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Full text of "Traumdeutung [4., vermehrte Auflage. Mit Beiträgen von Otto Rank]"






*!U 



i 






Original from 
UNIVERSITYOF CALIFORNIA 



DIE 



TRAUMDEUTUNG 



VON 



PROF. D* SIGM. FREUD. 



»FLECTEBE SI NEQUEO SUPEBOS, ACRERONTA MOVEBO* 



YIERTE, VERMEHRTE AUFLAGE 

MIT BEITRÄGEN VON 

D* OTTO RANK. 



LEIPZIG UND WIEN. 

FRANZ DEUTICKE 

1914. 



(""r^nnL"' Original from 

öy VjUU^IC UHIVERSITY OF CALIFORNIA 



VERLAGS-NR. 2176. 



C*r%r\Ct\i' m Original from 

öy VjUU^IC UHIVERSITY OF CALIFORNIA 






Vorbemerkung. 



Indem ich hier die Darstellung der Traumdeutung versuche, 
glaube ich den Umkreis neuropathologischer Interessen nicht über- 
schritten zu haben. Denn der Traum erweist sich bei der psycho- 
logischen Prüfung als das erste Glied in der Reihe abnormer psychischer 
Gebilde, von deren weiteren Gliedern die hysterische Phobie, die 
Zwangs- und die Wahnvorstellung den Arzt aus praktischen Gründen 
beschäftigen müssen. Auf eine ähnliche praktische Bedeutung kann 
der Traum — wie sich zeigen wird — Anspruch nicht erheben; um 
so größer ist aber sein theoretischer Wert als Paradigma, und wer 
sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklären weiß, wird 
sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs- und Wahnideen, 
eventuell um deren therapeutische Beeinflussung, vergeblich bemühen. 

Derselbe Zusammenhang aber, dem unser Thema seine Wichtig- 
keit verdankt, ist auch für die Mängel der vorliegenden Arbeit ver- 
antwortlich zu machen. Die Bruchflächen, welche man in dieser Dar- 
stellung so reichlich finden wird, entsprechen ebensovielen Kontakt- 
stellen, an denen das Problem der Traumbildimg in umfassendere 
Probleme der Psychopathologie eingreift, die hier nicht behandelt 
werden konnten, und denen, wenn Zeit und Kraft ausreichen und 
weiteres Material sich einstellt, spätere Bearbeitungen gewidmet wer- 
den sollen. 

Eigentümlichkeiten des Materials, an dem ich die Traumdeutung 
erläutere, haben mir auch diese Veröffentlichung schwer gemacht. Es 
wird sich aus der Arbeit selbst ergeben, warum alle in der Literatur 
erzählten oder von Unbekannten zu sammelnden Träume für meine 
Zwecke unbrauchbar sein mußten; ich hatte nur die Wahl zwischen 
den eigenen Träumen und denen meiner in psychoanalytischer Behand- 
lung stehenden Patienten. Die Verwendung des letzteren Materials 
wurde mir durch den Umstand verwehrt, daß hier die Traumvorgänge 



S7* 



RSöflSfÖ 1 



Original from 
Nl VERSITY OF CALIFORNIA 



VI 

einer unerwünschten Komplikation durch die Einmengung neurotischer 
Charaktere unterlagen. Mit der Mitteilung meiner eigenen Träume 
aber erwies sich als untrennbar verbunden, daß ich von den Intimitäten 
meines psychischen Lebens fremden Einblicken mehr eröffnete als 
mir lieb sein konnte und als sonst einem Autor, der nicht Poet, son- 
dern Naturforscher ist, zur Aufgabe fällt. Das war peinlich, aber 
unvermeidlich; ich habe mich also darein gefügt, um nicht auf die 
Beweisführung für meine psychologischen Ergebnisse überhaupt ver- 
zichten zu müssen. Natürlich habe ich doch der Versuchung nicht 
widerstehen können, durch Auslassungen und Ersetzungen manchen 
Indiskretionen die Spitze abzubrechen; so oft dies geschah, gereichte 
es dem Werte der von mir verwendeten Beispiele zum entschiedensten 
Nachteile. Ich kann nur die Erwartung aussprechen, daß die Leser 
dieser Arbeit sich in meine schwierige Lage versetzen werden, um 
Nachsicht mit mir zu üben, und ferner daß alle Personen, die sich 
in den mitgeteilten Träumen' irgendwie betroffen finden, wenigstens 
dem Traumleben Gedankenfreiheit nicht werden versagen wollen. 



(^rtrtrtL- Original frorn 

by VrUUglL UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



Vorwort zur zweiten Auflage. 



Daß von diesem schwer lesbaren Buche noch vor Vollendung 
des ersten Jahrzehntes eine zweite Auflage notwendig geworden ist, 
verdanke ich nicht dem Interesse der Fachkreise, an die ich mich in 
den vorstehenden Sätzen gewendet hatte. Meine Kollegen von der 
Psychiatrie scheinen sich keine Mühe gegeben zu haben, über das 
anfängliche Befremden hinauszukommen, welches meine neuartige 
Auffassung des Traumes erwecken konnte, und die Philosophen von 
Beruf, die nun einmal gewöhnt sind, die Probleme des Traumlebens 
als Anhang zu den Bewußtseinszuständen mit einigen — meist den 
nämlichen — Sätzen abzuhandeln, haben offenbar nicht bemerkt, daß 
man gerade an diesem Ende allerlei hervorziehen könne, was zu einer 
gründlichen Umgestaltung unserer psychologischen Lehren führen 
muß. Das Verhalten der wissenschaftlichen Buchkritik konnte nur 
zur Erwartung berechtigen, daß Totgeschwiegen werden das Schick- 
sal dieses meines Werkes sein müsse; auch die kleine Schar von 
wackeren Anhängern, die meiner Führung in der ärztlichen Hand- 
habung der Psychoanalyse folgen und nach meinem Beispiel Träume 
deuten, um diese Deutungen in der Behandlung von Neurotikern zu 
verwerten, hätte die erste Auflage des Buches nicht erschöpft. So 
fühle ich mich denn jenem weiteren Kreise von Gebildeten und Wiß- 
begierigen verpflichtet, deren Teilnahme mir die Aufforderung ver- 
schafft hat, die schwierige und für so vieles grundlegende Arbeit 
nach neun Jahren von neuem vorzunehmen. 

Ich freue mich, sagen zu können, daß ich wenig zu verändern 
fand. Ich habe hie und da neues Material eingeschaltet, aus meiner 
vermehrten Erfahrung einzelne Einsichten hinzugefügt, an einigen 
wenigen Punkten Umarbeitungen versucht; alles Wesentliche über 
den Traum und seine Deutung sowie über die daraus ableitbaren 
psychologischen Lehrsätze ist aber ungeändert geblieben; es hat, 
wenigstens subjektiv, die Probe der Zeit bestanden. Wer meine anderen 
Arbeiten (über Ätiologie und Mechanismus der Psychoneurosen) kennt, 
weiß, daß ich niemals Unfertiges für fertig ausgegeben und mich 
stets bemüht habe, meine Aussagen nach meinen fortschreitenden 
Einsichten abzuändern ; auf dem Gebiete des Traumlebens durfte ich 
bei meinen ersten Mitteilungen stehen bleiben. In den langen Jahren 



r^rtrtrtL- Original frorn 

by VrUUglL UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



vm 

meiner Arbeit an den Neurosenproblemen bin ich wiederholt ins 
Schwanken geraten und an manchem irre geworden; dann war es 
immer wieder die „Traumdeutung", an der ich meine Sicherheit 
wiederfand. Meine zahlreichen wissenschaftlichen Gegner zeigen also 
einen sicheren Instinkt, wenn sie mir gerade auf das Gebiet der 
Traumforschung nicht folgen wollen. 

- Auch das Material dieses Buches, diese zum größten Teil durch 
die Ereignisse entwerteten oder überholten eigenen Träume, an denen 
ich die Kegeln der Traumdeutung erläutert hatte, erwies bei der 
Revision ein Beharrungsvermögen, das sich eingreifenden Änderungen 
widersetzte. Für mich hat dieses Buch nämlich noch eine andere 
subjektive Bedeutung, die ich erst nach seiner Beendigung verstehen 
konnte. Es erwies sich mir als ein Stück meiner Selbstanalyse, als 
meine Reaktion auf den Tod meines Vaters, also auf das bedeutsamste 
Ereignis, den einschneidendsten Verlust im Leben eines Mannes. 
Nachdem ich dies erkannt hatte, fühlte ich mich unfähig, die Spuren 
dieser Einwirkung zu verwischen. Für den Leser mag es aber gleich- 
gültig sein, an welchem Material er Träume würdigen und deuten 
lernt 

Wo ich eine unabweisbare Bemerkung nicht in den alten Zu- 
sammenhang einfügen konnte, habe ich ihre Herkunft von der zweiten 
Bearbeitung durch eckige Klammern angedeutet*). 

Berchtesgaden, im Sommer 1908. 



Vorwort zur dritten Auflage. 



Während zwischen der ersten und der zweiten Auflage dieses 
Buches ein Zeitraum von neun Jahren verstrichen iät, hat sich das 
Bedürfnis nach einer dritten bereits nach wenig mehr als einem Jahre 
bemerkbar gemacht Ich darf mich dieser Wandlung freuen; wenn 
ich aber vorhin die Vernachlässigung meines Werkes von Seite der 
Leser nicht als Beweis für dessen Unwert gelten lassen wollte, kann 
ich das nunmehr zu Tage getretene Interesse auch nicht als Beweis 
für seine Trefflichkeit verwerten. 

Der Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis hat auch die 
„Traumdeutung" ' nicht unberührt gelassen. Als ich sie 1899 nieder- 
schrieb, bestand die „Sexualtheorie 4 * noch nicht, war die Analyse der 
komplizierteren Formen von Fsychoneurosen noch in ihren Anfängen. 
Die Deutung der Träume sollte ein Hilfsmittel werden, um die psy- 

*) Diese wurden bei den folgenden Auflagen wieder fallen gelassen. 



by Google 



Original from 
UNI VERSITYOF CALIFORNIA 



IX 

chologische Analyse der Neurosen zu ermöglichen; seither hat das 
vertiefte Verständnis der Neurosen auf die Auffassung des Traumes 
zurückgewirkt. Die Lehre von der Traumdeutung selbst hat sich 
nach einer Richtung weiterentwickelt, auf welche in der ersten Auf- 
lage dieses Buches nicht genug Akzent gefallen war. Durch eigene 
Erfahrung wie durch die Arbeiten von W. Stekel und anderen habe 
ich seither den Umfang und die Bedeutung der Symbolik im Traume 
(oder vielmehr im unbewußten Denken) richtiger würdigen gelernt. 
So hat sich im Laufe dieser Jahre vieles angesammelt, was Berück- 
sichtigung verlangte. Ich habe versucht, diesen Neuerungen durch 
zahlreiche Einschaltungen in den Text und Anfügung von Fußnoten 
Rechnung zu tragen. Wenn diese Zusätze nun gelegentlich den Rah- 
men der Darstellung zu sprengen drohen, oder wenn es doch nicht 
an allen Stellen gelungen ist, den früheren Text auf das Niveau 
unserer heutigen Einsichten zu heben, so bitte ich für diese Mängel 
des Buches um Nachsicht, da sie nur Folgen und Anzeichen der nun- 
mehr beschleunigten Entwicklung unseres Wissens sind. Ich getraue 
mich auch vorherzusagen, nach welchen anderen Richtungen spätere 
Auflagen der Traumdeutung — falls sich ein Bedürfnis nach solchen 
ergeben würde — von der vorliegenden abweichen werden. Dieselben 
müßten einerseits einen engeren Anschluß an den reichen Stoff der 
Dichtung, des Mythus, des Sprachgebrauchs und des Folklore suchen, 
anderseits die Beziehungen des Traumes zur Neurose und zur Geistes- 
störung noch eingehender, als es hier möglich war, behandeln. 

Herr Otto Rank hat mir bei der Auswahl der Zusätze wertvolle 
Dienste geleistet und die Revision der Druckbogen allein besorgt. 
Ich bin ihm und vielen anderen für ihre Beiträge und Berichtigungen 
zu Dank verpflichtet. 

Wien, im Frühjahr 1911. 



Vorwort zur vierten Auflage. 

Im Vorjahre (1913) hat Dr. A. A. Brill in New York eine eng- 
lische Übersetzung dieses Buches zu Stande gebracht. [The Interpreta- 
tion of dreams. G. Allen & C y London.] 

Herr Dr. Otto Rank hat diesmal nicht nur die Korrekturen be- 
sorgt, sondern auch den Text um zwei selbständige Beiträge bereichert. 
(Anhang zu Kap. VI.) 

Wien, im Juni 1914. 



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by VrUUglL UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



Inhaltsverzeichnis. 



Seit« 

I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme (bis 

19O0X 1 

a) Beziehung des Traumes zum Wach!eben 5 

b) Das Traummaterial. — Das Gedächtnis im Traume 8 

c) Traumreize und Traumquellen 16 

d) Warum man den Traum nach dem Erwachen vergißt? 32 

e) Die psychologischen Besonderheiten des Traumes 36 

/) Die ethischen Gefühle im Traume 49 

g) Traumtheorien und Funktion des Traumes 56 

h) Beziehungen zwischen Traum und Geisteskrankheiten 66 

IL Die Methode der Traumdeutung. Die Analyse eines Traum- 
musters 73 

III. Der Traum ist eine Wunscherfüllung 94 

IV. Die Traumentstellung 103 

V. Das Traummaterial und die Traumquellen 124 

a) Das Rezente und das Indifferente im Traume 125 

b) Das Infantile als Traumquelle 142 

c) Die somatischen Traumquellen 165 

d) Typische Träume 181 

a) Der Verlegenheitstraum der Nacktheit 182 

ß) Die Träume vom Tod teurer Personen 186 

f) Der Prüfungstraum 204 

VI. Die Traumarbeit 207 

ä) Die Verdichtungsarbeit 208 

b) Die Verschiebungsarbeit 227 

c) Die Darstellungsmittel des Traumes 230 

d) Die Rücksicht auf Darstellbarkeit , 252 

e) Die Darstellung durch Symbole. — Weitere typische Träume . . . 260 

f) Beispiele von Darstellungen. Rechnen und Reden im Traume . . 292 

g) Absurde Träume. Die intellektuellen Leistungen im Traume . . . 304 
h) Die Affekte im Traume 329 

i) Die sekundäre Bearbeitung 349 

Anhang 1. Traum und Dichtung (0. Rank) 365 

Anhang 2. Traum und Mythus (0. Rank) 389 

VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 403 

a) Das Vergessen der Träume 405 

b) Die Regression 420 

c) Zur Wunscherfüllung , 432 

d) Das Wecken durch den Traum. Die Funktion des Traumes. Der 
Angsttraum 446 

e) Der Primär- und der Sekundärvorgang. Die Verdrängung .... 456 

f) Das Unbewußte und das Bewußtsein. Die Realität 472 

VIII. Literaturverzeichnis: 

A. Bis zum Erscheinen dieses Buches (1900) . . . . . . . ... . . . 482 

B. Seit dem Erscheinen dieses Buches (bis Ende 1913) 488 



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by VrUUglC UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



I. 

Die wissenschaftliche Literatur der Traum- 
probleme*). 

Auf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis erbringen, 
daß es eine psychologische Technik gibt, welche gestattet, Träume zu 
deuten, und daß bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum sich 
als ein sinnvolles psychisches Gebilde herausstellt, welches an angeb- 
barer Stelle in das seelische Treiben des Wachens einzureihen ist. 
Ich werde ferner versuchen, die Vorgänge klarzulegen, von denen die 
Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traumes herrührt, und aus 
ihnen einen Eückschluß auf die Natur der psychischen Kräfte ziehen, 
aus deren Zusammen- oder Gegeneinanderwirken der Traum hervor- 
geht. So weit gelangt, wird meine Darstellung abbrechen, denn sie 
wird den Punkt erreicht haben, wo das Problem des Träumens in um- 
fassendere Probleme einmündet, deren Lösung an anderem Material 
in Angriff genommen werden muß. 

Eine Übersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie 
über den gegenwärtigen Stand der Traumprobleme in der Wissen- 
schaft stelle ich voran, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht 
häufig Anlaß haben werde, darauf zurückzukommen. Das wissen- 
schaftliche Verständnis des Traumes ist nämlich trotz mehrtausend- 
jähriger Bemühung sehr wenig weit gediehen. Dies wird von den 
Autoren so allgemein zugegeben, daß es überflüssig scheint, einzelne 
Stimmen anzuführen. In den Schriften, deren Verzeichnis ich zum 
Schlüsse meiner Arbeit anfüge, finden sich viele anregende Bemer- 
kungen und reichlich interessantes Material zu unserem Thema, aber 
nichts oder wenig, was das Wesen des Traumes träfe oder eines seiner 
Rätsel endgültig löste. Noch weniger ist natürlich in das Wissen der 
gebildeten Laien übergegangen. 

Welche Auffassung der Traum in den Urzeiten der Menschheit 
bei den primitiven Völkern gefunden und welchen Einfluß er auf die 
Bildung ihrer Anschauungen von der Welt und von der Seele ge- 
nommen haben mag, das ist ein Thema von so hohem Interesse, daß 
ich es nur ungern von der Bearbeitung in diesem Zusammenhange aus- 

*) Bis zur ersten Veröffentlichung dieses Buches 1900. 

Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 1 



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2 I. Literatur der Traumprobleme. 

schließe. Ich verweise auf die bekannten Werke von Sir J. Lubbock, 
H. Spencer, E. B. Tylor u. a. und füge nur hinzu, daß uns die Trag- 
weite dieser Probleme und Spekulationen erst begreiflich werden kann, 
nachdem wir die uns vorschwebende Aufgabe der „Traumdeutung" 
erledigt haben. 

Ein Nachklang der urzeitlichen Auffassung des Traumes liegt 
offenbar der Traumschätzung bei den Völkern des klassischen Alter- 
tums zu gründe*). Es war bei ihnen Voraussetzung, daß die Träume 
mit der Welt übermenschlicher Wesen, an die sie glaubten, in Be- 
ziehung stünden und Offenbarungen von Seite der Götter und Dämonen 
brächten. Ferner drängte sich ihnen auf, daß die Träume eine für den 
Träumer bedeutsame Absicht hätten, in der Regel, ihm die Zukunft 
zu verkünden. Die außerordentliche Verschiedenheit in dem Inhalt 
und dem Eindruck der Träume machte es allerdings schwierig, eine 
einheitliche Auffassung derselben durchzuführen und nötigte zu man- 
nigfachen Unterscheidungen und Gruppenbildungen der Träume, je 
nach ihrem Wert und ihrer Zuverlässigkeit. Bei den einzelnen Philo- 
sophen des Altertums war die Beurteilung des Traumes natürlich nicht 
unabhängig von der Stellung, die sie der Mantik überhaupt einzu- 
räumen bereit waren. 

In den beiden den Traum behandelnden Schriften des Aristote- 
les ist der Traum bereits Objekt der Psychologie geworden. Wir 
hören, der Traum sei nicht gottgesandt, nicht göttlicher Natur, wohl 
aber dämonischer, da ja die Natur dämonisch, nicht göttlich ist, d. h. 
der Traum entstammt keiner übernatürlichen Offenbarung, sondern 
folgt aus den Gesetzen des allerdings mit der Gottheit verwandten 
menschlichen Geistes. Der Traum wird definiert als die Seelentätig- 
keit des Schlafenden, insofern er schläft. 

Aristoteles kennt einige der Charaktere des Traumlebens, z. B. 
daß der Traum kleine, während des Schlafes eintretende Reize ins 
Große umdeutet („man glaubt, durch ein Feuer zu gehen und heiß zu 
werden, wenn nur eine ganz unbedeutende Erwärmung dieses oder 
jenes Gliedes stattfindet"), und zieht aus diesem Verhalten den Schluß, 
daß die Träume sehr wohl die ersten bei Tag nicht bemerkten An- 
zeichen einer beginnenden Veränderung im Körper dem Arzte ver- 
raten können**). 

Die Alten vor Aristoteles hatten den Traum wie erwähnt nicht 
für ein Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern für eine 
Eingebung von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen Strö- 
mungen, die wir in der Schätzung des Traumlebens als jederzeit vor- 
handen auffinden werden, machten sich bereits bei ihnen geltend. 
Man unterschied wahrhafte und wertvolle Träume, dem Schläfer ge- 

*) Das Folgende nach Büchsenschütz' sorgfältiger Darstellung. 
**) Über die Beziehungen des Traumes zu den Krankheiten handelt der 
griechische Arzt Hippokrates in einem Kapitel seines berühmten Werkes. 



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by VrUUglL UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



Die Traumlehre der Alten. — Artemidorus. 3 

sandt, um ihn zu warnen oder ihm die Zukunft zu verkünden, von 
eitlen, trügerischen und nichtigen, deren Absicht es war, ihn in die 
Irre zu führen oder ins Verderben zu stürzen. 

Gruppe (Griechische Mythologie und Keligionsgeschichte, 
p. 390) gibt eine solche Einteilung der Träume nach Makro bius und 
Artemidoros wieder: „Man teilte die Träume in zwei Klassen. Die 
eine sollte nur durch die Gegenwart (oder Vergangenheit) beeinflußt, 
für die Zukunft aber bedeutungslos sein; sie umfaßte die dvorcvia, 
insomnia, die unmittelbar die gegebene Vorstellung oder ihr Gegen- 
teil wiedergeben, z. B. den Hunger oder dessen Stillung, und die <pavtda- 
jxata, welche die gegebene Vorstellung phantastisch erweitern, wie 
z. B. der Alpdruck t Ephialtes. Die andere Klasse dagegen galt als be- 
stimmend für die Zukunft; zu ihr gehören : 1. die direkte Weissagung, 
die man im Traume empfängt (xpTftiÄTiqidc, oraculum), 2. das Voraus- 
sagen eines bevorstehenden Ereignisses (5pa[ia, visio), 3. der symbo- 
lische, der Auslegung bedürftige Traum (övetpoc, somnium). Diese 
Theorie hat sich viele Jahrhunderte hindurch erhalten. " 

Mit dieser wechselnden Einschätzung der Träume stand die Auf- 
gabe einer „Traumdeutung* ' im Zusammenhange. Da man von den 
Träumen im allgemeinen wichtige Aufschlüsse erwartete, aber nicht 
alle Träume unmittelbar verstand und nicht wissen konnte, ob nicht 
ein bestimmter unverständlicher Traum doch Bedeutsames ankündigte, 
war der Anstoß zu einer Bemühung gegeben, welche den unverständ- 
lichen Inhalt des Traumes durch einen einsichtlichen und dabei be- 
deutungsvollen ersetzen konnte. Als die größte Autorität in der 
Traumdeutung galt im späteren Altertum Artemidoros aus Dal- 
dis, dessen ausführliches Werk uns für die verloren gegangenen 
Schriften des nämlichen Inhaltes entschädigen muß*). 

Die vorwissenschaftliche Traumauffassung der Alten stand 
sicherlich im vollsten Einklänge mit ihrer gesamten Weltanschauung, 
welche als Realität in die Außenwelt zu projizieren pflegte, was nur 
innerhalb des Seelenlebens Realität hatte. Sie trug überdies dem 
Haupteindruck Rechnung, welchen das Wachleben durch die am 
Morgen übrigbleibende Erinnerung von dem Traume empfängt, denn 
in dieser 'Erinnerung stellt sich der Traum als etwas Fremdes, das 
gleichsam aus einer anderen Welt herrührt, dem übrigen psychischen 
Inhalt entgegen. Es wäre übrigens irrig zu meinen, daß die Lehre 
von der übernatürlichen Herkunft der Träume in unseren Tagen der 
Anhänger entbehrt; von allen pietistischen und mystischen Schrift- 



*) Die weiteren Schicksale der Traumdeutung im Mittelalter siebe bei 
Diepgen und in den Spezialuntersuchungen von M. Förster, Gotthard u. a. 
Über die Traumdeutung bei den Juden handeln Almoli, Amram, Löwinger 
sowie neuesten» f mit Berücksichtigung des psychoanalytischen Standpunktes, 
Lauer. Kenntnis der arabischen Traumdeutung vermitteln Drexl, F. Schwarz 
und der Missionär Tfinkdji, der japanischen Miura und Iwaya, der chinesi- 
schen Secker, der indischen Negelein. 

1* 



r^rtrtrtL- Original frorn 

by VrUUglL UNIVERSITY 0F CALIFORNIA 



4 I. Literatur der Traumprobleme. 

steuern abgesehen — die ja recht daran tun, die Reste des ehemals 
ausgedehnten Gebietes des Übernatürlichen besetzt zu halten, solange 
sie nicht durch naturwissenschaftliche Erklärung erobert sind — , 
trifft man doch auch auf scharfsinnige und allem Abenteuerlichen 
abgeneigte Männer, die ihren religiösen Glauben an die Existenz und 
an das Eingreifen übermenschlicher Geisteskräfte gerade auf die Un- 
erklärbarkeit der Traumerscheinungen zu stützen versuchen (Haff- 
ner). Die Wertschätzung des Traumlebens von Seite mancher Philo- 
sophenschulen, z. B. der Schellingianer, ist ein deutlicher Nach- 
klang der im Altertum unbestrittenen Göttlichkeit des Traumes, und 
auch über die divinatorische, die Zukunft verkündende Kraft des 
Traumes ist die Erörterung nicht abgeschlossen, weil die psycho- 
logischen Erklärungsversuche zur Bewältigung des angesammelten 
Materials nicht ausreichen, so unzweideutig auch die Sympathien eines 
jeden, der sich der wissenschaftlichen Denkungsart ergeben hat, zur 
Abweisung einer solchen Behauptung hinneigen mögen. 

Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der 
Traumprobleme zu schreiben ist darum so schwer, weil in dieser 
Erkenntnis, so wertvoll äie an einzelnen Stellen geworden sein mag, 
ein Fortschritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist. Es 
ist nicht zur Bildung eines Unterbaues von gesicherten Resultaten ge- 
kommen, auf dem dann ein nächstfolgender Forscher weitergebaut 
hätte, sondern jeder neue Autor faßt die nämlichen Probleme von 
neuem und wie vom Ursprung her wieder an. Wollte ich mich an 
die Zeitfolge der Autoren halten und von jedem einzelnen im Auszug 
berichten, welche Ansichten über die Traumprobleme er geäußert, 
so müßte ich darauf verzichten, ein übersichtliches Gesamtbild vom 
gegenwärtigen Stande der Traumerkenntnis zu entwerfen; ich habe 
es darum vorgezogen, die Darstellung an die Themata anstatt an die 
Autoren anzuknüpfen und weide bei jedem der Traumprobleme an- 
führen, was an Material zur Lösung desselben in der Literatur nieder- 
gelegt ist > 

Da es mir aber nicht gelungen ist, die gesamte, so sehr ver- 
streute und auf anderes übergreifende Literatur des Gegenstandes zu 
bewältigen, so muß ich meine Leser bitten, sich zu bescheiden, wenn 
nur keine grundlegende Tatsache und kein bedeutsamer Gesichtspunkt 
in meiner Darstellung verloren gegangen ist. 

Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sich veranlaßt ge- 
sehen, Schlaf und Traum in dem nämlichen Zusammenhange abzu- 
handeln, in der Regel auch die Würdigung analoger Zustände, welche 
in die Psychopathologie reichen, und traumähnlicher Vorkommnisse 
(wie der Halluzinationen, Visionen usw.) anzuschließen. Dagegen zeigt 
sich in den jüngsten Arbeiten das Bestreben, das Thema eingeschränkt 
zu halten und etwa eine einzelne Frage aus dem Gebiete des Traum- 
lebens zum Gegenstand zu nehmen. In dieser Veränderung möchte 
ich einen Ausdruck der Überzeugung sehen, daß in so dunflen Din- 



r^rtrtrtL- Original frorn 

by VrUUglL UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



Beziehung zum Wachleben. 5 

gen Aufklärung und Übereinstimmung nur durch eine Reihe von 
Detaüuntersuchungen zu erzielen sein dürften. Nichts anderes als 
eine solche Detailuntersuchung, und zwar speziell psychologischer 
Natur, kann ich hier bieten. Ich hatte wenig Anlaß, mich mit dem 
Problem des Schlafes zu befassen, denn dies ist ein wesentlich phy- 
siologisches Problem, wenngleich in der Charakteristik des Schlaf- 
zustandes die Veränderung der Punktionsbedingungen für den seeli- 
schen Apparat mitenthalten sein muß. Es bleibt also auch die Lite- 
ratur des Schlafes hier außer Betracht 

Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an 
sich führt zu den folgenden, zum Teil ineinanderfließenden Frage- 
stellungen : 

a) Beziehung des Traumes zum Wachleben. Das naive 
Urteil des Erwachten nimmt an, daß der Traum — wenn er schon 
nicht aus einer anderen Welt stemmt — doch den Schläfer in eine 
andere Welt entrückt hatte. Der alte Physiologe Burdach, dem 
wir eine sorgfältige und feinsinnige Beschreibung der Traumphäno- 
mene verdanken, hat dieser Überzeugung in einem vielbemerkten 
Satze Ausdruck gegeben (p. 474) : „ . . . nie wiederholt sich das Leben 
des Tages mit seinen Anstrengungen und Genüssen, seinen Freuden 
und Schmerzen, vielmehr geht der Traum darauf aus, uns davon zu 
befreien. Selbst wenn unsere ganze Seele von einem Gegenstand er- 
füllt war, wenn tiefer Schmerz unser Inneres zerrissen oder eine Auf- 
gabe unsere ganze Geisteskraft in Anspruch genommen hatte, gibt uns 
der Traum entweder etwas ganz Fremdartiges oder er nimmt aus 
der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen Kombinationen 
oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein und symbolisiert 
die Wirklichkeit" — J. H. Fichte (I, 541) spricht im selben Sinne 
direkt von Ergänäungsträumen und nennt diese eine von den 
geheimen Wohltaten selbstheilender Natur des Geistes. In ähnlichem 
Sinne äußert sich noch L. Strümpell in der mit Recht von allen 
Seiten hochgehaltenen Studie über die Natur und Entstehung der 
Träume (p. 16): „Wer träumt, ist der Welt des wachen Bewußt- 
seins abgekehrt" ... (p. 17): „Im Traume geht das Gedächtnis 
für den geordneten Inhalt des wachen Bewußtseins und dessen nor- 
males Verhalten so gut wie ganz verloren" ... (p. 19): „Die fast 
erinnerungslose Abgeschiedenheit der Seele im Traume von dem 
regelmäßigen Inhalt und Verlaufe des wachen Lebens" .... 

Die überwiegende Mehrheit der Autoren hat aber für die Be- 
ziehung des Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auffassung 
vertreten. So Haffner (p. 19): „Zunächst setzt der Traum das 
Wachleben fort. Unsere Träume schließen sich stets an die kurz zu- 
vor im Bewußtsein gewesenen Vorstellungen an. Eine genaue Beob- 
achtung wird beinahe immer einen Faden finden, in welchem der 
Traum an die Erlebnisse des vorhergehenden Tages anknüpfte." Wey- 
gandt (p. 6) widerspricht direkt der oben zitierten Behauptung 



r^rtrtrtL- Original frorn 

by VrUUglL UNIVERSITY OF CALIFORNIA 



6 I. Literatur der Traumprobleme. 

Burdachs, „denn es läßt sich oft, anscheinend in der überwiegenden 
Mehrzahl der Träume beobachten, daß dieselben uns gerade ins ge- 
wöhnliche Leben zurückführen, statt uns davon zu befreien." Maury 
(p. 56) sagt in seiner knappen Formel: „Nous r§vons de ce que nous 
avons vu, dit, desirö ou fait"; Jessen in seiner 1855 erschienenen 
Psychologie (p. 530) etwas ausführlicher: „Mehr oder weniger wird 
der Inhalt der Träume stets bestimmt durch die individuelle Per- 
sönlichkeit, durch das Lebensalter, Geschlecht, Stand, Bildungsstufe, 
gewohnte Lebensweise und durch die Ereignisse und Erfahrungen 
des ganzen bisherigen Lebens." 

Am unzweideutigsten nimmt zu dieser Frage der Philosoph 
I. G. E. Maaß (Über die Leidenschaften, 1805) Stellung: „Die Er- 
fahrung bestätigt unsere Behauptung, daß wir am häufigsten von den 
Dingen träumen, auf welche unsere wärmsten Leidenschaften gerichtet 
sind. Hieraus sieht man, daß unsere Leidenschaften auf die Erzeugung 
unserer Träume Einfluß haben müssen. Der Ehrgeizige träumt von 
den (vielleicht nur in seiner Einbildung) errungenen oder noch zu er- 
ringenden Lorbeeren, indes der Verliebte sich in seinen Träumen mit 
dem Gegenstand seiner süßen Hoffnungen beschäftigt, . . . Alle sinn- 
lichen Begierden und Verabscheuungen, die im Herzen schlummern, 
können, wenn sie durch irgend einen Grund angeregt werden, be- 
wirken, daß aus den mit ihnen vergesellschafteten Vorstellungen ein 
Traum entsteht oder daß sich diese Vorstellungen in einen bereits vor- 
handenen Traum einmischen/ 1 (Mitgeteilt von Winterstein im Zbl. 

f. Ps. A ) 

Nicht anders dachten die Alten über die Abhängigkeit des 
Trauminhaltes vom Leben. Ich zitiere nach Radestock (p. 139): 
Als Xerxes vor seinem Zuge gegen Griechenland von diesem seinem 
Entschluß durch guten Rat abgelenkt, durch Träume aber immer 
wieder dazu angefeuert wurde, sagte schon der alte rationelle Traum- 
deuter der Perser, Artabanos, treffend zu ihm, daß die Traumbilder 
meist das enthielte^ was der Mensch schon im Wachen denke. 

Im Lehrgedichte des Lucretius, De rerum natura, findet sich 
(IV, v. 959) die Stelle: 

„Et quo quisque fere studio devinctus adhaeret, 
aut quibus in rebus multum sumus ante morati 
atque in ea ratione fuit contenta magis mens, 
in somnis eadem plerumque videmur obire; 
causidici causas agere et componere leges, 
induperatores pugnare ac proelia obire," etc. etc. 
Cicero (De Divinatione II) sagt ganz ähnlich, wie so viel 
später Maury: „Maximeque reliquiae earum rerum moventur in 
animicj et agitantur, de quibus vigilantes aut cogitavimus aut 
egimus." 

Der Widerspruch dieser beiden Ansichten über die Beziehung 
von Traumleben und Wachleben scheint in der Tat unauflösbar. Es 



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Beziehung zum Wachleben. 7 

ist darum am Platz, der Darstellung von R W. Hildebrandt (1875) 
zu gedenken, welcher meint, die Eigentümlichkeiten des Traumes 
ließen sich überhaupt nicht anders beschreiben als durch eine „Reihe 
von Gegensätzen, welche scheinbar bis zu Widerp>rüchen sich zu- 
spitzen" (p. 8). „Den ersten dieser Gegensätze bilden einerseits die 
strenge Abgeschiedenheit oder Abgeschlossenheit des Trau- 
mes von dem wirklichen und wahren Leben und anderseits das stete 
Hinübergreifen des einen in das andere, die stete Abhängigkeit 
des einen von dem anderen. — Der Traum ist etwas von der wachend 
erlebten Wirklichkeit durchaus Gesondertes, man möchte sagen, ein 
in sich selbst hermetisch abgeschlossenes Dasein, von dem wirklichen 
Leben getrennt durch eine unübersteigliche Kluft. Er macht uns von 
der Wirklichkeit los, löscht die normale Erinnerung an dieselbe in 
uns aus und stellt uns in eine andere Welt und in eine ganz andere 
Lebensgeschichte, die im. Grunde Dichts mit der wirklichen zu schaffen 
hat . . . ." Hildebrandt führt dann aus, wie mit dem Einschlafen 
unser ganzes Sein mit seinen Existenzformen „wie hinter einer un- 
sichtbaren Falltür" verschwindet "Man macht dann etwa im Traume 
eine Seereise nach St. Helena, um dem dort gefangenen Napoleon 
etwas Vorzügliches in Moselweinen anzubieten. Man wird von dem 
Exkaiser aufs liebenswürdigste empfangen und bedauert fast, die 
interessante Illusion durch das Erwachen gestört zu sehen» Nun aber 
vergleicht man die Traumsituation mit der Wirklichkeit Man war 
nie Weinhändler und hat's auch nie werden wollen. *Man hat nie eine 
Seereise gemacht und würde St. Helena am wenigsten zum Ziele einer 
solchen nehmen. Gegen Napoleon hegt man durchaus keine sympa- 
thische Gesinnung, sondern einen grimmigen patriotischen Haß. und 
zu alledem war der Träumer überhaupt noch nicht unter den Leben- 
den, als Napoleon auf der Insel starb; eine persönliche Beziehung 
zu ihm zu knüpfen lag außerhalb des Bereiches der Möglichkeit So 
erscheint das Traumerlebnis als etwas eingeschobenes Fremdes zwi- 
schen zwei vollkommen zueinander passenden und einander fort- 
setzenden Lebensabschnitten. 

„Und dennoch/' setzt Hildebrandt fort, „ebenso wahr und 
richtig ist das scheinbare Gegenteil. Ich meine, mit dieser Ab- 
geschlossenheit und Abgeschiedenheit geht doch die innigste Be- 
ziehung und Verbindung Hand in Hand. Wir dürfen geradezu sagen : 
Was der Traum auch irgend biete, er nimmt das Material dazu aus 
der Wirklichkeit und aus dem Geistesleben, welches an dieser Wirk- 
lichkeit sich abwickelt . . . Wie wunderlich er's damit treibe, er 
kann doch eigentlich niemals von der realen Welt los und seine sub- 
limsten wie possenhaften Gebilde müssen immer ihren Grundstoff 
entlehnen von dem, was entweder in der Sinnwelt uns vor Augen ge- 
treten ist oder in unserem wachen Gedankengange irgendwie bereits 
Platz gefunden hat, mit anderen Worten, von dem, was wir äußerlich 
oder innerlich bereits erlebt haben." 



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8 I. Literatur der Traumprobleme. 

b) Das Traummaterial. — Das Gedächtnis im Traume. 
Daß alles Material, was den Trauminhalt zusammensetzt, auf irgend 
eine Weise ^vom Erlebten abstammt, also im Traume reproduziert, 
erinnert wird, dies wenigstens darf uns als unbestrittene Erkenntnis 
gelten. Doch wäre es ein Irrtum anzunehmen, daß ein solcher Zu- 
sammenhang des Trauminhaltes mit dem Wachleben sich mühelos als 
augenfälliges Ergebnis der angestellten Vergleichung ergeben müsse. 
Derselbe muß vielmehr aufmerksam gesucht werden und weiß sich 
in einer ganzen Reihe von Fällen für lange Zeit zu verbergen. Der 
Grund hiefür liegt in einer Anzahl von Eigentümlichkeiten, welche 
die Erinnerungsfähigkeit im Traume zeigt, und die, obwohl allgemein 
bemerkt, sich doch bisher jeder Erklärung entzogen haben. Es wird 
der Mühe lohnen, diese Charaktere eingehend zu würdigen. 

Es kommt zunächst vor, daß im Trauminhalt ein Material auf- 
tritt, welches man dann im Wachen nicht als zu seinem Wissen und 
Erleben gehörig anerkennt. Man erinnert wohl, daß man das Be- 
treffende geträumt, aber erinnert nicht, daß und wann man es erlebt 
hat. Man bleibt dann im unklaren darüber, aus welcher Quelle der 
Traum geschöpft hat, und ist wohl versucht, an eine selbständig pro- 
duzierende Tätigkeit des Traumes zu glauben, bis oft nach langer 
Zeit ein neues Erlebnis die verloren gegebene Erinnerung an das 
frühere Erlebnis wiederbringt und damit die Traumquelle aufdeckt. 
Man muß dann zugestehen, daß man im Traume etwas gewußt und er- 
innert hatte, was der Erinnerungsfähigkeit im' Wachen entzogen war*). 

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Art erzählt Del- 
boeuf aus seiner eigenen Traumerfahrung. Er sah im Traume den 
Hof seines Hauses mit Schnee bedeckt und fand zwei kleine Eidechsen 
halb erstarrt und unter dem Schnee begraben, die er als Tierfreund 
aufnahm, erwärmte und in die für sie bestimmte kleine Höhle im 
Gemäuer zurückbrachte. Außerdem steckte er ihnen einige Blätter 
von einem kleinen Farnkraut zu, das auf der Mauer wuchs und das 
sie, wie er wußte, sehr liebten. Im Traume kannte er den Namen der 
Pflanze: Asplenium ruta muralis. — Der Traum ging dann weiter, 
kehrte nach einer Einschaltung zu den Eidechsen zurück und zeigte 
Delboeuf zu seinem Erstaunen zwei neue Tierchen, die sich über 
die Reste der Farne hergemacht hatten. Dann wandte er den Blick 
aufs freie Feld, sah eine fünfte, eine sechste Eidechse den Weg zu 
dem Loche in der Mauer nehmen und endlich war die ganze Straße 
bedeckt von einer Prozession von Eidechsen, die alle in derselben 
Richtung wanderten. 

Delboeuf s Wissen umfaßte im Wachen nur wenige lateinische 
Pflanzennamen und schloß die Kenntnis eines Asplenium nicht ein. 
Zu seinem großen Erstaunen mußte er sich überzeugen, daß ein Farn 



*) Vaschide behauptet auch, es sei oft bemerkt worden, daß man im 
Traum fremde Sprachen geläufiger und reiner spreche als im Wachen. 



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Das Traumged&chtnis. — Hypermnesie des Traumes. 9 

dieses Namens wirklich existiert. Asplenium ruta muraria war seine 
richtige Bezeichnung, die der Traum ein wenig entstellt hatte. An ein 
zufälliges Zusammentreffen konnte man wohl nicht denken ; es blieb 
aber für Delboeuf rätselhaft, woher er im Traume die Kenntnis 
des Namens Asplenium genommen hatte. 

Der Traum war im Jahre 1862 vorgefallen; sechzehn Jahre 
später erblickt der Philosoph bei einem seiner Freunde, den er be- 
sucht, ein kleines Album mit getrockneten Blumen, wie sie als Er- 
innerungsgaben in manchen Gegenden der Schweiz an die Fremden 
verkauft werden. Eine Erinnerung steigt in ihm auf, er öffnet das 
Herbarium, findet in demselben das Asplenium seines Traumes und 
erkennt seine eigene Handschrift in dem beigefügten lateinischen 
Namen. Nun ließ sich der Zusammenhang herstellen. Eine Schwester 
dieses Freundes hatte im Jahre 1860 — zwei Jahre vor dem Eidechsen- 
traume — auf der Hochzeitsreise Delboeuf besucht. Sie hatte damals 
dieses für ihren Bruder bestimmte Album bei sich und Delboeuf 
unterzog sich der Mühe, unter dem Diktat eines Botanikers zu jedem 
der getrockneten Pflänzchen den lateinischen Namen hinzuzu- 
schreiben. 

Die Gunst des Zufalls, welche dieses Beispiel so sehr mitteilens- 
wert macht, gestattete Delboeuf, noch ein anderes Stück aus dem 
Inhalt dieses Traumes auf seine vergessene Quelle zurückzuführen. 
Eines Tages im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Bund einer illustrierten 
Zeitschrift in die Hände, in welcher er den ganzen Eidechsenzug ab- 
gebildet sah, wie er ihn 1862 geträumt hatte. Der Band trug die 
Jahreszahl 1861 und Delboeuf wußte sich zu erinnern, daß er 
von dem Erscheinen der Zeitschrift an zu ihren Abonnenten gehört 
hatte. 

Daß der Traum über Erinnerungen verfügt, welche dem Wachen 
unzugänglich sind, ist eine so merkwürdige und theoretisch bedeut- 
same Tatsache, daß ich durch Mitteilung noch anderer „hyper- 
mnestischer" Träume die Aufmerksamkeit für sie verstärken möchte. 
Maury erzählt, daß ihm eine Zeitlang das Wort Mussidan bei Tag 
in den Sinn zu kommen pflegte. Er wußte, daß es der Name einer 
französischen Stadt sei, aber weiter nichts. Eines Nachts träumte ihm 
von einer Unterhaltung mit einer gewissen Person, die ihm sagte, sie 
käme aus Mussidan, und auf seine Frage, wo die Stadt liege, zur 
Antwort gab: Mussidan sei eine Kreisstadt im Departement de la 
Dordogne. Erwacht, schenkte Maury der im Traume erhaltenen 
Auskunft keinen Glauben; das geographische Lexikon belehrte ihn 
aber, daß sie vollkommen richtig sei. In diesem Falle ist das Mehr- 
wissen des Traumes bestätigt, die vergessene Quelle dieses Wissens 
aber nicht aufgespürt worden. 

Jessen erzählt (p. 55) ein ganz ähnliches Traumvorkommnis 
aus älteren Zeiten: „Dahin gehört unter anderem der Traum des 
älteren Scaliger (Hennings 1. c, p. 300), welcher ein Gedicht zum 



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10 I. Literatur der Traumprobleme. 

Lobe der berühmten Männer in Verona schrieb und dem ein Mann, 
welcher sich Brugnolus nannte, im Traume erschien und sich be- 
klagte, daß er vergessen sei. Obgleich Scaliger sich nicht erinnerte, 
je etwas von ihm gehört zu haben, so machte er doch Verse auf ihn, 
und sein Sohn erfuhr nachher in Verona, daß ehemals ein solcher 
Brugnolus als Kritiker daselbst berühmt gewesen sei" 

Einen hvpermnestischen Traum, welcher sich durch die besondere 
Eigentümlichkeit auszeichnet, daß sich in einem darauffolgenden Traum 
die Agnoszierung der zuerst nicht erkannten Erinnerung vollzieht, 
erzählt der Marquis d'Hervey de St Denis (nach Vaschide, 
p. 232) : „Ich träumte einmal von einer jungen Frau mit goldblondem 
Haar, die ich mit meiner Schwester plaudern sah, während sie ihr 
eine Stickereiarbeit zeigte. Im Traum kam sie mir sehr bekannt vor, 
ich meinte sogar, sie zu wiederholten Malen jgesehen zu haben. Nach 
dem Erwachen habe ich dieses Gesicht noch lebhaft vor mir, kann 
es aber absolut nicht erkennen. Ich schlafe nun wieder ein; das 
Traumbild wiederholt sich. In diesem neuen Traum spreche ich nun 
die blonde Dame an und frage sie, ob ich nicht schon das Vergnügen 
gehabt, sie irgendwo zu treffen. Gewiß, antwortet die Dame, er- 
innern Sie sich nur an das Seebad von Pornic. Sofort wache ich 
wieder auf und weiß mich nun mit aller Sicherheit an die Einzel- 
heiten zu besinnen, mit denen dieses anmutige Traumgesicht ver- 
knüpft war." 

Derselbe Autor (bei Vaschide, p. 233) berichtet: 

Ein ihm bekannter Musiker hörte einmal im Traum eine Melodie, 
die ihm völlig neu erschien. Erst mehrere Jahre später fand er die- 
selbe in einer alten Sammlung von Musikstücken aufgezeichnet, die 
vorher in der Hand gehabt zu haben er sich noch immer nicht er- 
innert. 

An einer mir leider nicht zugänglichen Stelle (Proceedings of 
the Society for psychical research) soll Myers eine ganze Sammlung 
solcher hypermnestischer Träume veröffentlicht haben. Ich meine, 
jeder, der sich mit Träumen beschäftigt, wird es als ein sehr gewöhn- 
liches Phänomen anerkennen müssen, daß der Traum Zeugnis für 
Kenntnisse und Erinnerungen ablegt, welche der Wachende nicht zu 
besitzen vermeint. In den psycho-analytischen Arbeiten mit Nervösen, 
von denen ich später berichten werde, komme ich. jede Woche mehr- 
mals in die Lage, den Patienten aus ihren Träumen zu beweisen, 
daß sie Zitate, obszöne Worte u. dgl. eigentlich sehr gut kennen, 
und daß sie sich ihrer im Traume bedienen, obwohl sie sie im wachen 
Leben vergessen haben. Einen harmlosen Fall von Traumhypermnesie 
will ich hier noch mitteilen, weil sich bei ihm die Quelle, aus welcher 
die nur dem Traume zugangliche Kenntnis stammte, sehr leicht auf- 
finden ließ. 

Ein Patient träumte in einem längeren Zusammenhange, daß 
er sich in einem Kaffeehause eine „Kontuszowka" geben lasse, fragte 



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Hjpermnesie des Traumes. 11 

aber nach der Erzählung, was "das wohl sei; er habe den Namen 
nie gehört. Ich konnte antworten, Kontuszowka sei ein polnischer 
Schnaps, den er im Traume nicht erfunden haben könne, da mir der 
Name von Plakaten her schon lange bekannt sei. Der Mann wollte 
mir zuerst keinen Glauben schenken. Einige Tage später, nachdem 
er seinen Traum im Kaffeehause hatte zur Wirklichkeit werden lassen, 
bemerkte er den Namen auf einem Plakat und zwar an einer Straßen- 
ecke, welche er seit Monaten wenigstens zweimal im Tage hatte 
passieren müssen. 

Ich habe selbst an eigenen Träumen erfahren, wie sehr man 
mit der Aufdeckung der Herkunft einzelner Traumelemente vom 
Zufalle abhängig bleibt. So verfolgte mich durch Jahre vor der Ab- 
fassung dieses Buches das Bild eines sehr einfach gestalteten Kirch- 
turmes, den gesehen zu haben ich mich nicht erinnern konnte. Ich 
erkannte ihn dann plötzlich, und zwar mit voller Sicherheit, auf einer 
kleinen Station zwischen Salzburg und Reichenhall. Es war in der 
zweiten Hälfte der Neunzigerjahre, und ich hatte die Strecke im 
Jahre 1886 zum erstenmal befahren. In späteren Jahren, als ich 
mich bereits intensiv mit dem Studium der Träume beschäftigte, 
würde das häufig wiederkehrende Traumbild einer gewissen merk- 
■ würdigen Lokalität mir geradezu lästig. Ich sah in bestimmter ört- 
licher Beziehung zu meiner Person, zu meiner Linken, einen dunklen 
Raum, aus dem mehrere groteske Sandsteinfiguren hervorleuchteten. 
Ein Schimmer von Erinnerung, dem ich nicht recht glauben wollte, 
sagte mir, es sei ein Eingang in einen Bierkeller ; es gelang mir aber 
weder aufzuklären, was dieses Traumbild bedeuten wolle, noch woher 
es stamme. Im Jahre 1907 kam ich zufällig nach Padua, das ich zu 
meinem Bedauern seit 1895 nicht wieder hatte besuchen können. 
Mein erster Besuch in der schönen Universitätsstadt war unbefrie- 
digend geblieben; ich hatte die Fresken Giottos in der Madonna 
de ir Arena nicht besichtigen können und machte mitten auf der 
dahin führenden Straße kehrt, als man mir mitteilte, das Kirchlein 
sei an diesem Tage gesperrt. Bei meinem zweiten Besuche, zwölf 
Jahre später, gedachte ich mich zu entschädigen und suchte vor allem 
den Weg zur Madonna dell' Arena auf. An der zu ihr führenden 
Straße, linkerhand von meiner Wegrichtung, wahrscheinlich an der 
Stelle, wo ich 1895 umgekehrt war, entdeckte ich die Lokalität, die 
ich so oft im Traume gesehen hatte, mit den in ihr enthaltenen Sand- 
steinfiguren. Es war in der Tat der Eingang in einen Kestaurations- 
garten. 

Eine der Quellen, aus welcher der Traum Material zur Re- 
produktion bezieht, zum Teil solches, das in der Denktätigkeit des 
Wachens nicht e'rinnert und nicht verwendet wird, ist das Kind- 
heitsleben. Ich werde nur einige der Autoren anführen, die dies 
bemerkt und betont haben: 



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12 I. Literatur der Traumprobleme. 

Hildebrandt (p. 23): „Ausdrücklich ist schon zugegeben 
worden, daß der Traum bisweilen mit wunderbarer Reproduktions- 
kraft uns ganz abgelegene und selbst vergessene Vorgänge aus fern- 
ster Zeit treu vor die Seele zurückführt." 

Strümpell (p. 40): „Die Sache steigert sich noch mehr, wenn 
man bemerkt, wie der Traum mitunter jgleichsam aus den tiefsten 
und massenhaftesten Verschüttungen, welche die spätere Zeit auf die 
frühesten Jugenderlebnisse gelagert hat, die Bilder einzelner Lokali- 
täten, Dinge, Personen ganz unversehrt und mit ursprünglicher 
Frische wieder hervorzieht. Dies beschränkt sich nicht bloß auf 
solche Eindrücke, die bei ihrer Entstehung ein lebhaftes Bewußtsein 
gewonnen oder sich mit starken psychischen Werten verbunden haben, 
und nun später im Traume als eigentliche Erinnerungen wiederkehren, 
an denen das erwachte Bewußtsein sich erfreut Die Tiefe des Traum- 
gedächtnisses umfaßt vielmehr auch solche Bilder von Personen, 
Dingen, Lokalitäten und Erlebnissen der frühesten Zeit, die entweder 
nur ein geringes Bewußtsein oder keinen psychischen Wert besaßen 
oder längst das eine wie das andere verloren hatten und deshalb auch 
sowohl im Traume wie nach dem Erwachen als gänzlich fremd und 
unbekannt erscheinen, bis ihr früher Ursprung entdeckt wird." 

Volkelt (p. 119): „Besonders bemerkenswert ist es, wie gern 
Kindheits- und Jugenderinnerungen in den Traum eingehen. Woran 
wir längst nicht mehr denken, was längst für uns alle Wichtigkeit 
verloren: der Traum mahnt uns daran unermüdlich." 

Die Herrschaft des Traumes über das Kindheitsmaterial, welches 
bekanntlich zum größten Teil in die Lücken der bewußten Erinne- 
rungsfähigkeit fällt, gibt Anlaß zur Entstehung von interessanten 
hypermnestischen Träumen, von denen ich wiederum einige Beispiele 
mitteilen will. 

Maury erzählt (p. 92), daß er von seiner Vaterstadt Meaux 
als Kind häufig nach dem nahe gelegenen Trilport gekommen war, 
wo sein Vater den Bau einer Brücke leitete. In einer Nacht versetzt 
ihn der Traum nach Trilport und läßt ihn wieder in den Straßen 
der Stadt spielen. Ein Mann nähert sich ihm 2 der eine Art Uniform 
trägt. Maury fragt ihn nach seinem Namen; er stellt sich vor, er 
heiße C . . . und sei Brückenwächter. Nach dem Erwachen fragt 
der an der Wirklichkeit der Erinnerung noch zweifelnde Maury 
eine alte Dienerin, die seit der Kindheit bei ihm ist, ob sie sich an 
einen Mann dieses Namens erinnern kann. Gewiß, lautet die Ant- 
wort, er war der Wächter der Brücke, die Ihr Vater damals ge- 
baut hat. 

Ein ebenso schön bestätigtes Beispiel von der Sicherheit der im 
Traume auftretenden Kindheitserinnerung berichtet Maury von einem 
Herrn F . . ., der als Kind in Montbrison aufgewachsen w r ar. Die- 
ser Mann beschloß, 25 Jahre nach seinem Weggang, die Heimat 
und alte, seither nicht gesehene Freunde der Familie wieder zu be- 



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Infantiles und rezentes Material. 13 

suchen. In "der Nacht vor seiner Abreise träumt er, daß er am Ziele 
ist und in der Nähe von Montbrison einen ihm vom Ansehen 
unbekannten Herrn begegnet, der ihm sagt, er sei der Herr T., ein 
Freund seines Vaters. Der Träumer wußte, daß er einen Herrn 
dieses Namens als Kind gekannt hatte, erinnerte sich aber im Wachen 
nicht mehr an sein Aussehen. Einige Tage später nun wirklich in 
Montbrison angelangt, findet er die für unbekannt gehaltene Lo- 
kalität des Traumes wieder und begegnet einem Herrn, den er sofort 
als den T. des Traumes erkennt. Die wirkliche Person war nur 
stärker gealtert, als sie das Traumbild gezeigt hatte. 

Ich kann hier einen eigenen Traum erzählen, in dem der zu 
erinnernde Eindruck durch eine Beziehung ersetzt ist. Ich sah in 
einem Traume eine Person, von 'der ich im Traume wußte, es sei der 
Arzt meines heimatlichen Ortes. Ihr Gesicht war nicht deutlich, sie 
vermengte sich aber mit der Vorstellung eines meiner Gymnasial- 
lehrer, den ich noch heute gelegentlich treffe. Welche Beziehung die 
beiden Personen verknüpfe, konnte ich dann im Wachen nicht aus- 
findig machen. Als ich aber meine Mutter nach dem Arzte dieser 
meiner ersten Kinderjahre fragte, erfuhr ich, daß er einäugig ge- 
wesen war, und einäugig ist auch der Gymnasiallehrer, dessen Person 
die des Arztes im Traume gedeckt hatte. Es waren 38 Jahre her, daß 
ich den Arzt nicht mehr gesehen, und ich habe meines Wissens im 
wachen Leben niemals an seine Person gedacht, obwohl eine Narbe 
am Kinn mich an seine Hilfeleistung hätte erinnern können. 

Es klingt, als sollte ein Gegengewicht gegen die übergroße 
Rolle der Kindheitseindrücke im Traumleben geschaffen werden, 
wenn mehrere Autoren behaupten, in den meisten Träumen ließen 
sich Elemente aus den aller jüngsten Tagen nachweisen. Robert 
(p. 46) äußert sogar: „Im allgemeinen beschäftigt sich der normale 
Traum nur mit den Eindrücken der letztvergangenen Tage." Wir 
werden allerdings erfahren, daß die von Robert aufgebaute Theorie 
des Traumes eine solche Zurückdrängung der ältesten und Vorschie- 
bung der jüngsten Eindrücke gebieterisch fordert. Die Tatsache aber, 
der Robert Ausdruck gibt, besteht, wie ich nach eigenen Unter- 
suchungen versichern kann, zu Recht. Ein amerikanischer Autor 
Nelson meint, am häufigsten finden sich im Traume Eindrücke 
vom Tage vor dem Traumtage oder vom dritten Tage vorher verwertet, 
als ob die Eindrücke des dem Traume unmittelbar vorhergehenden 
Tages nicht abgeschwächt — nicht abgelegen — genug wären. 

Es ist mehreren Autoren, die den intimen Zusammenhang des 
Trauminhaltes mit dem Wachleben nicht bezweifeln mochten, auf- 
gefallen, daß Eindrücke, welche das wache Denken intensiv beschäf- 
tigen, erst dann im Traume auftreten, wenn sie von der Tages- 
gedankenarbeit einigermaßen zur Seite gedrängt worden sind. So 
träumt man in der Regel von einem lieben Toten nicht die erste 
Zeit, solange die Trauer den Überlebenden ganz ausfüllt (Delage). 



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14 I. Literatur der Traumprobleme. 

Indes hat eine der letzten Beobachterinnen, Miß Hall am, auch Bei- 
spiele vom gegenteiligen Verhalten gesammelt und vertritt für diesen 
Punkt das Recht der psychologischen Individualität. 

"Die dritte, merkwürdigste und unverständlichste Eigentümlich- 
keit des Gedächtnisses im Traume zeigt sich in der Auswahl des re- 
produzierten Materials, indem nicht wie im Wachen nur das Bedeut- 
samste, sondern im Gegenteil auch das Gleichgültigste, Unscheinbarste 
der Erinnerung wert gehalten wird. Ich lasse hierüber jene Autoren 
zum Worte kommen, welche ihrer Verwunderung den kräftigsten 
Ausdruck gegeben haben. 

Hildebrandt (p. 11): „Denn das ist das Merkwürdige, daß 
der Traum seine Elemente in der Regel nicht aus den großen und 
tiefgreifenden Ereignissen, nicht aus den mächtigen und treibenden 
Interessen des vergangenen Tages, sondern aus den nebensächlichen 
Zugaben, sozusagen aus den wertlosen Brocken der jüngst verlebten 
oder weiter rückwärts liegenden Vergangenheit nimmt. Der erschüt- 
ternde Todesfall in unserer Eamilie, unter dessen Eindrücken wir 
spät einschlafen, bleibt ausgelöscht aus unserem Gedächtnisse, bis 
ihn der erste wache Augenblick mit betrübender Gewalt in die- 
selbe zurückkehren läßt. Dagegen "die Warze auf der Stirn eines 
Fremden, der uns begegnete, und an den wir keinen Augenblick 
mehr dachten, nachdem wir an ihm vorübergegangen waren, die 
spielt eine Rolle in unserem 'Traume" . . . 

Strümpell (p. 39): „ . . solche Fälle, wo die Zerlegung eines 
Traumes Bestandteile desselben auffindet, die zwar aus den Erleb- 
nissen des vorigen oder vorletzten Tages stammen, aber doch so 
unbedeutend und wertlos für das wache Bewußtsein waren, daß sie 
kurz nach dem Erleben der Vergessenheit anheimfielen. Dergleichen 
Erlebnisse sind etwa zufällig gehörte Äußerungen oder oberflächlich 
bemerkte Handlungen eines anderen, rasch vorübergegangene Wahr- 
nehmungen von Dingen oder Personen, einzelne kleine Stücke aus 
einer Lektüre u. dgl." 

Havelock Ellis (1899, p. 727): „The profound emotions of waking 
life, the questions and problems on which we spread our chief volun- 
tary mental energy, are not those which usually present themselves 
at once to dreamconsciousness. It is so far as the immediate past is 
concerned, mostly the trifling, the incidental, the ,forgotten' impres- 
sions of daily life which reappear in our dreams. The psychic acti- 
vities that are awake most intensely are those that sleep most pro- 
foundly." 

Binz (p. 45) nimmt gerade die in Rede stehenden Eigentümlich- 
keiten des Gedächtnisses im Traume zum Anlaß, seine Unbefriedigung 
mit den von ihm selbst unterstützten Erklärungen des Traumes aus- 
zusprechen: „Und der natürliche Traum stellt uns ähnliche Fragen. 
Warum träumen wir nicht immer die Gedächtniseindrücke der letzt- 
verlebten Tage, sondern tauchen oft ein ohne irgend erkennbares 



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Erinnerung an nebensächliche Eindrücke. 15 

Motiv in weit hinter uns liegende, fast erloschene Vergangenheit? 
Warum empfängt im Traume das Bewußtsein so oft den Eindruck 
gleichgültiger Erinnerungsbilder, während die Gehirnzellen da, wo 
sie die reizbarsten Aufzeichnungen des Erlebten in sich tragen, meist 
stumm und starr liegen, es sei denn, daß eine akute Auffrischung 
während des Wachens sie kurz vorher erregt hatte?" 

Man sieht leicht ein, wie die sonderbare Vorliebe des Traum- 
gedächtnisses für das Gleichgültige und darum Unbeachtete an den 
Tageserlebnissen zumeist dazu führen mußte, die Abhängigkeit des 
Traumes vom Tagesleben überhaupt zu verkennen und dann wenig- 
stens den Nachweis derselben in jedem einzelnen Falle zu erschweren. 
So war es möglich, daß Miß Whiton Calkins bei der statistischen 
Bearbeitung ihrer (und ihres Gefährten) Träume doch 11 o/o' der An- 
zahl übrig behielt, in denen eine Beziehung zum Tagesleben nicht 
ersichtlich war. Sicherlich hat Hildebrandt mit der Behauptung 
recht, daß sich alle Traumbilder uns genetisch erklären würden, 
wenn wir jedesmal Zeit und Sammlung genug darauf verwendeten, 
ihrer Herkunft nachzuspüren. Er nennt dies freilich „ein äußerst 
mühseliges und undankbares Geschäft. Denn es liefe ja meistens 
darauf hinaus, allerlei psychisch ganz wertlose Dinge in den abge- 
legensten Winkeln der Gedächtniskammer aufzustöbern, allerlei völlig 
indifferente Momente längst vergangener Zeit aus der Verschüttung, 
die ihnen vielleicht schon die nächste Stunde brachte^ wieder zu 
Tage zu fördern". Ich muß aber doch bedauern, daß der scharfsinnige 
Autor sich von der Verfolgung des so unscheinbar beginnenden Weges 
abhalten ließ; er hätte ihn unmittelbar zum Zentrum der Traum- 
erklärung geleitet. 

Das Verhalten des Traum gedächtnisses ist sicherlich höchst be- 
deutsam für jede Theorie des Gedächtnisses überhaupt. Es lehrt, 
daß „nichts, was wir geistig einmal besessen, ganz und gar verloren 
gehen kann" (Scholz, p. 34). Oder, wie Delboeuf es ausdrückt, 
„que toute impression meme la plus insignifiante, laisse une trace 
inalterable, indöfiniment susceptible de reparaitre au jour", einSchluß, 
zu welchem so viele andere pathologische Erscheinungen des Seelen- 
lebens gleichfalls drängen. Man halte sich nun diese außerordentliche 
Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses im Traume vor Augen, um 
den Widerspruch lebhaft zu empfinden, den gewisse später zu er- 
wähnende Traum theorien aufstellen müssen, wenn sie die Absurdität 
und Inkohärenz der Träume durch ein partielles Vergessen des uns 
am Tage Bekannten erklären wollen. 

Man könnte etwa auf den Einfall geraten, das Phänomen des 
Träumens überhaupt auf das des Erinnerns zu reduzieren, im Traume 
die Äußerung einer auch nachts nicht rastenden Keproduktionstätig- 
keit sehen, die sich Selbstzweck ist Mitteilungen wie die von 
Pilcz würden hiezu stimmen, denen zufolge feste Beziehungen zwi- 
schen der Zeit des Träumens und dem Inhalt der Träume nachweis- 



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16 I. Literatur der Traumprobleme. 

bar sind in der Weise, daß im tiefen Schlafe Eindrücke aus den 
ältesten Zeiten, gegen Morgen aber rezente Eindrücke vom Traume 
reproduziert werden. Es wird aber eine solche Auffassung von vorn- 
herein unwahrscheinlich durch die Art, wie der Traum mit dem zu 
erinnernden Material verfährt Strümpell macht mit Recht darauf 
aufmerksam, daß Wiederholungen von Erlebnissen im Traume nicht 
vorkommen. Der Traum macht wohl einen Ansatz dazu, aber das 
folgende Glied bleibt aus ; es tritt verändert auf oder an seiner Stelle 
erscheint ein ganz fremdes. Der Traum bringt nur Bruchstücke von 
Reproduktionen. Dies ist sicherlich so weit die Regel, daß es eine 
theoretische Verwertung gestattet Indes kommen Ausnahmen vor, 
in denen ein Traum ein Erlebnis ebenso vollständig wiederholt, wie 
unsere Erinnerung im Wachen es vermag. Delboeuf erzählt von 
einem seiner Universitätskollegen, daß er im Traume eine gefährliche 
Wagenfahrt, bei welcher er einem Unfälle nur wie durch ein Wunder 
entging, mit all ihren Einzelheiten wieder durchgemacht habe. Miß 
Calkins erwähnt zweier Träume, welche die genaue Reproduktion 
eines Erlebnisses vom Tortage zum Inhalt hatten und ich selbst 
werde späterhin Anlaß nehmen, ein mir bekanntgewordenes Beispiel 
von unveränderter Traumwiederkehr eines Kindererlebnisses mitzu- 
teilen *). 

c) Traumreize und Traumquellen. Was man unter Traum- 
reizen oder Traumquellen verstehen soll, das kann durch eine Be- 
rufung auf die Volksrede „Träume kommen vom Magen " verdeut- 
licht werden. Hinter der Aufstellung dieser Begriffe verbirgt sich 
eine Theorie, die den Traum als Folge einer Störung des Schlafes 
erfaßt. Man hätte nicht geträumt, wenn nicht irgend etwas Störendes 
im Schlafe sich geregt hätte, und der Traum ist <üe Reaktion auf diese 
Störung. 

Die Erörterungen über die erregenden Ursachen der Traume 
nehmen in den Darstellungen der Autoren den breitesten Raum ein. 
Daß das Problem sich erst ergeben konnte, seitdem der Traum ein 
Gegenstand der biologischen Forschung geworden war ; ist selbstver- 
ständlich. Die Alten, denen der Traum als göttliche Sendung galt, 
brauchten nach einer Reizquelle für ihn nicht zu suchen; aus dem 
Willen der göttlichen oder dämonischen Macht erfloß der Traum, aus 
deren Wissen oder Absicht sein Inhalt. Für die Wissenschaft erhob 
sich alsbald die Frage, ob der Anreiz zum Träumen stets der näm- 
liche sei oder ein vielfacher sein könne, und damit die Erwägung, 
ob die ursächliche Erklärung des Traumes der Psychologie oder 
vielmehr der Physiologie anheimfalle. Die meisten Autoren scheinen 

*) Aus späterer Erfahrung füge ich hinzu, daß gar nicht so selten harm- 
lose und unwichtige Beschäftigungen des Tages vom Traume wiederholt werden, 
etwa: Koffer packen, in der Köche Speisen zubereiten u. dgl. Bei solchen Träumen 
betont der Träumer selbst aber nicht den Charakter der Erinnerung, sondern den 
.der „Wirklichkeit". „Ich habe das alles am Tage wirklich getan.* 



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Traumreize und Traumquellen. 17 

anzunehmen, daß die Ursachen der Schlafstörung, also die Quellen 
des Träumens, mannigfaltiger Art sein Können und daß Leibreize 
ebenso wie seelische Erregungen zur Rolle von Traumerregern ge- 
langen. In der Bevorzugung der einen oder der anderen unter den 
Traumquellen, in der Herstellung einer Rangordnung unter ihnen je 
nach ihrer Bedeutsamkeit für die Entstehung des Traumes gehen die 
Ansichten weit auseinander. 

Wo die Aufzählung der Traumquellen vollständig ist, da er- 
geben sich schließlich vier Arten derselben, die auch zur Einteilung 
der Träume verwendet worden sind, 

1. Äußere (objektive) Sinneserregung. 

2. Innere (subjektive) Sinneserregung. 

3. Innerer (organischer) Leibreiz. 

4. Rein psychische Reizquellen. 

ad 1. Die äußeren Sinnesreize. Der jüngere Strümpell, 
der Sohn des Philosophen, dessen Werk über den Traum uns bereits 
mehrmals als Wegweiser in die Traumprobleme diente, hat bekannt- 
lich die Beobachtung eines Kranken mitgeteilt, der mit allgemeiner 
Anästhesie der Körperdecken und Lähmung mehrerer der höheren 
Sinnesorgane behaftet war. Wenn man bei diesem Manne die we- 
nigen noch offenen Sinnespforten von der Außenwelt abschloß, verfiel 
er in Schlaf. Wenn wir einschlafen wollen, pflegen wir alle eine 
Situation anzustreben, die jener im Strümpellschen Experiment 
ähnlich ist. Wir verschließen die wichtigsten Sinnespforten, die 
Augen, und suchen von den anderen Sinnen jeden Reiz oder jede 
Veränderung der auf sie wirkenden Reize abzuhalten. Wir schlafen 
dann ein, obwohl uns unser Vorhaben nie völlig gelingt. Wir können 
weder die Reize vollständig von den Sinnesorganen fernhalten, noch 
die Erregbarkeit unserer Sinnesorgane völlig aufheben. Daß wir 
durch stärkere Reize jederzeit zu erwecken sind, darf uns beweisen, 
„daß die Seele auch im Schlafe in fortdauernder Verbindung mit der 
außerleiblichen Welt" geblieben ist. Die Sinnesreize, die uns während 
des Schlafes zukommen, können sehr wohl zu Traumquellen werden. 

Von solchen Reizen gibt es nun eine große Reihe von den un- 
vermeidlichen an, die der Schlafzustand mit sich bringt oder nur 
gelegentlich zulassen muß, bis zum zufälligen Weckreize, welcher ge- 
eignet oder dazu bestimmt ist, dem Schlafe ein Ende zu machen. Es 
kann stärkeres Licht in die Augen dringen, ein Geräusch sich ver- 
nehmbar machen, ein riechender Stoff die Nasenschleimhaut erregen. 
Wir können im Schlafe durch ungewollte Bewegungen einzelne 
Körperteile entblößen und so der Abkühlungsempfmdung aussetzen 
oder durch Lageveränderung uns selbst Druck- und Berührungs- 
empfindungen erzeugen. Es kann uns eine Fliege stechen oder ein 
kleiner nächtlicher Unfall kann mehrere Sinne zugleich bestürmen. 
Die Aufmerksamkeit der Beobachter hat eine ganze Reihe von Träu- 
men gesammelt, in welchen der beim Erwachen konstatierte Reiz 

Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 2 



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18 I. Literatur der Traumprobleme. 

und ein Stück des Trauminhaltes so weit übereinstimmten, daß der 
Reiz als Traumquelle erkannt werden konnte. 

Eine Sammlung solcher auf objektive — mehr oder minder 
akzidentelle — Sinnesreizung zurückgehender Träume führe ich hier 
nach Jessen (p. 527) an: Jedes undeutlich wahrgenommene Geräusch 
erweckt entsprechende Traumbilder, das Rollen des Donners versetzt 
uns mitten in eine Schlacht, das Krähen eines Hahneg kann sich in 
das Angstgeschrei eines Menschen verwandeln, das Knarren einer 
Tür Trätime von räuberischen Einbrüchen hervorrufen. Wenn wir 
des Nachts unsere Bettdecke verlieren, so träumen wir vielleicht, daß 
wir nackt umhergehen oder daß wir ins Wasser gefallen sind. Wenn 
wir schräg im Bette liegen und die Füße über den Rand desselben 
herauskommen, so träumt uns vielleicht, daß wir am Rande eines 
schrecklichen Abgrundes stehen oder daß wir von einer steilen Höhe 
hinabstürzen. Kommt unser Kopf zufällig unter das Kopfkissen, so 
hängt ein großer Felsen über uns und steht im Begriff, uns unter 
seiner Last zu begraben. Anhäufungen des Samens erzeugen wol- 
lüstige Träume, örtliche Schmerzen die Idee erlittener Mißhandlungen, 
feindlicher Angriffe oder geschehender Körperverletzungen . . . 

„Meier (Versuch einer Erklärung des Nacht wandelns. Halle 
1758, p. 33) träumte einmal, daß er von einigen Personen überfallen 
würde, welche ihn der Länge nach auf den Rücken auf die Erde 
hinlegten und ihm zwischen die große und die nächste Zehe einen 
Pfahl in die Erde schlugen. Indem er sich dies im Traume vorstellte, 
erwachte er und fühlte, daß ihm ein Strohhalm zwischen den Zehen 
stecke. Demselben soll nach Hennings (1784, p. 258) ein anderes 
Mal, als er sein Hemd am Halse etwas fest zusammengesteckt hatte, 
geträumt haben, daß er gehängt würde. Hoffbauer träumte in seiner 
Jugend, von einer hohen Mauer hinabzufallen und bemerkte beim Er- 
wachen, daß die Bettstelle auseinandergegangen und daß er wirklich 

gefallen war Gregory berichtet, er habe einmal beim Zu- 

bettegehen eine Masche mit heißem Wasser an die Füße gelegt und 
darauf im Traum eine Reise auf die Spitze des Ätna gemacht, wo er 
die Hitze des Erdbodens fast unerträglich gefunden. Ein anderer 
träumte nach einem auf den Kopf gelegten Blasenpflaster, daß er von 
einem Haufen von Indianern skalpiert werde; ein dritter, der in 
einem feuchten Hemde schlief, glaubte durch einen Strom gezogen zu 
werden. Ein im Schlafe eintretender Anfall von Podagra ließ einen 
Kranken glauben, er sei in den Händen der Inquisition und erdulde 
die Qualen der Folter (Macnish)." 

Das auf die Ähnlichkeit zwischen Reiz und Trauminhalt ge- 
gründete Argument läßt eine Verstärkung zu, wenn es gelingt, bei 
einem Schlafenden durch planmäßige Anbringung von Sinnesreizen 
dem Reize entsprechende Träume zu erzeugen. Solche Versuche hat 
nach Macnish schon Giron de Buzareingues angestellt „Er 
ließ seine Knie unbedeckt und träumte, daß er in der Nacht auf einem 



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Äußere Sinnesreize ak Traumqaellen. — Experimentelle Träume. 19 

Postwagen reise. Er bemerkt dabei, daß Reisende wohl wissen wür- 
den, wie in einer Kutsche die Knie des Nachts kalt würden. Ein 
anderes Mal ließ er den Kopf hinten unbedeckt und träumte, 'daß er 
einer religiösen Zeremonie in freier Luft beiwohne. Es war nämlich 
in dem Lande, in welchem er lebte, Sitte, den Kopf stets bedeckt 
zu tragen, ausgenommen bei solchen Veranlassungen wie, die eben 
genannte." 

Matiry teilt neue Beobachtungen Ton an ihm selbst' erzeugten 
Träumen mit. (Eine Reihe anderer Versuche brachte keinen Erfolg.) 

1. Er wird an Lippen und Nasenspitze mit einer Feder ge- 
kitzelt. — Träumt von einer schrecklichen Tortur; eine Pechlarve 
wird ihm aufs Gesicht gelegt, dann weggerissen, so daß die Haut 
mitgeht. 

2. Man wetzt eine Schere an einer Pinzette. — Er hört Glocken 
läuten, dann Sturmläuten und ist in die Junitage des Jahres 1848 
versetzt. 

3. Man läßt ihn Kölnerwasser riechen. — Er ist in Kairo im 
Laden von Johann Maria Farina. Daran schließen sich tolle Aben- 
teuer, die er nicht reproduzieren kann. 

4 Man kneipt ihn leicht in den Nacken. — Er träumt, daß 
man ihm ein Blasenpflaster auflegt und denkt an einen Arzt, der 
ihn als Kind behandelt hat. 

5. Man nähert ein heißes Eisen seinem Gesicht. — Er träumt 
von den „Chauffeurs"*), die sich ins Haus eingeschlichen haben und 
die Bewohner zwingen, ihr Geld herauszugeben, indem sie ihnen die 
Füße ins Kohlenbecken stecken. Dann tritt die Herzogin von Abran- 
t£s auf, deren Sekretär er im Traume "ist 

8. Man gießt ihm einen Tropfen Wasser auf die Stirn. — Er 
ist in Italien, schwitzt heftig und trinkt den weißen Wein von 
Orvieto. 

9. Man läßt wiederholt durch ein rotes Papier das Licht einer 
Kerze auf ihn fallen. — Er träumt vom Wetter, von Hitze und be- 
findet sich wieder in einem Seesturm, den er einmal auf dem Kanal 
La Manche mitgemacht. 

Andere Versuche, Träume experimentell zu erzeugen, führen 
von d' Hervey, Weygandt u. a. her. 

Von mehreren Seiten ist die „auffällige Fertigkeit des Traumes 
bemerkt worden, plötzliche Eindrücke aus der Sinneswelt dergestalt 
in seine Gebilde zu verweben, daß sie in diesen eine allmählich schon 
vorbereitete und eingeleitete Katastrophe bilden" (Hildebrandt). 
„In jüngeren Jahren," erzählt dieser Autor, „bediente ich mich zu 
Zeiten, um regelmäßig in bestimmter Morgenstunde aufzustehen, des 
bekannten, meist an Uhrwerken angebrachten Weckers. Wohl zu 



*) „Chauffeurs" hießen Banden von Räubern in der VendSe, die sich dieser 
Tortur bedienten. 



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20 I. Literatur der Traumprobleme. 

hundert Malen ist mir's begegnet, daß der Ton dieses Instrumentes in 
einen vermeintlich sehr langen und zusammenhängenden Traum der- 
gestalt hineinpaßte, als ob dieser ganze Traum eben nur auf ihn an- 
gelegt sei und in ihm seine eigentliche logisch unentbehrliche Pointe, 
sein natürlich gewiesenes Endziel fände/ 4 

Ich werde drei dieser Weckerträume noch in anderer Absicht 
zitieren. 

Volkelt (p. 68) erzählt: „Einem Komponisten träumte einmal, 
er halte Schule und wolle eben seinen Schülern etwas klar machen. 
Schon ist er damit fertig und wendet sich an einen der Knaben mit 
der Frage: „Hast du mich verstanden ?" Dieser schreit wie ein 
Besessener: „0 ja!" Ungehalten hierüber verweist er ihm das 
Schreien. Doch schon schreit die ganze Klasse: „Orja!" Hierauf: 
„Eurjo!" Und endlich: „Feuerjo I" Und nun erwacht er von 
wirklichem Feuer jogeschrei auf der Straße. 

Garnier (Traite des facultas de Tarne, 1865) bei Radestock 
berichtet, daß Napoleon L durch die Explosion der Höllenmaschine 
aus einem Traume geweckt wurde, den er im Wagen schlafend hatte 
und der ihn den Übergang über den Tagliamento und die Kano- 
nade der Österreicher wieder erleben ließ, bis er mit dem Ausruf 
aufschreckte: „Wir sind unterminiert. " 

Zur Berühmtheit gelangt ist ein Traum, den Maury erlebt hat 
(p. 161). Er war leidend und lag in seinem Zimmer zu Bett; seine 
Mutter saß neben ihm. Er träumte nun von der Schreckensherr- 
schaft zur Zeit der Revolution, machte greuliche Mordszenen mit und 
wurde dann endlich selbst vor den Gerichtshof zitiert. Dort sah er 
Robespierre, Marat, Fouquier-Tinville und alle die traurigen 
Helden jener gräßlichen Epoche, stand ihnen Rede, wurde nach allerlei 
Zwischenfällen, die sich in seiner Erinnerung nicht fixierten, ver- 
urteilt und dann von einer unübersehbaren Menge begleitet auf den 
Richtplatz geführt. Er steigt aufs Schafott, der Scharfrichter bindet 
ihn aufs Brett; es kippt um; das Messer der Guillotine fällt herab; 
er fühlt, wie sein Haupt vom Rumpfe getrennt wird, wacht in der 
entsetzlichsten Angst auf — und findet, daß der Bettaufsatz herab- 
gefallen war und seine Halswirbel, wirklich ähnlich wie das Messer 
einer Guillotine, getroffen hatte. 

An diesen Traum knüpft sich eine interessante von Le Lorrain 
und Egger in der „Revue philosophique" eingeleitete Diskussion, ob 
und wie es dem Träumer möglich werde, in dem kurzen Zeitraum, der 
zwischen der Wahrnehmung des Weckreizes und dem Erwachen ver- 
streicht, eine anscheinend so überaus reiche Fülle von Trauminhalt 
zusammenzudrängen. 

Beispiele dieser Art lassen die objektiven Sinnesreizungen wäh- 
rend des Schlafes als die am besten sichergestellte unter den Traum- 
quellen erscheinen. Sie ist es auch, die in der Kenntnis des Laien 
einzig und allein eine Rolle spielt. Fragt man einen Gebildeten, der 



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Träume auf den Weckreiz. 21 

sonst der Traumliteratur fremd geblieben ist, wie die Träume zu 
stände kommen, so wird er zweifellos mit der Berufung auf einen 
ihm bekannt gewordenen Fall antworten, in dem ein Traum durch 
einen nach dem Erwachen erkannten objektiven Sinnesreiz aufgeklärt 
wurde. Die wissenschaftliche Betrachtung kann dabei nicht halt 
machen; sie schöpft den Anlaß zu weiteren Fragen aus der Beob- 
achtung, daß der während des Schlafes auf die Sinne einwirkende 
Beiz im Traume ja nicht in seiner wirklichen Gestalt auftritt, sondern 
durch irgend eine andere Vorstellung vertreten wird, die in irgend 
welcher Beziehung zu ihm steht Die Beziehung aber, die den Traum- 
reiz und den Traumerfolg verbindet, ist nach den Worten Maurys 
„une affinite quelconque, mais qui n'est pas unique et exclusive". 
(p. 72.) Man höre z. B. drei der Weckerträume Hildebrandts; man 
wird sich dann die Frage vorzulegen haben, warum derselbe Reiz so 
verschiedene und warum er gerade diese Traumerfolge hervorrief: 

(p. 37.) „Also ich gehe an einem Frühlingsmorgen spazieren 
und schlendre durch die grünenden Felder weiter bis zu einem be- 
nachbarten Dorfe, dort sehe ich die Bewohner in Feier kleidern, das 
Gesangbuch unter dem Arme, zahlreich der Kirche zuwandern. Rich- 
tig! es ist ja Sonntag und der Frühgottesdienst wird bald beginnen. 
Ich beschließe, an diesem teilzunehmen, zuvor aber, weil ich etwas 
echauffiert bin, auf dem die Kirche umgebenden Friedhofe mich 
abzukühlen. Während ich hier verschiedene Grabschriften lese, höre 
ich den Glöckner den Turm "hinansteigen und sehe nun in der Höhe 
des letzteren die kleine Dorfglocke, die das Zeichen zum Beginn der 
Andacht geben wird. Noch eine ganze Weile hängt sie bewegungslos 
da, dann fängt sie an zu schwingen — und plötzlich ertönen ihre 
Schläge hell und durchdringend — so hell und durchdringend, daß sie 
meinem Schlafe ein Ende machen. Die Glockentöne aber kommen 
von dem Wecker." 

„Eine zweite Kombination. Es ist heller Wintertag ; die Straßen 
sind hoch mit Schnee bedeckt. Ich habe meine Teilnahme an einer 
Schlittenfahrt zugesagt, muß aber lange warten, bis die Meldung er- 
folgt, der Schlitten stehe vor der Tür. Jetzt erfolgen die Vorbe- 
reitungen zum Einsteigen — der Pelz wird angelegt, der Fußsack her- 
vorgeholt — und endlich sitze ich auf meinem Platze. Aber noch ver- 
zögert sich die Abfahrt, bis die Zügel den harrenden Rossen das fühl- 
bare Zeichen geben. Nun ziehen diese an; die kräftig geschüttelten 
Schellen beginnen ihre wohlbekannte Janitscharenmusik mit einer 
Mächtigkeit, die augenblicklich das Spinngewebe des Traumes zer- 
reißt. Wieder ist's nichts anderes als der schrille Ton der Wecker- 
glocke." 

„Noch das dritte Beispiel! Ich sehe ein Kücherimädclien mit 
einigen Dutzend aufgetürmter Teller den Korridor entlang zum Speise- 
zimmer schreiten. Die Porzellansäule in ihren Armen scheint mir in 
Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren. ,Nimm dich in acht/ warne 



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22 I. Literatur der Traumprobleme, 

ich, ,die ganze Ladung wird zur Erde fallen/ Natürlich bleibt der 
obligate Widerspruch nicht aus: man sei dergleichen schon gewohnt 
usw., währenddessen ich noch immer mit Blicken der Besorgnis 
die Wandelnde begleite. Richtig, an der Türschwelle erfolgt ein 
Straucheln — das zerbrechliche Geschirr fällt und rasselt und prasselt 
in hundert Scherben auf dem Fußboden umher. Aber — das endlos 
sich fortsetzende Getön ist doch, wie ich bald merke, kein eigent- 
liches Rasseln, sondern ein richtiges Klingeln; — und mit diesem 
Klingeln hat, wie nunmehr der Erwachende erkennt, nur der Wecker 
seine Schuldigkeit getan." 

Die Frage, warum die Seele im Traume die Natur des objek- 
tiven Sinnesreizes verkenne, ist von Strümpell — und fast ebenso 
von Wundt — dahin beantwortet worden, daß sie sich gegen solche 
im Schlaf angreifende Reize unter den Bedingungen der Illusions- 
bildung befindet. Ein Sinneseindruck wird von uns erkannt, rich- 
tig gedeutet, d. h. unter die Erinnerungsgruppe eingereiht, in die 
er nach allen vorausgegangenen Erfahrungen genört, wenn der Ein- 
druck stark, deutlich, dauerhaft genug ist und wenn uns die für diese 
Überlegung erforderliche Zeit zu Gebote steht Sind diese Bedingungen 
nicht erfüllt, so verkennen wir das Objekt, von dem der Eindruck 
herrührt; wir bilden auf Grund desselben eine Illusion. „Wenn je- 
mand auf freiem Felde spazieren geht und einen entfernten Gegenstand 
undeutlich wahrnimmt, kann es kommen, daß er denselben zuerst 
für ein Pferd hält." Bei näherem Zusehen kann die Deutung einer 
ruhenden Kuh sich aufdrängen und endlich kann sich die Vor- 
stellung mit Bestimmtheit in die einer Gruppe von sitzenden Menschen 
auflösen. Ähnlich unbestimmter Natur sind nun die Eindrücke, welche 
die Seele im Schlafe durch äußere Reize empfängt; sie bildet auf 
Grund derselben Illusionen, indem durch den Eindruck eine größere 
oder kleinere Anzahl von Erinnerungsbildern wachgerufen wird, durch 
welche der Eindruck seinen psychischen Wert bekommt. Aus wel- 
chem der vielen in Betracht kommenden Erinnerungskreise die zu- 
gehörigen Bilder geweckt werden und welche der möglichen Asso- 
ziationsbeziehungen dabei in Kraft treten, dies bleibt auch nach 
Strümpell unbestimmbar und gleichsam der Willkür des Seelen- 
lebens überlassen. 

Wir stehen hier vor einer Wahl Wir können zugeben, daß 
die Gesetzmäßigkeit in der Traumbildung wirklich nicht weiter zu 
verfolgen ist, und somit verzichten zu fragen, ob die Deutung der 
durch den Sinneseindruck hervorgerufenen Illusion nicht noch an- 
deren Bedingungen unterliegt. Oder wir können auf die Vermutimg 
geraten, daß die im Schlafe eingreifende objektive Sinnesreizung als 
Traumquelle nur eine bescheidene Rolle spielt und daß andere Mo- 
mente die Auswahl der wachzurufenden Erinnerungsbilder deter- 
minieren. In der Tat, wenn man die experimentell erzeugten Träume 
Maurys prüft, die ich in dieser Absicht so ausführlich mitgeteilt 



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Illusionstheorie der objektiven Sinnesreize. — Innere Sinnesreize. 23 

habe, so ist man versucht zu sagen, der angestellte Versuch deckt 
eigentlich nur eines der Traumelemente nach seiner Herkunft und 
der übrige Trauminhalt erscheint vielmehr zu selbständig, zu sehr im 
einzelnen bestimmt, als daß er durch die eine Anforderung, er müsse 
sich mit dem experimentell eingeführten Element vertragen, aufge- 
klärt werden könnte. Ja man beginnt selbst an der Illusionstheorie 
und an der Macht des objektiven Eindruckes, den Traum zu gestalten, 
zu zweifeln, wenn man erfährt, daß dieser Eindruck gelegentlich die 
allersonderbarste und entlegenste Deutung im Traume erfährt. So er- 
zählt z. B. M. Simon einen Traum, in dem er riesenhafte Personen 
bei Tische sitzen sah und deutlich das furchtbare Geklapper hörte, 
das ihre aufeinanderschlagenden Kiefer beim Kauen erzeugten. Ale 
er erwachte, hörte er den Hufschlag eines vor seinem Fenster vorbei- 
galoppierenden Pferdes. Wenn hier der Lärm der Pf erdehufe gerade 
Vorstellungen wie aus dem Erinnerungskreis von Gullivers Keisen, 
Aufenthalt bei den Riesen von Brobdingnag, wachgerufen hat, sollte 
die Auswahl dieses für den Reiz so ungewöhnlichen Erinnerungs- 
kreises nicht außerdem durch andere Motive erleichtert gewesen 
sein?*) 

ad 2. Innere (subjektive) Sinneserregung. 
Allen Einwendungen zum Trotz wird man zugeben müssen, 
daß die Rolle objektiver Sinneserregungen während des Schlafes als 
Traumerreger unbestritten feststeht, und wenn diese Reize ihrer Na- 
tur und Häufigkeit nach vielleicht unzureichend erscheinen, um alle 
Traumbilder zu erklären, so wird man darauf hingewiesen, nach an- 
deren, aber ihnen analog wirkenden Traumquellen zu suchen. Ich 
weiß nun nicht, wo zuerst der Gedanke aufgetaucht ist, neben den 
äußeren Sinnesreizen die inneren (subjektiven) Erregungen in den 
Sinnesorganen in Anspruch zu nehmen; es ist aber Tatsache, daß 
dies in allen neueren Darstellungen der Traumätiologie mehr oder 
minder nachdrücklich geschieht. „Eine wesentliche Rolle spielen 
ferner, wie ich glaube," sagt Wundt (p. 363), „bei den Traum- 
illusionen jene subjektiven Gesichts- und Gehörsempfindungen, die 
uns aus dem wachen Zustand als Lichtchaos des dunklen Gesichts- 
feldes, als Ohrenklingen, Ohrensausen usw., bekannt sind, unter ihnen 
namentlich die subjektiven Netzhauterregungen. So erklärt sich die 
merkwürdige Neigung des Traumes, ähnliche oder ganz überein- 
stimmende Objekte in der Mehrzahl dem Auge vorzuzaubern. Zahllose 
Vögel, Schmetterlinge, Fische, bunte Perlen, Blumen u. dgl. sehen 
wir vor uns ausgebreitet. Hier hat der Lichtstaub des dunklen Ge- 
sichtsfeldes phantastische Gestalt angenommen und die zahlreichen 
Lichtpunkte, aus denen derselbe besteht, werden von dem Traume 
in ebenso vielen Einzelbildern verkörpert, die wegen der Beweglich- 

*) Riesenhafte Personen im Traum lassen annehmen, daß es sich um eine 
Szene aus der Kindheit des Träumers handelt. 



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24 I. Literatur der Traomprobleme. 

keit des Lichtchaos als bewegte Gegenstände angeschaut werden. — 
Hierin wurzelt wohl auch die große Neigung des Traumes zu den 
mannigfachsten Tiergestalten, deren Formenreichtum sich der be- 
sonderen Form der subjektiven Lichtbilder leicht anschmiegt." 

Die subjektiven Sinneserregungen haben als Quelle der Traum- 
bilder offenbar den Vorzug, daß sie nicht wie die objektiven vom 
äußeren Zufalle abhängig sind. Sie stehen sozusagen der Erklärung 
zu Gebote, so oft diese ihrer bedarf. Sie stehen aber hinter den 
objektiven Sinnesreizen darin zurück, daß sie jener Bestätigung ihrer 
Rolle als Traumerreger, welche Beobachtung und Experiment bei 
den letzteren ergeben, nur schwer oder gar nicht zugänglich sind 
Den Haupterweis für die traumerregende Macht subjektiver Sinnes- 
erregungen erbringen die sogenannten hypnagogischen Halluzinatio- 
nen, die von Joh. Müller als „phantastische Gesichtserscheinungen' 4 
beschrieben worden sind. Es sind dies oft sehr lebhafte, wechselvolle 
Bilder, die sich in der Periode des Einschlafens bei vielen Menschen 
ganz regelmäßig einzustellen pflegen und auch nach dem Offnen der 
Augen eine Weile bestehen bleiben können. Maury, der ihnen im 
hohen Grade unterworfen war, hat ihnen eine eingehende Würdigung 
zugewendet und ihren Zusammenhang, ja vielmehr ihre Identität 
mit den Traumbildern (wie übrigens schon Joh. Müller) behauptet. 
Für ihre Entstehung, sagt Ma ury , ist eine gewisse seelische Passivität, 
ein Nachlaß der Aufmerksamkeitsspannung erforderlich (p. 59 u. f.). 
Es genügt aber, daß man auf eine Sekunde in solche Lethargie ver- 
falle, um bei sonstiger Disposition eine hypnagogische Halluzination 
zu sehen, nach der man vielleicht wieder aufwacht, bis daß sich das 
mehrmals wiederholende Spiel mit dem Einschlafen endigt. Erwacht 
man dann nach nicht zu langer Zeit, so gelingt es nach Maury häufig, 
im Traume dieselben Bilder nachzuweisen, die einem als hypnagogi- 
sche Halluzinationen vor dem Einschlafen vorgeschwebt haben 
(p. 134). So erging es Maury einmal mit einer Reihe von groteßken 
Gestalten mit verzerrten Mienen und sonderbaren Frisuren, die ihn 
mit unglaublicher Aufdringlichkeit in der Periode des Einschlafens 
belästigten und von denen er nach dem Erwachen sich erinnerte, ge- 
träumt zu haben. Ein andermal, als er gerade an Hungergefühl litt, 
weil er sich schmale Diät auferlegt hatte, sah er hypnagogisch eine 
Schüssel und eine mit einer Gabel bewaffnete Hand, die sich etwas 
von der Speise in der Schüssel holte. Im Traume befand er sich an 
einer reichgedeckten Tafel und hörte das Geräusch, das die Speisen- 
den mit ihren Gabeln machten. Ein andermal, als er mit gereizten 
und schmerzenden Augen einschlief, hatte er die hypnagogische 
Halluzination von mikroskopisch kleinen Zeichen, die er mit großer 
Anstrengung einzeln entziffern mußte; nach einer Stunde aus dem 
Schlafe geweckt, erinnerte er sich an einen Traum, in dem ein auf- 
geschlagenes Buch, mit sehr kleinen Lettern gedruckt, vorkam, welches 
er mühselig hatte durchlesen müssen. 



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Hypnagogische Halluzinationen. — Innerer, organischer Leibreiz. 25 

Ganz ähnlich wie diese Bilder können auch Gehörshalluzina- 
tionen von Worten, Namen usw. hypnagogisch auftreten und dann im 
Traum sich wiederholen, als Ouvertüre gleichsam, welche die Leit- 
motive der mit ihr beginnenden Oper ankündigt. 

Auf den nämlichen Wegen wie Joh. Müller und Maury wan- 
delt ein neuerer Beobachter der hypnagoepschen Halluzinationen, 
G. Trumbull Lad d. Er brachte es durch Übung dahin, daß er sich 
2 bis 5 Minuten nach dem allmählichen Einschlafen jäh aus dem 
Schlafe reißen konnte, ohne die Augen zu öffnen, und hatte dann die 
Gelegenheit, die eben entschwindenden Netzhautempfindungen mit 
den in der Erinnerung überlebenden Traumbildern zu vergleichen. 
Er versichert, daß sich jedesmal eine innige Beziehung zwischen bei- 
den erkennen ließ in der Weise, daß die leuchtenden Punkte und 
Linien des Eigenlichtes der Netzhaut gleichsam die Umrißzeichnung, 
das Schema für die psychisch wahrgenommenen Traumgestalten brach- 
ten. Einem Traume z. B., in welchem er deutlich gedruckte Zeilen 
vor sich sah, die er las und studierte, entsprach eine Anordnung der 
leuchtenden Punkte in der Netzhaut in parallelen Linien. Um es mit 
seinen Worten zu sagen : Die klar bedruckte Seite, die er im Traume 
gelesen, löste sich in ein Objekt auf, das seiner wachen Wahrnehmung 
erschien wie ein Stück eines reellen bedruckten Blattes, das man aus 
allzu großer Entfernung, um etwas deutlich auszunehmen, durch ein 
Löchelchen in einem Stücke Papier ansieht. Ladd meint, ohne 
übrigens den zentralen Anteil des Phänomens zu unterschätzen, daß 
kaum ein visueller Traum in uns abläuft, der sich nicht an das 
Material der inneren Erregungszustände der Netzhaut anlehnte. Be- 
sonders gilt dies für die Träume kurz nach dem Einschlafen im dunk- 
len Zimmer, während für die Träume am Morgen nahe dem Erwachen 
das objektive, im erhellten Zimmer ins Auge dringende Licht die 
Reizquelle abgebe. Der wechselvolle, unendlich abänderungsfähige 
Charakter der Eigenlichterregung entspricht genau der unruhigen 
Bilderflucht, die unsere Träume uns vorführen. Wenn man den 
Beobachtungen von Ladd Bedeutung beimißt, wird man die Ergiebig- 
keit dieser subjektiven Reizquelle für den Traum nicht gering an- 
schlagen können, denn Gesichtsbilder machen bekanntlich den Haupt- 
bestandteil unserer Träume aus. Der Beitrag von anderen Sinnes- 
gebieten bis auf den des Gehörs ist geringfügiger und inkonstant. 

ad 3. Innerer, organischer Leibreiz. Wenn wir auf dem 
Wege sind, die Traumquellen nicht außerhalb, sondern innerhalb des 
Organismus zu suchen, so müssen wir uns daran erinnern, daß fast 
alle unsere inneren Organe, die im Zustand der Gesundheit uns kaum 
Kunde von ihrem Bestand geben, in Zuständen von Reizung — die 
wir so heißen — oder in Krankheiten eine Quelle von meist peinlichen 
Empfindungen für uns werden, welche den Erregern der von außen 
anlangenden Schmerz- und Empfindungsreize gleichgestellt werden 
muß. Es sind sehr alte Erfahrungen, welche z. B. Strümpell zu der 



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26 I. Literatur der Traumprobleme. 

Aussage veranlassen (p. 107) : „Die Seele gelangt im Schlafe zu einem 
viel tieferen und breiteren ihnpfindungsbewußtsein von ihrer Leiblich- 
keit als im Wachen und ist genötigt, gewisse Reizeindrücke zu emp- 
fangen und auf sich wirken zu lassen, die aus Teilen und Verände- 
rungen ihres Körpers herstammen, von denen sie im Wachen nichts 
wußte." Schon Aristoteles erklärt es für sehr wohl möglich, daß 
man im Traume auf beginnende Krankheitszustände aufmerksam ge- 
macht würde, von denen man im Wachen noch nichts merkt (kraft 
der Vergrößerung, die der Traum den Eindrücken angedeihen läßt, 
siehe p. 2) und ärztliche Autoren, deren Anschauung es sicherlich 
fern lag, an eine prophetische Gabe des Traumes zu glauben, haben 
wenigstens für die Krankheitsankündigung diese Bedeutung des Trau- 
jnes gelten lassen. (Vgl. M. Simon-, p. 31, und viele ältere Autoren*). 

Es scheint an beglaubigten Beispielen für solche diagnostische 
Leistungen des Traumes auch aus neuerer Zeit nicht zu fehlen. So 
z. B. berichtet Tissiö nach Artigues (Essai sur la valeur s&n&o- 
logique des reves) die Geschichte einer 43 jährigen Frau, die durch 
einige Jahre in scheinbar voller Gesundheit von Angstträumen heim- 
gesucht wurde und bei der die ärztliche Untersuchung dann eine be- 
ginnende Herzaffektion aufwies, welcher sie alsbald erlag. 

Ausgebildete Störungen der inneren Organe wirken offenbar bei 
piner ganzen Reihe von Personen als Traumerreger. Allgemein wird 
auf die Häufigkeit der Angstträume bei Herz- und Lungenkranken 
hingewiesen, ja diese Beziehung des Traumlebens wird von vielen 
Autoren so sehr in den Vordergrund gedrängt, daß ich mich hier mit 
der bloßen Verweisung auf die Literatur (Radestock, Spitta, 
Maury, M. Simon, Tissiö) begnügen kann. Tissiö meint sogar, 
/laß die erkrankten Organe dem Trauminhalt das charakteristische 
JÖepräge aufdrücken. Die Träume der Herzkranken sind gewöhnlich 
sehr kurz und enden mit schreckhaftem Erwachen ; fast immer spielt 
im Inhalt derselben die Situation des Todes unter gräßlichen Um- 
ständen eine Rolle. Die Lungenkranken träumen von Ersticken, Ge- 
dränge, Flucht und sind in auffälliger Zahl dem bekannten Alptraume 



*) Außer dieser diagnostischen Verwertung der Träume (z. B. bei Hippo- 
k rat es) muß man ihrer therapeutischen Bedeutung im Altertum gedenken. 

Bei den Griechen gab es Traumorakel, welche gewöhnlich Genesung 
suchende Kranke aufzusuchen pflegten. Der Kranke ging in den Tempel des 
Apollo oder des Äskulap, dort wurde er verschiedenen Zeremonien unterworfen, 
gebadet, gerieben, geräuchert, und so in Exaltation versetzt, legte man ihn im 
'Tempel auf das Pell eines geopferten Widders. Er schlief ein und träumte von 
Heilmitteln, die ihm in natürlicher Gestalt oder in Symbolen und Bildern gezeigt 
wurden, welche dann die Priester deuteten. 

Weiteres über die Heilträume der Griechen bei Lehmann I, 74, Bouchß- 
Leclerqu, Hermann, Gottesd. Altert d. Gr. § 41, Privataltert, § 38, 16, 
Böttiger in Sprengeis Beitr. z. Gesch. d. Med. II, p. 163 ft, W. Lloyd, 
Magnetism and Mesmerism in antiquity, London, 1877, Döllinger, Heidentum 
^und Judentum p. 139. 



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Die Theorie der Organreize und Organempfindungen. 27 

unterworfen, den übrigens Born er durch Lagerung aufs Gesicht, 
durch Verdeckung der Respirationsöffnungen experimentell hat her- 
vorrufen können. Bei Digestionsstörung enthält der Traum Vor- 
stellungen aus dem Kreise des Genießens und des Ekels. Der Einfluß 
sexueller Erregung endlich auf den Inhalt der Träume ist für die 
Erfahrung eines jeden einzelnen greifbar genug und leiht der ganzen 
Lehre von der Traumerregung durch Organreiz ihre stärkste Stütze. 

Es ist auch, wenn man die Literatur des Traumes durch- 
arbeitet, ganz unverkennbar, daß einzelne der Autoren (Maury, Wey- 
gandt) durch den Einfluß ihrer eigenen Krankheitszustände auf 
den Inhalt ihrer Träume zur Beschäftigung mit den Traumproblemen 
geführt worden sind. 

Der Zuwachs an Traumquellen aus diesen unzweifelhaft fest- 
gestellten Tatsachen ist übrigens nicht so bedeutsam, als man meinen 
möchte. Der Traum ist ja ein Phänomen, das sich bei Gesunden — 
vielleicht bei allen, vielleicht allnächtlich — einstellt, und das Organ- 
erkrankung offenbar nicht zu seinen unentbehrlichen Bedingungen 
zählt. Es handelt sich für uns aber nicht darum, woher besondere 
Träume rühren, sondern was für die gewöhnlichen Träume normaler 
Menschen die Reizquelle sein mag. 

Indes bedarf es jetzt nur eines Schrittes weiter, um auf eine 
Traumquelle zu stoßen, die reichlicher fließt als jede frühere und 
eigentlich für keinen Fall zu versiegen verspricht. Wenn es sicher- 
gestellt ist, daß das Körper innere im kranken Zustand zur Quelle 
der Traumreize wird, und wenn wir zugeben, daß die Seele im Schlaf- 
zustand von der Außenwelt abgelenkt, dem Innern des Leibes größere 
Aufmerksamkeit zuwenden kann, so liegt es nahe, anzunehmen, daß 
die Organe nicht erst zu erkranken brauchen, um Erregungen, die 
irgendwie zu Traumbildern werden, an die schlafende Seele gelangen 
zu lassen. Was wir im Wachen dumpf als Gemeingefühl nur seiner 
Qualität nach wahrnehmen und wozu nach der Meinung der Ärzte 
alle Organsysteme ihre Beiträge leisten, das würde nachts, zur kräf- 
tigen Einwirkung gelangt und mit seinen einzelnen Komponenten 
tätig, die mächtigste und gleichzeitig die gewöhnlichste Quelle für die 
Erweckung der Traumvorstellungen ergeben. Es erübrigte dann noch 
die Untersuchung, nach welchen Regeln sich die Organreize in Traum- 
vorstellungen umsetzen. 

Wir haben hier jene Theorie der Traumentstehung berührt, 
welche die bevorzugte bei allen ärztlichen Autoren geworden ist. Das 
Dunkel, in welches der Kern unseres Wesens, das „moi splanchnique", 
wie Tissid es nennt, für unsere Kenntnis gehüllt ist und das Dunkel 
der Traumentstehung entsprechen einander zu gut, um nicht in Be- 
ziehung zueinander gebracht zu werden. Der Ideengang, welcher die 
vegetative Organempfindung zum Traumbildner macht, hat überdies 
für den Arzt den anderen Anreiz, daß er Traum und Geistesstörung, 
die soviel Übereinstimmung in ihren Erscheinungen zeigen, auch 



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28 I. Literatur der Traumprobleme. 

ätiologisch vereinigen läßt, denn Alterationen des Gemeingefühles 
und Reize, die von den inneren Organen ausgehen, werden auch einer 
weitreichenden Bedeutung für die Entstehung der Psychosen be- 
zichtigt. Es ist darum nicht zu verwundern, wenn die Leibreiz- 
theorie sich auf mehr als einen Urheber, der sie selbständig angegeben, 
zurückführen läßt. 

Für eine Reihe von Autoren wurde der Gedankengang maß- 
gebend, den der Philosoph Schopenhauer im Jahre 1851 ent- 
wickelt hat. Das Weltbild entsteht in uns dadurch, daß unser In- 
tellekt die ihn von außen treffenden Eindrücke in die Formen der 
Zeit, des Raumes und der Kausalität umgießt. Die Reize aus dem 
Innern des Organismus, vom sympathischen Nervensystem her, äußern 
bei Tag höchstens einen unbewußten Einfluß auf unsere Stimmung. 
Bei Nacht aber, wenn die übertäubende Wirkung der Tageseindrücke 
aufgehört hat, vermögen jene aus dem Innern heraufdringenden Ein- 
drücke sich Aufmerksamkeit zu verschaffen — ähnlich wie wir bei 
Nacht die Quelle rieseln hören, die der Lärm des Tages unvernehm- 
bar machte. Wie anders aber soll der Intellekt auf diese Reize re- 
agieren, als indem er seine ihm eigentümliche Funktion vollzieht? 
Er wird also die Reize zu räum- und zeiterfüllenden Gestalten, die 
sich am Leitfaden der Kausalität bewegen, umformen und so ent- 
steht der Traum. In die nähere Beziehung zwischen Leibreizen und 
Traumbildern versuchten dann Scherner und nach ihm Volkelt 
einzudringen, deren Würdigung wir uns auf den Abschnitt über die 
Traumtheorien aufsparen. 

In einer besonders konsequent durchgeführten Untersuchung hat 
der Psychiater Krauss die Entstehung des Traumes wie der Delirien 
und Wahnideen von dem nämlichen Element, der organisch be- 
dingten Empfindung, abgeleitet. Es lasse sich kaum eine Stelle 
des Organismus denken, welche nicht der Ausgangspunkt eines Trau- 
mes oder Wahnbildes werden könne. Die organisch bedingte Emp- 
findung „läßt sich aber in zwei Reihen trennen: 1. in die der Total- 
stimmungen (Gemeingefühle), 2. in die spezifischen, den Hauptsyste- 
men des vegetativen Organismus immanenten Sensationen, wovon wir 
fünf Gruppen unterschieden haben, a) die Muskelempfindungen, b) die 
pneumatischen, c) die gastrischen, d) die sexuellen und e) die peri- 
pherischen " (p. 33 des zweiten Artikels). 

Den Hergang der Traumbilderentstehung auf Grund der Leib- 
reize nimmt Krauss folgendermaßen an: Die geweckte Empfindung 
ruft nach irgend einem Assoziationsgesetz eine ihr verwandte Vor- 
stellung wach und verbindet sich mit ihr zu einem organischen Ge- 
bilde, gegen welches sich aber das Bewußtsein anders verhält als 
normal. Denn dies schenkt der Empfindung selbst keine Aufmerk- 
samkeit, sondern wendet sie ganz den begleitenden Vorstellungen 
zu, was zugleich der Grund ist, warum dieser Sachverhalt solange 
verkannt werden konnte (p. 11 u. f.). Krauss findet für den Vor- 



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Organischer Leibreiz und typische Träume. 29 

gang auch den besonderen Ausdruck der Transsubstantiation der 
Empfindungen in Traumbilder (p. 24). 

Der Einfluß der organischen Leibreize auf die Traumbildung 
wird heute nahezu allgemein angenommen, die Frage nach dem Ge- 
setze der Beziehung zwischen beiden sehr verschiedenartig, oftmals 
mit dunklen Auskünften, beantwortet. Es ergibt sich nun auf dem 
Boden der Leibreiztheorie die besondere Aufgabe der Traumdeutung, 
den Inhalt eines Traumes auf die ihn verursachenden organischen 
Reize zurückzuführen, und wenn man nicht die von Scherner aufge- 
fundenen Deutungsregeln anerkennt, steht man oft vor der mißlichen 
Tatsache, daß die organische Beizquelle sich eben durch nichts anderes 
als durch den Inhalt des Traumes verrät 

Ziemlich übereinstimmend hat sich aber die Deutung verschie- 
dener Traumformea gestaltet, die man als „typische" bezeichnet hat, 
weil sie bei so vielen Personen mit ganz ähnlichem Inhalt wieder- 
kehren. Es sind dies die bekannten Träume vom Herabfallen von einer 
Höhe, vom Zahnausfallen, vom Fliegen und von der Verlegenheit, 
daß man nackt oder schlecht bekleidet ist Letzterer Traum soll ein- 
fach von der im Schlafe gemachten Wahrnehmung herrühren, daß man 
die Bettdecke abgeworfen hat und nun entblößt daliegt. Der Traum 
vom Zahnausfallen wird auf „Zahnreiz" zurückgeführt, womit aber 
nicht ein krankhafter Erregungszustand der Zähne gemeint zu sein 
braucht Der Traum zu fliegen ist nach Strümpell, der hierin 
Scherner folgt, das von der Seele gebrauchte adäquate Bild, womit 
sie das von den auf- und niedersteigenden Lungenflügeln ausgehende 
Reizquantum deutet, wenn gleichzeitig das Hautgefühl des Thorax 
schon bis zur Bewußtlosigkeit herabgesunken ist Durch den letzteren 
Umstand wird die an die Vorstellungsform des Schwebens gebundene 
Empfindung vermittelt Das Herabfallen aus der Höhe soll darin 
seinen Anlaß haben, daß bei eingetretener Bewußtlosigkeit des Haut- 
druckgefühles entweder ein Arm vom Körper herabsinkt oder ein 
eingezogenes Knie plötzlich gestreckt wird, wodurch das Gefühl des 
Hautdruckes wieder bewußt wird, der Übergang zum "Bewußtwerden 
aber als Traum vom Niederfallen sich psychisch verkörpert (Strüm- 
pell, p. 118). Die Schwäche dieser plausibeln Erklärungsversuche 
liegt offenbar darin, daß sie ohne weiteren Anhalt die oder jene 
Gruppe von Organempfindungen aus der seelischen Wahrnehmung 
verschwinden oder sich ihr aufdrängen lassen, bis die für die Er- 
klärung günstige Konstellation hergestellt ist Ich werde übrigens 
später Gelegenheit haben, auf die typischen Träume und ihre Ent- 
stehung zurückzukommen. 

M. Simon hat versucht, aus der Vergleichung einer Reihe von 
ähnlichen Träumen einige Regeln für den Einfluß der Organreize 
auf die Bestimmung ihrer Traumerfolge abzuleiten. Er sagt (p. 34): 
Wenn im Schlafe irgend ein Organapparat, der normaler Weise am 
Ausdruck eines Affektes beteiligt ist, durch irgend einen anderen 



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30 I. Literatur der Traumprobleme. 

AnlaJJ sich in dem Erregungszustand befindet, in den er sonst bei 
jenem Affekt versetzt wird, so wird der dabei entstehende Traum 
Vorstellungen enthalten, die dem Affekt angepaßt sind. 

Eine andere Regel lautet (p. 35) : Wenn ein Organapparat sich 
im Schlafe in Tätigkeit, Erregung oder Störung befindet, so wird 
der Traum Vorstellungen bringen, welche sich auf die Ausübung 
der organischen Punktion beziehen, die jener Apparat versieht. 

Mourly Vold (1896) hat es unternommen, den von der Leibreiz- 
theorie supponierten Einfluß auf die Traumerzeugung für ein ein- 
zelnes Gebiet experimentell zu erweisen. Er hat Versuche gemacht, 
die Stellungen der Glieder des Schlafenden zu verändern und die 
Traumerfolge mit seinen Abänderungen verglichen. Er teilt folgende 
Sätze als Ergebnis mit : 

1. Die Stellung eines Gliedes im Traume entspricht ungefähr 
der in der Wirklichkeit, d. h. man träumt von einem statischen Zu- 
stand des Gliedes, welcher dem realen entspricht. 

2. Wenn man von der Bewegung eines Gliedes träumt, so ist 
diese immer so, daß eine der bei ihrer Vollziehung vorkommenden 
Stellungen der wirklichen entspricht. 

3. Man kann die Stellung des eigenen Gliedes im Traume auch 
einer fremden Person zuschieben. 

4. Man kann auch träumen, daß die betreffende Bewegung ge- 
hindert ist. 

5. Das Glied in der betreffenden Stellung kann im Traume als 
Tier oder Ungeheuer erscheinen, wobei eine gewisse Analogie beider 
hergestellt wird. 

6. Die Stellung eines Gliedes kann im Traume Gedanken an- 
regen, die zu diesem Gliede irgend eine Beziehung haben. So z. B. 
träumt man bei Beschäftigung mit den Fingern von Zahlen. 

Ich würde aus solchen Ergebnissen schließen, daß auch die 
Leibreiztheorie die scheinbare Freiheit in der Bestimmung der zu 
erweckenden Traumbilder nicht gänzlich auszulöschen vermag*). 

ad' 4. Psychische Reizquellen. Als wir die Beziehungen des 
Traumes zum Wachleben und die Herkunft des Traummaterials be- 
handelten, erfuhren wir, es sei die Ansicht der ältesten wie der neue- 
sten Traumforscher, daß die Menschen von dem Träumen, was sie 
bei Tag treiben und was sie im Wachen interessiert. Dieses aus dem 
Wachleben in den Schlaf sich fortsetzende Interesse wäre nicht nur 
ein psychisches Band, das den Traum ans Leben knüpft, sondern 
ergibt uns auch eine nicht zu unterschätzende Traumquelle, die neben 
dem im Schlafe interessant Gewordenen — den während des Schla- 
fes einwirkenden Reizen — ausreichen sollte, die Herkunft aller 
Traumbilder aufzuklären. Wir haben aber auch den Widerspruch 

*) Näheres über die seither in zwei Bänden veröffentlichten Traumproto- 
kolle dieses For&obers siehe unten. « 



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Die psychischen Traumquellen. 31 

gegen obige Behauptung gehört, nämlich daß der Traum den Schläfer 
von den Interessen des Tages abzieht und daß wir — meistens — von 
den Dingen, die uns bei Tag am mächtigsten ergriffen haben, erst 
dann träumen, wenn sie für das Wachleben den Reiz der Aktualität 
verloren haben. So erhalten wir in der Analyse des Traumlebens bei 
jedem Schritt den Eindruck, daß es unstatthaft ist, allgemeine Re- 

feln aufzustellen, ohne durch ein „oft", „in der Regel", „meistens" 
Jinschränkungen vorzusehen und auf die Gültigkeit der Ausnahmen 
vorzubereiten. 

Wenn das Wachinteresse nebst den inneren und äußeren Schlaf- 
reizen zur Deckung der Traumätiologie ausreichte, so müßten wir 
im stände sein, von der Herkunft aller Elemente eines Traumes be- 
friedigende Rechenschaft zu geben ; das Rätsel der Traumquellen wäre 
gelöst und es bliebe noch die Aufgabe, den Anteil der psychischen 
und der somatischen Traumreize in den einzelnen Träumen abzu- 
grenzen. In Wirklichkeit ist diese vollständige Auflösung eines 
Traumes noch in keinem Falle gelungen und jedem, der dies versucht 
hat, sind — meist sehr reichlich — Traumbestandteile übrig ge- 
blieben, über deren Herkunft er keine Aussage machen konnte. Das 
Tagesinteresse als psychische Traumquelle trägt offenbar nicht so 
weit, als man nach den zuversichtlichen Behauptungen, daß jeder im 
Traume sein Geschäft weiter betreibe, erwarten sollte. 

Andere psychische Traumquellen sind nicht bekannt Es lassen 
also alle in der Literatur vertretenen Traumerklärungen — mit Aus- 
nahme etwa der später zu erwähnenden von Scherner — eine 
große Lücke offen, wo es sich um die Ableitung des für den Traum 
am meisten charakteristischen Materials an Vorstellungsbildern han- 
delt. In dieser Verlegenheit hat die Mehrzahl der Autoren die Neigung 
entwickelt, den psychischen Anteil an der Traumerregung, dem so 
schwer beizukommen ist, möglichst zu verkleinern. Sie unterscheiden 
zwar als Haupteinteilung den Nervenreiz und den Assoziations- 
traum, welch letzterer ausschließlich in der Reproduktion seine 
Quelle findet (Wundt, p. 365), aber sie können den Zweifel nicht los- 
werden, „ob sie sich ohne anstoßgebenden Leibreiz einstellen" (Vol- 
kelt, p. 127). Auch die Charakteristik des reinen Assoziations- 
traumes versagt: „In den eigentlichen Assoziationsträumen kann von 
einem solchen festen Kerne nicht mehr die Rede sein. Hier dringt 
die lose Gruppierung auch in den Mittelpunkt des Traumes ein. Das 
ohnedies von Vernunft und Verstand freigelassene Vorstellungsleben 
ist hier auch von jenen gewichtvolleren Leib- und Seelenerregunffen 
nicht mehr zusammengehalten und so seinem eigenen bunten Schieben 
und Treiben, seinem eigenen lockeren Durcheinandertaumeln über- 
lassen* ' (Volkelt, p. 118). Eine Verkleinerung des psychischen An- 
teiles an der Traumerregung versucht dann Wundt, indem er aus- 
führt, daß man die „Phantasmen des Traumes wohl mit Unrecht als 
reine Halluzinationen ansehe. Wahrscheinlich sind die meisten Traum- 



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32 I. Literatur der Traumprobleme. 

Vorstellungen in Wirklichkeit Illusionen, indem sie von den leisen 
Sinneseindrücken ausgehen, die niemals im Schlafe erlöschen" (p. 359 
u. f.). Weygandt hat sich diese Ansicht angeeignet und sie ver- 
allgemeinert. Er behauptet für alle Traumvorstellungen, daß ihre 
nächste Ursache Sinnesreize sind, daran erst schließen sich reproduk- 
tive Assoziationen" (p. 17). Noch weiter in der Verdrängung der 
psychischen Reizquellen geht Tissi6 (p. 183): Les röves d'origine 
absolument psychique n'existent pas, und anderswo (p. 6): les pen- 
söes de nos rßves nous viennent du dehors 

Diejenigen Autoren, welche wie der einflußreiche Philosoph 
Wundt eine Mittelstellung einnehmen, versäumen nicht anzumerken, 
daß in den meisten Träumen somatische Reize und die unbekannten 
oder als Tagesinteresse erkannten psychischen Anreger des Traumes 
zusammenwirken. 

Wir werden später erfahren, daß das Rätsel der Traumbildung 
durch die Aufdeckung einer unvermuteten psychischen Reizquelle 
gelöst werden kann. Vorläufig wollen wir uns über die Überschätzung 
der nicht aus dem Seelenleben stammenden Reize zur Traumbildung 
nicht verwundern. Nicht nur daß diese allein leicht aufzufinden und 
selbst durchs Experiment zu bestätigen sind; es entspricht auch die 
somatische Auffassung der Traumentstehimg durchweg der heute in 
der Psychiatrie herrschenden Denkrichtung. Die Herrschaft des Ge- 
hirns über den Organismus wird zwar nachdrücklichst betont, aber 
alles, was eine Unabhängigkeit des Seelenlebens von nachweisbaren 
organischen Veränderungen oder eine Spontaneität in dessen Äuße- 
rungen erweisen könnte, schreckt den Psychiater heute so, als ob 
dessen Anerkennung die Zeiten der Naturphilosophie und des meta- 
physischen Seelen wesens wiederbringen müßte. Das Mißtrauen des 
Psychiaters hat die Psyche gleichsam unter Kuratel gesetzt und for- 
dert nun, daß keine ihrer Regungen ein ihr eigenes Vermögen verrate. 
Doch zeigt dies Benehmen von nichts anderem als von einem ge- 
ringen Zutrauen in die Haltbarkeit der Kausalverkettung, die sich 
zwischen Leiblichem und Seelischem erstreckt. Selbst wo das Psy- 
chische sich bei der Erforschung als der primäre Anlaß eines Phä- 
nomens erkennen läßt, wird ein tieferes Eindringen die Fortsetzung 
des Weges bis zur organischen Begründung des Seelischen einmal zu 
finden wissen. Wo aber das Psychische für unsere derzeitige Er- 
kenntnis die Endstation bedeuten müßte, da braucht es darum nicht 
geleugnet zu werden. 

d) Warum man den Traum nach dem Erwachen vergißt? 

Daß der Traum am Morgen „zerrinnt" ist sprichwörtlich. Frei- 
lich ist er der Erinnerung fähig. Denn wir kennen den Traum ja 
nur aus der Erinnerung an ihn nach dem Erwachen; aber wir 
glauben sehr oft, daß wir ihn nur unvollständig erinnern, während in 
der Nacht mehr von ihm da war; wir können beobachten, wie eine 
des Morgens noch lebhafte Traumerinnerung im Laufe des Tages bis 



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Das Vergessen der Tr&ume. 33 

auf kleine Brocken dahinschwindet; wir wissen oft, daß wir geträumt 
haben, aber nicht, was wir geträumt haben, und wir sind an die 
Erfahrung, daß der Traum dem Vergessen unterworfen ist, so ge- 
wöhnt, daß wir die Möglichkeit nicht als absurd verwerfen, daß auch 
der bei Nacht geträumt haben könnte, der am Morgen weder vom In- 
halt noch von der Tatsache des Träumens etwas weiß. Anderseits 
kommt es vor, daß Träume eine außerordentliche Haltbarkeit im 
Gedächtnisse zeigen. Ich habe bei meinen Patienten Träume analy- 
siert, die sich ihnen vor 25 und mehr Jahren ereignet hatten, und 
kann mich an einen eigenen Traum erinnern, der durch mindestens 
37 Jahre vom heutigen Tage getrennt ist und doch an seiner Ge- 
dächtnisfrische nichts eingebüßt hat. Dies alles ist sehr merkwürdig 
und zunächst nicht verständlich. 

Über das Vergessen der Träume handelt am ausführlichsten 
Strümpell. Dies Vergessen ist offenbar ein komplexes Phänomen, 
denn Strümpell führt es nicht auf einen einzigen, sondern auf eine 
ganze Reihe von Gründen zurück. 

Zunächst sind für das Vergessen der Träume alle jene Gründe 
wirksam, die im Wachleben das Vergessen herbeiführen. Wir pflegen 
als Wachende eine Unzahl von Empfindungen und Wahrnehmungen 
alsbald zu vergessen, weil sie zu schwach waren, weil die an sie ge- 
knüpfte Seelenregung einen zu geringen Grad hatte. Dasselbe ist 
rücksichtlich vieler Traumbilder der Fall; sie werden vergessen, 
weil sie zu schwach waren, während stärkere Bilder aus ihrer Nähe 
erinnert werden. Übrigens ist das Moment der Intensität für sich 
allein sicher nicht entscheidend für die Erhaltung der Traumbilder; 
Strümpell gesteht wie auch andere Autoren (Calkins) zu, daß man 
häufig Traumbilder rasch vergißt, von denen man weiß, daß sie sehr 
lebhaft waren, während unter den im Gedächtnis erhaltenen sich sehr 
viele schattenhafte, sinnesschwache Bilder befinden. Ferner pflegt 
man im Wachen leicht zu vergessen, was sich nur einmal ereignet 
hat, und besser zu merken, was man wiederholt wahrnehmen konnte. 
Die meisten Traumbilder sind aber einmalige Erlebnisse*); diese 
Eigentümlichkeit wird gleichmäßig zum Vergessen aller Träume bei- 
tragen. Weit bedeutsamer ist dann ein dritter Grund des Vergessens. 
Damit Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken usw. eine gewisse 
Erinnerungsgröße erlangen, ist es notwendig, daß sie nicht vereinzelt 
bleiben, sondern Verbindungen und Vergesellschaftungen passender 
Art eingehen. Löst man einen kleinen Vers in seine Worte auf und 
schüttelt diese durcheinander, so wird es sehr schwer, ihn zu merken. 
„Wohlgeordnet und in sachgemäßer Folge hilft ein Wort dem anderen 
und das Ganze steht sinnvoll in der Erinnerung leicht und lange fest. 
Widersinniges behalten wir im allgemeinen ebenso schwer und ebenso 



*) Periodisch wiederkehrende Träume sind wiederholt bemerkt worden; 
vgl. die Sammlung von Chabaneix. 

Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 3 



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34 I. Literatur der Traumprobleme. 

selten wie das Verworrene und Ordnungslose." Nun fehlt den Träu- 
men in den meisten Fällen Verständigkeit und Ordnung. Die Traum- 
kompositionen entbehren an sich der Möglichkeit ihres eigenen Ge- 
dächtnisses und werden vergessen, weil sie meistens schon in den 
nächsten Zeitmomenten auseinanderfallen. — Zu diesen Ausführun- 
gen stimmt allerdings nicht ganz, was Radestock (p. 168) bemerkt 
haben will, daß wir gerade die sonderbarsten Träume am besten be- 
halten. 

Noch wirkungsvoller für das Vergessen des Traumes erscheinen 
Strümpell andere Momente, die sich aus dem Verhältnis von Traum 
und Wachleben ableiten. Die Vergeßlichkeit der Träume für das 
wache Bewußtsein ist augenscheinlich nur das Gegenstück zu der 
früher erwähnten Tatsache, daß der Traum (fast) nie geordnete Er- 
innerungen aus dem Wachleben, sondern nur Einzelheiten aus dem- 
selben übernimmt, die er aus ihren gewohnten psychischen Verbin- 
dungen reißt, in denen sie im Wachen erinnert werden. Die Traum- 
komposition hat somit keinen Platz in der Gesellschaft der psychischen 
Reihen, mit denen die Seele erfüllt ist. Es fehlen ihr alle Erinnerungs- 
hilfen. „Auf diese Weise hebt sich das Traumgebilde gleichsam von 
dem Boden unseres Seelenlebens ab und schwebt im psychischen 
Räume wie eine Wolke am Himmel, die der neu belebte Atem rasch 
verweht" (p. 87). Nach derselben Richtung wirkt der Umstand, daß 
mit dem Erwachen sofort die herandrängende Sinneswelt die Auf- 
merksamkeit mit Beschlag belegt, so daß vor dieser Macht die we- 
nigsten Traumbilder standhalten können. Diese weichen vor den 
Eindrücken des jungen Tages wie der Glanz der Gestirne vor dem 
Lichte der Sonne. 

An letzter Stelle ist als förderlich für das Vergessen der Träume 
der Tatsache zu gedenken, daß die meisten Menschen ihren Träumen 
überhaupt wenig Interesse entgegenbringen. Wer sich z. B. als For- 
scher eine Zeitlang für den Traum interessiert, träumt währenddes 
auch mehr als sonst, das heißt wohl : er erinnert seine Träume leichter 
und häufiger. 

Zwei andere Gründe des Vergessens der Träume, die Bonatelli 
bei Benini zu dem Strümpel Ischen hinzugefügt, sind wohl bereits 
in diesen enthalten, nämlich 1. daß die Veränderung des Gemein- 
gefühles zwischen Schlafen und Wachen der wechselseitigen Repro- 
duktion ungünstig ist und 2. daß die andere Anordnung des Vor- 
stellungsmaterials im Traume diesen sozusagen unübersetzbar fürs 
Wachbewußtsein macht. 

Nach all diesen Gründen fürs Vergessen wird es, wie Strüm- 
pell selbst hervorhebt, erst recht merkwürdig, daß soviel von den 
Träumen doch in der Erinnerung behalten wird. Die fortgesetzten 
Bemühungen der Autoren, das Erinnern der Träume in Regeln zu 
fassen, kommen einem Eingeständnis gleich, daß auch hier etwas 
rätselhaft und ungelöst geblieben ist. Mit Recht sind einzelne Eigen- 



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Psychologische Charaktere des Traumes. 35 

tümlichkeiten der Erinnerung an den Traum neuerdings besonders be- 
merkt worden, z. B. daß man einen Traum, den man am Morgen 
für vergessen hält, im Laufe des Tages aus Anlaß einer Wahr- 
nehmung erinnern kann, die zufällig an den — doch vergessenen — 
Inhalt des Traumes anrührt (Radestock, Tissiö). Die gesamte Er- 
innerung an den Traum unterliegt aber einer Einwendung, die ge- 
eignet ist, ihren Wert in kritischen Augen recht ausgiebig herab- 
zusetzen. Man kann zweifeln, ob unsere Erinnerung, die soviel vom 
Traume wegläßt, das, was sie erhalten hat, nicht verfälscht. 

Solche Zweifel an der Exaktheit der Reproduktion des Traumes 
spricht auch Strümpell aus: „Dann geschieht es eben leicht, daß das 
wache Bewußtsein unwillkürlich manches in die Erinnerung des 
Traumes einfügt: man bildet sich ein, Allerlei geträumt zu haben, 
was der gewesene Traum nicht enthielt." 

Besonders entschieden äußert sich Jessen (p. 547): 

„Außerdem ist aber bei der Untersuchung und Deutung zu- 
sammenhängender und folgerichtiger Träume der, wie es scheint, bis- 
her wenig beachtete Umstand sehr in Betracht zu ziehen, daß es 
dabei fast immer mit der Wahrheit hapert, weil wir, wenn wir einen 
gehabten Traum in unser Gedächtnis zurückrufen, ohne es zu be- 
merken oder zu wollen, die Lücken der Traumbilder ausfüllen und er- 
gänzen. Selten und vielleicht niemals ist ein zusammenhängender 
Traum so zusammenhängend gewesen, wie er uns in der Erinnerung 
erscheint Auch dem wahrheitsliebendsten Menschen ist es kaum 
möglich, einen gehabten merkwürdigen Traum ohne allen Zusatz und 
ohne alle Ausschmückung zu erzählen: das Bestreben des mensch- 
lichen Geistes, alles im Zusammenhange zu erblicken, ist so groß, 
daß er bei der Erinnerung eines einigermaßen unzusammenhängenden 
Traumes die Mängel des Zusammenhanges unwillkürlich ergänzt." 

Fast wie eineÜbersetzung dieser Worte Jessens klingen die doch 
gewiß selbständig konzipierten Bemerkungen von V. Egger (1895): 

„ l'observation des r§ves a ses difficultös speciales et le seul 

moyen d'öviter toute erreur en pareille matiöre est de confier au 
papier sans le moindre retard ce que Ton vieut d'öprouver et de 
remarquer; sinon, Toubli vieut vite ou total ou partiel; l'oubii total est 
sans gravitö ; mais Toubli partiel est perfide ; car si Ton se met ensuite 
ä raconter ce que Ton n'a pas oubliö, on est exposö ä complöter par 
imagination les fragments incohörents et disjoints fourni par la 
memoire . . . . ; on devient artiste ä son insu, et le röcit periodi- 
quement röpötö s'impose ä la creance de son auteur, qui, de bonne 
foi, le presente comme un fait authentique, düment ötabli selon les 
bonnes möthodes ..." 

Ganz ähnlich Spitta (p. 338), der anzunehmen scheint, daß 
wir überhaupt erst bei dem Versuche, den Traum zu reproduzieren, 
die Ordnung in die lose miteinander assoziierten Traumelemente ein- 
führen — „aus dem Nebeneinander ein Hintereinander, Aus- 

3* 



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36 I. Literatur der Traumprobleme. 

einander machen, also den Prozeß der logischen Verbindung, der im 
Traume fehlt, hinzufügen* '. 

Da wir nun eine andere als eine objektive Kontrolle für die 
Treue unserer Erinnerung nicht besitzen, diese aber beim Traume, 
der unser eigenes Erlebnis ist und für den wir nur die Erinnerung 
als Quelle kennen, nicht möglich ist, welcher Wert bleibt da unserer 
Erinnerung an den Traum noch übrig? 

e) Die psychologischen Besonderheiten des Traumes. 

Wir gehen in der wissenschaftlichen Betrachtung des Traumes 
von der Annahme aus, daß der Traum ein Ergebnis unserer eigenen 
Seelentätigkeit ist; doch erscheint uns der fertige Traum als etwas 
Fremdes, zu dessen Urheberschaft zu bekennen es uns so wenig drangt, 
daß wir ebenso geru sagen : „Mir hat geträumt" wie : „Ich habe ge- 
träumt." Woher rührt diese „Seelenfremdheit" des Traumes? Nach 
unseren Erörterungen über die Traumquellen sollten wir meinen, sie 
sei nicht durch das Material bedingt, das in den Trauminhalt gelangt; 
dies ist ja zum größten Teil dem Traumleben wie dem Wachleben 
gemeinsam. Man kann sich fragen, ob es nicht Abänderungen der 
psychischen Vorgänge im Traume sind, welche diesen Eindruck her- 
vorrufen, und kann so eine psychologische Charakteristik des Traumes 
versuchen. 

Niemand hat die Wesensverschiedenheit von Traum- und Wach- 
leben stärker betont und zu weitergehenden Schlüssen verwendet als 
G. Th. Fechner in einigen Bemerkungen seiner Elemente der Psy- 
chophysik (p. 520, II. T.). Er meint, „weder die einfache Herab- 
drückung des bewußten Seelenlebens unter die Hauptschwelle", noch 
die Abziehung der Aufmerksamkeit von den Einflüssen der Außen- 
welt genüge, um die Eigentümlichkeiten des Traumlebens dem wachen 
Leben gegenüber aufzuklären. Er vermutet vielmehr, daß auch der 
Schauplatz der Träume ein anderer ist als der des wachen 
Vorstellungslebens. , Sollte der Schauplatz der psychophysischen 
Tätigkeit während des Schlafens und des Wachens derselbe sein, so 
könnte der Traum meines Erachtens bloß eine auf einem niederen 
Grade der Intensität sich haltende Fortsetzung des wachen Vor- 
stellungslebens sein und müßte übrigens dessen Stoff und dessen 
Form teilen. Aber es verhält sich ganz anders." 

Was Fechner mit einer solchen Umsiedelung der Seelentätig- 
keit meint, ist wohl nicht klar geworden ; auch hat kein anderer, so- 
viel ich ' weiß, den Weg weiter verfolgt, dessen Spur er in jener 
Bemerkung aufgezeigt. Eine anatomische Deutung im Sinne der phy- 
siologischen Genirnlokalisation oder selbst mit Bezug auf die histo- 
logische Schichtung der Hirnrinde wird man wohl auszuschließen 
haben. Vielleicht aber erweist sich der Gedanke einmal als sinnreich 
und fruchtbar, wenn man ihn auf einen seelischen Apparat bezieht, 
der aus mehreren hintereinander eingeschalteten Instanzen aufge- 
baut ist 



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Warum wir an die Realität der Traumbilder glauben? 37 

Andere Autoren haben sich damit begnügt, die eine oder die 
anderen der greifbareren psychologischen Besonderheiten des Traum- 
lebens hervorzuheben und etwa zum Ausgangspunkte weiterreichen- 
der Erklärungsversuche zu machen. 

Es ist mit Hecht bemerkt worden, daß eine der Haupteigen- 
tümlichkeiten des Traumlebens schon im Zustand des Einschlafens 
auftritt und als den Schlaf einleitendes Phänomen zu bezeichnen ist. 
Das Charakteristische des wachen Zustandes ist nach Schleier- 
macher (p. 351), daß die Denktatigkeit in Begriffen und nicht in 
Bildern vor sich geht Nun denkt der Traum hauptsächlich in 
Bildern, und man kann beobachten, daß mit der Annäherung an den 
Schlaf in demselben Maße, in dem die gewollten Tätigkeiten sich er- 
schwert zeigen, ungewollte Vorstellungen hervortreten, die alle 
in die Klasse der Bilder gehören. Die Unfähigkeit zu solcher Vor- 
stellungsarbeit, die wir als absichtlich gewollte empfinden, und das 
mit dieser Zerstreuung regelmäßig verknüpfte Hervortreten von 
Bildern, dies sind zwei Charaktere, die dem Traume verbleiben und 
die wir bei der psychologischen Analyse desselben als wesentliche 
Charaktere des Traumlebens anerkennen müssen. Von den Bildern — 
den hypnagogischen Halluzinationen — haben wir erfahren, daß sie 
selbst dem Inhält nach mit den Traumbildern identisch sind*). 

Der Traum denkt also vorwiegend in visuellen Bildern, aber 
doch nicht ausschließlich. Er arbeitet auch mit Gehörsbildern und in 
geringerem Ausmaße mit den Eindrücken der anderen Sinne. Vieles 
wird auch im Traume einfach gedacht oder vorgestellt (wahrschein- 
lich also durch Wortvorstellungsreste vertreten), ganz wie sonst im 
Wachen. Charakteristisch für den Traum sind aber doch nur jene 
Inhaltselemente, welche sich wie Bilder verhalten, d. h. den Wahr- 
nehmungen ähnlicher sind als den Erinnerungsvorstellungen. Mit 
Hinwegsetzung über alle die dem Psychiater wohlbekannten Dis- 
kussionen über das Wesen der Halluzination können wir mit allen 
sachkundigen Autoren aussagen, daß der Traum halluziniert, daß 
er Gedanken durch Halluzinationen ersetzt. In dieser Hinsicht be- 
steht kein Unterschied zwischen visuellen und akustischen Vorstel- 
lungen ; es ist bemerkt worden, daß die Erinnerung an eine Tonfolge, 
mit der man einschläft, sich beim Versinken in den Schlaf in die 
Halluzination derselben Melodie verwandelt, um beim Zusichkommen, 
das mit dem Einnicken mehrmals abwechseln kann, wieder der leiseren 
und qualitativ anders gearteten Erinnerungsvorstellung Platz zu 
machen. 

Die Verwandlung der Vorstellung in Halluzination ist nicht die 
einzige Abweichung des Traumes von einem etwa ihm entsprechen- 

*) H. Silberer hat an schönen Beispielen gezeigt, wie sich selbst ab- 
strakte Gedanken im Zustande der Schläfrigkeit in anschaulich-plastische Bilder 
umsetzen, die das nämliche ausdrücken wollen. (Jahrbuch von Bleuler-Freud, 
Band I, 1909.) 



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38 I. Literatur der Traumprobleme. 

den Wachgedanken. Aus diesen Bildern gestaltet der Traum eine 
Situation, er stellt etwas als gegenwärtig dar, er dramatisiert eine 
Idee, wie Spitta (p. 145) es ausdrückt. Die Charakteristik dieser 
Seite des Traumlebens wird aber erst vollständig, wenn man hinzu- 
nimmt, daß man beim Träumen — in der Regel; die Ausnahmen 
fordern eine besondere Aufklärung — nicht zu denken, sondern zu 
erleben vermeint, die Halluzination also mit vollem Glauben aufnimmt. 
Die Kritik, man habe nichts erlebt, sondern nur in eigentümlicher 
Form gedacht — geträumt, regt sich erst beim Erwachen. Dieser 
Charakter scheidet den echten Schlaftraum von der Tagträumerei, 
die niemals mit der Realität verwechselt wird. 

Burdach hat die bisher betrachteten Charaktere des Traum- 
lebens in folgenden Sätzen zusammengefaßt (p. 476) : „Zu den wesent- 
lichen Merkmalen des Traumes gehört : a) daß die "subjektive Tätig- 
keit unserer Seele als objektiv erscheint, indem das Wahrnehmungs- 
vermögen die Produkte der Phantasie so auffaßt, als ob es sinnliche 
Rührungen wären; ... 6) der Schlaf ist eine Aufhebung der Eigen- 
mächtigkeit. Daher gehört eine gewisse Passivität zum Einschlafen . . . 
Die Sehlummerbilder werden durch den Nachlaß der Eigenmächtig- 
keit bedingt/' 

Es handelt sich nun um den Versuch, die Gläubigkeit der Seele 
gegen die Traumhalluzinationen, die erst nach Einstellung einer ge- 
wissen eigenmächtigen Tätigkeit auftreten können, zu erklären. 
Strümpell führt aus, daß die Seele sich dabei korrekt und ihrem 
Mechanismus gemäß benimmt. Die Traumelemente sind keineswegs 
bloße Vorstellungen, sondern wahrhafte und wirkliche Erleb- 
nisse der Seele, wie sie im Wachen durch Vermittlung der Sinne 
auftreten (p. 34). Während die Seele wachend in Wortbildern und 
in der Sprache vorstellt und denkt, stellt sie vor und denkt im Traume 
in wirklichen Empfindungsbildern (p. 35). Überdies kommt im Traume 
ein Raumbewußtsein hinzu, indem wie im Wachen Empfindungen 
und Bilder in einen äußeren Raum versetzt werden (p. 36). Man muß 
also zugestehen, daß sich die Seele im Traume ihren Bildern und 
Wahrnehmungen gegenüber in derselben Lage befindet wie im Wachen 
(p. 43). Wenn sie dabei dennoch irre geht, so rührt dies daher, daß 
ihr im Schlafzustand das Kriterium fehlt, welches allein zwischen 
von außen und von innen gegebenen Sinneswahrnehmungen unter- 
scheiden kann. Sie kann ihre Bilder nicht den Proben unterziehen, 
welche allein deren objektive Realität erweisen. Sie vernachlässigt 
außerdem den Unterschied zwischen willkürlich vertauschbaren 
Bildern und anderen, wo diese Willkür wegfällt. Sie irrt, weil sie 
das Gesetz der Kausalität nicht auf den Inhalt ihres Traumes an- 
wenden kann (p. 58). Kurz, ihre Abkehrung von der Außenwelt ent- 
hält auch den Grund für ihren Glauben an die subjektive Traumwelt. 

Zum selben Schlüsse gelangt nach teilweise abweichenden psy- 
chologischen Entwicklungen Delboeuf. Wir schenken den Traum- 



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Ablösung der Vorstellungen von ihren psychischen Werten. 39 

bildern den Realitätsglauben, weil wir im Schlafe keine anderen Ein- 
drücke zum Vergleiche haben, weil wir von der Außenwelt abgelöst 
sind. Aber nicht etwa darum glauben wir an die Wahrheit unserer 
Halluzinationen, weil uns im Schlafe die Möglichkeit entzogen ist, 
Proben anzustellen. Der Traum kann uns alle diese Prüfungen vor- 
spiegeln, uns etwa zeigen, daß wir die gesehene Rose berühren und 
wir träumen dabei doch. Es gibt nach Delboeuf kein stichhaltiges 
Kriterium dafür, ob etwas ein Traum ist oder wache Wirklichkeit, 
außer — und dies nur in praktischer Allgemeinheit — der Tatsache 
des Erwachens. Ich erkläre alles für Täuschung, was zwischen Ein- 
schlafen und Erwachen erlebt worden ist, wenn ich durch das Er- 
wachen merke, daß ich ausgekleidet in meinem Bette liege (p. 84). 
Während des Schlafes habe ich die Traumbilder für wahr gehalten 
infolge der nicht einzuschläfernden Denkgewohnheit, eine Außen- 
welt anzunehmen, zu der ich mein Ich in Gegensatz bringe*). 

Wird so die Abwendung von der Außenwelt zu dem bestimmen- 
den Moment für die Ausprägung der auffälligsten Charaktere des 
Traumlebens erhoben, so verlohnt es sich, einige feinsinnige Be- 
merkungen des alten Burdach anzuführen, welche auf die Beziehung 
der schlafenden Seele zur Außenwelt Licht werfen und dazu angetan 



*) Einen ähnlichen Versuch wie Delboeuf, die Traumtätigkeit zu er- 
klären durch die Abänderung, welche eine abnorm eingeführte Bedingung an der 
sonst korrekten Funktion des intakten seelischen Apparates zur Folge haben 
muß, hat Haffner unternommen, diese Bedingung aber in etwas anderen Worten 
beschrieben. Das erste Kennzeichen des Traumes ist nach ihm die Ort- und Zeit- 
losigkeit, d. i. die Emanzipation der Vorstellung von der dem Individuum zukom- 
menden Stelle in der örtlichen und zeitlichen Ordnung. Mit diesem verbindet sich 
der zweite Grundcharakter des Traumes, die Verwechslung der Halluzinationen, 
Imaginationen und Phantasiekombinationen mit äußeren Wahrnehmungen. „Da 
die Gesamtheit der höheren Seelenkräfte, insbesondere Begriffsbildung, Urteil 
und Schlußfolgerung einerseits und die freie Selbstbestimmung anderseits an die 
sinnlichen Phantasiebilder sich anschließen und diese jederzeit zur Unterlage 
haben, so nehmen auch diese Tätigkeiten an der Regellosigkeit der Traum Vor- 
stellungen teil. Sie nehmen teil, sagen wir, denn an und für sich ist unsere 
Urteilskraft wie unsere Willenskraft im Schlafe in keiner Weise alteriert. Wir 
sind der Tätigkeit nach ebenso scharfsinnig und ebenso frei wie im wachen Zu- 
stande. Der Mensch kann auch im Traume nicht gegen die Denkgesetze an sich 
verstoßen, d. h. nicht das ihm als entgegengesetzt sich Darstellende identisch 
setzen usw. Er kann auch im Traume nur das begehren, was er als ein Gutes 
sich vorstellt (sub ratione boni). Aber in dieser Anwendung der Gesetze des 
Denkens und Wollens wird der menschliche Geist im Traume irregeführt durch 
die Verwechslung einer Vorstellung mit einer anderen. So kommt es, daß wir 
im Traume die größten Widersprüche setzen und begehen, während wir anderseits 
die scharfsinnigsten Urteilsbildungen und die konsequentesten Schlußfolgerungen 
vollziehen, die tugendhaftesten und heiligsten Entschließungen fassen können. 
Mangel an Orientierung ist das ganze Geheimnis des Fluges, mit welchem 
unsere Phantasie im Traume sich bewegt, und Mangel an kritischer Re- 
flexion sowie an Verständigung mit anderen ist die Hauptquelle der maßlosen 
Extravaganzen unserer Urteile wie unserer Hoffnungen und Wünsche im Traume" 
(P- 18). 



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40 I. Literatur der Traumprobleme, 

sind, vor einer Überschätzung der vorstehenden Ableitungen zurück- 
zuhalten. „Der Schlaf erfolgt nur unter der Bedingung," sagt Bur- 
dach, „daß die Seele nicht von Sinnesreizen angeregt wird, . . . aber 
es ist nicht sowohl der Mangel an Sinnesreizen die Bedingung des 
Schlafes, als vielmehr der Mangel an Interesse dafür*); mancher 
sinnliche Eindruck ist selbst notwendig, insofern er zur Beruhigung 
der Seele dient, wie denn der Müller nur dann schläft, wenn er das 
Klappern seiner Mühle hört, und der, welcher aus Vorsicht ein Nacht- 
licht zu brennen für nötig hält, im Dunkeln nicht einschlafen kann 
(p. 457). 

„Die Seele isoliert sich im Schlafe gegen die Außenwelt und 
zieht sich von der Peripherie . . . zurück .... Indes ist der Zu- 
sammenhang nicht ganz unterbrochen: wenn man nicht im Schlafe 
selbst, sondern erst nach dem Erwachen hörte und fühlte, so könnte 
man überhaupt nicht geweckt werden. Noch mehr wird die Fort- 
dauer der Sensation dadurch bewiesen, daß man nicht immer durch die 
bloß sinnliche Stärke eines Eindruckes, sondern durch die psychische 
Beziehung desselben geweckt wird; ein gleichgültiges Wort weckt 
den Schlafenden nicht, ruft man ihn aber beim Namen, so erwacht 
er, . . . die Seele unterscheidet also im Schlafe zwischen den Sen- 
sationen . . . Daher kann man denn auch durch den Mangel eines 
Sinnesreizes, wenn dieser sich auf eine für die Vorstellung wichtige 
Sache bezieht, geweckt werden; so erwacht man vom Auslöschen 
eines Nachtlichtes und der Müller vom Stillstand seiner Mühle, also 
vom Aufhören der Sinnestätigkeit, und dies setzt voraus, daß diese 
perzipiert worden ist, aber als gleichgültig oder vielmehr befriedigend 
die Seele nicht aufgestört hat" (p. 460 u. ff.). 

Wenn wir selbst von diesen nicht gering zu schätzenden Ein- 
wendungen absehen wollen, so müssen wir doch zugestehen, daß 
die bisher gewürdigten und aus der Abkehrung von der Außenwelt 
abgeleiteten Eigenschaften des Traumlebens die Fremdartigkeit des- 
selben nicht voll zu decken vermögen. Denn im anderen Falle müßte 
es möglich sein, die Halluzinationen des Traumes in Vorstellungen, 
die Situationen des Traumes in Gedanken zurückzuverwandeln und 
damit die Aufgabe der Traumdeutung zu lösen. Nun verfahren wir 
nicht anders, wenn wir nach dem Erwachen den Traum aus der 
Erinnerung reproduzieren, und ob uns diese Kückübersetzung ganz 
oder nur teilweise gelingt, der Traum behält seine Rätselhaftigkeit 
unverringert bei. 

Die Autoren nehmen auch alle unbedenklich an, daß im Traume 
noch andere und tiefergreifende Veränderungen mit dem Vorstellungs- 
material des Wachens vorgefallen sind. Eine derselben sucht Strüm- 
pell in folgender Erörterung herauszugreifen (p. 17): „Die Seele 



*) Man vergleiche hieza das „D&intär&t", in dem Claparöde (1905) den 
Mechanismus des Einschlafens findet 



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Die Absurdität des Traumes. 41 

verliert mit dem Aufhören der sinnlich tätigen Anschauung und 
des normalen Lebensbewußteeins auch den Grund, in welchem ihre 
Gefühle, Begehrungen, Interessen und Handlungen wurzeln. Auch 
diejenigen geistigen Zustände, Gefühle, Interessen, Wertschätzungen, 
welche im Wachen den Erinnerungsbildern anhaften, unterliegen . . . 
einem verdunkelnden Drucke, infolgedessen sich ihre Verbindung 
mit den Bildern auflöst, die Wahrnehmungsbilder von Dingen, Per- 
sonen, Lokalitäten, Begebenheiten und Handlungen des wachen Le- 
bens werden einzeln sehr zahlreich reproduziert, aber keines der- 
selben bringt seinen psychischen Wert mit Dieser ist von ihnen 
abgelöst und sie schwanken deshalb in der Seele nach eigenen Mitteln 
umher . . . ." 

Diese Entblößung der Bilder von ihrem psychischen Werte, die 
selbst wiederum auf die Abwendung von der Außenwelt zurück- 
geführt wird, soll nach Strümpell einen Hauptanteil an dem Ein- 
druck der Fremdartigkeit haben, mit dem sich der Traum in unserer 
Erinnerung dem Leben gegenüberstellt. 

Wir haben gehört, daß schon das Einschlafen den Verzicht auf 
eine der seelischen Tätigkeiten, nämlich auf die willkürliche Leitung 
des Vorstellungsablaufes, mit sich bringt. Es wird uns so die ohnedies 
naheliegende Vermutung aufgedrängt, daß der Schlafzustand sich 
auch über die seelischen Verrichtungen erstrecken möge. Die eine 
oder andere dieser Verrichtungen wird etwa ganz aufgehoben ; ob die 
übrigbleibenden ungestört weiter arbeiten, ob sie unter solchen Um- 
ständen normale Arbeit leisten können, kommt jetzt in Frage. Der 
Gesichtspunkt taucht auf, daß man die Eigentümlichkeiten des Trau- 
mes erklären könne durch die psychische Minderleistung im Schlaf- 
zustand, und nun kommt der Eindruck, den der Traum unserem 
wachen Urteil macht, einer solchen Auffassung entgegen. Der Traum 
ist unzusammenhängend, vereinigt ohne Anstoß die ärgsten Wider- 
sprüche, läßt Unmöglichkeiten zu, läßt unser bei Tag einflußreiches 
Wissen bei Seite, zeigt uns ethisch und moralisch stumpfsinnig. Wer 
sich im Wachen so benehmen würde, wie es der Traum in seinen 
Situationen vorführt, den würden wir für wahnsinnig halten ; wer im 
Wachen so spräche oder solche Dinge mitteilen wollte, wie sie im 
Trauminhalt vorkommen, der würde uns den Eindruck eines Ver- 
worrenen und eines Schwachsinnigen machen. Somit glauben wir 
nur dem Tatbestand Worte zu leihen, wenn wir die psychische Tätig- 
keit im Traum nur sehr gering anschlagen und insbesondere die 
höheren intellektuellen Leistungen als im Traume aufgehoben oder 
wenigstens schwer geschädigt erklären. 

Mit ungewöhnlicher Einmütigkeit — von den Ausnahmen wird 
an anderer Stelle die Rede sein — haben die Autoren solche Urteile 
über den Traum gefällt, die auch unmittelbar zu einer bestimmten 
Theorie oder Erklärung des Traumlebens hinleiten. Es ist an der 
Zeit, daß ich mein eben ausgesprochenes Resume durch eine Samm- 



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42 L Literatur der Traumprobleme. 

lung von Aussprüchen verschiedener Autoren — Philosophen und 
Jurzte — über die psychologischen Charaktere des Traumes ersetze: 

Nach Lern o ine ist die Inkohärenz der Traumbilder der ein- 
zig wesentliche Charakter des Traumes. 

Maury pflichtet dem bei; er sagt (p. 163): „il n'y a pas des 
r&ves absolument raisonnables et qui ne contiennent quelque inco- 
hörence, quelque anachronisme, quelque absurditö." 

Nach Hegel bei Spitta fehlt dem Traume aller objektive ver- 
ständige Zusammenhang. 

Du gas sagt: „Le rgve, c'est Tanarchie psychique, affective et 
mentale, c'est le jeu des fonctions livröes ä elles-m§mes et s'exer^ant 
sans contröle et sans but; dans le r§ve Tesprit est un automate 
spirituell* 

„Die Auflockerung, Lösung und Durcheinandermischung des 
im Wachen durch die logische Gewalt des zentralen Ich zusammen- 
gehaltenen Vorstellungslebens" räumt selbst Volkelt ein (p. 14), nach 
dessen Lehre die psychische Tätigkeit während des Schlafes keines- 
wegs zwecklos erscheint. 

Die Absurdität der im Traume vorkommenden Vorstellungs- 
verbindungen kann man kaum schärfer verurteilen, als es schon 
Cicero (De divin. II) tat: Nihil tarn praepostere, tarn incondite, 
tarn monstruose cogitari potest, quod non possimus somniare. 

Fechner sagt (p. 522): „Es ist, als ob die psychologische Tätig- 
keit aus dem Gehirn eines Vernünftigen in das eines Narren übersiedelte/ 4 

Radestock (p. 145): „In der Tat scheint es unmöglich, in 
diesem tollen Treiben feste Gesetze zu erkennen. Der strengen Po- 
lizei des vernünftigen, den wachen Vorstellungslauf leitenden Willens 
und der Aufmerksamkeit sich entziehend, wirbelt der Traum in 
tollem Spiele alles kaleidoskopartig durcheinander." 

Hildebrandt (p. 45): „Welche wunderlichen Sprünge erlaubt 
sich der Träumende z. B. bei seinen Verstandesschlüssen! Mit wel- 
cher Unbefangenheit sieht er die bekanntesten Erfahrungssätze 
geradezu auf den Kopf gestellt! Welche lächerlichen Widersprüche 
kann er in den Ordnungen der Natur und der Gesellschaft vertragen, 
bevor ihm, wie man sagt, die Sache zu bunt wird, und die Über- 
spannung des Unsinnes das Erwachen herbeiführt ! Wir multiplizieren 
gelegentlich ganz harmlos : Drei mal drei macht zwanzig ; es wundert 
uns gar nicht, daß ein Hund uns einen Vers hersagt, daß ein Toter 
auf eigenen Füßen nach seinem Grabe geht, daß ein Felsstück auf 
dem Wasser schwimmt; wir gehen alles Ernstes in höherem Auf- 
trage nach dem Herzogtum Bernburg oder dem Fürstentum Liechten- 
stein, um die Kriegsmarine des Landes zu beobachten oder lassen 
uns von Karl dem Zwölften kurz vor der Schlacht bei Pultawa als 
Freiwillige anwerben. " 

Binz (p. 33) mit dem Hinweise auf die aus diesen Eindrücken 
sich ergebende Traumtheorie : „Unter zehn Träumen sind mindestens 



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Die oberflächlichen Assoziationen im Traume. 43 

neun absurden Inhaltes. Wir koppeln in ihnen Personen und Dinge 
zusammen, welche nicht die geringsten Beziehungen zueinander 
haben. Schon im nächsten Augenblick, wie in einem Kaleidoskop, 
ist die Gruppierung eine andere geworden, womöglich noch un- 
sinniger und toller, als sie es schon vorher war; und so geht das 
wechselnde Spiel des unvollkommen schlafenden Gehirns weiter, bis 
wir erwachen, mit der Hand nach der Stirn greifen und uns fragen, 
ob wir in der Tat noch die Fähigkeit des vernünftigen Vorstellens 
und Denkens besitzen. " 

Maury (p. 50) findet für das Verhältnis der Traumbilder zu 
den Gedanken des Wachens einen 'für den Arzt sehr eindrucksvollen 
Vergleich: „La production de ces images que chez l'homme eveille 
fait le plus souvent naitre la volonte, correspond, pour Tintelligence, 
ä ce que sont pour la motilite certains mouvements que nous offrent 
la choree et les affections paralytiques" .... Im übrigen ist ihm 
der Traum „toute une serie de degradations de la facultö pensante et 
raisonnante" (p. 27). 

Es ist kaum nötig, die Äußerungen der Autoren anzuführen, 
welche den Satz von Maury für die einzelnen höheren Seelen- 
leistungen wiederholen. 

Nach Strümpell treten im Traume — selbstverständlich auch 
dort, wo der Unsinn nicht augenfällig ist — sämtliche logische, auf 
Verhältnissen und Beziehungen beruhende Operationen der Seele zu- 
rück (p. 26). Nach Spitta (p. 148) scheinen im Traume die Vor- 
stellungen dem Kausalitätsgesetz völlig entzogen zu sein. Radestock 
und andere betonen die dem Traume eigene Schwäche des Urteiles 
und des Schlusses. Nach Jodl (p. 123) gibt es im Traume keine 
Kritik, keine Korrektur einer Wahrnehmungsreihe durch den Inhalt 
des Gesamtbewußtseins. Derselbe Autor äußert: „Alle Arten der Be- 
wußtseinstätigkeit kommen im Traume vor, aber unvollständig, ge- 
hemmt, gegeneinander isoliert. " Die Widersprüche, in welche sich 
der Traum gegen unser waches Wissen setzt, erklärt Stricker (mit 
vielen ander») daraus, daß Tatsachen im m Traume vergessen oder 
logische Beziehungen zwischen Vorstellungen verloren gegangen sind 
(p. 98) usw. usw. 

Von den Autoren, die im allgemeinen so ungünstig über die 
psychischen Leistungen im Traume urteilen, wird indes zugegeben, 
daß ein gewisser Rest von seelischer Tätigkeit dem Traume ver- 
bleibt. Wundt, dessen Lehren für so viel andere Bearbeiter der 
Traumprobleme maßgebend geworden sind, gesteht dies ausdrücklich 
zu. Man könnte nach der Art und Beschaffenheit des im Traume 
sich äußernden Restes von normaler Seelentätigkeit fragen. Es wird 
nun ziemlich allgemein zugegeben, daß die Reproduktionsfähigkeit, 
das Gedächtnis im Traume am wenigsten gelitten zu haben scheint, 
ja eine gewisse Überlegenheit gegen die gleiche Funktion des Wa- 
chens (vgl oben p. 8 ff.) aufweisen kann, obwohl ein Teil der Ab- 



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44 I. Literatur der Traumprobleme. 

surditäten des Traumes durch die Vergeßlichkeit eben dieses Traum- 
lebens erklärt werden soll. Nach Spitta ist es das Gemütsleben der 
Seele, was vom Schlafe nicht befallen wird und dann den Traum 
dirigiert. Als „Gemüt" bezeichnet er „die konstante Zusammenfassung! 
der Gefühle als des innersten subjektiven Wesens des Menschen" 
<p. 84). 

Scholz (p. 37) erblickt eine der im Traume sich äußernden 
Seelentätigkeiten in der „allegorisierenden Umdeutung", wel- 
cher das Traummaterial unterzogen wird, Sieb eck konstatiert auch 
im Traume die „ergänzende Deutungstätigkeit" der Seele (p. 11), 
welche von ihr gegen alles Wahrnehmen und Anschauen geübt wird. 
Eine besondere Schwierigkeit hat es für den Traum mit der Be- 
urteilung der angeblich höchsten psychischen Funktion, der des Be- 
wußtseins. Da wir vom Traume nur durchs Bewußtsein etwas wissen, 
kann an dessen Erhaltung kein Zweifel sein; doch meint Spitta, es 
sei im Traume nur das Bewußtsein erhalten, nicht auch das Selbst- 
bewußtsein. Delboeuf gesteht ein, daß er diese Unterscheidung nicht 
zu begreifen vermag. 

Die Assoziationsgesetze, nach denen sich die Vorstellungen ver- 
knüpfen, gelten auch für die Traumbilder, ja ihre Herkunft kommt 
im Traume reiner und stärker zum Ausdruck. Strümpell (p. 70): 
„Der Traum verläuft entweder ausschließlich, wie es scheint, nach 
den Gesetzen nackter Vorstellungen oder organischer Reize mit sol- 
chen Vorstellungen, das heißt, ohne daß Reflexion und Verstand, 
ästhetischer Geschmack und sittliches Urteil etwas dabei vermögen." 
Die Autoren, deren Ansichten ich hier reproduziere, stellen sich die 
Bildung der Träume etwa folgender Art vor: Die Summe der im 
Schlafe einwirkenden Sensationsreize aus den verschiedenen an an- 
derer Stelle angeführten Quellen wecken in der Seele zunächst 
eine Anzahl von Vorstellungen, die sich als Halluzinationen (nach 
Wundt richtiger Illusionen wegen ihrer Abkunft von den äußeren 
und inneren Reizen) darstellen. Diese verknüpfen sich untereinander 
nach den bekannten Assoziationsgesetzen und rufen ihrerseits nach 
denselben Regeln eine neue Reihe von Vorstellungen (Bildern) wach. 
Das ganze Material wird dann vom noch tätigen Reste der ordnenden 
und denkenden Seelenvermögen, so gut es eben gehen will, ver- 
arbeitet (vgl. etwa Wundt und Weygandt). Es ist bloß noch nicht 
gelungen, die Motive einzusehen, welche darüber entscheiden, daß 
die Erweckung der nicht von außen stammenden Bilder nach diesem 
oder nach jenem Assoziationsgesetz vor sich gehe. 

Es ist aber wiederholt bemerkt worden, daß die Assoziationen, 
welche die Traumvorstellungen untereinander verbinden, von ganz 
besonderer Art und verschieden von den im wachen Denken tätigen 
sind. So sagt Volkelt (p. 15): „Im Traume jagen und haschen sich 
die Vorstellungen nach zufälligen Ähnlichkeiten und kaum wahr- 
nehmbaren Zusammenhängen. Alle Träume sind von solchen nach- 



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UNI VERSITYOF CALIFORNIA 



Psychologische Wertschätzung des Traumlebens. 45 

lässigen, zwanglosen Assoziationen durchzogen." Maury legt auf 
diesen Charakter der Vorstellungsbindung, der ihm gestattet, das 
Traumleben in engere Analogie mit gewissen Geistesstörungen zu 
bringen, den größten Wert. Er anerkennt zwei Haupteharaktere des 
„dölire": 1. une action spontanee et comrne automatique de Tesprit; 
2. une association vicieuse et irreguliöre des idees (p. 126). Von 
Maury selbst rühren zwei ausgezeichnete Traumbeispiele her, in 
denen der bloße Gleichklang der Worte die Verknüpfung der Traum- 
vorstellungen vermittelt. Er träumte einmal, daß er eine Pilgerfahrt 
(pelerinage) nach Jerusalem oder Mekka unternehme, dann befand 
er sich nach vielen Abenteuern beim Chemiker Pelletier, dieser 
gab ihm nach einem Gespräche eine Schaufel (pelle) von Zink 
und diese wurde in einem darauffolgenden Traumstück sein großes 
Schlachtschwert (p. 137). Ein andermal ging er im Traume auf der 
Landstraße und las auf den Meilensteinen die Kilometer ab, darauf 
befand er sich bei einem Gewürzkrämer, der eine große Wage hatte, 
und ein Mann legte Kilogewichte auf die Wagschale, um Maury ab- 
zuwägen; dann sagte ihm der Gewürzkrämer: „Sie sind nicht in 
Paris, sondern auf der Insel Gilolo." Es folgten darauf mehrere 
Bilder, in welchen er die Blume Lobelia sah, dann den General 
Lopez, von dessen Tod er kurz vorher gelesen hatte; endlich er- 
wachte er, eine Partie Lotto spielend*). 

Wir sind aber wohl gefaßt darauf, daß diese Geringschätzung 
der psychischen Leistungen des Traumes nicht ohne Widerspruch 
von anderer Seite geblieben ist. Zwar scheint der Widerspruch hier 
schwierig. Es will auch nicht viel bedeuten, wenn einer der Herab- 
setzer des Traumlebens versichert (Spitta, p. 118), daß dieselben 
psychologischen Gesetze, die im Wachen herrschen, auch den Traum 
regieren, oder wenn ein anderer (Dugas) ausspricht: Le reve n'est 
pas d^raison ni meme irraison pure, solange beide sich nicht die 
Mühe nehmen, diese Schätzung mit der von ihnen beschriebenen 
psychischen Anarchie und Auflösung aller Punktionen im Traume in 
Einklang zu bringen. Aber anderen scheint die Möglichkeit gedämmert 
zu haben, daß der Wahnsinn des Traumes vielleicht doch nicht ohne 
Methode sei, vielleicht nur Verstellung wie der des Dänenprinzen, 
auf dessen Wahrsinn sich das hier zitierte einsichtsvolle Urteil be- 
zieht. Diese Autoren müssen es vermieden haben, nach dem Anschein 
zu urteilen, oder der Anschein, den der Traum ihnen bot, war ein 
anderer. 

So würdigt Havelock Ellis (1899) den Traum, ohne bei seiner 
scheinbaren Absurdität verweilen zu wollen, als „an archaic world of 
vast emotions and imperfect thoughts", deren Studium uns primitive 



*) An späterer Stelle wird uns der Sinn solcher Träume, die von Worten 
mit gleichen Anfangsbuchstaben und ähnlichem Anlaute erfüllt sind, zugäng- 
lich werden. 



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46 I. Literatur der Traumprobleme. 

Entwicklungsstufen des psychischen Lebens kennen lehren könnte. 
J. Sully (p. 362) vertritt dieselbe Auffassung des Traumes in einer 
noch weiter ausgreifenden und tiefer eindringenden Weise. Seine 
Aussprüche verdienen um so mehr Beachtung, wenn wir hinzunehmen T 
daß er wie vielleicht kein anderer Psychologe von der verhüllten 
Sinnigkeit des Traumes überzeugt war. „Now our dreams are a means 
of conserving these successive personnalities. When asleep we 
go back to the old ways of looking at things and of feeling 
about them, to impulses and activities which long ago do- 
minated us." Ein Denker wie Delboeuf behauptet — freilich ohne 
den Beweis gegen das widersprechende Material zu führen und darum 
eigentlich mit Unrecht: „Dans le sommeil, hormis la perception, 
toutes les facultas de l'esprit, intelligence, imagination, memoire, 
volonte, moralitö, restent intactes dans leur essence; seulement, elles 
s'appliquent ä des objets imaginaires et mobiles. Le songeur est un 
acteur qui joue ä volonte les fous et les sages, les bourreaux et 1« 
victimes, les nains et les geants, les dömons el les anges" (p. 222). Am 
energischesten scheint die Herabsetzung der psychischen Leistung im 
Traume der Marquis d'Hervey bestritten zu haben, gegen den 
Maury lebhaft polemisiert und dessen Schrift ich mir trotz aller 
Bemühung nicht verschaffen konnte. Maury sagt über ihn (p. 19): 
„M. le Marquis d'Hervey prete ä Fintelligence, durant le sommeil, 
toute sa liberte d'action et d'attention et il ne semble faire consister 
le sommeil que dans Tocclusion des sens, dans leur fermeture au 
Monde exterieur; en sorte que l'homme qui dort ne se distingue 
guere, selon sa manifcre de voir, de l'homme qui laisse vaguer sa 
pensee en se bouchant les sens; toute la difference qui söpare alors 
la pensee ordinaire du celle du dormeur c'est que, chez celui, l'idöe 
prend une forme visible, objective et ressemble, ä s'y meprendre, 
ä la Sensation determinöe par les objets exterieurs ; le souvenir revet 
Tapparence du fait präsent." 

Maury fügt aoer hinzu: „qu'il y a une difference de plus et 
capitale ä savoir que les facultes intellectuelles de Thomme endormi 
n'offrent pas l'^quilibre qu'elles gardent chez Thomme Töveille." 

Bei Vaschide, der uns eine bessere Kenntnis des Buches von 
d'Hervey vermittelt, finden wir, daß sich dieser Autor in folgender 
Art über die scheinbare Inkohärenz der Träume äußert. „L'image 
du reve est la copie de Tidöe. Le principal est Tidöe; la vision n'est 
qu'accessoire. Ceci ötabli, il faut savoir suivre la marche des id6es, 
il faut savoir analyser le tissu des reves; l'incoherence devient alors 
comprehensible, les conceptions les plus fantasques deviennent des 
faits simples et parfectement logiques". (p. 146.) Und (p. 147): „Les 
reves les plus bizarres trouvent meme une explication des plus logiques 
quond on sait les analyser." 

J. Stärcke hat darauf aufmerksam gemacht, daß eine ähnliche 
Auflösung der Trauminkohärenz von einem alten Autor, Wolf Da- 



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Psychologische Wertung des Traumes. 47 

vidson, der mir unbekannt war, 1799 verteidigt worden ist (p. 136): 
„Die sonderbaren Sprünge unserer Vorstellungen im Traume haben 
alle ihren Grund in dem Gesetze der Assoziation, nur daß diese Ver- 
bindung manchmal sehr dunkel in der Seele vorgeht, so daß wir 
oft einen Sprung der Vorstellung zu beobachten glauben, wo doch 
keiner ist." 

Die Skala der Würdigung des Traumes als psychisches Produkt 
hat in der Literatur einen großen Umfang; sie reicht von der tiefsten 
Geringschätzung, deren Ausdruck wir kennen gelernt haben, durch 
die Ahnung eines noch nicht enthüllten Wertes bis zur Über- 
schätzung, die den Traum weit über die Leistungen des Wachlebens 
stellt Hildebrandt, der, wie wir wissen, in drei Antinomien die 
psychologische Charakteristik des Traumlebens entwirft, faßt im drit- 
ten dieser Gegensätze die Endpunkte dieser Reihe zusammen (p. 19): 
„Es ist der zwischen einer Steigerung, einer nicht selten bis zur 
Virtuosität sich erhebenden Potenzierung und anderseits einer 
entschiedenen, oft bis unter das Niveau des Menschlichen führenden 
Herabminderung und Schwächung des Seelenlebens." 

„Was das erstere betrifft, wer könnte nicht aus eigener Er- 
fahrung bestätigen, daß in dem Schaffen und Weben des Traumgenius 
bisweilen eine Tiefe und Innigkeit des Gemütes, eine Zartheit der 
Empfindung, eine Klarheit der Anschauung, eine Feinheit der Beob- 
achtung, eine Schlagfertigkeit des Witzes zu Tage tritt, wie wir solches 
alles als konstantes Eigentum während des wachen Lebens zu be- 
sitzen bescheidentlich in Abrede stellen würden? Der Traum hat 
eine wunderbare Poesie, eine treffliche Allegorie, einen unvergleich- 
lichen Humor, eine köstliche Ironie. Er schauet die Welt in einem 
eigentümlichen idealisierenden Lichte und potenziert den Effekt ihrer 
Erscheinungen oft im sinnigsten Verständnisse des ihnen zum Grunde 
liegenden Wesens. Er stellt uns das irdisch Schöne in wahrhaft 
himmlischem Glänze, das Erhabene in höchster Majestät, das er- 
fahrungsgemäß Furchtbare in der grauenvollsten Gestalt, das Lächer- 
liche mit unbeschreiblich drastischer Komik vor Augen; und bis- 
weilen sind wir nach dem Erwachen irgend eines dieser Eindrücke 
noch so voll, daß es uns vorkommen will, dergleichen habe die wirk- 
liche Welt uns ncoh nie und niemals geboten." 

Man darf sich fragen, ist es wirklich das nämliche Objekt, dem 
jene geringschätzigen Bemerkungen und diese begeisterte Anpreisung 
gilt? Haben die einen die blödsinnigen Träume, die anderen die tief- 
sinnigen und feinsinnigen übersehen ? Und wenn beiderlei vorkommt, 
Träume, die solche und die jene Beurteilung verdienen, scheint es 
da nicht müßig, nach einer psychologischen Charakteristik des Trau- 
mes zu suchen, genügt es nicht zu sagen, im Traume sei alles möglich, 
von der tiefsten Herabsetzung des Seelenlebens bis zu einer im 
Wachen ungewohnten Steigerung desselben ? So bequem diese Lösung 
wäre, sie hat dies eine gegen sich, daß den Bestrebungen aller Traum- 



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48 I. Literatur der Traumprobleme. 

forscher die Voraussetzung zu gründe zu liegen scheint, es gäbe eine 
solche in ihren wesentlichen Zügen allgemeingültige Charakteristik 
des Traumes, welche über jene Widersprüche hinweghelfen müßte. 

Es ist unstreitig, daß die psychischen Leistungen des Traumes 
bereitwilligere und wärmere Anerkennung gefunden haben in jener 
jetzt hinter uns liegenden intellektuellen reriode, da die Philosophie 
und nicht die exakten Naturwissenschaften die Geister beherrschte. 
Aussprüche wie die von Schubert, daß der Traun» eine Befreiung 
des Geistes von der Gewalt der äußeren Natur sei, eine Loslösung 
der Seele von den Fesseln der Sinnlichkeit, und ähnliche Urteile von 
dem jüngeren Fichte*) u. a., welche sämtlich den Traum als einen 
Aufschwung des Seelenlebens zu einer höheren Stufe darstellen, er- 
scheinen uns heute kaum begreiflich; sie werden in der Gegenwart 
auch nur bei Mystikern und Frömmlern wiederholt**). Mit dem 
Eindringen naturwissenschaftlicher Denkweise ist eine Reaktion in der 
Würdigung des Traumes einhergegangen. Gerade die ärztlichen 
Autoren sind am ehesten geneigt, die psychische Tätigkeit im Traume 
für geringfügig und wertlos anzuschlagen, während Philosophen und 
nicht zünftige Beobachter — Amateurpsychologen — , deren Beiträge 
gerade auf diesem Gebiete nicht zu vernachlässigen sind, im besseren 
Einvernehmen mit den Ahnungen des Volkes, meist an dem psychi- 
schen Werte der Träume festgehalten haben. Wer zur Gering- 
schätzung der psychischen Leistimg im Traume neigt, der bevorzugt 
begreiflicherweise in der Traumätiologie die somatischen Reizquellen ; 
für den, welcher der träumenden Seele den größeren Teil ihrer Fähig- 
keiten im Wachen belassen hat, entfällt natürlich jedes Motiv, ihr 
nicht auch selbständige Anregungen zum Träumen zuzugestehen. 

Unter den Überleistungen, welche man auch bei nüchterner 
Vergleichung versucht sein kann, dem Traumleben zuzuschreiben, 
ist die des Gedächtnisses die auffälligste; wir haben die sie be- 
weisenden, gar nicht seltenen Erfahrungen ausführlich behandelt 
Ein anderer, von alten Autoren häufig gepriesener Vorzug des Traum- 
lebens, daß es sich souverän über Zeit- und Ortsentfernungen hinweg- 
zusetzen vermöge, ist mit Leichtigkeit als eine Illusion zu erkennen. 
Dieser Vorzug ist, wie Hildebrandt bemerkt, eben ein illusorischer 
Vorzug; das Träumen setzt sich über Zeit und Raum nicht anders 
hinweg als das wache Denken, und eben weil es nur eine Form des 
Denkens ist. Der Traum sollte sich in Bezug auf die Zeitlichkeit 
noch eines anderen Vorzuges erfreuen, noch in anderem Sinne vom 
Ablauf der Zeit unabhängig sein. Träume wie der oben p. 20 mit- 
geteilte Maurys von seiner Hinrichtung durch die Guillotine scheinen 

*) Vgl Haffner und Spitta. 

**) Der geistreiche Mystiker Du Prel, einer der wenigen Autoren, denen 
ich die Vernachlässigung in früheren Auflagen dieses Buches abbitten mochte, 
äußert, nicht das Wachen, sondern der Traum sei die Pforte zur Metaphysik, 
soweit sie den Menschen betrifft (Philosophie der Mystik, p. 59). 



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Die ethischen Gefühle im Traume. 49 

zu beweisen, daß der Traum in eine sehr kurze Spanne Zeit weit 
mehr Wahrnehmungsinhalt zu drängen vermag, als unsere psychische 
Tätigkeit im Wachen Denkinhalt bewältigen kann. Diese Folgerung 
ist indes mit mannigfaltigen Argumenten bestritten worden; seit den 
Aufsätzen von Le Lorrain und Egger „über die scheinbare Dauer 
der Träume" hat sich hierüber eine interessante Diskussion ange- 
sponnen, welche in dieser heiklen und tiefreichenden Frage wahr- 
scheinlich noch nicht die letzte Aufklärung erreicht hat*). 

Daß der Traum die intellektuellen Arbeiten des Tages aufzu- 
nehmen und zu einem bei Tag nicht erreichten Abschluß zu bringen 
vermag, daß er Zweifel und Probleme lösen, bei Dichtern und Kom- 
ponisten die Quelle neuer Eingebungen werden kann, scheint nach 
vielfachen Berichten und nach der von Chabaneix angestellten 
Sammlung unbestreitbar zu sein. Aber wenn auch nicht die Tat- 
sache, so unterliegt doch deren Auffassung vielen, ans Prinzipielle 
streifenden Zweifeln**). 

Endlich bildet die behauptete divinatorische Kraft des Traumes 
ein Streitobjekt, an welchem schwer überwindliche Bedenken mit 
hartnäckig wiederholten Versicherungen zusammentreffen. Man ver- 
meidet es — und wohl mit Recht — , alles Tatsächliche an diesem 
Thema abzuleugnen, weil für eine Reihe von Fällen die Möglichkeit 
einer natürlichen psychologischen Erklärung vielleicht nahe be- 
vorsteht. 

/) Die ethischen Gefühle im Traume. 

Aus Motiven, welche erst nach Kenntnisnahme meiner eigenen 
Untersuchungen über den Traum verständlich werden können, habe 
ich von dem Thema der Psychologie des Traumes das Teilproblem 
abgesondert, ob und inwieweit die moralischen Dispositionen und 
Empfindungen des Wachens sich ins Traumleben erstrecken. Der 
nämliche Widerspruch in der Darstellung der Autoren, den wir für 
alle anderen seelischen Leistungen mit Befremden bemerken mußten, 
macht uns auch hier betroffen. Die einen versichern mit ebensolcher 
Entschiedenheit, daß der Traum von den sittlichen Anforderungen 
nichts weiß, wie die anderen, daß die moralische Natur des Menschen 
auch fürs Traumleben erhalten bleibt. 

Die Berufung auf die allnächtliche Traumerfahrung scheint die 
Richtigkeit der ersteren Behauptung über jeden Zweifel zu erheben, 
Jessen sagt (p. 553): „Auch besser und tugendhafter wird man nicht 
im Schlafe, vielmehr scheint das Gewissen in den Träumen zu schwei- 
gen, indem man kein Mitleid empfindet und die schwersten Ver- 
brechen, Diebstahl, Mord und Totschlag mit völliger Gleichgültigkeit 
und ohne nachfolgende Reue verüben kann." 



*) Weitere Literatur und kritische Erörterung dieser Probleme in der 
Pariser Dissertation der Tobowolska (1900). 

**) Vgl. die Kritik bei H. Bllis, World of Dreams, p. 268. 

Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 4 



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50 I. Literatur der Traum prob lerne. 

Radestock (p. 146): „Es ist zu berücksichtigen, daß die Asso- 
ziationen im Traume ablaufen und die Vorstellungen sich verbinden, 
ohne daß Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack und sitt- 
liches Urteil etwas dabei vermögen; das Urteil ist höchst schwach 
und es herrscht ethische Gleichgültigkeit vor." 

Volkelt (p. 23): „Besonders zügellos aber geht es, wie jeder 
weiß, im Traume in geschlechtlicher Beziehung zu. Wie der Träu- 
mende selbst aufs Äußerste schamlos und jedes sittlichen Gefühles 
und Urteiles verlustig ist, so sieht er auch alle anderen und selbst die 
verehrtesten Personen mitten in Handlungen, die er im Wachen auch 
nur in Gedanken mit ihnen zusammenzubringen sich scheuen würde." 

Den schärfsten Gegensatz hiezu bilden Äußerungen wie die 
von Schopenhauer, daß jeder im Traume in vollster Gemäßheit 
seines Charakters handle und rede. R. Ph. Fischer*) behauptet, 
daß die subjektiven Gefühle und Bestrebungen oder Affekte und 
Leidenschaften in der Willkür des Traumlebens sich offenbaren, daß 
die moralischen Eigentümlichkeiten der Personen in ihren Träumen 
sich spiegeln. 

Haffner (p. 25): „Seltene Ausnahmen abgerechnet, 

wird ein tugendhafter Mensch auch im Traume tugendhaft sein; er 
wird den Versuchungen widerstehen, dem Haß, dem Neid, dem Zorn 
und allen Lastern sich verschließen; der Mann der Sünde aber wird 
auch in seinen Träumen in der Regel die Bilder finden, die er im 
Wachen vor sich hatte." 

Scholz (p. 36): „Im Traume ist Wahrheit, trotz aller Mas- 
kierung in Hoheit oder Erniedrigung erkennen wir unser eigenes 

Selbst wieder Der ehrliche Mann kann auch im Traume kein 

entehrendes Verbrechen begehen, oder wenn es doch der Fall ist, so 
entsetzt er sich darüber als über etwas seiner Natur Fremdes. Der 
römische Kaiser, der einen seiner Untertanen hinrichten ließ, weil 
diesem geträumt hatte, er habe dem Kaiser den Kopf abschlagen 
lassen, hatte darum so unrecht nicht, wenn er dies damit rechtfertigte, 
daß, wer so träume, auch ähnliche Gedanken im Wachen haben 
müsse. Von etwas, das in unserem Innern keinen Raum haben kann, 
sagen wir deshalb auch bezeichnender Weise: „Es fällt mir auch im 
Traume nicht ein." 

Im Gegensatz hiezu meint Plato, diejenigen seien die besten, 
denen das, was andere wachend tun, nur im Traum einfalle. 

Pf äff sagt geradezu in Abänderung eines bekannten Sprich- 
wortes: „Erzähle mir eine Zeitlang deine Träume und ich will dir 
sagen, wie es um dein Inneres steht." 

Die kleine Schrift von Hildebrandt, der ich bereits so zahl- 
reiche Zitate entnommen habe, der formvollendetste und gedanken- 



*) Grundzüge des Systems der Anthropologie. Erlangen 1850. (Nach 
Spitta.) 



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Original from 
UNI VERSITYOF CALIFORNIA 



Unsittliche Träume. 51 

reichste Beitrag zur Erforschung der Traumprobleme, den ich in der 
Literatur gefunden, rückt gerade das Problem der Sittlichkeit im 
Traume in den Mittelpunkt ihres Interesses. Auch für Hildebrandt 
steht es als Regel fest : Je reiner das Leben, desto reiner der Traum ; 
je unreiner jenes, desto unreiner dieser. 

Die sittliche Natur des Menschen bleibt auch im Traume be- 
stehen : „Aber während kein noch so handgreiflicher Rechnungsfehler, 
keine noch so romantische Umkehr der Wissenschaft, kein noch so 
scherzhafter Anachronismus uns verletzt oder uns auch nur ver- 
dächtig wird, so geht uns doch der Unterschied zwischen Gut und 
Böse, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Tugend und Laster nie 
verloren. Wie vieles auch von dem, was am Tage mit uns geht, in 
den Schlummerstunden weichen mag, — Kants kategorischer Impe- 
rativ hat sich als untrennbarer Begleiter so an unsere Fersen geheftet, 

daß wir ihn auch schlafend nicht los werden Erklären aber 

läßt sich (diese Tatsache) eben nur daraus, daß das Fundamentale der 
Menschennatur, das sittliche Wesen, zu fest gefügt ist, um an der 
Wirkung der kaleidoskopischen Durchschüttelung teilzunehmen, wel- 
cher Phantasie, Verstand, Gedächtnis und sonstige Fakultäten gleichen 
Ranges im Traume unterliegen" (p. 45 u. ff.). 

In der weiteren Diskussion des Gegenstandes sind nun merk- 
würdige Verschiebungen und Inkonsequenzen bei beiden Gruppen 
von Autoren hervorgetreten. Streng genommen wäre für alle die* 
jenigen, welche meinen, im Traume zerfalle die sittliche Persönlichkeit 
des Menschen, das Interesse an den unmoralischen Träumen mit die- 
ser Erklärung zu Ende. Sie könnten den Versuch, den Träumer für 
seine Träume verantwortlich zu machen, aus der Schlechtigkeit seiner 
Träume auf eine böse Regung in seiner Natur zu schließen, mit der- 
selben Ruhe ablehnen wie den anscheinend gleichwertigen Versuch, 
aus der Absurdität seiner Träume die Wertlosigkeit seiner intellek- 
tuellen Leistungen im Wachen zu erweisen. Die anderen, für die sich 
„der kategorische Imperativ" auch in den Traum erstreckt, hätten 
die Verantwortlichkeit für unmoralische Träume ohne Einschränkung 
anzunehmen; es wäre ihnen nur zu wünschen, daß eigene Träume 
von solch verwerflicher Art sie nicht an der sonst festgehaltenen 
Wertschätzung der eigenen Sittlichkeit irre machen müßten. 

Nun scheint es aber, daß niemand von sich selbst so recht 
sicher weiß, inwieweit er gut oder böse ist und daß niemand die Er- 
innerung an eigene unmoralische Träume verleugnen kann. Denn 
über jenen Gegensatz in der Beurteilung der Traummoralität hinweg 
zeigen sich bei den Autoren beider Gruppen Bemühungen, die Her- 
kunft der unsittlichen Träume aufzuklären, und es entwickelt sich 
ein neuer Gegensatz, je nachdem deren Ursprung in den Funktionen 
des psychischen Lebens oder in somatisch bedingten Beeinträchti- 
gungen desselben gesucht wird. Die zwingende Gewalt der Tat- 
sächlichkeit läßt dann Vertreter der Verantwortlichkeit wie der Un- 



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52 I. Literatur der Traumprobleme. 

Verantwortlichkeit des Traumlebens in der Anerkennung einer be- 
sonderen psychischen Quelle für die Unmoralität der Träume zu- 
sammentreffen. 

Alle die, welche die Sittlichkeit im Traume fortbestehen lassen, 
hüten sich doch davor, die volle Verantwortlichkeit für ihre Träume 
zu übernehmen. Haffner sagt (p. 24): „Wir sind für Träume nicht 
verantwortlich, weil unserem Denken und Wollen die Basis entrückt 
ist, auf welcher unser Leben allein Wahrheit und Wirklichkeit hat . . . 
Es kann eben darum kein Traumwollen und Traumhandeln Tugend 
oder Sünde sein." Doch ist der Mensch für den sündhaften Traum 
verantwortlich, sofern er ihn indirekt verursacht. Es erwächst für 
ihn die Pflicht, wie im Wachen, so ganz besonders vor dem Schlafen- 
gehen seine Seele sittlich zu reinigen. 

Viel tiefer reicht die Analyse dieses Gemenges von Ablehnung 
und von Anerkennung der Verantwortlichkeit für den sittlichen In- 
halt der Träume bei Hildebrandt. Nachdem er ausgeführt, daß die 
dramatische Darstellungsweise des Traumes, die Zusammendrängung 
der kompliziertesten Überlegungsvorgänge in das kleinste Zeiträum- 
! chen und die auch von ihm zugestandene Entwertung und Ver- 

i mengung der Vorstellungselemente im Traume gegen den unsittlichen 

Anschein der Träume in Abzug gebracht werden muß, gesteht er, daß 
es doch den ernstesten Bedenken unterliege, alle Verantwortung für 
Traumsünden und -schulden schlechthin zu leugnen. 

(p. 49) : „Wenn wir irgend eine ungerechte Anklage, namentlich 
eine solche, die sich auf unsere Absichten und Gesinnungen bezieht, 
recht entschieden zurückweisen wollen, so gebrauchen wir wohl die 
Redensart : Das sei uns nicht im Traume eingefallen. Damit sprechen 
wir allerdings einerseits aus, daß «wir das Traumgebiet für das fernste 
und letzte halten, auf welchem wir für unsere Gedanken einzustehen 
hätten, weil dort diese Gedanken .mit unserem wirklichen Wesen nur 
so lose und locker zusammenhängen, daß sie kaum noch als die 
unsrigen betrachtet werden dürfen; aber indem wir eben auch auf 
diesem Gebiete das Vorhandensein solcher Gedanken ausdrücklich 
zu leugnen uns veranlaßt fühlen, so geben wir doch indirekt damit 
zugleich zu, daß unsere Rechtfertigung nicht vollkommen sein würde, 
wenn sie nicht bis dort hinüber reichte. Und ich glaube, wir reden 
hier, wenn auch unbewußt, die Sprache der Wahrheit." 

(p. 52): „Es läßt sich nämlich keine Traumtat denken, deren 
erstes Motiv nicht irgendwie als Wunsch, Gelüste, Regung vorher 
durch die Seele des Wachenden gezogen wäre." Von dieser ersten 
Regung müsse man sagen : Der Traum erfand es nicht, — er bildete 
es nur nach und spann's nur aus, er bearbeitete nur ein Quentlein 
historischen Stoffes, das er bei uns vorgefunden hatte, in dramatischer 
Form ; er setzte das Wort des Apostels in Szene : Wer seinen Bruder 
haßt, der ist ein Totschläger. Und während man das ganze breit 
ausgeführte Gebilde des lasterhaften Traumes nach dem Erwachen, 



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Kontrastierende Vorstellungen. 53 

seiner sittlichen Stärke bewußt, belächeln kann, so will jener ursprüng- 
liche Bildungsstoff sich doch keine lächerliche Seite abgewinnen las- 
sen. Man fühlt sich für die Verirrungen des Träumenden verantwort- 
lich, nicht für die ganze TSurnme, aber doch für einen gewissen Prozent- 
satz. „Kurz verstehen wir in diesem schwer anzufechtenden Sinne 
"das Wort Christi : Aus dem Herzen kommen arge "Gedanken, — dann 
können wir auch kaum der Überzeugung uns erwehren, daß jede im 
Traume begangene Sünde ein dunkles Minimum wenigstens von 
Schuld mit sich führe." 

In den Keimen und Andeutungen böser Kegungen, die als Ver- 
suchungsgedanken tagsüber durch unsere Seelen ziehen, findet also 
Hildebrandt die Quelle für die Unmoralität der Träume, und er 
steht nicht an, diese unmoralischen Elemente bei der sittlichen Wert- 
schätzung der Persönlichkeit einzurechnen. Es sind dieselben Ge- 
danken und die nämliche Schätzung derselben, welche, wie wir wissen, 
die Frommen und Heiligen zu allen Zeiten klagen ließ, sie seien arge 
Sünder*). 

An dem allgemeinen Vorkommen dieser kontrastierenden 
Vorstellungen — bei den meisten Menschen und auch auf anderem 
als ethischem Gebiete — besteht wohl kein Zweifel. Die Beurteilung 
derselben ist gelegentlich eine minder ernsthafte gewesen. Bei Spitta 
findet sich folgende hieher gehörige Äußerung von A. Zeller (Artikel 
„Irre" in der allgemeinem Enzyklopädie der Wissenschaften von Er seh 
und Gruber) zitiert (p. 144): „So glücklich ist selten ein Geist 
organisiert, daß er zu allen Zeiten volle Macht besäße und nicht immer 
wieder nicht allein unwesentliche, sondern auch völlig fratzenhafte 
und widersinnige Vorstellungen den stetigen, klaren Gang seiner Ge- 
danken unterbrächen, ja die größten Denker haben sich über dieses 
traumartige, neckende und peinliche Gesindel von Vorstellungen zu 
beklagen gehabt, da es ihre tiefsten Betrachtungen und ihre heiligste 
und ernsthafteste Gedankenarbeit stört." 

Ein helleres Licht fällt auf die psychologische Stellung dieser 
Kontrastgedanken aus einer weiteren Bemerkung von Hildebrandt, 
daß der Traum uns wohl bisweilen in Tiefen und Falten unseres 
Wesens blicken lasse, die uns |im Zustand des Wachens meist ver- 
schlossen bleiben (p. 55). Dieselbe Erkenntnis verrät Kant an einer 
Stelle der Anthropologie, wenn er meint, der Traum sei wohl dazu 
da, um uns die verborgenen Anlagen zu entdecken und uns zu offen- 
baren, nicht was wir sind, sondern was wir hätten werden können, 
wenn wir eine andere Erziehung gehabt hätten; Radestock (p. 84) 

*) Eb ist nicht ohne Interesse zu erfahren, wie sich die heilige Inquisition 
zu unserem Problem gestellt Im Tractatus de Officio sanetissimae Inquisitionis 
des Thomas Carena, Lyoner Ausgabe, 1659, ist folgende Stelle: „Spricht 
jemand im Traum Ketzereien aus, so sollen die Inquisitoren daraus Anlaß nehmen, 
seine Lebensführung zu untersuchen, denn im Schlafe pflegt das wiederzukommen, 
was unter Tags jemand beschäftigt hat/' (Dr. Ehniger, S. Urban, Schweiz.) 



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54 I. Literatur der Traumprobleme. 

mit den Worten, daß der Traum uns oft nur offenbart, was wir uns 
nicht gestehen wollen, und daß wir ihn darum mit Unrecht einen 
Lügner und Betrüger schelten. J. E. Erdmann äußert: „Mir hat 
nie ein Traum offenbart, was von einem Menschen zu halten sei, allein 
was ich von ihm halte und wie ich hinsichtlich seiner gesinnt bin. 
das habe ich bereits einige Male aus einem Traume gelernt zu meiner 
eigenen großen Überraschung. " Und ähnlich meint J. H. Fichte: 
„Der Charakter unserer Träume bleibt ein weit treuerer Spiegel 
unserer Gesamtstimmung, als was wir davon durch die Selbstbeob- 
achtung des Wachens erfahren." Wir werden aufmerksam gemacht, 
daß das Auftauchen dieser unserem sittlichen Bewußtsein fremden 
Antriebe nur analog ist zu der uns bereits bekannten Verfügung des 
Traumes über anderes Vorstellungsmaterial, welches dem Wachen 
fehlt oder darin eine geringfügige Rolle spielt, durch Bemerkungen 
wie die von Benin i: „Certe nostre inclinazioni che si credevano 
soffocate e spente da un pezzo, si ridestano; passioni vecchie e 
sepolte rivivono ; coso e J>ersone a cui non pensiamo mai, ci vengono 
dinanzi" (p. 149) und von Volkelt: „Auch Vorstellungen, die in 
das wache Bewußtsein fast unbeachtet eingegangen sind und von ihm 
vielleicht nie wieder der Vergessenheit entzogen würden, pflegen 
sehr häufig dem Traum ihre Anwesenheit in der Seele kundzutun 
(p. 105). Endlich ist es hier am Platze uns zu erinnern, daß nach 
Schleiermacher schon das Einschlafen vom Hervortreten unge- 
wollter Vorstellungen (Bilder) begleitet war. 

Als „ungewollte Vorstellungen" dürfen wir nun dies ganze 
Vorstellungsmaterial zusammenfassen, dessen Vorkommen in den un- 
moralischen wie in den absurden Träumen unser Befremden erregt. 
Ein wichtiger Unterschied liegt nur darin, daß die ungewollten Vor- 
stellungen auf sittlichem Gebiete den Gegensatz zu unserem sonstigen 
Empfinden erkennen lassen, während die anderen uns bloß fremd- 
artig erscheinen. Es ist bisher kein Schritt geschehen, der uns er- 
möglichte, diese Verschiedenheit durch tiefer gehende Erkenntnis auf- 
zuheben. 

Welche Bedeutung hat nun das Hervortreten ungewollter Vor- 
stellungen im Traume, welche Schlüsse für die Psychologie der 
wachenden und der träumenden Seele lassen sich aus diesem nächt- 
lichen Auftauchen kontrastierender ethischer Regungen ableiten ? Hier 
ist eine neue Meinungsverschiedenheit und eine abermals verschiedene 
Gruppierung der Autoren zu verzeichnen. Den Gedankengang von 
Hildebrandt und anderen Vertretern seiner Grundansicht kann man 
wohl nicht anderswohin fortsetzen, als daß den unmoralischen Re- 
gungen auch im Wachen eine gewisse Macht innewohne, die zwar 
gehemmt ist, bis zur Tat vorzudringen, und daß im Schlafe etwas weg- 
falle, was, gleichfalls wie eine Hemmung wirksam, uns gehindert 
habe, die Existenz dieser Regung zu bemerken. Der Traum zeigte so 
das wirkliche, wenn auch nicht das ganze Wesen des Menschen, und 



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Das Unterdrückte. 55 

gehörte zu den Mitteln, das verborgene Seeleninnere für unsere Kennt- 
nis zugänglich zu machen. Nur von solchen Voraussetzungen her 
kann Hildebrandt dem Traume die Rolle eines Warners zuweisen, 
der uns auf verborgene sittliche Schäden unserer Seele aufmerksam 
macht, wie er nach dem Zugeständnis der Ärzte auch bisher unbe- 
merkte körperliche Leiden dem Bewußtsein verkünden kann. Und 
auch Spitta kann von keiner anderen Auffassung geleitet sein, wenn 
er auf die Erregungsquellen hinweist, die zur Zeit der Pubertät z. B. 
der Psyche zufließen, und den Träumer tröstet, er habe alles getan, 
was in seinen Kräften steht, wenn er im Wachen einen streng tugend- 
haften Lebenswandel geführt und sich bemüht hat, die sündigen 
Gedanken, so oft sie kommen, zu unterdrücken, sie nicht reifen und 
zur Tat werden zu lassen. Nach dieser Auffassung könnten wir die 
„ungewollten" Vorstellungen als die während des Tages „unter- 
drückten" bezeichnen und müßten in ihrem 'Auftauchen ein echtes 
psychisches Phänomen erblicken. 

Nach anderen Autoren hätten wir kein Kecht zu letzterer Fol- 
gerung. Für Jessen stellen die ungewollten Torstellungen im Traume 
wie im Wachen und in Fieber- und anderen Delirien „den Charakter 
einer zur Kühe gelegten Willenstätigkeit und eines gewissermaßen 
mechanischen Prozesses von Bildern und Vorstellungen durch 
innere Bewegungen dar" (p. 360). Ein unmoralischer Traum beweise 
weiter nichts für das Seelenleben des Träumers, als daß dieser von 
dem betreffenden Vorstellungsinhalt irgendwie einmal Kenntnis ge- 
wonnen habe, gewiß nicht eine ihm eigene Seelenregung. Bei einem 
anderen "Autor, Maury , könnte man in Zweifel geraten, ob nicht auch 
er dem Traumzustand die Fähigkeit «zuschreibt, die seelische Tätig- 
keit nach ihren Komponenten zu «zerlegen, anstatt sie planlos zu zer- 
stören. Er sagt von den Träumen, in denen man sich über die Schran- 
ken der Moralität hinaussetzt: „Ce sont nos penchants qui parlent 
et qui nous fönt agir, sans que la conscience nous retienne, bien que 
parfoit eile nous avertisse. J'ai mes defauts et mes penchants vicieux; 
ä l'ötat de veille, je tache de lutter contre eux, et il m'arrive assez 
souvent de n'y pas succomber. Mais dans mes songes j'y succombe 
toujours ou pour mieux dire j'agis par leur impulsion, sans crainte 
et sans remords .... Evidemment les visions qui se döroulent devant 
ma pensee et qui constituent le reve, me sont suggerees par les 
incitations que je ressens et que ma volontö absente ne cherche pas 
ä refouler" (p. 113). 

Wenn man an die Fähigkeit des Traumes glaubte, eine wirklich 
vorhandene, aber unterdrückte oder versteckte unmoralische Dispo- 
sition des Träumers zu enthüllen, so könnte man dieser Meinung 
schärferen Ausdruck nicht geben als mit den; Worten Maury s (p. 115) : 
„En reve l'homme se rövele donc tout entier ä soi-meme dans sa 
nudite et sa misfere natives. Dös qu'il suspend Texercice de sa volonte, 
il devient le jouet de toutes les passions contre lesquelles, ä l'ötat de 



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56 I. Literatur der Traumprobleme. 

veille la conscience, leeentiment d'honneur, la crainte nous defendent." 
An anderer Stelle findet er das treffende Wort (p. 462): „Dans le 
reve, c'est surtout rhomme instinctif que se revöle .... L'homme 
revient pour ainsi dire ä -l'ätat de nature quand il reve; mais moins 
les idöes acquises ont penetre dans son esprit, plus les penchants 
en desaccord avec elles conservent encore sur lui d'influence dans 
le reve." Er führt dann als Beispiel an, daß seine Träume ihn nicht 
selten als Opfer gerade jenes Aberglaubens zeigen, den er in seinen 
Schriften am heftigsten bekämpft hat. 

Der Wert all dieser scharfsinnigen Bemerkungen für eine psy- 
chologische Erkenntnis des Traumlebens wird aber bei Maury da- 
durch beeinträchtigt, daß er in den von ihm so richtig beobachteten 
Phänomenen nichts als Beweise für den „Automatisme psyehologique" 
sehen will, der nach ihm das Traumleben beherrscht. Diesen Auto- 
matismus faßt er als vollen Gegensatz zur psychischen Tätigkeit. 

Eine Stelle in den Studien über das Bewußtsein von Stricker 
lautet: „Der Traum besteht nicht einzig und allein aus Täuschungen; 
wenn man sich im Traume z. B. vor Räubern fürchtet, so sind die 
Räuber zwar imaginär, die Furcht aber ist real. So wird man auf- 
merksam darauf gemacht, daß die Affektentwicklung im Traume die 
Beurteilung nicht zuläßt, welche man dem übrigen Trauminhalt 
schenkt und das Problem wird vor uns aufgerollt, was an den psy- 
chischen Vorgängen im Traume real sein mag, das heißt einen An- 
spruch auf Einreihung unter die psychischen Vorgänge des Wachens 
beanspruchen darf?" 

g) Traumtheorien und Funktion des Traumes. 

Eine Aussage über den Traum, welche möglichst viele der 
beobachteten Charaktere desselben von einem Gesichtspunkte aus zu 
erklären versucht und gleichzeitig die Stellung des Traumes zu einem 
umfassenderen Erscheinungsgebiet bestimmt, wird man eine Traum- 
theorie heißen dürfen. Die einzelnen Traumtheorien werden sich 
darin unterscheiden, daß sie den oder jenen Charakter des Traumes 
zum wesentlichen erheben, Erklärungen imd Beziehungen an ihn an- 
knüpfen lassen. Eine Funktion, d. i. ein Nutzen oder eine sonstige 
Leistung des Traumes, wird nicht notwendig aus der Theorie ableitbar 
sein müssen, aber unsere auf die Teleologie gewohnheitsgemäß ge- 
richtete Erwartung wird doch jenen Theorien entgegenkommen, die 
mit der Einsicht in eine Funktion des Traumes verbunden sind. 

Wir haben bereits mehrere Auffassungen des Traumes kennen 
gelernt, die den Namen von Traumtheorien in diesem Sinne mehr 
oder weniger verdienten. Der Glaube der Alten, daß der Traum eine 
Sendung der Götter sei, um die Handlungen der Menschen zu lefiken, 
war eine vollständige Theorie des Traumes, die über alles am Traum 
Wissenswerte Auskunft erteilte. Seitdem der Traum ein Gegenstand 
der biologischen Forschung geworden ist, kennen wir eine größere An- 
zahl von Traumtheorien, aber darunter auch manche recht unvollständige. 



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Traumtheorien und Funktion des Traumes. 57 

Wenn man auf Vollzähligkeit verzichtet, kann man etwa folgende 
lockere Gruppierung der Traumtheorien versuchen, je nach der zu 
gründe gelegten Annahme über Maß und Art der psychischen Tätig- 
keit im Traume: 

1. Solche Theorien, welche die volle psychische Tätigkeit des 
Wachens sich in dem Traume fortsetzen lassen, wie die von Delboeuf. 
Hier schläft die Seele nicht, ihr Apparat bleibt intakt, aber unter die 
vom Wachen abweichenden Bedingungen des Schlafzustandes gebracht, 
muß sie bei normalem Funktionieren andere Ergebnisse liefern als im 
Wachen. Bei diesen Theorien fragt es sich, ob sie im stände sind, 
die Unterschiede des Traumes von dem Nachdenken sämtlich aus 
den Bedingungen des Schlafzustandes abzuleiten. Überdies fehlt ihnen 
ein möglicher Zugang zu einer Funktion des Traumes; man sieht 
nicht ein, wozu man träumt, warum der komplizierte Mechanismus 
des seelischen Apparates weiter spielt, auch wenn er in Verhält- 
nisse versetzt wird, für die er nicht berechnet scheint. Traumlos 
schlafen, oder wenn störende Beize kommen, aufwachen, bleiben 
die einzig zweckmäßigen Beaktionen anstatt der dritten, der des 
Träumens. 

2. Solche Theorien, welche im Gegenteil für den Traum eine 
Herabsetzung der psychischen Tätigkeit, eine Auflockerung der Zu- 
sammenhänge, eine Verarmung an anspruchsfähigem Material an- 
nehmen. Diesen Theorien zufolge müßte eine ganz andere psycho- 
logische Charakteristik des Schlafes gegeben werden als etwa nach 
Delboeuf. Der Schlaf erstreckt sich weit über die Seele, er besteht 
nicht bloß in einer Absperrung der Seele von der Außenwelt, er 
dringt vielmehr in ihren Mechanismus ein und macht ihn zeitweilig 
unbrauchbar. Wenn ich einen Vergleich mit psychiatrischem Material 
heranziehen darf, so möchte ich sagen, die ersteren Theorien kon- 
struieren den Traum wie eine Paranoia, die zweiterwähnten machen 
ihn zum Vorbilde des Schwachsinnes oder einer Amentia. 

Die Theorie, daß im Traumleben nur ein Bruchteil der durch 
den Schlaf lahmgelegten Seelentätigkeit zum Ausdruck komme, ist 
die bei ärztlichen Schriftstellern und in der wissenschaftlichen Welt 
überhaupt weit bevorzugte. Soweit ein allgemeineres Interesse für 
Traumerklärung vorauszusetzen ist, darf man sie wohl als die herr- 
schende Theorie des Traumes bezeichnen. Es ist hervorzuheben, 
mit welcher Leichtigkeit gerade diese Theorie die ärgste Klippe jeder 
Traumerklärung, nämlich das Scheitern an einem der durch den 
Traum verkörperten Gegensätze, vermeidet. Da ihr der Traum das 
Ergebnis eines partiellen Wachens ist („ein allmähliches, partielles 
und zugleich sehr anomalisches Wachen" sagt Herbarts Psychologie 
über den Traum), so kann isie durch eine Reihe von Zuständen von 
immer weitergehender Erweckung bis zur vollen Wachheit die ganze 
Reihe von der Minderleistung des Traumes, die sich durch Absurdität 
verrät, bis zur voll konzentrierten Denkleistung decken. 



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58 L Literatur der Traomprobleme. 

Wem die physiologische Darstellungsweise unentbehrlich ge- 
worden ist oder wissenschaftlicher dünkt, der wird diese Theorie 
des Traumes in der Schilderung von Binz ausgedrückt finden 
(p. 43): 

„Dieser Zustand (von Erstarrung) aber geht in den frühen 
Morgenstunden nur allmählich seinem Ende entgegen. Immer geringer 
werden die in dem Gehirneiweiß aufgehäuften Ermüdungsstoffe und 
immer mehr von ihnen wird zerlegt oder von dem rastlos treibenden 
Blutstrom fortgespült. Da und dort leuchten schon einzelne Zellen- 
haufen wach geworden hervor, während ringsumher noch alles in Er- 
starrung ruht. Es tritt nun die isolierte Arbeit der Einzel- 
gruppen vor unser umnebeltes Bewußtsein «und zu ihr fehlt die 
Kontrolle anderer, der Assoziation vorstehender Gehirnteile. Darum 
fügen die geschaffenen Bilder, welche meist den materiellen Ein- 
drücken naheliegender Vergangenheit entsprechen, sich wild und 
regellos aneinander. Immer größer wird die Zahl der freiwerdenden 
Gehirnzellen, immer geringer die Unvernunft des Traumes," 

Man wird die Auffassung des Träumens als eines unvollstän- 
digen, partiellen Wachens oder Spuren von ihrem Einflüsse sicherlich 
bei allen modernen Physiologen und Philosophen finden. Am aus- 
führlichsten ist sie bei Maury dargestellt Dort hat es oft den An- 
schein, als stellte sich der Autor das Wachsein oder Eingeschlafensein 
nach anatomischen Regionen verschiebbar vor, wobei mm allerdings 
eine anatomische Provinz und eine bestimmte psychische Funktion 
aneinander gebunden erscheinen. Ich möchte hier aber nur andeuten, 
daß, wenn die Theorie des ipartiellen Wachens sich bestätigte, über 
den feineren Ausbau derselben sehr viel zu verhandeln wäre. 

Eine Punktion des Traumes kann sich bei dieser Auffassung "des 
Traumlebens natürlich nicht herausstellen. Vielmehr wird das Urteil 
über die Stellung und Bedeutung des Traumes konsequenterweise 
durch die Äußerung von Binz gegeben (p. 357): „Alle Tatsachen, 
wie wir sehen, drängen dahin, den Traum als einen körperlichen, 
in allen Fällen unnützen, in vielen Fällen geradezu krankhaften Vor- 
gang zu kennzeichnen ..." 

Der Ausdruck „körperlich" mit Beziehung auf den Traum, der 
seine Hervorhebung dem Autor selbst verdankt, weist wohl nach 
mehr als einer Richtung. Er J>ezieht sich zunächst auf die Traum- 
ätiologie, die ja Binz besonders nahe lag, wenn er die experimentelle 
Erzeugung von Träumen durch Darreichung von Giften studierte. Es 
liegt nämlich im Zusammenhange dieser Art von Traumtheorien, die 
Anregung zum Träumen womöglich ausschließlich von somatischer 
Seite ausgehen zu lassen. In extremster Form dargestellt, lautete 
es so : Nachdem wir durch Entfernung der Reize uns in Schlaf ver- 
setzt haben, wäre zum Träumen kein Bedürfnis und kein Anlaß bis 
zum Morgen, wo das allmähliche Erwachen durch die neu anlangen- 
den Reize sich in dem Phänomen des Träumens spiegeln könnte. Nun 



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Theorie des partiellen Schlafes der Seele. 59 

gelingt es aber nicht, den Schlaf reizlos zu halten; es kommen, ähn- 
lich wie Mephisto von den iLebenskeimen klagt, von überall her 
Reize an den Schlafenden heran, ivon außen, von innen, von all den 
Körpergebieten sogar, um die man sich als Wachender nie gekümmert 
hat. So wird der Schlaf gestört, die Seele bald an dem, bald an jenem 
Zipfelchen wachgerüttelt und funktioniert dann ein Weilchen mit 
dem geweckten Teil, froh wieder einzuschlafen. Der Traum ist die 
Reaktion auf die durch den Reiz verursachte Schlafstörung, übrigens 
eine rein überflüssige Reaktion. 

Den Traum, der doch immerhin eine Leistung des Seelenorgans 
bleibt, als einen körperlichen Vorgang zu bezeichnen, hat aber auch 
noch einen anderen Sinn. Es ist die Würde eines psychischen Vor- 
ganges, die damit dem Traume abgesprochen werden soll. Das in 
seiner Anwendung auf den Traum bereits sehr alte Gleichnis von 
den „zehn Fingern eines der Musik ganz unkundigen Menschen, die 
über die Tasten des Instrumentes hinlauf en", veranschaulicht vielleicht 
am besten, welche Würdigung die Traumleistung bei den Vertretern 
der exakten Wissenschaft zumeist gefunden hat. Der Traum wird in 
dieser Auffassung etwas ganz und gar Undeutbares; denn wie sollten 
die zehn Finger des unmusikalischen Spielers ein Stück Musik pro- 
duzieren können? 

Es hat der Theorie des partiellen Wachens schon frühzeitig 
nicht an Einwänden gefehlt. Burdach meint 1830: „Wenn man 
sagt, der Traum sei ein partielles Wachen, so wird damit erstlich 
weder das Wachen, noch das Schlafen erklärt, zweitens nichts anderes 
gesagt, als daß einige Kräfte der Seele im Traume tätig sind, während 
andere ruhen. Aber solche Ungleichheit findet während des ganzen 
Lebens statt ". . ." (p. 483). 

An die herrschende Traumtheorie, welche im Traume einen 
„körperlichen" Vorgang sieht, lehnt sich eine sehr interessante Auf- 
fassung des Traumes an, die erst 1866 von Robert ausgesprochen 
wurde und die bestechend wirkt, weil sie für das Träumen eine 
Funktion, einen nützlichen Erfolg anzugeben weiß. Robert nimmt 
zur Grundlage seiner Theorie zwei Tatsachen der Beobachtung, bei 
denen wir bereits in der Würdigung des Traummaterials verweilt 
haben (vgl. p. 14), nämlich daß man so häufig von den nebensächlich- 
sten Eindrücken des Tages träumt und daß man so selten die großen 
Interessen des Tages mit hinübernimmt. Robert behauptet als aus- 
schließlich richtig: „Es werden nie Dinge, die man voll ausgedacht 
hat, zu Traumerregern, immer nur solche, die einem unfertig im 
Sinne liegen oder den Geist flüchtig streifen" (p. 10). — „Darum kann 
man meistens den Traum sich nicht erklären, weil die Ursachen des- 
selben eben die nicht zum genügenden Erkennen des Träu- 
menden gekommenen Sinneseindrücke des verflossenen 
Tages sind." Die Bedingung, daß ein Eindruck in den Traum ge- 
lange, ist also, entweder daß dieser Eindruck in seiner Verarbeitimg 



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60 I. Literatur der Traumprobleme. 

gestört wurde oder daß er als allzu unbedeutend auf solche Ver- 
arbeitung keinen Anspruch hatte. 

Der Traum stellt sich Robert nun dar „als ein körperlicher 
Ausscheidungsprozeß, der in seiner geistigen Reaktionserscheinung; 
zum Erkennen gelangt". Träume sind Ausscheidungen von 
im Keime erstickten Gedanken. „Ein Mensch, dem man die 
Fähigkeit nehmen würde, zu träumen, müßte in gegebener Zeit 
geistesgestört werden, weil sich in seinem Hirn eine Unmasse un- 
fertiger, unausgedachter Gedanken und seichter Eindrücke ansammeln 
würde, unter deren Wucht dasjenige ersticken müßte, was dem Ge- 
dächtnisse als fertiges Ganzes einzuverleiben wäre." Der Traum 
leistet dem überbürdeten Gehirn die Dienste eines Sicherheitsventils. 
Die Träume haben heilende, entlastende Kraft (p. 32). 

Es wäre mißverständlich, an Robert die Frage zu richten, 
wie denn durch das Vorstellen im Traume eine Entlastung der Seele 
herbeigeführt werden kann. Der Autor schließt offenbar aus jenen 
beiden Eigentümlichkeiten des Traummaterials, daß während des 
Schlafes eine solche Ausstoßung von wertlosen Eindrücken irgend- 
wie als somatischer Vorgang vollzogen werde, und das Träumen ist 
kein besonderer psychischer Prozeß, sondern nur die Kunde, die wir 
von jener Aussonderung erhalten. Übrigens ist eine Ausscheidung nicht 
das einzige, was nachts in der Seele vorgeht, Robert fügt selbst hinzu, 
daß überdies die Anregungen des Tages ausgearbeitet werden, und 
„was sich von dem unverdaut im Geiste liegenden Gedankenstoff nicht 
ausscheiden läßt, wird durch der Phantasie entlehnte Gedanken- 
fäden zu einem abgerundeten Ganzen verbunden und so dem 
Gedächtnisse als unschädliches Phantasiegemälde eingereiht" (p. 23). 

In den schroffsten Gegensatz zur herrschenden Theorie tritt die 
Roberts aber in der Beurteilung der Traum quellen. Während dort 
überhaupt nicht geträumt würde, wenn nicht die äußeren und inneren 
Sensationsreize die Seele immer wieder weckten, liegt der Antrieb 
zum Träumen nach der Theorie Roberts in der Seele selbst, in ihrer 
Überladung, die nach Entlastung verlangt, und Robert urteilt voll- 
kommen konsequent, daß die im körperlichen Befinden liegenden 
traumbedingenden Ursachen einen untergeordneten Rang einnehmen 
und einen Geist, in dem kein dem wachen Bewußtsein entnommener 
Stoff zur Traumbildung wäre, keinesfalls zum Träumen veranlassen 
könnten. Zuzugeben sei bloß, daß die im Traume aus den Tiefen 
der Seele heraus sich entwickelnden Phantasiebilder durch die Nerven- 
reize beeinflußt werden können (p. 48). So ist der Traum nach 
Robert doch nicht so ganz abhängig vom Somatischen, er ist zwar 
kein psychischer Vorgang, hat keine Stelle unter den psychischen 
Vorgängen des Wachens, er ist ein allnächtlicher somatischer Vor- 
gang am Apparat der Seelentätigkeit und hat eine Funktion zu er- 
füllen, diesen Apparat vor Überspannung zu behüten oder wenn man 
das Gleichnis wechseln darf: die Seele auszumisten. 



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Theorien von Robert und Delage. 61 

Auf die nämlichen Charaktere des Traumes, die in der Aus- 
wahl des Traummaterials deutlich werden, stützt ein anderer Autor, 
"Yves Delage, seine eigene Theorie, und es ist lehrreich zu beob- 
achten, wie durch eine leise Wendung in der Auffassung derselben 
Dinge ein Endergebnis von ganz anderer Tragweite gewonnen wird. 
Delage hatte an sich selbst, nachdem er eine ihm teure Person 
durch den Tod verloren, die Erfahrung gemacht, daß man von dem 
nicht träumt, was einen tagsüber ausgiebig beschäftigt hat, öder 
erst dann, wenn es anderen 'Interessen tagsüber zu weichen beginnt. 
Seine Nachforschungen bei anderen Personen bestätigten ihm die 
Allgemeinheit dieses Sachverhaltes. Eine schöne Bemerkung dieser 
Art, wenn sie sich als allgemein richtig herausstellte, macht Delage 
über das Träumen junger Eheleute: „S'ils ont ete fortement 6pris, 
presque jamais ils n'ont reve Tun de l'autre avant le mariage ou 
pendant la lune de miel; et s'ils ont reve d'amour c'est pour §tre 
infideles avec quelque personne indifferente ou odieuse." Wovon 
träumt man nun aber? Delage erkennt das in unseren Träumen vor- 
kommende Material als bestehend aus Bruchstücken und Resten von 
Eindrücken der letzten Tage und früherer Zeiten. Alles was in 
unseren Träumen auftritt, was wir zuerst geneigt sein mögen, als 
Schöpfung des Traumlebens anzusehen, erweist sich bei genauerer 
Prüfung als unerkannte Reproduktion, als „souvenir inconscient". 
Aber dieses Vorstellungsmaterial zeigt einen gemeinsamen Charakter, 
es rührt von Eindrücken her, die unsere Sinne wahrscheinlich stärker 
betroffen haben als unseren Geist oder von denen die Aufmerksamkeit 
sehr bald nach ihrem Auftauchen wieder abgelenkt wurde. Je weniger 
bewußt und dabei je stärker ein Eindruck gewesen ist, desto mehr 
Aussicht hat er, im nächsten Traume eine Rolle zu spielen. 

Es sind im wesentlichen dieselben zwei Kategorien von Ein- 
drücken, die nebensächlichen und die unerledigten, wie sie Robert 
hervorhebt, aber Delage wendet den Zusammenhang anders, indem 
er meint, diese Eindrücke werden nicht, weil sie gleichgültig sind, 
traumfähig, sondern weil sie unerledigt sind. Auch die nebensächli- 
chen Eindrücke sind gewissermaßen nicht voll erledigt worden, auch 
sie sind ihrer Natur nach als neue Eindrücke „autant de ressorts 
tendus", die sich während des Schlafes entspannen werden. Noch mehr 
Anrecht auf eine Rolle im Traume als der schwache und fast unbeach- 
tete Eindruck wird ein starker Eindruck haben, der zufällig in seiner 
Verarbeitung aufgehalten wurde oder mit Absicht zurückgedrängt wor- 
den ist. Die tagsüber durch Hemmung und Unterdrückung aufge- 
speicherte psychische Energie wird nachts die Triebfeder des Traumes. 
Im Traume kommt das psychisch Unterdrückte zum Vorschein*). 

*) Ganz ähnlich äußert sich der »Dichter Anatole France (Lys rouge): 
Ce que nous voyons la nuit, ce sont les restes malheureux de ce que nous avons 
nfigligö dans la veille. Le rßve est souvent la revanche des choses qu'on möprise 
ou le reproche des etres abandonnäs. 



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62 I. Literatur der Traumprobleme. 

Leider bricht der Gedankengang von Delage an dieser Stelle 
ab; er kann einer selbständigen psychischen Tätigkeit im Traume 
nur die geringste Rolle einräumen und 90 schließt er sich mit seiner 
Traumtheorie unvermittelt wieder an die herrschende Lehre vom 
partiellen Schlafen des Gehirns an : „En somme le reve est le produit 
de la pensee errante, sans but et sans direction, se fixant successive- 
ment sur les Souvenirs, qui ont gardö assez d'intensitö pour se placer 
sur sa route et Tarreter au passage, etablissant entre eux ud lien 
tantöt faible et indöcis, tan tot plus fort et plus serrö selon que 
Tactivitö actuelle du cerveau est plus ou moins abolie par le sommeil." 

3. Zu einer dritten Gruppe kann man jene Theorien des Traumes 
vereinigen, welche der träumenden Seele die Fähigkeit und Neigung 
zu besonderen psychischen Leistungen zuschreiben, die sie im Wachen 
entweder gar nicht oder nur in unvollkommener Weise ausführen 
kann. Aus der Betätigung dieser Fähigkeiten ergibt sich zumeist 
eine nützliche Funktion des Traumes. Die Wertschätzungen, welche 
der Traum bei älteren psychologischen Autoren gefunden hat, gehören 
meist in diese Reihe. Ich will mich aber damit begnügen, an deren 
Statt die Äußerung von Burdach anzuführen, derzufolge der Traum 
„die Naturtätigkeit der Seele ist, welche nicht durch die Macht 
der Individualität beschränkt, nicht durch Selbstbewußtsein gestört, 
nicht durch Selbstbestimmung gerichtet wird, sondern die in freiem 
Spiele sich ergehende Lebendigkeit der sensiblen Zentralpunkte ist" 
(p. 486). 

Dieses Schwelgen im freien Gebrauche der eigenen Kräfte stellen 
sich Burdach u. a. offenbar als einen Zustand vor, in welchem die 
Seele sich erfrischt und neue Kräfte für die Tagesarbeit sammelt, also 
etwa nach Art eines Ferienurlaubes. Burdach zitiert und akzeptiert 
darum auch die liebenswürdigen Worte, in denen der Dichter Novalis 
das Walten des Traumes preist: „Der Traum ist eine Schutzwehr 
gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens, eine freie 
Erholung der gebundenen Phantasie, wo sie alle Bilder des Lebens 
durcheinander wirft und die beständige Ernsthaftigkeit des erwachse- 
nen Menschen durch ein fröhliches Kinderspiel unterbricht; ohne die 
Träume würden wir gewiß früher alt, und so kann man den Traum, 
wenn auch nicht als unmittelbar von oben gegeben, doch als eine 
köstliche Aufgabe, als einen freundlichen Begleiter auf der Wallfahrt 
zum Grabe betrachten. " 

Die erfrischende und heilende Tätigkeit des Traumes schildert 
noch eindringlicher Purkinje (p. 456): „Besonders würden die pro- 
duktiven Träume diese Funktionen vermitteln. Es sind leichte Spiele 
der Imagination, die mit den Tagesbegebenheiten keinen Zusammen- 
hang haben. Die Seele will die Spannungen des wachen Lebens nicht 
fortsetzen, sondern sie auflösen, sich von ihnen erholen. Sie erzeugt 
zuvörderst denen des Wachens entgegengesetzte Zustände. Sie heilt 
Traurigkeit durch Freude, Sorgen durch Hoffnungen und heitere 



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Die Theorie Scherners. 63 

zerstreuende Bilder, Haß durch Liebe und Freundlichkeit, Furcht 
durch Mut und Zuversicht; den Zweifel beschwichtigt sie durch 
Überzeugung und festen Glauben, vergebliche Erwartung durch Er- 
füllung. Viele wunde Stellen des Gemütes, die der Tag immer- 
während offen erhalten würde, heilt der Schlaf, indem er sie zudeckt 
und vor neuer Aufregung bewahrt. Darauf beruht zum Teil die 
schmerzenheilende Wirkung der Zeit" Wir empfinden es alle, daß 
der Schlaf eine Wohltat für das Seelenleben ist, und die dunkle 
Ahnung des Volksbewußtseins läßt sich offenbar das Vorurteil nicht 
rauben, daß der Traum einer der Wege ist, auf denen der Schlaf 
seine Wohltaten spendet 

Der originellste und weitgehendste Versuch, den Traum aus 
einer besonderen Tätigkeit der Seele, die sich erst im Schlaf zu stand. 
frei entfalten kann, zu erklären, ist der von Scherner 1861 unter- 
nommene. Das Buch Sehern ers, in einem schwülen und schwül- 
stigen Stil geschrieben, von einer nahezu trunkenen Begeisterung für 
den Gegenstand getragen, die abstoßend wirken muß, wenn sie nicht 
mit sich fortzureißen vermag, setzt einer Analyse solche Schwierig- 
keiten entgegen, daß wir bereitwillig nach der klareren und kürzeren 
Darstellung greifen, in welcher der Philosoph Volkelt die Lehren 
Scherners uns vorführt. „Es blitzt und leuchtet wohl aus den 
mystischen Zusammenballungen, aus all dem Pracht- und Glanzgewoge 
ein ahnungsvoller Schein von Sinn heraus, allein hell werden hie- 
durch des Philosophen Pfade nicht." Solche Beurteilung findet die 
Darstellung Scherners selbst bei seinem Anhänger. 

Scherner gehört nicht zu den Autoren, welche der Seele ge- 
statten, ihre Fähigkeiten unverringert ins Traumleben mitzunehmen. 
Er führt selbst aus, wie im Traume die Zentralität, die Spontanenergie 
des Ich entnervt wird, wie infolge dieser Dezentralisation Erkennen, 
Fühlen, Wollen und Vorstellen verändert werden and wie den Über- 
bleibseln dieser Seelenkräfte kein wahrer Geistcharakter, sondern nur 
noch die Natur eines Mechanismus zukommt. Aber dafür schwingt 
sich im Traume die als Phantasie zu benennende Tätigkeit der 
Seele, frei von aller Verstandesherrschaft und damit der strengen 
Maße ledig, zur unbeschränkten Herrschaft auf. Sie nimmt zwar 
die letzten Bausteine aus dem Gedächtnis des Wachens, aber führt 
aus ihnen Gebäude auf, die von den Gebilden des Wachens himmel- 
weit verschieden sind, sie zeigt sich im Traume nicht nur reproduktiv, 
sondern auch produktiv. Ihre Eigentümlichkeiten verleihen dem 
Traumleben seine besonderen Charaktere. Sie zeigt eine Vorliebe 
für das Ungemessene, Übertriebene, Ungeheuerliche. Zu- 
gleich aber gewinnt sie durch die Befreiung von den hinderlichen 
Denkkategorien eine größere Schmiegsamkeit, Behendigkeit, Wen- 
dungslust; sie ist aufs feinste empfindsam für die zarten Stimmungs- 
reize des Gemütes, für die wühlerischen Affekte, sie bildet sofort das 
innere Leben in die äußere plastische Anschaulichkeit hinein. Der 



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64 I. Literatur der Traumprobleme. 

Traumphantasie fehlt die Begriffssprache; was sie sagen will, 
muß sie anschaulich hin malen, und da der Begriff hier nicht schwä- 
chend einwirkt, malt sie es in Fülle, Kraft und Größe der An- 
schauungsform hin. Ihre Sprache wird hiedurch, so deutlich sie ist, 
weitläufig, schwerfällig, unbeholfen. Besonders erschwert wird die 
Deutlichkeit ihrer Sprache dadurch, daß sie die Abneigung hat, ein 
Objekt durch sein eigentliches Bild auszudrücken und lieber ein 
fremdes Bild wählt, insofern dieses nur dasjenige Moment des 
Objektes, an dessen Darstellung ihr liegt, durch sich auszudrücken 
im stände ist. Das ist die symbolisierende Tätigkeit der Phan- 
tasie . . . Sehr wichtig ist ferner, daß die Traumphantasie die Gegen- 
stände nicht erschöpfend, sondern nur in ihrem TJmriß und diesen in 
freiester Weise nachbildet. Ihre Malereien erscheinen daher wie 
genial hingehaucht. Die Traumphantasie bleibt aber nicht bei der 
bloßen Hinstellung des Gegenstandes stehen, sondern sie ist innerlich 
genötigt, das Traum-Ich mehr oder weniger mit ihm zu verwickeln 
und so eine Handlung zu erzeugen. Der Gesichtsreiztraum z. B. 
malt Goldstücke auf die Straße; der Träumer sammelt sie, freut sich, 
trägt sie davon. 

Das Material, an welchem die Traumphantasie ihre künstlerische 
Tätigkeit vollzieht, ist nach Sehern er vorwiegend das 'der bei 
Tag so dunklen organischen Leibreize (vgl. p. 25), so daß in der 
Annahme der Traumquellen und Traumerreger die allzu phantastische 
Theorie Scherners und die vielleicht übernüchterne Lehre Wundts 
und anderer Physiologen, die sich sonst wie Antipoden zueinander 
verhalten, sich hier völlig decken. Aber während nach der physio- 
logischen Theorie die seelische Reaktion auf die inneren Leibreize 
mit der Erweckung von irgend zu ihnen passenden Vorstellungen 
erschöpft ist, die dann einige andere VorsteUungen auf dem Wege 
der Assoziation sich zur Hilfe rufen, und mit diesem Stadium die 
Verfolgung der psychischen Vorgänge des Traumes beendigt scheint, 
geben die Leibreize nach Sehern er der Seele nur ein Material, das 
sie ihren phantastischen Absichten dienstbar machen kann. Die 
Traumbildung fängt für Sehern er dort erst an, wo sie für den 
Blick der anderen versiegt. 

Zweckmäßig wird man freilich nicht finden können, was die 
Traumphantasie mit den Leibreizen vornimmt. Sie treibt ein necken- 
des Spiel mit ihnen, stellt sich die Organquelle, aus der die Beize im 
betreffenden Traume stammen, in irgend einer plastischen Symbolik 
vor. Ja Scherner meint, worin Volkelt und andere ihm nicht 
folgen, daß die Traumphantasie eine bestimmte Lieblingsdarstellung 
für den ganzen Organismus habe; diese wäre das Haus. Sie scheint 
sich aber zum Glück für ihre Darstellungen nicht an diesen Stoff zu 
binden; sie kann auch umgekehrt ganze Reihen von Häusern be- 
nutzen, um ein einzelnes Organ zu bezeichnen, z. B. sehr lange 
Häuserstraßen für den Eingeweidereiz. Andere Male stellen einzelne 



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Die Traumphantasie. 65 

Teile des Hauses wirklich einzelne Körperteile dar, so z. B. im 
Kopf schmerztraum die Decke eines Zimmers (welche der Träumer 
mit ekelhaften krötenartigen Spinnen bedeckt sieht) den Kopf. 

Von der Haussymbolik ganz abgesehen, werden beliebige andere 
Gegenstände zur Darstellung der den Traumreiz ausschickenden Kör- 
perteile verwendet „So findet die atmende Lunge in dem flammen- 
erfüllten Ofen mit seinem luftartigen Brausen ihr Symbol, das Herz 
in hohlen Kisten und Körben, die Harnblase in runden beuteiförmigen 
oder überhaupt nur ausgehöhlten Gegenständen. Der männliche Ge- 
schlechtsreiztraum läßt den Träumer den oberen Teil einer Klarinette, 
daneben den gleichen Teil einer Tabakspfeife, daneben wieder einen 
Pelz auf der Straße finden. Klarinette und Tabakspfeife stellen die 
annähernde Form des männlichen Gliedes, der Pelz das Schamhaar 
dar. Im weiblichen Geschlechtstraume kann sich die Schrittenge der 
zusammenschließenden Schenkel durch einen schmalen, von Häusern 
umschlossenen Hof, die weibliche Scheide durch einen mitten durch 
den Hofraum führenden, schlüpfrig weichen, sehr schmalen Fußpfad 
symbolisieren, den die Träumerin wandeln muß, um etwa einen 
Brief zu einem Herrn zu tragen" (Volkelt p. 39), Besonders wichtig 
ist es, daß am Schlüsse eines solchen Leibreiztraumes die Traum- 
phantasie sich sozusagen demaskiert, indem sie das erregende Organ 
oder dessen Funktion unverhüllt hinstellt. So schließt der „Zahn- 
reiztraum" gewöhnlich damit, daß der Träumer sich einen Zahn aus 
dem Munde nimmt. 

Die Traumphantasie kann ihre Aufmerksamkeit aber nicht bloß 
der Form des erregenden Organs zuwenden, sie kann ebensowohl 
die in ihm enthaltene Substanz zum T)bjekt der Symbolisierung neh- 
men. So führt z. B. der Eingeweidereiztraum durch "kotige Straßen, 
der Harnreiztraum an schäumendes Wasser. Oder der Reiz als sol- 
cher, die Art seiner Erregtheit, das Objekt, das er begehrt, werden 
symbolisch dargestellt oder das Traum-Ich tritt in konkrete Ver- 
bindung mit den Symbolisierungen des eigenen Zustandes, z. B. wenn 
wir bei Schmerzreizen uns mit beißenden Hunden oder tobenden 
Stieren verzweifelt balgen oder die Träumerin sich im Geschlechts- 
traume von einem nackten Manne verfolgt sieht. Von all dem mög- 
lichen Reichtum in der Ausführung abgesehen, bleibt eine symboli- 
sierende Phantasietätigkeit als die Zentralkraft eines jeden Traumes 
bestehen. In den Charakter dieser Phantasie näher einzudringen, 
der so erkannten psychischen Tätigkeit ihre Stellung in einem System 
philosophischer Gedanken anzuweisen, versuchte dann Volkelt in 
seinem schön und warm geschriebenen Buche, das aber allzu schwer 
verständlich für jeden bleibt, der nicht durch frühe Schulung für 
das ahnungsvolle Erfassen philosophischer Begriffsschemen vorbe- 
reitet ist. 

Eine nützliche Funktion ist mit der Betätigung der symboli- 
sierenden Phantasie S ehern ers in den Träumen nicht verbunden. 

Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 5 



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66 I. Literatur der Traumprobleme. 

Die Seele spielt träumend mit den ihr dargebotenen Reizen. Man 
könnte auf die Vermutung kommen, daß sie unartig spielt Man 
könnte aber auch an uns die Frage richten, ob unsere eingehende 
Beschäftigung mit Scherners Theorie des Traumes zu irgend etwas 
Nützlichem führen kann, deren Willkürlichkeit und Losgebunden- 
heit von den Regeln aller Forschung doch allzu augenfällig scheint 
Da wäre es denn am Platze, gegen eine Verwerfung der Lehre Scher- 
ners vor aller Prüfung als allzu hochmütig ein Veto einzulegen. 
Diese Lehre baut sich auf dem Eindruck auf, den jemand von seinen 
Träumen empfing, der ihnen große Aufmerksamkeit schenkte, und der 
persönlich sehr wohl veranlagt scheint, dunklen seelischen Dingen 
nachzuspüren. Sie handelt ferner von einem Gegenstand, der den 
Menschen durch Jahrtausende rätselhaft, wohl aber zugleich inhalts- 
und beziehungsreich erschienen ist, und zu dessen Erhellung die 
gestrenge Wissenschaft, wie sie selbst bekennt, nicht viel anderes 
beigetragen hat, als daß sie im vollen Gegensatz zur populären Emp- 
findung dem Objekt Inhalt und Bedeutsamkeit abzusprechen ver- 
suchte. Endlich wollen wir uns ehrlich sagen, daß es den Anschein 
hat, wir könnten bei den Versuchen, den Traum aufzuklären, der 
Phantastik nicht leicht entgehen. Es gibt auch Ganglienzellen-Phan- 
tastik; die p. 58 zitierte Stelle eines nüchternen und exakten For- 
schers wie Binz, welche, schildert, wie die Aurora des Erwachens 
über die eingeschlafenen Zellhaufen der Hirnrinde hinzieht, steht 
an Phantastik und an — Un Wahrscheinlichkeit hinter den Sehern er- 
sehen Deutungsversuchen nicht zurück. Ich hoffe, zeigen zu können, 
daß hinter den letzteren etwas Reelles steckt, das allerdings nur ver- 
schwommen erkannt worden ist und nicht den Charakter der All- 
gemeinheit besitzt, auf den eine Theorie des Traumes Anspruch er- 
heben kann. Vorläufig kann uns die Sehern ersehe Theorie des 
Traumes in ihrem Gegensatz zur medizinischen etwa vor Augen 
führen, zwischen welchen Extremen die Erklärung des Traumlebens 
heute noch unsicher schwankt. 

h) Beziehungen zwischen Traum und Geisteskrank- 
heiten. 

Wer von den Beziehungen des Traumes zu den Geistesstörungen 
spricht, kann dreierlei meinen: 1. ätiologische und klinische Be- 
ziehungen, etwa wenn ein Traum einen psychotischen Zustand ver- 
tritt, einleitet oder nach ihm erübrigt. 2. Veränderungen, die das 
Traumleben im Falle der Geisteskrankheiten erleidet. 3. Innere Be- 
ziehungen zwischen Traum und Psychosen, Analogien, die auf Wesens- 
verwandtschaft hindeuten. Diese mannigfachen Beziehungen zwischen 
den beiden Reihen von Phänomenen sind in früheren Zeiten der 
Medizin — und in der Gegenwart von neuem wieder — ein Lieb- 
lingsthema ärztlicher Autoren gewesen, wie die bei Spitta, Rade- 
stock, Maury und Tissie gesammelte Literatur des Gegenstandes 
lehrt Jüngst hat Sante de Sanctis diesem Zusammenhange seine 



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Beziehungen zwischen Traum und Psychosen. 67 

Aufmerksamkeit zugewendet*). Dem Interesse unserer Daxstellung 
wird es genügen, den bedeutsamen Gegenstand bloß zu streifen. 

Zu den klinischen und ätiologischen Beziehungen zwischen 
Traum und Psychosen will ich folgende Beobachtungen als Paradig- 
mata mitteilen. Hohnbaum berichtet (bei Krauss), daß der erste 
Ausbruch des Wahnsinns sich öfters von einem ängstlichen schreck- 
haften Traume herschrieb und daß die vorherrschende Idee mit 
diesem Traume in Verbindung stand. Sante de Sanctis bringt 
ähnliche Beobachtungen von Paranoischen und erklärt den Traum in 
einzelnen derselben für die „vraie cause d&erminante de la folie". 
Die Psychose kann mit dem wirksamen, die wahnhafte Erklärung 
enthaltenden Traum mit einem Schlage ins Leben treten oder sich 
durch weitere Träume, die noch gegen Zweifel anzukämpfen haben, 
langsam entwickeln. In einem Falle von de Sanctis schlössen sich 
an den ergreifenden Traum leichte hysterische Anfälle, dann in 
weiterer Folge ein ängstlich -melancholischer Zustand. Fdre (bei 
Tissie) berichtet von einem Traume, der eine hysterische Lähmung 
zur Folge hatte. Hier wird uns der Traum als Ätiologie der Geistes- 
störung vorgeführt, obwohl wir dem Tatbestand ebenso Rechnung 
tragen, wenn wir aussagen, die geistige Störung habe ihre erste 
Äußerung am Traumleben gezeigt, sei im Traume zuerst durchge- 
brochen. In anderen Beispielen enthält das Traumleben die krank- 
haften Symptome oder die Psychose bleibt aufs Traumleben einge- 
schränkt. So macht Thomayer auf Angstträume aufmerksam, 
die als Äquivalente von epileptischen Anfällen aufgefaßt werden 
müssen. Allison hat nächtliche Geisteskrankheit (nocturnal insanity) 
beschrieben (nach Radestock), bei der die Individuen tagsüber an- 
scheinend vollkommen gesund sind, während bei Nacht regelmäßig 
Halluzinationen, Tobsuchtsanfälle u. dgl. auftreten. Ähnliche Beob- 
achtungen bei de Sanctis (paranoisches Traumäquivalent bei einem 
Alkoholiker, Stimmen, die die Ehefrau der Untreue beschuldigen); 
bei Tissiö. Tissie bringt aus neuerer Zeit eine reiche Anzahl von 
Beobachtungen, in denen Handlungen pathologischen Charakters (aus 
Wahnvoraussetzungen, Zwangimpulse) sich aus Träumen ableiten. 
Guislain beschreibt einen Fall, in dem der Schlaf durch ein inter- 
mittierendes Irresein ersetzt war. 

Es ist wohl kein Zweifel, daß eines Tages neben der Psycho- 
logie des Traumes eine Psychopathologie des Traumes die Ärzte be- 
schäftigen wird. 

Besonders deutlich wird es häufig in Fällen von Genesung nach 
Geisteskrankheit, daß bei gesunder Funktion am Tage das Traum- 
leben noch der Psychose angehören kann. Gregory soll auf dieses 

*) Spätere Autoren, die solohe Beziehungen behandeln, sind: F6r6, Ideler, 
Lasfegne, Pichon, Regia, Vespa; Giessler, Kazodowsky, Pachan- 
toni u. a. 



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68 L Literatur der Traumprobleme. 

Vorkommen zuerst aufmerksam gemacht haben (nach Krauss). Ma- 
cario (bei Tissiö) erzählt von einem Maniacus, der eine Woche nach 
seiner völligen Herstellung in Träumen die Ideenflucht und die 
leidenschaftlichen Antriebe seiner Krankheit wieder erlebte. 

Über die Veränderungen, welche das Traumleben bei dauernd 
Psychotischen erfährt, sind bis jetzt nur sehr wenige Untersuchungen 
angestellt worden. Dagegen hat die innere Verwandtschaft zwischen 
Traum und Geistesstörung, die sich in so weitgehender Überein- 
stimmung der Erscheinungen beider äußert, frühzeitig Beachtung ge- 
funden. Nach Maury hat zuerst Cabanis in seinen „Rapports du 
physique et du moral" auf sie hingewiesen, nach ihm Lölut, J. Mo- 
reau und ganz besonders der Philosoph Maine de Biran. Sicherlich 
ist die Vergleichung noch älter. Radestock leitet das Kapitel, in 
dem er sie behandelt, mit einer Sammlung. von Ausbrüchen ein, 
welche Traum und Wahnsinn in Analogie bringen. Kant sagt an 
einer Stelle: „Der Verrückte ist ein Träumer im Wachen." Krauss: 
„Der Wahnsinn ist ein Traum innerhalb des Sinnenwachseins." 
Schopenhauer nennt den Traum einen kurzen Wahnsinn und den 
Wahnsinn einen langen Traum. Hagen bezeichnet das Delirium als 
Traumleben, welches nicht durch Schlaf, sondern durch Krankheiten 
herbeigeführt ist. Wundt äußert in der „Physiologischen Psycho- 
logie": „In der Tat können wir im Traume fast alle Erscheinungen, 
die uns in den Irrenhäusern begegnen, selber durchleben." 

Die einzelnen Übereinstimmungen, auf Grund deren eine solche 
Gleichstellung sich dem Urteil empfiehlt, zählt Spitta (übrigens 
sehr ähnlich wie Maury) in folgender Reihe auf: „1. Aufhebung 
oder doch Retardation des Selbstbewußtseins, infolgedessen Unkennt- 
nis über den Zustand als solchen, also Unmöglichkeit des Erstaunens, 
Mangel des moralischen Bewußtseins. 2. Modifizierte Perzeption der 
Sinnesorgane, und zwar im Traume verminderte, im Wahnsinn im 
allgemeinen sehr gesteigerte. 3. Verbindung der Vorstellungen unter- 
einander lediglich nach den Gesetzen der Assoziation und Reproduk- 
tion, also automatische Reihenbildung, daher Unproportionalität der 
Verhältnisse zwischen den Vorstellungen (Übertreibungen, Phantas- 
men) und aus alle dem resultierend 4. Veränderung beziehungsweise 
Umkehrung der Persönlichkeit und zuweilen der Eigentümlichkeiten 
des Charakters (Perversitäten)." 

Radestock fügt noch einige Züge hinzu, Analogien im Ma- 
terial: „Im Gebiete des Gesichts- und Gehörsinnes und des Gemein- 
gefühles findet man die meisten Halluzinationen und Illusionen. 
Die wenigsten Elemente liefern wie beim Traume der Geruchs- und 
Geschmacksinn. — Dem Fieberkranken steigen in den Delirien wie 
dem Träumenden Erinnerungen aus langer Vergangenheit auf; was 
der Wachende und Gesunde vergessen zu haben schien, dessen er- 
innert sich der Schlafende und Kranke. " — Die Analogie von Traum 
und Psychose erhält erst dadurch ihren vollen Wert, daß sie sich 



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Traum und Psychose. — Die Wunscherfüllung. 69 

wie eine Familienähnlichkeit in die feinere Mimik und bis auf ein- 
zelne Auffälligkeiten des Gesichtsausdruckes erstreckt. 

„Dem von körperlichen und geistigen Leiden Gequälten gewährt 
der Traum, was die Wirklichkeit versagte: Wohlsein und Glück; so 
heben sich auch bei dem Geisteskranken die lichten Bilder von Glück, 
Größe, Erhabenheit und Reichtum. Der vermeintliche Besitz von 
Gütern und die imaginäre Erfüllung von Wünschen, deren Ver- 
weigerung oder Vernichtung eben einen psychischen Grund des 
Irreseins abgaben, machen häufig den Hauptinhalt des Deliriums aus. 
Die Frau, die ein teures Kind verloren, deliriert in Mutterfreuden, wer 
Vermögensverluste erlitten, hält sich für außerordentlich reich, das 
betrogene Mädchen sieht sich zärtlich geliebt." 

(Diese Stelle Radestocks ist die Abkürzung einer feinsinnigen 
Ausführung von Griesinger [p. 111], die mit aller Klarheit die 
Wunscherfüllung als einen dem Traume und der Psychose ge- 
meinsamen Charakter des Vorstellens enthüllt. Meine eigenen Unter- 
suchungen haben mich gelehrt, daß hier der Schlüssel zu einer 
psychologischen Theorie des Traumes und der Psychosen zu fin- 
den ist.) 

„Barocke Gedankenverbindungen und Schwäche des Urteiles 
sind es, welche den Traum und den Wahnsinn hauptsächlich charak- 
terisieren." Die Überschätzung der eigenen geistigen Leistungen, 
die dem nüchternen Urteil als unsinnig erscheinen, findet sich hier 
wie dort; dem rapiden Vorstellungsverlauf des Traumes ent- 
spricht die Ideenflucht der Psychose. Bei beiden fehlt jedes Zeit- 
maß. Die Spaltung der Persönlichkeit im Traume, welche z. B. 
das eigene Wissen auf zwei Personen verteilt, von denen die fremde 
das eigene Ich im Traume korrigiert, ist völlig gleichwertig der be- 
kannten Persönlichkeitsteilung bei halluzinatorischer Paranoia; auch 
der Träumer hört die eigenen Gedanken von fremden Stimmen vor- 
gebracht. Selbst für die konstanten Wahnideen findet sich eine 
Analogie in den stereotyp wiederkehrenden pathologischen Träumen 
(reve obs&lant). — Nach der Genesung von einem Delirium sagen 
die Kranken nicht selten, daß ihnen die ganze Zeit ihrer Krankheit 
wie ein oft nicht unbehaglicher Traum erscheint, ja sie teilen uns 
mit, daß sie gelegentlich noch wahrend der Krankheit geahnt haben, 
sie seien nur in einem Traume befangen, ganz wie es oft im Schlaf- 
traume vorkommt. 

Nach alledem ist es nicht zu verwundern, wenn Radestock 
seine wie vieler ariderer Meinung in den Worten zusammenfaßt, daß 
„der Wahnsinn, eine anormale krankhafte Erscheinung, als eine 
Steigerung des periodisch wiederkehrenden normalen Traumzustandes 
zu betrachten ist" (p. 228). 

Noch inniger vielleicht, als es durch diese Analogie der sich 
äußernden Phänomene möglich ist, hat Krauss die Verwandtschaft 
von Traum und Wahnsinn in der Ätiologie (vielmehr: in den Er- 



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70 I. Literatur der Traumprobleme. 

regungsquellen) begründen wollen. Das beiden gemeinschaftliche 
Grundelement ist nach ihm, wie wir gehört haben, die organisch 
bedingte Empfindung, die Leibreizsensation, das durch Beiträge 
von- allen Organen her zu stände gekommene Gemeingefühl (vgl. 
Peisse bei Maury [p. 52]). 

Die nicht zu bestreitende, bis in charakteristische Einzelheiten 
reichende Übereinstimmung von Traum und Geistesstörung gehört zu 
den stärksten Stützen der medizinischen Theorie des Traumlebens, 
nach welcher sich der Traum als ein unnützer und störender Vor- 
gang und als Ausdruck einer herabgesetzten Seelentätigkeit darstellt. 
Man wird indes nicht erwarten können, die endgültige Aufklärung 
über den Traum von den Seelenstörungen her zu empfangen, wo es 
allgemein bekannt ist, in welch unbefriedigendem Zustand unsere 
Einsicht in den Hergang der letzteren sich befindet. Wohl aber ist 
es wahrscheinlich, daß eine veränderte Auffassung des Traumes unsere 
Meinungen über den inneren Mechanismus der Geistesstörungen mit- 
beeinflussen muß, und so dürfen wir sagen, daß wir auch an der Auf- 
klärung der Psychosen arbeiten, wenn wir uns bemühen, das Ge- 
heimnis des Traumes aufzuhellen. 



Es bedarf einer Rechtfertigung, daß ich die Literatur der 
Traumprobleme nicht auch über den Zeitabschnitt vom ersten Er- 
scheinen bis zur zweiten Auflage dieses Buches fortgeführt habe. 
Dieselbe mag dem Leser wenig befriedigend erscheinen; ich bin 
nichtsdestoweniger durch sie bestimmt worden. Die Motive, die mich 
überhaupt zu einer Darstellung der Behandlung des Traumes in der 
Literatur veranlaßt hatten, waren mit der vorstehenden Einleitung 
erschöpft, eine Fortsetzung dieser Arbeit hätte mich außerordentliche 
Bemühung gekostet und — sehr wenig Nutzen oder Belehrung ge- 
bracht. Denn der in Rede stehende Zeitraum von neun Jahren hat 
weder an tatsächlichem Material noch an Gesichtspunkten für die 
Auffassung des Traumes Neues oder Wertvolles gebracht Meine 
Arbeit ist in den meisten seither veröffentlichten Publikationen un- 
erwähnt und unberücksichtigt geblieben; am wenigsten Beachtung 
hat sie natürlich bei den sogenannten „Traumforschern" gefunden, 
die von der dem wissenschaftlichen Menschen eigenen Abneigung, 
etwas Neues zu erlernen, hiemit ein glänzendes Beispiel gegeben 
haben. „Les savants ne sont pas curieux," meint der Spötter Anatole 
France. Wenn es in der Wissenschaft ein Recht zur Revanche gibt, 
so wäre ich wohl berechtigt, auch meinerseits die Literatur seit dem 
Erscheinen dieses Buches zu vernachlässigen. Die wenigen Bericht- 
erstattungen, die sich in wissenschaftlichen Journalen gezeigt haben, 
sind so voll von Unverstand und Mißverständnissen, daß ich den 
Kritikern mit nichts anderem als mit der Aufforderung, dieses Buch 



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Die Literatur seit 1900. 71 

noch einmal zu lesen, antworten könnte. Vielleicht dürfte die Auf- 
forderung auch lauten: es überhaupt zu lesen. 

In den Arbeiten jener Ärzte, welche sich zur Anwendung des 
psychoanalytischen Heilverfahrens entschlossen haben und anderer 
sind reichlich Träume veröffentlicht und nach meinen Anweisungen 
gedeutet worden. Soweit diese Arbeiten über die Bestätigung meiner 
Aufstellungen hinausgehen, habe ich deren Ergebnisse in den Zu- 
sammenhang meiner Darstellung eingetragen. Ein zweites Literatur- 
verzeichnis am Ende stellt die wichtigsten Veröffentlichungen seit 
dem ersten Erscheinen diese s Buches zusammen. Das reichhaltige Buch 
von Sante de Sanctis über die Träume, dem bald nach seinem 
Erscheinen eine Übersetzung ins Deutsche zu teil geworden ist, hat 
sich mit meiner „Traumdeutung" zeitlich gekreuzt, so daß ich von 
ihm ebensowenig Notiz nehmen konnte wie der italienische Autor 
von mir. Ich mußte dann leider urteilen, daß seine fleißige Arbeit 
überaus arm an Ideen sei, so arm, daß man aus ihr nicht einmal die 
Möglichkeit der bei mir behandelten Probleme ahnen könnte. 

Ich habe nur zweier Erscheinungen zu gedenken, die nahe an 
meine Behandlung der Traumprobleme streifen. Ein jüngerer Philo- 
soph, H. Swoboda, der es unternommen hat, die Entdeckung der 
biologischen Periodizität (in Beihen von 23 und 28 Tagen), die von 
Wilh. Fliess herrührt, auf das psychische Geschehen auszudehnen, 
hat in einer phantasievollen Schrift*) mit diesem Schlüssel unter 
anderm auch das Bätsei der Träume lösen wollen. Die Bedeutung der 
Träume wäre dabei zu kurz gekommen ; das Inhaltsmaterial derselben 
würde sich durch das Zusammentreffen all jener Erinnerungen er- 
klären, die in jener Nacht gerade eine der biologischen Perioden zum 
ersten- oder n-tenmal vollenden. Eine persönliche Mitteilung des 
Autors ließ mich zuerst annehmen, daß er selbst diese Lehre nicht 
mehr ernsthaft vertreten wolle. Es scheint, daß ich mich in diesem 
Schluß geirrt habe ; ich werde an anderer Stelle einige Beobachtungen 
zu der Aufstellung Swobodas mitteilen, die mir aber ein über- 
zeugendes Ergebnis nicht gebracht haben. Bei weitem erfreulicher 
war mir der Zufall, an unerwarteter Stelle eine Auffasung des Traumes 
zu finden, die sich mit dem Kern der meinigen völlig deckt. Die 
Zeitverhältnisse schließen die Möglichkeit aus, daß jene Äußerung 
durch die Lektüre meines Buches beeinflußt worden sei; ich muJß 
also in ihr die einzige in der Literatur nachweisbare Übereinstimmung 
eines unabhängigen Denkers mit dem Wesen meiner Traumlehre 
begrüßen. Das Buch, in dem sich die von mir ins Auge gefaßte 
Stelle über das Träumen findet, ist 1900 in zweiter Auflage unter 
dem Titel „Phantasien eines Realisten" von Lynkeus veröffentlicht 
worden**). 



*) H. Swoboda, Die Perioden des menschlichen Organismus, 1904. 
'*) Siehe später p. 229, Anmerkung. 



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72 1. Literatur der Traumprobleme. 

Zusatz (1914). 

Die vorstehende Rechtfertigung ist im Jahre 1909 niederge- 
schrieben worden. Seither hat sich die Sachlage allerdings geändert; 
mein Beitrag zur „Traumdeutung" wird in der Literatur nicht mehr 
übersehen. Allein die neue Situation macht mir die Fortsetzung 
des vorstehenden Berichtes erst recht unmöglich. Die „Traum- 
deutung" hat eine ganze Reihe neuer Behauptungen und Probleme 
gebracht, die nun von den Autoren in verschiedenster Weise er- 
örtert worden sind. Ich kann diese Arbeiten doch nicht darstellen, 
ehe ich meine eigenen Ansichten entwickelt habe, auf weiche die 
Autoren sich beziehen. Was mir an dieser neuesten Literatur wert- 
voll erschien, habe ich darum im Zusammenhange meiner nun fol- 
genden Ausführungen gewürdigt. 



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II. 

Die Methode der Traumdeutung. 

Die Analyse eines Traummusters. 

Die Überschrift, die ich meiner Abhandlung gegeben habe, 
läßt erkennen, an welche Tradition in der Auffassung der Träume 
ich anknüpfen möchte. Ich habe mir vorgesetzt, zu zeigen, daß 
Träume einer Deutung fähig sind, und Beiträge zur Klärung der 
eben behandelten Traumprobleme werden sich mir nur als etwaiger 
Nebengewinn bei der Erledigung meiner eigentlichen Aufgäbe er- 
geben können. Mit der Voraussetzung, daß Träume Heutbar sind, trete 
ich sofort in Widerspruch zu der herrschenden Traumlehre, ja zu 
allen Traumtheorien mit Ausnahme der Schernerschen, denn „einen 
Traum deuten" heißt, seinen „Sinn" angeben, ihn durch etwas er- 
setzen, was sich als vollwichtiges, gleichwertiges Glied in die Ver- 
kettung unserer seelischen Aktionen einfügt. Wie wir erfahren haben, 
lassen aber die wissenschaftlichen Theorien des Traumes für ein 
Problem der Traumdeutung keinen Raum, denn der Traum ist für 
sie überhaupt kein seelischer Akt, sondern ein somatischer Vorgang, 
der sich durch Zeichen am seelischen Apparat kundgibt. Anders 
hat sich zu allen Zeiten die Laienmeinung benommen. Sie bedient 
sich ihres guten Rechtes, inkonsequent zu verfahren, und obwohl sie 
zugesteht, der Traum sei unverständlich und absurd, kann sie sich 
doch nicht entschließen, dem Traume jede Bedeutung abzusprechen. 
Von einer dunklen Ahnung geleitet, scheint sie doch anzunehmen, 
der Traum habe einen Sinn, wiewohl einen verborgenen, er sei zum 
Ersätze eines anderen Denkvorganges bestimmt, und es handle sich 
nur darum, diesen Ersatz in richtiger Weise aufzudecken, um zur 
verborgenen Bedeutung des Traumes zu gelangen. 

Die Laienwelt hat sich darum von jeher bemüht, den Traum 
zu „deuten" und dabei zwei im Wesen verschiedene Methoden ver- 
sucht. Das erste dieser Verfahren faßt den Trauminhalt als Ganzes 
ins Auge und sucht denselben durch einen anderen, verständlichen 
und in gewissen Hinsichten analogen Inhalt zu ersetzen. Dies ist die 
symbolische Traumdeutung; sie scheitert natürlich von vornherein 
an jenen Träumen, welche nicht bloß unverständlich, sondern auch 
verworren erscheinen. Ein Beispiel für ihr Verfahren gibt etwa die 



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74 IL Die Methode der Traumdeutung. 

Auslegung, welche der biblische Josef dem Traume des Pharao 
an gedeihen ließ. Sieben fette Kühe, nach denen sieben magere kom- 
men, welche die ersteren aufzehren, das ist ein symbolischer Ersatz 
für die Vorhersagung von sieben Hungerjahren im Lande Ägypten, 
welche allen Überfluß aufzehren, den sieben fruchtbare Jahre ge- 
schaffen haben. Die meisten der artefiziellen Träume, welche vod 
Dichtern geschaffen wurden, sind für solche symbolische Deutung be- 
stimmt, denn sie geben den vom Dichter gefaßten Gedanken in einer 
Verkleidung wieder, die zu den aus der Erfahrung bekannten Cha- 
rakteren unseres Träumens passend gefunden wird*). Die Meinung, 
der Traum beschäftige sich vorwiegend mit der Zukunft, deren Ge- 
staltung er im voraus ahne — ein Re6t der einst den Träumen zuer- 
kannten prophetischen Bedeutung — , wird dann zum Motiv, den 
durch symbolische Deutung gefundenen Sinn des Traumes durch ein 
„es wird" ins Futurum zu versetzen. 

Wie man den Weg zu einer solchen symbolischen Deutung 
findet, dazu läßt sich eine Unterweisung natürlich nicht geben. Das 
Gelingen bleibt Sache des witzigen Einfalles, der unvermittelten In- 
tuition, und darum konnte die Traumdeutung , mittels Symbolik sich 
zu einer Kunstübung erheben, die an eine besondere Begabung ge- 
bunden schien**). Von solchem Anspruch hält sich die andere der 
populären Methoden der Traumdeutung völlig fern. Man könnte sie 
als die „Chiffriermethode*' bezeichnen, da sie den Traum wie eine 
Art von Geheimschrift behandelt, in der jedes Zeichen nach einem 
feststehenden Schlüssel in ein anderes Zeichen von bekannter Be- 
deutung übersetzt wird. Ich habe z. B. von einem Briefe geträumt, 
aber auch von einem Leichenbegängnis u. dgl. ; ich sehe nun in 
einem „Traumbuche" nach und finde, daß „Brief" mit „Verdruß", 
„Leichenbegängnis" mit „Verlobung" zu übersetzen ist. Es bleibt 
mir dann überlassen, aus den Schlagworten, die ich entziffert habe, 
einen Zusammenhang herzustellen, den ich wiederum als zukünftig 
hinnehme. Eine interessante Abänderung dieses Chiffrierverfahrens, 
durch welche dessen Charakter als rein mechanische Übertragung 
einigermaßen korrigiert wird, zeigt sich in der Schrift über Traum- 

*) In einer Novelle „Gradiva" des Dichters W. Jensen entdeckte ich 
zufällig mehrere artifizielle Träume, die vollkommen korrekt gebildet waren und 
sich deuten ließen, als wären sie nicht erfunden, sondern von realen Personen 
geträumt worden. Der Dichter bestätigte auf Anfrage von meiner Seite, daß 
Ihm meine Traumlehre fremd geblieben war. Ich habe diese Obereinstimmung 
zwischen meiner Forschung und dem Schaffen des Dichters als Beweis für die 
Richtigkeit meiner Traumanalyse verwertet. G>Der Wahn und die Traume" in 
W. Jensens „Gradiva", erstes Heft der von mir herausgegebenen „Schriften 
zur angewandten Seelenkunde", 1906.) 

**) Aristoteles hat sich dahin geäußert, der beste Traumdeuter sei der, 
welcher Ähnlichkeiten am besten auffasse; denn die Traumbilder seien, wie die 
Bilder im Wasser, durch die Bewegung verzerrt, und der treffe am besten, der 
in dem verzerrten Bild das Wahre zu erkennen vermöge (Büchsenschütz, p. 65). 



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Die symbolische und die Chiffriermethode. — Artemidorus. 75 

deutung des Artemidoros aus Daldis*). Hier wird nicht nur auf 
den Trauminhalt, sondern auch auf die Person und die Lebens- 
umstände des Träumers Rücksicht genommen, so daß das nämliche 
Traumelement für den Reichen, den Verheirateten, den Redner an- 
dere Bedeutung hat als für den Armen, den Ledigen und etwa den 
Kaufmann. Das Wesentliche an diesem Verfahren ist nun, daß die 
Deutungsarbeit nicht auf das Ganze des Traumes gerichtet wird, son- 
dern auf jedes Stück des Trauminhaltes für sich, als ob der Traum 
ein Konglomerat wäre, in dem jeder Brocken Gestein eine besondere 
Bestimmung verlangt. Es sind sicherlich die unzusammenhängenden 
und verworrenen Träume, von denen der Antrieb zur Schöpfung der 
Chiffriermethode ausgegangen ist**). 

*) Artemidoros aus Daldis, wahrscheinlich zu Anfang des 2. Jahr- 
hunderts unserer Zeitrechnung geboren, hat uns die vollständigste und sorg- 
faltigste Bearbeitung der Traumdeutung in der griechisch-römischen Welt über- 
liefert. Er legte, wie Th. Gomperz hervorhebt, Wert darauf, die Deutung der 
Träume auf Beobachtung und Erfahrung zu gründen und sonderte seine Kunst 
strenge von anderen, trügerischen Künsten. Das Prinzip seiner Deutungskunst 
ist nach der Darstellung von Gomperz identisch mit dem der Magie, das Prinzip 
der Assoziation. Ein Traumding bedeutet das, woran es erinnert Wohlverstanden, 
woran es den Traumdeuter erinnert! Eine nicht zu beherrschende Quelle der 
Willkür und Unsicherheit ergibt sich dann aus dem Umstand, daß das Traum- 
element den Deuter an verschiedene Dinge und jeden an etwas anderes erinnern 
kann. Die Technik, die ich im folgenden auseinandersetze, weicht von der antiken 
in dem einen wesentlichen Punkte ab, daß sie dem Träumer selbst die Deutungs- 
arbeit auferlegt Sie will nicht berücksichtigen, was dem Traumdeuter, sondern 
was dem Träumer zu dem betreffenden Element des Traumes einfällt. — Nach 
neueren Berichten des Missionärs Tfinkdjt (Anthropos 1913) nehmen aber auch die 
modernen Traumdeuter des Orients die Mitwirkung des Träumers ausgiebig in An- 
spruck Der Gewährsmann erzählt von den Traumdeutern bei den mesopotamischen 
Arabern: >,Pour interprßter exactement un songe, les oniromanciens les plus habiles 
s'informent de ceux qui les consultent des toutes les circonstances qu'il regardent 

nöcessaires pour la bonne explication En un mot, nos oniromanciens 

ne laissent aucune circonstance leur ächapper et ne donnent Interpretation 
desiröe avant d'avoir parfaitement saisi et re$u toutes les interrogations desi- 
rables." Unter diesen Fragen befinden sich regelmäßig solche um genaue An- 
gaben über die nächsten Familienangehörigen (Eltern, Frau, Kinder) sowie die 
typische Formel: habistine in hac nocte copulam conjugalem ante vel post som- 
nium? — „L'id6e dominante dans l'interprötation des songes consiste ä expliquer 
le rßve par son opposß." 

**) Dr. Alf. Robitsek macht mich darauf aufmerksam, daß die orienta- 
lischen Traumbücher, von denen die unserigen klägliche Abklatsche sind, die 
Deutung der Traumelemente meist nach dem Gleichklang und der Ähnlichkeit 
der Worte vornehmen. Da diese Verwandtschaften bei der Übersetzung in unsere 
Sprache verloren gehen müssen, würde daher die Unbegreiflichkeit der Er- 
setzungen in unseren populären ,;Traumbüchern" stammen. — Über diese außer- 
ordentliche Bedeutung des Wortspieles und der Wortspielerei in den alten orien- 
talischen Kulturen mag man sich aus den Schriften Hugo Wincklers unter- 
richten. Das schönste Beispiel einer Traumdeutung, welches uns aus dem Altertum 
überliefert ist, beruht auf einer Wortspielerei. Artemidoros erzählt (p. 255): 
„Es scheint mir aber auch Aristandros dem Alexandros von Makedonien 
eine gar glückliche Auslegung gegeben zu haben, als dieser Tyros eingeschlossen 
hielt und belagerte und wegen des großen Zeitverlustes, unwillig und betrübt, 



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76 II. Die Methode der Traumdeutung* 

Für die wissenschaftliche Behandlung des Themas kann die 
Unbrauchbarkeit beider populärer Deutungsverfahren des Traumes 
keinen Moment lang zweifelhaft sein. Die symbolische Methode ist 
in ihrer Anwendung beschränkt und keiner allgemeinen Darlegung 
fähig. Bei der Chiffriermethode käme alles darauf an, daß der 
„Schlüssel", das Traumbuch, verläßlich wäre, und dafür fehlen alle 
Garantien. Man wäre versucht, den Philosophen und Psychiatern 
Recht zu geben und mit ihnen das Problem der Traumdeutung als 
eine imaginäre Aufgabe zu streichen*). 

Allein ich bin eines Besseren belehrt worden. Ich habe einsehen 
müssen, daß hier wiederum einer jener nicht seltenen Fälle vorliegt, 
in denen ein uralter, hartnäckig festgehaltener Volksglaube der 
Wahrheit der Dinge näher gekommen zu sein scheint als das Urteil 
der heute geltenden Wissenschaft. Ich muß behaupten, daß der Traum 
wirklich eine Bedeutung hat und daß ein wissenschaftliches Verfahren 
der Traumdeutung möglich ist. Zur Kenntnis dieses Verfahrens bin 
ich auf folgende Weise gelangt: 

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Auflösung ge- 
wisser psychopathologischer Gebilde, der hysterischen Phobien, der 
Zwangsvorstellungen u. a. in therapeutischer Absicht; seitdem ich 
nämlich aus einer bedeutsamen Mitteilung von Josef Breuer weiß, 
daß für diese als Krankheitssymptome empfundenen Bildungen Auf- 
lösung und Lösimg in eines zusammenfallen**). Hat man eine solche 
pathologische Vorstellung auf die Elemente zurückführen können, aus 
denen sie im Seelenleben des Kranken hervorgegangen ist, so ist 
diese auch zerfallen, der Kranke von ihr befreit. Bei der Ohnmacht 
unserer sonstigen therapeutischen Bestrebungen und angesichts der 
Rätselhaftigkeit dieser Zustände erschien es mir verlockend, auf dem 
von Breuer eingeschlagenen Wege trotz aller Schwierigkeiten bis 
zur vollen Aufklärung vorzudringen. Wie sich die Technik des Ver- 
fahrens schließlich gestaltet hat und welches die Ergebnisse der Be- 
mühung gewesen sind, darüber werde ich an anderen Orten äus- 

das Gefühl hatte, er sehe einen Satyros auf seinem Schilde tanzen; zufallig be- 
fand sich Aristandros in der Nähe von Tyros und im Geleite des Königs, der 
die Syrier bekriegte. Indem er nun das Wort Satyros in aa und Topos zerlegte, 
bewirkte er, daß der König die Belagerung nachdrücklicher in Angriff nahm, 
so daß er Herr der Stadt wurde*.'* (Sa-T6po<; = dein ist Tyros.) — Übrigens 
hängt der Traum so innig am sprachlichen Ausdruck, daß Ferenczi mit Recht 
bemerken kann, jede Sprache habe ihre eigene Traumsprache. Ein Traum ist in 
der Regel unübersetzbar in andere Sprachen und ein Buch wie das vorliegende, 
meinte ich, darum auch. Nichtsdestoweniger ist es Dr. A. A. Brill in New 
York gelungen, eine englische Übersetzung der „Traumdeutung" zu schaffen. 
(London 1913, George Allen & Co. Ltd.) 

*) Nach Abscnluß meines Manuskriptes ist mir eine Schrift von Stumpf 
zugegangen, die in der Absicht zu erweisen, der Traum sei sinnroll und deutbar, 
mit meiner Arbeit zusammentrifft. Die Deutung geschieht aber mittels einer 
allegorisierenden Symbolik oline Gewähr für Allgemeingültigkeit des Verfahrens. 

**> Breuer und Freud, Studien über Hysterie, Wien 1895, 2. Aufl., 1909. 



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Psychische Vorbereitung zur Traumdeutung. 77 

f iihrlich Bericht zu erstatten haben. Im Verlaufe dieser psychoana- 
lytischen Studien geriet ich auf die Traumdeutung. Die Patienten, 
die ich verpflichtet hatte, mir alle Einfälle und Üedanken mitzuteilen, 
die sich ihnen zu einem bestimmten Thema aufdrängten, erzählten 
mir ihre Träume und lehrten mich so, daß ein Traum in die psy- 
chische Verkettung eingeschoben sein kann, die von einer patho- 
logischen Idee her nach rückwärts in der Erinnerung zu verfolgen 
ist. Es lag nun nahe, den Traum selbst wie ein Symptom zu be- 
handeln und die für letztere ausgearbeitete Methode der Deutung auf 
ihn anzuwenden. 

Dazu bedarf es nun einer gewissen psychischen Vorbereitung 
des Kranken. Man strebt zweierlei bei ihm an, eine Steigerung seiner 
Aufmerksamkeit für seine psychischen Wahrnehmungen und eine 
Ausschaltung der Kritik, mit der er die ihm auftauchenden Ge- 
danken sonst zu sichten pflegt. Zum Zwecke seiner Selbstbeob- 
achtung mit gesammelter Aufmerksamkeit ist es vorteilhaft, daß er 
eine ruhige Lage einnimmt und die Augen schließt; den Verzicht 
auf die Kritik der wahrgenommenen Gedankenbildungen muß man 
ihm ausdrücklich auferlegen. Man sagt ihm also, der Erfolg der 
Psychoanalyse hänge davon ab, daß er alles beachtet und mitteilt, 
was ihm durch den Sinn geht, und nicht etwa sich verleiten läßt, 
den einen Einfall zu unterdrücken, weil er ihm unwichtig oder 
nicht zum Thema gehörig, den anderen, weil er ihm unsinnig er- 
scheint. Er müsse sich völlig unparteiisch gegen seine Einfälle ver- 
halten; denn gerade an dieser Kritik läge es, wenn es ihm sonst 
nicht gelänge, die gesuchte Auflösung des Traumes, der Zwangsidee 
u. dgl. zu finden. 

Bei den psychoanalytischen Arbeiten habe ich gemerkt, daß 
die psychische Verfassung des Mannes, welcher nachdenkt, eine 
ganz andere ist als die desjenigen, welcher seine psychischen Vor- 
gänge beobachtet. Beim Nachdenken tritt eine psychische Aktion 
mehr ins Spiel als bei der aufmerksamsten Selbstbeobachtung, wie 
es auch die gespannte Miene und die in Falten gezogene Stirn des 
Nachdenklichen im Gegensatz zur mimischen Ruhe des Selbst- 
beobachters erweist. In beiden Fällen muß eine Sammlung . der Auf- 
merksamkeit vorhanden sein, aber der Nachdenkende übt außerdem 
eine Kritik aus, infolge deren er einen Teil der ihm aufsteigen- 
den Einfälle verwirft, nachdem er sie wahrgenommen hat, andere 
kurz abbricht, so daß er den Gedankenwegen nicht folgt, welche sie 
eröffnen würden, und gegen noch andere Gedanken weiß er sich so 
zu benehmen, daß sie überhaupt nicht bewußt, also vor ihrer Wahr- 
nehmung unterdrückt werden. Der Selbstbeobachter hingegen hat 
nur die Mühe, die Kritik zu unterdrücken; gelingt ihm dies, so 
kommt ihm eine Unzahl von Einfällen zum Bewußtsein, die sonst 
unfaßbar geblieben wären. Mit Hilfe dieses für die Selbstwahr- 
nehmung neu gewonnenen Materials läßt sich die Deutung der patho- 



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78 IL Die Methode der Traumdeutung. 

logischen Ideen sowie der Traumgebilde vollziehen. Wie man sieht, 
handelt es sich darum, einen psychischen Zustand herzustellen, der 
mit dem vor dem Einschlafen (und sicherlich auch mit dem hypno- 
tischen) eine gewisse Analogie in der Verteilung der psychischen 
Energie (der beweglichen Aufmerksamkeit) gemein hat. Beim Ein- 
schlafen treten die „ungewollten Vorstellungen" hervor durch den 
Nachlaß einer gewissen willkürlichen (und gewiß auch kritischen) 
Aktion, die wir auf den Ablauf unserer Vorstellungen einwirken 
lassen; als den Grund dieses Nachlasses pflegen wir „Ermüdung" 
anzugeben ; die auftauchenden ungewollten Vorstellungen verwandeln 
sich in visuelle und akustische Bilder. (Vergleiche die Bemerkungen 
von Schleiermacher u. a., p. 34.) Bei dem Zustand, den man 
zur Analyse der Träume und pathologischen Ideen benutzt, ver- 
zichtet man absichtlich und willkürlich auf jene Aktivität und ver- 
wendet die ersparte psychische Energie (oder ein Stück derselben) 
zur aufmerksamen Verfolgung der jetzt auftauchenden ungewollten 
Gedanken, die ihren Charakter als Vorstellungen (dies der Unter- 
schied gegen den Zustand beim Einschlafen) beibehalten. Man macht 
so die „ungewollten" Vorstellungen zu „gewollten". 

Die hier geforderte Einstellung auf anscheinend „freisteigende" 
Einfälle mit Verzicht auf die sonst gegen diese geübte Kritik scheint 
manchen Personen nicht leicht zu werden. Die „ungewollten Ge- 
danken" pflegen den heftigsten Widerstand, der sie am Auftauchen 
hindern will, zu entfesseln. Wenn wir aber unserem großen Dichter- 
philosophen Fr. Schiller Glauben schenken, muß eine ganz ähnliche 
Einstellung auch die Bedingung der dichterischen Produktion ent- 
halten. An einer Stelle seines Briefwechsels mit Körner, deren 
Aufspürung Otto Rank zu danken ist, antwortet Schiller auf die 
Klage seines Freundes über seine mangelnde Produktivität: „Der 
Grund deiner Klagen liegt, wie mir scheint, in dem Zwange, den 
dein Verstand deiner Imagination auflegt. Ich muß hier einen Ge- 
danken hinwerfen und ihn durch ein Gleichnis versinnlichen. Es 
scheint nicht gut und dem Schöpfungswerke der Seele nachteilig zu 
sein, wenn der Verstand die zuströmenden Ideen, gleichsam an den 
Toren schon, zu scharf mustert. Eine Idee kann, isoliert betrachtet, 
sehr unbeträchtlich und sehr abenteuerlich sein, aber vielleicht wird 
sie durch eine, die nach ihr kommt, wichtig, vielleicht kann sie in 
einer gewissen Verbindung mit anderen, die vielleicht ebenso abge- 
schmackt scheinen, ein sehr zweckmäßiges Glied abgeben: — Alles 
das kann der Verstand nicht beurteilen, wenn er sie nicht so lange 
festhält, bis er sie in Verbindung mit diesen anderen angeschaut hat. 
Bei einem schöpferischen Kopfe hingegen, däucht mir, hat der Ver- 
stand seine Wache von den Toren zurückgezogen, die Ideen stürzen 
pgle-mele herein, und alsdann erst übersieht und mustert er den 
großen Haufen. — Ihr Herren Kritiker, und wie Ihr Euch sonst 
nennt, schämt oder fürchtet Euch vor dem augenblicklichen vor- 



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Schwierigkeiten des Materials. 79 

übergehenden Wahnwitze, der sich bei allen eigenen Schöpfern fin- 
det und dessen längere oder kürzere Dauer den denkenden Künstler 
von dem Träumer unterscheidet. Daher Eure Klagen über Unfrucht- 
barkeit, weil Ihr zu früh verwerft und zu strenge sondert." (Brief 
vom 1. Dezember 1788.) 

Und doch ist ein „solches Zurückziehen der Wache von den 
Toren des Verstandes", wie Schiller es nennt, ein derartiges sich 
in den Zustand der kritiklosen Selbstbeobachtung Versetzen keines- 
wegs schwer. 

Die meisten meiner Patienten bringen es nach der ersten Unter- 
weisung zu stände; ich selbst kann es sehr vollkommen, wenn ich 
mich dabei durch Niederschreiben meiner Einfälle unterstütze. Der 
Betrag von psychischer Energie, um den man so die kritische Tätig- 
keit herabsetzt und mit welchem man die Intensität der Selbst- 
beobachtung erhöhen kann, schwankt erheblich je nach dem Thema, 
welches von der Aufmerksamkeit fixiert werden soll. 

Der erste Schritt bei der Anwendung dieses Verfahrens lehrt nun, 
daß man nicht den Traum als Ganzes, sondern nur die einzelnen 
Teilstücke seines Inhaltes zum Objekt der Aufmerksamkeit machen 
darf. Frage ich den noch nicht eingeübten Patienten : Was fällt Ihnen 
zu diesem Traume ein? so weiß er in der Regel nichts in seinem 
geistigen "Blickfelde zu erfassen. Ich muß ihm den Traum zerstückt 
vorlegen, dann liefert er mir zu jedem Stücke eine Reihe von Ein- 
fällen, die man als die „Hintergedanken" dieser Traumpartie be- 
zeichnen kann. In dieser ersten wichtigen Bedingung weicht also die 
von mir geübte Methode der Traumdeutung bereits von der populären, 
historisch und sagenhaft berühmten Methode der Deutung durch 
Symbolik ab und nähert sich der zweiten, der „Chiffriermethode". 
Sie ist wie diese eine Deutung en detail, nicht en masse; wie diese 
faßt sie den Traum von vornherein als etwas Zusammengesetztes, 
als ein Konglomerat von psychischen Bildungen auf. 

Im Verlaufe meiner Psychoanalysen bei Neurotikern habe ich 
wohl bereits viele tausend Träume zur Deutung gebracht, aber dieses 
Material möchte ich hier nicht zur Einführung in die Technik und 
Lehre der Traumdeutung verwenden. Ganz abgesehen davon, daß 
ich mich dem Einwand aussetzen würde, es seien ja die Träume von 
Neuropathen, die einen Rückschluß auf die Träume gesunder Men- 
schen nicht gestatten, nötigt mich ein anderer Grund zu deren Ver- 
werfung. Das Thema, auf welches diese Träume zielen, ist natür- 
lich immer die Krankheitsgeschichte, welche der Neurose zu gründe 
liegt. Hiedurch würde für jeden Traum ein überlanger Vorbericht 
und ein Eindringen in das Wesen und die ätiologischen Bedingungen 
der Psychoneurosen erforderlich, Dinge, die an und für sich neu 
und im höchsten Grade befremdlich sind und so die Aufmerksam- 
keit vom Traumproblem ablenken würden. Meine Absicht geht viel- 
mehr dahin, in der Traumauflösung eine Vorarbeit für die Er- 



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80 IL Die Methode der Traumdeutung. 

Schließung der schwierigeren Probleme der Neurosenpsychologie zu 
schaffen. Verzichte ich aber auf die Träume der Neurotiker, mein 
Hauptmaterial, so darf ich gegen den Rest nicht allzu wählerisch 
verfahren. Es bleiben nur noch jene Träume, die mir gelegentlich 
von gesunden Personen meiner Bekanntschaft erzählt worden sind 
oder die ich als Beispiele in der Literatur über das Traumleben ver- 
zeichnet finde. Leider geht mir bei all diesen Träumen die Analyse 
ab, ohne welche ich den Sinn des Traumes nicht finden kann. Mein 
Verfahren ist ja nicht so bequem wie das der populären Chiffrier- 
methodo, welche den gegebenen Trauminhalt nach einem fixierten 
Schlüssel übersetzt; ich bin vielmehr gefaßt darauf, daß derselbe 
Trauminhalt bei verschiedenen Personen und in verschiedenem Zu- 
sammenhang auch einen anderen Sinn verbergen mag. Somit bin 
ich auf meine eigenen Träume angewiesen als auf ein reichliches 
und bequemes Material, das von einer ungefähr normalen Person 
herrührt und sich auf mannigfache Anlässe des täglichen Lebens 
bezieht. Man wird mir sicherlich Zweifel in die Verläßlichkeit sol- 
cher „Selbstanalysen" entgegensetzen. Die Willkür sei dabei keines- 
wegs ausgeschlossen. Nach meinem Urteile liegen die Verhältnisse 
bei der Selbstbeobachtung eher günstiger als bei der Beobachtung 
anderer ; jedenfalls darf man versuchen, wie weit man in der Traum- 
deutung mit der Selbstanalyse reicht. Andere Schwierigkeiten habe 
ich in meinem eigenen Innern zu überwinden. Man hat eine begreif- 
liche Scheu, soviel Intimes aus seinem Seelenleben preiszugeben, 
weiß sich dabei auch nicht gesichert vor der Mißdeutung der Frem- 
den. Aber darüber muß man sich hinaussetzen können. „Tout psy- 
chologiste" schreibt Delboeuf, „est oblige de faire l'aveu meme de 
ses faiblesses s'il croit par lä jeter du jour sur quelque pro Werne 
obscure." Und auch beim Leser, darf ich annehmen, wird das an- 
fängliche Interesse an den Indiskretionen, die ich begehen muß, sehr 
bald der ausschließlichen Vertiefung in die hiedurch beleuchteten psy- 
chologischen Probleme Platz machen. 

Ich werde also einen meiner eigenen Träume hervorsuchen und 
an ihm meine Deutungsweise erläutern. Jeder solche Traum macht 
einen Vorbericht nötig. Nun muß ich aber den Leser bitten, für 
eine ganze Weile meine Interessen zu den seinigen zu machen und 
sich mit mir in die kleinsten Einzelheiten meines Lebens zu ver- 
senken, denn solche Übertragung fordert gebieterisch das Interesse 
für die versteckte Bedeutung der Träume. 

Vorbericht: Im Sommer 1895 hatte ich eine junge Dame 
psychoanalytisch behandelt, die mir und den Meinigen freundschaft- 
lich sehr nahe stand. Man versteht es, daß solche Vermengung der 
Beziehungen zur Quelle mannigfacher Erregungen für den Arzt wer- 
den kann, zumal für den Psychotherapeuten. Das persönliche Interesse 
des Arztes ist größer, seine Autorität geringer. Ein Mißerfolg droht 
die alte Freundschaft mit den Angehörigen der Kranken zu lockern. 



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Der Traum von Irmas Injektion. 81 

Die Kur endete mit einem teilweisen Erfolg, die Patientin vorlor 
ihre hysterische Angst, aber nicht alle ihre somatischen Symptome. 
Ich war damals noch nicht recht sicher in den Kriterien, welcne die 
endgültige Erledigung einer hysterischen Krankengeschichte bezeich- 
nen, und mutete der Patientin eine Lösung zu, die ihr nicht annehmbar 
erschien. In solcher Uneinigkeit brachen wir der Sommerzeit wegen 
die Behandlung ab. — Eines Tages besuchte mich ein jüngerer 
Kollege, einer meiner nächsten Freunde, der die Patientin — Irma — 
und ihre Familie in ihrem Landaufenthalt besucht hatte. Ich fragte 
ihn, wie er sie gefunden habe, und bekam die Antwort: Es geht ihr 
besser, aber nicht ganz gut. Ich weiß, daß mich diese Worte meines 
Freundes Otto oder der Ton, in dem sie gesprochen waren, ärgerten. 
Ich glaubte einen Vorwurf herauszuhören, etwa daß ich der Patientin 
zu viel versprochen hätte, und führte — ob mit Recht oder Unrecht — 
die vermeintliche Parteinahme Ottos gegen mich auf den Einfluß 
von Angehörigen der Kranken zurück, die, wie ich annahm, meine 
Behandlung nie gern gesehen hatten. Übrigens wurde mir meine 
peinliche Ihnpfindung nicht klar, ich gab ihr auch keinen Ausdruck. 
Am selben Abend schrieb ich noch die Krankengeschichte Irmas 
nieder, um sie, wie zu meiner Rechtfertigung, dem Dr. M., einem 
gemeinsamen Freunde, der damals tonangebenden Persönlichkeit in 
unserem Kreise, zu übergeben. In der auf diesen Abend folgenden 
Nacht (wohl eher am Morgen) hatte ich den nachstehenden Traum, 
der unmittelbar nach dem Erwachen fixiert wurde. 

Traum vom 23./24. Juli 1895*). 

Eine große Halle — viele Gäste, die wir empfangen. — Unter 
ihnen Irma, die ich sofort bei Seite nehme, um gleichsam ihren Brief 
zu beantworten, ihr Vorwürfe zu machen, daß sie die „Lösung" 
noch nicht akzeptiert. Ich sage ihr: Wenn du noch Schmerzen hast, 
so ist es wirklich nur deine Schuld. — Sie antwortet: Wenn du 
wüßtest, was ich für Schmerzen jetzt habe im Halse, Magen und 
Leib, es schnürt mich zusammen. — Ich erschrecke und sehe sie an. 
Sie sieht bleich und gedunsen aus ; ich denke, am Ende übersehe ich 
da doch etwas Organisches. Ich nehme sie zum Fenster und schaue 
ihr in den Hals. Dabei zeigt sie etwas Sträuben, wie die Frauen, 
die ein künstliches Gebiß tragen. Ich denke mir, sie hat es doch 
nicht nötig. — Der Mund geht dann auch gut auf und ich finde 
rechts einen großen weißen Fleck und anderwärts sehe ich an merk- 
würdigen krausen Gebilden, die offenbar den Nasenmuscheln nach- 
gebildet sind, ausgedehnte weißgraue Schorfe. — Ich rufe schnell 

*) Es ist dies der erste Traum, den ich einer eingehenden Deutung unterzog. 

Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 6 



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82 IL Die Methode der Traumdeutung. 

Dr. M. hinzu, der die Untersuchung wiederholt und bestätigt .... 
Dr. M. sieht ganz anders aus als sonst; er ist sehr bleich, hinkt, 
ist am Kinn bartlos .... Mein Freund Otto steht jetzt auch neben 
ihr und Freund Leopold perkutiert sie über dem Leibchen und sagt: 
Sie hat eine Dämpfung links unten, weist auch auf eine infiltrierte 
Hautpartie an der linken Schulter hin (was ich trotz des Kleides wie 
er spüre) . . . . M. sagt: Kein Zweifel, es ist eine Infektion, aber es 
macht nichts; es wird noch Dysenterie hinzukommen und das Gift 
sich ausscheiden .... Wir wissen auch unmittelbar, woher die 
Infektion rührt. Freund Otto hat ihr unlängst, als sie sich unwohl 
fühlte, eine Injektion gegeben mit einem Propylpräparat, Propylen 
.... Propionsäure .... Trimethylamin (dessen Formel ich fett 
gedruckt vor mir sehe) .... Man macht solche Injektionen nicht so 
leichtfertig .... Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein. 

Dieser Traum hat vor vielen anderen eines voraus. Es ist 
sofort klar, an welche Ereignisse des letzten Tages er anknüpft und 
welches Thema er behandelt. Der Vorbericht gibt hierüber Aus- 
kunft. Die Nachricht, die ich von Otto über Irmas Befinden er- 
halten, die Krankengeschichte, an der ich bis tief in die Nacht ge- 
schrieben, haben meine Seelentätigkeit auch während des Schlafes 
beschäftigt. Trotzdem dürfte niemand, der den Vorbericht und den 
Inhalt des Traumes zur Kenntnis genommen hat, ahnen können, 
was der Traum bedeutet. Ich selbst weiß es auch nicht. Ich wundere 
mich über die Krankheitssymptome, welche Irma im Traum mir 
klagt, da es nicht dieselben sind, wegen welcher ich sie behandelt 
habe. Ich lächle über die unsinnige Idee einer Injektion mit Propion- 
säure und über den Trost, den Dr. M. ausspricht. Der Traum erscheint 
mir gegen sein Ende hin dunkler und gedrängter, als er zu Beginn 
ist. Um die Bedeutung von alledem zu erfahren, muß ich mich zu 
einer eingehenden Analyse entschließen. 

Analyse: 

Die Halle — viele Gäste, die wir empfangen. Wir wohn- 
ten in diesem Sommer auf der Bellevue, einem einzelstehenden Hause 
auf einem der Hügel, die sich an den Kahlenberg anschließen. Dies 
Haus war ehemals zu einem Vergnügungslokal bestimmt, hat hievon 
die ungewöhnlich hohen, hallenförmigen . Räume. Der Traum ist 
auch auf der Bellevue vorgefallen, und zwar wenige Tage vor dem 
Geburtsfeste meiner Frau. Am Tage hatte meine Frau die Erwartung 
ausgesprochen, zu ihrem Geburtstage würden mehrere Freunde, und 
darunter auch Irma, als Gäste zu uns kommen. Mein Traum anti- 
zipiert also diese Situation: Es ist der Geburtstag meiner Frau und 



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Analyse des Traumes von Irmas Injektion. 83 

viele Leute, darunter Irma, werden von uns als Gäste in der großen 
Halle der Bellevue empfangen. 

Ich mache Irma Vorwürfe, daß sie die Lösung nicht 
akzeptiert hat; ich sage: Wenn du noch Schmerzen hast, 
ist es deine eigene Schuld. Das hätte ich ihr auch im Wachen 
sagen können oder habe es ihr gesagt Ich hatte damals die (später 
als unrichtig erkannte) Meinung, daß meine Aufgabe sich darin er- 
schöpfe, den Kranken den verborgenen Sinn ihrer Symptome mitzu- 
teilen; ob sie diese Lösung dann annehmen oder nicht, wovon der 
Erfolg abhängt, dafür sei ich nicht mehr verantwortlich. Ich bin 
diesem jetzt glücklich überwundenen Irrtum dankbar dafür, daß er 
mir die Existenz zu einer Zeit erleichtert, da ich in all meiner un- 
vermeidlichen Ignoranz Heilerfolge produzieren sollte. — Ich merke 
aber an dem Satze, den ich im Traume zu Irma spreche, daß ich vor 
allem nicht Schuld sein will an den Schmerzen, die sie noch hat. 
Wenn es Irmas eigene Schuld ist, dann kann es nicht meine sein. 
Sollte in dieser Richtung die Absicht des Traumes zu suchen sein ? 

Irmas Klagen; Schmerzen im Halse, Leibe und Magen, 
es schnürt sie zusammen. Schmerzen im Magen gehörten zum 
Symptomkomplex meiner Patientin, sie waren aber nicht sehr vor- 
dringlich; sie klagte eher über Empfindungen von Übelkeit und 
Ekel. Schmerzen im Halse, im Leibe, Schnüren in der Kehle spielten 
bei ihr kaum eine Rolle. Ich wundere mich, warum ich mich zu 
dieser Auswahl der Symptome im Traume entschlossen habe, kann 
es auch für den Moment nicht finden. 

Sie sieht bleich und gedunsen aus. 

Meine Patientin war immer rosig. Ich vermute, daß sich hier 
eine andere Person ihr unterschiebt. 

Ich erschrecke im Gedanken, daß ich doch eine orga- 
nische Affektion übersehen habe. 

Wie man mir gern glauben wird, eine nie erlöschende Angst 
beim Spezialisten, der fast ausschließlich Neurotiker sieht und der so 
viele Erscheinungen auf Hysterie zu schieben gewohnt ist, welche 
andere Ärzte als organisch behandeln. Anderseits beschleicht mich — 
ich weiß nicht woher — ein leiser Zweifel, ob mein Erschrecken 
ganz ehrlich ist. Wenn die Schmerzen Irmas organisch begründet 
sind, so bin ich wiederum zu deren Heilung nicht verpflichtet. Meine 
Kur beseitigt ja nur hysterische Schmerzen. Es kommt mir also 
eigentlich vor, als sollte ich einen Irrtum in der Diagnose wünschen ; 
dann wäre der Vorwurf des Mißerfolges auch beseitigt. 

Ich nehme sie zum Fenster, um ihr in den Hals zu sehen. 
Sie sträubt sich ein wenig wie die Frauen, die falsche 
Zähne tragen. Ich denke mir, sie hat es ja doch nicht nötig. 

Bei Irma hatte ich niemals Anlaß, die Mundhöhle zu inspizieren. 
Der Vorgang im Traume erinnert mich an die vor einiger Zeit vor- 

6* 



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84 IL Die Methode der Traumdeutung. 

genommene Untersuchung einer Gouvernante, die zunächst den Ein- 
druck von jugendlicher Schönheit gemacht hatte, beim öffnen des 
Mundes aber gewisse Anstalten traf, um ihr Gebiß zu verbergen. An 
diesen Fall knüpfen sich andere Erinnerungen an ärztliche Unter- 
suchungen und an kleine Geheimnisse, die dabei, keinem von beiden 
zur Lust, enthüllt werden. — Sie hat es doch nicht nötig, ist wohl 
zunächst ein Kompliment für Irma; ich vermute aber noch eine 
andere Bedeutung. Man fühlt es bei aufmerksamer Analyse, ob man 
die zu erwartenden Hintergedanken erschöpft hat oder nicht Die 
Art, wie Irma beim Fenster steht, erinnert mich plötzlich an ein 
anderes Erlebnis. Irma besitzt eine intime Freundin, die ich sehr 
hoch schätze. Als ich eines Abends bei ihr einen Besuch machte, 
fand ich sie in der im Traume reproduzierten Situation beim Fenster 
und ihr Arzt, derselbe Dr. M., erklärte, daß sie einen diphtherischen 
Belag habe. Die Person des Dr. M. und der Belag kehren ja im 
Fortgang des Traumes wieder. Jetzt fällt mir ein, daß ich in den 
letzten Monaten allen Grund bekommen habe, von dieser anderen 
Dame anzunehmen, sie sei gleichfalls hysterisch. Ja, Irma selbst hat 
es mir verraten. Was weiß ich aber von ihren Zuständen? Gerade 
das eine, daß sie am hysterischen Würgen leidet wie meine Irma im 
Traume. Ich habe also im Traume meine Patientin durch ihre 
Freundin ersetzt. Jetzt erinnere ich mich, ich habe oft mit der Ver- 
mutung gespielt, diese Dame könnte mich gleichfalls in Anspruch 
nehmen, sie von ihren Symptomen zu befreien. Ich hielt es aber 
dann selbst für unwahrscheinlich, denn sie ist von sehr zurückhalten- 
der Natur. Sie sträubt sich, wie es der Traum zeigt. Eine andere 
Erklärung wäre, daß sie es nicht nötig hat; sie hat sich wirklich 
bisher stark genug gezeigt, ihre Zustände ohne fremde Hilfe zu be- 
herrschen. Nun sind nur noch einige Züge übrig, die ich weder bei 
Irma noch bei ihrer Freundin unterbringen kann: bleich, gedunsen, 
falsche Zähne. Die falschen Zähne f ülirten mich ;auf jene Gouvernante ; 
ich fühle mich nun geneigt, mich mit schlechten Zähnen zu begnügen. 
Dann fällt mir eine andere Person ein, auf welche jene Züge an- 
spielen können. Sie ist gleichfalls nicht meine Patientin und ich 
möchte sie nicht zur Patientin haben, da ich gemerkt habe, daß sie 
sich vor mir geniert und ich sie für keine gefügige Kranke halte. Sie 
ist für gewöhnlich bleich und als sie einmal eine besonders gute 
Zeit hatte, war sie gedunsen*). Ich habe also meine Patientin Irma 
mit zwei anderen Personen verglichen, die sich gleichfalls der Be- 

*) Auf diese dritte Person läßt sich auch die noch unaufgeklärte Klage 
über Schmerzen im Leibe zurückführen. Es handelt sich natürlich um meine 
eigene Frau; die Leibschmerzen erinnern mich an einen der Anlässe, bei denen 
ihre Scheu mir deutlich wurde. Ich muß mir eingestehen, daß ich Irma und 
meine Frau in diesem Traume nicht sehr -liebenswürdig behandle, aber zu meiner 
Entschuldigung sei bemerkt, daß ich beide am Ideal der braven, gefügigen 
Patientin messe. 



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Analyse des Traumes von Irmas Injektion. 85 

handhmg sträuben würden. Was kann es für Sinn haben, daß ich sie 
im Traume mit ihrer Freundin vertauscht habe? Etwa, daß ich sie 
vertauschen möchte; die andere erweckt entweder bei mir stärkere 
Sympathien oder ich habe eine höhere Meinung* von ihrer Intelligenz. 
Ich halte nämlich Irma für uiiklug, weil sie meine Lösung nicht 
akzeptiert. Die andere wäre klüger, würde also eher nachgeben. Der 
Mund geht dann auch gut auf; sie würde mehr erzählen als 
Irma*). 

Was ich im Halse sehe: einen weißen Fleck und ver- 
schorfte Nasenmuscheln. 

Der weiße Fleck erinnert an Diphtheritis und somit an Irmas 
Freundin, außerdem aber an die schwere Erkrankung meiner ältesten 
Tochter vor nahezu zwei Jahren und an all den Schreck jener bösen 
Zeit Die Schorfe an den Nasenmuscheln mahnen an eine Sorge um 
meine eigene Gesundheit. Ich gebrauchte damals häufig Kokain, um 
lästige Nasenschwellungen zu unterdrücken, und hatte vor wenigen 
Tagen gehört, daß eine Patientin, die es mir gleich tat, sich eine 
ausgedehnte Nekrose der Nasenschleimhaut zugezogen hatte. Die 
Empfehlung des Kokains, die 1885 von mir ausging, hat mir auch 
schwerwiegende Vorwürfe eingetragen. Ein teurer, 1895 schon ver- 
storbener Freund hatte durch den Mißbrauch dieses Mittels seinen 
Untergang beschleunigt. 

Ich rufe schnell Dr. M. hinzu, der die Untersuchung 
wiederholt. 

Das entspräche einfach der Stellung, die M. unter uns einnahm. 
Aber das „schnell" ist auffäJlig genug, um eine besondere Erklärung 
zu fordern. Es erinnert mich an ein trauriges ärztliches Erlebnis. 
Ich hatte einmal durch die fortgesetzte Ordination eines Mittels, 
welches damals noch als harmlos galt (Sulfonal), eine schwere Intoxi- 
kation bei einer Kranken hervorgerufen und wandte mich dann eiligst 
an den erfahrenen älteren Kollegen um Beistand. Daß ich diesen 
Fall wirklich im Auge habe, wird durch einen Nebenumstand er- 
härtet Die Kranke, welche der Intoxikation erlag, führte denselben 
Namen wie meine älteste Tochter. Ich hatte bis jetzt niemals daran 
gedacht; jetzt kommt es mir beinahe wie eine Schicksalsvergeltung 
vor. Als sollte sich die Ersetzung der Personen in anderem Sinne 
hier fortsetzen; diese Mathilde für jene Mathilde; Aug' um Aug', 
Zahn um Zahn. Es ist, als ob ich alle Gelegenheiten hervorsuchte, 
aus denen ich mir den Vorwurf mangelnder ärztlicher Gewissenhaftig- 
keit machen kann. 



*) Ich ahne, daß die Deutung dieses Stückes nicht weit genug geführt ist, 
um allem verborgenen Sinne zu folgen. Wollte ich die Vergleichung der drei 
Frauen fortsetzen, so käme ich weit ab. — Jeder Traum hat mindestens eine 
Stelle, an welcher er unergründlich ist, gleichsam einen Nabel, durch den er 
mit dem Unerkannten zusammenhängt. 



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86 IL Die Methode der Traumdeutung. 

Dr. M. ist bleich, ohne Bart am Kinn und hinkt 

Davon ist soviel richtig, daß sein schlechtes Aussehen häufig 
die Sorge seiner Freunde erweckt. Die beiden anderen Charaktere 
müssen einer anderen Person angehören. Es fällt mir mein im Aus- 
land lebender älterer Bruder ein, der das Kinn rasiert trägt und dem, 
wenn ich mich recht erinnere, der M. des Traumes im ganzen ähnlich 
sah. Über ihn kam vor einigen Tagen die Nachricht, daß er wegen 
einer arthritischen Erkrankung in der Hüfte hinke. Es muß einen 
Grund haben, daß ich die beiden Personen im Traume zu einer 
einzigen verschmelze. Ich erinnere mich wirklich, daß ich gegen 
beide aus ähnlichen Gründen mißgestimmt war. Beide hatten einen 
gewissen Vorschlag, den ich ihnen in der letzten Zeit gemacht hatte, 
zurückgewiesen. 

Freund Otto steht jetzt bei der Kranken und Freund 
Leopold untersucht sie und weist eine Dämpfung links un- 
ten nach. 

Freund Leopold ist gleichfalls Arzt, ein Verwandter von Otto. 
Das Schicksal hat die beiden, da sie dieselbe Spezialität ausüben, zu 
Konkurrenten gemacht, die man beständig miteinander vergleicht. 
Sie haben mir beide Jahre hindurch assistiert, als ich noch eine 
öffentliche Ordination für nervenkranke Kinder leitete. Szenen wie 
die im Traume reproduzierte haben sich dort oftmals zugetragen. 
Während ich mit Otto über die Diagnose eines Falles debattierte, 
hatte Leopold das Kind neuerdings untersucht und einen unerwarteten 
Beitrag zur Entscheidung beigebracht. Es bestand eben zwischen 
ihnen eine ähnliche Charakterverschiedenheit wie zwischen dem In- 
spektor Bräsig und seinem Freunde Karl. Der eine tat sich durch 
„Fixigkeit" hervor, der andere war langsam, bedächtig, aber gründ- 
lich. Wenn ich im Traume Otto und den vorsichtigen Leopold ein- 
ander gegenüberstelle, so geschieht es offenbar, um Leopold heraus- 
zustreichen. Es ist ein ähnliches Vergleichen wie oben zwischen der 
unfolgsamen Patientin Irma und ihrer für klüger gehaltenen Freun- 
din. Ich merke jetzt auch eines der Geleise, auf denen sich die 
Gedankenverbindung im Traume fortschiebt : vom kranken Kinde zum 
Kinderkrankeninstitut. — Die Dämpf ung, links unten macht mir 
den Eindruck, als entspräche sie allen Details eines einzelnen Falles, 
in dem mich Leopold durch seine Gründlichkeit frappiert hat. Es 
schwebt mir außerdem etwas vor wie eine metastatische Affektion, 
aber es könnte auch eine Beziehung zu der Patientin sein, die ich 
an Stelle von Irma haben möchte. Diese Dame imitiert nämlich, 
soweit ich es übersehen kann, eine Tuberkulose. 

Eine infiltrierte Hautpartie an der linken Schulter. 

Ich weiß sofort, das ist mein eigener Schulterrheumatismus, den 
ich regelmäßig verspüre, wenn ich bis tief in die Nacht wach geblieben 
bin. Der Wortlaut im Traume klingt auch so zweideutig: was ich 



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Analyse des Traumes von Irmas Injektion. 87 

.... wie er spüre. Am eigenen Körper spüre, ist gemeint. Übrigens 
fällt mir auf, wie ungewöhnlich die Bezeichnung „infiltrierte Haut- 
partie' 4 klingt. An die „Infiltration links hinten oben" sind wir 
gewöhnt; die bezöge sich auf die Lunge und somit wieder auf 
Tuberkulose. 

Trotz des Kleides. Das ist allerdings nur eine Einschaltung. 
Die Kinder im Krankeninstitut untersuchten wir natürlich entkleidet; 
es ist irgend ein Gegensatz zur Art, wie man erwachsene weibliche 
Patienten untersuchen muß. Von einem hervorragenden Kliniker 
pflegte man zu erzählen, daß er seine Patienten nur durch die Kleider 
physikalisch untersucht habe. Das Weitere ist mir dunkel, ich habe, 
offen gesagt, keine Neigung, mich hier tiefer einzulassen. 

Dr. M. sagt: Es ist eine Infektion, aber es macht 
nichts. Es wird noch Dysenterie hinzukommen und das 
Gift sich ausscheiden. 

Das erscheint mir zuerst lächerlich, muß aber doch, wie alles 
andere, sorgfältig zerlegt werden. Näher betrachtet, zeigt es doch 
eine Art von Sinn. Was ich an der Patientin gefunden habe, war ^ 
eine lokale Diphtheritis. Aus der Zeit der Erkrankung meiner' 
Tochter erinnere ich mich an die Diskussion über Diphtheritis und 
Diphtherie. Letztere ist die Allgemeininfektion, die von der lokalen 
Diphtheritis ausgeht. Eine solche Allgemeininfektion weist Leopold 
durch die Dämpfung nach, welche also an metastatische Herde den- 
ken läßt. Ich glaube zwar, daß gerade bei Diphtherie derartige 
Metastasen nicht vorkommen. Sie erinnern mich eher an Pyämie. 

Es macht nichts, ist ein Trost. Ich meine, er fügt sich 
folgendermaßen ein: Das letzte Stück des Traumes hat den Inhalt 
gebracht, daß die Schmerzen der Patientin von einer schweren orga- 
nischen Affektion herrühren. Es ahnt mir, daß ich auch damit nur 
die Schuld von mir abwälzen will. Für den Portbestand diphtheri- 
scher Leiden kann die psychische Kur nicht verantwortlich gemacht 
werden. Nun geniert es mich doch, daß ich Irma ein so schweres 
Leiden andichte, einzig und allein, um mich zu entlasten. Es sieht 
so grausam aus. Ich brauche also eine Versicherung des guten Aus- 
ganges und es scheint mir nicht übel gewählt, daß ich den Trost 
gerade der Person des Dr. M. in den Mund lege. Ich erhebe mich 
aber hier über den Traum, was der Aufklärung bedarf. 

Warum ist dieser Trost aber so unsinnig? 

Dysenterie: Irgend eine fernliegende theoretische Vorstellung, 
daß Krankheitsstoffe durch den Darm entfernt werden können. Will 
ich mich damit über den Reichtum des Dr. M. an weit hergeholten 
Erklärungen, sonderbaren pathologischen Verknüpfungen lustig ma- 
chen? Zu Dysenterie fällt mir noch etwas anderes ein. Vor einigen 
Monaten hatte ich einen jungen Mann mit merkwürdigen Stuhl- 
beschwerden übernommen, den andere Kollegen als einen Fall von 



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88 II. Die Methode der Traumdeutung. 

„Anämie mit Unterernährung" behandelt hatten. Ich erkannte, daß 
es sich um eine Hysterie handle, wallte meine Psychotherapie nicht 
an ihm versuchen und schickte ihn auf eine Seereise. Nun bekam 
ich vor einigen Tagen einen verzweifelten Brief von ihm aus Ägypten, 
daß er dort einen neuen Anfall durchgemacht, den der Arzt für 
Dysenterie erklärt habe. Ich vermute zwar, die Diagnose ist nur ein 
Irrtum des unwissenden Kollegen, der sich von der Hysterie äffen 
läßt; aber ich konnte mir doch die Vorwürfe nicht ersparen, daß ich 
den Kranken in die Lage versetzt, sich zu seiner hysterischen Darm- 
affektion etwa noch eine organische zu holen. Dysenterie klingt 
ferner an Diphtherie an, welcher Name fft im Traume nicht ge- 
nannt wird. 

Ja, es muß so sein, daß ich mich mit der tröstlichen Prognose: 
Es wird noch Dysenterie hinzukommen usw. über Dr. M. lustig 
mache, denn ich entsinne mich, daß er mir einmal vor Jahren etwas 
ganz Ähnliches von einem anderen Kollegen lachend erzählt hat. Er 
war zur Konsultation mit diesem Kollegen bei einem schwer Kranken 
berufen worden und fühlte sich veranlaßt, dem anderen, der sehr 
hoffnungsfreudig schien, vorzuhalten, daß er beim Patienten Eiweiß 
im Harne finde. Der Kollege ließ sich aber nicht irre machen, 
sondern antwortete beruhigt: Das macht nichts, Herr Kollege, 
der Eiweiß wird sich schon ausscheiden! — Es ist mir also nicht 
mehr zweifelhaft, daß in diesem Stück des Traumes ein Hohn auf die 
der Hysterie unwissenden Kollegen enthalten ist. Wie zur Bestätigung 
fährt mir jetzt durch den Sinn: Weiß denn Dr. M., daß die Er- 
scheinungen bei seiner Patientin, der Freundin Irmas, welche eine 
Tuberkulose befürchten lassen, auch auf Hysterie beruhen? Hat er 
diese Hysterie erkannt oder ist er ihr „aufgesessen"? 

Welches Motiv kann ich aber haben, diesen Freund so schlecht 
zu behandeln? Das ist sehr einfach: Dr. M. ist mit meiner „Lösung" 
bei Irma so wenig einverstanden wie Irma selbst. Ich habe also in 
diesem Traume bereits an zwei Personen Rache genommen, an Irma 
mit den Worten: Wenn du noch Schmerzen hast, ist es deine eigene 
Schuld, und an Dr. M. mit dem Wortlaute der ihm in den Mund 
gelegten unsinnigen Tröstung. 

Wir wissen unmittelbar, woher die Infektion rührt. 
Dies unmittelbare Wissen im Traume ist sehr merkwürdig. Eben 
vorhin wußten wir es noch nicht, da die Infektion erst durch Leopold 
nachgewiesen wurde. 

Freund Otto hat ihr, als sie sich unwohl fühlte, eine 
Injektion gegeben. Otto hatte wirklich erzählt, daß er in der 
kurzen Zeit seiner Anwesenheit bei Irmas Familie ins benachbarte 
Hotel geholt wurde, um dort jemandem, der sich plötzlich unwohl 
fühlte, eine Injektion zu machen. Die Injektionen erinnern mich 
wieder an den unglücklichen Freund, der sich mit Kokain vergiftet 
hat. Ich habe ihm das Mittel nur zur internen Anwendung während 



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Analyse des Traumes von Irmas Injektion. 89 

der Morphiumentziehung geraten; er machte sich aber unverzüglich 
Kokaininjektionen. 

Mit einem Propylpräparat .... Propylen .... Pro- 
pionsäure. Wie komme ich nur dazu? Am selben Abend, nach 
welchem ich an der Krankengeschichte geschrieben und darauf ge- 
träumt hatte, öffnete meine IVau eine Flasche Likör, auf welcher 
„Ananas"*) zu lesen stand und die ein Geschenk unseres Freundes 
Otto war. Er hat nämlich die Gewohnheit, bei allen möglichen An- 
lässen zu schenken ; hoffentlich wird er einmal durch eine Frau davon 
kuriert**). Diesem Likör entströmte ein solcher Fuselgeruch, daß ich 
mich weigerte, davon zu kosten. Meine Frau meinte: Diese Flasche 
schenken wir den Dienstleuten und ich, noch vorsichtiger, untersagte 
es mit der menschenfreundlichen Bemerkung, sie sollen sich auch 
nicht vergiften. Der Fuselgeruch (Amyl . . .) hat nun offenbar bei 
mir die Erinnerimg an die ganze Reihe: Propyl, Methyl usw. ge- 
weckt, die für den Traum die Propylenpräparate lieferte. Ich habe 
dabei allerdings eine Substitution vorgenommen, Propyl geträumt, 
nachdem ich Amyl gerochen, aber derartige Substitutionen sind viel- 
leicht gerade in der organischen Chemie gestattet. 

Trimethylamin. Von diesem Körper sehe ich im Traume 
die chemische Formel, was jedenfalls eine große Anstrengung meines 
Gedächtnisses bezeugt, und zwar ist die Formel fett gedruckt, als 
wollte man aus dem Kontext etwas als ganz besonders wichtig heraus- 
heben. Worauf führt mich nun Trimethylamin, auf das ich in 
solcher Weise aufmerksam gemacht werde? Auf ein Gespräch mit 
einem anderen Freunde, der seit Jahren um all meine keimenden 
Arbeiten weiß, wie ich um die seinigen. Er hatte mir damals 
gewisse Ideen zu einer Sexualchemie mitgeteilt und unter anderm 
erwähnt, eines der Produkte des Sexualstoffwechsels glaube er im 
Trimethylamin zu erkennen. Dieser Körper führt mich also auf die 
Sexualität, auf jenes Moment, dem ich für die Entstehung der ner- 
vösen Affektionen, welche ich heilen will, die größte Bedeutung bei- 
lege. Meine Patientin Irma ist eine jugendliche Witwe; wenn es 
mir darum zu tun ist, den Mißerfolg der Kur bei ihr zu entschul- 
digen, werde ich mich wohl am besten auf diese Tatsache berufen, 
an welcher ihre Freunde gern ändern möchten. Wie merkwürdig 
übrigens ein solcher Traum gefügt ist! Die andere, welche ich an 
Irmas Statt im Traume als Patientin habe, ist auch eine junge Witwe. 

Ich ahne, warum die Formel Trimethylamin im Traume sich 
so breit gemacht hat. Es kommt soviel Wichtiges in diesem einen 



*) „Ananas" enthält übrigens einen deutlichen Anklang an den Familien- 
namen meiner Patientin Irma. 

**) Hierin erwies sich dieser Traum nicht als prophetisch. In anderem 
Sinne behielt er Recht, denn die „ungelösten" Magenbeschwerden meiner Pa- 
tientin, an denen ich nicht Schuld haben wollte, waren die Vorläufer eines ernst- 
haften Gallensteinleidens. 



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90 II. Die Methode der Traumdeutung. 

Worte zusammen: Trimethylamin ist nicht nur eine Anspielung auf 
das übermächtige Moment der Sexualität, sondern auch auf eine 
Person, an deren Zustimmung ich mich mit Befriedigung erinnere, 
wenn ich mich mit meinen Ansichten verlassen fühle. Sollte dieser 
Freund, der in meinem Leben eine so große Rolle spielt, in dem 
Gedankenzusammenhang des Traumes weiter nicht vorkommen ? Doch ; 
er ist ein besonderer Kenner der Wirkungen, welche von Affektionen 
der Nase und ihren Nebenhöhlen ausgehen, und hat der Wissenschaft 
einige höchst merkwürdige Beziehungen der Nasenmuscheln zu den 
weiblichen Sexualorganen eröffnet. (Die drei krausen Gebilde im 
Halse bei Irma.) Ich habe Irma von ihm untersuchen lassen, ob ihre 
Magenschmerzen etwa nasalen Ursprunges sind. Er leidet aber selbst 
an Naseneiterungen, die mir Sorge bereiten, und darauf spielt wohl 
die Pyämie an, die mir bei den Metastasen des Traumes vorschwebt. 

Man macht solche Injektionen nicht so leichtfertig. 
Hier wird der Vorwurf der Leichtfertigkeit unmittelbar gegen Freund 
Otto geschleudert. Ich glaube, etwas Ähnliches habe ich mir am 
Nachmittag gedacht, als er durch Wort und Blick seine Parteinahme 
gegen mich zu bezeugen schien. Es war etwa: Wie leicht er sich 
beeinflussen läßt; wie leicht er mit seinem Urteile fertig wird. — 
Außerdem deutet mir der obenstehende Satz wiederum auf den ver- 
storbenen Freund, der sich so rasch zu Kokaininjektionen entschloß. 
Ich hatte Injektionen mit dem Mittel, wie gesagt, gar nicht beab- 
sichtigt. Bei dem Vorwurfe, den ich gegen Otto erhebe, leichtfertig 
mit jenen chemischen Stoffen umzugehen, merke ich, daß ich wieder 
die Geschichte jener unglücklichen Mathilde berühre, aus der der- 
selbe Vorwurf gegen mich hervorgeht. Ich sammle hier offenbar 
Beispiele für meine Gewissenhaftigkeit, aber auch fürs Gegenteil. 

Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein. Noch 
ein Vorwurf gegen Otto, der aber anderswoher stammt Gestern 
traf ich zufällig den Sohn einer 82 jährigen Dame, der ich täglich 
zwei Morphiuminjektionen geben muß. Sie ist gegenwärtig auf dem 
Lande und ich hörte über sie, daß sie an einer Venenentzündung 
leide. Ich dachte sofort daran, es handle sich um ein Infiltrat 
durch Verunreinigung der Spritze. Es ist mein Stolz, daß ich ihr 
in zwei Jahren nicht ein einziges Infiltrat gemacht habe; es ist 
freilich meine beständige Sorge, ob die Spritze auch rein ist Ich 
bin eben gewissenhaft. V on der Venenentzündung komme ich wieder 
auf meine Frau, die in einer Schwangerschaft an Venenstauunsjen 
gelitten, und nun tauchen in meiner Erinnerung drei ähnliche Situ- 
ationen, mit meiner Frau, mit Irma und der verstorbenen Mathilde 
auf, deren Identität mir offenbar das Recht gegeben hat, die drei 
Personen im Traume füreinander einzusetzen. 



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Bedeutung des Traumes von Irmas Injektion. 91 

Ich habe nun die Traumdeutung vollendet*). Während dieser 
Arbeit hatte ich Mühe, mich all der Einfälle zu erwehren, zu denen 
der Vergleich zwischen dem Trauminhalt und den dahinter versteckten 
Traumgedanken die Anregung geben mußte. Auch ist mir unterdes 
der „Sinn" des Traumes aufgegangen. Ich habe eine Absicht gemerkt, 
welche durch den Traum verwirklicht wird, und die das Motiv des 
Träumens gewesen sein muß. Der Traum erfüllt einige Wünsche, 
welche durch die Ereignisse des letzten Abends (die Nachricht Ottos, 
die Niederschrift der Krankengeschichte) in mir rege gemacht worden 
sind. Das Ergebnis des Traumes ist nämlich, daß ich nicht schuld 
bin an dem noch vorhandenen Leiden Irmas, und daß Otto daran 
schuld ist. Nun hat mich Otto durch seine Bemerkung über Irmas 
unvollkommene Heilung geärgert; der Traum rächt mich an ihm, 
indem er den Vorwurf gegen ihn selbst zurückwendet. Von der Ver- 
antwortung für Irmas Befinden spricht der Traum mich frei, indem 
er dasselbe auf andere Momente (gleich eine ganze Reihe von Be- 
gründungen) zurückführt. Der Traum stellt einen gewissen Sach- 
verhalt so dar, wie ich ihn wünschen möchte; sein Inhalt ist 
also eine Wunscherfüllung, sein Motiv ein Wunsch. 

Soviel springt in die Augen. Aber auch von den Details des 
Traumes wird mir manches unter dem Gesichtspunkte der Wunsch- 
erfüllung verständlich. Ich räche mich nicht nur an Otto für seine 
voreilige Parteinahme gegen mich, indem ich ihm eine voreilige ärzt- 
liche Handlung zuschiebe (die Injektion), sondern ich nehme auch 
Rache an ihm für den schlechten Likör, der nach Fusel duftet, 
und ich finde im Traume einen Ausdruck, der beide Vorwürfe vereint : 
die Injektion mit einem Propylenpräparat. Ich bin noch nicht be- 
friedigt, sondern setze meine Rache fort, indem ich ihm seinen 
verläßlicheren Konkurrenten gegenüberstelle. Ich scheine damit zu 
sagen : Der ist mir lieber als du. Otto ist aber nicht der einzige, der 
die Schwere meines Zornes zu fühlen hat. Ich räche mich auch 
an der unfolgsamen Patientin, indem ich sie mit einer klügeren, 
gefügigeren vertausche. Ich lasse auch dem Dr. M. seinen Wider- 
spruch nicht ruhig hingehen, sondern drücke ihm in einer deutlichen 
Anspielung meine Meinung aus, daß er der Sache als ein Unwissen- 
der gegenübersteht („es wird Dysenterie hinzutreten usw."). Ja, mir 
scheint, ich appelliere von ihm weg an einen anderen, Besserwissen- 
den (meinen Freund, der mir vom Trimethylamin erzählt hat), 
wie ich von Irma an ihre Freundin, von Otto an Leopold mich 
gewendet habe. Schafft mir diese Personen weg, ersetzt sie mir 
durch drei andere meiner Wahl, dann bin ich der Vorwürfe ledig, 
die ich nicht verdient haben will! Die Grundlosigkeit dieser Vor- 
würfe selbst wird mir im Traume auf die weitläufigste Art erwiesen. 



*) Wenn ich auch, wie begreiflich, nicht alles mitgeteilt habe, was mir 
zur Deutungsarbeit eingefallen ist. 



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92 II. Die Methode der Traumdeutung. 

Irmas Schmerzen fallen nicht mir zur Last, denn sie ist selber schuld 
an ihnen, indem sie meine Lösung anzunehmen verweigert. Irmas 
Schmerzen gehen mich nichts an, denn sie sind organischer Natur, 
durch eine psychische Kur gar nicht heilbar. Irmas Leiden erklären 
sich befriedigend durch ihre Witwenschaft (Trimethylamin !), woran 
ich ja nichts ändern kann. Irmas Leiden ist durch eine unvor- 
sichtige Injektion von Seite Ottos hervorgerufen worden mit einem 
dazu nicht geeigneten Stoff, wie ich sie nie gemacht hätte. Irmas 
Leiden rührt von einer Injektion mit unreiner Spritze her wie die 
Venenentzündung meiner alten Dame, während ich bei meinen 
Injektionen niemals etwas anstelle. Ich merke zwar, diese Er- 
klärungen für Irmas Leiden, die darin zusammentreffen, mich zu 
entlasten, stimmen untereinander nicht zusammen, ja sie schließen 
einander aus. Das ganze Plaidoyer — nichts anderes ist dieser 
Traum — erinnert lebhaft an die Verteidigung des Mannes, der von 
seinem Nachbar angeklagt war, ihm einen Kessel in schadhaftem 
Zustand zurückgegeben zu haben. Erstens habe er ihn unversehrt 
zurückgebracht, zweitens war der Kessel schon durchlöchert, wie er 
ihn entlehnte, drittens hatte er nie einen Kessel vom Nachbar ent- 
lehnt. Aber um so besser; wenn nur eine dieser drei Verteidigungs- 
arten stichhaltig erkannt wird, muß der Mann freigesprochen werden. 
Es spielen in den Traum noch andere Themata hinein, deren 
Beziehung zu meiner Entlastung von Irmas Krankheit nicht so durch- 
sichtig ist: Die Krankheit meiner Tochter und die einer gleich- 
namigen Patientin, die Kokainschädlichkeit, die Affektion meines in 
Ägypten reisenden Patienten, die Sorge um die Gesundheit meiner 
Frau, meines Bruders, des Dr. M., meine eigenen Körperbeschwerden, 
die Sorge um den abwesenden Freund, der an Naseneiterungen 
leidet. Doch wenn ich all das ins Auge fasse, fügt es sich zu einem 
einzigen Gedankenkreis zusammen, etwa mit der Etikette: Sorge 
um die Gesundheit, eigene und fremde, ärztliche Gewissenhaftigkeit. 
Ich erinnere mich an eine unklare peinliche Empfindung, als mir 
Otto die Nachricht von Irmas Befinden brachte. Aus dem im Traume 
mitspielenden Gedankenkreis möchte ich nachträglich den Ausdruck 
für diese flüchtige Empfindung einsetzen. Es ist, als ob er mir ge- 
sagt hätte: Du nimlmst deine ärztlichen Pflichten nicht ernsthaft genug, 
bist nicht gewissenhaft, hältst nicht, was du versprichst. Daraufhin 
hätte sich mir jener Gedankenkreis zur Verfügung gestellt, damit 
ich den Nachweis erbringen könne, in wie hohem Grade ich ge- 
wissenhaft bin, wie sehr mir die Gesundheit meiner Angehörigen, 
Freunde und Patienten am Herzen liegt. Bemerkenswerterweise sind 
unter diesem Gedankenmaterial auch peinliche Erinnerungen, die 
eher für die meinem Freunde Otto zugeschriebene Beschuldigung als 
für meine Entschuldigung sprechen. Das Material ist gleichsam un- 
parteiisch, aber der Zusammenhang dieses breiteren Stoffes, auf dem 
der Traum ruht, mit dem engeren Thema des Traumes, aus dem 



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( 



Der Traum als Wunscherfüllung. 93 

der Wunsch hervorgegangen ist, an Irmas Krankheit unschuldig zu 
sein, ist doch unverkennbar. 

Ich will nicht behaupten, daß ich den Sinn dieses Traumes 
vollständig aufgedeckt habe, daß seine Deutung eine lückenlose ist. 

Ich könnte noch lange bei ihm verweilen, weitere Aufklärungen 
aus ihm entnehmen und neue Rätsel erörtern, die er auf werfen 
heißt. Ich kenne selbst die Stellen, von denen aus weitere Gedanken- 
zusammenhänge zu verfolgen sind; aber Rücksichten, wie sie bei 
jedem eigenen Traume in Betracht kommen, halten mich von der 
Deutungsarbeit ab. Wer mit dem Tadel für solche Reserve rasch 
bei der Hand ist, der möge nur selbst versuchen, aufrichtiger zu 
sein als ich. Ich begnüge mich für den Moment mit der einen neu 
gewonnenen Erkenntnis: Wenn man die hier angezeigte Methode 
der Traumdeutung befolgt, findet man, daß der Traum wirklich 
einen Sinn hat und keineswegs der Ausdruck einer zerbröckelten Hirn- 
tätigkeit ist, wie die Autoren wollen. Nach vollendeter Deu- 
tungsarbeit läßt sich der Traum als eine Wunscherfüllung 
erkennen. 



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III. 

Der Traum ist eine Wunscherfüllung. 

Wenn man einen engen Hohlweg passiert hat und plötzlich auf 
einer Anhöhe angelangt ist, von welcher aus die Wege sich teilen 
und die reichste Aussicht nach verschiedenen Richtungen sich öffnet, 
darf man einen Moment lang verweilen und überlegen, wohin man 
zunächst sich wenden soll. Ähnlich ergeht es uns, nachdem wir 
diese erste Traumdeutung überwunden haben. Wir stehen in der 
Klarheit einer plötzlichen Erkenntnis. Der Traum ist nicht ver- 
gleichbar dem unregelmäßigen Ertönen eines musikalischen Instru- 
mentes, das anstatt von der Hand des Spielers von dem Stoß einer 
äußeren Gewalt getroffen wird, er ist nicht sinnlos, nicht absurd, setzt 
nicht voraus, daß ein Teil unseres Vorstellungsschatzes schläft, wäh- 
rend ein anderer zu erwachen beginnt. Er ist ein vollgültiges psychi- 
sches Phänomen, und zwar eine Wunscherfüllung; er ist einzureihen 
in den Zusammenhang der uns verständlichen seelischen Aktionen des 
Wachens; eine hoch komplizierte intellektuelle Tätigkeit hat ihn 
aufgebaut. Aber eine Fülle von Fragen bestürmt uns im gleichen 
Moment, da wir uns dieser Erkenntnis freuen wollen. Wenn der 
Traum laut Angabe der Traumdeutung einen erfüllten Wunsch dar- 
stellt, woher rührt die auffällige und befremdende Form, in welcher 
diese Wunscherfüllung ausgedrückt ist? Welche Veränderung ist 
mit den Traumgedanken vorgegangen, bis sich aus ihnen der manifeste 
Traum, wie wir ihn beim Erwachen erinnern, gestaltete ? Auf welchem 
Wege ist diese Veränderung vor sich gegangen? Woher stammt das 
Material, das zum Traume verarbeitet worden ist? Woher rühren 
manche der Eigentümlichkeiten, die wir an den Traumgedanken 
bemerken konnten, wie z. B., daß sie einander widersprechen 
dürfen? (Die Analogie mit dem Kessel, p. 92,) Kann der Traum 
uns etwas Neues über unsere inneren psychischen Vorgänge lehren, 
kann sein Inhalt Meinungen korrigieren, an die wir tagsüber ge- 
glaubt haben? Ich schlage vor, alle diese Fragen einstweilen beiseite 
zu lassen und einen einzigen Weg weiter zu verfolgen. Wir haben er- 
fahren, daß der Traum einen Wunsch als erfüllt darstellt. Unser 
nächstes Interesse soll es sein, zu erkunden, ob dies ein allgemeiner 
Charakter des Traumes ist oder nur der zufällige Inhalt jenes Traumes 



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Beqaemlichkeitetr&ume. 95 

(„von Irmas Injektion"), mit dem unsere Analyse begonnen hat, 
denn selbst wenn wir uns darauf gefaßt machen, daß jeder Traum 
einen Sinn und psychischen Wert hat, müssen wir noch die Möglich- 
keit offen lassen, daß dieser Sinn nicht in jedem Traume der näm- 
liche sei. Unser erster Traum war eine Wunscherfüllung; ein anderer 
stellt sich vielleicht als eine erfüllte Befürchtung heraus; ein dritter 
mag eine Eeflexion zum Inhalt haben, ein vierter einfach eine Er- 
innerung reproduzieren. Gibt es also noch andere Wunschträume oder 
gibt es vielleicht nichts anderes als Wunschträume? 

Es ist leicht zu zeigen, daß die Träume häufig den Charakter 
der Wunscherfüllung unverhüllt erkennen lassen, so daß man sich 
wundern mag, warum die Sprache der Träume nicht schon längst 
ein Verständnis gefunden hat. Da ist z. B. ein Traum, den ich mir 
beliebig oft, gleichsam experimentell, erzeugen kann. Wenn ich am 
Abend Sardellen, Oliven oder sonst stark gesalzene Speisen nehme, 
bekomme ich in der Nacht Durst, der mich weckt. Dem Erwachen 
geht aber ein Traum voraus, der jedesmal den gleichen Inhalt hat, 
nämlich daß ich trinke. Ich schlürfe Wasser in vollen Zügen, es 
schmeckt mir so köstlich, wie nur ein kühler Trunk schmecken 
kann, wenn man verschmachtet ist, und dann erwache ich und muß 
wirklich trinken. Der Anlaß dieses einfachen Traumes ist der Durst, 
den ich ja beim Erwachen verspüre. Aus dieser Empfindung geht 
der Wunsch hervor zu trinken, und diesen Wunsch zeigt mir der 
Traum erfüllt. Er dient dabei einer Punktion, die ich bald errate. 
Ich bin ein guter Schläfer, nicht gewöhnt, durch ein Bedürfnis ge- 
weckt zu werden. Wenn es mir gelingt, meinen Durst durch den 
Traum, daß ich trinke, zu beschwichtigen, so brauche ich nicht auf- 
zuwachen, um ihn zu befriedigen. Es ist also ein Bequemlichkeits- 
traum. Das Träumen setzt sich an Stelle des Handelns wie auch 
sonst im Leben. Leider ist das Bedürfnis nach Wasser, um den 
Durst zu löschen, nicht mit einem Traume zu befriedigen wie mein 
Rachedurst gegen Freund Otto und Dr. M., aber der gute Wille 
ist der gleiche. Derselbe Traum hat sich unlängst einigermaßen 
modifiziert. Da bekam ich schon vor dem Einschlafen Durst und 
trank das Wasserglas leer, das auf dem Kästchen neben meinem 
Bette stand. Einige Stunden später kam in der Nacht ein neuer 
Durstanfall, der seine Unbequemlichkeiten im Gefolge hatte. Um mir 
Wasser zu verschaffen, hätte ich aufstehen und mir das Glas holen 
müssen, welches auf dem Nachtkästchen meiner Frau stand. Ich 
träumte also zweckentsprechend, daß meine Frau mir aus einem 
Gefäße zu trinken gibt; dies Gefäß war ein etruskischer Aschen- 
krug, den ich mir von einer italienischen Reise heimgebracht und 
seither verschenkt hatte. Das Wasser in ihm schmeckte aber so 
salzig (von der Asche offenbar), daß ich erwachen mußte. Man 
merkt, wie bequem der Traum es einzurichten versteht; da Wunsch- 
erfüllung seine einzige Absicht ist, darf er vollkommen egoistisch 



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96 III. Der Traum ist eine Wunscherfüllung. 

sein. Liebe zur Bequemlichkeit ist mit Rücksicht auf andere wirk- 
lich nicht vereinbar. Die Einmengung des Ascjienkruges ist wahr- 
scheinlich wieder eine Wunscherfüllung ; es tut mir leid, daß ich dies 
Gefäß nicht mehr besitze, wie übrigens auch das Wasserglas auf 
Seiten meiner Frau mir nicht zugänglich ist. Der Aschenkrug paßt 
sich auch der nun stärker gewordenen Sensation des salzigen Ge- 
schmackes an, von der ich weiß, daß sie mich zum Erwachen zwingen 
wird*). 

Solche Bequemlichkeitsträume waren bei mir in juvenilen Jahren 
sehr häufig. Von jeher gewöhnt, bis tief in die Nacht zu arbeiten, 
war mir das zeitige Erwachen immer eine Schwierigkeit. Ich pflegte 
dann zu träumen, daß ich außer Bett bin und beim Waschtische 
stehe. Nach einer Weile konnte ich mich der Einsicht nicht ver- 
schließen, daß ich noch nicht aufgestanden bin, hatte aber doch da- 
zwischen eine Weile geschlafen. Denselben Trägheitstraum in be- 
sonders witziger Form kenne ich von einem jungen Kollegen, der 
meine Schlafneigung zu teilen scheint. Die Zimmerfrau, bei der er 
in der Nähe des Spitals wohnte, hatte den strengen Auftrag, ihn 
jeden Morgen rechtzeitig zu wecken, aber auch ihre liebe Not, wenn 
sie den Auftrag ausführen wollte. Eines Morgens war der Schlaf be- 
sonders süß. Die Frau rief ins Zimmer: Herr Pepi, stehen's auf, 
Sie müssen ins Spital. Daraufhin träumte der Schläfer ein Zimmer 
im Spital, ein Bett, in dem er lag, und eine Kopftafel, auf der zu 
lesen stand: Pepi H . . . ., cand. med., 22 Jahre. Er sagte sich 
träumend: Wenn ich also schon im Spital bin, brauche ich nicht 
erst hineinzugehen, wendete sich um und schlief weiter. Er hatte 
sich dabei das Motiv seines Träumens unverhohlen eingestanden. 

Ein anderer Traum, dessen Reiz gleichfalls während des Schlafes 
selbst einwirkt: Eine meiner Patientinnen, die sich einer ungünstig 
verlaufenen Kieferoperation hatte unterziehen müssen, sollte nach dem 
Wunsche der Ärzte Tag und Nacht einen Kühlapparat auf der kran- 
ken Wange tragen. Sie pflegte ihn aber wegzuschleudern, sobald sie 
eingeschlafen war. Eines Tageß bat man mich, ihr darüber Vorwürfe 

*) Das Tatsächliche der Durstträume war auch Weygandt bekannt, der 
p. 11 darüber äußert: „Gerade die Durstempfindung wird am präzisesten von 
allen aufgefaßt: sie erzeugt stets eine Vorstellung des Durstlöschens. — Die 
Art, wie sich der Traum das Durstlöschen vorstellt, ist mannigfaltig und wird 
nach einer naheliegenden Erinnerung spezialisiert Eine allgemeine Erscheinung 
ist auch hier, daß sich sofort nach der Vorstellung des Durstlöschens eine 
Enttäuschung über die geringe Wirkung der vermeintlichen Erfrischungen ein- 
stellt." Er übersieht aber das Allgemeingültige in der Reaktion des Traumes 
auf den Reiz. — Wenn andere Personen, die in der Naoht vom Durste befallen 
werden, erwachen, ohne vorher zu träumen, so bedeutet dies keinen Einwand 

fegen mein Experiment, sondern charakterisiert diese anderen als schlechtere 
chläfer. — Vgl. dazu Jesaias, 29, 8: „Denn gleich wie einem Hungrigen 
träumet, daß er esse, w«enn er aber aufwacht, so ist seine Seele noch leer; und wie 
einem Durstigen träumet, daß er trinke, wenn er aber aufwacht, ist er matt 
und durstig" . . . 



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Wunschträume; 97 

zu machen ; sie hatte den Apparat wiederum auf den Boden geworfen. 
Die Kranke verantwortete sich: „Diesmal kann ich wirklich nichts 
dafür; es war die Folge eines Traumes, den ich bei Nacht gehabt. 
Ich war im Traume in einer Loge in der Oper und interessierte mich 
lebhaft für die Vorstellung. Im Sanatorium aber lag der Herr Karl 
Meyer und jammerte fürchterlich vor Kopfschmerzen. Ich habe mir 
gesagt, da ich die Schmerzen nicht habe, brauche ich auch den Apparat 
nicht; darum habe ich ihn weggeworfen. Dieser Traum der armen 
Dulderin klingt wie die Darstellung einer Redensart, die sich einem 
in unangenehmen Lagen über die Lippen drängt: Ich wüßte mir 
wirklich ein besseres Vergnügen. Der Traum zeigt dieses bessere 
Vergnügen. Herr Karl Meyer, dem die Träumerin ihre Schmerzen 
zuschob, war der indifferenteste junge Mann ihrer Bekanntschaft, 
an den sie sich erinnern konnte. 

Nicht schwieriger ist es, die Wunscherfüllung in einigen anderen 
Träumen aufzudecken, die ich von Gesunden gesammelt habe. Ein 
Freund, der meine Traumtheorie kennt und sie seiner Frau mitgeteilt 
hat, sagt mir eines Tages: „Ich soll dir von meiner Frau erzählen, 
daß sie gestern geträumt hat, sie hätte die Periode bekommen. Du 
wirst wissen, was das bedeutet. " Freilich weiß ich's; wenn die junge 
Frau geträumt hat, daß sie die Periode hat, so ist die Periode aus- 
geblieben. Ich kann mir's denken, daß sie gern noch einige Zeit 
ihre Freiheit genossen hätte, ehe die Beschwerden der Mütterlichkeit 
beginnen. Es war eine geschickte Art, die Anzeige von ihrer ersten 
Gravidität zu machen. Ein anderer Freund schreibt, seine Frau habe 
unlängst geträumt, daß sie an ihrer Hemdenbrust Milchflecken be- 
merke. Dies ist auch eine Graviditätsanzeige, aber nicht mehr vom 
ersten Mal ; die junge Mutter wünscht sich, für das zweite Kind mehr 
Nahrung zu haben als seinerzeit fürs erste. 

Eine junge Frau, die Wochen hindurch bei der Pflege ihres 
infektiös erkrankten Kindes vom Verkehre abgeschnitten war, träumt 
nach glücklicher Beendigung der Krankheit von einer Gesellschaft, in 
der sich A. Daudet, Bourget, M. Prövost u. a. befinden, die 
sämtlich sehr liebenswürdig gegen sie sind und sie vortrefflich amüsie- 
ren. Die betreffenden Autoren tragen auch im Traume die Züge, 
welche ihnen ihre Bilder geben; M. Prevost, von dem sie ein 
Bild nicht kennt, sieht dem — Desinfektionsmanne gleich, der am 
Tage vorher die Krankenzimmer gereinigt und sie als erster Besucher 
nach langer Zeit betreten hatte. Man meint, den Traum lückenlos 
übersetzen zu können: Jetzt wäre es einmal Zeit für etwas Amüsan- 
teres als diese ewigen Krankenpflegen. 

Vielleicht wird diese Auslese genügen, um zu erweisen, daß man 
sehr häufig und unter den mannigfaltigsten Bedingungen Träume 
findet, die sich nur als Wunscherfüllungen verstehen lassen, und die 
ihren Inhalt unverhüllt zur Schau tragen. Es sind dies zumeist 
kurze und einfache Träume, die von den verworrenen und über- 
Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 7 



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98 ni. Der Traum ist eine Wunscherfollung. 

reichen Traumkompositionen, welche wesentlich die Aufmerksamkeit 
der Autoren auf sich gezogen haben, wohltuend abstechen. Es ver- 
lohnt sich aber, bei diesen einfachen Träumen noch zu verweilen. 
Die allereinfachsten Formen von Träumen darf man wohl bei Kindern 
erwarten, deren psychische Leistungen sicherlich minder kompliziert 
sind als die Erwachsener. Die Kinderpsychologie ist nach meiner 
Meinung dazu berufen, für die Psychologie der Erwachsenen ähn- 
liche Dienste zu leisten wie die Untersuchung des Baues oder der 
Entwicklung niederer Tiere für die Erforschung der Struktur der 
höchsten Tierklassen. Es sind bis jetzt wenig zielbewußte Schritte 
geschehen, die Psychologie der Kinder zu solchem Zwecke auszu- 
nutzen. 

Die Träume der kleinen Kinder sind häufig simple Wunsch- 
erfüllungen und dann im Gegensatze zu den Träumen Erwachsener 
gar nicht interessant. Sie geben keine Rätsel zu lösen, sind aber 
natürlich unschätzbar für den Beweis, daß der Traum seinem innersten 
Wesen nach eine Wunscherfüllung bedeutet. Bei meinem Material 
von eigenen Kindern konnte ich einige Beispiele von solchen Träu- 
men sammeln. 

Einem Ausfluge nach dem schönen Hallstatt (im Sommer 1896) 
von Aussee aus verdanke ich zwei Träume, den einen von meiner 
damals 81/2 jährigen Tochter, den anderen von einem ö 1 /* jährigen 
Knaben. Als Vorbericht muß ich angeben, daß wir in diesem Sommer 
auf einem Hügel bei Aussee wohnten, von wo aus wir bei schönem 
Wetter eine herrliche Dachsteinaussicht genossen. Mit dem Fern- 
rohre war die Simony-Hütte gut zu erkennen. Die Kleinen be- 
mühten sich wiederholt, sie durchs Fernrohr zu sehen; ich weiß 
nicht, mit welchem Erfolge. Vor der Partie hatte ich den Kindern 
erzählt, Hallstatt läge am Fuße des Dachsteins. Sie freuten sich 
sehr auf den Tag. Von Hallstatt aus gingen wir ins Escherntal, das 
mit seinen wechselnden Ansichten die Kinder sehr entzückte. Nur 
eines, der 5jährige Knabe, wurde allmählich mißgestimmt. So oft 
ein neuer Berg in Sicht kam, fragte er: Ist das der Dachstein? 
worauf ich antworten mußte: Nein, nur ein Vorberg. Nachdem sich 
diese Frage einigemal wiederholt hatte, verstummte er ganz; den 
Stufenweg zum Wasserfall wollte er überhaupt nicht mitmachen. Ich 
hielt ihn für ermüdet. Am nächsten Morgen kam er aber ganz 
selig auf mich zu und erzählte: Heute nacht habe ich geträumt, 
daß wir auf der Simony-Hütte gewesen sind. Ich verstand ihn nun; 
er hatte erwartet, als ich vom Dachstein sprach, daß er auf dem 
Ausfluge nach Hallstatt den Berg besteigen und die Hütte zu Ge- 
sicht bekommen werde, von der beim Fernrohre so viel die Rede 
war. Als er dann merkte, daß man ihm zumute, sich mit Vor- 
bergen und einem Wasserfall abspeisen zu lassen, fühlte er sich 
getäuscht und wurde verstimmt. Der Traum entschädigte ihn dafür. 
Ich versuchte Details des Traumes zu erfahren; sie waren arm- 



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Unverhüllte Wunschträume. 99 

lieh. „Man geht sechs Stunden lang auf Stufen hinauf/ 4 wie er's ge- 
hört hatte. 

Auch bei dem 8V2 jährigen Mädchen waren auf diesem Ausflüsse 
Wünsche rege geworden, die der Traum befriedigen mußte. Wir 
hatten den 12jährigen Knaben unserer Nachbarn nach Hallstatt mit- 
genommen, einen vollendeten Ritter, der, wie mir schien, sich bereits 
aller Sympathien des kleinen Frauenzimmers erfreute. Sie erzählte 
nun am nächsten Morgen folgenden Traum: Denk' dir, ich hab' ge- 
träumt, daß der Emil einer von uns ist, Papa und Mama zu euch 
sagt und im großen Zimmer mit uns schläft wie unsere Buben. Dann 
kommt die Mama ins Zimmer und wirft eine Handvoll großer Scho- 
koladestangen in blauem und grünem Papiere unter unsere Betten. 
Die Brüder, die sich also nicht kraft erblicher Übertragung auf 
Traumdeutung verstehen, erklärten ganz wie unsere Autoren: Dieser 
Traum ist ein Unsinn. Das Mädchen trat wenigstens für einen Teil 
des Traumes ein, und es ist wertvoll für die Theorie der Neurosen 
zu erfahren, für welchen: Daß der Emil ganz bei uns ist, das ist 
ein Unsinn, aber das mit den Schoko lade6tangen nicht. Mir war 
gerade das letztere dunkel. Die Mama lieferte mir hiefür die Er- 
klärung. Auf dem Wege vom Bahnhofe nach Hause hatten die 
Kinder vor dem Automaten haltgemacht und sich gerade solche 
Schokoladestangen in metallisch glänzendem Papiere gewünscht, die 
der Automat nach ihrer Erfahrung zu verkaufen hatte. Die Mama 
hatte mit Recht gemeint, jener Tag habe genug Wimscherfüllungen 
gebracht und diesen Wunsch für den Traum übrig gelassen. Mir war 
die kleine Szene entgangen. Den von meiner Tochter proskribierten 
Teil des Traumes verstand ich ohne weiteres. Ich hatte selbst ge- 
hört, wie der artige Gast auf dem Wege die Kinder aufgefordert hatte 
zu warten, bis der Papa oder die Mama nachkommen. Aus dieser 
zeitweiligen Zugehörigkeit machte der Traum der Kleinen eine dau- 
ernde Adoption. Andere Formen des Beisammenseins als die im 
Traume erwähnten, die von den Brüdern hergenommen sind, kannte 
ihre Zärtlichkeit noch nicht Warum die Schokoladestangen unter die 
Betten geworfen wurden, ließ sich ohne Ausfragen des Kindes natür- 
lich nicht aufklären. 

Einen ganz ähnlichen Traum wie den meines Knaben habe ich 
von befreundeter Seite erfahren. Er betraf ein 8 jähriges Mädchen. 
Der Vater hatte mit mehreren Kindern einen Spaziergang nach Dorn- 
bach in der Absicht unternommen, die Rohrerhütte zu besuchen, 
kehrte aber um, weil es zu spät geworden war, und versprach den 
Kindern, sie ein anderes Mal zu entschädigen. Auf dem Rückwege 
kamen sie an einer Tafel vorbei, welche den Weg zum Hameau 
anzeigt. Die Kinder verlangten nun auch aufs Hameau geführt zu 
werden, mußten sich aber aus demselben Grund wiederum auf einen 
anderen Tag vertrösten lassen. Am nächsten Morgen kam das 8 jäh- 
rige Mädchen dem Papa befriedigt entgegen: Papa, heut hab' ich 



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100 III. Der Traum ist eine Wunscherfftllung. 

geträumt, du warst mit uns bei der Rohrerhütte und auf dem 
Hameau. Ihre Ungeduld hatte also die Erfüllung des vom Papa ge- 
leisteten Versprechens im Traume antizipiert. 

Ebenso aufrichtig ist ein anderer Traum, den die landschaftliche 
Schönheit Aussees bei meinem damals 31/4 jährigen Töchterchen er- 
regt hat. Die Kleine war zum erstenmal über den See gefahren, und 
die Zeit der Seefahrt war ihr zu rasch vergangen. An der Landungs- 
stelle wollte sie das Boot nicht verlassen und weinte bitterlich. Am 
nächsten Morgen erzählte sie: Heute nacht bin ich auf dem See 
gefahren. Hoffen wir, daß die Dauer dieser Traumfahrt sie besser 
befriedigt hat. 

Mein ältester, damals 8 jähriger Knabe träumt bereits die Rea- 
lisierung seiner Phantasien. Er ist mit dem Achilleus in einem 
Wagen gefahren und der Diomedes war Wagenlenker. Er hat sich 
natürlich tags vorher für die Sagen Griechenlands begeistert, die der 
älteren Schwester geschenkt worden sind. 

Wenn man mir zugibt, daß das Sprechen aus dem Schlafe der 
Kinder gleichfalls dem Kreise des Träumens angehört, so kann ich im 
folgenden einen der jüngsten Träume meiner Sammlung mitteilen. 
Mein jüngstes Mädchen, damals 19 Monate alt, hatte eines Morgens 
erbrochen und war darum den Tag über nüchtern erhalten worden. 
In der Nacht, die diesem Hungertag folgte, hörte man sie erregt aus 
dem Schlafe rufen: Anna F.eud, Er(d)beer, Hochbeer, Eier- 
(s)peis, Papp. Ihren Namen gebrauchte sie damals, um die Besitz- 
ergreifung auszudrücken ; der Speiszettel umfaßte wohl alles, was ihr 
als begehrenswerte Mahlzeit erscheinen mußte; daß die Erdbeeren 
darin in zwei Varietäten vorkamen, war eine Demonstration gegen 
die häusliche Sanitätspolizei und hatte seinen Grund in dem von ihr 
wohl bemerkten Nebenumstand, daß die Kinderfrau ihre Indisposition 
auf allzu reichlichen Erdbeergenuß geschoben hatte ; für dies ihr un- 
bequeme Gutachten nahm sie also im Traume ihre Revanche*). 

Wenn wir die Kindheit glücklich preisen, weil sie die sexuelle 
Begierde noch nicht kennt, so wollen wir nicht verkennen, eine wie 
reiche Quelle der Enttäuschung, Entsagung und damit der Traum- 
anregung der andere der großen Lebenstriebe für sie werden kann**). 

*) Dieselbe Leistung wie bei der jüngsten Enkelin vollbringt dann der 
Traum kurz nachher bei der Großmutter, deren Alter das des Kindes ungefähr zu 
70 Jahren ergänzt Nachdem sie einen Tag lang durch die Unruhe ihrer Wander- 
niere zum Hungern gezwungen war, träumt sie dann, offenbar mit Versetzung 
in die glückliche Zeit des blühenden Mädchentums, daß sie für beide Hauptmahl- 
zeiten „ausgebeten", zu Gast geladen ist, und jedesmal die kostlichsten Bissen 
vorgesetzt bekommt. 

**) Eingehendere Beschäftigung mit dem Seelenleben der Kinder belehrt 
uns freilich, daß sexuelle Triebkräfte in infantiler Gestaltung in der psychi- 
schen Tätigkeit des Kindes eine genügend große, nur zu lange übersehene Rolle 
spielen, und läßt uns an dem Glücke der Kindheit, wie die Erwachsenen es 
späterhin konstruieren, einigermaßen zweifeln. (Vgl. des Verfassers „Drei Ab- 
handlungen zur Sexualtheorie 1905 und 2. Aufl. 1910.) 



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Wunschtrftume kleiner Kinder. 101 

Hier ein zweites Beispiel dafür. Mein 22 monatiger Neffe hat zu 
meinem Geburtstage die Aufgabe bekommen, mir zu gratulieren und 
als Geschenk ein Körbchen mit Kirschen zu überreichen, die um 
diese Zeit des Jahres noch zu den Primeurs zählen. Es scheint ihm 
hart anzukommen, denn er wiederholt unaufhörlich : Kirschen sind 
d(r)in, und ist nicht zu bewegen, das Körbchen aus den Händen zu 
geben. Aber er weiß sich zu entschädigen. Er pflegte bisher jeden 
Morgen seiner Mutter zu erzählen, daß er vom „weißen Soldat" ge- 
träumt, einem Gardeoffizier im Mantel, den er einst auf der Straße 
bewunderte. Am Tag nach dem Geburtstagsopfer erwacht er freudig 
mit der Mitteilung, die nur einem Traume entstammen kann: He(r)- 
man alle Kirschen aufgessen!*) 



*) Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß sich bei kleinen Kindern bald 
kompliziertere und minder durchsichtige Träume einzustellen pflegen, und daß 
anderseits Träume von so einfachem infantilen Charakter unter Umständen auch 
bei Erwachsenen häufig vorkommen. Wie reich an ungeahntem Inhalt Träume 
von Kindern im Alter von vier bis fünf Jahren bereits sein können, zeigen die 
Beispiele in meiner „Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben" (Jahrbuch 
von Bleuler-Freud L, 1909) und in Jungs „Über Konflikte der kindlichen 
Seele" (ebenda IL Bd., 1910). Analytisch gedeutete Kinderträume siehe noch 
bei v. Hug-Hellmtith, Putnam, Raalte, Spielrein, Tausk; andere bei 
Banchieri, Busemann, Doglia und besonders bei Wigam, der die Wunsch- 
erfüllungstendenz derselben betont. Anderseits scheinen sich bei Erwachsenen 
Träume vom infantilen Typus besonders häufig wieder einzustellen, wenn sie unter 
ungewöhnliche Lebensbedingungen versetzt werden. So berichtet Otto Norden- 
skjöld in seinem Buche „Antarctic" 1904 über die mit ihm überwinterte 
Mannschaft (Bd. I, p. 336): „Sehr bezeichnend für die Richtung unserer inner- 
sten Gedanken waren unsere Träume, die nie lebhafter und zahlreicher waren 
als gerade jetzt. Selbst diejenigen unserer Kameraden, die sonst nur ausnahms- 
weise träumten, hatten jetzt des Morgens, wenn wir unsere letzten Erfahrungen 
aus dieser Phantasiewelt miteinander austauschten, lange Geschichten zu er- 
zählen. Alle handelten sie von jener äußeren Welt, die uns jetzt so fern lag, 
waren aber oft unseren jetzigen Verhältnissen angepaßt. Ein besonders charak- 
teristischer Traum bestand darin, daß sich einer der Kameraden auf die Schul- 
bank zurückversetzt glaubte, wo ihm die Aufgabe zu teil wurde, ganz kleinen 
Miniaturseehunden, die eigens für Unterrichtszwecke angefertigt waren, die Haut 
abzuziehen. Essen und Trinkein waren übrigens die Mittelpunkte, um die sich unsere 
Träume am häufigsten drehten. Einer von uns, der nächtlicher Weise darin exzel- 
lierte, auf große Mittagsgesellschaften zu gehen, war seelenfroh, wenn er des 
Morgens berichten konnte, ,daß er ein Diner von drei Gängen eingenommen habe 4 ; 
ein anderer träumte von Tabak, von ganzen Bergen Tabak; wieder andere von dem 
Schiff, das mit vollen Segeln auf dem offenen Wasser daherkam. Noch ein anderer 
Traum verdient der Erwähnung: Der Briefträger kommt mit der Post und gibt 
eine lange Erklärung, warum diese so lange habe auf sich warten lassen, er habe 
sie verkehrt abgeliefert und erst nach großer Mühe sei es ihm gelungen, sie 
wieder zu erlangen. Natürlich beschäftigte man sich im Schlaf mit noch un- 
möglicheren Dingen, aber der Mangel an Phantasie in fast allen Träumen, die ich 
selbst träumte oder erzählen hörte, war ganz auffallend. Es würde sicher von 
großem psychologischen Interesse sein, wenn alle diese Träume aufgezeichnet 
würden. Man wird aber leicht verstehen können, wie ersehnt der Schlaf war, 
da er uns alles bieten konnte, was ein jeder von uns am glühendsten begehrte/' 
Nach Du Prel (p. 231) zitiere ich noch: „Mungo Park, auf einer Reise in. 



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102 III Der Traum ist eine Wunscherfftllung. 

Wovon die Tiere träumen, weiß ich nicht. Ein Sprichwort, 
dessen Erwähnung ich einem meiner Hörer danke, behauptet es zu 
wissen, denn es stellt die Frage auf: Wovon träumt die Gans? 
und beantwortet sie: Vom Kukuruz (Mais)*). Die ganze Theorie, 
daß der Traum eine Wunscherfüllung sei, ist in diesen zwei Sätzen 
enthalten**). 

Wir bemerken jetzt, daß wir zu unserer Lehre von dem ver- 
borgenen Sinn des Traumes auch auf dem kürzesten Wege gelangt 
wären, wenn wir nur den Sprachgebrauch befragt hätten. Die Spruch- 
weisheit redet zwar manchmal verächtlich genug vom Traume — man 
meint, sie wolle der Wissenschaft recht geben, wenn sie urteilt: 
Träume sind Schäume — , aber für den Sprachgebrauch ist der 
Traum doch vorwiegend der holde Wunscherfüller. „Das hätt' ich 
mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt/* ruft entzückt, 
wer in der Wirklichkeit seine Erwartungen übertroffen findet 

Afrika dem Verschmachten nahe, träumte ohne Aufhören von wasserreichen 
Tälern und Auen seiner Heimat So sah sich auch der von Hunger gequälte 
Trenck in der Sternschanze zu Magdeburg von üppigen Mahlzeiten umgeben, 
und George Back, Teilnehmer der ersten Expedition Franklins, als er in- 
folge furchtbarer Entbehrungen dem Htmgertode nahe war, träumte stets und 
gleichmäßig von reichen Mahlzeiten.* 4 

■*) Ein ungarisches, von Ferenczi angezogenes Sprichwort behauptet 
vollständiger, daß „das Schwein von Eicheln, die Gans vom Mais träumt". Ein 
jüdisches Sprichwort lautet: „Wovon träumt das Huhta? — Von Hirse." (Samm- 
lung jüd. Sprichw. u. Redeinsarten, herausg. v. Bernstein, 2. Aufl., S, 1160, 
Nr. 7.) 

**) Es liegt mir fern zu behaupten, daß noch niemals ein Autor vor mir 
daran gedacht habe, einen Traum von einem Wunsch abzuleiten. (Vgl. die 
ersten Sätze des nächsten Abschnittes.) Wer auf solche Andeutungen Wert 
legt, könnte schon aus dem Altertum den unter dem ersten Ptolemäus leben- 
den Arzt Herophilos anführen, der nach Büchsenschütz (p. 33) drei Arten 
von Träumen unterschied: gottgesandte natürliche, welche entstehen, indem die 
Seele sich ein Bild dessen schafft, was ihr zuträglich ist und was eintreten wird, 
und gemischte, die von selbst durch Annäherung von Bildern entstehen, wenn 
wir das sehen, was wir wünschen. Aus der Beispielsammlung von Scher ner 
weiß J. Stärcke einen Traum hervorzuheben, der vom Autor selbst als Wunsch- 
erfüllung bezeichnet wird (p. 239). Scherner sagt: „Den wachen Wunsch der 
Träumerin erfüllte die Phantasie sofort einfach darum, weil er im Gemüte der- 
selben lebhaft bestand/* Dieser Traum steht unter den „Stimmungsträumen'*; in 
seiner Nähe befinden sich Träume für „männliches und weibliches Liebessehnen* 4 
und für „verdrießliche Stimmung**. Es ist, wie man sieht, keine Rede davon, 
daß Sc her ner dem Wünschen für den Traum eine andere Bedeutung zuschrieb 
als irgend einem sonstigen Seelenzustand des Wachens, geschweige denn, daß 
er den Wunsch mit dem Wesen des Traumes in Zusammenhang gebracht hätte. 



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Original from 
UNI VERSITYOF CALIFORNIA 



IV. 
Die Traumentstellung. 

Wenn ich nun die Behauptung aufstelle, daß Wunscherfüllung 
der Sinn eines jeden Traumes sei, also daß es keine anderen als 
Wunschträume geben kann, so bin ich des entschiedensten Wider- 
spruches im vorhinein sicher. Man wird mir entgegenhalten: „Daß 
es Träume gibt, welche als Wunscherfüllungen zu verstehen sind, 
ist nicht neu, sondern längst von den Autoren bemerkt worden. 
(Vgl. Radestock [p. 137 bis 138], Volkelt [p. 110 bis 111], Purkinje 
[p. 456], Tissiö [p. 70], M. Simon [p. 42 über die Hungerträume 
des eingekerkerten Barons Trenck] und die Stelle bei Griesinger 
[p. 111].)*) Daß es aber nichts anderes als Wunscherfüllungsträume 
geben soll, das ist wieder eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung, 
die sich aber zum Glück leicht zurückweisen läßt Es kommen doch 
reichlich genug Träume vor, welche den peinlichsten Inhalt erkennen 
lassen, aber keine Spur irgend einer Wunscherfüllung. Der pessi- 
mistische Philosoph Ed. v. Hartmann steht wohl der Wunscherfül- 
lungstheorie am fernsten. Er äußert in seiner Philosophie des Un- 
bewußten, II. Teil (Stereotypausgabe, p. 344): 

„Was den Traum betrifft, so treten mit ihm alle Plackereien 
des wachen Lebens auch in den Schlaf zustand hinüber, nur das ein- 
zige nicht, was den Gebildeten einigermaßen mit dem Leben aus- 
söhnen kann: wissenschaftlicher und Kunst-Genuß . . . ." Aber auch 
minder unzufriedene Beobachter haben hervorgehoben, daß im Traume 
Schmerz und Unlust häufiger sei als Lust, so Scholz (p. 33), Vol- 
kelt (p. 80) u. a. Ja die Damen Sarah Weed und Florence Hal- 
lam haben aus der Bearbeitung ihrer Träume einen ziffermäßigen 
Ausdruck für das Überwiegen der Unlust in den Träumen entnommen. 
Sie bezeichnen 58 o/o der Träume als peinlich und nur 28' 6 o/o als 
positiv angenehm. Außer diesen Träumen, welche die mannigfaltigen 
peinlichen Gefühle des Lebens in den Schlaf fortsetzen, gibt es auch 
Angstträume, in denen uns diese entsetzlichste aller Unlustempfin- 
dungen schüttelt, bis wir erwachen, und von solchen Angstträumen 

*) Schon der Neuplatoniker Plotin sagte: „Wenn die Begierde sich regt, 
dann kommt die Phantasie und präsentiert uns gleichsam das Objekt derselben" 
(Du Prel, p. 276). 



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104 IV. Die Traumentstellung. 

werden gerade die Kinder so leicht heimgesucht (vgl. Debacker, 
Über den Pavor nocturnus), bei denen wir die Wunschträuine un- 
verhüllt gefunden haben. 

Wirklich scheinen gerade die Angstträume eine Verallgemeine- 
rung des Satzes, den wir aus den Beispielen des vorigen Abschnittes 
gewonnen haben, der Traum sei eine Wunscherfüllung, unmöglich 
zu machen, ja diesen Satz als Absurdität zu brandmarken. 

Dennoch ist es nicht sehr schwer, sich diesen anscheinend zwin- 
genden Einwänden zu entziehen. Man wolle bloß beachten, daß unsere 
Lehre nicht auf der Würdigung des manifesten Trauminhaltes be- 
ruht, sondern sich auf den Gedankeninhalt bezieht, welcher durch die 
Deutungsarbeit hinter dem Traume erkannt wird. Stellen wir mani- 
festen und latenten Trauminhalt einander gegenüber. Es ist 
richtig, daß es Träume gibt, deren manifester Inhalt von der pein- 
lichsten Art ist. Aber hat jemand versucht, diese Träume zu deuten, 
den latenten Gedankeninhalt derselben aufzudecken ? Wenn aber nicht, 
dann treffen uns die beiden Einwände nicht mehr ; es bleibt immerhin 
möglich, daß auch peinliche und Angst-Träume sich nach der Deu- 
tung als Wunscherfüllungen enthüllen*). 

Bei wissenschaftlicher Arbeit ist es oft von Vorteil, wenn die 
Lösung des einen Problems Schwierigkeiten bereitet, ein zweites 
hinzuzunehmen, etwa wie man zwei Nüsse leichter miteinander als 
einzeln aufknackt. So stehen wir nicht nur vor der Frage: Wie 
können peinliche und Angst-Träume Wunscherfüllungen sein, son- 
dern wir können auch aus unseren bisherigen Erörterungen über den 
Traum eine zweite Frage aufwerfen: Warum zeigen die Träume 
indifferenten Inhalts, welche sich als Wunscherfüllungen ergeben, 
diesen ihren Sinn nicht unverhüllt? Man nehme den weitläufig be- 
handelten Traum von Irmas Injektion, er ist keineswegs peinlicher 
Natur, er ist durch die Deutung als eklatante Wunscherfüllung zu 
erkennen. Wozu bedarf es aber überhaupt einer Deutung? Warum 
sagt der Traum nicht direkt, was er bedeutet ? Tatsächlich macht auch 
der Traum von Irmas Injektion zunächst nicht den Eindruck, daß 

*) Es ist ganz unglaublich, mit welcher Hartnäckigkeit sich Leser und 
Kritiker dieser Erwägung verschließen und die grundlegende Unterscheidung 
von manifestem und latentem Trauminhalt unbeachtet lassen. — Keine der in 
der Literatur niedergelegten Äußerungen kommt aber dieser meiner Aufstellung 
so sehr entgegen wie eine Stelle in J. Sullys Aufsatz: „Dreams as a revelation'% 
deren Verdienst dadurch nicht geschmälert werden soll, daß ich sie erst hier 
anführe: „It would seem then, after all, that dreams are not the utter non- 
sense they have been said to be by such authorities as Chaucer, Shakespeare and 
Milton. The chaotic aggregations of our nightfancy have a significance and 
oommunicate new knowledge. Like some letter in cipher, the dream- 
inscription when scrutinised closely loses its first look of bal- 
derdash and takes on the aspect of aserious, intellegible message, 
Or, to vary the figure slightly, we mag said that, like some palimps- 
est, the dream discloses beneath its worthless surface-characters 
traces of an old and precious communication" (p. 364). 



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Der Onkeltraum. 105 

er einen Wunsch des Träumers als erfüllt darstellt Der Leser wird 
diesen Eindruck nicht bekommen haben, aber auch ich selbst wußte 
es nicht, ehe ich die Analyse angestellt hatte. Heißen wir dieses der 
Erklärung bedürftige Verhalten des Traumes: die Tatsache der 
Traumentstellung, so erhebt sich also die zweite Frage: Wovon 
rührt diese Traumentstellung her? 

Wenn man hierüber seine ersten Einfälle befragt, könnte man 
auf verschiedene mögliche Lösungen geraten, z. B. daß während des 
Schlafes ein Unvermögen bestehe, den Traumgedanken einen ent- 
sprechenden Ausdruck zu schaffen. Allein die Analyse gewisser 
Träume nötigt uns, für die Traumentstellung eine andere Erklärung 
zuzulassen. Ich will dies an einem zweiten Traume von mir selbst 
zeigen, welcher wiederum vielfache Indiskretionen erfordert, aber für 
dies persönliche Opfer durch eine gründliche Aufhellung des Problems 
entschädigt. 

Vorbericht: Im Frühjahr 1897 erfuhr ich, daß zwei Pro- 
fessoren unserer Universität mich für die Ernennung zum Prof. 
extraord. vorgeschlagen hatten. Diese Nachricht kam mir über- 
raschend und erfreute mich lebhaft als Ausdruck einer durch persön- 
liche Beziehungen nicht aufzuklärenden Anerkennung von Seite 
zweier hervorragender Männer. Ich sagte mir aber sofort, daß ich 
an dieses Ereignis keine Erwartungen knüpfen dürfe. Das Ministerium 
hatte in den letzten Jahren Vorschläge solcher Art unberücksichtigt 
gelassen, und mehrere Kollegen, die mir an Jahren voraus waren und 
an Verdiensten mindestens gleich kamen, warteten seitdem vergebens 
auf ihre Ernennung. Ich hatte keinen Grund, anzunehmen, daß es mir 
besser ergehen würde. Ich beschloß also bei mir, mich zu trösten. 
Ich bin, soviel ich weiß, nicht ehrgeizig, übe meine ärztliche Tätig- 
keit mit zufriedenstellendem Erfolge aus, auch ohne daß mich ein 
Titel empfiehlt. Es handelte sich übrigens gar nicht darum, ob ich 
die Trauben für süß oder sauer erklärte, da sie unzweifelhaft zu 
hoch für mich hingen. 

Eines Abends besuchte mich ein befreundeter Kollege, einer von 
denjenigen, deren Schicksal ich mir zur Warnung hatte dienen lassen. 
Seit längerer Zeit ein Kandidat für die Beförderung zum Professor, 
die den Arzt in unserer Gesellschaft zum Halbgott für seine Kranken 
erhebt, und minder resigniert als ich, pflegte er von Zeit zu Zeit 
seine Vorstellung in den Bureaus des hohen Ministeriums zu machen, 
um seine Angelegenheit zu fördern. Von einem solchen Besuche 
kam er zu mir. Er erzählte, daß er diesmal den hohen Herrn in 
die finge getrieben und ihn gerade heraus befragt habe, ob an dem 
Aufschub seiner Ernennung wirklich — konfessionelle Rücksichten 
die Schuld trügen. Die Antwort hatte gelautet, daß allerdings — bei 
der gegenwärtigen Strömung — Se. Exzellenz vorläufig nicht in der 
Lage sei usw. „Nun weiß ich wenigstens, woran ich bin," schloß 
mein Freund seine Erzählung, die mir nichts Neues brachte, mich 



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106 IV. Die Traumentstellung. 

aber in meiner Resignation bestärken mußte. Dieselben konfessionellen 
Rücksichten sind nämlich auch auf meinen Fall anwendbar. 

Am Morgen nach diesem Besuche hatte ich folgenden Traum, 
der auch durch seine Form bemerkenswert war. Er bestand aus 
zwei Gedanken und zwei Bildern, so daß ein Gedanke und ein Bild 
einander ablösten. Ich setze aber nur die erste Hälfte des Traumes 
hieher, da die andere mit der Absicht nichts zu tun hat, welcher die 
Mitteilung des Traumes dienen soll. 

I. Freund R. ist mein Onkel. — Ich empfinde große 
Zärtlichkeit für ihn. 

II. Ich sehe sein Gesicht etwas verändert vor mir. Es 
ist wie in die Länge gezogen, ein gelber Bart, der es um- 
rahmt, ist besonders deutlich hervorgehoben. 

Dann folgen die beiden anderen Stücke, wieder ein Gedanke 
und ein Bild, die ich übergehe. 

Die Deutung dieses Traumes vollzog sich folgendermaßen : 

Als mir der Traum im Laufe des Vormittags einfiel, lachte ich 
auf und sagte: Der Traum ist ein Unsinn. Er ließ sich aber nicht 
abtun und ging mir den ganzen Tag nach, bis ich mir endlich am 
Abend Vorwürfe machte: „Wenn einer deiner Patienten zur Traum- 
deutung nichts zu sagen wüßte als: Das ist ein Unsinn, so würdest 
du es ihm verweisen und vermuten, daß sich hinter dem Traume 
eine unangenehme Geschichte versteckt, welche zur Kenntnis zu neh- 
men er sich ersparen will. Verfahre mit dir selbst ebenso; deine 
Meinung, der Traum sei ein Unsinn, bedeutet nur einen inneren 
Widerstand gegen die Traumdeutung. Laß dich nicht abhalten." 
Ich machte mich also an die Deutung. 

„R. ist mein Onkel." Was kann das heißen? Ich habe doch nur 
einen Onkel gehabt, den Onkel Josef*). Mit dem war's allerdings 
eine traurige Geschichte. Er hatte sich einmal, es sind mehr als 
30 Jahre her, in gewinnsüchtiger Absicht zu einer Handlung ver- 
leiten lassen, welche das Gesetz schwer bestraft, und wurde dann auch 
von der Strafe betroffen. Mein Vater, der damals aus Kummer in 
wenigen Tagen grau wurde, pflegte immer zu sagen, Onkel Josef 
sei nie ein schlechter Mensch gewesen, wohl aber ein Schwachkopf; 
so drückte er sich aus. Wenn also Freund R. mein Onkel Josef ist, 
so will ich damit sagen: R. ist ein Schwachkopf. Kaum glaublich 
und sehr unangenehm I Aber da ist ja jenes Gesicht, das ich im 
Traume sehe, mit den länglichen Zügen und dem gelben Barte. Mein 
Onkel hatte wirklich so ein Gesicht, länglich von einem schönen 
blonden Barte umrahmt. Mein Freund R. war intensiv schwarz, 

*) Es ist merkwürdig, wie sich hier meine Erinnerung — im Wachen — 
für die Zwecke der Analyse einschränkt Ich habe fünf von meinen Onkeln ge- 
kannt, einsn von ihnen geliebt und geehrt In dem Augenblicke aber, da ich den 
Widerstand gegen die Traumdeutung überwunden habe, sage ich mir: Ich habe 
doch nur einen Onkel gehabt, den, der eben im Traume gemeint ist. 



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Die Deutung des Oukeltraumes. 107 

aber wenn die Schwarzhaarigen zu ergrauen anfangen, so büßen sie 
für die Pracht ihrer Jugendjahre. Ihr schwarzer Bart macht Haar 
für Haar eine unerfreuliche Farben Wanderung durch; er wird zuerst 
rotbraun, dann gelbbraun, dann erst definitiv grau. In diesem Stadium 
befindet sich jetzt der Bart meines Freundes R ; übrigens auch 
schon der meinige, wie ich mit Mißvergnügen bemerke. Das Ge- 
sicht, das ich im Traum© sehe, ist gleichzeitig das meines Freundes 
R und das meines Onkels. Es ist wie eine Mischphotographie von 
Galton, der, um Familienähnlichkeiten zu eruieren, mehrere Ge- 
sichter auf die nämliche Platte photographieren ließ. Es ist also 
kein Zweifel möglich, ich meine wirklich, daß mein Freund R ein 
Schwachkopf ist — wie mein Onkel Josef. 

Ich ahne noch gar nicht, zu welchem Zwecke ich diese Be- 
ziehung hergestellt, gegen die ich mich unausgesetzt sträuben muß. 
Sie ist doch nicht sehr tiefgehend, denn der Onkel war ein Verbrecher, 
mein Freund R ist unbescholten. Etwa bis auf die Bestrafung dafür, 
daß er mit dem Rade einen Lehrbuben niedergeworfen. Sollte ich 
diese Untat meinen? Das hieße die Vergleichung ins Lächerliche 
ziehen. Da fällt mir aber ein anderes Gespräch ein, das ich vor 
einigen Tagen mit einem anderen Kollegen N., und zwar über das 
gleiche Thema hatte. Ich traf N. auf der Straße ; er ist auch zum Pro- 
fessor vorgeschlagen, wußte von meiner Ehrung und gratulierte mir 
dazu. Ich lehnte entschieden ab. „Gerade Sie sollten sich den Scherz 
nicht machen, da Sie den Wert des Vorschlages an sich selbst erfahren 
haben." Er darauf, wahrscheinlich nicht ernsthaft: „Das kann man 
nicht wissen. Gegen mich liegt ja etwas Besonderes vor. Wissen Sie 
nicht, daß eine Person einmal eine gerichtliche Anzeige gegen mich 
erstattet hat? Ich brauche Ihnen nicht zu versichern, daß die Unter- 
suchung eingestellt wurde ; es war ein gemeiner Erpressungsversuch ; 
ich hatte noch alle Mühe, die Anzeigerin selbst vor Bestrafung zu 
retten. Aber vielleicht macht man im Ministerium diese Angelegen- 
heit gegen mich geltend, um mich nicht zu ernennen. Sie aber, Sie 
sind unbescholten." Da habe ich ja den Verbrecher, gleichzeitig aber 
auch die Deutung und Tendenz meines Traumes. Mein Onkel Josef 
stellt mir da beide nicht zu Professoren ernannte Kollegen dar, den 
einen als Schwachkopf, den anderen als Verbrecher. Ich weiß jetzt 
auch, wozu ich diese Darstellung brauche. Wenn für den Aufschub 
der Ernennung meiner Freunde R. und N. „konfessionelle" Rück- 
sichten maßgebend sind, so ist auch meine Ernennung in Frage ge- 
stellt; wenn ich aber die Zurückweisung der beiden auf andere 
Gründe schieben kann, die mich nicht treffen, so bleibt mir die 
Hoffnung ungestört. So verfährt mein Traum, er macht den einen, 
R., zum Schwachkopf, den anderen, N., zum Verbrecher; ich bin 
aber weder das eine noch das andere; unsere Gemeinsamkeit ist 
aufgehoben, ich darf mich auf meine Ernennimg zum Professor 
freuen, und bin der peinlichen Anwendung entgangen, die ich aus 



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108 IV. Die TraumentsteUuiig. 

Rs Nachricht, was ihm der hohe Beamte bekannt, für meine eigene 
Person hätte machen müssen. 

Ich muß mich mit der Deutung dieses Traumes noch weiter 
beschäftigen. Er ist für mein Gefühl noch nicht befriedigend er- 
ledigt, ich bin noch immer nicht über die Leichtigkeit beruhigt, mit 
der ich zwei geachtete Kollegen degradiere, um mir den Weg zur 
Professur frei zu "halten. Meine Unzufriedenheit mit meinem Vor- 
gehen hat sich bereits ermäßigt, seitdem ich den Wert der Aussagen 
im Traume zu würdigen weiß. Ich würde gegen jedermann bestreiten, 
daß ich R. wirklich für einen Schwachkopf halte, und daß ich an 
N.s Darstellung jener Erpressungsaffäre nicht glaube. Ich glaube ja 
auch nicht, daß Irma durch eine Injektion Ottos mit einem Propylen- 
präparat gefährlich krank geworden ist; es ist hier wie dort nur 
mein Wunsch, daß es sich so verhalten möge, den mein Traum 
ausdrückt. Die Behauptung, in welcher sich mein Wunsch realisiert, 
klingt im zweiten Traume minder absurd als im ersten; sie ist hier 
in geschickter Benutzung tatsächlicher Anhaltspunkte geformt, etwa 
wie eine gut gemachte Verleumdung, an der „etwas daran ist", denn 
Freund R. hatte seinerzeit das Votum eines Fachprofessors gegen 
sich, und Freund N. hat mir das Material für die Anschwärzung 
arglos selbst geliefert. Dennoch, ich wiederhole es, scheint mir der 
Traum weiterer Aufklärung bedürftig. 

Ich entsinne mich jetzt, daß der Traum noch ein Stück enthielt, 
auf welches die Deutung bisher keine Rücksicht genommen hat. Nach- 
dem mir eingefallen, R. ist mein Onkel, empfinde ich im Traume 
warme Zärtlichkeit für ihn. Wohin gehört diese Empfindung? Für 
meinen Onkel Josef habe ich zärtliche Gefühle natürlich niemals 
gehabt. Freund R. ist mir seit Jahren lieb und teuer; aber käme 
ich zu ihm und drückte ihm meine Zuneigung in Worten aus, die 
annähernd dem Grad meiner Zärtlichkeit im Traume entsprechen, so 
wäre er ohne Zweifel erstaunt. Meine Zärtlichkeit gegen ihn erscheint 
mir unwahr und übertrieben, ähnlich wie mein Urteil über seine 
geistigen Qualitäten, "das ich durch die Verschmelzung seiner Persön- 
lichkeit mit der des Onkels ausdrücke; aber in entgegengesetztem 
Sinne übertrieben. Nun dämmert mir aber ein neuer Sachverhalt. 
Die Zärtlichkeit des Traumes gehört nicht zum latenten Inhalt, zu 
den Gedanken hinter dem Traume ; sie steht im Gegensatze zu diesem 
Inhalt; sie ist geeignet, mir die Kenntnis der Traumdeutung zu ver- 
decken. Wahrscheinlich ist gerade dies ihre Bestimmung. Ich er- 
innere mich, mit welchem Widerstand ich an die Traumdeutung ging, 
wie lange ich sie aufschieben wollte und den Traum für baren Un- 
sinn erklärte. Von meinen psychoanalytischen Behandlungen her weiß 
ich, wie ein solches Verwerfungsurteil zu deuten ist. Es hat keinen 
Erkenntniswert, sondern bloß den einer Affektäußerung. Wenn meine 
kleine Tochter einen Apfel nicht mag, den man ihr angeboten hat, 
so behauptet sie, der Apfel schmeckt bitter, ohne ihn auch nur ge- 



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Die psychische Zensur. 109 

kostet zu haben. Wenn meine Patienten sich so benehmen wie die 
Kleine, so weiß ich, daß es sich bei ihnen um eine Vorstellung han- 
delt, welche sie verdrängen wollen. Dasselbe gilt für meinen Traum. 
Ich mag ihn nicht deuten, weil die Deutung etwas enthält, wogegen 
ich mich sträube. Nach vollzogener Traumdeutung erfahre ich, wo- 
gegen ich mich gesträubt hatte; es war die Behauptung, daß R. 
ein Schwachkopf ist. Die Zärtlichkeit, die ich gegen R, empfinde, 
kann ich nicht auf die latenten Traumgedanken, wohl aber auf dies 
mein Sträuben zurückführen. Wenn mein Traum im Vergleiche zu 
seinem latenten Inhalt in diesem Punkte entstellt, und zwar ins Gegen- 
sätzliche entstellt ist, so dient die im Traume manifeste Zärtlichkeit 
dieser Entstellung oder, mit anderen Worten, die Entstellung erweist 
sich hier als absichtlich, als ein Mittel der Verstellung. Meine 
Traumgedanken enthalten eine Schmähung für R. ; damit ich diese 
nicht merke, gelangt in den Traum das Gegenteil, ein zärtliches 
Empfinden für ihn. 

Es könnte dies eine allgemein gültige Erkenntnis sein. Wie die 
Beispiele in Abschnitt III gezeigt haben, gibt es ja Träume, welche 
un verhüllte Wunscherfüllungen sind. Wo die Wunscherfüllung un- 
kenntlich, verkleidet ist, da müßte eine Tendenz zur Abwehr gegen 
diesen Wunsch vorhanden sein, und infolge dieser Abwehr könnte 
der Wunsch sich nicht anders als entstellt zum Ausdruck bringen. 
Ich will zu diesem Vorkommnis aus dem psychischen Binnenleben 
das Seitenstück aus dem sozialen Leben suchen. Wo findet man im 
sozialen Leben eine ähnliche Entstellung eines psychischen Aktes? 
Nur dort, wo es sich um zwei Personen handelt, von denen die eine 
«eine gewisse Macht besitzt, die zweite wegen dieser Macht eine Rück- 
sicht zu nehmen hat. Diese zweite Person entstellt dann ihre psychi- 
schen Akte oder, wie wir auch sagen können, sie verstellt sich. 
Die Höflichkeit, die ich alle Tage übe, ist zum guten Teile eine 
solche Verstellung; wenn ich meine Träume für den Leser deute, 
bin ich zu solchen Entstellungen genötigt. Über den Zwang zu sol- 
cher Entstellung klagt auch der Dichter: 

„Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben doch 
nicht sagen." 

In ähnlicher Lage befindet sich der politische Schriftsteller, der 
den Machthabern unangenehme Wahrheiten zu sagen hat. Wenn er 
sie unverhohlen sagt, wird der Machthaber seine Äußerung unter- 
drücken, nachträglich, wenn es sich um mündliche Äußerung handelt, 
präventiv, wenn sie auf dem Wege des Druckes kundgegeben wer- 
den soll. Der Schriftsteller hat die Zensur zu fürchten, er ermäßigt 
und entstellt darum den Ausdruck seiner Meinimg. Je nach der 
Stärke und Empfindlichkeit dieser Zensur sieht er sich genötigt, 
entweder bloß gewisse Formen des Angriffes einzuhalten oder in 
Anspielungen anstatt in direkten Bezeichnungen zu reden oder er muß 
.seine anstößige Mitteilung hinter einer harmlos erscheinenden Ver- 



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110 IV. Die Traumentfitellung. 

kleidung verbergen, er darf z. B. von Vorfällen zwischen zwei Man- 
darinen im Reiche der Mitte erzählen, während er die Beamten des 
Vaterlandes im Auge hat. Je strenger die Zensur waltet, desto 
weitgehender wird die Verkleidung, desto witziger oft die Mittel, 
welche den Leeer doch auf die Spur der eigentlichen Bedeutung 
leiten. 

Die bis ins einzelne durchzuführende Übereinstimmung zwischen 
den Phänomenen der Zensur und denen der Traumentstellung gibt 
uns die Berechtigung, ähnliche Bedingungen für beide vorauszusetzen. 
Wir würden also als die Urheber der Traumgestaltung zwei psychische 
Mächte (Strömungen, Systeme) im Einzelmenschen annehmen, von 
denen die eine den durch den Traum zum Ausdruck gebrachten 
Wunsch bildet, während die andere eine Zensur an diesem Traum- 
wunsche übt und durch diese Zensur eine Entstellung seiner Äußerung 
erzwingt. Es fragt sich nur, worin die Machtbefugnis dieser zweiten 
Instanz besteht, kraft deren sie ihre Zensur ausüben darf. Wenn wir 
uns erinnern, daß die latenten Traumgedanken vor der Analyse nicht 
bewußt sind, der von ihnen ausgehende manifeste Trauminhalt aber 
als bewußt erinnert wird, so liegt die Annahme nicht fern, das Vor- 
recht der zweiten Instanz sei eben die Zulassung zum Bewußtsein. 
Aus dem ersten System könne nichts zum Bewußtsein gelangen, was 
nicht vorher die zweite Instanz passiert habe, und die zweite Instanz 
lasse nichts passieren, ohne ihre Rechte auszuüben und die ihr ge- 
nehmen Abänderungen am Bewußtseinswerber durchzusetzen. Wir 
verraten dabei eine ganz bestimmte Auffassung vom „Wesen" des 
Bewußtseins; das Bewußtwerden ist für uns ein besonderer psychi- 
scher Akt, verschieden und unabhängig von dem Vorgang des Gedacht- 
oder Vorgestelltwerdens, und das Bewußtsein erscheint uns als ein 
Sinnesorgan, welches einen anderwärts gegebenen Inhalt wahrnimmt. 
Es läßt sich zeigen, daß die Psychopathologie dieser Grundannahmen 
schlechterdings nicht entraten kann. Eine eingehendere Würdigung 
derselben dürfen wir uns für eine spätere Stelle vorbehalten. 

Wenn ich die Vorstellung der beiden psychischen Instanzen 
und ihrer Beziehungen zum Bewußtsein festhalte, ergibt sich für die 
auffällige Zärtlichkeit, die ich im Traume für meinen Freund R. 
empfinde, der in der Traumdeutung so herabgesetzt wird, eine völlig 
kongruente Analogie aus dem politischen Leben der Menschen. Ich 
versetze mich in ein Staatsleben, in welchem ein auf seine Macht 
eifersüchtiger Herrscher und eine rege öffentliche Meinung mitein- 
ander ringen. Das Volk empöre sich gegen einen ihm mißliebigen 
Beamten und verlange dessen Entlassung ; um nicht zu zeigen, daß er 
dem Volkswillen Rechnimg tragen muß, wird der Selbstherrscher dem 
Beamten gerade dann eine hohe Auszeichnung verleihen, zu der sonst 
kein Anlaß vorläge. So zeichnet meine zweite, den Zugang zum 
Bewußtsein beherrschende Instanz Freund R durch einen Erguß von 
übergroßer Zärtlichkeit aus, weil die Wunschbestrebungen des ersten 



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Träume von einem versagten Wunsch, 111 

Systems ihn in einem besonderen Interesse, dem sie gerade nach- 
hängen, als einen Schwachkopf beschimpfen möchten*). 

Vielleicht werden wir hier von der Ahnung erfaßt, daß die 
Traumdeutimg im stände sei, uns Aufschlüsse über den Bau unseres 
seelischen Apparates zu geben, welche wir von der Philosophie bis- 
her vergebens erwartet haben. Wir folgen aber nicht dieser Spur, 
sondern kehren, nachdem wir die Traumentstellung aufgeklärt haben, 
zu unserem Ausgangsproblem zurück. Es wurde gefragt, wie denn 
die Träume mit peinlichem Inhalt als Wunscherfüllungen aufgelöst 
werden können. Wir sehen nun, dies ist möglich, wenn eine Traum- 
entstellung stattgefunden hat, wenn der peinliche Inhalt nur zur 
Verkleidung eines erwünschten dient. Mit Rücksicht auf unsere An- 
nahmen über die zwei psychischen Instanzen können wir jetzt auch 
sagen: die peinlichen Träume enthalten tatsächlich etwas, was der 
zweiten Instanz peinlich ist, was aber gleichzeitig einen Wunsch der 
ersten Instanz erfüllt Sie sind insofern Wunschträume, als ja jeder 
Traum von der ersten Instanz ausgeht, die zweite sich nur abwehrend, 
nicht schöpferisch, gegen den Traum verhält Beschränken wir uns 
auf eine Würdigung dessen, was die zweite Instanz zum Traume bei- 
trägt, so können wir den Traum niemals verstehen. Es bleiben dann 
alle Rätsei bestehen, welche von den Autoren am Traum bemerkt 
worden sind. 

Daß der Traum wirklich einen geheimen Sinn hat, der eine 
Wunscherfüllung ergibt, muß wiederum für jeden Fall durch die 
Analyse erwiesen werden. Ich greife darum einige Träume pein- 
lichen Inhaltes heraus und versuche deren Analyse. Es sind zum Teil 
Träume von Hysterikern, die einen langen Vorbericht und stellen- 
weise ein Eindringen in die psychischen Vorgänge bei der Hysterie 
erfordern. Ich kann dieser Erschwerung der Darstellung aber nicht 
aus dem Wege gehen. 

Wenn ich einen Psychoneurotiker in analytische Behandlung 
nehme, werden seine Träume regelmäßig, wie bereits erwähnt, zum 
Thema unserer Besprechungen. Ich muß ihm dabei alle die psycho- 



*) Solche heuchlerische Träume sind weder bei mir noch bei anderen 
seltene Vorkommnisse. Während ich mit der Bearbeitung eines gewissen wissen- 
schaftlichen Problems beschäftigt bin, sucht mich mehrere Nächte kurz nach- 
einander ein leicht verwirrender Traum heim, der die Versöhnung mit einem 
längBt bei Seite geschobenen Freunde zum Inhalt hat Beim vierten oder fünften 
Male gelingt es mir endlich, den Sinn dieser Träume zu erfassen. Er liegt in der 
Aufmunterung, doch den letzten Rest von Rücksicht für die betreffende Person 
autzugeben, sich von ihr völlig frei zu machen, und hatte sich in so heuchleri- 
scher Weise ins Gegenteil verkleidet Von einer Person habe ich einen „heuchle- 
rischen ödipustraum" mitgeteilt, in dem sich die feindseligen Regungen und 
Todeswünsohe der Traumgedanken durch manifeste Zärtlichkeit ersetzen. („Typi- 
sches Beispiel eines verkappten Odipustraumes. u ) Eine andere Art von heuchle« 
risohen Träumen wird an anderer Stelle (siehe unten p. 338 u* ff.) erwähnt 
werden. 



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Original from 
UNI VERSITYOF CALIFORNIA 



}12 IV. Die Traumentstellung. 

logischen Aufklärungen geben, mit deren Hilfe ich selbst zum Ver- 
ständnis seiner Symptome gelangt bin, und erfahre dabei eine uner- 
bittliche Kritik, wie ich sie von den Fachgenossen wohl nicht schärfer 
pu erwarten habe. Ganz regelmäßig erhebt sich der Widerspruch 
meiner Patienten gegen den Satz, daß die Träume sämtlich Wunsch- 
ßrfüllungen seien. Hier einige Beispiele von dem Material an Träu- 
men, welche mir als Gegenbeweise vorgehalten werden. 

„Sie sagen immer, der Traum ist ein erfüllter Wunsch," beginnt 
eine witzige Patientin. „Nun will ich Ihnen einen Traum erzählen, 
dessen Inhalt ganz im Gegenteil dahin geht, daß mir ein Wunsch 
nicht erfüllt wird. Wie vereinen Sie das mit Ihrer Theorie? Der 
Traum lautet wie folgt: 

Ich will ein Souper geben, habe aber nichts vorrätig als 
etwas geräucherten Lachs. Ich denke daran, einkaufen zu gehen, 
erinnere mich aber, daß es Sonntag nachmittag ist, wo alle Läden 
gesperrt sind. Ich will nun einigen Lieferanten telephonieren , aber 
das Telephon ist gestört So muß ich auf den Wunsch, ein Souper 
zu geben, verzichten." 

Ich antworte natürlich, daß über den Sinn dieses Traumes nur 
flie Analyse entscheiden kann, wenngleich ich zugebe, daß er für 
fien ersten Anblick vernünftig und zusammenhängend erscheint und 
plem Gegenteil einer Wunscherfüllung ähnlich sient. „Aus welchem 
Material ist aber dieser Traum hervorgegangen? Sie wissen, daJß 
ßie Anregung zu einem Traume jedesmal in den Erlebnissen des 
letzten Tages liegt." 

Analyse: Der Mann der Patientin, ein biederer und tüchtiger 
Großfleischhauer, hat ihr Tags vorher erklärt, er werde zu dick und 
wolle darum eine Entfettungskur beginnen. Er werde früh aufstehen, 
Bewegung machen, strenge Diät halten und vor allem keine Ein- 
ladungen zu Soupers mehr annehmen. — Von dem Manne erzählt 
sie lachend weiter, er habe am Stammtisch die Bekanntschaft eines 
Malers gemacht, der ihn durchaus abkonterfeien wolle, weil er einen 
so ausdrucksvollen Kopf noch nicht gefunden habe. Ihr Mann habe 
aber in seiner derben Manier erwidert, er bedanke sich schön und 
ßv sei ganz überzeugt, ein Stück vom Hintern eines schönen jungen 
Mädchens sei dem Maler lieber als sein ganzes Gesicht*). Sie sei 
jetzt sehr verliebt in ihren Mann und necke sich mit ihm herum. 
Sie hat ihn auch gebeten, ihr keinen Kaviar zu schenken. — Was 
soll das heißen? 

Sie wünscht es sich nämlich schon lange, jeden Vormittag eine 
Kaviar semmel essen zu können, gönnt sich aber die Ausgabe nicht. 
Natürlich bekäme sie den Kaviar sofort von ihrem Manne, wenn sie 

*) Dem Maler sitzen. Goethe: Und wenn er keinen Hintern hat, 

Wie kann der Edle sitzen? 



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Träume von einem versagten Wunsch. 113 

ihn darum bitten würde. Aber sie hat ihn im Gegenteil gebeten, 
ihr keinen Kaviar zu schenken, damit sie ihn länger damit 
necken kann. 

(Diese Begründung scheint mir fadenscheinig. Hinter solchen 
unbefriedigenden Auskünften pflegen sich unein gestandene Motive 
zu verbergen. Man denke an die Hypnotisierten Bernheims, die 
einen posthypnotischen Auftrag ausführen, und nach ihren Motiven 
befragt, nicht etwa antworten: Ich weiß nicht, warum ich das 
getan habe, sondern eine offenbar unzureichende Begründung er- 
finden müssen. So ähnlich wird es wohl mit dem Kaviar meiner Pa- 
tientin sein. Ich merke, sie ist genötigt, sich im Leben einen uner- 
füllten Wunsch zu schaffen. Ihr Traum zeigt ihr auch die Wunsch- 
verweigerung als eingetroffen. Wozu braucht sie aber einen uner- 
füllten Wunsch?) 

Die bisherigen Einfälle haben zur Deutung des Traumes nicht 
ausgereicht. Ich dringe nach weiteren. Nach einer kurzen Pause, 
wie sie eben der Überwindung des Widerstandes entspricht, be- 
richtet sie ferner, daß sie gestern einen Besuch bei einer Freundin 
gemacht, auf die sie eigentlich eifersüchtig ist, weil ihr Mann diese 
Frau immer so lobt. Zum Glück ist diese Freundin sehr dürr und 
mager und ihr Mann ist ein Liebhaber voller Körperformen. Wovon 
sprach nun diese magere Freundin? Natürlich von ihrem Wunsche, 
etwas stärker zu werden. Sie fragte sie auch: „Wann laden Sie uns 
wieder einmal ein? Man ißt immer so gut bei Ihnen." 

Nun ist der Sinn des Traumes klar. Ich kann der Patientin 
sagen: „Es ist gerade so, als ob Sie sich bei der Aufforderung ge- 
dacht hätten: Dich werde ich natürlich einladen, damit du dich bei 
mir anessen, dick werden und meinem Manne noch besser gefallen 
kannst. Lieber geb' ich kein Souper mehr. Der Traum sagt Ihnen 
dann, daß Sie kein Souper geben können, erfüllt also Ihren Wunsch, 
zur Abrundung der Körperformen Ihrer Freundin nichts beizutragen. 
Daß man von den Dingen, die man in Gesellschaften vorgesetzt 
bekommt, dick wird, lehrt Sie ja der Vorsatz Ihres Mannes, im 
Interesse seiner Entfettung Soupereinladungen nicht mehr anzu- 
nehmen." Es fehlt jetzt nur noch irgend ein Zusammentreffen, wel- 
ches die Lösung bestätigt. Es ist auch der geräucherte Lachs im 
Trauminhalt noch nicht abgeleitet. „Wie kommen Sie zu dem im 
Traume erwähnten Lachs ?" „Geräucherter Lachs ist die Lieblings- 
speise dieser Freundin/' antwortet sie. Zufällig kenne ich die Dame 
auch und kann bestätigen, daß sie sich den Lachs ebensowenig ver- 
gönnt wie meine Patientin den Kaviar. 

Derselbe Traum läßt auch noch eine andere und feinere 
Deutung zu, die durch einen Nebenumstand selbst notwendig gemacht 
wird. Die beiden Deutungen widersprechen einander nicht, sondern 
überdecken einander und ergeben ein schönes Beispiel für die ge- 
wöhnliche Doppelsinnigkeit der Träume wie aller anderen psycho- 

Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 8 



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114 IV. Die Traumentstellung. 



pathologischen Bildungen. Wir haben gehört, daß die Patientin « 

gleichzeitig mit ihrem Traume von der Wunschverweigerung bemüht 
war, sich einen versagten Wunsch im Realen zu verschaffen (die 
Kaviarsemmel). Auch die Freundin hatte einen Wunsch geäußert, 
nämlich dicker zu werden, und es würde uns nicht wundern, wenn 
unsere Dame geträumt hätte, der Freundin gehe ein Wunsch nicht 
in Erfüllung. Es ist nämlich ihr eigener Wunsch, daß der Freundin 
ein Wunsch — nämlich der nach Körperzunahme — nicht in Er- 
füllung gehe. Anstatt dessen träumt sie aber, daß ihr selbst ein 
Wunsch nicht erfüllt wird. Der Traum erhält eine neue Deutung, 
wenn sie im Traume nicht sich, sondern die Freundin meint, wenn 
sie sich an Stelle der Freundin gesetzt oder, wie wir sagen können, «' 

sich mit ihr identifiziert hat. 

Ich meine, dies hat sie wirklich getan, und als Anzeichen 
dieser Identifizierung hat sie sich den versagten Wunsch im Realen 
geschaffen. Was hat aber die hysterische Identifizierung für Sinn? 
Das aufzuklären bedarf einer eingehenden Darstellung. Die Iden- 
tifizierung ist ein für den Mechanismus der hysterischen Symptome 
höchst wichtiges Moment; auf diesem Wege bringen es die Kranken 
zu stände, die Erlebnisse einer großen Reihe von Personen, nicht 
nur die eigenen, in ihren Symptomen auszudrücken, gleichsam für 
einen ganzen Menschenhaufen zu leiden und alle Rollen eines Schau- 
spieles allein mit ihren persönlichen Mitteln darzustellen. Man wird i 
mir einwenden, das sei die bekannte hysterische Imitation, die Fähig- J 
keit Hysterischer, alle Symptome, die ihnen bei anderen Eindruck \ 
machen, nachzuahmen, gleichsam ein zur Reproduktion gesteigertes 
Mitleiden. Damit ist aber nur der Weg bezeichnet, auf dem der 
psychische Vorgang bei der hysterischen Imitation abläuft; etwas 
anderes ist der Weg und der seelische Akt, der diesen Weg geht. 
Letzterer ist um ein Geringes komplizierter, als man sich die Imitation 
der Hysterischen vorzustellen liebt; er entspricht einem unbewußten 
Schlußprozeß, wie ein Beispiel klarstellen wird. Der Arzt, welcher 
eine Kranke mit einer bestimmten Art von Zuckungen unter anderen 
Kranken auf demselben Zimmer im Krankenhause hat, zeigt sich 
nicht erstaunt, wenn er eines Morgens erfährt, daß dieser besondere 
hysterische Anfall Nachahmung gefunden hat. Er sagt sich einfach: 
Die anderen haben ihn gesehen und nachgemacht; das ist psychische 
Infektion. Ja, aber die psychische Infektion geht etwa auf folgende 
Weise zu. Die Kranken wissen in der Regel mehr voneinander als 
der Arzt über jede von ihnen, und sie kümmern sich umeinander, 
wenn die ärztliche Visite vorüber ist. Die eine bekomme heute ihren 
Anfall; es wird alsbald den anderen bekannt, daß ein Brief vom 
Hause, Auffrischung des Liebeskummers und dergleichen davon die 
Ursache ist. Ihr Mitgefühl wird rege, es vollzieht sich in ihnen folgen- 
der, nicht zum Bewußtsein gelangender Schluß: Wenn man von 
solcher Ursache solche Anfälle haben kann, so kann ich auch solche 



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* 

■* 



Die hysterische Identifizierung. 115 

Anfälle bekommen, denn ich habe dieselben Anlässe. Wäre dies ein 
des Bewußtseins fälliger Schluß, so würde er vielleicht in die Angst 
ausmünden, den gleichen Anfall zu bekommen; er vollzieht sich 
aber auf einem anderen psychischen Terrain, endet daher in der 
Realisierung des gefürchteten Symptoms. Die Identifizierung ist also 
nicht simple Imitation, sondern Aneignung auf Grund des gleichen 
ätiologischen Anspruches; sie drückt ein „gleichwie" aus und bezieht 
sich auf ein im Unbewußten verbleibendes Gemeinsames. 

Die Identifizierung wird in der Hysterie am häufigsten benutzt 
zupi Ausdruck einer sexuellen Gemeinsamkeit. Die Hysterica identi- 
fiziert sich in ihren Symptomen am ehesten — wenn auch nicht aus- 
schließlich — mit solchen Personen, mit denen sie im sexuellen 
Verkehre gestanden hat, oder welche mit den nämlichen Personen 
wie sie selbst sexuell verkehren. Die Sprache trägt einer solchen 
Auffassung gleichfalls Rechnung. Zwei Liebende sind „Eines". In 
der hysterischen Phantasie wie im Traume genügt es für die Iden- 
tifizierung, daß man an sexuelle Beziehungen denkt, ohne daß sie 
darum als real gelten müssen. Die Patientin folgt also bloß den Re- 
geln der hysterischen Denkvorgänge, wenn sie ihrer Eifersucht gegen 
die Freundin (die sie als unberechtigt übrigens selbst erkennt) Aus- 
druck gibt, indem sie sich im Traume an ihre Stelle setzt und durch 
die Schaffung eines Symptoms (des versagten Wunsches) mit ihr 
identifiziert. Man möchte den Vorgang noch sprachlich in folgender 
Weise erläutern: Sie setzt sich an die Stelle der Freundin im Traum, 
weil diese sich bei ihrem Manne an ihre Stelle setzt, weil sie deren 
Platz in der Wertschätzung ihres Mannes einnehmen möchte*). 

In einfacherer Weise und doch auch nach dem Schema, daß 
die Nichterfüllung des einen Wunsches die Erfüllung eines anderen 
bedeutet, löste sich der Widerspruch gegen meine Traumlehre bei 
einer anderen Patientin, der witzigsten unter all meinen Träume- 
rinnen. Ich hatte ihr an einem Tage auseinandergesetzt, daß der 
Traum eine Wunscherfüllung sei; am nächsten Tag brachte sie mir 
einen Traum, daß sie mit ihrer Schwiegermutter nach dem gemein- 
samen Landaufenthalt fahre. Nun wußte ich, daß sie sich heftig 
gesträubt hatte, den Sommer in der Nähe der Schwiegermutter zu 
verbringen, wußte auch, daß sie der von ihr gefürchteten Gemein- 
schaft in den letzten Tagen durch die Miete eines vom Sitze der 
Schwiegermutter weit entfernten Landaufenthaltes glücklich ausge- 
wichen war. Jetzt machte der Traum diese erwünschte Lösung rück- 
gängig; war das nicht der schärfste Gegensatz zu meiner Lehre von 



*) Ich bedauere selbst die Einschaltung solcher Stücke aus der Psycho- 
pathologie der Hysterie, welche, infolge ihrer fragmentarischen Darstellung und 
aus allem Zusammenhang gerissen, doch nicht sehr aufklärend wirken können. 
Wenn sie auf die innigen Beziehungen des Themas vom Traume zu den Psycho- 
neurosen hinzuweisen vermögen, so haben sie die Absicht erfüllt, in der ich sie 
aufgenommen habe. 

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116 IV. Die Traumentstellung. 

der Wunscherfüllung durch den Tramri? Gewiß, man brauchte nur 
die Konsequenz aus diesem Traum zu ziehen, um eine Deutung zu 
haben. Nach diesem Traume hatte ich unrecht; es war also ihr 
Wunsch, daß ich unrecht haben sollte, und diesen zeigte 
ihr der Traum erfüllt Der Wunsch, daß ich unrecht haben sollte, 
der sich an dem Thema der Landwohnung erfüllte, bezog sich aber 
in "Wirklichkeit auf einen anderen und ernsteren Gegenstand. Ich 
hatte um die nämliche Zeit aus dem Material, welches ihre Analyse 
ergab, geschlossen, daß in einer gewissen Periode ihres Lebens etwas 
für ihre Erkrankung Bedeutsames vorgefallen sein müsse. Sie hatte 
es in Abrede gestellt, weil es sich nicht in ihrer Erinnerung vorfand. 
Wir kamen bald darauf, daß ich recht hatte. Ihr Wunsch, daß ich 
unrecht haben möge, verwandelt in den Traum, daß sie mit ihrer 
Schwiegermutter aufs Land fahre, entsprach also dem berechtigten 
Wunsche, daß jene damals erst vermuteten Dinge sich nie ereignet 
haben möchten. 

Ohne Analyse, nur vermittels einer Vermutung, gestattete ich 
mir, ein kleines Vorkommnis bei einem Freunde zu deuten, der 
durch die acht Gymnasialklassen mein Kollege gewesen war. Er 
hörte einmal in einem kleinen Kreise einen Vortrag von mir über 
die Neuigkeit, daß ein Traum eine Wunscherfüllung sei, ging nach 
Hause, träumte, daß er alle seine Prozesse verloren habe — er 
war Advokat — und beklagte sich bei mir darüber. Ich half mir mit 
der Ausflucht: Man kann nicht alle Prozesse gewinnen, dachte aber 
bei mir: Wenn ich durch acht Jahre als Primus in der ersten Bank 
gesessen, während er irgendwo in der Mitte der Klasse den Platz 
gewechselt, sollte ihm aus diesen Knaben jähren der Wunsch fern 
geblieben sein, daß ich mich auch einmal gründlich blamieren möge ? 

Ein anderer Traum von mehr düsterem Charakter wurde mir 
gleichfalls von einer Patientin als Einspruch gegen die Theorie des 
Wunschtraumes vorgetragen. Die Patientin, ein junges Mädchen, 
begann: „Sie erinnern sich, daß meine Schwester jetzt nur einen 
Buben hat, den Karl; den älteren, Otto, hat sie verloren, als ich noch 
in ihrem Hause war. Otto war mein Liebling, ich habe ihn eigent- 
lich erzogen. Den Kleinen habe ich auch gern, aber natürlich lange 
nicht so sehr wie den Verstorbenen. Nun träume ich diese Nacht, 
daß ich den Karl tot vor mir liegen sehe. Er liegt in seinem 
kleinen Sarge, die Hände gefaltet, Kerzen rings herum, 
kurz ganz so wie damals der kleine Otto, dessen Tod mich 
so erschüttert hat. Nun sagen Sie mir, was soll das heißen? Sie 
kennen mich ja; bin ich eine so schlechte Person, daß ich meiner 
Schwester den Verlust des einzigen Kindes wünschen sollte, das sie 
noch besitzt? Oder heißt der Traum, daß ich lieber den Karl tot 
wünschte als den Otto, den ich um so viel lieber gehabt habe." 

Ich versicherte ihr, daß diese letzte Deutung ausgeschlossen 
sei. Nach kurzem Besinnen konnte ich ihr die richtige Deutung 



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Auflösung peinlicher Träume. 117 

des Traumes sagen, die ich dann von ihr bestätigen ließ. Es gelang 
mir dies, weil mir die ganze Vorgeschichte der Träumerin be- 
kannt war. 

Frühzeitig verwaist, war das Mädchen im Hause ihrer um vieles 
älteren Schwester aufgezogen worden und begegnete unter den 
Freunden und Besuchern des Hauses auch dem Manne, der einen 
bleibenden Eindruck auf ihr Herz machte. Es schien eine Weile, * 
als ob diese kaum ausgesprochenen Beziehungen mit einer Heirat 
enden sollten, aber dieser glückliche Ausgang wurde durch die 
Schwester vereitelt, deren Motive nie eine völlige Aufklärung ge- 
funden haben. Nach dem Bruche mied der von unserer Patientin 
geliebte Mann das Haus; sie selbst machte sich einige Zeit nach dem 
Tode des kleinen Otto, an den sie ihre Zärtlichkeit unterdessen ge- 
wendet hatte, selbständig. Es gelang ihr aber nicht, sich von der 
Abhängigkeit frei zu machen, in weiche sie durch ihre Neigung zu 
dem Freunde ihrer Schwester geraten war. Ihr Stolz gebot ihr, 
ihm auszuweichen ; es war ihr aber unmöglich, ihre Liebe auf andere 
Bewerber zu übertragen, die sich in der Fotee einstellten. Wenn 
der geliebte Mann, der dem Literatenstand angehörte, irgendwo einen 
Vortrag angekündigt hatte, war sie unfehlbar unter den Zuhörern 
zu finden, und auch sonst ergriff sie jede Gelegenheit, ihn an drittem 
Orte aus der Ferne zu sehen. Ich erinnerte mich, daß sie mir Tags 
vorher erzählt hatte, der Professor ginge in ein bestimmtes Konzert, 
und sie wolle auch dorthin gehen, um sich wieder einmal seines An- 
blickes zu erfreuen. Das war am Tag vor dem Traume: an dem Tage, 
an dem sie mir den Traum erzählte, sollte das Konzert stattfinden. 
Ich konnte mir so die richtige Deutung leicht konstruieren und fragte 
sie, ob ihr irgend ein Ereignis einfalle, das nach dem Tode des 
kleinen Otto eingetreten sei. Sie antwortete sofort: Gewiß, damals 
ist der Professor nach langem Ausbleiben wiedergekommen, und ich 
habe ihn an dem Sarge des kleinen Otto wieder einmal gesehen. Es 
war genau so, wie ich es erwartet hatte. Ich deutete also den Traum 
in folgender Art: „Wenn jetzt der andere Knabe stürbe, würde sich 
dasselbe wiederholen. Sie würden den Tag bei Ihrer Schwester zu- 
bringen, der Professor käme sicherlich hinauf, um zu kondolieren, 
und unter den nämlichen Verhältnissen wie damals würden Sie ihn 
wiedersehen. Der Traum bedeutet nichts als diesen Ihren Wunsch 
nach Wiedersehen, gegen den Sie innerlich ankämpfen. Ich weiß, 
daß Sie das Billett für das heutige Konzert in der Tasche tragen. Ihr 
Traum ist ein Ungeduldstraum, er hat das Wiedersehen, das heute 
stattfinden soll, um einige Stunden verfrüht" 

Zur Verdeckung ihres Wunsches hatte sie offenbar eine Situation 
gewählt, in welcher solche Wünsche unterdrückt zu werden pflegen, 
eine Situation, in der man von Trauer so sehr erfüllt ist, daß man an 
Liebe nicht denkt. Und doch ist es sehr gut möglich, daß auch in 
der realen Situation, welche der Traum getreulich kopierte, am Sarge 



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118 IV. Die Traumentstellung. 

des ersten, von ihr stärker geliebten Knaben sie die zärtliche Emp- 
findung für den lange vermißten Besucher nicht hatte unterdrücken 
können. 

Eine andere Aufklärung fand ein ähnlicher Traum einer anderen 
Patientin, die sich in früheren Jahren durch raschen Witz und heitere 
Laune hervorgetan hatte und diese Eigenschaften jetzt wenigstens noch 
in ihren Einfällen während der Behandlung bewies. Dieser Dame kam 
es im Zusammenhange eines längeren Traumes vor, daß sie ihre ein- 
zige, 15 jährige Tochter in einer Schachtel tot daliegen sah. Sie hatte 
nicht übel Lust, aus dieser Traumerscheinung einen Einwand gegen 
die Wunscherfüllungstheorie zu machen, ahnte aber selbst, daß das 
Detail der Schachtel den Weg pi einer anderen Auffassung des 
Traumes anzeigen müsse*). Bei der Analyse fiel ihr ein, daß in der 
Gesellschaft abends vorher die Rede auf das englische Wort „box 4 ' 
gekommen war und auf die mannigfaltigen Übersetzungen desselben 
im Deutschen, als: Schachtel, Loge, Kasten, Ohrfeige usw. Aus 
anderen Bestandstücken desselben Traumes ließ sich nun ergänzen, 
daß sie die Verwandtschaft des englischen „box" mit dem deutschen 
„Büchse" erraten habe und dann von der Erinnerung heimgesucht 
worden sei, daß „Büchse" auch als vulgäre Bezeichnung des weib- 
lichen Genitales gebraucht werde. Mit einiger Nachsicht für ihre 
Kenntnisse in der topographischen Anatomie konnte man also an- 
nehmen, daß das Kind in der „Schachtel" eine Frucht im Mutterleibe 
bedeute. Soweit aufgeklärt, leugnete sie nun nicht, daß das Traum- 
bild wirklich einem Wunsche von ihr entspreche. Wie so viele 
junge Frauen war sie keineswegs glücklich, als sie in die Gravidität 
geriet, und gestand sich mehr als einmal den Wunsch ein, daß ihr 
das Kind im Mutterleibe absterben möge; ja in einem Wutanfalle 
nach einer heftigen Szene mit ihrem Manne schlug sie mit den Fäusten 
auf ihren Leib los, um das Kind darin zu treffen. Das tote Kind 
war also wirklich eine Wunscherfüllung, aber die eines seit 15 Jah- 
ren beseitigten Wunsches, und es ist nicht zu verwundern, wenn man 
die Wunscherfüllung nach so verspätetem Eintreffen nicht mehr er- 
kennt. Unterdessen hat sich eben zu viel geändert. 

Die Gruppe, zu welcher die beiden letzten Träume gehören, die 
den Tod lieber Angehöriger zum Inhalt haben, soll bei den typischen 
Träumen nochmals Berücksichtigung finden. Ich werde dort an neuen 
Beispielen zeigen können, daß trotz des unerwünschten Inhaltes alle 
diese Träume als Wunscherfüllungen gedeutet werden müssen. Keinem 
Patienten, sondern einem intelligenten Rechtsgelehrten meiner Be- 
kanntschaft verdanke ich folgenden Traum, der mir wiederum in 
der Absicht erzählt wurde, mich von voreiliger Verallgemeinerung in 
der Lehre vom Wunschtraume zurückzuhalten. „Ich träume," be- 
richtet mein Gewährsmann, „daß ich, eine Dame am Arm, vor 



*) Ähnlich wie im Traume vom vereitelten Souper der geräucherte Lachs* 



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Auflösung peinlicher Träume. 119 

mein Haus komme. Dort wartet ein geschlossener Wagen, 
ein Herr tritt auf mich zu, legitimiert sich als Polizei- 
agent und fordert mich auf, ihm zu folgen. Ich bitte nur 
noch um die Zeit, meine Angelegenheiten zu ordnen. — 
Glauben Sie, daß es vielleicht ein Wunsch von mir ist, verhaftet zu 
werden?" — Gewiß nicht, muß ich zugeben. Wissen Sie vielleicht, 
unter welcher Beschuldigung Sie verhaftet wurden ? — „Ja, ich glaube 
wegen Kindesmordes." — Kindesmord? Sie wissen doch, daß dieses 
Verbrechen nur eine Mutter an ihrem Neugeborenen begehen kann? 

— „Das ist richtig."*) — Und unter welchen Umständen haben Sie 
geträumt; was ist am Abend vorher vorgegangen? — „Das möchte 
ich Ihnen nicht gern erzählen, es ist eine heikle Angelegenheit." 

— Ich brauche es aber, sonst müssen wir auf die Deutung des Traumes 
verzichten. — „Also hören Sie. Ich habe die Nacht nicht zu Hause, 
sondern bei einer Dame zugebracht, ( die mir sehr viel bedeutet. Als 
wir am Morgen erwachten, ging neuerdings etwas zwischen uns vor. 
Dann schlief ich wiederum ein und träumte, was Sie wissen." — 
Es ist eine verheiratete Frau? — „Ja." — Und Sie wollen kein 
Kind mit ihr erzeugen? — „Nein, nein, das könnte uns verraten." 

— Sie üben also nicht normalen Koitus? — „Ich gebrauche die Vor- 
sicht, mich vor der Ejakulation zurückzuziehen." — Darf ich an- 
nehmen, Sie hätten das Kunststück in dieser Nacht mehreremai aus- 
geführt, und seien nach der Wiederholung am Morgen ein wenig 
unsicher gewesen, ob es Ihnen .gelungen ist? — „Das könnte wohl 
sein." — Dann ist Ihr Traum eine Wunscherfüllung. Sie erhalten 
durch ihn die Beruhigung, daß Sie kein Kind erzeugt haben, oder was 
nahezu das gleiche ist, Sie hätten ein Kind umgebracht. Die Mittel- 
glieder kann ich Ihnen leicht nachweisen. Erinnern Sie sich, vor 
einigen Tagen sprachen wir über ,die Ehenot und über die Inkonse- 
quenz, daß es gestattet ist, den Koitus so zu halten, daß keine Be- 
fruchtung zu stände kommt, während jeder Eingriff, wenn einmal 
Ei und Same sich getroffen und einen Fötus gebildet haben, als 
Verbrechen bestraft wird. Im Anschluß daran gedachten wir auch 
der mittelalterlichen Streitfrage, in welchem Zeitpunkte eigentlich 
die Seele in den Fötus hineinfahre, weil der Begriff des Mordes erst 
von da an zulässig . wird. Sie kennen gewiß auch das schaurige Ge- 
dicht von Lenau, welches Kindermord und Kinderverhütung gleich- 
stellt — „An Lenau habe ich merkwürdigerweise heute vormittag 
wie zufällig gedacht." — Auch ein Nachklang Ihres Traumes. Und 
nun will ich Ihnen noch eine kleine Nebenwunscherfüllung in Ihrem 
Traume nachweisen. Sie kommen mit der Dame am Arm vor Ihr 



*) Es ereignet sich häufig, daß ein Traum unvollständig erzählt wird 
und daß erst während der Analyse die Erinnerung an diese ausgelassenen Stücke 
des Traumes auftaucht. Diese nachträglich eingefügten Stücke ergeben regel- 
mäßig den Schlüssel zur Traumdeutung. Vergleiche weiter unten über das Ver- 
gessen der Träume. 



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120 IV. Die Traumentstellung. 

Haus. Sie führen Sie also heim, anstatt daß Sie in Wirklichkeit 
die Nacht in deren Hause zubringen. Daß die Wunscherfüllung, die 
den Kern des Traumes bildet, sich in so unangenehmer Form ver- 
birgt, hat vielleicht mehr als einen Grund. Aus meinem Aufsatze 
über die Ätiologie der Angstneurose könnten Sie erfahren, daß ich 
den Coitus interruptus als eines der ursächlichen Momente für die 
Entstehung der neurotischen Angst in Anspruch nehme. Es würde 
dazu stimmen, wenn Ihnen nach mehrmaligem Koitus dieser Art 
eine unbehagliche Stimmung verbliebe, die nun als Element in die 
Zusammensetzung Ihres Traumes eingeht. Dieser Verstimmung be- 
dienen Sie sich auch, um sich die Wunscherfüllung zu verhüllen. 
Übrigens ist auch die Erwähnung des Kindesmordes nicht erklärt 
Wie kommen Sie zu diesem spezifisch weiblichen Verbrechen? — 
„Ich will Ihnen gestehen, daß ich vor Jahren einmal in eine solche 
Angelegenheit verflochten war. Ich war schuld daran, daß ein Mäd- 
chen sich durch eine Fruchtabtreibung vor den Folgen eines Ver- 
hältnisses mit mir zu schützen versuchte. Ich hatte mit der Aus- 
führung des Vorsatzes gar nichts zu tun, war aber lange Zeit in be- 
greiflicher Angst, daß die Sache entdeckt würde." — Ich verstehe, diese 
Erinnerung ergab einen zweiten Grund, warum Ihnen die Vermutung, 
Sie hätten Ihr Kunststück schlecht gemacht, peinlich sein mußte. 

Ein junger Arzt, welcher in meinem Kolleg diesen Traum er- 
zählen hörte, muß sich von ihm betroffen gefühlt haben, denn er 
beeilte sich ihn nachzuträumen, dessen Gedankenform auf ein anderes 
Thema anzuwenden. Er hatte Tags vorher sein Einkommenbekenntnis 
übergeben, welches vollkommen aufrichtig gehalten war, da er nur 
wenig zu bekennen hatte. Er träumte nun, ein Bekannter komme 
aus der Sitzung der Steuerkommission zu ihm und teile ihm mit, daß 
alle anderen Steuerbekenntnisse unbeanstandet geblieben seien, das 
seinige aber habe allgemeines Mißtrauen erweckt und werde ihm eine 
empfindliche Steuerstrafe eintragen. Der Traum ist eine lässig verhüllte 
Wunscherfüllung, für einen Arzt von großem Einkommen zu gelten. Er 
erinnert übrigens an die bekannte Geschichte von jenem jungen Mäd- 
chen, welchem abgeraten wird, ihrem Freier zuzusagen, weil er ein 
jähzorniger Mensch sei und sie in der Ehe sicherlich mit Schlägen trak- 
tieren werde. Die Antwort des Mädchens lautet dann : Schlug 7 er mich 
erst! Ihr Wunsch, verheiratet zu sein, ist so lebhaft, daß sie die in 
Aussicht gestellte Unannehmlichkeit, die mit dieser Ehe verbunden 
sein soll, mit in den Kauf nimmt und selbst zum Wunsche erhebt. 

Fasse ich die sehr häufig vorkommenden Träume solcher Art, 
die meiner Lehre direkt zu widersprechen scheinen, indem sie das 
Versagen eines Wunsches oder das Eintreffen von etwas offenbar 
Ungewünschtem zum Inhalt haben, als „Gegenwunschträume" 
zusammen, so sehe ich, daß sie sich allgemein auf zwei Prinzipien 
zurückführen lassen, von denen das eine noch nicht erwähnt worden 
ist, obwohl es im Leben wie im Träumen der Menschen eine große 



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Auflösung peinlicher Träume. 121 

Rolle spielt. Die eine Triebkraft dieser Träume ist der Wunsch, *daß 
ich unrecht haben soll. Diese Träume ereignen sich regelmäßig im 
Laufe meiner Behandlungen, wenn sich der Patient im Widerstand 
gegen mich befindet, und ich kann mit großer Sicherheit darauf 
rechnen, einen solchen Traum hervorzurufen, nachdem ich dem Kran- 
ken die Lehre, der Traum sei eine Wunscherfüllung, zuerst vorge- 
tragen habe*). Ja, ich darf erwarten, daß es manchen meiner Leser 
ebenso ergehen wird; er wird sich bereitwillig im Traume einen 
Wunsch versagen, um sich nur den Wunsch, daß ich unrecht haben 
möge, zu erfüllen. Der letzte Kurtraum dieser Art, den ich mit- 
teilen will, zeigt wiederum das nämliche. Ein junges Mädchen, 
welches sich die Portsetzung jneiner Behandlung mühsam erkämpft 
hat gegen den Willen ihrer Angehörigen und der zu Rate gezogenen 
Autoritäten, träumt: Zu Hause verbiete man ihr, weiter zu 
mir zu kommen. Sie beruft sich dann bei mir auf ein ihr 
gegebenes Versprechen, sie im Notfalle auch umsonst zu 
behandeln, und ich sage ihr: In Geldsachen kann ich keine 
Rücksicht üben. 

Es ist wirklich nicht leicht, hier die Wunscherfüllung nach- 
zuweisen, aber in all solchen Fällen findet sich außer dem einen 
Rätsel noch ein anderes, dessen Lösung auch das erste lösen hilft. 
Woher stammen die Worte, die sie mir in den Mund legt? Ich habe 
ihr natürlich nie etwas Ähnliches gesagt, aber einer ihrer Brüder 
und gerade jener, der den größten Einfluß auf sie hat, war so liebens- 
würdig, über mich diesen Ausspruch zu tun. Der Traum will also er- 
reichen, daß der Bruder recht behalte, und diesem Bruder Recht 
verschaffen will sie nicht nur im Traume; es ist der Inhalt ihres 
Lebens und das Motiv ihres Krankseins. Ein Traum, welcher der 
Theorie von der Wunscherfüllung auf den ersten Blick besondere 
Schwierigkeiten bereitet, ist von einem Arzt (Aug. Stärcke) ge- 
träumt und gedeutet werden: 

„Ich habe und sehe an meinem linken Zeigefinger einen 
syphilitischen Primäraffekt an der letzten Phalange." 

Man wird sich vielleicht von der Analyse dieses Traumes durch 
die Erwägung abhalten lassen, daß er ja bis auf seinen unerwünschten 
Inhalt klar und kohärent erscheint. Allein wenn man die Mühe 
einer Analyse nicht scheut, erfährt man, daß „Primäraffekt" gleich- 
zusetzen ist einer „prima affectio" (erste Liebe), und daß das wider- 
liche Geschwür nach den Worten Stärckes „sich als Vertreter von 
mit großem Affekt belegten Wunscherfüllungen" erweist. 

Das andere Motiv der Gegenwunschträume liegt so nahe, daß 
man leicht in Gefahr kommt, es zu übersehen, wie mir selbst durch 



*) Ähnliche „Gegenwunschträume" wurden mir in den letzten Jahren 
wiederholt von meinen Hörern berichtet als deren Reaktion auf ihr erstes Zu* 
sammentreffen mit der „ Wunsch theorie des Traumes*. 



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122 IY. Die Traumentstellung. 

längere Zeit geschehen ist. In der Sexualkonstitution so vieler Men- 
schen gibt es eine masochistische Komponente, die durch die Ver- 
kehrung ins Gegenteil der aggressiven, sadistischen entstanden ist. 
Man heißt solche Menschen „ideelle* c Masochisten, wenn sie die Lust 
nicht in dem ihnen zugefügten körperlichen Schmerz, sondern in der 
Demütigung und seelischen Peinigung suchen. Es leuchtet ohne 
weiteres ein, daß diese Personen Gegenwunsch- und Unlustträume 
haben können, die für sie doch nichts anderes als Wunscherfüllungen 
sind, Befriedigung ihrer masochistischen Neigungen. Ich setze einen 
solchen Traum hieher: Ein junger Mann, der in früheren Jahren 
seinen älteren Bruder, dem er homosexuell zugetan war, sehr gequält 
hat, träumt nun nach gründlicher Charakterwandlung einen aus drei 
Stücken bestehenden Traum. I. Wie ihn sein älterer Bruder 
„sekiert". IL Wie zwei Erwachsene in homosexueller Ab- 
sicht miteinander schön tun. III. Der Bruder hat das Unter- 
nehmen verkauft, dessen Leitung er sich für seine Zukunft 
vorbehalten hat. Aus letzterem Traume erwacht er mit den pein- 
lichsten Gefühlen, und doch ist es ein masochistischer Wunschtraum, 
dessen Übersetzung lauten könnte: es geschähe mir ganz recht, wenn 
der Bruder mir jenen Verkauf antäte zur Strafe für alle Quälereien, 
die er von mir ausgestanden hat. 

Ich hoffe, die vorstehenden Erwägungen und Beispiele werden 
genügen, um es — bis auf weiteren Einspruch — glaubwürdig er- 
scheinen zu lassen, daß auch die Träume mit peinlichem Inhalt als 
Wunscherfüllungen aufzulösen sind. Es wird auch niemand eine 
Äußerung des Zufalles darin erblicken, daß man bei der Deutung 
dieser Träume jedesmal auf Themata gerät, von denen man nicht 
gern spricht oder an die man nicht gern denkt. Das peinliche Ge- 
fühl, welches solche Träume erwecken, ist wohl einfach identisch mit 
dem Widerwillen, der uns von der Behandlung oder Erwägung sol- 
cher Themata — meist mit Erfolg — abhalten möchte, und welcher 
von jedem von uns überwunden werden muß, wenn wir uns genötigt 
sehen, es doch in Angriff zu nehmen. Dieses im Traume also wieder- 
kehrende Unlustgefühl schließt aber das Bestehen eines Wunsches 
nicht aus ; es gibt bei jedem Menschen Wünsche, die er anderen nicht 
mitteilen möchte, und Wünsche, die er sich selbst nicht eingestehen 
will. Anderseits finden wir uns berechtigt, den Unlustcharakter all 
dieser Träume mit der Tatsache der Traumentstellung in Zusammen- 
hang zu bringen und zu schließen, diese Träume seien gerade darum 
so entstellt und die Wunscherfüliung in ihnen bis zur Unkenntlich- 
keit verkleidet, weil ein Widerwillen, eine Verdrängungsabsicht gegen 
das Thema des Traumes oder gegen den aus ihm geschöpften Wunsch 
besteht. Die Traumentstellung erweist sich also tatsächlich als ein 
Akt der Zensur. Allem, was die Analyse der Unlustträume zu Tage 
gefördert hat, tragen wir aber Rechnung, wenn wir unsere Formel, 
die das Wesen des Traumes ausdrücken soll, in folgender Art ver- 



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Der Traum eine verkleidete Erfüllung eines verdrängten Wunsches. 123 

ändern: Der Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines 
(unterdrückten, verdrängten) Wunsches*). 

Nun erübrigen noch die Angstträunie als besondere Unterart der 
Träume mit peinlichem Inhalt, deren Auffassung als Wunschträume 
bei dem Unaufgeklärten die geringste Bereitwilligkeit begegnen wird. 
Doch kann ich die Angstträume hier ganz kurz abtun; es ist nicht 
eine neue Seite des Traumproblems, die sich uns in ihnen zeigen 
würde, sondern es handelt sich bei ihnen um das Verständnis der 
neurotischen Angst überhaupt. Die Angst, die wir im Traume emp- 
finden, ist nur scheinbar durch den Inhalt des Traumes erklärt. Wenn 
wir den Trauminhalt der Deutung unterziehen, merken wir, daß die 
Traumangst durch den Inhalt des Traumes nicht besser gerechtfertigt 
wird als etwa die Angst einer Phobie durch die Vorstellung, an 
welcher die Phobie hängt. Es ist z. B. zwar richtig, daß man aus 
dem Fenster stürzen kann und darum Ursache hat, sich beim Fenster 
einer gewissen Vorsicht zu befleißen, aber es ist nicht zu verstehen, 
warum bei der entsprechenden Phobie die Angst so groß ist und den 
Kranken weit über ihre Anlässe hinaus verfolgt. Dieselbe Aufklärung 
erweist sich dann als gültig für die Phobie wie für den Angsttraum. 
Die Angst ist beidemal an die sie begleitende Vorstellung nur an- 
gelötet und stammt aus anderer Quelle. 

Wegen dieses intimen Zusammenhanges der Traumangst mit der 
Neurosenangst muß ich hier bei der Erörterung der ersteren auf die 
letztere verweisen. In einem kleinen Aufsatze über die „Angst- 
neurose" (Neurolog. Zentralblatt, 1895) habe ich seinerzeit behauptet, 
daß die neurotische Angst aus dem Sexualleben stammt und einer von 
ihrer Bestimmung abgelenkten, nicht zur Verwendimg gelangten 
Libido entspricht. Diese Formel hat sich seither immer mehr als 
stichhaltig erwiesen. Aus ihr läßt sich nun der Satz ableiten, daß die 
Angstträume Träume sexuellen Inhaltes sind, deren zugehörige Libido 
eine Verwandlung in Angst erfahren hat. Es wird sich späterhin die 
Gelegenheit ergeben, diese Behauptung durch die Analyse einiger 
Träume bei Neurotikern zu unterstützen. Auch werde ich bei weiteren 
Versuchen, mich einer Theorie des Traumes zu nähern, nochmals auf 
die Bedingung der Angstträume und deren Verträglichkeit mit der 
Wunscherfüllungstheorie zu sprechen kommen. 

*) Ein großer unter den lebenden Dichtern, der, wie mir gesagt wurde, von 
Psychoanalyse und Traumdeutung nichts wissen will, findet doch aus Eigenem eine 
fast identische Formel für das Wesen des Traumes: „Unbefugtes Auftauchen unter- 
drückter Sehnsuchtswünsche unter falschem Antlitz und Namen." C. Spitteler, 
Meine frühesten Erlebnisse (Süddeutsche Monatshefte, Oktober 1913). 

Vorgreifend führe ich hier die von Otto Rank herrührende Erweiterung 
und Modifikation der obigen Grundformel an: „Der Traum stellt regelmäßig 
auf der Grundlage und mit Hilfe verdrängten infantil-sexuellen Materials ak- 
tuelle, in der Regel auch erotische Wünsche in verhüllter und symbolisch ein- 
gekleideter Form als erfüllt dar/' („Ein Traum, der sich selbst deutet.") 



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V. 
Das Traummaterial und die Traumquellen. 

Als wir aus der Analyse des Traumes von Irmas Injektion 
ersehen hatten, daß der Traum eine Wunscherfüllung ist, nahm uns 
zunächst das Interesse gefangen, ob wir hiemit einen allgemeinen 
Charakter des Traumes aufgedeckt haben, und wir brachten vorläufig 
jede andere wissenschaftliche Neugierde zum Schweigen, die sich in 
uns während jener Deutungsarbeit geregt haben mochte. Nachdem 
wir jetzt auf dem einen Wege zum Ziele gelangt sind, dürfen wir 
zurückkehren und einen neuen Ausgangspunkt für unsere Streifungen 
durch die Probleme des Traumes wählen, sollten wir darüber auch 
das noch keineswegs voll erledigte Thema der Wunscherfüllung für 
eine Weile aus den Augen verlieren. 

Seitdem wir durch Anwendung unseres Verfahrens der Traum- 
deutung einen latenten Trauminhalt aufdecken können, der an 
Bedeutsamkeit den manifesten Trauminhalt weit hinter sich läßt, 
muß es uns drängen, die einzelnen Traumprobleme von neuem auf- 
zunehmen, um zu versuchen, ob sich für uns nicht Rätsel und Wider- 
sprüche befriedigend lösen, die, solange man nur den manifesten 
Trauminhalt kannte, unangreifbar erschienen sind. 

Die Angaben der Autoren über den Zusammenhang des Traumes 
mit dem Wachleben sowie über die Herkunft des Traummaterials 
sind im einleitenden Abschnitt ausführlich mitgeteilt worden. Wir 
erinnern uns auch jener drei Eigentümlichkeiten des Traumgedächt- 
nisses, die so vielfach bemerkt, aber nicht erklärt worden sind: 

1. Daß der Traum die Eindrücke der letzten Tage deutlich 
bevorzugt (Robert, Strümpell, Hildebrandt, auch Weed- 
Hallam); 

2. daß er eine Auswahl nach anderen Prinzipien als unser 
Wachgedächtnis trifft, indem er nicht das Wesentliche und Wichtige, 
sondern das Nebensächliche und Unbeachtete erinnert. 

3. daß er die Verfügung über unsere frühesten Kindheits- 
eindrücke besitzt und selbst Einzelheiten aus dieser Lebenszeit her- 
vorholt, die uns wiederum als trivial erscheinen und im Wachen für 
längst vergessen gehalten worden sind*). 

*) Es ist klar, daß die Auffassung Roberts, der Traum sei dazu be- 
stimmt, unser Gedächtnis von den wertlosen Eindrücken des Tages zu entlasten, 



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Das Rezente und das Indifferente im Traume. 125 

Diese Besonderheiten in der Auswahl des Traummaterials sind 
von den Autoren natürlich am manifesten Trauminhalt beobachtet 
worden. 

a) Das Rezente und das Indifferente im Traume. 

Wenn ich jetzt in Betreff der Herkunft der im Trauminhalt 
auftretenden Elemente meine eigene Erfahrung zu Rate ziehe, so muß 
ich zunächst die Behauptung aufstellen, daß in jedem Traume eine 
Anknüpfung an die Erlebnisse des letztabgelaufenen Tages auf- 
zufinden ist. Welchen Traum immer ich vornehme, einen eigenen oder 
fremden, jedesmal bestätigt sich mir diese Erfahrung. In Kenntnis 
dieser Tatsache kann ich etwa die Traumdeutung damit beginnen, 
daß ich zuerst nach dem Erlebnisse des Tages forsche, welches den 
Traum angeregt hat; für viele Fälle ist dies sogar der nächste Weg. 
An den beiden Träumen, die ich im vorigen Abschnitt einer genauen 
Analyse unterzogen habe (von Irmas Injektion, von meinem Onkel 
mit dem gelben Barte), ist die Beziehung zum Tage so augenfällig, 
daß sie keiner weiteren Beleuchtung bedarf. Um aber zu zeigen, wie 
regelmäßig sich diese Beziehung erweisen läßt, will ich ein Stück 
meiner eigenen Traumchronik daraufhin untersuchen. Ich teile die 
Träume nur soweit mit, als es zur Aufdeckung der gesuchten Traum- 
quelle bedarf. 

1. Ich mache einen Besuch in einem Hause, wo ich nur mit 
Schwierigkeiten vorgelassen werde usw., lasse eine Frau unterdessen 
auf mich warten. 

Quelle: Gespräch mit einer Verwandten am Abend, daß eine 
Anschaffung, die sie verlangt, warten müsse, bis usw. 

2 Ich habe eine Monographie über eine gewisse (unklar) 
Pflanzenart geschrieben. 

Quelle: Am Vormittag im Schaufenster einer Buchhandlung 
eine Monographie gesehen über die Gattung Zyklamen. 

3. Ich sehe zwei Frauen auf der Straße, Mutter und Tochter, 
von denen die letztere meine Patientin war. 

Quelle: Eine in Behandlung stehende Patientin hat mir abends 
mitgeteilt, welche Schwierigkeiten ihre Mutter einer Fortsetzung der 
Behandlung entgegenstellt. 

4. In der Buchhandlung von S. und R. nehme ich ein Abonne- 
ment auf eine periodische Publikation, die jährlich 20 fl. kostet. 

Quelle: Meine Frau hat mich am Tage daran erinnert, daß 
ich ihr 20 fl. vom Wochengelde noch schuldig bin. 

5 Ich erhalte eine Zuschrift vom sozialdemokratischen Ko- 
mitee, in der ich als Mitglied behandelt werde. 

nicht mehr zu halten ist, wenn im Traume einigermaßen häufig gleichgültige 

Erinnerungsbilder aus unserer Kindheit auftreten. Man müßte den Schluß 

ziehen, daß der Traum die ihm zufallende Aufgabe sehr ungenügend zu er- 
füllen pflegt. 



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126 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

Quelle: Zuschriften erhalten gleichzeitig vom liberalen 
Wahlkomitee und vom Präsidium des humanitären Vereines, dessen 
Mitglied ich wirklich bin. 

6. Ein Mann auf einem steilen Felsen mitten im Meere 
in Böcklin scher Manier. 

Quelle: Dreyfus auf der Teufelsinsel, gleichzeitig Nach- 
richten von meinen Verwandten in England usw. 

Man könnte die Präge aufwerfen, ob die Traumanknüpfung un- 
fehlbar an die Ereignisse des letzten Tages erfolgt, oder ob sie sich 
auf Eindrücke eines längeren Zeitraumes der jüngsten Vergangenheit 
erstrecken kann. Dieser Gegenstand kann prinzipielle Bedeutsamkeit 
wahrscheinlich nicht beanspruchen, doch möchte ich mich für das 
ausschließliche Vorrecht des letzten Tages vor dem Traume (des 
Traumtages) entscheiden. So oft ich zu finden vermeinte, daß ein 
Eindruck vor zwei oder drei Tagen die Quelle des Traumes gewesen 
sei, konnte ich mich doch bei genauerer Nachforschung überzeugen, 
daß jener Eindruck am Vortage wieder erinnert worden war, daß 
also eine nachweisbare Reproduktion am Vortage sich zwischen dem 
Ereignistage und der Traumzeit eingeschoben hatte, und konnte außer- 
dem den rezenten Anlaß nachweisen, von dem die Erinnerung an den 
älteren Eindruck ausgegangen sein konnte. Hingegen konnte ich mich 
nicht davon überzeugen, daß zwischen dem erregenden Tageseindruck 
und dessen Wiederkehr im Traume ein regelmäßiges Intervall von 
biologischer Bedeutsamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 
18 Stunden) eingeschoben ist*). Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf- 

*) H. Swoboda hat, wie im ersten Abschnitt p. 71. mitgeteilt, die von 
W. Fließ gefundenen biologischen Intervalle von 23 und 28 Tagen im weiten 
Ausmaße auf das seelische Geschehen übertragen und insbesondere behauptet, 
daß diese Zeiten für das Auftauchen der Traumelemente in den Träumen ent- 
scheidend sind. Die Traumdeutung würde nicht wesentlich abgeändert, wenn 
sich solches nachweisen ließe, aber für die Herkunft des Traummaterials ergäbe 
sich eine neue Quelle. Ich habe nun neuerdings einige Untersuchungen an 
eigenen Träumen angestellt, um die Anwendbarkeit der „Periodenlehre" auf das 
Traummaterial zu prüfen und habe hiezu besonders auffällige Elemente des 
Trauminhaltes gewählt, deren Auftreten im Leben sich zeitlich mit Sicherheit 
bestimmen ließ. 

I. Traum vom 1./2. Oktober 1910. 

(Bruchstück) . . . Irgendwo in Italien. Drei Töchter zeigen mir kleine 
Kostbarkeiten, wie in einem Antiquarladen, setzen sich mir dabei auf den Schoß. 
Bei einem der Stücke sage ich: Das haben Sie ja von mir. Ich sehe dabei deut- 
lich eine kleine Profilmaske mit den scharf geschnittenen Zügen Savonarolas. 

Wann habe ich zuletzt das Bild Savonarolas gesehen? Ich war nach 
dem Ausweis meines Reißetagebuches am 4. und 5. September in Florenz; dort 
dachte ich daran, meinem Reisebegleiter das Medaillon mit den Zügen des fana- 
tischen Mönchs im Pflaster der Piazza Signoria an der Stelle, wo er den Tod 
durch Verbrennung fand, zu zeigen, und ich meine, am 5. vormittags machte 
ich ihn auf dasselbe aufmerksam. Von diesem Eindruck bis zur Wiederkehr 
im Traume sind allerdings 27 + 1 Tage verflossen, eine „weibliche Periode" 
nach Fließ. Zum Unglück für die Beweiskraft dieses Beispieles muß ich 
aber erwähnen, daß an dem Traumtage selbst der tüchtige, aber düster 



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Die Frage der Periodizität in Träumen. 127 

merksamkeit geschenkt hat, gibt an, daß er eine solche Periodizität 
der Reproduktion in seinen Träumen „trotz des Achtens darauf" nicht 
finden konnte. Er erzählt einen Traum, in welchem er sich in Spanien 
befand und nach einem Ort: Daraus, Varaus oder Zaraus fahren 

blickende Kollege bei mir war (das erste Mal seit meiner Rückkunft), für den 
ich vor Jahren schon den Scherznamen „Rabbi Savonarola" aufgebracht habe. 
Er stellte mir einen Unfallkranken vor, der in dem Pontebbazug verunglückt war, 
in dem ich selbst acht Tage vorher gereist war, und leitete so meine Gedanken 
zur letzten Italienreise zurück. Das Erscheinen des auffälligen Elementes „Savona- 
rola* im Trauminhalt ist durch diesen Besuch des Kollegen am Traumtage 
aufgeklärt, das 28 tagige Intervall wird seiner Bedeutung für dessen Herleitung 
verlustig. 

II. Traum vom 10./1L Oktober. 

Ich arbeite wieder einmal Chemie im Universitätslaboratorium. Hofrat 
L. lädt mich ein, an einen anderen Ort zu kommen und geht auf dem Korridor 
voran, eine Lampe oder sonst ein Instrument wie scharfsinnig (?) (scharf- 
sichtig?) in der erhobenen Hand vor sich hintragend, in eigentümlicher Haltung 
mit vorgestrecktem Kopf. Wir kommen dann über einen freien Platz . . . 
(Rest vergessen). 

Das Auffälligste in diesem Trauminhalt ist die Art, wie Hofrat L. die 
Lampe (oder Lupe) vor sich hinträgt, das Auge spähend in die Weite gerichtet. 
L. habe ich viele Jahre lang nicht mehr gesehen, aber ich weiß jetzt schon, er 
ist nur eine Ersatzperson für einen anderen, größeren, für den Archimedes 
nahe bei der Arethusaqueile in Syrakus, der genau so wie er im Traume dasteht 
und so den Brennspiegel handhabt, nach dem Belagerungsheer der Römer spähend. 
Wann habe ich dieses Denkmal zuerst (und zuletzt) gesehen? Nach meinen Auf- 
zeichnungen war es am 17. September abends und von diesem Datum bis zum 
Traume sind tatsächlich 13 + 10 = 23 Tage verstrichen, eine „männliche Periode" 
nach Fließ. 

Leider hebt das Eineehen auf die Deutung des Traumes auch hier ein 
Stück von der Unerläßlichteit dieses Zusammenhanges anf. Der Traumanlaß 
war die am Traumtag erhaltene Nachricht, daß die Klinik, in deren Hörsaal ich 
als Gast meine Vorlesungen abhalte, demnächst anderswohin verlegt werden 
solle. Ich nahm an, daß die neue Lokalität sehr unbequem gelegen sei, sagte 
mir, es werde dann sein, als ob ich überhaupt keinen Hörsaal zur Verfügung 
habe und von da an müßten meine Gedanken bis in den Beginn meiner Dozenten- 
zeit zurückgegangen sein, als ich wirklich keinen Hörsaal hatte und mit meinen 
Bemühungen, mir einen zu verschaffen, auf geringes Entgegenkommen bei den 
hochvermögenden Herren Hof raten und Professoren stieß. Ich ging damals zu 
k f der gerade die Würde eines Dekans bekleidete und den ich für einen Gönner 
hielt, um ihm meine Not zu klagen. Er versprach mir Abhilfe, ließ aber dann 
nichts weiter von sich hören- Im Traum ist er der Archimedes, der mir gibt, 
rcoö otä und mich selbst in die andere Lokalität geleitet Daß den Traum- 
gedanken weder Rachsucht noch Größenbewußtsein fremd sind, wird der 
Deutungskundige leicht erraten. Ich muß aber urteilen, daß ohne diesen Traum- 
anlaß der Archimedes kaum in den Traum dieser Nacht gelangt wäre; es bleibt 
mir unsicher, ob der starke und noch rezente Eindruck der Statue in Siracusa 
sich nicht auch bei einem anderen Zeitintervall geltend gemacht hätte. 
III. Traum vom 2./3. Oktober 1910. 

(Bruchstück) . . . Etwas von Prof. Oser, der selbst das Menü für mich 
gemacht hat, was sehr beruhigend wirkt (anderes vergessen). 

Der Traum ist die Reaktion auf eine Verdauungsstörung dieses Tages, die 
mich erwägen ließ, ob ich mich nicht wegen Bestimmung einer Diät an einen 
Kollegen wenden solle. Daß ich im Traum den im Sommer verstorbenen Oser 
dazu bestimme, knüpft an den sehr kurz vorher (1. Oktober) erfolgten Tod eines 



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128 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

wollte. Erwacht, konnte er sich an einen solchen Ortsnamen nicht 
erinnern und legte den Traum bei Seite. Einige Monate später fand 
er tatsächlich den Namen Zaraus als den einer Station zwischen 
San Sebastian und Bilboa, welche er 250 Tage vor dem Traume 
mit dem Zuge passiert hatte (p. 227). 

Ich meine also, es gibt für jeden Traum einen Traumerreger aus 
jenen Erlebnissen, über die „man noch keine Nacht geschlafen hat' 1 . 

Die Eindrücke der jüngsten Vergangenheit (mit Ausschluß des 
Tages vor der Traumnacht) zeigen also keine andersartige Beziehung 
zum Trauminhalt als andere Eindrücke aus beliebig ferner liegenden 
Zeiten. Der Traum kann sein Material aus jeder Zeit des Lebens 
wählen, wofern nur von den Erlebnissen des Traumtages (den „re- 
zenten 4 ' Eindrücken) zu diesen früheren ein Gedankenfaden reicht. 

Woher aber die Bevorzugung der rezenten Eindrücke? Wir 
werden zu Vermutungen über diesen Punkt gelangen, wenn wir einen 
der erwähnten Träume einer genaueren Analyse unterziehen. Ich 
wähle den Traum von der Monographie. 

Trauminhalt: Ich habe eine Monographie über eine 
gewisse Pflanze geschrieben. Das Buch liegt vor mir, ich 
blättere eben eine eingeschlagene farbige Tafel um. Jedem 
Exemplar ist ein getrocknetes Spezimen der Pflanze beige- 
bunden, ähnlich wie aus einem Herbarium. 

Analyse: Ich habe am Vormittag im Schaufenster einer Buch- 
handlung ein neues Buch gesehen, welches sich betitelt: Die Gattung 
Zyklamen, offenbar eine Monographie über diese Pflanze. 

Zyklamen ist die Lieblingsblume meiner Frau. Ich mache 
mir Vorwürfe, daß ich so selten daran denke, ihr Blumen mitzu- 
bringen, wie sie sich's wünscht. — Bei dem Thema: Blumen mit- 
bringen erinnere ich mich einer Geschichte, welche ich unlängst 
im Freundeskreise erzählt und als Beweis für meine Behauptung 
verwendet habe, daß Vergessen sehr häufig die Ausführung einer 
Absicht des Unbewußten sei und immerhin einen Schluß auf die 
geheime Gesinnung des Vergessenden gestatte. Eine junge Frau, 
welche daran gewöhnt war, zu ihrem Geburtstage einen Strauß von 
ihrem Manne vorzufinden, vermißt dieses Zeichen der Zärtlichkeit 



anderen von mir hochgeschätzten Universitätslehrers an. Wann ist aber Oser 

Gestorben und wann habe ich seinen Tod erfahren? Nach dem Ausweis des 
eitungsblattes am 22. August; da ich damals in Holland weilte, wohin ich die 
Wiener Zeitung regelmäßig nachsenden ließ> muß ich die Todesnachricht am 24. 
oder 25. August gelesen haben. Dieses Intervall entspricht aber keiner Periode 
mehr, es umfaßt 7 + 30 + 2 = 39 Tage oder vielleicht 40 Tage. Ich kann mich 
nicht besinnen, in der Zwischenzeit von Oser gesprochen oder an ihn gedacht 
zu haben. 

Solche für die Periodenlehre nicht mehr ohne weitere Bearbeitung brauch- 
bare Intervalle ergeben sich nun aus meinen Träumen ungleich häufiger als die 
regulären. Konstant finde ich nur die im Text behauptete Beziehung zu einem 
Eindrucke des Traumtages selbst. 



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Der Traum von der botanischen Monographie. 129 

an einem solchen Festtag und bricht darüber in Tränen aus. Der 
Mann ko mm t hinzu, weiß sich ihr Weinen nicht zu erklären, bis sie 
ihm sagt: Heute ist mein Geburtstag. Da schlägt er sich vor die 
Stirn, ruft aus: Entschuldige, hab' ich doch ganz daran vergessen, 
und will fort, ihr Blumen zu holen. Sie läßt sich aber nicht trösten, 
denn sie sieht in der Vergeßlichkeit ihres Mannes einen Beweis dafür, 
daß sie in seinen Gedanken nicht mehr dieselbe Rolle spielt wie 
einstens. — Diese Frau L. ist meiner Frau vor zwei Tagen begegnet, 
hat ihr mitgeteilt, daß sie sich wohl fühlt, und sich nach mir er- 
kundigt. Sie stand in früheren Jahren in meiner Behandlung. 

Ein neuer Ansatz: Ich habe wirklich einmal etwas Ähnliches 

geschrieben wie eine Monographie über eine Pflanze, nämlich einen 

Aufsatz über die Kokapflanze, welcher die Aufmerksamkeit von 

K. Koller auf die anästhesierende Eigenschaft des Kokains gelenkt 

hat. Ich hatte diese Verwendung des Alkaloids in meiner Publikation 

selbst angedeutet, war aber nicht gründlich genug, die Sache weiter 

zu verfolgen. Dazu fällt mir ein, daß ich am Vormittag des Tages 

nach dem Traume (zu dessen Deutung ich erst abends Zeit fand) des 

Kokains in einer Art von Tagesphantasie gedacht habe. Wenn ich 

je Glaukom bekommen sollte, würde ich nach Berlin reisen und 

mich dort bei meinem Berliner Freunde von einem Arzte, den er 

mir empfiehlt, inkognito operieren lassen. Der Operateur, der nicht 

wüßte, an wem. er arbeitet, würde wieder einmal rühmen, wie leicht 

sich diese Operationen seit der Einführung des Kokains gestaltet 

haben; ich würde durch keine Miene verraten, daß ich an dieser 

Entdeckung selbst einen Anteil habe. An diese Phantasie schlössen 

sich Gedanken an, wie unbequem es doch für den Arzt sei, ärztliche 

Leistungen von Seite der Kollegen für seine Person in Anspruch zu 

nehmen. Den Berliner Augenarzt, der mich nicht kennt, würde ich 

^c wie ein anderer entlohnen können. Nachdem dieser Tagtraum mir 

in den Sinn gekommen, merke ich erst, daß sich die Erinnerung 

an ein bestimmtes Erlebnis hinter ihm verbirgt. Kurz nach der 

Entdeckung Kollers war nämlich mein Vater an Glaukom erkrankt; 

er wurde von meinem Freunde, dem Augenarzte Dr. Königstein, 

k eit operiert, Dr. Koller besorgte die Kokainanästhesie und machte dann 

die Bemerkung, daß bei diesem Falle sich alle die drei Personen 

33er vereinigt fänden, die an der Einführung des Kokains Anteil gehabt 

d J haben. 

* 04, Meine Gedanken gehen nun weiter, wann ich zuletzt an diese 

r jjde Geschichte des Kokains erinnert worden bin. Es war dies vor einigen 
mfcb Tagen, als ich die Festschrift in die Hand bekam, mit deren Er- 
ia* scheinen dankbare Schüler das Jubiläum ihres Lehrers und Labo- 
^ ratoriumsvorstandes gefeiert hatten. Unter den Ruhmestiteln des La- 
if d* boratoriums fand ich auch angeführt, daß dort die Entdeckung der 
einem anästhesierenden Eigenschaft des Kokains durch K. Koller vorge- 
fallen sei. Ich bemerke nun plötzlich, daß mein Traum mit einem 

Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 9 



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von 



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130 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

Erlebnis des Abends vorher zusammenhängt. Ich hatte gerade Dok- 
tor Königstein nach Hause begleitet, mit dem ich in ein Gespräch 
über eine Angelegenheit geraten war, die mich jedesmal, wenn sie 
berührt wird, lebhaft erregt. Als ich mich in dem Hausflure niit 
ihm aufhielt, kam Professor Gärtner mit seiner jungen Frau hinzu. 
Ich konnte mich nicht enthalten, die beiden darüber zu beglück- 
wünschen, wie blühend sie aussehen. Nun ist Professor Gärtner 
einer der Verfasser der Pestschrift, von der ich eben sprach, und 
konnte mich wohl an diese erinnern. Auch die Frau L., deren 
Geburtstagsenttäuschung ich unlängst erzählte, war im Gespräche 
mit Dr. Königstein, in anderem Zusammenhange allerdings, er- 
wähnt worden. 

Ich will versuchen, auch die anderen Bestimmungen des Traum- 
inhaltes zu deuten. Ein getrocknetes Spezimen der Pflanze liegt 
der Monographie bei, als ob es ein Herbarium wäre. Ans Her- 
barium knüpft sich eine Gymnasialerinnerung. Unser Gymnasial- 
direktor rief einmal die Schüler der höheren Klassen zusammen, um 
ihnen das Herbarium der Anstalt zur Durchsicht und zur Reinigung 
zu übergeben. Es hatten sich kleine Würmer eingefunden — 
Bücherwurm. Zu meiner Hilfeleistung scheint er nicht Zutrauen 
gezeigt zu haben, denn er überließ mir nur wenige Blätter. Ich weiß 
noch heute, daß Kruziferen darauf waren. Ich hatte niemals ein be- 
sonders intimes Verhältnis zur Botanik. Bei meiner botanischen Vor- 
prüfung bekam ich wiederum eine Kruzifere zur Bestimmung und — 
erkannte sie nicht. Es wäre mir schlecht ergangen, wenn nicht meine 
theoretischen Kenntnisse mir herausgeholfen hätten. — Von den 
Kruziferen gerate ich auf die Kompositen. Eigentlich ist auch die 
Artischocke eine Komposite, und zwar die, welche ich meine Lieb- 
lingsblume heißen könnte. Edler als ich, pflegt meine Frau mir 
diese Lieblingsblume häufig vom Markte heimzubringen. 

Ich sehe die Monographie vor mir liegen, die ich geschrieben 
habe. Auch dies ist nicht ohne Bezug. Mein visueller Freund schrieb 
mir gestern aus Berlin: „Mit deinem Traumbuche beschäftige ich 
mich sehr viel. Ich sehe es fertig vor mir liegen und blättere 
darin." Wie habe ich ihn um diese Sehergabe beneidet! Wenn ich 
es doch auch schon fertig vor mir liegen sehen könnte ! 

Die zusammengelegte farbige Tafel: Als ich Student der 
Medizin war, litt ich viel unter dem Impuls, nur aus Monographien 
lernen zu wollen. Ich hielt mir damals, trotz meiner beschränkten 
Mittel, mehrere medizinische Archive, deren farbige Tafeln mein 
Entzücken waren. Ich war stolz auf diese Neigung zur Gründlichkeit 
Als ich dann selbst zu publizieren begann, muJßte ich auch die Tafeln 
für meine Abhandlungen zeichnen und ich weiß, daß eine derselben 
so kümmerlich ausfiel, daß mich ein wohlwollender Kollege ihret- 
wegen verhöhnte. Dazu kommt noch, ich weiß nicht recht wie, eine 
sehr frühe Jugenderinnerung. Mein Vater machte sich einmal den 



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Der Traum von der botanischen Monographie. 131 

Scherz, mir und meiner ältesten Schwester ein Buch mit farbigen 
Tafeln (Beschreibung einer Reise in Persien) zur Vernichtung zu 
überlassen. Es war erziehlich kaum zu rechtfertigen. Ich war damals 
fünf Jahre, die Schwester unter drei Jahren alt, und das Bild, wie 
wir Kinder überselig dieses Buch zerpflückten (wie eine Arti- 
schocke, Blatt für Blatt, muß ich sagen), ist nahezu das einzige, 
was mir aus dieser Lebenszeit in plastischer Erinnerung geblieben ist. 
Als ich dann Student wurde, entwickelte sich bei mir eine aus- 
gesprochene Vorliebe, Bücher zu sammeln und zu besitzen (analog 
der Neigung, aus Monographien zu studieren, eine Liebhaberei, wie 
sie in den Traumgedanken betreffs Zyklamen und Artischocke be- 
reits vorkommt). Ich wurde ein Bücherwurm (vgl. Herbarium). 
Ich habe diese erste Leidenschaft meines Lebens, seitdem ich über 
mich nachdenke, immer auf diesen Kindereindruck zurückgeführt 
oder vielmehr, ich habe erkannt, daß diese Kinderszene eine „Deck- 
erinnerung" für meine spätere Bibliophilie ist*). Natürlich habe ich 
auch frühzeitig erfahren, daß man durch Leidenschaften leicht in 
Leiden gerät. Als ich 17 Jahre alt war, hatte ich ein ansehnliches 
Konto beim Buchhändler und keine Mittel, es zu begleichen, und mein 
Vater ließ es kaum als Entschuldigung gelten, daß sich meine Nei- 
gungen auf nichts Böseres geworfen hatten. Die Erwähnung dieses 
späteren Jugenderlebnisses bringt mich aber sofort zu dem Gespräche 
mit meinem Freunde Dr. Königstein zurück. Denn um dieselben 
Vorwürfe wie damals, daß ich meinen Liebhabereien zuviel nach- 
gebe, handelte es sich auch im Gespräche am Abend des Traumtages. 
Aus Gründen, die nicht hieher gehören, will ich die Deutung 
dieses Traumes nicht verfolgen, sondern bloß den Weg angeben, 
welcher zu ihr führt. Während der Deutungsarbeit bin ich an das 
Gespräch mit Dr. Königstein erinnert worden, und zwar von mehr 
als einer Stelle aus. Wenn ich mir vorhalte, welche Dinge in diesem 
Gespräche berührt worden sind, so wird der Sinn des Traumes mir 
verständlich. Alle angefangenen Gedankengänge, von den Lieb- 
habereien meiner Frau und meinen eigenen, vom Kokain, von den 
Schwierigkeiten ärztlicher Behandlung unter Kollegen, von meiner 
Vorliebe für monographische Studien und meiner Vernachlässigung 
gewisser Fächer wie der Botanik, dies alles erhält dann seine Fort- 
setzung und mündet in irgend einen der Fäden der vielverzweigten 
Unterredung ein. Der Traum bekömmt wieder den Charakter einer 
Rechtfertigung, eines Plaidoyers für mein Recht, wie der erst ana- 
lysierte Traum von Irmas Injektion; ja er setzt das dort begonnene 
Thema fort und erörtert es an einem neuen Material, welches im 
Intervall zwischen beiden Träumen hinzugekommen ist. Selbst die 
scheinbar indifferente Ausdrucksform des Traumes bekömmt einen 



*) Vergleiche meinen Aufsatz „Über Deckerinnerungen" in der Monat- 
schrift für Psychiatrie und Neurologie, 1899. 

9* 



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\ 



132 V. Das Traummaterial and die Traamqaellen. 

Akzent. Es heißt jetzt: Ich bin doch der Mann, der die wertvolle 
und erfolgreiche Abhandlung (über das Kokain) geschrieben liat. 
ähnlich wie ich damals zu meiner Rechtfertigung vorbrachte: Ich 
bin doch ein tüchtiger und fleißiger Student ; in beiden BUllen also : 
Ich darf mir das erlauben. Ich kann aber auf die Ausführung der 
Traumdeutung hier verzichten, weil mich zur Mitteilung- des Traumes 
nur die Absicht bewogen hat, an einem Beispiele die Beziehung" des 
Trauminhaltes zu dem erregenden Erlebnis des Vortages zu unter- 
suchen. So lange ich von diesem Traume nur den manifesten Inhalt 
kenne, wird mir nur eine Beziehung des Traumes zu einem Tages- 
eindruck augenfällig; nachdem ich die Analyse gemacht habe, ergibt 
sich eine zweite Quelle des Traumes in einem anderen Erlebnis des- 
selben Tages. Der erste der Eindrücke, auf welche sich der Traum 
bezieht, ist ein gleichgültiger, ein Nebenumstand. Ich sehe im Schau- 
fenster ein Buch, dessen Titel mich flüchtig berührt, dessen Inhalt 
mich kaum interessieren dürfte. Das zweite Erlebnis hatte einen 
hohen psychischen Wert; ich habe mit meinem Freunde, dem Augen- 
arzt, wohl eine Stunde lang eifrig gesprochen, ihm Andeutungen ge- 
macht, die uns beiden nahegehen mußten, und Erinnerungen in mir 
wachgerufen, bei denen die mannigfaltigsten Erregungen meines In- 
nern mir bemerklich wurden. Überdies wurde dieses Gespräch un- 
vollendet abgebrochen, weil Bekannte hinzukamen. Wie stehen nun 
die beiden Eindrücke des Tages zueinander und zu dem in der Nacht / 
erfolgenden Traum? 

Im Trauminhalt finde ich nur eine Anspielung auf den gleich- 
gültigen Eindruck und kann so bestätigen, daß der Traum mit Vor- 
liebe Nebensächliches aus dem Leben in seinen Inhalt aufnimmt. In 
der Traumdeutung hingegen führt alles auf das wichtige, mit Recht 
erregende Erlebnis hin. Wenn ich den Sinn des Traumes, wie es 
einzig richtig ist, nach dem latenten, durch die Analyse zu Tage ge- 
förderten Inhalt beurteile, so bin ich unversehens zu einer neuen und 
wichtigen Erkenntnis gelangt. Ich sehe das Rätsel zerfallen, daß der 
Traum sich nur mit den wertlosen Brocken des Tageslebens be- 
schäftigt; ich muß auch der Behauptung widersprechen, daß das 
Seelenleben des Wachens sich in den Traum nicht fortsetzt, und der 
Traum dafür psychische Tätigkeit an läppisches Material verschwendet. 
Das Gegenteil ist wahr; was uns bei Tage in Anspruch genommen 
hat, beherrscht auch die Traumgedanken, und wir geben uns die 
Mühe zu träumen nur bei solchen Materien, welche uns bei Tage 
Anlaß zum Denken geboten hätten. 

Die naheliegendste Erklärung dafür, daß ich doch vom gleich- 
gültigen Tageseindruck träume, während der mit Recht aufregende 
mich zum Traume veranlaßt hat, ist wohl die, daß hier wieder ein 
Phänomen der Traumentstellung vorliegt, welche wir oben auf eine 
als Zensur waltende psychische Macht zurückgeführt haben. Die 
Erinnerung an die Monographie übör die Gattung Zyklamen erfährt 



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Die Rolle des indifferenten rezenten Eindruckes. 133 

eine Verwendung, als ob sie eine Anspielung auf das Gespräch 
mit dem Freunde wäre, ganz ähnlich wie im Traume von dem ver- 
hinderten Souper die Erwähnung der Freundin durch die Anspielung 
„geräucherter Lachs" vertreten wird. Es fragt sich nur, durch welche 
Mittelglieder kann der Eindruck der Monographie zu dem Gespräche 
mit dem Augenarzt in das Verhältnis der Anspielung treten, da eine 
solche Beziehung zunächst nicht ersichtlich ist. In dem Beispiele 
vom verhinderten Souper ist die Beziehung von vornherein gegeoen; 
„geräucherter Lachs" als die Lieblingsspeise der Freundin gehört ohne 
tveiteres zu dem Vorstellungskreise, den die Person der Fi-eundin bei 
der Träumenden anzuregen vermag. In unserem neuen Beispiel han- 
delt es sich um zwei gesonderte Eindrücke, die zunächst nichts ge- 
meinsam haben, als daß sie am nämlichen Tage erfolgen. Die Mono- 
graphie fällt mir am Vormittage auf, das Gespräch führe ich dann am 
Abend. Die Antwort, welche die Analyse an die Hand gibt, lautet: 
Solche erst nicht vorhandene Beziehungen zwischen den beiden Ein- 
drücken werden nachträglich vom Vorstellungsinhalt des einen zum 
Vorstellungsinhalt des anderen angesponnen. Ich habe die betreffen- 
den Mittelglieder bereits bei der Niederschrift der Analyse hervor- 
gehoben. An die Vorstellung der Monographie über Zyklamen würde 
ich ohne Beeinflussung von anderswoher wohl nur die Idee knüpfen, 
daß diese die Lieblingsblume meiner Frau ist, etwa noch die Er- 
innerung an den vermißten Blumenstrauß der Frau L. Ich glaube 
nicht, daß diese Hintergedanken genügt hätten, einen Traum hervor- 
zurufen. 

„There needs no ghost, my lord, come from the grave 
To teil us this" 
heißt es im Hamlet. Aber siehe da, in der Analyse werde ich 
daran erinnert, daß der Mann, der unser Gespräch störte, Gärtner 
hieß, daß ich seine Frau blühend fand; ja ich besinne mich eben 
jetzt nachträglich, daß eine meiner Patientinnen, die den schönen 
Namen Flora trägt, eine Weile im Mittelpunkte unseres Gespräches 
stand. Es muß so zugegangen sein, daß ich über diese Mittelglieder 
aus dem botanischen Vorstellungskreis die Verknüpfung der beiden 
Tageserlebnisse, des gleichgültigen und des aufregenden, vollzog. Dann 
stellten sich weitere Beziehungen ein, die des Kokains, welche mit 
Fug und Recht zwischen der Person des Dr. Königstein und einer 
botanischen Monographie, die ich geschrieben habe, vermitteln kann, 
und befestigten diese Verschmelzung der beiden Vorstellungskreise 
zu einem, so daß nun ein Stück aus dem ersten Erlebnis als An- 
spielung auf das zweite verwendet werden konnte. 

Ich bin darauf gefaßt, daß man diese Aufklärung als eine will- 
kürliche oder als eine gekünstelte anfechten wird. Was wäre ge- 
schehen, wenn Professor Gärtner mit seiner blühenden Frau nicht 
hinzugetreten wäre, wenn die besprochene Patientin nicht Flora, 
sondern Anna hieße? Und doch ist die Antwort leicht. Wenn sich 



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134 V. Das Traummaterial and die Traumquellen. 

nicht diese Gedankenbeziehungen ergeben hätten, so wären wahr- 
scheinlich andere ausgewählt worden. Es ist so leicht, derartige Be- 
ziehungen herzustellen, wie ja die Scherz- und Rätselfragen, mit 
denen wir uns den Tag erheitern, zu beweisen vermögen. Der Macht- 
bereich des Witzes ist ein uneingeschränkter. Um einen Schritt weiter 
zu gehen : wenn sich zwischen den beiden Eindrücken des Tages keine 
genug ausgiebigen Mittelbeziehungen hätten herstellen lassen, so wäre 
der Traum eben anders ausgefallen; ein anderer gleichgültiger Ein- 
druck des Tages, wie sie in Scharen an uns herantreten und von uns 
vergessen werden, hätte für den Traum die Stelle der „Monographie" 
übernommen, wäre in Verbindung mit den Inhalt des Gespräches ge- 
langt und hätte dieses im Trauminhalt vertreten. Da kein anderer als 
der von der Monographie dieses Schicksal hatte, so wird er wohl der 
für die Verknüpfung passendste gewesen sein. Man braucht sich nie 
wie Hänschen Schlau bei Lessing darüber zu wundern, „daß nur 
die Reichen in der Welt das meiste Geld besitzen ". 

Der psychologische Vorgang, durch welchen nach unserer Dar- 
stellung das gleichgültige Erlebnis zur Stellvertretung für das psy- 
chisch Wertvolle gelangt, muß uns noch bedenklich und befremdend 
erscheinen. In einem späteren Abschnitt werden wir uns vor der 
Aufgabe sehen, die Eigentümlichkeiten dieser scheinbar inkorrekten 
Operation unserem Verständnis näherzubringen. Hier haben wir es 
nur mit dem Erfolge des Vorganges zu tun, zu dessen Annahme wir 
durch ungezählte und regelmäßig wiederkehrende Erfahrungen bei 
der Traumanalyse gedrängt werden. Der Vorgang ist aber so, als ob 
eine Verschiebung — sagen wir: des psychischen Akzentes — 
auf dem Wege jener Mittelglieder zu stände käme, bis anfangs 
schwach mit Intensität geladene Vorstellungen durch Übernahme der 
Ladung von den anfänglich intensiver besetzten zu einer Stärke ge- 
langen, welche sie befähigt, den Zugang zum Bewußtsein zu er- 
zwingen. Solche Verschiebungen wundern uns keineswegs, wo es 
sich um die Anbringung von Affektgrößen oder überhaupt um moto- 
rische Aktionen handelt. Daß die einsam gebliebene Jungfrau ihre 
Zärtlichkeit auf Tiere überträgt, der Junggeselle leidenschaftlicher 
Sammler wird, daß der Soldat einen Streifen farbigen Zeuges, die 
Fahne, mit seinem Herzblute verteidigt, daß im Liebesverhältnis 
ein um Sekunden verlängerter Händedruck Seligkeit erzeugt, oder 
im Othello ein verlorenes Schnupftuch einen Wutausbruch, das 
sind sämtlich Beispiele von psychischen Verschiebungen, die uns 
unanfechtbar erscheinen. Daß aber auf demselben Wege und nach 
denselben Grundsätzen eine Entscheidung darüber gefällt wird, 
was in unser Bewußtsein gelangt und was ihm vorenthalten bleibt, 
also was wir denken, das macht uns den Eindruck des Krankhaften, 
und wir heißen es Denkfehler, wo es im Wachleben vorkommt. Ver- 
raten wir hier als das Ergebnis später anzustellender Betrachtungen, 
daß der psychische Vorgang, den wir in der Traumverschiebung er- 



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Die Traumentstellung. 135 

kannt haben, sich zwar nicht als ein krankhaft gestörter, wohl aber 
als ein vom normalen verschiedener, als ein Vorgang von mehr pri- 
märer Natur herausstellen wird. 

Wir deuten somit die Tatsache, daß der Trauminhalt Reste von 
nebensächlichen Erlebnissen aufnimmt, als eine Äußerung der Traum- 
entstellung (durch Verschiebung) und erinnern daran, daß wir in 
der Traumentstellung eine Folge der zwischen zwei psychischen In- 
stanzen bestehenden Durchgangszensur erkannt haben. Wir erwarten 
dabei, daß die Traumanalyse uns regelmäßig die wirkliche, psychisch 
bedeutsame Traumquelle aus dem Tagesleben aufdecken wird, deren 
Erinnerung ihren Akzent auf die gleichgültige Erinnerung verschoben 
hat. Durch diese Auffassung haben wir uns in vollen Gegensatz zu 
der Theorie von Robert gebracht, die für uns unverwendbar ge- 
worden ist. Die Tatsache, welche Robert erklären wollte, besteht 
eben nicht; ihre Annahme beruht auf einem Mißverständnis, auf der 
Unterlassung, für den scheinbaren Trauminhalt den wirklichen Sinn 
des Traumes einzusetzen. Man kann noch weiterhin gegen die Lehre 
von Robert einwenden: Wenn der Traum wirklich die Aufgabe hätte, 
unser Gedächtnis durch besondere psychische Arbeit von den 
„Schlacken" der Tageserinnerung zu befreien, so müßte unser Schla- 
fen gequälter sein und auf angestrengtere Arbeit verwendet werden, 
als wir es von unserem wachen Geistesleben behaupten können. Denn 
die Anzahl der indifferenten Eindrücke des Tages, vor denen wir 
unser Gedächtnis zu schützen hätten, ist offenbar unermeßlich groß; 
die Nacht würde nicht hinreichen, die Summe zu bewältigen. Es ist 
sehr viel wahrscheinlicher, daß das Vergessen der gleichgültigen 
Eindrücke ohne aktives Eingreifen unserer seelischen Mächte vor 
sich geht. 

Dennoch verspüren wir eine Warnung, von dem Robert sehen 
Gedanken ohne weitere Berücksichtigung Abschied zu nehmen. Wir 
haben die Tatsache unerklärt gelassen, daß einer der indifferenten 
Eindrücke des Tages — und zwar des letzten Tages — regelmäßig 
einen Beitrag zum Trauminhalt liefert. Die Beziehungen zwi- 
schen diesem Eindruck und der eigentlichen Traumquelle im Unbe- 
wußten bestehen nicht immer von vornherein; wie wir gesehen haben, 
werden sie erst nachträglich, gleichsam zum Dienste der beabsich- 
tigten Verschiebung, während der Traumarbeit hergestellt. Es muß 
also eine Nötigung vorhanden sein, Verbindungen gerade nach der 
Richtung des rezenten, obwohl gleichgültigen Eindruckes anzubahnen ; 
dieser muß eine besondere Eignung durch irgend eine Qualität 
dazu bieten. Sonst wäre es ja ebenso leicht durchführbar, daß die 
Traumgedanken ihren Akzent auf einen unwesentlichen Bestandteil 
ihres eigenen Vorstellungskreises verschieben. 

Folgende Erfahrungen können uns hier auf den Weg zur Auf- 
klärung leiten. Wenn uns ein Tag zwei oder mehr Erlebnisse ge- 
bracht hat, welche Träume anzuregen würdig sind, so vereinigt der 



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136 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

Traum die Erwähnung beider zu einem einzigen Ganzen ; er gehorcht 
einem Zwang, eine Einheit aus ihnen zu gestalten; z. ß. : Ich 
stieg eines Nachmittags im Sommer in ein Eisenbahncoupe ein, in 
welchem ich zwei Bekannte traf, die einander aber fremd waren. Der 
eine war ein einflußreicher Kollege, der andere ein Angehöriger einer 
vornehmen Familie, in welcher ich ärztlich beschäftigt war. Ich 
machte die beiden Herren miteinander bekannt; ihr Verkehr ging 
aber während der langen Fahrt über mich, so daß ich bald mit dem 
einen, bald mit dem anderen einen Gesprächstoff zu behandeln hatte. 
Den Kollegen bat ich, einem gemeinsamen Bekannten, der eben seine 
ärztliche Praxis begonnen hatte, seine Empfehlung zuzuwenden. Der 
Kollege erwiderte, er sei von der Tüchtigkeit des jungen Mannes über- 
zeugt, aber sein unscheinbares Wesen werde ihm den Eingang in vor- 
nehme Häuser nicht leicht werden lassen. Ich erwiderte: Gerade 
darum bedarf er der Empfehlung. Bei dem anderen Mitreisenden er- 
kundigte ich mich bald darauf nach dem Befinden seiner Tante — der 
Mutter einer meiner Patientinnen — , welche damals schwer krank 
danieder lag. In der Nacht nach dieser Reise träumte ich, mein 
junger Freund, für den ich die Protektion erbeten hatte, befinde sich 
in einem eleganten Salon und halte vor einer ausgewählten Gesell- 
schaft, in die ich alle mir bekannten vornehmen und reichen Leute 
versetzt hatte, mit weltmännischen Gesten eine Trauerrede auf die 
(für den Traum bereits verstorbene) alte Dame, welche die Tante 
des zweiten Reisegenossen war. (Ich gestehe offen, daß ich mit dieser 
Dame nicht in guten Beziehungen gestanden hatte.) Mein Traum hatte 
also wiederum Verknüpfungen zwischen beiden Eindrücken des Tages 
aufgefunden und mittels derselben eine einheitliche Situation kom- 
poniert. 

Auf Grund vieler ähnlicher Erfahrungen muß ich den Satz auf- 
stellen, daß für die Traumarbeit eine Art von Nötigung besteht, alle 
vorhandenen Traumreizquellen zu einer Einheit im Traume zusammen- 
zusetzen*). Wir werden diesen Zwang zur Zusammensetzung in 
einem späteren Abschnitt (über die Traumarbeit) als ein Stück der 
Verdichtung, eines anderen psychischen Primärvorganges, kennen 
lernen. 

Ich will jetzt die Frage in Erörterung ziehen, ob die träum- 
erregende Quelle, auf welche die Analyse hinführt, jedesmal ein re- 
zentes (und bedeutsames) Ereignis sein muß, oder ob ein inneres Er- 
lebnis, also die Erinnerung an ein psychisch wertvolles Ereignis, ein 
Gedankengang die Rolle des Traumerregers übernehmen kann. Die 
Antwort, die sich aus zahlreichen Analysen auf das bestimmteste er- 



*) Die Neigung der Traumarbeit, gleichzeitig als interessant Vorhandenes 
in einer Behandlung zu verschmelzen, ist bereits von mehreren Autoren bemerkt 
worden, z. B. von Delage (p. 41), Delboeuf: rapprochement forcö (p. 236); 
andere hübsche* Beispiele bei H. Bllis (p. 35 u. ff.) u. a. 



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UNIVERSITYÜFtALIFÜRNIA 



„Rapprochement forcä" der Traumreise. 137 

gibt, lautet im letzteren Sinne. Der Traumerreger kann ein innerer 
Vorgang sein, der gleichsam durch die Denkarbeit am Tage rezent 
geworden ist Es wird jetzt wohl der richtige Moment sein, die 
verschiedenen Bedingungen, welche die Traumquellen erkennen lassen, 
in einem Schema zusammenzustellen. 

Die Traumquelle kann sein: 

a) Ein rezentes und psychisch bedeutsames Erlebnis, welches im 
Traume direkt vertreten ist*), 

V) Mehere rezente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den Traum 
zu einer Einheit vereinigt werden**). 

c) Ein oder mehrere rezente und bedeutsame Erlebnisse, die im 
Trauminhalt durch die Erwähnung eines gleichzeitigen, aber indiffe- 
renten Erlebnisses vertreten werden***). 

d) Ein inneres bedeutsames Erlebnis (Erinnerung, Gedanken- 
gang), welches dann im Traume regelmäßig durch die Erwähnung 
eines rezenten, aber indifferenten Eindruckes vertreten wirdf). 

Wie man sieht, wird für die Traumdeutung durchwegs die Be- 
dingung festgehalten, daß ein Bestandteil des Trauminhaltes einen 
rezenten Eindruck des Vortages wiederholt. Dieser zur Vertretung 
im Traume bestimmte Anteil kann entweder dem Vorstellungskreis 
des eigentlichen Traumerregers selbst angehören, und zwar entweder 
als wesentlicher oder als unwichtiger Bestandteil desselben — oder 
er rührt aus dem Bereiche eines indifferenten Eindruckes her, der 
durch mehr oder minder reichliche Verknüpfung mit dem Kreise des 
Traumerregers in Beziehung gebracht worden ist. Die scheinbare 
Mehrheit der Bedingungen kommt hier nur durch die Alternative 
zu stände, daß eine Verschiebung unterblieben oder vorge- 
fallen ist, und wir merken hier, daß diese Alternative uns dieselbe 
Leichtigkeit bietet, die Kontraste des Traumes zu erklären, wie der 
medizinischen Theorie des Traumes die Reihe vom partiellen bis zum 
vollen Wachen der Gehirnzellen (vgl. p. 57 f.). 

Man bemerkt an dieser Reihe ferner, daß das psychisch wert- 
volle, aber nicht rezente Element (der Gedankengang, die Erinnerung) 
für die Zwecke der Traumbildung durch ein rezentes, aber psychisch 
indifferentes Element ersetzt werden kann, wenn dabei nur die beiden 
Bedingungen eingehalten werden, daß 1. der Trauminhalt eine An- 
knüpfung an das rezent Erlebte erhält; 2. der Traumerreger ein 
psychisch wertvoller Vorgang bleibt. In einem einzigen Falle (a) 
werden beide Bedingungen durch denselben Eindruck erfüllt. Zieht 
man noch in Erwägung, daß dieselben indifferenten Eindrücke, welche 
für den Traum verwertet werden, solange sie rezent sind, diese 

*) Traum von Irmas Injektion; Traum vom Freunde, der mein Onkel ist. 
**) Traum von der Trauerrede des jungen Arztes. 
***) Traum von der botanischen Monographie, 
t) Solcher Art sind die meisten Träume meiner Patienten während der 
Analyse» 



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138 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

Eignung einbüßen, sobald sie einen Tag (oder "höchstens mehrere) 
älter geworden sind, so muß man sich zur Annahme entschließen, daß 
die Frische eines Eindruckes ihm an sich einen gewissen psychischen 
Wert für die Traumbildung verleiht, welcher der Wertigkeit affekt- 
betonter Erinnerungen oder Gedankengänge irgendwie gleichkommt. 
Wir werden erst bei späteren psychologischen Überlegungen erraten 
können, worin dieser Wert rezenter Eindrücke für die Traumbildung- 
begründet sein kann*). 

Nebenbei wird hier unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß 
zur Nachtzeit und von unserem Bewußtsein unbemerkt wichtige Ver- 
änderungen mit unserem Erinnerungs- und Vorstellungsmaterial vor 
sich gehen können. Die Forderung, eine Nacht über eine Angelegen- 
heit zu schlafen, ehe man sich endgültig über sie entscheidet, ist offen- 
bar vollberechtigt. Wir merken aber, daß wir an diesem Punkte aus 
der Psychologie des Träumens in die des Schlafes übergegriffen haben, 
ein Schritt, zu welchem sich der Anlaß noch öfter ergeben wird. 

Es gibt nun einen Einwand, welcher die letzten Schlußfolgerun- 
gen umzustoßen droht. Wenn indifferente Eindrücke nur solange sie 
rezent sind in den Trauminhalt gelangen können, wie kommt es, daß 
wir im Trauminhalt auch Elemente aus früheren Lebensperioden 
vorfinden, die zur Zeit, da sie rezent waren — nach Strümpells 
Worten keinen psychischen Wert besaßen, also längst vergessen 
sein sollten, Elemente also, die weder frisch noch psychisch bedeut- 
sam sind? 

Dieser Einwand ist voll zu erledigen, wenn man sich auf die 
Ergebnisse der Psychoanalyse bei Neurotikern stützt. Die Lösung 
lautet nämlich, daß die Verschiebung, welche das psychisch wichtige 
Material durch indifferentes ersetzt (für das Träumen wie für das 
Denken), hier bereits in jenen frühen Lebensperioden stattgefunden 
hat und seither im Gedächtnis fixiert worden ist. Jene ursprünglich 
indifferenten Elemente sind eben nicht mehr indifferent, seitdem sie 
durch Verschiebung die Wertigkeit vom psychisch bedeutsamen Ma- 
terial übernommen haben. Was wirklich indifferent geblieben ist, 
kann auch nicht mehr im Traume reproduziert werden. 

Aus den vorstehenden Erörterungen wird man mit Recht schlie- 
ßen, daß ich die Behauptung aufstelle, es gebe keine indifferenten 
Traum erreger, also auch keine harmlosen Träume. Dies ist in alier 
Strenge und Ausschließlichkeit meine Meinimg, abgesehen von den 
Träumen der Kinder und etwa den kurzen Traumreaktionen auf nächt- 
liche Sensationen. Was man sonst träumt, ist entweder manifest als 
psychisch bedeutsam zu erkennen, oder es ist entstellt und dann erst 
nach vollzogener Traumdeutung zu beurteilen, worauf es sich wie- 
derum als bedeutsam zu erkennen gibt. Der Traum gibt sich nie mit 
Kleinigkeiten ab; um Geringes lassen wir uns im Schlafe nicht stö- 

*) Vgl. im Abschnitt VII über die „Übertragung". 



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Es gibt keine „harmlosen" Tr&ume. 139 

ren*). Die scheinbar harmlosen Träume erweisen sich als arg, wenn 
man sich um ihre Deutung bemüht ; wenn man mir die Redensart ge- 
stattet, sie haben es „faustdick hinter den Ohren". Da dies wiederum 
ein Punkt ist, bei dem ich Widerspruch erwarten darf, und da ich 
gern die Gelegenheit ergreife, die Traumentstellung bei ihrer Arbeit 
zu zeigen, will ich eine Reihe von „harmlosen" Träumen aus meiner 
Sammlung hier der Analyse unterziehen. 

I. Eine kluge und feine junge Dame, die aber auch im Leben 
zu den Reservierten, zu den „stillen Wassern" gehört, erzählt: Ich 
habe geträumt, daß ich auf den Markt zu spät komme und 
beim Fleischhauer sowie bei der Gemüsefrau nichts be- 
komme. Gewiß ein harmloser Traum, aber so sieht ein Traum nicht 
aus; ich lasse ihn mir detailliert erzählen. Dann lautet der Bericht 
folgendermaßen: Sie geht auf den Markt mit ihrer Köchin, 
die den Korb trägt. Der Fleischhauer sagt ihr, nachdem sie 
etwas verlangt hat: Das ist nicht mehr zu haben, und will 
ihr etwas anderes geben mit der Bemerkung: Das ist auch 
gut Sie lehnt ab und geht zur Gemüsefrau. Die will ihr ein 
eigentümliches Gemüse verkaufen, was in Bündeln zu- 
sammengebunden ist, aber schwarz von Farbe, Sie sagt: 
Das kenne ich nicht, das nehme ich nicht 

Die Tagesanknüpfung des Traumes ist einfach genug. Sie war 
wirklich zu spät auf den Markt gegangen und hatte nichts mehr be- 
kommen. Die Fleischbank war schon geschlossen, drängt sich 
einem als Beschreibung des Erlebnisses auf. Doch halt, ist das nicht 
eine recht gemeine Redensart, die — oder vielmehr deren Gegenteil 
— auf eine Nachlässigkeit in der Kleidung eines Mannes geht? Die 
Träumerin hat diese Worte übrigens nicht gebraucht, ist vielleicht 
ihnen ausgewichen; suchen wir nach der Deutung der im Traume 
enthaltenen Einzelheiten. 

Wo etwas im Traume den Charakter einer Rede hat, also gesagt 
oder gehört wird, nicht bloß gedacht — was sich meist sicher unter- 
scheiden läßt — , da stammt es von Reden des wachen Lebens her, die 
freilich als Rohmaterial behandelt, zerstückelt, leise verändert, vor 
allem aber aus dem Zusammenhange gerissen worden sind**). Man 
kann bei der Deutungsarbeit von solchen Reden ausgehen. Woher 
stammt also die Rede des Fleischhauers: Das ist nicht mehr zu 
haben? Von mir selbst; ich hatte ihr einige Tage vorher erklärt, 



*) H. Ellis, der liebenswürdigste Kritiker der „Traumdeutung" schreibt 
(p. 169): „Da ist der Punkt, von dem an viele von uns nicht mehr im stände sein 
werden, F. weiter zu folgen." Allein H. Ellis hat keine Analysen von Träumen 
angestellt und will nicht glauben, wie unberechtigt das Urteilen nach dem mani- 
festen Trauminihalt ist. 

**) Vergleiche über die Reden im Traume im Abschnitte über die Traum- 
arbeit. Ein einziger der Autoren scheint die Herkunft der Traumreden erkannt 
zu haben, Delboeuf (p. 226), indem er sie mit „cliohßs" vergleicht 



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I 



140 V. Dm Tramnmmieral und die Tnnmqueüen. 

n daß die ältesten Kindererlebaisse nicht mehr als solche zu haben 
sind, sondern durch ^Übertragungen' und Traume in der Analyse 
ersetzt werden". Ich bin also der Fleischhauer, und sie lehnt diese 
Übertragungen alter Denk- und Empfindungsweisen auf die Gegenwart 
ab. — Woher rührt ihre Trauerrede: Das kenne ich nicht, das 
nehme ich nicht? Diese ist für die Analyse zu zerteilen. „Das 
kenne ich nicht" hat sie selbst Tags vorher zu ihrer Köchin ge- 
sagt, mit der sie einen Streit hatte, damals aber hinzugefügt: Be- 
nehmen Sie sich anständig. Hier wird eine Verschiebung greif- 
bar; von den beiden Sätzen, die sie gegen ihre Köchin gebraucht, 
hat sie den bedeutungslosen in den Traum genommen; der unter- 
drückte aber: ,,Benehmen Sie sich anständig!" stimmt allein zum 
übrigen Trauminhalt So könnte man jemandem zurufen, der unan- 
ständige Zumutungen wagt und vergißt, „die Fleischbank zuzu- 
schließen". Daß wir der Deutung wirklich auf die Spur gekommen 
sind, beweist dann der Zusammenklang mit den Anspielungen, die 
in der Begebenheit mit der Gemüsefrau niedergelegt sind. Ein Ge- 
müse, das in Bündeln zusammengebunden verkauft wird (länglich 
ist, wie sie nachträglich hinzufügt), und dabei schwarz, was kann 
das anderes sein als die Traumvereinigung von Spargel und schwar- 
zem Rettig? Spargel brauche ich keinem und keiner Wissenden zu 
deuten, aber auch das andere Gemüse — als Zuruf: Schwarzer, 
rett' dichl — scheint mir auf das nämliche sexuelle Thema hinzu- 
weisen, das wir gleich anfangs errieten, als wir für die Traumerzäh- < 
lung einsetzen wollten: die Fleischbank war geschlossen. Es kommt 
nicht darauf an, den Sinn dieses Traumes vollständig zu erkennen; 
so viel steht fest, daß er sinnreich ist und keineswegs harmlos*). 

II. Ein anderer harmloser Traum derselben Patientin, in ge- 
wisser Hinsicht ein Gegenstück zum vorigen: Ihr Mann fragt: 
Soll man das Klavier nicht stimmen lassen? Sie: Es lohnt 
nicht, es muß ohnedies neu beledert werden. Wiederum die 
Wiederholung eines realen Ereignisses vom Vortag. Ihr Mann hat so 
gefragt und sie so ähnlich geantwortet. Aber was bedeutet es, daß 
sie es träumt? Sie erzählt zwar vom Klavier, es sei ein ekelhafter 
Kasten, der einen schlechten Ton gibt, ein Ding, das ihr Mann 

*) Für Wißbegierige bemerke ich, daß hinter dem Traume sich eine 
Phantasie verbirgt von unanständigem, sexuell provozierendem Benehmen meiner- *~ 

seits und von Abweihr von Seite der Dame. Wem diese Deutung unerhört er- 
scheinen sollte, den mahne ich an die zahlreichen Fälle, wo Ärzte solche Anklagen 
von hysterischen Frauen erfahren haben, bei denen die nämliche Phantasie nicht 
entstellt und als Traum aufgetreten, sondern unverhüllt bewußt und wahnhaft 
geworden ist — Mit diesem Traume trat die Patientin in die psychoanalytische 
Behandlung ein« Ich lernte erst später verstehen, daß sie mit ihm das Initiale 
Trauma wiederholte, von dem ihre Neurose ausging, und habe seither das gleiche 
Verhalten bei anderen Personen gefunden, die in ihrer Kindheit sexuellen Atten- 
taten ausgesetzt waren und nun gleichsam deren Wiederholung im Traume 
herbeiwünschet. 



f~ Original from * 

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Beispiele von „harmlosen 11 Träumen. 141 

schon vor der Ehe besessen hat*) usw., aber den Schlüssel zur 
Lösung ergibt doch erst die Rede: Es lohnt nicht. Diese stammt 
von einem gestern gemachten Besuche bei ihrer Freundin. Dort wurde 
sie aufgefordert, ihre Jacke abzulegen, und weigerte sich mit den 
Worten: es lohnt nicht, ich muß gleich gehen. Bei dieser Erzählung 
muß mir einfallen, daß sie gestern während der Analysenarbeit plötz- 
lich an ihre Jacke griff, an der sich ein Knopf geöffnet hatte. Es ist 
also, als wollte sie sagen: Bitte, sehen Sie nicht hin, es lohnt nicht. 
So ergänzt sich der Kasten zum Brustkasten, und die Deutung 
des Traumes führt direkt in die Zeit ihrer körperlichen Entwicklung, 
da sie anfing, mit ihren Körperformen unzufrieden zu sein. Es führt 
auch wohl in frühere Zeiten, wenn wir auf das „Ekelhaft** und 
den „schlechten Ton*' Rücksicht nehmen und uns daran erinnern, 
wie häufig die kleinen Hemisphären des weiblichen Körpers — als 
Gegensatz und als Ersatz — für die großen eintreten, — in der An- 
spielung und im Traume. 

III. Ich unterbreche diese Reihe, indem ich einen kurzen harm- 
losen Traum eines jungen Mannes einschiebe. Er hat geträumt, daß 
er wieder seinen Winterrock anzieht, was schrecklich ist. 
Anlaß dieses Traumes ist angeblich die plötzlich wieder eingetretene 
Kälte. Ein feineres Urteil wird indes bemerken, daß die beiden 
kurzen Stücke des Traumes nicht gut zueinander passen, denn in der 
Kälte den schweren oder dicken Rock tragen, was könnte daran 
„schrecklich** sein. Zum Schaden für die Harmlosigkeit dieses Trau- 
mes bringt auch der erste Einfall bei der Analyse die Erinnerung, daß 
eine Dame ihm gestern vertraulich gestanden, daß ihr letztes Kind 
einem geplatzten Kondom seine Existenz verdankt. Er rekonstruiert 
nun seine Gedanken bei diesem Anlasse: Ein dünner Kondom ist ge- 
fährlich, ein dicker schlecht. Der Kondom ist der „Überzieher** mit 
Recht, man zieht ihn ja über; so heißt man auch einen leichten Rock. 
Ein Ereignis wie das von der Dame berichtete wäre für den un- 
verheirateten Mann allerdings „schrecklich**. — Nun wieder zurück 
zu unserer harmlosen Träumerin. 

IV. Sie steckt eine Kerze in den Leuchter; die Kerze 
ist aber gebrochen, so daß sie nicht gut steht. Die Mäd- 
chen in der Schule sagen, sie sei ungeschickt; das Fräu- 
lein aber, es sei nicht ihre Schuld. 

Ein realer Anlaß auch hier ; sie hat gestern wirklich eine Kerze 
in den Leuchter gesteckt ; die war aber nicht gebrochen. Hier ist eine 
durchsichtige Symbolik verwendet worden. Die Kerze ist ein Gegen- 
stand, der die weiblichen Genitalien reizt; wenn sie gebrochen ist, so 
daß sie nicht gut steht, so bedeutet dies die Impotenz des Mannes 
(„es sei nicht ihre Schuld**). Ob nur die sorgfältig erzogene und 



*) Eine Ersetzung durch das Gegenteil, wie uns nach der Deutung klar 
werden wird. 



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142 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. j 

allem Häßlichen fremd gebliebene junge Frau diese Verwendung der ^ ; 

Kerze kennt? Zufällig kann sie noch angeben, durch welches Er- 
lebnis sie zu dieser Erkenntnis gekommen ist. Bei einer Kahnfahrt 
auf dem Ehein fährt ein Boot an ihnen vorüber, in dem Studenten 
sitzen, welche mit großem Behagen ein Lied singen oder brüllen : 
„Wenn die Königin von Schweden bei geschlossenen Fensterläden mit 
Apollokerzen . . . ." 

Das letzte Wort hört oder versteht sie nicht. Ihr Mann muß 
ihr die verlangte Aufklärung geben. Diese Verse sind dann im Traum- 
inhalt ersetzt durch eine harmlose Erinnerung an einen Auftrag, den 
sie einmal im Pensionat ungeschickt ausführte, und zwar vermög-e J 

des Gemeinsamen: geschlossene Fensterläden. Die Verbindung 
des Themas von der Onanie mit der Impotenz ist klar genug. „Apollo" 
im latenten Trauminhalt verknüpft diesen Traum mit einem früheren, 
in dem von der jungfräulichen Pallas die Rede war. Alles wahrlich 
nicht harmlos. 

V. Damit man sich die Schlüsse aus den Träumen auf die 
wirklichen Lebensverhältnisse der Träumer nicht zu leicht vorstelle, 
füge ich noch einen Traum an, der gleichfalls harmlos scheint und 
von derselben Person herrührt. Ich habe etwas geträumt, erzählt 
sie, was ich bei Tag wirklich getan habe, nämlich einen 
kleinen Koffer so voll mit Büchern gefüllt, daß ich Mühe 
hatte, ihn zu schließen, und ich habe es so geträumt, wie 
es wirklich vorgefallen ist. Hier legt die Erzählerin selbst das ' 

Hauptgewicht auf die Übereinstimmung von Traum und Wirklichkeit, 
Alle solche Urteile über den Traum, Bemerkungen zum Traume, ge- 
hören nun, obwohl sie sich einen Platz im wachen Denken geschaffen 
haben, doch regelmäßig in den latenten Trauminhalt, wie uns noch 
spätere Beispiele bestätigen werden. Es wird uns also gesagt, das, was | 

der Traum erzählt, ist am Tage vorher wirklich vorgefallen*). Es wäre 
nun zu weitläufig, mitzuteilen, auf welchem Wege man zum Einfalle ', 

kommt, bei der Deutung das Englische zur Hilfe zu nehmen. Genug, 
es handelt sich wieder um eine kleine box (vgl. p. 118 den Traum vom , 

toten Kind in der Schachtel), die so angefüllt worden ist, daß nichts 
mehr hineinging. Wenigstens nichts Arges diesmal. 

In all diesen „harmlosen " Träumen schlägt das sexuelle Mo- | 

ment als Motiv der Zensur so sehr auffällig vor. Doch ist dies ein 
Thema von prinzipieller Bedeutung, welches wir zur Seite stellen w 

müssen. 

b) Das Infantile als Traumquelle. 

Als dritte unter den Eigentümlichkeiten des Trauminhaltes haben 
wir mit allen Autoren (bis auf Robert) angeführt, daß im Traume 
Eindrücke aus den frühesten Lebensaltern erscheinen können, über 



•) Vgl. p. 16, Note. 



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Das Infantile als Traumquelle. 143 

welche das Gedächtnis im Wachen nicht zu verfügen scheint. Wie 
selten oder wie häufig sich dies ereignet, ist begreiflicherweise schwer 
zu beurteilen, weil die betreffenden Elemente des Traumes nach dem 
Erwachen nicht in ihrer Herkunft erkannt werden. Der Nachweis, daß 
es sich hier um Eindrücke der Kindheit handelt, muJß also auf objek- 
tivem Wege erbracht werden, wozu sich die Bedingungen nur in 
seltenen Fallen zusammenfinden können. Als besonders beweiskräftig 
wird von A. Mäury die Geschichte eines Mannes erzählt, welcher 
eines Tages sich entschloß, nach zwanzigjähriger Abwesenheit seinen 
Heimatsort aufzusuchen. In der Nacht vor der Abreise träumte er, er 
sei in einer ihm ganz unbekannten Ortschaft und begegne daselbst 
auf der Straße einem unbekannten Herrn, mit dem er sich unterhalte. 
In seine Heimat zurückgekehrt, konnte er sich nun überzeugen, daß 
diese unbekannte Ortschaft in nächster Nähe seiner Heimatstadt wirk- 
lich existiere, und auch der unbekannte Mann des Traumes stellte sich 
als ein dort lebender Freund seines verstorbenen Vaters heraus. Wohl 
ein zwingender Beweis dafür, daß er beide, Mann wie Ortschaft, in 
seiner Kindheit gesehen hatte. Der Traum ist übrigens als Ungedulds- 
-tranm zu deuten wie der des Mädchens, welches das Billett für den 
Konzertabend in der Tasche trägt (p. 117), des Kindes, welchem der 
^ater den Ausflug nach dem Hameau versprochen hat, u. dgl. Die 
Motive, welche dem Träumer gerade diesen Eindruck aus seiner Kind- 
heit reproduzieren, sind natürlich ohne Analyse nicht aufzudecken. 
Einer meiner Kolleghörer, welcher sich rühmte, daß seine 
Träume nur sehr selten der Traumentstellung unterliegen, teilte mir mit, 
daß er vor einiger Zeit im Traume gesehen, sein ehemaliger Hof- 
meister befinde sich im Bette der Bonne, die bis zu seinem 
eilten Jahre im Hause gewesen war. Die örtlichkeit für diese Szene 
fiel ihm noch im Traume ein. Lebhaft interessiert teilte er den Traum 
seinem älteren Bruder mit, der ihm lachend die Wirklichkeit des 
Geträumten bestätigte. Er erinnere sich sehr gut daran, denn er sei 
damals sechs Jahre alt gewesen. Das Liebespaar pflegte ihn, den 
älteren Knaben, durch Bier betrunken zu machen, wenn die Umstände 
einem nächtlichen Verkehre günstig waren. Das kleinere, damals 
dreijährige Kind — unser Träumer — , das im Zimmer der Bonne 
schlief, wurde nicht als Störung betrachtet. 

Noch in einem anderen Falle läßt es sich mit Sicherheit ohne 
Beihilfe der Traumdeutung feststellen, daß der Traum Elemente aus 
der Kindheit enthält, wenn nämlich der Traum ein sogenannter 
perennierender ist, der, in der Kindheit zuerst geträumt, später 
immer wieder von Zeit zu Zeit während des Schlafes des Erwachse- 
nen auftritt. Zu den bekannten Beispielen dieser Art kann ich einige 
aus meiner Erfahrung hinzufügen, wenngleich ich an mir selbst einen 
solchen perennierenden Traum nicht kennen gelernt habe. Ein Arzt 
in den Dreißigern erzählte mir, daß in seinem Traunileben von den 
ersten Zeiten seiner Kindheit an bis zum heutigen Tage häufig ein 



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144 Y. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

gelber Löwe erscheint, über den er die genaueste Auskunft zu geben 
vermag. Dieser ihm aus Träumen bekannte Löwe fand sich nämlicli 
eines Tages in natura als ein lange verschollener Gegenstand aas 
Porzellan vor, und der junge Mann hörte damals von seiner Mutter, 
daß dieses Objekt das begehrteste Spielzeug seiner frühen Kinderzeit 
gewesen war, woran er eich selbst nicht mehr erinnern konnte. 

Wendet man sich nun von dem manifesten Trauminhalt zu den 
Traumgedanken, welche erst die Analyse aufdeckt, so kann man mit 
Erstaunen die Mitwirkung der Kindheitserlebnisse auch bei solchen 
Träumen konstatieren, deren Inhalt keine derartige Vermutung er- 
weckt hätte. Dem geehrten Kollegen vom „gelben Löwen" verdanke 
ich ein besonders liebenswürdiges und lehrreiches Beispiel eines 
solchen Traumes. Nach der Lektüre von Nansens Reisebericht über 
seine Polarexpedition träumte er, in einer Eiswüste galvanisiere er 
den kühnen Forscher wegen einer Ischias, über welche dieser klage ! 
Zur Analyse dieses Traumes fiel ihm eine Geschichte aus seiner 
Kindheit ein, ohne welche der Traum allerdings unverständlich bleibt. 
Als er ein drei- oder vierjähriges Kind war, hörte er eines Tages 
neugierig zu, wie die Erwachsenen von Entdeckungsreisen sprachen, 
und fragte dann den Papa, ob das eine schwere Krankheit sei. Er 
hatte offenbar Reisen mit „Reißen" verwechselt, und der Spott 
seiner Geschwister sorgte dafür, daß ihm das beschämende Erlebnis 
nicht in Vergessenheit geriet. 

Ein ganz ähnlicher Fall ist es, wenn ich in der Analyse 
des Traumes von der Monographie über die Gattung Zyklamen auf 
eine erhalten gebliebene Jugenderinnerung stoße, daß der Vater dem 
fünfjährigen Knaben ein mit farbigen Tafeln ausgestattetes Buch 
zur Zerstörung überläßt. Man wird etwa den Zweifel aufwerfen, ob 
diese Erinnerung wirklich an der Gestaltung des Trauminhaltes An- 
teil genommen hat, ob nicht vielmehr die Arbeit der Analyse eine 
Beziehung erst nachträglich herstellt. Aber die Reichhaltigkeit und 
Verschlungenheit der Assoziationsverknüpfungen bürgt für die erstere 
Auffassung: Zyklamen — Lieblingsblume — Lieblingsspeise — Ar- 
tischocke; zerpflücken wie eine Artischocke, Blatt für Blatt (eine 
Wendung, die einem anläßlich der Teilung des chinesischen Reiches 
damals täglich ans Ohr schlug) ; — Herbarium — Bücherwurm, dessen 
Lieblingsspeise Bücher sind. Außerdem kann ich versichern, daß 
der letzte Sinn des Traumes, den ich hier nicht ausgeführt habe, zum 
Inhalt der Kinderszene in intimster Beziehung steht. 

Bei einer anderen Reihe von Träumen wird man durch die 
Analyse belehrt, daß der Wunsch selbst, der den Traum erregt hat, 
als dessen Erfüllung der Traum sich darstellt, aus dem Kinderleben 
stammt, so daß man zu seiner Überraschung im Traume das Kind 
mit seinen Impulsen weiterlebend findet. 

Ich setze an dieser Stelle die Deutung des Traumes fort, aus 
dem wir bereits einmal neue Belehrung geschöpft haben, ich meine 



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j 



Das infantile Moment im Onkeltraum. 145 

den Traum: Freund R. ist mein Onkel (p. 106)- Wir haben dessen 
Deutung so weit gefördert, daß uns das Wunschmotiv, zum Professor 
ernannt zu werden, greifend entgegentrat, und wir erklärten uns die 
Zärtlichkeit des Traumes für Freund R. als eine Oppositions- und 
Trotzschöpfung gegen die Schmähung der beiden Kollegen, die in den 
Traumgedanken enthalten war. Der Traum war mein eigener; ich 
darf darum dessen Analyse mit der Mitteilung fortsetzen, daß mein 
Gefühl durch die erreichte Lösung noch nicht befriedigt war. Ich 
wußte, daß mein Urteil über die in den Traumgedanken mißhandel- 
ten Kollegen im Wachen ganz anders gelautet hätte; die Macht des 
Wunsches, ihr Schicksal in Betreff ihrer Ernennung nicht zu teilen, 
erschien mir zu gering, um den Gegensatz zwischen wacher und 
Traum-Schätzung voll aufzuklären. Wenn mein Bedürfnis, mit einem 
anderen Titel angeredet zu werden, so stark sein sollte, so beweist 
dies einen krankhaften Ehrgeiz, den ich nicht an mir kenne, den 
ich fern von mir glaube. Ich weiß nicht, wie andere, die mich 
zu kennen glauben, in diesem Punkte über mich urteilen würden; 
vielleicht habe ich auch wirklich Ehrgeiz besessen; aber wenn, so 
hat er sich längst auf andere Objekte als auf Titel und Rang eines 
Professor extraordinarius geworfen. 

Woher dann also der Ehrgeiz, der mir den Traum eingegeben 
hat? Da fällt mir ein, was ich so oft in der Kindheit erzählen 
gehört habe, daß bei meiner Geburt eine alte Bäuerin der über den 
Erstgeborenen glücklichen Mutter prophezeit, daß sie der Welt einen 
großen Mann geschenkt habe. Solche Prophezeiungen müssen sehr 
häufig vorfallen; es gibt so viel erwartungsvolle Mütter und so viel 
alte Bäuerinnen oder andere alte Weiber, deren Macht auf Erden 
vergangen ist, und die sich darum der Zukunft zugewendet haben. 
Es wird auch nicht der Schade der Prophetin gewesen sein. Sollte 
meine Größensehnsucht aus dieser Quelle stammen? Aber da besinne 
ich mich eben eines anderen Eindruckes aus späteren Jugendjahren, 
der sich zur Erklärung noch besser eignen würde: Es war eines 
Abends in einem der Wirtshäuser im Prater, wohin die Eltern den 
elf- oder zwölfjährigen Knaben mitzunehmen pflegten, daß uns ein 
Mann auffiel, der von Tisch zu Tisch ging und für ein kleines 
Honorar Verse über ein ihm aufgegebenes Thema improvisierte. Ich 
wurde abgeschickt, den Dichter an unseren Tisch zu bestellen, und 
er erwies sich dem Boten dankbar. Ehe er nach seiner Aufgabe 
fragte, ließ er einige Reime über mich fallen und erklärte es in 
seiner Inspiration für wahrscheinlich, daß ich noch einmal „Minister" 
werde. An den Eindruck dieser zweiten Prophezeiung kann ich mich 
noch sehr wohl erinnern. Es war die Zeit des Bürgerministeriums, 
der Vater hatte kurz vorher die Bilder der bürgerlichen Doktoren 
Herbst, Giskra, Unger, Berger u. a. nach Hause gebracht, und 
wir hatten diesen Herren zur Ehre illuminiert. Es waren sogar Juden 
unter ihnen; jeder fleißige Judenknabe trug also das Ministerporte- 
Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 10 



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146 V. Das Traummaterial und die Tratunquellen. 

feuille in seiner Schultasche. Es muß mit den Eindrücken jener Zeit 
sogar zusammenhängen, daß ich bis kurz vor der Inskription an 
der Universität willens war, Jura zu studieren, und erst im letzten 
Moment umsattelte. Dem Mediziner ist ja die Ministerlaufbahn über- 
haupt verschlossen. Und nun mein Traum! Ich merke es erst jetzt, 
daß er mich aus der trüben Gegenwart in die hoffnungsfrohe Zeit 
des Bürgerministeriums zurückversetzt und meinen Wunsch von da- 
mals nach seinen Kräften erfüllt. Indem ich die beiden gelehrten 
und achtenswerten Kollegen, weil sie Juden sind, so schlecht be- 
handle, den einen, als ob er ein Schwachkopf, den anderen, als ob 
er ein Verbrecher wäre, indem ich so verfahre, benehme ich mich, 
als ob ich der Minister wäre, habe ich mich an die Stelle des Mini- 
sters gesetzt. Welch gründliche Rache an Sr. Exzellenz! Er ver- 
weigert es, mich zum Professor extraordinarius zu ernennen, und ich 
setze mich dafür im Traume an seine Stelle. 

In einem anderen Falle konnte ich merken, daß der Wunsch, 
welcher den Traum erregt, obzwar ein gegenwärtiger, doch eine 
mächtige Verstärkung aus tiefreichenden Kindererinnerungen bezieht. 
Es handelt sich hier um eine Reihe von Träumen, denen die Sehn- 
sucht, nach Rom zu kommen, zu gründe liegt. Ich werde diese 
Sehnsucht wohl noch lange Zeit durch Träume befriedigen müssen, 
denn um die Zeit des Jahres, welche mir für eine Reise zur Ver- 
fügung steht, ist der Aufenthalt in Rom aus Rücksichten der Gesund- 
heit zu meiden*). So träume ich denn einmal, daß ich vom Coup£- 
fenster aus Tiber und Engelsbrücke sehe; dann setzt sich der Zug 
in Bewegung, und es fällt mir ein, daß ich die Stadt ja gar nicht 
betreten habe. Die Aussicht, die ich im Traume sah, war einem 
bekannten Stiche nachgebildet, den ich Tags zuvor im Salon eines 
Patienten flüchtig bemerkt hatte. Ein andermal führt mich jemand 
auf einen Hügel und zeigt mir Rom, vom Nebel halb verschleiert und 
noch so fern, daß ich mich über die Deutlichkeit der Aussicht 
wundere. Der Inhalt dieses Traumes ist reicher, als ich hier aus- 
führen möchte. Das Motiv, „das Gelobte Land von fern sehen ", ist 
darin leicht zu erkennen. Die Stadt, die ich so zuerst im Nebel 
gesehen habe, ist Lübeck; der Hügel findet sein Vorbild in — 
Gleichenberg. In einem dritten Traume bin ich endlich in Rom, 
wie mir der Traum sagt. Ich sehe aber zu meiner Enttäuschung 
eine keineswegs städtische Szenerie, einen kleinen Fluß mit dunk- 
lem Wasser, auf der einen Seite desselben schwarze Felsen, 
auf der anderen Wiesen mit großen weißen Blumen. Ich be- 
merke einen Herrn Zucker (den ich oberflächlich kenne) und 
beschließe, ihn um den Weg in die Stadt zu fragen. Es ist 
offenbar, daß ich mich vergebens bemühe, eine Stadt im Traume 



*) Ich habe seither längst erfahren, daß auch zur Erfüllung solcher lange 
für unerreichbar gehaltener Wünsche nur etwas Mut erfordert wird. 



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Sehasuchtstriame toü Rom. 147 

zu sehen, die ich im Wachen nicht gesehen habe. Wenn ich das 
Landschaftsbild des Traumes in seine Elemente zersetze, so deuten 
die weißen Blumen auf das mir bekannte Ravenna, das wenigstens 
eine Zeitlang als Italiens Hauptstadt Rom den Vorrang abgenommen 
hatte. In den Sümpfen um Ravenna haben wir die schönsten See- 
rosen mitten im schwarzen Wasser gefunden; der Traum läßt sie 
auf Wiesen wachsen wie die Narzissen in unserem Aussee, weil es 
damals so mühselig war, sie aus dem Wasser zu holen. Der dunkle 
Fels, so nahe am Wasser, erinnert lebhaft an das Tal der Tepl bei 
Karlsbad. „Karlsbad" setzt mich nun in den Stand, mir den sonder- 
baren Zug zu erklären, daß ich Herrn Zucker um den Weg frage. 
Es sind hier in dem Material, aus dem der Traum gesponnen ist, 
zwei jener lustigen jüdischen Anekdoten zu erkennen, die so viel 
tiefsinnige, oft bittere Lebensweisheit verbergen, und die wir in Ge- 
sprächen und Briefen so gern zitieren. Die eine ist die Geschichte von 
der „Konstitution", des Inhaltes, wie ein armer Jude ohne Fahrbiiett 
den Einlaß in den Eilzug nach Karlsbad erschleicht, dann ertappt, 
bei jeder Revision vom Zuge gewiesen und immer härter behandelt 
wird, und der dann einem Bekannten, welcher ihn auf einer seiner 
Leidensstationen antrifft, auf die Frage, wohin er reise, zur Ant- 
wort gibt: „Wenn's meine Konstitution aushält — nach Karls- 
bad. 4 * Nahe dabei ruht im Gedächtnis eine andere Geschichte von 
einem des Französischen unkundigen Juden, dem eingeschärft wird, 
in Paris nach dem Wege zur Rue Richelieu zu fragen. Auch Paris 
war lange Jahre hindurch ein Ziel meiner Sehnsucht, und die Selig- 
keit, in welcher ich zuerst den Fuß auf das Pflaster von Paris 
setzte, nahm ich als Gewähr, daß ich auch die Erfüllung anderer 
Wünsche erreichen werde. Das Um-den- Weg-Fragen ist ferner eine 
direkte Anspielung jan Rom, denn nach Rom führen bekanntlich 
alle Wege. Übrigens deutet der Name Zucker wiederum auf Karls- 
bad, wohin wir doch alle mit der konstitutionellen Krankheit 
Diabetes Behafteten schicken. Der Anlaß dieses Traumes war der 
Vorschlag meines Berliner Freundes, uns zu Ostern in Prag zu treffen. 
Aus den Dingen, die ich mit ihm zu besprechen hatte, würde sich 
eine weitere Beziehung zu Zucker und Diabetes ergeben. 

Ein vierter Traum, kurz nach dem letzterwähnten, bringt mich 
wieder nach Rom. Ich sehe eine Straßenecke vor mir und wundere 
mich darüber, daß dort so viele deutsche Plakate angeschlagen sind 
Tags vorher hatte ich meinem Freunde in prophetischer Voraussicht 
geschrieben, Prag dürfte für deutsche Spaziergänger kein bequemer 
Aufenthaltsort sein. Der Traum drückte also gleichzeitig den Wunsch 
aus, ihn in Rom zu treffen anstatt in einer böhmischen Stadt, und 
das wahrscheinlich aus der Studentenzeit stammende Interesse daran, 
daß in Prag der deutschen Sprache mehr Duldung gewährt sein möge. 
Die tschechische Sprache muß ich übrigens in meinen drei ersten 
Kinderjahren verstanden haben, da ich in einem kleinen Orte Mährens 

10* 



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148 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

mit slawischer Bevölkerung geboren bin. Ein tschechischer Kinder- 
vers, den ich in meinem 17. Jahre gehört, hat sich meinem Gedächt- 
nis mühelos so eingeprägt, daß ich ihn noch heute hersagen kann, 
obwohl ich keine Ahnung von seiner Bedeutung habe. Es fehlt also 
auch diesen Träumen nicht an mannigfaltigen Beziehungen zu den 
Eindrücken meiner ersten Lebensjahre. 

Auf meiner letzten Italienreise, die mich unter anderm am 
Trasimenersee vorüberführte, fand ich endlich, nachdem ich den 
Tiber gesehen und schmerzlich bewegt 80 Kilometer weit von Rom 
umgekehrt war, die Verstärkung auf, welche meine Sehnsucht nach 
der ewigen Stadt aus Jugendeindrücken bezieht. Ich erwog gerade 
den Plan, nächstes Jahr an Rom vorbei nach Neapel zu reisen, 
als mir ein Satz einfiel, den ich bei einem unserer klassischen Schrift- 
steller gelesen haben muß: Es ist fraglich, wer eifriger in seiner 
Stube auf und ab lief, nachdem er den Plan gefaßt, nach Rom zu 
gehen, der Konrektor Winckelmann oder der Feldherr Hanni- 
bal. Ich war ja auf den Spuren Hannibals gewandelt; es war 
mir so wenig wie ihm beschieden, Rom zu sehen, und auch er war 
nach Kampanien gezogen, nachdem alle Welt ihn in Rom er- 
wartet hatte. Hannibal, mit dem ich diese Ähnlichkeit erreicht 
hatte, war aber der Lieblingsheld meiner Gymnasialjahre gewesen; 
wie so viele in jenem Alter, hatte ich meine Sympathien während der 
Punischen Kriege nicht den Römern, sondern dem Karthager zuge- 
wendet. Als dann im Obergymnasium das erste Verständnis für die 
Konsequenzen der Abstammung aus landesfremder Rasse erwuchs, 
und die antisemitischen Regungen unter den Kameraden mahnten 
Stellung zu nehmen, da hob sich die Gestalt des semitischen Feldherrn 
noch höher in meinen Augen. Hannibal und Rom symbolisierten 
dem Jüngling den Gegensatz zwischen der Zähigkeit des Judentums 
und der Organisation der katholischen Kirche. Die Bedeutung, welche 
die antisemitische Bewegung seither für unser Gemütsleben gewonnen 
hat, verhalf dann den Gedanken und Empfindungen jener frühen 
Zeit zur Fixierung. So ist der Wunsch, nach Rom zu kommen, für 
das Traumleben zum Deckmantel und Symbol für mehrere andere 
heißersehnte Wünsche geworden, an deren Verwirklichung man mit 
der Ausdauer und Ausschließlichkeit des Puniers arbeiten möchte, und 
deren Erfüllung zeitweilig vom Schicksal ebensowenig begünstigt 
scheint wie der Lebenswunsch Hannibals, in Rom einzuziehen. 

Und nun stoße ich erst auf das Jugenderlebnis, das in all diesen 
Empfindungen und Träumen noch heute seine Macht äußert. Ich 
mochte zehn oder zwölf Jahre gewesen sein, als mein Vater begann, 
mich auf seine Spaziergänge mitzunehmen und mir in Gesprächen 
seine Ansichten über die Dinge dieser Welt zu eröffnen. So erzählte 
er mir einmal, um mir zu zeigen, in wie viel bessere Zeiten ich ge- 
kommen sei als er: Als ich ein junger Mensch war, bin ich in deinem 
Geburtsorte am Samstag in der Straße spazieren gegangen, schön ge- 



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Das infantile Moment zu den Rom träumen. 149 

kleidet, mit einer neuen Pelzmütze auf dem Kopfe. Da kommt ein 
Christ daher, haut mir mit einem Schlage die Mütze in den Kot und 
ruft dabei: Jud, herunter vom Trottoir! „Und was hast du getan? 1 * 
Ich bin auf den Fahrweg gegangen und habe die Mütze aufgehoben, 
war die gelassene Antwort. Das schien mir nicht heldenhaft von 
dem großen starken Manne, der mich Kleinen an der Hand führte. 
Ich stellte dieser Situation, die mich nicht befriedigte, eine andere 
gegenüber, die meinem Empfinden besser entsprach, die Szene, in 
welcher Hannibals Vater Hamilkar*) Barkas, seinen Knaben 
vor dem Hausaltar schwören läßt, an den Römern Rache zu nehmen. 
Seitdem hatte Hannibal einen Platz in meinen Phantasien. 

Ich meine, daß ich die Schwärmerei für den karthagischen Ge- 
neral noch ein Stück weiter in meine Kindheit zurück verfolgen kann, 
so daß es sich auch hier nur um die Übertragung einer bereits ge- 
bildeten Affektrelation auf einen neuen Träger handeln dürfte. Eines 
der ersten Bücher, das dem lesefähigen Kinde in die Hände fiel, war 
Thiers' Konsulat und Kaiserreich; ich erinnere mich, daß ich meinen 
Holzsoldaten kleine Zettel mit den Namen der kaiserlichen Marschälle 
auf den flachen Rücken geklebt, und daß damals schon Massöna (als 
Jude: Menasse) mein erklärter Liebling war. (Diese Bevorzugung 
wird wohl auch durch den Zufall des gleichen Geburtsdatums, genau 
hundert Jahre später, aufzuklären sein.) Napoleon selbst schließt 
sich durch den Übergang über die Alpen an Hannibal an. Und 
vielleicht ließe sich die Entwicklung dieses Kriegerideals noch weiter 
zurück in die Kindheit verfolgen bis auf Wünsche, die der bald freund- 
schaftliche, bald kriegerische Verkehr während der ersten drei Jahre 
mit einem um ein Jahr älteren Knaben bei dem schwächeren der 
beiden Gespielen hervorrufen mußte. 

Je tiefer man sich in die Analyse der Träume einläßt, desto 
häufiger wird man auf die Spur von Kindheitserlebnissen geführt, 
welche im latenten Trauminhalt eine Rolle als Traumquellen spielen. 

Wir haben gehört (p. 16), daß der Traum sehr selten Er- 
innerungen so reproduziert, daß sie unverkürzt und unverändert den 
alleinigen manifesten Trauminhalt bilden. Immerhin sind einige Bei- 
spiele für dieses Vorkommen sichergestellt, zu denen ich einige neue 
hinzufügen kann, die sich wiederum auf Infantilszenen beziehen. Bei 
einem meiner Patienten brachte einmal ein Traum eine kaum entstellte 
Wiedergabe eines sexuellen Vorfalles, die sofort als getreue Er- 
innerung erkannt wurde. Die Erinnerung daran war im Wachen zwar 
nie völlig verloren gewesen, aber doch stark verdunkelt worden, und 
ihre Neubelebung war ein Erfolg der vorausgegangenen analytischen 
Arbeit, Der Träumer hatte mit zwölf Jahren einen bettlägerigen Kol- 



*) In der ersten Auflage stand hier der Name: Hasdrubal, ein befremdender 
Irrtum, dessen Aufklärung ich in meiner „Psychopathologie des Alltagslebens" 
(1901, 1904, 4. Aufl. 1912) gegeben habe. 



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150 V. Das Traummaterial und die Traumqaellen. 

legen besucht, der sich wahrscheinlich nur zufällig bei einer Be- 
wegung im Bette entblößte. Beim Anblick seiner Genitalien von einer 
Art Zwang ergriffen, entblößte er sich selbst und faßte das Glied 
des anderen, der ihn aber unwillig und verwundert ansah, worauf 
er verlegen wurde und abließ. Diese Szene wiederholte ein Traum 
23 Jahre später auch mit allen Einzelheiten der in ihr vorkommen- 
den Empfindungen, veränderte sie aber dahin, daß der Träumer 
anstatt der aktiven die passive Rolle übernahm, während die Person 
des Schulkollegen durch eine der Gegenwart angehörige ersetzt 
wurde. 

In der Eegel freilich ist die Infantilszene im manifesten Traum- 
inhalt nur durch eine Anspielung vertreten und muß durch Deutung 
aus dem Traume entwickelt werden. Die Mitteilung solcher Beispiele 
kann nicht sehr beweiskräftig ausfallen, weil ja für diese Kinder- 
erlebnisse meistens jede andere Gewähr fehlt; sie werden, wenn sie in 
ein frühes Alter fallen, von der Erinnerung nicht mehr anerkannt. 
Das Recht, überhaupt aus Träumen auf solche Kindererlebnisse zu 
schließen, ergibt sich bei der psychoanalytischen Arbeit aus einer 
ganzen Reihe von Momenten, die in ihrem Zusammenwirken ver- 
läßlich genug erscheinen. Zum Zwecke der Traumdeutung aus ihrem 
Zusammenhange gerissen, werden solche Zurückführungen von Träu- 
men auf Kindererlebnisse vielleicht wenig Eindruck machen, besonders 
da ich nicht einmal alles Material mitteile, auf welches sich die 
Deutung stützt. Indes will ich mich von der Mitteilung darum nicht 
abhalten lassen. 

I. Bei einer meiner Patientinnen haben alle Träume den Charak- 
ter des „Gehetzten"; sie hetzt sich, um zurecht zu kommen, den 
Eisenbahnzug nicht zu versäumen u. dgl. In einem Traume soll sie 
ihre Freundin besuchen; die Mutter hat ihr gesagt, sie soll fahren, 
nicht gehen; sie läuft aber und fällt dabei in einem fort. — Das 
bei der Analyse auftauchende Material gestattet, die Erinnerung an 
Kinderhetzereien zu erkennen (man weiß, was der Wiener „eine 
Hetz" nennt), und gibt speziell für den einen Traum die Zurück- 
führung auf den bei Kindern beliebten Scherz, den Satz: „Die Kuh 
rannte bis sie fiel" so rasch auszusprechen, als ob er ein einziges 
Wort wäre, was wiederum ein „Hetzen" ist. Alle diese harmlosen 
Hetzereien unter kleinen Freundinnen werden erinnert, weil sie andere, 
minder harmlose, ersetzen. 

IL Von einer anderen folgender Traum: Sie ist in einem 
großen Zimmer, in dem allerlei Maschinen stehen, etwa so, 
wie sie sich eine orthopädische Anstalt vorstellt. Sie hört, 
daß ich keine Zeit habe, und daß sie die Behandlung gleich- 
zeitig mit fünf anderen machen muß. Sie sträubt sich aber 
und will sich in das für sie bestimmte Bett — oder was es 
ist — nicht legen. Sie steht in einem Winkel und wartet, 
daß ich sage, es ist nicht wahr. Die anderen lachen sie unter- 



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Aufdeckung Ton Kradhetoeriebnissen bei der Traumdeutung. 151 

des aus, es sei Faxerei von ihr, — Daneben, als ob sie viele 
kleine Quadrate machen würde. 

Der erste Teil dieses Trauminhaltes ist eine Anknüpfung an die 
Kur und Übertragung auf mich. Der zweite Mithält die Anspielung 
an die Kinderszene; mit der Erwähnung des Bettes sind die beiden 
Stücke aneinander gelötet Die orthopädische Anstalt geht auf eine 
meiner Beden zurück, in der ich die Behandlung ihrer Dauer wie 
ihrem Wesen nach mit einer orthopädischen verglichen hatte. 
Ich mußte ihr zu Anfang der Behandlung mitteilen, daß ich vor- 
läufig wenig Zeit für sie habe, ihr aber später eine ganze 
Stunde täglich widmen würde. Dies machte die alte Empfindlichkeit 
in ihr rege, die ein Hauptcharakterzug der zur Hysterie bestimmten 
Kinder ist. Sie sind unersättlich für Liebe. Meine Patientin war 
die jüngste von sechs Geschwistern (daher: mit fünf anderen) und 
als solche der Liebling des Vaters, scheint aber gefunden zu haben, 
daß der geliebte Vater ihr noch zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit 
widme. — Daß sie wartet, bis ich sage, es ist nicht wahr, hat fol- 
gende Ableitung: Ein kleiner Schneiderjunge hatte ihr ein Kleid ge- 
bracht, und sie ihm dafür das Geld mitgegeben. Dann fragte sie ihren 
Mann, ob sie das Geld nochmals bezahlen müsse, wenn er es verliere. 
Der Mann, um sie zu necken, versicherte: ja (die Neckerei im 
Trauminhalt), und sie fragte immer wieder von neuem und wartete 
darauf, daß er endlich sage, es ist nicht wahr. Nun läßt 
sich für den latenten Trauminhalt der Gedanke konstruieren, ob sie 
mir wohl das Doppelte bezahlen müsse, wenn ich ihr die doppelte 
Zeit widme, ein Gedanke, der geizig oder schmutzig ist. (Die Un- 
rein lichkeit der Kinderzeit wird sehr häufig vom Traume durch 
Geldgeiz ersetzt; das Wort „schmutzig" bildet dabei die Brücke.) 
Wenn all das vom Warten, bis ich sage usw., das Wort „schmutzig" 
im Traume umschreiben soll, so stimmt das Im-Winkel -Stehen und 
das Sich-nicht-ins-Bett-Legen dazu als Bestandteil einer Kinder- 
szene, in der sie das Bett schmutzig gemacht hätte, zur Strafe in den 
Winkel gestellt wird unter der Androhung, daß sie der Papa nicht 
mehr liebhaben werde, die Geschwister sie auslachen usw. Die kleinen 
Quadrate zielen auf ihre kleine Nichte, die ihr die Rechenkunst ge- 
zeigt, wie man in neun Quadrate, glaube ich, Zahlen so einschreibt, 
daß sie, nach allen Richtungen addiert, 15 ergeben. 

IQ. Der Traum eines Mannes: Er sieht zwei Knaben, die 
sich balgen, und zwar Paßbinderknaben, wie er aus den her- 
umliegenden Gerätschaften schließt; einer der Knaben hat 
den anderen niedergeworfen, der liegende Knabe hat Ohr- 
ringe mit blauen Steinen. Er eilt dem Missetäter mit er- 
hobenem Stocke nach, um ihn zu züchtigen. Dieser flüch- 
tet zu einer Frau, die bei einem Bretterzaun steht, als ob 
sie seine Mutter wäre. Es ist eine Taglöhnersfrau, die dem 
Träumer den Rücken zuwendet. Endlich kehrt sie sich um 



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152 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

und schaut ihn mit einem gräßlichen Blicke an, so daß er er- 
schreckt davonläuft. An ihren Augen sieht man vom un- 
teren Lid das rote Fleisch vorstehen. 

Der Traum hat triviale Begebenheiten des Vortages reichlich 
verwertet. Er hat gestern wirklich zwei Knaben auf der Straße ge- 
sehen, von denen einer den anderen hinwarf. Als er hinzueilte, uin 
zu schlichten, ergriffen sie beide die Flucht. — Faßbinderknaben: 
wird erst durch einen nachfolgenden Traum erklärt, in dessen Ana- 
lyse er die Redensart gebraucht: Dem Faß den Boden ausschla- 
gen. — Ohrringe mit blauen Steinen tragen nach seiner Beobachtung 
meist die Prostituierten. So fügt sich ein bekannter Klapphorn- 
vers von zwei Knaben an: Der andere Knabe, der hieß Marie 
(d. h. : war ein Mädchen). — Die stehende Frau: Nach der Szene 
mit den beiden Knaben ging er am Donauufer spazieren und benutzte 
die Einsamkeit dort, um gegen einen Bretterzaun zu urinieren. 
Auf dem weiteren Wege lächelte ihn eine anständig gekleidete ältere 
Dame sehr freundlich an und wollte ihm ihre Adreßkarte überreichen. 

Da die Frau im Traume so steht wie er beim Urinieren, so 
handelt es sich um ein urinierendes Weib, und dazu gehört dann der 
gräßliche „Anblick", das Vorstehen des roten Fleisches, was sich 
nur auf die beim Kauern klaffenden Genitalien beziehen kann, die, 
in der Kinderzeit gesehen, in der späteren Erinnerung als „wildes 
Fleisch", als „Wunde" wieder auftreten. Der Traum vereinigt zwei 
Anlässe, bei denen der kleine Knabe die Genitalien kleiner Mädchen 
sehen konnte, beim Hinwerfen und bei deren Urinieren, und 
wie aus dem anderen Zusammenhang hervorgeht, bewahrt er die Er- 
innerung an eine Züchtigung oder Drohung des Vaters wegen der 
von dem Buben bei diesen Anlässen bewiesenen sexuellen Neugierde. 

IV. Eine ganze Summe von Kindererinnerungen, zu einer Phan- 
tasie notdürftig vereinigt, findet sich hinter folgendem Traume einer 
jüngeren Dame. 

Sie geht in Hetze aus, Kommissionen zu machen. Auf 
dem Graben sinkt sie dann, wie zusammengebrochen, in 
die Knie. Viele Leute sammeln sich um sie, besonders die 
Fiakerkutscher; aber niemand hilft ihr auf. Sie macht viele 
vergebliche Versuche; endlich muß es gelungen sein, denn 
man setzt sie in einen Fiaker, der sie nach Hause bringen 
soll; durchs Fenster wirft man ihr einen großen schwer 
gefüllten Korb nach (ähnlich einem Einkaufskorbe). 

Es ist dieselbe, die in ihren Träumen immer gehetzt wird, wie 
sie als Kind gehetzt hat. Die erste Situation des Traumes ist offenbar 
von dem Anblicke eines gestürzten Pferdes hergenommen, wie auch 
das „Zusammenbrechen" auf Wettrennen deutet. Sie war in jungen 
Jahren Reiterin, in noch jüngeren wahrscheinlich auch Pferd. 
Zu dem Hinstürzen gehört die erste Kindheitserinnerung an den 
17 jährigen Sohn des Portiers, der, auf der Straße von epileptischen 



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Einderszenen im latenten Trauminhalt 153 

Krämpfen befallen, im Wagen nach Hause gebracht wurde. Davon 
hat sie natürlich nur gehört, aber die Vorstellung von epileptischen 
Krämpfen, vom „Hinfallenden" hat große Macht über ihre Phan- 
tasie gewonnen und später ihre eigenen hysterischen Anfälle in 
ihrer Form beeinflußt. — Wenn eine Frauensperson vom Fallen 
träumt, so hat das wohl regelmäßig einen sexuellen Sinn, sie wird 
eine „Gefallene"; für unseren Traum wird diese Deutung am 
wenigsten zweifelhaft sein, denn sie fällt auf dem Graben, jenem 
Platze von Wien, der als Korso der Prostitution bekannt ist. Der 
Einkaufskorb gibt mehr als eine Deutung; als Korb erinnert er 
an die vielen Körbe, die sie zuerst ihren Freiern ausgeteilt, und 
später, wie sie meint, sich auch selbst geholt hat. Dazu gehört dann 
auch, daß ihr niemand aufhelfen will, was sie selbst als Ver- 
schmäh twerden auslegt. Ferner erinnert der Einkaufskorb an Phan- 
tasien, die der Analyse bereits bekannt geworden sind, in denen sie 
tief unter ihrem Stande geheiratet hat und nun selbst zu Markte ein- 
kaufen geht. Endlich aber könnte der Einkaufskorb als Zeichen einer 
dienenden Person gedeutet werden. Dazu kommen nun weitere 
Kindheitserinnerungen, an eine Köchin, die weggeschickt wurde, 
weil sie stahl; die ist auch so in die Knie gesunken und hat ge- 
fleht. Sie war damals zwölf Jahre alt. Dann an ein Stubenmädchen, 
das weggeschickt wurde, weil es sich mit dem Kutscher des Hauses 
abgab, der sie übrigens später heiratete. Diese Erinnerung ergibt 
uns also eine Quelle für die Kutscher im Traume (die sich im 
Gegensatz zur Wirklichkeit der Gefallenen nicht annehmen). Es 
bleibt aber noch das Nachwerfen des Korbes, und zwar durchs 
Fenster, zu erklären. Das mahnt sie an das Expedieren des Ge- 
päcks auf der Eisenbahn, an das „Fenster In" auf dem Lande, 
an kleine Eindrücke von dem Landaufenthalte, wie ein Herr einer 
Dame blaue Pflaumen durchs Fenster in ihr Zimmer wirft, wie 
ihre kleine Schwester sich gefürchtet, weil ein vorübergehender Trottel 
durchs Fenster ins Zimmer sah. Und nun taucht dahinter eine dunkle 
Erinnerung aus dem zehnten Lebensjahre auf von einer Bonne, 
die auf dem Lande Liebesszenen mit einem Diener des Hauses auf- 
führte, von denen das Kind doch etwas gemerkt haben konnte, und 
die mitsamt ihrem Liebhaber „expediert", „hinausgeworfen" 
wurde (im Traume der Gegensatz: „hineingeworfen"), eine Ge- 
schichte, der wir uns auch von mehreren anderen Wegen her genähert 
hatten. Das Gepäck, der Koffer einer dienenden Person, wird aber 
in Wien geringschätzig als die „sieben Zwetschken" bezeichnet. 
„Pack' deine sieben Zwetschken zusammen und geh\" 

An solchen Träumen von Patienten, deren Analyse zu dunkel 
oder gar nicht mehr erinnerten Kindereindrücken, oft aus den ersten 
drei Lebensjahren, führt, hat meine Sammlung natürlich überreichen 
Vorrat. Es ist aber mißlich, Schlüsse aus ihnen zu ziehen, die für 
den Traum im allgemeinen gelten sollen ; es handelt sich ja regelmäßig 



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154 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

um neurotische, speziell hysterische Personen, und die Rolle, welche 
den Kinderszenen in diesen Träumen zufällt, könnte durch die Natur 
der Neurose und nicht durch das Wesen des Traumes bedingt sein. 
Indes begegnet es mir bei der Deutung meiner eigenen Träume, die 
ich doch nicht wegen grober Leidenssymptome unternehme, ebenso 
oft, daß ich im latenten Trauminhalt unvermutet auf eine Infantil- 
szene stoße, und daß mir eine ganze Serie von Träumen mit einem- 
mal in die von einem Kindererlebnis ausgehenden Bahnen einmündet. 
Beispiele hiefür habe ich schon erbracht und werde ich noch bei 
verschiedenen Anlässen weiter erbringen. Vielleicht kann ich den 
ganzen Abschnitt nicht besser beschließen als durch Mitteilung 
einiger eigenen Träume, in denen rezente Anlässe und langvergessene 
Kindererlebnisse mitsammen als Traumquellen auftreten. 

Nachdem ich gereist bin, müde und hungrig das Bett aufgesucht 
habe, melden sich im Schlafe die großen Bedürfnisse des Lebens und 
ich träume: Ich gehe in eine Küche, um mir Mehlspeise 
geben zu lassen. Dort stehen drei Frauen, von denen eine 
die Wirtin ist und etwas in der Hand dreht, als ob sie 
Knödel machen würde. Sie antwortet, daß ich warten soll, 
bis sie fertig ist (nicht deutlich als Rede). Ich werde un- 
geduldig und gehe beleidigt weg. Ich ziehe einen Über- 
rock an; der erste, den ich versuche, ist mir aber zu lang. 
Ich ziehe ihn wieder aus, etwas überrascht, daß er Pelz- 
besatz hat. Ein zweiter, den ich anziehe, hat einen langen 
Streifen mit türkischer Zeichnung eingesetzt. Ein Fremder 
mit langem Gesichte und kurzem Spitzbarte kommt hinzu 
und hindert mich am Anziehen, indem er ihn für den seinen 
erklärt. Ich zeige ihm nun, daß er über und über türkisch 
gestickt ist. Er fragt: Was gehen Sie die türkischen (Zeich- 
nungen, Streifen . . . .) an? Wir sind aber dann ganz freund- 
lich miteinander. 

In der Analyse die666 Traumes fällt mir ganz unerwartet der 
erste Roman ein, den ich, vielleicht 13 jährig, gelesen, d. h. mit dem 
Ende des ersten Bandes begonnen hatte. Den Namen des Romans 
und seines Autors habe ich nie gewußt, aber der Schluß ist mir nun 
in lebhafter Erinnerung. Der Held verfällt in Wahnsinn und ruft 
beständig die drei Frauennamen, die ihm im Leben das größte Glück 
und das Unheil bedeutet haben. Pölagie ist einer dieser Namen. 
Noch weiß ich nicht, was ich mit diesem Einfall in der Analyse 
beginnen werde. Da tauchen zu den drei Frauen die drei Parzen 
auf, die das Geschick des Menschen spinnen, und ich weiß, daß eine 
der drei Frauen, die Wirtin im Traume, die Mutter ist, die das 
Leben gibt, mitunter auch, wie bei mir, dem Lebenden die erste 
Nahrung. An der Frauenbrust treffen sich Liebe und Hunger, Ein 
junger Mann, erzählt die Anekdote, der ein großer Verehrer der 
Frauenschönheit wurde, äußerte einmal, als die Rede auf die schöne 



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Kindereindrücke im latenten Tnuminluit 155 

Amme kam, die ihn als Säugling genährt: es tue ihm leid, die gute 
Gelegenheit damals nicht besser ausgenutzt zu haben. Ich pflege 
mich der Anekdote zur Erläuterung für das Moment der Nach- 
träglichkeit in dem Mechanismus der Psychoneurosen zu bedienen. 
— Die eine der Parzen also reibt die Handflächen aneinander, als ob 
sie Knödel machen würde. Eine sonderbare Beschäftigung für eine 
Parze, welche dringend der Aufklärung bedarf! Diese kommt nun 
ans einer anderen und früheren Eindererinnerung. Als ich sechs 
Jahre alt war und den ersten Unterricht bei meiner Mutter genoß, 
sollte ich glauben, daß wir aus Erde gemacht sind und darum zur 
Erde zurückkehren müssen. Es behagte mir aber nicht und ich 
zweifelte die Lehre an. Da rieb die Mutter die Handflächen anein- 
ander — ganz ähnlich wie beim Knödelmachen, nur daß sich kein 
Teig zwischen ihnen befindet — und zeigte mir die schwärzlichen 
Epidermisschuppen, die sich dabei abreiben, als eine Probe der 
Erde, aus der wir gemacht sind, vor. Mein Erstaunen über diese 
Demonstration ad oculos war grenzenlos, und ich ergab mich in das, 
was ich später in den Worten ausgedrückt hören sollte: Du bist der 
Natur einen Tod schuldig*). So sind es also wirklich Parzen, zu 
denen ich in die Küche gehe, wie so oft in den Kinderjahren, wenn 
ich hungrig war, und die Mutter beim Herd mich mahnte zu warten, 
bis das Mittagessen fertig sei. Und nun die Knödel! Wenigstens 
einer meiner Universitätslehrer, aber gerade der, dem ich meine histo- 
logischen Kenntnisse (Epidermis) verdanke, könnte sich bei dem 
Namen Knödel an eine Person erinnern, die er belangen mußte, weil 
sie ein Plagiat an seinen Schriften begangen hatte. Ein Plagiat 
begehen, sich aneignen, was man bekommen kann, auch wenn es 
einem anderen gehört, leitet offenbar zum zweiten Teil des Traumes, 
in dem ich wie der Uberrockdieb behandelt werde, der eine Zeit- 
lang in den Hörsälen sein Wesen trieb. Ich habe den Ausdruck 
Plagiat niedergeschrieben, absichtslos, weil er sich mir darbot, und 
nun merke ich, daß er dem latenten Trauminhalt angehören muß, 
weil er als Brücke zwischen den verschiedenen Stücken des manifesten 
Trauminhaltes dienen kann. Die Assoziationskette — Pölagie — 
Plagiat — Plagiostomen**) (Haifische) — Fischblase ver- 
bindet den alten Roman mit der Affäre Knödl und mit den Über- 
ziehern, die ja offenbar ein Gerät der sexuellen Technik bedeuten. 
{Vgl. Maurys Traum vom Kilo — Lotto, p. 45.) Eine höchst 
gezwungene und unsinnige Verbindung zwar, aber doch keine, die ich 
im Wachen herstellen könnte, wenn sie nicht schon durch die Traum- 
Arbeit hergestellt wäre. Ja, als ob dem Drange, Verbindungen zu er- 

*) Beide zu diesen Kinderszenen gehörigen Affekte, das Erstaunen und die 
.Ergebung ins Unvermeidliche, fanden sich in einem Traume kurz vorher, der 
mir zuerst die Erinnerung an dieses Kindererlebnis wiederbrachte. 

**) Die Plagiostomen ergänze ich nicht willkürlich; sie mahnen mich 
äü eine ärgerliche Gelegenheit von Blamage vor demselben Lehrer. 



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156 Y. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

zwingen, gar nichts heilig wäre, dient nun der teure Name Brücke 
(Wortbrücke s. o.) dazu, mich an dasselbe Institut zu erinnern, in 
dem ich meine glücklichsten Stunden als Schüler verbracht, sonst 
ganz bedürfnislos („So wird's Euch an der Weisheit Brüsten mit 
jedem Tage mehr gelüsten")? im vollsten Gegensatz zu den Be- 
gierden, die mich, während ich träume, plagen. Und endlich taucht 
die Erinnerung an einen anderen teuren Lehrer auf, dessen Name 
wiederum an etwas Eßbares anklingt (Pleischl, wie Knödl) und 
an eine traurige Szene, in der Epidermisschuppen eine Rolle 
spielen (die Mutter — Wirtin) und Geistesstörung (der Roman) und 
ein Mittel aus der lateinischen Küche, das den Hunger benimmt, das 
Kokain. 

So könnte ich den verschlungenen Gedankenwegen weiterfolgen 
und das in der Analyse fehlende Stück des Traumes voll aufklären, 
aber ich muß es unterlassen, weil die persönlichen Opfer, die es 
erfordern würde, zu groß sind. Ich greife nur einen der Fäden auf, 
der direkt zu einem der dem Gewirre zu gründe liegenden Traum- 
gedanken führen kann. Der Fremde mit langem Gesichte und Spitz- 
barte, der mich am Anziehen hindern will, trägt die Züge eines 
Kaufmannes in Spalato, bei dem meine Frau reichlich türkische 
Stoffe eingekauft hat. Er hieß Popovi6, ein verdächtiger Name, der 
auch dem Humoristen Stettenheim zu einer andeutungsvollen Be- 
merkung Anlaß gegeben hat. („Er nannte mir seinen Namen und 
drückte mir errötend die Hand/') Übrigens derselbe Mißbrauch mit 
Namen wie oben mit Pelagie, Knödl, Brücke, Fleischl. Daß 
solche Namenspielerei Kinderunart ist, darf man ohne Widerspruch 
behaupten; wenn ich mich in ihr ergehe, ist es aber ein Akt der 
Vergeltung, denn mein eigener Name ist unzähligemale solchen 
schwachsinnigen Witzeleien zum Opfer gefallen. Goethe bemerkte 
einmal, wie empfindlich man für seinen Namen ist, mit dem man 
sich verwachsen fühlt wie mit seiner Haut, als Herder auf seinen 
Namen dichtete: 

„Der du von Göttern abstammst," von Goten oder vom Kote" — 
„So seid ihr Götterbilder auch zu Staub." 

Ich merke, daß die Abschweifung über den Mißbrauch von 
Namen nur diese Klage vorbereiten sollte. Aber brechen wir hier 
ab. — Der Einkauf in Spalato mahnt mich an einen anderen Ein- 
kauf in Cattaro, bei dem ich allzu zurückhaltend war und die Ge- 
legenheit zu schönen Erwerbungen versäumte. (Die Gelegenheit bei 
der Amme versäumt, s. o.) Einer der Traumgedanken, die dem 
Träumer der Hunger eingibt, lautet nämlich: Man soll sich nichts 
entgehen lassen, nehmen, was man haben kann, auch wenn 
ein kleines Unrecht dabei mitläuft; man soll keine Ge- 
legenheit versäumen, das Leben ist so kurz, der Tod un- 
vermeidlich. Weil es auch sexuell gemeint ist und weil die Be- 



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Ein revolutionärer Traum. 157 

gierde vor dem Unrecht nicht haltmachen will, hat dieses „carpe 
diem" die Zensur zu fürchten und muß sich hinter einem Traume 
verbergen. Dazu kommen nun alle Gegengedanken zu Wort, die 
Erinnerung an die Zeit, da die geistige Nahrung dem Träumer 
allein genügte, alle Abhaltungen und selbst die Drohungen mit den 
ekelhaften sexuellen Strafen. 

II. Ein zweiter Traum erfordert einen längeren Vorbericht: 
Ich bin auf den Westbahnhof gefahren, um meine Ferienreise 
nach Aussee anzutreten, gehe aber schon zum früher abgehenden 
Ischler Zuge auf den Perron. Dort sehe ich nun den Grafen Thun 
dastehen, der wiederum zum Kaiser nach Ischl fährt. Er war trotz 
des Regens im offenen Wagen angekommen, direkt durch die Ein- 
gangstür für Lokalzüge hinausgetreten und hatte den Türhüter, der 
ihn nicht kannte und ihm das Billett abnehmen wollte, mit einer 
kurzen Handbewegung ohne Erklärung von sich gewiesen. Ich soll 
dann, nachdem er im Ischler Zuge abgefahren ist, den Perron wieder 
verlassen und in den heißen Wartesaal zurückgehen, setze es aber 
mühselig durch, daß ich bleiben darf. Ich vertreibe mir die Zeit, 
aufzupassen, wer da kommen wird, um sich auf dem Protektionswege 
ein Coupe anweisen zu lassen ; nehme mir vor, dann Lärm zu schlagen, 
d. h. gleiches Recht zu verlangen. Unterdessen singe ich mir etwas 
vor, was ich dann als die Arie aus Figaros Hochzeit erkenne: 

„Will der Herr Graf ein Tänzelein wagen, 

Tänzelein wagen, 
Soll er's nur sagen, 
Ich spiel' ihm eins auf." 

(Ein anderer hätte den Gesang vielleicht nicht erkannt.) 

Ich war den ganzen Abend in übermütiger, streitlustiger Stim- 
mung gewesen, hatte Kellner und Kutscher gefrozzelt, hoffentlich 
ohne ihnen wehe zu tun; nun gehen mir allerlei freche und revolu- 
tionäre Gedanken durch den Kopf, wie sie zu den Worten Figaros 
passen und zur Erinnerung an die Komödie von Beaumarchais, 
die ich in der Comedie fran<;aise aufführen gesehen. Das Wort von 
den großen Herren, die sich die Mühe gegeben haben, geboren zu 
werden; das Herrenrecht, das der Graf Almaviva bei Susanne zur 
Geltung bringen will; die Scherze, die unsere bösen oppositionellen 
Tagschreiber mit dem Namen des Grafen Thun anstellen, indem sie 
ihn Graf Nichtsthun nennen. Ich beneide ihn wirklich nicht; er hat 
jetzt einen schweren Gang zum Kaiser, und ich bin der eigentliche 
Graf Nichtsthun; ich gehe auf Ferien. Allerlei lustige Ferien- 
vorsätze dazu. Es kommt nun ein Herr, der mir als Regierungs- 
vertreter bei den medizinischen Prüfungen bekannt ist, und der sich 
durch seine Leistungen in dieser Rolle den schmeichelhaften Bei- 
namen des „Regierungsbeischläfers" zugezogen hat. Er verlangt unter 
Berufung auf seine amtliche Eigenschaft ein Halbcoupe erster Klasse 



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158 Y. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

und ich höre den Beamten zu einem anderen sagen: Wo geben wir 
den Herrn mit der halben Ersten hin ? Eine nette Bevorzugung ; ich 
zahle meine erste Klasse ganz. Ich bekomme dann auch ein Coupe 
für mich, aber nicht in einem durchgehenden Wagen, so daß mir die 
Nacht über kein Abort zur Verfügung steht. Meine Klage beim 
Beamten hat keinen Erfolg; ich räche mich, indem ich ihm den Vor- 
schlag mache, in diesem Coupö wenigstens ein Loch im Boden an- 
bringen zu lassen für etwaige Bedürfnisse der Reisenden. Ich er- 
wache auch wirklich um 3/ 4 3 Uhr morgens mit Harndrang aus nach- 
stehendem Traume. 

Menschenmenge, Studentenversammiung. — Ein Graf (Thun 
oder Taaffe) redet. Aufgefordert, etwas über die Deutschen 
zu sagen, erklärt er mit höhnischer Gebärde für ihre Lieb- 
lingsblume den Huflattich und steckt dann etwas wie ein 
zerfetztes Blatt, eigentlich ein zusammengeknülltes Blatt- 
gerippe ins Knopfloch. Ich fahre auf, fahre also auf*), wun- 
dere mich aber doch über diese meine Gesinnung. Dann un- 
deutlicher: Als ob es die Aula wäre, die Zugänge besetzt, 
und man müßte fliehen. Ich bahne mir den Weg durch eine 
Reihe von schön eingerichteten Zimmern, offenbar Re- 
gierungszimmern mit Möbeln in einer Farbe zwischen 
braun und violett, und komme endlich in einen Gang, 
in dem eine Haushälterin, ein älteres dickes Frauenzimmer, 
sitzt. Ich vermeide es, mit ihr zu sprechen; sie hält mich 
aber offenbar für berechtigt, hier zu passieren, denn sie 
fragt, ob sie mit der Lampe mitgehen soll. Ich deute oder 
sage ihr, sie soll auf der Treppe stehen bleiben, und komme 
mir dabei sehr schlau vor, daß ich die Kontrolle am Ende 
vermeide. So bin ich drunten und finde einen schmalen, 
steil aufsteigenden Weg, den ich gehe. 

Wieder undeutlich .... Als ob jetzt die zweite Aufgabe 
käme, aus der Stadt wegzukommen, wie früher aus dem 
Hause. Ich fahre in einem Einspänner und gebe ihm Auf- 
trag, zu einem Bahnhofe zu fahren. „Auf der Bahnstrecke 
selbst kann ich nicht mit Ihnen fahren," sage ich, nachdem 
er einen Einwand gemacht hat, als ob ich ihn übermüdet 
hätte. Dabei ist es, als w r äre ich schon eine Strecke mit ihm 
gefahren, die man sonst mit der Bahn fährt. Die Bahnhöfe 
sind besetzt; ich überlege, ob ich nach Krems oder Znaim 
soll, denke aber, dort wird der Hof »sein, und entscheide mich 
für Graz oder so etwas. Nun sitze ich im Waggon, der ähn- 
lich einem Stadtbahnwagen ist, und habe im Knopfloch ein 



*) Diese Wiederholung hat sich, scheinbar aus Zerstreutheit, in den Text 
des Traumes eingeschlichen und wird von mir belassen, da die Analyse zeigt, 
daß sie ihre Bedeutung hat. 



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Ein revolutionärer Traum. 159 

eigentümlich geflochtenes, langes Ding, daran violett- 
braune Veilchen aus starrem Stoffe, was den Leuten sehr 
auffällt. Hier bricht die Szene ab. 

Ich bin wieder vor dem Bahnhofe, aber zu zweit mit 
einem älteren Herrn, erfinde einen Plan, um unerkannt zu 
bleiben, sehe diesen Plan aber auch schon ausgeführt. Den- 
ken und Erleben ist hier gleichsam eins. Er stellt sich blind, 
wenigstens auf einem Auge, und ich halte ihm ein männli- 
ches Uringlas vor (das wir in der Stadt kaufen mußten oder 
gekauft haben). Ich bin also sein Krankenpfleger und muß 
ihm das Glas geben, weil er blind ist. Wenn der Kondukteur 
uns so sieht, muß er uns als unauffällig entkommen lassen« 
Dabei ist die Stellung des Betreffenden und sein urinie- 
rendes Glied plastisch gesehen. Darauf das Erwachen mit 
Harndrang. 

Der ganze Traum macht etwa den Eindruck einer Phantasie, 
die den Träumer in das Hevolutionsjahr 1848 versetzt, dessen An- 
denken ja durch das Jubiläum des Jahres 1898 erneuert war, wie 
überdies durch einen kleinen Ausflug in die Wachau, bei dem ich 
Emmersdorf kennen gelernt hatte, welchen Ort ich fälschlich für den 
Ruhesitz des Studentenführers Pischhof hielt, auf den einige Züge 
deß manifesten Trauminhaltes weisen mögen. Die Gedankenverbindung 
führt mich dann nach England, in das Haus meines Bruders, der 
seiner Frau scherzhaft vorzuhalten pflegte „Fifty years ago" nach 
dem Titel eines Gedichtes von Lord Tennyson, worauf die Kinder 
zu rektifizieren gewöhnt waren : Pif teen years ago. Diese Phantasie, 
die sich an die Gedanken anschließt, welche der Anblick des Grafen 
Thun hervorgerufen hatte, ist aber nur wie die Passade italienischer 
Kirchen ohne organischen Zusammenhang dem Gebäude dahinter vor- 
gesetzt; anders als diese Fassaden ist sie übrigens lückenhaft, ver- 
worren, und Bestandteile aus dem Innern drängen sich an vielen Stellen 
durch. Die erste Situation des Traumes ist aus mehreren Szenen zu- 
sammengebraut, in die ich sie zerlegen kann. Die hochmütige Stellung 
des Grafen im Traume ist kopiert nach einer Gymnasialszene aus 
meinem 15. Jahre. Wir hatten gegen einen mißliebigen und ignoran- 
ten Lehrer eine Verschwörung angezettelt,, deren Seele ein Kollege war, 
der sich seitdem Heinrich VIEL von England zum Vorbilde ge- 
nommen zu haben scheint Die Führung des Hauptschlages fiel mir 
zu, und eine Diskussion über die Bedeutung der Donau für Österreich 
(Wachau!) war der Anlaß, bei dem es zur offenen Empörung kam. 
Ein Mitverschworener war der einzige aristokratische Kollege, den 
wir hatten, »wegen seiner auffälligen Längenentwicklung die „Giraffe" 
genannt, und der stand, vom Schul ty rannen, dem Professor der deut- 
schen Sprache, zur Rede gestellt, so da wie der Graf im Traume. Das 
Erklären der* Lieblingsblume und Ins-Knopfloch-Stecken von etwas, 
was wieder eine Blume sein muß (was an die Orchideen erinnert, die 



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160 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

ich einer Freundin am selben Tage gebracht hatte, und außerdem an 
eine Rose von Jericho), mahnt auffällig an die Szene aus den Königs- 
dramen Shakespeares, die den Bürgerkrieg der roten und der 
weißen Rose eröffnet; die Erwähnung Heinrichs VIIL hat den Weg 
zu dieser Reminiszenz gebahnt. Dann ist es nicht weit von den Rosen 
zu den roten und weißen Nelken. (Dazwischen schieben sich in der 
Analyse zwei Verslein ein, eins deutsch, das andere spanisch: 
Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken. — Isabelita, no Uores 
que se marchitan las flores. Das Spanische vom Figaro her.) Die 
weißen Nelken sind bei uns in Wien das Abzeichen der Antisemiten, 
die roten das der Sozialdemokraten geworden. Dahinter eine Er- 
innerung an eine antisemitische Herausforderung während einer Eisen- 
bahnfahrt im schönen Sachsenland (Angelsachsen). Die dritte 
Szene, welche Bestandteile für die Bildung der ersten Traumsitu- 
ation abgegeben hat, fällt in meine erste Studentenzeit. In einem 
deutschen Studenten vereine gab es eine Diskussion über das Ver- 
hältnis der Philosophie zu den Naturwissenschaften. Ich grüner 
Junge, der materialistischen Lehre voll, drängte mich vor, um 
einen höchst einseitigen Standpunkt zu vertreten. Da erhob sich ein 
überlegener älterer Kollege, der seitdem seine Fähigkeit erwiesen 
hat, Menschen zu lenken und Massen zu organisieren, der übrigens 
auch einen Namen aus dem Tierreiche trägt, und machte uns 
tüchtig herunter; auch er habe in seiner Jugend die Schweine 
gehütet und sei dann reuig ins Vaterhaus zurückgekehrt Ich fuhr 
auf (wie im Traume), wurde saugrob und antwortete, seitdem ich 
wüßte, daß er die Schweine gehütet, wunderte ich mich nicht 
mehr über den Ton seiner Reden. (Im Traume wundere ich mich 
über meine deutschnationale Gesinnung.) Großer Aufruhr; ich wurde 
von vielen Seiten aufgefordert, meine Worte zurückzunehmen, blieb 
aber standhaft. Der Beleidigte war zu verständig, um das Ansinnen 
einer Herausforderung, das man an ihn richtete, anzunehmen, und 
ließ die Sache auf sich beruhen. 

Die übrigen Elemente der Traumszene stammen aus tieferen 
Schichten. Was soll es bedeuten, daß der Graf den „Huflattich" 
proklamiert? Hier muß ich meine Assoziationsreihe befragen. Huf- 
lattich — lattice — Salat — Salathund (der Hund, der anderen 
nicht gönnt, was er doch selber nicht frißt). Hier sieht man durch 
auf einen Vorrat an Schimpfwörtern: Gir-affe, Schwein, Sau, 
Hund; ich wüßte auch auf dem Umwege über einen Namen zu einem 
Esel zu gelangen und damit wieder zu einem Hohn auf einen aka- 
demischen Lehrer. Außerdem übersetze ich mir — ich weiß nicht, 
ob mit Recht — Huflattich mit „pisse-en-lit"; die Kenntnis 
kommt mir aus dem Germinal Zolas, in dem die Kinder auf- 
gefordert werden, solchen Salat mitzubringen. Der Hund — chien — 
enthält in seinem Namen einen Anklang an die größere Punktion 
(chier, wie pisser für die kleineren). Nun werden wir bald das 



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Ein revolutionärer Traum« 161 

Unanständige in allen drei Aggregateuständen beisammen haben ; denn 
im selben Germin al, der mit der künftigen Revolution genug zu tun 
hat, ist ein ganz eigentümlicher Wettkampf beschrieben, der sich auf 
die Produktion gasförmiger Exkretioneij, Flatus genannt, bezieht*). 
Und nun muß ich bemerken, wie der Weg zu diesen Flatus seit langem 
angelegt ist, von den Bluöien aus über das spanische Verslein, 
die Isabelita, zu Isabella und Ferdinand, über Heinrich VIIL, 
die englische Geschichte zum Kampfe der Armada gegen England, 
nach dessen siegreicher Beendigung die Engländer eine Medaille präg- 
ten mit der Inschrift: Äff lavit et dissipati sunt, da der Sturmwind die 
spanische Flotte zerstreut hatte. Diesen Spruch gedachte ich aber zur 
halb scherzhaft gemeinten Überschrift des Kapitels „Therapie" zu 
nehmen, wenn ich je dazu gelangen sollte, ausführliche Kunde von 
meiner Auffassung und Behandlung der Hysterie zu geben. 

Von der zweiten Szene des Traumes kann ich eine so ausführ- 
liche Auflösung nicht geben, und zwar aus Rücksichten der Zensur. 
Ich setze mich hier nämlich an die Stelle eines hohen Herrn jener 
Revolutionszeit, der auch ein Abenteuer mit einem Adler gehabt, 
an incontinentia alvi gelitten haben soll u. dgL, und ich glaube, ich 
wäre nicht berechtigt, hier die Zensur zu passieren, obwohl 
ein Hofrat (Aula, consiliarius aulicus) mir den größeren Teil 
jener Geschichten erzählt hat. Die Reihe von Zimmern im Traume 
verdankt ihre Anregung dem Salonwagen Sr. Exzellenz, in den ich 
einen Moment hineinblicken konnte; sie bedeutet aber, wie so häufig 
im Traume, Frauenzimmer (ärarische Frauenzimmer). Mit der 
Person der Haushälterin statte ich einer geistreichen älteren Dame 
schlechten Dank für die Bewirtung und die vielen guten Geschichten 
ab, die mir in ihrem Hause geboten worden sind. — Der Zug mit 
der Lampe geht auf Grill parzer zurück, der ein reizendes Erlebnis 
ähnlichen Inhaltes notiert und dann in Hero und Leander (des 
Meeres und der Liebe Wellen — die Armada und der Sturm) 
verwendet hat**). 

Auch die detaillierte Analyse der beiden übrigen Traumstücke 
muß ich zurückhalten; ich werde nur jene Elemente herausgreifen, 
die zu den beiden Kinderszenen führen, um deren Willen ich den 
Traum überhaupt aufgenommen habe. Man wird mit Kecht vermuten, 
daß es sexuelles Material ist, welches mich zu dieser Unterdrückung 

*) Nicht im Germinal, sondern in La Terre. Ein Irrtum, der mir erst 
nach der Analyse bemerklich wird. — Ich mache übrigens auf die identischen 
Buchstaben in Huflattich und Flatus aufmerksam. 

**) An diesem Teil des Traumes hat H. Silber er in einer inhaltsreichen 
Arbeit (Phantasie und Mythos, 1910) zu zeigen versucht, daß die Traumarbeit 
nicht nur die latenten Traumgedanken, sondern auch die psychischen Vorgange 
bei der Traumbildnng wiederzugeben vermöge. („Das funktionale Phänomen".) 
Ich meine aber, er übersieht dabei, daß die „psychischen Vorgänge bei der Traum- 
bildung 4 * für mich ein Gedankenmaterial sind wie alles andere. In diesem über- 
mütigen Traum bin ich offenbar stolz darauf, diese Vorgänge entdeckt zu haben. 
Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 11 



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162 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

nötigt; man braucht sich aber mit dieser Aufklärung nicht zufrieden 
zu geben. Man macht doch sich selbst aus vielem kein Geheimnis, 
was man vor anderen als Geheimnis behandeln muß, und hier handelt 
es sich nicht um die Gründe, die mich nötigen, die Lösung zu ver- 
bergen, sondern um die Motive der inneren Zensur, welche den eigent- 
lichen Inhalt des Traumes vor mir selbst verstecken. Ich muß also 
darum sagen, daß die Analyse diese drei Traumstücke als impertinente 
Prahlereien, als Ausfluß eines lächerlichen, in meinem wachen Leben 
längst unterdrückten Größenwahnes erkennen läßt, der sich mit ein- 
zelnen Ausläufern bis in den manifesten Trauminhalt wagt (ich 
komme mir schlau vor), allerdings die übermütige Stimmung des 
Abends vor dem Träumen trefflich verstehen läßt. Prahlerei zwar auf 
allen Gebieten; so geht die Erwähnung von Graz auf die Redensart: 
Was kostet Graz? in der man sich gefällt, wenn man sich über- 
reich mit Geld versehen glaubt. Wer an Meister Rabelais' unüber- 
troffene Schilderung von dem Leben und Taten des Gargantua und 
seines Sohnes Pantagruel denken will, wird auch den angedeuteten 
Inhalt des ersten Traumstückes unter die Prahlereien einreihen können. 
Zu den zwei versprochenen Kinderszenen gehört aber folgendes: Ich 
hatte für diese Reise einen neuen Koffer gekauft, dessen Farbe, ein 
Braunviolett, im Traume mehrmals auftritt (violettbraune Veil- 
chen aus starrem Stoff e neben einem Dinge, das man „Mädchenfänger" 
heißt — die Möbel in den Regierungszimmern). Daß man mit etwas 
Neuem den Leuten auffällt, ist ein bekannter Kinderglaube. Nun 
ist mir folgende Szene aus meinem Kinderleben erzählt worden, deren 
Erinnerung ersetzt ist durch die Erinnerung an die Erzählung. Ich 
soll — im Alter von zwei Jahren — noch gelegentlich das Bett 
naß gemacht haben, und als ich dafür Vorwürfe zu hören bekam, 
den Vater durch das Versprechen getröstet haben, daß ich ihm in 
N. (der nächsten größeren Stadt) ein neues schönes, rotes Bett 
kaufen werde. (Daher im Traume die Einschaltung, daß wir da« Glas 
in der Stadt gekauft haben oder kaufen mußten; was man 
versprochen hat, muß man halten.) (Man beachte übrigens die Zu- 
sammenstellung des männlichen Glases und des weiblichen Koffers, 
box.) Der ganze Größenwahn des Kindes ist in diesem Versprechen 
enthalten. Die Bedeutung der Harnschwierigkeiten des Kindes für den 
Traum ist uns bereits bei einer früheren Traumdeutung (vgl. den 
Traum p. 151) aufgefallen. Aus den Psychoanalysen an Neurotischen 
haben wir auch den intimen Zusammenhang des Bettnässens mit dem 
Charakterzug des Ehrgeizes erkannt. 

Dann gab es aber einmal einen anderen häuslichen Anstand, als 
ich sieben oder acht Jahre alt war, an den ich mich sehr wohl erinnere. 
Ich setzte mich abends vor dem Schlafengehen über das Gebot der 
Diskretion hinweg, Bedürfnisse nicht im Schlafzimmer der Eltern in 
deren Anwesenheit zu verrichten, und der Vater ließ in seiner Straf- 
rede darüber die Bemerkung fallen : aus dem Buben wird nichts wer- 



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Infantile Wurzeln des revolutionären Traumes. 163 

den. Es muß eine furchtbare Kränkung für meinen Ehrgeiz gewesen 
sein, denn Anspielungen an diese Szene kehren immer in meinen 
Träumen wieder und sind regelmäßig mit Aufzählung meiner Leistun- 
gen und Erfolge verknüpft, als wollte ich sagen: Siehst du, ich bin 
doch etwas geworden. Diese Kinderszene gibt nun den Stoff für das 
letzte Bild des Traumes, in dem natürlich zur Rache die Rollen ver- 
tauscht sind. Der ältere Mann, offenbar der Vater, da die Blindheit 
auf einem Auge sein einseitiges Glaukom bedeutet*), uriniert jetzt 
vor mir wie ich damals vor ihm. Mit dem Glaukom mahne ich ihn 
an das Kokain, daß ihm bei der Operation zu gute kam, als hätte ich 
damit mein Versprechen erfüllt. Außerdem mache ich mich über 
ihn lustig; weil er blind ist, muß ich ihm das Glas vorhalten und 
schwelge in Anspielungen auf meine Erkenntnisse in der Lehre von 
der Hysterie, auf die ich stolz bin**). 



*) Andere Deutung: Er ist einäugig wie Od hin, der Göttervater. — 
Odhins Trost. — Der Trost aus der Kinderszene, daß ich ihm ein neues Bett 
kaufen werde. 

**) Dazu einiges Deutungsmaterial: Das Vorhalten des Glases erinnert an 
die Geschichte vom Bauern, der beim Optiker Glas nach Glas versucht, aber nicht 
lesen kann. — (Bauernfänger — Mädchenfänger im vorigen Traumstück.) 
— Die Behandlung des schwachsinnig gewordenen Vaters bei den Bauern in 
Zolas La Terre. — Die traurige Genugtuung, daß der Vater in seinen letzten 
Lebenstagen wie ein Kind das Bett beschmutzt hat; daher bin ich im Traume 
sein Krankenpfleger. — „Denken und Erleben sind hier gleichsam eins'* er- 
innert an ein stark revolutionäres Buchdrama von Oskar Panizza, in dem 
Gottvater als paralytischer Greis schmählich genug behandelt wird; dort heißt 
es: Wille und Tat sind bei ihm eins, und er muß von seinem Erzengel, einer 
Art Ganymed, abgehalten werden zu schimpfen und zu fluchen, weil diese Ver- 
wünschungen sich sofort erfüllen würden. — Das Pläne machen ist ein aus 
späterer Zeit der Kritik stammender Vorwurf gegen den Vater, wie überhaupt 
der ganze rebellische, majestätsbeleidigende und die hohe Obrigkeit verhöhnende 
Inhalt des Traumes auf Auflehnung gegen den Vater zurückgeht. Der Fürst 
heißt Landesvater, und der Vater ist die älteste, erste, für das Kind einzige 
Autorität, aus dessen Machtvollkommenheit im Laufe der menschlichen Kultur- 
geschichte die anderen sozialen Obrigkeiten hervorgegangen sind (insofern nicht 
das „Mutterrecht" zur Einschränkung dieses Satzes nötigt.) — Die Fassung im 
Traume „Denken und Erleben sind Eins", zielt auf die Erklärung der hysterischen 
Symptome, zu der auch das männliche Glas eine Beziehung hat. Einem 
Wiener brauchte ich das Prinzip des „Gschnas" nicht auseinanderzusetzen; 
es besteht darin, Gegenstände von seltenem und wertvollem Ansehen aus 
trivialem, am liebsten komischem und wertlosem Material herzustellen, z. B. 
Rüstungen aus Kochtöpfen, Strohwischen und Salzs tangein, wie es unsere Künstler 
an ihren lustigen Abenden lieben. Ich hatte nun gemerkt, daß die Hysterischen 
es ebenso machen; neben dem, was ihnen wirklich zugestoßen ist, gestalten sie 
sich unbewußt gräßliche oder ausschweifende Phantasiebegebenheiten, die sie 
aus dem harmlosesten und banalsten Material des Erlebens aufbauen. An diesen 
Phantasien hängen erst die Symptome, nicht an den Erinnerungen der wirk- 
lichen Begebenheiten, seien diese nun ernsthaft oder gleichfalls harmlos. Diese 
Aufklärung hatte mir über viele Schwierigkeiten hinweggeholfen und machte 
mir viel Freude. Ich konnte sie mit dem Traumelement des „männlichen 
Glases' 4 andeuten, weil mir von dem letzten „Gschnasabend" erzählt worden 
war, es sei dort ein Giftbecher der Lukretia Borgia ausgestellt gewesen, dessen 

11* 



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164 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

Wenn die beiden Urinierszenen aus der Kindheit bei mir ohne- 
dies mit dem Thema der Größensucht eng verbunden sind, so kam 
ihrer Erweckung auf der Reise nach Aussee noch der zufällige Um- 
stand zu gute, daß mein Coupe kein Klosett besaß, und ich vorbereitet 
sein mußte, während der Fahrt in Verlegenheit zu kommen, was dann 
am Morgen auch eintraf. Ich erwachte dann mit den Empfindungen 
des körperlichen Bedürfnisses. Ich meine, man könnte geneigt sein, 
diesen Empfindungen die Rolle des eigentlichen Traumerregers zuzu- 
weisen, würde aber einer anderen Auffassung den Vorzug geben, 
nämlich daß die Traumgedanken erst den Harndrang hervorgerufen 
haben. Es ist bei mir ganz ungewöhnlich, daß ich durch irgend ein 
Bedürfnis im Schlafe gestört werde, am wenigsten um die Zeit dieses 
Erwachens, 3/ 4 3 Uhr morgens. Einem weiteren Einwand begegne ich 
durch die Bemerkung, daß ich auf anderen Reisen unter bequemeren 
Verhältnissen fast niemals den Harndrang nach frühzeitigem Erwachen 
verspürt habe. Übrigens kann ich diesen Punkt auch ohne Schaden 
unentschieden lassen. 

Seitdem ich ferner durch Erfahrungen bei der Traumanalyse 
aufmerksam gemacht worden bin, daß auch von Träumen, deren 
Deutung zunächst vollständig erscheint, weil Traumquellen und 
Wunscherreger leicht nachweisbar sind, — daß auch von solchen 
Träumen wichtige Gedankenfäden ausgehen, die bis in die früheste 
Kindheit hineinreichen, habe ich mich fragen müssen, ob nicht auch 
in diesem Zuge eine wesentliche Bedingung des Träumens gegeben ist. 
Wenn ich diesen Gedanken verallgemeinern dürfte, so käme jedem 
Traum in seinem manifesten Inhalt eine Anknüpfung an das rezent 
Erlebte zu, in seinem latenten Inhalt aber eine Anknüpfung an das 
älteste Erlebte, von dem ich bei der Analyse der Hysterie wirklich 
zeigen kann, daß es in gutem Sinne bis auf die Gegenwart rezent 
geblieben ist. Diese Vermutung erscheint aber noch recht schwer er- 
weislich ; ich werde auf die wahrscheinliche Rolle frühester Kindheits- 
erlebnisse für die Traumbildung noch in anderem Zusammenhang 
(Abschnitt VII) zurückkommen müssen. 

Von den drei eingangs betrachteten Besonderheiten des Traum- 
gedächtnisses hat sich uns die eine — die Bevorzugung des Neben- 
sächlichen im Trauminhalt — durch ihre Zurückführung auf die 
Traumentstellung befriedigend gelöst. Die beiden anderen, die 
Auszeichnung des Rezenten wie des Infantilen haben wir bestätigen, 
aber nicht aus den Motiven des Träumens ableiten können. Wir wollen 
diese beiden Charaktere, deren Erklärung oder Verwertung uns er- 
übrigt, im Gedächtnis behalten ; sie werden anderswo ihre Einreihung 
finden müssen, entweder in der Psychologie des Schlafzustandes oder 
bei jenen Erwägungen über den Aufbau des seelischen Apparates, die 



Kern und Hauptbestandteil ein Urin glas für Männer, wie es in den Spitälern 
gebräuchlich ist, gebildet hätte. 



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Die somatischen Traumquellen. 165 

wir später anstellen werden, wenn wir gemerkt haben, daß man 
durch die Traumdeutung wie durch eine Fensterlücke in das Innere 
desselben einen Blick werfen kann. 

Ein anderes Ergebnis der letzten Traumanalysen will ich aber 
gleich hier hervorheben. Der Traum erscheint häufig mehrdeutig; 
es können nicht nur, wie Beispiele zeigen, mehrere Wunscherfüllungen 
nebeneinander in ihm vereinigt sein; es kann auch ein Sinn, eine 
Wunscherfüllung die andere decken, bis man zu unterst auf die 
Erfüllung eines Wunsches aus der ersten Kindheit stößt; und auch 
hier wieder die Erwägung, ob in diesem Satze das „häufig" nicht 
richtiger durch „regelmäßig" zu ersetzen ist*). 

c) Die somatischen Traumquellen. 

Wenn man den Versuch macht, einen gebildeten Laien für die 
Probleme des Träumens zu interessieren, und in dieser Absicht die 
Frage an ihn richtet, aus welchen Quellen wohl nach seiner Meinung 
die Träume herrühren, so merkt man zumeist, daß der Gefragte im 
gesicherten Besitze eines Teiles der Lösung zu sein vermeint. Er ge- 
denkt sofort des Einflusses, den gestörte oder beschwerte Verdauung 
(„Träume kommen aus dem Magen"), zufällige Körperlage und kleine 
Erlebnisse während des Schlafens auf die Traumbildung äußern, und 
scheint nicht zu ahnen, daß nach Berücksichtigung all dieser Momente 
etwas der Erklärung Bedürftiges noch erübrigt. 

Welche Rolle für die Traumbildung die wissenschaftliche Lite- 
ratur den somatischen Reizquellen zugesteht, haben wir im einleiten- 
den Abschnitt (p. 16 u. ff.) ausführlich auseinandergesetzt, so daß wir 
uns hier nur an die Ergebnisse dieser Untersuchung zu erinnern 
brauchen. Wir haben gehört, daß dreierlei somatische Reizquelleri 
unterschieden werden, die von äußeren Objekten ausgehenden objek- 
tiven Sinnesreize, die nur subjektiv begründeten inneren Erregungs- 
zustände der Sinnesorgane und die aus dem Körperinnern stammenden 
Leibreize, und wir haben die Neigung der Autoren bemerkt, neben 
diesen somatischen Reizquellen etwaige psychische Quellen des Trau- 
mes in den Hintergrund zu drängen oder ganz auszuschalten (p. 31). 
Bei der Prüfung der Ansprüche, welche zu gunsten dieser Klassen 
von somatischen Reizquellen erhoben werden, haben wir erfahren, 
daß die Bedeutung der objektiven Sinnesorganerregungen — teils 
zufällige Reize während des Schlafes, teils solche, die sich auch vom 
schlafenden Seelenleben nicht fern halten lassen — durch zahlreiche 



*) Die Übereinanderschichtung der Bedeutungen des Traumes ist eines der 
heikelsten, aber auch inhaltsreichsten Probleme der Traumdeutung. Wer an diese 
Möglichkeit vergißt, wird leicht irregehen und zur Aufstellung unhaltbarer Be- 
hauptungen über das Wesen des Traumes verleitet werden. Doch sind über dieses 
Thema noch viel zu wenige Untersuchungen angestellt worden. Bisher hat nur 
die ziemlich regelmäßige Symbolschichtung im Harnreiztraume eine gründliche 
Würdigung durch 0. Rank erfahren (s. u. p. 291). 



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166 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

Beobachtungen sichergestellt wird und durch das Experiment eine 
Bestätigung erfährt (p. 19), daß die Rolle der subjektiven Sinnes- 
erregungen durch die Wiederkehr der hypnagogischen Sinnesbiider in 
den Träumen (p. 24) dargetan erscheint, und daß die im weitesten 
Umfang angenommene Zurückführung unserer Traumbilder und 
Traumvorstellungen auf inneren Leibreiz zwar nicht in ihrer ganzen 
Breite beweisbar ist, aber sich an die allbekannte Beeinflussung an- 
lehnen kann, welche der Erregungszustand der Digestions-, Harn- 
und Sexualorgane auf den Inhalt unserer Träume ausübt. 

„Nervenreiz" und „Leibreiz" wären also die somatischen 
Quellen des Traumes, d. h. nach mehreren Autoren die einzigen 
Quellen des Traumes überhaupt. 

Wir haben aber auch bereits einer Keihe von Zweifeln Gehör 
geschenkt, welche nicht sowohl die Richtigkeit als vielmehr die Zu- 
länglichkeit der somatischen Reiztheorie anzugreifen schienen. 

So sicher sich alle Vertreter dieser Lehre bezüglich deren tat- 
sächlichen Grundlagen fühlen mußten — zumal soweit die akziden- 
tellen und äußeren Nervenreize in Betracht kommen, die im Traum- 
inhalt wiederzufinden keinerlei Mühe erfordert — , so blieb doch 
keiner der Einsicht fern, daß der reiche Vorstellungsinhalt der Träume 
eine Ableitung aus den äußeren Nervenreizen allein wohl nicht zu- 
lasse. Miß Mary Whiton Calkins hat ihre eigenen Träume und 
die einer zweiten Person durch sechs Wochen hindurch von diesem 
Gesichtspunkte aus geprüft und nur 132 o/o respektive 6'7o/ ge- 
funden, in denen das Element äußerer Sinneswahrnehmung nach- 
weisbar war ; nur zwei Fälle der Sammlung ließen sich auf organische 
Empfindungen zurückführen. Die Statistik bestätigt uns hier, was 
uns bereits eine flüchtige Überschau unserer eigenen Erfahrungen 
hatte vermuten lassen. 

Man beschied sich vielfach, den „Nervenreiztraum" als eine gut 
erforschte Unterart des Traumes vor anderen Traumformen hervorzu- 
heben. Spitta trennte die Träume in Nervenreiz- und Asse- 
ziationstraum. Es war aber klar, daß die Lösung unbefriedigend 
blieb, solange es nicht gelang, das Band zwischen den somatischen 
Traumquellen und dem Vorstellungsinhalt des Traumes nachzuweisen. 

Neben den ersten Einwand, der Unzulänglichkeit in der 
Häufigkeit der äußeren Reizquellen, stellt sich so als zweiter die 
Unzulänglichkeit in der Aufklärung des Traumes, die durch die 
Einführung dieser Art von Traumquellen zu erreichen ist. Die Ver- 
treter der Lehre sind uns zwei solcher Aufklärungen schuldig, erstens 
warum der äußere Reiz im Traume nicht in seiner wirklichen Natur 
erkannt, sondern regelmäßig verkannt wird (vgl. die Weckerträume, 
p. 21), und zweitens warum das Resultat der Reaktion der wahr- 
nehmenden Seele auf diesen verkannten Reiz so unbestimmbar wechsel- 
voll ausfallen kann. Als Antwort auf diese Präge haben wir von 
Strümpell gehört, daß die Seele infolge ihrer Abwendung von der 



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Die somatischen Traumquellen nach den Autoren. 167 

Außenwelt während des Schlafens nicht im stände ist, die richtige 
Deutung des objektiven Sinnesreizes zu geben, sondern genötigt wird, 
auf Grund der nach vielen Richtungen unbestimmten Anregung Illu- 
sionen zu bilden, in seinen Worten ausgedrückt (p. 108): 

„Sobald durch einen äußeren oder inneren Nervenreiz während 
des Schlafes in der Seele eine Empfindung oder ein Empfindungs- 
komplex, ein Gefühl, überhaupt ein psychischer Vorgang entsteht und 
von der Seele perzipiert wird, so ruft dieser Vorgang aus dem der 
Seele vom Wachen her verbliebenen Erfahrungskreise Empfindungs- 
bilder, also frühere Wahrnehmungen, entweder nackt oder mit zu- 
gehörigen psychischen Werten hervor. Er sammelt gleichsam um sich 
eine größere oder kleinere Anzahl solcher Bilder, durch welche der 
vom Nervenreiz herrührende Eindruck seinen psychischen Wert be- 
kommt. Man sagt gewöhnlich auch hier, wie es der Sprachgebrauch 
für das wache Verhalten tut, daß die Seele im Schlafe die Nervenreiz- 
eindrücke deute. Das Resultat dieser Deutung ist der sogenannte 
Nervenreiztraum, d. h. ein Traum, dessen Bestandteile dadurch 
bedingt sind, daß ein Nervenreiz nach den Gesetzen der Reproduktion 
seino psychische Wirkung im Seelenleben vollzieht. " 

In allem Wesentlichen mit dieser Lehre identisch ist die Äußerung 
von Wundt, die Vorstellungen des Traumes gehen jedenfalls zum 
größten Teil von Sinnesreizen aus, namentlich auch von solchen des 
allgemeinen Sinnes, und sind daher zumeist phantastische Illusionen, 
wahrscheinlich nur zum kleineren Teil reine, zu Halluzinationen ge- 
steigerte Erinnerungsvorstellungen. Für das Verhältnis des Traum- 
inhaltes zu den Traumreizen, welches sich nach dieser Theorie ergibt, 
findet Strümpell das treffliche Gleichnis (p. 84), es sei, wie „wenn 
die zehn Finger eines der Musik ganz unkundigen Menschen über die 
Tasten des Instruments hinlaufen". Der Traum erschiene so nicht als 
ein seelisches Phänomen, aus psychischen Motiven entsprungen, son- 
dern als der Erfolg eines physiologischen Reizes, der sich in psychi- 
scher Symptomatologie äußert, weil der vom Reize betroffene Apparat 
keiner anderen Äußerung fähig ist. Auf eine ähnliche Voraussetzung 
ist z. B. die Erklärung der Zwangsvorstellungen aufgebaut, die Mey- 
nert durch das berühmte Gleichnis vom Zifferblatt, auf dem ein- 
zelne Zahlen stärker gewölbt vorspringen, zu geben versuchte. 

So beliebt diese Lehre von den somatischen Traumreizen ge- 
worden ist und 90 bestechend sie erscheinen mag, so ist es doch leicht, 
den schwachen Punkt in ihr aufzuweisen. Jeder somatische Traum- 
reiz, welcher im Schlafe den seelischen Apparat zur Deutung durch 
Illusionsbildung auffordert, kann ungezählt viele solcher Deutungs- 
versuche anregen, also in ungemein verschiedenen Vorstellungen seine 
Vertretung im Trauminhalt erreichen*). Die Lehre von Strümpell 



*) Ich möchte jedermann raten, die in zwei Bänden gesammelten, aus- 
führlichen und genauen Protokolle experimentell erzeugter Träume von Mourly 



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168 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

und Wundt ist aber unfähig, irgend ein Motiv anzugeben, welches 
die Beziehung zwischen dem äußeren Reiz und der zu seiner Deutung 
gewählten Traumvorstellung regelt, also die „sonderbare Auswahl" zu 
erklären, welche die Reize „oft genug bei ihrer reproduktiven Wirk- 
samkeit treffen". (Lipps, Grundtatsachen des Seelenlebens, p. 170.) 
Andere Einwendungen richten sich gegen die Grundvoraussetzung der 
ganzen Illusionslehre, daß die Seele im Schlafe nicht in der Lage sei, 
die wirkliche Natur der objektiven Sinnesreize zu erkennen. Der alte 
Physiologe Burdach beweist uns, daß die Seele auch im Schlafe 
sehr wohl fähig ist, die an sie gelangenden Sinneseindrücke richtig 
zu deuten und der richtigen Deutung gemäß zu reagieren, indem 
er ausführt, daß man gewisse, dem Individuum wichtig erscheinende 
Sinneseindrücke von der .Vernachlässigung während des Schlafes 
ausnehmen kann (Amme und Kind), und daß man durch den eigenen 
Namen weit sicherer geweckt wird als durch einen gleichgültigen 
Gehörseindruck, was ja voraussetzt, daß die Seele auch im Schlafe 
zwischen den Sensationen unterscheidet (Abschnitt I, p. 39/40). Bur- 
dach folgert aus diesen Beobachtungen, daß während des Schlaf - 
zu Standes nicht eine Unfähigkeit, die Sinnesreize zu deuten, sondern 
ein Mangel an Interesse für sie anzunehmen ist. Die nämlichen 
Argumente, die Burdach .1830 verwendet, kehren dann zur Be- 
kämpfung der somatischen Reiztheorie im verändert bei Lipps im 
Jahre 1883 wieder. Die Seele erscheint uns demnach wie der Schläfer 
in der Anekdote, der auf die Frage „Schläfst du" antwortet „Nein", 
nach der zweiten Anrede, „dann leih' mir zehn Gulden" aber sich 
hinter der Ausrede verschanzt: „Ich schlafe". 

Die Unzulänglichkeit der Lehre von den somatischen Traum- 
reizen läßt sich auch auf andere Weise dartun. Die Beobachtung 
zeigt., daß ich durch äußere Reize nicht zum Träumen genötigt 
werde, wenngleich diese Reize im Trauminhalt erscheinen, sobald 
und für den Fall, daß ich träume. Gegen einen Haut- oder Druck- 
reiz etwa, der mich im Schlafe befällt, stehen mir verschiedene 
Reaktionen zu Gebote. Ich kann ihn überhören und dann beim 
Erwachen finden, daß z. B. ein Bein unbedeckt oder ein Arm ge- 
drückt war; die Pathologie zeigt mir ja die zahlreichsten Beispiele, 
daß verschiedenartige und kräftig erregende Empfindungs- und Be- 
wegungsreize während des Schlafes wirkungslos bleiben. Ich kann die 
Sensation während des Schlafes verspüren, gleichsam durch den Schlaf 
hindurch, wie es in der Regel mit schmerzhaften Reizen geschieh^ 
aber ohne den Schmerz in einen Traum zu verweben; und ich kann 
drittens auf den Reiz erwachen, um ihn zu beseitigen. Erst eine vierte 



Vold durchzulesen, um sich zu überzeugen, wie wenig Aufklärung der Inhalt 
des einzelnen Traupies in den angegebenen Versuchsbedingungen findet, und wie 

fering überhaupt der Nutzen solcher Experimente für das Verständnis der 
raumprobleme ist. 



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Die Schernersche Leibreiztheorie. 169 

mögliche Reaktion ist, daß ich durch den Nervenreiz zum Traum 
veranlaßt werde; die anderen Möglichkeiten werden aber mindestens 
ebenso häufig vollzogen wie die der Traumbildung. Dies könnte nicht 
geschehen, wenn nicht das Motiv des Träumens außerhalb der 
somatischen Reizquellen läge. 

In gerechter Würdigung jener oben aufgedeckten Lücke in der 
Erklärung des Traumes durch somatische Reize haben nun andere 
Autoren — Sehern er, dem der Philosoph Volkelt sich anschloß — 
die Seelentätigkeiten, welche aus den somatischen Reizen die bunten 
Traumbilder entstehen lassen, näher zu bestimmen gesucht, also doch 
wieder das Wesen des Träumens ins Seelische und in eine psychische 
Aktivität verlegt. Sehern er gab nicht nur eine poetisch nach- 
empfundene, glühend belebte Schilderung der psychischen Eigen- 
tümlichkeiten, die sich bei der Traumbildung entfalten; er glaubte 
auch das Prinzip erraten zu Ijaben, nach dem die Seele mit den ihr 
dargebotenen Reizen verfährt. In freier Betätigung der ihrer Tages- 
fesseln entledigten Phantasie strebt nach Scherner die Traumarbeit 
dahin, die Natur des Organs, von dem der Reiz ausgeht, und die 
Art dieses Reizes symbolisch darzustellen. Es ergibt sich so eine 
Art von Traumbuch als Anleitung zur Deutung der Träume, mittels 
dessen aus Traumbildern auf Körpergefühle, Organzustände und Reiz- 
zustände geschlossen werden darf. „So drückt das Bild der Katze 
die ärgerliche Mißstimmung des Gemütes aus, das Bild des hellen 
und glatten Gebäcks die Leibesnacktheit. Der menschliche Leib als 
Ganzes wird von der Traumphaotasie als Haus vorgestellt, das ein- 
zelne Körperorgan durch einen Teil des Hauses. In den ,Zahnreiz- 
träumen' entspricht dem Mundorgan ein hochgewölbter Hausflur 
und dem Hinabfall des Schlundes zur Speiseröhre eine Treppe, im 
jKopfschmerztraum' wird zur Bezeichnung der Höhenstellung des 
Kopfes die Decke eines Zimmers gewählt, welche mit ekelhaften, 
krötenartigen Spinnen bedeckt ist" (p. 39). „Diese Symbole werden 
vom Traume in mehrfacher Auswahl für das nämliche Organ ver- 
wendet; so findet die atmende Lunge in dem flammenerfüllten Ofen 
mit seinem Brausen ihr Symbol, das Herz in hohlen Kisten und 
Körben, die Harnblase in runden, beuteiförmigen oder überhaupt 
nur ausgehöhlten Gegenständen. Besonders wichtig ist es, daß am 
Schlüsse des Traumes öfter das erregende Organ oder dessen Funktion 
unverhüllt hingestellt wird, und zwar zumeist an dem eigenen Leibe 
des Träumers. So endet der ,Zahnreiztraum' gewöhnlich damit, daß 
der Träumer sich einen Zahn aus dem Munde zieht" (p. 35). Man kann 
nicht sagen, daß diese Theorie der Traumdeutung viel Gunst bei den 
Autoren gefunden hat. Sie erschien vor allem extravagant; man hat 
selbst gezögert, das Stück Berechtigung herauszufinden, das sie nach 
meinem Urteil beanspruchen darf. Sie führt, wie man sieht, zur 
Wiederbelebung der Traumdeutung mittels Symbolik, deren sich 
die Alten bedienten, nur daß das Gebiet, aus welchem die Deutung 



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170 V. Das Traummaterial and die Traumquellen. 

geholt werden soll, auf den Umfang der menschlichen Leiblichkeit 
beschränkt wird. Der Mangel einer wissenschaftlich faßbaren Technik 
bei der Deutung muß die Anwendbarkeit der Schernerschen Lehre 
schwer beeinträchtigen. Willkür in der Traumdeutung scheint keines- 
wegs ausgeschlossen, zumal da auch hier ein Reiz sich in mehr- 
fachen Vertretungen im Trauminhalt äußern kann; so hat bereits 
Scherners Anhänger Volkelt die Darstellung des Körpers als Haus 
nicht bestätigen können. Es muß auch Anstoß erregen, daß hier 
wiederum der Seele die Traumarbeit als nutz- und ziellose Betätigung 
auferlegt ist, da sich doch nach der in Rede stehenden Lehre die 
Seele damit begnügt, über den sie beschäftigenden Reiz zu phantasie- 
ren, ohne daß etwas wie eine Erledigung des Reizes in der Ferne 
winkte. 

Von einem Einwand aber wird die Sehern er sehe Lehre der 
Symbolisierung von Leibreizen durch den Traum schwer getroffen. 
Diese Leibreize sind jederzeit vorhanden, die Seele ist für sie nach 
allgemeiner Annahme während des Schlafens zugänglicher als im 
Wachen. Man versteht dann nicht, warum die Seele nicht kontinuier- 
lich die Nacht hindurch träumt, und zwar jede Nacht von allen 
Organen. Will man sich diesem Einwand durch die Bedingung ent- 
ziehen, es müßten vom Auge, Ohre, von den Zähnen, Därmen usw. be- 
sondere Erregungen ausgehen, um die Traumtätigkeit zu wecken, 
so steht man vor der Schwierigkeit, diese Reizsteigerungen als ob- 
jektiv zu erweisen, was nur in einer geringen Zahl von Bellen möglich 
ist. Wenn der Traum vom Fliegen eine Symbolisierung des Auf- 
und Niedersteigens der Lungenflügel bei der Atmung bedeutet, so 
müßte entweder dieser Traum, wie schon Strümpell bemerkt, weit 
häufiger geträumt werden öder eine gesteigerte Atmungstätigkeit wäh- 
rend dieses Traumes nachweisbar sein. Es ist noch ein dritter Fall 
möglich, der wahrscheinlichste von allen, daß nämlich zeitweise be- 
sondere Motive wirksam sind, um den gleichmäßig vorhandenen visze- 
ralen Sensationen Aufmerksamkeit zuzuwenden, aber dieser Fall führt 
bereits über die Sehern ersehe Theorie hinaus. 

Der Wert der Erörterungen von Scherner und Volkelt liegt 
darin, daß sie auf eine Reihe von Charakteren des Trauminhaltes auf- 
merksam machen, welche der Erklärung bedürftig sind und neue Er- 
kenntnisse zu verdecken scheinen. Es ist ganz richtig, daß in den 
Träumen Symbolisierungen von Körperorganen und Funktionen ent- 
halten sind, daß Wasser im Traume häufig auf Harnreiz deutet, daß 
das männliche Genitale durch einen aufrecht stehenden Stab oder eine 
Säule dargestellt werden kann usw. In Träumen, welche ein sehr 
bewegtes Gesichtsfeld und leuchtende Farben zeigen, im Gegensatz 
zu der Mattigkeit anderer Träume, kann man die Deutung als „Ge- 
sichtsreiztraum" kaum abweisen, ebensowenig den Beitrag der Illu- 
sionsbildung in Träumen bestreiten, welche Lärm und Stimmengewirr 
enthalten. Ein Traum, ^ wie der von Scherner, daß zwei Reihen 



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Die somatischen Beize als rezentes Material behandelt. 171 

schöner blonder Knaben auf einer Brücke einander gegenüberstehen, 
sich gegenseitig angreifen, dann wieder ihre alte Stellung einnehmen, 
bis endlich der Träumer sich auf eine Brücke setzt und einen langen 
Zahn aus seinem Kiefer zieht; oder ein ähnlicher von Volkelt, in 
dem zwei Keihen von Schubladen eine Rolle spielen, und der wiederum 
mit dem Ausziehen eines Zahnes endigt: dergleichen bei beiden 
Autoren in großer Fülle mitgeteilte Traumbildungen lassen es nicht 
zu, daß man die Sehern er sehe Theorie als müßige Erfindung bei 
Seite wirft, ohne nach ihrem guten Kerne zu forschen. Es stellt sich 
dann die Aufgabe, für die vermeintliche Symbolisierung des angeb- 
lichen Zahnreizes eine andersartige Aufklärung zu erbringen. 

Ich habe es die ganze Zeit über, welche uns die Lehre von den 
somatischen Traumquellen beschäftigte, unterlassen, jenes Argument 
geltend zu machen, welches sich aus unseren Traumanalysen ableitet. 
Wenn wir durch ein Verfahren, das andere Autoren auf ihr Material 
an Träumen nicht angewendet haben, erweisen konnten, daß der 
Traum einen ihm eigenen Wert als psychische Aktion besitzt, daß 
ein Wunsch das Motiv seiner Bildung wird, und daß die Erlebnisse 
des Vortages das nächste Material für seinen Inhalt abgeben, so ist 
jede andere Traumlehre, welche ein so wichtiges Untersuchungs- 
verfahren vernachlässigt und dementsprechend den Traum als eine 
nutzlose und rätselhafte psychische Reaktion auf somatische Reize 
erscheinen läßt, auch ohne besondere Kritik gerichtet. Es müßte 
denn, was sehr unwahrscheinlich ist, zwei ganz verschiedene Arten 
von Träumen geben, von denen die eine nur uns, die andere nur den 
früheren Beurteilern des Traumes untergekommen ist. Es erübrigt 
nur noch, den Tatsachen, auf welche sich die gebräuchliche Lehre 
von den somatischen Traumreizen stützt, eine Unterbringung inner- 
halb unserer Traumlehre zu verschaffen. 

Den ersten Schritt hiezu haben wir bereits getan, als wir den 
Satz aufstellten, daß die Traumarbeit unter dem Zwange stehe, alle 
gleichzeitig vorhandenen Traumanregungen zu einer Einheit zu ver- 
arbeiten (p. 136). Wir sahen, daß, wenn zwei oder mehr eindrucks- 
fähige Erlebnisse vom Vortage übrig geblieben sind, die aus ihnen 
sich ergebenden Wünsche in einenj Traume vereinigt werden, des- 
gleichen, daß zum Traummaterial der psychisch wertvolle Eindruck 
und die indifferenten Erlebnisse des Vortages zusammentreten, voraus- 
gesetzt, daß sich kommunizierende Vorstellungen zwischen beiden her- 
stellen lassen. Der Traum erscheint somit als Reaktion auf alles, was 
in der schlafenden Psyche gleichzeitig als aktuell vorhanden ist. So- 
weit wir also das Traummaterial bisher analysiert haben, erkannten 
wir es als eine Sammlung von psychischen Resten, Erinnerungsspuren, 
denen wir (wegen der Bevorzugung des rezenten und des infantilen 
Materials) einen psychologisch derzeit unbestimmbaren Charakter von 
Aktualität zusprechen mußten. Es schafft uns nun nicht viel Ver- 
legenheit vorherzusagen, was geschehen wird, wenn zu diesen Er- 



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172 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

innerungsaktualitäten neues Material an Sensationen während des 
Schlafzustandes hinzutritt. Diese Erregungen erlangen wiederum eine 
Wichtigkeit für den Traum dadurch, daß sie aktuell sind ; sie werden 
mit den anderen psychischen Aktualitäten vereinigt, um das Material 
für die Traumbildung abzugeben. Die Reize während des Schlafes 
werden, am es anders zu sagen, in eine Wunscherfüllung verarbeitet, 
deren andere Bestandteile die uns bekannten psychischen Tagesreste 
sind. Diese Vereinigung muß nicht vollzogen werden; wir haben ja 
gehört, daß gegen körperliche Reize während des Schlafes mehr als 
eine Art des Verhaltens möglich ist. Wo sie vollzogen wird, da ist 
es eben gelungen, ein Vorstellungsmaterial für den Trauminhalt zu 
finden, welches für beiderlei Traumquellen, die somatischen wie die 
psychischen, eine Vertretung darstellt. 

Das Wesen des Traumes wird nicht verändert, wenn zu den 
psychischen Traumquellen somatisches Material hinzutritt; er bleibt 
eine Wunscherfüllung, gleichgültig wie deren Ausdruck durch das 
aktuelle Material bestimmt wird. 

Ich will hier gern Raum lassen für eine Reihe von Eigentüm- 
lichkeiten, welche die Bedeutung äußerer Reize für den Traum ver- 
änderlich gestalten können. Ich stelle mir vor, daß ein Zusammen- 
wirken individueller, physiologischer und zufälliger, in den jeweiligen 
Umständen gegebener Momente darüber entscheidet, wie man sich in 
den einzelnen Fällen von intensiverer objektiver Reizung während des 
Schlafes benehmen wird; die habituelle und akzidentelle Schlaftiefe 
im Zusammenhalt mit der Intensität des Reizes wird es das eine Mal er- 
möglichen, den Reiz so zu unterdrücken, daß er im Schlafe nicht 
stört, ein anderes Mal dazu nötigen, aufzuwachen, oder den Versuch 
unterstützen, den Reiz durch Verwebung in einen Traum zu über- 
winden. Der Mannigfaltigkeit dieser Konstellationen entsprechend 
werden äußere objektive Reize bei dem einen häufiger oder seltener 
im Traume zum Ausdruck kommen als bei dem anderen. Bei mir, 
der ich ein ausgezeichneter Schläfer bin und hartnäckig daran fest- 
halte, mich durch keinen Anlaß im Schlafe stören zu lassen, ist die 
Einmengung äußerer Erregungsursachen in die Träume sehr selten, 
während psychische Motive mich doch offenbar sehr leicht zum 
Träumen bringen. Ich habe eigentlich nur einen einzigen Traum auf- 
gezeichnet, in dem eine objektive, schmerzhafte Reizquelle zu erkennen 
ist, und gerade in diesem Traume wird es sehr lehrreich werden, nach- 
zusehen, welchen Traumerfolg der äußere Reiz gehabt hat. 

Ich reite auf einem grauen Pferde, zuerst zaghaft und 
ungeschickt, als ob ich nur angelehnt wäre. Da begegne ich 
einem Kollegen P., der im Lodenanzug hoch zu Roß sitzt 
und mich an etwas mahnt (wahrscheinlich, daß ich schlecht 
sitze). Nun finde ich mich auf dem höchst intelligenten 
Roß immer mehr zurecht, sitze bequem und merke, daß ich 
oben ganz heimisch bin. Als Sattel habe ich eine Art 



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Der Traum vom Reiten. 173 

Polster, das den Raum zwischen Hals und Croup des Pfer- 
des vollkommen ausfüllt. Ich reite so knapp zwischen zwei 
Lastwagen hindurch. Nachdem ich die Straße eine Strecke 
weit geritten bin, kehre ich um und will absteigen, zunächst 
vor einer kleinen offenen Kapelle, die in der Straßenfront 
liegt. Dann steige ich wirklich vor einer ihr nahestehenden 
ab; das Hotel ist in derselben Straße; ich könnte das Pferd 
allein hingehen lassen, ziehe aber vor, es bis dahin zu 
führen. Es ist, als ob ich mich schämen würde, dort als 
Reiter anzukommen. Vor dem Hotel steht ein Hotelbursche, 
der mir einen Zettel zeigt, der von mir gefunden wurde, und 
mich darum verspottet. Auf dem Zettel steht, zweimal unter- 
strichen: Nichts essen und dann ein zweiter Vorsatz (un- 
deutlich) wie: nichts arbeiten; dazu eine dumpfe Idee, daß 
ich in einer fremden Stadt bin, in der ich nichts arbeite. 

Dem Traume wird man zunächst nicht anmerken, daß er unter 
dem Einflüsse, unter dem Zwange vielmehr, eines Schmerzreizes ent- 
standen ist. Ich hatte aber Tags vorher an Furunkeln gelitten, die 
mir jede Bewegung zur Qual machten, und zuletzt war ein Furunkel 
an der Wurzel des Skrotum zur Apfelgröße herangewachsen, hatte 
mir bei jedem Schritte die unerträglichsten Schmerzen bereitet, und 
fieberhafte Müdigkeit, Eßunlust, die trotzdem festgehaltene schwere 
Arbeit des Tages hatten sich mit den Schmerzen vereint, um meine 
Stimmung zu stören. Ich war nicht recht fähig, meinen ärztlichea 
Aufgaben nachzukommen, aber bei der Art und bei dem Sitze des 
Übels ließ sich an eine andere Verrichtung denken, für die ich sicher- 
lich so untauglich gewesen wäre wie für keine andere, und diese ist 
das Reiten. Gerade in diese Tätigkeit versetzt mich nun der Traum; 
es ist die energischeste Negation des Leidens, die der Vorstellung zu- 
gänglich ist. Ich kann überhaupt nicht reiten, träume auch sonst 
nicht davon, bin überhaupt nur einmal auf einem Pferde gesessen 
und damals ohne Sattel, und es behagte mir nicht. Aber in diesem 
Traume reite ich, als ob ich keinen Furunkel am Damm hätte, 
nein, gerade weil ich keinen haben will Mein Sattel ist der Be- 
schreibung gemäß der Breiumschlag, der mir das Einschlafen er- 
möglicht hat. Wahrscheinlich habe ich durch die ersten Stunden des 
Schlafes — öo verwahrt — nichts von meinem Leiden verspürt. Dann 
meldeten sich die schmerzhaften Empfindungen und wollten mich 
aufwecken, da kam der Traum und sagte beschwichtigend: „Schlaf 
doch weiter, du wirst doch nicht aufwachen! Du hast ja gar kefnen 
Furunkel, denn du reitest ja auf einem Pferde, und mit einem Furunkel 
an der Stelle kann man doch nicht reiten!" Und es gelang ihm so; 
der Schmerz wurde übertäubt und ich schlief weiter. 

Der Traum hat sich aber nicht damit begnügt, mir durch die 
hartnäckige Festhaltung einer mit dem Leiden unverträglichen Vor- 
stellung, den Furunkel „abzusuggerieren", wobei er sich benommen 



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174 Y. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

wie der halluzinatorische Wahnsinn der Mutter, die ihr Kind ver- 
loren hat*), oder des Kaufmannes, den Verluste um sein Vermögen 
gebracht haben ; sondern die Einzelheiten der abgeleugneten Sensation 
und des zu ihrer Verdrängung gebrauchten Bildes dienen ihm auch 
als Material, um das, was sonst in der Seele aktuell vorhanden ist, an 
die Situation des Traumes anzuknüpfen und zur Darstellung zu bringen. 
Ich reite ein graues Pferd, die Farbe des Pferdes entspricht genau 
dem pfeffer- und salzfarbigen Dreß, in dem ich dem Kollegen 
P. zuletzt auf dem Lande begegnet bin. Scharf gewürzte Nahrung 
ist mir als die Ursache der Furunkulose vorgehalten worden, immer- 
hin als Ätiologie dem Zucker vorzuziehen, an den man bei Furun- 
kulose denken kann. Freund P. liebt es, sich mir gegenüber aufs 
hohe Roß zu setzen, seitdem er mich bei einer Patientin abgelöst, 
mit der ich große Kunststücke ausgeführt hatte (ich sitze im 
Traume auf dem Pferde zuerst wie ein Kunstreiter tangential), 
die mich aber wirklich, wie das Roß in der Anekdote den Sonntags- 
reiter geführt hat, wohin sie wollte. So kommt das Roß zur sym- 
bolischen Bedeutung einer Patientin (es ist im Traume höchst in- 
telligent). „Ich fühle mich ganz heimisch oben" geht auf die 
Stellung, die ich in dem Hause innehatte, ehe ich durch P. er- 
setzt wurde. „Ich habe gemeint, Sie sitzen oben fest im 
Sattel", hat mir mit Beziehung auf dasselbe Haus einer meiner 
wenigen Gönner unter den großen Ärzten dieser Stadt vor kurzem 
gesagt. Es war auch ein Kunststück, mit solchen Schmerzen acht 
bis zehn Stunden täglich Psychotherapie zu treiben, aber ich weiß, 
daß ich ohne volles körperliches Wohlbefinden meine besonders 
schwierige Arbeit nicht lange fortsetzen kann, und der Traum ist voll 
düsterer Anspielungen auf die Situation, die sich dann ergeben muß 
(der Zettel, wie ihn die Neurastheniker haben und dem Arzte vor- 
zeigen): — Nicht arbeiten und nicht essen. Bei weiterer Deu- 
tung sehe ich, daß es der Traumarbeit gelungen ist, von der Wunsch- 
situation des Reitens den Weg zu finden zu sehr frühen Kinder- 
streitszenen, die sich zwischen mir und einem jetzt in England 
lebenden, übrigens um ein Jahr älteren Neffen abgespielt haben 
mußten. Außerdem hat er Elemente aus meinen Reisen in Italien 
aufgenommen ; die Straße im Traume ist aus Eindrücken von Verona 
und von Siena zusammengesetzt. Noch tiefer gehende Deutung führt 
zu sexuellen Traumgedanken, und ich erinnere mich, was bei einer 
Patientin, die nie in Italien war, die Traumanspielungen an das 
schöne Land bedeuten sollten (gen Italien — Genitalien), nicht ohne 
Anknüpfung gleichzeitig an das Haus, in dem ich vor Freund P. 
Arzt war, und an die Stelle, an welcher mein Furunkel sitzt. 



*) Vergleiche die Stelle bei Griesinger und die Bemerkung in meinem 
zweiten Aufsatz über die Abwehr-Psychoneurosen, Neurologisches Zentral- 
blatt 1896. 



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Der Wunsch, den Schlaf fortzusetzen. 175 

In einem anderen Traume gelang es mir auf ähnliche Weise, 
eine diesmal von einer Sinnesreizung drohende Schlafstörung ab- 
zuwehren, aber es war nur ein Zufall, der mich in den Stand setzte, 
den Zusammenhang des Traumes mit dem zufälligen Traumreiz zu 
entdecken, und solcher Art den Traum zu verstehen. Eines Morgens 
erwachte ich, es war im Hochsommer in einem tirolischen Höhenort, 
mit dem Wissen, geträumt zu haben: Der Papst ist gestorben. 
Die Deutung dieses kurzen, nicht visuellen Traumes gelang mir nicht. 
Ich erinnerte mich nur der einen Anlehnung für den Traum, daß in 
der Zeitung kurze Zeit vorher ein leichtes Unwohlsein Sr. Heiligkeit 
gemeldet worden war. Aber im Laufe des Vormittags fragt meine 
Frau: „Hast du heute morgens das fürchterliche Glockenläuten ge- 
hört?" Ich wußte nichts davon, daß ich es gehört hatte, aber ich 
verstand jetzt meinen Traum. Er war die Reaktion meines Schlaf- 
bedürfnisses auf den Lärm gewesen, durch den die frommen Tiroler 
mich wecken wollten. Ich rächte mich an ihnen durch die Folgerung, 
die den Inhalt des Traumes bildet, und schlief nun ganz ohne Inter- 
esse für das Geläute weiter. 

Unter den in den vorstehenden Abschnitten erwähnten Träumen 
fänden sich bereits mehrere, die als Beispiele für die Verarbeitung 
sogenannter Nervenreize dienen können. Der Traum vom Trinken in 
vollen Zügen ist ein solcher; in ihm ist der somatische Reiz anschei- 
nend die einzige Traumquelle, der aus der Sensation entspringende 
"Wunsch — der Durst — das einzige Traummotiv. Ähnlich ist es in 
anderen einfachen Träumen, wenn der somatische Reiz für sich allein 
einen Wunsch zu bilden vermag. Der Traum der Kranken, die nachts 
den Kühlapparat von der Wange abwirft, zeigt eine ungewöhnliche 
Art, auf Schmerzensreize mit einer Wunscherfüllung zu reagieren; 
es scheint, daß es der Kranken vorübergehend gelungen war, sich 
analgisch zu machen, wobei sie ihre Schmerzen einem Fremden zu- 
schob. 

Mein Traum von den drei Parzen ist ein offenbarer Hunger- 
traum, aber er weiß das Nahrungsbedürfnis bis auf die Sehnsucht 
des Kindes nach der Mutterbrust zurückzuschieben, und die harmlose 
Begierde zur Decke für eine ernstere, die sich nicht so unverhüllt 
äußern darf, zu benutzen. Im Traume vom Grafen Thun konnten 
wir sehen, auf welchen Wegen ein akzidentell gegebenes körperliches 
Bedürfnis mit den stärksten, aber auch stärkst unterdrückten Regungen 
des Seelenlebens in Verbindung gebracht wird. Und wenn, wie in 
dem von Garnier berichteten Falle, der erste Konsul das Geräusch 
der explodierenden Höllenmaschine in einen Schlachtentraum verwebt, 
ehe er davon erwacht, so offenbart sich darin ganz besonders klar 
das Bestreben, in dessen Dienst die Seelentätigkeit sich überhaupt um 
die Sensationen während des Schlafens kümmert. Ein junger Advokat, 
der voll von seinem ersten großen Konkurs des Nachmittags ein- 
schläft, benimmt sich ganz ähnlich wie der große Napoleon. Er 



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176 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

träumt von einem gewissen G. Reich in Hussiatyn, den er aus 
dem Konkurs kennt, aber Hussiatyn drängt sich weiter gebieterisch 
auf; er muß erwachen und hört seine Frau, die an einem Bronchial- 
katarrh leidet, heftig — husten. 

Halten wir diesen Traum des ersten Napoleon, der übrigens ein 
ausgezeichneter Schläfer war, und jenen anderen des langschläfrigen 
Studenten zusammen, der von seiner Zimmerfrau geweckt, er müsse 
ins Spital, sich in ein Spitalsbett träumt und dann mit der Motivierung 
weiterschläft: Wenn ich schon im Spital bin, brauche ich ja nicht 
aufzustehen, um hinzugehen. Der letztere ist ein offenbarer Bequem- 
lichkeitstraum, der Schläfer gesteht sich das Motiv seines Träumens 
unverhohlen ein, deckt aber damit eines der Geheimnisse des Träumens 
überhaupt auf. In gewissem Sinne sind alle Träume — Bequem- 
lichkeitsträume; sie dienen der Absicht, den Schlaf fortzusetzen, 
anstatt zu erwachen. Der Traum ist der Wächter des Schlafes, 
nicht sein Störer. Gegen die psychisch erweckenden Momente 
werden wir diese Auffassung an anderer Stelle rechtfertigen ; ihre An- 
wendbarkeit auf die Rolle der objektiven äußeren Reize können wir 
hier bereits begründen. Die Seele kümmert sich entweder überhaupt 
nicht um die Anlässe zu Sensationen während des Schlafes, wenn sie 
dies gegen die Intensität und die von ihr wohlverstandene Bedeutung 
dieser Reize vermag; oder sie verwendet den Traum dazu, diese Reize 
in Abrede zu stellen oder zu entwerten, oder drittens, wenn sie die- 
selben anerkennen muß, §p sucht sie jene Deutung derselben auf, 
welche die aktuelle Sensation als einen Teilbestand einer gewünschten 
und mit dem Schlafen verträglichen Situation hinstellt. Die aktuelle 
Sensation wird in einen Traum verflochten, um ihr die Realität zu 
rauben. Napoleon darf weiter schlafen; es ist ja nur eine Traum- 
erinnerung an den Kanonendonner von Arcole, was ihn stören will*). 

Der Wunsch zu schlafen, auf den sich das bewußte 
Ich eingestellt hat und der nebst der Traumzensur**) des- 
sen Beitrag zum Träumen darstellt, muß so als Motiv der 
Traumbildung jedesmal eingerechnet werden, und jeder ge- 
lungene Traum ist eine Erfüllung desselben. Wie dieser all- 
gemeine, regelmäßig vorhandene und sich gleichbleibende Schlaf- 
wunsch sich zu den anderen Wünschen stellt, von denen bald der, 
bald jener durch den Trauminhalt erfüllt werden, dies wird Gegen- 
stand einer anderen Auseinandersetzung sein. In dem Schiafwunsch 
haben wir aber jenes Moment aufgedeckt, welches die Lücke in der 
Strümpell-Wundtschen Theorie auszufüllen, die Schiefheit und 
Launenhaftigkeit in der Deutung des äußeren Reizes aufzuklären ver- 
mag. Die richtige Deutung, deren die schlafende Seele sehr wohl 



*) Der Inhalt dieses Traumes wird in den zwei Quellen, aus denen ich ihn 
kenne, nicht übereinstimmend erzählt. 

**) (und der später zu erwähnenden „sekundären Bearbeitung"). 



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Verwertung peinlicher Sensationen zur Erfüllung verdrängter Wünsche. 177 

fähig ist, nähme ein tätiges Interesse in Anspruch, stellte die Anfor« 
derung, dem Schlafe ein Ende zu machen ; es werden darum von den 
überhaupt möglichen Deutungen nur solche zugelassen, die mit der 
absolutistisch geübten Zensur des Schlafwunsches vereinbar sind. 
Etwa: Die Nachtigall ist's und nicht die Lerche. Denn wenn's die 
Lerche ist, so hat die Liebesnacht ihr Ende gefunden. Unter den nun 
zulässigen Deutungen des Reizes wird dann jene ausgewählt, welche 
die beste Verknüpfung mit den in der Seele lauernden Wunsch* 
anregungen erwerben kann. So ist alles eindeutig bestimmt und nichts 
der Willkür überlassen. Die Mißdeutung ist nicht Illusion, sondern — 
wenn man so will — Ausrede. Hier ist aber wiederum, wie bei dem 
Ersatz durch Verschiebung zu Diensten der Traumzensur, ein Akt der 
Beugung des normalen psychischen Vorganges zuzugeben. 

Wenn die äußeren Nerven- und inneren Leibreize intensiv genug 
sind, um sich psychische Beachtimg zu erzwingen, so stellen sie — 
falls überhaupt Träumen und nicht Erwachen ihr Erfolg ist — einen 
festen Punkt für die Trauimbildung dar, einen Kern im Traummaterial, 
zu dem eine entsprechende Wunscherfüllung in ähnlicher Weise ge- 
sucht wird, wie (siehe oben) die vermittelnden Vorstellungen zwischen 
zwei psychischen Traumreizen. Es ist insofern für eine Anzahl 
von Träumen richtig, daß in ihnen das somatische Element den 
Trauminhalt kommandiert. In diesem extremen Falle wird selbst 
behufs der Trauinbildung ein gerade nicht aktueller Wunsch geweckt. 
Der Traum kann aber nicht anders, als einen Wunsch in einer 
Situation als erfüllt darstellen; er ist gleichsam vor die Aufgabe ge- 
stellt, zu suchen, welcher Wunsch durch die nun aktuelle Sensation 
als erfüllt dargestellt werden kann. Ist dies aktuelle Material von 
schmerzlichem oder peinlichem Charakter, so ist es doch darum zur 
Traumbildung nicht unbrauchbar. Das Seelenleben verfügt auch über 
Wünsche, deren Erfüllung Unlust hervorruft, was ein Widerspruch 
scheint, aber durch die Berufung auf das Vorhandensein zweier 
psychischer Instanzen und die zwischen ihnen bestehende Zensur 
erklärlich wird. 

Es gibt, wie wir gehört haben, im Seelenleben verdrängte 
Wünsche, die dem ersten System angehören, gegen deren Erfüllung 
das zweite System sich sträubt. Es gibt, ist nicht etwa historisch 
gemeint, daß es solche Wünsche gegeben hat und diese dann vernichtet 
worden sind; sondern die Lehre von der Verdrängung, deren man 
in der Psychoneurotik bedarf, behauptet, daß solche verdrängte 
Wünsche noch existieren, gleichzeitig aber eine Hemmung, die auf 
ihnen lastet. Die Sprache trifft das Richtige, wenn sie von „Unter- 
drücken" solcher Impulse redet. Die psychische Veranstaltung, da- 
mit solche unterdrückte Wünsche zur Realisierung durchdringen, 
bleibt erhalten und gebrauchsfähig. Ereignet es sich aber, daß ein 
solcher unterdrückter Wunsch doch vollzogen wird, so äußert sich 
die überwundene Hemmung des zweiten (bewußtseinsfähigen) Systems 

Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 12 



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178 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

als Unlust. Um nun diese Erörterung zu schließen: wenn Sensationen 
mit Unlustcharakter im Schlafe aus somatischen Quellen vorhanden 
sind, so wird diese Konstellation von der Traumarbeit benutzt, um 
die Erfüllung eines sonst unterdrückten Wunsches — mit mehr oder 
weniger Beibehalt der Zensur — darzustellen. 

Dieser Sachverhalt ermöglicht eine Reihe von Angstträumen, 
während eine andere Reihe dieser der Wunschtheorie ungünstigen 
Traumbildungen einen anderen Mechanismus erkennen läßt. Die 
Angst in den Träumen kann nämlich eine psychoneuro tische sein, 
aus psychosexuellen Erregungen stammen, wobei die Angst verdräng- 
ter Libido entspricht. Dann hat diese Angst wie der ganze Angst- 
traum die Bedeutung eines neurotischen Symptoms, und wir stehen an 
der Grenze, wo die wunscherfüllende Tendenz des Traumes scheitert. 
In anderen Angstträumen aber ist die Angstempfindung somatisch 
gegeben (etwa wie bei Lungen- und Herzkranken bei zufälliger Atem- 
behinderung), und dann wird sie dazu benutzt, solchen energisch 
unterdrückten Wünschen zur Erfüllung als Traum zu verhelfen, 
deren Träumen aus psychischen Motiven die gleiche Angstentbindung 
zur Folge gehabt hätte. Es ist nicht schwer, die beiden scheinbar 
gesonderten Fälle zu vereinigen. Von zwei psychischen Bildungen, 
einer Affektneigung und einem Vorstellungsinhalt, die innig zu- 
sammengehören, hebt die eine, die aktuell gegeben ist, auch im 
Traume die andere; bald die somatisch gegebene Angst den unter- 
drückten Vorstellungsinhalt, bald der aus der Verdrängung befreite, 
mit sexueller Erregung einhergehende Vorstellungsinhalt die Ängst- 
en tbindung. Von dem einen Falle kann man sagen, daß ein somatisch 
gegebener Affekt psychisch gedeutet wird; im anderen Falle ist alles 
psychisch gegeben, aber der unterdrückt gewesene Inhalt ersetzt sich 
leicht durch eine zur Angst passende somatische Deutung. Die 
Schwierigkeiten, die sich hier für das Verständnis ergeben, haben 
mit dem Traume nur wenig zu tun; sie rühren daher, daß wir mit 
diesen Erörterungen die Probleme der Angstentwicklung und der 
Verdrängung streifen. 

Zu den kommandierenden Traumreizen aus der inneren Leib- 
lichkeit gehört unzweifelhaft die körperliche Gesamtstimmung. Nicht 
daß sie den Trauminhalt liefern könnte, aber sie nötigt den Traum- 
gedanken eine Auswahl aus dem Material auf, welches zur Dar- 
stellung im Trauminhalt dienen soll, indem sie den einen Teil dieses 
Materials, als zu ihrem Wesen passend, nahe legt, den anderen fern 
hält. "Überdies ist ja wohl diese Allgemeinstimmung vom Tage her 
mit den für den Traum bedeutsamen psychischen Resten verknüpft. 
Dabei kann diese Stimmung selbst im Traume erhalten bleiben, oder 
überwunden werden, so daß sie, wenn unlustvoll, ins Gegenteil um- 
schlägt. 

Wenn die somatischen Reizquellen während des Schlafes — 'die 
Schlafsensationen aJso *— nicht von ungewöhnlicher Intensität sind, 



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Ein Traum vom Gehemmtsein. 179 

so spielen sie nach meiner Schätzung für die Traumbildung eine 
ähnliche Rolle wie die als rezent ve/bliebenen, a*ber indifferenten % Ein- 
drücke des Tages. Ich meine nämlich, sie werden zur Traumbildung 
herangezogen, wenn sie sich zur Vereinigimg mit dem Yorstellungs- 
inhalt der psychischen Traumquelle eignen, im anderen Falle aber 
nicht. Sie werden wie ein wohlfeiles, allezeit bereitliegendes Material 
behandelt, welches zur Verwendung kommt, so oft man dessen be- 
darf, anstatt daß ein kostbares Material die Art seiner Verwendung 
selbst mit vorschreibt Der Fall ist etwa ähnlich, wie wenn der 
Kunstgönner dem Künstler einen seltenen Stein, einen Onyx, bringt, 
aus ihm ein Kunstwerk zu gestalten. Die Größe des Steines, seine 
Farbe und Fleckung helfen mit entscheiden, welcher Kopf oder 
welche Szene in ihm dargestellt werden soll, während bei gleich- 
mäßigem und reichlichem Material von Marmor oder Sandstein der 
Künstler allein der Idee nachfolgt, die sich in seinem Sinne gestaltet. 
Auf diese Weise allein scheint mir die Tatsache verständlich, daß 
jener Trauminhalt, der von den nicht ins Ungewohnte gesteigerten 
Reizen aus unserer Leiblichkeit geliefert wird, doch nicht in allen 
Träumen und nicht in jeder Nacht im Traume erscheint*). 

Vielleicht wird ein Beispiel, das uns wieder zur Traumdeutung 
zurückführt, meine Meinung am besten erläutern. Eines Tages mühte 
ich mich ab zu verstehen, was die Empfindung von Gehemmtsein, 
nicht von der Stelle können, nicht fertig werden u. dgl, die so häufig 
geträumt wird und die der Angst so nahe verwandt ist, wohl be- 
deuten mag. In der Nacht darauf hatte ich folgenden Traum: Ich 
gehe in sehr unvollständiger Toilette aus einer Wohnung 
im Parterre über die Treppe in ein höheres Stockwerk. 
Dabei überspringe ich jedesmal drei Stufen, freue mich, 
daß ich so flink Treppen steigen kann. Plötzlich sehe ich, 
daß ein Dienstmädchen die Treppen herab und also mir 
entgegenkommt. Ich schäme mich, will mich eilen, und 
nun tritt jenes Gehemmtsein auf, ich klebe an den Stufen und 
komme nicht von der Stelle. 

Analyse: Die Situation des Traumes ist der täglichen Wirk- 
lichkeit entnommen. Ich habe in einem Hause in Wien zwei Woh- 
nungen, die nur durch die Treppe außen verbunden sind. Im Hoch- 
parterre befindet sich meine ärztliche Wohnung und mein Arbeits- 
zimmer, einen Stock höher die Wohnräume. Wenn ich in später 
Stunde unten meine Arbeit vollendet habe, gehe ich über die Treppe 
ins Schlafzimmer. An dem Abend vor dem Traume hatte ich diesen 
kurzen Weg wirklich in etwas derangierter Toilette gemacht, d. h. 

*) Rank hat in einer Reihe von Arbeiten gezeigt, daß gewisse, durch 
Organreiz hervorgerufene Weckträume (die Harnreiz- und Pollutionsträume) be- 
sonders geeignet sind, den Kampf zwischen dem Schlafbedürfnis und den An- 
forderungen des organischen Bedürfnisses sowie den Einfluß des letzteren auf 
den Trauminhalt zu demonstrieren. 

12* 



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180 V. Das Traummaterial and die Traumquellen. 

ich hatte Kragen, Krawatte und Manschetten abgelegt; im Traume 
war daraus ein höherer, aber, wie gewöhnlich, unbestimmter Grad 
von Kleiderlosigkeit geworden. Das Überspringen von Stufen ist 
meine gewöhnliche Art, die 'Treppe zu gehen, übrigens eine bereits 
im Traume anerkannte Wunscherfüllung, denn mit der Leichtigkeit 
dieser Leistung hatte ich mich ob des Zustandes meiner Herzarbeit 
getröstet. Ferner ist diese Art, die Treppe zu gehen, ein wirksamer 
Gegensatz zu der Hemmung in der zweiten Hälfte des Traumes. Sie 
zeigt mir — was des Beweises nicht bedurfte — , daß der Traum keine 
Schwierigkeit hat, sich motorische Aktionen in aller Vollkommen- 
heit ausgeführt vorzustellen; man denke an das Fliegen im Traume! 

Die Treppe, über die ich gehe, ist aber nicht die meines Hauses ; 
ich erkenne sie zunächst nicht, erst die mir entgegenkommende 
Person klärt mich über die gemeinte örtlichkeit auf. Diese Person 
ist das Dienstmädchen der alten Dame, die ich täglich zweimal be- 
suche, um ihr Injektionen zu machen; die Treppe ist auch ganz 
ähnlich jener, die ich zweimal im Tage dort zu ersteigen habe. 

Wie gelangt nun diese Treppe und diese Frauensperson in 
meinen Traum? Das Schämen, weil man nicht voll angekleidet ist, 
hat unzweifelhaft sexuellen Charakter; das Dienstmädchen, von dem 
ich träume, ist älter als ich, mürrisch und keineswegs anreizend. 
Zu diesen Fragen fällt mir nun nichts anderes ein als das folgende: 
Wenn ich in diesem Hause den Morgenbesuch mache, werde ich ge- 
wöhnlich auf der Treppe von Räuspern befallen; das Produkt der 
Expektoration gerät auf die Stiege. In diesen beiden Stockwerken 
befindet sich nämlich kein Spucknapf, und ich vertrete den Stand- 
punkt, daß die Reinhaltimg der Treppe nicht auf meine Kosten er- 
folgen darf, sondern durch die Anbringung eines Spucknapfes er- 
möglicht werden soll. Die Hausmeisterin, eine gleichfalls ältliche 
und mürrische Person, aber von reinlichen Instinkten, wie ich ihr zu- 
zugestehen bereit bin, nimmt in dieser Angelegenheit einen anderen 
Standpunkt ein. Sie lauert mir auf, ob ich mir wieder die besagte 
Freiheit erlauben werde, und wenn sie das konstatiert hat, höre ich 
sie vernehmlich brummen. Auch versagt sie mir dann für Tasp die ge- 
wohnte Hochachtung, wenn wir uns begegnen. Am Vortag des Trau- 
mes bekam nun die Partei der Hausmeisterin eine Verstärkung durch 
das Dienstmädchen. Ich hatte eilig wie immer meinen Besuch bei 
der Kranken abgemacht, als die Dienerin mich im Vorzimmer stellte 
und die Bemerkung von sich gab: „Herr Doktor hätten sich heute 
schon die Stiefel abputzen können, ehe Sie ins Zimmer kommen. 
Der rote Teppich ist wiederum ganz schmutzig von Ihren Füßen." 
Dies ist der ganze Anspruch, den Treppe und Dienstmädchen geltend 
machen können, um in meinem Traume zu erscheinen. 

Zwischen meinem Über-die-Treppe-Fliegen und dem Auf-der- 
Treppe-Spucken besteht ein inniger Zusammenhang. Rachenkatarrh 
wie Herzbeschwerden sollen beide die Strafen für das Laster des 



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Typische Triam e. 181 

Rauchens darstellen, wegen dessen ich natürlich auch bei meiner 
Hausfrau nicht den Ruf der größten Nettigkeit genieße, in dem einen 
Hause so wenig. wie in dem anderen, die der Traum zu einem Ge- 
bilde verschmilzt 

Die weitere Deutung des Traumes muß ich verschieben, bis 
ich berichten kann, woher der typische Traum von der unvoll- 
ständigen Bekleidung rührt Ich bemerke nur als vorläufiges Er- 
gebnis des mitgeteilten Traumes, daß die Traumsensation der ge- 
hemmten Bewegung überall dort hervorgerufen wird, wo ein gewisser 
Zusammenhang ihrer bedarf. Ein besonderer Zustand meiner Motilität 
im Schlafe kann nicht die Ursache dieses Trauminhaltes sein, denn 
einen Moment vorher sah ich mich ja wie zur Sicherung dieser Er- 
kenntnis leichtfüßig über die Stufen eilen. 

d) Typische Träume. 

Wir sind im allgemeinen nicht im stände, den Traum eines 
anderen zu deuten, wenn derselbe uns nicht die hinter dem Traum- 
inhalt stehenden unbewußten Gedanken ausliefern will, und dadurch 
wird die praktische Verwertbarkeit unserer Methode der Traum- 
deutung schwer beeinträchtigt. Nun gibt es aber, so recht im Gegen- 
satz zu der sonstigen Freiheit des einzelnen, sich seipe Traumwelt in 
individueller Besonderheit auszustatten und dadurch dem Verständnis 
der anderen unzugänglich zu machen, eine gewisse Anzahl von 
Träumen, die fast jedermann in derselben Weise geträumt hat, von 
denen wir anzunehmen gewohnt sind, daß sie auch bei jedermann 
dieselbe Bedeutung haben. Ein besonderes Interesse wendet sich 
diesen typischen Träumen auch darum zu, weil sie vermutlich bei 
allen Menschen aus den gleichen Quellen stammen, also besonders 
gut geeignet scheinen, uns über die Quellen der Träume Aufschluß 
zu geben. 

Wir werden also mit ganz besonderen Erwartungen darangehen, 
unsere Technik der Traumdeutung an diesen typischen Träumen zu 
versuchen und uns nur sehr ungern eingestehen, daß unsere Kunst 
sich gerade an diesem Material nicht recht bewährt. Bei der Deutimg 
der typischen Träume versagen in der Regel die Einfälle des Träumers, 
die uns sonst zum Verständnis des Traumes geleitet haben, oder sie 
werden unklar und unzureichend, so daß wir unsere Aufgabe mit ihrer 
Hilfe nicht lösen können. 

Woher dies rührt, und wie wir diesem Mangel unserer Technik 
abhelfen, wird sich an einer späteren Stelle unserer Arbeit ergeben. 
Dann wird dem Leser auch verständlich werden, warum ich hier nur 
einige aus der Gruppe der typischen Träume behandeln kann und 
die Erörterung der anderen auf jenen späteren Zusammenhang ver- 
schiebe- 



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182 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

a) Der Verlegenheitstraum der Nacktheit. 

• Der Traum, daß man nackt oder schlecht bekleidet in Gegen- 
wart Fremder sei, kommt auch mit der Zutat vor, man habe sich 
dessen gar nicht geschämt u. dgl. Unser Interesse gebührt aber dem 
Nacktheitstraumie nur dann, wenn man in ihm Scham und Verlegenheit 
empfindet, entfliehen oder sich verbergen will und dabei der eigen- 
tümlichen Hemmung unterliegt, daß man nicht von der Stelle kann 
und sich unvermögend fühlt, die peinliche Situation zu verändern. 
Nur in dieser Verbindimg ist der Traum typisch; der Kern seines 
Inhaltes mag sonst in allerlei andere Verknüpfungen einbezogen 
werden oder mit individuellen Zutaten versetzt sein. Es handelt sich 
im wesentlichen um die peinliche Empfindung von der Natur der 
Scham, daß man seine Nacktheit, meist durch Lokomotion, verbergen 
möchte und es nicht zu stände bringt. Ich glaube, die allermeisten 
meiner Leser werden sich in dieser Situation im Traume bereits be- 
funden haben. 

Für gewöhnlich ist die Art und Weise der Entkleidung wenig 
deutlich. Man hört etwa erzählen, ich war im Hemde, aber dies ist 
selten ein klares Bild; meist ist die Unbekleidung so unbestimmt, 
daß sie durch eine Alternative in der Erzählung wiedergegeben wird : 
„Ich war im Hemde oder im Unterrocke." In der Kegel ist der 
Defekt der Toilette nicht so arg, daß die dazugehörige Scham gerecht- 
fertigt schiene. Für den, der den Rock des Kaisers getragen hat, er- 
setzt sich die Nacktheit häufig durch eine vorschriftswidrige Ad- 
justierung. Ich bin ohne Säbel auf der Straße und sehe Offiziere näher 
kommen, oder ohne Halsbinde, oder trage eine karrierte Zivilhose 
u. dgl. 

Die Leute, vor denen man sich schämt, sind fast immer Fremde 
mit unbestimmt gelassenen Gesichtern. Niemals ereignet es sich im 
typischen Traume, daß man wegen der Kleidung, die einem selbst 
solche Verlegenheit bereitet, beanstandet oder auch nur bemerkt wird. 
Die Leute machen ganz im Gegenteil gleichgültige, oder wie ich es 
in einem besonders klaren Traume wahrnehmen könnte, feierlich steife 
Mienen. Das gibt zu denken. 

Die Schamverlegenheit des Träumers und die Gleichgültigkeit 
der Leute ergeben mitsammen einen. Widerspruch, wie er im Traume 
häufig vorkommt. Zu der Empfindung des Träumenden würde doch 
nur passen, daß die Fremden ihn erstaunt ansehen und verlachen, 
oder sich über ihn entrüsten. Ich meine aber, dieser anstößige Zug 
ist durch die Wunscherfüllung beseitigt worden, während der andere, 
durch irgend welche Macht gehalten, stehen blieb, und so stimmen 
die beiden Stücke dann schlecht zueinander. Wir besitzen ein inter- 
essantes Zeugnis dafür, daß der Traum in seiner durch Wunsch- 
erfüllung partiell entstellten Form das richtige Verständnis nicht ge- 
funden hat. Er ist nämlich die Grundlage eines Märchens geworden, 



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Der Yerlegenbeitstraum der Nacktheit. . 183 

welches uns allen in der Andersenschen Fassung*) bekannt ist, 
und in der jüngsten Zeit durch L. Fulda im „Talisman" poetischer 
Verwertung zugeführt worden ist Im Andersenschen Märchen wird 
von zwei Betrügern erzählt, die für den Kaiser ein kostbares Gewand 
weben, das aber nur den Guten und Treuen sichtbar sein soll. Der 
Kaiser geht mit diesem unsichtbaren Gewand bekleidet aus, und durch 
die prüfsteinartige Kraft des Gewebes erschreckt, tun alle Leute, als 
ob sie die Nacktheit des Kaisers nicht merkten. 

Letzteres ist aber die Situation unseres Traumes. Es gehört 
wohl nicht viel Kühnheit dazu, anzunehmen, daß der unverständ- 
liche Trauminhalt eine Anregung gegeben hat, um eine Einkleidung 
zu erfinden, in welcher die vor der Erinnerung stehende Situation 
sinnreich wird. Dieselbe ist dabei ihrer ursprünglichen Bedeutung 
beraubt und fremden Zwecken dienstbar gemacht worden. Aber wir 
werden hören, daß solches Mißverständnis des Trauminhaltes durch die 
bewußte Denktätigkeit eines zweiten psychischen Systems häufig 
vorkommt und als ein Faktor für die endgültige Traumgestaltung an- 
zuerkennen ist, ferner daß bei der Bildung von Zwangsvorstellungen 
und Phobien ähnliche Mißverständnisse — gleichfalls innerhalb der 
nämlichen psychischen Persönlichkeit — eine Hauptrolle spielen. 
Es läßt sich auch für unseren Traum angeben, woher das Material 
für die Umdeutung genommen wird. Der Betrüger ist der Traum, 
der Kaiser der Träumer selbst, und die moralisierende Tendenz ver- 
rät eine dunkle Kenntnis davon, daß es sich im latenten Traum- 
inhalte um unerlaubte, der Verdrängung geopferte Wünsche handelt. 
Der Zusammenhang, in welchem solche Träume während meiner Ana- 
lysen bei Neurotikern auftreten, läßt nämlich keinen Zweifel darüber, 
daß dem Traume eine Erinnerung aus der frühesten Kindheit zu 
gründe liegt. Nur in unserer Kindheit gab es die Zeit, daß wir in 
mangelhafter Bekleidung von unseren Angehörigen wie von fremden 
Pflegepersonen, Dienstmädchen, Besuchern gesehen wurden, und wir 
haben uns damals unserer Nacktheit nicht geschämt**). An vielen 
Kindern kann man noch in späteren Jahren beobachten, daß ihre Ent- 
kleidung wie berauschend auf sie wirkt, anstatt sie zur Scham zu 
leiten. Sie lachen, springen herum, schlagen sich auf den Leib, die 
Mutter oder wer dabei ist, verweist es ihnen, sagt: Pfui, das ist eine 
Schande, das darf man nicht. Die Kinder zeigen häufig Exhibitions- 
gelüste ; man kann kaum durch ein Dorf in unseren Gegenden gehen, 
ohne daß man einem zwei- bis dreijährigen Kleinen begegnete, welches 
vor dem Wanderer, vielleicht ihm zu Ehren, sein Hemdchen hochhebt. 
Einer meiner Patienten hat in seiner bewußten Erinnerung eine Szene 
aus seinem achten Lebensjahre bewahrt, wie er nach der Entkleidung 

*) „Des Kaisers neue Kleider." 
**) Das Kind tritt auch im Märchen auf, denn dort ruft plötzlich ein 
kleines Kind: „Aber er hat ja gar nichts an." 



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184 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

vor dem Schlafengehen im Hemde zu seiner kleinen Schwester im 
nächsten Zimmer hinaustanzen will, und wie die dienende Person 
es ihm verwehrt. In der Jugendgeschichte von Neurotikern spielt die 
Entblößung vor Kindern des anderen Geschlechtes eine große Rolle; 
in der Paranoia ist der Wahn, beim An- und Auskleiden beobachtet 
zu werden, auf diese Erlebnisse zurückzuführen; unter den pervers 
Gebliebenen ist eine Klasse, bei denen der infantile Impuls zum 
Zwang erhoben worden ist, die der Exhibitionisten. 

Diese der Scham entbehrende Kindheit erscheint unserer Rück- 
schau später als ein Paradies, und das Paradies selbst ist nichts 
anderes als die Massenphantasie von der Kindheit des einzelnen. 
Darum sind auch im Paradies die Menschen nackt und schämen sich 
nicht voreinander, bis ein Moment kommt, in dem die Scham und 
die Angst erwachen, die Vertreibung erfolgt, das Geschlechtsleben 
und die Kulturarbeit beginnt In dieses Paradies kann uns nun der 
Traum allnächtlich zurückführen; wir haben bereits der Vermutung 
Ausdruck gegeben, daß die Eindrücke aus der ersten Kindheit (der 
prähistorischen Periode bis etwa zum vollendeten vierten Jahre) an 
und für sich, vielleicht ohne daß es auf ihren Inhalt weiter ankäme, 
nach Reproduktion verlangen, daß deren Wiederholung eine Wunsch- 
erfüllung ist. Die Nacktheitsträume sind also Exhibitions träume*). 

Den Kern des Exhibitionstraumes bildet die eigene Gestalt, die 
nicht als die eines Kindes, sondern wie in der Gegenwart gesehen 
wird, und die mangelhafte Bekleidung, welche durch die Überlagerung 
so vieler späterer Negligeerinnerungen oder der Zensur zuliebe un- 
deutlich ausfällt; dazu kommen nun die Personen, vor denen man 
sich schämt. Ich kenne kein Beispiel, daß die tatsächlichen Zu- 
schauer bei jenen infantilen Exhibitionen im Traume wieder auftreten. 
Der Traum ist eben fast niemals eine einfache Erinnerung. Merk- 
würdigerweise werden jene Personen, denen unser sexuelles Interesse 
in der Kindheit galt, in allen Reproduktionen des Traumes, der 
Hysterie und der Zwangsneurose ausgelassen; erst die Paranoia setzt 
die Zuschauer wieder ein und schließt, obwohl sie unsichtbar ge- 
blieben sind, mit fanatischer Überzeugung auf ihre Gegenwart. Was 
der Traum für sie einsetzt, „viele fremde Leute", die sich nicht um 
das gebotene Schauspiel kümmern, ist geradezu der Wunschgegen- 
satz zu jener einzelnen, wohlvertrauten Person, der man die Ent- 
blößung bot. „Viele fremde Leute" finden sich in Träumen übrigens 
auch häufig in beliebigem anderen Zusammenhang; sie bedeuten 
immer als Wunschgegensatz „Geheimnis"**). Man merkt, wie auch 



*) Eine Anzahl interessanter Nacktheitsträume bei Frauen, die sich ohne 
Schwierigkeiten auf die infantile Exhibitionshist zurückführen ließen, aber in 
manchen Zügen von dem oben behandelten „typischen'* Nacktheitstraum ab- 
weichen, hat Ferenczi mitgeteilt 

**> Dasselbe bedeutet, aus begreiflichen Gründen, im Traume die Anwesen- 
heit der „ganzen Familie'*. 



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Der Nacktheitstraum als Exhibitionstraum aufzuklären. 185 

die Restitution des alten Sachverhaltes, die in der Paranoia vor sich 
geht, diesem Gegensatze Rechnung trägt. Man ist nicht mehr allein, 
man wird ganz gewiß beobachtet, aber die Beobachter sind „viele, 
fremde, merkwürdig unbestimmt gelassene Leute". 

Außerdem kommt im Exhibitionstraume die Verdrängung zur 
Sprache. Die peinliche Empfindung des Traumes ist ja die Reaktion 
des zweiten psychischen Systems dagegen, daß der von ihr ver- 
worfene Inhalt der Exhibitionsszene dennoch zur Vorstellung gelangt 
ist. Um sie zu ersparen, hätte die Szene nicht wieder belebt werden dürfen. 

Von der Empfindung des Gehemmtseins werden wir später 
nochmals handeln. Sie dient im Traume vortrefflich dazu, den 
Willenskonflikt, das Nein, darzustellen. Nach der unbewußten 
Absicht soll die Exhibition fortgesetzt, nach der Forderung der Zensur 
unterbrochen werden. 

Die Beziehungen unserer typischen Träume zu den Märchen 
und anderen Dichtungsstoffen sind gewiß weder vereinzelte noch zu- 
fällige. Gelegentlich hat ein scharfes Dichterauge den Umwand lungs- 
prozeß, dessen Werkzeug sonst der Dichter ist, analytisch erkannt und 
ihn in umgekehrter Richtung verfolgt, also die Dichtung auf den 
Traum zurückgeführt. Ein Freund macht mich auf folgende Stelle 
aus G. Kellers „Grünem Heinrich" aufmerksam: „Ich wünsche 
Ihnen nicht, lieber Lee, daß Sie jemals die ausgesuchte pikante 
Wahrheit in der Lage des Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm 
bedeckt vor Nausikaa und ihren Gespielen erscheint, so recht aus 
Erfahrung empfinden lernen! Wollen Sie wissen, wie das zugeht? 
Halten wir das Beispiel einmal fest. Wenn Sie einst getrennt von 
Ihrer Heimat und allem, was Ihnen lieb ist, in der Fremde umher- 
schweifen und Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben 
Kummer und Sorge, sind wohl gar elend und verlassen, so wird es 
Ihnen des Nachts unfehlbar träumen, daß Sie sich Ihrer Heimat 
nähern; Sie sehen sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben, 
holde, feine und liebe Gestalten treten Ihnen entgegen; da entdecken 
Sie plötzlich, daß Sie zerfetzt, nackt und staubbedeckt umhergehen. 
Eine namenlose Scham und Angst faßt Sie, Sie suchen sich zu be- 
decken, zu verbergen und erwachen im Schweiße gebadet. Dies ist, 
solange es Menschen gibt, der Traum des kummervollen, umher- 
geworfenen Mannes, und so hat Homer jene Lage aus dem tiefsten 
und ewigen Wesen der Menschheit herausgenommen." 

Das tiefste und ewige Wesen der Menschen, auf dessen Er- 
weckung der Dichter in der Regel bei seinen Hörern baut, das sind 
jene Regungen des Seelenlebens, die in der später prähistorisch ge- 
wordenen Kinderzeit wurzeln. Hinter den bewußtseinsfähigeti und 
einwandfreien Wünschen des Heimatlosen brechen im Traume die 
unterdrückten und unerlaubt gewordenen Kinderwünsche hervor, und 
darum schlägt der Traum, den die Sage von der Nausikaa objektiviert, 
regelmäßig in einen Angsttraum um. 



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186 Y. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

Mein eigener, auf p. 179 erwähnter Traum von dem Eilen über 
die Treppe, das sich bald nachher in ein An-den-Stufen-Kleben ver- 
wandelt, ist gleichfalls ein Exhibitionstraum, da er die wesentlichen 
Bestandstücke eines solchen aufweist. Er müßte sich also auf Kinder- 
erlebnisse zurückführen lassen, und die Kenntnis derselben müßte 
einen Aufschluß darüber geben, inwiefern das Benehmen des Dienst- 
mädchens gegen mich, ihr Vorwurf, daß ich den Teppich schmutzig 
gemacht habe, ihr zur Stellung verhilft, die sie im Traume einnimmt, 
•Ich kann die gewünschten Aufklärungen nun wirklich beibringen. 
In einer Psychoanalyse lernt man die zeitliche Annäherung auf sach- 
lichen Zusammenhang umdeuten; zwei Gedanken, die, anscheinend 
zusammenhangslos, unmittelbar aufeinanderfolgen, gehören zu einer 
Einheit, die zu erraten ist, ebenso wie ein a und ein b, die ich neben- 
einander hinschreibe, als eine Silbe: ab, ausgesprochen werden sollen. 
Ähnlich mit der Aufeinanderbeziehung der Träume. Der erwähnte 
Traum von der Treppe ist aus einer Traumreihe herausgegriffen, 
deren andere Glieder mir der Deutung nach bekannt sind. Der von 
ihnen eingeschlossene Traum muß in denselben Zusammenhang ge- 
hören. Nun liegt jenen anderen einschließenden Träumen die Er- 
innerung an eine Kinderfrau zu gründe, die mich von irgend einem 
Termin der Säuglingszeit bis zum Alter von 2V2 Jahren betreut hat, 
von der mir auch eine dunkle Erinnerung im Bewußtsein geblieben 
ist. Nach den Auskünften, die ich unlängst von meiner Mutter ein- 
geholt habe, war sie alt und häßlich, aber sehr klug und tüchtig; 
nach den Schlüssen, die ich aus meinen Träumen ziehen darf, hat 
sie mir nicht immer die liebevollste Behandlung angedeihen und mich 
harte Worte hören lassen, wenn ich der Erziehung zur Reinlichkeit 
kein genügendes Verständnis entgegenbrachte. Indem also das Dienst- 
mädchen dieses Erziehungswerk fortzusetzen sich bemüht, erwirbt sie 
den Anspruch, von mir als Inkarnation der prähistorischen Alten im 
Traume behandelt zu werden. Es ist wohl anzunehmen, daß das 
Kind dieser Erzieherin, trotz ihrer schlechten Behandlung, seine Liebe 
geschenkt hat*). 

ß) Die Träume vom Tod teurer Personen. 

Eine andere Eeihe von Träumen, die typisch genannt werder 
dürfen, sind die mit dem Inhalte, daß ein teurer Verwandter, Eltern 
oder Geschwister, Kinder usw. gestorben ist. Man muß sofort von 
diesen Träumen zwei Klassen unterscheiden, die einen, bei welchen 
man im Traume von Trauer unberührt bleibt, so daß man sich nach 



*) Eine Überdeutung dieses Traumes: Auf der Treppe spucken, das führte, 
da „Spucken" eine Tätigkeit der Geister ist, bei loser Übersetzung zum „esprit 
d'escalier". Treppenwitz heißt soviel als Mangel an Schlagfertigkeit Den habe 
ich mir wirklich vorzuwerfen. Ob aber die Kinderfrau es an „Schlagfertig- 
keit" hat fehlen lassen? 



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Die Tr&ume Tom Tod teurer Personen. 187 

dem Erwachen über seine Gefühllosigkeit wundert, die anderen, bei 
denen man tiefen Schmerz über den Todesfall empfindet, ja ihn selbst 
in heißen Tränen während des Schlafes äußert. 

Die Träume der ersten Gruppe dürfen wir bei Seite lassen; 
sie haben keinen Anspruch, als typisch zu gelten. Wenn man sie 
analysiert, findet man, daß sie etwas anderes bedeuten als sie ent- 
halten, daß sie dazu bestimmt sind, irgend einen anderen Wunsch 
zu verdecken. So der Traum der Tante, die den einzigen Sohn ihrer 
Schwester aufgebahrt vor sich sieht (p. 116). Das bedeutet nicht, daß 
sie dem kleinen Neffen den Tod wünscht, sondern verbirgt nur, wie 
wir erfahren haben, den Wunsch, eine gewisse geliebte Person nach 
langer Entbehrung wieder zu sehen, dieselbe, die sie früher einmal 
nach ähnlich langer Pause bei der Leiche eines anderen Neffen wieder- 
gesehen hat. Dieser Wunsch, welcher der eigentliche Inhalt des 
Traumes ist, gibt keinen Anlaß zur Trauer, und darum wird auch 
im Traume keine Trauer verspürt. Man merkt es hier, daß die im 
Traume enthaltene Empfindung nicht zum manifesten Trauminhalt 
gehört, sondern zum latenten, daß der Affektinhalt des Traumes von 
der Entstellung frei geblieben ist, welche den Vorstellungsinhalt be- 
troffen hat 

Anders die Träume, in denen der Tod einer geliebten ver- 
wandten Person vorgestellt und dabei schmerzlicher Affekt verspürt 
wird. Diese bedeuten, was ihr Inhalt besagt, den Wunsch, daß die 
betreffende Person sterben möge, und da ich hier erwarten darf, daß 
sich die Gefühle aller Leser und aller Personen, die Ähnliches ge- 
träumt haben, gegen meine Auslegung sträuben werden, muß ich den 
Beweis auf der breitesten Basis anstreben. 

Wir haben bereits einen Traum erläutert, aus dem wir lernen 
konnten, daß die Wünsche, welche sich in Träumen als erfüllt dar- 
stellen, nicht immer aktuelle Wünsche sind. Es können auch ver- 
flossene, abgetane, überlagerte und verdrängte Wünsche sein, denen 
wir nur wegen ihres Wiederauftauchens im Traume doch eine Art 
von Fortexistenz zusprechen müssen. Sie sind nicht tot wie die 
Verstorbenen nach unserem Begriffe, sondern wie die Schatten der 
Odyssee, die, sobald sie Blut getrunken haben, zu einem gewissen 
Leben erwachen. In jenem Traume vom toten Kinde in der Schachtel 
(p. 118) handelte es sich um einen Wunsch, der vor 15 Jahren 
aktuell war und von damals her unumwunden eingestanden wurde. 
Es ist vielleicht für die Theorie des Traumes nicht gleichgültig, wenn 
ich hinzufüge, daß selbst diesem Wunsche eine Erinnerung aus der 
frühesten Kindheit zu gründe liegt. Die Träumerin hat als kleines 
Kind — wann, ist nicht sicher festzustellen — gehört, daß ihre Mutter 
in der Schwangerschaft, deren Frucht sie wurde, in eine schwere Ver- 
stimmung verfallen war und dem Kinde in ihrem Leibe sehnlichst den 
Tod gewünscht hatte. Selbst erwachsen und gravid geworden, folgte 
sie nur dem Beispiele der Mutter. 



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188 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

Wenn jemand unter Schmerzensäußerungen davon träumt, sein 
Vater oder seine Mutter, Bruder oder Schwester seien gestorben, so 
werde ich diesen Traum niemals als Beweis dafür verwenden, daß 
er ihnen jetzt den Tod wünscht Die Theorie des Traumes fordert 
nicht so viel; sie begnügt sich zu schließen, daß er ihnen — irgend 
einmal in der Kindheit — den Tod gewünscht habe. Ich fürchte 
aber, diese Einschränkung wird noch wenig zur Beruhigung der 
Beschwerdeführer beitragen ; diese dürften ebenso energisch die Mög- 
lichkeit bestreiten, daß sie je so gedacht haben, wie sie sich sicher 
fühlen, nicht in der Gegenwart solche Wünsche zu he^en. Ich muJ3 
darum ein Stück vom untergegangenen Kinderseelenleben nach den 
Zeugnissen, die noch die Gegenwart aufweist, wieder herstellen*). 

Fassen wir zunächst das Verhältnis der Kinder zu ihren Ge- 
schwistern ins Auge. Ich weiß nicht, warum wir voraussetzen, es 
müsse ein liebevolles sein, da doch die Beispiele von Geschwister- 
feindschaft unter Erwachsenen in der Erfahrung eines jeden sich 
drängen, und wir so oft feststellen können, diese Entzweiung rühre 
noch aus der Kindheit her, oder habe von jeher bestanden. Aber auch 
sehr viele Erwachsene, die heute an ihren Geschwistern zärtlich hängen 
und ihnen beistehen, haben in ihrer Kindheit in kaum unterbrochener 
Feindschaft mit ihnen gelebt. Das ältere Kind hat das jüngere miß- 
handelt, angeschwärzt, es seiner Spielsachen beraubt ; das jüngere hat 
sich in ohnmächtiger Wut gegen das ältere verzehrt, es beneidet und 
gefürchtet, oder seine ersten Eegungen von Freiheitsdrang und Rechts- 
bewußtsein haben sich gegen den Unterdrücker gewendet. Die Eltern 
sagen, die Kinder vertragen sich nicht, und wissen den Grund hiefür 
nicht zu finden. Es ist nicht schwer zu sehen, daß der Charakter auch 
des braven Kindes ein anderer ist, als wir ihn bei einem Erwachsenen 
zu finden wünschen. Das Kind ist absolut egoistisch, es empfindet 
seine Bedürfnisse intensiv und strebt rücksichtslos nach ihrer Befriedi- 
gung, insbesondere gegen seine Mitbewerber, andere Kinder, und in 
erster Linie gegen seine Geschwister. Wir heißen das Kind aber 
darum nicht „schlecht", wir heißen es „schlimm"; es ist unverant- 
wortlich für seine bösen Taten vor unserem Urteil wie vor dem 
Strafgesetz. Und das mit Recht ; denn wir dürfen erwarten, daß noch 
innerhalb von Lebenszeiten , die wir der Kindheit zurechnen, in 
dem kleinen Egoisten die altruistischen Regungen und die Moral er- 
wachen werden, daß, mit Meynert zu reden, ein sekundäres Ich 
das primäre überlagern und hemmen wird. Wohl entsteht die Mora- 
lität nicht gleichzeitig auf der ganzen Linie, auch ist die Dauer der 
morallosen Kindheitsperiode bei den einzelnen Individuen verschieden 



*) Vgl. hiezu: Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben im Jahrbuch 
für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, Bd. I, 1909, und 
„Über infantile Sexual theorien" in Sammlung kl. Schriften z. Neurosenlehre, 
zweite Folge. 



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Die Feindseligkeit des Kindes gegen Geschwister. 189 

lang. Wo die Entwicklung dieser Moralität ausbleibt, sprechen wir 
gern von „Degeneration"; es handelt sich offenbar um eine Ent- 
wicklungshemmung. Wo der primäre Charakter durch die spätere 
Entwicklung bereits überlagert ist, kann er durch die Erkrankung 
an Hysterie wenigstens partiell wieder freigelegt werden. Die Über- 
einstimmung des sogenannten hysterischen Charakters 'mit dem eines 
schlimmen Kindes ist geradezu auffällig. Die Zwangsneurose hin- 
gegen entspricht dem Durchbruch einer Übermoralität, die als ver- 
stärkende Belastung dem sich immer wieder regenden primären Cha- 
rakter auferlegt war. 

Viele Personen also, die heute ihre Geschwister lieben und sich 
durch ihr Hinsterben beraubt fühlen würden, tragen von früher her 
böse Wünsche gegen dieselben in ihrem Unbewußten, welche sich in 
Träumen zu realisieren vermögen. Es ist aber ganz besonders inter- 
essant, kleine Kinder bis zu drei Jahren oder wenig darüber in 
ihrem Verhalten gegen jüngere Geschwister zu beobachten. Das Kind 
war bisher das einzige, nun wird ihm angekündigt, daß der Storch 
ein neues Kind gebracht hat. Das Kind mustert den Ankömmling und 
äußert dann entschieden: „Der Storch soll es wieder mitnehmen." *) 

Ich bekenne mich in allem Ernst zur Meinung, daß das Kind 
abzuschätzen weiß, welche Benachteiligung es von dem Fremdling zu 
erwarten hat. Von einer mir nahestehenden Dame, die sich heute 
mit ihrer um vier Jahre jüngeren Schwester sehr gut verträgt, weiß 
ich, daß sie die Nachricht von deren Ankunft mit dem Vorbehalt 
beantwortet hat: „Aber meine rote Kappe werde ich ihr doch nicht 
geben." Sollte das Kind erst später zu dieser Erkenntnis kommen, 
so wird seine Feindseligkeit in diesem Zeitpunkte erwachen. Ich 
kenne einen Fall, daß ein nicht dreijähriges Mädchen den Säugling 
in der Wiege zu erwürgen versuchte, von dessen weiterer Anwesen- 
heit ihr nichts Gutes ahnte. Der Eifersucht sind Kinder um diese 
Lebenszeit in aller Stärke und Deutlichkeit fähig. Oder das kleine 
Geschwisterchen ist wirklich bald wieder verschwunden, das Kind hat 
wieder alle Zärtlichkeit im Hause auf sich vereinigt, nun kommt ein 
neues vom Storche geschickt; ist es da nicht korrekt, daß unser 
Liebling den Wunsch in sich erschaffen sollte, der neue Konkurrent 
möge dasselbe Schicksal haben wie der frühere, damit es ihm wieder 
so gut gehe wie vorhin und in der Zwischenzeit?**) Natürlich ist 

*) Der 31/2 jährige Hans, dessen Phobie Gegenstand der Analyse in der 
vorhin erwähnten Veröffentlichung ist, ruft im Fieber kurz nach der Geburt 
einer Schwester: Ich will aber kein Schwesterchen haben. In seiner Neurose, 
IV2 Jahre später, gesteht er den Wunsch, daß die Mutter das Kleine beim 
Baden in die Wanne fallen lassen möge, damit es sterbe, unumwunden ein. Dabei 
ist Hans ein gutartiges zärtliches Kind, welches bald auch diese Schwester lieb- 
gewinnt und sie besonders gern protegiert. 

**) Solche in der Kindheit erlebte Sterbefälle mögen in der Familie bald 
vergessen worden sein, die psychoanalytische Erforschung zeigt doch, daß sie 
iür die spätere Neurose sehr bedeutungsvoll geworden sind. 



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190 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

dieses Verhalten des Kindes gegen die Nachgeborenen in normalen 
Verhältnissen eine einfache Punktion des Altersunterschiedes. Bei 
einem gewissen Intervall werden sich in dem älteren ^fädchen 
bereits die mütterlichen Instinkte gegen das hilflose Neugeborene 
regen. 

Empfindungen von Feindseligkeit gegen die Geschwister müssen 
im Kindesalter noch weit häufiger sein, als sie der stumpfen Beob- 
achtung Erwachsener auffallen*). 

Bei meinen eigenen Kindern, die einander rasch folgten, habe 
ich die Gelegenheit zu solchen Beobachtungen versäumt; ich hole sie 
jetzt bei meinem kleinen Neffen nach, dessen Alleinherrschaft nach 
JL5 Monaten durch das Auftreten einer Mitbewerberin gestört wurde. 
Ich höre zwar, daß der junge Mann sich sehr ritterlich gegen das 
Schwesterchen benimmt, ihr die Hand küßt und sie streichelt; ich 
überzeuge mich aber, daß er schon vor seinem vollendeten zweiten 
Jahre seine Sprachfähigkeit dazu benutzt, um Kritik an der ihm doch 
nur überflüssig erscheinenden Person zu üben. So oft die Rede auf 
sie kommt, mengt er sich ins Gespräch und ruft unwillig: Zu k(l)ein, 
zu k(l)ein. In den letzten Monaten, seitdem das Kind sich durch 
vortreffliche Entwicklung dieser Geringschätzung entzogen hat, weiß 
er seine Mahnung, daß sie soviel Aufmerksamkeit nicht verdient, an- 
ders zu begründen. Er erinnert bei allen geeigneten Anlässen daran : 
Sie hat keine Zähne**). Von dem ältesten Mädchen einer anderen 
Schwester haben wir alle die Erinnerung bewahrt, wie das damals 
sechsjährige Kind sich eine halbe Stunde lang von allen Tanten be- 
stätigen ließ: „Nicht wahr, das kann die Lucie noch nicht ver- 
stehen?" Lucie war die um 21/2 Jahre jüngere Konkurrentin. 

Den gesteigerter Feindseligkeit entsprechenden Traum vom Tode 
der Geschwister habe ich z. B. bei keiner meiner Patientinnen ver- 
mißt. Ich fand nur eine Ausnahme, die sich leicht in eine Bestäti- 
gung der Regel umdeuten ließ. Als ich einst einer Dame während 



*) Beobachtungen, die sich auf das ursprünglich feindselige Verhalten von 
Kindern gegen Geschwister und einen Elternteil beziehen, sind seither in großer 
Anzahl gemacht und in der psychoanalytischen Literatur niedergelegt worden. 
Besonders echt und naiv hat der Dichter Spitteler diese typische kind- 
liche Einstellung aus seiner frühesten Kindheit geschildert: „Übrigens war noch 
ein zweiter Adolf da. Ein kleines Geschöpf, von dem man behauptete, er wäre 
mein Bruder, von dem ich aber nicht begriff, wozu er nützlich sei; noch weniger, 
weswegen man solch ein Wesen aus ihm mache wie von mir selber. Ich genügte 
für mein Bedürfnis, was brauchte ich einen Bruder? Und nicht bloß unnütz 
war er, sondern mitunter sogar hinderlich. Wenn ich die Großmutter belästigte, 
wollte er sie ebenfalls belästigen, wenn ich im Kinderwagen gefahren wurde, 
saß er gegenüber und nahm mir die Hälfte Platz weg, so daß wir uns mit den 
Füßen stoßen mußten." 

**) In die nämlichen Worte kleidet der 3V2 jährige Hans seine vernichtende 
Kritik seiner Schwester (1. c). Er nimmt an, daß sie wegen des Mangels der 
Zähne nicht sprechen kann. 



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Die Vorstellung des Kindes vom „Totsein ". 191 

einer Sitzung diesen Sachverhalt erklärte, der mir bei dem Symptom 
an der Tagesordnung in Betracht zu kommen schien, antwortete sie 
mir zu meinem Erstaunen, sie habe solche Träume nie gehabt. Ein 
anderer Traum fiel ihr aber ein, der angeblich damit nichts zu 
schaffen hatte, ein Traum, den sie mit vier Jahren, zuerst als damals 
Jüngste, und dann wiederholt geträumt hatte. „Eine Menge Kinder, 
alle ihre Brüder, Schwestern, Cousins und Cousinen tummel- 
ten sich auf einer Wiese. Plötzlich bekamen sie Flügel, 
flogen auf und waren weg." Von der Bedeutung des Traumes 
hatte sie keine Ahnung ; es wird uns nicht schwer fallen, einen Traum 
vom Tode aller Geschwister in seiner ursprünglichen, durch die 
Zensur wenig beeinflußten Form darin zu erkennen. Ich getraue micli 
folgende Analyse unterzuschieben. Bei dem Tode eines aus der 
Kinderschar — die Kinder zweier Brüder wurden in diesem Falle 
in geschwisterlicher Gemeinschaft aufgezogen — wird unsere noch 
nicht vierjährige Träumerin eine weise, erwachsene Person gefragt 
haben: Was wird denn aus den Kindern, wenn sie tot sind? Die 
Antwort wird gelautet haben: Dann bekommen sie Flügel und wer- 
den Engeri. Im Traume nach dieser Aufklärung haben nun die Ge- 
schwister alle Flügel wie die Engel und — was die Hauptsache ist — 
sie fliegen weg. Unsere kleine Engelmacherin bleibt allein, man denke, 
das einzige nach einer solchen Schar ! Daß sich die Kinder auf einer 
Wieso tummeln, von der sie wegfliegen, deutet kaum mißverständlich 
auf Schmetterlinge hin, als ob dieselbe Gedankenverbindung das 
Kind geleitet hätte, welche die Alten bewog, die Psyche mit 
Schmetterlingsflügeln zu bilden. 

Vielleicht wirft nun jemand ein, die feindseligen Impulse der 
Kinder gegen ihre Geschwister seien wohl zuzugeben, aber wie käme 
das Kindergemüt zu der Höhe von Schlechtigkeit, dem Mitbewerber 
oder stärkeren Spielgenossen gleich den Tod zu wünschen, als ob alle 
Vergehen nur durch die Todesstrafe zu sühnen seien ? Wer so spricht, 
erwägt nicht, daß die Vorstellung des Kindes vom „Todsein" mit der 
unserigen das Wort und dann nur noch wenig anderes gemein hat. 
Das Kind weiß nichts von den Greueln der Verwesung, vom Frieren 
im kalten Grabe, vom Schrecken des endlosen Nichts, das der Er- 
wachsene, wie alle Mythen vom Jenseits zeugen, in seiner Vorstellung 
so schlecht verträgt. Die Furcht vor dem Tode ist ihm fremd, darum 
spielt es mit dem gräßlichen Worte und droht einem anderen Kinde: 
„Wenn du das noch einmal tust, wirst du sterben, wie der Franz 
gestorben ist," wobei es die arme Mutter schaudernd überläuft, die 
vielleicht nicht daran vergessen kann, daß die größere Hälfte der 
erdgeborenen Menschen ihr Leben nicht über die Jahre der Kindheit 
bringt. Noch mit acht Jahren kann das Kind, von einem Gange 
durch das Naturhistorische Museum heimgekehrt, seiner Mutter sagen : 
„Mama, ich habe dich so lieb; wenn du einmal stirbst, lasse ich dich 
ausstopfen und stelle dich hier im Zimmer auf, damit ich dich immer, 



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192 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

Jmmer sehen kann!*' So wenig gleicht die kindliche Vorstellung vom 
Gestorbensein der unseligen*). 

Gestorben sein heißt für das Kind, welchem ja überdies die 
Szenen des Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird, so viel als 
„fort sein", die Überlebenden nicht mehr stören. Es unterscheidet 
jiicht, auf welche Art diese Abwesenheit zu stände kommt, ob durch 
Verreisen, Entfremdung oder Tod. Wenn in den prähistorischen 
Jahren eines Kindes seine Kinderfrau weggeschickt worden und einige 
Zeit darauf seine Mutter gestorben ist, so liegen für seine Erinnerung, 
wie man sie in der Analyse aufdeckt, beide Ereignisse in einer Iteihe 
übereinander. Daß das Kind die Abwesenden nicht sehr intensiv ver- 
mißt, hat manche Mutter zu ihrem Schmerze erfahren, wenn sie nach 
mehrwöchiger Sommerreise in ihr Haus zurückkehrte und auf ihre 
Erkundigung hören mußte: Die Kinder haben nicht ein einziges 
Mal nach der Mama gefragt. Wenn sie aber wirklich in jenes „un- 
entdeckte Land" verreist ist, „von des Bezirk kein Wanderer wieder- 
kehrt", so scheinen die Kinder sie zunächst vergessen zu haben und 
erst nachträglich beginnen sie, sich an die Tote zu erinnern. 

Wenn das Kind also Motive hat, die Abwesenheit eines anderen 
Kindes zu wünschen, so mangelt ihm jede Abhaltung, diesen Wunsch 
in die Form zu kleiden, es möge tot sein, und die psychische Reak- 
tion auf den Todeswunschtraum beweist, daß trotz aller Verschieden- 
heit im Inhalt der Wunsch beim Kinde doch irgendwie das nämliche 
ist wie der gleichlautende Wunsch des Erwachsenen, 

Wenn nun der Todeswunsch des Kindes gegen seine Geschwister 
erklärt wird durch den Egoismus des Kindes, der sie die Geschwister 
als Mitbewerber auffassen läßt, wie soll sich der Todeswunsch gegen 
die Eltern erklären, die für das Kind die Spender von Liebe und 
Erfüller seiner Bedürfnisse sind, deren Erhaltung es gerade aus ego- 
istischen Motiven wünschen sollte? 

Zur Lösung dieser Schwierigkeit leitet uns die Erfahrung, daß 
die Träume vom Tode der Eltern überwiegend häufig den Teil des 
Elternpaares betreffen, der das Geschlecht des Träumers teilt, daß 
also der Mann zumeist vom Tode des Vaters, das Weib vom Tode der 
Mutter träumt. Ich kann das nicht als regelmäßig hinstellen, aber 
das Überwiegen in dem angedeuteten Sinne ist so deutlich, daß es 
eine Erklärung durch ein Moment von allgemeiner Bedeutung fordert. 
Es verhält sich — grob ausgesprochen — so, als ob eine sexuelle 
Vorliebe sich frühzeitig geltend machen würde, als ob der Knabe im 

*) Von einem hochbegabten 10jährigen Knaben horte ich nach dem plötz- 
lichen Tode seines Vaters zu meinem Erstaunen folgende Äußerung: Daß der 
Vater gestorben ist, verstehe ich, aber warum er nicht zum Nachtmahl nach 
Hause kommt, kann ich mir nicht erklären. — Weiteres Material zu diesem 
Thema findet sich in der Rubrik „Blinderseele" von „Imago", Zeitschrift für 
Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften, Bd. I und II, 
1912 und 1913. 



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Das Verhältnis des Kindes zu den Eltern. 193 

Vater, das Mädchen in der Mutter den Mitbewerber in der Liebe 
erblickte, durch dessen Beseitigung ihm nur Vorteil erwachsen kann. 
Ehe man diese Vorstellung als ungeheuerlich verwirft, möge 
man auch hier die realen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern 
ins Auge fassen. Man hat zu sondern, was die Kulturforderung der 
Pietät von diesem Verhältnis verlangt, und was die tägliche Beob- 
achtung als tatsächlich ergibt. In der Beziehung zwischen Eltern 
und Kindern liegen mehr als nur ein Anlaß zur Feindseligkeit ver- 
borgen; die Bedingungen für das Zustandekommen von Wünschen, 
welche vor der Zensur nicht bestehen, sind im reichsten Ausmaße 
gegeben. Verweilen wir zunächst bei der Relation zwischen Vater 
und Sohn. Ich meine, die Heiligkeit, die wir den Vorschriften des 
Dekalogs zuerkannt haben, stumpft unseren Sinn 'für 'die Wahr- 
nehmung der Wirklichkeit ab. Wir getrauen uns vielleicht kaum zu 
merken, daß der größere Teil der Menschheit sich über die Befolgung 
des vierten Gebotes hinaussetzt. In den tiefsten wie in den höchsten 
Schichten der menschlichen Gesellschaft pflegt die Pietät gegen die 
Eltern vor anderen Interessen zurückzutreten. Die dunklen Nach- 
richten, die in Mythologie und Sage aus der Urzeit der menschlichen 
Gesellschaft auf uns gekommen sind, geben von der Machtfülle des 
Vaters und von der Rücksichtslosigkeit, mit der sie gebraucht wurde, 
eine unerfreuliche Vorstellung. Kronos verschlingt seine Kinder, 
etwa wie der Eber den Wurf des Mutterschweines, und Zeus ent- 
mannt den Vater*) und setzt sich als Herrscher an seine Stelle. Je 
unumschränkter der Vater in der alten Familie herrschte, desto mehr 
muß der Sohn als berufener Nachfolger in die Lage des Feindes ge- 
rückt, desto größer muß seine Ungeduld geworden sein, durch den 
Tod des Vaters selbst zur Herrschaft zu gelangen. Noch in unserer 
bürgerlichen Familie pflegt der Vater durch die Verweigerung der 
Selbstbestimmung und der dazu nötigen Mittel an den Sohn dem 
natürlichen Keime der Feindschaft, der in dem Verhältnisse liegt, zur 
Entwicklung zu verhelfen. Der Arzt kommt oft genug in die Lage zu 
bemerken, daß der Schmerz über den Verlust des Vaters beim Sohne 
die Befriedigung über die endlich erlangte Freiheit nicht unterdrücken 
kann. Den Rest der in unserer heutigen Gesellschaft arg antiquierten 
potestas patris familias pflegt jeder Vater krampfhaft festzuhalten 
und jeder Dichter ist der Wirkung sicher, der wie Ibsen den uralten 
Kampf zwischen Vater und Sohn in den Vordergrund seiner Fabeln 
rückt. Die Anlässe zu Konflikten zwischen Tochter und Mutter er- 
geben sich, wenn die Tochter heranwächst und in der Mutter die 



*) Wenigstens in einigen mythologischen Darstellungen. Nach anderen 
wird die Entmannung nur von Kronos an seinem Vater Uranos vollzogen. 

Über die mythologische Bedeutung dieses Motivs vergl. Otto Rank: Der 
Mythus von der Geburt des Helden, fünftes Heft der „Schriften zur angew. 
Seelenkunde, 1909" und „Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage", 1912, Kap. IX, 2. 

Freud» Traumdeutung. 4. Aufl. 13 



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194 V. Das Traammaterial und die Traumquellen. 

Wächterin findet, während sie nach sexueller Freiheit begehrt, die 
Mutter aber durch das Aufblühen der Tochter gemahnt wird, daß für 
sie die Zeit gekommen ist, sexuellen Ansprüchen zu entsagen. 

Alle diese Verhältnisse liegen offenkundig da vor jedermanns 
Augen. Sie fördern uns aber nicht bei der Absicht, die Träume vom 
Tode der Eltern zu erklären, welche sich bei Personen finden, denen 
die Pietät gegen die Eltern längst etwas Unantastbares geworden ist. 
Auch sind wir durch die vorhergehenden Erörterungen darauf vor- 
bereitet, daß sich der Todeswunsch gegen die Eltern aus der frühesten 
Kindheit ableiten wird. 

Mit einer alle Zweifel ausschließenden Sicherheit bestätigt sich 
diese Vermutung für die Psychoneurotiker bei den mit ihnen vor- 
genommenen Analysen. Man lernt hiebei, daß sehr frühzeitig die 
sexuellen Wünsche des Kindes erwachen — soweit sie im keimenden 
Zustand diesen Namen verdienen — , und daß die erste Neigung des 
Mädchens dem Vater, die ersten infantilen Begierden des Knaben der 
Mutter gelten. Der Vater wird somit für den Knaben, die Mutter 
für das Mädchen zum störenden Mitbewerber, und wie wenig für das 
Kind dazu gehört, damit diese Empfindimg zum Todeswunsch führe, 
haben wir bereits für den Fall der Geschwister ausgeführt. Die 
sexuelle Auswahl macht sich in der Regel bereits bei den Eltern 
geltend; ein natürlicher Zug sorgt dafür, daß der Mann die kleinen 
Töchter verzärtelt, die Frau den Söhnen die Stange hält, während 
beide, wo der Zauber des Geschlechtes ihr Urteil nicht verstört, mit 
Strenge für die Erziehung der Kleinen wirken. Das Kind bemerkt 
die Bevorzugung sehr wohl und lehnt sich gegen den Teil des Eltern- 
paares auf, der sich ihr widersetzt. Liebe bei dem Erwachsenen zu 
finden, ist ihm nicht nur die Befriedigung eines besonderen Bedürf- 
nisses, sondern bedeutet auch, daß in allen anderen Stücken seinem 
Willen nachgegeben wird So folgt es dem eigenen sexuellen Triebe 
und erneuert gleichzeitig die von den Eltern ausgehende Anregung, 
wenn es seine Wahl zwischen den Eltern im gleichen Sinne wie 
diese trifft. 

Von den Zeichen dieser infantilen Neigungen seitens der Kinder 
pflegt man die meisten zu übersehen; einige kann man auch nach 
den ersten Kinderjahren bemerken. Ein achtjähriges Mädchen meiner 
Bekanntschaft benutzt die Gelegenheit, wenn die Mutter vom Tische 
abberufen wird, um sich als ihre Nachfolgerin zu proklamieren. „Jetzt 
will ich die Mama sein: Karl, willst du noch Gemüse? Nimm doch, 
ich bitte dich" usw. Ein besonders begabtes und lebhaftes Mädchen 
von nicht vier Jahren, an der dies Stück Kinderpsychologie besonders 
durchsichtig ist, äußert direkt: „Jetzt kann das Muatterl einmal fort- 
gehen, dann muß das Vaterl mich heiraten, und ich will seine Frau 
sein." Im Kinderleben schließt dieser Wunsch durchaus nicht aus, 
daß das Kind auch seine Mutter zärtlich liebe. Wenn der kleine 
Knabe neben der Mutter schlafen darf, sobald der Vater verreist ist, 



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Die sexuellen Regungen der Kinder gegen die Eltern. 195 

und nach dessen Rückkehr ins Kinderzimmer zurück muß zu einer 
Person, die ihm weit weniger gefällt, so mag sich leicht der Wunsch 
bei ihm gestalten, daß der Vater immer abwesend sein möge, damit 
er seinen Platz bei der lieben, schönen Mama behalten kann, und ein 
Mittel zur Erreichung dieses Wunsches ist es offenbar, wenn der 
Vater tot ist, denn das eine hat ihn seine Erfahrung gelehrt: „Tote'* 
Leute, wie der Großpapa z. B., sind immer abwesend, kommen nie 
wieder. 

Wenn sich solche Beobachtungen an kleinen Kindern der vor- 
geschlagenen Deutung zwanglos fügen, so ergeben sie allerdings nicht 
die volle Überzeugung, welche die Psychoanalysen erwachsener Neuro- 
tiker dem Arzte aufdrängen. Die Mitteilung der betreffenden Träume 
erfolgt hier mit solchen Einleitungen, daß ihre Deutung als Wunsch- 
träume unausweichlich wird. Ich finde eines Tages eine Dame betrübt 
und verweint Sie sagt: „Ich will meine Verwandten nicht mehr sehen, 
es muß ihnen ja vor mir grausen." Dann erzählt sie fast ohne Über- 
gang, daß sie sich an einen Traum erinnert, dessen Bedeutung sie 
natürlich nicht kennt. Sie hat ihn mit vier Jahren geträumt, er lautet 
folgendermaßen: Ein Luchs oder Fuchs geht auf dem Dache 
spazieren, dann fällt etwas herunter oder sie fällt her- 
unter, und dann trägt man die Mutter tot aus dem Hause, 
wobei sie schmerzlich w r eint. Ich habe ihr kaum mitgeteilt, daß dieser 
Traum den Wunsch aus ihrer Kindheit bedeuten muß, die Mutter tot 
za sehen, und daß sie dieses Traumes wegen meinen muß, die Ver- 
wandten grausen sich vor ihr, so liefert sie bereits etwas Material, den 
Traum aufzuklären. „Luchsaug" ist ein Schimpfwort, mit dem sie 
einmal als ganz kleines Kind von einem Gassenjungen belegt wurde; 
ihrer Mutter ist, als das Kind drei Jahre alt war, ein Ziegelstein vom 
Dache auf den Kopf gefallen, so daß sie heftig geblutet hat. 

Ich hatte einmal Gelegenheit, ein junges Mädchen, das ver- 
schiedene psychische Zustände durchmachte, eingehend zu studieren. 
In einer tobsüchtigen Verworrenheit, mit der die Krankheit begann, 
zeigte die Kranke eine ganz besondere Abneigung gegen ihre Mutter, 
schlug und beschimpfte sie, sobald sie sich dem Bette näherte, während 
sie gegen eine um vieles ältere Schwester zu derselben Zeit liebevoll 
und gefügig blieb. Dann folgte ein klarer, aber etwas apathischer 
Zustand mit sehr gestörtem Schlafe; in dieser Phase begann ich die 
Behandlung und analysierte ihre Träume. Eine Unzahl derselben 
handelte mehr oder minder verhüllt vom Tode der Mutter; bald 
wohnte sie dem Leichenbegängnis einer alten Frau bei, bald sah sie 
sich und ihre Schwester in Trauerkleidern bei Tische sitzen ; es blieb 
über den Sinn dieser Träume kein Zweifel. Bei noch weiter fort- 
schreitender Besserung traten hysterische Phobien auf ; die quälendste 
darunter war, daß der Mutter etwas geschehen sei. Ton wo sie immer 
sich befand, mußte sie dann nach Hause eilen, um sich zu überzeugen, 
daß die Mutter noch lebe. Der Fall war mm, zusammengehalten mit 

13* 



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196 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

meinen sonstigen Erfahrungen, "sehr lehrreich; er zeigte in gleichsam 
mehrsprachiger Übersetzung verschiedene Reaktionsweisen des psychi- 
schen Apparates auf dieselbe erregende Vorstellung. In der Verworren- 
heit, die ich als Überwältigung der zweiten psychischen Instanz 
durch die sonst unterdrückte erste auffasse, wurde die unbewußte 
Feindseligkeit gegen die Mutter motorisch mächtig; als dann die 
erste Beruhigung eintrat, der Aufruhr unterdrückt, die Herrschaft der 
Zensur wieder hergestellt war, blieb dieser Feindseligkeit nur mehr 
das Gebiet des Träumens offen, um den Wunsch nach ihrem Tode zu 
verwirklichen ; als das Normale sich noch weiter gestärkt hatte, schuf 
es als hysterische Gegensatzreaktion und Abwehrerscheinung die über- 
mäßige Sorge um die Mutter. In diesem Zusammenhange ist es nicht 
mehr unerklärlich, warum die hysterischen Mädchen so oft überzärt- 
lich an ihren Müttern hängen. 

Ein andermal hatte ich Gelegenheit, tiefe Einblicke in das un- 
bewußte Seelenleben eines jungen Mannes zu tun, der durch Zwangs- 
neurose fast existenzunfähig, nicht auf die Straße gehen konnte, weil 
ihn die Sorge quälte, er bringe alle Leute, die an ihm vorbeigingen, 
um. Er verbrachte seine Tage damit, die Beweisstücke für sein Alibi 
in Ordnung zu halten, falls die Anklage wegen eines der in der Stadt 
vorgefallenen Morde gegen ihn erhoben werden sollte. Überflüssig zu 
bemerken, daß er ein ebenso moralischer wie fein gebildeter Mensch 
war. Die — übrigens zur Heilung führende — Analyse deckte als 
die Begründung dieser peinlichen Zwangsvorstellung Mordimpulse 
gegen seinen etwas überstrengen Vater auf, die sich, als er sieben Jahre 
alt war, zu seinem Erstaunen bewußt geäußert hatten, aber natürlich 
aus weit früheren Kindesjahren stammten. Nach der qualvollen Krank- 
heit und dem Tode des Vaters trat im 31. Lebensjahre der Zwangs- 
vorwurf auf, der sich in Form jener Phobie auf Fremde übertrug. Wer 
im stände war, seinen eigenen Vater von einem Berggipfel in den 
Abgrund stoßen zu wollen, dem ist allerdings zuzutrauen, daß er auch 
das Leben Fernerstehender nicht schone; der tut darum recht daran, 
sich in seine Zimmer einzuschließen. 

Nach meinen bereits zahlreichen Erfahrungen spielen die Eltern 
im Kinderseelenleben aller späteren Psychoneurotiker die Hauptrolle, 
und Verliebtheit gegen den einen, Haß gegen den anderen Teil des 
Elternpaares gehören zum eisernen Bestand des in jener Zeit gebildeten 
und für die Symptomatik der späteren Neurose so bedeutsamen Ma- 
terials an psychischen Regungen. Ich glaube aber nicht, daß die 
Psychoneurotiker sich hierin von anderen normal verbleibenden Men- 
schenkindern scharf sondern, indem sie absolut Neues und ihnen 
Eigentümliches zu schaffen vermögen. Es ist bei weitem wahrschein- 
licher und wird durch gelegentliche Beobachtungen an normalen 
Kindern unterstützt, daß sie auch mit diesen verliebten und feind- 
seligen Wünschen gegen ihre Eltern uns nur durch die Vergrößerung 
kenntlich machen, was minder deutlich und weniger intensiv in der 



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Die ödiposmythe und ihre infantile Wurzel. 197 

Seele der meisten Kinder vorgeht Das Altertum hat uns zur Unter- 
stützung dieser Erkenntnis einen Sagenstoff überliefert, dessen durch- 
greifende und allgemeingültige Wirksamkeit nur durch eine ähnliche 
Allgemeingültigkeit der besprochenen Voraussetzung aus der Kinder- 
psychologie verständlich wird. 

Ich meine die Sage vom König ödipus und das gleichnamige 
Drama des Sophokles, ödipus, der Sohn des Lai'os, Königs 
von Theben, und der Jo käste wird als Säugling ausgesetzt, weil ein 
Orakel dem Vater verkündet hatte, der noch ungeborene Sohn werde 
sein Mörder sein. Er wird gerettet und wächst als Königssohn an 
einem fremden Hofe auf, bis er, seiner Herkunft unsicher, selbst das 
Orakel befragt und von ihm den Rat erhält, die Heimat zu meiden, 
weil er der Mörder seines Vaters und der Ehegemahl seiner Mutter 
werden müßte. Auf dem Wege von seiner vermeintlichen Heimat weg 
trifft er mit König Laios zusammen und erschlägt ihn in rasch ent- 
branntem Streite. Dann kommt er vor Theben, wo er die Rätsel 
der den Weg sperrenden Sphinx löst und zum Dank dafür von den 
Thebanern zum König gewählt und mit Jokastes Hand beschenkt 
wird. Er regiert lange Zeit in Frieden und Würde und zeugt mit der 
ihm unbekannten Mutter zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest 
ausbricht, welche eine neuerliche Befragung des Orakels von Seite 
der Thebaner veranlaßt Hier setzt die Tragödie des Sophokles 
ein. Die Boten bringen den Bescheid, daß die Pest aufhören werde, 
wenn der Mörder des Laios aus dem Lande getrieben sei. Wo aber 
weilt der? 

„Wo findet ßich 
die schwererkennbar dunkle Spur der alten Schuld ?" 

(Übersetzung toii Donner, v. 105).) 

Die Handlung des Stückes besteht nun in nichts anderem als in 
der schrittweise gesteigerten und kunstvoll verzögerten Enthüllung — 
der Arbeit einer Psychoanalyse vergleichbar — , daß ödipus selbst 
der Mörder des Lai'os, aber auch der Sohn des Ermordeten und der 
Jo käste ist. Durch seine unwissentlich verübten Greuel erschüttert, 
blendet sich ödipus und verläßt die Heimat. Der Orakelspruch 
ist erfüllt. 

König ödipus ist eine sogenannte Schicksalstragödie; ihre 
tragische Wirkung soll auf dem Gegensatz zwischen dem über- 
mächtigen Willen der Götter und dem vergeblichen Sträuben der vom 
Unheil bedrohten Menschen beruhen; Ergebung in den Willen der 
Gottheit, Einsicht in die eigene Ohnmacht soll der tief ergriffene Zu- 
schauer aus dem Trauerspiele lernen. Folgerichtig haben moderne 
Dichter es versucht, eine ähnliche tragische Wirkung zu erzielen, in- 
dem sie den nämlichen Gegensatz mit einer selbsterfundenen Fabel 
verwoben. Allein die Zuschauer haben ungerührt zugesehen, wie trotz 
alles Sträubens schuldloser Menschen ein Fluch oder Orakelspruch 



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]f&8 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

sich an ihnen vollzog; die späteren Schicksalstragödien sind ohne 
Wirkung geblieben. 

Wenn der König Ödipus den modernen Menschen nicht minder 
zu erschüttern weiß als den zeitgenössischen Griechen, so kann die 
Lösung wohl nur darin liegen, daß die Wirkung der griechischen 
Tragödie nicht auf dem Gegensatz zwischen Schicksal und Menschen- 
willen ruht, sondern in der Besonderheit des Stoffes zu suchen ist, an 
welchem dieser Gegensatz erwiesen wird. Es muß eine Stimme in 
unserem Innern geben, welche die zwingende Gewalt des Schicksals 
im Ödipus anzuerkennen bereit ist, während wir Verfügungen wie 
in der „Ahnfrau" oder in anderen Schicksalstragödien als willkürliche 
zurückzuweisen vermögen. Und ein solches Moment ist in der Tat 
in der Geschichte des Königs Ödipus enthalten. Sein Schicksal er- 
greift uns nur darum, weil es auch das unserige hätte werden können, 
weil das Orakel vor unserer Geburt denselben Fluch über uns ver- 
hängt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht war es beschieden, die 
erste sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten Haß und gewalt- 
tätigen Wunsch gegen den Vater zu richten; unsere Träume über- 
zeugen uns davon. König Ödipus, der seinen Vater Lai'os er- 
schlagen und seine Mutter Jo käste geheiratet hat, ist nur die Wunsch- 
erfüllung unserer Kindheit. Aber glücklicher als er, ist es uns seitdem, 
insofern wir nicht Psychoneurotiker geworden sind, gelungen, unsere 
sexuellen Regungen von unseren Müttern abzulösen , unsere Eifersucht 
gegen unsere Väter zu vergessen. Vor der Person, an welcher sich 
jener urzeitliche Kindheitswunsch erfüllt hat, schaudern wir zurück 
mit dem ganzen Betrage der Verdrängung, welche diese Wünsche in 
unserem Innern seither erlitten haben. Während der Dichter in jener 
Untersuchung die Schuld des ödipus ans Licht bringt, nötigt er uns 
zur Erkenntnis unseres eigenen Innern, in dem jene Impulse, wenn 
auch unterdrückt, noch immer vorhanden sind. Die Gegenüberstellung, 
mit der uns der Chor verläßt, 

. . . „sehet, das ist Ödipus, 

der entwirrt die hohen Rätsel und der erste war an Macht, 
dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten; 
Seht, in welches Mißgeschickes grause Wogen er versank!" 

diese Mahnung trifft uns selbst und unseren Stolz, die wir seit den 
Kindesjahren so weise und so mächtig geworden sind in unserer 
Schätzung. Wie ödipus leben wir in Unwissenheit der die Moral 
beleidigenden Wünsche, welche die Natur uns aufgenötigt hat, und 
nach deren Enthüllung möchten wir wohl alle den Blick abwenden 
von den Szenen unserer Kindheit*). 



*) Keine der Ermittlungen der psychoanalytischen Forschung hat so er- 
bitterten Widerspruch, ein so grimmiges Sträuben und — so ergötzliche Ver- 
renkungen der Kritik hervorgerufen wie dieser Hinweis auf die kindlichen, im 



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Die Deutung roa Shakespeare^ „Hamlet*. 199 

Daß die Sage von Ödipus einem uralten Traumstoffe entsprossen 
ist, welcher jene peinliche Störung des Verhältnisses zu den Eltern 
durch die ersten Regungen der Sexualität zum Inhalt hat, dafür findet 
sich im Texte der Sophokleischen Tragödie selbst ein nicht miß- 
zuverstehender Hinweis. Jo käste tröstet den noch nicht aufgeklärten, 
aber durch die Erinnerung der Orakelsprüche besorgt gemachten 
Ödipus durch die Erwähnung eines Traumes, den ja so viele Men- 
schen träumen, ohne daß er, meint sie, etwas bedeute: 

„Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon 
955. Sich zugesellt der Mutter: Doch wer alles dies 

Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht." 

Der Traum, mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird ebenso 
wie damals auch heute vielen Menschen zu teil, die ihn empört und 
verwundert erzählen. Er ist, wie begreiflich, der Schlüssel der Tra- 
gödie und das Ergänzungsstück zum Traume vom Tode des Vaters. 
Die ödipusfabel ist die Reaktion der Phantasie auf diese beiden 
typischen Träume, und wie die Träume vom Erwachsenen mit Ab- 
lehnungsgefühlen erlebt werden, so muß die Sage Schreck und Selbst- 
bestrafung in ihren Inhalt mit aufnehmen. Ihre weitere Gestaltung 
rührt wiederum von einer mißverständlichen sekundären Bearbeitung 
des Stoffes her, welche ihn einer theologisierenden Absicht dienstbar 
zu machen sucht (Vgl. den Traumstoff von der Exhibition p. 183 f.) 
Der Versuch, die göttliche Allmacht mit der menschlichen Ver- 
antwortlichkeit zu vereinigen, muß natürlich an diesem Material wie 
an jedem anderen mißlingen. 

Auf demselben Boden wie „König ödipus" wurzelt eine andere 
der großen tragischen Dichterschöpfungen, der Hamlet Shake- 
speares. Aber in der veränderten Behandlung des nämlichen Stoffes 
offenbart sich der ganze Unterschied im Seelenleben der beiden weit 
auseinanderliegenden Kulturperioden, das säkulare Fortschreiten der 
Verdrängung im Gemütsleben der Menschheit. Im ödipus wird die 
zu gründe liegende Wunschphantasie des Kindes wie im Traume ans 
Licht gezogen und realisiert; im Hamlet bleibt sie verdrängt, und wir 
erfahren von ihrer Existenz — dem Sachverhalt bei einer Neurose 
ähnlich — nur durch die von ihr ausgehenden Hemmungswirkungen. 
Mit der überwältigenden Wirkung des moderneren Dramas hat es sich 
eigentümlicherweise als vereinbar gezeigt, daß man über den Charakter 
des Helden in voller Unklarheit verbleiben könne. Das Stück ist auf 
die Zögerung Hamlets gebaut, die ihm zugeteilte Aufgabe der Rache 
zu erfüllen; welches die Gründe oder Motive dieser Zögerung sind, 
gesteht der Text nicht ein ; die vielfältigsten Deutungsversuche haben 
es nicht anzugeben vermocht. Nach der heute noch herrschenden, 



Unbewußten erhalten gebliebenen Inzestneigungen. Die letzte Zeit hat selbst einen 
Versuch gebracht, den Inzest, allen Erfahrungen trotzend, nur als „symbolisch" 
gelten zu lassen. 



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200 V. Das Traummaterial und die Traomquellen. 

durch Goethe begründeten Auffassung stellt Hamlet den Typus des 
Menschen dar, dessen frische Tatkraft durch die überwuchernde Ent- 
wicklung der Gedankentätigkeit gelähmt wird („Von des Gedankens 
Blässe angekränkelt"). Nach anderen hat der Dichter einen krank- 
haften, unentschlossenen, in das Bereich der Neurasthenie fallenden 
Charakter zu schildern versucht. Allein die Fabel des Stückes lehrt, 
daß Hamlet uns keineswegs als eine Person erscheinen soll, die des 
Handelns überhaupt unfähig ist. Wir sehen ihn zweimal handelnd auf- 
treten, das einemal in rasch auffahrender Leidenschaft, wie er den 
Lauscher hinter der Tapete niederstößt, ein anderesmal planmäßig, 
ja selbst arglistig, indem er mit der vollen Unbedenklichkeit des 
Renaissance-Prinzen die zwei Höflinge in den ihm selbst zugedachten 
Tod schickt. Was hemmt ihn also bei der Erfüllung der Aufgabe, die 
der Geist seines Vaters ihm gestellt hat? Hier bietet sich wieder die 
Auskunft, daß es die besondere Natur dieser Aufgabe ist. Hamlet 
kann alles, nur nicht die Rache an dem Manne vollziehen, der seinen 
Vater beseitigt und bei seiner Mutter dessen Stelle eingenommen hat, 
an dem Manne, der ihm die Realisierung seiner verdrängten Kinder- 
wünsche zeigt. Der Abscheu, der ihn zur Rache drängen sollte, ersetzt 
sich so bei ihm durch Selbstvorwürfe, durch Gewissensskrupel, die 
ihm vorhalten, daß er, wörtlich verstanden, selbst nicht besser sei 
als der von ihm zu strafende Sünder. Ich habe dabei ins Bewußte 
übersetzt, was in der Seele des Helden unbewußt bleiben muß ; wenn 
jemand Hamlet einen Hysteriker nennen will, kann ich es nur als 
Folgerung aus meiner Deutung anerkennen. Die Sexualabneigung 
stimmt sehr wohl dazu, die Hamlet dann im Gespräche mit Ophelia 
äußert, die nämliche Sexuaiabneigung, die von der Seele des Dichters 
in den nächsten Jahren immer mehr Besitz nehmen sollte, bis zu ihren 
Gipfeläußerungen im Timon von Athen. Es kann natürlich nur das 
eigene Seelenleben des Dichters gewesen sein, das uns im Hamlet 
entgegentritt; ich entnehme dem Werke von Georg Brandes über 
Shakespeare (1896) die Notiz, daß das Drama unmittelbar nach dem 
Tode von Shakespeares Vater (1601), also in der frischen Trauer um 
ihn, in der Wiederbelebung, dürfen wir annehmen, der auf den Vater 
bezüglichen Kindheitsempfindungen gedichtet worden ist. Bekannt 
ist auch, daß Shakespeares früh verstorbener Sohn den Namen 
Hamnet (identisch mit Hamlet) trug. Wie Hamlet das Verhältnis 
des Sohnes zu den Eltern behandelt, so ruht der in der Zeit nahe- 
stehende Macbeth auf dem Thema der Kinderlosigkeit Wie übrigens 
jedes neurotische Symptom, wie selbst der Traum, der Überdeutimg 
fähig ist, ja dieselbe zu seinem vollen Verständnis fordert, so wird 
auch jede echte dichterische Schöpfung aus mehr als aus einem Motiv 
und einer Anregung in der Seele des Dichters hervorgegangen sein und 
mehr als eine Deutung zulassen. Ich habe hier nur die Deutung der 
tiefsten Schicht von Regungen in der Seele des schaffenden Dichters 
versucht. 



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Verhältnis der Ödipustr&ume zur Angstentwicklung. 201 

Ich kann die typischen Träume vom Tode teurer Verwandten 
nicht verlassen, ohne daß ich deren Bedeutung für die Theorie des 
Traumes überhaupt noch mit einigen Worten beleuchte. Diese Träume 
zeigen uns den recht ungewöhnlichen Fall verwirklicht, daß der durch 
den verdrängten Wunsch gebildete Traumgedanke jeder Zensur ent- 
geht und unverändert in den Traum übertritt. Es müssen besondere 
Verhältnisse sein, die solches Schicksal ermöglichen. Ich finde die 
Begünstigung für diese Träume in folgenden zwei Momenten : Erstens 
gibt es keinen Wunsch, von dem wir uns ferner glauben; wir meinen, 
das zu wünschen könnte „uns auch im Traume nicht einfallen", und 
darum ist die Traumzensur gegen dieses Ungeheuerliche nicht ge- 
rüstet, ähnlich etwa wie die Gesetzgebung So Ions keine Strafe für 
den Vatermord aufzustellen wußte. Zweitens aber kommt dem ver- 
drängten und nicht geahnten Wunsche gerade hier besonders häufig 
ein Tagesrest entgegen in Gestalt einer Sorge um das Leben der 
teuren Person. Diese Sorge kann sich nicht anders in den Traum ein- 
tragen, als indem sie sich des gleichlautenden Wunsches bedient ; der 
Wunsch aber kann sich mit der am Tage rege gewordenen Sorge 
maskieren. Wenn man meint, daß dies alles einfacher zugeht, daß 
man eben bei Nacht und im Traume nur fortsetzt, was man bei Tag 
angesponnen hat, so läßt man die Träume vom Tode teurer Personen 
eben außer allem Zusammenhang mit der Traumerklärung und hält 
ein sehr wohl reduzierbares Rätsel überflüssigerweise fest. 

Lehrreich ist es auch, die Beziehung dieser Träume zu den 
Angstträumen zu verfolgen. In den Träumen vom Tode teurer Per- 
sonen hat der verdrängte Wunsch einen Weg gefunden, auf dem er 
sich der Zensur — und der durch sie bedingten Entstellung — ent- 
ziehen kann. Die nie fehlende Begleiterscheinung ist dann, daß 
schmerzliche Empfindungen im Traume verspürt werden. Ebenso 
kommt der Angsttraum nur zu stände, wenn die Zensur ganz oder teil- 
weise überwältigt wird, und anderseits erleichtert es die Überwältigung 
der Zensur, wenn Angst als aktuelle Sensation aus somatischen 
Quellen bereits gegeben ist Es wird so handgreiflich, in welcher 
Tendenz die Zensur ihres Amtes waltet, die Traumentstellung ausübt; 
es geschieht, um die Entwicklung von Angst oder anderen 
Formen peinlichen Affektes zu verhüten. 

Ich habe im vorstehenden von dem Egoismus der Kinderseele 
gesprochen und knüpfe nun daran mit der Absicht, hier einen Zu- 
sammenhang ahnen zu lassen, daß die Träume auch diesen Charakter 
bewahrt haben. Sie sind sämtlich absolut egoistisch, in allen tritt 
das liebe Ich auf, wenn auch verkleidet. Die Wünsche, die in ihnen 
erfüllt werden, sind regelmäßig Wünsche dieses Ichs; es ist nur ein 
täuschender Anschein, wenn je das Interesse für einen anderen einen 
Traum hervorgerufen haben sollte. Ich will einige Beispiele, welche 
dieser Behauptung widersprechen, der Analyse unterziehen. 



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202 V. Das Traummaterial and die Traumquellen. 

L Ein noch nicht vierjähriger Knabe erzählt: Er hat eine 
große garnierte Schüssel gesehen, worauf ein großes Stück 
Fleisch gebraten war, und das Stück war auf einmal ganz 
— nicht zerschnitten — aufgegessen. Die Person, die es 
gegessen hat, hat er nicht gesehen*). 

Wer mag der fremde Mensch sein, von dessen üppiger Fleisch- 
mahlzeit unser Kleiner träumt ? Die Erlebnisse des Traumtages müssen 
uns darüber aufklären. Der Knabe bekömmt seit einigen Tagen nach 
ärztlicher Vorschrift Milchdiät; am Abend des Traumtages war er aber 
unartig, und da wurde ihm zur Strafe die Abendmahlzeit entzogen. 
Er hatte schon früher einmal eine solche Hungerkur durchgemacht und 
sich sehr tapfer dabei benommen. Er wußte, daß er nichts bekommen 
werde, getraute sich aber auch nicht, mit einem Worte anzudeuten, 
daß er Hunger habe. Die Erziehung fängt an, bei ihm zu wirken ; sie 
äußert sich bereits im Traume, der einen Anfang von Traumentstel- 
lung zeigt. Es ist kein Zweifel, daß er selbst die Person ist, deren 
Wünsche auf eine so reiche Mahlzeit, und zwar eine Bratenmahlzeit, 
zielen. Da er aber weiß, daß diese ihm verboten ist, wagt er es nicht, 
wie die hungrigen Kinder es im Traume tun (vgl. den Erdbeertraum 
meiner kleinen Anna, p. 100), sich selbst zur Mahlzeit hinzusetzen. 
Die Person bleibt anonym. 

IL Ich träume einmal, daß ich in der Auslage einer Buchhand- 
lung ein neues Heft jener Sammlung im Liebhabereinband sehe, die 
ich sonst zu kaufen pflege (Künstlermonographien, Monographien zur 
Weltgeschichte, berühmte Kunststätten usw.). Die neue Sammlung 
nennt sich: Berühmte Redner (oder Reden) und das Heft I 
derselben trägt den Namen Dr. Lecher. 

In der Analyse wird es mir unwahrscheinlich, daß mich der 
Ruhm Dr. Lechers, des Dauerredners der deutschen Obstruktion 
im Parlament, während meiner Träume beschäftige. Der Sachverhalt 
ist der, daß ich vor einigen Tagen neue Patienten zur psychischen 
Kur aufgenommen habe, und nun zehn bis elf Stunden täglich zu 
sprechen genötigt bin. Ich bin also selbst so ein Dauerredner. 

III. Ich träume ein andermal, daß ein mir bekannter Lehrer an 
unserer Universität sagt: Mein Sohn, der Myop. Dann folgt ein 
Dialog, aus kurzen Reden und Gegenreden bestehend. Es folgt aber 
dann ein drittes Traumstück, in dem ich und meine Söhne vor- 
kommen, und für den latenten Trauminhalt sind Vater und Sohn, 
Professor M., nur Strohmänner, die mich und meinen Ältesten decken. 



*) Auch das Große, Überreiche, Übermäßige und Übertriebene der Träume 
könnte ein Kindheitscharakter sein. Das Kind kennt keinen sehnlicheren Wunsch 
als groß zu werden, von allem so viel zu bekommen wie die Großen; es ist 
schwer zu befriedigen, kennt kein Genug, verlangt unersättlich nach Wieder- 
holung dessen, was ihm gefallen oder geschmeckt hat. Maß halten, sich be- 
scheiden, resignieren lernt es erst durch die Kultur der Erziehung. Bekanntlich 
neigt auch der Neurotiker zur Maßlosigkeit und Unmäßigkeit. 



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Der Egoismus der Träume. 203 

Ich werde diesen Traum wegen einer anderen Eigentümlichkeit noch 
weiter unten behandeln. 

IV. Ein Beispiel von wirklich niedrigen egoistischen Gefühlen, 
die sich hinter zärtlicher Sorge verbergen, gibt folgender Traum: 

Mein Freund Otto schaut schlecht aus, ist braun im 
Oesichte und hat vortretende Augen. 

Otto ist mein Hausarzt, in dessen Schuld ich hoffnungslos ver- 
bleibe, weil er seit Jahren die Gesundheit meiner Kinder überwacht, 
sie erfolgreich behandelt, wenn sie erkranken, und sie überdies zu 
allen Gelegenheiten, die einen Vorwand abgeben können, beschenkt. 
Er war am Traumtage zu Besuch, und da bemerkte meine Frau, daß 
er müde und abgespannt aussehe. Nachts kömmt mein Traum und 
leiht ihm einige der Zeichen der Basedowschen Krankheit. Wer 
sich in der Traumdeutung von meinen Regeln freimacht, der wird 
diesen Traum so verstehen, daß ich um die Gesundheit meines Freun- 
des besorgt bin, und daß diese Besorgnis sich im Traume realisiert. Es 
wäre ein Widerspruch nicht nur gegen die Behauptung, daß der 
Traum eine Wunscherfüllung ist, sondern auch gegen die andere, daß 
er nur egoistischen Regungen zugänglich ist. Aber wer so deutet, 
möge mir erklären, warum ich bei Otto die Basedowsche Krank- 
heit befürchte, zu welcher Diagnose sein Aussehen auch nicht den 
leisesten Anlaß gibt? Meine Analyse liefert hingegen folgendes Ma- 
terial aus einer Begebenheit, die sich vor sechs Jahren zugetragen hat. 
Wir fuhren, eine kleine Gesellschaft, in der sich auch Professor R. 
befand, in tiefer Dunkelheit durch den Wald von N., einige Stunden 
weit von unserem Sommeraufenthalt entfernt. Der nicht ganz nüch- 
terne Kutscher warf uns mit dem Wagen einen Abhang hinunter, und 
es war noch glücklich, daß wir alle heil davon kamen. Wir waren 
aber genötigt, im nächsten Wirtshause zu übernachten, wo die Kunde 
von unserem Unfall große Sympathie für uns erweckte. Ein Herr, 
der die unverkennbaren Zeichen des Morbus Basedowii an sich trug, 
— übrigens nur Bräunung der Gesichtshaut und vortretende Augen, 
ganz wie im Traume, kein Struma — stellte sich ganz zu unserer Ver- 
fügung und fragte, was er für uns tun könne. Professor R. in seiner 
bestimmten Art antwortete: Nichts anderes, als daß Sie mir ein 
Nachthemd leihen. Darauf der Edle: Das tut mir leid, das kann ich 
nicht, und ging von dannen. 

Zur Fortsetzung der Analyse fällt mir ein, daß Basedow nicht 
nur der Name eines Arztes ist, sondern auch der eines berühmten 
Pädagogen. (Im Wachen fühle ich mich jetzt dieses Wissens nicht 
recht sicher.) Freund Otto ist aber diejenige Person, die ich gebeten 
babe, für den Fall, daß mir etwas zustößt, die körperliche Erziehung 
meiner Kinder, speziell in der Pubertätszeit (daher das Nachthemd), 
zu überwachen. Indem ich nun Freund Otto im Traume mit den 
Krankheitssymptomen jenes edlen Helfers sehe, will ich offenbar 
sagen : Wenn mir etwas zustößt, wird von ihm ebensowenig etwas für 



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204 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

die Kinder zu haben sein, wie damals von Herrn Baron L. trotz seiner 
liebenswürdigen Anerbietungen. Der egoistische Einschlag dieses 
Traumes dürfte nun wohl aufgedeckt sein*). 

Wo steckt aber hier die Wunscherfüllung? Nicht in der Rache 
an Freund Otto, dessen Schicksal es nun einmal ist, in meinen 
Träumen schlecht behandelt zu werden, sondern in folgender Be- 
ziehung. Indem ich Otto als Baron L. im Traume darstelle, habe ich 
gleichzeitig meine eigene Person mit einer anderen identifiziert, näm- 
lich mit der des Professors R, denn ich fordere ja etwas von Otto, 
wie in jener Begebenheit R. vom Baron L. gefordert hat. Und daran 
liegt es. Professor R. hat ähnlich wie ich seinen Weg außerhalb der 
Schule selbständig verfolgt und ist erst in späten Jahren zu dem 
längst verdienten Titel gelangt. Ich will also wieder einmal Professor 
werden! Ja selbst das „in späten Jahren" ist eine Wunscherfüllung, 
denn es besagt, daß ich lange genug lebe, um meine Knaben selbst 
durch die Pubertät zu geleiten. 

7) Der Prüfungstraum. 

Jeder, der mit der Maturitätsprüfung seine Gymnasialstudien 
abgeschlossen hat, klagt über die Hartnäckigkeit, mit welcher der 
Angsttraum, daß er durchfallen werde, die Klasse wiederholen müsse 
u. dgl. ihn verfolgt. Für den Besitzer eines akademischen Grades er- 
setzt sich dieser typische Traum durch einen anderen, der ihm vor- 
hält, daß er die rigorosen Prüfungen abzulegen habe, und gegen 
den er vergeblich noch im Schlafe einwendet, daß er ja schon seit 
Jahren praktiziere, Privatdozent sei oder Kanzleileiter. Es sind die 
unauslöschlichen Erinnerungen an die Strafen, die wir in der Kind- 
heit für verübte Untaten erlitten haben, die sich so an den beiden 
Knotenpunkten unserer Studien, an dem „dies irae, dies iila" der 
strengen Prüfungen in unserem Inneren wieder geregt haben. Auch 
die „Prüfungsangst" der Neurotiker findet in dieser Kinderangst ihre 
Verstärkung. Nachdem wir aufgehört haben Schüler zu sein, sind 
es nicht mehr wie zuerst die Eltern und Erzieher oder später die 
Lehrer, die unsere Bestrafung besorgen; die unerbittliche Kausal- 
verkettung des Lebens hat unsere weitere Erziehung übernommen, 
und nun träumen wir von der Matura oder von dem Rigorosum, — 
und wer hat damals nicht selbst als Gerechter gezagt? — so oft wir 
erwarten, daß der Erfolg uns bestrafen werde, weil wir etwas nicht 
recht gemacht, nicht ordentlich zu stände gebracht haben, so oft wir 
den Druck einer Verantwortung fühlen. 



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*) Als Prof. Jones in einem wissenschaftlichen Vortrag vor einer amerika- 
nischen Gesellschaft vom Egoismus der Träume sprach, erhob eine gelehrte 
Dame gegen diese unwissenschaftliche Verallgemeinerung den Einwand, der 
Autor könne doch nur über die Träume von Österreichern urteilen und dürfe 
über die Träume von Amerikanern nichts aussagen. Sie sei für ihre Person 
sicher, daß alle ihre Träume streng altruistisch seien. 



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Der Prüfungstraum. 205 

Eine weitere Aufklärung der Prüfungsträume danke ich einer 
Bemerkung von Seite eines kundigen Kollegen, der einmal in einer 
wissenschaftlichen Unterhaltung hervorhob, daß seines Wissens der 
Maturatraum nur bei Personen vorkomme, die diese Prüfung be- 
standen haben, niemals bei solchen, die an ihr gescheitert sind. Der 
ängstliche Prüfungstraum, der, wie sich immer mehr bestätigt, dann 
auftritt, wenn man vom nächsten Tage eine verantwortliche Leistung 
und die Möglichkeit einer Blamage erwartet, würde also eine Gelegen- 
heit aus der Vergangenheit herausgesucht haben, bei welcher sich die 
große Angst als unberechtigt erwies und durch den Ausgang wieder- 
legt wurde. Es wäre dies ein sehr auffälliges Beispiel von Mißver- 
ständnis des Trauminhaltes durch die wache Instanz. Die als 
Empörung gegen den Traum aufgefaßte Einrede: Aber ich bin ja 
schon Doktor u. dgl, wäre in Wirklichkeit der Trost, den der Traum 
spendet, und der also lauten würde: Fürchte dich doch nicht vor 
morgen; denke daran, welche Angst du vor der Maturitätsprüfung 
gehabt hast, und es ist dir doch nichts geschehen. Heute bist du ja 
schon Doktor usw. Die Angst aber, die wir dem Traume anrechnen, 
stammte aus den Tagesresten. 

Die Proben auf diese Erklärung, die ich bei mir und anderen 
anstellen konnte, wenngleich sie nicht zahlreich genug waren, haben 
gut gestimmt. Ich bin z. B. als Kigorosant in gerichtlicher Medizin 
durchgefallen; niemals hat dieser Gegenstand mir im Traume zu 
schaffen gemacht, während ich häufig genug in Botanik, Zoologie 
oder Chemie geprüft wurde, in welchen Fächern ich mit gut be- 
gründeter Angst zur Prüfimg gegangen, der Strafe aber durch Gunst 
des Schicksals oder des Prüfers entgangen bin. Im Gymnasialprüf ungs- 
traume werde ich regelmäßig aus Geschichte geprüft, wo ich damals 
glänzend bestanden habe, aber allerdings nur, weil mein liebens- 
würdiger Professor — der einäugige Helfer eines anderen Traumes, 
vgl. p. 13, — nicht übersehen hatte, daß auf dem Prüfungszettel, den 
ich ihm zurückgab, die mittlere von drei Fragen mit dem Fingernagel 
durchgestrichen war, zur Mahnung, daß er auf dieser Frage nicht 
bestehen solle. Einer meiner Patienten, der von der Matura zurück- 
getreten war und sie später nachgetragen hatte, dann aber bei der 
Offiziersprüfung durchgefallen und nicht Offizier geworden ist, be- 
richtet mir, daß er oft genug von der ersteren, aber nie von der 
letzteren Prüfung träumt. 

Die Prüfungsträume setzen der Deutung bereits jene Schwierig- 
keit entgegen, die ich vorhin als charakteristisch für die meisten der 
typischen Träume angegeben habe. Das Material an Assoziationen, wel- 
ches uns der Träumer zur Verfügung stellt, reicht für die Deutung 
nur selten aus. Man muß sich das bessere Verständnis solcher Träume 
aus einer größeren Reihe von Beispielen zusammentraten. Vor kurzem 
gewann ich den sicheren Eindruck, daß die Einrede : Du bist ja schon 
Doktor u. dgl. nicht nur den Trost verdeckt, sondern auch einen 



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206 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

Vorwurf andeutet. Derselbe hätte gelautet: Du bist jetzt schon so alt, 
schon so weit im Leben, und machst noch immer solche Dummheiten, 
Kindereien. Dies Gemenge von Selbstkritik und Trost würde dem 
latenten Inhalt der Prüfungsträume entsprechen. Es ist dann nicht 
weiter auffällig, wenn die Vorwürfe wegen der „Dummheiten" und 
„Kindereien" sich in den zuletzt analysierten Beispielen auf die 
Wiederholung beanständeter sexueller Akte bezogen. 



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VI. 
Die Traumarbeit 

Alle anderen bisherigen Versuche, die Traumprobleme zu er- 
ledigen, knüpften direkt an den in der Erinnerung gegebenen mani- 
festen Trauminhalt an und bemühten sich, aus diesem die Traum- 
deutung zu gewinnen, oder, wenn sie auf eine Deutung verzichteten, 
ihr Urteil über den Traum durch den Hinweis auf den Trauminhalt 
zu begründen. Nur wir allein stehen einem anderen Sachverhalt 
gegenüber; für uns schiebt sich zwischen den Trauminhalt und die 
Kesultate unserer Betrachtung ein neues psychisches Material ein: 
der durch unser Verfahren gewonnene latente Trauminhalt oder 
die Traumgedanken. Aus diesem letzteren, nicht aus dem manifesten 
Trauminhalt entwickelten wir die Lösung des Traumes. An uns tritt 
darum auch als neu eine Aufgabe heran, die es vordem nicht ge- 
geben hat. die Aufgabe, die Beziehungen des manifesten Trauminhaltes 
zu den latenten Traumgedanken zu untersuchen und nachzuspüren, 
durch welche Vorgänge aus den letzteren der erstere geworden ist 

Traumgedanken und Trauminhalt liegen vor uns wie zwei Dar- 
stellungen desselben Inhaltes in zwei verschiedenen Sprachen , oder 
besser gesagt, der Trauminhalt erscheint uns als eine Übertragung 
der Traumgedanken in eine andere Ausdrucksweise, deren Zeichen 
und Fügungsgesetze wir durch die Vergleichung von Original und 
Übersetzung kennen lernen sollen. Die Traumgedanken sind uns 
ohne weiteres verständlich, sobald wir sie erfahren haben. Der 
Trauminhalt ist gleichsam in einer Bilderschrift gegeben, deren 
Zeichen einzeln in die Sprache der Traumgedanken zu übertragen sind. 
Man würde offenbar in die Irre geführt, wenn man diese Zeichen 
nach ihrem Bilderwerte anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen 
wollte. Ich habe etwa ein Bilderrätsel (Rebus) vor mir : ein Haus, 
auf dessen Dach ein Boot zu sehen ist, dann ein einzelner Buchstabe, 
dann eine laufende Figur, deren Kopf wegapostrophiert ist u. dgl. 
Ich könnte nun in die Kritik verfallen, diese Zusammenstellung und 
deren Bestandteile für unsinnig zu erklären. Ein Boot gehört nicht 
auf das Dach eines Hauses, und eine Person ohne Kopf kann nicht 
laufen; auch ist die Person größer als das Haus, und wenn das 
Ganze eine Landschaft darstellen soll, so fügen sich die einzelnen 
Buchstaben nicht ein, die ja in freier Natur nicht vorkommen. Die 



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208 VI. Die Traumarbeit. 

richtige Beurteilung des Rebus ergibt sich offenbar erst dann, wenn 
ich gegen das ganze und die Einzelheiten desselben keine solchen 
Einsprüche erhebe, sondern mich bemühe, jedes Bild durch eine 
Silbe oder ein Wort zu ersetzen, welches nach irgend welcher Be- 
ziehung durch das Bild darstellbar ist. Die Worte, die sich so zu- 
sammenfinden, sind nicht mehr sinnlos, sondern können den schönsten 
und sinnreichsten Dichterspruch ergeben. Ein solches Bilderrätsel ist 
nun der Traum, und unsere Vorgänger auf dem Gebiete der Traum- 
deutung haben den Fehler begangen, den Rebus als zeichnerische 
Komposition zu beurteilen. Als solche erschien er ihnen unsinnig 
und wertlos. 

a) Die Verdichtungsarbeit. 

Das erste, was dem Untersucher bei der Vergleichung von 
Trauminhalt und Traumgedanken klar wird, ist, daß hier eine groß- 
artige Verdichtungsarbeit geleistet wurde. Der Traum ist knapp, 
armselig, lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur Reichhaltig- 
keit der Traumgedanken. Der Traum füllt niedergeschrieben eine 
halbe Seite; die Analyse, in der die Traumgedanken enthalten sind, 
bedarf das sechs-, acht-, zwölffache an Schriftraum. Die Relation 
ist für verschiedene Träume wechselnd; sie ändert, soweit ich es 
kontrollieren konnte, niemals ihren Sinn. In der Regel unterschätzt 
man das Maß der statthabenden Kompression, indem man die ans 
Licht gebrachten Traumgedanken für das vollständige Material hält, 
während weitere Deutungsarbeit neue, hinter dem Traume versteckte 
Gedanken enthüllen kann. Wir haben bereits anführen müssen, daß 
man eigentlich niemals sicher ist, einen Traum vollständig gedeutet 
zu haben; selbst wenn die Auflösung befriedigend und lückenlos 
erscheint, bleibt es doch immer möglich, daß sich noch ein anderer 
Sinn durch denselben Traum kundgibt Die Verdichtungsquote ist 
also — streng genommen — unbestimmbar. Man könnte gegen die 
Behauptung, daß aus dem Mißverhältnis zwischen Trauminhalt und 
Traumgedanken der Schluß zu ziehen sei, es finde eine ausgiebige 
Verdichtung des psychischen Materials bei der Traumbildung statt, 
einen Einwand geltend machen, der für den ersten Eindruck recht 
bestechend scheint. Wir haben ja so oft die Empfindung, daß wir 
sehr viel die ganze Nacht hindurch geträumt und dann das meiste 
wieder vergessen haben. Der Traum, den wir beim Erwachen erinnern, 
wäre dann bloß ein Rest der gesamten Traumarbeit, welche wohl den 
Traumgedanken an Umfang gleichkäme, wenn wir sie eben voll- 
ständig erinnern könnten. Daran ist ein Stück sicherlich richtig; man 
kann sich nicht mit der Beobachtung täuschen, daß ein Traum am 
getreuesten reproduziert wird, wenn man ihn bald nach dem Er- 
wachen zu erinnern versucht, und daß seine Erinnerung gegen den 
Abend hin immer mehr und mehr lückenhaft wird. Zum anderen Teil 
aber läßt sich erkennen, daß die Empfindung, man habe sehr viel 



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Die Verdichtungsarbeit. 209 

mehr geträumt als man reproduzieren kann, sehr häufig auf einer 
Illusion beruht, deren Entstehung späterhin erläutert werden soll. 
Die Annahme einer Verdichtung in der Traumarbeit wird überdies 
von der Möglichkeit des Traumvergessens nicht berührt, denn sie 
wird durch die Vorstellungsmassen erwiesen, die zu den einzelnen 
erhalten gebliebenen Stücken des Traumes gehören. Ist tatsächlich 
ein großes Stück des Traumes für die Erinnerung verloren gegangen, 
so bleibt uns hiedurch etwa der Zugang zu einer neuen Keüie von 
Traumgedanken versperrt. Es i3t eine durch nichts zu rechtfertigende 
Erwartung, daß die untergegangenen Traumstücke sich gleichfalls 
nur auf jene Gedanken bezogen hätten, die wir bereits aus der Analyse 
der erhalten gebliebenen kennen*). 

Angesichts der überreichen Menge von Einfällen, welche die 
Analyse zu jedem einzelnen Element des Trauminhaltes beibringt, 
wird sich bei jedem Leser der prinzipielle Zweifel regen, ob man 
denn all das, was einem bei der Analyse nachträglich einfällt, zu 
den Traumgedanken rechnen darf, d. h. annehmen darf, all diese 
Gedanken seien schon während des Schlafzustandes tätig gewesen 
und hätten an der Traumbildung mitgewirkt? Ob nicht vielmehr 
während des Analysierens neue Gedankenverbindungen entstehen, die 
an der Traumbildung unbeteiligt waren ? Ich kann diesem Zweifel nur 
bedingt beitreten. Daß einzelne Gedankenverbindungen erst während 
der Analyse entstehen, ist allerdings richtig; aber man kann sich 
jedesmal überzeugen, daß solche neue Verbindungen sich nur zwischen 
Gedanken herstellen, die schon in den Traumgedanken in anderer 
Weise verbunden sind; die neuen Verbindungen sind gleichsam Neben- 
schließungen, Kurzschlüsse, ermöglicht durch den Bestand anderer 
und tiefer liegender Verbindungswege. Für die Überzahl der bei der 
Analyse aufgedeckten Gedankenmassen muß man zugestehen, daß sie 
schon bei der Traumbildung tätig gewesen sind, denn wenn man sich 
durch eine Kette solcher Gedanken, die außer Zusammenhang mit der 
Traumbildung scheinen, durchgearbeitet hat, stößt man dann plötzlich 
auf einen Gedanken, der, im Trauminhalt vertreten, für die Traum- 
deutung unentbehrlich ist und doch nicht anders als durch jene 
Gedankenkette zugänglich war. Man vergleiche hiezu etwa den Traum 
von der botanischen Monographie, der als das Ergebnis einer er- 
staunlichen Verdichtungsleistung erscheint, wenngleich ich seine Ana- 
lyse nicht vollständig mitgeteilt habe. 

Wie soll man sich aber dann den psychischen Zustand während 
des Schlafens, der dem Träumen vorangeht, vorstellen? Bestehen alle 
die Traumgedanken nebeneinander, oder werden sie nacheinander 
durchlaufen oder werden mehrere gleichzeitige Gedankengänge von 



*) Hinweise auf die Verdichtung im Traume finden sich bei zahlreichen 
Autoren. Du Prel äußert an einer Stelle (p. 85), es sei absolut sicher, daß 
ein Verdichtungsprozeß der Vorstellungsreihe stattgefunden habe. 

Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 14 



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210 VI. Die Traumarbeit. 

verschiedenen Zentren aus gebildet, die dann zusammentreffen? Ich 
meine, es liegt noch keine Nötigung vor, sich von dem psychischen 
Zustand bei der Traumbildung eine plastische Vorstellung zu schaffen. 
Vergessen wir nur nicht, daß es sich um unbewußtes Denken handelt, 
und daß der Vorgang leicht ein anderer sein kann als der, welchen 
wir beim absichtlichen, von Bewußtsein begleiteten Nachdenken in 
uns wahrnehmen. 

Die Tatsache aber, daß die Traumbildung auf einer Verdich- 
tung beruht, steht unerschütterlich fest Wie kommt diese Verdich- 
tung nun zu stände? 

Wenn man erwägt, daß von den aufgefundenen Traumgedanken 
nur die wenigsten durch eines ihrer Vorstellungselemente im Traume 
vertreten sind, so sollte man schließen, die Verdichtung geschehe 
auf dem Wege der Auslassung, indem der Traum nicht eine 
getreuliche Übersetzung oder eine Projektion Punkt für Punkt der 
Traumgedanken, sondern eine höchst unvollständige und lückenhafte 
Wiedergabe derselben sei. Diese Einsicht ist, wie wir bald finden 
werden, eine sehr mangelhafte. Doch fußen wir zunächst auf ihr 
und fragen uns weiter: Wenn nur wenige Elemente aus den Traum- 
gedanken in den Trauminhalt gelangen, welche Bedingungen be- 
stimmen die Auswahl derselben ? 

Um hierüber Aufschluß zu bekommen, wendet man nun seine 
Aufmerksamkeit den Elementen des Trauminhaltes zu, welche die 
gesuchten Bedingungen ja erfüllt haben müssen. Ein Traum, zu 
dessen Bildung eine besonders starke Verdichtung beigetragen, wird 
für diese Untersuchung das günstigste Material sein. Ich wähle den 
auf p. 128 mitgeteilten Traum von der botanischen Monographie. 

Trauminhalt: Ich habe eine Monographie über eine 
(unbestimmt gelassene) Pflanzenart geschrieben. Das Buch 
liegt vor mir, ich blättere eben eine eingeschlagene farbige 
Tafel um. Dem Exemplar ist ein getrocknetes Spezimen der 
Pflanze beigebunden. 

Das augenfälligste Element dieses Traumes ist die botanische 
Monographie. Diese stammt aus den Eindrücken des Traumtages; 
in einem Schaufenster einer Buchhandlung hatte ich tatsächlich eine 
Monographie über die Gattung „Zyklamen" gesehen. Die Er- 
wähnung dieser Gattung fehlt im Trauminhalt, in dem nur die 
Monographie und ihre Beziehung zur Botanik übrig geblieben sind. 
Die „botanische Monographie" erweist sofort ihre Beziehung zu der 
Arbeit über Kokain, die ich einmal geschrieben habe; vom Kokain 
aus geht die Gedankenverbindung einerseits zur Pestschrift und zu 
gewissen Vorgängen in einem Universitätslaboratorium, anderseits zu 
meinem Freunde, dem Augenarzte Dr. Königstein, der an der 
Verwertung des Kokains seinen Anteil gehabt hat. An die Person 
des Dr. K knüpft sich weiter die Erinnerung an das unterbrochene 
Gespräch, das ich abends zuvor mit ihm geführt, und die vielfältigen 



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Überdeterminierung der Traumelemeiite. 211 

Gedanken über die Entlohnung ärztlicher Leistungen unter Kollegen. 
Dieses Gespräch ist nun der eigentliche aktuelle Traumerreger; die 
Monographie über Zyklamen ist gleichfalls eine Aktualität, aber in- 
differenter Natur; wie ich sehe, erweist sich die ,;botanische Mono- 
graphie" des Traumes als ein mittleres Gemeinsames zwischen 
beiden Erlebnissen des Tages, von dem indifferenten Eindruck un- 
verändert übernommen, mit dem psychisch bedeutsamen Erlebnis 
durch ausgiebigste Assoziationsverbindungen verknüpft. 

Aber nicht nur die zusammengesetzte Vorstellung „botanische 
Monographie", sondern auch jedes ihrer Elemente „botanisch" 
und „Monographie" gesondert geht durch mehrfache Verbindungen 
tiefer und tiefer in das Gewirre der Traumgedanken ein. Zu „bo- 
tanisch" gehören die Erinnerungen an die Person des Professors 
Gärtner, an seine blühende Frau, an meine Patientin, die Flora 
heißt, und an die Dame, von der ich die Geschichte mit den ver- 
gessenen Blumen erzählt habe. Gärtner führt neuerdings auf das 
Laboratorium und auf das Gespräch mit Eönigstein; in dasselbe 
Gespräch gehört die Erwähnung der beiden Patientinnen. Von der 
Frau mit den Blumen zweigt ein Gedanken weg zu den Lieblings- 
blumen meiner Frau ab, dessen anderer Ausgang im Titel der bei 
Tag flüchtig gesehenen Monographie liegt. Außerdem erinnert „bo- 
tanisch" an eine Gymnasialepisode und an ein Examen der Uni- 
versitätszeit, und ein neues in jenem Gespräche angeschlagenes Thema, 
das meiner Liebhabereien, knüpft sich durch Vermittlung meiner 
scherzhaft sogenannten Lieblingsblume, der Artischocke an die 
von den vergessenen Blumen ausgehende Gedankenkette an; hinter 
„Artischocke" steckt die Erinnerung an Italien einerseits und an eine 
Kinderszene anderseits, in der ich meine seither intim gewordenen 
Beziehungen zu Büchern eröffnet habe. „Botanisch" ist also ein 
wahrer Knotenpunkt, in welchem für den Traum zahlreiche Ge- 
dankengänge zusammentreffen, die, wie ich versichern kann, in jenem 
Gespräche mit Fug und Recht in Zusammenhang gebracht worden 
sind. Man befindet sich hier mitten in einer Gedankenfabrik, in der 
wie im Weber -Meisterstück 

„Ein Tritt tausend Fäden regt, 
Die Schiff lein herüber, hinüber schießen, 
Die Fäden ungesehen fließen, 
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt." 
„Monographie" im Traume rührt wiederum an zwei Themata, 
an die Einseitigkeit meiner Studien und an die Kostspieligkeit meiner 
Liebhabereien. 

Aus dieser ersten Untersuchung holt man sich den Eindruck, 
daß die Elemente „botanisch" und „Monographie" darum in den 
Trauminhalt Aufnahme gefunden haben, weil sie mit den meisten 
Traumgedanken die ausgiebigsten Berührungen aufweisen können, 
also Knotenpunkte darstellen, in denen sehr viele der Traum- 



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14< 

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212 VI. Die Traumarbeit. 

gedanken zusammentreffen, weil sie mit Bezug auf die Traumdeutung 
vieldeutig sind. Man kann die dieser Erklärung zu gründe liegende 
Tatsache auch anders aussprechen und dann sagen : Jedes der Elemente 
des Trauminhaltes erweist sich als überdeterminiert, als mehr- 
fach in den Traumgedanken vertreten. 

Wir erfahren mehr, wenn wir die übrigen Bestandteile des 
Traumes auf ihr Vorkommen in den Traumgedanken prüfen. Die 
farbige Tafel, die ich aufschlage, geht (vgl. die Analyse p. 131) auf 
ein neues Thema, die Kritik der Kollegen an meinen Arbeiten, und 
auf ein bereits im Traume vertretenes, meine Liebhabereien, außer- 
dem auf die Kindererinnerung, in der ich ein Buch mit farbigen 
Tafeln zerpflücke; das getrocknete Exemplar der Pflanze rührt an das 
Gymnasialerlebnis vom Herbarium und hebt diese Erinnerung be- 
sonders hervor. Ich sehe also, welcher Art die Beziehung zwischen 
Trauminhalt und Traumgedanken ist: Nicht nur die Elemente des 
Traumes sind durch die Traumgedanken mehrfach determiniert, son- 
dern die einzelnen Traumgedanken sind auch im Traume durch 
mehrere Elemente vertreten. Von einem Element des Traumes führt 
der Assoziationsweg zu mehreren Traumgedanken ; von einem Traum- 
gedanken zu mehreren Traumelementen. Die Traumbildung erfolgt 
also nicht so, daß der einzelne Traumgedanke oder eine Gruppe von 
solchen eine Abkürzung für den Trauminhalt liefert, und dann 
der nächste Traumgedanke eine nächste Abkürzung als Vertretung, 
etwa wie aus einer Bevölkerung Volksvertreter gewählt werden, 
sondern die ganze Masse der Traumgedanken unterliegt einer ge- 
wissen Bearbeitung, nach welcher die meist- und bestunterstützten 
Elemente sich für den Eintritt in den Trauminhalt herausheben, etwa 
der Wahl durch Listenskrutinium analog. Welchen Traum immer 
ich einer ähnlichen Zergliederung unterziehe, ich finde stets die 
nämlichen Grundsätze bestätigt, daß die Traumelemente aus der ganzen 
Masse der Traumgedanken gebildet werden, und daß jedes von ihnen 
in bezug auf die Traumgedanken mehrfach determiniert erscheint. 

Es ist gewiß nicht überflüssig, diese Relation von Trauminhalt 
und Traumgedanken an einem neuen Beispiel zu erweisen, welches 
sich durch besonders kunstvolle Verschlingung der wechselseitigen Be- 
ziehungen auszeichnet. Der Traum rührt von einem Patienten her, 
den ich wegen Claustrophobie (Angst in geschlossenen Räumen) be- 
handelte. Es wird sich bald ergeben, weshalb ich mich veranlaßt 
finde, diese ausnehmend geistreiche Traumleistung in folgender Weise 
zu überschreiben: 

II. „Ein schöner Traum." 

Er fährt mit großer Gesellschaft in die X-Straße, in 
der sich ein bescheidenes Einkehrwirtshaus befindet (was 
nicht richtig ist). In den Räumen desselben wird Theater ge- 
spielt; er ist bald Publikum, bald Schauspieler. Am Ende 



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rt 



Ein schöner Traum." 213 



heißt es, man müsse sich umziehen, um wieder in die Stadt 
zu kommen. Ein Teil des Personals wird in die Parterre- 
räume verwiesen, ein anderer in die des ersten Stockes. 
Dann entsteht ein Streit. Die oben ärgern sich, daß die 
unten noch nicht fertig sind, so daß sie nicht herunter kön- 
nen. Sein Bruder ist oben, er unten und er ärgert sich über 
den Bruder, daß man 90 gedrängt wird. (Diese Partie unklar.) 
Es war übrigens schon beim Ankommen bestimmt und ein- 
geteilt, wer oben und wer unten sein soll. Dann geht er allein 
über die Anhöhe, welche die X-Straße gegen die Stadt hin 
macht, und geht so schwer, so mühselig, daß er nicht von 
der Stelle kommt. Ein älterer Herr gesellt sich zu ihm und 
schimpft über den König von Italien. Am Ende der Anhöhe 
geht er dann viel leichter. 

Die Beschwerden beim Steigen waren so deutlich, daß er nach 
dem Erwachen eine Weile zweifelte, ob es Traum oder Wirklich- 
keit war. 

Dem manifesten Inhalt nach wird man diesen Traum kaum 
loben können. Die Deutung will ich regelwidrig mit jenem Stücke 
beginnen, welches vom Träumer als das deutlichste bezeichnet wurde. 

Die geträumte und wahrscheinlich im Traume verspürte Be- 
schwerde, das mühselige Steigen unter Dyspnoe, ist eines der Sym- 
ptome, die der Patient vor Jahren wirklich gezeigt hatte, und wurde 
damals im Vereine mit anderen Erscheinungen auf eine (wahrschein- 
lich hysterisch vorgetäuschte) Tuberkulose bezogen. Wir kennen be- 
reits diese dem Traume eigentümliche Sensation der Gehhemmung aus 
den Exhibitionsträumen und finden hier wieder, daß sie als ein alle- 
zeit bereit liegendes Material zu Zwecken irgend welcher anderen Dar- 
stellung verwendet wird. Das Stück des Trauminhaltes, welches be- 
schreibt, wie das Steigen anfänglich schwer war, und am Ende der 
Anhöhe leicht wurde, erinnerte mich bei der Erzählung des Traumes 
an die bekannte meisterhafte Introduktion der „Sappho" von A. Dau- 
det. Dort trägt ein junger Mann die Geliebte die Treppen hinauf, an- 
fänglich wie federleicht ; aber je weiter er steigt, desto schwerer lastet 
sie auf seinen Armen, und diese Szene ist vorbildlich für den Verlauf 
des Verhältnisses, durch dessen Schilderung Daudet die Jugend mah- 
nen will, eine ernstere Neigung nicht an Mädchen von niedriger 
Herkunft und zweifelhafter Vergangenheit zu verschwenden*). Ob- 
wohl ich wußte, daß mein Patient vor kurzem ein Liebesverhältnis 
mit einer Dame vom Theater unterhalten und gelöst hatte, erwartete 
ich doch nicht, meinen Deutungseinfall berechtigt zu finden. Auch 
war es ja in der „Sappho" umgekehrt wie im Traume; in letzterem 
war das Steigen anfänglich schwer und späterhin leicht; im Roman 



*) Man denke zur Würdigung dieser Darstellung des Dichters an die p. 262 
mitgeteilte Bedeutung der Stiegenträume. 



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214 VI. Die Traumarbeit 

diente es der Symbolik nur, wenn das, was zuerst leicht genommen 
wurde, sich am Ende als eine schwere Last erwies. Zu meinem Er- 
staunen bemerkte der Patient, die Deutung stimme sehr wohl zum 
Inhalt des Stückes, das er am Abend vorher im Theater gesehen. Das 
Stück hieß: „Rund um Wien" und behandelte den Lebenslauf eines 
Mädchens, das zuerst anständig, dann zur Demimonde übergeht, Ver- 
hältnisse mit hochstehenden Personen anknüpft, dadurch „in die 
Höhe kommt", endlich aber immer mehr „herunter kommt". Das 
Stück hatte ihn auch an ein anderes, vor Jahren gespieltes, erinnert, 
welches den Titel trug: „Von Stufe zu Stufe", und auf dessen 
Ankündigung eine aus mehreren Stufen bestehende Stiege zu 
sehen war. 

Nun die weitere Deutung. In der X-Straße hatte die Schau- 
spielerin gewohnt, mit welcher er das letzte, beziehungsreiche Ver- 
hältnis unterhalten. Ein Wirtshaus gibt es in dieser Straße nicht. 
Allein, als er der Dame zuliebe einen Teil des Sommers in Wien 
verbrachte, war er in einem kleinen Hotel in der Nähe abgestiegen. 
Beim Verlassen des Hotels sagte er dem Kutscher: „Ich bin froh, 
daß ich wenigstens kein Ungeziefer bekommen habe" (übrigens auch 
eine seiner Phobien). Der Kutscher darauf: „Wie kann man aber da 
absteigen! Das ist ja gar kein Hotel, eigentlich nur ein Einkehr- 
wirtshaus." 

An das Einkehrwirtshaus knüpft sich ihm sofort die Erinnerung 
eines Zitats: 

„Bei einem Wirte wundermild, 
Da war ich jüngst zu Gaste." 

Der Wirt im Uhlandschen Gedichte ist aber ein Apfelbaum. 

Nun setzt ein zweites Zitat die Gedankenkette fort: 

Faust (mit der Jungen tanzend). 
Einst hatt' ich einen schönen Traum; 
Da sah ich einen Apfelbaum, 
Zwei schöne Äpfel glänzten dran, 
Sie reizten mich, ich stieg hinan. 

Die Schöne. 

Der Äpfelchen begehrt ihr sehr, 
Und schon vom Paradiese her. 
Von Freuden fühl' ich mich bewegt, 
Daß auch mein Garten solche trägt. 

Es ist nicht der leiseste Zweifel möglich, was unter dem Apfel- 
baume und dem Äpfelchen gemeint ist. Ein schöner Busen stand 
auch obenan unter den Reizen, durch welche die Schauspielerin 
meinen Träumer gefesselt hatte. 

Wir hatten nach dem Zusammenhang der Analyse allen Grund 
anzunehmen, daß der Traum auf einen Eindruck aus der Kindheit 



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Die Analyse des „schönen" Traumes. 215 

zurückgehe. Wenn dies richtig war, so mußte er sich auf die Amme 
des jetzt bald fünfzigjährigen Mannes beziehen. Pur das Kind ist 
der Busen der Amme tatsächlich das Einkehrwirtshaus. Die Amme 
sowohl als die „Sappho" Daudet s erscheinen als Anspielung auf 
die vor kurzem verlassene Geliebte. 

Im Trauminhalt erscheint auch der (ältere) Bruder des Patienten, 
und zwar ist dieser oben, er selbst unten. Dies ist wieder eine 
Umkehrung des wirklichen Verhältnisses, denn der Bruder hat, 
wie mir bekannt ist, seine soziale Position verloren, mein Patient sie 
erhalten. Der Träumer vermied bei der Reproduktion des Traum- 
inhaltes zu sagen : Der Bruder sei oben, er selbst „parterre" gewesen. 
Es wäre eine zu deutliche Äußerung geworden, denn man sagt bei 
uns von einer Person, sie ist „parterre", wenn sie Vermögen und 
Stellung eingebüßt hat, also in ähnlicher Übertragung, wie man 
„heruntergekommen" gebraucht. Es muß nun einen Sinn haben, 
daß an dieser Stelle im Traume etwas umgekehrt dargestellt ist. Die 
Umkehrung muß auch für eine andere Beziehung zwischen Traum- 
gedanker. und Trauminhalt gelten. Es liegt der Hinweis darauf vor, 
wie diese Umkehrung vorzunehmen ist. Offenbar am Ende des Trau- 
mes, wo es sich mit dem Steigen wiederum umgekehrt verhält wie 
in der „Sappho". Dann ergibt sich leicht, welche Umkehrung gemeint 
ist: In der „Sappho" trägt der Mann das zu ihm in sexuellen Be- 
ziehungen stehende Weib; in den Traumgedanken handelt es sich 
also umgekehrt um ein Weib, das den Mann trägt, und da dieser 
Fall sich nur in der Kindheit ereignen kann, bezieht er sich wieder 
auf die Amme, die schwer an dem Säugling trägt. Der Schluß des 
Traumes trifft es also, die „Sappho" und die Amme in der näm- 
lichen Andeutung darzustellen. 

Wie der Name „Sappho" vom Dichter nicht ohne Beziehung 
auf eine lesbische Gewohnheit gewählt ist, so deuten die Stücke des 
Traumes, in denen Personen oben und unten beschäftigt sind, auf 
Phantasien sexuellen Inhaltes, die den Träumer beschäftigen und als 
unterdrückte Gelüste nicht außer Zusammenhang mit seiner Neurose 
stehen. Daß es Phantasien und nicht Erinnerungen der tatsächlichen 
Vorgänge sind, die so im Traume dargestellt werden, zeigt die Traum- 
deutung selbst nicht an ; dieselbe liefert uns nur einen Gedankeninhalt 
und überläßt es uns, dessen Realitätswert festzustellen. Wirkliche 
und phantasierte Begebenheiten erscheinen hier — und nicht nur 
hier, auch bei der Schöpfung wichtigerer psychischer Gebilde als 
der Träume — zunächst als gleichwertig. Große Gesellschaft be- 
deutet, wie wir bereits wissen, Geheimnis. Der Bruder ist nichts an- 
deres, als der in die Kindheitsszene durch „Zurückphantasieren" 
eingetragene Vertreter aller späteren Nebenbuhler beim Weibe. Die 
Episode von dem Herrn, der auf den König von Italien schimpft, be- 
zieht sich durch Vermittlung eines rezenten und an sich gleichgültigen 
Erlebnisses wiederum auf das Eindrängen von Personen niederen 



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216 VI. Die Traumarbeit 

Standes in höhere Gesellschaft. Es ist, als ob der Warnung, welche 
Daudet dem Jüngling erteilt, eine ähnliche für das säugende Kind 
gültige, an die Seite gestellt werden sollte*). 

Um ein drittes Beispiel für das Studium der Verdichtung bei der 
Traumbildung bereit zu haben, teile ich die partielle Analyse eines 
anderen Traumes mit, den ich einer älteren, in psychoanalytischer 
Behandlung stehenden Dame verdanke. Den schweren Angstzuständen 
entsprechend, an denen die Kranke litt, enthielten ihre Träume über- 
reichlich sexuelles Gedankenmaterial, dessen Kenntnisnahme sie an- 
fangs ebenso sehr überraschte wie erschreckte. Da ich die Traum- 
deutung nicht bis ans Ende führen kann, scheint das Traummaterial 
in mehrere Gruppen ohne sichtbaren Zusammenhang zu zerfallen. 

m. Trauminhalt: Sie besinnt sich, daß sie zwei Mai- 
käfer in einer Schachtel hat, denen sie die Freiheit geben 
muß, weil sie sonst ersticken. Sie öffnet die Schachtel, die 
Käfer sind ganz matt; einer fliegt zum geöffneten Fenster 
heraus, der andere aber wird vom Fensterflügel zerquetscht, 
während sie das Fenster schließt, wie irgend jemand von 
ihr verlangt (Äußerungen des Ekels). 

Analyse: Ihr Mann ist verreist, die vierzehnjährige Tochter 
schläft im Bette neben ihr. Die Kleine macht sie am Abend auf- 
merksam, daß eine Motte in ihr Wasserglas gefallen ist; sie versäumt 
es aber, sie herauszuholen, und bedauert das arme Tierchen am 
Morgen. In ihrer Abendlektüre war erzählt, wie Buben eine Katze 
in siedendes Wasser werfen, und die Zuckungen des Tieres ge- 
schildert. Dies sind die beiden an sich gleichgültigen Traumanlässe. 
Das Thema von der Grausamkeit gegen Tiere beschäftigt sie 
weiter. Ihre Tochter war vor Jahren, als sie in einer gewissen Ge- 
gend zum Sommer wohnten, sehr grausam gegen das Getier. Sie legte 
sich eine Schmetterlingsammlung an und verlangte von ihr Arsenik 
zur Tötung der Schmetterlinge. Einmal kam es vor, daß ein Nacht- 
falter mit der Nadel durch den Leib noch lange im Zimmer herum- 
flog; ein andermal fanden sich einige Raupen, die zur Verpuppung 
aufbewahrt wurden, verhungert. Dasselbe Kind pflegte in noch zarte- 
rem Alter Käfern und Schmetterlingen die Flügel auszureißen; heute 
würde sie vor all diesen grausamen Handlungen zurückschrecken; 
sie ist sehr gutmütig geworden. 

Dieser Widerspruch beschäftigt sie. Er erinnert an einen an- 
deren Widerspruch, den zwischen Aussehen und Gesinnung, wie er 
in Adam Bede von der Eliot dargestellt ist. Ein schönes, aber 

*) Die phantastische Natur der auf die Amme des Träumers bezüglichen 
Situation wird durch den objektiv erhobenen Umstand erwiesen, daß die Amme 
in diesem Falle die Mutter war. Ich erinnere übrigens an das auf p. 155 er- 
wähnte Bedauern des jungen Mannes der Anekdote, die Situation bei seiner 
Amiae nicht besser ausgenutzt zu haben, welches wohl die Quelle dieses Trau- 
mes ist. 



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Der Eftfertraum. 217 

eitles und ganz dummes Mädchen, daneben ein häßliches, aber edles. 
Der Aristokrat, der das Gänschen verführt; der Arbeiter, der 
adelig fühlt und sich ebenso benimmt Man kann das den Leuten 
nicht ansehen. Wer würde ihr ansehen, daß sie von sinnlichen 
Wünschen geplagt wird? 

In demselben Jahre, als die Kleine ihre Schmetterlingsammlung 
anlegte, litt die Gegend arg unter der Maikäferplage. Die Kinder 
wüteten gegen die Käfer, zerquetschten sie grausam. Sie hat da- 
mals einen Menschen gesehen, der den Maikäfern die Flügel ausriß 
und die Leiber dann verspeiste. Sie selbst ist im Mai geboren, hat 
auch im Mai geheiratet. Drei Tage nach der Hochzeit schrieb sie 
den Eltern einen Brief nach Hause, wie glücklich sie sei. Sie war 
es aber keineswegs. 

Am Abend vor dem Traume hatte sie in alten Briefen gekramt 
und verschiedene ernste und komische Briefe den Ihrigen vorgelesen, 
so einen höchst lächerlichen Brief eines Klavierlehrers, der ihr als 
Mädchen den Hof gemacht hatte, auch den eines aristokratischen 
Verehrers*). 

Sie macht sich Vorwürfe, daß eine ihrer Töchter ein schlechtes 
Buch von Maupassant in die Hand bekommen**). Der Arsenik, 
den ihre Kleine verlangt, erinnert sie an die Arsenikpillen, die 
dem Duc de Mora im Nabab die Jugendkraft wiedergeben. 

Zu „Freiheit geben" fällt ihr die Stelle aus der Zauberflöte ein : 
„Zur Liebe kann ich dich nicht zwingen, 
Doch geV ich dir die Freiheit nicht." 

Zu den „Maikäfern" noch die Rede des Käthchens***): 
„Verliebt ja bist du wie ein Käfer mir." 

Dazwischen Tannhäuser: „Weil du von böser Lust beseelt — " 

Sie lebt in Angst und Sorge um den abwesenden Mann. Die 
Furcht, daß ihm auf der Reise etwas zustoße, äußert sich in zahl- 
reichen Phantasien des Tages. Kurz vorher hatte sie in ihren un- 
bewußten Gedanken während der Analyse eine Klage über seine 
„Greisenhaftigkeit" gefunden. Der Wunschgedanke, welchen dieser 
Traum verhüllt, läßt sich vielleicht am besten erraten, wenn ich er- 
zähle, daß sie mehrere Tage vor dem Traume plötzlich mitten in 
ihren Beschäftigungen durch den gegen ihren Mann gerichteten Im- 
perativ erschreckt wurde: Häng' dich auf. Es ergab sich, daß sie 
einige Stunden vorher irgendwo gelesen hatte, beim Erhängen stelle 
sich eine kräftige Erektion ein. Es war der Wunsch nach dieser 
Erektion, der in dieser schreckenerregenden Verkleidung aus der 

*) Dies ist der eigentliche Traumerreger. 
•*) Zu ergänzen: Solche Lektüre sei Gift für ein junges Mädchen. Sie 
selbst hat in ihrer Jugend viel aus verbotenen Büchern geschöpft. 

***) Ein weiterer Gedankengang führt zur Penthesileia desselben Dich- 
ters: Grausamkeit gegen den Geliebten. 



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218 VI. Die Traumarbeit. 

Verdrängung wiederkehrte. „Häng' dich auf," besagte soviel als 
„Verschaff dir eine Erektion um jeden Preis." Die Arsenikpillen 
des Dr. Jenkins im Nabab gehören hieher; es war der Patientin 
aber auch bekannt, daß man das stärkste Aphrodisiakum, Kantha- 
riden, durch Zerquetschen von Käfern bereitet (sogenannte spa- 
nische Fliegen). Auf diesen Sinn zielt der Hauptbestandteil des 
Trauminhaltes. 

Das Pen st er öffnen und -schließen ist eine der ständigen Diffe- 
renzen mit ihrem Manne. Sie selbst schläft aerophil, ihr Mann aero- 
phob. Die Mattigkeit ist das Hauptsymptom, über das sie in diesen 
Tagen zu klagen gehabt hat. 

In allen drei hier mitgeteilten Träumen habe ich durch die 
Schrift hervorgehoben, wo eines der Traumelemjente in den Traum- 
gedanken wiederkehrt, um die mehrfache Beziehung der ersteren 
augenfällig zu machen. Da aber für keinen dieser Träume die Ana- 
lyse bis ans Ende geführt ist, verlohnt es sich wohl, auf einen Traum 
mit ausführlicher mitgeteilter Analyse einzugehen, um die Über- 
determinierung des Trauminhaltes an ihm zu erweisen. Ich wähle 
hiefür den Traum von Irmas Injektion. Wir werden an diesem Bei- 
spiel mühelos erkennen, daß die Verdichtungsarbeit bei der Traum- 
bildung sich mehr als nur eines Mittels bedient. 

Die Hauptperson des Trauminhaltes ist die Patientin Irma, die 
mit den ihr im Leben zukommenden Zügen gesehen wurde und also 
zunächst sich selbst darstellt Die Stellung aber, in welcher ich sie 
beim Fenster untersuche, ist von einer Erinnerung an eine andere 
Person hergenommen, von jener Dame, mit der ich meine Patientin 
vertauschen möchte, wie die Traumgedanken zeigen. Insofern Irma 
einen diphtheritischen Belag erkennen läßt, bei dem die Sorge um 
meine älteste Tochter erinnert wird, gelangt sie zur Darstellung die- 
ses meines Kindes, hinter welchem, durch die Namensgleichheit mit 
ihr verknüpft, sich die Person einer durch Intoxikation verlorenen 
Patientin verbirgt. Im weiteren Verlaufe des Traumes wandelt sich 
die Bedeutung von Irmas Persönlichkeit (ohne daß ihr im Traume 
gesehenes Bild sich änderte); sie wird zu einem der Kinder, die wir 
in der öffentlichen Ordination des Kinderkrankeninstitutes unter- 
suchen, wobei meine Freunde die Verschiedenheit ihrer geistigen An- 
lagen erweisen. Der Übergang wurde offenbar durch die Vorstellung 
meiner kindlichen Tochter vermittelt. Durch das Sträuben beim Mund- 
öffnen wird dieselbe Irma zur Anspielung auf eine andere, einmal von 
mir untersuchte Dame, ferner in demselben Zusammenhang auf meine 
eigene Frau. In den krankhaften Veränderungen, die ich in ihrem 
Halse entdecke, habe ich überdies Anspielungen auf eine ganze 
Beihe von noch anderen Personen zusammengetragen. 

All diese Personen, auf die ich bei der Verfolgung von „Irma" 
gerate, treten im Traume nicht leibhaftig auf; sie verbergen sich 
hinter der Traumperson „Irma", welche so zu einem Sammelbild mit 



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Sammelpersonen und Mischpersonen. 219 

allerdings widerspruchsvollen Zügen ausgestaltet wird. Irma wird 
zur Vertreterin dieser anderen, bei der Verdichtungsarbeit hinge- 
opferten Personen, indem ich an ihr all das vorgehen lasse, was mich 
Zug für Zug an diese Personen erinnert. 

Ich kann mir eine Sammelperson auch auf andere Weise für 
die Traumverdichtung herstellen, indem ich aktuelle Züge zweier oder 
mehrerer Personen zu einem Traumbilde vereinige. Solcher Art ist 
der Dr. M. meines Traumes entstanden, er trägt den Namen des 
Dr. M„ spricht und handelt wie er; seine leibliche Charakteristik 
und sein Leiden sind die einer anderen Person, meines ältesten 
Bruders; ein einziger Zug, das blasse Aussehen, ist doppelt deter- 
miniert, indem er in der Kealität beiden Personen gemeinsam ist. 
Eine ähnliche Mischperson ist der Dr. R. meines Onkeltraumes. Hier 
aber ist das Traumbild noch auf andere Weise bereitet. Ich habe 
nicht Züge, die dem einen eigen sind, mit Zügen des anderen vereinigt 
und dafür das Erinnerungsbild jedes einen um gewisse Züge ver- 
kürzt, sondern ich habe das Verfahren eingeschlagen, nach welchem 
Galton seine Familienporträts erzeugt, nämlich beide Bilder aufein- 
ander projiziert, wobei die gemeinsamen Züge verstärkt hervortreten, 
die nicht zusammenstimmenden einander auslöschen und im Bilde 
undeutlich werden. Im Onkeltraume hebt sich so als verstärkter Zug 
aus der zwei Personen gehörigen und darum verschwommenen Phy- 
siognomie der blonde Bart hervor, der überdies eine Anspielung 
auf meinen Vater und auf mich enthält, vermittelt durch die Be- 
ziehung zum Ergrauen. 

Die Herstellung von Sammel- und Mischpersonen ist eines der 
Hauptarbeitsmittel der Traumverdichtung. Es wird sich bald der 
Anlaß ergeben, sie in einem anderen Zusammenhange zu behandeln. 

Der Einfall „Dysenterie" im Injektionstraume ist gleichfalls 
mehrfach determiniert, einerseits durch den paraphrasischen Gleich- 
klang mit Diphtherie, anderseits durch die Beziehung auf den von mir 
in den Orient geschickten Patienten, dessen Hysterie verkannt wird. 

Als ein interessanter Fall von Verdichtung erweist sich auch 
die Erwähnung von „Propylen" im Traume. In den Traum- 
gedanken war nicht „Propylen", sondern „Amylen" enthalten. 
Man könnte meinen, daß hier eine einfache Verschiebung bei der 
Traumbildung Platz gegriffen hat. So ist es auch, allein diese Ver- 
schiebung dient den Zwecken der Verdichtung, wie folgender Nach- 
trag zur Traumanalyse zeigt. Wenn meine Aufmerksamkeit bei dem 
Worte „Propylen" noch einen Moment haltmacht, so fällt mir der 
Gleichklang mit dem Worte „Propyläen" ein. Die Propyläen be- 
finden sich aber nicht nur in Athen, sondern auch in München. In 
dieser Stadt habe ich ein Jahr vor dem Traume meinen damals 
schwerkranken Freund aufgesucht, dessen Erwähnung durch das bald 
auf Propylen folgende Trimethylamin des Traumes unverkenn- 
bar wird. 



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220 VI. Die Traumarbeit, 

Ich gehe über den auffälligen Umstand hinweg, daß hier und 
anderswo bei der Traumanalyse Assoziationen von der verschieden- 
sten Wertigkeit, wie gleichwertig zur Gedankenverbindung benutzt 
werden, und gebe der Versuchung nach, mir den Vorgang bei der 
Ersetzung von Amylen in den Traumgedanken durch rropylen in 
dem Trauminhalt gleichsam plastisch vorzustellen. 

Hier befinde sich die Vorstellungsgruppe meines Freundes Otto, 
der mich nicht versteht, mir unrecht gibt und mir nach Amylen 
duftenden Likör schenkt ; dort durch Gegensatz verbunden die meines 
Freundes Wilhelm, der mich versteht, mir recht geben würde, und 
dem ich so viel wertvolle Mitteilungen, auch über die Chemie der 
Sexualvorgänge, verdanke. 

Was aus der Gruppe Otto meine Aufmerksamkeit besonders er- 
regen soll, ist durch die rezenten, den Traum erregenden Anlässe be- 
stimmt; das Amylen gehört zu diesen ausgezeichneten, für den 
Trauminhalt prädestinierten Elementen. Die reiche Vorstellungs- 
gruppe „Wilhelm" wird geradezu durch den Gegensatz zu Otto be- 
lebt und die Elemente in ihr hervorgehoben, welche an die bereits 
erregten in Otto anklingen. In diesem ganzen Traume rekurriere ich 
ja von einer Person, die mein Mißfallen erregt, auf eine andere, die 
ich ihr nach Wunsch entgegenstellen kann, rufe ich Zug für Zug den 
Freund gegen den Widersacher auf. So erweckt das Amylen bei Otto 
auch in der anderen Gruppe Erinnerungen aus dem Kreise der 
Chemie; das Trimethylamin, von mehreren Seiten her unterstützt, 
gelangt in den Trauminhalt. Auch „Amylen" könnte un verwandelt 
in den Trauminhalt kommen, es unterliegt aber der Einwirkung der 
Gruppe „Wilhelm", indem aus dem ganzen Erinnerungsumfang, den 
dieser Name deckt, ein Element hervorgesucht wird, welches eine 
doppelte Determinierung für Amylen ergeben kann. In der Nähe 
von Amylen liegt für die Assoziation „Propylen"; aus dem Kreise 
„Wilhelm" kommt ihm München mit den Propyläen entgegen. In 
Propylen-Propyläen treffen beide Vorstellungskreise zusammen. 
Wie durch einen Kompromiß gelangt dieses mittlere Element dann 
in den Trauminhalt. Es ist hier ein mittleres Gemeinsames ge- 
schaffen worden, welches mehrfache Determinierung zuläßt. Wir 
greifen so mit Händen, daß die mehrfache Determinierung da3 Durch- 
dringen in den Trauminhalt erleichtern muß. Zum Zwecke dieser 
Mittelbildung ist unbedenklich eine Verschiebung der Aufmerksamkeit 
von dem eigentlich Gemeinten zu einem in der Assoziation nahe 
Liegenden vorgenommen worden. 

Das Studium des Injektionstraumes gestattet uns bereits einige 
Übersicht über die Verdichtungsvorgänge bei der Traumbildung zu 
gewinnen. Wir konnten die Auswahl der mehrfach in den Traum- 
gedanken vorkommenden Elemente, die Bildung neuer Einheiten 
(Sammelpersonen, Mischgebilde) und die Herstellung von mittleren 
Gemeinsamen als Einzelheiten der Verdichtungsarbeit erkennen. Wozu 



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Wort- und Namenverdichtungen. 221 

die Verdichtung dient und wodurch sie gefordert wird, werden wir 
uns erst fragen, wenn wir die psychischen Vorgänge bei der Traum- 
bildung im Zusammenhange erfassen wollen. Begnügen wir uns jetzt 
mit der Feststellung der Traumverdichtung als einer bemerkens- 
werten Relation zwischen Traumgedanken und Trauminhalt. 

Am greifbarsten wird die Verdichtungsarbeit des Traumes, wenn 
sie Worte und Namen zu ihren Objekten gewählt hat. Worte werden 
vom Traume überhaupt häufig wie Dinge behandelt und erfahren 
dann dieselben Zusammensetzungen, Verschiebungen, Ersetzungen und 
also auch Verdichtungen wie die Dingvorstellungen. Komische und 
seltsame Wortschöpfungen sind das Ergebnis solcher Träume. Als 
mir einmal ein Kollege einen von ihm verfaßten Aufsatz überschickte, 
in welchem eine physiologische Entdeckung der Neuzeit nach meinem 
Urteil überschätzt und vor allem in überschwenglichen Ausdrücken 
abgehandelt war, da träumte ich die nächste Nacht einen Satz, der 
sich offenbar auf diese Abhandlung bezog: „Das ist ein wahrhaft 
norekdaler Stil." Die Auflösung des Wortgebildes bereitete mir an- 
fänglich Schwierigkeiten; es war nicht zweifelhaft, daß es den Su- 
perlativen „kolossal, pyramidal" parodistisch nachgeschaffen war; 
aber woher es stammte, war nicht leicht zu sagen. Endlich zerfiel mir 
das Ungetüm in die beiden Namen Nora und Ekdal aus zwei be- 
kannten Schauspielen von Ibsen. Von demselben Autor, dessen 
letztes Opus ich im Traume also kritisierte, hatte ich vorher einen 
Zeitungsaufsatz über Ibsen gelesen. 

IL Eine meiner Patientinnen teilt mir einen kurzen Traum mit, 
der in eine unsinnige Wortkombination ausläuft. Sie befindet sich 
mit ihrem Manne bei einer Bauernfestlichkeit und sagt dann: Das 
wird in einen allgemeinen „Maistollmütz" ausgehen. Dabei im 
Traume der dunkle Gedanke, das sei eine Mehlspeise aus Mais, eine 
Art Polen ta. Die Analyse zerlegt das Wort in Mais — toll — manns- 
toll — Olmütz, welche Stücke sich sämtlich als Reste einer Kon- 
versation bei Tisch mit ihren Verwandten erkennen lassen. Hinter 
Mais verbargen sich außer der Anspielung auf die eben eröffnete 
Jubiläumsausstellung die Worte: Meißen (eine Meißner Porzellan- 
figur, die einen Vogel darstellt), Miß (die Engländerin ihrer Ver- 
wandten war nach Olmütz gereist), mies = ekel, übel im scherz- 
haft gebrauchten jüdischen Jargon, und eine lange Kette von Ge- 
danken und Anknüpfungen ging von jeder der Silben des Wort- 
klumpens ab. 

111. Ein junger Mann, bei dem ein Bekannter spät abends an- 
geläutet hat, um eine Besuchskarte abzugeben, träumt in der darauf- 
folgenden Nacht: Ein Geschäftsmann wartet spät abends, um 
den Zimmertelegraphen zu richten. Nachdem er weggegan- 
gen ist, läutet es noch immer nicht kontinuierlich, son- 
dern nur in einzelnen Schlägen. Der Diener holt den Mann 
wieder, und der sagt: Es ist doch merkwürdig, daß auch 



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222 VI. Die Traumarbeit 

Leute, die sonst tutelrein sind, solche Angelegenheiten nicht 
zu behandeln verstehen. 

Der indifferente Traumanlaß deckt, wie man sieht, nur eines 
der Elemente des Traumes. Zur Bedeutung ist er überhaupt nur ge- 
kommen, indem er sich an ein früheres Erlebnis des Träumers an- 
gereiht hat, das, an sich auch gleichgültig, von seiner Phantasie mit 
stellvertretender Bedeutung ausgestattet wurde. Als Knabe, der mit 
seinem Vater wohnte, schüttete er einmal schlaftrunken ein Glas 
Wasser auf den Boden, so daß das Kabel des Zimmertelegraphen 
durchtränkt wurde, und das kontinuierliche Läuten den Vater 
im Schlafe störte. Da das kontinuierliche Läuten dem Naßwerden \ 
entspricht, so werden dann „einzelne Schläge" zur Darstellung 
des Tropfenfallens verwendet. Das Wort „tutelrein" zerlegt sich 
aber nach drei Eichtungen und zielt damit auf drei der in den 
Traumgedanken vertretenen Materien: „Tutel" = Kuratel bedeutet 
Vormundschaft; Tutel (vielleicht „Tuttel") ist eine vulgäre Be- 
zeichnung der weiblichen Brust, und der Bestandteil „rein" über- 
nimmt die ersten Silben des Zimmertelegraphen, um „Zimmerrein" 
zu bilden, was mit dem Naßmachen des Fußbodens viel zu tun hat 
und überdies an einen der in der Familie des Träumers vertretenen 
Namen anklingt*). 

IV. In einem längeren wüsten Traume von mir, der eine 
Schiffsreise zum scheinbaren Mittelpunkte hat, kommt es vor, daß 
die nächste Station Hearsing heißt, die nächst weitere aber Fließ. 
Letzteres ist der Name meines Freundes in B., der oft das Ziel 
meiner Reise gewesen ist. Hearsing aber ist kombiniert aus den 
Ortsnamen unserer Wiener Lokalstrecke, die so häufig auf ing aus- 
gehen: Hietzing, Liesing, Mödling (Medelitz, „meae deliciae" 
der alte Name, also „meine Freud'") und dem englischen Hear- 

*) Die nämliche Zerlegung und Zusammensetzung der Silben — eine wahre 
Silbenchemie — dient uns im Wachen zu mannigfachen Scherzen. „Wie ge- 
winnt man auf die billigste Art Silber? Man begibt sich in eine Allee, in der 
Silberpappeln stehen, gebietet Schweigen, dann hört das , Pappeln' (Schwätzen) 
auf, und das Silber wird frei/' Der erste Leser und Kritiker dieses Buches hat 
mir den Einwand gemacht, den die späteren wahrscheinlich wiederholen werden, 
„daß der Träumer oft zu witzig erscheine". Das ist richtig, solange es nur 
auf den Träumer bezogen wird, involviert einen Vorwurf nur dann, wenn es auf 
den Traumdeuter übergreifen soll. In der wachen Wirklichkeit kann ich wenig 
Anspruch auf das Prädikat „witzig" erheben; wenn meine Träume witzig er- 
scheinen, so liegt es nicht an meiner Person, sondern an den eigentümlichen 
psychologischen Bedingungen, unter denen der Traum gearbeitet wird, und 
hängt mit der Theorie des Witzigen und Komischen intim zusammen. Der Traum 
wird witzig, weil ihm der gerade und nächste Weg zum Ausdruck seiner Gedanken 
gesperrt wird; er wird es notgedrungen. Die Leser können sich überzeugen, 
daß die Träume meiner Patienten den Eindruck des Witzigen (Witzelnden) im 
selben und im höheren Grade machen wie die meinen. Immerhin gab mir dieser 
Vorwurf Anlaß, die Technik des Witzes mit der Traumarbeit zu vergleichen, was 
in dem 1905 veröffentlichten Buche „Der Witz und seine Beziehung zum Unbe- 
wußten" geschehen ist (2. Aufl. 1912). 



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Wortneubildungen. 223 

say = Hörensagen, was auf Verleumdung deutet und die Beziehung 
zu dem indifferenten Traumerreger des Tages herstellt, einem Ge- 
dichte in den „Fliegenden Blättern" von einem verleumderischen 
Zwerge, „Sagter Hatergesagt". Durch Beziehung der Endsilbe „ing" 
zum Namen Fließ gewinnt man „Vlissingen", wirklich die Sta- 
tion der Seereise, die mein Bruder berührt, wenn er von England 
zu uns auf Besuch kommt Der englische Name von Vlissingen 
lautet aber Flushing, was in englischer Sprache Erröten bedeutet 
und an die Patienten mit „Errötensanffst" mahnt, die ich behandle, 
auch an eine rezente Publikation Bechterews über diese Neurose, 
die mir Anlaß zu ärgerlichen Empfindungen gegeben hat. 

V. Ein anderes Mal habe ich einen Traum, der aus zwei ge- 
sonderten Stücken besteht. Das erste ist das lebhaft erinnerte Wort 
„Autodidasker", das andere deckt sich getreu mit einer vor Tagen 
produzierten, kurzen und harmlosen Phantasie des Inhaltes, daß ich 
dem Professor N., wenn ich ihn nächstens sehe, sagen muß: „Der 
Patient, über dessen Zustand ich Sie zuletzt konsultiert habe, leidet 
wirklich nur an einer Neurose, ganz wie Sie vermutet haben. " Das 
neugebildete „Autodidasker" hat nun nicht nur der Anforderung 
zu genügen, daß es komprimierten Sinn enthält oder vertritt, es soll 
auch dieser Sinn in gutem Zusammenhange mit meinem aus dem 
Wachen wiederholten Vorsatze stehen, dem Professor N. jene Genug- 
tuung zu geben. 

Nun zerlegt sich Autodidasker leicht in Autor, Auto- 
didakt und Lasker, an den sich der Name Lassalle schließt. 
Die ersten dieser Worte führen zu der — dieses Mal bedeutsamen 
— Veranlassung des Traumes. Ich hatte meiner Frau mehrere Bände 
eines bekannten Autors mitgebracht, mit dem mein Bruder befreundet 
ist, und der, wie ich erfahren habe, aus demselben Orte stammt wie 
ich (J. J. David). Eines Abends sprach sie mit mir über den tiefen 
Eindruck, den ihr die ergreifend traurige Geschichte eines verkomme- 
nen Talentes in einer der David sehen Novellen gemacht hatte, und 
unsere Unterhaltung wendete sich darauf den Spuren von Begabung 
zu, die wir an unseren eigenen Kindern wahrnehmen. Unter der 
Herrschaft des eben Gelesenen äußerte sie eine Besorgnis, die sich 
auf die Kinder bezog, und ich tröstete sie mit der Bemerkung, daß 
gerade solche Gefahren durch die Erziehung abgewendet werden 
können. In der Nacht ging mein Gedankengang weiter, nahm die 
Besorgnisse meiner Frau auf und verwob allerlei anderes damit. Eine 
Äußerung, die der Dichter gegen meinen Bruder in bezug auf das 
Heiraten getan hatte, zeigte meinen Gedanken einen Nebenweg, der 
zur Darstellung im Traume führen konnte. Dieser Weg leitete nach 
Breslau, wohin eine uns sehr befreundete Dame geheiratet hatte. Für 
die Besorgnis, am Weibe zu gründe zu gehen, die den Kern meiner 
Traumgedanken bildete, fand ich in Breslau, die Exempel Lasker 
und Lassalle auf, die mir gleichzeitig die beiden Arten dieser Be- 



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224 VI. Die Traumarbeit. 

einflussimg zum Unheil darzustellen gestatteten*). Das „Cherchez 
la femme", in dem sich diese Gedanken zusammenfassen lassen, 
bringt mich in anderem Sinne auf meinen noch unverheirateten 
Bruder, der Alexander heißt. Nun merke ich, daß Alex, wie wir 
den Namen abkürzen, fast wie eine Umstellung von Las k er klingt, 
und daß dieses Moment mitgewirkt haben muß, meinen Gedanken 
die Umwegrichtung über Breslau mitzuteilen. 

Die Spielerei mit Namen und Silben, die ich hier treibe, ent- 
hält aber noch einen weiteren Sinn. Sie vertritt den Wunsch eines 
glücklichen Familienlebens für meinen Bruder, und zwar auf fol- 
gendem Wege. In dem Künstlerromen L'oeuvre, der meinen Traum- 
gedanken inhaltlich nahe liegen mußte, hat der Dichter bekanntlich 
sich selbst und sein eigenes Familienglück episodisch mitgeschildert 
und tritt darin unter dem Namen Sandoz auf. Wahrscheinlich hat 
er bei der Namensverwandlung folgenden Weg eingeschlagen. Zola 
gibt umgekehrt (wie die Kinder so gern zu tun pflegen) Aloz. Das 
war ihm wohl noch zu unverhüllt; darum ersetzte sich ihm die 
Silbe AI, die auch den Namen Alexander einleitet, durch die dritte 
Silbe desselben Namens sand, und so kam Sandoz zu stände. So 
ähnlich entstand also auch mein Autodidasker. 

Meine Phantasie, daß ich Professor N. erzähle, der von uns 
beiden gesehene Kranke leide nur an einer Neurose, ist auf folgende 
Weise in den Traum gekommen. Kurz vor Schluß meines Arbeits- 
jahres bekam ich einen Patienten, bei dem mich meine Diagnostik im 
Stiche ließ. Es war ein schweres organisches Leiden, vielleicht eine 
Rückenmarksveränderung, anzunehmen, aber nicht zu beweisen. Eine 
Neurose zu diagnostizieren wäre verlockend gewesen und hätte allen 
Schwierigkeiten ein Ende bereitet, wenn nicht die sexuelle Anamnese, 
ohne die ich keine Neurose anerkennen will, vom Kranken so ener- 
gisch in Abrede gestellt worden wäre. In meiner Verlegenheit rief 
ich den Arzt zur Hilfe, den ich menschlich am meisten verehre (wie 
andere auch), und vor dessen Autorität ich mich am ehesten beuge. 
Er hörte meine Zweifel an, hieß sie berechtigt und meinte dann: 
„Beobachten Sie den Mann weiter, es wird eine Neurose sein." Da 
ich weiß, daß er meine Ansichten über die Ätiologie der Neurosen 
nicht teilt, hielt ich meinen Widerspruch zurück, verbarg aber nicht 
meinen Unglauben. Einige Tage später machte ich dem Kranken 
die Mitteilung, daß ich mit ihm nichts anzufangen wisse, und riet 
ihm, sich an einen anderen zu wenden. Da begann er zu meiner 
höchsten Überraschung, mich um Verzeihung zu bitten, daß er mich 
belogen habe; er habe sich so sehr geschämt, und nun enthüllte er 
mir gerade das Stück sexueller Ätiologie, das ich erwartet hatte, 



*) Lasker starb an progressiver Paralyse, also an den Folgen der beim 
Weibe erworbenen Infektion (Lues); Lassalle, wie bekannt, im Duell wegen 
einer Dame. 



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Wortneubildungen. 225 

und dessen ich zur Annahme einer Neurose bedurfte. Mir war es 
eine Erleichterung, aber auch gleichzeitig eine Beschämung; ich 
mußte mir zugestehen, daß mein Konsiliarius, durch die Berücksichti- 
gung der Anamnese unbeirrt, richtiger gesehen hatte. Ich nahm mir 
vor, es ihm zu sagen, wenn ich ihn wiedersehe, ihm zu sagen, daß 
er recht gehabt habe und ich unrecht. 

Gerade dies tue ich nun im Traume. Aber was für Wunsch- 
erfüllung soll es denn sein, wenn ich bekenne, daß ich unrecht habe? 
Gerade das ist mein Wunsch; ich möchte unrecht haben mit meinen 
Befürchtungen, respektive ich möchte, daß meine Frau, deren Be- 
fürchtungen ich in den Traumgedanken mir angeeignet habe, un- 
recht behält. Das Thema, auf welches sich das Recht- oder Unrecht- 
behalten im Traume bezieht, ist von dem für die Traumgedanken 
wirklich Interessanten nicht weitab gelegen. Dieselbe Alternative 
der organischen oder der funktionellen Schädigung durch das Weib, 
eigentlich durch das Sexualleben: Tabesparalyse oder Neurose, an 
welch letztere sich die Art des Unterganges von Lassalle lockerer anreiht. 

Professor N. spielt in diesem festgefügten (und bei sorgfältiger 
Deutimg ganz durchsichtigen) Traume nicht nur wegen dieser Ana- 
logie und wegen meines Wunsches, unrecht zu behalten, eine Rolle 

— auch nicht wegen seiner nebenher gehenden Beziehungen zu 
Breslau und zur Familie unserer dorthin verheirateten Freundin — , 
sondern auch wegen folgender kleinen Begebenheit, die sich an un- 
sere Konsultation anschloß. Nachdem er mit jener Vermutung die 
ärztliche Aufgabe erledigt hatte, wandte sich sein Interesse per- 
sönlichen Dingen zu. „Wieviel Kinder haben Sie jetzt?" — „Sechs." 

— Eine Gebärde von Respekt und Bedenklichkeit — „Mädel, Buben ?" 

— „Drei und drei, das ist mein Stolz und mein Reichtum." — „Nun, 
geben Sie acht, mit den Mädeln geht es ja gut, aber die Buben machen 
einem später Schwierigkeiten in der Erziehung." — Ich wendete 
ein, daß sie bis jetzt recht zahm geblieben sind; offenbar behagte 
mir diese zweite Diagnose über die Zukunft meiner Buben ebenso- 
wenig wie die früher gefällte, daß mein Patient nur eine Neurose habe. 
Diese beiden Eindrücke sind also durch Kontiguität, durch das Er- 
leben in einem Zuge verbunden, und wenn ich die Geschichte von der 
Neurose in den Traum nehme, ersetze ich durch sie die Rede über 
die Erziehung, die noch mehr Zusammenhang mit den Traumgedanken 
aufweist, da sie so nahe an die später geäußerten Besorgnisse meiner 
Frau rührt. So findet selbst meine Angst, daß N. mit den Bemerkun- 
gen über die Erziehungsschwierigkeiten bei den Buben recht be- 
halten möge, Eingang in den Trauminhalt, indem sie sich hinter der 
Darstellung meines Wunsches, daß ich mit solchen Befürchtungen 
unrecht haben möge, verbirgt. Dieselbe Phantasie dient unverändert 
der Darstellung beider gegensätzlichen Glieder der Alternative. 

VI Marcinowski: „Heute früh erlebte ich zwischen Traum 
und Wachen eine sehr hübsche Wortverdichtung. Im Ablauf einer 

Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 15 

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226 VI. Die Traumarbeit 

Fülle von kaum erinnerbaren Traumbruchstücken stutzte ich ge- 
wissermaßen über ein Wort, das ich halb wie geschrieben, halb wie 
gedruckt vor mir sehe. Es lautet: ,erzefili8ch' und gehört zu einem 
Satz, der außerhalb jedes Zusammenhanges völlig isoliert in mein 
bewußtes Erinnern hinüberglitt; er lautete: ,Das wirkt erzefilisch 
auf die Geschlechtsempfindung/ Ich wußte sofort, daß es eigentlich 
»erzieherisch* heißen solle, schwankte auch einige Maie hin und her, 
ob es nicht richtiger ,erzifilisch c hieße. Dabei fiel mir das Wort 
Syphilis ein, und ich zerbrach mir, noch im Halbschlaf zu analysieren 
beginnend, den Kopf, wie das wohl in meinen Traum hineinkäme, da 
ich weder persönlich noch von Berufs wegen irgend welche Be- 
rührungspunkte mit dieser Krankheit habe. Dann fiel mir ein ,er- 
zehlerisch', das e erklärend, und zu gleicher Zeit erklärend, daß 
ich gestern abend von unserer ,ErzieherinV veranlaßt wurde, über 
das Problem der Prostitution zu sprechen, und ich hatte ihr dabei 
tatsächlich, um ,erzieherisch' auf ihr nicht ganz normal entwickeltes 
Empfindungsleben einzuwirken, das Buch von Hesse ,Über die Pro- 
stitution* gegeben, nachdem ich ihr mancherlei über das Problem 
erzählt hatte. Und nun wurde mir auf einmal klar, daß das Wort 
,Syphilis' nicht im wörtlichen Sinne zu nehmen sei, sondern für 
Gift stand, in Beziehung natürlich zum Geschlechtsleben. Der Satz 
lautet also in der Übersetzung ganz logisch: ,Durch meine Erzäh- 
lung habe ich auf meine Erzieherin erzieherisch auf deren 
Empfindungsleben einwirken wollen, aber habe die Befürchtung, daß 
es zu gleicher Zeit vergiftend wirken könne/ Erzefilisch = 
erzäh — (erzieh — ) (erzifilisch)." 

Die Wortverbildungen des Traumes ähneln sehr den bei der 
Paranoia bekannten, die aber auch bei Hysterie und Zwangsvor- 
stellungen nicht vermißt werden. Die Sprachkünste der Kinder, die 
zu gewissen Zeiten die Worte tatsächlich wie Objekte behandeln, 
auch neue Sprachen und artefizielle Wortfügungen erfinden, sind für 
den Traum wie für die Psychoneurosen hier die gemeinsame Quelle. 

Wo in einem Traume Reden vorkommen, die ausdrücklich als 
solche von Gedanken unterschieden werden, da gilt als ausnahmslose 
Regel, daß Traumrede von erinnerter Rede im Traummaterial ab- 
stammt. Der Wortlaut der Rede ist entweder unversehrt erhalten oder 
leise im Ausdruck verschoben; häufig ist die Traumrede aus ver- 
schiedenen Redeerinnerungen zusammengestückelt ; der Wortlaut da- 
bei das sich gleich gebliebene, der Sinn womöglich mehr- oder anders- 
deutig verändert. Die Traumrede dient nicht selten als bloße An- 
spielung auf ein Ereignis, bei dem die erinnerte Rede vorfiel*). 

*) Bei einem an Zwangsvorstellungen leidenden jungen Manne, mit übrigens 
intakten und hochentwickelten intellektuellen Funktionen, fand ich unlängst die 
einzige Ausnahme von dieser Regel. Die Reden, die in seinen Träumen vorkamen, 
stammen nicht von gehörten oder selbst gehaltenen Reden ab, sondern ent- 
sprachen dem unentstellten Wortlaute seiner Zwangsgedanken, die ihm im 
Wachen nur abgeändert zum Bewußtsein kamen. 



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Die Verschiebungsarbeit. 227 

6) Die Verschiebungsarbeit. 

Eine andere, wahrscheinlich nicht minder bedeutsame Relation 
mußte uns bereits auffallen, während wir die Beispiele für die Traum- 
verdichtung sammelten. Wir konnten bemerken, daß die Elemente, 
welche im Trauminhalt sich als die wesentlichen Bestandteile hervor- 
drängen, in den Traumgedanken keineswegs die gleiche Rolle spielen. 
Als Korrelat dazu kann man auch die Umkehrung dieses Satzes aus- 
sprechen. Was in den Traumgedanken offenbar der wesentliche Inhalt 
ist, braucht im Traume gar nicht vertreten zu sein. Der Traum ist 
gleichsam anders zentriert, sein Inhalt um andere Elemente als 
Mittelpunkt geordnet als die Traumgedanken. So z. B. ist im Traume 
von der botanischen Monographie Mittelpunkt des Trauminhaltes offen- 
bar das Element „botanisch"; in den Traumgedanken handelt es sich 
um die Komplikationen und Konflikte, die sich aus verpflichtenden 
Leistungen zwischen Kollegen ergeben, in weiterer Folge um den 
Vorwurf, daß ich meinen Liebhabereien allzu große Opfer zu brin- 
gen pflege, und das Element „botanisch" findet in diesem Kerne der 
Traumgedanken überhaupt keine Stelle, wenn es nicht durch eine 
Gegensätzlichkeit locker damit verbunden ist, denn Botanik hatte 
niemals einen Platz unter meinen Lieblingsstudien. In dem Sappho- 
traume meines Patienten, ist das Auf- und Niedersteigen, Oben- 
und Unten sein zum Mittelpunkte gemacht; der Traum handelt aber 
von den Gefahren sexueller Beziehungen zu niedrig stehenden Per- 
sonen, so daß nur eines der Elemente der Traumgedanken, dies aber 
in ungebührlicher Verbreiterung, in den Trauminhalt eingegangen 
scheint. Ähnlich ist im Traume von den Maikäfern, welcher die Be- 
ziehungen der Sexualität zur Grausamkeit zum Thema hat, zwar 
das Moment der Grausamkeit im Trauminhalt wieder erschienen, aber 
in andersartiger Verknüpfung und ohne Erwähnimg des Sexuellen, 
also aus dem Zusammenhang gerissen und dadurch zu etwas Frem- 
dem umgestaltet. In dem Onkeltraume wiederum scheint der blonde 
Bart, der dessen Mittelpunkt bildet, außer aller Sinnbeziehung zu den 
Größenwünschen, die wir als den Kern der Traumgedanken erkannt 
haben. Solche Träume machen dann mit gutem Rechte einen „ver- 
schobenen" Eindruck. Im vollen Gegensatz zu diesen Beispielen 
zeigt dann der Traum von Irmas Injektion, daß bei der Traumbildung 
die einzelnen Elemente auch wohl den Platz behaupten können, den 
sie in den Traumgedanken einnehmen. Die Kenntnisnahme dieser 
neuen, in ihrem Sinne durchaus inkonstanten Relation zwischen 
Traumgedanken und Trauminhalt ist zunächst geeignet, unsere Ver- 
wunderung zu erregen. Wenn wir bei einem psychischen Vorgang 
des Normallebens finden, daß eine Vorstellung aus mehreren anderen 
herausgegriffen wurde und für das Bewußtsein besondere Lebhaftig- 
keit erlangt hat, so pflegen wir diesen Erfolg als Beweis dafür an- 
zusehen, daß der siegenden Vorstellung eine besonders hohe psychi- 

15* 

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228 VI. Die Traumarbeit. 

sehe Wertigkeit (ein gewisser Grad von Interesse) zukommt. Wir 
machen nun die Erfahrung, daß diese Wertigkeit der einzelnen Ele- 
mente in den Traumgedanken für die Traumbildung nicht erhalten 
bleibt oder nicht in Betracht kommt. Es ist ja kein Zweifel darüber, 
welches die höchstwertigen Elemente der Traumgedanken sind ; unser 
Urteil sagt es uns unmittelbar. Bei der Traumbildimg können diese 
wesentlichen, mit intensivem Interesse betonten Elemente nun so 
behandelt werden, als ob sie minderwertig wären, und an ihre Stelle 
treten im Traume andere Elemente, die in den Traumgedanken sicher- 
lich minderwertig waren. Es macht zunächst den Eindruck, als käme 
die psychische Intensität*) der einzelnen Vorstellungen für die Traum- 
auswahl überhaupt nicht in Betracht, sondern bloß die mehr oder 
minder vielseitige Determinierung derselben. Nicht was in den Traum- 
gedanken wichtig ist, kommt in den Traum, sondern was in ihnen 
mehrfach enthalten, könnte man meinen; das Verständnis der Traum- 
bildung wird aber durch diese Annahme nicht sehr gefördert, denn 
von vornherein wird man nicht glauben können, daß die beiden 
Momente der mehrfachen Determinierung und der eigenen Wertig- 
keit bei der Traumauswahl anders als gleichsinnig wirken können. 
Jene Vorstellungen, welche in den Traumgedanken die wichtigsten 
sind, werden wohl auch die am häufigsten in ihnen wiederkehrenden 
sein, da von ihnen wie von Mittelpunkten die einzelnen Traum- 
gedanken ausstrahlen. Und doch kann der Traum diese intensiv be- 
tonten und vielseitig unterstützten Elemente ablehnen und andere 
Elemente, denen nur die letztere Eigenschaft zukommt, in seinen 
Inhalt aufnehmen. 

Zur Lösung dieser Schwierigkeit wird man einen anderen Ein- 
druck verwenden, den man bei der Untersuchimg der Überdeter- 
minierung des Trauminhaltes empfangen hat. Vielleicht hat schon 
mancher Leser dieser Untersuchung bei sich geurteilt, die Über- 
determinierung der Traumelemente sei kein bedeutsamer Fund, weil 
sie ein selbstverständlicher ist. Man geht ja bei der Analyse von den 
Traumelementen aus und verzeichnet alle Einfälle, die sich an die- 
selben knüpfen; kein Wunder dann, daß in dem so gewonnenen Ge- 
dankenmaterial eben diese Elemente sich besonders häufig wieder- 
finden. Ich könnte diesen Einwand nicht gelten lassen, werde aber 
selbst etwas ihm ähnlich Klingendes zur Sprache bringen: Unter den 
Gedanken, welche die Analyse zu Tage fördert, finden sich viele, die 
dem Kern des Traumes fernerstehen, und die sich wie künstliche 
Einschaltungen zu einem gewissen Zweck ausnehmen. Der Zweck 
derselben ergibt sich leicht; gerade sie stellen eine Verbindung, oft 
eine gezwungene und gesuchte Verbindung, zwischen Trauminhalt 



*) Psychische Intensität, Wertigkeit, Interessebetonung einer Vorstellung 
ist natürlich von sinnlicher Intensität, Intensität des Vorgestellten, gesondert 
zu halten. 



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Die Überdeterminierung. 229 

und Traumgedanken her, und wenn diese Elemente aus der Analyse 
ausgemerzt würden, entfiele für die Bestandteile des Trauminhaltes 
oftmals nicht nur die Überdeterminierung, sondern überhaupt eine ge- 
nügende Determinierung durch die Traumgedanken. Wir werden so 
zum Schlüsse geleitet, daß die mehrfache Determinierung, die für 
die Traumauswahl entscheidet, wohl nicht immer ein primäres Moment 
der Traumbildung, sondern oft ein sekundäres Ergebnis einer uns 
noch unbekannten psychischen Macht ist. Sie muß aber bei alledem 
für das Eintreten der einzelnen Elemente in den Traum von Be- 
deutung sein, denn wir können beobachten, daß sie mit einem ge- 
wissen Aufwand hergestellt wird, wo sie sich aus dem Traummaterial 
nicht ohne Nachhilfe ergibt 

Es liegt nun der Einfall nahe, daß bei der Traumarbeit eine 
psychische Macht sich äußert, die einerseits die psychisch hoch- 
wertigen Elemente ihrer Intensität entkleidet und anderseits auf dem 
Wege der Überdeterminierung aus minderwertigen neue Wertig- 
keiten schafft, die dann in den Trauminhalt gelangen. Wenn das so 
zugeht, so hat bei der Traumbildung eine Übertragung und Ver- 
schiebung der psychischen Intensitäten der einzelnen Ele- 
mente stattgefunden, als deren Folge die Textverschiedenheit von 
Trauminhalt und Traumgedanken erscheint. Der Vorgang, den wir so 
supponieren, ist geradezu das wesentliche Stück der Traumarbeit; er 
verdient den Namen der Traumverschiebung. Traumverschie- 
bung und Traumverdichtung sind die beiden Werkmeister, deren 
Tätigkeit wir die Gestaltung des Traumes hauptsächlich zuschreiben 
dürfen. 

Ich denke, wir haben es auch leicht, die psychische Macht, die 
sich in den Tatsachen der Traumverschiebung äußert, zu erkennen. 
Der Erfolg dieser Verschiebung ist, daß der Trauminhalt dem Kerne 
der Traumgedanken nicht mehr gleich sieht, daß der Traum nur eine 
Entstellung des Traumwunsches im Unbewußten wiedergibt. Die 
Traumentstellung aber ist uns bereits bekannt; wir haben sie auf die 
Zensur zurückgeführt, welche die eine psychische Instanz im Ge- 
dankenleben gegen eine andere ausübt Die Traumverschiebung ist 
eines der Hauptmittel zur Erzielung dieser Entstellung. Is fecit, cui 
profuit. Wir dürfen annehmen, daß die Traumverschiebung durch 
den Einfluß jener Zensur, der endopsychischen Abwehr, zu stände 
kommt*). 

*) Da ich die Zurückführung der Traumentstellung auf die Zensur als den 
Kern meiner Traumauffassung bezeichnen darf, schalte ich hier das letzte Stück 
jener Erzählung „Träumen wie Wachen" aus den „Phantasien eines Realisten" 
von Lynkeus (Wien, 2. Auflage, 1900) ein, in dem ich diesen Hauptcharakter 
meiner Lehre wiederfinde: 

„Von einem Manne, der die merkwürdige Eigenschaft hat, niemals Un- 
sinn zu träumen." 

„Deine herrliche Eigenschaft, zu träumen wie zu wachen, beruht auf 
deinen Tugenden, auf deiner Güte, deiner Gerechtigkeit, deiner Wahrheitsliebe; 



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230 VI. Die Traumarbeit. 

In welcher Weise die Momente der Verschiebung, Verdichtung 
und Uberdeterminierung bei der Traumbildung ineinander spielen, 
welches der übergeordnete und welches der nebensächliche Faktor 
wird, das würden wir späteren Untersuchungen vorbehalten. Vorläufig 
können wir als eine zweite Bedingung, der die in den Traum ge- 
langenden Elemente genügen müssen, angeben, daß sie der Zen- 
sur des Widerstandes entzogen seien. Die Traumverschiebung 
aber wollen wir von nun an als unzweifelhafte Tatsache bei der Traum- 
deutung in Rechnung ziehen. 

c) Die Darstellungsmittel des Traumes. 

Außer den beiden Momenten der Traumverdichtung, und 
Traum v er sc hiebung, die wir bei der Verwandlung des latenten 
Gedankenmaterials in den manifesten Trauminhalt als wirksam auf- 
gefunden haben, werden wir bei der Fortführung dieser Untersuchung 
noch zwei weiteren Bedingungen begegnen, die unzweifelhaften Ein- 
fluß auf die Auswahl des in den Traum gelangenden Materials üben. 
Vorher möchte ich, selbst auf die Gefahr hin, daß wir auf unserem 
Wege halt zu machen scheinen, einen ersten Blick auf die Vorgänge 
bei der Ausführung d^r Traumdeutung werfen. Ich verhehle mir 
nicht, daß es am ehesten gelingen würde, dieselben klarzustellen und 
ihre Zuverlässigkeit gegen Einwendungen zu sichern, wenn ich einen 
einzelnen Traum zum Muster nähme, seine Deutung entwickle, wie 
ich es im Abschnitt II bei dem Traume von Irmas Injektion gezeigt 
habe, dann aber die Traumgedanken, die ich aufgedeckt habe, zu- 
sammenstelle, und nun die Bildung des Traumes aus ihnen rekon- 



es ist die moralische Klarheit deiner Natur, die mir alles an dir verstandlich 
macht/ 4 

„Wenn ich es aber recht bedenke/' erwiderte der andere, „so glaube ich 
beinahe, alle Menschen seien so wie ich beschaffen, und gar niemand träume 
jemals Unsinn! Ein Traum, an den man sich so deutlich erinnert, daß man ihn 
nacherzählen kann, der also kein Fiebertraum ist, hat immer Sinn und es kann 
auch gar nicht anders sein! Denn was miteinander in Widerspruch steht, könnte 
sich ja nicht zu einem Ganzen gruppieren. Daß Zeit und Raum oft durch- 
einander gerüttelt werden, benimmt dem wahren Inhalt des Traumes gar nichts, 
denn sie sind beide gewiß ohne Bedeutung für seinen wesentlichen Inhalt gewesen. 
Wir machen es ja oft im Wachen auch so; denke an das Märchen, an so viele 
kühne und sinnvolle Phantasiegebilde, zu denen nur ein Unverständiger sagen 
würde: ,Das ist widersinnig! Denn das ist nicht möglich'!* 

„Wenn man nur die Träume immer richtig zu deuten wüßte, so wie du das 
eben mit dem meinen getan hast!" sagte der Freund. 

„Das ist gewiß keine leichte Aufgabe, aber es müßte bei einiger Aufmerk- 
samkeit dem Träumenden selbst wohl immer gelingen. — Warum es meistens 
nicht gelingt? Es scheint bei Euch etwas Verstecktes in den Träumen zu liegen, 
etwas Unkeusches eigener und höherer Art, eine gewisse Heimlichkeit in Eurem 
Wesen, die schwer auszudenken ist; und darum scheint Euer Träumen so oft 
ohne Sinn, sogar ein Widersinn zu sein. Es ist aber im tiefsten Grunde durch- 
aus nicht so; ja, es kann gar nicht so sein, denn es ist immer derselbe Mensch, 
ob er wacht oder träumt/* 



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Die Darstellungsmittel des Traumes. 231 

struiere, also die Analyse der Träume durch eine Synthese derselben 
ergänze. Diese Arbeit habe ich an mehreren Beispielen zu meiner 
eigenen Belehrung vollzogen ; ich kann sie aber hier nicht aufnehmen, 
weil mannigfache und von jedem billig Denkenden gutzuheißende 
Rücksichten auf das psychische Material zu dieser Demonstration 
mich daran verhindern. Bei der Analyse der Träume störten diese 
Rücksichten weniger, denn die Analyse durfte unvollständig sein 
und behielt ihren Wert, wenn sie auch nur ein Stück weit in das 
Gewebe des Traumes hineinführte. Von der Synthese wüßte ich es 
nicht anders, als daß sie, um zu überzeugen, vollständig sein muß. 
Eine vollständige Synthese könnte ich nur von Träumen solcher Per- 
sonen geben, die dem lesenden Publikum imbekannt sind. Da aber 
nur Patienten, Neurotiker, mir dazu die Mittel bieten, so muß dies 
Stück Darstellung des Traumes einen Aufschub erfahren, bis ich — 
an anderer Stelle — die psychologische Aufklärimg der Neurosen 
so weit führen kann, daß der Anschluß an unser Thema herzu- 
stellen ist*). 

Aus meinen Versuchen, Träume aus den Traumgedanken syn- 
thetisch herzustellen, weiß ich, daß das bei der Deutung sich er- 
gebende Material von verschiedenartigem Werte ist Den einen Teil 
desselben bilden die wesentlichen Traumgedanken, die also den Traum 
voll ersetzen und allein zu dessen Ersatz hinreichen würden, wenn 
es für den Traum keine Zensur gäbe. Den anderen Teil kann man 
unter dem Namen „Kollateralen" zusammenfassen; in ihrer Ge- 
samtheit stellen sie die Wege dar, auf denen der wirkliche Wunsch, 
der sich aus den Traumgedanken erhebt, in den Traumwunsch über- 
geführt wird Von diesen „Kollateralen" besteht ein erster Anteil 
aus Anknüpfungen an die eigentlichen Traumgedanken, welche, sche- 
matisch genommen, Verschiebungen vom Wesentlichen aufs Neben- 
sächliche entsprechen. Ein zweiter Anteil umfaßt die Gedanken, 
welche diese durch Verschiebung bedeutsam gewordenen, nebensäch- 
lichen Materialien unter sich verbinden und von ihnen bis zum 
Trauminhalt reichen. Ein dritter Anteil endlich enthält die Einfälle 
und Gedankenverbindungen, durch die man bei der Deutungsarbeit 
vom Trauminhalt zu den mittleren Kollateralen gerät, und die nicht 
notwendig sämtlich auch bei der Traumbildung beteiligt gewesen 
sein müssen. 

Uns interessieren an dieser Stelle ausschließlich die wesentlichen 
Traumgedanken. Diese enthüllen sich zumeist als ein Komplex von 
Gedanken und Erinnerungen vom allenrerwickeltsten Aufbau mit 
allen Eigenschaften der uns aus dem Wachen bekannten Gedanken- 
gänge. Nicht selten sind es Gedankenzüge, die von mehr als einem 

•) Ich habe die vollständige Analyse und Synthese zweier Träume seither 
in dem „Bruchstück einer Hysterieanalyse", 1905, gegeben. Als die vollstän- 
digste Deutung eines längeren Traumes muß die Analyse von 0. Rank „Ein 
Traum, der sich selbst deutet" anerkannt werden. 



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232 VI. Die Traumarbeit 

Zentruni ausgehen, aber der Berührungspunkte nicht entbehren; fast 
regelmäßig steht neben einem Gedankengang sein kontradiktorisches 
Widerspiel, durch Kontrastassoziation mit ihm verbunden. 

Die einzelnen Stücke dieses komplizierten Gebildes stehen natür- 
lich in den mannigfaltigsten logischen Relationen zueinander. Sie 
bilden Vorder- und Hintergrund, Abschweifungen und Erläuterungen, 
Bedingungen, Beweisgänge und Einsprüche. Wenn dann die ganze 
Masse dieser Traumgedanken der Pressung der Traumarbeit unter- 
liegt, wobei die Stücke gedreht, zerbröckelt und zusammengeschoben 
werden, etwa wie treibendes Eis, so entsteht die Frage, was aus den 
logischen Banden wird, welche bishin das Gefüge gebildet hatten. 
Welche Darstellung erfahren im Traume das „Wenn, weil, gleich- 
wie, obgleich, entweder — oder" und alle anderen Konjunktionen, 
ohne die wir Satz und Rede nicht verstehen können? 

Man muß zunächst darauf antworten, der Traum hat für diese 
logischen Relationen unter den Traumgedanken keine Mittel der Dar- 
stellung zur Verfügung. Zumeist läßt er all diese Konjunktionen un- 
berücksichtigt und übernimmt nur den sachlichen Inhalt der Traum- 
gedanken zur Bearbeitung. Der Traumdeutung bleibt es überlassen, 
den Zusammenhang wieder herzustellen, den die Traumarbeit ver- 
nichtet hat. 

Es muß am psychischen Material liegen, in dem der Traum ge- 
arbeitet ist, wenn ihm diese Ausdrucksfähigkeit abgeht. In einer 
ähnlichen Beschränkung befinden sich ja die darstellenden Künste, 
Malerei und Plastik, im Vergleich zur Poesie, die sich der Rede be- 
dienen kann, und auch hier liegt der Grund des Unvermögens in dem 
Material, durch dessen Bearbeitung die beiden Künste etwas zum 
Ausdruck zu bringen streben. Ehe die Malerei zur Kenntnis der 
für sie gültigen Gesetze des Ausdruckes gekommen war, bemühte 
sie sich noch, diesen Nachteil auszugleichen. Aus dem Munde der 
gemalten Personen ließ man auf alten Bildern Zettelchen heraus- 
hängen, welche als Schrift die Rede brachten, die im Bilde darzu- 
stellen der Maler verzweifelte. 

Vielleicht wird sich hier ein Einwand erheben, der für den 
Traum den Verzicht auf die Darstellung logischer Relationen be- 
streitet. Es gibt ja Träume, in welchen die kompliziertesten Geistes- 
operationen vor sich gehen, begründet und widersprochen, gewitzelt 
und verglichen wird wie im wachen Denken. Allein auch hier trügt 
der Schein; wenn man auf die Deutung solcher Träume eingeht, er- 
fährt man, daß dies alles Traummaterial ist, nicht Darstellung 
intellektueller Arbeit im Traume. "Der Inhalt der Traum- 
gedanken ist durch das scheinbare Denken des Traumes wiedergegeben, 
nicht die Beziehungen der Traumgedanken zueinander, in 
deren Feststellung das Denken besteht. Ich werde hiefür Beispiele 
erbringen. Am leichtesten ist es aber zu konstatieren, daß alle Reden, 
die in Träumen vorkommen und die ausdrücklich als solche be- 



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Die Darstellung der logischen Relationen. 233 

zeichnet werden, unveränderte oder nur wenig modifizierte Nach- 
bildungen von Keden sind, die sich ebenso in den Erinnerungen des 
Traummaterials vorfinden. Die Rede ist oft nur eine Anspielung 
auf ein in den Traumgedanken enthaltenes Ereignis; der Sinn des 
Traumes ein ganz anderer. 

Allerdings werde ich nicht bestreiten, daß auch kritische Denk- 
arbeit, die nicht einfach Material aus den Traumgedanken wiederholt, 
ihren Anteil an der Traumbildung nimmt. Den Einfluß dieses Fak- 
tors werde ich zu Ende dieser Erörterung beleuchten müssen. Es 
wird sich dann ergeben, daß diese Denkarbeit nicht durch die Traum- 
gedanken, sondern durch den in gewissem Sinne bereits fertigen 
Traum hervorgerufen wird. 

Es bleibt also vorläufig dabei, daß die logischen Relationen zwi- 
schen den Traumgedanken im Traume eine besondere Darstellung 
nicht finden. Wo sich z. B. Widerspruch im Traume findet, da ist 
es entweder Widerspruch gegen den Traum oder Widerspruch aus 
dem Inhalt eines der Traumgedanken; einem Widerspruch zwischen 
den Traumgedanken entspricht der Widerspruch im Traume nur in 
höchst indirekt vermittelter Weise. 

Wie es aber endlich der Malerei gelungen ist, wenigstens die 
Redeabsicht der dargestellten Personen, Zärtlichkeit, Drohung, Ver- 
warnung u. dgl. anders zum Ausdruck zu bringen als durch den 
flatternden Zettel, so hat sich auch für den Traum die Möglichkeit 
ergeben, einzelnen der logischen Relationen zwischen seinen Traum- 
gedanken durch eine zugehörige Modifikation der eigentümlichen 
Traumdarstellung Rücksicht zuzuwenden. Man kann die Erfahrung 
machen, daß die verschiedenen Träume in dieser Berücksichtigung 
verschieden weit gehen; während sich der eine Traum über das 
logische Gefüge seines Materials völlig hinaussetzt, sucht ein anderer 
dasselbe möglichst vollständig anzudeuten. Der Traum entfernt sich 
hierin mehr oder weniger weit von dem ihm zur Bearbeitung vor- 
liegenden Text. Ähnlich wechselnd benimmt sich der Traum übrigens 
auch gegen das zeitliche Gefüge der Traumgedanken, wenn ein solches 
im Unbewußten hergestellt ist (wie z. B. im Traume von Irmas Injektion). 

Durch welche Mittel vermag aber die Traumarbeit die schwer 
darstellbaren Relationen im Traummaterial anzudeuten? Ich werde 
versuchen, sie einzeln aufzuzählen. 

Zunächst wird der Traum dem unleugbar vorhandenen Zu- 
sammenhang zwischen allen Stücken der Traumgedanken dadurch im 
ganzen gerecht, daß er dieses Material in einer Zusammenfassung als 
Situation oder Vorgang vereinigt. Er gibt logischen Zusammen- 
hang wieder als Gleichzeitigkeit; er verfährt darin ähnlich wie 
der Maler, der alle Philosophen oder Dichter zum Bilde einer Schule 
von Athen oder des Parnaß zusammenstellt, die niemals in einer 
Halle oder auf einem Berggipfel beisammen gewesen sind, wohl aber 
für die denkende Betrachtung eine Gemeinschaft bilden. 






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234 VI. Die Traumarbeit. 

Diese Darstellungsweise setzt der Traum ins einzelne fort. So 
oft er zwei Elemente nahe beieinander zeigt, bürgt er für einen be- 
sonders innigen Zusammenhang zwischen ihren Entsprechenden in 
den Traumgedanken. Es ist wie in unserem Schriftsystem: ab be- 
deutet, daß die beiden Buchstaben in einer Silbe ausgesprochen 
werden sollen, a und b nach einer freien Lücke läßt a al3 den letzten 
Buchstaben des einen Wortes und b als den ersten eines anderen 
Wortes erkennen. Demzufolge bilden sich die Traumkombinationen 
nicht aus beliebigen, völlig disparaten Bestandteilen des Traum- 
materials, sondern aus solchen, die auch in den Traumgedanken in 
innigerem Zusammenhang stehen. 

Die Kausalbeziehungen darzustellen, hat der Traum zwei 
Verfahren, die im Wesen auf dasselbe hinauslaufen. Die häufigere 
Darstellungs weise, wenn die Traumgedanken etwa lauten: Weil dies 
so und so war, mußte dies und jenes geschehen, besteht darin, den 
Nebensatz als Vortraum zu bringen und dann den Hauptsatz als 
Haupttraum anzufügen. Wenn ich recht gedeutet habe, kann die 
Zeitfolge auch die umgekehrte sein. Stets entspricht dem Hauptsatz 
der breiter ausgeführte Teil des Traumes. 

Ein schönes Beispiel von solcher Darstellung der Kausalität hat 
mir einmal eine Patientin geliefert, deren Traum ich späterhin voll- 
ständig mitteilen werde (p. 258 f.). Er bestand aus einem kurzen Vorspiel 
und einem sehr weitläufigen Traumstück, das in hohem Grade zentriert 
war und etwa überschrieben werden konnte: Durch die Blume. Der 
Vortraum lautete so: Sie geht in die Küche zu den beiden 
Mägden und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden „mit dem 
Bissei Essen". Dabei sieht sie sehr viel grobes Küchen- 
geschirr zum Abtropfen umgestürzt in der Küche stehen, 
und zwar in Haufen aufeinander gestellt Die beiden Mägde 
gehen Wasser holen und müssen dabei wie in einen Fluß 
steigen, der bis ans Haus oder in den Hof reicht. 

Dann folgt der Haupttraum, der sich so einleitet: Sie steigt 
von hoch herab, über eigentümlich gebildete Geländer, 
und freut sich, daß ihr Kleid dabei nirgends hängen bleibt 
usw. Der Vortraum bezieht sich nun auf das elterliche Haus der 
Dame. Die Worte in der Küche hat sie wohl oft so von ihrer Mutter 
gehört. Die Haufen von rohem Geschirr stammen aus der einfachen 
Geschirrhandlung, die sich in demselben Hause befand. Der zweite 
Teil des Traumes enthält eine Anspielung auf den Vater, der sich 
viel mit Dienstmädchen zu schaffen machte und dann bei einer 
Überschwemmung — das Haus stand nahe am Ufer des Flusses — 
sich eine tödliche Erkrankung holte. Der Gedanke, der sich hinter 
diesem Vortraume verbirgt, heißt also: Weil ich aus diesem Hause, 
aus so kleinlichen und unerquicklichen Verhältnissen stamme. Der 
Haupttraum nimmt denselben Gedanken wieder auf und bringt ihn 
in durch Wunscherfüllung verwandelter Form: Ich bin von hoher 



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Darstellung der Kausalbeziehung und der Alternative. 235 

Abkunft. Eigentlich also: Weil ich von so niedriger Abkunft bin, 
war mein Lebenslauf so und so. 

Soviel ich sehe, bedeutet eine Teilung des Traumes in zwei 
ungleiche Stücke nicht jedesmal eine kausale Beziehimg zwischen den 
Gedanken der beiden Stücke. Oft scheint es, als ob in den beiden 
Träumen dasselbe Material von verschiedenen Gesichtspunkten aus 
dargestellt würde; sicherlich gilt dies für die in eine Pollution 
auslaufende Traumreihe einer Nacht, in welcher das somatische Be- 
dürfnis sich einen fortschreitend deutlicheren Ausdruck erzwingt. 
Oder die beiden Traume sind aus gesonderten Zentren im Traum- 
material hervorgegangen und überschneiden einander im Inhalt, so 
daß in dem einen Traum Zentrum ist, was im anderen als Andeutung 
mitwirkt und umgekehrt. In einer gewissen Anzahl von Träumen 
bedeutet aber die Spaltung in kürzeren Vor- und längeren Nachtraum 
tatsächlich kausale Beziehung zwischen beiden Stücken. Die andere 
Darstellungsweise des Kausalverhältnisses findet Anwendung bei min- 
der umfangreichem Material und besteht darin, daß ein Bild im 
Traume, sei es einer Person oder einer Sache, sich in ein anderes 
verwandelt. Nur wo wir diese Verwandlung im Traume vor sich 
gehen sehen, wird der kausale Zusammenhang ernstlich behauptet; 
nicht wo wir bloß merken, es sei an Stelle des einen jetzt das andere 
gekommen. Ich sagte, die beiden Verfahren, Kausalbeziehung darzu- 
stellen, liefen auf dasselbe hinaus; in beiden Fällen wird die Ver- 
ursachung dargestellt durch ein Nacheinander, einmal durch 
das Aufeinanderfolgen der Träume, das andere Mal durch die un- 
mittelbare Verwandlung eines Bildes in ein anderes. In den aller- 
meisten Fällen freilich wird die Kausalrelation überhaupt nicht dar- 
gestellt, sondern fällt unter das auch im Traumvorgang unvermeid- 
liche Nacheinander der Elemente. 

Die Alternative „Entweder — Oder" kann der Traum über 
haupt nicht ausdrücken; er pflegt die Glieder derselben wie gleich- 
berechtigt in einen Zusammenhang aufzunehmen. Ein klassisches 
Beispiel hiefür enthält der Traum von Irmas Injektion. In dessen 
latenten Gedanken heißt es offenbar : Ich bin unschuldig an dem Fort- 
bestand von Irmas Schmerzen; die Schuld liegt entweder an ihrem 
Sträuben gegen die Annahme der Lösung oder daran, daß sie unter 
ungünstigen sexuellen Bedingungen lebt, die ich nicht ändern kann, 
oder ihre Schmerzen sind überhaupt nicht hysterischer, sondern 
organischer Natur. Der Traum vollzieht aber alle diese einander 
fast ausschließenden Möglichkeiten und nimmt keinen Anstoß, aus 
dem Traumwunsch eine vierte solche Lösung hinzuzufügen. Das 
Entweder — Oder habe ich dann nach der Traumdeutung in den 
Zusammenhang der Traumgedanken eingesetzt. 

Wo aber der Erzähler bei der Reproduktion des Traumes ein 
Entweder — Oder gebrauchen möchte: Es war entweder ein Garten 
oder ein Wohnzimmer usw., da kommt in den Traumgedanken nicht 



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236 VI. Die Traumarbeit 

etwa eine Alternative, sondern ein „und", eine einfache Anreihung, 
vor. Mit Entweder — Oder beschreiben wir zumeist einen noch auf- 
lösbaren Charakter von Verschwommenheit an einem Traumelement. 
Die Deutungsregel für diesen Fall lautet: Die einzelnen Glieder der 
scheinbaren Alternative sind einander gleich zu setzen und durch 
„und" zu verbinden. Ich träume z. B., nachdem ich längere Zeit ver- 
geblich auf die Adresse meines in Italien weilenden Freundes ge- 
wartet habe, daß ich ein Telegramm erhalte, welches mir diese 
Adresse mitteilt. Ich sehe sie in blauem Druck auf den Papierstreifen 
des Telegrammes; das erste Wort ist verschwommen, 

etwa via, 

oder Villa, das zweite deutlich: Sezerno. 
oder sogar (Casa). 

Das zweite Wort, das an italienische Namen anklingt, und mich 
an unsere etymologischen Besprechungen erinnert, drückt auch meinen 
Ärger aus, daß er seinen Aufenthalt solange vor mir geheim ge- 
halten ; jedes der Glieder aber des Ternavorschlages zum ersten Worte 
läßt sich bei der Analyse als selbständiger und gleichberechtigter 
Ausgangspunkt der Gedankenverkettung erkennen. 

In der Nacht vor dem Begräbnis meines Vaters träume ich von 
einer bedruckten Tafel, einem Plakat oder Anschlagezettel — etwa 
wie die das Bauchverbot verkündenden Zetteln in den Wartesälen der 
Eisenbahnen, — auf dem zu lesen ist, entweder: 

Man bittet, die Augen zuzudrücken. 

oder 

Man bittet, ein Auge zuzudrücken, 

was ich in folgender Form darzustellen gewohnt bin: 

die 
Man bittet, — — Auge(n) zuzudrücken, 
ein 

Jede der beiden Fassungen hat ihren besonderen Sinn und führt 
in der Traumdeutung auf besondere Wege. Ich hatte das Zeremoniell 
möglichst einfach gewählt, weil ich wußte, wie der Verstorbene über 
solche Veranstaltungen gedacht hatte. Andere Familienmitglieder 
waren aber mit solch puritanischer Einfachheit nicht einverstanden; 
sie meinten, man werde sich vor den Trauergästen schämen müssen. 
Daher bittet der eine Wortlaut des Traumes, „ein Auge zuzudrücken", 
d. h. Nachsicht zu üben. Die Bedeutung der Verschwommenheit, die 
wir mit einem Entweder — Oder beschrieben, ist hier besonders leicht 
zu erfassen. Es ist der Traumarbeit nicht gelungen, einen einheit- 
lichen, aber dann zweideutigen Wortlaut für die Traumgedanken her- 
zustellen. So sondern sich die beiden Hauptgedankenzüge schon im 
Trauminhalt voneinander. 

In einigen Fällen drückt die Zweiteilung des Traumes in zwei 
gleich große Stücke die schwer darstellbare Alternative aus. 



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Gegensatz und Widerspruch. 237 

Höchst auffällig ist das Verhalten des Traumes gegen die Kate- 
gorie von Gegensatz und Widerspruch. Dieser wird schlechtweg 
vernachlässigt, das „Nein" scheint für den Traum nicht zu existieren. 
Gegensätze werden mit 'besonderer Vorliebe zu einer Einheit zusammen- 
gezogen oder in einem dargestellt. Der Traum nimmt sich ja auch 
die Freiheit, ein beliebiges Element durch seinen Wunschgegensatz 
darzustellen, so daß man zunächst von keinem eines Gegenteils fähigen 
Elemente weiß, ob es in den Traumgedanken positiv oder negativ 
enthalten ist*). In dem einen der letzterwähnten Träume, dessen Vor- 
dersatz wir bereits gedeutet haben („weil ich von solcher Abkunft 
bin"), steigt die Träumerin über ein Geländer herab und hält dabei 
einen blühenden Zweig in den Händen. Da ihr zu diesem Bilde ein- 
fällt, wie der Engel einen Lilienstengel auf den Bildern von Maria 
Verkündigung (sie heißt selbst Maria) in der Hand trägt, und wie die 
weißgekleideten Mädchen bei der Fronleichnamsprozession gehen, wäh- 
rend die Straßen mit grünen Zweigen geschmückt sind, so ist der 
blühende Zweig im Traume ganz gewiß eine Anspielung auf sexuelle 
Unschuld. Der Zweig ist aber dicht mit roten Blüten besetzt, von 
denen jede einzelne einer Kamelie gleicht. Am Ende ihres Weges, 
heißt es im Traume weiter, sind die Blüten schon ziemlich abgefallen ; 
dann folgen unverkennbare Anspielungen auf die Periode. Somit ist 
der nämliche Zweig, der getragen wird wie eine Lilie und wie von 
einem unschuldigen Mädchen, gleichzeitig eine Anspielung auf die 
Kameliendame, die, wie bekannt, stets eine weiße Kamelie trug, zur 
Zeit der Periode aber eine rote. Der nämliche Blütenzweig („des 
Mädchens Blüten" in den Liedern von der Müllerin bei Goethe) 
stellt die sexuelle Unschuld dar und auch ihr Gegenteil. Der näm- 
liche Traum auch, welcher die Freude ausdrückt, daß es ihr gelungen, 
unbefleckt durchs Leben zu gehen, läßt an einigen Stellen (wie an 
der vom Abfallen der Blüten) den gegensätzlichen Gedankengang 
durchschimmern, daß sie sich verschiedene Sünden gegen die sexuelle 
Beinheit habe zu Schulden kommen lassen (in der Kindheit nämlich). 
Wir könnten bei der Analyse des Traumes deutlich die beiden Ge- 
dankengänge unterscheiden, von denen der tröstliche oberflächlich, 
der vorwurfsvolle tiefer gelagert scheint, die einander schnurstracks 
zuwiderlaufen, und deren gleiche aber gegenteilige Elemente durch 
die nämlichen Traumelemente Darstellung gefunden haben. 

*) Aus einer Arbeit von K. Abel, Der Gegensinn der Urworte, 1884 (siehe 
mein Referat im Jahrbuch f. Ps.-A. II, 1910) erfuhr ich die überraschende, auch 
von anderen Sprachforschern bestätigte Tatsache, daß die ältesten Sprachen sich 
in diesem Punkte ganz ähnlich benehmen wie der Traum. Sie haben anfänglich 
nur ein Wort für die beiden Gegensätze an den Enden einer Qualitäten- oder 
Tätigkeitsreihe (starkschwach, altjung, fernnah, binden-trennen) und bilden ge- 
sonderte Bezeichnungen für die beiden Gegensätze erst sekundär durch leichte 
Modifikationen des gemeinsamen Urwortes. Abel weist diese Verhältnisse im 
großen Ausmaße im Altägyptischen nach, zeigt aber deutliche Reste derselben 
Entwicklung auch in den semitischen und indogermanischen Sprachen auf. 



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238 VI. Die Traumarbeit. 

Einer einzigen unter den logischen Kelationen kommt der Me- 
chanismus der Traumbildung im höchsten Ausmaße zu gute. Es ist 
dies die Relation der Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Berührung, das 
„Gleich wie", die im Traume wie keine andere mit mannigfachen 
Mitteln dargestellt werden kann*). Die im Trautmjmaterial vorhandenen 
Deckungen oder Fälle von „Gleichwie" sind ja die ersten Stützpunkte 
der Traumbildung, und ein nicht unbeträchtliches Stück der Traum- 
arbeit besteht darin, neue solche Deckungen zu schaffen, wenn die 
vorhandenen der Widerstandszensur wegen nicht in den Traum ge- 
langen können. Das Verdichtungsbestreben der Traumarbeit kommt 
der Darstellung der Ähnlichkeitsrelation zu Hilfe. 

Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Gemeinsamkeit wird 
vom Traume ganz allgemein dargestellt durch Zusammenziehung zu 
einer Einheit, welche entweder im Traummaterial bereits vorge- 
funden oder neu gebildet wird. Den ersten Fall kann man als Identi- 
fizierung, den zweiten als Mischbildung benennen. Die Identi- 
fizierung kommt zur Anwendung, wo es sich um Personen handelt; 
die Mischbildung, wo Dinge das Material der Vereinigung sind, doch 
werden Mischbildungen auch von Personen hergestellt, örtlichkeiten 
werden oft wie Personen behandelt. 

Die Identifizierung besteht darin, daß nur eine der durch ein 
Gemeinsames verknüpften Personen im Trauminhalt zur Darstellung 
gelangt, während die zweite oder die anderen Personen für den Traum 
unterdrückt scheinen. Diese eine deckende Person geht aber im 
Traume in alle die Beziehungen und Situationen ein, welche sich von 
ihr oder von den gedeckten Personen ableiten. Bei der Mischbildung, 
die sich auf Personen erstreckt, sind bereits im Traumbild Züge, die 
den Personen eigentümlich, aber nicht gemeinsam sind, vorhanden, 
so daß durch die Vereinigung dieser Züge eine neue Einheit, eine 
Mischperson, bestimmt erscheint. Die Mischimg selbst kann auf ver- 
schiedenen Wegen zu stände gebracht werden. Entweder die Traum- 
person hat von der einen ihrer Beziehungspersonen den Namen — 
wir wissen dann in einer Art, die dem Wissen im Wachen ganz analog 
ist, daß diese oder jene Person gemeint ist — , während die visuellen 
Züge der anderen Person angehören; oder das Traumbild selbst ist 
aus visuellen Zügen, die sich in Wirklichkeit auf beide verteilen, 
zusammengesetzt. Anstatt durch visuelle Züge kann der Anteil der 
zweiten Person auch vertreten werden durch die Gebärden, die man 
ihr zuschreibt, die Worte, die man sie sprechen läßt, oder die Situation, 
in welche man sie versetzt. Bei der letzteren Art der Kennzeichnung 
beginnt der scharfe Unterschied zwischen Identifizierung und Misch- 
personbildung sich zu verflüchtigen. Es kann aber auch vorkommen, 
daß die Bildung einer solchen Mischperson mißlingt. Dann wird die 



*) Vgl. die Bemerkung des Aristoteles über die Eignung zum Traum« 
deuter (p. 74, Anmkg.**). 



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Ähnlichkeit, Übereinstimmung. 239 

Szene des Traumes der einen Person zugeschrieben und die andere 
— in der Regel wichtigere — tritt als sonst unbeteiligte Anwesende 
daneben hin. Der Träumer erzählt etwa: Meine Mutter war auch 
dabei (Stekel). Ein solches Element des Trauminhaltes ist dann einem 
Determinativum in der Hieroglyphenschrift zu vergleichen, welches 
nicht zur Aussprache, sondern zur Erläuterung eines anderen Zeichens 
bestimmt ist 

Das Gemeinsame, welches die Vereinigung der beiden Personen 
rechtfertigt, d. h. veranlaßt, kann im Traume dargestellt sein oder 
fehlen. In der Regel dient die Identifizierung oder Mischpersonbildung 
eben dazu, die Darstellung dieses Gemeinsamen zu ersparen. Anstatt 
zu wiederholen: A ist mir feindlich gesinnt, B aber auch, bilde ich 
im Traume eine Mischperson aus A und B, oder stelle mir A vor in 
einer andersartigen Aktion, welche sonst B charakterisiert. Die so 
gewonnene Traumperson tritt mir im Traume in irgend welcher neuen 
Verknüpfung entgegen, und aus dem Umstand, daß sie sowohl A als 
auch B bedeutet, schöpfe ich dann die Berechtigung, in die betreffende 
Stelle der Traumdeutung einzusetzen, was den beiden gemeinsam ist, 
nämlich das feindselige Verhältnis zu mir. Auf solche Weise erziele 
ich oft eine ganz außerordentliche Verdichtung für den Trauminhalt; 
ich kann mir die direkte Darstellung sehr komplizierter Verhältnisse, 
die mit einer Person zusammenhängen, ersparen, wenn ich zu dieser 
Person eine andere gefunden habe, die auf einen Teil dieser Beziehungen 
den gleichen Anspruch hat. Es ist leicht zu verstehen, inwiefern diese 
Darstellung durch Identifizierung auch dazu dienen kann, die Wider- 
standszensur zu umgehen, welche die Traumarbeit unter so harte Be- 
dingungen setzt. Der Anstoß für die Zensur mag gerade in jenen 
Vorstellungen liegen, welche im Material mit der einen Person ver- 
knüpft sind; ich finde nun eine zweite Person, welche gleichfalls Be- 
ziehungen zu dem beanstandeten Material hat, aber nur zu einem Teile 
desselben. Die Berührung in jenem nicht zensurfreien Punkte gibt mir 
jetzt das Recht, eine Mischperson zu bilden, die nach beiden Seiten 
hin* durch indifferente Züge charakterisiert ist. Diese Misch- und 
Identifizierungsperson ist nun als zensurfrei zur Aufnahme in den 
Trauminhalt geeignet, und ich habe durch Anwendung der Traum- 
verdichtung den Anforderungen der Traumzensur genügt. 

Wo im Traume auch ein Gemeinsames der beiden Personen dar- 
gestellt ist, da ist dies gewöhnlich ein Wink, nach einem anderen 
verhüllten Gemeinsamen zu suchen, dessen Darstellung durch die 
Zensur unmöglich gemacht wird. Es hat hier gewissermaßen zu gun- 
sten der Darstellbarkeit eine Verschiebung in betreff des Gemeinsamen 
stattgefunden. Daraus, daß mir die Mischperson mit einem indiffe- 
renten Gemeinsamen im Traume gezeigt wird, soll ich ein anderes keines- 
wegs indifferentes Gemeinsame in den Traumgedanken erschließen. 

Die Identifizierung oder Mischpersonbildung dient demnach im 
Traume verschiedenen Zwecken, erstens der Darstellung eines beiden 



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240 VI. Die Traumarbeit 

Personen Gemeinsamen, zweitens der Darstellung einer verschobe- 
nen Gemeinsamkeit, drittens aber noch, um eine bloß gewünschte 
Gemeinsamkeit zum* Ausdrucke zu bringen. Da das Herbeiwünschen 
einer Gemeinsamkeit zwischen zwei Personen häufig mit einem Ver- 
tauschen derselben zusammenfällt, so ist auch diese Relation im 
Traume durch Identifizierung ausgedrückt. Ich wünsche im Traume 
von Irmas Injektion diese Patientin mit einer anderen zu vertauschen, 
wünsche also, daß die andere meine Patientin sein möge, wie es die 
eine ist; der Traum trägt diesem Wunsche Rechnung, indem er mir 
eine Person zeigt, die Irma heißt, die aber in einer Position unter- 
sucht wird, wie ich sie nur bei der anderen zu sehen Gelegenheit 
hatte. Im Onkeltraume ist diese Vertauschung zum Mittelpunkte des ^ 

Traumes gemacht; ich identifiziere mich mit dem Minister, indem 
ich meine Kollegen nicht besser als er behandle und beurteile. 

Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden 
habe, daß jeder Traum die eigene Person behandelt. Träume sind 
absolut egoistisch. Wo im Trauminhalt nicht mein Ich, sondern nur 
eine fremde Person vorkommt, da darf ich ruhig annehmen, daß mein 
Ich durch Identifizierung hinter jener Person versteckt ist. Ich darf 
mein Ich ergänzen. Andere Male, wo mein Ich im Traume erscheint, 
lehrt mich die Situation, in der es sich befindet, daß hinter dem Ich 
eine andere Person durch Identifizierung sich verbirgt. Der Traum 
soll mich dann mahnen, in der Traumdeutung etwas, was dieser Person 
anhängt, das verhüllte Gemeinsame, auf mich zu übertragen. Es gibt 
auch Träume, in denen mein Ich nebst anderen Personen vorkommt, 
die sich durch Lösung der Identifizierung wiederum als mein Ich ent- 
hüllen. Ich soll dann mit meinem Ich vermittels dieser Identifizierun- 
gen gewisse Vorstellungen vereinigen, gegen deren Aufnahme sich die 
Zensur erhoben hat. Ich kann also mein Ich in einem Traume mehr- 
fach darstellen, das einemal direkt, das anderemal vermittels der 
Identifizierung mit fremden Personen. Mit mehreren solchen Identi- 
fizierungen läßt sich ein ungemein reiches Gedankenmaterial ver- 
dichten*). 

Durchsichtiger noch als bei Personen gestaltet sich die Auf- 
lösung der Identifizierungen bei mit Eigennamen bezeichneten örtlich- 
keiten, da hier die Störung durch das im Traume übermächtige Ich 
entfällt. In einem meiner Romträume (p. 147) heißt der Ort, an 
dem ich mich befinde, Rom; ich erstaune aber über die Menge von 
deutschen Plakaten an einer Straßenecke. Letzteres ist eine Wunsch- 
erfüllung, zu der mir sofort Prag einfällt; der Wunsch selbst mag 
aus einer heute überwundenen deutschnationalen Periode der Jugend- 
zeit stammen. Um die Zeit, da ich träumte, war in Prag ein Zu- 

*) Wenn ich im Zweifel bin, hinter welcher der im Traume auftretenden 
Personen ich mein Ich zu suchen habe, so halte ich mich an folgende Regel: 
Die Person, die im Traume einem Affekt unterliegt, den ich als Schlafender 
verspüre, die verbirgt mein Ich. 



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Mannigfache Verwertung der Mischbildungen. 241 

sammentreff en mit einem Freunde in Aussicht genommen ; die Identi- 
fizierung von Kom und Prag erklärt sich also durch eine gewünschte 
Gemeinsamkeit; ich möchte meinen Freund lieber in Rom treffen als 
in Prag, für diese Zusammenkunft Prag und Rom vertauschen. 

Die Möglichkeit, Mischbildungen zu schaffen, steht obenan unter 
den Zügen, welche den Träumen so oft ein phantastisches Gepräge 
verleihen, indem durch 3ie Elemente in den Trauminhalt eingeführt 
werden, welche niemals Gegenstand der Wahrnehmung sein konnten. 
Der psychische Vorgang bei der Mischbildung im Traume ist offenbar 
der nämliche, wie wenn wir im Wachen einen Zentauren oder Drachen 
uns vorstellen oder nachbilden. Der Unterschied liegt nur darin, daß 
bei der phantastischen Schöpfung im Wachen der beabsichtigte Ein- 
druck des Neugebildes selbst das Maßgebende ist, während die Misch- 
bildung des Traumes durch ein Moment, welches außerhalb ihrer 
Gestaltung liegt, das Gemeinsame in den Traumgedanken, determiniert 
wird. Die Mischbildung des Traumes kann in sehr mannigfaltiger 
Weise ausgeführt werden. In der kunstlosesten Ausführung werden 
nur die Eigenschaften des einen Dinges dargestellt, und diese Dar- 
stellung ist von einem Wissen begleitet, daß sie auch für ein anderes 
Objekt jgelte. Eine sorgfältigere Technik vereinigt Züge des einen 
wie des anderen Objektes zu einem neuen Bilde und bedient sich 
dabei geschickt der etwa in der Realität gegebenen Ähnlichkeiten 
zwischen beiden Objekten. Das Neugebildete kann gänzlich absurd 
ausfallen oder selbst als phantastisch gelungen erscheinen, je nach- 
dem Material und Witz bei der Zusammensetzung es ermöglichen. 
Sind die Objekte, welche zu einer Einheit verdichtet werden sollen, 
gar zu disparat, so begnügt sich die Traumarbeit oft damit, ein Misch- 
gebilde mit einem deutlicheren Kerne zu schaffen, an den sich undeut- 
lichere Bestimmungen anfügen. Die Vereinigung zu einem Bilde ist 
hier gleichsam nicht gelungen ; die beiden Darstellungen überdecken 
einander und erzeugen etwas wie einen Wettstreit der visuellen Bilder. 
Wenn man sich die Bildung eines Begriffes aus individuellen Wahr- 
nehmungsbildern vorführen wollte, könnte man zu ähnlichen Dar- 
stellungen in einer Zeichnung gelangen. 

Es wimmelt natürlich in den Träumen von solchen Misch- 
gebilden ; einige Beispiele habe ich in den bisher analysierten Träumen 
bereits mitgeteilt ; ich werde nun weitere hinzufügen. In dem Traume 
auf Seite 237, welcher den Lebenslauf der Patientin „durch die Blume" 
oder „verblümt" beschreibt, trägt das Traum-Ich einen blühenden 
Zweig in der Hand, der, wie wir erfahren haben, gleichzeitig Un- 
schuld und sexuelle Sündigkeit bedeutet. Der Zweig erinnert durch 
die Art, wie die Blüten stehen, außerdem an Kirschblüten; die 
Blüten selbet, einzeln genommen, sind Kamelien, wobei dazu das 
Ganze noch den Eindruck eines exotischen Gewächses macht. Das 
Gemeinsame an den Elementen dieses Mischgebildes ergibt sich aus 
den Traumgedanken. Der blühende Zweig ist aus Anspielungen an 

Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 16 



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242 VI. Die Traumarbeit. 

Geschenke zusammengesetzt, durch welche sie bewogen wurde oder 
werden sollte, sich gefällig zu erweisen. So in der Kindheit die 
Kirschen, in späteren Jahren ein Kamelienstock; das Exotische ist 
eine Anspielung auf einen vielgereisten Naturforscher, welcher mit 
einer Blumenzeichnung um ihre Gunst werben wollte. Eine andere 
Patientin schafft sich im Traume ein Mittelding aus Badekabinen im 
Seebade, ländlichen Aborthäuschen und den Bodenkammern un- 
serer städtischen Wohnhäuser. Den beiden ersten Elementen ist die 
Beziehung auf menschliche Nacktheit und Entblößung gemeinsam; 
es läßt sich aus der Zusammensetzung mit dem dritten Element 
schließen, daß (in ihrer Kindheit) auch die Bodenkammer der Schau- 
platz von Entblößung war. Ein Träumer schafft sich eine Misch- 
lokalität aus zwei örtlichkeiten, in denen „Kur" gemacht wird, aus 
meinem Ordinationszimmer und dem öffentlichen Lokal, in dem er 
zuerst seine Frau kennen gelernt hat. Ein Mädchen träumt, nach- 
dem der ältere Bruder versprochen hat, sie mit Kaviar zu regalieren, 
von diesem Bruder, daß dessen Beine von den schwarzen Kaviar- 
perlen übersät sind. Die Elemente „Ansteckung" im moralischen 
Sinne und die Erinnerung an einen Ausschlag der Kindheit, der die 
Beine mit roten anstatt mit schwarzen Pünktchen übersät erscheinen 
ließ, haben sich hier mit den Kaviarperlen zu einem neuen Begriff 
vereinigt, dessen, „was sie von ihrem Bruder bekommen hat". 
Teile des menschlichen Körpers werden in diesem Traume behandelt 
wie Objekte, wie auch in sonstigen Träumen. In einem von Ferenczi 
mitgeteilten Traume kam ein Mischgebilde vor, das aus der Person 
eines Arztes und aus einem Pferde zusammengesetzt war und über- 
dies ein Nachthemd anhatte. Das Gemeinsame dieser drei Bestand- 
teile ergab sich aus der Analyse, nachdem das Nachthemd als An- 
spielung auf den Vater der Träumerin in einer Kindheitsszene er- 
kannt war. Es handelte sich in allen drei Fällen um Objekte ihrer 
geschlechtlichen Neugierde. Sie war als Kind von ihrer Kindsfrau 
öfters in das militärische Gestüt mitgenommen worden, wo sie Ge- 
legenheit hatte, ihre — damals noch ungehemmte — Neugierde aus- 
giebig zu befriedigen. 

Ich habe vorhin behauptet, daß der Traum kein Mittel hat, die 
Relation des Widerspruches, Gegensatzes, das „Nein" auszudrücken. 
Ich gehe daran, dieser Behauptung zum erstenmal zu widersprechen. 
Ein Teil der Fälle, die sich als „Gegensatz" zusammenfassen lassen, 
findet seine Darstellung einfach durch Identifizierung, wie wir gesehen 
haben, wenn nämlich mit der Gegenüberstellung ein Vertauschen, an 
die Stelle setzen, verbunden werden kann. Davon haben wir wiederholt 
Beispiele erwähnt. Ein anderer Teil der Gegensätze in den Traum- 
gedanken, der etwa unter die Kategorie „Umgekehrt, im Gegen- 
teil'* fällt, gelangt zu seiner Darstellung im Traume auf folgende 
merkwürdige, beinahe witzig zu nennende Weise. Das „Umgekehrt" 
gelangt nicht für sich in den Trauminhalt, sondern äußert seine An- 



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Umgekehrt, im Gegenteil. 243 

Wesenheit im Material dadurch, daß ein aus sonstigen Gründen nahe 
liegendes Stück des schon gebildeten Trauminhaltes — gleichsam 
nachträglich — umgekehrt wird* Der Vorgang ist leichter zu 
illustrieren als zu beschreiben. Im schönen Traume von „Auf und 
Nieder" (p. 213) ist die Traumdarstellung des Steigens umgekehrt 
wie das Vorbild in den Traumgedanken, nämlich die Introduktions- 
szene der „Sappho" Daudets; es geht im Traume anfangs schwer, 
später leicht, während in der Szene das Steigen anfangs leicht, später 
immer schwerer wird. Auch das „Oben" und „Unten" in bezug 
auf den Bruder ist verkehrt im Traume dargestellt. Dies deutet auf 
eine Belation von Umkehrung oder Gegensatz, die zwischen zwei 
Stücken des Materials in den Traumgedanken besteht, und die wir 
darin gefunden haben, daß in der Kindheitsphantasie des Träumers 
er von seiner Amme getragen wird, umgekehrt wie im Roman der 
Held die Geliebte trägt. Auch mein Traum von Goethes Angriff 
gegen Herrn M. (p. 313) enthält ein solches „Umgekehrt", das erst 
rearessiert werden muß, ehe man auf die Deutung des Traumes 
gelangen kann. Im Traume hat Goethe einen jungen Mann, Herrn 
M., angegriffen ; in der Realität, wie sie die Traumgedanken enthalten, 
ist ein bedeutender Mann, mein Freund, von einem unbekannten 
jungen Autor angegriffen worden. Im Traume rechne ich vom Sterbe- 
datum Goethes an; in der Wirklichkeit ging die Rechnung vom 
Geburtsjahre des Paralytikers aus. Der Gedanke, der in dem Traum- 
material maßgebend ist, ergibt sich als der Widerspruch dagegen, daß 
Goethe behandelt werden soll, als sei er ein Verrückter. Umgekehrt, 
sagt der Traum, wenn du das Buch nicht verstehst, bist du der 
Schwachsinnige, nicht der Autor. In all diesen Träumen von Um- 
kehrung scheint mir überdies eine Beziehung auf die verächtliche 
Wendung („einem die Kehrseite zeigen") enthalten zu sein (die 
Umkehrung in bezug auf den Bruder im „Sappho" -Traum). Es ist 
ferner bemerkenswert, wie häufig die Umkehrung gerade in Träumen 
benötigt wird, die von verdrängten homosexuellen Regungen einge- 
geben werden. 

Die Umkehrung, Verwandlung ins Gegenteil, ist übrigens eines 
der beliebtesten, der vielseitigsten Verwendung fähigen Darstellungs- 
mittel der Traumarbeit. Sie dient zunächst dazu, der Wunsch- 
erfüllung gegen ein bestimmtes Element der Traumgedanken Geltung 
zu verschaffen. Wäre es doch umgekehrt gewesen I ist oftmals der 
beste Ausdruck für die Relation des Ich gegen ein peinliches Stück 
Erinnerung. Ganz besonders wertvoll wird die Umkehrung aber im 
Dienste der Zensur, indem sie ein Maß von Entstellung des Darzu- 
stellenden zu stände bringt, welches das Verständnis des Traumes zu- 
nächst geradezu lähmt. Man darf darum, wenn ein Traum seinen 
Sinn hartnäckig verweigert, jedesmal den Versuch der Umkehrung 
mit bestimmten Stücken seines manifesten Inhaltes wagen, worauf 
nicht selten alles sofort klar wird. 



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244 VI. Die Traumarbeit. 

Neben der inhaltlichen Umkehrung ist die zeitliche nicht zu 
übersehen. Eine häufige Technik der Traumentstellung besteht darin, 
den Ausgang der Begebenheit oder den Schluß des Gedankenganges 
zu Eingang des Traumes darzustellen und am Ende desselben die 
Voraussetzungen des Schlusses oder die Ursachen des Geschehens 
nachzutragen. Wer nicht an dieses technische Mittel der Traum- 
entstellung gedacht hat, steht dann der Aufgabe der Traumdeutung 
ratlos gegenüber*). 

Ja in manchen Fällen erhält man den Sinn des Traumes erst, 
wenn man an dem Trauminhalt eine mehrfache Umkehrung, nach 
verschiedenen Eelationen, vorgenommen hat. So z. B. verbirgt sich 
im Traume eines jungen Zwangsneurotikers die Erinnerung an den 
infantilen Todeswunsch gegen den gefürchteten Vater hinter folgendem 
Wortlaut: Sein Vater schimpft mit ihm, weil er so spät nach 
Hause kommt. Allein der Zusammenhang der psychoanalytischen 
Kur und die Einfälle des Träumers beweisen, daß es zunächst lauten 
muß: Er ist böse auf den Vater und sodann, daß ihm der Vater 
auf alle Fälle zu früh (d. h. zu bald) nach Hause kam. Er hätte es 
vorgezogen, daß der Vater überhaupt nicht nach Hause gekommen 
wäre, was mit dem Todeswunsch gegen den Vater identisch ist(v.S.192). 
Der Träumer hatte sich nämlich als kleiner Knabe während einer 
längeren Abwesenheit des Vaters eine sexuelle Aggression gegen eine 
andere Person zu Schulden kommen lassen und war mit der Drohung 
gestraft worden: Na wart', bis der Vater zurückkommt! 



Will man die Beziehungen zwischen Trauminhalt und Traum- 
gedanken weiter verfolgen, so nimmt man jetzt am besten den Traum 
selbst zum Ausgangspunkte und stellt sich die Frage, was gewisse 
formale Charaktere der Traumdarstellung in bezug auf die Traum- 
gedanken bedeuten. Zu diesen formalen Charakteren, die uns im 
Traume auffallen müssen, gehören vor allem die Unterschiede in der 
sinnlichen Intensität der einzelnen Traumgebilde und in der Deutlich- 



*) Derselben Technik der zeitlichen Umkehrung bedient sich manchmal der 
hysterische Anfall, um seinen Sinn dem Zuschauer zu verbergen. Ein hysterisches 
Mädchen hat z. B. in einem Anfalle einen kleinen Roman darzustellen, den sie sich 
im Anschluß an eine Begegnung in der Stadtbahn im Unbewußten phantasiert hat. 
Wie der Betreffende, durch die Schönheit ihres Fußes angezogen, sie, während sie 
liest, anspricht, wie sie dann mit ihm geht und eine stürmische Liebesszene erlebt. 
Ihr Anfall setzt mit der Darstellung dieser Liebesszene durch die Körperzuckungen 
ein (dabei Lippenbewegungen fürs Küssen, Verschränkung der Arme für die Um- 
armung), darauf eilt sie ins andere Zimmer, setzt sich auf einen Stuhl, hebt das 
Kleid, um den Fuß zu zeigen, tut, als ob sie in einem Buche lesen würde, und 
spricht mich an (gibt mir Antwort). Vgl. hiezu die Bemerkung des Artemi- 
dorus: „Bei der Auslegung von Traumgesichten muß man sie einmal vom An- 
fang gegen das Ende, das andere Mal vom Ende gegen den Anfang hin ins Auge 
fassen. , . ." 



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Die Qualitäten der Lebhaftigkeit und der Deutlichkeit 245 

keit einzelner Traumpartien oder ganzer Träume untereinander ver- 
glichen. Die Unterschiede in der Intensität der einzelnen Traum- 
gebilde umfassen eine ganze Skala von einer Schärfe der Ausprägung, 
die man — wiewohl ohne Gewähr — geneigt ist, über die der Realität 
zu stellen, bis zu einer ärgerlichen Verschwommenheit, die man als 
charakteristisch für iden Traum erklärt, weil sie eigentlich mit keinem 
der Grade der Undeutlichkeit, die wir gelegentlich an den Objekten 
der Realität wahrnehmen, vollkommen zu vergleichen ist Gewöhnlich 
bezeichnen wir überdies den Eindruck, den wir von einem undeut- 
lichen Traumobjekt empfangen, als „flüchtig", während wir von den 
deutlicheren Traumbildern meinen, daß sie auch durch längere Zeit 
der Wahrnehmung standgehalten haben. Es fragt sich nun, durch 
welche Bedingungen im Traummaterial diese Unterschiede in der 
Lebhaftigkeit der einzelnen Stücke des Trauminhaltes hervorgerufen 
werden. 

Man hat hier zunächst gewissen Erwartungen entgegenzutreten, 
die sich wie unvermeidlich einstellen. Da zu dem Material des Traumes 
auch wirkliche Sensationen während des Schlafes gehören können, 
wird man wahrscheinlich voraussetzen, daß diese oder die von ihnen 
abgeleiteten Traumelemente im Trauminhalt durch besondere Intensität 
hervorstechen, oder umgekehrt, daß, was im Traume ganz besonders 
lebhaft ausfällt, auf solche reale Schlafsensationen zurückführbar sein 
wird. Meine Erfahrung hat dies aber niemals bestätigt. Es ist nicht 
richtig, daß die Elemente des Traumes, welche Abkömmlinge von 
realen Eindrücken während des Schlafes (Nervenreizen) sind, sich vor 
den anderen, die aus Erinnerungen stammen, durch Lebhaftigkeit aus- 
zeichnen. Das Moment der Realität geht für die Intensitätsbestimmung 
der Traumbilder verloren. 

Ferner könnte man an der Erwartimg festhalten, daß die sinn- 
liche Intensität (Lebhaftigkeit) der einzelnen Traumbilder eine Be- 
ziehung habe zur psychischen Intensität der ihnen entsprechenden 
Elemente in den Traumgedanken. In den letzteren fällt Intensität 
mit psychischer Wertigkeit zusammen ; die intensivsten Elemente sind 
keine anderen als die bedeutsamsten, welche den Mittelpunkt der 
Traumgedanken bilden. Nun wissen wir zwar, daß gerade diese Ele- 
mente der Zensur wegen meist keine Aufnahme in den Trauminhalt 
finden. Aber es könnte doch sein, daß ihre sie vertretenden nächsten 
Abkömmlinge im Traume einen höheren Intensitätsgrad aufbringen, 
ohne daß sie darum das Zentrum der Traumdarstellung bilden müßten. 
Auch diese Erwartung wird indes durch die vergleichende Betrach- 
tung von Traum und Traummaterial zerstört. Die Intensität der Ele- 
mente hier hat mit der Intensität der Elemente dort nichts zu schaffen ; 
es findet zwischen Traummaterial und Traum tatsächlich eine völlige 
„Umwertung aller psychischen Werte" statt. Gerade in einem 
flüchtig hingehauchten, durch kräftigere Bilder verdeckten Element 
des Traumes kann man oft einzig und allein einen direkten Abkömm- 



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246 VI. Die Traumarbeit. 

ling dessen entdecken, was in den Traumgedanken übermäßig do- 
minierte. 

Die Intensität der Elemente des Traumes zeigt sich anders deter- 
miniert und zwar durch zwei voneinander unabhängige Momente. 
Zunächst ist es leicht zu sehen, daß jene Elemente besonders intensiv 
dargestellt sind, durch welche die Wunscherfüllung sich ausdrückt. 
Dann aber lehrt die Analyse, daß von den lebhaftesten Elementen des 
Traumes auch die meisten Gedankengänge ausgehen, daß die lebhafte- 
sten gleichzeitig die bestdeterminierten sind. Es ist keine Änderung 
des Sinnes, wenn wir den letzten empirisch gewonnenen Satz in 
nachstehender Form aussprechen: Die größte Intensität zeigen jene 
Elemente des Traumes, für deren Bildung die ausgiebigste verdich- 
tungsarbeit in Anspruch genommen wurde. Wir dürfen dann er- 
warten, daß diese Bedingung und die andere der Wunscherfüllung 
auch in einer einzigen Formel ausgedrückt werden können. 

Das Problem, das ich jetzt behandelt habe, die Ursachen der 
größeren oder geringeren Intensität oder Deutlichkeit der einzelnen 
Traumelemente, möchte ich vor Verwechslung jnit einem anderen 
Problem schützen, welches sich auf die verschiedene Deutlichkeit 
ganzer Träume oder Traumabschnitte bezieht. Dort ist der Gegen- 
satz von Deutlichkeit: Verschwommenheit, hier Verworrenheit Es 
ist allerdings unverkennbar, daß in beiden Skalen die steigenden und 
fallenden Qualitäten einander im Vorkommen begleiten. Eine Partie 
des Traumes, die uns klar erscheint, enthält zumeist intensive Ele- 
mente; ein unklarer Traum ist im Gegenteil aus wenig intensiven 
Elementen zusammengesetzt. Doch ist das Problem, welches die 
Skala vom anscheinend Klaren bis zum Undeutlich -Verworrenen bie- 
tet, weit komplizierter als das der Lebhaftigkeitsschwankungen der 
Traumelemente; ja ersteres entzieht sich aus später anzuführenden 
Gründen hier noch der Erörterung. In einzelnen Fällen merkt man 
nicht ohne Überraschung, daß der Eindruck von Klarheit oder Un- 
deutlichkeit, den man von einem Traume empfängt, überhaupt nichts 
für das Traumgefüge bedeutet, sondern aus dem Traummaterial als 
ein Bestandteil desselben herrührt. So erinnere ich mich an einen 
Traum, der mir nach dem Erwachen so besonders gut gefügt, lücken- 
los und klar erschien, daß ich noch in der Schlaftrunkenheit mir vor- 
setzte, eine neue Kategorie von Träumen zuzulassen, die nicht dem 
Mechanismus der Verdichtung und Verschiebung unterlegen waren, 
sondern als „Phantasien während des Schlafens" bezeichnet werden 
durften. Nähere Prüfung ergab, daß dieser rare Traum dieselben 
Risse und Sprünge in seinem Gefüge zeigte wie jeder andere; ich 
ließ darum die Kategorie der Traumphantasien auch wieder fallen. 
Der reduzierte Inhalt des Traumes war aber, daß ich meinem Freunde 
eine schwierige und lange gesuchte Theorie der Bisexualität vortrug, 
und die wunscherfüllende Kraft des Traumes hatte es zu verantworten, 
daß uns diese Theorie (die übrigens im Traume nicht mitgeteilt wurde) 



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Inhaltliche Darstellung durch die Form des Traumes. 247 

klar und lückenlos erschien. Was ich also für ein Urteil über den 
fertigen Traum gehalten hatte, war ein Stück, und zwar das wesent- 
liche Stück des Trauminhaltes. Die Traumarbeit griff hier gleichsam 
in das erste wache Denken über und übermittelte mir als Urteil 
über den Traum jenes Stück des Traummaterials, dessen genaue 
Darstellung im Traume ihr nicht gelungen war. Ein vollkommenes 
Gegenstück hiezu erlebte ich einmal bei einer Patientin, die einen in 
die Analyse gehörigen Traum zuerst überhaupt nicht erzählen wollte, 
„weil er so undeutlich und verworren sei", und endlich unter wieder- 
holten Protesten gegen die Sicherheit ihrer Darstellung angab, es 
seien im Traume mehrere Personen vorgekommen, sie, ihr Mann und 
ihr Vater, und als ob sie nicht gewußt hätte, ob ihr Mann ihr Vater 
sei oder wer eigentlich ihr Vater sei, oder so ähnlich. Die Zusammen- 
stellung dieses Traumes mit ihren Einfällen in der Sitzung ergab 
als unzweifelhaft, daß es sich um die ziemlich alltägliche Geschichte 
eines Dienstmädchens handle, welches bekennen mußte, daß sie ein 
Kind erwarte, und nun Zweifel zu hören bekomme, „wer eigentlich 
der Vater (des Kindes) sei"*). Die Unklarheit, die der Traum zeigte, 
war also auch hier ein Stück aus dem traumerregenden Material. 
Ein Stück dieses Inhaltes war in der Form des Traumes dargestellt 
worden. Die Form des Traumes oder des Träumens wird in 
ganz überraschender Häufigkeit zur Darstellung des ver- 
deckten Inhaltes verwendet. 

Glossen über den Traum, anscheinend harmlose Bemerkungen 
zu demselben dienen oft dazu, ein Stück des Geträumten in der raffi- 
niertesten Weise zu verhüllen, während sie es doch eigentlich verraten. 
So z. B. wenn ein Träumer äußert: Hier ist der Traum verwischt, 
und die Analyse eine infantile Reminiszenz an das Belauschen einer 
Person ergibt, die sich nach der Defäkation reinigt. Oder in einem 
anderen Falle, der ausführliche Mitteilung verdient. Ein junger Mann 
hat einen sehr deutlichen Traum, der ihn an bewußt gebliebene Phan- 
tasien seiner Knabenjahre mahnt: Er befinde sich abends in einem 
Sommerhotel, irrt sich in der Zimmernummer und kommt in einen 
Raum, in dem sich eine ältere Dame und ihre zwei Töchter entkleiden, 
um zu Bette zu gehen. Er setzt fort: Dann sind einige Lücken 
im Traum, da fehlt etwas, und am Ende war ein Mann im Zimmer, 
der mich hinauswerfen wollte, mit dem ich ringen mußte. Er bemüht 
sich vergebens, den Inhalt und die Absicht jener knabenhaften Phan- 
tasie zu erinnern, auf die der Traum offenbar anspielt. Aber man wird 
endlich aufmerksam, daß der gesuchte Inhalt durch die Äußerung 
über die undeutliche Stelle des Traumes bereits gegeben ist. Die 
„Lücken" sind die Genitalöffnungen der zu Bette gehenden Frauen; 
„da fehlt etwas" beschreibt den Hauptcharakter des weiblichen Geni- 



*) Begleitende hysterische Symptome: Ausbleiben der Periode und große 
Verstimmung, das Hauptleiden dieser Kranken. 



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248 VI. Die Traumarbeit 

tales. Er brannte in jenen jungen Jahren vor Wißbegierde, ein weib- 
liches Genitale zu sehen und war noch geneigt, an der infantilen 
Sexualtheorie, die dem Weibe ein männliches Glied zuschreibt, fest- 
zuhalten. 

In ganz ähnliche Form kleidete sich eine analoge Reminiszenz 
eines anderen Träumers ein. Er träumt: Ich gehe mit Frl. K. in 
das Volksgartenrestaurant . . . dann kommt eine dunkle Stelle, 
eine Unterbrechung . . . dann befinde ich mich in einem Bor- 
dellsalon, in dem ich zwei oder drei Frauen sehe, eine in 
Hemd und Höschen. 

Analyse: Frl. K. ist die Tochter seines früheren Chefs, wie 
er selbst zugibt, ein Schwesterersatz. Er hatte nur selten Gelegenheit, 
mit ihr zu sprechen, aber einmal fiel eine Unterhaltung zwischen 
ihnen vor, in der „man sich gleichsam in seiner Geschlechtlichkeit 
erkannte, als *>b !man sagen würde : Ich bin ein Mann und du ein Weib". 
Im angegebenen Restaurant war er nur einmal in Begleitung der 
Schwester seines Schwagers, eines Mädchens, das ihm vollkommen 
gleichgültig war. Ein andermal begleitete er eine Gesellschaft von 
drei Damen bis zum Eingang in dieses Restaurant. Die Damen waren 
seine Schwester, seine Schwägerin und die bereits erwähnte Schwester 
seines Schwagers, alle drei ihm höchst gleichgültig, aber alle drei 
der Schwesterreihe angehörig. Ein Bordell hat er nur selten besucht, 
vielleicht zwei- oder dreimal in seinem Leben. 

Die Deutung stützte sich auf die „dunkle Stelle", „Unter- 
brechung" im Traume und behauptete, daß er in knabenhafter Wiß- 
begierde einigemale, allerdings nur selten, das Genitale seiner um 
einige Jahre jüngeren Schwester inspiziert habe. Einige Tage später 
stellte sich die bewußte Erinnerung an die vom Traume angedeutete 
Untat ein. 

Alle Träume derselben Nacht gehören ihrem Inhalt nach zu dem 
nämlichen Ganzen ; ihre Sonderung in mehrere Stücke, deren Gruppie- 
rung und Anzahl, all das ist sinnreich und darf als ein Stück Mit- 
teilung aus den latenten Traumgedanken aufgefaßt werden. Bei der 
Deutung von Träumen, die aus mehreren Hauptstücken bestehen, 
oder überhaupt solchen, die derselben Nacht angehören, darf man 
auch an die Möglichkeit nicht vergessen, daß diese verschiedenen und 
aufeinanderfolgenden Träume dasselbe bedeuten, die nämlichen Re- 
gungen in verschiedenem Material zum Ausdruck bringen. Der zeitlich 
vorangehende dieser homologen Träume ist dann näufig der ent- 
stelltere schüchterne, der nachfolgende ist dreister und deutlicher. 

Schon der biblische Traum des Pharao von den Ähren und von 
den Kühen, den Josef deutete, war von dieser Art. Er findet 
sich bei Josephus (Jüdische Altertümer, Buch II, Kap. 5 und 6) 
ausführlicher als in der Bibel berichtet. Nachdem der König den 
ersten Traum erzählt hat, sagt er: „Nach diesem ersten Traumgesicht 
wachte ich beunruhigt auf und dachte nach, was dasselbe wohl be- 



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Fortschreitende Deutlichkeit aufeinanderfolgender Traumbilder. 249 

deuten möge, schlief jedoch hierüber allmählich wieder ein und hatte 
nun einen noch viel seltsameren Traum, der mich noch mehr in Furcht 
und Verwirrung gesetzt hat." Nach Anhören der Traumerzählung 
sagt Josef: „Dein Traum, o König, ist dem Anschein nach wohl 
ein zweifacher, allein beide Gesichte haben nur eine Bedeutung. " 

Jung, der in seinem „Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes" 
erzählt, wie der versteckt erotische Traum eines Schulmädchens von 
ihren Freundinnen ohne Deutung verstanden und in Abänderungen 
weitergeführt wurde, bemerkt zu einer dieser Traumerzählungen, „daß 
der Schlußgedanke einer langen Reihe von Traumbildern genau das 
enthält, was schon im ersten Bild der Serie darzustellen versucht 
worden war. Die Zensur schiebt den Komplex so lange wie möglich 
weg durch immer wieder erneute symbolische Verdeckungen , Ver- 
schiebungen, Wendungen ins Harmlose usw." (1. c. p. 87). Scherner 
hat diese Eigentümlichkeit der Traumdarstellung gut gekannt und 
beschreibt sie im Anschluß an seine Lehre von den Organreizen als 
ein besonderes Gesetz (p. 166). „Endlich aber beobachtet die Phan- 
tasie in allen von bestimmten Nervenreizen ausgehenden symbolischen 
Traumbildungen das gemeingültige Gesetz, daß sie bei Beginn des 
Traumes nur in den fernsten und freiesten Andeutungen des Reiz- 
objektes malt, am Schlüsse aber, wo der malerische Erguß sich er- 
schöpft hatte, den Reiz selbst respektive sein betreffendes Organ oder 
dessen Funktion in Nacktheit hinstellt, womit der Traum seinen 
organischen Anlaß selbst bezeichnend, das Ende erreicht — ." 

Eine schöne Bestätigung dieses Sehern ersehen Gesetzes hat 
Otto Rank in seiner Arbeit: „Ein Traum, der sich selbst deutet" 
geliefert. Der von ihm dort mitgeteilte Traum eines Mädchens setzte 
sich aus zwei auch zeitlich gesonderten Träumen einer Nacht zu- 
sammen, von denen der zweite mit einer Pollution abschloß. Dieser 
Pollutionstraum gestattete eine bis ins einzelne durchgeführte Deu- 
tung unter weitgehendem Verzicht auf die Beiträge der Träumerin 
und die Fülle der Beziehungen zwischen den beiden Trauminhalten 
ermöglichte es zu erkennen, daß der erste Traum in schüchterner 
Darstellung dasselbe zum Ausdruck bringe wie der zweite, so daß 
dieser, der Pollutionstraum, zur vollen Aufklärung des ersteren ver- 
holten hatte. Rank erörtert von diesem Beispiele aus mit gutem 
Recht die Bedeutung der Pollutionsträume für die Theorie des Träu- 
mens überhaupt. 

In solche Lage, Klarheit oder Verworrenheit des Traumes auf 
Sicherheit oder Zweifel im Traummaterial umdeuten zu können, 
kommt man aber nach meiner Erfahrung nicht in allen Fällen. Ich 
werde späterhin den bisher nicht erwähnten Faktor bei der Traum- 
bildung aufzudecken haben, von dessen Einwirkung diese Qualitäten- 
skala des Traumes wesentlich abhängt. 

In manchen Träumen, die ein Stück weit eine gewisse Situation 
und Szenerie festhalten, kommen Unterbrechungen vor, die mit fol- 



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250 VI. Die Traumarbeit. 

genden Worten beschrieben werden: „Es ist dann aber, als wäre es 
gleichzeitig ein anderer Ort, und dort ereignete sich dies und jenes." 
Was in solcher Weise die Haupthandlung des Traumes unterbricht, 
die nach einer Weile wieder fortgesetzt werden kann, das stellt sich 
im Traummaterial als ein Nebensatz, als ein eingeschobener Gedanke 
heraus. Die Kondition in den Traumgedanken wird im Traume durch 
Gleichzeitigkeit dargestellt (wenn — wann). 

Was bedeutet die so häufig im Traume erscheinende Sensation 
der gehemmten Bewegung, die so nahe au Angst streift? Man will 
gehen und kommt nicht von der Stelle, will etwas verrichten und 
stößt fortwährend auf Hindernisse. Der Eisenbahnzug will sich in 
Bewegung setzen und man kann ihn nicht erreichen; man hebt die 
Hand, um eine Beleidigung zu rächen, und sie versagt usw. Wir 
sind dieser Sensation im Traume schon bei den Exhibitionsträumen 
begegnet, haben ihre Deutung aber noch nicht ernstlich versucht. 
Es ist bequem aber unzureichend, zu antworten, im Schlafe bestehe 
motorische Lähmung, die sich durch die erwähnte Sensation bemerk- 
bar macht. Wir dürfen fragen: Warum träumt man dann nicht 
beständig von solchen gehemmten Bewegungen? und wir dürfen er- 
warten, daß diese im Schlafe jederzeit hervorzurufende Sensation irgend 
welchen Zwecken der Darstellung diene und nur durch das im Traum- 
material gegebene Bedürfnis nach dieser Darstellung erweckt werde. 

Das Nichtzustan debringen tritt im Traume, nicht immer als 
Sensation, sondern auch einfach als Stück des Trauminhaltes auf. 
Ich halte einen solchen Fall für besonders geeignet, uns über die Be- 
deutung dieses Traumrequisites aufzuklären. Ich werde verkürzt einen 
Traum mitteilen, in dem ich der Unredlichkeit beschuldigt erscheine. 
Die örtlichkeit ist ein Gemenge aus einer Privatheilanstalt 
und mehreren anderen Lokalen. Ein Diener erscheint, um 
mich zu einer Untersuchung zu rufen. Im Traume weiß ich, 
daß etwas vermißt wird, und daß die Untersuchung wegen 
des Verdachtes erfolgt, daß ich mir das Verlorene ange- 
eignet. Die Analyse zeigt, daß Untersuchung zweideutig 
jzu nehmen ist und ärztliche Untersuchung mit einschließt. 
Im Bewußtsein meiner Unschuld und meiner Konsiliar- 
funktion in diesem Hause gehe ich ruhig mit dem Diener. 
An einer Tür empfängt uns ein anderer Diener und sagt, 
auf mich deutend: Den haben Sie mir mitgebracht, der ist 
ja ein anständiger Mensch. Ich gehe dann ohne Diener in 
^einen großen Saal, in dem Maschinen stehen, der mich an 
ein Inferno mit seinen höllischen Strafaufgaben erinnert. 
An einem Apparat sehe ich einen Kollegen eingespannt, der 
allen Grund hätte, sich um mich zu bekümmern; er be- 
achtet mich aber nicht. Es heißt dann, daß ich jetzt gehen 
kann. Da finde ich meinen Hut nicht und kann doch nicht 
gehen. 



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Die Traumhemmung. 251 

Es ist offenbar die Wunscherfüllung des Traumes, daß ich als 
ehrlicher Mann anerkannt werde und gehen darf; in den Traum- 
gedanken muß also allerlei Material vorhanden sein, welches den 
Widerspruch dagegen enthält. Daß ich gehen darf, ist das Zeichen 
meiner Absolution; wenn also der Traum am Ende ein Ereignis 
bringt, das mich im Gehen aufhält, so liegt es wohl nahe, zu 
schließen, daß durch diesen Zug das unterdrückte Material des 
Widerspruches sich zur Geltung bringt. Daß ich den Hut nicht finde, 
bedeutet also: Du bist doch kein ehrlicher Mensch. Das Nichtzu- 
standebringen des Traumes ist ein Ausdruck des Widerspruches, 
ein „Nein", wonach also die frühere Behauptung zu korrigieren ist, 
daß der Traum das Nein nicht auszudrücken vermag*). 

In anderen Träumen, welche das NichtZustandekommen der Be- 
wegung nicht bloß als Situation, sondern als Sensation enthalten, 
ist derselbe Widerspruch durch die Sensation der Bewegungshemmung 
kräftiger ausgedrückt als ein Wille, dem ein Gegenwille sich wider- 
setzt. Die Sensation der Bewegungshemmung stellt also einen Wil- 
lenskonflikt dar. Wir werden später hören, daß gerade die mo- 
torische Lähmung im Schlafe zu den fundamentalen Bedingungen 
des psychischen Vorganges während des Träumens gehört. Der auf 
die motorischen Bahnen übertragene Impuls ist nun nichts anderes 
als der Wille, und daß wir sicher sind, im Schlafe diesen Impuls als 
gehemmt zu empfinden, macht den ganzen Vorgang so überaus ge- 
eignet zur Darstellung des Wollens und des „Nein", das sich ihm 
entgegensetzt. Nach meiner Erklärung der Angst begreift es sich 
auch leicht, daß die Sensation der Willenshemmung der Angst so nahe 
steht und sich im Traume so oft mit ihr verbindet. Die Angst ist 
ein libidinöser Impuls, der vom Unbewußten ausgeht und vom Vor- 
bewußten gehemmt wird. Wo also im Traume die Sensation der 
Hemmung mit Angst verbunden ist, da muß es sich um ein Wollen 
handeln, das einmal fähig war, Libido zu entwickeln, um eine sexuelle 
Regung. 

Was die häufig während eines Traumes auftauchende Urteils- 
äußerung: „Das ist ja nur ein Traum" bedeute und welcher psy- 
chischen Macht sie zuzuschreiben sei, werde ich an anderer Stelle 
(s. u. p. 350) erörtern. Ich nehme hier vorweg, daß sie zur Ent- 



*) Eine Beziehung zu einem Kindheitserlebnis ergibt sich in der vollständigen 
Analyse durch folgende Vermittlung: — Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, 
der Mohr kann gehen. Und dann die Scherzfrage: Wie alt ist der Mohr, wenn 
er seine Schuldigkeit getan hat? Ein Jahr, dann kann er gehen. (Ich soll so viel 
wirres schwarzes Haar mit zur Welt gebracht haben, daß mich die junge Mutter 
für einen kleinen Mohren erklärte.) — Daß ich den Hut nicht finde, ist ein mehr- 
jsinnig verwertetes Tageserlebnis. Unser im Aufbewahren geniales Stubenmädchen 
hatte ihn versteckt — Auch die Ablehnung trauriger Todesgedanken verbirgt sich 
hinter diesem Traumende: Ich habe meine Schuldigkeit noch lange nicht getan; 
ich darf noch nicht gehen. — Geburt und Tod wie in dem kurz vorher erfolgten 
Traume von Goethe und dem Paralytiker (Seite 313). 



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252 VI. Die Traumarbeit 

wertung des Geträumten dienen soll. Das in der Nähe liegende, 
interessante Problem, was dadurch ausgedrückt wird, wenn ein ge- 
wisser Inhalt im Traum selbst als „geträumt" bezeichnet wird, das 
Rätsel des „Traumes im Traume" hat W. Stekel durch die Analyse 
einiger überzeugender Beispiele in ähnlichem Sinne gelöst Das „Ge- 
träumte" des Traumes soll wiederum entwertet, seiner Realität be- 
raubt werden ; was nach dem Erwachen aus dem „Traum im Traume" 
weiter geträumt wird, das will der Traumwunsch an die Stelle der 
ausgelöschten Realität setzen. Man darf also annehmen, daß das 
„Geträumte" die Darstellung der Realität, die wirkliche Erinnerung, 
der fortsetzende Traum im Gegenteil die Darstellung des bloß vom 
Träumer Gewünschten enthält Der Einschluß eines gewissen In- 
haltes in einen „Traum im Traume" ist also gleichzusetzen dem 
Wunsche, daß das so als Traum Bezeichnete nicht hätte geschehen 
sollen. Die Traumarbeit verwendet das Träumen selbst als eine Form 
der Ablehnung. 

d) Die Rücksicht auf Darstellbarkeit 

Wir haben es bisher mit der Untersuchung zu tun gehabt, wie 
der Traum die Relationen zwischen den Traumgedanken darstellt, 
griffen dabei aber mehrfach auf das weitere Thema zurück, welche 
Veränderung das Traummaterial überhaupt für die Zwecke der Traum- 
bildung erfährt. Wir wissen nun, daß das Traummaterial, seiner 
Relationen zum guten Teile entblößt, einer Kompression unterliegt, 
während gleichzeitig Intensitätsverschiebungen zwischen seinen Ele- 
menten eine psychische Umwertung dieses Materials erzwingen. Die 
Verschiebungen, die wir berücksichtigt haben, erwiesen sich als Er- 
setzungen einer bestimmten Vorstellung durch eine andere ihr in 
der Assoziation irgendwie nahestehende und sie wurden der Ver- 
dichtung dienstbar gemacht, indem auf solche Weise anstatt zweier 
Elemente ein mittleres Gemeinsames zwischen ihnen zur Aufnahme 
in den Traum gelangte. Von einer anderen Art der Verschiebung 
haben wir noch keine Erwähnung getan. Aus den Analysen erfährt 
man aber, daß eine solche besteht und daß sie sich in einer Ver- 
tauschung des sprachlichen Ausdruckes für den betreffenden 
Gedanken kundgibt. Es handelt sich beidemale um Verschiebung 
längs einer Assoziationskette, aber der gleiche Vorgang findet in 
verschiedenen psychischen Sphären statt, und das Ergebnis dieser 
Verschiebung ist das einemal, daß ein Element durch ein anderes 
substituiert wird, während im anderen Falle ein Element seine Wort- 
fassung gegen eine andere vertauscht. 

Diese zweite Art der bei der Traumbildung vorkommenden 
Verschiebungen hat nicht nur großes theoretisches Interesse, sondern 
ist auch besonders gut geeignet, den Anschein phantastischer Absur- 
dität, mit dem der Traum sich verkleidet, aufzuklären. Die Ver- 
schiebung erfolgt in der Regel nach der Richtung, daß ein farbloser 



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Die Rücksicht auf Darstellbarkeit 253 

und abstrakter Ausdruck des Traumgedankens gegen einen bildlichen 
und konkreten eingetauscht wird. Der Vorteil und somit die Absicht 
dieses Ersatzes liegt auf der Hand. Das Bildliche ist für den Traum 
darstellungsfähig, läßt sich in eine Situation einfügen, wo der 
abstrakte Ausdruck der Traumdarstellung ähnliche Schwierigkeiten 
bereiten würde, wie etwa ein politischer Leitartikel einer Zeitung der 
Illustration. Aber nicht nur die Darstellbarkeit, auch die Interessen 
der Verdichtung und der Zensur können bei diesem Tausche gewinnen. 
Ist erst der abstrakt ausgedrückte, unbrauchbare Traumgedanke in 
eine bildliche Sprache umgeformt, so ergeben sich zwischen diesem 
neuen Ausdruck und dem übrigen Traummaterial leichter als vorher 
die Berührungen und Identitäten, welcher die Traumarbeit bedarf, 
und die sie schafft, wo sie nicht vorhanden sind, denn die konkreten 
Termini sind in jeder Sprache ihrer Entwicklung zufolge anknüpfungs- 
reicher als die begrifflichen. Man kann sich vorstellen, daß ein gutes 
Stück der Zwischenarbeit bei der Traumbildung, welche die geson- 
derten Traumgedanken auf möglichst knappen und einheitlichen Aus- 
druck im Traume zu reduzieren sucht, auf solche Weise, durch 
passende sprachliche Umformung der einzelnen Gedanken vor sich 
geht. Der eine Gedanke, dessen Ausdruck etwa aus anderen Gründen 
feststeht, wird dabei verteilend und auswählend auf die Ausdrucks- 
möglichkeiten des anderen einwirken und dies vielleicht von vorn- 
herein, ähnlich wie bei der Arbeit des Dichters. Wenn ein Gedicht 
in Reimen entstehen soll, so ist die zweite Reimzeile an zwei Bedingun- 
gen gebunden; sie muß den ihr zukommenden Sinn ausdrücken und 
ihr Ausdruck muß den Gleichklang mit der Reimzeile finden. Die 
besten Gedichte sind wohl die, wo man die Absicht, den Reim zu 
finden, nicht merkt, sondern wo beide Gedanken von vornherein durch 
gegenseitige Induzierung den sprachlichen Ausdruck gewählt haben, 
der mit leichter Nachbearbeitung den Gleichklang entstehen läßt. 

In einigen Fällen dient die Ausdrucksvertauschimg der Traum- 
verdichtung noch auf kürzerem Wege, indem sie eine Wortfügung 
finden läßt, welche als zweideutig mehr als einem der Traumgedanken 
Ausdruck gestattet. Das ganze Gebiet des Wortwitzes wird so der 
Traumarbeit dienstbar gemacht. Man darf sich über die Rolle, wel- 
che dem Worte bei der Traumbildung zufällt, nicht wundern. Das 
Wort, als der Knotenpunkt mehrfacher Vorstellungen, ist sozusagen 
eine prädestinierte Vieldeutigkeit und die Neurosen (Zwangsvorstel- 
lungen, Phobien) benutzen die Vorteile, die das Wort so zur Ver- 
dichtung und Verkleidung bietet, nicht minder ungescheut wie 
der Traum*). Daß die Traumverstellung bei der Verschiebung des 
Ausdruckes mitprofitiert, ist leicht zu zeigen. Es ist ja irreführend, 
wenn ein zweideutiges Wort anstatt zweier eindeutiger gesetzt wird; 



*) Vgl. Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, 1905, 2. Aufl. 1912 
— und die „Wortbrücken" in den Lösungen neurotischer Symptome. 



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254 VI. Die Traumarbeit. 

und der Ersatz der alltäglich nüchternen Ausdrucksweise durch eine 
bildliche hält unser Verständnis auf, besonders da der Traum niemals 
aussagt, ob die von ihm gebrachten Elemente wörtlich oder im über- 
tragenen Sinne zu deuten sind, direkt oder durch Vermittlung ein- 
geschobener Redensarten auf das Traummaterial bezogen werden sol- 
len. Es ist im allgemeinen bei der Deutung eines jeden Traum- 
elementes zweifelhaft, ob es: 

a) im positiven oder negativen Sinne genommen werden soll (Gegen- 
satzrelation) ; 

b) historisch zu deuten ist (als Reminiszenz); 

c) symbolisch oder ob 

d) seine Verwertung vom Wortlaute ausgehen soll. 

Trotz dieser Vieldeutigkeit darf man sagen, daß die Darstellung 
der Traumarbeit, die ja nicht beabsichtigt, verstanden zu wer- 
den, dem Übersetzer keine größeren Schwierigkeiten zumutet als etwa 
die alten Hieroglyphenschreiber ihren Lesern. 

Beispiele von Darstellungen im Traume, die nur durch Zwei- 
deutigkeit des Ausdruckes zusammengehalten werden, habe ich be- 
reits mehrere angeführt („Der Mund geht gut auf" im Injektions- 
traume; „Ich kann noch nicht gehen" im letzten Traume, p. 250 
usw.). Ich werde nun einen Traum mitteilen, in dessen Analyse die 
Verbildlichung des abstrakten Gedankens eine größere Rolle spielt. 
Der Unterschied solcher Traumdeutung von der Deutung mittels Sym- 
bolik wie im Altertum läßt sich noch immer scharf bestimmen ; bei der 
symbolischen Traumdeutung wird der Schlüssel der Symbolisierung 
vom Traumdeuter gewählt; in unseren Fällen von sprachlicher Ver- 
kleidung sind diese Schlüssel allgemein bekannt und durch fest- 
stehende Sprachübung gegeben. Verfügt man über den richtigen Ein- 
fall zur rechten Gelegenheit, so kann man Träume dieser Art auch 
unabhängig von den Angaben des Träumers ganz oder stückweise 
auflösen. * 

Eine mir befreundete Dame träumt: Sie befindet sich in 
der Oper. Es ist eine Wagnervorstellung, die bis 3/48 Uhr 
morgens gedauert hat. Im Parkett und Parterre stehen 
Tische, an denen gespeist und getrunken wird. Ihr eben 
von der Hochzeitsreise heimgekehrter Vetter sitzt an einem 
solchen Tische mit seiner jungen Frau; neben ihnen ein 
Aristokrat. Von diesem heißt es, die junge Frau habe sich 
ihn von der Hochzeitsreise mitgebracht, ganz offen, etwa 
wie man einen Hut von der Hochzeitsreise mitbringt. In- 
mitten des Parketts befindet sich ein hoher Turm, der oben 
eine Plattform trägt, die mit einem eisernen Gitter um- 
geben ist. Dort hoch oben ist der Dirigent mit den Zügen 
Hans Richters; er läuft beständig hinter seinem Gitter 
herum, schwitzt furchtbar und leitet von diesem Posten 
aus das unten um die Basis des Turmes angeordnete Or- 



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Die Verschiebung des sprachlichen Ausdruckes. 255 

ehester. Sie selbst sitzt mit einer (mir bekannten) Freundin 
in einer Loge. Ihre jüngere Schwester will ihr aus dem 
Parkett ein großes Stück Kohle hinaufreichen mit der Mo- 
tivierung, sie habe doch nicht gewußt, daß es so lange 
dauern werde, und müsse jetzt wohl erbärmlich frieren. 
(Etwa als ob die Logen während der langen Vorstellung 
geheizt werden müßten.) 

Der Traum ist wohl unsinnig genug, obwohl sonst gut auf eine 
Situation gebracht. Der Turm mitten im Parkett, von dem aus der 
Dirigent das Orchester leitet; vor allem aber die Kohle, die ihr die 
Schwester hinaufreicht ! Ich habe von diesem Traume absichtlich keine 
Analyse verlangt; mit etwas Kenntnis von den persönlichen Be- 
ziehungen der Träumerin gelang es mir, Stücke von ihm selbständig 
zu deuten. Ich wußte, daß sie viel Sympathie für einen Musiker 
gehabt hatte, dessen Laufbahn vorzeitig durch Geisteskrankheit unter- 
brochen worden war. Ich entschloß mich also den Turm im Parkett 
wörtlich zu nehmen. Dann kam heraus, daß der Mann, den sie an 
Hans Richters Stelle zu sehen gewünscht hätte, die übrigen Mit- 
glieder des Orchesters turmhoch überragt. Dieser Turm ist als ein 
Mischgebilde durch Apposition zu bezeichnen; mit seinem 
Unterbau stellt er die Größe des Mannes dar, mit dem Gitter oben, 
hinter dem er wie ein Gefangener oder wie ein Tier im Käfig (An- 
spielung auf den Namen des Unglücklichen) herumläuft, das spätere 
Schicksal desselben. „Narrenturm" wäre etwa das Wort, in dem die 
beiden Gedanken hätten zusammentreffen können. 

Nachdem so die Darstellungsweise des Traumes aufgedeckt war, 
konnte man versuchen, die zweite scheinbare Absurdität, die mit den 
Kohlen, die ihr von der Schwester gereicht werden, mit demselben 
Schlüssel aufzulösen. „Kohle" mußte „heimliche Liebe" bedeuten. 

„Kein Feuer, keine Kohle 
Kann brennen so heiß, 
Als wie heimliche Liebe, 
Von der niemand was weiß." 

Sie selbst und ihre Freundin waren sitzen geblieben; die 
jüngere Schwester, die noch Aussicht hat zu heiraten, reicht ihr die 
Kohle hinauf, „weil sie doch nicht gewußt habe, daß es so lange 
dauern wird". Was so lange dauern wird, ist im Traume nicht 
gesagt; in einer Erzählung würden wir ergänzen: die Vorstellung; 
im Traume dürfen wir den Satz für sich ins Auge fassen, ihn für 
zweideutig erklären und hinzufügen, „bis sie heiratet". Die Deutung 
„heimliche Liebe" wird dann unterstützt durch die Erwähnung des 
Vetters, der mit seiner Frau im Parkett sitzt, und durch die dieser 
letzteren angedichtete offene Liebschaft. Die Gegensätze zwischen 
heimlicher und offener Liebe, zwischen ihrem Feuer und der Kälte 
der jungen Frau beherrschen den Traum. Hier wie dort übrigens ein 



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256 VL Die Traumarbeit. 

„Hochsteheader" als Mittelwort zwischen dem Aristokraten und 
dem zu großen Hoffnungen berechtigenden Musiker. 

Mit den vorstehenden Erörterungen haben wir endlich ein drittes 
Moment aufgedeckt, dessen Anteil bei der Verwandlung der Traum- 
gedanken in den Trauminhalt nicht gering anzuschlagen ist: Die 
Bücksicht auf die Darstellfrarkeit in dem eigentümlichen 
psychischen Material, dessen sich der Traum bedient, also 
zumeist in visuellen Bildern. Unter den verschiedenen Nebenanknüp- 
fungen an die wesentlichen Traumgedanken wird diejenige bevorzugt 
werden, welche eine visuelle Darstellung erlaubt, und die Traum- 
arbeit scheut nicht die Mühe, den spröden Gedanken etwa zuerst in 
eine andere sprachliche Form umzugießen, sei diese auch die un- 
gewöhnlichere, wenn sie nur die Darstellung ermöglicht und so der 
psychologischen Bedrängnis des eingeklemmten Denkens ein Ende 
macht. Diese Umleerung des Gedankeninhaltes in eine andere Form 
kann sich aber gleichzeitig in den Dienst der Verdichtungsarbeit 
stellen und Beziehungen zu einem anderen Gedanken schatten, die 
sonst nicht vorhanden wären. Dieser andere Gedanke mag etwa selbst 
zum Zwecke des Entgegenkommens vorher seinen ursprünglichen 
Ausdruck verändert haben. 

Herbert Silber er hat einen guten Weg gezeigt, wie man die 
bei der Traumbildung vor sich gehende Umsetzung der Gedanken in 
Bilder direkt beobachten und somit dies eine Moment der Traumarbeit 
isoliert studieren kann. Wenn er sich im Zustande der Ermüdung 
und Schlaftrunkenheit eine Denkanstrengung auferlegte, so ereignete 
es sich ihm häufig, daß ihm der Gedanke entschlüpfte und dafür 
ein Bild auftrat, in dem er nun den Ersatz des Gedankens erkennen 
konnte. Silberer nennt diesen Ersatz nicht ganz zweckmäßig einen 
„autosymbolischen". Ich gebe hier einige Beispiele aus der Arbeit 
von Silber er wieder, auf welche ich wegen gewisser Eigenschaften 
der beobachteten Phänomene noch an anderer Stelle zurückkommen 
werde*). 

„Beispiel Nr. 1. Ich denke daran, daß ich vorhabe, in einem 
Aufsatz eine holprige Stelle auszubessern. 

Symbol: Ich sehe mich, ein Stück Holz glatt hobeln. 

Beispiel Nr. 5. Ich suche mir den Zweck gewisser metaphysi- 
scher Studien, die ich eben zu betreiben vorhabe, zu vergegenwärtigen. 
Dieser Zweck besteht darin, so denke ich mir, daß man sich auf der 
Suche nach den Daseinsgründen zu immer höheren Bewußtseins- 
formen oder Daseinsschichten durcharbeitet. 

Symbol: Ich fahre mit einem langen Messer unter eine Torte, 
wie um ein Stück davon zu nehmen. 

Deutung: Meine Bewegung mit dem Messer bedeutet das ,Durch- 
arbeiten c , von dem die Bede ist Die Erklärung des Symbol- 

*) Siehe unten p. 361 ff. 



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Die Traumsymbolik. 257 

grundes ist die folgende: Es fällt mir bei Tisch hie und da das Zer- 
schneiden und Vorlegen einer Torte zu, ein Geschäft, welches ich 
mit einem langen biegsamen Messer verrichte, was einige Sorgfalt 
erheischt. Insbesondere ist das reinliche Herausheben der geschnit- 
tenen Tortenteile mit gewissen Schwierigkeiten verbunden ; das Messer 
muß behutsam unter die betreffenden Stücke geschoben werden 
(das langsame durcharbeiten', um zu den Gründen zu gelangen). 
Es liegt aber noch mehr Symbolik in dem Bild. Die Torte des Sym- 
bols war nämlich eine Dobos-Torte, also eine Torte, bei welcher das 
achneidende Messer durch verschiedene Schichten zu dringen hat 
(die Schichten des Bewußtseins und Denkens). 

Beispiel Nr. 9. Ich verliere in einem Gedankengang den Faden. 
Ich gebe mir Mühe, ihn wieder zu finden, muß aber erkennen, daß 
mir der Anknüpfungspunkt vollends entfallen ist. 

Symbol: Ein Stück Schriftsatz, dessen letzte Zeilen herausge- 
fallen sind." 

Angesichts der Rolle, welche Witzworte, Zitate, Lieder und 
Sprichwörter im Gedankenleben der Gebildeten spielen, wäre es voll- 
kommen der Erwartung gemäß, wenn Verkleidungen solcher Art 
überaus häufig für Darstellung der Traumgedanken verwendet werden 
sollten. Was bedeuten z. B. im Traume Wagen, von denen jeder mit 
anderem Gemüse angefüllt ist? Es ist der Wunschgegensatz von 
„Kraut und Rüben", also „Durcheinander* 4 und bedeutet demnach 
„Unordnung". Ich habe mich gewundert, daß mir dieser Traum nur 
ein einziges Mal berichtet worden ist. Nur für wenige Materien hat 
sich eine allgemein gültige Traumsymbolik herausgebildet, auf Grund 
allgemein bekannter Anspielungen und Wortersetzungen. Den größten 
Teil dieser Symbolik hat übrigens der Traum mit den Psychoneurosen, 
den Sagen und Volksgebräuchen gemeinsam. 

Ja, wenn man genauer zusieht, muß man erkennen, daß die 
Traumarbeit mit dieser Art von Ersetzung überhaupt nichts Originelles 
leistet. Zur Erreichung jhrer Zwecke, in diesem Falle der zensur- 
freien Darstellbarkeit, wandelt sie eben nur die Wege, die sie im un- 
bewußten Denken bereits gebahnt vorfindet, bevorzugt sie jene Um- 
wandlungen des verdrängten Materials, die als Witz und Anspielung 
auch bewußt werden dürfen, und von denen alle Phantasien der 
Neurotiker erfüllt sind. Hier eröffnet sich dann plötzlich ein Ver- 
ständnis für die Traumdeutungen Scherners, deren richtigen Kern 
ich an anderer Stelle verteidigt habe. Die Phantasiebeschäftigung 
mit dem eigenen Körper ist keineswegs dem Traume allein eigentüm- 
lich oder für ihn charakteristisch. Meine Analysen haben mir gezeigt, 
daß sie im unbewußten Denken der Neurotiker ein regelmäßiges Vor- 
kommnis ist und auf die sexuelle Neugierde zurückgeht, deren Gegen- 
stand die Genitalien des anderen, aber doch auch des eigenen Ge- 
schlechtes für den heranwachsenden Jüngling oder für die Jungfrau 
werden. Wie aber Scherner und Volkelt panz zutreffend hervor- 

Freud, TraumdeutuDg. 4. Aufl. 17 



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258 YI. Die Traumarbeit 

heben, ist das Haus nicht der einzige Vorstellungskreis, der zur Sym- 
bolisierung der Leiblichkeit verwendet wird — im Traume so wenig 
wie im unbewußten Phantasieren der Neurose. Ich kenne Patienten, 
die allerdings die architektonische Symbolik des Körpers und der 
Genitalien (reicht doch das sexuelle Interesse weit über das Gebiet 
der äußeren Genitalien hinaus) beibehalten haben, denen Pfeiler und 
Säulen Beine bedeuten (wie im Hohen Lied), die jedes Tor an eine 
der Körperöffnungen („Loch"), die jede Wasserleitung an den Harn- 
apparat denken läßt usw. Aber ebenso gern wird der Vorstellungskreis 
des Pflanzenlebens oder der Küche zum Versteck sexueller Bilder 
gewählt*); im ersteren Falle hat der Sprachgebrauch, der Nieder- 
schlag von Phantasievergleichungen ältester Zeiten, reichlich vorge- 
arbeitet (der „Weinberg" des Herrn, der „Sannen", der „Garten" des 
Mädchens iml Hohen Lied). In scheinbar harmlosen Anspielungen an 
die Verrichtungen der Küche lassen sich die häßlichsten wie die in- 
timsten Einzelheiten des Sexuallebens denken und träumen, und die 
Symptomatik der Hysterie wird geradezu undeutbar, wenn man ver- 
gißt, daß sich sexuelle Symbolik hinter dem Alltäglichen und Un- 
auffälligen als seinem besten Versteck verbergen kann. Es hat seinen 
guten sexuellen Sinn, wenn neurotische Kinder kein Blut und kein 
rohes Fleisch sehen wollen, bei Eiern und Nudeln erbrechen, wenn 
die dem Menschen natürliche Furcht vor der Schlange beim Neurotiker 
eine ungeheuerliche Steigerung erfährt, und überall wo die Neurose 
sich solcher Verhüllung bedient, wandelt sie die Wege, die einst in 
alten Kulturperioden die ganze Menschheit begangen hat, und von 
deren Existenz unter leichter Verschüttung heute noch Sprachge- 
brauch, Aberglaube und Sitte Zeugnis ablegen. 

Ich füge hier den angekündigten Blumentraum einer Patientin 
ein, in dem ich alles, was sexuell zu deuten ist, unterstreiche. Der 
schöne Traum wollte der Träumerin nach der Deutung gar nicht 
mehr gefallen. 

a) Vortraum: Sie geht in die Küche zu den beiden Mäd- 
chen und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden „mit dem 
Bissei Essen" und sieht dabei so viel umgestürztes Ge- 
schirr zum Abtropfen stehen, grobes Geschirr in Haufen 
zusammengestellt. Späterer Zusatz: Die beiden Mädchen ge- 
hen Wasser holen und müssen dabei wie in einen Fluß stei- 
gen, der bis ins Haus oder in den Hof reicht**). 

b) Haupttraum***) : Sie steigt von hoch herabt) über eigen- 
tümliche Geländer oder Zäune, die zu großen Karos ver- 



*) Reichliches Belegmaterial hiezu in den drei Ergänzungsbänden von 
Bd. Fuchs' „Illustr. Sittengeschichte" (Privatdrucke bei A. Langen, München). 
**) Zur Deutung dieses als „kausal" zu nehmenden Vortraumes siehe p. 234. 
***) Ihr Lebenslauf, 
t) Hohe Abkunft, Wunschgegensatz zum Vortraume. 



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Die Symbolik des Sexuellen. 259 

einigt sind und aus Flechtwerk von kleinen Quadraten be- 
stehen*). Es ist eigentlich nicht zum Steigen eingerich- 
tet; sie hat immer Sorge, daß sie Platz für den Fuß findet, 
und freut sich, daß ihr Kleid dabei nirgends hängen bleibt, 
daß sie im Gehen so anständig bleibt**). Dabei trägt sie 
einen großen Ast in der Hand***), eigentlich wie einen Baum, 
der dick mit roten Blüten besetzt ist, verzweigt und ausge- 
breitett). Dabei ist die Idee Kirschblüten, sie sehen aber 
auch aus wie gefüllte Kamelien, die freilich nicht auf 
Bäumen wachsen. Während des Herabgehens hat sie zuerst 
einen, dann plötzlich zwei, später wieder einentt). Wie sie 
unten anlangt, sind die unteren Blüten schon ziemlich abge- 
fallen. Sie sieht dann, unten angelangt, einen Hausknecht, 
der einen eben solchen Baum, sie möchte sagen — kämmt, 
d. h. mit efnem Holze dicke Haarbüschel, die wie Moos von ihm 
herabhängen, rauft. Andere Arbeiter haben solche Äste aus 
einem Garten abgehauen und auf die Straße geworfen, wo 
sie herumliegen, so daß viele Leute sich davon nehmen. Sie 
fragt aber, ob das recht ist, ob man sich auch einen nehmen 
kannttt)- Im Garten steht ein junger Mann (von ihr bekannter 
Persönlichkeit, ein Fremder), auf den sie zugeht, um ihn zu 
fragen, wie man solche Aste in ihren eigenen Garten um- 
setzen könne§). Er umfängt sie, worauf sie sich sträubt 
und ihn fragt, was ihm einfällt, ob man sie denn so um- 
fangen darf. Er sagt, das ist kein Unrecht, das ist er- 
laubt§§). Er erklärt sich dann bereit, mit ihr in den an- 
deren Garten zu gehen, um ihr das Einsetzen zu zeigen, und 
sagt ihr etwas, was sie nicht recht versteht: Es fehlen 
mir ohnedies drei Meter — (später sagt sie: Quadratmeter) 
oder drei Klafter Grund. Es ist, als ob er für seine Be- 
reitwilligkeit etwas von ihr verlangen würde, als ob er 
die Absicht hätte, sich in ihrem Garten zu entschädigen, oder 
als wollte er irgend ein Gesetz betrügen, einen Vorteil da- 



*) Mischgebilde, das zwei Lokalitäten vereinigt, den sogenannten Boden 
des Vaterhauses, auf dem sie mit dem Bruder spielte, dem Gegenstand ihrer 
späteren Phantasien, und den Hof eines schlimmen Onkels, der sie zu necken 
pflegte. 

**) WunschcegeDsatz zu einer realen Erinnerung vom Hofe des Onkels, daß 
sie sich im Schlafe zu entblößen pflegte. 

***) Wie der Engel in der Verkündigung Maria einen Lilienstengel. 

t) Die Erklärung dieses Mischgebildes siehe p. 237: Unschuld, Periode, Ka- 
meliendame. 

tt) Auf die Mehrheit der ihrer Phantasie dienenden Personen, 
ftt) Ob man sich auch einen herunterreißen darf, i. e. masturbieren. 

§) Der Ast hat längst die (Vertretung des männlichen Genitales übernommen, 
enthält übrigens eine sehr deutliche Anspielung auf den Familiennamen. 
§§J Bezieht sich wie das Nächstfolgende auf eheliche Vorsichten. 

17* 

.. (~*rw"*nlf* Original frorn 

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260 VL Die Traumarbeit 

von haben, ohne daß sie einen Schaden hat Ob er ihr dann 
wirklich etwas zeigt, weiß sie nicht*). 

Ich habe natürlich gerade an solchem Material Überfluß, aber 
dessen Mitteilung würde zu tief in die Erörterung neurotischer Ver- 
hältnisse führen. Alles leitete zum gleichen Schluß, daß man keine 
besondere symbolisierende Tätigkeit der Seele bei der Traumarbeit 
anzunehmen braucht, sondern daß der Traum sich solcher Symboli- 
sierungen, welche im unbewußten Denken bereits fertig enthalten 
sind, bedient, weil sie wegen ihrer Darstellbarkeit, zumeist auch 
wegen ihrer Zensurfreiheit, den Anforderungen der Traumbildung 
besser genügen, 

e) Die Darstellung durch Symbole im Traume. 
Weitere typische Träume. 

Wenn man sich mit der ausgiebigen Verwendung der Sym- 
bolik für die Darstellung sexuellen Materials im Traume vertraut ge- 
macht hat, muß man sich die Frage vorlegen, ob nicht viele dieser 
Symbole wie die „Sigel" der Stenographie mit ein für allemal fest- 
gelegter Bedeutung auftreten, und sient sich vor der Versuchung, 
ein neues Traumbuch nach der Chiffriermethode zu entwerfen. Dazu 
ist zu bemerken : Diese Symbolik gehört nicht dem Traume zu eigen 
an, sondern dem unbewußten Vorstellen, speziell des Volkes, und ist 
im Folklore, in den Mythen, Sagen, Redensarten, in der Spruch- 
weisheit und in den umlaufenden Witzen eines Volkes vollständiger 
als im Traume aufzufinden. Wir müßten also die Aufgabe der 
Traumdeutung weit überschreiten, wenn wir der Bedeutung des Sym- 
bols gerecht werden und die zahlreichen, großenteils noch ungelösten 
Probleme erörtern wollten, welche sich an den Begriff des Symbols 
knüpfen**). Wir wollen uns also darauf beschränken, zu sagen, daß 
die Darstellung durch ein Symbol zu den indirekten Darstellungen 
gehört, daß wir aber durch allerlei Anzeichen gewarnt werden, die 
Symboldarstellung unterschiedslos mit den anderen Arten indirekter 
Darstellung zusammenzuwerfen, ohne noch diese unterscheidenden 
Merkmale in begrifflicher Klarheit erfassen zu können. In einer 
Reihe von Fällen ist das Gemeinsame zwischen dem Symbol und 
dem Eigentlichen, für welches es eintritt, offenkundig; in anderen 
ist es versteckt ; die Wahl des Symbols erscheint dann rätselhaft. 
Gerade diese Fälle müssen auf den letzten Sinn der Symbol- 

*) Ein analoger „biographischer" Traum ist der unter den Beispielen mr 
Traumsymbolik p. 268 als dritter mitgeteilte; ferner der von Rank ausführlich 
mitgeteilte ., Traum, der sich selbst deutet"; einen anderen, der t9 verkehrt** gelesen 
werden muß, siehe bei St ekel p. 486. 

**) Vgl. die Arbeiten von Bleuler und seinen Züricher Schülern Maeder, 
Abraham u. a. über Symbolik, und die nicht ärztlichen Autoren, auf welche sie 
sich beziehen (Kleinpaul u. a.). Das Zutreffendste, was über diesen Gegen- 
stand geäußert worden ist, findet sich in der Schrift von 0. Rank und H. Sachs, 
Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften, 1913, Kap. L 



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Allgemeine Bedeutung der Symbolik. 261 

beziehung Licht werfen können; sie weisen darauf hin, daß dieselbe 
genetischer Natur ist. Was heute symbolisch verbunden ist, war 
wahrscheinlich in Urzeiten durch begriffliche und sprachliche Iden- 
tität vereint. Die Symbolbeziehung scheint ein Rest und Merkzeichen 
einstiger Identität. Dabei kann man beobachten, daß die Symbol- 
gemeinschaft in einer Anzahl von Fällen über die Sprachgemein- 
schaft hinausreicht*). Eine Anzahl von Symbolen ist so alt wie 
die Sprachbildung überhaupt, andere werden aber in der Gegenwart 
fortlaufend neugebildet (z. B. das Luftschiff, der Zeppelin). 

Der Traum bedient nun sich dieser Symbolik zur verkleideten 
Darstellung seiner latenten Gedanken. Unter den so verwendeten 
Symbolen sind nun allerdings viele, die regelmäßig oder fast regel- 
mäßig das nämliche bedeuten wollen. Nur möge man der eigentüm- 
lichen Plastizität des psychischen Materials eingedenk bleiben. Ein 
Symbol kann oft genug im Trauminhalt nicht symbolisch, sondern 
in seinem eigentlichen Sinne zu deuten sein; andere Male kann ein 
Träumer sich aus speziellem Erinnerungsmaterial das Recht schaffen, 
alles mögliche als Sexualsymjbol zu verwenden, was nicht allgemein 
so verwendet wird. Wo ihm zur Darstellung eines Inhaltes mehrere 
Symbole zur Auswahl bereit stehen, wird er sich für jenes Symbol 
entscheiden, das überdies noch Sachbeziehungen zu seinem sonstigen 
Gedankenmaterial aufweist, also eine individuelle Motivierung neben 
der typisch gültigen gestattet. 

Wenn die neueren Forschungen über den Traum seit Scherner 
die Anerkennung der Traumsymbolik unabweisbar gemacht haben 
— selbst H. Ellis bekennt sich dazu, es sei ein Zweifel nicht 
möglich, daß unsere Träume von Symbolik erfüllt seien — , so ist 
doch zuzugeben, daß die Aufgabe einer Traumdeutung durch die 
Existenz der Symbole im Traume nicht nur erleichtert, sondern auch 
erschwert wird. Die Technik der Deutung nach den freien Ein- 
fällen des Träumers läßt uns für die symbolischen Elemente des 
Trauminhaltes meist im Stich ; eine Rückkehr zur Willkür des Traum- 
deuters, wie sie im Altertum geübt wurde und in den verwilderten 
Deutungen von St ekel wieder aufzuleben scheint, ist aus Motiven 
wissenschaftlicher Kritik ausgeschlossen. Somit nötigen uns die im 
Trauminhalt vorhandenen symbolisch aufzufassenden Elemente zu 
einer kombinierten Technik, welche sich einerseits auf die Assozi- 
ationen des Träumers stützt, anderseits das Fehlende aus dem Symbol- 
verständnis des Deuters einsetzt. Kritische Vorsicht in der Auf- 
lösung der Symbole und sorgfältiges Studium derselben an besonders 

*) So tritt z. B. das auf dem Wasser fahrende Schiff in den Harnträumen 
ungarischer Träumer auf, obwohl dieser Sprache die Bezeichnung „schiffen" 
für „urinieren** fremd ist (Ferenczi; vgl. auch p. 271). In den Träumen von 
Franzosen und anderen Romanen dient das Zimmer zur symbolischen Darstellung 
der Frau, obwohl diese Völker nichts dem deutschen „Frauenzimmer* Analoges 
kennen. 



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262 VI. Die Traumarbeit. 

durchsichtigen Traumbeispielen müssen zusammentreffen, um den Vor- 
wurf der Willkürlichkeit in der Traumdeutung zu entkräften. Die 
Unsicherheiten, die unserer Tätigkeit als Deuter des Traumes noch 
anhaften, rühren zum Teil von unserer unvollkommenen Erkenntnis 
her, die durch weitere Vertiefung fortschreitend gehoben werden kann, 
zum anderen Teil hängen sie gerade von gewissen Eigenschaften 
der Traumsymbole ab. Dieselben sind oft viel- und mehrdeutig, so 
daß, wie in der chinesischen Schrift, erst der Zusammenhang die 
jedesmal richtige Auffassung ermöglicht. Mit dieser Vieldeutigkeit 
der Symbole verbindet sich dann die Eignung des Traumes, Uber- 
deutungeii zuzulassen, in einem Inhalt verschiedene, oft ihrer Natur 
nach sehr abweichende Gedankenbildungen und Wunschregungen dar- 
zustellen. 

Nach diesen Einschränkungen und Verwahrungen führe ich an : 
Der Kaiser und die Kaiserin (König und Königin) stellen wirklich 
zumeist die Eltern des Träumers dar, Prinz oder Prinzessin ist er 
selbst. — Alle in die Länge reichenden Objekte, Stöcke, Baumstämme, 
Schirme (des der Erektion vergleichbaren Aufspannens wegen I), alle 
länglichen und scharfen Waffen: Messer, Dolche, Piken, wollen das 
männliche Glied vertreten. Ein häufiges, nicht recht verständliches 
Symbol desselben ist die Nagelfeile (des Reibens und Schabens we- 
gen?). — Dosen, Schachteln, Kästen, Schränke, Öfen entsprechen 
dem Frauenleib. — Zimmer im Traume sind zumeist Frauenzimmer, 
die Schilderung ihrer verschiedenen Eingänge und Ausgänge macht 
an dieser Auslegung gerade nicht irre. Das Interesse, ob das 
Zimmer ^,offen" oder „verschlossen 4 ' ist, wird in diesem Zusammen- 
hange leicht verständlich. (Vgl. den Traum Doras im „Bruchstück 
einer Hysterieanalyse".) Welcher Schlüssel das Zimmer aufsperrt, 
braucht dann nicht ausdrücklich gesagt zu werden; die Symbolik 
von Schloß und Schlüssel hat Uhland im Lied vom „Grafen 
Eberstein" zur anmutigsten Zote gedient. — Der Traum, durch 
eine Flucht von Zimmern zu gehen, ist ein Bordell- oder Harems- 
traum. Er wird aber, wie H. Sachs an schönen Beispielen gezeigt 
hat, zur Darstellung der Ehe (Gegensatz) verwendet. — Stiegen, 
Leitern, Treppen respektive das Steigen auf ihnen und zwar sowohl 
aufwärts als abwärts, sind symbolische Darstellungen des Geschlechts- 
aktes*). — Glatte Wände, über die man klettert, Fassaden von 

*) Ich wiederhole hierüber, was ich an anderer Stelle (Die zukünftigen 
Chancen der psychoanalytischen Therapie, Zentralbl. f. Psychoanalyse I, Nr. 1/2, 
1910) geäußert habe: „Vor einiger Zeit wurde es mir bekannt, daß ein uns ferner 
stehender Psychologe sich an einen von uns mit der Bemerkung gewendet, wir 
überschätzten doch gewiß die geheime sexuelle Bedeutung der Träume. Sein häu- 
figster Traum sei, eine Stiege hinauf zu steigen, und da sei doch gewiß nichts 
Sexuelles dahinter. Durch diesen Einwand aufmerksam gemacht, haben wir dem 
Vorkommen von Stiegen, Treppen, Leitern im Traum Aufmerksamkeit geschenkt 
und konnten bald feststellen, daß die Stiege (und was ihr analog ist) ein sicheres 
Koitussymbol darstellt. Die Grundlage der Vergleichung ist nicht schwer auf- 



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Beispiele typischer Symbole. 263 

Häusern, an denen man sich — häufig unter starker Angst — herab- 
läßt, entsprechen aufrechten menschlichen Körpern, wiederholen 
im Traum wahrscheinlich die Erinnerung an das Emporklettern 
des kleinen Kindes an Eltern und Pflegepersonen. Die „glatten 44 
Mauern sind Männer; an den „Vorsprüngen" der Häuser hält man 
sich nicht selten in der Traumangst fest — Tische, gedeckte Tische 
und Bretter sind gleichfalls Frauen, wohl des Gegensatzes wegen, der 
hier die Körperwölbungen aufhebt „Holz" scheint überhaupt nach 
seinen sprachlichen Beziehungen ein Vertreter des weiblichen Stoffes 
(Materie) zu sein. Der Name der Insel Madeira bedeutet im Portu- 
giesischen: Holz. Da „Tisch und Bett" die Ehe ausmachen, wird 
im Traume häufig der erstere für das letztere gesetzt, und soweit es 
angeht, der sexuelle Vorstellungskomplex auf den Eßkomplex trans- 
poniert. — Von Kleidungsstücken ist der Hut einer Frau sehr häufig 
mit Sicherheit als Genitale und zwar des Mannes, zu deuten. Ebenso 
der Mantel, wobei es dahingestellt bleibt, welcher Anteil an dieser 
Symbolverwendung dem Wortanklang zukommt. In Träumen der 
Männer findet man häufig die Krawatte als Symbol des Penis, wohl 
nicht nur darum, weil sie lange herabhängt und für den Mann cha- 
rakteristisch ist, sondern auch, weil man sie nach seinem Wohlgefallen 
auswählen kann, eine Freiheit, die beim Eigentlichen dieses Symbols 
von der Natur verwehrt ist*). Personen, die dies Symbol im Traume 
verwenden, treiben im Leben oft großen Luxus mit Krawatten und 
besitzen förmliche Sammlungen von ihnen. — Alle komplizierten 
Maschinerien und Apparate der Träume sind mit großer Wahrschein- 
lichkeit Genitalien, in deren Beschreibung sich die Traumsymbolik 
so unermüdlich wie die Witzarbeit erweist. — Ebenso sind viele 
Landschaften der Träume, besonders solche mit Brücken oder mit 
bewaldeten Bergen, unschwer als Genitalbeschreibungen zu erkennen. 
Marcinowski hat eine Reihe von Beispielen gesammelt, in denen 
die Träumer ihre Träume durch Zeichnungen erläuterten, welche die 
darin vorkommenden Landschaften und Räumlichkeiten darstellen 
sollten. Diese Zeichnungen machen den Unterschied von manifester 

anfinden; in rhythmischen Absätzen, unter zunehmender Atemnot kommt man 
auf eine Höhe und kann dann in ein paar raschen Sprüngen wieder unten sein. So 
findet sich der Rhythmus des Koitus im Stiegensteigen wieder. Vergessen wir 
nicht, den Sprachgebrauch heranzuziehen. Er zeigt uns, daß das „Steigen" ohne 
weiteres als Ersatzbezeichnung der sexuellen Aktion gebraucht wird. Man pflegt 
zu sagen, der Mann ist eto „Steiger", „nachsteigen". Im Französischen heißt 
die Stufe der Treppe Ia marche; „un vjeux marcheur" deckt sich ganz mit unserem 
„ein alter Steiger'*. 

*) Vgl. im Zbl. für Ps.-A II, 675 die Zeichnung einer 19 jahrigen Mani- 
schen: ein Mann mit einer Schlange als Krawatte, die sich einem Mädchen 
entgegenwendet. Dazu die Geschichte „Der Schamhaftige* (Anthrop. VI, 334): 
In eine Badestube trat eine Dame ein und dort befand sich ein Herr, der kaum 
das Hemd anzulegen vermochte; er war sehr beschämt, deckte sich aber sofort 
den Hals mit dem Vorderteil des Hemdes zu und sagte: „Bitte um Verzeihung, 
bin ohne Krawatte." 



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264 VI. Die Traumarbeit 

und latenter Bedeutung im Traume sehr anschaulich. Während sie 
arglos betrachtet Pläne, Landkarten u.dgl. zu bringen scheinen, ent- 
hüllen sie sich einer eindringlicheren Untersuchung als Darstellungen 
des menschlichen Körpers, der Genitalien usw. und ermöglichen erst 
nach dieser Auffassung das Verständnis des Traumes. (Vgl. hiezu 
Pf isters Arbeiten über Kryptographie und Vexierbilder.) Auch 
darf man bei unverständlichen Wortneubildungen an Zusammen- 
setzung aus Bestandteilen mit sexueller Bedeutung denken. — Auch 
Kinder bedeuten im Traume oft nichts anderes als Genitalien, wie 
ja Männer und Frauen gewöhnt sind, ihr Genitale liebkosend als 
ihr „Kleines" zu bezeichnen. Mit einem kleinen Kinde spielen, den 
Kleinen schlagen usw. sind häufig Traumdarstellungen der Onanie. 
— Als ein ganz rezentes Traumsymbol des männlichen Genitales 
ist das Luftschiff zu erwähnen, welches sowohl durch seine Be- 
ziehung zum Fliegen wie gelegentlich durch seine Form solche Ver- 
wendung rechtfertigt. — Eine Reihe anderer, zum Teil noch nicht 
genügend verifizierter Symbole hat Stekel angegeben und durch Bei- 
spiele belegt. Die Schriften von Stekel, besonders sein Buch: „Die 
Sprache des Traumes" enthalten die reichste Sammlung von Symbol- 
auflösungen, die zum Teil scharfsinnig erraten sind und sich bei der 
Nachprüfung als richtig erwiesen haben, z. B. in dem Abschnitt über 
die Symbolik des Todes. Die mangelhafte Kritik des Verfassers und 
seine Neigung zu Verallgemeinerungen um jeden Preis machen aber 
andere seiner Deutungen zweifelhaft oder unverwendbar, so daß bei 
dem Gebrauch dieser Arbeiten Vorsicht dringend anzuraten ist. Ich 
beschränke mich darum auf die Hervorhebung weniger Beispiele. 

Rechts und Links sollen nach Stekel im Traum ethisch auf- 
zufassen sein. „Der rechte Weg bedeutet immer den Weg des Rech- 
tes, der linke den des Verbrechens. So kann der linke Homosexuali- 
tät, Inzest, Perversion, der rechte die Ehe, Verkehr mit einer Dirne 
usw. darstellen. Immer gewertet von dem individuell moralischen 
Standpunkt des Träumers" (1. c. p. 466). Die Verwandten überhaupt 
spielen im Traume meistens die Rolle von Genitalien (p. 473). Hier 
kann ich in dieser Bedeutung nur den Sohn, die Tochter, die jüngere 
Schwester bestätigen, soweit also das Anwendungsgebiet des „Kleinen" 
reicht. Das Nichteinholen eines Wagens löst Stekel als das Be- 
dauern über eine nicht einzuholende Altersdifferenz (p. 479). Das 
Gepäck, mit dem man reist, sei die Sündenlast, von der man gedrückt 
wird (ibid.). Gerade das Reisegepäck erweist sich aber häufig als un- 
verkennbares Symbol der eigenen Genitalien. Auch den häufig in 
Träumen vorkommenden Zahlen hat Stekel fixierte Symbolbedeutun- 
gen zugewiesen, doch erscheinen diese Auflösungen weder genügend 
sichergestellt, noch allgemein gültig, wenngleich die Deutung im ein- 
zelnen Falle meist als wahrscheinlich anerkannt werden darf. Die Drei- 
zahl ist übrigens ein mehrseitig sichergestelltes Symbol des männlichen 
Genitales. Eine der Verallgemeinerungen, welche Stekel aufstellt, 



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Beispiele sexueller Symbolik. — Der Hut 265 

bezieht sich auf die doppelsinnige Bedeutung der Genitalsymbole. 
„Wo gäbe es ein Symbol, das — wenn es die Phantasie nur einiger- 
maßen erlaubt — nicht männlich und weiblich zugleich gebraucht 
werden könnte!*' Der eingeschobene Satz nimmt allerdings viel von 
der Sicherheit dieser Behauptung zurück, denn die Phantasie er- 
laubt es eben nicht immer. Ich halte es aber doch für nicht über- 
flüssig, auszusprechen, daß nach meinen Erfahrungen der allgemeine 
Satz Stekels vor der Anerkennung einer größeren Mannigfaltig- 
keit zurückzutreten hat. Außer Symbolen, die ebenso häufig für 
das männliche wie für das weibliche Genitale stehen, gibt es solche, 
die vorwiegend oder fast ausschließlich eines der Geschlechter be- 
zeichnen, und noch andere, von denen nur die männliche oder nur 
die weibliche Bedeutung bekannt ist Lange, feste Gegenstände und 
Waffen als Symbole des weiblichen Genitales zu gebrauchen oder 
hohle (Kasten, Schachteln, Dosen usw.) als Symbole des männlichen, 
gestattet eben die Phantasie nicht. 

Es ist richtig, daß die Neigung des Traumes und der unbewußten 
Phantasien, die Sexualsymbole bisexuell zu verwenden, einen archai- 
schen Zug verrät, da in der Kindheit die Verschiedenheit der Ge- 
nitalien unbekannt ist und beiden Geschlechtern das nämliche Ge- 
nitale zugesprochen wird. 

Diese in hohem Grade unvollständigen Andeutungen mögen 
genügen, um andere zu sorgfältigerer Sammelarbeit anzuregen*). 

Ich werde nun einige Beispiele von der Verwendung solcher 
Symbole in Träumen anfügen, welche zeigen sollen, wie unmöglich 
es wird, zur Deutung des Traumes zu gelangen, wenn man sich 
der Traumsymbolik verschließt, wie unabweisbar sich aber eine 
solche auch in vielen Fällen aufdrängt. 

1. Der Hut als Symbol des Mannes (des männlichen 

Genitales**). 

(Teilstück aus dem Traum einer jungen, infolge von Versuchungs- 
angst agoraphobischen Frau.) 

„Ich gehe im Sommer auf der Straße spazieren, trage einen 
Strohhut von eigentümlicher Form, dessen Mittelstück nach oben 
aufgebogen ist, dessen Seitenteile nach abwärts hängen (Beschreibung 
hier stockend), und zwar so, daß der eine tiefer steht als der andere. 



*) Bei aller Verschiedenheit der S eherne rächen Auffassung von der 
Traumsymbolik und der hier entwickelten, muß ich doch hervorheben, daß Scher- 
ner als der eigentliche Entdecker der Symbolik im Traume anerkannt werden 
sollte, und daß die Erfahrungen der Psychoanalyse sein für phantastisch gehal- 
tenes vor rund 50 Jahren veröffentlichtes Buch nachträglich zu Ehren gebracht 
haben. 

**) Aus „Nachträge zur Traumdeutung". Zentralblatt für Psychoanalyse I, 
Nr. 5/6, 1911. 



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266 VI. Die Traumarbeit 

Ich bin heiter und in sicherer Stimmung, und wie ich an einem 
Trupp junger Offiziere vorbeigehe, denke ich mir: Ihr könnt mir 
alle nichts anhaben." 

Da sie zu dem Hut im Traume keinen Einfall produzieren kann, 
sage ich ihr: Der Hut ist wohl ein männliches Genitale mit seinem 
emporgerichteten Mittelstück und den beiden herabhängenden Seiten- 
teilen. Daß der Hut ein Mann sein soll, ist vielleicht sonderbar, aber 
man sagt ja auch: „Unter die Haube kommen I" Absichtlich enthalte 
ich mich der Deutung jenes Details über das ungleiche Herabhängen 
der beiden Seitenteile, obwohl gerade solche Einzelheiten in ihrer 
Determinierung der Deutung den Weg weisen müssen. Ich setze 
fort: Wenn sie also einen Mann mit so prächtigem Genitale hat, 
braucht sie sich vor den Offizieren nicht zu fürchten, d. h. nichts 
von ihnen zu wünschen, da sie sonst wesentlich durch ihre Ver- 
suchungsphantasien vom Gehen ohne Schutz und Begleitung ab- 
gehalten wird. Diese letztere Aufklärung ihrer Angst hätte ich ihr 
schon zu wiederholten Malen, auf anderes Material gestützt, geben 
können. 

Es ist nun sehr beachtenswert, wie sich die Träumerin nach 
dieser Deutung benimmt. Sie zieht die Beschreibung des Hutes 
zurück und will nicht gesagt haben, daß die beiden Seitenteile nach 
abwärts hingen. Ich bin des Gehörten zu sicher, um mich beirren 
zu lassen, und beharre dabei. Sie schweigt eine Weile und findet 
dann den Mut zu fragen, was es bedeute, daß bei ihrem Manne ein 
Hode- tiefer stehe als der andere, und ob es bei allen Männern so 
sei. Damit war dies sonderbare Detail des Hutes aufgeklärt und die 
ganze Deutung von ihr akzeptiert. 

Das Hutsymbol war mir längst bekannt, als mir die Patientin 
diesen Traum mitteilte. Aus anderen, aber minder durchsichtigen 
Fällen glaubte ich zu entnehmen, daß der Hut auch für ein weib- 
liches Genitale stehen kann*). 

2. Das Kleine ist das Genitale — das Überfahrenwerden 

ist ein Symbol des Geschlechtsverkehres. 

(Ein anderer Traum derselben agoraphobischen Patientin.) 

„Ihre Mutter schickt ihre kleine Tochter weg, damit sie allein 
gehen muß. Sie fährt dann mit der Mutter in der Eisenbahn und 
sieht ihre Kleine direkt auf den Schienenweg zugehen, so daß sie über- 
fahren werden muß. Man hört die Knochen krachen (dabei ein un- 
behagliches Gefühl, aber kein eigentliches Entsetzen). Dann sieht sie 
sich aus dem Waggonfenster um, ob man nicht hinten die Teile sieht. 



*) Vgl. ein solches Beispiel in der Mitteilung von Kirchgraber (Zentralbl. 
f. Ps. A. III, 1912, p. 95). Von Ste'kel (Jahrbuch, Bd. I, p. 475) wird ein Traum 
mitgeteilt, in welchem der Hut mit schiefstehender Feder in der Mitte den (impo- 
tenten) Mann symbolisiert. 



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Das „Kleine" als Sexualsymbol. 267 

Dann macht sie ihrer Mutter Vorwürfe, daß sie die Kleine allein hat 
gehen lassen." Analyse. Die vollständige Deutung des Traumes ist 
hier nicht leicht zu geben. Er stammt aus einem Zyklus von Träumen 
und kann nur im Zusammenhange mit diesen anderen voll verstanden 
werden. Es ist eben nicht leicht, das für den Erweis der Symbolik 
benötigte Material genügend isoliert zu bekommen. — Die Kranke 
findet zuerst, daß die Eisenbahnfahrt historisch zu deuten ist, als An- 
spielung auf eine Fahrt von einer Nervenheilanstalt weg, in deren 
Leiter sie natürlich verliebt war. Die Mutter holte sie von dort ab, 
der Arzt erschien auf dem Bahnhof und überreichte ihr einen Strauß 
Blumen zum Abschied ; es war ihr unangenehm, daß die Mutter Zeugin 
dieser Huldigung sein mußte. Hier erscheint also die Mutter als 
Störerin ihrer Liebesbestrebungen, welche Rolle der strengen Frau 
während ihrer Mädchenjahre wirklich zugefallen war. — Der nächste 
Einfall bezieht sich auf den Satz: sie sieht sich um, ob man nicht die 
Teile von hinten sieht. In der Traumfassade müßte man natürlich an 
die Teile des überfahrenen und zermalmten Töchterchens denken. Der 
Einfall weist aber nach ganz anderer Richtung. Sie erinnert, daß sie 
einmal den Vater im Badezimmer nackt von rückwärts gesehen, kommt 
auf die Geschlechtsunterschiede zu sprechen und hebt hervor, daß man 
beim Manne die Genitalien noch von rückwärts sehen könne, beim 
Weibe aber nicht. In diesem Zusammenhange deutet sie nun selbst, 
daß das Kleine das Genitale sei, ihre Kleine (sie hat eine vierjährige 
Tochter) ihr eigenes Genitale. Sie macht der Mutter den Vorwurf, 
daß sie verlangt hätte, sie solle so leben, als ob sie kein Genitale hätte, 
und findet diesen Vorwurf in dem einleitenden Satz des Traumes 
wieder: Die Mutter schickte ihre Kleine weg, damit sie allein gehen 
mußte. In ihrer Phantasie bedeutet das Alleingehen auf der Straße 
keinen Mann, keine sexuelle Beziehung haben (coire = zusammen- 
gehen), und das mag sie nicht Nach allen ihren Angaben hat sie 
wirklich als Mädchen unter der Eifersucht der Mutter infolge ihrer 
Bevorzugung durch den Vater gelitten. 

Die tiefere Deutung dieses Traumes ergibt sich aus einem an- 
deren Traum derselben Nacht, in dem sie sich mit ihrem Bruder 
identifiziert. Sie war wirklich ein bubenhaftes Mädel, mußte oft hören, 
daß an ihr ein Bub verloren gegangen sei. Zu dieser Identifizierung 
mit dem Bruder wird es dann besonders klar, daß das „Kleine" das 
Genitale bedeutet. Die Mutter droht ihm (ihr) mit der Kastration, 
die nichts anderes als Bestrafung für das Spielen mit dem Gliede 
sein kann, und somit zeigt die Identifizierimg, daß sie selbst als Kind 
onaniert hat, was ihre Erinnerung bisher nur vom Bruder bewahrt 
hatte. Eine Kenntnis des männlichen Genitales, die ihr später ver- 
loren ging, muß sie nach den Angaben dieses zweiten Traumes damals 
früh erworben haben. Ferner deutet der zweite Traum auf die in- 
fantile Sexualtheorie hin, daß die Mädel durch Kastration aus Buben 
hervorgehen. Nachdem ich ihr diese Kindermeinung vorgetragen, 



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268 VI. Die Traumarbeit 

findet sie sofort eine Bestätigung hiefür in der Kenntnis der Anek- 
dote, daß der Bub das Mädel fragt: Abgeschnitten? worauf das 
Mädel antwortet: Nein, immer so g'west. 

Das Wegschicken der Kleinen, des Genitales im ersten Traum, 
bezieht sich also auch auf die Kastrationsdrohung. Endlich grollt sie 
der Mutter, daß sie sie nicht als Knaben geboren hat. 

Daß das „Überfahren werden" sexuellen Verkehr symbolisiert, 
würde aus diesem Traume nicht evident, wenn man es nicht aus zahl- 
reichen anderen Quellen sicher wüßte. 

3. Darstellung des Genitales durch Gebäude, Stiegen, 

Schachte. 

(Traum eines durch seinen Vaterkomplex gehemmten jungen Mannes.) 

„Er geht mit seinem Vater an einem Ort spazieren, der gewiß 
der Prater ist, denn man sieht die Rotunde, vor dieser einen kleineren 
Vorbau, an dem ein Fesselballon angebracht ist, der aber ziem- 
lich schlaff scheint. Sein Vater fragt ihn, wozu das alles ist; er 
wundert sich darüber, erklärt es ihm aber. Dann kommen sie in einen 
Hof, in dem eine große Platte von Blech ausgebreitet liegt. Sein Vater 
will sich ein großes Stück davon abreißen, sieht sich aber vorher 
um, ob es nicht jemand bemerken kann. Er sagt ihm, er braucht es 
doch nur dem Aufseher zu sagen, dann kann er sich ohne weiteres 
davon nehmen. Aus diesem Hof führt eine Treppe in einen Schacht 
herunter, dessen Wände weich ausgepolstert sind, etwa wie ein Leder- 
fauteuil. Am Ende dieses Schachtes ist eine längere Plattform und 
dann beginnt ein neuer Schacht . . ." 

Analyse. Dieser Träumer gehörte einem therapeutisch nicht 
günstigen Typus von Kranken an, die bis zu einem gewissen Punkt 
der Analyse überhaupt keine Widerstände machen und sich von da 
an fast unzugänglich erweisen. Diesen Traum deutete er fast selb- 
ständig. Die Rotunde, sagte er, ist mein Genitale, der Fesselballon 
davor mein Penis, über dessen Schlaffheit ich zu klagen habe. Man 
darf also eingehender übersetzen, die Rotunde sei das — vom Kind 
regelmäßig zum Genitale gerechnete — Gesäß, der kleinere Vorbau 
der Hodensack. Im Traum fragt ihn der Vater, was das alles ist, 
d. h. nach Zweck und Verrichtung der Genitalien. Es liegt nahe, 
diesen Sachverhalt umzukehren, so daß er der fragende Teil wird. 
Da eine solche Befragung des Vaters in Wirklichkeit nie stattgefunden 
hat, muß man den Traumgedanken als Wunsch auffassen oder ihn 
etwa konditionell nehmen : „Wenn ich den Vater um sexuelle Auf- 
klärung gebeten hätte. " Die Fortsetzung dieses Gedankens werden 
wir bald an anderer Stelle finden. 

Der Hof, in dem das Blech ausgebreitet liegt, ist nicht in erster 
Linie symbolisch zu fassen, sondern stammt aus dem Geschäftslokal 
des Vaters. Aus Gründen der Diskretion habe ich das „Blech" für 



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Symbolische Bauten. — Landschaften. 269 

das andere Material, mit dem der Vater handelt, eingesetzt, ohne sonst 
etwas am Wortlaut des Traumes zu ändern. Der Träumer ist in das 
Geschäft des Vaters eingetreten und hat an den eher unkorrekten 
Praktiken, auf denen der Gewinn zum guten Teil beruht, gewaltigen 
Anstoß genommen. Daher dürfte die Fortsetzung des obigen Traum- 
gedankens lauten: („Wenn ich ihn gefragt hätte), würde er mich be- 
trogen haben, wie er seine Kunden betrügt." Für das Abreißen, 
welches der Darstellung der geschäftlichen Unredlichkeit dient, gibt 
der Träumer selbst die zweite Erklärung, es bedeute die Onanie. Dies 
ist uns nicht nur längst bekannt (siehe oben p. 259), sondern stimmt 
auch sehr gut dazu, daß das Geheimnis der Onanie durch das Gegen- 
teil ausgedrückt ist (man darf es ja offen tun). Es entspricht dann 
allen Erwartungen, daß die onanistische Tätigkeit wieder dem Vater 
zugeschoben wird, wie die Befragung in der ersten Traumszene. Den 
Schacht deutet er sofort unter Berufung auf die weiche Polsterung der 
Wände als Vagina. Daß das Herabsteigen wie sonst das Aufsteigen 
den Koitusverkehr in der Vagina beschreiben will, setze ich aus an- 
derer Kenntnis ein (vgl. meine Bemerkung im Zentralblatt f. Psycho- 
analyse, I, 1, 1910; siehe oben p. 262 Note). 

Die Einzelheiten, daß auf den ersten Schacht eine längere Platt- 
form folgt und dann ein neuer Schacht, erklärt er selbst biographisch. 
Er hat eine Zeitlang koitiert, dann den Verkehr infolge von Hemmun- 
gen aufgegeben und hofft ihn jetzt imit Hilfe der Kur wieder aufnehmen 
zu können. Der Traum wird aber gegen Ende undeutlicher und dem 
Kundigen muß es plausibel erscheinen, daß sich schon in der zweiten 
Traumszene der Einfluß eines anderen Themas geltend mache, auf 
welches das Geschäft des Vaters, sein betrügerisches Vorgehen, die 
erste als Schacht dargestellte Vagina deuten, so daß man eine Be- 
ziehung auf die Mutter annehmen könnte. 

4. Das männliche Genitale durch Personen, das weibliche 

durch eine Landschaft symbolisiert 
(Tr^um einer Frau aus dem Volke, deren Mann Wachmann ist, 

mitgeteilt von B. Dattner.) 
. . . Dann sei jemand in die Wohnimg eingebrochen und sie 
habe angstvoll nach einem Wachmanne gerufen. Dieser aber sei mit 
zwei „Pülchern" einträchtig in eine Kirche*) gegangen, zu der mehrere 
Stufen**) emporführten; hinter der Kirche sei ein Berg***) gewesen 
und oben ein dichter Waldt). Der Wachmann sei mit einem Helm, 
Ringkragen und Mantelft) versehen gewesen. Er habe einen braunen 

*) Oder Kapelle = Vagina. 
**) Symbol des Koitus. 
***) Mons veneris. 
t) Crines pubis. 
tt) Dämonen in Mänteln und Kapuzen sind nach der Aufklärung eines 
Fachmannes phallischer Natur. 



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270 VI. Die Traumarbeit 

Vollbart gehabt. Die beiden Vaganten, die friedlich mit dem Wach- 
mann gegangen seien, hätten sackartig aufgebundene Schürzen um 
die Lenden gehabt*). Vor der Kirche habe zum Berg ein Weg 
geführt. Dieser sei beiderseits mit Gras und Gestrüpp verwachsen 
gewesen, das immer dichter wurde und auf der Höhe des Berges ein 
ordentlicher Wald geworden sei. 

5. Zur Harnsymbolik. 

Die hier reproduzierten Zeichnungen stammen aus einer Reihe 
von Bildern, die Ferenczi in einem ungarischen Witzblatt („Fidi- 
busz") aufgefunden und in ihrer Brauchbarkeit zur Illustration der 
Traumtheorie erkannt hat. 0. Rank hat das nebenstehende als 
„Traum der französischen Bonne" überschriebene Blatt bereits 
in seiner Arbeit über die Symbolschichtung im Wecktraum usw. 
(p. 99) verwertet. 

Erst das letzte Bild, welches das Erwachen der Bonne infolge 
des Geschreis des Kindes enthält, zeigt uns, daß die früheren sieben 
die Phasen eines Traumes darstellen. Das erste Bild anerkennt den 
Reiz, der zum Erwachen führen sollte. Der Knabe hat ein Bedürfnis 
geäußert und verlangt die entsprechende Hilfeleistung. Der Traum 
vertauscht aber die Situation im SchlafzimJmer mit der eines Spazier- 
ganges Im zweiten Bild hat sie den Knaben bereits an eine Straßen- 
ecke gestellt, er uriniert und — sie darf weiterschlafen. Der Weck- 
reiz hält aber an, ja er verstärkt sich; der Knabe, der sich nicht be- 
achtet findet, brüllt immer kräftiger. Je dringender er das Erwachen 
und die Hilfeleistung «einer Bonne fordert, desto mehr steigert deren 
Traum seine Versicherung, daß alles in Ordnung sei und daß sie nicht 
zu erwachen brauche. Er übersetzt dabei den Weckreiz in die Dimen- 
sionen des Symbols. Der Wasserstrom, welchen der urinierende Knabe 
liefert, wird immer mächtiger. Im vierten Bild trägt er bereits einen 
Kahn, dann eine Gondel, ein Segelschiff, endlich ein großes Dampf- 
schiff ! Der Kampf zwischen dem eigensinnigen Schlafbedürfnis und 
dem unermüdlichen Weckreiz ist hier in geistreichster Weise von 
einem mutwilligen Künstler verbildlicht. 

6. Ein Stiegentraum. 
(Mitgeteilt und gedeutet von Otto Rank.) 

Demselben Kollegen, von dem der (unten p. 281 f. Anmkg.) an- 
geführte Zahnreiztraum herrührt, verdanke ich den folgenden ähn- 
lich durchsichtigen Pollutionstraum: 

„Ich jage im Stiegenhaus die Treppe hinunter einem kleinen 
Mädchen, das mir irgend etwas getan hat, nach, um es zu bestrafen. 

*) Die beiden Hälften des Hodensackes. 



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Original from 
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Zur HArntymbolik. 



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272 VI- Dil» Tnmmarbeit 

Unten am Ende der Stiege hält mir jemand (eine erwachsene weibliche 
Person ?) das Kind auf ; ich fasse es, weiß aber nicht, ob ich es ge- 
schlagen habe, denn plötzlich befand ich mich mitten auf der Stiege, 
wo ich das Kind (gleichsam wie in der Luft) koitierte. Eigent- 
lich war es kein Koitus, sondern ich rieb nur mein Genitale an ihrem 
äußeren Genitale, wobei ich dieses sowie ihren seitwärts zurückgeleg- 
ten Kopf überaus deutlich sah. Während des Sexualaktes sah ich links 
ober mir (auch wie in der Luft) zwei kleine Gemälde hängen, Land- 
schaften, die ein Haus im Grünen darstellten. Auf dem einen kleineren 
stand unten an Stelle der Namenssignatur des Malers mein eigener 
Vorname, als wäre es für mich zum Geburtstagsgeschenk bestimmt. 
Dann hing noch ein Zettel vor beiden Bildern, worauf stand, daß 
billigere Bilder auch zur Verfügung stehen; (ich sehe mich dann 
höchst undeutlich so wie oben auf dem Treppenabsatz im Bette liegen 
und) erwache durch die Empfindung der Nässe, welche von der er- 
folgten Pollution herrührt. " 

Deutung: Der Träumer war am Abend des Traumtages im 
Laden eines Buchhändlers gewesen, wo er während der Wartezeit 
einige der ausgestellten Bilder besichtigt hatte, die ähnliche Motive 
wie die Traumbilder darstellten. Bei einem kleinen Bildchen, das ihm 
besonders gefallen hatte, trat er näher und sah nach dem Namen des 
Malers, der ihm jedoch völlig unbekannt war. 

Am selben Abend hatte er später in Gesellschaft von einem 
böhmischen Dienstmädchen erzählen gehört, die sich gerühmt hatte, 
ihr außereheliches Kind sei „auf der Stiege gemacht worden". Der 
Träumer hatte 'sich nach dem Detail dieses nicht alltäglichen Vor- 
kommnisses erkundigt und erfahren, daß das Dienstmädchen mit 
ihrem Verehrer nach Hause in die Wohnung ihrer Eltern gegangen 
war, wo zu geschlechtlichem Verkehr keine Gelegenheit gewesen 
wäre, und daß der erregte Mann den Koitus auf der Stiege vollzogen 
hatte. Der Träumer hatte dazu in scherzhafter Anspielung auf den 
boshaften Ausdruck für Weinfälscherei geäußert: daö Kind sei wirk- 
lich „auf der Kellerstiege gewachsen". 

Dies die Tagesanknüpfungen, die ziemlich aufdringlich im 
Trauminhalt vertreten sind und vom Träumer ohne weiteres repro- 
duziert werden. Ebenso leicht produziert er aber ein altes Stück in- 
fantiler Erinnerung, das ebenfalls im Traume Verwendung gefunden 
hat. Das Stiegenhaus ist das jenes Hauses, in welchem er den größten 
Teil seiner Kinderjahre verbracht und wo er insbesondere die erste be- 
wußte Bekanntschaft mit den Sexualproblemen gemacht hatte. In 
diesem Stiegenhaus hatte er häufig gespielt und war dabei unter 
anderem auch rittlings längs des Geländers hinuntergerutscht, wobei 
er sexuelle Erregung verspürt hatte. Im Traume eilt er nun eben- 
falls ungemein rasch über die Stiege hinunter, so rasch, daß er nach 
eigener deutlicher Angabe die einzelnen Stufen gar nicht berührt, 
sondern, wie man zu sagen pflegt, „hinunterfliegt" oder rutscht. Mit 



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Stiegenträume. 273 

Bezug auf das infantile Erlebnis scheint dieser Beginn des Traumes 
den Moment der sexuellen Erregung darzustellen. — In diesem 
Stiegenhaus und der dazugehörigen Wohnung hatte der Träumer aber 
auch mit den Nachbarskindern häufig sexuelle Eauf spiele getrieben, 
wobei er sich in ähnlicher Weise befriedigt hatte, wie es im Traume 
geschieht. 

Weiß man aus Freuds sexualsymbolischen Forschungen (siehe 
Zentralblatt f. Ps. A., H. 1, p. 2 f.), daß die Stiege und das Stiegen- 
steigen im Traume fast regelmäßig den Koitus symbolisieren, so wird 
der Traum völlig durchsichtig. Seine Triebkraft ist, wie ja auch sein 
Effekt, die Pollution, zeigt, rein libidinöser Natur. Im Schlafzustand 
erwacht die sexuelle Erregung (im Traume dargestellt durch das 
Hinuntereilen — rutschen — über die Stiege), deren sadistischer 
Einschlag auf Grund der Kaufspiele in der Verfolgung und Über- 
wältigung des Kindes angedeutet ist. Die libidinöse Erregung stei- 
gert sich und drängt zur sexuellen Aktion (dargestellt im Traume 
durch das Fassen des Kindes und seine Beförderung in die Mitte der 
Stiege). Bis daher wäre der Traum rein sexualsymbolisch und für den 
wenig geübten Traumdeuter völlig undurchsichtig. Aber der über- 
starken libidinösen Erregung genügt diese symbolische Befriedigung 
nicht, welche die Ruhe des Schlafes gewährleistet hätte. Die Erregung 
führt zum Orgasmus und damit wird die ganze Stiegensymbolik als 
Vertretung des Koitus entlarvt. — Wenn Freud als einen der Gründe 
für die sexuelle Verwertung des Stiegensymbols den rhythmischen 
Charakter beider Aktionen hervorhebt, so scheint dieser Traum be- 
sonders deutlich dafür zu sprechen, da nach ausdrücklicher Angabe des 
Träumers die Rhythmik seines Sexualaktes, das Auf- und Nieder- 
reiben, das im ganzen Traum am deutlichsten ausgeprägte Element 
gewesen war. 

Noch eine Bemerkung über die beiden Bilder, die, abgesehen 
von ihrer realen Bedeutung auch in symbolischem Sinne als „Weibs- 
bilder" gelten, was schon daraus hervorgeht, daß es sich um ein 
großes und ein kleines Bild handelt, ebenso wie im Trauminhalt ein 
großes (erwachsenes) und ein kleines Mädchen vorkommen. Daß auch 
billigere Bilder zur Verfügung stehen, führt zum Protistuierten- 
komplex, wie anderseits der Vorname des Träumers auf dem kleinen 
Bilde und der Gedanke, es sei ihm zum Geburtstag bestimmt, auf den 
Elternkomplex hinweisen (auf der Stiege geboren = im Koitus er- 
zeugt). 

Die undeutliche Schlußszene, wo der Träumer sich selbst oben 
auf dem Treppenabsatze im Bette liegen sieht und Nässe verspürt, 
scheint über die infantile Onanie hinaus noch weiter in die Kindheit 
zurückzuweisen, und vermutlich ähnlich lustvolle Szenen von Bett- 
nässen zum Vorbild zu haben/ 4 



Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 18 



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274 VI. Die Traumarbeit. 

7. Ein modifizierter Stiegentraum. 

Ich mache einem meiner Patienten, einem schwerkranken Ab- 
stinenten, dessen Phantasie an seine Mutter fixiert ist, und der wieder- 
holt vom Treppensteigen in Begleitung der Mutter geträumt hat, die 
Bemerkung, daß mäßige Masturbation ihm wahrscheinlich weniger 
schädlich wäre als seine erzwungene Enthaltsamkeit. Diese Beein- 
flussung provoziert folgenden Traum: 

„Sein Klavierlehrer mache ihm Vorwürfe, daß er sein Klavier- 
spiel vernachlässigt, die Etüden von Moscheies sowie den Grad us 
ad Parnassum von Clementi nicht übt." 

Er bemerkt hiezu, der Gradus sei ja auch eine Stiege und die 
Klaviatur selbst sei eine Stiege, weil sie eine Skala enthalte. 

Man darf sagen, es gibt keinen Vorstellungskreis, der sich der 
Darstellung sexueller Tatsachen und Wünsche verweigern würde. 

Es sei hier ein Traum eingeschaltet, dessen hübsche Symbolik 
eine Deutung mit geringer Nachhilfe der Träumerin gestattete. 

8. „Zur Frage der Symbolik in den Träumen Gesunder"*). 

„Ein von den Gegnern der Psychoanalyse häufig — zuletzt auch 
von Havelock Ellis**) — vorgebrachter Einwand lautet, daß die 
Traumsymbolik vielleicht ein Produkt der neurotischen Psyche sei, 
aber keineswegs für die normale Gültigkeit habe. Während nun die 
psychoanalytische Forschung zwischen normalem und neurotischem 
Seelenleben überhaupt keine prinzipiellen, sondern nur quantitative 
Unterschiede kennt, zeigt die Analyse der Träume, in denen ja bei 
Gesunden und Kranken in gleicher Weise die verdrängten Komplexe 
wirksam sind, die volle Identität der Mechanismen, wie der Symbolik. 
Ja die unbefangenen Träume Gesunder enthalten oft eine viel ein- 
fachere, durchsichtigere und mehr charakteristische Symbolik als die 
neurotischer Personen, in denen sie infolge der stärker wirkenden 
Zensur und der hieraus resultierenden weitergehenden Traumentetel- 
lung häufig gequält, dunkel und schwer zu deuten ist. Der in fol- 
gendem mitgeteilte Traum diene zur Illustrierung dieser Tatsache. 
Er stammt von einem nicht neurotischen Mädchen von eher prüdem 
und zurückhaltendem Wesen; im Laufe des Gespräches erfahre ich, 
daß sie verlobt ist, daß sich aber der Heirat Hindernisse entgegen- 
stellen, die sie zu verzögern geeignet sind. Sie erzählt mir spontan 
folgenden Traum: 

„I arrange the centre of a table with flowers for a 
birth day." (Ich richte die Mitte eines Tisches mit Blumen für einen 
Geburtstag her.) Auf Fragen gibt sie an, sie sei im Traume wie in 
ihrem Heim gewesen (das sie zurzeit nicht besitzt) und habe ein 
Glücksgefühl empfunden. 

*) Alfred Robitsek im Zentralblatt f. Ps.-A. II, 1911, p. 340. 
**) „The World of Dreams", London 1911, p. 168. 



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Symbolik in den Träumen Gesunder. 275 

„Die ,populäre' Symbolik ermöglicht mir, den Traum für mich 
zu übersetzen. Er ist der Ausdruck ihrer bräutlichen Wünsche: der 
Tisch mit dem Blumenmittelstück ist symbolisch für sie selbst und 
das Genitale; sie stellt ihre Zukunftswünsche erfüllt dar, indem sie 
sich bereits mit dem Gedanken an die Geburt eines Kindes beschäftigt ; 
die Hochzeit liegt also längst hinter ihr. 

„Ich mache sie darauf aufmerksam, daß ,the centre of a table' 
ein ungewöhnlicher Ausdruck sei, was sie zugibt, kann hier aber na- 
türlich nicht direkt weiter fragen. Ich vermied es sorgfältig, ihr die 
Bedeutung der Symbole zu suggerieren und fragte sie nur, was ihr zu 
den einzelnen Teilen des Traumes in den Sinn komme. Ihre Zurück- 
haltung wich im Verlaufe der Analyse einem deutlichen Interesse an 
der Deutung und einer Offenheit, die der Ernst des Gespräches er- 
möglichte. — Auf meine Frage, was für Blumen es gewesen seien, 
antwortete sie zunächst: ,expensive flowers; one has to pay 
f or them' (teuere Blumen, für die man zahlen muß), dann, es seien 
,lilies of the Valley, violets and pinks or carnations' gewesen 
(Maiglöckchen, wörtlich Lilien vom Tale, Veilchen und Nelken). Ich 
nahm an, daß das Wort Lilie in diesem Traume in seiner populären 
Bedeutung als Keuschheitssymbol erscheine; sie bestätigte diese An- 
nahme, indem ihr zu ,Lilie' ,purity' (Reinheit) einfiel. ,Valley' 
das Tal, ist ein häufiges weibliches Traumsymbol; so wird das zu- 
fällige Zusammentreffen der beiden Symbole in dem englischen Namen 
für Maiglöckchen zur Traumsymbolik, zur Betonung ihrer kostbaren 
Jungfräulichkeit — expensive flowers, one has to pay for them — 
verwendet und zum Ausdruck der Erwartung, daß der Mann ihren 
Wert zu würdigen wissen werde. Die Bemerkung ,expensive flowers 
etc.* hat, wie sich zeigen wird, bei jedem der drei Blumensymbole 
eine andere Bedeutung. 

„Den geheimen Sinn der scheinbar recht asexuellen ,violets' 
suchte ich mir — recht kühn, wie ich meinte — mit einer unbewußten 
Beziehung zum französischen ,vioT zu erklären. Zu meiner Über- 
raschung assoziierte die Träumerin ,violate', das englische Wort für 
vergewaltigen. Die zufällige große Wortähnlichkeit von vi ölet und 
violate — in der englischen Aussprache unterscheiden sie sich nur 
durch eine Akzentverschiedenheit der letzten Silbe — wird vom 
Traume benutzt, um ,durch die Blume' den Gedanken an die Gewalt- 
samkeit der Defloration (auch dieses Wort benutzt die Blumensym- 
bolik), vielleicht auch einen masochistischen Zug des Mädchens zum 
Ausdruck zu bringen. Ein schönes Beispiel für die Wortbrücken, über 
welche die Wege zum Unbewußten führen. Das ,one has to pay for 
them* bedeutet hier das Leiden, mit dem sie das Weib- und Mutter- 
werden bezahlen muß. 

„Bei ,pinks\ die sie dann ,carnations' nennt, fällt mir die 
Beziehung aieses Wortes zum fleischlichen' auf. Ihr Einfall dazu 
lautete aber ,colour' (Farbe). Sie fügte hinzu, daß carnations die 

18* 



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276 VI. Die Traumarbeit 

Blumen seien, welche ihr von ihrem Verlobten häufig und in 
großen Mengen geschenkt werden. Zu Ende des Gespräches gesteht 
sie plötzlich spontan, sie habe mir nicht die Wahrheit gesagt, es sei 
ihr nicht ,colour', sondern Inkarnation* (Fleischwerdung) ein- 
gefallen, welches Wort ich erwartet hatte; übrigens ist auch yColoor* 
als Einfall nicht entlegen, sondern durch die Bedeutung von car- 
nation — Fleischfarbe, also durch den Komplex determiniert. 
Diese Unaufrichtigkeit zeigt, daß der Widerstand an dieser Stelle am 
größten war, entsprechend dem Umstand, daß die Symbolik hier am 
durchsichtigsten ist, der Kampf zwischen Libido und Verdrängung bei 
diesem phallischen Thema pm stärksten war. Die Bemerkung, daß diese 
Blumen häufige Geschenke des Verlobten seien, ist neben der Doppel- 
bedeutung von carnation ein weiterer Hinweis auf ihren phalliscnen 
Sinn im Traume. Der Tagesanlaß des Blumengeschenkes wird benutzt, 
um den Gedanken von sexuellem Geschenk und Gegengeschenk aus- 
zudrücken: sie schenkt ihre Jungfräulichkeit und erwartet dafür ein 
reiches Liebesleben. Auch hier dürfte das ,expensive flowers, one 
has to pay for them' eine — wohl wirklich finanzielle — Bedeutung 
haben. — Die Blumensymbolik des Traumes enthält also das jung- 
fräulich-weibliche, das männliche Symbol und die Beziehung auf die 
gewaltsame Defloration. Es sei darauf hingewiesen, daß diese sexuelle 
Blumensymbolik, die ja auch sonst sehr verbreitet ist, die menschlichen 
Sexualorgane durch die Blüten, die Sexualorgane der Pflanzen sym- 
bolisiert; das Blumenschenken unter Liebenden hat vielleicht über- 
haupt diese unbewußte Bedeutung. 

„Der Geburtstag, den sie im Traume vorbereitet, bedeutet wohl 
die Geburt eines Kindes. Sie identifiziert sich mit dem Bräutigam, 
stellt ihn dar, wie er sie für eine Geburt herrichtet, also koitiert Der 
latente Gedanke könnte lauten: Wenn ich er wäre, würde ich nicht 
warten, sondern die Braut deflorieren, ohne sie zu fragen, Gewalt 
brauchen; darauf deutet ja auch das violate. So kommt auch die 
sadistische Libidokomponente zum Ausdruck. — 

„In einer tieferen Schichte des Traumes dürfte das ,1 arrange etc.' 
eine autoerotische, also infantile Bedeutung haben. 

„Sie hat auch eine nur im Traume mögliche Erkenntnis ihrer 
körperlichen Dürftigkeit: sie sieht sich flach wie einen Tisch; um 
so mehr wird die Kostbarkeit des ,centre* (sie nennt es ein ander- 
mal ,a centre piece of flowers'), ihre Jungfräulichkeit hervor- 
gehoben. Auch das Horizontale des Tisches dürfte ein Element zum 
Symbol beitragen. — Beachtenswert ist dje Konzentration des Trau- 
mes ; nichts ist überflüssig, jedes Wort ist ein Symbol. 

„Sie bringt später einen Nachtrag zum Traume: ,1 decorate 
the flowers with green crinkled paper.' (Ich verziere die 
Blumen mit grünem, gekräuseltem Papier.) Sie fügt hinzu, es sei 
,fancy paper' (Phantasiepapier), mit dem man die gewöhnlichen 
Blumentöpfe verkleide. Sie sagt weiter: ,to hide untidy things, 



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Traum eines Chemikers. 277 

whatever was to be seen, which was not pretty to the eye; 
there is a gap, a little space in the flowers.' Also: ,um un- 
saubere Dinge zu verbergen, die nicht hübsch anzusehen sind; ein 
Spalt, ein kleiner Zwischenraum in den Blumen/ ,The paper looks 
like velvet or moss' (,das Papier sieht wie Samt oder Moos aus'). 
Zu ,decorate* assoziiert sie ,decorum', wie ich es erwartet hatte. 
Die grüne Farbe sei vorherrschend ; sie assoziiert dazu ,hope c (Hoff- 
nung), wieder eine Beziehung zur Gravidität. — In diesem Teile des 
Traumes herrscht nicht die Identifizierung mit dem Manne, sondern 
es kommen Gedanken von Scham und Offenheit zur Geltung. Sie macht 
sich schön für ihn, gesteht sich körperliche Fehler ein, deren sie sich 
schämt und die sie zu korrigieren sucht. Die Einfälle Samt, Moos 
sind ein deutlicher Hinweis, daß es sich um die crines pubis handelt. 

„Der Traum ist ein Ausdruck von Gedanken, die das wache 
Denken des Mädchens kaum kennt; Gedanken, die sich mit der Sinnen- 
liebe und ihren Organen beschäftigen; sie wird ,für einen Geburts- 
tag zugerichtet', d. h. koitiert; die Furcht vor der Defloration, viel- 
leicht auch das lustbetonte Leiden kommen zum Ausdruck; sie ge- 
steht sich ihre körperlichen Mängel ein, überkompensiert diese durch 
Überschätzung des Wertes ihrer Jungfräulichkeit. Ihre Scham ent- 
schuldigt die sich zeigende Sinnlichkeit damit, daß diese ja das Kind 
zum Ziel hat. Auch materielle Erwägungen, die der Liebenden fremd 
sind, finden ihren Ausdruck. Der Affekt des einfachen Traumes — 
das Glücksgefühl — zeigt an, daß hier starke Gefühlskomplexe ihre 
Befriedigung gefunden haben." 

Ich schließe mit dem 

9. Traum eines Chemikers, 

eines jungen Mannes, der sich bemühte, seine onanistischen Gewohn- 
heiten gegen den Verkehr mit dem Weibe aufzugeben. 

Vorbe rieht Am Tage vor dem Traume hat er einem Stu- 
denten Aufschluß über die Grignardsche Reaktion gegeben, bei 
welcher Magnesium unter katalytischer Jodeinwirkun* in absolut 
reinem Äther aufzulösen ist. Zwei Tage vorher gab es bei der näm- 
lichen Reaktion eine Explosion, bei der sich ein Arbeiter die Hand 
verbrannte. 

Traum: I. Er soll Phenylmagnesiumbromid machen, sieht die 
Apparatur besonders deutlich, hat aber sich selbst fürs Magnesium 
substituiert. Er ist nun in eigentümlich schwankender Verfassung* 
sagt sich immer : Es ist das Richtige, es geht, meine Füße lösen sich, 
schon auf, meine Knie werden weich. Dann greift er hin, fühlt aa 
seine Füße, nimmt inzwischen (er weiß nicht wie) seine Beine aus dem 
Kolben heraus, sagt sich wieder: Das kann nicht sein. — Ja doch, 
es ist richtig gemacht. Dabei erwacht er partiell, wiederholt sich 



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278 VI. Die Traumarbeit 

den Traum, weil er ihn mir erzählen will. Er fürchtet sich direkt vor 
der Auflösung des Traumes, ist während dieses Halbschlafes sehr erregt 
und wiederholt sich beständig: Phenyl, Phenyl. 

II. Er ist mit äeiner ganzen Familie in ***ing, soll um V2I2 Uhr 
beim Rendezvous am Schottentor mit jener gewissen Dame sein, 
wacht aber erst um 1/2 12 Uhr auf. Er sagt sich: Es ist jetzt zu spät; 
bis du hinkommst, ist es 1/2I Uhr. Im nächsten Moment sieht er die 
ganze Familie um den Tisch versammelt, besonders deutlich die 
Mutter und das Stubenmädchen mit dem Suppentopf. Er sagt sich 
dann: Nun, wenn wir schon essen, kann ich ja nicht mehr fort. 

Analyse: Er ist sicher, daß schon der erste Traum eine 
Beziehung zur Dame seines Rendezvous hat (der Traum ist in der 
Nacht vor der erwarteten Zusammenkunft geträumt). Der Student, 
dem er die Auskunft gab, ist ein besonders ekelhafter Kerl ; er sagte 
ihm : . Das ist nicht das Richtige, weil das Magnesium noch ganz un- 
berührt war, und jener antwortete, als ob ihm gar nichts daran läge: 
Das ist halt nicht das Richtige. Dieser Student muß er selbst sein; 
— er ist so gleichgültig gegen seine Analyse, wie jener für seine 
Synthese — ; das Er im Traume, das die Operation vollzieht, aber ich. 
Wie ekelhaft muß er mir mit seiner Gleichgültigkeit gegen den Erfolg 
erscheinen ! 

Anderseits ist er dasjenige, womit die Analyse (Synthese) ge- 
macht wird. Es handelt sich um das Gelingen der Kur- Die Beine 
im Traumo erinnern an einen Eindruck von gestern abends. Er traf 
in der Tanzstunde mit einer Dame zusammen, die er erobern will; 
er drückte sie so fest an sich, daß sie einmal aufschrie. Als er mit 
dem Druck gegen ihre Beine aufhörte, fühlte er ihren kräftigen 
Gegendruck auf seinen Unterschenkeln bis oberhalb der Knie, an den 
im Traume erwähnten Stellen. In dieser Situation ist also das Weib 
das Magnesium in der Retorte, mit dem es endlich geht Er ist 
feminin gegen mich, wie er viril gegen das Weib ist. Geht es mit 
der Dame, so geht es auch mit der Kur. Das sich Befühlen und die 
Wahrnehmungen an seinen Knien deuten auf die Onanie und ent- 
sprechen seiner Müdigkeit vom Tage vorher. — Das Rendezvous war 
wirklich für 1/&12 Uhr verabredet Sein Wunsch, es zu verschlafen 
und bei den häuslichen Sexualobjekten (d. h. bei der Onanie) zu 
bleiben, entspricht seinem Widerstände. 

Zur Wiederholung des Namens Phenyl berichtet er: Alle diese 
Radikale auf yl haben ihm immer sehr gefallen, sie sind sehr bequem 
zu gebrauchen: Benzyl, Azetyl usw. Das erklärt nun nichts, aber 
als ich ihm das Radikal: Schlemihl vorschlage, lacht er sehr und 
erzählt, daß er während des Sommers ein Buch von Prövost ge- 
lesen und in diesem war im Kapitel : Les exclus de Tamour allerdings 
von den „Schlemiliös" die Rede, bei deren Schilderung er sich 



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Zahnreiztr&ume. 279 

sagte: Das ist mein Fall. — Schlemihlerei wäre es auch gewesen, 
wenn er das Rendezvous versäumt hätte. 

Es scheint, daß die sexuelle Traumsymbolik bereits eine direkte 
experimentelle Bestätigung gefunden hat. Phil. Dr. K. Schrötter 
hat 1912 über Anregung von H. Swoboda bei tief hypnotisierten 
Personen Träume durch einen suggestiven Auftrag erzeugt, der einen 
großen Teil des Trauminhaltes festlegte. Wenn die Suggestion den 
Auftrag brachte, vom normalen oder abnormen Sexual verkehr zu 
träumen, so führte der Traum diese Aufträge aus, indem er an Stelle 
des sexuellen Materials die aus der psychoanalytischen Traumdeutung 
bekannten Symbole einsetzte. So z. B. erschien nach der Suggestion, 
vom homosexuellen Verkehr mit einer Freundin zu träumen, im 
Traume diese Freundin mit einer schäbigen Reisetasche in der 
Hand, worauf ein Zettel klebte, bedruckt mit den Worten : „Nur für 
Damen. " Der Träumerin war angeblich von Symbolik im Traume 
und Traumdeutung niemals etwas bekanntgegeben worden. Leider 
wird die Einschätzung dieser bedeutsamen Untersuchung durch die 
unglückliche Tatsache gestört, daß Dr. Schrötter bald nachher durch 
Selbstmord endete. Von seinen Traumexperimenten berichtet bloß 
eine vorläufige Mitteilung im „Zentralblatt für Psychoanalyse". 



Erst nachdem wir die Symbolik im Traume gewürdigt haben, 
können wir in der p. 205 abgebrochenen Behandlung der typischen 
Träume fortfahren. Ich halte es für gerechtfertigt, diese Träume im 
Groben in zwei Klassen einzuteilen, in solche, die wirklich jedesmal 
den gleichen Sinn haben, und zweitens in solche, die trotz des gleichen 
oder ähnlichen Inhaltes doch die verschiedenartigsten Deutungen er- 
fahren müssen. Von den typischen Träumen der ersten Art habe ich 
den Prüfungstraum bereits eingehender behandelt 

Wegen des ähnlichen Affekteindruckes verdienen die Träume 
vom Nichterreichen eines Eisenbahnzuges den Prüfungsträumen an- 
gereiht zu werden. Ihre Aufklärung rechtfertigt dann diese An- 
näherung. Es sind Trostträume gegen eine andere im Schlaf emp- 
fundene Angstregung, die Angst zu sterben. „Abreisen" ist eines 
der häufigsten und am besten zu begründenden Todessymbole. Der 
Traum sagt dann tröstend : Sei ruhig, du wirst nicht sterben (abreisen), 
wie der Prüfungstraum beschwichtigte: Fürchte nichts; es wird dir 
auch diesmal nichts geschehen. Die Schwierigkeit im Verständnis 
beider Arten von Träumen rührt daher, daß die Angstempfindung 
gerade an den Ausdruck des Trostes geknüpft ist. 

Der Sinn der „Zahnreizträume", die ich bei meinen Pa- 
tienten oft genug zu analysieren hatte, ist mir lange Zeit entgangen, 
weil sich zu meiner Überraschung der Deutung derselben regelmäßig 
allzu große Widerstände entgegenstellten. 



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280 VI. Die Traumarbeit. 

Endlich ließ die übergroße Evidenz keinen Zweifel daran, daß 
bei Männern nichts anderes als das Onaniegelüste der Pubertätszeit 
die Triebkraft dieser Träume abgebe. Ich will zwei solcher Träume 
analysieren, von denen einer gleichzeitig ein „Flugtraum" ist. Beide 
rühren von derselben Person her, einem jungen Manne mit starker, 
aber im Leben gehemmter Homosexualität: 

Er befindet sich bei einer „Fidelio"-Vorstellung im 
Parkett der Oper, neben L., einer ihm sympathischen Per- 
sönlichkeit, deren Freundschaft er gern erwerben möchte. 
Plötzlich fliegt er schräg hinweg über das Parkett bis ans 
Ende, greift sich dann in den Mund und zieht sich zwei 
Zähne aus. 

Den Flug beschreibt er selbst, als ob er in die Luft „geworfen" 
würde. Da es sich um eine Vorstellung des „Fidelio" handelt, liegt 
das Dichterwort nahe: 

„Wer ein holdes Weib errungen" — 

Aber das Erringen auch des holdesten Weibes gehört nicht zu 
den Wünschen des Träumers. Zu diesen stimmen zwei andere Verse 
besser : 

„Wem der große Wurf gelungen, 
Eines Freundes Freund zu sein ..." 

Der Traum enthält nun diesen „großen Wurf", der aber nicht 
allein Wunscherfüllung ist. Es verbirgt sich hinter ihm auch die 
peinliche Überlegung, daß er mit seinen Werbungen um Freundschaft 
schon so oft Unglück gehabt hat, „hinausgeworfen" wurde, und die 
Furcht, dieses Schicksal könnte sich bei dem jungen Manne, neben dem 
er die „Fidelio "-Vorstellung genießt, wiederholen. Und nun schließt 
sich daran das für den feinsinnigen Träumer beschämende Geständnis 
an, daß er einst nach einer Abweisung von Seite eines Freundes aus 
Sehnsucht zweimal hintereinander in sinnlicher Erregung onaniert hat 

Der andere Traum: Zwei ihm bekannte Universitäts- 
professoren behandeln ihji an meiner Statt. Der eine tut 
irgend etwas an seinem Gliede; er hat Angst vor einer 
Operation. Der andere stößt mit einer eisernen Stange 
gegen seinen Mund, so daß er ein oder zwei Zähne verliert. 
Er ist mit vier seidenen Tüchern gebunden. 

Der sexuelle Sinn dieses Traumes ist wohl nicht zweifelhaft. 
Die seidenen Tücher entsprechen einer Identifizierung mit einem ihm 
bekannten Homosexuellen. Der Träumer, der niemals einen Koitus 
ausgeführt, auch nie in der Wirklichkeit geschlechtlichen Verkehr 
mit Männern gesucht hat, stellt sich den sexuellen Verkehr nach dem 
Vorbilde der ihm einst vertrauten Pubertätsonanie vor. 

Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen des typi- 
schen Zahnreiztraumes, z. B. daß ein anderer dem Träumer den 
Zahn auszieht und ähnliches, durch die gleiche Aufklärung verständ- 



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Über die Symbolik des Zahnreizes. 281 

lieh werden*). Bätseihaft mag es aber scheinen, wieso der „Zahnreiz" 
zu dieser Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier auf die so häufige 
Verlegung von unten nach oben aufmerksam, die im Dienste der Se- 
xualverdrängung steht, und vermöge welcher in der Hysterie allerlei 
Sensationen und Intentionen, die sich an den Genitalien abspielen 
sollten, wenigstens an anderen einwandfreien Körperteilen realisiert 
werden können. Ein Fall von solcher Verlegung ist es auch, wenn in 
der Symbolik des unbewußten Denkens die Genitalien durch das 
Angesicht ersetzt werden. Der Sprachgebrauch tut dabei mit, indem 
er „Hinterbacken" als Homologe der Wangen anerkennt, „Scham- 
lippen" neben den Lippen nennt, welche die Mundspalte einrahmen. 
Die Nase wird in zahlreichen Anspielungen dem Penis gleichgestellt, 
die Behaarung hier und dort vervollständigt die Ähnlichkeit. Nur ein 
Gebilde steht außer jeder Möglichkeit von Vergleichung, die Zähne, 
und gerade dies Zusammentreffen von Übereinstimmung und Abwei- 
chung macht die Zähne für die Zwecke der Darstellung unter dem 
Drucke der Sexualverdrängung geeignet. 

Ich will nicht behaupten, daß nun die Deutung des Zahnreiz- 
traumes als Onanietraum, an deren Berechtigung ich nicht zweifeln 
kann, voll durchsichtig geworden ist**). Ich gebe so viel, als ich zur 
Erklärung weiß, und muß einen Rest unaufgelöst lassen. Aber ich 
muß auch auf einen anderen im sprachlichen Ausdruck enthaltenen 
Zusammenhang hinweisen. In unseren Landen existiert eine unfeine 
Bezeichnung für den masturbatorischen Akt: sich einen ausreißen 
oder sich einen herunterreißen***). Ich weiß nicht zu sagen, woher 
diese Redeweisen stammen, welche Verbildlichung ihnen zu Grunde 
liegt, aber zur ersteren von den beiden würde sich der „Zahn" sehr 
gut fügent). 

+) Das Ausreißen eines Zahnes durch einen anderen ist zumeist als Kastra- 
tion su deuten (ähnlich wie das Haareschneiden durch den Friseur; St ekel). Es 
ist zu unterscheiden zwischen Zahnreizträumen und Zahnarztträumen überhaupt, 
wie solche z. B. Coriat (ZentralM. 1 Ps.-A. III, 440) mitgeteilt hat 

**) Nach einer Mitteilung von C. 6. Jung haben die Zahnreizträume bei 
Frauen die Bedeutung von Geburtstraumen. 

***! Vgl. hiezu den „biographischen* Traum auf p. 289. 
f) Da die Traume vom Zahnziehen oder Zahnausfall im Volksglauben 
auf den Tod eines Angehörigen gedeutet werden, die Psychoanalyse ihnen aber 
solche Bedeutung höchstens im oben angedeuteten parodistischen Sinn zuge- 
stehen kann, schalte ich hier einen, von Otto Rank zur Verfügung gestellten 
„Zahnreiztraum" ein: 

„Zum Thema der Zahnreizträume ist mir von einem Kollegen, der sich 
seit einiger Zeit für die Probleme der Traumdeutung lebhafter zu interessieren^ 
beginnt der folgende Bericht zugekommen: 

,Mir träumte kürzlich, ich sei beim Zahnarzt, der mir einen 
rückwärtigen Zahn des Unterkiefers ausbohrt. Er arbeitet so lange 
herum, bis der Zahn unbrauchbar geworden ist. Dann faßt er ihn 
mit der Zange und zieht ihn mit einer spielenden Leichtigkeit 
heraus, die mich in Verwunderung setzt Er sagt, ich solle mir 
nichts daraus machen, denn das sei gar nicht der eigentlich be- 



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282 VI. Die Traumarbeit. 

Zur zweiten Gruppe von typischen Träumen gehören die, in 
denen man fliegt oder schwebt, fällt, schwimmt u. dgl. Was bedeuten 
diese Träume? Das ist allgemein nicht zu sagen. Sie bedeuten, wie 



handelte Zahn und legt ihn auf den Tisch, wo der Zahn (wie mir nun 
scheint, ein oberer Schneidezahn) in mehrere Schichten zerfällt. 
Ich erhebe mich vom Operationsstuhl, trete neugierig näher und 
stelle interessiert eine medizinische Frage. Der Arzt erklärt mir, 
während er die einzelnen Teilstücke des auffallend weißen Zahnes 
sondert und mit einem Instrument zermalmt (pulverisiert), daß 
das mit der Pubertät zusammenhängt und daß die Zähne nur vor 
der Pubertät so leicht herausgehen; bei Frauen sei das hiefür 
entscheidende Moment die Geburt eines Kindes. — Ich merke dann 
(wie ich glaube im Halbschlaf), daß dieser Traum von einer Pollu- 
tion begleitet war, die ich aber nicht mit Sicherheit an eine be- 
stimmte Stelle des Traumes einzureihen weiß; am ehesten scheint 
sie mir noch beim Herausziehen des Zahnes eingetreten zu sein. 

Ich träume dann weiter einen mir nicht mehr erinnerlichen 
Vorgang, der damit abschloß, daß ich Hut und Rock in der Hoffnung, 
man werde mir die Kleidungsstücke nachbringen, irgendwo (mög- 
licherweise in der Garderobe des Zahnarztes) zurücklassend und 
bloß mit dem Überrock bekleidet mich beeilte, einen abgehenden 
Zug noch zu erreichen. Es gelang mir auch im letzten Moment, 
auf den rückwärtigen Waggon aufzuspringen, wo bereits jemand 
stand. Ich konnte jedoch nicht mehr in das Innere des Wagens ge- 
langen, sondern mußte in einer unbequemen Stellung, aus der ich 
micn mit schließlichem Erfolg zu befreien versuchte, die Reise 
mitmachen. Wir fahren durch ein großes Tunnel, wobei in der Ge- 
genrichtung zwei Züge wie durch unseren Zug hindurchfahren, 
als ob dieser das Tunnel wäre. Ich schaue wie von außen durch ein 
Waggonfenster hinein. 

Als Material zu einer Deutung dieses Traumes ergeben sich folgende Er- 
lebnisse und Qedanken des Vortrages: 

I. Ich stehe tatsächlich seit kurzem in zahnärztlicher Behandlung und 
habe zur Zeit des Traumes kontinuierlich Schmerzen in dem Zahn des Unter- 
kiefers, der im Traume ausgebohrt wird und an dem der Arzt auch in Wirklichkeit 
schon länger herumarbeitet, als mir lieb ist. Am Vormittag des Traumtages war 
ich neuerlich wegen der Schmerzen beim Arzt gewesen, der mir nahegelegt hatte, 
einen anderen als den behandelten Zahn im selben Kiefer ziehen zu lassen, von 
dem wahrscheinlich der Schmerz herrühren dürfte. Es handelte sich um einen 
eben durchbrechenden Weisheitszahn*. Ich hatte bei der Gelegenheit auch 
eine darauf bezügliche Frage an sein ärztliches Gewissen gestellt. 

II. Am Nachmittag desselben Tages war ich genötigt, einer Dame gegen- 
über meine üble Laune mit den Zahnschmerzen entschuldigen zu müssen, worauf 
sie mir erzählte, sie habe Furcht, sich eine Wurzel ziehen zu lassen, deren Krone 
fast gänzlich abgebröckelt sei. Sie meinte, das Ziehen wäre bei den Augenzähnen 
besonders schmerzhaft und gefährlich, obwohl ihr anderseits eine Bekannte ge- 
sagt habe, daß es bei den Zähnen des Oberkiefers (um einen solchen handelte es 
sich bei ihr) leichter gehe. Diese Bekannte habe ihr auch erzählt, ihr sei einmal 
in der Narkose ein falscher Zahn gezogen worden, eine Mitteilung, welche ihre 
Scheu vor der notwendigen Operation nur vermehrt habe. Sie fragte mich dann, 
ob unter Augenzähnen Backen- oder Eckzähne zu verstehen seien und was über 
diese bekannt sei. Ich machte sie einerseits auf den abergläubischen Einschlag 
in all diesen Meinungen aufmerksam, ohne jedoch die Betonung des richtigen 
Kernes mancher volkstümlicher Anschauungen zu versäumen. Sie weiß darauf 
von einem ihrer Erfahrung nach sehr alten und allgemein bekannten Volksglauben 



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Zahnreizträume. 283 

wir hören werden, in jedem Falle etwas anderes, nur das Material 

an Sensationen, das sie enthalten, stammt allemal aus derselben Quelle. 

Aus den Auskünften, die man durch die Psychoanalysen erhält, 

muß man schließen, daß auch diese Träume Eindrücke der Kinder- 

zu berichten, der behauptet: Wenn eine Schwangere Zahnschmerzen hat, 
so bekommt sie einen Buben. 

III. Dieses Sprichwort interessierte mich mit Rücksicht auf die von Freud 
in seiner Traumdeutung (2. Aufl., p. 193 f.) mitgeteilte typische Bedeutung der 
Zahnreizträume als Onanieersatz, da ja auch in dem Volksspruch der Zahn und 
das männliche Genitale (Bub) in eine gewisse Beziehung gebracht werden. Ich 
las also am Abend desselben Tages die betreffende Stelle in der Traumdeutung 
nach und fand dort unter anderem die im folgenden wiedergegebenen Ausführun- 
gen, deren Einfluß auf meinen Traum ebenso leicht zu erkennen ist wie die Ein- 
wirkung der beiden vorgenannten Erlebnisse. Freud schreibt von den Zahnreiz- 
träumen, ,daß bei Männern nichts anderes als das Onaniegeläste der Pubertäts- 
zeit die Triebkraft dieser Träume abgebe 4 , (p. 193.) Ferner: ,Ich meine, daß 
auch die häufigen Modifikationen des typischen Zahnreiztraumes, z. B. daß ein 
anderer dem Träumer den Zahn auszieht und ähnliches, durch die gleiche Auf- 
klärung verständlich werden. Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso der Zahn- 
reiz zu dieser Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier auf die so häufige Ver- 
legung von unten nach oben (im vorliegenden Traume auch vom Unterkiefer 
in den Oberkiefer) aufmerksam, die im Dienste der Sexualverdrän^ung steht und 
vermöge welcher in der Hysterie allerlei Sensationen und Intentionen, die sich 
an den Genitalien abspielen sollten, wenigstens an anderen einwandfreien Körper- 
steilen realisiert werden können' (p. 194). ,Aber ich muß auch auf einen anderen 
im sprachlichen Ausdruck enthaltenen Zusammenhang hinweisen. In unseren 
Landen existiert eine unfeine Bezeichnung für den masturba torischen Akt: sich 
einen ausreißen oder sich einen herunterreißen' (p. 195). Dieser Ausdruck war 
mir schon in früher Jugend als Bezeichnung für die Onanie geläufig und von 
hier aus wird der geübte Traumdeuter unschwer den Zugang zum Kindheits- 
material, das diesem Traume zu gründe liegen mag, finden. Ich erwähne nur noch, 
daß die Leichtigkeit, mit der im Traume der Zahn, der sich nach dem Ziehen in 
einen oberen Schneidezahn verwandelt, herausgeht, mich an einen Vorfall meiner 
Kinderzeit erinnert, wo ich mir einen wackligen oberen Vorder zahn leicht und 
schmerzlos selbst ausriß. Dieses Ereignis, das mir heute noch in allen seinen 
Einzelheiten deutlich erinnerlich ist, fällt in dieselbe frühe Zeit, in die bei mir 
die ersten bewußten Onanieversuche zurückgehen (Deckerinnerung). 

Der Hinweis Freuds auf eine Mitteilung von C. G. Jung, wonach die 
Zahnreizträume bei Frauen die Bedeutung von Geburtsträumen haben 
(Traumdeutung S. 194 Anmkg.) sowie der Volksglaube von der Bedeutung des 
Zahnschmerzes bei Schwangeren haben die Gegenüberstellung der weiblichen 
Bedeutung gegenüber der männlichen (Pubertät) im Traume veranlaßt. Dazu er- 
innere ich mich eines früheren Traumes, wo mir bald, nachdem ich aus der Behand- 
lung eines Zahnarztes entlassen worden war, träumte, daß mir die eben einge- 
setzten Goldkronen herausfielen, worüber ich mich wegen des bedeutenden Kosten- 
aufwandes, den ich damals noch nicht ganz verschmerzt hatte, im Traume sehr 
ärgerte. Dieser Traum wird mir jetzt im Hinblick auf ein gewisses Erlebnis als 
Anpreisung der materiellen Vorzüge der Masturbation gegenüber der in jeder 
Form ökonomisch nachteiligeren Objektliebe verständlich (Goldkronen) und ich 
glaube, daß die Mitteilung jener Dame über die Bedeutung des Zahnschmerzes 
bei Schwangeren, diese Gedankengänge in mir wieder wachrief." 

So weit die ohne weiteres einleuchtende und wie ich glaube auch einwand- 
freie Deutung des Kollegen, der ich nichts hinzuzufügen habe, als etwa den Hin- 
weis auf den wahrscheinlichen Sinn des zweiten Traumteiles, der über die Wort- 
brücken: Zahn -(ziehen -Zug; reißen -reisen) den allem Anschein nach unter 



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284 VI. Die Traumarbeit 

zeit wiederholen, nämlich sich auf die Bewegungsspiele beziehen, die 
für das Kind eine so außerordentliche Anziehung haben. Welcher 
Onkel hat nicht schon ein Kind fliegen lassen, indem er die Arme 
ausstreckend durchs Zimmer mit ihm eilte, oder Fallen mit ihm ge- 
spielt, indem er es auf den Knien schaukelte und das Bein plötzlich 
streckte, oder es hoch hob und plötzlich tat, als ob er ihm die Un- 
terstützung entziehen wollte. Die Kinder jauchzen dann und verlan- 
gen unermüdlich nach Wiederholung, besonders wenn etwas Schreck 
und Schwindel mit dabei ist; dann schaffen sie sich nach Jahren die 
Wiederholung im Traume, lassen aber im Traume die Hände wegf, 
die sie gehalten haben, so daß sie nun frei schweben und fallen. Die 
Vorliebe aller kleinen Kinder für solche Spiele wie für Schaukeln 
und Wippen ist bekannt ; wenn sie dann gymnastische Kunststücke im 
Zirkus sehen, wird die Erinnerung von neuem aufgefrischt. Bei man- 
chen Knaben besteht dann der hysterische Anfall nur aus Reproduk- 



Schwierigkeiten vollzogenen Übergang des Träumers von der Masturbation zum 
Geschlechtsverkehr (Tunnel, durch den die Züge in verschiedenen Richtungen 
hinein- und herausfahren) sowie die Gefahren desselben (Schwangerschaft; Über- 
zieher) darstellt. 

Dagegen scheint mir der Fall theoretisch nach zwei Richtungen interessant. 
Erstens ist es beweisend für den von Freud aufgedeckten Zusammenhang, daß 
die Ejakulation im Traume beim Akt des Zahnziehens erfolgt. Sind wir doch 
genötigt, die Pollution, in welcher Form immer sie auftreten mag, als eine raastur- 
batorische Befriedigung anzusehen, welche ohne Zuhilfenahme mechanischer Rei- 
zungen zustande kommt. Dazu kommt, daß in diesem Falle die pollutionistische 
Befriedigung nicht wie sonst an einem v wenn auch nur imaginierten Objekte er- 
folgt, sondern objektlos, wenn man so sagen darf, rein autoerotisch ist und höch- 
stens einen leisen homosexuellen Einschlag (Zahnarzt) erkennen läßt. 

Der zweite Punkt, der mir der Hervorhebung wert erscheint, ist folgender: 
Es liegt der Einwand nahe, daß die Freudsche Auffassung hier ganz überflüssiger- 
weise geltend gemacht zu werden suche, da doch die Erlebnisse des Vortrages 
allein vollkommen hinreichen, uns den Inhalt des Traumes verständlich zu machen. 
Der Besuch beim Zahnarzt, das Gespräch mit der Dame und die Lektüre der 
Traumdeutung erklärten hinreichend, daß der auch nachts durch Zahnschmerzen: 
beunruhigte Schläfer diesen Traum produziere; wenn man durchaus wolle sogar 
zur Beseitigung des schlafstörenden Schmerzes (mittels der Vorstellung von der 
Entfernung des schmerzenden Zahnes bei gleichzeitiger Ubertönung der gefürch- 
teten Schmerzempfindung durch Libido). Nun wird man aber selbst bei den 
weitestgehenden Zugeständnissen in dieser Richtung die Behauptung nicht ernst- 
haft vertreten wollen, daß die Lektüre der Freudschen Aufklärungen den Zu- 
sammenhang von Zahnziehen und Masturbationsakt in dem Träumer hergestellt 
oder auch nur wirksam gemacht haben könnte, wenn er nicht, wie der Träumer 
selbst eingestanden hat (,sich einen ausreißen') längst vorgebildet gewesen wäre. 
Was vielmehr diesen Zusammenhang neben dem Gespräch mit der Dame belebt 
haben mag, ergibt die spätere Mitteilung des Träumers, daß er bei der Lektüre 
der Traumdeutung aus begreiflichen Gründen an diese typische Bedeutung der 
Zahnreizträume nicht recht glauben mochte und den Wunsch hegte, zu wissen, 
ob dies für alle derartigen Träume zutreffe. Der Traum bestätigt ihm nun das 
wenigstens für seine eigene Person und zeigt ihm so, warum er daran zweifeln 
mußte. Der Traum ist also auch in dieser Hinsicht die Erfüllung eines Wunsches: 
nämlich sich von der Tragweite und der Haltbarkeit dieser Freudschen Auf- 
fassung zu überzeugen." 



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Fliegeträume. 285 

tionen solcher Kunststücke, die sie mit großer Geschicklichkeit aus- 
führen. Nicht selten sind bei diesen an sich harmlosen Bewegungs- 
spielen auch sexuelle Empfindungen wachgerufen worden*). Um es 
mit einem bei uns gebräuchlichen, all diese Veranstaltungen decken- 
den Worte zu sagen: es ist das „Hetzen" in der Kindheit, welches 
die Träume vom Fliegen, Fallen, Schwindeln u. dgl. wiederholen, 
dessen Lustgefühle jetzt in Angst verkehrt sind. Wie aber jede Mutter 
weiß, ist auch das Hetzen der Kinder in der Wirklichkeit häufig 
genug in Zwist und Weinen ausgegangen. 

Ich habe also guten Grund, die Erklärung abzulehnen, daß der 
Zustand unserer Hautgefühle während des Schlafes, die Sensationen 
von der Bewegung unserer Lungen u. dgl. die Träume vom Fliegen 
und Fallen hervorrufen. Ich sehe, daß diese Sensationen selbst aus 
der Erinnerung reproduziert sind, auf welche der Traum sich bezieht, 
daß sie also Trauminhalt sind und nicht Traumquellen. 

Dieses gleichartige und aus der nämlichen Quelle stammende 
Material von Bewegungsempfindungen wird nun zur Darstellung der 
allermannigf altigsten Traumgedanken verwendet. Die meist lustbeton- 
ten Träume vom Fliegen oder Schweben erfordern die verschiedensten 
Deutungen, ganz spezielle bei einigen Personen, Deutungen von selbst 
typischer Natur bei anderen. Eine meiner Patientinnen pflegte sehr 
häufig zu träumen, daß sie über die Straße in einer gewissen Höhe 
schwebe, ohne den Boden zu berühren. Sie war sehr klein gewachsen 
und scheute jede Beschmutzung, die der Verkehr mit Menschen mit 
sich bringt. Ihr Schwebetraum erfüllte ihr beide Wünsche, indem er 
ihre Füße vom Erdboden abhob und ihr Haupt in höhere Regionen 
ragen ließ. Bei anderen Träumerinnen hatte der Fliegetraum die Be- 
deutung der Sehnsucht : Wenn ich ein Vöglein war' ; andere wurden 
so nächtlicherweise zu Engeln in der Entbehrung, bei Tage so ge- 
nannt zu werden. Die nahe Verbindung des Fliegens mit der Vor- 
stellung des Vogels macht es verständlich, daß der Fliegetraum bei 
Männern meist eine grobsinnliche Bedeutung hat. Wir werden uns 
auch nicht verwundern, zu hören, daß dieser oder jener Träumer 
jedesmal sehr stolz auf sein Fliegenkönnen ist. 

Dr. Paul Federn (Wien) hat die bestechende Vermutung aus- 
gesprochen, daß ein guter Teil der Fliegeträume Erektionsträume sind, 
da das merkwürdige und die menschliche Phantasie unausgesetzt be- 



*) Ein junger, von Nervosität freier Kollege teilt mir hiezu mit: „Ich 
weiß aus eigener Erfahrung, daß ich früher beim Schaukeln und zwar in dem 
Moment, wo die Abwärtsbewegung die größte .Wucht hat, ein eigentümliches Gefühl 
in den Genitalien bekam, das ich, obwohl es mir eigentlich nicht angenehm war, 
doch als Lustgefühl bezeichnen muß." — Von Patienten habe ich oftmals gehört, 
daß die ersten Erektionen mit Lustgefühl, die sie erinnern, in der Knabenzeit 
beim Klettern aufgetreten sind. — Aus den Psychoanalysen ergibt sich mit aller 
Sicherheit, daß häufig die ersten sexuellen Regungen in den Rauf- und Ringspielen 
<ier Kinderjahre wurzeln. 



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286 VI. Die Traumarbeit. 

schäftigende Phänomen der Erektion als Aufhebung der Schwer- 
kraft imponieren muß. (Vgl. hiezu die geflügelten Phallen der 
Antike.) 

Es ist bemerkenswert, daß der nüchterne und eigentlich jeder 
Deutung abgeneigte Traumexperimentator Mourly Vold gleichfalls 
die erotische Deutung der Fliege- (Schwebe-) Träume vertritt (Bd. ET, 
p. 791). Er nennt die Erotik das „wichtigste Motiv zum Schwebe- 
traum", beruft sich auf das starke Vibrationsgefühl im Körper, wel- 
ches diese Träume begleitet, und auf die häufige Verbindung solcher 
Träume mit Erektionen oder Pollutionen. 

Die Träume vom Fallen tragen häufiger den Angstcharakter. 
Ihre Deutung unterliegt bei Frauen keiner Schwierigkeit, da sie fast 
regelmäßig die symbolische Verwendung des Fallens akzeptieren, wel- 
ches die Nachgiebigkeit gegen eine erotische Versuchung umschreibt. 
Die infantilen Quellen des Falltraumes haben wir noch nicht erschöpft ; 
fast alle Kinder sind gelegentlich gefallen und wurden dann aufge- 
hoben und geliebkost; wenn sie nachts aus dem Bettchen gefallen 
waren, von ihrer Pflegeperson in ihr Bett genommen. 

Personen, die häufig vom Schwimmen träumen, mit großem 
Behagen die Wellen teilen usw. sind gewöhnlich Bettnässer ge- 
wesen und wiederholen nun im Traume eine Lust, auf die sie seit 
langer Zeit zu verzichten gelernt haben. Zu welcher Darstellung sich 
die Träume vom Schwimmen leicht bieten, werden wir bald an dem 
einen oder dem anderen Beispiele erfahren. 

Die Deutung der Träume vom Feuer gibt einem Verbot der 
Kinderstube recht, welches die Kinder nicht „zündeln" heißt, damit 
sie nicht nächtlicher Weile das Bett nässen sollen. Es liegt nämlich 
auch ihnen die Reminiszenz an die Enuresis nocturna der Kinder- 
jahre zu Grunde. In dem „Bruchstück einer Hysterieanalyse" 1905 *) 
habe ich die vollständige Analyse und Synthese eines solchen Feuer- 
traumes im Zusammenhange mit der Krankengeschichte der Träumerin 
gegeben und gezeigt, zur Darstellung welcher Regungen reiferer Jahre 
sich dieses infantile Material verwenden läßt. 

Man könnte noch eine ganze Anzahl von „typischen" Träumen 
anführen, wenn man darunter die Tatsache der häufigen Wiederkehr 
des gleichen manifesten Trauminhaltes bei verschiedenen Träumern 
versteht, so z. B. : Die Träume vom Gehen durch enge Gassen, vom 
Gehen durch eine ganze Flucht von Zimmern, die Träume vom nächt- 
lichen Räuber, dem auch die Vorsichtsmaßregeln der Nervösen vor 
dem Schlafengehen gelten, die von Verfolgung durch wilde Tiere 
(Stiere, Pferde) oder von Bedrohung mit Messern, Dolchen, Lanzen, 
die beide letztere für den manifesten Trauminhalt von Angstleidenden 
charakteristisch sind u. dgl. Eine Untersuchung, die sich speziell mit 
diesem Material beschäftigen würde, wäre sehr dankenswert. Ich habe 

*) Sammlung kl. Schriften z. Neurosenlehre. Zweite Folge, 1909. 



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Vorwiegen sexueller Wünsche in den latenten Traumgedanken. 287 

an ihrer Statt zwei Bemerkungen zu bieten, die sich aber nicht aus- 
schließlich auf typische Träume beziehen. 

I. Je mehr man sich mit der Lösung von Träumen beschäftigt, 
desto bereitwilliger muß man anerkennen, daß die Mehrzahl der 
Träume Erwachsener sexuelles Material behandelt und erotische Wün- 
sche zum Ausdruck bringt. Nur wer wirklich Träume analysiert, 
d. h. vom manifesten Inhalt derselben zu den latenten Traumgedanken 
vordringt, kann sich ein Urteil hierüber bilden, nie wer sich damit 
begnügt, den manifesten Inhalt zu registrieren (wie z. B. Näcke in 
seinen Arbeiten über sexuelle Träume). Stellen wir gleich fest, daß 
diese Tatsache uns nichts Überraschendes bringt, sondern in voller 
Übereinstimmung mit unseren Grundsätzen der TYaumerklärung steht. 
Kein anderer Trieb hat seit der Kindheit so viel Unterdrückung er- 
fahren müssen wie der Sexualtrieb in seinen zahlreichen Komponen- 
ten*), von keinem anderen erübrigen so viele und so starke unbe- 
wußte Wünsche, die nun im Schlafzustande traumerzeugend wirken. 
Man darf bei der Traumdeutung diese Bedeutung sexueller Komplexe 
niemals vergessen, darf sie natürlich auch nicht zur Ausschließlich- 
keit übertreiben. 

An vielen Träumen wird man bei sorgfältiger Deutung fest- 
stellen können, daß sie selbst bisexuell zu verstehen sind, indem sie 
eine unabweisbare Überdeutung ergeben, in welcher sie homosexuelle, 
d. h. der normalen Geschlechtsbetätigung der träumenden Person ent- 
gegengesetzte Regungen realisieren. Daß aber alle Träume bisexuell 
zu deuten seien, wie W. Stekel**) und Alf. Adler***) behaupten, 
scheint mir eine ebenso unbeweisbare wie unwahrscheinliche Verall- 
gemeinerung, welche ich nicht vertreten möchte. Ich wüßte vor allem 
den Augenschein nicht wegzuschaffen, daß es zahlreiche Träume gibt, 
welche andere als — im weitesten Sinne — erotische Bedürfnisse 
befriedigen, die Hunger- und Durstträume, Bequemlichkeitsträume 
usw. Auch die ähnlichen Aufstellungen, „daß hinter jedem Traum die 
Todesklausel zu finden sei" (Stekel), daß jeder Traum ein „Fort- 
schreiten von der weiblichen zur männlichen Linie" erkennen lasse 
(Adler), scheinen mir das Maß des in der Traumdeutung Zulässigen 
weit zu überschreiten. 

Daß die auffällig harmlosen Träume durchweg grobe erotische 
Wünsche verkörpern, haben wir bereits an anderer Stelle behauptet 
und könnten wir durch zahlreiche neue Beispiele erhärten. Aber auch 
viele indifferent scheinende Träume, denen man nach keiner Richtung 
etwas Besonderes anmerken würde, führen sich nach der Analyse auf 
unzweifelhaft sexuelle Wunschregungen oft unerwarteter Art zurück. 



*) Vgl. des Verf. „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie", 1905, 2. Auf 1, 1910. 
**) Die Sprache des Traumes, 1911. 
***) Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose, 
Fortschritte der Medizin 1910, Nr. 16 und spätere Arbeiten im Zentralblatt für 
Psychoanalyse I, 1910/11. 



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288 VI. Die Traumarbeit. 

Wer würde z. B. bei nachfolgendem Traume einen sexuellen Wunsch 
vor der Deutungsarbeit vermuten? Der Träumer erzählt: Zwischen 
zwei stattlichen Palästen steht etwas zurücktretend ein 
kleines Häuschen, dessen Tore geschlossen sind. Meine 
Frau führt mich das Stück der Straße bis zu dem Häuschen 
hin, drückt die Tür ein und dann schlüpfe ich rasch und 
leicht in das Innere eines schräg aufsteigenden Hofes. 

Wer einige Übung im Übersetzen von Träumen hat, wird aller- 
dings sofort daran gemahnt werden, daß das Eindringen in enge Räume, 
das Öffnen verschlossener Türen zur gebräuchlichsten sexuellen Sym- 
bolik gehört, und wird mit Leichtigkeit in diesem Traume eine Dar- 
stellung eines Koitus Versuches von rückwärts (zwischen den beiden 
stattlichen Hinterbacken des weiblichen Körpers) finden. Der enge, 
schräg aufsteigende Gang ist natürlich die Scheide; die der Frau des 
Träumers zugeschobene Hilfeleistung nötigt zur Deutung, daß in Wirk- 
lichkeit nur die Rücksicht auf die Ehefrau die Abhaltung von einem 
solchen Versuche besorgt, und eine Erkundigung ergibt, daß am 
Traumtag ein junges Mädchen in den Haushalt des Träumers einge- 
treten ist, welches sein Wohlgefallen erregt und ihm den Eindruck 
gemacht hat, als würde es sich gegen eine derartige Annäherung 
nicht zu sehr sträuben. Das kleine Haus zwischen den zwei Palästen 
ist von einer Reminiszenz an den Hradschin in Prag hergenommen und 
weist somit auf das nämliche aus dieser Stadt stammende Mädchen hin. 

Wenn ich gegen Patienten die Häufigkeit des ödipustraumes, 
mit der eigenen Mutter geschlechtlich zu verkehren, betone, so be- 
komme ich zur Antwort: Ich kann mich an einen solchen Traum 
nicht erinnern. Gleich darauf steigt aber die Erinnerung an einen 
anderen unkenntlichen und indifferenten Traum auf, der sich bei dem 
Betreffenden häufig wiederholt hat, und die Analyse zeigt, daß dies 
ein Traum des gleichen Inhaltes, nämlich wiederum ein Odipustraum 
ist. Ich kann versichern, daß die verkappten Träume vom Sexual- 
verkehre mit der Mutter um ein Vielfaches häufiger sind als die 
aufrichtigen*). 

*) Ein typisches Beispiel eines solchen verkappten ödipustraumes habe ich 
in Nr. 1 des Zentralblattes für Psychoanalyse veröffentlicht; ein anderes mit aus- 
fuhrlicher Deutung 0. Rank ebendort in Nr. 4. Über andere verkappte ödipus- 
träume, in denen die Symbolik des Auges hervortritt, siehe Rank (Internat- 
Zeitschrift für Psychoanalyse I, 1913). Daselbst auch Arbeiten über „Augen- 
träume" und Augensymbolik von Eder, Ferenczi, Reitler. Die Blendung 
in der ödipussage wie anderwärts als Stellvertretung der Kastration. Den Alten 
war übrigens auch die symbolische Deutung der unverhüllten ödipusträume 
nicht fremd. (Vgl. 0. Rank, Jahrb. II, p. 534): „So ist von Julius Cäsar ein 
Traum vom geschlechtlichen Verkehr mit der Mutter überliefert, den die Traum- 
deuter als günstiges Vorzeichen für die Besitzergreifung der Erde (Mutter- 
Erde) auslegten. Ebenso bekannt ist das den Tarquiniern gegebene Orakel, dem- 
jenigen von ihnen werde die Herrschaft Roms zufallen, der zuerst die Mutter 
küsse (osculum matri tulent), was Brutus als Hinweis auf die Mutter-Erde 
auffaßte (terram osculo contigit, scilicet quod ea communia mater omnium mor- 



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Geburtsträume. 289 

Es gibt Träume von Landschaften oder örtlichkeiten, bei denen 
im Traume noch die Sicherheit betont wird: Da war ich schon ein- 
mal. Dieses „Dejä vu" hat aber im Traum eine besondere Bedeutung. 
Diese Örtlichkeit ist dann immer das Genitale der Mutter; in der 
Tat kann man von keiner anderen mit solcher Sicherheit behaupten, 
daß man „dort schon einmal war". Ein einziges Mal brachte mich 
ein Zwangsneurotiker durch die Mitteilung eines Traumes in Ver- 
legenheit, in dem es hieß, er besuche eine Wohnung, in der er schon 
zweimal gewesen sei. Gerade dieser Patient hatte mir aber längere 
Zeit vorher als Begebenheit aus seinem sechsten Lebensjahre erzählt, 
er habe damals einmal das Bett der Mutter geteilt und die Gelegenheit 
dazu mißbraucht, den Finger ins Genitale der Schlafenden einzuführen. 

Einer großen Anzahl von Träumen, die häufig angsterfüllt sind, 
oft das Passieren von engen Räumen oder den Aufenthalt im Wasser 
zum Inhalt haben, liegen Phantasien über das Intrauterinleben, das 
Verweilen im Mutterleibe und den Geburtsakt zu Grunde. Im fol- 
genden gebe ich den Traum eines jungen Mannes wieder, der in der 
Phantasie schon die intrauterine Gelegenheit zur Belauschung eines 
Koitus zwischen den Eltern benutzt 

Er befindet sich in einem tiefen Schacht, in dem ein 
Fenster ist wie im Semmeringtunnel. Durch dieses sieht 
er zuerst leere Landschaft und dann komponiert er ein Bild 
hinein, welches dann auch sofort da ist und die Leere aus- 
füllt. Das Bild stellt einen Acker dar, der vom Instrument 
tief aufgewühlt wird, und die schöne Luft, die Idee der 
gründlichen Arbeit, die dabei ist, die blauschwarzen Schol- 
len machen einen schönen Eindruck. Dann kommt er weiter, 
sieht eine Pädagogik aufgeschlagen .... und wundert sich, 
daß den sexuellen Gefühlen (des Kindes) darin soviel Auf- 
merksamkeit geschenkt wird, wobei er an mich denken muß." 

Ein schöner Wassertraum einer Patientin, der zu einer beson- 
deren Verwendung in der Kur gelangte, ist folgender: 

In ihrem Sommeraufenthalt am **See stürzt sie sich 
ins dunkle Wasser dort, wo sich der blasse Mond im Wasser 
spiegelt. 

Träume dieser Art sind Geburtsträume; zu ihrer Deutung ge- 
langt man, wenn man die im manifesten Traume mitgeteilte Tatsache 

talium esset. Livius I, LXI). Vgl. hiezu den Traum des Hippias bei Herodot VI, 
107 „Die Barbaren aber führte Hippias nach Marathon, nachdem er in der ver- 
gangenen Nacht folgendes Traumgesicht gehabt: Es deuchte dem Hippias, er 
schliefe bei seiner eigenen Mutter. Aus diesem Traume schloO er nun, er würde 
heimkommen nach Athen und seine Herrschaft wieder erhalten und im Vaterlande 
sterben in seinen alten Tagen/' Diese Mythen und Deutungen weisen auf eine 
richtige psychologische Erkenntnis hin. Ich habe gefunden, daß die Personen, die 
sich von der Mutter bevorzugt oder ausgezeichnet wissen, im Leben jene besondere 
Zuversicht zu sich selbst, jenen unerschütterlichen Optimismus bekunden, die nicht 
selten als heldenhaft erscheinen und den wirklichen Erfolg erzwingen. 

Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 19 



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290 VI. Die Traumarbeit. 

umkehrt, also anstatt: sich ins Wasser stürzen, — aus dem Wasser 
herauskommen, d. h. : geboren werden*). Die Lokalität, aus der man 
geboren wird, erkennt man, wenn man an den mutwilligen Sinn von 
„la lune" im Französischen denkt. Der blasse Mond ist dann der weiße 
Popo, aus dem das Kind hergekommen zu sein bald errät. Was soll 
es nun heißen, daß die Patientin sich wünscht, in ihrem Sommer- 
aufenthalt „geboren zu werden" ? Ich befrage die Träumerin, die ohne 
zu zögern antwortet: Bin ich nicht durch die Kur wie neugeboren? 
So wird dieser Traum zur Einladung, die Behandlung an jenem 
Sommerorte fortzusetzen, d. h. sie dort zu besuchen; er enthält viel- 
leicht auch eine ganz schüchterne Andeutung des Wunsches, selbst 
Mutter zu werden**). 

Einen anderen Geburtstraum entnehme ich samt seiner Deutung 
einer Arbeit von E. Jones: „Sie stand am Meeresufer und be- 
aufsichtigte einen kleinen Knaben, welcher der ihrige zu 
sein schien, während er ins Wasser watete. Dies tat er so 
weit, bis das Wasser ihn bedeckte, so daß sie nur noch seinen 
Kopf sehen konnte, wie er sich an der Oberfläche auf und 
nieder bewegte. Die Szene verwandelte sich dann in die 
gefüllte Halle eines Hotelß. Ihr Gatte verließ sie, und sie 
,trat in ein Gespräch mit' einem Fremden." 

Die zweite Hälfte des Traumes enthüllte sich ohne weiteres bei 
der Analyse als Darstellung einer Flucht von ihrem Gatten und An- 
knüpfung intimer Beziehungen zu einer dritten Person. Der erste 
Teil des Traumes war eine offenkundige Geburtsphantasie. In den 
Träumen wie in der Mythologie wird die Entbindung eines Kindes 
aus dem Fruchtwasser gewöhnlich mittels der Umkehrung als Eintritt 
des Kindes ins Wasser dargestellt; neben vielen anderen bieten die 
Geburt des Adonis, Osiris, Moses und Bacchus gut bekannte Beispiele 
hiefür. Das Auf- und Niedertauchen des Kopfes im Wasser erinnert 
die Patientin sogleich an die Empfindung der Kindesbewegungen, 
welche sie während ihrer einzigen Schwangerschaft kennen gelernt 
hatte. Der Gedanke an den ins Wasser steigenden Knaben erweckt 
eine Träumerei, in welcher sie sich selbst sah, wie sie ihn aus dem 
Wasser herauszog, ihn iD die Kinderstube führte, ihn wusch und 
kleidete und schließlich in ihr Haus führte. 



*) Über die mythologische Bedeutung der Wassergeburt siehe Rank: Der 
Mythus von der Geburt des Helden, 1909. 

**) Die Bedeutung der Phantasien und unbewußten Gedanken über das 
Leben im Mutterleibe habe ich erst spät würdigen gelernt. Sie enthalten sowohl 
die Aufklärung für die sonderbare Angst so vieler Menschen, lebendig begraben 
zu werden, als auch die tiefste unbewußte Begründung des Glaubens an ein Fort- 
leben nach dem Tode, welches nur die Projektion in die Zukunft dieses unheim- 
lichen Lebens vor der Geburt darstellt. Der Geburtsakt ist übrigens das 
erste Angsterlebnis und somit die Quelle und Vorbild des Angst- 
affektes. 



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Geburts - Rettungstr&ume. 291 

Die zweite Hälfte des Traumes stellt also Gedanken dar, welche 
das Fortlaufen betreffen, das zu der ersten Hälfte der verborgenen 
Traumgedanken in Beziehung steht ; die erste Hälfte des Traumes ent- 
spricht dem latenten Inhalt der zweiten Hälfte, der Geburtsphantasie. 
Außer der früher erwähnten Umkehrung greifen weitere Umkehrungen 
in jeder Hälfte des Traumes Platz. In der ersten Hälfte geht das 
Kind in das Wasser und dann baumelt sein Kopf; in den zu Grunde 
liegenden Traumgedanken tauchen erst die Kindesbewegungen auf 
und dann verläßt das Kind das Wasser (eine doppelte Umkehrung). 
In der zweiten Hälfte verläßt ihr Gatte sie; in den Traumgedanken 
verläßt sie ihren Gatten." (Übersetzt von 0. Rank.) 

Einen weiteren Geburtstraum erzählt Abraham von einer jun- 
gen, ihrer ersten Entbindung entgegensehenden Frau. Von einer 
Stelle des Fußbodens im Zimmer führt ein unterirdischer Kanal 
direkt ins Wasser (Geburtsweg — Fruchtwasser). Sie hebt eine 
Klappe im Fußboden auf und sogleich erscheint ein in einen bräun- 
lichen Pelz gekleidetes Geschöpf, das beinahe einem Seehund gleicht. 
Dieses Wesen entpuppt sich als der jüngere Bruder der Träumerin, 
zu dem sie von jeher in einem mütterlichen Verhältnis gestan- 
den hatte. 

Eank hat an einer Reihe von Träumen gezeigt, daß die Geburts- 
träume sich derselben Symbolik bedienen wie die Harnreizträume. 
Der erotische Reiz wird in ihnen als Harnreiz dargestellt; die Schich- 
tung der Bedeutung in diesen Träumen entspricht einem Bedeutungs- 
wandel des Symbols seit der Kindheit. 

Den Geburtsträumen schließen sich die Träume von „Rettun- 
gen" an. Retten, besonders aus dem Wasser retten, ist gleichbedeu- 
tend mit gebären, wenn es von einer Frau geträumt wird, modifiziert 
aber diesen Sinn, wenn der Träumer ein Mann ist. (Siehe einen 
solchen Traum bei Pf ister: Ein Fall von psychoanalytischer Seel- 
sorge und Seelenheilung. Evangelische Freiheit, 1909.) — Über das 
Symbol des „Rettens" vgl. meinen Vortrag: Die zukünftigen Chancen 
der psychoanalytischen Therapie. Zentralblatt für Psychoanalyse, 
Nr. 1, 1910, sowie: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens, I. Über 
einen besonderen Typus der Objektwahl beim Manne, Jahrbuch f. 
Ps.-A., Bd. n, 1910*). 

Die Räuber, nächtlichen Einbrecher und Gespenster, vor denen 
man sich vor dem Zubettgehen fürchtet, und die auch gelegentlich 
den Schlafenden heimsuchen, entstammen einer und derselben infan- 
tilen Reminiszenz. Es sind die nächtlichen Besucher, die das Kind 
aus dem Schlafe geweckt haben, um es auf den Topf zu setzen, damit 
es das Bett nicht nässe, oder die die Decke gehoben haben, um sorg- 
sam nachzuschauen, wie es während des Schlafens die Hände hält. 



*) Ferner Rank: Belege zur Rettungsphantaßie (Zentralblatt f. Ps.-A. I, 
1910, p. 331), Reik: Zur Rettungssymbolik (ebenda, p. 499) u. a. m. 

19* 



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292 VI. Die Traumarbeit 

Aus den Analysen einiger dieser Angstträume habe ich noch die 
Person des nächtlichen Besuchers zur Agnoszierung bringen können. 
Der Räuber war jedesmal der Vater, die Gespenster werden wohl 
eher weiblichen Personen im weißen Nachtgewande entsprechen. 

f) Beispiele von Darstellungen. — Rechnen und Reden im 

Traume. 

Ehe ich nun das vierte der die Traumbildung beherrschenden 
Momente an die ihm gebührende Stelle setze, will ich aus meiner 
Traumsammlung einige Beispiele heranziehen, welche teils das Zu- 
sammenwirken der drei uns bekannten Momente erläutern, teils Be- 
weise für frei hingestellte Behauptungen nachtragen oder unabweisbare 
Folgerungen aus ihnen ausführen können. Es ist mir ja in der vor- 
stehenden Darstellung der Traumarbeit recht schwer geworden, meine 
Ergebnisse an Beispielen zu erweisen. Die Beispiele für die einzelnen 
Sätze sind nur im Zusammenhange einer Traumdeutung beweiskräftig ; 
aus dem Zusammenhange gerissen, büßen sie ihre Schönheit ein, und 
eine auch nur wenig vertiefte Traumdeutung wird bald so umfang- 
reich, daß sie den Faden der Erörterung, zu deren Illustrierung sie 
dienen soll, verlieren läßt. Dieses technische Motiv mag entschuldigen, 
wenn ich nun allerlei aneinanderreihe, was nur durch die Beziehung 
auf den Text des vorstehenden Abschnittes zusammengehalten wird. 

Zunächst einige Beispiele von besonders eigentümlichen oder von 
ungewöhnlichen Darstellungsweisen im Traume. Im Traume einer 
Dame heißt es: Ein Stubenmädchen steht auf der Leiter wie 
zum Fensterputzen und hat einen Schimpanse und eine Go- 
rillakatze (später korrigiert: Angorakatze) bei sich. Sie wirft 
die Tiere auf die Träumerin; der Schimpanse schmiegt sich 
an die letztere an, und das ist sehr ekelhaft. Dieser Traum 
hat seinen Zweck durch ein höchst einfaches Mittel erreicht, indem 
er nämlich eine Redensari wörtlich nahm und nach ihrem Wortlaute 
darstellte. „Affe" wie Tiernamen überhaupt sind Schimpfwörter, und 
die Traumsituation besagt nichts anderes als „mit Schimpfworten 
um sich werfen". Diese selbe Sammlung wird alsbald weitere 
Beispiele für die Anwendung dieses einfachen Kunstgriffes bei der 
Traumarbeit bringen. 

Ganz ähnlich verfährt ein anderer Traum: Eine Frau mit 
einem Kinde, das einen auffällig mißbildeten Schädel hat; 
von diesem Kinde hat sie gehört, daß es durch die Lage im 
Mutterleibe so geworden. Man könnte den Schädel, sagt 
der Arzt, durch Kompression in eine bessere Form bringen, 
allein das würde dem Gehirn schaden. Sie denkt, da es ein 
Bub ist, schadet es ihm weniger. — Dieser Traum enthält die 
plastische Darstellung des abstrakten Begriffes: „Kindereindrücke", 
den die Träumerin in den Erklärungen zur Kur gehört hat. 



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Beispiele von Darstellungen im Traume. 293 

Einen etwas anderen Weg schlägt die Traumarbeit im folgenden 
Beispiel ein. Der Traum enthält die Erinnerung an einen Ausflug 
zum Hilmteich bei Graz: Es ist ein schreckliches Wetter 
draußen; ein armseliges Hotel, von den Wänden tropft das 
Wasser, die Betten sind feucht. (Letzteres Stück des Inhaltes 
ist minder direkt im Traume, als ich es bringe.) Der Traum bedeutet 
„überflüssig". Das Abstraktum, das sich in den Traumgedanken 
fand, ist zunächst etwas gewaltsam äquivok gemacht worden, etwa 
durch „überfließend" ersetzt oder durch „flüssig und überflüssig", 
und dann durch eine Häufung gleichartiger Eindrücke zur Dar- 
stellung gebracht. Wasser draußen, Wasser innen an den Wänden, 
Wasser als Feuchtigkeit in den Betten, alles flüssig und „über- 
flüssig. — Daß zu Zwecken der Darstellung im Traume die Ortho- 
graphie weit hinter dem Wortklang zurücktritt, wird uns nicht gerade 
wundernehmen, wenn sich z. B. der Reim ähnliche Freiheiten ge- 
statten darf. In einem weitläufigen von Rank mitgeteilten und sehr 
eingehend analysierten Traum eines jungen Mädchens wird erzählt, 
daß sie zwischen Feldern spazieren geht, wo sie schöne Gerste- und 
Kornähren abschneidet Ein Jugendfreund kommt ihr entgegen, und 
sie will es vermeiden, ihn anzutreffen. Die Analyse zeigt, daß es 
sich um einen Kuß in Ehren handelt (Jahrb. U, p. 491). Die Ähren, 
die nicht abgerissen, sondern abgeschnitten werden sollen, dienen 
in diesem Traum als solche und in ihrer Verdichtung mit Ehre, 
Ehrungen zur Darstellung einer ganzen Reihe von anderen 
Gedanken. 

Dafür hat die Sprache in anderen Fällen dem Traume die Dar- 
stellung seiner Gedanken sehr leicht gemacht, da sie über eine ganze 
Reihe von Worten verfügt, die ursprünglich bildlich und konkret ge- 
meint waren und gegenwärtig im abgeolaßten, abstrakten Sinne ge- 
braucht werden. Der Traum braucht diesen Worten nur ihre frühere 
volle Bedeutung wiederzugeben oder in den Bedeutungswandel des 
Wortes ein Stück weit herabzusteigen. Z. B. es träumt jemand, daß 
sein Bruder in einem Kasten steckt; bei der Deutungsarbeit ersetzt 
sich der Kasten durch einen „Schrank" und der Traumgedanke 
lautet nun, daß dieser Bruder sich „einschränken" solle, an seiner 
Statt nämlich. Ein anderer Träumer steigt auf einen Berg, von dem 
aus er eine ganz außerordentlich weite Aussicht hat Er identifiziert 
sich dabei mit einem Bruder, der eine „Rundschau" herausgibt, 
welche sich mit den Beziehungen zum fernsten Osten beschäftigt. 

In einem Traum des „Grünen Heinrich" wälzt sich ein über- 
mütiges Pferd im schönsten Hafer, von dem jedes Korn aber „ein 
süßer Mandelkern, eine Rosine und ein neuer Pfennig" ist, „zu- 
sammen in rote Seide gewickelt und mit einem Endchen Schweins- 
borste eingebunden". Der Dichter (oder der Träumer) gibt uns sofort 
die Deutung dieser Traumdarstellung, denn das Pferd fühlt sich an- 
genehm gekitzelt, so daß es ruft: Der Hafer sticht mich. 



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294 VI. Die Traumarbeit. 

Besonders ausgiebigen Gebrauch vom Eedensart- und Wortwitz- 
traum macht (nach Henzen) die altnordische Sagaliteratur, in der 
sich kaum ein Traumbeispiel ohne Doppelsinn oder Wortspiel findet 

Es wäre eine besondere Arbeit, solche Darstellungsweisen zu 
sammeln und nach den ihnen zu Grunde liegenden Prinzipien zu 
ordnen. Manche dieser Darstellungen sind fast witzig zu nennen. 
Man hat den Eindruck, daß man sie niemals selbst erraten hätte, wenn 
der Träumer sie nicht mitzuteilen wüßte: 

1. Ein Mann träumt, man frage ihn nach einem Namen, an 
den er sich aber nicht besinnen könne. Er erklärt selbst, das wolle 
heißen: Es fällt mir nicht im Traume ein. 

2. Eine Patientin erzählt einen Traum, in welchem alle handeln- 
den Personen besonders groß waren. Das will heißen, setzt sie hinzu, 
daß es sich um eine Begebenheit aus meiner frühen Kindheit handeln 
muß, denn damals sind mir natürlich alle Erwachsenen so ungeheuer 
groß erschienen. Ihre eigene Person trat in diesem Trauminhalt 
nicht auf. 

Die Verlegung in die Kindheit wird in anderen Träumen auch 
anders ausgedrückt, indem Zeit in Raum übersetzt wird. Man sieht 
die betreffenden Personen und Szenen wie weit entfernt am Ende 
eines langen Weges oder so, als ob man sie mit einem verkehrt ge- 
richteten Opernglas betrachten würde. 

3. Ein im Wachleben zu abstrakter und unbestimmter Ausdrucks- 
weise geneigter Mann, sonst mit gutem Witz begabt, träumt in ge- 
wissem Zusammenhange, daß er auf einen Bahnhof gehe, wie eben 
ein Zug ankomme. Dann werde aber der Perron an den stehenden 
Zug angenähert, also eine absurde Umkehrung des wirklichen Vor- 
ganges. Dieses Detail ist auch nichts anderes als ein Index, der daran 
mahnt, daß etwas anderes im Trauminhalt umgekehrt werden solle. 
Die Analyse desselben Traumes führt zu Erinnerungen an Bilder- 
bücher, in denen Männer dargestellt waren, die auf dem Kopfe standen 
und auf den Händen gingen. 

4. Derselbe Träumer berichtet ein anderes Mal von einem kurzen 
Traum, der fast an die Technik eines Rebus erinnert. Sein Onkel 
gibt ihm im Automobil einen Kuß. Er fügt unmittelbar die Deutung 
hinzu, die ich nie gefunden hätte, das heiße: Autoerotismus. Ein 
Scherz im Wachen hätte ebenso lauten können. 

5. Der Träumer zieht eine Frau hinter dem Bett hervor. Das 
heißt: Er gibt ihr den Vorzug. 

6. Der Träumer sitzt als Offizier an einer Tafel dem Kaiser 
gegenüber: Er bringt sich in Gegensatz zum Vater. 

7. Der Träumer behandelt eine andere Person wegen eines 
Knochenbruches. Die Analyse erweist diesen Bruch als Darstel- 
lung eines Ehebruches u. dgl. 

8. Die Tageszeiten vertreten im Trauminhalt sehr häufig Lebens- 
zeiten der Kindheit. So bedeutet z. B. um 1/46 Uhr früh bei einem 



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Beispiele von Darstellungen im Traume. 295 

Träumer das Alter von 5 Jahren 3 Monaten, den bedeutungsvollen 
Zeitpunkt der Geburt eines jüngeren Bruders. 

9. Eine andere Darstellung von Lebenszeiten im Traume: 
Eine Frau geht mit zwei kleinen Mädchen, die 11/2 Jahre auseinander 
sind. — Die Träumerin findet keine Familie ihrer Bekanntschaft, 
für die das zuträfe. Sie deutet selbst, daß beide Kinder ihre eigene 
Person darstellen, und daß der Traum sie mahnt, die beiden traumati- 
schen Ereignisse ihrer Kindheit seien um soviel voneinander entfernt. 
(31/2 und 43/ 4 J.) 

10. (H. Sachs.) „Aus der ,Traumdeutung' wissen wir, daß die 
Traumarbeit verschiedene Wege kennt, um ein Wort oder eine Rede- 
wendung sinnlich-anschaulich darzustellen. Sie kann sich z. B. den 
Umstand, daß der darzustellende Ausdruck zweideutig ist, zunutze 
machen und, den Doppelsinn als , Weiche* benutzend, statt der ersten, 
in den Traumgedanken vorkommenden Bedeutung, die zweite in den 
manifesten Trauminhalt aufnehmen. 

Dies ist bei dem kleinen, im folgenden mitgeteilten Traume ge- 
schehen und zwar unter geschickter Benutzung der dazu tauglichen 
rezenten Tageseindrücke als Darstellungsnraterial. 

Ich hatte am Traumtage an einer Erkältung gelitten und des- 
halb am Abend beschlossen, das Bett, wenn irgend möglich, wäh- 
rend der Nacht nicht zu verlassen. Der Traum ließ mich scheinbar 
nur meine Tagesarbeit fortsetzen; ich hatte mich damit beschäftigt, 
Zeitungsausschnitte in ein Buch zu kleben, wobei ich bestrebt war, 
jedem Ausschnitt den passenden Platz anzuweisen. Der Traum 
lautete : 

,Ich bemühe mich, einen Ausschnitt in das Buch zu 
kleben; er geht aber nicht auf die Seite, was mir großen 
Schmerz verursacht/ 

Ich erwachte und mußte konstatieren, daß der Schmerz des 
Traumes als realer Leibschmerz andauere, der mich denn auch zwang, 
meinem Vorsatz untreu zu werden. Der Traum hatte mir als ,Hüter 
des Schlafes 1 die Erfüllung meines Wunsches, im Bette zu bleiben, 
durch die Darstellung der Worte ,er geht aber nicht auf die Seite 4 
vorgetäuscht, " 

Der Traumarbeit gelingt oft auch die Darstellung von sehr 
sprödem Material, wie es etwa Eigennamen sind, durch gezwungene 
Verwertung sehr entlegener Beziehungen. In einem meiner Träume 
hat mir der alte Brücke eine Aufgabe gestellt. Ich fertige 
ein Präparat an und klaube etwas heraus, was wie zerknüll- 
tes Silberpapier aussieht (Von diesem Traume noch später mehr.) 
Der nicht leicht auffindbare Einfall dazu ergibt: „Staniol", und nun 
weiß ich, daß ich den Autornamen Stannius meine, den eine von 
mir in früheren Jahren mit Ehrfurcht betrachtete Abhandlung über 
das Nervensystem der Fische trägt. Die erste wissenschaftliche Auf- 
gabe, die mir mein Lehrer gestellt, bezog sich wirklich auf das Nerven- 



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296 VI. Die Traumarbeit 

system eines Fisches, des Ammocoetes. Letzterer Name war im Bilder- 
rätsel offenbar gar nicht zu gebrauchen. 

Ich will mir nicht versagen, hier noch einen Traum mit sonder- 
barem Inhalt einzuschalten, der auch noch als Kindertraum bemerkens- 
wert ist und sich durch die Analyse sehr leicht aufklärt Eine Dame 
erzählt: Ich kann mich erinnern, daß ich als Kind wiederholt geträumt 
habe, der liebe Gott habe einen zugespitzten Papierhut auf 
dem Kopfe. Einen solchen Hut pflegte man mir nämlich sehr oft 
bei Tische aufzusetzen, damit ich nicht auf die Teller der anderen 
Kinder hinschauen könne, wieviel sie von dem betreffenden Gericht 
bekommen haben. Da ich gehört habe, Gott sei allwissend, so be- 
deutet der Traum, ich wisse alles auch trotz des aufgesetzten 
Hutes, 

Worin die Traumarbeit besteht und wie sie mit ihrem Material, 
den Traumgedanken, umspringt, läßt sich in lehrreicher Weise an 
den Zahlen und Rechnungen zeigen, die in Träumen vorkommen. 
Geträumte Zahlen gelten überdies dem Aberglauben als besonders ver- 
heißungsvoll. Ich werde also einige Beispiele solcher Art aus meiner 
Sammlung heraussuchen. 

I. Aus dem Traume einer Dame, kurz vor Beendigung 
ihrer Kur: 

Sie will irgend etwas bezahlen; ihre Tochter nimmt 
ihr 3 fl. 65 kr. aus der Geldtasche; sie sagt aber: Was tust 
du? Es kostet ja nur 21 kr. Dieses Stückchen Traum war mir 
durch die Verhältnisse der Träumerin ohne weitere Aufklärung ihrer- 
seits verständlich. Die Dame war eine Fremde, die ihre Tochter 
in einem Wiener Erziehungsinstifut untergebracht hatte und meine 
Behandlung fortsetzen konnte, solange ihre Tochter in Wien blieb. 
In drei Wochen war deren Schuljahr zu Ende und damit endete auch 
die Kur. Am Tage vor dem Traume hatte ihr die Institutsvorsteherin 
nahegelegt, ob sie sich nicht entschließen könnte, das Kind noch ein 
weiteres Jahr bei ihr zu lassen. Sie hatte dann offenbar bei sich diese 
Anregung dahin fortgesetzt, daß sie in diesem Falle auch die Be- 
handlung um ein Jahr verlängern könnte. Darauf bezieht sich nun 
der Traum, denn ein Jahr ist gleich 365 Tagen, die drei Wochen 
bis zum Abschluß des Schuljahres und der Kur lassen sich ersetzen 
durch 21 Tage (wenngleich nicht ebenso viele Behandlungsstunden). 
Die Zahlen, die in den Traumgedanken bei Zeiten standen, werden 
im Traume Geldwerten beigesetzt, nicht ohne daß damit ein tieferer 
Sinn zum Ausdruck käme, denn „Time is money", Zeit hat Geld- 
wert. 365 Kreuzer sind dann allerdings 3 Gulden 65 Kreuzer. Die 
Kleinheit der im Traume erscheinenden Summen ist offenkundige 
Wunscherfüllung; der Wunsch hat die Kosten der Behandlung wie 
des Lehrjahres im Institut verkleinert. 

IL Zu komplizierteren Beziehungen führen die Zahlen in einem 
anderen Traume. Eine junge, aber schon seit einer Reihe von Jah- 



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Zahlen und Rechnungen im Traum. 297 

ren verheiratete Dame erfährt, daß eine ihr fast gleichalterige Be- 
kannte, Elise L., sich eben verlobt hat. Daraufhin träumt sie: Sie 
sitzt mit ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parketts 
ist ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und ihr 
Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber nur 
schlechte Sitze bekommen, 3 für 1 fl. 50 kr., und die konn- 
ten sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch kein 
Unglück gewesen. 

"Woher rühren die 1 fl. 50 kr.? Aus einem eigentlich indiffe- 
renten Anlaß des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne 
150 fl. zum Geschenk bekommen und sich beeilt, sie los zu werden, 
indem sie sich einen Schmuck dafür kaufte. Wir wollen anmerken, 
daß 150 fl. 100 mal mehr als 1 fl. 50 kr. Woher die 3, die bei den 
Theatersitzen steht? Dafür ergibt sich nur die eine Anknüpfung, 
daß die Braut um ebensoviel Monate — drei — jünger ist als sie. 
Zur Auflösung des Traumes führt dann die Erkundigung, was der 
Zug im Traume, daß eine Seite des Parketts leer bleibt, bedeuten 
kann. Derselbe ist eine unveränderte Anspielung auf eine kleine 
Begebenheit, die ihrem Mann guten Grund zur Neckerei gegeben hat. 
Sie hatte sich vorgenommen, zu einer der angekündigten Theater- 
vorstellungen der Woche zu gehen, und war so vorsorglich, mehrere 
Tage vorher Karten zu nehmen, für die sie Vorkaufsgebühr zu zahlen 
hatte. Als sie dann ins Theater kamen, fanden sie, daß die eine 
Seite des Hauses fast leer war; sie hätte es nicht nötig gehabt, sich 
so sehr zu beeilen. 

Ich werde jetzt den Traum durch die Traumgedanken ersetzen: 
„Ein Unsinn war es doch, so früh zu heiraten, ich hätte es nicht 
nötig gehabt, mich so zu beeilen; an dem Beispiele der Elise L. 
sehe ich, daß ich noch immer einen Mann bekommen hätte. Und 
zwar einen hundertmal besseren (Mann, Schatz), wenn ich nur ge- 
wartet hätte (Gegensatz zu dem Beeilen der Schwägerin). Drei 
solche Männer hätte ich für das Geld (die Mitgift) kaufen können!" 
Wir werden darauf aufmerksam, daß in diesem Traume die Zahlen 
in weit höherem Grade Bedeutung und Zusammenhang verändert 
haben als im vorher behandelten. Die Umwandlungs- und Entstel- 
lungsarbeit des Traumes ist hier ausgiebiger gewesen, was wir so 
deuten, daß diese Traumgedanken bis zu ihrer Darstellung ein be- 
sonders hohes Maß von innerpsychischem Widerstand zu überwinden 
hatten. Wir wollen auch nicht übersehen, daß in diesem Traume ein 
absurdes Element enthalten ist, nämlich daß zwei Personen drei 
Sitze nehmen sollen. Wir greifen in die Deutung der Absurdität im 
Traume über, wenn wir anführen, daß dieses absurde Detail des 
Trauminhaltes den meistbetonten der Traumgedanken darstellen soll : 
Ein Unsinn war es, so früh zu heiraten. Die in einer ganz neben- 
sächlichen Beziehung der beiden verglichenen Personen enthaltene 
3 (3 Monate Unterschied im Alter) ist dann geschickt zur Produktion 



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298 VI. Die Traumarbeit 

des für den Traum erforderlichen Unsinns verwendet worden. Die 
Verkleinerung der realen 150 fl. auf 1 fl. 50 kr. entspricht der Ge- 
ringschätzung des Mannes (oder Schatzes) in den unterdrückten 
Gedanken der Träumerin. 

HL Ein anderes Beispiel führt uns die Rechenkunst des Traumes 
vor, die ihm soviel Mißachtung eingetragen hat. Ein Mann träumt: 
Er sitzt bei B . . (einer Familie seiner früheren Bekanntschaft) 
und sagt: Es war ein Unsinn, daß Sie mir die Mali nicht 

fegeben haben. Darauf fragt er das Mädchen: Wie alt sind 
ie denn? Antwort: Ich bin 1882 geboren. — Ah, dann 
sind Sie 28 Jahre alt. 

Da der Traum im Jahre 1898 vorfällt, so ist das offenbar 
schlecht gerechnet, und die Rechenschwäche des Träumers darf der 
des Paralytikers an die Seite gestellt werden, wenn sie sich etwa 
nicht anders aufklären läßt. Mein Patient gehörte zu jenen Personen, 
deren Gedanken kein Frauenzimmer, das sie sehen, in Buhe lassen 
können. Seine Nachfolgerin in meinem Ordinationszimmer war einige 
Monate hindurch regelmäßig eine junge Dame, der er begegnete, 
nach der er sich häufig erkundigte, und mit der er durchaus höflich 
sein wollte. Diese war es, deren Alter er auf 28 Jahre schätzte. 
Soviel zur Aufklärung des Resultates der scheinbaren Rechnung. 
1882 war aber das Jahr, in dem er geheiratet hatte. Er hatte es nicht 
unterlassen können, auch mit den beiden anderen weiblichen Personen, 
die er bei mir traf, Gespräche anzuknüpfen, den beiden keineswegs 
jugendlichen Mädchen, die ihm abwechselnd die Tür zu öffnen 
pflegten, und als er die Mädchen wenig zutraulich fand, sich die 
Erklärung gegeben, sie hielten ihn wohl für einen älteren „ge- 
setzten" Herrn. 

IV. Einen anderen Zahlentraum, der durch durchsichtige De- 
terminierung oder vielmehr Überdeterminierung ausgezeichnet ist, ver- 
danke ich mitsamt seiner Deutung Herrn B. Dattner: 

„Mein Hausherr, Sicherheitswachmann in Magistratsdiensten, 
träumt, er stünde auf der Straße Posten, was eine Wunscherfüllung 
ist. Da kommt ein Inspektor auf ihn zu, der auf dem Ringkragen 
die Nummer 22 und 62 oder 26 trägt. Jedenfalls aber seien mehrere 
Zweier draufgewesen. Schon die Zerteilung der Zahl 2262 bei der 
Wiedergabe des Traumes läßt darauf schließen, daß die Bestandteile 
eine gesonderte Bedeutung haben. Sie hätten gestern im Amt über 
die Dauer ihrer Dienstzeit gesprochen, fällt ihm ein. Ursache gab 
ein Inspektor, der mit 62 Jahren in Pension gegangen sei. Der 
Träumer hat erst 22 Dienstjahre und braucht noch 2 Jahre 2 Monate, 
um eine 90 o/o ige Pension zu erreichen. Der Traum spiegelt ihm nun 
zuerst die Erfüllung eines langgehegten Wunsches, den Inspektors- 
rang, vor. Der Vorgesetzte mit der 2262 auf dem Kragen ist er 
selbst, er versieht seinen Dienst auf der Straße, auch ein Lieblings- 
wunsch, hat seine 2 Jahre und 2 Monate abgedient und kann nun 



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Rechnen und Reden im Traum. 299 

wie der 62 jährige Inspektor mit voller Pension aus dem Amte 
scheiden *)." 

Wenn wir diese und ähnliche (später folgende) Beispiele zu- 
sammenhalten, dürfen wir sagen : Die Traumarbeit rechnet üDorhaupt 
nicht, weder richtig noch falsch ; sie fügt nur Zahlen, die in den Traum- 
gedanken vorkommen und als Anspielungen auf ein nicht darstellbares 
Material dienen können, in der Form einer Rechnung zusammen. Sie 
behandelt dabei die Zahlen in genau der nämlichen Weise als Material 
zum Ausdruck ihrer Absichten wie alle anderen Vorstellungen, wie 
auch die Namen und die als Wortvorstellungen kenntlichen Reden. 

Denn die Traumarbeit kann auch keine Rede neu schaffen. 
Soviel von Rede und Gegenrede in den Träumen vorkommen mag, 
die an sich sinnig oder unvernünftig sein können, die Analyse zeigt 
uns jedesmal, daß der Traum dabei nur Bruchstücke von wirklich 
geführten oder gehörten Reden den Traumgedanken entnommen hat 
und höchst willkürlich mit ihnen verfahren ist. Er hat sie nicht nur 
aus ihrem Zusammenhange gerissen und zerstückt, das eine Stück 
aufgenommen, das andere verworfen, sondern auch oft neu zusammen- 
gefügt, so daß die zusammenhängend scheinende Traumrede bei der 
Analyse in drei oder vier Brocken zerfällt. Bei dieser Neu Verwendung 
hat er oft den Sinn, den die Worte in den Traumgedanken hatten, 
bei Seite gelassen, und dem Wortlaute einen völlig neuen Sinn 
abgewonnen**). Bei näherem Zusehen unterscheidet man an der 



*) Analysen von anderen Zahlen träumen siehe bei Jung, Marcinowski 
u. a. Dieselben setzen oft sehr komplizierte Zahlenoperationen voraus, die aber 
vom Träumer mit verblüffender Sicherheit vollzogen werden. Vgl. auch Jones, 
„Über unbewußte Zahlenbehandlung* (Zentralbl. f. Ps.-A. II, 1912, S. 241 f.). 
**) In der gleichen Weise wie der Traum verfährt auch die Neurose. Ich 
kenne eine Patientin, die daran leidet, daß sie Lieder oder Stücke von solchen 
unwillkürlich und widerwillig hört (halluziniert), ohne deren Bedeutung für ihr 
Seelenleben verstehen zu können. Sie ist übrigens gewiß nicht paranoisch. Die 
Analyse zeigt dann, daß sie den Text dieser Lieder mittels gewisser Lizenzen miß- 
bräuchlich verwendet hat. „Leise, leise, fromme Wleise." Das bedeutet für ihr 
Unbewußtes: Fromme Waise, und diese ist sie selbst. „0 du selige, o du fröh- 
liche" ist der Anfang eines Weihnachtsliedes; indem sie es nicht bis zu „Weih- 
nachtszeit" fortsetzt, macht sie daraus ein Brautlied u. dgl. — Derselbe Ent- 
stellungsmechanismus kann sich übrigens auch ohne Halluzination im bloßen Ein- 
fall durchsetzen. Warum wird einer meiner Patienten von der Erinnerung an ein 
Gedicht heimgesucht, das er in jungen Jahren lernen mußte: 

„Nächtlich am Busento lispeln . . .?" 
Weil sich seine Phantasie mit einem Stück dieses Zitats: 

„Nächtlich am Busen" begnügt. 
Es ist bekannt, daß der parodistische Witz auf dieses Stückchen Technik 
nicht verzichtet hat. Die „Fliegenden Blätter" brachten einst unter ihren Illustra- 
tionen zu deutschen „Klassikern" auch ein Bild zum Schillerschen „Siegesfest", 
zu dem das Zitat vorzeitig abgeschlossen war. 

„Und des frisch erkämpften Weibes 

Freut sich der Atrid und strickt." 
(Fortsetzung: Um den Reiz des schönen Leibes 

Seine Arme hochbeglückt.) 



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300 VI. Die Traumarbeit. 

Traumrede deutlichere, kompakte Bestandteile von anderen, die als 
Bindemittel dienen und wahrscheinlich ergänzt worden sind, wie 
wir ausgelassene Buchstaben und Silben beim Lesen ergänzen. Die 
Traumrede hat so den Aufbau eines Brecciengesteins, in dem größere 
Brocken verschiedenen Materials durch eine erhärtete Zwischenmasse 
zusammengehalten werden. 

In voller Strenge richtig ist diese Beschreibung allerdings nur 
für jene Reden im Traume, die etwas vom sinnlichen Charakter der 
Rede haben und als „Reden" beschrieben werden. Die anderen, die 
nicht gleichsam als gehört oder als gesagt empfunden werden (keine 
akustische oder motorische Mitbetonung im Traume haben), sind 
einfach Gedanken, wie sie in unserer wachen Denktätigkeit vor- 
kommen und unverändert in viele Träume übergehen. Für das in- 
different gehaltene Redematerial des Traumes scheint auch die Lektüre 
eine reich fließende und schwer zu verfolgende Quelle abzugeben. 
Alles aber, was im Traume als Rede irgendwie auffällig hervortritt, 
unterwirft sich der Zurückführung auf reale, selbst gehaltene oder 
gehörte Rede. 

Beispiele für die Ableitung solcher Traumreden haben wir 
bereits bei der Analyse von Träumen gefunden, die zu anderen 
Zwecken mitgeteilt worden sind. So in dem „harmlosen Markt- 
traum" auf p. 139, in dem die Rede: Das ist nicht mehr zu 
haben, dazu dient, mich mit dem Fleischhauer zu identifizieren, 
während ein Stück der anderen Rede: Das kenne ich nicht, das 
nehme ich nicht, geradezu die Aufgabe erfüllt, den Traum harm- 
los zu machen. Die Träumerin hatte nämlich am Vortage irgend 
welche Zumutung ihrer Köchin mit den Worten zurückgewiesen: 
Das kenne ich nicht, benehmen Sie sich anständig, und nun 
von dieser Rede das indifferent klingende erste Stück in den Traum 
genommen, um mit ihm auf das spätere Stück anzuspielen, das in 
die Phantasie, welche dem Traume zu Grunde lag, sehr wohl gepaßt, 
aber auch dieselbe verraten hätte. 

Ein ähnliches Beispiel an Stelle vieler, die ja alle das nämliche 
ergeben : 

Ein großer Hof, in dem Leichen verbrannt werden. 
Er sagt: Da geh' ich weg, das kann ich nicht sehen. (Keine 
deutliche Rede.) Dann trifft er zwei Fleischhauerbuben und 
fragt: „Na, hat's geschmeckt?" Der eine antwortet: Na, not 
gut war's. Als ob es Menschenfleisch gewesen wäre. 

Der harmlose Anlaß dieses Traumes ist folgender: Er macht 
nach dem Nachtmahl mit seiner Frau einen Besuch bei den braven, 
aber keineswegs appetitlichen Nachbarsleuten. Die gastfreundliche 
alte Dame befindet sich eben bei ihrem Abendessen und nötigt 
ihn (man gebraucht dafür scherzhaft unter Männern ein zusammen- 
gesetztes, sexuell bedeutsames Wort) davon zu kosten. Er lehnt ab, 
er habe keinen Appetit mehr. „Aber gehen's weg, das werden Sie 



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Der Traum „Non vixit\ 301 

noch vertragen" oder 90 ähnlich. Er muß also kosten und rühmt 
dann das Gebotene vor ihr. „Das ist aber gut." Mit seiner Frau 
wieder allein, schimpft er dann sowohl über die Aufdringlichkeit 
der Nachbarin, als auch über die Qualität der gekosteten Speise. 
„Das kann ich nicht sehen," das auch im Traume nicht als eigent- 
liche Rede auftritt, ist ein Gedanke, der sich auf die körperlichen 
Reize der einladenden Dame bezieht, und zu übersetzen wäre, daß 
er diese zu schauen nicht begehrt. 

Lehrreicher wird sich die Analyse eines anderen Traumes ge- 
stalten, den ich wegen der sehr deutlichen Rede, die seinen Mittel- 
punkt bildet, schon an dieser Stelle mitteile, aber erst bei der Wür- 
digung der Affekte im Traume aufklären werde. Ich träume sehr 
klar: Ich bin nachts ins Brückesche Laboratorium gegan- 
gen und öffne auf ein leises Klopfen an der Tür dem (ver- 
storbenen) Professor Fleisch!, der mit mehreren Fremden 
eintritt und sich nach einigen Worten an seinen Tisch 
setzt Dann folgt ein zweiter Traum: Mein Freund FL ist im 
Juli unauffällig nach Wien gekommen; ich begegne ihm 
auf der Straße im Gespräche mit meinem (verstorbenen) 
Freunde P. und gehe mit ihnen irgendwohin, wo sie ein- 
ander wie an einem kleinen Tische gegenübersitzen, ich 
an der schmalen Seite des Tischchens vorn. FL erzählt 
von seiner Schwester und sagt: In dreiviertel Stunden war 
sie tot, und dann etwas wie: Das ist die Schwelle. Da P. 
ihn nicht versteht, wendet sich FL an mich und fragt mich, 
wieviel von seinen Dingen ich P. denn mitgeteilt habe. 
Darauf ich, von merkwürdigen Affekten ergriffen, Fl. mit- 
teilen will, daß P. (ja gar nichts wissen kann, weil er) gar 
nicht am Leben ist. Ich sage aber, den Irrtum selbst be- 
merkend: Non vlxit. Ich sehe dann P. durchdringend an, 
unter meinem Blicke wird er bleich, verschwommen, seine 
Augen werden krankhaft blau — und endlich löst er sich 
auf. Ich bin ungemein erfreut darüber, verstehe jetzt, daß 
auch Ernst Fleischl nur eine Erscheinung, ein Revenant 
war, und finde es ganz wohl möglich, daß eine solche Per- 
son nur so lange besteht, als man es mag, und daß sie durch 
den Wunsch des anderen beseitigt werden kann. 

Dieser schöne Traum vereinigt so viele der am Trauminhalt 
rätselhaften Charaktere, — die Kritik während des Traumes selbst, 
daß ich meinen Irrtum, Non vixit zu sagen anstatt Non vivit, selbst 
bemerke ; den unbefangenen Verkehr mit Verstorbenen, die der Traum 
selbst für verstorben erklärt ; die Absurdität der Schlußf olgerung und 
die hohe Befriedigung, die dieselbe mir bereitet, — daß ich „für mein 
Leben gern" die volle Lösung dieser Rätsel mitteilen möchte. Ich 
bin aber in Wirklichkeit unfähig, das zu tun — was ich nämlich im 
Traume tue — die Rücksicht auf so teure Personen meinem Ehrgeiz 



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302 VI. Die Traumarbeit. 

aufzuopfern. Bei jeder Verhüllung wäre aber der mir wohlbekannte 
Sinn des Traumes zu Schanden geworden. So begnüge ich mich denn, 
zuerst hier, und dann an späterer Stelle einige Elemente des Traumes 
zur Deutung herauszugreifen. 

Das Zentrum des Traumes bildet eine Szene, in der ich P. 
durch einen Blick vernichte. Seine Augen werden dabei so merk- 
würdig und unheimlich blau, und dann löst er sich auf. Diese Szene 
ist die unverkennbare Nachbildung einer wirklich erlebten. Ich war 
Demonstrator am physiologischen Institut, hatte den Dienst in den 
Frühstunden, und Brücke hatte erfahren, daß ich einigemal zu spät 
ins Schülerlaboratorium gekommen war. Da kam er einmal pünkt- 
lich zur Eröffnung und wartete mich ab. Was er mir sagte, war karg 
und bestimmt; es kam aber gar nicht auf die Worte an. Das Über- 
wältigende waren die fürchterlichen blauen Augen, mit denen er 
mich ansah, und vor denen ich verging — wie P. im Traume, der 
zu meiner Erleichterung die Rollen verwechselt hat. Wer sich an 
die bis ins hohe Greisenalter wunderschönen Augen des großen 
Meisters erinnern kann und ihn je im Zorne gesehen hat, wird sich 
in die Affekte des jugendlichen Sünders von damals leicht versetzen 
können. 

Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das „Non vixit" ab- 
zuleiten, mit dem ich im Traume jene Justiz übe, bis ich mich be- 
sann, daß diese zwei Worte nicht als gehörte oder gerufene, sondern 
als gesehene so hohe Deutlichkeit im Traume besessen hatten. Dann 
wußte ich sofort, woher sie stammten. Auf dem Postament des Kaiser 
Josef -Denkmals in der Wiener Hofburg sind die schönen Worte zu 
lesen : 

Saluti patriae vixit 
non diu sed totus. 

Aus dieser Inschrift hatte ich herausgeklaubt, was zu der einen feind- 
seligen Gedankenreihe in meinen Traumgedanken paßte, und was 
heißen sollte: Der Kerl hat ja gar nichts dreinzureden, er lebt ja 
gar nicht. Und nun mußte ich mich erinnern, daß der Traum wenige 
Tage nach der Enthüllung des Fleischl-Denkmals in den Arkaden 
der Universität geträumt worden war, wobei ich das Denkmal 
Brückes wiedergesehen hatte und (im Unbewujßten) mit Bedauern 
erwogen haben muß, wie mein hochbegabter, und ganz der Wissen- 
schaft ergebener Freund P. durch einen allzufrühen Tod seinen be- 
gründeten Anspruch auf ein Denkmal in diesen Räumen verloren. 
So setzte ich ihm dies Denkmal im Traume; mein Freund P. hieß 
mit dem Vornamen Josef*). 

*) Als Beitrag zur Überdeterminierung: Meine Entschuldigung für mein 
Zuspätkommen lag darin, daß ich nach langer Nachtarbeit am Morgen den 
weiten Weg von der Kaiser Josef -Straße in die Währingerstraße zu machen 
hatte. 



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Der Traum „Non vixit\ 303 

Nach den Regeln der Traumdeutung wäre ich nun noch immer 
nicht berechtigt, das non vivit, das ich brauche, durch non vixit, 
das mir die Erinnerung an das Josefs- Monument zur Verfügung stellt, 
zu ersetzen. Ein anderes Element der Traumgedanken muß dies durch 
seinen Beitrag ermöglicht haben. Es heißt mich nun etwas darauf 
achten, daß in der Traumszene eine feindselige und eine zärtliche 
Gedankenströmung gegen meinen Freund P. zusammentreffen, die 
erstere oberflächlich, die letztere verdeckt, und in den nämlichen 
Worten: Non vixit ihre Darstellung erreichen. Weil er sich um 
die Wissenschaft verdient gemacht hat, errichte ich ihm ein Denk- 
mal; aber weil er sich eines bösen Wunsches schuldig gemacht hat 
(der am Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichtete ich 
ihn. Ich habe da einen Satz von ganz besonderem Klange gebildet, 
bei dem mich ein Vorbild beeinflußt haben muß. Wo findet sich nur 
eine ähnliche Antithese, ein solches Nebeneinanderstellen zweier ent- 
gegengesetzter Reaktionen gegen dieselbe Person, die beide den An- 
spruch erheben, voll berechtigt zu sein, und doch einander nicht 
stören wollen? An einer einzigen Stelle, die sich aber dem Leser 
tief einprägt; in der Rechtfertigungsrede des Brutus in Shake- 
speares Julius Cäsar: „Weil Cäsar mich liebte, wein' ich um 
ihn; weil er glücklich war, freue ich mich; weil er tapfer war, ehr' 
ich ihn, aber weil er herrschsüchtig war, erschlug ich ihn." Ist das 
nicht der nämliche Satzbau und Gedankengegensatz wie in dem 
Traumgedanken, den ich aufgedeckt habe ? Ich spiele also den Brutus 
im Traume. Wenn ich nur von dieser überraschenden Kollateral- 
verbindung noch eine andere bestätigende Spur im Trauminhalt auf- 
finden könnte! Ich denke, dies könnte folgendes sein: Mein Freund 
FL kommt im Juli nach Wien. Diese Einzelheit findet gar keine 
Stütze in der Wirklichkeit. Mein Freund ist im Monat Juli meines 
Wissens niemals in Wien gewesen. Aber der Monat Juli ist nach 
Julius Cäsar benannt und könnte darum sehr wohl die von mir 
gesuchte Anspielung auf den Zwischengedanken, daß ich den Brutus 
spiele, vertreten*). 

Merkwürdigerweise habe ich nun wirklich einmal den Brutus 
gespielt Ich habe die Szene Brutus und Cäsar aus Schillers Ge- 
dichten vor einem Auditorium von Kindern aufgeführt und zwar 
als 14 jähriger Knabe im Vereine mit meinem um ein Jahr älteren 
Neffen, der damals aus England zu uns gekommen war, — auch so 
ein Revenant — denn es war der Gespiele meiner ersten Kinder- 
jahre, der mit ihm wieder auftauchte. Bis zu meinem vollendeten 
dritten Jahre waren wir unzertrennlich gewesen, hatten einander ge- 
liebt und miteinander gerauft, und diese Kinderbeziehung hat, wie 
ich schon einmal angedeutet, überall meine späteren Gefühle im 
Verkehre mit Altersgenossen entschieden. Mein Neffe John hat seit- 



*) Dazu noch Cäsar-Kaiser. 



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304 VI. Die Traumarbeit. 

her sehr viele Inkarnationen gefunden, die bald diese, bald jene Seite 
seines in meiner unbewußten Erinnerung unauslöschlich fixierten 
Wesens wiederbelebten. Er muß mich zeitweilig sehr schlecht be- 
handelt haben, und ich muß Mut bewiesen haben gegen meinen Ty- 
rannen, denn es ist mir in späteren Jahren oft eine kurze Recht- 
fertigungsrede wiedererzählt worden, mit der ich mich verteidigte, 
als mich der Yater — sein Großvater — zur Rede stellte: Warum 
schlägst du den John? Sie lautete in der Sprache des noch nicht 
Zweijährigen: Ich habe ihn ge(sch)lagt, weil er mich ge- 
(sch)lagt hat. Diese Kinderszene muß es sein, die non vivit zum 
non vixit ablenkt, denn in der Sprache späterer Kinderjahre heißt 
ja das Schlagen — Wichsen; die Traumarbeit verschmäht es nicht, 
sich solcher Zusammenhänge zu bedienen. Die in der Realität so 
wenig begründete Feindseligkeit gegen meinen Freund R, der mir 
vielfach überlegen war und darum auch eine Neuausgabe des Kinder- 
gespielen abgeben konnte, geht sicherlich auf die komplizierte in- 
fantile Beziehung zu John zurück. 

Ich werde also auf diesen Traum noch zurückkommen. 

g) Absurde Träume. Die intellektuellen Leistungen im 

Traume. 

Bei unseren bisherigen Traumdeutungen sind wir so oft auf das 
Element der Absurdität im Trauminhalt gestoßen, daß wir die 
Untersuchung nicht länger aufschieben wollen, woher dasselbe rührt, 
und was es etwa bedeutet. Wir erinnern uns ja, daß die Absurdität 
der Träume den Gegnern der Traumschätzung ein Hauptargument bot, 
um im Traume nichts anderes als ein sinnloses Produkt einer redu- 
zierten und zerbröckelten Geisteetätigkeit zu sehen. 

Ich beginne mit einigen Beispielen, in denen die Absurdität des 
Trauminhaltes nur ein Anschein ist, der bei besserer Vertiefung in 
den Sinn des Traumes sofort verschwindet. Es sind einige Träume, 
die — wie man zuerst meint, zufällig — vom toten Vater handeln. 

I. Der Traum des Patienten, der seinen Vater vor sechs Jahren 
verloren : 

Dem Vater ist ein großes Unglück widerfahren. Er 
ist mit dem Nachtzuge gefahren, da ist eine Entgleisung 
erfolgt, die Sitze sind zusammengekommen, und ihm ist 
der Kopf quer zusammengedrückt worden. Er sieht ihn 
dann auf dem Bette liegen, mit einer Wunde über dem Augen- 
brauenrand links, die vertikal verläuft. Er wundert sich 
darüber, daß der Vater verunglückt ist (da er doch schon 
tot ist, wie er bei der Erzählung ergänzt). Die Augen sind so klar. 

Nach der herrschenden Beurteilung der Träume hätte man 
sich diesen Trauminhalt so aufzuklären: Der Träumer hat zuerst, 
während er sich den Unfall seines Vaters vorstellt, vergessen, daß 



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Absurde Träume vom toten Vater. 305 

dieser schon seit Jahren im Grabe ruht; im weiteren Verlaufe des 
Träumens wacht diese Erinnerung auf und bewirkt, daß er sich 
über den eigenen Traum noch selbst träumend verwundert. Die 
Analyse lehrt aber, daß es vor allem überflüssig ist, nach solchen 
Erklärungen zu greifen. Der Träumer hatte bei einem Künstler eine 
Büste des Vaters bestellt, die er zwei Tage vor dem Traume in 
Augenschein genommen hat Diese ist es, die ihm verunglückt 
vorkommt. Der Bildhauer hat den Vater nie gesehen, er arbeitet 
nach ihm vorgelegten Photographien. Am Tage vor dem Traume 
selbst hat der pietätvolle Sohn einen alten Diener der Familie ins 
Atelier geschickt, ob auch der dasselbe Urteil über den marmornen 
Kopf fällen wird, nämlich daß er zu schmal in der Querrichtung 
von Schläfe zu Schläfe ausgefallen ist Nun folgt das Erinnerungs- 
material, das zum Aufbau dieses Traumes beigetragen hat. Der Vater 
hatte die Gewohnheit, wenn geschäftliche Sorgen oder Schwierigkeiten 
in der Familie ihn quälten, sich beide Hände gegen die Schläfen zu 
drücken, als ob er seinen Kopf, der ihm zu weit würde, zusammen- 
pressen wollte. — Als Kind von vier Jahren war unser Träumer 
zugegen, wie das Losgehen einer zufällig geladenen Pistole dem Vater 
die Augen schwärzte (die Augen sind so klar). — An der Stelle, 
wo der Traum die Verletzung des Vaters zeigt, trug der Lebende, 
wenn er nachdenklich oder. traurig war, eine tiefe JLängsfurche zur 
Schau. Daß diese Furche im Traume durch eine Wunde ersetzt ist, 
deutet auf die zweite Veranlassung des Traumes hin. Der Träumer 
hatte sein kleines Töchterchen photographiert ; die Platte war ihm aus 
der Hand gefallen und zeigte, als er sie aufhob, einen Sprung, der 
wie eine senkrechte Furche über die Stirn der Kleinen lief und bis 
zum Augenbrauenbogen reichte. Da könnte er sich abergläubischer 
Ahnungen nicht erwehren, denn einen Tag vor dem Tode der Mutter 
war ihm die photographische Platte mit deren Abbild gesprungen. 

Die Absurdität dieses Traumes ist also bloß der Erfolg einer 
Nachlässigkeit des sprachlichen Ausdruckes, der die Büste und die 
Photographie von der Person nicht unterscheiden will Wir sind alle 
gewöhnt so zu reden : Findest du den Vater nicht getrof f en ? Freilich 
wäre der Anschein der Absurdität in diesem Traume leicht zu ver- 
meiden gewesen. Wenn man schon nach einer einzigen Erfahrung 
urteilen dürfte, so möchte man sagen, dieser Anschein von Absurdität 
ist ein zugelassener oder gewollter. 

II Ein zweites, ganz ähnliches Beispiel aus meinen eigenen 
Träumen (ich habe meinen Vater im Jahre 1896 verloren) : 

Der Vater hat naqjh seinem Tode eine politische Rolle 
bei den Magyaren gespielt, sie politisch geeinigt, wozu ich 
ein kleines undeutliches Bild sehe: eine Menschenmenge wie im 
Reichstage; eine Person, die auf einem oder auf zwei Stüh- 
len steht, andere um ihn herum. Ich erinnere mich daran, 
daß er auf dem Totenbette Garibaldi so ähnlich gesehen 

Fread, Traantoatuag. 4. Aufl. 20 



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306 ; VI. Die TntoinatÜeftr 

hat,- undfreue. mich, daß diese Verheißung dach wahr ge- 
worden ist. v 

- Da3 ist doch absurd genug. Es ist zur Zeit geträumt, da die 
Ungarn durch parlamentarische Obstruktion in den gesetzlosen 
Zustand gerieten und jene Krise durchmachten, aus der Koloman 
Szell sie befreite. Der geringfügige Umstand, daß die im Traume 
gesehene Szene aus so kteinen Bildern besteht, ist nicht ohne Be- 
deutung für die Aufklärung dieses Elements. Die gewöhnliche visuelle 
Traumdarstellung unserer Gedanken ergibt Bilder, die uns etwa den 
Eindruck der Lebensgröße machen ; mein J Traumbild ist aber die 
Reproduktion eines in den Text einer illustrierten Geschichte Öster- 
reichs eingeschobenem Holzschnittes, der Maria Theresia auf dem 
Keichstage^von Preßbürg darstellt; die berühmte Szene des „Moriamur 
pro rege nostro"*). Wie dort Maria Theresia, so steht im Traume der 
Vater von der Menge umringt; er steht aber auf einem oder zwei 
Stühlen, also als Stühlrichter, (ßr hat sie geeinigt; — hier ver- 
mittelt die Redenkart: Wir werden keinen Richter brauchen.) Daß 
er auf 'dem Totenbett^ Garibaldi so ähnlich sah, haben wir Um- 
stehenden wirklieh' alle bemerkt. Er hatte postmortale Temperatur- 
Steigerung, ^eine Wangen glühten rot und röter. . . unwillkürlich 
setzen wir fort: Und hinten ihm, in wesenlosem Scheine lag, was uns 
alle bändigt, das (^meine. 

Diese JSrhebung unserer Gedanken bereitet uns darauf vor, daß 
wir geradö mit tife^n „Gemeinen" zu tun bekommen sollen. Das „post- 
iüortale u der r temp6raturerh6hung entspricht den Worten „nach 
seinem Tdde"iftn Tra^imiijihalt. Das Quälendste seiner Leiden war 
diq "völlige ^Darmlähmtrtig (Obstruktion) der letzen Wochen ge- 
wesen, Ä $ese knüpfen allerlei unehrerbietige Gedanken an. Einer 
meiner ^Lltei^sgenosseh, der seinen Vater noch als Gymnasiast verlor, 
bei welchem Anlaß iqh ihm dann tief erschüttert meine Freundschaft 
antHig, erzählte nur einmal höhnend von dem Schmerze einer Ver- 
lan dtei , deren Vater auf der! Straße gestarben und nach Hause ge- 
bracht worden war, wo sich daqn bei der Entkleidung der Leiche 
fand; daß im Moment des Todeis oder postmortal eine Stuhl- 
entl^erung stattgefunden hatte. Die Tochter War so tief unglücklich 
darüber, daß ihr.diesefe häßliche Detail die Erinnerung an den Vater 
stören tnußtei. Hier sind wir nun zu' ? döfei Wunsche vorgedrungen, 
der sich in diesem Traume, verkörpert Nach seinem Tode rein und 
groß vor seinen Kinder», dastehen, wer möchte das nicht wün- 
schen? Wohin ist die Absurdität dieses Traumes geraten? Ihr An- 
. ' • • j_l- . i ■ ' . ' . ■ .■ ' ' :. • • 

. *) Ich weiß nicht mehr, bei welchem Atitor ich einen Traum erwähnt ge- 
funden habe, in dem eö von ungewöhnlich kleinen Gestalten wimmelte, und als 
dessen Quelle sich einer der Stiche Jacquea Callots. herausstellte, die der 
Träumer bei Tag betrachtet hatte. Diese Stiche enthalten allerdings eine Un- 
zahl sehr kleiner Figuren; eine Reihe derselben behandelt die Greuel des Dreißig- 
jährigen Krieges. 



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Einzelne Absurditäten im Traum. 307 

schein ist nur dadurch zu stände gekommen, daß eine völlig zulässige 
Redensart, bei welcher wir gewöhnt sind, über die Absurdität hinweg- 
zusehen, die zwischen ihren Bestandteilen vorhanden sein mag, im 
Traume getreulich dargestellt wird. Auch hier können wir den Ein- 
druck nicht abweisen, daß der Anschein der Absurdität ein gewollter, 
absichtlich hervorgerufener ist*). 

HI. In dem Beispiel, das ich jetzt anführe, kann ich die Traum- 
arbeit dabei ertappen, wie sie eine Absurdität, zu der im Material 
gar kein Anlaß ist, absichtlich fabriziert. Es stammt aus dem Traume, 
den mir die Begegnung mit dem Grafen Thun vor meiner Ferial- 
reise eingegeben hat Ich fahre in einem Einspänner und gebe 
Auftrag, zu einem Bahnhofe zu fahren. „Auf der Bahn- 
strecke selbst kann ich natürlich nicht mit Ihnen fahren", 
sage ich, nachdem er einen Einwand gemacht, als ob ich 



r *) Die Häufigkeit, mit welcher im Traume tote Personen wie lebend auf- 

treten, handeln una mit uns verkehren, hat eine ungebührliche Verwunderung 

,; hervorgerufen und sonderbare Erklärungen erzeugt, aus denen unser Unver- 
ständnis für den Traum sehr auffällig erhellt Und doch ist die Aufklärung dieser 
Träume eine sehr naheliegende. Wie oft kommen wir in die Lage uns zu denken; 
Wenn der Vater noch leben würde, was würde er dazu sagen? Dieses Wenn 
kann der Traum nicht anders darstellen als durch die Gegenwart in einer be- 
stimmten Situation. So träumt z. B. ein junger Mann, dem sein Großvater ein 
großes Erbe hinterlassen hat, bei einer Gelegenheit von Vorwurf wegen einer 
bedeutenden Geldausgabe, der Großvater sei wieder am Leben und fordere 
Rechenschaft von ihm. Was wir für die Auflehnung gegen den Traum halten, 
der Einspruch aus unserem besseren Wissen, daß der Mann doch schon gestorben 
sei, ist in Wirklichkeit der Trostgedanke, daß der Verstorbene das nicht zu er- 
leben brauchte, oder die Befriedigung darüber, daß er nichts mehr drein- 
zureden hat 

Eine andere Art von Absurdität, die sich in Träumen von toten Ange- 

■•:' hörigen findet, drückt nicht Spott und Hohn aus, sondern dient der äußersten 
■ Ablehnung, der Darstellung eines verdrängten Gedankens, den man gerne als 
das Allerundenkbarste hinstellen möchte. Träume dieser Art erscheinen nur 
auflösbar, wenn man sich erinnert, daß der Traum zwischen Gewünschtem und 
Realem keinen Unterschied macht So träumt z. B. ein Mann, der seinen Vater 
in dessen Krankheit gepflegt und unter dessen Tod schwer gelitten hatte, 
eine Zeit nachher folgenden unsinnigen Traum: Der Vater war wieder am 
Leben und sprach mit ihm w*ie sonst, aber (das Merkwürdige war), er 
war doch gestorben und wußte es nur nicht Man versteht diesen Traum, 
wenn man nach „er war doch gestorben" einsetzt: infolge des Wunsches 
des Träumers und zu „er wußte es nicht" ergänzt: daß der Träumer die- 
sen Wunsch hatte. Der Sohn hatte während der Krankenpflege wiederholt 
den Vater tot gewünscht, <L h. den eigentlich erbarmungsvollen Gedanken ge- 
habt, der Tod möge doch endlich dieser Qual ein Ende machen. In der Trauer 

dr nach dem Tode wurde selbst dieser Wunsch des Mitleidens zum unbewußten 
Vorwurf, als ob er durch ihn wirklich beigetragen hätte, das Leben des Kranken 
zu verkürzen. Durch Erweckung der frühinfantilsten Regungen gegen den 
Vater wurde es möglich, diesen Vorwurf als Traum auszudrücken, aber gerade 
wegen der weltenweiten Gegensätzlichkeit zwischen dem Traumerreger und dem 
Tagesgedanken mußte dieser Traum so absurd ausfallen. (Vgl. hiezu: Formulie- 
rungen über die zwei Prinzipien des seelischen Geschehens. Jahrbuch f. Ps.-A. f 

in, i9ii.) 

20* 



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308 VI. Die Traumarbeit 

ihn übermüdet hätte; dabei ist es so, als wäre ich schon 
eine Strecke mit ihm gefahren, die man sonst mit der 
Bahn fährt Zu dieser verworrenen und unsinnigen Geschichte gibt 
die Analyse folgende Aufklärungen : Ich hatte am Tage einen Ein- 
spänner genommen, der mich nach Dornbach in eine entlegene Straße 
führen sollte. Er kannte aber den Weg nicht und fuhr nach Art dieser 
guten Leute immer weiter, bis ich es merkte und ihm den Weg zeigte, 
wobei ich ihm einige spöttische Bemerkungen nicht ersparte. Von 
diesem Kutscher spinnt sich eine Gedankenverbindung ?u den Aristo- 
kraten an, mit der ich später noch zusammentreffen werde. Vorläufig 
nur die Andeutung, daß uns bürgerlichem Plebs die Aristokratie 
dadurch auffällig wird, daß sie sich mit Vorliebe an die Stelle des 
Kutschers setzt. Graf Thun lenkt ja auch den Staatswagen von 
Österreich. Der nächste Satz im Traume bezieht sich aber auf 
bieinen Bruder, den ich also mit dem Einspännerkutscher identifiziere. 
Ich hatte ihm heuer die gemeinsame Italienfahrt abgesagt („Auf die 
Bahnstrecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren"), und diese 
Absage war eine Art Bestrafung für seine sonstige Klage, daß ich 
ihn auf diesen Reisen zu übermüden pflege (was unverändert in 
den Traum gelangt), indem ich ihm zu rasche Ortsveränderung, 
zu viel des Schönen an einem Tage, zumute. Mein Bruder hatte 
mich an diesem Abend zum Bahnhofe begleitet, war aber kurz vorher 
bei der Stadtbahnstation Westbahnhof ausgesprungen, um mit der 
Stadtbahn nach Purkersdorf zu fahren. Ich hatte ihm bemerkt, er 
könne noch eine Weile länger bei mir bleiben, indem er nicht mit 
der Stadtbahn, sondern mit der Westbahn nach Purkersdorf fahre 
Davon ist in den Traum gekommen, daß ich mit dem Wagen eine 
Strecke gefahren bin, die man sonst mit der Bahn fährt. In 
Wirklichkeit war es umgekehrt (und „Umgekehrt ist auch ge^ 
fahren"); ich hatte meinem Bruder gesagt: Die Strecke, die du mit 
der Stadtbahn fährst, kannst du auch in meiner Gesellschaft in der 
Westbahn fahren. Die ganze Traumverwirrung richte ich dadurch 
an, daß ich anstatt „Stadtbahn" — „Wagen" in den Traum einsetze, 
was allerdings zur Zusammenziehung des Kutschers mit dem Bruder 
gute Dienste leistet. Dann bekomme ich im Traume etwas Unsinnig 
heraus, was bei der Erklärung kaum entwirrbar scheint, und beinah? 
einen Widerspruch mit einer früheren Rede von mir („Auf die Bahn 
strecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren") herstellt. Da ich 
raber Stadtbahn und Einspännerwagen überhaupt nicht zu verwechseln 
brauche, muß ich diese ganze rätselhafte Geschichte im Traume aH 
sichtlich so gestaltet haben. 

In welcher Absicht aber? Wir sollen nun erfahren, was dh 
Absurdität im Traume bedeutet, und aus welchen Motiven sie zuge 
lassen oder geschaffen wird. Die Lösung des Geheimnisses ini vor 
liegenden Falle ist folgende: Ich brauche im Traume eine Absurditä 
und etwas Unverständliches in Verbindung mit dem „Fahren", wei 



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Original from 
UNI VERSITYOF CALIFORNIA 



Die Absurdität ist eine absichtlich hergestellte. 309 

ich in den Traumgedanken ein gewisses Urteil habe, das nach Dar- 
stellung verlangt. An einem Abend bei jener gastfreundlichen und 
geistreichen Dame, die in einer anderen Szene des nämlichen Traumes 
als „Haushälterin" auftritt, hatte ich zwei Rätsel gehört, die ich 
nicht auflösen konnte. Da sie der übrigen Gesellschaft bekannt waren, 
machte ich mit meinen erfolglosen Bemühungen, die Lösung zu 
finden, eine etwas lächerliche Figur. Es waren zwei Äquivoke mit 
„Nachkommen" und „Vorfahren". Sie lauteten, glaube ich, so: 

Der Herr befiehlt's, 
Der Kutscher tut's. 
Ein jeder hat's, 
Im Grabe ruht's. 

(Vorfahren.) 

Verwirrend wirkte es, daß das zweite Rätsel zur einen Hälfte 
identisch mit dem ersten war : 

Der Herr befiehlt's, 

Der Kutscher tut's. 

Nicht jeder hat's, 

In der Wiege ruht's. 

(Nachkommen.) 
Als ich nun den Grafen Thun so großmächtig vorfahren 
sah, in die „Figaro"-Stimmu!ng geriet, die das Verdienst der hohen 
Herren darin findet, daß sie sich die Mühe gegeben haben, geboren 
zu werden (Nachkommen zu sein), wurden diese beiden Rätsel zu 
Zwischengedanken für die Traumarbeit. Da man Aristokraten leicht 
mit Kutschern verwechseln kann, und man dem Kutscher früher 
einmal in unseren Landen „Herr Schwager" zu sagen pflegte, konnte 
die Verdichtungsarbeit meinen Bruder in dieselbe Darstellung ein- 
beziehen. Der Traumgedanke aber, der dahinter gewirkt hat, lautet: 
Es ist ein Unsinn, auf seine Vorfahren stolz zu sein. Lie- 
ber bin ich selber ein Vorfahr, ein Ahnherr. Wegen dieses 
Urteils: Es ist ein Unsinn, also der Unsinn im Traume. Jetzt löst 
sich wohl auch das letzte Rätsel dieser dunklen Traumstelle, daß 
ich mit dem Kutscher schon vorher gefahren, mit ihm schon vor- 
gefahren. 

Der Traum wird also dann absurd gemacht, wenn in den Traum- 
gedanken als eines der Elemente des Inhaltes das Urteil vorkommt: 
Das ist ein Unsinn, wenn überhaupt Kritik und Spott einen der 
unbewußten Gedankenzüge des Träumers motivieren. Das Absurde 
wird somit eines der Mittel, durch welches die Traumarbeit den 
Widerspruch darstellt, wie die Umkehrung einer Materialbeziehung 
zwischen Traumgedanken und Trauminhalt, wie die Verwertung der 
motorischen Hemmungsempfindune. Das Absurde des Traumes ist 
aber nicht mit einem einfachen „Nein" zu übersetzen, sondern soll 
<i die Disposition der Traumgedanken wiedergeben, gleichzeitig mit 



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310 VI. Die Traumarbeit 

dem Widerspruch zu höhnen oder zu lachen. Nur in dieser Ab- 
sicht liefert die Traumarbeit etwas Lächerliches. Sie verwandelt hier 
wiederum ein Stück des latenten Inhaltes in eine manifeste 
Form*). 

Eigentlich sind wir einem überzeugenden Beispiel von solcher 
Bedeutung eines absurden Traumes schon begegnet Jener ohne Ana- 
lyse gedeutete Traum von der Wagner Vorstellung, die bis morgens 
3/48 Uhr dauert, bei der das Orchester von einem Turme aus dirigiert 
wird usw. (siehe p. 254), will offenbar besagen: Das ist eine ver- 
drehte Welt und eine verrückte Gesellschaft. Wer's verdient, den 
trifft es nicht, und wer sich nichts daraus macht, der hat's, womit sie 
ihr Schicksal im Vergleiche zu dem ihrer Cousine meint — Daß sich 
uns als Beispiele für die Absurdität der Träume zunächst solche vom 
toten Vater dargeboten haben, ist auch keineswegs ein Zufall. Hier 
finden sich die Bedingungen für die Schöpfung absurder Träume in 
typischer Weise zusammen. Die Autorität, die dem Vater eigen ist, 
hat frühzeitig die Kritik des Kindes hervorgerufen; die strengen 
Anforderungen, die er gestellt, haben das Kind veranlaßt, zu seiner 
Erleichterung auf jede Schwäche des Vaters scharf zu achten ; aber 
die Pietät, mit der die Person des Vaters besonders nach seinem Tode 
für unser Denken umgeben ist, verschärft die Zensur, welche die 
Äußerungen dieser Kritik vom Bewußtwerden abdrängt. 

IV. Ein neuer absurder Traum vom toten Vater: 

Ich erhalte eine Zuschrift vom Gemeinderat meiner 
Geburtsstadt betreffend die Zahlungskosten für eine Un- 
terbringung im Spital im Jahre 1851, die wegen eines An- 
falles bei mir notwendig war. Ich mache mich darüber 
lustig, denn erstens war ich 1851 noch nicht am Leben, 
zweitens ist mein Vater, auf den es sich beziehen kann, 
schon tot. Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer, wo er auf 
dem Bette liegt, und erzähle es ihm. Zu meiner Über- 
raschung erinnert er sich, daß er damals 1851 einmal be- 
trunken war und eingesperrt öder verwahrt werden mußte. 
Es war, als er für das Haus T . . . gearbeitet Du hast also 
auch getrunken, frage ich. Bald darauf hast du geheiratet? 
Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren bin, was mir als un- 
mittelbar folgend vorkommt. 

Die Aufdringlichkeit, mit welcher dieser Traum seine Absur- 
ditäten zur Schau trägt, werden wir nach den letzten Erörterungen 

*) Die Traumarbeit parodiert also den ihr als lacherlich bezeichneten 
Gedanken, indem sie etwas Lächerliches in Beziehung mit ihm erschafft. So 
ähnlich verfährt Heine, wenn er die schlechten Verse des Bayerkönigs ver- 
spotten will. Er tut es in noch schlechteren: 

Herr Ludwig ist ein großer Poet, 

Und singt er, so stürzt Apollo 

Vor ihm auf die Knie und bittet und fleht, 

„Halt ein, ich werde sonst toll oh! u 



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Die Absurdität drückt Spott und Hohn aus. 311 

nur als Zeichen einer besonders erbitterten und leidenschaftlichen 
Polemik in den Traumgedanken übersetzen. Mit um so größerer Ver- 
wunderung konstatieren wir aber, daß in diesem Traume die Po- 
lemik offen betrieben und der Vater als diejenige Person bezeichnet 
ist, die zum Ziele des Gespöttes gemacht wird. Solche Offenheit scheint 
unseren Voraussetzungen über die Zensur bei der Traumarbeit zu 
widersprechen. Zur Aufklärung dient aber, daß hier der Vater nur 
eine vorgeschobene Person ist, während der Streit mit einer anderen 
geführt wird, die im Traume durch eine einzige Anspielung zum Vor- 
schein kommt. Während sonst der Traum von Auflehnung gegen an- 
dere Personen handelt, hinter denen sich der Vater verbirgt, ist es 
hier umgekehrt ; der Vater wird ein Strohmann zur Deckung anderer, 
und der Traum darf darum so unverhüllt sich mit seiner sonst ge- 
heiligten Person beschäftigen, weil dabei ein sicheres Wissen mit- 
spielt, daß er nicht in Wirklichkeit gemeint ist. Man erfährt diesen 
Sachverhalt aus der Veranlassung des Traumes. Er erfolgte nämlich, 
nachdem ich gehört hatte, ein älterer Kollege, dessen Urteil für un- 
antastbar gilt, äußere sich abfällig und verwundert darüber, daß einer 
meiner Patienten die psychoanalytische Arbeit bei mir jetzt schon 
ins fünfte Jahr fortsetze. Die einleitenden Sätze des Traumes 
deuten in durchsichtiger Verhüllung darauf hin, daß dieser Kollege 
eine Zeitlang die Pflichten übernommen, die der Vater nicht mehr 
erfüllen konnte (Zahlungskosten, Unterbringung im Spital); 
und als unsere freundschaftlichen Beziehungen sich zu lösen begannen, 
geriet ich in denselben Empfindungskonflikt, der im Falle einer Miß- 
helligkeit zwischen Vater und Sohn durch die Rolle und die früheren 
Leistungen des Vaters erzwungen wird. Die Traumgedanken wehren 
sich nun erbittert gegen den Vorwurf, daß ich nicht schneller 
vorwärts komme, der von der Behandlung dieses Patienten her 
sich dann auch auf anderes erstreckt. Kennt er denn jemanden, der 
das schneller machen kann? Weiß er nicht, daß Zustände dieser Art 
sonst überhaupt unheilbar sind und lebenslang dauern? Was sind 
vier bis fünf Jahre gegen die Dauer eines ganzen Lebens, zumal, 
wenn dem Kranken die Existenz während der Behandlung so sehr 
erleichtert worden ist? 

Das Gepräge der Absurdität wird in diesem Traume zum guten 
Teil dadurch erzeugt, daß Sätze aus verschiedenen Gebieten der 
Traumgedanken ohne vermittelnden Übergang aneinander gereiht wer- 
den. So verläßt der Satz: Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer usw. 
das Thema, aus dem die vorigen Sätze geholt sind, und reproduziert 
getreulich die Umstände, unter denen ich dem Vater meine eigen- 
mächtige Verlobung mitgeteilt habe. Er will mich also an die vor- 
nehme Uneigennützigkeit mahnen, die der alte Mann damals bewies, 
und diese in Gegensatz zu dem Benehmen eines anderen, einer neuen 
Person bringen. Ich merke hier, daß der Traum darum den Vater 
verspotten darf, weil er in den Traumgedanken in voller Anerkennung 



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312 VI. Die Traumarbeit 

anderen als Muster vorgehalten wird. Es liegt im Wesen jeder Zensur, 
daß man von den unerlaubten Dingen das, was unwahr ist, eher sagen 
darf als die Wahrheit. Der nächste Satz, daß er sich erinnert, ein- 
mal betrunken und darum eingesperrt gewesen zu sein, ent- 
hält nichts mehr, was sich in der Realität auf den Vater bezieht. 
Die von ihm gedeckte Person ist hier niemand geringerer als der 
große — Meynert, dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung ge- 
folgt bin, und dessen Benehmen gegen mich nach einer kurzen Periode 
der Bevorzugung in unverhüllte Feindseligkeit umschlug. Der Traum 
erinnert mich an seine eigene Mitteilung, er habe in jungen Jahren 
einmal der Gewohnheit gefrönt, sich mit Chloroform zu be- 
rauschen, und habe darum die Anstalt aufsuchen müssen, und 
an ein zweites Erlebnis mit ihm kurz vor seinem Ende, Ich hatte 
einen erbitterten literarischen Streit mit ihm geführt in Sachen der 
männlichen Hysterie, die er leugnete, und als ich ihn als Totkranken 
besuchte und nach seinem Befinden fragte, verweilte er bei der Be- 
schreibung seiner Zustände und schloß mit den Worten: „Sie wissen, 
ich war immer einer der schönsten Fälle von männlicher Hysterie." 
So hatte er zu meiner Genugtuung und zu meinem Erstaunen 
zugegeben, wogegen er sich so lange hartnäckig gesträubt. Daß ich 
aber in dieser Szene des Traumes Meynert durch meinen Vater 
verdecken kann, hat seinen Grund nicht in einer zwischen beiden 
Personen aufgefundenen Analogie, sondern ist die knappe, aber völlig 
zureichende Darstellung eines Konditionalsatzes in den Traumgedanken, 
der ausführlich lautet: Ja, wenn ich zweite Generation, der Sohn eines 
Professors oder Hofrates, wäre, dann wäre ich freilich rascher 
vorwärts gekommen. Im Traume mache ich nun meinen Vater 
zum Hofrat und Professor. Die gröbste und störendste Absurdität 
des Traumes liegt in der Behandlung der Jahreszahl 1851 , die mir 
von 1856 gar nicht verschieden vorkommt, als würde die Diffe- 
renz von fünf Jahren gar nichts bedeuten. Gerade dies soll 
aber aus den Traumgedanken zum Ausdruck gebracht werden. Vier 
bis fünf Jahre, das ist der Zeitraum, während dessen ich die 
Unterstützung des eingangs erwähnten Kollegen genoß, aber auch die 
Zeit, während welcher ich meine Braut auf die Heirat warten ließ, 
und durch ein zufälliges, von den Traumgedanken gern ausgenutztes 
Zusammentreffen auch die Zeit, während welcher ich jetzt meinen 
vertrautesten Patienten auf die völlige Heilung warten lasse. „Was 
sind fünf Jahre?" fragen die Traumgedanken. „Das ist für mich 
keine Zeit, das kommt nicht in Betracht. Ich habe Zeit ge- 
nu<* vor mir, und wie jenes endlich geworden ist, was Ihr auch 
nient glauben wolltet, so werde ich auch dies zu stände bringen." 
Außerdem aber ist die Zahl 51, vom Jahrhundert abgelöst, noch 
anders und zwar im gegensätzlichen Sinne determiniert; sie kommt 
darum auch mehrmals im Traume vor. 51 ist das Alter, in dem der 
Mann besonders gefährdet erscheint, in dem ich Kollegen plötzlich 



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Der absurde Goethe-Traum. 313 

habe sterben sehen, darunter einen, der nach langem Harren einige 
Tage vorher zum Professor ernannt worden war. 

V. Ein anderer absurder Traum, der mit Zahlen spielt. 

Einer meiner Bekannten, Herr M., ist von keinem Ge- 
ringeren als von Goethe in einem Aufsatze angegriffen 
worden, wie wir alle meinen, mit ungerechtfertigt großer 
Heftigkeit Herr M. ist durch diesen Angriff natürlich 
vernichtet. Er beklagt sich darüber bitter bei einer Tisch- 
gesellschaft; seine Verehrung für Goethe hat aber unter 
dieser persönlichen Erfahrung nicht gelitten. Ich suche 
mir die zeitlichen Verhältnisse, die mir unwahrscheinlich 
vorkommen, ein wenig aufzuklären. Goethe ist 1832 gestor- 
ben; da sein Angriff auf M. natürlich früher erfolgt sein 
muß, so war Herr M. damals ein ganz junger Mann. Es 
kommt mir plausibel vor, daß er 18 Jahre alt war. Ich 
weiß aber nicht sicher, welches Jahr wir gegenwärtig 
schreiben, und so versinkt die ganze Berechnung im 
Dunkel. Der Angriff ist übrigens in dem bekannten Auf- 
satze von Goethe „Natur" enthalten. 

Wir werden bald die Mittel in der Hand haben, den Blödsinn 
dieses Traumes zu rechtfertigen. Herr M., den ich aus einer Tisch- 
gesellschaft kenne, hatte mich unlängst aufgefordert, seinen 
Bruder zu untersuchen, bei dem sich Zeichen von paralytischer 
Geistesstörung bemerkbar machten. Die Vermutung war richtig; 
es ereignete sich bei diesem Besuche das Peinliche, daß der Kranke 
ohne jeden Anlaß im Gespräche den Bruder durch Anspielung auf 
dessen Jugendstreiche bloßstellte. Den Kranken hatte ich nach 
seinem Geburtsjahre gefragt und ihn wiederholt zu kleinen Be- 
rechnungen veranlaßt, um seine Gedächtnisschwächung klarzulegen; 
Proben, die er übrigens noch recht gut bestand. Ich merke schon, 
daß ich mich im Traume benehme wie ein Paralytiker. (Ich weiß 
nicht sicher, welches Jahr wir schreiben.) Anderes Material 
des Traumes stammt aus einer anderen rezenten Quelle. Ein mir 
befreundeter Redakteur einer medizinischen Zeitschrift hatte eine 
höchst ungnädige, eine „vernichtende" Kritik über das letzte 
Buch meines Freundes Fl. in Berlin in sein Blatt aufgenommen, die 
ein recht jugendlicher und wenig urteilsfähiger Referent verfaßt 
hatte. Ich glaubte ein Recht zur Einmengung zu haben und stellte 
den Redakteur zur Rede, der die Aufnahme der Kritik lebhaft be- 
dauerte, aber eine Remedur nicht versprechen wollte. Daraufhin 
brach ich meine Beziehungen zur Zeitschrift ab und hob in meinem 
Absagebriefe die Erwartung hervor, daß unsere persönlichen 
Beziehungen unter diesem Vorfalle nicht leiden würden. 
Die dritte Quelle dieses Traumes ist die damals frische Erzählung 
einer Patientin von der psychischen Erkrankung ihres Bruders, der 
mit dem Ausrufe „Natur, Natur" in Tobsucht verfallen war. Die 



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314 VLDie Trauwbeit 

Ärzte hatten gemeint, der Ausruf stamme aus der Lektüre jenes 
schönen Aufsatzes von Goethe und deute auf die Überarbeitung- 
des Erkrankten bei seinen naturphilosophischen Studien. Ich zog- es 
vor, an den sexuellen Sinn zu denken, in dem auch die Minder- 
gebildeten bei uns von der „Natur " reden, und daß der Unglückliche 
sich später an den Genitalien verstümmelte, schien mir wenigstens 
nicht unrecht zu geben. 18 Jahre war das Alter dieses Kranken, 
als jener Tobsuchtsanfall sich einstellte. 

Wenn ich noch hinzufüge, daß das so hart kritisierte Buch 
meines Freundes („Man fragt sich, ist der Autor verrückt oder ist 
man es selbst", hatte ein anderer Kritiker geäußert) sich mit den 
zeitlichen Verhältnissen des Lebens beschäftigt und auch 
Goethes Lebensdauer auf ein Vielfaches einer für die Biologie be- 
deutsamen Zahl zurückführt, so ist es leicht einzusehen, daß ich 
mich im Traume an die Stelle meines Freundes setze. (Ich suche 
mir die zeitlichen Verhältnisse . . . ein wenig aufzu- 
klären.) Ich benehme mich aber wie ein Paralytiker und der 
Traum schwelgt in Absurdität. Das heißt also, die Traumgedanken 
sagen ironisch: „Natürlich, er ist der Narr, der Verrückte, und 
Ihr seid die genialen Leute, die es besser verstehen. Vielleicht aber 
doch umgekehrt?" Und diese Umkehrung ist nun ausgiebig im 
Trauminhalt vertreten, indem Goethe den jungen Mann angegriffen 
hat, was absurd ist, während leicht ein ganz junger Mensch noch 
heute den unsterblichen Goethe angreifen könnte, und indem ich 
vom Sterbejahre Goethes an rechne, während ich den Paralytiker 
von seinem Geburtsjahre an rechnen ließ. 

Ich habe aber auch versprochen zu zeigen, daß kein Traum 
von anderen als egoistischen Kegungen eingegeben wird. Somit muß 
ich es rechtfertigen, daß ich in diesem Traume die Sache meines 
Freundes zu der meinigen mache und mich an seine Stelle setze. 
Meine kritische Überzeugung im Wachen reicht hiefür nicht aus. 
Nun gpielt aber die Geschichte des 18 jährigen Kranken und die ver- 
schiedenartige Deutung seines Ausrufes „Natur" auf den Gegensatz 
an, in den ich mich mit meiner Behauptung einer sexuellen Ätiologie 
für die Psychoneurosen zu den meisten Ärzten gebracht habe. Ich 
kann mir sagen: So wie deinem Freunde, so wird es auch dir mit 
der Kritik ergehen, ist dir zum Teil auch bereits so ergangen, und 
nun darf ich das „Er" in den Traumgedanken durch ein „Wir" er- 
setzen. „Ja, Ihr habt recht, wir zwei sind die Narren." Daß „mea 
res agitur", daran mahnt mich energisch die Erwähnung des kleinen, 
unvergleichlich schönen Aufsatzes von Goethe, denn der Vortrag 
dieses Aufsatzes in einer populären Vorlesung war es, der mich 
schwankenden Abiturienten zum Studium der Naturwissenschaft 
drängte. 

VI. Ich bin es schuldig geblieben, noch von einem anderen 
Traume, in dem mein Ich nicht vorkommt, zu zeigen, daß er ego- 



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„Geseres und Ungeseres". 315 

istisch ist. Ich erwähnte auf p. 202 einen kurzen Traum, daß Pro- 
fessor M. sagt: „Mein Sohn, der Myop . . ." und gab an, das sei 
nur ein Vortraum zu einem anderen, in dem ich eine Rolle spiele. 
Hier ist der fehlende Haupttraum, der uns eine absurde und un- 
verständliche Wortbildung zur Aufklärung bietet: 

Wegen irgend welcher Vorgänge in der Stadt Rom ist 
es notwendig, die Kinder zu flüchten, was auch geschieht. 
Die Szene ist dann vor einem Tore, Doppeltor nach antiker 
Art (die Porta romana in Siena, wie ich noch im Traume 
weiß). Ich sitze auf dem Rande eines Brunnens und bin 
sehr betrübt, weine fast. Eine weibliche Person — Wär- 
terin, Nonne — bringt die zwei Knaben heraus und über- 
gibt sie dem Vater, der nicht ich bin. Der ältere der beiden 
ist deutlich mein Ältester, das Gesicht des anderen sehe 
ich nicht; die Frau, die den Knaben bringt, verlangt zum 
Abschied einen Kuß von ihm. Sie zeichnet sich durch eine 
rote Nase aus. Der Knabe verweigert ihr den Kuß, sagt 
aber, ihr zum Abschied die Hand reichend: Auf Geseres und 
zu uns beiden (oder zu einem von uns): Auf Ungeseres. Ich 
habe die Idee, daß letzteres einen Vorzug bedeutet. 

Dieser Traum baut sich auf einem Knäuel von Gedanken auf, 
die durch ein im Theater gesehenes Schauspiel „Das neue Ghetto" 
angeregt wurden. Die Judenfrage, die Sorge um die Zukunft der 
Kinder, denen man ein Vaterland nicht geben kann, die Sorge, sie 
so zu erziehen, daß sie freizügig werden können, sind in den zu- 
gehörigen Traumgedanken leicht zu erkennen. 

„An den Wässern Babels saßen wir und weinten." . — 
Siena ist wie Rom durch seine schönen Brunnen berühmt; für Rom 
muß ich im Traume (vgl. p. 146) mir irgend einen Ersatz aus be- 
kannten Örtlichkeiten suchen. Nahe der Porta romana von Siena 
sahen w T ir ein großes, hell erleuchtetes Haus. Wir erfuhren, daß es 
das Manicomio, die Irrenanstalt sei. Kurz vor dem Traume hatte ich 
gehört, daß ein Glaubensgenosse seine mühselig erworbene Anstellung 
an einer staatlichen Irrenanstalt hatte aufgeben müssen. 

Unser Interesse erweckt die Rede: Auf Geseres, wo man 
nach der im Traume festgehaltenen Situation erwarten müßte: Auf 
Wiedersehen, und ihr ganz sinnloser Gegensatz: Auf Ungeseres. 

Geseres ist nach den Auskünften, die ich mir bei Schrift- 
gelehrten geholt habe, ein echt hebräisches Wort, abgeleitet von 
einem Verbum „goiser" und läßt sich am besten durch „anbefohlene 
Leiden, Verhängnis", wiedergeben. Nach der Verwendung des Wortes 
im Jargon sollte man meinen, es bedeute „Klagen und Jammern 41 . 
Ungeseres ist meine eigenste Wortbildung und zieht meine Auf- 
merksamkeit zuerst auf sich, macht mich aber zunächst ratlos. Die 
kleine Bemerkung zu Ende des Traumes, daß Ungeseres einen Vorzug 
gegen Geseres bedeute, öffnet den Einfällen und damit dem Verständ- 



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316 VI. Die Traumarbeit 

nis die Pforten. Ein solches Verhältnis findet ja beim Kaviar statt ; 
der ungesalzene wird höher geschätzt als der gesalzene. Kaviar 
fürs Volk, „noble Passionen" : darin liegt eine scherzhafte Anspielung 
an eine der Personen meines Haushaltes verborgen, von der ich hoffe, 
daß sie, jünger als ich, die Zukunft meiner Kinder in acht nehmen 
wird. Dazu stimmt es dann, daß eine andere Person meines Haus- 
haltes, unsere brave Kinderfrau, in der Wärterin (oder Nonne) vom 
Traume wohl kenntlich gezeigt. wird. Zwischen dem Paar gesalzen- 
ungesalzen und Geseres-Ungeseres fehlt es aber noch an einem 
vermittelnden Übergang. Dieser findet sich in „gesäuert und un- 
gesäuert"; bei ihrem fluchtartigen Auszug aus Ägypten hatten 
die Kinder Israels nicht die Zeit, ihren Brotteig gären zu lassen, 
und essen zur Erinnerung daran noch heute ungesäuertes Brot zur 
Osterzeit. Hier kann ich auch den plötzlichen Einfall unterbringen, 
der mir während dieses Stückes der Analyse gekommen ist. Ich er- 
innerte mich, wie wir in den letzten Ostertagen in den Straßen der 
uns fremden Stadt Breslau herumspazierten, mein Freund aus Berlin 
und ich. Ein kleines Mädchen fragte mich um den Weg in eine ge- 
wisse Straße ; ich mußte mich entschuldigen, daß ich ihn nicht wisse, 
und äußerte dann zu meinem Freunde : Hoffentlich beweist die Kleine 
später im Leben mehr Scharfblick bei der Auswahl der Personen, 
von denen sie sich leiten läßt. Kurz darauf fiel mir ein Schild in 
die Augen: Dr. Her od es, Sprechstunde . . . Ich meinte: Hoffent- 
lich ist der Kollege nicht gerade Kinderarzt. Mein Freund hatte mir 
unterdessen seine Ansichten über die biologische Bedeutung der bi- 
lateralen Symmetrie entwickelt und einen Satz mit der Einleitung 
begonnen : „Wenn wir das eine Auge mitten auf der Stirn trügen wie 
der Kyklop . . ." Das führt nun zur Rede des Professors im Vor- 
traume: Mein Sohn, der Myop. Und nun bin ich zur Haupt- 
quelle für das Geseres geführt worden. Vor vielen Jahren, als 
dieser Sohn des Professors M., der heute ein selbständiger Denker ist, 
noch auf der Schulbank saß, erkrankte er an einer Augenaffektion, 
die der Arzt für besorgniserweckend erklärte. Er meinte, solange sie 
einseitig bleibe, habe sie nichts zu bedeuten, sollte sie aber auch 
auf das andere Auge übergreifen, so wäre es ernsthaft. Das Leiden 
heilte auf dem einen Auge schadlos ab ; kurz darauf stellten sich aber 
die Zeichen für die Erkrankung des zweiten wirklich ein. Die ent- 
setzte Mutter ließ sofort den Arzt in die Einsamkeit ihres Land- 
aufenthaltes kommen. Der schlug sich aber jetzt auf die andere 
Seite. „Was machen Sie für Geseres?" herrschte er die Mutter 
an. „Ist e3 auf der einen Seite gut geworden, so wird es auch 
auf der anderen gut werden. " Und so ward es auch. 

Und nun die Beziehungen zu mir und den meinigen. Die Schul- 
bank, auf der der Sohn des Professors M. seine erste Weisheit er- 
lernt, ist durch Schenkung der Mutter in das Eigentum meines 
Ältesten übergegangen, dem ich im Traume die Abschiedsworte in den 



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Keine Urteilsleistung im Traume. 317 

Mund lege. Der eine der Wünsche, die sich an diese Übertragung 
knüpfen lassen, ist nun leicht zu erraten. Diese Schulbank soll aber 
auch durch ihre Konstruktion das Kind davor schützen, kurzsichtig 
und einseitig zu werden. Daher im Traume Myop (dahinter 
Kyklop) und die Erörterungen über Bilateralität. Die Sorge um 
die Einseitigkeit ist eine mehrdeutige; es kann neben der körper- 
lichen Einseitigkeit die der intellektuellen Entwicklung gemeint sein. 
Ja, scheint es nicht, daß die Traumszene in ihrer Tollheit gerade 
dieser Sorge widerspricht? Nachdem das Kind nach der einen 
Seite hin sein Abschiedswort gesprochen, ruft es nach der anderen 
hin das Gegenteil davon, wie um das Gleichgewicht herzustellen. 
Es handelt gleichsam in Beachtung der bilateralen Sym- 
metrie! 

So ist der Traum oft am tiefsinnigsten, wo er am tollsten er- 
scheint. Zu allen Zeiten pflegten die, welche etwas zu sagen hatten 
und es nicht gefahrlos sagen konnten, gern die Narrenkappe aufzu- 
setzen. Der Hörer, für den die untersagte Rede bestimmt war, duldete 
sie eher, wenn er dabei lachen und sich mit dem Urteil schmeicheln 
konnte, daß das Unliebsame offenbar etwas Närrisches sei. Ganz so 
wie in Wirklichkeit der Traum, verfährt im Schauspiel der Prinz, 
der sicli zum Narren verstellen muß, und darum kann man auch vom 
Traume aussagen, was Hamlet, wobei er die eigentlichen Bedingungen 
durch witzig-unverständliche ersetzt, von sich behauptet : „Ich bin nur 
toll bei Nord-Nord- West ; weht der Wind aus Süden, so kann ich 
einen Reiher von einem Palken unterscheiden*)." 

Ich habe also das Problem der Absurdität des Traumes dahin 
aufgelöst, daß die Traumgedanken niemals absurd sind — wenigstens 
nicht von den Träumen geistesgesunder Menschen — und daß die 
Traumarbeit absurde Träume und Träume mit einzelnen absurden 
Elementen produziert, wenn ihr in den Traumgedanken Kritik, Spott 
und Hohn zur Darstellung in ihrer Ausdrucksform vorliegt. Es liegt 
mir nun daran zu zeigen, daß die Traumarbeit überhaupt durch das 
Zusammenwirken der drei erwähnten Momente — und eines vierten 
noch zu erwähnenden — erschöpft ist, daß sie sonst nichts leistet als 
eine Übersetzung der Traumgedanken unter Beachtung der vier ihr 
vorgeschriebenen Bedingungen, und daß die Frage, ob die Seele im 
Traume mit all ihren geistigen Fähigkeiten arbeitet oder nur mit 
einem Teile derselben, schief gestellt ist und an den tatsächlichen 



*) Dieser Traum gibt auch ein gutes Beispiel für den allgemein gültigen 
Satz, daß die Träume -derselben Nacht, wenngleich in der Erinnerung -gesondert, 
auf dem Boden des nämlichen Gedankenmaterials erwachsen sind. Die Traum- 
situation, daß ich meine Kinder aus der Stadt Rom flüchte, ist übrigens durch 
die Rückbeziehung auf einen analogen, in meine Kindheit fallenden Vorgang ent- 
stellt Der Sinn ist, daß ich Verwandte beneide, denen sich bereits vor vielen 
Jahren ein Anlaß geboten hat, ihre Kinder auf einen anderen Boden zu 
versetzen. 



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318 YI. Die Traumarbeit 

Verhältnissen abgleitet. Da es aber reichlich Träume gibt, in deren 
Inhalt geurteilt, kritisiert und anerkannt wird, in denen Verwunderung 
über ein einzelnes Element des Traumes auftritt, Erklärungsversuche 
gemacht und Argumentationen angestellt werden, muß ich die Ein- 
wendungen, die aus solchen Vorkommnissen sich ableiten, an aus- 
gewählten Beispielen erledigen. 

Meine Erwiderung lautet: Alles, was sich als scheinbare 
Betätigung der Urteilsfunktion in den Träumen vorfindet, 
ist nicht etwa als Denkleistung der Traumarbeit aufzu- 
fassen, sondern gehört dem Material der Traumgedanken 
an und ist von dorther als fertiges Gebilde in den mani- 
festen Trauminhalt gelangt. Ich kann meinen Satz zunächst 
noch überbieten. Auch von den Urteilen, die man nach dem Er- 
wachen über den erinnerten Traum fällt, den Empfindungen, die 
die Reproduktion dieses Traumes in uns hervorruft, gehört ein guter 
Teil dem latenten Trauminhalt an und ist in die Deutung des Traumes 
einzufügen. 

I. Ein auffälliges Beispiel hiefür habe ich bereits angeführt 
Eine Patientin will ihren Traum nicht erzählen, weil er zu unklar 
ist. Sie hat eine Person im Traume gesehen, und weiß nicht, ob es 
der Mann oder der Vater war. Dann folgt ein zweites Traum- 
stück, in dem ein „Misttrügerl" vorkommt, an das folgende Erinne- 
rung sich anschließt. Als junge Hausfrau äußerte sie einmal scherz- 
haft vor einem jungen Verwandten, der im Hause verkehrte, daß ihre 
nächste Sorge die Anschaffung eines neuen Misttrügerls sein müsse. 
Sie bekam am nächsten Morgen ein solches zugeschickt, das aber mit 
Maiglöckchen gefüllt war. Dieses Stück Traum dient der Darstellung 
der Redensart „Nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen". Wenn 
man die Analyse vervollständigt, erfährt man, daß es sich in den 
Traumgedanken um die Nachwirkung einer in der Jugend gehörten 
Geschichte handelt, daß ein Mädchen ein Kind bekommen, von dem 
es unklar war, wer eigentlich der Vater sei. Die Traum- 
darstellung greift also hier ins Wachdenken über und läßt eines der 
Elemente der Traumgedanken durch ein im Wachen gefälltes Urteil 
über den ganzen Traum vertreten sein. 

n. Ein ähnlicher Fall : Einer meiner Patienten hat einen Traum, 
der ihm interessant vorkommt, denn er sagt sich unmittelbar nach 
dem Erwachen: Das muß ich dem Doktor erzählen. Der Traum 
wird analysiert und ergibt die deutlichsten Anspielungen auf ein 
Verhältnis, das er während der Behandlung begonnen, und von dem 
er sich vorgenommen hatte, mir nichts zu erzählen*). 



*) Die noch im Traume enthaltende Mahnung oder der Vorsatz: Das muß 
ich dem Doktor erzählen, bei Träumen wahrend der psychoanalytischen Be- 
handlung entspricht regelmäßig einem großen Widerstand gegen die Beichte des 
Traumes und wird nicht selten vom Vergessen des Traumes gefolgt. 



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Übergreifen der Träümarbeit ins Wachen. 319 

III. Ein drittes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung : 

Ich gehe mit P. durch eine Gegend, in der Häuser und 
Gärten vorkommen, ins Spital. Dabei die Idee, daß ich 
diese Gegend schon mehrmals im Traume gesehen habe. 
Ich kenne mich nicht sehr gut aus; er zeigt mir einen Weg, 
der durch eine Ecke in eine Restauration führt (Saal, nicht 
Garten); dort frage ich nach Frau Doni und höre, sie wohnt 
im Hintergründe in einer kleinen Kammer mit drei -Kin- 
dern. Ich gehe hin und treffe schon vorher eine undeut- 
liche Person mit meinen zwei kleinen Mädchen, die ich 
dann mit mir nehme, nachdem ich eine Weile mit ihnen ge- 
standen bin. Eine Art Vorwurf gegen meine Frau, daß sie 
sie dort gelassen hat. 

Beim Erwachen fühle ich dann große Befriedigung, die ich 
damit motiviere, daß ich jetzt aus der Analyse erfahren werde, was 
es bedeutet: Ich habe schon davon geträumt*). Die Analyse 
lehrt mich aber nichts darüber; sie zeigt mir nur, daß die Befriedi- 
gung zum latenten Trauminhalt und nicht zu einem Urteile über den 
Traum gehört. Es ist die Befriedigung darüber, daß ich in 
meiner Ehe Kinder bekommen habe. P. ist eine Person, mit 
der ich ein Stück weit im Leben den gleichen Weg gegangen bin, 
die mich dann sozial und materiell weit überholt hat, die aber in ihrer 
Ehe kinderlos geblieben ist Die beiden Anlässe des Traumes können 
deü Beweis durch eine vollständige Analyse ersetzen. Tags zuvor las 
ich in der Zeitung die Todesanzeige einer Frau Dona A . . y (woraus 
ich Doni mache), xlie im Kindbett gestorben; ich hörte von meiner 
Frau, daß die Verstorbene von derselben Hebamme gepflegt worden 
sei wie sie selbst bei unseren beiden Jüngsten. Der Name Dona war 
mir aufgefallen, denn ich hatte ihn kurz vorher in einem englischen 
Roman zum erstenmal gefunden. Der andere Anlaß des Traumes 
ergibt sich aus dem Datum desselben; es war die Nacht vor dem 
Geburtstage meines ältesten, wie es scheint, dichterisch begabten 
Knaben. 

IV. Dieselbe Befriedigung verbleibt mir nach dem Erwachen aus 
dem absurden Traume, daß der Vater nach seinem Tode eine politische 
Rolle bei den Magyaren gespielt, und motiviert sich durch die Fort- 
dauer der Empfiödung, die den letzten Satz des Traumes begleitete: 
„leh erinnere mich daran, daß er auf dem Totenbette Gari- 
baldi so ähnlich gesehen, und freue mich darüber, daß es 3och 
wahr geworden ist . . . (Dazu eine vergessene Fortsetzung.) 
Aus der Analyse kann ich nun einsetzen, was in diese Traumlücke 
gehört. Es ist die Erwähnung meines zweiten Knaben, dem ich den 
Vornamen einer großen historischen Persönlichkeit gegeben habe, 



*) Ein Thema, über welches sich eine weitläufige Diskussion in den letzten 
Jahrgängen der Revue philosophique angesponnen hat (Paramnesie im Traume). 



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320 VI. Die Traumarbeit 

die mich in den Knabenjahren, besonders seit meinem Aufenthalt 
in England, mächtig angezogen. Ich hatte das Jahr der Erwartung 
über den Vorsatz, gerade diesen Namen zu verwenden, wenn es ein 
Sohn würde, und begrüßte mit ihm hoch befriedigt schon den 
eben Geborenen. Es ist leicht zu merken, wie die unterdrückte 
Größensucht des Vaters sich in seinen Gedanken auf die Kinder 
überträgt; ja man wird gern glauben, daß dies einer der Wege ist, 
auf denen die im Leben notwendig gewordene Unterdrückung der 
selben vor sich geht. Sein Anrecht, in den Zusammenhang dieses 
Traumes aufgenommen zu werden, erwarb der Kleine dadurch, daß 
ihm damals der nämliche — beim Kinde und beim Sterbenden leicht 
verzeihliche — Unfall widerfahren war, die Wäsche zu beschmutzen. 
Vergleiche hiezu die Anspielung „Stuhlrichter" und den Wunsch 
des Traumes: Vor seinen Kindern groß und rein dazustehen. 

V. Wenn ich nun Urteilsäußerungen, die im Traume selbst ver- 
bleiben, sich nicht ins Wachen fortsetzen oder sich dahin verlegen, 
heraussuchen soll, so werde ich's als große Erleichterung empfinden, 
daß ich mich hiefür solcher Träume bedienen darf, die bereits in 
anderer Absicht mitgeteilt worden sind. Der Traum von Goethe, 
der Herrn M. angegriffen hat, scheint eine ganze Anzahl von Urteils- 
akten zu enthalten. Ich suche mir die zeitlichen Verhält 
nisse, die mir unwahrscheinlich vorkommen, ein wenig auf- 
zuklären. Sieht das nicht einer kritischen Regung gegen den Un 
sinn gleich, daß Goethe einen jungen Mann meiner Bekanntschaft 
literarisch angegriffen haben soll? „Es kommt mir plausibel 
vor, daß er 18 Jahre alt war." Das klingt doch ganz wie das Er- 
gebnis einer allerdings schwachsinnigen. Berechnung; und „Ich weiß 
nicht sicher, welches Jahr wir schreiben" wäre ein Beispiel 
von Unsicherheit oder Zweifel im Traume. 

Nun weiß ich aber aus der Analyse dieses Traumes, daß diese 
scheinbar erst im Traume vollzogenen Urteilsakte in ihrem Wortlaute 
eine andere Auffassung zulassen, durch welche sie für die Traum- 
deutung unentbehrlich werden und gleichzeitig jede Absurdität ver- 
mieden wird. Mit dem Satze': „Ich suche mir die zeitlichen 
Verhältnisse ein wenig aufzuklären", setze ich mich an die 
Stelle meines Freundes, der wirklich die zeitlichen Verhältnisse des 
Lebens aufzuklären sucht. Der Satz verliert hiemit die Bedeutung 
eines Urteiles, welches sich gegen den Unsinn der vorhergehenden 
Sätze sträubt. Die Einschaltung, „die mir unwahrscheinlich 
vorkommt", gehört zusammen mit dem späteren „Es kommt mir 
plausibel vor". Ungefähr mit den gleichen Worten habe ich der 
Dame, die mir die Krankengeschichte ihres Bruders erzählte, er- 
widert: Es kommt mir unwahrscheinlich vor, daß der Ausruf 
„Natur, Natur", etwas mit Goethe zu tun hatte; es ist mir viel 
lausibler, daß er die Ihnen bekannte sexuelle Bedeutung gehabt 
at." Es ist hier allerdings ein Urteil gefällt worden, aber nicht im 



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Die scheinbaren Urteilsäußerungen des Traumes. 321 

Traume, sondern in der Realität, bei einer Veranlassung, die von den 
Traumgedanken erinnert und verwertet wird. Der Trauminhalt eignet 
sich dieses Urteil an wie irgend ein anderes Bruchstück der Traum- 
gedanken. 

Die Zahl 18, mit der das Urteil im Traume unsinnigerweise 
in Verbindung gesetzt ist, bewahrt noch die Spur des Zusammen- 
hanges, aus dem das reale Urteil gerissen wurde. Endlich daß „ich 
nicht sicher bin, welches Jahr wir schreiben", soll nichts 
anderes als meine Identifizierung mit dem Paralytiker durchsetzen, 
in dessen Examen sich dieser eine Anhaltspunkt wirklich ergeben 
hatte. 

Bei der Auflösung der scheinbaren Urteilsakte des Traumes 
kann man sich an die eingangs gegebene Regel für die Ausführung 
der Deutungsarbeit mahnen lassen, daß man den im Traume herge- 
stellten Zusammenhang der Traumbestandteile als einen unwesent- 
lichen Schein beiseite lassen und jedes Traumelement für sich der 
Zurückführung unterziehen möge. Der Traum ist ein Konglomerat, 
das für die Zwecke der Untersuchung wieder zerbröckelt werden soll. 
Man wird aber anderseits aufmerksam gemacht, daß sich in den Träu- 
men eine psychische Kraft äußert, welche diesen scheinbaren Zu- 
sammenhang herstellt, also das durch die Traumarbeit gewonnene 
Material einer sekundären Bearbeitung unterzieht. Wir haben 
hier Äußerungen jener Macht vor uns, die wir als das vierte der bei 
der Traumbildung beteiligten Momente später würdigen werden. 

VI. Ich suche nach anderen Beispielen von Urteilsarbeit in den 
bereits mitgeteilten Träumen. In dem absurden Traume von der 
Zuschrift des Gemeinderates frage ich: Bald darauf hast du ge- 
heiratet? Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren bin, was 
mir unmittelbar folgend vorkommt. Das kleidet sich ganz in 
die Form einer Schluß folge. Der Vater hat bald nach dem An- 
fall im Jahre 1851 geheiratet; ich bin ja der Älteste, 1856 geboren; 
also das stimmt. Wir wissen, daß dieser Schluß durch die Wunsch- 
erfüllung verfälscht ist, daß der in den Traumgedanken herrschende 
Satz lautet: vier oder fünf Jahre, das ist kein Zeitraum, das 
ist nicht zu rechnen. Aber jedes Stück dieser Schlußfolge ist 
nach Inhalt wie nach Form aus den Traumgedanken anders zu deter- 
minieren: Es ist der Patient, über dessen Geduld der Kollege sich 
beschwert, der unmittelbar nach Beendigung der Kur zu heiraten 
gedenkt. Die Art, wie ich mit dem Vater im Traume verkehre, er- 
innert an ein Verhör oder ein Examen, und damit an einen Uni- 
versitätslehrer, der in der Inskriptionsstunde ein vollständiges Na- 
tionale aufzunehmen pflegte. Geboren, wann? 1856. — Patre? Dar- 
auf sagte man den Vornamen des Vaters mit lateinischer Endung, 
und wir Studenten nahmen an, der Hofrat ziehe aus dem Vornamen 
des Vaters Schlüsse, die ihm der Vorname des Inskribierten nicht 
jedesmal gestattet hätte. Somit wäre das Schlußziehen des Traumes 

Freud, Traumdeutung. 4. Aufl. 21 



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322 VI. Die Traumarbeit 

nur die Wiederholung des Schlußziehens, das als ein Stück Material 
in den Traumgedanken auftritt. Wir erfahren hieraus etwas Neues. 
Wenn im Trauminhalt ein Schluß vorkommt, so kommt er ja sicher- 
lich aus den Traumgedanken; in diesen mag er aber enthalten sein 
als ein Stück des erinnerten Materials oder er kann als logisches 
Band eine Reihe von Traumgedanken miteinander verknüpfen. In 
jedem Falle stellt der Schluß im Traume einen Schluß aus den 
Traumgedanken dar*). 

Die Analyse dieses Traumes wäre hier fortzusetzen. An das 
Verhör des Professors reiht sich die Erinnerung an den (zu meiner 
Zeit lateinisch abgefaßten) Index der Universitätsstudenten. Ferner 
an meinen Studiengang. Die fünf Jahre, die für das medizinische 
Studium vorgesehen sind, waren wiederum zu wenig für mich. Ich 
arbeitete unbekümmert in weitere Jahre hinein, und im Kreise meiner 
Bekannten hielt man mich für verbummelt, zweifelte man, daß ich 
„fertig" werden würde. Da entschloß ich mich schnell, meine 
Prüfungen zu machen, und wurde doch fertig; trotz des Auf- 
schubs. Eine neue Verstärkung der Traumgedanken, die ich meinen 
Kritikern trotzig entgegenhalte. „Und wenn Ihr es auch nicht glauben 
wollt, weil ich mir Zeit lasse ; ich werde doch fertig, ich komme doch 
zum Schluß. Es ist schon oft so gegangen." 

Derselbe Traum enthält in seinem Anfangsstück einige Sätze. 
denen man den Charakter einer Argumentation nicht gut absprechen 
kann. Und diese Argumentation ist nicht einmal absurd, sie könnte 
ebensowohl dem wachen Denken angehören. Ich mache mich im 
Traume über die Zuschrift des Gemeinderates lustig, denn 
erstens war ich 1851 noch nicht auf der Welt, zweitens ist 
mein Vater, auf den sie sich beziehen kann, schon tot. Beides 
ist nicht nur an sich richtig, sondern deckt sich auch völlig mit den 
wirklichen Argumenten, die ich im Falle einer derartigen Zuschrift 
in Anwendung bringen würde. Wir wissen aus der früheren Analyse 
(p. 310 f.), daß dieser Traum auf dem Boden von tief erbitterten und 
höhn getränkten Traumgedanken erwachsen ist; wenn wir außerdem 
noch die Motive zur Zensur als recht starke annehmen dürfen, so 
werden wir verstehen, daß die Traumarbeit eine tadellose Wider- 
legung einer unsinnigen Zumutung nach dem in den Traum- 
gedanken enthaltenen Vorbild zu schaffen allen Anlaß hat. Die Ana- 
lyse zeigt uns aber, daß der Traumarbeit hier doch keine freie 
Nachschöpfung auferlegt worden ist, sondern daß Material aus den 
Traumgedanken dazu verwendet werden mußte. Es ist, als kämen 
in einer algebraischen Gleichung außer den Zahlen ein -{- und — , 
ein Potenz- und ein Wurzelzeichen vor, und jemand, der diese Glei- 

*) Diese Ergebnisse korrigieren in einigen Punkten meine früheren An- 
gaben über die Darstellung der logischen Relationen (p. 233). Letztere beschreiben 
das allgemeine Verhalten der Traumarbeit, berücksichtigen aber nicht die 
feinsten und sorgfältigsten Leistungen derselben. 



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Verwunderung im Traume. 323 

chung abschreibt, ohne sie zu verstehen, nähme die Operations- 
zeichen wie die Zahlen in seine Abschrift hinüber, würfe aber dann 
beiderlei durcheinander. Die beiden Argumente lassen sich auf fol- 
gendes Material zurückführen. Es ist mir peinlich, zu denken, daß 
manche der Voraussetzungen, die ich meiner psychologischen Auf- 
lösung der Psychoneurosen zu gründe lege, wenn sie erst bekannt 
geworden sind, Unglauben und Gelächter hervorrufen werden. So 
muß ich behaupten, daß bereits Eindrücke aus dem zweiten Lebens- 
jahre, mitunter auch schon aus dem ersten, eine bleibende Spur im 
Gemütsleben der später Kranken zurücklassen und — obwohl von 
der Erinnerung vielfach verzerrt und übertrieben — die erste und 
unterste Begründung für ein hysterisches Symptom abgeben können. 
Patienten, denen ich dies an passender Stelle auseinandersetze, pfle- 
gen die neugewonnene Aufklärung zu parodieren, indem sie sich be- 
reit erklären, nach Erinnerungen aus der Zeit zu suchen, da sie 
noch nicht am Leben waren. Eine ähnliche Aufnahme dürfte 
nach meiner Erwartung die Aufdeckung der ungeahnten Rolle finden, 
welche bei weiblichen Kranken der Vater in den frühesten sexuellen 
Regungen spielt. (Vgl. die Auseinandersetzung p. 193 f.) Und doch 
ist nach meiner gut begründeten Überzeugung beides wahr. Ich 
denke zur Bekräftigung an einzelne Beispiele, bei denen der Tod des 
Vaters in ein sehr früheres Alter des Kindes fiel, und spätere sonst 
un erklärbare Vorfälle bewiesen, daß das Kind doch Erinnerungen 
an die ihm so früh entschwundene Person unbewußt bewahrt hatte. 
Ich weiß, daß meine beiden Behauptungen auf Schlüssen beruhen, 
deren Gültigkeit man anfechten wird. Es ist also eine Leistung der 
Wunscherfüllung, wenn gerade das Material dieser Schlüsse, deren 
Beanständung ich fürchte, von der Traumarbeit zur Herstellung ein- 
wandfreier Schlüsse verwendet wird. 

VII. In einem Traume, den ich bisher nur gestreift habe, wird 
eingangs die Verwunderung über das auftauchende Thema deutlich 
ausgesprochen. 

Der alte Brücke muß mir irgend eine Aufgabe gestellt 
haben; sonderbar genug bezieht sie sich auf Präparation 
meines eigenen Untergestells, Becken und Beine, das ich 
vor mir sehe wie im Seziersaal, doch ohne den Mangel am 
Körper zu spüren, auch ohne Spur von Grauen. Louise N. 
steht dabei und macht die Arbeit bei mir. Das Becken ist 
ausgeweidet, man sieht bald die obere, bald die untere An- 
sicht desselben, was sich vermengt. Dicke, fleischrote 
Knollen (bei denen ich noch im Traume an Hämorrhoiden 
denke) sind zu sehen. Auch mußte etwas sorgfältig aus- 
geklaubt werden, was darüber lag und zerknülltem Silber- 
papier glich*). Dann war ich wieder im Besitze meiner 

*) Stanniol, Anspielung auf Stannius, Nervensystem der Fische, vgl. 
p. 295. 

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324 VL Die Ttanaarbeit 

Beine und machte einen Weg durch die Stadt, nahm aber 
(aus Müdigkeit) einen Wagen. Der Wagen fuhr zu meinem 
Erstaunen in ein Haustor hinein, das sich öffnete und ihn 
durch einen Gang passieren ließ, der am Ende abgeknickt, 
schließlich weiter ins Freie führte*). Schließlich wan- 
derte ich mit einem alpinen Führer, der meine Sachen trug*, 
durch wechselnde Landschaften. Auf einer Strecke trug er 
mich mit Rücksicht auf meine müden Beine. Der BodeL 
war sumpfig; wir gingen am Rande hin; Leute saßen an 
Boden, ein Mädchen unter ihnen, wie Indianer oder Z: 
geuner. Vorher hatte ich auf dem schlüpfrigen Boden mich 
selbst weiter bewegt unter steter Verwunderung, daß ich 
es nach der Präparation so gut kann. Endlich kamen wir 
zu einem kleinen Holzhaus, das in ein offenes Fenster aus 
ging. Dort setzte mich der Führer ab und legte zwei bereit 
stehende Holzbretter auf das Fensterbrett, um so den Ab- 
grund zu überbrücken, der vom Fenster aus zu über 
schreiten war. Ich bekam jetzt wirklich Angst für meine 
Beine. Anstatt des erwarteten Überganges sah ich aber 
zwei erwachsene Männer auf Holzbänken liegen, die an 
den Wänden der Hütte waren, und wie zwei Kinder schla 
fend neben ihnen. Als ob nicht die Bretter, sondern die 
Kinder den Übergang ermöglichen sollten. Ich erwache mit 
Gedankenschreck. 

Wer sich nur einmal einen ordentlichen Eindruck von der Aus 
giebigkeit der Traumverdichtung geholt hat, der wird sich leicht vor- 
stellen können, welche Anzahl von Blättern die ausführliche Analyse 
dieses Traumes einnehmen muß. Zum Glück für den Zusammenhang 
entlehne ich dem Traume aber bloß das eine Beispiel für die Ver 
wunderung im Traume, die sich in der Einschaltung „sonderbar 
genug" kundgibt. Ich gehe auf den Anlaß des Traumes ein. Es ist 
ein Besuch jener Dame Louise N., die auch im Traume der Arbeit 
assistiert. „Leih' mir etwas zum Lesen." Ich biete ihr „She" von 
Rider Haggard an. Ein „sonderbares Buch, aber voll von ver- 
stecktem Sinne", will ich ihr auseinandersetzen; „das ewig Weib- 
liche, die Unsterblichkeit unserer Affekte ". Da unterbricht sie 

mich : Das kenne ich schon. Hast du nichts Eigenes ? — „Nein, meine 
eigenen unsterblichen Werke sind noch nicht geschrieben." — Also 
wann erscheinen denn deine sogenannten letzten Aufklärungen, die, 
wie du versprichst, auch für uns lesbar sein werden ? fragt sie etwas 
anzüglich. Ich merke jetzt, daß mich ein anderer durch ihren Mund 
mahnen läßt, und verstumme. Ich denke an die Überwindung, die es 
mich kostet, auch nur die Arbeit über den Traum, in der ich so viel 



*) Die örtlichkeit im Flure meines Wohnhauses, wo die Kinderwagen 
der Parteien stehen; sonst aber mehrfach fiberbestimmt. 



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Analyse der Traumverwunderung. 325 

vom eigenen intimen Wesen preisgeben muß, in die Öffentlichkeit zu 
schicken. „Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben 
doch nicht sagen." Die Präparation am eigenen Leib, die mir im 
Traume aufgetragen wird, ist also die mit der Mitteilung der Träume 
verbundene Selbstanalyse. Der alte Brücke kommt mit Recht 
hiezu ; schon in diesen ersten Jahren wissenschaftlicher Arbeit traf es 
sich, daß ich einen Fund liegen ließ, bis sein energischer Auftrag mich 
zur Veröffentlichung zwang. Die weiteren Gedanken aber, die sich an 
die Unterredung mit Louise N. anspinnen, greifen zu tief, um bewußt 
zu werden ; sie erfahren eine Ablenkung über das Material, das in mir 
nebstbei durch die Erwähnung der „She" von Rider Haggard 
geweckt worden ist. Auf dieses Buch und auf ein zweites desselben 
Autors, „Heart of the world", geht das Urteil „sonderbar genug", 
und zahlreiche Elemente des Traumes sind den beiden phantastischen 
Romanen entnommen. Der sumpfige Boden, über den man getragen 
wird, der Abgrund, der mittels der mitgebrachten Bretter zu über- 
schreiten ist, stammen aus der „She" ; die Indianer, das Mädchen, das 
Holzhaus aus „Heart of the world". In beiden Romanen ist eine Frau 
die Führerin, in beiden handelt es sich um gefährliche Wanderungen, 
in „She" um einen abenteuerlichen Weg ins Unentdeckte, kaum je 
Betretene. Die müden Beine sind nach einer Notiz, die ich bei dem 
Traume finde, reale Sensation jener Tage gewesen. Wahrscheinlich 
entsprach ihnen eine müde Stimmung und die zweifelnde Frage : Wie 
weit werden mich meine Beine noch tragen ? In der „She" endet das 
Abenteuer damit, daß die Führerin, anstatt sich und den anderen die 
Unsterblichkeit zu holen, im geheimnisvollen Zentralfeuer den Tod 
findet. Eine solche Angst hat sich unverkennbar in den Traum- 
gedanken geregt. Das ,,Holzhaus" ist sicherlich auch der Sarg, 
also das Grab. Aber in der Darstellung dieses unerwünschtesten 
aller Gedanken durch eine Wunscherfüllung hat die Traumarbeit ihr 
Meisterstück geleistet. Ich war nämlich schon einmal in einem Grabe, 
aber es war ein ausgeräumtes Etruskergrab bei Orvieto, eine schmale 
Kammer mit zwei Steinbänken an den Wänden, auf denen die Skelette 
von zwei Erwachsenen gelagert waren. Genau so sieht das Innere 
des Holzhauses im Traume aus, nur ist Stein durch Holz ersetzt. 
Der Traum scheint zu sagen: „Wenn du schon im Grabe weilen 
sollst, so sei es das Etruskergrab", und mit dieser Unterschiebung 
verwandelt er die traurigste Erwartung in eine recht erwünschte. 
Leider kann er, wie wir hören werden; nur die den Affekt beglei- 
tende Vorstellung jn ihr Gegenteil verkehren, nicht immer auch 
den Affekt selbst. So wache ich denn mit „Gedanken schreck" auf > 
nachdem sich noch die Idee Darstellung erzwungen, 'daß vielleicht; 
die Kinder erreichen werden, was dem Vater versagt geblieben, eine- 
neuerliche Anspielung an den sonderbaren Boman, in dem die Iden- 
tität einer Person durch eine Generationsreihe von 2000 Jahren 
festgehalten wird. 



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326 VI. Die Traumarbeit 

VIII. In dem Zusammenhang eines anderen Traumes findet si ± 
gleichfalls ein Ausdruck der Verwunderung über das im Traume Er 
lebte, aber verknüpft mit einem so auffälligen, weit hergeholten und 
beinahe geistreichen Erklärungsversuche, daß ich bloß seinetwegen 
den ganzen Traum der Analyse unterwerfen müßte, auch wenn der 
Traum nicht noch zwei andere Anziehungspunkte für unser Interesse 
besäße. Ich reise in der Nacht vom 18. auf den 19. Juli auf der 
Südbahnstrecke und höre im Schlafe: „Hollthurn, 10 Minuten 
ausrufen. Ich denke sofort an Holothurien — ein natur 
historisches Museum — , daß hier ein Ort ist, wo sich tapfere 
Männer erfolglos gegen die Übermacht ihres Landesherrn 
gewehrt haben. — Ja, die Gegenreformation in Österreich! 
— Als ob es ein Ort in Steiermark oder Tirol wäre. Nun 
sehe^ieh undeutlich ein kleines Museum, in dem die Reste 
oder Erwerbungen dieser Männer aufbewahrt werden. Ich 
möchte aussteigen, verzögere es aber. Es stehen Weiber 
mit Obst auf dem Perron, sie kauern auf dem Boden und 
halten die Körbe so einladend hin. — Ich habe gezögert 
aus Zweifel, ob wir noch Zeit haben, und jetzt stehen wir 
noch immer. — Ich bin plötzlich in einem anderen Coupe, 
in dem Leder und Sitze so schmal sind, daß man mit dem 
Rücken direkt an die Lehne stößt*). Ich wundere mich 
darüber, aber ich kann ja im schlafenden Zustand umgestiegen 
sein. Mehrere Leute, darunter ein englisches Geschwister- 
paar; eine Reihe Bücher deutlich auf einem Gestell an 
der Wand. Ich sehe „Wealth of nations", „Matter and Motion 1 
(von Maxweil), dick und in braune Leinwand gebunden. Der 
Mann fragt die Schwester nach einem Buche von Schiller, 
ob sie das vergessen hat. Es sind die Bücher bald wie die 
meinen, bald die der beiden. Ich möchte mich da bestäti- 
gend oder unterstützend ins Gespräch mengen . Ich 

wache, am ganzen Körper schwitzend, auf, weil alle Fenster ge- 
schlossen sind. Der Zug hält in Marburg. 

Während der Niederschrift fällt mir ein Traumstück ein, das 
die Erinnerung übergehen wollte. Ich sage dem Geschwister- 
paare auf ein gewisses Werk: It is from . . ., korrigiere 
mich aber: It is by . . . Der Mann bemerkt zur Schwester: 
Er hat es ja richtig gesagt. 

Der Traum beginnt mit dem Namen der Station, der mich wohl 
tun vollkommen geweckt haben muß. Ich ersetze diesen Namen, der 
Marburg lautete, durch Hollthurn. Daß ich Marburg beim ersten 
-oder vielleicht bei einem späteren Ausrufen gehört habe, beweist die 

*) Diese Beschreibung ist für mich selbst nicht verständlich, aber ich 
folge dem Grundsätze, den Traum in jenen Worten wiederzugeben, die mir beim 
Niederschreiben einfallen. Die Wortfassung ist selbst ein Stück der Traum- 
darstellung. 



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Ein Erklärungsversuch im Traume. 327 

Erwähnung Schillers im Traume, der ja in Marburg, wenngleich 
nicht im steirischen, geboren ist*). Nun reiste ich diesmal, obwohl 
erster Klasse, unter sehr unangenehmen Verhältnissen. Der Zug war 
überfüllt, in dem Coupe hatte ich einen Herrn und eine Dame an- 
getroffen, die sehr vornehm schienen und nicht die Lebensart be- 
saßen oder es nicht der Mühe wert hielten, ihr Mißvergnügen über 
den Eindringling irgendwie zu verbergen. Mein höflicher Gruß wurde 
nicht erwidert; obwohl Mann und Frau nebeneinander saßen (gegen 
die Fahrtrichtung), beeilte sich die Frau doch, den Platz ihr gegen- 
über am Fenster vor meinen Augen mit einem Schirme zu belegen; 
die Tür wurde sofort geschlossen, demonstrative Reden über das 
Öffnen der Fenster gewechselt. Wahrscheinlich sah man mir den 
Lufthunger bald an. Es war eine heiße Nacht und die Luft im all- 
seitig abgeschlossenen Coupe bald zum Ersticken. Nach meinen Reise- 
erfahrungen kennzeichnet ein 90 rücksichtslos übergreifendes Beneh- 
men Leute, die ihre Karte nicht oder nur halb bezahlt haben. Als 
der Kondukteur kam und ich mein teuer erkauftes Billett vorzeigte, 
tönte es aus dem Munde der Dame unnahbar und wie drohend : Mein 
Mann hat Legitimation. Sie war eine stattliche Erscheinung mit miß- 
vergnügten Zügen, im Alter nicht weit von der Zeit des Verfalls 
weiblicher Schönheit; der Mann kam überhaupt nicht zu Worte, er 
saß regungslos da. Ich versuchte zu schlafen. Im Traume nehme 
ich fürchterliche Rache an meinen unliebenswürdigen Reisegefährten ; 
man würde nicht ahnen, welche Beschimpfungen und Demütigungen 
sich hinter den abgerissenen Brocken der ersten Traumhälfte ver- 
bergen. Nachdem dies Bedürfnis befriedigt war, machte sich der 
zweite Wunsch geltend, das Coupö zu wechseln. Der Traum wechselt 
so oft die Szene, und ohne daß der mindeste Anstoß an der Ver- 
änderung genommen wird, daß es nicht im geringsten auffällig ge- 
wesen wäre, wenn ich mir alsbald meine Reisegesellschaft durch 
eine angenehmere aus meiner Erinnerung ersetzt hätte. Hier aber 
tritt der Fall ein, daß irgend etwas den Wechsel der Szene beanstän- 
dete und es für notwendig hielt, ihn zu erklären. Wie kam ich plötz- 
lich in ein anderes Coupe? Ich konnte mich doch nicht erinnern, 
umgestiegen zu sein. Da gab es nur eine Erklärung: ich mußte 
im schlafenden Zustand den Wagen verlassen haben, ein 
seltenes Vorkommnis, wofür aber doch die Erfahrung des Neuro- 
pathologen Beispiele liefert. Wir wissen von Personen, die Eisen- 
bahnfahrten in einem Dämmerzustand unternehmen, ohne durch irgend 
ein Anzeichen ihren abnormen Zustand zu verraten, bis sie an irgend 
einer Station der Reise voll zu sich kommen und dann die Lücke 



*) Schiller ist nicht in einem Marburg, sondern in Marbach geboren, 
wie jeder deutsche Gymnasiast weiß, und wie auch ich wußte. Es ist dies 
wieder einer jener Irrtümer (vgl. p.149), die sich als Ersatz für eine absichtliche 
Verfälschung an anderer Stelle einschleichen, und deren Aufklärung ich in der 
„Psychopathologie des Alltagslebens" versucht habe. 



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328 VI. Die Traumarbeit. 

in ihrer Erinnerung bestaunen. Für einen solchen Fall von „Auto- 
matisme ambulatoire" erkläre ich also noch im Traume den 
meinigen. 

Die Analyse gestattet eine andere Auflösung zu geben. Der 
Erklärungsversuch, der mich so frappiert, wenn ich ihn der Traum- 
arbeit zuschreiben müßte, ist nicht originell, sondern aus der Neu- 
rose eines meiner Patienten kopiert. Ich erzählte bereits an anderer 
Stelle von einem hochgebildeten und im Leben weichherzigen Manne, 
der kurz nach dem Tode seiner Eltern begann, sich mörderischer 
Neigungen anzuklagen, und nun unter den Vorsichtsmaßregeln litt, 
die er zur Sicherung gegen dieselben treffen mußte. Es war ein Fall 
von schweren Zwangsvorstellungen bei voll erhaltener Einsicht. Zu- 
erst wurde ihm das Passieren der Straße durch den Zwang verleidet, 
sich von allen Begegnenden Rechenschaft abzulegen, wohin sie ver- 
schwunden seien; entzog sich einer plötzlich seinem verfolgenden 
Blicke, so blieb ihm die peinliche Empfindung und die Möglichkeit 
in Gedanken, er könnte ihn beseitigt haben. Es war unter anderem 
eine Kainsphantasie dahinter, denn „alle Menschen sind Brüder". 
Wegen der Unmöglichkeit, diese Aufgabe zu erledigen, gab er das 
Spazierengehen auf und verbrachte sein Leben eingekerkert zwischen 
seinen vier Wänden. In sein Zimmer gelangten aber durch die Zei- 
tung beständig Nachrichten von Mordtaten, die draußen geschehen 
waren, und sein Gewissen wollte ihm in der Form des Zweifels nahe 
legen, daß er der gesuchte Mörder sei. Die Gewißheit, daß er ja seit 
Wochen seine Wohnung nicht verlassen habe, schützte ihn eine Weile 
gegen diese Anklagen, bis ihm eines Tages die Möglichkeit durch den 
Sinn fuhr, daß er sein Haus im bewußtlosen Zustand verlassen 
und so den Mord begangen haben könne, ohne etwas davon zu wissen. 
Von da an schloß er die Haustür ab, übergab den Schlüssel der alten 
Haushälterin und verbot ihr eindringlich, denselben auch nicht auf 
sein Verlangen in seine Hände gelangen zu lassen. 

Daher stammt also der Erklärungsversuch, daß ich im bewußt- 
losen Zustand umgestiegen bin — , er ist aus dem Material der Traum- 
gedanken fertig in den Traum eingetragen worden und soll im Traume 
offenbar dazu dienen, mich mit der Pereon jenes Patienten zu iden- 
tifizieren. Die Erinnerung an ihn wurde in mir durch naheliegende 
Assoziation geweckt. Mit diesem Manne hatte ich einige Wochen vor- 
her die letzte Nachtreise gemacht. Er war geheilt, begleitete mich 
in die Provinz zu seinen Verwandten, die mich beriefen; wir hatten 
ein Coup£ für uns, ließen alle Fenster die Nacht hindurch offen und 
hatten uns, so lange ich wach blieb, vortrefflich unterhalten. Ich 
wußte, daß feindselige Impulse gegen seinen Vater aus seiner Kindheit 
in sexuellem Zusammenhange die Wurzel seiner Erkrankung gewesen 
waren. Indem ich mich also mit ihm identifizierte, wollte ich mir 
etwas Analoges eingestehen. Die zweite Szene des Traumes löst sich 
auch wirklich in eine übermütige Phantasie auf, daß meine beiden 



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Die Affekte im Traume. 329 

ältlichen Keisegefährten sich darum so abweisend gegen mich be- 
nehmen, weil ich sie durch mein Kommen an dem beabsichtigten 
nächtlichen Austausch von Zärtlichkeiten gehindert habe. Diese Phan- 
tasie aber geht auf eine frühe Kinderszene zurück, in der das Kind, 
wahrscheinlich von sexueller Neugierde getrieben, in das Schlaf- 
zimmer der Eltern eindringt und durch das Machtwort des Vaters 
daraus vertrieben wird 

Ich halte es für überflüssig, weitere Beispiele zu häufen. Sie 
würden alle nur bestätigen, was wir aus den bereits angeführten ent- 
nommen haben, daß ein Urteilsakt im Traume nur die Wiederholung 
eines Vorbildes aus den Traumgedanken ist. Zumeist eine übel an- 
gebrachte, in unpassendem Zusammenhange eingefügte Wiederholung, 
gelegentlich aber, wie in unseren letzten Beispielen, eine so geschickt 
verwendete, daß man zunächst den Eindruck einer selbständigen 
Denktätigkeit im Traume empfangen kann. Von hier aus könnten wir 
unser Interesse jener psychischen Tätigkeit zuwenden, die zwar nicht 
regelmäßig bei der Traumbildung mitzuwirken scheint, die aber, wo 
sie es tut, bemüht ist, die nach ihrer Herkunft disparaten Traum- 
elemente widerspruchsfrei und sinnvoll zu verschmelzen. Wir emp- 
finden es aber vorher noch als dringlich, uns mit den Affektäuße- 
rungen zu beschäftigen, die im Traume auftreten, und dieselben mit 
den Affekten zu vergleichen, welche die Analyse in den Traumgedan- 
ken aufdeckt. 

h) Die Affekte im Traume. 

Eine scharfsinnige Bemerkung von Stricker hat uns aufmerk- 
sam gemacht, daß die Affektäußerungen des Traumes nicht die ge- 
ringschätzige Art der Erledigung gestatten, mit der wir erwacht den 
Trauminhalt abzuschütteln pflegen. „Wenn ich mich im Traume vor 
Räubern fürchte, so sind die Räuber zwar imaginär, aber die Furcht 
ist real", und ebenso geht es, wenn ich mich im Traume freue. Nach 
dem Zeugnisse unserer Empfindung ist der im Traume erlebte Affekt 
keineswegs minderwertig gegen den im Wachen erlebten von gleicher 
Intensität, und energischer als mit seinem Vorstellungsinhalte, erhebt 
der Traum mit seinem Affektinhalt den Anspruch, unter die wirk- 
lichen Erlebnisse unserer Seele aufgenommen zu werden. Wir bringen 
diese Einreihung nun im Wachen nicht zu stände, weil wir einen 
Affekt nicht anders reychisch zu würdigen verstehen als in der Ver- 
knüpfung mit einem Vorstellungsinhalt. Passen Affekt und Vorstellung 
der Art und der Intensität nach nicht zueinander, so wird unser 
waches Urteil irre. 

An den Träumen hat immer Verwunderung erregt, daß Vor- 
stellungsinhalte nicht die Affektwirkung mit sich bringen, die wir 
als notwendig im wachen Denken erwarten würden. Strümpell 
äußerte, im Traume seien die Vorstellungen von ihren psychischen 
Werten entblößt. Es fehlt im Traume aber auch nicht am gegen- 



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330 VI. Die Traumarbeit 

teiligen Vorkommen, daß intensive Affektäußerung bei einem Inhalt 
auftritt,, a der zur Entbindung von Affekt keinen Anlaß zu bieten 
scheint/ Ich bin im Traume in einer gräßlichen, gefahrvollen, ekel- 
haften Situation, verspüre aber dabei nichts von Furcht oder Ab- 
scheu; hingegen entsetze ich mich andere Male über harmlose, und 
freue mich über kindische Dinge. 

Dieses Rätsel des Traumes verschwindet uns so plötzlich und 
so vollständig wie vielleicht kein anderes der Traumrätsel, wenn wir 
vom manifesten Trauminhalt zum latenten übergehen. Wir werden 
mit seiner Erklärung nichts zu schaffen haben, denn es besteht nicht 
mehr. Die Analyse lehrt uns, daß die Vorstellungsinhalte Ver- 
schiebungen und Ersetzungen erfahren haben, während 
die Affekte unverrückt geblieben sind. Kein Wunder, daß 
der durch die Traumentstellung veränderte Vorstellungsinhalt zum 
erhalten gebliebenen Affekt dann nicht mehr paßt; aber auch keine 
Verwunderung mehr, wenn die Analyse den richtigen Inhalt an seine 
frühere Stelle eingesetzt hat. 

An einem psychischen Komplex, welcher die Beeinflussung der 
Widerstandszensur erfahren hat, sind die Affekte der resistente Anteil, 
der uns allein den Fingerzeig zur richtigen Ergänzung geben kann. 
Deutlicher noch als beim Traume enthüllt sich dies Verhältnis bei den 
Psychoneurosen. Der Affekt hat hier immer Recht, wenigstens seiner 
Qualität nach; seine Intensität ist ja durch" Verschiebungen der neuro- 
tischen Aufmerksamkeit zu steigern. Wenn der Hysteriker sich wun- 
dert, daß er sich vor einer Kleinigkeit so sehr fürchten muß, oder 
der Mann mit Zwangsvorstellungen, daß ihm aus einer Nichtigkeit ein 
so peinlicher Vorwurf erwächst, so gehen beide irre, indem sie den 
Vorstellungsinhalt — die Kleinigkeit oder die, Nichtigkeit — für das 
Wesentliche nehmen, und sie wehren sich erfolglos, indem sie diesen 
Vorstellungsinhalt zum Ausgangspunkte ihrer Denkarbeit machen. 
Die Psychoanalyse zeigt ihnen dann den richtigen Weg, indem sie 
im Gegenteil den Affekt als berechtigt anerkennt, und die zu ihm 
gehörige, durch eine Ersetzung verdrängte Vorstellung aufsucht Vor- 
aussetzung ist dabei, daß Affektentbindung und Vorstellungsinhalt 
nicht diejenige unauflösbare organische Einheit bilden, als welche 
wir sie zu behandeln gewöhnt sind, sondern daß beide Stücke an- 
einander gelötet sein können, so daß sie durch Analyse voneinander 
lösbar sind. Die Traumdeutung zeigt, daß dies in der Tat der Fall ist. 

Ich bringe zuerst ein Beispiel, in dem die Analyse das schein- 
bare Ausbleiben des Affekts bei einem Vorstellungsinhalt aufklärt, 
der Affektentbindung erzwingen sollte. 

I. Sie sieht in einer Wüste drei Löwen, von denen einer 
lacht, fürchtet sich aber nicht vor ihnen. Dann muß sie 
doch vor ihnen geflüchtet sein, denn sie will auf einen 
Baum klettern, findet aber ihre Cousine, die französische 
Lehrerin ist, schon oben usw. 



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Erklärung des Ausbleibens erwarteter Affekte. 331 

Dazu bringt die Analyse folgendes Material: Der indifferente 
Anlaß zum Traume ist ein Satz ihrer englischen Aufgabe geworden: 
Die Mähne ist der Schmuck des Löwen. Ihr Vater trug einen sol- 
chen Bart, der wie eine Mähne das Gesicht umrahmte. Ihre eng- 
lische Sprachlehrerin heißt Miß Lyons (Lions = Löwen). Ein Be- 
kannter nat ihr die Balladen von Loewe zugeschickt. Das sind also 
die drei Löwen; warum sollte sie sich vor ihnen fürchten? — Sie 
hat eine Erzählung gelesen, in welcher ein Neger, der die anderen 
zum Aufstand aufgehetzt, mit Bluthunden gejagt wird und zu seiner 
Rettung auf einen Baum klettert. Dann folgen in übermütigster Stim- 
mung Erinnerungsbrocken wie die: Die Anweisung, wie man Löwen 
fängt, aus den „Fliegenden Blättern": Man nehme eine Wüste und 
siebe sie durch, dann bleiben die Löwen übrig. Ferner die höchst 
lustige, aber nicht sehr anständige Anekdote von einem Beamten, 
der gefragt wird, warum er sich denn nicht um die Gunst seines 
Chefs ausgiebiger bemühe, und der zur Antwort gibt, er habe sich 
wohl bemüht da hineinzukriechen, aber sein Vordermann war schon 
oben Das ganze Material wird verständlich, wenn man erfährt, 
daß die Dame am Traumtage den Besuch des Vorgesetzten ihres 
Mannes empfangen hatte. Er war sehr höflich mit ihr, küßte ihr die 
Hand, und sie fürchtete sich gar nicht vor ihm, obwohl er ein 
sehr „großes Tier" ist und in der Hauptstadt ihres Landes die Bolle 
eines „Löwen der Gesellschaft" spielt. Dieser Löwe ist also ver- 
gleichbar dem Löwen im Sommernachtstraume, der sich als Schnock, 
der Schreiner demaskiert, und so sind alle Traumlöwen, vor denen 
man sich nicht fürchtet. 

IL Als zweites Beispiel ziehe ich den Traum jenes Mädchens 
heran, das den kleinen Sohn ihrer Schwester als Leiche im Sarg 
liegen sah, dabei aber, wie ich jetzt hinzufüge, keinen Schmerz 
und keine Trauer verspürte. Wir wissen aus der Analyse, warum 
nicht. Der Traum verhüllte nur ihren Wunsch, den geliebten Mann 
wiederzusehen; der Affekt mußte auf den Wunsch abgestimmt 
sein und nicht auf dessen Verhüllung. Es war also zur Trauer gar 
kein Anlaß. 

In einer Anzahl von Träumen bleibt der Affekt wenigstens 
noch in Verbindung mit jenem Vorstellungsinhalt, welcher den zu 
ihm passenden ersetzt hat. In anderen geht die Auflockerung des 
Komplexes weiter. Der Affekt erscheint völlig gelöst von seiner 
zugehörigen Vorstellung, und findet sich irgendwo anders im Traume 
untergebracht, wo er in die neue Anordnung der Traumelemente 
hineinpaßt. Es ist dann ähnlich, wie wir's bei den Urteilsakten des 
Traumes erfahren haben. Findet sich in den Traumgedanken ein 
bedeutsamer Schluß, so enthält auch der Traum einen solchen; aber 
der Schluß im Traume kann auf ein ganz anderes Material verschoben 
sein. Nicht selten erfolgt diese Verschiebung nach dem Prinzip der 
Gegensätzl ichkeit. 



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332 VI. Die Traumarbeit 

Die letztere Möglichkeit erläutere ich an folgendem Traum- 
beispiele, das ich der erschöpfendsten Analyse unterzogen habe. 

III. Ein Schloß am Meere, später liegt es nicht direkt 
am Meere, sondern an einem schmalen Kanal, der ins Meer 
führt. Ein Herr P. ist der Gouverneur. Ich stehe mit ihm in 
einem großen dreifenstrigen Salon, vor dem sich Mauer- 
vorsprünge wie Festungszinnen erheben. Ich bin etwa als 
freiwilliger Marineoffizier der Besatzung zugeteilt. Wir 
befürchten das Eintreffen von feindlichen Kriegsschiffen, 
da wir uns im Kriegszustand befinden. Herr P. hat die Ab- 
sicht, wegzugehen; er erteilt mir Instruktionen, was in 
dem befürchteten Falle zu geschehen hat. Seine kranke 
Frau befindet sich mit den Kindern im gefährdeten Schlosse. 
Wenn das Bombardement beginnt, soll der große Saal ge- 
räumt werden. Er atmet schwer und will sich entfernen; 
ich halte ihn zurück und frage, auf welche Weise ich ihm 
nötigenfalls Nachricht zukommen lassen soll. Darauf sagt 
er noch etwas, sinkt aber gleich darauf tot um. Ich habe 
ihn wohl mit den Fragen überflüssigerweise angestrengt 
Nach seinem Tode, der mir weiter keinen Eindruck macht, 
Gedanken, ob die Witwe im Schlosse bleiben wird, ob ich 
dem Oberkommando den Tod anzeigen und als der nächste 
im Befehl die Leitung des Schlosses übernehmen soll. Ich 
stehe nun am Fenster und mustere die vorbeifahrenden 
Schiffe; es sind Kauffahrer, die auf dem dunklen Wasser 
rapid vorbeisausen, einige mit mehreren Kaminen, andere 
mit bauschiger Decke (die ganz ähnlich ist wie die Bahnhofsbauten 
im [nicht erzählten] Vortraume). Dann steht mein Bruder neben 
mir und wir schauen beide aus dem Fenster auf den Kanal. 
Bei einem Schiffe erschrecken wir und rufen: Da kommt 
das Kriegsschiff. Es zeigt sich aber, daß nur dieselben 
Schiffe zurückkehren, die ich schon kenne. Nun kommt 
ein kleines Schiff, komisch abgeschnitten, so daß es mitten 
in seiner Breite endigt; auf Deck sieht man eigentümliche 
becher- oder dosenartige Dinge. Wir rufen wie aus einem 
Munde: Das ist das Frühstücksschiff. 

Die rasche Bewegung der Schiffe, das tiefdunkle Blau des 
Wassers, der braune Rauch der Kamine, das alles ergibt zusammen 
einen hochgespannten, düsteren Eindruck. 

Die örtlichkeiten in diesem Traume sind aus mehreren Reisen 
an die Adria zusammengetragen (Miramare, Duino, Venedig, Aqui- 
leja). Eine kurze, aber genußreiche Osterfahrt nach Aquileja mit 
meinem Bruder, wenige Wochen vor dem Traume, war mir noch 
in frischer Erinnerung. Auch der Seekrieg zwischen Amerika und 
Spanien und an ihn geknüpfte Besorgnisse um das Schicksal meiner 
in Amerika lebenden Verwandten spielen mit hinein. An zwei Stellen 



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Der Traum vom „FrühstückschifF. 333 

dieses Traumes treten Affektwirkungen hervor. An der einen Stelle 
bleibt ein zu erwartender Affekt aus, es wird ausdrücklich hervor- 
gehoben, daß mir der Tod des Gouverneurs keinen Eindruck macht; 
an einer anderen Stelle, wie ich das Kriegsschiff zu sehen glaube, 
erschrecke ich und verspüre im Schlafe alle Sensationen des 
Schreckens. Die Unterbringung der Affekte ist in diesem gut ge- 
bauten Traume so erfolgt, daß jeder auffällige Widerspruch ver- 
mieden ist Es ist ja kein Grund, daß ich beim Tode des Gouverneurs 
erschrecken sollte, und es ist wohl angebracht, daß ich als Kom- 
mandant des Schlosses bei dem Anblicke des Kriegsschiffes er- 
schrecke. Nun weist aber die Analyse nach, daß Herr P. nur ein 
Ersatzmann für mein eigenes Ich ist (im Traume bin ich sein Ersatz- 
mann). Ich bin der Gouverneur, der plötzlich stirbt. Die Traum- 
gedanken handeln von der Zukunft der Meinigen nach meinem vor- 
zeitigen Tode. Kein anderer peinlicher Gedanke findet sich in den 
Traumgedanken. Der Schreck, der im Traume an den Anblick des 
Kriegsschiffes gelötet ist, muß von dort losgemacht und hieher gesetzt 
werden. Umgekehrt zeigt die Analyse, daß die Region der Traum- 
gedanken, aus der das Kriegsschiff genommen ist, mit den heitersten 
Reminiszenzen erfüllt ist. Es war ein Jahr vorher in Venedig, wir 
standen an einem zauberhaft schönem Tage an den Fenstern unseres 
Zimmers auf der Riva Schiavoni und schauten auf die blaue Lagune, 
in der heute mehr Bewegung zu finden war als sonst. Es wurden 
englische Schiffe erwartet, die feierlich empfangen werden sollten, 
und plötzlich rief meine Frau heiter wie ein Kind: Da kommt das 
englische Kriegsschiff! Im Traume erschrecke ich bei den näm- 
lichen Worten ; wir sehen wieder, daß Rede im Traume von Rede im 
Leben abstammt. Daß auch das Element „englisch" in dieser Rede 
für die Traumarbeit nicht verloren gegangen ist, werde ich alsbald 
zeigen. Ich verkehre also hier zwischen Traumgedanken und Traum- 
inhalt Fröhlichkeit in Schreck, und brauche nur anzudeuten, daß ich 
mit dieser Verwandlung selbst ein Stück des latenten Trauminhaltes 
zum Ausdruck bringe. Das Beispiel beweist aber, daß es der Traum- 
arbeit freisteht, den Affektanlaß aus seinen