichnet er j,die konstante Zusammenfassung 
der Gefühle als des innersten subjektiven Wesens des Menschen" 
(p. 84). 

Scholz ^^) (p. 37) erblickt eine der im Traume sich äußernden 
Seelentätigkeiten in der „allegorisierenden Umdeutung," 
welcher das Traummaterial unterzogen w^ird. Siebeck^^) konstatiert 
auch im Traume die „ergänzende Deutungstätigkeit" der 
Seele (p. 11), welche von ihr gegen alles Wahrnehmen und Anschauen 
geübt wird. Eine besondere Schwierigkeit hat es für den Traum 
mit der Beurteilung der angeblich höchsten psychischen Funktion, 
der des Bewußtseins. Da wir vom Traume nur durchs Bewußtsein 
etwas wissen, kann an dessen Erhaltung kein Zweifel sein; doch 



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42 I. Literatur der Traumprobleme. 

meint Spitta. es sei im Traume nur das Bewußtsein erhalten, nicht 
auch das Selostbewußtsein. Delboeuf^^) gesteht ein, daß er diese 
Unterscheidung nicht zu begreifen vermag. 

*l t Die Assoziationsgesetze, nach denen sich die Vorstellungen ver- 
knüpfen, gelten auch für die Traumbilder, ja ihre Herkunft kommt 
im Traume reiner und stärker zum Ausdruck. Strümpell ^^) (p. 70): 
„Der Traum verläuft entweder ausschließlich, wie es scheint, nach 
den Gesetzen nackter Vorstellungen oder organischer Reize mit 
solchen Vorstellungen, das heißt, ohne daß Reflexion und Verstand, 
ästhetischer Geschmack und sittliches Urteil etwas dabei vermögen.'^ 
Die Autoren, deren Ansichten ich hier reproduziere, stellen sich die 
Bildung der Träume etwa folgender Art vor: Die Suntune der im 
Schlafe einwirkenden Sensationsreize aus den verschiedenen, an anderer 
Stelle angeführten Quellen wecken in der Seele zunächst eine Anzahl 
von Vorstellungen, die sich als Halluzinationen (nach Wundt 
richtiger Illusionen wegen ihrör Abkunft von den äußeren und inneren 
Reizen) darstellen. Diese verknüpfen sich untereinander nach den 
bekannten Assoziationsgesetzen und rufen ihrerseits nach denselben 
Regeln eine neue Reihe von Vorstellungen (Bildern) wach. Das ganze 
Material wird dann vom noch tätigen Reste der ordnenden und 
denkenden Seelenvermögen, so gut es eben gehen will, verarbeitet 
(vgl. etwa Wundt ^^) und Weygandt^^). Es ist bloß noch nicht 

feiungen, die Motive einzusehen, welche darüber entscheiden, daß 
ie E>weckung der nicht von außen stammenden Bilder nach diesem 
oder nach jenem Assoziationsgesetz vor sich gehe. 

Es ist aber wiederholt bemerkt worden, daß die Assoziationen, 
welche die Traumvorstellungen unter einander verbinden, von ganz 
besonderer Art und verschieden von den im wachen Denken tätigen 
sind. So sagt Volkelt ^^) (p. 15): y^va Traume jagen und haschen 
sich die Vorstellungen nach zufälligen Ähnlichkeiten und kaum 
wahrnehmbaren Zusammenhängen. Alle Träume sind von solchen 
nachlässigen, zwanglosen Assoziationen durchzogen." Maury*^) legt 
auf diesen Charakter der Vorstellungsbindung, der ihm gestattet, das 
Traumleben in engere Analogie mit gewissen Geistesstörungen zu 
bringen, den größten Wert. Er anerkennt zwei Hauptcharaktere 
des „d61ire^ : !• une action spontanöe et comme automatique de 
Tesprit; 2- une association vicieuse et irreguliere des id6es (p. 126). 
Von Maury selbst rühren zr^^ei ausgezeichnete Traumbeispiele her, 
in denen der bloße Gleichklang der Worte die Verknüpfung der 
Traumvorstellungen vermittelt. Er träumte einmal, daß er eine 
Pilgerfahrt (p61erinage) nach Jerusalem oder Mekka unternehme, 
dann befand er sich nach vielen Abenteuern beim Chemiker 
Pelletier, dieser gab ihm nach einem Gespräche eine Schaufel 
(pelle) von Zink und diese wurde in einem darauffolgenden Traum- 
stück sein großes Schlachtschwert (p. 137). Ein andermal ging er 
im Traume auf der Landstraße und las auf den Meilensteinen die 



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Psychologische Wertschätzung des Traumlebens, 43 

Kilometer ab, darauf befand er sich bei einem Gewürzkrämer, der 
eine große Wage hatte, und ein Mann legte Kilo gewichte auf die 
Wagschale, mn Maury abzuwägen; dann sagte ihm der GewtJrz- 
krflmer: „Sie sind nicht in Paris, sondern auf der Insel Gilolo,^ 
Es folgten darauf mehrere Bilder, in welchen er die Blume Lo- 
belia sah, dann den General Lopez, von dessen Tod er kurz 
vorher gelesen hatte; endlich erwachte, er, eine Partie Lotto 
spielend.*) 

y^Wir sind aber wohl gefaßt darauf, daß diese Geringschätzung 
der psychischen Leistungen des Traumes nicht ohne Widerspruch 
von anderer Seite geblieben ist. Zwar scheint der Widerspruch hier 
schwierig. Es will auch nicht viel bedeuten, wenn einer der Herab- 
setzer des Traumlebens versichert (Spitta,^*) p. 118), daß dieselben 
psychologischen Gesetze, die im Wachen herrschen, auch den Traum 
regieren, oder wenn ein anderer (Dugas)^^) ausspricht: Le reve n'est 

Sas d^raison ni meme irraison pure, solange beide sich nicht die 
[ahe nehmen, diese Schätzung mit der von ihnen beschriebenen 
psychischen Anarchie und Auflösung- aller Funktionen im Traume in 
RinklATig zu bringen. Aber anderen scheint die Möglichkeit gedämmert 
zu haben, daß der Wahnsinn des Traumes vielleicht doch nicht ohne 
Methode sei, vielleicht nur Verstellung wie der des Dänenprinzen, auf 
dessen Wahrsinn sich das hier zitierte, einsichtsvolle Urteil bezieht. 
Diese Autoren müssen es vermieden haben, nach dem Anschein zu 
urteilen, oder der Anschein, den der Traum ihnen bot, war ein 
anderer. 

So würdigt Havelock Ellis^^) den Traum, ohne bei seiner 
scheinbaren Absurdität verweilen zu wollen, als „an archal'c world 
of vast emotions and imperfect thoughts,^ deren Studium uns nrimi- 
tive Entwicklungsstufen des psychischen Lebens kennen lehren 
"lEönnte. Ein Denker wie Delboeuf^^) behauptet — freilich ohne den 
Beweis gegen das widersprechende Material zu führen und darum 
eigentlich mit Unrecht: „Dans le sonmieil, hormis la perception, toutes 
les facultas de l'esprit, intelligence, imagination, m6moire, volonte, 
moralit^, restent intactes dans leur essence ; seulement, elles s'appli- 
quent k des objets imaginaires et mobiles. Le songeur est un acteur 
qui joue ä volonte les fous et les sages, les bourreaux et les victimes, 
les nains et les g6ant8, les d6mons et les anges^ (p. 222). Am 
energischesten scheint die Herabsetzung der psychischen Leistung im 
Traume der Marquis d'Hervey bestritten zu haben, gegen den 
Maury*®) lebhaft polemisiert und dessen Schrift ich mir trotz aller 
Bemühung nicht verschaflFen konnte. Maury sagt über ihn (p. 19): 
„M. le S^quis d'Hervey prete k rintelligence, durant le som- 
meil, toute sa libert6 d'action et d'attention et il ne semble faire con- 
sister le sommeil que dans Tocclusion des sens, dans leur fermeture 

•) An späterer Stelle wird uns der Sinn solcher Träume, die von Worten mit 
gleichen Anfangsbuchstaben und ähnlichem Anlaute erfüllt sind, zng^änglich werden. 



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44 I. Literatur der Tranmprobleme. 

au Monde ext6rieur; en sorte quo Thomme qui dort ne se distingue 
guere, selon sa maniere de voir, de rhomme qni laisse vaguer sa 

{>ens6e en se bouchant les sens; toute la difF6rence qui s6pare alors 
a pensöe ordinaire du celle du dormeur c'estque, chez celui-ci, Tidöe 
prend une forme visible, objective et ressemble, ä s'y m6prendre, 
ä la Sensation d6termin6e par les objets ext^rieurs; le souvenir revet 
Tapparence du fait pr6sent." 

T^Maury fügt aber hinzu: „qu'il y a une diflf^rence de plus et 
capitale ä savoir que les facultas intellectuelles de rhomme endormi 
n'ofFrent pas T^quilibre qu'elles gardent chez Thomme r6veill6." 

Die Skala der Würdigung des Traumes als psychisches Produkt 
hat in der Literatur einen großen Umfang ; sie reicht von der tiefsten 
Geringschätzungj deren Ausdruck wir kennen gelernt haben ^ durch 
die Ahnung eines noch nicht enthüllten Wertes bis zur Über- 
schätzung, die den Traum weit über die Leistungen des Wachlebens 
stellt. Hild ebrandt, ^^) der, wie wir wissen, in drei Antinomien die 
psychologische Charakteristik des Traumlebens entwirft, faßt im dritten 
dieser Gegensätze die Endpunkte dieser Reihe zusammen (p. 19): 
„Es ist der zwischen einer Steigerung, einer nicht selten bis zur 
Virtuosität sich erhebenden Potenzierung und anderseits einer 
entschiedenen, oft bis unter das Niveau des Menschlichen führenden 
Herabminclerung und Schwächung des Seelenlebens.'^ 

^ y„ Was das Erstere betrifft, wer könnte nicht aus eigener Erfahrung 
bestätigen, daß in dem Schaffen und Weben des Traumgenius bis- 
weilen eine Tiefe und Innigkeit des Gemütes, eine Zartheit der 
Empfindung, eine Klarheit der Anschauung, eine Feinheit der Be- 
obachtung, eine Schlagfertigkeit des Witzes zu Tage tritt, wie wir 
solches alles als konstantes Eigentum während des wachen Lebens 
zu besitzen bescheidentlich in Abrede stellen würden? Der Traum 
hat eine wunderbare Poesie, eine treffliche Allegorie, einen unver- 
gleichlichen Humor, eine köstliche Ironie. Er schauet die Welt in 
einem eigentümlichen idealisierenden Lichte und potenziert den Effekt 
ihrer Erscheinungen oft im sinnigsten Verständnisse des ihnen zum 
Grunde liegenden Wesens. Er stellt uns das irdisch Schöne in wahr- 
haft himmlischem Glänze, das Erhabene in höchster Majestät, das 
erfahrungsgemäß Furchtbare in der grauenvollsten Gestalt, das Lächer- 
liche mit unbeschreiblich drastischer Kontiik vor Augen ; und bisweilen 
sind wir nach dem Erwachen irgend eines dieser Eindrücke noch so 
voll, daß es uns vorkommen will, dergleichen habe die wirkliche 
Welt uns noch nie und niemals geboten." 

V. Man darf sich fragen, ist es wirklich das nämliche Objekt, dem 
jene geringschätzigen Bemerkungen und diese begeisterte Anpreisung 
gilt? Haben die einen die blödsinnigen Träume, die anderen die tief- 
sinnigen und feinsinnigen übersehen ? Und wenn beiderlei vorkommt, 
Träume, die solche und die jene Beurteilung verdienen, scheint es 
da nicht müßig, nach einer psychologischen Charakteristik des 



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Psychologische Wertung des Traumes. 45 

Traumes zu suchen, genügt es nicht zu sagen, im Traume sei alles 
möglich, von der tiefsten Herabsetzung des Seelenlebens bis zu einer 
im Wachen ungewohnten Steigerung desselben? So bequem diese 
Lösung wäre, sie hat dies eine gegen sich, daß den Bestrebungen 
aller Traumforscher die Voraussetzung zu Grunde zu liegen scheint, 
es gäbe eine solche, in ihren wesentlichen Zügen allgemeingültige 
Charakteristik des Traumes, welche über jene Widersprüche hinweg- 
helfen müßte. 

Es ist unstreitig, daß die psychischen Leistungen des Traumes 
bereitwilligere und wärmere Anerkennung gefunden haben in jener, 
jetzt hinter uns liegenden intellektuellen Periode, da die Philosophie 
und nicht die exakten Naturwissenschaften die Geister beherrschte. 
Aussprüche, wie die von Schubert, daß der Traum eine Befreiung 
des Geistes von der Gewalt der äußeren Natur sei, eine Loslösung der 
Seele von denjj^i'esseln der Sinnlichkeit, und ähnliche Urteile von dem 
jüngeren FifeJ^e*) u. a., welche sämtlich den Traum als einen Auf- 
schwung des Seelenlebens zu einer höheren Stufe darstellen, erscheinen 
mis heute kaum begreiflich; sie werden in der Gegenwart auch nur 
bei Mystikern nnd Frömmlern wiederholt. Mit dem Eindringen 
naturwissenschaftlicher Denkweise ist eine Reaktion in der Würdigung 
des Traumes einhergegangen. Gerade die ärztlichen Autoren sind 
am ehesten geneigt, die psychische Tätigkeit im Traume für gering- 
ftlgig und wertlos anzuschlagen, während Philosophen und nicht 
zünftige Beobachter — Amateurpsychologen — , deren Beiträge gerade 
auf diesem Gebiete nicht zu vernachlässigen sind, im besseren Ein- 
vernehmen mit den Ahnungen des Volkes, meist an dem psychischen 
Werte der Träume festgehalten haben. Wer zur Geringschätzung der 
psychischen Leistung im Traume neigt, der bevorzugt begreiflicher- 
weise in der Traumätiologie die somatischen Reizquellen; für den, 
welcher der träumenden Seele den größeren Teil ihrer Fähigkeiten 
im Wachen belassen hat, entfällt natürlich jedes Motiv, ihr nicht auch 
selbständige Anregungen zum Träumen zuzugestehen. 

^i> Unter den Uberleistungen, welche man auch bei nüchterner 
Vergleichung versucht sein kann, dem Traumleben zuzuschreiben, ist 
die des Gedächtnisses die aufMligste; wir haben die sie beweisenden, 
gar nicht seltenen Erfahrungen ausführlich behandelt. Ein anderer, 
von alten Autoren häufig gepriesener Vorzug des Traumlebens, daß 
es sich souverän über Zeit- mid Ortsentfemungen hinwegzusetzen ver- 
möge, ist mit Leichtigkeit als eine Illusion zu erkennen. Dieser 
Vorzug ist, wie Hildebrandt^^) bemerkt, eben ein illusorischer 
Vorzug; das Träumen setzt sich über Zeit und Raum nicht anders 
hinweg als das wache Denken, und eben weil es nur eine Form des 
Denkens ist. Der Traum sollte sich in bezug auf die Zeitlichkeit 
noch eines anderen Vorzuges erfreuen, noch in anderem Sinne vom 

*) Vgl. Haffner") und Spitta<>*). 



v 



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46 !• Literatur der Traumprobleme. 

Ablauf der Zeit unabhängig sein. Träume, wie der oben p. 18 mit- 
geteilte Maurys'^**) von seiner Hinrichtung durch die Guillotine 
scheinen zu beweisen, daß der Traum in eine sehr kurze Spanne 
Zeit weit mehr Wahrnehmungsinhalt zu drängen vermag, als unsere 
psychische Tätigkeit im Wachen Denkinhalt bewältigen kann. Diese 
Folgerung ist indes mit mannigfaltigen Argumenten bestritten worden ; 
seit den Aufsätzen von Le Lorrain^^) und E g g e r -^) „über die 
scheinbare Dauer der Träume'^ hat sich hierüber eine interessante 
Diskussion angesponnen, welche in dieser heiklen und tiefreichenden 
Frage wahrscheinlich noch nicht die letzte Aufklänmg erreicht hat. 

Daß der Traum die intellektuellen Arbeiten des Tages aufeu- 
nehmen und zu einem bei Tag nicht erreichten Abschluß zu bringen 
vermag, daß er Zweifel und Probleme lösen, bei Dichtern und Kom- 
ponisten die Quelle neuer Eingebungen werden kann, scheint nach 
vielfachen Berichten und nach der von Chabaneix^^) angestellten 
Sammlung unbestreitbar zu sein. Aber wenn auch nicht die Tatsache, 
so unterliegt doch deren Auffassung vielen, ans Prinzipielle streifenden 
Zweifeln. 

Endlich bildet die behauptete divinatorische Kraft des Traumes 
ein Streitobjekt, an welchem schwer überwindliche Bedenken mit 
hartnäckig ^dederholten Versicherungen zusammentreffen. Man ver- 
meidet es — und wohl mit Recht — , alles Tatsächliche an diesem 
Thema abzuleugnen, weil für eine Reihe von Fällen die Möglichkeit 
einer natürlichen psychologischen Erklärung vielleicht nahe bevorsteht. 
77 /) Die ethischen Gefühle im Traume. 

Aus Motiven, welche erst nach Kenntnisnahme meiner eigenen 
Untersuchungen über den Traum verständlich werden können, habe 
ich von dem Thema der Psychologie des Traumes das Teilproblem 
abgesondert, ob und in wie weit die moralischen Dispositionen und 
Empfindungen des Wachens sich ins Traumleben erstrecken. Der 
nämliche Widerspruch in der Darstellung der Autoren, den wir für 
alle anderen seelischen Leistungen mit Befremden bemerken mußten, 
macht uns auch hier betroffen. Die einen versichern mit ebensolcher 
Entschiedenheit, daß der Traum von den sittlichen Anforderungen 
nichts weiß, wie die andern, daß die moralische Natur des Menschen 
auch fürs Traumleben erhalten bleibt. 

Die Berufung auf die allnächtliche Traumerfahrung scheint die 
Richtigkeit der ersteren Behauptung über jeden Zweifel zu erheben. 
Jessen ^^) sagt (p- 553): „Auch besser und tugendhafter wird man 
nicht im Schlafe, vielmehr scheint das Gewissen in den Träumen zu 
schweigen, indem man kein Mitleid empfindet und die schwersten 
Verbrechen, Diebstahl, Mord und Totschlag mit völliger Gleich- 
gültigkeit und ohne nachfolgende Reue verüben kann." 

Radestock ^^) (p. 146): „Es ist zu berücksichtigen, daß die 
Assoziationen im Traume ablaufen und die Vorstellungen sich ver- 
binden, ohne daß Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Die ethischen Gefühle im Traume. 47 

und sittliches Urteil etwas dabei vermögen; das Urteil ist höchst 
schwach und es herrscht ethische Gleichgültigkeit vor.'^ 

Volkelt ^^) (p, 23): „Besonders zügellos aber geht es^ wie jeder 
weiß, im Traume in geschlechtlicher Beziehung zu^ Wie der 
Träumende selbst aufs Äußerste schamlos und jedes sittlichen Gefühls 
und Urteils verlustig ist, so sieht er auch alle anderen und selbst 
die verehrtesten Personen mitten in Handlungen, die er im Wachen 
auch nur in Gedanken mit ihnen zusammenzubringen sich scheuen 
würde.'' 

Den schärfsten Gegensatz hiezu bilden Äußerungen wie die 
von Schopenhauer, daß jeder im Traume in vollster Gemäßheit 
seines Charakters handelt und redet. RPh. Fischer*) behauptet, 
daß die subjektiven Gefühle und Bestrebungen oder AflFekte und 
Leidenschaften in der Willkür des Traumlebens sich offenbaren, daß 
die moralischen Eigentümlichkeiten der Personen in ihren Träumen 
sich spiegeln. 

Haffner^^) (p. 25): „Seltene Ausnahmen abgerechnet, 

wird ein tugendhafter Mensch auch im Traume tugendhaft sein; er 
wird den Versuchungen widerstehen, dem Haß, dem Neid, dem Zorn 
und allen Lastern sich verschließen; der Mann der Sünde aber wird 
auch in seinen Träumen in der Regel die Bilder finden, die er im 
Wachen vor sich hatte." 

7^'Scholz^^) (p. 36): „Im Traume ist Wahrheit, trotz aller 
Maskierung in Hoheit oder Erniedrigung erkennen wir unser eigenes 

Selbst wieder Der ehrliche Mann kann auch im Traume 

kein entehrendes Verbrechen begehen, oder wenn es doch der Fall 
ist, so entsetzt er sich darüber, als über etwas seiner Natur Fremdes. 
Der römische Kaiser, der einen seiner Untertanen hinrichten ließ, 
weil diesem geträumt hatte, er habe dem Kaiser den Kopf abschlagen 
lassen, hatte darum so Unrecht nicht, wenn er dies damit rechtfertigte, 
daß, wer so träume, auch ähnliche Gedanken im Wachen haben 
müsse. Von etwas, das in unserem Innern keinen Raum haben kann, 
sagen wir deshalb auch bezeichnender Weise : ,,Es fällt mir auch im 
Traume nicht ein." 

Pf äff**) sagt geradezu in Abänderung eines bekannten Sprich- 
wortes: „Erzähle mir eine Zeitlang deine Träume und ich wül dir 
sagen, wie es um dein Inneres steht. '^ 

Die kleine Schrift von Hildebrandt^^), der ich bereits so 
zahlreiche Zitate entnommen habe, der formvollendetste und gedanken- 
reichste Beitrag zur Erforschung der Traumprobleme, den ich in der 
Literatur gefunden, rückt gerade das Problem der Sittlichkeit im 
Traume in den Mittelpunkt ihres Interesses. Auch für Hildebrandt 
steht es als Regel fest: Je reiner das Leben, desto reiner der Traum; 
je unreiner jenes, desto unreiner dieser. 



*) Orimdzüge des Sjstems der Anthropologie. Erlangen 1850. (NachSpitta. 
♦*) Das Traumleben und seine Deutung, 1868 (bei Spitta, p. 192). 

f^nonl^ Orrginaffnonn 

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) 



48 I. Literatur der Traumprobleme. 

*)^Die sittliche Natur des Menschen bleibt auch im Traume be- 
stehen : „Aber während kein noch so handgreiflicher Rechnungsfehler, 
keine noch so romantische Umkehr der Wissenschaft, kein noch so 
scherzhafter Anachronismus uns verletzt oder uns auch nur verdächtig 
wird, so geht uns doch der Unterschied zwischen Gut und Böse, 
zwischen Recht und Unrecht, zwischen Tugend und Laster nie 
verloren. Wie vieles auch von dem, was am Tage mit uns geht, in 
den Schlummerstunden weichen mag, — Kants kategorischer Impe- 
rativ hat sich als untrennbarer Begleiter so an unsere Fersen geheftet, 

daß wir ihn auch schlafend nicht los werden Erklären aber 

läßt sich (diese Tatsache) eben nur daraus, daß das Fundamentale der 
Menschennatur, das sittliche Wesen, zu fest gefügt ist, um an der 
Wirkung der kaleidoskopischen Durchschüttelung teil zu nehmen, 
welcher Phantasie, Verstand, Gedächtnis und sonstige Fakultäten 
gleichen Ranges im Traume unterliegen" (p. 45 u. ff.). 

In der weiteren Diskussion des Gegenstandes sind nun merk- 
würdige Verschiebungen und Inkonsequenzen bei beiden Gruppen 
von Autoren hervorgetreten. Streng genommen wäre für alle die 
jenigen, welche meinen, im Traume zerfalle die sittliche Persönlichkeit 
des Menschen, das Interesse an den unmoralischen Träumen mit dieser 
Erklärung zu Ende. Sie könnten den Versuch, den Träumer für 
seine Träume verantwortlich zu machen» aus der Schlechtigkeit seiner 
Träume auf eine böse Regung in seiner Natur zu schließen, mit der 
selben Ruhe ablehnen wie den anscheinend gleichwertigen Versuch 
aus der Absurdität seiner Träume die Wertlosigkeit seiner intellektuellen 
Leistungen im Wachen zu erweisen. Die anderen, für die sich „der 
kategorische Imperativ" auch in den Traum erstreckt, hätten die 
Verantwortlichkeit für unmoralische Träume ohne Einschränkung an- 
zunehmen; es wäre ihnen nur zu wünschen, daß eigene Träume von 
solch verwerflicher Art sie nicht an der sonst festgehaltenen Wert- 
schätzung der eigenen Sittlichkeit irre machen müßten. 

Nun scheint es aber, daß niemand von sich selbst so recht sicher 
weiß, in wie weit er gut oder böse ist, und daß niemand die Er- 
innerung an eigene unmoralische Träume verleugnen kann. Denn 
über jenen Gegensatz in der Beurteilung der Traummoralität hinweg 
zeigen sich bei den Autoren beider Gruppen Bemühungen, die Herkunft 
der unsittlichen Träume aufzuklären, und es entwickelt sich ein neuer 
Gegensatz, je nachdem deren Ursprung in den Funktionen des psy- 
chischen Lebens oder in somatisch bedingten Beeinträchtigungen desselben 
gesucht wird. Die zwingende Gewalt der Tatsächlichkeit läßt dann 
Vertreter der Verantwortlichkeit wie der Unverantwortlichkeit des 
Traumlebens in der Anerkennung einer besonderen psychischen Quelle 
für die Unmoralität der Träume zusammentreffen. 

Alle die, welche die Sittlichkeit im Traume fortbestehen lassen, 
hüten sich doch davor, die volle Verantwortlichkeit für ihre Träume 
zu übernehmen. Haffner^-) sagt (p. 24): ^^Wir sind für Träume 



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Kontrastierende Vorstellungen. 49 

nichi; vei^ant wortlich, weil unserem Denken und Wollen die Basis 
entrückt ist, auf welcher unser* Leben allein Wahrheit und Wirklich- 
keit hat . . . Es kann eben darum kein Traumwollen und Traum- 
handeb Tugend oder Sünde sein.'^ Doch ist der Mensch für den 
sllndhaften Traum verantwortlich, sofern er ihn indirekt verursacht. 
Es erwächst für ihn die Pflicht, wie im Wachen, so ganz besonders 
vor dem Schlafengehen seine Seele sittlich zu reinigen. 

f^Viel tiefer reicht die Analyse dieses Gemenges von Ablehnung 
und von Anerkennung der Verantwortlichkeit für den sittlichen Inhalt 
der Träume bei Hildebrandt. Nachdem er ausgeführt, daß die 
dramatische Darstellungsweise des Traumes, die Zusammendrängung 
der kompliziertesten Überlegungsvorgänge in das kleinste Zeiträumchen, 
und die auch von ihm zugestandene Entwertung und Vermengung der 
Vorstellungselemente im Traume gegen den unsittlichen Anschein der 
Träume in Abzug gebracht werden muß, gesteht er, daß es doch den 
ernstesten Bedenken unterliege, alle Verantwortung fllr Traumsünden 
und Schulden schlechthin zu leugnen. 

(p. 49). ^Wenn wir irgend eine ungerechte Anklage, namentlich eine 
solche, die sich auf unsere Absichten und Gesinnungen bezieht, recht 
entschieden zurückweisen wollen, so gebrauchen wir wohl die Redens- 
art: Das sei uns nicht im Traume eingefallen. Damit sprechen wir 
allerdings einerseits aus, daß wir das Traumgebiet für das fernste und 
letzte halten, auf welchem wir für unsere Gedanken einzustehen hätten, 
weil dort diese Gedanken mit unserem wirklichen Wesen nur so lose 
und locker zusammenhängen, daß sie kaum noch als die unsrigen be- 
trachtet werden dürfen ; aber indem wir eben auch auf diesem Gebiete 
das Vorhandensein solcher Gedanken ausdrücklich zu leugnen uns 
veranlaßt fühlen, so geben wir doch indirekt damit zugleich zu, daß 
unsere Rechtfertigung nicht vollkommen sein würde, wenn sie nicht 
bis dort hinüber reichte. Und ich glaube, wir reden hier, wenn auch 
unbewußt, die Sprache der Wahrheit." 

^ (p. 52). „Es läßt sich nämlich keine Traumtat denken, deren 
erstes Motiv nicht irgendwie als Wunsch, Gelüste, Regung vorher 
durch die Seele des Wachenden gezogen wäre.^ Von dieser ersten 
Regung müsse man sagen: Der Traum erfand es nicht, — er bildete 
es nur nach und spann's nur aus, er bearbeitete nur ein Quentlein 
historischen Stoffes, das er bei uns vorgefunden hatte, in dramatischer 
Form ; er setzte das Wort des Apostels in Szene : Wer seinen Bruder 
haßt, der ist ein Totschläger. Und während man das ganze, breit 
ausgeführte Gebilde des lasterhaften Traumes nach dem Erwachen, 
seiner sittlichen Stärke bewußt, belächeln kann, so will jener ursprüng- 
liche BildungsstofF sich doch keine lächerliehe Seite abgewinnen lassen. 
Man fühlt sich für die Verirrungen des Träumenden verantwortlich, 
nicht für die ganze Summe, aber doch für einen gewissen Prozent- 
satz. „Kurz \"erstehen wir in diesem schwer anzufechtenden Sinne das 
Wort Christi: Aus dem Herzen kommen arge Gedanken, — dann 



Prend, Traumdeutang. 3. Aufl. 



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OrfgfrTaffrom 
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50 I- Literatur der Traumprobleme. 

können wir auch kaum der Überzeugung uns erwehren, daß jede im 
Traume begangene Sünde ein dunkles Minimum wenigstens von Schuld 
mit sich führe. ^ 

In den Keimen und Andeutungen böser Regungen, die als Ver- 
suchungsgedanken tagsüber durch unsere Seelen ziehen, findet also 
Hildebrandt die Quelle für die Unmoralität der Träume, und er 
steht nicht an, diese unmoralischen Elemente bei der sittlichen Wert- 
schätzung der Persönlichkeit einzurechnen. Es sind dieselben Gedanken 
und die nämliche Schätzung derselben, welche, wie wir wissen, die 
Fronmien und Heiligen zu allen Zeiten klagen ließ, sie seien arge 
Sünder, 

An dem allgemeinen Vorkonmien dieser kontrastierenden 
Vorstellungen — bei den meisten Menschen und auch auf anderem als 
ethischem Gebiete — besteht wohl kein Zweifel. Die Beurteilung der- 
selben ist gelegentlich eine minder ernsthafte gewesen. Bei Spitta^*) 
findet sich folgende hieher gehörige Äußerung von A. Zeller (Ar- 
tikel „Irre" in der allgemeinen Enzyklopädie der Wissenschaften von 
Er seh und Grub er) zitiert (p. 144): „So glücklich ist selten ein 
Geist organisiert, daß er zu allen Zeiten volle Macht besäße und nicht 
immer wieder nicht allein unwesentliche, sondern auch völlig fratzen- 
hafte und widersinnige Vorstellungen den stetigen, klaren Gang .seiner 
Gedanken unterbrächen, ja die größten Denker haben sich über dieses 
traumartige, neckende und peinliche Gesindel von Vorstellungen zu 
beklagen gehabt, da es ihre tiefsten Betrachtungen und ihre heiligste 
und ernsthafteste Gedankenarbeit stört,^ 

yrEin helleres Licht fkUt auf die psychologische Stellung dieser 
Kontrastgedanken aus einer weiteren Bemerkung von Hildebrandt, 
daß der Traum uns wohl bisweilen in Tiefen und Falten unseres 
Wesens blicken lasse, die uns im Zustand des Wachens meist ver- 
schlossen bleiben (p. 55), Dieselbe Erkenntnis verrät K/a^t an einer 
Stelle der Anthropologie, wenn er meint, der Traum sei'' wohl dazu 
da, um uns die verborgenen Anlagen zu entdecken und uns zu offen- 
baren, nicht was wir sind, sondern was wir hätten werden können, 
wenn wir eine andere Erziehung gehabt hätten; Radestock^*) (p. 84) 
mit den Worten, daß der Traum uns oft nur oflFenbart, was wir uns 
nicht gestehen wollen, und daß wir ihn darum mit Unrecht einen 
Lügner und Betrüger schelten. Wir werden aufmerksam gemacht, 
daß das Auftauchen dieser, unserem sittlichen Bewußtsein fremden 
Antriebe nur analog ist zu der uns bereits bekannten Verfügung des 
Traumes über anderes Vorstellungsmafcerial, welches dem WacHen 
fehlt oder darin eine geringfügige Rolle spielt, durch Bemerkungen, 
wie die von Benini ^): Gerte nostre inclinazioni che si credevano soffo- 
cate e spente ^da un pezzo, si ridestano ; passioni vecchie e sepolte 
rivivono; cos^> e persone a cui non pensiamo mai, ci vengono dinajizi 
(p. 149), und von Volkelt^^): „Auch Vorstellungen, die in das wache 
Bewußtsein fast unbeachtet eingegangen sind und von ihm vielleiclit 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Das Unterdrückte. 51 

nie wieder der Vergessenheit entzogen würden, pflegen sehr häufig 
dem Traum ihre Anwesenheit in der Seele kund zu tun^ (p. 105). 
Endlich ist es hier am Platze uns zu erinnern, daß nach Schleie r- 
macher^^) schon das Einschlafen vom Hervortreten ungewollter 
Vorstellungen (Bilder) begleitet war. 

S^3Als „ungewollte Vorstellungen dürfen wir nun dies ganze 
Vorstellungsmaterial zusammenfassen, dessen Vorkommen in den un- 
moralischen wie in den absurden Träumen unser Befremden erregt. 
Ein wichtiger Unterschied liegt nur darin, daß die ungewollten Vor- 
stellungen auf sittlichem Gebiete den Gegensatz zu unserem sonstigen 
Empfinden erkennen lassen, während die anderen uns bloß fremdartig 
erscheinen. Es ist bisher kein Schritt geschehen, der uns ermöglichte, 
diese Verschiedenheit durch tiefer gehende Erkenntnis aufzuheben. 
Welche Bedeutung hat nun das Hervortreten ungewollter Vor- 
stellungen im Traume, welche Schlüsse für die Psychologie der 
wachenden und der träumenden Seele lassen sich aus diesem nächt- 
lichen Auftauchen kontrastierender ethischer Regungen ableiten? Hier 
ist eine neue Meinungsverschiedenheit und eine abermals verschiedene 
Gruppierung der Autoren zu verzeichnen. Den Gedankengang von 
Hildebrandt und anderen Vertretern seiner Grundansicht kann 
man wohl nicht anderswohin fortsetzen, als daß den unmoralischen Re- 
gungen auch im Wachen eine gewisse Macht innewohne, die zwar 
gehemmt ist bis zur Tat vorzudnngen, und daß im Schlafe etwas weg- 
falle, was, gleichfalls ^vie eine Hemmung wirksam, uns gehindert habe, 
die Existenz dieser Regung zu bemerken. Der Traum zeigte so das 
wirkliche, wenn auch nicht das ganze Wesen des Menschen, und gehörte 
zu den Mitteln, dasjwborgene Seeleninnere fUr unsere Kenntnis zu- 
pängKch zu macEen! Nur von^~soIchen V^oraussetzungen her kann 
Hildebrandt dem Traume die Rolle eines W a r n e r s zuweisen, der 
uns auf verborgene sittliche Schäden unserer Seele aufmerksam macht, 
wie er nach dem Zugeständnis der Ärzte auch bisher unbemerkte 
körperliche Leiden dem Bewußtsein verkünden kann. Und auch 
Spitta®^) kann von keiner anderen Auffassung geleitet sein, wenn 
er auf die Erregungsquellen hinweist, die zur Zeit der Pubertät z. B. 
der Psyche zufließen, und den Träumer tröstet, er habe alles getan, 
was in seinen Bj'äften steht, wenn er im Wachen einen streng tugend- 
haften Lebenswandel geführt und sich bemüht hat, die sündigen Ge- 
danken, so oft sie kommen, zu unterdrücken, sie nicht reifen und zur 
Tat werden zu lassen. Nach dieser Auffassung könnten wir die „un- 

ewollten" Vorstellungen als die während des Tages ^u^BTeT^ 
juckten" bezeichnen und müßten in ihrem Auftauchen ein echtes 
psychisclies Phänomen erblicken. 

V3 Nact anderen Autoren hätten wir kein Recht zu letzterer Fol- 
gerung. Für J essen ^^) stellen die ungewollten Vorstellungen im 
Traume wie im Wachen und in Fieber- und anderen Delirien „den 
Charakter einer zur Ruhe gelegten Willenstätigkeit und eines ge- 

4* 



« 



r^r\onlf* Orfgfnaffrom 

:)y V.iUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



52 I. Literatur der Tranmprobleme. 

wissermaßen mechanischen Prozesses von Bildern und Vor- 
stellungen durch innere Bewegungen dar" (p. 360). Ein unmoralischer 
Traum beweise weiter nichts für das Seelenleben des Träumers, als 
daß dieser von dem betreffenden Vorstellungsinhalt irgendwie einmal 
Kenntnis gewonnen habe, gewiß nicht eine ihm eigene Seelenregung. 
Bei einem anderen Autor, Maury*^), könnte man in Zweifel geraten, 
ob nicht auch er dem Traumzustand die Fähigkeit zuschreibt, die 
seelische Tätigkeit nach ihren Komponenten zu zerlegen, anstatt sie 
planlos zu zerstören. Er sagt von den Träumen, in denen man sich 
über die Schranken der Moralität hinaussetzt: Ce sont nos penchants 
qui parlent et qui nous fönt agir, saus que la conscience nous retienne, 
bien que parfoit eile nous avertisse. J'ai mes däfauts et mes pen- 
chants vicieux; k Tötat de veille, je tache de lutter contre eux, et il 
m'arrive assez souvent de n'y pas succomber. Mais dans mes songes 
j'y succombe toujours ou pour mieux^ dire j'agis par leur impulsion, 
Sans crainte et sans remords .... Evidemment les visions qui se 
dSroulent devant ma pensSe et qui constituent le reve, me sont 
suggöröes par les incitations que je ressens et que ma volonte absente 
ne cherche pas k refouler" (p. 113). 

f^ Wenn man an die Fähigkeit des Traumes glaubte, eine wirklich 
vorhandene, aber unterdrückte oder versteckte, unmoralische Dispo- 
sition des Träumers zu enthüllen, so könnte man dieser Meinung 
schärieren Ausdruck nicht geben als mit den Worten Maury s (p. 1 15) : 
^En rSve l'homme se r6vele donc tout entier k soi-mSme aans sa 
nuditö et sa misere natives. Des qu'il saspend Texercice de sa volonte, 
il devient le jouet de toutes les passions contre lesquelles, k T^tat de 
veUle la conscience, le sentiment dhonneur, la crainte nous d6fendent.^ 
An anderer Stelle findet er das treffende Wort (p. 462): Dans le 
reve, c'est surtout l'homme instinctif que se r^vele .... L'homme 
revient pour ainsi dire ä l'Stat de nature quand il reve; mais moins 
les idSes acquises ont p6nötr6 dans son esprit, plus les penchants 
en d^saccord avec elles conservent encore sur lui dinfluence dans 
le reve.'^ Er führt dann als Beispiel an, daß seine Träume ihn nicht 
selten als Opfer gerade jenes Aberglaubens zeigen, den er in seinen 
Schriften am heftigsten bekämpft hat. 

Der Wert all dieser scharfsinnigen Bemerkungen ftlr eine psy- 
chologische Erkenntnis des Traumlebens wird aber bei Maury da- 
durch beeinträchtigt, daß er in den von ihm so richtig beobachteten 
Phänomenen nichts als Beweise für den „Automatisme psychologique" 
sehen will, der nach ihm das Traumleben beherrscht. Diesen Auto- 
matismus faßt er als vollen Gegensatz zur psychischen Tätigkeit. 

Eine Stelle in den Studien über das Bewußtsein von Stricker''^ 
lautet: Der Traum besteht nicht einzig und allein aus Täuschungen; 
wenn man sich im Traume z. B. vor Räubern fürchtet, so sind die 
Räuber zwar imaginär, die Furcht aber ist real. So wird man auf- 
merksam darauf gemacht, daß die Affektentwicklung im Traume die 



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Traumtheorien und Funktion des Traumes. 53 

Beurteilung nicht zuläßt, welche man dem übrigen Trauminhalt 
schenkt und das Problem wird vor uns aufgerollt, was an den psy- 
chischen Vorgängen im Traume real sein mag, das heißt einen An- 
spruch auf Einreihung unter die psychischen Vorgänge des Wachens 
beanspruchen darf? 

5 / ä) Traumtheorien und Funktion des Traumes. 

Eine Aussage über den Traum, welche möglichst viele der be- 
obachteten Charaktere desselben von einem Gesichtspunkte aus zu 
erklären versucht und gleichzeitig die Stellung des Traumes zu einem 
umfassenderen Erscheinungsgebiet bestimmt, wird man eine Traum- 
theorie heißen dürfen. Die einzelnen Traumtheorien werden sich 
darin unterscheiden, daß sie den oder jenen Charakter des Traumes 
zum wesentlichen erheben, Erklärungen und Beziehungen an ihn an- 
knüpfen lassen. Eine Funktion, d. i. ein Nutzen oder eine sonstige 
Leistimg des Traumes, wird nicht notwendig aus der Theorie ableitbar 
sein müssen, aber unsere auf die Teleologie gewohnheitsgemäß ge- 
richtete Erwartung wird doch jenen Theorien entgegenkommen, die 
mit der Einsicht in eine Funktion des Traumes verbunden sind. 

Wir haben bereits mehrere Auffassungen des Traumes kennen 
gelernt, die den Namen von Traumtheorien in diesem Sinne mehr 
oder weniger verdienten. Der Glaube der Alten, daß der Traum eine 
Sendung der Götter sei, um die Handlungen der Menschen zu lenken, 
war eine vollständige Theorie des Traumes, die über alles am Traum 
Wissenswerte Auskunft erteilte. Seitdem der Traum ein Gegenstand 
der biologischen Forschung geworden ist, kennen wir eine größere 
Anzahl von Traumtheorien, aber darunter auch manche recht unvoll- 
ständige. 

Wenn man auf Vollzähligkeit verzichtet, kann man etwa folgende 
lockere Gruppierung der Traumtheorien versuchen, je nach der zu 
Grunde gelegten Annahme über Maß und Art der psychischen Tätig- 
keit im Traume- 

P^ 1. Solche Theorien, welche die volle psychische Tätigkeit des 
Wachens sich in dem Traume fortsetzen lassen, wie die von D e 1 b oe u f. ^^) 
Hier schläft die Seele nicht, ihr Apparat bleibt intakt, aber unter die 
vom Wachen abweichenden Bedingungen des Schlafzustandes gebracht, 
muß sie bei normalem Funktionieren andere Ergebnisse liefern als im 
Wachen. Bei diesen Theorien fragt es sich, ob sie im stände sind, 
die Unterschiede des Traumes von dem Nachdenken sämtlich aus 
den Bedingungen des Schlafzustandes abzuleiten. Überdies fehlt ihnen 
ein möglicher Zugang zu einer Funktion des Traumes; man sieht 
nicht ein, wozu man träumt, warum der komplizierte Mechanismus 
des seelischen Apparats weiter spielt, auch wenn er in Verhältnisse 
versetzt wird, für die er nicht berechnet scheint. Traumlos schlafen 
oder, wenn störende Reize kommen, aufwachen, bleiben die einzig 
zweckmäßigen Reaktionen anstatt der dritten, der des Träumens. 



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54 I. Literatur der Traumprobleme. 

2. Solche Theorien, welche im Gegenteil für den Traum eine 
Herabsetzung der psychischen Tätigkeit, eine Auflockerung der 
Zusammenhänge, eine Verarmung an anspruchsfähigem Material an- 
nehmen. Diesen Theorien zufolge mflßte eine ganz andere psycho- 
logische Charakteristik des Schlafes gegeben werden als etwa nach 
Delboeuf, Der Schlaf erstreckt sich weit über die Seele, er besteht 
nicht bloß in einer Absperrung der Seele von der Außenwelt, er 
dringt vielmehr in ihren Mechanismus ein und macht ihn zeitweilig 
unbrauchbar. Wenn ich einen Vergleich mit psychiatrischem Material 
heranziehen darf, so möchte ich sagen, die ersteren Theorien kon- 
struieren den Traum wie eine Paranoia, die zweiterwähnten machen 
ihn zum Vorbilde des Schwachsinns oder einer Amentia. 

Die Theorie, daß im Traumleben nur ein Bruchteil der durch 
den Schlaf lahmgelegten Seelentätigkeit zum Ausdruck konmie, ist 
die bei ärztlichen Schriftstellern und in der wissenschaftlichen Welt 
überhaupt weit bevorzugte. Soweit ein allgemeineres Interesse für 
Traumerklärung vorauszusetzen ist, darf man sie wohl als die herr- 
schende Theorie des Traumes bezeichnen. Es ist hervorzuheben, 
mit welcher Leichtigkeit gerade diese Theorie die ärgste Klippe jeder 
Traumerklärung, nämlich das Scheitern an einem der durch den 
Traum verkörperten Gegensätze, vermeidet. Da ihr der Traum das 
Ergebnis eines partiellen Wachens ist („ein allmähliches, partielles und 
zugleich sehr anomalisches Wachen" sagt Herbarts Psychologie 
über den Traum), so kann sie durch eine Reihe von Zuständen von 
immer weiter gehender Erweckung bis zur vollen Wachheit die ganze 
Reihe von der Minderleistung des Traumes, die sich durch Absurdität 
verrät, bis zur voll konzentrierten Denkleistung decken. 

Wem die physiologische Darstellungsweise unentbehrlich ge- 
worden ist oder wissenschaftlicher dünkt, der wird diese Theorie des 
Traumes in der Schilderung von Binz*) ausgedrückt finden (p. 43): 
?? „Dieser Zustand (von Erstarrung) aber geht in den frühen 
Morgenstunden nur allmählich seinem Ende entgegen. • Immer geringer 
werden die in dem Gehirneiweiß aufgehäuften ErmüdungsstofFe und 
immer mehr von ihnen wird zerlegt oder von dem rastlos treibenden 
Blutstrom fortgespült. Da und dort leuchten schon einzelne Zellenhaufen 
wach geworden hervor, während ringsumher noch alles in Erstarrung 
ruht Es tritt nun die isolierte Arbeit der Einzelgruppen 
vor unser umnebeltes Bewußtsein, und zu ihr fehlt die Kontrolle 
anderer, der Assoziation vorstehender Gehimteile. Darum fügen die 
geschaffenen Bilder, welche meist den materiellen Eindrücken nahe- 
liegender Vergangenheit entsprechen, sich wild und regellos aneinander. 
Immer größer wird die Zahl der freiwerdenden Gehirnzellen, immer 
geringer die Unvernunft des Traumes." 

Man wird die Auffassung des Träumens als eines unvollständigen, 
partiellen Wachens oder Spuren von ihrem Einflüsse, sicherlich bei 
allen modernen Physiologen und Philosophen finden. Am ausfUhr- 



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Theorie des partiellen Schlafes der Seele. 55 

lichsten ist sie bei Mau ry^'^) dargestellt. Dort hat es oft den Anschein, 
als stellte sich der Autor das Wachsein oder Eingeschlafensein nach 
anatomischen Regionen verschiebbar vor, wobei ihm allerdings eine 
anatomische Provinz und eine bestimmte psychische Funktion an- 
einander gebunden erscheinen. Ich möchte hier aber nur andeuten, 
daß, wenn die Theorie des partiellen Wachens sich bestätigte, über 
den feineren Ausbau derselben sehr viel zu verhandeln wäre. 

^^Eine Funktion des Traumes kann sich bei dieser Auffassung des 
Traumlebens natürlich nicht herausstellen. Vielmehr wird das Urteil 
über die Stellung und Bedeutung des Traumes konsequenterweise 
durch die Äußerung von Binz gegeben (p. 357): „Alle Tatsachen, 
wie wir sehen, drängen dahin, den Traum als einen körperlichen, 
in allen Fällen unnützen, in vielen Fällen geradezu krankhaften Vor- 
gang zu kennzeichnen ..." 

Der Ausdruck „körperlich" mit Beziehung auf den Traum, der 
seine Hervorhebung dem Autor selbst verdankt, weist wohl nach 
mehr als einer Richtung, Er bezieht sich zunächst auf die Traum- 
ätiologie, die ja Binz besonders nahe lag, wenn er die experimen- 
telle Erzeugung von Träumen durch Darreichung von Giften studierte. 
Es liegt nämlich im Zusammenhange dieser Art von Traumtheorien, 
die Anregung zum Träumen womöglich ausschließlich von soma- 
tischer Seite ausgehen zu lassen. In extremster Form dargestellt, 
lautete es so: Nachdem wir durch Entfernung der Reize uns in 
Schlaf versetzt haben, wäre zum Träumen kein Bedürfnis und kein 
Anlaß bis zum Morgen, wo das allmähliche Erwachen durch die neu 
anlangenden Reize sich in dem Phänomen des Träumens spiegeln 
könnte. Nun gelingt es aber nicht, den Schlaf reizlos zu halten; es 
kommen, ähnlich wie Mephisto von den Lebenskeimen klagt, von 
überall her Reize an den Schlafenden heran, von außen, von innen, 
von all den Körpergebieten sogar, um die man sich als Wachender 
nie gekümmert hat. So wird der Schlaf gestört, die Seele bald an 
dem, bald an jenem Zipfelchen wach gerüttelt und funktioniert dann 
ein Weilchen mit dem geweckten Teil, froh wieder einzuschlafen. Der 
Traum ist die Reaktion auf die durch den Reiz verursachte Schlaf- 
störung, übrigens eine rein überflüssige Reaktion. 

S'i' Den Traum, der doch immerhin eine Leistung des Seelenorgans 
bleibt, als einen körperlichen Vorgang zu bezeichnen, hat aber auch 
noch einen anderen Sinn. Es ist die Würde eines psychischen Vor- 
ganges, die damit dem Traume abgesprochen werden soll. Das in 
seiner Anwendung auf den 'l'raum bereits sehr alte Gleichnis von 
den „zehn Fingern eines der Musik ganz unkundigen Menschen, die 
über die Tasten des Instrumentes hinlaufen" veranschaulicht vielleicht 
am besten, welche Würdigung die Traumleistung bei den Vertretern 
der exakten Wissenschaft zumeist gefunden hat. Der Traum wird in 
dieser Auffassung etwas ganz und gar Undeutbares; denn wie sollten 



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56 I. Literatur der Traumprobleme. 

die zehn Finger des unmusikalischen Spielers ein Stück Musik pro- 
duzieren können? 

S^^ Es hat der Theorie des partiellen Wachens schon frühzeitig 
nicnt an Einwänden gefehlt. Burdach *^) meint 1830: „Wenn man 
sagt, der Traum sei ein partielles Wachen, so wird damit erstlich 
weder das Wachen, noch das Schlafen erklärt, zweitens nichts anderes 
gesagt, als daß einige Kräfte der Seele im Traume tätig sind, während 
andere ruhen. Aber solche Ungleichheit findet während des ganzen 
Lebens statt • . ." (p. 483). 

An die herrschende Traumtheorie, welche im Traume einen 
„körperlichen" Vorgang sieht, lehnt sich eine sehr interessante Auf- 
fassung des Traumes an, die erst 1866 von Robert^^) ausgesprochen 
wurde und die bestechend wirkt, weil sie für das Träumen eine 
Funktion, einen nützlichen Erfolg anzugeben weiß. Robert nimmt 
zur Grundlage seiner Theorie zwei Tatsachen der Beobachtung, bei 
denen w ir bereits in der Würdigung des Traummaterials verweilt haben 
(vgl. p. 12), nämlich daß man so häufig von den nebensächlichsten 
Eindrücken des Tages träumt, und daß man so selten die großen 
Interessen des Tages mit hinüberniramt. Robert behauptet sJiB aus- 
schließlich richtig: Es werden nie Dinge, die man voll ausgedacht 
hat, zu Traumerregern, immer nur solche, die einem unfertig im 
Sinne liegen oder den Geist flüchtig streifen (p. 10). — „Darum 
kann man meistens den Traum sich nicht erklären, weil die Ursachen 
desselben eben die nicht zum genügenden Erkennen des 
Träumenden gekommenen Öinneseindrücke des ver- 
flossenen Tages sind.^ Die Bedingung, daß ein Eindruck in 
den Traum gelange , ist also, entweder daß dieser Eindrück in seiner 
Verarbeitung gestört wurde, oder daß er als allzu unbedeutend auf 
solche Verarbeitung keinen Anspruch hatte. 

Der Traum stellt sich Robert nun dar „als ein körperlicher 
Ausscheidungsprozeß, der in seiner geistigen Reaktionserscheinung 
zum Erkennen gelangt'*. Träume sind Ausscheidungen von 
im Keime erstickten Gedanken. ?,Ein Mensch, dem man die 
Fähigkeit nehmen würde, zu träumen, müßte in gegebener Zeit geistes- 
gestört werden, weil sich in seinem Hirn eine Unmasse unfertiger, 
unausgedachter Gedanken und seichter Eindrücke ansammeln würde, 
unter deren Wucht dasjenige ersticken müßte, was dem Gedächtnisse 
als fertiges Ganzes einzuverleiben wäre." Der Traum leistet dem 
überbürdeten Gehirn die Dienste eines Sicherheitsvectils. Die Träume 
haben heiTende, entlastende Kraft (p. 32). 

\'^ Es wäre mißverständlich, an Robert die Frage zu richten, 
wie denn durch das Vorstellen im Traume eine Entlastung der Seele 
herbeigeführt werden kann. Der Autor schließt offenbar aus jenen 
beiden Eigentümlichkeiten des Traummaterials, daß während des 
Schlafes eine solche Ausstoßung von wertlosen Eindrücken irgend- 
w^ie als somatischer Vorgang vollzogen werde, und das Träumen ist 



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Theorien von Robert und Delage. 57 

kein besonderer psychischer Prozeß, sondern nur die Kunde, die wir 
von jener Aussonderung erhalten. Übrigens ist eine Ausscheidung 
nicht das einzige, was nachts in der Seele vorgeht. Robert fügt 
selbst hinzu, daß überdies die Anregungen des Tages ausgearbeitet 
werden und, pwas sich von dem unverdaut im Geiste liegenden Ge- 
dankenstoff nicht ausscheiden läßt, wird durch der Phantasie ent- 
lehnte Gedankenfäden zu einem abgerundeten Ganzen 
verbunden und so dem Gedächtnisse als unschädliches Phantasie- 
gemälde eingereiht'^ (p. 23). 

In den schroffsten Gegensatz zur herrschenden Theorie tritt die 
Roberts aber in der Beurteilung der Traumquellen. Während dort 
überhaupt nicht geträumt würde, wenn nicht die äußeren und inneren 
Sensationsreize die Seele immer wieder weckten, liegt der Antrieb 
zum Träumen nach der Theorie Roberts in der Seele selbst, in ihrer 
Überladung, die nach Entlastung verlangt, und Robert urteilt voll- 
kommen konsequent, daß die im körperlichen Befinden liegenden 
traumbedingenden Ursachen einen untergeordneten Rang einnehmen, 
und einen Geist, in dem kein dem wachen Bewußtsein entnommener 
Stoff zur Traumbildung wäre, keinesfalls zum Träumen veranlassen 
könnten. Zuzugeben sei bloß, daß die im Traume aus den Tiefen 
der Seele heraus sich entwickelnden Phantasiebilder durch die Nerven- 
reize beeinflußt werden können (p. 48). So ist der Traum nach 
Robert doch nicht so ganz abhängig vom Somatischen, er ist zwar 
kein psychischer Vorgang, hat keine Stelle unter den psychischen 
Vorgängen des Wachens, er ist ein allnächtlicher somatischer Vor- 
gang am Apparat der Seelentätigkeit und hat eine Funktion zu er- 
füllen, diesen Apparat vor Überspannung zu behüten oder wenn man 
das Gleichnis wechseln darf: die Seele auszumisten. 

?f Auf die nämlichen Charaktere des Traumes, die in der Aus- 
wahl des Traummaterials deutlich werden, stützt ein anderer Autor, 
Yves Delage,^^) seine eigene Theorie, und es ist lehrreich zu be- 
obachten, wie durch eine leise Wendung in der Auffassung derselben 
Dinge ein Endergebnis von ganz anderer Tragweite gewonnen wird. 

U Delage hatte an sich selbst, nachdem er eine ihm teure Person 
durch den Tod verloren, die Erfahrung gemacht, daß man von dem 
nicht träumt, was einen tagsüber ausgiebig beschäftigt hat, oder 
erst dann, wenn es anderen Interessen tagsüber zu weichen beginnt. 
Seine Nachforschungen bei anderen Personen bestätigten ihm die 
Allgemeinheit dieses Sachverhaltes. Eine schöne Bemerkung dieser 
Art, wenn sie sich als allgemein richtig herausstellte, macht Delage 
über das Träumen junger Eheleute: „S'ils ont 6t6 fortement 6pris, 
pr^que jamais ils n'ont rev6 Tun de Tautre avant le mariage ou 
pendiant la lune de miel; et sils ont rev6 d'amour c'est pour etre 
infideles avec quelque personne indifferente ou odieuse/ Wovon träumt 
man nun aber? Delage erkennt das in unseren Träumen vor- 
kommende Material als bestehend aus Bruchstücken und Resten von 



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58 I. Literatur der Traamprobleme. 

Eindrücken der letzten Tage und früherer Zeiten. Alles was in 
unseren Träumen auftritt, was wir zuerst geneigt sein mögen, als 
Schöpfung des Traumlebens anzusehen, erweist sich bei. genauerer 
Prüfung als unerkannte Reproduktion, als „souvenir inconscient". Aber 
dieses Vorstellungsmaterial zeigt einen gemeinsamen Charakter, es rührt 
von Eindrücken her, die unsere Sinne wahrscheinlich stärker be- 
troffen haben als unseren Geist, oder von denen die Aufmerksamkeit 
sehr bald nach ihrem Auftauchen wieder abgelenkt wurde. Je weniger 
bewußt und dabei je stärker ein Eindruck gewesen ist, desto mehr 
Aussicht hat er, im nächsten Traume eine Rolle zu spielen. 

^ ' Es sind im wesentlichen dieselben zwei Kategorien von Ein- 
drücken, die nebensächlichen und die unerledigten, wie sieRobert^^) 
hervorhebt, aber Delage wendet den Zusammennang anders, indem 
er meint, diese Eindrücke werden nicht, weil sie gleichgültig sind, 
traumfkhig, sondern weil sie unerledigt sind. Auch die nebensächlichen 
Eindrücke sind gewissermaßen nicht voll erledigt worden, auch sie 
sind ihrer Natur nach als neue Eindrücke „autant de ressorts tendus", 
die sich während des Schlafes entspannen werden. Noch mehr An- 
recht auf eine Rolle im Traume als der schwache und fast unbeachtete 
Eindruck wird ein starker Eindruck haben, der zufllUig in seiner 
Verarbeitung aufgehalten wurde oder mit Absicht zurückgedrängt 
worden ist Die tagsüber durch Hemmung und Unterdrückung auf- 
gespeicherfe psychische Energie wird nachts die Triebfeder des 
Traumes. Im Traume kommt das psychisch Unterdrückte zum 
Vorschein.*) 

t'^^Leider bricht der Gedankengang von Delage an dieser Stelle 
ab; er kann einer selbständig en psychischen Tätigke it im T raume 
nur die geringste Rolle einräumen, und so schließter sich mit seine^' 
Traumtheorie unvermittelt wieder an die herrschende Lehre vom 

Sartiellen Schlafen des Gehirns an: „En somme le reve est le produit 
e la pensÄe errante, sans but et sans direction, se fixant successive- 
ment sur les Souvenirs, qui ont gard6 assez d'intensit6 pour se plaeer 
sur sa route et TarrSter au passage, ^tablissant entre eux un lien 
tantöt faible et ind^cis, tantot plus fort et plus serr6, selon que 
Facti vit6 actuelle du cerveau est plus ou moins abolie par le sommeü.*^ 
Zu einer dritten Gruppe kann man jene Theorien des Traumes 
vereinigen, welche der träumenden Seele die Fähigkeit und Neigung 
zu besonderen psychischen Leistungen zuschreiben, die sie im Wachen 
entweder gar nicht oder nur in unvollkommener Weise ausfahren 
kann. Aus der Betätigung dieser Fähigkeiten ergibt sich zumeist 
eine nützliche Funktion des Traumes. Die Wertschätzungen, welche 
der Traum bei älteren psychologischen Autoren gefunden hat, gehören 

'^) [Ganz ähnlich äußert sich der Dichter Anatole France (Lya rong^e): Ce 
que nons yojons la nuit, ce Bont les restes malheareax de ce que noas avons n^* 
gllge dans la reille. Le reve est souvent la revanche des choses qu^on meprise ou 
le reproche des etres abandonn^s.] 



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Die Theorie Scherners. 59 

meist in diese Reihe. Ich will mich aber damit begnügen, an deren 
Statt die Äußerung von Burdach ^) anzuftihren, derzufolge der 
Traum „die Naturtätigkeit der Seele ist, welche nicht durch die 
Macht der Individualität beschränkt, nicht durch Selbstbewußtsein 
gestört, nicht durch Selbstbestinmiung gerichtet wird, sondern die in 
freiem Spiele sich ergehende Lebendigkeit der sensiblen Zentralpunkte 
ist^ (p. 486), 

Dieses Schwelgen im freien Gebrauche der eigenen Kräfte stellen 
sich Burdach u. a. oflFenbar als einen Zustand vor, in welchem 
die Seele sich erfrischt und neue Kräfte für die Tagesarbeit sammelt, 
also etwa nach Art eines Ferienurlaubes. Burdach zitiert und 
akzeptiert darum auch die liebenswürdigen Worte, in denen der Dichter 
Novalis das Walten des Traumes preist: „Der Traum ist eine 
Schutzwehr gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens, 
eine fi^ie Erholung der gebundenen Phantasie, wo sie alle Bilder 
des Lebens durcheinander wirft und die beständige Ernsthaftigkeit 
des erwachsenen Menschen durch ein fröhliches Kinderspiel unter- 
bricht; ohne die Träume würden wir gewiß fillher alt, und so kann 
man den Traum, wenn auch nicht als unmittelbar von oben gegeben, 
doch als eine köstliche Aufgabe, als einen freundlichen Begleiter auf 
der Wallfahrt zum Grabe betrachten." 

f ;^ Die erfrischende und heilende Tätigkeit des Traumes schildert 
noch eindringlicher Purkinje^^) (p. 456): „Besonders würden die 
produktiven Träume diese Funktionen vermitteln. Es sind leichte 
Spiele der Imagination, die mit den Tagesbegebenheiten keinen Zu- 
sammenhang haben. Die Seele will die Spannungen des wachen 
Lfcbens nicht fortsetzen, sondern sie auflösen, sich von ihnen erholen. 
Sie erzeugt zuvörderst denen des Wachens entgegengesetzte Zustände. 
Sie heilt Traurigkeit durch Freude, Sorgen durch Hofeungen und 
heitere zerstreuende Bilder, Haß durch Liebe und Freundlichkeit, 
Furcht durch Mut und Zuversicht; den Zweifel beschwichtigt sie 
durch Überzeugung und festen Glauben, vergebliche Erwartung durch 
Erfüllung. Viele wunde Stellen des Gemütes, die der Tag immer- 
während offen erhalten würde, heilt der Schlaf, indem er sie zudeckt 
und vor neuer Aufregung bewahrt. Darauf beruht zum Teil die 
schmerzenheilende Wirkung der Zeit." Wir empfinden es alle, daß 
der Schlaf eine Wohltat für das Seelenleben ist, und die dunkle 
Ahnung des Volksbewußtseins läßt sich oflfenbar das Vorurteil nicht 
rauben, daß der Traum einer der Wege ist, auf denen der Schlaf 
seine Wohltaten spendet. 

Der originellste und weitgehendste Versuch, den Traum aus 
einer besonderen Tätigkeit der Seele, die sich erst im Schlafzustand 
frei entfalten kann, zu erklären, ist der von Scherner^^) 1861 imter- 
nommene. Das Buch Scherners, in einem schwülen und schwül- 
stigen Stil geschrieben, von einer nahezu trunkenen Begeisterung für 
den Gegenstand getragen, die abstoßend wirken muß, wenn sie nicht 



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60 I. Literatur der Traumprobleme. 

mit sich fortzureißen vermag, setzt einer Analyse solche Schwierig- 
keiten entgegen, daß wir bereitwillig nach der klareren und kürzeren 
Darstellung greifen, in welcher der Philosoph Volkelt^^) die Lehren 
Scherners uns vorführt. „Es blitzt und leuchtet wohl aus den 
mystischen Zusammenballungen, aus all dem Pracht- und Glanzgewoge 
ein ahnungsvoller Schein von Sinn heraus, allein hell werden hie- 
durch des Philosophen Pfade nicht. '^ Solche Beurteilung findet die 
Darstellung Scherners selbst bei seinem Anhänger. 

'^3'* Scherner gehört nicht zu den Autoren, welche der Seele ge- 
statten, ihre Fähigkeiten unverringert ins Traumleben mitzunehmen. 
Er führt selbst aus, wie im Traume die Zentralität, die Spontanenergie 
des Ich entnervt wird, wie infolge dieser Dezentralisation Erkennen, 
Fühlen, Wollen und Vorstellen verändert werden, und wie den Über- 
bleibseln dieser Seelenkräfte kein wahrer Geistcharakter, sondern nur 
noch die Natur eines Mechanismus zukommt. Aber dafür schwingt 
sich im Traume die als Phantasie zu beneimende Tätigkeit der 
Seele, ^^ von aller Verstandesherrschaft und damit der strengen 
Maße K3ig, zur unbeschränkten Herrschaft auf. Sie nimmt zwar 
die letzten Bausteine aus dem Gedächtnis des Wachens, aber führt 
aus ihnen Gebäude auf, die von den Gebilden des Wachens himmel- 
weit verschieden sind, sie zeigt sich im Traume nicht nur reproduktiv, 
sondern auch produktiv. Ihre Eigentümlichkeiten verleihen dem 
Traumleben seine liesonderen Charaktere. Sie zeigt eine Vorliebe 
für das Ungemessene, Übertriebene, Ungeheuerliche. 
Zugleich aber gewinnt sie durch die Befreiung von den hinderlichen 
Denkkategorien eine größere Schmiegsamkeit, Behendigkeit, Wendungs- 
lust; sie ist aufs feinste empfindsam für die zarten Stinmiungsreize 
des Gemüts, für die wühlerischen Affekte, sie bildet sofort das innere 
Leben in die äußere plastische Anschaulichkeit hinein. Der Traum- 
phantasie fehlt d i eB e g r i f f s sprach e : was sie sagen will, muß 
sie anschaulich hinmalen^ und da der Begriff hier nicht schwächend 
einwirkt, malt sie es in Fülle, Kraft und Größe der Anschauungs- 
form hin. Ihre Sprache wird hiedurch, so deutlich sie ist, weitläufige 
schwerfällig, unbeholfen. Besonders erschwert wird die Deuthchkeit 
ihrer Sprache dadurch, daß sie die Abneigung hat, ein Objekt durch 
sein eigentliches Bild auszudrücken und lieber ein fremdes Bild 
wählt, insofern dieses nur dasjenige Moment des Objekts, an dessen 
Darstellung ihr liegt, durch sich auszudrücken im stände ist. Das 
ist die sjmbolisierend^e Tätigkeit der Phantasie . . • Sehr 
wichtig ^sr ferner, daß die Traumphantasie die Gegenstände nicht 
erschöpfend, sondern nur in ihrem Umriß und diesen in freiester 
Weise nachbildet. Ihre Malereien erscheinen daher wie genial hin- 
gehaucht. Die Traumphantasie bleibt aber nicht bei der bloßen 
Hinstellung des Gegenstandes stehen, sondern sie ist innerlich genötigt^ 
das Traum-Ich mehr oder weniger mit ihm zu verwickehi und so 
eine Handlung zu erzeugen. Der Gesichtsreiztraum z. B. malt Gold- 



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Die Traumphantasie. 61 

stücke auf die Straße; der Träumer sammelt sie, freut sich, trägt 
sie davon. 

^' Das Material, an welchem die Traumphantasie ihre künstleiische 
Tätigkeit vollzieht, ist nach Scherner vorwiegend das der, bei 
Tag so dunklen, organischen Leibreize (vgl. p. 25), so daß in der 
Annahme der Traumquellen und Traumerreger die allzu phantastische 
Theorie Scherners und die vielleicht übernüchterne Lehre W u n d t s 
und anderer Physiologen, die sich sonst wie Antipoden zueinander 
verhalten, sich hier völlig decken. Aber während nach der physio- 
logischen Theorie die seelische Reaktion auf die inneren Leibreize 
mit der Erweckung von irgend zu ihnen passenden Vorstellungen 
erschöpft ist, die dann einige andere Vorstellungen auf dem Wege 
der Assoziation sich zur Hilfe rufen, und mit diesem Stadium die 
Verfolgung der psychischen Vorgänge des Traumes beendigt scheint, 
geben die Leibreize nach Scherner der Seele nur ein Material, 
das sie ihren phantastischen Absichten dienstbar machen kann. Die 
Traumbildung fkngt fllr Scherner dort erst an, wo sie für den 
Blick der anderen versiegt. 

Zweckmäßig wird man freilich nicht finden können, was die 
Traumphantasie mit den Leibreizen vornimmt. Sie treibt ein neckendes 
Spiel mit ihnen, stellt sich die Organquelle, aus der die Reize im 
betreflfenden Traume stammen, in irgend einer plastischen Symbolik 
vor. Ja Scherner meint, worin Volkelt und andere ihm nicht 
folgen, daß die Traumphantasie eine bestimmte Lieblingsdarstellung 
für den ganzen Organismus habe; diese wäre das Haus. Sie scheint 
sich aber zum Glück für ihre Darstellungen nicht an diesen Stoff zu 
binden; sie kann auch umgekehrt ganze Reihen von Häusern benützen, 
um ein einzelnes Organ zu bezeichnen, z. B. sehr lange Häuserstraßen 
für den Eingeweidereiz. Andere Male stellen einzelne Teile des Hauses 
wirklich einzelne Körperteile dar, so z. B. im Kopfschmerztraum die 
Decke eines Zimmers (welche der Träumer mit ekelhaften kröten- 
artigen Spinnen bedeckt sieht) den Kopf. 

;/:' Von der Haussymbolik ganz abgesehen, werden beliebige andere 
Gegenstände zur Darstellung der den Traumreiz ausschickenden 
Körperteile verwendet. „So findet die atmende Lunge in dem 
flammenerftlllten Ofen mit seinem luftartigen Brausen ihr Symbol, 
das Herz in hohlen Kisten und Körben, die Harnblase in runden 
beuteiförmigen oder überhaupt nur ausgehöhlten Gegenständen. Der 
mämüiche Geschlechtsreiztraum läßt den Träumer den oberen Teil 
einer Klarinette, daneben den gleichen Teil einer Tabakspfeife, daneben 
wieder einen Pelz auf der Straße finden. Klarinette und Tabaks- 
pfeife stellen die annähernde Form des männlichen Gliedes, der Pelz 
das Schamhaar dar. Im weiblichen Geschlechtstraume kann sich die 
Schrittenge der zusammenschließenden Schenkel durch einen schmalen, 
von Häusern umschlossenen Hof, die weibliche Scheide durch einen 
mitten durch den Hofraum führenden, schlüpfrig weichen, sehr schmalen 



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62 I. Literatur der Tranmprobleme. 

Faßpfad symbolisieren, den die Träumerin wandeln muß, um etwa 
einen Brief zu einem Herrn zu tragen" (Volkelt p. 39), Besonders 
wichtig ist es, daß am Schlüsse eines solchen Leibreiztraumes die 
Traumphantasie sich sozusagen demaskiert, indem sie das erregende 
Organ oder dessen Funktion unverhttllt hinstellt. So schließt der 
„Zahnreiztraum" gewöhnlich damit, daß der Träumer sich einen Zahn 
aus dem Munde nimmt. 

f > Die Traumphantasie kann ihre Aufmerksamkeit aber nicht bloß 
der Form des erregenden Organs zuwenden, sie kann ebensowohl 
die in ihm enthaltene Substanz zum Objekt der Symbolisierung nehmen. 
So führt z. B. der Eingeweidereiztraum durch kotige Straßen, der 
BLarnreiztraum an schäumendes Wasser. Oder der Reiz als solcher, 
die Art seiner Erregtheit, das Objek t, das er begehrt^^ werden sym- 
bolisch dargestellt oder das Traum-Ich tritt in konkrete Verbindung 
mit den Symbolisierungen des eigenen Zustandes, z« B. wenn wir bei 
Schmerzreizen uns mit beißenden Hunden oder tobenden Stieren ver- 
zweifelt balgen oder die Träumerin sich im Geschlechtstraume von 
einem nackten Manne verfolgt sieht. Von all dem möglichen 
Reichtum in der Ausführung abgesehen, bleibt eine symbolisierende 
Phantasietätigkeit als die Zentralkraft eines jeden Traumes bestehen. 
In den Charakter dieser Phantasie näher einzudringen, der so erkannten 
psychischen Tätigkeit ihre Stellung in einem System philosophischer 
Gedanken anzuweisen, versuchte dann Volkelt'*) in seinem schön 
und warm geschriebenen Buche, das aber allzu schwer verständlich 
für jeden bleibt, der nicht durch frühe Schulung ftlr das ahnungsvolle 
Erfassen philosophischer Begriffsschemen vorbereitet ist. 

Eine nützliche Funktion ist mit der Betätigung der symboli- 
sierenden Phantasie Scherner's in den Träumen nicht verbunden. 
Die Seele spielt träumend mit den ihr dargebotenen Reizen. Man 
könnte auf die Vermutung kommen, daß sie unartig spielt. Man 
könnte aber auch an uns die Frage richten, ob unsere eingehende 
Beschäftigung mit Scherners Thorie des Traumes zu irgend 
etwas Nützlichem fllhren kann, deren Willkürlichkeit und Los- 
gebundenheit von den Regeln aller Forschung doch allzu augenfkllig 
scheint. Da wäre es denn am Platze, gegen eine Verwerfung der 
Lehre Scherners vor aller Prüfung als allzu hochmütig ein Veto 
einzulegen. Diese Lehre baut sich auf dem Eindruck auf, den 
jemand von seinen Träumen empfing, der ihnen große Aufmerksam- 
keit schenkte, und der persönlich sehr wohl verlanlagt scheint, dunklen 
seelischen Dingen nachzuspüren. Sie handelt femer von einem Gegen- 
stand, der den Menschen durch Jahrtausende rätselhaft, wohl aber 
zugleich inhalts- und beziehungsreich erschienen ist, und zu dessen 
Erhellung die gestrenge Wissenschaft, wie sie selbst bekennt, nicht 
viel anderes beigetragen hat, als daß sie im vollen Gegensatz zur 
populären Empfindung dem Objekt Inhalt und Bedeutsamkeit abzu- 
sprechen versuchte. Endlich wollen wir uns ehrlich sagen, daß es 



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Beziehungen zwischen Traum und Psychosen. 63 

den Anschein hat, wir könnten bei den Versuchen, den Traum auf- 
zuklären, der Phantastik nicht leicht entgehen. Es gibt auch Gan- 
glienzellen-Phantastik ; die p. 64 zitierte Stelle eines nüchternen \md 
exakten Forschers wie Binz, *) welche schildert, wie die Aurora des 
Erwachens über die eingeschlafenen Zellhaufen der Hirnrinde hin- 
zieht, steht an Phantastik und an — Unwahrscheinlichkeit hinter den 
Sehe rner sehen Deutungsversuchen nicht zurück. Ich hoffe zeigen 
zu können, daß hinter den letzteren etwas Reelles steckt, das aller- 
dings nur verschwommen erkannt worden ist und nicht den Charakter 
der Allgemeinheit besitzt, auf den eine Theorie des Traumes Anspruch 
erheben kann. Vorläufig kann uns die Sehern er sehe Theorie des 
Traumes in ihrem Gegensatz zur medizinischen etwa vor Augen 
führen, zwischen welchen Extremen die Erklärung des Traumlebens 
heute noch unsicher schwankt. 

^'1 h) Beziehungen zwischen Traum und Geistes- 
krankheiten. 

Wer von den Beziehungen des Traumes zu den Geistesstörungen 
spricht, kann dreierlei meinen: 1, ätiologische und klinische Be- 
ziehungen, etwa wenn ein Traum einen psychotischen Zustand ver- 
tritt, einleitet oder nach ihm erübrigt. 2. Veränderungen, die das 
Traumleben im Falle der Geisteskrankheiten erleidet. 3. Innere Be- 
ziehungen zwischen Traum und Psychosen, Analogien, die auf Wesens- 
verwandtschaft hindeuten. Diese mannigfachen Beziehungen zwischen 
den beiden Reihen von Phänomenen sind in früheren Zeiten der 
Medizin — und in der Gegenwart von neuem wieder — ein Lieblings- 
thema ärztlicher Autoren gewesen, wie die bei Spitta^^), Bade- 
st o c k ^*), M a u r y * **) und T i s s i 6 ^^) gesammelte Literatur des 
Gegenstandes lehrt. Jüngst hat Sante de Sanctis ^^), ^^) diesem 
Zusammenhange seine Aufmerksamkeit zugewendet. Dem Interesse 
unserer Darstellung wird es genügen, den bedeutsamen Gegenstand 
bloß zu streifen. 

Zu den klinischen und ätiologischen Beziehungen zwischen 
Traum und Psychosen will ich folgende Beobachtungen als Paradig- 
mata mitteilen. Hohnbaum berichtet (bei Krauss^^), daß der 
erste Ausbruch des Wahnsinns sich öfters von einem ängstlichen 
schreckhaften Traume herschrieb, und daß die vorherrschende Idee 
mit diesem Traume in Verbindung stand. Sante de Sanctis bringt 
ähnliche Beobachtungen von Paranoischen und erklärt den Traum in 
einzelnen derselben für die „vraie cause d6terminante de la folie'^. 
Die Psychose kann mit dem wirksamen, die wahnhafte Erklärung 
enthaltenden Traum mit einem Schlage ins Leben treten oder sich 
durch weitere Träume, die noch gegen Zweifel anzukämpfen haben, 
langsam entwickeln. In einem Falle von de Sanctis schlössen sich 
an den ergreifenden Traum leichte hysterische Anßllle, dann in 
weiterer Folge ein ängstlich-melancholischer Zustand. F6r6 (bei 
Tissiö) berichtet von einem Traume, der eine hysterische Lähmung 



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64 I. Literatur der Tranmprobleme. 

zur Folge hatte. Hier wird uns der Traum als Ätiologie der Geistes- 
störung vorgeführt, obwohl wir dem Tatbestand ebenso Rechnung 
tragen, wenn wir aussagen, die geistige Störung habe ihre erste 
Äußerung am Traumleben gezeigt, sei im Traume zuerst durchge- 
brochen. In anderen Beispielen enthält das Traumleben die krank- 
haften Symptome, oder die Psychose bleibt aufs Traumleben einge- 
schränkt So macht Thomayer'*^) auf Angstträume aufmerksam, 
die als Äquivalente von epileptischen Anfällen aufgefaßt werden 
müssen. A 1 1 i s o n hat nächtliche Geisteskrankheit (noctumal insanity) 
beschrieben (nach Radestock), bei der die Individuen tagsüber an- 
scheinend voUkonmien gesund sind, während bei Nacht regelmäßig 
Halluzinationen, Tobsuchtsanfälle u. dgl. auttreten. Ähnliche Beobachtungen 
bei de Sanctis (paranoisches Traumäquivalent bei einem Alkoholiker, 
Stimmen, die die Ehefrau der Untreue beschuldigen); bei Tissi6- 
T i s s i 6 bringt aus neuerer Zeit eine reiche Anzahl von Beobachtungen, in 
denen Handlungen pathologischen Charakters (aus Wahnvoraussetzungen, 
Zwangimpulse) sich aus Träumen ableiten. Guislain beschreibt 
einen Fall, in dem der Schlaf durch ein intermittierendes Irresein er- 
setzt war. 

^*? Es ist wohl kein Zweifel, daß eines Tages neben der Psycho- 
logie des Traumes eine Psychopathologie des Traumes die Ärzte be- 
schäftigen wird. 

Besonders deutlich wird es häufig in Fällen von Genesung nach 
Geisteskrankheit, daß bei gesunder Funktion am Tage das Traum- 
leben noch der Psychose angehören kann. Gregory soll auf dieses 
Vorkommen zuerst aufmerksam gemacht haben (nach Krauss ^^). 
Macario (bei Tissi6) erzählt' von einem Maniacus, der eine Woche 
nach seiner völligen Herstellung in Träumen die Ideenflucht und die 
leidenschaftlichen Antriebe seiner Krankheit wieder erlebte. 

^^Über die Veränderungen, welche das Traumleben bei dauernd 
Psychotischen erfährt, sind bis jetzt nur sehr wenige Untersuchungen 
angestellt worden. Dagegen hat die innere Verwandtschaft zv^ischen 
Traum und Geistesstörung, die sich in so weitgehender Überein- 
stimmung der Erscheinungen beider äußert, frühzeitig Beachtung gc:;^ 
funden. Nach Maury^^) hat zuerst Cabanis in seinen Rapports 
du physique et du moral auf sie hingewiesen, nach ihm L61 ut, J. 
Moreau und ganz besonders der Philosoph Maine de Biran. 
Sicherlich ist die Vergleichung noch älter. Radestock ^*) leitet das 
Kapitel, in dem er sie behandelt, mit einer Sammlung von Aussprüchen 
ein, welche Traum und Wahnsinn in Analogie bringen. Kant sagt 
an einer Stelle: ^Der Verrückte ist ein Träumer im Wachen.^ 
Kr aus s: „Der Wahnsinn ist ein Traum innerhalb des Sinnish Wach- 
seins." Schopenhauer nennt den Traum einen kurzen Wahnsinn 
und den Wahnsinn einen langen Traum. Hagen bezeichnet das Deli- 
rium als Traumleben, welches nicht durch Schlaf, sondern durch 
Krankheiten herbeigeführt ist. Wundt äußert in der „Physiologischen 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Traum und Psychose. — Die Wunscherfiillung. 65 

Psychologie:" „In der Tat können wir im Traume fast alle Erschei- 
nungen, die uns in den Irrenhäusern begegnen, selber durchleben." 
;t Die einzelnen Übereinstinmiungen, auf Grund deren eine solche 
Gleichstellung sich dem Urteil empfiehlt, zählt Spitta^*) (übrigens 
sehr ähnlich wie Maury) in folgender Reihe auf: „1. Aufhebung 
oder doch Retardation des Selbstbewußtseins, infolgedessen Unkenntnis 
über den Zustand als solchen, also Unmöglichkeit des Erstaunens, 
Mangel des moralischen Bewußtseins. 2. Modifizierte Perzeption der 
Sinnesorgane, und zwar im Traume verminderte, im Wahnsinn im 
allgemeinen sehr gesteigerte. 3. Verbindung der Vorstellungen unter- 
einander lediglich nach den Gesetzen der Assoziation und Reproduktion 
also automatische Reihenbildung, daher Unproportionalität der Ver- 
hältnisse zwischen den Vorstellungen (Übertreibungen, Phantasmen) 
und aus alle dem resultierend 4. Veränderung beziehungsweise Um- 
kehrung der Persönlichkeit und zuweilen der Eigentümlichkeiten des 
Charakters (Perversitäten)." 

Radestock fügt noch einige Züge hinzu, Analogien im Ma- 
terial: „Im Gebiete des Gesichts- und Gehörsinnes und des Gemein- 
geftlhls findet man die meisten Halluzinationen und Illusionen. Die 
wenigsten Elemente liefern wie beim Traume der Geruchs- und Ge- 
schmacksinn. — Dem Fieberkranken steigen in den Delirien wie dem 
Träumenden Erinnerungen aus langer Vergangenheit auf; was der 
Wachende und Gesunde vergessen zu haben schien, dessen erinnert 
sich der Schlafende und Kranke." — Die Analogie von Traum und 
Psychose erhält erst dadurch ihren vollen Wert, daß sie sich wie eine 
Familienähnlichkeit in die feinere Mimik und bis auf einzelne Auf- 
ßlUigkeiten des Gesichtsausdruckes erstreckt. 

„Dem von körperlichen und geistigen Leiden Gequälten gewährt 
der Traum, was die Wirklichkeit versagte : Wohlsein und Glück ; so 
heben sich auch bei dem Geisteskranken die lichten Bilder von Glück, 
Größe, Erhabenheit und Reichtum. Der vermeintliche Besitz von 
Gütern und die imaginäre Erfüllung von Wünschen, deren Verwei- 
gerung oder Vernichtung eben einen psychischen Grund des Irreseins 
abgaben, machen häufig den Hauptinhalt des Deliriums aus. Die Frau, 
die ein teures Kind verloren, deliriert in Mutterfreuden, wer Vermögens- 
verluste erlitten, hält sich für außerordentlich reich, das betrogene 
Mädchen sieht sich zärtlich geliebt." 

/ / (Diese Stelle R a d e s t o c k s ist die Abkürzung einer feinsinnigen 
Ausführung von Griesinger ^^) (p. 111), die mit aller Klarheit die 
Wunscherfüllung als einen dem Traume und der Psychose ge- 
meinsamen Charakter des Vorstellens enthüllt. Meine eigenen Unter- 
suchungen haben mich gelehrt, daß hier der Schlüssel zu einer 
psychologischen Theorie des Traumes und der Psychosen zu finden ist). 
„Barocke Gedankenverbindungen und Schwäche des Urteils sind 
es, welche den Traum und den Wahnsinn hauptsächlich charakterisieren.^ 
Die Überschätzung der eigenen geistigen Leistungen, die dem 

Frend, Traumdeutung. 3. Auf). "^ 



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66 I- Literatur der Traumprobleme. 

nttchtemen Urteil als unsinnig erscheinen, findet sioh hier wie dort; 
dem rapiden Vorstellungsverlauf des Traumes entspricht die 
Ideen flucht der Psychose. Bei beiden fehlt jedes Zeitmaß. Die 
Spaltung der Persönlichkeit im Traume, welche z. B. das 
eigene Wissen auf zwei Personen verteilt, von denen die fremde das 
eigene Ich im Traume korrigiert, ist völlig gleichwertig der bekannten 
Persönlichkeitsteilung bei halluzinatorischer Paranoia; auch der 
Träumer hört die eigenen Gedanken von fremden Stimmen vor- 
gebracht. Selbst für die konstanten Wahnideen findet sich eine Ana« 
logie in den stereotyp wiederkehrenden pathologischen Träumen (reve 
obs6dant)* — Nach der Genesung von einem Delirium sagen die 
Kranken nicht selten, daß ihnen die ganze Zeit ihrer Krankheit wie 
ein oft nicht unbehaglicher Traum erscheint, ja sie teilen uns mit, 
daß sie gelegentlich noch während der Krankheit geahnt haben, sie 
seien nur in einem Traume befangen, ganz wie es oft im Schlaibraume 
vorkoDunt. 

, Nach alledem ist es nicht zu verwundern, wenn Radestock 
seine wie vieler anderer Meinung in den Worten zusammenfaßt, daß 
^der Wahnsinn, eine anormale krankhafte Erscheinung^ als eine 
Steigerung des periodisch wiederkehrenden normalen Traumzustandes 
zu betrachten ist*' (p. 228). 

Noch inniger vielleicht, als es durch diese Analogie der sieh 
äußernden Phänomene möglich ist, hat Krauss^^)die Verwandtschaft 
von Traum und Wahnsinn in der Ätiologie (vielmehr: in den Er- 
regungsquellen) begründen wollen. Das beiden gemeinschaftliche 
Grundelement ist nach ihm, wie wir gehört haben, die organisch 
bedingte Empfindung, die Leibreizsensation, das durch Beiträge 
von allen Organen her zustande gekommene Gemeingeftthl (vgl. 
Peisse bei Maury*®), (p, 52). 

' T)ie nicht zu oestreitende, bis in charakteristische Einzelhdten 
reichende Übereinstimmung von Traum und Geistesstörung gehört zu 
den stärksten Stützen der medizinischen Theorie des Traumlebens, 
nach welcher sich der Traum als ein unn1U;zer und störender Vorgang 
und als Ausdruck einer herabgesetzten Se^entätigkeit darstellt* Man 
wird indes nicht erwarten können, die endgültige Aufklärung über 
den Traum von den Seelenstörungen her zu empfangen, wo es all- 
gemein bekannt ist, in welch unbefriedigendem Zustand unsere Eindcht 
in den Hergang der letzteren sich befindet. Wohl aber ist es wahr- 
scheinlich, daß eine veränderte Auffassung des Traumes unsere 
Meinungen über den inneren Mechanismus der Geistesstörungen m.it- 
beeinflussen muß, und so dürfen wir sagen, daß wir an der Aufklärung 
der Psychosen arbeiten, wenn wir uns bemühen, das Geheinmis des 
Traumes aufzuhellen. 

1 ' [Es bedarf einer Rechtfertigung, daß ich die Literatur der Traum- 
probleme nicht auch über den Zeitabschnitt vom ersten Erscheinen 



f^nonl^ Orrginaffnonn 

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Die Literatur seit 1900. 67 

bis zur zweiten Auflage dieses Buches tortgeftthrt habe. Dieselbe mag 
dem Leser wenig befriedigend erscheinen ; ich bin nichtsdestoweniger 
durch sie bestipimt worden. Die Motive, die mich überhaupt zu einer 
Darstellung der Behandlung des Traumes in der Literatur veranlaßt 
hatten, waren mit der vorstehenden Einleitung erschöpft, eine Fort- 
setzung dieser Arbeit hätte mich außerordentliche Beniühung gekostet 
und — sehr wenig Nutzen oder Belehrung gebracht. Denn der in 
Rede stehende Zeitraum von neun Jahren hat weder an tatsächlichem 
Material noch an Gesichtspunkten für die Auffassung des Traumes 
Neues oder Wertvolles gebracht. Meine Arbeit ist in den meisten seither 
veröffentlichten Publikationen unerwähnt und unberücksichtigt ge- 
blieben; am wenigsten Beachtung hat sie natürlich bei den sog. 
^ Traumforschern" gefunden, die von der dem wissenschaftlichen 
Menschen eigenen Abneigung, etwas Neues zu erlernen, hienait ein 
glänzendes Beispiel gegeben haben. „Lessavants ne sont pas curieux," 
meint der Spötter Anatole France. Wenn es in der Wissenschaft 
ein Recht zur Kevanche gibt, so wäre ich wohl berechtigt, auch 
meinerseits die Literatur seit dem Erscheinen dieses Buches zu ver- 
nachlässigen. Die wenigen Berichterstattungen, die sich in wissen- 
schaftlichen Journalen gezeigt haben, sind so voll von Unverstand und 
Mißverständnissen, daß ich den Kritikern mit nichts anderem als mit 
der Aufforderung, dieses Buch noch einmal zu lesen, antworten könnte. 
Vielleicht dürfte die Aufforderung auch lauten : es überhaupt zu lesen. 
/In den Arbeiten jener Arzte, welche sich zur Anwendung des 
ychoanalystischen Heilverfahrens entschlossen haben und anderer 
Jung, Abraham, Riklin, Muthmann, Stekel, Rank u. a.)^ 
sind reichlich Träume veröffentlicht und nach meinen Anweisungen 
gedeutet worden. Soweit diese Arbeiten über die Bestätigung meiner 
Aufstellungen hinausgehen, habe ich deren Ergebnisse in den Zu- 
sammenhang meiner Darstellung eingetragen. Ein Nachtrag zum 
Liiteraturverzeichnis am Ende dieses Buches stellt die wichtigsten 
dieser neueren Veröffentlichungen zusammen. Das reichhaltige Buch 
von Sante de Sanctis über die Träume, dem bald nach seinem 
Erscheinen eine Übersetzung ins Deutsche zu teil geworden ist, hat 
sich mit meiner ,^ Traumdeutung" zeitlich gekreuzt, so daß ich von 
ihm ebensowenig NotiÄ nehmen konnte wie der italienische Autor von 
mir. Ich mußte dann leider urteilen, daß seine fleißige Arbeit überaus 
arm an Ideen sei, so arm, daß man aus ihr nicht einmal die Mög- 
lichkeit der bei mir behandelten Probleme ahnen könnte. 

Ich habe nur zweier Erscheinungen zu gedenken, die nahe an 
meine Behandlung der Traumprobleme streifen. Ein jüngerer Philosoph, 
H. Swoboda, der es unternommen hat, die Entdeckung der bio- 
Ic^ischen Periodizität (in Reihen von 23 und 28 Tagen), die von 
Wilh. Fliess herrührt, auf das psychische Geschehen auszudehnen, 
hat in einer phantasievollen Schrift *) mit diesem Schlüssel unter 

*) H. Swoboda, Die Perioden des menscblichen Organismus, 1904. 

5* 



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C^ c\rsci\{^ Orfgfnaffrom 

:)y V.iUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



68 I« Literatur der Tranmprobleme. 

anderem auch das Rätsel der Träume gelöst. Die Bedeutung der 
Träume wäre dabei zu kurz gekommen ; das Inhaltsmaterial derselben 
würde sich durch das ZusammentreflFen all jener Erinnerungen er- 
klären, die in jener Nacht gerade eine der biologischen Perioden zum 
ersten- oder n-tenmal vollenden. Eine persönliche Mitteilung des Autors 
ließ mich zuerst annehmen, daß er selbst diese Lehre nicht mehr 
ernsthaft vertreten wolle. Es scheint, daß ich mich in diesem Schluß 
geirrt habe; ich werde an anderer Stelle einige Beobachtungen zu 
der Aufstellung S w o b o d a^s mitteilen, die mir aber ein überzeugendes 
Ergebnis nicht gebracht haben. Bei weitem erfreulicher war mir der 
Zufall, an unerwarteter Stelle eine Auffassung des Traumes zu finden, 
die sich mit dem Kern der meinigen völlig deckt. Die Zeitverhältnisse 
schließen die Möglichkeit aus, daß jene Äußerung durch die Lektüre 
meines Buches beeinflußt worden sei ; ich muß also in ihr die einzige 
in der Literatur nachweisbare Übereinstimmung eines unabhängig^i 
Denkers mit dem Wesen meiner Traumlehre begrüßen. Das Buch, 
in dem sich die von mir ins Auge gefaßte Stelle über das Träumen 
findet, ist 1900 in zweiter Auflage unter dem Titel „Phantasien eines 
Realisten^ von Lynkeus veröffentlicht worden. 



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IL 

Die Methode der Traumdeutung. 

/ ' ^" Die Analyse eines Traummasters. 

Die Überschrift, die ich meiner Abhandlung gegeben habe, 
läßt erkennen, an welche Tradition in der Auffassung der Träume 
ich anknüpfen möchte. Ich habe mir vorgesetzt, zu zeigen, daß 
Träume einer Deutung fkhig sind, und Beiträge zur Klärung der 
eben behandelten Traumprobleme werden sich mir nur als etwaiger 
Nebengewinn bei der Erledigung meiner eigentlichen Aufgabe ergeben 
können. ^ Mit der Voraussetzung, daß Träume deutbar sind, trete ich 
sofort in Widerspruch zu der herrschenden Traumlehre, ja zu allen 
Traumtheorien mit Ausnahme der Sehern ersehen, denn ;, einen 
Traum deuten^ heißt, seinen „Sinn" angeben, ihn durch etwas er- 
setzen, was sich als vollwichtiges, gleichwertiges Glied in die Ver- 
kettung unserer seelischen Aktionen einfügt. Wie wir erfahren haben, 
lassen aber die wissenschaftlichen Theoriea des Traumes für ein 
Problem der Traumdeutung keinen Raum, denn der Traum ist für 
sie überhaupt kein seelischer Akt, sondern ein somatischer Vorgang, 
der sich durch Zeichen am seelischen Apparat kundgibt. Anders 
hat sich zu allen Zeiten die Laienmeinung benommen. Sie bedient 
sich ihres guten Rechtes, inkonsequent zu verfahren, und obwohl sie 
zugesteht, der Traum sei unverständlich und absurd, kann sie sich 
doch nicht entschließen, dem Traume jede Bedeutung abzusprechen. 
Von einer dunklen Ahnung geleitet, scheint sie doch anzunehmen,! 
der Traum habe einen Siim, wiewohl einen verborgenen, er sei zum) 
Ersätze eines anderen Denkvorganges bestimmt, und es handle sich' 
nur darum, diesen Ersatz in richtiger Weise aufzudecken, um zur 
verborgenen Bedeutung des Traumes zu gelangen. 

Die Laienwelt hat sich darum von jeher bemüht, den Traum 
zu „deuten" und dabei zwei im Wesen verschiedene Methoden ver- 
sucht. Das erste dieser Verfahren faßt den Trauminhalt als Granzes 
ins Ange und sucht denselben durch einen anderen, verständHchen 
und in gewissen Hinsichten analogen Inhalt zu ersetzen. Dies ist die 
symbolische Traumdeutung; sie scheitert natürlich von vom- 



i^^nonl^ Orrginaffnonn 

:3yi^.:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



t '.^ 



70 n. Methode der Tranmdeatnng. 

herein an jenen Träumen, welche nicht bloß unverständlich, sondern 
auch verworren erscheinen. Ein Beispiel für ihr Verfahren gibt etwa 
die Auslegung, welche der biblische Josef dem Traume des Pharao 
angedeihen ließ. Sieben fette Kühe, nach denen sieben magere kommen, 
welche die ersteren aufzehren, das ist ein symbolischer Ersatz für die 
Vorhersagung von sieben Hungerjahren im Lande Ägypten, welche 
allen Überfluß aufzehren, den sieben fruchtbare Jahre gesciiaffen haben. 
Die meisten der artefiziellen Träume, welche von Dichtern geschaffen 
wurden, sind für solche symbolische Deutung bestimmt, denn sie geben 
den vom Dichter gefaßten Gedanken in einer Verkleidung wieder, 
die zu den aus der Erfahrung bekannten Charakteren unseres Träumens 
passend gefunden wird.*) Die Meinung, der Traum beschäftige sich 
vorwiegend mit der Zukunft, deren Gestaltung er im voraus ahne — 
ein Rest der einst den Träumen zuerkannten prophetischen Bedeutung 
— , wird dann zum Motiv, den durch symbolische Deutung gefundenen 
Sinn des Traumes durch ein „es wird'' ins Futurum zu versetzen. 
Wie man den Weg zu einer solchen symbolischen Deutung 
findet, dazu läßt sich eine Unterweisung natürlich nicht geben. Das 
Gelingen bleibt Sache des witzigen Einfalls, der unvermittelten In- 
tuition, und darum konnte die Traumdeutung mittels Symbolik sich 
zu einer KunstUbung erheben, die an eine besondere Begabung ge- 
bunden schien.**) Von solchem Anspruch hält sich die andere der 
populären Methoden der Traumdeutung völlig fem. Man könnte sie 
als die „ Chiffriermethode ** bezeichnen, da sie den Traum wie eine 
Art von Gehei mschrift behandelt, in der jedes Zeichen nach einem 
feststehenden Schlüssel in ein anderes Zeichen 'von bekannter Be- 
deutung übersetzt wird. Ich habe z. B. von einem Briefe geträumt, 
aber auch von einem Leichenbegängnis u. dgl. : ich sehe nun in 
einem „Traumbuche" nach und finde, daß „Briefe mit „Verdruß^, 
„Leichenbegängnis'^ mit „Verlobung'^ zu übersetzen ist. Es bleibt 
mir dann überlassen, aus den Schlagworten, die ich entziffert habe, 
einen Zusammenhang herzustellen, den ich wiederum als zukünftig 

♦) [In einer Novelle „Gradiva* des Dichters W. Jensen entdeckte ich 
zufällig mehrere artiiizieUe Träume, die roUkommen korrekt gebildet waren und sich 
deuten ließen, als wären sie nicht erfunden, sondern von realen Personen geträumt 
worden. Der Dichter bestätigte auf Anfrage von meiner Seite, dafi ihm meine 
Traumlehre fremd geblieben war. Ich habe diese UbereinstimniUDg zwischen meiner 
Forschung und dem Schaffen des Dichters als Beweis fUr die Richtigkeit meiner 
Traumanaljse verwertet. (^Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Qradiva*^, 
erstes Heft der von mir herausgegebenen „Schriften zur angewandten Seelen- 
kunde'i 1906. — Dr. Alfred Bobitsek hat dann gezeigt, daO der Traum des 
Helden in Goethe*s Egmont eine regelrechte Deutung zuläßt wie irgend ein 
selbsterlebter Traum (Die Analjse von Egmonts Traum, Jahrb. von Bleuler- 
Fr eud, IL Bd. 1910).] 

**) Nach Abschluß meines Manuskripts ist mir eine Schrift von Stumpf^^) 
zugegangen, die in der Absicht zu erweisen, der Traum sei sinnvoll und deutbar, mit 
meiner Arbeit zusammentrifft. Die -Deutung geschieht aber mittels einer allegori- 
Bierenden Symbolik ohne Gewähr für Allgemehigültigkeit des Verfahrens. 



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Die sjTnbolische und die ChiflFriermethode. 71 

hinnehme. Eine interessante Abänderung dieses Chifläierverfahrens, 
durch welche dessen Charakter als rein mechanische Übertragung 
einigermaßen korrigiert wird^ zeigt sich in der Schrift über Traum- 
deutung des Artemidoros aus Daldis.-) Hier ynvd nicht nur auf den 
Trauminhalt, sondern auch auf die Person und die Lebensumstände 
des Träumers Rücksicht genommen^ so daß das nämliche Traum- 
element für den Reichen, den Verheirateten, den Redner andere Be- 
deutung hat als für den Armen, den Ledigen und etwa den Kauf- 
mann, Das Wesentliche an diesem Verfahren ist nun, daß die Deu- 
tungsarbeit nicht auf das ganze des Traumes gerichtet wird, sondern 
auf jedes Stück des Trauminhalts für sich, als ob der Traum ein 
Konglomerat wäre, in dem jeder Brocken Gestein eine besondere 
Bestimmung verlangt. Es sind sicherlich die unzusammenhängenden 
und verworrenen Träume, von denen der Antrieb zur Schöpfung der 
Chiffriermethode ausgegangen ist.'") 

Für die wissenschaftliche Behandlung des Themas kann die 
Unbrauchbarkeit beider populärer Deutungsverfahren des Traumes 
keinen Moment lang zweifelhaft sein. Die symbolische Methode ist in 
ihrer Anwendung beschränkt und keiner allgemeinen Darlegung fkhig. 
Bei der Chiffriermethode käme alles darauf an, daß der „Schlüssel'', 
das Traumbuch, verläßlich wäre, und dafür fehlen alle Garantien. 
Man wäre versucht, den Philosophen und Psychiatern Recht zu geben 
und mit ihnen das Problem der Traumdeutung als eine imaginäre 
Aufgabe zu streichen. 

Allein ich bin eines Besseren belehrt worden. Ich habe einsehen 
müssen, daß hier wiederum einer jener nicht seltenen Fälle vorliegt, 
in denen ein uralter, hartnäckig festgehaltener Volksglaube der Wahr- 
heit der Dinge näher gekommen zu sein scheint als das Urteil der 

*) [Dr. Alf. Bobitsek macht mich darauf aufmerksam, daß die orientalischen^ 
Traumbücher, von denen die unseligen klägliche Abklatsche sind, die Deutung der 
Traumelemente meist nach dem Gleichklang und der Ähnlichkeit der Worte vor- 
nehmen. Da diese Verwandtschaften bei der Übersetzung in unsere Sprache verloren] 
gehen müssen, würde daher die Unbegreiflichkeit der Ersetzungen in unseren 
populären „Traumbüchern" stammen. — Über diese außerordentliche Bedeutung des 
Wortspiels und 'der Wortspielerei in den allen orientalischen Kulturen mag man sich 
ausden Schriften Hugo Win ekler 8 unterrichten. Das schönste Beispiel einer Traum- 
deutung, welches uns aus dem Altertum überliefert ist, 'beruht aut einer Wortspielerei. 
Artemidoros^) erzählt [p» 255]: „Es scheint mir aber auch Aristandros dem 
AlexandroB von Makedonien eine gar glückliche Auslegung gegeben zu haben, 
als dieser Tyros eingeschlossen hielt und belagerte und wegen des großen Zeit- 
verlustes, unwillig und betrübt, das Gefühl hatte, er sehe einen Satyros auf 
seinem Schilde tanzen; zufällig befand sich Aristandros in der Nähe von Tyros 
und im Geleite des Königs, der die Syrier bekriegte. Indem er nun das Wort Satyros 
in gd und Tipoc zerlegte, bewirkte er, daß der König die Belagerung nachdrück- 
licher in Anf^ff na&m, so daß er Herr der Stadt wurde/ [Sa-rjpoc = dein ist 
Tyros]. — Übrigens hängt der Traum so innig am sprachlichen Ausdruck, daß 
Ferenczi**^) mit Recht bemerken kann, jede Sprache habe ihre eigene Traum- 
sprache. Ein Traum ist in der Regel unübersetzbar in andere Sprachen und ein 
JBach wie das vorliegende darum auch]. 



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72 n. Methode der Traumdentung. 

heute geltenden Wissenschaft. Ich muß behaupten, daß der Traum 
wirklich eine Bedeutung hat und daß ein wissenschaftliches Verfahren 
der Traumdeutung möglich ist Zur Kenntnis dieses Verfahrens bin 
ich auf folgende Weise gelangt : 

.'55^ Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Auflösung ge- 
wisser psychopathologischer Gebilde, der hysterischen Phobien, aer 
Zwangsvorstellungen u. a. in therapeutischer Absicht; seitdem ich 
nämlich aus einer bedeutsamen Mitteilung von Josef Breuer weiß, 
daß für diese als Ejrankheitssymptome empfundenen Bildungen Auf- 
^ lösung und Lösung in eines zusammenfallen.*) Hat man eine solche 

Sathologische Vorstellung auf die Elemente zurückführen können, aus 
enen sie im Seelenleben des Kranken hervorgegangen ist, so ist 
diese auch zerfallen, der Elranke von ihr befreit. Bei der Ohnmacht 
unserer sonstigen therapeutischen Bestrebungen uud angesichts der 
Rätselhaftigkeit dieser Zustände erschien es mir verlockend, auf dem 
von Breuer eingeschlagenen Wege trotz aller Schwierigkeiten bis 
zur vollen Aufklärung vorzudringen^ Wie sich die Technik des Ver- 
fahrens schließlich gestaltet hat, und welches die Ergebnisse der Be- 
mühung gewesen sind, darüber werde ich an anderen Orten aus- 
führlich Bericht zu erstatten haben. Im Verlaufe dieser psych oana- 
\ lytischen Studien geriet ich auf die Traumdeutung. Die Patienten, 
die ich verpflichtet hatte, mir alle Einfklle und Gedanken mitzuteilen, 
die sich ihnen zu einem bestimmten Thema aufdrängten, erzählten 

/ mir ihre Träume und lehrten mich so, daß ein Traum in die psy- 

^ chische Verkettung eingeschoben sein kann, die von einer patho- 
logischen Idee her nach rückwärts in der Erinnerung zu verfolgen 
ist. Es lag nun nahe, den Traum selbst wie ein Symptom zu be- 

* handeln und die für letztere ausgearbeitete Methode der Deutung auf 

ihn anzuwenden. 

' ■ Dazu bedarf es nun einer gewissen psychischen Vorbereitung 
des Kranken. Man strebt zweierlei bei ihm an, eine Steigerung seiner 
Aufmerksamkeit für seine psychischen Wahrnehmungen und eine Aus- 
schaltung der^riti^ mit der er die ihm auftauchenden GedanEen 
sonst zu sichten pflegt. Zum Zwecke seiner Selbstbeobachtung mit 
gesammelter Aufmerksamkeit ist es vorteilhaft, daß er eine ruhige 
Lage einnimmt und die Augen schließt; den Verzicht auf die 
Kritik der wahrgenommenen Gedankenbildungen muß man ihm 
ausdrücklich auferlegen. Man sagt ihm also, der Erfolg der Psycho- 
analyse hänge davon ab, daß er alles beachtet und mitteilt, was 
ihm durch den Sinn geht, und nicht etwa sich verleiten läßt, den 
einen Elinfall zu unterdrücken, weil er ihm unwichtig oder nicht 
zum Thema gehörig, den anderen, weil er ihm unsinnig erscheint. 
Er müsse sich völlig unparteiisch gegen seine Einfälle verhalten; 
denn gerade an dieser Kritik läge es, wenn es ihm sonst nicht ge- 

*) Breuer and Freud, Studien über Hjeterie, Wien 1895, 2. Au6., 190»* 



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Psychische Vorbereitung zur Traumdeutung. 73 

länge, die gesuchte Auflösung des Tmumes, der Zwangsidee u. dgl. 
zu finden. 

^ f - Bei den psychoanalytischen Arbeiten habe ich gemerkt, daß I 
die psychische Verfassung des Mannes, welcher nachdenkt, eine 
ganz andere ist als die desjenigen, welcher seine psychischen Vor- ^ 
gange beobachtet. Beim Nachdenken tritt eine psychische Aktion 
mehr ins Spiel als bei der aufmerksaipisten Selbstbeobachtung, wie es 
auch die gespannte Miene und die in Falten gezogene Stirn des 
Nachdenklichen ini Gegensatz zur mimischen Ruhe des Selbst- 
beobachters erweist. In beiden Fällen muß eine Sammlung der Auf-^ 
merksamkeit vorhanden aeiii, aber der Nachdenkende üljt außerdem [ 
eine Kritik aus, infolge deren er einen T^il der ihm aufsteigen- ) 
den Ein&lle verwirft, nachdem er sie w^ahrgenommen hat, ändere j 
kurz abbricht, so daß er den Gedankenwegen nicht folgt, welche siej 
eröffnen würden, und gegen noch andere Gedanken weiß ^r sich so 
zu benehmen, daß sie überhaupt nicht bewußt, also vor ihrer Wahr- 
nehmung unterdrückt werden. Der Selbstbeobachter hingegen hat 
nur die Mühe, die Kritik zu unterdrücken ; gelingt ihm dies, so 
kommt ihm eine Unzahl von Einfällen zum Bewußtsein, die sonst 
unfaßbar geblieben wären. Mit Hilfe dieses für die Selbstwahr- 
nehmung neu gewonnenen Materials läßt sich die Deutung der patho- 
logischen Ideen sowie der Traumg^bilde vollziehen. Wie man sieht, 
handelt es sich darum, einen psychischen Zustand herzustellen, der 
mit dem^vor dem Einschlafen (und sicherlich auch mit dem hypno- 
tischen) eine gewisse Analogie in der Verteilung der psychischen 
Energie (der beweglichen Aufmerksamkeit) gemein hat. Beim Em- 
scHTaten treten ^ie „ungewollten VorstelTiingeh" liervor durch den 
Nachlfiiß einer gewissen willkürlichen (und gewiß auch kritischen) 
Aktion, die war auf den Ablauf unserer Vorstellungen einwirken 
lassen; als den Grund dieses Nachlasses pflegen wir ^Ermüdung" 
anzugeben-, die auftauchenden ungewollten Vorstellungen verwandeln 
sich in visuelle und akustische Bilder. (Vergleiche die Bemerkungen 
von Schleier mach er*^^) u. a., Seite 34.) Bei dem Zustand, den 
man zur Analyse der Träume und pathologischen Ideen benützt, ver- 
zichtet man absichtlich und willkürlich auf jene Aktivität und ver- 
wendet die ersparte psychische Energie (oder ein Stück derselben) 
zur aufmerksamen Verfolgung der jetzt auftauchenden ungewollten 
Gedanken, die ihren Charakter als Vorstellungen (dies der Unter- 
schie,4 gegen den Zustand beim Einschlafen) beibehalten. Man macht 
so die „ungewollten'^ Vorstellungen zu „gewollten'*. 

/'/ [Die hier geforderte Einstellung auf anscheinend „freisteigende" 
EinfkUe mit Verzicht auf die sonst gegen diese geübte Kritik scheint 
manchen Personen nicht leicht zu werden. Die „ungewollten Ge- 
danken'^ pflegen den heftigsten AViders tand, der sie am Auftauchen 
hindern will, zu entfesseln. Wenn wir aBer unserem großen Dichter- 
philosophen Fr. Schiller Glauben schenken, muß eine ganz ähnliche 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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74 IL Methode der Traumdeatnng. 

Einstellung auch die Bedingung der dichterischen Produktion ent- 
halten. An einer Stelle seines Briefwechsels mit Körner, deren 
Aufspürung Herrn Otto Bank zu danken ist, antwortet Schiller 
auf die ELkge seines Freundes über seine mangelnde Produktivität: 
„Der Grund deiner Klagen liegt, wie mir scheint, in dem Zwange, 
den dein Verstand deiner Imagination auflegt. Ich muß hier einen 
Gedanken hinwerfen und ihn durch ein Gleichnis versinnlichen. 
Es scheint nicht gut und dem Schöpfungswerke der Seele nachteilig 
zu sein, wenn der Verstand die zuströmenden Ideen, gleichsam an den 
Toren schon, zu scharf mustert. Eine Idee kann, isoliert betrachtet^ 
sehr unbeträchtlich und sehr abenteuerlich sein, aber vielleicht wird 
sie durch eine, die nach ihr kommt, wichtig, vielleicht kann sie in einer 
gewissen Verbindung mit anderen, die vielleicht ebenso abgeschmackt 
scheinen, ein sehr zweckmäßiges Glied abgeben: — Alles das kann 
der Verstand nicht beurteilen, wenn er sie nicht so lange festhält, bis 
er sie in Verbindung mit diesen anderen angeschaut hat. Bei einem 
schöpferischen Kopfe hingegen däucht mir, hat der Verstand seine 
Wache von den Toren zurückgezogen, die Ideen stürzen pele-mele 
herein, und alsdann erst übersieht und mustert er den großen Haufen. 
— Ihr Herren Kritiker, und wie ihr Euch sonst nennt, sehämt oder 
fürchtet Euch vor dem augenblicklichen, vorübergehenden Wahn- 
witze, der sich bei allen eigenen Schöpfern findet und dessen längere 
oder kürzere Dauer den denkenden Künstler von dem Träumer 
unterscheidet. Daher Eure Klagen über Unfruchtbarkeit, weil Ihr zu 
früh verwerft und zu strenge sondert" (Brief vom 1. Dezember 1788). 

'^ Und doch ist ein „solches Zurückziehen der Wache von den 
Toren des Verstandes'^, wie Schiller es nennt, ein derartiges sich 
in den Zustand der kritiklosen Selbstbeobachtung Versetzen keines- 
wegs schwer.] 

Die meisten meiner Patienten bringen es nach der ersten Untere 
Weisung zu stände; ich selbst kann es sehr vollkommen, wenn ich 
mich dabei durch Niederschreiben meiner Einfalle unterstütze. Der 
Betrag von psychischer Energie, um den man so die kritische Tätig- 
keit herabsetzt, und mit welchem man die Intensität der Selbst- 
beobachtung erhöhen kann, schwankt erheblich je nach dem Thema, 
welches von der Aufmerksamkeit fixiert werden soll. 

Der erste Schritt bei der Anwendung dieses Verfahrens lehrt nun, 
daß man nicht den Traum als Ganzes, sondern nur die einzelnen 
Teilstücke seines Inhalts zum Objekt der Aufmerksamkeit machen 
darf. Frage ich den noch nicht eingeübten Patienten : Was ßült Ihnen 
zu diesem Traume ein? so weiiä er in der Regel nichts in seinem 
geistigen Blickfelde zu erfassen. Ich muß ihm den Traum zerstückt 
vorlegen, dann liefert er mir zu jedem Stücke eine Keihe von Ein- 
fällen, die man als die „Hintergedanken" dieser Traumpartie be- 
zeichnen kann. In dieser ersten wichtigen Bedingung weicht also die 



C^ non L^ Orrginaf fnom 

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n^- ^^ _-r: 



Schwierigkeiten des Materials. 75 

von mir geübte Methode der Traumdeutung bereits von der populären, 
historisch und sagenhaft berühmten Methode der Deutung durch Sym- 
bolik ab und nähert sich der zweiten, der „Chiffriermethode". Sie ist 
wie diese eine Deutung en detail, nicht en masse ; wie diese faßt sie 
den Traum von vornherein als etwas Zusammengesetztes, als ein 
Konglomerat von psychischen Bildungen auf. 

"Im Verlaufe meiner Psychoanalysen bei Neurotikern habe ich 
wohl bereits viele tausend Träume zur Deutung gebracht, aber dieses 
Material möchte ich hier nicht zur Einführung in die Technik und 
Lehre der Traumdeutung verwenden. Ganz abgesehen davon, daß 
ich mich dem Einwand aussetzen würde, es seien ja die Träume von 
Neuropathen, die einen Rückschluß auf die Träume gesunder 
Menschen nicht gestatten, nötigt mich ein anderer Grund zu deren 
Verwerfung. Das Thema, auf welches diese Träume zielen, ist 
natürlich immer die Krankheitsgeschichte, welche der Neurose zu 
Grunde liegt. Hiedurch würde für jeden Traum ein überlanger Vor- 
bericht und ein Eindringen in das Wesen und die ätiologischen 
Bedingungen der Psychoneurosen erforderlich, Dinge, die an und für 
sich neu und im höchsten Grade befremdlich sind und so die Auf- 
merksamkeit vom Traumproblem ablenken ^vUrden. Meine Absicht 
geht vielmehr dahin, in der Traumauflösung eine Vorarbeit für die 
Erschließung der schwierigeren Probleme der Neurosenpsychologie 
zu schaffen. Verzichte ich aber auf die Träume der Neurotiker, 
mein Hauptmaterial, so darf ich gegen den Rest nicht allzu wählerisch 
verfahren. Es bleiben nur noch jene Träume, die mir gelegentlich 
von gesunden Personen meiner Bekanntschaft erzählt worden sind 
oder die ich als Beispiele in der Literatur über das Traumleben ver- 
zeichnet finde. Leider geht mir bei all diesen Träumen die Analyse 
ab, ohne welche ich den Sinn des Traumes nicht finden kann. Mein 
Verfahren ist ja nicht so bequem wie das der populären Chiffrier- 
methode, welche den gegebenen Trauminhalt nach einem fixierten 
Schlüssel übersetzt; ich bin vielmehr gefaßt darauf, dasi derselbe 
Trauminhalt bei verschiedenen Personen und in verschiedenem Zu- 
sammenhang auch einen anderen Sinn verbergen mag. Somit bin 
ich auf meine eigenen Träume angewiesen als auf ein reichliches 
und bequemes Material, das von einer ungefiljir normalen Person 
herrührt und sich auf mannigfache Anlässe des täglichen Lebens 
bezieht. Man wird mir sicherlich Zweifel in die Verläßlichkeit 
solcher „ Selbstanalysen '^ entgegensetzen. Die Willkür sei dabei keines- 
wegs ausgeschlossen. Nach meinem Urteile liegen die Verhältnisse 
bei der Selbstbeobachtung eher günstiger als bei der Beobachtung 
anderer ; jedenfalls darf man versuchen, wäe weit man in der Traum- 
deutung mit der Selbstanalyse reicht. Andere Schwierigkeiten habe 
ich in meinem eigenen Innern zu überwinden. Man hat eine begreif- 
liche Scheu, soviel Intimes aus seinem Seelenleben preiszugeben, 
weiß sich dabei auch nicht gesichert vor der Mißdeutung der Fremden. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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76 II. Analyse eines Traummusters. 

Aber darüber muß man sich hinaussetzen können. ^Tout psycho- 
logiste'^ schreibt Delboeuf,-^) „est oblig6 de faire Taveu meme de 
ses faiblesses s'il croit par lä jeter du jour sur quelque probleme 
obscure.'^ Und auch beim Leser, darf ich annehmen, wird das an- 
filngliche Interesse an den Indiskretionen, die ich begehen muß, sehr 
bald der ausschießlichen Vertiefung in die hiedurch beleuchteten 
psychologischen Probleme Platz machen. 

Ich werde also einen meiner eigenen Träume hervorsuchen und 
an ihm meine Deutungsweise erläutern. Jeder solche Traum macht 
einen Vorbericht nötig. Nun muß ich aber den Leser bitten, für 
eine ganze Weile meine Interessen zu den seinigen zu machen und 
sich mit mir in die kleinsten Einzelheiten meines Lebens zu ver- 
senken, denn solche Übertragung fordert gebieterich das Interesse 
für die versteckte Bedeutung der Träume. 

'■'' Vorbericht: Im Sommer 1895 hatte ich eine junge Dame 
psychoanalytisch behandelt, die mir und den Meinigen freundschaft- 
lich sehr nahe stand. Man versteht es, daß solche Vermengung der 
Beziehungen zur Quelle mannigfacher Erregungen für den Arzt werden 
kann, zumal für den Psychotherapeuten. Das persönliche Interesse 
des Arztes ist größer, seine Autorität geringer. Ein Mißerfolg droht 
die alte Freundschaft mit den Angehörigen der Bjranken zu lockern. 
Die Kur endete mit einem teilweisen Erfolg, die Patientin verlor 
ihre hysterische Angst, aber nicht alle ihre somatischen Symptome. 
Ich war damals noch nicht recht sicher in den Kriterien, welche die 
endgültige Erledigung einer hysterischen Krankengeschichte bezeichnen, 
und mutete der Patientin eine Lösung zu, die ihr nicht annehmbar 
erschien. In solcher Uneinigkeit brachen wir der Sommerzeit wegen 
die Behandlung ab. — Eines Tages besuchte mich ein jüngerer 
Kollege, einer meiner nächsten Freunde, der die Patientin — Irma — 
und ihre Familie in ihrem Landaufenthalt besucht hatte. Ich fragte 
ihn, wie er sie gefunden habe, und bekam die Antwort: Es geht ihr 
besser, aber nicht ganz gut. Ich weiß, daß mich diese Worte meines 
Freundes Otto oder der Ton, in dem sie gesprochen waren, ärgerten. 
Ich glaubte einen Vorwurf herauszuhören, etwa daß ich der Patientin 
zu viel versprochen hätte, und führte — ob mit Recht oder Unrecht — 
die vermeintliche Parteinahme Ottos gegen mich auf den Einfluß 
von Angehörigen der Kranken zurück, die, wie ich annahm, meine 
Behandlung nie gern gesehen hatten. Übrigens wurde mir meine 
peinliche Empfindung nicht klar, ich gab ihr auck keinen Ausdruck. 
Am selben Abend schrieb ich noch die Krankengeschichte Irmas 
nieder, um sie, wie zu meiner Rechtfertigung, dem Dr. M.. einem 
gemeinsamen Freunde, der damals tonangebenden Persönlichkeit in 
unserem Kreise, zu übergeben. In der auf diesen Abend folgenden 
Nacht (wohl eher am Morgen) hatte ich den nachstehenden Traum, 
der unmittelbar nach dem Erwachen fixiert wurde. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Der Traum von Irmas Injektion, 77 

' ' ' Traum vom 23./24. Juli 1895. 

Eine große Halle — viele Gäste, die wir empfangen. — Unter 
ihnen Irma, die ich sofort bei Seite nehme, um gleichsam ihren Brief 
zu beantworten, ihr Vorwürfe zu machen, daß sie die „Lösung" 
noch nicht akzeptiert. Ich sage ihr: Wenn du noch Schmerzen hast, 
so ist es wirklich nur deine Schuld. — Sie antwortet: Wenn du 
wüßtest, was ich für Schmerzen jetzt habe im Halse, Magen und 
Leib, es schnürt mich zusammen. — Ich erschrecke und sehe sie an. 
Sie sieht bleich und gedunsen aus ; ich denke, am Ende übersehe ich 
da doch etwas Organisches. Ich nehme sie zum Fenster und schaue 
ihr in den Hals. Dabei zeigt sie etwas Sträuben, wie die Frauen, 
die ein künstliches Gebiß tragen. Ich denke mir, sie hat es doch 
nicht nötig. — Der Mund geht dann auch gut auf und ich finde 
rechts einen großen weißen Fleck und anderwärts sehe ich an merk- 
würdigen krausen Gebilden, die offenbar den Nasenmuscheln nach- 
gebildet sind, ausgedehnte weißgraue Schorfe. — Ich rufe schnell 
Dr. M. hinzu, der die Untersuchung wiederholt und bestätigt .... 
Dr. M. sieht ganz anders aus als sonst; er ist sehr bleich, hinkt, 
ist am Kinn bartlos .... Mein Freund Otto steht jetzt auch neben 
ihr und Freund Leopold perkutiert sie über dem Leibchen und sagt : 
Sie hat eine Dämpfung links unten, weist auch auf eine infiltrierte 
Hautpartie an der linken Schulter hin (was ich trotz des Kleides wie 
er spüre) . . . . M. sagt: Kein Zweifel, es ist eine Infektion, aber es 
macht nichts; es wird noch Dysenterie hinzukommen und das Gift 
sich ausscheiden .... Wir wissen auch unmittelbar, woher die 
Infektion rührt. Freund Otto hat ihr unlängst, als sie sich unwohl 
fühlte, eine Injektion gegeben mit einem Propylpräparat, Propylen . . . 
Propionsäure . .. . Trimethylamin (dessen Formel ich fett 
gedruckt vor mir sehe) . . Man macht solche Injektionen nicht so 
leichtfertig . . . Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein. 

Dieser Traum hat vor vielen anderen eines voraus. Es ist 
sofort klar, an welche Ereignisse des letzten Tages er anknüpft und 
welches Thema er behandelt. Der Vorbericht gibt hierüber Aus- 
kunft. Die Nachricht, die ich von Otto über Irmas Befinden er- 
halten, die Krankengeschichte, an der ich bis tief in die Nacht ge- 
schrieben, haben meine Seelentätigkeit auch während des Schlafes 
beschäftigt. Trotzdem dürfte niemand, der den Vorbericht und den 
Inhalt des Traumes zur Kenntnis genommen hat, ahnen können, 
was der Traum bedeutet Ich selbst weiß es auch nicht. Ich wundere 



/ 



C^ €\r\cA{? Orrginaf fnom 

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78 II. Analyse eines Tranrnmusters. 

mich über die Krankheitssymptome, welche Irma im Traum mir 
klagt, da es nicht dieselben sind, wegen welcher ich sie behandelt 
habe. Ich lächle über die unsinnige Idee einer luiektion mit Propion- 
säure und über den Trost, den Dr. M. ausspricht. Der Traum erscheint 
mir gegen sein Ende hin dunkler und gedrängter, als er zu Beginn 
ist. Um die Bedeutung von alledem zu erfahren, muß ich mich zu 
einer eingehenden Analyse entschließen. 

Analyse: 

''^ Die Halle — viele Gäste, die wir empfangen. Wir 
wohnten in diesem Sonmier auf der Bellevue, einem einzel- 
stehenden Hause auf einem der Hügel, die sich an ' den Kahlenberg^ 
anschließen. Dies Haus war ehemals zu einem Vergnügungslokal 
bestimmt, hat hievon die ungewöhnlich hohen, hallenförmigen Räume. 
Der Traum ist auch auf der Bellevue vorgefallen, und zwar wenige 
Tage vor dem Geburtsfeste meiner Frau. Am Tage hatte meine 
Frau die Erwartung ausgesprochen, zu ihrem Geburtstage würden 
mehrere Freunde, und darunter auch Irma, als Gäste zu uns kommen. 
Mein Traum antizipiert also diese Situation: £s ist der Geburtstage 
meiner Frau und viele Leute, darunter Irma, werden von uns als 
Gäste in der großen Halle der Bellevue empfangen. 

Ich mache Irma Vorwürfe, daß sie die Lösung^ 
nicht akzeptiert hat; ich sage: Wenn du noch Schmer* 
zen hast, ist es deine eigene Schuld. Das hätte ich ihr auch 
im Wachen sagen können oder habe es ihr gesagt. Ich hatte damals 
die (später als unrichtig erkannte) Meinung, daß meine Aufgabe sich 
darin erschöpfe, den Kranken den verborgenen Sinn ihrer Symptome 
mitzuteilen; ob sie diese Lösung dann annehmen oder nicht, wovon 
der Erfolg abhängt, dafür sei ich nicht mehr verantwortlich. Ich bin 
diesem jetzt glücklich überwundenen Irrtum dankbar dafür, daß er 
mir die Existenz zu einer Zeit erleichtert, da ich in all meiner unver- 
meidlichen Ignoranz Heilerfolge produzieren sollte. — Ich merke aber 
an dem Satze, den ich im Traume zu Irma spreche, daß ich vor allem 
nicht Schuld sein will an den Schmerzen, die sie noch hat. Wenn 
es Irmas eigene Schuld ist, dann kann es nicht meine sein. Sollte in 
dieser Richtung die Absicht des Traumes zu suchen sein ? 

Irmas Klagen; Schmerzen im Halse, Leibe und 
Magen, es schnürt sie zusammen« Schmerzen im Magen 
gehörten zum SymptomKomplex meiner Patientin, sie waren aber 
nicht sehr vordringlich ; sie klagte eher über Empfindungen von Übel- 
keit und Ekel. Schmerzen im Halse, im Leibe, Schnüren in der Kehle 
spielten bei ihr kaum eine Rolle. Ich wundere mich, warum ich 
mich zu dieser Auswahl der Symptome im Traume entschlossen habe^ 
kann es auch für den Moment nicht finden. 

Sie sieht bleich und gedunsen aus. 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Der Traum von Irmas Injektion. 79 

Meine Patientin war immer rosig. Ich vermute, daß sieh hier 
eine andere Person ihr unterschiebt. 

Ich erschrecke im Gedanken, daß ich doch eine 
organische Affektion tibersehen habe. 

Wie man mir gern glauben wird, eine nie erlöschende Angst 
beim Spezialisten, der fast ausschließlich Neurotiker sieht und der so 
viele Erscheinungen auf Hysterie zu schieben gewohnt ist, welche 
andere Arzte als organisch behandeln. Anderseits beschleicht mich — 
ich w^eiß nicht w^oher — ein leiser Zweifel, ob mein Erschrecken 
ganz ehrlich ist. Wenn die Schmerzen Irmas organisch begründet 
sind, so bin ich wiederum zu deren Heilung nicht verpflichtet. Meine 
Kur besaitigt ja nur hysterische Schmerzen. Es kommt mir also 
eigentlich vor, als sollte ich einen Irrtum in der Diagnose wünschen; 
dann wäre der Vorwurf des Mißerfolges auch beseitigt. 

l/TIch nehme sie zum Fenster, um ihr in den Hals zu 
senen. Sie sträubt sich ein wenig wie die Frauen, die 
falsche Zähne tragen. Ich denke mir, sie hat es ja doch 
nicht nötig. 

Bei Irma hatte ich niemals Anlaß, die Mundhöhle zu inspizieren. 
Der Vorgang im Traume erinnert mich an die vor einiger Zeit vor- 
genommene Untersuchung einer Gouvernante, die zunächst den Ein- 
druck von jugendlicher Schönheit gemacht hatte, beim Öffnen des 
Mundes aber gewisse Anstalten traf, um ihr Gebiß zu verbergen. An 
diesen Fall knüpfen sich andere Erinnerungen an ärztliche Unter- 
suchungen und an kleine Geheimnisse, die dabei, keinem von beiden 
zur Lust, enthüllt werden. — Sie hat es doch nicht nötig, ist wohl 
zunächst ein Kompliment für Irma; ich vermute aber noch eine 
andere Bedeutung. Man fühlt es bei aufmerksamer Analyse, ob man 
die zu erwartenden Hintergedanken erschöpft hat oder nicht. Die 
Art, wie Irma beim Fenster steht, erinnert mich plötzlich an ein 
anderes Erlebnis. Irma besitzt eine intime Freundin, die ich sehr 
hoch schätze. Als ich eines Abends bei ihr einen Besuch machte, 
fand ich sie in der im Traume reproduzierten Situation beim Fenster 
und ihr Arzt, derselbe Dr. M., erklärte, daß sie einen diphtheritischen 
Belag habe. Die Person des Dr. M. und der Belag kehren ja im 
For^ng des Traumes wieder. Jetzt föUt mir ein, daß ich in den 
letzten Monaten allen Grund bekommen habe, von dieser anderen 
Dame anzunehmen, sie sei gleichfalls hysterisch. Ja, Irma selbst hat 
es mir verraten. Was weiß ich aber von ihren Zuständen? Gerade 
das eine, daß sie am hysterischen Würgen leidet wie meine Irma im 
Traume. Ich habe alsq^ im Traume meine Patientin durch ihre 
Freundin ersetzt. Jetzt erinnere ich mich, ich habe oft mit der Ver- 
mutung gespielt, diese Dame könnte mich gleichfalls in Anspruch 
nehmen, sie von ihren Symptomen zu befreien. Ich hielt es aber 
dann selbst für unwahrscheinlich, denn sie ist von sehr zurückhaltender 
Natur. Sie sträubt sich, wie es der Traum zeigt. Eine andere 



C^ no n 1 ^ ' Orrg I n a f f no m 

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80 II. Analyse eines Traummusters. 

Erklärung wäre, daß sie es nicht nötig hat; sie hat sich wirklich 
bisher stark ^enug gezeigt, ihre Zustände ohne fremde Hilfe zu be 
herrschen. Nun sind nur noch einige Züge Übrig, die ich weder bei 
Irma noch bei ihrer Freundin unterbringen kann: bleich, gedunsen 
falsche Zähne. Die falschen Zähne führten mich auf jene Gouvernante 
ich fühle mich nun geneigt, mich mit schlechten Zähnen zu begnügen 
Dann fkllt mir eine andere Person ein, auf welche jene Züge anspielen können 
Sie ist gleichfalls nicht meine Patientin und ich möchte sie nicht zur 
Patientin haben, da ich gemerkt habe, daß sie sich vor mir geniert 
und ich sie für keine gefügige Kranke halte. Sie ist für gewöhnlich 
bleich und als sie einmal eine besonders gute Zeit hatte, war sie 
gedunsen.*) Ich habe also meine Patientin Irma mit zwei anderen 
Personen verglichen, die sich gleichfalls der Behandlung sträuben 
würden. Was kann es für Sinn haben, daß ich sie im Traume mit 
ihrer Freundin vertauscht habe? Etwa, daß ich sie vertauschen 
möchte; die andere erweckt entweder bei mir stärkere Sympathien 
oder ich habe eine höhere Meinung von ihrer Intelligenz. Ich halte 
nämlich Irma für unklug, weil sie meine Lösung nicht akzeptiert. 
Die andere wäre klüger, würde also eher nachgeben. Der Mund 
geht dann auch gut auf; sie würde mehr erzählen als Irma.**) 
;';Wasich im Halse sehe: einen weißen Fleck und 
verschorfte Nasenmuscheln. 

Der weiße Fleck erinnert an Diphtheritis und somit an Irmas 
Freundin, außerdem aber an die schwere Erkrankung meiner ältesten 
Tochter vor nahezu zwei Jahren und an all den Schreck jener bösen 
Zeit. Die Schorfe an den Nasenmuscheln mahnen an eine Sorge um 
meine eigene Gesundheit. Ich gebrauchte damals häufig Kokain, um 
lästige Nasenschwellungen zu unterdrücken, und hatte vor wenigen 
Tagen gehört, daß eine Patientin, die es mir gleich tat, sich eine 
ausgedehnte Nekrose der Nasenschleimhaut zugezogen hatte. Die 
Empfehlung des Kokains, die 1885 von mir ausging, hat mir auch 
schwerwiegende Vorwürfe eingetragen. Ein teurer, 1895 schon ver- 
storbener Freund hatte durch den Mißbrauch dieses Mittels seinen 
Untergang beschleunigt. 

Ich rufe schnell Dr. M. hinzu, der die Untersuchung 
Tvied er ho lt. 



*) Auf diese dritte Person läßt sich auch die noch unaufj^eklärte Klage über 
Schmerzen im Leibe zarückführen. Es handelt sich natÜrUch am meine eigene 
Frau; die Leibschmerzen erinnern mich an einen der Anlässe, bei denen ihre Scheu 
mir deutlich wurde. Ich muß mir eingestehen, daß ich Irma und meine Frau in 
diesem Traume nicht sehr liebenswürdig behandle, aber zu meiner Entschuldigung 
sei bemerkt^ daß ich beide am Ideal der braven, gefügigen Patientin messe. 

**) Ich ahne, daß die Deutung dieses Stückes nicht weit genug geführt ist, 
um allem verborgenen Sinne zu folgen. Wollte ich die Vergleichung der drei Frauen 
fortsetzen, so käme ich weit ab. — Jeder Traum hat mindestens eine Stelle, an 
welcher er unergründlich ist, gleichsam einen Nabel, durch den er mit dem Un- 
erkannten zusammenhängt. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Der Traum von Irmas Injektion. 81 

Das entspräche einfach der Stellung, die M, unter uns einnahm. 
Aber das ,, schnell" ist auffällig genug, um eine besondere Erklärung 
zu fordern. Es erinnert mich an ein trauriges ärztliches Erlebnis. 
Ich hatte einmal durch die fortgesetzte Ordination eines Mittels, 
welches damals noch als harmlos galt (Sulfonal), eine schwere Intoxi- 
kation bei einer Kranken hervorgerufen und wandte mich dann eiligst 
an den erfahrenen älteren Kollegen um Beistand. Daß ich diesen 
Fall wirklich im Auge habe, wird durch einen Nebenumstand er- 
härtet. Die Kranke, welche der Intoxikation erlag, ftlhrte denselben 
Namen wie meine älteste Tochter. Ich hatte bis jetzt niemals daran 
gedacht; jetzt kömmt es mir beinahe wie eine Öchicksalsvergeltung 
vor. Als sollte sich die Ersetzung der Personen in anderem Sinne 
hier fortsetzen ; diese Mathilde für jene Mathilde ; Aug' um Aug', 
Zahn um Zahn. Es ist, als ob ich alle Gelegenheiten hervorsuchte, 
aus denen ich mir den Vorwurf mangelnder ärztlicher Gewissenhaftig- 
keit machen kann. 

'► Dr. M. ist bleich, ohne Bart am Kinn und hinkt. 

Davon ist soviel richtig, daß sein schlechtes Aussehen häufig die 
Sorge seiner Freunde erweckt. Die beiden anderen Charaktere 
müssen einer anderen Person angehören. Es filllt mir mein im Aus- 
land lebender älterer Bruder ein, der das Kinn rasiert trägt und dem, 
wenn ich mich recht erinnere, der M. des Traumes im ganzen ähnlich 
sah. Über ihn kam vor einigen Tagen die Nachricht, daß er wegen 
einer arthritischen Erkrankung in der Hüfte hinke. Es muß einen 
Grund haben, daß ich die beiden Personen im Traume zu einer 
einzigen verschmelze. IchT^rinnere mich wirklich, daß ich gegen 
&eide äüs^ähnlFchen Gründen mißgestimmt war. Beide hatten einen 
gewissen Vorschlag, den ich ihnen in der letzten Zeit gemacht hatte, 
zurückgewiesen. 

Freund Otto steht jetzt bei der Kranken und Freund 
Leopold untersucht sie und weist eine Dämp fung links 
unten nach. 

Freund Leopold ist gleichfalls Arzt, ein Verwandter von Otto. 
Das Schicksal hat die beiden, da sie dieselbe Spezialität ausüben, zu 
Konkurrenten gemacht, die man beständig miteinander vergleicht. 
Sie haben mir beide Jahre hindurch assistiert, als ich noch eine öffentliche 
Ordination für nervenkranke Kinder leitete. Szenen wie die im 
Traume reproduzierte, haben sich dort oftmals zugetragen. Während 
ich mit Otto über die Diagnose eines Falles debattierte, hatte Leopold 
das Kind neuerdings untersucht und einen unerwarteten Beitrag zur 
Entscheidung beigebracht. Es bestand eben zwischen ihnen eine 
ähnliche Charakterverschiedenheit wie zwischen dem Inspektor B rä s i g 
und seinem Freunde Karl. Der eine tat sich durch „Fixigkeit" 
hervor, der andere war langsam, bedächtig, aber gründlich. Wenn 
ich im Traume Otto und den vorsichtigen Leopold einander gegen- 
überstelle, so geschieht es offenbar, um Leopold herauszustreichen. 



Freud, Tranrndeutung. S. Aafl. 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



82 II. Analyse eines Tranmmusters. 

Es ist ein ähnliches Vergleichen wie oben zwischen der unfolgsamen 
Patientin Irma und ihrer für klüger gehaltenen Freundin. Ich merke 
jetzt auch eines der Geleise, auf denen sich die Gedankenverbindung 
im Traume fortschiebt: vom kranken Kinde zum Kinderkranken- 
institut. — Die Dänapfung links unten macht mir den Eindruck, als 
entspräche sie allen Details eines einzelnen Falles, in dem mich Leo- 

Sold durch seine Gründlichkeit frappiert hat Es schwebt nur äußer- 
em etwas vor wie eine metastatische Affektion, aber es könnte 
auch eine Beziehung zu der Patientin sein, die ich an Stelle von 
Irma haben möchte. Diese Dame imitiert nämlich, soweit ich es über- 
sehen kann, eine Tuberkulose. 
fit Eine infiltrierte Hautpartie an der linken Schulter. 
Ich weiß sofort, das ist mein eigener Schulterrheumatismus, den 
ich regelmäßig verspüre, wenn ich bis tief in die Nacht wach geblieben 
bin. Der Wortlaut im Traunae klingt auch so zweideutig: was 

ich wie er spüre. Am eigenen Körper spüre, ist gemeint. 

Übrigens fkllt mir auf, wie ungewöhnlich die Bezeichnung „infiltriert© 
Hautpartie^ klingt. An die „Infiltration links hinten oben^ sind wir 
gewöhnt; die bezöge sich auf die Lunge und somit wieder auf 
Tuberkulose. 

Trotz des Kleides. Das ist allerding nur eine Einschaltung. 
Die Kinder im Krankeninstitut untersuchten wir natürlich entkleidet; 
es ist irgend ein Gegensatz zur Art, wie man erwachsene weibliche 
Patienten untersuchen muß. Von einem hervorragenden Kliniker 
pflegte man zu erzählen, daß er seine Patienten nur durch die Kleider 
physikalisch untersucht habe. Das Weitere ist mir dunkel, ich habe, 
offen gesagt, keine Neigung, mich hier tiefer einzulassen. 

Dr. M. sagt: Es ist eine Infektion, aber es macht 
nichts. Es wird noch Dysenterie hinzukommen und 
das Gift sich ausscheiden. 

Das erscheint mir zuerst lächerlich, muß aber doch, wie alles 
andere, sorgfältig zerlegt werden. Näher betrachtet, zeigt es doch 
eine Art von Sinn, Was ich an der Patientin gefunden habe, war 
eine lokale Diphtheritis. Aus der Zeit der Erkrankung meiner 
Tochter erinnere ich mich an die Diskussion Über Diphtheritis und 
Diphtherie. Letztere ist die Allgemeininfektion, die von der lokalen 
Diphtheritis ausgeht. Eine solche Allgemeininfektion weist Leopold 
durch die Dämpfung nach, welche also an metastatische Herde denken 
läßt. Ich glaube zwar, daß gerade bei Diphtherie derartige Metastasen 
nicht vorkommen. Sie erinnern mich eher an Pyämie. 

^ ^ Es macht nichts, ist ein Trost, Ich meine, er ftigt sich 
folgendermaßen ein: Das letzte Stttck des Traumes hat den Lihalt 
gebracht, daß die Schmerzen der Patientin von einerschweren orga- 
nischen Affektion herrühren. Es ahnt mir, daß ich auch damit nur 
die Schuld von mir abwälzen will. Für den Fortbestand diphtheriti- 
scher Leiden kann die psychische Kur nicht verantwortlich gemacht 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Der Traum von Irmas Injektion. 83 

werden. Nun geniert es mich doch, daß ich Irma ein so schweres 
Leiden andichte, einzig und allein, um mich zu entlasten. Es sieht 
so grausam aus. Ich brauche also eine Versicherung des guten Aus- 
ganges und es scheint mir nicht übel gewählt, daß ich den Trost 
gerade der Person des Dr. M. in den Mund lege. Ich erhebe mich 
aber hier über den Traum, was der Aufklärung bedarf, 
^j-j Warum ist dieser Trost aber so unsinnig? 

Dysenterie: Irgend eine fernliegende theoretische Vorstellung, 
daß Kramkheitsstoflte durch den Darm entfernt werden können. WUl 
ich mich damit über den Reichtum des Dr. M. an weit hergeholten 
Erklärungen, sonderbaren pathologischen Verknüpfungen lustig 
machen? Zu Dysenterie fällt mir noch etwas anderes ein. Vor einigen 
Monaten hatte ich einen jungen Mann mit merkwürdigen Stuhl- 
beschwerden übernommen, den andere Kollegen als einen Fall von 
,,Anämie mit Unterernährung" behandelt hatten. Ich erkannte, daß 
es sich um eine Hysterie handle, wollte meine Psychotherapie nicht 
«tt ihm versuchen und schickte ihn auf eine Seereise. Nun^ bekam 
ich vor einigen Tagen einen verzweifelten Brief von ihm aus Ägypten, 
daß er dort einen neuen Anfall durchgemacht, den der Arzt für 
Dysenterie erklärt habe. Ich vermute zwar, die Diagnose ist nur ein 
mtum des unwissenden Kollegen, der sich von der Hysterie fiflfen 
läßt; aber ich konnte mir doch die Vorwürfe nicht ersparen, daß ich 
den Kranken in die Lage versetzt, sich zu seiner hysterischen Darm- 
affektion etwa noch eine organische zu holen. Dysenterie klingt 
femer an Diphtherie an, welcher Name fff im Traume nicht 
genannt wird. 

Ja, es muß so sein, daß ich mich mit der tröstlichen Prognose: 
Es wird noch Dysenterie hinzukommen u. s. w. über Dr. M. lustig 
mache, denn ich entsinne mich, daß er mir einmal vor Jahren etwas 
ganz Ähnliches von einem anderen Kollegen lachend erzählt hat. Er 
war zur Konsultation mit diesem Kollegen bei einem schwer Kranken 
berufen worden und fühlte sich veranlaßt, dem anderen, der sehr 
hoffimngsfreudig schien, vorzuhalten, daß er beim Patienten Eiweiß 
im Harne finde. Der Kollege ließ sich aber nicht irre machen, 
sondern antwortete beruhigt: Das macht nichts, Herr Kollege, 
der £iweiß wird sich schon ausscheiden! — Es ist mir also nicht 
mehr zweifelhaft, daß in diesem Stück des Traumes ein Hohn auf die 
der Hysterie unwissenden Kollegen enthalten ist. Wie zur Bestätigung 
fährt mir jetzt durch den Sinn: Weiß denn Dr. M., daß die Er- 
scheinungen bei seiner Patientin, der Freundin Irmas, welche eine 
Tuberkulose befürchten lassen, auch auf Hysterie beruhen? Hat er 
diese Hysterie erkannt oder ist er ihr „aufgesessen"? 

/^ ^Welches Motiv kann ich aber haben, diesen Freund so schlecht 
zu behajadeln? Das ist sehr einfach: Dr. M. ist mit meiner „Lösung" 
bei Irma so wenig einverstanden, wie Irma selbst. Ich habe also in 
diesem Traume bereits an zwei Personen Rache genommen, an Irma 

6* 



f^nonl^ Orrginaffnonn 

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84 n. Analyse eines Traammusters. 

mit den Worten: Wenn du noch Schmerzen hast, ist es deine eig^ene 
Schuld, und an Dr. M. mit dem Wortlaute der ihm in den Mund 
gelegten unsinnigen Tröstung. 

i^yWiT wissen unmittelbar, woher die Infektion rührt. 
Dies unmittelbare Wissen im Traume ist sehr merkwürdig. Eben 
vorhin wußten wir es noch nicht, da die Infektion erst durch Leopold 
nachgewiesen wurde. 

Freund Otto hat ihr, als sie sich unwohl fühlte, 
eine Injektion gegeben. Otto hatte wirklich erzählt, daß er in 
der kurzen Zeit seiner Anwesenheit bei Irmas Familie ins benach- 
barte Hotel geholt wurde, um dort jemandem, der sich plötz- 
lich unwohl fühlte, eine Injektion zu machen. Die Injektionen er- 
innern mich wieder an den unglücklichen Freund, der sich mit 
Kokain vergiftet hat. Ich habe ihm das Mittel nur zur internen 
Anwendung während der Morphiumentziehung geraten; er machte 
sich aber unverzüglich Kokaininjektionen. 

Mit einem Propylpräparat • . . Propylen . • . Pro- 
pionsäure. Wie komme ich nur dazu? Am selben Abend, nach 
welchem ich an der Krankengeschichte geschrieben und darauf ge- 
träumt hatte, öffnete meine Frau eine Flasche Likör, auf welcher 
„Ananas"*) zu lesen stand, und die ein Geschenk unseres Freundes 
Otto war. Er hat nämlich die Gewohnheit, bei allen möglichen An- 
lässen zu schenken ; hoffentlich wird er einmal durch eine Frau davon 
kuriert.**) Diesem Likör entströmte ein solcher Fuselgeruch, daß ich 
mich weigerte, davon zu kosten. Meine Frau meinte: Diese Flasche 
schenken wir den Dienstleuten, und ich, noch vorsichtiger, untersagte 
es mit der menschenfreundlichen Bemerkung, sie sollen sich auch 
nicht vergiften. Der Fuselgeruch (Amyl . . .) hat mm offenbar bei 
mir die Erinnerung an die ganze Reihe: Propyl, Methyl u. s. w, 
geweckt, die für den Traum die Propylenpräparate lieferte. Ich habe 
dabei allerdings eine Substitution vorgenommen, Propyl geträumt, 
nachdem ich Amyl gerochen, aber derartige Substitutionen sind viel- 
leicht gerade in der organischen Chemie gestattet. 

/?/Trimethylamin. Von diesem Körper sehe ich im Traume 
die chemische Formel, was jedenfalls eine große Anstrengung meines 
Gedächtnisses bezeugt, und zwar ist die Formel fett gedruckt, als 
wollte man aus dem Kontext etwas als ganz besonders wichtig heraus- 
heben. Worauf führt mich nun Trimethylamin, auf das ich in 
solcher Weise aufinerksam gemacht werde? Auf ein Gespräch mit 
einem anderen Freunde, der seit Jahren um all meine Keimenden 

*) „Ananas" enthält übrigens einen merkwürdigen Anklang an den Familien- 
namen meiner Patientin Irma. 

**) [Hierin erwies sich dieser Traum nicht als prophetisch. In anderem 
Sinne behielt er Recht, denn die ,, ungelösten" Magenbeschwerden meiner Patientin, 
|in denen ich nicht Schuld haben wollte, waren die Vorläufer eines emstbaften 
Oallensteinleidens.] 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Der Traum von Irmas Injektion. 85 

Arbeiten weiß, wie ich um die seinigen. Er hatte mir damals 
gewisse Ideen zu einer Sexualchemie mitgeteilt und unter anderem 
erwähnt, eines der Produkte des SexualstoiFwechsels glaube er im 
Trimethylamin zu erkennen. Dieser Körper führt mich also auf die 
Sexualität, auf jenes Moment, dem ich für die Entstehung der ner- 
vösen AflFektionen, welche ich heilen will, die größte Bedeutung bei- 
lege. Meine Patientin Irma ist eine jugendliche Witwe; wenn es 
mir darum zu tun ist, den Mißerfolg der Kur bei ihr zu entschul- 
digen, werde ich mich wohl am besten auf diese Tatsache berufen, 
an welcher ihre Freunde gern ändern möchten. Wie merkwürdig 
übrigens ein solcher Traum gefügt ist! Die andere, welche ich an 
Irmas Statt im Traume als Patientin habe, ist auch eine junge Witwe. 

Ich ahne, warum die Formel Trimethylamin im Traume sich 
so breit gemacht hat. Es kommt soviel wichtiges in diesem einen 
Worte zusammen: Trimethylamin ist nicht nur eine Anspielung auf 
das übermächtige Moment der Sexualität, sondern auch auf eine 
Person, an deren Zustimmung ich mich mit Befriedigung erinnere, 
wenn ich mich mit meinen Ansichten verlassen fühle. Sollte dieser 
Freund, der in meinem Leben eine so große Rolle spielt, in dem 
Gedankenzusammenhang des Traumes weiter nicht vorkommen ? Doch ; 
er ist ein besonderer Kenner der Wirkungen, welche von AflFektionen 
der Nase und ihren Nebenhöhlen ausgehen, und hat der Wissenschaft 
einige höchst merkwürdige Beziehungen der Nasenmuscheln zu den 
weiblichen Sexualorganen eröflfnet. (Die drei krausen Gebilde im Halse 
bei Irma). Ich habe Irma von ihm untersuchen lassen, ob ihre 
Magenschmerzen etwa nasalen Ursprungs sind. Er leidet aber selbst 
an Naseneiterungen, die mir Sorge bereiten, und darauf spielt wohl 
die P y ä m i e an, die mir bei den Metastasen des Traumes vorschwebt. 
/-i Man macht solche Injektionen nicht so leichtfertig. 
Hier wird der Vorwurf der Leichtfertigkeit unmittelbar gegen Freund 
Otto geschleudert. Ich glaube, etwas Ähnliches habe ich mir am 
Nachmittag gedacht, als er durch Wort und Blick seine Parteinahme 
gegen mich zu bezeugen schien. Es war etwa: Wie leicht er sich 
beeinflussen läßt; wie leicht er mit seinem Urteile fertig wird. — 
Außerdem deutet mir der obenstehende Satz wiederum auf den ver- 
storbenen Freund, der sich so rasch zu Kokaininjektionen entschloß. 
Ich hatte Injektionen mit dem Mittel, wie gesagt, gar nicht beab- 
sichtigt. Bei dem Vorwurfe, den ich gegen Otto erhebe, leichtfertig 
mit jenen chemischen Stoßen umzugehen, merke ich, daß ich wieder 
die Geschichte jener unglücklichen Mathilde berühre, aus der der- 
selbe Vorwurf gegen mich hervorgeht. Ich sammle hier offenbar 
Beispiele für meine Gewissenhaftigkeit, aber auch fürs Gegenteil. 

Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein. 
Noch ein Vorwurf gegen Otto, der aber anderswoher stammt. Gestern 
traf ich zufillUg den Sohn einer 82jährigen Dame, der ich täglich 
zwei Morphiuminjektionen geben muß. Sie ist gegenwärtig auf dem 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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86 !!• Analyse eines Traummusters, 

Lande, und ich hörte über sie, daß sie an einer Venenentzündung 
leide. Ich dachte sofort daran, es handle sich um ein Infiltrat 
durch Verunreinigung der Spritze. Es ist mein Stolz, daß ich ihr 
in zwei Jahren nicht ein einziges Infiltrat gemacht habe; es ist 
freilich meine beständige Sorge, ob die Spritze auch rein ist. Ich 
bin eben gewissenhaft. Von der Venenentzündung komme ich wieder 
auf meine Frau, die in einer Schwangerschaft an Venenstauungen 
gelitten, und nun tauchen in meiner Erinnerung drei ähnliche Situ- 
ationen, mit meiner Frau, mit Irma und der verstorbenen Mathilde 
auf, deren Identität mir offenbar das Recht gegeben hat, die drei 
Personen im Traume füreinander einzusetzen. 



' *^ Ich habe nun die Traumdeutung vollendet.*) Während dieser 
Arbeit hatte ich Mühe, mich all der Einfalle zu erwehren, zu denen 
der Vergleich zwischen dem Trauminhalt und den dahinter versteckten 
Traumgedanken die Anregung geben mußte. Auch ist mir unterdes 
/ der „Sinn^ des Traumes aufgegangen. Ich habe feine Absicht gemerkt, 
/ welche durch den Traum verwirklicht wird und die das Motiv des 
Träumens gewesen sein mußT] Der Traum erfüllt einige Wünsche, 
welche durch die Ereignisse des letzten Abends (die Nachricht Ottos, 
die Niederschrift der Krankengeschichte) in mir rege gemacht worden 
sind. Das Ergebnis des Traumes ist nämlich, daß ich nicht Schuld 
bin an dem noch vorhandenen Leiden Irmas, und daß Otto daran 
schuld ist. Nun hat mich Otto durch seine Bemerkung über Irmas 
unvollkommene Heilung geärgert; der Traum rächt mich an ihm, 
indem er den Vorwurf auf ihn selbst zurückwendet. Von der Ver- 
antwortung für Irmas Befinden spricht der Traum mich frei, indem 
er dasselbe auf andere Momente (gleich eine ganze Reihe von Be- 
gründungen) zurückfuhrt. Der Traum stellt einen gewissen Sach- 
verhalt so dar, wie ich ihn wünschen möchte; sein Inhalt ist 
also eine Wunscherfüllung, sein Motiv ein Wunsch. 

^ ^ Soviel springt in die Augen. Aber auch von den Details des 
Traumes wird mir manches unter dem Gesichtspunkte der Wunsch - 
erfuUung verständlich* Ich räche mich nicht nur an Otto für seine 
voreilige Parteinahme gegen mich, indem ich ihm eine voreilige ärzt- 
liche Handlung zuschiebe (die Injektion), sondern ich nehme auch 
Rache an ihm für den schlechten Likör, der nach Fusel duftet, 
und ich finde im Traume einen Ausdruck, aer beide Vorwürfe vereint : 
die Injektion mit einem Propylenpräparat. Ich bin noch nicht be- 
friedigt, sondern setze meine Rache fort, indem ich ihm seinen 
verläßlicheren Konkurrenten gegenüberstelle. Ich scheine damit zu 
sagen: Der ist mir lieber als du,, Otto ist aber nicht der einzige, der 
die Schw^ere meines Zornes zu fühlen hat. Ich räche mich auch 

*) Wenn ich auch, wie begreiflich, nicht alles mitgeteilt habe, was mir sar 
Deutangearbeit eingefallen ist. 



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Der Traum von Irinas Injektion. 87 

an der unfolgsamen Patientin, indem ich sie mit einer klügeren, 
gefügigeren vertausche. Ich lasse auch dem Dr. M. seinen Wider- 
spruch nicht ruhig hingehen, sondern drücke ihm in einer deutlichen 
Anspielung meine Meinung aus, daß er der Sache als ein Unwissen- 
der gegenübersteht („es wird Dysenterie hinzutreten etc."). Ja, mir 
scheint, ich appelliere von ihm weg an einen anderen, Besserwissen- 
den (meinen Freund, der mir vom Trimethylamin erzählt hat), 
wie ich von Irma an ihre Freundin, von Otto an Leopold mich 
gewendet habe. SchaflFfc mir diese Personen weg, ersetzt sie mir 
durch drei andere meiner Wahl, dann bin ich der Vorwürfe ledig, 
die ich nicht verdient haben will! Die Grundlosigkeit dieser Vor- 
würfe selbst wird mir im Traume auf die weitläufigste Art erwiesen. 
Irmas Schmerzen fallen nicht mir zur Last, denn sie ist selber schuld 
an ihnen, indem sie meine Lösung anzunehmen verweigert, Irmas 
Schmerzen gehen riiich nichts an, denn sie sind organischer Natur, 
durch eine psychische Kur gar nicht heilbar. Irmas Leiden erklären 
sich befriedigend durch ihre Witwenschaft (Trimethylamin!), woran 
ich ja nichts ändern kann. Irmas Leiden ist durch eine unvor- 
sichtige Injektion von Seiten Ottos hervorgerufen worden mit einem 
dazu nicht geeigneten StoflT, wie ich sie nie gemacht hätte. Irmas 
Leiden rührt von einer Injektion mit unreiner Spritze her wie die 
Venenentzündung meiner alten Dame, während ich bei meinen 
Injektionen niemals etwas anstelle. Ich merke zwar, diese Er- 
klärungen flttr Irmas Leiden, die darin zusanmientreffen mich zu 
entlasten, stimmen untereinander nicht zusammen, ja sie schließen 
einander aus. Das ganze Plaidoyer — nichts anderes ist dieser 
Traum — erinnert lebhaft an die Verteidigung des Mannes, der 
von seinem Nachbar angeklagt war, ihm einen Kessel in schadhaftem 
Zustand zurückgegeben zu haben. Erstens habe er ihn unversehrt 
zurückgebracht, zweitens war der Kessel schon durchlöchert, wie er 
ihn entlehnte, drittens hatte er nie einen Kessel vom Nachbar ent- 
lehnt. Aber um so besser; wenn nur eine dieser drei Verteidigungs- 
arten stichhaltig erkannt wird, muß der Mann freigesprochen werden. 
/^^Es spielen in den Traum noch andere Themata hinein, deren 
Beziehung zu meiner Entlastung von Irmas Krankheit nicht so 
durchsichtig ist: Die Krankheit meiner Tochter und die einer gleich- 
namigen Patientin, die Kokainschädlichkeit, die Affektion meines in 
Ägypten reisenden Patienten, die Sorge um die Gesundheit meiner 
Frau, meines Bruders, des Dr* M., meine eigenen Körperbeschwerden, 
die Sorge um den abwesenden Freund^ der an Naseneiterungen 
leidet. Doch wenn ich all das ins Auge tasse, fügt es sich zu einem 
einzigen Gedankenkreis zusanmmien, etwa mit der Etiquette: Sorge 
um die Gesundheit, eigene imd fremde, ärztliche Gewissenhaftigkeit. 
Ich erinnere mich an eine unklare peinliche Empfindung, als mir 
Otto die Nachricht von Irmas Befinden brachte. Aus dem im 
Traume mitspielenden Gedankenkreis möchte ich nachträglich den 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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88 II. Analyse eines Traummusters. 

Ausdruck für diese flüchtige Empfindung einsetzen. Es ist, als ob er 
mir gesagt hätte: Du nimmst deine ärztlichen Pflichten nicht ernst- 
haft genug, bist nicht gewissenhaft, hältst nicht, was du versprichst. 
Daraufhin hätte sich mir jener Gedankenkreis zur Verfügung 
gestellt, damit ich den Nachweis erbringen könne, in wie hohem 
Grade ich gewissenhaft bin, wie sehr mir die Gesundheit meiner 
Angehörigen, Freunde und Patienten am Herzen liegt. Bemerkens- 
werterweise sind unter diesem Gedankenmaterial auch peinliche Er- 
innerungeu, die eher für die meinem Freunde Otto zugeschriebene 
Beschuldigung als für meine Entschuldigung sprechen. Das Material 
ist gleichsam unparteiisch, aber der Zusammenhang dieses breiteren 
Stoffes, auf dem der Traum ruht, mit dem engeren Th«ma des 
Traumes, aus dem der Wunsch hervorgegangen ist, an Irmas Krank- 
heit unschuldig zu sein, ist doch unverkennbar. 

' i^ '^ Ich will nicht behaupten, daß ich den Sinn dieses Traumes 
vollständig aufgedeckt habe, daß seine Deutung eine lückenlose ist. 
Ich könnte noch lange bei ihm verweilen, weitere Aufklärungen 
aus ihm entnehmen und neue Rätsel erörtern, die er aufwerfen 
heißt. Ich kenne selbst die Stellen, von denen aus weitere Gedanken- 
zusammenhänge zu verfolgen sind; aber Rücksichten, wie sie bei 
jedem eigenen Traume in Betracht kommen, halten mich von der 
Deutungsarbeit ab. Wer mit dem Tadel für solche Reserve rasch 
bei der Hand ist, der möge nur selbst versuchen, aufrichtiger zu 
sein als ich. Ich begnüge mich für den Moment mit der einen neu 
gewonnenen Erkenntnis: Wenn man die hier angezeigte Methode 
der Traumdeutung befolgt, findet man, daß der Traum wirklich 
einen Sinn hat und keineswegs der Ausdruck einer zerbröckelten 
Hirntätigkeit ist, wie die Autoren wollen. Nach vollendeter 
Deutungsarbeit läßt sich der Traum als eine Wunsch- 
erfüllung erkennen. 



C^ nonl^ Orrgmaf fnom 

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in- 

Der Traum ist eine Wimscherfüllung. 

Wenn man einen engen Hohlweg passiert hat und plötzlich auf 
einer Anhöhe angelangt ist, von welcher aus die Wege sich teilen 
und die reichste Aussicht nach verschiedenen Richtungen sich öfinet^ 
darf man einen Moment lang verweilen und überlegen, wfthin man 
zunächst sich wenden soll. Ähnlich ergeht es uns, nachdem wir 
diese erste Traumdeutung überwunden haben. Wir stehen in der 
Klarheit einer plötzHchen Erkenntnis. Der Traum ist nicht ver- 
gleichbar dem unregelmäßigen Ertönen eines musikalischen Instru- 
ments, das anstatt von der Hand des Spielers von dem Stoß einer 
äußeren Gewalt getroffen wird, er ist nicht sinnlos, nicht absurd, setgt 
nicht voraus, daß ein Teil unseres Vorstellungsschatzes schläft, während 
ein anderer zu erwachen beginnt. Er ist ein vollgültiges psychisches 
Phänomen, und zwar eine WunscherfWlung ; er ist einzureihen in den 
Zusammenhang der uns verständlichen seelischen Aktionen des « 
Wachens; eine hoch komplizierte intellektuelle Tätigkeit hat ihn 
aufgebaut Aber eine Fülle von Fragen bestürmt uns im gleichen 
Moment, da wir uns dieser Erkenntnis freuen wollen. Wenn der 
Traum laut Angabe der Traumdeutung einen erfüllten Wunsch dar- 
stellt, woher rlSbrt die auffällige und befremdende Form, in welcher 
diese WunscherfuUung ausgedrückt ist? Welche Veränderung ist 
mit den Traumgedanken vorgegangen, bis sich aus ihnen der manifeste 
Traum, wie wir ihn beim Erwachen erinnern, gestaltete ? Auf welchem 
W^e ist diese Veränderung vor sich gegangen? Woher stammt das 
Material^ das zum Traume verarbeitet worden ist? Woher rühren 
manche der Eigentümlichkeiten, die wir an den Traumgedanken 
bemerken konnten, wie z. B., daß sie einander widersprechen 
dürfen? (Die Analogie mit dem Kessel, Seite 87.) Kann der Traum 
ims etwas neues über unsere inneren psychischen Vorgänge lehren, 
kann sein Inhalt Meinungen korrigieren, an die wir tagsüber geglaubt 
haben? Ich schlage vor, alle diese Fragen einstweilen beiseite zu 
lassen und einen einzigen Weg weiter zu verfolgen. Wir haben er- 



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OrfgfrTaffrom 
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90 III. Der Traum ist eine WünscherftlUnng. 

fahren, daß der Traum einen Wunsch als erfüllt darstellt. Unser 
nächstes Interesse soll es sein zu erkimden, ob dies ein allgemeiner 
Charakter des Traumes ist, oder nur der zufkllige Inhalt jenes 
Traumes (^von Irmas Injektion"), mit dem unsere Analyse be- 
gonnen hat, denn selbst, wenn wir uns darauf gefaßt machen, daß 
jeder Traum einen Sinn und psychischen Wert hat, müssen wir 
noch die Möglichkeit offen lassen, daß dieser Sinn nicht in jedem 
Traume der nämliche sei. Unser erster Traum war eine Wunsch- 
erftlUung; ein anderer stellt sich vielleicht als eine erfüllte Befürch- 
tung heraus; ein dritter mag eine Reflexion zum Inhalt haben, ein 
vierter einfach eine Erinnerung reproduzieren. Gibt es also noch 
andere Wunschträume oder gibt es vielleicht nichts anderes als 
Wunschträume ? 

' Es ist leicht zu zeigen, daß die Träume häufig den Charakter 
der WunscherfÜllung unverhüllt erkennen lassen, so daß man sich 
v/ wundem mag, warum die Sprache der Träume nicht schon längst 

ein Verständnis gefunden hat. Da ist z. B. ein Traum, den icji mir 
beliebig oft, gleichsam experimentell, erzeugen kann. Wenn ich am 
Abend Sardellen, Oliven oder sonst stark gesalzene Speisen nehme, 
bekomme ich in der Nacht Durst, der mich weckt. Dem Erwachen . 
geht aber ein Traum voraus, der' jedesmal den gleichen Inhalt hat, 
nämlich, daß ich trinke. Ich schlürfe Wasser in vollen Zügen, es 
schmeckt mir so köstlich, wie nur ein kühler Trunk schmecken 
kann, wenn man verschmachtet ist, und dann erwache ich und muß 
wirklich trinken. Der Anlaß dieses einfachen Traumes ist der 
Durst, den ich ja beim Erwachen verspüre. Aus dieser Empfindung 
geht der Wunsch hervor zu trinken, und diesen Wunsch zeigt mir 
der Traum erftlllt. Er dient dabei einer Funktion, die ich bald er- 
rate. Ich bin ein guter Schläfer, nicht gewöhnt durch ein Bedürfnis 
geweckt zu werden. Wenn es mir gelingt, meinen Durst durch 
den Traum, daß ich trinke, zu beschwichtigen, so brauche ich nicht 
aufzuwachen, um ihn zu befriedigen. Es ist also ein Bequemlichkeits- 
traum. Das Träumen setzt sich an Stelle des Handelns wie auch 
sonst im Leben. Leider ist das Bedürfnis nach Wasser, um den 
Durst zu löschen, nicht mit einem Traume za befriedigen, wie mein 
Kachedurst gegen Freund Otto und Dr. M., aber der gute Wille 
ist der gleiche. Derselbe Traum hat sich unlängst einigermaßen 
modifiziert. Da bekam ich schon vor dem Einschlafen Durst und 
trank das Wasserglas leer, das auf dem Kästchen neben meinem 
Bette stand. Einige Stunden später kam in der Nacht ein neuer 
Durstanfall, der seine Unbequemlichkeiten im Gefolge hatte. Um mir 
Wasser zu verschaflFen, hätte ich aufstehen und mir das Glas holen 
müssen, welches auf dem Nachtkästchen meiner Frau stand. Ich 
träumte also zweckentsprechend, daß meine Frau mir aus einem 
Gefkße zu trinken gibt; dies Gefkß war ein etruskischer Aschen- 
krug, den ich mir von einer italienischen Reise heimgebracht und 



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Bequemlichkeitsträame. 91 

seither verschenkt hatte. Das Wasser in ihm schmeckte aber so 
salzig (von der Asche offenbar), daß ich erwa<5hen mußte. Man 
merkt, wie bequem der Traum es einzurichten versteht; da Wunsch- 
erfüllung seine einzige Absicht ist, darf er vollkommen egoistisch 
sein. Liebe zur Bequemlichkeit ist mit Rücksicht auf andere wirk- 
lich nicht vereinbar. Die Einmengung des Aschenkruges ist wahr- 
scheinlich wieder eine Wunscherftlllung ; es tut mir leid, daß ich dies 
Oefkß nicht mehr besitze, wie übrigens auch das Wasserglas auf Seiten 
meiner Frau mir nicht zugänglich ist. Der Aschenkrug paßt sich 
auch der nun stärker gewordenen Sensation des salzigen Geschmacks 
an, von der ich weiß, daß sie mich zum Erwachen zwingen wird,*) 

/3 /Solche Bequemlichkeitsträume waren bei mir in juvenilen Jahren 
sehr häufig. Von jeher gewöhnt, bis tief in die Nacht zu arbeiten, 
war mir das zeitige Erwachen immer eine Schwierigkeit. Ich pflegte 
dann zu träumen, daß ich außer Bett bin und beim Waschtische stehe. 
Nach eine Weile konnte ich mich der Einsicht nicht verschließen, 
daß ich noch nicht aufgestanden bin, hatte aber doch dazwischen eine 
Weile geschlafen. Denselben Trägheitstraum in besonders witziger 
Form^ kenne ich von einem jungen KoUegen, der meine Schlafoeigung 
zu teilen scheint. Die Zimmerfrau, bei der er in der Nähe des Spitals 
wohnte, hatte den strengen Auftrag, ihn jeden Morgen rechtzeitig zu 
wecken, aber auch ihre liebe Not, wenn sie den Auftrag ausführen 
wollte. Eines Morgens war der Schlaf besonders süß. Die Frau rief 
ins Zimmer: Herr Pepi, stehen' s auf, Sie müssen ins Spital. Darauf- 
hin träumte der Schläfer ein Zimmer im Spital, ein Bett, in dem er 
lag, und eine Kopftafel, auf der zu lesen stand*.» Pepi H . . . cand. 
med., 22 Jahre. Er sagte sich träumend: Wenn ich also schon im 
Spital bin, brauche ich nicht erst hineinzugehen, wendete sich um 
und schlief weiter. Er hatte sich dabei das Motiv seines Träumens 
unverhohlen eingestanden. 

^ ■ Ein anderer Traum, dessen Keiz gleichfalls während des Schlafes 
selbst einwirkt: Eine meiner Patientinnen, die sich einer ungünstig 
verlaufenen Kieferoperation hatte unterziehen müssen, sollte nach dem 
Wunsche der Ärzte Tag und Nacht einen Kühlapparat auf der kranken 
Wange tragen. Sie pflegte ihn aber wegzuschleudem, sobald sie ein- 
geschlafen war. Eines Tages bat man mich, ihr darüber Vorwürfe 

♦) Das Tatsächliche der Dorstträame war auch Weygandt'^) bekannt, der 
p. 11 darüber äußert: „Gerade die Durstempfindung wird am präzisesten von allen 
aufgefaßt: sie erzeugt stets eine Vorstellung des Durstlöschens. — Die Art, wie eich 
der Traum das Dnrstlöschen vorstellt, ist mannigfaltig und wird nach einer nahe 
liegenden Erinnerung spezialisiert. Eine allgemeine £r£cheinung ist auch hier, daß 
sich sofort nach der Vorstellung des Durstlöschens eine Enttäuschung über die geringe 
Wirkung der vermeintlichen Erfrischungen einstellt Er übersieht aber das AUge- 
ineingültige in der Beaktion des Traumes auf den Reiz. — Wenn andere Personen, 
die in der Nacht vom Durste befallen werden, erwachen, ohne vorher zu träumen, 
so bedeutet dies keinen Einwand gegen mein Experiment, sondern charakterisiert 
diese anderen als schlechtere Schläfer. 



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92 ni. Der Traum ist eine WunscherfUllung. 

zu machen ; sie hatte den Apparat wiederum auf den Boden geworfen. 
Die Kranke verantwortete sich : ^Diesmal kann ich wirklich nichts dafür; 
es war die Folge eines Traumes, den ich bei Nacht gehabt. Ich war 
im Traume in einer Loge in der Oper und interessierte mich lebhaft 
für die Vorstellung. Im Sanatorium aber lag der Herr Karl Meyer 
und jammerte fürchterlich vor Kopfschmerzen. Ich habe mir gesagt^ 
da ich die Schmerzen nicht habe, brauche ich auch den Apparat nicht ; 
darum habe ich ihn weggeworfen.^ Dieser Traum der armen Dul- 
derin klingt wie die Darstellung einer Redensart, die sich einem in 
unangenelunen Lagen über die Lippen drängt : Icn wüßte mir wirklich 
ein besseres Vergnügen. Der Traum zeigt dieses bessere Vergnügen. 
Herr Karl Meyer, dem die Träumerin ihre Schmerzen zuschob, war 
der indifferenteste junge Mann ihrer Bekanntschaft, an den sie sich 
erinnern konnte, ^ty / 

I ' ^ Nicht schwieng'er ist es, die WunscherfUllung in ^inigen anderen 
Träumen aufzüdöfcten, die ich von Gesunden gesammelt habe. Ein 
Freund, der meine Traumtheorie kennt und sie seiner Frau mitgeteilt 
hat, sagt mir eines Tages: „Ich soll dir von meiner Frau e^ählen, 
daß sie gestern geträumt hat, sie hätte die Periode beköinmenT' Du 
wirst wissen, was das bedeutet.^ Frfeiirdi weiß ich's; wenn die junge 
Frau geträumt hat, daß sie die Periode hat, so ist die Periode aus- 
geblieben. Ich kann mir's djpnken, daß sie gern noch einige Zeit ihre- 
Freiheit genossen hätte, "^fehe die Beschwerden d^^I^tterlichkeit be- 
ginnen. Es war eine geschickte Art, die Aff^ij^ von ihrer ersten 
Gravidität zu machen. Ein anderer Freund schreibt, seine Frau habe 
unlängst geträumt, daß sie an ihrer Hemdenbrust Milchflecken bemerke. 
Dies ist auch eine Graviditätsanzeige, aber nicht mehr vom ersten 
Mal ; die junge Mutter wünscht sich, Air das zweite Kind mehr Nahrung 
zu haben, als seinerzeit ftlrs erste. 

f ' "" Eine junge Frau, die Wochen hindurch bei der Pflege ihres 
infektiös erkrankten Kindes vom Verkehre abgeschnitten war, träumt 
nach glücklicher Beendigung der Krankheit von einer Gesellschaft, in 
der sich A. Daudet, Bourget, M. Prövost und andere betinaen^ 
die sämtlich sehr liebenswürdig gegen sie sind und sie vortrefflich 
amüsieren. Die betreffenden Autoren tragen auch im Traume die 
Züge, welche ihnen ihre Bilder geben; M. Pr6vost, von dem sie 
ein Bild nicht kennt, sieht dem — Desinfektionsmanne gleich, der am 
Tage vorher die Krankenzimmer gereinigt und sie als erster Besucher 
nach langer Zeit betreten hatte. Man meint, den Traum lückenlos 
übersetzen zu können: Jetzt wäre es einmal Zeit ftir etwas Amüsan- 
teres als diese ewigen Krankenpflegen. 

Vielleicht wird diese Auslese genügen, um zu erweisen, daß man 
sehr häufig und unter den mannigfaltigsten Bedingungen Träume 
findet, die sich nur als Wunscherftlllungen verstehen lassen, und die 
ihren Inhalt unverhüllt zur Schau tragen. Es sind dies zumeist 
kurze und einfache Träume, die von den verworrenen und über- 



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OrfgfrTaffrom 
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UnverhUUte Wunschträume. 93 

reichen Traumkompositionen, welche wesentlich die Aufmerksamkeit 
der Autoren auf sich gezogen haben, wohltuend abstechen. Es ver- 
lohnt sich aber, bei diesen einfachen Träumen noch zu verweilen. 
Die allereinfachsten Formen von Träumen darf man wohl bei Kindern 
erwarten, deren psychische Leistungen sicherlich minder kompliziert 
sind als die Erwachsener. Die Kinderpsychologie ist nach meiner 
Meinung dazu berufen, für die Psychologie der Erwachsenen ähn- 
liche Dienste zu leisten wie die Untersuchung des Baues oder der 
Entwicklung niederer Tiere für die Erforschung der Struktur der 
höchsten Tierklassen. Es sind bis jetzt wenig zielbewußte Schritte 
geschehen, die Psychologie der Kinder zu solchem Zwecke auszunützen. 
Die Träume der kleinen Kinder sind häufig simple Wunscher- 
fuUungen und dann im Gegensatze zu den Träumen Erwachsener gar 
nicht interessant. Sie geben keine Rätsel zu lösen, sind aber natürlich 
unschätzbar für den Beweis, daß der Traum seinem innersten Wesen 
nach eine Wunscherfüllung bedeutet. Bei meinem Material von 
eigenen Kindern konnte ich einige Beispiele von solchen Träumen 
sammeln. 

'i* Einem Ausfluge nach dem schönen Hallstatt im Sommer 1896 
von Aussee aus verdanke ich zwei Träume, den einen von meiner 
damals SVojäbrigen Tochter, den anderen von einem 5 V4 jährigen 
Knaben. Als Vorbericht muß ich angeben, daß wir in diesem 
Sommer auf einem Hügel bei Aussee wohnten, von wo aus wir eine 
herrliche Dachsteinaussicht bei schönem Wetter genossen. Mit dem 
Femrohre war die Simony-Hütte gut zu erkennen. Die Kleinen be- 
mühten sich wiederholt, sie durchs Femrohr zu sehen; ich weiß 
nicht, mit welchem Erfolge, Vor der Partie hatte ich den Kindern er- 
zählt; Hallstatt läge am Fuße des Dachsteins. Sie freuten sich sehr 
auf den Tag. Von Hallstatt aus gingen wir ins Eschemtal, das 
mit seinen wechselnden Ansichten die Kinder sehr entzückte. Nur 
eines, der fünQährige Knabe wurde allmählich mißgestimmt. So 
oft ein neuer Berg in Sicht kam, fragte er: Ist das der Dachstein? 
worauf ich antworten mußte: Nein, nur ein Vorberg. Nachdem sich 
diese Frage einigemal wiederholt hatte, verstummte er ganz; den 
Stufenweg zum Wasserfall wollte er überhaupt nicht mitmachen. Ich 
hielt ihn für ermüdet. Am nächsten Morgen kam er aber ganz 
selig auf mich zu und erzählte: Heute Nacht habe ich geträumt, 
daü wir auf der Simony-Hütte gewesen sind. Ich verstand ihn nun; 
er hatte erwartet, als ich vom Dachstein sprach, daß er auf dem 
Ausfluge nach Hallstatt den Berg besteigen und die Hütte zu Gesicht 
bekommen werde, von der beim Fernrohre so viel die Rede war. 
Als er dann merkte, daß mau ihm zumute, sich mit Vorbergen 
und einem Wasserfall abspeisen zu lassen, fühlte er sich getäuscht 
und wurde verstimmt. Der Traum entschädigte ihn dafür. Ich ver- 
suchte Details des Traumes zu erfahren; sie waren ärmlich. „Man 
geht sechs Stunden lang auf Stufen hinauf,^ wie er's gehört hatte. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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94 III. Der Traum ist eine Wunscherfullung. 

' Auch bei dem 8 Vs jährigen Mädchen waren auf diesem Ausflüge 
Wünsche rege geworden, die der Traum befriedigen mußte. Wir 
hatten den 12jährigen Knaben unserer Nachbarn nach Hallstatt mit- 
genommen, einen vollendeten Ritter, der, wie mir schien, sich bereits 
aller Sympathien des kleinen Frauenzinmiers erfreute. Sie erzählte 
nun am nächsten Morgen folgenden Traum; Denk' dir, ich haV ge- 
träumt, daß der Emil einer von uns is, Papa und JVIama zu euch 
sagt und im großen Zimmer mit uns schläft wie unsere Buben. Dann 
kommt die Mama ins Zimmer und wirft eine Handvoll großer 
Schokoladestangen in blauem und grünem Papiere unter unsere 
Betten, Die Brüder, die sich also nicht kraft erblicher Übertragung 
auf Traumdeutung verstehen, erklärten ganz wie unsere Autoren: 
Dieser Traum ist ein Unsinn. Das Mädchen trat wenigstens ftlr einen 
Teil des Traumes ein, und es ist wertvoll für die Theorie der Neu- 
rosen zu erfahren, fllr welchen: Daß der Emil ganz bei uns ist, das 
ist ein Unsinn, aber das mit den Schokoladestangen nicht. Mir war 
gerade das letztere dunkel. Die Mama lieferte mir hieftlr die £r* 
klärung. Auf dem Wege vom Bahnhofe nach Hause hatten die 
Kinder vor dem Automaten Halt gemacht und sich gerade solche 
Schokoladestangen in metallisch glänzendem Papiere gewünscht, die 
der Automat nach ihrer Erfahrung zu verkaufen hatte. Die Mama 
hatte mit Recht gemeint, jener Tag habe genug Wunscherflillungen 
gebracht, und diesen Wunsch für den Traum übrig gelassen. Mir war 
die kleine Szene entgangen. Den von meiner Tochter proskribierten 
Teil des Traumes verstand ich ohne weiteres. Ich hatte selbst 
gehört, wie der artige Gast auf dem Wege die Kinder aufgefordert 
hatte zu warten, bis der Papa oder die Mama nachkommen. Aus 
dieser zeitweiligen Zugehörigkeit machte der Traum der BLleinen eine 
dauernde Adoption. Andere Formen des Beisammenseins als die im 
Traume erwähnten, die von den Brüdern hergenommen sind, kannte 
ihre Zärtlichkeit noch nicht. Warum die Schokoladestangen unter die 
Betten geworfen wurden, ließ sich ohne Ausfragen des Kindes natürlich 
nicht aufklären. 

I ^j ^ Einen ganz ähnlichen Traum wie den meines Knaben habe ich 
von befreundeter Seite erfahren. Er betraf ein Sjähriges Mädchen. 
Der Vater hatte mit mehreren Kindern einen Spaziergang nach 
Dombach in der Absicht unternonmien, die Rohrerhütte zu besuchen, 
kehrte aber um, weil es zu spät geworden war, und versprach den 
Kindern, sie ein anderes Mal zu entschädigen. Auf dem Rückwege 
kamen sie an einer Tafel vorbei, welche den Weg zimi Hameau 
anzeigt. Die Kinder verlangten nun auch aufs Hameau geftlhrt zu 
werden, mußten sich aber aus demselben Grund vriederum auf einen 
andern Tag vertrösten lassen. Am nächsten Morgen kam das 8jah- 
rige Mädchen dem Papa befriedigt entgegen: Papa, heut' hab ich 
geträumt, du warst mit uns bei der Rohrerhütte und auf dem Hameau. 
Ihre Ungeduld hatte also die Erfüllung des vom Papa geleisteten Ver- 
sprechens im Traume antizipiert. 



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OrfgfrTaffrom 
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Wunschträüme kleiner Kinder. 95 

Ebenso aufrichtig ist ein anderer Traum, den die landschaftliche 
Schönheit Aussees bei meinem damals SVJährigen Töchterchen er- 
regt hat. Die Kleine war zum erstenmal fiber den See gefahren, und 
die Zeit der Seefahrt war ihr zu rasch vergangen. An der Landungs- 
stelle wollte sie das Boot nicht rerlassen und weinte bitterlich. Am 
nächsten Morgen erzählte sie: Heute Nacht bin ich auf dem See 
gefahren. Hoffen wir, daß die Dauer dieser Traumfahrt sie besser 
befriedigt hat. 

/ ^^Mein ältester, damals 8jähriger Knabe träumt bereits die Rea- 
lisierung seiner Phantasien. Er ist mit dem Aöhilleus in einem Wagen 
gefahren und der Diomedes war Wagenlenker. Er hat sich natürlich 
tags vorher für die Sagen Griechenlands begeistert, die der älteren 
Schwester geschenkt worden sind. 

Wenn man mir zugibt, daß das Sprechen aus dem Schlafe der 
Kinder gleichfalls dem Kreise des Träumens angehört, so kann ich im 
folgenden einen der jüngsten Träume meiner Sammlung mitteilen. 
Mein jüngstes Mädchen, damals 19 Monate alt, hatte eines Morgens 
erbrochen und war darum den Tag über nüchtern erhalten worden. 
In der Nacht, die diesem Hungertag folgte, hörte man sie erregt aus 
dem Schlafe rufen: Anna F.eud, Er(d)beer, Hochbeer, Eier- 
(s)peis. Papp, Ihren Namen gebrauchte sie damals, um die Besitz- 
ergreifung auszudrücken; der Speiszettel umfaßte wohl alles, was ihr 
als begehrenswerte Mahlzeit erscheinen mußte; daß die Erdbeeren 
darin in zwei Varietäten vorkamen, war eine Demonstration gegen 
die häusliche Sanitätspolizei und hatte seinen Grund in dem von ihr 
wohl bemerkten Nebenumstand, daß die Kinderfrau ihre Indisposition 
auf allzu reichlichen Erdbeergenuß geschoben hatte: für dies ihr un- 
bequeme Gutachten nahm sie also im Traume ihre Revanche.*) 

/i^Wenn wir die Kindheit glücklich preisen, weil sie die sexuelle 
Begierde noch nicht kennt, so wollen wir nicht verkennen, eine wie 
reiche Quelle der E nttäusc hung, Entsagung und damit der Traum- 
anregung der andere der großen Lebenstriebe für sie werden kann.**) 
Hier ein zweites Beispiel dafür. Mein 22monatiger Neffe hat zu 
meinem Geburtstage die Aufgabe bekommen, mir zu gratulieren und 
als Geschenk ein Körbchen mit Kirschen zu überreichen, die um 

*) Dieselbe Leistanp wie bei der jüngsten Enkelin vollbringt dann der Traum 
kurz nachher bei der Großmutter, deren Alter das des Kindes ungefähr zu 70 Jahren 
ergänzt. Nachdem sie einen Tag lang durch die Unruhe ihrer Wandemiere zum 
Hangern gezwungen war, träumt sie dann, offenbar mit Versetzung in die glück- 
liche Zeit des blühenden Mädchentums, daß sie für beide Hauptmahlzeiten „aus* 
gebeten*', zu Gast geladen ist, und jedesmal die köstlichsten Bissen vorgesetzt be- 
kommt. 

**) [Eingehendere Beschäftigung mit dem Seelenleben der Kinder belehrt uns 
fireilich, daä sexuelle Triebkräfte in infantiler Gestaltung in der psychischen Tätig- 
keit des Kindes eine genügend große, nur zu lange übersehene Bolle spielen, und 
läßt ans an dem Glücke der Kindheit, wie die Erwachsenen es späterhin kon- 
stmieren, einigermaßen zweifeln. Vgl. des Verfassers „Drei Abhandlungen zur Sezual- 
theorie*", 1905 und 2. Aufl. 1910.] 



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96 in. Der Traum ist eine WunscherfUlluQg. 

diese Zeit des Jahres noch zu den Primeurs zählen. Es scheint ihm 
hart anzukommen, denn er wiederholt unaufhörlich: Kirschen sind 
d(r)in, und ist nicht zu bewegen, das Körbchen aus den Händen zu 
geben. Aber er weiß sich zu entschädigen. Er pflegte bisher jeden 
Morgen seiner Mutter zu erzählen, daß er vom „weißen Soldat"^ ge- 
träumt, einem Gardeoffizier im Mantel, den er einst auf der Straße 
bewunderte. Am Tag nach dem Geburtstagsopfer erwacht er freudig 
mit der Mitteilung, die nur einem Traume entstammen kann: He(r)- 
man alle Kirschen aufgessen!*) 

fi^ Wovon die Tiere träumen, weiß ich nicht. Ein Sprichwort, 
dessen Erwähnung ich einem meiner Hörer danke, behauptet es zu 
wissen, denn es stellt die Frage auf: Wovon träumt die Gans? 
und beantwortet sie: Vom Kukuruz (Mais).**) Die ganze Theorie, 
daß der Traum eine WunscherfUllung sei, ist in diesen zwei Sätzen 
enthalten. 



*) [Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß sich bei kleinen Kindern bald kom- 
pliziertere und minder durchsichtige Träume einzustellen pfleg'en, und daß anderseits 
Träume von so einfachem infantilen Charakter unter Umständen auch bei Erwach- 
senen häufig vorkommen. Wie reich an ungeahntem Inhalt Träume von Rindern im 
Alter von vier bis fQaf Jahren bereits sein können, zeigen die Beispiele in meiner 
^Analyse der Phobie eines fünfjährigeu Knaben" [Jahrbuch von Bleuler-Freud I., 
1909] uni in Jungs „Über Konflikte der kindlichen Seele" [ebda. IL B. 1910]. 
Anderseits scheinen sich bei Erwachsenen Träume vom infantilen Tjpus besonders 
häufig wieder einzustellen, wenn sie unter ungewöhnliche Lebensbedingungen ver- 
setzt werden. So berichtet Otto Nordenskjöld in seinem Buch ^AntarctiC* 
1904 über die mit ihm überwinternde Mannschaft: (Bd. I pag. d36) ^Sehr bezeich 
nend für die Richtung unserer innersten Gedanken waren unsere Träume, die nie 
lebhafter und zahlreicher waren als gerade jetzt. Selbst diejenigen unserer Kameraden, 
die sonst nur ausnahmsweise träumten, hatten jetzt des Morgens, wenn wir unsere 
letzten Erfahrungen aus dieser Phantasiewelt mit einander austauschten, lange Ge- 
schichten zu erzählen. Alle handelten sie von jener äußeren Welt, die un^ jerzt so 
fern lag, waren aber oft unseren jetzigen Verhältnissen angepaßt. Ein besonders 
charakteristischer Traum bestand darin, daß sich einer der Kameraden auf die Schul- 
bank zurückversetzt glaubte, wo ihm die Aufo^abe zuteil wurde, ganz kleinen Miniatur- 
Seehunden, die eigens für UnterrichtRzwecke angefertigt waren^ die Haut abzuziehen. 
Essen und Trinken waren übrigens die Mittelpunkte, um die sich unsere Träume am 
häufigsten drehten. Einer von uns, der nächtlicher Weise darin exzellierte, auf große 
Mittagsgesellschaften zu gehen, war seelenfroh, wenn er des Morgens berichten 
konnte, „daß er ein Diner von drei Gängen eingenommen habe"; ein anderer träumte 
von Tabak, von ganzen Bergen Tabak; wieder andere von dem Schiff, das mit vollen 
Segeln auf dem oflenen Wasser daherkam. Noch ein anderer Traum verdient der 
Erwähnung: Der Briefträger kommt mit der Post und gibt eine lange Erklärung, 
warum diese so lange habe auf sich warten lassen, er habe sie verkehrt abgeliefert 
und erst nach großer Mühe sei es ihm gelungen, sie wieder zu erlangen» Natürlich 
beschäftigte man sich im Schlaf mit noch unmöglicheren Dingen, aber der Mangel 
an Phantasie in fast allen Träumen, die ich selbst träumte oder erzälilen hörte, war 
ganz auffallend. Es würde sicher von großem psychologischen Interesse sein, wenn 
alle diese Träume aufgezeichnet würden. Man wird aber leicht verstehen können, 
wie ersehnt der Schlaf war, da er uns alles bieten konnte, was ein jeder von uns 
am glühendsten begehrte."] 

*♦) [Ein ungarisches, von Ferenczi®^ angezogenes Sprichwort behauptet voll- 
ständiger, daß „das Schwein von Eicheln, die Gaus von Mais träumt."] 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Wunschträume kleiner Kinder. 97 

Wir bemerken jetzt, daß wir zu unserer Lehre von dem ver- 
borgenen Sinn des Traumes auch auf dem kürzesten Wege gelangt 
wären, wenn wir nur denSprachgebrauch befragt hätten. Die Sprueh- 
weisheit redet zwar mancKmaT verächtlich genug vom Traume — man 
meint, sie wolle der Wissenschaft Recht geben, wenn sie urteilt: 
Träume sind Schäume — , aber flir den Sprachgebrauch ist der 
Traum doch vorwiegend der holde WunscherftÜler. „Das hätt' ich 
xnir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt," ruft entzückt, 
wer in der Wirklichkeit seine Erwartungen übertroffen findet. 



Frend, Traumdeutung. 8. Aufl. 



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Die Traumentstellung. 

^' ^ Wenn ich nun die Behauptung aufstelle, daß Wunscherfüllung 
der Sinn eines jeden Traumes sei, also daß es keine anderen 
als Wunschträume geben kann, so bin ich des entschiedensten 
Widerspruchs im vorhinein sicher. Man wird mir entgegenhalten: 
„Daß es Träume gibt, welche als WunscherftÜlungen zu verstehen 
sind, ist nicht neu, sondern längst von den Autoren bemerkt worden, 
[Vgl. ßadestock'^*) (p. 137—138), Volkelt 7^) (p, 110—111), 
Purkinje^«) (p. 456), Tissiö««) (p. 70), M. Simon ^») (p. 42 ttber 
die Hungerträume des eingekerkerten Baron Trenck) und die 
Stelle bei Griesinger^^) (p. 111).] Daß es aber , nichts anderes 
gibt als WunscherfülTungsträume, das ist wieder eine der ungerecht- 
fertigten Verallgemeinerungen^ in denen Sie sich letzter Zeit auszu* 
zeichnen belieben. Es kommen doch reichlich genu^ Träume vor, 
welche den peinlichsten Inhalt erkennen lassen, aber kerne Spur irgend 
einer WunscherftÜlung. Der pessimistische Philosoph Ed. v. Hart- 
mann steht wohl der WunscherflQlungstheorie am fernsten. Er 
äußert in seiner Philosophie des Unbewußten, H. Teil (Stereotypaus- 
gabe, p- 344): 

„Was den Traum betrifft, so treten mit ihm alle Plackereien 
des wachen Lebens auch in den Schlafzustand hinüber, nur das Ein- 
zige nicht, was den Gebildeten einigemmßen mit dem Leben aus- 
söhnen kann: wissenschaftlicher und Kunstgenuß . . . .^ Aber auch 
minder unzufriedene Beobachter haben hervorgehoben, daß im Traume 
Schmerz und Unlust häufiger sei als Lust, so Scholz ^^) (p. 33), 
Volkelt^*) (p. 80) u. a. Ja die Damen Sarah Weed und Florence 
Hallam^^) haben aus der Bearbeitung ihrer Träume einen ziffer- 
mäßigen Ausdruck für das Überwiegen der Unlust in den Träumen 
entnonmien. Sie bezeichnen 587o der Träume als peinlich und nur 
28'67o äIs positiv angenehn\j7 Außer diesen Träumen, welche die 
mannigfaltigen peinlichen Geftlhle des Lebens in den Schlaf fort^tzen, 
gibt es auch Angstträume, in denen uns diese entsetzlichste aller Un- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Manifester und latenter Tranminhalt. 99 

lustempfiiidaiigeii schüttelt, bis wir erwachen, und von solchen Angst- 
träumen werden gerade die Kinder so leicht heimgesucht [vgl. De- 
backer^^) über den Pavor noctumus], bei denen Sie die Wunsch- 
träame unverhüllt gefunden haben. '^ 

/ H * Wirklich scheinen gerade die Angstträume eine Verallgemeinerung 
des Satzes, den wir aus den Beispielen des vorigen Abschnittes ge- 
wonnen haben, der Traum sei eine Wunscherfüllung, unmöglich zu 
machen, ja diesen Satz als Absurdität zu brandmarken. 

Dennoch ist es nicht sehr schwer, sich diesen anscheinend zwin- 
genden Einwänden zu entziehen. Man wolle bloß beachten, daß unsere 
Lehre nicht auf der Würdigung des manifesten Trauminhalts beruht, \ 
sondern sich auf den Gedankeninhalt bezieht, welcher durch die 
Deutungsarbeit hinter dem Traume erkannt wird. Stellen wir mani- 
festen und latenten Trauminhalt einaöfler gegenüber. Es ist 
richtig, daß es Träume gibt, deren manifester Inhalt von der pein- 
lichsten Art ist. Aber hat jemand versucht, diese Träume zu deuten, 
den latenten Gedankeninhalt derselben aufzudecken ? Wenn aber nicht, 
dann treffen uns die beiden Einwände nicht mehr ; es bleibt immerhin 
möglich, daß auch peinliche und Angstträume sich nach der Deutung 
als WunscherflUllungen enthüllen.*) 

Bei wissenschaftlicher Arbeit ist es oft von Vorteil, wenn die 
Lösung des einen Problems Schwierigkeiten bereitet, ein zweites 
hinzuzunehmen, etwa wie man zwei Nüsse leichter miteinander als 
einzeln aufknackt So stehen wir nicht nur vor der Frage: Wie 
können peinliche und Angstträume WunscherftÜlungen sein, sondern 
wir können auch aus unseren bisherigen Erörterungen über den Traum 
eine zweite Frage aufwerfen : Warum zeigen die Träume indifferenten! 
Inhalts, welche sich als Wunscherfüllungen ergeben, diesen ihren! 
Sinn nicht unverhüllt? Man nehme den weitläufig behandelten Traum] 
von Irmas Injektion, er ist keineswegs peinlicher Natur, er ist durch 
die Deutung als eklatante WunscherftlUung zu erkennen. Wozu bedarf] 
es aber überhaupt einer Deutung? Warum sagt der Traum nicht J 
direkt, was er bedeutet? Tatsächlich macht auch der Traum von 
Trmas Injektion zunächst nicht den Eindruck, daß er einen Wunsch 
des Träumers als erfllllt darstellt. Der Leser wird diesen Eindruck nicht 
bekonunen haben, aber auch ich selbst wußte es nicht, ehe ich die 
Analyse angestellt hatte. Heißen wir dieses der Erklärung bedürftige 
Verhalten des Traumes: die Tatsache der Traumentstellung, 
so erhebt sich also die zweite Frage: Wovon rührt diese Traum- 
entstellung her? 

;> :Wenn man hierüber seine ersten Einfalle befragt, könnte man 
auf verschiedene mögliche Lösungen geraten, z. B. daß während des 
Schlafes ein Unvermögen bestehe, den Traumgedanken einen ent- 

*) [Es ist ganz unglaablichy mit welcher Hartnäckigkeit sich Leser und 
Kritiker dieser Emägang verschließen und die grandlegende Unterscheidang von 
manifestem und latentem Traaminhalt anbeachtet lassen.] 

7» 



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100 IV, Die Traumentfitellung. 

sprechenden Ausdruck zu schaffen. Allein die Analyse gewisser 
Träume nötigt uns, für die Tranmentstellung eine andere Erklärung 
zuzulassen. Ich will dies an einem zweiten Traume von mir selbst 
zeigen, welcher wiederum vielfache Indiskretionen erfordert, aber für 
dies persönliche Opfer durch eine gründliche Aufhellung des Problems 
entschädigt. 

///-^ Vorbericht: Im Frühjahr 1897 erfuhr ich, daß zwei Pro- 
fessoren unserer Universität mich für die Ernennungzam Prof. 
extraord. vorgeschlagen haben. Diese Nachricht kam mir über- 
raschend und erfreute mich lebhaft als Ausdruck einer durch persön- 
liche Beziehungen nicht aufzuklärenden Anerkennung von Seiten 
zweier hervorragender Männer. Ich sagte mir aber sofort, daß ich 
an dieses Ereignis keine Erwartungen knüpfen dürfe. Das Ministerium 
hatte in den letzten Jahren Vorschläge solcher Art unberücksichtigt 
gelassen, und mehrere Kollegen, die mir an Jahren voraus waren und 
an Verdiensten mindestens gleich kamen, warteten seitdem vergebens 
auf ihre Ernennung. Ich hatte keinen Grund anzunehmen, daß es mir 
besser ergehen würde. Ich beschloß also bei mir, mich zu trösten. 
Ich bin, soviel ich weiß, nicht ehrgeizig, übe meine ärztliche Tätigkeit 
mit zufriedenstellendem Erfolge aus, auch ohne daß mich ein Titel 
empfiehlt. Es handelte sich übrigens gar nicht darum, ob ich die 
Trauben für süß oder sauer erklärte, da sie unzweifelhaft zu hoch für 
mich hingen. 

/</? Eines Abends besuchte mich ein befreundeter Kollege, einer von 
denjenigen, deren Schicksal ich mir zur Warnung hatte dienen lassen. 
Seit längerer Zeit ein Kandidat ftlr die Beförderung zum Professor, 
die den Arzt in unserer Gesellschaft zum Halbgott für seine Kranken 
erhebt, und minder resigniert als ich, pflegte er von Zeit zu Zeit 
seine Vorstellung in den Bureaux des hohen Ministeriums zu machen, 
um seine Angelegenheit zu fördern. Von einem solchen Besuche 
kam er zu mir. Er erzählte, daß er diesmal den hohen Herrn in 
die Enge getrieben und ihn gerade heraus befragt habe, ob an dem 
Aufschub seiner Ernennung wirklich — konfessionelle Rücksichten 
die Schuld trügen. Die Antwort hatte gelautet, daß allerdings — bei 
der gegenwärtigen Strömung — Se. Exzellenz vorläufig nicht in der 
Lage sei u. s. w. „Nun weiß ich wenigstens, woran ich bin," schloß 
mein Freund seine Erzählung, die mir nichts Neues brachte, mich 
aber in meiner Resignation bestärken mußte. Dieselben konfessionellen 
Rücksichten sind nämlich auch auf meinen Fall anwendbar. 

Am Morgen nach diesem Besuche hatte ich folgenden Traum, 
der auch durch seine Form bemerkenswert war, Er bestand aus 
zwei Gedanken und zwei Bildern, so daß ein Gedanke und ein Bild 
einander ablösten. Ich setze aber nur die erste Hälfte des Traumes 
hieher, da die andere mit der Absicht nichts zu tun hat, welcher die 
Mitteilung des Traumes dienen soll. 



'** \ i v^ iT^ Orrginaffnonn 

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Der Oakeltraam. 101 

L Freund R. ist mein Onkel. — Ich empfinde große 
Zärtlichkeit für ihn. 

IL Ich sehe sein Gesicht etwas verändert vor mir» 
Es ist wie indie Länge gezogen, ein gelber Bart, der es 
umrahmt, ist besonders deutlich hervorgehoben. 

Dann folgen die beiden anderen Stücke, wieder ein Gedanke 
und ein Bild, die ich übergehe. 

Die Deutung dieses Traumes vollzog sich folgendermaßen : 
Als mir der Traum im Laufe des Vormittags einfiel, lachte ich 
auf und sagte: Der Traum ist ein Unsinn. Er ließ sich aber nicht 
abtun und ging mir den ganzen Tag nach, bis ich mir endlich am 
Abend Vorwürfe machte: Wenn einer deiner Patienten zur Traum- 
deutung nichts zu sagen wüßte als : Das ist ein Unsinn, so würdest 
du es ihm verweisen und vermuten, daß sich hinter dem Traume eine 
unangenehme Geschichte versteckt, welche zur Kenntnis zu nehmen 
er sich ersparen will. Verfahre mit dir selbst ebenso ; deine Meinung, 
der Traum sei ein Unsinn, bedeutet nur einen inneren Widerstand 
gegen die Traumdeutung. Laß dich nicht abhalten." Ich machte mich 
also an die Deutung. 

/w'^ „R. ist mein Onkel." Was kann das heißen? Ich habe doch nur 
einen Onkel gehabt, den Onkel Josef.*) Mit dem war's allerdings eine 
traurige Geschichte. Er hatte sich einmal, es sind mehr als 30 Jahre 
her, in gewinnsüchtiger Absicht zu einer Handlung verleiten lassen, 
welche das Gesetz schwer bestraft, imd wurde dann auch von der 
Strafe betroffen. Mein Vater, der damals aus Kummer in wenigen 
Tagen grau wurde, pflegte immer zu sagen, Onkel Josef sei nie ein 
schlechter Mensch gewesen, wohl aber ein Schwachkopf; so drückte 
er sich aus. Wenn also Freund R. mein Onkel Josef ist, so will ich 
damit sagen : R. ist ein Schwachkopf. Kaum glaublich und sehr un- 
angenehm ! Aber da ist ja jenes Gesicht, das ich im Traume sehe, 
mit den länglichen Zügen und dem gelben Barte. Mein Onkel hatte 
wirklich so ein Gesicht, länglich, von einem blonden schönen Barte 
umrahmt. Mein Freund R. war intensiv schwarz, aber wenn die 
Schwarzhaarigen zu ergrauen anfangen, so büßen sie für die Pracht 
ihrer Jugendjahre. Ihr schwarzer Bart macht Haar fllr Haar eine 
unerfreuliche Farbenwanderung durch; er wird zuerst rotbraun dann 
gelbbraun, dann erst definitiv grau. In diesem Stadium befindet sich 
jetzt der Bart meines Freundes R. ; übrigens auch schon der meinige, 
wie i.ch mit Mißvergnügen bemerke. Das Gesicht, das ich im Traume 
sehe, ist gleichzeitig das meines Freundes R. und das meines Onkels. 
Es ist wie eine Misch Photographie von Galton, der, um Familien- 

♦) Es ist merkwürdig, wie sich hier meine ErinneruDg* — im Wachen — für 
die Zwecke der Analyse einschränkt. Ich habe fdnf von meinen Onkeln gekannt, 
einen von ihnen geliebt und geehrt. In dem Aogenblicke aber, da ich den Wider- 
stand gegen die Traumdeatong Überwanden habe, sage ich mir: Ich habe doch nur 
einen Önkel gehabt, den, der eben im Traame gemeint ist. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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102 IV. Die Traumentstellung. 

ähnlichkeiten zu eruieren, mehrere Gesichter auf die nämliche Platte 
photographieren ließ. Es ist also kein Zweifel möglich, ich meine wirklich, 
daß mein Freund R. ein Schwachkopf ist — wie mein Onkel Josef. 

fi^^ Ich ahne noch gar nicht, zu welchem Zwecke ich diese Beziehung 
hergestellt, gegen die ich mich unaus^etzt sträuben muß. Sie ist 
doch nicht sehr tiefgehend, denn der Onkel war ein Verbrecher, mein 
Freund R. ist unbescholten. Etwa bis auf die Bestrafung dafttr, daß 
er mit dem Rade einen Lehrbuben niedergeworfen. Sollte ich diese 
Untat meinen? Das hieße die Vergleichung ins Lächerliche ziehen. 
Da Mit mir aber ein anderes Gespräch ein, das ich vor einigen Tagen 
mit einem anderen Kollegen N., und zwar über das gleiche Thema 
hatte. Ich traf N. auf der Straße; er ist auch zum Professor vorge- 
schlagen, wußte von meiner Ehrung und gratulierte mir dazu. Ich 
lehnte entschieden ab. ^Gerade Sie sollten sich den Scherz nicht 
machen, da Sie den Wert des Vorschlages an sich selbst erfahren 
haben." Er darauf, wahrscheinlich nicht ernsthaft: „Das kann man 
nicht wissen. Gegen mich liegt ja etwas Besonderes vor. Wissen Sie 
nicht, daß eine Person einmal eine gerichtliche Anzeige gegen 
mich erstattet hat? Ich brauche Ihnen nicht zu versichern, daß die 
Untersuchung eingestellt wurde; es war ein gemeiner Erpressungs- 
versuch ; ich hatte noch alle Mühe, die Anzeigerin selbst vor Bestrafung 
zu retten. Aber vielleicht macht man im Ministerium diese Angelegen- 
heit gegen mich geltend, um mich nicht zu ernennen. Sie aber, Sie 
«ind unbescholten. ** Da habe ich ja den Verbrecher, gleichzeitig aber 
auch die Deutung und Tendenz meines Traumes. Mein Onkel Josef 
stellt mir da beide nicht zu Professoren ernannte Kollegen dar, den 
einen ab Schwachkopf, den anderen als Verbrecher. Ich weiß jetzt 
auch, wozu ich diese Darstellung brauche. Wenn für den Aufschub 
der Ernennung meiner Freunde R. und N. „konfessionelle" Rück- 
sichten maßgebend sind, so ist auch meine Ernennung in Frage ge- 
stellt; wenn ich aber die Zurückweisung der Beiden auf andere 
Gründe schieben kann, die mich nicht treffen, so bleibt mir die 
Hoffnung ungestört. So verfUhrt mein Traum, er macht den einen, 
R., zum Schwachkopf, den anderen, N., zum Verbrecher; ich bin 
aber weder das eine noch das andere ; unsere Gemeinsamkeit ist auf- 
gehoben, ich darf mich auf meine Ernennung zum Professor freuen, 
und bin der peinlichen Anwendung entgangen, die ich aus Rs- Nach- 
richt, was ihm der hohe Beamte bekannt, für meine eigene Person 
hätte machen müssen. 

/*^^Ich muß mich mit der Deutung dieses Traumes noch weiter 
beschäftigen. Er ist für mein Gefühl noch nicht befriedigend erledigt, 
ich bin noch immer nicht über die Leichtigkeit beruhigt, mit der ich 
zwei geachtete Kollegen degradiere, um mir den Weg zur Professur 
frei zu halten. Meine Upzufriedenheit mit meinem Vorgehen hat sich 
bereits ermäßigt, seitdem ich den Wert der Aussagen im Traume zu 
würdigen weiß. Ich würde gegen jedermann bestreiten, daß ich R. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Die Deutung des Onkeltraumes. 103 

wirklich für einen Schwachkopf halte, und daß ich an Ns. Darstellung 
jener Erpressungsaffkre nicht glaube. Ich glaube ja auch nicht, daß 
Irma durch eine Injektion Ottos mit einem Propylenpräparat gefähr- 
lich krank geworden ist; es ist hier wie dort nur mein Wunsch, 
daß es sich so verhalten möge, den mein Traum ausdrückt. 
Die Behauptung, in welcher sich mein Wunsch realisiert, klingt im 
zweiten Traume minder absurd als im ersten; sie ist hier in ge- 
schickter Benützung tatsächlicher Anhaltspunkte geformt, etwa wie 
eine gut gemaphte Verleumdung, an der „etwas daran ist", denn 
Freund R. hatte seinerzeit das Votum eines Fachprofessors gegen sich, 
und Freund N. hat mir das Material für die Anschwärzung arglos 
selbst geliefert. Dennoch, ich wiederhole es, scheint mir der Traum 
weiterer Aufklärung bedürftig, 

'-^o Ich entsinne mich jetzt, daß der Traum noch ein Stück enthielt, 
auf welches die Deutung bisher keine Rücksicht genommen hat. Nach- 
dem mir eingefallen, R. ist mein Onkel, empfinde ich im Traume 
warme Zärtlichkeit für ihn. Wohin gehört diese Empfindung? Für 
meinen Onkel Josef habe ich zärtliche Gefühle natürlich niemals 
gehabt. Freund R. ist mir seit Jahren lieb und teuer; aber käme 
ich zu ihm und drückte ihm meine Zuneigung in Worten aus, die 
annähernd dem Grad meiner Zärtlichkeit im Traume entsprechen, so 
wäre er ohne Zweifel erstaunt. Meine Zärtlichkeit gegen ihn erscheint 
mir unwahr und übertrieben, ähnlich wie mein Urteil über seine 
geistigen Qualitäten, das ich durch die Verschmelzung seiner Persön- 
lichkeit mit der des Onkels ausdrücke; aber in entgegengesetztem 
Sinne übertrieben. Nun dämmert mir aber ein neuer Sachverhalt. 
Die Zärtlichkeit des Traumes gehört nicht zum latenten Inhalt, zu den 
Gedanken hinter dem Traume ; sie steht im Gegensatze zu diesem Inhalt ; 
sie ist geeignet, mir die Kenntnis der Traumdeutung zu verdecken. 
Wahrscheinlich ist gerade dies ihre Bestimmung. Ich erinnere mich, 
mit welchem Widerstand ich an die Traumdeutung ging, wie lange 
ich sie aufschieben wollte und den Traum für baren Unsinn erklärte. 
Von meinen psychoanalytischen Behandlungen her weiß ich, wie ein 
solches Verwermngsiirteil zu deuten ist. Es hat keinen v Erkenntnis- 
wert, sondern bloß den einer Affektäußerung. Wenn meine kleine 
Tochter einen Apfel nicht mag, den man ihr angeboten hat, so be- 
hauptet sie, der Apfel schmeckt bitter, ohne ihn auch nur gekostet zu 
haben. Wenn meine Patienten sich so benehmen wie die Kleine, so 
weiß ich, daß es sich bei ihnen um eine Vorstellung handelt, welche 
sie verdrängen wollen. Dasselbe gilt für meinen Traum. Ich 
mag ihn nicht deuten, weil die Deutung etwas enthält, wogegen ich 
mich sträube. Nach vollzogener Traumdeutung erfahre ich, wogegen 
ich mich gesträubt hatte ; es war die Behauptung, daß R. ein Schwach- 
kopf ist. Die Zärtlichkeit, die ich gegen R. empfinde, kann ich nicht 
auf die latenten Traumgedanken, wohl aber auf dies mein Sträuben 
zurückführen. Wenn mein Traum im Vergleiche zu seinem latenten 



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104 IV. Die Tramnentstellung/ 

Inhalt in diesem Punkte entstellt, und zwar ins Gegensätzliche ent- 
stellt ist, so dient die im Traume manifeste ZärtlichKeit dieser Ent- 
stellung oder, mit anderen Worten, die Entstellung erweist sieh 
hier als absichtlich, als ein Mittel der Verstellung, Meine Traum- 
gedanken enthalten eine Schmähung f%Lr R.; damit ich diese nicht 
merke, gelangt in den Traum das Gegenteil, ein zärtliches Empfinden 
flir ihn. 

///^ Es könnte dies eine allgemein gültige Erkenntnis sein. Wie die 
Beispiele in Abschnitt HI gezeigt haben, gibt es ja Träume, welche 
nnverhttUte Wunscherfüllungen sind. Wo die Wunscherftlllung un- 

rtenntlich, verkleidet ist, da mußte eine Tendenz zur Abwehr gegen 
diesen Wunsch vorhanden seiu, und infolge dieser Abwehr könnte 

\der Wunsch sich nicht anders als entstellt zum Ausdruck bringen. 
Ich will zu diesem Vorkommnis aus dem psychischen Binnenleben 
das Seitenstück aus dem sozialen Leben suchen. Wo findet man im 
sozialen Leben eine ähnliche Entstellung eines psychischen Aktes? 
Nur dort, wo es sich um zwei Personen handelt, von denen die eine 
eine gewisse Macht besitzt, die zw^eite wegen dieser Macht eine Rück- 
sicht zu nehmen hat. Diese zweite Person entstellt dann ihr© psychi- 
schen Akte oder, wie wir auch sagen können, sie vorstellt sich. 
Die Höflichkeit, die ich alle Tage übe, ist zum guten Teile eine solche 
Verstellung; wenn ich meine Träume fllr den Leser deute, bin ich 
zu solchen Entstellungen genötigt. Über den Zwang zu solcher Ent- 
stellung klagt auch der Dichter: 

„Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben doch 
nicht sagen.'' 

"</In ähnlicher Lage befindet sich der politische Schriftsteller, der 
den Machthabem unangenehme Wahrheiten zu sagen hat. Wenn er 
sie unverhohlen sagt, wird der Machthaber seine Äußerung unter- 
drücken, nachträglich, wenn es sich um mündliche Äußerung handelt, 
präventiv, wenn sie auf dem Wege des Drucks kundgegeben werden 
soll. Der Schriftsteller hat die^ensjir zu fürchten, er ermäßigt und 
entstellt darum den Ausdruck seiner Meinung. Je nach der Stärke 
und Empfindlichkeit dieser Zensur sieht er sich genötigt, entweder 
bloß gewisse Formen des Angriffs einzuhalten oder in Anspielungen 
anstatt in direkten Bezeichnungen zu reden oder er muß seine an- 
stößige Mitteilung hinter einer harmlos erscheinenden Verkleidung 
verbergen, er darf z. B. von Vorftillen zwischen zwei Mandarinen 
im Reiche der Mitte erzählen, während er die Beamten des Vater- 
landes im Auge hat. Je strenger die Zensur waltet, desto weitgehen- 
der wird die Verkleidung, desto witziger oft die Mittel, welche den 
Leser doch auf die Spur der eigentlichen Bedeutung leiten. 

**^7 Die bis ins einzelne durchzuführende Übereinstimmung zwischen 
den Phänomenen der Zensur und denen der Traumentstellung gibt 



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Die psychische Zensur. 105 

uns die Berechtigung, ähnliche Bedingungen für beide vorauszusetzen. 
Wir würden also als die Urheber der Traumgestaltung zwei psychi- 
sche Mächte (Strömungen, Systeme) im Einzelmenschen annehmen, 
von denen die eine den durch den Traum zum Ausdruck gebrachten 
Wunsch bildet, während die andere eine Zensur an diesem^^ Traum- 
wunsche übt und durch diese Zensur eine Entstellung seiner Äußerung 
erzwingt. Es fragt sich nur, worin die Machtbefugnis dieser zweiten 
Instanz besteht, kraft deren sie ihre Zensur ausüben darf. Wenn wir 
uns erinnern, daß die latenten Traumgedanken vor der Analyse nicht 
bewußt sind, der von ihnen ausgehende manifeste Trauminhalt aber 
als bewußt erinnert wird, so liegt die Annahme nicht fem, das Vor- 
recht der zweiten Instanz sei eben die Zulassung zum Bewußtsein. 
Aus dem ersten System könne nichts zum Bewußtsein gelangen, was 
nicht vorher die zweite Instanz passiert habe, und die zweite Instanz 
lasse nichts passieren, ohne ihre Rechte auszuüben und die ihr ge- 
nehmen Abänderungen am Bewußtseinswerber durchzusetzen. Wir 
verraten dabei eine ganz bestimmte Auffassung vom „Wesen^ des 
Bewußtseins; das Bewußtwerden ist für uns ein besonderer psychischer 
Akt, verschieden und unabhängig von dem Vorgang des Gesetzt- oder 
Vorgestelltwerdens, und das Bewußtsein erscheint uns als ein Sinnes- 
organ, welches einen anderwärts gegebenen Inhalt wahminmit. Es 
läßt sich zeigen, daß die PsychopaÖiologie dieser Grundannahmen 
schlechterdings nicht entraten kann. Eine eingehendere Würdigung 
derselben dürfen wir uns für eine spätere Stelle vorbehalten. 

/Y^Wenn ich die Vorstellung der beiden psychischen Instanzen 
und ihrer Beziehungen zum Bewußtsein festhalte, ergibt sich für die 
aufifklliffe Zärtlichkeit, die ich im Traume für meinen Freund R. 
empfinde, der in der Traumdeutung so herabgesetzt wird, eine völlig 
kongruente Analogie aus dem politischen Leben der Menschen. Ich 
versetze mich in ein Staatsleben, in welchem ein auf seine Macht 
eifersüchtiger Herrscher und eine rege öflFentliche Meinung miteinander 
ringen. Das Volk empöre sich gegen einen ihm mißliebigen Beamten 
und verlange dessen Entlassung; um nicht zu zeigen, daß er dem 
Volkswillen Rechnung tragen muß, wird der Selbsdierrscher dem 
Beamten gerade dann eine hohe Auszeichnung verleihen, zu der sonst 
kein Anlaß vorläge. So zeichnet meine zweite, den Zugang zum 
Bewußtsein beherrschende Instanz Freund R. durch einen Erguß von 
übergroßer Zärtlichkeit aus, weil die Wunschbestrebungen des ersten 
Systems ihn in einem besonderen Interesse, dem sie gerade nach- 
hängen, als einen Schwachkopf beschimpfen möchten. *) 

**) [Solche heachlerisclie Träume sind weder bei mir noch bei anderen seltene 
Vorkommnisse. Während ich mit der Bearbeitung eines gewissen wissenschaftlichen 
Problems beschäftigt bin, sucht mich mehrere Nächte kurz nacheinander ein leicht 
verwirrender Traum heim, der die Versöhnung mit einem längst bei Seite geschobenen 
Freunde zum Inhalt hat Beim vierten oder fünften Male gelingt es mir endlich, den 
Sinn dieser Träume zu erfassen. Er liegt in der Aufmunterung, doch den letzten 



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106 IV. Die Traamentstellung. 

f ' Vielleicht werden wir hier von der Ahnung erfaßt, daß die 
Traumdeutung imstande sei, uns Aufschlüsse über den Bau unseres see- 
^/ lischen Apparats zu geben, welche wir von der Philosophie bisher vergebens 
erwartet haben. Wir folgen aber nicht dieser Spur, sondern kehren, 
nachdem wir die Traumentstellung aufgeklärt haben, zu unserem 
Ausgangsproblem zurück. Es wurde gefragt, wie denn die Träume 
mit peinlichem Inhalt als Wunscherfüllungen aufgelöst werden können. 
Wir sehen nun, dies ist möglich, wenn eine Traumentstellung statt- 
gefunden hat, wenn der peinliche Inhalt nur zur Verkleidung eines 
erwünschten dient. Mit Kttcksicht auf unsere Annahmen über die 

[zwei psychischen Instanzen können wir jetzt auch sagen: die pein- 
lichen Träume enthalten tatsächlich etwas, was der zweiten Instanz 
peinlich ist, was aber gleichzeitig einen Wunsch der ersten Instanz 
erfüllt. Sie sind insofern Wunschträume, als ja jeder Traum von der 
/ ersten Instanz ausgeht, die zweite sich nur abwehrend, nicht 
\ schöpferisch gegen den Traum verhält. Beschränken wir uns auf 
1 eine Würdigung dessen, was die zweite Instanz zum Traume beiträgst, 
so können wir den Traum niemals verstehen. Es bleiben dann alle 
Rätsel bestehen, welche von den Autoren am Traum bemerkt worden sind. 

Daß der Traum wirklich einen geheimen Sinn hat, der eine 
Wunscherfüllung ergibt, muß wiederum für jeden Fall durch die 
Analyse erwiesen werden. Ich greife darum einige Träume peinlichen 
Inhalts heraus und versuche deren Analyse. Es sind zum Teil Träume 
von Hysterikern, die einen langen Vorbericht und stellenweise ein 
Eindringen in die psychischen Vorgänge bei der Hysterie erfordern. 
Ich kaim dieser Erschwerung der Darstellung aber nicht aus dem 
Wege gehen. 

/ 1 ' Wenn ich einen Psychoneurotiker in analytische Behandlung 
nehme, werden seine Träume regelmäßig, wie bereits erwähnt, zum 
Thema unserer Besprechungen. Ich mujß ihm dabei alle die psycho- 
logischen Aufklärungen geben, mit deren Hilfe ich selbst zum Ver- 
ständnis seiner Symptome gelangt bin, und erfahre dabei eiue uner- 
bittliche Kritik, wie ich- sie von den Fachgenossen wohl nicht schärfer 
zu erwarten habe. Ganz regelmäßig erhebt sich der Widerspruch 
meiner Patienten gegen den Satz, daß die Träume sämtlich Wunsch- 
erfüllungen seien. Hier einige Beispiele von dem Material an Träumen, 
welche mir als Gegenbeweise vorgehalten werden. 

^Sie sagen immer, der Traum ist ein erfüllter Wunsch," beginnt 
eine witzige Patientin. „Nun will ich Ihnen einen Traum erz£mleii, 
dessen Inhalt ganz im Gegenteil dahin geht, daß mir ein Wunsch 

SesI von Rücksicht fttr die betreffende Person Aafzngebeo, sich von ihr vQlli^ frei 
za machen, und hatte sich in so heachlerischer Weise ins Gegenteil verkleidet. Von 
einer Person habe ich einen „heachlerischen Oedipastranm'^ mitgeteilt, in dem sich 
die feindseligen Regungen und Todeswünsche der Traumgedanken durch manifeste 
Zärtlichkeit ersetzen. (Typisches Beispiel eines verkappten Oedipustraumes. Zentral- 
blatt für Psychoanalyse, Bd. I, Heft I/II, 1910.) Eine andere Art von heuchlerischen 
Träumen wird an anderer Stelle (s. u. p. 317 u. ff.) erwähnt werden.] 



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Träume von einem versagten Wunsch. 107 

nicht erfüllt wird. Wie vereinen Sie das mit Ihrer Theorie? Der 
Traum lautet wie folgt: 

Ich will ein Souper geben, habe aber nichts vorrätig als 

etwas geräucherten Lachs. Ich denke daran, einkaufen zu gehen, 

erinnere mich aber, daß es Sonntag Nachmittag ist, wo alle Läden 

gesperrt sind. Ich will nun einigen Lieferanten telephonieren, aber 

da^ Telephon ist gestört. So muß ich auf den Wunsch, ein Souper 

zu geben, verzichten.*^ 

Ich antworte natürlich, daß über den Sinn dieses Traumes nur 
die Analyse entscheiden kann, wenngleich ich zugebe, daß er filr 
den ersten Anblick vernünftig und zusammenhängend erscheint und 
dem Gegenteil einer Wunsch erfüllung ähnlich sieht. „Aus welchem 
Material ist aber dieser Traum hervorgegangen? Sie wissen, daß 
die Anregung zu einem Traume jedesmal in den Erlebnissen des 
letzten Tages liegt." 

li^' Analyse: Der Mann der Patientin, ein biederer und tüchtiger 
Großfleischhauer, hat ihr tags vorher erklärt, er werde zu dick und 
wolle darum eine Entfettungskur beginnen. Er werde früh aufstehen, 
Bewegung machen, strenge Diät halten, und vor allem keine Ein- 
ladungen zu Soupers mehr annehmen. — Von dem Manne erzählt 
sie lachend weiter, er habe am Stammtisch die Bekanntschaft eines 
Malers gemacht, der ihn durchaus abkonterfeien wolle, weil er einen 
so ausdrucksvollen Kopf noch nicht gefunden habe. Ihr Mann habe 
aber in seiner derben Manier erwidert, er bedanke sich schön und 
er sei ganz tiberzeugt, ein Stück vom Hintern eines schönen jungen 
Mädchens sei dem Maler lieber als sein ganzes Gesicht.*) Sie sei 
jetzt sehr verliebt in ihren Mann und necke sich mit ihm herum. 
Sie hat ihn auch gebeten, ihr keinen Kaviar zu schenken. — Was 
soll daß heißen? 

Sie wünscht es sich nämlich schon lange, jeden Vormittag eine 
Kaviarsemmel essen zu köiüien, gönnt sich aber die Ausgabe nicht. 
Natürlich bekäme sie den Kaviar sofort von ihrem Manne, wenn sie 
ihn darum bitten würde. Aber sie hat ihn im Gegenteil gebeten, 
ihr keinen Kaviar zu schenken, damit sie ihn länger damit 
necken kann. 

(Diese Begründung scheint mir fadenscheinig. Hinter solchen 
unbefriedigenden Auskünften pflegen sich uneingestandene Motive 
zu verbergen. Man denke an die Hypnotisierten Bern hei ms, die 
einen posthypnotischen Auftrag ausführen, und, nach ihren Motiven 
befragt^ nicht etwa antworten: Ich weiß nicht, warum ich das 
getan habe, sondern eine offenbar unzureichende Begründung 
erfinden müssen. So ähnlich wird es wohl mit dem Kaviar meiner 

*) Dem Maler sitzen. Qoethe: Und wenn er keinen Hintern hat, 

Wie kann der Edle sitzen? 



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108 IV. Die Tranmentetellung. 

Patientin sein. Ich merke, sie ist genötigt, sich im Leben einen 
unerfUllten Wunsch zu schaffen. Uir Traum zeigt ihr auch die 
Wunschverweigerung als eingetroffen. Wozu braucht sie aber einen 
unerflülten Wunsch?) 

f/'i^Die bisherigen Einfklle haben zur Deutung des Traumes nicht 
ausgereicht. Ich dringe nach weiteren. Nach einer kurzen Pause, 
wie sie eben der Überwindung des Widerstandes entspricht, 
berichtet sie ferner, dafi sie gestern einen Besuch bei einer Freuntlin 
gemacht, auf die sie eigentlich eifersüchtig ist, weil ihr Mann diese 
Frau immer so lobt. Zum Glück ist diese Freundin sehr dürr und 
mager und ihr Mann ist ein Liebhaber voller Körperformen. Wovon 
sprach nun diese magere Freundin? Natürlich von ihrem Wunsche, 
etwas stärker zu werden. Sie fragte sie auch: „Wann laden Sie uns 
wieder einmal ein? Man ißt inmier so gut bei Ihnen." 

/ ) '^ Nun ist der Sinn des Traumes klar. Ich kann der Patientin 
sagen : „Es ist gerade so, als ob Sie sich bei der Aufforderung gedacht 
hätten: Dich werde ich natürlich einladen, damit du dich bei mir 
anessen, dick werden und meinem Manne noch besser gefallen kannst. 
Lieber geb' ich kein Souper mehr. Der Traum sagt Ihnen dann, 
daß Sie kein Souper geben können, erfüllt also Ihren Wunsch, zur 
Abrundung der Körperformen ihrer Freundin nichts beizutragen. 
Daß man von den Dingen, die man in Gesellschaften vorgesetzt 
bekommt, dick wird, lehrt Sie ja der Vorsatz Ihres Mannes, im 
Interesse seiner Entfettung Soupereinladungen nicht mehr anzu- 
nehmen." Es fehlt jetzt nur noch irgend ein Zusammentreffen ^ 
welches die Lösung bestätigt. Es ist auch der geräucherte Lachs 
im Trauminhalt noch nicht abgeleitet. „Wie kommen Sie zu dem 
im Traume erwähnten Lachs?" „Geräucherter Lachs ist die Lieblings- 
speise dieser Freundin," antwortet sie. ZuMlig kenne ich die Dame 
auch und kann bestätigen, daß sie sich den Lachs ebensowenig ver- 
gönnt wie meine Patientin den Kaviar, 

Derselbe Traum läßt auch noch, eine andere und feinere 
Deutung zu, die durch einen Nebenumstand selbst notwendig gemacht 
wird. Die beiden Deutungen widersprechen einander nicht, sondern 
überdecken einander und ergeben ein schönes Beispiel für die 
gewöhnliche Doppelsinnigkeit der Träume wie aller anderen psycho- 
pathologischen Bildungen. Wir haben gehört, daß die Patientin 
gleichzeitig mit ihren Traume von der Wunschverweigerung bemüht 
war, sich einen versagten Wunsch im Realen zu verschaffen (die 
Kaviarsemmel). Auch die Freundin hatte einen Wunsch geäußert, 
nämlich dicker zu werden, und es würde uns nicht wundem, wenn 
unsere Dame geträumt hätte, der Freundin gehe ein Wunsch nicht 
in Erfüllung- Es ist nämlich ihr eigener Wunsch, daß der Freundin 
ein Wunsch — nämlich der nach Körperzunahme — nicht in Er* 
flillung gehe. Anstatt dessen träumt sie aber, daß ihr selbst ein 
Wunsch nicht erfüllt wird. D^r Traum erhält eine neue Deutung, 



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' / 



Die hysterische Identifizierung. 109 

wenn sie im Traume nißliL-Sißh^- .aoiidern die Freundin meint, wenn 
sie ^ich an Stelle der Freundin gesetzt oder, wie wir sagen können , 
sich nnflEr identifiziert hat. 

f^- Ich naeme, dies hat sie wirklich getan, und als Anzeichen 
dieser Identifizierung hat sie sich den versagten Wunsch im Realen 
geschaflFen. Was hat aber die hysterische Identifizierung für Sinn? 
Das aufzuklären bedarf einer eingehenden Darstellung. Die Iden- 
tifizierung ist ein ftir den Mechanismus der hysterischen Symptome 
höchst wichtiges Moment; auf diesem Wege bringen es die Kranken 
zu Stande, die Erlebnisse einer großen Reihe von Personen, nicht 
nur die eigenen, in ihren Symptomen auszudrücken, gleichsam für 
einen ganzen Menschenhaufen zu leiden und alle Rollen eines Schau- 
spiels allein mit ihren persönlichen Mitteln darzustellen. Man wird 
mir einwenden, das sei die bekannte hysterische Imitation, die Fähig- 
keit Hysterischer, alle Symptome, die ihnen bei anderen Eindruck 
machen, nachzuahmen, gleichsam ein zur Reproduktion gesteigertes 
Mitleiden. Damit ist aber nur der Weg bezeichnet, auf dem der 
psychische Vorgang bei der hysterischen Imitation abläuft; etwas 
anderes ist der Weg, und der seelische Akt, der diesen Weg geht. 
Letzterer ist um ein Geringes komplizierter, als man sich die Imitation 
der Hysterischen vorzustellen liebt; er entspricht einem unbewußten 
Schlußprozeß, wie ein Beispiel klarstellen wird. Der Arzt, welcher 
eine Kranke mit einer bestimmten Art von Zuckungen unter anderen 
Kranken auf demselben Zimmer im Krankenhause hat, zeigt sich 
nicht erstaunt, wenn er eines Morgens erfährt, daß dieser besondere 
hysterische Anfall Nachahmung gefunden hat. Er sagt sich einfach: 
Die anderen haben ihn gesehen und nachgemacht; das ist psychische 
Infektion. Ja, aber die psychische Infektion geht etwa auf folgende 
Weise zu. Die Kranken wissen in der Regel mehr von einander als der 
Arzt über jede von ihnen, und sie kümmern sich umeinander, wenn 
die ärztliche Visite vorüber ist. Die eine bekomme heute ihren 
Anfall; es wird alsbald den anderen bekannt, daß ein Brief vom 
Hause, Auffrischung des Liebeskummers und dergleichen davon die 
Ursache ist. Ihr Mitgefühl wird rege, es vollzieht sich in ihnen 
folgender, nicht zum Bewußtsein gelangender Schluß: Wenn man 
von solcher Ursache solche Anfälle haben kann, so kann ich auch 
solche Anfälle bekommen, denn ich habe dieselben Anlässe. Wäre 
dies ein des Bewußtseins fähiger Schluß, so würde er vielleicht in die 
Angst ausmünden, den gleichen Anfall zu bekommen; er vollzieht 
sich aber auf einem anderen psychischen Terrain, endet daher in der 
Realisierung des gefürchteten Symptoms. Die Identifizierung ist also 
nicht simple Imitation, sondern Aneignung auf Grund des gleichen 
ätiologischen Anspruches; sie drückt ein „gleichwie" aus und bezieht 
sich auf ein im Unbewußten verbleibendes Gemeinsames. 

I ' Die Identifizierung wird in der Hysterie am häufigsten benützt 
zum Ausdruck einer sexuellen Gemeinsamkeit. Die Hysterica identi- 



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110 IV. Die Traumentstellung. 

fiziert sich in ihren Symptomen am ehesten — wenn auch nicht aus- 
schließlich — mit solchen Personen, mit denen sie im sexuellen 
Verkehre gestanden hat, oder welche mit den nflmlichen Personen 
wie sie selost sexuell verkehren. Die Sprache trägt einer solchen 
Auffassung gleichfalls Rechnung. Zwei Lieoende sind ,,£ines^. In der 
hysterischen Phantasie wie im iSraume genügt es fUr die Identifizierung, 
daß man an sexuelle Beziehungen denkt, ohne daß sie darum als 
real gelten mUssen. Die Patientin folgt also bloß den Regeln der 
hysterischen Denkvorgänge, wenn sie ihrer Eifersucht g^en die 
Freundin (die sie als unberechtigt übrigens selbst erkennt) Ausdruck 
gibt, indem sie sich im Traume an ihre Stelle setzt und durch die 
ÖchaflFung eines Symptoms (des versagten Wunsches) mit ihr identi- 
fiziert. Man möchte den Vorgang noch sprachlich in folgender Weise 
erläutern : Sie setzt sich an die Stelle der Freundin im Traum, weil 
diese sich bei ihrem Manne an ihre Stelle setzt, weil sie deren Platz 
in der Wertschätzung ihres Mannes einnehmen möchte.*) 

/^/ In einfacherer Weise und doch auch nach dem Schema, daß 
die Nichterfüllung des einen Wunsches die Erfüllung eines anderen 
bedeutet, löste sich der Widerspruch gegen meine Traumlehre bei 
einer anderen Patientin, der witzigsten unter all meinen Träume- 
rinnen. Ich hatte ihr an einem Tage auseinandergesetzt, daß der 
Traum eine Wunscherftlllung sei; am nächsten Tag brachte sie mir 
einen Traum, daß sie mit ihrer Schwiegermutter nach dem gemein- 
samen Landaufenthalt fahre. Nun wußte ich, daß sie sich heftig 
gesträubt hatte, den Sommer in der Nähe der Schwiegermutter zu 
verbringen, wußte auch, daß sie der von ihr gefürchteten Gremein- 
schaft in den letzten Tagen durch die Miete eines vom Sitze der 
Schwiegermutter weit entfernten Landaufenthalts glücklich ausgewichen 
war. Jetzt machte der Traum diese erwünschte Lösung rücKgängig; 
war das nicht der schärfste Gegensatz zu meiner Lehre von der 
Wunscherfüllung durch den Traum? Gewiß, man brauchte nur die 
Konsequenz aus diesem Traum zu ziehen, um eine Deutung zu haben. 
Nach diesem Traume hatte ich Unrecht; es war also ihr Wunsch, 
daß ich Unrecht haben sollte, und diesen zeigte ihr der 
Traum erfüllt. Der Wunsch, daß ich Unrecht haben sollte, der 
sich an dem Thema der Landwonnung erftlUte, bezog sich aber in 
Wirklichkeit auf einen anderen und ernsteren Gegenstand. Ich hatte 
um die nämliche Zeit aus dem Material, welches ihre Analyse ergab, 
geschlossen, daß in einer gewissen Periode ihres Lebens etwas fllr ihre 
Erkrankung Bedeutsames vorgefallen sein müsse, Sie hatte es in Ab- 
rede gestellt, weil es sich nicht in ihrer Erinnerung vorfand. Wir 

*) Ich bedauere selbst die EinscbaltODg solcher Stücke aaa der Psychopathologie 
der Hysterie, welche, infolge ihrer fragmentariBchen Darstellang und aas allein 
Znsammenhang gerissen, doch nicht sehr aufklärend wirken können. Wenn sie auf 
die innigen Beziehungen des Themas vom Traume zu den Psychoneurosen hinzuweiaen 
vermögen, so haben sie die Absicht erfüllt, in der ich sie aufgenommen habe. 



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Auflösung peinlicher Träume. 111 

kamen bald darauf, daß ich Recht hatte. Ihr Wunsch, daß ich Un- 
recht haben möge, verwandelt in den Traum, daß sie mit ihrer 
Schwiegermutter aufs Land fahre, entsprach also dem berechtigten 
Wunsche, daß jene damals erst vermuteten Dinge sich nie ereignet 
haben möchten. 

l>^ Ohne Analyse, nur vermittelst einer Vermutung, gestattete ich 
mir, ein kleines Vorkommnis bei einem Freunde zu deuten, der 
durch die acht Gymnasialklassen mein Kollege gewesen war. Er 
hörte einmal in einem kleinen Kreise 'einen Vortag von mir über 
die Neuigkeit, daß ein Traum eine Wunscherftillung sei, ging nach 
Hause, träumte, daßeralleseineProzesseverlorenhabe — er 
war Advokat — und beklagte sich bei mir darüber. Ich half mir mit 
der Ausflucht: Man kann nicht alle Prozesse gewinnen, dachte aber 
bei mir: Wenn ich durch acht Jahre als Primus in der ersten Bank 
gesessen, während er irgendwo in der Mitte der Klasse den Platz 
gewechselt, sollte ihm aus diesen Knabenjahren der Wunsch fern 
geblieben sein, daß ich mich auch einmal gründlich blamieren möge? 
Ein anderer Traum von mehr düsterem Charakter wurde mir 
gleichfalls von einer Patientin als Einspruch gegen die Theorie des 
Wunschtraumes vorgetragen Die Patientin, ein junges Mädchen, 
begann: Sie erinnern sich, daß meine Schwester jetzt nur einen 
Buben bat, den Karl; den älteren, Otto, hat sie verloren, als ich noch 
in ihrem Hause war. Otto war mein Liebling, ich habe ihn eigent- 
lich erzogen. Den Kleinen habe ich auch gern, aber natürlich lange 
nicht so sehr wie den Verstorbenen. Nun träume ich diese Nacht, 
daß ich den Karl tot vor mir liegen sehe. Er liegt 
in seinem kleinen Sarge, die Hände gefaltet, Kerzen 
rings herum, kurz ganz so wie damals der kleine Otto, 
dessen Tod mich so erschüttert hat. Nun sagen Sie mir, 
was soll das heißen? Sie kennen mich ja; bin ich eine so schlechte 
Person, daß ich meiner Schwester den Verlust des einzigen Kindes 
wünschen sollte, das sie noch besitzt? Oder heißt der Traum, daß 
ich lieber den Karl tot wttnschte als den Otto, den ich um so viel 
lieber gehabt habe? 

/ 1 "Ich versicherte ihr, daß diese letzte Deutung ausgeschlossen 
sei. Nach kurzem Besinnen konnte ich ihr die richtige Deutung 
des Traumes sagen, die ich dann von ihr bestätigen ließ. Es gelang 
mir dies, weil mir die ganze Vorgeschichte der Träumerin bekannt war. 
Frühzeitig verwaist, war das Mädchen im Hause ihrer um vieles 
älteren Schwester aufgezogen worden und begegnete unter den 
Freunden und Besuchern des Hauses auch dem Manne, der einen 
bleibenden Eindruck auf ihr Herz machte. Es schien eine Weile, 
als ob diese kaum ausgesprochenen Beziehungen mit einer Heirat 
enden sollten, aber dieser glückliche Ausgang wurde durch die 
Schwester vereitelt, deren Motive nie eine völlige Aufklärung ge- 
funden haben. Nach dem Bruche mied der von unserer Patientin 



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112 IV. Die Traumentstellung. 

geliebte Mann das Haus; sie selbst machte sich einige Zeit nach dem 
Tode des kleinen Otto, an den sie ihre Zärtlichkeit unterdessen ge- 
wendet hatte, selbständig. Es gelang ihr aber nicht, sich von der 
Abhängigkeit frei zu machen, in welche sie durch ihre Neigung zu 
dem Freunde ihrer Schwester geraten war. Ihr Stolz gebot ihr, 
ihm auszuweichen; es war ihr aber unmöglich ihre Liebe auf andere 
Bewerber zu übertragen, die sich in der Folge einstellten. Wenn 
der geliebte Mann, der dem Literatenstand angehörte, irgendwo einen 
Vortrag angekündigt hatte, war sie unfehlbar unter den Zuhörern 
zu finden, und auch sonst ergriff sie jede Gelegenheit, ihn an drittem 
Orte aus der Feme zu sehen. Ich erinnerte mich, daß sie mir Tags 
vorher erzählt hatte, der Professor ginge in ein bestimmtes Konzert, 
und sie wolle auch dorthin gehen, um sich wieder einmal seines An- 
blickes zu erfreuen. Das war am Tag vor dem Traume : an dem Tage, 
an dem sie mir den Traum erzählte, sollte das Konzert stattfinden. 
Ich konnte mir so die richtige Deutung leicht konstruieren und fragte 
sie, ob ihr irgend ein Ereignis einfalle, das nach dem Tode des kleinen 
Otto eingetreten sei. Sie antwortete sofort : Gewiß, damals ist der Pro- 
fessor nach langem Ausbleiben wiedergekommen, und ich habe ihn an 
dem Sarge des kleinen Otto wieder einmal gesehen. Es war genau 
so, wie ich es erwartet hatte. Ich deutete also den Traum in folgender 
Art: „Wenn jetzt der andere Knabe stürbe, würde sich dasselbe wieder- 
holen. Sie würden den Tag bei ihrer Schwester zubringen, der Pro- 
fessor käme sicherlich hinauf, um zu kondolieren, und unter den näm- 
lichen Verhältnissen yne damals würden Sie ihn wiedersehen. Der 
Traum bedeutet nichts als diesen Ihren Wunsch nach Wiedersehen, 
segen den Sie innerlich ankämpfen. Ich weiß, daß Sie das Billet für 
aas heutige Konzert in der Tasche tragen. Ihr Traum ist ein Unge- 
duldstraum, er hat das Wiedersehen, das heute stattfinden soll, um 
einige Stunden verfrüht." 

i > > Zur Verdeckung ihres Wunsches hatte sie offenbar eine Situation 
gewählt, in welcher solche Wünsche unterdrückt zu werden pflegen, 
eine Situation, in der man von Trauer so sehr erfüllt ist, daß man an 
Liebe nicht denkt. Und doch ist es sehr gut möglich, daß auch in 
der realen Situation, welche der Traum getreulich kopierte, am Sarge 
des ersten, von ihr stärker geliebten Knaben sie die zärtliche Emp- 
findung für den lange vermißten Besucher nicht hatte unterdrücken 
können. 

Eine andere Aufklärung fand ein ähnlicher Traum einer anderen 
Patientin, die sich in früheren Jahren durch raschen Witz und heitere 
Laune hervorgetan hatte und diese Eigenschaften jetzt wenigstens noch 
in ihren Einfällen während der Behandlung bewies. Dieser Dame kam 
es im Zusammenhange eines längeren 1 raumes vor, daß sie ihre ein- 
zige, 15jährige Tochter in einer Schachtel tot daliegen sah, Sie hatte 
nicht übel Lust, aus dieser Traumerscheinung einen Einwand gegen 
die Wunscherfüllungstheorie zu machen, ahnte aber selbst, daß das 



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Auflösung peinlicher Träume, 113 

Detail der Schachtel den Weg zu einer anderen Auffassung des Traumes 
anzeigen müsse .*) Bei der Analyse fiel ihr ein, daß in der Gesellschaft 
Abends vorher die Rede auf das englische Wort „box'^ gekommen 
war und auf die mannigfaltigen Übersetzungen desselben im Deutschen, 
als: Schachtel, Loge, Kasten, Ohrfeige u. s. w. Aus anderen Bestand- 
stücken desselben Traumes ließ sich nun ergänzen, daß sie die Ver- 
wandtschaft des englischen „box" mit dem deutschen „Büchse" er- 
raten habe und dann von der Erinnerung heimgesucht worden sei, 
daß „Büchse" auch als vulgäre Bezeichnung des weiblichen Genitales 
gebraucht werde. Mit einiger Nachsicht für ihre Kenntnisse in der 
topographischen Anatomie konnte man also annehmen, daß das Kind 
in der ^Schachtel" eine Frucht im Mutterleibe bedeute. Soweit auf- 
geklärt, leugnete sie nun nicht, daß das Traumbild wirklich einem 
Wunsche von ihr entspreche. Wie so viele junge Frauen war sie 
keineswegs glücklich, als sie in die Gravidität geriet, und gestand sich 
mehr als einmal den Wunsch ein, daß ihr das Kind im Mutterleibe 
absterben möge ; ja in einem Wutanfalle nach einer heftigen Szene mit 
ihrem Manne schlug sie mit den Fäusten auf iliren Leib los, um das 
Kind darin zu treffen. Das tote Kind war also wirklich eine Wunsch- 
erfüllung, aber die eines seit 15 Jahren besaitigten Wunsches, und es 
ist nicht zu verwundem, wenn man die Wunscherfüllung nach so ver- 
spätetem Eintreffen nicht mehr erkennt. Unterdessen hat sich eben 
zu viel geändert. 

/- "Die Gruppe, zu welcher die beiden letzten Träume gehören, die 
den Tod lieber Angehöriger zum Inhalt haben, soll bei den typischen 
Träumen nochmals Berücksichtigung finden. Ich werde dort an neuen 
Beispielen zeigen können, daß trotz des unerwünschten Inhalts alle 
diese Träume als Wunscherfüllungen gedeutet werden müssen. Keinem 
Patienten, sondern einem intelligenten Rechtsgelehrten meiner Bekannt- 
schaft, verdanke ich folgenden Traum, der mir wiederum in der 
Absicht erzählt wurde, mich von voreiliger Verallgemeinerung in der 
Lehre vom Wunschtraume zurückzuhalten. „Ich träume," berichtet 
mein Gewährsmann, „daß ich, eine Dame am Arm, vor mein 
Haus komme. Dort wartet ein geschlossener Wagen, 
ein Herr tritt auf mich zu, legitimiert sich als Polizei- 
agent und fordert mich auf, ihm zu folgen. Ich bitte 
nur noch um dieZeit, meine Angelegenheiten zu ordnen. 

— ^Glauben Sie, daß es vielleicht ein Wunsch von mir ist, verhaftet 
zu werden?" Gewiß nicht, muß ich zugeben. Wissen Sie vielleicht, 
unter welcher Beschuldigung Sie verhaftet wurden. — „Ja, ich glaube 
wegen Kindesmordes." — Kindesmord? Sie wissen doch, daß dieses 
Verbrechen nur eine Mutter an ihrem Neugeborenen begehen kann? 

— j^Das ist richtig.^**) — Und unter welchen Umständen haben Sie 

*) Ähnlich wie im Trauma vom vereiltelten Souper der geräucherte Lachs. 
**) Es ereignet sich häufig, daß ein Traum unvollständig erzählt wird, und 
daß erat während der Analyse die Erinnerung an diese ausgelassenen Stücke des 



Freud, TrmamdentuQg. 8. Aafl. 8 

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OrfgfrTaffrom 
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114 IV. Die Tranmentstellnng. 

geträumt; was ist am Abend vorher vorgegangen? „Das möchte ich 
Ihnen nicht gern erzählen , es ist eine heikle Angelegenheit.'* — Ich brauche 
es aber, sonst müssen wir auf die Deutung des Traumes verzichten. 
— „Also hören Sie. Ich habe die Nacht nicht zu Hause, sondern bei 
einer Dame zugebracht, die mir sehr viel bedeutet. Als wir am 
Morgen erwachten, ging neuerdings etwas zwischen uns vor. Dann 
schlief ich wiederum ein und träumte, was Sie wissen.'* — Es ist eine 
verheiratete Frau? „Ja.** — Und sie wollen kein Kind mit ihr er- 
zeugen? — ??Nein, nein, das könnte uns verraten.'* — Sie üben also 
nicht normalen Koitus? — „Ich gebrauche die Vorsicht, mich vor 
der Ejakulation zurückzuziehen.'* — Darf ich annehmen, Sie hätten 
das Kunststück in dieser Nacht mehreremal ausgefllhrt, und seien 
nach der Wiederholung am Morgen ein wenig unsicher gewesen, ob 
es Ihnen gelungen ist? — «Das könnte wohl sein." — Dann ist Ihr 
Traum eine Wunscherfüllung* Sie erhalten durch ihn die Beruhigung, 
daß Sie kein Kind erzeugt haben, oder was nahezu das gleiche ist, 
Sie hätten ein Kind umgebracht. Die Mittelglieder kann ich ihnen 
leicht nachweisen. Erinnern Sie sich, vor einigen Tagen sprachen 
wir über die Ehenot und über die Inkonsequenz, daß es gestattet ist, 
den Koitus so zu halten, daß keine Befruchtung zu stände kommt, 
während jeder EingriflF, wenn einmal Ei und Same sich getroffen und 
einen Fötus gebildet haben, als Verbrechen bestraft wird. Im An- 
schluß daran gedachten wir auch der mittelalterlichen Streitfrage, in 
welchem Zeitpunkte eigentlich die Seele in den Fötus hineinfahre, 
weil der Begriff des Mordes erst von da an zulässig wird. Sie kennen 
gewiß auch das schaurige Gedicht von Lenau, welches Kindermord 
und Kinderverhütung gleichstellt. — „An Lenau habe ich merk- 
würdigerweise heute Vormittag wie zufkllig gedacht." — Auch ein 
Nachklang Ihres Traumes. Und nun will ich Ihnen noch eine kleine 
Nebenwunscherfüllung in Ihrem Traume nachweisen, Sie kommen 
mit der Dame am Arm vor Ihr Haus. Sie führen Sie also heim, 
anstatt daß Sie in Wirklichkeit die Nacht in deren Hause zubringen. 
Daß die WunscherfüUung, die den Kern des Traumes bildet, sich in 
so unangenehmer Form verbirgt, hat vielleicht mehr als einen Grund. 
Aus meinem Aufsatze über die Ätiologie der Angstneurose könnten 
Sie erfahren, daß ich den Coitus Interrupt us als eines der ursächlichen 
Momente für die Entstehung der neurotischen Angst in Anspruch 
nehme. Es würde dazu stimmen, wenn Ihnen nach mehrmaligem 
Koitus dieser Art eine unbehagliche Stimmung verbliebe, die nun als 
Element in die Zusammensetzung Ihres Traumes eingeht. Dieser 
Verstimmung bedienen Sie sich auch, um sich die WunscherfüUung 
zu verhüllen. Übrigens ist auch die Erwähnung des Kindesmordes 
nicht erklärt. Wie kommen Sie zu diesem spezifisch weiblichen Ver- 
brechen ? — „Ich will Ihnen gestehen, daß ich vor Jahren einmal in 

Traumes auftaacht. Diese nachträglich eingefügten Stücke ergeben regelmäßig den 
Schlüssel zur Traamdeutung. Vergleiche weiter unten über das Vergessen der Träume. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Auflösung peinlicher Träume. 115 

eine solche Angelegenheit verflochten war. Ich war schuld daran, daß 
ein Mädchen sich durch eine Fruchtabtreibung vor den Folgen eines 
Verhältnisses mit mir zu schützen versuchte. Ich hatte mit der Aus- 
f^rung des Vorsatzes gar nichts zu tun, war aber lange Zeit in be- 
greiflicher Angst, daß die Sache entdeckt würde." — „Ich verstehe, 
diese Erinnerung ergab einen zweiten Grund, warum Ihnen die Ver- 
mutung. Sie hätten Ihr Kunststück schlecht gemacht, peinlich sein 
mußte.^ 

/^/ Ein junger Arzt, welcher in meinem Kolleg diesen Traum er- 
zählen hörte, muß sich von ihm betroflfen gefühlt haben, denn er 
beeilte sich ihn nachzuträumen, dessen Gedankenform auf ein anderes 
Thema anzuwenden. Er hatte Tags vorher sein Elinkommenbekenntnis 
übergeben, welches vollkommen aufrichtig gehalten war, da er nur 
wenig zu bekennen hatte. Er träumte nun, ein Bekannter komme 
aus der Sitzung der Steuerkonmiission zu ihm und teile ihm mit, daß 
alle anderen Steuerbekenntnisse unbeanstandet geblieben seien, das 
seinige aber habe allgemeines Mißtrauen erweckt und werde ihm eine 
empfindliche Steuerstrafe eintragen. Der Traum ist eine lässig ver- 
hüllte Wunscherfüllung, für einen Arzt von großem Einkommen zu 
gelten. Er erinnert übrigens an die bekannte Geschichte von jenem 
jimgen Mädchen, welchem abgeraten wird, ihrem Freier zuzusagen, 
weil er ein jähzorniger Mensch sei und sie in der Ehe sicherlich mit 
Schlägen traktieren werde. Die Antwort des Mädchens lautet dann: 
Schlug' er mich erst ! Ihr Wunsch, verheiratet zu sein, ist so lebhaft, 
daß sie die in Aussicht gestellte Unannehmlichkeit, die mit dieser Ehe 
verbunden sein soll, mit in den Kauf nimmt und selbst zum Wunsche 
erhebt. 

[Fasse ich die sehr häufig vorkommenden Träume solcher Art, 
die meiner Lehre ^^lirekt zu widersprechen scheinen, indem sie das 
Versagen eines Wunsches oder das Eintreffen von etwas offenbar Un- 
gewünschtem zum Inhalt haben, als „Gegenwunschträume" zusammen, 
cSQjsehe ich, daß sie sich allgemein auf zwei Prinzipien zurückführen 
lassen, von denen das eine noch nicht erwähnt worden ist, obwohl es 
im Leben wie im Träumen der Menschen eine große Rolle spielt. Die 
eine Triebkraft dieser Träume ist der Wunsch, daß ich Unrecht haben 
soll. Diese Träume ereignen sich regelmäßig im Laufe meiner Be- 
handlangen, wenn sich der Patient im Widerstand gegen mich be- 
findet, und ich kann mit großer Sicherheit darauf rechnen, einen 
solchen Traum hervorzurufen, nachdem ich dem Kranken die Lehre, 
der Traum sei eine Wunscherfüllung, zuerst vorgetragen habe.*) Ja, 
ich darf erwarten, daß es manchem meiner Leser ebenso ergehen wird; 
er wird sich bereitwillig im Traume einen Wunsch versagen, um sich 
nur den Wunsch, daß ich Unrecht haben möge, zu erfüllen. Der 

*) [Ähnliche ^Gegenwanscbträome^ wurden mir in den letzten Jahren wieder- 
holt von meinen Hörern berichtet, als deren Reaktion auf ihr erstes Zusammentreffen 
mit der „Wunschtheorie des Traumes."] 



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8* 

OrfgfrTaffrom 
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116 IV. Die Traamentstellung. 

letzte Kurtraum dieser Art, den ich mitteilen will, zeigt wiederum 
das nämliche. Ein junges Mädchen, welches sich die Fortsetzung 
meiner Behandlung mtthsam erkämpft hat gegen den Willen ihrer 
Angehörigen und der zu Rate gezogenen AutoritÄten, träumt: Zu 
Hause verbiete man ihr, weiter zu mir zu kommen. Sie 
beruft sich dann bei mir auf ein ihr gegebenes Ver- 
sprechen, sie im Notfalle auch umsonst zu behandeln, 
und ich sage ihr: In Geldsachen kann ich keine Rück- 
sicht üben. 

U'^Es ist wirklich nicht leicht, hier die WunscherfUllung nachzu- 
weisen, aber in all solchen Fällen findet sich außer dem einen RätsM 
noch ein anderes, dessen Lösung auch das erste lösen hilft. Woher 
stammen die Worte, die sie mir in den Mund legt? Ich habe ihr 
natürlich nie etwas Ahnliches gesagt, aber einer ihrer Brüder und 
gerade jener, der den größten Einfluß auf sie hat, war so liebenswürdig, 
über mich diesen Ausspruch zu tun. Der Traum will also erreichen, 
daß der Bruder Recht behalte und diesem Bruder Recht verschaffen, 
will sie nicht nur im Traume ; es ist der Inhalt ihres Lebens und das 
Motiv ihres Krankseins. 

Das andere Motiv der Gegenwunschträume liegt so nahe, daß 
man leicht in Gefahr konmit, es zu übersehen, wie mir selbst durch 
längere Zeit geschehen ist. In der Sexualkonstitution so vieler Men- 
schen gibt es eine masochistische Komponente, die durch die Ver- 
kehrung ins Gegenteil der aggressiven, sadistischen entstanden ist. 
Man heißt solche Menschen „ideelle^ Masochisten^ wenn sie die Lust 
nicht in dem ihnen zugefügten körperlichen Schmerz, sondern in der 
Demütigung und seelischen Peinigung suchen. Es leuchtet ohne 
weiteres ein, daß diese Personen Gegenwunsch- und Unlustträume 
haben können, die für sie doch nichts anderes als Wunscherfüllungen 
sind, Befriedigung ihrer masochistischen Neigungen. Ich setze einen 
solchen Traum hieher: Ein junger Mann, der in früheren Jahren 
seinen älteren Bruder, dem er homosexuell zugetan war, sehr gequält 
hat, träumt nun nach gründlicher Charakterwandlung einen aus drei 
Stücken bestehenden Traum. L Wie ihn sein älterer Bruder 
„sekiert". IL Wie zwei Erwachsene in homosexueller 
Absicht miteinander schön tun. III. Der Bruder hat das 
Unternehmen verkauft, dessen Leitung er sich für seine 
Zukunft vorbehalten hat Aus letzterem Traume erwacht er 
mit den peinlichsten Gefühlen, und doch ist es ein masochistischer 
Wunschtraum, dessen Übersetzung lauten könnte: es geschähe mir 
ganz recht, wenn der Bruder mir jenen Verkauf antäte zur Strafe 
für alle Quälereien, die er von mir ausgestanden hat.] 
^''^ Ich hoffe, die vorstehenden Erwägungen und Beispiele werden 
genügen, um es — bis auf weiteren Einspruch — glaubwürdig er- 
scheinen zu lassen, daß auch die Träume mit peinlichem Inhalt als 
Wunscherfüllungen aufzulösen sind. Es wird auch niemand eine 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Der Traum, eine verkleidete Erfüllung eines verdrängten Wunsches. 117 

Äußerung des Zufalls darin erblicken, daß man bei der Deutung 
dieser Träume jedesmal auf Themata gerät, von denen man nicht 
gern spricht oder an die man nicht gern denkt- Das peinliche Ge- 
fühlj welches solche Träume erwecken, ist wohl einfach identisch mit 
dem Widerwillen, der uns von der Behandlung oder Erwägung solcher 
Themata — meist mit Erfolg — abhalten möchte, und welcher von 
jedem von uns überwunden werden muß, wenn wir uns genötigt sehen, 
es doch in Angriff zu nehmen. Dieses im Traume also wiederkehrende 
UnlustgefÜhl schließt aber das Bestehen eines Wunsches nicht aus; es 
gibt bei jedem Menschen Wünsche, die er anderen nicht mitteilen 
möchte, und Wünsche, die er sich selbst nicht eingestehen will. 
Anderseits finden wir uns berechtigt, den Unlustcharakter all dieser 
Träume mit der Tatsache der Traumentstellung in Zusammenhang zu 
bringen und zu schließen, diese Träume seien gerade darum so ent- 
stellt, und die Wunscherfüllung in ihnen bis zur Unkenntlichkeit ver- 
kleidet, weil ein Widerwillen, eine Verdrängungsabsicht gegen das 
Thema des Traumes oder gegen den aus ihm geschöpften Wunsch 
besteht Die Traumentstellung erweist sich also tatsächlich als ein 
Akt der Zensur. Allem, was die Analyse der Unlustträume zu Tage 
gefordert hat, tragen vnr aber Rechnung, wenn wir unsere Formel, 
die das Wesen des Traumes ausdrücken soll, in folgender Art ver- 
ändern: Der Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines 
(unterdrückten, verdrängten) Wunsches.*) 

1^ '' Nun erübrigen noch die Angstträume als besondere Unterart der 
Träume mit peinlichem Inhalt, deren Auffassung als Wunschträume 
bei dem Unaufgeklärten die geringste Bereitwilligkeit begegnen wird. 
Doch kann ich die Angstträume hier ganz kurz abtim; es ist nicht 
eine neue Seite des Traumproblems, die sich uns in ihnen zeigen 
würde, sondern es handelt sich bei ihnen um das Verständnis der 
neurotischen Angst überhaupt. Die Angst, die wir im Traume emp- 
finden, ist nur scheinbar durch den Inhalt des Traumes erklärt. Wenn 
wir den Trauminhalt der Deutung unterziehen, merken wir, daß die 
Traumangst durch den Inhalt des Traumes nicht besser gerechtfertigt 
wird als etwa die Angst einer Phobie durch die Vorstellung, an 
welcher die Phobie hängt- Es ist z. B. zwar richtig, daß man aus 
dem Fenster stürzen kann und darum Ursache hat, sich beim Fenster 
einer gewissen Vorsicht zu befleißen, aber es ist nicht zu verstehen, 
warum bei der entsprechenden Phobie die Angst so groß ist und den 
Kranken weit über ihre Anlässe hinaus verfolgt. Dieselbe Aufklärung 
erweist sich dann als gültig für die Phobie wie für den Angsttraum. 

•) [Vorgreifend führe ich hier die von Otto Rank herrührende Erweiterung 
and Modifikation dieser Grandformel an: „Der Traum stellt regelmäßig aaf der 
Giundlage und mit Hilfe verdrängten infantil- sexuellen Materials aktuelle in der 
Regel auch erotische Wünsche in verhüU^r und symbolisch eingekleideter Form als 
erfüllt dar**. [„Ein Traum, der sich selbst deutet." Jahrb, ▼. Bleuler-Freud, II. B. 
p. 619, 1910.) 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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118 IV. Die Traumentstellung. 

Die Angst ist beidemal an die sie begleitende Vorstellung nur an- 
gelötet und stammt aus anderer Quelle. 

Wegen dieses intimen Zusammenhanges der Traumangst mit der 
Neurosenangst muß ich hier bei der Erörterung der ersteren auf die 
letztere verweisen. In einem kleinen Aufsatze über die „Angst- 
neurose" (Neurolog. Zentralblatt, 1895) habe ich seinerzeit behauptet, 
daß die neurotische Angst aus dem Sexualleben stammt und einer von 
ihrer Bestimmung abgelenkten, nicht zur Verwendung gelaugten 
Libido entspricht. Diese Formel hat sich seither immer mehr als 
stichhaltig erwiesen. Aus ihr läßt sich nun der Satz ableiten, daß die 
Angstträume Träume sexuellen Inhalts sind, deren zugehörige Libido 
eine Verwandlung in Angst erfahren hat. Es wird sich späterhin die 
Gelegenheit ergeben, diese Behauptung durch die Analyse einiger 
Träume bei Neurotikern zu unterstützen. Auch werde ich bei weiteren 
Versuchen, pich einer Theorie des Traumes zu nähern, nochmals auf 
die Bedingung der Angstträume und deren Verträglichkeit mit der 
WunscherfUllungstheorie zu sprechen kommen. 



I 



r^r\onlf* OrFgfnaffrom 

:3y V.:iUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



Das Traummaterial und die Traumquellen. 

Als wir aus der Analyse des Traumes von Irmas Injektion 
ersehen hatten, daß der Traum eine Wunscherfüllung ist, nahm uns 
zunächst das Interesse gefangen, ob wir hiemit einen allgemeinen 
Charakter des Traumes aufgedeckt haben, und wir brachten vorläufig 
jede andere wissenschaftliche Neugierde zum Schweigen, die sich in 
uns während jener Deutungaarbeit gereg^ haben mochte. Nachdem 
wir jetzt auf dem einen Wege zum Zi^e gelangt sind, dürfen wir 

, zurtlckkehren und einen neuen Ausgangspunkt für uusere Streifungen 

i durch die Probleme des Traumes wählen, sollten wir darüber auch 
das noch keineswegs voll erledigte Thema der Wunscherfüllung für 

. eine Weile aus den Augen verlieren. 

Seitdem wir durch Anwendung unseres Verfahrens der Traum- 
.deutung einen latenten Trauminhalt aufdecken können, der an 

'Bedeutsamkeit den manifesten Trauminhalt weit hinter sich läßt, 
nüiß es uns drängen, die einzelnen Traumprobleme von neuem auf- 
zunehmen, ura zu versuchen, ob sich für uns nicht Rätsel und Wider- 
sprüche befriedigend lösen, die, solange man nur den manifesten 
Trauminhalt kannte, unangreifbar erschienen sind. 

Die Angaben der Autoren über den Zusammenhang des Traumes 
mit dem Wachleben sowie über die Herkunft des Traummaterials 
sin^ im einleitenden Abschnitt ausführlich mitgeteilt worden. Wir 
erinnern uns auch jener drei Eigentümlichkeiten des Traumgedächt- 
nisses, die so vielfach bemerkt, aber nicht erklärt worden sind: r '^ 

1. Daß der Traum die Eindrücke der letzten Tage deutlicK 
bevorzugt [Robert ^% Strümpell ^^), Hildebrandt ^^), auch 
Weed-Hallam33)]; 

2. daß er eine Auswahl nach anderen Prinzipien als unser 
Wachgedächtnis trifil, indem er nicht das Wesentliche und Wichtige, 
sondern das Nebensächliche und Unbeachtete erinnert (vgl. Seite 12) ; 

3. daß er die Verfügung über unsere frühesten Kindheits- 
eindrOcke besitzt und selbst Einzelheiten aus dieser Lebenszeit 



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120 V. Traummaterial und Traumquellen. 

hervorholt, die uns wiederum als trivial erscheinen und im Wachen 
fllr längst vergessen gehalten worden sind.*) 

Diese Besonderheiten in der Auswahl des Traummaterials sind 
von den Autoren natürlich am manifesten Trauminhalt beobachtet 
worden. 

/^' a) Das Rezente und das Indifferente im Traume. 

Wenn ich jetzt in Betreff der «Herkunft der im Trauminhalt 
auftretenden Elemente meine eigene Erfahrung zu Rate ziehe, so muß 
ich zunächst die Behauptung aufstellen, daß in jedem Traume eine 
Anknüpfung an die Erlebnisse des letztabgelaufenen Tages 
aufzufinden ist. Welchen Traum immer ich vornehme, einen eigenen 
oder fremden, jedesmal bestätigt sich mir diese Erfahrung. In Kenntnis 
dieser Tatsache kann ich etwa die Traumdeutung damit beginnen, 
daß ich zuerst nach dem Erlebnisse des Tages forsche, welches den 
Traum angeregt hat; für viele Fälle ist dies sogar der nächste Weg. 
An den beiden Träumen, die ich im vorigen Abschnitt einer genauen 
Analyse unterzogen habe (von Irmas Injektion, von meinem Onkel 
mit dem gelben Barte), ist die Beziehung zum Tage so augenfkllig, 
daß sie keiner weiteren Beleuchtung bedarf Um aber zu zeigen, wie 
regelmäßig sich diese Beziehung erweisen läßt, will ich ein Stück 
meiner eigenen Traumchronik darauf hin untersuchen. Ich teile die 
Träume nur so weit mit, als es zur Aufdeckung der gesuchten Traum- 
quelle bedarf. 

1. Ich mache einen Besuch in einem Hause, wo ich nur n:ut 
Schwierigkeiten vorgelassen werde u. s. w., lasse eine Frau unter- 
dessen auf mich warten. 

Quelle: Gespräch mit einer Verwandten am Abend, daß eine 
Anschaffung, die sie verlangt, warten müsse, bis u, s. w. 

2. Ich habe eine Monographie über eine gewisse (unklar) 
Pflanzenart geschrieben. 

Quelle: Am Vormittag im Schaufenster einer Buchhandlung 
eine Monographie gesehen über die Gattung Cyklamen. 

3- Ich sehe zwei Frauen auf der Straße, MutterundTochter, 
von denen die letztere meine Patientin war. 

Quelle: Eine in Behandlung stehende Patientin hat mir abends 
mitgeteilt, welche Schwierigkeiten ihre Mutter einer Fortsetzung der 
Behandlung entgegenstellt. 

4. In der Buchhandlung von S. und R. nehme ich ein Abon- 
nement auf eine periodische Publikation, die jährlich 20 fl. kostet. 

*) Es ist klar, daß die AnffaaBan^ Roberts, der Traum sei da£a bestimmt, 
unser Gedächtnis von den wertlosen Eindrücken des Tages zu entlasten, nicht mehr 
zu halten ist, wenn im Traume einigermaßen häufig gleichgültige Erinnerungsbilder 
aus unserer Kindheit auftreten. Man müßte den Schluß ziehen, daß der Traum die 
ihm zufallende Aufgabe sehr ungenügend zu erfüllen pflegt. 



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Das Bezente und das Indifferente im Traume. 121 

Quelle: Meine Frau hat mich am Tage daran erinnert, daß 
ich ihr 20 fl. vom Wochengelde noch schuldig bin. 

5. Ich erhalte eine Zuschrift vom sozialdemokratischen 
Komitee, in der ich als Mitglied behandelt werde. 

Quelle: Zuschriften erhalten gleichzeitig vom liberalen 
Wahlkomitee und vom Präsidium des humanitären Vereines, dessen 
Mitglied ich wirklich bin. 

6. Ein Mann auf einem steilen Felsen mitten im Meere, 
in Böckl in scher Manier. 

Quelle: Dreyfus auf der Teufelsinsel, gleichzeitig Nach- 
richten von meinen Verwandten in England u. s. w. 

f^/Man könnte die Frage aufwerfen, ob die Traumankntipfung un- 
fehlbar an die Ereignisse des letzten Tages erfolgt, oder ob sie sich 
auf Eindrücke eines längeren Zeitraumes der jünsten Vergangenheit 
erstrecken kann. Dieser Gegenstand kann prinzipielle Bedeutsamkeit 
wahrscheinlich nicht beanspruchen, doch möchte ich mich für das 
ausschließliche Vorrecht des letzten Tages vor dem Traume (des 
Traumtages) entscheiden. So oft ich zu finden vermeinte, daß ein 
Eindruck vor zwei oder drei Tagen die Quelle des Traumes gewesen 
sei, konnte ich mich doch bei genauerer Nachforschung überzeugen, 
daß jener Eindruck am Vortage wieder erinnert worden war, daß 
also eine nachweisbare Reproduktion am Vortage sich zwischen dem 
Ereignistage und der Traumzeit eingeschoben hatte, und konnte außer- 
dem den rezenten Anlaß nachweisen, von dem die Erinnerung an den 
älteren Eindruck ausgegangen sein konnte. [Hingegen konnte ich mich 
nicht davon überzeugen, daß zwischen dem erregenden Tageseindruck 
und dessen Wiederkehr im Traume ein regelmäßiges Intervall von 
biologischer Bedeutsamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 
18 Stunden) eingeschoben ist.]*) 

*) [H. Swoboda^*'') hat, wie im ersten Abschnitt p. 67 mitgeteilt, die von W. 
Fliefi gefundenen biolog^hen Intervalle von 23 and 28 Tagen im weiten Aas- 
ma&e auf das seelische Geschehen übertragen und insbesondere behauptet, daß diese 
Zeiten für das Auftauchen der Traumeleraente in den Träumen entscheidend sind. 
Die Traumdeutung würde nicht wesentlich abgeändert, wenn sich solches nachweisen 
ließe, aber für die Herkunft des Traummaterials ergäbe sich eine neue Quelle. Ich 
habe nun neuerdings einige Untersuchungen an eigenen Träumen angestellt, um die 
Anwendbarkeit der ,» Periodenlehre** auf das Traummaterial zu prüfen und habe hiezu 
besonders auffällige Elemente des Trauminhaltes gewählt, deren Auftreten im Leben 
sich zeitlich mit Sicherheit bestimmen ließ. 

I. Traum vom 1./2. Oktober 1910. 

(Bruchstück) . . . Irgendwo in Italien. Drei Töchter zeigen mir kleine Kost- 
barkeiten, wie in einem Antiquarladen, setzen sich mir dabei auf den Schoß. Bei 
einem der Stücke sage ich: Das haben Sie ja von mir. Ich sehe dabei deutlich 
eine kleine Profilmaske mit den scharfgeschnittenen Zügen Savonarolas. 

Wann habe ich zuletzt das Bild Savonarolas gesehen? Ich war nach 
dem Ausweis meines Beisetagebuches am 4. und 6. September in Florenz; dort 
dachte ich daran, meinem Reisebegleiter das Medaillon mit den Zügen des fanatischen 
Mönchs im Pflaster der Piazza Signoria an der Stelle, wo er den Tod durch Ver- 
brennung fand, zu «eigen, und ich meine, am 3. vormittags machte ich ihn auf das- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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122 V. Traummaterial und Traumquellen. 

' ^ Ich meine also, es gibt für jeden Traum einen Traumerreger aus 
jenen Erlebnissen, über die „man noch keine Nacht geschlafen hat^. 
Die Eindrücke der jüngsten Vergangenheit (mit Ausschluß des 
Tages vor der Traumnacht) zeigen also keine andersartige Beziehung 
zum Trauminhalt als andere Eindrücke aus beliebig ferner liegenden 
Zeiten. Der Traum kann sein Material aus jeder Zeit des Lebens 
wählen, wofern nur von den Erlebnissen des Traumtages (den „rezenten^ 
Eindrücken) zu diesen früheren ein Gedankenfaden reicht. 

, 7/ Woher aber die Bevorzugung der rezenten Eindrücke? Wir 
werden zu Vermutungen über diesen Punkt gelangen, wenn wir einen 
der erwähnten Träume einer genaueren Analyse unterziehen. Ich 
wähle den Traum von der Monographie. 

Trauminhalt: Ich habe eine Monographie über eine 
gewisse Pflanze geschrieben. Das Buch liegt vor mir, 
ich blättere eben eine eingeschlagene farbige Tafel um. 
Jedem Exemplar ist ein getrocknetes Spezimen der 
Pflanze beigebunden, ähnlich wieauseinem Herbarium. 

/ 7 / A n a 1 y s e : Ich habe am Vormittag im Schaufenster einer 
Buchhandlung ein neues Buch gesehen, welches sich betitelt: Die 
Gattung Cyklamen, offenbar eine Monographie über diese Pflanze. 

selbe aufmerksam. Von diesem Eindruck bis zur Wiederkehr im Traume sind 
allerdings 27 -|- 1 Tage verflossen, eine „weibliche Periode*' nach Fließ. Zum l'n- 
glück für die Beweiskraft dieses Beispiels muß ich aber erwähnen, daß an dem 
Traumtage selbst der tüchtige, aber düster blickende Kollege bei mir war (das 
erste Mal seit meiner Rückkunft), für den ich vor Jahren schon den Scherznamen 
, Rabbi Savonarola" aufgebracht habe. Er stellte mir einen Unfallkranken vor, der 
in dem Pontebbazag verunglückt war, in dem ich selbst 8 Tage vorher gereist war, 
und leitete so meine Gedanken zur letzten Italienreise zurück. Das Erscheinen des 
aufffilligon Elements „Savonarola*' im Trauminhalt ist durch diesen Besuch des 
Kollegen am Traumtage aufgeklärt, das 28tägige Intervall wird seiner Bedentnng für 
dessen Herleitung verlustig. 

II. Traum vom lO./U. Oktober. 

Ich arbeite wieder einmal Chemie im Universitätslaboratorium. Hofrat L«. 
lad mich ein, an einen anderen Ort zu kommen und geht auf dem Korridor voran, 
eine Lampe oder sonst ein Instrument wie scharfsinnig (?) [scharfsichtig?] in der er- 
hobenen Hand vor sich hintragend, in eigentümlicher Haltung mit vorgestrecktem 
Kopf. Wir kommen dann über einen freien Platz . . . (Rest vergessen). 

Das Auffälligste in diesem Trauminhalt ist die Art, wie Hofrat L. die Lampe 
(oder Lupe) vor sich hinträgt, das Auge spähend in die Weite gerichtet. L. habe 
ich viele Jahre lang nicht mehr gesehen, aber ich weiß jetzt schon, er ist nur eine 
Ersatzperson für einen anderen Größeren, für den Archimedes nahe bei der Are- 
thusaquelle in Svrakus, der genau so wie er im Traum dasteht und so den Brenn- 
Spiegel handhabt, nach dem Belagerungsheer der Römer spähend. Wann habe ich 
dieses Denkmal zuerst (und zuletzt) gesehen? Nach meinen Aufzeichnungen war es 
am 17. September abends und von diesem Datum bis zum Traume sind tat- 
sächlich 13-[*10 = 23 Tage verstrichen, eine „männliche Periode*^ nach Fließ. 

Leider hebt das Eingehen auf die Deutung des Traumes auch hier ein Stück 
von der Unerläßlichkeit dieses Zusammenhanges auf. Der Traumanlaß war die am 
Traum tag erhaltene Nachricht, daß die Klinik, in deren Hörsaal ich als Gast meine 
Vorlesungen abhalte, demnächst anderswohin verlegt werden solle. Ich nahm an, 
daß die neue Lokalittlt sehr unbequem gelegen sei, sagte mir, das werde dann sein, 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Der Traum von der botanischen Monographie. 123 

/^7/ Cyklamen ist die Lieblingsblume meiner Frau. Ich mache 
mir Vorwürfe, daß ich so selten daran denke, ihr Blumen mit- 
zubringen, wie sie sich's wünscht. — Bei dem Thema: Blumen 
mitbringen erinnere ich mich einer Geschichte, welche ich 
unlängst im Freundeskreise erzählt und als Beweis für meine Be- 
hauptung verwendet habe, daß Vergessen sehr häufig die AusfUhrung 
einer Absich t^ des U nbewußten sei und immerhin einen ScirTuß auf die 
geheime TJesinnung des Vergessenden gestatte. Eine junge Frau, 
welche daran gewöhnt war, zu ihrem Geburtstage einen Strauß 
von ihrem Manne vorzufinden, vermißt dieses Zeichen der Zärtlich- 
keit an einem solchen Festtag und bricht darüber in Tränen aus. 
Der Mann kommt hinzu, weiß sich ihr Weinen nicht zu erklären, 
bis sie ihm sagt: Heute ist mein Geburtstag. Da schlägt er sich 
vor die Stirn, ruft aus: Entschuldige, haV ich doch ganz daran 
vergessen, und will fort, ihr Blumen zu holen- Sie läßt sich aber 
nicht trösten, denn sie sieht in der Vergeßlichkeit ihres Mannes 
einen Beweis dafür, daß sie in seinön Gedanken nicht mehr dieselbe 
Rolle spielt wie einstens. — Diese Frau L. ist meiner Frau vor 
zwei Tagen begegnet, hat ihr mitgeteilt, daß sie sich wohlflihlt, und 

als ob ich überhaupt keinen Hörsaal zur Verfügang habe, und von da an müßten 
meine Gedanken bis in den Beginn meiner Dozentenzeit zurückgegangen sein, als ich 
wirklich keinen Hörsaal hatte und mit meinen Bemühungen, mir einen zu ver- 
schaffen, auf geringes Entgegenkommen bei den hochvermögenden Herren Hofräten 
und Professoren stieß. Ich ging damals zu L., der gerade die Würde eines Dekans 
bekleidete, und den ich für einen Gönner hielt, um ihm meine Not zu klagen. Er 
versprach mir Abhilfe, ließ aber dann nichts weiter von sich hören. Im Traum ist er der 
Archimedes, der mir gibt, tti] axü) und mich selbst in die andere Lokalität geleitet. 
Daß den Traumgedanken weder Kachsucht, noch Größenbewußtsein fremd sind, wird 
der Deutungskundige leicht erraten. Ich muß aber urteilen, daß ohne diesen Traum- 
anlaß der Archimedes kaum in den Traum dieser Nacht gelangt wäre ; es bleibt mir 
unsicher, ob der starke und noch rezente Eindruck der Statue in Siracusa sich nicht 
auch bei einem anderen Zeitintervall geltend gemacht hätte. 

III. Traum vom 2./3. Oktober 1910. 

(Bruchstück) . . . Etwas von Prof. Oser, der selbst das Menü für mich ge- 
macht hat, was sehr beruhigend wirkt i'Anderes vergossen). 

Der Traum ist die Reaktion auf eine Verdauungsstörung dieses Tages, die 
mich erwägen ließ, ob ich mich nicht wegen Bestimmung einer Diät an einen Kol- 
legen wenden solle. Daß ich im Traum den im Sommer verstorbenen Oser dazu 
bestimme, knüpft an den sehr kurz vorher (1. Okt.) erfolgten Tod eines anderen von 
mir hochgeschätzten Universitätslehrers an. Wann ist aber Oser gestorben und 
wann habe ich seinen Tod erfahren? Nach dem Ausweis des Zeitungsblattes am 
22. Aogast; da ich damals in Holland weilte, wohin ich die Wiener Zeitung regel- 
mäßig nachsendeo ließ, muß ich die Todesnachricht am 24. oder 25. August gelesen 
haben. Dieses Intervall entspricht aber keiner Periode mehr, es umfaßt 7 -f- 30 -|- 
-7- 8 = 39 Tage, oder vielleicht 38 Tage. Ich kann mich nicht besinnen, in der 
Zwischenzeit von Oser gesprochen oder an ihn gedacht zu haben. 

Solche, für die Periodenlehre nicht mehr ohne weitere Bearbeitung brauchbare 
Intervalle ergeben sich nun aus meinen Träumen ungleich häufiger als die regulären. 
Konstant finde ich nur die im Text behauptete Beziehung zu einem Eindrucke des 
Traumtages selbst] 



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124 V. Tranmmaterial nnd Traumquellen. 

sich nach mir erkundigt. Sie stand in früheren Jahren in meiner Be- 
handlung. 

I^i Ein neuer Ansatz: Ich habe wirklich einmal etwas Ähnliches 
geschrieben wie eine Monographie über eine Pflanze, nämlich einen 
Aufsatz über die Kokapflanze, welcher die Aufmerksamkeit von 
K. Koller auf die anästhesierende Eigenschaft des Kokains gelenkt 
hat. Ich hatte diese Verwendung des Alkaloids in meiner Publikation 
selbst angedeutet, war aber nicht gründlich genug, die Sache weiter 
zu verfolgen. Dazu ßlllt mir ein, daß ich am Vormittag des Tages 
nach dem Traume (zu dessen Deutung ich erst abends Zeit fand) des 
Kokains in einer Art von Tagesphantasie gedacht habe. Wenn ich 
je Glaukom bekommen sollte, würde ich nach Berlin reisen und 
mich dort bei meinem Berliner Freunde von einem Arzte, den er 
mir empfiehlt, inkognito operieren lassen. Der Operateur, der nicht 
wüßte, an wem er arbeitet, würde wieder einmal rühmen, wie leicht 
sich diese Operationen seit der Einführung des Kokains gestaltet 
haben; ich würde durch keine Miene verraten, daß ich an dieser 
Entdeckung selbst einen Anteil habe. An diese Phantasie schlössen 
sich Gedanken an, wie unbequem es doch für den Arzt sei, ärztliche 
Leistungen von Seiten der KoUegen für seine Person in Anspruch 
zu nehmen. Den Berliner Augenarzt, der noich nicht kennt, würde 
ich wie ein anderer entlohnen können. Nachdem dieser Tagtraum 
mir in den Sinn gekommen, merke ich erst, daß sich die Erinnerung 
an ein bestimmtes Erlebnis hinter ihm verbirgt. Kurz nach der 
Entdeckung Kollers war nämlich mein Vater an Glaukom erkrankt ; 
er wurde von meinem Freunde, dem Augenarzte Dr. Königstein, 
operiert, Dr. Koller besorgte die Kokainanästhesie imd machte 
dann die Bemerkung, daß bei diesem Falle sich alle die drei Per- 
sonen vereinigt fanden, die an der Einftlhrung des Kokains Anteil 
gehabt haben. 

I '/ '^ Meine Gedanken gehen nun weiter, wann ich zuletzt an diese 
Geschichte des Kokains erinnert worden bin. Es war dies vor 
einigen Tagen, als ich die Festschrift in die Hand bekam, mit deren 
Erscheinen dankbare Schüler das Jubiläum ihres Lehrers und Labo- 
ratoriumsvorstandes gefeiert hatten. Unter den Ruhmestiteln des 
Laboratoriums fand ich auch angeführt, daß dort die Entdeckung der 
anästhesierenden Eigenschaft des Kokains durch K. Koller vorge- 
fallen sei. Ich bemerke nun plötzlich, daß mein Traum mit einem 
Erlebnis des Abends vorher zusammenhängt. Ich hatte gerade 
Dr, Königstein nach Hause begleitet, mit dem ich in ein Gespräch, 
über eine Angelegenheit geraten war, die mich jedesmal, wenn sie 
berühi-t wird, lebhaft erregt Als ich mich in dem Hausflure mit 
ihm aufhielt, kam Professor Gärtner mit seiner jungen Frau hinzu. 
Ich konnte mich nicht enthalten, die Beiden darüber zu beglück* 
wünschen, wie blühend sie aussehen. Nun ist Professor Gärtner 
einer der Verfasser der Festschrift, von der ich eben sprach, und 



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Der Traum von der botanischen Monographie. 125 

konnte mich wohl an diese erinnern. Auch die Frau L., deren 
Gebortsta^enttäuschung ich unlängst erzählte, war im Gespräche 
mit Dr. Königstein, in anderem Znsammenhange allerdings, er- 
wähnt worden. 

/ 7?Ioh will versuchen, auch die anderen Bestimmungen des Traum- 
inhalts zu deuten. Ein getrocknetes Spezimen der Pflanze liegt 
der Monographie bei, als ob es ein Herbarium wäre. Ans Her- 
barium knüpft sich eine Gynmasialerinnerung. Unser Gymnasial- 
direktor rief einmal die Schüler der höheren Klassen zusammen, um 
ihnen das Herbarium der Anstalt zur Durchsicht und zur Reinigung 
zu übergeben. Es hatten sich kleine Würmer eingefunden — 
Bücherwurm. Zu meiner Hilfeleistung scheint er nicht Zutrauen 
gezeigt zu haben, denn er überließ mir nur wenige Blätter. Ich weiß 
noch heute, daß* Kruziferen darauf waren. Ich hatte niemals ein be- 
sonders intimes Verhältnis zur Botanik. Bei meiner botanischen Vor- 
prüfung bekam ich wiederum eine Kruzifere zur Bestimmung und — 
erkaimte sie nicht. Es wäre mir schlecht ergangen, wenn nicht meine 
theoretischen Kenntnisse mir herausgeholfen hätten. — Von den Kruzi- 
feren gerate ich auf die Kompositen. Eigentlich ist auch die Artischocke 
«ine Komposite, und zwar die, welche ich meine Lieblingsblume 
heißen könnte. Edler als ich, pflegt meine Frau mir diese Lieblings- 
blume häufig vom Markte heimzubringen. 

Ich sehe die Monographie vormirliegen, die ich geschrieben 
habe. Auch dies ist nicht ohne Bezug. Mein visueller Freund schrieb 
mir gestern aus Berlin: „Mit deinem Traumbuche beschäftige ich 
mich sehr viel. Ich sehe es fertig vor mir liegen und 
blättere darin." Wie habe ich ihn um diese Sehergabe beneidet ! 
Wenn ich es doch auch schon fertig vor mir liegen sehen könnte! 
/73 Die zusammengelegte farbige Tafel: Als ich Student 
der Medizin war, litt ich viel unter dem Impuls, nur aus Mono- 
graphien lernen zu wollen. Ich hielt mir damals, trotz meiner 
beschränkten Mittel, mehrere medizinische Archive, deren farbige 
Tafeln mein Entzücken waren. Ich war stolz auf diese Neigung zur 
Gründlichkeit. Als ich dann selbst zu publizieren begann, mußte ich 
auch die Tafeln ftlr meine Abhandlungen zeichnen und ich weiß, daß 
eine derselben so kümmerlich ausfiel, daß mich ein* wohlwollender 
Kollege ihretwegen verhöhnte. Dazu kommt noch, ich weiß nicht 
recht wie, eine sehr frühe Jugenderinnerung. Mein Vater machte sich 
einmal den Scherz, mir und meiner ältesten Schwester ein Buch mit 
farbigen Tafeln (Beschreibung einer Reise in Persien) zur Ver- 
nichtung zu überlassen. Es war erziehlich kaum zu rechtfertigen. Ich 
war damals fünf Jahre, die Schwester unter drei Jahren alt, und das 
Bild, wie wir Kinder überselig dieses Buch zerpflückten (wie eine 
Artischocke, Blatt für Blatt, muß ich sagen), ist nahezu das Einzige, 
was mir aus dieser Lebenszeit in plastischer Erinnerung geblieben ist. 
Als ich dann Student wurde, entwickelte sich bei mir eine aus- 



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126 V. Tranmmaterial und Traum quellen. 

fesprochene Vorliebe, Bücher zu sammeln und zu besitzen (analog 
er Neigung, aus Monographien zu studieren, eine Liebhaberei, wie 
sie in den T>aumgedaiiken betreffs Cyklamen und Artischocke bereits 
vorkommt). Ich wurde ein Bücherwurm (vgh Herbarium). Ich 
habe diese erste # Leidenschaft meines Lebens, seitdem ich über mich 
nachdenke, inmier auf diesen Kindereindruck zurückgeführt oder viel- 
mehr, ich habe erkannt, daß diese Kinderszene eine „Deckerinnerung^ 
für meine spätere Bibliophilie ist*) Natürlich habe ich auch frühzeitig 
erfahren, daß man durch Leidenschaften leicht in Leiden gerät. Als 
ich 17 Jahre alt war, hatte ich ein ansehnliches Konto beim Buch- 
händler und keine Mittel, es zu begleichen, und mein Vater ließ es 
kaum als Entschuldigung gelten, daß sich meine Neigungen auf nichts 
Böseres geworfen hatten. Die Erwähnung dieses späteren Jugend- 
erlebnisses bringt mich aber sofort zu dem Gespräche mit meinem 
Freunde Dr. Königstein zurück. Denn um dieselben Vorwürfe 
wie damals, daß ich meinen Liebhabereien zuviel nachgebe, 
handelte es sich auch im Gespräche am Abend des Traumtages. 

/''^ Aus Gründen, die nicht hieher gehörea, will ich die Deutung 
dieses Traumes nicht verfolgen, sondern bloß den Weg angeben, 
welcher zu ihr führt. Während der Deutungsarbeit bin ich an das 
Gespräch mit Dr. Königstein erinnert worden, und zwar von mehr 
als einer Stelle aus. Wenn ich mir vorhalte, welche Dinge in diesem 
Gespräche berührt worden sind, so wird der Sinn des Traumes mir 
verständlich. Alle angefangenen Gedankengänge, von den Liebhabereien 
meiner Frau und meinen eigenen, vom Kokain, von den Schwierig- 
keiten ärztlicher Behandlung unter Kollegen, von meiner VorKebe für 
monographische Studien und meiner Vernachlässigung gewisser Fächer 
wie der Botanik, dies alles erhält dann seine Fortsetzung und mündet 
in irgend einen der Fäden der vielverzweigten Unterredung ein. Der 
Traum bekömmt wieder den Charakter einer Rechtfertigung, - eines 
Plaidoyers für mein Recht, wie der erst analysierte Traum von 
Irmas Lijektion; ja er setzt das dort begonnene Thema fort und er- 
örtert es an einem neuen Material, welches im Intervall zwischen 
beiden Träumen hinzugekommen ist. Selbst die scheinbar indifferente 
Ausdrucksform des Traumes bekömmt einen Akzent. Es heißt jetzt : 
Ich bin doch der Mann, der die wertvolle und erfolgreiche Abhandlung 
(über das Kokain) geschrieben hat, ähnlich wie ich damals zu meiner 
Rechtfertigung vorbrachte: Ich bin doch ein tüchtiger und fleißiger 
Student; in beiden Fällen also: Ich darf mir das erlauben. Ich kann 
aber auf die Ausführung der Traumdeutung hier verzichten, weil mich 
zur Mitteilung des Traumes nur die Absicht bewogen hat, an einem 
Beispiele die Beziehung des Trauminhalts zu dem erregenden Elrlebnis 
des Vortages zu untersuchen. So lange ich von diesem Traume nur 

*) Vergl. meinen Aufsatz „Über DeckerinneraDgen" in der Monatsschrift für 
Psychiatrie and Neurologie, 1899. 



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Die Rolle des indifferenten rezenten Eindruckes. 127 

den manifesten Inhalt kenne^ wird mir nur eine Beziehung des Traumes 
zu^~einemT^eseindfück augenfkUig ; nachdem ich die Analyse gemacht 
habe, efgibt sich eme zweite jQiifille. des Traumes in einem anderen 
Erlebnis desselben Tages- Der erste der Eindrücke, auf welche sich 
der Traum bezieht, ist ein gleichgültiger, ein Nebenumstand. Ich 
sehe im Schaufenster ein Buch, dessen Titel mich flüchtig berührt, 
dessen Inhalt mich kaum interessieren dürfte. Das zweite Erlebnis 
hatte eine n ho hen psychischen Wert;^ ich habe mit meinem Freunde, 
dem Augenarzt, woH eine Stunde lang eifrig gesprochen, ihm An- 
deutungen gemacht, die uns beiden nahe gehen mußten, und Er- 
innerungen in mir wachgerufen, bei denen die rnannigfaltigsten 
Erregungen meines Innern mir bemerklich wurden. Überdies wurde 
dieses Gespräch unvollendet abgebrochen, weil Bekannte hinzukamen. 
Wie stehen nun die beiden Eindrücke des Tages zu einander und zu 
dem in der Nacht erfolgenden Traum? 

/?/ Im Trauminhalt finde ich nur eine Anspielung auf den gleich- 
gültigen Eindruck und kann so bestÄtigen, daß der Traum mit Vor- 
liebe Nebensächliches aus dem Leben in seinen Inhalt aufnimmt. In 
der Traumdeutung hingegen lührt alles auf das wichtige, mit Recht 
erregende Erlebnis hin. Wenn ich den Sinn des Traumes, wie es 
einzig richtig ist, nach dem latenten, durch die Analyse zu Tage ge- 
forderten Inhalt beurteile, so bin ich unversehens zu einer neuen und 
wichtigen Erkenntnis gelangt. Ich sehe das Rätsel zerfallen, daß der 
Traum sich nur mit den wertlosen Brocken des Tageslebens beschäftigt ; 
ich muß auch der Behauptung widersprechen, daß das Seelenleben 
des Wachens sich in den Traum nicht fortsetzt, und der Traum dafür 
psychische Tätigkeit an läppisches Material verschwendet. Das Gegen- 
teil ist wahr ; was uns bei Tage in Anspruch genommen hat, beherrscht 
auch die Traumgedanken, und wir geben uns die Mühe zu träumen 
nur bei solchen Materien, welche uns bei Tage Anlaß zum Denken 
geboten hätten. 

/ ^^ Die naheliegendste Erklärung dafür, daß ich doch vom gleich- 
gültigen Tageseindruck träume, während der mit Recht aufregende 
mich zum Traume veranlaßt hat, ist wohl die, daß hier wieder ein 
Pbfinomen der Traumentstellung vorliegt, welche wir oben auf eine 
als Zensur waltende psychische Macht zurückgefllhrt haben. Die Er- 
innerung an die Monographie über die Gattung Cyklamen erfHhrt eine 
Verwendung, als ob sie eine Anspielung auf das Gespräch mit dem 
Freunde wäre, ganz ähnlich wie im Traume von dem verhinderten 
Souper die Erwähnung der Freundin durch die Anspielung „ge- 
räucherter Lachs" vertreten wird. Es fragt sich nur, durch welche 
Mittelglieder kann der Eindruck der Monographie zu dem Gespräche 
mit dem Augenarzt in das Verhältnis der Anspielung treten, da eine 
solche Beziehung zunächst nicht ersichtlich ist. In dem Beispiele vom 
verhinderten Souper ist die Beziehung von vornherein gegeben; „ge- 
räucherter Lachs^ als die Lieblingsspeise der Freundin gehört ohne 



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128 V. Traummaterial und Tranmqnellen. 

weiteres zu dem Vorstellungskreise, den die Person der Freundin bei 
der Träumenden anzuregen vermag. In unserem neuen Beispiel handelt 
es sich um zwei gesonderte Eindrücke, die zunächst nichts gemeinsam 
haben, als daß sie am nämlichen Tage erfolgen. Die Monographie 
i^llt mir am Vormittag auf, das Gespräch fUhre ich dann am Abend. 
Die Antwort, welche die Analyse an die Hand gibt, lautet: Solche 
erst nicht vorhandene Beziehungen zwischen den beiden Eindrucken 
werden nachträglich vom Vorstellungsinhalt des einen zum Vorstellungs- 
inhalt des anderen angesponnen. Ich habe die betreffenden Mittel- 
glieder bereits bei der Niederschrift der Analyse hervorgehoben. An 
die Vorstellung der Monographie über Cyklamen wttrde ich ohne 
Beeinflussung von anderswoher wohl nur die Idee knüpfen, daß diese 
die Lieblingsblume meiner Frau ist, etwa noch die Erinnerung an den 
vermißten Blumenstrauß der Frau L. Ich glaube nicht, daß diese 
Hintergedanken genügt hätten, einen Traum hervorzurufen. 

„There needs no ghost, my lord, come from the grave 

To teil US this" 
heißt es im Hamlet. Aber siehe da, in der Analyse werde ich 
daran erinnert, daß der Mann, der unser Gespräch störte, Gärtner 
hieß, daß ich seine Frau blühend fand; ja ich besinne mich eben 
jetzt nachträglich, daß eine meiner Patientinnen, die den schönen 
Namen Flora trägt, eine Weile im Mittelpunkte unseres Gespräches 
stand. Es muß so zugegangen sein, daß ich über diese Mittelglieder 
aus dem botanischen Vorstellungskreis die Verknüpfung der beiden 
Tageserlebnisse, des gleichgültigen und des aufregenden, vollzog. Dann 
stellten sich weitere Beziehungen ein, die des Kokains, welche mit 
Fug und Recht zwischen der Person des Dr. Königstein und 
einer botanischen Monographie, die ich geschrieben habe, vermitteln 
kann, und befestigten diese Verschmelzung der beiden Vorstellungs- 
kreise zu einem, so daß nun ein Stück aus dem ersten Erlebnis als 
Anspielung auf das zweite verwendet werden konnte. 
/ 7 n Ich bin darauf gefaßt, daß man diese Aufklärung als eine will- 
kürliche oder als eine gekünstelte anfechten wird. Was wäre geschehen, 
wenn Professor Gärtner mit seiner blühenden Frau nicht hinzu- 
getreten wäre, wenn die besprochene Patientin nicht J^M^r^a, sondern 
Anna hieße? Und doch ist die Antwort leicht Wenn sich nichf 
diese Gedankenbeziehungen ergeben hätten, eo wären wahrscheinlich 
andere ausgewählt worden. Es ist so leicht, derartige Beziehungen 
herzustellen, wie ja die Scherz- und Rätselfragen, mit denen wir uns 
den Tag erheitern, zu beweisen vermögen. Der Machtbereich des 
Witzes ist ein uneingeschränkter. Um einen Schritt weiter zu gehen: 
wenn sich zwischen den beiden Eindrücken des Tages keine genug 
ausgiebigen Mittelbeziehungen hätten herstellen lassen, so wäre der 
Traum eben anders ausgefallen; ein anderer gleichgültiger Eindruck 
des Tages, wie sie in Scharen an uns herantreten und von uns vergessen 
werden, hätte für den Traum die Stelle der „Monographie" übernommen, 



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Der indiflferente Eindruck ein Verschiebungsersatz des wichtigen. 129 

wäre in Verbindung mit den Inhalt des Gespräches gelangt und hätte 
dieses im Trauminhalt vertreten. Da kein anderer als der von der 
Monographie dieses Schicksal hatte, so wird er wohl der für die Ver- 
knüpfung passendste gewesen sein. Man braucht sich nie wie Hänschen 
Schlau bei Lessing darüber zu wundern, ,,daß nur die Reichen in 
der Welt das meiste Greld besitzen". 

i^t Der psychologische Vorgang, durch welchen nach unserer Dar- 
stellung das gleichgültige Erlebnis zur Stellvertretung für das psychisch 
wertvolle gelangt, muß uns noch bedenklich und befremdend erscheinen. 
In einem späteren Abschnitt werden wir uns vor der Aufgabe sehen, 
die Eigentümlichkeiten dieser scheinbar inkorrekten Operation unserem 
Verständnis näher zu bringen. Hier haben wir es nur mit dem Er- 
folge des Vorganges zu tun, zu dessen Annahme wir durch ungezählte 
und regelmäßig wiederkehrende Erfahrungen bei der Traumanalyse 
gedrängt werden. Der Vorgang ist aber so, als ob eine Verse hie- \ 
bung — sagen wir: des psychischen Akzents — auf dem Wege \ 
jener Mittelglieder zu stände käme, bis anfangs schwach mit Intensität \ 
geladene Vorstellungen durch Übernahme der Ladung von den an- I 
fanglich intensiver besetzten zu einer Stärke gelangen, welche sie ! 
befähigt, den Zugang zum Bewußtsein zu erzwingen. Solche Ver- ' 
Schiebungen wundern uns keineswegs, wo es sich um die Anbringung 
von AfFektgrößen oder überhaupt um motorische Aktionen handelt. 
Daß die einsam gebliebene Jungfrau ihre Zärtlichkeit auf Tiere über- 
trägt, der Junggeselle leidenschaftlicher Sammler wird, daß der Soldat 
einen Streifen farbigen Zeuges, die Fahne, mit seinem Herzblute ver- 
teidigt, daß im Liebesverhältnis ein um Sekunden verlängerter Hände- 
druck Seligkeit erzeugt, oder im Othello ein verlorenes Schnupftuch 
einen Wutausbruch, das sind sämtlich Beispiele von psychischen Ver- 
schiebungen, die uns unanfechtbar erscheinen. Daß aber auf demselben 
Wege und nach denselben Grundsätzen eine Entscheidung darüber 
gefällt wird, was in unser Bewußtsein gelangt und was ihm vorent-] 
halten bleibt, also was wir denken, das macht uns den Eindruck des] 
Krankhaften, und wir heißen es Denkfehler, wo es im Wachleben 
vorkommt. Verraten wir hier als das Ergebnis später anzustellender 
Betrachtungen, daß der psychische Vorgang, den A\rir in der Traum- 
verschiebung erkannt haben, sich zwar nicht als ein krankhaft ge- 
störter, wohl aber als ein vom normalen verschiedener, als ein Vor- 
gang von mehr primärer Natur herausstellen wird. 

/ ' ' Wir deuten somit die Tatsache, daß der Trauminhalt Reste von 
nebensächlichen Erlebnissen aufnimmt, als eine Äußerung der Traum- 
entstellung (durch Verschiebung) und erinnern daran, daß wir in 
der Traumentstellung eine Folge der zwischen zwei psychischen Instanzen 
bestehenden Durchgangszensur erkannt haben. Wir erwarten dabei, 
daß die Traumanalyse uns regelmäßig die wirkliche, psychisch bedeut- 
same Traumquelle aus dem Tagesleben aufdecken wird, deren Erinne- 
rung ihren Akzent auf die gleichgültige Erinnerung verschoben hat. 



Vreud, Traamleutuoff. 8. Aufl. 



J 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



130 V. Traaoimaterial und Tranm quellen. 

Durch diese Auffassung haben wir uns in vollen Gegensatz zu der 
Theorie von Robert^^) gebracht, die ftlr uns unverwendbar geworden 
ist. Die Tatsache, welche Robert erklären wollte, besteht eben nicht ; 
ihre Annahme beruht auf einem Mißverständnis, auf der Unterlassung, 
fllr den scheinbaren Trauminhalt den wirklichen Sinn des Traumes 
einzusetzen. Man kann noch weiterhin gegen die Lehre von Robert 
einwenden: Wenn der Traum wirklich die Aufgabe hätte, unser Ge- 
dächtnis durch besondere psychische Arbeit von den „Schlacken*^ der 
Tageserinnerung zu befreien, so müßte unser Schlafen gequälter sein 
und auf angestrengtere Arbeit verwendet werden, als wir es von 
unserem wachen Geistesleben behaupten können. Denn die Anzahl 
der indifferenten Eindrücke des Tages, vor denen wir unser Gedächtnis 
zu schützen hätten, ist offenbar unermeßlich groß; die Nacht würde 
nicht hinreichen, die Summe zu bewältigen. £s ist sehr viel wahr-* 
scheinHcher, daß das Vergessen der gleichgtütigen Eindrücke ohne 
aktives Eingreifen unserer seelischen Mächte vor sich geht. 

/7^ Dennoch verspüren wir eine Warnung, von dem Robert sehen 
^ Gedanken ohne weitere Berücksichtigung Abschied zu nehmen. Wir 
^ haben die Tatsache unerklärt gelassen, daß einer der indifferenten Ein- 
drücke des Tages — und zwar des letzten Tages — regelmäßig einen 
Beitrag zum Trauminhalt liefert. Die Beziehungen zwischen diesem 
Eindruck und der eigentlichen Traumquelle im Unbewußten bestehen 
nicht immer von vornherein ; wie wir gesehen haben, werden sie erst 
nachträglich, gleichsam zum Dienste der beabsichtigten Verschiebung, 
während der Traumarbeit hergestellt. Es muß also eine Nötigung 
vorhanden sein, Verbindungen gerade nach der Richtung des rezenten, 
obwohl gleichgültigen Eindruckes anzubahnen; dieser muß eine be- 
sondere Eignung durch irgend eine Qualität dazu bieten. Sonst wäre 
es ja ebenso leicht durchführbar, daß die Traumgedanken ihren Akzent 
auf einen unwesentlichen Bestandteil ihres eigenen Vorstellungskreises 
verschieben. 

Folgende Erfahrungen können uns hier auf den Weg zur Auf- 
klärung leiten. Wenn uns ein Tag zwei oder mehr Erlebnisse gebfiicht 
hat, welche Träume anzuregen würdig sind, so vereinigt der Traum 
die Erwähnung beider zu einem einzigen Ganzen; er gehorcht einem 
Zwang, eine Einheit aus ihnen zu gestalten; z. B.: Ich 
stieg eines Nachmittags im Sommer in ein Eisenbahncoupö ein, in 
welchem ich zwei Bekannte traf, die einander aber fremd waren. Der 
eine war ein einflußreicher Kollege, der andere ein Angehöriger einer 
vornehmen Familie, in welcher ich ärztlich beschäftigt war. Ich machte 
die beiden Herren miteinander bekannt ; ihr Verkehr ging aber während 
der langen Fahrt über mich, so daß ich bald mit dem einen, bald 
mit dem anderen einen Gesprächstoff zu behandeln hatte. Den Kollegen 
bat ich, einem gemeinsamen Bekannten, der eben seine ärztliche Praxis 
begonnen hatte, seine Empfehlung zuzuwenden. Der Kollege erwiderte, 
er sei von der Tüchtigkeit des jungen Mannes überzeugt, aber sein un- 



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;,Eapprochement forcö** der Traumreize. 131 

scheinbares Wesen werde ihm den Eingang in vornehme Häuser 
nicht leicht werden lassen. Ich erwiderte: Gerade darum bedarf er 
der Empfehlung. Bei dem anderen Mitreisenden erkundigte ich mich 
bald darauf nach dem Befinden seiner Tante — der Mutter einer 
meiner Patientinnen — , welche damals schwer krank danieder lag. 
In der Nacht nach dieser Reise träumte ich, mein junger Freund, für 
den ich die Protektion erbeten hatte, befinde sich in einem eleganten 
Salon und halte vor einer ausgewählten Gesellschaft, in die ich alle 
mir bekannten vornehmen und reichen Leute versetzt hatte, mit welt- 
männischen Gesten eine Trauerrede auf die (für den Traum bereits 
verstorbene) alte Dame, welche die Tante des zweiten Reisegenossen 
war. [Ich gestehe oficn, daß ich mit dieser Dame nicht in guten Be- 
ziehungen gestanden hatte.] Mein Traum hatte also wiederum Ver- 
knüpfungen zwischen beiden Eindrücken des Tages aufgefunden und 
mittels derselben eine einheitliche Situation komponiert. 

^>^Auf Grund vieler ähnlicher Erfahrungen muß ich den Satz auf- 
stellen, daß für die Traumarbeit eine Art von Nötigung besteht, alle / 
vorhandenen Traumreizquellen zu einer Einheit im Traume zusammen- 
zusetzen.*) Wir werden diesen Zwang zur Zusammensetzung in einem 
späteren Abschnitt (über die Traumarbeit) als ein Stück der Ver- 
dichtung, eines anderen psychischen Primärvorganges, kennen lernen. 

Ich will jetzt die Frage in Erörterung ziehen, ob die traum- 
erregende Quelle, auf welche die Analyse hinführt, jedesmal ein re- 
zentes (und bedeutsames) Ereignis sein muß, oder ob ein inneres Er- 
lebnis, also die Erinnerung an ein psychisch wertvolles Ereignis, ein 
Gedankengang die Bolle des Traumerregers übernehmen kann. Die 
Antwort, die sich aus zahlreichen Analysen auf das bestimmteste ergibt, 
lautet im letzteren Sinne. Der Traumerreger kann ein innerer Vor- 
gang sein, der gleichsam durch die Denkarbeit am Tage rezent ge- 
worden ist. Es wird jetzt wohl der richtige Moment sein, die ver- 
schiedenen Bedingungen, welche die Traumquellen erkennen lassen, in 
einem Schema zusammenzustellen. 
^f( Die Traumquelle kann sein: 

a) Ein rezentes und psychisch bedeutsames Erlebnis, welches im 
Traume direkt vertreten ist.**) 

h) Mehrere rezente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den Traum 
zu einer Einheit vereinigt werden.***) 

c) Ein oder mehrere rezente und bedeutsame Erlebnisse, die im 
Trauminhalt durch die Erwähnung eines gleichzeitigen, aber indifferenten 
Erlebnisses vertreten werden-t) 

♦) Die Neigung der Traumarbeit, gleichzeitig als interessant Vorhandenes 

in einer Behandlang zu verschmelsen, ist bereits von mehreren Autoren bemerkt 

worden, %. B. von Delage") (8. 41), Delboenf"): rapprochement forci (8.236). 

**) Traum von Irmas Injektion; Traum vom Freunde, der mein Onkel ist 

♦**) Traum von der Trauerrede des jungen Arztes. 

f) Traum von der botanischen Monographie. 



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132 V. Traommaterial und Traamqnellen. 

d) Ein inneres bedeutsames Erlebnis (Erinnerung, Gedankengang), 
s/ welches dann im Traume regelmäßig durch die Erwähnung eines 
rezenten, aber indifferenten Eindruckes vertreten wird.*) 

I ^ ' Wie man sieht, wird für die Traumdeutung durchwegs die Be- 
dingung festgehalten, daß ein Bestandteil des Trauminhalts einen re- 
zenten Eindruck des Vortages wiederholt. Dieser zur Vertretung im 
Traume bestimmte Anteil kann entweder dem Vorstellungskreis des 
eigentlichen Traumerregers selbst angehören, und zwar entweder als 
wesentlicher oder als unwichtiger Bestandteil desselben — oder er 
rührt aus dem Bereiche eines indifferenten Eindruckes her, der durch 
mehr oder minder reichliche Verknüpfung mit dem Kreise des Traum- 
erregers in Beziehung gebracht worden ist. Die scheinbare Mehrheit 
der Bedingungen kommt hier nur durch die Alternative zustande, 
daß eine Verschiebung unterblieben oder vorgefallen 
ist, und wir merken hier, daß diese Alternative uns dieselbe Leichtig- 
keit bietet, die Kontraste des Traumes zu erklären, wie der medi- 
zinischen Theorie des Traumes die Reihe vom partiellen bis zum 
vollen Wachen der Gehirnzellen (vgl. Seite 54). 
I iV ' Man bemerkt an dieser Reihe ferner, daß das psychisch wert- 
■ volle, aber nicht rezente Element (der Gedankengang, die Erinnerung) 
' für die Zwecke der Traumbildung durch ein rezentes, aber psychisch 
indifferentes Element ersetzt werden kann, wenn dabei nur die beiden 
Bedingungen eingehalten werden, daß 1. der Trauminhalt eine An- 
7 knüpfung an das rezent Erlebte erhält; 2. der Traumerreger ein 
. psychisch wertvoller Vorgang bleibt. In einem einzigen Falle (a) 
werden beide Bedingungen durch denselben Eindruck erfüllt. Zieht 
man noch in Erwägung, daß dieselben indifferenten Eindrücke, welche 
für den Traum verwertet werden, solange sie rezent sind, diese 
Eignung einbüßen, sobald sie einen Tag (oder höchstens mehrere) 
älter geworden sind, so muß man sich zur Annahme entschließen, daß 
/ die Frische eines Eindruckes ihm an sich einen gewissen psychischen 
Wert für die Traumbildung verleiht, welcher der Wertigkeit affekt- 
betonter Erinnerungen oder Gedankengänge irgendwie gleichkommt. 
Wir werden erst bei späteren psychologischen Überlegungen erraten 
können, worin dieser Wert rezenter Eindrücke für die Traum- 
bildung begründet sein kann.**) 

I ^ ' Nebenbei wird hier unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß 
zur Nachtzeit und von unserem Bewußtsein unbemerkt wichtige Ver- 
änderungen mit unserem Erinnerungs- und Vorstellungsmaterial vor 
sich gehen können. Die Forderung, eine Nacht über eine Angelegen- 
heit zu schlafen, ehe man sich endgültig über sie entscheidet, ist offen- 
bar vollberechtigt. Wir merken aber, daß wir an diesem Punkte aus 
der Psychologie des Träumens in die des Schlafes übergegriffen haben, 
ein Schritt, zu welchem sich der Anlaß noch öfter ergeben wird. 

*) Solcher Art sind die meisten Träame meiner Patienten wfthrend der Analjse, 
*♦) Vgl. im Abschnitt VII über die „Übertragung**. 



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Es gibt keine , harmlosen" Träume. 133 

I '^Es gibt nun einen Einwand, welcher die letzten Schlußfolgerungen 
umzustoßen droht* Wenn indiflferente Eindrücke nur, solange sie 
rezent sind, in den Trauminhalt gelangen können, wie kommt es, daß 
wir im Trauminhalt auch Elemente aus früheren Lebensperioden vor- 
finden, die zur Zeit, da sie rezent waren — nach Strümpells 
Worten keinen psychischen Wert besaßen, also längst vergessen sein 
sollten, Elemente also, die weder frisch noch psychisch bedeutsam sind ? 

Dieser Einwand ist voll zu erledigen, wenn man sich auf die 
Ergebnisse der Psychoanalyse bei Neurotikem stützt. Die Lösung 
lautet nämlich, daß die Verschiebung, welche das psychisch wichtige 
Material durch indifferentes ersetzt (für das Träumen wie für das 
Denken), hier bereits in jenen frühen Lebensperioden stattgefunden 
hat und seither im Gedächtnis fixiert worden ist. Jene ursprünglich 
indifferenten Elemente sind eben nicht mehr indifferent, seitdem sie 
durch Verschiebung die Wertigkeit vom psychisch bedeutsamen Material 
übernommen haben. Was wirklich indifferent geblieben ist, kann auch 
nicht mehr im Traume reproduziert werden. 

Aus den vorstehenden Erörterungen wird man mit Recht schließen, 
daß ich die Behauptung aufstelle, es gebe keine indifferenten Traum- 
erreger, also auch keine harmlosen Träume. Dies ist in aller Strenge 
und Ausschließlichkeit meine Meinung, abgesehen von den Träumen 
der Bänder und etwa den kurzen Traumreaktionen auf nächtliche Sen- 
sationen. Was man sonst träumt, ist entweder manifest als psychisch 
bedeutsam zu erkennen, oder es ist entstellt und dann erst nach voll- 
zogener Traumdeutung zu beurteilen, worauf es sich wiederum als 
bedeutsam zu erkennen gibt. Der Traum gibt sich nie mit Kleinig- 
keiten ab; um geringes lassen wir uns im Schlafe nicht stören. Die 
scheinbar harmlosen Träume erweisen sich als arg, wenn man sich 
um ihre Deutung bemüht; wenn man mir die Redensart gestattet, 
sie haben es „faustdick hinter den Ohren". Da dies wiederum ein 
Punkt ist, bei dem ich Widerspruch erwarten darf, und da ich gern 
die Gelegenheit ergreife, die Traumentstellung bei ihrer Arbeit zu 
zeigen, will ich eine Reihe von „harmlosen" Träumen aus meiner 
Sammlung hier der Analyse unterziehen. 

'/ L Eine kluge und feine junge Dame, die aber auch im Leben 
zu den Reservierten, zu den „stillen Wassern ** gehört, erzählt: Ich 
habe geträumt, daß ich auf den Markt zu spät komme 
und beim Fleischhauer sowiebei der Gemüsefrau nichts 
bekomme. Gewiß ein harmloser Traum, aber so sieht ein Traum 
nicht aus; ich lasse ihn mir detailliert erzählen. Dann lautet der Be- 
richt folgendermaßen: Sie geht auf den Markt mit ihrer 
Köchin, die den Korb trägt. Der Fleischhauer sagt ihr, 
nachdem sie etwas verlangt hat: Das ist nicht mehr zu 
haben, und will ihr etwas anderes geben mit der Be- 
merkung: Das ist auch gut. Sie lehnt ab und geht zur 
Gemüsefrau. Die will ihr ein eigentümliches Gemüse 



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134 V. Traammaterial und Tranmquellen. 

verkaufen, was in Bündeln zusammengebunden ist^ abe r 
schwarz von Farbe. Sie sagt: Das kenne ich nicht, das 
nehme ich nicht. 

Die Tagesanknttpfung des Traumes ist einfach genug. Sie war 
wirklich zu spät auf den Markt gegangen und hatte nichts mehr be- 
kommen. Die Fleischbank war schon geschlossen, drängt 
sich einem als Beschreibung des Erlebnisses auf. Doch halt, ist das 
nicht eine recht gemeine Redensart, die — oder vielmehr deren Gegen- 
teil — auf eine Nachlässigkeit in der Kleidung eines Mannes geht? 
Die Träumerin hat diese Worte übrigens nicht gebraucht, ist vielleicht 
ihnen ausgewichen; suchen wir nach der Deutung der im Traume 
enthaltenen Einzelheiten. 

\ "^ ^' Wo etwas im Traume den Charakter einer Rede hat, also gesagt 
oder gehört wird, nicht bloß gedacht — was sich meist sicher unter- 
scheiden läßt — , das stammt von Reden des wachen Lebens her, die 
freilich als Rohmaterial behandelt, zerstückelt, leise verändert, vor 
allem aber aus dem Zusammenhange gerissen worden sind.*) Man 
kann bei der Deutungsarbeit von solchen Reden ausgehen. Woher 
stammt also die Rede des Fleischhauers: Das ist nicht mehr zu 
haben? Von mir selbst; ich hatte ihr einige Tage vorher erklärt, 
„daßfSie ältesten Kindererlebnisse nicht mehr als solche zu haben 
s i n dj' sondern durch „Übertragungen" und Träume in der Analyse 
ersetzt werden^" Ich bin also der Fleischhauer, und sie lehnt diese 
Übertragungen alter Denk- und Empfindungs weisen auf die Gegenwart 
ab. — Woher rührt ihre Trauerrede: Das kenne ich nicht, das 
nehme ich nicht? Diese ist für die Analyse zu zerteilen. ^^Das 
kenne ich nicht^ hat sie selbst tags vorher zu ihrer Köchin ge- 
sagt, mit der sie einen Streit hatte, damals aber hinzugefügt: Be- 
nehmen Sie sich anständig. Hier wird eine Verschiebung greif- 
bar; von den beiden Sätzen, die sie gegen ihre Köchin gebraucht, 
hat sie den bedeutungslosen in den Traum genommen ; der unterdrückte 
aber: „Benehmen Sie sich anständig!'^ stimmt allein zum übrigen 
Trauminhalt. So könnte man jemandem zurufen, der unanständige 
Zumutungen wagt und vergißt, „die Fleischbank zuzuschließen." Daß 
wir der Deutung wirklich auf die Spur gekommen sind, beweist dann 
der Zusammenklang mit den Anspielungen, die in der Begebenheit 
mit der Gemüsefrau niedergelegt sind. Ein Gemüse, das in Bündeln 
zusammengebunden verkauft wird (länglich ist, wie sie nachträglich 
hinzuftigt), und dabei schwarz, was kann das anderes sein als die 
Traumvereinigung von Spargel und schwarzem Rettig? Spargel 
brauche ich keinem und keiner Wissenden zu deuten, aber auch das 
andere Gemüse — als Zuruf: Schwarzer, rett' dich! — scheint 

♦) Vergleiche Über die Reden im Traume im Abschnitte über die Traumarbeit 
Ein einziger der Autoren scheint die Herkunft der Traumreden erkannt zu haben, 
Delboeuf") (p. 226), indem er sie mit „chliches" vergleicht. 



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^J i Ü-Il,^ 



Beispiele von „harmlosen^ Träumen. 135 

mir auf das nämliche sexuelle Thema hinzuweisen, das wir bleich an- 
fangs errieten, als wir für die Traumerzählung einsetzen wollten: die 
Fleischbank war geschlossen. Es konmit nicht darauf an, den Sinn 
dieses Traumes vollständig zu erkennen ; so viel steht fest, daß er sinn- 
reich ist und keineswegs harmlos.*) 

l"^ II. Ein anderer harmloser Traum derselben Patientin, in gewisser 
Hinsicht ein Gegenstück zum vorigen : Ihr Mann fragt: Soll man 
das Klavier nicht stimmen lassen? Sie: Es lohnt nicht, 
es muß ohnedies neu beledert werden. Wiederum die 
Wiederholung eines realen Ereignisses vom Vortag. Ihr Mann hat so 
gefragt und sie so ähnlich geantwortet. Aber was bedeutet es, daß 
sie es träumt? Sie erzählt zwar vom Klavier, es sei ein ekelhafter 
Kasten, der einen schlechten Ton gibt, ein Ding, das ihr Mann 
schon vor der Ehe besessen hat**) u. s. w., aber den Schlüssel zur 
Lösung ergibt doch erst die Rede: Es lohnt nicht. Diese stammt 
von einem gestern gemachten Besuche bei ihrer Freundin. Dort wurde 
sie aufgefordert, ihre Jacke abzulegen, und weigerte sich mit den 
Worten: eslohntnicht, ich muß gleich gehen. Bei dieser Erzählung 
muß mir einfallen, daß sie gestern während der Analysenarbeit plötz- 
lich an ihre Jacke griff, an der sich ein Knopf geöffnet hatte. Es ist 
also, als wollte sie sagen: Bitte, sehen Sie nicht hin, es lohnt nicht. 
So ergänzt sich der Kasten zum Brustkasten, und die Deutung 
dös Traumes führt direkt in die Zeit ihrer körperlichen Entwicklung, 
da sie anfing, mit ihren Körperformen unzufrieden zu sein. Es führt 
auch wohl in frühere Zeiten, wenn wir auf das „Ekelhaft'^ und 
den „schlechten Ton" Rücksicht nehmen und uns daran erinnern, 
wie häufig die kleinen Hemisphären des weiblichen Körpers — als 
Gegensatz und als Ersatz — fllr die großen eintreten, — in der An- 
spielung und im Traume. 

m. Ich unterbreche diese Reihe, indem ich einen kurzen harm- 
losen Traum eines jungen Mannes einschiebe. Er hat geträumt, daß 
er wieder seinen Winterrock anzieht, was schrecklich 
ist. Anlaß dieses Traumes ist angeblich die plötzlich wieder einge- 
tretene Kälte. Ein feineres Urteil wird indes bemerken, daß die beiden 

*) Für Wißbegierige bemerke ich, daß hinter dem Traume sic*h eine Phantasie 
verbirgt von unanständigem, sexaell provozierendem Benehmen meinerseits und von 
Abwehr von Seite der Dame. Wem diese^ Deutung unerhört erscheinen sollte, den 
tnabne ich an die zahlreichen Fälle, wo Ärzte solche Anklagen von hysterischen 
Fraaen erfahren haben, bei denen die nämliche Phantasie nicht entstellt und als 
Traum aufgetreten, sondern unverhüllt bewußt und wahnhaft geworden ist. — Mit 
diesem Traume trat die Patientin in die psychoanalytische Behandlung ein. Ich lernte 
erst später verstehen, (daß sie mit ihm das initiale Trauma wiederholte, von dem 
ihre Neurose ausging, und habe seither das gleiche Verhalten bei anderen Personen 
gefunden, die in ihrer Kindheit sexuellen Attentaten ausgesetzt waren und nun 
gleichsam deren Wiederholung im Traume herbei wiinschenj 

**) Eine Ersetzung durch das Gegenteil, wie uns nach der Deutung klar 
werden wird. 



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136 V. Traummalerial und Tiaumqnellen. 

kurzen Stücke des Traumes nicht gut zueinander passen, denn in der 
Kälte den schweren oder dicken Rock tragen^ was könnte daran 
,, schrecklich" sein. Zum Schaden für die Harmlosigkeit dieses Traumes 
bringt auch der erste Einfall bei der Analyse die Erinnerung, daß 
eine Dame ihm gestern vertraulich gestanden, daß ihr letztes Kind 
einem geplatzten Kondom seine Existenz verdankt. Er rekonstruiert 
nun seine Gedanken bei diesem Anlasse : Ein dünner Kondom ist ge- 
ftihrlich, ein dicker schlecht. Der Kondom ist der „Überzieher'^ mit 
Recht, man zieht ihn ja über; so heißt man auch einen leichten Rock. 
Ein Ereignis wie das von der Dame berichtete wäre für den un- 
verheirateten Mann allerdings ^schrecklich". — Nun wieder zurück 
zu unserer harmlosen Träumerin. 

\\1 IV. Sie steckt eine Kerze in den Leuchter; die Kerze; 
ist aber gebrochen, so daß sie nicht gut steht. Die 
Mädchen in der Schule sagen, sie sei ungeschickt; das 
Fräulein aber, es sei nicht ihre Schuld. 

Ein realer Anlaß auch hier ; sie hat gestern wirklich eine Kerze 
in den Leuchter gesteckt; die war aber nicht gebrochen. Hier ist eine 
durchsichtige Symbolik verwendet worden. Die Kerze ist ein Gegen- 
stand der die weiblichen Genitalien reizt; wenn sie gebrochen ist, so 
daß sie nicht gut steht, so bedeutet dies die Impotenz des Mannes 
(„es sei nicht ihre Schuld"). Ob nur die sorgßlltig erzogene und 
allem Häßlichen fremd gebliebene junge Frau diese Verwendung der 
Kerze kennt? Zuftlllig kann sie noch angeben, durch welches Erlebnis 
sie zu dieser Erkenntnis gekommen ist. Bei einer Kahnfahrt auf dem 
Rhein ftlhrt ein Boot an ihnen vorüber, in dem Studenten sitzen, 
welche mit großem Behagen ein Lied singen oder brüllen: „Wenn 
die Königin von Schweden bei geschlossenen Fensterläden mit Apollo- 
kerzen . . . / 

Das letzte Wort hört oder versteht sie nicht. Ihr Mann muß 
ihr die verlangte Aufklärung geben. Diese Verse sind dann im Traum- 
inhalt ersetzt durch eine harmlose »innerung an einen Auftrag, den 
sie einmal im Pensionat ungeschickt ausführte, und zwar vermöge 
des Gemeinsamen : geschlosseneFensterläden. I>ie Verbindung 
des Thenuis von der Onanie mit der Impotenz ist klar genug. „Apollo^ 
im latenten Trauminhalt verknüpft diesen Traum mit einem früheren, 
in dem von der jungfräulichen Pallas die Rede war. Alles wahrlich 
nicht harmlos. 

V. Damit man sich die Schlüsse aus den Träumen auf die wirk- 
lichen Lebensverhältnisse der Träumer nicht zu leicht vorstelle, ftige 
ich noch einen Traum an, der gleichfalls harmlos scheint und von 
derselben Person herrührt. Ich habe etwas geträumt, erzählt sie, 
was ich bei Tag wirklich getan habe, nämlich einen 
kleinen Koffer so voll mit Büchern gefüllt, daß ichMuhe 
hatte, ihnzu schließen, und ich habe es so geträumt, wie 



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Das Infantile als Tranmquelle, 137 

es wirklich vorgefallen ist. Hier legt die Erzählerin selbst das 
Hauptgewicht auf die Übereinstimmung von Traum und Wirkhchkeit. 
Alle solche Urteile über den Traum, Bemerkungen zum Traume, ge- 
hören nun, obwohl sie sich einen Platz im wachen Denken geschaffen 
haben, doch regelmäßig in den latenten Trauminhalt, wie uns noch 
spätere Beispiele bestätigen werden Es wird uns also gesagt, das, was 
der Traum erzählt, ist am Tage vorher wirklich vorgefallen. Es wäre 
nun zu weitläufig mitzuteilen, auf welchem Wege man zum Einfalle 
kommt, bei der Deutung das Englische zur Hilfe zu nehmen. Genug, 
es handelt sich wieder um eine kleine box (vergleiche Seite 113 
den Traum vom toten Kind in der Schachtel), die so angefüllt worden 
ist, daß nichts mehr hineinging. Wenigstens nichts Arges diesmal. 

In all diesen „harmlosen^ Träumen schlägt das sexuelle Moment 
als Motiv der Zensur sosehr auffällig vor. Doch ist dies ein Thema 
von prinzipieller Bedeutung, welches wir zur Seite stellen müssen. 

h) Das Infantile als Traumquelle. 

\Vt Als dritte unter den Eigentümlichkeiten des Trauminhalts haben 
wir mit allen Autoren (bis auf Robert) angeführt, daß im Traume 
Eindrücke aus den frühesten Lebensaltern erscheinen können, Onher 
welche das Gedächtnis im Wachen nicht zu verfllgen scheint.] Wie 
selten oder wie häufig sich dies ereignet, ist begreiflicherweise schwer 
zu beurteilen, weil die betreffenden Elemente des Traumes nach dem 
Erwachen nicht in ihrer Herkunft erkannt werden. Der Nachweis, daß 
es sich hier um Emdrücke der Kindheit handelt, muß also auf objek- 
tivem Wege erbracht werden, wozu sich die Bedingungen nur in 
seltenen Fällen zusammenfinden können. Als besonders beweiskräftig 
wird von A. Maury*^) die Geschichte eines Mannes erzählt, welcher 
eines Tages sich entschloß, nach zwanzigjähriger Abwesenheit seinen 
Heimatsort aufzusuchen. In der Nacht vor der Abreise träumte er, er 
sei in einer ihm ganz unbekannten Ortschaft und begegne daselbst auf 
der Straße einem unbekannten Herrn, mit dem er sich unterhalte. In 
seine Heimat zurückgekehrt, konnte er sich nun überzeugen, daß diese 
unbekannte Ortschaft in nächster Nähe seiner Heimatstadt wirklich 
existiere, und auch der unbekannte Mann des Traumes stellte sich als 
ein dort lebender Freund seines verstorbenen Vaters heraus. Wohl ein 
zwingender Beweis dafür, daß er beide, Mann wie Ortschaft, in seiner 
Kindheit gesehen hatte. Der Traum ist übrigens als CJngeduldstraum 
zu deuten, wie der des Mädchens, welches das Billet für den Konzert- 
abend in der Tasche trägt (Seite 112), des Kindes, welchem der Vater 
den Ausflug nach dem Hameau versprochen hat u. dgl. Die Motive, 
welche dem Träumer gerade diesen Eindruck aus seiner Kindheit 
reproduzieren, sind natürlich ohne Analyse nicht aufzudecken. 

'; V Einer meiner Kolleghörer, welcher sich rühmte, daß seine Träume 
nur sehr selten der Traumentstellung unterliegen, teilte mir mit, daß 
er vor einiger Zeit im Traume gesehen, sein ehemaliger Hof- 



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138 V. Traummaterial und Tramnqaellen. 

meister befinde sich im Bette der Bonne, die bis zn seinem 
elften Jahre im Hause gewesen war. Die Örtlichkeit für diese Szene 
fiel ihm noch im Traume ein. Lebhaft interessiert teilte er den Traum 
seinem alteren Bruder mit, der ihm lachend die Wirklichkeit des 
Geträumten bestätigte. Er erinnere sich sehr gut daran, denn er sei 
damals sechs Jahre alt gewesen. Das Liebespaar pflegte ihn, den älteren 
Knaben, durch Bier betrunken zu machen, wenn die Umstünde einem 
nächtlichen Verkehre günstig waren. Das kleinere, damals dreijährige 
Kind — unser Träumer — , das im Zimmer der Bonne schlief, wurde 
nicht als Störung betrachtet. 

itf Noch in einem anderen Falle läßt es sich mit Sicherheit ohne 
Beihilfe der Traumdeutung feststellen, daß der Traum Elemente aus 
der Kindheit enthält, wenn nämlich der Traum ein sogenannter 
perennierender ist, der, in der Kindheit zuerst geträumt, später 
immer wieder von Zeit zu Zeit während des Schlafes des Erwachsenen 
auftritt. Zu den bekannten Beispielen dieser Art kann ich einige aus 
meiner Erfahrung hinzufügen, wenngleich ich an mir selbst einen 
solchen perennierenden Traum nicht kennen gelernt habe. Ein Arzt 
in den Dreißigern erzählte mir, daß in seinem Traumleben von den 
ersten Zeiten seiner Kindheit an bis zum heutigen Tage häufig ein 
gelber Löwe erscheint, über den er die genaueste Auskunft zu geben 
vermag. Dieser ihm aus Träumen bekannte Löwe fand sich nämlich 
eines Tages in natura als ein lange verschollener Gegenstand aus 
Porzellan vor, und der junge Mann hörte damals von seiner Mutter, 
daß dieses Objekt das begehrteste SpieFzeug seiner frühen Kinderzeit 
gewesen war, woran er sich selbst nicht mehr erinnern konnte. 

\^^ "Spendet man sich nun von dem manifesten Trauminhalt zu den 
Traumgedanken, welche erst die Analyse aufdeckt, ,so_kann man mit 
Erstaunen die Mitwirkung der Kindheitserlebnisse auch bei solchen 
Träumen konstatieren, deren Inhalt keine derartige Vermutung erweckt 
hätte. Dem geehrten Kollegen vom ^gelben Löwen" verdanke ich ein 
besonders liebenswürdiges und lehrreiches Beispiel eines solchen Traumes. 
Nach der Lektüre von Nansens Reisebericht über seine Polarexpe- 
dition träumte er, in einer Eiswüste galvanisiere er den kühnen Forscher 
wegen einer Ischias, über welche dieser klage! Zur Analyse dieses 
Traumes fiel ihm eine Geschichte aus seiner Kindheit ein, ohne welche 
der Traum allerdings unverständlich bleibt. Als er ein drei- oder vier- 
jähriges Kind war, hörte er eines Tages neugierig zu, wie die Er- 
wachsenen von Entdeckungsreisen sprachen, und fragte dann den Papa, 
ob das eine schwere Krankheit sei. Er hatte offenbar Reisen mit 
„Reißen" verwechselt, und der Spott seiner Geschwister sorgte dafür, 
daß ihm das beschämende Erlebnis nicht in Vergessenheit geriet. 

Ein ganz ähnlicher Fall ist es, wenn ich in der Analyse 
des Traumes von der Monographie über die Gattung Cyklamen 
auf eine erhalten gebliebene Jugenderinnerung stoße, daß der Vater 
dem fttnQährigen Knaben ein mit farbigen Tafeln ausgestattetes 



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Das infantile Moment zum Onkeltraum. 139 

Bach zur Zerstörung überläßt. Man wird etwa den Zweifel auf- 
werfen, ob diese Erinnerung wirklich an der Gestaltung des Traum- 
inhalts Anteil genommen hat, ob nicht vielmehr die Arbeit der 
Analyse eine Beziehung erst nachträglich herstellt. Aber die Reich- 
haltigkeit und Verschlungenheit der Assoziations ve rknüpfungen bürgt 
ftlr die erstere Auffassung: Cyklameh — Liebhngsblume — Lieb- 
lingsspeise — Artischocke; zerpflücken wie eine Artischocke, Blatt 
fllr Blatt (eine Wendung, die einem anläßlich der Teilung des chine- 
sischen Reiches damals täglich ans Ohr schlug); — Herbarium — 
Bücherwurm, dessen Lieblingsspeise Bücher sind. Außerdem kann ich 
versichern, daß der letzte Sinn des Traumes, den ich hier nicht 
ausgeführt habe, zum Lihalt der Kinderszene in intimster Be- 
ziehung steht, 

1^, Bei einer anderen Reihe von Träumen wird man durch die 
Analyse belehrt, daß der Wunsch selbst, der den Traum erregt hat, 
als dessen ErfüUung der Traum sich darstellt, aus dem Kinderleben 
stammt, so daß man zu seiner Überraschung im Traume das 
Kind mit seinen Impulsen weiterlebend findet. 

Ich setze an dieser Stelle die Deutung des Traumes fort, aus 
dem wir bereits einmal neue Belehrung geschöpft haben, ich meine 
den Traum: Freund R. ist mein Onkel (Seite 101). Wir haben dessen 
Deutung so weit gefördert, daß uns das Wunschmotiv, zum Professor 
ernannt zu werden, greifend entgegentrat, und wir erklärten uns die 
Zärtlichkeit des Traumes für Freund R. als eine Oppositions- und 
Trotzschöpfung gegen die Schmähimg der beiden Kollegen, die in den 
Traumgedanken enthalten war. Der Traum war mein eigener; ich 
darf darum dessen Analyse mit der Mitteilung fortsetzen, daß mein 
Gefühl durch die erreichte Lösung noch nicht befriedigt war. Ich 
wußte, daß mein Urteil über die in den Traumgedanken miß- 
handelten Kollegen im Wachen ganz anders gelautet hätte; die Macht 
des Wunsches, ihr Schicksal in Betreff ihrer Ernennung nicht zu teilen, 
erschien mir zu gering, um den Gegensatz zwischen wacher und 
Traumschätzung voll aufzuklären. Wenn mein Bedürfnis, mit einem 
anderen Titel angeredet zu werden, so stark sein sollte, so beweist 
dies einen krankhaften Ehrgeiz, den ich nicht an mir kenne, den 
ich fem von mir glaube. Ich weiß nicht, wie andere, die mich 
zu kennen glauben, in diesem Punkte über mich urteilen würden; 
vielleicht habe ich auch wirklich Ehrgeiz besessen; aber wenn, so 
hat er sich längst auf andere Objekte als auf Titel und Rang eines 
Professor extraordinarius geworfen. 

t^V Woher dann also der Ergeiz, der mir den Traum eingegeben 
hat? Da filUt mir ein, was ich so oft in der Kindheit erzählen 
gehört habe, daß bei meiner Geburt eine alte Bäuerin der über den 
Erstgeborenen glücklichen Mutter prophezeit, daß sie der Welt einen 
großen Mann geschenkt habe. Solche Prophezeiungen müssen sehr 
häufig vorfallen; es gibt soviel erwartungsvolle Mütter und soviel 



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140 V. Traammaterial und Traumquellen. 

alte Bäuerinnen oder andere alte Weiber, deren Macht auf £rden 
vergangen ist, und die sich darum der Zukunft zugewendet haben. 
Es wird auch nicht der Schade der Prophetin gewesen sein. Sollte 
meine Größensehnsucht aus dieser Quelle stammen? Aber da besinne 
ich mich eben eines anderen Eindruckes aus späteren Jugendjahren, 
der sich zur Erklärung noch besser eignen würde: Es war eines 
Abends in einem der Wirtshäuser im Prater, wohin die Eltern den 
elf- oder zwölfjährigen Knaben mitzunehmen pflegten, daß uns ein 
Mann auffiel, der von Tisch zu Tisch ging und ftlr ein kleines 
Honorar Verse über ein ihm aufgegebenes Thema improvisierte. Ich 
wurde abgeschickt, den Dichter an unseren Tisch zu bestellen, und 
er erwies sich dem Boten dankbar. Ehe er nach seiner Aufgabe 
fragte, ließ er einige Reime über nwch fallen und erklärte es in 
seiner Inspiration ftlr wahrscheinlich, daß ich noch einmal „Minister** 
werde. An den Eindruck dieser zweiten Prophezeiung kann ich mich 
noch sehr wohl erinnern. Es war die Zeit des Bürgerministeriums, 
der Vater hatte kurz vorher die Bilder der bürgerlichen Doktoren 
Herbst, Giskra, Unger, Berger u. a. nach Hause gebracht, 
und wir hatten diesen Herren zur Ehre illuminiert. Es waren sogar 
Juden unter ihnen; jeder fleißige Judenknabe trug also das Minister- 
portefeuille in seiner Schultasche. Es muß mit den Eindrücken jener 
Zeit sogar zusammenhängen, daß ich bis kurz vor der Inskription 
an der Universität willens war, Jura zu studieren, und erst im letzten 
Moment umsattelte. Dem Medeziner ist ja die Ministerlaufbahn über- 
haupt verschlossen. Und nun mein Traum ! Ich merke es erst jetzt, 
daß er mich aus der trüben Gegenwart in die hoffhungsfrohe Zeit 
des Bürgerministeriums zurückversetzt und meinen Wunsch von 
damals nach seinen Kräften erfüllt. Indem ich die beiden gelehrten 
und achtenswerten Kollegen, weil sie Juden sind, so schlecht be- 
handle, den einen, als od er ein Schwachkopf, den anderen, als ob 
er ein Verbrecher wäre, indem ich so verfahre, benehme ich mich, 
als ob ich der IVIinister wäre, habe ich mich an die Stelle des Ministers 
gesetzt. Welch gründliche Rache an Seiner Exzellenz I Er verweigert 
es, mich zum Professor extraordinarius zu ernennen, und ich setze 
mich dafür im Traume an seine Stelle. 

f\'^ In einem anderen Falle konnte ich merken, daß der Wunsch, 
welcher den Traum erregt, obzwar ein gegenwärtiger, doch eine 
mächtige Verstärkung aus tiefreichenden Kindererinnerungen bezieht. 
Es handelt sich hier um eine Reihe von Träumen, denen die Sehn- 
sucht, nach Rom zu kommen, zu Grunde Uegt. Ich werde di^e 
Sehnsucht wohl noch lange Zeit durch Träume befriedigen müssen, 
denn um die Zeit des Jahres, welche mir für eine Reise zur Ver- 
fügung steht, ist der Aufenthalt in R o m aus Rücksichten der Gesund- 
heit zu meiden.*) So träume ich denn einmal, daß ich vom Coup6- 

*) [Ich habe seither l&ngst erfahren, daß aach zur ErfOlIang solcher lange ftlr 
unerreichbar gehaltener Wünsche nur etwas Mat erfordert wird.] 



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Sehnsuchtsträume von Rom. 141 

fenster aus Tiber und Engelsbrücke sehe; dann setzt sich der Zug 
in Bewegung, und es filllt mir ein, daß ich die Stadt ja gar nicht 
betreten habe. Die Aussicht, die ich im Traume sah, war einem 
bekannten Stiche nachgebildet, den ich tags zuvor im Salon eines 
Patienten flüchtig bemerkt hatte. Ein andermal führt mich jemand 
auf einen Hügel und zeigt mir Rom, vom Nebel halb verschleiert und 
noch so fem, daß ich mich über die Deutlichkeit der Aussicht 
wundere. Der Inhalt dieses Tranmes ist reicher, als ich hier aus- 
führen möchte. Das Motiv, „das Gelobte Land von fern sehen", ist 
darin leicht zu erkennen. Die Stadt, die ich so zuerst im Nebel 
gesehen habe, ist Lübeck; der Hügel findet sein Vorbild in — 
Gleichenberg. In einem dritten Traume bin ich endlich in Rom, 
wie mir der Traum sagt. Ich sehe aber zu meiner Enttäuschung 
eine keineswegs städtische Szenerie, einen kleinen Fluß mit 
dunklem Wasser, auf der einen Seite desselben schwarze 
Felsen, auf der anderen Wiesen mit großen weißen 
Blumen, Ich bemerke einen Herrn Zucker (den ich 
oberflächlich kenne) und beschließe, ihn um den Weg 
in die Stadt zu fragen. Es ist offenbar, daß ich mich ver- 
gebens bemühe, eine Stadt im Traume zu sehen^ die ich im Wachen 
nicht gesehen habe. Wenn ich das Landschaftsoild des Traumes in 
seine Elemente zersetze, so deuten die weißen Blumen auf das mir 
bekannte Ravenna, das wenigstens eine Zeitlang als Italiens 
Hauptstadt Rom den Vorrang abgenommen hatte. In den Sümpfen 
um Ravenna haben wir die schönsten Seerosen mitten im schwarzen 
Wasser gefunden; der Traum läßt sie auf Wiesen wachsen wie die 
Narzissen in unserem Aussee, weil es damals so mühselig war, sie 
aus dem Wasser zu holen. Der dunkle Fels, so nahe am Wasser, 
erinnert lebhaft an das Tal der Tepl bei Karlsbad. „Karlsbad" 
setzt mich nun in den Stand, mir den sonderbaren Zug zu erklären, 
daß ich Herrn Zucker um den Weg frage. Es sind hier in dem 
Material, aus dem der Traum gesponnen ist, zwei jener lustigen jü- 
dischen Anekdoten zu erkennen, die soviel tiefsinnige, oft bittere Le- 
bensweisheit verbergen, und die wir in Gesprächen und Briefen so 
gern zitieren. Die eine ist die Geschichte von der „Konstitution", 
des Inhalts, wie ein armer Jude ohne Fahrbillet den Einlaß in den 
Eilzug nach Karlsbad erschleicht, dann ertappt, bei jeder Revision 
vom Zuge gewiesen und immer härter behandelt wird, und der dann 
einem Bekannten, welcher ihn auf einer seiner Leidensstationen antrifft, 
auf die Frage, w^ohin er reise, zur Antwort gibt: ,,Wenn's meine 
Konstitution aushält — nach Karlsbad." Nahe dabei ruht im Ge- 
dächtnis eine andere Geschichte von einem des Französischen unkun- 
digen Juden, dem eingeschärft wird, in Paris nach dem Wege zur Rue 
Richelieu zu fragen. Auch Paris war lange Jahre hindurch ein Ziel 
meiner Sehnsucht, und die Seligkeit, iü welcher ich zuerst den Fuß 
auf das Pflaster von Paris setzte, nahm ich als Gewähr, daß ich 



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142 V. Traummaterial und Traomquellen. 

auch die ErfttUung anderer Wünsche erreichen werde. Das Um-den- 
Weg-Fragen ist ferner eine direkte Anspielung an Rom, denn nach 
Rom fuhren bekanntlich alle Wege. Übrigens deutet der Name 
Zucker wiederum auf Karlsbad, wohin wir doch alle mit der 
konstitutionellen Krankheit Diabetes Behafteten schicken. Der 
Anlaß dieses Traumes war der Vorschlag meines Berliner Freundes, 
uns zu Ostern in Prag zu treffen. Aus den Dingen, die ich mit ihm 
zu besprechen hatte, würde sich eine weitere Beziehung zu Zucker 
und Diabetes ergeben. 

, Ein vierter Traum, kurz nach dem letzterwähnten, bringt mich 
wieder nach Rom. Ich sehe eine Straßenecke vor mir und wundere 
mich darüber, daß dort so viele deutsche Pleite angeschlagen sind# 
Tags vorher hatte ich meinem Freunde in prophetischer Voraussicht 
geschrieben, Prag dürfte für deutsche Spazier^nger kein bequemer 
Aufenthaltsort sein. Der Traum drückte also gleichzeitig den Wunsch 
aus, ihn in Rom zu treffen anstatt in einer böhmischen Stadt, und 
das wahrscheinlich aus der Studentenzeit stammende Interesse daran, 
daß in Prag der deutschen Sprache mehr Duldung gewährt sein möge. 
Die tschechische Sprache muß ich übrigens in meinen drei ersten 
Kinderjahren verstanden haben, da ich in einem kleinen Orte Mährens 
mit slawischer Bevölkerung geooren bin. Ein tschechischer Kindfer- 
vers, den ich in meinem 17. Jahre gehört, hat sich meinem QedÄcht- 
nis mühelos so eingeprägt, daß ich ihn noch heute hersagen kann, 
obwohl ich keine Ahnung von seiner Bedeutung habe. Es fehlt also ' 
auch diesen Träumen nicht an mannigfaltigen Beziehungen zu den Ein- 
drücken meiner ersten Lebensjahre. 

Auf meiner letzten Italienreise, die ndch unter anderem am 
Trasimenersee vorüberführte, fand ich endlich, nachdem ich den 
Tiber gesehen und schmerzlich bewegt 80 Kilometer weit von Rom 
umgekehrt war, die Verstärkung auf, welche meine Sehnsucht nach 
der ewigen Stadt aus Jugendeindrücken bezieht. Ich erwog gerade 
den Plan, ein nächstes Janr an Rom vorbei nach Neapel zu reisen^ 
als mir ein Satz einfiel, den ich bei einem unserer klassischen Schrift- 
steller gelesen haben muß : Es ist fraglich, wer eifriger in seiner 
Stube auf und ab lief, nachdem er den Plan gefaßt, nach Rom zu 
gehen, der Konrektor Winckelmann oder der Feldherr Hanni- 
bal. Ich war ja auf den Spuren Hannibals gewandelt; es war 
mir so wenig wie ihm beschieden, Rom zu sehen, und auch er war 
nach Kampanien gezogen, nachdem alle WeU ihn in Rom er- 
wartet hatte. Hannibal, mit dem ich diese Ähnlichkeit erreicht 
hatte, war aber der Lieblingsheld meiner Gymnasialjahre gewesen; 
wie so viele in jenem Alter, hatte ich meine Sympathien während der 
Punischen Kriege nicht den Römern, sondern dem Karthager zuge- 
wendet. Als dann im Obergymnasium das erste Verständnis für die Kon- 
sequenzen der Abstammung aus landesfremder Rasse erwuchs, und die 
antisemitischen Regungen unter den Kameraden mahnten Stellung zu 



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OrfgfrTaffrom 
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Das infantile Moment zu den E o m -Träumen. 143 

nehmen, da hob sich die Gestalt des semitischen Feldherrn noch 
höher in meinen Augen. Hannibal und Rom symbolisierten dem 
Jlingling den Gegensatz zwischen der Zähigkeit des Judentums und 
der Organisation der katholischen Kirche. Die Bedeutung, welche die 
antisemitische Bewegung seither für unser Gemütsleben gewonnen hat, 
verhalf dann den Gedanken und Empfindungen jener frühen Zeit zur 
jix ierung. So ist der Wunsch, nach Rom zu kommen, für das 
Traumleben zum Deckmantel und Symbol ftlr mehrere andere heiß- 
ersehnte Wünsche geworden, an deren Verwirklichung man mit der 
Ausdauer und Ausschließlichkeit des Puniers arbeiten möchte, und 
deren Erfüllung zeitw^eilig vom Schicksal ebenso wenig begünstigt 
Kjheint wie der Lebenswunsch Hannibal s, in Rom einzuziehen. 

Und nun stoße ich erst auf das Jugenderlebnis, das in all diesen 
Empfindungen und Träumen noch heute seine Macht äußert. Ich 
mochte zehn oder zwölf Jahre gewesen sein, als mein Vater begann, 
mich auf seine Spaziergänge mitzunehmen und mir in Gesprächen seine 
Ansichten über die Dinge dieser Welt zu eröffnen. So erzählte er mir 
einmal, um mir zu zeigen, in wie viel bessere Zeiten ich gekommen 
sei als er: Als ich ein junger Mensch war, bin ich in deinem Ge- 
burtsorte am Samstag in der Straße spazieren gegangen, schön ge- 
kleidet, mit einer neuen Pelzmütze auf dem Kopfe. Da kommt ein 
Christ daher, haut mir mit einem Schlage die Mütze in den Kot und 
ruft dabei: Jud, herunter vom Trottoir! „Und was hast du getan ?^ 
Ich bin auf den Fahrweg gegangen und habe die Mütze aufgehoben, 
war die gelassene Antwort. Das schien mir nicht heldenhaft von dem 
großen starken Manne, der mich Kleinen an der Hand führte. Ich 
stellte dieser Situation, die mich nicht befriedigte, eine andere gegen- 
über, die meinem Empfinden besser entsprach, die Szene, in welcher 
Hannibals Vater Hamilkar*) Barkas, seinen Knaben vor dem 
Hausaltar schwören läßt, an den Römern Rache zu nehmen. Seitdem 
hatte Hannibal einen Platz in meinen Phantasien. 

Ich meine, daß ich die Schwärmerei ftlr den karthagischen Ge- 
neral noch ein Stück weiter in meine Kindheit zurück verfolgen kann, 
so daß es sich auch hier nur um die Übertragung einer bereits ge- 
bildeten Affektrelation auf einen neuen Träger handeln dürfte. Eines 
der ersten Bücher, das dem lesefähigen Kinde in die Hände fiel, war 
T h i e r s' Konsulat und Kaiserreich ; ich erinnere mich, daß ich meinen 
Holzsoldaten kleine Zettel mit den Namen der kaiserlichen Marschälle 
auf den flachen Rücken geklebt, und daß damals schon M a s s 6 n a (als Jude : 
Me nasse) mein erklärter Liebling w^ar. Napoleon selbst schließt 
sich durch den Übergang über die Alpen an Hannibal an. Und 
vielleicht ließe sich die Entwicklung dieses Kriegerideals noch weiter 
zurück in die Kindheit verfolgen bis auf Wünsche, die der bald freund- 

*) [In der ersten Auflage stand hier der Name: Hasdrubal, ein befremdender 
Irrtum, dessen Aufklärung ich in meiner ^Psychopathologie des Alitagslebens** (1901, 
1904, 2. und 3. Aafl. 1907 und 1910 gegeben habe),] 



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144 V. Traommaterial und Tranmqaellen. 

schaftliche, bald kriegerische Verkehr während der ersten drei Jahre 
mit einem um ein Jahr älteren Knaben bei dem schwächeren der 
beiden Gespielen hervorrufen mußte. 

'^i Je tiefer man sich in die Analyse der Träume einläßt, desto 
häufiger wird man auf die Spur von Kindheitserlebnissen geführt, 
welche im latenten Trauminhalt eine Rolle als Tramnquellen spielen. 
iHWir haben gehört (Seite 14), daß der Traum sehr selten Er- 
innerungen so reproduziert, daß sie unverkürzt und unverändert den 
alleinigen manifesten Trauminhalt bilden. Inmierhin sind einige Bei- 
spiele für dieses Vorkommen sichergestellt, zu denen ich einige neue 
hinzufklgen kann, die sich wiederum auf Infantilszenen beziehen. Bei 
einem meiner Patienten brachte einmal ein Traum eine kaum entstellte 
Wiedergabe eines sexuellen Vorfalles, die sofort als getreue Erinnerung 
erkannt wurde. Die Erinnerung daran war im Wachen zwar nie 
völlig verloren gewesen, aber doch stark verdunkelt worden, und ihre 
Keubelebung war ein Erfolg der vorausgegangenen analytischen Arbeit. 
Der Träumer hatte mit zwölf Jahren einen bettlägerigen Kollegen be- 
sucht, der sich wahrscheinlich nur zufkllig bei einer Bewegung im 
Bette entblößte. Beim Anblick seiner Genitalien von einer Art Zwang 
ergriffen, entblößte er sich selbst und faßte das Glied des anderen, 
der ihn aber unwillig und verwundert ansah, worauf er verlegen wurde 
und abließ. Diese Szene wiederholte ein Traum 23 Jahre später auch 
mit allen Einzelheiten der in ihr vorkommenden Empfindungen, ver- 
änderte sie aber dahin, daß der Träumer anstatt der aktiven die passive 
Rolle übernahm, während die Person des Schulkollegen durch eine der 
Gegenwart angehörige ersetzt wurde. 

\y^ In der Regel freilich ist die Infantilszene im manifesten Traum- 
inhalt nur durch eine Anspielung vertreten und muß durch Deutung 
aus dem Traume entwickelt werden. Die Mitteilung solcher Beispiele 
kann nicht sehr beweiskräftig ausfallen, weil ja für diese Kinder- 
erlebnisse meistens jede andere Gewähr fehlt ; sie werden, wenn sie in 
ein frühes Alter fallen, von der Erinnerung nicht mehr anerkannt. 
Dis Recht, überhaupt aus Träumen auf solche Kindererlebnisse zu 
schließen, ergibt sich oei der psychoanalytischen Arbeit aus einer ganzen 
Reihe von Momenten^ die in ihrem Zusammenwirken verläßlich genug 
erscheinen. Zum Zwecke der Traumdeutung aus ihrem Zusammen- 
hange gerissen, werden solche ZurUckfUhrungen von Träumen auf 
Kindererlebnisse vielleicht wenig Eindruck machen, besonders da ich 
nicht einmal alles Material mitteile, auf welches sich die Deutung 
stützt. Indes will ich mich von der Mitteilung darum nicht abhalten 
lassen. 

I. Bei einer meiner Patientinnen haben alle Träume den Charakter 
des „Gehetzten^; sie hetzt sich, um zurecht zu kommen, den Eisen- 
bahnzug nicht zu versäumen u. dgl. In einem Traume soll sie ihre 
Freundin besuchen; die Mutter hat ihr gesagt, sie soll fahren, nicht 
gehen; sie läuft aber und fällt dabei in einem fort. — Das 



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Aufdeckung von Kindheitserlebnissen bei der Traumdeutung. 145 

bei der Analyse auftauchende Material gestattet, die Erinnerung an 
Kinderhetzereien zu erkennen (man weiß, was der Wiener „eine 
Hetz" nennt), und gibt speziell für den einen Traum die ZurUck- 
fuhrung auf den bei Kindern beliebten Scherz, den Satz: „Die Kuh 
rannte bis sie fiel" so rasch auszusprechen, als ober ein einziges 
Wort wäre, was wiederum ein „Hetzen" ist. Alle diese harmlosen 
Hetzereien unter kleinen Freundinnen werden erinnert, weil sie andere, 
minder harmlose, ersetzen. 

ji IL Von einer anderen folgender Traum: Sie ist in einem 
großen Zimmer, in dem allerlei Maschinen stehen, etwa 
so, wie siesich eine orthopädische Anstalt vorstellt. Sie 
hört, daß ich keine Zeit habe, und daß sie die Behand- 
lung gleichzeitig mit fünf anderen machen muß. Sie 
sträubt sich aber und will sich in das für sie bestimmte 
Bett — oder was es ist — nicht legen. Sie steht in 
einem Winkel und wartet, daß ich sage, es ist nicht 
wahr. Die anderen lachen sie unterdes aus, es sei Fa- 
xerei von ihr. — Daneben, als ob sie viele kleine Quadrate 
machen würde. 

Der erste Teil dieses Trauminhalts ist eine Anknüpfung an die 
Kur und Übertragung auf mich. Der zweite enthält die Anspielung 
an die Kinderszene; mit der Erwähnung des Bettes sind die beiden 
Stücke aneinander gelötet. Die orthopädische Anstalt geht auf eine 
meiner Reden zurück, in der ich die Behandlung ihrer Dauer wie 
ihrem Wesen nach mit einer orthopädischen verglichen hatte. 
Ich mußte ihr zu Anfang der Behandlung mitteilen, daß ich vor- 
läufig wenig Zeit für sie habe, ihr aber später eine ganze 
Stunde täglich widmen würde. Dies machte die alte Empfindlichkeit 
in ihr rege, die ein Hauptcharakterzug der zur Hysterie bestimmten 
Kinder ist. Sie sind unersättlich für Liebe. Meine Patientin war die 
jüngste von sechs Geschwistern (daher: mit fünf anderen) und als 
solche der Liebling des Vaters, scheint aber gefunden zu haben, daß 
der geliebte Vater ihr noch zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit 
widme. — Daß sie wartet, bis ich sage, es ist nicht wahr, hat folgende 
Ableitung: Ein kleiner Schneiderjunge hatte ihr ein Kleid gebracht, 
und sie ihm dafür das Geld mitgegeben. Dann fragte sie ihren Mann, 
ob sie das Geld nochmals bezahlen müsse, wenn er es verliere. Der 
Mann, um sie zu necken, versicherte: ja (die Neckerei im Traum- 
inhalt), und sie fragte immer wieder von neuem und wartete dar- 
auf, daß er endlich sage, es ist nicht wahr. Nun läßt 
sich für den latenten Trauminhalt der Gedanke konstruieren, ob sie 
mir wohl das Doppelte bezahlen müsse, wenn ich ihr die doppelte Zeit 
widme, ein Gedanke, der geizig oder schmutzig ist. (Die Unrein- 
lichkeit der Kinderzeit wird sehr häufig vom Traume durch Geldgeiz 
ersetzt; das Wort „schmutzig" bildet dabei die Brücke») Wenn all das 
vom Warten, bis ich sage u. s. w., das Wort „schmutzig" im Traume 

Fready TraaradeutuDg. 3. Aufl. ^^ 



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146 y. Traummaterial und Tranmqnellen. 

umschreiben soll, so stimmt das Im-Winkel-Stehen und das Sich- 
nicht-ins-Bett-Legen dazu als Bestandteil einer Kinderszene, in 
der sie das Bett schmutzig gemacht hätte, zur Strafe in den Win- 
kel gestellt wird unter der Androhung^ daß sie der Papa nicht 
mehr lieb haben werde, die Geschwister sie auslachen u. s. w. Die 
kleinen Quadrate zielen auf ihre kleine Nichte, die ihr die Rechen- 
kunst gezeigt, wie man in neun Quadrate, glaube ich, Zahlen so ein- 
schreibt, daß sie, nach allen Richtungen addiert, 15 ergeben. 

i"^*? III. Der Traum eines Mannes: Er sieht zwei Knaben, die 
sich balgen, und zwar Faßbinderknaben, wie er aus 
den herumliegenden Gerätschaften schließt; einer der 
Knaben hat den anderen niedergeworfen, der liegende 
Knabe hat Ohrringe mit blauen Steinen. Er eilt dem 
Missetäter mit erhobenem Stocke nach, um ihn zu 
züchtigen. Dieser flüchtet zu einer Frau, die bei einem 
Bretterzaun steht, als ob sie seine Mutter wäre. Es ist 
eine Taglöhnersfrau, die dem Träumer den Rücken zu- 
wendet. Endlich kehrt sie sich um und schaut ihn mit 
einem gräßlichen Blicke an, so daß er erschreckt davon- 
läuft. An ihren Augen sieht man vom unteren Lid das 
rote Fleisch vorstehen. 

Der Traum hat triviale Begebenheiten des Vortages reichlich 
verwertet. Er hat gestern wirklich zwei Knaben auf der Straße ge- 
sehen, von denen einer den anderen hinwarf. Als er hinzueilte, um 
zu scnlichten, ergriffen sie beide die Flucht. — Faßbinderknaben: wird 
erst durch einen nachfolgenden Traum erklärt, in dessen Analyse er 
die Redensart gebraucht : Dem Faß den Boden ausschlagen. — 
Ohrringe mit blauen Steinen tragen nach seiner Beobachtung meist 
die Prostituierten. So fügt sich ein bekannter KJapphornvers von 
zwei Knaben an: Der andere Knabe, der hieß Marie (d. h. : war 
e in Mädchen). — Die stehende Frau : Nach der Szene mit den beiden 
Elnaben ging er am Donauufer spazieren und benützte die Einsamkeit 
dort, um gegen einen Bretterzaun zu urinieren. Auf dem weiteren 
Wege lächelte ihn eine anständig gekleidete ältere Dame sehr freund- 
lich an und wollte ihm ihre Adreßkarte überreichen. 

Da die Frau im Traume so steht wie er beim Urinieren, so 
handelt es sich um ein urinierendes Weib, und dazu gehört dann der 
gräßliche „Anblick", das Vorstehen des roten Fleisches, was sich 
nur auf die beim Kauern klaffenden Genitalien beziehen kann, die, in 
der Kinderzeit gesehen, in der späteren Erinnerung als „wildes 
Fleisch", als „Wunde" wieder auftreten. Der Traum vereinigt zwei 
Anlässe, bei denen der kleine Knabe die Genitalien kleiner Mädchen 
sehen konnte, beim Hinwerfen und bei deren Urinieren, und 
wie aus dem anderen Zusammenhang hervorgeht, bewahrt er die Er^ 
innerung an eine Züchtigung oder Drohung des Vaters wegen der von 
dem Buben bei diesen Anlässen bewiesenen sexuellen Neugierde. 



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Kinderszeuen im latenten Trauminlialt. 147 

''" IV. Eine ganze Summe von Kindererinnerungen, zu einer Phan- 
tasie notdürftig vereinigt, findet sich hinter folgendem Traume einer 
jüngeren Dame. 

Sie gehtin Hetzeaus, Kommissionen zu machen. Auf 
dem Graben sinkt sie dann, wie zusammengebrochen, 
in die Knie. Viele Leute sammeln sich um sie, beson- 
ders die Fiakerkutscher; aber niemand hilft ihr auf. 
Sie macht viele vergebliche Versuche; endlich muß es 
gelungen sein, denn man setzt sie in einen Fiaker, der 
sie nach Hause bringen soll; durchs Fenster wirft man 
ihr einen großen schwer gefüllten Korb nach (ähnlich 
einem Einkaufskorbe). 

Es ist dieselbe, die in ihren Träumen inmier gehetzt wird, w^e 
sie als Kind gehetzt hat. Die erste Situation des Traumes ist offenbar 
von dem Anblicke eines gestürzten Pferdes hergenommen, wie 
auch das „Zusammenbrechen" auf Wettrennen deutet. Sie war 
in jungen Jahren Reiterin, in noch jüngeren wahrscheinlich auch 
Pferd. Zu dem Hinstürzen gehört die erste Kindheitserinnerung 
an den 17jährigen Sohn des Portiers, der, auf der Straße von epilep- 
tischen Krämpfen befallen, im Wagen nach Hause gebracht wurde. 
Davon hat sie natürlich nur gehört, aber die Vorstellung von epilep- 
tischen Elrämpfen, vom „Hinfallenden^ hat große Macht über 
ihre Phantasie gewonnen und später ihre eigenen hysterischen An- 
fälle in ihrer Form beeinflußt — Wenn eine Frauensperson vom 
Fallen träumt, so hat das wohl regelmäßig einen sexuellen Sinn, sie 
wird eine „Gefallene'^; für unseren Traum wird diese Deutung 
am wenigsten zweifelhaft sein, denn sie fällt auf dem Graben, 
jenem Platze von Wien, der als Korso der Prostitution bekannt ist. 
Der Einkaufs korb gibt mehr als eine Deutung; als Korb erinnert 
er an die vielen Körbe, die sie zuerst ihren Freiem ausgeteilt, und 
später, wie sie meint, sich auch selbst geholt hat. Dazu gehört dann 
auch, daß ihr niemand aufhelfen will, was sie selbst als Ver- 
schmähtwerden auslegt. Femer erinnert der Einkaufskorb an 
Phantasien, die der Analyse bereits bekannt geworden sind, in denen 
sie tief unter ihrem Stande geheiratet hat und nun selbst zu Markte 
einkaufen geht. Endlich aber könnte der Einkaufskorb als Zeichen 
einer dienenden Person gedeutet werden. Dazu kommen nun 
weitere Kindheitserinnerungeu, an eine Köchin, die weggeschickt 
wurde, weil sie stahl; die ist auch so in die Knie gesunken 
und hat gefleht. Sie war damals zwölf Jahre alt. Dann an ein 
Stubenmädchen, das weggeschickt wurde, weil es sich mit dem 
Kutscher des Hauses abgab, der sie übrigens später heiratete. 
Diese Erinnerung ergibt uns also eine Quelle für die Kutscher im 
Traume (die sich im Gegensatz zur Wirklichkeit der Gefallenen nicht 
annehmen). Es bleibt aber noch das Nachwerfen des Korbes, und 
zwar durchs Fenster, zu erklären. Das mahnt sie an das Expe- 

10* 



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148 V. Traummaterial nnd Traumqaellen« 

dieren des Gepäcks auf der £isenbahn, an das ^Fensterln^ auf 
dem Lande, an kleine Eindrücke von dem Landaufenthalte, wie ein 
Herr einer Dame blaue Pflaumen durchs Fenster in ihr Zimmer 
wirft, wie ihre kleine Schwester sich geftlrchtet, weil ein vorüber- 
gehender Trottel durchs Fenster ins Zimmer sah. Und nun taucht 
dahinter eine dunkle Erinnerung aus dem zehnten Lebensjahre auf, 
von einer Bonne, die auf dem Lande Liebesszenen mit einem Diener 
des Hauses auffüihrte, von denen das Kind doch etwas gemerkt haben 
konnte, und die mitsamt ihrem Liebhaber „expediert^, hinaus- 
geworfen" wurde (im Traume der Gegensatz : „hineingeworfen'*), 
eine Geschichte, der wir uns auch von mehreren anderen Wegen her 
genähert hatten. Das Gepflck, der Koffer einer dienenden Person, 
wird aber in Wien geringschätzig als die „sieben Zwetschken^ 
bezeichnet. „Pack' deine sieben Zwetschken zusammen und geh'". 
>cVAn solchen Träumen von Patienten, deren Analyse zu dunkel 
oder gar nicht mehr erinnerten Kindereindrttcken, oft aus den ersten 
drei Lebensjahren^ führt, hat meine Sammlung natürlich Überreichen 
Vorrat. Es ist aber mißlich, Schlüsse aus ihnen zu ziehen, die ftlr 
den Traum im allgemeinen gelten sollen; es handelt sich ja r^el- 
mäßig um neurotische, speziell hysterische Personen, und die Bolle, 
welche den Kinderszenen in diesen Träumen zu&llt, könnte durch die 
Natur der Neurose und nicht durch das Wesen des Traumes bedingt 
sein. Indes begegnet es mir bei der Deutung meiner eigenen Träume, 
die ich doch nicht wegen grober Leidenssymptome unternehme, 
ebenso oft, daß ich im latenten Trauminhalt unvermutet auf eine 
Infantilszene stoße, und daß mir eine ganze Serie von Träumen mit 
einemmal in die von einem Kindererlebnis ausgehenden Bahnen ein- 
mündet. Beispiele hieftlr habe ich schon erbracht und werde ich 
noch bei verschiedenen Anlässen weitere erbringen. Vielleicht kann 
ich den ganzen Abschnitt nicht besser beschließen, als durch Mit- 
teilung einiger eigenen Träume, in denen rezente Anlässe und lang* 
vergessene Kindererlebnisse mitsammen als Traumquellen auftreten. 

'^'Nachdem ich gereist bin, müde und hungrig das Bett aufgesucht 
habe, melden sich im Schlafe die großen Bedürfnisse des Lebens und 
ich träume: Ich gehe in eine Küche, um mir Mehlspeise 
geben z u lassen. Dort stehen drei Frauen, von denen 
eine die Wirtin ist und etwas in der Hand dreht, als 
ob sie Knödel machen würde. Sie antwortet, daß ich 
warten soll, bis sie fertig ist (nicht deutlich als Rede). 
Ich werde ungeduldig und gehe beleidigt weg. Ich 
ziehe einen Überrock an; der erste, den ich versuche, 
ist mir aber zu lang. Ich ziehe ihn wieder aus, etwas 
überrascht, daß er Pelzbesatz hat. Ein zweiter, den 
ich anziehe, hat einen langen Streifen mit türkischer 
Zeichnung eingesetzt. Ein Fremder mit langem Ge- 
sichte und kurzem Spitzbarte kommt hinzu undhindert 



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Eandereindrücke im latenten Tranminhult. 149 

mich am Anziehen, indem er ihn für den seinen erklärt. 
Ich zeipe ihm nun, daß er über und über türkisch ge- 
stickt ist. Erfragt: Was gehen Sie die türkischen 
(Zeichnungen, Streifen , . . J an? Wir sind aber dann 
ganz freundlich miteinander. 

-7^5 In der Analyse dieses Traumes filUt mir ganz unerwartet der 
erste Roman ein, den ich, vielleicht ISjährig, gelesen, d. h. mit dem 
Ende des ersten Bandes begonnen habe. Den Namen des Romans 
und seines Autors habe ich nie gewußt, aber der Schluß ist mir nun 
in lebhafter Erinnerung. Der Held ver&llt in Wahnsinn und ruft 
beständig die drei Frauennamen, die ihm im Leben das größte Glück 
und das Unheil bedeutet haben. Pölagie ist einer dieser Namen. 
Noch weiß ich nicht, was ich mit diesem Einfall in der Analyse 
beginnen werde. Da tauchen zu den drei Frauen die drei Parzen 
auf, die das Geschick des Menschen spinnen, und ich weiß, daß eine 
der drei Frauen, die Wirtin im Traume, die Mutter ist, die das 
Leben gibt, mitunter auch, wie bei mir, dem Lebenden die erste 
Nahrung. An der Frauenbrust treflfen sich Liebe und Hunger. Ein 
junger Mann, erzählt die Anekdote, der ein großer Verehrer der 
Frauenschönheit wurde, äußerte einmal, als die Rede auf die schöne 
Amme kam, die ihn als Säugling genährt : es tue ihm leid, die gute 
Gelegenheit damals nicht besser ausgenützt zu haben. Ich pflege 
mich der Anekdote zur Erläuterurg für das Mom ent der Nach- 
träglichkeit in dem Mechanismus der Psychoneurösen räHSedienen. 
-^ Die eine der Parzen also reibt die Handflächen aneinander, als ob 
sie Knödel machen würde. Eine sonderbare Beschäftigung für eine 
Parze, welche dringend der Aufklärung bedarf! Diese kommt nun 
aus einer anderen und früheren Kindererinnerung. Als ich sechs 
Jahre alt war und den ersten Unterricht bei meiner Mutter genoß, 
sollte ich glauben, daß wir aus Erde gemacht sind und darum zur 
Erde zurückkehren müssen. Es behagte mir aber nicht und ich 
zweifelte die Lehre an. Da rieb die Mutter die Handflächen anein- 
ander — ganz ähnlich wie beim Knödelmachen, nur daß sich kein 
Teig zwischen ihnen befindet — und zeigte mir die schwärzlichen 
Epidermisschuppen, die sich dabei abreiben, als eine Probe der 
Erde, aus der wir gemacht sind, vor. Mein Erstaunen über diese 
Demonstration ad oculos war grenzenlos, und ich ergab mich in das, 
was ich später in den Worten ausgedrückt hören sollte: Du bist der 
Natur einen Tod schuldig.*) So sind es also wirklich Parzen, zu denen 
ich in die Küche gehe, wie so oft in den Kinderjahren, wenn ich 
hungrig war, und die Mutter beim Herd mich mahnte zu warten, 
bis das Mittagessen fertig sei. Und nun die Knödel ! Wenigstens einer 
meiner Universitätslehrer, aber gerade der, dem ich meine histolo- 

*) Beide zu diesen KindenzeDen gehörigen Affekte, das Erstaunen and die 
Ergebung ins Unvenneidliche, fanden sich in einem Traume kurz vorher, der mir 
snerst die Erinnerung an dieses Kindererlebnis wiederbrachte. 



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150 V. Traammaterial nnd Traamqaellen. 

gl sehen Kenntnisse (Epidermis) verdanke, könnte sich bei dem 
Namen Knödl an eine rerson erinnern, die er belangen mußte, weil 
sie ein Plagiat an seinen Schriften begangen hatte. £in Plagiat 
begehen, sich aneignen, was man bekommen kann, auch wenn es 
einem anderen gehört, leitet offenbar zum zweiten Teil des Traumes, 
in dem ich wie der Überrockdieb behandelt werde, der eine 
Zeitlang in den Hörsälen sein Wesen trieb. Ich habe den Ausdruck 
Plagiat niedergeschrieben, absichtslos, weil er sich mir darbot, und 
nun merke ich, daß er dem latenten Trauminhalt angehören muß, 
weil er als Brücke zwischen den verschiedenen Stttcken des manifesten 
Trauminhalts dienen kann. Die Assoziationskette — P61agie — 
Plagiat — Plagiostomen*) (Haifische) — Fischblase 
verbindet den alten Roman mit der Affäre Knödl und mit den 
Überziehern, die ja offenbar ein Gerät der sexuellen Technik be- 
deuten. [Vgl. Maurys Traum von Kilo — Lotto, Seite 43.] 
Eine höchst gezwungene und unsinnige Verbindung zwar, aber doch 
keine, die ich im Wachen herstellen könnte, wenn sie nicht schon 
durch die Traumarbeit hergestellt wäre. Ja, als ob dem Drange, 
Verbindungen zu erzwingen, gar nichts heilig wäre, dient nun der 
teure Name Br ticke (Wortbrttcke s. o.) dazu, mich an dasselbe 
Institut zu erinnern, in dem ich meine glficklichsten Stunden als 
Schüler verbracht, sonst ganz bedttrfnislos [„So wird's Euch an der 
Weisheit Brüsten mit jedem Tage mehr gelüsten'^], im vollsten 
•Gegensatz zu den Begierden, die mich, während ich träume, plagen. 
Und endlich taucht die Erinnerung an einen anderen teuren Lehrer 
•auf, dessen Name wiederum an etwas Eßbares anklingt (Fl ei sc hl, 
wie Knödl) und an eine traurige Szene, in der Epidermis* 
schuppen eine Rolle spielen (die Mutter — Wirtin) und Geistes- 
störung (der Roman) und ein Mittel aus der lateinischen Küche, das 
den Hunger benimmt, das Kokain. 

;e>' So könnte ich den verschlungenen Gedankenwegen weiter 
folgen und das in der Analyse fehlende Stück des Traumes voll auf- 
klären, aber ich muß es unterlassen, weil die persönlichen Opfer, die 
es erfordern würde, zu groß sind. Ich greife nur einen der Fäden 
auf, der direkt zu einem der dem Gewirre zu Grunde liegenden 
Traumgedanken führen kann. Der Fremde mit langem Gesichte und 
Spitzbarte, der mich am Anziehen hindern will, trägt die Züge eines 
Kaufmannes in Spalato, bei dem meine Frau reichlich türkische 
Stoffe eingekauft hat Er hieß Popovid, ein verdächtiger Name, der 
auch dem Humoristen Stettenheim zu einer andeutungsvollen Be- 
merkung Anlaß gegeben hat. („Er nannte mir seinen Namen und 
drückte mir errötend die Hand.") Übrigens derselbe Mißbrauch mit 
Namen wie oben mit P6lagie, Knödl, Brücke, Fleischl. Daß 
solche Namenspielerei Kinderunart ist, darf man ohne Widerspruch 

*) Die Plagiostomen ergftnse ich nicht wiUkürUch; sie mahnen mich an 
eine ftrgerlicbe Gelegenheit von Blamage vor demselben Lehrer. 



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Der Hangertraom von den Parzen. 151 

behaupten; wenn ich mich in ihr ergehe, ist es aber ein Akt der 
Vergeltung, denn mein eigener Name ist unzähligemal solchen 
schwachsinnigen Witzeleien zum Opfer gefallen. Goethe bemerkte 
einmal, wie empfindlich man für seinen Namen ist, mit dem man sich 
verwachsen fühlt wie mit seiner Haut, als Herder auf seinen Namen 
dichtete : 

„Der du von Göttern abstammst, von Goten oder vom Kote" — 
^ „So seid ihr Götterbilder auch zu Staub.** 

^ *' '^ Ich merke, daß die Abschweifung über den Mißbrauch von 
Namen nur diese Klage vorbereiten sollte. Aber brechen wir hier 
ab. — Der Einkauf in Spalato mahnt mich an einen anderen Ein- 
kauf in Cattaro, bei dem ich allzu zurückhaltend war und die 
Gelegenheit zu schönen Erwerbungen versäumte. (Die Gelegenheit 
bei der Amme versäumt, s, o.) Einer der Traumgedanken, die dem 
Träumer der Hunger eingibt, lautet nämlich: Man soll sich 
nichts entgehen lassen, nehmen, was man haben kann, 
auch wenn ein kleines Unrecht dabei mitläu ft ; man 
soll keine Gelegenheit versäumen, das Leben ist so 
kurz, der Tod unvermeidlich. Weil es auch sexuell gemeint 
ist und weil die Begierde vor dem Unrecht nicht Halt machen will, 
hat dieses „carpe diem" die Zensur zu fürchten und muß sich hinter 
einem Traume verbergen. Dazu kommen nun alle Gegengedanken 
zu Wort, die Erinnerung an die Zeit, da die geistige Nahrung 
dem Träumer allein genügte, alle Abhaltungen und selbst die Drohungen 
mit den ekelhaften sexuellen Strafen. 

^'^^H. Ein zweiter Traum erfordert einen längeren Vorbericht : 

Ich bin auf den Westbahnhof gefahren, um meine Ferienreise 
nach Aussee anzutreten, gehe aber schon zum früher abgehenden 
Ischler Zuge auf den Perron. Dort sehe ich nun den Grafen Thun 
dastehen, der wiederum zum Kaiser nach Ischl fährt. Er war trotz 
des Regens im offenen Wagen angekommen, direkt durch die Ein- 
gangstür für Lokalzüge hinausgetreten und hatte den Türhüter, der 
ihn nicht kannte und ihm das Billet abnehmen wollte, mit einer 
kurzen Handbewegung ohne Erklärung von sich gewiesen. Ich soll 
dann, nachdem er im Ischler Zuge abgefahren ist, den Perron wieder 
verlassen und in den heißen Wartesaal zurückgehen, setze es aber 
mühselig durch, daß ich bleiben darf. Ich vertreibe mir die Zeit, 
aufzupassen, wer da kommen wird, um sich auf dem Protektionswege 
eiB Coup6 anweisen zu lassen ; nehme mir vor, dann Lärm zu schlagen, 
d. h. gleiches Recht zu verlangen. Unterdessen singe ich mir etwas 
vor, was ich dann als die Arie aus Figaros Hochzeit erkenne: 

„Will der Herr Graf ein Tänzelein wagen, 

Tänzelein wagen, 
Soll er's nur sagen. 
Ich spiel' ihm eins auf." 

(Ein anderer hätte den Gesang vielleicht nicht erkannt.) 



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]52 V. Traommaterial und Traoinqnellen. 



%,o^ 



Ich war den ganzen Abend in übermütiger, streitlustiger Stimmung^ 
gewesen, hatte Kellner und Kutscher g^frozzelt, hoffentlich ohne ihnen 
wehe zu tun; nun gehen mir allerlei freche nnd revolutionäre 
Gedanken durch den Kopf, wie sie zu den Worten Figaros passen 
und zur Erinnerung an die Komödie von Beaumarchais, die ich 
in der Com6die franyaise aufführen gesehen. Das Wort von den 
großen Herren, die sich die Mühe g^eben haben, geboren zu werden ; 
das Herrenrecht, das der Graf AkoAviva bei Susanne zur Geltung 
bringen will ; die Scherze, die unsere bösen oppositionellen Tagschreiber 
mit dem Namen des Grafen Thun anstellen, indem sie ihn Graf 
Niehtsthun nennen. Ich beneide ihn wirklich nicht; er hat jetzt einen 
schweren Gang zum ELaiser, und ich bin der eigentHche Graf 
Niehtsthun; ich gehe auf Ferien. Allerlei lustige Ferienvorsätze 
dazu. Es kommt nun ein Herr, der mir als Regierungsvertreter bei 
den medizinischen Prüfungen bekannt ist, und der sich durch seine 
Leistungen in dieser Rolle den schmeichelhaften Beinamen des„ Regierungs- 
beischläfers" zugezogen hat. Er verlangt unter Berufung auf seine 
amtliche Eigenschaft ein Halbcoup^ erster Klasse, und ich höre den 
Beamten zu einem andern sagen: Wo geben wir den Herrn mit der 
halben Ersten hin? Eine nette Bevorzugung; ich zahle meine erste 
Klasse ganz. Ich bekomme dann auch ein Coup6 ftir mich, aber 
nicht in einem durchgehenden Wagen, so daß mir die Nacht über 
kein Abort zur Verfügung steht. Meine Klage beim Beamten hat 
keinen Erfolg; ich räche mich, indem ich ihm den Vorschlag mache, 
in diesem Coup6 wenigstens ein Loch im Boden anbringen zu lassen, 
fllr etwaige Bedürfnisse der Reisenden. Ich erwache auch wirklich 
um ^1^3 Uhr morgens mit Harndrang aus nachstehendem Traume: 

5 ^ '7 Menschenmenge, Studenten Versammlung. — Ein Graf (Thun 
oder Taaffe) redet. Aufgefordert, etwas über die 
Deutschen zu sagen, erklärt er mit höhnischer Gebärde 
für ihre Lieblingsblume den Huflattich und steckt 
dann etwas wie ein zerfetztes Blatt, eigentlich ein zu- 
sammengeknülltes Blattgerippe ins Knopfloch. Ich 
fahre auf, fahre also auf,*) wundere mich aber doch 
über diese meine Gesinnung. Dann undeutlicher: Als ob 
es die Aula wäre, die Zugänge besetzt, und man müßte 
fliehen. Ich bahne mir den Weg durch eine Reihe von 
schön eingerichteten Zimmern, offenbar Regierungs- 
zimmern mit Möbeln in einer Farbe zwischen braun 
und violett, und komme endlich in einen Gang, in dem 
eine Haushälterin, ein älteres dickes Frauenzimmer, 
sitzt. Ich vermeide es, mit ihr zu sprechen; sie hält 

*) Diese WiederholaDg bat Bich, scheinbar aas Zerstreatbeit, in den Text des 
Traomes eingescblichen and wird von mir belassen, da die Analyse seigt, dafl sie 
ibre Bedeutang hat. 



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Ein revolutionärer Traum. 153 

mich aber offenbar für berechtigt, hier zu passieren, 
denn sie fragt, ob sie mit der Lampe mitgehen soll. Ich 
deute oder sage ihr, sie soll auf der Treppe stehen 
bleiben, und komme mir dabei sehr schlau vor, daß ich 
die Kontrolle am Ende vermeide. So bin ich drunten 
und finde einen schmalen, steil a ufsteigenden Weg, den 
ich gehe. 

&- Wieder undeutlich . . . Als ob jetzt die zweite Aufgabe 
käme, aus der Stadt wegzukommen, wie früher aus dem 
Hause. Ich fahre in einem Einspänner und gebe ihm 
Auftrag, zu einem Bahnhofe zu fahren. „Auf der Bahn- 
strecke selbst kann ich nicht mitihnen fahren^, sage ich, 
nachdem er einen Einwand gemacht hat, als ob ich ihn 
übermüdet hätte. Dabei ist es, als wäre ich schon eine 
Strecke mit ihm gefahren, die man sonst mit der Bahn 
fährt. Die Bahnhöfe sind besetzt; ich überlege, ob ich 
nach Krems oder Znaim soll, denke aber, dort wird der 
Hof sein, und entscheide mich für Graz oder so etwas. 
Nun sitze ich im Waggon, der ähnlich einem Stadtbahn- 
wagen ist, und habe im Knopfloch ein eigentümlich 
geflochtenes, langes Ding, daran violettbraune Veilchen 
aus starrem Stoffe, was den Leuten sehr auffällt. Hier 
bricht die Szene ab. 

zclf Ich bin wiedervordem Bahnhofe, aber zu zweitmit 
einem älteren Herrn, erfinde einen Plan, um unerkannt 
zu bleiben, sehe diesen Plan aber auch schon ausge- 
führt. Denken und Erleben ist hier gleichsam eins. Er 
stellt sich blind, wenigstens auf einem Auge, und ich 
halte ihm ein männliches Uringlas vor (das wir in der 
Stadt kaufen mußten oder gekauft haben). Ichbin also 
sein Krankenpfleger und muß ihm das Glas geben, weil 
er blind ist. Wenn der Kondukteur uns so sieht, muß 
er uns als unauffällig entkommen lassen. Dabei ist die 
Stellung des Betreffenden und sein urinierendes Glied 
plastisch gesehen. Darauf da^ Erwachen mit Harndrang. 

Der ganze Traum macht etwa den Eindruck einer Phantasie, 
die den Träumer in das Revolutionsjahr 1848 versetzt, dessen An- 
denken ja durch das Jubiläum des Jahres 1898 erneuert war, wie 
überdies durch einen kleinen Ausflug in die Wach au, bei dem ich 
Emmersdorf kennen gelernt hatte, welchen Ort ich fiüschlich für den 
Ruhesitz des StudentenfUhrers Fischhof hielt, auf den einige Züge 
des manifesten Trauminhalts weisen mögen. Die Gedankenverbindung 
führt mich dann nach England, in das Hans meines Bruders, der 
seiner Frau scherzhaft vorzuhalten pflegte „Fifty years ago" nach 
dem Titel eines Gedichtes von Lord Tennyson, worauf die Kinder 
zu rektifizieren gewöhnt waren : Fifteen years ago. Diese Phantasie, 



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154 V. Tramnmaterial and Traum qaellon. 

die sich an die Gedanken anschließt, welche der Anblick des Grafen 
Thun hervorgerufen hatte, ist aber nur wie die Fassade italienischer 
Kirchen ohne organischen Zusammenhang dem Gebäude dahinter vor- 
gesetsrt;; anders als diese Fassaden ist sie übrigens lückenhaft, verworren, 
und Bestandteile aus dem Innern drängen sich an vielen Stellen durch. 
Die erste Situation des Traumes ist aus mehreren Szenen zusammen- 
gebraut, in die ich sie zerl<^en kann. Die hochmütige Stellung des 
Grafen im Traume ist kopiert nach einer Gynmasialszene aus meinem 
15. Jahre. Wir hatten gegen einen mißliebigen und ignoranten Lehrer 
eine Verschwörung angezettelt, deren Seele ein Kollege war, der sich 
seitdem Heinrich VIIL von England zum Vorbilde genommen zu 
haben scheint. Die Führung des Hauptschlages fiel mir zu, und eine 
Diskussion über die Bedeutung der Donau fllr Österreich (Wach au !) 
war der Anlaß, bei dem es zur offenen Empörung kam. Ein Mitver- 
schworener war der einzige aristokratische Kollege, den wir hatten, 
wegen seiner aufftllligen Längenentwicklung die „Giraffe" genannt, 
und der stand, vom Schultyrannen, dem Professor der deutschen 
Sprache, zur Rede gestellt, so da wie der Graf im Traume. Das Erklären 
der Lieblingsblume und Ins-Knopfloch-Stecken von etwas, was wieder 
eine Blume sein muß (was an die Orchideen erinnert, die ich einer 
Freundin am selben Tage gebracht hatte, und außerdem an eine Rose 
von Jericho), mahnt auffällig an die Szene aus den Königsdramen 
Shakespeares, die den Bürgerkrieg der roten und der weißen 
Rose eröffnet ; die Erwähnung Heinrichs VIH. hat den Weg zu dieser 
Reminiszenz gebahnt. Dann ist es nicht weit von den Rosen zu den 
roten und weißen Nelken. (Dazwischen schieben sich in der Analyse 
zwei Verslein ein, eins deutsch, das andere spanisch: Rosen, 
Tulpen, Nelken, alle Blumen welken. — Isabelita, no llores que se 
marchitan las flores. Das Spanische vom Figaro her.) Die weißen 
Nelken sind bei uns in Wien das Abzeichen der Antisemiten, die 
roten das der Sozialdemokraten geworden. Dahinter eine Erin- 
nerung an eine antisemitische Herausforderung während einer Eisen- 
bahnfahrt im schönen Sachsenland (Angelsachsen). Die dritte 
Szene, welche Bestandteile für die Bildung der ersten Traumsitu- 
ation abgegeben hat. Mit in meine erste Studentenzeit. In einem 
deutschen Studentenvereine gab es eine Diskussion über das Ver- 
hältnis der Philosophie zu den Naturwissenschaften. Ich grüner 
Junge, der materialistischen Lehre voll, drängte mich vor, um 
einen höchst einseitigen Standpunkt zu vertreten. Da erhob sich ein 
überlegener älterer Kollege, der seitdem seine Fähigkeit erwiesen 
hat, Menschen zu lenken und Massen zu organisieren, der übrigens 
auch einen Namen aus dem Tierreiche trägt, und machte uns 
tüchtig herunter; auch er habe in seiner Jugend die Schweine 
gehütet und sei dann reuig ins Vaterhaus zurückgekehrt. Ich fuhr 
auf (wie im Traume), wurde saugrob und antwortete, seitdem ich 
wüßte, daß er die Schweine gehütet, wunderte ich mich nicht 



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Ein revolutionärer Tranm. 155 

mehr über den Ton seiner Reden. (Im Traume wundere ich mich 
über meine deutschnationale Gesinnung.) Großer Aufruhr; ich wurde 
von vielen Seiten aufgefordert, meine Worte zurückzunehmen, blieb 
aber standhaft. Der Beleidigte war zu verständig, um das Ansinnen 
einer Herausforderung, das man an ihn richtete, anzunehmen, 
und ließ die Sache auf sich beruhen. 

> ' ^-^ Die übrigen Elemente der Traumszene stammen aus tieferen 
Schichten. Was soll es bedeuten, daß der Graf den „ Huflattich '^ 
proklamiert? Hier muß ich meine Assoziationsreihe befragen, Huf- 
lattich — lattice — Salat — Salathund (der Hund, der anderen 
nicht gönnt, was er doch selber nicht frißt). Hier sieht man durch 
Äuf einen Vorrat an Schimpfwörtern: Gir-affe, Schwein, Sau, 
Hund; ich wüßte auch auf dem Umwege über einen Namen zu einem 
Esel zu gelangen und damit wieder zu einem Hohn auf einen aka- 
demischen Lehrer. Außerdem übersetze ich mir — ich weiß nicht, 
ob mit Recht — Huflattich mit „pisse-en-lit*^; die Kenntnis 
kommt mir aus dem Germinal Zolas, in dem die Kinder auf- 
gefordert werden, solchen Salat mitzubringen. Der Hund — c h i e n — 
enthält in seinem Namen einen Anklang an die größere Funktion 
{chier, wie pisser für die kleineren). Nun werden wir bald das 
Unanständige in allen drei Aggregatzuständen beisammen haben ; denn 
im selben Germinal, der mit der künftigen Revolution genug zu tun 
hat, ist ein ganz eigentümlicher Wettkampf beschrieben, der sich auf 
die Produktion gasförmiger Exkretionen, Flatus genannt, bezieht.*) 
Und nun muß ich bemerken, wie der Weg zu diesen Flatus seit langem 
angelegt ist, von den Blumen aus über das spanische Verslein, 
dielsabelita, zu I sab eil a und Ferdinand, über Heinrich VHL, 
die engliche Geschichte zum Kampfe der Armada gegen England, 
nach dessen siegreicher Beendigung die Engländer eine Medaille prägten 
niit der Inschrift: Afflavit et dissipati sunt, da der Sturmwind die 
«panische Flotte zerstreut hatte. Diesen Spruch gedachte ich aber zur 
halb scherzhaft gemeinten Überschrift des Kapitels „Therapie" zu 
nehmen, wenn ich je dazu gelangen sollte, ausführliche Kunde von 
meiner Auffassung und Behandlung der Hysterie zu geben. 

^(. Von der zweiten Szene des Traumes kann ich eine so ausführ- 
liche Auflösung nicht geben, und zwar aus Rücksichten der Zensur. 
Ich setze mich hier nämlich an die Stelle eines hohen Herrn jener 
Revolutionszeit, der auch ein Abenteuer mit einem Adler gehabt, 
an incontinentia alvi gelitten haben soll u. dgL, und ich glaube, ich 
wäre nicht berechtigt, hier die Zensur zu passieren, obwohl 
ein Hof rat (Aula, consiliarius aulicus) mir den größeren Teil 
jener Geschichten erzählt hat. Die Reihe von Zimmern im Traume 
verdankt ihre Anregung dem Salonwagen Seiner Exzellenz, in den ich 

^) Nicht im Germinal, sondern in La Terre. Ein Irrtum, der mir erat nach 
der Analyse bemerklich wird. — Ich mache übrigens auf die identischen Buchstaben 
in Huflattich und Flatus aufmerksam. 



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156 V. Traummaterial und Traumquellen. 

einen Moment hineinblicken konnte; sie bedeutet aber, wie so häufig 
im Traume, Frauenzimmer (ärarische Frauenzimmer). Mit der 
Person der Haushälterin statte ich einer geistreichen älteren Dame 
schlechten Dank für die Bewirtung und die vielen guten Geschichten 
ab, die mir in ihrem Hause geboten worden sind. — Der Zug mit 
der Lampe geht auf Grillparzer zurück, der ein reizendes Erlebnis 
ähnlichen Inhalts notiert und dann in Hero und Leander (des 
Meeres und der Liebe Wellen — die Armada und der Stur m) 
verwendet hat.*) 

V^^Auch die detaillierte Analyse der beiden übrigen TraumstUcke 
muß ich zurückhalten; ich werde nur jene Elemente herausgreifen, 
die zu den beiden Kinderszenen ftlhren, um deren Willen ich den 
Traum überhaupt aufgenommen habe. Man wird mit Recht vermuten, 
daß es sexuelles Material ist, welches mich zu dieser Unterdrückung 
nötigt; man braucht sich aber mit dieser Aufklärung nicht zufrieden 
zu geben. Man macht doch sich selbst aus vielem kein Geheimnis, 
was man vor anderen als Geheimnis behandeln muß, und hier handelt 
es sich nicht um die Gründe, die mich nötigen, die Lösung zu ver- 
bergen, sondern um die Motive der inneren Zensur, welche den eigent- 
lichen Inhalt des Traumes vor mir selbst verstecken. Ich muß also 
darum sagen, daß die Analyse diese drei TraumstUcke als impertinente 
Prahlereien, als Ausfluß eines lächerlichen, in meinem wachen Leben 
längst unterdrückten Größenwahnes erkennen läßt, der sich mit ein- 
zelnen Ausläufern bis in den manifesten Trauminhalt wagt (ich 
komme mir schlau vor), allerdings die übermütige Stimmung des 
Abends vor dem Träumen trefflich verstehen läßt. Prahlerei zwar auf 
allen Gebieten; so geht die Erwähnung von Graz auf die Redensart: 
Was kostet Graz? in der man sich gefilllt, wenn man sich über- 
reich mit Geld versehen glaubt. Wer an Meister Rabelais unüber- 
troffene Schilderung von dem Leben und Taten des Gargant ua und 
seines Sohnes Pantagruel denken will, wird auch den angedeuteten 
Inhalt des ersten Traumstückes unter die Prahlereien einreihen können. 
Zu den zwei versprochenen Kinderszeneii gehört aber folgendes: Ich 
hatte für diese Reise einen neuen Koffer gekauft, dessen Farbe, ein 
Braunviolett, im Traume mehrmals auftritt (violett braune 
Veilchen aus starrem Stoffe neben einem Dinge, das man „Mädchen- 
fanger^ heißt — die Möbel in den Regierungszimmern). Daß man 
mit etwas Neuem den Leuten auffällt, ist ein bekannter Kinder- 
glaube. Nun ist mir folgende Szene aus meinem Kinderleben erzählt 
worden, deren Erinnerung ersetzt ist durch die Erinnerung an die Er- 
zählung. Ich soll — im Alter vor zwei Jahren — noch gelegentlich 

*) [An diesem Teil des Traames hat H. Silberer in einer inhaltsreichen 
Arbeit (Phantasie und Mjthos, Jahrb. für Psychoanalyse Bd. II, 1910) za zeigen 
versacht, daß die Traamarbeit nicht nar die latenten Traamgedanken, sondern aach 
die psychischen Vorgänge bei der Traumbildnng wiederzugeben vermöge. („Das 
funktionale Phänomen.")] 



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Infantile Wurzeln des revolutionären Traumes. 157 

das B e 1 1 n a ß gemacht haben, und als ich dafür Vorwürfe zu hören 
bekam, den Vater durch das Versprechen getröstet haben, daß ich 
ihm in N. (der nächsten größeren Stadt) ein neues schönes, rotes 
Bett kaufen werde. (Daher im Traume die Einschaltung, daß wir das 
Glas in der Stadt gekauft haben oder kaufen mußten; 
was man versprochen hat, muß man halten.) [Man beachte übrigens 
die Zusammenstellung des männlichen Glases und des weiblichen 
Koffers, box.] Der ganze Größenwahn des Kindes ist in diesem Ver- 
sprechen enthalten. Die Bedeutung der Harnschwierigkeiten des Kindes 
für den Traum ist uns bereits bei einer früheren Traumdeutung (ver- 
gleiche den Traum Seite 145) aufgefallen. 

J'"^ Dann gab es aber einmal einen anderen häuslichen Anstand, als 
ich sieben oder acht Jahre alt w^ar, an den ich mich sehr wohl erinnere. 
Ich setzte mich abends vor dem Schlafengehen über das Gebot der 
Diskretion hinweg, Bedürfnisse nicht im Schlafzimmer der Eltern in 
deren Anwesenheit zu verrichten, und der Vater ließ in seiner Straf- 
rede darüber die Bemerkung fallen : aus dem Buben wird nichts werden. 
Es muß eine furchtbare Kränkung für meinen Ehrgeiz gewesen sein, 
denn Anspielungen an diese Szene kehren immer in meinen Träumen 
wieder und sind regelmäßig mit Aufzählung meiner Leistungen und 
Erfolge verknüpft, als wollte ich sagen : Siehst du, ich bin doch etwas 
geworden. Diese Kinderszene gibt nun den Stoff für das letzte Bild 
des Traumes, in dem natürlich zur Rache die Rollen vertauscht sind. 
Der ältere Maim, offenbar der Vater, da die Blindheit auf einem Auge 
sein einseitiges Glaukom bedeutet,*) uriniert jetzt vor mir wie ich 
damals vor ihm. Älit dem Glaukom mahne ich ihn an das Kokain, 
daß ihm bei der Operation zu gute kam, als hätte ich damit mein 
Versprechen erfüllt. Außerdem mache ich mich über ihn lustig; weil 
er blind ist, muß ich ihm das Glas vorhalten und schwelge in An- 
spielungen an meine Erkenntnisse in der Lehre von der Hysterie, auf 
die ich stolz bin.**) 

*) Andere Deutung: Er ist einäugig wie O d h i n, der Göttervaten — Odhins 
Trost. — Der Trost aus der Kinderszene, daß ich ihm ein neues Bett kaufen werde. 

**) Dazu einiges Deutungsroaterial : Das mit dem Glase vorhalten, erinnert an 
die Geschichte YOm Bauern, der beim Optiker Glas nach Glas versucht, aber nicht 
Ie«en kann. — (Bauernfänger — Mädchen fang er im vorigen Traumstück.) — Die 
Behandlung des schwachsinnig^ gewordenen Vaters bei den Bauern in Zolas La 
Terre. — Die traurige Genugtuung, daß der Vater in seinen letzten Lebenstagen 
wie ein Rind das Bett beschmutzt hat; daher bin ich im Traume sein Kranken- 
pBeger. — „Denken und Erleben sind hier gleichsam Eins^ erinnert an ein stark 
revolutionäres Buchdrama von Oskar Panizza, in dem Gottvater als paralytischer 
Greis schmählich genug behandelt wird; dort heißt es: Wille und Tat sind bei ihm 
Eins, und er muß von seinem Erzengel, einer Art Ganjmed, abgehalten werden zu 
schimpfen und zu fluchen, weil diese Verwünschungen sich sofort erfüllen würden. 
— Das Plänemachen ist ein aus späterer Zeit der Kritik stammender Vorwurf 
gegen den Vater, wie überhaupt der ganze rebellische, majestätsbeleidigende und 
die hohe Obrigkeit verhöhnende Inhalt des Traumes auf Auflehnung gegen den 
Vater zurückgeht Der Fürst heißt Landesvater, und der Vater ist die älteste, erste, 
für das Kind einzige Autorität, aus dessen Machtvollkommenheit im Laufe der 



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158 V. Traummaterial und Traumqneilen. 

?'^Wenn die beiden Urinierszenen aus der Kindheit bei mir ohne- 
dies mit dem Thema der Größensucht eng verbunden sind, so kam 
ihrer Erweckung auf der Beise nach Aussee noch der zufällige Um- 
stand zu gute, daß mein Coup6 kein Klosett besaß, und ich vorbereitet 
sein mußte, während der Fahrt in Verlegenheit zu kommen, was dann 
am Morgen auch eintraf. Ich erwachte dann mit den Empfindungen 
des körperlichen Bedürfnisses, Ich meine, man könnte geneigt sein, 
diesen Empfindungen die Rolle des eigentlichen Traumerregers zuzu- 
weisen, w^ürde aber einer anderen Auffassung den Vorzug geben, 
nämlich daß die Traumgedanken erst den Harndrang hervorgerufen 
haben. Es ist bei mir ganz ungewöhnlich, daß ich durch irgend ein 
Bedürfnis im Schlafe gestört werde, am wenigsten um die Zeit dieses 
Erwachens, ^1^3 Uhr morgens. Einem weiteren Einwand begegne ich 
durch die Bemerkung, daß ich auf anderen Reisen unter bequemeren 
Verhältnissen fast niemals den Harndrang nach frühzeitigem Erwachen 
verspürt habe. Übrigens kann ich diesen Punkt auch ohne Schaden 
unentschieden lassen. 

Seitdem ich ferner durch Erfahrungen bei der Traumanalyse 
aufmerksam gemacht worden bin, daß auch von Träumen, deren 
Deutung zunächst vollständig erscheint, weil Traumquellen und 
Wunscherreger leicht nachweisbar sind, — daß auch von solchen 
Träumen wichtige Gedankenfiiden ausgehen, die bis in die früheste 
Klindhoit hineinreichen, habe ich mich fragen müssen, ob nicht auch 
in diesem Zuge eine wesentHche Bedingung des Träumens gegeben ist. 
Wenn ich diesen Gedanken verallgemeinern dürfte, so käme jedem 
Traum in seinem manifesten Inhalt eine Anknüpfung an das rezent 
Erlebte zu, in seinem latenten Inhalt aber eine Anknüpfung an das 
älteste Erlebte, von dem ich bei der Analyse der Hysterie wirklich 
zeigen kann, daß es im gutem Sinne bis auf die Gegenwart rezent 
geblieben ist. Diese Vermutung erscheint aber noch recht schwer er- 
menschlichen KultorfTCSchichte die anderen sozialen Obrigkeiten hervorgegangen sind 
(insofern nicht das „Mutterrecht^ zur Einschränkung dieses Satzes nötigt.) — Die 
Fassung im Traume „Denken und Erleben sind Eins^, zielt aaf die Erklärung der 
hysterischen Symptome, zu der auch das männliche Glas eine Beziehang hat. 
Einem Wiener brauchte ich das Prinzip des „Gschnas'' nicht auseinanderzusetzen ; 
es besteht darin, Gegenstände von seltenem und wertvollem Ansehen aus trivialem, 
am liebsten komischem und wertlosem Material herzustellen, z. B. Rüstungen aus 
Kochtöpfen, Strohwischen und Salzstangeln, wie es unsere Künstler an ihren lustigen 
Abenden lieben. Ich hatte nun gemerkt, daß die Hysterischen es ebenso machen; 
neben dem, was ihnen wirklich zugestoßen ist, gestalten sie sich unbewußt gräßliche 
oder ausschweifende Phantaaiebegebenheiten, die sie aus dem harmlosesten und 
banalsten Material des Erlebens aufbauen. An diesen Phantasien hängen erst die 
Symptome, nicht an den Erinnerungen der wirklichen Begebenheiten, seien diese nun 
ernsthaft oder gleichfalls harmlos. Diese Aufklärung hatte mir über viele Schwierige 
keiten hinweggeholfen und machte mir viel Freude, Ich konnte sie mit dem Traum* 
element des „männlichen Glases** andeuten, weil mir von dem letzten ^Gschnaa« 
abend"^ erzählt worden war, es sei dort ein Giftbecher der Lukretia Borgia ausgestellt 
gewesen, dessen Kern und Hauptbestandteil ein Uringlas für Männer, wie es in 
den Spitälern gebräuchlich ist, gebildet hätte. 



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Die somatischen Tranmquellen. 159 

weislich ; ich werde auf die wahrscheinliche Rolle frühester Kindheits- 
erlebnisse für die Traumbildung noch in anderem Zusanamenhang 
(Abschnitt VII) zurückkommen müssen. 

^/> Von den drei eingangs betrachteten Besonderheiten des Traum - 
gedächtnisses hat sich uns die eine — die Bevorzugung des Neben- 
sächlichen im Trauminhalt — durch ihre Zurückführung auf die 
Traumentstellung befriedigend gelöst Die beiden anderen, die 
Auszeichnung des Rezenten j gin ^a<^ TnfarrtjWii haben wir bestätigen, 
aber nicht aus den Motiven des Träumens ableiten können. Wir wollen 
diese beiden Charaktere, deren Erklärung oder Verwertung uns er- 
übrigt, im Gedächtnis behalten ; sie werden anderswo ihre Einreihung 
finden müssen, entweder in der Psychologie des Schlafzustandes oder 
bei jenen Erwägungen über den Aufbau des seelischen Apparats, die 
wir später anstellen werden, wenn" wir gemerkt haben, dair man durch*"^ 
die Traumdeutung wie durch eine Fensterlücke in das Innere desselben 
einen Blick werfen kann. j 

Ein anderes Ergebnis der letzten Traumanalysen will ich aber gleich 
hier hervorheben. Der Traum erscheint häutig mehrdeutig : es >/ 
können nicht nur, wie Beispiele zeigen, mehrere Wunscherfüllungen 
nebeneinander in ihm vereinigt sein; es kann auch ein Sinn, eine 
WunscherftlUung die andere decken, bis man zu unterst auf die 
Erfüllung eines Wunsches aus der ersten • Kindheit stößt, und auch 
hier wieder die Erwägung, ob in diesem Satze das „häufig'^ nicht 
richtiger durch „regelmäßig" zu ersetzen ist. 

c) Die somatischen Traumquellen. 

^''^ Wenn man den Versuch macht, einen gebildeten Laien für die 
Probleme des Träumens zu interessieren, und in dieser Absicht die 
Frage an ihn richtet, aus welchen Quellen wohl nach seiner Meinung 
die Träume herrühren, so merkt man zumeist, daß der Gefragte im 
gesicherten Besitze eines Teiles der Lösung zu sein vermeint. Er ge- 
denkt sofort des Einflusses, den gestörte oder beschwerte Verdauung 
(^Träume kommen aus dem Magen"), zufällige Körperlage und kleine 
Erlebnisse während des Schlafens auf die Traumbildung äußern, und 
scheint nicht zu ahnen, daß nach Berücksichtigung all dieser Momente 
etwas der Erklärung Bedürftiges noch erübrigt. 

Welche Rolle für die Traumbildung die wissenschaftliche Literatur 
den somatischen Reizquellen zugesteht, haben wir im einleitenden 
Abschnitt (Seite 14 u. flF.) ausführlich auseinandergesetzt, so daß wir 
uns hier nur an die Ergebnisse dieser Untersuchung zu erinnern 
brauchen. Wir haben gehört, daß dreierlei somatische Reizquellen 
unterschieden werden, die von äußeren Objekten ausgehenden objek- 
tiven Sinnesreize, die nur subjektiv begründeten inneren Erregungs- 
zustände der Sinnesorgane und die aus dem Körperinnern stammenden 
Lieibreize, und wir haben die Neigung der Autoren bemerkt, neben 



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160 V. Traummaterial und Traum quellen. 

diesen somatischen Reizquellen etwaige psychische Quellen des Tranmes 
in den Hintergrund zu drängen oder ganz auszuschalten (Seite 29). 
Bei der Prüfung der Ansprüche, welche zu Gunsten dieser Klassen 
von somatischen Keizquellen erhoben werden, haben wir erfahren, 
daß die Bedeutung der objektiven Sinnesorganerregungen — teils 
zufällige Reize während des Schlafes, teils solche, die sich auch vom 
schlafenden Seelenleben nicht fem halten lassen — durch zahlreiche 
Beobachtungen sichergestellt wird und durch das Experiment eine 
Bestätigung erfährt (Seite 16), daß die Rolle der subjektiven Sinnes* 
erregungen durch die Wiederkehr der hypnagogischen Sinnesbilder in 
den Träumen (p. 22) dargetan erscheint, und daß die im weitesten 
Umfang angenommene Zurückführung unserer Traumbilder und Traum- 
vorstellungen auf inneren Leibreiz zwar nicht in ihrer ganzen Breite 
beweisbar ist, aber sich an die allbekannte Beeinflussung anlehnen 
kann, welche der Erregungszustand der Digestions-, Harn und Sexual* 
Organe auf den Inhalt unserer Träume ausübt. 

/n^Nervenreiz*^ und „Leibreiz" wären also die somatischen 
Quellen des Traumes, d. h. nach mehreren Autoren die einzigen 
Quellen des Traumes überhaupt. 

Wir haben aber auch bereits einer Reihe von Zweifeln Gehör 
geschenkt, welche nicht sowohl die Richtigkeit als vielmehr die Zu- 
länglichkeit der somatischen Reiztheorie anzugreifen schienen. 

So sicher sich alle Vertreter dieser Lehre bezüglich deren tat- 
sächlichen Grundlagen fühlen mußten — zumal soweit die akziden- 
tellen und äußeren Nervenreize in Betracht kommen, die im Traum- 
inhalt wiederzufinden keinerlei Mühe erfordert — , so blieb doch keiner 
der Einsicht fern, daß der reiche Vorstellungsinhalt der Träume eine 
Ableitung aus den äußeren Nervenreizen allein wohl nicht zulasse. 
Miß Mary Whiton Calkins^*) hat ihre eigenen Träume und die 
einer zweiten Person durch sechs Wochen hindurch von diesem 
Gesichtspunkte aus geprüft und nur 13'27o resp. 6-77o gefunden, in 
denen das Element äußerer Sinneswahrnehmung nachweisbar war ; nur 
zwei Fälle der Sammlung ließen sich auf organische Empfindungen 
zurückführen. Die Statistik bestätigt uns hier, was uns bereits eine 
flüchtige Überschau unserer eigenen Erfahrungen hatte vermuten 
lassen. 

Man beschied sich vielfach, den „ Nervenreiztraum *^ als eine gut 
erforschte Unterart des Traumes vor anderen Traumformen hervorzu- 
heben. Spitta^*) trennte die Träume in Nervenreiz- und Asso- 
ziationstraum. Es war aber klar, daß die Lösung unbefriedigend 
blieb, solange es nicht gelang, das Band zwischen den somatischen 
Traumquellen und dem Vorstellungsinhalt des Traumes nachzuweisen. 
"^ Neben den ersten Einwand, der Unzulänglichkeit in der 
Häufigkeit der äußeren Reizquellen, stellt sich so als zweiter die 
Unzulänglichkeit in der Aufklärung des Traumes, die durch die 
Einführung dieser Art von Traumquellen zu erreichen ist Die Ver- 



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Die somatischen Tranrnquellen nach den Autoren» 161 

treter der Lehre sind uns zwei solcher Aufklärungen schuldig, 
erstens, warum der äußere Reiz im Traume nicht in seiner wirklichen 
Natur erkannt, sondern regelmäßig verkannt wird (vergl. die Wecker- 
träume, Seite 19), und zweitens warum das Resultat der Reaktion der 
wahrnehmenden Seele auf diesen verkannten Reiz so unbestimmbar 
wechselvoU ausfallen kann. Als Antwort auf diese Frage haben wdr 
von Strümpell ^^) gehört, daß die Seele infolge ihrer Abwendung 
von der Außenwelt während des Schlafens nicht im stände ist, die 
richtige Deutung des objektiven Sinnesreizes zu geben, sondern ge- 
nötigt wird, auf Grund der nach vielen Richtungen unbestimmten 
Anregung Illusionen zu bilden, in seinen Worten ausgedrückt 
(p. 108): 

7(^ „Sobald durch einen äußeren oder inneren Nervenreiz während 
des Schlafes in der Seele eine Empfindung oder ein Empfindungs- 
komplex, ein GefUhl, überhaupt ein psychischer Vorgang entsteht und 
von der Seele perzipiert wird, so ruft dieser Vorgang aus dem 
der Seele vom Wachen her verbliebenen Erfahrungskreise Empfindungs- 
bilder, also frühere Wahrnehmungen, entweder nackt oder mit zu- 
gehörigen psychischen Werten hervor. Er sammelt gleichsam um sich 
eine größere oder kleinere Anzahl solcher Bilder, durcji welche der 
vom Nervenreiz herrührende Eindruck seinen psychischen Wert be- 
kommt. Man sagt gewöhnlich auch hier, wie es der Sprachgebrauch 
für das wache Verhalten tut, daß die Seele im Schlafe die Nervenreiz- 
eindrücke deute. Das Resultat dieser Deutung ist der sogenannte 
Nervenreiztraum, d. h. ein Traum, dessen Bestandteile dadurch 
bedingt sind, daß ein Nerv^enreiz nach den Gesetzen der Reproduktion 
seine psychische Wirkung im Seelenleben vollzieht" 
?/i In allem wesentlichen mit dieser Lehre identisch ist die Äußerung 
von Wundt^^), die Vorstellungen des Traumes gehen jedenfalls zum 
größten Teil von Sinnesreizen aus, namentlich auch von solchen des 
allgemeinen Sinnes, und sind daher zumeist phantastische Illusionen, 
walirscheinlich nur zum kleineren Teil reine, zu Halluzinationen ge- 
steigerte Erinnerungsvorstellungen. Für das Verhältnis des Traum- 
inhalts zu den Traumreizen, welches sich nach dieser Theorie ergibt, 
findet Strümpell das treffliche Gleichnis (p. 84), es sei, wie „wenn 
die zehn Finger eines der Musik ganz unkundigen Menschen über die 
Tasten des Instruments hinlaufen.^ Der Traum erschiene so nicht als 
ein seelisches Phänomen, aus psychischen Motiven entsprungen, son- 
dern als der Erfolg eines physiologischen Reizes, der sich in psychi- 
scher Symptomatologie äußert, weil der vom Reize betroffene Apparat 
keiner anderen Änderung fUhig ist. Auf eine ähnliche Voraussetzung 
ist z. B. die Erklärung der Zwangsvorstellungen aufgebaut, die M e y n e r t 
durch das berühmte Gleichnis vom Zifferblatt, auf dem einzelne Zahlen 
stärker gewölbt vorspringen, zu geben versuchte- 
/-' ' So beliebt diese Lehre von den somatischen Traumreizen ge- 
worden ist und so bestechend sie erscheinen mag, so ist es doch leicht, 

Kread, Traumdeutung. 8. Auä. 11 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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i62 V, Tranmmaterial nnd Tranmquellen. 

den schwachen Pimkt in ihr an&uweisen. Jeder somatische Traum- 
reiz, welcher im Schlafe d^i seelischen Apparat zor Deutung durch 
Illusionsbildung auffordert, kann ungezählt viele solcher Deutungs- 
versuche anregen, abo in ungemein verschiedenen Vorstellungen seine 
Vertretung im Trauminhalt erreichen. Die Lehre von Strümpell 
und Wundt ist aber unfähig, irgend ein Motiv anzugeben, welches 
die Beziehung zwischen dem äußeren Reiz und der zu seiner Deutung 
gewählten Traum Vorstellung regelt, also die ,, sonderbare Auswahl^ zu 
erklären, welche die Reize „oft genug bei ihrer reproduktiven Wirk- 
samkeit treffen." (Lipps,- Grundtatsachen des Seelenlebens, Seite 170.) 
Andere Einwendungen richten sich gegen die Grundvoraussetzung der 
ganzen Illusionslehre, daß die Seele im Schlafe nicht in der Lage sei, 
die wirkliche Natur der objektiven Sinnesreize zu erkennen. Der alte 
Physiologe Burdach ^) beweist uns, daß die Seele auch im Schlafe 
sehr wohl fkhi^ ist, die an sie gelangenden Sinneseindrttcke richtig zu 
deuten und der richtigen Deutung gemäß zu reagieren, indem er aud- 
fuhrt, daß man gewisse, dem Individuam wichtig erscneinende Sinnes- 
eindrttcke von der Vernachlässigung während des Schlafes ausnehmen 
kann (Amme und Kind), und daß man durch den eigenen Namen 
weit sicherer geweckt wird als durch einen gleichgttltigen Gehörs- 
eindruck, was ja voraussetzt, daß die Seele auch im Schlafe zwischen 
den Sensationen unterscheidet (Abschnitt I, p. 37). Burdach folgert 
aus diesen Beobachtungen, daß während desSchlafeustandes nicht eine 
Unfähigkeit, die Sinnesreize zu deuten, sondern ein Mangel an 
Interesse für sie anzunehmen ist. Die nämlichen Argumente, die 
Burdach 1830 verwendet, kehren dann zur Bekämpfung der somati- 
schen Reiztheorie unverändert bei Lipps im Jahre 1883 wieder. Die 
Seele erscheint uns demnach wie der Schläfer in der Anekdote, 
der auf die Frage „Schläfst du" antwortet „Nein", nach der zweiten 
Anrede, „dann leih' mir zehn Gulden" aber sich hinter der Ausrede 
verschanzt: „Ich schlafe." 

ii^Die Unzulänglichkeit der Lehre von den somatischen Traum- 
reizen läßt sich auch auf andere Weise dartun. Die Beobachtung zeigt, 
daß ich durch äußere Reize nicht zum Träumen genötigt werde, 
wenngleich diese Reize im Trauminhalt erscheinen, sobald und Air 
den Fall, daß ich träume. Gegen einen Haut- oder Druckreiz etwa, 
der mich im Schlafe befkUt, stehen mir verschiedene Reaktionen zu 
Gebote. Ich kann ihn überhören und dann beim Erwachen finden, 
daß z. B, ein Bein unbedeckt oder ein Arm gedrückt war ; die Patho- 
logie zeigt mir ja die zahlreichsten Beispiele, daß verschiedenartige 
und kräftig erregende Empfindungs- und Bewegungsreize während des 
Schlafes wirkungslos bleiben. Ich kann die Sensation während des 
Schlafes verspüren, gleichsam durch den Schlaf hindurch, wie es in 
der Regel mit schmerzhaften Reizen geschieht, aber ohne den Schmerz 
in einen Traum zu verweben; und ich kann drittens auf den Reiz 
erwachen, um ihn zu beseitigen. Erst eine vierte mögliche Reaktion 



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OrfgfrTaffrom 
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Die Scherner sehe Leibreiztheone, 1 63 

ist, daß ich durch den Nervenreiz zum Traum veranlaßt werde; die 
anderen Möglichkeiten werden aber mindestens ebenso häufig voll- 
zogen wie die der Traumbildung. Dies könnte nicht geschehen, wenn 
nicht dasMotiv des Träumens außerhalb der somatischen 
Reizquellen läge. 

- In gerechter Würdigung jener oben aufgedeckten Lücke in der 
Erklärung des Traumes durch somatische Reize haben nun andere 
Autoren — Sc her n er ^^), dem der Philosoph Volkelt ^^) sich an- 
schloß — die Seelentätigkeiten, welche aus den somatischen Reizen 
die bunten Traumbilder entstehen lassen, näher zu bestimmen gesucht, 
also doch wieder das Wesen des Träumens ins Seeliche und in eine 
psychische Aktivität verlegt- Scherner gab nicht nur eine poetisch 
nachempfundene, glühend belebte Schilderung der psychischen Eigen- 
tümlichkeiten, die sich bei der Traumbildung entfalten; er glaubte 
auch das Prinzip erraten zu haben, nach dem die Seele mit den ihr 
dargebotenen Reizen verfahrt. In freier Betätigung der ihrer Tages- 
fesseln entledigten Phantasie strebt nach Scherner die Traumarbeit 
dahin, die Natur des Organs, von dem der Reiz ausgeht, und die 
Art dieses Reizes symbolisch darzustellen. Es ergibt sich so eine 
Art von Traumbuch als Anleitung zur Deutung der Träume, mittels 
dessen aus Traumbildern auf Körpergefühle, Organznstände und Reiz- 
zustände geschlossen werden darf, „So drückt das Bild der Katze 
die ärgerliche Mißstimmung des Gemütes aus, das Bild des hellen und 
glatten Gebäcks die Leibesnacktheit, Der menschliche Leib als Ganzes 
wird von der Traumphantasie als Haus vorgestellt, das einzelne Körper- 
organ durch einen Teil des Hauses. In den „Zahnreizträumen" ent- 
spricht dem Mundorgan ein hochgewölbter Hausflur und dem Hinab- 
fall des Schlundes zur Speiseröhre eine Treppe, im „Kopfschmerztraum" 
wird zur Bezeichnung der Höhenstellung des Kopfes die Decke eines 
Zimmers gewählt, welche mit ekelhaften, krötenartigen Spinnen be- 
deckt ist" (Volkelt, p. 39). „Diese Symbole werden vom Traume 
in mehrfacher Auswahl für das nämliche Organ verwendet; so findet 
die atmende Lunge in dem flammenerfiillten Ofen mit seinem Brausen 
ihr Symbol, das Herz in hohlen Kisten und Körben, die Harnblase in 
runden, beutelformigen oder überhaupt nur ausgehöhlten Gegenständen. 
Besonders wichtig ist es, daß am Schlüsse des Traumes öfters das er- 
regende Organ oder dessen Funktion unverhüllt hingestellt wird, und 
zwar zumeist an dem eigenen Leibe des Träumers. So endet der „Zahn- 
reiztraum" gewöhnlich damit, daß der Träumer sich einen Zahn aus 
dem Munde zieht" (p. 35). Man kann nicht sagen, daß diese Theorie 
der Traumdeutung viel Gunst bei den Autoren gefunden hat. Sie 
erschien vor allem extravagant; man hat selbst gezögert, das Stück 
Berechtigung herauszufinden, das sie nach meinem Urteil beanspruchen 
darf. Sie führt, wie man sieht, zur Wiederbelebung der Traumdeutung 
mittels Symbolik, deren sich die Alten bedienten, nur daß das Ge- 
biet, aus welchem die Deutung geholt werden soll, auf den Umfang 

11* 



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164 V, Traummaterial und Traumquellen. 

der menschlichen Leiblichkeit beschränkt wird. Der Mangel einer 
wissenschaftlich faßbaren Technik bei der Deutung muß die Anwend- 
barkeit der Sehern ersehen Lehre schwer beeinträchtigen. Willkür 
in der Traumdeutung seheint keineswegs ausgeschlossen, zumal da 
auch hier ein Reiz sich in mehrfachen Vertretungen im Trauminhalt 
äußern kann; so hat bereits Scherners Anhänger Volkelt die 
Darstellung des Körpers als Haus nicht bestätigen können. Es muß 
auch Anstoß erregen, daß hier wiederum der Seele die Traumarbeit 
als nutz- und ziellose Betätigung auferlegt ist, da sich doch nach der 
in Rede stehenden Lehre die Seele damit begnügt, über den sie be- 
schäftigenden Reiz zu phantasieren, ohne daß etwas wie eine Erledigung 
des Reizes in der Ferne winkte. 

^^'^Von einem Einwand aber wird die Schernersche Lehre der 
Symbolisierung von Leibreizen durch den Traum schwer getroffen. 
Diese Leibreize sind jederzeit vorhanden, die Seele ist für sie nach 
allgemeiner Annahme während des Schlafens zugänglicher als im 
Wachen. Man versteht dann nicht, warum die Seele nicht kontinuierlich 
die Nacht hindurch träumt, und zwar jede Nacht von allen Organen. 
Will man sich diesem Einwand durch die Bedingung entziehen, es 
müßten vom Auge, Ohre, von den Zähnen, Därmen u- s. w. besondere 
Erregungen ausgehen, um die Traumtätigkeit zu wecken, so steht man 
vor der Schwierigkeit, diese Reizsteigerungen als objektiv zu erweisen^ 
was nur in einer geringen Zahl von Fällen möglich ist. Wenn der 
Traum vom Fliegen eine Symbolisierung des Auf- und Niedersteigen s 
der Lungenflügel bei der Atmung bedeutet, so müßte entweder dieser 
Traum, wie schon Strümpell bemerkt, weit häufiger geträumt werden 
oder eine gesteigerte Atmungstätigkeit während dieses Traumes nach- 
weisbar sein. Es ist noch ein dritter Fall möglich, der wahrschein- 
lichste von allen, daß nämlich zeitweise besondere Motive wirksam 
sind, um den gleichmäßig vorhandenen viszeralen Sensationen Auf- 
merksamkeit zuzuwenden, aber dieser Fall führt bereits über die 
Schernersche Theorie hinaus. 

Der Wert der Erorternngen von Scherner und Volkelt 
liegt darin, daß sie auf eine Reihe von Charakteren des Trauminhaltes 
aufmerksam machen, welche der Erklärung bedürftig sind und neue 
Erkentnisse zu verdecken scheinen. Es ist ganz richtig, daß in den 
Träumen Symbolisierungen von Körperorganen und Funktionen ent- 
halten sind, daß Wasser im Traume häufig auf Harnreiz deutet, daß 
das männliche Genitale durch einen aufrecht stehenden Stab oder eine 
Säule dargestellt werden kann u. s. w. In Träumen, welche ein sehr 
bewegtes Gesichtsfeld und leuchtende Farben zeigen, im Gegensatz zu 
der Mattigkeit anderer Träume, kann man die Deutung als „Gesichts- 
reiztraum'* kaum abweisen, ebensowenig den Beitrag der Illusionsbildung 
in Träumen bestreiten, welche Lärm und Stimmengewirr enthalten. Ein 
Traum wie der von Scherner, daß zwei Reihen schöner blonder 
Knaben auf einer Brücke einander gegenüber stehen, sich gegenseitig an- 



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Die somatischen Reize als rezentes Material behandelt. 165 

greifen, dann wieder ihre alte Stellung einnehmen, bis endlich der Träumer 
sich auf eine Brücke setzt und einen langen Zahn aus seinem Kiefer zieht ; 
oder ein ähnlicher von V o 1 k e 1 1, in dem zwei Reihen von Schubladen 
eine Rolle spielen, und der wiederum mit dem Ausziehen eines Zahnes 
endigt: dergleichen bei beiden Autoren in großer Fülle mitgeteilte 
TraumbUdungen lassen es nicht zu, daß man die Sehern ersehe 
Theorie als müßige Erfindung bei Seite wirft, ohne nach ihrem guten 
Kerne zu forschen. Es stellt sich dann die Aufgabe, ftlr die vermeint- 
liche Symbolisierung des angeblichen Zahnreizes eine andersartige Auf- 
klärung zu erbringen, 

^^'^Ich habe es die ganze Zeit über, welche uns die Lehre von den 
somatischen Traumquellen beschäftigte, unterlassen, jenes Argument 
g^tend zu machen, welches sich aus unseren Traumanalysen ableitet. 
Wenn wir durch ein Verfahren, das andere Autoren auf ihr Material 
an Träumen nicht angewendet haben, erweisen konnten, daß der Traum 
einen ihm eigenen Wert als psychische Aktion besitzt, daß ein Wunsch 
das Motiv seiner Bildung wird, und das die Erlebnisse des Vortages 
das nächste Material für seinen Inhalt abgeben, so ist jede andere 
Traumlehre, welche ein so wichtiges Untersuchungsverfahren vernach- 
lässigt und dementsprechend den Traum als eine nutzlose und rätsel- 
hafte psychische Reaktion auf somatische Reize erscheinen läßt, auch 
ohne besondere Kritik gerichtet. Es müßte denn, was sehr imwahr- 
scheinlich ist, zwei ganz verschiedene Arten von Träumen geben, von 
denen die eine nur uns, die andere nur den früheren Beurteilern des 
Traumes untergekommen ist. Es erübrigt nur noch, den Tatsachen, 
auf welche sich die gebräuchliche Lehre von den somatischen Traum- 
reizen stützt, eine Unterbringung innerhalb unserer Traumlehre zu 
verschaflFen. 

Den ersten Schritt hiezu haben wir bereits getan, als wir den 
Satz aufstellten, daß die Traumarbeit unter dem Zwange stehe, alle~ 
gleichzeitig vorhandenen Traumanregungen zu einer Einheit zu ver- 
arbeiten (Seite 130). Wir sahen, daß, wenn zwei oder mehr eindrucks- 
fähige Erlebnisse vom Vortage übrig geblieben sind, die aus ihnen 
sich ergebenden Wünsche in einem Traume vereinigt werden, des- 
g'leichen, daß zum Traummaterial der psychisch wertvolle Eindruck 
und die indifferenten Erlebnisse des Vortages zusammentreten, voraus- ' 
gesetzt, daß sich kommunizierende Vorstellungen zwischen beiden her- i 
stellen lassen. Der Traum erscheint somit als Reaktion auf alles, was ! 
in der schlafenden Psyche gleichzeitig als aktuell vorhanden ist. So- ! 
weit wir also das Traummaterial bisher analysiert haben, erkannten 
wir es als eine Sammlung von psychischen Resten, Erinnerungsspuren, 
denen wir (wegen der Bevorzugung des rezenten und des infantilen 
Materials) einen psychologisch derzeit unbestimmbaren Charakter von 
Aktualität zusprechen mußten. Es schafft uns nun nicht viel Ver- 
legenheit vorherzusagen, was geschehen wird, wenn zu diesen Erinne- 
rungsaktualitäten neues Material an Sensationen während des Schlaf- 



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166 V. Traummaterial und Traumquellen. 

zustandes hinzutritt. Diese Erregungen erlangen wiederum eine Wich- 
tigkeit für den Traum dadurch, daß sie aktuell sind; sie werden mit 
den anderen psychischen Aktualitäten vereinigt, um das Material ftlr 
die Traumbilaung abzugeben. Die Reize während des Schlafes werden, 
um es anders zu sagen, in eine WunscherfUllung verarbeitet, deren 
andere Bestandteile die uns bekannten psychischen Tagesreste sind. 
Diese Vereinigung muß nicht vollzogen werden ; wir haben ja gehört, 
daß gegen körperliche Reize während des Schlafes mehr als eine Art 
des Verhaltens möglich ist. Wo sie vollzogen wird, da ist es eben 
gelungen, ein Vorstellungsmaterial für den Trauminhalt zu finden, 
welches fiir beiderlei Traumquellen, die somatischen wie die psychi- 
schen, eine Vertretung darstellt. 

Das Wesen des Traumes wird nicht verändert, wenn zu den 
psychischen Traumquellen somatisches Material hinzutritt; er bleibt 
eine Wunscherfüllung, gleichgültig wie deren Ausdruck durch das 
aktuelle Material bestimmt wird. 

'^^^l(^\i will hier gern Raum lassen für eine Reihe von Eigentüm- 
lichkeiten, welche die Bedeutung äußerer Reize für den Traum ver- 
änderlich gestalten können. Ich stelle mir vor, daß ein Zusammen- 
wirken individueller, physiologischer und zufklliger, in den jeweiligen 
Umständen gegebener Momente darüber entscheidet, wie man si^h in 
den einzelnen Fällen von intensiverer objektiver Reizung währen/^ des 
Schlafes benehmen wird ; die habituelle und akzidentelle Schlaftiefe im 
Zusammenhalt mit der Intensität des Reizes wird es das eine Mal er- 
möglichen, den Reiz so zu unterdrücken, daß er im Schlafe nicht stört, 
ein anderes Mal dazu nötigen aufzuwachen, oder den Versuch unter- 
stützen, den Reiz durch Verwebung in einen Traum zu überwinden. 
Der Mannigfaltigkeit dieser Konstellationen entsprechend werden äußere 
objektive Reize bei dem einen häufiger oder seltener im Traume zum 
Ausdruck kommen als bei dem anderen. Bei mir, der ich ein aus- 
gezeichneter Schläfer bin und hartnäckig daran festhalte, mich durch 
keinen Anlaß im Schlafe stören zu lassen, ist die Einmen^ung äußerer 
Erregungsursachen in die Träume sehr selten, während psychische 
Motive mich doch offenbar sehr leicht zum Träumen bringen. Ich 
habe eigentlich nur einen einzigen Traum aufgezeichnet, in dem eine 
objektive, schmerzhafte Reizquelle zu erkennen ist und gerade in 
diesem Traume wird es sehr lehrreich werden nachzusehen, welchen 
Traumerfolg der äußere Reiz gehabt hat. 

:" ' Ich reite auf einem grauen Pferde, zuerst zaghaft 
nnd ungeschickt, als ob ich nur angelehnt wäre. Da be- 
gegne ich einem Kollegen P., der im Lodenanzug hoch zu 
Roß sitzt und mich an etwas mahnt (wahrscheinlich, daß ich 
schlecht sitze). Nun finde ich mich auf dem höchst in- 
telligenten Roß immer mehr zurecht, sitze bequem und 
merke, daß ich oben ganz heimisch bin. Als Sattel habe 
ich eine Art Polster, das den Raum zwischen Hals und 



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Der Traum vom Reiten. 167 

Croup daa Pferdes vollkommen ausfüllt. Ich reite so 
knapp zwischen zwei Lastwagen hindurch. Nachdem ich 
die Straße eine Strecke weit geritten bin, kehre ich 
um und will absteigen, zunächst vor einer kleinen offe- 
nen Kapelle, die in der Straßenfront liegt. Dann steige 
ich wirklich vor einer ihr nahestehenden ab; das Hotel 
ist in derselben Straße; ich könnte das Pferd allein 
hingehen lassen, ziehe aber vor, es bis dahin zu führen. 
Es ist, als ob ich mich schämen würde, dort als Reiter 
anzukommen. Vor dem Hotel steht ein Hotelbursche, 
der mir einen Zettel zeigt, der von mir gefunden wurde, 
und mich darum verspottet. Auf dem Zettel steht, zwei- 
nial unterstrichen: Nichts essen und dann ein zweiter 
Vorsatz (undeutlich) wie: nichts arbeiten; dazu eine 
dumpfe Idee, daß ich in einer fremden Stadt bin, in der 
ich nichts arbeite. 

a^^ Dem Traume wird man zunächst nicht anmerken, daß er unter 
dem Einflüsse, unter dem Zwange vielmehr, eines Schmerzreizes ent- 
standen ist. Ich hatte aber tags vorher an Furunkeln gelitten, die 
mir jede Bewegung zur Qual machten, und zuletzt war ein Furunkel 
an der Wurzel des Skrotum zur Apfelgröße herangewachsen, hatte mir 
bei jedem Schritte die unerträglichsten Schmerzen bereitet, und fieber- 
hafte Müdigkeit, Eßunlust, die trotzdem festgehaltene schwere Arbeit 
des Tages hatten sich mit den Schmerzen vereint, um meine Stimmung 
zu stören. Ich war nicht recht ftlhig, meinen ärztUchen Aufgaben 
nachzukommen, aber bei der Art und bei dem Sitze des Übels ließ 
sich an eine andere Verrichtung denken, für die ich sicherlich so 
untauglich gewesen wäre wie filr keine andere, und diese ist das 
Reiten. Gerade in diese Tätigkeit versetzt mich nun der Traum; es 
ist die energischeste ^egation des Leidens, die der Vorstellung zu- 
gänglich ist. Ich kann überhaupt nicht reiten, träume auch sonst 
nicht davon, bin überhaupt nur einmal auf einem Pferde gesessen 
und damals ohne Sattel, und es behagte mir nicht. Aber in diesem 
Traume reite ich, als ob ich keinen Furunkel am Damm hätte, nein 
gerade weil ich keinen haben will. Mein Sattel ist der Be- 
schreibung gemäß der Breiumschlag, der mir das Einschlafen ermöglicht 
hat. Wahrscheinlich habe ich durch die ersten Stunden des Schlafes 
— so verwahrt — nichts von meinem Leiden verspürt. Dann meldeten 
sich die schmerzhaften Empfindungen und wollten mich aufwecken, 
da kam der Traum und sagte beschwichtigend: „Schlaf doch weiter, 
du wirst doch nicht aufwachen ! Du hast ja gar keinen Furunkel, denn 
du reitest ja auf einem Pferde, und mit einem Furunkel an der Stelle 
kann man doch nicht reiten!'^ Und es gelang ihm so; der Schmerz 
wurde übertäubt und ich schlief weiter. 

t;bDer Traum hat sich aber nicht damit begnügt, mir durch die 
hartnäckige Festhaltung einer mit dem Leiden unverträglichen Vor- 



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168 V. Traammaterial und Tranrnqnellen. 

stellang, den Fnrankel „abzusnggerieren^, wobei er sich benommen 
wie der halluzinatorische Wahnsinn der Mutter, die ihr Kind ver- 
loren hat,*) oder des Kaufmanns, den Verluste um sein Vermögen 
gebracht haben ; sondern die Einzelheiten der abgeleugneten Sensation 
rund des zu ihrer Verdrängung gebrauchten Bildes dienen ihm auch 
I als Material, um das, was sonst in der Seele aktuell vorhanden ist, an 
l^die Situation des Traumes anzuknüpfen und zur Darstellung zu bringen. 
Ich reite ein graues Pferd, die Farbe des Pferdes entspricht genau 
dem pfeffer- und salzfarbigen Dreß, in dem ich dem KoUegen 
P. zuletzt auf dem Lande begegnet bin. Scharf gewürzte Nahrung 
ist mir als die Ursache der Furunkulose vorgehalten worden, inmier- 
hin als Ätiologie dem Zucker vorzuziehen, an den man bei Furun- 
kulose denken kann. Freund P. liebt es, sich mir gegenüber aufs 
hohe Roß zu setzen, seitdem er mich bei einer Patientin abgelöst, 
mit der ich ^roße Kunststücke ausgeführt hatte (ich sitze im 
Traume auf dem Pferde zuerst wie ein Kunstreiter tangential), 
die mich aber wirklich, wie das Roß in der Anekdote den Sonntags- 
reiter geflihrt hat, wohin sie wollte. So kommt das Roß zur sym- 
bolischen Bedeutung einer Patientin (es ist im Traume höchst in- 
telligent), pich fühle mich ganz heimisch oben^ geht auf 
die Stellung, die ich in dem Hause inne hatte, ehe ich durch P. er- 
setzt wurde. „Ich habe gemeint, Sie sitzen oben fest im 
Sattel^, hat mir mit Beziehung auf dasselbe Haus einer meiner 
wenigen Gönner unter den großen Ärzten dieser Stadt vor kurzem 
gesagt. EJs war auch ein Kunststück, mit solchen Schmerzen acht, 
bis zehn Stunden täglich Psychotherapie zu treiben, aber ich weißs 
daß ich ohne volles körperliches Wohlbefinden meine besonderi 
schwierige Arbeit nicht lauge fortsetzen kann, und der Traum ist vol 
düsterer Anspielungen auf die Situation, die sich dann eigeben muß 
(der Zettel, wie ihn die Neurastheniker haben und dem Arzte vor- 
zeigen): — Nicht arbeiten und nicht essen. Bei weiterer 
Deutung sehe ich, daß es der Trau marbeit gelungen ist, von der 
Wanaßhsituation des Reitens den Weg zu finden zu sehr frühen 
Kinderstreitszenen, die sicF zwischen mir und einem jetzt m England 
lebenden, übrigens um ein Jahr älteren Neffen abgespielt haben mußten. 
Außerdem hat er Elemente aus meinen Reisen in Italien aufge- 
nommen; die Straße im Traume ist aus Eindrücken von Verona mid 
von Siena zusammengesetzt. Noch tiefer gehende Deutung führt zu 
sexuellen Traumgedanken, und ich erinnere mich, was bei einer Pa- 
tientin, die nie in Italien war, die Traumanspielungen an das schöne 
Land bedeuten sollten (gen Italien — Genitalien), nicht ohne An- 
knüpfung gleichzeitig an das Haus, in dem ich vor Freund P. Arzt 
war, und an die Stelle, an welcher mein Furunkel sitzt. 

*) Vergleiche die Stelle bei Grie sioger'^) nnd die Bemerknng in meinem 
zweiten AafsatsB über dieAbwehr-Psjchoneurosen, Neurologisches Zentral- 
blatt, 1896. 



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Der Wünsch, den Schlaf fortzusetzen« 169 

"^"^ unter den in den vorstehenden Abschnitten erwähnten Träumen 
fknden sich bereits mehrere, die als Beispiele ftlr die Verarbeitung 
sogenannter Nervenreize dienen können. Der Traum vom Trinken in 
vollen Zügen ist ein solcher; in ihm ist der somatische Reiz anschei- 
nend die einzige Traumquelle, der aus der Sensation entspringende 
Wunsch — der Durst — das einzige Traummotiv. Ähnlich ist es in 
anderen einfachen Träumen, wenn der somatische Reiz fllr sich allein 
einen Wunsch zu bilden vermag. Der Iraum der Kranken, die Nachts 
den Kuhlapparat von der Wange abwirft, zeigt eine ungewöhnliche 
Art, auf Schmerzensreize mit einer Wunscherfüllung zu reagieren; es 
scheint, daß es der Kranken vorübergehend gelungen war, sich anal- 
gisch zu machen, wobei sie ihre Schmerzen einem Fremden zuschob, 
r'^i Mein Traum von den drei Parzen ist ein offenbarer Hunger- 
traum, aber er weiß das Nahrungsbedürfnis bis auf die Sehnsucht 
des Kindes nach der Mutterbrust zurückzuschieben, und die harmlose 
Begierde zur Decke für eine ernstere, die sich nicht so unverhüllt 
äußern darf, zu benützen. Im Traume vom Grafen Thun konnten 
wir sehen, auf welchen Wegen ein akzidentell gegebenes körperliches 
Bedürfnis mit den stärksten aber auch stärkst unterdrückten Regungen 
des Seelenlebens in Verbindung gebracht wird. Und wenn, wie in 
dem von Garnier berichteten Falle, der erste Konsul das Geräusch 
der explodierenden Höllenmaschine in einen Schlachtentraum verwebt, 
ehe er davon erwacht, so oflFenbart sich darin ganz besonders klar 
das Bestreben, in dessen Dienst die Seelentätigkeit sich überhaupt um 
die Sensationen während des Schlafens kümmert. [Ein junger Advokat, 
der voll von seinem ersten großen Konkurs des Nachmittags ein- 
schläft, benimmt sich ganz ähnlich wie der große Napoleon. Er 
träumt von einem gewissen G. Reich in Hussiatyn, den er aus 
dem Konkurs kennt, aber Hussiatyn drängt sich weiter gebieterisch 
auf; er muß erwachen und hört seine Frau, die an einem Bronchial- 
katarrh leidet, heftig — husten.] 

t^^^ Halten wir diesen Traum des ersten Napoleon, der übrigens ein 
ausgezeichneter Schläfer war, und jenen anderen des langschläfrigen 
Stadenten zusammen, der von seiner Zimmerfrau geweckt, er müsse 
ins Spital, sich in ein Spitalsbett träumt und dann mit der Motivierung 
weiterschläft: Wenn ich schon im Spital bin, brauche ich ja nicht 
aufzustehen, um hinzugehen. Der letztere ist ein offenbarer Bequem- 
lichkeitstraum, der Schläfer gesteht sich das Motiv seines Träumens 
unverhohlen ein, deckt aber damit eines der Geheimnisse des Träumens 
überhaupt auf. In gewissem Sinne sind alle Träume — Bequem- 
lichkeitsträume; sie dienen der Absicht, den Schlaf fortzusetzen, 
anstatt zu erwachen. Der Traum ist der Wächter des Schlafes, 
nicht sein Störer. Gegen die psychisch erweckenden Momente 
^fverden wir diese Auffassung an anderer Stelle rechtfertigen ; ihre An- 
wendbarkeit auf die Rolle der objektiven äußeren Reize können wir 
hier bereits begründen. Die Seele kümmert sich entweder überhaupt 



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170 V. Traammaterial und Traamqnellen. 

nicht um die Anlässe zu Sensationen während des Schlafes, wenn sie 
dies gegen die Intensität und die von ihr wohlverstandene Bedeutung* 
dieser Reize vermag ; oder sie verwendet den Traum dazu, diese Reize 
in Abrede zu stellen, oder drittens, wenn sie dieselben anerKennen muß, 
so sucht sie jene Deutung derselben auf, welche die aktuelle Sensation 
als einen Teilbestand einer gewünschten und mit dem Schlafen ver- 
träglichen Situation hinstellt. Die aktuelle Sensation wird in einen 
Traum verflochten, um ihr die Realität zu rauben. Napoleon 
darf weiter schlafen; es ist ja nur eine Traumerinnerung an den 
Kanonendonner von Arcole, was ihn stören will.*) 

fi^J Der Wunsch zu schlafen [,auf den sich das bewußte 
Ich eingestellt hat und der nebst der Traumzensur 
dessen Beitrag zumTräumen darstellt,] muß so als Motiv 
der Traumbildung jedesmal eingerechnet werden, und 
}eder gelungene Traum ist eine Erfüllung desselben. 
Wie dieser allgemeine, regelmäßig vorhandene und sich gleichbleibende 
Schlafwunsch sich zu den anderen Wünschen stellt, von denen bald der, 
bald jener durch den Trauminhalt erfüllt werden, dies wird Gegen- 
stand einer anderen Auseinandersetzung sein. In dem Schlafwunsch 
haben wir aber jenes Moment aufgedeckt, welches die Lücke in der 
Strümpell-Wundt sehen Theorie auszufüllen, die Schiefheit und 
Launenhaftigkeit in der Deutung des äußeren Reizes aufzuklären vei^ 
mag. Die richtige Deutung, deren die schlafende Seele sehr wohl 
fkhig ist, nähme ein tätiges Interesse in Anspruch, stellte die Anfor- 
derung dem Schlafe ein Ende zu machen ; es werden darum von den 
überhaupt möglichen Deutungen nur solche zugelassen, die mit der 
absolutistisch geübten Zensur des Schlafwunsches vereinbar sind. Etwa : 
Die Nachtigall ist's und nicht die Lerche. , Denn wenn's die Lerche 
ist, so hat die Liebesnacht ihr Ende gefunden. Unter den nun zu- 
lässigen Deutungen des Reizes wird dann jene ausgewählt, welche die 
beste Verknüpftmg mit den in der Seele lauernden Wunschanregungen 
erwerben kann. So ist alles eindeutig bestimmt und nichts der Will- 
kür überlassen. Die Mißdeutung ist nicht Illusion, sondern — wenn 
man so will — Ausrede. Hier ist aber wiederum, wie bei dem Elr- 
satz durch Verschiebung zu Diensten der Traumzensur, ein Akt der 
Beugung des normalen psychischen Vorganges zuzugeben. 

li/Wenn die äußeren Nerven- und inneren Leibreize intensiv genug 
sind, um sich psychische Beachtung zu erzwingen, so stellen sie — 
falls überhaupt Träumen und nicht Erwachen ihr Erfolg ist — einen 
festen Punkt fllr die Traumbildung dar, einen Kern im Traummaterial, 
zu dem eine entsprechende WunscherfüUung in ähnlicher Weise ge- 
sucht wird, wie (siehe oben) die vermittelnden Vorstellungen zwischen 
zwei psychischen Traumreizen. Es ist insofern ftlr eine Anzahl 
von Träumen richtig, daß in ihnen das somatische Element den 

*) Der Inhalt dieses Traumes wird in den zwei Quellen, aoB denen ich ihn 
kenne, nicht übereinstimmend erzählt. 



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Verwertung peinlicher Sensationen zur Erfüllung verdrängter Wünsche. 171 

TrauminhaJt kommandiert. In diesem extremen Falle wird selbst 
behufs der Traumbildung ein gerade nicht aktueller Wunsch geweckt. 
Der Traum kann aber nicht anders als einen Wunsch in einer 
Situation als erfüllt darstellen; er ist gleichsam vor die Aufgabe 
gestellt zu suchen, welcher Wunsch durch die nun aktuelle Sensation 
als erfüllt dargestellt werden kann. Ist dies aktuelle Material von 
schmerzlichem oder peinlichem Charakter, so ist es doch darum zur 
Traumbildung nicht unbrauchbar. Das Seelenleben verfügt auch 
über Wünsche, deren Erfüllung Unlust hervorruft, was ein Wider- 
spruch scheint, aber durch die Berufung auf das Vorhandensein 
zweier psychischer Instanzen und die zwischen ihnen bestehende Zensur 
erklärlich wird. 

^^^Es gibt, wie wir gehört haben, im Seelenleben verdrängte 
Wünsche, die dem ersten System angehören, gegen deren Erfüllung 
das zweite System sich sträubt. Es gibt, ist nicht etwa historisch 
gemeint, daß es solche Wünsche gegeben hat und diese dann vernichtet 
worden sind; sondern die Lehre von der Verdrängung, deren man 
in der Psychoneurotik bedarf, behauptet, daß solche verdrängte 
Wünsche noch existieren, gleichzeitig aoer eine Hemmung, die auf 
ihnen lastet. Die Sprache trifft das Richtige, wenn sie vom „Unter- 
drücken^ solcher Impulse redet. Die psychische Veranstaltung, da- 
mit solche unterdrückte Wünsche zur Realisierung durchdringen, 
bleibt erhalten und gebrauchsfilhig. Ereignet es sich aber, daß ein 
solcher unterdrückter Wunsch doch vollzogen wird, so äußert sich 
die überwundene Hemmung des zweiten (bewußtseinsftlhigen) Systems! 
als Unlust. Um nun diese Erörterung zu schließen : wenn Sensationen)' 
mit Unlustcharakter im. Schlafe aus somatischen Quellen vorhanden 
sind, so wird diese Konstellation von der Traumarbeit benützt, um 
die Erfüllung eines sonst unterdrückten Wunsches — mit mehr oder 
weniger Beibehalt der Zensur — darzustellen. ^ 

^ >/ Dieser Sachverhalt ermöglicht eine Reihe von Angstträumen, 
während eine andere Reihe dieser der Wunschtheorie ungünstigen 
Traumbildungen einen anderen Mechanismus erkennen läßt. Die 
Angst in den Träumen kann nämlich eine psychoneurotische sein, 
aus psychosexuellen Erregungen stammen, wobei die Angst verdrängter 
Libido entspricht. Dann hat diese Angst wie der ganze Angsttraum 
die Bedeutung eines neurotischen Symptoms, und wir stehen an der 
Grenze, wo die wunscherfullende Tendenz des Traumes scheitert. In 
anderen Angstträumen aber ist die Angstempfindung somatisch gegeben 
(etwa wie bei Lungen- und Herzkranken bei zuMliger Atem- 
behinderung), und dann wird sie dazu benützt, solchen energisch 
unterdrückten Wünschen zur Erfüllung als Traum zu verhelfen, 
deren Träumen aus psychischen Motiven die gleiche Angstentbindung 
zur Folge gehabt hätte. Es ist nicht schwer, die beiden scheinbar 
gesonderten Fälle zu vereinigen. Von zwei psychischen Bildungen, 
einer Affektneigung und einem Vorstellungsinhalt, die innig zusammen- 



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172 V. Tranmmaterial und Traümquellen. 

gehören, hebt die eine, die aktnell gegeben ist, auch im Tranme die 
andere; bald die somatisch gegebene Angst deit unterdrückten Vor^ 
Stellungsinhalt, bald der aus der Verdrängung befreite^ mit sexu eller 
Endung einbergeheude VnratP.l l^pgRJnh^H die AngstentblndungT' Yön 
dem einen Falle kann man sagen, daß ein somatisch gegebener 
Affekt psychisch gedeutet wird; im anderen Falle ist alles psychisch 
gegeben, aber der unterdrückt gewesene Inhalt ersetzt sich leicht 
durch eine zur Angst passende somatische Deutung. Die Schwierig- 
keiten, die sich hier für das Verständnis ergeben, haben mit dem 
Traume nur wenig zu tun ; sie rühren daher, daß wir mit diesen Elr- 
örterungen die Probleme der Angstentwicklung und der Verdrängung 
streifen. 
'^'^'^ Zu den kommandierenden Traumreizen aus der inneren Leiblieh- 
keit gehört unzweifelhaft die körperliche Gesamtstimmung. Nicht 
daß sie den Trauminhalt liefern könnte, aber sie nötigt den Traum- 
gedanken eine Auswahl aus dem Material auf, welches zur Dar- 
stellung im Trauminhalt dienen soll, indem sie den einen Teil dieses 
Materials, als zu ihrem Wesen passend, nahe legt, den anderen fem 
hält. Überdies ist ja wohl diese Allgemeinstimmung vom Tage her 
mit den für den Traum bedeutsamen psychischen Resten verknüpft. 
Wenn die somatischen Reizquellen während des Schlafes — die 
Schlafsensationen also — nicht von ungewöhnlicher Intensität sind, 
so spielen sie nach meiner Schätzung für die Traumbildung eine 
ähnliche Rolle wie die als rezent verbliebenen, aber indifferenten Ein- 
drücke des Tages. Ich meine nämlich, sie werden zur Traumbildung 
herangezogen, wenn sie sich zur Vereinigung mit dem Vorstellungs- 
inhalt der psychischen Traumquelle eignen, im anderen Falle aber 
nicht. Sie werden wie ein wohlfeiles, allezeit bereitliegendes Material 
behandelt, welches zur Verwendung kommt, so oft man dessen be- 
darf, anstatt daß ein kostbares Material die Art seiner Verwendung 
selbst mit vorschreibt. Der Fall ist etwa ähnlich, wie wenn der 
Kunstgönner dem Künstler einen seltenen Stein, einen Onyx, bringt, 
aus ihm ein Kunstwerk zu gestalten. Die Größe des Steines, seine 
Farbe und Fleckung helfen mit entscheiden, welcher Kopf oder 
welche Szene in ihm dargestellt werden soll, während bei gleich- 
mäßigem und reichlichem Material von Marmor oder Sandstein der 
Künstler allein der Idee nachfolgt, die sich in seinem Sinne gestaltet. 
Auf diese Weise allein scheint mir die Tatsache verständlich, daß 
jener Trauminhalt, der von den nicht ins Ungewohnte gesteigerten 
Reizen aus unserer Leiblichkeit geliefert wird, doch nicht in allen 
Träumen und nicht in jeder Nacht im Traume erscheint. 
1 " "^ Vielleicht wird ein Beispiel, das uns wieder zur Traumdeutung 
zurückführt, meine Meinung am besten erläutern. Eines Tages mühte 
ich mich ab zu verstehen, was die Empfindung von Gehemmtsein, 
nicht von der Stelle können, nicht fertig werden u. dgl., die so häufig 
geträumt wird und die der Angst so nahe verwandt ist, wohl be- 



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Ein Traum vom Gehemmtsein. 173 

deuten mag. In der Nacht darauf hatte ich folgenden Traum: Ich 
gehe in sehr unvollständiger Toilette aus einer Woh- 
nung imParterre über dieTreppe in ein höheres Stock- 
werk. Dabei tlberspringeichjedesmal drei Stufen, freue 
mich, daß ich so flink Treppen steigen kann. Plötzlich 
sehe ich, daß ein Dienstmädchen die Treppen herab 
und also mir entgegenkommt. Ich schäme mich, will 
mich eilen, und nun tritt jenes Gehemmtsein auf, ich 
klebe an den Stufen und komme nicht von der Stelle. 
t^> Analyse: Die Situation des Traumes ist der alltäglichen 
Wirklichkeit entnommen. Ich habe in einem Hause in Wien zwei 
Wohnungen, die nur durch die Treppe außen verbunden sind. Im 
Hochparterre befindet sich meine ärztliche Wohnung und mein Arbeits- 
zimmer, einen Stock höher die Wohnräume. Wenn ich in später 
Stunde unten meine Arbeit vollendet habe, gehe ich über die Treppe 
ins Schlafzimmer. An dem Abend vor dem Traume hatte ich diesen 
kurzen Weg wirklich in etwas derangierter Toilette gemacht, d. h. 
ich hatte Kragen, Krawatte und Manschetten abgelegt; im Traume 
war daraus ein höherer, aber, wie gewöhnlich, unbestimmter Grad von 
Kleiderlosigkeit geworden. Das Überspriogen von Stufen ist meine 
gewöhnliche Art, die Treppe zu gehen, übrigens eine bereits im 
Traume anerkannte Wunscherfüllung, denn mit der Leichtigkeit dieser 
Leistung hatte ich mich ob des Zustandes meiner Herzarbeit getröstet. 
Ferner ist diese Art, die Treppe zu gehen, ein wirksamer Gegensatz 
zu der Hemmung in der zweiten Hälfte des Traumes. Sie zeigt mir 
— was des Beweises nicht bedurfte — , daß der Traum keine Schwierig- 
keit hat, sich motorische Aktionen in aller Vollkommenheit ausgeführt 
vorzustellen; man denke an das Fliegen im Traume! 

Die Treppe, über die ich gehe, ist aber nicht die meines Hauses ; 
ich erkenne sie zunächst nicht, erst die mir entgegenkommende 
Person klärt mich über die gemeinte Örtlichkeit auf. Diese Person 
ist das Dienstmädchen der alten Dame, die ich täglich zweimal be- 
suche, um ihr Injektionen zu machen; die Treppe ist auch ganz 
ähnlich jener, die ich zweimal im Tage dort zu ersteigen habe. 

Wie gelangt nun diese Treppe und diese Frauensperson in meinen 
Traum? Das fechämen, weil man nicht voll angekleidet ist, hat un- 
zweifelhaft sexuellen Charakter; das Dienstmädchen, von dem ich 
träume, ist älter als ich, mürrisch und keineswegs anreizend. Zu 
diesen Fragen ftllt mir nun nichts anderes ein als das folgende: 
Wenn ich in diesem Hause den Morgenbesuch mache, werde ich ge- 
wöhnlich auf der Treppe von Räuspern befallen; das Produkt der 
Expektoration gerät auf die Stiege. In diesen beiden Stockwerken 
befindet sich nämlich kein Spucknapf, und ich vertrete den Standpunkt, 
daß die Reinhaltung der Treppe nicht auf meine Kosten erfolgen 
darf, sondern durch die Anbringung eines Spucknapfes ermöglicht 
werden soll. Die Hausmeisterin, eine gleichfalls ältliche und mürrische 



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174 V. Tranmmaterial nnd Traum quellen. 

Person, aber von reinlichen Instinkten, wie ich ihr zuzugestehen 
bereit bin, nimmt in dieser Angelegenheit einen anderen Standpunkt 
ein. Sie lauert mir auf, ob ich mir wieder die besagte Freiheit er- 
lauben werde, und wenn sie das konstatiert hat, höre ich sie ver- 
nehmlich brummen. Auch versagt sie mir dann für Tage die gewohnte 
Hochachtung, wenn wir uns begegnen. Am Vortag des Traumes 
bekam nun die Partei der Hausmeisterin eine Verstärkung durch 
das Dienstmädchen. Ich hatte eilig wie inmier meinen Besuch bei 
der Kranken abgemacht, als die Dienerin mich im Vorzimmer 
stellte und die Bemerkung von sich gab: „Herr Doktor hätten sich 
heute schon die Stiefel abputzen können, ehe Sie ins Zinmier 
kommen. Der rote Teppich ist wiederum ganz schmutzig von Ihren 
Füßen." Dies ist der ganze Anspruch, den Treppe und Dienstmädchen 
geltend machen können, um in meinem Traume zu erscheinen. 

Zwischen meinem Über-die-Treppe-Fliegen und dem Auf-der- 
Treppe-Spucken besteht ein inniger Zusammenhang. Rachenkatarrh 
wie Herzbeschwerden sollen beide die Strafen für das Laster des 
Rauchens darstellen, wegen dessen ich natürlich auch bei meiner 
Hausfrau nicht den Ruf der größten Nettigkeit genieße, in dem einen 
Hause so wenig wie in dem anderen, die der Traum zu einem Ge- 
bilde verschmilzt. 

Die weitere Deutung des Traumes muß ich verschieben, bis 
ich berichten kann, woher der typische Traum von der unvoll- 
ständigen Bekleidung rührt. Ich bemerke nur als vorläufiges Er- 
gebnis des mitgeteilten Traumes, daß die Traumsensation der ge- 
hemmten Bewegung überall dort hervorgerufen wird, wo ein gewisser 
Zusammenhang ihrer bedarf. Ein besonderer Zustand meiner Motilität 
im Schlafe kann nicht die Ursache dieses Trauminhaltes sein, denn 
einen Moment vorher sah ich mich ja wie zur Sicherung dieser Er- 
kenntnis leichtfüßig über die Stufen eilen. 

^ ' d) Typische Träume. 

Wir sind im allgemeinen nicht im stände, den Traum eines 
anderen zu deuten, wenn derselbe uns nicht die hinter dem Traum- 
inhalt stehenden unbewußten Gedanken ausliefern will, und dadurch 
wird die praktische Verwertbarkeit unserer Methode der Traum- 
deutung schwer beeinträchtigt.*) Nun gibt es aber, so recht im 
Gegensatz zu der sonstigen Freiheit des einzelnen, sich seine 
Traumwelt in individueller Besonderheit auszustatten und dadurch dem 
Verständnis der anderen unzugänglich zu machen, eine gewisse An- 
zahl von Träumen, die fast jedermann in derselben Weise geträumt 
hat, von denen wir anzunehmen gewohnt sind, daß sie auch bei jeder- 
mann dieselbe Bedeutung haben. Ein besonderes Interesse wendet 
sich diesen typischen Träumen auch darum zu, weil sie vermutlich 

*) [Abgesehen von den F&llen, in denen sich der Träumer der ans bekannten 
Symbole zur Dantellung der latenten Traamgedanken bedient, s. n.] 



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Der Verlegenheitstraum der Nacktheit. 175 

bei allen Menschen aus den gleichen Quellen stammen, also besonders 
gut geeignet scheinen, uns über die Quellen der Träume Aufschluß 
zu geben. 

Die typischen Träume der Menschen wären der eingehendsten 
Untersuchung würdig. Ich werde aber nur Muster dieser Gattung ein- 
gehender würdigen und wähle hiefür zunächst den sogenannten Ver- 
legenheitstraum der Nacktheit und den Traum vom Tod teurer Ver- 
wandter- 

x^^Der Traum, daß man nackt oder schlecht bekleidet in Gegen- 
wart Fremder sei, kommt auch mit der Zutat vor, man habe sich 
dessen gar nicht geschämt u. dgl. Unser Interesse gebührt aber dem 
Nacktheitstraume nur dann, wenn man in ihm Scham und Verlegenheit 
empfindet, entfliehen oder sich verbergen will und dabei der eigen- 
tümlichen Hemmung unterliegt, daß man nicht von der Stelle kann 
und sich unvermögend fühlt, die peinliche Situation zu verändern. 
Nur in dieser Verbindung ist der Traum typisch; der Kern seines 
Inhaltes mag sonst in allerlei andere Verknüpfungen einbezogen werden 
oder mit individuellen Zutaten versetzt sein. Es handelt sich im 
wesentlichen um die peinliche Empfindung von der Natur der Scham, 
daß man seine Nacktheit, meist durch Lokomotion, verbergen möchte 
und es nicht zu stände bringt. Ich glaube, die allermeisten meiner 
Leser werden sich in dieser Situation im Traume bereits befunden 
haben. 

Für gewöhnlich ist die Art und Weise der Entkleidung wenig 
deutlich. Man hört etwa erzählen, ich war im Hemde, aber dies ist 
selten ein klares Bild; meist ist die Unbekleidung so unbestimmt, daß 
sie durch eine Alternative in der Erzählung wiedergegeben wird: „Ich 
war im Hemde oder im Unterrocke," In der Regel ist der Defekt 
der Toilette nicht so arg, daß die dazugehörige Scham gerechtfertigt 
schiene. Für den, der den Rock des Kaisers getragen hat, ersetzt sich 
die Nacktheit häufig durch eine vorschriftswidrige Adjustierung. Ich 
bin ohne Säbel auf der Straße und sehe Offiziere näher kommen, 
oder ohne Halsbinde, oder trage eine karrierte Zivilhose u. dgl. 

'spyDie Leute, vor denen man sich schämt, sind faßt immer Fremde 
mit unbestimmt gelassenen Gesichtern. Niemals ereignet es sich im 
typischen Traume, daß man wegen der Kleidung, die einem selbst 
solche Verlegenheit bereitet, beanstandet oder i^uch nur bemerkt wird. 
Die Leute machen ganz im Gegenteil gleichgültige, oder wie ich es 
in einem besonders klaren Traume wahrnehmen konnte, feierlich steife 
Mienen. Das gibt zu denken. 

Die Schamverlegenheit des Träumers und die Gleichgültigkeit 
der Leute ergeben mitsammen einen Widerspruch, wie er im Traume 
häufig vorkommt. Zu der Empfindung des Träumenden würde doch 
nur passen, daß die Fremden ihn erstaunt ansehen und verlachen, 
oder sich über ihn entrüsten. Ich meine aber, dieser anstößige Zug 
ist durch die Wunscherfüllung beseitigt worden, während der andere. 



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176 V. Traümmaterial und Tianmqnellen. 

durch irgend welche Macht gehalten, stehen blieb, und so stimmen 
die beiden Stücke dann schlecht zueinander. Wir besitzen ein inter- 
essantes Zeugnis daftlr, daß der Traum in seiner durch Wunsch- 
erfüllung partiell entstellten Form das richtige Verständnis nicht ge- 
funden hat. Er ist nämlich die Grundlage eines Märchens geworden, 
welches uns allen in der And er senschen Fassung*) bekannt ist, 
und in der jüngsten Zeit durch L. Fulda im „Talisman** poetischer 
Verwertung zugefllhrt worden ist. Im An der senschen Märchen 
wird von zwei Betrügern erzählt, die ftlr den Kaiser ein kostbares 
Grewand weben, das aber nur den Guten und Treuen sichtbar sein 
soll. Der Kaiser geht mit diesem unsichtbaren Gewand bekleidet aus, 
und durch die prüfsteinartige Kraft des Gewebes erschreckt, tun alle 
Leute, als ob sie die Nacktheit des Kaisers nicht merkten. 
j^'^ Letzteres ist aber die Situation unseres Traumes. Es gehört 
wohl nicht viel Kühnheit dazu anzunehmen, daß der unverständliche 
Trauminhalt eine Anregung gegeben hat, um eine Einkleidung zu 
erfinden, in welcher die vor der Erinnerung stehende Situation sinn- 
reich wird. Dieselbe ist dabei ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt 
und fremden Zwecken dienstbar gemacht worden. Aber wir werden 
hören, daß solches Mißverständnis des Trauminhaltes durch die bewußte 
Denktätigkeit eines zweiten psychischen Systems häufig vorkommt 
und als ein Faktor für die endgültige Traumgestaltung anzuerkennen 
ist, femer, daß bei der Bildung von Zwangsvorstellungen und Phobien 
ähnliche Mißverständnisse — gleichfalls innerhalb der nämlichen psy- 
chischen Persönlichkeit — eine Hauptrolle spielen. Es läßt sich auch 
für unseren Traum angeben, woher das Material fllr die Umdeutung 
genommen wird. Der Betrüger ist der Traum, der Kaiser der 
Träumer selbst, und die moralisierende Tendenz verrät eine dunkle 
Kenntnis davon, daß es sich im latenten Trauminhalte um unerlaubte, 
der Verdrängung geopferte Wünsche handelt. Der Zusammenhang, 
in welchem solche Träume während meiner Analysen bei Neurotikern 
auftreten, läßt nämlich keinen Zweifel darüber, daß dem Traume 
eine Erinnerung aus der frühesten Kindheit zu Grunde liegt. Nur 
in unserer Kindheit gab es die Zeit, daß wir in mangelhafter Be- 
kleidung von unseren Angehörigen wie von fremden Pnegepersonen, 
Dienstmädchen, Besuchern gesehen wurden, und wir haben uns damals 
unserer Nacktheit nicht geschämt.**) An vielen Kindern kann man 
noch in späteren Jahren beobachten, daß ihre Entkleidung wie be- 
rauschend auf sie wirkt, anstatt sie zur Scham zu leiten. Sie lachen, 
springen herum, schlagen sich auf den Leib, die Mutter oder wer 
dabei ist, verweist es ihnen, sagt: Pfui, das ist eine Schande, das 
darf man nicht. Die Kinder zeigen häufig Exhibitionsgelüste ; man 
kann kaum durch ein Dorf in unseren Gegenden gehen, ohne daß 

•) „Des Kaisers neue Kleider.** 
**) Das Kind tritt aach im Märchen auf, denn dort ruft plötzlich ein kleines 
Kind: ^Aber er hat ja par nichts an.** 



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Der Nacktheitstraom als Exhibitionstranm aufzaklären« 177 

man einem zwei- bis dreijährigen Kleinen begegnete, welches vor dem 
Wanderer, vielleicht ihm zu Ehren, sein Hemdchen hoch hebt Einer 
meiner Patienten hat in seiner bewußten Erinnerung eine Szene aus 
seinem achten Lebensjahre bewahrt, wie er nach der Entkleidung vor 
dem Schlafengehen im Hemde zu seiner kleinen Schwester im nächsten 
Zimmer hinaustanzen will, und wie die dienende Person es ihm ver- 
wehrt. In der Jugendgeschichte von Neurotikern spielt die Entblößuug 
vor Kindern des anderen Geschlechtes eine große Rolle ; in der Para- 
noia ist der Wahn, beim An- und Auskleiden beobachtet zu werden, 
auf diese Erlebnisse zurückzuführen; unter den pervers Gebliebenen 
ist eine Klasse, bei denen der infantile Impuls zum Zwang erhoben 
worden ist, die der Exhibitionisten. 

?? Diese der Scham entbehrende Kindheit erscheint unserer Rück- 
schau später als ein Paradies, und das Paradies selbst ist nichts | 
anderes als die Massenphantasie von der Kindheit des einzelnen, i 
Darum sind auch im Paradies die Menschen nackt und schämen sich 
nicht voreinander, bis ein Moment kommt, in dem die Scham und 
die Angst erwachen, die Vertreibung erfolgt, das_ Geschlechtsleben 
und die Kulturarbei t beginnt. In dieses ParadiesHtann uns nun der 
Traum^^lnächtlich zurückfahren; wir haben bereits der Vermutung^ 
Ausdruck gegeben, daß die Eindrücke aus der • ersten Kindheit (der 
prähistorischen Periode bis etwa zum vollendeten vierten Jahre) an und 
für sich, vielleicht ohne daß es auf ihren Inhalt weiter ankäme, nach 
Reproduktion verlangen, daß deren Wiederholung eine Wunscherfüllung , 
ist. Die Nacktheitsträume sind also Exhibitionsträume.*) 

^^? Den Kern des Exhibitionstraumes bildet die eigene Gestalt, die 
nicht als die eines Kindes, sondern wie in der Gegenwart gesehen 
wird, und die mangelhafte Bekleidung, welche durch die Überlagerung 
so vieler späterer Neglig6erinnerungen oder der Zensur zur Liebe 
undeutlich ausMlt; dazu kommen nun die Personen, vor denen man 
sich schämt. Ich kenne kein Beispiel, daß die tatsächlichen Zuschauer 
bei jenen infantilen Exhibitionen im Traume wieder auftreten. Der 
Traum ist eben fast niemals eine einfache Erinnerung. Merkwürdiger- 
weise werden jene Personen, denen unser sexuelles Interesse in der 
Eondheit galt, in allen Reproduktionen des Traumes, der Hysterie und 
der Zwangsneurose ausgelassen ; erst die Paranoia setzt die Zuschauer 
wieder ein und schließt, obwohl sie unsichtbar geblieben sind, mit 
fanatischer Überzeugung auf ihre Gegenwart. Was der Traum für 
sie einsetzt, „viele fremde Leute", die sich nicht um das gebotene 
Schauspiel kümmern, ist geradezu der Wunsch gegensatz zu jener 
einzelnen, wohlvertrauten Person, der man die Entblößung bot. „Viele 
fremde Leute" finden sich in Träumen übrigens auch häufig in be- 

^) [Eine Anzahl interessanter Nacktheitsträume bei Frauen, die sich ohne 
Schwierigkeiten auf die infantile ExhibitionBlast zorUckfUhren ließen, aber in man- 
chen Zügen von dem oben behandelten „typischen^ Nacktheitstraum abweichen, hat 
Fcrenczi*^ mitgeteilt] 

Fr« ad, TrftamdeutQng, 8. Aufl. 12 



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178 V. Traninmaterial und Tranmquelleii. 

li«bigem anderen Zusammenhang; sie bedeuten immer als Wunsch- 
gegensatz ^Geheimnis^/) Man merkt, wie auch die Restitution des 
alten Sachverhalts, die in der Paranoia vor sich geht, diesem Gegen- 
satze Rechnung trägt« Man ist nicht mehr allein, man wird ganz 
gewiß beobachtet, aber die Beobachter sind „viele, fremde, merkwürdig 
unbestimmt gelassene Leute^. 

Außerdem kommt im £xhibitionstraume die Verdrängung zur 
Sprache. Die peinliche Empfindung des Traumes ist ja die Reakticm 
des zweiten psychischen Systems dagegen, daß der von ihr verworfene 
Inhalt der Exhibitionsszene dennoch zur Vorstellung gelangt ist Um 
sie zu ersparen, hätte die Szene nicht wieder belebt werden dfirfen. 

Von der Empfindung des Gehemmtseins werden wir später noch- 
mals handeln. Sie dient im Traume vortrefflich dazu, den Willens- 
konflikt, das Nein, darzustellen. Nach der unbewußten Absicht soll 
die Exhibition fortgesetzt, nach der Forderung der Zensur unter- 
brochen werden. 

i^^Die Beziehungen unserer typischen Träume zu den Märchen 
und anderen DichtungsstoflFen sind gewiß weder vereinzelte noch zu- 
fällige. Gelegentlich hat ein scharfes Dichterauge den Umwandlungs- 
prozeß, dessen Werkzeug sonst der Dichter ist, analytisch erkannt und 
ihn in umgekehrter Richtung verfolgt, also die Dichtung auf den 
Traum zurückgeführt. Ein Freund macht mich auf folgende Stelle aus 
G. Kellers „Grünem Heinrich" aufmerksam: „Ich wünsche Ihnen 
nicht, lieber Lee, daß Sie jemals die au^esuchte pikante Wahrheit in 
der Lage des Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm bedeckt vor 
Nausikaa und ihren Gespielen erscheint, so recht aus Erfahrung 
empfinden lernen! Wollen Sie wissen, wie das zugeht? Halten wir 
das Beispiel einmal fest. Wenn Sie einst getrennt von Ihrer Heimat 
und allem, was Ihnen lieb ist, in der Fremde umherschweifen und 
Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben Kummer und Sorge, 
sind wohl gar elend und verlassen, so wird es Ihnen des Nachts un- 
fehlbar träumen, daß Sie sich Ihrer Heimat nähern; Sie sehen sie 
glänzen und leuchten in den schönsten Farben, holde, feine und liebe 
Gestalten treten Ihnen entgegen; da entdecken Sie plötzlich, daß Sie 
zerfetzt, nackt und staubbedeckt umhergehen. Eine namenlose Scham 
und Angst faßt Sie, Sie suchen sich zu bedecken, zu verbergen und 
erwachen im Schweiße gebadet. Dies ist, solange es Menschen gibt, der 
Traum des kummervollen, umhergeworfenen Mannes, und so hat Homer 
jene Lage aus dem tiefsten und ewigen Wesen der Menschheit heraus* 
genommen." 

Das tiefste und ewige Wesen der Menschen, auf dessen Erweckung 
der Dichter in der Regel bei seinen Hörern baut, das sind jene Re- 

fungen des Seelenlebens, die in der später prähistorisch gewordenen 
linderzeit wurzeln. Hinter den bewußtsemsfaliigen imd einwandfreien 

*) Dasselbe bedeutet, aas begreifiicben Oründen, im IVaume die Anwesenheit 
der „ganzen Familie^. 



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Die Träume vom Tod teurer PersoÄen. I7(f 

Wllnschen des Heimatlosen brechen im Traume die unt erdrückten und 
ünerlaiibt gewg^ hervor, und darum schlägt der 

Traum "den die Sage von der Nausikaa objektiviert, regelmäßig in 
einen Angsttraum um. 

^^^ Mein eigener, auf Seite 173 erwähnter Traum von dem Eilen über 
die Treppe, das sich bald nachher in ein An-den-Stufen-Kleben ver- 
wandelt, ist gleichfalls ein Exhibitionstraum, da er die wesentlichen 
Bestandstücke eines solchen aufweist. Er müßte sich also auf Kinder- 
erlebnisse zurückfuhren lassen, und die Kenntnis derselben müßte einen 
Aufschluß darüber geben, inwiefern das Benehmen des Dienstmäd- 
chens gegen mich, ihr Vorwurf, daß ich den Teppich schmutzig ge- 
macht habe, ihr zur Stellung verhilft, die sie im Traume einnimmt. 
Ich kann die gewünschten Aufklärungen nun wirklich beibringen. In 
einer Psychoanalyse lernt man die zeitliche Annäherung auf sach- 
lichen Zusammenhang umdeuten; zwei Gedanken, die, anscheinend 
zusammenhangslos, unmittelbar aufeinander folgen, gehören zu einer 
Einheit, die zu erraten ist, ebenso wie ein a und ein b, die ich neben- 
einander hinschreibe, als eine Silbe: ab, ausgesprochen werden sollen. 
Ähnlich mit der Aufeinanderbeziehung der Träume. Der erwähnte 
Traum von der Treppe ist aus einer Traumreihe herausgegriffen, 
deren andere Glieder mir der Deutung nach bekannt sind. Der von 
ihnen eingeschlossene Traum muß in denselben Zusammenhang ge- 
hören. Nun liegt jenen anderen einschließenden Träumen die Er- 
innerung an eine Kinderfrau zu Grunde, die mich von irgend einem 
Termin der Säuglingszeit bis zum Alter von 27^ Jahren betreut hat, 
von der mir auch eine dunkle Erinnerung im Bewußtsein geblieben 
ist. Nach den Auskünften, die ich unlängst von meiner Mutter ein- 
geholt habe, war sie alt und häßlich, aber sehr klug und tüchtig; 
nach den Schlüssen, die ich aus meinen Träumen ziehen darf, hat 
sie mir nicht immer die liebevollste Behandlung angedeihen und mich 
harte Worte hören lassen, wenn ich der Erziehung zur Reinlichkeit 
kein genügendes Verständnis entgegenbrachte. Indem also das Dienst- 
mädchen dieses Erziehungswerk fortzusetzen sich bemüht, erwirbt sie 
den Anspruch, von mir als Inkarnation der prähistorischen Alten im 
Traume behandelt zu werden. Es ist wohl anzunehmen, daß das 
Kind dieser Erzieherin, trotz ihrer schlechten Behandlung, seine Liebe 
geschenkt hat.*) 

vv'^Eine andere Reihe von Träumen, die typisch genannt werden 
dürfen, sind die mit dem Inhalte, daß ein teurer Verwandter, Eltern 
oder Geschwister, Kinder u. s. w. gestorben ist. Man muß sofort von 
diesen Träumen zwei Klassen unterscheiden, die einen, bei welchen 

*) £ino ÜberdeataDg dieses Traumes: Aaf der Treppe spucken, das führte, 
da ,,8pncken'' eine Tätigkeit der Geister isr, bei loser Übersetzung zum ,,esprit 
d*escalier". Treppenwitz heißt so viel als Mangel an Schlagfertigkeit. Den habe 
ich mir wirklich vorzuwerfen. Ob aber die Kinderfrau es an ^Schlagfertigkeit" 
hat fehlen la«8en? 



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180 V« Traommaterial nnd Traamqnellen. 

man im Traume von Trauer unberührt J)leibt, so daß man sich nach 
dem Erwachen über seine Gefllhllosigkeit wundert, die anderen, bei 
denen man tiefen Schmerz über den Todesfall empfindet, ja ihn selbst 
in heißen Tränen während des Schlafes äußert. 

♦«rf'^Die Träume der ersten Gruppe dürfen wir bei Seite lassen; 
sie haben keinen Anspruch, als typisch zu gelten. Wenn man sie 
analysiert, findet man, daß sie etwas anderes bedeuten als sie enthalten, 
daß sie dazu bestimmt sind, irgend einen anderen Wunsch zu ver- 
decken. So der Traum der Tante, die den einzigen Sohn ihrer 
Schwester aufgebahrt vor sich sieht (Seite 111). Das bedeutet nicht, 
daß sie dem kleinen Neffen den Tod wünscht, sondern verbirgt nur, 
wie wir erfahren haben, den Wunsch, eine gewisse geliebte Person 
hach langer Entbehrung wieder zu sehen, dieselbe, die sie früher 
einmal nach ähnlich langer Pause bei der Leiche eines anderen 
Neffen wiedergesehen hat. Dieser Wunsch, welcher der eigentliche 
Inhalt des Traumes ist, gibt keinen Anlaß zur Traui-r, und darum 
wird auch im Traume keine Trauer verspürt. Man merkt es hier, 
daß die im Traume enthaltene Empfindung nicht zum manifesten 
Trauminhalt gehört, sondern zum latenten, daß der Affektinhalt des 
Traumes von der Entstellung frei geblieben ist, welche den Vor- 
stellungsinhalt betroffen hat. 

Anders die Träume, in denen der Tod einer geliebten ver- 
wandten Person vorgestellt und dabei schmerzlicher Affekt Verspürt 
wird. Diese bedeuten, was ihr Inhalt besagt, den Wunsch, daß die 
betreffende Person sterben möge, und da ich hier erwarten darf, daß 
sich die Gefühle aller Leser und aller Personen, die Ähnliches ge- 
träumt haben, gegen meine Auslegung sträuben werden, muß ich den 
Beweis auf der breitesten Basis anstreben. 

1 4 '^^ Wir haben bereits einen Traum erläutert, aus dem wir lernen 
konnten, daß die Wünsche, welche sich in Träumen als erfüllt dar- 
stellen, nicht immer aktuelle Wünsche sind. Es können auch ver- 
flossene, abgetane, überlagerte und verdrängte Wünsche sein, denen 
wir nur wegen ihres Wiederauftauchens im Traume doch eine Art 
von Fortexistenz zusprechen müssen. Sie sind nicht tot wie die Ver- 
storbenen nach unserem Begriffe, sondern wie die Schatten der Odyssee, 
die, sobald sie Blut getrunken haben, zu einem gewissen Leben er- 
wachen. In jenem Traume vom toten Kinde in der Schachtel 
(Seite 113) handelte es sich um einen Wunsch, der vor 15 Jahren 
aktuell war und von damals her unumwunden eingestanden wurde. 
Es ist vielleicht für die Theorie des Traumes nicht gleichgültig, wenn 
ich hinzufllge, daß selbst diesem Wunsche eine Erinnerung aus der 
frühesten Kindheit zu Grunde liegt. Die Träumerin hat als kleines 
Kind '— wann, ist nicht sicher festzustellen — gehört, daß ihre Mutter 
in der Schwangerschaft, deren Frucht sie wurde, in eine schwere Ver- 
stimmung verfallen war und dem Kinde in ihrem Leibe sehnlichst den 



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Die Feindseligkeit des Kindes gegen Geschwister. ' l&l 

Tod gewünscht hatte. Selbst erwachsen und gravid geworden, folgte 
sie nur dem Beispiele der Mutter, 

f 7 Wenn jemand unter Schmerzensäußerungen davon träumt, seiji 
Vater"^oder seine Mutter, Bruder oder Schwester seien gestorben, so 
werde ich diesen Traum niemals als Beweis dafür verwenden, daß 
er ihnen jetzt den Tod wünscht. Die Theorie des Traumes fordört 
nicht so viel; sie begnügt sich zu schließen, daß er ihnen — irgend 
einmal in der Kindheit — den Tod gewünscht habe. Ich fürchte 
aber, diese Einschränkung wird noch wenig zur Beruhigung der 
BeschwerdefUhrer beitragen; diese dürften ebenso energisch die Mög- 
lichkeit bestreiten, daß sie je so gedacht haben, wie sie sich sicher 
fühlen, nicht in der Gegenwart solche Wünsche zu hegen. Ich muß 
darum ein Stück vom untergegangenen Kinderseelenleben nach den 
Zeugnissen, die noch die Gegenwart aufweist, wieder herstellen.*) 

Fassen wir zunächst das Verhältnis der Kinder zu ihren Ge- 
schwistern ins Auge. Ich weiß nicht, warum wir vor^iuspetzeü, 
es müsse ein liebevolles sein, da doch die Beispiele von Geschwister- 
feindschaft unter Erwachsenen in der Erfahrung eines jeden sich 
drängen, und wir so oft feststellen können, diese Entzweiung rühre 
noch aus der Kindheit her, oder habe von jeher bestanden. Aber auch 
sehr viele Erwachsene, die heute an ihren Geschwistern zärtlich hängen 
und ihnen beistehen, haben in ihrer Kindheit in kaum unterbrochener 
Feindschaft mit ihnen gelebt. Das ältere Kind hat das jüngere miß- 
handelt, angeschwärzt, es seiner Spielsachen beraubt; das jüngere hat 
sich in ohnmächtiger Wut gegen das ältere verzehrt, es beneidet und 
gefürchtet, oder seine ersten Regungen von Freiheitsdrang und Rechts- 
bewußtsein haben sich gegen den Unterdrücker gewendet. Die Eltern 
sagen, die Kinder vertragen sich nicht, und wissen den Grund hieftir 
nicht zu finden. Es ist nicht schwer zu sehen, daß auch der Charakter 
des braven Kindes ein anderer ist, als wir ihn bei einem Erwachsenen 
zu finden wünschen. Das Kind ist absolut egoistisch, es empfindet 
seine Bedürfnisse intensiv und strebt rücksichtslos nach ihrer Befriedi- 
gung, insbesondere gegen seine Mitbewerber, andere Kinder, und in 
erster Linie gegen seine Geschwister. Wir heißen das Kind aber 
darum nicht „schlecht", wir heißen es „schlimm"; es ist unverantwort- 
lich für seine bösen Taten vor unserem Urteil wie vor dem Straf- 
gesetz. Und das mit Recht; denn wir dürfen erwarten, daß noch 
innerhalb von Lebenszeiten, die wir der Kindheit zurechnen, in 
dem kleinen Egoisten die altruistischen Regungen und die Moral er- 
wachen werden, daß, mit Meynert zu reden, ein sekundäres Ich 
das primäre überlagern und hemmen wird. Wohl entsteht die Mora- 
lität nicht gleichzeitig auf der ganzen Linie, auch ist die Dauer der 
mo rallosen Kindheitsperiode bei den einzelnen Lidividuen verschieden 

*) [Vgl. hieza: Analjde der Phobie eines fünfjährigen Knaben im Jahrbuch (Qr 
psychoanalytiache and psjchopathologische Forschungen^ Bd. I, 1909, und ^Uber 
infantile Sexaaltheorien^ in Sexaalprobleme, I, 1908.] 



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182 V. Tranrnmaterial und Traomqnellen. 

lang. Wo die Entwicklung dieser Moralität ausbleibt, sprechen wir 
gern von „Degeneration"; es handelt sich offenbar um eine Ent- 
wicklungshemmung. Wo der primäre Charakter durch die spätere 
Entwicklung bereit» überlagert ist, kann er durch die Erkrankung 
an Hysterie wenigstens partiell wieder freigelegt werden- Die Über- 
einstimmung des sogenannten hysterischen Charakters mit dem ^es 
schlimmen Eandes ist geradezu aufikllig. Die Zwangsneurose hin- 
gegen entspricht dem Durchbruch einer Überaioralität, die als ver- 
stärkende Belastung dem sich immer wieder regenden primären 
Charakter auferlegt war. 
-7^1^! Viele Personen also, die heute ihre Geschwister lieben und sich 
durch ihr Hinsterben beraubt fahlen würden, tragen von früher her 
böse Wünsche gegen dieselben in ihrem Unbewußten, welche sich in 
Träumen zu realisieren vermögen. Es ist aber ganz besonders 
interessant, kleine Kinder bis zu drei Jahren oder wenig darüber in 
ihrem Verhalten gegen jüngere Geschwister zn beobachten. Das 
Kind war bisher das einzige, nun wird ihm angekündigt, daß der 
Storch ein neues Kind gebracht hat. Das Kind mustert den An- 
kömmling und äußert dann entschieden: „Der Storch soll es wieder 
mitndhmen."*) 

^^^'^Ich bekenne mich in allem Ernst zur Meinung, daß das Kind 
abzuschätzen weiß, welche Benachteiligung es von dem Fremdling zu 
erwarten hat. Von einer mir nahestehenden Dame, die sich heute 
mit ihrer um vier Jahre jüngeren Schwester sehr gut verträgt, weiß 
ich, daß sie die Nachricht von deren Ankunft mit dem Vorbehalt 
beantwortet hat: „Aber meine rote Kappe werde ich ihr doch nicht 
geben." Sollte das Kind erst später zu dieser Erkenntnis kommen^ 
so wird seine Feindseligkeit in diesem Zeitpunkte erwachen. Ich 
kenne einen Fall, daß ein nicht dreijähriges Mädchen den Säugling 
in der Wiege zu erwürgen versuchte, von dessen weiterer Anwesen- 
heit ihr nichts Gutes ahnte. Der Eifersucht sind Kinder um diese 
Lebenszeit in aller Stärke und Deutlichkeit fhhig. Oder das kleine 
Geschwisterchen ist wirklich bald wieder verschwunden, das Kind hat 
wieder alle Zärtlichkeit im Hause auf sich vereinigt, nun kommt ein 
neues vom Storche geschickt; ist es da nicht korrekt, daß unser 
Liebling den Wunsch in sich erschaffen sollte, der neue Konkurrent 
möge dasselbe Schicksal haben wie der frühere, damit es ihm wieder 
so gut gehe wie vorhin und in der Zwischenzeit? Natürlich ist dieses 
Vernalten des Kindes gegen die Nachgeborenen in normalen Verhält- 
nissen eine einfache Funktion des Altersunterschiedes. Bei einem 



*) [Der SVsjährige Hans, defisen Phobie Gegenstand der Analyse in der Torhin 
erir&hnten VerGfrentltchnng ist, ruft im Fieber kurz nach der Geburt einer Schwester: 
Ich will aber kein Schwesterchen haben. In seiner Neurose, l^s Jahre später, gesteht 
er den Wonscb, daß die Mutter das Kleine beim Baden in die Wanne fidlen lassen 
möge, damit es sterbe, unomwundcn ein. Dabei ist Hans ein gutartfges aftrtUches 
Eindy welches bald auch diese Schwester liebgewinnt und sie besonders gerne protegiert] 



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Die Vorstellung des Kindes vom ,, Totsein**. 183 

gewissen Intervall werden sich in dem älteren Mädchen bereits die 
mütterlichen Instinkte gegen das hilflose Neugeborene regen. 

Empfindungen von Feindseligkeit gegen die Geschwister müssen 
im Kindesalter noch weit häufiger sein, als sie der stumpfen Be- 
obachtung Erwachsener auffallen. 

}^/^ Bei meinen eigenen Kindern, die einander rasch folgten, habe 
ich die Gelegenheit zu solchen Beobachtungeiy^ versäumt ; idb hole sie 
jetzt bei meinem kleinen Neffen nach, dessen Alleinherrschaft nach 
15 Monaten durch das Auftreten einer Mitbewerberin gestört wurde. 
Ich höre zwar, daß der junge Mann sich sehr ritterlich gegen das 
Schwesterchen benimmt, ihr die Hand küfit und sie streichelt; ich 
überzeuge mich aber, daß er schon vor seinem vollendeten zweiten 
Jahre seine Sprachföhigkeit dazu Jbenfltzt, um Kritik an der ihm doch 
nur überflüssig erscheinenden Person zu üben. So oft die Rede Auf 
sie kommt, metigt er sich ins Gespräch und raft unwillig : Zu k(l)ein, 
zu k(l)ein. In den letzten Monaten, seitdem das Kind sich durch 
vortreffliche Entwicklung dieser Geringschätzung entzogen hat, weiß 
er seine Mahnung, daß sie soviel Aufmerksamkeit nicht verdient, anders 
zu begründen. Er erinnert bei allen geeigneten Anlässen daran: 
Ke hat keine Zähne.*) Von dem ältesten Mädchen einer anderen 
Schwester haben wir alle die Erinnerung bewahrt, wie das damals 
sechsjährige Kind sich eine halbe Stunde lang von allen Tanten be- 
stätigen ließ: „Nicht wahr, das kann die Lucienoch nicht verstehen?" 
Lucie war die um 2V2 Jahre jüngere Konkurrentin. 

Den gesteigerter Feindseligkeit entsprechenden Traum vom Tode 
der Geschwister habe ich z, B. bei keiner meiner Patientinnen ver- 
mißt. Ich fand nur eine Ausnahme, die sich leicht in eine Bestätigung 
der Regel umdeuten ließ. Als ich einst einer Dame während einer 
Sitzung diesen Sachverhalt erklärte, der mir bei dem Symptom an 
der Tagesordnung in Betracht zu kommen schien, antwortete sie mir 
zu meinem Erstaunen, sie habe solche Träume nie gehabt. Ein an- 
derer Traum fiel ihr aber ein, der angeblich damit nichts zu schaffen 
hatte, ein Traum, den sie mit vier Jahren, zuerst als damals Jüngste, 
und dann wiederholt geträumt hatte. „Eine Menge Kinder, alle 
ihre Brüder, Schwestern, Cousins und Cousinen tummel- 
ten sich auf einer Wiese. Plötzlich bekamen sie 
Flügel, flogefi auf und waren weg." Von der Bedeutung des 
Traumes hatte sie keine Ahnung; es wird uns nicht schwer fallen, 
einen Traum vom Tode aller Geschwister in seiner ursprünglichen, 
durch die 2iensur wenig beeinflußten Form darin zu erkennen. Ich 
getraue mich folgende Analyse unterzuschieben. Bei dem Tode eines 
aus der Kinderschar — die Kinder zweier Brüder wurden in diesem 
Falle in geschwisterlicher Gemeinschaft aufgezogen — wird unsere 

*} [In die nämlichen Worte kleidet der S^sj^hng^ Hans seine vernichtende 
Kritik seiner. Schwester (1. c). Er nimmt an, daß sie wegen des Mangels der Zähne 
nicht sprechen kann.] 



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184 V. Traammuterial und Tranmqaellen. 

noch nicht vierjährige Träumerin eine weise, erwachsene Person ge- 
fragt haben: Was wird denn aas den Kindern, wenn sie tot sind? 
Die Antwort wird gelautet haben: Dann bekommen sie Fitigel und 
werden Engerl. Im Traume nach dieser Aufklärung haben nun die Ge- 
schwister «die Flügel wie die Engel und — was die Hauptsache ist — sie 
fliegen weg. Unsere kleine Engelmacherin bleibt allein, man denke, das 
einzige nach einer solchen Schar! Daß sich die Kinder auf einer 
Wiese tummeln, von der sie wegfliegen, deutet kaum mißverständlich • 
auf Schmetterlinge hin, als ob dieselbe Gedankenverbindung das Kind 
geleitet hätte, welche die Alten bewog, die Psyche mit Schmetterlings- 
flttgehi zu bilden« 

7^n Vielleicht wirft nun jemand ein, die feindseligen Impulse der 
Kinder gegen ihre Geschwister seien, wohl zuzugeben, aber wie käme 
das Kindergemüt zu der Höhe von Schlechtigkeit, dem Mitbewerber 
oder stärkeren Spielgenossen gleich den Tod zu wUnschen, als ob alle 
Vergehen nur durch die. Todesstrafe zu sühnen seien? Wer so spricht, 
erwägt nicht, daß die Vorstellung des Kindes vom „Todsein" mit der 
unserigen das Wort und dann nur noch wenig anderes gemein hat^ 
Das Kind weiß nichts von den Greueln der Verwesung, vom Frieren 
im kalten Grabe, vom Schrecken des endlosen Nichte, das der Er- 
wachsene, wie alle Mythen vom Jenseite zeugen, in seiner Vorstellung 
so schlecht verträgt. Die Furcht vor dem Tode ist ihm fremd, darum 
spielt es mit dem gräßlichen Worte und droht einem anderen Kinde: 
„Wenn du das noch einmal tust, wirst du sterben, wie der Franz 
gestorben ist," wobei es die arme Mutter schaudernd überläuffc, die 
vielleicht nicht daran vergessen kann, daß die größere Hälfte d0r 
erdgeborenen Menschen ihr Leben nicht über die Jahre der Kindheit 
bringt. Noch mit acht Jahren kann das Kind, von einem Gange 
durch das Naturhistorische Museum heimgekehrt, seiner Mutter sagen: 
„Mama^^, ich habe dich so lieb; wenn du einmal stirbst, lasse ich dich 
ausstopfen und stelle dich hier im Zimmer auf, damit ich dich immer, 
immer sehen kann!'^ So wenig gleicht die kindliche Vorstellung vom 
Gestorbensein der unserigen. *) 

%-i^ Gestorben sein heißt ftlr das Kind, welchem ja überdies die 
Szenen des Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird, so viel als 
„fort sein", die Überlebenden nicht mehr stören. Es unterscheidet 
nicht, auf welche Art diese Abwesenheit zu stände kommt, ob durch 
Verreisen, Entfremdung oder Tod. Wenn in den prähistorischen 
Jahren eines Kindes seine Kinderfrau weggeschickt worden und einige 
Zeit darauf seine Mutter gestorben ist, so liegen für seine Erinnerung, 
wie man sie in der Analyse aufdeckt, beide Ereignisse in einer Reihe 
übereinander. Daß das Kind die Abwesenden nicht sehr intensiv ver 



*) Von einem hochbegabten zehnjährigen Knaben hörte ich nach dem plöta- 
lichen Tode seines Vaterrt zxx meinem Erstaunen folgende Äußerang : Daß der Vater 
grestorben ist, verstehe ich, aber warum er nicht sum Nachtmahl nach Hause kommt, 
kann ich mir nicht erklären. 



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Das Verhältnis des Kindes zu den Eltern. 185 

mißt, hat manche Mutter zu ihrem Schmerze erfahren, wenn sie nach 
mehrwöchentlicher Sommerreise in ihr Haus zurückkehrte und auf ihre 
Erkundigung hören mußte: Die Kinder haben nicht ein einziges Mal 
nach der Mama gefragt. Wenn sieaber wirklich in jenes „unentdeckte 
Liand*^ verreist ist, ^von des Bezirk kein Wanderer wiederkehrt'^, so 
scheinen die Kinder sie zunächst vergessen zu haben und erst nach- 
träglich beginnen sie, sich an die Tote zu erinnern. 
^^'f Wenn das Kind also Motive hat, die Abwesenheit eines anderen 
Kindes zu wünschen, so mangelt ihm jede Abhaltung, diesen Wunsch 
in die Form zu kleiden, es möge tot sein, und die psychische Reak- 
tion auf den Todeswunschtraum beweist, daß trotz aller Verschieden- 
heit im Inhalt der Wunsch beim Kinde doch irgendwie das nämliche 
ist wie der gleichlautende Wunsch des Erwachsenen. '^ 

Wenn nun der Todeswunsch des Kindes gegen seine Geschwister 
erklärt wird durch den Egoismus des Kindes, der sie die Geschwister 
als Älitbewerber auffassen läßt, wie soll sich der Todeswunsch gegen 
die Eltern erklären, die fUr das Kind dia Spender von Liebe und 
Erfüller seiner Bedürfnisse sind, deren Erhaltung es gerade aus ego- 
istischen Motiven wünschen sollte? x^ 

Zur Lösung dieser Schwierigkeit leitet uns die Erfahrung, daß 
die Träume vom Tode der Eltern überwiegend häufig den Teil des 
Elternpaares betreflfen, der das Geschlecht des Träumers teilt, daß alsu 
der Mann zumeist vom Tode des Vaters, das Weib voni Tode der 
Mutter träumt. Ich kann das nicht als regelmäßig hinstellen, aber 
das Überwiegen in dem angedeuteten Sinne ist so deutlich, daß es eine 
Erklärung durch ein Moment von allgemeiner Bedeutung fordert. Es 
verhält sich — grob ausgesprochen — so, als ob eine sexuelle Vor- 1 
liebe sich frühzeitig geltend machen würde, als ob der Knabe im | 
Vater, das Mädchen in der Mutter den Mitbewerber in der Liebe 
erblickte, durch dessen Beseitigung ihm nur Vorteil erwachsen kann. 

Ehe man diese Vorstellung als ungeheuerlich verwirft, möge man 
auch hier die realen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern ins 
Auge fassen. Man hat zu sondern, was die Kulturforderung^ der I 
Pietät von diesem Verhältnis verlangt, und was die tägliche Beobachtung f 
als tatsächlich ergibt. In der Beziehung zwischen Eltern und Kindern I 
liegen mehr als nur ein Anlaß zur Feindseligkeit verborgen; die Be- 
dingungen für das Znstandekommen von Wünschen, welche vor der 
Zensur nicht bestehen, sind im reichsten Ausmaße gegeben. Ver- 
weilen wir zunächst bei der Relation zwischen Vater und Sohn. Ich 
meine, die Heiligkeit, die wir den Vorschriften des Dekalogs zuer- 
kannt haben, stumpft unseren Sinn für die Wahrnehmung der Wirklich- 
keit ab. Wir getrauen uns vielleicht kaum zu merken, daß der 
größere Teil der Menschheit sich über die Befolgung des vierten 
Gebotes hinaussetzt. In den tiefsten wie in den höchsten Schichten 
der menschlichen Gesellschaft pflegt die Pietät gegen die Eltern vor 
anderen Interessen zurückzutreten. Die dunklen Nachrichten, die in 



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186 V. Tranmmaterial und TraumqQellen. 

Mythologie und Sage aas der Urzeit der menschlichen Gesellschaft auf 
uns gekommen sind, geben von der Machtftüle des Vaters und von 
der Rttcksichtslosigkeit, mit der sie gebraucht wurde, eine unerfreu- 
liche Vorstellung. Kronos verschlingt seine Kinder, etwa wie der 
Eber den Wurf des Mutterschweines, und Zeus entmannt den Vater*) 
und setzt sich als Herrscher an seine Stelle. Je unumschraukter der 
[Vater in der alten Familie herrschte, desto mehr muß der Sohn als 
berufener Nachfolger in die Lage des Feindes gerückt, desto größer 
muß seine Ungeduld geworden sein, durch den Tod des Vaters selbst 
zur Herrschaft zu gelangen. Noch in unserer bürgerlichen Familie 
pflegt der Vater durch die Verweigerung der Selbstbestimmung und 
der dazu nötigen Mittel an den Sohn dem natürlichen Keime der 
Feindschaft, der in dem Verhältnisse liegt, zur Entwicklung zu ver- 
helfen. Der Arzt kommt oft genug in die Lage zu bemerken, daß 
der Schmerz über den Verlust des Vaters beim Sohne die Befriedigung 
über die endlich erlangte Freiheit nicht unterdrücken kann. Den Rest 
der in unserer heutigen Gesellschaft arg antiquierten potestas patris 
familias pflegt jeder Vater krampfhaft festzuhalten und jeder Dichter 
ist der Wirkung sicher, der wie Ibsen den uralten Kampf zwischen 
Vater und Sohn in den Vordergrund seiner Fabeln rückt- Die An- 
lässe zu Konflikten zwischen Tochter und Mutter ergeben sich, wenn 
die Tochter heranwächst und in der Mutter die Wächterin findet, 
während sie nach sexueller Freiheit begehrt, die Mutter aber durch 
das Aufblühen der Tochter gemahnt wird, daß für sie die Zeit ge- 
kommen ist, sexuellen Ansprüchen zu entsagen. 

^ -^"^ Alle diese Verhältnisse liegen oflenkundig da vor jedermanns 
Augen. Sie fördern uns aber nicht bei der Absicht, die Träume vom 
Tode der Eltern zu erklären, welche sich bei Personen finden, denen 
die Pietät g^en die Eltern längst etwas Unantastbares geworden ist. 
Auch sind wir durch die vorhergehenden Erörterungen darauf vor- 
bereitet, daß sich der Todeswunsch gegen die Eltern aus der frühesten 
Kindheit ableiten wird. 

Mit einer alle Zweifel ausschließenden Sicherheit bestätigt sich 
diese Vermutung ftlr die Psychoneurotiker bei den mit ihnen vor^ 
genommenen Analysen. Man lernt hiebei, daß sehr frühzeitig die 
sexuellen Wünsche des Kindes erwachen — soweit sie im keimenden 
Zustand diesen Namen verdienen — , und daß die erste Neigung des 
Mädchens dem Vater, die ersten infantilen Begierden des Knaben der 
Mutter gelten. Der Vater wird somit für den Knaben, die Mutter 
für das Mädchen zum störenden Mitbewerber, und wie wenig ftir das 
Kind dazu gehört, damit diese Empfindung zum Todeswunsch führe, 

*) Wenig^stenB in einigen mythologischen Darstellnngen« Nach anderen wird 
die Entmannung nur von Kronos an seinem Vater Uranoa vollzogen. 

[Über die mythologische Bedentang dieses Motivs vergl. Otto Rank: Der 
Mythus von der Grebart des Helden, fünftes Heft der , Schriften sur angew. Seelen- 
knnde, 1909**.] 



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Die sexQellen Regungen der Kinder gegen die Eltern. 187 

haben wir bereits für den Fall der Geschwister ausgeführt. Die 
sexuelle Auswahl macht sich in der Regel bereits bei den Eltern 
geltend; ein natürlicher Zug sorgt dafür, daß der Mann die kleinen 
Töchter verzärtelt, die Frau den Söhnen die Stange hält, während 
beide, wo der Zauber des Geschlechtes ihr Urteil nicht verstört, mit 
Strenge für die Erziehung der Kleinen wirken. Das Kind bemerkt 
die Bevorzugung sehr wohl und lehnt sich gegen den Teil des Eltern- 
paares auf, der sich ihr widersetzt. Liebe bei dem Erwachsenen zu 
finden, ist ihm nicht nur die Befriedigung eines besonderen Bedürf- 
nisses, sondern bedeutet auch, daß in allen anderen Stücken seinem 
Willen nachgegeben wird. So folgt es dem eigenen sexuellen Triebe 
und erneuert gleichzeitig die von den Eltern ausgehende Anregung, 
wenn es seine Wahl zwischen den Eltern im gleichen Sinne wie 
diese triflFt. 

5^/ Von den Zeichen dieser infantilen Neigungen seitens der Kinder 
pflegt man die meisten zu tibersehen; einige kann man auch nach 
den ersten Kinderjahren bemerken. Ein achtjähriges Mädchen meiner 
Bekanntschaft benützt die Gelegenheit, wenn die Mutter vom Tische 
abberufen wird, um sich als ihre Nachfolgerin zu proklamieren. „Jetzt 
will ich die Mama sein: Karl, willst du noch Gemüse? Nimm doch, 
ich bitte dich" u, s. w. Ein besonders begabtes und lebhaftes Mädchen 
von nicht vier Jahren, an der dies Stück Kinderpsychologie besonders 
durchsichtig ist, äußert direkt: „Jetzt kann das Muatterl einmal fort- 
gehen, dann muß das Vaterl mich heiraten, und ich will seine Frau 
sein.*^ Im Kinderleben schließt dieser Wunsch durchaus nicht aus, 
daß das Kind auch seine Mutter zärtlich liebe. Wenn der kleine 
Knabe neben der Mutter schlafen darf, sobald der Vater verreist ist, 
und nach dessen Rückkehr ins Kinderzimmer zurück muß zu einer 
Person, die ihm weit weniger geMlt, so mag sich leicht der Wunsch 
bei ihm gestalten, daß der Vater immer abwesend sein möge, damit 
er seinen Platz bei der lieben, schönen Mama behalten kann, und ein 
Mittel zur Erreichung dieses Wunsches ist es oflFenbar, wenn der 
Vater tot ist, denn das eine hat ihn seine Erfahrung gelehrt; „Tote" 
Leute, wie der Großpapa z. B., sind immer abwesend, kommen nie 
wieder. 

t^^ Wenn sich solche Beobachtungen an kleinen Kindern der 
vorgeschlagenen Deutung zwangslos fügen, so ergeben sie allerdings 
nicht die volle Überzeugung, welche die Psychoanalysen erwachsener 
Neurotiker dem Arzte aufdrängen. Die Mitteilung der betreffenden 
Träume erfolgt hier mit solchen Einleitungen, daß ihre Deutung als 
Wunschträume unausweichlich wird* Ich finde eines Tages eine Dame 
betrübt und verweint. Sie sagt: Ich will meine Verwandten nicht mehr 
sehen, es muß ihnen ja vor mir grausen. Dann erzählt sie fast ohne 
Übergang, daß sie sich an einen Traum erinnert, dessen Bedeutung 
sie natürlich nicht kennt. Sie hat ihn mit vier Jahren geträumt, er 
lautet folgendermaßen: Ein Luchs oder Fuchs geht auf dem 



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188 V. Traammaterial and Traumquellen. 

Dache spazieren^ dann fällt etwas herunter oder sie 
fällt herunter, und dann trägt man die Mutter tot aus 
dem Hause, wobei sie schmerzlich weint. Ich habe ihr kaum mit- 
geteilt, daß dieser Traum den Wunsch aus ihrer Kindheit bedeuten 
muß, die Mutter tot zu sehen, und daß sie dieses Traumes we^^i 
meinen muß, die Verwandten grausen sich vor ihr, so liefert sie oe- 
reits etwas Material, den Traum aufzuklären. „Luchsaug^ ist ein 
Schimpfwort, mit dem sie einmal als ganz kleines Kind von einem 
Gassenjungen belegt wurde; ihrer Mutter ist, als das Kind drei Jahre 
alt war, ein Ziegelstein vom Dache auf den Kopf gefallen, so daß sie 
heftitf geblutet hat. 

\^^lch hatte einmal Gelegenheit, ein junges Mädchen, das ver- 
schiedene psychische Zustände durchmachte, eingehend zu studieren. 
In einer tobsüchtigen Verworrenheit, mit der die Krankheit begann, 
zeigte die Kranke eine ganz besondere Abneigung gegen ihre Mutter, 
schlug und beschimpfte sie, sobald sie sich dem Bette näherte, während 
sie gegen eine um vieles ältere Schwester zu derselben Zeit liebevoll 
und gefllgig blieb. Dann folgte ein klarer, aber etwas apathischer 
Zustand mit sehr gestörtem Schlafe; in dieser Phase begann ich die 
Behandlung und analysierte ihre Träume. Eine Unzahl derselben 
handelte mehr oder minder verhüllt vom Tode der Mutter; bald 
wohnte sie dem Leichenbegängnis einer alten Frau bei, bald sah sie 
sich und ihre Schwester in Trauerkleidem bei Tische sitzen; es blieb 
über den Sinn dieser Träume kein Zweifel, Bei noch weiter fort- 
schreitender Besserung traten hysterische Phobien auf; die quälendste 
darunter war, daß der Mutter etwas geschehen sei Von wo sie immer 
sich befand, mußte sie dann nach Hause eilen, um sich zu überzeugen, 
daß die Mutter noch lebe. Der Fall war nun, zusammengehalten mit 
meinen sonstigen Erfahrungen, sehr lehrreich; er zeigte in gleichsam 
mehrsprachiger Übersetzung verschiedene Reaktionsweisen des psychi- 
schen ^Apparats auf dieselbe erregende Vorstellung. In der Verworren- 
heit, die ich als Überwältigung der zweiten psychischen Instanz 
durch die sonst unterdrückte erste auffasse, wurde die unbewußte 
Feindseligkeit gegen die Mutter motorisch mächtig; als dann die erste 
Beruhigung eintrat, der Aufruhr unterdrückt, die Herrschaft der Zensur 
wieder hergestellt war, blieb dieser Feindseligkeit nur mehr das Gebiet 
des Träumens offen, um den Wunsch nach ihrem Tode zuverwirE- 
lichen; als das Normale sich noch weiter gestärkt hatte, schuf es als 
hysterische Gegensatzreaktion und Abwehrerscheinung die übermäßige 
Sorge um die Mutter. In diesem Zusammenhange ist es nicht mehr 
unerklärlich, warum die hysterischen Mädchen so oft überzärtlich an 
ihren Müttern hängen. 

i^5 Ein ändermal hatte ich Gelegenheit, tiefe Einblicke in das un- 
bewußte Seelenleben eines jungen Mannes zu tun, der durch Zwangs- 
neurose fast existenzunikhig, nicht auf die Straße gehen konnte, weil 
ihn die Sorge quälte, er bringe alle Leute, die an ihm vorbeigingen, 



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Die infantile Wurzel der Ödipussage, 189 

um. Er verbrachte seine Tage damit, die Beweisstücke für sein Alibi 
in Ordnung zu halten, falls die Anklage wegen eines der in der Stadt 
vorgefallenen Morde gegen ihn erhoben werden sollte. Überflüssig zu 
bemerken, daß er ein ebenso moralischer wie fein gebildeter Mensch 
war. Die — übrigens zur Heilung führende — Analyse deckte als die 
Begründung dieser peinlichen Zwangsvorstellung Mordimpulse gegen 
seinen etwas überstrengen Vater auf, die sich, als er sieben Jahre alt 
war, zu seinem Erstaunen bewußt geäußert hatten, aber natürlich aus 
weit früheren Kindesjahren stammten. Nach der qualvollen Krankheit 
und dem Tode des Vaters trat im 31. Lebensjahre der Zwangsvorwurf 
auf, der sich in Form jener Phobie auf Fremde übertrug. Wer im 
stanze war, seinen eigenen Vater von einem Berggipfel in den Ab- 
grund stoßen zu wollen, dem ist allerdings zuzutrauen, daß er auch 
das Leben femer Stehender nicht schone; der tut darum recht daran, 
sich in seine Zimmer einzuschließen, 

53 y Nach meinen bereits zahlreichen Erfahrungen spielen die Eltern 
im Kinderseelenleben aller späteren Psychoneurotiker die Hauptrolle, 
und Verliebtheit gegen den einen, Haß gegen den anderen Teil des 
Elternpaares gehören zum eisernen Bestand des in jener Zeit gebildeten 
und für die Symptomatik der späteren Neurose so bedeutsamen Ma- 
terials an psychischen Regungen. Ich glaube aber nicht, daß die 
Psychoneurotiker sich hierin von anderen normal verbleibenden Men- 
schenkindern scharf sondern, indem sie absolut Neues und ihnen Eigen- 
ttlmliches zu schaffen vermögen. Es ist bei weitem wahrscheinlicher 
und wird durch gelegentliche Beobachtungen an normalen Kindern 
unterstützt, daß sie auch mit diesen verliebten und feindseligen Wün- 
schen gegen ihre Eltern uns nur durch die Vergrößerung kenntlich 
machen, was minder deutlich imd weniger intensiv in der Seele der 
meisten Kinder vorgeht. Das Altertum hat uns zur Unterstützung 
dieser Erkenntnis einen Sagen stoff überliefert, dessen durchgreifende 
und allgemeingültige Wirksamkeit nur durch eine ähnliche Allgemein- 
gültigkeit der besprochenen Voraussetzung aus der Kbiderpsychologie 
verständlich wird. 

Ich meine die Sage vom König Ödipus und das gleichnamige 
Drama des Sophokles. Ödipus, der Sohn des Laios, Königs 
von Theben, und der Jo käste wird als Säugling ausgesetzt, weil ein 
Orakel dem Vater verkündet hatte, der noch imgeborene Sohn werde 
sein Mörder sein. Er wird gerettet und wächst als Königssohn an 
einem fremden Hofe auf, bis er, seiner Herkunft unsicher, selbst das 
Orakel befragt und von ihm den Rat erhält, die Heimat zu meiden, 
weil er der Slörder seines Vaters und der Ehegemahi seiner Mutter 
werden müßte. Auf dem Wege von seiner vermeintlichen Heimat weg 
triflft er mit König LaYos zusammen und erschlägt ihn in rasch ent- 
branntem Streite. Dann kommt er vor Theben, wo er die Rätsel 
der den Weg sperrenden Sphinx löst und zum Dank dafür von den 
Thebanern zum König gewählt und mit Jokastes Hand beschenkt 



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190 V. Traummaterial und Tranmquellen. 

wird. Er regiert lange Zeit in Frieden nnd Würde und zeugt mit der 
ihm unbekannten Mutter zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest 
ausbricht, welche eine neuerliche Befragung des Orakels von Seiten 
der Thebaner veranlaßt. Hier setzt die Tragödie des Sophokles 
ein. Die Boten bringen den Bescheid, daß die Pest aufhören werde, 
wenn der Mörder des Lalos aus dem Lande getrieben sei. Wo aber 
weilt der? 

„Wo findet sich 
die schwererkennbar dunkle Spur der alten Schuld?" 

(Obersetzang Yon Donoer, v. 109.) 

**^ Die Handlung des Stückes besteht nun in nichts anderem als in 
der schrittweise gesteigerten und kunstvoll verzögerten Enthüllung — 
der Arbeit einer Psychoanalyse vergleichbar — , daß Odipus selbst 
der Mörder des Laios, aber auch der Sohn des Ermordeten und der 
Jo käste ist. Durch seine unwissentlich verübten Greuel erschüttert, 
blendet sich Ödipus und verläßt die Heimat. Der Orakelspruch 
ist erfüllt. 

König Odipus ist eine sogenannte Schicksalstragödie; ihre 
tragische Wirkung soll auf dem Gegensatz zwischen dem über- 
mächtigen Willen der Götter und dem vergeblichen Sträuben der vom 
Unheil bedrohten Menschen beruhen; Ergebung in den Willen der 
Gottheit, Einsicht in die eigene Ohnmacht soll der tief ergriffene Zu- 
schauer aus dem Trauerspiele lernen. Folgerichtig haben moderne 
Dichter es versucht, eine ähnliche tragische Wirkung zu erzielen, in- 
dem sie den nämlichen Gegensatz mit einer selbsterfundenen Fabel 
verwoben. Allein die Zuschauer haben ungerührt zugesehen, wie trotz 
alles Sträubens schuldloser Menschen ein Fluch oder Orakelspruch sich 
an ihnen vollzog; die späteren Schicksalstragödien sind ohne Wirkung 
geblieben. 

Wenn der König Ödipus den modernen Menschen nicht minder 
zu erschüttern weiß als den zeitgenössischen Griechen, so kann die 
Lösung wohl nur darin liegen, daß die Wirkung der griechischen 
Tragödie nicht auf dem Gegensatz zwischen Schicksal und Menschen- 
willen ruht, sondern in der Besonderheit des Stoffes zu suchen ist, an 
welchem dieser Gegensatz erwiesen vnrd. Es muß eine Stimme in 
unserem Innern geben, welche die zwingende Gewalt des Schicksals 
im Ödipus anzuerkennen bereit ist, während wir Verfügungen wie 
in der „Ahnfrau" oder in anderen Schicksalstragödien als willkürliche 
zurückzuweisen vermögen. Und ein solches Moment ist in der Tat 
in der Geschichte des Königs Ödipus enthalten. Sein Schicksal er- 
greift uns nur darum, weil es auch das unserige hätte werden können, 
weil das Orakel vor unserer Geburt denselben Fluch über uns ver- 
hängt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht war es beschieden, die 
erste sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten Haß und gewalt- 
tätigen Wunsch gegen den Vater zu richten; unsere Träume über- 



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Der Ödipnsmythns. 191 

zeugen uns davon. König Ödipus, der seinen Vater LaYos er- 
schlagen und seine Mutter J okaste geheiratet hat, ist nur die Wunsch- 
erfdllung unserer Kindheit. Aber glücklicher als er, ist es uns seitdem, 
insofern wir nicht Psychoneurotiker geworden sind, gelungen, unsere 
sexuellen Regungen von unseren Müttern abzulösen, unsere Eifersucht 
gegen unsere Väter zu vergessen. Vor der Person, an welcher sich 
jener urzeitliche Kindheitswunsch erfüllt hat, schaudern wir zurück 
mit dem ganzen Betrage der Verdrängung, w^elche diese Wünsche in 
unserem Innern seither erlitten haben. Wilhrend der Dichter in jener 
Untersuchung die Schuld des () d i p u s ans Licht bringt, nötigt er uns 
zur Erkenntnis unseres eigenen Innern, in dem jene Impulse, wenn 
auch unterdrückt, noch immer vorhanden sind. Die Gegenüberstellung, 
mit der uns der Chor verläßt, ^i 

. . . „sehet, das ist Ödipus, ^' 

der entwirrt die hohen Rätsel und der Erste war an Macht, 
dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten; 
Seht, in welches Mißgeschickes grause Wogen er versank!" 
diese Mahnung trifft uns selbst und unseren Stolz, die wir seit den 
Kindesjahren so weise und so mächtig geworden sind in unserer 
Schätzung. Wie Ödipus leben wir in Unwissenheit der die Moral 
beleidigenden Wünsche, welche die Natur uns aufgenötigt hat, und 
nach deren Enthüllung möchten wir wohl alle den Blick abwenden 
von den Szenen unserer Kindheit. 

Daß die Sage von Ödipus einem uralten Traumstoffe entsprossen 
ist, welcher jene peinliche Störung des Verhältnisses zu den Eltern 
durch die ersten Regungen der vSexualität zum Inhalt hat, dafür findet 
sich im Texte der So phokl eischen Tragödie selbst ein nicht mißzu- 
verstehender Hinweis. J okaste tröstet den noch nicht aufgeklärten, 
aber durch die Erinnerung der Orakelsprüche besorgt gemachten 
Ödipus durch die Erwähnung eines Traumes, den ja so viele Men- 
schen träumen, ohne daß er, meint sie, etwas bedeute: 

„Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon 

(V. 955) 

Sich zugesellt der Mutter: Doch wer alles dies 
Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht.'^ 

n.^1 Der Traum, mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird ebenso wie 
damals auch heute vielen Menschen zu teil, die ihn empört und ver- 
wundert erzählen. Er ist wie begreiflich der Schlüssel der Tragödie und 
das Ergänzungsstück zum Traume vom Tode des Vaters. Die Odipus- 
fabel ist die Reaktion der Phantasie auf diese beiden typischen 
Träume, und wie die Träume^ vom Erwachsenen mit Ablehnungs- 
geftlhlen erlebt werden, so muß die Sage Schreck und Selbstbestrafung 
in ihren Inhalt mit aufnehmen. Ihre weitere Gestaltung rührt wiederum 
von einer mißverstÄndlichen sekundären Bearbeitung des Stoffes her, 
welche ihn einer theologisierenden Absicht dienstbar zu machen sucht. 



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192 V. Traummaterial und Traumquellen. 

(Vgl. den Traumstoff von der Exhibition Seite 176.) Der Versuch, 
die göttliche Allmacht mit der menschlichen Verantwortlichkeit zu 
vereinigen, muß natürlich an diesem Material wie an jedem anderen 
mißlingen.*) 

♦^^ Ich kann die typischen Träume vom Tode teurer Verwandten 
nicht verlassen, ohne daß ich deren Bedeutung für die Theorie des 
Traumes überhaupt noch mit einigen Worten beleuchte. Diese Träume 
zeigen uns den recht ungewöhnlichen Fall verwirklicht, daß der durch 
den verdrängten Wunsch gebildete Traumgedanke jeder Zensur entgeht 
und unverändert in den Traum übertritt. Es müssen besondere Ver- 
hältnisse sein, die solches Schicksal ermöglichen. Ich finde die Be- 
günstigung für diese Träume in folgenden zwei Momenten : Erstens gibt 
es keinen Wunsch, von dem wir uns ferner glauben ; wir meinen, das 
zu wünschen könnte „uns auch im Traume nicht einfallen^, und darum 
ist die Traumzensur gegen dieses UngeheuerUche nicht gerüstet, ähnlich 
etwa wie die Gesetzgebung So Ions keine Strafe für den Vatermord 
aufzustellen wußte. Zweitens aber kommt dem verdrängten und nicht 
geahnten Wunsche gerade hier besonders häufig ein Tagesrest entgegen 
in Gestalt einer Sorge um das Leben der teuren Person. Diese Sorge 
kann sich nicht anders in den Traum eintragen, als indem sie sich des 
gleichlautenden Wunsches bedient; der Wunsch aber kann sich mit 

*) Auf demselben Boden wie „König Ödipus'^ wurzelt eine andere der großen 
tr.'ißischen 1 tichterschöpfangen, der Hamlet Shakespeares. Aber in der ver- 
änderten Behandlang des n&mlichen Stoffes offenbart sich der ganze Unterschied im 
Seelenleben der beiden weit auseinander liegenden Kaitarperioden, das silkalareFori- 
schre^ten der Verdrängung im Gemütsleben der Menscüiheit. Tm Odipas wird die 2U 
Grunde liegendo Wunschphantasio des Kindes wie im Traume ans Liebt gesogen und 
realisiert; im Hamlet bleibt sie verdrängt, und wir erfahren von ihrer Existenz — 
dem Sachverhalt bei einer Neurose ähnlich — nur durch die von ihr ausgehenden 
Hemmungswirkungen. Mit der überwältigenden Wirkung des moderneren Dramas 
hat es sich eigentümlicherweise als vereinbar gezeigt, daß man über den Charakter 
des Helden in voller Unklarheit verbleiben könne. Das Stück ist auf die Zögerung 
Hamlets gebaut, die ihm zugeteilte Aufgabe der Rache zu erfüllen; welches die 
Gründe oder Motive dieser Zögerung sind, gesteht der Text nicht ein; die vielfältigsten 
Deutungsversuche haben es nicht anzugeben vermocht. Nach der heute noch herr- 
schenden, durch Goethe begründeten Auffassung stellt Hamlet den Tjpus des 
Menschen dar, dessen frische Tatkraft durch die überwuchernde Entwicklung der 
Gedankentätigkeit gelähmt wird (»Von des Gedankens Blässe angekränkelt**). Nach 
anderen hat der Dichter einen krankhaften, unentschlossenen, in das Bereich der 
Neurssthenie fallenden Charakter zu schildern versucht. Allein die Fabel des Stücke« 
lehrt, daß Hamlet uns keineswegs als eine Person erscheinen soll, die des Handelns 
überhaupt unfähig ist. Wir sehen ihn zweimal handelnd auftreten, das einemal in 
rasch auffahrender Leidenschaft, wie er den Lauscher hinter der Tapete niederstößt, 
ein anderesmAl pinnmäßig, ja selbst arglistig, indem er mit der vollen Unbedenk- 
lichkeit des Ken:iissance-Prinzen die zwei Höflinge in den ihm selbst zugedachten 
Tod schickt. Was hemmt ihn also bei der Erfüllung der Aufgabe, die der Geist 
seines Vaters ihm gestellt hat? Hier bietet sich wieder die Auskunft, daß es die 
besondere Natur dieser Aufgabe ist. Hamlet kann alles, nur nicht die Kache an 
dem Manne vollziehen, der seinen Vater beseitigt und bei seiner Mutter dessen Stelle 
eingenommen hat, an dem Manne, der ihm die Realisierung seiner verdrängten Kinder- 
wünsche zeigt. Der Abscheu, der ihn zur Rache drängen sollte, ersetat sich so bei 



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Zur Deutung des ^ Hamlete 193 

der am Tage rege gewordenen Sorge maskieren. Wenn man meint, 
daß dies alles einfacher zugeht, daß man eben bei Nacht und im Traume 
nur fortsetzt, was man bei Tag angesponnen hat, so läßt man die 
Träume vom Tode teurer Personen eben außer allem Zusanmienhang 
mit der Traumerklärung und hält ein sehr wohl reduzierbares Rätsel 
tlberfllissigerweise fest. 

7^^ Lehrreich ist es auch, die Beziehung dieser Träume zu deü 
Angstträumen zu verfolgen. In den Träumen vom Tode teurer Per- 
sonen hat der verdrängte Wunsch einen Weg gefunden, auf dem er 
sich der Zensur — und der durch sie bedingten Entstellung — ent- 
ziehen kann. Die nie fehlende Begleiterscheinung ist dann, daß 
schmerzliche Empfindungen im Traume verspürt werden. Ebenso kommt 
der Angsttraum nur zu stände, wenn die Zensur ganz oder teilweise j 

überwältigt wird, und anderseits erleichtert es die Überwältigung der :■ 

Zensur, wenn Angst als aktuelle Sensation aus somatischen Quellen ^ 

bereits gegeben ist. Es wird so handgreiflich, in welcher Tendenz die 3 

Zensur ihres Amtes waltet, die Traumentstellung ausübt ; es geschieht, 
um die Entwicklung von Angstoder anderen Formen i 

peinlichen Affekts zu verhüten. " 

Ich habe im vorstehenden von dem Egoismus der Kinderseele \ 

gesprochen und knüpfe nun daran mit der Absicht, hier einen Zu- 
sammenhang ahnen zu lassen, daß die Träume auch diesen Charakter 

ihm durch SelbstTorwQrfe, durch GewiBaenBBkropel, die ihm vorhalten, daß er, wörtlich 
ve^tanden, selbst nicht besser sei als der von ihm za strafende Sünder. Ich habe 
dabei ins Bewußte übersetzt, was in der Seele des Helden anbewußt bleiben muß ; 
wenn jemand Hamlet einen Hysteriker nennen will, kann ich es nur als Folgerung 
aas meiner Deutung anerkennen. Die Sexualabneigung stimmt sehr wohl dazu, die 
Hamlet dann im Gespräche mit Ophelia äußert, die nämliche Sexualabneigung« 
die von der Seele des Dichters in den nächsten Jahren immer mehr Besitz nehmen 
sollte, bis zu ihren Gipfeläußerangen im Timon von Athen. Es kann natürlich 
nur das eigene Seelenleben des Dichters gewesen sein, das uns im Hamlet entgegen- 
tritt; ich entnehme dem Werke von Georg Brandes über Shakespeare (1896) die 
Notiz^ daß das Drama unmittelbar nach dem Tode von Shakespeares Vater (ICOl), 
also in der frischen Trauer um ibn, in der Wiederbelebung, dürfen wir annehmen, 
der auf den Vater bezüglichen Kindheitscmpfindungen gedichtet worden ist. Bekannt 
ist auch, daß Shakespeares früh verstorbener Sohn den Kamen Hamnet (iden* 
tisch mit Hamlet) trug. Wie Hamlet das Verhältnis dos Sohnes zu den Eltern 
behandelt, so ruht der in der Zeit nahestehende Macbeth auC dem Thema der 
Kinderlosigkeit. Wie übrigens jedes neurotische Symptom, wie selbst der Tiaum, der 
Überdeatnng fähig ist, ja dieselbe zu seinem vollen Verständnis fordert, so wird auch 
jede echte dichterische Schöpfung aus mehr als aus einem Motiv und einer Anregung ^ 
in der Seele des Dichters hervorgegangen sein und mehr als eine Deutang zulassen. 
Ich habe hier nur die Deutung der tiefsten Schicht von Re^^ungen in der Seele des 
schaffenden Dichters versucht. [Dr. Ernest Jones in Toronto (Kanada) hat die 
in diesen Bemerkangen enthaltene Auffassung des Hamlet-Problems später in einer 
ausführlichen Arbeit bestätigt und durch neue Argumente gestützt, auch auf den 
Zusammenhang des Ha ml et Stoffes mit dem ^Mythus von der Geburt des Helden 
(0«Rank)' hingewiesen. (The Oedipus-Complex as an Explanation of Hamlet^sMystery: 
A study in motive. American J. of Psychology Jan. 1910, vol. XXI.) — Auch in 
deutscher Übersetzung als zehntes Heft der „Schriften zur angewandten Seelenkunde'' 
unter dem Titel: Das Problem des Hamlet und der Ödipuskomplex.] 

Freud, TraumdentuDg. 3. Aufl. 13 



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194 V. Tranmmaterial und Traumquellen. 

bewahrt haben. Sie sind sämtlich absolut egoisti sch^ in allen tritt 
das liebe Ich auf, wenn auch verkleidet Die WünsIcHe, die in ihnen 
erfallt werden, sind regelmäßig Wünsche dieses Ichs; es ist nur ein 
täuschender Anschein, wenn je das Interesse für einen anderen einen 
Tranm hervorgerufen haben sollte. Ich will einige Beispiele, welche 
dieser Behauptung widersprechen, der Analyse unterziehen. 

♦^ I. Ein noch nicht vierjähriger Knabe erzählt: Er hat eine 
große garnierte Schüssel gesehen, worauf ein großes 
Stück Fleisch gebraten war, und dasStück war auf ein- 
mal ganz — nicht zerschnitten — aufgegessen. Die 
Person, die es gegessen hat, hat er nicht geseheöi*) 

Wer mag der fremde Mensch sein, von dessen üppiger Fleisch- 
mahlzeit unser Kleiner träumt? Die Erlebnisse des Traumtages mttssen 
uns darüber aufklären. Der Knabe bekömmt seit einigen Tagen nach 
ärztlicher Vorschrift Milchdiät ; am Abend des Traumtages war er aber 
unartig, und da wurde ihm zur Strafe die Abendmahlzeit entzogen. 
Er hat schon früher einmal eine solche Hungerkur durchgemacht und 
sich sehr tapfer dabei benommen. Er wußte, daß er nichts bekommen 
wird, getraute sich aber auch nicht, mit einem Worte anzudeuten, 
daß er Huno^er hat. Die Erziehung fkngt an, bei ihm zu wirken ; sie 
äußert sich bereits im Traume, der einen Anfang von Traumentstellung 
zeigt. Es ist kein Zweifel, daß er selbst die Person ist, deren Wünsche 
auf eine so reiche Mahlzeit, und zwar eine Bratenmahlzeit, zielen. Da 
er aber weiß, daß diese ihm verboten ist, wagt er es nicht, wie die 
hungrigen Kinder es im Traume tun (vgl. den Erdbeertraum meiner 
kleinen Anna, Seite 95), sich selbst zur Mahlzeit hinzusetzen. Die 
Person bleibt anonym. 

II. Ich träume einmal, daß ich in der Auslage einer Buchhand- 
lung ein neues Heft jener Sammlung im Liebhabereinband sehe, die 
ich sonst zu kaufen pflege (Künstlermonographien, Monographien zur 
Weltgeschichte, berühmte Kunststätten u. s. w.) Die neue Samm- 
lung nennt sich: Berühmte Redner(oder Reden) unddas 
Heft I derselben trägt den Namen Dr. Lecher. 

In der Analyse wird es mir unwahrscheinlich, daß mich der 
Ruhm Dr. Löchers, des Dauerredners der deutschen Obstruktion 
im Parlament, während meiner Träume beschäftige. Der Sachverhalt 
ist der, daß ich vor einigen Tagen neue Patienten zur psychischen 
Kur aufgenommen habe, und nun zehn bis elf Stunden täglich zu 
sprechen genötigt bin. Ich bin also selbst so ein Dauerredner. 

*) Aach das Große, Oberreiche, Übermäßige und Übertriebene der Träamo 
könnte ein Kindheitscharakter sein. Das Kind kennt keinen sehnlicheren Wunsch 
als groß ZQ werden, von allem so viel za bekommen wie die Großen; es ist schwer 
zn befriedigen, kennt keli Genn^T) verlangt unersättlich nach Wiederholung dessen, 
was ihm gefallen oder geschmeckt hat. Maß halten, sich bescheiden, resignieren 
lernt es erst durch die Kultor der Erziehang. Bekanntlich neigt aach der Nearotiker 
zur Maßlosigkeit und Unmäßigkeit. 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Der Egoismas der Tnlunae. 195 

III. Ich träume ein andermal, daß ein mir bekannter Lehrer an 
unserer Universität sagt: Mein Sohn, der Myop. Dann folgt ein 
Dialog aus kurzen Reden und Gegenreden bestehend. Es folgt aber 
dann ein drittes TraumstUck, in dem ich und meine Söhne vor- 
kommen, und für den latenten Trauminhalt sind Vater und Sohn, 
Professor M., nur StrohmJinner, die mich und meinen Ältesten decken. 
Ich werde diesen Traum wegen einer anderen Eigentümlichkeit noch 
weiter unten behandeln. 

IV. Ein Beispiel von wirklich niedrigen egoistischen Geftlhlen, 
die sich hinter zärtlicher Sorge verbergen, gibt folgender Traum. 

Mein Freund Otto schaut schlecht aus, ist braun im 
Gesichte und hat vortretende Augen. a 

Otto ist mein Hausarzt, in dessen Schuld ich hoffnungslos ver- -^ 

bleibe, weil er seit Jahren die Gesundheit meiner Kinder überwacht, 3 

sie erfolgreich behandelt, wenn sie erkranken, und sie überdies zu 5 

allen Gelegenheiten, die einen Vorwand abgeben köimen, beschenkt. 
Er war am Traumtage zu Besuch, und da bemerkte meine Frau, daß 2 

er müde und abgespannt aussehe. Nachts kömmt mein Traum und * 

leiht ihm einige der Zeichen der Basedowschen Krankheit. Wer i 

sich in der Traumdeutung von meinen Regeln freimacht, der wird 
diesen Traum so verstehen, daß ich um die Gesundheit meines Freundes 
besorgt bin, und daß diese Besorgnis sich im Traume realisiert. Es 
wäre ein Widerspruch nicht nur gegen die Behauptung, daß der Traum 
eine Wunscherfüllung ist, sondern auch gegen die andere, daß er nur 
egoistischen Regungen zugänglich ist. Aber wer so deutet, möge mir 
erklären, warum ich bei Otto die B a s e d o w sehe Krankheit befürchte, 
zu welcher Diagnose sein Aussehen auch nicht den leisesten Anlaß 
gibt ? Meine Analyse liefert hingegen folgendes Material aus einer Be- 
gebenheit, die sich vor sechs Jahren zugetragen hat. Wir fuhren, eine 
kleine Gesellschaft, in der sich auch Professor R. befand, in tiefer 
Dunkelheit durch den Wald von N., einige Stunden weit von unserem : 

Sommeraufenthalt entfernt. Der nicht ganz nüchterne Kutscher warf 
uns mit dem Wagen einen Abhang hinunter, und es war noch glücklich, 
daß wir alle heil davon kamen. Wir w^aren aber genötigt, im nächsten 
Wirtshause zu übernachten, wo die Kunde von unserem Unfall große 
Sympathie für uns erweckte. Ein Herr, der die unverkennbaren 
Zeichen des Morbus Basedowii an sich trug — übrigens nur 
Bräunung der Gesichtshaut und vortretende Augen, ganz wie im Traume, 
kein Struma — stellte sich ganz zu unserer Verfügung und fragte, 
was er für uns tun könne. Professor R. in seiner bestimmten Art 
antwortete: Nichts anderes, als daß Sie mir ein Nachthemd leihen. 
Darauf der Edle : Das tut mir leid, das kann ich nicht, und ging von 
dannen. 

aCv^ Zur Fortsetzung der Analyse ßült mir ein, daß Basedow nicht 
nur der Name eines Arztes ist, sondern auch der eines berühmten 

13* 



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196 V. Tniunmaterial und Traumquellen. , 

Pädagogen. (Im Wachen fühle ich mich jetzt dieses Wissens nicht 
recht sicher.) Freund Otto ist aber diejenige Person, die ich gebeten 
habe, für den Fall, daß mir etwas zustößt, die körperliche Erziehung 
meiner Kinder, speziell in der Pubertätszeit (daher das Nachthemd) 
zu überwachen. Indem ich nun Freund Otto im Traume mit den 
Krankheitssymptomen jenes edlen Helfers sehe, will ich offenbar sagen: 
Wenn mir etwas zustößt, wird von ihm ebensowenig etwas für die 
Kinder zu haben sein, wie damals von Herrn Baron L. trotz seiner 
liebenswürdigen Anerbietungen. Der egoistische Einschlag dieses 
Traumes dürfte nun wohl aufgedeckt sein.*) 

^t^ \yo steckt aber hier die Wunsch erfüllung? Nicht in der Rache 
an Freund Otto, dessen Schicksal es nun einmal ist, in meinen 
Träumen schlecht behandelt zu werden, sondern in folgender Beziehung. 
Indem ich Otto als Baron L. im Traume darstelle, habe ich gleich- 
zeitig meine eigene Person mit einer anderen identifiziert, nämlich mit 
der des Professors K., denn ich fordere ja etwas von Otto, wie in 
jener Begebenheit R. vom Baron L. gefordert hat. Und daran li^ 
es. Professor R. hat ähnlich wie ich seinen Weg außerhalb der 
Schule selbständig verfolgt und ist erst in späten Jahren zn dem 
längst verdienton Titel gelangt. Ich will also wieder einmal Professor 
werden! Ja selbst das „in späten Jahren" ist eine Wunscherfüllung, 
denn es besa^, daß ich lange genug lebe, um meine Knaben selbst 
durch die Puoertät zu geleiten. 



[Die anderen Formen von typischen Träumen hatte ich in der 
ersten Auflage dieses Buches nur flüchtig gewürdigt, weil mir zu 
wenig gutes Material zu Gebote stand. Meine seither gemehrte Er- 
fahrung gestattet mir nun, diese Träume im Groben in zwei Klassen 
einzuteilen, in solche, die wirklich jedesmal den gleichen Sinn haben, 
und zweitens in solche, die trotz des gleichen oder ähnlichen Inhalts 
doch die verschiedenartigsten Deutungen erfahren müssen. Von den 
typischen Träumen der ersten Art will ich den Prüfungstraum und den 
sogenannten Zahnreiztraum eingehender behandeln. 

Jeder, der mit der Maturitätsprüfung seine Gymnasialstudien 
abgeschlossen hat, klagt über die Hartnäckigkeit, mit welcher der 
Angsttraum, daß er durchfallen werde, die Klasse wiederholen müsse 
u. dgl. ihn verfolgt. Für den Besitzer eines akademischen Grades er- 
setzt sich dieser typische Traum durch einen anderen, der ihm vor- 
hält, daß er die rigorosen Prüfungen abzulegen habe, und gegen 
den er vergeblich noch im Schlafe einwendet, daß er ja schon seit 

*) [Als Dr. Jones in einem wissenschaftlichen Vortrai^ vor einer amerika- 
nischen GeseHsehaft vom Egoismus der Träume sprach, erhob eine gelehrte Dame 
gegen diese onwissenschaftliche Verallgemeinerung den Einwand, der Autor kOnne 
doch nur über die Träume yon Österreichern urteilen und dürfe über die Träume 
von Amerikanern nichts aussagen. Sie sei für ihre Person sicher, daß alle ihre 
Träume streng altruistisch seien]. 



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PrUfnDgstrftume. 1 97 

Jahren praktiziere, Privatdozent sei oder Kanzleileiter. Es sind die 
unauslöschlichen Erinnerungen an die Strafen, die wir in der Kind- 
heit fUr verübte Untaten erlitten haben, die sich so an den beiden 
Knotenpunkten unserer Studien, an dem „dies irae, dies illa" der 
strengen Prüfungen in unserem Inneren wieder geregt haben. Auch 
die „Prüfungsangst" der Neurotiker findet in dieser Kinderangst ihre 
Verstärkung. Nachdem wir aufgehört haben Schüler zu sein, sind 
es nicht mehr wie zuerst die Eltern und Erzieher oder später die 
Lehrer, die unsere Bestrafung besorgen; die unerbittliche Kausalver- 
kettung des Lebens hat unsere weitere Erziehimg übernommen, und 
nun träumen wir von der Matura oder von dem Rigorosum, — und 
wer hat damals nicht selbst als Gerechter gezagt? — so oft wir er- 
warten, daß der Erfolg uns bestrafen werde, weil wir etwas nicht 
recht gemacht, nicht ordentlich zu stände gebracht haben, so oft wir 
den Druck einer Verantwortung fühlen. 

Die eigentliche Aufklärung der Prüfungsträume danke ich einer 
Bemerkung von Seiten eines kundigen Kollegen, der einmal in einer 
wissenschaftlichen Unterhaltung hervorhob, daß seines Wissens der 
Maturatraum nur bei Personen vorkomme, die diese Prüfung bestanden 
haben, niemals bei solchen, die an ihr gescheitert sind. Der ängst- 
liche Prüfungstraum, der, wie sich immer mehr bestätigt, dann auf- 
tritt, wenn man vom nächsten Tage eine verantwortliche Leistung und 
die Möglichkeit einer Blamage erwartet, würde also eine Gelegenheit 
aus der Vergangenheit herausgesucht haben, bei welcher sich die 
große Angst als unberechtigt erwies und durch den Ausgang wider- 
legt wurde. Es wäre dies ein sehr auffälliges Beispiel von Mißver- 
ständnis des Trauminhalts durch die wache Instanz. Die als Em- 
pörung gegen den Traum aufgefaßte Einrede: Aber ich bin ja schon 
Doktor u. dgl. wäre in Wirklichkeit der Trost, den der Traum spen- 
det, und der also lauten würde : Fürchte dich doch nicht vor morgen ; 
denke daran, welche Angst du vor der Maturitätsprüfung gehabt hast, 
und es ist dir doch nichts geschehen. Heute bist du ja schon Doktor 
u. s. w. Die Angst aber, die wir dem Traume anrechnen, stammte 
aus den Tagesresten. 

Die Proben auf diese Erklärung, die ich bei mir und anderen 
anstellen konnte, wenngleich sie nicht zahlreich genug waren, haben 
gut gestimmt. Ich bin z. B. als Rigorosant in gerichtlicher Medizin 
durchgefallen; niemals hat dieser Gegenstand mir im Traume zu 
schaffen gemacht, während ich häufig genug in Botanik, Zoologie 
oder Chemie geprüft wurde, in welchen Fächern ich mit gut begrün- 
deter Angst zur Prüfung gegangen, der Strafe aber durch Gunst des 
Schicksals oder des Prüfers en^angen bin. Im Gymnasialprüfungs- 
träume werde ich regelmäßig aus Geschichte geprüft, wo icn damals 
glänzend bestanden habe, aber allerdings nur, weil mein liebenswür- 
diger Professor — der einäugige Helfer eines anderen Traumes, vgl. 
p. 11, — nicht übersehen hatte, daß auf dem Prüfungszettel, den ich 



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198 V. Traummaterial und Traumquellen. 

ihm zurückgab, die mittlere von drei Fragen mit dem Fingernagel 
durchgestrichen war, zur Mahnung, daß er auf dieser Frage nicht 
bestehen solle. Einer meiner Patienten, der von der Matura zurück- 
getreten war und sie später nachgetragen hatte, dann aber bei der 
Offiziersprüfung durchgefallen und nicht Offizier geworden ist, be- 
richtet mir, daß er oft genug von der ersteren, aber nie von der 
letzteren Prüfung träumt. 

Der oben erwähnte Kollege [Dr. St ekel in Wien] macht aul 
den Doppelsinn des Wortes „Matura" (^Reife) aufmerksam und will 
beobachtet haben, daß Maturitätsträume recht häufig auftreten, wenn 
eine sexuelle Erprobung für den nächsten Tag angesetzt ist, wo die 
gefürchtete Blamage also in der Entfaltung einer geringen Potenz be- 
stehen könnte. Ein deutscher Kollego hat dagegen, wie es scheint 
mit Recht, den Einwand erhoben, daß der Name dieser Prüfung in 
Deutschland — Abiturium — sich diesem Doppelsinn nicht bietet. 

Wegen des ähnlichen Affekteindrucks verdienen die Träume vom 
Nichterreichen eines Eisenbahnzuges den Prüfungsträumen angereiht 
zu werden. Ihre Aufklärung rechtfertigt dann diese Annäherung. Es 
sind Trostträume gegen eine andere im Schlaf empfundene Angstre- 
gung, die Angst zu sterben. „Abreisen^ ist eines der häufigsten und 
am besten zu begründenden Todessymbole. Der Traum sa^t dann 
tröstend: Sei ruhige du wirst nicht sterben (abreisen), wie der Prti- 
fungstraum beschwichtigte: Fürchte nichts; es wird dir auch diesmal 
nichts geschehen. Die Schwierigkeit im Verständnis beider Arten von 
Träumen rührt daher, daß die Anerstempfindung gerade an den Aus- 
druck des Trostes geknüpft ist. — Über Todessymbole handelt ausführ- 
lich St ekel in seinem neu erschienenen Buch: „Die Sprache des 
Traumes". 

Der Sinn der „Zahnreizträume", die ich bei meinen Patienten 
oft genug zu analysieren hatte, ist mir lange Zeit entgangen, weil sich 
zu meiner Überraschung der Deutimg derselben regelmäßig allzu 
große Widerstände entgegenstellten. 

Endlich ließ die übergroße Evidenz keinen Zweifel daran, daß 
bei Männern nichts anderes als das Onaniegelüste der Pubertätszeit 
die Triebkraft dieser Träume abgebe. Ich will zwei solcher Träume 
analysieren, von denen einer gleichzeitig ein „Flugtraum" ist. Beide 
rühren von derselben Person her, einem jungen Manne mit starker, 
aber im Leben gehemmter Homosexualität: 

Er befindet sich bei einer Fideliovorstellung im 
Parkett der Oper, neben L., einer ihm sympathischen 
Persönlichkeit, deren Freundschaft er gern erwerben 
möchte. Plötzlich fliegt er schräg hinweg über das 
Parkett bis ans Ende, greift sich dann in den Mund 
und zieht sich zwei Zähne aus. 



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Zahn reizträume. 199 

Den Flug beschreibt er selbst, als ob er in die Luft „geworfen'^ 
würde. Da es sich um eine Vorstellung des „Fidelio" handelt, liegt 
das Dichterwort nahe: 

„Wer ein holdes Weib errungen'^ — 

Aber das Erringen auch des holdesten Weibes gehört nicht zu 
den Wünschen des Träumers. Zu diesen stimmen zwei andere Verse 
besser : 

^Wem der große Wurf gelungen, 
Eines Freundes Freund zu sein ..." 

Der Traum enthält nun diesen „großen Wurf", der aber nicht 
allein Wunscherfüllung ist. Es verbirgt sich hinter ihm auch die 
peinliche Überlegung, daß er mit seinen Werbungen um Freundschaft 
schon so oft Unglück gehabt hat, „hinausgeworfen" wurde, und die 
Furcht, dieses ^hicksal könnte sich bei dem jungen Manne, neben 
dem er die Fideliovorstellung genießt, wiederholen. Und nun schließt 
sich daran das für den feinsinnigen Träumer beschämende Geständnis 
an, daß er einst nach einer Abweisung von seiten eines Freundes aus 
Sehnsucht zweimal hintereinander in sinnlicher Erregung onaniert hat 

Der andere Traum: Zwei ihm bekannte Universitäts- 
professoren behandeln ihn an meiner Statt. Der eine 
tut irgend etwas an seinem Gliede; er hat Angst vor 
einer Operation. Der andere stößt mit einer eisernen 
Stange gegen seinen Mund, so daß er ein oder zwei Zähne 
verliert. Er ist mit vier seidenen Tüchern gebunden. 

Der sexuelle Sinn dieses Traumes ist wohl nicht zweifelhaft. Die 
seidenen Tücher entsprechen einer Identifizierung mit einem ihm be- 
kannten Homosexuellen. Der Träumer, der niemals einen Koitus aus- 
geftihrt, auch nie in der Wirklichkeit geschlechtlichen Verkehr mit 
Männern gesucht hat, stellt sich den sexuellen Verkehr nach dem 
Vorbilde der ihm einst vertrauten Pubertätsonanie vor. 

Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen des typischen 
Zahnreiztraumes, z. B. daß ein anderer dem Träumer den Zahn aus- 
zieht und ähnliches, durch die gleiche Aufklärung verständlich werden. 
Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso der „Zahnreiz^ zu dieser Be- 
deutung gelangen kann. Ich mache hier auf die so häufige Verlegung 
von unten nach oben aufmerksam, die im Dienste der Sexualverdrän- 
gung steht, und vermöge welcher in der Hysterie allerlei Sensationen 
und Intentionen, die sich an den Genitalien abspielen sollten, wenig- 
stens an anderen einwandfreien Körperteilen realisiert werden können. 
Ein Fall von solcher Verlegung ist es auch, wenn in der Symbolik 
des unbewußten Denkens die Genitalien durch das Angesicht ersetzt 
werden. Der Sprachgebrauch tut dabei mit, indem er „Hinterbacken'^ 
als Homologe der Wangen anerkennt, „Schamlippen" neben den 
Lippen nennt, welche die Mundspalte einrahmen. Die Nase wird in 
zahlreichen Aiispielungen dem Penis gleichgestellt, die Behaarung hier 



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200 V. Traiimmaterial und Tranmquellen. 

und dort vervollstilndigt die Ähnlichkeit. Nur ein Gebilde steht außer 
jeder Möglichkeit von Vergleichung, die Zähne, und gerade dies Zu- 
sammentreffen von Übereinstimmung und Abweichung macht die Zähne 
für die Zwecke der Darstellung unter dem Drucke der Sexualver- 
drängung geeignet. 

Ich will nicht behaupten, daß nun die Deutung des Zahnreiz- 
traumes als Onanietraum, an deren Berechtigung ich nicht zweifebi 
kann, voll durchsichtig geworden ist.*) Ich gebe so viel, als ich zur 
Erklärung weiß, und muß einen Rest unaufgelöst lassen. Aber ich 
muß auch auf einen anderen im sprachlichen Ausdruck enthaltenen 
Zusammenhang hinweisen. In unseren Limden existiert eine unfeine 
Bezeichnung für den masturbatorischen Akt: sich einen ausreißen 
oder sich einen herunterreißen.**) Ich weiß nicht zu sagen, woher 
diese Redeweisen stammen, welche Verbildlichung ihnen zu Grunde 
liegt, aber zur ersteren von den beiden würde sich der ^Zahn" sehr 
gut filgen.t ) 

*) [Nach einer Mitteilang von C. G. Jungf haben die Zahnreiztrüume bei 
Frauen die Bedeutung von Gebartflträumen.] 

**) [Vgl. hiezQ den „biographischen" Traum auf Seite 200] 
f) [Da die Träume vom Zahnziehen oder Zahnausfall im Volks- 
glauben auf den Tod eines Angehörigen gedeutet werden, die Psychoanalyse ihnen 
aber solche Bedeutung höchstens im oben angedeuteten parodistischen Sinn zugestehen 
kann, schalte ich hier einen, von Otto Kank'^^) zur Verfügung gestellten „Zahn- 
reiztraum** ein: 

»Zum Thema der Zahnreiztrüume ist mir von einem Kollegen, der sich seit 
einiger Zeit für die Probleme der Traumdeutung lebhafter zu interessieren beginnt, 
der folgende Bericht zugekommen: 

„Mir träumte kürzlich, ich sei beim Zahnarzt, der mir einen 
rückwärtigen Zahn «ies Unterkiefer)) ausbohrt. Er arbeitet so lange 
herum, bis der Zahn unbrauchbar geworden ist. Dann faßt er ihn 
mit derZangeundziehtihnmiteiner spielendenLeichtigkeit heraus, 
die mich in Verwunderung setzt. Er sagt, ich solle mir nichts 
daraus machen, denn das sei gar nicht der eigentlich behandelte 
Zahn und legt ihn auf den Tisch, wo der Zahn (wie mir nun scheint, 
ein oberer Schneidezahn) in mehrere Schichten zerfällt. Ich erhebe 
mich vom Operationsstuhl, trete neugierig näher und stelle inter- 
essiert eine medizinische Frage. Der Arzt erklärt mir, während er 
die einzelnen TeilstUcke des auffallend weißen Zahnes sondert und 
mit einem Instrument zermalmt (pulverisiert), daß das mit der 
Pubertät zusammenhängt und daß die Zähne nur vor der Pubertät 
so leicht herausgehen; bei Frauen sei das hiefür entscheidende 
Moment die Geburt eines Kindes. — Ich merke dann (wie ich glaube 
im Halbschlaf), daß dieserTraum von einer Pollution begleitet war, 
die ich aber nicht mit Sicherheit an eine bestimmte Stelle des 
Traumes einzureihen weiß; am ehesten scheint sie mir noch beim 
Herausziehen des Zahnes eingetreten zu sein. 

Ich träume dann weiter einen mir nicht mehr erinnerlichen 
Vorgang, der damit abschloß, daß ich Hut und Rock in der Hoffnung, 
man werde mir die Kleidungsstücke nachbringen, irgendwo (mög- 
licherweise in der Garderobe de-s Zahnarztes) zurücklassend und 
bloß mit dem Überrock bekleidet mich beeilte, einen abgehenden 
Zug noch zu erreichen. Es gelang mir auch im letzten Moment auf 



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Zahnreizträume. 201 

Zur zweiten Gruppe von typischen Träumen gehören die, in 
denen man fliegt oder schwebt, föUt, schwimmt u. dgl. Was bedeuten 
diese Träume? Das ist allgemein nicht zu sagen. Sie bedeuten, wie 
wir hören werden, in jedem Falle etwas anderes, nur das Material 
an Sensationen, das sie enthalten, stammt allemal aus derselben Quelle. 

den rückwärtigen Waggon auf zaspringen, wo bereits jemand stand. 
Ich konnte jedoch nicht mehr in das Innere dos Wagens gelangen, 
sondern muüte in einer iinbeqaemen Stellung, aus der ich mich 
mit schließlichcm Erfolg zu befreien versachte, die lieise mitmachen. 
Wir fahren durch ein großes Tunnel, wobei in der Gegenrichtung 
zwei Züge wie durch unseren Zug hi ndurchfahren, als ob dieser das 
Tunnel wäre. Ich schaue wie von außen durch ein Waggonfenster 
hinein. 

Als Material zu einer Deutung dieses Traumes ergeben sich folgende Erleb- 
nisse und Gedanken des Vortrages : 

I. Ich stehe tatsächlich seit kurzem in zahnärztlicher Behandlung und habe 
zur Zeit des Traumes kontinuierlich Schmerzen in dem Zahn des Unterkiefers, der im 
Traume ausgebohrt wiid und an dem der Arzt auch in Wirklichkeit schon länger 
herumarbeitet, als mir lieb ist. Am Vormittag des Traumtages war ich neuerlich 
w^egen der Schmerzen beim Arzt gewesen, der mir nahegelegt hatte, einen anderen 
als den behandelten Zahn im selben Kiefer ziehen zu lassen, von dem wahrscheinlich 
der Schmerz herrühren dürfte. Es handelte sich um einen eben durchbrechenden 
,, Weisheitszahn**. Ich hatte bei der Gelegenheit auch eine darauf bezügliche Frage 
an sein ärztliches Gewissen gestellt. 

II. Am Nachmittag desselben Tages war ich genötigt, einer Dame gegenüber 
meine üble Laune mit den Zahnschmerzen entschuldigen zu müssen, worauf sie mir 
erzählte, sie habe Furcht, sich eine Wurzel ziehen zu lassen, deren Krone fast gänz- 
lich abgebröckelt sei. Sie meinte, das Ziehen wäre bei den Augenzähnen besonders 
schmerzhaft und gefahrlich, obwohl ihr anderseits eine Bekannte gesagt habe, daß 
es bei den Zähnen des Oberkiefers (um einen solchen handelte es sich bei ihr) 
leichter gehe. Diese Hekannte habe ihr auch erzählt, ihr sei einmal in der Narkose 
ein falscher Zahn gezogen worden, eine Mitteilung, welche ihre Scheu vor der not- 
wendigen Operation nur vermehrt habe. Sie fragte mich dann^ ob unter Augenzähnen 
Backen- oder Eckzöhne zu verstehen seien und was über diese bekannt sei. Ich 
machte sie einerseits auf den abergläubischen Einschlag in all diesen Meinungen 
aufmerksam, ohne jedoch die Betonung des richtigen Kernes mancher volkstümlicher 
Anschauungen zu veraäumen. Sie weiß darauf von einem ihrer Erfahrung nach 
sehr alten und allgemein bekannten Volksglauben zu berichten, der behauptet: 
Wenn eine Schwangere Zahnschmerzen hat, so bekommt sie einen 
Buben. 

II L Dieses Sprichwort interessierte mich mit Rücksicht auf die von Freud 
in seiner Traumdeutung (2. Aufl. S. 193 f.) mitgeteilte typische Bedeutung der Zahn- 
reizträume als Onanieersatz, da ja auch in dem Volksspruch der Zahn und das 
männliche Genitale (Bub) in eine gewisse Beziehung gebracht werden. Ich las also 
am Abend desselben Tages die betreffende Stelle in der Traumdeutung nach und 
fand dort unter anderem die im folgenden wiedergegebenon Ausführungen, deren 
Einfluß auf meinen Traum ebenso leicht zu erkennen ist, wie die Einwirkung der 
beiden vorgenannten Erlebnisse. Freud schreibt von den Zahnreizträumen, „daß bei 
Männern nichts anderes als das OnanieoelUste der Pubertätszeit die Triebkraft dieser 
Träume abgebe.*^ (S. 193). Ferner: .Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen 
des tjrpischen Zahnreiztraumes, z. B. daß ein anderer dem Träumer den Zahn aus- 
zieht und ähnliches, durch die gleiche Aufklärung verständlich werden. Rätselhaft 
mag es aber scheinen, wieso der Zahnreiz zu dieser Bedeutung gelangen kann. Ich 
mache hierauf die so häufige Verlegung von unten nach oben [im vorliegen- 



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202 V. 'rraummaterial und Traumqnellen. 

Aus den Auskünften, die man durch die Psychoanalysen erhält, 
muß man schließen, daß auch diese Träume Eindrücke der Kinder- 
zeit wiederholen, nämlich sich auf die Bewegungsspiele beziehen, die 
für das Kind eine so außerordentliche Anziehung haben. Welcher 
Onkel hat nicht schon ein Kind fliegen lassen, indem er die Arme 

den Traume vom Unterkiefer in den Oberkiefer] aafmerksam, die im Dienste der 
Sezualverdr&ngan^ steht and vermöge welcher in der Hysterie allerlei Sensationen 
and Intentionen, die sich an den Qenitalien abspielen sollten, wenigstens an anderen 
einwandfreien KQrperstellen realisiert werden können*^ (S. 194). ,,Aber ich maß aach 
auf einen anderen im sprachlichen Ausdruck enthaltenen Zasammenhang hinweisen. 
In unseren Landen existiert eine unfeine Bezeichnung für den masturbatorischen Akt: 
sich einen ausreißen oder sich einen herunterreißen** (S. 195). Dieser Ausdruck war 
mir schon in früher Jugend als Bezeichnung fdr die Onanie geläufig und von hier 
aus wird der geübte Traamdeuter unschwer den Zugang zum Kindheitsmaterial, das 
diesem Traume zugrunde liegen mag, finden. Ich erwähne nur noch, daß die Leich- 
tigkeit, mit der im Traume der Zahn, der sich nach dem Ziehen in einen oberen 
Schneidezahn verwandelt, heraufgeht, mich an einen Vorfall meiner Kinderzeit erinnert, 
wo ich mir einen wackligen oberen Vorderzahn leicht und schmerzlos selbst 
ausriß. Dieses Ereignis, das mir heute noch in allen seinen Einzelheiten deutlich 
erinnerlich ist, fällt in dieselbe frühe Zeit, in die bei mir die ersten bewußten Onanie- 
versuche zurückgehen (Deckerinnerung). 

Der Hinweis Freuds auf eine Mitteilung von CG* Jung, wonach dio Zahn- 
reizträume bei Frauen die Bedeutung von Geburtsträumen haben (Traum- 
deutung S. 194 Anmkg.) sowie der Volksglaube von der Bedeutung des Zahnschmer- 
zes bei Schwangeren haben die Gegenüberstellung der weiblichen Bedeutung gegen- 
über der männlichen (Pubertnt) im Traume veranlaßt. Dazu erinnere ich mich eines 
früheren Traumes, wo mir bald nachdem ich aus der Behandlung eines Zahnarztes 
entlassen worden war, träumte, daß mir die eben eingesetzten Goldkronen heraus- 
fielen, worüber ich mich wegen des bedeutenden Kostenaufwandes, den ich damals 
noch nicht ganz verschmerzt hatte, im Traume sehr ärgerte. Dieser Traum wird mir 
jetzt im Hinblick auf ein gewisses Erlebnis als Anpreisung der materiellen Vorzüge 
der Masturbation gegenüber der in jeder Form ökonomisch nachteiligeren Objektliebe 
verständlich (Goldkronen) und ich glaube, daß die Mitteilung iener Dame über die 
Bedeutung des Zahnschmerzes bei Schwangeren, diese Gedankengänge in mir wieder 
wachrief**. 

So weit die ohne weiteres einleuchtende und wie ich glaube auch einwand- 
freie Deutung des Kollegen, der ich nichts hinzuzufügen habe, als etwa den Hinweis 
auf den warscheinlichen Sinn des zweiten Traumteiles, der über die Wortbrücken : 
Zahn-(ziehen«Zag; reißen-reiseu) den allem Anschein nach unter Schwierigkeiten 
vollzogenen Übergan!? des Träumers von der Masturbation zum Geschlechtsverkehr 
(Tunnel, durch den die Züge in verschiedenen Richtungen hinein- und herausfahren) 
sowie die Gefahren desselben (Schwangerschaft; Überzieher) darstellt. 

Dagegen scheint mir der Fall theoretisch nach zwei Richtungen interessant. 
Erstens ist es beweisend für den von Freud aufgedeckten Zusammenhang, daß die 
Ejakulation im Traumo beim Akt des Zahnziehens erfolgt. Sind wir doch genötigt 
die Pollution, in welcher Form immer sie auftreten mag, als eine masturbatorische 
Befriedigung anzusehen, welche ohne Zuhilfenahme mechanischer Reizungen zustande 
kommt. Dazu kommt, daß in diesem Falle die pollutionistische Befriedigung nicht 
wie sonst an einem wenn auch nur imaginierten Objekte erfolgt, sondern objektlos, 
wenn man so sagen darf, rein autoerotisch ist und höchstens einen leisen homo- 
sexuellen Einschlag (Zahnarzt) erkennen läßt. 

Der zweite Punkt, der mir der Hervorhebung wert erscheint, ist folgender. 
Es liegt der Einwand nahe, daß die Froudsche Auffassung hier ganz überflüssiger- 
weise geltend gemacht zu werden suche, da doch die Erlebnisse des Vortrages allein 
vollkommen hinreichen, uns den Inhalt des Traumes verständlieh zu machen. Der 



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Fliegetraume. 203 

ansstreckend durchs Zimmer mit ihm eilte, oder Fallen mit ihm ge- 
spielt, indem er es auf den Knien schaukelte und das Bein plötzlich 
streckte, oder es hoch hob und plötzlich tat, als ob er ihm die Un- 
terstützung entziehen wollte. Die Kinder jauchzen dann und verlan- 
gen unermüdlich nach Wiederholung, besonders wenn etwas Schreck 
und Schwindel mit dabei ist; dann schaffen sie sich nach Jahren die 
Wiederholung im Traume, lassen aber im Traume die Hände weg, 
die sie gehalten haben, so daß sie nun frei schweben und fallen. Die 
Vorliebe aller kleinen Kinder für solche Spiele wie für Schaukeln und 
Wippen ist bekannt ; wenn sie dann gymnastische Kunststücke im 
Zirkus sehen, wird die Erinnerung von neuem aufgefrischt. Bei man- 
chen Knaben besteht dann der hysterische Anfall nur aus Reproduk- 
tionen solcher Kunststücke, die sie mit großer Gechicklichkeit aus- 
fuhren. Nicht selten sind bei diesen an sich harmlosen Bewegungs- 
spielen auch sexuelle Empfindungen wachgerufen worden.*) Um es 
mit einem bei uns gebräuchlichen, all diese Veranstaltungen decken- 
den Worte zu sagen: es ist das „Hetzen" in der Kindheit, welches 
die Träume vom Fliegen, Fallen, Schwindeln u. dgl. wiederholen, 
dessen Lustgefühle jetzt in Angst verkehrt sind. Wie aber jede Mutter 
weiß, ist auch das Hetzen der Kinder in der Wirklichkeit häufig 
genug in Zwist und Weinen ausgegangen. 

Ich habe also guten Grund, die Erklärung abzulehnen, daß der 
Zustand unserer Hautgefühle während des Schlafes, die Sensationen 

Besuch beim Zahnarzt, das Gespräch mit der Dame und die LektUre der Traum- 
deutung erklärten hinreichend, daß der auch nachts durch Zabnschmensen beunruhigte 
Schläfer diesen Traum produziere; wenn rran durchaus wolle sogar zur Beseitigung 
des schlafatörenden Schmerzes (mittels der Vorstellung von der Entfernung des 
schmerzenden Zahnes bei gleichzeitiger Übertönung der gefUrchteten Schmerzempfin- 
dung durch Libido). Nun wird man aber selbst bei den weitestgehenden Zugeständ- 
nissen in dieser Richtung die Behauptung nicht ernsthaft vertreten wollen, daß die 
Lektüre der Freud sehen Aufklärungen den Zusammenhang von Zahnziehen und 
Masturbationsakt in dem Träumer hergestellt oder auch nur wirksam gemacht haben 
könnte, wenn er nicht, wie der Träumer selbst eingestanden hat (nsich einen aus- 
reißen**) längst vorgebildet gewesen wäre. Was vielmehr diesen Zusammenhang neben 
dem Gespräch mit der Dame belebt haben mag, ergibt die spätere Mitteilung des 
Träumers, daß er bei der Lektüre der Traumdeutung aus begreiflichen Gründen an 
diese typische Bedeutung der Zahnreizträume nicht recht glauben mochte und den 
Wunsch hegte, zu wissen, ob dies für alle derartigen Träume zutreffe. Der Traum 
bestätigt ihm nun das wenigstens für seine eigene Person und zeigt ihm so, warum 
er daran zweifeln mußte. Der Traum ist also auch in dieser Hinsicht die Erfüllung 
eines Wunsches: nämlich sich von der Tragweite und der Haltbarkeit dieser 
Freu dachen Auffassung zu überzeugen «^.j 

*) Ein junger, von Nervosität freier Kollege teilt mir hiezu mit: ^ich 
weiß aus eigener Erfahrung, daß ich früher beim Schaukeln, und zwar in dem 
Moment, wo die Abwärtsbewegung die größte Wucht hat, ein eigentümliches Gefühl 
in den Genitalien bekam, das ich, obwohl es mir eigentlich nicht angenehm war, 
doch als Lus^fühl bezeichnen muß.^ — Von Patienten habe ich oftmals gehört, 
daß die ersten Erektionen mit Lustgefühl, die sie erinnern, in der Knabenzeit beim 
Klettern aufgetreten sind. — Aus den Psychoanalysen ergibt sich mit aller Sicherheit, 
daß häufig die ersten sexuellen Regungen in den Rauf- und Ringspielen der Kinder- 
jabre wurzeln. 



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204 V. Traammaterial and Traum quellen. 

von der Bewegung unserer Lungen u dgl. die Träume vom Fliegen 
und Fallen hervorrufen. Ich sehe, daß diese Sensationen selbst aus 
der Erinnerung reproduziert sind, auf welche der Traum sich bezieht, 
daß sie also Trauminhalt sind und nicht Traumquellen. 

Dieses, gleichartige und aus der nämlichen Quelle stammende 
Material von Bewegungsempfindungen wird nun zur Darstellung der 
allermannigfaltigsten Traumgedanken verwendet. Die meist lustbeton- 
ten Träume vom Fliegen erfordern die verschiedensten Deutungen, 
ganz spezielle bei einigen Personen, Deutungen von selbst typischer 
Natur bei anderen. Eine meiner Patientinnen pflegte sehr häufig zu 
träumen, daß sie über die Straße in einer gewissen Höhe schwebe^ 
ohne den Boden zu berühren. Sie war sehr klein gewachsen und 
scheute jede Beschmutzung, die der Verkehr mit Menschen mit sich 
bringt. Ihr Schwebetraum erfllUte iht beide Wünsche, indem er ihre 
Füße vom Erdboden abhob und ihr Haupt in höhere Regionen ragen 
ließ. Bei anderen Träumerinnen hatte der Fliegetraum die Bedeutung 
der Sehnsucht : Wenn ich ein Vöglein war' ; andere wurden so nächt- 
licherweise zu Engeln in der Entbehrung, bei Tage so genannt zu 
werden. Die nahe Verbindung des Fliegens mit der Vorstellung des 
Vogels macht es verständlich, daß der Fliegetraum bei Männern meist 
eine grobsinnliche Bedeutung hat. Wir werden uns auch nicht ver- 
wundem, zu hören, daß dieser oder jener Träumer jedesmal sehr stolz 
auf sein Fliegenkönnen ist. 

Dr, Paul Federn (Wien) hat die bestechende Vermutung aus- 
gesprochen, daß ein guter Teil der Fliegeträume Erektionsträume sind, 
da das merkwürdige und die menschliche Phantasie unausgesetzt be- 
schäftigende Phänomen der Erektion als Aufhebung der Schwerkraft 
imponieren muß. (Vgl. hiezu die geflügelten Phallen der Antike). 

Die Träume vom Fallen tragen häufiger den Angstcharakter. 
Ihre Deutung unterliegt bei Frauen keiner Schwierigkeit, da sie fast 
regelmäßig die symbolische Verwendurig des Fallens akzeptieren, wel- 
ches die Nachgiebigkeit gegen eine erotische Versuchung umschreibt. 
Die infantilen Quellen des Falltraumes haben wir noch nicht erschöpft ; 
fast alle Kinder sind gelegentlich gefallen und wurden dann aufgeho- 
ben und geliebkost; wenn sie Nachts aus dem Bettchen gefallen waren, 
von ihrer Pflegeperson in ihr Bett genommen. 

Personen, die häufig vom Schwimmen träumen, mit großem Be- 
hagen die Wellen teilen u. s. w. sind gewöhnlich Bettnässer gewesen 
und wiederholen nun im Traume eine husU auf die sie seit langer 
Zeit zu verzichten gelernt haben. Zu welcher Darstellung sich die 
Träume vom Schwimmen leicht bieten, werden wir bald an dem 
einen oder dem anderen Beispiele erfahren. 

Die Deutung der Träume vom Feuer gibt einem Verbot der 
Kinderstube Recht, welches die Kinder nicht „zündeln" heißt, damit 
sie nicht nächtlicher Weile das Bett nässen sollen. Es liegt nämlich 
auch ihnen die Reminiszenz an die Enuresis nocturna der Kinder- 



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Vorwiegen sexueUer Wünsche in den latenten Tranmgedanken. 205 

jähre zu Grunde. In dem ^Bruchstflck einer Hysterieanalyse" 1905*) 
habe ich die vollständige Analyse und Synthese eines solchen Feuer- 
traumes im Zusammenhange mit der Krankengeschichte der Träume- 
rin gegeben und gezeigt, zur Darstellung welcher Regungen reiferer 
Jahre sich dieses infantile Material verwenden läßt. 

Man könnte noch eine ganze Anzahl von „typischen" Träumen 
anfuhren, wenn man darunter die Tatsache der häufigen Wiederkehr 
des gleichen manifesten Trauminhalts bei verschiedenen Träumern 
versteht, so z. B.: Die Träume vom Gehen durch enge Gassen, vom 
Gehen durch eine ganze Flucht von Zimmern, die Träume vom nächt- 
lichen Räuber, dem auch die Vorsichtsmaßregeln der Nervösen vor 
dem Schlafengehen gelten, die von Verfolgung durch wilde Tiere, 
(Stiere, Pferde) oder von Bedrohung mit Messern, Dolchen, Lanzen, 
die beide letztere für den manifesten Trauminhalt von Angstleidenden 
charakteristisch sind u. dgL Eine Untersuchung, die sich speziell 
mit diesem Material beschäftigen würde, wäre sehr dankenswert. Ich 
habe an ihrer Statt zwei Bemerkungen zu bieten, die sich aber nicht 
ausschließlich auf typische Träume beziehen. 

I. Je mehr man sich mit der Lösung von Träumen beschäftigt, 
desto bereitwilliger muß man anerkennen, daß die Mehrzahl der 
Träume Erwachsener sexuelles Material Dehandelt und erotische 
Wtlnsche zum Ausdruck bringt. Nur wer wirklich Träume analysiert, 
d. h. vom manifesten Inhalt derselben zu den latenten Traumgedanken 
vordringt, kann sich ein Urteil hierüber bilden, nie wer sich damit 
begnügt, den manifesten Inhalt zu registrieren [wie z. B. Näcke in 
seinen Arbeiten über sexuelle Träume]. Stellen wir gleich fest, daß 
diese Tatsache uns nichts Überraschendes bringt, sondern in voller Über- 
einstimmung mit unseren Grundsätzen der Traumerklärung steht. 
Kein anderer Trieb hat seit der Kindheit so viel Unterdrückung er- 
fahren müssen, wie der Sexualtrieb in seinen zahlreichen Komponenten,**) 
von keinem anderen erübrigen so viele und so starke unbewußte 
Wünsche, die nun im Schlafzustande traumerzeugend wirken. Man 
darf bei der Traumdeutung diese Bedeutung sexueller Komplexe nie- 
mals vergessen, darf sie natürlich auch nicht zur Ausschließlichkeit 
übertreiben. 

An vielen Träumen wird man bei sorgfkltiger Deutung fest- 
stellen können, daß sie selbst bisexuell zu verstehen sind, indem sie 
eine unabweisbare Überdeutung ergeben, in welcher sie homosexuelle 
d. h. der normalen Geschlechtsbetätigung der träumenden Person ent- 
gegengesetzte Regungen realisieren. Daß aber alle Träume bisexuell 
zu deuten seien, wie W. St ekel (Die Sprache des Traumes, 1911) 
und Alf. Adler (Der psychische Hermaphroditismus im Leben und 
in der Neurose, Fortschritte der Medizin 1910, Nr. 16 und spätere Ar- 

♦) [Sammlang kl. Schriften z. Nearosenlehre. Zweite Folßre, 1909]. 

**) [Ver^l. des Verf. „Drei Abhandlungen »nr Sexnaltheorie", 1905, 2. Aufl, 1910 ] 



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206 V, Traommaterial und Traümqüellen. 

beiten im Zentralblatt für Psychoanalyse I. 1910/11) behaupten, scheint 
mir eine ebenso unbeweisbare wie unwahrscheinliche Verallgemeinerung, 
welche ich nicht vertreten möchte. Ich wUßte vor allem den 
Augenschein nicht wegzuschaffen, daß es zahlreiche Träume gibt, 
welche andere als — im weitesten Sinn — erotische Bedürfnisse 
befriedigen, die Hunger- und Durstträume, Bequemlichkeitsträume 
u. s. w. Auch die ähnlichen Aufstellungen, „daß hinter jedem Traum die 
Todesklausel zu finden sei" (St ekel), daß jeder Traum ein „Fort- 
schreiten von der weiblichen zur männlichen Linie*^ erkennen lasse 
(Adler), scheinen mir das Maß des in der Traumdeutung Zulässigen 
weit zu überschreiten. 

Daß die auffkllig harmlosen Träume durchweg grobe erotische 
Wünsche verkörpern, haben wir bereits an anderer Stelle behauptet 
und könnten wir durch zahlreiche neue Beispiele erhärten. Aber auch 
viele indifferent scheinende Träume, denen man nach keiner Richtung 
etwas Besonderes anmerken würde, ftihren sich nach der Analyse auf 
unzweifelhaft sexuelle Wunschregungen oft unerwarteter Art zurück. 
Wer würde z. B, bei nachfolgendem Traume einen sexuellen 
Wunsch vor der Deutungsarbeit vermuten? Der Träumer erzählt: 
Zwischen zwei stattlichen Palästen stehtetwas zurück- 
tretend ein kleines Häuschen, dessen Tore geschlossen 
sind. Meine Frau führt mich das Stück der Straße bis 
zu dem Häuschen hin, drückt die Tür ein und dann 
schlüpfe ich rasch und leicht in das Innere eines schräg 
aufsteigenden Hofes. 

Wer einige Übung im Übersetzen von Träumen hat, wird aller- 
dings sofort daran gemahnt werden, daß das Eindringen in enge 
Räume, das Offnen verschlossener Türen zur gebräuchlichsten sexuellen 
Symbolik gehört, und wird mit Leichtigkeit in diesem Traume eine 
Darstellung eines Koitusversuches von rückwärts [zwischen den beiden 
stattlichen Hinterbacken des weiblichen Körpers] finden. Der enge 
schräg aufsteigende Gang ist natürlich die Scheide; die der Frau des 
Träumers zugeschobene Hilfeleistung nötigt zur Deutung, daß in Wirk- 
lichkeit nur die Rücksicht auf die Ehefrau die Abhaltung von einem 
solchen Versuche besorgt, und eine Erkundigung ergibt, daß am 
Traumtag ein junges Mädchen in den Haushalt des Träumers einge- 
treten ist, welches sein Wohlgefallen errefft und ihm den Eindruck 
gemacht hat, als würde es sich gegen cme derartige Annäherung 
nicht zu sehr sträuben. Das kleine Haus zwischen den zwei Palästen ist 
von einer Reminiszenz an den Hradschin in Prag hergenoinmen und 
weist somit auf das nämliche aus dieser Stadt stammende Mädchen hin. 

Wenn ich gegen Patienten die Häufigkeit des Ödipustraumes, 
mit der eigenen Mutter geschlechtlich zu verkehren, betone, so be- 
komme ich zur Antwort: Ich kann mich an einen solchen Traura 
nicht erinnern. Gleich darauf steigt aber die Erinnerung an einen 
anderen unkenntlichen und indifferenten Traum auf, der sich bei dem 



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Geburtstränme. 207 

Betreffenden häufig wiederholt hat, und die Analyse zeigt, daß dies 
ein Traum des gleichen Inhalts, nämlich wiederum ein Üdipustraum 
ist. Ich kann versichern, daß die verkappten Träume vom Sexual- 
verkehre mit der Mutter um ein Vielfaches häufiger sind, als die auf- 
richtigen.*) 

Es gibt Träume von Landschafken oder Örtlichkeiten, bei denen 
im Traume noch die Sicherheit betont wird: Da war ich schon ein- 
mal. Diese Örtlichkeit ist dann immer das Genitale der Mutter; in 
der Tat kann man von keiner anderen mit solcher Sicherheit be- 
haupten, daß man „dort schon einmal war'^. 

Einer großen Anzahl von Träumen, die häufig angsterfüllt sind, 
oft das Passieren von engen Räumen oder den Aufenthalt im Wasser 
zum Inhalt haben, liegen Phantasien über das Intrauterinlcben, das 
Verweilen im Mutterleibe und den Geburtsakt zu Grunde. Im fol- 
genden gebe ich den Traum eines jungen Mannes wieder, der in der 
Phantasie schon die intrauterine Gelegenheit zur Belauschung eines 
Koitus zwischen den Eltern benutzt. 

„Er befindet sich in einem tiefen Schacht, in dem 
ein Fenster ist, wie im Semmeringtunnel. Durch dieses 
sieht er zuerst leere Landschaft und dann komponiert 
er ein Bild hinein, welches dann auch sofort da ist und 
die Leere ausfüllt. Das Bild stellt einen Acker dar, der 
vom Instrument tief aufgewühlt wird, und die schöne 
Luft, die Idee der gründlichen Arbeit, die dabei ist, die 
blauschwarzen Schollen machen einen schönen Ein- 
druck. Dann kommt er weiter, sieht eine Pädagogik auf- 
geschlagen . • . . und wundert sich, daß den sexuellen 
Gefühlen [des Kindes] darin soviel Aufmerksamkeit 
geschenkt wird, wobei er an mich denken muß." 

Ein schöner Wassertraum einer Patientin, der zu einer beson- 
deren Verwendung in der Kur gelangte, ist folgender: 

In ihrem Sommeraufenthalt am *^Sce stürzt sie 
sich ins dunkle Wasser dort, wo sich der blasse Mond 
im Wasser spiegelt 

*) [Ein typisches Beispiel eines solchen verkappten Ödipastraumes habe ich 
in Nr, 1 des Zentralblattes für Psychoanalyse veröffentlicht; ein anderes mit ans- 
fUhrlicher Deatang O, Rank ebendort in Nr. 4. Den Alten war übrigens auch die 
symbolische Deatang der anverhüllten Ödipasträame nicht fremd. (Vgl. O. Kank^**^) 
p. 534): „So ist von Jalias Cäsar ein Traam vom geschlechtlichen Verkehr mit der 
Matter überliefert, den die Traamdeater als günstiges Vorzeichen für die Besitz- 
ergreifang der Erde (Mattcr'Erde) auslegten. Ebenso bekannt ist das den Tarqni- 
niem gegebene Orakel, demjenigen von ihnen werde die Herrschaft Korns eufallen, 
der zaerst die Matter küsse (oscalam matri talerit), was Hrutas als Hinweis auf 
die Matter-Brdo auffaßte (terram osculo contigit, scilicet quod ea communi^ mater 
omnium mortalium esset. Livius I, LXI).** Diese Mythen und Deutungen weisen auf 
eine richtige psychologische Erkenntnis hin. Ich habe gefunden, daß die Personen, 
die sich von der Matter bevorzagt oder ausgezeichnet wissen, im Leben jene be- 
sondere Zuversicht za sich selbst, jenen unerschütterlichen Optimismus bekunden, die 
nicht selten als heldenhaft erscheinen and den wirklichen Erfolg erzwingen.] . 



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208 V. Tranmmaterial und Tranrnquellen. 

Träume dieser Art sind Geburtsträume; zu ihrer Deutung ge- 
langt man, wenn man die im manifesten Traume mitgeteilte Tatsache 
umkehrt, also anstatt: sich ins Wasser stürzen, — aus dem Wasser 
herauskommen, d. h.: geboren werden. Die Lokalität, aus der man 
geboren wird, erkennt man, wenn man an den mutwilligen Sinn von 
„la lunc^ im Französischen denkt. Der blasse Mond ist dann der weiße 
Popo, aus dem das Kind hergekommen zu sein bald errät. Was soll 
es nun heißen, daß die Patientin sich wünscht, in ihrem Sonuner- 
aufenthalt „geboren zu werden^ ? Ich befrage die Träumerin, die ohne 
zu Zügern antwortet: Bin ich nicht durch die Kur wie neugeboren? 
80 wird dieser Traum zur Einladung, die Behandlung an jenem 
Sommerorte fortzusetzen, d. h. sie dort zu besuchen; er enthält viel- 
leicht auch eine ganz schüchterne Andeutung des Wunsches, selbst 
Mutter zu werden.*) 

Einen anderen Geburtstraum entnehme ich samt seiner Deutung 
einer Arbeit von E, Jones:®^) „Sie stand am Meeresufer und 
beaufsichtigte einen kleinen Knaben, welcher der ihrige 
zu sein schien, während er ins Wasser watete. Dies tat er 
so weit, bisdas Wasser ihn bedeckte, so daß sie nur noch 
seinen Kopf sehen konnte wie er sichan der Oberfläche 
auf und nieder bewegte. Die Szene verwandelte sich 
dann in die gefüllte Halle eines Hotels. Ihr Gatte ver- 
ließsie,und sie ,trat in einGespräch mit'einemFremden.^ 

Die zweite Hälfte des Traumes enthüllte sich ohne weiteres bei 
der Analyse als Darstellung einer Flucht von ihrem Gatten und An- 
knüpfung intimer Beziehungen zu einer dritten Person. Der erste 
Teil des Traumes war eine offenkundige Geburtsphantasie. In den 
Träumen wie in der Mythologie wird die Entbinaung eines Kindes 
aus dem Fruchtwasser gewöhnlich mittels der Umkehrung als Eintritt 
des Kindes ins Wasser dargestellt; neben vielen anderen bieten die 
Geburt des Adonis, Osiris, Moses und Bacchus gut bekannte Beispiele 
hiefür. Das Auf- und Niedertauchen des Kopfes im Wasser erinnert 
die Patientin sogleich an die Empfindung der Kindesbewegungen, 
welche sie während ihrer einzigen Schwangerschaft kennen gelernt 
hatte. Der Gedanke an den ins Wasser steigenden Knaben erweckt 
eine Träumerei, in welcher sie sich selbst sah, wie sie ihn aus dem 
Wasser herauszog, ihn in die Kinderstube führte, ihn wusch und 
kleidete und schließlich in ihr Haus führte. 

Die zweite Hälfte des Traumes stellt also Gedanken dar, welche 
das Fortlaufen betreffen, das zu der ersten Hälfte der verborgenen 

*) [Die Bedeatun«^ der Phantasien und unbewußten Gedanken Ober das Leben 
im Mutterleibo habe ich erst vor kurzem würdigen gelernt. Sie enthalten sowohl 
die Aufklärung für die sonderbare Angst so vieler Menschen, lebendig begraben xu 
werden, als auch die tiefste unbewußte Hegründung des Glaubens an ein Fortleben 
nach dem Tode« welches nur die Projektion in die Zukunft dieses unheimlichen 
Lebens vor der Geburt darstellt. Der Geburtsakt ist übrigens das erste 
Angsterlebnis und somit die Quelle und Vorbild des Angstaffektos.] 



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Sexuelle Symbolik im Traum. 209 

Traumgedanken in Beziehung steht ; die erste Hälfte des Traumes ent- 
spricht dem latenten Inhalt der zweiten Hälfte, der Geburtsphantasie. 
Außer der früher erwähnten Umkehrung greifen weitere Umkehrungen 
in jeder Hälfte des Traumes Platz. In der ersten Hälfte geht das 
Kind in das Wasser und dann baumelt sein Kopf; in den zugrunde 
liegenden Traumgedanken tauchen erst die Kindesbewegungen auf 
und dann verläßt das Kind das Wasser (eine doppelte Umkehrung). 
In der zweiten Hälfte verläßt ihr Gatte sie; in den Traumgedanken 
verläßt sie ihren Gatten.'* [Übersetzt von O. Rank.] 

Einen anderen Geburtstraum erzählt Abraham^*^) von einer 
jungen, ihrer ersten Entbindung entgegensehenden Frau (p. 22): Von 
einer Stelle des Fußbodens im Zimmer führt ein unterirdischer Kanal 
direkt ins Wasser (Geburtsweg — Fruchtwasser). Sie hebt eine 
Klappe im Fußboden auf und sogleich erscheint ein in einen bräun- 
lichen Pelz gekleidetes Geschöpf, das beinahe einem Seehund gleicht. 
Dieses Wesen entpuppt sich als der jüngere Bruder der Träumerin, 
zu dem sie von jeher in einem mütterlichen Verhältnis gestanden hatte. 

Den Geburtsträumen schließen sich die Träume von „Rettungen" 
an. Retten, besonders aus dem Wasser retten, ist gleichbedeutend 
mit Gebären, wenn es von einer Frau geträumt wird, modifiziert aber 
diesen Sinn, wenn der Träumer ein Mann ist. [Siehe einen solchen 
Traum bei Pf ist er: Ein Fall von psychanalytischer Seelsorge und 
Seelenheilung. Evangelische Freiheit 1909.] — Über das Symbol des 
^Rettens'^ vergl. meinen Vortrag: Die zukünftigen Chancen der psycho- 
analytischen Therapie. Zentralblatt für Psychoanalyse, Nr. 1, 1910, 
some : Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens. L Über einen 
besonderen Typus der Objektwahl beim Manne, Jahrbuch Bleuler — 
Freud Bd. II, 1910. 

Die Räuber, nächtlichen Einbrecher und Gespenster, vor denen 
man sich vor dem Zubettgehen ftirchtet, und die auch gelegentlich 
den Schlafenden heimsuchen, entstammen einer und derselben infan- 
tilen Reminiszenz. Es sind die nächtlichen Besucher, die das Kind 
aus dem Schlafe geweckt haben, um es auf den Topf zu setzen, damit 
es das Bett nicht nässe, oder die die Decke gehoben haben, um sorg- 
sam nachzuschauen, wie es während des Schlafens die Hände hält. 
Aus den Analysen einiger dieser Angstträume habe ich noch die 
Person des nächtlichen Besuchers zur Agnoszierung bringen können. 
Der Räuber war jedesmal der Vater, die Gespenster werden wohl 
eher weiblichen Personen im weißen Nachtgewande entsprechen. 

n. Wenn man sich mit der ausgiebigen Verwendung der Sym- 
bolik fUr die Darstellung sexuellen Materials im Traume vertraut ge- 
macht hat, muß man sich die Frage vorlegen, ob nicht viele dieser 
Symbole wie die „Siegel^ der Stenographie mit ein- für allemal 
festgelegter Bedeutung auftreten, und sieht sich vor der Versuchung, 
ein neues Traumbuch nach der ChifFriermethodc zu entwerfen. Dazu 
ist zu bemerken : Diese Symbolik gehört nicht dem Traume zu eigen 

Freud, Timarodentung. 3, Aafl. 14 



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210 V. Tranmmaterial nnd Traumquellen. 

an, sondern dem unbewußten Vorstellen, speziell des Volkes, und ist 
im Folklore, in den Mythen, Sagen, Redensarten, in der Spruchweis- 
heit und in den umlaufenden Witzen eines Volkes vollständiger als im 
Traume aufeufinden.*) 

Der Traum bedient sich dieser Symbolik zur verkleideten Dar- 
stellung seiner latenten Gedanken. Unter den so verwendeten Sym- 
bolen sind nun allerdings viele, die regelmäßig oder fast regelmäßig 
\ das nämliche bedeuten wollen. Nur möge man der eigentümlichen 
Plastizität des psychischen Materials eingedenk bleiben. Ein Symbol 
I kann gelegentlich einmal im Trauminhalt nicht symbolisch, sondern 
' in seinem eigentlichen Sinne zu deuten sein ; andere Male kann ein 
' Träumer sich aus speziellem Erinnerungsmaterial das Recht schaffen, 
alles Mögliche als Sexualsymbol zu verwenden, was nicht allgemein 
I so verwendet wird. Auch sind die gebräuchlichen sexuellen Symbole 
nicht gerade jedesmal eindeutig. 

Nach diesen Einschränkungen und Verwahrungen ftlhre ich an : 
Der Kaiser und die Kaiserin [König und Königin] stellen wirklich 
zumeist die Eltern des Träumers dar, Prinz oder Prinzessin ist er 
selbst. — Alle in die Länge reichenden Objekte, Stöcke, Baumstämme, 
Schirme [des der Erektion vergleichbaren Aufspannens wegen!], alle 
länglichen und scharfen Waffen: Messer, Dolche, Piken, wollen das 
männliche Glied vertreten. Ein häufiges, nicht recht verständliches 
Symbol desselben ist die Nagelfeile (des Reibens und Schabens wegen?). 
— Dosen, Schachteln, Kästen, Schränke, Öfen entsprechen dem Frauen- 
Icib. — Zimmer im Traume sind zumeist Frauenzimmer, die Schil- 
derung ihrer verschiedenen Eingänge und Ausgänge macht an dieser 
Auslegung gerade nicht irre. Das Interesse, ob das Zimmer „offen" 
oder „verschlossen" ist, wird in diesem Zusammenhange leicht ver- 
ständlich. [Vgl den Traum Doras (Freud »^)]. Welcher Schlüssel 
das Zimmer aufsperrt, braucht dann nicht ausdrücklich gesagt zu 
werden; die Symbolik von Schloß und Schlüssel hat Uhland im 
Lied vom „Grafen Eberstein" zur anmutigsten Zote gedient. — Der 
Traum, durch eine Flucht von Zimmern zu gehen, ist ein Bordell- 
oder Haremstraum. — Stiegen, Leitern, Treppen, resp. das Steigen 
auf ihnen, und zwar sowohl aufwärts als abwärts, sina symbolische 
Darstellungen des Geschlechtsaktes.**) — Glatte Wände, über die man 

*) [Vgl. die Arbeiten von Blealer and seioen Züricher Schülern Mae der, 
Abraham n. a. Über Symbolik, and die nicht ärztlichen Autoren, auf welche sie 
sich beziehen (Kleinpaul u. a.).] 

^*) Ich wiederhole hierüber, was ich an anderer Stelle (Die zukünftigen 
Chancen der psychoanalytischen Therapie, Zentralbl. f. Psychoanalyse I, Nr. 1/2, 
1910) geäußert habe: „Vor einiger Zeit wurde es mir bekannt, daß ein uns femer 
stehender Psychologe sich an einen von uns mit der Bemerkung gewendet, wir Über- 
schätzten doch gewiß die geheime sexuelle Bedeutuog der Träume. Sein häufigster 
Traum sei, eine Stiege hiuHuf zu steigen, und da sei doch gewiß nichts Sexuelles 
dahinter. Durch diesen Einwand aufmerksam gemacht, haben wir dem Vorkommen 
von Stiegen, Treppen, Leitern im Traum Aufmerksamkeit geschenkt und konnten 



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Sexuelle Symbolik im Traum. 211 

klettert, Fassaden von Häusern, an denen man sich — häufig unter 
starker Angst — herabläßt, entsprechen aufrechten menschlichen 
Körpern, wiederholen im Traum wahrscheinlich die Erinnerung an 
das Emporklettern des kleinen Kindes an Eltern und Pflegepersonen- 
Die „glatten"^ Mauern sind Männer ; an den „Vorsprüngen" der Häuser 
hält man sich nicht selten in der Traumangst fest. — Tische, ge- 
deckte Tische und Bretter sind gleichfalls Frauen, wohl des Gegen- 
satzes wegen, der hier die Körperwölbungen aufhebt. „Holz" scheint 
überhaupt nach seinen sprachlichen Beziehungen ein Vertreter des 
weiblichen Stoffes (Materie) zu sein. Der Name der Insel Madeira 
bedeutet im Portugiesischen: Holz. Da „Tisch und Bett" die Ehe 
ausmachen, wird im Traume häufig der erstere für das letztere gesetzt, 
und soweit es angeht, der sexuelle Vorstellungskomplex auf den Eß- 
komplex transponiert. — Von Kleidungsstücken ist der Hut einer Frau 
sehr häufig mit Sicherheit als Genitale, und zwar des Mannes, zu 
deuten. In Träumen der Männer findet man häufig die Krawatte 
als Symbol des Penis, wohl nicht nur darum, weil sie lange herab- 
hängt und ftir den Mann charakteristisch ist, sondern auch, weil man 
sie nach seinem Wohlgefallen auswählen kann, eine Freiheit, die beim 
Eigentlichen dieses Symbols von der Natur verwehrt ist. Personen, 
die dies Symbol im Traume verwenden, treiben im Leben oft großen 
Luxus mit Krawatten und besitzen förmliche Sammlungen von ihnen. 

— Alle komplizierten Maschinerien und Apparate der Träume sind 
mit großer Wahrscheinlichkeit Genitalien, in deren Beschreibung sich 
die Traumsymbolik so unermüdlich wie die Witzarbeit erweist, — 
Ebenso sind viele Landschaften der Träume, besonders solche mit Brücken 
oder mit bewaldeten Bergen unschwer als Genitalbeschreibungen zu 
erkennen. Endlich darf man bei unverständlichen Wortneubildungen 
an Zusammensetzung aus Bestandteilen mit sexueller Bedeutung denken. 

— Auch Kinder bedeuten im Traume oft nichts anderes als Genitalien, 
vrie ja Männer und Frauen gewöhnt sind, ihr Genitale liebkosend 
als ihr „Kleines" zu erwähnen, — Als ein ganz rezentes Traumsymbol 
des männlichen Genitales ist das Luftschiff zu erwähnen, welches so- 
wohl durch seine Beziehung zum Fliegen wie gelegentlich durch seine 
Form solche Verwendung rechtfertigt. — Mit einem kleinen Kinde 
spielen, den Kleinen schlagen usw. sind häufig Traumdarstellungen der 
Onanie. — Eine Reihe anderer, zum Teil noch nicht genügend veri- 
fizierter Symbole hat StekeP^^) angegeben und durch Beispiele be- 

bald feststellen, daß die Stiege (und was ihr analog ist) ein sicheres Koitussjmbol 
darstellt. Die Grundlage der Vergleichnug ist nicht schwer aufzufinden; in ihjth- 
mischen Absätzen, anter zunehmender Atemnot kommt man auf eine Höhe und kann 
dann in ein paar raschen Sprilngen wieder unten sein. So findet sich der Rhythmus 
des Koitus im Stiegensteigen wieder. Vergessen wir nicht den Sprachgebrauch 
heranzuziehen. £r zeigt uns, daß das „Steigen^ ohne weiteres als Ersatzbezeichnung 
der sexuellen Aktion gebraucht wird. Man pflegt zu sagen, der Mann ist ein 
„Steiger^, „nachsteigen*^. Im Französischen heißt die Stufe der Treppe la marche; 
„un vieux raarcheur** deckt sich ganz mit unserem „ein alter Steiger". 

14* 



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212 V. Tranmmaterial und Traumqnellen. 

legt. Rechts und Links sollen nach ihm im Traum ethisch auf^ 
zufassen sein. n^^v rechte Weg bedeutet iinmer den Weg des 
Rechtes, der linke den des Verbrechens. So kann der linke Homo- 
sexualität, Inzest, Perversion, der rechte die Ehe, Verkehr mit einer 
Dirne usw. darstellen. Immer gewertet von dem individuell moralischen 
Standpunkt des Träumers" (1- <^- P- 466). Die Verwandten überhaupt 
spielen im Traume meistens die Rolle von Genitalien (p. 473). Das 
Nichteinholen eines Wagens löst Stekel als das Bedauern über 
eine nicht einzuholende Altersdifferenz (p, 479). Das Gepäck, mit 
dem man reist, sei die Sündenlast, von der man gedrückt wird (ibid.)- 
Auch den häufig in Träumen vorkommenden Zahlen hat Stekel 
fixierte Symbolbedeutungen zugewiesen, doch erscheinen diese Auf- 
lösungen weder genügend sichergestellt, noch allgemein giltig, wenn- 
gleich die Deutung im einzelnen Falle meist als wahrscheinlich an- 
erkannt werden darf. — In dem kürzlich veröffentlichten Buche von 
W. Stekel „Die Sprache des Traumes", welches von mir nicht 
mehr verwertet werden konnte, findet sich (p, 72) eine Liste der ge- 
bräuchlichsten Sexualsymbole, welche dem Nachweis dienen soll, daß 
alle Sexualsymbolc bisexuell verwendet würden. „Wo gäbe es ein 
Symbol, das — wenn es die Phantasie nur einigermaßen erlaubt — 
nicht männlich und weiblich zugleich gebraucht werden könnte!" Der 
eingeschobene Satz nimmt allerdings viel von der Sicherheit dieser 
Behauptung zurück, denn die Phantasie erlaubt es eben nicht immer. 
Ich halte es aber doch für nicht überflüssig auszusprechen, daß nach 
meinen Erfahrungen der allgemeine Satz Stekels vor der An- 
erkennung einer größeren Mannigfaltigkeit zurückzutreten hat. Außer 
Symbolen, die ebenso häufig fllr das männliche wie flir das weibliche 
Genitale stehen, gibt es solche, die vorwiegend oder fast ausschließlieh 
eines der Geschlechter bezeichnen, und noch andere, von denen nur 
die männliche oder nur die weibliche Bedeutung bcKannt ist. Lange, 
feste Gegenstände und Waffen als Symbole des weiblichen Genitales 
zu gebrauchen oder hohle [Kasten, fc>chachteln, Dosen etc.] als Sym- 
bole des männlichen, gestattet eben die Phantasie nicht. 

Es ist richtig, daß die Neigung des Traumes und der unbewußten 
Phantasien, die Sexualsymbole bisexuell zu verwenden, einen archaischen 
Zug verrät, da in der Kindheit die Verschiedenheit der Genitalien un- 
bekannt ist und beiden Geschlechtem das nämliche Genitale zu- 
gesprochen wird. 

Diese in hohem Grade unvollständigen Andeutungen mögen ge- 
nügen, um andere zu sorgfHltigerer Sammelarbeit anzuregen.*) 



*) Bei aller Verschiedenheit der Sehern ersehen Auffassang von der Traom- 
Symbolik und der hier entwickelten^ muß ich doch hervorheben, daß Scherner ^) 
nls der eigentliche Entdecker der Symbolik im Traume anerkannt werden sollte, and 
daß die Erfahrungen der Psychoanalyse sein für phantastisch gehaltenes vor rnnd 
50 Jahren veröffenüichtes Buch nachträglich su Ehren gebracht habcD. 



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Beispiele sexueller Symbolik. — Der Hut. 213 

Ich werde nun einige Beispiele von der Verwendung solcher 
Symbole in Träumen anfügen, welche zeigen sollen, wie unmöglich 
es wird, zur Deutung des Traumes zu gelangen, w^enn man sich der 
Traumsymbolik verschließt, wie unabweisbar sich aber eine solche auch 
in vielen Fällen aufdrängt. 

1. Der Hut als Symbol des Mannes (des männlichen 

Genitales.*) 
(Teilstttck aus dem Traum einer jungen, infolge von Versuchungsangst 

agoraphobischen Frau.) 

„Ich gehe im Sommer auf der Straße spazieren, trage einen 
Strohhut von eigentümlicher Form, dessen Mittelstück nach oben auf- 
gebogen ist, dessen Seitenteile nach abwärts hängen (Beschreibung hier 
stockend), und zwar so, daß der eine tiefer steht als der andere. Ich 
bin heiter und in sicherer Stimmung, und wie ich an einem Trupp 
junger Offiziere vorbeigehe, denke ich mir: Ihr könnt mir alle nichts 
anhaben.^ 

Da sie zu dem Hut im Traume keinen Einfall produzieren kann, 
sage ich ihr: Der Hut ist wohl ein männliches Genitale mit seinem 
emporgerichteten Mittelstück und den beiden herabhängenden Seiten- 
teilen. Daß der Hut ein Mann sein soll, ist vielleicht sonderbar, aber 
man sagt ja auch: „Unter die Haube kommen!" Absichtlich enthalte 
ich mich der Deutung jenes Details über das ungleiche Herabhängen 
der beiden Seitenteile, obwohl gerade solche Einzelheiten in ihrer De- 
terminierung der Deutung den Weg weisen müssen. Ich setze fort: 
Wenn sie also einen Mann mit so prächtigem Genitale hat, braucht 
sie sich vor den OfBzieren nicht zu fürchten, d. h. nichts von ihnen 
zu wünschen, da sie sonst wesentlich durch ihre Versuchungsphantasien 
vom Gehen ohne Schutz und Begleitung abgehalten wird. Diese 
letztere Aufklärung ihrer Angst hätte ich ihr schon zu wiederholten 
Malen, auf anderes Material gestützt, geben können. 

Es ist nun sehr beachtenswert, wie sich die Träumerin nach 
dieser Deutung benimmt. Sie zieht die Beschreibung des Hutes zurück 
und will nicht gesagt haben, daß die beiden Seitenteile nach abwärts 
hingen. Ich bin des Gehörten zu sicher, um mich beirren zu lassen, 
und beharre dabei. Sie schweigt eine Weile und findet dann den Mut 
zu fragen, was es bedeute, daß bei ihrem Manne ein Hode tiefer stehe 
als der andere, und ob es bei allen Männern so sei. Damit war dies 
sonderbare Detail des Hutes aufgeklärt und die ganze Deutung von 
ihr akzeptiert. 

Das Hutsymbol war mir längst bekannt, als mir die Patientin 
diesen Traum mitteilte. Aus anderen, aber minder durchsichtigen Fällen 
glaubte ich zu entnehmen, daß der Hut auch für ein weibliches Ge- 
nitale stehen kann. 

*) Aus ^Nachträge zur Traamdeutong*^. Zentralblatt für Psychoanalyse I, 
Nr. 6/6, 1911. 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



214 V. Traammaterial und Tranmquellen. 

2. Das Kleine ist dasGcnitale — das Überfahren werden 

ist ein Symbol des Geschlechtsverkehrs. 

(Ein anderer Traum derselben agoraphobischen Patientin.) 

„Ihre Mutter schickt ihre kleine Tochter weg, damit sie allein 
gehen muß. Sie fkhrt dann mit der Mutter in der Elisenbahn imd 
sieht ihre Kleine direkt auf den Schienenweg zugehen, so daß sie über- 
fahren werden muß. Man hört die Knochen krachen (dabei ein un- 
behagliches Gefühl aber kein eigentliches Entsetzen), Dann sieht sie 
sich aus dem Waggonfenster um, ob man nicht hinten die Teile sieht. 
Dann macht sie ihrer Mutter Vorwürfe, daß sie die Kleine allein hat 
gehen lassen." Analyse. Die vollständige Deutung des Traumes ist 
hier nicht leicht zu geben. Er stammt aus einem Zyklus von Träumen 
und kann nur im Zusammenhange mit diesen anderen voll verstanden 
werden. Es ist eben nicht leicht, das für den Erweis der Symbolik 
benötigte Material genügend isoliert zu bekommen. — Die Kranke 
findet zuerst, daß die Eisenbahnfahrt historisch zu deuten ist, als An- 
spielung auf eine Fahrt von einer Nervenheilanstalt weg, in deren 
Leiter sie natürlich verliebt war. Die Mutter holte sie von dort ab^ 
der Arzt erschien auf dem Bahnhof und überreichte ihr einen Strauß 
Blumen zum Abschied ; es war ihr unangenehm, daß die Mutter Zeugin 
dieser Huldigung sein mußte. Hier erscheint also die Mutter als 
Störerin ihrer Liebesbestrebungen, welche Rolle der strengen Frau 
während ihrer Mädchenjahre wirklich zugefallen war. — Der nächste 
Einfall bezieht sich auf den Satz : sie sieht sich um, ob man nicht die 
Teile von hinten sieht. In der Traumfassade müßte mau natürlich an 
die Teile des überfahrencn und zermalmten Töchterchens denken. Der 
Einfall weist aber nach ganz anderer Richtung. Sie erinnert, daß sie 
einmal den Vater im Badezimmer nackt von rückwärts gesehen, kommt 
auf die Geschlechtsunterschiede zu sprechen und hebt hervor, daß man 
beim Manne die Genitalien noch von rückwärts sehen könne, beim 
Weibe aber nicht. In diesem Zusammenhange deutet sie nun selbst, 
daß das Kleine das Genitale sei, ihre Kleine (sie hat eine 4JHhrige 
Tochter) ihr eigenes Genitale. Sie macht der Mutter den Vorwurf, 
daß sie verlangt hätte, sie solle so leben, als ob sie kein Genitale hätte 
und findet diesen Vorwurf in dem einleitenden Satz des Traumes 
wieder: Die Mutter schickte ihre Kleine weg, damit sie allein gehen 
mußte. In ihrer Phantasie bedeutet das Alleingehen auf der Straße 
keinen Mann, keine sexuelle Beziehung haben (coire = zusammengehen), 
und das mag sie nicht. Nach allen ihren Angaben hat sie w^irklich 
als Mädchen unter der Eifersucht der Mutter infolge ihrer Bevorzugung 
durch den Vater gelitten. 

Das „Kleine" ist als Symbol des (männlichen oder weiblichen) 
Genitales von Stekel*) angegeben worden, der sich hierbei auf einen 
sehr verbreiteten Sprachgebrauch berufen konnte. — 

*) Beiträge zur Traumdentung*. Jahrbach für pBjchoanalyt. und psjchop. 
Forsch. Bd. I. 1909, p. 473. — Ebendort p. 475, wird auch ein Traum mitteilt. 



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Das „ Kleine ** als Sexnalsymbol. 215 

Die tiefere Deutung dieses Traumes ergibt sich aus einem anderen 
Traum derselben Nacht, in dem sie sich mit ihrem Bruder identifiziert. 
Sie war wirklich ein bubenhaftes Mädel, mußte oft hören, daß an ihr 
ein Bub verloren gegangen sei. Zu dieser Identifizierung mit dem 
Bruder wird es dann besonders klar, daß das „Kleine** das Genitale 
bedeutet. Die Mutter droht ihm (ihr) mit der Kastration, die nichts 
anderes als Bestrafung für das Spielen mit dem Gliede sein kann, und 
somit zeigt die Identifizierung, daß sie selbst als Kind onaniert hat, 
was ihre Erinnerung bisher nur vom Bruder bewahrt hatte. Eine 
Kenntnis des männlichen Genitales, die ihr später verloren ging, muß 
sie nach den Angaben dieses zweiten Traumes damals früh erworben 
haben. Ferner deutet der zweite Traum auf die infantile Sexualtheorie 
hin, daß die Mädel durch Kastration aus Buben hervorgehen. Nach- 
dem ich ihr diese Kindermeinung vorgetragen, findet sie sofort eine 
Bestätigung hierfür in der Kenntnis der Anekdote, daß der Bub dat 
Mädel fragt : Abgeschnitten ? worauf das Mädel antwortet : Nein, immer 
so g'west. 

Das Wegschicken der Kleinen, des Genitales im ersten Traum, 
bezieht sich also auch auf die Kastrationsdrohung. Endlich grollt sie 
der Mutter, daß sie sie nicht als Knaben geboren hat. 

Daß das „Überfahrenwerden" sexuellen Verkehr symbolisiert, 
würde aus diesem Traume nicht evident, wenn man es nicht aus zahl- 
reichen anderen Quellen sicher wüßte. 

3. Darstellung des Genitales durch Gebäude, Stiegen, 

Schachte. 

(Traum eines durch seinen Vaterkomplex gehemmten jungen Mannes.) 

„Er geht mit seinem Vater an einem Ort spazieren, der gewiß 
der Prater ist, denn man sieht die Rotunde, vor dieser einen kleineren 
Vorbau, an dem ein Fesselballon angebracht ist der aber ziem- 
lich schlaff scheint. Sein Vater fragt ihn, wozu das alles ist; er 
wundert sich darüber, erklärt es ihm aber. Dann kommen sie in einen 
Hof, in dem eine große Platte von Blech ausgebreitet liegt. Sein Vater 
will sich ein großes Stück davon abreißen, sieht sich aber vorher 
um, ob es nicht jemand bemerken kann. Er sagt ihm, er braucht es 
doch nur dem Aufseher zu sagen, dann kann er sich ohne weiteres 
davon nehmen. Aus diesem Hof führt eine Treppe in einen Schacht 
herunter, dessen Wände weich ausgepolstert sind, etwa wie ein Leder- 
fauteuil. Am Ende dieses Schachtes ist eine längere Plattform und 
dann beginnt ein neuer Schacht . . ." 

Analyse. Dieser Träumer gehörte einem therapeutisch nicht 
günstigen Typus von Kranken an, die bis zu einem gewissen Punkt 
der Analyse überhaupt keine Widerstände machen und sich von da 

in welchem der Hat mit schiefstehender Feder in der Mitte den (impotenten) Mann 
symbolisiert. 



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216 V. Tranmmaterial und TraumqaelleD. 

an fast unzugänglich erweisen. Diesen Traum deutete er fast selbst- 
ständig. Die Rotunde, sagte er. ist mein Genitale, der Fesselballon 
davor mein Penis, über dessen ochlaffheit ich zu Magen habe. Man 
darf also eingehender übersetzen, die Rotunde sei das — vom Kind 
regelmäßig zum Genitale gerechnete — Gesäß, der kleinere Vorbau 
der Hodensack. Im Traum fragt ihn der Vater, was das alles ist, 
d. h. nach Zweck und Verrichtung der Genitalien. Es liegt nahe, 
diesen Sachverhalt umzukehren, so daß er der fragende Teil wird. 
Da eine solche Befragung des Vaters in Wirklichkeit nie stattgefunden 
hat, muß man den Traumgedanken als Wunsch auffassen ^er ihn 
etwa konditionell nehmen: „Wenn ich den Vater um sexuelle Auf- 
klärung gebeten hätte^. Die Fortsetzung dieses Gedankens werden 
wir bald an anderer Stelle finden. 

Der Hof, in dem das Blech ausgebreitet liegt, ist nicht in erster 
Linie symbolisch zu fassen, sondern stammt aus dem Geschäftslokal 
des Vaters. Aus Gründen der Diskretion habe ich das „Blech" fllr 
das andere Material, mit dem der Vater handelt, eingesetzt, ohne sonst 
etwas am Wortlaut des Traumes zu ändern. Der Träumer ist in das 
Geschäft des Vaters eingetreten und hat an den eher unkorrekten 
Praktiken, auf denen der Gewinn zum guten Teil beruht, gewaltigen 
Anstoß genommen. Daher dürfte die Fortsetzung des obigen Traum- 
gedankens lauten: („Wenn ich ihn gefragt hätte), würde er mich be- 
trogen haben, wie er seine Kunden betrügt." Für das Abreißen, 
welches der Darstellung der geschäftlichen Unredlichkeit dient, gibt 
der Träumer selbst die zweite Erklärung, es bedeute die Onanie. Diw 
ist uns nicht nur längst bekannt (siehe oben S. 200), sondern stimmt 
auch sehr gut dazu, daß das Geheinmis der Onanie durch das Gegen- 
teil ausgedrückt ist (man darf es ja oflfen tun). Es entspricht dann 
allen Erwartungen« daß die onanistische Tätigkeit wieder dem Vater 
zugeschoben wird, wie die Befragung in der ersten Traumszene. Den 
Schacht deutet er sofort unter Berufung auf die weiche Polsterung der 
Wände als Vagina. Daß das Herabsteigen, wie sonst das Aufsteigen, 
den Koitusverkehr in der Vagina beschreiben will, setze ich aus anderer 
Kenntnis ein (vergl. Zentralblatt f Psychoanalyse Nr. 1). 

Die Einzelheiten, daß auf den ersten Schacht eine längere Platt- 
form folgt und dann ein neuer Schacht, erklärt er selbst biographisch. 
Er hat eine Zeitlang koitiert, dann den Verkehr infolge von Hemmungen 
aufgegeben und hoflft ihn jetzt mit Hilfe der Kur wieder aufnehmen 
zu können. Der Traum wird aber gegen Ende undeutlicher und dem 
Kundigen muß es plausibel erscheinen, daß sich schon in der zweiten 
Traumszene der Einfluß eines anderen Themas geltend mache, auf welches 
das Geschäft des Vaters, sein betrtlgerisches Vorgehen, aie erste als 
Schacht dargestellte Vagina deuten, so daß man eine Beziehung auf 
die Mutter annehmen könnte. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Symbolische Bauten, Landschaft. — Stiegentraum. 217 

4. Das männliche Genitale durch Porsonenj das weibliche 
durch eine Landschaft symbolisiert. 

(Traum einer Frau aus dem Volke, deren Mann Wachmann ist, 
mitgeteilt von B. Dattner.) 

. . . Dann sei jemand in die Wohnung^ eingebrochen und sie 
habe angstvoll nach einem Wachmannc gerufen. Dieser aber sei mit 
zwei „Pulchern" einträchtig in eine Kirche*) gegangen, zu der mehrere 
Stufen**) emporführten; hinter der Kirche sei ein Berg***) gewesen 
und oben ein dichter Wald.f) Der Wachmann sei mit einem 
Helm, Ringkragen und Mantel ff) versehen gewesen. Er habe einen 
braunen Vollbart gehabt. Die beiden Vaganten, die friedlich mit 
dem Wachmann gegangen seien, hätten sackartig aufgebundene 
Schürzen um die Lenden gehabt, fff) Vor der Kirche habe zum 
Berg ein Weg geführt. Dieser sei beiderseits mit Gras und Gestrüpp 
verwachsen gewesen, das immer dichter wurde und auf der Höhe des 
Berges ein ordentlicher Wald geworden sei. 

5. Ein Stiegentraum. 
(Mitgeteilt und gedeutet von Otto Rank.) 

Demselben Kollegen, von dem der (p. 200 f.) angeführte Zahnreiz- 
traum herrührt, verdanke ich den folgenden älinlich durchsichtigen 
Pollutionstraum : 

„Ich jage im Stiegenhaus die Treppe hinunter einem kleinen 
Mädchen, das mir irgend etwas getan hat, nach, um es zu bestrafen. 
Unten am Ende der Stiege hält mir jemand (eine erwachsene weib- 
liche Person?) das Kind auf; ich fasse es, weiß aber nicht, ob ich 
es geschlagen habe, denn plötzlich befand ich mich mitten auf der 
Stiege, wo ich das Kind (gleichsam wie in der Luft) koitierte. Eigent- 
lich war es kein Koitus, sondern ich rieb nur mein Genitale an ihrem 
äußeren Genitale, wobei ich dieses sowie ihren seitwärts zurückgelegten 
Kopf überaus deutlich sah. Während des Sexualaktes sah ich links 
ober mir (auch wie in der Luft) zwei kleine Gemälde hängen, Land- 
schaften, die ein Haus im Grünen darstellten. Auf dem einen kleineren 
stand unten an Stelle der Namenssignatur des Malers mein eigener 
Vorname, als wäre es für mich zum Geburtstagsgeschenk bestimmt. 
Dann hing noch ein Zettel vor beiden Bildern, worauf stand, daß 
billigere Bilder auch zur Verfügung stehen; (ich sehe mich dann 
höchst undeutlich so wie oben auf dem Treppenabsatz im Bette liegen 

•) Oder KapeUe = Vagina. 



4i 



*) Sjmbol des Koitus. 



*•*) Mons veneris. 
Crines pubis. 

Dämonen in Mänteln und Kapuzen sind nach der Aufklärung eines 
Fachmannes phaUischer Nator. 

fff) Die beiden Hälften des Hodensackes. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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218 Traum inaterial und Traumquellen. 

und) erwacho durch die Empfindung der Nässe, welche von der er- 
folgten Pollution herrührt." 

Deutung: Der Träumer war am Abend des Traumtages im 
Laden eines Buchhändlers gewesen, wo er während der Wartezeit 
einige der ausgestellten Bilder besichtigt hatte, die ähnliche Motive 
wie die Traumbilder darstellten. Bei einem kleinen Bildchen, das ihm 
besonders gefallen hatte, trat er näher und sah nach dem Namen des 
Malers, der ihm jedoch völlig unbekannt war. 

Am selben Abend hatte er später in Gesellschaft von einem 
böhmischen Dienstmädchen erzählen gehört, die sich gerühmt hatte, 
ihr außereheliches Kind sei „auf der Stiege gemacht worden**. Der 
Träumer hatte sich nach dem Detail dieses nicht alltäglichen Vor- 
kommnisses erkundigt und erfahren, daß das Dienstmädchen mit ihrem 
Verehrer nach Hause in die Wohnung ihrer Eltern gegangen war, wo 
zu geschlechtlichem Verkehr keine Gelegenheit gewesen wäre und 
daß der erregte Mann den Koitus auf der Stiege vollzogen hatte. 
Der Träumer hatte dazu in scherzhafter Anspielung auf den boshaften 
Ausdruck ftlr Weinfälscherei geäußert: das Kind sei wirklich „auf der 
Kellerstiege gewachsen". 

Dies die Tagesanknüpfungen, die ziemlich aufdringlich im 
Trauminhalt vertreten sind und vom Träumer ohne weiteres reproduziert 
werden. Ebenso leicht produziert er aber ein altes Stück infantiler 
Erinnerung, das ebenfalls im Traume Verwendung geftmden hat. Das 
Stiegenhaus ist das jenes Hauses, in welchem er den größten Teil 
seiner Kinderjahre verbracht und wo er insbesondere die erste be- 
wußte Bekanntschaft mit den Sexualproblemen gemacht hatte. In 
diesem Stiegenhaus hatte er häufig gespielt und war dabei unter 
anderem auch rittlings längs des Geländers hinuntorgerutscht, wobei 
er sexuelle Erregung verspürt hatte. Im Traume eilt er nun ebenfalls 
ungemein rasch über die Stiege hinunter, so rasch, daß er nach 
eigener deutlicher Angabe, die einzelnen Stufen gar nicht berührt, 
sondern, wie man zu sagen pflegt, „hinunterfliegt'^ oder rutscht. Mit 
Bezug auf das infantile Erlebnis scheint dieser Beginn des Traumes 
den Moment der sexuellen Erregung darzustellen. — In diesem Stiegen- 
haus und der dazugehörigen Wohnung hatte der Träumer aber auch 
mit den Nachbarskindem häufig sexuelle Raufspiele getrieben, wobei 
er sich in ähnlicher Weise befriedigt hatte, wie es im Traume ge- 
schieht 

Weiß man aus Freuds sexualsymbolischen Forschungen (siehe 
Zentralblatt f. Ps. A., H. 1, S. 2f), daß die Stiege und das Stiegen- 
steigen im Traume fast regelmäßig den Koitus symbolisieren, so wird 
der Traum völlig durchsichtig. Seine Triebkraft ist, wie ja auch sein 
Efiekt, die Pollution, zeigt, rein libidmöser Natur. Im Schlafzustand 
erwacht die sexuelle Erregung ' (im Traume dargestellt durch das 
Hinuntereilen — ratschen — über die Stiege), deren sadistischer Ein- 
schlag auf Grund der Raufspiele in der Verfolgung und Überwältigung 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Stiegenträume. 219 

des Kindes angedeutet ist. Die libidinöse Erregung steigert sich und 
drängt zur sexuellen Aktion (dargestellt im Traume durch das Fassen 
des Kindes und seine Beförderung in die Mitte der Stiege)» Bis daher 
wäre der Traum rein sexualsymbolisch und für den wenig geübten 
Traumdeuter völlig undurchsichtig. Aber der überstarken libidinösen Er- 
regung genügt diese symbolische Befriedigung nicht, welche die Ruhe 
des Schlafes gewährleistet hätte. Die Erregung führt zum Orgasmus 
und damit wird die ganze Stiegensymbolik als Vertretung des Koitus 
entlarvt. — Wenn Freud als einen der Gründe für die sexuelle 
Verwertung des Stiegensymbols den rhythmischen Charakter beider 
Aktionen hervorhebt, so scheint dieser Traum besonders deutlich dafür 
zu sprechen, da nach ausdrücklicher Angabe des Träumers die 
Rhythmik seines Sexualaktes das im ganzen Traum am deutlichsten 
ausgeprägte Element gewesen sei. 

Noch eine Bemerkung über die beiden Bilder, die abgesehen 
von ihrer realen Bedeutung auch in symbolischem Sinne als „Weibs- 
bilder" gelten, was schon daraus hervorgeht, daß es sich um ein 
großes und ein kleines Bild handelt, ebenso wie im Trauminhalt ein 
großes (erwachsenes) und ein kleines Mädchen vorkommen. Daß auch 
billigere Bilder zur Verfügung stehen, führt zum Protistuiertenkomplex 
wie anderseits der Vorname des Träumers auf dem kleinen Bilde und 
der Gedanke, es sei ihm zum Geburtstag bestimmt, auf den Eltern- 
komplex hinweisen (auf der Stiege geboren = im Koitus erzeugt). 

Die nndeutliche Schlußszene, wo der Träumer sich selbst oben 
auf dem Treppenabsatze im Bette liegen sieht und Nässe verspürt, 
scheint über die infantile Onanie hinaus noch weiter in die Kindheit 
zurückzuweisen, und vermutlich ähnlich lustvolle Szenen von Bett- 
nässen zum Vorbild zu haben. ^ 

6. Ein modifizierter Stiegentraum. 

Ich mache einem meiner Patienten, einem schwerkranken Ab- 
stinenten, dessen Phantasie an seine Mutter fixiert ist, und der wieder- 
holt vom Treppensteigen in Begleitung der Mütter geträumt hat, die 
Bemerkung, daß mäßige Masturbation ihm wahrscheinlich weniger 
schädlich wäre als seine erzwungene Enthaltsamkeit. Diese Beeinflussung 
provoziert folgenden Traum : 

„Sein Klavierlehrer mache ihm Vorwürfe, daß er sein Klavierspiel 
vernachlässigt, die Etüden von Mosoheles sowie den Gradus ad 
Parnassum von Clementi nicht übt" 

Er bemerkt hiezu, der Gradus sei ja auch eine Stiege und die 
Klaviatur selbst sei eine Stiege, weil sie eine Skala enthalte. 

Man darf sagen, es gibt keinen Vorstellungskreis, der sich der 
Darstellung sexueller Tatsachen und Wünsche verweigern würde. Ich 
schließe mit dem Traume eines Chemikers, eines jungen Mannes, der 
sich bemühte, seine onanistischen Gewohnheiten gegen den Verkehr 
mit dem Weibe aufzugeben. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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220 V. Traammaterial und Traum([nelleD. 

Vorbericht. Am Tage vor dem Traume hat er einem Sta- 
denten Aufschluß über die Grignardsche Reaktion gegeben, bei 
welcher Magnesium unter katalytiacher Jodeinwirkung in absolut reinem 
Äther aufzulösen ist. Zwei Tage vorher gab es bei der niimlichcn 
Reaktion eine £xplosion, bei der sich ein Arbeiter die Hand ver- 
brannte. 

Traum : I. Er soll Phenylmagnesiumbromid machen, sieht die Appa- 
ratur besonders deutlich, hat aber sich selbst fürs Magnesium substituiert. 
Er ist nun in eigentümlich schwankender Verfassung, sagt sich immer : 
Es ist das Richtige, es geht, meine Füßo lösen sich schon auf, meine 
Knie werden weich. Dann greift er hin, fühlt an seine Füße, nimmt 
inzwischen (er weiß nicht wie) seine Beine aus dom Kolben heraus, 
sagt sich wieder: Das kann nicht sein. — Ja doch, es ist richtig ge- 
macht. Dabei erwacht er partiell, wiederholt sich den Traum, weil 
er ihn mir erzählen will. Er fürchtet sich direkt vor der Auflösung 
des Traumes, ist während dieses Halbschlafes sehr erregt und wieder- 
holt sich beständig: Phenyl, Phenyl. 

II. Er ist mit seiner ganzen Familie in ***ing, soll um 
Val2 Uhr beim Rendezvous am Schottentor mit jener gewissen Dame 
sein, wacht aber erst um ^1^12 Uhr auf. Er sagt sich: Es ist jetzt 
zu spät; bis du hinkonmist, ist es V^^ Uhr. Im nächsten Moment 
sieht er die ganze Familie um den Tisch versammelt, besonders deut- 
lich die Mutter und das Stubenmädchen mit dem Suppentopf. Er 
sagt sich dann: Nun, wenn wir schon essen, kann ich ja nicht 
mehr fort. 

Analyse: Er ist sicher, daß schon der erste Traum eine Be- 
ziehung zur Dame seines Rendezvous hat (der Traum ist in der Nacht 
vor der erwarteten Zusammenkunft geträumt). Der Student, dem er 
die Auskunft gab, ist ein besonders ekelhafter Kerl; er sagte ihm: 
Das ist nicht das Richtige, weil das Magnesium noch ganz unberührt 
war, und jener antwortete, als ob ihm gar nichts daran läge: Das ist 
halt nicht das Richtige. Dieser Student muß er selbst sein; — er ist 
so gleichgültig gegen seine Analyse, wie jener fllr seine Synthese — ; 
das Er im Traume, daß die Operation vollzieht, aber ich. Wie ekel- 
haft muß er mir nut seiner Gleichgültigkeit gegen den Erfolg er- 
scheinen ! 

Anderseits ist er dasjenige, womit die Analyse (Synthese) ge- 
macht wird. Es handelt sich um das Gelingen der Kur. Die Beine 
im Traume erinnern an einen Eindruck von gestern abends. Er traf 
in der Tanzstunde mit einer Dame zusammen, die er erobern will; 
er druckte sie so fest an sich, daß sie einmal aufschrie. Als er mit 
dem Druck gegen ihre Beine aufhörte, fühlte er ihren kräftigen 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Ein Traum eines Chemikers. 221 

Gegendruck auf seinen Unterschenkeln bis oberhalb der Knie, an den 
im Traume erwähnten Stellen. In dieser Situation ist also das Weib 
das Magnesium in der Retorte, mit dem es endlich geht Er ist 
feminin gegen mich, wie er viril gegen das Weib ist. Geht es mit 
der Dame, so geht es auch mit der Kur. Das sich Befühlen und die 
Wahrnehmungen an seinen Knien deuten auf die Onanie und ent- 
sprechen seiner Müdigkeit vom Tage vorher. — Das Rendezvous war 
wirklich fUr ^/2l2 Uhr verabredet. Sein Wunsch, es zu verschlafen 
und bei den häuslichen Sexualobjekten (d. h. bei der Onanie) zu 
bleiben, entspricht seinem Widerstände. 

Zur Wiederholung des Namens Phenyl berichtet er: Alle diese 
Kadikaie auf yl haben ihm immer sehr gefallen, sie sind sehr bequem 
zu gebrauchen: Benzyl, Azetyl u. s. w. Das erklärt nun nichts, aber 
als ich ihm das Radikal: Schi e mihi vorschlage, lacht er sehr und 
erzählt, daß er während des Sommers ein Buch von Pr6vost ge- 
lesen und in diesem war im Kapitel : Les exclus de Tamour allerdings 
von den „Schlemiliös" die Rede, bei deren Schilderung er sich 
sa^e: Das ist mein Fall. — Schlemihlerei wäre es auch gewesen, 
wenn er das Rendezvous versäumt hätte.] 



C^ nonl^ Orrgmaf fnom 

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VI. 
Die Traumarbeit. 

Alle anderen bisherigen Versuche, die Traamprobleme zu er- 
ledigen, knüpften direkt an den ii^ der Erinnerung gegebenen mani- 
festen Trauminhalt an und bemtihten sich, aus oiesem die Traum- 
deutung zu gewinnen, oder, wenn sie auf eine Deutung verzichteten, 
ihr Urteil über den Traum durch den Hinweis auf den Trauminhalt 
zu begründen. Nur wir allein stehen einem anderen Sachverhalt 
gegenüber; flUr uns schiebt sich zwischen den Trauminhalt und die 
Resultate unserer Betrachtung ein neues psychisches Material ein : 
der durch unser Verfahren gewonnene! latente Trauminhalt oder 
die Traumgedanken. Aus diesem letzteren, nicht aus dem manifesten 
Trauminhalt entwickelten wir die Lösung des Traumes. An uns tritt 
darum auch als neu eine Aufgabe heran, die es vordem nicht -*|^^ 
gegeben hat, die Aufgabe, die Beziehungen des manifesten Trauni- 
inhalts zu den latenten Traumgedanken zu untersuchen xmd nach- 
zuspüren, durch welche V orgän ge aus den letzteren der erstere 
geworden ist. — 

Traumgedanken und Trauminhalt liegen vor uns wie zwei Dar- 
stellungen desselben Inhalts in zwei verschiedenen Sprachen, oder 

''besser gesagt, der Trauminhalt erscheint uns als eiiie Übertragung 
der Traumgedanken in eine andere Ausdruc"&sweise, deren Zeichen 
und Fugungsgesetze wir durch die Vergleichung von Original und 
Übersetzung kennen lernen sollen. Die 1 raumgedanken sind uns 
ohne weiteres verständlich, sobald wir sie erfahren haben. Der 
Trauminhalt ist gleichsam in einer Bilderschrift gegeben, deren Zeichen 

.einzeln in die Sprache der Traumgedanken zu übertragen sind. 
Man würde offenbar in die Irre geilüirt, wenn man diese Zeichen 
nach ihrem Bilderwerte anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen 
wollte. Ich Tiabe etwa ein Bilderrätsel (Rebus) vor mir: ein Haus, 
auf dessen Dach ein Boot zu sehen ist, dann ein einzelner Buchstabe, 
dann eine laufende Figur, deren Kopf wegapostrophiert ist .u. dgl. 
Ich könnte nun in die Kritik verfallen, diese Zusammenstellung und 
deren Bestandteile für unsinnig zu erklären. Ein Boot gehört nicht 
auf das Dach eines Hauses, und eine Person ohne Kopf kann nicht 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Die Verdichtungsarbeit. 223 

laufen; auch ist die Person größer als das Haus, und wenn das 
Ganze eine Landschaft darstellen soll, so fdgen sich die einzelnen 
Buchstaben nicht ein, die ja in freier Natur nicht vorkommen. Die 
richtige Beurteilung des Rebus ergibt sich oflFenbar erst dann, wenn 
ich gegen das Ganze und die Einzelheiten desselben keine solchen 
Einsprüche erhebe, sondern mich bemühe, jedes Bild durch eine Silbe 
oder ein Wort zu ersetzen, welches nach irgend welcher Beziehung 
durch das Bild darstellbar i#t. Die Worte, die sich so zusammen- 
finden sind nicht mehr sinnlos, sondern können den schönsten und 
sinnreichsten Dichterspruch ergeben. Ein solches Bilderrätsel ist 
nun der Traum, und unsere Vorgänger auf dem Gebiete der Traum- 
deutung haben den Fehler begangen, den Rebus als zeichnerische 
Komposition zu beurteilen. Als solche erschien er ihnen unsinnig 
und wertlos. 

a) Die Verdichtungsarbeit. 

-Das erste, was dem Untersucher bei der Vergleichung von 
Trauminhalt und Traumgedanken klar wird, ist, daß hier eine groß- 
artige Verdichtungsarbeit geleistet wurde. Der Traum ist 
knapp, armselig, lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur 
Reichhaltigkeit der Traumgedanken. Der Traum fttUt nieder- 
gMchrieben eine halbe Seite ; die Analyse, in der die Traumgedanken 
enthalten sind, bedarf das sechs-, acht-, zwölffache an Schiiftraum. 
Die Relation ist für verschiedene Träume wechselnd; sie ändert, 
soweit ich es kontrollieren konnte, niemals ihren Sinn. In der Regel 
unterschätzt man das Maß der statthabenden Kompression, indem man 
die ans Licht gebrachten Traumgedanken flir das vollständige Material 
hält, während weitere Deutungsarbeit neue, hinter dem Traume ver- 
steckte Gedanken enthüllen kann. Wir haben bereits anführen 
müssen, daß man eigentlich niemals sicher ist, einen Traum voll- 
ständig gedeutet zu haben; selbst wenn die -Auflösung befriedigend 
und lückenlos erscheint, bleibt es doch immer möglich, daß sich noch 
ein anderer Sinn durch denselben Traum kundgibt. Die Ver- 
dichtungsquote ist also — streng genommen — unbestimmbar. 
Man könnte gegen die Behauptung, daß aus dem Mißverhältnis 
zwischen Trauminhalt und Traumgedanken der Schluß zu ziehen 
sei, es finde eine ausgiebige Verdichtung des psychischen Materials 
bei der Traumbildung statt, einen Einwand geltend machen, der für 
den ersten Eindruck recht bestechend scheint. Wir haben ja so oft 
die Empfindung, daß wir sehr viel die ganze Nacht hindurch 
geträumt und dann das meiste wieder vergessen haben. Der Traum, 
den wir beim Erwachen erinnern, wäre dann bloß ein Rest der 
gesamten Traumarbeit, welche wohl den Traumgedanken an Umfang 
gleichkäme, wenn wir sie eben vollständig erinnern könnten. Daran 
ist ein Stück sicherlich richtig ; man kann sich nicht mit der Beobach- 
tung täuschen, daß ein Traum am getreue- ten reproduziert wird, 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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224 VI. Die Traumarbeit. 

wenn man ihn bald nach dem Erwachen zu erinnern versucht, und 
daß seine Erinnerung gegen den Abend hin immer mehr und mehr 
lückenhaft wird. Zum anderen Teil aber läßt sich erkennen^ daß 
die Empfindung, man habe sehr viel mehr geträumt als man repro- 
duzieren kann, sehr häufig auf einer Illusion beruht, deren Entstehung* 
späterhin erläutert werden soll. Die Annahme einer Verdichtung* 
in der Traumarbeit wird überdies von der Möglichkeit des Traum- 
vergessens nicht berührt, denn sie wird durch die Vorstellungsmassen 
erwiesen, die zu den einzelnen erhalten gebliebenen Stücken des 
Traumes gehören. Ist tatsächlich ein großes Stück des Traumes 
ftlr die Erinnerung verloren gegangen, so bleibt uns hiedurch etwa der 
Zugang zu einer neuen Reihe von Traumgedanken versperrt. Es ist 
eine durch nichts zu rechtfertigende Erwartung, daß die unter- 
gegangenen Traumstücke sich gleichfalls nur auf jene Gedanken 
bezogen hätten, die wir bereits aus der Analyse der erhalten geblie- 
benen kennen. 

^•''^ Angesichts der überreichen Menge von Einfällen, welche die 
Analyse zu jedem einzelnen Element des Trauminhalts beibringt, 
wird sich bei jedem Leser der prinzipielle Zweifel regen, ob man 
denn all das, was einem bei der Analyse nachträglich einfällt, zu 
den Traumgedanken rechnen darf, d. h. annehmen darf, all diese 
Gedanken seien schon während des Schlafzustandes tätig gewesen 
und hätten an der Traumbildung mitgewirkt? Ob nicht vielmehr 
während des Analysierens neue Gedankenverbindungen entstehen, die 
an der Traumbildung unbeteiligt waren ? Ich kann diesem Zweifel nur 
bedingt beitreten. Daß einzelne Gedankenverbindungen erst während 
der Analyse entstehen, ist allerdings richtig; aber man kann sich 
jedesmal überzeugen, daß solch t neue Verbindungen sich nur zwischen 
Gedanken herstellen, die schon in den Traumgedanken in anderer 
Weise verbunden sind; die neuen Verbindungen sind gleichsam 
Nebenschließungen,. Kurzschlüsse, ermöglicht durch den Bestand 
anderer und tiefer liegender Verbindungswege. Für die Überzahl 
der bei der Analyse aufgedeckten Gedankenmassen muß man zu- 
gestehen, daß sie schon bei der Traumbildung tätig gewesen sind, 
denn wenn man sich durch eine Kette solcher Gedanken, die außer 
Zusammenhang mit der Traumbildung scheinen, durchgearbeitet hat, 
stößt man dann plötzlich auf einen Gedanken, der, im Trauminhalt 
vertreten, für die Traumdeutung unentbehrlich ist und doch nicht 
anders als durch jene Gedankenkette zugänglich war. Man vergleiche 
hiezu etwa den Traum von der botanischen Monographie, der als 
das Ergebnis einer erstaunlichen Verdichtungsleistung erscheint, 
wenngleich ich seine Analyse nicht vollständig mitgeteilt habe. 

Wie soll man sich aber dann den psychischen Zustand während 
des Schlafens, der dem Träumen vorangeht, vorstellen? Bestehen alle 
die Traumgedanken nebeneinander, oder werden sie nacheinander 
durchlaufen oder werden mehrere gleichzeitige Gedankengänge von 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Überdeterminierang der Tranmelemente. 226 

verschiedenen Zentren aus gebildet, die dann zusammentreffen? Ich 
meine, es liegt noch keine Nötigung vor, sich von dem psychischen 
Zustand bei der Traumbildung eine plastische Vorstellung zu schaffen. 
Vergessen wir nur nicht, daß es sich um unbewußtes Denken 
handelt, und daß der Vorgang leicht ein anderer~sein kann als der, 
welchen wir beim absichtlichen, von Bewußtsein begleiteten Nach- 
denken in uns wahrnehmen. 

Die Tatsache aber, daß die Traumbildung auf einer Verdich- 
tung beruht, steht unerschütterlich fest- Wie kommt diese Verdich- 
tung nun zu Stande? 

; *? /Wenn man erwägt, daß von den aufgefundenen Traumgedanken 
nur die wenigsten durch eines ihrer Vorstellungselemente im Traume 
vertreten sind, so sollte man schließen, die Verdichtung geschehe 
auf dem Wege der Auslassung, indem der Traum nicht eine 
getreuliche Übersetzung oder eine Projektion Punkt für Punkt der 
Traumgedanken, sondern eine höchst unvollständige und lückenhafte 
Wiedergabe derselben sei. Diese Einsicht ist, wie wir bald finden 
w^erden, eine sehr mangelhafte. Doch fußen wir zunächst auf ihr 
und fragen uns weiter: Wenn nur wenige Elemente aus den Traum- 
gedanken in den Trauminhalt gelangen, w^elche Bedingungen be- 
stimmen die Auswahl derselben? 

Um hierüber Aufschluß zu bekommen, wendet man nun seine 
Aufmerksamkeit den Elementen des Trauminhalts zu, welche die 
gesuchten Bedingungen ja erfüllt haben müssen. Ein Traum, zu 
dessen Bildung eine besonders starke Verdichtung beigetragen, wird 
für diese Untersuchung das günstigste Material sein. Ich w^ähle den 
auf Seite 122 mitgeteilten Traum von der botanischen Monographie. 
2^-. Trauminhalt: Ich habe eine Monographie über 
eine (unbestimmt gelassene) Pflanzenart geschrieben. 
Das Buch liegt vor mir, ich blättere eben eine ein- 
geschlagene farbige Tafel um. Dem Exemplar ist ein 
getrocknetes Spezimen der Pflanze beigebunden. 

Das augenfälligste Element dieses Traumes ist die botanische 
Monographie. Diese stammt aus den Eindrücken des Traumtages; 
in einem Schaufenster einer Buchhandlung hatte ich tatsächlich eine 
Monographie über die Gattung „Cyklamen'^ gesehen. Die 
Erwähnung dieser Gattung fehlt im Trauminhalt, in dem nur die 
Monographie und ihre Beziehung zur Botanik übrig geblieben sind. Die 
„botanische Monographie" erweist sofort ihre Beziehung zu der 
Arbeit über Kokain, die ich einmal geschrieben habe ; vom Kokain 
aus geht die Gedankenverbindung einerseits zur Festschrift und zu 
gewissen Vorgängen in einem Universitätslaboratorium, anderseits zu 
meinem Freunde, dem Augenarzte Dr. Künigstein, der an der Ver- 
wertung des Kokains seinen Anteil gehabt hat. An die Person des Dr. K, 
knüpft sich weiter die Erinnerung an das unterbrochene Gespräch, das 
ich abends zuvor mit ihm geführt, und die vielfältigen Gedanken über 

Preudy Traumdeutung. 3. Aufl. lö 



C^ €\r\cA{? Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



226 VI. Die Traumarbeit. 

die Entiohnung ärztlicher Leistungen unter Kollegen. Dieses Gespräch 
ist nun ^der^eigentliche aktuelle Traumerreger: die Monographie über 
Cyklamen ist gleichfalls eine Aktualität, aber indiflFerenter Natur; wie 
ich sehe, erweist sich die „botanische Monographie" des Traumes als 
ein mit t leres Gemeinsames zwischen beiden Erlebnissen des 
Tages j von ~dem indifferenten Eindruck unveränderfTlBernominen, mit 
dem^^psychisch bedeutsamen Erlebnis durch au^ ebigste^Assoziations - 
ver5m3tungen"^ verknüpft. 

ÄBer incht nur die zusammengesetzte Vorstellung ^botanische 
Monographie", sondern auch jedes ihrer Elemente „botanisch" 
und „Monographie" gesondert geht durch mehrfache Verbindungen 
tiefer und tiefer m das Üewirre der Traumgedanken ein. Zu „bo- 
tanisch" gehören die Erinnerungen an oie Person des Professors 
Gärtner, an seine blühende Frau, an meine Patientin, die Flora 
heißt, und an die Dame, von der ich die Geschichte mit den vergessenen 
Blumen erzählt habe. Gärtner führt neuerdings auf das Labora- 
torium und auf das Gespräch mit Königstein; in dasselbe Gespräch 
gehört die Erwähnung aer beiden Patientinnen. Von der Frau mit 
den Blumen zweigt ein Gedankenweg zu den Lieblingsblumen 
meiner Frau ab, dessen anderer Ausgang im Titel der bei Tag flüchtig 
gesehenen Monographie liegt Außerdem erinnert „botanisch" an 
eine Gymnasialepisode und an ein Examen der Universitätszeit, 
und ein neues in jenem Gespräche angeschlagenes Thema, das meiner 
Liebhabereien, knüpft sich durch Vermittlung meiner scherzhaft so- 
genannten Lieblingsblume, der Artischocke an die von den 
vergessenen Blumen ausgehende Gedankenkette an; hinter „Arti- 
schocke" steckt die Erinnerung an Italien einerseits und an eine 
Kinderszene anderseits, in der ich meine seither intim gewordenen 
Beziehungen zu Büchern eröffnet habe. „Botanisch" ist also ein 
wahrer Knotenpunkt, in welchem für den Traum zahlreiche Gedanken- 
gänge zusammentreffen, die, wie ich versichern kann, in jenem Ge- 
spräche mit Fug und Recht in Zusanmienhang gebracht worden sind. 
Man befindet sich hier mitten in einer [Gedankenfa brik,^ in der wie 
im Weber-Meisterstück 

„Ein Tritt tausend Fäden regt. 

Die SchifFlein herüber, hinüber schießen. 

Die Fäden ungesehen fließen. 

Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt." 

^T ^ „Monographie" im Traume rührt wiederum an zwei Themata, 
an die Einseitigkeit meiner Studien und an die Kostspieligkeit meiner 
Liebhabereien. 

Aus dieser ersten Untersuchung holt man sich den Eindruck, 
daß die Elemente „botanisch" und „Monographie" darum in den 
Trauminhalt Aufnahme gefunden haben, weil sie mit den meisten 
Traumgedanken die ausgiebigsten Berührungen aufweisen können, 
also Knotenpunkte darstellen, in denen sehr viele der Traum- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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n 



Ein schöner Traum. '^ 227 



gedanken zusammentreffen, weil sie mit Bezug auf die Traumdeutung 
vieldeutig sind. Man kann die dieser Erklärung zu Grunde liegende 
Tatsache auch anders aussprechen und dann sagen : Jedes der Elemente y 
des Trauminhalts erweist sich als über determiniert, als mehr- 
fach in den Traumgedanken vertreten. 

yj^Wir erfahren mehr, wenn wir die übrigen Bestandteile des 
Traumes auf ihr Vorkommen in den Traumgedanken prüfen. Die 
farbige Tafel, die ich aufschlage, geht (vergl. die Analyse Seite 
125) auf ein neues Thema, die Kritik der Kollegen an meinen 
Arbeiten, und auf ein bereits im Traume vertretenes, meine Lieb- 
habereien, außerdem auf die Kindererinnerung, in der ich ein Buch 
mit farbigen Tafeln zerpflücke ; das getrocknete Exemplar der Pflanze 
rührt an das Gymnasialerlebnis vom Herbarium und hebt diese 
Erinnerung besonders hervor. Ich sehe also, welcher Art die Be- 
ziehung zwischen Trauminhalt und Traumgedanken ist: Nicht nur die 
Elemente des Traumes sind durch die Traumgedanken mehrfach 
determiniert, sondern die einzelnen Traumgedanken sind auch im y 
Traume durch mehrere Elemente vertreten. Von einem Element des 
Traumes führt der Assoziationsweg zu mehreren Traumgedanken; von 
einem Traumgedanken zu mehreren Traumelementen, Die Traum- 
bildung erfolgt also nicht so, daß der einzelne Traumgedanke oder 
eine Gruppe von solchen eine Abkürzung für den Trauminhalt liefert, 
und dann der nächste Traumgedanke eine nächste Abkürzung als 
Vertretung, etwa wie aus einer Bevölkerung Volksvertreter gewählt 
werden, sondern die ganze Masse der Traumgedanken unterliegt einer 
gewissen Bearbeitung, nach welcher die meist- und bestunterstützten 
Elemente sich für den Eintritt in den Trauminhalt herausheben, etwa / 
der Wahl durch Listenskrutinium analog. Welchen Traum immer 
ich einer ähnlichen Zergliederung unterziehe, ich finde stets die 
nämlichen Grundsätze bestätigt, daß die Traumelemente aus der 
ganzen Masse der Traumgedanken gebildet werden, und daß jedes von 
ihnen in bezug auf die Traumgedanken mehrfacn determiniert er- 
scheint. 

Es ist gewiß nicht überflüssig, diese Relation von Trauminhalt 
und Traumgedanken an einem neuen Beispiel zu erweisen, welches 
sich durch besonders kunstvolle Verschlingung der wechselseitigen Be- 
ziehungen auszeichnet. Der Traum rührt von einem Patienten her, den 
ich wegen Claustrophobie (Angst in geschlossenen Räumen) behandelte. 
Es wird sich bald ergeben, weshalb ich mich veranlaßt finde, diese aus- 
nehmend geistreiche Traumleistung in folgender Weise zu überschreiben : 

II. „Ein schöner Traum." 

j7^ Er fährt mit großer Gesellschaft in die X-Straße, 
in der sich ein bescheidenes Einkehrwirtshaus be- 
findet (was nicht richtig ist). In den Räumen desselben wird 
Theater gespielt; er ist bald Publikum, bald Schau- 

15* 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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§28 Vi. Die IVaumarWt. 

Spieler. Am Ende heißt es, man müsse sich umziehen, 
um wieder in die Stadt zu kommen. Ein Teil des Per- 
sonals wird in die Part er reräume verwiesen, ein anderer 
in die des ersten Stockes- Dann entsteht ein Streit, Die 
oben ärgern sich, daß die unten noch nicht fertig sind, 
so daß sie nicht herunter können. Sein Bruder ist oben^ 
er unten und er ärgert sich über den Bruder, daß man 
so gedrängt wird. (Diese Partie unklar.) Es war übrigens 
schon beim Ankommen bestimmt und eingeteilt, wer 
oben und wer unten sein soll. Dann geht er allein über 
die Anhöhe, welche die X-Straße gegen die Stadt hin 
macht, und geht so schwer, so mühselig, daß er nicht 
von der Stelle kommt. Ein älterer Herr gesellt sich zu 
ihm und schimpft über den König von Italien. Am 
Ende der Anhöhe geht er dann viel leichter. 

Die Beschwerden beim Steigen waren so deutlich, daß er nach 
dem Erwachen eine Weile zweifelte, ob es Traum oder Wirklich- 
keit war. 

Dem manifesten Inhalt nach wird man diesen Traum kaum 
loben können. Die Deutung will ich regelwidrig mit jenem Stücke 
beginnen, welches vom Träumer als das deutlichste bezeichnet wurde. 
7,1 »Die geträumte und wahrscheinlich im Traume verspürte Beschwerde, 
das mühselige Steigen unter Dyspnoe, ist eines der Symptome, die 
der Patient vor Jahren wirklich gezeigt hatte, und wurae damals im 
Vereine mit anderen Erscheinungen auf eine (wahrscheinlich hysterisch 
vorgetäuschte) Tuberkulose bezogen. Wir kennen bereits diese dem 
Traume eigentümliche Sensation der Gehhemmung aus den Exhibitions- 
träumen und finden hier wieder, daß sie als ein allezeit bereit liegendes 
Material zu Zwecken irgend welcher anderen Darstellung verwendet 
wird. Das Stück des Trauminhalts, welches beschreibt, wie das Steigen 
anfänglich schwer war, und am Ende der Anhöhe leicht wurde, er* 
innerte mich bei der Erzählung des Traumes an die bekannte meister- 
hafte Introduktion der „Sappho" von A. Daudet. Dort trägt ein 
junger Mann die Geliebte oie Treppen hinauf, anfknglich wie feder- 
leicht; aber je weiter er steigt, desto schwerer lastet sie auf seinen 
Armen, und diese Szene ist vorbildlich ftlr den Verlauf des Verhält- 
nisses, durch dessen Schilderung Daudet die Jugend mahnen will, 
eine ernstere Neigung nicht an Mädchen von niedriger Herkunft und 
zweifelhafter Vergangenheit zu verschwenden.*) Obwohl ich wußte, 
daß mein Patient vor kurzem ein Liebesverhältnis mit einer Dame 
vom Theater unterhalten und gelöst hatte, erwartete ich doch nicht, 
meinen Deutungseinfall berechtigt zu finden. Auch war es ja in der 
Sappho umgekehrt wie im Traume; in letzterem war das Steigen 
aniknglich schwer und späterhin leicht; im Roman diente esderSym- 

*) [Man denke znr Würdiganp dieser DarstcUang des Dichte» an die p. 210 
mitgeteilte Bedeatnng der Stiegenträume.] 






C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Die Analyse des „schönen" Traumes. 229 

bolik nur, wenn das was zuerst leicht genommen wurde, sich am 
Ende als eine schwere Last erwies. Zu meinem Erstaunen bemerkte 
der Patient, die Deutung stimme sehr wohl zum Inhalt des Stückes, 
das er am Abend vorher im Theater gesehen. Das Stück hieß : 
^Rund um Wien" und behandelte den Lebenslauf eines Mädchens, 
das zuerst anständig, dann zur Demimonde übergeht, Verhältnisse mit 
hochstehenden Personen anknüpft, dadurch „in die Höhe 
kommt", endlich aber immer mehr „herunter kommt". Das 
Stück hatte ihn auch an ein anderes, vor Jahren gespieltes, erinnert, 
welches den Titel trug: ^Von Stufe zu Stufe", und auf dessen 
Ankündigung eine aus mehreren Stufen bestehende Stiege zu 
sehen war. 

;7^ Nun die weitere Deutung. In der X-Straße hatte die Schau- 
spielerin gewohnt, mit welcher er das letzte, beziehungsreiche Ver- 
hältnis unterhalten. Ein Wirtshaus gibt es in dieser Straße nicht 
Allein, als er der Dame zuliebe einen Teil des Sommers in Wien 
verbrachte, w^ar er in einem kleinen Hotel in der Nähe abgestiegen. 
Beim Verlassen des Hotels sagte er dem Kutscher : Ich bin froh, daß 
ich wenigstens kein Ungeziefer bekommen habe (übrigens auch eine 
seiner Phobien). Der Kutscher darauf: Wie kann man aber da ab- 
steigen ! Das ist ja gar kein Hotel, eigentlich nur ein Einkehr- 
wirtshaus. 

An das Einkehrwirtshaus knüpjft sich ihm sofort die Erinnerung 
eines Zitats: 

„Bei einem Wirte wundermild, JL7 7 

Da war ich jüngst zu Gaste." 

Der Wirt im U bland sehen Gedichte ist aber ein Apfelbaum 

Nun setzt ein zweites Zitat die Gedankenkette fort: 
Faust (mit der Jungen tanzend). 

Einst hatt' ich einen schönen Traum; 
Da sah ich einen Apfelbaum, 
Zwei schöne Äpfel glänzten dran, 
Sie reizten mich, ich stieg hinan. 

Die Schöne. 

Der Apfelchen begehrt ihr sehr. 
Und schon vom Paradiese her. 
Von Freuden führ ich mich bewegt. 
Daß auch mein Garten solche trägt. 

Es ist nicht der leiseste Zweifel möglich, was unter dem Apfel- 
baume und dem Apfelchen gemeint ist. Ein schöner Busen stand 
auch obenan unter den Reizen, durch welche die Schauspielerin meinen 
Träumer gefesselt hatte. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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230 VI. Die Tranmarbeit. 

^nnWir hatten nach dem Zusammenhang der Analyse allen Grund 
anzunehmen, daß der Traum auf einen Eindruck aus der Kindheit 
zurückgehe. Wenn dies richtig war, so mußte er sich auf die Amme 
des jetzt bald Hlnfzigjähngen Mannes beziehen. Für das Kind ist 
der Busen der Amme tatsächlich das Einkehrwirtshaus. Die Amme 
sowohl als die Sappho Daudets erscheinen als Anspielung auf die 
vor kurzem verlassene Geliebte. 

;7*f Im Trauminhalt erscheint auch der (ältere) Bruder des Patienten, 
und zwar ist dieser oben, er selbst unten. Dies ist wieder eine 
Umkehrung des wirklichen Verhältnisses, denn der Bruder hat, 
wie mir bekannt ist, seine soziale Position verloren, mein Patient sie 
erhalten. Der Träumer vermied bei der Reproduktion des Traum- 
inhalts zu sagen: Der Bruder sei oben, er selbst „parterre" gewesen. 
Es wäre eine zu deutliche Äußerung geworden, denn man sagt bei 
uns von einer Person, sie ist „parterre", wenn sie Vermögen und 
Stellung eingebüßt hat, also in ähnlicher Übertragung, wie man 
„heruntergekommen" gebraucht. Es muß nun einen Sinn haben, 
daß an dieser Stelle im Traume etwas umgekehrt dargestellt ist. Die 
Umkehrung muß auch für eine andere Beziehung zwischen Traum- 
gedanken und Trauminhalt gelten. Es liegt der Hinweis darauf vor, 
wie diese Umkehrung vorzunehmen ist. Offenbar am Ende des 
Traumes, wo es sich mit dem Steigen wiederum umgekehrt ver- 
hält wie in der Sappho. Dann ergibt sich leicht, welche Umkehrung 
gemeint ist: In der Sappho trägt der Mann das zu ihm in sexuellen 
Beziehungen stehende Weib ; in den Traumgedanken handelt es sich 
also umgekehrt um ein Weib, das den Mann trägt, und da dieser 
Fall sich nur in der Kindheit ereignen kann, bezieht er sieh wieder 
auf die Amme, die schwer an dem Säugling trägt. Der Schluß des 
Traumes trifft es also, die Sappho und die Amme in der nämlichen 
Andeutung darzustellen. 

ivVWie der Name Sappho vom Dichter nicht ohne Beziehung 
auf eine lesbische Gewohnheit gewählt ist, so deuten die Stücke des 
Traumes, in denen Personen oben und unten beschäftigt sind, auf 
Phantasien sexuellen Inhalts, die den Träumer beschäftigen und als 
unterdrückte Gelüste nicht außer Zusammenhang mit seiner Neurose 
stehen. Daß es Phantasien und nicht Erinnerungen der tatsächlichen Vor- 
gänge sind, die so im Traume dargestellt werden, zeigt die Traum- 
deutung selbst nicht an ; dieselbe liefert uns nur einen Gedankeninhalt 
und überläßt es uns, dessen Real itäts wert festzustellen. Wirkliche und 
phantasierte Begebenheiten erscheinen hier — und nicht nur hier, 
auch bei der Schöpfung wichtigerer psychischer Gebilde als der 
Träume — zunächst als gleichwertig. Große Gesellschaft bedeutet, 
wie wir bereits wissen, Geheinmis. Der Bruder ist nichts anderes, 
als der in die Eandheitsszene durch „Zurückphantasieren" eingetragene 
Vertreter aller späteren Nebenbuhler beim Weibe. Die Episode von 
dem Herrn, der auf den König von Italien schimpft, bezieht sich 



f^nonl^ Orrginaffnom 

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Der Käfertraum. 231 

durch Vermittlung eines rezenten und an sich gleichgültigen Erlebnisses 
wiederum auf das Eindrängen von Personen niederen Standes in 
höhere Gesellschaft. Es ist, als ob der Warnung, welche Daudet 
dem Jüngling erteilt, eine ähnliche für das säugende Kind gültige, 
an die Seite gestellt werden sollte.*) 

Um ein drittes Beispiel ftir das Studium der Verdichtung bei der 
Traumbildung bereit zu haben, teile ich die partielle Analyse eines 
anderen Traumes mit, den ich einer älteren, in psychoanalytischer 
Behandlung stehenden Dame verdanke. Den schweren Angstzuständen 
entsprechend, an denen die Kranke litt, enthielten ihre Träume über- 
reichlich sexuelles Gedankenmaterial, dessen Kenntnisnahme sie anfangs 
ebenso sehr überraschte wie erschreckte. Da ich die Traumdeutung 
nicht bis ans Ende führen kann, scheint das Traummaterial in mehrere 
Gruppen ohne sichtbaren Zusammenhang zu zerfallen. 

;''9 ni. Trauminhalt: Sie besinnt sich, daß sie zwei 
Maikäfer in einer Schachtel hat, denen sie die Freiheit 

§eben muß, weil sie sonst ersticken. Sie öffnet die 
chachtel, die Käfer sind ganz matt; einer fliegt zum 
geöffneten Fenster heraus, der andere aber wird vom 
Fensterflügel zerquetscht, während sie das Fenster 
schließt, wie irgend jemand von ihr verlangt (Äuße- 
rungen des Ekels). 

Analyse: Ihr Mann ist verreist, die vierzehnjährige Tochter 
schläft im Bette neben ihr. Die Kleine macht sie am Abend auf- 
merksam, daß eine Motte in ihr Wasserglas gefallen ist ; sie versäumt 
es aber, sie herauszuholen, und bedauert das arme Tierchen am 
Morgen. In ihrer Abendlektüre war erzählt, wie Buben eine Katze 
in siedendes Wasser werfen, und die Zuckungen des Tieres geschildert. 
Dies sind die beiden an sich gleichgültigen Traumanlässe. Das Thema 
von der Grausamkeit gegen Tiere beschäftigt sie weiter. Ihre 
Tochter war vor Jahren, als sie in einer gewissen Gegend zum Sommer 
wohnten, sehr grausam gegen das Getier. Sie legte sich eine 
Schmetterlingsammlung an und verlangte von ihr Arsenik zur 
Tötung der Schmetterlinge. Einmal kam es vor, daß ein Nachtfalter 
mit der Nadel durch den Leib noch lange im Zimmer herumflog; 
ein andermal fanden sich einige Raupen, die zur Verpuppung f^uf- 
bewahrt wurden, verhungert. Dasselbe Kind pflegte in noch zarterem 
Alter Käfern und Schmetterlingen die Flügel auszureißen; heute 
würde sie vor all diesen grausamen Handlungen zurückschrecken; sie 
ist sehr gutmütig geworden. 

*) Die phantastische Natur der aaf die Amme des Träamers bezOglichen 
Sitaation wird darch den objektiv erhobenen Umstand erwiesen, daß die Amme in 
diesem Falle die Mutter war. Ich erinnere übrigens an das auf Seite 149 erwähnte 
Bedauern des jun<;ren Mannes der Anekdote, die Situation bei seiner Amme nicht 
besier ausgenutzt zu haben, welches wohl die Quelle dieses Traumes i^t. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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232 VI. Die Traumarbeit. 

^^Dieser Widerspruch beschäftigt sie. Er erinnert an einen 
anderen Widerspruch, den zwischen Aussehen und Gesinnung, wie er 
in Adam Bede von der Eliot dargestellt ist. Ein schönes, aber 
eitles und ganz dummes Mädchen, daneben ein häßliches, aber edles. Der 
Aristokrat, der das Gänschen verführt; der Arbeiter, der adelig 
fühlt und sich ebenso benimmt. Man kann das den Leuten nicht a n* 
sehen. Wer wttrde ihr ansehen, daß sie von sinnlichen Wünschen 
geplagt wird? 

In demselben Jahre, als die Kleine ihre Schmetterlingsammlung 
anlegte, litt die Gegend arg unter der Maikäferplage. Die Kinder 
wüteten gegen die Käfer, zerquetschten sie grausam. Sie hat da- 
mals einen Menschen gesehen, der den Maikäfern die Flügel ausriß 
und die Leiber dann verspeiste. Sie selbst ist im Mai geboren, hat 
auch im Mai geheiratet. Drei Tage nach der Hochzeit schrieb sie 
den Eltern einen Brief nach Hause, wie glücklich sie sei. Sie war es 
aber keineswegs. 

a^^Am Abend vor dem Traume hatte sie in alten Briefen gekramt 
und verschiedene ernste und komische Briefe den Ihrigen vorgelesen, 
so einen höchst lächerlichen Brief eines Klavierlehrers, der ihr als 
Mädchen den Hof gemacht hatte, auch den eines aristokratischen 
Verehrers,*) 

Sie macht sich Vorwürfe, daß eine ihrer Töchter ein schlechtes 
Buch von Maupassant in die Hand bekommen.**) Der Arsenik, 
den ihre Kleine verlangt, erinnert sie an die Arsenikpillen, die 
dem Duc de Mora im Nabab die Jugendkraft wiedergeben. 

Zu „Freiheit geben *^ feilt ihr die Stelle aus der Zauberflöte ein : 

y,ZuT Liebe kann ich dich nicht zwingen, 
"^ Doch geb' ich dir die Freiheit nicht." 

Zu den „Maikäfern" noch die Rede des Käthchens:***) 

„Verliebt ja bist du wie ein Käfer mir." 

Dazwischen Tannhäuser: „Weil du von böser Lust beseelt — " 

Sie lebt in Angst und Sorge um den abwesenden Mann. Die 
Furcht, daß ihm auf der Reise etwas zustoße, äußert sich in zahl- 
reichen Phantasien des Tages. Kurz vorher hatte sie in ihren un- 
bewußten Gedanken während der Analyse eine Klage über seine 
„Greisenhaftigkeit" gefunden. Der Wunschgedanke, welchen dieser 
Traum verhüllt, läßt sich vielleicht am besten erraten, wenn ich er- 
zähle, daß sie mehrere Tage vor dem Traume plötzlich mitten in ihren 
Beschäftigungen durch den gegen ihren Mann gerichteten Imperativ 
erschreckt wurde: Häng' dich auf. Es ergab sich, daß sie einige 

*) Dies ist der eigentliche Traumerreger. 

**) Zu ergänzen: Solche Lektüre sei Gift für ein junges Mädchen. Sie selbst 
hat in ihrer Jugend viel aus verbotenen Büchern geschöpft. 

^^**) Ein weiterer Gedankengang führt zur Penthesileia desselben Dichters: 
Grausamkeit gegen den Geliebten. 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Sammelpersonen nnd Mischpersonen. 233 

Stunden vorher irgendwo gelesen hatte, beim Erhängen stelle sich eine 
kräftige Erektion ein* Es war der Wunsch nach dieser Erektion, der 
in dieser schreckenerregenden Verkleidung aus der Verdrängung wieder- 
kehrte. ,,Häng' dich auf", besagte so viel als „Verschaff dir eine 
Erektion um jeden Preis". Die Arsenikpillen des Dr, Jenkins im 
Nabab gehören hieher; es war der Patientin aber auch bekannt, 
daß man das stärkste Aphrodisiakum, Kanthariden, durch Zer- 
quetschenvonKäfern bereitet (sog, spanische Fliegen). Auf diesen 
Sinn zielt der Hauptbestandteil des Trauminhalts. 

Das Fenster öffnen und -schließen ist eine der ständigen Diffe- 
renzen mit ihrem Manne, Sie selbst schläft aerophil, ihr Mann aerophob. 
Die Mattigkeit ist das Hauptsymptom, über das sie in diesen Tagen 
zu klagen gehabt hat. 

In allen drei hier mitgeteilten Träumen habe ich durch die 
Schrift hervorgehoben, wo eines der Traumelemente in den Traum- 
gedanken wiederkehrt, um die mehrfache Beziehung der ersteren 
augenfällig zu machen. Da aber für keinen dieser Träume die Analyse 
bis ans Ende geführt ist, verlohnt es sich wohl, auf einen Traum mit 
ausfuhrlicher mitgeteilter Analyse einzugehen, um die Überdetermi- 
nierung des Trauminhalts an ihm zu erweisen. Ich wähle hiefÜr den 
Traum von Irmas Injektion. Wir werden an diesem Beispiel mühelos 
erkennen, daß die Verdichtungsarbeit bei der Traumbildung sich mehr 
als nur eines Mittels bedient. 

z?/ Die Hauptperson des Trauminhalts ist die Patientin Irma, die 
mit den ihr im Lieben zukommenden Zügen gesehen wurde und also 
zunächst sich selbst darstellt. Die Stellung aber, in welcher ich sie 
beim Fenster untersuche, ist von einer Erinnerung an eine andere 
Person hergenommen, von jener Dame, mit der ich meine Patientin 
vertauschen möchte, wie die Traumgedanken Zeigen. Insofern Irma 
einen diphtheritischen Belag erkennen läßt, bei dem die Sorge um 
meine älteste Tochter erinnert wird, gelangt sie zur Darstellung dieses 
meines Kindes, hinter welchem, durch die Namensgleichheit mit ihr 
verknüpft, sich die Person einer durch Intoxikation verlorenen Patientin 
verbirgt. Im weiteren Verlaufe des Traumes wandelt sich die Be- 
deutung von Irmas Persönlichkeit (ohne daß ihr im Traume gesehenes 
Bild sich änderte); sie wird zu einem der Kinder, die wir in der 
öffentlichen Ordination des Kinderkrankeninstituts untersuchen, wobei 
meine Freunde die Verschiedenheit ihrer geistigen Anlagen erweisen. 
Der Übergang wurde offenbar durch die Vorstellung meiner kindlichen 
Tochter vermittelt. Durch das Sträuben beim Mundöffnen wird die- 
selbe Irma zur Anspielung auf eine andere, einmal von mir unter- 
suchte Dame, femer in demselben Zusammenhang auf meine eigene 
Frau. In den krankhaften Veränderungen, die ich in ihrem Halse 
entdecke, habe ich überdies Anspielungen auf eine ganze Reihe von 
noch anderen Personen zusammengetragen. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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234 VI. Die Traumarbeit. 

*^ All diese Personen, auf die ich bei der Verfolgung von ^Irma" 
gerate, treten im Traume nicht leibhaftig auf; sie verbergen sich hinter 
/ der Traumpersonen „Irma", welche so zu einem Sammelbild mit allere 

dings widerspruchsvollen Zügen ausgestaltet wird. Irma wird zur Ver- 
treterin dieser anderen, bei der Verdichtungsarbeit hingeopferten Per- 
sonen, indem ich an ihr all das vorgehen lasse, was mich Zug ftir 
Zug an diese Personen erinnert. 

t) '•^Ich kann mir eine Sammelperson auch auf andere Weise ftlr 
die Traumverdichtung herstellen, indem ich aktuelle Züge zweier oder 
mehrerer Personen zu einem Traumbilde vereinige. Solcher Art ist 
der Dr. M. meines Traumes entstanden, er trägt den Namen des 
Dr. M., spricht und handelt wie er; seine leibliche Charakteristik und 
sein Leiden sind die einer anderen Person, meines ältesten Bruders; 
ein einziger Zug, das blasse Aussehen, ist doppelt determiniert, indem 
er in der Realität beiden Personen gemeinsam ist. Eine ähnliche Misch- 
person ist der Dr. R. meines Onkeltraumes. Hier aber ist das Traum- 
bild noch auf andere Weise bereitet. Ich habe nicht Züge, die dem 
einen eigen sind^ mit Zügen des anderen vereinigt und dafür das Er- 
innerungsbild jedes einen um gewisse Züge verkürzt, sondern ich habe 
das Verfahren eingeschlagen, nach welchem Galton seine Familien- 
porträts erzeugt, nämlich beide Bilder aufeinander projiziert, wobei 
die gemeinsamen Züge verstärkt hervortreten, die nicht zusammen- 
stimmenden einander auslöschen und im Bilde undeutlich werden. Im 
Onkeltraume hebt sich so als verstärkter Zug aus der zwei Personen 
gehörigen und darum verschwommenen Physiognomie der blonde 
Bart hervor, der überdies eine Anspielung auf meinen Vater und 
auf mich enthält, vermittelt durch die Beziehung zum Ergrauen. 

Die Herstellung von Sammel- und lilischpersonen ist eines der 
Hauptarbeitsmittel der Traumverdichtung. Es wird sich bald der An- 
laß ergeben, sie in eiüem anderen Zusammenhange zu behandeln. 
^^^ Der Einfall „Dysenterie" im Injektionstraume ist gleichfalls mehr- 

fach determiniert, einerseits durch den paraphrasischen Gleichklang mit 
Diphtherie, anderseits durch die Beziehung auf den von mir in den 
Orient geschickten Patienten, dessen Hysterie verkannt wird. 

Als ein interessanter Fall von Verdichtung erweist sich auch die 
Erwähnung von „Propylen" im Traume. In den Traumgedanken 
war nicht ^Propylen'^, sondern „Amylen" enthalten. Man könnte 
meinen, daß hier eine einfache Verschiebung bei der Traumbildung 
Platz gegriffen hat. So ist es auch, allein diese Verschiebung dient 
den Zwecken der Verdichtung, wie folgender Nachtrag zur Traum- 
analyse zeigt. Wenn meine AufmerksaiiJceit bei dem Worte T,Pro- 
pylen" noch einen Moment Haltmacht, so Mit mir der Gleichklang 
mit dem Worte „Propyläen" ein. Die Propyläen befinden sich 
aber nicht nur in Athen, sondern auch in München. In dieser Stadt 
habe ich ein Jahr vor dem Traume meinen damals schwerkranken 
Freund aufgesucht, dessen Erwähnung durch das bald auf Propy len 
folgende Trimethylamin des Traumes unverkennbar wird. 



3y Google 



OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Bildung von Mittelvorstellnngen. 235 



'/'^ 



Ich gehe über den auffälligen Umstand hinweg, daß hier und 
anderswo bei der Traumanalyse Assoziationen von der verschiedensten 
Wertigkeit, wie gleichwertig, zur Gedankenverbindung benützt werden, 
und gebe der Versuchung nach, mir den Vorgang bei der Ersetzung 
von Amylen in den Traumgedanken durch Propylen in dem 
Trauminhalt gleichsam plastisch vorzustellen. 

Hier befinde sich die Vorstellungsgruppe meines Freundes Otto, 
der mich nicht versteht, mir Unrecht gibt und mir nach Amylen 
duftenden Likör schenkt; dort durch Gegensatz verbunden die meines 
Freundes Wilhelm, der mich versteht, mir recht geben würde, und 
dem ich soviel wertvolle Mitteilungen, auch über die Chemie der 
Sexualvorgänge, verdanke. 

^5i/Was aus der Gruppe Otto meine Aufmerksamkeit besonders er- 
regen soll, ist durch die rezenten, den Traum erregenden Anlässe be- 
stimmt ; das Amylen gehört zu diesen ausgezeichneten, für den Traum- 
inhalt prädestinierten Elementen. Die reiche Vorstellungsgruppe „Wil- 
helm" wird geradezu durch den Gegensatz zu Otto belebt und die 
Elemente in ihr hervorgehoben, welche an die bereits erregten in Otto 
anklingen. In diesem ganzen Traume rekurriere ich ja von einer 
Person, die mein Mißfallen erregt, auf eine andere, die ich ihr nach 
Wunsch entgegenstellen kann, rufe ich Zug für Zug den Freund 
gegen den Widersacher auf. So erweckt das Amylen bei Otto auch 
in der anderen Gruppe Erinnerungen aus dem Kreise der Chemie; 
das Trimethylamin, von mehreren Seiten her unterstützt, gelangt in 
den Trauminhalt. Auch „Amylen" könnte un verwandelt in den 
Trauminhalt kommen, es unterliegt aber der Einwirkung der Gruppe 
„Wilhelm", indem aus dem ganzen Erinnerungsumfang, den dieser 
Name deckt, ein Element hervorgesucht wird, welches eine doppelte 
Determinierung für Amylen ergeben kann. In der Nähe von Amylen 
liegt für die Assoziation „Propylen"; aus dem Kreise „Wilhelm" 
kommt ihm München mit den Propyläen entgegen. In Propylen- 
Propyläen treffen beide Vorstellungskreise zusammen. Wie durch 
einen Kompromiß gelangt dieses mittlere Element dann in den Traum- 
inhalt. Es ist hier ein mittleres Gemeinsames geschaffen wor- 
den, welches mehrfache Determinierung zuläßt. Wir greifen so mit 
Händen, daß die mehrfache Determinierung das Durchdringen in den 
Trauminhalt erleichtern muß. Zum Zwecke dieser Mittelbildung ist 
unbedenklich eine Verschiebung der Aufmerksamkeit von dem eigent- 
lich Gemeinten zu einem in der Assoziation nahe Liegenden vorge- 
nommen worden. 

Das Studium des Injektionstraumes gestattet uns bereits einige 
Übersicht über die Verdichtungsvorgänge bei der Traumbildung zu 
gewinnen. Wir konnten die Auswahl der mehrfach in den Traum- 
gedanken vorkommenden Elemente, die Bildung neuer Einheiten 
(Sammelpersonen, Mischgebilde) und die Herstellung von mittleren 
Gemeinsamen als Einzelheiten der Verdichtungsarbeit erkennen. Wozu 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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>/ 



236 VI. Die Traumarbeit. 

die Verdichtung dient und wodurch sie gefordert wird, werden wir 
uns erst fragen, wenn wir die psychischen Vorgänge bei der Traum- 
bildung im Zusammenhange erfassen wollen. Begnügen wir uns jetzt 
mit der Feststellung der Traum Verdichtung als einer bemerkens- 
werten Relation zwischen Traumgedanken und Trauminhalt. 

'V* Am greifbarsten wird die Verdichtungsarbeit des Traumes, wenn 
sie Worte und Namen zu ihren Objekten gewählt hat. Worte werden 
vom Traume überhaupt häufig wie Dinge behandelt und erfahren dann 
dieselben Zusammensetzungen, Verschiebungen, Ersetzungen und also 
auch Verdichtungen wie die Dingvorstellungen. Komische und selt- 
same Wortschöpfungen sind das Ergebnis solcher Träume. ^Als mir 
einmal ein Kollege einen von ihm verfaßten Aufsatz überschickte, in 
welchem eine physiologische Entdeckung der Neuzeit nach meinem 
Urteil überschätzt und vor allem in überschwenglichen Ausdrücken 
abgehandelt war, da träumte ich die nächste Nacht einen Satz, der 
sicn offenbar auf diese Abhandlung bezog: „Das ist ein wahr- 
haft norekdaler Stil." Die Auflösung des Wortgebildes bereitete 
mir anftlnglich Schwierigkeiten; es war nicht zweifelhaft, daß es den 
Superlativen „kolossal, pyramidal" parodistisch nachgeschaffen war; 
aber woher es stammte, war nicht leicht zu sagen. Endlich zerfiel mir 
das Ungetüm in die beiden Namen Nora und Ekdal aus zwei be- 
kannten Schauspielen von Ibsen. Von demselben Autor, dessen 
letztes Opus ich im Traume also kritisierte, hatte ich vorher einen 
Zeitungsaufsatz über Ibsen gelesen. 

'^^^ II. Eine meiner Patientinnen teilt mir einen kurzen Traum mit, 
der in eine unsinnige Wortkombination ausläuft. Sie befindet sich mit 
ihrem Manne bei einer Bauernfestlichkeit und sagt dann : D a s w i r d 
in einen allgemeinen „MaistoUmütz^ ausgehen. Dabei im 
Traume der dunkle Gedanke, das sei eine Mehlspeise aus Mais, eine 
Art Polenta. Die Analyse zerlegt das Wort in Mais — toll — manns- 
toll— Ol mutz, welche Stücke sich sämtlich als Reste einer Konver- 
sation bei Tisch mit ihren Verwandten erkennen lassen. Hinter Mais 
verbargen sich außer der Anspielung auf die eben eröfinete Jubiläums- 
ausstellung die Worte: Meißen (eine Meißner Porzellanfigur, die 
einen Vogel darstellt). Miß (die Engländerin ihrer Verwandten war 
nach Im ütz gereist), mies = ekel, übel im scherzhaft gebrauchten 
jüdischen Jargon, und eine lange Kette von Gedanken und An- 
knüpfungen ging von jeder der gilben des Wortklumpens ab. 

ni. Ein junger Mann, bei dem ein Bekannter spät abends an- 
geläutet hat, um eine Besuchskarte abzugeben, träumt in der darauf- 
folgenden Nacht: Ein Geschäftsmann wartet spät abends, 
um den Zimmertelegraphen zu richten. Nachdem er 
weggegangen ist, läutet es noch immer nicht kontinuier- 
lich, sondern nur in einzelnen Schlägen. Der Diener 
holt den Mann wieder, und der sagt: Es ist doch merk- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Wort- und Namenverdichtungen. 237 

würdig, daß auch Leute, die sonst tntelrein sind, solche 
Angelegenheiten nicht zu behandeln verstehen. 

Der indifferente Traumanlaß deckt, wie man sieht, nur eines 
der Elemente des Traumes. Zur Bedeutung ist er überhaupt nur ge- 
kommen, indem er sich an ein früheres Erlebnis des Träumers ange- 
reiht hat, das, an sich auch gleichgültig, von seiner Phantasie mit stell- 
vertretender Bedeutung ausgestattet wurde. Als Knabe, der mit seinem 
Vater wohnte, schüttete er einmal schlaftrunken ein Glas Wasser auf 
den Boden, so daß das Kabel des Zimmertelegraphcn durchtränkt 
wurde, und das kontinuierliche Läuten den Vater im Schlafe 
störte. Da das kontinuierliche Läuten dem Naßwerden entspricht, so 
werden dann „einzelne Schläge" zur Darstellung des Tropfen- 
falle ns verwendet. Das Wort „tutelrein" zerlegt sich aber nach 
drei Richtungen und zielt damit auf drei der in den Traumgedanken 
vertretenen Materien : „Tutel" =Kuratel bedeutet Vormundschaft ; 
Tutel (vielleicht „Tuttel") ist eine vulgäre Bezeichnung der weib- 
lichen Brust, und der Bestandteil „rein" übernimmt die ersten Silben 
des Zimmertelegraphen, um „Zimmer rein" zu bilden, was mit dem 
Naßmachen des Fußbodens viel zu tun hat und überdies an einen der 
in der Familie des Träumers vertretenen Namen anklingt.*) 

^ iPlV. In einem längeren wüsten Traume von mir, der eine Schiffs- 
reise zum scheinbaren Mittelpunkte hat, kommt es vor, daß die nächste 
Station Hearsing heißt, die nächst weitere aber Fließ. Letzteres 
ist der Name meines Freundes in B., der oft das Ziel meiner Reise 
gewesen ist* Hearsing aber ist kombiniert aus den Ortsnamen 
unserer Wiener Lokalstrecke, die so häufig auf ing ausgehen: 
Hietzing, Liesing, Mödling (Medelitz, „meae deliciae" der alte 
Name, also „meine Freud'") und dem englischen Hearsay = 
Hörensagen, was auf Verleumdung deutet und die Beziehung zu dem 

*) Die nämliche Zerlegung und Zasammensetzung der Silben — eine wahre 
Silbencbemie — dient ans im Wachen za mannigfachen Scherzen. ^Wie gewinnt 
man aaf die billigste Art Silber? Man begibt sich in eine Allee, in der Silberpappehi 
stehen, gebietet Schweig^en, dann hört das ,Pdppeln^ (Schwätzen) auf, und das Silber 
wird frei.** Der erste Leser ond Kritiker dieses Buches hat mir den Einwand ge- 
macht, den die späteren wahrscheinlich wiederholen werden, „daß der Träamer oft 
za witzig erscheine'. Das ist richtig, so lange es nur auf den Träumer bezogen 
wird, invoMert einen Vorwarf nnr dann, wenn es auf den Traamdeuter übergreifen 
solL In der wachen Wirklichkeit kann ich wenig Ansprach auf das Prädikat „witzig** 
erbeben; wenn meine Träume witzig erscheinen, so liegt es nicht an meiner Persout 
sondern an den eigentümlichen psychologischen Bedingungen, unter denen der Traum 
gearbeitet wird, und hängt mit der Theorie des Witzigen und Komischen intim zu- 
sammen. Der Traum wird witzig, weil ihm der gerade und nächste Weg zum Aus- 
druck seiner Gedanken gesperrt ist; er wird es notgedrungen. Die Leser können 
sieb überzeugen, daß die Träume meiner Patienten den Eindruck des Witzigen 
(Witzelnd t'u) im selben und im höheren Grade machen wie die meinen. [Immerhin 
gab mir dieser Vorwarf Anlaß, die Technik des Witzes mit der Traumarbeit zu ver- 
gleichen, was in dem 1905 veröffentlichten Buche „Der Witz and seine Beziehung 
zam Unbewaßten** geschehen ist.] 



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238 • VL Die Tranmarbeit. 

indifferenten Traumerreger des Tages herstellt, einem Gedichte in den 
„Fliegenden Blättern" von einem verleumderischen Zwerge, „Sagter 
Hatergesagt". Durch Beziehung der Endsilbe ,,ing" zum Namen 
Fließ gewinnt man „Vlissingen", wirklich die Station der Seereise, 
die mein Bruder berührt, wenn er von England zu uns auf Besuch 
kommt. Der englische Name von Vlissingen lautet aber F 1 u s h i n g, 
was in englischer Sprache Erröten bedeutet und an die Patienten mit 
^ Errötensangst" mahnt, die ich behandle, auch an eine rezente Publi- 
kation Bechterews über diese Neurose, die mir Anlaß zu ärger- 
lichen EmpBndungen gegebenen hat 

^^^ V. Ein anderes Mal habe ich einen Traum, der aus zwei geson- 
derten Stücken besteht. Das erste ist das lebhaft erinnerte Wort 
„Autodidasker", das andere deckt sich getreu mit einer vor Tagen 

Sroduzierten, kurzen und harmlosen Phantasie des Inhalts, daß ich 
em Professor N., wenn ich ihn nächstens sehe, sagen muß: „Der 
Patient, über dessen Zustand ich Sie zuletzt konsultiert habe, leidet 
wirklich nur an einer Neurose, ganz wie Sie vermutet haben." Das 
neugebildete „Autodidasker"* hat nun nicht nur der Anforderung 
zu genügen, daß es komprimierten Sinn enthält oder vertritt, es soll 
auch dieser Sinn in gatem Zusammenhange mit meinem aus dem 
Wachen wiederholten Vorsatze stehen, dem Professor N. jene Grenug- 
tuung zu geben. 

Nun zerlegt sich Autodidasker leicht in Autor, Auto- 
didakt und Lasker, an den sich der Name Lasalle schließt. Die 
ersten dieser Worte führen zu der — dieses Mal bedeutsamen — Ver- 
anlassung des Traumes. Ich hatte meiner Frau mehrere Bände eines 
bekannten Autors mitgebracht, mit dem mein Bruder befreundet ist, 
und der, wie ich erfahren habe, aus demselben Orte stanmit wie ich 
(J. J. David). Eines abends sprach sie mit mir über den tiefen Ein- 
druck, den ihr die ergreifend traurige Geschichte eines verkonmienen 
Talents in einer der David sehen Novellen gemacht hatte, und unsere 
Unterhaltung wendete sich darauf den Spuren von Begabung zu, die 
wir an unseren eigenen Kindern wahmenmen. Unter der Herrschaft 
des eben Gelesenen äußerte sie eine Besorgnis, die sich auf die Kinder 
bezog, und ich tröstete sie mit der Bemerkung, daß gerade solche Ge- 
fahren durch die Erziehung abgewendet werden können. In der Nacht 
ging mein Gedankengang weiter, nahm die Besorgnisse meiner Frau 
auf und verwob allerlei anderes damit. Eine Äußerung, die der Dichter 
gegen meinen Bruder in bezug auf das Heiraten getan hatte, zeigte 
meinen Gedanken einen Nebenweg, der zur Darstellung im Traume 
führen konnte. Dieser Weg leitete nach Breslau, wohin eine uns sehr 
befreundete Dame geheiratet hatte. Für die Besorgnis, am Weibe zu 
Grunde zu gehen, die den Kern meiner Traumgedanken bildete, fand 
ich in Breslau die Exempel Lasker und Las alle auf, die mir gleich- 
zeitig die beiden Arten dieser Beeinflussung zum Unheil darzustelleu 



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Wortneubildnngen. * 239 

gestatteten.*) Das „Cherchez la femme'^, in dem sich diese Gedanken 
zusammenfassen lassen, bringt mich in anderem Sinne auf meinen noch 
unverheirateten Bruder, der Alexander heißt. Nun merke ich, daß 
Alex, wie wir den Namen abkürzen, fast wie eine Umstellung von 
Lasker klingt, und daß dieses Moment mitgewirkt haben muß, meinen 
Gedanken die Umwegrichtung über Breslau mitzuteilen. t^S" 

Die Spielerei mit Namen und Silben, die ich hier treibe, enthält 
aber noch einen weiteren Sinn. Sie vertritt den Wunsch eines glück- 
lichen Familienlebens für meinen Bruder, und zwar auf folgendem 
Wege. In dem Künstlerroman L' o e u v r e, der meinen Traumgedanken 
inhaltlich nahe liegen mußte, hat der Dichter bekanntlich sich selbst 
und sein eigenes Familienglück episodisch mitgeschildert und tritt 
darin unter dem Namen Sandoz auf. Wahrscheinlich hat er bei der 
Namensverwandlung folgenden Weg eingeschlagen. Zola gibt um- 
gekehrt (wie die Kinder so gern zu tun pflegen) A 1 o z. Das war ihm 
wohl noch zu un verhüllt; darum ersetzte sich ihm die Silbe AI, die 
auch den Namen A 1 e xander einleitet, durch die dritte Silbe desselben 
Namens sand, und so kam Sandoz zu stände. So ähnlich entstand 
also auch mein Autodidasker. 

Meine Phantasie, daß ich Professor N. erzähle, der von uns 
beiden gesehene Kranke leide nur an einer Neurose, ist auf folgende 
Weise in den Traum gekommen. Kurz vor Schluß meines Arbeits- 
jahres bekam ich einen Patienten, bei dem mich meine Diagnostik im 
Stiche ließ. Es war ein schweres organisches Leiden, vielleicht eine 
Rückenmarksveränderung, anzunehmen, aber nicht zu beweisen. Eine 
Neurose zu diagnostizieren wäre verlockend gewesen und hätte allen 
Schwierigkeiten ein Ende bereitet, wenn nicht die sexuelle Ananmese, 
ohne die ich keine Neurose anerkennen will, vom Kranken so ener- 
gisch in Abrede gestellt worden wäre. In meiner Verlegenheit rief 
ich den Arzt zur Hilfe, den ich menschlich am meisten verehre (wie 
andere auch), und vor dessen Autorität ich mich am ehesten beuge. 
Er hörte meine Zweifel an, hieß sie berechtigt und meinte dann: 
„Beobachten Sie den Mann weiter, es wird eine Neurose sein." Da 
ich weiß, daß er meine Ansichten über die Ätiologie der Neurosen 
nicht teilt, hielt ich meinen Widerspruch zurück, verbarg aber nicht 
meinen Unglauben. Einige Tage später machte ich dem Kranken die 
Mitteilung, daß ich mit ihm nichts anzufangen wisse, imd riet ihm, 
sich an einen anderen zu wenden. Da begann er zu meiner höchsten 
Überraschung, mich um Verzeihung zu bitten, daß er mich belogen 
habe ; er habe sich so sehr geschämt, und nun enthüllte er mir gerade 
das Stück sexueller Ätiologie, das ich erwartet hatte, und dessen ich 
zur Annahme einer Neurose bedurfte. Mir war es eine Erleichterung, 
aber auch gleichzeitig eine Beschämung; ich mußte mir zugestehen, 
daß mein Konsiliarius, durch die Berücksichtigung der Anamnese un- 

*) Lasker starb an progressiver Paraljse, also an den Folgen der beim Weibe 
erworbenen Infektion (Laes); Las alle, wie bekannt, im Duell wegen einer Dame. 



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240 VI. Die Tranmarbeit. 

beirrt, richtiger gesehen hatte. Ich nahm mir vor, es ihm zu sagen, 
wenn ich ihn wiedersehe, ihm zu sagen, daß er recht gehabt habe 
und ich unrecht. 

Gerade dies tue ich nun im Traume. Aber was fllr Wunsch- 
erfüllung soll es denn sein, wenn ich bekenne, daß ich unrecht habe? 
Gerade das ist mein Wunsch ; ich möchte unrecht haben mit meinen 
Befürchtungen, resp. ich mOchte, daß meine Frau, deren Befürchtungen 
ich in den Traumgedanken mir angeeignet habe, unrecht behält. Das 
Thema, auf welches sich das Recht- oder Unrechtbehalten im Traume 
bezieht, ist von dem für die Traumgedanken wirklich Interessanten 
nicht weitab gelegen. Dieselbe Alternative der organischen oder der 
funktionellen Schädigung durch das Weib, eigentlich durch das Sexual- 
leben : Tabesparalyse oder Neurose, an welch letztere sich die Art des 
Unterganges von Lasalle lockerer anreiht. 

J^^ Professor N. spielt in diesem festgefügten (und bei sorgfältiger 
Deutung ganz durchsichtigen) Traume nicht nur wegen dieser Analogie 
und wegen meines Wunsches, unrecht zu behalten, eine Rolle — auch 
nicht wegen seiner nebenher gehenden Beziehungen zu Breslau und 
zur Familie unserer dorthin verheirateten Freundin — , sondern auch 
wegen folgender kleinen Begebenheit, die sich an unsere Konsultation 
anschloß. Nachdem er mit jener Vermutung die ärztliche Aufgabe 
erledigt hatte, wandte sich sein Interesse persönlichen Dingen zu. 
„Wieviel Kinder haben Sie jetzt?" — „Sechs." — Eine Gebärde von 
Kespekt und Bedenklichkeit. — „Mädel, Buben?" — 7,Drei ^nd drei, 
das ist mein Stolz und mein Reichtum." — r^^^^? geben Sie acht, 
mit den Mädeln geht es ja gut, aber die Buben machen einem später 
Schwierigkeiten in der &ziehung." — Ich wendete ein, daß sie bis 
jetzt recht zahm geblieben sind; offenbar behagte mir diese zweite 
Diagnose tlber die Zukunft meiner Buben ebenso wenig wie die frtlher 
gefkllte, daß mein Patient nur eine Neurose habe. Diese beiden £in- 
drttcke sind also durch Kontiguität, durch das Erleben in einem Zuge 
verbunden, und wenn ich die Geschichte von der Neurose in den 
Traum nehme, ersetze ich durch sie die Rede über die Erziehung, die 
noch mehr Zusammenhang mit den Traumgedanken aufweist, da sie 
so nahe an die später geäußerten Besorgnisse meiner Frau rttbrt. So 
findet selbst meine Angst, daß N. mit den Bemerkungen über die Er- 
ziehungsschwierigkeiten bei den Buben recht behalten möge, Eingang 
in den Trauminhalt, indem sie sich hinter der Darstellung meines 
Wunsches, daß ich mit solchen Befürchtungen unrecht haben m5^, 
verbirgt Dieselbe Phantasie dient unverändert der Darstellung beider 
gegensätzlichen Glieder der Alternative. 

i Die Wortverbildungen des Traumes ähneln sehr den bei der 
Paranoia bekannten, die aber auch bei Hysterie und Zwangsvor^ 
Stellungen nicht vermißt werden. Die Sprachkünste der Kinder, die 
zu gewissen Zeiten die Worte tatsächlich wie Objekte behandeln, auch 
neue Sprachen und artefizielle Wortfügungen erfinden, sind für den 
Traum wir für die Psychoneurosen hier die gemeinsame Quelle. 



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^«=- 



Die Verschiebnngsarbeit. 241 

'^ ^^Wo in einem Traume Reden vorkommen, die ausdrücklich als 
solche von Gedanken unterschieden werden, da gilt als ausnahmslose 
Regel, daß Traumrede von erinnerter Rede im Traummaterial ab- 
stanmit. Der Wortlaut der Rede ist entweder unversehrt erhalten oder 
leise im Ausdruck verschoben; häufig ist die Traumrede aus ver- 
schiedenen Redeerinnerungen zusammengestückelt; der Wortlaut dabei 
das sich gleich gebliebene, der Sinn womöglich mehr- oder anders- 
deutig verändert. Die Traum rede dient nicht selten als bloße An- 
spielung auf ein Ereignis, bei dem die erinnerte Rede vorfiel.*) 

h) Die Verschiebungsarbeit. 

x^'y Eine andere, wahrscheinlich nicht minder bedeutsame Relation 
mußte uns bereits aufiallen, während wir die Beispiele für die Traum- 
verdichtung sammelten. Wir konnten bemerken, daß die Elemente, 
welche im Trauminhalt sich als die wesentlichen Bestandteile hervor- 
drängen, in den Traumgedanken keineswegs die gleiche Rolle spielen. 
Als Korrelat dazu kann man auch die Umkehrung dieses Satzes aus- 
sprechen. Was in den Traumgedanken oficnbar der wesentliche Inhalt 
ist, braucht im Traume gar nicht vertreten zu sein. Der Traum ist 
gleichsam anders zentriert, sein Inhalt um andere Elemente als ly 
Mittelpunkt geordnet als die Traumgedanken. So z. B. ist im Traume 
von der botanischen Monographie Mittelpunkt des Trauminhalts oflFenbar 
das Element „botanisch" ; in den Traumgedanken handelt es sich um die 
Komplikationen und Konflikte, die sich aus verpflichtenden Leistungen 
zwischen Kollegen ergeben, in weiterer Folge um den Vorwurf, daß 
ich meinen Liebhabereien allzu große Opfer zu bringen pflege, und 
das Element „botanisch" findet in diesem Kerne der Traumgedanken 
tlberhaupt keine Stelle, wenn es nicht diircIT eine Gegensätzlichkeit 
locker damit verbunden ist, denn Botanik hatte niemals einen Platz 
unter meinen Lieblingsstudien. In dem Sapphotraume meines Patienten 
ist das Auf- und Niedersteigen, Oben- und Untensein zum 
Mittelpunkte gemacht; der Traum handelt aber von den Gefahren 
sexueller Beziehungen zu niedrig stehenden Personen, so daß nur 
eines der Elemente der Traumgedanken, dies aber in ungebührlicher 
Verbreiterung, in den Trauminhalt eingegangen scheint. Ähnlich ist 
im Traume von den Maikäfern, welcher die Beziehungen der Sexu- 
alität zur Grausamkeit zum Thema hat, zwar das Moment der Grau- 
samkeit im Trauminhalt wieder erschienen, aber in andersartiger Ver- 
knüpfung und ohne Erwähnung des Sexuellen, also aus dem Zu- 
sammenhang gerissen und dadurch zu etwas Fremdem umgestaltet. In 

*) [Hei einem an Zwangsvoratellangen leidenden jungen Manne, mit übrigens 
intakten and hochentwickelten intellektuellen Funktionen, fand ich unlängst die ein- 
zige Ausnahme von dieser Regel. Die Reden, die in seinen Träumen vorkamen, 
stammen nicht von gehörten oder selbst gehaltenen Reden ab, sondern entsprachen 
dem unentstellten Wortlaute seiner Zwangsgedanken, die ihm im Wachen nur abge- 
ändert zum Bewußtsein kamen.] 

Freud, Traomdeatang. 8. Aufl. 16 



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OrfgfrTaffrom 
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242 VI. Die Traumarbeit. 

dem Onkeltraume wiederum scheint der blonde Bart, der dessen Mittel- 
punkt bildet, außer aller Sinnbeziehung zu den Größenwünschen, die 
wir als den Kern der Traumgedanken erkannt haben. Solche Tr&ume 
machen dann mit gutem Rechte einen „verschobenen*^ Eindruck 
Im vollen Gegensatz zu diesen Beispielen zeigt dann der Traum von 
Irmas Injektion, daß bei der Traumbildung die einzelnen EHemente 
auch wohl den Platz behaupten können, den sie in den Traum- 
gedanken einnehmen. Die Kenntnisnahme dieser neuen, in ihrem 
Sinne durchaus inkonstanten Relation zwischen Traumgeaanken und 
Trauminhalt ist zunächst geeignet, unsere Verwunderung zu err^en. 
Wenn wir bei einem psychischen Vorgang des Normallebens finden, 
daß eine Vorstellung aus mehreren anderen herausgegriffen wurde und 
ftlr das Bewußtsein besondere Lebhaftigkeit erlangt hat, so pflegen 
wir diesen Erfolg als Beweis daflLr anzusehen, daß der siegenden Vor- 
stellung eine besonders hohe psychische Wertigkeit (ein gewisser Grad 
von Interesse) zukommt. Wir machen nun die Erfahrung, daß diese 
Wertigkeit der einzelnen Elemente in den Traumgedanken ftlr die 
Traumbildung nicht erhalten bleibt oder nicht in Betracht kommt. Es 
ist ja kein Zweifel darüber, welches die höchstwertigen Elemente der 
Traumgedanken sind; unser Urteil sagt es uns unmittelbar. Bei der 
Traumbildung können diese wesentlichen, mit intensivem Interesse 
betonten Elemente nun so behandelt werden, als ob sie minderwertig 
wären, und an ihre Stelle treten im Traume andere Elemente, die in 
den Traumgedanken sicherlich minderwertig waren. Es macht zu- 
nächst den Eindruck, als käme jie psy cliifitohft TT^^PTiftitM*) der ein- 
zelnen Vorstellungen für die Traumauswahl überhaupt nicht in Be- 
tracht sondern bloß die mehr oder minder vielseitige Determinierung 
derseloen. Nicht was in den Traumgedanken wichtig ist, kommt in 
den Traum, sondern was in ihnen mehrfach enthalten, könnte man 
meinen; das Verständnis der Traumbildung wird aber durch diese 
Annahme nicht sehr gefördert, denn von vornherein wird man nicht 
glauben können, daß die beiden Momente der mehrfachen Determi- 
uierung und der eigenen Wertigkeit bei der Traumauswahl anders als 
gleichsmnig wirken können. Jene Vorstellungen, welche in den Traum- 
gedanken die wichtigsten sind, werden wohl auch die am häufigsten 
in ihnen wiederkehrenden sein, da von ihnen wie von Mittelp unkten 
die einzelnen Traumgedanken ausstxaHen. Und^öcH^ann der J^ma 
diese intensiv betonten und vielseitig unterstützten Elemente ablehnen 
und andere Elemente, denen nur die letztere Eigenschaft zukommt, 
in seinen Inhalt aufnehmen. 

^•i«i Zur Lösung dieser Schwierigkeit wird man einen anderen Ein- 
druck verwenden, den man bei der Untersuchung der Überdetermi- 
nierung des Trauminhalts empfangen hat. Vielleicht hat schon mancher 
Leser dieser Untersuchung bei sich geurteilt, die Überdeterminierung 

*) Psychische Intensität, Wertigkeit, Intcressebctonang einer Voratellang ist 
natürlich ron sinnlicher [ntensitftt, Intensität des VorgesteUten, gesondert zvl hidten. 



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Die Überdeterminierung. 243 

der Traumelemente sei kein bedeutsamer Fund, weil sie ein selbst- 
verständlicher ist. Man geht ja bei der Analyse von den Traum- 
elementen aus und verzeichnet alle Einfiüle, die sich an dieselben 
knüpfen; kein Wunder dann, daß in dem so gewonnenen Gedanken- 
material eben diese Elemente sich besonders häufig wiederfinden. Ich 
könnte diesen Einwand nicht gelten lassen, werde aber selbst etwas 
ihm ähnlich Klingendes zur Sprache bringen: Unter den Gedanken, 
welche die Analyse zu Tage fördert, finden sich viele, die dem Kern 
des Traumes fernerstehen, und die sich wie künstliche Einschaltungen 
zu einem gewissen Zweck ausnehmen. Der Zweck derselben ergibt 
sich leicht; gerade sie stellen eine Verbindung, oft eine gezwungene 
und gesuchte Verbindung, zwischen Traumiuhalt und Traumgedanken 
her, und wenn diese Elemente aus der Analyse ausgemerzt würden, 
entfiele für die Bestandteile des Trauminhalts oftmals nicht nur die 
Überdeterminierung, sondern überhaupt eine genügende Determinierung 
durch die Traumgedanken. Wir werden so zum Schlüsse geleitet, daß 
die mehrfache Determinierung, die für die Traumauswahl entscheidet, 
wohl nicht immer ein primäres Moment der Traumbildung, sondern 
oft ein sekundäres Ergelbnis einer uns noch unbekannten psychischen 
Macht ist. Sie muß aber bei alledem für daj Eintreten der einzelnen 
Elemente in den Traum von Bedeutung sein, denn wir können beob- 
achten, daß sie mit einem gewissen Aufwand hergestellt wird, wo sie 
sich aus dem Traumraaterial nicht ohne Nachhilfe ergibt. 

Es liegt nun der Einfall nahe, daß bei der Traumarbeit eine 
psychische 5lacht sich äußert, die einerseits die psychisch hochwertigen j 

Elemente ihrer Intensität entkleidet und anderseits auf dem Wege 
der Überdeterminierung aus minderwertigen neue Wertigkeiten 
schafft, die dann in den Trauminhalt gelangen. Wenn das so zugeht, 
so hat bei der Traumbildung eine Übertragung und Ver- 
schiebung der psychischen IntensitH.t^n:dtir einzelnen Ele- y 
mente stattgefunden, als deren Folge die^s^extverschiedenhejF von 
Trauminhalt und Traumgedanken erscheint. DeF^Vuigang, d^ti wir so 
supponieren, ist geradezu das wesentliche Stück der Traumarbeit; er 
verdient den Namen der Traumverschiebung. Traumver- 
schiebung und Traumverdichtung sind die beiden Werk- 
meister, deren Tätigkeit wir die Gestaltung des Traumes hauptsächlich 
zuschreiben dürfen. 

7 ; ' Ich denke, wir haben es auch leicht, die psychische Macht, die 
sich in den Tatsachen der Traumverschiebung äußert, zu erkennen. 
Der Erfolg dieser Verschiebung ist, daß der Trauminhalt dem Kerne 
der Traumgedanken nicht jmehr gleich sieht^ daß der Traum nur eine 
Entstellu ng des Traumwunsches im Unbewußten wiedergibt Die Traum- 
eütstellung aber ist~üiiis'T)ereit8 Bekannt ; wir haben sie auf die Zensur 
zurückgeführt, welche die eine psychische Instanz im Gedankcnleben 
gegen eine andere ausübt. Die Traumverschiebung ist eines der Haupt- 
mittel zur Erziel ung dieser Entstellung. Is fccit, cui profuit. Wir dürfen v 

16' 



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244 VI. Die Tranmarbeit. 

annehmen, daß die Traamverschiebung dorch den Einfluß jener Zensur, 
der eadopsychischen Abwehr, zu stände kommt.*) 

In welcher Weise die Momente der Verschiebung, Verdichtung 
und Überdeterminierung bei der Traumbildung ineinander spielen, 
welches der übergeordnete und welches der nebensächliche Faktor 
wird, das wttrden wir späteren Untersuchungen vorbehalten. Vorläufig 
können wir als eine zweite Bedingung, der die in den Traum gelangen- 
den Elemente genügen müssen, angeben, daß sie der Zensur des 
Widerstandes entzogen seien. Die Traumverschiebung aber 
wollen wir von nun an ^s unzweifelhafte Tatsache bei der Traum- 
deutung in Rechnung ziehen. 

c) Die Darstellungsmittel des Traumes. 

Außer den beiden Momenten der Traum Verdichtung und 
Traum Verschiebung, die wir bei der Verwandlung des latenten 
Gedankenmaterials in den manifesten Trauminhalt als wirksam auf- 
gefunden haben, werden wir bei der Fortfllhrung dieser Untersuchung 
noch zwei weiteren Bedingungen begegnen, die. unzweifelhaften Einfluß 
auf die Auswahl des in den Traum gelangenden Materials üben. Vorher 
möchte ich, selbst auf die Gefahr hin, daß wir auf unserem Wege 
Halt zu machen scheinen, einen ersten Blick auf die Vorgänge bei 

*) [Da ich die Zarückfiibrang der TraamentuteUung aaf die Zensur als den 
Kern meiner Traamauffassangf bezeichnen darf, schalte ich hier dan leiste Stück jener 
Erzahlang „Träumen wie Wachen ** aas den „Phantasien eines Realisten*^ von 
Lynkeas, Wien, 2. Auflage, 1900, ein, in dem ich diesen Hauptcharakter meiner 
Lehre wiederfinde: 

„Von einem Manne, der die merkwürdige Eigenschaft hat, niemals Unsinn au 
träumen.*^ 

„Deine herrliche Eigenschaft, zu träumen wie su wachen, beruht auf deinen 
Tugenden, auf deiner Güte, deiner Gerechtigkeit, deiner Wahrheitsliebe; es ist die 
moralische Klarheit deiner Natur, die mir alles an dir verständlich macht. ** 

„Wenn ich es aber recht bedenke**, erwiderte der andere, „so glaube ich bei- 
nahe, alle Menschen seien so wie ich beschaffen, und gar niemand träume jemals 
Unsinn ! Ein Traum, an den man sich so deutlich erinnert, daß man ihn nacherzählen 
kann, der also kein Fiebertraum ist, hat immer Sinn und es kann auch gar nicht 
anders sein! Denn was miteinander in Widerspruch steht, könnte sich ja nicht sa 
einem Qansen gruppieren. Daß Zeit und Kaum oft durcheinander gerüttelt werden, 
benimmt dem wahren Inhalt des Traumes gar nichts, denn sie sind beide gewiß ohne 
Bedeutung für seinen wesentlichen Inhalt gewesen. Wir machen es ja oft im Wachen 
auch so; denke an das Märchen, an so viele kühne und sinnyolle Phantasiegebilde, 
zw denen nur ein Unverständiger sagen würde: ,Da8 ist widersinnig! Denn das ist 
nicht möglich'!'* 

„Wenn man nur die Träume immer richtig zu deuten wüßte, so wie du daa 
eben mit dem meinen getan hast!" sagte der Freund. 

„Das ist gewiß keine leichte Aufgabe, aber es müßte bei einiger Aufmerksam- 
keit dem Träumenden selbst wohl immer gelingen. — Warum es meistens nicht 
gelingt? Es scheint bei Euch etwas Verstecktes in den Träumen su Iie;ien, etwas 
Unkeusches eigener und höherer Art, eine gewisse Heimlichkeit in Eurem Weaen, 
die schwer auszudenken ist; und darum scheint Euer Träumen so oft ohne Sinn, sog^r 
ein Widersinn zu sein. Es ist aber im tiefsten Grunde durchaus nicht so; ja, es kann 
gar nicht so sein, denn es ist immer derselbe Mensch, ob er wacht oder träumt. *"] 



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Die Darstellungsmittel des Traumes. 245 



*Ö 



der Ausführung der Traumdeutung werfen. Ich verhehle mir nicht, 
daß es am ehesten gelingen würde, dieselben klarzustellen und ihre 
Zuverlässigkeit gegen Einwendungen zu sichern, wenn ich einen ein- 
zelnen Traum zum Muster nähme, seine Deutung entwickle, wie ich 
es in Abschnitt II bei dem Traume von Irmas Injektion gezeigt habe, 
dann aber die l'raumgedanken, die ich aufgedeckt habe, zusammen- 
stelle, und nun die Bildung des Traumes aus ihnen rekonstruiere, also 
die Analyse der Träume durch eine Synthese derselben ergänze. Diese 
Arbeit habe ich an mehreren Beispielen zu meiner eigenen Belehrung 
vollzogen ; ich kann sie aber hier nicht aufnehmen, weil mannigfache ^ 
und von jedem billig Denkenden gutzuheißende Rücksichten auf das 
psychische Material zu dieser Demonstration mich daran verhindern. 
Bei der Analyse der Träume störten diese Rücksichten weniger, denn 
die Analyse durfte unvollständig sein und behielt ihren Wert, wenn 
sie auch nur ein Stück weit in das Gewebe des Traumes hineinführte. 
Von der Synthese wüßte ich es nicht anders, als daß sie, um zu über- 
zeugen, vollständig sein muß. Eine vollständige Synthese könnte ich 
nur von Träumen solcher Personen geben, die dem lesenden Publikum 
unbekannt sind. Da aber nur Patienten, Neurotiker, mir dazu die 
Mittel bieten, so muß dies Stück Darstellung des Traumes einen 
Aufschub erfahren, bis ich — an anderer Stelle — die psychologische 
Aufklärung der Neurosen so weit führen kann, daß der Anschluß an 
unser Thema herzustellen ist.*) 

;; Aus meinen Versuchen, Träume aus den Traumgedanken syn- 
thetisch herzustellen, weiß ich, daß das bei der Deutung sich ergebende 
Material von verschiedenartigem Werte ist. Den einen Teil desselben 
bilden die wesentlichen Traumgedanken,' die also den Traum voll er- 
setzen und allein zu dessen Ersatz hinreichen würden, wenn es fllr 
den Traum keine Zensur gäbe. Den anderen Teil kann man unter 
dem Namen „Kol lateralen'^ zusammenfassen; in ihrer Gesamtheit 
stellen sie die Wege dar, auf denen der wirkliche Wunsch, der sich 
aus den Traumgedanken erhebt, in den Traumwunsch übergeführt wird. 
Von diesen „ Kollateralen ^ besteht ein erster Anteil aus Anknüpfungen 1 
an die eigentlichen Traumgedanken, welche, schematisch genommen, 
Verschiebungen vom Wesentlichen aufs Nebensächliche entsprechen. 
Ein zweiter Anteil umfaßt die Gedanken, welche diese durch Ver-' 
Schiebung bedeutsam gewordenen, nebensächlichen Materialien unter 
sich verbinden und von ihnen bis zum Trauminhalt reichen. Ein 
dritter Anteil endlich enthält die EiniUlle und Gedankenverbindungen, 
durch die man bei der Deutungsarbeit vom Trauminhalt zu den 
mittleren Kollateralen gerät, und die nicht notwendig sämtlich 
auch bei der Traumbildung beteiligt gewesen sein müssen. 

Uns interessieren an dieser Stelle ausschließlich die wesentlichen 
Traumgedanken. Diese enthüllen sich zumeist als ein Komplex von 

*) [Ich habe die vollständige Analyse und Synthese zweier Traume seither in 
dem „Bruchstück einer Hysterieanalyse **, 1905, gegeben.] 



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y 



246 VI. Die Traumarbeit. 

Gedanken und Erinnerungen vom aUerverwickeltsten Aufbau mit aUen 
Eigenschaften der uns aus dem Wachen bekannten Gedankengänge. 
Nicht selten sind es Gedänkenzttge, die von mehr als einem Zentrum 
ausgehen, aber der Berahrungspunkte nicht entbehren ; fast regelmäßig 
steht neben einem Gedankengang sein kontradiktorisches Widerspiel, 
durch Kontrastassoziation mit ihm verbunden. 

Die einzelnen Stücke dieses komplizierten Gebildes stehen natür- 
lich in den mannigfaltigsten logischen Relationen zueinander. Sie bilden 
Vorder- und Hinterg^ud, Abschweifungen und Erläuterungen, Bedin- 
gungen, Beweisgänge und Einsprüche. Wenn dann die ganze Masse 
dieser Traumgedanken der Pressung der Traumarbeit unterliegt, wobei 
die Stücke gedreht, zerbröckelt und zusammengeschoben werden, etwa 
pwie treibendes Eis, so entsteht die Frage, was aus den logischen 
Banden wird, welche bishin das Gefüge gebildet hatten. Welche Dar- 
stellung erfahren im Traume das „Wenn, weil, gleichwie, obgleich, 
entweder — oder" und alle anderen Konjunktionen, ohne die wir Satz 
und Rede nicht verstehen können? 

Man muß zunächst darauf antworten, der Traum hat fllr diese 
logischen Relationen unter den Traumgedanken keine Mittel der Dar- 
stellung zur Verfügung. Zumeist läßt er all diese Konjunktionen un- 
^ berücksichtigt und übernimmt nur den sachlichen Inhalt der Traum- 
gedanken zur Bearbeitung. Der Traumdeutung bleibt es überlassen, 
den Zusammenhang wieder herzustellen, den die Traumarbeit ver- 
nichtet hat. 

Es muß am psychischen Material liegen, in dem der Traum ge- 
arbeitet ist, wenn ihm diese Ausdrucksfkhigkeit abgeht. In einer ähn- 
lichen Beschränkung befinden sich ja die darstellenden Künste, Malerei 
und Plastik, im Vergleich zur Poesie, die sich der Rede bedienen 
kann, und auch hier liegt der Grund des Unvermögens in dem Ma- 
terial, durch dessen Bearbeitung die beiden Künste etwas zum Aus- 
druck zu bringen streben. Ehe die Malerei zur Kenntnis der für sie 
gültigen Gesetze des Ausdrucks gekommen war, bemühte sie sich 
noch, diesen Nachteil auszugleichen. Aus dem Munde der gemalten 
Personen ließ man auf alten Bildern Zettelchen heraushängen, welche 
als Schrift die Rede brachten, die im Bilde darzustellen der Maler 
verzweifelte. 

^<i^ Vielleicht wird sich hier ein Einwand erheben, der für den 
Traum den Verzicht auf die Darstellung logischer Relationen bestreitet. 
Es gibt ja Träume, in welchen die kompliziertesten Geistesoperationen 
vor sich gehen, begründet und widersprochen, gewitzelt und verglichen 
wird wie im wachen Denken. Allein auch hier trügt der l^hein; 
wenn man auf die Deutung solcher Träume eingeht, erfkhrt man, daß 
dies alles Traummaterial ist, nicht Darstellung intellek- 
tueller Arbeit im Traume. Der Inhalt der Traumgedanken 
ist durch das scheinbare Denken des Traumes wiedergegeben, nicht 
die Beziehungen der Traumgedanken zueinander, in deren 



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Die Darstellung der logischen Belationen. " 247 

Feststellung das Denken besteht. Ich werde hieftir Beispiele erbringen. 
Am leichtesten ist es aber zu konstatieren, daß alle Reden, die in 
Träumen vorkommen und die ausdrücklicli als solche bezeichnet werden, 
unveränderte oder nur nur wenig modifizierte Nachbildungen von Reden 
sind, die sich ebenso in den Erinnerungen des Traummaterials vorfinden. 
Die Rede ist oft nur eine Anspielung auf ein in den Traumgedanken 
enthaltenes Ereignis; der Sinn des Traumes ein ganz anderer. 

Allerdings werde ich nicht bestreiten, daß auch kritische Denk- 
arbeit, die nicht einfach Material aus den Traumgedanken wiederholt, 
ihren Anteil an der Traumbildung nimmt. Den Einfluß dieses Faktors 
werde ich zu Ende dieser Erörterung beleuchten müssen. Es wird sich 
dann ergeben, daß diese Denkarbeit nicht durch die Traumgedanken, 
sondern durch den in gewissem Sinne bereits fertigen Traum hervor- 
gerufen wird. 

Es bleibt also vorläufig dabei, daß die logischen Relationen zwi- 
schen den Traumgedanken im Traume eine besondere Darstellung 
nicht finden. Wo sich z. B. Widerspruch im Traume findet, da ist es 
entweder Widerspruch gegen den Traum oder Widerspruch aus dem 
Inhalt eines der Traumgedanken ; einem Widerspruch zwischen den 
Traumgedanken entspricht der Widerspruch im Traume nur in höchst 
indirekt vermittelter Weise. 

Wie es aber endlich der Malerei gelungen ist, wenigstens die 
Redeabsicht der dargestellten Personen, Zärtlichkeit, Drohung, Ver- 
warnung u. dgh anders zum Ausdruck zu bringen als durch den 
flatternden Zettel, so hat sich auch für den Traum die Möglichkeit 
ergeben, einzelnen derbgischen^^d^^ zwischen seinen Traum- 
gedanken durch eine zugehörige Modifikation der eigentümlichen 
Traumdarstellung Rücksicht zuzuwenden. Mann kann die Erfahrung 
machen, daß die verschiedenen Träume in dieser Berücksichtigung 
verschieden weit gehen; während sich der eine Traum über das 
logische Gefüge seines Materials völlig hinaussetzt, sucht ein anderer 
dasselbe möglichst vollständig anzudeuten. Der Traum entfernt sich 
hierin mejHrT>!dö^ weniger weit von dem ihm zur Bearbeitung vor- 
liegenden Tcxt^Ahnlich wechselnd benimmt sich der Traum übrigens 
auch geg en tias zeitliche Geftige der Traumgedanken, wenn ein solches 
im Unbewußten hergestellt ist (wie z. B. im Traume von Irmas In- 
jektion). 

o.^- Durch welche Mittel vermag aber die Traumarbeit die schwer 
darstellbaren Relationen im Traummaterial anzudeuten? Ich werde 
versuchen, sie einzeln aufzuzählen. 

Zunächst wird der Traum dem unleugbar vorhandenen Zu- 
sammenhang zwischen allen Stücken der Traumgedanken dadurch im 
§anzen gerecht, daß er dieses Material in einer Zusammenfassung als 
ituation oder Vorgang vereinigt. Er gibt logischen Zusammen- 
hang wieder als Gleichzeitigkeit; er verfahrt darin ähnlich wie 
der Maler, der alle Philosophen oder Dichter zum Bilde einer Schule 



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248 VI. Die Traamarbeit. 

von Athen oder des Parnaß zusammenstellt, die niemals in einer 
Halle oder auf einem Berggipfel beisammen gewesen sind, wohl aber 
für die denkende Betrachtung eine Gemeinschaft bilden. 

Diese Darstellungsweise setzt der Traum ins einzelne fort. So oft 
er zwei Elemente nahe beieinander zeigt, bürgt er für einen besonders 
innigen Zusammenhang zwischen ihren Entsprechenden in den Traum- 
gedanken. £^ ist wie in Hup^f^nn Sfihrjftsyft^^"^' ab bedeutet, daß die 
beiden Buchstaben in emer Silbe ausgesprochen werden sollen, a und b 
nach einer freien Lücke läßt a als den letzten Buchstaben des einen 
Wortes und b als den ersten eines anderen Wortes erkennen. Dem- 
zufolge bilden sich die Traumkombinationen nicht aus beliebigen, 
völlig disparaten Bestandteilen des Traummaterials, sondern aus solchen, 
die auch in den Traumgedanken in innigerem Zusammenhang stehen. 

Die Kausalbeziehungen darzustellen, hat der Traum zwei 
Verfahren, die im Wesen auf dasselbe hinauslaufen. Die häufigere 
Darstellungsweise, wenn die Traumgedanken etwa lauten: Weil dies 
so und so war, mußte dies und jenes geschehen, besteht darin, den 
Nebensatz als Vortraum zu bringen und dann den Hauptsatz als 
Haupttraum anzufllgen. Wenn ich recht gedeutet habe, kann die Zeit- 
folge auch die umgekehrte sein. Stets entspricht dem Hauptsatz der 
breiter ausgeführte Teil des Traumes. 
^ c ^ Ein schönes Beispiel von solcher Darstellung der Kausalität hat 

mir einmal eine Patientin geliefert, deren Traum ich späterhin voll- 
ständig mitteilen werde. Er bestand aus einem kurzen Vorspiel und 
einem sehr weitläufigen TraumstUck, das in hohem Grade zentriert 
war und etwa überschrieben werden konnte: Durch die Blume. Der 
Vortraum lautete so: Sie geht in die Küche zu d3n beiden 
Mägden und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden ,^mit 
dem Bissei Essen^. Dabei sieht sie sehr viel grobes 
Küchengeschirr zum Abtropfen umgestürztinderKüche 
stehen, und zwar in Haufen aufeinander gestellt. Die 
beiden Mägde gehen Wasser holen und müssen dabei 
wie in einen Fluß steigen, der bis ans Haus oder in den 
Hof reicht. 

Dann folgt der Haupttraum, der sich so einleitet: Sie steigt 
von hoch herab, über eigentümlich gebildete Geländer, 
und freut sich, daß ihr Kleid dabei nirgends hängen 
bleibt u. s. w. Der Vortraum bezieht sich nun auf das elterliche 
Haus der Dame. Die Worte in der Küche hat sie wohl oft so von 
ihrer Mutter gehört. Die Haufen von rohem Geschirr stammen aus 
der einfachen Geschirrhandlung, die sich in demselben Hause befand. 
Der zweite Teil des Traumes enthält eine Anspielung auf den Vater, 
der sich viel mit Dienstmädchen zu schaffen machte und dann bei 
einer Überschwemmung — das Haus stand nahe am Ufer des Flusses 
— sich eine tödliche Erkrankung holte. Der Gedanke, der sich 
hinter diesem Vortraume verbirgt, heißt also : Weil ich aus diesem 



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Darstellung der Kausalbeziehung und der Alternative. 249 

Hause, aus so kleinlichen und unerquicklichen Verhältnissen stamme. 
Der Haupttraum nimmt denselben Gedanken wieder auf und bringt 
ihn in durch Wunscherfüllung' verwandelter Form : Ich bin von hoher 
Abkunft. Eigentlich also : Weil ich von so niedriger Abkunft bin, war 
mein Lebenslauf so und so. 

n^c"^' Soviel ich sehe, bedeutet eine Teilung des Traumes in zwei 
ungleiche Stücke nicht jedesmal eine kausale Beziehung zwischen den 
Gedanken der beiden Stücke. Oft scheint es, als ob in den beiden 
Träumen dasselbe Material von verschiedenen Gesichtspunkten aus dar- 
gestellt würde ; oder die beiden Träume sind aus gesonderten Zentren 
im Traummaterial hervorgegangen und überschneiden einander im 
Inhalt, so daß in dem einen Traum Zentrum ist, was im anderen als 
Andeutung mitwirkt und umgekehrt. In einer gewissen Anzahl von 
Träumen bedeutet aber die Spaltung in kürzeren Vor- und längeren 
Nachtraum tatsächlich kausale Beziehung zwischen beiden Stücken. 
Die andere Darstellungsweise des Kausalverhältnisses findet Anwendung 
bei minder umfangreichem Material und besteht darin, daß ein Bild 
im Traume, sei es einer Person oder einer Sache, sich in ein anderes 
verwandelt. Nur wo wir diese Verwandlung im Traume vor sich 
gehen sehen, wird der kausale Zusammenhang ernstlich behauptet; 
nicht wo wir bloß merken, es sei an Stelle des einen jetzt das andere 
gekommen. Ich sagte, die beiden Verfahren, Kausalbeziehung darzu- 
stellen, liefen auf dasselbe hinaus; in beiden Fällen wird die Ver- 
ursachung dargestellt durch ein Nacheinander, einmal durch 
das Aufeinanderfolgen der Träume, das andere Mal durch die unmittel- 
bare Verwandlung eines Bildes in ein anderes. In den allermeisten 
Fällen freilich wird die Kausalrelation überhaupt nicht dargestellt, 
sondern ßlllt unter das auch im Traumvorgang unvermeidliche Nach- 
einander der Elemente. 

Die Alternative „Entweder — Oder'' kann der Traum überhaupt 
nicht ausdrücken ; er pflegt die Glieder derselben wie gleichberechtigt 
in einen Zusammenhang aufzunehmen. Ein klassisches Beispiel hiefdr 
enthält der Traum von Irmas Injektion. In dessen latenten Gedanken 
heißt es offenbar: Ich bin unschuldig an dem Fortbestand von Irmas 
Schmerzen; die Schuld liegt entweder an ihrem Sträuben gegen 
die Annahme der Lösung oder daran, daß sie unter ungünstigen 
sexuellen Bedingungen lebt, die ich nicht ändern kann, oder ihre 
Schmerzen sind überhaupt nicht hysterischer, sondern organischer 
Natur. Der Traum vollzieht aber alle diese einander fast ausschließen- 
den Möglichkeiten und nimmt keinen Anstoß, aus dem Traumwunsch 
eine vierte solche Lösung hinzuzufügen. Das Entweder — Oder habe 
ich dann nach der Traumdeutung in den Zusammenhang der Traum- 
gedanken eingesetzt. 

Wo aber der Erzähler bei der Reproduktion des Traumes ein 
Entweder — Oder gebrauchen möchte: Es war entweder ein Garten 
oder ein Wohnzimmer u. s. w., da kommt in den Trauragedanken 



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230 VI. Die Traümarbeit. 

nicht etwa eine Alternative, sondern ein ^^und^, eine einfache An- 
reihung, vor. Mit Entweder — Oder beschreiben wir zumeist einen noch 
auflösbaren Charakter von Verschwommenheit an einem Traumelement 
Die Deutungsregel für diesen Fall lautet: Die einzelnen Glieder der 
scheinbaren Alternative sind einander gleich zu setzen und durch 
^und" zu verbinden. Ich träume z. B., nachdem ich längere Zeit ver- 
geblich auf die Adresse meines in Italien weilenden Freundes ge- 
wartet habe^ daß ich ein Telegramm erhalte, welches mir diese Adresse 
mitteilt. Ich sehe sie in blauem Druck auf den Papierstreifen des 
Telegramms; das erste Wort ist verschwonunen, 

etwa via, 

oder Villa, das zweite deutlich: Sezerno. 
oder sogar (Casa). 

Das zweite Wort, das an italienische Namen anklingt, und mich 
an unsere etymologischen Besprechungen erinnert, drückt auch meinen 
Ärger aus, daß er seinen Aufenthalt solange vor mir geheim ge- 
halten ; jedes der Glieder aber des Temavorschlages zum ersten Worte 
läßt sich bei der Analyse »als selbständiger und gleichberechtigter 
Ausgangspunkt der Gedanken Verkettung erkennen. 

In der Nacht vor dem Begräbnis meines Vaters träume ich von 
einer bedruckten Tafel, einem Plakat oder Anschlagezettel — etwa 
wie die das Rauchverbot verkttndenden Zetteln in den Wartesälen der 
Eisenbahnen, — auf dem zu lesen ist, entweder: 

Man bittet, die Augen zuzudrücken. 

oder 
Man bittet, ein Auge zuzudrücken, 

was ich in folgender Form darzustellen gewohnt bin: 

j Man bittet, . Auffe(n) zuzudrücken. 

^cH ' ein ^ ^ ' 

Jede der beiden Fassungen hat ihren besonderen Sinn und ftihrt 
in der Traumdeutung auf besondere Wege. Ich hatte das Zeremoniell 
möglichst einfach gewählt, weil ich wußte, wie der Verstorbene über 
solche Veranstaltungen gedacht hatte. Andere Familienmitglieder waren 
aber mit solch puritanischer Einfachheit nicht einverstanden; sie 
meinten, man werde sich vor den Trauergästen schämen müssen. 
Daher bittet der eine Wortlaut des Traumes, „ein Auge zuzudrücken^, 
d. h. Nachsicht zu üben. Die Bedeutung der Versch wommenheit, die 
wir mit . eiciem Entweder — Oder beschriebenpist hier besonders leicht 
zu erfassen. Es ist der Traumarbeit nicht gelungen^ einen einheitlichen, 
aber dann zweideutigen Wortlaut für die Traumgedanken herzustellen. 
So sondern sich die beiden Hauptgedankenzüge schon im Trauminhalt 
voneinander. 

In einigen Fällen drückt die Zweiteilung des Traumes in zwei 
gleich große Stücke die schwer darstellbare Alternative aus, 



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OrfgfrTaffrom 
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Gegensatz und Widerspruch. 251 

'^*' Y Höchst auffkllig ist das Verhalten des Traumes gegen die Kategorie 
von Gegensatz und Widerspruch. Dieser wird schlechtweg ver- 
nachlässigt, das ^Nein" scheint für den Traum nicht zu existieren. 
Gegensätze werden mit besonderer Vorliebe zu einer Einheit zusammen- 
gezogen oder in einem dargestellt. Der Traum nimmt sich ja auch 
die Freiheit, ein beliebiges Element durch seinen Wunschgegensatz 
darzustellen, so daß man zunächst von keinem eines Gegenteils fähigen 
Elemente weiß, ob es in den Traumgedanken positiv oder negativ 
enthalten ist.*) In dem einen der letzterwähnten Träume, dessen Vor- 
dersatz wir bereits gedeutet haben („weil ich von solcher Abkunft 
bin^O, steigt die Träumerin über ein Geländer herab und hält dabei 
einen blühenden Zweig in den Händen. Da ihr zu diesem Bilde einfällt, 
wie der Engel einen Lilienstengel auf den Bildern von Maria Ver- 
kündigung (sie heißt selbst Maria) in der Hand trägt, und wie die weiß- 
gekleideten Mädchen bei der Fronleichnamsprozession gehen, während 
die Straßen mit grünen Zweigen geschmückt sind, so ist der blühende 
Zweig im Traume ganz gewiß eine Anspielung auf sexuelle Unschuld. 
Der Zweig ist aber dicht mit roten Blüten besetzt, von denen jede 
einzelne einer Kamelie gleicht. Am Ende ihres Weges heißt es im 
Traume weiter, sind die Blüten schon ziemlich abgefallen ; dann folgen 
unverkennbare Anspielungen auf die Periode. vSomit ist der nämliche 
Zweig, der getragen wird wie eine Lilie und wie von einem unschul- 
digen Mädchen, gleichzeitig eine Anspielung auf die Kameliendame, 
die, wie bekannt, stets eine weiße Kamelie trug, zur Zeit der Periode 
aber eine rote. Der nämliche Blütenzweig (^^des Blädchens BlUten^^ 
in den Liedern von der Müllerin bei Goethe) stellt die sexuelle Un- 
schuld dar und auch ihr Gegenteil. Der nämliche Traum auch, welcher 
die Freude ausdrückt, daß es ihr gelungen, unbefleckt durchs Leben 
zu gehen, läßt an einigen Stellen (wie an der vom Abfallen der Blüten) 
den gegensätzlichen Gedankengang durchschimmern, daß sie sich ver- 
schiedene Sünden gegen die sexuelle Reinheit habe zu Schulden kommen 
lassen (in der Kindheit nämlich). Wir könnten bei der Analyse des 
Traumes deutlich die beiden Gedankengänge unterscheiden, von denen 
der tröstliche oberflächlich, der vorwurfsvolle tiefer gelagert scheint, 
die einander schnurstracks zuwiderlaufen, und deren gleiche aber 
gegenteilige Elemente durch die nämlichen Traumelemente Darstellung 
gefunden haben. 

•) [Aus einer Aibeit von K.Abel, Der Gegensinn der Urworte, 1884 [S. mein 
Referat im Blealer-Freud'schen Jahrbach II, 1910] erfahr ich die überraschende, 
aach Yon anderen Spraehforichern bestätigte Tatsache, daß die ältesten Sprachen 
sich in diesem Punkte ganz ähnlich benehmen wie der Traum. Sie haben anfanglich 
nur ein Wort für die beiden Gegensätze an den Enden einer Qualitäten- oder Tätig- 
keitsreihe (starkschwach, altjang, femnah, binden-trennen) nnd bilden gesonderte 
Bezeichnungen für die beiden Gegensätze erst sekundär durch leichte Modifikationen 
des gemeinsamen Urwortes. Abel weist diese V^erhältnisse im großen AusmaÜe im 
AltägTp tischen ^^ch, zeigt aber deutliche Reste derselben Entwicklung auch in den 
semitischen and indogermanischen Sprachen auf]. 



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252 VI. Die Traumarbeit. 

Einer einzigen unter den logischen Relationen kommt der Mecha- 
*' nismus der Traumbildung im höchsten Ausmaße zu gute. Es ist dies 
die Relation der Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Berllhrung, das 
„Gleichwie", die im Traume wie keine andere mit mannigfachen 
Mitteln dargestellt werden kann Die im Traummaterial vorhandenen 
Deckungen oder Fälle von „Gleichwie^ sind ja die ersten Stutzpunkte 
der Traumbildung, und ein nicht unbeträchtliches Stück der Traum- 
arbeit besteht darin, neue solche Deckungen zu schaffen, wenn die 
vorhandenen der Widerstandszensur wegen nicht in den Traum ge- 
langen können. DasJVerdichtungsbestreben der Traumarbeit kommt 
der Darstellung der Ahnlichkeitsrelation zu Hilfe. 

Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Gemeinsamkeit wird 
vom Traume ganz allgemein dargestellt durch Zusammenziehung zu 
einer Einheit, welche entweder im Traummaterial bereits vorgefunden 
^ oder neu gebildet wird. Den ersten Fall kann man als Identifizie- 
rung, den zweiten als Mischbildung benennen. Die Identifizierung 
kommt zur Anwendung, wo es sich um Personen handelt; die Misch- 
bildung, wo Dinge das Material der Vereinigung sind, doch werden 
Mischbildungen auch von Personen hergestellt. Örtlichkeiten werden 
oft wie Personen behandelt. 

'^^^ Die Identifizierung besteht darin, daß nur eine der durch ein 
Gemeinsames verknüpften Personen im Trauminhalt zur Darstellung 
gelangt, während die zweite oder die anderen Personen fUr den Traum 
unterdrückt scheinen. Diese eine deckende Person geht aber im 
Traume in alle die Beziehungen und Situationen ein, welche sich von 
ihr oder von den gedeckten Personen ableiten. Bei der Mischbildung, 
die sich auf Personen erstreckt, sind bereits im Traumbild Züge, die 
den Personen eigentümlich, aber nicht gemeinsam sind, vorhanden, 
so daß durch die Vereinigung dieser Züge eine neue Einheit, eine 
Mischperson, bestimmt erscheint. Die Mischung selbst kann auf ver- 
schiedenen Wegen zu stände gebracht werden. Entweder die Traum- 
person hat von der einen ihrer Beziehungspersonen den Namen — 
wir wissen dann in einer Art, die dem Wissen im Wachen ganz analog 
ist, daß diese oder jene Person gemeint ist — , während die visuellen 
Züge der anderen Person angehören; oder das Traumbild selbst ist 
aus visuellen Zügen, die sich in Wirklichkeit auf beide verteilen, 
zusammengesetzt. Anstatt durch visuelle Züge kann der Anteil der 
zweiten Person auch vertreten werden durch die Gebärden, die man 
ihr zuschreibt, die Worte, die man sie sprechen läßt, oder die Situation, 
in welche man sie versetzt. Bei der letzteren Art der Kennzeichnung 
beginnt der scharfe Unterschied zwischen Identifizierung und Misch- 

Sersonbildung sich zu verflüchtigen. [Es kann aber auch vorkommen, 
aß die Bildung einer solchen Mischperson mißlingt. Dann wird die 
Szene des Traumes der einen Person zugeschrieben und die andere 
— in der Regel wichtigere — tritt als sonst unbeteiligte Anwesende 
daneben hin. Der Träumer erzählt etwa: Meine Mutter war auch 
dabei (Stekel)]. 



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Ähnlichkeit, Übereinstimmung. 253 

^c*? Das Gemeinsame, welches die Vereinigung der beiden Personen 
rechtfertigt, d. h. veranlaßt, kann im Traume dargestellt sein oder 
fehlen. In der Regel dient die Identifizierung oder Mischpersonbildung 
eben dazu, die Darstellung dieses Gemeinsamen zu ersparen. Anstatt 
zu wiederholen: A ist mir feindlich gesinnt, B. aber auch, bilde ich 
im Traume eine Mischperson aus A und B, oder stelle mir A vor in 
einer andersartigen Aktion, welche sonst B charakterisiert. Die so ge- 
wonnene Traumperson tritt mir im Traume in irgend welcher neuen 
Verknüpfung entgegen, und aus dem Umstand, daß sie sowohl A als 
auch B bedeutet, schöpfe ich dann die Berechtigung, in die betreflfende 
Stelle der Traumdeutung einzusetzen, was den beiden gemeinsam ist, 
nämlich das feindselige Verhältnis zu mir. Auf solche Weise erziele 
ich oft eine ganz außerordentliche Verdichtung für den Trauminhalt ; 
ich kann mir die direkte Darstellung sehr komplizierter Verhältnisse, 
die mit einer Person zuzammenhängen, ersparen, wenn ich zu dieser 
Person eine andere gefunden habe, die auf einen Teil dieser Beziehungen 
den gleichen Anspruch hat. Es ist leicht zu verstehen, inwiefern diese 
Darstellung durch Identifizierung auch dazu dienen kann, die Wider- 
standszensur zu umgehen, welche die Traumarbeit unter so harte Be- 
dingungen setzt. Der Anstoß für die Zensur mag gerade in jenen 
Vorstellungen liegen, welche im Material mit der einen Person ver- 
knüpft sind ; ich fimde nun eine zweite Person, welche gleichfalls Be- 
ziehimgen zu dem beanständeten Material hat, aber nur zu einem Teile 
desselben. Die Berührung in jenem nicht zensurfreien Punkte gibt mir 
jetzt das Recht, eine Mischperson zu bilden, die nach beiden Seiten 
hin durch indifferente Züge charakterisiert ist. Diese Misch- und 
Identifizierungsperson ist nun als zensurfrei zur Aufnahme in den 
Trauminhalt geeignet, und ich habe durch Anwendung der Traum- 
verdichtung den Anforderungen der Traumzensur genügt 

Wo im Traume auch ein Gemeinsames der beiden Personen dar- 
gestellt ist, da ist dies gewöhnlich ein Wink, nach einem anderen 
verhüllten Gemeinsamen zu suchen, dessen Darstellung durch die Zensur 
unmöglich gemacht wird. Es hat hier gewissermaßen zu Gunsten der 
Darstellbarkeit eine Verschiebung in Betreff des Gemeinsamen statt- 
gefunden. Daraus, daß mir die Mischperson mit einem indifferenten 
Gemeinsamen im Traume gezeigt wird, soll ich ein anderes keineswegs 
Indifferentes Gemeinsame in den Traumgedanken erschließen. 

"^y^^Die Identifizierung oder Mischpersonbildung dient demnach im 
Traume verschiedenen Zwecken, erstens der Darstellung eines beiden 
Personen Gemeinsamen, zweitens der Darstellung einer verschobenen 
Gemeinsamkeit, drittens aber noch, um eine bloß gewünschte 
Gemeinsamkeit zum Ausdrucke zu bringen. Da das Herbeiwünschen 
einer Gemeinsamkeit zwischen zwei Personen häufig mit einem Ver- 
tauschen derselben zusanamenfällt, so ist auch diese Relation im 
Traume durch Identifizierung ausgedrückt. Icli wünsche im Traume 
von Irmas Injektion diese Patientin mit einer anderen zu vertauschen. 



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264 VI. Die Tranmarbeit. 

wünsche also, daß die andere meine Patientin sein möge, wie es die 
eine ist; der Traum trftgt diesem Wunsche Rechnung, indem er 
mir eine Person zeigt, die Irma heißt, die aber in einer Position 
untersucht wird, wie ich sie nur bei der anderen zu sehen Gelegenheit 
hatte. Im Onkeltraume ist diese Vertauschung zum Mittelpunkte des 
Traumes gemacht; ich identifiziere mich mit dem Minister, indem ich 
meine Kollegen nicht besser als er behandle und beurteile. 
^ : ' Es ist eine Erfalirung, von der ich keine Ausnahme gefunden 
habe, daß jeder Traum die eigene Person behandelt. Träume sind 
absolut egoistisch. Wo im Trauminhalt nicht mein Ich, sondern nur 
eine fremde Person vorkommt, da darf ich ruhig annehmen, daß mein 
Ich durch Identifizierung hinter jener Person versteckt ist. Ich darf 
mein Ich eigänzen. Andere Male, wo mein Ich im Traume erscheint, 
lehrt mich die Situation, in der es sich befindet, daß hinter dem Ich 
eine andere Person durch Identifizierung sich verbirgt. Der Traum 
soll mich dann mahnen, in der Traumdeutung etwas, was dieser Person 
anhängt, das verhüllte Gemeinsame, auf mich zu übertragen. Es gibt 
auch Träume, in denen mein Ich nebst anderen Personen vorkommt, 
die sich durcn Lösung der Identifizierung wiederum als mein Ich ent- 
hüllen. Ich soll dann mit meinem Ich vermittels dieser Identifizierungen 
gewisse Vorstellungen vereinigen, gegen deren Aufnahme sich die 
Zensur erhoben hat. Ich kann also mein Ich in einem Traume mehr- 
fach darstellen, das eincmal direkt, das anderemal vermittels der 
Identifizierung mit fremden Personen. Mit mehreren solchen Identifi- 
zierungen läßt sich ein ungemein reiches Gedankenmaterial ver- 
dichten.*) 

-1)6 ^Durchsichtiger noch als bei Personen gestaltet sich die Aul- 
. lösung der Identifizierungen bei mit Eigennamen bezeichneten Örtlich- 
keiten, da hier die Störung durch das im Traume übermächtige Ich 
entßlllt. In einem meiner Romträume (Seite 142) heißt der Ort, an 
dem ich mich befinde, Rom; ich erstaune aber über die Menge von 
deutschen Plakaten an einer Straßenecke. Letzteres ist eine Wunsch* 
erfüll ung, zu der mir sofort Prag einfallt; der Wunsch selbst mag 
aus einer heute überwundenen deutschnationalen Periode der Jugend- 
zeit stammen. Um die Zeit, da ich träumte, war in Pra^ ein Zu- 
sammentreffen mit einem Freunde in Aussicht genommen ; die Identi- 
fizierung von Rom und Prag erklärt sich also durch eine gewünschte 
Gemeinsamkeit ; ich möchte meinen Freund lieber in R o m treffen als 
in Prag, für diese Zusammenkunft Prag und Rom vertauschen. 

Die Möglichkeit, Mischbildungen zu schaffen, steht obenan unter 
den Zügen, welche den Träumen so oft ein phantastisches Gepräge 
verleihen, indem durch sie Elemente in den Trauminhalt eingeführt 

*) Wenn ich im Zweifel bin, hinter welcher der im Traume auftretenden Per- 
sonen ich mein Ich zu suchen habe, so halte ich mich an folgende Regel: Die 
Person, die im Traume einem Affekt unterliegt, den ich als Schlafender verspüre, die 
▼erbirgt mein Ich. 



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Mannigfache Verwertung der Mischbildongen, 255 

werden, welche niemals Gegenstand der Wahrnehmung sein konnten. 
Der psychische Vorgang bei der Mischbildung im Traume ist offenbar 
der nämliche, wie wenn wir im Wachen einen Zentauren oder Drachen 
uns vorstellen oder nachbilden. Der Unterschied liegt nur darin, daß 
bei der phantastischen Schöpfung im Wachen der beabsichtigte Ein- 
druck des Neugebildes selbst das Maßgebende ist, während die Misch- 
bildung des Traumes durch ein Moment, welches außerhalb ihrer Ge- 
staltung liegt, das Gemeinsame in den Traumgedanken, determiniert 
wird. Die Mischbildung des Traum 3s kann in sehr mannigfaltiger 
Weise ausgeftihrt werden. In der kunstlosesten Ausführung werden 
nur die Eigenschaften des einen Dinges dargestellt, und di3se Dar- 
stellung ist von einem Wissen begleitet, daß sie auch für ein anderes 
Objekt gelte. Eine sorgfkltigere Technik vereinigt Züge des einen 
wie des anderen Objektes zu einem neuen Bilde und oedient sich 
dabei geschickt der etwa in der Realität gegebenen Ähnlichkeiten 
zwischen beiden Objekten. Das Neugebildete kann gänzlich absurd 
ausfallen oder selbst als phantastisch gelungen erscheinen, je nachdem 
Material und Witz bei der Zusammensetzung es ermöglichen. Sind 
die Objekte, welche zu einer Einheit verdichtet w^erden sollen, gar zu 
disparat, so begnügt sich die Traumarbeit oft damit, ein Mischgebilde mit 
einem deutlicheren Kerne zu schaffen, an den sich undeutlichere Be* 
Stimmungen anfügen. Die Vereinigung zu einem Bilde ist hier gleichsam 
nicht gelungen; die beiden Darstellungen überdecken einander und 
erzeugen etwas wie einen Wettstreit der visuellen Bilder. Wenn man 
sich die Bildung eines Begriffes aus individuellen Wahrnehmungs- 
bildern vorführen wollte, könnte man zu ähnlichen Darstellungen in 
einer Zeichnung gelangen. 

^[^ Es wimmelt natürlich in den Träumen von solchen Mischgebilden; 
einige Beispiele habe ich in den bisher analysierten Träumen bereits 
mitgeteilt; ich werde nun weitere hinzufügen. In dem Traume auf 
Seite 251, welcher den Lebenslauf der Patientin „durch die Blume^ 
oder ^verblümt'^ beschreibt, trägt das Traum-Ich einen blühenden 
Zweig in der Hand, der wie wir erfahren haben, gleichzeitig Unschuld 
und sexuelle Sündigkeit bedeutet. Der Zweig erinnert durch die Art, 
wie die Blüten stehen, außerdem an Kirschblüten; die Blüten selbst, 
einzeln genommen, sind Kamelien, wobei dazu das ganze noch 
den Eindruck eines exotischen Gewächses macht. Das Gemeinsame 
an den Elementen dieses Mischgebildes ergibt sich aus den Traum- 
gedanken. Der blühende Zweig ist aus Anspielungen an Geschenke 
zusammengesetzt, durch welche sie bewogen wurde oder werden sollte, 
sich gefällig zu erweisen. So in der Kindheit die Kirschen, in späteren 
Jahren ein Kamelienstock ; das Exotische ist eine Anspielung auf einen 
vielgereisten Naturforscher, welcher mit einer Blumenzeichnung um 
ihre Gunst werben wollte. Eine andere Patientin schafft sich im 
Traume ein Mittelding aus Badekabinen im Seebade, ländlichen 
Abort bauschen und den Bodenkammern unserer städtischen 



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266 VI. Die Traumarbeit. 

Wohnhäuser. Den beiden ersten Elementen ist die Beziehung auf 
menschliche Nacktheit und Entblößung gemeinsam; es läßt sich aus 
der Zusammensetzung mit dem dritten Element schließen, daß (in 
ihrer Kindheit) auch die Bodenkammer der Schauplatz von Elntblößung 
war. [Ein Träumer schaflFk sich eine Mischlokalität aus zwei Örtlich- 
keiten, in denen ^Kur^ gemacht wird, aus meinem Ordinationszimmer 
und dem öffentlichen Lokal, in dem er zuerst seine Frau kennen 
gelernt hat]. Ein Mädchen träumt, nachdem der ältere Bruder ver* 
sprochen hat, sie mit Kaviar zu regalieren, von diesem Bruder, daß 
dessen Beine von den schwarzen Kaviarperlen übersät sind. 
Die Elemente „Ansteckung" im moralischen Sinne und die Er- 
innerung an einen Ausschlag der Kindheit, der die Beine mit 
roten, anstatt mit schwarzen Pünktchen übersät erscheinen ließ, 
haben sich hier mit den Kaviarperlen zu einem neuen Begriff 
vereinigt, dessen, ^was sie von ihrem Bruder bekommen 
hat". Teile des menschlichen Körpers werden in diesem Traume 
behandelt wie Objekte, wie auch in sonstigen Träumen. [In einem 
von Ferenczi^^) mitgeteilten Traume kam ein Mischgebilde vor^ 
das aus der Person eines Arztes und aus einem Pferde zusammen- 
gesetzt war tmd überdies ein Nachthemd anhatte. Das Gemein- 
same dieser drei Bestandteile ergab sich aus der Analyse, nachdem 
das Nachthemd als Anspielung auf den Vater der Träumerin in einer 
Kindheitsszene erkannt war. Es handelte sich in allen drei Fällen 
um Objekte ihrer geschlechtlichen Neugierde. Sie war als Kind 
von ihrer Kindsfrau öfters in das militärische Gestüt mitgenommen 
worden, wo sie Gelegenheit hatte, ihre — damab noch ungehemmte 
— Neugierde ausgiebig zu befriedigen.] 

'j)iilcn habe vorhin behauptet, daß der Traum kein Mittel hat, die 
Relation des Widerspruches, Gegensatzes, das „Nein*' auszudrücken. 
Ich gehe daran, dieser Behauptung zum erstenmal zu widersprechen. 
Ein Teil der Fälle, die sich als „Gegensatz" zusammenfassen lassen, 
findet seine Darstellung einfach durch Identifizierung, wie wir gesehen 
haben, wenn nämlich mit der Gegenüberstellung ein Vertauschen, an 
die Stelle setzen, verbunden werden kann. Davon haben wir wiederholt 
Beispiele erwähnt. Ein anderer Teil der Gegensätze in den Traum- 
gedanken, der etwa unter die Kategorie „Umgekehrt, im Gegen- 
teil^ ßdlt, gelangt zu seiner Darstellung im Traume auf folgende 
merkwürdige, beinahe witzig zu nennende Weise. Das „Umgekehrt*^ 
gelangt nicht für sich in den Trauminhalt, sondern äußert seine An- 
wesenheit im Material dadurch, daß ein aus sonstigen Gründen nahe 
liegendes Stück des schon gebildeten Trauminhalts — gleichsam nach- 
träglich — umgekehrt wird. Der Vorgang ist leichter zu illustrieren 
als zu beschreiben. Im schönen Traume von „Auf und Nieder^ 
(Seite 228), ist die Traumdarstellung des Steigens umgekehrt wie das 
Vorbild in den Traumgedanken, nämlich die Introduktionsszene der 
Sappho Daudets; es geht im Traume anfangs schwer, später leicht^ 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Umgekehrt, im Gegenteil. 257 

während in der Szene das Steigen anfangs leicht, später immer schwerer 
wird. Auch das ^Oben" und „Unten^^ in bezug auf den Bruder ist 
verkehrt im Traume dargestellt* Dies deutet auf eine Kelation von 
Umkekrung oder Gegensatz, die zwischen zwei Stücken des Materials 
in den Traumgedanken besteht, und die wir darin gefunden haben, 
daß in der Kindheitsphantasie aes Träumers er von seiner Amme ge- 
tragen wird, umgekehrt wie im Roman der Held die Geliebte trügt. 
Auch mein Traum von Goethes Angriff gegen Herrn M. (Seite 292) 
enthält ein solches „Umgekehrt", das erst redressiert werden muß, 
ehe man auf die Deutung des Traumes gelangen kann. Im Traume 
hat Goethe einen jungen Mann Herrn M. angegriffen; in der Realität, 
wie sie die Traumgedanken enthalten, ist ein bedeutender Mann, mein 
Freund, von einem unbekannten jungen Autor angegriffen worden. 
Im Traume rechne ich vom Sterbedatum Goethes an; in der Wirk- 
lichkeit ging die Rechnung vom Geburtsjahre des Paralytikers aus. 
Der Gedanke, der in dem Traummaterial maßgebend ist, ergibt sich 
als der Widerspruch dagegen, daß Goethe behandelt werden soll, 
als sei er ein Verrückter. Umgekehrt, sagt der Traum, wenn du das 
Buch nicht verstehst, bist du der Schwachsinnige, nicht der Autor. 
In all diesen Träumen von Umkehrung scheint mir überdies eine 
Beziehung auf die verächtliche Wendung („einem die Kehrseite 
zeigen**) enthalten zu sein (die Umkehrung in bezug auf den Bruder 
im Sapphotraum). [Es ist femer bemerkenswert, wie häufig die Um- 
kehrung gerade in Träumen benötigt wird, die von verdrängten homo- 
sexuellen Regungen eingegeben werden.] 

[Die Umkehrung, Verwandlung ins Gegenteil, ist übrigens eines 
der beliebtesten, der vielseitigsten Verwendung föhigen Darstellungs- 
mittel der Traumarbeit. Sie dient zunächst dazu, der Wunscherfüllung 
gegen ein bestimmtes Element der Traumgedanken Geltung zu ver- 
schaffen. Wäre es doch umgekehrt gewesen! ist oftmals der beste 
Ausdruck für die Relation des Ich gegen ein peinliches Stück Er- 
innerung. Ganz besonders wertvoll wird die Umkehrung aber im 
Dienste der Zensur, indem sie ein Maß von Entstellung des Darzu- 
stellenden zu Stande bringt, welches das Verständnis des Traumes zu- 
nächst geradezu lähmt. Man darf darum, wenn ein Traum seinen 
Sinn hartnäckig verweigert, jedesmal den Versuch der Umkehrung 
mit bestimmten otücken seines manifesten Inhalts wagen, worauf nicht 
selten alles sofort klar wird. 

jl>Neben der inhaltlichen Umkehrung ist die zeitliche nicht zu 
übersehen. Eine häufige Technik der Traumentstellung besteht darin, 
den Ausgang der Begebenheit oder den Schluß des Gedankenganges zu 
Eingang des Traumes darzustellen und am Ende desselben die Voraus- 
setzungen des Schlusses oder die Ursachen des Geschehens nachzu- 
tragen. Wer nicht an dieses technische Mittel der Traumentstellung 

Frf^nd, Traamdeiituiig. 3. Aufl. 17 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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268 VI. Die Tranmarbeit. 

gedacht hat, steht dann der Aufgabe der Traumdeutung ratlos gegen- 
über-*) 

/)v^ Ja in manchen Fällen erhält man den Sinn des Traumes erst, 
wenn man an dem Trauminhalt eine mehrfache TJmkehrung, nach 
verschiedenen Relationen, vorgenommen hat So z. B. verbirgt sich 
im Traume eines jungen Zwangsneurotikers die Erinnerung an den 
infantilen Todeawunsch gegen den gefUrchteten Vater hinter folgendem 
Wortlaut: Sein Vater schimpft mit ihm, weil er so spät 
nach Hause kommt Allein der Zusammenhang der psychoana- 
lytischen Kur und die Einfälle des Träumers beweisen, daß es zu- 
nächst lauten muß: Er ist böse auf den Vater und sodann, daß 
ihm der Vater auf alle Fälle zu früh (d. h. zu bald) nach Hause 
kam. Er hätte es vorgezogen, daß der Vater überhaupt nicht nach 
Hause gekommen wäre, was mit dem Todeswunsch gegen den Vater 
identisch ist (v. S. 187). Der Träumer hatte sich nämlich als kleiner 
Knabe während einer längeren Abwesenheit des Vaters eine sexuelle 
Aggression gegen eine andere Person zu Schulden kommen lassen 
und war mit der Drohung gestraft worden : Na wart', bis der Vater 
zurückkonmit !] 



Will man die Beziehungen zwischen Trauminhalt und Traum- 
gedanken weiter verfolgen, so nimmt man jetzt am besten den Traum 
selbst zum Ausgangspunkte und stellt sich die Frage, was gewisse 
formale Charaktere aer Traumdarstellung in bezug auf die Traum- 
gedanken bedeuten. Zu diesen formalen Charakteren, die uns im 
Traume auffallen müssen, gehören vor allem die Unterschiede in der 
sinnlichen Intensität der einzelnen Traumgebilde und in der Deutlich- 
keit einzelner Traumpartien oder ganzer Träume untereinander ver- 
glichen. Die Unterschiede in der Intensität der einzelnen IVaumgebilde 
umfassen eine ganze Skala von einer Schärfe der Ausprägung, die 
man — wiewohl ohne Gewähr — geneigt ist, über die der Realität 
zu stellen, bis zu einer ärgerlichen Verschwommenheit, die man als 
charakteristisch für den Traum erklärt, weil sie eigentlich mit keinem 
der Grade der Undeutlichkeit, die wir gelegentlich an den Objekten 
der Realitiit wahrnehmen, vollkommen zu vergleichen ist. Gewöhnlich 
bezeichnen wir überdies den Eindruck, den wir von einem undeut- 

*) [Derselben Technik der zeitlichen Umkehrung bedient sich manchmal der 
hysterische Anfall, am seinen Sinn dem Zuschauer zu verbergen. Ein bysterischeB 
Mädchen hat z. B. in einem Anfalle einen kleinen Koman darzusteUen, den sie sich 
im Anschluß an eine Begegnung in der Stadtbahn im UnbewuBten phantasiert hat« 
Wie der Betreffende, durch die Schönheit ihres Fußes angezogen, sie, während aie 
liest, anspricht, wie sie dann mit ihm geht und eine stürmische Liebesszene erlebt. 
Ihr Anfall setzt mit der Darstellung dieser Liebesszene durch die Eörperzuckunpen 
ein [dabei Lippenbewegungen fürs Küssen, Yerschr&nkung der Arme für die Uai- 
armung], darauf eilt sie ins andere Zimmer, setzt sich auf einen Stuhl, hebt das 
Kleid, um den Fuß zu zeigen, tut, als ob sie in einem Buche lesen würde, und spricht 
mich an (gibt mir Antwort).] 



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Die Qualitäten der Lebhaftigkeit und der Deutlichkeit. Ö59 

liehen Traumobjekt empfangen, als „flüchtig", während wir von den 
deutlicheren Traumbildern meinen, daß sie auch durch längere Zeit 
der Wahrnehmung stand gehalten haben. Es fragt sich nun, durch 
welche Bedingungen im Traummaterial diese Unterschiede in der Leb- 
hafligkeit der einzelnen StUcke des Trauminhaltes hervorgerufen werden. 

Man hat hier zunächst gewissen Erwartungen entgegenzutreten, 
die sich wie unvermeidlich einstellen. Da zu dem Material des Traumes 
auch wirkliche Sensationen während des Schlafes gehören können, 
wird man wahrscheinlich voraussetzen, daß diese oder die von ihnen 
abgeleiteten Traumelemente im Trauminhalt durch besondere Intensität 
hervorstechen, oder umgekehrt, daß, was im Traume ganz besonders 
lebhaft ausfällt, auf solche reale Schlafsensationen zurUckfÜhrbar sein 
wird. Meine Erfahrung hat dies aber niemals bestätigt. Es ist nicht 
richtig, daß die Elemente des Traumes, welche Abkömmlinge von 
realen Eindrücken während des Schlafes (Nervenreizen) sind, sich vor 
den anderen, die aus Erinnerungen stammen, durch Lebhaftigkeit aus- 
zeichnen. Das Moment der Realität geht für die Intensitätsbestimmung 
der Traumbilder verloren. 

Ferner könnte man an der Erwartung festhalten, daß die sinn- 
liche Intensität (Lebhaftigkeit) der einzelnen Traumbilder eine Bezie- 
himg habe zur psychischen Intensität der ihnen entsprechenden Ele- 
mente in den Iraumgedanken. In den letzteren fUUt Jntensität mit 
psychischer Wertigkeit zusammen ; die intensivsten Elemente sind keine 
anoereiT als die bedeutsamsten, welche den Mittelpunkt der Traum- 
gedanken bilden. Nun wissen wir zwar, daß gerade diese Elemente 
der Zensur wegen meist keine Aufnahme in den Trauminhalt finden. 
Aber es könnte doch sein, daß ihre sie vertretenden nächsten Abkömm- 
linge im Traume einen höheren Intensitätsgrad aufbringen, ohne daß 
sie darum das Zentrum der Traumdarstellung bilden müßten. Auch 
diese Erwartung wird indes durch die vergleichende Betrachtung von 
Traum und Traummaterial zerstört- Die Intensität der Elemente hier 
hat mit der Intensität der Elemente dort nichts zu schaflTen; es findet 
zwischen Traummaterial und Traum tatsächlich eine völlige „Um- 
wertung aller psychischen Werte" statt. Gerade in einem 
flüchtig hingehauchten, durch kräftigere Bilder verdeckten Element 
des Traumes kann man oft einzig und allein einen direkten Abkömmling 
dessen entdecken, was in den Traumgedanken übermäßig dominierte. 

Die Intensität der Elemente des Traumes zeigt sich anders deter- 
miniert, und zwar durch zwei voneinander unabhängige Momente, 
Zunächst ist es leicht zu sehen, daß jene Elemente besonders intensiv 
dargestellt sind, durch welche die WuuscherfÜllung sich ausdrückt.- 
Dann aber lehrt die Analyse, daß von den lebhaftesten Eilementen des 
Traumes auch die meisten Gedankengänge ausgehen, daß die lebhaftesten 
gleichzeitig die bestdeterminierten sind. Es ist keine Änderung des 
Sinnes, wenn wir den letzten empirisch genommenen Satz in nach- 
stehender Form aussprechen: Die größte Intensität zeigen jene Ele- 



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VI. Die Traumarbeit. 

mente des Traumes, für deren Bildung die ausgiebigste V er dich- 
tungsarbeit in Anspruch genommen wurde. Wir dürfen dann 
erwarten, daß diese Bedingung und die andere der WnnseherfÜllang 
auch in einer einzigen Formel ausgedrückt werden können. 
tiT^ Das Problem, das ich jetzt behandelt habe, die Ursachen der 
größeren oder geringeren Intensität oder Deutlichkeit der einzelnen 
Traumelemente, möchte ich vor Verwechslung mit einem anderen 
Problem schützen, welches sich auf die verschiedene Deutlichkeit 
ganzer Traume oder Traumabschnitte bezieht. Dort ist der Gegen- 
satz von Deutlichkeit: Verschwommenheit, hier Verworrenheit Es 
ist allerdings unverkennbar, daß in beiden Skalen die steigenden nnd 
fallenden Qualitttten einander im Vorkommen begleiten. Eine Partie 
des Traumes, die uns klar erscheint, enthält zumeist intensive Ele- 
mente; ein unklarer Traum ist im Gegenteil aus wenig intensiven 
Elementen zusanmiengesetzt. Doch ist das Problem, welches die 
Skala vom anscheinend Klaren bis zum Undeutlich — Verworrenen 
bietet, w^t komplizierter als das der Lebhaftigkeitsschwankungen der 
Traumelemente; ja ersteres entzieht sich aus später anzuftlhrenden 
Gründen hier noch der Erörterung, In einzelnen Fällen merkt man 
nicht ohne Überraschung, daß der Eindruck von Klarheit oder Un- 
deutlichkeit, den man von einem Traume empfängt, überhaupt nichts 
für das Traumgeftige bedeutet, sondern aus dem Traummaterial als 
ein Bestandteil desselben herrührt. So erinnere ich mich an einen 
Traum, der mir nach dem Erwachen so besonders gut gefügt, lücken- 
los und klar erschien, daß ich noch in der Schlaftrunkenheit mir vor- 
setzte, eine neue Kategorie von Träumen zuzulassen, die nicht dem 
Mechanismus der Verdichtung und Verschiebung unterlegen waren, 
sondern als „Phantasien während des Schlafens'^ bezeichnet werden 
durften. Nähere Prüfung ergab, daß dieser rare Traum dieselben 
Risse und Sprünge in seinem Gefüge zeigte wie jeder andere; ich 
ließ darum die Kategorie der Traumphantasien auch wieder fallen. 
Der reduzierte Inhalt des Traumes war aber, daß ich meinem Freunde 
eine schwierige und lange gesuchte Theorie der Bisexualität vortrug, 
und die wunscherftlllende Kraft des Traumes hatte es zu verantworten, 
daß uns diese Theorie (die übrigens im Traume nicht mitgeteilt wurde) 
klar und lückenlos erschien. Was ich also für ein Urteil über den 
fertigen Traum gehalten hatte, war ein Stück, und zwar das wesent- 
liche Stück des Trauminhalts. Die Traumarbeit griff hier gleichsam 
in das erste wache Denken über und übermittelte mir als Urteil 
über den Traum jenes Stück des Traum materials, dessen genaue 
.Darstellung im Traume ihr nicht gelungen war. Ein vollkommenes 
Gegenstück hiezu erlebte ich einmal bei einer Patientin, die einen 
in die Analyse gehörigen Traum zuerst überhaupt nicht erzfthlen 
wollte, „weil er so undeutlich und verworren sei^^, und endlich 
unter wiederholten Protesten gegen die Sicherheit ihrer Darstellung 
angab, es seien im Traume mehrere Personen vorgekommen, sie, ihr 



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Inhaltliche Darstellnn^ durch die Form des Traumes. 261 

Mann und ihr Vater, und als ob sie nicht gewußt hätte, ob ihr Mann 
ihr Vater sei, oder wer eigentlich ihr Vater sei, oder so ähnlich. 
Die Zusammenstellung dieses Traumes mit ihren Einfiillen in der 
Sitzung ergab als unzweifelhaft, daß es sich um die ziemlich alltägliche 
Geschichte eines Dienstmädchens handle, welches bekennen mußte, 
daß sie ein Kind erwarte, und nun Zweifel zu hören bekomme, „wer 
eigentlich der Vater (des Kindes) sei.*^*) Die Unklarheit, die der 
Traum zeigte, war also auch hier ein Stttck aus dem traumerregenden 
Material. Ein Stück dieses Inhalts war in der Form des Traumes 
dargestellt worden. [Die Form des Traumes oder des Träumens wird 
in ganz überraschender Häufigkeit zur Darstellung des verdeckten J 
Inhalts verwendet. 

•^/ 7 Glossen über den Traum, anscheinend harmlose Bemerkungen zu 
demselben dienen oft dazu, ein otück des Geträumten in der raffiniertesten 
Weise zu verhüllen, während sie es doch eigentlich verraten. So z. B. 
wenn ein Träumer äußert : Hier ist der Traum verwischt, und die Ana- 
lyse eine infantile Reminiszenz an das Belauschen einer Person ergibt, 
die sich nach der Defäkation reinigt. Oder in einem anderen Falle, der 
ausführliche Mitteilung verdient. Ein junger Mann hat einen sehr deut- 
lichen Traum, der ihn an bewußt gebliebene Phantasien seiner Kpaben- 
jähre mahnt: Er befinde sich abends in einem Sommerhotel, irrt sich 
in der Zimmernummer und kommt in einen Baum, in dem sich eine 
ältere Dame und ihre zwei Töchter entkleiden, um zu Bette zu gehen. 
Er setzt fort: Dann sind einige Lücken im Traum, da fehlt 
e twas, und am Ende war ein Manu im Zimmer, der mich hinauswerfen 
wollte, mit dem ich ringen mußte. Er bemüht sich vergebens den 
Inhalt und die Absicht jener knabenhaften Phantasie zu erinnern, auf 
die der Traum offenbar anspielt. Aber man wird endlich aufmerksam, 
daß der gesuchte Inhalt durch die Äußerung über die undeutliche 
Stelle des Traumes bereits gegeben ist. Die „Lücken" sTnd die 
Genitalöflöiungen der zu Bette gehenden Frauen; „da fehlt etwas^ be- 
schreibt den Hauptcharakter des weiblichen Genitales. Er brannte in 
jenen jungen Jahren vor Wißbegierde, ein weibliches Genitale zu 
sehen und war noch geneigt, an der infantilen Sexualtheorie, die dem 
Weibe ein männliches Glied zuschreibt, festzuhalten]. 

^{^ Alle Träume derselben Nacht gehören ihrem Inhalt nach zu dem 
nämlichen Ganzen ; ihre Sonderung in mehrere Stücke, deren Gruppie- 
rung und Anzahl, all das ist sinnreich und darf als ein Stück Mittei- 
lung aus den latenten Traumgedanken aufgefaßt werden. [Bei der 
Deutung von Träumen, die aus mehreren Hauptstücken bestehen, oder 
überhaupt solchen, die derselben Nacht angehören, darf man auch an 
die Möglichkeit nicht vergessen, daß diese verschiedenen und aufein- 
ander folgenden Träume dasselbe bedeuten, die nämlichen Regungen in 
verschiedenem Material zum Ausdruck bringen. Der zeitlich voran- 

*) Begleitende hysterische Symptome: Ausbleiben der Periode und große Ver- 
Btammungy das Haopüeiden dieser Kranken. 



C rionl^ Orrginaf frcrnn 

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262 VI. Die Traumarbeit. 

gehende dieser homologen Träume ist dann häufig der entstelltere 
schüchterne, der nachfolgende ist dreister und deutlicher. 

•a/J^Sfchon der biblische Traum des Pharao von den Ähren und von 
den Kühen, den Joseph deutete, war von dieser Art. Er findet 
sich bei Josephus (Jüdische Altertümer, Buch U, Kap. 5 und G) 
ausführlicher als in der Bibel berichtet. Nachdem der König 
den ersten Traum erzählt hat sagt er: „Nach diesem ersten Traum- 
gesicht wachte ich beunruhigt auf und dachte nach, was dasselbe 
wohl bedeuten möge, schlief jedoch hierüber allmählich wieder ein und 
hatte nun einen noch viel seltsameren Traum, der mich noch mehr in 
Furcht und Verwirrung gesetzt hat." Nach Anhören der Traumer- 
zählung sagt Joseph: „Dein Traum, o König, ist dem Anschein nach 
wohl ein zweifacher, allein beide Gesichte haben nur eine Bedeutung". 

'^ji^ Jung^^), der in seinem „Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes" 
erzählt, wie der versteckt erotische Traum eines Schulmadchens von 
ihren Freundinnen ohne Deutung verstanden und in Abänderungen 
weitergeführt wurde, bemerkt zu einer dieser Traumerzählungen „daß 
der Schlußgedanke einer langen Reihe von Traumbildern genau das 
enthält, was schon im ersten Bild der Serie darzustellen versucht 
worden war. Die Zensur schiebt den Komplex so lange wie möglich 
weg durch immer wieder erneute symbolische Verdeckungen, Ver 
Schiebungen, Wendungen ins Harmlose u. s. w." (L c p. 87). 
Scherner ^^) hat diese Eigentümlichkeit der Traumdarstellung gut 
gekannt und beschreibt sie im Anschluß an seine Lehre von den 
Organreizen als ein besonderes Gesetz (p. 166), „Endlich aber be- 
obachtet die Phantasie in allen von bestimmten Nervenreize ausgehen- 
den symbolischen Traumbildungen das gemeingiltige Gesetz, daß sie 
bei Beginn des Traumes nur in den fernsten und freiesten Andeutungen 
des Reizobjekts malt, am Schlüsse aber, wo der malerische £rguß sich 
erschöpft hatte, den Reiz selbst resp, sein betreffendes Organ oder 
dessen Funktion in Nacktheit hinstellt, womit der Traum seinen orga- 
nischen Anlaß selbst bezeichnend, das Ende erreicht — — — ." 

^i^ Eine schöne Bestätigung dieses Scherner 'sehen Gesetzes hat 
Otto Rank^®^) in seiner Arbeit: „Ein Traum, der sich selbst deutet" 
geliefert. Der von ihm dort mitgeteilte Traum eines Mädchens setzte 
sich aus zwei auch zeitlich gesonderten Träumen einer Nacht zusammen^ 
von denen der zweite mit einer Pollution abschloß. Dieser Pollutions- 
traum gestattete eine bis ins einzelne durchgeführte Deutung unter 
sehr weitgehendem Verzicht auf die Beiträge der Träumerin und die 
Fülle der Beziehungen zwischen den beiden Trauminhalten ermöglichte 
es zu erkennen, ddß der erste Traum in schüchterner Darstellung 
dasselbe zum Ausdruck bringe wie der zweite, so daß dieser, der 
Pollutionstraum, zur vollen Aufklärung des ersteren verhelfen hatte. 
Rank erörtert von diesem Beispiele aus mit gutem Recht die Be- 
deutung der Pollutionsträume für die Theorie des Träumens über- 
haupt.] 



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Die Traumhemmung. 263 

• t.«In solche Lage, Klarheit oder Verworrenheit des Traumes auf 
Sicnerheit oder Zweifel im Traummaterial umdeuten zu können, 
kommt man aber nach meiner Erfahrung nicht in allen Fällen. Ich 
werde späterhin den bisher nicht erwähnten Faktor bei der Traum- 
bildung aufzudecken haben, von dessen Einwirkung diese Qualitäten- 
skala des Traumes wesentlich abhängt. 

'3- ' ^ In manchen Träumen, die ein otUck weit eine gewisse Situation 
und Szenerie festhalten, kommen Unterbrechungen vor, die mit fol- 
genden Worten beschrieben werden: „Es ist dann aber, als wäre es 
gleichzeitig ein anderer Ort, und dort ereignete sich dies und jenes." 
VVas in solcher Weise die Haupthandlung des Traumes unterbricht, 
die nach einer Weile wieder fortgesetzt werden kann , das stellt sich im Traum- 
material als ein Nebensatz, als ein eingeschobener Gedanke heraus. 
Die Kondition in den Traumgedanken wird im Traume durch Gleich- 
zeitigkeit dargestellt (wenn — wann). 

Was bedeutet die so häufig im Traume erscheinende Sensation 
der gehemmten Bewegung, die so nahe an Angst streift? Man will 
gehen und kommt nicht von der Stelle, will etwas herrichten und 
stößt fortwährend auf Hindernisse. Der Eisenbahnzug will sich in 
Bewegung setzen und man kann ihn nicht erreichen; man hebt die 
Hand, um eine Beleidigung zu rächen, und sie versagt u. s. w. 
Wir sind dieser Sensition im Traume schon bei den Exhibitions- 
träumen begegnet, haben ihre Deutung aber noch nicht ernstlich ver- 
sucht. Es ist bequem aber unzureichend, zu antworten, im Schlafe 
bestehe motorische Lähmung, die sich durch die erwähnte Sensation 
bemerkbar macht. Wir dürfen fragen: Warum träumt man dann 
nicht beständig von solchen gehemmten Bewegungen ? und wir dürfen 
erwarten, daß diese im Schlafe jederzeit hervorzurufende Sensation 
irgend welchen Zwecken der Darstellung diene und nur durch das 
im Traummaterial gegebene Bedürfnis nach dieser Darstellung erweckt 
werde. 

^%^ Das Nichtzuötandebringen tritt im Traume nicht immer als 
Sensation, sondern auch einfach als Stück des Trauminhalts auf. Ich 
halte einen solchen Fall für besonders geeignet, uns über die Bedeu- 
tung dieses Traumrequisits aufzuklären. Ich werde verkürzt einen 
Traum mitteilen, in dem ich der Unredlichkeit beschuldigt erscheine. 
Die Örtlichkeit ist ein Gemenge aus einer Privatheil- 
anstalt und mehreren anderen Lokalen. Ein Diener er- 
scheint, um mich zu einer Untersuchung zu rufen. Im 
Traume weiß ich, daß etwas vermißt wird, und daß die 
Untersuchung wegen des Ver dachtes erfolgt, daß ich 
mir das Verlorene angeeignet. Die Analyse zeigt, daß 
Untersuchung zweideutig zu nehmen ist und ärztl iche 
Untersuchung mit einschließt. Im Bewußtsein meiner 
Unschuld und meiner Konsiliarf u nktion in diesem 
Hause gehe ichruhigmit demDiener.AneinerTttr emp- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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264 VI, Die Tratimarbeit. 

fängt uns ein anderer Diener und sagt, auf mich deu- 
tend: Den haben Sie mir mitgebracht, der ist ja ein 
anständiger Mensch. Ich gehe dann ohne Diener in 
einen großen Saal, in dem Maschinen stehen, der mich 
an ein Inferno mit seinen höllischen Strafaufgaben er- 
innert An einem Apparat sehe ich einen Kollegen 
eingespannt^ der allen Grund hätte, sich um mich zu 
bekümmern; er beachtet mich aber nicht Es heißt 
dann, daß ich j etzt gehen kann. Da finde ich meinen 
Hut nicht und kann doch nicht gehen. 

^^ 'Es ist offenbar die Wunscherftlllung des Traumes, daß ich als 
ehrlicher Mann anerkannt werde und gehen darf; in den Traum- 
gedanken muß also allerlei Material vorhanden sein, welches den 
Widerspruch dagegen enthält. Daß ich gehen darf, ist das Zeichen 
meiner Absolution; wenn also der Traum am Ende ein Ereignis 
bringt, das mich im Gehen aufhält, so liegt es wohl nahe zu 
schließen, daß durch diesen Zug das unterdrückte Material des Wider- 
spruchs sich zur Geltung bringt Daß ich den Hut nicht finde, be- 
deutet also: Du bist doch kein ehrlicher Mensch. Das Nichtzustande- 
bringen des Traumes ist ein Ausdruck des Widerspruches, 
ein „Nein^, wonach also die frühere Behauptung zu korrigieren ist, 
daß der Traum das Nein nicht auszudrücken vermag.*) 

In anderen Träumen, welche das NichtZustandekommen der Bewe- 
gung nicht bloß als Situation, sondern als Sensation enthalten, ist derselbe 
Widerspruch durch die Sensation der Bewegungshemmung kräftiger aus- 
ffedrückt als ein Wille, dem ein Gegenwille sich widersetzt. Die 
Sensation der Bewegungshemmung stellt also einen Willens- 
konflikt dar. Wir werden später hören, daß gerade die motorische 
Lähmung im Schlafe zu den fundamentalen Bedingungen des psychi- 
schen Vorganges während des Träumens gehört Der auf die motorischen 
Bahnen übertragene Impuls ist nun nichts anderes als der Wille, 
und daß wir sicher sind, im Schlafe diesen Impuls als gehemmt 
zu empfinden, macht den ganzen Vorgang so überaus geeignet zur 
Darstellung des WoUens und des „Nein", daß sich ihm entgegen- 
setzt. Nach meiner Erklärung der Angst begreift es sich auch 
leicht, daß die Sensation der Willenshemmung der Angst so nahe 

*) Eine Besiehung sa einem KindheitBerlebnis ergibt sich in der Tollständigen 
Analyse durch folgende Vennittlnng: — Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, 
der Mohr kann gehen. Und dann die Schersfiage : Wie alt ist der Mohr, wenn 
er seine Schuldigkeit getan hat? Ein Jahr, dann kann er gehen. (Ich soll so viel 
wirres schwarzes Haar mit zur Welt gebracht haben, daß mich die junge Mutter 
für einen kleinen Mohren erklärte.) — Daß ich den Hut nicht finde, ist ein mehr- 
sinnig verwertetes Tageserlebnis. Unser im Aufbewahren geniales Stubenmild eben 
hatte ihn versteckt. — Auch die Ablehnung trauriger Todesgedanken verbirgt sich 
hinter diesem Traumende : Ich habe meine Schuldigkeit noch lange nicht getan ; 
ich darf noch nicht gehen. — Qeburt und Tod wie in dem kurz voriier erfolgten 
Tteume von Goethe und dem Paralytiker (Seite 292). 



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Die Rücksicht auf Darstellbarkeit. 265 

steht und sich im Traume so oft mit ihr verbindet. Die Angst ist 
ein libidinöser Impuls, der vom Unbewußten ausgeht und vom Vor- j 
bewußten gehemmt wird. Wo also im Traume die Sensation der 
Hemmung mit Angst verbunden ist, da muß es sich um ein Wollen 
handeln, daß einmal fähig war Libido zu entwickeln, um eine sexuelle 
Regung. 

^^'•{Was die häufig während eines Traumes auftauchende Urteils- 
äußerung : „Das ist ja nur ein Traum^ bedeute und welcher psy- 
chischen Macht sie zuzuschreiben sei, werde ich an anderer Stelle 
(s. u. p. 329) erörtern. Ich nehme hier vorweg, daß sie zur Entwer- 
tung des Geträumten dienen soll. Das in der Nähe liegende, interessante 
Problem, was dadurch ausgedrückt wird, wenn ein gewisser Inhalt im 
Traum selbst als ^ geträumt^ bezeichnet wird, das Rätsel des „Traumes 
im Traume" hat W. Stekel^^^) durch die Analyse einiger über- 
zeugender Beispiele in ähnlichem Sinne gelöst. Das „Geträumte" des 
Traumes soll wiederum entwertet, seiner Realität beraubt werden; 
was nach dem Erwachen aus dem „Traum im Traume" weiter geträumt 
wird, das will der Traumwunsch an die Stelle der ausgelöschten 
Realität setzen. Man darf also annehmen, daß das „Geträumte" 
die Darstellung der Realität, die wirkliche Erinnerung, der fortsetzende 
Traum im Gegenteil die Darstellug des bloß vom Träumer Gewünschten 
enthält Der Einschluß eines gewissenlnhalts in einen ,yTraum im Traume" 
ist also gleichzusetzen dem Wunsche, daß das so als Traum bezeichnete 
nicht hätte geschehen sollen. Die Traumarbeit verwendet das Träumen 
selbst als eine Form der Ablehnung.] 

rf) Die Rücksicht auf Darstellbarkeit. 

*5 ^ Wir haben es bisher mit der Untersuchung zu tun gehabt, wie 
der Traum die Relationen zwischen den Traumgedanken darstellt, 
griffen dabei aber mehrfach auf das weitere Thema zurück, welche 
Veränderung das Traummaterial überhaupt für die Zwecke der Traum - 
bildung erfuhrt. Wir wissen nun, daß das Traunmiaterial, seiner Rela- 
tionen zum guten Teile entblößt, einer Kompression unterliegt, während 
gleichzeitig Intensitätsverschiebungen zwischen seinen Elementen eine 
psychische Umwertung dieses Materials erzwingen. Die Verschiebungen, 
die wir berücksichtigt haben, erwiesen sich als Ersetzungen einer be- 
stimmten Vorstellung durch eine andere ihr in der Assoziation irgend- 
wie nahestehende und sie wurden der Verdichtung dienstbar gemacht, 
indem auf solche Weise anstatt zweier Elemente ein mittleres Gemein- 
sames zwischen ihnen zur Aufnahme in den Traum gelangte. Von 
einer anderen Art der Verschiebung haben wir noch keine Erwähnung 
getan. Aus den Analysen eri^rt man aber, daß eine solche besteht 
und daß sie sich in einer Vertauschung des sprachlichen 
Ausdruckes fttr den betreffenden Gedanken kund gibt. Es handelt 
sich beidemale um Verschiebung längs einer Assoziationskette, aber 
der gleiche Vorgang findet in verscniedenen psychischen Sphären 



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266 VI. Die Traumarbeit. 

statt, uud das Ergebnis dieser Verschiebang ist das einemal, daß ein 
Element durch ein anderes substituiert wird, während im andern 
Falle ein Element seine Wortfassung gegen eine andere vertauscht. 

1^1^ ''Diese zweite Art der bei der Traumbildung vorkommenden 
Verschiebungen hat nicht nur großes theoretisches Interesse, sondern 
ist auch besonders gut geeignet, den Anschein phantastischer Absur- 
dität, mit dem der Traum sich verkleidet, aufzuklären. Die Ver- 
schiebung erfolgt in der Regel nach der Richtung, daß ein farbloser 
und abstrakter Ausdruck des Traumgedankens gegen einen bildlichen 
und konkreten eingetauscht wird. Der Vorteil und somit die Absicht 
dieses Ersatzes liegt auf der Hand. Das Bildliche ist fUr den Traum 
dars teTTungsfähig, läßt sich in eine Situation einfügen, wo der 
abstrakte Ausdruck der Traumdarstellung ähnliche Schwierigkeiten 
bereiten würde, wie etwa ein politischer Leitartikel einer Zeitung der 
Illustration. Aber nicht nur die Darstellbarkeit, auch die Interessen 
der Verdichtung und der Zensur können bei diesem Tausche gewinnen. 
Ist erst der abstrakt ausgedrückte, unbrauchbare Traumgedank in 
eine bildliche Sprache umgeformt, so ergeben sich zwischen diesem 
neuen Ausdruck und dem übrigen Traummaterial leichter als vorher 
die Berührungen imd Identitäten, welcher die Traumarbeit bedarf, 
und die sie schaflft, wo sie nicht vorhanden sind, denn die konkreten 
Termini sind in jeder Sprache ihrer Entwicklung zufolge anknttpfungs- 
reicher als die begrifflichen. Man kann sich vorstellen, daß ein gutes 
Stück der Zwischenarbeit bei der Traumbildung, welcne die geson- 
derten Traumgedanken auf möglichst knappen und einheitlichen Aus- 
druck im Traume zu reduzieren sucht, auf solche Weise, durch passende 
sprachliche Umformung der einzelnen Gedanken vor sich gent. Der 
eine Gedanke, dessen Ausdruck etwa aus anderen Gründen feststeht, 
wird dabei verteilend und auswählend auf die Ausdrucksmöglichkeiten 
des anderen einwirken und dies vielleicht von vornherein, ähnlich 
wie bei der Arbeit des Dichters. Wenn ein Gedicht in Reimen ent- 
stehen soll, so ist die zweite Reimzeile an zwei Bedingungen ge- 
bunden; sie muß den ihr zukommenden Sinn ausdrücken und mr 
Ausdruck muß den Gleichklang mit der Reimzeile finden. Die besten 
Gedichte sind wohl die, wo man die Absicht, den Reim zu finden, 
nicht merkt, sondern wo beide Gedanken von vornherein durch gegen- 
seitige Induzierung den sprachlichen Ausdruck gewählt haben, der 
mit leichter Nachbearbeitung den Gleichklang entstehen läßt 

In einigen Fällen dient die Ausdrucksvertauschung der Traum- 
verdichtung noch auf kürzerem Wege, indem sie eine Wortfllgung 
finden läßt, welche als zweideutig mehr als einem der Traumgedajoken 
Ausdruck gestattet. Das ganze Gebiet des Wortwitzes wird so der 
Traumarbeit dienstbar gemacht. Man darf sich über die RoUe, 
welche dem Worte bei der Traumbildung zufilllt, nicht wundem. 
Das Wort, als der Knotenpunkt mehrfacher Vorstellungen, ist sozu- 
sagen eine prädestinierte Vieldeutigkeit und die Neurosen (Zwangs- 



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Die Verschiebung des sprachlichen Ausdruckes. 267 

Vorstellungen, Phobien) benutzen die Vorteile, die das Wort so zur 
Verdichtung und Verkleidung bietet, nicht minder ungescheut wie 
der Traum.*) Daß die Traumverstellung bei der Verschiebung des 
Ausdruckes mitprofitiert, ist leicht zu zeigen. Es ist ja irreführend, 
wenn ein zweideutiges Wort anstatt zweier eindeutiger gesetzt wird ; 
und der Ersatz der alltäglich nüchternen Ausdrucksweise durch eine 
bildliche hält unser Verständnis auf, besonders da der Traum niemals 
aussagt, ob die von ihm gebrachten Elemente wörtlich oder im über- 
tragenen Sinne zu deuten sind, direkt oder durch Vermittlung ein- 
geschobener Redensarten auf das Traummaterial bezogen werden sollen.**) 
Beispiele von Darstellungen im Traume, die nur durch Zweideutigkeit 
des Ausdruckes zusammengehalten werden, habe ich bereits mehrere 
angetührt („Der Mund geht gut auf^ im Injektionstraume ; „Ich kann 
noch nicht gehen" im letzten Traume, Seite 264 u. s. w.). Ich werde nun 
einen Traum mitteilen, in dessen Analyse die Verbildlichung des ab- 
strakten Gedankens eine größere Rolle spielt. Der Unterschied solcher 
Traumdeutung von der Deutung mittels Symbolik läßt sich noch immer 
scharf bestimmen ; bei der s\'mbolischen Traumdeutung wird der Schlüssel 
der Symbolisierung vom Traumdeuter willkürlich gewählt ; in unseren 
Fällen von sprachlicher Verkleidung sind diese Schlüssel allgemein 
bekannt und durch feststehende Sprachübung gageben. Verfügt man über 
den richtigen Einfall zur rechten Gelegenheit, so kann man Träume 
dieser Art auch unabhängig von den Angaben des Träumers ganz 
oder stückweise auflösen, 

*>**' Eine mir befreundete Dame träumt: Sie befindet sich in 
der Oper. Es ist eine Wagnervorstellung, die bis V48 Uhr 
morgens gedauert hat. Im Parkett und Parterre 
stehen Tische, an denen gespeist und getrunken wird. 
Ihr eben von der Hochzeitsreise heimgekehrter Vetter 
sitzt an einem solchen Tische mit seiner jungen Frau; 
neben ihnen ein Aristokrat. Von diesem heißt es, die 
junge Frau habe sich ihn von der Hochzeitsreise mit- 
gebracht, ganz offen, etwa wie man einen Hut von der 
Hochzeitsreisemitbringt. InmittendesParkettsbe findet 
sich ein hoher Turm, der oben eine Plattform trägt, 
die mit einem eisernen Gitter umgeben ist. Dort hoch 

*) [^gl* DöJ^ Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, 1905 — und die 
jjWortbrlicken*' in den Lösungen neurotischer Symptome.] 

**) [Es ist im allgemeinen bei der Deutung eines jeden Traumelements sweifel- 
haft, ob es: 

a) im positiven oder negativen Sinne genommen werden soll (Gegensatzrelation) ; 

b) historisch zu deuten ist (als Reminiszenz); 

c) symbolisch, oder ob 

d) seine Verwertung vom Wortlaute ausgehen soll. Trotz dieser Vieldeutigkeit 
darf man sagen, daß die Darstellung der Traumarbeit, die ja nicht beabsichtigt, 
verstanden au werden, dem Übersetzer keine größeren Schwierigkeiten zumutet, 
ajs etwa die alten Hierogljphenschreiber ihren Lesern.] 



J 

•^ 1/ 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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268 VI. Die Traumarbeit. 

oben ist der Dirigent mit den Zügen Hans Richters; 
er läuft beständig hinter seinem Gitter herum, schwitzt 
furchtbar und leitet von diesem Posten aus das unten 
um die Basis des Turmes angeordnete Orchester. Sie 
selbst sitzt mit einer (mir bekannten) Freundin in einer 
Loge. Ihre jüngere Schwester will ihr aus dem Parkett 
ein großes Stück Kohle hinaufreichen mit der Moti- 
vierung, sie habe doch nicht gewußt, daß es so lange 
dauern werde, und müsse jetzt wohl erbärmlich frieren. 
(Etwa als ob die Logen während der langen Vorstellung 
geheizt werden müßten). 

Der Traum ist wohl unsinnig genug, obwohl sonst gut auf eine 
Situation gebracht. Der Turm mitten im Parkett, von dem aus der 
Dirigent das Orchester leitet; vor allem aber die Kohle, die ihr die 
Schwester hinaufreicht ! Ich habe von diesem Traume absichtlich keine 
Analyse verlangt; mit etwas Kenntnis von den persönlichen Be- 
ziehungen der Träumerin, gelang es mir, Stücke von ihm selbständig 
zu deuten. Ich wußte, daß sie viel Sympathie für einen Musiker 
gehabt hatte, dessen Laufbahn vorzeitig durch Geisteskrankheit unter- 
brochen worden war. Ich entschloß mich also den Turm im Parkett 
wörtlich zu nehmen. Dann kam heraus, daß der Mann, den sie an 
Hans Richters Stelle zu sehen gewünscht hätte, die übrigen Mit- 
glieder des Orchesters turmhoch überragt. Dieser Turm ist als ein 
Mischgebilde durch Apposition zu bezeichnen; mit seinem 
Unterbau stellt er die Größe des Mannes dar, mit dem Gitter oben, 
hinter dem er wie ein Gefangener oder wie ein Tier im Eläfig 
(Anspielung auf den Namen des Unglücklichen) herumläuft, das spätere 
Schicksal desselben. „Narrenturm" wäre etwa das Wort^ in dem 
die beiden Gedanken hätten zusammentreffen können. 

Nachdem so die Darstellungs weise des Traumes aufgedeckt war, 
konnte man versuchen, die zweite scheinbare Absurdität, die mit den 
Kohlen, die ihr von der Schwester gereicht werden, mit demselben 
Schlüssel aufzulösen. „Kohle" mußte „heimliche Liebe" bedeuten. 

'^^'„Kein Feuer, keine Kohle 
Kann brennen so heiß, 
Als wie heimliche Liebe, 
Von der niemand was weiß.*^ 

Sie selbst und ihre Freundin waren sitzen geblieben; die 
jüngere Schwester, die noch Aussicht hat zu heiraten, reicht ihr die 
Kohle hinauf, y,weil sie doch nicht gewußt habe, daß es so lange 
dauern wird." Was so lange dauern wird, ist im Traume 
nicht gesagt; in einer Erzählung würden wir ergänzen: die Vor- 
stellung; im Traume dürfen wir den Satz für sich ins Auge fassen^ 
ihn für zweideutig erklären und hinzufügen, „bis sie heiratet. 
Die Deutung „heimliche Liebe" wird dann unterstützt durch die fi^ 



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Die Tranmsymbolik. 269 

wähnung des Vetters, der mit seiner Frau im Parkett sitzt, nnd durch 
die dieser letzteren angedichtete offene Liebschaft Die Gegen- 
sätze zwischen heimlicher und oflfener Liebe, zwischem ihrem Feuer 
und der Kälte der jungen Frau beherrschen den Traum. Hier wie dort 
übrigens ein ^Hochstehender" als Mittelwort zwischen dem 
Aristokraten und dem zu großen Hoffnungen berechtigenden Musiker- 
>'*^7Mit den vorstehenden Erörterungen haben wir endlich ein drittes 
Moment aufgedeckt, dessen Anteil bei der Verwandlung der Traum- 
gedanken in den Trauminhalt nicht gering anzuschlagen ist: Die 
Rücksicht auf die Darstellbarkeit in dem eigentüm- 
lichen psychischen Material, dessen sich der Traum 
bedient, also zumeist in visuellen Bildern. Unter den verschiedenen 
Nebenanknüpfungen an die wesentlichen Traumgedanken wird diejenige 
bevorzugt werden, welche eine visuelle Darstellung erlaubt, und die 
.Traumarbeit scheut nicht die Mühe, den spröden Gedanken etwa zuerst 
in eine andere sprachliche Form umzugießen, sei diese auch die 
ungewöhnlichere, wenn sie nur die Darstellung ermöglicht und so der 
psychologischen Bedrängnis des eingeklemmten Denkens ein Ende macht. 
Diese Umleerung des Gedankeninhalts in eine andere Form kann sich 
aber gleichzeitig in den Dienst der Verdichtungsarbeit stellen und Bezie- 
hungen zu einem anderen Gedanken schaffen, die sonst nicht vorhanden 
wären. Dieser andere Gedanke mag etwa selbst zum Zwecke des Ent- 
gegenkonmiens vorher seinen ursprünglichen Ausdruck verändert haben. 

Angesichts der Rolle, welche Witzworte, Zitate, Lieder und 
Sprichwörter im Gedankenleben der Gebildeten spielen, wäre es voll- 
kommen der Erwartung gemäß, wenn Verkleidungen solcher Art 
überaus häufig für Darstellung der Traumgedanken verwendet werden 
sollten. Was bedeuten z. B. im Traume Wagen, von denen jeder mit 
anderem Gemüse angefüllt ist? Es ist der Wunschgegensatz von „Kraut 
imd Rüben", also „Durcheinander" und bedeutet demnach „Unordnung". 
Ich habe mich gewundert, daß mir dieser Traum nur ein einziges^ 
Mal berichtet worden ist. Nur für wenige Materien hat sich eine 
allgemein gültige Traumsymbolik herausgebildet, auf Grund allgemein 
bekannter Anspielungen und Wortersetzungen. Ein gutes Teil dieser 
Symbolik hat übrigens der Traum mit den Psychoneurosen, den Sagen 
und Volksgebräuchen gemeinsam. 

Ja, wenn man genauer zusieht, muß man erkennen, daß die 
Traumarbeit mit dieser Art von Ersetzung überhaupt nichts Originelles 
leistet. Zur Erreichung ihrer Zwecke, in diesem Falle der zensur- 
freien Darstellbarkeit, wandelt sie eben nur die Wege, die sie im un- 
bewußten Denken bereits gebahnt vorfindet, bevorzugt sie jene Um- 
wandlungen des verdrängten Materials, die als Witz und Anspielung auch 
bewußt werden dürfen, und mit denen alle Phantasien der Neurotiker 
erfüllt sind. Hier eröffnet sich dann plötzlich ein Verständnis f\ir 
die Traumdeutungen Scherners, deren richtigen Kern ich an anderer 
Stelle verteidigt habe. Die Phantasiebeschäftigung mit dem eigenen 



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270 VI. Die Traumarboit. 

Körper ist keineswegs dem Traume allein eigentümlich oder für ihn 
charakteristisch. Meine Analysen haben mir gezeigt, daß sie im un- 
bewußten Denken der Neurotiker ein regelmäßiges Vorkommnis ist 
und auf die sexuelle Neugierde zurückgeht, deren Gegenstand die 
Genitalien des anderen, aber doch auch des eigenen Geschlechtes für 
den heranwachsenden Jüngling oder für die Jungfrau werden. Wie 
aber Scherner und Volkelt ganz zutreffend hervorheben, ist das 
Haus nicht der einzige Vorstellungskreis, der zur Symbolisierung der 
Leiblich keit verwendet wird — im Traume so wenig wie im un- 
bewußten Phantasieren der Neurose. Ich kenne Patienten, die aller- 
dings die architektonische Symbolik des Körpers und der Genitalien 
(reicht doch das sexuelle Interesse weit über das Gebiet der äußeren 
Genitalien hinaus) beibehalten haben, denen Pfeiler und Säulen Beine be- 
deuten (wie im Hohen Lied), die jedes Tor an eine der Kcrperöffnungen 
(„Loch"), die jede Wasserleitung an den Harnapparat denken läßt u. s. w. 
Aber ebenso gern wird der Vorstellungskreis aes Fflanzenlebens oder 
der Küche zum Versteck sexueller Bilder gewählt; im ersteren Falle 
hat der Sprachgebrauch, der Niederschlag von Pbatasievergleichungen 
ältester Zeiten, reichlich vorgearbeitet (der „Weinberg" des Herrn, der 
j,Samen'^, der „Garten" des Mädchens im Hohen Lied). In scheinbar 
harmlosen Anspielungen an die Verrichtungen der Küche lassen sich 
die häßlichsten wie die intimsten Einzelheiten des Sexuallebens denken 
und träumen, und die Symptomatik der Hysterie wird geradezu un- 
deutbar, wenn man vergißt, daß sich sexuelle Symbolik hinter dem 
Alltäglichen und Unauffälligen als seinem besten Versteck verbergen 
kann. Es hat seinen guten sexuellen Sinn, wenn neurotische Kinder 
kein Blut und kein rohes Fleisch sehen wollen, bei Eiern und Nudeln 
erbrechen, wenn die dem Menschen natürliche Furcht vor der Schlange 
beim Neurotiker eine ungeheuerliche Steigerung erfilhrt, und überall 
wo die Neurose sich solcher Verhüllung bedient, wandelt sie die 
Wege, die einst in alten Kulturperioden die ganze Menschheit be- 
gangen hat, und von deren Existenz unter leichter Verschüttung heute 
noch Sprachgebrauch, Aberglaube und Sitte Zeugnis ablegen. 

Ich füge hier den angekündigten Blumentraum einer Patientin 
ein, in dem ich alles, was sexuell zu deuten ist, unterstreiche. Der 
schöne Traum wollte der Träumerin nach der Deutung gar nicht 
mehr gefallen. 
^ *; <^ a) Vortraum: Sic geht in die Küche zu den beiden Mäd- 
chen und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden „mit 
dem Bissei Essen*^ und sieht dabei soviel umgestürztes 
Geschirr zum Abtropfen stehen, grobes Geschirr in 
Haufen zusammengestellt. Sjxlterer Zusatz: Die beiden 
Mädchen gehen Wasser holen und müssen dabei wie in 
einen Fluß steigen, der bis ins Haus oder in den Hof 
reicht.*) 

^) Zur Deutung^ dieses als „kausal^ zu nehmenden Vortranmea siehe S. 248. 



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OrfgfrTaffrom 
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Die Symbolik des Sexuellen. 271 

"^ *^ h) Haupttraum :*)Sie steigt vonhochhera b**) über eigen- 
tümliche Geländer oder Zäune, die zu großen Carreaus 
vereinigt sind und aus Flechtwerk von kleinen Qua- 
draten bestehen.***) Es ist eigentlich nicht zumSteigen 
eingerichtet; sie hat immer Sorge, daß sie Platz für 
den Fuß findet, und freut sich, daß ihr Kleid dabei 
nirgends hängen bleibt, daß sie im Gehen so anständig 
bleibt!) Dabei trägt sie einen groOen Ast in der Hand,tt) 
eigentlich wie einen Baum, der dick mit roten Blüten 
besetzt ist, verzweigt und ausgebreitet.ftt) Dabei ist die 
Idee Kirschblüten, sie sehen aber auch aus w^e gefüllte 
Kamelien, die freilich nicht auf Bäumen wachsen. Wäh- 
rend des Herabgehens hat sie zuerst einen, dann plötzlich 
zwei, später wieder einen.ftff) Wie sie unten anlangt, sind 
die unteren Blüten schon ziemlich abgefallen. Sie sieht 
dann, untenangelangt, einenHausknecht, dereineneben 
solchen Baum, sie möchte sagen — kämmt, d h. mit einem 
Holze dicke Haarbüschel, die wie Moos von ihm herab- 
hängen, rauft. Andere Arbeiter haben solche Äste aus 
einem Garten abgehauen und auf die Straße geworfen, 
wo sie herumliegen, so daß viele Leute sich davon nehmen« 
Sie fragt aber, ob das recht ist, ob man sich auch einen 
nehmen kann.§) Im Garten steht ein junger Mann (von 
ihr bekannter Persönlichkeit, ein Fremder), auf den sie zugeht, 
um ihn zu fragen, wie man solche Äste in ihren eigenen 
Garten umsetzen könne. §§) Er umfängt sie, worauf sie sich 
sträubt und ihn fragt, was ihm einfällt, ob man sie denn 
so umfangen darf. Er sagt, das ist kein Unrecht, das ist 
erlaubt. §§§) Er erklärt sich dann bereit, mit ihr in den 
anderen Garten zu gehen, um ihr das Einsetzen zu zeigen, 
und sagt ihr etwas, was sie nicht recht versteht: Es 
fehlen mir ohnedies drei Meter — (später sagt sie : Quadrat- 
meter) oder drei Klafter Grund. Es ist, als ob er für 

♦) Ihr Lebenslauf. 
*♦) Hohe Abkanft, Wunsch^ej^ensatz zum Vortrautne. 
***) Mischgebilde, das zwei Lokalitäten vereinigt, den sogenannten Boden des 
Vaterhause), auf dem sie mit dem Bruder spielte, dem Gegenstand ihrer späteren 
Phantasien, und den Hof eines schlimmen Onkels, der sie zu necken pflegte. 

f) Wunschgegensatz zu einer realen Erinnerung vom Hofe des Onkels, daß 
sie sich im Schlafe zu entblößen pflegte. 

ff) Wie der Engel in der Verkündigung Maria einen Lilienstcngel. 
ttt) Di© Erklärung dieses Mischgebildes siehe S. 251: Unschuld, Periode, Ka- 
meliendame. 

ttft) Auf die Mehrheit der ihrer Phantasie dienenden Personen. 

§) Ob man sich auch einen herunterreißen darf i, e. mastnrbioron. 
§§) Der Ast hat längst die Vertretung des männlichen Genitales i'ibernommen, 
enthält übrigens eine sehr deutliche Anspielung auf den Familiennamen. 
§§§) Bezieht sich wie das Nächstfolgende auf eheliche Vorsichten. 



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272 VI. Die Tratimarbext. 

seine Bereitwilligkeit etwas von ihr verlangen wtlrde, 
als ob er die Absicht hätte, sich in ihrem Garten za ent- 
BchädigeDi oder als wollte er irgend ein Gesetz betrflgeD, 
einen Vorteil davon haben, ohne daß sie einen Schaden 
hat. Ob er ihr dann wirklich etwas zeigt, weiß sie nicht.*) 

Ich muß noch einen anderen Vorstellungskreis erwähnen, der 
im Träumen wie in der Neurose häufig zur Verhüllung sexuellen In- 
halts dient Ich meine den des Wohnungswechsels, Seine 
Wohnung wechseln ersetzt sich leicht durch Ausziehen, also durch 
ein mehrdeutiges Wort, das in den Vorstellungskreis der Kleidung 
fuhrt. Ist dann noch im Traume ein Lift dabei, so erinnert man 
sich, daß „to liff^ im Englischen aufheben bedeutet, also „Kleider- 
aufheben". 

Ich habe natürlich gerade an solchem Material Überfluß, aber 
dessen Mitteilung würde zu tief in die Erörterung neurotischer Ver- 
hältnisse Alhren. Alles leitete zum gleichen Schluß, daß man keine 
besondere symbolisierende Tätigkeit der Seele bei der Traumarbeit 
anzunehmen braucht, sondern daß der Traum sich solcher Symboli- 
sierungen, welche im nnbewußten Denken bereits fertig enthalten 
sind, bedient, weil sie wegen ihrer Darstellbarkeit, zumeist auch wegen 
ihrer Zensurfreiheit, den Anforderungen der Traumbildung besser 
genügen. 

(') Beispiele. — Rechnen und Reden im Traume. 

'^^Ehe ich nun das vierte der die Traumbildung beherrschenden 
Momente an die ihm gebührende Stelle setze, will ich aus meiner 
Traumsammlung einige Beispiele heranziehen, welche teils das Za- 
sammenwirken der dbrei uns bekannten Momente erläutern, teils Be- 
weise fllr frei hingestellte Behauptungen nachtragen oder unabweisbare 
Folgerungen aus ihnen ausführen können. Es ist mir ja in der vor- 
stehenden Darstellung der Traumarbeit recht schwer geworden, meine 
Ergebnisse an Beispielen zu erweisen. Die Beispiele für die einzelnen 
Sätze sind nur im Zusammenhange einer Traumdeutung beweiskräftig ; 
aus dem Zusammenhange gerissen, büßen sie ihre Schönheit ein, und 
eine auch nur wenig vertiefte Traumdeutung wird bald so umfangreich, 
daß sie den Faden der Erörterung, zu deren Illustrierung sie dienen 
soll, verlieren läßt. Dieses technische Motiv mag entschuldigen, wenn 
ich nun allerlei aneinandereihe, was nur durch die Bezieliung auf 
den Text des vorstehenden Abschnittes zusammengehalten wird* 

'h\ ^Zunächst einige Beispiele von besonders eigentümlichen oder von 
ungewöhnlichen Darstellungsweisen im Traume. Im Traume einer 
Dame heißt es: Ein Stubenmädchen steht auf der Leiter 

*) [Ein analoger „biographischer' Tranm ist der unter den Beispielen eur Traam- 
Symbolik p. 216 als dritter mitgeteilte; ferner der von Bank^^*) anaführlich mitgeteilte 
nTraam, der sich selbst dentet**; einen anderen^ der nverkehrt^ gelesen werden nänß, 
siehe hei StekeP^^) p. 486]. 



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OrfgfrTaffrom 
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Beispiele von DarstellnilgeD im Tranme. 273 

wie zum Fensterputzen und hat eineii Schimpanse und 
eine Gorillakatze (später korrigiert : Angorakatze) bei sich. 
Sie wirft die Tiere auf die Träumerin; der Schimpanse 
schmiegt sich an die letztere an, und das ist sehr ekel- 
haft. Dieser Traum hat seinen ZwecK durch ein höchst einfaches 
Mittel erreicht, indem er nämlich eine Redensart wörtlich nahm und 
nach ihrem Wortlaute darstellte. ^^Aflfe" wie Tiemamen überhaupt 
sind Schimpfwörter, und die Traumsituation besagt nichts anderes äs 
„mit Schimpfworten um sich werfen". Diese selbe Samm- 
lung wird alsbald weitere Beispiele ftlr die Anwendung dieses einfachen 
KunstgriflEes bei der Traumarbert bringen. 

Ganz ähnlich verfährt ein anderer Traum: Eine Frau mit einem 
Kinde, das einen auffällig mißbildeten Schädel hat; von 
diesem Kinde hat sie gehört, daß es durch die Lage im 
Mutterleibe so geworden. Man könnte den Schädel, 
sagt der Arzt, durch Kompression in eine bessere Form 
bringen, allein das würde dem Gehirn schaden. Sie denkte 
da es ein Bub ist, schadet es ihm weniger. — Dieser Traum 
enthält die plastische Darstellung des abstrakten Begriffes: „Kin der- 
ein drücke*^, den die Träumerin in den Erklärungen zur Kur ge- 
hört hat. 

^ ^f Einen etwas anderen Weg schlägt die Traumarbeit im folgenden 
Beispiel eiu. Der Traum enthält die Erinnerung an einen Ausflug 
zum Hilmteich bei Graz: Es ist ein schreckliches Wetter 
draußen; ein armseliges Hotel, von den Wänden tropft 
das Wasser, die Betten sind teucht. (Letzteres Sttlck des 
Inhalts ist minder direkt im Traume, als ich es bringe.) Der Traum 
bedeutet „überflüssig'^. Das Abstraktum, das sich in den Traum- 
gedanken fand, ist zunächst etwas gewaltsam äquivok gemacht 
worden, etwa durch „überfließend'* ersetzt oder durch „flüssig und 
überflüssig", und dann durch eine Häufung gleichartiger Eindrücke 
zur Darstellung gebracht. Wasser draußen, Wasser innen an den 
Wänden, Wasser als Feuchtigkeit in den Betten, alles flüssig und 
„ttber"flü8sig. — [Daß zu Zwecken der Darstellung im Traume die 
Orthographie weit hinter dem Wortklang zurücktritt, wird uns nicht 
gerade Wunder nehmen, wenn sich z. B. der Beim ähnliche Freiheiten 
gestatten darf. In einem weitläufigen von Rank^"^) mitgeteilten und 
sehr eingehend analysierten Traum eines jungen Mädchens wird er- 
zählt, daß sie zwischen Feldern spazieren geht, wo sie schöne Gerste- 
und Kornähren abschneidet Ein Jugend^eund konmit ihr entgegen, 
und sie will es vermeiden, ihn anzutreffen. Die Analyse zeigt, daß es 
sich xmi einen Kuß in Ehren handelt (1. c. p. 491). Die Ähren, die 
nicht abgerissen, sondern abgeschnitten werden sollen, dienen in diesem 
Traum als solche und in ihrer Verdichtung mit Ehre, Ehrungen 
zur Darstellung einer ganzen Reihe von anderen Gedanken]. 

Fr«iicl, Tnurndfutiing. 8. Aafl. 18 



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274 VI. Die Traumarbeit. 

Daftir hat die Sprache in anderen Fällen dem Traume die Dar- 
stellung seiner Gedanken sehr leicht gemacht, da sie über eine ganze 
Reihe von Worten verfügt, die ursprünglich bildlich und konkret ge- 
meint waren und gegenwärtig im abgeblaßten, abstrakten Sinne ge- 
braucht werden. Der Traum braucht diesen Worten nur ihre frühere 
volle Bedeutung wiederzugeben oder in den Bedeutungswandel des 
Wortes ein Stück weit herabzusteigen. Z. B. es träumt jemand, daß 
sein Bruder in einem Kasten steckt; bei der Deutungsarbeit ersetzt 
sich der Kasten durch einen „Schrank^ und der Traumgedanke 
lautet nun, daß dieser Brudersich „einschränken'^ solle, an seiner 
Statt nämlich. [Ein anderer Träumer jjBbeigt auf einen Berg, von dem 
aus er eine ganz außerordentlich weite Aussicht hat Er identifiziert 
sich dabei mit einem Bruder, der eine „Rundschau^ herausgibt, 
welche sich mit den Beziehungen zum fernsten Osten beschäftigt]. 

Es wäre eine besondere Arbeit, solche Darstellungsweisen zn 
sammeln und nach den ihnen zu Grunde liegenden Prinzipien zu 
ordnen. [Manche dieser Darstellungen sind fast witzig zu nennen. 
Man hat den Eindruck, daß man sie niemals selbst erraten hätte, wenn 
der Träumer sie nicht mitzuteilen wüßte: 

1. Ein Mann träumt, man frage ihn nach einem Namen, an den 
er sich aber nicht besinnen könne. Er erklärt selbst, das wolle heißen : 
Es fällt mir nicht im Traume ein. 

'V^*^^ 2, Eine Patientin erzählt einen Traum, in welchem alle handeln- 
den Personen besonders groß waren. Das will heißen, setzt sie hinzu, 
daß es sich um eine Begebenheit aus meiner frühen Kindheit handeln 
muß, denn damals sind mir natürlich alle Erwachsenen so ungeheuer 
groß erschienen. Ihre eigene Person trat in diesem Trauminhalt 
nicht auf. 

Die Verlegung in die Kindheit wird in anderen Träumen auch 
anders ausgedrückt, indem Zeit in Raum übersetzt wird. Man sieht 
die betreffenden Personen und Szenen wie weit entfernt am Ende eines 
langen Weges oder so, als ob man sie mit einem verkehrt gerichteten 
Opernglas betrachten würde. 

3. Ein im Wachleben zu abstrakter und unbestimmter Ausdrucks- 
weise geneigter Mann, sonst mit gutem Witz begabt, träumt in ge- 
wissem Zusammenhange, daß er auf einen Bahnhof gehe, wie eben ein 
Zug ankomme. Dann werde aber der Perron an den stehenden 
Zug angenähert, also eine absurde Umkehrung des wirkUchen Vor- 
gangs. Dieses Detail ist auch nichts anderes als ein Index, der daran 
mahnt, daß etwas anderes im Trauminhalt umgekehrt werden solle. 
Die Analyse desselben Traumes führt zu Erinnerungen an Bilderbücher, 
in denen Männer dargestellt waren, die auf dem Kopf standen und 
auf den Händen gingen. 

4. Derselbe Träumer berichtet ein anderes Mal von einem kurzen 
Traum, der fast an die Technik eines Rebus erinnert. Sein Onkel 



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Zahlen und Rechnungen im Traum. 275 

gibt ihm im Automobil einen Kuß. Er fügt unmittelbar die Deutung 
hinzu, die ich nie gefunden hätte, das heiße: Autoerotismus. 
Ein Scherz im Wachen hätte ebenso lauten können]. 

/a5 Der Traumarbeit gelingt oft auch die Darstellung von sehr 
sprödem Material, wie es etwa Eigennamen sind, durch gezwungene 
Verwertung sehr entlegener Beziehungen. In einem meiner Träume 
hat mir der alte Brücke eine Aufgabe gesteltt Ich fer- 
tige ein Präparat an und klaube etwas heraus, was wie 
zerknülltes Silberpapier aussieht. (Von diesem Traume noch 
später mehr.) Der nicht leicht auffindbare Einfall dazu ergibt: 
„Stanniol", und nun weiß ich, daß ich den Autornamen Stannius 
meine, den eine von mir in früheren Jahren mit Ehrfurcht betrachtete 
Abhandlung über das Nervensystem der Fische trägt. Die erste wissen- 
schaftliche Aufgabe, die mir mein Lehrer gestellt, bezog sich wirklich 
auf das Nervensystem eines Fisches, des Ammocoetes. Letzterer Name 
war im Bilderrätsel offenbar gar nicht zu gebrauchen. 

Ich will mir nicht versagen, hier noch einen Traum mit sonder- 
barem Inhalt einzuschalten, der auch noch als Kinder träum bemerkens- 
wert ist und sich durch die Analyse sehr leicht aufklärt. Eine Dame 
erzählt : Ich kann mich erinnern, daß ich als Kind wiederholt geträumt 
habe, der liebe Gott habe einen zugespitzten Papierhut 
auf dem Kopfe. Einen solchen Hut pflegte man mir nämlich sehr 
oft bei Tische aufzusetzen, damit ich nicht auf die Teller der anderen 
Kinder hinschauen könne, wieviel sie von dem betreffenden Gericht 
bekommen haben. Da ich gehört habe, Gott sei allwissend, so be- 
deutet der Traum, ich wisse alles auch trotz des aufgesetzten Hutes. 

Worin die Traumarbeit besteht und wie sie mit ihrem Material, 
den Traumgedanken, umspringt, läßt sich in lehrreicher Weise an 
den Zahlen und Rechnungen zeigen, die in Träumen vorkommen. Ge- 
träumte Zahlen gelten überdies dem Aberglauben als besonders ver- 
heißungsvoll. Ich werde also einige Beispiele solcher Art aus meiner 
Sammlung heraussuchen. 
^5 ( I. Aus dem Traume einer Dame, kurz vor Beendigung üirer Kur: 

Sie will irgend etwas bezahlen; ihre Tochter nimmt 
ihr 3 fl. 65 kr. aus der Geldtasche; sie sagt aber: Was 
tust du? Es kostet ja nur 21 kr. Dieses Stückchen Traum war 
mir durch die Verhältnisse der Träumerin ohne weitere Auflclärung 
ihrerseits verständlich. Die Dame war eine Fremde, die ihre Tochter 
in einem Wiener Erziehungsinstitut untergebracht hatte und meine 
Behandlung fortsetzen konnte, so lange ihre Tochter in Wien blieb. 
In drei Wochen war deren Schuljahr zu Ende und damit endete auch 
die Kur. Am Tage vor dem Traume hatte ihr die Institutsvorsteherin 
nahe gelegt, ob sie sich nicht entschließen könnte, das Kind noch ein 
weiteres Jahr bei ihr zu lassen. Sie hatte dann offenbar bei sich diese 
Anregung dahin fortgesetzt, daß sie in diesem Falle auch die Be- 
handlung um ein Jahr verlängern könnte. Darauf bezieht sich nun 

18* 



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216 VI. Die Tranmarbeit 

der Traum, denn ein Jahr ist gleich 365 Tagen, die drei Wochen 
bis zum Abschluß des Schuljahres und der Kur lassen sich ersetzen 
durch 21 Tage (wenngleich nicht ebensoviele Bebandlungsstunden). 
Die 2^hlen, die in den Traumgedanken bei Zeiten standen, werden 
im Traume Geldwerten beigesetzt, nicht ohne daß damit ein tieferer 
Sinn zum Ausdruck käme, denn „Time is money^, Zeit hat Geld- 
wert. 366 Kreuzer sind dann allerdings 3 Gulden 65 Kreuzer. Die 
Kleinheit der im Traume erscheinenden Summen ist offenkundige 
Wunscherfttllung ; der Wunsch hat die Kosten der Behandlung wie 
des Lfchrjafares im Institut verkleinert. 

•>9'/^ II. Zu komplizierteren Beziehungen ftihren die Zahlen in einem 
anderen Traume. Eine junge, aber schon seit einer Reihe von Jahren 
verheiratete Dame erfahrt, daß eine ihr fast gleichalterige Bekannte, 
Elise L., sich eben verlobt hat. Daraufhin träumt sie: Sie sitzt 
mit ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parkettsist 
ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und ihr 
Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber nur 
schlechte Sitze bekommen, 3 für 1 fl. 50 kr«, und die 
konnten sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch 
kein Unglück gewesen. 

Woher rühren die 1 fl. 50 kr.? Aus einem eigentlich indiffe- 
renten Anlaß des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne 
150 iL zum Geschenk bekommen und sich beeilt^ sie los zu werden, 
indem sie sich einen Schmuck dafür kaufte. Wir wollen anmerken, 
daß 150 fl. 100 mal mehr als 1 fl. 50 kr. Woher die 3, die bei den 
Theatersitzen steht? Dafür ergibt sich nur die eine Anknüpfung, daß 
die Braut um ebensoviel Monate — drei — jünger ist als sie. Zur 
Auflösung des Traumes fHlhrt dann die Erkundigung, was der Zug im 
Tra,ume, daß eine Seite des Parketts leer bleibt, bedeuten kann. Der- 
selbe ist eine unveränderte Anspielung auf eine kleine Begebenheit, 
die ihrem Mann guten Grund zur Neckerei gegeben hat. Sie hatte sich 
vorgenommen, zu einer der angekündigten Theatervorstellungen der 
Woche zu gehen, und war so vorsorglich, mehrere Tage vorher 
Karten zu nehmen, fllr die sie Vorkaufsgebühr zu zahlen hatte. Als 
sie dann ins Theater kamen, fanden sie, daß die eine Seite des Hauses 
fast leer war; sie hätte es nicht nötig gehabt, sich so sehr zu 
beeilen. 

1 i 'I Ich werde jetzt den Traum durch die Traumgedanken ersetzen: 
,,Ein Unsinn war es doch, so früh zu heiraten, ich hätte es nicht 
nötig gehabt, mich so zu beeilen; an dem Beispiele der £lise 
L. sehe ich^ daß ich noch immer einen Mann bekommen hätte. Und 
zwar einen hundertmal besseren (Mann, Schatz), wenn ich nur ge- 
wartet hätte (Gegensatz zu dem Beeilen der Schwägerin). Drei 
solche Männer hätte ich für das Geld (die Mitgift) kaufen können!^ 
Wir werden darauf aufmerksam, daß in diesem Traume die Zahlen 
in weit höherem Grade Bedeutung und Zusammenhang verändert 



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Rechnen im Traum. 277 

haben^ als im vorher behandelten. Die Umwandlungs- und Entstel- 
lungsarbeit des Traumes ist hier ausgiebiger gewesen, was wir so 
deuten, daß diese Traumgedanken bis zu ihrer Darstellung ein be- 
sonders hohes Maß von innerpsychischem Widerstand zu überwinden 
hatten. Wir wollen auch nicht übersehen, daß in diesem Traume ein 
absurdes Element enthalten ist, nämlich, daß zwei Personen drei 
Sitze nehmen sollen. Wir greifen in die Deutung der Absurdität im 
Traume über, wenn wir anführen, daß dieses absurde Detail des Traum- 
inhalts den meistbetonten der Traumgedanken darstellen soll : Ein U n- 
sinn war es^ so früh zu heiraten. Die in einer ganz nebensächlichen 
Beziehung der beiden verglichenen Personen enthaltene 3 (3 Monate 
Unterschied im Alter) ist dann geschickt zur Produktion des ftlr den 
Traum erforderlichen Unsinns verwendet worden. Die Verkleinerung 
der realen 150 fl. auf 1 £1. 50 kr. entspricht der Geringschätzung 
des Mannes (oder Schatzes) in den unterdrückten Gedanken der 
Träumerin. 

3^7111. Ein anderes Beispiel führt uns die Kechenkunst des Traumes 
vor, die ihm soviel Mißachtung eingetragen hat. Ein Mann träumt: 
Er sitzt bei B. . (einer Familie seiner früheren Bekanntschaft) 
und sagt: Es war ein Unsinn, daß Sie mir dieMali nicht 
gegeben haben. Darauf fragt er das Mädchen: Wie alt 
sind Sie denn? Antwort: Ich bin 1882 geboren. — Ah, 
dann sind Sie 28 Jahre alt. 

Da der Traum im Jahre 1898 vorfällt, so ist das oflfenbar 
schlecht gerechnet, und die Rechenschwäche des Träumers darf der 
des Paralytikers an die Seite gestellt werden, wenn sie sich etwa 
nicht anders aufklären läßt. Mein Patient gehörte zu jenen Personen, 
deren Gedanken kein Frauenzimmer, das sie sehen, in Ruhe lassen 
können. Seine Nachfolgerin in meinem Ordinationszimmer war einige 
Monate hindurch regelmäßig eine junge Dame, der er begegnete, 
nach der er sich häufig erkundigte, und mit der er durchaus höflich 
sein wollte. Diese war es, deren Alter er auf 28 Jahre schätzte. 
Soviel zur Aufklärung des Resultats der scheinbaren Rechnung. 1882 
war aber das Jahr, in dem er geheiratet hatte. Er hatte es nicht 
unterlassen können, auch mit den beiden anderen weiblichen Personen, 
die er bei mir traf, Gespräche anzuknüpfen, den beiden keineswegs 
jugendlichen Mädchen, die ihm abwechselnd die Tür zu öffnen 
pflegten, und als er die Mädchen wenig zutraulich fand, sich die 
Erklärung gegeben, sie hielten ihn wohl für einen älteren „ge- 
setzten^ Herrn. 

"^^^ [IV. Einen anderen Zahlentraum, der durch durchsichtige De- 
terminierung oder vielmehr Überde terminierung ausgezeichnet ist, 
verdanke ich mitsamt seiner Deutung Herrn B. Dattner: 

„Mein Hausherr, Sicherheitswachmann in Magistratsdiensten, 
träumt, er stünde auf der Straße Posten, wa^ eine Wunscherftillung 



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278 VI. Die Tranmarbeit. 

ist. Da kommt ein Inspektor auf ihn zu, der auf dem Ringkragen 
die Nummer 28 und 62 oder 26 trägt. Jedenfalls aber seien mehrere 
Zweier draufgewesen. Schon die Zerteilung der Zahl 2262 bei der 
Wiedergabe des Traumes läßt darauf schließen, daß die Bestandteile 
eine gesonderte Bedeutung haben. Sie hätten gestern im Amt über 
die Dauer ihrer Dienstzeit gesprochen, fällt ihm ein. Ursache gab 
ein Irspektor, der mit 62 Jahren in Pension gegangen sei. Der 
Träumer hat erst 22 Dienstjahre und braucht noch 2 Jahre 2 Monate, 
um eine 90^0 Pension zu erreichen. Der Traum spiegelt ihm nun 
zuerst die Erfüllung eines langgehegten Wunsches, den Inspektorsrang, 
vor. Der Vorgesetzte mit der 2262 auf dem Kragen ist er selbst, er 
versieht seinen Dienst auf der Straße, auch ein Lieblingswunsch, hat 
seine 2 Jahre und 2 Monate abgedient und kann nun wie der 62jährige 
Inspektor mit voller Pension aus dem Amte scheiden."] 

Wenn wir diese und ähnliche (später folgende) Beispiele zu- 
sammenhalten, dürfen wir sagen: Die Traumarbeit rechnet überhaupt 
y nicht, weder richtig noch falsch ; sie fügt nur Zahlen, die in den 
Traumgedanken vorkommen und als Anspielungen auf ein nicht 
darstellbares Material dienen können, in der Form einer Rechnung 
zusammen. Sie behandelt dabei die Zahlen in genau der nämlichen 
Weise als Material zum Ausdruck ihrer Absichten wie alle anderen 
Vorstellungen, wie auch die Namen und die als Wortvorstellungen 
kenntlichen Reden. 

^<5^Denn die Traumarbeit kann auch keine Rede neu schaffen. 
Soviel von Rede und Gegenrede in den Träumen vorkommen mag, 
die an sich sinnig oder unvernünftig sein können, die Analyse zeigt 
uns jedesmal, daß der Traum dabei nur Bruchstücke von wirklich 
geführten oder gehörten Reden den Traumgedanken entnommen hat 
und höchst willkürlich mit ihnen verfahren ist. Er hat sie nicht nur 
aus ihrem Zusammenhange gerissen und zerstückt, das eine Stück 
aufgenommen, das andere verworfen, sondern auch oft neu zusammen- 
gefügt, so daß die zusammenhängend scheinende Traumrede bei der 
Analyse in drei oder vier Brocken zerfällt. Bei dieser Neuverwendung 
hat er oft den Sinn, den die Worte in den Traumgedanken hatten, 
bei Seite gelassen, und dem Wortlaute einen völlig neuen Sinn 
abgewonnen.*) Bei näherem Zusehen unterscheidet man an der Traimi- 

*) [Id der gleichen Weise wie der Traum verfuhrt aaeh die Neurose. Ich 
kenne eine Patientin, die daran leidet, daß sie Lieder oder Stücke von aolchen un- 
willkürlich und widerwillig liört [halluziniert], ohne deren Bedeutung für ihr Seelen- 
leben veritehen zu können« Sie ist übrigens gewiß nicht paranoiadb. Die Analyse 
zeigt dann, daß sie den Text dieser Lieder mittels gewisser Lizenzen mißbr&uchlich 
verwendet hat „Leise, leise, fromme Weise.*' Das bedeutet für ihr Unbewußtes: 
Fromme Waise, und diese ist sie selbst „O du seelige, o du fröhliche*^ ist der 
Anfang eines Weihnachtsliedes ; indem sie es nicht bis zu , Weihnachtszeit* forlaetst, 
macht sie daraas ein Brautlied u. dgl. — Derselbe EntstellungFmechanismus kann 
sich übrigens auch ohne Halluzination im bloßen Einfall durchsetzen. Warum wird 
einer meiner Patienten von der Erinnerung an ein Gedicht heimgesucht, das er in 
jungen Jahren lernen mußte: 



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OrfgfrTaffrom 
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Rä-t- 



Reden im Traum. 279 

rede deutlichere, kompakte Bestandteile von anderen, die als Binde- 
mittel dienen mid wahrscheinlich ergänzt worden sind, wie wir aus- / 
gelassene Buchstaben und Silben beim Lesen ergänzen. Die Traum- 
rede hat so den Aufbau eines Brecciengesteines, in dem größere 
Brocken verschiedenen Materials durch eine erhärtete Zwischenmasse 
zusammengehalten werden. 

-i^In voller Strenge richtig ist diese Beschreibung allerdings nur 
für jene Reden im Traume, die etwas vom sinnlichen Charakter der 
Rede haben und als „Reden" beschrieben werden. Die anderen, die ' 
nicht gleichsam als gehört oder als gesagt empfunden werden (keine 
akustische oder motorische Mitbetonung im Traume haben), sind 
einfach Gedanken, wie sie in unserer wachen Denktätigkeit vor- 
konmien und unverändert in viele Träume übergeben. Für das 
indifferent gehaltene Redematerial des Traumes scheint auch die Lektüre 
eine reich fließende und schwer zu verfolgende Quelle abzugeben. 
Alles aber, was im Traume als Rede irgendwie auffällig hervortritt, 
unterwirft sich der Zurückführung auf reale, selbst gehaltene oder 
gehörte Rede. 

•>^c Beispiele für die Ableitung solcher Traumreden haben wir 
bereits bei der Analyse von Träumen gefunden, die zu anderen 
Zwecken mitgeteilt worden sind. So in dem „harmlosen Markt- 
traum** auf Seite 134, in dem die Rede: Das ist nicht mehr zu 
haben, dazu dient, mich mit dem Fleischhauer zu identifizieren, 
während ein Stück der anderen Rede: Das kenne ich nicht, das 
nehme ich nicht, geradezu die Aufgabe erfüllt, den Traum harmlos 
zu machen. Die Träumerin hatte nämlich am Vortage irgend welche 
Zumutung ihrer Köchin mit den Worten zurückgewiesen: Das kenne 
ich nicht, benehmen Sie sich anständig, und nun von dieser 
Rede das indifferent klingende erste Stück in den Traum genommen, 
um mit ihm auf das spätere Stück anzuspielen, das in die Phantasie, 
welche dem Traume zu Grunde lag, sehr wohl gepaßt, aber auch die- 
selbe verraten hätte. 

Ein ähnliches Beispiel an Stelle vieler, die ja alle das nämliche 
ergeben : 

'^^^O Ein großer Hof, in dem Leichen verbrannt werden. 
Er sagt: Da geh' ich weg, das kann ich nicht sehen. 

^Nächtlich am Basento lispeln ...**? 
WeU sich seine Phantasie mit einem Stück dieses Zitats: 

^Nächtlich am Busen^ begnügt. 
Es ist bekannt, daß der parodistiscbe Witz auf dieses Stückchen Technik 
nicht verzichtet hat. Die ^Fliegenden Blätter'' brachten einst unter ihren Illustra- 
tionen zu deutschen „Klassikern** auch ein Bild zum Schillerschen „Siegesfest**, zu 
dorn das Zitat vorzeitig abgeschlossen war. 

,LJnd des frisch erkämpften Weibes 
Freut sich der Atrid und strickt.^ 
(Fortsetzung: Um den Reiz des schönes Leibes 
Seine Arme hochbeglückt.)] 



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280 VI. Die Traumarbeit. 

(Keine deutliche Rede.) Dann trifft er zwei Fleischhauer- 
buben und fragt: „Na, hat's geschmeckt?" Der eine ant- 
wortet: Na* not gut war's. Als ob es Menschenfleisch 
gewesen wäre. 

•^H I Der harmlose Anlaß dieses Traumes ist folgender : Er macht 
nach dem Nachtmahl mit seiner Frau einen Besuch bei den braven, 
aber keineswegs appetitlichen Nachbarsleuten. Die gastfreund- 
liche alte Dame befindet sich eben bei ihrem Abendessen und 
nötigt ihn (man gebraucht daftlr scherzhaft unter Männern ein zu- 
sammengesetztes, sexuell bedeutsames Wort) davon zu kosten. Er lehnt 
ab, er habe keinen Appetit mehr. ^Aber gehen's weg, das werden 
Sie noch vertragen** ooer so ahnlich. Er muß also kosten und rühmt 
dann das Gebotene vor ihr. „Das ist aber gut.^ Mit seiner Frau 
wieder allein, schimpft er dann sowohl über die Aufdringlichkeit der 
Nachbarin, als auch tlber die Qualität der gekosteten Speise. „Das 
kann ich nicht sehen ^, das auch im Traume nicht als eigentliche Rede 
auftritt, ist ein Gedanke, der sich auf die körperlichen Reize der ein- 
ladenden Dame bezieht, und zu übersetzen wäre, daß er diese zu 
schauen nicht begehrt. 

Lehrreicher wird sich die Analyse eines anderen Traumes ge- 
stalten, den ich wegen der sehr deutlichen Rede, die seinen Mittel- 
punkt bildet, schon an dieser Stelle mitteile, aber erst bei der Wtbrdi- 
gung der A£Fekte im Traume aufklären werde. Ich träume sehr klar: 
Ich bin nachts ins Brückesche Laboratorium gegangen 
und öffne auf ein leises Klopfen an der Tür dem (ver- 
storbenen) Professor Fleischl, der mit mehreren Fremden 
eintritt und sich nach einigen Worten an seinen Tisch 
setzt. Dann folgt ein zweiter Traum: Mein Freund FL ist im 
Juli unauffällig nach Wien gekommen; ich begegneihn 
auf der Straße im Gespräche mit meinem (verstorbenen) 
Freunde P. und gehe mit ihnen irgendwohin, wo sie 
einander wie an einem kleinen Tische gegenübersitzen, 
ich an der schmalen Seite des Tischchens vorn. Fl. er- 
zählt von seiner Schwester und sagt: In dreiviertel 
Stunden war sie tot, und dann etwas wie: Das ist die 
Schwelle. Da P. ihn nicht versteht, wendet sich FL an 
mich und fragt mich, wieviel von seinen Dingen ich P. 
denn mitgeteilt habe. Darauf ich, von merkwürdigen 
Affekten ergriffen, Fl. mitteilen will, daß P. (ja gar 
nichts wissen kann, weil er) gar nicht am Leben ist. 
Ich sage aber, den Irrtum selbst bemerkend: Nonvixit. 
Ich sehe dann P. durchdringend an, unter meinem Blicke 
wird er bleich, verschwommen, seine Augen werden 
krankhaft blau — und endlich löst er sich auf. Ich bin 
ungemein erfreut darüber, verstehe jetzt, daß auch 
ErnstFleischl nur eine Erscheinung, ein Revenant war, 



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Der Tranm „Non vixit^ 281 

und finde es ganz wohl möglich, daß eine solche Person 
nur so lange besteht, als man es mag, und daß sie durch 
den Wunsch des anderen beseitigt werden kann, 
■^7^ Dieser schöne Traum vereinigt so viele der am Trauminhalt 
rätselhaften Charaktere, — die Kritik während des Traumes selbst, 
daß ich meinen Irrtum, Non vixit zu sagen anstatt Non vivit, selbst 
bemerke ; den unbefangenen Verkehr mit Verstorbenen, die der Traum 
selbst für verstorben erklärt; die Absurdität der Schlußfolgerung und 
die hohe Befriedigung, die dieselbe mir bereitet, — daß ich „für mein 
Leben gem^ die volle Lösung dieser Rätsel mitteilen möchte- Ich 
bin aber in Wirklichkeit unfUhig, das zu tun — was ich nämlich im 
Traume tue — die Rtlcksicht auf so teure Personen meinem Ehrgeiz 
aufzuopfern. Bei jeder Verhüllung wäre aber der mir wohlbekannte 
Sinn des Traumes zu Schanden geworden. So begnüge ich mich denn, 
zuerst hier, und dann an späterer Stelle einige Elemente des Traumes 
zur Deutung herauszugreifen. 

Das Zentrum des Traumes bildet eine Szene, in der ich P. durch 
einen Blick vernichte. Seine Augen werden dabei so merkwürdig und 
unheimlich blau, und dann löst er sich auf. Diese Szene ist die un- 
verkennbare Nachbildung einer wirklich erlebten. Ich war Demon- 
strator am physiologischen Institut, hatte den Dienst in den Früh- 
stunden, und Brücke hatte erfahren, daß ich einigemal zu spät ins 
Schülerlaboratorium gekommen war. Da kam er einmal pünktlich 
zur Eröffnung und wartete mich ab. Was er mir sagte, war karg und 
bestimmt; es kam aber gar nicht auf die Worte an. Das Überwälti- 
gende waren die fürchterlichen blauen Augen, mit denen er mich an- 
sah, und vor denen ich verging — wie P. im Traume, der zu meiner 
Erleichterung die Bollen verwechselt hat. Wer sich an die bis ins hohe 
Greisenalter wunderschönen Augen des großen Meisters erinnern kann 
und ihn je im Zorne gesehen hat, wird sich in die Affekte des jugend- 
lichen Sünders von damals leicht versetzen können. 

Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das „Non vixit" ab- 
zuleiten, mit dem ich im Traume jene Justiz übe, bis ich mich besann, 
daß diese zwei Worte nicht als gehörte oder gerufene, sondern als 
gesehene so hohe Deutlichkeit im Traume besessen hatten. Dann 
wußte ich sofort, woher sie stammten. Auf dem Postament des Kaiser 
Josef-Denkmals in der Wiener Hofburg sind die schönen Worte zu 
lesen: 

Saluti patriae vixit 
'^^'3 non diu sed totus. 

Aus dieser Inschrift hatte ich herausgeklaubt, was zu der einen feind- 
seligen Gredankenreihe in meinen Traumgedanken paßte, und was 
heißen sollte: Der Kerl hat ja gar nichts dreinzureden, er lebt ja gar 
nicht. Und nun mußte ich mich erinnern, daß der Traum wenige 
Tage nach der Enthüllung des Fl eise hl -Denkmals in den Arkaden 
der Universität geträumt worden war, wobei ich das Denkmal 



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OrfgfrTaffrom 
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282 VI. Die Tranmarbeit. 

Brttckes wiedergesehen hatte und (im Unbewußten) mit Bedauern 
erwogen haben muß, wie mein hochbegabter, und ganz der Wissen- 
schaft ergebener Freund P. durch einen allzufrtthen Tod seinen be- 
gründeten Anspruch auf ein Denkmal in diesen Räumen verloren. So 
setzte ich ihm dies Denkmal im Traume; mein Freund P. hieß mit 
dem Vornamen Josef.*) 

Nach den Regeln der Traumdeutung wäre ich nun noch immer 
nicht berechtigt, das non vivit, das ich brauche, durch non vixit^ 
das mir die Erinnerung an das Josefs-Monument zur Verfügung stellt, 
zu ersetzen. Ein anderes Element der Traumgedanken muß dies durch 
seinen Beitrag ermögUcht haben. Es heißt mich nun etwas darauf 
achten, daß in der Traumszene eine feindselige und eine zärtliche 
Gedankenströmung gegen meinen Freund P. zusammentreffen, die 
erstere oberflächlich, die letztere verdeckt, und in den nämlichen 
Worten: Non vixit ihre Darstellung erreichen. Weil er sich um 
die Wissenschaft verdient gemacht hat, errichte ich ihm ein Denkmal ; 
aber weil er sich eines bösen Wunsches schuldig gemacht hat (der am 
Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichtete ich ihn. Ich 
habe da einen Satz von ganz besonderem Klange gebildet, bei dem 
mich ein Vorbild beeinflußt haben muß. Wo findet sich nur eine 
ähnliche Antithese, ein solches Nebeneinanderstellen zweier entgegen- 
gesetzter Reaktionen gegen dieselbe Person, die beide den Ansprach 
erheben, voll berechtigt zu sein, und doch einander nicht stören wollen? 
An einer einzigen Stelle, die sich aber dem Licser tief einprägt; in 
der Rechtfertigungsrede des Brutus in Shakespeares Julius 
Cäsar: „Weil Cäsar mich liebte, wein' ich um ihn; weil er glück- 
lich war, freue ich mich; weil er tapfer war, ehr' ich ihn, aber weil 
er herrschsüchtig war, erschlug ich ihn.^ Ist das nicht der nämliche 
Satzbau und Gedankengegensatz wie in dem Traumgedanken, den 
ich aufgecleckt habe? Ich spiele also den Brutus im Traume. Wenn 
ich nur von dieser überraschenden Kollateralverbindung noch eine 
andere beitätigende Spur im Trauminhalt auffinden könnte ! Ich denke, 
dies könnte folgendes sein: Mein Freund Fl. kommt im Juli nach 
Wien. Diese Einzelheit findet gar keine Stütze in der Wirklichkeit 
Mein Freund ist im Monat Juli meines Wissens niemals in Wien 
gewesen. Aber der Monat Juli ist nach Julius Cäsar benannt und 
könnte darum sehr wohl die von mir gesuchte Anspielung auf den 
Zwischengedanken, daß ich den Brutus spiele, vertreten.**) 

y ^Merkwürdigerweise habe ich nun wirklich einmal den Brutus 
gespielt. Ich habe die Szene Brutus und Cäsar aus Schillers Gedichten 
vor einem Auditorium von Kindern aufgeführt, und zwar als i4jähriger 
Knabe im Vereine mit meinem um ein Jahr älteren Neffen, der damals 

*) Als Beitrag sar Überdeterminierang : Meioe Batschaldigang für meiD Za- 
Bpätkommeo lag darin, daß ich nach langer Nachtarbeit am Morgen den weiten 
Weg von der Kaiser Josef-StraSo in die Währingerstraße zn machen hatte. 

^ Daza noch Cäsar-Kaiser. 



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Absurde Träume vom toten Vater. 283 

aus England zu uns gekommen war, — auch so ein Revenant — 
denn es war der Gespiele meiner ersten Kinderjahre, der mit ihm 
wieder auftauchte. Bis zu meinem vollendeten dritten Jahre waren wir 
unzertrennlich gewesen, hatten einander geliebt und miteinander 
gerauft, und diese Kinderbeziehung hat, wie ich schon einmal ange- 
deutet, überall meine späteren Gefühle im Verkehre mit Alters- 
genossen entschieden. Mein NeflFe John hat seither sehr viele Inkar- 
nationen gefunden, die bald diese, bald jene Seite seines in meiner 
unbewußten Erinnerung unauslöschlich fixierten Wesens wiederbelebten. 
Er muß mich zeitweilig sehr schlecht behandelt haben, und ich muß 
Mut bewiesen haben gegen meinen Tyrannen, denn es ist mir in 
späteren Jahren oft eine kurze Rechtfertigungsrede wiedererzählt 
worden, mit der ich mich verteidigte, als mich der Vater — sein 
Großvater — zur Bede stellte: Warum schlägst du den John? Sie 
lautete in der Sprache des noch nicht Zweijährigen: Ich habe ihn 
ge(sch)lagt, weil er mich ge(8ch)lagt hat. Diese Kinderszene 
muß es sein, die non vivit zum non vixit ablenkt, denn in der 
Sprache späterer Kinderjahre heißt ja das Schlagen — Wichsen; 
die Traumarbeit verschmäht es nicht, sich solcher Zusammenhänge zu 
bedienen. Die in der Bealität so wenig begründete Feindseligkeit 
gegen meinen Freund P., der mir vielfach überlegen war und darum 
auch eine Neuausgabe des Kindergespielen abgeben konnte, geht 
sicherlich auf die komplizierte infantile Beziehung zu John zurück. 
Ich werde also auf diesen Traum noch zurückkommen. 

/) Absurde Träume. Die intellektuellen Leistungen im 
^/ Traume. 

Bei unseren bisherigen Traumdeutungen sind wir so oft auf das 
Element der Absurdität im Trauminhalt gestoßen, daß wir die 
Untersuchung nicht länger aufschieben wollen, woher dasselbe rührt, 
und was es etwa bedeutet. Wir erinnern uns ja, daß die Absurdität 
der Träume den Gegnern der Traumschätzung ein Hauptargument bot, 
um im Traume nichts anderes als ein sinnloses Produkt einer redu- 
zierten und zerbröckelten Geistestätigkeit zu sehen. 

Ich beginne mit einigen Beispielen, in denen die Absurdität des 
Trauminhalts nur ein Anschein ist, der bei besserer Vertiefung in 
den Sinn des Traumes sofort verschwindet. Es sind einige Träume, 
die — wie man zuerst meint, zufällig — vom toten Vater handeln. 

I. Der Jraum des Patienten, der seinen Vater vor sechs Jahren 
verloren: ^ Vv ' 

Dem Vater ist ein großes Unglück widerfahren. Er 
ist mit demNachtzuge gefahren, da ist eine Entgleisung 
erfolgt, die Sitze sind zusammengekommen, und ihm 
ist derKopf quer zusammengedrückt worden. Er sieht 
ihn dann auf dem Bette liegen, mit einer Wunde über 
dem Augenbrauenrand links, die vertikal verläuft. Er 



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284 VI. Die Traumarbeit. 

wundert sich darüber, daß der Vater verunglückt ist 
(da er doch schon tot ist, wie er bei der Erzählung ergänzt). 
Die Augen sind so klar. 

^r^'Nach der herrschenden Beurteilung der Träume hätte man 
sich diesen Trauminhalt so aufzuklären: Der Träumer hat zuerst, 
während er sich den Unfall seines Vaters vorstellt, vergessen, daß 
dieser schon seit Jahren im Grabe ruht; im weiteren Verlaufe des 
Träumens wacht diese Erinnerung auf und bewirkt, daß 'er sich 
über den eigenen Traum noch selbst träumend verwundert Die 
Analyse lehrt aber, daß es vor allem überflüssig ist, nach solchen 
Erklärungen zu greifen. Der Träumer hatte bei einem Künstler eine 
Büste aes Vaters bestellt, die er zwei Tage vor dem Traume in 
Augenschein genommen hat Diese ist es, die ihm verunglückt 
vorkommt. Der Bildhauer hat den Vater nie gesehen, er arbeitet 
nach ihm vorgelegten Photographien. Am Tage vor dem Traume 
selbst hat der pietätvolle Sohn einen alten Diener der Familie ins 
Atelier geschickt, ob auch der dasselbe Urteil über den marmornen 
Kopf fallen wird, nämlich daß er zu schmal in der Querrichtung 
von Schläfe zu Schläfe ausgefallen ist. Nun folgt das Erinnerungs- 
material, das zum Aufbau dieses Traumes beigetragen hat i Der Vater 
hatte die Gewohnheit, wenn geschäftliche Sorgen oder Schwierigkeiten 
in der Familie ihn quälten, sich beide Hände gegen die Schläfen zu 
drücken, als ob er seinen Kopf, der ihm zu weit wüi-de, zusammen- 
pressen wollte. — Als Kind von vier Jahren war unser Träumer 
zugegen, wie das Losgehen einer zufällig geladenen Pistole dem Vater 
die Augen schwärzte (die Augen sind so klar). — An der Stelle, 
wo der Traum die Verletzung des Vaters zeigt, trug der Lebende^ 
wenn er nachdenklich oder traurig war, eine tiefe Längsfurche zur 
Schau, Daß diese Furche im Traume durch eine Wunde ersetzt ist, 
deutet auf die zweite Veranlassung des Traumes hin. Der Träumer 
hatte sein kleines Töchterchen photographiert; die Platte war ihm aus 
der Hand gefallen und zeigte, als er sie aufhob, einen Sprung, der 
wie eine senkrechte Furche über die Stirn der Kleinen lief und bis 
zum Augenbrauenbogen reichte. Da konnte er sich abergläubischer 
Ahnungen nicht erwehren, denn einen Tag vor dem Tode der Mutter 
war ihm die photographische Platte mit deren Abbild gesprungen, 

yn Die Adsurdität aieses Traumes ist also bloß der Erfolg einer 
Nachlässigkeit des sprachlichen Ausdruckes, der die Btlste und die 
Photographie von der Person nicht unterscheiden will. Wir sind alle 
gewöhnt so zu reden: Findest du den Vater nicht getroffen? Freilich 
wäre der Anschein der Absurdität in diesem Traume leicht zu ver- 
meiden gewesen. Wenn man schon nach einer einzigen Erfahrung 
urteilen dürfte, so möchte man sagen, dieser Anschein von Absurdität 
ist ein zuo^elafisener oder gewollter, 

i\'^ II. Ein zweites, ganz ähnliches Beispiel aus meinen eigenen 
Träumen (ich habe meinen Vater im Jahre 1896 verloren): 



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OrfgfrTaffrom 
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Absurde Tränme vom toten Vater. 286 

'^'/t^ Der Vater hat nach seinem Tode eine politische 
Rolle bei den Magyaren gespielt, sie politisch geeinigt, 
wozu ich ein kleines undeutliches Bild sehe: eine Menschenmenge 
wie im Reichstage; eine Person, die auf einem oder auf 
zwei Stühlen steht, andere um ihn herum. Ich erinnere 
mich daran, daß er auf dem Totenbette 'Garibaldi so 
ähnlich gesehen hat, und freue mich, daß diese Verhei- 
ßung doch wahr geworden ist. 

3^f Das ist doch absurd genug. Es ist zur Zeit geträumt, da die 
Ungarn durch parlamentarische Obstruktion in den gesetzlosen 
Zustand gerieten und jene Krise durchmachten, aus der Koloman 
tJzell sie befreite. Der geringfügige Umstand, daß die im Traume 
gesehene Szene aus so kleinen Bildern besteht, ist nicht ohne Be- 
deutung für die Aufklärung dieses Elements, Die gewöhnliche visuelle 
Traumdarstellung unserer Gedanken ergibt Bilder, die uns etwa den 
Eindruck der Lebensgröße machen ; mein Traumbild ist^ aber die 
Reproduktion eines in den Text einer illustrierten Geschichte Österreichs 
eingeschobenen Holzschnittes, der Maria Theresia auf dem Reichstage 
von Preßburg darstellt; die berühmte Szene des „Moriamur pro rege 
nostro*^*). Wie dort Maria Theresia^ so steht im Traume der Vater 
von der Menge umringt; er steht aber auf einem oder zwei Stühlen, 
also als Stuhlrichter. (Er hat sie geeinigt: — hier vermittelt die 
Redensart: Wir werden keinen Richter brauchen.) Daß er auf 
dem Totenbette Garibaldi so ähnlich sah, haben wir Umstehenden 
wirklich alle bemerkt. Er hatte postmortale Temperatursteigerung, 
seine Wangen glühten rot und röter . . . unwillkürlich setzen wir 
fort: Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine lag, was uns alle bändigt, 
das Gemeine. 

7,7^ Diese Erhebung unserer Gedanken bereitet uns darauf vor, daß wir 
gerade mit dem „Gemeinen" zu tun bekommen sollen. Das „post- 
mortale'^ der Temperaturerhöhung entspricht den Worten „nach 
seinem Tode" im Trauminhalt. Das Quälendste seiner Leiden war 
die völlige Darmlähmung (Obstruktion) der letzten Wochen ge- 
wesen. An diese knüpfen allerlei unehrbietige Gedanken an. Einer 
meiner Altersgenossen, der seinen Vater noch als Gymnasiast verlor, 
bei welchem Anlaß ich ihm dann tief erschüttert meine Freundschaft 
antrug, erzählte mir einmal höhnend von dem Schmerze einer Ver- 
wandten, deren Vater auf der Straße gestorben und nach Hause ge- 
bracht worden war, wo sich dann bei der Entkleidung der Leiche 
fand, daß im Moment des Todes oder postmortal eine Stuhl- 
entleerung stattgefunden hatte. Die Tochter war so tief unglücklich 

*) Ich weiß nicht mehr, bei welchem Autor ich einen Traom erwühnt gefunden 
habe, in dem es von ungewöhnlich kleinen Gestalten wimmelte, und als dedsen Quelle 
sich einer der Stiche Jacques Callots herausstellte, die der Träumer bei Tag 
betrachtet hatte. Diese Stiche enthalten allerdings eine Unzahl sehr kleiner Figuren ; 
eine Reihe derselben behandelt die Greuel des Dreißigjährigen Krieges. 



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286 VI. Die Traumarbeit. 

darüber, daß ihr dieses häßliche Detail die Erinnerung an den Vater 
stören mußte. Hier sind wir nun zu dem Wunsche vorgedrungen, der 
sich in diesem Traume verkörpert. Nach seinem Tode rein und 
groß vor seinen Kindern dastehen, wer möchte das nicht 
wünschen? Wohin ist die Absurdität dieses Traumes geraten? Ihr 
Anschein ist nur dadurch zu stände gekommen, daß eine völlig zulässigo 
Redensart, bei welcher wir gewöhnt sind über die Absurdität hinweg- 
zusehen, die zwischen ihren Bestandteilen vorhanden sein mag, im 
Traume getreulich dargestellt wird. Auch hier können wir den Eindruck 
nicht abweisen, daß der Anschein der Absurdität ein gewollter, absicht- 
lich hervorgerufener, ist .*) 

M^^ III. In dem Beispiel, das ich jetzt anführe, kann ich die Traumarbeit 
dabei ertappen, wie sie eine Absurdität, zu der im Material gar kein 
Anlaß ist, absichtlich fabriziert. Es stammt aus dem Traume, den mir 
die Begegnung mit dem Grafen Thun vor meiner Ferialreise ein- 
gegeben hat. r^l(^h fahre in einem Einspänner und gebe 
Auftrag zu einem Bahnhofe zu fahren. „Auf der Bahn- 

*) Die Häufigkeit^ mit welcher im Traume tote Personen wie lebend auftreten, 
handeln und mit nns verkehren, hat eine angebührliche Verwunderang hervorgerafen 
und sonderbare Erklärungen erzeugt, aus denen unser Unverständnis für den Tranm 
sehr auffällig erhellt. Und doch i^t die Aufklärung dieser Träume eine sehr nahe- 
liegende. Wie oft kommen wir in die Lage uns zu denken: Wenn der Vater noch 
leben würde, was würde er dazu sagen? Dieses Wenn kann der Traum nicht anders 
darstellen als durch die Gegenwart in einer bestimmten Situation. So träumt e. B. 
ein junger Manu, dem sein Großvater ein großes Erbe hinterlassen hat, bei einer 
Gelegenheit von Vorwurf wegen einer bedeutenden Geldausgabe, der Großvater sei 
wieder am Leben und fordere Rechenschat't von ihm. Was wir für die Auflehnung 
gegen den Traum halten, der Einspruch aus unserem besseren Wissen, daß der Mann 
doch schon gestorben sei, ist in Wirklichkeit der Trostgedanke, daß der Verstorbene 
das nicht zu erleben brauchte, oder die Befriedigung darüber, daß er nichts mehr 
dreinzureden hat, 

[Eine andere Art von Absurdität, die sich in Träumen von toten Angehörigen 
findet, drückt nicht Spott und Hohn aus, sondern dient der äußersten Ablehnung, der 
Darstellung eines verdrängten Gedankens, den man gerne als das Aller undenkbarste 
hinstellen möchte. Träume dieser Art erscheinen nur auflösbar, wenn man sich erinnert, 
daß der Traum zwischen Gewünschtem und Bealom keinen Unterschied macht. So 
träumt z. B. ein Mann, der seinen Vater in dessen Krankheit gepflegt und unter 
dessen Tod schwer gelitten hatte, eine Zeit nachher folgenden unsinnigen Traum: 
Der Vater war wieder am Leben und sprach mit ihm wie sonst, aber 
(das Merkwürdige war), er war doch gestorben und wußte es nur nicht. 
Man versteht diesen Traum, wenn man nach „er war doch gestorben** einsetzt: 
infolge dos Wunsches des Träumers und zu „er wußte es nicht" ergänzt: 
daß der Träumer diesen Wunsch hatte. Der Sohn hatte wikhrend der Kranken- 
pflege wiederholt den Vater tot gewünscht, d. h. den eigentlich erbarmungsvollen 
Gedanken gehabt, der Tod möge doch endlich dieser Qual ein Ende machen. In der 
Trauer nach dem Tode wurde selbst dieser Wunsch des Mitleidens zum unbewußten 
Vorwurf, als ob er durch ihn wirklich beigetragen hätte, das Leben des Kranken zu 
verkürzen. Durch Erweckung der frühinfantilsten Kegungen gegen den Vater wurde 
es möglich, diesen Vorwurf als Traum auszudrücken, aber gerade wegen der welten- 
weiten Gegensätzlichkeit zwischen dem Traumerreger und dem Tageagedanken mußte 
dieser Traum so absurd ausfallen (Vgl. hiezu: Formulierungen über die zwei Prinzipien 
des seelischen Geschehens. Jahrbuch Bleuler- Freud III. 1. 1911).] 



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Wkm. 



Einzelne Absurditäten im Tranme« 287 

strecke selbst kann ich natürlich nicht mit Ihnen fahren" 
sage ich, nachdem er einen Einwand gemacht, als ob ich 
ihn übermüdet hätte; dabei ist es so, als wäre ich schon 
eine Strecke mit ihm gefahren, die man sonst mit der 
Bahn fährt. Zu dieser verworrenen und unsinnigen Geschichte gibt 
die Analyse folgende Aufklärungen: Ich hatte am Tage einen Ein- 
spänner genommen, der mich nach Dombach in eine entlegene Straße 
führen sollte. Er kannte aber den Weg nicht und fuhr nach Art dieser 
guten Leute immer weiter, bis ich es merkte und ihm den Weg zeigte, 
wobei ich ihm einige spöttische Bemerkungen nicht ersparte. Von 
diesem Kutscher spinnt sich eine Gedankenverbindung zu den Aristo- 
kraten an, mit der ich später noch zusammentreffen werde. Vorläufig 
nur die Andeutung, daß uns bürgerlichem Plebs die Aristokratie 
dadurch aufiftlUig wird, daß sie sich mit Vorliebe an die Stelle des 
Kutschers setzt. Graf Thun lenkt ja auch den Staatswagen von 
Österreich. Der nächste Satz im Traume bezieht sich aber auf 
meinen Bruder, den ich also mit dem Einspännerkutscher identifiziere. 
Ich hatte ihm heuer die gemeinsame Italienfahrt abgesagt („Auf die 
Bahnstrecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren '^), und diese 
Absage war eine Art Bestrafung für seine sonstige Klage, daß ich 
ihn auf diesen Reisen zu übermüden pflege (was unverändert in 
den Traum gelangt), indem ich ihm zu rasche Ortsveränderung, 
zuviel des Schönen an einem Tage, zumute. Mein Bruder hatte 
mich an diesem Abend zum Bahnhofe begleitet, war aber kurz vorher 
bei der Stadtbahnstation Westbahnhof ausgesprungen, um mit der 
Stadtbahn nach Purkersdorf zu fahren. Ich hatte ihm bemerkt, er 
könne noch eine Weile länger bei mir bleiben, indem er nicht mit 
der Stadtbahn, sondern mit der Westbahn nach Purkersdorf fahre. 
Davon ist in den Traum gekommen, daß ich mit dem Wagen eine 
Strecke gefahren bin, die man sonst mit der Bahn fährt. In 
Wirklichkeit war es umgekehrt (und „Umgekehrt ist auch ge- 
fahren"); ich hatte meinem Bruder gesagt: Die Strecke, die du mit 
der Stadtbahn fkhrst, kannst du auch in meiner Gesellschaft in der 
Westbahn fahren. Die ganze Traumverwirrung richte ich dadurch 
an, daß ich anstatt „Stadtbahn" — „Wagen*^ in den Traum einsetze, 
was allerdings zur Zusammenziehung des Kutschers mit dem 'Bruder 
gute Dienste leistet. Dann bekomme ich im Traume etwas Unsinniges 
heraus, was bei der Erklärung kaum entwirrbar scheint, und beinahe 
einen Widerspruch mit einer früheren Rede von mir („Auf die Bahn- 
strecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren") herstellt. Da ich 
aber Stadtbahn und Einspännerwagen überhaupt nicht zu verwechseln 
brauche, muß ich diese ganze rätselhafte Geschichte im Traume ab- 
sichtlich so gestaltet haben. 

*^^'In welcher Absicht aber? Wir sollen nun erfahren, was die 
Absurdität im Traume bedeutet, und aus welchen Motiven sie zugelassen 
oder geschaffen wird. Die Lösung des Geheimnisses im vorliegenden 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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288 VI, Die Traumarbeit. 

Falle ist folgende : loh brauche im Traume eine Absurdität und etwas 
Unverständliches in Verbindung mit dem ^Fahren", weil ich in den 
Traumgedanken ein gewisses Urteil habe, das nach Darstellung ver- 
langt. An einem Abend bei jener gastfreundlichen und geistreichen 
Dame, die in einer anderen Szene des nämlichen Traumes als „Haus- 
hälterin^ auftritt, hatte ich zwei Rätsel gehört, die ich nicht auflösen 
konnte. Da sie der übrigen Gesellschafl bekannt waren, machte ich 
mit meinen erfolglosen Bemühungen die Lösung zu finden eine etwas 
lächerliche Figur. Es waren zwei Äquivoke mit „Nachkommen" und 
„Vorfahren". Sie lauteten, glaube ich, so: 
u\ c "*- Der Herr befiehlt's, 

Der Kutscher tut's. 

Ein jeder hat's, 

Im Grabe ruht's. (Vorfahren.) 

Verwirrend wirkte es, daß das zweite Rätsel zur einen Hälfte 
identisch mit dem ersten war: 

Der Herr befiehlt's, 

Der Kutscher tut's. 

Nicht jeder hat's. 

In der Wiege ruht's. (Nachkommen.) 

Als ich nun den Grafen Thun so großmächtig vorfahren 
sah, in die Figaro -Stimmung geriet, die das Verdienst der hohen 
Herren darin findet, daß sie sich die Mühe gegeben haben, geboren 
zu werden (Nachkommen zu sein), wurden diese beiden Rätsel zu 
Zwischengedanken für die Traumarbeit. Da man Aristokraten leicht 
mit Kutschern verwechseln kann, und man dem Kutscher früher 
einmal in unseren Landen „Herr Schwager** zu sagen pflegte, konnte 
die Verdichtungsarbeit meinen Bruder in dieselbe Darstellung einbe- 
ziehen. Der Traumgedanke aber, der dahinter gewirkt hat, lautet: 
Es ist ein Unsinn, auf seine Vorfahren stolz zu sein. 
Lieber bin ich selber ein Vorfahr, ein Ahnherr. Wegen 
dieses Urteils: Es ist ein Unsinn, also der Unsinn im Traume. Jetzt 
löst sich wohl auch das letzte Rätsel dieser dunklen Traumstelle, daß 
ich mit dem Kutscher schon vorher gefahren, mit ihm schon 
vorgefahren. 

t-l(.'^Der Traum wird also dann absurd gemacht, wenn in den Traum- 
gedanken als eines der Elemente des Inhalts das Urteil vorkommt: 
Das ist ein Unsinn, wenn überhaupt Kiitik und Spott einen der un- 
bewußten Gedankenzüge des Träumei^ motivieren. Das Absurde wird 
somit eines der Mittel, durch welches die Traumarbeit den Wider- 
spruch darstellt, wie die Umkehrung einer Materialbeziehung zwischen 
Traumgedanken und Trauminhalt, wie die Verwertung der motorischen 
Hemmungsempfindung. Das Absurde des Traumes ist aber nicht mit 
einem einfachen „Nein^ zu übersetzen, sondern soll die Disposition 
der Traumgedanken wiedergeben, gleichzeitig mit dem Widerspruch 



C^ r%r%n\{^ Orrginaf fnom 

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Die Absurdität ist eine absichtlich hergestellte. 289 

zu höhnen oder zu lachen. Nur in dieser Absicht liefert die Traum- 
arbeit etwas Lächerliches. Sie verwandelt hier wiederum ein Stück 
des latenten Inhalts in eine manifeste Form.*) 

Eigentlich sind wir einem überzeugenden Beispiel von solcher 
Bedeutung eines absurden Traumes schon begegnet. Jener ohne Ana- 
lyse gedeutete Traum von der Wagner Vorstellung, die bis morgens 
'V48 Uhr dauert, bei der das Orchester von einem Tuime aus dirigiert 
wird usw. (siehe Seite 267) will oflfenbar besagen: Das ist eine ver- 
drehte Welt und eine verrückte Gesellschaft. Wer's verdient, den 
triflft es nicht, und wer sich nichts daraus macht, der hat's, womit sie 
ihr Schicksal im Vergleiche zu dem ihrer Kousine meint. — Daß sich 
uns als Beispiele für die Absurdität der Träume zunächst solche vom 
toten Vater dargeboten haben, ist auch keineswegs ein Zufall. Hier 
finden sich die Bedingungen für die Schöpfung absurder Träume in 
typischer Weise zusammen. Die Autorität, die dem Vater eigen ist, 
hat frühzeitig die Kritik des Kindes hervorgerufen; die strengen 
Anforderungen, die er gestellt, haben das Kind veranlaßt, zu seiner 
Erleichterung auf jede Schwäche des Vaters scharf zu achten ; aber 
die Pietät, mit der die Person des Vaters besonders nach seinem Tode 
für unser Denken umgeben ist, verschärft die Zensur, welche die 
Äußerungen dieser Kritik vom Bewußtwerden abdrängt. 
^^-i^ IV. Ein neuer absurder Traum Vom toten Vater: 

Ich erhalte eine Zuschrift vom Gemeinderat meiner 
Geburtsstadt betreffend die Zahlungskosten für eine 
Unterbringung im Spital im Jahre 1851, die wegen eines 
Anfalls bei mir notwendig war. Ich macne mich darüber 
lustig, denn erstens war ich 1851 noch nicht am Leben, 
zweitens ist mein Vater, auf den es sich beziehen kann, 
schon tot. Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer, wo er auf 
dem Bette liegt, und erzähle es ihm. Zu meiner Über- 
raschung erinnert er sich, daß er damals 1851 einmal 
betrunken war und eingesperrt oder verwahrt werden 
mußte. Es war, als er für das Haus T... gearbeitet. Du 
hast also auch getrunken, frage ich. Bald darauf hast 
du geheiratet? Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren bin, 
was mir als unmittelbar folgend vorkommt. 
*. *' Die Aufdringlichkeit, mit welcher dieser Traum seine Absurditäten 
zur Schau trägt, werden wir nach den letzten Erörterungen nur als 
Zeichen einer besonders erbitterten und leidenschaftlichen Polemik in 



♦) Die Traomarbeit parodiert also den ihr alu lächerlich bezeichneten Gedanken, 
indem sie etwas Lächerliches in Beziehan^ mit ihm erschafft. So ähnlich verfährt 
Heine, wenn er die schlechten Verse des Bajerkönigs verspotten will, Er tat es in 
noch schlechteren: 

Herr Ladwig ist ein großer Poet, 

Und singt er, so stürzt Apollo 

Vor ihm auf die Knie und bittet und fleht, 

,Halt ein, ich werde sonst toll ohi** 

Freud, TrmundeatUDg S. Aufl. ^^ 



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&9Ö VI. Die TrauttlÄAeit, 

den Traumgedanken Übersetzen. Mit um so größerer Verwunderung 
konstatieren wir aber, daß in diesem Traume die Polemik ofien betrieben 
und der Vater als diejenige Person bezeichnet ist, die zum Ziele des 
Gespöttes gemacht wird. Solche Ofienheit scheint unseren Voraus- 
setzungen über die Zensur bei der Traumarbeit zu widersprechen. 
Zur Aufklärung dient aber, daß hier der Vater nur eine vor- 
geschobene Person ist, während der Streit mit einer anderen geftlhrt 
wird, die im Traume durch eine einzige Anspielung zum Vorschein 
kommt. Während sonst der Traum von Auflehnung gegen andere 
Personen handelt, hinter denen sich der Vater verbirgt, ist es hier 
umgekehrt; der Vater wird ein Strohmann zur Deckung anderer, 
und der Traum darf darum so unverhüllt sich mit seiner sonst ge- 
heiligten Person beschäftigen, weil dabei ein sicheres Wissen mitspielt, 
daß er nicht in Wirklichkeit gemeint ist. Man erfahrt diesen oacli- 
verhalt aus der Veranlassung des Traumes. Er erfolgte nämlich, 
nachdem ich gehört hatte, ein älterer Kollege, dessen Urteil für un- 
antastbar gilt, äußere sich abfkllig und verwundert darüber, daß einer 
meiner Patienten die psychoanalytische Arbeit bei mir jetzt schon 
ins ftlnfte Jahr fortsetze. Die einleitenden Sätze des Traumes 
deuten in durchsichtiger Verhüllung darauf hin, daß dieser Kollege 
eine Zeitlang die Pflichten übernommen, die der Vater nicht mehr 
erftlUen konnte (Zahlungskoston, Unterbringung im Spital); 
und als unsere freundschaftlichen Beziehungen sich zu lösen begannen, 

geriet ich in denselben Empfindungskonflikt der im Falle einer Miß* 
elligkeit zwischen Vater und Sohn durch aie Rolle und die früheren 
Leistungen des Vaters erzwungen wird. Die Traumgedanken wehren 
sich nun erbittert gegen den Vorwurf, daß ich nicht schneller 
vorwärts komme, der von der Behandlung dieses Patienten her 
sich dann auch auf anderes erstreckt. Kennt er denn jemanden, der 
das schneller machen kann? Weiß er nicht, daß Zustände dieser Art 
sonst überhaupt unheilbar sind und lebenslange dauern? Was sind 
vier bis fünf Jahre gegen die Dauer eines ganzen Lebens, zumal, 
wenn dem Kranken die Existenz während der Behandlung so sehr 
erleichert worden ist? 

M^^Das Gepräge der Absurdität wird in diesem Traume zum guten 
Teil dadurch erzeugt, daß Sätze aus verschiedenen Gebieten der Tra um- 
gedanken ohne vermittelnden Übergang aneinander gereiht werden. ~So 
verläßt der Satz: Ich' gehe zu ihm ins NeDenzimmer etc. 
das Thema, aus dem die vorigen Sätze geholt sind, und reproduzi^t 
getreulich die Umstände, unter denen ich dem Vater meine eigen- 
mächtige Verlobung mitgeteilt habe. Er will mich also an die vor- 
nehme UneigennUtzigkeit mahnen, die der alte Mann damals bewies^ 
und diese in Gegensatz zu dem Benehmen eines anderen, einer neuen 
Person, bringen. Ich merke hier, daß der Traum darum den Vater 
verspotten darf, weil er in den Traumgedanken in voller Anerkennung 
anderen als Muster vorgehalten wird. Es liegt im Wesen jeder Zensur, 



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Die Absurdität drückt Spott und Hohn aus, 29l 

daß man von den unerlaubten Dingen das, was unwahr ist, eher sagen 
darf als die Wahrheit. Der nächste Satz, daß er sich erinnert, ein- 
mal betrunken und darum eingesperrt gewesen zu sein, 
enthält nichts mehr, was sich in der Realität auf den Vater bezieht. 
Die von ihm gedeckte Person ist hier niemand geringerer als der 
große — Meynert, dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung ge- 
folgt bin, und dessen Benehmen gegen mich nach einer kurzen Periode 
der Bevorzugung in unverhüllte Feindseligkeit umschlug. Der Traum 
erinnert mich an seine eigene Mitteilung, er habe in jungen Jahren ein- 
mal der Gewohnheit gefrönt, sich mit Chloroform zu be- 
rauschen, und habe darum die Anstalt aufsuchen müssen, und 
an ein zweites Erlebnis mit ihm kurz vor seinem Ende. Ich hatte 
einen erbitterten literarischen Streit mit ihm geführt in Sachen der 
männlichen Hysterie, die er leugnete, und als ich ihn als Totkranken 
besuchte und nach seinem Befinden fragte, verweilte er bei der Be- 
schreibung seiner Zustände und schloß mit den Worten : „Sie wissen, 
ich war immer einer der schönsten Fälle von männlicher Hysterie.^ 
So hatte er zu meiner Genugtuung und zu meinem Erstaunen 
zugegeben, wogegen er sich so lange hartnäckig gesträubt. Daß ich 
aber in dieser Szene des Traumes Meynert durch meinen Vater 
verdecken kann, hat seinen Grund nicht in einer zwischen beiden 
Personen aufgefundenen Analogie, sondern ist die knappe, aber völlig 
zureichende Darstellung eines Konditjonalsatzes in den Traumgedanken, 
der ausführlich lautet: Ja, wenn ich zweite Generation, deroohn eines 
Professors oder Hofrates, wäre, dann wäre ich freilich rascher 
vorwärts gekommen. Im Traume mache ich nun meinen Vater 
zum Hofrat und Professor. Die gröbste und störendste Absurdität 
des Traumes liegt in der Behandlung der Jahreszahl 1861, die mir 
von 1856 gar nicht verschieden vorKommt, als wtlrde die Diffe- 
renz von fünf Jahren gar nichts bedeuten. Gerade dies soll 
aber aus den Traumgedanken zum Ausdruck gebracht werden. Vier 
bis fünf Jahre, das ist der Zeitraum, während dessen ich die 
Unterstützung des eingangs erwähnten Kollegen genoß, aber auch die 
Zeit, während welcher ich meine Braut auf die Heirat warten ließ, 
und durch ein zufillliges, von den Traumgedanken gern ausgenütztes 
Zusammentreffen auch die Zeit, während welcher ich jetzt meinen ver- 
trautesten Patienten auf die völlige Heilung warten lasse. „Was 
sind fünf Jahre?" fragen die Traumgedanken. „Das ist für 
mich keine Zeit, das kommt nicht in Betracht. Ich habe 
Zeit genug vor mir, und wie jenes endlich geworden ist, was Ihr 
auch nicht glauben wolltet, so werde ich auch dies zu stände bringen." 
Außerdem aber ist die Zahl 51, vom Jahrhimdert abgelöst, noch 
anders, und zwar im gegensätzlichen Sinne determiniert; sie kommt 
darum auch mehrmals im Traume vor. 51 ist das Alter, in dem der 
Mann besonders gefährdet erscheint, in dem ich Kollegen plötzlich 

19* 



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l 



292 Vi, Die TraüinArbeit 

habe sterben sehen, darunter einen, der nach langem Harren einige 
Tage vorher zum Professor ernannt worden war. 
^0^ V. Ein anderer absurder Traum, der mit Zahlen spielt. 

Einer meiner Bekannten, Herr M., ist von keinem 
Geringeren als von Goethe in einem Aufsatze an- 
egriffen worden, wie wir alle meinen, mit ungerecht- 
ertigt großer Heftigkeit. Herr M. ist durch diesen 
Angriff natürlich vernichtet Er beklagt sich darüber 
bitter bei einer Tischgesellschaft; seine Verehrung für 
Goethe hat aber unter dieser persönlichen Erfahrung 
nicht gelitten. Ich suche mir die zeitlichen Verhältnisse, 
die mir unwahrscheinlich vorkommen, ein wenig auf- 
zuklären. Goethe ist 1832 gestorben; da sein Angriff 
auf M. natürlich früher erfolgt sein muß, so war 
Herr M. damals ein ganz junger Mann. Es kommt mir 
plausibel vor, daß er 18 Jahre alt war. Ich weiß aber 
nicht sicher, welches Jahr wir gegenwärtig schreiben, 
und so versinkt die ganze Berechnung im Dunkel. Der 
Angriff ist übrigens in dem bekannten Aufsatze von 
Goethe „Natur" enthalten. 

Wir werden bald die Mittel in der Hand habeu, den Blödsinn 
dieses Traumes zu rechtfertigen. Herr M., den ich aus einer Tisch- 
gesellschaft keune, hatte mich unlängst aufgefordert, seinen 
Bruder zu untersuchen, bei dem sich Zeichen von paralytischer 
Geistesstörung bemerkbar machten. Die Vermutung war richtig; 
es ereignete sich bei diesem Besuche das Peinliche, daß der Kranke 
ohne jeden Anlaß im Gesprftche den Bruder durch Anspielung auf 
dessen Jugendstreiche bloßstellte. Den Kranken hatte ich nach 
seinem Geburtsjahre gefragt und ihn wiederholt zu kleinen Be- 
rechnungen veranlaßt, um seine Gedächtnisschwächung klar zu legen ; 
Proben, die er übrigens noch recht gut bestand. Ich merke schon, 
daß ich mich im Traume benehme wie ein Paralytiker. (Ich weifi 
nicht sicher, welches Jahr wir schreiben.) Anderes Material 
des Traumes stammt aus einer anderen rezenten Quelle. Ein mir 
befreundeter Kedakteur einer medizinischen Zeitschrift hatte eine 
höchst ungnädige, eine „vernichtende" Kritik über das letzte 
Buch meines Freundes Fl. in Berlin in sein Blatt aufgenommen, die 
ein recht jugendlicher und wenig urteilsfähiger Referent verfaßt 
hatte. Ich glaubte ein Recht zur Einmengung zu. haben und stellte 
den Redakteur zur Rede, der die Aufnahme der Kritik lebhaft be- 
dauerte, aber eine Remedur nicht versprechen wollte. Daraufhin 
brach ich meine Beziehungen zur Zeitschrift ab und hob in meinem 
Absagebriefe die Erwartung hervor, daß unsere persönlichen 
Beziehungen unter diesem Vorfalle nicht leiden würden. 
Die dritte Quelle dieses Traumes ist die damals frische Erzählung 
einer Patientin von der psychischen Erkrankung ihres Bruders, der 



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Der absnrde Goethe-Tranm. 293 

mit dem Ausrufe „Natur, Natur" in Tobsucht verfallen war. Die 
Arzte hatten gemeint, der Ausruf stamme aus der Lektüre jenes 
schönen Aufsatzes von Goethe und deute auf die Überarbeitung 
des Erkrankten bei seinen natur philosophischen Studien. Ich zog es 
vor, an den sexuellen Sinn zu denken, in dem auch die Minder- 
gebildeten bei uns von der „Natur** reden, und daß der Unglückliche 
sich später an den Genitalien verstümmelte, schien mir wenigstens 
nicht Unrecht zu geben. 18 Jahre war das Alter dieses Kranken, 
als jener Tobsuchtsanfall sich einstellte. 

^i ifWenn ich noch hinzuftlge, daß das so hart kritisierte Buch 
memes Freundes („Man fragt sich, ist der Autor verrückt oder ist 
man es selbst,^ hatte ein anderer Kritiker geäußert) sich mit den 
zeitlichen Verhältnissen des Lebens beschäftigt und auch 
Goethes Lebensdauer auf ein Vielfaches einer für die Biologie be- 
deutsamen Zahl zurückführt, so ist es leicht einzusehen, daß ich 
mich im Traume an die Stelle meines Freundes setze. (Ich suche 
mir die zeitlichen Verhältnisse . . . ein wenig auf- 
zuklären.) Ich benehme mich aber wie ein Paralytiker und der 
Traum schwelgt in Absurdität. Das heißt also, die Traumgedanken 
sagen ironisch: „Natürlich, er ist der Narr, der Verrückte, und Ihr 
seid die genialen Leute, die es besser verstehen. Vielleicht aber doch 
umgekehrt?" Und diese Umkehrung ist nun ausgiebig im Traum- 
inhalt vertreten, indem Goethe den jungen Mann angegriffen hat, 
was absurd ist, während leicht ein ganz junger Mensch noch heute 
den unsterblichen Goethe angreifen könnte, und indem ich vom 
Sterbejahre Goethes an rechne, während ich den Paralytiker 
von seinem Geburtsjahre an rechnen ließ. 

Ich habe aber auch versprochen zu zeigen, daß kein Traum 
von anderen als egoistischen Regungen eingegeben wird. Somit muß 
ich es rechtfertigen, daß ich in diesem Traume die Sache meines 
Freundes zu der meinigen mache und mich an seine Stelle setze. 
Meine kritische Überzeugung im Wachen reicht hiefür nicht aus. 
Nun spielt aber die Geschichte des 18jährigen Kranken und die ver- 
schiedenartige Deutung seines Ausrufes „Natur" auf den Gegensatz 
an, in den ich mich mit meiner Behauptung einer sexuellen Ätiologie 
für die Psychoneurosen zu den meisten Ärzten gebracht habe. Ich 
kann mir sagen : So wie deinem Freunde, so wird es auch dir mit der 
Kritik ergehen, ist dir zum Teil auch bereits so ergangen, und nun 
darf ich das „Er" in den Traumgedanken durch ein „Wir" ersetzen. 
^Ja, Ihr habt recht, wir zwei sind die Narren," Daß „mea res agitur", 
daran mahnt mich energisch die Erwähnung des kleinen, unvergleichlich 
schönen Aufsatzes von Goethe, denn der Vortrag dieses Aufsatzes 
in einer populären Vorlesung war es, der mich schwankenden Abi- 
turienten zum Studium der Naturwissenschaft drängte. 
•^ ^ ^ VI. Ich bin es schuldig geblieben, noch von einem anderen Traume, 
in dem mein Ich nicht vorkommt, zu zeigen, daß er egoistisch ist. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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294 VI. Die Traumarbeit. 

Ich erwähnte auf Seite 195 einen kurzen Traum, daß Professor M. 
sagt: „Mein Sohn, der Myop. . .'^ und gab an, das sei nur ein 
Vortraum zu einem anderen, indem ich eine Rolle spiele. Hier ist 
der fehlende Haupttraum, der uns eine absurde und unverständliche 
Wortbildung zur Aufklärung bietet: 

^0^ Wegen irgend welcher Vorgänge in derStadt Rom 
ist es notwendig, die Kinder zu flüchten, was auch ge- 
schieht. Die Szene ist dann vor einem Tore, Doppel- 
tor nach antiker Art (die Porta romana in Siena, wie 
ich noch im Traume weiß)* Ich sitze aufdemRande eines 
Brunnens und bin sehr betrübt, weine fast. Eine weib- 
liche Person — Wärterin, Nonne — bringt die zwei 
Knaben heraus und übergibt sie dem Vater, der nicht 
ich bin. Der Altere der beiden ist deutlich mein 
Ältester, das Gesicht des anderen sehe ich nicht; die 
Frau, die den Knaben bringt, verlangt zum Abschied 
einen Kuß von ihm. Sie zeichnet sich durch eine rote 
Nase aus. Der Knabe verweigert ihr den Kuß, sagt aber, 
ihr zum Abschied die Hand reichend: Auf Geseres und 
zu uns beiden (oder zu einem von uns): Auf üngeseres. 
Ich habe die Idee, daß letzteres einen Vorzug bedeutet. 

Dieser Traum baut sich auf einem Knäuel von Gedanken auf, 
die durch ein im Theater gesehenes Schauspiel „Das neue Ghetto'^ 
angeregt wurden. Die Judenfrage, die Sorge um die Zukunft der 
Kinder, denen man ein Vaterland nicht geben kann, die Sorge, sie 
so zu erziehen, daß sie freizügig werden können, sind in den zuge- 
hörigen Traumgedanken leicht zu erkennen. 

H^V'?^^ ^^^ Wässern Babels saßen wir und weinten." — 
Siena ist wie Rom durch seine schönen Brunnen berühmt; für Rom 
muß ich im Traume (vergl. Seite 141) mir irgend einen Ersatz aus be- 
kannten Örtlichkeiten suchen. Nahe der Porta romana von Sienn 
sahen wir ein großes, hell erleuchtetes Haus. Wir erfuhren, daß es 
das Manicomio, die Irrenanstalt sei. Kurz vor dem Traume hatte ich 
gehört, daß ein Glaubensgenosse seine mühselig erworbene Anstellung 
an einer staatlichen Irrenanstalt hatte aufgeben müssen. 

Unser Interesse erweckt die Rede. Auf Geseres, wo man nach 
der im Traume festgehaltenen Situation erw^arten müßte : Auf Wieder- 
sehen, und ihr ganz sinnloser Gegensatz: Auf Ungeseres. 
M^ [ Geseres ist nach den Auskünften, die ich mir bei Schrift- 
gelehrten geholt habe, ein echt hebräisches Wort, abgeleitet von einem 
Verbum „goiser" und läßt sich am besten durch „anbefohlene Leiden, 
Verhängnis", wiedergeben. Nach der Verwendung des Wortes im 
Jargon sollte man meinen, es bedeute „Klagen und Jammern". Un- 
geseres ist meine eigenste Wortbildung und zieht meine Aufmerk- 
samkeit zuerst auf sich, macht mich aber zunächst ratlos. Die kleine 
Bemerkung zu Ende des Traumes, daß Ungeseres einen Vorzug gegen 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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^Geseres und Ungeseres," 295 

Geseres bedeute, öf&iet den Einfällen und damit dem Verständnis die 
Pforten. Ein solches Verhältnis findet ja beim Kaviar statt; der 
ungesalzene wird höher geschätzt als der gesalzene. Kaviar 
fürs Volk, „noble Passionen": darin liegt eine scherzhafte Anspielung 
an eine der Personen meines Haushaltes verborgen, von der ich hoffe, 
daJ3 sie, jünger als ich, die Zukunft meiner Kinder in acht nehmen 
wird. Dazu stimmt es dann, daß eine andere Person meines Haus- 
haltes, imsere brave Kinderfrau, in der Wärterin (oder Nonne) vom 
Traume wohl kenntlich gezeigt wird. Zwischen dem Paar gesalzen- 
ungesalzen und Geseres-Ungeseres fehlt es aber noch an 
einem vermittelnden Übergang. Dieser findet sich in „gesäuert 
und ungesäuert"; bei ihrem fl u c h t artigen Auszug aus Ägypten 
hatten die Kinder Israels nicht die Zeit, ihren Brotteig gären zu lassen, 
und essen zur Erinnerung daran noch heute ungesäuertes Brot zur 
Osterzeit. Hier kann ich auch den plötzlichen Einfall unterbringen, 
der mir während dieses Stückes der Analyse gekommen ist. Ich er- 
innerte mich, wie wir in den letzten Osterta^en in den Straßen der 
uns fremden Stadt Breslau herum spazierten, mein Freund aus Berlin 
und ich. Ein kleines Mädchen fragte mich um den Weg in eine ge- 
wisse Straße; ich mußte mich entschuldigen, daß ich ihn nicht wisse, 
und äußerte dann zu meinem Freunde : Hoffentlich beweist die Kleine 
später im Leben mehr Scharfblick bei der Auswahl der Personen, 
von denen sie sich leiten läßt. Kurz darauf fiel mir ein Schild in 
die Augen: Dr. Her ödes, Sprechstunde . . . Ich meinte: Hoffentlich 
ist der Kollege nicht gerade Kinderarzt. Mein Freund hatte mir 
unterdessen seine Ansichten über die biologische Bedeutung der bi- 
lateralen Symmetrie entwickelt und einen Satz mit der Einleitung 
begonnen: „Wenn wir das eine Auge mitten auf der Stirn trügen wie 
der Kyklop . . ." Das führt nun zur Rede des Professors im Vor- 
traume: Mein Sohn, der Myop. Und nun bin ich zur Haupt- 
quelle für das Geseres geführt worden. Vor vielen Jahren, als 
dieser Sohn des Professors M., der heute ein selbständiger Denker ist, 
noch auf der Schulbank saß, erkrankte er an einer Augenaffektion, 
die der Arzt für besorgniserweckend erklarte. Er meinte, solange sie 
einseitig bleibe, habe sie nichts zu bedeuten, sollte sie aber auch 
auf das andereAuge übergreifen, so wäre es ernsthaft Das Leiden 
heilte auf dem einen Auge schadlos ab ; kurz darauf stellten sich aber 
die Zeichen für die Erkrankung des zweiten wirklich ein. Die ent- 
setzte Mutter ließ sofort den Arzt in die Einsamkeit ihres Landauf- 
enthaltes konunen. Der schlug sich aber jetzt auf die andere 
Seite. „Was machen Sie für Geseres?'^ herrschte er die 
Mutter an, „Ist es auf der einen Seite gut geworden, so wird es 
auch auf der anderen gut werden,'^ Und so ward es auch. 

Ulf Und nun die Beziehung zu mir und den meinigen. Die Schul- 
bank, auf der der Sohn des Professors M. seine erste Weisheit er- 
lernt, ist durch Schenkung der Mutter in das Eigentum meineg 



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296 VI. Die Tramnarbeit. 

Altesten ttbergegangen, dem ich im Traume die Abschiedsworte in den 
Mond lege. Der eine der Wünsche, die sich an diese Übertragung 
knüpfen lassen, ist nun leicht zu erraten. Diese Schulbank soll aber 
auch durch ihre Konstruktion das Kind davor schützen, kurzsichtig 
und einseitig zu werden. Daher im Traume Myop (dahinter 
Kyklop) und die Erörterungen über Bilateralität. Die Sorge 
um die Einseitigkeit ist eine mehrdeutige ; es kann neben der körper- 
lichen Einseitigkeit die der intellektuellen Entwicklung gemeint sein. 
Ja, scheint es nicht, daß die Traumszene in ihrer Tollheit gerade 
dieser Sorge widerspricht? Nachdem das Kind nach der einen 
Seite hin sein Abschiedswort gesprochen, ruft es nach der anderen 
hin das Gegenteil davon, wie um das Gleichgewicht herzustellen. 
Es handelt gleichsam in Beachtung der bilateralen 
Symmetrie! 

p/ So ist der Traum oft am tiefsinnigsten, wo er am tollsten er- 
scheint. Zu allen Zeiten pflegten die, welche etwas zu sagen hatten 
und es nicht gefahrlos sagen konnten, gern die Narrenkappe aufzu- 
setzen. Der Hörer, ftlr den die untersagte Rede bestimmt war, duldete 
sie eher, wenn er dabei lachen und sich mit dem Urteil schmeicheln 
koDute, daß das Unliebsame offenbar etwas Närrisches sei. Ganz so 
wie in Wirklichkeit der Traum, verßlhrt im Schauspiel der Prinz, 
der sich zum Narren verstellen muß, und darum kann man auch vom 
Traume aussagen, was Hamlet, wobei er die eigentlichen Bedingungen 
durch witzig-unverständliche ersetzt, von sich behauptet: „Ich bin nur 
toll bei Nord-Nord-West; weht der Wind aus Süden, so kann ich 
einen Reiher von einem Falken unterscheiden."*) 

MkV Ich habe also das Problem der Absurdität des Traumes dahin 
aufgelöst, daß die Traumgedanken niemals absurd sind — wenigstens 
nicht von den Träumen geistesgesunder Menschen — und daß die 
Traumarbeit absurde Träume und Träume mit einzelnen absurden 
Elementen produziert, wenn ihr in den Traumgedanken Kritik, Spott 
und Hohn zur Darstellung in ihrer Ausdrucksform vorliegt. Es li^ 
nur nun daran zu zeigen, daß die Trauinarbeit überhaupt durch das 
Zusammenwirken der drei erwähnten Momente — und eines vierten 
noch zu erwähnenden — erschöpft ist, daß sie sonst nichts leistet als 
eine Übersetzung der Traumgedanken unter Beachtung der vier ihr 
vorgeschriebenen Bedingungen, und daß die Frage, ob die Seele im 
Traume mit all ihren geistigen Fähigkeiten arbeitet oder nur mit 
einem Teile derselben, schief gestellt ist und an den tatsächlichen 
Verhältnissen abgleitet. Da es aber reichlich Träume gibt, in deren 

*) Dieser Traam g^ibt aach ein gates Beispiel fOr den all^mein gültigen Sats, 
daß die Träume derselben Nacht, wenngleich in der Erinnerung gesondert, auf dem 
Boden des nämlichen Gedankenmaterials erwachsen sind. Die Traumsitaation, daß ich 
meine Kinder aus der Stadt Kom flttchte, ist übrigens durch die Rttckbeuehung auf 
einen analogen, in meine Kindheit fallenden Vorgang entstellt. Der Sinn ist, daß 
ich Verwandte beneide, denen sich bereits vor vielen Jahren ein Anlaß geboten hat^ 
ihre Kinder auf einen anderen Boden zu yersetasen. 



C^ €\r\cA{? Orrginaf fnom 

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Keine ürteilsleistung im Traume. 297 

Inhalt geurteilt, kritisiert und anerkannt wird, in denen Verwunderung 
über ein einzelnes Element des Traumes auftritt, Erklärungsversuche 
gemacht und Argumentationen angestellt werden, muß ich die Ein- 
wendungen, die aus solchen Vorkommnissen sich ableiten, an aus- 
gewählten Beispielen erledigen. 

///<^ Meine Erwiderung lautet: Alles, was sich als scheinbare 
Betätigung der Urteilsfunktion in den Träumen vor- 
findet, ist nichtetwa als Denkleistung der Traumarbeit 
aufzufassen, sondern gehört dem Material der X^&^i^* 
gedanken an und ist von dorther als fertiges Gebilde 
in den manifesten Trauminhalt gelangt. Ich kann meinen 
Satz zunächst noch überbieten. Auch von den Urteilen, die man 
nach dem Erwachen über den erinnerten Traum filllt, den Emp- 
findungen, die die Reproduktion dieses Traumes in uns hervorruft, 
gehört ein guter Teil dem latenten Trauminhalt an und ist in die 
Deutung des Traumes einzufügen. 

I. Ein auffälliges Beispiel hiefür habe ich bereits angeführt. 
Eine Patientin will ihren Traum nicht erzählen, weil er zu unklar 
ist. Sie hat eine Person im Traume gesehen, und weiß nicht, ob es 
der Mann oder der Vater war. Dann folgt ein zweites Traum- 
stück, in dem ein „Misttrügerl" vorkommt, an das folgende Erinne- 
rung sich anschließt Als junge Hausfrau äußerte sie einmal scherz- 
haft vor einem jungen Verwandten, der im Hause verkehrte, daß ihre 
nächste Sorge die Anschaffung eines neuen MisttrUgerls sein müsse. 
Sie bekam am nächsten Morgen ein solches zugeschickt, das aber mit 
Maiglöckchen gefüllt war. Dieses Stück Traum dient der Darstellung 
der Redensart „Nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen". Wenn 
man die Analyse vervollständigt, erfährt man, daß es sich in den 
Traumgedanken um die Nachwirkung einer in der Jugend gehörten 
Geschichte handelt, daß ein Mädchen ein Kind bekommen, von dem 
es unklar war, wer eigentlich der Vater sei. Die Traum- 
darstellung greift also hier ins Wachdenken über und läßt eines der 
Elemente der Traumgedanken durch ein im Wachen gefklltes Urteil 
über den ganzen Traum vertreten sein. 

H ^ ^11. Ein ähnlicher Fall : Einer meiner Patienten hat einen Traum, 
der ihm interessant vorkommt, denn er sagt sich unmittelbar nach 
dem Erwachen: Das muß ich dem Doktor erzählen. Der 
Traum wird analysiert und ergibt die deutlichsten Anspielungen aflf 
ein Verhältnis, das er während der Behandlung begonnen, und von 
dem er sich vorgenommen hatte, mir nichts zu erzählen.*) 
III. Ein drittes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: 

*) Die Doch im Traume enthaltende Mahnung oder der Vorsatz: Das muß ich 
dem Doktor ensfthlen, bei Träumen während der psychoanalytischen Behandlung ent- 
spricht regelmäBig einem großen Widerstand gegen die Beichte des Traumes und 
wird nicht selten vom Vergessen des Traumes gefolgt 



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298 VI. Die Traumarbeit. 

Ich gehe mit P. durch eine Gegend, in der Häuser 
und Gärten vorkommen, ins SpitaL Dabei die Idee, daß 
ich diese Gegend schon mehrmals im Traume gesehen 
habe. Ich kenne mich nicht sehr gut aus; er zeigt mir 
einen Weg, der durch eine Ecke in eine Restauration 
führt (Saal, nicht Garten); dort frage ich nach Frau 
Doni und höre, sie wohnt im Hintergrunde in einer 
kleinen Kammer mit drei Kindern. Ich gehe hin und 
treffe schon vorher eine undeutliche Person mit meinen 
zwei deinen Mädchen, die ich dann mit mir nehme, 
nachdem ich eine Weile mit ihnen gestanden bin. Eine 
Art Vorwurf gegen meine Frau, daß sie sie dort ge- 
lassen hat. 

Beim Erwachen f\ihle ich dann große Befriedigung, die ich 
damit motiviere, daß ich jetzt aus der Analyse erfahren werde, was 
es bedeutet: Ich habe schon davon geträumt.*) Die Analyse 
lehrt mich aber nichts darüber; sie zeigt mir nur, daß die Befriedi- 
gung zum latenten Trauminhalt und nicht zu einem Urteile über den 
Traum gehört. Es ist die Befriedigung darüber, daß ich in 
meiner Ehe Kinder bekommen habe. P. ist eine Person, mit 
der ich ein Stück weit im Leben den gleichen Weg gegangen bin, 
die mich dann sozial und materiell weit überholt hat, die aber in ihrer 
Ehe kinderlos geblieben ist. Die beiden Anlässe des Traumes können 
den Beweis duych eine vollständige Analyse ersetzen. Tags zuvor las 
ich in der Zeitung die Todesanzeige einer Frau D o n a A . . y (woraus 
ich Doni mache), die im Kindbett gestorben; ich hörte von meiner 
Frau, daß die Verstorbene von derselben Hebamme gepflegt worden 
sei wie sie selbst bei unseren beiden Jüngsten. Der Name Dona war 
mir aufgefallen, denn ich hatte ihn kurz vorher in einem englischen 
Roman zum erstenmal gefunden. Der andere Anlaß des Traumes 
ergibt sich aus dem Datum desselben ; es war die Nacht vor dem Ge- 
burtstage meines ältesten, wie es scheint, dichterisch begabten Knaben« 
c\v ^ IV, Dieselbe Befriedigung verbleibt xnii nach dem Erwachen aus 
dem absurden Traume, daß der Vater nach seinem Tode eine politische 
Rolle bei den Magyaren gespielt, und motiviert sich durch die Fort- 
dauer der Empfindung, die den letzten Satz des Traumes begleitete: 
„Ich erinnere mich daran, daß er auf dem Totenbette 
(^ribaldi so ähnlich gesehen, und fretie mich darübcTy daß 
eWdoch wahr geworden ist . . . (Dazu eine vergessene 
Fortsetzung.) Aus der Analyse kann ich nun einsetzen, was in 
diese Traumlücke gehört. Es ist die Erwähnung meines zweiten 
Knaben, dem ich den Vornamen einer großen historischen Persönlich- 
keit gegeben habe, die mich in den Knabenjahren, besonders seit 
meinem Aufenthalt in England, mächtig angezogen. Ich hatte das 

*) Ein Thema, über welches sich eine weitläafig^ Diskussion in den letzten 
Jahrg&ngen der Bevue philosophiqne angesponnen hat (Paramnesie im Traume). 



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übergreifen der Traumarbeit ins Wachen. 299 

Jahr der Erwartung über den Vorsatz, gerade diesen Namen zu ver- 
wenden, wenn es ein Sohn würde, und begrüßte mit ihm hoch be- 
friedigt schon den eben Geborenen. Es ist leicht zu merken, wie 
die unterdrückte Größensucht des Vaters sich in seinen Gedanken auf 
die Kinder überträgt; ja man wird gern glauben, daß dies einer der 
Wege ist, auf denen die im Leben notwendig gewordene Unterdrückung 
derselben vor sich geht. Sein Anrecht, in den Zusammenhang dieses 
Traumes aufgenommen zu werden, erwarb der Kleine dadurch, daß 
ihm damals der nämliche — beim Kinde und beim Sterbenden leicht 
verzeihliche — Unfall widerfahren war, die Wäsche zu beschmutzen. 
Vergleiche hiezu die Anspielung ^^Stuhlrichter" und den Wunsch 
des Traumes: Vor seinen Kindern groß und rein dazustehen. 

ifi^y. Wenn ich nun Urteilsäußerungen, die im Traume selbst ver- 
bleiben, sich nicht ins Wachen fortsetzen oder sich dahin verlegen, 
heraussuchen soll, so werde ich's als große Erleichterung empfinden, 
daß ich mich hiefür solcher Träume bedienen darf, die bereits in 
anderer Absicht mitgeteilt worden sind. Der Traum von Goethe, 
der Herrn M. angegriffen hat, scheint eine ganze Anzahl von Urteils- 
akten zu enthalten. Ich suche mir die zeitlichen Verhält- 
nisse, die mir unwahrscheinlich vorkommen, ein wenig 
aufzuklären- Sieht das nicht einer kritischen Regung gegen den 
Unsinn gleich, daß Goethe einen jungen Mann meiner Bekanntschaft 
literarisch angegriffen haben soll? „Es kommt mir plausibel 
vor, daß er 18 Jahre alt war.^^ Das klingt doch ganz wie das Er- 
gebnis einer allerdings schwachsinnigen Berechnung ; und „Ich weiß 
nicht sicher, welches Jahr wir schreibe n^^ wäre ein Beispiel 
von Unsicherheit oder Zweifel im Traume. 

Nun weiß ich aber aus der Analyse dieses Traumes, daß diese 
scheinbar erst im Traume vollzogenen Urteilsakte in ihrem Wortlaute 
eine andere Auffassung zulassen, durch welche sie für die Traum- 
deutung unentbehrlich werden und gleichzeitig jede Absurdität ver- 
mieden wird. Mit dem Satze: ^Ich suche mir die zeitlichen 
Verhältnisse ein wenig aufzuklären", setze ich mich an die 
Stelle meines Freundes, der wirklich die zeitlichen Verhältnisse des 
Lebens aufzuklären sucht. Der Satz verliert hiemit die Bedeutung 
eines Urteiles, welches sich gegen den Unsinn der vorhergehenden 
Sätze sträubt. Die Einschaltung, „die mir unwahrscheinlich 
vork ommt'^, gehört zusammen mit dem späteren „Es kommt mir 
plausibel vor . Ungefähr mit den gleichen Worten habe ich der 
Dame, die mir die Krankengeschichte ihres Bruders erzählte, erwidert : 
Es kommt mir unwahrscheinlich vor, daß der Ausruf „Natur, 
Natur", etwas mit Goethe zu tun hatte; es ist mir viel plau- 
sibler, daß er die Ihnen bekannte sexuelle Bedeutung gehabt hat." 
Es ist hier allerdings ein Urteil gefallt worden, aber nicht im Traume, 
sondern in der Realität, bei einer Veranlassung, die von den Traum- 
gedanken erinnert und verwertet wird. Der Trauminhalt eignet sich 



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300 '^ VI. Die Traumarbeit. 



dieses Urteil aa wie irgend ein anderes Brachstück der Traom- 
gedanken. 

Die Zahl 18, mit der das Urteil im Traume unsinnigerweise in 
Verbindung gesetzt ist, bewahrt noch die Spur des Zusammenhanges, 
aus dem das reale Urteil gerissen wurde. Endlich daß n^^^ nicht 
sicher bin, welches Jahr wir schreiben*^, soll nichts anderes 
als meine Identifizierung mit dem Paralytiker durchsetzen, in dessen 
£xamen sich dieser eine Anhaltspunkt wirklich ergeben hatte. 

Bei der Auflösung der scheinbaren Urteils akte des Traumes kann 
man sich an die eingangs gegebene Regel für die Ausfllhrung der 
Deutungsarbeit mahnen lassen, daß man den im Traume hergestellten 
Zusammenhang der Traumbestandteile als einen unwes entTichen Schein 
Beiseite lassen und jedes Traumelement für sicET^der ZurückfÜhrung 
unterziehen möge. Der Traum ist ein Konglomerat, das fllr die Zwecke 
der Untersuchung wieder zerbröckelt werden soll. Man wird aber 
anderseits aufmerksam gemacht, daß sich in den Trftumen eine 

gsychische Kraft äußert, welche diesen scheinbaren Zusammenhang 
erstellt, also das durch die Traumarbeit gewonnene Material einer 
sekundärenBeajrbeitung unterzieht. Wir haben hier Äußerungen 
fener Macht vor uns, die wir als d as vierte der bei der Traumbildung 
beteiligten Momente später würdigen werden. 

^"^ VI. Ich suche nach anderen Beispielen von Urteilsarbeit in den 
bereits mitgeteilten Träumen. In dem absurden Traume von der Zu- 
schrift des Gemeinderates frage ich: Bald daraufhast du ge- 
heiratet? Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren bin, was 
mir unmittelbar folgend vorkommt. Das kleidet sich ganz 
in die Form einer Schlußfolge. Der Vater hat bald nach dem 
Anfall im Jahre 1851 geheiratet; ich bin ja der Älteste, 1866 ge- 
boren; also das stimmt. Wir wissen, daß dieser Schluß durch die 
WunscherftlUung verfälscht ist, daß der in den Traumgedanken 
herrschende Satz lautet: 4 oder 5 Jahre, das ist kein Zeit- 
raum, das ist nicht zu rechnen. Aber jedes Stück dieser 
Schlußfolge ist nach Inhalt wie nach Form aus den Traumgedanken 
anders zu determinieren: Es ist der Patient, über dessen Geduld der 
Kollege sich beschwert, der unmittelbar nach Beendigung der Kur zu 
heiraten gedenkt. Die Art, wie ich mit dem Vater im Traume ver- 
kehre, erinnert an ein Verhör oder ein Examen, und damit an 
einen Universitätslehrer, der in der Inskriptionsstunde ein vollstän- 
diges Nationale aufzunehmen pflegte. Geboren, wann? 1856. — Patre? 
Darauf sa^te man den Vornamen des Vaters mit lateinischer Endung, 
und wir Studenten nahmen an, der Hofrat ziehe aus dem Vornamen 
des Vaters Schlüsse, die ihm der Vorname des Inskribierten nicht 
jedesmal gestattet hätte. Somit wäre das Schlußziehen dies Traumes 
nur die Wiederholung des Schlußziehens, das als ein Stück Material 
in den Traumgedanken auftritt. Wir erfahren hieraus etwas Neues* 
Wenn im Trauminhalt ein Schluß vorkommt, so kommt er ja sicher- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Die scheinbaren TJrteilsäaßerungen des Traumes. 301 

lieh aus den Traunxgedanken ; in diesen mag er aber enthalten sein 
als ein Stück des erinnerten Materials oder er kann als logisches Band 
eine Reihe von Traumgedanken miteinander verknüpfen. In jedem 
Falle stellt der Schluß im Traume einen Schluß aus den Traum- 
gedanken dar.*) 

Die Analyse dieses Traumes wäre hier fortzusetzen. An das 
Verhör des Professors reiht sich die Erinnerung an den (zu meiner 
5^it lateinisch abgefaßten) Index der Universitätsstudenten. Ferner an 
meinen Studiengang. Die fünf Jahre, die für das medizinische 
Studium vorgesehen sind, waren wiederum zu wenig für mich. Ich 
arbeitete unbekümmert in weitere Jahre hinein, und im Kreise meiner 
Bekannten hielt man mich für verbummelt, zweifelte man, daß ich 
„fertig" werden würde. Da entschloß ich mich schnell, meine 
Prüfungen zu machen, und wurde doch fertig; trotzdesAufschubs. 
Eine neue Verstärkung der Traumgedanken, die ich meinen Kritikern 
trotzig entgegenhalte. „Und wenn Ihr es auch nicht glauben wollt, 
weil ich mir Zeit lasse ; ich werde doch fertig, ich komme doch zum 
Schluß. Es ist schon oft so gegangen." 

*/ , 7 Derselbe Traum enthält in seinem Anfangsstück einige Sätze, 
denen man den Charakter einer Argumentation nicht gut absprechen 
kann. Und diese Argumentation ist nicht einmal absurd, sie könnte 
ebensowohl dem wachen Denken angehören. Ich mache mich im 
Traume über die Zuschrift des Gemeinderates lustig, 
denn erstens war ich 1851 noch nicht auf der Welt, 
zweitens ist mein Vater, auf den es sich beziehen kann, 
schon tot. Beides ist nicht nur an sich richtig, sondern deckt sich 
auch völb'g mit den wirklichen Argumenten, die ich im Falle einer 
derartigen Zuschrift in Anwendung bringen würde. Wir wissen aus 
der früheren Analyse (Seite 290), daß dieser Traum auf dem Boden 
von tief erbitterten und hohngetränkten Traumgedanken erwachsen ist ; 
wenn wir außerdem noch die Motive zur Zensur als recht starke an- 
nehmen dürfen, so werden wir verstehen, daß die Traumarbeit eine 
tadellose Widerlegung einer unsinnigen Zumutung nach 
dem in den Traumgedanken enthaltenen Vorbild zu schaffen allen 
Anlaß hat. Die Analyse zeigt uns aber, daß der Traumarbeit hier 
doch keine freie Nachschöpfung auferlegt worden ist, sondern daß 
Material aus den Traumgedanken dazu verwendet werden mußte. Es 
ist, als kämen in einer algebraischen Gleichung außer den Zahlen ein 
-|- und — , ein Potenz- und ein Wurzelzeichen vor, und jemand, der 
diese Gleichung abschreibt, ohne sie zu verstehen, nähme die Ope- 
rationszeicheu wie die Zahlen in seine Abschrift hinüber, würfe aber 
dann beiderlei durcheinander. Die beiden Argumente lassen sich auf 

*) Diese Ergebnisse korrigieren in einigen Punkten meine früheren Angaben 
über die Durstellung der logischen Relationen (Seite 247). Letztere beschreiben d«s 
allgemeine Verhalten der Tranmarbeit, berücksichtigen aber nicht die feinsten and 
sorgfältigsten Leistungen derselben. 



C^ no n 1 ^ Orrgin a f f no m 

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302 VI Die Tranmarbeit. 

folgendes Material zurUckftlhren. Es ist mir peinlich, zu denken, daß 
manche der Voraussetzungen, die ich meiner psychologischen Auf- 
lösung der Psychoneurosen zu Grunde l^e, wenn sie erst bekannt 
geworden sind, Unglauben und Gelächter hervorrufen werden. So muß ' 
ich behaupten, daß bereits Eindrücke aus dem zweiten Lebensjahre, 
mitunter auch schon aus dem ersten, eine bleibende Spur im Gemttts- 
leben der später Eüranken zurücklassen und — obwohl von der Er- 
innerung vielfach verzeirt und tibertrieben — die erste und unterste 
Begründung für ein hysterisches Symptom abgeben können. Patienten, 
denen ich dies an passender Stelle auseinandersetze, pflegen die neu« 
gewonnene Aufklärung zu parodieren, indem sie sich bereit erklären, 
nacli Erinnerungen aus der Zeit zu suchen, da sie noch nicht 
am Leben waren. Eine ähnliche Aufnahme dürfte nach meiner 
Erwartung die Aufdeckung der ungeahnten Rolle finden, welche bei 
weiblichen Kranken derVater in den frühesten sexuellen Begungen 
spielt. (VgL die Auseinandersetzung Seite 186.) Und doch ist nach 
meiner gut begründeten Überzeugung beides wahr. Ich denke zur 
Bekräftigung an einzelne Beispiele, bei deinen der Tod des Vaters in 
ein sehr früheres Alter des Kindes fiel, und spätere sonst unerklärbare 
Vorfälle bewiesen, daß das Kind doch Erinnerungen an die ihm so 
früh entschwundene Person unbewußt bewahrt hatte. Ich weiß, daß 
meine beiden Behauptungen auf Schlüssen beruhen, deren Gültigkeit 
man anfechten wird. Es ist also eine Leistung der Wunscherfllllung, 
wenn gerade das Material dieser Schlüsse, deren Beanständung 
ich fhrchte, voji der Traumarbeit zur Herstellung einwandfreier 
Schlüsse verwendet wird. 

\k\% VIL In einem Traume, den ich bisher nur gestreift habe, wird 
eingangs die Verwunderung über das auftauchende Thema deutlich 
ausgesprochen. 

Der alte Brücke muß mir irgend eine Aufgabe ge- 
stellt haben; sonderbar genug bezieht sie sich auf Prä- 
paration meines eigenen Untergestells, Becken und 
Beine, das ich vor mirsehewie im Seziersaal, doch ohne 
den Mangel am Körper zu spüren, auch ohne Snur von 
Grauen. Louise N. steht dabei und macht die Arbeit bei 
mir. Das Becken ist ausgeweidet, man sieht bald die 
obere, bald die untere Ansicht desselben, was sich ver- 
mengt. Dicke, fleischrote Knollen (bei denen ich noch 
im Traume an Hämorrhoiden denke) sind zu sehen. Auch 
mußte etwas sorg fältig ausgeklaubt werden, was darüber 
lag und zerknülltem Silberpapier glich.*) Dann war ich 
wieder im Besitze meiner Beine und machte einen Weg 
durch die Stadt, nahm aber (aus Müdigkeit) einen Wagen. 
Der Wagen fuhr zu meinem Erstaunen in ein Haustor 

*) Stanniol, Anspielang auf S tan n ins, Nervensystem der Fiache^ vgh S. 275. 



• (^ rionl^ Orrginaf fnom 

:3yV_:-UUglt UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Verwunderang im Traume. 303 

hinein, das sich öffnete und ihn durch einen Gang pas- 
sieren ließ, der amEnde abgeknickt, schließlich weiter 
ins Freie führte.*) Schließlich wanderte ich mit einem 
alpinen Führer, der meine Sachen trug, durch wech- 
selnde Landschaften. Auf einer Strecke trug er mich 
mit Rücksicht auf meine müden Beine. Der Boden war 
sumpfig; wir gingen am Rande hin; Leute saßen am 
Boden, ein Mädchen unter ihnen, wie Indianer oder 
Zigeuner. Vorher hatte ich auf demschlüp fr igen Boden 
mich selbst weiter bewegt unter steter Verwunderung, 
daß ich es nach der Präparation so gut kann. Endlich 
kamen wir zu einem kleinen Holzhaus, das in ein offenes 
Fenster ausging. Dort setzte mich der Führer ab und 
legte zwei bereit stehende Holzbretter auf das Fenste r- 
brett, um so den Abgrund zu überbrücken, der vom„ 
Fenster aus zu überschreiten war. Ich bekam jetztwirk- 
lich Angst für meine Beine. Anstatt des erwarteten Über- 
ganges sah ich aber zwei erwachsene Männer auf Holz- 
bänken liegen, dieanden Wänden dcrHütte waren, und 
wie zwei Kinder schlafend neben ihnen. Als ob nicht 
die Bretter, sondern die Kinder den Übergang ermög- 
lichen sollten. Ich erwache mit Gedankenschreck. 
^ / ^ Wer sich nur einmal einen ordentlichen Eindruck von der Aus- 
giebigkeit der Traumverdichtung geholt hat, der wird sich leicht vor- 
stellen können, welche Anzahl von Blättern die ausführliche Analyse 
dieses Traumes einnehmen muß. Zum Glück für den Zusammenhang 
entlehne ich dem Traume aber bloß das eine Beispiel für die Ver- 
wunderung im Traume, die sich in der Einschaltung „sonderbar 
genug" kundgibt. Ich gehe auf den Anlaß des Traumes ein. Es ist 
ein Besuch jener Dame Louise N., die auch im Traume der Arbeit 
assistiert. „Leih' mir etwas zum Lesen." Ich biete ihr ^She" von 
Rider Haggard an. Ein „sonderbares Buch, aber voll von 
verstecktem Sinne", will ich ihr auseinandersetzen; „das ewig Weib- 
liche, die Unsterblichkeit unserer Affekte '^. Da unterbricht sie 

mich: Das kenne ich schon. Hast du nichts eigenes? — n^®^^? meine 
eigenen unsterblichen Werke sind noch nicht geschrieben." — Also 
wann erscheinen denn deine sogenannten letzten Aufklärungen, die, 
wie du versprichst, auch für uns lesbar sein werden? fragt sie etwas 
anzüglich. Ich merke jetzt, daß mich ein anderer durch ihren Mund 
mahnen läßt, und verstumme. Ich denke an die Überwindung, die es 
m.ich kostet, auch nur die Arbeit über den Traum, in der ich soviel 
vom eigenen intimen Wesen preisgeben muß, in die Öffentlichkeit zu 
schicken. „Das beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben 
doch nicht sagen." Die Präparation am eigenen Leib, die mir im 

*) Die ÖrtHchkeit im Flare meines VVohnhaases, wo die Kinderwagen der 
Parteien stehen; sonst aber mehrfach überbestimmt. 



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304 VI. Die Tranmarbeit. 

Traume aufgetragen wird, ist also die mit der Mitteilung der Träume 
verbundene Selbstanalyse. Der alte Brücke kommt mit Recht 
hiezu; schon in diesen ersten Jahren wissenschaftlicher Arbeit traf es 
sichj daß ich einen Fund liegen ließ, bis sein energischer Auftrag mich 
zur Veröffentlichung zwang. Die weiteren Gedanken aber^ die sich an 
die Unterredung mit Louise N. anspinnen, greifen zu tief, um bewußt 
zu werden ; sie erfahren eine Ablenkung über das Material, das in mir 
nebstbei durch die Erwähnung der „She'^ von Rider Haggard 
geweckt worden ist Auf dieses Buch und auf ein zweites desselben 
Autors, „Heart of the world^, geht das Urteil „sonderbar genug", 
und zahlreiche Elemente des Traumes sind den beiden phantastischen 
Romanen entnommen. Der sumpfige Boden, über den man getragen 
wird, der Abgrund, der mittels der mitgebrachten Bretter zu über- 
schreiten ist, stammen aus der „She'^ ; die Indianer, das Mädchen, das 
Holzhaus aus „Heart of the world". In beiden Romanen ist eine Frau 
die Ftihrcrin, in beiden handelt es sich um gefährliche Wanderungen, 
in She um einen abenteuerlichen Weg ins Unentdeckte, kaum je 
Betretene. Die müden Beine sind nach einer Notiz, die ich bei dem 
Traume finde, reale Sensation jener Tage gewesen. Wahrscheinlich 
entsprach ihnen eine müde Stimmung und die zweifelnde Frage : Wie 
weit werden mich meine Beine noch tragen? In der „She'^ endet d^is 
Abenteuer damit, daß die Führerin, anstatt sich und den anderen die Un- 
sterblichkeit zu holen, im geheinmisvollen Zentralfeucr den Tod findet. 
Eine solche Angst hat sich unverkennbar in den Traumgedanken 
geregt. Das „Holzhaus'^ ist sicherlich auch der Sarg, also das 
Grab. Aber in der Darstellung dieses unerwünschtesten aller Gedanken 
durch eine Wunscherfullung hat die Traumarbeit ihr Meisterstück 
geleistet. Ich war nitmlich schon einmal in einem Grabe, aber es war 
ein ausgeräumtes Etruskergrab bei Orvieto, eine schmale Kammer 
mit zwei Steinbänken an den Wänden, auf denen die Skelette 7on 
zwei Erwachsenen gelagert waren. Genau so sieht das Innere des 
Holzhauses im Traume aus, nur ist Stein durch Holz ersetzt. Der 
Traum scheint zu sagen: „Wenn du schon im Grabe weilen sollst, 
so sei es das Etruskergrab", und mit dieser Unterschiebung ver- 
wandelt er die traurigste Erwartung in eine recht erwünschte. Leider 
kann er, wie wir hören werden, nur die den Affekt begleitende Vor- 
stellung in ihr Gegenteil verkehren, nicht immer auch den Affekt 
selbst. So wache ich denn mit „Gedankenschreck" auf, nachdem sich 
noch die Idee Darstellung erzwungen, daß vielleicht die Kinder er- 
reichen werden, was dem Vater versagt geblieben, eine neuerliche An- 
spielung an den sonderbaren Roman, in dem die Identität einer Person 
durch eine Generationsreihe von 2000 Jahren festgehalten wird. 

»^ ' ^ VIII. In dem Zusammenhang eines anderen Traumes findet sich 
gleichfalls ein Ausdruck der Verwunderung über das im Traume Er- 
lebte, aber verknüpft mit einem so auffälligen, weit hergeholten und 
beinahe geistreichen Elrklärungsversuche, daß ich bloß seinetwegen den 



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Ein Erklärungsversuch im Traume. 305 

ganzen Traum der Analyse unterwerfen müßte, auch wenn der Traum 
nicht noch zwei andere Anziehungspunkte für unser Interesse besäße. 
Ich reise in der Nacht vom 18. auf den 19. Juli auf der Südbahn- 
strecke und höre im Schlafe: „Hollthurn, 10 Minuten^ aus- 
rufen. Ich denke sofort an Holothurien — ein natur- 
historisches Museum — , daß hier ein Ort ist, wo sich 
tapfere Männer erfolglos gegen die Übermacht ihres 
Landesherrn gewehrt haben. — Ja, die Gegenreformation 
in Österreich! — Als ob es ein Ort in Steiermark oder 
Tirol wäre. Nun sehe ich undeutlich ein kleines Museum, 
in dem die Reste oder Erwerbungen dieser Männer auf- 
bewahrt werden. Ich möchte aussteigen, verzögere es 
aber. Es stehen Weiber mit Obst auf dem Perron, sie 
kauern auf dem Boden undhaltendieKörbesoeinladend 
hin. — Ich habe gezögert aus Zweifel, ob wir noch Zeit 
haben, undjetztstehenwirnochimmer. — Ich bin plötz- 
lich in einem anderen Coup 6, in dem Leder und Sitze 
so schmal sind, daß man mit dem Rücken direkt an die 
Lehne stößt.*) Ich wundere mich darüber, aber ich kann 
ja im schlafenden Zustand umgestiegen sein. MehrereLeute, 
darunter ein englisches Geschwisterpaar; eine Reihe 
Bücher deutlich auf einem Gestell anderWand. Ich sehe 
„Wealth of nations", „Matter and Motion" (von Maxwell), 
dick und in braune Leinwand gebunden. Der Mann fragt 
die Schwester nach einem Buche vonSchiller, obsiedas 
vergessen hat Es sind die Bücher bald wie die meinen, 
bald die der Beiden. Ich möchte mich da bestätigend 
oder unterstützend ins Gespräch mengen — — — . Ich 
wache, am ganzen Körper schwitzend, auf, weil alle Fenster geschlossen 
sind. Der Zug hält in Marburg. 

Während der Niederschrift ßlllt mir ein Traumstück ein, das 
die Erinnerung übergehen wollte. Ich sage dem Geschwister- 
paare auf ein gewisses Werk: It is from . . ., korrigiere 
mich aber: It is by... Der Mannbemerkt zurSchwester: 
Er hat es ja richtig gesagt. 

^ 1 l-Der Traum beginnt mit dem Namen der Station, der mich wohl 
unvollkommen geweckt haben muß. Ich ersetze diesen Namen, der 
Mar-burg lautete, durch Hollthurn. Daß ich Marburg beim ersten 
oder vielleicht bei einem späteren Ausrufen gehört habe, beweist die 
Erwähnung Schillers im Traume, der ja in Marburg, wenngleich 
nicht im steirischen, geboren ist.**) Nun reiste ich diesmal, obwohl 

*) Dieflo Beachreibang ist für mich selbst nicht verständlich, aber ich folge 
dein Grundsätze, den Traum in jenen Worten wiederzugeben, die mir beim Nieder- 
schreiben einfallen. Die Wortfassung ist selbst ein Stück der Traumdarstellung. 

**) [Schiller ist nicht in einem Marburg, sondern in Marbach geboren, 
wie jeder deutsche Gymnasiast weiß, und wie auch ich wußte. Es ist dies wieder 

Pr«ad, TraamdeutoDg. S. Aufl. * 20 



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306 VT. Die Traumarbeit. 

erster Klasse, nnter sehr unangenehmen Verhältnissen. Der Zug war 
überfllllt, in dem Coup6 hatte ich einen Herrn und eine Dame an- 
getroffen, die sehr vornehm schienen und nicht die Lebensart besaßen 
oder es nicht der Mühe wert hielten, ihr IVIilivergnügen über den 
Eindringling irgendwie zu verbergen. Mein höflicher Gruß wurde 
nicht erwidert; obwohl Mann und Frau nebeneinander saßen (gegen 
die Fahrtrichtung), beeilte sich die Frau doch, den Platz ihr gegenüber 
am Fenster vor meinen Augen mit einem Schirme zu belegen ; die 
Tür wurde sofort geschlossen, demonstrative Reden über das Öffnen 
der Fenster gewechselt. Wahrscheinlich sah man mir den Lufthunger 
bald an. Es war eine heiße Nacht und die Luft im allseitig abge- 
schlossenen Coup6 bald zum Ersticken. Nach meinen Reiseerfahruog^en 
kennzeichnet ein so rücksichtslos übergreifendes Benehmen Leute, die 
ihre Karte nicht oder nur halb bezahlt haben. Als der Kondukteur 
kam und ich mein teuer erkauftes Billet vorzeigte, tönte es aus dem 
Munde der Dame unnahbar und wie drohend: Mein Mann hat Legi- 
timation. Sie war eine stattliche Erscheinung mit mißvergnügten 
Zügen, im Alter nicht weit von der Zeit des Verfalls weiblicher 
Schönheit; der Mann kam überhaupt nicht zu Worte, er saß regungslos 
da. Ich versuchte zu schlafen. Im Traume nehme ich fürchterliche 
Rache an meinen unliebenswürdigen Reisegefährten ; man würde nicht 
ahnen, welche Beschimpfungen und Demütigungen sich hinter den 
abgerissenen Brocken der ersten Traumhälfte verbergen. Nachdem dies 
Bedürfnis befriedigt war, machte sich der zweite Wun§ch geltend, das 
Coup6 zu wechseln. Der Traum wechselt so oft die Szene, und ohne 
daß der mindeste Anstoß an der Veränderung genommen vmrd, daß 
es nicht im geringsten auflfkllig gewesen wäre, wenn ich mir alsbald 
meine Reisegesellschaft durch eine angenehmere aus meiner Erinnerung 
ersetzt hätte. Hier aber tritt der Fall ein, daß irgend etwas den 
Wechsel der Szene beanständete und es für notwendig hielt, ihn zu 
^ erklären. Wie kam ich plötzlich in ein anderes Coup6? Ich konnte 
mich doch nicht erinnern umgestiegen zu sein. Da gab es nur eine 
Erklärung: ich mußte im schlafenden Zustand den Wagen 
verlassen haben, ein seltene^s Vorkommnis, wofür aber doch die 
Erfahrimg des Neuropathologen Beispiele liefert. Wir wissen von 
Personen, die Eisenbahnfahrten in einem Dämmerzustand unternehmen, 
ohne durch irgend ein Anzeichen ihren abnormen Zustand zu 
verraten, bis sie an irgend einer Station der Reise voll zu sich kommen 
und dann die Lücke in ihrer Erinnerung bestaunen. Für einen 
solchen Fall von „Automatisme ambulatoire" erkläre ich also 
noch im Traume den meinigen. 

H^*-*Die Analyse gestattet eine andere Auflösung zu geben. Der Er- 
klärungsversuch, der mich so frappiert, wenn ich ihn der Traum- 
einer jener Irrtümer (vgl. Seite 148), die sich als Ersatz für eine absichtUche Ver- 
f&Ischang an anderer Stelle einschleichen, und deren Aufklfirnng ich in der «Psycho- 
pathologie des Alltagslebens*' versncht habe ] 



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Ein Erklärungsversuch im Traume. 307 

arbeit zuschreiben müßte, ist nicht originell, sondern aus der Neurose 
eines meiner Patienten kopiert. Ich erzählte bereits an anderer Stelle 
von einem hochgebildeten und im Leben weichherzigen Manne, der 
kurz nach dem Tode seiner Mtem begann, sich mörderischer Nei- 
gungen anzuklagen, und nun unter den Vorsichtsmaßregeln litt, die 
er zur Sicherung gegen dieselben treffen mußte. Es war ein Fall von 
schweren Zwangsvorstellungen bei voll erhaltener Einsicht. Zuerst 
wurde ihm das Passieren der Straße durch den Zwang verleidet, sich 
von allen Begegnenden Rechenschaft abzulegen, wohin sie verschwun- 
den seien ; entzog sich ein€r plötzlich seinem verfolgenden Blicke, so 
blieb ihm die peinliche Empfindung und die Möglichkeit in Gedanken, 
er könnte ihn beseitigt haben. Es war unter anderem eine Kains- 
phantasie dahinter, denn „alle Menschen sind Brüder'^. Wegen der 
Unmöglichkeit, diese Aufgabe zu erledigen, gab er das Spazierengehen 
auf und verbrachte sein Leben eingekerkert zwischen seinen vier 
Wänden. In sein Zimmer gelangten aber durch die Zeitung beständig 
Nachrichten von Mordtaten, die draußen geschehen waren, und sein 
Gewissen wollte ihm in der Form des Zweifels nahe legen, daß er 
der gesuchte Mörder sei. Die Gewißheit, daß er ja seit Wochen seine 
Wohnung nicht verlassen habe, schützte ihn eine Weile gegen diese 
Anklagen, bis ihm eines Tages die Möglichkeit durch den Sinn fuhr, 
daß er sein Haus im bewußtlosen Zustand verlassen und 
so den Mord begangen haben könne, ohne etwas davon zu wissen. 
Von da an schloß er die Haustür ab, übergab den Schlüssel der alten 
Haushälterin und verbot ihr eindringlich, denselben auch nicht auf 
sein Verlangen in seine Hände gelangen zu lassen. 

iy^i) Daher stammt also der Erklärungsversuch, daß ich im bewußt- 
losen Zustand umgestiegen bin — , er ist aus dem Material der Traum- 
gedanken fertig in den Traum eingetragen worden und soll im Traume 
offenbar dazu dienen, mich mit der Person jenes Patienten zu identi- 
fizieren. Die Erinnerung an ihn wurde in mir durch naheliegende 
Assoziation geweckt. Mit diesem Manne hatte ich einige Wochen vor- 
her die letzte Nachtreise gemacht. Er war geheilt, begleitete mich in 
die Provinz zu seinen Verwandten, die mich beriefen ; wir hatten ein 
Coup6 fllr uns, ließen alle Fenster die Nacht hindurch offen und hat- 
ten uns, so lange ich wach blieb, vortrefflich unterhalten. Ich wußte, 
daß feindselige Impulse gegen seinen Vater aus seiner Kindheit in 
sexuellem Zusammenhange die Wurzel seiner Erkrankung gewesen 
waren. Indem ich mich also mit ihm identifizierte, wollte ich mir 
etwas Analoges eingestehen. Die zweite Szene des Traumes löst sich 
auch wirklich in eine übermütige Phantasie auf, daß meine beiden 
ältlichen Reisegefährten sich darum so abweisend gegen mich benehmen, 
weil ich sie durch mein Kommen an dem beabsichtigten nächt- 
lichen Austausch von Zärtlichkeiten gehindert habe. Diese Phantasie 
aber geht auf eine frühe Kinderszene zurück, in der das Kind, wahr- 
scheinlich von sexueller Neugierde getrieben, in das Schlafzimmer der 

20* 



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y 



308 VL Die Traamarbeit. 

Mtern eindringt und darch das Machtwort des Vaters daraus ver- 
trieben wird. 

loh halte es für überflüssig, weitere Beispiele zu häufen« Sie 
würden alle nur bestätigen, was wir aus den bereits angeführten ent- 
nommen haben, daß ein Urteilsakt im Traume nur die Wiederholung 
eines Vorbildes aus dem Traumgedanken ist. Zumeist eine übel an- « 
gebrachte, in unpassendem Zusammenhange eingefügte Wiederholung, 
gelegentlich aber, wie in unseren letzten Beispielen, eine so geschickt 
verwendete, ^aß man zunächst den Eindruck einer selbständigen Denk- 
tätigkeit im Traume empfangen kann. Von hier aus könnten wir 
unser Interesse jener psychischen Tätigkeit zuwenden, die zwar nicht 
regelmäßig bei der Tfftümbitdung mitzuwirken scheint, die aber, wo 
sie es ti|t, bemüht ist, die nach ihrer Herkunft disp araten Tr aumgle- 
mente widerspruchsfrei und sinnvoll zu verschmelzen. Wir empHnden 
es aber vorher noch als dringlich, uns mit den Affektäußerungen zu 
beschäftigen, die im Traume auftreten, und dieselben mit den Affekten 
zu vergleichen, welche die Analyse in den Traumgedanken aufdeckt. 

g) Die Affekte im Traume. 

14^ Eine scharfsinnige Bemerkung von Stricker'^) hat uns auf- 
merksam gemacht, daß die Affektäußerungen des Traumes nicht die 
gcTingschätzige Art der Erledigung gestatten, mit der wir erwacht den 
Trauminhalt abzuschütteln pflegen. „Wenn ich mich im Traume vor 
Räubern ftlrchte, so sind die Käuber zwar imaginär, aber die Furcht 
ist real," und ebenso geht es, wenn ich mich im Traume freue. Nach 
dem Zeugnisse unserer Empfindung ist der im Traume erlebte Affekt 
keineswegs minderwertig gegen den im Wachen erlebten von gleicher 
Intensität, und energischer als mit seinem Vorstellungsinhalte, erhebt 
der Traum mit seinem Affektinhalt den Anspruch, unter die wirkli- 
chen Erlebnisse unserer Seele aufgenommen zu werden. Wir bringen 
diese Einreihung nun im Wachen nicht zu stände, weil wir einen 
Affekt nicht anders psychisch zu würdigen verstehen als in der Ver- 
knüpfung mit einem Vorstellungsinhalt, rassen Affekt und Vorstellung' 
der Art und der Intensität nach nicht zueinander, so wird unser 
waches Urteil irre. 

An den Träumen hat immer Verwunderung erregt, daß Vor- 
stellungsinhalte nicht die Affektwirkung mit sich bringen, die wir als 
notwendig im wachen Denken erwarten würden. Strümpell äußerte, 
im Traume seien die Vorstellungen von ihren psychischen Werten 
entblößt. Es fehlt im Traume aber auch nicht am gegenteiligen Vor- 
kommen, daß intensive Affektäußerung bei einem Inhalt auÄritt, der 
zur Entbindung von Affekt keinen Anlaß zu bieten scheint. Ich bin 
im Traume in einer gräßlichen, gefahrvollen, ekelhaften Situation, ver- 
spüre aber dabei nichts von Furcht oder Abscheu; hingegen entsetze 
ich mich andere Male über harmlose, und freue mich über kindische 
Dinge. 



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Die Affekte im Traume. 309 

^^S^-Dieses Rätsel des Traumes verschwindet uns so plötzlich und so 
vollständig wie vielleicht kein anderes der Trautnriitsel, wenn wir vom 
manifesten Trauminhalt zum latenten übergehen. Wir werden mit 
seiner Erklärung nichts zu schaffen haben, denn es besteht nicht mehr. 
Die Analyse lehrt uns, daß die Vorstellungsinhalte Ver- 
schiebungen undErsetzungenerfahrenhaben, während 
die Affekte unverrückt geblieben sind. Kein Wunder, daß 
der durch die Traumentstellung veränderte Vorstellungsinhalt zum 
erhalten gebliebenen Affekt dann nicht mehr paßt; aber auch keine 
Verwunderung mehr, wenn die Analyse den richtigen Inhalt an seine 
frühere Stelle eingesetzt hat. 

An einem psychischen Komplex, welcher die Beeinflussung der 
Widerstandszensur erfahren hat, sind die Aflfekte der resistente Anteil, 
der uns allein den Fingerzeig zur richtigen Ergänzung geben kann. 
Deutlicher noch als beim Traume enthüllt sich dies Verhältnis bei den 
Psychoneurosen. Der AflFekt hat hier immer Recht, wenigstens seiner 
Qualität nach ; seine Intensität ist ja durch Verschiebungen der neuro- 
tischen Aufmerksamkeit zu steigern. Wenn der Hysteriker sich wun- 
dert, daß er sich vor einer Kleinigkeit so sehr fürchten muß, oder 
der Mann mit Zwangsvorstellungen, daß ihm aus einer Nichtigkeit ein 
so peinlicher Vorwurf erwächst, so gehen beide irre, indem sie den 
Vorstellungsinhalt — die Kleinigkeit oder die Nichtigkeit — ftlr das 
Wesentliche nehmen, und sie wehren sich erfolglos, indem sie diesen 
Vorstellungsinhalt zum Ausgangspunkte ihrer Denkarbeit machen. Die 
Psychoaualyse zeigt ihnen dann den richtigen Weg, indem sie im Ge- 
genteil den Affekt als berechtigt anerkennt, und die zu ihm gehörige, 
durch eine Erset^iung verdrängte Vorstellung aufsucht. Voraussetzung 
ist dabei, daß Affektentbindung und Vorstellungsinhalt nicht diejenige 
unauflösbare organische Einheit bilden, als welche wir sie zu behan- 
deln gewöhnt sind, sondern daß beide Stücke aneinander gelötet sein 
können, so daß sie durch Analyse voneinander lösbar sind. Die Traum- 
deutung zeigt, daß dies in der Tat der Fall ist. 

Ich bringe zuerst ein Beispiel, in dem die Analyse das schein- 
bare Ausbleiben des Affekts bei einem Vorstellungsinhalt aufklärt, 
der Affektentbindung erzwingen sollte. 

H^TI. Sie sieht in einer Wüste drei Löwen, von denen 
einer lacht, fürchtet sich aber nicht vor ihnen. Dann 
muß sie doch vor ihnen geflüchtet sein, denn sie will 
auf einen Baum klettern, findet aber ihre Cousine, die 
französische Lehrerin ist, schon oben u. s. w. 

Dazu bringt die Analyse folgendes Material: Der indifferente 
Anlaß zum Traume ist ein Satz ihrer englischen Aufgabe geworden : 
Die Mähne ist der Schmuck des Löwen. Ihr Vater trug einen sol- 
chen Bart, der wie eine Mähne das Gesicht umrahmte. Ihre eng- 
hsche Sprachlehrerin heißt Miß Lyons (Lions = Löwen). Ein Be- 
kannter hat ihr die Balladen von Loewe zugreschickt. Das sind also 



r^r\onlf* Orfgfnaffrom 

:)y V.iUUglt UNIVERSITY OF MICHIGAN 



310 VI, Die Traumarbeit. 

die drei Löwen; warum sollte sie sich vor ihnen fürchten? — Sie 
hat eine Erzählung gelesen, in welcher ein Neger, der die anderen 
zum Aufstand aufgehetzt, mit Bluthunden gejagt wird und zu seiner 
Rettung auf einen Baum klettert. Dann folgen in übermütigster Stim- 
mung Erinnerungsbrocken wie die: Die Anweisung, wie man Löwen 
fängt, aus den „Fliegenden Blättern" : Man nehme eine Wüste und 
siebe sie durch, dann bleiben die Löwen übrig. Ferner die höchst 
lustige, aber nicht sehr anständige Anekdote von einem Beamten, der 
gefragt wird, warum er sich denn nicht um die Gunst seines Chefs 
ausgiebiger bemühe, und der zur Antwort gibt, er habe sich wohl bemüht 
da hineinzukriechen, aber sein Vordermann war schon oben. Das 
ganze Material wird verständlich, wenn man erfilhrt, daß die Dame 
am Traumtage den Besuch des Vorgesetzten ihres Mannes empfangen 
hatte. Er war sehr höflich mit ihr, küßte ihr die Hand, und sie 
fürchtete sich garnichtvorihm, obwohl er ein sehr „großes 
Tier" ist und in der Hauptstadt ihres Landes die Rolle eines »Löwen 
der Gesellschaft'^ spielt. Dieser Löwe ist also vergleichbar dem 
Löwen im Sommernachtstraume, der sich als Schnook, der Schreiner 
demaskiert, und so sind alle Traumlöwen, vor denen man sich nicht 
fürchtet. 

ccvt IL Als zweites Beispiel ziehe ich den Traum jenes Mädchens heran, 
das den kleinen Sohn ihrer Schwester als Leiche im Sarg liegen sah, 
dabei aber, wie ich jetzt hinzufüge, keinen Schmerz und keine Trauer 
verspürte. Wir wissen aus der Analyse, warum nicht. Der Traum 
verhüllte nur ihren Wunsch, den geliebten Mann wiederzusehen; der 
Affekt mußte auf den Wunsch abgestimmt sein und nicht auf dessen 
Verhüllung. E3 war also zur Trauer gar kein Anlaß. 

In einer Anzahl von Träumen bleibt der Affekt wenigstens noch 
in Verbindung mit jenem Vorstellungsinhalt, welcher den zu ihm pas- 
senden ersetzt hat. In anderen geht die Auflockerung des Komplexes 
weiter. Der Affekt erscheint völlig gelöst von seiner zugehörigen Vor- 
stellung, und findet sich irgendwo anders im Traume untergebracht, 
wo er in die neue Anordnung der Traumelemente hineinpaßt. Es ist 
dann ähnlich, vrie wir's bei den Urteilsakten des Traumes erfahren 
haben. Findet sich in den Traumgedanken ein bedeutsamer Schluß, 
so enthält auch der Traum einen solchen ; aber der Schluß im Traume 
kann auf ein ganz anderes Material verschoben sein. Nicht selten er- 
folgt diese Verschiebung nach dem Prinzip der Gegensätzlichkeit. 

Die letztere Möglichkeit erläutere ich an folgendem Traumbei- 
spiele, das ich der erschöpfendsten Analyse unterzogen habe. 
^'^'\ III. Ein Schloß am Meere, später liegt es nicht 
direkt am Meere, sondern an einem schmalen Kanal, 
der ins Meer führt. Ein Herr P. ist der Gouverneur. Ich 
stehe mit ihm in einem großen dreifenstrige n Salon, 
vor dem sich Mauervorsprünge wie Festungszinnen er- 
heben. Ich bin etwa als freiwilliger Marineoffizier der 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 






Erklärung des Ausbleibens erwarteter Affekte. 311 

Besatzung zugeteilt. Wir befürchten das Eintreffen von 
feindlichen Kriegsschiffen, da wir uns im Kriegszustand 
befinden. Herr P. hat die Absicht wegzugehen; er er- 
teilt mir Instruktionen, was in dem befürchteten Falle 
zu geschehen hat. Seine kranke Frau befindet sich mit 
den Kindern im gefährdeten Schlosse. Wenn das Bom- 
bardement beginnt, soll der große Saal geräumt werden. 
Er atmet schwer und will sich entfernen; ich halte ihn 
zurück und frage, auf welche Weise ich ihm nötigen- 
falls Nachricht zukommen lassen soll. Darauf sagt er 
noch etwas, sinkt aber gleich darauf tot um. Ich habe 
ihn wohl mit den Fragen überflüssigerweise angestrengt. 
Nach seinem Tode, der mir weiter keinen Eindruck 
macht, Gedanken, ob die Witwe im Schlosse bleiben 
wird, ob ich dem Oberkommando den Tod anzeigen und 
als der nächste im Befehl die Leitung des Schlosses 
übernehmen soll. Ichstehe nun amFensterund mustere 
die vorbeifahrenden Schiffe; es sind Kauffahrer, die 
auf dem dunklen Wasser rapid vorbeisausen, einige mit 
mehreren Kaminen, andere mit bauschiger Decke (die 
ganz ähnlich ist, wie die Bahnhofsbauten im [nicht erzählten] Vor- 
traume). Dann steht mein Bruderneben mir undwirschauen 
beide aus dem Fenster auf den Kanal. Bei einemSchiffe 
erschrecken wir undrufen: Da kommt das Kriegsschiff. 
Es zeigt sich aber, daß nur dieselben Schiffe zurück- 
kehren, die ich schon kenne. Nun kommt ein kleines 
Schiff, komisch abgeschnitten, so daß es mitten in seiner 
Breite endigt; aufDeck sieht man eigentümliche beche r- 
oder dosenartige Dinge. Wirrufen wieaus einem Munde: 
Das ist das Frühstücksschiff. 

Die rasche Bewegung der Schiffe, das tiefdunkle Blau des Was- 
sers, der braune Rauch der Kamine, das alles ergibt zusammen einen 
hochgespannten, düsteren Eindruck. 

Die Örtlichkeiten in diesem Traume sind aus mehreren Reisen 
an die Adria zusammengetragen (Miramare, Duino, Venedig, Aquileja). 
Eine kurze, aber genußreiche Osterfahrt nach Aquileja mit meinem 
Bruder, wenige Wochen vor dem Traume, war mir noch in frischer 
Erinnerung. Auch der Seekrieg zwischen Amerika und Spanien und 
an ihn geknüpfte Besorgnisse um das Schicksal meiner in Amerika 
lebenden Verwandten spielen mit hinein. An zwei Stellen dieses 
Traumes treten Aflfektwirkungen hervor. An der einen Stelle bleibt 
ein zu erwartender AflFekt aus, es wird ausdrücklich hervorgehoben, 
daß mir der Tod des Gouverneurs keinen Eindruck macht; an einer 
anderen Stelle, wie ich das Kriegsschiff zu sehen glaube, erschrecke 
ich und verspüre im Schlafe alle Sensationen des Schreckens. Die 
Unterbringung der Affekte ist in diesem gut gebauten Traume so er- 



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312 VI. Die Tranmarbeit. 

folgt, daß jeder auffkllige Widenprach vermieden ist. Es ist ja kein 
Grund, daß ich beim Tode des Gouverneurs erschrecken sollte, und 
es ist wohl angebracht, daß ich als Kommandant des Schlosses bei 
dem Anblicke des Kriegsschiffes erschrecke. Nun weist aber die 
Analyse nach, daß Herr P. nur ein Ersatzmann ftlr mein eigenes Ich 
ist (im Traume bin ich sein Ersatzmann). Ich bin der Gouverneur, 
der plötzlich stirbt. Die Traumgedanken handeln von der Zukunft 
der Meinigen nach meinem vorzeitigen Tode, Kein anderer peinlicher 
Gedanke findet sich in den Traumgedanken. Der Schreck, der im 
Traume an den Anblick des Kriegsschiffes gelötet ist, muß von dort 
losgemacht uud hieher gesetzt werden. Umgekehrt zeigt die Analyse, 
daß die Region der Traumgedanken, aus der das Kriegsschiff genom- 
men ist, mit den heitersten Reminiszenzen erfüllt ist. Es war ein Jahr 
vorher in Venedig, wir standen an einem zauberhaft schönen Tage 
an den Fenstern unseres Zimmers auf der Riva Schiavoni und schau- 
ten auf die blaue Lagune, in der heute mehr Bewegung zu finden 
war als sonst. Es wurden englische Schiffe erwartet, die feierlich emp- 
fangen werden sollten, und plötzlich rief meine Frau heiter wie ein 
Kind: Da kommt das englische Kriegsschiff! Im Traume 
erschrecke ich bei den nämlichen Worten; wir sehen wieder, daß 
Rede im Traume von Rede im Leben abstammt. Daß auch das Ele- 
ment „englisch" in dieser Rede für die Traumarbeit nicht verloren 
gegangen ist, werde ich alsbald zeigen. Ich verkehre also hier 
zwischen Traumgedanken und Trauminhalt Fröhlichkeit in Schreck, 
und brauche nur anzudeuten, daß ich mit dieser Verwandlung selbst 
ein Stück des latenten Trauminhalts zum Ausdruck bringe. Das Bei* 
j spiel beweist aber, daß es der Traumarbeit freisteht, den Affektanlaß 
aus seinen Verbindungen in den Traumgedanken zu lösen und beliebig 
wo anders im Trauminhalt einzufügen. 

4*^^ Ich ergreife die nebstbei sich bietende Gelegenheit, das „Früh- 
stticksschiff", dessen Erscheinen im Traume eine rationell festgehaltene 
Situation so unsinnig abschließt, einer näheren Analyse zu unter- 
ziehen. Wenn ich das Traumobjekt besser ins Auge fasse, so fkllt 
mir nachträglich auf, daß es schwarz war und durch sein Abschneiden 
in seiner größten Breite an diesem Ende eine weitgehende Ähnlich- 
keit mit einem Gegenstand erzielte, der uns in den Museen etrus- 
kischer Städte interessant geworden war. Es war dies eine rechteckige 
Tasse aus schwarzem Ton, mit zwei Henkeln, auf der Dinge wie 
Kaffee- oder Teetassen standen, nicht ganz unähnlich einem unserer 
modernen Service für den Früh stück tisch. Auf Befragen erfuhren 
wir, das sei die Toilette einer etruskisehen Dame mit den Schminke- 
und Puderbüchsen darauf; und wir sagten uns im Scherze, es wäre 
nicht übel, so ein Ding der Hausfrau mitzubringen. Das Traumobjekt 
bedeutet also — schwarze Toilette, Trauer und spielt direkt auf 
einen Todesfall an. Mit dem anderen Ende mahnt das Traumobjekt 
an den „Nachen^ vom Stamme vexuc, wie mein sprachgelehrter Freund 



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Ablösung und Umstellung der Affekte. 313 

mir mitgeteilt, auf den in Vorzeiten die Leiche gelegt und dem Meere 
zur Bestattung überlassen wurde. Hieran reiht sich, warum im Traume 
die Schiffe zurückkehren. 

;, Still, auf gerettetem Boote, treibt in den Hafen der Greis.'* 
Es ist die Rückfahrt nach dem SchiflFbruche, das Frühstücks- 
schiff ist ja wie in seiner Breite abgebrochen. Woher aber der Name 
„Frühstücks^schiff? Hier kommt nun das „Englische'^ zur Verwendung, 
das wir bei den Kriegsschiffen erübrigt haben. Frühstück = b r e a k- 
fast, Fastenbrecher. Das Brechen gehört wieder zum Schiff- 
bruche, das Fasten schließt sich der schwarzen Toilette an. 

i/*}/ An diesem Frühstücksschiffe ist aber nur der Name vom Traume 
neugebildet. Das Ding hat existiert und mahnt mich an eine der 
heitersten Stunden der letzten Reise. Der Verpflegung in Aquileja 
mißtrauend, hatten wir uns von Görz Eßwaren mitgenommen, eine 
Flasche des vorzüglichen Istrianer Weines in Aquileja eingekauft und 
während der kleine Postdampfer durch den Kanal delle Mee langsam 
in die öde Lagunenstrecke nach Grado fuhr, nahmen wir, die ein- 
zigen Passagiere, in heiterster Laune auf Deck das Frühstück ein, 
das uns schmeckte wie selten eines zuvor. Das war also das „Früh- 
stUcksschiff^, und gerade hinter dieser Reminiszenz frohesten 
Lebensgenusses verbirgt der Traum die betrübendsten Gedanken an 
eine unbekannte und unheimliche Zukunft. 

i^V'Die Ablösung der Affekte von den Vorstellungsmassen, die ihre 
Entbindung hervorgerufen haben, ist das AuffdUigste, was ihnen bei 
der Traumbildung widerfährt, aber weder die einzige noch die wesent- 
lichste Veränderung, die sie auf dem Wege von den Traumgedanken 
zum manifesten Traume erleiden. Vergleicht man die Affekte in den 
Traumgedanken mit denen im Traume, so wird eines sofort klar: Wo 
sich im Traume ein Affekt findet, da findet er sich auch in den Traum- 
gedanken, aber nicht umgekehrt. Der Traum ist im allgemeinen 
affektärmer als das psychische Material, aus dessen Bearbeitung er 
hervorgegangen ist. Wenn ich die Traumgedanken rekonstruiert habe, 
so übersehe ich, wie in ihnen regelmäßig die intensivsten Seelen- 
regungen nach Geltung ringen, zumeist im Kampfe mit anderen, die 
ihnen scharf zuwiderlaufen- Blicke ich dann auf den Traum zurück, 
so finde ich ihn nicht selten farblos, ohne jeden intensiveren Gefühls- 
ton. Es ist durch die Traumarbeit nicht bloß der Inhalt, sondern auch 
oft der Gefühlston meines Denkens auf das Niveau des Indifferenten 
gebracht. Ich könnte sagen, durch die Traumarbeit wird eine 
Unterdrückung der Affekte zu stände gebracht. Man nehme 
z. B. den Traum von der botanischen Monographie Ihm entspricht 
im Denken ein leidenschaftlich bewegtes Plaidoyer für meine Freiheit, 
so zu handeln, wie ich handle, mein Leben so einzurichten, wie es 
mir einzig und allein richtig scheint. Der daraus hervorgegangene 
Traum klingt gleichgültig: Ich habe eine Monographie geschrieben, 
sie liegt vor mir, ist mit farbigen Tafeln versehen, getrocknete 



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OrfgfrTaffrom 
UNIVERSITYOF MICHIGAN 



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J 



314 VI. Die Traumarbeit. 

Pflanzen sind jedem Exemplar beigelegt. Es ist wie die Ruhe eines 
Leichenfeldes; man verspürt nichts mehr vom Toben der Schlacht. 

Es kann auch anders ausfallen, in den Traum selbst können 
lebhafte Afl^ektäußerungen eingehen; aber wir wollen zunächst bei der 
unbestreitbaren Tatsache verweilen, daß so viele Träume indifferent 
erscheinen, während man sich in die Traumgedanken nie ohne tiefe 
Ergriflenheit versetzen kann. 

Die volle theoretische Aufklärung dieser Affektunterdrückung 
während der Traumarbeit ist hier nicht zu geben; sie würde das 
sorgfiiltigste Eindringen in die Theorie der Affekte und in den 
Mechanismus der Verdrängung voraussetzen. Ich will nur zwei Ge- 
^tanken hier eine Erwähnung gönnen. Die A^ffektentbindung bin ich 
— aus anderen Gründen — genötigt mir als einen zentrifugalen, 
gegen das Körperinnere gerichteten Vorgang vorzustellen, analog den 
motorischen und sekretorischen Innervationsvorgängen. Wie nun im 
Schlafzustand die Aussendung motorischer Impulse gegen die Außen- 
welt aufgehoben erscheint, so könnte auch die zentrifugale Er^'eckung 
von Affekten durch das unbewußte Denken während des Schlafes 
erschwert sein. Die Affektregungen, die während des Ablaufes der 
Traumgedanken zu stände kommen, wären also an und für sich 
schwache Kegungen, und darum die in den Traiun gelangenden auch 
nicht stärker. Nach diesem Gedankengange wäre die „Unterdrückung 
der Affekte** überhaupt kein Erfolg der Traumarbeit, sondern eine 
Folge des Schlafzustandes- Es mag so sein, aber es kann unmöglich 
alles sein. Wir müssen auch daran denken, daß jeder zusiimmen- 
gesetztore Traum sich auch als das Kompromißergebnis eines Wideiv 
Streites psychischer Mächte enthüllt hat. Einerseits hahen'^ie wunsch- 
bildenden Gedanken gegen den Widerspruch einer zensurierenden 
Instanz anzukämpfen, anderseits haben wir oft gesehen, daß jm un- 
bewußten Denken selbst ein jeder Gedankenzug mit seinem kontra- 
äiktorischen Gegenteil zusammengespannt war. Da alle diese Ge- 
dankenzüge affektfiihig sind, so werden wir im ganzen und großen 
kaum irre gehen, wenn wir die Affektunterdrückung auffassen als 
Folge der Hemmung, welche die Gegensätze gegeneinander, und die 
Zensur gegen die von ihr unterdrückten Strebungen übt. Die 
Affekthemmung wäre dann der zweite Erfolg derTraum- 
Zensur, wie die Traumentstellung deren erster war. 

Ich will ein Traumbeispiel einfügen, in dem der indifferente 
Empfindungston des Trauminhalts durch (he Gegensätzlichkeit in den 
Traumgedanken aufgeklärt werden kann. Ich habe folgenden kurzen 
Traum zu erzählen, den jeder Leser mit Ekel zur Kenntnis nehmen 
wird: 

IV, Eine Anhöhe, auf dieser etwas wie ein Abort im 
Freien, eine sehr lange Bank, an deren Ende ein großes 
Abortloch. Die ganze hintere Kante dicht besetzt mit 
Häufchen Kot von allenGrößen und Stufen der Frische. 



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Unterdrückung und Aufhebung der Aflfekte. 315 

Hinter der Bank ein Gebüsch. Ich uriniere auf die 
Bank; ein langer Harnstrahl spült alles rein, die Kot- 
patzen lösen sich leicht ab und fallen in die Öffnung. 
Als ob am Ende noch etwas übrig bliebe. 

Warum empfand ich bei diesem Traume keinen Ekel? 

Weil, wie die Analyse zeigt, an dem Zustandekommen dieses 
Traumes die angenehmsten und befriedigendsten Gedanken mitgewirkt 
hatten. Mir fällt in der Analyse sofort der Augiasstall ein, den 
Herkules reinigt. Dieser Herkules bin ich. Die Anhöhe und das 
Gebüsch gehören nach Aussee, wo jetzt meine Kinder weilen. Ich 
habe die Kindheitsätiologie der Neurosen aufgedeckt und dadurch 
meine eigenen Kinder vor Erkrankung bewahrt. Die Bank ist (bis 
auf das Abortloch natürlich) die getreue Nachahmung eines Möbels, 
das mir eine anhängliche Patientin zum Geschenk gemacht hat. Sie 
mahnt mich daran, wie meine Patienten mich ehren. Ja selbst das 
Museum menschlicher Exkremente ist einer herzerfreuenden Deutung 
fkhig. So sehr ich mich dort davor ekle, im Traume ist es eine 
Reminiszenz an das schöne Land Italien, in dessen kleinen Städten 
bekanntlich die W. C. nicht anders ausgestattet sind. Der Harnstrahl, 
der alles rein abspült, ist eine unverkennbare Größenanspielung. So 
löscht Gulliver bei den Liliputanern den großen Brand; er zieht 
sich dadurch allerdings das Mißfallen der allerkleinsten Königin zu. 
Aber auch Gargantua, der Übermensch bei Meister Rabelais, 
nimmt so seine Rache an den Parisern, indem er auf Notre-Dame 
reitend seinen Hamstrahl auf die Stadt richtet. In den Garnier sehen 
Illustrationen zum Rabelais habe ich gerade gestern vor dem 
Schlafengehen geblättert. Und merkwürdig wieder ein Beweis, daß 
ich der Übermensch bin! Die Plattform von Notre-Dame war mein 
Lieblingsaufenthalt in Paris; jeden freien Nachmittag pflegte ich auf 
den Türmen der Kirche zwischen den Ungetümen und Teufels- 
fratzen dort herumzuklettem. Daß aller Kot vor dem Strahle so 
rasch verschwindet, das ist das Motto : Afflavit et dissipati sunt, 
mit dem ich einmal den Abschnitt über Therapie der Hysterie über- 
schreiben werde. 

^3 V Und nun die wirksame Veranlassung des Traumes. Es war ein i 
heißer Nachmittag im Sommer gewesen, ich hatte in den Abend- | 
stunden meine Vorlesung über den Zusammenhang der Hysterie mit 
den Perversionen gehalten, und alles, was ich zu sagen wußte, miß- 
fiel mir so gründlich, kam mir alles Wertes entkleidet vor. Ich war 
müde, ohne Spur von Vergnügen an meiner schweren Arbeit, sehnte 
mich weg von diesem Wühlen im menschlichen Schmutze, nach meinen 
Kindern und dann nach den Schönheiten Italiens. In dieser Stimmung 
ging ich vom Hörsaal in ein Caf6, um dort in freier Luft einen be- 
scheidenen Imbiß zu nehmen, denn die Eßlust hatte mich verlassen. 
Aber einer meiner Hörer ging mit mir; er bat um die Erlaubnis 
dabei zu sitzen, während ich meinen Kaffee trank und an meinem 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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316 VI. Die Traumarbeit 

Kipfel würgte, und begann mir Schmeicheleien zu sagen Wie viel er 
bei mir gelernt, und daß er jetzt alles mit anderen Augen ansehe, 
daß ich den Augiasstall der Irrtümer und Vorurteile der Neuro- 
senlehre gereinigt, kurz daß ich ein sehr großer Mann sei. Meine 
Stimmung paßte schlecht zu seinem Lobgesange ; ich kftmpfle mit dem 
Ekel, ging früher heim, um mich los zu machen, blätterte noch vor 
dem Schlafengehen im Rabelais und las eine Novelle von C. F. 
Meyer „Die Leiden eines Knaben". 

Aus diesem Material war der Traum hervorgegangen, die Novelle 
von Meyer brachte die Erinnerung an Kindheitsszenen hinzu (vergl. 
den Traum vom Grafen Thun, letztes Bild). Die Tagesstimmung^ 
von Ekel und Überdruß setzte sich im Traume insofern durch, als 
sie fast sämtliches Material flir den Trauminhalt beistellen durfte. 
Aber in der Nacht wurde die ihr gegensätzliche Stimmung von 
kräftiger und selbst übermäßiger Selbstbetonung rege und hob die 
erstere auf. Der Trauminhalt mußte sich so gestalten, daß er in 
demselben Material dem Kleinheitswahn wie der Selbstüberschätzung 
den Ausdruck ermöglichte. Bei dieser Kompromißbildung resultierte 
ein zweideutiger Trauminhalt, aber auch durch gegenseitige Henmiung 
der Gegensätze ein indifferenter Empfindungston. 

Nach der Theorie der Wunscherfüllung wäre dieser Traum nicht 
ermöglicht worden, wenn nicht der gegensätzliche, zwar unterdrückte 
aber mit Lust betonte, Gedankenzug des Größenwahns zu dem des 
Ekels hinzugetreten wäre. Denn Peinliches soll im Traume nicht dmr- 
gestellt werden; das Peinliche aus unseren Tagesgedanken kann nur 
dann den Eintritt in den Traum erringen, wenn es seine Einfadeid^ung* 
gleichzeitig einer Wunscherfttllung leiht. 

^OJ^Die Traumarbeit kann mit den Affekten der Traumgedanken 
noch etwas anderes vornehmen, als sie zuzulassen oder zum Nullpunkte 
herabzudrücken. Sie kann dieselben in ihr Gegenteil ver- 
kehren. Wir haben bereits die Deutungsregel kennen gelernt, daß 
jedes Element des Traumes für die Deutung auch sein Gegenteil dar- 
stellen kann, ebensowohl wie sich selbst. Man weiß nie im vorhinein, 
ob das eine oder das andere zu setzen ist; erst der Zusammenhang 
entscheidet hierüber. Eine Ahnung dieses Sachverhalts hat sich offen- 
bar dem Volksbewußtsein aufgedrängt; die Traumbücher verfahren 
bei der Deutung der Träume sehr häufig nach dem Prinzip des Kon- 
trastes. Solche Verwandlung ins Gegenteil wird durch die innige 
assoziative Verkettung ermöglicht, die in unserem Denken die Vor- 
stellung eines Dinges an die seines Gegensatzes fesselt. Wie jede 
andere Verschiebung dient sie den Zwecken der Zensur, ist aber 
auch häufig das Werk der Wunscherfüllung, denn die Wuns cherfUllung 
besteht ja m nichts anderem als in der Ersetzung eines "unliebsameÄ 
Dinges durch sein Gegenteil. Ebenso wie die DingvorstelTüngeh 
können also auch die Affekte der Traumgedanken im Traume ins 
Gegenteil verkehrt erscheinen, und es ist wahrscheinlich, daß diese 



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' Verkehrung der Affekte. 317 

Aff^kty<> rkehruDg zum eist von der Traumzensur bewerkstelligt wird. 
Affek tunterdrtickung wie Af fektverkehrung dienen ja 
auch im sozialen Leben, das uns die geläufige Analogie zur Traum- 
zensur gezeigt hatj vor allem der Verstellung. Wenn ich münd- 
lich mit der Person verkehre, vor der ich mir Rücksicht auferlegen 
muß, während ich ihr Feindseliges sagen möchte, so ist es beinahe 
wichtiger, daß ich die Äußerungen meines Affekts vor ihr verberge, 
als daß ich die Wortfassung meiner Gedanken mildere. Spreche ich 
zu ihr in nicht unhöflichen Worten, begleite aber diese mit einem 
Blicke oder einer Gebärde des Hasses und der Verachtung, so ist die 
Wirkung, die ich bei dieser Person erziele, nicht viel anders, als 
wenn ich ihr meine Verachtung ohne Schonung ins Gesicht geworfen 
hätte. Die Zensur heißt mich also vor allem meine Affekte unter- 
drücken, und wenn ich ein Meister in der Verstellung bin, werde ich 
den entgegengesetzten Affekt heucheln, lächeln, wo ich zürnen, und 
mich zärtlich stellen, wo ich vernichten möchte. 

i^n^L Wir kennen bereits ein ausgezeichnetes Beispiel solcher Affekt- 
verkehrung im Traume im Dienste der Traumzensur* Im Traume 
„von des Onkels Bart" empfinde ich große Zärtlichkeit für meinen 
Freund R., während und weil die Traumgedanken ihn einen Schwach- 
kopf schelten. Aus diesem Beispiele von Verkehr ung der Affekte 
haben wir uns den ersten Hinweis auf die Existenz einer Traum- 
zensur geholt. Es ist auch hier nicht nötig anzunehmen, daß die 
Traumarbeit einen derartigen Gegenaffekt ganz von neuem schafft; 
sie findet ihn gewöhnlich im Material der Traumgedanken bereit- 
liegend und erhöht ihn bloß mit der psychischen Kraft der Abwehr- 
motive, bis^ er für die Traumbildung überwiegen kann. Im letzt- 
erwähnten Onkeltraume stammt der zärtliche Gegenaffekt wahrscheinlich ' 
aus infantiler Qaelle (wde die Fortsetzung des Traumes nahe legt), 
denn das Verhältnis Onkel und Neffe ist durch die besondere Natur 
meiner frühesten Kindererlebnisse (vergl. die Analyse Seite 283) bei 
mir die Quelle aller Freundschaften und alles Hasses geworden. I 

[Es gibt eine Klasse von Träumen, die auf die Bezeichnung als 
„heuchlerische'* einen besonderen Anspruch haben und die Theorie 
der Wunscherfüllung auf eine harte Probe stellen. Ich wurde auf sie 
aufmerksam, als Frau Dr. M. Hilf er ding in der „Wiener psycho- 
analytischen Vereinigung'^ den im nachstehenden abgedruckten Traum- 
bericht Roseggers zur Diskussion brachte. 

Rosegge r in „Waldheiraat'^ IL Band erzählt in der Geschichte 
^ Fremd gemacht" (p. 303): „Ich erfreue mich sonst eines gesunden 
Schlummers, aber ich habe die Ruhe von so mancher Nacht eingebüßt, 
ich habe neben meinem bescheidenen Studenten- und Literatendasein 
den Schatten eines veritabeln Schneiderlebens durch die langen Jahre 
geschleppt, wie ein Gespenst, ohne seiner los werden zu können. 
-h''*/^ Es ist nicht wahr, daß ich mich tagsüber in Gedanken so häufig 
und lebhaft mit meiner Vergangenheit beschäftigt hätte. Ein der Haut 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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318 VT. Die Traumarbeit. 

eines Philisters entsprungener Welt- und Himmelsstürmer hat anderes 
zu tun. Aber auch an seine nächtlichen Träume wird der flotte 
Bursche kaum gedacht haben ; erst später, als ich gewohnt worden 
war, über alles nachzudenken oder auch, als sich der Philister in mir 
wieder ein wenig zu regeu begann, fiel es mir auf, wieso ich denn 
— wenn ich überhaupt träumte — allemal der Schneidergeseir war 
und daß ich solchergestalt schon so lange Zeit bei meinem Lehrmeister 
unentgeltlich in der Werkstatt arbeitete. Ich war mir, wenn ich so 
neben ihm saß und nähte, und bügelte, sehr wohl bewußt, daß ich 
eigentlich nicht mehr dorthin gehöre, daß ich mich als Städter mit 
anderen Dingen zu befassen habe; doch hatte ich stets Ferien, war 
stets auf der Sommerfrische und so saß ich zur Aushilfe beim Lehr- 
meister, Es war mir oft gar unbehaglich, ich bedauerte den Verlust 
der Zeit, in welcher ich mich besser und nützlicher zu beschäftigen 
gewußt hätte. Vom Lehrmeister mußte ich mir mitunter, wenn etwas 
nicht ganz nach Maß und Schnitt ausfallen wollte, eine Rüge gefallen 
lassen ; von einem Wochenlohn jedoch war gar niemals die Rede. Oft, 
wenn ich mit gekrümmtem Rücken in der dunkeln Werkstatt so 
dasaß, nahm ich mir vor, die Arbeit zu kündigen und mich fremd zu 
machen. Einmal tat ichs sogar, jedoch der Meister nahm keine Notiz 
davon, und nächstens saß ich doch wieder bei ihm und nähte. 

Wie mich nach solch' langweiligen Stunden das Erwachen be- 
glückte! Und da nahm ich mir vor, wenn dieser zudringliche Traum 
sich wieder einmal einstellen sollte, ihn mit Energie von mir zu 
werfen und laut auszurufen : es ist nur Gaukelspiel, ich liege im Bette 
und will schlafen . . . Und in der nächsten Nacht saß ich doch w^ieder 
in der Schneiderwerkstatt. 

vv^> So ging es Jahre in unheimlicher Regelmäßigkeit fort. Da war 
es einmal, als wir, der Meister und ich, beim Alpelhofer arbeiteten, 
bei jenem Bauern, wo ich in die Lehre eingetreten war, daß sich 
mein Meister ganz besonders unzufrieden mit meinen Arbeiten zeigte. 
„Möcht' nur wissen, wo du deine Gedanken hast!" sagte er und sah 
mich etwas finster an. Ich dachte, das Vernünftigste wäre, w^enn ich 
jetzt aufstünde, dem Meister bedeutete, daß ich nur aus Gefiüligkeit 
bei ihm sei, und wenn ich dann davon ging. Aber ich tat es nicht. 
Ich ließ es mir gefallen, als der Meister einen Lehrling aufnahm und 
mir befahl, demselben auf der Bank Platz zu machen. Ich rückte in 
den Winkel und nähte. An demselben Tag wurde auch noch ein Ge- 
selle aufgenommen, bigott, es war der Böhm, der vor neunzehn 
Jahren bei uns gearbeitet hatte und damals auf dem Wege vom Wirte- 
hause in den Bach gefallen war. Als er sich setzen wollte, war kein 
Platz da. Ich blickte den Meister fragend an, und dieser sagte zu 
mir: „Du hast ja doch keinen Schick zur Schneiderei, du kannst 
gehen, du bist fremd gemacht'^ — So übermächtig w^ar hier- 
über mein Schreck, daß ich erwachte. 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Heuchlerische Träume. 319 

«-i'^'^Das Morgengrauen schimmerte zu den klaren Fenstern herein 
in mein trautes Heim. Gegenstände der Kunst umgaben mich; im 
stilvollen Bücherschrank harrte meiner der ewige Homer, der gigan- 
tische Dante, der unvergleichliche Shakespeare, der glorreiche Goethe 
— die Herrlichen, die Unsterblichen alle. Vom Nebenzimmer her 
klangen die hellen Stimmchen der erwachenden und mit ihrer Mutter 
schäkernden Kinder. Mir war zu Mute, als hätte ich dieses idyllisch 
süße, dieses friedensmilde und poesiereiche, helldurchgeistigte Leben, 
in welchem ich das beschauliche menschliche Glück so oft und tief 
empfand, von neuem wiedergefunden. Und doch wurmte es mich, daß 
ich mit der Kündigung meinem Meister nicht zuvorgekommen, sondern 
von ihm abgedankt worden war. 

Und wie merkwürdig ist mir das : Mit jener Nacht, da mich der 
Meister „fremd gemacht" hatte, genieße ich Ruhe, träume nicht mehr 
von meiner in ferner Vergangenheit liegenden Schneiderzeit, die in 
ihrer Anspruchslosigkeit ja so heiter war und die doch einen so 
lai^en Schatten in meine späteren Lebensjahre herein geworfen hat." 

ti^l Jn dieser Traumreihe des Dichters, der in seinen jungen Jahren 
Schneidergeselle gewesen war, ftlllt es schwer, das Walten der Wunsch- 
erfüllung zu erkennen. Alles Erfreuliche liegt im Tagesleben, während 
der Traum den gespenstigen Schatten einer endlich überwundenen 
unerfreulichen Existenz fortzuschleppen scheint Eigene Träume von 
ähnlicher Art haben mich in den Stand gesetzt, einige Aufklärung 
über solche Träume zu geben. Ich habe als junger Doktor lange 
Zeit im chemischen Institut gearbeitet, ohne es in den dort erforderten 
Künsten zu etwas bringen zu können, und denke darum im Wachen 
niemals gerne an diese unfruchtbare und eigentlich beschämende 
Episode meines Lernens. Dagegen ist es bei mir ein wiederkehrender 
Traum geworden, daß ich im Laboratorium arbeite, Analysen mache, 
verschiedenes erlebe u. s. w. ; diese Träume sind ähnlich unbehaglich 
wie die Prüfungsträume und niemals sehr deutlich. Bei der Deutung 
eines dieser Träume wurde ich endlich auf das Wort „Analyse" 
aufmerksam, das mir den Schlüssel zum Verständnis bot. Ich bin ja 
seither „Analytiker" geworden, mache Analysen, die sehr gelobt 
werden, allerdings Psycho-Analysen. Ich verstand nun, wenn 
ich auf diese Art von Analysen im Tagesleben stolz geworden bin, 
mich vor mir selbst rühmen möchte, wie weit ich es gebracht habe, 
hält mir nächtlicher Weile der Traum jene anderen mißglückten Ana- 
lysen vor, auf die stolz zu sein ich keinen Grund hatte ; es sind Straf- 
träume des Emporkömmlings, wie die des Schneidergesellen, der ein 
gefeierter Dichter geworden war. Wie wird es aber dem Traume 
möglich, sich in dem Konflikt zwischen Parvenüstolz und Selbstkritik 
in den Dienst der letzteren zu stellen und eine vernünftige Warnung 
anstatt einer unerlaubten Wunscherfüllung zum Inhalt zu nehmen? 
Ich erwähnte schon, daß die Beantwortung dieser Frage Schwierig- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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320 VI. Die Traumarbeit. 

keiten macht. Wir können erschließen, daß zunächst eine übermütige 
Ehrgeizphantasie die Grundlage des Traumes bildete, an ihrer statt 
ist aber ihre Dämpfung und Beschämung in den Trauminhalt gelangt. 
Man darf daran erinnern, daß es masochistische Tendenzen im Seelen- 
leben gibt, denen man eine solche Umkehrung zuschreiben könnte. 
Genaueres Eingehen auf einzelne dieser Träume läßt aber noch 
anderes erkennen. In dem undeutlichen Beiwerk eines meiner Labo- 
ratoriumsträume hatte ich gerade jenes Alter, welches mich in das 
düsterste und erfolgloseste Jahr meiner ärztlichen Laufbalin versetzt; 
ich hatte noch keine Stellung und wußte nicht, wie ich mein Leben 
erhalten sollte, aber dabei fand sich plötzlich, daß ich die Wahl 
zwischen mehreren Frauen hatte, die ich heiraten sollte ! Ich war also 
wieder jung und vor allem, sie war wieder jung, die Frau, die alle diese 
schweren Jahre mit mir geteilt hatte. Somit war einer der unablässig 
nagenden Wünsche des alternden Mannes als der unbewußte Traum- 
erreger verraten. Der in anderen psychischen Schichten tobende Kampf 
zwischen der Eitelkeit und der oelbstkritik hatte zwar den Traum- 
inhalt bestimmt, aber der tiefer wurzelnde Jugendwunsch hatte ihn 
allein als Traum möglich gemacht. Man sagt sich auch manchmal im 
Wachen: Es ist ja sehr gut heute, und es war einmal eine harte 
Zeit; aber es war doch schön damals; du warst ja noch so jung. 

Bei der Beurteilung von Träumen, die ein Dichter mitteilt, darf 
man oft genug annehmen, daß er solche als* störend empfundene und 
für unwesentlich erachtete Einzelheiten des TrauminhaJtes von der 
Mitteilung ausgeschlossen hat. Seine Träume geben uns dann Rätael 
auf, die bei exakter Wiedergabe des Trauminhaltes bald zu lösen 
wären. 

A^^^ O. Rank machte mich auch aufmerksam, daß im Grimmschen 
Märchen vom tapferen Schneiderlein oder „Sieben auf einen Streich*^ 
ein ganz ähnlicher Traum eines Emporkömmlings erzählt wird. Der 
Schneider, der Heros und Schwiegersohn des Königs geworden ist, 
träumt eines Nachts bei der Prinzessin, seiner Gemahlin, von 
seinem Handwerk ; diese mißtrauisch geworden bestellt nun Bewaffnete 
für die nächste Nacht, die das aus dem Traum Gesprochene anhören 
und sich der Person des Träumers versichern sollen. Aber das 
Schneiderlein ist gewarnt und weiß jetzt den Traum zu korrigieren.] 
Die Komplikation der Aufhebungs-, Subtraktions- und Ver- 
kehrungsvorgänge, durch welche endlich aus den Affekten der Traum- 
gedanken die des Traumes werden, läßt sich an geeigneten Syn- 
thesen vollständig analysierter Träume gut überblicken. Ich will hier 
noch einige Beispiele von Affektregung im Traume behandeln, die 
etwa einige der besprochenen Fälle als realisiert erweisen. 
. v V. In dem Traume von der sonderbaren Aufgabe, die mir der alt« 
Brücke stellt, mein eigenes Becken zu präparieren, vermisse ich 
im Traume selbst das dazu gehörige Grauen. Dies ist 
nun WunscherfüUung in mehr als einem Sinne. Die Präparation be- 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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Gegenseitige Förderung der Affekte. 321 

deutet die Selbstanalyse, die ich gleichsam durch die Veröffentlichung 
des Traumbuches vollziehe, die mir in Wirklichkeit so peinlich war, 
daß ich den Druck des bereitliegenden Manuskripts um mehr als ein 
Jalir aufgeschoben habe. Es regt sich nun der Wunsch, daß ich mich 
über diese abhaltende Empfindung hinaussetzen möge, darum ver- 
spüre ich im Traume kein „Grauen". Das „Grauen" im anderen 
Sinne möchte ich auch gern vermissen: es graut bei mir schon 
ordentlich, und dies Grau der Haare mahnt mich gleichfalls, nicht 
länger zur tickzuhalten. Wir wissen ja, daß am Schlüsse des Traumes 
der Gedanke zur Darstellung durchdringt, ich würde es den Kindern 
überlassen müssen, in der schwierigen Wanderung ans Ziel zu 
kommen. 

4^ ein den zwei Träumen, die den Ausdruck der BefriedigUBg in 
die nächsten Augenblicke nach dem Erwachen verlegen, ist diese 
Befriedigung das einemal motiviert durch die Erwartung, ich werde 
jetzt erfahren, was es heißt, „ich habe schon davon gelräumt", und 
bezieht sich eigentlich auf die Geburt der ersten Kinder, das andere- 
mal durch die Überzeugung, es werde jetzt eintreffen, „was sich 
durch ein Vorzeichen angekündigt hat", und diese Befriedigung ist 
die nämliche, die seinerzeit den zweiten Sohn begrüßt hat. Es sind 
hier im Traume die Affekte verblieben, die in den Traumgedanken 
herrschen, aber es geht wohl in keinem Traume so ganz einfach zu. 
Vertieft man sich ein wenig in beide Analysen, so erfilhrt man, 
daß diese der Zensur nicht unterliegende Befriedigung einen Zuzug 
aus einer Quelle erhält, welche die Zensur zu fürchten hat, und 
deren Affekt sicherlich Widerspruch erregen würde, wenn er sich 
nicht durch den gleichartigen, gern zugelassenen Befriedigungsaffekt 
aus der erlaubten Quelle decken, sich gleichsam hinter ihm ein- 
schleichen würde. Ich kann dies leider nicht an dem Traumbeispiel 
selbst erweisen, aber ein Beispiel aus anderer Sphäre wird meine 
Meinung verständlich machen. Ich setze folgenden Fall: Es gäbe 
in meiner Nähe eine Person, die ich hasse, so daß in mir eine leb- 
hafte Regung zu stände kommt, mich zu freuen, wenn ihr etwas 
widerfahrt. Dieser Regung gibt aber das Moralische in meinem 
Wesen nicht nach; ich wage es nicht, den Unglückswunsch zu 
äußern, und nachdem ihr unverschuldet etwas zugestoßen ist, unter- 
drücke ich meine Befriedigung darüber und nötige mich zu Äußerungen 
und Gedanken des Bedauerns. Jeder Mann wird sich in solcher Lage 
schon befunden haben. Nun ereigne es sich aber, daß die gehaßte 
Person sich durch eine Überschreitung eine wohlverdiente Unannehm- 
lichkeit zuziehe; dann darf ich meiner Befriedigung darüber freien 
Lauf lassen, daß sie von der gerechten Strafe getroflfen worden ist, 
und äußere mich darin übereinstimmend mit vielen anderen, die un- 
parteiisch sind. Ich kann aber die Beobachtung machen, daß meine 
Befriedigung intensiver ausfallt als die der anderen; sie hat einen 
Zuzug aus der Quelle meines Hasses erhalten, der bis dahin von der 

Freud, Traamdeutung. 8. Aafl. 21 



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322 VI. Die Tranmarbeit. 

inneren Zensur verhindert war, Affekt zu liefern, unter den geflnderten 
Verhältnissen aber nicht mehr gehindert wird. Dieser Fall trifft in 
der Gesellschaft allgemein zu, wo antipathische Personen oder An- 
gehörige eine r unger n ges eh enen Minorität eine Schuld auf sich laden. 
Ihre Bestrafung entspricht dann gewöhnlich nicht ihrem Verschulden, 
sondern dem Verschulden vermehrt um das bisher effektlose Übel- 
wollen, das sich gegen sie richtet. Die Strafenden begehen dabei 
zweifellos eine Ungerechtigkeit ; sie werden aber an der Wahrnehmung 
derselben gehindert durch die Befriedigung, welche ihnen die Auf- 
hebung einer lange festgehaltenen Unterdrückung in ihrem Innern 
bereitet. In solchen Fällen ist der Affekt seiner Qualität nach zwar 
berechtigt, aber nicht sein Ausmaß; und die in dem einen Punkte 
beruhigte Selbstkritik vernachlässigt nur zu leicht die Prüfung des 
zweiten Punktes. Wenn einmal die Türe geöffnet ist, so drängen 
sich leicht mehr Leute durch, als man ursprünglich einzulassen beab- 
sichtigte. 

^ Der auffällige Zug des neurotischen Charakters, daß affektfähige 
Anlässe bei ihm eine Wirkung erzielen, die qualitativ berechtigt, 
quantitativ über das Maß hinausgeht, erklärt sich auf diese Weise, 
soweit er überhaupt eine psychologische Erklärung zuläßt. Der Über- 
schuß rührt aber aus unbewußt gebliebenen, bis dahin unterdrückten 
Affektquellen her, die mit dem realen Anlaß eine assoziative Ver- 
bindung herstellen können, und für deren Affektentbindung die ein- 
spruchsfreie und zugelassene Affektquelle die erwünschte Bahnung er- 
jöffnet. Wir werden so aufmerksam gemacht, daß wir zwischen der 
unterdrückten und der unterdrückenden seelischen Instanz nicht aus* 
schließlich die Beziehungen gegenseitiger Hemmung ins Auge fassen 
dürfen. Ebensoviel Be^htung verdienen die Fälle, in denen die 
beiden Instanzen durch Zusammenwirken, durch gegenseitige Ver- 
'stärkung einen pathologischen Effekt zu stände bringen. Diese an- 
deutenden Bemerkungen über psychische Mechanik wolle man nun 
zum Verständnis der Affektäußerungen des Traumes verwenden. Eine 
Befriedigung, die sich im Traume kundgibt, und die nattLrlich alsbald 
an ihrer Stelle in den Traumgedanken aufzufinden ist, ist durch diesen 
Nachweis allein nicht immer vollständig aufgeklärt. In der Regel 
wird man für sie eine zweite Quelle in den Traumgedanken aufzu- 
suchen haben, auf welche der Druck der Zensur lastet, und die unter 
dem Drucke nicht Befriedigung, sondern den gegenteiligen Affekt 
ergeben hätte, die aber durch die Anwesenheit der ersten Traum • 
quelle in den Stand gesetzt wird, ihren Befriedigungsaffekt der 
Verdrängung zu entziehen und als Verstärkung zu der Befriedigung 
' aus anderer Quelle stoßen zu lassen. So erscheinen die Affekte 
. im Traume als zusammengefaßt aus mehreren Zuflüssen und als 
überdeterminiert in bezug auf das Material der Traimigedanken : 
• Affektquellen, diedennämlichenA f f e kt liefernkOnnen, 



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Die Aflfekte im Traume „Non vixit^ 323 

treten bei der Traumarbeit zur Bildung desselben zu- 
sammen.*) 

Ein wenig Einbeck in diese verwickelten Verhältnisse erhält 
man durch die Analyse des schönen Traumes, in dem „Non vixit" 
den Mittelpunkt bildet (vergl. Seite 282). In diesem Traume sind die 
AfFektäußerungen von verschiedener Qualität an zwei Stellen des 
manifesten Inhalts zusammengedrängt. Feindselige und peinliche 
Kegungen (im Traume selbst heißt es ^von merkwürdigen Affekten 
ergriffen") überlagern einander dort, wo ich den gegnerischen Freund 
mit den beiden Worten vernichte. Am Ende des Traumes bin ich 
ungemein erfreut und urteile dann anerkennend über eine im Wachen 
als absurd erkannte Möglichkeit, daß es nämlich Revenants gibt, die 
man durch den bloßen Wunsch beseitigen kann. 

«//^^ Ich habe die Veranlassung dieses Traumes noch nicht mitgeteilt. 
Sie ist eine wesentliche und führt tief in das Verständnis des Traumes 
hinein. Ich hatte von meinem Freunde in Berlin (den ich mit Fl. be- 
zeichnet habe) die Nachricht bekommen, daß er sich einer Operation 
unterziehen werde, und daß in Wien lebende Verwandte mir die 
weiteren Auskünfte über sein Befinden geben würden. Diese ersten 
Nachrichten nach der Operation lauteten nicht erfreulich und machten 
mir Sorge. Ich wäre am liebsten selbst zu ihm gereist, aber ich war 
gerade zu jener Zeit mit einem schmerzhaften Leiden behaftet, das 
mir jede Bewegung zur Qual machte. Aus den Traumgedanken er- 
fahre ich nun, daß ich für das Leben des teuren Freundes fürchtete. 
Seine einzige Schwester, die ich nicht gekannt, war, wie ich wußte, 
in jungen Jahren nach kürzester Krankheit gestorben. (Im Traume: 
Fl. erzählt von seiner Schwester und sagt: in ^4 
Stunden war sie tot.) Ich muß mir eingebildet haben, daß seine 
eigene Natur nicht viel resistenter sei, und mir vorgestellt, daß ich 
auf weit schlimmere Nachrichten nun endlich doch reise — und zu 
spät komme, worüber ich mir ewige Vorwürfe machen könnte.**) 
Dieser Vorwurf wegen des Zuspätkommens ist zum Mittelpunkte des 
Traumes geworden, hat sich aber in einer Szene dargestellt, in der 
der verehrte Meister meiner Studentenjahre Brücke mir mit einem 
fürchterlichen Blicke seiner blauen Augen den Vorwurf macht. Was 
diese Ablenkung der Szene zu stände gebracht, wird sich bald er- 
geben; die Szene selbst kann der Traum nicht so reproduzieren, wie 
ich sie erlebt habe. Er läßt zwar dem anderen die blauen Augen, 
aber er gibt mir die vernichtende Rolle, eine Umkehrung, die offen- 
bar das Werk der Wunscherfüllung ist. Die Sorge um das Leben 

* [Analog habe ich später die außerordentlich starke Lustwirkang der tenden- 
ziösen Witze erklärt.) 

**) Diese Phantasie aas den unbewußten Traumgedanken ist es, die gebieterisch 
non vivit anstatt nou vixit verlangt. „Da bist zu spät gekommen, er lebt nicht 
mehr.'' Daß aach die manifeste Situation des Traumes auf „non vivit'^ zielt, ist 
Seite 283 angegeben worden. 

21* 



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324 VI. Die Trtuinarbeit. 

des Freundes, der Vorwurf, dafi ich nicht zu ihm hinreise, meine 
Beschämung (er ist unauffällig (zu mir) nach Wien gekommen), 
mein Bedürfnis, mich durch meine Krankheit fttr entschuldigt zu 
halten, das alles setzt den Gefühlssturm zusanmien, der im Schlafe 
deutlieh verspürt, in jener Region der Traumgedanken tobt. 

LjU^An der Traumveranlassung war aber noch etwas anderes, w£s 
auf mich eine ganz entgegengesetzte Wirkung hatte. Bei den un- 
günstigen Nachrichten aus den ersten Tagen der Operation erhielt ich 
auch die Mahnung, von der ganzen Angelegenheit niemandem zu 
sprechen, die mich beleidigte, weil sie ein überfltlssiges Mißtrauen in 
meine Verschwiegenheit zur Vorraussetzung hatte. Ich wußte zwar, 
daß dieser Auftrag nicht von meinem Freunde ausging, sondern einer 
Ungeschicklichkeit oder Überängstlichkeit des vermittelnden Boten 
entsprach, aber ich wurde von dem versteckten Vorwurfe sehr peinlich 
berührt, weil er — nicht ganz unberechtigt war. Andere Vorwürfe 
als solche, an denen „etwas daran ist^, ha^n bekanntlich nicht, haben 
keinä aufregende Kraft. Zwar nicht in der Sache meines Freundes, 
aber früher einmal in viel jüngeren Jahren hatte ich zwischen zwei 
Freunden, die beide auch mich zu meiner Ehrung so nennen wollten, 
überflüssigerweise etwas ausgeplaudert, was der eine über den anderen 
gesagt hatte. Auch die Vorwürfe, die ich damals zu hören bekam, 
habe ich nicht vergessen. Der eine der beiden Freunde, zwischen 
denen ich damals den Unfriedensstifter machte, war Professor 
Fleischl; der andere kann durch den Vornamen Josef, den auch 
mein im Traume auftretender Freund und Gegner P. führte, ersetzt 
werden. 

v\A^Von dem Vorwurfe, daß ich nichts für mich zu behalten ver- 
möge, zeugen im Traume die Elemente unauffällig und die Frage 
Fls., wie viel von seinen Dingen ich P. denn mitgeteilt 
habe. Die Einmengung dieser liirinnerung ist es aber, welche den 
Vorwurf des Zuspätkommens aus der Gegenwart in die Zeit, da ich 
im Brück eschen Labotorium lebte, verlegt, und indem ich die zweite 
Person in der Vernichtungsszene des Traumes durch einen Josef 
ersetze, lasse ich diese Szene nicht nur den einen Vorwurf darstellen, 
daß ich zu spät komme, sondern auch den von der Verdrängung 
starker betroffenen, daß ich kein Geheimnis bew^ahre. Die Verdichtungs- 
und Verschiebungsarbeit des Traumes sowie deren Motive werden hier 
augenfkllig. 

m^itDer in der Gegenwart geringfügige Arger über die Mahnung, 
nichts zu verraten, holt sich aber Verstärkungen aus in der Tiefe 
fließenden Quellen und schwillt so zu einem Strome feindseliger 
Regungen gegen in Wirklichkeit geliebte Personen an. Die Quelle, 
welche die Verstärkung liefert, fließt im Infantilen. Ich habe schon 
erzählt, daß meine warmen Freundschaften wie meine Feindschaften 
mit Gleichalterigen auf meinen Kinderverkehr mit einem um ein Jahr 
älteren Neffen zurückgehen, in dem er der Überlegene war, ich mich 



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Die AflTekte im Traume ^Non vixif. 326 

frühzeitig zur Wehre setzen lernte, wir unzertrennlich miteinander 
lebten und einander li»3bten, dazwischen, wie Mitteilungen älterer 
Personen bezeugen, uns rauften und — verklagten. Alle meine 
Freunde sind in gewissem Sinne Inkarnationen dieser ersten Gestalt,» 
die „früh sich einst dem trüben Blick gezeigt", Revenants. Mein 
Neffe selbst kam in den Jünglingsjahren wieder, und damals führten 
wir Cäsar und Brutus miteinander auf. Ein intimer Freund und ein 
gehaßter Feind waren mir immer notwendige Erfordernisse meines 
Geftlhlslebens ; ich wußte beide mir immer von neuem zu verschaffen, 
und nicht selten stellte sich das Kindheitsideal so weit her, daß 
Freund und Feind in dieselbe Person zusammenfielen, natürlich nicht 
mehr gleichzeitig oder in mehrfach wiederholter Abwechslung, wie es 
in den ersten Kinderjahren der Fall gewesen sein mag. 

/fi/7Auf welche Weise bei so bestehenden Zusammenhängen ein 
rezenter Anlaß zum Affekt bis auf den infantilen zurückgreifen kann, 
um sich durch ihn für die Affektwirkung zu ersetzen, das möchte 
ich hier nicht verfolgen. Es gehört der Psychologie des unbewußten 
Denkens an und fände seine Stelle in einer psychologischen Auf- 
klärung der Neurosen. Nehmen wir für unsere Zwecke der Traum- 
deutung an, daß sich eine Kindererinnerung einstellt oder eine solche 
phantastisch gebildet wird etwa folgenden Inhalts : Die beiden Kinder 
geraten in Streit miteinander um ein Objekt, — welches, lassen wir 
dahingestellt, obwohl die Erinnerung oder Erinnerungstäuschung ein 
ganz bestimmtes im Auge hat; — ein jeder behauptet er sei 
früher gekommen, habe also das Vorrecht darauf; es kommt 
zur Schlägerei, Macht geht vor Recht; nach den Andeutungen des 
Traumes könnte ich gewußt haben, daß ich im Unrecht bin (den 
Irrtum selbst bemerkend); ich bleibe aber diesmal der Stärkere, 
behaupte das Schlachtfeld, der Unterlegene eilt zum Vater, respektive 
Großvater, verklagt mich, und ich verteidige mich mit den mir durch 
die Erzählung des Vaters bekannten Worten: Ich habe ihn ge- 
lagt, weil er mich gelagt hat; so ist diese Erinnerung oder 
wahrscheinlicher Phantasie, die sich mir während der Analyse des 
Traumes — ohne weitere Gewähr, ich weiß selbst nicht wie — auf- 
drängt, em Mittelstück der Traumgedanken, das die in den Traum- 
gedanken waltenden Affektregungen, wie eine Brunnenschale die zu- 
geleiteten Gewässer, sammelt. Von hier ans fließen die Traumgedanken 
in folgenden Wegen: Es geschieht dir ganz recht, daß du mir den 
Platz hast räumen müssen; warum hast du mich vom Platze ver- 
drängen wollen? Ich brauche dich nicht, ich werde mir schon einen 
anderen verschaffen, mit dem ich spiele u. s. w. Dann eröflFnen sich 
die Wege, auf denen diese Gedanken wieder in die Traumdarstellung 
einmünden. Ein solches „ote-toi que je m'y mette" mußte ich seiner- 
zeit meinem verstorbenen Freunde Josef zum Vorwurfe machen. Er 
war in meine Fußstapfen als Aspirant im Brü cke sehen Laboratorium 
getreten, aber dort war das Avancement langwierig* Keiner der beiden 



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326 VI. Die Tnnmarbeit. 

Assistenten rückte von der Stelle, die Jagend wurde ungeduldig. Mein 
Freund, der seine Lebenszeit begrenzt wußte, und den kein intimes 
Verhältnis an seinen Vordermann band, gab seiner Ungeduld 
gelegentlich lauten Ausdruck. Da dieser Vordermann ein schwer 
Kranker war, konnte der Wunsch, ihn beseitigt zu wissen, außer dem 
Sinne : durch eine Beförderung auch eine anstößige Nebendeutung zu- 
lassen. Natürlich war bei mir einige Jahre vorher der nämliche 
Wunsch, eine frei gewordene Stelle einzunehmen, noch viel lebhafter 
gewesen; wo unmer es in der Welt Rangordnung und Beförderung 
gibt, ist ja der Weg für der Unterdrückung bedürftige Wünsche er- 
öffnet. Shakespeares Prinz Hai kann sich nicht einmal am 
Bett des kranken Vaters der Versuchung entziehen, einmal zu 
probieren, wie ihm die Krone steht. Aber der Traum straft, wie be- 
greiflich, diesen rücksichtslosen Wunsch nicht an mir, sondern 
an ihm.*) 

„Weil er herrschsüchtig war, darum erschlug ich ihn.*^ Weil 
er nicht erwarten konnte, daß ihm der andere den Platz räume, danmi 
ist er selbst hinweggeräumt worden. Diese Gedanken hege ich un- 
mittelbar, nachdem ich in der Universität der Enthüllung des dem 
anderen gesetzten Denkmals beigewohnt habe. Ein Teil meiner im 
Traume verspürten Befriedigung deutet sich also: Gerechte Strafe; es 
ist dir recht geschehen. 

. vv^ Bei dem Leichenbegängnis dieses Freundes machte ein junger 
Mann die unpassend scheinende Bemerkung: Der Redner habe so 
gesprochen, als ob jetzt die Welt ohne den einen Menschen nicht 
mehr bestehen könne. Es regte sich in ihm die Auflehnung des 
wahrhaften Menschen, dem man den Schmerz durch Übertreibung 
stört/ Aber an diese Rede knüpfen sich die Traumgedanken an: Es 
ist wirklich niemand unersetzlich; wie viele habe ich schon zu Grabe 
geleitet; ich aber lebe noch, ich habe sie alle überlebt, ich behaupte 
den Platz. Ein solcher Gedanke im Moment, da ich fürchte, meinen 
Freund nicht mehr unter den Lebenden anzutreffen, wenn ich zu ihm 
reise, läßt nur die weitere Entwicklung zu, daß ich mich freue wieder 
jemanden zu überleben, daß nicht ich gestorben bin, sondern er, 
daß ich den Platz behaupte, wie damals in der phantasierten Kinder- 
szene. Diese aus dem Infantilen kommende Befriedigung darüber, 
daß ich den Platz behaupte, deckt den Hauptanteil des in den Traum 
aufgenommenen Affekts. Ich freue mich darüber, daß ich überlebe, 
ich äußere das mit dem naiven Egoismus der Anekdote zwischen 
Ehegatten : „Wenn eines von uns stirbt, übersiedle ich nach Paris." 
Es ist fttr meine Erwartung so selbstverständlich, daß nicht ich der 
eine bin. 



*) Es wird aafgefalleii sein, daß der Name Josef eine so große RoUe in 
meinen Träamen spielt (siebe den Onkeltranm). Hinter den PersoneUi die so heißen, 
kann ich mein Ich im Traame besonders leicht Terber^n, denn Josef hieß auch 
der aus der Bibel bekannte Traumdeuter. 



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OrfgfrTaffrom 
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p^ 



Die Affekte im Traume „Non viiit**, 327 

Man kann sich's nicht verbergen, daß schwere Selbstüberwindung 
dazu gehört, seine Träume zu deuten und mitzuteilen. Man muß 
sich als den einzigen Bösewicht enthüllen unter all den Edlen, mit 
denen man das Leben teilt. Ich finde es also ganz begreiflich, daß 
die Revenants nur so lange bestehen, als man sie mag, und daß 
sie durch den Wunsch beseitigt werden können. Das ist also das, 
wofür mein Freund Josef gestraft worden ist. Die Revenants sind 
aber die aufeinander folgenden Inkarnationen meines Kindheitsfreundes, 
ich bin also auch befriedigt darüber, daß ich mir diese Person immer 
wieder ersetzt habe, und auch für den, den ich jetzt zu verlieren im 
Begriffe bin, wird sich der Ersatz schon finden. Es ist niemand un- 
ersetzlich. 

i(^-^Wo bleibt hier aber die Traumzensur? Warum erhebt sie nicht 
den energischesten Widerspruch gegen diesen Gedankengang der 
rohesten Selbstsucht und verwandelt die an ihm haftende Befiriedigung 
nicht in schwere Unlust? Ich meine, weil andere einwurfsfreie 
Gedankenzüge über die nämlichen Personen gleichfalls in Befriedigung 
ausgehen und mit ihrem Affekt jenen aus der verbotenen infantilen 
Quelle decken. In einer anderen Schicht von Gedanken habe ich 
mir bei jener feierlichen Denkmalsenthüllung gesagt: Ich habe so 
viele teure Freunde verloren, die einen durch Tod^ die anderen durch 
Auflösung der Freundschaft; es ist doch schön, daß sie sich mir er- 
setzt haben, daß ich den einen gewonnen habe, der mir mehr bedeutet, 
als die anderen konnten, und den ich jetzt in dem Alter, wo man 
nicht mehr leicht neue Freundschaften schließt, für immer festhalten 
werde. Die Befriedigung, daß ich diesen Ersatz für die verlorenen 
Freunde gefunden habe, darf ich ungestört in den Traum hinüber- 
nehmen, aber hinter ihr schleicht sich die feindselige Befriedigung 
aus infantiler Quelle mit ein. Die infantile Zärtlichkeit hilft sicher- 
lich die heute berechtigte verstärken ; aber auch der infantile Haß hat 
sich seinen Weg in die Darstellung gebahnt. 

^ -> '- Im Traume ist aber außerdem ein deutlicher Hinweis auf einen 
anderen Gedankengang enthalten, der in Befriedigung auslaufen darf. 
Mein Freund hat kurz vorher nach langem Warten ein Töchterchen 
bekommen. Ich weiß, wie sehr er seine früh verlorene Schwester 
betrauert hat, und schreibe ihm, auf dieses Kind würde er die Liebe 
übertragen, die er zur Schwester empfunden; dieses kleine Mädchen 
würde ihn den unersetzlichen Verlust endlich vergessen machen. 

So knüpft auch diese Reihe wieder an den Zwischengedanken 
des latenten Trauminhalts an, von dem die Wege nach entgegen- 
gesetzten Richtungen auseinandergehen: Es ist niemand unersetzlich. 
Sieh, nur Revenants; alles was man verloren hat, kommt wieder. 
Und nun werden die assoziativen Bande zwischen den widerspruchs- 
vollen Bestandteilen der Traumgedanken enger angezogen durch den 
zufUlligen Umstand, daß die kleine Tochter meines Freundes denselben 
Namen trägt wie meine eigene kleine Jugendgespielin, die mit mir 



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328 VI. Die Traumarbeit. . ^ ^.k - » ' - 

** s- 

gleichalterige Schwester meines ältesten Freundes und Gegners. Ich 
habe den Namen ^Pauline^ mit Befriedigung gehört^ und um auf 
dieses Zusammentreffen anzuspielen, habe ich im Traume einen Josef 
durch einen anderen Josef ersetzt und fand es unmöglich, den gleichen 
Anlaut in den Namen Fleischl und FL zu unterdrtlcken. Von hier 
aus läuft dann ein Gedankenfaden zur Namengebung bei meinen 
eigenen Kindern. Ich hielt darauf, daß ihre Namen nicht nach der 
Mode des Tages gewählt, sondern durch das Andenken an teure 
Personen bestimmt sein sollten. Ihre Namen machen die Kinder zu 
„Revenants^* Und schließlich, ist Kinder haben nicht ftlr uns alle 
der einzige Zugang zur Unsterblichkeit? 

ili'^Über die Affekte des Traumes werde ich nur noch wenige Be- 
merkungen von einem anderen Gesichtspunkte aus anfügen. In der 
Seele des Schlafenden kann eine Affektneigung — was wir Stimmung 
heißen — als dominierendes Element entoalten sein und dann den 
Traum mitbestimmen. Diese Stimmung kann aus den Erlebnissen und 
Gedankengängen des Tages hervorgehen, sie kann somatische Quellen 
haben; in beiden Fällen wird sie von ihr entsprechenden Gedanken- 
gängen begleitet sein. Daß dieser Vorstellungsinhalt der Traum- 
gedanken das einemal primär die Affektneigung bedingt, das andere Mal 
sekundär durch die somatisch zu erk lärende Geftthlsdisposition geweckt 
wird, bleibt für die Traumbildung gleichgültig. Dieselbe steht allemal 
unter der Einschränkung, daß sie nur darsteUen kann, was Wunsch- 
erfllUung ist, und daß sie nur dem Wunsche ihre psychische Trieb- 
kraft entlehnen kann. Die aktuell vorhandene Stimmung wird dieselbe 
Behandlung erfahren wie die aktuell während des Schlafes auftauchende 
Sensation (vergl. Seite 170), die entweder vernachlässigt wird oder 
im Sinne einer Wunscherfüllung umgedeutet. Peinliche Stimmungen 
während des Schlafes werden zu Triebkräften des Traumes, indem sie 
energische Wünsche wecken, die der Traum erftlllen soll. Das Material, 
an dem sie haften, wird so lange umgearbeitet, bis es zum Ausdruck 
der Wunscherfbllung verwendbar ist. Je intensiver und je dominieren- 
der das Element der peinlichen Stimmung in den Traumgedanken ist, 
desto sicherer werden die stärkst unterdrückten Wunschregungen die 
Gelegenheit zur Darstellung zu kommen benutzen, da sie durch die 
aktuelle Existenz der Unlust, die sie sonst aus Eigenem erzeugen 
müßten, den schwereren Teil der Arbeit für ihr Durchdringen zur 
Darstellung bereits erledigt finden, und mit diesen Erörterungen streifen 
wir wieder das Problem der Angstträume, die sich als der Grenzfall 
ftlr die Traumleistung herausstellen werden. 

h) Die sekundäre Bearbeitung. 

H^ Wir wollen endlich an die Hervorhebung des vierten der bei der 
Traumbildung beteiligten Momente gehen. 

Setzt man die Untersuchung des Trauminhalts in der vorhin 
eingeleiteten Weise fort, indem man auffällige Vorkommnisse im 



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Die sekundäre Bearbeitung. 329 

Trauminhalt auf ihre Herkunft aus den Traumgedanken prUft, so stößt 
man auch auf Elemente, für deren Aufklärung es einer völlig neuen 
Annahme bedarf. Ich erinnere an die Fälle, wo man sich im Traume 
wundert, ärgert, sträubt, und zwar gegen ein Stück des Trauminhalts 
selbst Die meisten dieser Regungen von Kritik im Traume sind nicht 
g^en den Trauminhalt gerichtet, sondern erweisen sich als über- 
nommene und passend verwendete Teile des Traummaterials, wie ich 
an geeigneten Beispielen dargelegt habe. Einiges der Art fügt sich 
aber einer solchen Ableitung nicht; man kann das Korrelat dazu im 
Traummaterial nicht auffinden. Was bedeutet z. B. die im Traume 
nicht gar seltene Kritik: Das ist ja nur ein Traum? Dies ist eine 
wirkliche Kritik des Traumes, wie ich sie im Wachen üben könnte. 
Gar nicht selten ist sie auch nur die Vorläuferin des Erwachens; noch 
häufiofer geht ihr selbst ein peinliches Gefühl vorher, das sich nach 
der Konstatier ung des Traumzustandes beruhigt. Der Gedanke: ^Das 
ist ja nur ein Traum" während des Traumes beabsichtigt aber dasselbe, 
was er auf offener Bühne im Munde der schönen Helena von Offen- 
bach besagen soll; er will die Bedeutung des eben Erlebten herab- 
drücken und die Duldung des Weiteren ermöglichen. Er dient zur 
Einschläferung einer gewissen Instanz, die in dem gegebenen Moment 
alle Veranlassung hätte, sich zu regen und die Fortsetzung des 
Traumes — oder der Szene — zu verbieten. Es ist aber bequemer 
weiter zu schlafen und den Traum zu dulden, „weil 's doch nur.eip 
Traum ist ". Ich stelle mir vor, daß die verächtliclie Kritik: Es ist 
ja nur em Traum, dann im Traume auftritt, wenn die niemals ganz 
schlafende Zensur sich durch den bereits zugelassenen Traum über- 
rumpelt fllhlt. Es ist zu spät ihn zu unterdrücken, somit begegnet sie 
mit jener Bemerkung der Angst oder der peinlichen Empfindung, 
welche sich auf den Traum hin erhebt. Es ist eine Äußerung des 
esprit d'escalier von Seiten der psychischen Zensur, 

ijf^An diesem Beispiel haben wir aber einen einwandfreien Beweis 
danir, daß nicht alles, was der Traum enthält, aus den Traumgedanken "j 
stammt, sondern daß eine psychische Funktion, die von unserem wachen « 
Denken nicht zu unterscheiden ist, Beiträge zum Trauminhalt liefern! 
kann. Es fragt sich nun, kommt dies nur ganz ausnahmsweise vor; 
oder kommt der sonst nur als Zensur tätigen psychischen Instanz ein 
r^elmäßiger Anteil an der Traumbildung zu? 

Man muß sich ohne Schwanken für das letztere entscheiden. Es 
ist unzweifelhaft, daß die zensurierende Instanz, deren Einfluß wir 
bisher nur in Einschränkungen und Auslassungen im Trauminhalt 
erkannten, auch Einschaltungen und Vermehrungen desselben ver- 
schuldet. Diese Einschaltungen sind oft leicht kenntlich; sie werden 
zaghaft berichtet, mit einem „als ob'^ eingeleitet, haben an und für 
sich keine besonders hohe Lebhaftigkeit und sind stets an Stellen an- 
gebracht, wo sie zur Verknüpfting sweier Stücke des Trauminhalts, 
zur Anbahnung eines Zusammenhanges zwischen zwei Traumpartien 



C^ nonl^ Orrginaf fnom 

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330 VI. Die Traumarbeit. 






dienen können. Sie zeigen eine geringere Haltbarkeit im Gedächtnis 
als die echten Abkömmlinge des Traammateriales ; unterliegt der Traum 
dem Vergessen, so fallen sie zuerst aus, und ich hege eine starke Ver- 
mutung, daß unsere häufige Klage, wir hätten soviel geträumt, das 
meiste davon vergessen und nur Bruchstttcke behalten, auf den als- 
baldigen Ausfall gerade dieser Kittgedanke n beruht. Bei vollständiger 
Analyse verraten sich diese li^inscnaitungen manchmal dadurch, daß 
sich zu ihnen kein Material in den Traumgedanken findet. Doch muß 
ich bei sorgfältiger Prüfung diesen Fall als den selteneren bezeichnen; 
zumeist lassen sich die Schaltgedanken immerhin auf Material in den 
Traumgedanken zurückftlhreh,' welches aber weder durch seine eigene 
Wertigkeit noch durch Überdeterminierung Anspruch auf Aufnahme in 
den Traum erheben könnte. Die psychische Funktion bei der Traum- 
bildung, die wir jetzt betrachten, erhebt sich, wie es scheint, nur im 
äußersten Falle zu Neuschöpfungen ; so lange es noch möglich ist, ver- 
wertet sie, was sie Taugliches im Traummaterial auswählen kann. 

ii^W&s dieses Stück der Traumarbeit auszeichnet und verrät, ist 
seine Tendenz. Diese Funktion verfährt ähnlich, wie es der Dichter 
boshaft vom l'hilosophen behauptet; mit ihren Fetzen und Flicken 
stopfl sie die Lücken im Aufbau des Traumes. Die Folge ihrer Be- 
mühung ist, daß dei Traum den Anschein der Absurdität und Zu- 
y sammenhanglosigkeit verliert und sich dem VorbQde eines verständ- 
lichen Frlebnisses annähert. Aber die Bemühung ist nicht jedesmal 
vom vollen Erfolge gekrönt. Es kommen so Träume zu stände, die 
für die oberflächliche Betrachtung tadellos logisch und korrekt er- 
scheinen mögen ; sie gehen von einer möglichen Situation aus, ftlhren 
dieselbe durch widerspruchsfreie Veränderungen fort und bringen es, 
wiewohl dies am seltensten, zu einem nicht befremdenden Abschluß. 
Diese Träume haben die tiefgehendste Bearbeitung durch die dem 
wachen Denken ähnliche psychische Funktion erfahren; sie scheinen 
einen Sinn zu haben, aber dieser Sinn ist von der wirklichen Bedeutung 
des Traumes auch am weitesten entfernt. Analysiert man sie, so über- 
zeugt man sich, daß hier die sekundäre Bearbeitung des Traumes am 
freiesten mit dem Material umgesprungen ist, am wenigsten von dessen 
I Relationen beibehalten hat. Es sind das Träume, die sozusagen schon 
/ ernmaT" gedeutet worden sind, ehe wir sie im Wachen der Deutung 
1 unterziehen In anderen Träumen ist diese tendenziöse Bearbeitung nur 
ein Stück weit gelungen; so weit scheint Zusammenhang zu herrschen, 
dann wird der Traum unsinnig oder verworren, vielleicht um sich 
noch ein zweites Mal in seinem Verlaufe zum Anschein des Ver- 
ständigen zu erheben. In anderen Träumen hat die Bearbeitung über- 
haupt versagt; wir stehen wie hilflos einem sinnlosen Haufen von 
Inhaltsbrocken gegenüber. 

j^,./{ Ich möchte dieser vierten, den Traum gestaltenden Macht, die 
uns ja bald als eine bekannte erscheinen wird — sie ist in Wirklich- 
keit die einzige uns auch sonst vertraute unter den vier Traumbildnem ; 



C^ nr^n li^ Orrginaf frcrnn 

:3yv_:-uiJgliw UNIVERSITYOF MICHIGAN 



Die Phantasien oder Tagträume. 331 

— ich möchte diesem vierten Moment also die Fähigkeit, schöpferisch 
neue Beiträge zum Traume zu liefern, nicht peremptorisch absprechen. 
Sicherlich aber äußert sich auch ihr Einfluß, wie der der anderen, 
vorwiegend in der Bevorzugung und Auswahl von bereits gebildetem 
psychischen Material in den Traumgedanken. Es gibt nun einen Fall, 
in dem ihr die Arbei t, an den Traum gleichsam eine Fassade anzu- 
bauen, zum größeren Teil dadurcBrerspart T>leibt^ daß im Material der 
Traumgedanken ein solches Gebilde, seiner Verwendung harrend, 
bereits fertig vorgefunden wird. Das Element der Traumgedanken, das 
ich im Auge habe, pflege ich als ^Phantasie" zu bezeichnen; ich 
gehe vielleicht Mißverständnissen aus dem Wege, wenn ich sofort als 
das Analoge aus dem Wachleben den Tagtraum namhaft mache.*) 
Die Rolle dieses Elements in unserem Seelenleben ist von den Psychiatern 
noch nicht erschöpfend erkannt und aufgedeckt worden; M. Benedikt 
hat mit dessen Würdigung einen, wie mir scheint, viel versprechenden 
Anfang gemacht. Dem unbeirrten Scharfblicke der Dichter ist die 
Bedeutung des Tagtraumes nicht entgangen ; allgemein bekannt ist die 
Schilderung, die A. Daudet im Nabab von den Tagträumen einer 
der Nebenfiguren des Romans entwirft. Das Studium der Psycho- 
neurosen führt zur überraschenden Erkenntnis, daß diese Phantasien 
oder Tagträume die nächsten Vorstufen der hysterischen Symptome — 
wenigstens einer ganzen Reihe von ihnen — sind; nicht an den 
Erinnerungen selbst, sondern an den auf Grund der Erinnerungen 
aufgebauten Phantasien hängen erst die hysterischen Symptome. Das 
häufige Vorkommen bewußter Tagesphantasien bringt diese Bildungen 
unserer Kenntnis nahe; wie es aber solche bewußte Phantasien gibt, 
so kommen überreichlich unbewußte vor, die wegen ihres Inhalts und 
ihrer Abkunft vom verdrängten Material unbewußt bleiben müssen. 
Eine eingehendere Vertiefung in die Charaktere dieser Tagesphantasien 
lehrt uns, mit wie gutem Rechte diesen Bildungen derselbe Name 
zugefallen ist, den unsere nächtlichen Denkproduktionen tragen, der 
Name: Träume. Sie haben einen wesentlichen Teil ihrer Eigen- 
schaften mit den Nachtträumen gemein; ihre Untersuchung hätte uns 
eigentlich den nächsten und besten Zugang zum Verständnis der 
Nachtträume eröfinen können. 

iiJ-^Wie die Träume sind sie WunscherftlUungen ; wie die Träume 
basieren sie zum guten Teil auf den Eindrücken infantiler Erlebnisse ; 
wie die Träume erfreuen sie sich eines gewissen Nachlasses der Zensur 
für ihre Schöpfungen. Wenn man ihrem Aufbaue nachspürt, so wird 
man inne, wie das Wunschmotiv, das sich in ihrer Produktion betätigt, 
das Material, aus dem sie gebaut sind, durcheinander geworfen, um- 
geordnet und zu einem neuen Ganzen zusammengefügt hat. Sie stehen 
zu den Kindheitserinnerungen, auf die sie zurüc^ehen, etwa in dem- 
selben Verhältnis wie manche Barockpaläste Roms zu den antiken 

♦) reve, petit roman — day-dream, story. 



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OrfgfrTaffrom 
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332 VL Die Trauraarbeit. 

Ruinon, deren Quadern und Säulen das Material fttr den Baa in 
moderneren Formen hergegeben haben. 

^7^^In der „sekundären Bearbeitung", die wir unserem vierten 
traumbildenden Moment gegen den Trauminhalt zugeschrieben haben, 
finden wir dieselbe Tätigkeit wieder, die sich bei der Schöpfung der 
Tagträume ungehemmt von anderen Einflüssen äußern darf. Wir 
könnten ohne weiteres sagen, dies unser viertes Moment sucht aus dem 
ihm dargebotenen Material etwas wie einen Tagtraum zu gestalten. 
Wo aber ein solcher Tiigtraura bereits im Zusammenhange der Traum- 
gedanken gjebildet ist, da wird dieser Faktor der Traumarbeit sich 
seiner mit Vorliebe bemächtigen und dahin wirken, daß er in den 
Trauminhalt gelange. Es gibt solche Träume, die nur in der Wieder- 
holung einer Tagesphantasie, einer vielleicht unbewußt gebliebenen, 
bestehen, so z. B. der Traum des Knaben, daß er mit den Helden des 
Trojanischen Krieges im Streitwagen fUhrt. In meinem Traume 
„Autodidasker^ ist wenigstens das zweite Traurastück die getreue 
Wiederholung einer an sich harmlosen Tagesphantasie über meinen 
Verkehr mit dem Professor N. Es rührt aus der Komplikation der 
Bedingungen her, denen der Traum Bei seinem Entstehen zu genügen 
hat, daß häufiger die vorgefundene Phantasie nur ein Stück des 
Traumes bildet, oder daß nur ein Stück von ihr zum Trauminhalt 
hin durchdringt. Im ganzen wird dann die Phantasie behandelt wie 
jeder andere Bestandteil des latenten Materials; sie ist aber oft im 
Traume noch als Ganzes kenntlich. In meinen Träumen kommen oft 
Partien vor, die sich durch einen von den übrigen verschiedenen 
Eindruck hervorheben, Sie erscheinen mir wie fließend, besser 
zusammenhängend und dabei flüchtiger als andere Stücke desselben 
Traumes ; ich weiß, dies sind unbewußte Phantasien, die im Zusammen- 
hange in den Traum gelangen, aber ich habe es nie erreicht, eine 
solche Phantasie zu fixieren. Im übrigen werden diese Phantasien wie 
alle anderen Bestandteile der Traumgedanken zusammengeschoben, 
verdichtet, die eine durch die andere überlagert u, dgl. ; es gibt aber 
Übergänge von dem Falle, wo sie fast unverändert den Trauminhalt 
oder wenigstens die Traumfassade bilden dürfen, bis zu dem entgegen- 
gesetzten Falle, wo sie nur durch eines ihrer Elemente oder eine entfernte 
Anspielung an ein solches im Trauminhalt vertreten sind. Es bleibt 
offenbar auch £\ii das Schicksal der Phantasien in den Traumgedanken 
maßgebend, welche Vorteile sie gegen die Ansprüche der Z