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Full text of "Traumdeutung [6.Auflage. Mit Beiträgen von Otto Rank]"

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DIE 



TRAUMDEUTUNG 



VON 



0-' 



PROF. DR. SIGM: FREUD 



»PLECTERE Sl NEQUEO SUPEROS, ACHERONTA MOVEBO« 



SECHSTE AUFLAGE 



MIT BEITRÄGEN VON 

Dr. OTTO RANK 



LEIPZIG UND WIEN 

FRANZ DEUTICKE 

1921. 

C^ nr\Ci\{> Orrgmaffrom 

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VERLAGS-Nr. 2682 



Druck von Paul Gerin, Wien, II. 

C^r%r\n\t> Orfgrnaffrom 

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Vorbemerkung. 



Indem ich hier die Darstellung der TraumdeutuBg '^^ersucliö. 
glsube ich den Umkreis neuropathologischer Interessen nicht über- 
schritten zu haben. Denn der Traum erweist sich bei der psycho- 
logischen Prüfung als das erste Glied in der Reihe abnormer psychischer 
Gebilde, von deren weiteren Gliedern die hysterische Phobie, die 
Zwangs- und die Wahnvorstellung den Arzt aus praktischen Gründen 
beschäftigen müssen. Auf eine ähnliche praktische Bedeutung kann 
der Traum -* wie sich zeigen wird — Anspruch nicht erheben; um 
so größer ist aber sein theoretischer Wert als Paradigma, und wer 
sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklären weift, wird 
sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs- und AVahnideen, 
eventuell um deren therapeutische Beeinflussung, vergeblich bemühen. 

Derselbe Zusammenhang aber, dem unser Thema seine Wichtig- 
keit verdankt, ist auch für die Mängel der vorliegenden Arbeit ver- 
antwortlich zu machen. Die Bruchflächen, welche man in dieser Dar- 
stellung so reichlich finden wird, entsprechen ebensovielen Kontakt- 
stellen, an denen das Problem der Traumbildung in umfassendere 
Probleme der Psychopathologie eingreift, die hier nicht behandelt 
werden konnten, und denen, wenn Zeit und Kraft ausreichen und 
weiteres Material sich einstellt, spätere Bearbeitungen gewidmet wer- 
den sollen. 

Eigentümlichkeiten des Materials, an dem ich die Traumdeutung 
erläutere, haben mir auch diese Veröffentlichung schwer gemacht. Es 
wird sich aus der Arbeit selbst ergeben, warum alle in der Literatur 
erzählten oder von Unbekannten zu sammelnden Träume für meine 
Zwecke unbrauchbar sein mußten; ich hatte nur die Wahl zwischen 
den eigenen Träumen und denen meiner in psychoanalytischer Behand- 
lung stehenden Patienten. Die Verwendung des letzteren Materials 
wurde mir durch den Umstand verwehrt, daß hier die Traumvorgänge 
einer unerwünschten Komplikation durch die Einmengung neurotischer 
Charaktere unterlagen. Mit der Mitteilung meiner eigenen Träume 
aboi' erwies sich als untrennbar verbunden, daß ich von den Intimitäten 

4 i\4\Ckii> Original from 

.y VjUU^IC UNIVERSIir OF MICHIGAN 



11 

meines psychischen Lebens fremden Einblicken mehr eröffnete, aU 
mir lieb sein konnte und als sonst einem Autor, der nicht Poet, son- 
dern Naturforscher ist, zur Aufgabe fällt Das war peinlich, aber 
unvermeidlich; ich habe mich also darein gefügt, umsieht auf die 
Beweisführung für meine psychologischen Ergebnisse überhaupt ver- 
zichten zu müssen. Natürlich habe ich doch der Versuchung nicht 
widerstehen können, durch Auslassungen und Ersetzungen manchen 
Indiskretionen die Spitze abzubrechen; so oft dies geschah, gereichte 
es dem Werte der von mir verwendeten Beispiele zum entschiedensten 
Nachteile. Ich kann nur die Erwartung aussprechen, daß die Leser 
dieser Arbeit sich in meine schwierige Lage versetzen werden, um 
Nachsicht mit mir zu üben, und ferner daß alle Personen, die sich 
in den mitgeteilten Träumen irgendwie betroffen finden, wenigstens 
dem Traumleben Gedankenfreiheit nicht werden versagen wollen. 



v.:-UUgH^ UNIVERSlirOF MICHIGAN 



Vorwort zur zweiten Auflage, 

Daß von diesem schwer Iciibaren Buche noch vor Vollendung 
des ersten Jahrzehntes eine zweite Auflage notwendig geworden ist, 
verdanke ich nicht dem Interesse der Fachkreise, an die ich mich in 
den vorstehenden Sätzen gewendet hatte. Meine Kollegen von der 
Psychiatrie scheinen sich keine Mühe gegeben zu haben, über das 
anfängliche Befremden hinauszukommen, welches meine neuartige 
Auffassung des Traumes erwecken konnte, und die Philosophen von 
Beruf, die nun einmal gewohnt sind, die Probleme des Traumlebens 
als Anhang zu den Bewußtseinszuständen mit einigen — meist den 
nämlichen — Sätzen abzuhandeln, haben offen'bar nicht bemerkt, daß 
man gerade an diesem Ende allerlei hervorziehen könne, was zu einer 
gründlichen Umgestaltung unserer psychologischen Lehren fühi*en 
"muß. Das Verhalten der wissenschaftlichen Buchkritik konnte nur 
zur Erwartung berechtigen, daß Totgeschwiegenwerden das Schick- 
sal dieses meines Werkes sein müsse; auch die kleine Schar von 
wackeren Anhängern, die meiner Führung in der ärztlichen Hand- 
habung der Psychoanalyse folgen und nach meinem Beispiel Träume 
deuten, um diese Deutungen in der Behandlung von Neurotikern zu 
verwerten, hätte die erste Auflage des Buches nicht erschöpft. So 
fühle ich mich denn jenem weiteren Kreise von Gebildeten und Wiß- 
begierigen verpflichtet, deren Teilnahme mir die Aufforderung ver- 
schafft hat, die schwierige und für so vieles grundlegende Arbeit 
nach neun Jahren von neuem vorzunehmen. 

Ich freue mich, sagen zu können, daß ich wenig zu verändern 
fand. Ich habe hie und da neues Material eingeschaltet, aus meiner 
vermehrten Erfahrung einzelne Einsichten hinzugefügt, an einigen 
wenigen Punkten Umarbeitungen versucht; alles Wesentliche über 
den Traum und seine Deutung sowie über die daraus ableitbaren 
psychologischen Lehrsätze ist aber ungeändert geblieben; es hat 
wenigstens subjektiv, die Probe der Zeit bestanden. Wer meine anderen 
Arbeiten (über Ätiologie und Mechajiismus der Psychoneurosen) kennt, 
weiß, daß ich niemals Unfertiges für fertig ausgegeben und mich 
stets bemüht habe, meine Aussagen nach meinen fortschreiteuden 
Einsichten abzuändern; auf dem Gebiete des Traumlebens durfte ich 
bei meinen ersten Mitteilungen stehen bleiben. In den langen Jahren 
meiner Arbeit an den Neurosenproblemen bin ich wiederholt ins 
Schwanken geraten und an manchem irre geworden; dann war es 
immer wieder die „Traumdeutung", an der ich meine Sicherheit 

Original f no m 



C^ f\n n 1 i> On g I n al f no m 

^y ^UiJgH^ UNIVERSIir OF MICHIGAN 



IV 

wiederfand. Meine zahlreichen wissenschaftlichen Gegner zeigen also 
einen sicheren Instinkt, wenn sie mir gerade auf das Gebiet der 
Traumforschung nicht folgen wollen. 

Auch das Material dieses Buches, diese zum größten Teil durch 
die Ereignisse? entwerteten oder überholten eigenen Träume, an denen 
ich die Regeln der Trauöideutung erläutert hatte, erwies bei der 
Revision ein Beharrungsvermögen, das sich eingreifenden Änderungen 
widersetzte. Für mich hat dieses Buch nämlich noch eine andere 
subjektive Bedeutung, die ich erst nach seiner Beendigung verstehen 
konnte. Es erwies sich mir als ein Stück meiner Selbstanalyse, als 
meine Reaktion auf den Tod meines Vaters, also auf das bedeutsamste 
Ereignis, djn einschneidendsten Verlust im Leben eines Mannes. 
Nachdem ich dies erkannt hatte, fühlte ich mich unfähig, die Spuren 
dieser Einwirkung zu verwischen. Für den Leser mag es aber gleich- 
gültig sein, an welchem Material er Träume würdigen und deuten 
lernt. 

Wo ich eine unabweisbare Bemerkung nicht in den alten Zu- 
sammenhang einfügen konnte, habe ich ihn; Herkunft von der zweiten 
Bearbeitung durch eckige Klammern ^^ni^efleulet*. 

Berchtesgaden, im iSommer 19(/8. 



Vorwort zur dritten Auflage, 

Während zwischen der ersten und der zweiten Auflage dieses 
Buches ein Zeitraum von neun Jahren verstrichen ist, hat sich das 
Bedürfnis einer dritten bereits nach wenig mehr als oinem Jahre 
bemerkbar gemacht. Ich darf mich dieser Wandlung freuen; wenn 
ich aber vorhin die Vernachlässigung meines Werkes von Seite der 
Leser nicht als Beweis für dessen Unwert gelten lassen wollte, kann 
ich d^ nunmehr zu Tage getretene Interesse auch nicht als Bew^eis 
für seine Trefflichkeit verwerten. 

Der Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis hat auch die 
„Traumdeutung" nicht unberührt gelassen. Als ich sie 1899 nieder- 
schrieb, bestand die „Sexualtheorie" noch nicht, war die Analyse der 
komplizierteren Formen von Psychoneurosen noch in ihren Anfängen. 
Die Deutung der Träume sollte ein Hilfsmittel werden, um die psy- 
chologische^ Analyse der Neurosen zu ermöglichen; seither hat- das 
vertiefte Verständnis der Neurosen auf die Auffassung des Traumes 
zurückgewirkt. Die Lehre von der Traumdeutung selbst hat eich 
nach einer Richtung weiterentwickelt, auf welche in der ersten Auf- 
lage dieses Buches nicht genug Akzent gefallen war. Durch eigene 
Erfahrung wie durch die Arbeiten von W. S t e k e 1 und anderen habe 
ich seither den Umfang und die Bedeutung der Symbolik im Traume 

* Dieee wurdeo bei deu folgfenden Au flaggen wieder iallen gelassea. 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f no m 

^y ^UiJgH^ UNIVERSIir OF MICHIGAN 



(oder vielmehr im unbewußten Denken) richtiger würdigen gelernt 
So hat sich im Laufe dieser Jahre vieles angesammelt, was Berück- 
sichtigung verlangte. Ich habe versucht, diesen Neuerungen durch 
zahlreiche Einschaltungen in den Text und Anfügung von Fußnoten 
Rechnung zn tragen. Wenn diese Zusätze nun gelegentlich den Rah- 
men der Darstellung zu sprengen drohen, oder wenn es doch nicht 
am allen Stellen gelungen ist, den früheren Text auf das Niveau 
unserer heutigen Einsichten zu heben, so bitte ich für diese Mängel 
des Buches um Nachsicht, da sie nur Folgen und Anzeichen der nun- 
mehr beschleunigten Entwicklung unseres Wissens sind. Ich getraue 
mich auch vorherzusagen, nach welchen anderen Richtungen spätere 
Auflagen der Traumdeutung — falls sich ein Bedürfnis nach solchen 
ergeben würde — von der vorliegenden abweichen werden. Dieselben 
müßten einerseits einen engeren Anschluß an den reichen Stoff der 
Dichtung, des Mythus, des Sprachgebrauchs und des Folklore suchen, 
anderseits die Beziehungen des Traumes zur Neurose und zur Geistes- 
störung noch eingehender, als es hier möglich war, behandeln. 

Herr Otto Rank hat mir bei der Auswahl der Zusätze wertvolle 
Dienste geleistet und die Revision der Druckbogen allein besorgt. 
Ich bin ihm und vielen anderen für ihre Beiträge und Berichtigungen 
zu Dank verpflicht/ot. 

Wien, im Frühjahr 191L 



Vorwort zur vierten Auflage. 

Im Vorjahre (1913) hat Dr. A. A. Brill in New York eine eng- 
lische Übersetzung dieses Buches zu Stande gebracht. [The interpreta- 
tion of dreamß. G. Allen & C^., London.] 

Herr Dr. Otto Rank hat diesmal nicht nur die Korrekturen be- 
sorgt, sondern auch den Text um zwei selbständige Beiträge bereichert 
(AÄiang zu Kap. VI.) 

Wien, im Juni 1911. 



Vorwort zur fünften Auflage. 

Das Interesse für die „Traumdeutung" hat auch während des 
Weltkrieges nicht geruht und noch vor Beendigung desselben eine 
neue Auflage notwendig gemacht. In dieser konnte aber die neue 
Literatur seit 1914 nicht voll berücksichtigt werden; soweit sie 
fremdsprachig war, kam sie überhaupt nicht zu »^'^iner und 
Dr. Kank's K^nntniQ* 

Original from 



r^f\nnli> Original from 

^y ^UiJgH^ UNIVERSIir OF MICHIGAN 



VI 

Eine ungarische Übersetzung der Traumdeutung, von den Herren 
Dr. Hol los und Dr. Ferenczi besorgt, ist dem Erscheinen nahe. 
In meinen 1916/17 veröffentlichten „Vorlesungen zur Einfüh- 
rung in die Psychoanalyse** (bei H. Heller, Wien), ist 
das elf Vorlesungen umfassende Mittolsttick einer Darstellung des 
Traumes gewidmet, welche elementarer zu sein bestrebt ist und einen 
innigeren Anschluß an die Neuiosenlehrc herzustellen beabsichtigt 
Sie hat im ganzen den Charakter eines Auszugs aus der ^Traum- 
deutung", obwohl sie an einzelnen Stellen Ausführlicheres bietet. 

Zu einer gründlichen Umarbeitung dieses Buches, welche es auf 
das Niveau unserer heutigen psychoanalytischen Anschauungen heben, 
dafür aber seine historische Eigenart vernichten würde, konnte ich 
mich nicht entschließen. Ich meine aber, es hat in nahezu 20jähriger 
Existenz seine Aufgabe erledigt. 

Budapest-Steinbruchi im Juli 1918. 



Vorwort zur sechsten Auflage. 

Die Schwierigkeiten, unter denen gegenwärtig das Buchgewerbe steht, 
haben zur Folge gehabt, daß diese neue Auflage weit später arschienen ist, als 
dem Bedarf entsprochen hätte, und daß sie — zum ersten Mal — als unver- 
änderter Abdruck der ihr vorhergehenden auftritt. Nur das Literaturverzeichnis 
am Ende des Buches ist von Dr. 0. Bank vervollständigt und fortgeführt 
worden. 

Meine Annahme, dieses Buch hätte in nahezu zwanzigjähriger Existenz 
seine Angabe erledigt, hat also keine Bestätigung gefunden. Ich könnte viel- 
mehr 8ajs;en, daß es eine neue Aufgabe zu erfüllen hat. Handelte es sich früher 
darum, einige Aufklärungen über das Wesen des Traumes zu geben, so wird es 
jetzt ebenso wichtig, den hartnäckigen Mißverständnissen zu begegnen, denen 
diese Aufklärungen ausgesetzt sind. 

Wien, im AprU 1921. 



C^ f\n n I i> Un g I n al f no m 

^y ^UiJgH^ UNIVERSIir OF MICHIGAN 



Inhaltsverzeichnis* 



I. Die wifisenschaftliche Literatur der Traumprobleme (bis 

1900) 1 

' a) Beziehung de« Traumes zum Wachleben * 4 

h) Das Traummaterial. — Das Qedächtois im Traume 7 

c) Tranmreize und Traumquellen • 15 

d) Warum mau den Traum nach dem Erira^hen vergißt? 30 

e) Die psychologischen Besonderheiten des Traumes 33 

f) Die ctbisc^hen Gefühle im Traume 45 

g) Traumtheorien und Funktion des Traumes 52 

h) Beziehung'en zwischen Traum und Geisteskrankheiten 61 

VII. Die Methode der Traumdeutung. Die Analyse eines Traum- 
musters C7 

^ ni. Der Traum ist eine Wanscherfüllung 8» 

iV. Die Traumentstellung 94 

^ V. Das Traummaterial und die Traumquelleu 114 

a) Das Rezente und das Indifferente im Traume 115 

h) Das Infantile als Traumquelle 131 

c) Die somatischen Traumquellen 152 

d) Typische Träume IC6 

a^ Der Verlegenheitstraum der Nacktheit 167 

ß) Die Träume vom Tod teurer Personen 171 

Y) Der Priiftingstraum 188 

K VL Die Traumarbeit 190 

a) Die Yerdichtungsarbeit 191 

>>.•» . h) Die Verschiebungsarbeit • . . 208 

e) Die Darstellungsmittel des Traumes 212 

d) Die Rücksicht auf Darstelibarkeit 232 

e) Die Darstellung durch Symbole im Traume. — Weitere typische Träume 239 

f) Beispiele von Darstellungen. — Rechnen und Reden im Traume .... 275 

g) Absurde Träume. Die intellektuellen Leistungen im Traame 288 

h) Die Affekte im Traume 312 

i) Die sekundäre Bearbeitung 332 

Anhang 1. Traum und Dichtung (O. Rank) 346 

Anhang 2. Traum und Mythus (O. Rank) 368 

-'VlI, Zur Psychologie der Traumvorgänge 381 

a) Das Vergessen der Träume 383 

bS Die Regression 398 

c) Zur WunscherfUllung 409 

d) Das Wecken durch den Traum. Die Funktion des Traumes. Der AngBt- 
traum . 425 

e) Der Primär^ und der Sekundärvorgang. Die Verdrängung * 435 

f) Das Unbewußte und das Bewußtsein. Die Realität 450 

VIII. Literatarverzeichnis: 

A, Bis zum Erscheinen dieses Buches (1900) 469 

B, Seit dem Erscheinen dieses Buches (bis Ende 1918) 465 

C, Von 1914— -1920 474 



C^ f\n n 1 €> Un g I n al f no m 

^y ^UiJgH^ UNIVERSIir OF MICHIGAN 



C^r%r\n\t> Orrgmaffrom 

VjUU^H^ UNIVERSIWOF MICHIGAN 






V-* 



I. 

Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme^ 

Auf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis orbringen, 
daß es eine psychologische Technik gibt, welche gestattet, Träume zu 
deuten, und daß bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum sich 
als ein sinnvolles psychisches. Gebilde herausstellt, welches an angeb- 
barer Stelle in dfe* seelischö^ Treiben des Wachens einzureihen ist. 
Ich weÄe femer versuchen, die Vorgänge klar zu legen, von denen 
die Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traumes herrührt, und 
aus ihnen einen Rückschluß auf die Natur der psychischen Kräfte 
ziehen, aus deren Zusammen- oder Gegeneinanderwirken der Traum 
hervorgeht. So weit gelaugt, wird meine Darstellung abbrechen, denn 
sie wird den Punkt erreicht haben, wo das Problem des Träumens 
in umfassendere Probleme einmündet, deren Lösung an anderem Mate- 
rial in Angriff ge^pimen werdeij muß. 

Eine Übersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie über 
den gegenwärtigen Stand der Traumprobleme in der Wissenschaft 
stelle ich voran,, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht häufig 
Anlaß haben werde, .darauf zurückzukommen. Das wissenschaftliche 
Verständnis des Traumes ist' nämlich trotz mehrtausendjähriger Be- 
mühung sehr wenig 'weit gediehen. ^Dies wird von den Autoren so 
allgemein zugegeben, daß es überflüssig scheint, einzelne Stimmen 
anzuführen. In den Schriften, deren Verzeichnis ich zum Schlüsse 
meiner Arbeit anfüge, finden sich viele anregende Bemerkungen und 
reichlich interessantes Mat&rial zu unserem Thema, aber nichts oder 
wenig, was das AVesen des Traumes träfe oder eines seiner Rätsel 
endgültig löste. Noch weniger ist natürlich in das Wissen der gebil- 
deten Laien übergegangen. 

Welche Auffassung der liaum in den Urzeiten der Menschheit 
bei den primitiven Völkern gefunden und welchen Einfluß er auf 
die Bildung ihrer Anschauungen von der Welt und von der Seele 
genommen haben mag, das ist ein THema von so hohem Interesse, 
daß ich es nur ungern von der Bearbeitung in diesem Zusammenhange 
ausschließe. Ich verweise auf die bekannten Werke von Sir J. Lub- 
bock, H. Spencer, E. B. Tylor u. a. und füge nur hinzu, daß 
uns die Tragweite dieser Probleme und Spekulationen erst begreif- 
lich werden kann, nachdem wir die uns vorschwebende Aufgabe der 
„Traumdeutung" erledigt haben. 

* Bis zur ersten VeröffentJicliung dieses Buches 1900. 
Freud, Traumdeutung, g. Aufl. 1 

i i\ '^n\i> Or[g f n a I f no m 

^y VjUO^H^ UNIVERSIir OF MICHIGAN 



2 !• IHe wisMiMchaftliche Literatar der Traamprobleme. 

Ein Nachklang der urzeitlichen Auffassung des Traumes Hegt 
offenbar der Traumschätzung bei den Völkern des klassischen Alter- 
tums zu Grunde*. Es war bei ihnen Voraussetzung, daß die Träume 
mit der Welt übermenschlicher Wesen, an die sie glaubten, in Bezie- 
hung stünden und Offenbarungen von Seite der Götter und Dämonen 
brächten. Ferner drängte sich ihnen auf, daß die Träume eine für 
den Träumei bedeutsame Absicht hätten, in der Regel, ihm die Zu- 
kunft zu verkünden. Die außerordentliche Verschiedenheit in dem 
Inhalt und dem Eindruck der Träume machte es allerdings schwieng, 
eine einheitliche Auffassung derselben durchzuführen und nötigte zu 
mannigfachen Unterscheidungen und Gruppenbildungen der Träume» 
je nach ihrem .Wert und ihrer Zuverlässigkeit. Bei den einzelnen 
Philosophen des Altertums war die Beurteilung des Traumes natür- 
lich nicht unabhängig von der Stellung, die sie der M antik über- 
haupt einzuräumen bereit waren. 

In den beiden den Traum behandelnden Schriften des Aristo- 
teles ist der Traum bereits Objekt der Psychologie geworden. Wir 
hören, der Traum sei nicht ffottgesandt, nicht göttlicher Nat«", wohl 
aber dämonischer, da ja die Natur dämonisch, nicht göttlich ist, d. h. 
der Traum entstammt keiner übernatürlichen Offenbarung, sondern 
folgt aus den Gesetzen des allerdings mit der Gottheit verwandten 
menschlichen Geistes. Der Traum wird definiert als die Seelentätig- 
keit des Schlafenden, insofern er schläft. 

Aristoteles kennt einige der Charaktere des Traumlebens, 
z. B. daß der Traum kleine, während des Schlafes eintretende Beize 
ins Große umdeutet („man glaubt, durch ein Feuer zu gehen ,und 
heiß zu werden, wenn nur eine ganz unbedeutende Erwärmung dieses 
oder jenes Gliedes stattfindet")» nnd zieht aus diesem Verhalten den 
Schluß, daß die Träume sehr wohl die ersten bei Tag nicht bemerk- 
ten Anzeichen einer beginnenden Veränderung im Körper dem Arzte 
verraten können**. 

Die Alten vor Aristoteles hatten den Traum wie erwähnt 
nicht für ein Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern für 
eine Eingebung von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen 
Strömungen, die wir in der Schätzung des Traumlebens als jederzeit 
vorhanden auffinden werden, machten sich bereits bei ihnen geltend. 
Man unterschied wahrhafte und wertvolle Träume, dem Schläfer ge- 
sandt, um ihn zu warnen oder ihm die Zukunft zu verkünden, von 
eitlen, trügerischen und nichtigen, deren Absicht es war, ihn in die 
Irre zu führen oder ins Verderben zu stürzen. 

Gruppe (Griechische Mythologie und Religionsgeschichte, p. 390) 
gibt eine solche Einteilung der Träume nach Makrobius und Ar- 
temidoros wieder: „Man teilte die Träume in zwei Klassen. Die 
eine sollte nur durch die Gegenwart (oder Vergangenheit) beeinflußt, 
für die Zukunft aber bedeutungslos sein; sie umfaßte die ivuicvio, 
insomnia, die unmittelbar die gegebene Vorstellung oder ihr Gegenteil 
wiedergeben, z. B. den Hunger oder dessen Stillung, und die qpavtaa- 

* Das Folgende nach BüchsenschütE* sorgfältifzrer Darstelluufr. 
** ÜbefT die Beziehung des Traumes zu den Krankheiten handelt der (zrrie- 
chischo Arzt Hippokrates in einem Kapitel seines berühmten Werkes. 



C n,n n 1 i> Orf g f n a I f no m 

v.:-UUgH^ UNIVERSlirOF MICHIGAN 



Die Traamlehre der Alten. 5 

jiita, welche die gegebene Vorstellung phantastisch erweitern, wie z. B. 
der -Alpdruck, Ephialtes. Die andere Klasse dagegen galt als bestim- 
mend für die Zukunft; zu ihr gehören: 1. die direkte Weissagung, 
die man im Traume empfängt (xp>3jAatiajji6rj oraculum), 2. das Voraus- 
sagen eines bevorstehenden Ereignisses (opafAct, visio), 3. der symbo- 
lische, der Auslegung bedürftige Traum (oveipoc, somnium). Diese 
Theorie hat sich viele Jahrhunderte hindurch erhalten.'* 

"Mit dieser wechselnden Einschätzung der Träume stand die Auf- 
gabe einer „Traumdeutung" im Zusammenhange. Da man von den 
Träumen im allgemeinen wichtige Aufschlüsse erwartete, aber nicht 
alle Träume unmittelbar verstand und nicht wissen konnte, ob nicht 
ein bestimmter unverständlicher Traum doch Bedeutsames ankündigte, 
war der Anstoß zu einer Bemühung gegeben, welche den unverständ- 
lichen Inhalt des Traumes durch einen einsichtlichen und dabei be- 
deutungsvollen ersetzen konnte. Als die größte Autorität in der Traum- 
deutung galt im späteren Altertum Artemidoros aus Daldis, 
dessen ausführliches Werk uns für die verloren gegangenen Schrif- 
ten des nämlichen Inhaltes entschädigen muß'*'. 

Die vorwissenschaftliche Traum auf fassung der Alten stand sicher- 
lich im vollsten Einklänge mit ihrer gesamten Weltanschauung, wel- 
che als Realität in die Außenwelt zu projizieren pflegte, was hur 
innerhalb des Seelenlebens Realität hatte. Sie trug überdies dem 
Haupteindruck Rechnung, welchen das Wachleben dtirch die am Mor- 
gen übrigbleibende Erinnerung von dem Traume empfängt, denn in 
dieser Erinnerung stellt sich der Traum als etwas Fremdes, das gleich- 
sam aus einer anderen Welt herrührt, dem übrigen ps3'chischen Inhalt 
entgegen. Es wäre übrigens irrig zu meinen, daß die Lehre von 
der übernatürlichen Herkunft der Träume in unseren Tagen der An- 
hänger entbehrt; von allen pietistischen und mystischen Schriftstel- 
lern abgesehen — die ja recht daran tun, die Reste des ehemals 
ausgedehnten Gebietes des Übernatürlichen besetzt zu halten, solange 
sie nicht durch naturwissenschaftliche Erklärung erobert sind — , 
trifft man doch auch auf scharfsinnige und allem Abenteuerlichen 
abgeneigte Männer, die ihren religiösen Glauben an die Existenz und 
an dsA Eingreifen übermenschlicher Geisteskräfte gerade auf die Un- 
erklärbarkeit der Traumerscheinungen zu stützen versuchen (Haff- 
ner). Die Wertschätzung des Traumlebens von Seite mancher Philo- 
sophenschulen, z. B. der Schellingianer, ist ein deutlicher Nach- 
klang der im Altertum unbestrittenen Göttlichkeit des Traumes, und 
auch "über die divinatorische, die Zukunft verkündende Kraft des 
Traiunee ist die Erörterung nicht abgeschlossen, weil die psycho- 
logischen Erklärungsversuche zur Bewältigung des angesammelten 
Materials nicht ausreichen, so unzweideutig auch die Sympathien 

* Die weiteren Schicksale der Traumdeutung im Mittelaller siehe bei 
Diepgen und in den Spezialuntersuchungen von M. Fürster, Gotthard 
u. a. Über die Traumdeutung: bei den Juden handeln Almoli, Amram, Lö- 
winger «owie neuestens, mit Berücksichtigung des psychoanalytischen Stand- 
punktes, Lauer. Kenntnis der arabischen Traumdeutung vermitteln Drexl, 
F. Sohwarz nnd der Missionär Tfinkdji, der japinischen 31 iura und 
Iwaya» der chinesischen Seoker, der indischen Negelein. 

Original from 



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^y ^UiJgH^ UNIVERSIir OF MICHIGAN 



4 I. I-^ie wisseiischaAliche Literatur der Traamprobleme. 

eines jeden, der sich der wissenschaftlichen Derikung.-art ergeben hat, 
zur Abweisung einer solchen Behauptung hinneigen mögen. 

Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der Traum- 
probleme zu schreiben ist darum so schwer, weil in dicvser Erkennt- 
nis, so Wertvoll sie an' einzelnen Stellen geworden sein mag, ein Fort- 
schritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist. Es ist nicht 
zur Bildung eines Unterbaues von gesicherten Resultaten gekommen, 
auf dem dann ein nächstfolgender Forscher weitergebaut hätte, son- 
dern jeder neue Autor faßt die nämlichen Probleme von neuem tind 
wie vom Ursprung her wieder an. AVoUte ich mich an die Zeitfolge 
der Autoren halten und von jedem einzelnen im Auszug berichten, 
welche Ansichten über die Traumprobleme er geäußert, so müßte ich 
darauf verzichten, ein übersichtliches Gesamtbild vom gegenwärtigen 
Stande der Traumerkenntnis zu entwerfen; ich habe es darum vor- 
gezogen, die Darstellung an die Themata anstatt an die Autoren an- 
zuknüpfen und werde bei jedem der Traumprobleme anführen, was 
an Material zur Lösung desselben in der Literatur niedergelegt ist. 

Da es mir aber nicht gelungen ist, die gesamte, so sehr ver- 
sti-euto und auf anderes übergreifende Literatur des Gegenstandes zu 
bewältigen, so muß ich meine Leser bitten, sich zu bescheiden, wenn 
nur keine grundlegende Tatsache und kein bedeutsamer Gesichtspunkt 
in meiner Darstellung verloren gegangen ist. 

Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sieli veranlaßt ge- 
sehen, Schlaf und Traum in dem nämlichen Zusammenhange abzu- 
handeln, in der Regel auch die Würdigung analoger Zustände, welche 
in die Psychopathologie reichen, und traumähnlicher Vorkommnisse 
(wie der Halluzinationen, Visionen usw.) anzuschließen. Dagegen zeigt 
sich in den jüngsten Arbeiten das Bestreben, das Thema eingeschränkt 
zu halten und etwa eine einzelne Frage aus dem Grebiete des Traum- 
lebens zum Gegenstand zu nehmen. In dieser Veränderung möchte 
ich einen Ausdruck der Überzeugung sehen, daß in so dunklen Din- 
gen Aufklärung und Übereinstimmung nur durch eine Reihe von* De- 
tailuntersuchungen zu erzielen sein dürften. Nichts anders als eine 
solche Detailuntersuchung, und zwar speziell psychologischer Natur, 
kann ich hier bieten. Ich hatte wenig Anlaß, mich mit dem Problem 
des Schlafes zu befassen, denn dies ist ein wesentlich ph3\siologiscbeb^ 
Problem, wenngleich in der Charakteristik des Schlafzustandes die 
Veränderung der Funktionsbedingungen für den seelischen Apparat 
mitenthalten sein muß. Es bleibt also auch die Literatur des Schlafes 
hier außer Betracht. 

Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an sich 
führt zu den folgenden, zum Teil ineinanderfließenden Fragestellungen : 

n) Beziehung des Traumes zum Wachlcben. Das naive 
Urteil des Erwachten nimmt an, daß der Traum, — wenn er schon 
nicht aus einer anderen Welt stammt — doch den Schläfer in eine 
andere Welt entrückt hatte. Der alte Physiologe Burdach, dem 
wir eine sorgfältige und feinsinnige Beschreibung der Traumphäno- 
mene verdanken, hat dieser Überzeugung in einem vielbemerkten Satze 
Ausdruck gehoben (p. 474): ,, . . . nie wiederholt sich das Leben 
dos Tagei> mit seinen Anstrengungen und Genüssen, seinen Freuden 

C f\n n 1 ^ Or[g f n a I f ro m 

^y ^UiJgH^ , UNIVERSIir OF MICHIGAN 



BeziehoDg zum Wachleben. 5 { 

und Schmerzen, vielmehr geht der Traum darauf aus, uns davon zu 
befreien. Selbst wenn unsere ganze Seele von einem Gegenstand er- 
füllt war, wenn tiefer Schmerz unser Inneres zerrissen oder eine Auf- 
gabe unsere ganze Geisteskraft in Anspruch genommen hatte, gibt 
uns der Traum' entweder etwas ganz Fremdartiges oder er nimmt aus 
der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen Kombinationen 
oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein und symbolisiert 
die Wirklichkeit." — J. H. Fichte (I, 541) spricht im selben Sinne 
direkt von Ergänzungsträumen und nennt diese eine von den 
geheimen Wohltaten selbstheilender Natur des Geistes. In ähnlichem 
Sinne äußert sich noch L.Strümpell in der mit Recht von allen 
Seiten hochgehaltenen Studie über die Natur und Entstehung der 
Träume (p. 16) : „Wer träumt, ist der Welt des wachen Bewußt- 
seins abgekehrt . . ." (p. 17): „Im Traume geht das Gedächtnis für 
den geordneten Inhalt des wachen Bew.ußtseins und dessen normales 
Verhalten eo gut wie ganz verloren . . ." (p. 19): „Die fast erin- 
nerungslose Abgeschiedenheit der Seele im Traume von dorn regel- 
mäßigen Inhalt und Verlaufe des wachen Lebens. . ." 

Die überwiegende Mehrheit der Autoren hat aber für die Be- 
ziehung des Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auffassung 
vertreten. So Haf fner (p. 19) : „Zunächst setzt der Traum das 
Wachleben fort. Unsere Träume schließen sich stets an die kurz 
zuvor im Bewußtsein gewesenen Vorjstellungen an. Eine genaue Be- 
obachtung wird beinahe immer einen Faden finden, in welchem der 
Traum an die Erlebnisse des vorhergehenden Tages anknüpfte." Wey- 
gandt (p. 6) widerspricht direkt der oben zitierten Behauptung Bur- 
dachs, „denn es läßt sich oft, anscheinend in der überwiegenden 
Mehrzahl der Träume beobachten, daß dieselben uns gerade ins ge- 
wöhnliche Leben zurückführen, statt uns davon zu befreien." Maury 
(p. 56) sagt in seiner knappen Formel: „Nous revons de ce que nous 
avons vu, dit, desire ou fait"; Jessen in seiner 1855 erschienenen '* 

Psychologie (p. 530) etwas ausführlicher: „Mehr oder ^^eniger wird 
der Inhalt der Träume stets bestimmt durch die individuelle Per- 
sönlichkeit, durch das Lebensalter, Geschlecht, Stand, Bildungsstufe, 
gewohnte Lebensweise und durch die Ereignisse und Erfahrungen 
des ganzen bisherigen Lebens." 

Am unzweideutigsten nimmt zu dieser Frage der Philosoph 
I. G. E. M a a ß (Über die Leidenschaften, 1805) Stellung : „Die Er- 
fahrung bestätigt unsere Behauptung, daß wir am häufigsten von 
den Dingen träumen, auf welche unsere wärmsten Leidenschaften ge- 
richtet sind. Hieraus sieht man, daß unsere Leidenschaften auf die 
Erzeugung unserer Träume Einfluß haben müssen. Der Ehrgeizige 
träumt von den (vielleicht nur in seiner Einbildung) errungenen oder 
noch zu erringenden Lorbeeren, indes der Verliebte sich in seinen 
Träumen mit dem Gegenstand seiner süßen Hoffnungen beschäftigt. . . 
Alle sinnlichen Begierden und Verabscheuungen, die im Herzen schlum- 
mern, können, wenn sie durch irgend einen Grund angeregt werden, 
bewirken, daß aus den mit ihnen vergesellschafteten Vorstellungen 
ein Traum entsteht oder daß sich diese Vorstellungen in einen bereits 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f no m 

^y ^UiJgH^ UNIVERSIir OF MICHIGAN 



(} I. Die wiflsenschaftUche Literatur der Traum probleme. 

vorhandenen Traum einmiselien." (Mitpceteilt von Winterstein im 
„Zbl. für Psychoanalyse".' 

Nicht andere dachten die Alten über die Abhängigkeit des Traum - 
Inhaltes vom Leben. Ich zitiere nach Radestock (p. 139): Als 
Xerx&? vor seinem Zuge gegen Griechenland von diesem seinem Ent- 
schluß durch guten Rat abgelenkt, durch Träume aber immer wieder 
dazu angefeuert wurde, sagte schon der alte rationelle Traumdeuter 
der Perser, Artabanos, treffend zu ihm, daß die Traumbilder meist 
das enthielten, was der Mensch schon im Wachen denke. 

Im Lehrgedichte des Lucretius, De rerum natura, findet sich 
(IV, V. 959) die Stelle: 

„Et quo quisque fere studio devinctus adhaeret, 
aut quibus in rebus multum suimus ante morati 
atquo in ea ratione fuit contenta magis mens, 
in eomnis eadem plferumque videmur obire ; 
rausidici causas agere et componere leges. 
induperatores pugnare ac proeÜa obire," etc. 

Cicero (De Divinatione II) sagt ganz ähnlich, wie so viel später 
M a u r y : „Maximeque reliquiae earum rerum moventur in animis et 
agitantur, de quibus vigilantes aut cogitavimus aut egimus." 

Der Widerspruch dieser beiden Ansichten über die Beziehung 
von Traumleben und Wachleben scheint in der Tat unauflösbar. Es 
ist darum am Platz, der Darstellung von F. W. Hildebrandt (1875) 
zu gedenken, welcher meint, die Eigentümlichkeiten des Traumes 
ließen sich überhaupt nicht anders beschreiben als durch eine „Reihe 
von Gregensätzen, welche scheinbar bis zu Widersprüchen sich zu- 
spitzen*' (p. 8). „Den ersten dieser Gegensätze bilden einerseits die 
strenge Abgeschiedenheit oder Abgeschlossenheit des 
Traumes von dem wirklichen und wahren Leben und anderseits das 
stete Hinübergreifen des einen in das andere, die stete Abhän- 
gigkeit des einen von dem anderen. — Der Traum ist etwas von der 
wachend erlebten Wirklichkeit durchaus Gesondertes, man möchte 
sagen, ein in sich selbst hermetisch abgeschlossenes Dasein, von dem 
wirklichen Leben getrennt durch eine unübersteigliche Kluft. Er macht 
uns von der Wirklichkeit los, löscht die normale Erinnerung an die- 
selbe in uns aus und stellt uns in eine andere Welt 'und in eine ganz 
andere Lebensgeschichte, die im Grunde nichts mit der wirklichen zu 
schaff eai hat. . ." Hildebrandt führt dann aus, wie mit dem Ein- 
fichlafeii unser ganzes Sein mit seinen Existenzformen „wie hinter 
einer unsichtbaren Falltür" verschwindet. Man macht dann etwa im 
Traume eine Seereise nach St. Helena, um dem dort gefangenen Na- 
poleon etwas Vorzügliches in Moselweinen anzubieten. Man wird von 
dem Exkaiser aufs liebenswürdigste empfangen und bedauert fast, die 
interessante Illusion durch das Erwachen gestört zu sehen. Nun aber 
vergleicht man die Traumsituation mit der Wirklichkeit. Man war 
nie Weinhändler und hat's auch nie werden wollen. Man hat nie eine 
Seereise gemacht und würde St. Helena am wenigsten zum Ziele einer 
solchen nehmen. Gegen Napoleon hegt man durchaus keine sympa- 
thische Gesinnung, sondern einen grimmigen patriotischen Haß. Und 



r^onnlp^ Original from 

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Das Traum iDateriftl. 7 

ZU alledem wai* der Träumer überhaupt noch nicht unter den Leben- 
den, als Napoleon auf der Insel starb; eine persönliche Beziehung 
zu ihm zu knüpfen lag außerhalb des Bereiches der Möglichkeit. So 
erscheint das Traumerlebnis als etwas eingeschobenes Fremdes zwi- 
echen zwei vollkommen zueinander passenden und einander fortset- 
zenden Lebensabschnitten. 

„Und dennoch," setzt Hildebrandt fort, , .ebenso wahr und 
richtig ist das scheinbare Gegenteil. Ich meine, mit dieser Ab- 
geschlossenheit und Abgeschiedenheit geht doch die innigste Bezie- 
hung und Verbindung Hand in Hand. Wir dürfen geradezu sagen: 
Was der Traum auch irgend biete, er nimmt das Material dazu aus 
der Wirklichkeit und aus dem Geistesleben, welches an dieser Wirk- 
lichkeit sich abwickelt. . . . Wie wunderlich er's damit treibe, er 
kann doch eigentlich niemals von der realen Welt los imd seine sub- 
limsten wie possenhaften Gebilde müssen immer ihren Grundstoff 
entlehnen von dem, was entweder in der Sinnenwelt uns vor Au^n ge- 
treten ist oder in unserem wachen Gedankengange irgendwie bereits 
Platz gefunden hat, mit anderen Worten, von dem, was wir äußer- 
lich oder innerlich bereits erlebt haben." 

b) Das Traummaterial. — Das Gedächtnis im Traume- 
Daß alles Material, was den Trauminhalt zusammensetzt, auf irgend 
eine Weis^». vom Erlebten abstammt, also im Traume reproduziert, 
erinnert wird, dies wenigstens darf uns als unbestrittene Erkenntnis 
gelten. Doch wäre es ein Irrtum anzunehmen, daß ein solcher Zu- 
sammenhang des Trauminhaltes mit dem Wachleben sich mühelos als 
augenfälliges Ergebnis der angestellten Vergleichung ergeben müsse. 
Derselbe muß vielmehr aufmerksam gesucht werden und weiß sich 
in einer ganzen Reihe von Fällen für lange Zeit zu verbergen. Der 
Grund hiefür liegt in einer Anzahl von Eigentümlichkeiten, welche 
die Erinnerungsfähigkeit im Traume zeigt, und die, obwohl allgemein 
bemerkt, sich doch bisher jeder Erklärung entzogen haben. Es wird 
der Mühe lohnen, diese Charaktere eingehend zu würdigen. 

Es kommt zunächst vor, daß im Trauminhalt ein Material auf- 
tritt, welches man dann im Wachen nicht als zu seinem Wissen und 
*Erleben gehörig anerkennt. Man erinnert wohl, daß man das Be- 
treffende geträumt, aber erinnert nicht, daß und wann man es erlebt 
hat. Man bleibt dann im unklaren darüber, aus welcher Quelle der 
Traum geschöpft hat, und ist wohl versucht, an eine selbständig pro- 
duzierende Tätigkeit des Traumes zu glauben, bis oft nach langer 
Zeit ein neues Erlebnis die verloren gegebene Erinnerung an das 
frühere Erlebnia wiederbringt und damit die Traumquelle aufdötkt- 
Man inuß dann zugestehen, daß man im Traume etwas gewußt lind ler- 
innert hat, was der Erinnerungsfähigkeit im Wachen entzogen war*. 

Ein beeonders eindrucksvolles Beispiel dieser Art erzählt Del- 
boeuf aus seiner eigenen Traumerfahrung. Er sah im Traume den 
Hof seines Hauses mit Schnee bedeckt und fand zwei kleine Eidechsen 
halb erstarrt und unter dem Schnee begraben, die er als Tierfreund 

^ Yasohide behauptet aucb, es sei oft bemerkt worden, daß maa im 
Tmume fremde Sprachen geläufiger und peiner spreche als im Wachen. 



C n,n n 1 i> Orf g f n a I f no m 

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g I. Die wiBsenflchaftUche Literatur der Traumprobleme. 

aufnahm, erwärmte und in die für sie bestimmte kleine Höhle im 
Gemäuer zurückbrachte. Auüerdem steckte er ihnen einige Blätter 
Ton einem kleinen Famkraut zu, das auf der Mauer wuchs und das 
sie, wie er wußte, sehr liebten. Im Traume kannte er den Namen der 
Pflanze: Asplenium ruta muralis. — Der Traum ging dann weiter, 
kehrte nach einer Einschaltung zu den Eidechsen zurück und zeigte' 
Delboeuf zu seinem Erstaunen zwei neue Tierchen, die äich über 
die rfieste der Farne hergemacht hatten. Dann wandte er den Blick 
aufs freie Feld, sah eine 'fünfte, eine sechste Eidechse den Weg zu 
dem Loche in der Mauer nehmen und endlich war die ganze Straße 
bedeckt von einer Prozession von Eidechsen, die alle in derselben 
Bichtung wanderten. 

Delboeufs Wissen umfaßte im Wachen nur wenige lateinische 
Pflanzennamen und schloß die Kenntnis eines Asplenium nicht ein. 
Zu seinem großen Erstaunen mußte er sich überzeugen, daß <;in Farn 
dieses Namens wirklich existiert. Asplenium ruta muraria war seine 
richtige Bezeichnung, die der Traum ein wenig entstellt hatte. An 
ein zufälliges Zusammentreffen konnte man wohl nicht denken; es 
blieb aber für Delboeuf rätselhaft, woher er im Traume die Kennt- 
nis des Namens Asplenium genommen hatte. 

Der Traum war im Jahre 1862 vorgefallen; sechzehn Jahre 
später erblickt der Philosoph bei einem seiner Freunde, den er be- 
sucht, ein kleines Album mit getrockneten Blumen, wie sie als Er- 
innerungsgaben in manchen Gregenden der Schweiz an die Fremdöi 
verkauft werden. Eine Erinnerung steigt in ihm auf, er öffnet das 
Herbarium, findet in demselben das Asplenium seines Traumes und 
erkennt seine eigene Handschrift in dem beigefügten lateinischen 
Namen. Nun ließ sich der Zusammenhang herstellen. Eine Schwester 
dieses Freundes hatte im Jahre 1860 — zwei Jahre vor dem Eidech- 
sentraume — auf der Hochzeitsreise Delboeuf besucht. Sie hatte 
damals dieses für ihren Bruder bestimmte Album bei sich, und Del- 
boeuf unterzog sich der Mühe, unter dem Diktat eines Botanikers 
zu jedem der getrockneten Pflänzchen den lateinischen Namen hinzu- 
zuschreiben. 

'Die Gunst des Zufalls, welche dieses Beispiel so sehr mitteilens-« 
wert macht, gestattete Delboeuf, noch ein anderes Stück aus dem 
Inhalt dieses Traumes auf sein^ vergessene Quelle zurückzuführen. 
Eines Tages im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Band einer illustrierten 
Zeitschrift in die Hände, in welcher er den ganzen Eidechsenzug ab- 

febildet sah, wie er ihn 1862 geträumt hatte. Der Band trug die 
abreszahl 1861 und Delboeuf wußte sich zu erinnern, daß er von 
dem Erscheinen der Zeitschrift an zu ihren Abonnenten gehört hatte. 
Daß der Traum über Erinnerungen verfügt, welche dem Wachen 
unzugänglich sind, ist eine so merkwürdige und theoretisch bedeut- 
same Tatsache, daß ich durch Mitteilung noch anderer „hypermnesti- 
scher" Träume die Aufmerksamkeit für sie verstärken möchte. Maury 
erzählt, daß ihm eine Zeitlang das Wort Mussidan bei Tag in 
den Sinn zu kommen pflegte. Er wußte, daß es der Name einer 
franjwsischen Stadt sei, aber weiter nichts. Eines Nachts träumte ihm 
von einer Unterhaltung mit einer gewissen Person, die ihm sagte, sie 



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iy ^UiJgH^ UNIVERSIir OF MICHIGAN 



Da» TraumgedächtniV. — Hjpermnesie de» Traames. ^ 

käme aus Mussidan, und auf seine Frage, wo die Stadt liege, zur 
Antwort gab: Mussidan sei eine Kreisstadt im Departement 
de la Dordogne. Erwaeht, schenkte Maury der im Traume er- 
haltenen Auskunft keinen Glauben; das geographische Lexikon be- 
lehrte ihn aber, daß sie vollkommen richtig sei. In diesem Falle ist 
das Mehrwissen des Traumes bestätigt, die vergessene Quelle diese© 
Wissens ^ber nicht aufgespürt worden. 

Jessen erzählt (p. 55) ein ganz ähnliches Traum Vorkommnis 
aus älteren 2^iten: „l5ahin gehört unter anderem der Traum des 
älteren Scaliger (Hennings 1. c, p. 300), ^welcher ein Gedicht 
«um Lobe der berühmten Männer in Verona schrieb und dem ein Mann, 
welcher sich Brugnolus nannte, im Traume erschien und sich be- 
klagte, daß er vergessen sei. Obgleich Scaliger sich nicht erinnerte, 
je etwas von ihm gehört zu haben, so machte er doch Verse auf ihn, 
und sein Sohn erfuhr nachher in Verona, daß ehemals ein solcher 
Brugnolus als Kritiker daselbst berühmt gewesen sei." 

Einen hypermnestischen Traum, welcher sich durch die besondei^e 
Eigentümlichkeit auszeichnet, daß sich in einem darauffolgenden Traum 
die Agnoszierung der zuerst nicht erkannten Erinnerung vollzieht, 
erzählt der Marquis d'Hervey de St. Denis (nach Vaschide, 
p. 232): ,Jch träumte einmal von einer jungen Frau mit goldblondem 
Haar, die ich mit meiner Schwester plaudern sah, während sie ihr 
eine Stickereiarbeit zeigte. Im Traume kam sie mir sehr bekannt vor, 
ich meinte sogar, sie zu wiederholten Malen gesehen zu haben. Nach 
dem Erwachen habe ich dieses Gesicht noch lebhaft vor mir, kann 
es aber absolut nicht erkennen. Ich schlafe nun wieder ein; das 
Traumbild wiederholt sich. In diesem neuen Traume spreche ich nun 
die blonde Dame an und frage sie, ob ich nicht schon das Vergnügen 
gehabt, sie irgendwo zu treffen. Gewiß, antwortet die Dame, erinnern 
Sie sich nur an das Seebad von Pornic. Sofort wache ich wieder auf 
und weiß mich nun mit aller Sicherheit an die Einzelheiten zu "be- 
sinnen, mit denen dieses anmutige Traumgesicht verknüpft war.** 

Derselbe Autor (bei Vaschide, p. 233) berichtet: 
Ein ihm bekannter Musiker hörte einmal im Traum eine Melodie^ 
die ihm völlig neu erschien. Erst mehrere Jahre später fand er die- 
selbe in einer alten Sammlung von Musikstücken aufgezeichnet, die 
vorher in der Hand gehabt zu haben er sich noch immer nicht er- 
innert. 

An einer inir leider nicht zugänglichen Stelle (Proceedings of 
the Society for peychical research) soll Myers eine ganze Sammlung 
solcher hypermnestischer Träume veröffentlicht haben. Ich meine, 
jeder, der sich mit Träumen beschäftigt, wird es als ein aehr ge- 
wöhnliches Phänomen anerkennen müssen, daß der Traum Zeugnis für 
Kenntnisse tind Erinnerungen ablegt, welche der Wachende nicht zu 
besitzen vermeint. In den psychoanalytischen Arbeiten mit Nervösen, 
von denen ich später berichten werde, komme ich jede Woche mehr- 
mals in die Lage, den Patienten aus ihren Träumen zu beweisen, daß 
sie Zitate, obszöne Worte u. dgl. eigentlich sehr gut kennen, und 
daß sie sich ihrer im Traume bedienen, obwohl sie sie im wachen 



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V.,UUgH^ UNIVERSlirOF MICHIGAN 



IQ 1. Die wLssenscIiafUiche Literatur der Traamprobleme. 

Leben vergessen haben. Einen harmlosen Fall von Traumhypermaesi& 
will ich hier noch mitteilen, weil sich bei ihm die Quelle, aus wel- 
cher die nur dem Traume zugängliche Kenntnis stammte, sehr leicht 
auffinden ließ. 

Ein Patient träumte in einem längeren Zusammenhange, daß 
er sich in einem Kaffeehause eine „Kontuszöwka" geben lasse, fragte 
aber nach der Erzählung, was das wohl sei ; er habe A^n Namen 
nie gehört. Ich konnte antworten, Kontuszowka sei ein polnischer 
Schnaps, den er im Traume nicht erfunden haben könne, da mir .der 
Name von Plakaten her schon lange bekannt sei. Der Mann wollte 
mir zuerst keinen Glauben schenken. Einige Tage später, nachdem 
er seinen Traum im Kaffeehause hatte zur Wirklichkeit werden lassen, 
bemerkte er den Namen auf einem Plakat, und zwar an einer Straßen- 
ecke, welche er seit Monaten wenigstens zweimal im Tage hatte pas- 
meren müssen. 

Ich habe selbst an eigenen Träumen erfahren, wie sehr man 
mit der Aufdeckung der Herkunft einzelner Traumelemente vom 
Zufalle abhängig bleibt. So verfolgte mich durch Jahre vor der Ab- 
fassung dieses Buches das Bild eines sehr einfach gestalteten Kirch- 
turmes, 'den gesehen zu haben ich mich nicht erinnern konnte. Ich 
erkannte ihn dann plötzlich, und zwar mit voller Sicherheit, auf einer 
^kleinen Station zwischen Salzburg und Reichenhall. Es war in der 
zweiten Hälfte der Neunzigerjahre, und ich hatte die Strecke im 
Jahre 1886 zum erstenmal befahren. In späteren Jahren, als ich 
mich bereits intensiv mit dem Studium der Träume beschäftigte, 
wurde das häufig wiederkehrende Traumbild einer gewissen merk- 
würdigen Lokalität mir geradezu lästig. Ich sah in bestimmter ört- 
licher Beziehung zu meiner Person, zu meiner Linken, einen dunklen 
Raum, aus dem mehrere groteske Sandstein figuren hervorleuchteten. 
Ein Schimmer von Erinnerung, dem ich nicht recht glauben wollte, 
«agte mir, es sei ein Eingang in einen Bierkeller; es gelang mir aber 
weder aufzuklären, was dieses Traumbild bedeuten wolle, noch woher 
es jstamme. Im Jahre 1907 kam ich zufällig nach Padua, das ich zu 
meinem Bedauern seit 1895 nicht wieder hatte besuchen können. 
Mein erster Besuch in der schönen Universitätsstadt war unbefrie- 
digend geblieben; ich hatte die Fresken Giottos in der Madonna 
deir Arena nicht besichtigen können und machte mitten auf der 
dahin führenden Straße Kehrt, als man mir -*iitteilte, das Kirchlein 
sei an diesem Tage gesperrt. Bei meinem zweiten Besuche, zwölf 
Jahre später, gedachte ich mich zu entschädigen und suchte vor allem 
den Weg zur Madonna deir Arena auf. An der zu ihr führenden 
Straße, linkerhand von meiner AVegrichtung, wahrscheinlich an der 
Stelle, wo ich 1895 umgekehrt war, entdeckte ich die Lokalität, die 
ich 80 oft im Traume gesehen hatte, mit den in ihr enthaltenen Sand- 
steinfiguren. Es war in der Tat der Eingang in einen Hestaurations- 
garten. 

Eine der Quellen, aus welcher der Traum Material zur Re- 
produktion bezieht, zum Teil solches, das in der Denktätigkeit des 
Wachens nicht erinnert und nicht verwendet wird, ist das Kind- 



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Infantiles Material im Traame. ]^j|^ 

heitsleben. Ich werde nur einige der Autoren anführen, die dies 
bemerkt und betont haben: 

Hildebrandt (p. 23): „Ausdrücklich ist schon zugegeben wor^ 
den, daß der Traum bisweilen mit wunderbarer Beproduktionskraft 
uns abgelegene und selbst vergessene Vorgänge aus fernster Zeit 
treu vor die Seele zurückführt." 

Strümpell (p. 40): „Die Sache steigert sich noch mehr, wenn 
man bemerkt, wie der Traum mitunter gleichsam aus den tiefsten 
und massenhaftesten Verschüttungen, welche die spätere Zeit auf die 
frühesten Jugenderlebnisse gelagert hat, die Bilder einzelner Lokali- 
täten, Dinge, Personen ganz unversehrt und mit ursprünglicher 
Frische wieder hervorzieht. Dies, beschränkt sich nicht bloß auf 
solche Eindrücke, die bei ihrer Entstehung ein lebhaftes Bewußtsein 
gewonnen oder sich mit starken psychischen Werten verbunden haben, 
und nun später im Traume als eigentliche Erinnerungen wiederkehren, 
im denen das erwachte Bewußtsein sich erfreut. Die Tiefe des Traum- 
gedächtnisses umfaßt vielmehr auch solche Bilder von Personen' 
Dingen, Lokalitäten und Erlebnissen der frühesten Zeit, die entweder 
nur ein geringes Bewußtsein oder keinen psychischen Wert besaßen 
^er längst das eine wie das andere verloren hatten und deshalb auch 
«owohl im Traume wie na,ch dem Erwachen als gänzlich fremd und 
unbekannt erscheinen, bis ihr früher Ursprung entdeckt wird.*' 

Volkelt (p. 119): „Besonders bemerkenswert ist es, wie gern 
Kindheits: und Jugenderinnerungen in den Traum eingehen. Woran 
wir längst nicht mehr denken, was längst für uns alle Wichtigkeit 
verloren: der Traum mahnt uns daran unermüdlich." 

Die Herrschaft des Traumes über das Kiodheitsmatc^ial, welches 
bekajintlich zum größten Teile in die Lücken der bewußten Erin- 
nerungsfähigkeit fällt, gibt Anlaß zur Entstehung von interessanten 
hypermnestischen Träumen, von denen ich wiederum einige Beispiele 
mitteilen will. 

Maury erzählt (p. 9?), daß er von seiner Vaterstadt Meaux 
^ Kind häufig nach dem nahe gelegenen Trilport gekommen war, 
wo eein Vater den Bau einer Brücke leitete. In einer K^acht versetzt 
ihn der Traum nach Trilport und läßt ihn wieder in den Straßen 
der Stadt spielen. Ein Mann nähert sich ihm, der eine Art Uniform 
trägt* Maury fragt ihn nach seinem Namen; er stellt sich vor, er 
heiße C . . • und sei Brückenwächter. Nach dem Erwachen fragt 
der an' der Wirklichkeit der Erinnerung noch zweifelnde Maury 
eine alte Dienerin, die seit der Kindheit bei ihm ist, ob sie sich an 
einen Mann dieses Namens erinnern kann. Gewiß, lautet die Ant- 
wort, er war der Wächter der Brücke, die Ihr Vater djtmals ge- 
baut hat. 

Ein ebenso schön bestätigtes Beispiel von der Sicherheit der im 
Traume auftretenden Kindheitserinnerung berichtet Maury von einem 
Herrn F. . ., der als Kind in Montbrison aufgewachsen war. Die- 
ser Mann beschloß, 25 Jahre nach seinem Weggang, die Heimat 
und alte, seither nicht gesehene Freunde der Familie wieder zu be- 
suchen. In der Nacht vor seiner Abreise träumt er, daß er am Ziele 
^istund in der Nähe von Montbrison einen ihm vom Ansehen 



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X2 !• ^ie wiBsenschaftliche Literatur der Traamprobleme. 

unbekannten Herrn begegnet, der ihm sagt, er sei der Herr T., ein 
Freund seines Vaters. Der Träumer wußte, daß er einen Herrn die- 
ses Namens als Kind gekannt hatte, erinnerte sich aber im Wachen 
nicht mehr an sein Aussehen. Einige Tage später nun wirklich in 
Montbrison angelangt, findet er die für unbekannt gehaltene Lo- 
kalität des Traumes wieder und begegnet einem Herrn, den er sofort 
als den T. des Traumes erkennt. Die wirkliche Person war nur .stärker 
gealtert, als sie das Traumbild gezeigt hatte. 

Ich kann hier einen eigenen Traiun erzählen, in dem der zu 
erinnernde Eindruck durch eine Beziehung ersetzt ist. Ich sah in 
einem Traume eine Person, von der ich im Traume wußte, es sei der^ 
Arzt meines heimatlichen Ortes. Ihr Gesicht war nicht deutlich, sie 
vermengte sich aber mit der Vorstellung eines meiner Gymnasial- 
lehrer, den ich noch heute gelegentlich treffe. Welche Beziehung die 
beiden Personen verknüpfte, konnte ich dann im Wachen nicht aus- 
findig machen. Als ich aber meine Mutter nach dem Arzte dieser 
meiner ersten Kinderjahre fragte, erfuhr ich, daß er einäugig ge- 
wesen war, und einäugig ist auch der Gymnasiallehrer, dessen Person 
die des Arztes im Traume gedeckt hatte. Es waren 38 Jahre her, daß 
ich den Arzt nicht mehr gesehen, und ich habe meines Wissens im 
wacheji Leben niemals an seine Person gedacht, obwohl eine Narbe^ 
am Kinn mich an seine Hilfeleistung hätte erinnern können. 

Es klingt, als sollte ein Gegengewicht gegen die übergroße 
Bolle der Kindheitseindrücke im Traumleben geschaffen werden, 
wenn mehrere Autoren behaupten, in den meisten Träumen ließen 
sich Elemente aus den allerjüngsten Tagen nachweisen. Kobert 
(p. 46) äußert sogar: „Im allgemeinen beschäftigt sich der normale 
Traum nur mit den Eindrücken der letztvergangenen Tage." Wir 
werden allerdings erfahi'en, daß die von Robert aufgebaute Theorie 
des Traumes eine solche Zurückdrängung der ältesten und Vorschie- 
bung der jüngsten Eindrücke gebieterisch fördert. Die Tatsache aber, 
der Robert Ausdruck gibt, besteht, wie ich nach eigenen Unter- 
suchungen versichern kann, zu Recht. Ein amerikanischer Autor Nel- 
son meint, am häufigsten finden sich im Traume Eindrücke vom 
Tage vor dem Traumtage oder vom dritten Tage vorher verwertet, 
als ob die Eindrücke des dem Traume unmittelbar vorherg<ehenden 
Tages nicht abgeschwächt — nicht abgelegen — g^nug wären. 

Es ist mehreren Autoren, die den intimen Zusammenhang des 
Trauminhaltes mit dem Wachleben nicht bezweifeln mochten, auf- 
gefallen, daß Eindrücke, welche das wache Denken intensiv lK?schäf- 
tigen, erst dann im Traume auftreten, wenn sie von der Tages- 
gedankenarbeit einigermaßen zur Seite gedrängt worden sind. So 
träumt man in der Regel von einem lieben Toten nicht die erste 
Zeit, solange die Trauer den Überlebenden ganz ausfüllt (De läge). 
Indes hat eine der letzten Beobachterinnen, Miß Hall am, auch Bei- 
spiele vom gegenteiligen Verhalten gesammelt und vertritt für diesen \ 
Punkt das Recht der psychologischen Individualität. 

Die dritte, merkwürdigste und unverständlichste Eigentümlich- ' 
keit des Gedächtnisses im Traume zeigt sich in der Auswahl des 
reproduzierten Materials, indem nicht wie im Wachen nur das Be- 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f no m 

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Kezentes and indifferentes Material jm Traume. 13 

deutsamste, sondern im Gregenteil auch das Gleithgültigste, Unscliein- 
bai^te der Erinnerung wert gehalten wird. Ich lasse hierüber jene 
Autoren zum Worte kommen, welche ihrer Verwunderung den kräf- 
tigsten Ausdruck gegeben haben. 

Hildebrandt (p. 11): „Denn das ist das Merkwürdigste, daß 
der Traum seine Elemente in der Regel nicht aus den großen und 
tiefgreifenden Ereignissen, nicht aus den mächtigen und treibenden 
Interessen des vergangenen Tages, sondern aus den nebensächlichen 
Zugaben, sozusagen aus den wertlosen Brocken der jüngst verlebten 
oder weiter rückwärts liegenden Vergangenheit nimmt. Der erschüt- 
ternde Todesfall in unserer Familie, unter dessen Eindrücken wir 
«pät einschlafen, bleibt ausgelöscht aus unserem Gedächtnisse, bis 
ihn der erste wache Augenblick mit betrübender Gewalt in das- 
selbe zurückkehren läßt. Dagegen die Warze auf der Stirn eines 
Fremden, der uns begegnete, und an den wir keinen Augenblick mehr 
dachten, nachdem wir an ihm vorübergegangen waren, die spielt eine 
Holle in unserem Traume. . ." 

Strümpell (p. 39): „. . . solche Fälle, wo die Zerlegung eines 
Traumes Beetandteile desselben auffindet, die zwar aus ^en Erleb- 
nissen des vorigen oder vorletzten Tages stammen, aber doch so un- 
bedeutend und wertlos für das wache Bewußtsein waren, daß sie 
kurz nach dem Erleben der Vergessenheit anheimfielen. Dergleichen 
Erlebnisse sind etwa zufällig gehörte Äußerungen oder oberflächlich 
bemerkte Handlungen eines anderen, rasch vorübergegangene Wahr- 
nehmungen von Dingen oder Personen, einzelne kleine Stücke aus 
einer Lektüre u. dgl." 

Havelock Ellis (1899, p. 727): „The profound emotions of wa- 
king life, the questions and problems on which we spread our chief 
voluntary mental energy, are not those which usually present them- 
selvee at once io dreamconsciousness. It is so far as the immediate 
past is ooncerned, mostly the trifling, the incidcntal, the ,forgottcn* 
impressions of daily life which reappear in our dreams. The psychic 
activitiee that are awake most intensely are those that sleep most 
profoundly." 

Binz (p. 45) nimmt gerade die in Bede stehenden Eigentümlich- 
keiten des Gedächtnisses im Traume zum Anlaß, seine Unbefriedigung 
mit den von ibm selbst unterstützten Erklärungen des Traumes aus- 
zusprechen: „Und der natürliche 'Traum stellt uns ähnliche Fragen. 
Warum träumen wir nicht immer die Gedächtniseindrücke der letzt- 
verlebten Tage, sondern tauchen oft ein, ohne irgend erkennbareai 
Motiv, in weit hinter uns liegende, fast erloschene Vergangenheit? 
Warum empfängt im Traume das Bewußtsein so oft den Eindruck 
gleichgültiger Erinnerungsbilder, während die Gehirnzellen da, 
wo sie die reizbarsten Aufzeichnungen des Erlebten in sich tragen, 
meist stumm und starr liegen, es sei denn, daß eine akute Auffrischung 
während des Wachens sie kurz vorher erregt hatte?" 

Man sieht leicht ein, wie die sonderbare Vorliebe des Traum- 
gedächtnisses für das Gleichgültige und darum Unbeachtete an den 
Tageserlebnissen zumeist dazu führen mußte, die Abhängigkeit des 
Traumes vom Tagesleben überhaupt zu verkennen und dann wenig- 



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24 I- 1^1^ wissenachaftlicb« literatar der Tmumprobleme. 

stens den Nachweis derselben in jedem einzelnen Falle zu erschweren- 
So war es möglich, daß Miß AVlviton Calkins hei der statistischoä 
Bearbeitung ihrer (und ihres Gefährten) Träume doch 11 o/o der An- 
zahl übrig behielt, in denen eine Beziehung zum Tagesleben nicht 
ersichtlich war. Sicherlich hat Hildebrandt mit der Behauptung 
recht, daß sich alle Traumbilder uns genetisch erklären würden, 
wenn wir jedesmal Zeit und Sammlung genug darauf verwendeten, 
ilirer Herkunft nachzuspüren. Er nennt dies freilich „ein äußerst 
mühseliges und undankbares Geschäft. Denn es liefe ja meistens 
darauf hinaus, allerlei psychisch ganz wertlose Dinge in den abge- 
legensten Winkeln der Gedä^htniskammer aufzustöbern, allerlei völlig 
indifferente Momente längst vergangener Zeit aus der Verschüttung, 
die ihnen vielleicht schon die nächste Stimde braphte, wieder zu Tage 
zu fördern". Ich muß aber doch bedauern, daß der schajf»innige 
Autor sich von der Verfolgung des so unscheinbar beginnenden Weges 
abhalten ließ ; er hätte ihn unmittelbar zum Zentrum der Traum- 
erklärung geleitet. 

Daß Verhalten des Traumgedächtnisses ist sicherlich höchst be- 
deutsam füi' jede Theorie des Gedächtnisses überhaupt. Es lehrt, 
daß „nichts, was wir geistig einmal besessen, ganz und gar verloren 
gehen kann" (Scholz, p. 34). Oder, wie Delboeuf es ausdrückt, 
„quo toute impression meme la plus insignifiante, laisse une trace in* 
alterable, indefiniment susceptible de reparaitre au jour^S ein Schluß, 
zu welchem so viele andere pathologische Erscheinungen des Seelen- 
lebens gleichfalls drängen. Man halte sich nun diese außerordentliche 
Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses im Traume vor Augen, um den 
Widerspruch lebhaft zu empfinden, den gewisse später zu erwähnende 
Traumtheorien aufstellen müssen, wenn sie die Absurdität und In- 
kohärenz der Träume durch ein partielles Vergessen des uns am Tage 
Bekannten erklären w^oUen. 

Man könnte etwa auf den Einfall geraten, das Phänomen des 
Träumens überhaupt auf das des Erinnerns zu reduzieren, im Traume 
die Äußerung einer auch nachts nicht rastenden ßeproduktionstätig- 
keit sehen, die sich Selbstzweck ist. Mitteilungen wie die von 
Pilcz würden hiezu stimmen, denen zufolge feste Beziehungen zwi- 
schen der Zeit des Träumens und dem Inhalt der Träume nach- 
weisbar sind, in der Weise, daß im tiefen Schlafe Eindrücke auB 4en 
ältesten Zeiten, gegen Morgen aber rezente Eindrücke vom Traume 
reproduziert werden. Es wird aber eine solche Auffassung von vorn- 
herein unwahrscheinlich durch die Art, wie der Traum mit dem zu 
erinnernden Material verfährt. Strümpell macht mit Recht darauf 
aufmerksam, daß Wiederholungen von Erlebnissen im Traume nicht 
vorkommen. Der Traum macht wohl einen Ansatz dazu, aber das 
folgende Glied bleibt aus; es tritt verändert auf oder an seiner, Stelle' 
erscheint ein ganz fremdes. Der Traum bringt nur Bruchstücke von' 
Beproduktionen. Dies ist sicherlich so weit die Hegel, daß es eine 
theoretische Verwertung gestattet. Indes kommen Ausnahmen vor,' 
in denen ein Traum ein Erlebnis ebenso vollständig wiederholt, wie' 
unsere Erinnerung im Wachen es vermag. Delboeuf erzählt vonj 
einem seiner Universitätskollegen, daß er im Traume eine gefährliche, 

f^ /^f^ (-1 1 p. Or[g f n a I f ro m 

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Traumrelze and Traamquellen. X5* 

IkS'agenfahrt, bei welcher er einem Unfälle nur wie durch ein Wunder 
entging, mit all ihren Einzelheiten wieder durchgemacht liabe. Miß 
C a 1 k i n s erwähnt zweier Träume, welche die genaue Reproduktion 
eines Erlebnisses vom Vortage zum Inhalt hatten, und ich selbst 
werde späterhin Anlaß nehmen, ein mir bekanntgewordenes Beispiel 
von unveränderter Traumwiederkehr eines Kindererlebnisses mitzu- 
teilen*. 

c) Traumreize und Traumquellen. Was man unter Traum-^ 
reizen oder Traumquellen verstehen soll, das kann durch eine Be- 
rufung auf die Volksrede „Träume kommen vom Magen" verdeut-^ 
licht werden. Hinter der Aufstellung dieser Begriffe verbirgt sich 
eine Theorie, die den Traum als Folge einer Störung des Schlafes 
erfaßt. Man hätte nicht geträumt, wenn nicht irgend etwas Störendes^ 
im Schlafe sich geregt hätte, und der Traum ist die lleaktion auf 
diese Störung. 

Die Erörterungen über die erregenden Ursachen der Ttäume 
nehmen in den Darstellungen der Autoren den breitesten Kaum ein. 
Daß das Problem sich erst ergeben konnte, seitdem der Traum ein 
Gegenstand der biologischen Forschung geworden war, ist selbstver- 
ständlich. Die Alten, denen der Traum als göttliche Sendung galt, 
brauchten nach einer Eeizquelle für ihn nicht zu suchen; aus dem 
iWillen der göttlichen oder dämonischen Macht erfloß der Traum, aus 
deren Wissen oder Absicht sein Inhalt. Für die AVissenschaft erhob 
sich alsbald die Frage, ob der Anreiz zum Träumen stets der näm- 
liche sei oder ein vielfacher sein könne, und damit die Erwägung, 
ob die ursächliche Erklärung des Traumes der Psychologie oder 
vielmehr der Physiologie anheimfalle. Die meisten Autoren scheinen, 
anzunehmen, daß die Ursachen der Schlafstörung, also die Quellen 
des Träumens, mannigfaltiger Art sein können, und daß Leibreize 
ebenso wie seelische Erregungen zur Bolle von Traumerregern ge- 
langen. In der Bevorzugung der einen oder der anderen unter den 
Traumquellen, in der Herstellung einer Rangordnung unter ihnen je 
nach ihrer Bedeutsamkeit für die Entstehung des Traumes gehen die 
Ansichten weit auseinander. 

Wo die Aufzählung der Traumquellen vollständig ist, da er- 
geben sich schließlich vier Arten derselben, die auch zur Einteilung 
der Träume verwendet worden sind. 

1. Äußere (objektive) Sinneserregung. 

2. Innere (subjektive) Sinneserregung. 

3. Innerer (organischer) Leibreiz. 

4. Bein psychische Reizquellen. 

ad 1. Die äußeren Sinnesreize. Der jüngere Strümpell, 
der Sohn des Philosophen, dessen Werk über den Traum uns bereits 

* Alis späterer Erfahrung füge ich hinzu, daß gar nicht so selten harm- 
lose und unwichtige Beschäftigungen des Tages vom Traume wiederholt werden, 
etwa: Koffer packen, in der Küche Speisen zubereiten u.dgl. Bei solchen Träumea 
betont der Traumer selbst aber nicht den Charakter der Erinnerung, sondern den 
•1er „Wirklichkeit". „Ich habe das alles am Tage wirklich getxin.* 

Orfg inal f ro m 



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15 !• ^^^ wimensclukfUicbe Literatur der TrmumproUeme« 

mehrmals als Wegweiser in die Traumproblemc diente, hat bekannt- 
lich die Beobachtung eines Kranken mitgeteilt, der mit allgemeiner 
Anästhesie der Körperdecken und Lähmung mehrerer der höheren 
Sinnesorgane behaftet war. Wenn man bei diesem Manne die we- 
nigen noch offenen Sinnespforten von der Außenwelt abschloß, verfiel 
er in Schlaf. Wenn wir einschlafen wollen, pflegen wir alle eine 
Situation anzustreben, die jener im Strtimpel Ischen Experiment 
ähnlich ist. Wir verschließen die wichtigsten Sinnespforten, die Augen, 
und suchen von den anderen Sinnen jeden Reiz oder jede Veränderung 
der auf sie wirkenden Beize abzuhalten. Wir schlafen dann ein, ob- 
wohl uns unser Vorhaben nie völlig gelingt. Wir können weder die 
Beize vollständig von den Sinnesorganen fernhalten, noch die Er- 
regbarkeit imserer Sinnesorgane völlig aufheben. Daß wir durch 
stärkere Beize jederzeit zu erwecken sind, darf uns beweisen, ,.daß 
die Seele auch im Schlafe in fortdauernder Verbindung mit der außer- 
leiblichen Welt" geblieben ist Die Sinnesreize, die uns während des 
Schlafes zukommen, können sehr wohl zu Traumquellen werden. 

Von solchen Beizen gibt es nun eine große Beihe, von den an- 
vermeidlichen an« die der Schlafzustand mit sich bringt oder nur 
gelegentlich zulassen muß, bis zum zufälligen Wockroize, welcher ge- 
eignet oder dazu bestimmt ist, dem Schlafe ein Ende zu machen. Es 
kann stärkeres Licht in die Augen dringen, ein Geräusch sich ver- 
nehmbar machen, ein riechender Stoff die Nasenschleimhaut erregen. 
Wir können im Schlafe durch ungewollte Bewegungen einzelne Körper- 
teile entblößen und so der Abkühlungsempfindung aussetzen oder durch 
Lageveränderung uns selbst Druck- und Berührungsempfindungen 
erzeugen. Es kann uns eine Fliege stechen oder ein kleiner nächt- 
licher Unfall kann mehrere Sinne zugleich bestürmen. Die Aufmerk- 
samkeit der Beobachter hat eine ganze Beihe von Träumen gesam- 
melt, in welchen der beim Erwachen konstatierte Beiz und ein Stück 
des Trauminhaltes so weit übereinstimmten, daß der Beiz als Traum- 
quellc erkannt werden konnte. 

Eine Sammlung solcher auf objektive — mehr oder minder ak- 
zidentelle — Sinnesreizung zurückgehender Träume führe ich hier 
nach Jessen (p. 527) an: Jedes undeutlich wahrgenommene Geräusch 
erweckt entsprechende Traumbilder, das Bollen des Donners versetzt 
uns mittel) in eine Schlacht, das Ejrähen eines Hahnes kann sich in 
das Angstgeschrei eines Menschen verwandeln, das Knarren einer 
Tür Träume von räuberischen EinJ)rüchen hervorrufen. Wenn wir 
des Nachts unsere Bettdecke verlieren, so träumen wir vielleicht, daß 
wir nackt umhergehen oder daß wir ins Wasser gefallen sind. Wenn 
wir schräg im Bette liegen und die Füße über den Band desselben 
herauskommen, so träumt ims vielleicht, daß wir am Bande eines 
schrecklichen Abgrundes stehen oder daß wir von einer steilen Höhe 
hinabstürzen. Kommt unser Kopf zufällig unter das Kopfkissen, so 
hängt ein großer Felsen über uns und steht im Begriff, uns unter 
seiner Last zu begraben. Anhäufungen des Samens erzeugen wol- 
lüstige Träume, örtliche Schmerzen die Idee erlittener Mißhandlungen, 
feindlicher Angriffe oder geschehender Körperverletzungen. . . . 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n al f no m 

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Experimentell eneagte Träume. ]7 

,M€ier (Versuch einer Erklärung des Nachtwandeins. Halle 
1758, p. 33) träumte einmal, daß er von einigen Personen überfallen 
würde, welche ihn der Länge nach auf den Rücken auf die Erde 
hinlegten und ihm zwischen die große und die nächste Zehe einen 
Pfahl in die Erde schlugen. Indem er sich dies im Traume vorstellte, 
erwachte er und fühlte, daß ihm ein Strohhalm zwischen den Zehen 
stecke. Demselben soll nach Hennings (1784, p. 258) ein anderes 
Mal, als er sein Hemd am Halse etwas fest zusammengesteckt hatte, 
geträumt haben, daß er gehängt würde. Hoffbauer träumte in seiner 
Jugend, von einer hohen Mauer hinabzufallen, und bemerkte beim Er- 
wachen, daß die Bettstelle auseinandergegangen und daß er wirklich 
gefallen war Gregory berichtet, er habe einmal beim Zu- 
bettgehen eine Flasche mit heißem Wasser an die Füße gelegt und 
darauf im Traum eine Reise auf die Spitze des Ätna gemacht, wo er 
die Hitze des Erdbodens fast unerträglich gefunden. Ein anderer 
träumte nach einem auf den Kopf gelegten Blasenpflaster, daß er 
von einem Haufen Indianern skalpiert werde; ein dritter, der in 
einem feuchten Hemde schlief, glaubte, durch einen Strom gezogen 
zu werden. Ein im Schlafe eintretender Anfall von Podagra ließ ein.en 
Kranken glauben, er sei in den Händen der Inquisition und erdulde 
die Qualen der Folter (Macnish)." 

Das auf die Ähnlichkeit zwischen Reiz und Trauminhalt ge- 
gründete Argument läßt eine Verstärkung zu, wenn es gelingt, bei 
einem Schlafenden durch planmäßige Anbringung von Sinnesreizen 
dem^Beize entsprechende Träume zu erzeugen. Solche Versuche hat 
nach Macnish schon Giron^de Buzareingues angestellt. „Er 
ließ seine Knie unbedeckt und träumte, daß er in der Nacht auf einem 
Poetwagen reise. Er bemerkt dabei, daß Beisende wohl wissen wür- 
den*, wie in einer Kutsche die Knie des Nachts kalt würden. Ein 
anderes Mal ließ er den Kopf hinten unbedeckt und träumte, daß er 
einer religiösen Zeremonie in freier Luft beiwohne. Es war nämlich 
in dem Lande, in welchem er lebte, Sitte, den Kopf stets bedeckt 
zu tragen, ausgenommen bei solchen Veranlassungen wie die eben 
genannte.'^ 

Maury teilt neue Beobachtungen von an ihm selbst erzeugten 
Träumen mit. (Eine Reihe anderer Versuche brachte keinen Erfolg.) 

1. Er wird an Lippen und Nasenspitze mit einer Feder ge- 
kitzelt. — Träumt von einer schrecklichen Tortur; eine Pechlarve 
wird ihm aufs (Jesicht gelegt, dann weggerissen, so daß die Haut 
mitgeht. 

2. Man wetzt eine Schere an einer Pinzette. — Er hört Glocken 
läuten, dann Sturmläuten und ist in die Junitage des Jahres 1848 
versetzt. 

3. Man läßt ihn Kölnerwasser riechen. — Er ist in Kairo im 
Laden von Johann Maria Farina. Daran schließen sich tolle Aben- 
teuer, die er nicht reproduzieren kann. 

.4. Man kneipt ihn leicht in den Nacken. — Er träumt, daß 
nutn ihm ein Blasenpflaster auflegt, und denkt an einen Arzt, der 
ihn als Kind behandelt hat. 

Frtvd, Tmuidvmtanif. 5. Amfl. ^ 

Orfg fnal f no m 



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18 L JLhe wiMeoflchaftliche Literator der Tnamprobleme. 

6. Maif nähert ein heißes Eisen seinem Gesicht. — Er träumt 
von den „Chauffeurs'''^, die sich ins Haus eingeschlichen liaben und 
die Bewohner zwingen, ihr Geld herauszugeben, indem sie ihnen die 
FüAe ins Kohlenbecken stecken. Dann tritt die Herzogin von Abran- 
tes auf, deren Sekretär er im Traume ist. 

8. Man gießt ihm einen Tropfen Wasser auf die Stirn. — Er 
ist in Italien, schwitzt heftig und trinkt den weißen Wein von Or- 
V i e t o. 

9. Man läßt wied^holt durch ein rotes Papier das Licht einor 
Kerze auf ihn fallen. — Er träumt vom Wetter, von Hitze und be- 
findet sich wieder in einem Seesturm, den er einmal auf dem Kanal 
La Manche mitgemacht. 

Andere Versuche, Träume experimentell zu erzeugen, rühren 
von d'Hervey, Weygandt u. a. her. 

' Von mehreren Seiten ist die „auffällige Fertigkeit des Traumes 
bemerkt worden, plötzliche Eindrücke aus der Sinneswelt dergestalt 
in seine Gebilde zu verweben, daß sie in diesen eine i^lmählich schon 
vorbereitete und eingeleitete Katastrophe bilden" (Hildebrandt). 
,Jn jüngeren Jahren,'' erzählt dieser Autor, „bediente ich mich zu 
Zeiteoi, um regelmäßig in bestimmter Morgenstunde aufznstehen, des 
bekannten, meist an Uhrwerken angebrachten Weckers. Wohl zu 
hundert Malen ist mir's begegnet, daß der Ton dieses Listrumentes in 
einen vermeintlich sehr langen xmd zusammenhängenden Traum der- 
gestalt hineinpaßte, als ob dieser ganze Traum eben nur auf ihn an- 
gelegt sei und in ihm seine eigentliche logisch unentbehrliche Pointe, 
»ein natürlich gewiesenes Endziel fänäe.'' 

Ich werde drei- dieser Weckerträume noch in anderer Absicht 
zitieren. 

Volkelt (p. 68) erzählt: „Einem Komponisten träumte einmal, 
er halte Schule und wolle eben seinen Schülern etwas klar machen. 
Schon ist er damit fertig und wendet sich an einen der Kjiaben mit 
der Frage: „Hast du midi verstanden?" Dieser schreit wie ein Be* 
sessener: „O ja!" Ungehalten, hierüber verweist er ihm das Schreien. 
Doch schon schreit die ganze Klasse: „Orja!" Hierauf: .,Eurjo!" 
Und endlich: ,,Feuer jol" Und nun erwacht er von wirklichem Feuer- 
jogeschrei auf der Straße. 

Garnier (Traite des facultes de Tarne, 1866) bei Radestock 
berichtet, daß Napoleon I. durch die Explosion der Höllenmaschine 
aus einem Traume geweckt wurde, den er im Wagen schlafend hatte, 
und der ihn den Übergang über den Tagliamento und die Kano- 
nade der Österreicher wieder erleben ließ, bis er mit dem Ausruf 
auf schi^eckte : „Wir sind unterminiert." 

Zur Berühmtheit gelangt ist ein Traum, den Maury erlebt hat 
(p. 161). Er war leidend und lag in seinem Zimmer zu Bett; seine 
Mutter saß neben ihm. Er träumte nun von der Schreckensherrschaft 
zur Zeit der Bevolution, machte greuliche Mordszenen mit und wurde 
dann endlich selbst vor den (Gerichtshof zitiert. Dort sah er Robes- 

. * „Chanffenrst* hießen Banden von Raubern in der Vend^ die sich dies*»r 
Tortur bedienten. 



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Träume »uf Weckreiz. 19 

*• fc • 

pifrre, Marat, Fouquier-Tinville und alle die iraurigen Hel- 
den jener gräßlichen Epoche, stand ihnen Bede, wurde nach allerlei 
Zwischenfällen, die sich in seiner Erinnerung nicht fixierten, ver- 
urteilt und dann, von einer unübersehbaren Menge begleitet, auf den 
Richtplatz geführt. Er steigt aufs Schafott, der Scharfrichter bindet 
ihn aufs Brett; es kippt um'; das Messer der Guillotine fällt herab; 
er fühlt, wie sein Haupt vom Rumpfe getrennt wird, wacht in der 
entsetzlichsten Angst auf — und findet, daß der Bettaufsatz herab- 
gefallen war und seine Halswirbel, wirklich ähnlich wie das Messer 
einer Guillotine, getroffen hatte. 

An diesen Traum knüpft sich eine interessante von Le L o r r a i n 
und Egger in der „Revue philosophique" eingeleitete Diskussion, ob 
und wie es dem Träumer möglich werde, in dem kurzen Zeitraiyn, 
der zwischen der Wahrnehmung des Weckreizes und dem Erwachen 
verstreicht, eine anscheinend so überaus reiche Fülle von Trauminhalt 
zusammenzudrängen. 

Beispiele dieser Art lassen die objektiven Sinnesreizungen wäh- 
rend des Schlafes als die am besten sichergestellte unter den Traum- 
quellen erscheinen. Sie ist es auch, die in der Kenntnis des Laien 
einzig und allein eine Rolle spielt. Fragt man einen Gebildeten, der 
sonst der Traumliteratur fremd geblieben ist, wie die Träume zu 
stände kommen, so wird er zweifellos mit der Berufung auf einen 
ihm bekannt gewordenen Fall antworten, in dem ein Traum durch 
einen nach dem Erwachen erkannten objektiven Sinnesreiz aufgeklärt 
wurde. Die wissenschaftliche Betrachtung kann dabei nicht halt 
machen; sie schöpft den Anlaß zu weiteren Fragen aus der Be- 
obachtung, daß der während des Schlafes auf die Sinne einwirkende 
Reiz im Traume ja nicht in seiner wirklichen Gestalt auftritt, sondern 
durch irgend eine andere Vorstellung vertreten wird, die in irgend 
welcher Beziehung zu ihm steht. Die Beziehung aber, die den Traum- 
reiz und den Traumerfolg verbindet, ist nach den Worten Maurys 
„une affinite quelconque, mais qui n'est pas unique et exclusive". 
(p. 72.) Man höre z. B. drei der Weckerträume Hildebrandts:; 
man wird sich dann die Frage vorzulegen haben, warum derselbe 
Reiz so verschiedene und warum er gerade diese Traumerfolge her- 
vorrief : 

(p. 37.) „Also ich gehe an einem Frühlingsmorgen spazieren 
und schlendre durch die grünenden Felder weiter bis zu einem be- 
nachbarten Dorfe, dort sehe ich die Bewohner in Feierkleidern, das 
Gesangbuch unter dem Arme, zahlreich der Kirche zuwandern. Rich- 
tig! es ist ja Sonntag und der Frühgottesdienst wird bald lieginnen. 
Ich beschließe, an diesem teilzunehmen, zuvor aber, weil ich etwas 
echauffiert bin, auf dem die Kirche umgebenden Friedhofe mich 
abzukühlen. Während ich hier verschiedene Grabschriften lese, höre 
ich den Glöckner den Turm hinansteigen und sehe nun in der Höhe 
des letzteren die kleine Dorfglocke, die das Zeichen zum Beginne der 
Andacht geben wird. Noch eine ganze Weile hängt sie bewegungslos 
da, dann fängt sie an zu schwingen — und plötzlich ertönen ihre 
Schläge hell und durchdringend — so hell und durchdringend, daß 



9* 



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20 I> ^'^^ wiMenschaftliche lit^rator dfir Tmuraprobleme. 

eie meinem Schlafe ein Ende machen. Die Glockentöne aber kommen 
von dem AVecker." 

„Eine zweite Kombination. Es ist heller Wintertag; die Straßen 
ßind hoch mit Schnee bedeckt. Ich habe meine Teilnahme an einer 
Schlittenfahrt zugesagt, muß aber lange warten, bis die Meldung 
erfolgt, der Schlitten stehe vor der Tür. Jetzt erfolgen die Vorbe- 
reitungen zum Einsteigen — der Pelz wird angelegt, der Fußsack 
hervorgeholt — und endlich sitze ich auf meinem Platze. Aber noch 
verzögert sich die Abfahrt, bis die Zügel den harrenden Bossen das 
fühlbare Zeichen geben. Nun ziehen diese an; die kräftig geschüt- 
telten Schellen beginnen ihre wohlbekannte Janitscharenmusik mit 
einer Mächtigkeit, die augenblicklich das Spinngewebe des Traumes 
zerreißt. .Wieder ist's nichts anderes als der schrille Ton der Wecker- 
glocke." 

„Noch das dritte Beispiel! Ich sehe ein Küchenmädchen mit 
einigen Dutzend aufgetürmter Teller den Korridor entlang zum Speise- 
zimmer schreiten. Die Porzellansäule in ihren Armen scheint mir in 
Gefahr, das Gleichgewicht zu verhören. ,Nimm dich in acht,' warne 
ich, ,die ganze Ladung wird zur Erde fallen.' Natürlich bleibt der 
obligate Widerspruch nicht aus: man sei dergleichen schon gewohnt 
usw., währenddessen ich noch immer mit Blicken der Besorgnis die 
Wandelnde begleite. Bichtig, an der Türschwelle erfolgt ein Strau- 
cheln — das zerbi'echliche Treschirr fällt und rasselt und prasselt 
in hundert Scherben auf dem Fußboden umher. Aber — das endlos 
sich fortsetzende Getön ist doch, wie ich bald merke, kein eigent- 
liches Bassein, sondern ein richtiges Klingeln; — und mit diesem 
Klingeln hat, wie nunmehr der Erwachende erkennt, nur der Wecker 
seine Schuldigkeit getan." 

Die Frage, warum die Seele im Traume die Natur des objek- 
tiven. Sinnesreizes verkenne, ist von Strümpell — und fast ebenso 
von Wundt — dahin beantwortet worden, daß sie sich gegen solche 
im Schlaf angi*eifende Beize unter den Bedingungen der EUusions- 
bildung befindet. Ein Sinneseindruck wird von uns erkannt, rich- 
tig gedeutet, d. h. unter die Erinnerungsgruppe eingereiht, in die 
er nach allen vorausgegangenen Erfahrungen gehört, wenn der Ein- 
druck stark, deutlich, dauerhaft genug ist und wenn uns die für diese 
Überlegung erforderliche Zeit zu Gebote steht. Sind diese Bedingungen 
nicht erfüllt, so verkennen wir das Objekt, von dem der Eindruck 
herrührt; wir bilden auf Grund desselben eine Illusion. „Wenn je- 
mand auf freiem Felde spazieren geht und einen entfernten Gegen- 
stand undeutlich wahrnimmt, kann es kommen, daß er denselben zu- 
erst für ein Pferd hält." Bei näherem Zusehen kann die Deutung einer 
ruhenden Kuh sich aufdrängen und endlich kann sich die Vorstel- 
lung mit Bestimmtheit^ in die einer Gruppe von sitzenden Menschen 
auflösen. Ähnlich unbestimmter Natur sind nun die Eindrücke, welche 
die Seele im Schlafe durch äußere Beize empfängt; sie bildet auf 
Grund derselben Illusionen, indem durch den Eindruck eine größere 
oder kleinere Anzahl von Erinnerungsbildern wachgerufen wird, durch 
welche der Eindruck seinen psychischen Wert bekommt. Aus wel- 
chem der vielen in Betracht kommenden Erinnerungskreise die zu- ' 



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* lUusioustheorie der objektiveu SiDnesreize 21 

gehörigep Bilder geweckt werden, und welche der möglichen Asso- 
ziationsbeziehungen dabei in Kraft treten, dies bleibt auch nach 
Strümpell unbedtimmbar und gleichsam der Willkür des Seelen- 
lebens überlassen. 

Wir stehen hier vor einer Wahl. Wir können zugeben, daß die 
Gesetzmäßigkeit in der Traumbildung wirklich nicht weiter zu ver- 
folgen ist, und somit verzichten zu fragen, ob die Deutung der .durch 
den Sinneseindruck hervorgerufenen Illusion nicht noch anderen Be- 
dingungen unterliegt. Oder wir können auf die Vermutung geraten, 
daß die im Schlafe eingreifende objektive Sinnesreizung als Traum- 
quelle nur eine bescheidene KoUe spielt, und daß andere Momente die 
Auswahl der wachzurufenden Erinnerungsbilder determinieren. In der 
Tat, wenn man die experimentell erzeugten Träume M a u r y s prüft, 
die ich in dieser Absicht so ausführlich mitgeteilt habe, so ist man 
versucht zu sagen, der angestellte Versuch deckt eigentlich nur eines 
der Traumelemente nach seiner Herkunft, und der übrige Trauminhalt 
erscheint vielmehr zu selbständig, zu sehr im einzelnen bestimmt, 
als daß er durch die eine Anforderung, er müsse sich mit dem ex- 
perimentell eingeführten Element vertragen, aufgeklärt werden könnte. 
Ja, man beginnt selbst an der Illusionstheorie und an der Macht des 
objektiven Eindruckes, den Traum zu gestalten, zu zweifeln, wenn 
man erfährt, daß dieser Eindruck gelegentlich die allersonderbarste 
und entlegenste Deutung im Traume findet. So erzählt z. B. M. Simon 
einen Traum, in dem er riesenhafte Personen bei Tische sitzen sah 
und deutlich das furchtbare Geklapper hörte, das ihre aufeinander- 
schlagenden Kiefer beim Kauen erzeugten. Als er erwachte, hörte er 
den Hufschlag eines vor seinem Fenster vorbeigaloppierenden Pferdes. 
Wenn hier der Lärm der Pferdehufe gerade Vorstellungen wie aus 
dem Erinnerungskreis von Gullivers Reisen, Aufenthalt liei den 
Riesen von Brobdingnag, w^achgerufen hat, sollte die Auswahl 
dieses füi* den Reiz So ungewöhnlichen Erinnerungskreises nicht außer- 
dem durch andere Motive erleichtert gewesen sein*? 

ad 2. .Innere (subjektive) Sinneserregung. 

Allen Einwendungen zum Trotz wird man zugeben müssen, daß 
die Rolle objektiver Sinneserregungen während des Schlafes als Traum- 
erreger unbestritten feststeht, und wenn diese Reize ihrer Natur und 
Häufigkeit nach vielleicht unzureichend erscheinen, um alle Traum- 
bilder zu erklären, so wird man darauf hingewiesen, nach anderen, 
aber ihnen analog wirkenden Traumquellen zu suchen. Ich weiß nun 
nicht, wo zuerst der Gedanke aufgetaucht ist, neben den äußeren 
Sinnesreizen die inneren (subjektiven) Erregungen in den Sinnesor- 
ganen in Anspruch zu nehmen; es ist aber Tatsache, daß dies in 
allen neueren Darstellungen der Traumätiologie mehr oder minder 
nachdrücklich geschieht. „Eine jvesentliche Rolle spielen femer, wie 
ich glaube," sagt Wundt (p. 363), „bei den Traumillusionen jene 
subjektiven Gesichts- und Gehörsempfindungen, die uns aus dem wachen 
Zustande als Lichtchaos des dunklen Gesichtsfeldes, als Ohrenklingen« 

" Biesenhafto Personen im Traume lassen annehmen, daß ea sich um eiufl 
Szene aus der Kindheit des Traumers handelt. 



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22 I- ^^ wiasanschaftiiche Litwttar der Traamproblem«. 

Ohrensausen usw., bekannt sind, unter ihnen namentlich die subjek- 
tiven Netzhauterre^ngen. So erklärt sich die merkwürdige Neigung 
des Traumes, ähnliche oder ganz übereinstimmende Objekte in der 
Mehrzahl dem Auge vorzuzaubem. Zahllose Vögel, Schmetterlinge, 
Fische, bunte Perlen, Blumen u. dgl. sehen wir vor uns ausgebreitet. 
Hier hat dei* Lichtstaub des dunklen Gesichtsfeldes phantastische Ge- 
stalt angenommen und die zahlreichen Lichtpunkte, aus denen derselbe 
besteht, werden von dem Traume in ebenso vielen Elinzelbildem ver- 
körpert, die wegen der Beweglichkeit des Lichtchaos als bewegte Ge- 
S anstände angeschaut werden. — Hierin wurzelt wohl auch die große 
eigung des Traumes zu den mannigfachsten Tiergestalten, deren 
Formenreichtum sich der besonderen Form der subjektiven Lichtbilder 
leicht anschmiegt.** 

Die subjektiven Sinneserregungen haben als Quelle iler Traum- 
bilder offenbar den Vorzug, daß sie nicht wie die objektiven vom 
äußeren Zufalle abhängig sind. Sie stehen sozusagen der Erklärung 
zu Gebote, so oft diese ihrer bedarf. Sie stehen aber hinter den 
objektiven Sinnesreizen darin zurück, daß sie jener Bestätigung ihrer 
Rolle als Traumerreger, welche Beobachtung und Experiment bei den 
letzteren ergeben, nur schwer oder gar nicht zugänglich sind. Den 
Haupterweis für tiie traumerregende Macht subjektiver Sinneserregun- 
gen erbringen die sogenannten hypnagogischen Halluzinationen, die 
von Johann Müller al^ „phantastische Gesichtserscheinungen^* be- 
schrieben worden sind. Es sind dies oft sehr lebhafte, wechselvolle 
Bilder, die sich in der Periode des Einschlafens bei vielen Menschen 
ganz regelmäßig einzustellen pflegen und auch nach dem Offnen der 
Augen eine Weile bestehen bleiben können. Maury, der ihnen im 
hohen Grade imterworfen war, hat ihnen eine eingehende Würdigung 
zugewendet und ihren Zusammenhang, ja vielmehr ihre Identität, mit 
den Traumbildern (wie übrigens schon Johann Müller) behauptet. 
Für ihre Entstehung, sagt Maury, ist eine gewisse seelische Passivität, 
ein Nachlaß der Aufmerksamkeitsspannung erforderlich (p. 59 u. f.). 
Es genügt aber, daß man auf eine Sekunde in solche Lethargie ver- 
falle, um bei sonstiger Disposition eine hypnagogische Halluzination 
zu sehen, nach der man vielleicht wieder aufwacht, bis daß sich das 
mehrmals wiederholende Spiel mit dem Einschlafen endigt. Erwacht 
man dann nach nicht zu langer Zeit, so gelingt es nach Maury 
häufig, im Traume dieselben Bilder nachzuweisen, die einem als hypna- 
gogische Halluzinationen vor dem Einschlafen vorgeschwebt haben 
(p. 134). So erging es Maiiry einmal mit einer Reihe von grotesken 
Gestalten mit verzerrten Mienen und sonderbaren Frisuren, die ihn 
mit unglaublicher Aufdringlichkeit in der Periode des Einschlafens 
belästigten, und von denen er nach dem Erwachen sich erinnerte, ge- 
träumt zu haben. Ein andermal, als er gerade an Hungergefühl litt, 
weil er sich schmale Diät auferlegt hatte, sah er hypnagogisch eine 
Schüssel und eine mit einer Gabel bewaffnete Hand, die sich etwas 
von der Speise in der Schüssel holte. Im Traume befand t^r sich an 
einer reichgedeckten Tafel und hörte das Geräusch, das die Speisen- 
den mii ihren Gabeln machten. Ein anderes Mal, als er mit gereizten 
und schmerzenden Augen einschlief, hatte er die hypnagogische Hall u- 

f^ /^f^ n I >> Orrg f n a I f no m 

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Sobjektive Sinneaerzeag^n^. 23 

zination von mikroskopisch kleinen Zeichen, die er mit ^^roßer An- 
ßtrengung einzeln entziffern mußte; nach einer Stunde aus dem Schlafe 
geweckt, erinnerte er sich an einen Traum, in dem ein aufgeschlagenes 
Buch, mit sehr kleinen Lettern gedruckt, vorkajn, welches er müh- 
selig hatte durchlesen müssen. 

Ganz .ähnlich wie diese Bilder können auch Gehörshalluzina- 
tioDen von Worten, Namen usw. hypnagogisch auftreten und dann im 
Traum sich wiederholen, als Ouvertüre gleichsam, welche die Leit- 
motive der mit ihr beginnenden Oper ankündigt. 

Auf den nämlichen Wegen wie Johann Müller und Maury 
wandelt ein neuerer Beobachter der hypnagogischen Halluzinationen, 
G. Trum bull Ladd. Er brachte es durch Übung dahin, daß er 
sich zwei bis fünf Minuten nach dem allmählichen Einschlafen jäh 
aus dem Schlafe reißen konnte, ohne die Augen zu öffnen, und hatte 
dann die Gelegenheit, die eben entschwindenden Netzhautempfindungen 
mit den in der Erinnerung überlebenden Traumbildern zu vergleichen. 
Er versichert, daß sich jedesmal eine innige Beziehung zwischen bei- 
den erkennen ließ, in der Weise, daß die leuchtenden Punkte und 
Linien des Eigenlichtes der Netzhaut gleichsam die Umrißzeichnung, 
das Schema, für die psychisch wahrgenommenen Traumgestalten brach- 
ten. Einem Traume z. B., in welchem er deutlich gedruckte Zeilen 
vor sich sah, die er las und studierte, entsprach eine Anordnung der 
leuchtenden Punkte in der Netzhaut in parallelen Linien. Um es mit 
seinen Worten zu sagen: Die klar bedruckte Seite, die er ini Traume 
gelesen, löste sich in ein Objekt auf, das seiner wachen Wahrnehmung 
erschien wie ein Stück eines reellen bedruckten Blattes, das man aus 
allzu großer Entfernung, um etwas deutlich auszunehmen, durch ein 
Löchelchen in einem Stücke Papier ansieht. Ladd meint, ohne übrigens 
den zentralen Anteil des Phänomens zu unterschätzen, daß kaum ein 
visueller Traum in uns abläuft, der sich nicht an das Material der 
inneren Erregungszustände der Netzhaut anlehnte. Besonders gilt dies 
für die Träume kurz nach dem Einschlafen im dunklen Zimmer, wäh- 
rend füi' die Träume am Morgen nahe dem Erwachen das objektive, 
im erhellten Zimmer ins Auge dringende Licht die Reizquelle abgebe. 
Der wechselvolle, unendlich abänderungsfähige Charakter der Eigen- 
lichterregung entspricht genau der unruhigen Bilderflucht, die imsere 
Träume uns vorführen. AVenn man den Beobachtungen von Ladd 
Bedeutung beimißt, wird man die Ergiebigkeit dieser subjektiven Reiz- 
quelle für den Traum nicht gering anschlagen können, denn Gesichts- 
bilder machen bekanntlich den Hauptbestandteil unserer Träume aus. 
Der Beitrag von anderen Sinnesgebieten bis auf den des Gehörs ist 
geringfügiger und inkonstant. 

ad 3. Innerer, organischer Leibreiz. Wenn wir auf dem 
Wege sind, die Traumquellen nicht außerhalb, sondern innerhalb des 
Organismus zu suchen, so müssen wir uns daran erinnern, daß fast 
alle unsere inneren Organe, die im Zustand der Gesundheit uns kaum 
Kunde von ihrem Bestand geben, in Zuständen von Reizung — die 
wir so heißen — oder in Krankheiten eine Quelle von !meist peinlichen 
Empfindungen für uns werden, welche den Erregern der von außen 
anlangenden Schmerz- und Empfindungsreize gleichgestellt werden 

Original from 



r^onnii^ Original from 

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24 1* ^^ wiMentcbAfUicbe Litemtiur der Tnunnproblema. 

muß. Es sind sehr alte Erfahrungen, welche z. 6. Strümpell zu 
der Aussage veranlassen (p. 107): „Die Seele gelangt im. Schlafe zu 
einem viel tieferen und breiteren Empfindungsbewußtsein von ihrer 
Leiblichkeit als im Wachen und ist genötigt, gewisse Heizeindriicke 
zu empfangen und auf sich wirken zu lassen, die aus Teilen und 
Veränderungen ihres Körpers herstammen, von denen sie im Wachen 
nichts wußte." Schon Aristoteles erklärt es für sehr wohl mög- 
lich,^ daß man im Traiune auf beginnende Krankheitszustände auf* 
merksam gemacht würde, von denen man im Wachen noch nichts 
merkt (kraft der Vergrößerung, die der Traum den Eindrücken an- 
gedeihen läßt, siehe S. 2) und ärztliche Autoren, deren Anschauung 
ee sicherlich fern lag, an eine prophetische Gabe des Traumes zu 
glauben, haben wenigstens für die Krankheitsankündigung diese Be- 
deutung des Traumes gelten lassen. (Vgh M. Simon, p. 31,- und viele 
ältere Auteren*.) 

Es scheint an beglaubigten Beispielen für solche diagnostische 
Leistungen des Traumes auch aus neuerer Zeit nicht zu fehlen. So 
z. B. berichtet Tissie nach Artigues (Essai sur la valeur semeio- 
logique des reves) die Geschichte einer 43jährigen Frau, die durch 
einige Jahre in scheinbar voller Gesundheit von Angstträumen heim- 
gesucht, wurde, und bei der die ärztliche Untersuchung dann eine 
beginnende Herzaffektion aufwies, welcher sie alsbald erlag. 

Ausgebildete Störungen der inneren Organe wirken offenbar bei 
einer ganzen Reihe von Personen als Traumerreger. Allgemein wird 
auf tlie Häufigkeit der Anfstträume bei Herz- und Lungenkranken 
hingewiesen, ja diese Beziehung des Traumlebens wird von vielen 
Autoren so sehr in den Vordergrund gedrängt, daß ich mich hier mit 
der bloßen Verweisung auf die Literatur (Radestock, Spitta» 
Maury, M. Simon, Tissie) begnügen kann. Tissie meint sogar, 
daß die erkrankten Organe dem Trauminhalt das charakteristische 
Gepräge aufdrücken. Die Träume der Herzkranken sind gewöhnlich 
sehr kurz und enden mit schreckhaftem Erwachen; fast immer spielt 
im Inhalt derselben die Situation des Todes unter gräßlichen Um- 
ständen eine Rolle. Die Lungenkranken träumen von Ersticken, Ge- 
dränge, Flucht und sind in auffälliger Zahl dem bekannten Alptraume 
unterworfen, den übrigens Börner durch Lagerung aufs Gesicht 



* Außer dieser diaipaos tischen Verwertung der Träume (i. B. bei Hippo> 
krateH) muB man ihrer therapeutischen Bedeutung im Altertum gedenken. 

Bei den Griechen gab es Traumorake], welolie gewöhnlich Genesung suchende 
Kranke aufzusuchen pflegten. Der Kranke ging in den Tempel des Apollo oder 
des Iskulap, dort wurde er verschiedenen Zeremonien unterworfen, gebadet^ ge- 
rieben, ger&uchert, und so in Exaltation versetit, legte man ihn im Tempel auf 
das B'ell eines geopferten Widders. £r schlief ein und träumte von Heilmitteln, 
die ihm in natürlicher Gestalt odel in Symbolen und Bildern gezeigt wurden» 
welche dann die Priester deuteten. 

Weiteres über die Heilträume der Griechen b"i Lehmann I, 7i, Bouob^- 
Leclerq, Hermann, Gottesd. Altert, d. Gr. § 41, Privataltert., § BS, 16, 
Bot tinger in Sprengeis Beitr. z. Gesch. d. Med. II, p. 163 ff., W. Lloyd, 
Magnetism and Mesmerism in antiquity, London. 1877, Dollinger, Heiden- 
tum und Judentum, p. 130. 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f no m 

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Die Theorie der Organreise and OrganempfindxiDgen. 2& 

durch Verdeckung der Respirationsöffnungen experimentell hat her* 
vorrufen können. Bei Digestionsstörung enthält der Traum Vorstel- 
lungen aus dem Kreise des Genießens und des Ekels. Der Einfluß- 
sexueller Erregung endlich auf den Inhalt der Träume ist für die 
Erfahrung eines jeden einzelnen greifbar genug und leiht der ganzen 
Lehre von der Traumerregung durch Organreiz ihre stärkste Stütze^ 

Es ist auch, wenn man die Literatur des Traumes durcharbeitet, 
ganz unverkennbar, daß einzelne der Autoren (M a u r y , W e y g a n d t) 
durch den Einfluß ihrer eigenen Krankheitszustände auf den Inhalt 
ihrer Träume zur Beschäftigung mit den Traumproblemen geführt 
worden sind. 

Der Zuwachs an Traumquellen aus diesen unzweifelhaft fest- 
gestellten Tatsachen ist übrigens nicht so bedeutsam, als man meinen 
möchte. Der Traum ist ja ein Phänomen, das sich bei Gesunden — 
vielleicht bei allen, vielleicht allnächtlich — einstellt, und das Organ- 
erkrankung offenbar nicht zu seinen unentbehrlichen Bedingungen 
zählt. Es handelt sich für uns aber nicht darum, woher besondere 
Träume rühren, sondern was für die gewöhnlichen Träume normaler 
Menschen die Reizquelle sein mag. 

Indes bedarf es jetzt nur eines Sehrittes weiter, um auf eine 
Traumquelle zu stoßen, die reichlicher fließt {üs jede frühere und 
eigentlich für keinen Fall zu versiegen verspricht. Wenn es sicher- 
gestellt ist, daß das Körperinnere im kranken Zustand zur Quelle 
der Traumreize wird, und wenn wir zugeben, daß die Seele, im Schlaf- 
zustand von der Außenwelt abgelenkt, dem Innern des Leibes größere^ 
Aufmerksamkeit zuwenden kann, so liegt es nahe anzunehmen, daß 
die Organe nicht erst zu erkranken brauchen, um Erregungen, die 
irgendwie zu Traumbildern werden, an die schlafende Seele gelangen 
zu lassen. Was wir im Wachen dumpf als Gemeingefühl nur seiner 
Qualität nach wahrzunehmen, und wozu nach der Meinung der Ärzte 
alle Organsysteme ihre Beiträge leisten, das würde nachts, zur "kräf- 
tigen Einwirkung gelangt und mit seinen einzelnen Komponenten 
tati^ die mächtigste und gleichzeitig die gewöhnlichste Quelle für 
die Erweckung der Traumvorstellungen ergeben. Es erübrigte dann 
noch die Untersuchung, nach welchen Regeln sich die Organreize in 
Traumvorstellungen umsetzen. 

Wir haben hier jene Theorie der Traumentstehung berührt, wel- 
che die bevorzugte bei allen ärztlichen Autoren geworden ist. Das 
Dunkel, in welches der Kern unseres Wesens, das „moi splanchnique*\. 
wie Tissie es nennt, für unsere Kenntnis gehüllt ist, und das Dunkel 
der Traumentstehung entsprechen einander zu gut, um nicht in Be- 
ziehung zueinander gebracht zu werden. Der Ideengang, welcher die 
vegetative Organempfindung zum Traumbildner macht, hat überdies 
für den Arzt den anderen Anreiz, daß er Traum und Geistesstörung, 
die (Boviel Übereinstimmung in ihren Erscheinungen zeigen, auch ätio- 
lor^Äjh vereinigen läßt, denn Alterationen des Gemeingefühles und 
lUiize, die von den inneren Organen ausgehen, werden auch einer 
weitreichenden Bedeutung für die Entstehung der Psychosen bezichtigt. 
Es ißt darum nicht zu verwundern, wenn die I^eibreiztheorie sich 

Orfg inal f no m 



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26 I. Di« wiMeiiMhaftlicli<} IJteratar der Traamproblema. 

auf mehr als einen Urheber, der sie selbständig angegeben, zurück* 
führen läßt. 

Für eine Reihe von Autoren vioirde der Gedankengang maßgebend, 
den der Philosoph Schopenhauer im Jahre 1851 entwickelt hat. 
Das Weltbild entsteht in uns dadurch, daß unser Intellekt die ihn 
von außen treffenden Eindrücke in die Formen der Zeit, des Raumes 
und der Kausalität umgießt. Die Reize aus dem Innern des Organis- 
mus, vom sympathischen Nervensystem her, äußern bei Tag höch- 
.stens einen unbewußten Einfluß auf unsere Stimmung. Bei Nacht 
aber, wenn die übertäubende Wirkung der Tageseindrücke aufgehört 
hat, vermögen jene aus dem Innern heraufdringenden Eindrücke sich 
Aufmerksamkeit zu verschaffen — ähnlich wie wir bei Nacht die 
Quelle rieseln hören, die der Lärm des Tages unvernehmbar machte. 
AVie anders aber soll der Intellekt auf diese Reize reagieren, als in- 
dem er seine ihm eigentümliche Funktion vollzieht? Er wird also die 
Reize zu räum- und zeiterfüUenden Gestalten, die sich ^m Leitfaden 
der Kausalität bewegen, umformen und so entsteht der Traum. In 
die nähere Beziehung zwischen Leibreizen und Traumbildern versuch- 
ten dann Scherner und nach ihm Volkelt einzudringen, deren 
Würdigung wir uns auf den Abschnitt über die Traumtheorien auf- 
sparen. 

In einer besonders konsequent durchgeführten Untersuchung hat 
der Psychiater K r a u s s die Entstehung des Traumes wie der Delirien 
und Wahnideen von dem nämlichen Element, der organisch be- 
dingten Empfindung, abgeleitet. Es lasse sich kaum eine Stelle 
des Organismus denken, welche nicht der Ausgangspunkt eines Trau- 
mes oder Wahnbildes werden könne. Die organisch bedingte Emp- 
findung „läßt sich aber in zwei Reihen trennen: 1. in die der Total- 
stimmungen (Gemeingefühle), 2. in die spezifischen, den Hauptsyste- 
men des vegetativen Organismus immanenten Sensationen, wovon wir 
fünf Gruppen unterschieden haben, a) die Muskelempfindungen, h) die 
pneumatischen, c) die gastrischen, d) die sexuellen und e) die peri- 
pherischen" (p. 33 des zweiten Artikels). 

Den Hergang der Traumbilderentstehung auf Grund der Leib- 
reize nimmt Krauss folgendermaßen an: Die geweckte Empfindung 
ruft nach irgend einem Assoziationsgesetz eine ihr verwandte Vor- 
stellung wach und verbindet sich mit ihr zu einem organischen Ge- 
bilde, gegen welches sich aber das Bewußtsein anders verhält als 
normal. Denn dies schenkt der Empfindung selbst keine Aufmerk- 
samkeit, sondern wendet sie ganz den. begleitenden Vorstellungen zu, 
was zugleich der Grund ist, warum dieser Sachverhalt so lange ver- 
kannt werden konnte (p. 11 u. f.). Krauss findet für den Vorgang 
auch den besonderen Ausdruck der Transsubstantiation der 
Empfindungen in Traumbilder (p. 24). 

Der Einfluß der organischen Leibreize auf die Traumbildung 
wird heute nahezu allgemein angenommen, die Frage nach dem Ge- 
setze der Beziehung zwischen beiden sehr verschiedenartig, oftmals 
mit dunklen Auskünften, 'beantwortet. Es ergibt sich nun auf dem 
Boden der Leibreiztheorie die besondere Aufgabe der Traumdetitung, 
den Inhalt eines Traumes auf die ihn yerursacheiiden organischen 

C^ j^f^ (-1 1 p. Orf g f n al f no m 

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Org-aniseher Leibreiz und tj-pische Träume. JfJ 

Beize zurückzuführen, und wenn man nicht die von Scherner auf- 
gefundenen Deutungsregeln anerkennt, steht man oft vor der miß- 
lichen Tatsache, daß die organische Eeizquelle sich eben durch nichts 
anderes als durch den Inhalt des Traumes verrät. 

Ziemlich übereinstimmend hat sich aber die Deutung verschie- 
•dener Traumformen gestaltet, die man als „typische" bezeichnet hat, 
weil sie bei so vielen Personen mit ganz ähnlichem Inhalt wieder- 
kehren. Es sind dies die bekannten Träume vom Herabfallen von 
einer Höhe, vom Zahnausfallen, vomTliegen und von der Verlegenheit, 
niaß man nackt oder schlecht bekleidet ist. Letzterer Traum soll ein- 
fach von der im Schlafe gemachten Wahrnehmung herrühren, daß man 
-die Bettdecke abgeworfen hat und nun entblößt daliegt. Der Traum 
vom Zahnausfallen wird auf „Zahnreiz" zurückgeführt, womit aber 
nicht ein krankhafter Erregungszustand der Zähne gemeint zu sein 
braucht. Der Traum zu fliegen ist nach Strümpell, der hierin 
Scherner folgt, das von der Seele gebrauchte adäquate Bild, womit 
«ie das von den auf- und niedersteigenden Lungenflügeln ausgehende 
Keizquantum deutet, wenn gleichzeitig das Hautgefühl des Thorax 
«choil bis zur Bewußtlosigkeit herabgesunken ist. Durch den letzteren 
Umstand wird die an die Vorstellungsform des Schwebens gebundene 
Empfindung vermittelt. Das Herabfallen aus der Höhe soll dai4n 
meinen Anlaß haben, daß bei eingetretener Bewußtlosigkeit des Haut- 
druckgefühles entweder ein Arm vom Körper herabsinkt oder ein 
eingezogenes Knie plötzlich gestreckt wird, wodurch das Gefühl des 
Hautdruckes wieder bewußt wird, der Übergang zum Bewußtwerdea 
aber als Traum vom Niederfallen sich psychisch verkörpert (Strüm- 
pell, p. 118). Die Schwäche dieser plausibeln Erklärungsversuche 
liegt offenbar darin, daß sie ohne weiteren Anhalt die oder jene 
Gruppe von Cr gaüemp findungen aus der seelischen Wahrnehmung 
verschwinden oder sich ihr aufdrängen lassen, bis die für die Er- 
klärung günstige Konstellation hergestellt ist. Ich werde übrigens 
später Gelegenheit haben, auf die typischen Träume und ihre Ent- 
stehung zurückzukommen. 

M. Simon hat versucht, aus der Vergleichung einer Keihe von 
ähnlichen Träumen einige Regeln für den Einfluß der Organreize 
auf die Bestimmung ihrer Traumerfolge abzuleiten. Er sagt (p. 34): 
Wenn im Schlafe irgend ein Organapparat, der normalerweise am 
Ausdruck eines Affektes beteiligt ist, durch irgend einen anderen 
Anlaß sich in dem Erregungszustand befindet, in den er sonst bei 
jenem Affekt versetzt wird, so wird der dabei entstehende Traum 
Vorstellungen enthalten, die dem Affekt angepaßt sind. 

Eine andere Regel lautet (p. 35): Wenn ein Organapparat sich 
im Schlafe in Tätigkeit, Erregung oder Störung befindet, so wird 
^er Traum Vorstellungen bringen, welche sicli auf die Ausübung der 
organischen Funktion ' beziehen, die jener Apparat versieht. 

Mourly Vold (1896) hat es unternommen, den von der Leibreiz* 
iheoric supponierten Einfluß auf die Traumerzeügung für ein ein- 
zelnes Gebiet experimentell zu erweisen. Er hat Versuche gemacht, 
•die Stellungen der Glieder des Schlafenden zu verändern und die 

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28 I. Die wiMeoseluifÜiche Literntor der Traamprobleme, 

Traumerfolge mit seinen Abänderungen verglichen. Er teilt folgende 
Sätze als Ergebnis mit: 

1. Die ätellung eines Gliedes im Tramne entspricht ungefähr 
der in der Wirklichkeit, d. h. man träumt von einem statischen Zu- 
stand des Gliedes, welcher dem realen entspricht. 

2. Wenn man von der Bewegung eines Gliedes träumt, so ist 
diese immer so, daß eine der bei ihrer Vollziehung vorkommenden 
Stellungen der wirklichen entspricht. 

3. Man kann die Stellung des eigenen Gliedes im Traume auch 
einer fremden Person zuschieben. 

4. Man kann auch träumen, daß die betreffende Bewegung ge- 
hindert ist. 

5. Das Glied in der betreffenden Stellung kann im Traume als 
Tier oder Ungeheuer erscheinen, wobei eine gewisse Analogie beider 
hergestellt wird. 

6. Die Stellung eines Gliedes kann im Traume Gedanken an- 
regen, die zu diesem Gliede irgend eine Beziehung haben. So z. B. 
träumt man bei Beschäftigung mit den Fingern von Zahlen. 

Ich würde aus solchen Ergebnissen schließen, daß auch die T^ib- 
reiztheorie die scheinbare Freiheit in der Bestimmung der zu er* 
weckenden Traumbilder nicht gänzlich auszulöschen vermag*. 

ad 4. Psychische Reizquellen. Als wir die Beziehungen des 
Traumes zum Wachleben und die Herkunft des Traummaterials be- 
handelten, erfuhren wir, es sei die Ansicht der ältesten wie dei^ neue- 
sten Traum forscher, daß die Menschen von dem träumen, was sie 
bei Tag treiben und was sie im Wachen interessiert. Dieses aus dem 
Wachleben in den Schlaf sich fortsetzende Interesse wäre nicht nur 
ein psychisches Band, das den Traum ans Leben knüpft, sondern 
ergibt uns auch eine nicht zu unterschätzende Traumquelle, die neben 
dem im Schlafe interessant Gewordenen — den während des Schlafes 
einwirkenden Reizen — ausreichen sollte, die Herkunft aller Traum- 
bilder aufzuklären. Wir haben aber auch den Widerspruch gegen obige 
Behauptung gehört, nämlich daß der Traum den Schläfer von den 
Interessen des Tages abzieht und daß wir — meistens — von den 
Dingen, die uns hdi Tag am mächtigsten ergriffen haben, erst dann 
träumen^ wenn sie für das Wachleben den Reiz der Aktualität ver- 
loren haben. So erhalten wir in der Analyse des Traumlebens bei 
jedem Schritt den Eindruck, daß es unstatthaft ist, allgemeine Re- 
geln aufzustellen, ohne durch ein „oft", „in der Regel", ^oneistens''^ 
Einschränkungen vorzusehen und auf die Gültigkeit der Ausnahmen 
vorzubereiten. 

Wenn das Wachinteresse nebst den inneren und äußeren Schlaf- 
reizen zur Deckung der Traumätiologie ausreichte, so müßten wir 
im stände sein, von der Herkunft aller Elemente eines Traumes be- 
friedigende Rechenschaft zu geben ; das Rätael der Traumquellen wäre 
gelöst, und es bliebe noch (Ue Aufgabe, den Anteil der psychischen 
und der somatischen Traumreize in den einzelnen Träumen abzugrenzen- 

* Näheres fiber die seither in zwei Banden veröffentlichten Tnramproto» 
koUe dieses Forschers siehe nntenl 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f no m 

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Die psjrchiAchen Traamquellen. 29 

m 

In Wirklichkeit ist diese vollständige Auflösung eines Traumes noch 
in keinem Falle gelungen, und jedem, der dies versucht hat, sind — 
meist sehr reichlich — Traumb^tandteile übrig geblieben, über deren 
Herkunft er keine Aussage machen konnte. Das Tagesinteresse als 
psychische Traumquelle trägt offenbar nicht sp weit, als man nach 
den zuversichtlichen Behauptungen, daß jeder im Traume sein Ge- 
schäft weiter betreibe, erwarten sollte. 

Andere psychische Traumquellen sind nicht bekannt. Es lassen 
^Iso alle in der Literatur vertretenen Traumerklärungen — mit Aus- 
nahme etwa der später zu erwähnenden von Scherner — eine 
große Lücke offen, wo es sich um 'die Ableitung des für den Traum 
am meisten charakteristischen Materials an Vorstellungsbildem handelt. 
In dieser Verlegenheit hat die Mehrzahl der Autoren die Neigung 
-entwickelt, den psychischen Anteil an der Traumerregung, dem so 
schwer beizukommen ist, möglichst zu verkleinern. Sie unterscheiden 
zwar als Haupteinteilung den Nervenreiz und den Assoziations- 
ir au m, welch letzterer ausschließlich in der Reproduktion seine 
Quelle findet (Wundt, p. 365), aber sie können den Zweifel nicht 
loswerden, „ob sie sich ohne anstoßgebenden Leibreiz einstellen" (Vo 1- 
telt, p. 127). Auch die Charakteristik des reinen Assoziationstraumes 
versagt: „In den eigentlichen Assoziationsträumen kann yon einem 
solchen festen Kerne nicht mehr die Bede sein. Hier dringt die lose 
Gruppierung auch in den Mittelpunkt des Traumes ein. Das ohnedies 
von Vernunft und Verstand freigelassene Vorstellungsleben ist hier 
auch von jenen gewichtvolleren Leib- und Seelenerregungen nicht mehr 
zusammengehalten und so seinem eigenen bimten Schieben und Trei- 
ben, seinem eigenen lockeren Durcheinandertaumeln überlassen" (Vol- 
kelt, p. 118). Eine Verkleinerung des psychischen Anteiles an der 
Traumerregung versucht dann IVundt, indem er ausführt, daß man 
die , .Phantasmen des Traumes wohl mit Unrecht als reine Halluzina- 
tionen ansehe. Wahrscheinlich sind die meisten Traumvorstellungen 
in Wirklichkeit Illusionen, indem sie von den leisen Sinnescindrücken 
ausgehen, die niemals im Schlafe erlöschen" (p. 359 u. f.). Weygandt 
hat sich diese Ansicht angeeignet und sie verallgemeinert. Er be- 
hauptet für alle Traum Vorstellungen, daß ihre nächste Ursache Sin- 
nesreize sind, /daran erst schließen sich reproduktive Assoziationen" 
<p. 17). Noch weiter in der Verdrängung der psychischen ßeizquellen 
geht Tissie (p. 183): Les reves d'origine absolument psychique 
n'existent pas, und anderswo (p. 6): les pensees de nos reves nous 
viennent du dehors. 

Diejenigen Autoren, welche wie der einflußreiche Philosoph 
TVundt eine Mittelstellung einnehmen, versäumen nicht anzumerken, 
daß in den meisten Träumen somatische Reize und die unbekannten 
oder als Tagesinteresse erkannten psychischen Anreger des Traumes 
zusammenwirken. 

Wir werden später erfahren, daß das Rätsel der Traumbildung 
durch die Aufdeckung einer unvermuteten psychischen Reizquelle 
gelöst werden kann. Vorläufig wollen wir uns über die Überschätzung 
der nicht aus dem Seelenleben stammenden Reize zur Traumbildung 
nicht verwundern. Nicht nur daß diese allein leicht aufzufinden und 



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30 I- LHe . wimenschaftUche Uterator der Tmuiuprobleme. 

selbst durchs Experiment zu bestätigen sind; es entspricht auch dio 
somatische Auffassung der Traumdeutung durchwegs der lieute in 
der Psychiatrie herrschenden Denkrichtung. Die Herrschaft des Ge- 
hirns über den Organismus wird zwar nachdrücklichst betont, aber 
alles, was eine Unabhängigkeit des Seelenlebens von nachweisbaren 
organischen Veränderungen oder eine Spontaneität in dessen Außerun* 
gen erweisen könnte, schreckt den Psychiater heute so, als ob dessen 
Anerkennung die Zeiten der Naturphilosophie und des met^hysischen 
Seelenwesens wiederbringen müßte. Das Mißtrauen des Psychiaters 
hat die Psyche gleichsam unter Kuratel gesetzt und fordert nun, 
daß keine ihrer Kegungen ein ihr eigenes vermögen verrate. Doch 
zeigt dies Benehmen von nichts anderem als von einem geringeoi 
Zutrauen in die Haltbarkeit der Kaüsalverkettung, die sich zwischea 
Leiblichem und Seelischem erstreckt. Selbst wo das Psychische sich 
bei der Erforschung als der primäre Anlaß eines Phänomens erkonnen 
läßt, wird ein tieferes Eindringen die Fortsetzung des Weges bis zur 
organischen Begründung des Seelischen einmal zu finden wissen. Wo 
al^r das Psychische für unsere derzeitige Erkenntnis die Endstation 
bedeuten müßte, da braucht es darum nicht geleugnet zu werden. 

d) Warum man den Traum nach dem Erwachen ver*^ 
gißt? 

Daß der Traum am Morgen „zerrinnt'* ist sprichwörtlich. Freilich, 
ist er der Erinnemng fähig. Denn wir kennen den Traum ja nur 
aus der Erinnerung an ihn nach dem Erwachen; aber wir glauben 
sehr oft, daß wir .ihn nur unvollständig erinnern, während in der 
Nacht mehr von ihm da war; wir können beobachten, wie eine des 
Morgens noch lebhafte Traumerinnerung im Laufe des Tages bis auf 
kleine Brocken dahinschwindet; wir wissen oft, daß wir geträumt 
haben, aber nicht, was wir geträumt haben, und wir sind an die 
Erfahrung, daß der Traum dem Vergessen . unterworfen ist, so ge- 
wöhnt, daß wir die Möglichkeit nicht als absurd verwerfen, daß auch 
der bei Nacht geträumt haben könnte, der am Morgen weder vom. 
Inhalt noch von der Tatsache des Träumens etwas weiß. Anderseits 
kommt es vor, daß Träume eine außerordentliche Haltbarkeit im 
Gedächtnisse zeigen. Ich habe bei meinen Patienten Träume analy- 
siert, die sich ihnen vor 26 und mehr Jahren ereignet hatten, und 
kann mich an einen eigenen Traum erinnern, der durch mindesiens 
37 Jahre vom heutigen Tage getrennt ist und doch an seiner Ge- 
dächtnisfrische nichts eingebüßt hat. Dies alles ist sehr merkwürdig 
und zunächst nicht verständlich. 

t^ber das Vergessen der Träume handelt am ausführlichsten 
Strümpell. Dies Vergessen ist offenbar ein komplexes Phänomen, 
denn Strümpell führt es nicht auf einen einzigen, sondern auf 
eine ganze Reihe von Gründen zurück. 

Zunächst sind für das Vergessen der Träume alle jene Gründe 
wirksam, die im Wachleben das Vergessen herbeiführen. Wir pflegen 
als Wachende eine Unzahl von Empfindungen und Wahrnehmungen, 
alsbald zu vergessen, weil sie zu schwach waren, weil die an sie 
geknüpfte Seelenerregung einen zu geringen Grad *hatte. Dasselbe 
ist rücksichtlich vieler Traumbilder der Fall; sie werden vergessen,. 



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Das Vergeesen der Traum©. 81 

weil sie zu schwach waren, während stärkere Bilder aus ihrer Nälie 
erinnert werden. Übrigens ist das Moment der Intensität für sich 
allein sicher nicht entscheidend für die Erhaltung der Traumbilder; 
Strümpell gesteht wie auch andere Autoren (Calkins) zu, daß man 
häufig Traumbilder rasch vergißt, von denen man weiß, daß sie sehr 
lebhait waren, während unter den im Gedächtnis erhaltenen sich sehr 
viele schattenhafte, sinnesschwache Bilder befinden. Ferner pflegt man 
im Wachen leicht zu vergessen, was sich nur einmal ereignet hat, 
und besser zu merken, was man wiederholt wahrnehmen konnte. Die 
meisten Traumbilder sind aber einmalige Erlebnisse*; diese Eigen- 
tüi][ilichkeit wird gleichmäßig zum Vergessen aller Träume beitragen. 
Weit bedeutsamer ist dann ein dritter Grund des Vergessens. Damit 
Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken usw. eine gewisse Erinnerungs- 
größe erlangen, ist es notwendig, daß sie nicht vereinzelt bleiben, son- 
dern Verbindungen und Vergesellschaftungen passender Art eingehen. 
Löst man einen kleinen Vers in seine Worte auf und schüttelt diese 
durcheinander, so wird es sehr schwer, ihn zu merken. „Wohlgeordnet 
und in sachgemäßer Folge hilft ein Wort dem anderen und das Ganze 
steht sinnvoll in der Erinnerung leicht und lange fest. Widersinniges, 
behalten wir im allgemeinen ebenso schwer und ebenso selten wie 
das Verworrene und Ordnungslose." Nun fehlt den Träumen in den 
meisten Fällen Verständigkeit und Ordnung. Die Traumkompositionon 
entbehren an sich der Möglichkeit ihres eigenen Gedächtnisses und 
werden vergessen, weil sie meistens, schon in den nächsten Zeit- 
momenten auseinander fallen. — Zu diesen Ausfühningen stimmt aller- 
dings nicht ganz, was ßadestock (p. 168) bemerkt haben will, daß 
wir gerade die sonderbarsten Träume am besten behalten. 

Noch wirkungsvolle!:, für das Vergessen des Traumes erseheinen 
Strümpell andere Momente, die sich aus dem Verhältnis von Traum 
und AVachleben ableiten. Die Vergeßlichkeit der Träume für das wache 
Bewußtsein ist augenscheinlich nur das Gegenstück zu der früher 
erwähnten Tatsache, daß der Traum (fast) nie geordnete Erinnerungen 
aus dem Wachleben, sondern nur Einzelheiten aus demselben über- 
nimmt, die er aus ihren gewohnten psychischen Verbindungen reißt, 
in denen sie im Wachen erinnert werden. Die Traumkomposition hat 
somit keinen Platz in der Gesellschaft der psychischen Reihen, mit 
denen die Seele erfüllt ist. Es fehlen ihr alle Erinnerungshilfen. 
.,Auf diese Weise hebt sich das Traumgebilde gleichsam von dem 
Boden unseres Seelenlebens ab und schwebt im psyctischen Räume 
wie eine Wolke am Himmel, die der neu belebte Atem lasch ver- 
weht" (p. 87). Nach derselben Richtung wirkt der Umstand, daß mit 
dem Erwachen sofort die herandrängende Sinneswelt die Aufmerk- 
samkeit mit Beschlag belegt, so daß vor dieser Macht die wenigsten 
Traumbilder standhalten können. Diese weichen vor den Eindrücken 
des jungen Tages wie der Glanz der Gestirne vor dem Lichte der Sonne. 

An letzter Stelle ist als förderlich für das Vergessen der Träume 
der Tatsache zu gedenken, daß die meisten Menschen ihren Träumen 

* Periodisch wiederkehrende Träume «ind wiederholt bemerkt worden, vgl. 
flio Sammlung von Chabeneix. 



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ß2 L I>ie wiM«ii8chaftUehe Uterator der Traainprobleme. 

liherhaupt wenig Interesse entgegenbringen. Wer sich z. B. als For- 
scher eine Zeitlang filr den Traum int^sressiert, träumt währenddes 
auch mehr als sonst, das heißt, wohl : er erinnert seine Träume leichter 
und häufiger. 

Zwei andere Gründe des Vergessens der Träume, die Bonatelli 
"bei Benini zu den Strümpellschcn hinzugefügt, sind wohl bereits 
in diesen enthalten, nämlich 1. daß die Veränderung des Gemein- 
gefühles zwischen Schlafen und Wachen der wechselseitigen Repro- 
<ruktion ungünstig ist, und 2. daß die andere Anordnung des Vorstel- 
lungsmaterials im Traume diesen sozusagen unübersetzbar fürs Wach- 
bewußtsein macht. 

Nach all diesen Gründen fürs Vergessen wird es, wie Strüm- 
pell selbst hervorhebt, erst recht merkwürdig, daß soviel von den 
Träumen doch in der Erinnerung behalten wird. Die fortgesetzten Be- 
mühungen der Autoren, das Erinnern der Träume in Regeln zu fas- 
^n, kommen einem Eingeständnis gleich, daß auch Trier etwas i'utsel- 
haft und ungelöst geblieben ist. Mit Recht sind einzelne Eigentüm- 
lichkeiten der Erinnerung an den Traum neuerdings besonders bemerkt 
worden, z. B. daß man einen Traum, den man am Morgen für ver- 
gessen hält, im Laufe des Tages aus Anlaß einer Wahrnehmung er- 
innern kann, die zufällig an den — doch vergessenen — Inhalt des 
Traumes anrührt (Radestock, Tissie). Di^ gesamte Erinnerung 
an den Traum unterliegt aber einer Einwendung, die geeignet ist, 
ihren Wert in kritischen Augen recht ausgiebig herabzusetzen. Man 
kann zweifeln, ob unsere Erinnerung, die soviel vom Traume wegläßt, 
•das, was sie erhalten hat, nicht verfälscht. 

Solche Zweifel an der Exaktheit der Reproduktion des Traumes 
spricht auch Strümpell aus: „Dann geschieht es eben leicht, daß 
das wache Bewußtsein unwillkürlich manches in die Erinnerung des 
Traumes einfügt: man bildet sich ein. Allerlei geträumt zu haben, 
was der gewesene Traum nicht enthielt." 

Besonders entschieden äußert sich Jessen (p. 547): 

„Außerdem ist aber bei der Untersuchung und Deutung zu- 
•sammenhängender und folgerichtiger Träume der, wie es scheint, bis- 
her wenip beachtete Umstand sehr in Betracht zu ziehen, daß es 
dabei fast immer mit der Wahrheit hapert, weil wir, wenn wir einen 
gehabten Traum in unser Gedächtnis zurückrufen, ohne es zu be- 
merken oder zu wollen, die Lücken der Traumbilder ausfüllen und 
ergänzen. Selten und vielleicht niemals ist ein zusammenhängender 
Traum so zusammenhängend gewesen, wie er uns in der Erinnerung 
erscheint. Auch dem wahrheitsliebendsten Menschen ist es kaum mög- 
lich, einen gehabten merkwürdigen Traum ^ ohne allen Zusatz und 
ohne alle Ausschmückung zu erzählen: das Bestreben des mensch- 
lichen Geistes, alles im Zusammenhange zu erblicken, ist so groß, 
daß er bei der Erinnerung eines einigermaßen unzusammenhängenden 
Traumes die Mängel des Zusammenhanges unwillkürlich ergänzt." 

Fast wie eine Übersetzung dieser Worte Jessens klingen die doch 
gewiß selbständig konzipierten Bemerkungen von V. Egger (1895): 

„ To'bservation des reves a ses dif f icultes speciales et le seul 

moyen d'eviter toute erreur en pareille matiere est de confier au 



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Psychologische Charaktere des TraomeA. g^ 

papier sans le moindre retard ce que Pon vient d'eprouver et de re- 
marquer; sinon, Toubli vient vite ou total ou partiel ; Toubli total est 
Sans gravite; mak l'oubli partiel est perfide»; car si Ton se juet ensuite 
a raconter ce que Ton n'a pas oublie, on est expose a completer par 
imagination les fragments incoherents et disjoints foumi par la me- 
moire . . .; on devient artiste a son insu, et le recit periodiquement 
repete s'impose a la creance de son auteur, qui, de bonne foi, le prä- 
sente comme un fait authentique, düment etabli selon les bonnes mh- 
thodee. . . /' 

Ganz ähnlich Spitta (p. 338), der anzunehmen scheint, daß 
wir überhaupt erst bei dem Versuche, den Traum zu reproduzieren, 
die Ordnung in die lose miteinander assoziierten Traumelemente ein- 
führen — „aus dem Nebeneinander ein Hintereinander, Aus- 
einander machen, also den Prozeß der logischen Verbindung, der 
im Traume fehlt, hinzufügen" 

Da wir nun eine andere als eine objektive Kontrolle für die 
Treue unserer Erinnerung nicht besitzen, diese aber beim Traume, 
der unser eigenes Erlebnis ist, und für den wir 'nur die Erinnerung 
als Quelle kennen, nicht möglich ist, welcher Wert bleibt da unserer 
Erinnerung an den Traum noch übrig? 

e) Die psychologischen Besonderheitei des Traumes. 

Wir gehen in der wissenschaitlichen Betrachtung^ des Traumes 
von der Annahme aus, daß der Traum ein Ergebnis unserer eigenen 
Seelentätigkeit ist; doch erscheint uns der fertige Traum als etwas 
Fremdes, zu dessen Urheberschaft zu bekennen es uns so wenig drängt, 
daß wii- ebenso gern sagen : „Mir hat geträum t**^ wie: „Ich habe ge- 
träumt." Woher rührt diese „Seeleikfremdheit" des Traumes ? Nach 
unseren Erörterungen über die Traumquellen sollten wir meinen, sie 
sei nicht durch das Material bedijigt, das in den Trauminhalt gelangt; 
dies ist ja zum größten Teil dem Traumleben wie dem Waclileoeh. 
gemeinsam. Man kann sich fragen, ob es nicht Abänderungen der 
psychischen Vorgänge im Traume sind, welche diesen Eindruck her- 
vorrufen, und kann so eine psychologische Charakteristik des Traumes 
versuchen. 

Niemand hat die Wesensverschiedenheit von Traum- und Wach- 
leben stärker betont und zu weitergehenden Schlüssen^ verwendet als 
G. Th. Fechner in einigen Bemerkungen seiner Elemente der Psy- 
chophysik (p. 520, II. T.). Er meint, „weder die einfache Herab- 
drückung des bewußten Seelenlebens unter die Hauptschwelle", noch 
die Abziehung der Aufmerksamkeit von den Einflüssen der Außen- 
welt genüge, um die Eigentümlichkeiten des Traumlebens dem wachen 
Leben gegenüber .aufzuklären. Er vermutet vielmehr, daß auch der 
Schauplatz der Träume ein anderer ist als der des wachen 
Vorstellungslebens. „Sollte der Schauplatz der psychophysischen 
Tätigkeit während des Schlafens und des Wachens derselbe sein, so 
könnte der Traum, meines Erachtens, bloß eine auf einem niederen 
Grade der Intensität sich haltende Fortsetzung des wachen Vor- 
stellungslebens sein un3 m'üßte übrigens dessen Stoff und Jessen Torm 
t^eilen. Aber es verhält sich ganz anders." 

Fttttd, Trftumdeatanf. S. Aufl. ^ ^ 

/ ^ ^^ ^ I p, Orf g f n a I f no m 

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34 ^' ^>^ wisseoBcliAftliche Literatar der Traamprobleme. 

Wafl Fechner mit einer solchen Umsiedlung der Seelentätig- 
keit meint, ist wohl nicht klax geworden; auch hat kein anderer» 
soviel ich weiß, den AVeg weiter verfolgt, dessen Spur er in jener 
Bemerkung aufgezeigt. Eine anatomiache Deutung im Sinne der phy- 
siologischen Gehirnlokalisation oder selbst mit Bezug auf die histo- 
logische Schichtung der Hirnrinde wird man wohl auszuschließen 
haben. Vielleicht aber erweist sich der Gredanke einmal als sinnreich 
und fruchtbar, wenn man ihn auf einen seelischen Apparat bezieht^ 
der aus mehreren hintereinander eingeschalteten Instanzen aufge- 
baut ist. 

Andere Autoren haben sich damit begnügt, die eine oder die 
andere der greifbareren psychologischen Besonderheiten des Traumlebens 
hervorzuheben und etwa zum Ausgangspunkte weiterreichender Er- 
klärungsversuche zu machen. 

Es ist mit Recht bemerkt worden, daß eine der Hauptergen- 
tümliehkeiten des Traumlebens schon im Zustand des Einschlafens 
auftritt und als den Schlaf einleitendes Phänomen zu bezeichnen ist. 
Das Charakteristische des wachen Zustandes ist nach Schleier- 
macher (p. 351), daß die Denktätigkeit in Begriffen und nicht 
in Bildern vor sich geht. Nun denkt der Traum hauptsächlich in 
Bildern, und man kann b^bachten, daß mit der Annäherung an den 
Schlaf in demselben Maße, in dem die gewollten Tätigkeiten sich er- 
schwert zeigen, ungewollte Vorstellungen hervortreten, die 
alle in die Klasse der Bilder gehören. Die Unfähigkeit zu solcher 
Vorstellungsarbeit, die wir als absichtlich gewollte empfinden, und 
das mit dieser Zerstreuung regelmäßig verknüpfte Hervortreten von 
Bildern, dies sind zwei Charaktere, die dem Traume verbleiben und 
die wir bei der psychologischen Analyse desselben als wesentliche 
Charaktere des Traumlebens anerkennen müssen. Von den Bildern — 
den hypnagogischen Halluzinationen« — haben wir erfahren, daß sie 
selbst dem Inhalt nach mit den Traumbildern identisch sind*. ( 

Der Traum denkt also vorwiegend in visuellen Bildern, aber 
doch nicht ausschließlich. Er arbeitet auch mit Gehörsbildem und in 
geringerem Ausmaße mit den Eindrücken der anderen Sinne. Viele« 
wird auch im Traume einfach gedacht oder vorgestellt (wahrschein- 
lich also durch Wortvorstellungsreste vertreten), ganz wie sonst im 
AVachen. Charakteristisch für den Traum sind aber doch nur jene 
Inhaltselemente, welche sich wie Bilder verhalten, d. h. den "Wahr- 
nehmungen ähnlicher sind als den Erinnerungsvorstellungen. Mit Hin- 
wegsetzung über alle die dem Psychiater wohlbekannten Diskussionen 
über das Wesen der Halluzination können wir mit allen sachkundigen 
Autoren aussagen, daß der Traum halluziniert, daß er Gedanken 
durch Halluzinationen ersetzt. In dieser Hinsicht besteht kein Unter- 
schied zwischen visuellen und akustischen Vorstellungen; es ist be- 
merkt worden, daß die Erinnerung an eine Tonfolge, mit der man 
einschläft, sich beim Versinken in den Schlaf in die Halluzination 



*H. Silberer hat an schönen Beispielen gezeigt, wie sich selbsf ab- 
strakte Gedanken im Zustande der Schlafrigkeit in anschaulich-plastiscbe Bilder 
nmsetzen, die <laa nämliche anzudrucken wollen. (Jahrbnch von Bleuler- Freud, 
Band 1, 1909.) 



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Der Glaube an die Realität der Traaipbilder. 35 

derselben Melodie verwandelt, um beim Zusiehkommen, das mit dem 
Einnicken mehrmals abwechseln kann, wieder der leiseren und quali- 
tativ anders gearteten Erinnerungsvorstellung Platz zu machen. 

Die Verwandlung der Vorstellung in Halluzination ist nicht die 
einzige Abweichung des Traumes von einem etwa ihm entsprechen- 
den Wachgedanken. Aus diesen Bildern gestaltet der Traum eine 
Situation, er stellt etwas als gegenwärtig dar, er dramatisiert eine 
Idee, wie Spitta (p. 145) es aiLsdrückb Die Charakteristik dieser 
Seite des Traumlebens wird aber erst vollständig, wenn man hinzu- 
nimmt, daß man beim Träumen — in der Begel; die Ausnahmen 
fordern eine besondere Aufklärung — nicht zu denken, sondern zu 
erleben vermeint, die Halluzination also mit vollem Glauben auf- 
nimmt. Die Kritik, man habe nichts erlebt, sondern nur in eigentüm- 
licher Form gedacht — geträumt, regt sich erst beim Erwachen. 
Dieser Charakter scheidet den echten Schlaftraum von der Tagträu- 
merei, die niemals mit der Realität verwechselt wird. 

B u r d a c h hat die bisher betrachteten Charaktere des Traum- 
lebens in folgenden Sätzen zusammengefaßt (p. 476) : „Zu den wesent- 
lichen Merkmalen des Traumes gehört: d) daß die subjektive Tätig- 
keit unserer Seele als objektiv erscheint, indem das Wahrnehmungs- 
vermögen die Produkte der Phantasie so auffaßt, als ob es sinnliche 
Rührungen wären; ... 6) der Schlaf ist eine Aufhebung der Eigen- 
mächtigkeit. Daher gehört eine gewisse Passivität zum Einschlafen. . . 
Die Schlummerbilder werden durch den Nachlaß der Eigenmächtig- 
keit bedingt." 

Es handelt sich nun um den Versuch, die Gläubigkeit der Seele 
gegen die Traumhalluzinationen, die erst nach Einstellung einer 

r ^wissen eigenmächtigen Tätigkeit auftreten können, zu erklaren, 
trümpell führt aus, daß die Seele sich dabei korrekt und ihrem 
Mechanismus gemäß benimmt. Die Traumelemente sind keineswegs 
bloße Vorstellungen, sondern wahrhafte und wirkliche Er- 
lebnisse der Seele, wie sie im Wachen durch Vermittlung der 
Sinne auftreten (p. 34). AVährend die Seele wachend in Wortbildem 
und in der Sprache vorstellt und denkt, stellt sie vor und denkt ini 
Traume in wirklichen Empfindungsbildern (p. 35). Überdies kommt im 
Traume ein Raumbewußtsein hinzu, indem wie im Wachen Empfin- 
dungen und Bilder in einen äußeren Raum versetzt werden (p. 36). 
Man muß also zugestehen, daß sich die Seele im Traume ihren Bil- 
dern und Wahrnehmungen gegenüber in derselben Lage befindet wie 
im Wachen (p. 43). Wenn sie dabei dennoch irre geht, so rührt dies 
daher, daß ihr im Schlafzustand das Kriterium fehlt, welches allein 
zwischen von außen und von innen gegebenen Sinneswahrnehmungen 
unterscheiden kann. Sie kann ihre Bilder nicht den Proben unterzieh 
hen, welche allein deren objektive Realität erw^eisen. Sie vernachlässigt 
außerdem den Unterschied zwischen willkürlich vertauschbaren 
Bildern und anderen, wo diese Willkür wegfällt. Sie irrt, weil sie 
das Gesetz der Kausalität nicht auf den Inhalt ihres Traumes an- 
wenden kann (p. 58). Kurz, ihre Abkehrung von der Außenwelt ent- 
hält auch den Grund für ihren Glauben an die subjektive Traumwelt. 

3* 

r^onnlp^ Original from 

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36 I. Die wifl^^Nisehaftliche Litermlar der Tr«ainprobIeiiie* 

Zum selben Schlüsse gelangt nach teilweise abweichenden psy- 
chologischen Entwicklungen Delboeuf. Wir schenken den Traum- 
bildern den RealitätsglauDen, weil wir im Schlafe keine anderen Ein^ 
drücke zum Vergleiche haben, weil wir von der Außenwelt abgelöst 
sind. Aber nicht etwa darum Rauben wir an die Wahrheit unserer 
Halluzinationen, weil uns im Schlafe die Möglichkeit entzogen ist, 
Proben anzustellen. Der Traum kann uns alle diese Prtfungen vor- 
6piegeln> uns etwa zeigen, daß» wir die gesehene Rose b^tühren, und 
wir träumen dabei doch. Es gibt nach Delboeuf kein stichhaltiges 
Kriterium dafür, ob etwas ein Traum ist oder wache Wirklichkeit, 
außer — und dies nur in praktischer Allgemeinheit — der Tatsache 
des Erwachens. Ich erkläre alles für Täuschung, was zwischen Ein- 
schlafen und Erwachen erlebt worden ist, wenn ich durch das Er- 
wachen merke, daß ich ausgekleidet in meinem Bette liege (p. 84). 
Während des Schlafes habe ich die Traumbilder für wahr gehalten 
infolge der nicht einzuschläfernden Denkgewohnheit, eine Außen- 
welt anzunehmen, zu der ich mein Ich ih Gegensatz bringe*. 

Wird so die Abwendung von der Außenwelt zu dem bestimmen- 
den Moment für die Ausprägung der auffälligsten Charaktere des 
Traumlebens erhoben, so verlohnt es sich, einige feinsinnige Bemer- 
kungen des alten Burdach anzuführen, welche auf die Beziehung 
der schlafenden Seele zur Außenwelt Licht werfen und dazu angetan 
sind, vor einer Überschätzung der vorstehenden Ableitungen zurück- 
zuhalten. „Der Schlaf erfolgt nur unter der Bedingung," sagt Bur- 
dach, „daß die Seele nicht von Sinnesreizen angeregt wird, .... aber 

* Eincu 4hiilicben Versuch wie Delboeuf, die Traum tat igkeit «u er« 
klären durch die Abänderung, welche eine abnorm eingeführte Bedingung an der 
sonst korrekten Funktion des intakten seelischen Apparates zur Fol^ haben 
muß, liat Haffner unternommen, diese Bedingung aber in etwas anderen Worten 
beschrieben. Das erste Kennzeichen des Traumes ist nach ihm die Ort- und Zeit, 
losigkeit, d. i. die Eaianzipation der Vorstellung von der dem Individuum sukom. 
menden Stelle in der örtlichen nnd zeitlichen Ordnung. Mit diesem verbindet sich 
der zweite Grundcharakter des Traumes, die Verwechslung der Halluzinationen, 
Imaginationen und Phantasiekombinationen mit äußeren Wahrnehmungen. ,,Da 
die Cresa mtheit der höheren Seelenkräfte, insbesondere Begriffsbildung, Urteil 
und Schlußfolgerung einerseits und die freie Selbstbestimmung anderseits an die 
sinnlichen Phantasiebilder sich anschließen und diese jederzeit zur Unterlage 
haben, so nehmen auch diese Tätigkeiten an der Regellosigkeit der Traumvor- 
Stellungen teil. Sie nehmen teil, sagen wir. denn an und für sich ist unsere 
Urteilskraft wie unsere Willenskiaft im Schlafe in keiner Weise alteriert. Wir 
sind der Tätigkeit nach ebenso scharfsinni<r und ebenso frei w^ie im wachen Zu- 
stande. Der Mensch kann auch im Traume nicht gegen die Denkgesetze an sich 
verstoßen^ d. h. nicht das ihm als entgegengesetzt sich Darstellende identisch 
setzen usw. Er kann auch im Traume nur das begehren, was er als ein Gutes 
sich vorstellt (sub latione boni). Aber in dieser Ant^-endunj? der Gesetze dei Den- 
kens und Wollens wird der menschliche Geist im Traume irregeführt durch di^ 
Verwechslung einer Vorstellung mit einer anderen. So kommt es, daß wir im 
Traume die größten Widersprüche setzen und begehen, während wir anderseits 
die scharfsinnigsten Urteilsbildungen und die konsequentesten Schlußfolgerungen 
vollziehen, die tugendhaftesten und heiligsten Entschließungen fassen können. 
Mangel an Orientierung ist das ganze Geheimnis des Fluges, mit welohom 
unsere Phantasie im Traume sich bewegt, und Mangel an kritischer Re- 
flexion sowie an Verständigung mit anderen ist die Hauptquelle der maßlosen 
Extravaganzen unserer Urteile wie unserer Hoffnyngen und Wünsche im Traume^ 
(p. 18), 



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Die Abwendaog vofi der Außenwelt. 37 

^ä ist nicht sowohl der Mangel an Sinnesreizen die Bedingung des 
Schlafes, als vielmehr der Mangel an Interesse dafür* mancher sinn- 
liche Eindruck ist selbst notwendig, insofern er zur Beruhigung der 
Seele dient, wie denn der Müller nur dann schläft, wenn er das Klap- 
pern seiner Mühle hört, und der, welcher aus Vorsicht ein Nacht- 
licht zu brennen für nötig hält, im Dunkeln nicht einschlafen kann'' 
(p. 457). 

„Die Seele isoliert sich im Schlafe gegen die Außenwelt und 
zieht sich von der Peripherie . . . zurück. . . . Indes ist der Zu- 
sammenhang nicht ganz unterbrochen: wenn man nicht im Schlafe 
selbst, sondern erst nach dem Erwachen hörte und fühlte, so könnte 
man überhaupt nicht geweckt werden. Noch mehr wird die Fort- 
dauer der Sensation dadurch bewiesen, daß man nicht immer durch 
die bloß sinnliche Stärke eines Eindruckes, sondern durch die psy- 
chische Beziehung desselben geweckt wird; ein gleichgültiges Wort 
weckt den Schlafenden nicht, ruft man ihn aber beim Namen, so 
erwacht er, . • . die Seele unterscheidet also im Schlafe zwischen 
den Sensationen. . . . Daher kann man denn auch durch den Mangel 
eines Sinnesreizes, wenn dieser sich, auf eine für die Vorstellung wich- 
tige Sache bezieht, geweckt werden; so erwacht man vom Auslöschen 
eines Nachtlichtes und der Müller vom Stillstand seiner Mühle, also 
vom Aufhören der Sinnestätigkeit, und dies setzt voraus, daß diese 
perzipiert worden ist, aber als gleichgültig oder vielmehr befriediirend 
die Seele nicht aufgestört hat" (p. 460 u.ff.). 

Wenn wir selbst von diesen nicht gering zu schätzenden Ein- 
wendungen absehen wollen, so müssen wir doch zugestehen, daß die 
bisher gewürdigten und aus der Abkehrung von der Außenwelt abge- 
leiteten Eigenschaften des Traumlebens die Fremdartigkeit desselben 
nicht voll zu decken vermögen. Denn im anderen Falle müßte es 
möglich sein, die Halluzinationen des Ti'aumes in Vorstellungen, die 
Situationen des Traumes in Gedanken zurückzuverwandeln und damit 
die Aufgabe der Traumdeutung zu lösen. Nun verfahren wir nicht 
anders, wenn wir nach dem Erwachen den Traum aus der Erinnerung 
reproduzieren, und ob uns diese Rückübersetzung ganz oder nur teil- 
weise gelingt, der Traum behält seine Rätselhaftigkeit unverringert bei. 

Die Autoren nehmen auch alle unbedenklich an, daß im Traume 
noch andere und tiefergreifende Veränderungen mit dem Vorstellungs- 
material des Wachens" vorgefallen sind. Eine derselben sucht Strüm- 
pell in folgender Erörterung herauszugreifen (p. 17) : „Die Seele 
verliert mit dem Aufhören der sinnlich tätigen Anschauung und 
des normalen Lebensbewußtseins auch den Grund, in welchem ihre 
Gefühle, Begehrungen, Interessen und Handlungen wurzeln. Auch 
diejenigen geistigen Zustände, Gefühle, Interessen, Wertschätzungen, 
,. welche im Wachen den Erinnerungsbildern anhaften, unterliegen . . . 
einem verdunkelnden Drucke, infolgedessen sich ihre Verbindung 
mit den Bildern auflöst, die Wahmehmungsbilder von Dingen, Per- 
sonen, Lokalitäten, Begebenheiten und Handlungen des wachen Le- 
bens werden einzeln sehr zahlreich reproduziert, aber keines der- 

* Man vergleiche hi«zii das „Desinteret", in dem Cl aparede (1905) den 
ICecbanismus des Einschlafens findet. 

Orfg fnal f no m 



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38 ^' ^^^ wiii:9enschaftliclie Literatur der Traumprobieme. 

fielbeo bringt seinen psychischen Wert mit. Dieser Lst von ihnen 
abgelöst und sie schwanken deshalb in dor Seele nach eigenen Mit* 
teln umher. . ." 

Diese Entblößung der Bilder von ihrem psychischen Werte, die 
flelbst wiederum auf die Abwendung von der Außenwelt zurück* 

Seführt wird, soll nach Strümpell einen Hauptanteil an dem Ein- 
ruck der Fremdartigkeit haben, mit dem sich der Traum in unserer 
Erinnerung dem Leben gegenüberstellt. 

Wii" haben gehört, daß schon das Einschlafen den Verzicht auf 
eine der seelischen TätigkeiteUt nämlich auf die willkürliche T^eitung 
des Vorstellungsablaufes, mit sich bringt. Es wird uns so die ohne- 
dies naheliegende Vermutung aufgedrängt, daß der Schlaf zustand sich 
auch über die seelischen Verrichtungen erstrecken möge. Die eine 
oder andere dieser Verrichtungen wird etwa ganz aufgehoben; ob die 
übrigbleibwiden iingestört weiter arbeiten, ob sie unter solchen Um- 
ständen normale Arbeit leisten können, kommt jetzt in Frage. Der 
Gresichtspunkt taucht auf, daß man die Eigentümlichkeiten des Trau- 
mes erklären könne durch die psychische Minderleistung im Schlaf- 
zustand, und nun kommt der Eindruck, den der Traum unserem 
wachen Urteil macht, einer solchen Auffassung entgegen. Der Traum 
ist unzusammenhängend, vereinigt ohne Anstoß die ärgsten Wider- 
sprüche, läßt Unmöglichkeiten zu, läßt unser bei Tag einflußreiches 
Wissen bei Seite, zeigt uns ethisch und moralisch stimipfsinnig. Wer 
sich im Wachen so benehmen würde, wie es der Traum in seinen 
Situationen vorführt, den würden wir für wahnsinnig halten; wer im 
Wachen so spräche oder solche Dinge mitteilen wollte, wie sie im 
Trauminhalt vorkommen, der würde uns den Eindruck eines Ver- 
worrenen und eines Schwachsinnigen machen. Somit glauben wir 
nur dem Tatbestand Worte zu leihen, wenn wir die psychische Tätig- 
keit im Traum nur sehr gering anschlagen und insbesondere die 
höheren intellektuellen Leistungen als im Traume aufgehoben oder 
wenigstens schwer geschädigt erklären. 

Mit ungewöhnlicher Einmütigkeit — von den Ausnahmen wird 
an anderer Stelle die Bede sein — haben die Autoren solche Urteile 
über den Traum gefällt, die auch unmittelbar zu einer bes|timmten 
Theorie oder Erklärung des Traumlebens hinleiten. Es ist an der 
Zeit, daß ich mein eben auBgesprochenes Eesume durch eine Samm- 
lung von Aussprüchen verschiedener Autoren — Philosophen und 
Arzte — über die psychologischen Charaktere des Traumes ersetze: 

Nach Lemoine ist die Inkohärenz der Traumbilder der ein- 
zig wesentliche Charakter des Traumes. 

Maury pflichtet dem bei; er sagt (p. 163): „il n'y a pas de^ 
rSves absolument raisonnables et qui ne contiennent quelque inco- 
herence, quelque anachronisme, qnelque absurdite.'* 

Nach Hegel bei Spitta fehlt dem Tramne aller objektive ver- 
ständige Zusammenhang. 

13 u gas sagt: „Le reve, c'est Tanarchie psychique, affective et 
mentale« c'est le jeu des fonctions livrees ä elies-memes et s'exergant 
Sans controle et sans but; dans le reve l'esprit est un automate 
spirituel." 



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Die Absordität der Träame. 39 

T^Die Auflockerung, Lösung und Durcheinandermischung des 
im Wachen durch die logische Gewalt des zentralen Ich zusaonmen- 
gehaltenen Vorst^llungslebens" räumt selbst Volkelt ein (p. 14), nach 
dessen Lehre die psychische Tätigkeit während des Schlafes keines- 
wegs zwecklos erscheint. 

Die Absurdität der im lYaume vorkommenden Vorstell un^s- 
verbindungen kann man kaum schärfer verurteilen, als es schon 
Cicero (De divin. II) tat': Nihil tam praepostere, tam incondite, 
tarn monstruose cogitari potest, quod non possimus somniare. 

Fechner sagt (p. 522): „Es ist, als ob die psychologische Tätig- 
keit aus dem (rehirn eines Vernünftißren in da^ eines Narren über- 
siedelte." 

Hadestock (p. 145) : „In der Tat scheint es unmöglich, in 
diesem tollen Treiben feste Gresetze zu erkennen. Der strengen Po- 
lizei des vernünftigen, den wachen Vorstellungslauf leitenden Willens 
und der Aufmerksamkeit sich entziehend, wirbelt der Traum in 
tollem Spiele alles kaleidoskopartig durcheinander." 

Hildebrandt (p. 45): „Welche wunderlichen Sprünge erlaubt 
sich der Träumende z. B. bei seinen Verstandesschlüssen! Mit welcher 
Unbefangenheit sieht er die bekanntesten Erfahrungssätze geradezu 
auf den Kopf gestellt! Welche lächerlichen Widersprüche kann er in 
dein Ordnungen der Natur und der Gesellschaft vertragen, bevor ihm, 
wie man sagt, die Sache zu bunt wird, und die Überspannung des Un- 
sinnes das Erwachen herbeiführt ! Wir multiplizieren gelegentlich ganz 
harmlos: Drei mal drei macht zwanzig; es wundert uns gar nicht, 
daß ein Hund uns einen Vers hersagt, daß ein Toter auf eigenen 
Füßen nach seinem Grabe geht, daß ein Felsstück auf dem Wasser 
schwimmt; wir gehen alles ISmstes in höherem Auftrage nach dem 
Herzogtum Bernburg oder dem Fürstentum Liechtenstein, um die 
Ki'iegsmarine des Landes zu beobachten oder lassen uns von Karl 
dem Zwölften kurz vor der Schlacht bei Pultawa als Freiwillige 
anwerben.*' 

B i n z (p. 33) mit dem Hinweise auf die aus diesen Eindrücken 
flieh ergebende Traumtheorie : „Unter zehn Träumen sind mindestens 
neun absurden Inhaltes. Wir koppeln in ihnen Personen und Dinge zu- 
sammen, welche nicht die geringsten Beziehungen zueinander haben. 
Schon im nächsten Augenblick, wie in einem Kaleidoskop, ist- dio 
Gruppierung ^ne andere geworden, womöglich noch unsinniger und 
toller, als sie es schon vorher war ; und so geht das wechselnde Spiel 
des unvollkommen schlafenden Gehirns weiter, bis wir erwachen, mit 
der Hand nach der Stirn greifen und uns fragen, ob wir in der Tat 
noch die Fähigkeit des vernünftigen Vorstellens und Denkens besitzen." 

Maury (p. 50) findet für das Verhältnis der Traumbilder zu 
den Gedanken des Wachens einen für den Arzt sehr eindrucksvollen 
Vergleich: „La production de ces Images que chez Thomme eveille 
f ait le plus souvent naitre la volonte, eorrespond. pour PintelHgence, 
k ce qne sont pour la motilite certains mouvements que nous offrent 
la choree et les affections paralytiques.** .... Im übrigen ist ihm 
der Traum „toute une Serie de degradations de la faculte pensante et 
raisonnante" (p. 27). 

Orfg fnal f no m 



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40 I. t>i« wisseniekaftliche Litarator der Traomprobleme. 

Es ist kaum nötig, die Äußerungen der Autoren «onzuführent 
welche den Satz von Maury für die einzelnen höheren Seelen- 
ieist ungen wiederholen. 

Nach Strümpell treten im Traume — selbstverständlich auch 
dort, .wo der Unsinn nicht augenfällig ist — sämtliche logische, auf 
Verhältnissen und Beziehungen beruhende Operationen der Seele zu- 
rück (p. 26). Nach Spitta (p. 148) scheinen im Traume die Vor- 
etellungen dem Kausalitätsgesetz völlig entzogen zu sein. Badestock 
und andere betonen die dem Traume eigene Schwäche des Urteils 
und des Schlusses. Nach J o d 1 (p. 123) gibt es im Traume keine 
Kritik, keine Korrektur einer Wahrnehmungsreihe durch den Inhalt 
des Geeamtbewußtseins. Derselbe Autor äußert: „Alle Arten der Be- 
wußtseinstätigkeit kommen im Traume vor, aber unvollständig, ge- 
hemmt, gegeneinander isoliert.^' Die Widersprüche, in welche sich 
der Traum gegen unser waches Wissen setzt, erklärt Stricker (mit 
vielen anderen) daraus, daß Tatsachen im Traume vergessen oder 
logische Beziehimgen zwischen Vorstellungen verloren gegangen sind 
(p. 98) usw. usw. 

Von den Autoren, die im allgemeinen so ungünstig über die 
psychischen Leistungen im Traume urteilen, wird indes zugegeben, 
daß ein gewisser Rest von seelischer Tätigkeit dem Traume verbleibt. 
Wundt, dessen Lehren für so viel andere Bearbeiter der Traum- 
probleme maßgebend geworden sind, gesteht dies ausdrücklich zu. 
Man könnte nach der Art und Beschaffenheit des im Traume sich 
äußernden Restes von normaler Seelentätigkeit fragen. Es wird nun 
ziemlich allgemein zugegeben, daß die Repoduktionsfähigkeit, das 
Gredächtnis, im Traume am wenigsten gelitten zu haben scheint, ja 
eine gewisse Überlegenheit gegen die gleiche Funktion des Wachens 
(vgl. oben p. 7 ff.) aufweisen kann, obwohl ein Teil der Absurditäten 
des Traumes durch die Vergeßlichkeit eben dieses Traumlebens erklärt 
werden soll. Nach Spitta ist es das Gemütsleben der Seele, 
was vom Schlafe nicht befallen wird und dann den Traum dirigiert. 
Als „Gemüt" bezeichnet er „die konstante Zusammenfassung der Ge- 
fühle als des innersten subjektiven Wesens des Menschen" (p. 84). 

Scholz (p. 37) erblickt eine der im Traume sich äußernden 
Seelentätigkeiten in der „allegorisierendenUmdeutun g", wel- 
eher das Traummaterial unterzogen wird. Siebeck konstatiert auch 
im Traume die „ergänzende Deutungstätigkeit" der Seele 
(p. 11), welche von ihr gegen alles Wahrnehmen und Anschauen geübt 
wird. Eine besondere Schwierigkeit hat es für den Traum mit der 
Beurteilung der angeblich höchsten psychischen Funktion, der des 
Bewußtseins. Da wir vom Traume nur durchs Bewußtsein etwas 
wissen, kann an - dessen Erhaltung kein Zweifel sein ; doch meint 
Spitta, es sei im Traume nur das Bewußtsein erhalten, nicht auch 
das Selbstbewußtsein. Delboeuf gesteht ein, daß er diese Un- 
terscheidung nicht zu begreifen vermag. 

Die Assoziationsgesetze, nach denen sich die Vorstellungen ver- 
knüpfen, gelten auch für die Traumbilder, ja ihre Herkunft kommt 
im Traume reiner und stärker zum Ausdruck. Strümpell (p. 70): 
„Der Traum verläuft entweder ausschließlich, wie es scheint, nach 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f no m 

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Bie oberflächlichen ABBoziationen im Traume. 41 

den Gesetzen nackter Vorstellungen oder organischer Beize mit sol- 
chen Vorstellungen, das heißt, ohne daß Eeflexion und Verstand, 
ästhetischer Geschmack und sittliches Urteil etwas dahei vermögen.*' 
Die Autoren, deren Ansichten ich hier reproduziere, stellen sich die 
Bildung der Träume etwa folgender Art vor: Die Summe der im 
Sehlafe einwirkenden Sensationsreize aus den verschiedenen an an- 
derer Stelle angeführten Quellen wecken in der Seele zunächst eine 
Anzahl von Vorstellungen, die sich als Halluzinationen (nach Wundt 
richtiger Illusionen wegen ihrer Abkunft von den äußeren und in- 
neren Reizen) darstellen. Diese verknüpfen sich untereinander nach 
den bekannten Assoziationsgesetzen und rufen ihrerseits nach den- 
selben Regeln eine neue Reihe von Vorstellungen (Bildern) wach. 
Das ganze Material wird dann vom noch tätigen Reste der ordnenden 
und denkenden Seelenvermögen, so gut es eben gehen will, verarbeitet 
(vgl, etwa Wundt und Weygandt). Es ist bloß noch nicht ge- 
lungen, die Motive einzusehen, welche darüber entscheiden, daß die 
Erweckung der nicht von außen stammenden Bilder nach diesem oder 
nach jenem Assoziationsgesetz vor sich gehe. 

Es ist aber wiederholt bemerkt worden, daß die Assoziationen, 
welche die Traumvorstellungen untereinander verbinden, von ganz 
besonderer Art und verschieden von den im wachen Denken tätigen 
sind. So sagt Volkelt (p. 15): „Im Traume jagen und haschen sich 
die Vorstellungen nach zufälligen Ähnlichkeiten und kaum wahr» 
nehmbaren Zusammenhängen. Alle Träume sind von solchen nach- 
lässigen, zwanglosen Assoziationen durchzogen." Maury legt auf die^ 
aen Charakter der Vorstellungsbindung, der ihm gestattet, das Traum* 
leben in engere Analogie mit gewissen Geistesstörungen zu bringen^ 
den größten Wert. Er anerkennt zwei Hauptcharaktere des „delire" : 
1- uno action spontanee et comme automatique de Tesprit; 2. une asso- 
ciation vicieuse et irreguliere des idees (p. 126). Von Maury selbst 
rühren zwei ausgezeichnete Traumbeispiele her, in denen der bloße 
Gleichklang der Worte die Verknüpfung der Traumvorstellungen ver- 
mittelt. Er träumte einmal, daß er eine Pilgerfahrt (pelerinage) 
nach Jerusaleam oder Mekka unternehme, dann befand er sich nach 
vielen Abenteuern beim Chemiker Pelletier, dieser gab ihm nach 
einem Gespräche eine Schaufel (pelle) von Zink, und diese wurde 
in einem darauffolgenden Traumstück sein großes Schlachtschwert 
(p. 137). Ein andermal ging er im Traume auf der Landstraße und 
las auf den Meilensteinen die Kilometer ab, darauf befand er sich 
böi einem Gewürzkrämer, der eine große Wage hatte, und ein Mann 
legte Kilogewichte auf die Wagschale, um Maury abzuwägea; 
dann sagte ihm der Gewürzkrämer: „Sie sind nicht in Paris, sondern 
auf der Insel Gilolo." Es folgten darauf mehrere Bilder, in wel- 
chen er die Blume Lobelia sah, dann den General Lopez, von 
dessen Tod er kurz vorher gelesen hatte; endlich erwachte er, eine 
Partie Lotto spielend*. 



• An späterer Stelle wird uns der Sinn solcher Träume, die von Worten 
mit gleichen Anfangsbnch stoben und ahnlichem Anlaute erfüllt sind, zugänglich 
werden. 



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42 ^' ^i® wiMenschaftliche Literaiar der Traamprobleme. 

Wir sind aber wohl gefaßt darauf, daß diese Geringi^chätzuQg 
der psychischen Leistungen des Traumes nicht ohne Widerspruch 
von anderer Seite geblie^n ist. Zwar scheint der Widerspruch hier 
schwierig. Es will auch nicht viel bedeuten, wenn einer der Herab- 
setzer des Traumlebens versichert (Spitta, p. 118), daß dieselben 
psychologischen Gesetze, die im Wachen herrschen, auch den Traum 
regieren, oder wenn ein anderer (Du gas) ausspricht: Le reve n'est 
pas deraison ni meme irraison pure, solange beide sich nicht die 
Mühe nehmen, diese Schätzung mit der von ihnen beschriebenen psy- 
<?hischen Anarchie und Auflösung aller Funktionen im Traume in 
Einklang zu bringen. Aber anderen scheint die Möglichkeit gedämmert 
zu haben, daß der Wahnsinn des Traumes vielleicht doch nicht ohne 
Methode seir vielleicht nur Verstellung wie der des Dänenprinzen, 
auf dessen Wahnsinn sich das hier zitierte einsichtsvolle Urteil be- 
zieht. Diese Autoren müssen es vermieden haben, nach dem Anschein zu 
urteilen, oder der Anschein, den der Traum ihnen bot, war ein anderer. 

So würdigt Havelock EUis (1899) den Traum, ohne bei seiner 
scheinbaren Absurdität verweilen zu wollen, als „an archaic world of 
vast emotions and imperfect thoughts", deren Studium uns primitive 
Entwicklungsstufen des psychischen Lebens kennen lehren könnte. 
J. Sully ,(p. 362) vertritt dieselbe Auffassung des Traumes in einer 
noch weiter ausgreifenden und tiefer eindringenden Weise. Seine 
Aussprüche verdienen um so mehr Beachtung, wenn wir hinzunehmen, 
daß er wie vielleicht kein anderer Psychologe von der verhüllten 
Sinnigkeit des Traumes überzeugt war. „Xow our dreams axe a means 
of conserving these successive personaJities. W^hen asleep we go 
back to the old ways of looking at things and of fee- 
ling about them,,to impulses and activities which 
long ago dominated us." Ein Denker wie Delboeuf behaup- 
tet — freilich ohne den Beweis gegen das widersprechende Material 
zu führen und darum eigentlich mit Unrecht: „Dans le sommeil, 
hormis la perception, toutes les facultes de Tesprit, intelligence, imagi- 
nation, memoire, volonte, moralite, restent intactes dans leur es- 
sence; seulement, elles s'appliquejat a des objets imaginaires et mo- 
biles. Lü songeur est un acteur qui joue a volonte les fous et les 
sages, les bourreaux et les victimes, les nains et les geants, leis de- 
mons et les anges" (p. 222). Am energischesten scheint die Herab- 
setzung der psychischen Leistung im Traume der Marquis d'He rvey 
bestritten zu haben, gegen den Maury lebhaft polemisiert, und dessen 
Schrift ich mir trotz aller Bemühung nicht verschaffen konnte. Maury 
sagt über ihn (p. 19): „M. le Marquis -d' H e r v e y prete a Tintelli- 
gence, durant le sommeil, toute sa liberte d^action et d'attention et 
il ne semblo faire consister le sommeil que dans Tocclusion des sene, 
dans lern* fermeture au Monde exterieur; en sorte que Thomme qui 
dort ne se distingue guere, selon sa maniere de voir, de Phomme qui 
laisse vaguer sa pensee en se bouchant les sens; toute la differenco 
qui separc alors la pensee ordinaire du celle du dormeur c'est que, 
chez celui, Tidee prend ulie form^ visible, objective et ressemble, a 
s'y mepi*endre, ä la Sensation determinee par les objets exterieurs; 
le Souvenir revet Papparence du fait present." 



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Psjrchologbche Eioschätzuug des Traamlebens. ^ 

Maury fügt aber hinzu: „qu'il y a une difference de plus et 
eapitale ä savoir que les facultes iutellectuelles de Phomme endormi 
n'offrent pas requilibre quelles gardent chez Phomme Teveille." 

Bei Vaschide, der uns eine bessere Kenntnis des Buches von 
d'Hervey vermittelt, finden wir, daß sich dieser Autor in folgender 
Art über die scheinbare Inkohärenz der Träume äußert. „L'image 
-du reve est la copie de Tidee. Le principal est Tidee; ,1a vision nest 
qu'accessoire. Ceci etabli, il f aut savoir suivre la marche des idees, 
il faut savoir analyser le tissu des reves; Pincoherence devient alors 
<x)mprehen8ible, les conceptions les plus fantasques deviennent des 
fait^t simples et parfectement logiques". (p. 146.) Und (p. 147): ,.Les 
xeves les plus bizarres trouvent meme une explication des plus logiques 
^uond on sait les analyser." 

J. Stärcke hat darauf aufmerksam gemacht, daß eine ähaliche 
Auflösung der Trauminkohärenz von einem alten Autor, Wolf Da- 
vidson, der mir unbekannt war, 1799 verteidigt worden ist (p. 136); 
•.Die sonderbaren Sprünge unserer Vorstellungen im Traume haben 
alle ihren Grund in dem Gesetze der Assoziation, nur daß diese Ver- 
bindung manchmal sehr dunkel in der Seele vorgeht, so daß wir 
^ft einen Sprung der Vorstellung zu beobachten glauben, wo doch 
"keiner ist." 

Die Skala der Würdigung des Traumes als psychisches Produkt 
liat in der Literatur einen großen Umfang; sie reicht von der tiefsten 
Geringschätzung, deren Ausdruck wir kennen gelernt haben, durcU 
•die AJinung eines noch nicht enthüllten Wertes bis zur Überschät- 
zung, die den Traum weit über die Leistungen des Wachlebens stellt. 
Hildebrandt, der, wie wir wissen, in drei Antinomien die psycho- 
logische Charakteristik des Traumlebens entwirft, faßt im dritten 
•dieser Gegensätze die Endpunkte dieser Eeihe zusammen (p. 19): 
„Es ist der zwischen einer Steigerung, einer nicht selten bis zur 
Virtuosität sich erhebenden Potenzierung und anderseits einer 
entschiedenen, oft bis unter das Niveau des Menschlichen führenden 
Herabminderung und Schwächung des Seelenlebens." 

„Was das erstere betrifft, wer könnte nicht aus eigener Er- 
fahrung bestätigen, daß in dem Schaffen und Weben des Traumgenius 
bisweilen eine Tiefe -und Innigkeit des Gemütes, eine Zartheit der 
Empfindung, eine Klarheit der Anschauung, eine Feinheit der Beob- 
achtung, eine Schlagfertigkeit des Witzes zu Tage tritt, wie wir sol- 
-cheB alles als konstantes Eigentum während des wachen Lebens zu 
besitzen bescheidentlich in Abrede stellen würden? Der Traum hat 
eine wunderbare Poesie, eine treffliche Allegorie, einen unvergleich- 
lichen Humor, eine köstliche Ironie. Er schauet die Welt in einem 
eigentümlichen idealisierenden Lichte und potenziert den Effekt ihrer 
Erecheinungen oft im sinnigsten Verständnisse des ihnen zum Grunde 
liegenden Wesens. Er stellt uns das irdisch Schöne in wahrhaft himm- 
lischem Glänze, das Erhabene in höchster /Majestät, das erfahrungs- 
gemäß Furchtbare in der grauenvollsten Gestalt, das Lächerliche mit 
unbeschreiblich drastischer Komik vor Augen ; und bisweilen sind 
-wir nach dem Erwachen irgend eines dieser Eindrücke noch so voll, 



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44 I« ^^ wiasenfichaflliche Literatar der Traomprobleme. 

daß es uns vorkommen will, dergleichen habe die wirkliche Welt uni^ 
noch nie und niemals, geboten." 

Man darf sich fragen, ist es wirklich das nämliche Objekt, dem 
jene geringschätzigen Bemerkungen und diese begeisterte .inpreisung 
gilt? Hab^ die einen die blödsinnigen Träume, die anderen die tief- 
sinnigen und feinsinnigen übersehen? Und wenn beiderlei vorkommt^ 
Träume, die solche und die jene Beurteilung verdienen, scheint es 
da nicht müßig, nach einer psychologischen Charakteristik des Trau- 
mes zu suchen, genügt e^ nicht zu sagen, im Traxune sei alles mög- 
lich, von der tiefsten Herabsetzung des Seelenlebens bis zu einer ini 
Wachen ungewohnten Steigerung desselben? So bequem diese Lösung^ 
wäre, sie hat dies eine gegen sich, daß den Bestrebungen aller »Traum- 
forscher die Voraussetzung zu 'Grunde zu liegen scheint, es gäbe eine 
solche in ihren wesentlichen Zügen allgemeingültige Charakteristik 
des Traumes, welche über jene Widersprüche hinweghelfen müßte. 

Es ist unstreitig, daß die psychischen Leistungen des Traumes 
bereitwilligere und wärmere Anerkennung gefunden haben in jener 
jetzt hinter uns liegenden intellektuellen Periode, da die Philosophie 
und nicht die exakten Naturwissenschaften die Geister beherrschte- 
Aussprüche wie die von Schubert, daß der Traum eine Befreiung^ 
des Geistes von der Gewalt der äußeren Natur sei, eine Loslösung^ 
der Seele von den Fesseln der Sinnlichkeit, und ähnliche Urteile von 
dem jüngeren Fichte* u. a., welche sämtlich den Traum als einen 
Aufschwung des Seelenlebens zu einer höheren Stufe darstellen, er- 
scheinen uns heute kaum begreiflich; sie werden in der Gegenwart 
auch nur bei Mystikern und Frömmlern wiederholt**. Mit dem Ein- 
dringen naturwissenschaftlicher Denkweise ist eine Eeaktion in der 
Würdigung des Traumes einhergegangen. Gerade die ärztlichen Au- 
toren sind am ehesten geneigt, die psychische Tätigkeit im Traume 
für geringfügig und wertlos anzuschlagen, während Philosophen und 
nicht zünftige Beobachter — Amateurpeychologen — , deren Beiträge 
gerade auf diesem Gebiete nicht zu vernachlässigen sind, im besseren 
Einvernehmen mit den Ahnungen des Volkes, meist an dem psychi- 
schen Werte der Träume festgehalten haben. Wer zur Geringschät* 
zung der psychischen Leistung im Traume neigt, der bevorzugt be- 
gteiflicherweise in der Traumätiologie die somatischen Beizquellen; 
für den, welcher der träumenden Seele den größeren Teil ihrer Fähig- 
keiten im Wachen belassen hat, entfällt natürlich jedes Motiv, ihr 
nicht auch selbständige Anregungen zum Trätimen zuzugestehen. 

Unter den Überleistungen, welche man auch bei nüchterner 
Vergleichung versucht sein kann, dem Traumleben zuzuschreiben, 
ist die des Gedächtnisses die auffälligste; wir haben die sie be- 
weisenden, gar nicht seltenen Erfahrungen ausführlich behandelt 
Ein anderer, von alten Autoren häufig gepriesener Vorzug des Traum* 
lebens, daß es sich souverän über Zeit- und Ortsentfernungen hinweg- 

* Vgl. Haffner trnd Spitta. 

♦* Der geistreiche Mystiker Du Prel, einer der wenigen Autoren, denea 
ich die Vemachlässigong in früheren Auflagen dieses Buches abbitten möchte^ 
äuBert^ nicht das Wachen, sondern der Traum sei die Pforte zur Metaphysik^ 
Bbwrft sie den Menschen betrifft (Thilosophie der Mystik, p. 69). 



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0ie ethiflchen Gefühle im Tname. 4^ 

zusetzen vermöge, • ist mit Leichtigkeit als eine Illusion zu «rkennen^ 
Dieser Vorzug ist, wie Hildehrandt bemerkt, eben ein illusoris<jhßr 
Vorzug; das Träumen setzt sieh über Zeit und Raum nicht anders 
hinweg als das wache Denken, und eben weil es nur eine Form des 
Denkens ist. Der Traum sollte sich in bezug auf die Zeitlichkeit 
noch eines anderen Vorzuges erfreuen, noch in anderem Sinne vom 
Ablauf der Zeit unabhängig sein. Träume wie der oben S. 18 mit: 
geteilte Maurys von seiner Hinrichtung durch die Guillotine scheinen 
zu beweisen, daß der Traum in eine sehr kurze Spanne Zeit weit 
Bwhr ^^ahmehmungsinhalt zu drängen vermag, als unsere psychische 
Tätigkeit im Wachen Denkinhalt bewältigen kann. Diese Folgerung 
ist indes mit mannigfaltigen Argumenten bestritten worden; seit den 
Aufsätzen von Le Lorrain und Egg er „über die scheinbare Daueir 
der Träume" hat sich hierüber eine interessante Diskussion ange- 
sponnen, welche in dieser heiklen und tiefreichenden Frage wahr- 
scheinlich noch nicht die letzte Aufklärung erreicht hat*. 

Daß der Traum die intellektuellen Arbeiten des Tages aufzu- 
nehmen und zu einem bei Tag nicht erreichten Abschluß zu bringen 
vermag, daß er Zweifel und Probleme lösen, bei Dichtern und Komr 
ponist^n die Quelle neuer Eingebungen werden kann, scheint nach 
vielfachen Berichten und nach der von Chabaneix angestellten 
Sammlung unbestreitbar zu sein. Aber wenn auch nicht die Tat- 
sache, so unterliegt doch deren Auffassung vielen, ans Prinzipielle 
streifenden Zweifeln **. 

Endlich bildet die behauptete divinatorische Kraft des Traumes 
ein Streitobjekt, an welchem schwer überwindliche Bedenken mit 
hartnäckig wiederholten Versicherungen zusammentreffen. Man ver- 
meidet es — und wohl mit Recht — , alles Tatsächliche* an .diesem 
Thema abzuleugnen, weil für eine Reihe von Fällen die Möglichkeit 
einer natürlichen psychologischen Erklärung vielleicht nähe bevorsteht. 

f) Die ethischen Gefühle im Traume. 

Aus Motiven, welche erst nach Kenntnisnahme meiner eigenen 
Untersuchungen über den Traum verständlich werden können, habe 
ich von dem Thema der Psychologie des Traumes das Teilproblejn 
abg^ondert, ob und inwieweit die moralischen Dispositionen und Emp- 
findungen des Wachens sich ins Traumleben erstrecken. Der nämliche 
"V^'iderspruch in der Darstellung der Autoren, den wir für alle anderen 
seelischen Leistungen mit Befremden bemerken nmßten, macht uns 
auch hier betroffen. Die einen versichern mit ebensolcher Entschieden- 
heit, daß der Traum von den sittlichen Anforderungen nichts weiß, 
wie die anderen, daß die moralische Natur des Menschen auch fürs 
Traumleben erhalten bleibt. 

Die Berufung auf die allnächtliche Traumerfahrung scheint die 
Richtigkeit der ersteren Behauptung über jeden Zweifel zu erheben. 
Jessen sagt (p. 553): „Auch besser und tugendhafter wird man nicht 
im Schlafe, vielmehr scheint das Gewissen in den Träumen zu schwei- 
gen, indem man kein Mitleid empfindet und die schwersten Ver- 

♦ Weitere Literatur und kritische Erörterung dieser Probleme in der Pariser 
Dissertation der Tobowolska (1900). 

** Vgl. die Kritik bei H. EUis, World of Dreams, p. 2G8. 

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46 I. Die wiBsensebafÜiclM litenUnr der Tnamprobleme. 

brechen, DiebstaM, Mord und Totschlag mit völliger Gleichgültigkeit 
und ohne nachfolgende Beue verüben kann." 

Badestock (p. 146): „Es ist zu berücksichtigen, daß die Asso* 
ziationen im Traume ablaufen und die Vorstellungen sich verbinden, 
ohne daß Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack und sitt- 
liches Urteil etwas dabei vermögen; das Urteil ist höchst schwach, 
und es herrscht ethische Gleichgültigkeit vor.** 

Volkelt (p. 23): „Besonders zügellos aber geht es, wie jeder 
weiß, im Traume in geschlechtlicher Beziehung zu. Wie der Träu- 
mende selbst aufs Äußerste schamlos und jedes sittlichen Gefühles 
und ürteilee verlustig ist, so sieht er auch alle anderen und selbst die 
verehrtesten Personen mitten in Handlungen, die er im Wachen auch, 
nur in Gedanken mit ihnen zusammenzubringen sich scheuen würde.^ 

Den schärfsten Gegensatz hiezu bilden Äußerungen wie die 
von Schopenhauer, daß jeder im Traume in vollster Gemäßheit 
»eines Charakters handle und rede- B. Ph. Fischer* behauptet^ 
daß die subjektiven Gefühle und Bestrebungen oder Affekte und 
Leidenschaften in der Willkür des Traumlebens sich offenbaren, daß 
die moralischen Eigentümlichkeiten der Personen in ihren Träumen 
sich q)iegeln. 

Haf f ner (p. 25): „Seltene Ausnahmen abgerechnet, • . . wird 
ein tugendhafter Mensch auch im Traume tugendJiaft sein; er wird 
den Versuchungen widerstehen, dem Haß, dem Neid, dem Zorn und 
allen Lastern sich verschließen; der Mann der Sünde aber wird auch 
in seinen Träumen in der Begel die Bilder finden, die er im Wadion 
vor sich hatte." 

Scholz (p. 36) : , Jm Traume ist Wahrheit, trotz aller Mas- 
kierung in H<^eit oder Erniedrigung erkennen wir unser eigenes 
Selbst wieder. . . . Der ehrliche Mann kann auch im Traume kein 
entehrendes Verbrechen begehen, oder wenn es doch der Fall ist, so 
entsetzt er sieh darüber als über etwas seiner Natur Fremdes. Der 
römische Kaiser, der einen seiner Untertanen hinrichten ließ, weil 
diesem geträumt hatte, er habe dem Kaiser den Kopf abschlagen 
lassen, hatte darum so unrecht nicht, wenn er dies damit recht- 
fertigte, daß, wer so träume, auch ähnliche Gedanken im Wachen 
haben müsse. Von etwas, das in unserem Innern keinen Baum haben 
kann, sagen wir deshalb auch bezeichnenderweise: „Es fällt mir auch 
im Traimie nicht ein." 

Im Gegensatz hiezu meint Plato, diejenigen seien die besten^ 
denen das, was andere wachend tun, nur im ^aume einfalle. 

Pf äff sagt geradezu in Abänderung eines bekannten Sprich- 
wortes: „Erzähle mir eine Zeitlang deine Träume und ich will dir 
sagen, wie es um dein Inneres steht." 

Die kleine Schrift von Hildebrandt, der ich bereits so zahl- 
reiche Zitate entnommen habe, der formvollendetste und gedanken- 
reichste Beitrag zur Erforschung der Traumprobleme, den ich in der 
Literatur gefunden, rückt gerade das Problem der Sittlichkeit im 
Traume in den Mittelpimkt ihres Interesses. Auch für Hilde- 

* Grundzüge des Systems der Authropologie. Erlangen 1860. (Nach Spitta.) 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g in al f no m 

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Unsittliehe Träume. 47 

brandt sieht ee als Regel fest: Je reiner das Leben, de^to reiner 
der Traum; je unreiner jenes, desto unreiner dieser. 

Die sittliche Natur des Menschen bleibt auch im Traume be- 
stehen: ,^A.be^ während kein noch so handgreiflicher Bechnungsfehler, 
keine noch eo romantische Umkehr der Wissenschaft, kein noch so 
scherzhafter Anachronismus uns verletzt oder uns auch nur ver- 
dächtig wird, so geht uns doch der Unterschied zwischen Gut und 
Böse, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Tugend und Laster nie 
verloren. "Wie vieles auch von dem, was am Tage mit uns geht, in 
den Schlummerstunden weichen mag, — Kants kategorischer Impe- 
rativ hat sich als untrennbarer Begleiter so an unsere Fersen ge- 
heftet, daß wir ihn auch schlafend nicht los werden. ... Erklären 
aber läßt sich (diese Tatsache) eben nur daraus, daß das Fundamen- 
tale der Menschennatur, das sittliche Wesen, zu fest gefügt ist, um 
an der Wirkung der kaleidoskopischen Durchschüttelung teilzuneh- 
men, welcher Phantasie, Verstand, Gedächtnis und sonstige Fakul- 
täten gleichen Ranges im Traume unterliegen" (p. 45 u. f f.). 

In der weiteren Diskussion des Gegenstandes sind nun merk- 
würdige Verschiebungen und Inkonsequenzen bei beiden Gruppen von 
Autoren hervorgetreten. Streng genommen wäre für alle diejenigen, 
welche meinen, im Traume zerfalle die sittliche Persönlichkeit des- 
Menschen, das Interesse an den unmoralischen Träumen mit dieser 
Erklärung zu Ende. Sie könnten den Versuch, den Träumer für seine 
Träume verantwortlich zu machen, aus der Schlechtigkeit seiner 
Träume auf eine böse Regung in seiner Natur zu schließen, mit der- 
selben Ruhe ablehnen wie den anscheinend gleichwertigen Versuch, 
aus der Absurdität seiner Träume die Wertlosigkeit seiner intellek- 
tuellen Leistungen im Wachen zu erweisen. Die anderen, für die 
sich ,yder kategorische Imperativ" auch in den Traum erstreckt, hätten 
die Verantwortlichkeit für unmoralische Träume ohne Einschränkung 
anzunehmen; es wäre ihnen nur zu wünschen, daß eigene Träume 
voÄ solch verwerflicher Art sie nicht an der sonst festgehaltenen 
Wertschätzung der eigenen Sittlichkeit irre machen müßten. 

Nun scheint es aber, daß niemand von sich selbst so recht 
sicher weiß, inwieweit er gut oder böse ist, und daß niemand die 
Erinnerung an eigene unmoralische Träume verleugnen kann. Denn 
über jenen Gegensatz in der Beurteilung der Traummoralität hinweg 
zeigen sich bei den Autoren beider Gruppen Bemühungen, die Her- 
kunft der unsittlichen Träume aufzuklären, und es entwickelt sich 
ein neuer Gegensatz, je nachdem deren Ursprung in den Funktionen 
des psychischen Lebens oder in somatisch bedingten Beeinträchtigun- 
gen desselben gesucht wird. Die zwingende Gewalt der Tatsächlich- 
keit läßt dann Vertreter der Verantwortlichkeit wie der Unverant- 
lichkeit des Traumlebens in der Anerkennung einer besonderen psy- 
chischen Quelle für die Unmoralität der Träume zusammentreffen. 

Alle die, welche die Sittlichkeit im Traume fortbestehen lassen, 
hütem sich doch davor, die volle Verantwortlichkeit für ihre Träume 
am übernehmen. Haffner sagt (p. 24): „Wir sind für Träume niclit 
verantwortlich, weil unserem Denken und Wollen die Basis entrückt 
ist, auf welcher unser Leben allein Wahrheit und Wirklichkeit hat. . • 

Orfg fnal f ro m 



C f\n n 1 ^ " On g i n al f ro m 

^y ^UiJ^li^ UNIVERSIir OF MICHIGAN 



4g I. Die wissenschaftliche Literator der Traumprobleme. 

Es kann eben darum kein Traumwollen und Traumhandeln Tugend 
oder Sünde sein/' Doch ist der Mensch für den sündhaften Traum 
verantwortlich, sofern er ihn indirekt verursacht. Es erwächst für 
ihn die Pflicht, wie im Wachen, so ganz besonders vor dem Schlafen- 
gehen seine Seete sittlich zu reinigen 

Viel tiefer reicht die Analyse dieses Gemenges von Ablehnung 
und von Anerkennung der V^erantwortlichkeit fti^ den sittlichen In- 
halt der Träume bei Hildebrandt. Nachdem er ausgeführt, daft die 
dramatische Darstellungsweise des Traumes, die Zusammendrängung 
der kompliziertesten Uberlegungs Vorgänge in das kleinste Zeiträum- 
<jhen und die auch von ihm zugestandene Entwertung und Vermen- 
gung der Vorstellungselemente im Traume gegen den unsittlichen An- 
schein der Träume in Abzug gebracht werden muß, gesteht er, daß 
es doch den ernstesten Bedenken unterliege, alle Verantwortung für 
Traumsünden und -schulden schlechthin zu leugnen 

(p. 49): „Wenn wir irgend eine ungerechte Anklage, namentlich 
eine solche, die sich auf unsere Absichten und Gesinnimgen bezieht, 
recht entschieden zurückweisen wollen^ so gebrauchen wir wohl die 
Redensart: Das sei uns nicht im Traume eingefallen. Damit sprechen 
wir allerdings einerseits aus, daß wir das Traumgebiet für das fernste 
und letzte halten, auf welchem wir für unsere Gedanken einzxisteheu 
hätten, weil dort diese Gedanken mit unserem wirklichen Wesen nur 
«0 lose und locker zusammenhängen, daß sie kaum noch als <iie 
unsrigen betrachtet werden dürfen; aber indem wir eben auch auf 
diesem Gebiete das Vorhandensein solcher Gedanken ausdrücklich zu 
lougnen uns veranlaßt fühlen, so geben wir doch indirekt damit zu- 
gleich zu, daß unsere Rechtfertigung nicht vollkommen sein würde» 
wenn sie nicht bis dort hinüber reichte. Und ich glaube, wir reden 
hier, wenn auch unbewußt, die Sprache der Wahrheit.*' 

(p. 52): „Es läßt sich nämlich keine Traumtat denken, deren 
erstes Motiv nicht irgendwie als Wunsch, Gelüste, Regung vorher 
^urch die Seele des Wachenden gezogen wäre." Von dieser ersten 
Regung müöse man sagen: Der Traum erfand es nicht, — er bildete 
es nur nach und spann's nur aus, er bearbeitete nur ein Quentlein 
historischen Stoffes, das er bei ims vorgefunden hatte, in dramatischer 
Form; er setzte das Wort des Apostels in Szene: Wer seinen Bruder 
haßt, der ist ein Totschläger. Und während man das ganze breit 
ausgeführte Gebilde des lasterhaften Traumes nach dem Erwachen, 
seiner sittlichen Stärke bewußt, belächeln kann, so will jener ur- 
-sprüngliche Bildungsstoff sich doch keine lächerliche Seite abgewin- 
nen lassen. Man fühlt sich für die Verirrungen des Träumenden 
verantwortlich, nicht für die ganze Summe, aber doch für einen ge- 
wissen Prozentsatz. ,,Kurz, verstehen wir in diesem schwer anzu- 
fechtenden Sinne das Wort Christi : Aus dem Herzen kommen arge 
Gedanken, — dann können wir auch kaum der Überzeugung uns Er- 
wehren, daß jede im Traume begangene Sünde ein dunkles Minimum 
wenigstens von Schuld mit sich führe." 

In den Keimen und Andeutungen böser Regungen, die als Ver- 
suchungsgedanken tagsüber durch unsere Seelen ziehen, findet aliw 
Hildebrandt die Quelle für die Unmoralität der Träume, und er 

{^^j^(-l|p. Orfgfnalfnom 

^y ^UiJgH^ UNIVERSIir OF MICHIGAN 



Kontrastierende Vorstellung'en. * 4g 

eieht nicht an, 'diese unmoralischen Elemente b^i ^^v sittlichen Wert- 
schätzung der Persönlichkeit einzurechnen. Es sind dieselben Gedan- 
ken und die nämliche Schätzung- derselben, welche, wie wir wissen, 
die Frommen und Heiligen zu allen Zeiten klagen ließ, sie seien 
arge Sünder*. 

An dem allgemeinen Vorkommen dieser kontrastierenden 
Vorstellungen t— bei den meisten Menschen und auch auf anderem 
als ethischem Gebiete — besteht wdhl kein Zweifel. Die Beurteilung 
derselben ist gelegentlich eine minder ernsthafte gewesen. Bei Spitta 
findet sich folgende hieher gehörige Äußerung von A. Zeller (Artikel 
^Jrre" in der allgemeinen Enzyklopädie der Wissenschaften von Ei'sch 
und Gruber) zitiert (p. 144) :. „So glücklich ist selten ein Geist 
organisiert, daß er zu allen Zeiten volle Macht besäße und nicht inimer 
wieder nicht allein unwesentliche, sondern auch völlig fratzenhafte 
und widersinnige Vorstellungen den stetigen, klaren Gang seiner Ge- 
danken unterbrächen, ja die größten Denker haben sich über dieses 
traumartige, neckende und peinliche Gesindel von Vorstellungen zu 
beklagen gehabt, da es ihre tiefsten Betrachtungen und ihre lieiligste 
und ernsthafteste Gedankenarbeit stört." 

Ein helleres Licht fällt auf die psychologische Stellung dieser 
Kontrastgedanken aus einer weiteren Bemerkung von Hildebrandt, 
daß der Traum uns wohl bisweilen in Tiefen und Falten unseres 
Wesens blicken lasse, die uns im Zustand des Wachens meist ver- 
schlossen bleiben (p. 55). Dieselbe Erkenntnis verrät Kant an einer 
Stelle der Anthropologie, wenn er meint, der Traum sei wohl dazu 
da, uni uns die verborgenen Anlagen zu entdecken und uns zu offen- 
baren, nicht was wir sind, sondern was wir hätten werden können, 
wenn wir eine andere Erziehung gehabt hätten; Radestock (p. 84) 
mit den Worten, daß der Traum uns nur offenbart, was wir uns 
nicht gestehen wollen, und daß wir ihn darum mit Unrecht einen 
Lügner und Betrüger schelten. J. E. Erdmann äußert: „Mir hat 
nie ein Traum offenbart, was von einem Menschen zu halten sei, 
allein was ich von ihm halte und wie ich hinsichtlich seiner gesinnt 
bin, das habe ich bereits einige Male aus einem Traume gelernt zu 
meiner eigenen großen Überraschung." Und ähnlich meint J. H. F i c h t e : 
vDer Charakter unserer Träume bleibt ein weit treuerer Spiegel 
unserer Gesamtstimmung, als was wir davon durch die Selbstbeob- 
achtung des Wachens erfahren." Wir werden aufmerksam gemacht, 
daß das Auftauchen dieser unserem sittlichen Bewußtsein fremden 
Antriebe nur analog ist zu der uns bereits bekannten Verfügung des 
Traumes über anderes Vorstellungsmaterial, welches dem Wachen 
fehlt oder darin eine geringfügige Rolle spielt, durch Bemerkungen 
wie die von Ben in i : „Gerte nostre inclinazioni che si credevano 
soffocate e spente da un pezzo, si ridestano; passioni vecchie 



* Es ist nicht ohne Interesse zn erfahren, wie sich die heilige Inquisition 
zu unserem Problem gestellt. Im Tractatus de Officio sanctissimae Inquisitionis 
des Thomas CareÜa, Lyoner Ausgabe, 1659, ist folgende Stelle: ,,Spricht je- 
niand im Traum Ketzereien aus, so sollen die Inquisit/oren daraus Anlaß nehmen, 
seine Lebensführung zu untersuchen, denn im Schlafe pflegt das wiederzukommen, 
was unter Tags jenuind beschäftigt hat." CDr. Ehniger, S. Urban, Hchweiz.) 

Fr«iid, Traumde«tnng.6. Awfl. , ^^ r ., * 

r . . V £, I ^ On g i n a I f ro m 

■y v.:-UUgH^ UNIVERSIir OF MICHIGAN 



50 !• ^^e wissenschaftliche Ltteratu der Traamprobleme. 

sepolte rivivono; cose e persone a cui non pensiamo mai, ci vengono 
dinanzi" (p. 149) und von Volkelt: „Auch Vorstellungen, die in 
das wache Bewußtsein fast unbeachtet eingegangen sind und von ihm 
vielleicht nie wieder der Vergessenheit entzogen würden, pflegeiL 
sehr häufig dem Traum ihre Anwesenheit in der Seele kundzutun" 
(p. 105). Endlich ist es hier am Platze uns zu erinnern, daß nach 
Schleiermacher schon das Einschlafen vom Hervortreten unge-- 
wo 1 Her Vorstellungen (Bilder) begleitet war. 

Als „ungewollte Vorstel lungen" dürfen wir nun dies ganze 
Vorstellungsmaterial zusammenfassen, dessen Vorkommen in den un- 
moralischen wie in den absurden Träumen unser Befremden erregt. 
Ein wichtiger Unterschied liegt nur darin, daß die ungewollten Vor- 
stellungen auf sittlichem Gebiete den Gegensatz zu unserem sonstigen 
Empfinden erkennen lassen, während die anderen uns bloß fremd- 
artig erscheinen. Es ist bisher kein Schritt geschehen, der uns er- 
möglichte, diese Verschiedenheit durch tiefer gehende Erkenntnis auf- 
zuheben. 

Welche Bedeutung hat nun das Hervortreten ungewollter Vor- 
stellungen im Traume, welche Schlüsse für die Psychologie der 
wachenden tind der träumenden Seele lassen sich aus diesem nächt- 
lichen Auftauchen kontrastierender ethischer Regungen ableiten? Hier 
ist eine neue Meinungsverschiedenheit und eine abermals verschiedene 
Gruppierung der Autoren zu verzeichnen. Den Gedankengang von 
Hildebrandt und anderen Vertretern seiner Grundansicht kann man 
wohl nicht anderswohin fortsetzen, als daß den unmoralischen Re- 
gungen auch im Wachen eine gewisse Macht innewohne, die zwar 
gehemmt ist, bis zur Tat vorzudringen, und daß im Schlafe etwaa 
wegfalle, was, gleichfalls wie eine Hemmung wirksam, uns gehindert 
habe, die Existenz dieser Regung zu bemerken. Der Traum zeigte sa 
das wirkliche, wenn auch nicht das ganze Wesen des Menschen, und 
gehörte zu den Mitteln, das verborgene Seeleninnere für unsere Kennt- 
nis zugänglich zu machen. Nur von solchen Voraussetzungen her 
kjuin Hildebrandt dem Traume die Rolle eines Warners zuweisen^ 
der uns auf verborgene sittliche Schäden unserer Seele aufmerksam 
macht, wie er nach dem Zugeständnis der Ärzte auch bisher unbe- 
merkte körperliche Leiden dem Bewußtsein verkünden kann. Und 
auch S p i 1 1 a kann von keiner anderen Auffassung geleitet sein, wenu 
er auf die Erregungsquellen hinweist, die zur Zeit der Pubertät z. B^ 
der Psyche zufließen, und den Träumer tröstet, er habe alles getan, 
was in seinen Kräften steht, wenn er im Wachen einen streng tugend- 
haften Lebenswandel geführt und sich bemüht hat, die sündigen 
Gedanken, so oft sie kommen, zu unterdrücken, sie nicht reifen und 
zur Tat werden zu lassen. Nach dieser Auffassung könnten wir die 
vungewollten" Vorstellungen als die während des Tages „unter- 
drückten" bezeichnen und müßten in ihrem Auftauchen ein echtes^ 
psychisches Phänomen erblicken. 

Nach anderen Autoren hätten wir kein Recht zu letzterer Fol- 
gerung. Für Jessen stellen die unge^woUten Voi-stellungen im Traume 
wie im Wachen und in Fieber- und anderen Delirien „den Charakter 
einer zur Ruhe gelegten Willenstätigkeit und eines gewissermaßen 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g in a I f no m 

^y ^UiJgH^ UNIVERSIir OF MICHIGAN 



Das UnterOrUckte. 5X 

mechanisch e*n Prozesses von Bildern und Vorstellungen durch 
innere Bewegungen dar" (p. 360). Ein unmoralischer Traum beweise 
weiter nich^« für das Seelenleben des Träumers, als daß dieser von 
dem betreffenden VorstcUungsinhalt irgendwie einmal Kenntnis ge- 
wonnen habe, gewiß nicht eine ihm eigene Seelenregung. Bei einem 
anderen Autor, Maury, könnte man in Zweifel geraten, ob nicht 
auch er dem Traumzustand die Fähigkeit zuschreibt, die seelische 
Tätigkeit nach ihren Komponenten zu zerlegen, anstatt sie planlos 
zu zerstören. Er sagt von den Träumen, in denen man sich über 
die Schranken der Moralität hinaussetzt: „Ce sont nos penchants qui 
parlent et qui nous fönt agir, sans quo la conscience nous retienne, 
bien que parfoit eile nous averti^se. J'ai mes defauts et mes pen- 
chants vicieux; a l'etat de veille, je täehe de lutter contre eux, et 
il m'arrive assez souvent de n'y pas succomber. Mais dans mes songes 
j'y succombe toujours ou pour mieux dire j'agis par leur impulsion, 
sans crainto et sans remords. . . . Evidemment les visions qui se 
deroulent devant ma pensee et qui constituent le reve, me «ont sug- 
gerees par les incitations que je ressens et que ma volonte absente 
ne cherchc pas a refouler" (p. 113). 

Wenn man an die Fähigkeit des Traumes glaubte, «nne wirklich 
vorhandene, aber unterdrückte oder versteckte unmoralische Dispo- 
sition des Träumers zu enthüllen, so könnte man dieser Meinung 
schärferen Ausdruck nicht geben als mit den Worten Maury s 
(p. 115): „En reve Phomme se revele donc tout entier a aoiraeme 
dans sa nudite et sa joaisere natives. Des qu'il suspend Pexercico 
de sa volonte, il devient le jouet de toutes les passions contre les- 
quelles, a Petat de veille la conseience, le sentiment d*honneur, la 
crainte nous defendent." An anderer Stelle findet er das treffende 
Wort (p. 462): „Dans le reve, c'est surtout Phomme instinctif qui 
se ^vele. . . . L'homme revient pour ainsi dire ä Petat de nature 
quand il reve; mais moins les idees acquises ont penetre dans son 
csprit, plus les penchants en desaccord avec elles conservent 
encore sur lui d'influence dans le reve." Er führt dann als Beispiel 
an, daß seine Träume ihn nicht selten als Opfer gerade jenes Aber- 
glaubens zeigen, den er in seinen Schriften am heftigsten bekämpft 
hat. 

Der Wert all dieser scharfsinnigen Bemerkungen für eine psy- 
chologische Erkenntnis des Traumlebens wird aber bei Maury da- 
durch beeinträchtigt, daß er in den von ihm so richtig beobachteten 
Phänomenen nichts als Beweise für den „Automatisme psychologique" 
sehen, will, der nach. ihm das Traumleben beherrscht. Diesen Auto- 
matismuR faßt er als voU^ Gegensatz zur psychischen Tätigkeit. 

Eine Stelle in den Studien über das Bewußtsein von Stricker 
lautet: „Der Traum besteht nicht einzig und allein aus Täuschungen; 
wenn man sich im Traume z. B. vor Käubem fürchtet, so sind die 
Bäuber zwar imaginär, die Furcht aber ist real.** So wird man auf- 
merksam darauf gemacht, daß die Affektentwicklung im Traume die 
Beurteilung nicht zuläßt, welche man dem übrigen Trauminhalt 
schenkt, und das Problem wird vor uns aufgerollt, was an den psy- 
chischen Vorgängen im Traume real sein mag, das heißt einen An- 

4 i\iM^U^ Original from 

^y ^UiJglC UNIVERSIir OF MICHIGAN 



1)2 I. Oie wissenschaftliche Llteratar der Traamprobleme, 

Spruch auf Einreihung unter die psychischen Vorgänge des "Wachens 
beajispruchen darf?" 

g) Traumtheorien und Funktion des Traumes. 

Eine Aussage über den Traum, welche möglichst vi :4c der 
beobachteten Charaktere desselben von einem Gesichtspunkte aus zu 
erklären versucht und gleichzeitig die Stellung des Traumes zu einem 
umfassenderen Erscheinungsgebiet bestimmt, wird man eine Traum- 
theorie heißcui dürfen. Die einzelnen Traumtheorien w?rden sich 
darin unterscheiden, daß sie den oder jenen Charakter dos Traumes 
zum wesentlichen erheben, Erklärungen und Beziehungen an ihn an- 
knüpfen lassen. Eine Funktion, d. i. ein Nutzen oder eine sonstig.^, 
lyeistung des Traumes, wird nicht notwendig aus der Theorie ableitbar 
rein müssen, aber unsere auf die Tcleologie gewohnheitsgemäU ge- 
richtete Erwartung wird doch jenen Theorien entgegenkommen, die 
mit der Einsicht in eine Funktion des Traumes verbunden sind. 

Wii- haben bereits mehrere Auffassungen des Traumes kennen 
gelernt, die den Namen von Traumtheorien in diesem Sinne mehr 
oder weniger verdienten. Der Glaube der Alten, daß der Traum eine 
Sendimg der Götter sei, um die Handlungen der Menschen zu lenken, 
war eine vollständige Theorie des Traumes, die über alles am Traum 
AVis&enswerte Auskunft erteilte. Seitdem der Traum ein Gegenstand 
der biologischen Forschung geworden ist, kennen wir eine größere -An- 
zahl von Traumtheorien, aber darunter auch manche recht unvoll- 
ständige. 

Wenn man auf Vollzähligkeit verzichtet, kann man etwa folgende 
lockere Gruppierung der Traumtheorien versuchen, je nach der zu 
Grunde gelegten Annahme über Maß und Art der psychischen Tätig- 
keit im Traume: 

1. Solche Theorien, welche die volle ps^^'chische Tätigkeit des 
Wachens sich in dem Traume fortsetzen lassen, wie die von Del- 
boeuf. Hier schläft die Seele nicht, ihr Apparat bleibt intakt, aber 
unter die vom AVachen abweichenden BediiJgungen des Schlaf zustandes 
gebracht, muß sie bei normalem Funktionieren andere Ergebnisse liefern 
als im Waehen. Bei diesen Theorien fragt es sich, ob sie im stände 
sind, die Unterschiede des Traumes von dem Nachdenken sämtlich aus 
den BedingungoQ des Schlaf zustandes abzuleiten. Überdies fehlt ihnen 
ein möglicher Zugang zu einer Funktion des Traumes; man sieht 
nicht ein, wozu man träumt, warum der komplizierte Mechanis!mus 
des seelischen Apparates weiter spielt, auch wenn er in Verhältnissa 
versetzt wird, für die er nicht berechnet scheint. Traumlos schlafen, 
oder wenn störende Reize kommen, aufwachen, bleiben die einzig 
zweckmäßigen Reaktionen .anstatt der dritten, der des Träumens. 

2. Solche Theorien, welche im Gegenteil für den Traum eine 
Herabsetzung der psychischen Tätigkeit, eine Auflockerung der Zu- 
sammenhänge, eine Verarmung an anspruchsfähigem Material an- 
nehmen. Diesen Theorien zufolge müßte eine ganz andere psycho- 
logische Charakteristik des Schlafes gegeben werden als etwa nach 
Delboeuf. Der Schlaf erstreckt sich weit über die Seele, er besteht 
nicht bloß in einer Absperrung der Seele von der Außenwelt, er 
dringt vielmehr in ihren Mechanismus ein und macht ihn zeitweilig 

r^onnlp^ Original from 

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Traamtheorien. Der partielle Schlaf. 53 

unbrauchbar. Wenn ich einen Vergleich mit psychiatrischem Material 
heranzirfien darf, so möchte ich sagen, die ersteren Theorien kon- 
struieren den Traum wie eine Paranoia, die zweiterwähnten machen 
ihn zum Vorbilde do^ Schwachsinnes oder einer Amentia. 

Die Theorie, daß im Traumleben nur ein Bruchteil der durch 
den Schlaf lahmgelegten Seelentätigkeit zum Ausdruck komme, ist 
die bei ärztlichen Schriftstellern und in der wissenschaftlichen "Welt 
überhaupt weit bevorzugte. Soweit ein allgemeineres Interesse für 
Traumerklärung vorauszusetzen ist, darf man sie wohl als die herr- 
schende Theorie des Traumes * bezeichnen. Es ist hervorzuheben, 
mit welcher Leichtigkeit gerade diese Theorie die ärgste Klippe jeder 
Traumerklärung, nämlich das Scheitern an einem der durch de.i 
Traum verkörperten Gegensätze, vermeidet. Da ihr der Traum das 
Ergebnis eine^ partiollen Wachens ist (,,ein allmähliches, partielles 
und zugleich sehr anomalisches Wachen" sagt Herbarts Psychologie 
über den Traum), so kann sie durch eine Reihe von Zuständen von 
immer weitergehender Erweckung bis zur vollen Wachheit die ganze 
Heihe von der Minderleistung des Traumes, die sich durch Absurdität 
verrät, bis zur voll konzentrierten Denkleistung decken. 

Wem die physiologische Darstellungsweise unentbehrlich gewor- 
den ist oder wissenschaftlicher dünkt, der wird diese Theorie des 
Traumes in der Schilderung von Binz ausgedrückt finden (p. 43): 

„Dieser Zustand (von Erstarrung) aber geht in den frühen Mor- 
genstunden nur allmählich seinem Ende entgegen. Immer geringer 
werden die in dem Gehirneiweiß aufgehäuften Ermüdungsstoffe und 
immer mehr von ihnen wird zerlegt oder von dem rastlos treibenden 
Blutstrom fortgespült. Da und dort leuchten schon einzelne Zellen- 
haufen wach geworden hervor, während ringsumher noch alles in Er- 
starrung ruht. Es tritt nun die isolierte Arbeit der Einzel- 
gruppen vor unser umnebeltes Bewußtsein und zu ihr fehlt die 
Kontrolle anderer, der Assoziation vorstehender Gehirnteile. Darum 
fügen xiie geschaffenen Bilder, welche meist den materiellen Ein- 
drücken naheliegender Vergangenheit entsprechen, sich wild und regel- 
los aneinander. Immer größer wird die. Zahl der freiwerdenden Gehirn- 
zellen, immer geringer die Unvernunft des Traumes." 

Man wird die Auffassung des Träumens als eines unvollstän- 
digen, partiellen Wachens oder Spuren von ihrem Einflüsse sicherlich 
bei allen modernen Physiologen und Philosophen finden. Am aus- 
führlichsten ist sie bei M a u r y dargestellt. Dort hat es oft den 
Anschein, als stellte sich der Autor das Wachsein oder Eingeschlafen- 
sein nach anatomischen Regionen verschiebbar vor, wobei ihm aller- 
dings eine anatomische Provinz und eine bestimmte psychische Funk- 
tion aneinander gebunden erscheinen. Ich möchte hier aber nur an- 
deuten, daß, wenn die Theorie des partiellen Wachens sich bestätigte, 
über den feineren Ausbau derselben sehr viel zu verhandeln wäre. 

Eine Funktion des Traumes kann sich bei dieser Auffassung des 
Traumlebens natürlich nicht herausstellen. Vielmehr wird das Urteil 
über die Stellung ^und Bedeutung des Traumes konscquenterweise 
durch die Äußerung von Binz gegeben (p. 357): „Alle Tatsachen; 
wie wir sehen, drängen dahin, den Traum als einen körperlichen. 



C^ f\n n 1 i> Un g I n al f no m 

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54 !• I^ie wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 

in allen Fällen unnützen, in vielen Fällen geradezu krankhaften Vor- 
gang zu kennzeichnen. . .*' 

Der Ausdruck „körperlich** mit Beziehung auf den Traum, der 
seine Hervorhebung dem Autor selbst verdankt, weist wohl noch 
mehr als einer Richtung. Er bezieht sich zunächst auf die Traum- 
ätiologie, die ja B i n z besonders nahe lag, wenn er die experimentelle 
Erzeugung von Träumen durch Darreichung von Giften studierte. Es 
liegt nämlich im Zusammenhange dieser Art von Traumtheorien, die 
Anregung zum Träumen womöglich ausschließlich von somatischer 
Seite ausgehen zu lassen. In extremster Form dargesLellt, lautete es 
ßo: Nachdem wir durch Entfernung der Reize uns in Schlaf ver- 
setzt haben, wäre zum Träumen kein Bedürfnis und kein x\nlaß bis 
zum Morgen, wo das allmähliche Erwachen durch die neu anlangen- 
den Reize sich in dem Phänomen des Träumens spiegeln könnte. Nun 
gelingt es aber nicht, den Schlaf reizlos zu erhalten; es kommen, 
ähnlich wie Mephisto von den Lebenskeimen klagt, von überall her 
Reize an den Schlafenden heran, von außen, von innen, von all den 
Körpergebieten sogar, um die man sich als Wachender nie gekümmert 
hat. So wird der Schlaf gestört, die Seele bald an dem, bald an jenem 
Zipfelchen wachgerüttelt und funktioniert dann ein Weilchen mit dem 
geweckten Teil, froh wieder einzuschlafen. Der Ti'aum ist die Re- 
aktion auf die durch den Reiz verursachte Schlafhtörung, übrigens 
eine rein überflüssige Reaktion. 

Dmi Traum, der doch immerhin eine Leistung des Seelenorgans 
bleibt, als einen körperlichen Vorgang zu bezeichnen, hat aber auch 
noch einen anderen Sinn. Es ist die Würde eines psychischen Vor- 
ganges, die damit dem Traume abgesprochen werden soll. Das La 
seiner Anwendung auf den Traum bereits sehr alte Gleichnis von. 
den „zehn Fingern eines der Musik ganz unkundigen Menschen, die 
über die Tasten des Instrumentes hinlaufen", veranschaulicht vielleicht 
am besten, welche Würdigung die Traumleistung bei den Vertretern 
der exakten Wissenschaft zumeist gefunden hat. Der Traum wird in 
dieser Auffassung etwas ganz und gar ündeutbares; denn wie sollten 
die zehn Finger des unmusikalischen Spielers ein Stück Musik pro- 
duzieren können? 

Es hat der Theorie des partiellen Wachens schon frühzeitig 
nicht an Einwänden gefehlt. B u r d a c h meint 1830 : „Wenn jnan 
sagt, der Traum sei ein partielles Wachen, so wird damit erstlich 
weder das Wachen, noch das Schlafen erklärt, zweitens nichts anderes 
gesagt, als daß einige Kräfte der Seele im Traume tätig sind, während 
andere ruhen. Aber solche Ungleichheit findet während des ganzen 
Lebens statt. . .'' (p. 483.) 

An die herrschende Traumtheorie, welche im Traume einen »kör- 
perlichen" Vorgang sieht, lehnt sich eine sehr interessante Auffas- 
sung des Traumes an, die erst 1866 von Robert ausgesprochen 
wurde und die bestechend wirkt, weil sie für das Träumen eine 
Funktion, einen nützlichen Erfolg anzugeben weiß. Robert nimmt 
zur Grundlage seiner Theorie zwei Tatsachen der Beobachtung, bei 
denen wir bereits in der Würdigung des Traummaterials verweilt 



C^ f\n n 1 i> Orf g f n a I f no m 

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Theorie von Robert. 55 

haben (vgl. S. 13), nämlich, daß man so häufig von den nehensächlich- 
sten Eindrücken des Tages träumt, und daß man so selten die großen 
Interessen des Tages mit liintibernimmt. Robert behauptet als aus- 
schließlich richtig: „Es werden nie Dinge, die man voll ausgedacht 
hat» zu Traumerregern, immer nur solche, die einem unfertig im 
Sinne liegen oder den Geist flüchtig streifen" (p. 10). — „Darum kann 
man meistens den Traum sich nicht erklären, weil die Ursachen des- 
selben eben die nicht zum genügenden Erkennen des Träu- 
menden gekommenen Sinneseindrücke des verflossenen 
Tages sind." Die Bedingung, daß ein Eindruck in den Traum ge- 
lange, ist also, entweder daß dieser Eindruck in seiner Verarbeitung 
gestört wurde, oder daß er als allzu unbedeutend auf solche Ver- 
arbeitung keinen Anspruch hatte. 

Der Traum stellt sich Robert nun dar ,,als ein körperlicher 
Ausscheidungsprozeß, der in seiner geistigen Reaktionserscheinung 
zum Erkennen gelangt". Träume sind Ausscheidungen von 
im Keime erstickten Gedanken. „Ein Mensch, dem man die 
Eähigkeit nehmen würde, zu träumen, müßte in gegebener Zeit 
geistesgestört werden, weil sich in seinem Hirn eine Unmasse un- 
fertiger, unausgedachter Gedanken und seichter Eindrücke ansammeln 
würde, unter deren Wucht dasjenige ersticken müßte, was dem Ge- 
dächtnisse als fertiges Ganzes einzuverleiben wäre." Der Traum leistet 
dem überbürdeten Gehirn die Dienste eines Sicherheitsventils. Die 
Träume haben heilende, entlastende Kraft (p. 32). 

Es wäre mißverständlich, an Robert die Frage zu richten, 
wie denn durch das Vorstellen im Traume eine Entlastung der Seele 
herbeigeführt werden kann. Der Autor sehließt offenbar aus jenen 
beiden Eigentümlichkeiten des Traummaterials, daß während des 
Schlafes eine solche Ausstoßung von wertlosen Eindrücken irgend- 
wie als somatischer Vorgang vollzogen werde, und das Träumen ist 
kein besonderer psychischer Prozeß, sondern nur die Kunde, die wir 
von jener Aussonderung erhalten, übrigens ist eine Ausscheidung nicht 
das einzige, was nachts in der Seele vorgeht. Robert fügt selbst 
hinzu, daß überdies die Anregungen des Tages ausgearbeitet werden, 
und „was sich von dem unverdaut im Geiste liegenden Gedanken- 
fitoff nicht ausscheiden läßt, wird durch der Phantasie entlehnte 
Gedankenfäden zu einem abgerundeten Ganzen ver- 
bunden und so dem Gedächtnisse als unschädliches Phantasiegemälde 
eingereiht" (p. 23). 

In den schroffsten Gegensatz zur herrschenden Theorie tritt die 
Roberts aber in der Beurteilung der Traumquellen. Während dort 
überhaupt nicht geträumt würde, wenn nicht die äußeren und inneren 
Sensationsreize die Seele immer wieder weckten, liegt der Antrieb 
zum Träumen nach der Theorie Roberts in der Seele selbst, in ihrer 
Überladung, die nach Entlastung verlängt, und Robert urteilt voll- 
kommen konsequent, daß die im körperlichen Befinden liegenden 
traumbedingenden Ursachen einen untergeordneten Rang einnehmen 
und einen Geist, in dem kein dem wa<;hen Bewußtsein entnommener 
Stoff zur Traumbildung wäre, keinesfalls zum Träumen veranlassen 



C^ f\n n 1 i> Un g I n al f no m 

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5g I. Die wissenschaftliche Literatar der Traumprobleine. 

könnten. Zuzugeben sei bloß, daß die im Traume ias den Tiefen 
der Seele heraus sieh entwickelnden Phantasiebilder durch die Ner- 
venreize beeinflußt werden können (p. 48). So ist der Traum nach 
Eobert doch nicht so ganz abhängig vom Somatischen? er ist zwar 
kein psychischer Vorgang, hat keine Stelle unter den psychischen 
Vorgängen des Wachens, er ist ein allnächtlicher somatischer Vor- 
gang am Apparat der Seelentätigkeit und hat eine Funktion zu er- 
füllen, diesen Apparat vor Überspannung zu behüten oder, wenn man 
das Gleichnis wechseln darf: die Seele auszumisten. 

Auf die nämlichen Charaktere des Traumes, die in der Aus- 
wahl des Traummaterials deutlich werden, stützt ein anderer Autor, 
Yves Delage, seine eigene Theorie, und es ist lehrreich zu bt^ob- 
achten, wie durch eine leise Wendung in der Auffassung derselben 
Dingo ein Endergebnis von ganz anderer Tragweite gewonnen wird- 

Jbelage hatte an sich selbst, nachdem er eine ihm teure Person 
durch den Tod verloren, die Erfahrung gemacht, daß man von dem 
nicht träumt, /was einen tagsüber ausgiebig beschäftigt hat, oder 
erst dann, wenn es anderen Interessen tagsüber zu woiclien beginnt. 
Seine Xachforschungen bei anderen Personen bestätigten ihm die 
Allgemeinheit dieses Sachverhaltes. Eine schöne Bemerkung dieser 
Art, wenn sie sich als allgemein richtig herausstellte, macht Delage 
über das Träumen junger Eheleute: „S'ils ont ete fortement epris, 
presquo jamais ils n*ont reve Pun de Tautre avant le mariage ou 
pendant la lune de miel; et s'ils ont reve d'amour c'est pour etre 
infideles avec quelque personne indifferente ou odieuse." Wovon träumt 
man nun aber? Delage erkennt das in unseren Träumen vorkom- 
mende Material als bestehend aus Bruchstücken und Resten von Ein- 
drücken der letzten Tage und früherer Zeiten. Alles was in unseren 
Träumen auftritt, was wir zuerst geneigt sein mögen, als Schöpfung 
des Traumlebens anzusehen, erweist sich lx»i genauerer Prüfung als 
unerkannte Heproduktion, als ,,souvenir inconscient'*. Aber dieses Vor- 
stellungsmatcrial zeigt einen gemeinsamen Charakter, es rührt von 
Eindrücken her, die unsere Sinne wahrscheinlich stärker betroffen 
haben als unseren Geist, oder von denen die Aufmerksamkeit sehr bald 
nach ihrem Auftauchen wieder abgelenkt wurde. Je weniger bewußt 
und dabei je stärker ein Eindruck gewesen ist, desto mehr Aussicht 
hat er, im nächsten Traume eine Rolle zu spielen. 

Es sind im wesentlichen dieselben zwei Kategorien von Ein- 
drücken, die nebensächlichen und die unerledigten, wie sie Robert 
hervorhebt, aber Delage wendet den Zusammenhang anders, indem 
er meint, diese Eindrücke werden nicht, weil sie gleichgültig sind, 
traiunfähig, sondern weil sie unerledigt sind. Auch die nebensächli- 
chen Eindrücke sind gewassermaßen nicht voll erledigt worden, auch 
sie sind, ilirer Natur nach als neue Eindrücke „autant de ressorts 
tendus**, die sich während des Schlafes entspannen werden. Noch mehr 
Anrecht auf eine Rolle im Traume als der schw^ache und fast un- 
beachtete Eindruck wird ein starker Eindruck haben, der zufällig in 
seiner Verarbeitung aufgehalten w^urde oder mit Absicht zurückge- 
drängt worden ist. Die tagsüber durch Hemmung und Unterdrückung 
aufgespeicherte psychische Energie wird nachts die Triebfeder des 



C^ f\n n 1 i> Orf g f n a I f no m 

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Theorie von De läge. 5T 

# 

Traumes. Im Traume kommt das psychisch Unterdrückte zum 
VorseheiD *. 

Leider bricht der Gedankengang von Belage an dieser Stelle 
ab; er kann einer selbständigen psychischen Tätigkeit im Traume 
nui* die geringste Rolle einräumen und so schließt er sich mit seiner 
Traumtheorie unvermittelt wieder an die herrschende Lehre vom 
partiellen Schlafen des Gehirns an: „En somme le reve est le produit 
de la pensec errante, sans but et sans directipn, sc fixant successivo- 
ment sur les Souvenirs, qui ont garde assez d'intensite pour se placer 
sur sa route et Tarreter au passage, etablissant entre eux un lien 
tantöt faiblo et indecis, tantot plus fort et plus serre selon que 
Tactivite actuelle du cerveau est plus ou moins abolie par le sorameil." 

3. Zu einer dritten Gruppe kann man jene Theorien des Traumes 
vereinigen, welche der träumenden Seele die Fähigkeit und Neigung 
zu besonderen psychischen Leistungen zuschreiben, die sie im Wachen 
entweder gar nicht oder nur in unvollkommener Weise ausführen kann. 
Aus der Betätigung dieser Fähigkeiten ergibt sich zumeist eine nütz- 
liche Funktion des Traumes. Die Wertschätzungen, welche der Traum 
bei älteren psychologischen Autoren gefunden hat, gehören meist in 
diese Reihe. Ich will mich aber damit begnügen, an deren Statt 4ie 
Äußerung von Burdach anzuführen, derzufolgc der Traum ,.die 
Xaturtätigkeit der Seele ist, welche nicht durch die Macht der In- 
dividualität beschränkt, nicht durch Selbstbewußtsein gestört, nicht 
durch Selbstbestimmung gerichtet wird, sondern die in freiem Spiele 
sich ergehende Lebendigkeit der sensiblen Zentralpunkte ist'* (p. 486). 

Dieses Schwelgen im freien Gebrauche der eigenen Kräfte stellen 
sich Burdach u. a. offenbar als einen Zustand vor, in welchem die 
Seele sich erfrischt und neue Kräfte für die Tagesarbeit sammelt, 
also etwa nach Art eines Ferienurlaubes. Burdach zitiert und ak- 
zeptiert darum auch die liebenswürdigen AVorte, in denen tler Dichter 
Novalis das Walten des Traumes preist: „Der Traum ist eine Schutz- 
wehr gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens, eine 
freie Erholung der gebundenen Phantasie, wo sie alle Bilder des 
Lebens durcheinander wirft und die beständige Ernsthaftigkeit des 
erwachsenen Menschen durch ein fröhliches Kinderspiel unterbricht; 
ohne die Träume würden wir gewiß früher alt, und so kann man 
den Traum, wenn auch nicht als unmittelbar von oben gegeben, doch 
als eine köstliche Aufgabe, als einen freundlichen Begleiter auf der 
Wallfahrt zum Grabe betrachten." 

Die erfrischende und heilende Tätigkeit des Traumes schildert 
noch eindringlicher Purkinje (p. 456): „Besonders würden die pro- 
duktiven Träume diese Funktionen vermitteln. Es sind leichte Spiele 
der Imagination, die mit den Tagesbegebenheiten keinen Zusammen- 
hang haben. Die Seele will die Spannungen des wachen Lebens nicht 
fortsetzen, sondern sie auflösen, sich von ihnen erholen. Sie erzeugt 
zuvörderst denen des Waehens entgegengesetzte Zustände. Sie heilt 

* Ganz ähnlich äußerst sich der Dichter Anatole France (Lys rouge): 
Co que nous voyons la niiit-, ce sont les res tos malhourcux de c^ que nou^ avoiis 
neg^lig*'; daus la veille. Le reve est souvent la revanulie dos chose» qu'ou iii'''i)riso 
ou le reproche des etres abandonnes. 



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gy I. Die wiMenscliaftliche Literatur der Traamprobleme. 

Traurigkeit durch Freude, Sorgen durch Hoffnungen und heitere 
zerstreuende Bilder, Haß durch Liebe und Freundlichkeit, Furcht 
durch Mut und Zuversicht ; den Zweifel beschwichtigt sie durch Über- 
zeugung und festen Glauben, vergebliche Erwartung durch Erfüllung. 
Viele wunde Stellen des Gemütes, die der Tag immerwährend offen 
erhalten würde, heilt der Schlaf, indem er sie zudeckt und vor neuer 
Aufregung bewahrt. Darauf beruht zum Teil die schmerzenheilende 
Wirkung der Zeit." Wir empfinden es alle, daß der Schlaf eine 
Wohltat für das Seelenleben ist, und die dunkle Ahnung des Volks- 
bewußtseins läßt sich offenbar das Vorurteil nicht rauben, daß der 
Traum einer der Wege, ist, auf denen der Schlaf seine Wohltaten 
spendet. 

Der originellste und weitestgehende Versuch, den Traum aus einer 
besonderen Tätigkeit der Seele, die sich erst im Schlafzustand frei 
entfalten kann, zu erklären, ist der von Scherner 1861 unternom- 
mene. Das Buch IScherners, in einem schwülen und schwülstigen 
Stil geschrieben, von einer nahezu trunkenen Begeisterung für den 
Gegenstand getragen, die abstoßend wirken muß, wenn sie nicht mit 
sich fortzureißen vermag, setzt einer Analyse solche Schwierigkeiten 
entgegen, daß wir bereitwillig nach der klareren und kürzeren Dar- 
stellung greifen, in welcher der Philosoph Volkelt die Lehren 
Scherners uns vorführt. „Es blitzt und leuchtet wohl aus den 
mystischen Zusammenballungen, aus all dem Pracht- und Glanzgewoge 
ein ahnungsvoller Schein von Sinn heraus, allein hell werden hie- 
durch des Philosophen Pfade nicht." Solche Beurteilung findet die 
Darstellung Scherners selbst bei seinem Anhänger. 

Scherner gehört nicht zu den Autoren, welche der Seele ge- 
statten, ihre Fähigkeiten unverringert ins Traumleben mitzunehmen. 
Er führt selbst aus, wie im Traume die Zentralität, die Spontanenergie 
des Ich entnervt wird, wie infolge dieser Dezentralisation Erkennen, 
Fühlen, Wollen und Vorstellen verändert werden und wie den Über- 
bleibseln dieser Seelenkräfte kein wahrer Geistcharakter, sondern nur 
noch die Natur eines Mechanismus zukommt. Aber dafür schwingt 
sich im Traume die als Phantasie zu benennende Tätigkeit der 
Seele, frei von aller Verstandesherrschaft und damit der strengen 
Maße ledig, zur unbeschränkten Herrschaft auf. Sie nimmt zwar 
die letzten Bausteine aus dem Gedächtnis des Wachens, aber führt 
aus ihnen Gebäude auf, die von den Gebilden des Wachens himmel- 
weit verschieden sind, sie zeigt sich im Traume nicht nur reproduktiv, 
sondern auch produktiv. Ihre Eigentümlichkeiten verleihen dem 
Traumleben seine besonderen Charaktere. Sie zeigt eine Vorliebe für 
das Un gemessene. Übertriebene, Ungeheuerliche. Zu- 
gleich aber gewinnt sie durch die Befreiung von den hinderlichen 
Denkkategorien eine größere Schmiegsamkeit, Behendigkeit, Wendungs- 
lust; sie ist aufs feinste empfindsam für die zarten Stimmungsreize 
des Gemütes, für die wühlerischen Affekte, sie bildet sofort das innere 
Leben in die äußere plastische Anschaulichkeit hinein. Der Traum- 
phantasie fehlt die Begriffssprache; was sie sagen will, 
muß sie anschaulich hinmalen, und da der Begriff hier nicht schwä- 
chend einwirkt, malt sie es in Fülle, Kraft und Größe der An- 



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Die Theorie Scherners. 59 

echauungsform hin. Ihre Sprache wird hiedurch, so deutlich sie ist, 
weitläufig, schwerfällig, unbeholfen. Besonders erschwert wird die 
Deutlichkeit ihrer Sprache dadurch, daß sie die Abneigung hat, ein 
Objekt durch sein eigentliches Bild auszudrücken und lieber ein frem- 
des Bild wählt, insofern dieses nur dasjenige Moment des Objektes, 
an dessen Darstellung ihr liegt, durch sich auszudrücken im stände 
ist. Das ist die symbolisierende Tätigkeit der Phantasie. . . 
Sehr wichtig ist ferner, daß die Traumphantasie die Gegenstände 
nicht erschöpfend, sondern niu* in ihrem Umriß und diesen in 
freiester Weise nachbildet. Ihre Malereien erscheinen daher wie 
genial hingehaucht. Die Traumphantasie bleibt aber nicht bei der 
bloßen Hinstellung des Gegenstandes stehen, sondern sie ist innerlich 
^nötigt, das Traum-Ich mehr oder weniger mit ihm zu verwickeln 
und so eine Handlung zu erzeugen. Der Gesichtsreiztraum z. B. malt 
Goldstücke auf die Straße; der Träumer sammelt sie, freut sich, 
trägt sie davon. 

Das Material, an welchem die Traumphantasie ihre künstlerische 
Tätigkeit vollzieht, ist nach Scherner vorwiegend das der l)ci Tag 
so dunklen organischen Leibreize (vgl. S. 23), so daß in der Annahme 
der Traumquellen und Traumerreger die allzu phantastische Theorie 
Scher ners und die vielleicht übernüchterne Lehre Wundts und 
anderer Physiologen, die sich sonst wie Antipoden zueinander ver- 
halten, sich hier völlig decken. Aber während nach der physiologi- 
schen Theorie die seelische Reaktion auf die inneren Leibreize mit der 
Erweckung von irgend zu ihnen passenden Vorstellungen erschöpft ist, 
die eich dann einige andere Vorstellungen auf dem AVege der Assozia- 
tion zur Hilfe rufen, und mit diesem Stadium die Verfolgung der 
psychischen Vorgänge des Traumes beendigt scheint, geben die Leib- 
reize nach Scherner der Seele nur ein Mat-crial, das sie ihren 
phantastischen Absichten dienstbar machen kann. Die Traumbildung 
fängt für Scherner dort erst an, wo sie für den Blick der an- 
deren versiegt. 

Zweckmäßig wird man freilich nicht finden können, was die 
Traumphantasie mit den Leibreizen vornimmt. Sie treibt ein necken- 
des Spiel mit ihnen, stellt sich die Organquelle, aus der die Keize im 
betreffenden Traume stammen, in irgend einer plastischen Symbolik 
vor. Ja, Scherner meint, worin Volkelt und andere ihm nicht 
folgen, daß die Traumphantasio eine bestimmte Lieblingsdarstellung 
für den ganzen Organismus habe; diese wäre das Haus. Sie scheint 
sich aber zum Glück für ihre Darstellungen nicht an diesen Stoff 
zu binden; sie kann auch umgekehrt ganze Reihen von Häusern! 
benutzen, um ein einzelnes Organ zu bezeichnen, z. B. sehr lange 
Häuserstraßen für den Eingeweidereiz. Andere Male stellen einzelne 
Teile des Hauses wirklich einzelne Körperteile dar, so z. B. im 
Kopf Schmerztraum die Decke eines Zimmers (welche der Träumer 
mit ekelhaften krötenartigen Spinnen bedeckt sieht) den Kopf. 

Von der Haussymbolik ganz abgesehen, werden beliebige andere 
Gegenstände zur Darstellung der den Traumreiz ausschickenden Kör- 
perteile verwendet. „So findet die atmende, Lunge in dem flammen- 
erfüllten Ofen mit seinem luftartigen Brausen ihr Symbol, dajs Herz 



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60 I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 

in hohlen Kisten und Körben, die Harnblase in runden beutelfürniig'eit 
oder überhaupt nur ausgehöhlten Gegenständen. Der männliche Ge- 
schlechtsreiz träum läßt den Träumer den oberen Teil einer Klarineite, 
daneben den gleichen Teil einer Tabakspfeife, daneben wieder einen 
Pelz auf der Straße finden. Klarinette und Tabakspfeife stellen die 
annähernde Form des männlichen Gliedes, der Pelz das Schamha^ir 
dar. Im weiblichen Geschlechtstraume kann sich die Schrittensre der 
zusammcnschließ-enden Schenkel durch einen schmalen, von Häusern 
umschlossenen Hof, die weibliche Scheide durch einen mitten durch 
den Hofraum führenden, schlüpfrig weichen, selfr schmalen Fußpfad 
symbolisieren, den die Träumerin wandeln muß, um etwa einen 
Brief zu einem Herrn zu tragen" (Volkelt, p. 39). Besonders wichtig 
ist es, daß am Schlüsse eines solchen Leibreiz traumes die Traum* 
phantasie sich sozusagen demaskiert, indem sie das erregende Organ 
oder dessen Funktion unverhüllt hinstellt. So schließt der ,, Zahnreiz- 
traum" gewöhnlich damit, daß der Träumer sich einen Zahn aus dem 
Munde nimmt. 

Die Traumphantasie kann ihre Aufmerksamkeit aber nicht bloß 
der Form des erregenden Organs zuwenden, sie kann ebensowohl 
die in ihm enthaltene Substanz zum Objekt der Symbolisierung neh- 
men. So führt z. B. der Eingeweidereizlraum durch kotige Straßc^n, 
der Harnreiztraum an schäumendes AVassar. Oder der Reiz als sol- 
cher, die Art seiner Erregtheit, das Objekt, das er begehrt, werden 
symbolisch dargestellt oder das Traum-Ich tritt in konkrete Verbin- 
dung mit den Symbolisierungen des eigenen Zustandes, z. B. wenn 
wir bei Schmerzreizen uns mit beißenden Hunden oder tobenden 
Stieren verzweifelt balgen, oder die Träumerin sich im Geschlechts- 
traume von einem nackten Manne verfolgt sieht. Von all dem mög- 
lichen Reichtum in der Ausführung abgesehen, bleibt eine symboli- 
sierende Phantasietätigkeit als die Zentralkraft eines jeden Traumes 
bestehen. In den Choi'akter dieser Phantasie näher einzudringen, der 
so erkannten psychischen Tätigkeit ihre Stellung in einem System 
philosophischer Gedanken anzuweisen, versuchte dann Volkelt in 
seinem schön und warm geschriebenen Buche, das aber allzu schwer 
verständlich für jeden bleibt, der nicht durch frühe Schulung für 
das ahnungsvolle Erfassen philosophischer Begriffsschemen vorbe- 
reitet ist. 

Eine nützliche Funktion ist mit der Betätigung der symboli- 
sierenden Phantasie Scherners in den Träumen nicht verbunden^ 
Die Seele spielt träumend mit den ihr dargebotenen Reizen. Man 
könnte auf die Vermutung kommen, daß sie unartig spiele. Man 
könnte aber auch an uns die Frage richten, ob unsere eingehend»^ 
Beschäftigung mit Scherners Theorie des Traumes zu irgend etwas 
Nützlichem führen kann, deren Willkürlichkeit und Losgebunden- 
heit von den Regeln aller Forschung doch allzu augenfällig scheint. 
Da wäre es denn* am Platze, gegen eine Verwerfung der Lehre 
Scherners vor aller Prüfung als allzu hochmütig ein Veto einzu- 
legen. Diese Lehre baut sich auf dem Eindruck auf, den jemand von 
seinen Träumen empfing,^ der ihnen große Aufmerksamkeit schenkte, 
und der persönlich sehr wohl veranlagt scheint, dunklen seelischen 



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Die Traampbantasie. 6t 

Dingen nachzuspüren. Sie handelt ferner von einem Gegenstand, der 
4len Menschen durch Jahrtausende rätselhaft, wohl aber zugleich in- 
halts- und beziehungsreich erschienen ist, und zu dessen Erhellung 
die gestrenge Wissenschaft, wie sie selbst bekennt, nicht viel anderes 
beigetragen hat, als daß sie im vollen Gegensatz zur populären Emp- 
findung dem Objekt Inhalt und Bedeutsamkeit abzusprechen ver- 
suchte. Endlich wollen wir uns ehrlich sagen, daß es den Anschein 
Jiat, wir könnten bei den Versuchen, den Traum aufzuklären, der 
Phantastik nicht leicht entgehen. Es gibt auch Ganglienzellen-Phan- 
tastik; die p. 53 zitierte Stelle eines nüchternen und exakten For- 
schers wie. Bin z, welche schildert, wie die Aurora des Erwachens 
über die einge^chlafenen Zellhaufen der Hirnrinde hinzieht, steht an 
Phantastik und an — Unwahrscheinlichkeit hinter den Scherner- 
^chen Deutungsversuchen nicht zurück. Ich hoffe, zeigen zu können, 
daß hinter den letzteren etwas Reelles steckt, das allerdings nur ver- 
schwommen erkannt worden ist und nicht den Charakter der All- 
gemeinheit besitzt, auf den eine Theorie des Traumes Anspruch er- 
ieben kann. Vorläufig kann uns die Scherner sehe Theorie des 
Traumes in ihrem Gegensatz zur medizinischen etwa vor Augen 
führen, zwischen welchen Extremen die Erklärung des Traumlebens 
heute noch unsicher schwankt. 

h) Beziehungen zwischen Traum und Geisteskrank- 
heiten. 

Wer von den Beziehungen des Traumes zu den Geistesstörungen 
spricht, kann dreierlei meinen : 1. ätiologische und klinische Bezie- 
hungen, etwa wenn ein Traum einen psychotischen Zustand vertritt, 
einleitet oder nach ihm erübrigt. 2. Veränderungen, die das Traum- 
leben im Falle der Geisteskrankheiten erleidet. 3. Innere Beziehungen 
zwischen Traum und Psychosen, Analogien, die auf Wesensverwandt- 
sehaf t hindeuten. Diese mannigfachen Beziehungen zwischen den beiden 
Beihen von Phänomenen sind in früheren Zeiten der Medizin — und 
in der Gegenwart von neuem wieder — ein Lieblingsthema ärztlicher 
Autoren gewesen, wie die bei Spitta, ßadestock, Maury und 
Tissie gesammelte Literatur des Gegenstandes lehrt. Jüngst hat 
Sante de S a n c t i s diesem Zusammenhange seine Aufmerksamkeit zu- 
^wendet*. Dem Interesse unserer Darstellung wird es genügen, den 
bedeutsamen Gegenstand bloß zu streifen. 

Zu den klinischen und ätiologischen Beziehungen zwischen Traum 
und Psychosen will ich folgende Beobachtungen als Paradigmata mit- 
leilen. Hohnbaum berichtet (bei K r a u s s), daß der erste Aus- 
bruch des Wahnsinns sich öfters von eiiiem ängstlichen schreckhaften 
Traume herschrieb, und daß die vorherrschende Idee mit diesem Traume 
in Verbindung stand. Sante de Sanctis bringt ähnliche Beobach- 
tungen von Paranoischen und erklärt den Traum in einzelnen der- 
selben für die „vraie cause determinante de la folie". Die Psychose 
kann (mit dem wirksamen, die wahnhafte Erklärung enthaltenden Traum} 
mit einem Schlage ins Leben treten oder sich durch weitere Träume, 

* Spätere Autoren, die solche Beziehungen behandeln, sind: Fi'rö, Ideler, 
Xasegue, Pichon, Rcgis, Vespa; Giessler, Kazodowsky, Pachan- 
toni u. a. 

Orfg fnal f ro m 



C^ f\n n 1 i> On g i n al f ro m 

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g2 I* ^19 wiBsenschafUiche Literatur der Traumprobleme. 

die noch gegen Zweifel anzukämpfen haben, langsam entwickeln. In 
einem^ Falle von de Sanctis schlössen sich an den ergreifenden, 
Traum leichte hysterische Anfälle, dann in weiterer Folge ein angst- 
lich-melancholischer Zustand. F e r e (bei T i s s i e) berichtet von einem. 
Traume, der eine hysterische Lähmung zur Folge hatte. Hier wird 
uns der Traum als Ätiologie der Geistesstörung vorgeführt, obwohl 
wir dem Tatbestand ebeoso Eechnung tragen, wenn wir aussagen,, 
die geistige Störung habe ihre erste Äußerung am Traumleben ge- 
zeigt, sei im Traume zuerst durchgebrochen. In anderen Beispielen 
enthält das Traumleben die krankhaften Symptome oder die Psychose 
bleibt aufs Traumleben eingeschränkt. So macht Thomayer auf 
Angstträume aufmerksam, die als Äquivalente von epileptischen 
Anfällen aufgefaßt werden müssen. Allison hat nächtliche Geistes- 
krankheit (noctumal insanity) beschrieben (nach Radestock), bei 
der die Individuen tagsüber anscheinend vollkommen gesund sind,. 
während bei Nacht regelmäßig HalluzLiationen, Tobsuchtsanfälle u. dgL 
auftreten. Ähnliche Beobachtungen bei de Sanctis (paranoisches 
Traumäquivalent bei einem Alkoholiker, Stimmen, die die Ehefrau 
der Untreue beschuldigen); bei Tissie. Tissie bringt aus neuerer 
Zeit eine reiche Anzahl von Beobachtungen, in denen Handlungen 
pathologischen Charakters (aus Wahnvoraussetzungea, Zwangimpulse) 
sich aus Träumen ableiten. Guislain beschreibt einen Fall, in dem 
der Schlaf durch ein intermittierendes Irresein ersetzt war. 

Es ist wohl kein Zweifel, daß eines Tages neben der Psycho- 
logie des Traumes eine Psychopathologie des Traumes die Arzi^ be- 
schäftigen wird. 

Benders deutlich wird es häufig in Fällen von Genesung nach 
Geisteskrankheit, daß bei gesunder Funktion am Tage das Traum- 
leben noch der Psychose angehören kann. Gregory soll auf diese» 
Vorkommen zuerst aufmerksam gemacht haben (nach Krauss). Ma- 
cario (bei Tissie) erzählt von einem Maniacus, der eine Woche nach 
seiner völligen Herstellung in Träumen die Ideenflucht und die leidßn- 
schaftlichen Antriebe seiner Krankheit wieder erlebte. 

Über die Veränderungen, welche das Traumleben bei dauernd 
Psychotischen erfährt, sind bis jetzt nur sehr wenige Untersuchungen 
angestellt worden. Dagegen hat die innere Verwandtschaft zwischen 
Traum und Geistesstörung, die sich in so weitgehender Übereinstim- 
mung der Erscheinungen beider äußert, frühzeitig Beachtung gefunden. 
Nach Maury hat zuerst Cabanis in seinen „Rapports du physique 
et du moraP' auf sie hingewiesen, nach ihm Lelut, J. Moreau 
und ganz besonders der Philosoph Maine de Biran. Sicherlich ist 
die Vergleichung noch älter, ßadestock leitet das Kapitel, in dem 
er sie behandelt, mit einer Sammlung von Aussprüchen ein, welche 
Traum und Wahnsinn in Analogie bringen. Kant sagt an einer Stelle : 
„Der Verrückte ist ein Träumer im Wachen." Krauss: „Der Wahn- 
sinn ist ein Traum innerhalb des Sinnenwachseins." Schopenhauer 
nennt den Traum einen kurzen Wahnsinn und den Wahnsinn einen 
langen Traum. Hagen bezeichnet das Delirium als Traumleben, wel- 
ches nicht durch Schlaf, sondern durch Krankheiten herbeigeführt 
ist. Wundt äußert in der „Physiologischien Psychologie": „In der 

f^ /^f^ (-1 1 p. Or[g In a I f no m 

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BeaehODgen zwischen Traam und Fsjchofleii« 53 

Tat können wir im Traume fast alle Erscheinungen, die uns in den 
Irrenliäusern begegnen, selber durchleben." 

Die ' einzelnen Übereinstimmungen, auf Grund deren eine solche 
Gleichstellung sich dem Urteil empfiehlt, zählt Spitta (übrigens 
sehr ähnlich wie Maury) in folgender Reihe auf: „1. Aufhebung 
oder doch Retardation des Selbstbewußtseins, infolgedessen Unkennt- 
nis über den Zustand als solchen, also Unmöglichkeit des Erstaunens^ 
Mangel des moralischen Bewußtseins. 2. Modifizierte Perzeption der 
Sinnesorgane, und zwar im Traume verminderte, im Wahnsinn im 
allgemeinen sehr gesteigerte. 3. Verbindung der Vorstellungen unter- 
einander lediglich nach den Gesetzen der Assoziation und Reproduk- 
tion, also automatische Reihenbildung, duher ünproportionalität der 
Verhältnisse zwischen den Vorstellungen (Übertreibungen, Phantas- 
men) und aus alle dem resultierend 4. Veränderung, beziehungsweise 
Umkehrung der Persönlichkeit und zuweilen der Eigentümlichkeiten 
des Charakters (Perversitäten)." 

Radestock fügt noch einige Züge hinzu, Analogien im Ma- 
terial : „Im Gebiete des Gesichts- und Gehörsinnes und des Gemein- 
gefühles findet man die meisten Halluzinationen und Illusionen. 
Die wenigsten Elemente liefern wie beim Traume der Geruchs- und 
Geschmacksinn. — Dem Fieberkranken steigen in den Delirien wie 
dem Träumenden Erinnerungen aus langer Vergangenheit auf; was 
der Wachende und Gesunde vergessen zu liaben schien, dessen er- 
innert sich der Schlafende und Kranke." — Die Analogie von Traum 
und Psychose erhält erst dadurch ihren vollen Wert, daß sie sich 
wie eine Familienähnlichkeit in die feinere Mimik und bis auf ein- 
zelne Auffälligkeiten des Gesichtsausdruckes erstreckt. 

„Dem von körperlichen und geistigen Leiden Gequälten gewährt 
der Traum, was die Wirklichkeit versagte: Wohlsein und Glück; so 
heben sich auch bei dem Geisteskranken die lichten Bilder von Glück, 
Größe, Erhabenheit md Reichtum. Der vermeintliche Besitz von 
Gütern und die imaginäre Erfüllung von Wünschen, deren Verwei- 
gerung oder Vernichtung eben einen psychischen Grund des Irreseins 
abgaben, machen häufig den Hauptinhalt des Deliriums aus. Die 
Frau, die ein teures Kind verloren, deliriert in Mutterfreuden, wer 
Vermögciisverluste erlitten, hält sich für außerordentlich reich, das 
betrogene Mädchen sieht sich zärtlich geliebt." 

(Diese Stelle Radestocks ist die Abkürzung einer feinsinnigen 
Ausführung von Griesinger [p. 111], die init aller Klarheit die 
Wunscherfüllung als einen dem Traume und der Psychose ge- 
meinsamen Charakter des Vorstellens enthüllt. Meine eigenen Unter- 
suchuDgen haben mich gelehrt, daß hier der Schlüssel zu einer psycho- 
logischen Theorie des Traumes und der Psychosen zu finden ist.) 

„Barocke Gedankenverbindungen und Schwäche des Urteils sind 
es, welche den Traum und den Wahnsinn hauptsächlich charakteri- 
sieren.'* Die Überschätzung der eigenen geistigen Leistungen, 
die dem nüchternen Urteil als unsinnig erscheinen, findet sich hier 
wie dort ; dem rapiden Vorstellungs verlauf des Traumes entspricht 
die Ideenflucht der Psychose. Bei beiden fehlt jedes Zeitmaß. 
Die Spaltung der Persönlichkeit im Traume, welche z. B. 

Original f no m 



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^4 1* ^^® wUsenschaftKche Ldteratiir der Tranmprobleme. 

das eigene Wissen auf zwei Personen verteilt, von denen die fremde 
das eigene Ich im Traume korrigiert, ist völlig gleichwertig der be- 
kannten Persönlichkeitsteilung bei halluzinatorischer Paranoia; auch 
der Träumer hört die eigenen Gedanken von fremden Stimmen ^vor- 
gebracht. Selbst für die konstanten Wahnideen findet sich eine Ana- 
logie in den stereotyp wiederkehrenden pathologischen Träumen (reve 
obsedant). — Nach der Genesung von einem Delirium sagen die Kran- 
ken nicht selten, daß ihnen die ganze Zeit ihrer Krankheit wie ein 
of nicht unbehaglicher Traum erscheint; ja sie teilen uns mit, daß 
sie gelegentlich noch während der Krankheit geahnt haben, sie seien 
nur in einem Traume befangen, ganz wie es oft im Schlaftraumc 
vorkommt. 

Nach alledem ist es nicht zu verwundern, wenn Radestock 
ficino wie vieler anderer Meinung in den Worten zusammenfaßt, daß 
„der Wahnsinn, eine anormale krankhafte Erscheinung, als eine Stei- 
gerung des periodisch wiederkehrenden normalen Traum zustandes zu 
betrachten ist" (p. 228). 

Noch inniger vielleicht, als es durch' diese Analogie der sich 
äußernden Phänomene möglich ist, hat Kraus s die Verwandtschaft 
von Traum und Wahnsinn in der Ätiologie (vielmehr: in den Er- 
regungsquellen) begründen wollen. Das beiden gemeinschaftliche Grund- 
elemont ist nach ihm, wie wir gehört haben, die organisch be- 
dingte Empfindung, die Leibreizsensation, das durch Beiträge 
von allen Organen' her zu stände gekommene Gemeingefühl (vgl. 
Peisse bei Maury [p. 52]). 

Die nicht zu bestreitende, bis in charakteristische Einzellieiten 
reichende Übereinstimmung von Traum und Geistesstörung gehört zu 
den stärksten Stützen der medizinischen Theorie des Traumlebens, 
nach welcher $ich der Traum als ein unnützer und störender Vor- 
gang und als Ausdruck einer herabgesetzten Seelentätigkeit darstellt. 
Man wird indes nicht erwarten können, die endgültige Aufklärung 
über den Traum von den Seelenstörungen her zu empfangen, wo es 
allgemein bekannt ist, in welch unbefriedigendem Zustand unsere 
Einsicht in den Hergang der letzteren sich befindet. Wohl aber ist 
es wahrscheinlich, daß eine veränderte Auffassung des Traumes unsere 
Meinungen über den inneren Mechanismus der Geistesstörungen mit- 
baeinflussen muß, und so dürfen wir sagen, daß wir auch an der 
Aufklarung der Psychosen arbeiten, wenn wir uns bemühen, das Ge- 
heimnis des Traumes aufzuhellen. 



Es bedarf einer Hechtfertigung, daß ich die Literatur der Traum- 
problemo nicht auch über den Zeitabschnitt vom ersten Erscheinen 
bis zur zweiten Auflage dieses Buches fortgeführt habe. Dieselbe 
mag dem Leser wenig befriedigend erscheinen; ich bin nichtsdesto- 
weniger durch sie bestimmt worden. Die Motive, die mich überhaupt 
zu einer Darstellung der Behandlung des Traumes in der Literatur 
veranlaßt hatten, waren mit der vorstehenden Einleitung erschöpft; 
eine Fortsetzung dieser Arbeit hätte mich außerordentliche Bemühung 
g^ekostet und — sehr wenig Nutzen oder Belehrung gebracht. Denn 
der in Rede stehende Zeitraum von neun Jahren hat weder an tat- 

{^^j^(-l|p. Original from 

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Die Literator seit 1900. 65 

sächlichem Material noch an Gesichtspunkten für die Auffassung des 
Traumes Neues oder Wertvolles gebracht. Meine Arbeit ist in den 
meisten seither veröffentlichten Publikationen unerwähnt und imbe- 
rücksichtigt geblieben ; am wenigsten Beachtung hat sie natürlich 
bei den sogenannten „Traumforschern'' gefunden, die von der dem 
wissenschaftlichen Menschen eigenen Abneigung, etwas Neues zu er- 
lernen, hiemit ein glänzendes Beispiel gegeben haben. „Les savants 
ne sont pas curieux," meint der Spötter Anatole France. Wenn es 
in der Wissenschaft ein Recht zur Revanche gibt, so wäre ich wohl 
berechtigt, auch meinerseits die Literatur seit dem Erscheinen dieses 
Bucheä zu vernachlässigen. Die wenigen Berichterstattungen, die sich 
in wissenschaftlichen Journalen gezeigt haben, sind so voll von Un- 
verstand und Mißverständnissen, daß ich den Kritikern mit nichts 
anderem als mit der Aufforderung, dieses Buch noch einmal zu lesen, 
antworten könnte. Vielleicht dürfte die Aufforderung auch lauten : 
es überhaupt zu lesen. 

In den Arbeiten jener Ärzte, welche sich zur Anwendung des 
psychoanalytischen Heilverfahrens entschlossen haben und anderer 
sind reichlich Träume veröffentlicht und nach meinen Anweisungen 
gedeutet worden. Soweit diese Arbeiten über die Bestätigung meiner 
Aufstellungen hinausgehen, habe ich deren Ergebnisse in den Zu- 
sammenhang meiner Darstellung eingetragen. Ein zweites Literatur- 
verzeichnis am Ende stellt die wichtigsten Veröffentlichungen seit 
dem ersten Erscheinen dieses Buches zusammeij. Das reichhaltige Buch 
von Sante de Sanctis über die Träume, dem bald nach seinem 
Erscheinen eine Übersetzung ins Deutsche zu teil geworden ist, hat 
^ich mit meiner ,, Traumdeutung" zeitlich gekreuzt, so daB ich von 
ihm ebensowenig Notiz nehmen konnte wie der italienische Autor 
von mir. Ich mußte dann leider urteilen, daß seine fleißige Arbeit 
überaus arm an Ideen sei, so arm, daß man aus ihr nicht einmal die 
Möglichkeit der bei mir behandelten Probleme ahnen könnte. 

Ich habe nur zw-eier Erscheinungen zu gedenken, die nahe an 
meine Behandlung der Traumproblemc streifen. Ein jüngerer Philo- 
soph, H. Swoboda, der es unternommen hat. die Entdeckung der 
biologischen Periodizität (in Reihen von 23 und 28 Tagen), die von 
Wilh. Fliess herrührt, auf das psychische Geschehen auszudehnen, 
hat in einer phantasievollen Schrift* mit diesem Schlüssel unter 
anderem auch das Rätsel der Träume lösen wollen. Die Bedeutung der 
Träumfe w=^äre dabei zu kurz gekommen; das Inhaltsmaterial derselben 
würde sich durch das Zusammentreffen all jener Erinnerungen er- 
klären, die in jener Nacht gerade eine der biologischen Perioden zum 
«rsten- oder n-tenmal vollenden. Eine pei'sönliche Mitteilung des 
Autors ließ mich zuerst annehmen, daß er selbst diese Lehre nicht 
mehr ernsthaft vertreten wolle. Es scheint, daß ich mich in diesem 
Schluß geirrt habe; ich werde an anderer Stelle einige Beobachtungen 
zu der Aufstellung Swobodas mitteilen, die mir aber ein über- 
zeugendes Ergebnis nicht gebracht haben. Bei weitem erfreulicher 
war mir der Zufall, an unerwarteter Stelle eine Auffassung des Traumes 



♦ H. Swoboda, Die Perioden des menschlichcD Organismus, 1904 
Fr «od, TratinideatuQg, 5. Aufl 5 



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Orrgfnaf from 
UNIVERSIWOF MICHIGAN 



gg L Die wiBsenfloliafUiciie Literatar der Traamprobleme. 

ZU finden, die sich mit dem Kern der meinigen völlig deckt. Die 
Zeitverhältnisse schließen die Möglichkeit aus, daß jene Äußerung 
durch die Lektüre meines Buches beeinflußt worden sei; ich muß 
alao in ihi* die einzige in der Literatur nachweisbare Übereinstimmung 
eines unabhängigen Denkers mit dem Wesen meiner Traumlehro 
begrüßen. Das Buch, in dem sich die von mir ins Auge gefaßte 
Stelle über das Träumen findet, ist 1900 in zweiter Auflage unter 
dem Titel „Phantasien eines Realisten" von Lynkeus veröffentlicht 
worden. 

Zusatz (1914). 

Die vorstehende Rechtfertigung ist im Jahre 1909 niederge- 
schrieben worden. Seither hat sich die Sachlage allerdings geändert; 
mein Beitrag zur „Traumdeutung" wird in der Literatur nicht mehr 
übersehen. Allein die neue Situation macht mir die Fortsetzung des 
vorstehenden Berichtes erst recht unmöglich. Die „Traumdeutung" 
hat eine ganze Reihe neuer Behauptungen und Probleme gebracht, 
die ntin von den Autoren in verschiedenster Weise erörtert worden 
sind. Ich kann diese Arbeiten doch nicht darstellen, ehe ich meine 
eigenen Ansichten entwickelt habe, auf welche die Autoren sich be- 
ziehen. WaÄ mir an dieser neuesten Literatur wertvoll erschien, habe 
ich darum im Zusammenhange meiner nun folgenden Ausführungen 
gewürdigt. 



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II. 

Die Methode der Traumdeutung. 
Die Analyse eines Tranmmusters. 

Dio Überschritt, die ich meiner Abhandlung gegeben habe, läßt 
«rkennen, an welche Tradition in der Auffassung der Träume ich 
anknüpfen möchte. Ich habe mir vorgesetzt, zu zeigen, daß Träume 
einer Deutung fähig sind, und Beiträge zur Klärung der eben be- 
handelten Traumprobleme werden sich mir nur als etwaiger Neben- 
gewinn bei der Erledigung meiner eigentlichen Aufgabe ergeben können. 
Mit der Voraussetzung, daß Träume deutbar sind, trete ich sofort 
in Widerspruch zu der herrschenden Traumlehre, ja zu allen Traum- 
theorien mit Ausnahme der S eherner sehen, denn „einen Traum 
deuten" heißt, seinen ,,Sinn" angeben, ihn durch etwas ersetzen, was 
sich als vollwichtiges, gleichwertiges Glied in die Verkettung un- 
serer seelischen Aktionen einfügt. Wie wir erfahren haben, lassen 
aber die wissenschaftlichen Theorien des Traumes für ein Probleni 
der Traumdeutung keinen Raum, denn der Traum ist für sie über- 
haupt kein seelischer Akt, sondern ein somatischer Vorgang, der sich 
durch Zeichen am seelischen Apparat kundgibt. Anders hat sich zu 
allen Zeiten die Laienmeinung benommen. Sie bedient sich ihres 
guten Rechtes, inkonsequent zu verfahren, und obwohl sie zugesteht, 
der Traum sei unverständlich und absurd, kann sie sich dock nicht 
entschließen, dem Traume jede Bedeutung abzusprechen. Von einer 
dunklen Ahnung geleitet, scheint sie doch anzunehmen, der Traum 
habe einen Sinn, wiewohl einen verborgenen, er sei zum Ersätze eines 
anderen Denkvorganges bestimmt, und es handle sich nur darum, 
diesen Ersatz in richtiger Weise aufzudecken, um zur verborgenen 
Bedeutung des Traumes zu gelangen. 

Die Laienwelt hat sich darum von jeher bemüht, deii Traum 
zu „deuten" und dabei zwei im Wesen verschiedene Methoden ver- 
sucht. Das erste dieser Verfahren faßt den Trauminhalt als Ganzes 
ins Auge und sucht denselben durch einen anderen, verständlichen 
und in gewissen Hinsicliten analogen Inhalt zu ersetzen. Dies ist die 
symbolische Traumdeutung; sie scheitert natürlich von vornherein 
an jenen Träumen, welche nicht bloß unverständlich, sondern auch 
verworren erscheinen. Ein Beispiel für ihr Verfahren gibt etwa die 
Auslegung, welche der biblische Josef dem Traume des Pharao an- 
gedeihen ließ. Sieben fette Kühe, nach denen sieben magere kommen, 
welche die ersferen aufzeliren, das ist ein symbolischer Ersatz für 
die Vorhersagung von sieben Hungerjahren im Lande Ägypten, welche 
allen tJberfluß aufzehren, den sieben fruchtbare Jahre geschaffen 
haben. "Die meisten der artefiziellen Träume, welche von Dichtern 

6* 

Orfg fnal f no m 



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Q^ Tl. Dio Methode der Traamdeatnng. 

gt^schaffen wurden, sind für solche symbolische Deutung bestimmt» 
denn sie geben den vom Dichter gefaßten Gedanken in einer Ver- 
kleidung wieder, die zu den aus der Erfahrung bekannten Charakteren 
unseres Träumens passend gefunden wird*. Die Meinung, der Traum 
beschäftige sich vorwiegend mit der Zukunft, deren Gestaltung er 
im voraus ahne — ein Rest der einst den Träumen zuerkannten 
prophetischen Bedeutung — , wird dann zum Motiv, den durch sym- 
bolische Deutung gefundenen Sinn des Traumes durch ein „es wird" 
ins Futurum zu versetzen. 

Wie man den Weg zu einer solchen symbolischen Deutung fin- 
det, dazu läßt sich eine Unt^irweisung natürlich nicht geben. Das 
Gelingen bleibt Sache des witzigen Einfalles» der unvermittelten In- 
tuition, und darum konnte die> Traumdeutung mittels Symbolik sich 
"ZU. einer Kunst Übung erheben, die an eine Ix^sondere Begabung ge- 
bunden schien**. Von solchem Anspruch hält sich die andere der 
populären Methoden der Traumdeut img völlig fern- Man könnte sie jals 
die „Chif frier mctho de" bezeichnen, da sie den Traum wie eine 
Art von Geheimschrift behandelt, in der jedes Zeichen nach einem 
feststehenilon Schlüssel in ein anderes Zeichen von bekannter Be- 
deutung übersetzt wird. Ich habe z. B. von einem Briefe geträumt, 
aber auch von einem LcichenbogängnLs u. dgl. ; ich sehe nun in einem 
„Traumbuche" nach und finde, daß „Brief mit „V^erdruß", „Leichen- 
begängnis" mit „Verlobung" zu übersetzen ist. Es bleibt mir dann 
überlassen, aus den Schlagworten, die ich entziffert habe, einen Zu- 
sammenhang herzustellen, den ich wiederum als zukünftig hinnehme. 
Eine interessante Abänderung dieses Chiffrierverfahrens, durch welche 
dcvssen Clmrakter als rein mechanische Übertragung einigermaßen kor- 
rigiert vm^, zeigt sich in der Schrift über Traumdeutung des Arte- 
mi doros aus Daldis***. Hier will nicht nur auf den Trauminhalt, 

*• In oiuer Novfllo ,,Grn(iiva*' des Dichters W. Jensen entdeckte i<*U 
zufällig mohn^n« artiCizielle Trüiimo, die vollkommen korrekt gebildet waren und 
eich deuten ließen, als wiLrcn yie nicht errund.'u, sondern von realen Personen 
f^et räumt worden. Der Dicht-er bestätigte auf Aninvge von meiner Seite, daß 
ihm meine Tiuuinlohre fremd geblieben war. Ich luabe diese Obereins timmu.n<r 
zwischon meiner Forsclmng und dem Schaffen d3s Dichters als Beweis für di^ 
Kichtigkeit meiner Tniumanaiyse verwertet. C,,Der Wahn tmd die Träume" in 
W. Jensens ,,Gradivu", erstes Heft der von mir herausgegebenen „Scliriften 
rur angewandten Seelenkundc", 1*JCH>, zweite Auflage 1912.) 

** .\ri s to teles hat sich dahin geäußert, der lx»ste Traumdeuter sei der, 
welcVier Ähnlichkeit-en am best?n auffasse; denn die Traumbilder seien, wie dir» 
Bilder im "Wasser, durch die Bewegung verzerrt, und der treffe am besten, der 
In dem verzerrten Bild das Wahre zu erkennen vermöge (Büchsenschü tz, p. 65). 
*** Ar temi doros aus Daldis, wahrscheinlich zu Anfang des 2. Jahr- 
Imndcrtö unserer Zeitrechnung geboren, hat uns die vollständigste und sorg- 
fäUigsto Bearbeitung der Traumdeutung in d^^r griechisch-römischen Welt über- 
liefert. Er legte, wie Th. Gomperz hervorhebt, Wert darauf, die Deutung der 
Träume auf I5eobachtung und Erfalirung zu gründen und sonderte seine Kunst 
strenge von anderen, trügerischen Künsten. Das Prinzip seiner Doutungskunst 
ist nach der Darstellung von Gomperz identisch mit der Magie, das Prinzip 
der Assoziation. Ein Traumding bedeutet das, woran es erinnert. Wohlverstanden, 
woran es den Traumdeuter erinnert I Eine nicht zu beherrschende Quelle der 
Willkür und Unsicherheit ergibt sich dann aus dem Umstand, daß das Traum- 
element den Deuter an verschiedene Dinge und jeden an etwas anderes erinuem 
kann. Die Technik, die ich im folg^enden auseinanderseta«, weicht von der antikeu 



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Die symbolische und die ChiffriermethoJe. ß'J 

sondern auch auf die Person und die Lebensumstände des Träumers 
Bücksicht genommen, so daß das nämliche Traumelement für den 
Reichen, den Verheirateten, den Bedner andere Bedeutung hat als 
für den Armen, den Ledigen und etwa den Kaufmann. Das Wesent- 
liche an diesem Verfaliren ist nun, daß die Deutungsarbeit nicht auf 
das Ganze des Traumes gerichtet wird, sondern auf jedes Stück des 
T*rauminhaltcs für sich, als ob der Traum ein Konglomerat wäre, 
in dem jeder Brocken Gestein eine besonde; 3 Bestimmung verlangt. 
Es sind sicherlich die unzusammenhängenden und verworrenen Träume, 
von denen der Antrieb zur Schöpfung der Chiffriermethode ausge- 
gangen ist*. 

Für die wissenschaftliche Behandlung des Themas kann die Un- 
brauchbarkeit beider populärer Deutungs verfahren des Traumes keinen 
Moment lang zweifelhaft sein. Die symbolische Methode ist in ihrer 
Anwendung beschränkt und keiner allgemeinen Darlegung fähig. Bei 

in dem einen wesentlichen Punkte ab, daß sie dem Träumer selbst die Deutungs- 
arbeit auferlegt. Sie will nicht berücksichtigen, wa3 dem Traumdeuter, sondern 
was dem Träumer zu dem betreffenden Element des Traumes einfällt. — Naoh 
neuereu Berichten des Missionärs Tfinkdjt (Anthropos 1913) nehmen aber auch 
die modernen Traumdeuter des Orients die Mitwirkung des Träumers a.usgiebig 
in Anspruch. Der Gewährsmann erzählt von den Traumdeutorn bei den meso- 
potamischen Ara\)ern: „Pour interpreter exaotement un songe, les oniromanciens 
les plus habiles s'informent de ceux qui les consultent des toutes les circon- 
stances quils regardent n^cessaires pour la bonne explication. . . . En un mot, 
nos oniromanciens ne laissent aucune circonstance leur 6chapper et ne donnent 
rinterpretation desiree avant d'avoir parfaitement saisi et regu toutes les inter- 
rogations desirables.** Unter diesen Fragen befinden sich regelmäßig solche nm 
genaue Angaben über die nächsten Familienangehörigen (Eltern, Frau, Kinder) 
«owie die typische Formel: habistine in hac noct-o copulam conjugalem ante 
vel post somnium? — „L'idee dominante dans rinterpretation des songes con- 
siste ä expliquer le reve par son opposö." 

* Dr. Alf. Ilobitsek macht mich darauf aufmerksam, daß die orienta- 
lischen Traumbücher, von denen die unsrigen klägliche Abklatsche sind, die 
Deutung der Traumelemente meist nach dem Gleichklang und der Ähnlichkeit 
der Worte vornehmen. Da diese Verwandtschaften bei der Übersetzung in unsere 
Sprache verloren gehen müssen, würde daher die Unbegreiflichkeit der Erset- 
zungen in unseren populären ,, Traumbüchern'* stammen. — Über diese außer- 
ordentliche Bedeutung des Wortspieles und der Wortspielerei in den alten orien- 
talischen Kulturen mag man sich aus den Schriften Hugo Wincklers unter- 
richten. Das schönste Beispiel einer Traumdeutung, welches uns aus dem Alter- 
tum überliefert ist, beruht auf einer Wortspielerei. Artemidoros erzählt 
(p. 255): „Es scheint mir aber auch Aristandros dem Alexandros von 
^iakedonien eine gar glückliche Auslegung gegeben zu haben, als dieser Tyros 
eingeschlossen hielt und belagerte und wegen des großen Zeitverlustes, un- 
willig und betrübt, das Gefühl hatte, er sehe einen Sa tyros auf seinem 
Schilde tanzen; zufällig befand sich Aristandros in der Nähe von Tyros 
und im Geleite des Königs, der die Syrier bekriegte, indem er nun das Wort 
Satyros in la unl '\Cp^z zerlogte, bewirkte er, daß der König die Belagerung 
nachdrücklicher in Angriff nahm, so daß er Herr der Stadt wurde." X'i — To.o; 
= aeiu ist lyros.) — übrigens hängt der Traum so innig am sprachlichen 
Ausdruck, daß Ferenczi mit Recht bemerken kann, jede Sprache habe ihre 
eigene Traumsprache. Ein Traum ist in der Regel unübersetzbar in andere 
Sprachen und ein Buch wie das vorliegende, meinte ich, darum auch. Nichts- 
destoweniger ist es Dr. A. A. Brill in New- York gelungen, eine englische 
Übersetzung der „Traumdeutung" zu schaffen (London 1913, George Allen & Co., 
Ltd.), und die Psychoanalytiker Dr. Hollös und Dr. Ferenczi haben eine 
nugarische Übersetzung in Angriff genommen (1918). 



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70 II. Die Methode der Traumdeatung. 

der Chiffriermethode käme alles darauf an, daß der „Schlüssel", das 
Traumbuch, verläßlich wäre, und dafür fehlen alle Garantien. Man 
wäi-e versucht, den Philosophen und Psychiatern Recht zu geben und 
mit ihnen das Problem der Traumdeutung als eine imaginäre Auf- 
gabe zu streichen*. 

Allein ich bin eines Besseren belehrt worden. Ich habe einsehen 
müssen, daß hier wiederum einer jener nicht seltenen Pälle vorliegt, 
in denen ein uralter, hartnäckig festgehaltener Volksglaube der Wahr- 
heit der Dinge näher gekommen zu sein scheint als das Urteil der 
heute geltenden Wissenschaft. Ich muß behaupten, daJJ der Traum, 
wirklich eine Bedeutung hat, und daß ein wissenschaftliches Verfaliren 
der Traumdeutung möglich ist. Zur Kenntnis dieses Verfahrens bin 
ich auf folgende Weise gelangt: 

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Auflösung ge- 
wisser psychopathologischer Grebüde, der hysterischen Phobien, der 
Zwangsvorstellungen u. a. in therapeutischer Absicht; seitdem ich 
nämlich aus einer bedeutsamen Mitteilung von Josef Breuer weiß« 
daß für diese als Krankheitssymptome empfundenen Bildungen Auf- 
lösung und Lösung in eines zusammenfallen**. Hat man eine solche 
pathologische Vorstellung auf die Elemente zurückführen können, aus 
denen sie im Seelenleben des Kranken hervorgegangen ist, so ißt 
diese auch zerfallen, der Kranke von ihr befreit. Bei der Ohnmacht 
unserer sonstigen therapeutischen Bestrebungen und angesichts der 
Eätselhaftigkeit dieser Zustände erschien es mir verlockend, auf dem 
von Breuer eingeschlagenen Wege trotz aller Schwierigkeiten bis 
zur vollen Aufklärung vorzudringen. Wie sich die Technik des Ver- 
fahrens schließlich gestaltet hat, und welches die Ergebnisse der Be- 
mühung gewesen sind, darüber werde ich an anderen Orten aus- 
führlich Bericht zu erstatten haben. Im Verlaufe dieser psychoana- 
lytischen Studien geriet ich auf die Traumdeutung. Die Patienten, die 
ich verpflichtet hatte, mir alle Einfälle und Gedanken mitzuteilen, 
die sich ihnen zu einem bestimmt-en Thema aufdrängten, erzählten 
mir ihre Träume und lehrten mich so, daß ein Traum in die psy- 
chische Verkettung eingeschoben sein kann, die von einer patho- 
logischen Idee her nach rückwärt« in der Erinnerung zu verfolgen 
Ist. Es lag nun nahe, den Traum selbst wie ein Symptom zu behandeln 
und die für letztere ausgearbeitete Methode der Deutung auf ihn 
anzuwenden. 

Dazu bedarf es nun einer gewissen psychischen Vorbereitung des 
Kranken. Man strebt zweierlei bei ihm an, eine Steigerung seiner 
Aufmerksamkeit für seine psychischen Wahrnehmungen und eine Aus- 
schaltung der Kritik, mit der er die ihm auftauchenden Gedanken 
sonst zu sichten pflegt. Zum Zwecke seiner Selbstbeobachtung mit 
gesammelter Aufmerksamkeit ist es vorteilhaft, daß er eiii^i ruhige 
Lage einnimmt und die Augen schließt; den Verzicht auf die Kritik 

* Nach Abschluß meines Manuskriptes ist mir eine Schrift von Stumpf 

lugegangen, die in der Absicht zu erweisen, der Traum »ei sinnvoll und deutbar, 

mit meiner Arbeit zusammentrifft. Die Deutung geschieht aber mittels einer 

allegorisierendcn Symbolik ohne Gewähr für Allgemeingültigkeit des Verfahrens. 

♦* Breuer und Freud, Studien über Hysterie, Wien 1895, 3. Aufl., 1916. 



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PfljchUche Vorbereitang^ zur Traamdeatang. 71 

der wahrgenommenen Gedankenbildungen muß man ihm ausdrücklieh 
auferlegen. Man sagt ihm also, der Erfolg der Psychoanalyse hänge 
davon ab, daß er alles beachtet und mitteilt, was ihm durch den 
Sinn geht, und nicht etwa sich verleiten läßt, den einen Einfall zu 
unterdrücken, weil er ihm unwichtig oder nicht zum Thema gehörig, 
den anderen, weil er ihm unsinnig erscheint. Er müsse sich völlig 
unparteiisch gegen seine Einfälle verhalten, denn gerade an dieser 
Kritik läge es, wenn es ihm sonst nicht gelänge, die gesuchte Auf- 
lösung des Traumes, der Zwangsidee u. dgl. zu finden. 

Bei den psychoanalytischen Arbeiten habe ich gemerkt, daß die 
psychische Verfassung des Mannes, welcher nachdenkt, eine ganz andere 
ist als die desjenigen, welcher seine psychischen Vorgänge beobachtet. 
Beim Nachdenken tritt eine psychische Aktion mehr ins Spiel als bei 
der aufmerksamsten Selbstbeobachtung, wie es auch die gespannte 
Miene und die in Falten gezogene Stirn des Nachdenklichen im Gegen- 
satz zui- mimischen Ruhe des Selbstbeobachters erweist. In beiden Fällen 
muß eine Sammlung der Aufmerksamkeit vorhanden sein, aber der 
Nachdenkende übt außerdem eine Kritik aus, infolge deren er einen 
Teil der ihm aufsteigenden Einfälle verwirft, nachdem er sie wahr- 
genommen hat, andere kurz abbricht, so daß er den Gedankenwegen 
nicht folgt, welche sie eröffnen würden, und gegen noch andere Ge- 
danken weiß er sich so zu benehmen, daß sie überhaupt nicht be- 
wußt, also vor ihrer Wahrnehmung unterdrückt werden. Der Selbst- 
beobachter hingegen hat nur die Mühe, die Kritik zu unterdrücken; 
gelingt ihm dies, so kommt ihm eine Unzahl von Einfällen zum Be- 
wußUein, die sonst unfaßbar geblieben wären. Mit Hilfe dieses für 
die Selbstwahrnehmung neu gewonnenen Materials läßt sich die Deu- 
tung der pathologischen Ideen sowie der Traumgebilde vollziehen. 
Wie man sieht, handelt es sich darum, einen psychischen Zustand 
herzustellen, der mit dem vor dem Einschlafen (und sicherlich auch 
mit dem hypnotischen) eine gewisse Analogie in der Verteilung der 
psychischen Energie (der beweglichen Aufmerksamkeit) «remein hat. 
Beim Einschlafen treten die „ungewollten Vorstellungen" hervor durch 
den Nachlaß einer gewissen willkürlichen (und gewiß auch kritischen) 
Aktion, die wir auf den Ablauf unserer Voi*stellungen einwirken 
lassen; als den Grund dieses Nachlasses pflegen wir „Ermüdung" 
anzugeben; die auftauchenden ungewollten Vorstellungen verwandeln 
sich in visuelle und akustische Bilder. (Vergleiche die Bemerkungen 
von Schleiermacher u. a., p. 34.)* Bei dem Zustand, den man 
zur Analyse der Träume und pathologischen Ideen benützt, verzichtet 
man absichtlich und willkürlich auf jene Aktivität und verwendet 
die ersparte psychische Energie (oder ein Stück derselben) zur auf- 
merksamen \ erfolgung der jetzt auftauchenden ungewollten Gedanken, 
die ihren Charakter als Vorstellungen (dies der Unterschied gegen 
den Zustand beim Einschlafen) beibehalten. Man macht so die 
„ungewollten" Vorstellungen zu ,. gewoll ten". 

* H. Silberer hat aus der direkten BeobachtunK fieser Umsetzung von 
Vorstellungen in Gesichts bilder wichtige Beiträge zur Deutung der Träume ge- 
wonnen« (Jahrbuch der Psychoanalyse I n. II, 1909 u. ff.) 



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72 II* I>^e Metliode der Tnuundeatang. 

Liie hier geforderte Einstellung auf anseheinend „freisteigende**^ 
Einfälle mit Verzicht auf die sonst gegjen diese geübte Kritik scheini^ 
manchen Personen nicht leicht zu werden. Die „ungewollten Gedan- 
ken" pflegen den heftigsten Widerstand, der sie am Auftauchen hin- 
dern will, zu entfesseln. Wenn wir aber unserem großen Dichter- 
Shilosophen Fr. Schiller Glauben schenken, muß eine ganz ähnliche 
ünstellung auch die Bedingung der dichterischen Produktion ent- 
halten. Au einer Stelle seines Briefwechsels mit Körner, deren Auf- 
spürung Otto Kank zu danken ist, antwortet Schiller auf dio^ 
Klage seines Freundes über seine mangelnde Produktivität: „Der 
Grund deiner Klagen liegt, wie mir scheint, in dem Zwange, den 
dein Verstand deiner Imagination auflegt. Ich muß hier einen Ge- 
danken hinwerfen und ihn durch ein Gleichnis versinnlichen. Es 
scheint nicht gut und dem Schöpfungswerke der Seele nachteilig zu 
sein, wenn der Verstand die zuströmenden Ideen, gleichsam an den 
Toren schon, zu scharf mustert. Eine Idee kann, isoliert betrachtet^ 
sehr unbeträchtlich und sehr abenteuerlich sein, aber vielleicht wird 
sie durch eine, die nach ihr kommt, wichtig, vielleicht kann sie in. 
einer gewissen Verbindung mit anderen, die vielleicht ebenso abge- 
schmackt scheinen, ein sehr zweckmäßiges Glied abgeben: — AUea 
das kann der Verstand nicht beurteilen, wenn er sie nicht so lange 
festhält, bis er sie in Verbindung mit diesen anderen angeschaut hat 
Bei einem schöpferischen Kopfe hingegen, däucht mir, hat der Ver- 
stand seine Wache von den Toren zurückgezogen, die Ideen stürzen 
pele-mele herein, und alsdann erst übersieht und mustert er den ] 

großen Haufen. — Ihr Herren Kritiker, und wie Ihr Euch sonst. | 

nennt, schämt oder fürchtet Euch vor dem augenblicklichen vorüber- 
gehenden Wahnwitze, der sich bei allen eigenen Schöpfern findet I 
und dessen längere oder kürzere Dauer den denkenden Künstler von. 
dem Träumer unterscheidet. Daher Eure Klagen üb:^r Unfruchtbarkeit^ | 
weil Ihr zu früh verwerft und zu strenge sondert." (Brief vom j 
1. Dezember 1788.) | 

Und doch ist ein „solche Zurückziehen der Wache von den_ | 

Toren des Verstandes", wie Schiller es nennt, ein derartiges sich | 

in den Zustand der kritiklosen Selbstbeobachtung Versetzen keines- | 

wegs schwer. j 

Die meisten meiner Patienten bringen es nach der ersten Unter- ! 

Weisung zu stände; ich selbst kann es sehr vollkommen, wenn ich 
mich dabei durch Niederschreiben meiner Einfälle unterstütze. Der 
Betrag von psychischer Energie, um den man so die kritische Tätig- 
keit herabsetzt, und init welchem man die Intensität der Selbst- 
beobachtung erhöhen kann, schwankt erheblich je nach dem Thema,, 
welches von der Aufmerksamkeit fixiert werden soll. 

Der erste Schritt bei der Anwendung dieses Verfahrens lehrt nun^ 
daß man nicht den Traum als Ganzes, sondern nur die einzelnen 
Teilstücke seines Inhaltes zum Objekt der Aufmerksamkeit machen 
darf. Frage ich den noch nicht eingeübten Patienten : Was fällt Ihnen ' 

zu diesem Traun^ß ein? so weiß er in der Regel nichts in seinem | 

geistigen Blickfelde zu erfassen. Ich muß ihm den Traum zerstückt 
vorlegen, dann liefert er mir zu jedem Stücke eine Reihe von Ein- 



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Schwiengkeiten des Materials. 7^ 

fällen, die man als die „Hintergedanken" dieser Traumpartie be- 
zeichnen kann. In dieser ersten wichtigen Bedingung weicht also die 
von mir geübte Methode der Traumdeutung bereits von der populären, 
historiscli und sagenhaft berühmten Methode der Deutung durch 
Symbolik ab und nähert sich der zweiten, der „Chiffriermethode'*. 
Sie ist wie diese eine Deutung en detail, nicht en masse; wie diese 
faßt sie den Traum von vornherein als etwas Zusammengesetztes, 
als ein Konglomerat von psychischen Bildungen auf. 

Im Verlaufe meiner Psychoanalysen bei Neurotikern habe ich 
-wohl bereits viele tausend Träume zur Deutung gebracht, aber dieses 
Material möchte ich hier nicht zur Einführung in die Technik und 
iehre der Traumdeutung verwenden. Ganz abgesehen davono daß 
ich mich dem Einwand au&setzen würde, es seien ja die Träume von 
Neuropathen, die einen Rückschluß auf die Träume gesunder Men- 
schen nicht gestatten, nötigt mich ein anderer Grund zu deren \'er- 
werfung. Das Thema, auf welches diese Träume zielen, ist natür- 
lich, immer die Krankheitsgeschichte, welche der Neurose zu Grunde 
liegt. Hiedurch w^ürde für jeden Traum ein überlanger Vorberitoht 
und ein Eindringen in das Wesen und die ätiologischen Bedingungen 
der Psychoneuroscn erforderlich, Dinge, die an und für sich neu 
und im höchsten Grade befremdlich sind und so die Aufmerksam- 
keit vom Traumproblem ablenken würden. Meine Absicht geht viel- 
mehr dahin, in der Traumauilösung eine Vorarbeit für die Er- 
schließung der schwierigeren Probleme der Neurosenpsychologie zu 
schaffen. Verzichte ich aber auf die Träume der Neurotiker, mein 
Hauptmaterial, so darf ich gegen den Rest nicht allzu wählerisch 
verfahren. Es bleiben nur noch jene Träume, die mir gelegentlich 
von gesunden Personen meiner Bekanntschaft erzählt worden sind,. 
oder 'die ich als Beispiele in der Literatur über das Traumleben ver- 
zeichnet finde. Leider geht mir bei oll diesen Träumen die Analyse 
ab, ohne welche ich den Sinn des Traumes nicht finden kann. Mein 
Verfahren ist ja nicht so bequem wie das der populären Chiffrier- 
methode, welche den gegebenen Trauminhalt nach einem fixierten 
Schlüssel übersetzt; ich bin vielmehr gefaßt darauf, daß derselbe 
Trauminhalt bei verschiedenen Personen und in verschiedenem Zu- 
sammenhang auch einen anderen Sinn verbergen mag. Somit bin 
ich auf meine eigenen Träume angewiesen als auf ein reichlichem 
und bequemes Material, das von einer ungefähr normalen Person 
herrührt und sich auf mannigfache Anlässe des täglichen Lebens 
bezieht. Man wird mir sicherlich Zweifel in die Verläßlichkeit sol- 
cher „Selbstanalysen" entgegensetzen. Die Willkür sei dabei keines- 
wegs ausgeschlossen. Naxjh meinem Urteile liegen die Verhältnisse 
bei der Selbstbeobachtung eher günstiger als bei der Beobachtung 
anderer; jedenfalls darf man versuchen, wie weit man in der Traum- 
deutung mit der Selbstanalyse reicht. Andere Schw^icrigkeiten habe 
ich in meinem eigenen Innern zu überwinden. Man hat eine begreif- 
liche Scheu, soviel Intimes aus seinem Seelenleben preiszugeben, 
weiß sich dabei auch nicht gesichert vor der Mißdefutung der Frem- 
den. Aber darüber muß man sich hinaussetzen können. „Tout psy- 
cholofi^ist«" schreibt Delboeuf, „est oblige de faire Paveu meme de 

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74 II- I^ic Methode der Traamdeutong. 

ses faiblesses s'il croit par la jeter du jour sur quelque probleme 
obecure." Und auch beim Leser, darf ich annehmen, wird das an- 
fängliche Interesse an den Indiskretionen, die ich begehen muß, sehr 
bald der ausschließlichen Vertiefung in die hiedurch beleuchteten psy- 
chologischen Probleme Platz machen. 

Ich werde also einen meiner eigenen Träume hervorsuchen und 
an ihm meine Deutungsweise erläutern. Jeder solche Traum macht 
einen Vorbericht nötig. Nun muß ich aber den Leser bitten, für 
eine ganze Weile meine Interessen zu den seinigen zu machen und 
sich mit mir in die kleinsten Einzelheiten meines Lebens zu ver- 
senken, denn solche Übertragung fordert gebieterisch das Interesse 
für die versteckte Bedeutung der Träume. 

Vorbericht: Im Sommer 1895 hatte ich eine junge Dame 
psychoanalytisch behandelt, die mir und den Meinigen fnjundschaft- 
lich sehr nahe stand. Man versteht es, daß solche Vermengung der 
Beziehungen zur Quelle majinigfacher Erregungen für den Arzt werden 
kann, zumal, für den Psychotherapeuten. Das persönliche Interesse 
des Arztes ist größer, seine Autorität geringe?. Ein Mißerfolg droht 
die alte Freundschaft mit den Angehörigen der Kranken zu lockern. 
Die Kur endete mit einem teilweisen Erfolg, die Patientin verlor 
ihre hysterische Angst, aber nicht alle ihre somatischen Symptome- 
Ich war damals noch nicht recht sicher in den Kriterien, welche die 
endgültige Erledigung einer hysterischen Krankengeschichte bezeich- 
nen, und mutete der Patientin eine Lösung zu, die ihr nicht annehmbar 
erschien. In solcher Uneinigkeit brachen wir der Sommerzeit wegen 
die Behandlung ab. — Eines Tages besuchte mich ein jüngerer 
Kollege, einer meiner nächsten Freunde, der die Patientin — Irma — 
und ihre Familie in ihrem Landaufenthalt besucht hatte. Ich fragte 
ihn, wie er sie gefunden habe, und bekam die Antwort: Es geht ihr 
hesser, aber nicht ganz gut. Ich weiß, daß mich diese Worte meines 
Freundes Otto oder der Ton, in dem sie gesprochen waren, ärgei'ten. 
Ich glaubte einen Vorwurf herauszuhören, etwa daß ich der Patientin 
zu viel versprochen hätte, und führte — ob m'?t Recht oder Unrecht — 
die vermeintliche Part/einahme Ottos gegen mich auf den Einfluß 
von Angehörigen der Kranken zurück, die, wie ich annahm, meine 
Behandlung nie gern gesehen hatten. Übrigens wurde mir meine 
peinliche Empfindung nicht klar, ich gab ihr auch keinen Ausdruck. 
Am selben Abend schrieb ich noch die Krankengeschichte Irmas 
nieder, um sie, wie zu meiner Rechtfertigung, dem Dr. M., einem 
gemeinsamen Freunde, der damals tonangebenden Persönlichkeit^ in 
unserem Kreise, zu übergeben. In der auf diesen Abend folgenden 
l^^acht (wohl eher am Morgen) hatt-e ich den nachstehenden Traiun, 
der unmittelbar nach dem Ersvachen fixiert wurde. 

Traum vom 23./24. Juli 1895*. 

Eine große Halle — viele Gäste, die wit* empfangen. — Unter 
ihnen Irma, die ich sofort bei Seite nehme, um gleichsam ihren Brief 

* Es ist dies der erst« Traum, den ich eiaer eingehenden Dentung unterzog. 

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Der Traam von Irmafl Injektion. 75 

ZU beantworten, ihr Vorwürfe zu machen, daß sie die „Lösung" 
noch nicht akzeptiert. Ich sage ihr: Wenn du noch Schmerzen hast, 
^o ist es wirklich nur deine Schuld. — Sie antwortet: Wenn du 
-wüßtest, was ich für Schmerzen jetzt habe im Halse, Magen und 
Leib, es schnürt mich zusammen. — Ich erschrecke und sehe sie an. 
Sie sieht bleich und gedunsen aus; ich denke, am Ende übersehe ich 
■da doch etwas Organisches. Ich nehme sie zum Fenster und schaue 
ihr in den Hals. Dabei zeigt sie etwas Sträuben, wie die Frauen, 
die ein künstliches Gebiß tragen. Ich denke mir, sie hat es doch 
nicht nötig. — Der Mund geht dann auch gut auf, und ich finde 
rechts einen großen weißen Fleck und anderwärts sehe ich an merk- 
würdigen krausen Gebilden, die offenbar den Nasenmuscheln nach- 
^bildet sind, ausgedehnte weißgraue Schorfe. — Ich rufe schnell 
Dr. M. hinzu, der die Untersuchung wiederholt und bestätigt .... 
Dr. M. sieht ganz anders aus als sonst; er ist sehr bleich, hinkt, 
ist am Kinn bartlos .... Mein Freund Otto steht jetzt auch neben 
ihr und Freund Leopold perkutiert sie über dem Leibchen und sagt: 
Sie hat eine Dämpfung links unten, weist auch auf eine infiltrierte 
Hautpartie an der linken Schulter hin (was ich trotz des Kleides wie 
er spüre) . . . . M. sagt: Kein Zweifel, es ist eine Infektion, aber es 
macht nichts; es wird noch Dyseüterie hinzukommen und das Gift 
sich ausscheiden .... Wir wissen auch unmittelbar, woher die 
Infektion rührt. Freund Otto hat ihr unlängst, als sie sich unwohl 
fühlte, eine Injektion gegeben mit einem Propylpräparat, Propylen 
- .*. . Propionsäure . . . . Trimethylamin (dessen Formel ich fett 
gedruckt vor mir sehe) .... Man macht solche Injektionen nicht so 
leichtfertig .... Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein. 

Dieser Traum hat vor vielen anderen eines voraus. Es ist 
sofort klar, an welche Ereignisse des letzten Tages er anknüpft und 
welches Thema er behandelt. Der Vorbericht gibt hierüber Aus- 
kunft. Die Nachricht, die ich von Otto über Irmas Befinden er- 
halten, die Krankengeschichte, an der ich bis tief in die Nacht ge- 
schrieben, haben meine Seelentätigkcit auch während des Schlafes 
beschäftigt. Trotzdem dürfte niemand, der den Vorbericht und den 
Inhalt des Traumes zur Kenntnis genommen hat, ahnen können, 
was der Traum bedeutet. Ich selbst weiß es auch nicht. Ich wundere 
mich über die Krankheitssymptome, welche Irma im Traum mir 
klagt, da es nicht dieselben sind, wegen welcher ich sie behandelt 
habe. Ich lächle über die unsinnige Idee einer Injektion mit Propion- 
säure und über den Trost, den Dr. M. ausspricht. Der Traum erscheint 
mir gegen sein Ende hin dunkler und gedrängter, als er zu Beginn 
ist. Um die Bedeutung von alledem zu erfahren, muß ich mich zu 
einer eingehenden Analyse entschließen. 



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IQ II. Die Methode der TramndeutuDg. 

Analyse: 

Die Halle — viele Gäste, die wirempfangen. AVir wohn- 
ten in diesem Sommer auf der Bellevue, einem einzelstehenden Hause^ 
auf einem der Hügel, die sich an den Kahlenberg anschließen. Dies 
Haus war ehemals zu einem Vergnügungslokal bestimmt, hat hie von 
die ungewöhnlich hohen, hallen förmigen Räume. Der Traum ist 
auch auf der Bellevue vorgefallen, und zwar wenige Tage vor dem 
Geburtsfeste meiner Frau. Am Tage hatte meine Frau die Erwartung^ 
ausgesprochen, zu ihrem Geburtstage würden mehrere Freunde, und 
darunter auch Irma, als Gäste zu uns kommen. Mein Traum anti- 
zipiert also diese Situation: Es ist der Geburtstag meiner Frau lind 
viele Leute, darunter Irma, werden von uns als Gäste in der großen 
Halle der Bellevue empfangen. 

Ich mache Irma Vorwürfe» daßsie die Lösung nicht 
akzeptiert hat; ich sage: Wenn du noch Schmerzen hast^ 
ist es deine eigene Schuld. Das hätte ich ihr auch im Wachen 
sagen können oder habe es ihr gesagt. Ich hatte damals die (spät/er 
als unrichtig erkannte) Meinung, daß meine Aufgabe sich darin er- 
schöpfe, den Kranken den verborgenen Sinn ihrer Symptome mitzu- 
teilen; ob sie diese Lösung dann annehmen oder nicht, wovon der 
Erfolg abhängt, dafür sei ich nicht mehr verantwortlich. Ich bin 
diesem jetzt glücklich überwundenen Irrtum dankbar dafür, daß er 
mir die Existenz zu einer Zeit erleichtert, da ich in all meiner un- 
vermeidlichen Ignoranz Heilerfolge produzieren sollte. — Ich merke 
aber an dem Satze, den ich im Traume zu Irma spreche, daß ich vor 
allem nicht Schuld sein wüU an den Schmerzen, die sie noch hat- 
"Wenn es Irmas eigene Schuld ist, dann kann es nicht meine sein. 
Sollte in die^T Sichtung die Absicht des Traumes zu suchen sein? 

Irmas Klagen; Schmerzen im Halse, Leibe und Ma- 
rgen, es schnürt sie zusammen. Schmerzen im Magen gehörten zum 
Symptomkomplex meiner Patientin, sie waren aber nicht sehr vor- 
dringlich; sie klagte eher über Empfindungen von Übelkeit und 
Ekel. Schmerzen im Halse, im Leil>e, Schnüren in der Kehle spielten 
bei ihr kaum eine Rolle. Ich wundere mich, warum ich mich zu 
dieser Auswahl der Symptome im Traume entschlossen habe, kann. 
es auch für den Moment nicht finden. 

Sie sieht bleich und gedunsen aus. 

Meine Patientin war immer rosig. Ich vermute, daß sich hier 
eine andere Person ihr unterschiebt. 

Ich erschrecke im Gedanken, daß ich doch eine orga- 
nische Affektion übersehen habe. 

Wie man mir gern glauben wird, eine nie erlöschende Angst 
beim .Spezialisten, der fast ausschließlich Xeurotiker sieht und der so 
viele Erscheinungen auf Hysterie zu schieben gewohnt ist, welche 
andere Ärzte als organisch behandeln. Anderseits beschleicht mich — 
ich weiß nicht woher — ein leiser Zweifel, ob mein Erschrecken 
ganz ehrlich ist. Wenn die Schmerzen Irmas organisch begründet 
sind, so bin ich wiederum zu deren Heilung nicht verpflichtet. Meine 
Kui- beseitigt ja nur h3'sterische Schmerzen. Es kommt mir also 

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Analyse des Traumes von Irmas lujektLou. 77 

tdgentlich vor, als sollte ich einen Irrtum in der Diagnose wünschen; 
dann wäre der Vorwurf des Mißerfolges auch beseitigt. 

Ichnehmesie zum Fenster, um ihrin den Hals z umsehen. 
Sie sträubt sich ein wenig wie die Frauen, die falsche 
Äähne tragen. Ich denke mir, siehates ja doch nichtnötig. 

Bei Irma hatte ich niemals Anlaß, die Mundhöhle z\x inspizieren. 
Der Vorgang im Traume erinnert mich an die vor einiger Zeit ,vor- 
^enommene Untersuchung einer Gouvernante, die zunächst den Ein- 
druck von jugendlicher Schönheit gemacht hatte, beim Offnen des 
Mundes aber gewisse Anstalten traf, um ilir Gebiß zu verbergen. An 
diesen Fall knüpfen sich andere Erinnerungen an ärztliche Unter- 
suchungen und an kleine Geheimnisse, die dabei, keinem von beiden 
^ur Lust, enthüllt werden. — Sie hat es doch nicht nötig, ist wohl 
zunächst ein Kompliment für Irma; ich vermute aber noch eine 
andere Bedeutung. Man fühlt es bei aufmerksamer Analyse, ob man 
die zu erwartenden Hintergedanken erschöpft hat oder nicht. Die 
Art, wie Irma beim Fenster steht, erinnert mich plötzlich an ein 
anderes Erlebnis. Irma besitzt eine intime Freundin, die ich sehr 
hoch schätze. Als ich eines Abends bei ihr einen Besuch machte, 
fand ich sie in der im Traume reprodur*ierten Situation Ijeim Fenster 
und ihr Arzt, derselbe Dr. M., erklärte, daß sie einen diphtheritischen 
Belag habe. Die Person des Dr. M. und der Belag kehren ja im 
Fortgang des Traumes wieder. Jetzt fällt mir ein, daß ich in den 
letzten Monaten allen Grund bekommen habe, von dieser anderen 
Dame anzunehmen, sie sei gleichfalls hysterisch. Ja, Irma selbst hat 
es mir verraten. Was weiß ich aber von ihren Zuständen? Gerade 
das eine, daß sie an hysterischem AVürgen leidet wie meine Irma im 
Traume. Ich habe also im Traume meine Patientin durch ihre 
Freundin ersetzt. Jetzt erinnere ich mich, ich habe oft mit der Ver- 
mutung gespielt, diese Dame könnte mich gleichfalls in Anspruch 
nehmen, sie von ihren Symptomen zu befreien. Ich hielt es aber 
dann selbst für unwahrscheinlich, denn sie ist von sehr zurückhalten- 
der Natur. Sie sträubt sich, wie es der Traum zeigt. Eine andere 
Erklärung wäre, daß sie es nicht nötig hat; sie hat sich wirklich 
bisher stark genug gezeigt, ihre Zustände ohne fremde Hilfe zu be- 
herrschen. Nun sind nur noch einige Züge übrig, die ich weder bei 
Irma noch bei ihrer Freundin unterbringen kann; bleich, gedunsen, 
falsche Zähne. Die falschen Zähne führten mich auf jene Gouvernante; 
ich fühle mich nun geneigt, mich mit schlechten Zähnen zu begnügen. 
Dann fällt mir eine andere Person ein, auf welche jene Züge an- 
spielen können. Sie ist gleichfalls nicht meine Patientin und ich 
möchte sie nicht zur Patientin haben, da ich gemerkt habe, daß sie 
sich vor mir geniert und ich sie für keine gefügige Kranke halte. Sie 
ist für g-ewöhnlich bleich, und als sie einmal eine besonders gute 
Zeit hatte, war sie gedunsen*. Ich habe also meine Patientin Irma 



♦ Auf diese dritte Person läJ3t sich auch die noch unaufgckläxte Kla^re 
über Schmerzen im Leibe zurückführen. Es handelt sich natürlich um meine 
eigene Frau; die Leibschmerzen erinnern mich an einen der Anläsäe, bei denen 
ihjro Scheu mir deutlich wurde. Ich muß mir eingestehen, daü ich Irma und 

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78 II. Die Methode der Tranrndeatang. 

mit zwei anderen Personen verglichen, die sich gleichfalls der Be- 
handlung sträuben würden. Was kann es für Sinn haben, daß ich' si^ 
im Traume mit ihrer Freundin vertauscht habe? Etwa, daß ich sie 
vertauschen möchte; die andere erweckt entweder bei mir stärkere 
Sympathien oder ich habe eine höhere Meinung von ihrer Intelligenz. 
Ich halte nämlich Irma für unklug, weil sie meine Lösung nicht, 
akzeptiert. Die andere wäre klüger, würde also eher nachgeben. Der 
Mund geht dann auch gut auf; sie würde mehr erzählen als. 
I r ni a**. 

Was ich im Halse sehe: einen weißen Fleck und ver- 
ßchorfte Nasenmuscheln. 

Der weiße Fleck erinnert an Diphtheritis und somit an Irmas 
Freundin, außerdem aber an die schwere Erkrankung meiner ältesteu 
Tochter vor nahezu zwei Jahren und an all den Schreck jener bösen 
Zeit. Die Schorfe an den Nasenmuscheln mahnen an eine Sorge tim. 
meine eigene Gesundheit. Ich gebrauchte damals häufig Kokain, um 
lästige Nasenschwellungen zu unterdrücken, und hatte vor wenigen 
Tagen gehört, daß eine Patientin, die es mir gleich tat, sich eine 
ausgedehnte Nekrose der Nasenschleimhaut zugezogen hatte. Die 
Empfehlung des Kokains, die 1885 von mir ausging, hat mir auch 
schwerwiegende Vorwürfe eingetragen. Ein teurer, 1895 schon yer- 
storbener Freund hatte durch den Mißbrauch dieses Mittels seinea 
Untergang beschleunigt. 

Ich rufe schnell Dr. M. hinzu, der die Untersuchung 
wiederholt. 

Das entspräche einfach der Stellung, die M. unter uns einnahm. 
Aber das „schnell" ist auffällig genug, um eine besondere Erklärung 
zu fordern. Es erinnert mich an ein trauriges ärztliches Erlebnis. 
Ich hatte einmal durch die fortgesetzte Ordination eines Mittels, 
welches damals noch als harmlos galt (Sulfonal), eine schwere Intoxi- 
kation bei einer Kranken hervorgerufen und wandte mich dann eiligst 
an den erfahrenen älteren Kollegon um Beistand. Daß ich diesen. 
Fall wirklich im Auge habe, wird durch einen Nebenumstand er- 
härtet. Die Kranke, welche der Intoxikation erlag, führt« denselben. 
Namen wie meine älteste Tochter. Ich hatte bis jetzt niemals daran 
gedacht; jetzt kommt es mir beinahe wie eine Schicksalsvergeltung 
vor. Als sollte sich die Ersetzung der Personen in anderem Sinne 
hier fortsetzen; diese Mathilde für jene Mathilde; Aug' um Aug\ 
Zahn um Zahn. Es ist, als ob ich alle Gelegenheiten hervorsuchte, 
aus denen ich mir den Vorwurf mangelnder ärztlicher Gewissenhaftig- 
keit machen kann. 

Dr. M. ist bleich, ohne Bart am Kinn und hinkt 



meine Frau in dieeem Traume nicht sehr liebenswürdig beliandle, aber zu meiner 
Entschuldigung sei bemerk^ daß ich beide am Id^ der braven, gefügigen 
Patientin messe. 

♦* Ich ahne, daß die Deutung dieses Stückes nicht weit genug geführt ist, 
um allem verborgenen Sinne zu folgen. Wollte ich die Vergleichung der drei 
Frauen fortsetzen, so käme ich weit ab. — Jeder Traum hat mindestens eine 
Stelle, an welcher er unergründlich ist, gleichsam einen Nabel, durch den er 
mit dem Unerkannten zusammenhängt. 

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Analyse des Traumes von Irmas Injektion. 79 

Davon ist soviel richtig, daß sein schlechtes Aussehen häufig 
die Sorge seiner Freunde erweckt. Die beiden anderen Charaktere 
müssen einer anderen Person angehören. Es fällt mir mein im Aus- 
land lebender älterer Bruder ein, der das Kinn rasiert trägt und dem^ 
wenn ich mich recht erinnere, der M. des Traumes im ganzen ähnlich 
Bah. Über ihn kam vor einigen Tagen die Nachricht, daß er ,wegea 
einer arthritischen Erkrankung in der Hüfte hinke. Es muß einen 
Grund haben, daß ich die beiden Personen im Traume zu einer 
einzigen verschmelze. Ich erinnere mich wirklich, daß ich gegen 
beide aus ähnlichen Gründen mißgestimmt war. Beide hatten einen 
gewissen Vorschlag, den ich ihnen in der letzten Zeit gemacht hatte» 
zurückgewiesen. 

Freund Otto steht jetzt bei der Kranken und Freund 
Leopold untersucht sie und weist eine Dämpfung links 
unten nach. 

Freund Leopold ist gleichfalls Arzt, ein Verwandter von Otto. 
Das Schicksal hat die beiden, da sie dieselbe Spezialität ausüben, zu 
Konkurrenten gemacht, die man beständig miteinander vergleicht. 
Sie haben mir beide Jahre hindurch assistiert, als ich noch eine 
öffentliche Ordination für nervenkranke Kinder leitete. Szenen wie 
die im Traume reproduzierte haben sich dort oftmals zugetragen. 
Während ich mit Otto über die Diagnose eines Falles debattierte^ 
hatte Leopold das Kind neuerdings untersucht und einen unerwarteten 
Beitrag zur Entscheidung beigebracht. Es bestand eben zwischen 
ihnen eine ähnliche Charakterverschiedenheit wie zwischen dem Tn- 
spektor B ras ig und seinem Freunde Karl. Der eine tat sich durch 
„Fixigkeit" hervor, der andere war langsam, bedächtig, aber gründ- 
lich. Wenn ich im Traume Otto und den vorsichtigen Leopold ein- 
ander gegenüberstelle, so geschieht es offenbar, um Leopold heraus- 
zustreichen. Es ist ein ähnliches Vergleichen wie oben zwischen der 
unfolgsamen Patientin Irma und ihrer für klüger gehaltenen Freun- 
din. Ich merke jetzt auch eines der Geleise, auf denen sich die 
Gedankenverbindung im Traume fortschiebt: vom kranken Kinde zum 
Kinderkrankeninstitut. — Die Dämpfung links unten macht mir den 
Eindruck, als entspräche sie allen Details eines einzelnen Falles^ 
in dem mich Leopold durch seine Gründlichkeit frappiert hat. Es 
schwebt mir außerdem etwas vor wie eine metastatische Affektion, 
aber es könnte auch eine Beziehung zu der Patientin sein, die ,ich 
an Stelle von Irma haben möchte. Diese Dame imitiert nämlich, soweit 
ich es übersehen kann, eine Tuberkulose. 

Eine infiltrierte Hautpartie an der linken Schulter. 

Ich weiß sofort, das ist mein eigener Schulterrheumatismus, den 
ich regelmäßig verspüre, wenn ich bis tief in die Nacht wach geblieben 
bin. Der Wortlaut im Traume klingt auch so zweideutig: was ich 
.... wie er spüre. Am eigenen Körper spüre, ist gemeint. Übrigens 
fällt mir auf, wie ungewöhnlich die Bezeichnung „infiltrierte Haut- 
partie** klingt. An die „Infiltration links hinten oben*' sind wir 
gewöhnt: die bezöge sich auf die Lunge und somit wieder auf 
Tuberkulose. 

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gO 1^* ^^® Methode der Traumdeutung. 

Trotz des Kleides. Das ist allerdings nur eine Einschaltung. 
Die Kinder im Krankeninstitut untersuchten wir natürlich entkleidet; 
es ist irgend ei^i Gegensatz zur Art, wie man erwachsene weibliche 
Patienten untersuchen muß. Von einem hervorragenden Kliniker 
pflegte man zu erzählen, daß er seine Patienten nur durch die .Kleider 
physikalisch untersucht habe. Das Weitere ist mir dunkel, ich habe, 
offen gesagt, keine Neigung, mich hier tiefer einzulassen. 

Dr. M. sagt: Es ist eine Infektion, aber es macht 
nichts. Es wird noch Dysenterie hinzukommen und das 
Gift sich ausscheiden. 

Das erscheint mir zuerst lächerlich, muß aber doch, wie alles 
andere, sorgfältig zerlegt werden. Näher betrachtet, zeigt es doch 
eine Art von Sinn. Was ich an der Patientin gefunden habe, war 
eine lokale Diphtli^ritis. Aus der Zeit der Erkrankung meiner 
Tochter erinnere ich mich an die DiskiLssion über Diphtheritis und 
Diphtherie. Letztere ist die Allgemeininfektion, die von der lokalen 
Diphtlieritiy ausgeht. Eine solche Aligemeininfektion weist Leopold 
durch die Dämpfung nach, welche also an metastatische Herde den- 
ken läßt. Ich glaube zwar, daß gerade bei Diphtherie derartige 
Metti&tasen nicht vorkommen. Sie erinnern mich eher an Pyämie. 

Es macht nichts, ist ein Trost. Ich meine, er fügt sich 
folgendermaßen ein: Das letzte Stück des Traumes hat den Inhalt 
gebracht, daß die Schmerzen der Patientin von einer schweren orga- 
ni.schen Affektion herrühren. Es ahnt mir, daß ich auch damit nur 
die Schuld von mir abwälzen will. Für den Fortbcstand diphtheriti- 
scher Leiden kann die psychische Kur nicht verantwortlich gemacht 
werden. Nun geniert es mich doch, daß ich Irma ein so schweres 
Leiden andichte, einzig und allein, um mich zu entlasten. Es sieht 
so grausam aus. Ich brauche also eine \^ersicherung des jniten Aus- 
ganges, und es scheint mir nicht übel gewählt, daß ich den Trost 
gerade der Person des Dr. M. in den Mund lege. Ich erhebe mich 
aber hier über den Traum, was der Aufklärung bedarf. 

AVaruni ist dieser Trost aber so unsinnig? 

Dysenterie: Irgend eine fernliegende theoretische Vorstellung, 
daß Krankheitsstoffe durch den Darm entfernt werden können. Will 
ich mich damit über den Eeichtum des Dr. M. an weit hergeholten 
Erklärungen, sonderbaren pathologischen Verknüpfungen, lustig ma- 
chen? Zu Dysenterie fällt mir noch etwas anderes ein. Vor einigen 
Monaten hatte ich einen jungen Mann mit merkwürdigen Stuhl- 
beschwerden übernommen, den anderen Kollegen als einen Fall von 
„Anämie mit Unterernährung" behandelt hatten. Ich erkannte, daß 
es sich um eine Hysterie handle, wollte meine Psychotherapie nicht 
an ihm versuchen und schickte ihn auf eine Seereise. Nun bekam 
ich vor einigen Tagen einen verzweifelten Brief von ihm aus Ägypten, 
daß er dort einen neuen Anfall durchgemacht, den der Arzt für 
Dysenterie erklärt habe. Ich vermute zw^ar, die Diagnose ist nur ein 
Irrtum des unwissenden Kollegen, der sich von der Hysterie äffen 
läßt; aber ich konnte mir doch die Vorwürfe nicht ersparen, daß ich 
den. Kranken in die Lage versetzt, sich zu seiner hysterischen Darm- 
-affektion etwa noch eine organische zu holen. Dysenterie klingt 



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Analyse des Traumes von Irmas Injektiou. g| 

ferner an Diphtherie an, welcher Name ift im Traume nicht ge- 
nannt wird. 

Ja, es muß so sein, daß ich mich mit der tröstlichen Prognose: 
Es wird noch Dysenterie hinzukommen usw. über Dr. M. lustig 
mache, denn ich entsinne mich, daß er mir einmal vor Jahren etwas 
^anz Ähnliches von einem anderen Kollegen lachend erzählt hat. Er 
war zui' Konsultation mit diesem Kollegen bei einem schwer Kranken 
Ijerufen worden und fühlte sich veranlaßt, dem anderen, der sehr 
hoffnungsfreudig schien, vorzuhalten, daß er beim Patienten Biweiß 
im Harne finde. Der Kollege ließ sich aber nicht irre machen, 
sondern antwortete beruhigt: Das macht nichts, Herr Kollege, 
der Eiweiß wird sich schon ausscheiden! r— Es ist mir also nicht 
mehr zweifelhaft, daß in diesem Stück des Traumes ein Hohn auf vdie 
der Hysterie unwissenden Kollegen enthalten ist. Wie zur Bestätigung 
fährt mir jetzt durch den Sinn: Weiß denn Dr. M., daß die Er- 
scheinungen bei seiner Patientin, der Freundin Irmas, welche -eine 
Tuberkulose befürchten lassen, auch auf Hysterie beruhen? Hat er 
diese Hysterie erkannt oder ist er ihr „aufgesessen"? 

Welches Motiv kann ich aber haben, diesen Freund so schlecht 
zu behandeln? Das ist sehr einfach: Dr. M. ist mit meiner „Lösung" 
bei Irma so wenig einverstanden wie Irma selbst. Ich habe also in 
diesem Traume bereits an zwei Personen Rache genommen, an Irma 
mit den Worten: Wenn du noch Schmerzen ha^t, ist es deine eigene 
Schuld, und an Dr. M. mit dem Wortlaute der ihm in den Mund 
gelegten unsinnigen Tröstung. 

Wir wissen unmittelbar, woher die Infektion rührt. 
Dies unmittelbare Wissen im Traume ist sehr merkwürdig. Eben 
vorhin wußten wir es noch nicht, da die Infektion erst durch Leopold 
nachgewiesen wurde. 

Freund Otto hat ihr, als sie sich unwohl fühlte, eine 
Injektion gegeben. Otto hatte wirklich erzählt, daß er in der 
kurzen Zeit seiner Anwesenheit bei Irmas Familie ins benachbai*te 
Hotel geholt wurde, um dort jemandem, der sich plötzlich unwohl 
fühlte, eine Injektion zu machen. Die Injektionen erinnern mich 
wieder an den unglücklichen Freund, der sich mit Kokain vergiftet 
hat. Ich habe ihm das Mittel nur zur internen Anwendung während 
der Morphiumentziehung geraten; er machte sich aber unverzüglich 
Kokaininjektionen. 

Mit einem Propylpräparat .... Propylen .... Pro- 
pionsäure. Wie komme ich nur dazu? Am selben Abend, nach 
welchem ich an der Krankengeschichte geschrieben und darauf ge- 
träumt hatte, öffnete meine Frau eine Flasche Likör, auf welcher 
j^nanas"* zu lesen stand und die ein Geschenk unseres Freundes 
Otto war. Er hat nämlich die Gewohnheit, bei allen möglichen An- 
lässen zu schenken; hoffentlich wird er einmal durch eine Frau davon 



* „Ananas" enthält übrig-eas einen deutlichen Anklang an den Familien- 
namen meiner Patientin Irma. 

Fr«iid. TranmdenlU}, 5. Aufl. 6 

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g2 n. Dia Ifeebode d«r Trtnindeiitaiig. 

ktiriert*. Diesem Likör entströmte ein solcher Euselgeruch, daß ich 
mich weigerte, davon zu kosten. Meine Frau meinte: Diese Flasche 
schenken wir den Dienstleuten, und ich, noch vorsichtiger, untersagte 
es mit der menschenfreundlichen Bemerkung, sie sollen sich auch 
nicht vergiften. Der Fuselgeruch (Amyl . . .) hat nun offenbar bei 
mir die £rinnerung an die ganze Reihe; Propyl, Methyl usw. ge- 
weckt, die für den Traum die Propylenpräparate lieferte. Ich habe 
dabei allerdings eine Substitution vorgenommen, Propyl geträumt, 
nachdem ich Amyl gerochen, aber derartige Substitutionen sind viel- 
leicht gerade in der organischen Chemie gestattet. 

Trimethylamin. Von diesem Körper sehe ich im Traume 
die chemische Formel, was jedenfalls eine große Anstrengung meines 
G^edächtnisses bezeugt, und zwar ist die Formel fett gedruckt, als 
wollte man aus dem Eontext etwas als ganz besonders wichtig heraus- 
heben. Worauf führt mich nun Trimethylamin, auf das- ich in 
solcher Weise aufmerksam gemacht werde? Auf ein Gespräch mit 
einem anderen Freunde, der seit Jahren um all meine keimenden 
Arbeiten weiß, wie ich um die seinigen. Er hatte mir dajmalß 
gewisse Ideen zu einer Sexualchemie mitgeteilt und unter anderem 
erwähnt, eines der Produkte des Sexualstoffwechsels glaube er im 
Trimethylamin zu erkennen. Dieser Körper führt mich also auf die 
Sexualität, auf jenes Moment, dem ich für die Entstehung der ner- 
vösen Affektionen, welche ich heilen will, die größte Bexleutung bei- 
lege. Meine Patientin Irma ist eine jugendliehe Witwe; wenn es 
mir darum zu tun ist, den Mißerfolg der Kur bei ihr zu entschul- 
digen, werde ich mich wohl am besten auf diese Tatsache berufen, 
an welcher ihre Freunde gerne ändern möchten. Wie merkwürdig* 
übrigens ein solcher Traum gefügt ist! Die andere, welche ich an 
Irmas Statt im Traume als Patientin habe, ist auch eine junge Witwe. 

Ich ahne, warum die Formel Trimethylamin im Traume sich 
so breit gemacht hat. Es kommt soviel Wichtiges in diesem einen 
Worte zusammen: Trimethylamin ist nicht nur eine Anspielung auf 
das übermächtige Moment der Sexualität, sondern auch auf eine 
Person, an deren Zustimmung ich mich mit Befriedigung erinnere, 
wenn ich mich mit meinen Ansichten verlassen fühle. Sollte dieser 
Freund, der in meinem Leben eine so große Bolle spielt, in dem 
Gredankenzusammenhang des Traumes weiter nicht vorkommen? Doch; 
er ist ein besonderer Kenner der Wirkungen, welche von Affektionen 
der Nase und ihren Nebenhöhlen ausgehen, und hat der Wissenschaft 
einige höchst merkwürdige Beziehimgen der Nasenmuscheln zu den 
weiblichen Sexualorganen eröffnet. (Die drei krausen Gebilde im 
Halse bei Irma.) Ich habe Irma von ihm untersuchen lassen, ob ihre 
Magenschmerzen etwa nasalen Ursprunges sind. Er leidet aber selbst 
an Naaeneiterungen, die mir Sorge bereiten, und darauf spielt wohl 
die Pyämie an, die mir bei den Metastasen des Traumes vorschwebt. 

* Hierin erwies sich dieser Traiim nicht als prophetisch. In anderem 
Sinne behielt er Recht, denn die „ungelösten" Magonbeschw^den meiner Pa> 
tientin, an denen ich nicht Schtild haben wollte, waren die Vorläufer eines 
ernsthaften Gallensteinleidens. 



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Analyse des Traumes von Innas lujektiou. g3 

Man macht solche Injektionen nicht so leichtfertig. 
Hier wird der Vorwurf der Leichtfertigkeit unmittelbar gegen Freund 
Otto geschleudert. Ich glaube, etwas Ähnliches habe ich mir am 
Nachmittag gedacht, als er durch Wort und Blick seine Parteinahme 
gegen mich zu bezeugen schien. Es war etwa: Wie leicht er sich 
beeinflussen läßt; wie leicht er mit seinem Urteile fertig wird. — 
Außerdem deutet mir der obenstellende Satz wiederum auf den ver- 
storbenen Freund, der sich so rasch zu Kokaininjektionen entschloßw 
Ich hatte Injektionen mit dem Mittel, wie gesagt, gar nicht beab- 
sichtigt. Bei dem Vorwurfe, den ich gegen Otto erhebe, leichtfertig 
mit jenen chemischen Stoffen umzugehen, merke ich, daß ich wieder 
die Geschichte jener unglücklichen Mathilde berühre, aus der der- 
selbe Vorwurf gegen mich hervorgeht. Ich sammle hier offenbar Bei- 
spiele für meine Gewissenhaftigkeit, aber auch fürs Gegenteil. 

Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein. Noch 
ein Vorwurf gegen Otto, der aber anderswoher stammt. Gestern 
traf ich zufällig den Sohn einer 82jährigen Dame, der ich täglich 
zwei Morphiuminjektionen geben muß. Sie ist gegenwärtig auf dem 
Lande, und ich hörte über sie, daß sie an einer Venenentzündung 
leide. Ich dachte sofort daran, es handle sich um ein Infiltrat 
durch Venmreinigung der Spritze. Es ist mein Stolz, daß ich ihr 
in zwei Jahren nicht ein einziges Infiltrat gemacht habe; es ist 
freilich meine beständige Sorge, ob die Spritze auch rein ist. Ich 
bin eben gewissenliaft. Von der Venenentzündung komme ich wieder 
auf meine Frau, die in einer Schwangerschaft an Venenstauungen 
gelitten, und nun tauchen in meiner Erinnerung drei ähnliche Si- 
tuationen, mit meiner Frau, mit Irma und der verstorbenen Mathilde 
auf, deren Identität mir offenbar das Recht gegeben hat, die drei 
Personen im Traume füreinander einzusetzen. 



Ich habe nun die Traumdeutung vollendet*. Während dieser 
Arbeit hatte ich Mühe, mich all der Einfälle zu erwehren, zu denen 
der Vergleich zwischen dem Trauminhalt und den dahinter versteckten 
Traumgedanken die Anregung geben mußte. Auch ist mir unterdes 
der „Sinn" des Traumes aufgegangen. Ich habe eine Absicht gemerkt, 
welche durch den Traum verwirklicht wird, und die das Motiv des 
Träumens gewesen sein muß. Der ' Traum erfüllt einige Wünsche, 
welche durch die Ereignisse des letzten Abends (die Nachricht Ottos, 
die Niederschrift der Krankengeschichte) in mir rege gemacht worden 
sind. Das Ergebnis des Traumes ist nämlich, daß ich nicht schuld 
bin ^n dem noch vorhandenen Leiden Irmas, und daß Otto daran 
schuld ist. Nun hat mich Otto durch seine Bemerkung über Irmas 
unvollkommene Heilung geärgert ; der Traum rächt mich an ihm, 
indem er den Vorwurf gegen ihn selbst zurückwendet. Von der Ver- 
antwortung für Irmas Befinden spricht der Traum mich frei, indem 
er dasselbe auf andere Momente (gleich eine ganze Reihe von Be- 
gründungen) zurückführt. Der Traum stellt einen gewissen Sach- 

* Wenn ich auch, wie begreiflich, nicht alles mitgeteilt habe, was mir 
zur Deutungsarbeit eingefallen ist. 

6 

Orfg fnal f no m 



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g4 n. Die Methode der Traamdeatang^. 

verhalt so dar, wie ich ihn wünschen möchte; sein Inhalt ist 
also eine Wunscherfüllung, sein Motiv ein Wunsch. 

Soviel springt in die Augen. Aber auch von den Details des 
Traumes wird mir manches unter dem Gesichtspunkte der Wunsch- 
erfüllung verständlich. Ich räche mich nicht nur an Otto für seine 
voreilige Parteinahme gegen mich, indem ich ihm eine voreilige ärzt- 
liche Handlung zuschiebe (die Injektion), sondern ich nehme auch 
Rache an ihm für den schlechten Likör, der nach Fusel duftet, und 
ich finde im Traume einen Ausdruck, der beide Vorwürfe vereint: 
die Injektion mit einem Propylenpräparat. Ich bin noch nicht be- 
friedigt, sondern setze meine Rache fort, indem ich ihm seinen 
verläßlicheren Konkurrenten gegenüberstelle. Ich scheine damit zu 
sagen : Der ist mir lieber als du. Otto ist aber nicht der <3inzige, der 
die Schwere meines Zornes zu fühlen hat. Ich räche mich auch 
an der unfolgsamen Patientin, indem ich sie mit einer klügeren, 
gefügigeren vertausche. Ich lasse auch dem Dr. M. seinen Wider- 
spruch nicht ruhig hingehen, sondern drücke ihm in einer deutlichen 
Anspielung meine Meinung aus, daß er der Sache als ein Unwissen- 
der gegenübersteht („es wird Dysenterie hinzutreten usw."). Ja, mir 
scheint, ich appelliere von ihm weg an einen anderen, Besserwissen- 
den (meinen Freund, der mir vom Trimethylamin erzählt hat), wie 
ich von Irma an ihre^ Freundin, von Otto an Leopold mich gewendet 
habe. Schafft mir diese Personen weg, ersetzt sie mir durch drei 
andere meiner Wahl, dann bin ich der Vorwürfe ledig, die ich nicht 
verdient haben will! Die Grundlosigkeit dieser Vorwürfe selbst wird 
mir im Traume auf die weitläufigste Art erwiesen. Irmas Schmer- 
zen fallen nicht mir zur Last, denn sie ist selber schuld an ihnen, 
indem sie meine Lösung anzunehmen verweigert. Irmas Schmerzen 
gehen mich nicht« aJi, denn sie sind organischer Natur, durch eine 
psychische Kur gar nicht heilbar. Irmas Leiden erklären sich be- 
friedigend durch ihre Witwenschaft (Trimethylamin!), woran ich 
ja nichts ändern kann. Innas Leiden ist durch eine unvorsichtige 
Injektion von Seite Ottos hervorgerufen worden mit einem dazu 
nicht geeigneten Stoff, wie ich sie nie gemacht hätte. Irmas Leiden 
rührt von einer Injektion mit unreiner Spritze her wie die Venen- 
entzündung meiner alten Dame, während ich bei meinen Injek- 
tionen niemals etwas anstelle. Ich merke zwar, diese Erklärungen 
für Irmas Leiden, die darin Zusammentreffen, mich zu entlasten, 
stimmen untereinander nicht zusammen, ja sie schließen einander aus. 
Das ganze Plaidoyer — nichts anderes ist dieser Traum — er- 
innert lebhaft an die Verteidigung des Mannes, der von seinem Nach- 
bar angeklagt war, ihm einen Kessel in schadhaftem Zustand zurück- 
gegeben zu haben. Erstens habe er ihn unversehrt zurückgebracht, 
zweitens war der Kessel schon durchlöchert, wie er ihn entlehnte, 
drittens hatte er nie einen Kessel vom Nachbar entlehnt. Aber um so 
besser; wenn nur eine dieser drei Verteidigungsarten stichhaltig er- 
kannt wird, muß der Mann freigesprochen werden. 

Es spielen in den TrStum noch andere Themata hinein, deren 
Beziehung zu meiner Entlastung von Irmas Krankheit nicht so durch- 
sichtig ist: Die Krankheit meiner Tochter und die einer gleich- 

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Deatang; des Traames ron Irmas Injektinn. g5 

namigen Patientin, die Kokainschädlichkeit, die Affektion meines in 
Ägypten reisenden Patienten, die Sorge um die Gesundheit meiner 
iVau, meines Bruders, des Dr. M., meine eigenen Körper besch werden, 
die Sorge um den abwesenden Freund, der an Naseneiterungen 
leidet. Doch wenn ich all das ins Auge fasse, fügt es sich zu einem 
einzigen Gedankenkreis zusammen, etwa mit der Etikette: Sorge 
um die Gesundheit, eigene und fremde, ärztliche Gewissenhaftigkeit. 
Ich erinnere mich an eine unklare peinliche Empfindung, als mir 
Otto die Nachricht von Irmas Befinden brachte. Aus dem im Traume 
mitspielenden Gedankenkreis piöchte ich nachträglich den Ausdruck 
für diese flüchtige Empfindung einsetzen. Es ist, als ob er mir ge- 
sagt hätte: Du nimmst deine ärztlichen Pflichten nicht ernsthaft genug, 
bist nicht gewissenhaft, hältst nicht, was du versprichst. Daraufhin 
hätte sich mir jener Gedankenkreis zur Verfügung gestellt, damit 
ich den Nachweis erbringen könne, in wie hohem Grade ich ge- 
wissenhaft bin, wie sehr mir die Gesundheit meiner Angehörigen, 
Freunde und Patienten am Herzen liegt. Bemerkenswerterweise sind 
unter diesem Gedankenmaterial auch peinliche Erinnerungen, die 
eher für die meinem Freunde Otto zugeschriebene Beschuldigung als 
für meine Entschxddigung sprechen. Das Material ist gleichsam un- 
parteiisch, aber der Zusammenhang dieses breiteren Stoffes, auf dem 
der Traum ruht, mit dem engeren Thema des Traumes, aus dem 
der Wunsch hervorgegangen ist, an Irmas Krankheit unschuldig zu 
«ein, ist doch unverkennbar. 

Ich -will nicht behaupten, daß ich den Sinn dieses Traumes voll- 
ständig aufgedeckt habe, daß seine Deutung eine lückenlose ist. 

Ich könnte noch lange bei ihm verweilen, weitere Aufklärungen 
aus ihm entnehmen und neue Rätsel erörtern, die er aufwerfen heißt. 
Ich tennc selbst die Stellen, von denen aus weitere Gedanken- 
zusammenhänge zu verfolgen sind; aber Rücksichten, wie sie bei 
jedem eigenen Traume in Betracht kommen, halten mich von der 
Deutungsarbeit ab. Wer mit dem Tadel für solche Reserve rasch 
bei der Hand ist, der möge nur selbst versuchen, aufrichtiger zu 
Bein als ich. Ich begnüge mich für den Moment mit der einen neu 
gewonnenen Erkenntnis: AVcnn man die hier angezeigte Methode 
der Traumdeutung befolgt, findet man, daß der Traum wirklich einen 
Sinn hat und keineswegs der Ausdruck einer zerbröckelten Hirn- 
tätigkeit ist, wie die Autoren wollen. Nach vollendeter Deu- 
tungsarbeit läßt sich der Traum als eine Wunscherfüllung 
erkennen* 



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in. 
Der Traum ist eine Wunscherf&llung. 

Wenn man einen engen Hohlweg passiert hat und plötzlich auf 
einer Anhöhe angelangt ist, von welcher aus die Wege «ich teilen 
und die reichste Aussicht nach verschiedenen Sichtungen sich öffnet» 
darf man einen Moment lang verweilen und überlegen, wohin man 
zunächst, sich wenden soll. Ahnlich ergeht es uns, nachdem wir 
diese erste Traumdeutung überwunden haben. Wir stehen in der 
Klarheit einer plötzlichen Erkenntnis. Der Traum ist nicht ver- 
gleichbar dem unregelmäßigen Ertönen eines musikalischen Instru- 
mentes, das anstatt von der Hand des Spielers von dem Stoßt einer 
äußeren Gewalt getroffen wird, er ist nicht sinnlos, nicht absurd, setzt 
nicht voraus, daß ein Teil unseres VorstoUungsschatzes schläft, wäh- 
rend ein anderer zu erwachen beginnt. Er ist ein vollgültiges psychi- 
sches Phänomen, und zwar eine Wunscherfüllung; er ist einzureihen 
in den Zusammenhang der uns verständlichen seelischen Aktionen des 
Wachens; eine hoch komplizierte intellektuelle Tätigkeit hat ihn 
aufgebaut. Aber eine Fülle von Fragen bestürmt uns im gleichen 
Moment, da wir uns dieser Erkenntnis freuen wollen. Wenn der 
Traum laut Angabe der Traumdeutung einen erfüllten Wunsch dar- 
stellt, woher rührt die auffällige und befremdende Form, in welcher 
diese Wunscherfüllung ausgedrückt ist? Welche Veränderung ist mit 
den Traumgedanken vorgegangen, bis sich aus ihnen der manifeste 
Traum, wie wir ihn beim Erwachen erinnern, gestaltete? Auf welchem 
Wege ist diese Veränderung vor sich gegangen? Woher stammt das 
Material, das zum Traume verarbeitet worden ist? Woher rühren 
manche der Eigentümlichkeiten, die wir an den Traumgedanken be- 
BK^rken konnten, wie z. B., daß sie einander widersprechen dürfen? 
(Die Analogie mit dem Kessel, S. 84.) Kann der Traum uns etwas 
Neuee über unsere inner'^n psychischen Vorgänge lehren, kann sein 
Inhalt Meinungen korrigieren, an die wir tagsüber geglaubt haben? 
Ich schlage vor, alle diese Fragen einstweilen beiseite zu lassen und 
einen einzigen Woo: weiter zu verfolgen. Wir haben erfahren, daA 
der Traum einen Wunsch als erfüllt darstellt. Unser nächstes Inter- 
esse soll es sein zu erkunden, ob dies ein allgemeiner Charakter 
des Traumes ist oder nur der zufällige Inhalt jenes Traumes 
(„von IrmaÄ Injektion")» mit dem unsere Analyse begonnen hat, denn 
selbst wenn wir uns darauf gefaßt machen, daß jeder Traum einen 
Sinn und psychischen Wert hat, müssen wir noch die Möglichkeit 
offen lassen, daß dieser Sinn nicht in jedem Traume der nämliche 
«ei. Unser erster Traum war eine Wunscherfüllung; ein anderer 
stellt sich vielleicht als eine erfüllte Befürchtung heraus; ein dritter 
mag eine Reflexion zum Inhalt haben, ein vierter einfach eine Er- 
innerung reproduzieren. Gibt es also noch andere Wunschträume oder 
gibt es vielleicht nichts anderes als Wunschträume? 



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BeqaemlichkeitsträQxne. g7 

Es ist leicht zu zeigen, daß die Träume lia,ufig den Charakter 
der Wunscheriüllung un verhüllt erkennen lassen, so daß man sich 
wandern mag, warum die Sprache der Träume nicht schon längst 
ein Verständnis gefunden hat. Da ist z. B. ein Traum, den ich mir 
beliebig oft, gleichsam experimentell, erzeugen kann. Wenn ich am 
Abend Sardellen, Oliven oder sonst stark gesalzene Speisen nehme, 
bekomme ich in der Nacht Durst, der mich weckt. Dem Erwachen 
geht aber ein Traum voraus, der jedesmal den gleichen Inhalt hat, 
nämlich daß ich trinke. Ich schlürfe Wasser in vollen Zügen, es 
schmeckt mir so köstlich, wie nur ein kühler Trunk sohmecken 
kann, wenn man verschmachtet ist, und dann erwache ich und muß 
wirklich trinken. Der Anlaß dieses einfachen Traumes ist der Durst, 
den ich ja beim Erwachen verspüre. Aus dieser Empfindung geht 
der Wunsch hervor zu trinken, und diesen Wunsch zeigt mir der 
Traum erfüllt. Er dient dabei einer Funktion, die ich bald errate. 
Ich bin ein guter Schläfer, nicht gewöhnt, durch ein Bedürfnis ge- 
weckt zu werden. Wenn es mir gelingt, meinen Durst durch den 
Traum, daß ich trinke, zu beschwichtigen, so brauche ich nicht auf- 
zuwachen, um ihn zu befriedigen. Es ist also ein Bequemlichkeits- 
traum. Das Träumen setzt sich an Stelle des Handelns wie auch 
donst im Leben. Leider ist das Bedürfnis nach Wasser, um den 
Durst zu löschen, nicht mit einem Traume zU befriedigen wie mein 
Rachedurst gegen Freund Otto imd Dr. M., aber der gute Wille 
ist der gleiche. Derselbe Traum hat sich unlängst einigerjnaßen 
modifiziert. Da bekam ich schon vor dem Einschlafen Durst und 
trank das Wasserglas leer, das auf dem Kästehen neben meinem 
Bette stand. Einige Stunden später kaan-in der Nacht ein neuer 
Durstanfall, der seine Unbequemlichkeiten im Gefolge hatte. Um mir 
Wasser zu verschaffen, hätte ich aufstehen und mir das Glas holen 
müssen, welches auf dem Nachtkästchen meiner Frau stand. Ich 
träumte also zweckentsprechend, daß meine Frau mir aus einem 
Gefäße zu trinken gibt; dies Gefäß war ein etruskischer Aschen- 
krug, den ich mir von einer italienischen Reise heimgebracht und 
seither verschenkt hatte. Das Wasser in ihm schmeckte aber so 
salzig (von der Asche offenbar), daß ich erwachen mußte. Man 
merkt, wie bequem der Traum es einzurichten versteht; da Wunsch- 
erfüllung seine einzige Absicht ist, darf er vollkommen egoistisch 
sein:. Liebe zur Bequemlichkeit ist mit Rücksicht auf Andere wirk- 
üeh nicht vereinbar. Die Einmengung des Aschenkruges ist wahr- 
scheinlich wieder eine Wunscherfüllung; es tut mir leid, daß ich dies 
Gefäß nicht mehr besitze, wie übrigens auch das Wasserglas auf 
Seiten meiner Frau mir nicht zugänglich ist. Der Aschenkrug paßt 
sich auch der nun stärker gewordenen Sensation des salzigen Ge- 
schmackes an, von der ich weiß, daß sie mich zum Erwachen zwingen 
wird*. 



•Das Tatsächliche der Dnrstträiime ^^-ar auch Weygandt bekannt, der 
p. 11 darüber äußert: „Gerade die Durst-emp findung wird am präzisesten von 
allen aufgefaßt: sie erzeugt stets eine Vorstellung des Durstlöschens. — Die 
Art» wie sich der Traum das Durstlösch^n vorstellt, ist mannigfaltig und w«rd 
nach einer naheliegenden Erinnerung spezialisiert. Eine allgemein© Erscheinung 

Orrg inal f no m 



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gg IlL Der Traum ist eine WauscherTiUlan^. 

Solche Bequemlichkeitsträume waren bei m!ir in juvenilen Jahi*ea 
flehr häufig. Von jeher gewöhnt, bis tief in die Nacht zu arbeiten, 
war mir das zeitige Erwachen immer eine Schwierigkeit. Ich pflegte 
dann zu träumen, daß ich außer Bett bin und beim Waschtische 
stehe. Nach einer Weile konnte ich mich der Einsicht nicht ver- 
schließen, daJ3 ich noch nicht aufgestanden bin, hatte aber doch da- 
zwischen eine Weile geschlafen. Denselben Trägheitstraum in be- 
sonders witziger Form kenne ich von einem jungen Kollegen, der 
meine Schlatneigung zu teilen scheint. Die Zimmerfrau, bei der er 
in der Nähe des Spitals wohnte, hatte den strengen Auftrag, ihn 
jeden Morgen rechtzeitig zu wecken, aber auch ihre liebe Not, wenn 
sie den Auftrag ausführen wollte. Eines Morgens war der Schlaf be- 
sonders süß. Die Frau rief ins Zimmer: Herr Pepi, stehen's auf. 
Sie müssen ins Spital. Daraufhin träumte der Schläfer ein Zimmer 
im Spital, ein Bett, in dem er lag, und eine Kopftafel, auf der zu 
lesen stand: Pepi H . . . ., cand. med., 22 Jahre, Er sagte sich 
träumend : Wenn ich also schon im Spital bin, brauche ich nicht erst 
hineinzugehen, wendete sich um und schlief weiter. Er hatte sich dabei 
daa Motiv seines Träumens unverhohlen eingestanden. 

Ein anderer Traum, dessen Reiz gleichfalls während des Schlafes 
selbst einwirkt: Eine meiner Patientinnen, die sich einer ungünstig 
verlaufenen Kieferoperation hatte unterziehen müssen, sollte nach dem 
Wunsche der Ärzte Tag und Nacht einen Kühlapparat auf der kran- 
ken Wange tragen. Sie pflegte ihn aber wegzuschleudem, sobald sie 
eingeschlafen war. Eines Tages bat man mich, ihr darüber Vorwürfe 
zu machen; sie hatte den Apparat wiederum auf den Boden geworfen. 
Die Kranke verantwortete sich: „Diesmal kann ich wirklich nichts 
dafür; es war die Folge eines Traumes, den ich bei Nacht gehabt. 
Ich wai' im Traume in einer Loge in der Oper und interessierte mich 
lebhaft für die Vorstellung. Im Sanatorium aber lag der Herr Karl 
Meyer und jammerte fürchterlich vor Kopfschmerzen. Ich habe mir 
gesagt, da ich die Schmerzen nicht habe, brauche ich auch den Apparat 
nicht; darum habe ich ihn weggeworfen." Dieser Traum der armen 
Dulderin klingt wie die Darstellung einer Redensart, die sich einem 
in unangenehmen Lagen über die Lippen drängt: Ich wüßte mir wirk- 
lich ein besseres Vergnügen. Der Traum zeigt dieses bessere Ver- 
gnügen. Herr Karl Meyer, dem die Träumerin ihre Schmerzen zu- 
ßchob, war der indifferenteste junge Mann ihrer Bekanntschaft, an den 
sie sich erinnern konnte. 

Nicht Bchwieriger ist es, die Wunscherfüllung in einigen anderen 
Träumen a,ufzudecken, die ich von Gesunden gesammelt habe. Ein 

ist auch hier, daß sich sofort nach der Vorstellung des Durstlöschens eine 
Enttäuschung über die geringe Wirkung der vermeintlichen Erfrischungen ein- 
stellt." Er übersieht aber das Allgemeingültige in der Reaktion des Traumes 
auf den Beiz. — Wenn andere Personen, die in der Nacht vom Durste befallmi 
werden, erwachen, ohne vorher zu träumen, so bedeutet dies keinen Einwand 
gegen mein Experiment^ sondern charakterisiert diese anderen als schlechtere 
Schlafer. — Vgl. dazu J e s a i a s, 29, S : „Denn gleich wie einem Hungrigem 
träumet, daß er esse, w«enn er aber aufwacht, so isft steine S^le noch leer: uAd 
wie einem Durstigen träuoMt^ daß er trinke, wenn er aber aufwacht, ist er matt 
lind durstig" . . 

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WanscherrüHang^en. g9 

Freund, der meine Traumtheorie kennt und sie seiner Frau mitgeteilt 
hat, sagt mir eines Tages: „Ich soll dir von meiner Frau erzählen, 
daß sie gestern geträ;.mt hat, sie hätte die Periode bekommen. Du 
wirst wissen, was das bedeutet." Freilieh weiß ich's; wenn die junge 
Frau geträumt hat, daß sie die Periode hat, so ist die Periode aus- 
geblieben. Ich kann inir's denken, daß sie gern noch einige Zeit 
ihre Freiheit genossen hätte, ehe die Beschwerden der Mütterlichkeit 
beginnen. Es war eine geschickte Art, die Anzeige von ihrer ersten 
Gravidität zu machen. Ein anderer Freund schreibt, seine Frau habe 
unlängst geträumt, daß sie an ihrer Hemdenbrust Milchflecken be- 
merke. Dies ist auch eine Graviditätsanzeige, aber nicht mehr vom 
ersten Mal ; die junge Mutter wünscht sich, für das zweite Kind imehr 
Nalirung zu haben als seinerzeit fürs erste. 

Eine junge Frau, die Wochen hindurch bei der Pflege ihres 
infektiös erkrankten Kindes vom Verkehre abgeschnitten war, träumt 
nach glücklicher Beendigung der Krankheit von einer Gesellschaft, in 
der sich A. Daudet, Bourget, M. Prevost u. a, befinden, die 
sämtlich sehr liebenswürdig gegen sie sind und sie vortrefflich amüsie- 
ren. Die betreffenden Autoren tragen auch im Traume die Züge, 
welche ihnea ihre Bilder geben; M. Prevost, von dem sie ein Bild 
nicht kennt, sieht dem — Desinfektionsmanne gleich, der am Tage 
vorher die Krankenzimmer gereinigt und sie als erster Besucher nach 
langer Zeit betreten hatte. Man meint, den Traum lückenlos über- 
setzen zu können: Jetzt wäre es einmal 2k5it für etwas Amüsanteres, 
als diese ewigen Krankenpflegen. 

Vielleicht wird diese Auslese genügen, um zu erweisen, daß man 
»ehr häufig und unter den mannigfaltigsten Bedingungen Träume 
findet, die sich nur als Wunscherfüllungen verstehen lassen, und die 
ihren Inhalt unverhüllt zur Schau tragen. Es sind dies zumeist 
kurze und einfache Träume, die von den verworrenen und über- 
reichen Traumkompositionen, welche wesentlich die Aufmerksamkeit 
der Autoren auf sich gezogen haben, wohltuend abstechen. Es ver- 
lohnt sich aber, bei diesen einfachen Träumen noch zu verweilen. Die 
allerein fachsten Formen von Träumen darf man wohl bei Kindern 
erwarten, deren psychische Leistungen sicherlich minder kompliziert 
sind als die Erwachsener. Die Kinderpsychologie ist nach meiner 
Meinung dazu berufen, für die Psychologie der Erwachsenen ähn- 
liche Dienste zu leisten wie die Untersuchung des Baues oder der 
Entwicklung niederer Tiere für die Elrforschung der Struktur der 
höchsten Tierklassen. Es sind bis jetzt wenig zielbewußte Schritte 
geschehen, die Psychologie der Kinder zu solchem Zwecke auszunützen. 

Die Träume der kleinen Kinder sind häufig simple Wunsch- 
erfülluilgen und dann im Gegensatze zu den Träumen Erwachsener 
gar nicht interessant. Sie geben keine Rätsel zu lösen, sind aber 
natürlich unschätzbar für den Beweis, daß der Traum seinem innersten 
Wesen nach eine Wunscherfüllung bedeutet. Bei meinem Material 
von eigenen Kindern konnte ich einige Beispiele von solchen Träumen 
sammeln- 

Einem Ausfluge nach dem schönen Hallstatt (im Sommer 1896) 
von Auflsee aus verdanke ich zwei Träume, den einen von meiner 

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90 ^11* ^^^ Tfaam Sst eine WonsoherfÜlhiiig. 

damals SVjjährigen Tochter, den anderen von einem ö^/Jährigen 
Knaben. Als Vorbericht muß ich angeben, daß wir in diesem Sommer 
auf einem Hügel bei Aussco wohnten, von wo aus wir bei schönem 
.Wetter eine herrliche Dachsteinaussicht genossen. Mit dem Fem- 
rohro wai' die Simony-Hütte gut zu erkennen. Die Kleinen be- 
mühten sich wiederholt, sie durchs Fernrohr zu sehen; ich weiß 
nicht, mit welchem Erfolgis Vor der Partie hatte ich den Kindern 
erzählt, Halktatt läge am Fuße dos Dachsteins. Sie freuten sich 
sehr auf den Tag. Von Hallstatt aus gingen wir ins Escherntal, das 
mit seinpn wechselnden Ansichten die Kinder sehr entzückte. Nur 
eines, der fünfjährige Knabe, wurde allmählich mißgestimmt. So oft 
ein neuer Berg in Sicht kam, fragte er: Ist das der Dachstein? 
worauf ich antworten mußte : Nein, nur, ein Vorberg. Nachdem sich 
diese Frage einigemal wiederholt hatte, verstummte er ganz; den 
Stufenweg zum Wasserfall wollte er überhaupt nicht mitmachen. Ich 
hielt ihn für Ermüdet. Am nächsten Morgen kam er aber ganz 
fielig auf mich zu und erzählte: Heute Nacht habe ich geträumt, 
daß wir auf der Simony-Hütte gewesen sind. Ich verstand ihn nun; 
er hatte erwartet, als ich vom Dachstein sprach, jdaß er auf dem 
Ausflüge^, nach Hallstatt den Berg besteigen und die Hütte zu Gre- 
fiicht bekommen werde, von der beim Fernrohre so viel die Rede 
war. Als er dann merkte, daß man ihm zumute, sich mit Vor- 
bergen und einem Wasserfall abspeisen zu lassen, fühlte er sich 
getäuscht und wurde verstimmt. Der Traum entschädigte ihn daftir. 
Ich versuchte Details des Traumes zu erfahren; sie' waren arm« 
lieh. „Man i;eht sechs Stunden lang auf Stufen hinauf," wie er's ge- 
hört hatte. 

Auch bei dem 8^/2Jährigp.n Mädchen waren auf diesem Ausfluge 
Wünsche rege geworden, die der Traum befriedigen mußte. Wir 
hatten den zwölfjährigen Knaben unserer Nachbarn nach Hallstatt mit- 
genommen, einen vollendeten Ritter, der, wie mir schien, sich bereits 
aller Sympathien des kleinen Frauenzimmers erfreute. Sie erzählte 
nun am nächsten Morgen folgenden Traum: Denk' dir, ich hab' ge- 
träumt, daß der Emil einer von uns ist, Papa und Mama zu euch 
sagt und im großen Zimmer mit uns schläft wie unsere Buben. Dann 
kommt die Mama ins Zimmer und wirft eine Handvoll großer Scho- 
koladestangcii in blauem vnd grünem Papier unter unsere Betten. 
Die Brüder, die sieh also nicht kraft orblicher Übertragung auf 
Traumdeutung verstehen, erklärten ganz wie unsere Autoren: Dieser 
Traum ist ein Unsinn. Das Mädchen trat wenigstens für einen Teil 
des Traumes ein, und es ist wertvoll für die Theorie der Neurosen. 
zu erfahren, für welchen: Daß der Emil ganz bei uns ist, das ist 
ein Unsinn, aber das mit den Schokoladestangen nicht.. Mir war 
gerade das letztere dunkel. Die Mama lieferte mir hiefür die Er- 
klärung. Auf dem Wege vom Bahnhofe nach Hause hatten die 
Kinder vor dem Automaten haltgemacht und sich gerade solche 
Schokoladestangen in metallisch glänzendem Papiere gewünscht, die 
der Automat nach ihrer Erfahrung zu verkaufen hatte. Die Mam^a 
hatte mit Recht gemeint, jener Tag habe genug Wunscherftillungen 
gebracht und diesen Wunsch für den Traum übrig gelassen. Mir war 

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Träume von Kindera. 9J 

die kleine Szene entgangen. Den von meiner Tochter proskribierten 
Teil des Traumes verstand ich ohne weiteres. Ich hatte selbst ge- 
hört, wie der artige Gast auf dem Wege die Kinder aufgefordert hatte 
zu warten, bis der Papa oder die Mama nachkommen. Aus dieser 
zeitweiligen Zugehörigkeit machte der Traum der Kleinen eine dauernde 
Adoption. Andere Formen des Beisammenseins als die im Traume 
erwähnten^ die von den Brüdern hergenommen sind, kannte ihre 
Zärtlichkeit noch nicht. Warum die Schokoladestangen unter die 
Betten geworfen wurden, ließ sich ohne Ausfragen des Kindes natür- 
lich nicht aufklären. 

Einen ganz ähnlichen Traum wie den meines Knaben habe ich 
von befreundeter Seite erfahren. Er betraf ein achtjähriges Mädchen. 
Der Vater hatte mit mehreren Kindern einen Spaziergang nach Dorn- 
bach in der Absicht unternommen, die Rohrerhütte zu besuchen, 
kehrte aber um, weil es zu spät geworden war, und versprach den 
Kindern, sie ein anderes Mal zu entschädigen. Auf dem Eückwege 
kamen sie an einer Tafel vorbei, welche den Weg zum Hameau 
anzeigt. Die Kinder verlangten nun auch aufs Hameau geführt zu 
werden, mußten sich aber aus demselben Grund wiederum auf einen 
anderen Tag vertrösten lassen. Am nächsten Morgen kam das acht- 
jährige Mädchen dem Papa befriedigt entgegen: Papa, heut hab' ich 
geträumt, du warst mit uns bei der Ilohrerhütto und auf dem /Hameau. 
Ihre Ungeduld hatte also die Erfüllung des vom Papa geleisteten 
Versprechens im Traume antizipiert. 

Ebenso aufrichtig ist ein anderer Traum, den die landschaftliche 
Schönheit Aussees bei meinem damals 3^/ Jährigen Töchterchen er-, 
regt hat. Die Kleine war zum erstenmal über den See gefahren, und 
die Zeit der Seefahrt war ihr zu rasch vergangen. An der Landungs- 
stelle wollte sie das Boot nicht verlassen und weinte bitterlich. Am 
nächsten Morgen erzählte sie: Heute Nacht bin ich auf dem See 
gefahren. Hoffen wir, daß die Dauer dieser Traumfahrt sie besser 
hefriedigt hat. 

Mein ältester, derzeit achtjähriger Knabe träumt bereits die Rea- 
lisierung seiner Phantasien. Er ist mit dem Achilleus in einem Wagen 
gefahren und der Diomedes war Wagenlenker. Er hat sich natürlich 
Tags vorher für die Sagen Griechenlands begeistert, die der älteren 
Schwester geschenkt worden sind. 

Wenn man mir zugibt, daß das Sprechen aus dem Schlafe der 
Kinder gleichfalls dem Kreise des Träumens angehört, so kann ich im 
folgenden einen der jüngsten Träume meiner Sammlung mitteilen. 
Mein jüngstes Mädchen, damals 19 Monate alt, hatte eines Morgens 
erbrochen und war darum den Tag über nüchtern erhalten worden. 
In der Nacht, die diesem Hungertag folgte, hörte man sie erregt aus 
dem Schlafe rufen: Anna F.eud, Er(d)beer, Hochbeer, Eier- 
(8)peis, Papp. Ihren Namen gebrauchte sie damals, um die Besitz- 
ergreifung auszudrücken; der Speiszettel umfaßte wohl alles, was ihr 
als begehrenswerte Mahlzeit erscheinen mußte; daß die Erdbeeren 
darin in zwei Varietäten vorkamen, war eine Demonstration gegen 
die häusliche Sanitätspolizei und hatte seinen Grund in dem von ihr 
wohl bemerirten Nebenumstand, d-aßdie-Kinderlrati ilH»e-Indisposition 

Original f no m 



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92 UI. Der Traum mt eine WanscherfUllang. 

auf allzu reichlichen Erdbeergenuß geschoben hatte; für dies ihr- 
unbequeme Gutachten nahm sie also im Traume ihre Kevanche*. 

Wenn wir die Kindheit glücklich preisen, weil sie die sexuelle^ 
Begierde noch nicht kennt, so wollen wir nicht verkennen, eine wie 
reiche Quelle der Enttäuschung, Entsagung und damit der Traum- 
anregung der andere der großen Lebenstriebe tür sie werden kann**^ 
Hier ein zweites Beispiel dafür. Mein 22monatiger Neffe hat zu 
meinem Geburtstage die Aufgabe bekommen, mir zu gratulieren und 
als Geschenk ein Körbchen mit Kirschen zu überreichen, die um 
diese Zeit des Jahres noch zu den Primeurs zählen. Es scheint ihm 
hart anzukommen, denn er wiederholt unaufhörlich: Kirschen sind 
d(r)in, und ist nicht zu bewegen, das Körbchen aus den Händen zu 
geben. Aber er weiß sich zu entschädigen. Er pflegte bisher jeden 
Morgen seiner Mutter zu erzählen, daß er vom „weißen Soldat" ge- 
träumt, einem Gardeoffizier im Mantel, den er einst auf der Straße 
bewunderte. Am Tag nach dem Geburtstagsopfer erwacht er freudige 
mit der Mitteilung, die nur einem Traume entstammen kann: He(r)- 
man alle Kirschen auf gessen !*** 

* Dieselbe Leistung wie bei der jüngsten Enkelin vollbringt dann der Traum 
kurz nachlier bei der Großmutter, deren Alter das des Kindes ungefähr zu 70 Jahren, 
ergänzt. Nachdem sie einen Tag lang durch die Unruhe ihrer Wanderniere zum 
Hungern gezwungen war, träumt sie dann, offenbar mit Versetzung in die glück- 
liche Zeit des blühenden Mädchentums, daß sie für beide Hauptmahlzeiten ^^aus- 
gebeten", zu Gast geladen ist, und jedesmal die köstlichsten Bissen vorgesetzt 
bekommt. 

** Eingehendere Beschäftigung mit dem Seelenleben der Kinder belehrt una 
freilich, daß sexuelle Triebkräfte in infantiler Gestaltung in der psychischen 
Tätigkeit des Kindes eine genügend große, nur zu lange übersehene Rolle spielen^ 
und läßt uns an dem Glücke der Kindheit^ wie die Erwachsenen es späterhin, 
konstruieren, einigermaßen zweifeln. (Vgl. des Verfassers ,,Drei Abliandlungen. 
zur Sexualtheorie 1905 und 3. Aufl. 1915.) 

♦*♦ Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß sich bei kleinen Kindern bald 
kompliziertere und minder durchsichtige Träume einzustellen pflegen, und daß 
anderseits Träume von so einfachem infantilen Charakter unter ümstäQdea auch 
bei Erwachsenen häufig vorkommen. Wie reich an ungeahntem Inhalt Tränme 
von Kindern im Alter von vier bis fünf Jahren bereits sein können, zeigen die 
Beispiele in meiner „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben" (Jahrbuch 
von Bl etiler- Freud I., 1909) und in Jungs .Ȇber Konflikte der kindlichen 
Seele" (ebenda II. Bd., 1910). Analytisch gedeutete Kinderträume siehe noch 
bei V. Hug-Hellmuth, Putnam, Raaltcj Spielrein, Tausk; andere bei 
Banchieri, Busemann, Doglia und besonders bei W i ga m, der die Wunsch- 
erfüllungsteiidenz derselben betont. Anderseits scheinen sich bei Erwachsenen 
Träume vom infantilen Typus besonders häufig wieder einzustellen, wenn sie unter 
ungewöhnliche Lebensbedingungen versetzt werden. So berichtet Otto Norden- 
skjöld in seinem Buche „Antarctic" 1904 über die mit ihm überwinterte 
Mannschaft (Bd. I, p. 336): „Sehr bezeichnend für di^ Richtung unserer inner* 
sten Gedanken waren unsere Träume, die nie lebhafter und zahlreicher waren 
als gerade jetzt. Selbst diejenigen unserer Kameraden, die sonst nur ausnalims- 
weise träumten, hatten jetzt des Morgens, wenn wir unsere letzten Erfahrungen 
aus dieser Phantasiewelt miteinander austauschten, lange Geschichten zu er- 
zählen. Alle handelten sie von jener äußeren Welt, die uns jetzt so fem lag> 
waren aber oft unseren jetzigen Verbältnissen angepaßt. Ein besonders charak- 
teristischer Traum bestand darin, daß sich einer der Kameraden auf die Schul- 
bank zurückversetzt glaubte, wo ihm die Aufgabe zu teil wurde, ganz kleinen 
Miniaturseehunden, die eigens für Unterrichtszwecke angefertigt waren, die Haut 
abzuziehen. Essen und Trinken waren übrigons die Mittelpunkte, um die sich unser» 
Träume am häufigsten drehten. Einer von uns, der nächtlicherweise darin ezzel» 

{^^j^(-l|p. Orfgfnalfnom 

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Truam<5 iron infantileixi Tjrpas. 93 

Wovon die Tiere träumen, weiß ich nicht.^ Ein Sprichwort, 
dessen Erwähnung ich einem meiner Hörer danke, behauptet es zu 
iRrissen, denn es stellt die Frage auf: Wovon träumt die Gans? 
nind beantwortet sie: Vom Kukuruz (Mais)*. Die ganze Theorie, 
•daß der Traum eine Wunscherfüllung sei, ist in diesen zwei Sätzen 
-enthalten**. 

Wir bemerken jetzt, daß wir zu unserer Lehre von dem ver- 
borgenen Sinn des Traumes auch auf dem kürzesten Wege gelangt 
iRrären, wenn wir nur den Sprachgebrauch befragt hätten. Die Spruch- 
-weisheit redet zwar manchmal verächtlich genug vom Traume — man 
meint, sie wolle der Wissenschaft recht geben, wenn sie urteilt: 
Träume sind Scliäume — , aber für den Sprachgebrauch ist der 
Traum doch vorwiegend der holde Wunscherfüller. „Das hätt' ich 
mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt," ruft entzückt, 
wer in der Wirklichkeit seine Erwartungen übertroffen findet. 

lier.te, auf große Mittagsgesellschaftcn zu gc^hen, war seelenfroh, wenn er des 
Morgens berichten konnte, ,daß er ein Diner von drei Gängen eingenommen habe*; 
«ein anderer träumte von Tabak, von ganzen Bergen Tabak; wieder andere von dem 
Schiff, das mit voUen Segeln auf dem offenen Wasser daherkam. Noch ein anderer 
Traum verdient der Erwähnung: Der Briefträger kommt mit der Post und gibt 
eine lange Erklärung, warum diese so lange habe auf sich warten lassen, er habe 
sie verkehrt abgeliefert und erst nach großer Mühe sei es ihm gelungen, sie 
wieder zu erlangen. Natürlich beschä.ftigte man sich im Schlaf mit noch un- 
möglicheren Dingen, aber der Mangel an Phantasie in fast allen Träumen, die ich 
selbst träumte oder erzählen hörte, war ganz auffallend. Es würde sicher von 
großem psychologischen Interesse sein, wenn alle diese Träume aufgezeichnet 
würden. Man wird aber leicht verstehen können, wie ersehnt der Schlaf war, 
da er uns alles bieten konnte, was ein jeder Ton uns am glühendsten begehrte." 
Nach Du Prel (p. 231) zitiere ich noch: „Mungo Park, auf einer Heise in 
Afrika dem- Verschmachten nahe, träAimte ohnv» Aufhören von wasserreichen 
Tälern und Auen seiner Heimat. So sah sich auch der von Hunger gequälte 
Trenck in der Sternschanze zu Magdeburg von üppigen Mahlzeiten umgeben, 
\md George Back, Teilnehmer der ersten Expedition Franklins, als er in- 
folge ' furchtbarer Entbehrungen dem Hungertode nahe war, träumte stets und 
gleichmäßig von reichen Mahlzeiten." 

* Ein ungarisches, von Eerenczi angezogenes Sprichwort behauptet 
vollständiger, daß „das Schwein von Eicheln, die Gans von Mais träumt". Ein 
jüdisches Sprichwort lautet: „Wovon träumt das Huhn? — Von Hirse." (Samm- 
lung jüd. Sprichw. u. Redensarten, herausg. v. Bernstein, 2. Aufl., S. 1160, 
Nr. 7.) 

*♦ Es liegt mir fern zu behaupten, daß noch niemals ein Autor vor mir 
daran gedacht habe, einen Traum von einem Wunsch abzuleiten. (Vgl. die 
ersten Sätze des nächsten Abschnittes.) AVer auf solche Andeutungen Wert 
legt, könnte schon aus dem Altertum den unter dem ersten Ptolemäus leben- 
den Arzt Herophilos anführen, der nach Büchsenschütz (p. 33) drei Ar- 
ten von Traumen unterschied: gottge«andte, natürliche, welche entstehen, indem die 
Seelo sich tdn Bild dessen schafft, was ihr zuträglich just und was eintreten wird, 
und gemischte, die von selbst durch Annäherung von Bildern entstehen, wenn 
wir das sehen, was wir wünschen. Aus der Beispielsammlung von Scherner 
weiß J. Stärcke einen Traum hervorzuheben, der vom Autor selbst als Wunsch- 
erfüllung bezeichnet wird (p. 239). Scherner sa^t: „Den wachen Wunsch der 
Träumerin erfüllte die Phantasie sofort einfach darum, weil er im Gemüte der- 
selben lebhaft bestand." Dieser Traum steht unter den „Stimmungsträumen"; in 
seiner Nähe befinden sich Träume für „männliches und weibliches Liebessehnen" 
und für „verdrießliche Stimmung". Es ist, wie man sieht, keine Rede davon, 
daß Scherner dem Wünschen für den Traum eine andere Bedeutung zuschrieb 
als irgend einem sonstigen Seelenzustand des Wachens, geschweige denn, daß 
er den Wunsch mit dem Wesen des Traumes in Zusammenhang gebracht hätte. 



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IV. 

Die Traumentstellung. 

TV'enn ich nun die Behauptung aufstelle, daß Wunseherfüllun|r 
der Sinn eines jeden Traumes sei, daß es also keine anderen als 
.Wunschträume geben kann, so bin ich des entschiedensten Wider- 
ß5)rucheö im vorhinein sicher* Man wird mir entgegenhalten: Daß 
es Träume gibt, welche als Wunscherlüllungen zu verstehen sind, 
ist nicht neu, sondern längst von den Autoren bemerkt worden. (Vgl. 
Radestock [p. 137 bis 138], Volkelt [p. 110 bis 111], Purkinje 
[p. 456], Tissie [p. 70], M. Simon [p. 42 über die Hungerträume 
des eingekerkerten Barons Trenck] und die Stelle bei Griesinger 
[p. 111].)* Daß es aber nichts anderes als Wunscherfüllungsträume 
geben soll, das ist wieder eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung, 
die sich aber zum Glück leicht zurückweisen läßt. Es kommen doch 
reichlich genug Träume vor, welche den peinlichsten Inhalt erkennen 
lassen, aber keine Spur irgend einer Wunscherfüllung. Der pessi- 
mistische Philosoph Ed. v. Hartmann steht wohl der Wunscherfül- 
lungstheorie am fernsten. Er äußert in seiner Philosophie des Un- 
bewußten, II. Teil (Stereotypausgabe, p. 344): 

'^ „Was den Traum betrifft, so treten mit ihm alle Plackereien 
des wachen Lebens auch in den Schlafzustand hinüber, nur das ein- 
zige nicht, was den Gebildeten einigermaßen mit dem Leben aus- 
söhnen kann : wissenschaftlicher und Kunst-Genuß . . . ." Aber auch 
minder unzufriedene Beobachter haben hervorgehoben, daß im Traume 
Schmerz und Unlust häufiger seien als Lust, so Scholz (p. 33), Vol- 
kelt (p. 80) u. a. Ja die Damen Sarah Weed undiFlorence Hal- 
lam haben aus der Bearbeitung ihrer Träume einen ziffermäßigen 
Ausdruck für das Überwiegen der Unlust in den Träumen entnommen- 
Sie bezeichnen 58 o/o der Träume als peinlich und nur 28-6 o/o als 
positiv angenehm. Außer diesen Träumen, welche die mannigfaltigen 
peinlichen Gefühle des Lebens in den Schlaf fortsetzen, gibt es auch 
Angstträume, in denen uns diese entsetzlichste aller Unlustempfin- 
dungen schüttelt, bis wir erwachen, und von solchen Angstträumen 
werden gerade die Kinder so leicht heimgesucht (vgl. Debacker, 
Über den Pavor noctumus), bei denen wir die Wunschträume un- 
verhüUt gefunden haben. 

Wirklich scheinen gerade die Angstträume eine Verallgemeine- 
rung des Satzes, den wir aus den Beispielen des vorigen Abschnittes 
gewonnen haben, der Traum sei eine Wunscherfüllung, unmöglich 
zu machen, ja diesen Satz als Absurdität zu brandmarken. 

Dennoch ist es nicht sehr schwer, sich diesen anscheinend zwin- 
genden Einwänden 'zu entziehen. Man wolle bloß beachten, daß unsere 
Lehre nicht auf der Würdigung des manifesten Trauminhaltes be- 

♦ Schon der Neuplatoniker P lotin sagte: „Wenn die Begierde sich regt^ 
dann kommt die Phantasie und präsentiert uns gleichsam das Objekt derselben*" 
(Du Prel, p. 276). 



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Mauifester^ond latenter Traominhalt. 95 

ruht, sondern sich auf den Gedankeninhalt bezieht, welcher durch die 
Deutungsarbeit hinter dem Traume erkannt wird. Stellen wir mani* 
festen und latenten Trauminhalt einander gegenüber. Es ist 
richtig, daß es Träume gibt, deren manifester Inhalt von der pein- 
lichsten Art ist. Aber hat jemand versucht, diese Träume zu deuten, 
den latenten Gedankeninhalt derselben aufzudecken? Wenn aber nicht, 
dann treffen uns die beiden Einwände nicht mehr; es bleibt immerhin 
möglich, daß auch peinliche und Angstträume sich nach der Deu- 
tung als Wunscherfüllungen enthüllen*. 

Bei wissenschaftlicher Arbeit ist es oft von Vorteil, wenn die 
Lösung des einen Problems Schwierigkeiten bereitet, ein zweites 
hinzuzunehmen, etwa wie man zwei Nüsse leichter miteinander als 
einzeln aufknackt. So stehen wir nicht nur vor der Frage: Wie 
können peinliche und Angstträume Wunsch er füUungen sein, son- 
dern wir können auch aus unseren bisherigen Erörterungen über den 
Traum eine zweite Frage auf werfen: Warum zeigen die Träume 
indifferenten Inhalts, welche sich als Wunscherfüllungen ergeben, 
diesen ihren Sinn nicht unverhüllt? Man nehme den weitläufig be- 
handelten Traum von Irmas Injektion, er ist keineswegs peinlicher 
Natur, er ist durch die Deutung als eklatante Wunscherfüllung zu 
erkennen. Wozu bedarf es aber überhaupt einer Deutung? Wai'uni 
«Agt der Traum nicht direkt, was er bedeutet? Tatsächlich macht auch 
der Traum von Irmas Injektion zunächst nicht den Eindruck, daß 
er einen Wunsch des Träumers als erfüllt darstellt. Der Leser wird 
diesen Eindruck nicht bekommen haben, aber auch ich selbst wußte 
es nicht, ehe ich die Analyse angestellt hatte. Heißen wir dieses der 
Erklärung bedürftige Verhalten des Traumes: die Tatsache der 
Traumentstellung, so erhebt sich also die zweite Frage: Wovon 
rührt diese Traumentstellung her? 

Wenn 'man hierüber seine Ersten Einfälle befragt, könnte maji 
auf verschiedene mögliche Lösungen geraten, z. B. daß während des 
Schlafes ein Unvermögen bestehe, den Traumgedanken einen ent- 
sprechenden Ausdruck zu schaffen. Allein die Analyse gewisser 
Träume nötigt uns, für die Traumentstellung eine andere Erklärung 
zuzulassen. Ich will dies an einem zweiten Traume von mir selbst 
zeigen, welcher wiederum vielfache Indiskretionen erfordert, aber für 

* Es ist ganz unprlaublich, mit welcher Hartnäckigkeit sich Leser und 
Kritiker dieser Erwägung verschließen und die grundlegende Unterscheidung 
von niauife^tem und latentem Trauminhalt unbeachtet lassen. — Keine der in 
der Literatur niedergelegten Äußerungen kommt aber dieser meiner Aufstellung 
so sehr entgegen wie eine Stelle in J. Sullys Aufsatz: „Dreams as a revelation", 
deren Verdienst dadurch nicht geschmälert werden soll, daß ich sie erst hier 
anführe: „It would seem then, after all, that droams are not the utter non- 
sense they have been said to be by such authorities as Chaucer, Shakespeare and 
llilton. The chaotic aggregations of our nightfancy have a significance and 
communicate new knowledge. Like some letter in cipher, the dream- 
inscription whon scrutinised closely loses its first look of 
balderdash and takes on the aspect of a serious, intellegible 
message. Or, tovary the figure slightly, we may say that, like 
some palimpsest, the dream discloses beneath its worthless 
surface-characters traces of an old and precious communica- 
tion" (p. 364). 



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<|6 ^' 1^« Traamentstellang. 

dies persönliche Opfer durch eine gründliche Aufhellung des Problems 
entschädigt. 

Vorbericht: Im Frühjahr 1897 erfuhr ich, daß zwei Pro- 
fessoren unserer Universität mich für die Ernennung zum Prof. 
extraord. vorgeschlagen hatten. Diese Nachricht kam mir über- 
raschend und erfreute mich lebhaft als Ausdruck einer durch persön- 
liche Beziehungen nicht aufzuklärenden Anerkennung von Seite 
zweier hervorragender Männer. Ich sagte mir aber sofort, daß ich 
an dieses Ereignis keine Erwartungen knüpfen dürfe. Das Ministerium 
hatte in den letzten Jahren Vorschläge solcher Art unberücksichtigt 
gelassen, und mehrere Kollegen, die mir an Jahren voraus waren und 
an Verdiensten mindestens gleichkamen, w^arteten seitdem vergebens 
auf ihre Ernennung. Ich hatte keinen Grund anzunehmen, daß es mir 
besser ergehen würde. Ich beschloß also bei mir, mich zu trösten. 
Ich bin, soviel ich weiß, nicht ehrgeizig, übe meine ärztliche Tätig- 
keit mit zufriedenstellendem Erfolge aus, auch ohne daß mich ein 
Titel empfiehlt. Es handelte sich übrigens gar nicht darum, ob ich 
die Trauben für süß oder sauer erklärte, da sie unzweifelhaft zu hoch 
für mich hingen. 

Eines Abends besuchte mich ein befreundeter Kollege, einer von 
denjenigen, deren Schicksal ich mir zur Warnung hatte dienen las.sen. 
Seit längerer Zeit ein Kandidat für die Beförderung zum Professor, 
die den Arzt in unserer Gesellschaft zum Halbgott für .seine Kranken 
erhebt, und minder resigniert als ich, pflegte er von Zeit zu Zeit 
seine Vorstellung in den Bureaus des hohen Ministeriums zu machen, 
um seine Angelegenheit zu fördern. Von einem solchen Besuche 
kam er zu mir. Er erzählte, daß er diesmal den hohen Herrn in 
die Enge getrieben und ihn geradeheraus betragt habe, ob an dem 
Aufschub seiner Ernennung wirklich — konfessionelle Rücksichten 
die Schuld trügen. Die Antwort hatte gelautet, daß allerdings — bei 
der gegenwärtigen Strömung — Se. Exzellenz vorläufig nicht in der 
Lage sei usw. „Nun weiß ich wenigstens, worin ich bin," schloß 
mein Freund seine Erzählung, die mir nichts Neues brachte, mich 
aber in meiner Besignation bestärken mußte. Dieselben konfessionellen 
Bücksichten sind nämlich auch auf meinen Fall anwendbar. 

Am Morgen nach diesem Besuche hatte ich folgenden Traum, 
der auch durch seine Form bemerkenswert war. Er bestand aus zwei 
Gedanken und zwei Bildern, so daß ein Gedanke und ein Bild einander 
ablösten. Ich setze aber nur die erste Hälfte des Traumes hieher, da 
die andere mit der Absicht nichts zu tun hat, welcher die Mitteilung 
des Traumes dienen soll. 

I. Freund R. ist mein Onkel. — Ich empfinde große 
Zärtlichkeit für ihn. 

II. Ich sehe sein Gesicht etwas verändert vor mir. Es 
ist wie in die Länge gezogen; ein gelber Bart, der es um- 
rahmt, ist besonders deutlich hervorgehoben. 

Dann, folgen die beiden anderen Stücke, wieder ein Gedanke und 
ein Bild, die ich übergehe. 

Die Deutung dieses Traumes vollzog sich folgendermaßen: 



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Der Onkeltraom. Q1 

Als mir der Traum im Laufe des Vormittags einfiel, lachte ich 
auf und sagte: Der Traum ist ein Unsinn. Er ließ sich aber nicht 
abtun und ging mir den ganzen Tag nach, bis ich mir endlich am 
Abend Vorwürfe machte: „Wenn einer deiner Patienten zur Traum- 
deutung nichts zu sagen wüßte als: Das ist ein Unsinn, so würdest 
du es ihm verweisen und vermuten, daß sich hinter dem Traume 
eine unangenehme Geschichte versteckt, welche zur Kenntnis zu neh- 
men er sich ersparen will. Verfahre mit dir selbst ebenso; deine 
Meinung, der Traum sei ein Unsinn, bedeutet nur einen inneren 
Widerstand gegen die Traumdeutung. Laß dich nicht abhalten." Ich 
macht: mich a'so an die Deutung. 

,.ß- ist mein Onkel.'* Was kann das heißen? Ich habe doch nur 
einen Onkel gehabt, den Onkel Josef*. ,Mit dem war's allerdings 
eine traurige Geschichte. Er hatte sich einmal, es sind mehr als 
30 Jahre her, in gewinnsüchtiger Absicht zu einer Handlung ver- 
leiten lassen, welche das Gesetz schwer bestraft, und wurde dann auch 
von der Strafe betroffen. Mein Vater, der damals aus Kummer in 
wenigen Tagen grau wurde, pflegte immer zu sagen, Onkel Josef 
sei nie ein schlechter Mensch gewesen, wohl aber ein Schwachkopf; 
flo drückte er sich aus. Wenn also Freund R. mein Onkel Josef ist, 
ßo will ich damit sagen: R. ist ein Schwachkopf. Kaum glaublich 
und sehi- unangenehm! Aber da ist ja jenes Gesicht, das ich im 
Traume sehe, mit den länglichen Zügen und dem gelben Barte. Mein 
Onkel hatte wiritlich so ein Gesicht, länglich von einem schönen 
blonden Barte umrahmt. Mein Freund R. war intensiv schwarz, 
aber wenn die Schwarzhaarigen zu ergrauen anfangen, so büßen sie 
für die Pracht ihrer Jugendjahre. Ihr schwarzer Bart macht Haar 
für Haar eine unerfreuliche Farbenwanderung durch; er wird zuerst 
rotbraun, dann gelbbraun, dann erst definitiv grau. In diesem Stadium 
beiindel sich jetzt der Bart meines Freundes R. ; übrigens auch schon 
der mein ige, wie ich mit Mißvergnügen bemerke. Das Gresicht, das 
ich im Traume sehe, ist gleichzeitig das meines Freundes R. und 
das meines Onkels. Es ist wie eine Mischphotographie von Galton, 
der, um Familienähnlichkeiten zu eruieren, mehrere Gesichter auf 
die nämliche Platte photographieren ließ. Es ist also kein Zweifel 
möglich, ich meine wirklich, daß mein Freund R. ein Schwachkopf 
ist — wie mein Onkel Josef. 

Ich ahne noch gar nicht, zu welchem Zwecke ich diese Be- 
ziehung hergestellt, gegen die ich mich unausgesetzt sträuben muß. 
Sie ist doch nicht sehr tiefgehend, denn der Onkel war ein Verbrecher, 
mein Freund R. ist unbescholten. Etwa bis auf die Bestrafung dafür, 
daß er mit dem Rade einen Lehrbuben niedergeworfen. Sollte ich 
diese Untat meinen? Das hieße die Vergleichung ins Lächerliche 
ziehen. Da fällt mir aber ein anderes Gespräch ein, das ich vor 
einigen Tagen mit einem anderen Kollegen N., und zwar über das 

* Es ist mcifkwürdig, wie sich hier meine Erinnerung — im Wachen — 
für die Zwecke der Analyse einschränkt. Ich habe fünf von meinen Onkeln ge- 
kannt, einen von ihnen geliebt und geehrt. In dem Augenblicke aber, da ich den 
Widerstand gegen die Traumdeutung überwunden habe, sage ich mir: Ich habe 
doch nur einen Onkel gehabt, den, der eben im Traume gemeint ist. 

Fr and, Tnramdatitiiiig, 6. Aufl. 7 

Orfg fnal f no m 



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98 IV. Die Tnament8toIlaD|r. 

gleiche Thema hatte. Ich traf N. auf der Straße ; er ist auch zum Pro- 
fessor vorgeschlagen, wußte von meiner Ehrung und gratulierte mir 
dazu. Ich lehnte entschieden ab. „Gerade Sie sollten sich den Scherz 
nicht machen^ da Sie den Wert des Vorschlages an sich selbst erfahren, 
haben." Er darauf, walirscheinlich nicht ernsthaft: „Das kann man 
nicht wissen. Gegen mich liegt ja etwas Besonderes vor. Wissen iSit^ 
nicht, daß eine Person einmal eine gerichtliche Anzeige gegen mich, 
erstattet hat? Ich brauche Ihnen nicht zu versichern, daß die Unter- 
suchung eingestellt wurde ; es war ein gemeiner Erpressungsversuch ;► 
ich hatte noch alle Mühe, die Anzeigerin selbst vor Bestrafung zu 
retten. Aber vielleicht macht man im Ministerium diese Angelegen- 
heit gegen mich geltend, um mich nicht zu ernennen. Sie aber, Sie 
sind unbescholten.'' Da habe ich ja den Verbrecher, gleichzeitig abejr 
auch die Deutung und Tendenz meines Traumes. Mein Onkel Josef 
stellt mir da beide nicht zu Professoren ernannte Kollegen dar, dea 
einen als Schwachkopf, den anderen als Verbrecher. Ich weiß jetzt, 
auch, >\ozu ich diese Darstellung brauche. Wenn für den Aufschub 
der Erncnnunp* meiner Freunde R. und N. „konfessionelle" llück- 
feichten maßgebend sind, so ist auch meine Ernennimg in Frage ge- 
stellt; wenn ich aber die Zurückweisung der beiden auf ander© 
Gründe schieben kann, die mich nicht treffen, so bleibt mir die 
Hofloung ungestört. So verfährt mein Traum, er macht den einen, 
R., zimi Schwachkopf, den anderen, N., zum Verbrecher; ich bin 
aber weder das eine noch das andere; unsere Gemeinsamkeit ist 
aufgehoben, ich darf mich auf meine Ernennung zum Profes.sor 
freuen und bin der peinlichen Anwendung entgangen, die ich aus 
R.s Nachricht, was ihm der hohe Beamte bekannt, für meine eigene 
Person hätte machen müssen. 

Icli muß mich mit der Deutung dieses Traumes noch Aveiter 
beschäftigen. Es ist für mein Crefühl noch nicht befriedigend er- 
ledigt, ich bin noch immer nicht über die Leichtigkeit beruhigt, mit 
der ich zwei geachtete Kollegen degradiere, um mir den AA'eg zur 
Proiee&iu* frei zu halten. Meine Unzufriedenheit mit meinem Vor- 
gehen hat sich bereits ermäßigt, seitdem ich den Wert der Aussagen 
im Traume zu würdigen weiß. Ich würde gegen jedermann bestreiten, 
daß ich R. wirklich für einen Schwachkopf halte, und daß ich an 
N.s Darstellung jener Erpressungsaffäre nicht glaube. Ich glaube ja 
auch nicht, daß Irma durch eine Injektion Ottos mit einem Propylen- 
präparat gefährlich krank geworden ist; es ist hier wie dort nur 
mein Wunsch, daß es sich so verhalten möge, den mein Traum 
ausdrückt. Die Behauptung, in welcher sich mein Wunsch realisiert, 
klingt im zweiten Traume minder absurd als im ersten; sie ist hier 
in geschickter Benützung tatsächlicher Anhaltspunkte geformt, etwa 
wie eine gut gemachte Verleumdung, an der , .etwas daran ist", denn 
Freund R hatte seinerzeit das Votum eines Fachprofessors gegen sich, 
und Freund N. hat mir das Material für die Anschwärzung arglos 
selbst geliefert. Dennoch, ich wiederhole es, scheint mir der Traum 
weiterer Aufklärung b(}dürftig. 

Ich entsinne mich jetzt, daß der Traum noch ein, Stück enthielt, 
auf welches die Dcutun-2: bisher keine Rücksicht genommen hat. Nach- 



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Deatnng des Onkeltraumes. 99 

^em mir eingefallen, H. ist mein Onkel, empfinde ich im Traume 
warme Zärtlichkeit für ihn. Wohin gehört diese Empfindung? Für 
meinen Onkel Josef habe ich zärtliche Gefühle natürlich niemals 
gehabt. Freund R. ist mir seit Jahren lieb und teuer; aber käme 
ich zu ihm und drückte ihm meine Zuneigung in Worten aus, die 
annähernd dem Grad meiner Zärtlichkeit im Traume entsprechen, so 
wäre ei" ohne Zweifel erstaunt. Meine Zärtlichkeit gegen ihn erscheint 
mir unwahr und übertrieben, ähnlich wie mein Urteil über seine 
geistigen Qualitäten, das ich durch die Verschmelzung seiner Persön- 
lichkeit mit der des Onkels ausdrücke, aber in entgegengesetztem 
Sinne übertrieben. Nun dämmert mir aber ein neuer Sachverhalt. 
Die Zärtlichkeit des Traumes gehört nicht zum latenten Inhalt, zu 
den Gedanken hinter dem Traume; sie steht im Gegensatze zu diesem 
Inhalt: sie ist geeignet, mir die Kenntnis der Traumdeutung zu ver- 
decken. Wahrscheinlich ist gerade dies ihre Bestimmung. Ich er- 
innere mich, mit welchem AViderstand ich an die Traumdeutung ging, 
wie lange ich sie aufschieben wollte und den Traum für baren Un- 
sinn erUärte. Von meinen psychoanalytischen Behandlungen her weiß 
ich, wie ein solches Verwerfungsurteil zu deuten ist. Es hat keinen 
Erkenntniswert, sondern bloß den einer Affektäußerung. Wenn meine 
kleine Tochter einen Apfel nicht mag, den man ihr angeboten hat, 
Go behauptet sie, der Apfel schmeckt bitter, ohne ihn auch nur ge- 
kostet zu haben. Wenn meine Patienten sich so benehmen wie die 
Kleine, so weiß ich, daß es sich bei ihnen um eine Vorstellung han- 
delt, welche sie verdrängen wollen. Dasselbe gilt für meinen Traum. 
Ich mag .ihn nicht deuten, weil die Deutung etwas enthält, wogegen 
ich mich ßträube. Nach vollzogener Traumdeutung erfahre ich, wo- 
gegen ich mich gesträubt hatte; es war die Behauptung, daß E. 
ein Schwachkopf ist. Die Zärtlichkeit, die ich gegen R. empfinde, 
kann ich nicht auf die latenten Traumgedanken, wohl aber auf dies 
mein Sträuben zurückführen. Wenn mein Traum im Vergleiche zu 
seinem latenten Inhalt in diesem Punkte entstellt, und zwar ins Gegen- 
sätzliche entstellt ist, so dient die im Traume manifeste Zärtlichkeit 
dieser Entstellung oder, mit anderen Worten, die Entstellung erweist 
sich hier als absichtlich, als ein Mittel der Verstellung. Meine 
Traumgedanken enthalten eine Schmähung für E. ; damit ich dies 
nicht merke, gelangt in den Traum das Gegenteil, ein zärtliches 
Empfinden für ihn. * 

Es könnte dies eine allgemein gültige Erkenntnis sein. Wie die 
Beispiele in Abschnitt III gezeigt haben, gibt es ja Träume, welche 
unverhüllte Wunscherfüllungen sind. Wo die WunscherfüUung un- 
«kenntlich, verkleidet ist, da müßte eine Tendenz zur Abwehr gegen 
diesen Wunsch vorhanden sein, und infolge dieser Abwehr könnte 
der Wunsch sich nicht anders als entstellt zum Ausdruck bringen. 
Ich will zu diesem Vorkommnis aus dem psychischen Binnenleben 
das Seitenstück aus dem sozialen Leben suchen. Wo findet man im 
sozialen Leben eine ähnliche Entstellung eines psychischen Aktes? 
Nur dort, wo es sich um zwei Personen handelt, von denen die eine 
eine gewisse Macht besitzt, die zweite wecron dieser Macht eine Rück- 
sicht zu nehmen hat. Diese zweite Person entstellt dann ihre psyclii- 



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100 IV. Die Traamentotellaiigr. 

sehen Akte oder, wie wir auch sagen können, sie verstellt sich- 
Die Höfliehkeit, die ieh alle Tage übe, ist zum guten Teile eine 
solche Verstellung; wenn ich meine Träume für den Leser deute, 
bin ich zu solchen p]ntstellungen genötigt. Über den Zwang zu sol- 
cher Entstellung klagt auch der Dichter: 

,,Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben doch 
nicht sagen.** 

In ähnlicher Lage befindet sich der politische Schriftsteller, der 
den Machthabcrn unangenehme Wahrheiten zu sagen hat. Wenn er 
sie unverhohlen sagt, wird der Machthaber sein? Äußerung unter- 
drücken, nachträglich, wonn es sich um mündliche Äußerung handelt, 
präventiv, wenn sie auf dem Wege daß Druckes kundgegeben wer- 
den soll. Der Schriftsteller hat die Zensur zu fürchten, er ermäßigt 
und entstellt darum den Ausdruck seiner Meinung. Je nach der 
Stärke und Empfindlichkeit dieser Zensur sieht er sich genötigt, ent- 
weder bloß gewisse Formen des Angriffes einzuhalten oder in An- 
spielungen anstatt in direkten Bezeichnungen zu reden, oder (r muß 
seine anstößige Mitteilung hinter einer harmlos erscheinenden Ver- 
kleidung verbergen, er darf z. B. von Vorfällen zwischen zwei Man- 
darinen im Reiche der Mitte erzählen, während er die Beamten des 
Vaterlandes im Auge hat. Je strenger die Zensur waltet, desto weit- 
gehender wird die Verkleidung, desto witziger oft die Mittel, welche 
den Leser doch auf die Spur der eigentlichen Bedeutung leiten*. 

Die bis ins einzelne durchzuführende Übereinstimmung zwischen 
den Phänomenen der Zensur und denen der Traumentstellung gibt 

* Frau Dr. H. v. H ug- Hell mu th hat im Jahre 1915 (Internat. Zeitschr. 
f. arztl. Psychoanalyse 111) einen Traum mitgeteilt, der violleicht wie kein 
anderer geeignet ist, meine Namengebung zu rechtfertigen. Die Traumentstel- 
Inng arbeitet in diesem Beispiel mit demselben Mittel wia die Briefzensur, 
um die Stellen auszulöschen, die ihr anstößig erscheinen. Die Briefzensur macht 
«olche Stellen durch Überstreichen unlesbar, die Traumzensur ersetzt sie durch 
ein unverständliches Gemurmel. 

Zum Verständnis dos Traumes sei mitgeteilt, daß die Träumerin, eine 
hochangesehene, feingebildete Dame, fünfzig Jahre zaiilt;, Witwe eines vor un- 
gefähr zwölf Jahren verstorbenen höh3ren Offiziers und Mutter er^-achsencr 
■Söhne ist, deren einer zur Zeit des Traumes im Felde steht. 

Und nun der Traum von den ,,Liebesdien8fce n". „Sie geht ins Gar- 
nisonsspital Nr. 1 lind sagt dem Posten bv.'im Tor, sie müsse d'i'n ()borarzt .... 
(sie nennt einen ihr unbekannten Namen) sprechen, da sie im Spitale Dienst 
tun wolle. Dabei betont sie das Wort »Dienst* so, daß dv»r Unteroffizier «pfort 
merkt^ es bandle sich um ,Liebes^di3nste. Da sie eine alte Frau ist, läßt er 
sie nach einigem Zögern pas.^ieren. Statt aber zum Oberarzt zu kommen, gelangt 
sie in ein großes, düsteres Zimmer, in dem viele Offiziere und Militärärzte an 
einem langen Tisch stehen und sitzen. Sie wendet sich mit ihrem Antrag 
an einen Stabsarzt^ der sie nach wenigon Worten schon versteht. Der Wort- 
laut ihrer Rede im Traum ist: ,Ich und zahlreiche andere Frauen und junge 
Mädchen Wiens sind bereit^ den Soldaten, Mannschaft und Offiziere ohne 
Unterschied, . . .* Hier folgt im Traum ein Gemurm-Jl. Daß dasselbe aber von 
allen Anwesenden richtig verstanden wird, zeigen ihr die teils verlegenen, teils 
hämischen Mienen der Offiziere. Die Dame fährt fort: ,,Ich weiß, daß unser 
Entschluß befremdend klingt, aber es ist uns bitterernst. Der Soldat im Feld 
wird auch nicht gefragt, ob er sterben will oder nicht." Ein minutenlanges pein- 
liches Schweigen folgt. Der Stabj?arzt legt ihr den Arm um die Mitte und sagt: 
,GDädigo Frau, nehmen Sie den Fall, es würde tatsachlich dazu kommen. . .* 
(Gemurmel). Sie entzieht sich seinem Arm mit dem Gedanken: Es ist doch 



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Die Traumzensur. XQJ 

uns die Berechtigung, ähnliche Bedingungen für beide vorauszusetzen. 
Wir würden aJso als die Urheber der Traumgestaltung zwei psychische 
Mächte (Strömungen, Systeme) im Einzelmenschen annehmen, von 
denen die eine den durch den Traum zum Ausdruck gebrachten 
Wunsch bildet, während die andere eine Zensur an diesem Traum- 
wunsche übt und durch diese Zensur eine Entstellung seiner Äußerung 
erzwingt. Es fragt sich nur, worin die Machtbefugnis dieser zweiten 
Instanz besteht, kraft deren sie ihre Zensur ausüben darf. Wenn wir 
uns erinnern, daß die latenten Traumgedanken vor der Analyse nicht 
bewußt sind, der von ihnen ausgehende manifeste Trauminhalt aber 
als bewußt erinnert wird, so liegt die Annahme nicht fem, das Vor^ 
recht der zweiten Instanz sei eben die Zulassung Äum Bewußtsein- 
Aus dem ersten System könne nichts zum Bewußtsein gelangen, was 
nicht vorher die zweite Instanz passiert habe, und die zweite Instanz 
lasse nichts passieren, ohne ihre Eechte auszuüben und die ihr ge- 
nehmen Abänderungen am Bewußtseinswerber durchzusetzen. Wir 
verraten dabei eine ganz bestimmte Auffassung vom „Wesen" des 
Bewußtseins; das Bewußtwerden ist für uns ein besonderer psychi- 
scher Akt, verschieden und unabhängig von dem Vorgang des Gedacht- 
oder Vorgestelltwerdens, und das Bewußtsein erscheint uns als ein 
Sinnesorgan, welches einen anderwärts gegebenen Inhalt wahrnimmt. 
Es läßt sich zeigen, daß die Psychopathologie dieser Grundannahmen 
schlechterdings nicht entraten kann. Eine eingehendere Würdigung 
derselben dürfen wir uns für eine spätere Stelle vorbehalten. 

Wenn ich die Vorstellung der beiden psychischen Instanzen und 
ihrer Beziehungen zum Bewußtsein festhalte, ergibt sich für die auf- 
fällige Zärtlichkeit, die ich im Traume für meinen Freund R. emp- 
finde, der in der Traumdeutung so herabgesetzt wird, eine völlig 
kongruente Analogie aus dem politischen Leben der Menschen. Ich' 
versetze mich in ein Staatsleben, in welchem ein auf seine Macht 
eifersüchtiger Herrscher und eine rege öffentliche Meinung mitein- 
ander ringen. Das Volk empöre sich gegen einen ihm mißliebigen 
Beamten und verlange dessen Entlassung; um nicht zu zeigen, daß er 
dem Volkswillen Rechnung tragen muß, wird der Selbstherrscher dem 
Beamten gerade dann eine hohe Auszeichnung verleihen, zu der sonst 
kein Anlaß vorläge. So zeichnet meine zweite, den Zugang zum 



einer wie der andere, und erwidert: ,Meia Gott, ich bin eine alte Frau und 
werde vielleicht gar nicht in die La^e kommen. Übrigens eine Bedingung müßte 
eingehalt'en werden: dio Berücksichtigung des Alters; daß nicht eine ältere 
Frau einem ganz jungen Burschen .... (Gemurmel); das wäre entsetzlich. — 
Der Stabsarzt: „Ich verst-ehe vollkommen." Einige Offiziere, darunter einer, der 
sich in jungen Jahren um sie beworben hatte, lachen hell auf, und die Damo 
wünscht zn dem ihr bekannten Oberarzt geführt zu werden, damit alles ins Reine 
gebracht werde. Dabei fallt ihr zur größten Bestürzung ein, daß sie seinen 
Namen nicht kennt. Der Stabsarzt w.^ist sie trotzdem sehr höflich und respekt- 
voll an, über eine sehr schmale eiserne Wendeltreppe, die direkt von dem Zim- 
mer aus in die oberen Stockwerke führt, in den zweiton Stock zu gehen, im 
Hinaufsteigen hört sie einen Offizier sagen: ,Das ist ein kolossaler Entschluß, 
gleichgültig, ob eine jung oder alt ist; alle Achtung T 

Mit dem Gefühle, einfach ihre Pflicht zu tun, geht sie eine endlose 
Treppe binifuf. 

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102 J^"- I^i« Traumentetellanp. 

Bewußtsein beherrschende Instanz Freund R. durch einen Erguß von 
übergroßer Zärtlichkeit aus, weil die Wunschbestrebungen des ersten 
Systems ihn in einem besonderen Interesse, dem sie gerade nachhängen, 
als einen Schwachkopf beschimpfen möchten*. 

Vielleicht werden wir hier von der Ahnung erfaßt, daß die Traum- 
deutung im stände sei, uns Aufschlüsse über den Bau unseres see- 
lischen Apparates zu geben, welche wir von der Philosophie bisher 
vergebens erwartet haben. Wir folgen aber nicht dieser Spur, son- 
dern kehren, nachdem wir die Traumentstellung aufgeklärt haben» 
zu unserem Ausgangsproblem zurück. Es wurde gefragt, wie denn 
die Träume mit peinlichem Inhalt als AVunscherfüUungen aufgelöst 
werden können. Wir sehen nun, dies ist möglich, wenn eine Traum- 
entstellung stattgefunden hat, wenn der peinliche Inhalt nur zur 
Verkleidung eines erwünschten dient. Mit Rücksicht auf unsere An- 
nahmen über die zwei psychischen Instanzen können wir jetzt auch 
sagen: die peinlichen Träume enthalten tatsächlich etwas, was der 
zweiten Instanz peinlich ist, was aber gleichzeitig einen WunscH der 
ersten Instanz erfüllt. Sie sind insofern Wunschträume, als ja jeder 
Traum von der ersten Instanz ausgeht, die zweite sich nur abwehrend, 
nicht schöpferisch, gegen den Traum verhält. Beschränken wir uns 
auf eine Würdigung dessen, was die zweite Instanz zum Traume bei- 
trägt, so können wir den Traum niemals verstehen. Es bleiben dann 
alle Rätsel bestehen, welche von den Autoren am Traume bemerkt 
worden sind. 

Daß der Traum wirklich einen geheimen Sinn hat, der eine 
Wunscherfüllung ergibt, muß wiederum für jeden Fall durch die 
Analyse erwiesen werden. Ich greife darum einige Träume pein- 
lichen Inhaltes heraus und versuche deren Analyse. Es sind zum Teil 
Träume von Hysterikern, die einen langen Vorbericht und stellen- 
weise ein Eindringen in die psychischen Vorgänge bei der Hysterie? 
erfordern. Ich kann dieser Erschwerung der Darstellung aber nicht 
aus dem Wege gehen. ' 

Wenn ich einen Psychoneurotiker in analytische Behandlung 
nelime, werden seine Träume regelmäßig, wie bereits erwälint, zum 
Thema unserer Besprechungen. Ich muß ihm dabei alle die psycho- 

Dieser Traum wiedorholt sich innerlu\lb wenip^er Wochen noch zweimal 
mit — wie die Dame bemerkt — ganz "unbedeutenden und recht sinnlosen Ab- 
änderungen." 

* Solche heuchlerische Träume sind weder bei mir noch bei jandercB. 
seltene Vorkommnisse. Während ich mit der Bearbeitung eines gewissen wissen- 
schaftlichen Problems beschäftigt bin, sucht mich mehrere Nächte kurz nach- 
einander ein leicht verwirrender Traum heim, der die Versöhnung mit einem 
längst bei Seite geschobenen Freunde zum Inhalt hat. Beim vierten oder fünften 
Male gelingt es mir endlich, den Sinn dieser Träume «u erfassen. Er liegt in der 
Aufmunterung, doch den letzten Rest von Rücksicht für die betreffende Person, 
aufzugeben, sich von ihr völlig frei zu machen, und hatte sich in so heuchleri- 
scher Weise ins Gegenteil verkleidet. Von einer Person habe ich einen „heuch- 
lerischen Odipustraum" mitgeteilt, in dem sich die feindseligen Regungen und 
Todeswünsche der Tra.umgedanken durch manifeste Zäxtlichkcit ersetzen. („Typi- 
sches Beispiel eines verkappten ödipustraumes.") Eine andere Art von heuchle- 
rischen Träumen wird an anderer Stelle (siehe unten VI „Di^ Traamarbeit") er- 
wähnt werden. . 

C^r\n{n\t> Original from 

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TriUune peinlichen Inbalts. IQS 

logischen Aufklärungen geben, mit deren Hilfe ich selbst zum Ver- 
ständnis seiner Symptome gelangt bin, und erfahre dabei eine uner* 
bittliche Kritik, wie ich sie von den Fachgenossen wohl nicht schärfer 
zu erwarten iiabe. Ganz regelmäßig erhebt sich der Widerspruch mei- 
ner Patienten gegen den Satz, daß die Träume sämtlich Wunsch- 
erfüllungen seien. Hier einige Beispiele von dem Material o^n Träumen, 
welche mir als Gegenbeweise vorgehalten werden. 

„Sie sagen immer, der Traum ist ein erfüllter Wunsch," beginnt 
eine witzige Patientin. „Nun will ich Ihnen einen Traum erzählen, 
dessen Inhalt ganz im Gegenteil dahin geht, daß mir ein Wunsch 
nicht erfüllt wird. Wie vereinen Sie das mit Ihrer Theorie? Der 
Traum lautet wie folgt: 

Ich will ein Souper geben, habe aber nichts vor- 
rätig als etwas geräucherten Lachs. Ich denke daran, 
einkaufen zu gehen, erinnere mich aber, daß es Sonn- 
tag Nachmittag ist, wo alle Läden gesperrt sind. Ich 
will nun einigen Lieferanten telephonieren, aber das 
Telephon ist gestört. So muß ich auf den Wunsch, ein 
Souper zu geben, verzichten." 

Ich antworte natürlich, daß über den Sinn dieses Traumes nur 
die Analyse entscheiden kann, wenngleich ich zugebe, daß er für 
den ersten Anblick vernünftig und zusammenhängend erscheint und 
dem Gegenteil einer Wunscherfüllung ähnlich sieht. „Aus welchem 
Material ist aber dieser Traum hervorgegangen? Sie wissen, daß die 
Anregung zu einem Traume jedesmal in den Erlebnissen des letzten 
Tages liegt." 

Analyse: Der Mann der Patientin, ein biederer und tüchtiger 
Großfleischhauer, hat ihr Tags vorher erklärt, er werde zu dick und 
wolle darum eine Entfettungskur beginnen. Er werde früh aufstehen, 
Bewegung machen, strenge Diät halten und vor allem keine Ein- 
ladungen zu Soupers mehr annehmen. — Von dem Manne erzählt 
sie lachend weiter, er habe am Stammtisch die Bekanntschaft eines 
Malers gemaeht, der ihn durchaus abkonterfeien wolle, weil er einen 
so ausdrucksvollen Kopf noch nicht gefunden habe. Ihr Mann habe 
aber in seiner derben Manier erwidert, er bedanke sich schön und 
er sei ganz überzeugt, ein Stück vom Hintern eines schönen jungen 
Mädchens sei dem Maler lieber als sein ganzes Gesicht*. Sie sei 
jetzt sehr verliebt in ihren Mann und necke sich mit ihm herum. 
Sie hat ihn auch gebeten, ihr keinen Kaviar zu schenken. — Was 
soll das heißen? 

Sie wünscht es sich nämlich schon lange, jeden Vormittag eine 
Kaviarsemmel essen zu können, gönnt sich aber die Ausgabe nicht. 
Natürlich bekäme sie den Kaviar sofort von ihrem Manne, wenn sie 
ihn darum bitten würde. Aber sie hat ihn im Gegenteil gebeten, ihr 
keinen Kaviar zu schenken, damit sie ihn länger damit necken kann. 

(Diese Begründung scheint mir fadenscheinig. Hinter solchen 
unbefriedigenden Auskünften pflegen sich uneingestandene Motive zu 



♦ Dem Maler sitzen. Goethe: Und wenn er keinen Hintern hat, 

Wie kann der £dle äitzen? 

r^nnni^ Original from 

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104 ^^' ^^ TraosieDUtellaDg. 

verbergen. Man denke an die Hypnotisierten Bern hei ms, die einen 
posthypnotischen Auftrag ausführen, und nach ihren Motiven be- 
tragti nicht etwa antworten: Ich weiß nicht, warum ich das getan 
habe, sondern eine offenbar unzureichende Begründung erfinden 
müssen. So ähnlich wird es wohl mit dem Kaviar meiner Patientin 
sein. Ich merke, sie ist genötigt, sich im Leben einen unerfüllten 
AVunsch zu schaffen. Ihr Traum' zeigt ihr auch die Wunsch Verweigerung 
als eingetroffen. Wozu braucht sie aber einen unerfüllten Wunsch?) 

Die bisherigen Einfälle haben zur Deutung des Traumes nicht 
ausgereicht. Ich dringe nach weiteren. Nach einer kurzen Pause, wie 
sie eben der Überwindung des Widerstandes entspricht, berichtet sie 
ferner, daß sie gestern einen Besuch bei einer Freundin gemacht, 
auf die sie eigentlich eifersüchtig ist, weil ihr Mann diese Frau 
immer so lobt. Zum Glück ist diese Freundin sehr dürr und mager, 
und ihr Mann ist ein Liebhaber voller Korperformen. Wovon sprach 
nun diese magere Freundin? Natürlich von ihrem Wunsche, etwas 
stärker zu w/rdcn. Sie fragte sie auch: „Wann laden Sie uns wie- 
der einmal ein? Man ißt immer so gut bei Ihnen.** 

Nun ist der Sinn des Traumes klar. Ich kann der Patientin sagen : 
„Es ist gerade so, als ob Sie sich bei der Aufforderung geda'chÜ 
hätten: Dich werde ich natürlich einladen, damit du dich bei mir 
anessen, dick werden und meinem Manne noch besser gefallen kannst. 
Ijieber geb' ich kein Souper mehr. Der Traum sagt Ihnen dann, daß 
Sie kein Souper geben können, erfüllt also Ihren Wunsch, zur Ab- 
rundung der Körperformen Ihrer Freundin nichts beizutragen. Daß 
man von den Dingen, die man in Greuel Ischaften vorgesetzt l^ekommt, 
dick wird, lehrt Sie ja der Vorsatz Ihres Mannes, im Interesse 
seiner Entfettung Soupereinladungen nicht mehr anzunehmen." Es 
fehlt jetzt nur noch irgend ein Zusammentreffen, welches die Lö- 
sung bestätigt. Es ist auch der geräucherte Lachs im Trauminhalt 
noch nicht abgeleitet. „Wie kommen Sip zu dem im Traume erwähn- 
ten LacLs?" „Geräucherter Lachs ist die Lieblingsspeise dieser Freun- 
din," antwortet sie. Zufällig kenne ich die Dame auch und kann be- 
stätigen, daß sie sich den Lachs ebensowenig vergönnt wie meine 
Patientin den Kaviar. 

Derselbe Traum läßt auch noch eine andere und feinere Deutung 
zu, die durch einen Nebenumstand selbst notwendig gemacht wird- 
Die beiden Deutungen widersprechen einander nicht, sondern über- 
decken einander und ergeben ein schönes Beispiel für die gewöhn- 
liche Doppelsinnigkeit der Träume wie aller anderen psychopatho- 
logischen Bildungen. Wir haben gehört, daß die Patientin gleichzeitig 
mit ihrem Traume von der Wunsch Verweigerung bemüht war, sich 
einen versagten Wunsch im Realen zu verschaffen (die Kaviar- 
semmel). Auch die Freundin hatte einen Wunsch geäußert, nämlich 
dicker zu werden, und es würde uns nicht wundern, wenn unsere 
Dame geträumt hätte, der Freundin gehe ein Wunsch nicht in Er- 
füllung. Es ist nämlich ihr ei orener Wunsch, daß der Freundin ein 
Wunsch — nämlich der nach Körperzunahme — nicht in Erfüllung 
gehe. Anstatt dessen träumt sie aber, daß ihr selbst ein Wunsch 
nicht erfüllt wird. Der Traum erhält eine neue Deutung, wenn sie 

f^ /^f^ (-1 1 p. Or[g f n a I f no m 

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Die hysterische Identifizienuig. ]^05 

im Traume nicht sich, sondern die Freundin meint, wenn sie sich 
an Stelle der Freundin gesetzt oder, wie wir sagen können, sich mit 
ihr identifiziert hat. 

Ich meine, dies hat sie wirklich getan, und als Anzeichen dieser 
Identifizierung hat sie sich den versagten Wunsch im Realen ge- 
schaffen. Was hat aber die hysterische Identifizierung für Sinn? Das 
aufzuklären bedarf einer eingehenden Darstellung. Die Identifizieining 
ist ein für den Mechanismus der hysterischen Symptome höchst wich- 
tiges Moment; auf diesem Wege bringen es die Kranken zu stände, 
die Erlebnisse einer großen Reihe von Personen, nicht nur die eigenen, 
in ihren Symptomen auszudrücken, gleichsam für einen ganzen 
Menschenhainen zu leiden und alle Rollen eines Schauspieles allein 
mit ihren persönlichen Mitteln darzustellen. Man wird mir einwenden, 
das sei die bekannte hysterische Imitation, die Fähigkeit Hysterischer, 
alle Symptome, die ihnen bei anderen Eindruck machen, nachzuahmen, 
gleichsam ein zur Reproduktion gesteigertes Mitleiden. Damit ist 
aber nur der Weg bezeichnet, auf dem der psychische Vorgang bei 
der hysterischen Imitation abläuft; etwas anderes ist der Weg und 
der seelische Akt, der diesen Weg geht. Letzterer ist um ein ge- 
ringes komplizierter, als man sich die Imitation der Hysterischen 
vorzustellen liebt; er entspricht einem unbewußten Schlußprozeß, wie 
ein Beispiel klarstellen wird. Der Arzt, welcher eine Kranke mit 
einer bestimmten Art von Zuckungen imter anderen Kranken auf 
demselben Zimmer im Krankenhause hat, zeigt sich nicht erstaunt, 
wenn er eines Morgens erfährt, daß dieser besondere hysterische An- 
fall Nachahmung gefunden hat. Er sagt sich einfach: Die anderen 
haben ihn gesehen und nachgemacht; das ist psychische Infektion. 
Ja, aber die psychische Infektion geht etwa auf folgende Weise zu. 
Die Kranken wissen in der Regel mehr voneinander als der Arzt 
über jede von ihnen, und sie kümmern sich umeinander, wenn die 
ärztliche Visite vorüber ist. Die eine bekomme heute ihren Anfall; 
es wird alsbald den anderen bekannt, daß ein Brief vom Hause, 
Auffrischung des Liebeskummers und dergleichen davon die Ursache 
ist. Ihr Mitgefühl wird rege, es vollzieht sich in ihnen folgender, 
nicht zum Bewußtsein gelangender Schluß: Wenn man von solcher 
Ursache solche Anfälle haben kann, so kann ich auch solche Anfälle 
bekommen, denn ich habe dieselben Anlässe. Wäre dies ein 'des Be- 
wußtseins fähiger Schluß, so würde er violleicht in die Angst aus- 
münden, den gleichen Anfall zu bekommen; er vollzieht sich aber 
auf einem anderen psychischen Terrain, endet daher in der Realisierung 
des gefürchteten Symptoms. Die Identifizierung ist also nicht simple 
Imitation, sondern Aneignung auf Grund des gleichen ätiologischen 
Anspruches; sie drückt ein „gleichwie" aus und bezieht sich auf ein 
im Unbewußten verbleibendes Gemeinsames. 

Die Identifizierung wird in der Hysterie am häufigsten benützt 
zum Ausdruck einer sexuellen Gemeinsamkeit. Die Hysterica identi- 
fiziert sich in ihren Symptomen am ehesten — wenn auch nicht aus- 
schließlich — mit solchen Personen, mit denen sie im sexuellen Ver- 
kehre gestanden hat, oder welche mit den nämlichen Personen wie 

Original f no m 



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IQQ IV. Die TramnantsteUaiiir. 

sie selbst sexuell verkehren. Die Sprache trägt einer solchen Auf- 
fassung gleichfalls Bechnung. Zwei Liebende sind „Eines". In der 
hysterischen Phantasie wie im Traume genügt es für die Identifi- 
zierung, daß man an sexuelle Beziehungen denkt, ohne daß sie 
darum als real gelten müssen. Die Patientin folgt also bloß den Re- 
geln der hysterischen Denkvorgänge, wenn sie ihrer Eifersucht gegen 
die Freundin (die sie als unb^-echtigt übrigens selbst erkennt) Aus- 
druck gibt, indem sie sich im Traume an ihre Stelle setzt imd durch 
die Schaffung eines Symptoms (des versagten Wunsches) mit ihr 
identifiziert. Man möchte den Vorgang no<m sprachlich in folgender 
Weise erläutern : Sie setzt sich an die Stelle der Freundin im' Traum, 
, weil diese sich bei ihrem Manne an ihre Stelle setzt, weil «ie deren 
Platz in der Wertschätzung ihres Mannes einnehmen möchte*. 

In einfacherer Weise und doch auch nach dem Schema, daß 
die Nichterfüllung des einen Wunsches die Erfüllung eines anderen 
bedeutet, löste sich der Widerspruch gegen meine Traumlehrc bei einer 
anderen Patientin, der witzigsten unter all meinen Träumerinnen. 
Ich hatte ihr an einem Tage auseinandergesetzt, daß der Traum 
eine Wunscherfüllung sei; am nächsten Tage brachte sie mir ^inen 
Traum, daß sie mit ihrer Schwiegermutter nach dem gemeinsaiinen 
Landaufenthalt fahre. Nun wußte ich, daß sie sich heftig gesträubt 
hatte, den Sommer in der Nähe der Schwiegermutter zu verbringen, 
wußte auch^ daß sie der von ihr gefürchteten Gemeinschaft in den 
letzten Tagen durch die Miete eines vom Sitze der Schwiegermutter 
weit entfernten Landaufenthaltes glücklich ausgewichen war. Jetzt 
machte der Traum diese erwünschte Lösung rückgängig; war das 
nicht der schärfste Gesfensatz zu meiner Lehre von der Wunsch- 
erfüllung durch den Traum? Gewiß; man brauchte nur die Kon- 
sequenz aus diesem Traum zu ziehen, um seine Deutung zu haben. 
Nach diesem Traume hatte ich Unrecht; es war also ihr Wunsch, 
daß ich Unrecht haben sollte, und diesen zeigte ihr der 
Traum erfüllt Der Wunsch, daß ich Unrecht haben sollte, der 
sich an dem Thema der Landwohnung erfüllte, bezog sich aber in 
Wirklichkeit auf einen anderen und ernsteren Gegenstand. Ich hatte 
um die nämliche Zeit aus dem Material, welches ihre Analyse ergab, 
geschlossen, daß in einer gewissen Periode ihres Lebens etwas für 
ihre Erkrankung Bedeutsames vorgefallen sein müsse. Sie hatte es in 
Abrede gestellt, weil es sich nicht in ihrer Erinnerung vorfand. Wir 
kamen bald darauf, daß ich Recht hatte. Ihr Wunsch, daß ich Un- 
recht haben möge, verwandelt in den Traum, daß sie mit ihrer 
Schwiegermutter aufs Land fahre, entsprach also dem berechtigten 
Wunsche, daß jene damals erst vermuteten Dinge sich nie ereignet 
haben möchten. 

Ohne Analyse, nur vermittels einer Vermutung, gestattete ich 

• Ich bedauere selbst die Einschaltung solcher Stücke aus der Psycho- 
pathologie der Hysterie, welche, infolge ihrer fragmentarischen Daxstellnng und 
aus allem Zusammenhang gerissen, doch nicht sehr aufklarend wirken können. 
Wenn sie auf die innigen Beziehungen des Themas vom Traume zu den Psyoho- 
neurosen hinzuweisen vermögen, so haben sie die Absicht erfüllt, in der ich sie 
aufgenommen habe. 

Orfg fnal f no m 



C^ f\n n 1 i> Un g I n al f no m 

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Eicsprllche gegen die Theorie der WanscherfUlliuig. 107 

mir, ein kleiaes VorkommiiLS bei einem Freunde zu deuti^n, der durch, 
die acht Gymnasialklswsen mein Kollege gewesen war. Er hörte einmal 
in einem kleinen Kreise einen Vortrag von mir über die Neuigkeit, 
daß ein Traum eine Wunscherfüllung sei, ging nach Hause, träumte, 
daß er alle seine Prozesse verloren habe, — er^war Advokat 
— und beklagte sich bei mir darüber. Ich half mir mit der Ausflucht: 
Man kann nicht alle Prozesse gewinnen, dachte aber bei mir: Wenn 
ich durch acht Jahre als Primus in der ersten Bank gesessen, wäh- 
rend er irgendwo in der Mitte der Klasse den Platz gewechselt, sollte 
•ihm aus diesen Knabenjahren der Wunsch fem geblieben sein, daß 
ich mich auch einmal gründlich blamieren möge? 

Ein anderer Traum von mehr düsterem Charakter wurde mir 
gleichfalls von einer Patientin als Einspruch gegen die Theorie des 
Wunschtraumes vorgetragen. Die Patientin, ein junges Mädchen, 
begann: „Sie erinnern sich, daß meine Schwester jetzt nur einen 
Buben hat. den Karl ; den älteren, Otto, hat sie verloren, als ich noch 
in ihrem Hause war. Otto war mein Liebling, ich habe ihn eigent- 
lich erzogen. Den Kleinen habe ich auch gern, aber natürlich lange 
nicht so sehr wie den Verstorbenen. Nun träume ich diese Nacht, 
daßichdenKarltotvormirliegen sehe. Er liegt in seinem 
kleinen Sarge, die Hände gefaltet, Kerzen rings herum, 
kurz ganz so wiedamalsd er kleineOtto, dessen Tod mich 
80 erschüttert hat. Nun sagen Sie mir, was soll das heißen? Sie 
kennen mich ja; bin ich eine so schlechte Person, daß ich meiner 
Schwester den Verlust des einzigen Kindes wünschen sollte, das sie 
noch besitzt? Oder heißt der Traum, daß ich lieber den Karl tot 
wünschte als den Otto, den ich uni so viel lieber gehabt habe?" 

Ich versicherte ihr, daß diese letzte Deutung ausgeschlossen sei. 
Nach kurzem Besinnen konnte ich ihr die richtige Deutung des 
Traumes sagen, die ich dann von ihr bestätisfcn ließ. Es gelang mir 
dies, weil mir die ganze Vorgeschichte der Träumerin bekannt war. 

Frühzeitig verwaist, war das Mädchen im Hau4^ ihrer um vieles 
älteren Schwester aufgezogen worden und begegnete unter den Freun- 
den und Besuchern des Hausen auch dem Manne, der einen bleibenden 
Eindruck auf ihr Herz machte. Es schien eine Weile, als ob diese 
kaum ausgesprochenen Beziehungen mit einer Heirat enden sollten, 
aber dieser glückliche Ausgang wurde durch die Schwester vereitelt, 
deren Motive nie eine völlige Aufklärung gefunden haben. Nach dem' 
Bruche mied der von unserer Patientin geliebte Mann das Haus; 
sie selbst machte sich einige Zeit nach dem Tode des kleinen Otto, 
an den sie ihre Zärtlichkeit unterdessen gewendet hatte, selbständig. 
Es gelang ihr aber nicht, sich von der Abhängigkeit frei zu machen, 
in' welche sie durch ihre Neigung zu dem Freunde ihrer Schwester 
geraten war. Ihr Stolz gebot ihr, ihm auszuweichen; es war ihr aber 
unmöglich, ihre Liebe auf andere Bewerber zu übertragen, die sich 
in der Folge einstellten. Wenn der geliebte Mann, der dem Literaten- 
etand angehörte, irgendwo einen Vortrag angekündigt hatte, war sie 
unfehlbar unter den Zuhörern zu finden, und auch sonst ersrriff sie 
jede Gelegenheit, ihn an drittem Orte aus der Ferne zu sehen. IcK 
erinnerte mich, daß sie mir Tags vorher erzählt hatte, der Professor 

i i\i M-hU^' Original from 

.y VjUU^IC UNIVERSIir OF MICHIGAN 



108 IV- ^« Traamentstellung. 

ginge in ein bestimmtes Konzert, und sie wolle auch 'dorthin gehen, 
um sich wieder einmal seines Anblickes zu erfreuen. Das war am Tag^ 
vor dem Traume: an dem Tage, an dem sie mir den Traum erzählte, 
sollte das Konzert stattfinden. Ich konnte mir so die richtige Deu- 
tung leicht konstruieren und fragte sie, ob ihr irgend ein Ereignis 
einfalle, das nach dem Tode des kleinen Otto eingetreten sei. Sie ant- 
wortete sofort: Gewiß, damals ist der Professor nach langem Aus- 
bleiben wiedergekommen, und ich habe ihn an dem Sarge des kleinea 
Otto wieder einmal gesehen. Es war genau so, wie ich es erwartet 
hatte. Ich deutete also den Traum in folgender Art: „Wenn jetzt der 
andere Knabe stürbe, würde sich dasselbe wiederholen. Sie würden 
den Tag bei Ihrer Schwester zubringen, der Professor käme sicher- 
lich hinauf, um zu kondolieren, und unter den nämlichen Verhältnissen 
wie damals würden Sie ihn wiedersehen. Der Traum bedeutet nichts 
als diesen Ihren Wunsch nach Wiedersehen, gegen den Sie innerlich an- 
kämpfen. Ich weiß, daß Sie das Billet für das heutige Konzert in der 
Tasche tragen. Ihr Traum ist ein Ungeduldstraum, er hat das Wie- 
dersehen, dsus heute stattfinden soll, um einige Stunden verfrüht.*' 

Zur Verdeckung ihres Wunsches hatte sie offenbar eine Situation 
gewählt, in welcher solche Wünsche unterdrückt zu werden pflegen, 
eine Situation, in der man von Trauer so sehr erfüllt ist, daß man an 
Liebe nicht denkt. Und doch ist es sehr gut möglich, daß auch in 
der realen Situation, welche der Traum getreulich kopierte, am Sarge des 
ersten, von ihr stärker geliebten Knaben sie die zärtliche Empfindung 
für den lange vermißten Besucher nicht hatte unterdrücken können. 

Eine andere Aufklärung fand ein ähnlicher Traum einer anderen 
Patientin, die sich in früheren Jahren durch raschen Witz und heitere 
Laune hervorgetan hatte und diese Eigenschaften jetzt wenigstens noch 
in ihren Einfällen während der Behandlung bewies. Dieser Dame kam 
es im Zusammenhange eines längeren Traumes vor, daß sie ihre ein- 
zige, 15jährige Tochter in einer Schachtel tot daliegen sah. Sie hatte 
nicht übel Lust, aus dieser Traumerscheinung einen Einwand gegen 
die Wunscherfüllungstheorie zu machen, ahnte aber selbst, daß das 
Detail der Schachtel den Weg zu einer anderen Auffassung des 
Traumes anzeigen müsse*. Bei der Analyse fiel ihr ein, daß in der 
Gesellschaft abends vorher die Eede auf das englische Wort „box** 
gekommen war und auf die mannigfaltigen Übersetzungen desselben 
im Deutschen, als: Schachtel, Loge, Kasten, Ohrfeige usw. Aus an- 
deren Bestandstücken desselben Traumes ließ sich nun ergänzen» 
daß sie die Verwandtschaft des englischen „box" mit dem deutschen 
„Büchse" erraten habe und dann von der Erinnerung heimgesucht 
worden sei, daß „Büchse" auch als vulgäre Bezeichnung^ des weib- 
lichen Genitales gebraucht werde. Mit einiger Nachsicht für ihre 
Kenntnisse in der topographischen Anatomie konnte man also an- 
nehmen, daß das Kind in der „Schachtel" eine Frucht im Mutterleibs 
hedeute. Soweit aufgeklärt, leugnete sie nun nicht, daß das Traum- 
bild wirklich einem Wunsche von ihr entspreche. Wie so viele 
junge Frauen war sie keineswegs glücklich, als sie in die Gravidität 

* Ähnlich wie im Traume vom vereitelten Souper der geräucherte I.achs. 

i £w\oi£> Original from 

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Unkenntliche WanBcherfUlloD^en. 109 

geriet, und gestand sich mehr als einmal den Wunsch ein, daß ihr 
das Kind im Mutterleibe absterben möge; ja in einem Wutanfalle 
nach einer heftigen Szene mit ihrem Manne schlug sie mit den Fäusten 
auf ihren Leib los, um das Kind darin zu treffen. Das tote Kind 
war also wirklich eine Wunscherfüllung, aber die eines seit 15 Jah- 
ren beseitigten Wuns^h^, und es ist nicht zn verwundern, wenn man 
die Wunscherfüllung nach so verspätetem Eintreffen nicht mehr er- 
kennt. Unterdessen hat sich eben zu viel geändert. 

Die Gruppe, zu welcher die beiden letzten Träume gehören, die 
den Tod lieber Angehöriger zum Inhalt haben, soll bei den typischen 
Träumen nochmals Berücksichtigung finden. Ich werde dort an neuen 
Beispielen zeigen können, daß trotz des unerwünschten Inhaltes alle 
diese Träume als Wunscherfüllungen gedeutet werden müssen. Keinem 
Patienten, sondern einem intelligenten Rechtsgelehrten meiner Be- 
kanntschaft verdanke ich folgenden Traum, der mir wiederumi in 
der Absicht erzählt wurde, mich von voreiliger Verallgemeinerung in 
der Lehre vom Wunschtraume zurückzuhalten. „Ich träume," be- 
richtet mein Gewährsmann, „daß ich, eine Dame am Arm, vor 
mein Haus komme. Dort wartet ein geschlossener Wagen, 
ein Herr tritt auf mich zu, legitimiert sich als Polizei- 
agent und fordert mich auf, ihm zu folgen. Ich bitte nur 
noch um die Zeit, meine. Angelegenheiten zu ordnen. — ' 
Glauben Sie, daß es vielleicht ein Wunsch von mir ist, verhaftet zu 
werden?*' — Gewiß nicht, muß ich zugeben. Wissen Sie vielleicht, 
unter welcher Beschuldigung Sie verhaftet wurden? — „Ja, ich glaube 
wegen Kindesmordes." — Kindesmord? Sie wissen doch, daß dieses 
Verbrechen nur eine Mutter an ihrem Neugeborenen begehen kann? 

— „Das ist richtig."* — Und unter welchen Umständen haben Sie 
geträumt; was ist am Abend vorher vorgegangen? — ,,Das möchte 
ich Ihnen nicht gern erzählen, es ist eine heikle Angelegenheit." 

— Ich brauche es aber, sonst müssen wir auf die Deutung des Traumes 
verzichten. — „Also hören Sie. Ich habe die Nacht nicht zu Hause, 
sondern bei einer Dame zugebracht, die mir sehr viel bedeutet. Als 
wir am Morgen erwachten, ging neuerdings etwas zwischen uns vor. 
Dann schlief ich wiederum ein und träumte, was Sie wissen." — 
Es ist eine verheiratete Frau? — „Ja." — Und Sie wollen kein 
Kind mit ihr erzeugen? — „Nein, nein, das könnte uns verraten." 

— Sie üben also nicht normalen Koitus? — „Ich gebrauche die Vor- 
sicht, mich vor der Ejakulation zurückzuziehen." — Darf ich an- 
nehmen, Sie hätten das Kunststück in dieser Nacht mehreremal aus- 
geführt, und seien nach der Wiederholung am Morgen ein wenig 
unsicher gewesen, ob es Ihnen gelungen ist? — „Das könnte wohl 
«ein." — .Dann ist Ihr Traum eine Wunscherfüllung. Sie erhalten 
durch ihn die Beruhigung, daß Sie kein Kind erzeugt haben, oder was 
nahezu das gleiche ist, Sie hätten ein Kind umgebracht. Die Mittel- 

* Es ereignet sich häufig, daß ein Traum unvollständig erzählt 'wird, 
und daß erst während der Analyse die Erinnerung an diese ausgelassenen Stücke 
des Traumes auftaucht. Diese nachträglich eingefügten Stücke ergeben regel- 
maCig den Schlüssel zur Traumdeutung. Vergleiche weiter unten über das Ver- 
gossen der Traume. 



r^f\nnli> ' Original from 

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110 IV. Die TisamentsteUang. 

glieder kann ich Ihnen leicht nachweisen. Erinnern Sie sich, vor 
einigen Tagen sprachen wir über die Ehenot und über die Inkonse- 
quenz, daß es gestattet ist, den Koitus so zu halten, daß keine Be* 
fruchtung zu stände kommt, während jeder Eingriff, wenn einmal 
Ei und Same sich getroffen und einen Eötus gebildet haben, al» 
Verbrechen bestraft wird. Im Anschluß daran gedachten wir auch 
der mittelalterlichen Streitfrage, in welchem Zeitpunkte eigentlich 
die Seele in den Fötus hineinfahre, weil der Begriff des Mordes erst» 
von da an zulässig wird. Sie kennen gewiß auch das schaurige Ge- 
dicht von Lenau, welches Kindermord und Kinderverhütung gleich- 
stellt. — „An Lenau habe ich merkwürdigerweise heute Vormittag- 
wie zufällig gedacht.*' — Auch ein Nachklang Ihres Traumes. Und 
nun will ich Ihnen noch eine kleine Nebenwunscherfüllung in Ihrem 
Traume nachweisen. Sie kommen mit der Dame am Arm vor Ihr 
Haus. Sie führen Sie also heim, anstatt daß Sie in Wirklichkeit 
die Nacht in deren Hause zubringen. Daß die Wunscherfüllung, die 
den Kern des Traumes bildet, sich in so unangenehmer Form ver- 
birgt, hat vielleicht mehr als einen Grund. Aus meinem Aufsatze 
über die Ätiologie der Angstneurose könnten Sie erfahren, daß ich 
den Coitus interruptus als eines der ursächlichen Momente für die 
Entstehung der neurotischen Angst in Anspruch nehme. Es würde 
dazu stimmen, wenn Ihnen nach mehrmaligem Koitus dieser Art 
eine unbehagliche Stimmimg verbliebe, die nun als Element in die 
Zusammensetzung Ihres Traumes eingeht. Dieser Verstimmung be- 
dienen Sie sich auch, um sich die Wunscherfüllung zu verhüllen* 
Übrigens ist auch die Erwähnung des Kindesmordes nicht erklärt- 
Wie kommen Sie zu diesem spezifisch weiblichen Verbrechen? — 
„Ich will Ihnen gestehen, daß ich vor Jahren einmal in eine .solche 
Angelegenheit verflochten war. Ich war schuld daran, daß ein Mäd- 
chen eich durch eine Fruchtabtreibung vor den Folgen eines Ver- 
hältnisses mit mir zu schützen versuchte. Ich hatte mit der Aus- 
führung des Vorsatzes gar nichts zu tun, war aber lange Zeit in be^ 
greiflicher Angst, daß die Sache entdeckt würde.** — Ich verstehe, diese 
Erinnerung ergab einen zweiten Grund, warum Ihnen die Vermutung,. 
Sie hätten Ihr Kunststück schlecht gemacht, peinlich sein mußte. 

Ein junger Arzt, welcher in meinem Kolleg diesen Traum er- 
zählen hörte, muß sich von ihm betroffen gefühlt haben, denn er 
beeilte sich ihn nachzuträumen, dessen Gedanken form auf ein anderes 
Thema anzuwenden. Er hatte Tags vorher sein Einkommenbekenntniij 
übergeben, welches vollkommen aufrichtig gehalten war, da er nur 
weniff zu bekennen hatte. Er träumte nun, ein Bekannter komme 
aus der Sitzung der Steuerkommission zu ihm und teile ihm mit, daß 
alle anderen Steuerbekenntnisse unbeanstandet geblieben seien, das. 
eeinige aber habe allgemeines Mißtrauen erweckt und werde ihm eine 
empfindliche Steuerstrafe eintragen. Der Traum ist eine lässig verhüllte 
Wunscherfüllung, für einen Arzt von großem Einkommen zu gelten. Er 
erinnert übrigens an die bekannte Geschichte von jenem jungen Mäd- 
chen, welchem abgeraten wird, ihrem Freier zuzusagen, weil er eiD 
jähzorniger Mensch sei und sie in der Ehe sicherlich mit Schlägen trak- 
tieren werde. Die Antwort des Mädchens lautet dann: Schlug' er mich 



C^ f\n n 1 i> Orf g f n a I f no m 

^y ^UiJgH^ UNIVERSIir OF MICHIGAN 



Gegenwanschtiftame. 1X1 

erst! Ihr Wunsch, verheiratet zu sein, ist so lebhaft, daß sie die m 
Aussicht gestellte Unannehmlichkeit, die mit dieser Ehe verbunden 
sein soll, mit in den Kauf nimmt und selbst zum Wunsche ;erhebt. 

Fasse ich die sehr häufig vorkommenden Träume solcher Art, 
die meiner Lehre direkt zu widersprechen scheinen, indem sie das 
Versagen eines Wunsches oder das Eintreffen von etwas offenbar 
TJngewünschtem zum Inhalt haben, als „Gegen wünsch träume*' 
zusammen, so sehe ich, daß sie sich allgemein auf zwei Prinzipien 
zurückführen lassen, von denen das eine noch nicht erwähnt worden 
ist, obwohl es im Leben wie im Träumen der Menschen eine groß'> 
Rolle spielt. Die eine Triebkraft dieser Träume ist der Wunsch, daß 
ich Unrecht haben soll. Diese Träume ereignen sich i'egelmäßig im 
Laufe meiner Behandlungeta, wenn sich der Patient im Widerstand 
gegen mich befindet, und ich kann mit großer Sicherheit darauf 
rechnen, einen solchen Traum hervorzurufen, nachdem ich dem Kran- 
ken die Lehre, der Traum sei eine Wunscherfüllung, zuerst vorge- 
tragen habe*. Ja, ich darf erwarten, daß es manchem meiner Leser 
ebenso ergehen wird; er wird sich bereitwillig im Traume einen 
Wunsch versagen, um sich nur den Wunsch, daß ich Unrecht haben 
möge, zu erfüllen. Der letzte Kurtraum dieser Art, den ich mit- 
teilen will, zeigt wiederum das nämliche. Ein junges Mädchen, wel- 
ches sich die Fortsetzung meiner Behandlung mühsam erkämpft hat 
gegen den Willen ihrer Angehörigen und der zu Rate gezogenen Auto- 
ritäten, träumt: Zu Hause verbiete man ihr, weiter zu mir 
zu kommen. Sie beruft sich dann bei mir auf ein ihr ge- 
gebenes Versprechen, sie im Notfalle auch umsonst zu be- 
handeln, und ich sage ihr: In Geldsachen kann ich keine 
Bückeicht üben. 

Es ist wirklich nicht leicht, hier die Wunscherfüllung naioh- 
zuweisen, aber in all solchen Fällen findet sich außer dem einen 
Rätsel noch ein anderes, dessen Lösung auch das erste lösen hilft. 
Woher stammen die Worte, die sie mir in den Mund legt? Ich habe 
ihr natürlich nie etwas Ähnliches gesagt, aber einer ihrer Brüder 
und gerade jener, der den größten Einfluß auf sie hat, war iso liebens- 
würdig, über mich diesen Ausspruch zu tun. Der Traum will also er- 
reichen, daß der Bruder Recht behalte, und diesem Bruder Recht 
verschaffen will sie nicht nur im Traume; es ist der Inhalt ihres 
Lebens und das Motiv ihres Krankseins. Ein Traum, welcher der 
Theorie yon der Wunscherfüllung auf den ersten Blick besondere 
Schwierigkeiten bereitet, ist von einem Arzt (Aug. Stärcke) ge- 
träumt und gedeutet worden: 

„Ich habe und sehe an meinem linken Zeigefingereinen 
gyphilitischen Primäraffekt an der letzten Phalange." 

Man wird sich vielleicht von der Analyse dieses Traumes durch 
die Erwägung abhalten lassen, daß er ja bis auf seinen unerwünschten 
Inhalt klar und kohärent erscheint. Allein, wenn man die Mühe 



• Ähnliche „Gegenwunschti&ume** wurden mir in den letzten Jahren wieder- 
holt von meinen Hörern berichtet als deren Reaktion auf ihr erstes Zusammen- 
treffen mit der „Wunschtheorie des Traumes'*. 



C^ f\n n 1 i> Un g I n al f no m 

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112 IV. Die TraomeotitenaDf. 

einer Analyse nicht scheut, erfährt man, daß ,,Primäraffekt" frleich- 
zusetzen ist einer ,,prima affeetio*' (erste Liebe), und daß das widejr- 
liche Geschwür nach den Worten Stärckes „sich als Vertreter von 
mit großem Affekt belegten Wunscherfüllungen" erweist*. 

Das andere Motiv der Gegenwunschträume liegt so nahe, daß 
man leicht in Gefahr kommt, es zu übersehen, wie mir selbst durch 
längere Zeit geschehen ist. In der Sexualkonstitution so vieler Men- 
schen gibt es eine masochistische Komponente, die durch die Ver- 
kehrung ins Gegenteil der aggressiven« sadistischen entstanden ist. 
Man heißt solche Menschen „ideelle'* Masochisten, wenn sie die Lust 
nicht in dem ihnen zugefügten körperlichen Schmerz, sondern in der 
Demütigung und swlisehen P(»inigung suchen. Es leuchtet ohne 
weiteres ein, daß diese Personen Gegenwunsch- und Unlustträume 
haben können, die für sie doch nichts anderes als Wunscherf üUungeji 
sind, Befriedigung ihrer masochistischen Neigungen. Ich setze einen 
solchen Traum hieher: Ein junger Mann, der in früheren Jahren 
seinen älteren Brudor, dem er homosexuell zugetan war, sehr gequält 
hat, träumt nun nach gründlicher Charakterwandlung einen aus drei 
Stücken bestehenden Traum. T. Wie ihn sein älterer Bruder 
„sekiert". II. Wie zwei Erwachsene in homosexueller Ab- 
sicht miteinander schön tun. III. Der Bruder hat das Unter- 
nehmen verkauft, dessen Leitung er sich für seine Zu- 
kunft vorbehalten hat. Aus letzterem Traume erwacht er mit 
den peinlichsten Gefühlen, und doch ist es ein masochistischer Wunsch- 
traum, dessen Übersetzung lauten könnte : es geschähe mir ganz recht, 
wenn der Bruder mir jenen Verkauf antäte zur Strafe für alle Quä- 
lereien, die er von mir ausgestanden hat. 

Ich hoffe, die vorstehenden Erwägungen und Beispiele werden 
genügen, um es — bis auf weiteren Einspruch — glaubwürdig er* 
scheinen zu lassen, daß auch die Träume mit peinlichem Inhalt als 
Wunscherfüllungen aufzulösen sind, werde übrigens auf das Thema 
der Unlustträume noch an späterer Stell« zurückkommen. Es wir 
auch niemand eine Äußerung des Zufalles darin erblicken, daß man 
bei der Deutung dieser Träume jedesmal auf Themata gerät, von denen 
man nicht gern spricht oder an die man nicht gern denkt. Das pein- 
liche Gefühl, welches solche Träume erwecken, ist wohl einfach iden- 
tisch mit dem Widerwillen, der uns von der Behandlung oder Er- 
wägung solcher Themata — meist mit Erfolg — abhalten möchte, 
und welcher von jedem von uns überwunden werden muß, wenn wir 
uns genötigt sehen, es doch in Angriff zu nehmen. Dieses im Traume 
also wiederkehrende Unlustgefühl schließt aber das Bestehen eines 
Wunsches nicht aus; es gibt bei jedem Menschen Wünsche, die er an- 
deren nicht mitteilen möchte, und Wünsche, die er sich selbst nicht 
eingestehen will. Anderseits finden wir uns berechtigt, den Unlust- 
charakter all dieser Träume mit der Tatsache der Traumentstellung in' 
Zusammenhang zu bringen und zu schließen, diese Träume seien gerade 
darum so entstellt und die Wunscherfüllung in ihnen bis zur Un- 
kenntlichkeit verkleidet, weil ein Widerwillen, eine Verdrängungs- 

* Zentmlblatt für Psychoanalyse II, 1911/12. 



C f\n n 1 i> Orf g f n a I f no m 

V^'^gl^ UNIVERSlirOF MICHIGAN 



Die Formel für du Wesen des Traumes. 1X3 

absieht gegen das Thema des Traumes oder gegen den aus ihm geschöpf- 
ten Wunsch besteht. Die Traumentstellung erweist sich also tatsäch- 
lich als ein Akt der Zensur^ Allem, was die Analyse der lünlustträume 
zu Tage gefördert hat, tragen wir aber Rechnung, wenn wir unsere 
Formel, die das Wesen des Traumes ausdrücken soll, in folgender Art 
verändern: Der Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines 
(unterdrückten, verdrängten) Wunsches*. 

Nun erübrigen noch die Angstträume als besondere Unterart dec 
Träume mit peinlichem Inhalt, deren Auffassung als Wunschträume 
bei dem Unaufgeklärten die geringste Bereitwilligkeit begegnen wird. 
Doch kann ich die Angstträume hier ganz kurz abtun; es ist nicht 
eine neue Seite des Traumproblems, die sich uns in ihnen zeigen 
würde, sondern es handelt sich bei ihnen um das Verständnis der 
neurotischen Angst überhaupt. Die Angst, die wir im Traume emp- 
finden, ist nur scheinbar durch den Inhalt des Traumes erklärt. A\'enn 
wir den Trauminhalt der Deutung unterziehen, merken wir, daß die 
Traumangst durch den Inhalt des Traumes nicht besser gerechtfertigt 
wird als etwa die Angst einer Phobie durch die Vorstellung, an 
welcher die Phobie hängt. Es ist z. B. zwar richtig, daß man aus 
dem Fenster stürzen kann und darum Ursache hat, sich beim Fenster 
einer gewissen Vorsicht zu befleißen, aber es ist nicht zu verstehen, 
warum bei der entsprechenden Phobie die Angst so groß ist imd den 
Kranken weit über ihre Anlässe hinaus verfolgt. Dieselbe Aufklärung 
erweist sich dann als gültig für die Phobie wie für den Angsttraum. 
Die Angst ist beidemal an die sie begleitende Vorstellung nur an- 
gelötet und stammt aus anderer Quelle. 

Wegen dieses intimen Zusammenhanges der Traumangst mit der 
Neuroaenangst muß idi hier bei der Erörterung der ersteren auf die 
letztere verweisen. In einem kleinen Aufsatze über die „Angst- 
neurose" (Neurolog. Zentralblatt, 1895) habe ich seinerzeit behauptet, 
daß die neurotische Angst aus dem Sexualleben stammt und einer von 
Strer Bestimmung abgelenkten, nicht zur Verwendung gelangten 
Libido entspricht. Diese Formel hat sich seither immer mehr als 
«tichhaltig erwiesen. Aus ihr läßt sich nun der Satz ableiten, daß die 
Angstträume Träume sexuellen Inhaltes sind, deren zugehörige Libido 
eine Verwandlung in Angst erfahren hat. Es wird sich späterhin die 
(Jelegenheit ergeben, diese Behauptung durch die Analyse einiger 
Träume bei Neurotikern zu unterstützen. Auch werde ich bei weiteren 
Versuchen, mich einer Theorie des Traumes zu nahem, nochmals auf 
die Bedingung der Angstträume und deren Verträglichkeit mit der 
WtmscherfüUungstheorie zu sprechen kommen. 

* Ein ^oßer unter den lebenden Dichtern, der, wie mir gesagt wrjrde, von 
Psychoanalyse und Tianmdeutung nichts wissen will, findet doch aus Eigenem eine 
£ut identische Formel für das Wesen des Traumes: „Unbefugtes Auftauchen 
uaterdrückter Sehnsnchtswünsche unter falschem Antlitz und Namen/' C. S p i t* 
taler, Heine frühesten Erlebnisse (Süddeutsche Monatshefte, Oktober 1913). 

Vorgreifend führe ich hier die von Otto Rank herrührende Erweiterung 
tmd Modifikation der obigen Grundformel an: „Der Traum stellt regelmäßig 
ttif der Orondlage und mit Hilfe verdrängten infantil-sexuellen Materials ak- 
tuelle^ In d»r Hegel auch erotische Wünsche in verhüllter und eymbolisoh einge- 
kleideter Form als erfüllt dar.** („Ein Traum, der sich selbst 'deutet.*0 



F»tttd, Trafamdeatimir. 5. Auü. ^ 

Orfg fnal f no m 



C^ f\n n 1 i> Un g I n al f no m 

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Das Traummaterial und die TraumquelleiL 

Als wir aus der Analyse des Traumes von Irmas Injektion er- 
sehen hatten, daß der Traum eine Wunscherfüllung ist, nahm uns 
zimäehst das Interesse gefangen, ob wir hiemit einen allgemeinen 
Charakter des Traumes aufgedeckt haben, und wir brachten vorläufig 
jede andere wissenschaftliche Neugierde zum Schweigen, die sich in 
uns während jener Deutungsarbeit geregt haben mochte. Nachdem 
wir jetzt auf dem einen Wege zum Ziele gelangt sind, dürfen wir 
zurückkehren und einen neuen Ausgangspunkt für unsere Streif ungen 
durch die Probleme des Traumes wäUeit, sollten wir darüber auch 
das noch keineswegs voll erledigte Thema der Wunscherfüllung für 
eine Weile aus den Augen verlieren. 

Seitdem wir durch Anwendung unseres Verfahrens der Traum- 
deutung einen latenten Trauminhalt aufdecken können, der an Be- 
deutsamkeit den manifesten Trauminhalt weit hinter sich läßt, 
muß es .uns drangen, die einzelnen Traumprobleme von neuem auf- 
ztinehmen, um zu versuchen, ob sich für uns nicht Rätsel und Wider- 
crprüche befriedigend lösen, die, solange man nur den manifesten 
Irauminhalt kannte, unangreifbar erschienen sind. 

Die Angaben der Autoren über den Zusammenhang des Traumes 
mit dem Wachleben sowie über die Herkunft des Traummaterials 
sind im einleitenden Abschnitt ausführlich mitgeteilt worden. Wir 
erinnern uns auch jener drei Eigentümlichkeiten des Traumgedächt- 
nisses, die so vielfach bemerkt, aber nicht erklärt worden sind: 

1. Daß der Traum die Eindrücke der letzten Tage deutlich 
bevorzugt (Robert, Strümpell, Hildebrandt, auch Weed- 
Hallam); 

2. daß er eine Auswahl nach anderen Prinzipien als unser Wach- 
gedächtnis trifft, indem er nicht das Wesentliche und Wichtige, son- 
dern' das Nebensächliche und Unbeachtete erinnert; 

3. daß er die Verfügung über unsere frühesten Kindheits- 
eindrücke besitzt und selbst Einzelheiten aus dieser Lebenszeit hervor- 
holt, die uns wiederum als trivial erscheinen und im Wachen für 
längst vergessen gehalten worden sind*. 

Diese Besonderheiten in der Auswahl des Traummaterials sind 
von den Autoren natürlich am manifesten Trauminhalt beobachtet 
worden. 



* Es ist klar, daß die Auffassung Roberts, der Traum sei dazu be- 
stimmt, xinser GediLchtnis von den wertlosen Eindrücken des Tag-es zu entlasten, 
nicht mehr zu halten ist, wenn im Traume einigermaßen häufig gleichgültigo 
Erinnerungsbilder aus unserer Kindheit auftreten. Man müßte den Schluß 
ziehen, daß der Traum die ihm zufallende Aufgabe sehr ungenügend cu er- 
füllen pflegt. 



C^ f\n n 1 i> Orf g f n a I f no m 

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115 



a) Das Rezente und das Indifferente im Traume. 



Wenn ich jetzt in Betreff der Herkunft der im Trauniinhalt auf- 
'tretenden Elemente meine eigene Erfahrung zu Rate ziehe, so muß 
ich zunächst die Behauptung aufstellen, daß in jedem Traume eine 
Anknüpfung an die Erlebnisse des letzt ab gelaufenen Tages auf- 
zufinden ist. Welchen Traum immer ich vornehme, einen eigenen oder 
fremden, jedesmal bestätigt sich mir diese Erfahrung. In KenntniiS 
dieser J?atsache kann ich etwa die Traumdeutung damit beginnen, 
daß ich zuerst nach dem Erlebnisse des Tages forsche, welches den 
Traum angeregt hat; für viele Fälle ist dies sogar der nächste Weg. 
An den beiden Träumen, die ich im vorigen Abschnitt einer genauen 
Analyse unterzogen habe (von Irmas Injektion, von meinem Onkel 
mit dem gelben Barte), ist die Beziehung zum Tage so augenfällig, 
daß sie keiner weiteren Beleuchtung bedarf. Um aber zu zeigen, wie 
regelmäßig sich diese Beziehung erweisen läßt, will ich ein Stück 
meinei* eigenen Traumchronik daraufhin untercruchen. Ich teile die 
Träume nur soweit mit, als es zur Aufdeckung der gesuchten Traum- 
quelle bedarf. 

1. Ich mache einen Besuch in einem Hause, wo ich nur mit 
Schwierigkeiten vorgelassen werde usw., lasse eine Frau unterdessen 
auf mich warten. 

Quelle: Gespräch mit einer Verwandten am Abend, daß eine 
Anschaffung, die sie verlangt, warten müsse, bis usw. 

2. Ich habe eine Monographie über eine gewisse (unklar) 
Pflanzenart geschrieben. 

Quelle: Am Vormittag im Schaufenster einer Buchhandlung 
eine Monographie gesehen über die Gattung Zyklamen. 

3. Ich sehe zwei Frauen auf der Straße, Mutter und Tochter, 
von denen die letztere meine Patientin war. 

Quelle: Eine in Behandlung stehende Patientin hat mir abends 
mitgeteilt, welche Schwierigkeiten ihre Mutter einer Fortsetzung der 
Behandlung entgegenstellt. 

4. In der Buchhandlung von S. und R. nehme ich ein Abonne- 
ment auf eine periodische Publikation, die jährlich 20 fl. kostet. 

Quelle: Meine Frau hat mich am Tage daran erinnert, daß 
ich ihr 20 fl. vom Wochengelde noch schuldig bin. 

5. Ich erhalte eine Zuschrift vom sozialdemokratischen Ko- 
mitee, in der ich als Mitglied behandelt werde. 

Quelle: Zuschriften erhalten gleichzeitig vom liberalen Wahl- 
komitec und vom Präsidium des humanitären Vereines, dessen Mit- 
glied ich wirklich bin. 

6. Ein Mann auf einem steilen Felsen mitten im Meere 
in Böcklinscher Manier. 

Quelle: Dreyfus auf der Teufelsinsel, gleichzeitig Nach- 
richtcox von meinen Verwandten in England usw. 

Man könnte die Frage auf werfen, ob die Traumanknüpfung un- 
fehlbar an die Ereignisse des letzten Tages erfolgt, oder ob sie sich 
auf Eindrücke eines längeren Zeitraumes der jüngsten Vergangenheit 
erstrecken kann. Dieser Gegenstand kann prinzipielle Bedeutsamkeit 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f no m 

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ll{j V. Da<) Traammaterial and die Traamqaellen. 

wahrscheinlich nicht beanspruchen, doch möchte ich micli für da» 
ausschließliche Vorrecht des letzten Tages vor dem Traume (de» 
Traumtages) entscheiden. So oft ich zu finden vermeinte, daß ein 
Eindruck vor zwei oder drei Tagen die Quelle des Traumes gewesen 
sei, konnte ich mich doch bei genauerer Nachforschung überzeugen, 
daß jener Eindruck am Vortage wieder erinnert worden war, daß 
also eine nachweisbare Reproduktion am Vortage sich zwischen dem 
Ereignistage und der Traumzeit eingeschoben hatte, und konnte außer- 
dem den rezenten Anlaß nachweisen, von dem die Erinnerung an den 
älteren Eindruck ausgegangen sein konnte. Hingegen konnte ich mich 
nicht davon tiberzeugen, daß zwischen dem erregenden Tageseindruck 
und dessen Wiederkehr im Traume ein regelmäßiges Intervall von 
biologischer Bedeutsamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 
18 Stunden) eingeschoben ist*. Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf- 

♦ IL Swoboda hat, wie im ersten Abschnitt S. 65 mitgeteilt, die von 
W. Fließ gefundenen biologischen Intervalle von 23 und 28 Tagen im weiten 
Ausmaße auf dELS seelische Geschehen übertragen und insbesondere behauptet^ 
daß diese Zeiten für das Auftauchen der Traumelemente in den Träumem lenU 
scheidend sind. Die Traumdeutung würde nicht wesentlich abgeändert, wenn 
sich solches nachweisen ließe, aber für die Herkunft des Traummaterials ergäbe 
sich eine neue Quelle. Ich habe nun neuerdings einige Untersuchungen an 
eigenen Traumen angestellt, um die Anwendbarkeit der „Periodenlehre" auf das 
Traummaterial zu prüfen, und habe hiezu besonders auffällige Elemente des 
Trauminhaltes gewIÖilt, deren Auftreten im Leben sich zeitlich mit Sicherheit 
bestimmen ließ. 

I. Traum vom 1./2. Oktober 1910. 

(Bruchstück) . . . Irgendwo in Italien. Drei Töchter zeigen mir kleine 
Kostbarkeiten, wie in einem Antiquar laden, setzen sich mir dabei auf den Schoß. 
Bei einem der Stücke sage ich: Das haben Sie ja von mir. Ich sehe dabei deut- 
lich eine kleine Profilmaske mit den schar fgcscmiittenen Zügen Savonarola.s. 

Wann habe ich zuletzt das Bild Savonarolas gesehen 7 Ich war nach 
dem Ausweis meines Heise tage buches am 4. und 5. September in Florenz; dort 
dachte ich daran, meinem Reisebegleiter das Medaillon mit den Zügen des fana> 
tischen Mönches im Pflaster der Piazza Signoria an der Stelle, wo er den Tod 
durch Verbrennung fand, zu zeigen, und ich meine, am 5. vormittags machte 
ich ihn auf dELsselbe aufmerksam.* Von diesem Eindruck bis zur Wiederkehr 
im Traume sind allerdings 27 -(-1 Tage verflossen, eine ,,weibliche Periode" 
nach Fließ. Zum Unglück für die Beweiskraft dieses Beispieles muß ich aber 
erwähnen, daß an dem Traumtage selbst der tüchtige, aber düster 
blickende Kollege bei mir war (das erstemal seit meiner Rückkunft), für den 
ich vor Jahren schon den Scherznamen „Rabbi Savonarola*' aufgebracht habe. 
Er stellte mir einen Unfall kranken vor, der in dem Pontebbazug verunglückt war, 
in dem ich selbst acht Tage vorher gereist war, und leitete so meine Gedanken 
zur letzten Italienreise zurück. Das Erscheinen des auffälligen Elementes „Sa- 
vonarola" im Trauminhalt ist durch diesen Besuch des Kollegen am Traum- 
tago aufgeklärt, das 28tagige Intervall wird seiner Bedeutung für dessen Her- 
leitung verlustig. 

II. Traum vom lO./ll. Oktober. 

Ich arbeite wieder einmal Chemie im Universitatslaboratorium. Hofrat 
L. lädt mich ein, an einen anderen Ort zu kommen, nnd geht auf dem Korridar 
voran, eine Lampe oder sonst ein Instrument wie scharfsinnig (7) (scharf- 
sichtig?) in der erhobenen Hand vor sich hintragend, in eigentümlicher Haltung 
mit vorgestrecktem Kopf. Wir kommen dann über einen freien Platz . . . (Rest 
vergessen). 

Das AuffaJligste in diesem Trauminhalt ist die Art, wie Hofrat L. die 
Lampe (oder Lupe) vor sich hinträgt, das Auge spähend in die Weite gerichtet. 
L. habe ich viele Jahre lang nicht mehr gesehen, aber ich weiß jetzt sjshon, er 
ist nur eine Ersatzperson für einen anderen, größeren, für den Archimedes 



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Die BehnaptuDg der psvchischen Periodizität. | [*] 

merksamkeit geschenkt hat, gibt an, daß er eine solche Periodizität 
der Reproduktion in seinen Träumen „trotz des Achtens darauf" nicht 
finden konnte. Er erzählt einen Traum, in welchem er sich in Spanien 
befand und nach einem Ort: Daraus, Varaus oder Zar aus fahren 
wollte. Erwacht, konnte er sich an einen solchen Ortsnamen nicht 
erinnern und legte den Traum bei Seite. Einige Monate später fand 
er tatsächlich den Namen Zar aus als den einer Station zwischen 
San Sebastian und Bilboa, welche er 250 Tage vor dem Traume 
mit dem Zuge passiert hatte (p. 227). 

Ich meine also, es gibt für jeden Traum einen Traumerreger aus 
jenen Erlebnissen, über die „man noch keine Nacht geschlafen hat". 

Die Eindrücke der jüngsten Vergangenheit (mit Ausschluß, des 
Tages vor der Traumnacht) zeigen also keine andersartige Beziehung 
zum Trauminhalt als andere Eindrücke aus beliebig ferner liegenden 

nahe bei der Arethusaquelle in Syrakus. der genau so wie er im Traume dasteht 
und flo den Brennspiegel handhabt, nach dem Belagerungsheer der Isomer spähend. 
Wann habe ich dieses Denkmal zuerst (und zuletzt) gesehen? Nach meinen Auf- 
zeichntingen war es am 17. September abends und von diesem Datum bis zum 
Traume sind tatsächlich 13 +10 = 23 Tage verstrichen, eine „mannliche Periode" 
uach F 1 i e B. 

Leider hebt das Kingeben auf die Deutung des Traumes auch hier ein 
Stück von der Unerläßlichkeit dieses Zusammenhanges auf. Der Traumanlaß 
war 'die am Traumtag erhaltene Nachricht, daß die Klinik, in deren Hörsaal ich 
als .Gast meine Vorlesungen abhalte, demnächst anderswohin verlegt werden 
solle. Ich nahm an, daß die neue Lokalität sehr unbequem gelegen sei, sagte 
mir, es werde dann sein, als ob ich überliaupt keinen Hörsaal zur Verfügung 
habe, und von da an müßten meine Gedanken bis in den Beginn meiner Dozentem- 
zeit euruckgegangen sein, als ich wirklich keinen Hursaal hatte und mit meinen 
Bemühungen, mir einen zu verschaffen, auf geringes Entgegenkommen bei den 
hochvermögenden Heiren Hofiäten und Professoren stieß. Ich ging damals zu 
L., der gerade die Würde eines Dekans bekleidete, und den ich für einen Gönner 
hielt, um ihm meine Not zu klagen. Er versprach mir Abhilfe, ließ aber dann 
nichts weiter von sich hören. Im Traum ist er der Archimedes, der mir gibt, 
1C0U oTü» und mich selbst in die andere Lokalität geleitet. Daß den Traum- 
gedanken weder Rachsucht noch Größenbewußtseiu fremd sind, wird der 
Deutungskundige leicht erraten. Ich muß aber urteilen, daß ohne diesen Traum- 
aulaß der Archimedes kaum in den Traum dieser Nacht gelaugt wäre; es bleibt 
mir unsicher, ob der starke und noch rezente Eindruck der Statue in Siracusa 
»ich nicht auch bei einem anderen Zeitintervall geltend gemacht hätte. 

111. Traum vom 2./3. Oktober 1910. 

(Bruchstück) . . . Etwas von Prof. O s e r, der selbst daa Menü für mich 
gemacht hat, was sehr beruhigend wirkt (anderes vergessen). 

Der Traum ist die Beaktion auf eine Verdauungsstörung dieses Tages, die 
mich erwägen ließ, ob ich mich nicht wegen Bestimmung einer Diät an eineu 
Kollegen wenden solle. Daß ich im Traum den im »Sommer verstorbenen O s e r 
(lazu bestimme, knüpft an den sehr kurz vorher (1. Oktober) erfolgten Tod eines 
anderen von mir hochgeschätzten Universitätslehrers an. Wann ist aljer O s e r 
gestorben, und wann habe ich seinen Tod erfahren? Nach dem Ausweis des 
Zeitungsblattes am 22. August; da ich damals in Holland weilte, wohin ich die 
Wiener Zeitung regelmäßig nachsenden ließ, muß ich die Todesnachriclit am 24. 
oder 2ö. August gelesen haben. Dieses Intervall entspricht aber keiner Periode 
mehr, es umfaßt 7 + 30+2 = 39 Tage oder vielleicht 40 Tage. Ich kaun mich 
nicht besinnen, in der Zwischenzeit von Oser gesprochen oder an ihn gedacht 
zu haben. 

Solche für die Periodenlehre nicht mehr ohne weitere Bearbeitung brauch- 
bare Intervalle ergeben sich nun aus meinen Träumen ungleich häutiger als die 
regulären. Konstant finde ich nur die im Text behauptete Bezielmng zu einem 
Kindrucke des Traumtages selbst. 

Orfg fnal f no m 



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J]^g T. Das Traommaterial and die Traamqaellen. 

Zeiten. Der Traum kann sein Material aus jeder Zeit des Lebens 
wählen, wofern nur von den Erlebnissen des Traumtages (den „re- 
zenten" Eindrücken) zu diesen früheren ein Gredankenfaden reicht. 

Woher aber die Bevorzugung der rezenten Eindrücke? Wir 
werden zu Vermutungen üher diesen Punkt gelangen, wenn wir einen 
der erwähnten Träume einer genaueren Analyse unterziehen. Ich 
wähle den Traum von der Monographie. 

Trauminhalt: Ich habe eine Monographie über eine 
gewisse Pflanze geschrieben. Das Buch liegt vor mir, ich 
blättere eben eine eingeschlagene farbige Tafel um. Jedem 
Exemplar ist eip getrocknetes Spezimen der Pflanze bei- 
gebunden, ähnlich wie aus einem Herbarium. 

Analyse: Ich liabe am Vormittag im Schaufenster einer Buch- 
handlung eine neues Buch gesehen, welches sich betitelt: Die Gattung 
Zyklamen, offenbar eine Monographie über diese Pflanze. 

Zyklamen ist die Lieblingsblume meiner Frau. Ich mache 
mir Vorwürfe, daß ich so selten daran denke, ihr Blumen mitzu- 
bringen, wie sie sich's wünscht. — Bei dem Thema: Blumen mit- 
bringen erinnere ich mich einer Geschichte, welche ich unlängst, 
im Freiindeskreise erzählt und als Beweis für meine Behauptung 
verwendet habe, daß Vergessen sehr häufig die Ausführung einer 
Absicht des Unbewußten sei und immerhin einen Schluß auf die 
geheime Gresinnung des Vergessenden gestatte. Eine junge Frau, 
welche daran gewöhnt war, zu ihrem Geburtstage einen Strauß von 
ihrem Manne vorzufinden, vermißt dieses Zeichen der Zärtlichkeit 
aJi «einem solchen Festtag und bricht darüber in Tränen aus. Der 
Mann kommt hinzu, weiß sich ihr Weinen nicht zu erklären, bis sie 
ihm sagt: Heute ist mein Geburtstag. Da schlägt er sich vor die 
Stirn, ruft aus: Entschuldige, hab' ich doch ganz daran vergessen, 
und will fort, ihr Blumen zu holen. Sie läßt sich .aber nicht trösten, 
denn sie sieht in der Vergeßlichkeit ihres Mannes einen Beweis dafür, 
daß sie in seinen Gedanken nicht mehr dieselbe Bolle spielt wie 
einstens. — Diese Frau L, ist meiner Frau vor zwei 'Tagen begegnet, 
hat ihr mitgeteilt, daß sie sich wohl fühlt, und sich nach mir er- 
kundigt. Sie stand in früheren Jahren in meiner Behandlung. 

Ein neuer Ansatz: Ich habe wirklich einmal etwas Ahnliches 
geschrieben wie eine Monographie über eine Pflanze, nämlich einen 
Aufsatz über die Kokapflanze, welcher die Aufmerksamkeit von 
K. Koller auf die anästhesierende Eigenschaft des Kokains gelenkt 
hat. Ich hatte diese Verwendung des Alkaloids in meiner Publikation 
selbst angedeutet, war aber nicht gründlich genug, die Sache weiter 
zu verfolgen. Dazu fällt mir ein, daß ich am Vormittag des Tages 
nach dem Traume (zu dessen Deutung ich erst abends Zeit fand) des 
Kokains in einer Art von Tagesphantasie gedacht habe. Wenn ich 
je Glaukom bekommen sollte, würde ich nach Berlin reisen und 
nduh dort bei meinem Berliner Freunde von einem Arzte, den er 
mir empfiehlt, inkognito operieren lassen. Der Operateur, der nicht 
wüßte, an wem er arbeitet, würde wieder einmal rühmen, wie leicht 
sich diese Operationen seit dej* Einführung des Kokains gestaltet 
haben; ich würde durch keine Miene verraten, daß ich an dieser 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f no m 

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Der TrAam yon der botanischen Monog^raphie. 119 

Entdeckung selbst einen Anteil habe. An diese Phantasie schlössen 
sich Gredanken an, wie unbequem es doch für den Arzt sei, ärztliche 
Leistungen von Seite der Kollegen für seine Person in Anspruch zu 
nehmen. Den Berliner Augenarzt, der mich nicht kennt, würde ich 
wie ein anderer entlohnen können. Nachdem dieser Tagtraum mir 
in den Sinn gekommen, merke ich erst, daß sich die Erinnerimg an 
ein bestimmtes Erlebnis hinter ihm verbirgt. Kurz nach der Ent- 
deckung Kollers war nämlich mein Vater an Glaukom erkrankt; 
er wurde von meinem Freunde, dem Augenarzte Dr. Königstein, 
operiert, Dr. Koller besorgte die Kokainanästhesie und machte dann 
die Bemerkung, daß bei diesem Falle sich alle die drei Personen ver* 
einigt fänden, die an der Einführung des Kokains Anteil gehabt haben. 

Meine Gedanken gehen nun weiter, wann ich zuletzt an diese 
Geschichte des Kokains erinnert worden bin. Es war dies vor «einigen 
Tagen, als ich die Festschrift in die Hand bekam, mit deren Er- 
scheinen dankbare Schüler das Jubiläum ihres Lehrers und Labo- 
ratoriumsvorstandes gefeiert hatten. Unter den Ruhmestiteln des La- 
boratoriums fand ich auch angeführt, daß dort die Entdeckung der 
anästhesierenden Eigenschaft des Kokains durch K. Koller vorge- 
fallen sei. Ich bemerke nun plötzlich, daß mein Traum mit einem 
Erlebnis des Abends vorher zusammenhängt. Ich hatte gerade Dok- 
tor Königstein nach Hause begleitet, mit dem ich in ein Gespräch 
über eine Angelegenheit geraten war, die mich jedesmal, wenn sie 
berührt wird, lebhaft erregt. Als ich mich in dem Hausflure mit 
ihm aufhielt, kam Professor Gärtner mit seiner jungen Frau hinzu. 
Ich konnte mich nicht enthalten, die beiden darüber zu beglück- 
wünschen, wie blühend sie aussehen. Nun ist Professor Gärtner 
einer der Verfasser der Festschrift, von der ich eben sprach, und 
konnte mich wohl an diese erinnern. Auch die Frau L., deren 
Gebui^tatagsenttäuschung ich unlängst erzählte, war im Gespräche 
mit Dr. Königstein, in anderem Zusammenhange allerdings, er- 
wähnt worden. 

Ich will versuchen, auch die anderen Bestimmungen des Traxun- 
inhaltes zu deuten. Ein getrocknetes Spezimen der Pflanze liegt 
der Monographie bei, als ob es ein Herbarium wäre. Ans Her- 
barium knüpft sich eine Gymnasialerinnerung, unser Gymnasial- 
direkter rief einmal die Schüler der höheren Klassen zusammen, um 
ihnen das Herbarium der Anstalt zur Durchsicht und zur Reinigung 
zu übergeben. Es hatten sich kleine Würmer eingefunden — 
Bücherwurm. Zu meiner Hilfeleifttung scheint er nicht Zutrauen 
gezeigt zu haben, denn er überließ mir nur wenige Blätter. Ich weiß 
noch heute, daß Kruziferen darauf waren. Ich hatte niemals ein be- 
sonders intimes Verhältnis zur Botanik. Bei meiner botanischen Vor- 
prüfung bekam ich wiederum eine Kruzifere zur Bestimmung und — 
erkannte sie nicht. Es wäre mir schlecht ergangen, wenn nicht meine 
theoretischen Kenntnisse mir herausgeholfen hätten. — Von den 
Kruziferen gerate ich auf die Kompositen. Eigentlich ist auch die 
Artischocke eine Komposite, und zwar die, welche ich meine Lieb- 
lingsblume heißen könnte. Edler als ich, pflegt meine Frau mir 
diese Lieblingsblume häufig vom Markte heimzubringen* 

Orrg fnal f ro m 



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]20 ^* ^^ TraQmmatorial and die Traamqaellen. 

Icli sehe die Monographie vor mir liegen, die ich geschrieben 
habe. Auch dies ist nicht ohne Bezug. Mein visueller Freund schrieb 
mir gestern aus Berlin: „Mit deinem Traum buche beschäftige icli 
mich sehi' viel. Ichsehees fertig vor mir liege nund blättere 
darin.*' Wie habe ich ihn uin diese Sehergabe beneidet I Wenn ich 
es doch auch schon fertig vor mir liegen sehen könnte! 

Die zusammengelegte farbige Tafel: Als ich Student der 
Medizin war, litt ich viel unter dem Impuls, nur aus Monographien 
lernen ^u wollen. Ich hielt mir damals, trotz meiner beschränktem 
Mittel, mehrere medizinische Archive, deren farbige Tafeln mein 
Entzücken waren. Ich war stolz auf diese Neigung zur G],*ündlichkeit. 
Als ich dann selbst zu publizieren begann, mußte ich auch 'die Tafeln 
für meine Abhandlungen zeichnen und ich weiß, daß eine derselben 
so kümmerlich ausfiel, daß mich ein wohlwollender Kollege ihret- 
wegen verhöhnte. Dazu kommt noch, ich weiß nicht recht wie, eine 
se]^ frühe Jugenderinnerung. Mein Vater machte sich einmal den 
Scherz, mir und meiner ältesten Schwester ein Buch mit farbigen 
Tafeln (Beschreibung einer Reise in Persien) zur Vernichtung zu 
überlassen. Es war erziehlich kaum zu rechtfertigen. Ich war damals 
fünf Jahre, die Schwester unter drei Jahren alt, und das Bild, wie 
wir Kinder überselig dieses Buch zerpflückten (wie eine Arti- 
schocke, Blatt für Blatt, muß ich sagen), ist nahezu das einzige, 
was mir aus dieser Lebenszeit in plastischer Erinnerung geblieben ist. 
Als ich dann Student wurde, entwickelte sich bei mir eine aus- 
gesprochene Vorliebe, Bücher zu sammeln und zu besitzen (analog 
der Neigung, aus Monographien zu studieren, eine Liebhaberei« wie 
sie in den Traumgedanken betreffs Zyklamen und Artischocke be- 
reits vorkommt). Ich wurde ein Bücherwurm (vgl. Herbarium). 
Ich habe diese erste Leidenschaft meines Lebens, seitdem ich über 
mich nachdenke, immer auf diesen Kindereindruck zurückgeführt, 
oder .vielmehr, ich habe erkannt, daß diese Kinderszene eine „Deck- 
erinnerung" für meine spätere Bibliophilie ist*. Natürlich habe ich 
auch frühzeitig erfahren, daß man durch Leidenschaften leicht in 
Leiden gerät. Als ich 17 Jahre alt war, hatte ich 'ein ansehnliches 
Konto beim Buchhändler und keine Mittel, es zu begleichen, und ^mein 
Vater ließ es kaum als Entschuldigung gelten, daß sich meine Nei- 
gungen auf nichts Böseres geworfen hatten. Die Erwähnung dieses 
späteren Jugenderlebnisses bringt mich aber sofort zu dem Gespräche 
mit meinem Freunde Dr. Königstein zurück. Denn um dieselben 
Vorwürfe wie damals, daß ich meinen Liebhabereien zuviel nach- 
gebe, handelte es sich auch im Gespräche am Abend des Traumtages. 

Aue Gründen, die nicht hieher gehören, will ich die Deutung 
dieses Traumes nicht verfolgen, sondern bloß den Weg angeben, 
welcher zu ihr führt. Während der Deutungsarbeit bin ich an daa 
Gespräch mit Dr. Königstein erinnert worden, und zwar von mehr 
als einer Stelle aus. Wenn ich mir vorhalte, welche Dinge in diesem 
Gespräche berührt .worden sind, so wird der Sinn des Traumes mir 

♦ Vergleiche meinen AafsaU „über Deckerinnerungen" in der Monat- 
Schrift für Psychiatrie und Neurologie, 1899. 

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AnaljBe des TraomeM von der botanischen Monographie. \2y 

verständlich. Alle angefangenen Gedankengänge, von den Lieb- 
habereien meiner Frau und meinen eigenen, vom Kokain, von den 
Schwierigkeiten ärztlicher Behandlung unter Kollegen, von meiner 
Vorliebe für monographische Studien und meiner yernachlässigung 
gewisser Fächer wie der Botanik, dies alles erhält dann seine Fort- 
Betzung und mündet in irgend einen der Fäden der vielverzweigteh 
Unterredung ein. Der Traum bekommt wieder den Charakter einer 
Rechtfertigung, eines Plaidoyers für mein Recht, wie der erst ana- 
lysierte Traum von Irmas Injektion; ja er setzt das dort begonnene^ 
Thema fort und erörtert es an einem neuen Material, welches im 
Intervall zwischen beiden Träumen hinzugekommen ist. Selbst die 
scheinbar indifferente Ausdrucksform des Traumes bekommt einen 
Akzent. Es heißt jetzt: Ich bin doch der Mann, der die wertvolle 
Tind erfolgreiche Abhandlung (über das Kokain) geschrieben hat^ 
ähnlich wie ich damals zu meiner Bechtfertigung vorbrachte: Ich 
bin doch ein tüchtiger und fleißiger Student ; in beiden Fällen .also : 
Ich darf mir das erlauben. Ich kann aber auf die Ausführung der 
Traumdeutung hier verzichten, weil mich zur Mitteilung des Traumes 
nur die Absicht bewogen hat, an einem Beispiele die Beziehung des 
Trauminhaltes zu dem erregenden Erlebnis des Vortages zu unter- 
suchen. So lange ich von diesem Traume nur den manifesten Inhalt 
kenne, wird mir nur eine Beziehung des Traumes zu einem Tages- 
eindruck augenfällig; nachdem ich die Analyse gemacht habe, ergibi 
eich eine zweite Quelle des Traumes in einem anderen Erlebnis des- 
eelben Tages. Der erste der Eindrücke, auf welche sich der Traum 
bezieht, ist ein gleichgültiger, ein Nebenumstand. Ich sehe im Schau- 
fenster ein Buch, dessen Titel mich flüchtig berührt, dessen Inhalt 
mich kaum interessieren dürfte. Das zweite Erlebnis hatte einen 
hoh^i psychischen Wert; ich habe mit meinem Freunde, dem Augen- 
arzt, wohl eine Stunde lang eifrig gesprochen, ihm Andeutungen ge- 
macht, die uns beiden nahegehen mußten, und Erinnerungen in mir 
wachgerufen, bei denen die mannigfaltigsten Erregungen meines In- 
nern mir bemerklich wurden. Überdies wurde dieses Gespräch un- 
vollendet abgebrochen, weil Bekannte hinzukamen. Wie stehen nun 
die beiden Eindrücke des Tages zueinander und zu dem in der Nacht 
erfolgenden Traum? 

Im Trauminhalt finde ich nur eine Anspielung auf den gleich- 
gültigen Eindruck und kann so bestätigen, daß der Traum mit Vor- 
liebe Nebensächliches aus dem Leben in ^inen Inhalt aufnimmt. In 
der Traumdeutung hingegen führt alles auf das wichtige, mit Recht 
erregende Erlebnis hin. Wenn ich den Sinn des Traumes, wie e» 
einzig richtig ist, nach dem latenten, durch die Analyse zu Tage ge- 
förderten Inh%lt beurteile, so bin ich unversehens zu einer neuen und 
wichtigen Erkenntnis gelangt. Ich sehe das Rätsel zerfallen, daß der 
Traum sich nur mit den wertlosen Brocken des Tageslebens be- 
schäftigt; ich muß auch der Behauptung widersprechen, daß das 
Seelenleben des Wachens sich in den Traum nicht fortsetzt, und der 
Traum dafür psychische Tätigkeit an läppisches Material verschwendete 
Das Gegenteil ist wabr; was uns bei Tage in Anspruch genommen 
hat, beherrscht auch die Traumgedanken, und wir geben uns die: 



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J22 ^' ^^ Tnammaterul and die Inunnt^uellen. 

Mühe zu träumen nur bei solchen Materien, welche uns bei Tage 
Anlaß zum Denken geboten hätten. 

Die naheliegendste Erklärung dafür, daß ich doch vom gleich- 
gültigen Tageseindruck träume, während der mit Recht aufregende 
mich zum Traume veranlaßt hat, ist wohl die, daß hier wieder ein 
Phänomen der Traumentstellung vorliegt, welche wir oben auf eine 
als Zensur waltende psychische Macht zurückgeführt haben. Die 
Erinnerung an die Monographie über die Gattung Zyklamen erfährt 
eine Verwendung, als ob sie eine Anspielung auf das Qespräch. 
mit dem Freunde wäre, ganz ähnlich wie im Traume von dem ver- 
hinderten Souper die Erwähnung der Freundin durch die Anspielung^ 
„geräucherter Lachs" vertreten wird. Es fragt sich nur, durch welche 
Mittelglieder kann der Eindruck der Monographie zu dem Gespräche 
jnit d^m Augenarzt in das Verhältnis der Anspielung treten, da eine 
solche Beziehung zunächst nicht ersichtlich ist. In dem Beispiele 
vom verhinderten Souper ist die Beziehung von vornherein gegeben; 
„geräucherter Lachs" als die Lieblingsspeise der Freundin gehört ohn6 
weiteres zu dem Vorstellungskreise, den die Person der Freundin bei 
der Träumenden anzuregen vermag. In unserem neuen Beispiel han- 
delt es sich um zwei gesonderte Eindrücke, die zunächst nichts ge- 
meinsam haben, als daß sie am nämlichen Tage erfolgen. Die Mono- 
graphie fällt mir am Vormittage auf, das Gespräch führe ich <dann am 
Ab^id. Die Antwort, welche die Analyse an die Hand gibt, lautet: 
Solche erst nicht vorhandene Beziehungen zwischen den beiden Ein- 
drücken werden nachträglich vom Vorstellungsinhalt des einen zum 
Vorstellungsinhalt des anderen angesponnen. Ich habe die betreffen- 
<len Mittelglieder bereits bei der Niederschrift der Analyse hervor- 
gehoben. An die Vorstellung der Monographie über Zyklamen würde 
ich ohne Beeinflussung von anderswoher wohl nur die Idee knüpfen, 
daß diese die Lieblingsblume meiner Frau ist, etwa noch die Er- 
innerung an den vermißten Blumenstrauß der Frau L. Ich glaube 
nicht, daß diese Hintergedanken genügt hätten, einen Traum hervor- 
zurufen. 

„There needs no ghost, my lord, come from the ia:rave 
To teil US this" 

heißt es im Hamlet. Aber siehe da, in der Analyse werde ich 
daran erinnert, daß der Mann, der unser Gespräch störte, Gärtner 
hieß, daß ich seine Frau blühend fand; ja ich besinne '.mich eben 
jetzt nachträglich, daß eine meiner Patientinnen, die den schönen 
Namen Flora trägt, eine Weile im Mittelpunkte unseres Gespräches 
stand. Es muß so zugegangen sein, daß ich über diese Mittelglieder 
AUS dem botanischen Vorstellungskreis die Verknüpfung der beiden 
Tageserlebnisse, des gleichgültigen und des aufregenden, vollzog. Dann 
stellten sich weitere joeziehungen ein, zunächst die des Kokains, welche 
mit Fug und Recht zwischen der Person des Dr. Königstein und einer 
botanischen Monographie, die ich geschrieben habe, vermitteln kann, 
und befestigten diese Verschmelzung der beiden Vorstellungskreise zu 
einem, so daß nun ein Stück aus dem ersten Erlebnis als Anspielung 
auf daß zweite verwendet werden konnte. 

/^^^^I^ * Orfginalfrom 

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Die Verschiebung. 123 

Ich bin darauf gefaßt, daß man diese Aufklärung als eine will- 
kürliche oder als eine gekünstelte anfechten wird. Was wäre ge- 
schehen, wenn Professor Gärtner mit seiner blühenden Frau glicht 
hinzugetreten wäre, wenn die besprochene Patientin nicht FloraJ, 
-sondern Anna hieße? Und doch ist die Antwort leicht. "Wenn sich 
nicht diese Gedankenbeziehungen ergeben hätten, so wären wahr- 
scheinlich andere ausgewählt worden. Es ist so leicht, derartige Be- 
ziehungen herzustellen, wie ja die Scherz- und Eätselfragen, mit 
denen wii» uns den Tag erheitern, zu beweisen vermögen. Der Macht- 
bereich des Witzes ist ein uneingeschränkter, um einen Schritt weiter 
zu gehen: wenn sich zwischen den beidt^n Eindrücken des Tages, keine 
genug ausgiebigen Mittelbeziehungen hätten herstellen lassen, so wäre 
der Traum eben anders ausgefallen; ein anderer gleichgültiger Ein- 
druck des Tages, wie sie in Scharen an uns herantreten und von uns 
vergessen werden, hätte für den Traum die Stelle der „Monographie" 
übernommen, wäre in Verbindung mit dem Inhalt des Gespräches ge- 
langt und hätte dieses im Trauminhalt vertreten. Da kein anderer als 
der von der Monographie dieses Schicksal hatte, so wird er wohl der 
für die Verknüpfung passendste gewesen sein. Man braucht sich nie 
wie Häuschen Schlau bei Lessing darüber zu wundem, „daß nur 
die Reichen in der Welt das meiste Geld besitzen". 

Der psychologische Vorgang, durch welchen nach unserer Dar- 
stellung das gleichgültige Erlebnis zur Stellvertretung für das psy- 
chisch Wertvolle gelangt, muß uns noch bedenklich und befremdend 
erscheinen. In einem späteren Abschnitt werden wir uns vor der 
Aufgabe sehen, die Eigentümlichkeiten dieser scheinbar inkorrekten 
Operation unserem Verständnis näherzubringen. Hier haben wir es 
nur mit dem Erfolge des Vorganges zu tun, zu dessen Annahme wir 
durch ungezählte und regelmäßig wiederkehrende Erfahrungen bei 
der Traumanalyse gedrängt werden. Der Vorgang ist aber so, als ob 
eine Verschiebung — sagen wir: des psychischen Akzentes — 
auf dem Wege jener Mittelglieder zu stände käme, bis anfangs 
schwach mit Intensität geladene Vorstellungen durch Übernahme der 
Ladung von den anfänglich intensiver besetzten zu einer Stärke ge- 
langen, welche sie befähigt, den Zugang zum Bewußtsein zu er- 
zwingen. Solche Verschiebungen wundern uns keineswegs, wo es 
sich um die Anbringung von Affektgrößen oder überhaupt lun moto- 
rische Aktionen handelt. Daß die einsam gebliebene Jungfrau ihre 
Zärtlichkeit auf Tiere überträgt, der Junggeselle leidenschaftlicher 
Sammler wird, daß der Soldat einen Streifen farbigen Zeuges, die 
Pahne, mit seinem Herzblute verteidigt, daß im Liebesverhältnis 
ein um Sekunden verlängerter Händedruck Seligkeit erzeugt, oder 
im Othello ein verlorenes Schnupftuch einen Wutausbruch, das 
sind sämtlich Beispiele von psychischen Verschiebungen, die uns 
unanfechtbar erscheinen. Daß aber auf demselben Wege und nach 
denselben Grundsätzen eine Entscheidung darüber gefällt wird, 
was in unser Bewußtsein gelangt und was ihm vorenthalten bleibt, 
also was wir denken, das macht uns den Eindruck des Krankhaften, 
und wir heißen es Denkfehler, wo es im Wachleben vorkommt. Ver- 
raten wir hier als das Ergebnis später anzustellender Betrachtun^n, 

Orfg fnal f ro m 



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]24 ^' ^^^ Traaininateruü and die Tniamqellen. 

daß der psychische Vorgang, den wir in der Traumverschiebung er- 
kannt haben, sich zwar nicht als ein krankhaft gestörter, wohl aber 
als ein vom normalen verschiedener, als ein Vorgang von mehr pri- 
märer Natur herausstellen wird. 

Wir deuten somit die Tatsache, daß der Trauminhalt Beste von 
nebensächlichen Erlebnissen aufnimmt, als eine Äußerung der Traum* 
entstellung (duixh Verschiebung) und erinnern daran, daß wir in 
der Traumentstellung eine Folge der zwischen zwei psj-chischen In- 
stanzen bestehenden Diu*chgangszensur erkannt haben. Wir erwarten 
dabei, daß die Traumanalyse uns regelmäßig die wirkliche, psychisch 
bedeutsame Traumquelle aus dem Tagesleben aufdecken wird, derea 
Erinnerung jhren Akzent auf die gleichgültige Erinnerung verschoben 
hat. Durch diese Auffassung haben wir uns in vollen Gegensatz zu 
der Theorie von Kobert gebracht, die für uns unverwendbar ge- 
worden ist. Die Tatsache, welche Robert erklären wollte, besteht 
eben nicht; ihre Annahme beruht auf einem Mißverständnis, auf der 
Unterlassung, für den scheinbaren Trauminhalt den wirklichen Sinn 
des Traumes einzusetzen. Man kann noch weiterhin gegen die Lehr& 
von Robert einwenden: Wenn der Traum wirklich die Aufgabe hätte, 
unser Gedächtnis durch besondere psychische Arbeit von den 
„Schlacken" der Tageserinnerung zu befreien, so müßte unser Schla- 
fen gequälter sein und auf angestrengtere Arbeit verwendet werden, 
als wir es von unserem wachen Geistesleben behaupten können. Denn 
die Anzahl der indifferenten Eindrücke des Tages, vor denen wir 
unser Gedächtnis zu schützen hätten, ist offenbar unermeßlich groß; 
die Nacht würde nicht hinreichen, die Summe zu bewältigen. Es ist 
sehr viel wahrscheinlicher, daß das Vergessen der gleichgültigen Ein- 
drücke ohne aktives Eingreifen unserer seelischen Mächte vor sich geht. 

Dennoch, verspüren wir eine AVarnung, von dem Robert sehen 
Gedanken ohne weitere Berücksichtigung Abschied zu nehmen. Wir 
haben die Tatsache unerklärt gelassen, daß einer der indifferenten 
Eindrücke dee Tages — und zwar des letzten Tages — regelmäßig 
einen Beitrag zum Trauminhalt liefert. Die Beziehungen zwi- 
schen diesem Eindruck und der eigentlichen Traumquelle im Unbe- 
wußten bestehen nicht immer von vornherein; wie wir gesehen haben» 
werden sie erst nachträglich, gleichsam ziun Dienste der beabsich- 
tigten Verschiebung, während der Traumarbeit hergestellt. Es muß 
also eine Nötigung vorhanden sein, Verbindungen gerade nach der 
Richtung des rezenten, obwohl gleichgültigen Eindruckes anzubahnen; 
dieser muß eine besondere Eignung durch irgend eine Qualität 
dazu bieten. Sonst wäre es ja ebenso leicht durchführbar, daß die 
Traumgedanken ihren Akzent auf einen unwesentlichen Bestandteil ihres, 
leggenen Vorstellungskreises verschieben. 

Folgende Erfahrungen können uns hier auf den Weg zur Auf- 
klärung leiten. Wenn uns ein Tag zwei oder mehr Erlebnisse ge- 
bracht hat, welche Träume anzuregen würdig sind, so vereinigt der 
Traum die Erwähnung beider zu einem einzigen Ganzen; er gehorcht 
einem Zwang, eine Einheit aus ihnen zu gestalten; z. B.: Ich 
stieg eines Nachmittags im Sommer in ein Eisenbahncoupe ein, in 
welchem ich zwei Bekannte traf, die einander aber fremd waren. Der 



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^Rapprochement force.* 125 

<5ino war ein einflußreicher Kollege, der andere ein Angehöriger einer 
vornehmen Familie, in welcher ich ärztlich beschäftigt war. Ich 
onachto die beiden Herren miteinander bekannt; ihr Verkehr ging 
^ber während der langen Fahrt über mich, so daß ich bald mit dem 
^inen, bald mit dem anderen einen Gesprächsstoff zu behandeln hatte. 
Den Kollegen bat ich, einem gemeinsamen Bekannten, der eben seine 
-ärztliche Praxis begonnen hatte, seine Empfehlung zuzuwenden. Der 
Kollege erwiderte, er eei von der Tüchtigkeit des jungen ilannes über- 
zeugt, aber sein unscheinbares Wesen werde ihm den Eingang in Vor- 
nehme Häuser nicht teicht werden lassen. Ich erwiderte: Gerade 
<larum bedarf er der Empfehlung. Bei dem anderen Mitreisenden er- 
kundigte ich !mich bald darauf nach dem Befinden seiner Tante — der 
Mutter einer meiner Patientinnen — , welche damals schwer krank 
-danieder lag. In der Nacht nach dieser Reise träumte ich, mein 
junger Freund, für den ich die Protektion erbeten hatte, befinde sich 
in einem eleganten Salon und halte vor einer ausgewählten Gesell- 
schaft, in die ich alle mir bekannten vornehmen und reichen Leute 
versetzt hatte, mit weltmännischen Gesten eine Trauerrede auf die 
(für den Traum bereits verstorbene) alte Dame, welche die Tante 
•des zweiten Reisegenossen war. (Ich gestehe offen, daß ich mit dieser 
Dame nicht in guten Beziehungen gestanden hatte.) Mein Traum hatte 
also wiederum Verknüpfungen zwischen beiden Eindrücken des Tages 
.aufgefunden und mittels derselben eine einheitliche Situation kom- . 
poniert. 

Auf Grund vieler ähnlicher Erfahrungen muß ich den Satz auf- 
stellen, daß für die Traumarbeit eine Art von Nötigung besteht, alle 
vorhandenen Traumreizquellen zu einer Einheit im Traume zusammen- 
ÄUgetzen*. Wir werden diesen Zwang zur Zusammensetzung in 
•einem späteren Abschnitt (über die Traumarbeit) als ein Stück der 
Verdichtung, eines anderen psychischen Primärvorganges, kennen 
lernen. 

Ich will jetzt die Frage in Erörterung ziehen, ob die traum- 
-erregende Quelle, auf welche die Analyse hinführt, jedesmal ein re-* 
^entes (und bedeutsames) Ereignis sein muß. oder ob ein inneres Er- 
lebnis, also die Erinnerung an ein psychisch wertvolles Ereignis, ein 
•Gedankengang, die Rolle des Traumerregers übernehmen kann. Die 
Antwort, die sich aus zahlreichen Analysen auf das bestimmteste er- 
gibt, lautet im letzteren Sinne. Der Traumerreger kann ein innerer 
Vorgang sein, der gleichsam durch die Denkarbeit am Tage rezent 
geworden ist. Es wird jetzt wohl der richtige Moment sein, die 
verschiedenen Bedingungen, welche die Traumquellen erkennen lassen, 
in einem Schema zusammenzustellen. 

Die Traumq^uelle kann sein: 

a) Ein rezentes und psychisch bedeutsames Erlebnis, welches im 
Traume direkt vertreten ist**. 



* Die Neigung der Tiaumarbeifc, gleichzeitig als interessant Vorhandenes 
in einer Beliandlimg zu verschmelzen, ist bereits von mehreren Autoren bemerkt 
worden, z. B. von Belage (p. 41), Delboenf: rapproohement forc6 (p. 236); 
«uidere hübsche Beispiele bei H. E 1 1 i s (p. 35 u. ff.) u. a. 

** Tranm von Irmas Injektion; Traum vom Freunde^ der mein Onkel ist. 



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126 ^'' ^** TraümmHierial und die Traam quellen. 

b) Mehrere rezente, bedeutsame Erlebnisse, die durch den Trauma 
zu einer Einheit vereinigt werden*. 

c) Ein oder mehrere rezente und bedeutsame Erlebnisse, die im 
Trauminhalt durch die Erwähnung eines gleichzeitigen, aber indiffe- 
renten Erlebnisses vertreten werden**. 

d) Ein inneres bedeutsames Erlebnis (Erinnerung, Gedanken- 
gang), welches dann im Traume regelmäßig durch die Erwähnung 
eines rezenten, aber indifferenten Eindruckes vertreten wird***. 

Wie man sieht, wird für die Traumdeutung durchwegs die Be- 
dingung festgehalten, daß ein Bestandteil des Trauminhalt^ einen 
rezenten Eindruck des Vortages wiederholt. Dieser zur Vertretung 
im Traume bestimmte Anteil kann entweder dem Vorstellungskreis 
des eigentlichen Traumerregers selbst angehören, — und zwar entweder 
als wesentlicher oder als unwichtiger Bestandteil desselben — oder 
er rührt aus dem Bereiche eines indifferenten Eindruckes her, der 
durch mehr oder minder reichliche Verknüpfung mit dem Kreise des 
Traumerregers in Beziehung ^gebracht worden ist. Die scheinbare 
Mehrheit der Bedingungen kommt hier nur durch die Alternative 
zu stände, daß eine Verschiebung unterblieben oder vorge^ 
fallen ist, und wir merken hier, daß diese Alternative uns dieselbe 
Leichtigkeit bietet, die Kontraste des Traumes zu erklären, wie der 
medizinischen Theorie des Traumes die Reihe vom partiellen bis zum 
Völlen Wachen der Gehirnzellen (vgl. S. 53 f.). 

Man bemerkt an dieser Reihe femer, daß das psychisch wert* 
volle, aber nicht rezente Element (der Gedankengang, die Erinnerung) 
für die Zwecke der Traumbildung durch ein rezentes, aber psychisch, 
indifferentes Element ersetzt werden kann, wenn dabei nur die beiden 
Bedingungen eingehalten werden, daß 1. der Trauminhalt eine Aur 
knüpf ung an das rezent Erlebte erhält; 2. der Traumerreger ein» 
psychisch wertvoller Vorgang bleibt. In einem einzigen Falle (a) 
werden beide Bedingungen durch denselben Eindruck erfüllt. Zieht 
man noch in Erwägung, daß dieselben indifferenten Eindrücke, welche 
•für den Traum verwertet werden, solange sie rezent sind, diese 
Eignung einbüßen, sobald sie einen Tag (oder höchstens mehrere) 
älter geworden sind, so muß man sich zur Annahme entschließen, daß 
die Frische eines Eindruckes ihm an sich einen gewissen psychischen 
Wert für die Traumbildung verleiht, welcher der Wertigkeit affekt- 
-betonter Erinnerungen oder Gedankengänge irgendwie gleichkommt. 
Wir werden erst bei späteren psychologischen Überlegungen erraten 
können, worin dieser ^eri rezenter Eindrücke für die Traumbildung 
begründet sein kann f. 

Nebenbei wird hier unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß. 
zur Nachtzeit und von unserem Bewußtsein unbemerkt wichtige Ver- 
änderungen mit unserem Erinnerungs- und Vorstellungsmaterial vor 
sich gehen können. Die Forderung, eine Nacht über eine Angelegen- 

* Traum von der Trauerrede des jungen Arztes. 
♦* Traum von der botanischen Monographie. 
*** Solcher Art sind die meisten Träume meiner Patienten während der 
Analyse. 

t Vgl. im Abschnitt VII über die „Übertragung**. 



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Das Ketepte und da» Indifferente. J27 

• 

heit zu schlafen, ehe man sich endgültig über sie entscheidet, ist offen- 
bar vollberechtigt. Wir merken aber, daß wir an diesem Punkte aus 
der Psychologie des Träumens in die des Schlafes übergegriffen haben, 
ein Schritt, zu welchem eich der Anlaß noch öfter ergeben wird*. 

E3 gibt nun einen Einwand, welcher die letzten Schlußfolgerun- 
gen umzuistoßen droht. .Wenn indifferente Eindrücke nur solange sie 
rezent eind in dto Trauminhalt gelangen können, wie kommt es, daß 
wir im Trauminhalt auch Elemente aus frühere^^ Lebensperioden 
vorfinden, die zur Zeit, da sie rezent waren, — nach Strümpells 
Worten keinen psychischen Wert besaßen, also längst vergessen sein 
sollten« Elemente also, die weder frisch noch psychisch bedeutsam sind P' 

Dieser Einwand ist voll zu erledigen, wenn man sich auf die 
Ergebnisse der Psychoanalyse bei Neurotikern stützt. Die Lösung 
lautet nämlich, daß die Verschiebung, welche das psychisch wichtige 
Material durch indifferentes ersetzt (für das Träumen wie für das 
Denken), hier bereits in jenen frühen Lebensperioden stattgefunden 
hat und seither im G^edächtnis fixiert worden ist. Jene ursprünglich 
indifferenten Elemente sind eben nicht mehr indifferent, seitdem sie 
durch Verschiebung die Wertigkeit vom psychisch bedeutsamen Ma- 
terial übernommen haben. Was wirklich indifferent geblieben ist, kann, 
auch nicht mehr im Traume reproduziert werden. 

Aus den vorstehenden Erörterungen wird man mit Becht schlie- 
ßen, daß ich die Behauptung aufstelle, es gebe keine indifferenten 
Traumerreger, also auch keine harmlosen Träume. Dies ist in aller 
Strenge und AusschließUchkeit meine Meinung, abgesehen von den 
Träumen der Kinder und etwa den kurzen Traumreaktionen auf nächt- 
liche Sensationen. Was man sonst träumt, ist entweder manifest als^ 
psychisch bedeutsam zu erkennen, oder es ist entstellt und dann erst 
nach vollzogener Traumdeutung zu beurteilen, worauf es sich wie- 
d^oim als bedeutsam zu erkennen gibt. Der Traum gibt sich nie mit 
Kleinigkeiten ab; um Geringes lassen wir uns im Schlafe nicht stö- 
ren**. Die scheinbar harmlosen Träume erweisen sich als arg, wenn 

* Einen wichtigen Beitrag, der die Rolle des Rezenten für die Traum- 
bildnng betrifft, bringt O. Pötzl in einer an Anknüpfungen überreichen Arbeit 
(Experimentell erregte Traumbilder .in ihren Beziehungen zum indirekten Sehen. 
Zeitschr. für die ges. Neurologie und Psychiatrie XXXVII, 1917). Pötzl ließ 
Ton verschiedenen Yersuchspers(Hien in Zeichnung fixieren, was sie von einem 
tachistoskopisch exponierten Bild bewußt aufgefaßt hatten. Er Icümmerte sich 
dann um den Traum der Versuchsperson in der folgenden Nacht und ließ 
geeignete Anteile dieses Tiaumes gleichfalls durch eine Zeichnung darsteUen. 
Es ergab sich dann unverkennbar, daß die nicht von der Versuchsperson auf- 
gefaßten Einzelheiten des exponierten Bildes Material für die Tiaumbildung ge- 

• liefert hatten, während die bewußt wahrgenommenen und in der Zeichnung 
nach der Exposition fixierten im manifesten Trauminhalt nicht wieder erschienen, 
waren. Das von der Traumarbeit aufgenommene Material wurde von ihr in der 
bekannten „willkürlichen", richtiger: selbstherrlichen Art im Dienste der traum- 

. bildenden Tendenzen verarbeitet. Die Anregungen der Pötzl sehen Untersuchung 

* gehen weit über die Absichten einer Trawimdeutung, wie sie in diesem Buche 
versucht wird, hinaus. Es sei noch mit einem Wort darauf hingewiesen, wie 
weit diese neue Art, die Tiaumbildung experimentell zu studieren, von der 
früheren groben Technik absteht^ die darin bestand, schlaf störende Beize in den 

. Tmuminhalt einzuführen. 

♦♦ H. Ellis, der liebenswürdigste Kritiker der „Traumdeutung*, schreibt 
(p. 169): „Da ist der Punkt, von dem an viele von uns nicht mehr im stände 



C f\n n 1 ^ Un g I n al f no m 

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128 "^'^ ^^"^ Traammaterial and die Traamc^ueilen. 

man sich um ihre Deutung bemüht; wenn man mir die Redensart ge- 
stattet, sie haben es „faustdick hinter den Ohren". Da dies wiederum, 
ein Punkt ist, bei dem ich Widerspruch erwarten darf, und da ich 
gern die Gelegenheit ergreife, die Traumentstellung bei ihrer Arbeit 
zu zeigen, will ich eine Reihe von „harmlosen" Traumen aus mei- 
ner Sammlung hier der Analyse unterziehen. 

I. Eine kluge und feine junge Dame, die aber auch im Leben 
•zu den Reservierten, zu den „stillen Wassern" gehört, erzählt: Ich 
habe geträumt, daß ich auf den Markt zu spät kommeuad 
beim Fleischhauer sowie bei der Gemüsefrau nichts be- 
komme. Gewiß ein harmloser Traum, aber so sieht ein Traum nicht 
aus; ich lasse ihn mir detailliert erzählen. Dann lautet der Bericht 
folgendermaßen: Sie geht auf den Markt mit ihrer Köchin, 
KÜe den Korb trägt. Der Fl ei seh hau er sagt ihr, nachdem sie 
^twas verlangt hat: Das ist nicht mehr zu haben, und will 
ihr etwas anderes geben mit der Bemerkung: Das ist auch 
gut. Sie lehnt ab und geht zur Gemüsefrau. Die will ihr 
•ein eigentümliches Gemüse verkaufen, was in Bündeln zu- 
sammengebunden ist, aber schwarz von Farbe. Sie sagt: 
Das kenne ich nicht, das nehme ich nicht. 

Die Tagesanknüpfung des Traumes i^t einfach genug. Sie war 
wirklich zu spät auf den Markt gegangen und hatte nichts mehr be- 
kommen. Die Fleischbank war schon geschlossen, drängt sich 
einem als Beschreibung des Erlebnisses auf. Doch halt, ist das nicht 
eine recht gemeine Redensart, die — oder vielmehr deren G^gienteil 
— auf eine Nachlässigkeit in der Kleidung eines Mannes geht? Die 
Träumerin hat diese Worte übrigens nicht gebraucht, ist ihnen viel- 
leicht ausgewichen; suchen wir nach der Deutung der im Traume 
•enthaltenen Einzelheiten. 

Wo etwas im Traume den Charakter einer Rede hat, also gesagt 
oder gehört wird, nicht bloß gedacht — was sich meist sicher luiter- 
-scheiden läßt — , da stammt es von Reden des wachen Lebens her, 
•die freilich als Rohmaterial behandelt, zerstückelt, leise verändert, 
vor allem aber aus dem Zusammenhange gerissen worden sind*^. 
Man kann bei der Deutungsarbeit von solchen Reden ausgehen. Woher 
stammt also die Rede des Fleischhauers: Das ist nicht mehr zu 
Jiaben? Von mir selbst; ich hatte üir einige Tage vorher erklärt, 
„daß die ältesten Kindererlebnisse nicht mehr als solche« zu haben 
«ind, sondern durch ,Übertragungen' und Träume in der Analyse 
ersetzt werden". Ich bin also der Fleischhauer, und sie lehnt diese j 
Übertragungen alter Denk- und Empfindungs weisen auf die Gegenwart } 
ab. — Woher rührt ihre Traumrede: Das kenne ich nicht, das 
nehmo ich nicht? Diese ist für die Analyse zu zerteilen. „Das 
kenne ich nicht" hat sie selbst Tags vorher zu ihrer Köchin ge- 



sein werden, F. weiter zu folgen." Allein H. Ellis bat keine Analysen von 
Trätimen angestellt und will nicht glauben, wie unbereohtigt deus Urteilen nach 
•dem manifesten Trauminhalt ist. 

* Vgl. über die Reden im Traume im Abschnitte über die Tranmarbeit. 
Ein einziger der Autoren scheint die Herkunft der Traumreden erkannt zu haben, 
l>elboeuf (j>. 226), indem er sie mit „olichös*" vergleicht. 






C^r%r\n\t> Orrgmaffrom 

VjUU^H^ UNIVERSIWOF MICHIGAN 



Hsnnlote Tiftoine. 



129 



■ 



sagt, mit der sie einen Streit hatte, damals aber hin;zugef ügt : Be- 
nehmen Sie sich anständig. Hier wird eine Verschiebung greif- 
bar; von den beiden Sät/zen, die sie gegen ihi^ Köchin gebraucht, 
hat sie den bedeutungslosen in den Traum genommen; der unter- 
drückte aber: „Benehmen Sie sich anständig!" stimmt allein zum 
übrigen Trauminhalt. So könnte man jemandem zurufen, der unan- 
atändige Zumutungen wagt und vergißt, „die Fleischbank zuzu- 
fichließen". Daß wir der Deutung wirklich auf die Spur gekommen 
sind, beweist dann der Zusammenklang mit den Anspielungen, die 
in der Begebenheit mit der Gemüsefrau niedergelegt sind. Ein Ge- 
i&üse, das in Bündeln zusammengebunden verkauft wird (länglich 
ist, wie sie na^jhträglich hinzufü^), und dabei schwarz, was kann 
das anderes sein als die Traumvereinigung von Spargel und schwar- 
zem Eettig? Spargel brauche ich keinem und keiner Wissenden zu 
deuten, aber auch das andere Gemüse — als Zuruf: Schwarzer, 
rett' dich! — scheint mir auf das nämliche sexuelle Thema hinzu- 
weisen, das wir gleich anfangs errieten, als wir für die Traumerzäh- 
lung einsetzen wollten: die Fleischbank war geschlossen. Es kommt 
nicht darauf an, den Sinn dieses Traumes vollständig zu erkennen; 
80 viel steht fest, daß er sinnreich ist und keineswegs harmlos*. 

. n. Ein anderer harmloser Traum derselben Patientin, in ge- 
wisser Hinsicht ein Gegenstück zum vorigen: Ihr Mann fragt: 
Soll man das Klavier nicht stimmen lassen? Sie: Es lohnt 
nicht, es muß ohnedies neu beledert werden. Wiederum die 
"^Wiederholung eines realen Ereignisses vom Vortag. Ihr Mann hat so 
gefragt und sie so ähnlich geantwortet. Aber was bedeutet es, daß 
ßie es träumt? Sie erzählt zwar vom Klavier, es sei .ein ekelhafter 
Kasten, der einen schlechten Ton gibt, ein Ding, das ihr Mann 
schon vor der Ehe besessen hat** usw., aber den Schlüssel zur Lö- 
sung ergibt doch erst die Bede: Es lohnt nicht. Diese stammt 
von einem gestern gemachten Besuche bei ihrer Freundin. Dort wurde 
sie aufgefordert, ihre Jacke abzulegen, und weigerte sich mit den 
Worten; es lohnt nicht, ich muß gleich gehen. Bei dieser Erzählung 
"muß mir einfallen, daß sie gestern während der Analysenarbeit plötz- 
lich an ihre Jacke griff, an der sich ein Knopf geöffnet hatte. Es ist 
also, als wollte sie sagen: Bitte, sehen Sie nicht hin, es lohnt nicht. 
So ergänzt sich der Kasten zum Brustkasten, und die Deutung 
des Traumes führt direkt in die Zeit ihrer körperlichen Entwicklung, 

* Piir Wißbegierige bemerke ich, daß hinter dem Traume sich eine Phan- 
tasie verbirgt von unanständigem, sexuell provozierendem Benehmen meinerseits 
und von Abwehr von Seite der Dame. Wem diese Deutung unerhört erscheinen 
BoUtey den mahne ich an die zahlreichen FaUe, wo Arzte solche Ankla^^n von 
hysterischen Frauen erfahren haben, bei denen die nämliche Phantasie nicht 
entstellt und als Traum aufgetreten, sondern unverbaut bewußt und wahnhaft 
geworden ist. — Mit diesem Traume trat die Patientin in die psychoanalytische 
Behandlung ein. Ich lernte erst später verstehen, daß sie mit ihm d&s initiale 
Trauma wiederholte, von dem ihre Neurose ausg^ing, und habe seither das gleiche 
Verlialten bei anderen Personen gefunden, die in ihrer Kindheit sexuellen Atten- 
taten ausgesetzt waren und nun gleichsa/m^ deren Wiederholung im Traume her- 
beiwünschten. 

**■ Eine Ersetzung durch das Gegenteil, wie uns nach der Deutung klar 
werden wird. 



Frend, Tmamdeulnngr. 5. Atifl 



yC^OOgle 



Orrgfnaf from 
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130 ^' ^^ Tranmxniiteml and die Tratunqaelleu. 

da sie anfing, mit ihren Körperform^n unzufrieden zu sein. Es fühH^ 
auch wohl in frühere Zeiten, wenn wir auf das „Ekelhaft" und 
den Mse hl echten Ton" Rücksicht nehmen und uns daran erinnern, 
wie häufig die kleinen Hemisphären des weiblichen Körpers — als 
GegenBatz und als Ersatz — für die großen eintreten, — in der An- 
spielung und im Traume. 

III. Ich unterbreche diese Seihe, indem ich einen kurzen harm- 
losen Traum eines jungen Mannes einschiebe. Er hat geträumt, da& 
er wieder seinen Winterrock anzieht, was schrecklich ist. 
Anlaß dieses Traumes ist angeblich die plötzlich wieder eingetreten^ 
Kälte. Ein feineres Urteil wird indes bemerken, daß die beiden 
kurzen Stücke des Traumes nicht gut zueinander passen, denn in der 
Kälte den schweren oder dicken Bock tragen, was könnte daran 
„schrecklich" sein. Zum Schaden für die Harmlosigkeit dieses Trau- 
me« bringt auch der erste Eüifall bei der Analyse die Erinnerung, daß 
eine Dame ihm gestern vertraulich gestanden, daß ihr letztes Kind 
einem geplatzten Kondom seine Existenz verdankt. Er rekonstruiert 
nun seine Gedanken bei diesem Anlasse: Ein dünner Kondom ist go- 
fährlich, ein dicker schlecht. Der- Kondom ist der „Überzieher" mit 
Recht, man zieht ihn ja über; so heißt man auch einen leichten Bock. 
Ein Ereignis wie das von der Dame berichtete wäre für den un- 
verheirateten Mann allerdings „schrecklich". — Nun wieder zurück 
zu unserer harmlosen Träumerin. 

IV. Sie steckt eine Kerze in den Leuchter; die Kerze 
ist aber gebrochen, so daß sie nicht gut steht. I?ie Mäd- 
chen in der Schule sagen, sie sei ungeschickt; das Fräu- 
lein aber, es sei nicht ihre Schuld. 

Ein realer Anlaß auch hier; sie hat gestern wirklich eine Kerze 
in den Leuchter gesteckt; die war aber nicht gebrochen. Hier ist eine 
durchsichtige Symbolik verwendet worden. Die Kerze ist ein Gegen- 
stand, der die weiblichen Genitalien reizt; wenn sie gebrochen ist, s(v 
daJi sie nicht gut steht, so bedeutet dies die Impotenz des Mannes 
(„es sei nicht ihre Schuld"). Ob nur die sorgfältig erzogene und 
allem Häßlichen fremd gebliebene junge Frau diese Verwendung der 
Kerze kennt? Zufällig kann sie noch angeben, durch welches Er- 
lebnis sie zu dieser Erkenntnis gekommen ist. Bei einer Kahnfahrt 
auf dem Bhein fährt ein Boot an ihnen vorüber, in dem Studentei^ 
eitzeji, welche mit großem Behagen ein Lied singen oder brüllen: 
„Wenn die Königin von Schweden bei geschlossenen Fensterläden mit 
Apollokerzen .<=> *-;A*Mcr-^ 

Das letzte Wort hört oder vei-steht sie nicht. Ihr Mann muß 
ihr die verlangte Aufklärung geben. Diese Verse sind dann im ;Traum- 
inhalt ersetzt durch eine hamSose Erinnerung an einen Auftrag, den 
sie einmal im Pensionat ungeschickt ausführte, und zwar vermöge 
des Ijremeinsamen: geschlossene Fensterläden. Die Verbindung 
des Themas von der Onanie mit der Impotenz ist klar genug. „Apollo" 
im latenten Trauminhalt verknüpft diesen Traum mit einem früheren» 
in dem von der jungfräulichen Palla« die Bede war. Alles wahrlich 
nicht harmlos. 

C f\n n 1 f^ Orf g f n a I f no m 

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Harmioao Trftume. 



131 



V. Damit man eich die Schlüsse aus den Träumen auf die 
wirklichen Lebensverhältnisse der Träumer nicht zu leicht vorstelle, 
füge ich noch einen Traum an, der gleichfalls harmlos seheint ^und 
von derselben Person herrührt. Ich habe etwas geträumt, erzählt 
sie, was ich bei Tag wirklich getan habe, nämlich einen 
kleinen Koffer so voll mit Büchern gefüllt, daß ich Mühe 
hatte, ihn zu schließen, und ich habe es so geträumt, wie 
es. wirklich vorgefallen ist. Hier legt die Erzählerin selbst das 
Hauptgewicht auf die Übereinstimmung von Traum und Wirklichkeit. 
Alle solche Urteile über den Traum, Semerkungexj zum Traume, ge- 
hören nun, obwohl sie sidi einen Platz im wachen Denken geschaffen 
haben, doch regelmäßig in den latenten Trauminhalt, wie uns noch 
spätere Beispiele bestätigen werden. Es wird uns also gesagt, das, ^was 
der Traum erzählt, ist am Tage vorher wirklich vorgefallen*. Es ^wäre 
nun zu weitläufig, mitzuteilen, auf welchem Wege man zum Einfalle 
kommt, bei der Deutung das Englische zur Hilfe zu nehmen. Genug, 
es handelt sich wieder um eine kleine box (vgl. S. 108 den Traum vom 
toten Kind in der Schachtel), die so angefüllt worden ist, daß nichts 
mehr hineinging. Wenigstens nichts Arges diesmal. 

In all diesen „harmlosen^' Träumen schlägt das sexuelle Mo- 
ment als Motiv der Zensur so sehr auffällig vor. Doch ist dies ein 
Thema von prinzipieller Bedeutung, welches wir zur Seite stellen 
müssen. 

b) Das I nfäntjje als Traumquelle. 

Als dritte unter den Eigentümlichkeiten des Trauminhaltes haben 
wir mit allen Autoren (bis auf Robert) angeführt, daß im Traume) 
Eindrücke aus den frühesten Lebensaltern erscheinen können, über 
welche das Gedächtnis im Wachen nicht zu verfügen scheint. Wie 
selten oder wie Tiäufig sich dies ereignet, ist begreiflicherweise schwer 
zu beurteilen, weil die betreffenden Elemente des Traumes nach dem 
Erwachen nicht in ihrer Herkunft erkannt werden. Der Nachweis, daß 
es sich hier um Eindrücke der Kindheit handelt, muß also auf objek- 
tivem Wege erbracht werden, wozu sich die Bedingungen nur in 
seltenen Fällen zusammenfinden können. Als besonders beweiskräftig 
wird von A. Maury die Geschichte eines Mannes erzählt, welcher 
eines Tages sich entschloß, nach zwanzigjähriger Abwesenheit seinen 
Heimatsort aufzusuchen. In der Nacht vor der Abreise träumte er, -er 
sei in einer ihm ganz unbekannten Ortschaft und begegne' daselbst 
auf der Straße einem unbekannten Herrn, mit dem er sich unterhalte. 
In seine Heimat zurückgekehrt, konnte er sich nun überzeugen, daß 
diese unbekannte Ortschaft in nächster Nähe seiaer Heimatstadt wirk- 
lich existiere, und auch der unbekannte Mann des Traumes stellte ^ich 
als ein dort lebender Freund seines verstorbenen Vaters " heraus. Avohl 
ein zwingender Beweis dafür, daß er beide, Mann wie Ortschaft, in 
seiner Kindheit gesehen hatte. Der Traum ist übrigens als üngedulds- 
traum zu deuten wie der des Mädchens, welches das Billet für den 
Konzertabend in der Tasche trägt (S. 108), des Kindes, welchem der 
Vater den Ausflug nach dem Hameau versprochen hat, u. dgl. Die 



• Vgl. 8. 16, Note. 



s* 



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J32 ^* ^^ Traammateruü aad die Trautoiqaell'^ . 

Motive, welche dem Träumer gerade diesen Eindruck aus seiner Kind- 
heit reproduzieren, sind natürlich ohne Analyse nicht aufzudocken. . 

Einer Imeiner Kolleghörer, welcher sich rühmte, daß seine 
Träume nur sehr selten der Traumentstellung unterliegen, teilte mir 
mit, daß er vor einiger Zeit im Traume gesehen, sein ehemaliger ' 
Hofmeister befinde sich im Bette der Bonne, die bis zu \ 
seinem elften Jahre im Hause gewesen war. Die örtlichkeit für diese • 
Szene fiel ihm noch im Traume ein. Lebhaft interessiert teilte er den « 
Traum seinem älteren Bruder mit, der ihm lachend die AVirklichkeit.'des J 
Gteträumten bestätigte. Er erinnere sich sehr gut daran, denn er sei 1 
damals sechs Jahre alt gewesen. Das Liebespaar pflegte ilin, den j 
älteren Knaben, durch Bier betrunken zu machen, wenn die umstände J 
einem nächtlichen Verkehre günstig waren. Das kleinere, damals drei- t 
jährige Kind — unser Träumer — , das im Zimmer der 'Bonne schlief, ( ■ 
wurde nicht als Störung betrachtet. ; 

Noch in einem anderen Falle läßt es sich mit Sicherheit ohne Jf 
Beihilfe der Traumdeutung feststellen, daß der Traum Elemente aus s 
der Kindheit enthält, wenn nämlich der Traum ein sogenannter J 
perennierender ist, der, in der Kindheit zuerst geträumt, später r 
immer wieder von Zeit zu Zeit während des Schlafes des Erwach- (. 
senen auftritt. Zu den bekannten Beispielen dieser Art kann ich (einige 1 
aus meiner Erfahrung hinzufügen, wenngleich ich an mir *>elbst einen • 
solchen perennierenden Traum nicht kennen gelernt habe. Ein Arzt * 
in den Dreißigern erzählte mir, daß in seinem Traumleben von den ?• 
ersten Zeiten seiner Kindheit an bis zum heutigen Tage häufig ein ' 
gelber Löwe erscheint, über den er die genaueste Auskunft zu geben *; 
vermag. Dieser ihm aus Träumen bekannte Löwe fand sich nämlich V 
eines Tages in natura als ein lange verschollener Gegenstand aus r 
Porzellan vor, und der junge Mann hörte damals von seiner Mutter, i 
daß diesem Objekt das begehrteste Spielzeug seiner frühen Kinderzeit 
gewesen war, woran er sich selbst nicht mehr erinnern konnte. 

"Wendet man sieh nun von dem manifesten Trauminhalt zu den 
Traumgedanken, welche erst die Analyse aufdeckt, so kann man mit 
Erstaunen die Mitwirkung der Kindheitserlebnisse auch bei solchen 
Träumen konstatieren, deren Inhalt keine derartige Vermutung er- 
weckt hätte. Dem geehrten Kollegen vom „gelben Löwen" verdanke 
ich ein besonders liebenswürdiges und lehrreiches Beispiel eines 
solchen Traumes. Nach der Lektüre von Nansens Reisebericht über 
seine Polarexpedition träumte er, in einer Eiswüste galvanisiere er 
den kühnen Forscher wegen einer Ischias, über welche dieser klage I 
Zur Analyse dieses Traumes fiel ihm eine Geschichte aus seiner 
Kindheit ein, ohne welche der Traum allerdings unverständlich bleibt. 
Als er ein drei- oder vierjähriges Kind war, hörte er eines Tages 
neugierig zu, wie die Erwachsenen von Entdeckungsreisen sprachen, 
und fragte dann den Papa, ob das eine schwere Krankheit sei. Er 
hatte offenbar Eeisen mit „Reißen" verwechselt, und der Spott 
seiner Geschwister sorgte dafür, daß ihm das beschämende Erlebnis 
nicht in Vergessenheit geriet. 

Ein ganz ähnlicher Fall ist es, wenn ich in der Analyse 
des Traumes von der Monographie über die Gattung Zyklamen auf 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f no m 

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Das infantile Moment im Onkeltraam. I33 

^ine erhalten gebliebene Jugenderinnerung stoße, daß der Vater dem! 
fünfjährigen £[naben ein mit farbigen Tafeln ausgestattetes Buch 
zur Zerstörung überläßt. Man wird ötwa den Zweifel aufwerfen, ob 
diese Erinnerung wirklich an der Grestaltung des Trauminhajtes An- 
teil genommen hat, ob nicht vielmehr die Arbeit der Analyse eine 
Beziehung erst nachträglich herstellt. Aber die Reichhaltigkeit und 
Verschlungeinheit der Assoziationsverknüpfungen bürgt für die erstere 
Auffassung: Zyklamen — Lieblingsblume — Lieblingsspeise — Ar- 
tischocke; zerpflücken wie eine Artischocke, Blatt für Blatt (eine 
Wendung, die einem anläßlich der Teilung des chinesischen Reiches 
damals täglich ans Ohr schlug) ; — Herbarium — Bücherwurm, dessen 
Lieblingsspeise Bücher sind. Außerdem kann ich versichern, daß der 
letzte Sinn des Traumes, den ich hier nicht ausgeführt habe, zum 
Inhalt der Kinderszene in intimster Beziehung steht. 

Bei einer anderen Reihe von Träumen wird man durch die 
Analyse belehrt, daß der Wunsch selbst, der den Traum erregt hat, 
als dessen Erfüllung der Traum sich darstellt, aus dem Kinderleben 
stammt, so daß man zu seiner Überraschung im Traume dasvKind 
mit seinen Impulsen weiterlebend findet. 

Ich setze an dieser Stelle die Deutung des Traumes fort, aus 
dem wir bereits einmal neue Belehrung geschöpft haben, ich meine 
den Traum: Ereund R. ist mein Onkel (S. 96). AVir haben dessen 
Deutung so weit gefördert, daß uns das Wunschmotiv, zum Professor 
ernannt zu werden, greifbar entgegentrat, und wir erklärten uns die 
Zärtlichkeit des Traumes für Freund R. als eine Oppositions- und 
Trotzschöpfung gegen die Schmähung der beiden Kollegen, die in den 
Traumgedanken enthalten war. Der Traum war mein eigener; ich 
darf darum dessen Analyse mit der Mitteilung fortsetzen, daß mein 
Gkfühl durch die erreichte Lösung noch nicht befriedigt war. Ich 
wußte, daß mein Urteil über die in den Traumgedanken mißhandel- 
ten Kollegen im Wachen ganz anders gelautet hätte; die Macht des 
Wunsches, ihr Schicksal in Betreff ihrer Ernennung nicht zu teilen, 
erschien mir zu gering, um den Gegensatz zwischen wacher und 
Traum-Schätzung voll aufzuklären. Wenn mein Bedürfnis, mit einem 
anderen Titel angeredet zu werden, so stark sein sollte, so beweist 
dies einen krankhaften Ehrgeiar, den ich nicht an mir kenne, den 
ich fern von mir glaube. Ich weiß nicht, wie andere, die mich 
zu kennen glauben, in diesem Punkte über mich urteilen würden; 
vielleicht habe ich auch wirklich Ehrgeiz besessen; aber wenn, so 
hat er sich längst auf andere Objekte als auf Titel und Rang eines 
Professor extraordinarius geworfen. 

Woher dann also der Ehrgeiz, der mir den Traum eingegeben 
hat? Da fällt mir ein, was ich so oft in der Kindheit »erzählen 
gehört habe, daß bei meiner Geburt eine alte Bäuerin der über den 
Erstgeborenen glücklichen Mutter prophezeit, daß sie der Welt einen 
groÄsn Mann geschenkt habe. Solche Prophezeiungen müssen sehr 
häufig vorfallen; es gibt so viel erwartungsvolle Mütter und so ,viel 
alte Bäuerinnen oder andere alte Weiber, deren Macht auf Erden 
vergangen ist, und die sich darum der Zukunft zugewendet haben. 
Es wird auch nicht der Schade der Prophetin gewesen sein. Sollte 



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X34 ^' ^*^ Trmammaterüü and die Traamquellen. 

meine Größensehnsucht aus dieser Quelle stammen? Aber da besinnq 
ich mich eben eines anderen Eindruckes aus späteren Jugendjahren, 
der eich zur Erklärung noch besser eignen würde: Es war eines 
Abends, in einem der Wirtshäuser im Krater, wohin die Eltern den 
elf- oder zwölfjährigen Knaben mitzunehmen pflegten, daß uns ein 
Mann auffiel, der von Tisch zu Tisch ging und für ein kleines 
Honorar Verse über ein ihm aufgegebenes Thema improvisierte. Ich 
wurde abgeschickt, den Dichter an unseren Tisch zu bestellen, und 
er erwieg sich dem Boten dankbar. Ehe er nach seiner Aufgaibe 
fragte, ließ er einige Reime über mich fallen und erklärte es in 
seiner Inspiration für wahrscheinlich, daß ich noch einmal „Minister*' 
werde. An den Eindruck dieser zweiten Prophezeiung kann ich mich 
noch sehr wohl erinnern. Es war die Zeit des Bürgerministerium», 
der Vater hatte kurz vorher die Bilder der bürgerlichen Doktoren 
Herbst, Giskra, Unger, Berger u. a. nach Hause gebracht, und 
wir hatten diesen Herren zur Ehre illuminiert Es waren sogar ^Juden 
unter ihnen; jeder fleißige Judenknabe trug also das Ministerporte- 
feuille in seiner Schultasche. Es muß mit den Eindrücken jener Zeit 
sogar zusammenhängen, daß ich bis kurz vor der Inskription an 
der Universität willens war, Jura zu studieren, und erst im letzten 
Moment umsattelte. Dem Mediziner ist ja die Ministerlaufbahn über- 
haupt verschlossen. Und nun mein Traum! Ich merke es erst jetzt, 
daß er mich aus der trüben Gegenwart in die hoffnungsfrohe Zdit 
des Bürgerministeriums zurückversetzt und meinen "Wunsch von da- 
mals nach seinen Kräften erfüllt. Indem ich die beiden gelehrten 
und achtenswerten Kollegen, weil sie Juden sind, so schlecht be- 
handle, den einen, als ob er ein Schwachkopf, den anderen, als ob 
er ein Verbrecher wäre, indem ich so verfahre, benehme ich mich, 
als ob ich der Minister wäre, habe ich mich an die Stelle des Mini- 
sters gesetzt. Welch gründliche Eache an Sr. Exzellenz I Er ver- 
weigert es, mich zum Professor extraordinarius zu ernennen, und ich 
setze mich dafür im Traume an seine Stelle. 

In einem anderen Falle konnte ich merken, daß der Wunisch, 
welcher den Traum erregt, obzwar ein gegenwärtiger, doch eine 
mächtige Verstärkung aus tiefreichenden Kindererinnerungen bezieht. 
Es handelt sich hier um eine Reihe von Träumen, denen die Sehn- 
sucht, nach Rom zu kommen, zu Grunde liegt. Ich werde diese 
Sehnsucht wohl noch lange Zeit durch Träume befriedigen müssen, 
denn tun die Zeit des Jahres, welche mir für eine Reise zur Ver- 
fügung steht, ist der Aufenthalt in Rom aus Rücksichten der 'Gesund- 
heit zu meiden*. So träume ich denn einmal, daß ich vom Coupe- 
fenster aus Tiber und Engelsbrücke sehe; dann setzt sich der Zug 
in Bewegung, und es fällt mir ein, daß ich die Stadt ja gar nicht 
betreten habe. Die Aussicht, die ich im Traume sah, war einem 
bekannten Stiche nachgebildet, den ich Tags zuvor im Salon eines 
Patienten flüchtig bemerkt hatte. Ein andermal führt mich jemand 
auf einen Hügel und zeigt mir Rom, vom Nebel halb Verschleiert und 
noch so fern, daß ich mich über die Deutlichkeit der Aussicht 

"^ Ich babe seither längst erfahren, daß auch zur Erfüllung solcher lange 
für unerreichbar gehaltener Wünsche nur etwas Mut erfordert wird. 



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Seimsociitetfäame FÖn Kom. 135 

"Wundere. Der Inhalt dieses Traumes ist reicher, als ich hier aus- 
führen möchte. Das Motiv, „das Grelobte Land von fern sehen", ist 
darin leicht zu erkennen. Die Stadt, die ich so zuerst im Nebel ge- 
sehen habe, ist Lübeck; der Hügel findet sein Vorbild in — 
Xjleichenberg. In einem dritten Traume bin ich endlich in Rom, 
ivie mir der Traum sagt. Ich sehe aber zu meiner Enttäuschung 
eine keineswegs städtische Szenerie, einen kleineti Fluß mit dunk- 
lem Wasser, auf der einen Seite desselben schwarze Felsen, 
auf der anderen Wies ian mit. großen weißen Blumen. Ich be- 
merke einen Herrn Zucker (den ich oberflächlich kenne) u,nd 
beschließe, ihn um den Weg in die Stadt zu fragen. Es ist 
offenbar, daß ich mich vergebens bemühe, eine Stadt im Traume 
zu sehen, die ich im Wachen nicht gesehen habe. Wenn ich das 
Landschaftsbild des Traumes in seine Elemente zersetze, so deuten 
die weißen Blumen auf das mir bekannte Ravenna, das wenigstens 
eine Zeitlang als Italiens Hauptstadt Rom den Vorrang abgenommen 
hatte. In den Sümpfen um Ravenna haben wir die schönsten See* 
roeeu *mitten im schwarzen Wasser gefunden; der Traum läßt sie 
auf Wiesen wachsen wie die Narzissen in unserem Aussee, weil es 
damals so mühselig war, sie aus dem Wasser zu holen^ Der dunjcle 
Fels, so nahe am Wasser, erinnert lebhaft an das Tal der Tepl bei 
Karlsbad. „Karlsbad" setzt mich nun in den Stand, mir den^sonder- 
baren Zug zu erklären, daß ich Herrn Zucker um den Weg frage. 
Es sind hier in dem Material, aus dem der Traum gesponnen ist, 
zwei jener lustigen jüdischen Anekdoten zu erkennen, die so viel 
tiefsinnige, oft bittere Lebensweisheit verbergen, imd die wir in Ge- 
sprächen und Briefen so gern zitieren. Die eine ist die Geschichte vo|i 
der „Konstitution", des Inhaltes, wie ein armer Jude ohne Fahrbillet 
den Einlaß in den Eilzug nach Karlsbad erschleicht, dann ertappt» 
bei jeder Revision vom Zuge gewiesen und immer härter behandelt 
wird, und der dann einem Bekannten, welcher ihn auf einer seiner 
Leidensstationen antrifft, auf die Frage, wohin er reise, zur Ant- 
wort gibt: „Wenn's meine Konstitution aushält — nach Karls- 
bad." Nahe dabei ruht im G^ächtnis eine andere Geschichte von 
einem des Französischen unkundigen Juden, dem eingeschärft wird, 
in Paris nach dem Wege zur Rue Richelieu zu fragen. ,Auch Paris 
war lange Jahre hindurch ein Ziel meiner Sehnsucht, und die Selig- 
keit, in welcher ich zuerst den Fuß auf das Pflaster von Paris 
setzte, nahm ich als Gewähr, daß ich auch die Erfüllung anderer 
Wünsche erreichen werde. Das Um-den- Weg-Fragen ist femer eine 
direkte Anspielung an Rom, denn nach Rom führen bekanntlich 
alle Wege. Übrigens deutet der Name Zucker wiederum auf Karls- 
bad, wohin wir doch alle mit der konstitutionellen Krankheit 
Diabetes Behafteten schicken. Der Anlaß dieses Traumes war der 
Vorschlag meines Berliner Freundes, uns zu Ostern in Prag zu ^tref fen. 
Aus iien Dingen, die ich mit ihm zu besprechen hatte, würde sich 
eine weitere Beziehung zu Zucker und Diabetes ergeben. 

Ein vierter Traum, kurz nach dem letzterwähnten, bringt mich 
wieder nach Rom. Ich sehe eine Straßenecke vor mir und wundere 
mich darüber, daß dort so viele deutsche Plakate angeschlagen sind. 



C^ r^rsn \i> Original from 

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J36 ^' ^^^ Traammaterial and die 'l>aamqaelleii. | 



Tags vorher hatte ich meinem Freunde in prophetischer Voraussicht 
geschrieben, Prag dürfte für deutsche Spaziergänger kein b^uemer 
Aufenthaltsort sein. Der Traum drückte also gleichzeitig den Wunsch 
ans, ihn in Bom zu treffen anstatt in einer böhmischen Stadt, und 
das wahrscheinlich aus der Studienzeit stammende Interesse daran, 
daß in Prag der deutschen Sprache mehr Duldung gewährt sein möge. 
Die tschechische Sprache muß ich übrigens in meinen drei ersten 
Kinder Jahren verstanden haben, da ich in einem kleinen Orte Mährens 
mit slawischer Bevölkerung geboren bin. Ein tschechischer Kinder- 
vers, den ich in meinem 17. Jahre gehört, hat sich meinem Gedächt- 
nis mühelos so eingeprägt, daß ich ihn noeli heute hersa^n kann» 
obwohl ich keine Ahnung von seiner Bedeutung habe. Es fehlt also 
auch diesen Träumen nicht an mannigfaltigen Beziehungen zu den 
Eindrücken meiner ersten Lebensjahre. 

Auf meiner letzten Italienreise, die mich unter anderem am 
Trasimenersee -vorüber! ührte, fand ich endlich, nachdem ich den 
Tiber gesehen und schmerzlich bewegt 80 Kilometer weit von Bom 
umgekehrt war, die Verstärkung auf, welche meine Sehnsucht nach 
der ewigen Stadt aus Jugendeindrücken bezieht. Ich erwog gerade 
den Plan, nächstes Jahr an Bom vorbei nach Neapel zu reisen, 
als mir ein Satz einfiel, den ich bei einem tinserer klassischen Schrift- 
steller gelesen haben muß: Es ist fraglich, wer eifriger in seiner 
Stube auf und ab lief, nachdem er den Plan gefaßt, nach Bom zu 
gehen, der Konrektor Winckelmann oder der Feldherr Hanni- 
bal. Ich war ja auf den Spuren Hannibals gewandelt; es war 
mir so wenig wie ihm beschieden, Bom zu sehen, und auch ex; war 
nach Kampanien gezogen, nachdem alle Welt ihn in Bom er- 
wartet hatte. Hannibal, mit dem ich diese Ähnlichkeit erreicht 
hatte, war aber der Lieblingsheld meiner Gymnasialjahre gewesen; 
wie so viele in jenem Älter, hatte ich meine Sympathien ,während der 
Punischen Kriege nicht den Bömem, sondern dem Karthager zuge- 
wendet. Als dann im Obergymnasium das erste Verständnis für die 
Konsequenzen der Abstammung aus landesfiemder Basse erwuchs, 
und die antisemitischen Begungen unter den Kameraden mahnten 
Stellung zu nehmen, da hob sich die Gestalt des semitischen jFeldherm 
noch höher in meinen Augen. Hannibal und Bom symbolisiertein 
dem Jiingling den Gegensatz zwischen der Zähigkeit des Judentums 
und der Organisation der katholischen Kirche. Die Bedeutung, welche 
die antisemitische Bewegung seither für unser Gemütsleben gewonnen 
hat, verhalf dann den G^anken und Empfindungen jener frühen 
Zeit zur Fixierung. So ist der Wunsch, nach Bom zu kommen, für 
das Traumleben zum Deckmantel und Symbol für mehrere andere 
heißersehnte Wünsche geworden, an deren Verwirklichung man mit 
der Ausdauer und Ausschließlichkeit des Puniers arbeiten möchte, und 
deren Erfüllung zeitweilig vom Schicksal ebensowenig begünstigt 
scheint wie der Lebenswunsch Hannibals, in Bom einzuziehen. 

Und nun stoße ich erst auf das Jugenderlebnis, das in all diesen 
Empfindungen tmd Träumen noch heute seine Macht äußert Ich 
mochte zehn oder zwölf Jahre gewesen sein, als mein Vater begann, 
mich auf. seine. Spaziergänge mitzunehmen und mir in Gesprächen 



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Das infantile Moment zu den Romträumen. \^1 

«eine Ansichten über die Dinge dieser Welt zu eröffnen. So erzählte 
€r mir einmal, um mir zu zeigen, in wie viel bessere Zeiten ich ge- 
kommen sei als er: Als ich ein junger ^Mensch war, bin ich in deinem 
Creburteorte am Samstag in der Straße spazieren gegangen, schön ge- 
kleidet, mit einer neuen Pelzmütze auf dem Kopfe. Da kommt ein 
Christ daher, haut mir mit einem Schlage die Mütze in den Kot und 
ruft dabei: Jud, herunter vom Trottoir! „Und was hast du getan?" 
Ich bin auf den Fahrweg gegangen und habe die Mütze aufgehoben, 
war die gelassene Antwort. Das schien mir nicht heldenhaft von 
dem großen starken Manne, der mich Kleinen an der Hand führte. 
Ich stellte dieser Situation, die mich nicht befriedigte, eine Ändere 
gegenüber, die meinem Empfinden besser entsprach, die Szene, in 
welcher Hannibals Vater, Hamilkar* Barkas, seinen Knaben 
vor dem Hausaltar schwören läßt, an den Römern Eache zu nehmen. 
Seitdem hatte Hannibal einen Platz in meinen Phantasien. 

Ich meine, daß ich die Schwärmerei für den karthagischen Ge- 
neral noch ein Stück weiter in meine Kindheit zurück verfolgen kann, 
Bo daß es sich auch hier nur um die Übertragung einer bereits ge- 
bildeten Affektrelation auf einen neuen Träger handeln dürfte. Eines 
(1er ersten Bücher, das dem lesefähigen Kinde in die Hände fiel, war 
Thiers' Konsulat und Kaiserreich; ich erinnere mich, daß ich meinen 
Holasoldaten kleine Zettel mit den Namen der kaiserlichen Marschälle 
auf den flachen Bücken geklebt, und daß damals schon Massena (aU 
Jude: Menasse) mein erklärter Liebling war. (Diese Bevorzugung 
wird wohl auch durch den Zufall des gleichen Geburtsdatums, genau 
hundert Jahre später, aufzuklären sein.) Napoleon selbst schließt 
fidch durch den Übergang über die Alpen an Hannibal an. Und 
vielleicht ließe sich die Entwicklung dieses KJriegerideals noch weiter 
smrück in die Kindheit verfolgen bis auf Wünsche, die der bald freund- 
schaftliche, bald kriegerische Verkehr während der ersten drei Jahre 
mit einem um ein Jahr älteren Knaben bei dem schwächeren der bei- 
den Gespielen hervorrufen mußte. 

Je tiefer man eich in die Analyse der Träume einläßt, desto 
häufiger wird man auf die Spur von Kindheitserlebnissen geführt, 
welche im latenten Trauminhalt eine Rolle als Traumquellen spielen. 

Wir haben gehört (S. 14), daß der Traum sehr selten cElr- 
innerungen so reproduziert, daß sie unverkürzt und unverändert den 
alleinigen manifesten Trauminhalt bilden. Immerhin sind einige Bei- 
spiele für dieses Vorkommen sichergestellt, zu denen ich «nnige neue 
hinzufügen kann, die sich wiederum auf Infantilszenen beziehen. Bei 
einem meiner Patienten brachte einmal ein Traum eine kaum entstellte 
Wiedergabe eines sexuellen Vorfalles, die sofort als getreue Er- 
innerung erkannt wurde. Die Erinnerung daran war im Wachen zwar 
nie völlig verloren gewesen, aber doch stark verdunkelt worden, und 
ihre Neubelebung war ein Erfolg der vorausgegangenen analytischen 
Arbeit. Der Träumer hatte mit zwölf Jahren einen bettlägerigen Kol- 
legen besucht, der sich wahrscheinlich nur zufällig bei einer Be- 

• In der oraten Auflage stand hier der Name: Hasdrubal, ein befremdender 
Irrtum, dessen Aufklärung ich in meiner „Psychopathologie des Alltagslebens** 
(1901, 1904, 6. Aufl. 1917) gegeben habe. 

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238 ^ • ^<^ Tmimm«(eruü ond die Traamqaellen. 

wegung im Bette entblößte. Beim Anblick seiner Genitalien von einer 
Art Zwang ergriffen, entblößte er sich selbst und faßte das Glied 
•des anderen, der ihn aber uiwvillig und verwundert ansah, worauf 
er verlegen wurde und abließ* Diese Szene wiederholte ein Traum 
23 Jahre später auch mit allen Einzelheiten der in ihr vorkommen- 
■den Empfindungen, veränderte sie aber dahin, daß der Träumer an- 
etatt der aktiven die passive Rolle übernahm, während die Person .des 
Schulkollegen durch eine der Gegenwart angehörige ersetzt wurde- 
In der Begel freilich ist die Infantilszene im manifesten Traum* 
Inhalt nur durch eine Anspielung vertreten und muß durch Deutung 
aus dem Traume entwickelt werden. Die Mitteilung solcher Beispiele 
kann nicht sehr beweiskräftig ausfallen, weil ja für diese Einder- 
erlebnisse meistens jede andere Gewähr fehlt; sie werden, wenn sie in 
pin frühes Alter fallen, von der Erinnerung nicht mehr anerkannt. 
Das Recht, überhaupt aus Träumen auf solche Kindererlebnisse zu 
fichließen, ergibt sich bei der psychoanalytischen Arbeit aus einer 
ganzen Reihe von Momenten, die in ihrem Zusammenwirken ver- 
läßlich genug erscheinen. Zum Zwecke der Traumdeutung aus ihrem 
Zusammenhange gerissen, werden solche Zurückführungen von Träu- 
men auf Eindererlebnisse vielleicht wenig Eindruck machen, besonders 
da ich nicht einmal alles Material mitteile, auf welches sich die 
Deutung stützt. Indes will ich mich von der Mitteilung darum nicht 
abhalten lassen. 

I. Bei einer meiner Patientinnen haben alle Träume den Charak- 
ter des „Gehetzten'V; sie hetzt sich, um zurecht zu kommen, den 
Eisenbahnzug nicht zu versäumen u. dgL In einem Traume soll sie 
ihre Freundin besuchen ; die Mutter hat ihr gesagt, sie soll fahren, nicht 
gehen; sie läuft aber und fällt dabei in einem fort. — Das 
bei der Analyse auftauchende Material gestattet, die Erinnerung an 
Einderhetzereien zu erkennen (man weiß, was der Wiener „einei 
Hetz" nennt), und gibt speziell für den einen Traum die Zurück- 
führung auf den bei Kindern beliebten Scherz, den Satz: „Die»Euh 
rannte bis sie fiel" so rasch auszusprechen, als ob er ein einziges 
Wort wäre, was wiederum ein „Hetzen" ist. Alle diese harmlosen 
Hetzereien unter kleinen Freundinnen werden erinnert, weil sie andfei^, 
minder harmlose, ersetzen. 

II. Von einer anderen folgender Traum: Sie ist in einem 
großen Zimmer, in dem allerlei Maschinen stehen, etwa so, 
wie sie sich eine orthopädische Anstalt vors teilt. Sie hört, 
daß ich keine Zeit habe, und daß sie die Behandlung gleich- 
zeitig mit fünf anderen inachen muß. Sie sträubt sich aber 
und will sich in das für sie bestimmte Bett — oder was es 
ist — nicht legen. Sie steht in einem Winkel und wartet, 
daß ich sage, es ist nicht wahr. Die anderen lachen sie unter- 
des aus, es sei Faxerei von ihr. — Daneben, als ob sie viele 
kleine Quadrate machen würde. 

Der erste Teil dieses Trauminhaltes ist eine Anknüpfung an die 
Eur und Übertragung auf mich. Der zweite enthält die Anspielung 
Äü die Einderszene; mit der Erwähnung des Bettes sind die beiden 
Stücke aneinander gelötet. Die orthopädische Anstalt jereht auf eine 



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V 



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Aufdecknng^ von Kindheitserlebmsseii bei der Tr&urodeatung. 139 

3neiner Beden zurück, in der ich die Behandlung ihrer Uauer wie 
ihrem Wesen nach mit einer orthopädischen verglichen hatte. 
Ich mußte ihr zu Anfang der Behandlung mitteilen, daß ich vor- 
läufig wenig Zeit für sie hätte, ihr aber später eine ganze 
Stunde täglich widmen würde. Dies inachte die alte Empfindlichkeit 
in ihr rege, die ein Hauptcharakterzug der zur Hysterie bestimmten 
Kinder ist. Sie sind unersättlich für Liebe. Meine Patientin war 
•die jüngste von sechs Geschwistern (daher: mit fünf anderen) und 
als solche der Liebling des Vaters, scheint aber gefunden zu haben, 
daß der geliebte^ Vater ihr noch zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit 
widme. — Daß sie wartet, bis ich sage, es ist nicht wahr, hat fol- 
gende Ableitung: Ein kleiner Schneider junge hatte ihr ein Kleid ge- 
bracht, und sie ihm dafür das Geld mitgegeben. Dann fragte sie ihren 
Mann, ob sie das Geld nochmals bezahlen müsse, wenn er es verliere. 
Der Mann, um sie zu necken, versicherte: ja (die Neckerei im 
Trauminhalt), und sie fragte immer wieder von neuem und wartete 
darauf, daß er endlich sage, es ist nicht wahr. Nun läßt 
^ich für den latenten Trauminhalt der Gedanke konstruieren, ob sie 
mir wohl das Doppelte bezahlen müsse, wenn ich ihr- die doppelte 
JZeit widme, ein Gedanke, der geizig oder schmutzig ist. (Die Un- 
reinlichkeit der Kinderzeit wird sehr häufig vom Traume durch 
Geldgeiz ersetzt; das Wort „schmutzig" bildet dabei die Brücke.) 
.Wenn all das vom Warten, bis ich sage usw., das Wort „schmutzig" 
im Traume umschreiben soll, so stimmt das Im -Winkel -Stehen und 
-das Sich-nicht-ins-Bett-Legen dazu als Bestandteil einer Kinder- 
fizene, in der sie das Bett schmutzig gemacht hätte, zur .Strafe in den 
Winkel gestellt wird unter der Androhung, daß sie der Papa inicht 
mehr liebhaben werde, die Geschwister sie auslachen usw. Die kleinen 
Quadrate zielen auf ihre kleine Nichte, die ihr die Eechenkunst ge- 
zeigt, wie man in neun Quadrate, glaube ich, Zahlen so einschreibt, 
daß sie, nach allen Richtungen addiert, 15 ergeben. 

in. Der Traum eines Mannes: Er sieht zwei Knaben, die 
isich balgen, und zwar Faßbind er knaben, wie er aus den her- 
umliegenden Gerätschaf ten schließt; einer derKnaben hat 
den anderen niedergeworfen, der liegende Knabe hat Ohr- 
ringe mit blauen Steinen. Er eilt dem Missetäter mit er- 
hobenem Stocke nach, um ihn zu züchtigen. Dieser flüch- 
tet zu einer Frau, die bei einem Bretterzaun steht, als ob 
sie seine Mutter wäre. Es ist eine Taglöhnersf rau, die dem 
Träumer den Rücken zuwendet. Endlich kehrt sie sich um 
und schaut ihn mit einem gräßlichen Blicke an, sodaßerer- 
schreckt davonläuft. An ihren Augen sieht man vom un- 
teren Lid das rote Fleisch vorstehen. 

Der Traum hat triviale Begebenheiten des Vortages reichlich 
verwertet. Er hat gestern wirklich zwei Knaben auf der Straße ge- 
sehen, von denen einer den anderen hinwarf. Als er hinzueilte, um 
zu schlichten, ergjriffen sie beide die Flucht. — Faßbinderknaben: 
wird erst durch einen nachfolgenden Traum erklärt, in dessen Ana- 
lyse er die Redensart gebraucht: Dem Faß den Boden ausschla- 
gen. — Ohrringe mit blauen Steinen tragen nach seiner Beobachtunje: 

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240 ^* ^^ Traammat^rial and die Tnumqo«sllen. 

meist die Prostituierten. So fügt sich ein bekannter Klapphom- 
vers von zwei Knaben an: Der andere Knabe, der hieß Maria* 
(d. h. : war ein Mädchen). — Die stehende Frau: Nach der ßzene- 
mit den beiden Knaben ging er am Donauufer spazieren und benützte 
die Einsamkeit dort, um gegen einen Bretterzaun zu urinieren 
Auf dem weiteren Wege lächelte ihn eine anständig gekleidete, ältere- 
Same st^ freundlich an und wollte ihm ihre Adreßkarte überreichen. 

Da die Frau im Traume so steht wie er beim urinieren, bo> 
handelt es sich um ein urinierendes Weib, und dazu gehört dann der 
gräßliche „Anblickes das Vorstehen des roten Fleisches, wa£ sich 
nur auf die beim Kauern klaffenden Genitalien beziehen kann, die, 
in der Kinderzeit gesehen, in der späteren Erinnerung als „wildes- 
Fleisch", als „Wunde" wieder auftreten. Der Traum vereinigt zwei 
Anlässe, bei denen der kleine Knabe die Grenitalien kleiner Mädchen 
sehen konnte, beim Hinwerfen und bei deren Urinieren, und 
wie aus dem anderen Zusammenhang hervorgeht, bewahrt er die Er- 
innerung an eine Züchtigung oder Drohung des Vaters wegen der 
von dem Buben bei diesen Anlässen bewiesenen sexuellen Neugiierde. 

IV. Eine ganze Summe von Kindererinnerungen, zu einer Phan- 
tasie notdürftig vereinigt, findet sich hinter folgendem Traume einer 
jüngeren Dame. 

Sie geht in Hetze aus, Kommissionen zu machen. Auf 
dem Graben sinkt sie dann, wie zusammengebrochen, in 
die Kniee. Viele Leute sammeln sich um sie, besonders die 
Fiakerkutscher; aber niemand hilft ihr auf. Sie macht 
viele vergebliche Ve rsuche; endlich muß es gelungen sein» 
denn man setzt sie in einen Fiaker, der sie nach Hause 
bringen soll; durchs Fenster wirft man ihr einen großen 
schwer gefüllten Korb nach (ähnlich einem Einkaufs- 
korbe). 

Es ist dieselbe, die in ihren Träumen immer gehetzt wird, wie^ 
sie als Kind gehetzt hat. Die erste Situation des Traumes ist off enbar- 
von dem Anblicke eines gestürzten Pferdes hergenommen, wie auch 
das „Zusammenbrechen" auf Wettrennen deutet. Sie war in jungen 
Jahren Reiterin, in noch jüngeren wahrscheinlich auch Pferd. 
Zu dem Hinstürzen gehört die erste Kindheitserinnerung an den 
17jährigen Sohn des Portiers, der, auf der Straße von epileptischen 
Krämpfen befallen, im Wagen nach Hause gebracht wurde. Davon 
hat sie natürlich nur gehört, aber die Vorstellung von epileptischen 
Krämpfen, vom „Hinfallenden" hat große Macht über ihre Phan- 
tasie gewonnen und später ihre eigenen hysterischen Anfälle in 
ihrer Form beeinflußt. — Wenn eine Frauensperson vom Fallen 
träumt, so hat das wohl regelmäßig einen sexuellen Sinn, sie wird 
eine „Gefallene"; für unseren Traum wird diese Deuttmg am 
wenigsten zweifelhaft sein, denn sie fällt auf dem Graben, jenem 
Platze von Wien, der als Korso der Prostitution bekannt ist. Der 
Einkauf 8 korb gibt mehr als eine Deutung; als Korb erinnert er 
an die vielen Körbe, die sie zuerst ihren Freiern ausgeteilt, und 
ßpäter, wie sie meint, sich auch selbst geholt hat. Dazu gehört dann- 
auch, daß ihr niemand aufhelfen will, was sie seilet als Ver* 



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KiiidereindrUcke im latenten Traaminhalt. X41 

schmäh twerden auslegt. Ferner erinnert der Einkaufskorb an Phan- 
tasien, die der Analyse bereits bekannt geworden sind, in denen sie 
tief -unter ihrem Stande geheiratet hat und nun selbst zu 'Markte ein- 
kaufen geht. Endlich aber könnte der Einkaufskorb als Zeichen einer 
<lienenden Person gedeutet werden. Dazu kommen nun weitere 
Kindheitserinnerungen, an eine Köchin, die weggeschickt wurde, 
-weil sie stahl; die ist auch so in die Kniee gesunken und hat ge- 
fleht. Sie war damals zwölf Jahre alt. Dann an ein Stubenmädchen, 
da8 weggeschickt wurde, weil es sich mit dem Kutscher des Hauses 
abgab, der sie übrigens später heiratete. Diese Erinnerung ergibt 
uns also eine Quelle für die Kutscher im Traume (die sich im 
<Tegensatz zur Wirklichkeit der Gefallenen nicht annehmen). Es 
bleibt aber noch das Nachwerfen des Korbes, und zwar durchs 
Fenster, zu erklären. Das mahnt sie an das Expedieren des Ge- 
päcks auf der Eisenbahn, an das „Pen st er In" auf dem Xande, 
an kleine Eindrücke von dem Landaufenthalt«, wie ein Herr einer 
Dame "blaue Pflaumen durchß Fenster in ihr Zimmer wirft, wie 
ihre kleine Schwester sich gefürchtet, weil ein vorübergehender Trottel 
durchs Fenster ins Zimmer sah. Und nun taucht dahinter eine dunkle 
Erinnerung aus dem zehnten Lebensjahre auf von einer Bonne, die 
auf dem Lande Liebesszenen mit einem Diener des Hauses aufführte, 
von denen das Kind doch etwas gemerkt haben konnte, und die mit- 
samt ihrem Liebhaber „expediert", „hinausgeworfen" wurde 
(im Traume der Gegensatz: „hineingeworfen"), eine Geschichte, 
der wir uns auch von mehreren anderen Wegen her genähert hatten. 
Das Gepäck, der Koffer einer dienenden Person, wird aber in "Wien 
geringschätzig als die „sieben Zwetschken" bezeichnet. „Pack' 
deine sieben Zwetschken zusammen, und geh'." 

An solchen Träumen von Patienten, deren .Analyse zu dunkel 
oder gar nicht mehr erinnerten Kindereindrüeken, oft aus den ersten 
drei Lebensjahren, führt, hat meine Sammlung natürlich überreichen 
Vorrat. Es ist aber mißlich, Schlüsse aus ihnen zu ziehen, die für 
den Traum im allgemeinen gelten sollen; es handelt sich Ja^regelmäßig 
um neurotische, speziell hysterische Personen, und die Bolle, welche 
den Kinderszenen in diesen Träumen zufällt, könnte durch die Natur 
der Neurose und nicht durch das Wesen des Traumes bedingt sein. 
Indes begegnet es mir bei der Deutung meiner eigenen Träume, dib 
ich doch nicht wegen grober Leidenssymptome unternehme, ebenso 
oft, daß ich im latenten Trauminhalt unvermutet auf eine Infantil- 
szene stoße, und daß mir eine ganze Serie von Träumen mit einem- 
mal in die von einem Kindererlebnis ausgehenden Bahnen einmündet. 
Beispiele hiefür habe ich schon erbracht und werde ich noch bei 
verschiedenen Anlässen weiter erbringen. Vielleicht kann ich den 
ganzen Al)schnitt nicht besser beschließen als durch Mitteilung einiger 
eigenen Träume, in denen rezente Anlässe und langvergessene Kinder- 
erlebnisse mitsammen als Traumq^uellen auftreten. 

Nachdem ich gereist bin, müde und hungrig das Bett aufgesucht 
habe, melden sich im Schlafe die großen Bedürfnisse des Lebens und 
ich träume: Ich gehe in eine Küche, um mir Mehlspeise 
^eben zu lassen. Dort stehen drei Frauen, von denen eine 

Original f ro m 



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[42 V. DaB TraommaterlAl and die TraamqQellen. 

die Wirtin ist und etwas in der Hand dreht, als ob sio» 
Knödel machen würde. Sie antwortet, daß ich warten soll, 
bis sie fertig ist (nicht deutlich als Rede). Ich werde ua- 
geduldig jind gehe beleidigt weg. Ich ziehe einen Über- 
rock an; der erste, den ich versuche, ist mir aber zu lan^^ 
Ich ziehe ihn wieder aus, etwas überrascht, daß er Pelz- 
bes&^tz hat.. Ein zweiter, den ich anziehe, bat einen langen 
Streifen mit türkischer Zeichnung eingesetzt. Ein Frem- 
der mit langem Gesichte und kurzem Spitzbarte kommt 
hinzu und hindert mich am Anziehen, indem er ihn für den 
seinen erklärt. Ich zeige ihm nun, daß er über und über 
türkisch gestickt ist. Er fragt: Was gehen Sie die türki- 
schen (Zeichnungen, Streifen . . . .) an? Wir sind aber dann 
ganz freundlich miteinander. 

In der Analyse dieses Traumes fällt mir ganz unerwartet der 
erste Bomaii ein, den ich, vielleicht ISjährig, gelesen d- h. mit dem 
Ende des ersten Bandes begonnen hatte. Den Namen des ßomans 
und seines Autors habe ich nie gewußt, aber der Schluß ist mir nun 
in lebhafter Erinnerung. Der Held verfällt in Wahnsinn und ruft 
beständig die drei Frauennamen, die ihm im Leben das größte Olück 
und das Unheil bedeutet haben. Pelagie ist einer dieser Namen. 
Noch weiß ich nicht, was ich mit diesem Einfall in der Analyse 
beginnen werde. Da tauchen zu den drei Frauen die drei Parzen 
auf, die das Geschick des Menschen spinnen, und ich weiß, daß eine 
der drei Frauen, die Wirtin im Traume, die Mutter ist, die das 
Leben gibt, mitunter auch, wie bei mir, dem Le'benden die erste 
Nahrung. An der Frauenbrust treffen sich Liebe und Hunger. Ein 
junger Mann, erzählt die Anekdote, der ein großer Verehrer der 
Frauenschönheit wurde, äußerte einmal, als die Rede auf die schöne 
Amme kam, die ihn als Säugling genährt: es tue ihm leid, die gute 
Gelegenheit damals nicht b^ser ausgenützt zu haben. Ich pflege 
mich der Anekdote zur Erläuterung für das Moment der Nach- 
träglichkeit im Mechanismus der Psychoneurosen zu bedienen. 
— Die eine der Parzen also reibt die Handflächen aneinander, als ob 
sie Knödel machen würde. Eine sonderbare Beschäftigung für eine 
Parze, welche dringend' der Aufklärung bedarf! Diese kommt nun 
aus einer anderen und früheren Kindererinnerung. Als ich sechs 
Jahre alt war und den ersten Unterricht bei meiner Mutter genoß, 
sollte ich glauben, daß wir aus Erde gemacht sind und darum zur 
Erde zurückkehren müssen. Es behagte mir aber nicht und ich 
zweifelte die Lehre an. Da rieb die Mutter die Handflächen anein- 
ander — ganz ähnlich wie beim Knödelmachen, nur daß sich kein 
Teig zwischen ihnen befindet — und zeigte mir die schwärzlichen 
Epidermis schuppen, die sich dabei abreiben, als eine Probe der 
Erde, aus der wir gemacht sind, vor. Mein Erstaunen über diese 
Demonstration ad oculos war grenzenlos, und ich ergab mich in da&t 
was ich später in den Worten ausgedrückt hören sollte: Du bist der 
Natur einen Tod schuldig*. So sind es also wirklich Parzen, zu 

* Beide zu diesen Kinderssenen gehörigen Affekte, das Erstaunen nnd die 
Ergebung iiis Unvermeidliche, fanden sich in einem Traume kurz vorher, der 
Biir zuerst die Erinnerung an dieses Kindet^rlebnis wiederbrachte. 

r i-L s \ii' Original from 

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r 



>•« 



Kiüdhextaerinoerangpeii in einem Haof^ertraam. l^i^ 



denen ich in die Küche gehe, wie so oft in den Kinderjahren, wenn: 
ich hungrig war, und die Mutter beim Herd mich mahnte zu warten, 
bis das MittagesseÄ fertig sei. Und nun die Knödelf Wenigsten* 

f eintr meiner Universitätslehrer, aber gerade der, dem ich meine histo- 
logischen Kenntnisse (Epidermis) verdanke, könnte sich bei dem 

- Namen Knödel an eine Person erinnern, die er belangen mußte, weil 
sie ein Plagiat an seinen Schriften begangen hatte. Ein Plagiat 
begehen, sich aneignen, was .man bekommen kann, auch wenn e» 

'^ einem anderen gehört, leitet offenbar zum zweiten Teil des Traumes, 
in dem ich wie der Überrockdieb behandelt werde, der eine Zeit- 
lang in den Hörsälen sein Wesen trieh. Ich habe den Ausdruck 

* Plagiat niedergeschrieben, absichtslos, weil er sich mir darbot, und 
nun merke ich, daß er dem latenten Trauminhalt angehören muß, 
weil er als Brücke zwischen den verschiedenen Stücken des manifesten. 
Trauminhaltes dienen kann. Die Assoziationskette — Pelagie — 
Plagiat — Plagiostomen* (Haifische) — Fischblase ver- 
bindet den alten Roman mit der Affäre Knödl und mit den Über- 
ziehern, die ja offenbar ein Gerät der sexuellen Technik bedeuten- 
(Vgl. Maurys Traum vom Kilo — Lotto, p. 141.) Eine höchst 
gezwungene und unsinnige Verbindung zwar, aber doch keine, die ich 
im Wachen herstellen könnte, wenn sie nicht schon durch die Traum- 
arbeit hergestellt wäre. Ja, als ob dem Drange, Verbindungen zu er- 
zwingen, gar nichts heilig wäre, dient nun der teure Name Brücke 
(Wortbrücke s. o.) dazu, mich an dasselbe Institut zu erinnern, in 
dem ich meine glücklichsten Stunden als Schüler verbracht, sonst 
ganz bedürfnislos („So wird's Euch an der Weisheit Brüsten mit 
jedem Tage mehr gelüsten"), im vollsten Gegensatz zu den Be- 
gierden, die mich, während ich träume, plagen. Und endlich taucht 
die Erinnerung an einen anderen teuren Lehrer auf, dessen Name 
wiederum an etwas Eßbares anklingt (F leise hl, wie Knödl) und 
an eine traurige Szene, in der Epidermisschuppen eine Bolle 
«pielen (die Mutter — Wirtin) und Geistesstörung (der Roman) und 
ein Mittel aus der lateinischen Küche, das den Hunger benimmt ^ 
das Kokain. 

So könnte ich den verschlungenen Gredankenwegen weiterfolgen 
und das in der Analyse fehlende Stück des Traumes voll aufkläreUr 
aber ich muß es unterlassen, weil die persönlichen Opfer, die es 
erfordern würde, zu groß sind. Ich greife nur einen der Fäden aufr 
der direkt zu ein^em der dem Gewirre zu Grunde liegenden Traum- 
gedanken führen kann. Der Fremde mit langem Gesichte und Spitz- 
barte, der mich am Anziehen hindern will, trägt die Züge eines 
Kaufmannes in Spalato, bei dem meine Frau reichlich türkische 
Stoffe eingekauft hat. Er hieß Popovic, ein verdächtiger Name, der 
auch dem Humoristen Stettenheim zu einer andeutungsvollen Be.- 
merkung Anlaß gegeben hat. („Er nannte mir seinen Namen und 
drückte mir errötend die Hand.") Übrigens derselbe Mißbrauch mit 
Namen wie oben mit Pelagie, Knödl, Brücke, Fleischl. Daß 
Bolche Namenspielerei Kinderunaxt ist, darf man ohne Widerspruch 

* rSe Plagiostomen ergänze ich nicht willkürlich; sie mahnen mich 
nxL eine ärgerliche Gelegenheit von Blauiage vor demselben J^ehrer. 

r i% s \ii' Original fnom 

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X44 ^' ^^ Traammatdri« and die Traamqaellen. 

1)ehaupteii; wenn ich mich in ihr ergehe, ist es aber ein Akt der 
Vergeltung, denn mein eigener Name ist unzähligemale solchen 
schwachsinnigen Witzeleien zum Opfer gefallen. Goethe bemerkte 
einmal, wie empfindlich man für seinen Namen ist, mit dem man 
sich verwachsen fühlt wie mit seiner Haut, als Herder auf seinen 
Namen dichtete: * 

„Der du von Göttern abstammst, von Goten oder vom Kote" v — 

„So seid ihr Götterbilder auch zu Staub." 

Ich merke, daß die Abschweifung über den Mißbrauch von 
Namen nur diese Klage vorbereiten sollte. Aber brechen w'ir hier 
ab. — Der Einkauf in Spalato mahnt mich an einen anderen Ein- 
kauf in Cattaro, bei dem ich allzu zurückhaltend war und die Ge- 
legenheit zu schönen Erwerbungen versäumte. (Die Gelegenheit bei 
der Amme versäumt, s. o.) Einer der Traumgedanken, die dem 
Träumer der Hunger eingibt, lautet nämlich: Man soll sich nichts 
entgehen lassen, nehmen, was man haben kann, auch wenn 
ein kleines .Unrecht dabei mitläuft; man soll keine Ge- 
legenheit, versäumen, das Leben ist so kurz, der Tod un- 
vermeidlich. Weil es auch sexuell gemeint ist und weil die Be- 
gierde vor dem Unrecht nicht haltmachen will, hat dieses „carpe 
diem" die Zensur zu fürchten und muß sich hinter einem Traume 
verbergen. Dazu kommen nun alle Gegengedanken zu Wort, die Er- 
innerung an die Zeit, da die geistige Nahrung dem Träumer 
allein genügte, alle Abhaltungen und selbst die Drohungen mit den 
ekelhaften sexuellen Strafen. 

U. Ein zweiter Traum erfordert einen längeren Vorbericht: 
Ich bin auf den Westbahnhof gefahren, um meine Ferienreise 
nach Aussee anzutreten, gehe aber schon zum früher abgehenden 
Ischler Zuge auf den Perron. Dort sehe ich nun den Grafen Thun 
dastehen, der wiederum zum Kaiser nach Ischl fährt. Er war trotz 
•des Regens im offenen Wagen angekommen, direkt durch die Ein- 
gangstür für Lokalzüge hinausgetreten und hatte den Türhüter, der 
ihn nicht kannte und ihm das Billet abnehmen wollte, mit einer 
kui'zen Handbewegung ohne Erklärung von sich gewiesen. Ich soll 
•dann, nachdem er im Ischler Zuge abgefahren ist, den Perron wieder 
verlassen und in den heißen Wartesaal zurückgehen, setze es aber 
mühselig durch, daß ich bleiben darf. Ich vertreibe mir die Zeit damit, 
aufzupassen, wer da kommen wird, um sich auf dem Protektionswege 
•ein Coupe anweisen zu lassen; nehme mir vor, dann Lärm zu schlagen, 
<1. h. gleiches Recht zu verlangen. Unterdessen singe ich mir etwas 
vor, waß ich dann als die Arie aus Figaros Hochzeit erkenne: 

„Will der Herr Graf ein Tänzelein wagen, 

Tänzelein wagen, 
'Soll er's nur sagen, 
Ich spiel' ihm eins auf." 

(Ein anderer hätte den Gesang vielleicht nicht erkannt.) 
Ich war den ganzen Abend in übermütiger, streitlustiger Stim- 
•hwinsr gewesen, hatte Kellner und Kutscher gefrozzelt, hoffentlich 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f ro m 

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I 

I 



Ein revolationftrer Traam. \^j^ 

• 
ohne ihnen wehe zu tun; nun gehen mir allerlei freche und revolu- 
tionäre Gedanken durch den Kopf, wie sie zu den Worten Figaros 
paßsen und zur Erinnerung an die Komödie von Beaumarchais, 
die ich in der Comedie' frangaise aufführen gesehen. Das Wort ,von 
den großen Herren, die sieh die Mühe gegeben haben, geboren zu 
v.crden; das Herrenrecht, das der Graf Almaviva bei Susanne zur 
Geltung bringen will; die Scherze, die unsere bösen oppositionellen 
Tagfichreiber mit dem Namen des Grafen Thun anstellen, indem sie 
ihn Graf Nichtsthun nennen. Ich beneide ihn wirklich nicht; er hat 
Jetzt einen schweren Gang zum Kaiser, und ich bin der eigentliche 
Graf Nichtsthun; ich gehe auf Ferien. Allerlei lustige Ferien- 
vorsätze dazu. Es kommt nun ein Herr, der mir als JRegierungs- 
Vertreter bei den medizinischen Prüfungen bekannt ist, und der sicli 
durch seine Leistungen in dieser Bolle den schmeichelhaften Bei- 
namen des „Eegierungsbeischläfers" zugezogen hat. Er verlangt unter 
Berufung auf seine amtliche Eigenschaft eia Halbcoupe erster Klasse, 
xmd ich höre den Beamten zu einem anderen sagen: Wo geben wir 
den Herrn mit der halben Ersten hin? Eine nette Bevorzugung; ich 
Äolilo meine eyste Klasse ganz. Ich bekomme dann auch ein Coupe 
für mich, aber nicht in einem durchgehenden Wagen, so daß mir die 
Nacht über kein Abort zur Verfügung steht. Meine Klage beim 
Beamten hat keinen Erfolg; ich räche mich, indem ich ihm den Vor- 
schlag mache, in diesem Coupe wenigstens ein Loch im Boden an- 
bringen zu lassen für etwaige Bedürfnisse der Reisenden. Ich er- 
wache ^auch wirklich um ^/^S Uhr morgens mit Harndrang aus nach- 
etehendcm Traume. 

Menschenmenge, Studentenversammlung. — Ein Graf 
{Thun oderTaaffe) redet. Aufgefordert, etwas über die Deut- 
schen zu sagen, erklärt er mit höhnischer Gebärde für ihre 
Lieblingsblume den Huflattich und steckt dann etwas 
wie ein zerfetztes Blatt, eigentlich ein zusammen geknüll- 
tes Blattgerippe ins Knopfloch. Ich fahre auf, fahre also 
auf*, wundere mich aber doch über diese meine Gesinnung. 
Dann undeutlicher: Als ob es die Aula wäre, die Zugänge be- 
setzt, und man müßte fliehen. Ich bahne mir den Weg durch 
eine Heihe von schön eingerichteten Zimmern, offenbar 
Regierungszimmern mit Möbeln in einer Farbe zwischen 
braun und violett, und komme endlich in einen Gang, 
in dem eine Haushälterin, ein älteres dickes Frauenzim- 
mer, sitzt. Ich vermeide es, mit ihr zu sprechen; sie hält 
mich aber offenbar für berechtigt, hier zu passieren, denn 
«ie fragt, ob sie mit der Lampe mitgehen soll. Ich deute 
oder sage ihr, sie soll auf der Treppe stehen bleiben, und 
komme mir dabei sehr schlau vor, daß ich die Kontrolle 
am Ende vermeide. So bin ich drunten und finde einen 
|«chmalen, steil aufsteigenden Weg, den ich gehe. 

* Diese Wiederholung hat sich, scheinbar aus Zerstreutheit, in den Text 
Ides Traumes eingeschlichen und wird von mir belassen,, da die Analyse zeigt, 
[daß sie ihre Bedeutung hat. 

Freud, TnMuadeatung, 6. Aufl. 10 



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246 ^» ^'^ Traammaterial and die Traumqaellen. 

Wieder undeutlich . , . . Als ob jetzt die zweite Aufgabe 
käme, aus der Stadt wegzukommen, wie früher aus dem 
Hause. Ich fahre in einem Einspänner und gebe ihm Auf- 
trag, zu einem Bahnhofe zu fahren. „Auf der Bahnstrecke 
selbst kann ich nicht mit Ihnen fahren," sage ich, »nachdem 
er einen Einwand gemacht hat, als ob ich ihn übermüdet 
hätte. Dabei ist es, als wäre ich schon eineStrecke mit ihm. 
gefahren, die man sonst mit der Bahn fährt. Die'Bahnhöf e 
sind besetzt; ich überlege, ob ich nach Krems oder Znaim 
soll, denke aber, dort wird der Hof sein, und entscheide 
mich für Graz odersoetwa^s. Nunsitze ichim Waggon, der 
ähnlich einem Stadtbahnwagen ist, und habe im Knopf- 
loch ein eigentümlich geflochtenes, langes Ding, daran 
violettbraune Veilchen aus starrem Stoffe, was den Leu- 
ten sehr auffällt. Hier bricht die Szene ab. 

Ich bin wieder vor dem Bahnhofe, aber zu zweit mit 
einem älteren Herrn, erfinde einen Plan, um unerkannt zu 
bleiben, sehe diesen Plan aber auch schon ausgeführt. Den- 
ken Und Erleben ist hier gleichsam eins. Er stellt sich 
blind, wenigstens auf einem Auge, und ich halte ihm ein 
männliches Uringlas vor (das wir in der Stadt kaufen 
mußten oder gekauft haben). Ich bin also sein Kranken- 
pfleger und muß ihm das Glas geben, weil er blind ist. 
Wenn der Kondukteur uns so sieht, muß er uns als unauf- 
fällig entkommen lassen. Dabei ist die Stellung des Be- 
treffenden und sein urinierendes Glied plastisch gesehen. 
Darauf das Erwachen mit Harndrang. ', 

Der ganze Traum macht etwa den Eindruck einer Phantasier 
die den Träumer in das Revolutionsjahr 1848 versetzt, dessen An- 
denken ja durch das Jubiläum des Jahres 1898 erneuert war, .wie • 
überdies durch einen kleinen Ausflug in die Wach au, bei dem ich . 
Emmersdorf kennen gelernt hatte, welchen Ort ich fälschlich für den ; 
Ruhesitz des Stuäentenführers Fischhof hielt, auf den einige Züge 
des manifesten Trauminhaltes weisen mögen. Die Gedankenverbindung ! 
führt mich dann nach England, in das Haus meines Bruders, der ^ 
seiner Frau scherzhaft vorzuhalten pflegte „Fifty years ago" nach ? 
dem Titel eines Gedichtes von Lord Tennyson, worauf die Kinder i 
zu rektifizieren gewöhnt waren: Fifteen years ago. Diese Phantasie, i' 
die sich an die Gedanken anschließt, welche der Anblick des Grafen •. 
Thun hervorgerufen hatte, ist aber nur wie die Fassade italienischer i 
Kirchen ohne organischen Zusammenhang dem Gebäude dahinter vor* 
gesetzt ; anders als diese Fassaden ist sie übrigens lückenhaft, ver- . 
worren, und Bestandteile aus dem Innern drängen sich an ivielen Stel- 
len durch. Die erste Situation des Traumes ist aus mehreren Szenen f. 
zusammengebraut, in die ich sie zerlegen kann. Die hochmütige Stellung;' 
des Grafen im Traume ist kopiert nach einer Gymnasialszene aus 
meinem 15. Jahre. Wir hatten gegen einen mißliebigen und ignoran-' * 
ten Lehrer eine Verschwörung angezettelt, deren Seele ein Kollege w^ar, 
der sich seitdem IJeinrich VIII. von England zum Vorbilde ge-. 
nommen zii haben scheint. Die Führung des Hauptschla^fes fiel mir' 



C nn n I i> Orf g in al f no m 

^^KJ^^^l\^ UNIVERSlirOF MICHIGAN 



Analyse dwj rovolutionürcn Traumes. 147 

ZU, und eina Diskussion über die Bedeutung der Donau für Österreich 
(Wach au!) war der Anlaß, bei dem es zur offenen Empörung kam. 
Ein Mitverschworener war der einzige aristokratische Kollege, den 
wir hatten, wegen seiner auffälligen Längenentwicklung die „Q i r a f f e" 
genannt, und der stand, vom Schul tyrannen, dem Professor der deut- 
schen Sprache, zur Rede gestellt, so da wie der Graf im Traume. Das 
Erklären der Lieblingsblume und Ins-Knopfloch-Stecken von etwas, 
was wieder ein:^ Blume sein muß (was an die Orchideen erinnert, die 
ich einer Freundin am selben Tage gebracht hatte, und außerdem an 
eine Eoee von Jericho), mahnt auffällig an die Szene -aus den Königs- 
dramen Shakespeares, die den Bürgerkrieg der roten und der 
weißen Rose eröffnet; die Erwähnung Heinrichs VIII. hat den Weg 
zu dieser Reminiszenz gebahnt. Dann ist es nicht weit von den Rosen 
zu den roten und weißen Nelken. (Dazwischen schieben sich in der 
Analyse zwei Verslein ein, eins deutsch, das andere spanisch: 
Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken. — Isabelita, no Uores 
que se marchitan las flores. Das Spanische vom Figaro her.) Die 
weißen Nelken sind bei uns in Wien das Abzeichen ;der Antisemiten, 
die roten das der Sozialdemokraten geworden. Dahinter eine Er- 
innerung an eine antisemitische Herausforderung während einer Eisen- 
bahnfahrt im schönen Sachsenland (Angelsachsen). Die dritte 
Szene, welche Bestandteile für die Bildung der ersten Traumsituation 
abgegeben hat, fällt in meine erste Studentenzeit. In einem deut- 
schen Studentenvereine gab es eine Diskussion über das Verhältnis 
der Philosophie zu den Naturwissenschaften. Ich grüner Junge, der 
materialistischen Lehre voll, drängte mich vor, um einen höchst ein- 
seitigen Standpunkt zu vertreten. Da erhob sich ein überlegener älterer 
Kollege, der seitdem seine Fähigkeit erwiesen hat, Menschen zu len- 
ken und Massen zu organisieren, der übrigens auch einen Namen aus 
deni Tierreiche trägt, und machte uns tüchtig herunter; auch er habe 
in seiner Jugend die Schweine gehütet und sei dann reuig ins Vater- 
haue zurückgekehrt. Ich fuhr auf (wie im Traume), wurde sau- 
grob und antwortete, seitdem ich wüßte, daß er die Schweine ge- 
hütet, wunderte ich mich nicht mehr über den Ton seiner Re- 
den. (Im Traume wundere ich mich über meine deutschnationale Ge- 
sinnung.) Großer Aufruhr; ich wurde von vielen Seiten aufgefordert, 
meine Worte zurückzunehmen, blieb aber standhaft. Der Beleidigte 
war zu verständig, um das Ansinnen einer Herausforderung, das 
man an ihn richtete, anzunehmen, und ließ die Sache auf sich beruhen. 
Die übrigen Elemente der Traumszene stammen aus tieferen 
Schichten. Was soll es bedeuten, daß der Graf den „Huflattich*' 
proklamiert? Hier muß ich meine Assoziationsreihe befragen. Huf- 
lattich— lattice — Salat — Salathund (der Hund, der anderen 
liicht gönnt, was er doch selber nicht frißt). Hier sieht man durch 
auf einen Vorrat an Schimpfwörtern: Gir-affe, Schwein, Sau, 
Hund; ich wüßte auch auf dem Umwege über einen Namen zu einem 
Esel zu gelangen und damit wieder zu einem Hohn auf einen aka- 
demischen Lehrer. Außerdem übersetze ich mir — ich weiß nicht, 
ob mit Recht — Huflattich mit „pisse- en-lit"; die Kenntnis 
kommt mir aus dem Germinal Zolas, in dem die Kinder auf- 

10* 

Orfg fnal f no m 



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148 . ^* ^'^ Traammaterial and die Traamqaellen. 

gefordert werden, solchen Salat mitzubringen. Der Hund — chien — 
enthält in seinem Namen einen Anklang an die größere Funktion, 
(chier, wie pisscr für die kleinere). Nun werden wir bald das 
Unanständige in allen drei Aggregatzuständen beisammen haben ; denn 
im selben Germinal, der mit der künftigen Revolution genug zu tun 
hat, ist ein ganz eigentümlicher Wettkampf beschrieben, der sich auf 
die Produktion gasförmiger Exkretionen, Flatus genannt, bezieht*. 
Und nun muß ich bemerken, wie der Weg zu diesen Flatus seit langem 
angelegt ist, von den Blumen aus über das spanische Verslein, 
die Isabelita, zu Isabella und Ferdinand, über Heinrich VIII., 
die englifiche Geschichte? zum Kampfe der Armada gegen England, 
nach dessen siegreicher Beendigung die Engländer eine Medaille präg- 
ten mit der Inschrift: Afflavit et dissipati sunt, da der Sturmwind 
die spanische Flotte zerstreut hatte. Diesen Spruch gedachte ich aber 
zur halb scherzhaft gemeinten Überschrift des Kapitels „Therapie" 
zu nehmen, wenn ich je dazu gelangen sollte, ausführliche Kunde 
von meiner Auffassung und Behandlung der Hysterie zu geben. 

Von der zweiten Szone des Traumes kann ich eine so ausführ- 
liche Auflösung nicht geben, und zwar aus Rücksichten der ,Zensur. 
Ich setze mich hier nämlich an die Stelle eines hohen Herrn jener 
Revolutionszeit, der auch ein Abenteuer mit einem Adler gehabt, 
an ineontinentia alvi gelitten haben soll u. dgl., und ich glaube, ich 
wäre nicht berechtigt, hier die Zensur zu passieren, obwohl 
ein Hofrat (Aula, consiliarius aulicus) mir den größeren Teil 
je>ner Geschichten erzählt hat. Die Reihe von Zimmern im Traume 
verdankt ihre Anregung dem Salonwagen Sr. Exzellenz, in den ich 
einen Moment liineinblicken konnte; sie bedeutet aber, wie so häufig 
im Traume, Frauenzimmer (ärarische Frauenzimmer). Mit der 
Person der Haushälterin statte ich einer geistreichen älteren Dame 
schlechten Dank lür die Bewirtung und die vielen guten Geschichten 
ab, die mir in ihrem Hause geboten worden sind. ; — Der Zug mit 
der Lampe geht auf Grillparzer zurück, der ein reizendes Erlebnis 
ähnlichen Inhaltes notiert und dann in Hero und Leander (des 
Meeres und der Liebe Wellen — die Armada und der Sturm) 
verwendet hat**. 

Auch die detaillierte Analyse der beiden übrigen Traumstücke 
muß ich zurückhalten; ich werde nur jene Element-e herausgreifen, 
die zu den beiden Kinderszenen führen, um deren Willen ich den 
Traum überhaupt aufgenommen habe. Man wird mit Recht vermuten, 
daß es sexuelles Material ist, welches mich zu dieser Unterdrückung 
nötigt; man braucht sieh aber mit dieser Aufklärung nicht zufrieden 

* Nicht im Germinal, sondern in La Terre. Ein Irrtum, der mir erst 
nach der Analyse bemerklich wird. — Ich mache übrigens auf die identischen 
Buchstaben in Huflattich und Flatus aufmerksam. 

** An diesem Teil des Traumes hat H. Silber er in einer inhaltsreichen 
Arbeit (Phantasie und Mythos, 1910) zu zeigen versucht, da!3 dis Traumarbeit 
nicht nur die latenten Traumgedanken, sondern auch die psychischen Vorgänge 
bei der Traumbildung wiederzugeben vermöge. (,,I>aa funktionale Phänomen".) 
Ich meine aber, er übersieht dabei, daß die „psychischen Vorgange bei der Traum- 
bildung" für mich ein Gedanken mat er ial sind wie alles andere. In diesem über- 
mütigen Traum bin ich offenbar stolz darauf, diese Vorifänge entdeckt zu haben. 



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Infantiles Material 2uid revolatiooäroii Traum. 149 

EU geben. Man macht doch eich selbst aus vielem kein Geheimnis, 
was man vor anderen als Geheimnis behandeln muß, und hier handelt 
es sich nicht um die Gründe, die mich nötigen, die Lösung zu ver- 
bergen, sondern um die Motive der inneren Zensur, welche den eigent- 
Uchen Inhalt des Traumes vor mir selbst verstecken. Ich muß also 
darum sagen, daß die Analyse diese drei Traumstücke als impertinonte 
Prahlereien, als Ausfluß eines lächerlichen, in meinem wachen Leben 
längst unterdrückten Größenwahnes erkennen läßt, der sich mit ein- 
zelnen Ausläufern bis in den manifesten Trauminhalt wagt (ich 
komme mir schlau vor), allerdings die übermütige Stimmung des 
Abends vor dem Träumen trefflich verstehen läßt. Prahlerei zwar auf 
allen Gebieten; so geht die Erwähnung von Graz auf »die Redensart: 
Was kostet Graz? in der man sich gefällt, wenn man sich über^ 
reich mit Geld versehen glaubt. Wer an Meister Rabelais* unüber- 
troffene Schilderung von dem Leben und Taten des Gargantuaamd 
Beines Sohnes Pantagruel denken will, wird auch den angedeuteten 
Inhalt des ersten Traumstückes unter die Prahlereien einreihen können. 
Zu den zwei versprochenen Kinderszenen gehört aber folgendes: Ich 
hatte für diese Reise einen neuen Koffer gekauft, dessen Farbe, ein 
Braunviolett, im Trauma me' rmals auftritt (violettbraune Veil-» 
ehen aus starrem Stoffe n3ben einem Dinge, das maa „MäJchentänger^ 
heißt — die Möbel in den Regierungszimmem). Daß man mit etwas; 
Neuem den Leuten auffällt, ist ein bekannter Kinderglaube. Nun 
ist mir folgende Szene aus meinem Kinderleben erzählt worden, deren 
Erinnerung ersetzt ist durch die Erinnerung an die Erzählung. Ich 
soll — im Alter von zwei Jahren — noch gelegentlich das Bett 
naß gemacht haben, und als ich dafür Vorwürfe zu hören bekam» 
den Vater durch das Versprechen getröstet haben, daß ich ihm in 
N. (der nächsten größeren Stadt) ein neues schönes, rotes Bett 
kaufen werde. (Daher im Traume die Einschaltung, daß wirldas Glas 
in der Stadt gekauft haben oder kaufen mußten; was man 
versprochen hat, muß man halten.) (Man beachte übrigens die Zu- 
Bammenstellung des männlichen Glases und des weiblichen Koffers, 
box.) Der ganze Größenwahn des Kindes ist in diesem Versprechen 
enthalten. Die Bedeutung der Harnschwierigkeiten des Kindes für den 
Traum ist uns bereits bei einer früheren Traumdeutung (vgl. den 
Traum S. 139) aufgefallen. Aus den Psychoanalysen an Neurotischen 
haben wir auch den intimen Zusammenhang des Bettnässens mit dem 
Charakterzug des Ehrgeizes erkannt. 

Dann gab es aber einmal einen anderen häuslichen Anstand, als 
ich sieben oder acht Jahre alt war, an den ich mich sehr wohl erinnere. 
Ich setzte mich abends vor dem Schlafengehen über das Gebot der 
Diskretion hinweg, Bedürfnisse nicht im Schlafzinamer der Eltern in 
deren Anwesenheit zu verrichten, und der Vater ließ in seiner Straf - 
rede darüber die Bemerkung fallen: aus dem Buben wird nichts wer- 
den. Es muß eine furchtbare Kränkung für meinen Ehrgeiz gewesen 
Bein, denn Anspielungen an diese Szene kehren immer in meinen 
Träumen wieder und sind regelmäßig mit Aufzählung meiner Leistun- 

Sen und Erfolge verknüpft, als wollte ich sagen: Siehst du, ich bin 
och etwas geworden. Diese Kinderszene gibt nun den Stoff für das 

Orfg fnal f no m 



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250 ^- ^^ J'raammaterial und die Traamqaeneo« 

letzte Bild des Traumes, in dem natürlich zur Rache die Hollen ver- 
tauscht sind. Der ältere Mann, offenbar der Vater, da die Blindheit 
auf einem Auge sein einseitiges Glaukom bedeutet*, uriniert jetzt 
vor mir, wie ich damals vor ihm. Mit dem Glaukom mahne ich iha 
an das Kokain, daß ihm bei der Operation zu gute kam, als hätte ich 
damit mein Versprechen erfüllt. Außerdem mache ich mich über ihn 
lustig; weil er blind ist, muß ich ihm das Glas vorhalten »und 
schwelge in Anspielungen auf meine Erkenntnisse in der Lehre von 
der Hysterie, auf die ich stolz bin**. 

Wenn die beiden Urinierszenen aus der Kindheit bei mir ohne- 
dies mit dem Thema der Größensucht eng verbunden sind, so kam 
ihrer Erweckung a;uf der Reise nach Aussee noch der zufällige Um- 
stand zu gute, daß mein Coupe kein Kloset besaß, und ich vorbereitet 
sein mußte, während der Fahrt in Verlegenheit zu kommen, was dann 
am Morgen auch eintraf. Ich erwachte dann mit den lEmpfindungen 
des körperlichen Bedürfnisses. Ich meine, man könnte geneigt sein, 
diesen Empfindungen die Rolle des eij^ntlichen Traumerregers zuzu- 

* Andere Deutung: Er ist einäugig wie Od hin, der Göbtervater. — 
Odhins Trost. — Der Trost aus der Kinderszene, daß ich ihm ein neues 
Bett kaufen werde. 

** Dazu einiges Deutungsmaterial: Das Vorhalten des Glases erinnert aA 
di9 Geschichte vom Bauern, der beim Optiker Glas nach Glas versucht, aber nicht 
lesen kann. — (Bauernfänger — Mädchen f an ger im vorigen Traumstück.) 
— Die Behandlung des schwachsinnig gewordenen Vaters bei den Bauern in 
Zolas La Terre. — Di© traurige Genugtuung, daß der Vater in seinen letzten 
Lebenstagen wie ein Kind das Bett besclimutzt hat; daher bin ich im Traume 
sein Krankenpfleger. — „Denken und Erleben sind hier gleichsam eins" ez- 
innert an ein stark revolutionäres Buchdrama x'on Oskar Panizza, in dem 
Gottvater als paralytisclier Greis schmählich genug behandelt wird; dort heißt 
es: Wille und Tat sind bei ihm eins, und er muß von seinem Erzengjel, eioxetr. 
Art Ganymed, abgelialtcn werden zu schimpfen und zu fluchen, weil diese Ver- 
wünschungen sich sofort erfüllen würden. — Das Pläne machen ist ein aus 
spaterer Zeit der Kritik stammendor Vorwurf gegen den Vater, wie überhaupt 
der ganze rebellische, maj es täts beleidigende und die hohe Obrigkeit yerhöhnende 
Inhalt des Traumes auf Auflehnung gegen den Vater zurückgeht." Der Fürst 
heißt Landes vater, und der Vater ist die älteste, erste, für das Kind einzigo 
Autorität, aus dessen Ma<^htvollkommenheit im Laufe der menschlichen Kultur- 
geschichte die anderen sozialen Obrigkeit-en hervorgegangen sind (insofern nicht 
das „Mutterrecht" zur Einschränkung dieses Satzes nötigt.) — Die Faisung int. 
Traume ,, Denken und Erleben sind Eins", zielt auf die Erklärung der hysterischen 
«Symptome, zu der auch das männliche Glas eine Beziehung hat. Einem 
AVien<er braucht« ich das Prinzip des „Gschnas** nicht auseinanderzusetzen; 
es best-eht darin, G«g3nstände von seltenem und wertvollem Ansehen aus trivi- 
alem, am liebsten komischem \md wertlosem Material herzustellen, z. B. Rüstun- 
gen aus Kochtöpfen, Strohwischen und Salzstangeln, wie es unsere Künstler au 
ihren lustigen Abenden lieben. Ich hatte nun gemerkti dad die Hysterischem 
es ebenso machen; neben dem, was ihnen wirklich zugestoßen ist, gestaiteu sie 
sich unbewußt gräßliche oder ausschweifende Phantasiebegebenheiten, die sie 
aus dem harmlosesten und banalsten Material des Erlebens aufbauen. An diesen 
i*hantasien hängen erst die Symptome, nicht an den Erinnerungen der wirk- 
lichen Begebenheiten, seien diese nun ernsthaft oder gleichfalls harmlos. Diese 
Aufklärung hatte mir über viele Schwierigkeiten hinweggeholfen und machte 
mir viel Freude. Ich konnte sie mit dem Traumelement des „männlichen 
Glases" andeuten, weil mir von dem letzten „Gschnasabend** erzählt worden 
war, es sei dort ein Giftbecher der Lukrezia Borgia ausgestellt gewesen, dessen 
Kern und Hauptbestandteil ein Uringlas für Männer, wie es in den Spitälern 
gebräuchlich ist, gebildet hätte. 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f no m 

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Die wahrscheiniiche Holle de« Infantilen für die Traambildang^. l^l 

weisen, würde aber einer anderen Auffassung den Vorzug geben, 
nämlich, daß die Traumgedanken erst den Harndrang hervorgerufen 
liaben. Es ist bei mir ganz ungewöhnlich, daß ich durch irgend pin 
Bedürfnis im Schlafe gestört werde, am wonigsten um die Zeit dieses 
Erwachens, 3/^3 Uhr morgens. Einem weiteren Einwand begegne ich 
durch die Bemerkung, daß ich auf anderen Reisen unter bequemeren 
Verhältnissen fast niemals den Harndrang nach frühzeitigem Erwachen 
verspürt habe. Übrigens kann ich diesen Punkt auch ohne Schadeu 
unentschieden lassen. 

Seitdem ich ferner durch Erfahrungen bei der Traumanalyse auf- 
merksam gemacht worden bin, daß auch von Träumen, deren Deu- 
tung zunächst vollständig erscheint, weil Traumquellen und Wunsch- 
erreger leicht nachweisbar sind, — daß auch von solchen Träumen 
v/ichtigc Gedankenfäden ausgehen, die bis in die früheste Kindheit 
hineinreichen, habe ich mich, fragen müssen, ob nicht auch in diesem 
Zugo eine wesentliche Bedingung des Träumens gegeben ist. Wenn 
ich diesen Gedanken verallgemeinern dürfte, so käme jedem Traum 
in seinem manifesten Inhalt eine Anknüpfung an das rezent Erlebte 
zu, in seinem latenten Inhalt aber eine Anknüpfung an das älteste 
Erlebte, von dem ich bei der Analyse der Hysterie wirklich zeigen 
kann, daß es in gutem Sinne bis auf die Gegenwart rezent geblieben 
ist. Diese Vermutung erscheint aber noch recht schwer erweislich; 
ich werde auf die wahrscheinliche Rolle frühester Kindheitserlebnisse 
für die Traumbildung noch in anderem Zusammenhang (Ab- 
schnitt VII) zurückkommen müssen. 

Von den drei eingangs betrachteten Besonderheiten des Traum- 
gedächtnisses hat sich uns die eine — die Bevorzugung des Neben- 
sächlichen im Trauminhalt — durch ihre Zurückführung auf die 
Traumentstellung befriedigend gelöst. Die beiden anderen, die 
Auszeichnung des Rezenten wie des Infantilen haben wir bestätigen, 
aber nicht aus den Motiven des Träumens ableiten können. Wir wollen 
diese beiden Charaktere, deren Erklärung oder Verwertung uns er- 
übrigt, im Gedächtnis behalten; sie werden anderswo ihre Einreihung 
finden müssen, entweder in der Psychologie des Schlafzustandes oder 
bei jenen Erwägungen über den Aufbau des seelischen Apparates, die 
wir späfcei anstellen werden, wenn wir gemerkt haben, daß man durch 
die Traunideutung wie durch eine Fensterlücke in das Innere des- 
selben einen Blick werfen kann. 

Ein anderes Ergebnis der letzten Traumanalysen will ich aber 
gleich hier hervorheben. Der Traum erscheint häufig mehrdeutig; 
es können nicht nur, wie Beispiele zeigen, mehrere Wunscherfüllungen 
nebeneinander in ihm vereinigt sein; es kann auch ein Sinn, eine 
WunscherfüUung die andere decken, bis man zu unterst auf die 
Erfüllung eines Wunsches aus der ersten Kindheit stößt; und auch 
hier wi^er die Erwägung, ob in diesem Satze das „häufig" nicht 
richtiger durch „regelmäßig" zu ersetzen ist*. 

* Die Übereinanderschichtung der Bedeutungen des Traumes ist einee der 
heikelsten, aber auch inlialtsreichsten Probleme der Traumdeutung. Wer an diese 
Möglichkeit vergißt, wird leicht irregehen und zur Aufstellung unhaltbarer Be- 
hauptuDgen über das Weeen des Traumes verleitet werden. Doch sind über diese« 

Orfg fnal f no m 



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J^52 ^* ^^ Traümmsterial und die TnuiiiiqaeUen. 

c) Die somatischen Traumquellen. 

Wenn man den Versuch macht, einen gebildeten Laien für die 
Probleme des Träumens zu interessieren, und in dieser Absicht die 
Frage an ihn richtet, aus welchen Quellen wohl nach seiner Meinung 
die Träume herrühren, so merkt man zumeist, daß der Gefragte im 
geßicherten Besitze eines Teiles der Lösung zu sein vermeint. Er ge- 
denkt sofort des Einflusses, den gestörte wier beschwerte Verdauung 
(.jTräume kommen aus dem Magen"), zufällige Körperlage und kleine 
Erlebnisse während des Schlafens auf die Traumbildung äußern, nnd 
scheint nicht zu ahnen, daß nach Berücksichtigung all dieser Elemente 
etwas dei' Erklärung Bedürftiges noch erübrigt. 

Welche Bolle für die Traumbildung die wissenschaftliche Lite- 
ratur den somatischen BeizqucUen zugesteht, haben wir im einleiten* 
den Abschnitt (S. 15 u. ff.) ausführlich auseinandergesetzt, so daß wir 
uns hier nur an die Ergebnisse dieser Untersuchung zu erinnern 
brauchen. Wir haben gehört, daß dreierlei somatische ReizquelLeo 
unterschieden werden, die von äußeren Objekten ausgehenden objek- 
tiven Sinnesreize, die nur subjektiv begründeten inneren Erregungs- 
zustände der Sinnesorgane und die aus dem Körperinnern stammenden 
Leibreize, und wir haben die Neigung der Autoren bemerkt, neben 
diesen somatischen Beizquellen etwaige psychische Quellen des Trau- 
mes in den Hintergrund zu drängen oder ganz auszuschalten (S. 29). 
Bei der Prüfung der Ansprüche, welche zu Gunsten dieser Klassen 
von somatischen Reizquellen erhoben werden, haben wir erfahren, 
daß die Bedeutung der ol)iektiven Sinnesorganerregungen — teils 
zufällige Beize während des Schlafes, teils solche, die sich auch vom 
schlafenden Seelenleben nicht fern halten lassen — durch zahlreiche 
Beobachtungen sichergestellt wird und durch das Experiment eine 
Bestätigung erfährt (S. 17), daß die Bolle der subjektiven Sinnes- 
erregungen durch die Wiederkehr der hypnagogischen Sinnesbilder in 
den Träumen (S. 22) dargetan erscheint, und daß die im weitesten 
lim fang angenommene Zurückführ ung unserer Traumbilder und 
Traumvorstellungen auf inneren Leibreiz zwar nicht in ihrer ganzen 
Breite beweisbar ist, aber sidi an die allbekannte Beeinflussung an- 
lehnen kann, welche der Erregungszustand der Digestions-» Haro- 
und Sexualorgane auf den Inhalt unserer Träume ausübt. 

„Nervenreiz" und „Leibreiz" wären also die somatischen 
Quellen des Traumes, d. h. naoh mehreren Autoren die «einzigen Quel- 
len des Traumes überhaupt. 

Wir haben aber auch bereits einer Beihe von Zweifeln Gehör 
geschenkt, welche nicht sowohl die Richtigkeit als vielmehr die Zu- 
länglichkeit der somatischen Beiztheorie anzugreifen schienen. 

So sicher sich alle Vertreter dieser Lehre bezüglich deren tat- 
sächlichen Grundlagen fühlen mußten — zumal soweit die akziden- 
tellen und äußeren Nervenreize in Betracht kommen, die im Traum* 
inhalt wiederzufinden keinerlei Mühe erfordert — , so blieb doch 

l*bema noch \iel ra wenige Unteranohnngen angesteUt worden. Bisher hat nur 
die ziemlich re^m&ßige Symbolschichtring im Hamreiz träume eine gründlich» 
Würdigung durch O. Rank erfahren (a. u.). 



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Die somatifichen Traamquellen nach den Aatoren. X58 

keiner der Einsicht fern, daß der reiche Vorstellungsinhalt der Träume 
eine Ableitung aus den äußeren Nervenreizen allein wohl nicht zu- 
lasse. Miß Mary TVhiton Calkins hat ihre eigenen Träume ivnd 
die einer zweiten Person durch sechs Wochen hindurch von diesem 
Gesichtspunkte aus geprüft und nur 13*2 o/o respektive 6'7o/o ge- 
funden, in denen das Element äußerer Sinneswahrnehmung nach- 
weisbar war ; nur zwei Fälle der Sammlung ließen sich lauf organische 
Empfindungen zurückführen. Die Statistik bestätigt uns hier, was 
uns bereits eine flüchtige Überschau imserer eigenen Erfahrungen 
hatte vermuten lassen. 

Man besohied sich vielfach, den „Nervenreiztraum" als eine gut 
erforschte Unterart des Traumes vor anderen Traumformen hervorzu- 
heben. Spitta trennte die Träume in Nervenreiz- und Assozia- 
tionstraum. Es war aber klar, daß die Lösung unbefriedigend 
blieb, solange es nicht gelang, das Band zwischen den somatischen 
Traumquellen und dem Vorstellungsinhalt des Traumes nachzuweisen. 

Neben den ersten Einwand, der Unzulänglichkeit in der 
Häufigkeit der äußeren! Eeizquellen, stellt sich so als zweiter die 
Unzulänglichkeit in der Aufklärung des Traumes, die durch die 
Einführung dieser Art von Traumquellen zu erreichen ist. Die Ver- 
treter der Lehre sind uns zwei solcher Aufklärungen schuldig, .erstens 
warum der äußere Reiz im Traume nicht in seiner wirklichen Natur 
erkannt, sondern regelmäßig verkannt wird (vgl. die Weckerträume, 
S. 19), und zweitens warum das Resultat der Reaktion der wahr- 
nehmenden Seele auf diesen verkannten Reiz so unbestimmbar wechsel- 
voll ausfallen kann. Als Antwort auf diese Frage haben wir von 
Strümpell gehört, daß die Seele infolge ihrer Abwendung von der 
Außenwelt während des Schlafes nicht im Stande ist, die richtige 
Deutung des objektiven Sinnesreizes zu geben, sondern genötigt wird, 
auf Grund der nach vielen Riehtungen unbestimmten Anregung Illu- 
sionen zu bilden, in seinen Worten ausgedrückt (p. 108): 

„Sobald durch einen äußeren oder inneren Nervenreiz während 
des Schlafes in der Seele eine Empfindung oder ein Empfindungs- 
komplex, ein Gefühl, überhaupt ein psychischer Vorgang entsteht und 
von der Seele perzipiert wird, so ruft dieser Vorgang 'aus dem der 
Seele vom Wachen her verbliebenen Erfahrungskreise Empfindungs- 
bilder, also frühere Wahrnehmungen, entweder nackt oder mit zu- 
gehörigen psychischen Werten hervor. Er sammelt gleichsam um sich 
eine größere oder kleinere Anzahl solcher Bilder, - durch welche der 
vom Nervenreiz herrührende Eindruck seinen psychischen Wert be- 
kommt. Man sagt gewöhnlich auch hier, wie es der Sprachgebrauch 
für das wache Verhalten tut, daß die Seele im Schlafe die Nervenreiz- 
eindrücke deute. Das ^sultat dieser Deutung ist der sogenannte 
Nervenreiztraum, d .h. ein Traum, dessen Bestandteile dadurch 
bedingt sind, daß ein Nervenreiz nach den Gesetzen der Reproduktiou 
Beine psychische Wirkung im Seelenleben vollzieht." 

In allem Wesentlichen mit dieser Lehre identisch ist die Äußerung 
von Wundt, die Vorstellungen des Traumes gehen jedenfalls zum 
größten Teil von Sinnesreizen aus, namentlich auch von solchen des 
allgemeinen Sinnes, und sind daher zumeist phantastische Illusionen, 

Orfg fnal f ro m 



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(54 ^' ^^ TrAammateiial and die Traomqaellen. 

wahrscheinlich nur zum kleineren Teil reine, zu Halluzinationen ge- 
steigerte Erinnerungsvorstellungen. Für das Verhältnis des Traum- 
inhaltes zu den Traumreizen, welches sich nach dieser Theorie ergibt, 
findet Strümpell das troff liehe Gleichnis (p. 84), e^ sei, wie „wena 
die zehn Finger eines der MusLk ganz unkundigen Menschen über die 
Tasten des Instruments hinlaufon". Der Traum erschiene so nicht als 
ein seelisches Phänomen, aus psychischen Motiven entsprungen, son- 
dern als der Erfolg eines physiologischen Heizes, der sich in psychi- 
scher Symptomatologie äußert, weil der vom Reize betroffene .Vpparat 
keiner anderen Äußerung fähig ist. Auf eine ähnliche Voraussetzung 
ist z. B. die Erklärung der Zwangsvorstellungen aufgebaut, die Mey- 
nert durch das berühmte Gleichnis vom Zifferblatt, auf dem ein- 
zelne Zahlen stärker gewölbt vorspringen, zu geben versuchte. 

So beliebt diese I^ehro von den somatischen Traumreizen ge- 
worden ist und so bestechend sie erscheinen mag, so 'ist es docli leicht, 
den schwachen Punkt in ihr aufzuweisen. Jeder somatische Traum- 
reiz, welcher im Schlafe den seelischen Apparat zur Deutung durch 
Illusionsbildung auffordert, kann ungezählt viele solcher Deutungs- 
versuche anregen, also in ungemein verschiedenen Vorstellungen seine 
Vertretung im Trauminhalt erreichen*. Die Lehre von Strümpell 
und Wundt ist aber unfähig, irgend ein Motiv anzugeben, welches 
die Beziehung zwischen dem äußeren Reiz und der zu seiner Deutung 
gewählten Traumvorstellung regelt, also die , »sonderbare Auswahl" zu 
erklären; welche die Reize ,,oft genug bei ihrer reproduktiven AVirk- 
samkeit treffen**. (Lipps, Grundtatsachen des Seelenlebens, p. 170.) 
Andere Einwendungen richten sich gegen die Ci rund Voraussetzung der 

tanzen Illusionsichre, daß die Seele im Schlafe nicht in 'der Lage sei, 
ie wirkliche Natur der objektiven Sinnesreize zu erkennen. Der alte 
Physiologe Burdach bew^eist uns, daß die Seele auch im Schlafe 
sehr wohl fähig ist, die an sie gelangenden Sinneseindrücke richtig 
zu deuten und der richtigen Deutung gemäß zu reagieren, indem 
er ausführt, daß man gewisse, dem Individuum wichtig erscheinende 
Sinneseindrücke von der Vernachlässigung während des Schlafes 
ausnehmen kann (Amme und Kind), und daß man durch den eigenen 
Namen weit sicherer geweckt wdrd als durch einen gleichgültigen 
Gehörseindruck, was ja voraussetzt, daß die Seele auch im Schlafe 
zwischen den Sensationen unterscheidet (Abschnitt I, S. 37). Bur- 
dach folgert aus diesen Beoba<;htungen, daß während des Schlaf - 
zustande« nicht eine Unfähigkeit, die Sinnesreize zu deuten, sondern 
ein Mangel an Interesse für sie anzunehmen ist. Die nämlichen 
Argumente, die Burdach 1830 verwendet, kehren dann zur Be- 
kämpfung der somatischen Reiztheorie unverändert bei Lipps im 
Jahre 1883 wieder. Die Seele erscheint uns demnach wie der Schläfer 
in der Anekdote, der auf die Frage „Schläfst du" antwortet „Nein", 

♦ Ich möchte jedermann raten, die in zwei Bänden gosammelt-cn, ausführ- 
lichen und genauen Protokolle experimentell erzeugter Träum© von Mourly 
Vold durchzulesen, um sich zu überzeugen, wie wenig Aufklärung der Inhalt 
des einzelnen Traumes in den ange<?ebenen Versuchsbedingangeu findet, und wie 
gering überhaupt der Sulzen flolclier Experiment« für daa Versländnis der Traum- 
problome ist. 

f^ /^f^ r| I p. Orf g f n a I f no m 

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Die Unzol&Dglichkeit der Lehre Ton den somatischen Traiimreüen. 159 

nach der zweiten Anrede, „dann leih' mir zehn Gulden" aber ßich 
Unter der Ausrede verschanzt: „Ich schlafe". 

Die Unzulänglichkeit der Lehre von den somatischen Traum- 
Teizen läßt sich auch auf andere Weise dartun. Die Beobachtung 
zeigt, daß ich durch äußere Reize nicht zum Träumen genötigt 
werde, wenngleich diese Heize im Trauminhalt erscheinen, sobald 
und für den Fall, daß ich träume. Gegen einen Haut- oder Druck- 
Tciz etwa, der mich im Schlafe befällt, stehen mir verschiedene 
JSeaktionen zu Gebote. Ich kann ihn überhören und dann beim Er- 
wachen finden, daß z. B. ein Bein unbedeckt oder ein Arm gedrückt 
^ar; die Pathologie zeigt mir ja die zahlreichsten Beispiele, daß 
verschiedenartige und kräftig erregende Empf indungs- und BewegungS' 
reize während des Schlafes wirkungslos bleiben. Ich kann die Sen* 
sation während des Schlafes verspüren, gleichsam durch den Schlaf 
hindurch, wie es in der Kegel mit schmerzhaften Heizen geschieht, 
aber ohne den Schmerz in einen Traum zu verweben; und ich kann 
drittens auf den Reiz erwachen, um ihn zu beseitigen*. «Erst eine vierte 
mögliche Reaktion ist, daß ich durch den Nervenreiz zum Traum 
veranlaßt werde; die anderen Möglichkeiten werden aber mindestens 
ebenso häufig vollzogen wie die der Traumbildung. Dies könnte nicht 
geschehen, wenn nicht das Motiv des Träumens außerhalb der 
somatischen Reizquellen läge. 

In gerechter Würdigung jener oben aufgedeckten Lücke in der 
Erklärung des Traumes durch somatische Reize liaben nun andere 
Autoren — Scherner, dem der Philosoph Volkelt sich anschloß — 
die Seelentätigkeiten, welche aus den somatischen Reizen die bunten 
Traumbilder entstehen lassen, näher zu bestimmen gesucht, also doch 
wieder das Wesen des Träumens ins Seelische und in eine psychische 
Aktivität verlegt. Scherner gab nicht nur e'ine poetisch nach- 
empfundene, glühend belebte Schilderung der psychischen Eigentüm- 
lichkeiten, die sich bei der Traumbildung entfalten ; er glaubte auch 
das Prinzip erraten zu haben, nach dem die Seele 'mit den ihr dar- 
gebotenen Reizen verfährt. In freier Betätigung der ihrer Tages- 
fesseln entledigten Phantasie strebt nach Scherner die Traumarbeit 
dahin, die Natur des Organs, von dem der Reiz ausgeht, und die 
Art dieses Reizes symbolisch darzustellen. Es ergibt sich so eine 
Art von Traumbuch als Anleitung zur Deutung der Träume, mittels 
dessen aus Traumbildern auf Körpergefühle, Organzustände und Reiz- 
zustände geschlossen werden darf. „So drückt das Bild der Katze 
die ärgerliche Mißstimmung des Gemütes ausf das Bild des "hellen 
und glatten Gebäcks die Jiöibesnacktheit. Der menschliche Leib als 
Ganzes wird von der Traumphantasie als Haus vorgestellt, das ^^in- 
zelne Körx)erorgan durch einen Teil des Hauses. In den ,Zahnreiz- 
träumen' entspricht dem Mundorgan ein hochgewölbter Hausflur 
tind dem Hinabfall des Schlundes zur Speiseröhre eine Treppe, im 
^Kopfschmerztraum* wird zur Bezeichnung der Höhenstellung des 

♦ Vgl. hiezu K. Landauer, Handlungen des Schlafenden (Zeitselir. f. d. 
^t9. Neurologie und Psychiatrie, XXXIX, 1918). Es gibt für jeden Beobachter 
sichtbare, sinnvolle Handlungen des Schlafenden. Der Schläfer ist nicht ab* 
colut verblödet, im Gegenteil: er vermag logisch und willensstark su handeln. 

Orfg fnal f ro m 



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^56 ^* ^^ Traommaterial and die Traamqaenen. 

Kopfes die Decke eines Zimmers gewählt, welche mit ekelhaften^ 
krötenartigen Spinnen bedeckt ist" (p. 39). „Diese Symbole werden, 
vom Traume in mehrfacher Auswahl für das nämliche Organ ver- 
wendet; so findet die atmende Lunge in dem flammenerfüllten «Ofer 
mit seinem Brausen ihr Symbol, das Herz in hohlen Kisten und. 
Körben, die Harnblase in runden, beuteiförmigen oder überhaupt 
nur ausgehöhlten Gegenständen. Besonders wichtig ist es, daß am 
Schlüsse des Traumes öiter das erregende Organ oder dessen Funktion 
unverhüllt hingestellt wird, und zwar zumeist an dem eigenen Leibe 
des Träumers. So endet der ,Zahnreiztraum' gewöhnlich damit, daß. 
der Träumer sich einen Zahn aus dem Munde zieht" (p. 35). Man kana 
nicht sagen, daß diese Theorie der Traumdeutung viel Gunst bei den. 
Autoren gefunden hat. Sie erschien vor allem extravagant; man hat 
selbst gezögert, das Stück Berechtigung herauszufinden, das sie nach 
meinem Urteil beanspruchen darf. Sie führt, wie man sieht, zui^ 
Wiederbelebung der Traumdeutung mittels Symbolik, deren sich 
die Alten bedienten, nur daß das Gebiet, aus welchem die Deutung 
geholt werden soll, auf den Umfang der menschlichen Leiblichkeit 
beschränkt wird. Der Mangel einer wissenschaftlich faßbaren Technik 
bei der Deutung muß die Anwendbarkeit der S eherner sehen Lehre 
schwer beeinträchtigen. Willkür in der Traumdeutung scheint keines^ 
wegs ausgeschlossen, zumal da auch hier ein ßeiz sich in mehr- 
fachen Vertretungen im Trauminhalt äußern kann; so hat bereits 
Scherners Anhänger Volkelt die Darstellung des Körpers als Haus 
nicht bestätigen können. Es muß auch Anstoß erregen, daß hier 
wiederum der Seele die Traumarbeit als nutz- und ziellose 3^tätigung^ 
auferlegt i^it, da sich doch nach der in Kede stehenden Lehre die 
Seele damit begnügt, über den sie beschäftigenden ßeiz zu phantasie- 
ren, ohne daß etwas wie eine Erledigung des Reizes in der Ferne- 
winkte. 

Von einem Einwand aber wird die Sc herner sehe Lehre der 
Symbolisierung von Leibreizen durch den Traum schwer getroffen. 
Diese Leibreize sind jederzeit vorhanden, die Seele ist für sie nach 
allgemeiner Annahme während des Schlafens zugänglicher als im. 
W^achen. Man versteht dann nicht, warum die Seele nicht kontinuier- 
lich die Nacht hindurch träumt, und zwar jede Nacht von allen. 
Organen. AVill man sich diesem Einwand durch die Bedingung ent- 
ziehen, es müßten vom Auge, Ohre, von den Zähnen, Därmen usw. be- 
sondere Erregungen ausgehen, um die Traumtätigkeit zu wecken, 
so steht man vor der Schwierigkeit, diese Reizsteigerungen als oV 
jektiv zu erweisen, was nur in einer geringen Zahl von Fällen möglich 
ist. Wenn der Traum vom Fliegen eine Symbolisierung des Auf* 
und Niedersteigens der Lungenflügel bei der Atmung bedeutet, so 
müßte etweder dieser Traum, wie schon Strümpell bemerkt, weit 
häufiger geträumt werden oder eine gesteigerte Atmungstätigkeit wäh- 
rend dieses Traumes nachweisbar sein. Es ist noch ein dritter Fall 
möglich, der wahrscheinlichste von allen, daß nämlich zeitweise be- 
sondere Motive wirksam sind, um den gleichmäßig vorhandenen visze- 
ralen Sensationen Aufmerksamkeit zuzuwenden, aber dieser Fall führt 
bereits über die S eherner sehe Theorie hinaus. 

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Die SchernerBche Leibreiztheorie. 157 

Der Wert der Erörterungen von Scherner und Volkelt liegt 
darin, daß sie auf eine Reihe von Charakteren des Trauminhaltes auf- 
jnerksam machen, welche der Erklärung bedürftig sind und neue Er- 
kenntnisse zvL verdecken scheinen. Es ist ganz richtig, daß in den 
Träumen Symbolisierungen von Körperorganen und Funktionen ent- 
halten sind, daß Wasser im Traume häufig auf Hamreiz deutet, daß 
das männliche Genitale durch einen aufrecht stehenden Stab oder eine 
Säule dargestellt werden kann usw. In Träumen, welche ein sehr 
bewegtes Gresichtsfeld und leuchtende Farben zeigen, im Gegensatz 
z\x der Mattigkeit anderer Träume, kann man die Deutung als „Ge- 
j^ichtsreiztraum" kaum abweisen, ebensowenig den Beitrag der Illu- 
aionsbildung in Träiunen bestreiten, welche Lärm und Stimmengewirr 
enthalten. Ein Traum, wie der von Scherner, daß zwei fieihen 
ficliöner blonder Knaben auf einer Brücke einander gegenüberstehen, 
«ich gegenseitig angreifen, dann wieder ihre alte Stellung einnehmen, 
bis endlich der Träumer sich auf eine Brücke setzt und einen langen 
Zohn aus seinem Kiefer zieht; oder ein ähnlicher von Volkelt, in 
dem zwei B/eihen von Schubladen eine Rolle spielen, und der wiederum 
mit dem Ausziehen eines Zahnes endigt: dergleichen bei beiden 
Autoren in großer Fülle mitgeteilte Traumbildungen lassen es nicht 
zu, daß man die S eherner sehe Theorie als müßige Erfindung bei 
Seite wirft, ohne nach ihrem guten Kerne zu forschen. Es stellt sich 
dann die Aufgabe, für die vermeintliche Symbolisierung des angeb- 
lichen Zahnreizes eine andersartige Aufklärung zu erbringen. 

Ich habe es die ganze Zeit über, welche uns die Lehre von den 
«omatischen Traumquellen beschäftigte, unterlassen, jenes Argument 
geltend zu machen, welches sich aus unseren Tranmanalysen ableitet. 
Wenn wir durch ein Verfahren, das andere Autoren auf ihr Material 
an Träumen nicht angewendet haben, erweisen konnten, daß der 
Ti-auin einen ihm eigenen Wert als psychische Aktion besitzt, daß 
ein Wunsch das Motiv seiner Bildung wird, und daß die Erlebnisse 
des Voitages das nächste Material für seinen Inhalt abgeben, so «ist 
jede andere Traumlehre, welche ein so wichtiges Untersuchungs- 
verfahren vernachlässigt und dementsprechend den Traum als eine 
nutzlose und rätselhafte psychische Reaktion auf somatische Reize 
erscheinen läßt, auch ohne besondere Kritik gerichtet. Es müßte 
denn, was sehr unwahrscheinlich ist, zwei ganz verschiedene Arten 
von Träumen geben, von denen die eine nur uns, die andere nur den 
früheren Beurteilern des Traumes untergekommen ist. Es erübrigt 
nur noch, den Tatsachen, auf welche sich die gebräuchliche Lehre 
von den eomatischen Traumreizen stützt, eine Unterbringung inner- 
halb unserer Traumlehre zu verschaffen. 

Den ersten Schritt hiezu haben wir bereits getan, als wir den 
Satz aufstellten, daß die Traumarbeit unter dem Zwange stehe, alle 
gleichzeitig vorhandenen Traumanregungen zu einer Einheit zu ver-^ 
arbeiten. (S. 125). Wir sahen, daß, wenn zwei oder mehr eindrucks- 
fähige Erlebnisse vom Vortage übrig geblieben sindj die aus ihnen 
«ich ergebenden Wünsche in einem Traume vereinigt werden, des- 
gleichen, daß zum Traummaterial der psychisch wertvolle Eindruck 
und die indifferenten Erlebnisse des Vortages zusammentreten, voraus- 



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]^58 ^ ^^ Traummaterial und die Traumqaellen. 

gesetzt, daß sich kommunizierende Vorstellungen zwischen beiden her- 
stellen lassen. Der Traum erscheint somit als Iteaktion auf alles, was. 
in der schlafenden Psyche gleichzeitig als aktuell vorhanden ist. So- 
weit wir also das Traummaterial bisher analysiert haben, erkannten 
wir es als eine Sammlung von psychischen Eesten, Erinnerungsspuren> 
denen wir (wegen der Bevorzugung des rezenten und des infantilen 
Materials) einen psychologisch derzeit unbestimmbaren Charakter voa 
Aktualität zusprechen mußten. Es schafft uns nun nicht viel Ver- 
legenheit vorherzusagen, was geschehen wird, wenn zu diesen Er- 
innerungsaktualitäten neues Material an Sensationen während des 
Schlafzustandes hinzutritt. Diese Erregungen erlangen wiederum eine 
Wichtigkeit für den Traum dadurch, daß sie aktuell sind ; ,sie werdea 
mit den anderen psychischen Aktualitäten vereinigt, um das Material 
für die Traumbildung abzugeben. Die Reize wälirend des Schlafes 
werden, um es anders zu sagen, in eine Wunscherfüllung verarbeitet, 
deren andere Bestandteile die uns bekannten psychischen Tagesreste 
sind. Diese Vereinigung muß nicht vollzogen werden; wir haben ja 
gehört, daß gegen körperliche Reize während des Schlafes mehr als 
eine Art des Verhaltens möglich ist. Wo sie vollzogen ;wird, da ist 
es eben gelungen, ein Vorstellungsmaterial für den Trauminhalt zu 
finden, welches für beiderlei Traumquellen, die somatischen wie die 
psychischen, eine Vertretung darstellt. 

Das Wesen des Traumes wird nicht verändert, wenn zu den 
psychischen Traumquellen somatisches Material hinzutritt; er bleibt 
eine Wunscherfüllung, gleichgültig wie deren Ausdruck durch das 
aktuelle Material bestimmt wird. 

Ich will hier gerne Raum lassen für eine Reihe von Eigentüm- 
lichkeiten, welche die Bedeutung äußerer Reize für den Traum ver- 
änderlich gestalten können. Ich stelle mir vor, daß ein Zusammen- 
wirken individueller, physiologischer und zufälliger, in den jeweiligen 
Umständen gegebener Momente darüber entscheidet, wie man sich in 
den einzelnen Fällen von intensiverer objektiver Reizung während des 
Schlafes benehmen wird; die habituelle und akzidentelle Schlaftiefe 
im Zusammenhalt mit der Intensität des Reizes w4rd es* das eine Mal 
ermöglichen, den Reiz so zu unterdrücken, daß er im Schlafe nicht 
stört, ein anderes Mal dazu nötigen, aufzuwachen, oder den Versuch 
unterstützen, den Reiz durch Verwebung in einen Traum zu über- 
winden. Der Mannigfaltigkeit dieser Konstellationen entsprecheind 
werden äußere objektive Reize bei dem einen häufiger oder seltener 
im Traume zum Ausdruck kommen als bei dem anderen. Bei mir^ 
der ich ein ausgezeichneter Schläfer bin und hartnäckig daran 'fest- 
halte, mich durch keinen Anlaß im Schlafe stören zu lassen, ist die 
Einmengung äußerer Erregungsnrsachen in die Träume sehr selten» 
während psychische Motive mich doch offenbar sehr leicht zum 
Träumen bringen. Ich habe eigentlich nur einen einzigen Traum auf- 
gezeichnet, in dem eine objektive, schmerzhafte Reizquelle zu erkennen 
ist, und gerade in diesem Traume wird es sehr ilehrreich werden, nach- 
zusehen, welchen Traumerfolg der äußere Reiz gehabt hat. 

Ich reite auf einem grauen Pferde, zuerst zaghaft und 
ungeschickt, als ob ich nur angelehnt wäre. Da hesezuQ ich 



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Der Traam vom Keiten. 159 

einem Kollegen P., der im Lodenanzug hoch zu Roß sitzt 
und mich an etwas mahnt (wahrscheinlich, daß ich schlecht 
sitze). Nun finde ich mich auf dem höchst intelligenten 
Roß immer mehr zurecht, sitze bequem und merke, daß ich 
oben ganz heimisch bin. Als Sattel habe ich eine Art 
Polster, das den Raum zwischen Hals und Croup des'Pfer- 
des vollkommen ausfüllt. Ich reite so knapp zwischen zwei 
Lastwagen hindurch. Nachdem ich die Straße eine Strecke 
weit geritten bin, kehre ich um und will absteigen, zu- 
nächst vor einer kleinen offenen Kapelle, die in der 
Straßenfront liegt. Dann steige ich wirklich vor einer 
ihr nahestehenden ab; das Hotel ist in derselben Straße; 
ich könnte das Pferd allein hingehen lassen, ziehe aber 
vor, es bis dahin zu führen. Es ist, als'ob ich mich schämen 
würde, dort als Reiter anzukommen. Vor dem Hotel steht 
ein Hotelbureche, der mir einen Zettel zeigt, der von mir 
gefunden wurde, und miich darum verspottet. Auf dem Zet- 
tel steht, zweimal unterstrichen: Nichts essen und dann 
ein zweiter Vorsatz (undeutlich) wie: nichts arbeiten; dazu 
eine dumpfe Idee, daß ich in einer fremden Stadt bin, in 
der ich nichts arbeite. 

Dem Traume wird man ^zunächst nicht anmerken, daß er unter 
dem Einflüsse, unter dem Zwange vielmehr, eines Schmerzreizes ent- 
standen ist. Ich hatte aber Tags vorher an Furunkeln glitten, die 
mir jede Bewegung zur Qual machten, und zuletzt war ein Furunkel 
an der "Wurzel des Skrotum zur Apfelgröße herangewachsen, hatte 
mir bei jedem Schritte die unerträglichsten Schmerzen bereitet, und 
fieberhafte Müdigkeit, Eßunlust, die trotzdem festgehaltene schwere 
Arbeit des Tages hatten sich mit den Schmerzen vereint, um meine 
Stimmung zu stören. Ich war nicht recht fähig, meinen arztlichen 
Aufgaben nachzukommen, aber bei der Art und bei dem Sitze des 
Übels ließ sich an eine andere Verrichtung denken, für die ich sicher- 
lich so untauglich gewesen wäre wüe für keine andere, und diese ist 
das Reiten. Gerade in diese Tätigkeit versetzt mich nun der Traum; 
es ist die energischeste Negation des Leidens, die der Vorstellung zu- 
gänglich ist. Ich kann überhaupt nicht reiten, träume auch sonst 
nicht davon, bin überhaupt nur einmal auf einem Pferde gesessen 
und damals ohne Sattel, und es behagte mir nicht. Aber in diesem 
Traume reite ich, als ob ich keinen Furunkel am Damm hätte, nein, 
gerade weil ich keinen haben will. Mein Sattel ist der Be- 
isichreibung gemäß der Breiumschlag, der mir das Einschlafen er- 
möglicht hat. Wahrscheinlich habe ich durch die ersten Stunden des 
Schlafes — so verwahrt — nichts von meinem Leiden .verspürt. Dann 
meldeten sich die schmerzhaften Empfindungen und wollten mich 
aufwecken, da kam der Traum und sagte beschwichtigend: „Schlaf 
doch weiter, du wirst doch nicht aufwachen! Du hast ja gar keinen 
Furunkel, denn du reitest ja auf einem Pferde, und mit einem Furunkel 
an der Stelle kann man doch nicht reiten!" Und es gelang ihm so; 
der Schmerz wurde übertäubt und ich scTilief weiter. 



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160 V. Das Tnmmmftftftrial oad die TiaQmqiiellen. 

Der Traum hat sich aber nicht damit begnügt, mir durch die 
hartnäckige Festhaltung einer mit dem Leiden unverträglichen Vor- 
stellung, den Furunkel „abzusuggerieren", wobei er sich benommen 
wie der halluzinatorische Wahnsinn der Mutter, die ihr Kind ver- 
l'oren hat*, oder des Kaufmannes, den Verluste um sein Vermögen 
gebracht haben; sondern die Einzelheiten der abgeleugneten Sensation 
ixnd "des zu ihrer Verdrängung gebrauchten Bildes dienen ihm auch 
als Material, um das, was sonst in der Seele »aktuell vorhanden ist, an 
die Situation des Traumes anzuknüpfen und zur Darstellung zu bringen. 
Ich reite ein graues Pferd, die Farbe des Pferdes entspricht genau 
dem pfeffer- und salzfarbigen Dreß, in dem ich dem Kollegen 
P. zuletzt auf dem Lande begegnet bin. Scharf gewürzte Nahrung 
ist mir als die Ursache der Furunkulose vorgehalten worden, immer- 
hin als Ätiologie dem Zucker vorzuziehen, an den man bei Furun- 
kulose denken kann. Freund P. liebt es, sich mir gegenüber aufs 
hohe Roß zu setzen, seitdem er mich bei einer Patientin abgelöst, 
mit der ich große Kunststücke ausgeführt hatte (ich sitre im 
Traume auf dem Pferde zuerst wie ein Kunstreiter tangential), 
die mich aber wirklich, wie das Boß in der Anekdote den Sonnta^- 
reiter geführt hat, wohin sie wollte. So kommt das Eoß zur sym- 
holischen PJcdeutung einer Patientin (es ist im Traume höchst in- 
telligent). „Ich fühle mich ganz heimisch oben** geht auf die 
Stellung, die ich in dem Hause innehatte, ehe ich durch P. pr- 
setzt wurde. „Ich habe gemeint, Sie sitzen oben fest im 
Sattel", hat mir mit Beziehung auf dasselbe Haus einer meiner 
wenigen Gönner unter den großen Ärzten dieser Stadt vor kurzem 
gesagt. Es war auch ein Kunststück, mit solchen Schmerzen acht 
bis zehn Stunden täglich Psychotherapie zu treiben, aber ich weiß, 
diß ich ohne volles körperliches Wohlbefinden meine besonders 
schwierige Arbeit nicht lange fortsetzen kann, und der Traum ,ist voll 
düsterer Anspielungen auf die Situation, die sich dann orgeben muß 
(der Zettel, wie ihn die Neuraßtheniker haben und dem Arzte vor- 
zeigen): — Nicht arbeiten und nicht essen. Bei weiterer Deu- 
timg sehe ich, daß es der Traumarbeit gelungen ist, von *der Wunsch- 
situation des B^itens den Weg zu finden zu sehr frühen Kindcr- 
ötreitszenen, die sich zwischen mir und einem jetzt in England leben- 
den, übrigens um ein Jahr älteren, Neffen abgespielt haben mußten. 
Außerdem hat er Elemente aus meinen Beisen in Italien aufgenommen ; 
die Straße im Traume ist aus Eindrücken von Verona und von Siena 
zusammengesetzt. Noch tiefer gehende Deutung führt zu sexuellen 
Traumgedanken, und ich erinnere mich, was bei einer Patientin, die 
nie in Italien war, die Traumanspielungen an das schöne Land be- 
deuten sollten (gen Italien — Genitalien), nicht ohne Anknüpfung 
gleichzeitig an das Haus, in denn ich vor Freund P. Arzt war, und 
an die Stelle, an welcher mein Furunkel sitzt 

In einem anderen Traume gelang os mir auf ähnliche Weise, 
eine diesmal von einer Sinnesreizung drohende Schlafstörung ab- 

* Vgl. die Stelle bei Grieainger und die Bemerkung in meinem »weiten 
Aufsatz über die Abwehr-Psychoneurosen, Neurologisches Zentmlblafet 
1896. (Sammlung Kl. Schriften, I. Folge.) 



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Verarbeitung von Reizen im Schlafe. Jg] 

zuwehren, aber es war nur ein Zufall, der mich in den Stand setzte, 
den Zusammenhang des Traumes mit dem zufälligen Traumreiz zu 
€aitdecken, und solcher Art den Traum zu verstehen. Eines Morgens 
erwachte ich, es war im Hochsommer, in einem tirolischen Höhenort, 
mit dem Wissen, geträumt zu haben: Der Papst ist gestorben. 
Die Deutung dieses kurzen, nicht visuellen Traumes gelang mir nicht 
Ich erinnerte mich nur der einen Anlehnung für den Traum, daß in 
der Zeitung kurze Zeit vorher ein leichtes Unwohlsein Sr. Heiligkeit 
ji^emeldet worden war. Aber im Laufe des Vormittags fragt meine 
J^Vau: ,,Hast du heute morgens das fürchterliche Glockenläuten ge- 
hört?" Ich wußte nichts davon, daß ich es gehört hatte, aber ich 
verstand jetzt meinen Traum. Er war die Reaktion meines Schlaf- 
bedürfnisses auf den Lärm gewesen, durch den die frommen Tiroler 
mich wecken wollten. Ich rächte mich an ihnen durch die Folgerung, 
die den Inhalt des Traumes bildet, und schlief nun ganz ohne Inter- 
esse fü^* das Geläute weiter. 

Unter den in den vorstehenden Abschnitten erwähnten Träumen 
fänden sich bereits mehrere, die als Beispiele für die Verarbeitung 
sogenannter Nervenreize dienen können. Der Traum vom Trinken in 
vollen Zügen ist ein solcher; in ihm ist der somatische Reiz anschei- 
nend die einzige Traumquelle, der aus der Sensation entspringende 
Wunsch — der Durst — das einzige Traummotiv. Ahnlich ist es in 
anderen einfachen Träumen, wenn der somatische Reiz für sich allein 
«inen Wunsch zu bilden vermag. Der Traum der Kranken, die Nachts 
den Kühlapparat von der Wange abwirft, zeigt eine ungewöhnliche 
Art, auf Schmerzensreize mit einer Wunscherfüllung zu reagieren ; 
-CS scheint, daß es der Kranken vorübergehend gelungen war, sich 
analgisch zu machen, wobei sie ihre Schmerzen einem Fremden ,zuschob. 

Mein Traum von den drei Parzen ist ein offenbarer Hunger- 
tranm, aber er weiß das Nahrungsbedürfnis bis auf die Sehnsucht 
des Kindes nach der Mutterbrust zurückzuschieben, und die Iiarmlose 
JBegierde zur Decke für eine ernstere, die sich nicht so unverhüllt 
äußern darf, zu benützen. Im Traume vom Grafen Thun konnten, 
wir sehen, auf welchen Wegen ein akzidentell gegebenes körperliches 
Bedürfnis mit den stärksten, aber auch stärkst unterdrückten Regungen 
des Seelenlebens in Verbindung gebracht wird. Und wenn, wie in 
dem von Garnier berichteten Falle, der erste Konsul das Geräusch 
der explodierenden Höllenmaschine in einen Schlachtentraum verwebt, 
cJie er davon erwacht, so offenbart sich darin ganz besonders klar 
das Bestreben, in dessen Dienst die Seelentätigkeit sich überhaupt um 
die Sensationen während des Schlafens kümmert. Ein junger Advokat, 
der voll von seinem ersten großen Konkurs des Na<;hmittags ein- 
schläft, benimmt sich ganz ähnlich wie der große Napoleon. Er 
träumt von einem gewissen G. Reich in Hussiatyn, den er aus 
dem Konkurs kennt, aber Hussiatyn drängt sich weiter gebieterisch 
auf; er muß erwachen und hört seine Frau, die an einem Bronchial- 
katarrh leidet, heftig — husten. 

Halten wir diesen Traum des ersten Napoleon, der übrigens <pin 
ausgezeichneter Schläfer war, und jenen anderen des langschläfrigen 
Studenten zusammen, der von seiner Zimmerfrau geweckt, er müsse 

Frrnd, Traumdcvtuiig, 6. Aufl, 11 

C^ r^rs n I i> Orf g f n a I f ro m 

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X<02 ^' ^^ Tnammaterial and die Traumqaeueji. 

ins Spital, sich in ein Spitalsbett träumt und dann /mit der Motivierung' 
weiterschläft: Wenn ich schon im Spital bin, brauche ich ja nicht 
aufzustehen, um hinzugehen. Der letztere ist ein offenbarer Bequem- 
liichkeitstraum, der Schläfer gesteht sich das Motiv seines Träumens 
unverhohlen ein, deckt aber damit eines der Geheimnisse des .Träumens 
überhaupt auf. In gewissem Sinne sind alle Träume — Bequem- 
lichkeitsträume; sie dienen der Absicht, den Schlaf fortzusetzen^ 
anstatt zu erwachen. Der Traum ist der Wächter des. Schlaf es^ 
nicht sein Störe r. Gegen die psychisch erweckenden Momente wer- 
den wir diese Auffassung an anderer Stelle rechtfertigen; ihre An- 
wendbarkeit auf die Rolle der objektiven äußeren Heize können wir 
hier bereits begründen. Die Seele kümmert sich entweder überhaupt 
nicht um die Anlässe zu Sensationen während des Schlafes, wenn sie 
dies gegen die Intensität und die von ihr wohlverstandene Bedeutung 
dieser Beize vermag; oder sie verwendet den Traum dazu, diese Reize 
in Abrede zu stellen oder zu entwerten, oder drittens, wenn sie die- 
selben anerkennen muß, so sucht sie jene Deutung derselben auf,, 
welche die aktuelle Sensation als einen Teilbestand einer gewünschten 
und mit dem Schlafen verträglichen Situation hinstellt. Die aktuelle 
Sensation wird in einen Traum verflochten, um ihr die Realität zu 
rauben. Napoleon darf weiter schlafen; es ist ja nur eine Traum- 
erinnerung an den Kanonendonner von Arcole, was ihn stören will*. 

Der Wunsch zu schlafen, auf den sich das bewußte 
Ich eingestellt hat und der nebst der Traumzensur** des- 
sen Beitrag zum Träumen darstellt, muß so als Motiv der 
Traumbildung jedesmal eingerechnet werden, und jeder 
gelungene Traum ist eine Erfüllung desselben. Wie dieser all- 
gemeine, regelmäßig vorhandene und sich gleichbleibende Schlaf- 
wunsch sich zu den anderen Wünschen stellt, von (denen bald der^ 
bald jener durch den Trauminhalt erfüllt werden, dies wird Gegen- 
stand einer anderen Auseinandersetzung sein. In dem Schlaf wünsch 
haben wir aber jenes Moment aufgedeckt, welches die Lücke in der 
Strümpell-Wundtschen Theorie auszufüllen, die Schiefheit und 
Launenhaftigkeit in der Deutung des äußeren Reizes aufzuklären ver- 
mag. Die richtige Deutung, deren die schlafende Seele sehr wohl 
fähig ist, nähme ein tätiges Interesse in Anspruch, stellte die Anfor- 
derung, dem Schlafe ein Ende zu machen; es werden darum von den 
überhaupt möglichen Deutungen nur solche zugelassen, die mit der 
absolutistisch geübten Zensur des Schlafwunsches vereinbar sind. 
[Etwa: Die Nachtigall ist's und nicht die Lerche. Denn wenn's die 
Lerche ist, so hat die Liebesnacht ihr Ende gefunden. Unter den nun 
zulässigen Deutungen des Reizes wird dann jene ausgewählt, welche 
die beste Verknüpfung mit den in der Seele lauernden 'Wunschanregun- 
gen erwerben kann. So ist alles eindeutig bestimmt und .nichts der 
Willkür überlassen. Die Mißdeutung ist nicht Illusion, sondern — 
wenn man so will — Ausrede. Hier ist aber wiederum, wie bei dem 

* Der Inhalt dieses Traumes wird in den zwei Quellen, baxs denen ich ihn. 
kenne, nicht übereinstimmend erzahlt. 

♦♦ (und der spiter m erwähnenden „sekundären Bearbeitumr"^. 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n al f ro m 

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Der Traum der Wächter des Schlafes. IQ^ 

Ei-eatz durch Vei'schiebung zu Diensten der Traumzensur, ein Akt der 
Beugung des normalen psychischen Vorganges zuzugeben. 

Wenn die äußeren Nerven- und inneren Leibreize intensiv genug 
sind, um sich psychische Beachtung zu erzwingen, so stellen .sie — 
falls überhaupt Träumen und nicht Erwachen ihr Erfolg ist — einen 
festen Punkt für die Traumbildung dar, einen Kern im Traummaterial, 
zu dem eine entsprechende Wunscherfüllung in ähnlicher Weise ge- 
sucht wird, wie (siehe oben) die vermittelnden Vorstellungen zwischen 
zwei psychischen Traumreizen. Es ist ins.ofern für eine Anzahl 
von Träumen richtig, daß in ihnen das somatische Element den 
Trauminhalt kommandiert. In diesem extremen Falle wird selbst 
behufs der Traumbildung ein gerade nicht aktueller Wunsch geweckt. 
Der Traum kann aber nicht anders, als einen Wunsch in einer 
Situation als erfüllt darstellen; er ist gleichsam vor die Aufgabe ge- 
stellt, zu suchen, welcher Wunsch durch die nun aktuelle Sensation 
als erfüllt dargestellt werden kann. Ist dies aktuelle Material von 
schmerzlichem oder peinlichem Charakter, so ist es doch darum zur 
Traumbildung nicht unbrauchbar. Das Seelenleben verfügt auch über 
Wünsche, deren Erfüllung Unlust hervorruft, was ein Widerspruch 
scheint, aber durch die Berufung auf das Vorhandensein zweier 
psychischer Instanzen und die zwischen ihnen bestehende Zensur er^ 
klärlich wird. 

Es gibt, wie wir gehört haben, im Seelenleben verdrängte 
Wünsche, die dem ersten System angehören, gegen deren Erfüllung 
das zweite System sich sträubt. Es gibt, ist nicht etwa historisch 
gemeint, daß es solche Wünsche gegeben hat und diese dann vernichtet 
worden sind; sondern die Lehre von der Verdrängung, deren man 
in der Psychoneurotik bedarf, behauptet, daß solche verdrängte 
Wünsche noch existieren, gleichzeitig aber eine Hemmung, die auf 
ihnen lastet. Die Sprache trifft das Richtige, wenn sie von „Unter- 
drücken" solcher Impulse redet. Die psychische Veranstaltung, da- 
mit solche unterdrückte Wünsche zur Realisierung durchdringen, 
bleibt erhalten und gebrauchsfähig. Ereignet es sich aber, daß ein 
solcher unterdrückter Wunsch doch vollzogen wird, so äußert sich 
die überwundene Hemmung des zweiten (bewußtseinsfähigen) Systems 
als Unlust. Um nun diese Erörterung zu schließen : wenn Sensationen 
mit Unlusteharakter im Schlafe aus somatischen Quellen vorhanden 
sind, so wird diese Konstellation von der Traumarbeit benützt, um 
die Erfüllung eines sonst unterdrückten Wunsches — mit mehr oder 
weniger Beibehalt der Zensur — darzustellen. 

Dieser Sachverhalt ermöglicht eine Reihe von Angstträumen, 
während eine andere Reihe dieser der Wunschthoorie ungünstigen 
Traumbildungen einen anderen Mechanismus erkennen läßt. Die 
Angst in den Träumen kann nämlich eine psychoneurotische sein, 
aus psychosexuellen Erregungen stammen, wobei die Angst verdräng- 
ter Libido entspricht» Dann hat diese Angst wie der ganze Angst- 
traum die Bedeutung eines neurotischen Symptoms, und wir stehen ,an 
der Grenze, wo die wunscherfüllende Tendenz des Traumes scheitert. 
Itt anderen Angstträumen aber ist die Angstempfindung somatisch 

11» 
f^ /^f^ n 1 >> Orf g in a I f ro m 

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X64 ^' ^^ Traammaterial and die Traamqaelle&. 

gegeben (etwa wie bei Lungen- und Herzkranken bei zufälliger Atem- 
behinderung), und dann wird sie dazu benützt, solchen energisch 
unterdrückten Wünschen zur Erfüllung als Traum zu verhelfen, 
deren Träumen aus psychischen Motiven die gleiche Angstentbindung 
zur Folge gehabt hätte. Es ist nicht schwer, die beiden scheinbar 
gesonderten Fälle zu vereinigen. Von zwei psychischen Bildungen, 
einer Affektneigung und einem Vorstellungsinhalt, die innig zu- 
s^toimengehören, hebt die eine, die aktuell gegeben ist, auch im 
Traume die andere; bald die somatisch gegebene Angst den unter- 
drückten Vorstellungsinhalt, bald der aus der Verdrängung befreite, 
mit sexueller Erregung einhergehende Vorstellungsinhalt die Angst- 
entbindung. Von dem einen Falle kann man sagen, daß ein somatisch! 
gegebener Affekt psychisch gedeutet wird; im anderen Falle ist alles 
psychisch gegeben, aber der unterdrückt gewesene Inhalt ersetzt sich 
leicht durch eine zur Angst passende somatische Deutung. Die 
Schwierigkeiten, die sich hier für das Verständnis ergeben, haben 
mit dem Traume nur wenig zu tun; sie rühren daher, daß wir mit 
diesen Erörterungen die Probleme de^ Angstentwicklung und der 
Verdrängung streifen. 

Zu den kommandiorendcn Traumreizen aus der inneren Leib- 
lichkeit gehört unzweifelhaft die körperliche Gesamtstinimung. Nicht 
daß sie den Trauminhalt liefern könnte, aber sie nötigt den Traum- 
gedaiiken eine Auswahl aus dem Material auf, welches zur Dar- 
stellung im Trauminhalt dienen soll, indem sie den einen Teil dieses 
Materials, als zu ihrem Wesen passend, nahe legt, den anderen fern 
hält. Überdies ist ja wohl diese Allgemeinstimmung vom Tage her 
mit den für den Traum bedeutsamen psychischen Resten verknüpft. 
Dabei kann diese Stimmung selbst im Traume erhalten bleiben oder 
überwunden werden, so daß sie, wenn unlustvoll, ins Gegenteil um- 
schlägt. 

Wenn die somatischen Reizquellen während des Schlafes — die 
Schlafsensationen also — nicht von ungewöhnlicher Intensität sind, 
ßo spielen sie nach meiner Schätzuog für die Tra,umbildung eine 
jähnliche Rolle wie die als rezent verbliebenen, aber indifferenten Ein- 
drücke des Tages. Ich meine nämlich, sie werden zur Traumbildung 
herangezogen, wenn sie sich zur Vereinigung mit dem Vorstellungs- 
inhalt der psychischen Traumquelle eignen, im anderen Falle aber 
nicht. Sie werden wie ein wohlfeiles, allezeit bereitliegendcs Material 
"behandelt, welches zur Verwendung kommt, so oft man dessen be- 
darf, anstatt daß ein kostbares Material die Art seiner Verwendung 
selbst mit vorschreibt. Der Fall ist etwa ähnlich, wie wenn der 
Kunstgönner dem Künstler einen seltenen Stein, einen Onyx, bringt, 
aus ihm ein Kunstwerk zu gestalten. Die Größe des Steinen, seine 
Farbe und Fleckung helfen mit entscheiden, welcher Kopf oder 
welche Szene in ihm dargestellt werden soll, während bei gleich- 
mäßigem und reichlichem Material von Marmor oder Sandstein der 
Künstler allein der Idee nachfolgt, die sich in seinem Sinne gestaltet. 
Auf diese Weise allein scheint mir die Tatsache verständlich, daß 
jener Trauminhalt, der von den nicht ins Unj^ewohnte «resteigerten 

r , , . . ^ I.-. Original from 

^y VjUO^IC UNIVERSIir OF MICHIGAN 



Ein Traani vou mt^torUcher Hemmang^. Igj 

Beizen aus unserer Leiblichkeit geliefert wird, doch nicht in allen 
Träumen und nicht in jeder Nacht im Traume erscheint*. 

Vielleicht wird ein Beispiel, das uns wieder zur Traumdeutung 
zurückführt, meine Meinung am besten erläutern. Eines Tages mühte 
ich mich ab zu verstehen, was die Empfindung von Gehemmtscint 
nicht von der Stelle können, nicht fertig werden u. dgl., die so Tiäufig 
geträumt wird und die der Angst so nahe verwandt ist, wohl be- 
deuten mag. In der Nacht darauf hatte ich folgenden Traum: Ich 
gehe in sehr unvollständiger Toilette aus einer Wohnung 
im Parterre über die Treppe in ein höheres Stockwerk. 
Dabei überspringe ich jedesmal drei Stufen, freue mich» 
daß ich so flink Treppen steigen kann. Plötzlich sehe ich, 
daß ein Dienstmädchen die Treppen herab und also mir 
entgegenkommt. Ich schäme mich, will mich eilen, und 
nun tritt jenes Gehemmtsein auf, ich klebe an den Stufen 
und komme nicht von der Stelle. 

Analyse: Die Situation des Traumes ist der täglichen Wirk- 
lichkeit entnommen. Ich habe in einem Hause in Wien Lwei Woh- 
nungen, die nur durch die Treppe außen verbunden sind. Jm Hoch- 
parterre befindet sich meine ärztliche Wohnung und mein Arbeits- 
:dmmer, einen Stock höher die Wohnräume. Wenn ich in später 
Stunde unten meine Arbeit vollendet habe, gehe ich über die Treppe 
ins Schlafzimmer. An dem Abend vor dem Traume hatte ich diesen 
kurzen Weg wirklich in etwas derangierter Toilette gemacht, d. h. 
ich hatte Kragen, Kravate und Manschetten abgelegt; im Traume 
war daraus ein höherer, aber, wie gewöhnlich, unbestimmter Grad 
von Kleiderlosigkeit geworden. Da« Üherspringen von Stufen ist 
meine gewöhnliche Art, die Treppe zu gehen, übrigens eine bereits 
im Traume anerkannte Wunscherfüllung, denn mit der Leichtigkeit 
dieser Leistung hatte ich mich ob des Zustandes meiner Herzarbeit 
getröstet. Ferner ist diese Art, die Treppe zu gehen, ein wirksamer 
Gegensatz zu der Hemmung in der zweiten Hälfte des Traumes. Sie 
zeigt mir — was des Beweises nicht bedurfte — , daß der Traum keine 
Schwierigkeit hat, sich motorische Aktionen in aller Vollkommen- 
heit ausgeführt vorzustellen; man denke an das Fliegen im Träumet 

Die Treppe, über die ich gehe, ist aber nicht die meines Hauses ; 
ich erkenne sie zunächst nicht, erst die mir entgegenkommende Person 
klärt mich über die gemeinte Ortlichkeit auf. Diese Person ist das 
Dienstmädchen der alten Dame, die ich täglich zweimal^ besuche, um 
ihr Injektionen zu machen; die Treppe ist auch ganz ähnlich jener, 
die ich zweimal im Tage dort zu ersteigen habe. 

Wie gelangt nun diese Treppe und diese Frauensperson in 
meinen Traum? Das Schämen, weil man nicht voll angekleidet ist, 
hat unzweifelhaft sexuellen Charakter; das Dienstmädchen, von dem 
ich träume, ist älter vals ich, mürrisch und keineswegs .inreizend. 

* Bank hat in einer Pwcilie von Arbeiten gezeigt, daß gewisse, durch 
Organreiz hervorgerufene Wecktränme (die Harnreiz- und Pollutionsträume) be- 
sonders geeignet sind, den Kampf zwischen dem Schlafbedürfnis und den An- 
forderungen des organischen Bedürfnisses sowie den Einfluß des letzteren auf 
den Trauminhalt zu demonstrieren. 



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IQQ V. Das Traummaterial and die Trsamqaeileii. 

Zu diesen Fragen fällt mir nun nichts anderes ein als das folgende: 
Wenn ich in diesem Hause den Morgenbesuch mache, werde ich ge- 
vvöhnlich auf der Treppe von Räuspern befallen; das Produkt der 
Expektoration gerät auf die Stiege. In diesen beiden Stockwerken 
"befindet sich nämlich kein Spucknapf, und ich vertrete den Stand« 
punkt, daß die Beinhaltung der Treppe nicht auf meine Kosten er- 
folgen darf, sondern durch die Anbringung eines Spucknapfes er- 
möglicht werden soll. Die Hausmeisterin, eine gleichfalls ältliche und 
mürrische Person, aber von reinlichen Instinkten, wie ich ihr zu- 
zugestehen bereit bin, nimmt in dieser Angelegenheit einen anderen 
Standpunkt ein. Sie lauert mir auf, ob ich mir wieder die besagte 
Freiheit erlauben werde, und wenn sie das konstatiert hat, höre ich 
sie vernehmlich brummen. Auch versagt sie mir dann für Tage die ge- 
wohnte Hochachtung, wenn wir uns begegnen. Am Vortag des Trau- 
mes bekam nun die Partei der Hausmeisterin eine Verstärkung durch 
das Dienstmädchen. Ich hatte eilig wie immer meinen Besuch bei 
der Kranken abgemacht, als die Dienerin mich im Vorzimmer stellte 
und die Bemerkung von sich gab: „Herr Doktor hätten sich heuta 
ßchon die Stiefel abputzen können, ehe Sie ins Zimmer kommen. Der 
rote Teppich ist wiederum ganz schmutzig von Ihren Füßen.** Dies 
ist der ganze Anspruch, den Treppe und Dienstmädchen geltend .machen 
können, um in meinem Traume zu erscheinen. 

Zwischen meinem Über-die-Treppe-Fliegen und dem Auf-der- 
Troppe-Spucken besteht ein inniger Zusammenhang. Rachenkatarrh 
wie Herzbeschwerden sollen beide die Strafen für das Laster des 
Rauchens darstellen, wegen dessen ich natürlich auch bei meiner 
Hausfrau nicht den Ruf der größten Nettigkeit genieße, in dem einen 
Hause so wenig wie in dem anderen, die der Traum zu einem Ge- 
bilde verschmilzt. 

Die weitere Deutung des Traumes muß ich verschieben, bis 
ich berichten kann, woher der typische Traum von der unvoll- 
ständigen Bekleidung rührt. Ich bemerke nur als vorläufiges Ergeb- 
nis des mitgeteilten Traumes, daß die Traumsensation der gehemm- 
ten Bewegung überall dort hervorgerufen wird, wo ein gewisser Zu- 
sammenhang ihrer bedarf. Ein besonderer Zustand meiner Motilität 
im Schlafe kann nicht die Ursache dieses Trauminhalt<es sein, denn 
einen Moment vorher sah ich mich ja wie zur Sicherung dieser Er- 
kenntnis leichtfüßig über die Stufen eilen. - • 

d) Tj'^p.ische Träume. 

Wir sind im allgemeinen nicht im Stande, den Traum eines 
nnderen zu deut^sn, wenn derselbe uns nicht die hinter dem Traum- 
inhalt stehenden unbewußten Gedanken ausliefern will, und dadurch 
wird die praktische Verwertbarkeit unserer Methode der Traum- 
deutung schwer beeinträchtigt. Nun gibt es aber, so recht im Gegen- 
satz zu der sonstigen Freiheit des einzelnen, sich seine Traumwelt in 
individueller Besonderheit auszustatten und dadurch dem Verständnis 
der anderen unzugänglich zu machen, eine gewisse Anzahl von 
Träumen, die fast jedermann in derselben Weise geträumt hat, ,von 



C^ f\n n 1 €> Un g I n al f no m 

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Typische Traume. 167 

fdcnen wir anzunehmen gewohnt sind, daß sie aueh "bei jedermann 
dieselbe Bedeutung haben. Ein besonderes Interesse wendet sich die- 
sen typischen Träumen auch darum zu, weil sie vermutlich bei allen 
Menschen aus den gleichen Quellen stammen, also besonders gut ge- 
eignet scheinen, uns über die Quellen der Träume Aufschluß zu geben. 

Wir werden also mit ganz besonderen Erwartungen darangehen, 
unsere Technik der Traumdeutung an diesen typischen Träumen zu 
versuchen und uns nur sehr ungern eingestehen, daß unsere Kunst 
sich gerade an diesem Märterial nicht recht bewährt. Bei der Deutung 
der typischen Träume versagen in der Regel die Einfälle des Träumers, 
die uns sonst zum Verständnis des Traumes geleitet haben, oder sie 
werden unklar und unzureichend, so daß wir unsere Aufgabe mit ihrer 
Hilfe nicht lösen können. 

Woher dies rührt, und wie wir diesem Mangel unserer Technik 
abhelfen, wird sich an einer späteren Stelle unserer Arbeit orgeben. 
Dann wird dem Leser auch verständlich werden, warum ich hier nur 
einige aus der Gruppe der typischen Träume behandeln kann and die Er- 
örterung der anderen auf jenen späteren Zusammenhang verschiebe. 

a) Der Verlegenheitstraum der Nacktheit. 

Der Traum, daß man nackt oder schlecht bekleidet in (jrcgen- 
warl Fremder sei, kommt auch mit der Zutat vor, man habe pich 
dessen gar nicht geschämt u. dgl. Unser Interesse gebührt aber dem 
Nacktheitstraume nur dann, wenn man in ihm Scham und Verlegenheit 
empfindet, entfliehen oder eich verbergen will und dabei der eigen- 
tümlichen Hemmung unterliegt, daß man nicht von der Stelle^ kann 
.und sich unvermögend fühlt, die peinliche Situation zu /erändern. 
Nur in dieser Verbindung ist der Traum typisch; der Kern seines 
Inhaltes mag sonst in allerlei andere Verknüpfungen einbezogen 
werden oder mit individuellen Zutaten versetzt sein. Es handelt sich 
im wesentlichen um die peinliche Empfindung von der Natur der 
Scham, daß man seine Nacktheit, meist durch Lokomotion, verbergen 
möchte und es nicht zu Stande bringt. Ich glaube, die allermeisten 
meiner Leser werden sich in dieser Situation im Traume bereits be- 
funden haben. 

Für gewöhnlich ist die Art und Weise der Entkleidung wenig 
deutlich. Slan hört etwa erzählen, ich war im Hemde, aber dies ist 
selten ein klares Bild; meist ist die Unbekleidung so unbestimmt, 
daß sie durch eine Alternative in der Erzählung wiedergegeben wird: 
^Jch war im Hemde oder im Unterrocke." In der Regel ist der 
Defekt der Toilette nicht so arg, daß die dazugehörige Scham gerecht- 
fertigt schiene. Für den, der den Rock des Kaisers getragen hat, er- 
setzt sich die Nacktheit häufig durch eine vorschriftswidrige Ad- 
justierung. Ich bin ohne Säbel auf der Straße und sehe Offiziere näher 
kommen, oder ohne Halsbinde, oder trage eine karrierte ZiviUiose 
u. dgl. 

Die Leute, vor denen man sich schämt, sind fast immer Fremde 
mit unbestimmt gelassenen Gesichtern. Niemals ereignet es sich im 
typischen Traume, daß man wegen der Kleidung, die einem selbst 
eolcho Verlegenheit bereitet, beanstandet oder auch nur bemerkt wird- 



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26^ V. Dsa Tnuimmaterial and die Traamqaellen. 

Die Leuto machen ganz im Gegenteil gleichgültige, oder wie ich es 
in einem besonders klaren Traume wahrnehmen konnte, feierlich steife 
Mienen. Daß gibt zu denken. 

Die Schamverlegenheit des Träumers und die Gleichgültigkeit 
der Leute ergeben mitsammen einen Widerspruch, wie er im Traume 
häufig vorkommt. Zu der Empfindung des Träumenden würde doch 
nur passen, daß die Fremden ihn erstaunt ansehen und verlachen^ 
oder sich über ihn entrüsten. Ich meine aber, dieser anstößige Zug 
ist durch die Wunscherfüllung beseitigt worden, während der andere^ 
durch irgend welche Macht gehalten, stehen blieb, und so stimmen 
die beiden Stücke dann schlecht zueinander. Wir besitzen ein inter- 
essantes Zeugnis dafür, daß der Traum in seiner durch Wunsch- 
eriüUun^ partiell entstellten Form das richtige Verständnis nicht ge- 
f undeii hat. Er ist nämlich die Grundlage eines Märchens geworden^ 
welche« uns allen in der Andersen sehen Fassung* bekannt isir 
und in der jüngsten Zeit durch L. Fulda im „Talisman" poetischer 
Verwertung zugeführt worden ist. Im Andersen sehen Märchen wird 
von zwei Betrügern erzählt, die für den Kaiser ein kostbares Gewand 
weben, das aber nur den Guten und Treuen sichtbar ^sein soll. Der 
Kaiser geht mit diesem unsichtbaren Gewand bekleidet aus, und idurch 
die prüfsteinartige Kraft des Gewebes erschreckt, tun alle Leute, als. 
ob sie die Nacktheit des Kaisers nicht merken. 

Letzteres ist aber die Situation unseres Traumes. Es gehört, 
wohl nicht viel Kühnheit dazu, anzunehmen, daß der unverständ- 
liche Trauminhalt eine Anregung gegeben hat, um eine Einkleidung 
zu erfinden, in welcher die vor der Erinnerung stehende Situ^jution 
sinnreich wird. Dieselbe ist dabei ihrer ursprünglichen Bedeutung 
beraubt und fremden Zwecken dienstbar gemacht worden. Aber wir 
werden hören, daß solches Mißverständnis des Trauminhaltes durch die 
bewußte Denktätigkeit eines zweiten psychischen Systems häufig 
vorkommt uüd als ein Faktor für die endgültige Traumgestaltung »an- 
' zuerkennen ist, ferner, daß bei der Bildung von Zwangsvorstellungen 
und Phobien ähnliche Mißverständnisse — gleichfalls innerhalb der 
nämlichen psychischen Persönlichkeit — eine Hauptrolle spielen. Es 
l;äßt sich auch für unseren Traum angeben, woher das Materiajl 
für die Umdeutung genommen wird. Der Betrüger ist der Traum> 
der Kaiser der Träumer selbst, und die moralisierende Tendenz .ver- 
rät eine dunkle Kenntnis davon, daß es sich im latenten Traum- 
inhalte um unerlaubte, der Verdrängung geopferte Wünsche handelt- 
Der Zusammenhang, in welchem solche Träume während meiner Ana- 
lysen bei Neurotikem auftreten, läßt nämlich keinen Zweifel darüber, 
daß dem Traume eine Erinnerung aus der frühesten Kindheit zu 
Grunde liegt. Nur in unserer Kindheit gab es die Zeit, daß wir in 
mangelhalter Bekleidung von unseren Angehörigen wie von fremden 
Pflegepersonen, Dienstmädchen, Besuchern gesehen wurden, und wir 
haben uns damals unserer Nacktheit nicht geschämt**, xin vielen 
Kindern kann man noch in späteren Jahren beobachten, daß jhre Ent- 

* „De« Kaisers neue Kleider." 
♦* Das Kind tritfc auch im Märchen auf, denn dort ruft plötzlich ein kleinoa 
Eiiid: „Aber er luit ja gar nichts an." 



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Die kiodiiche ExhibitioxuilaBt. IQ^ 

Ivleidung wie berauschend aiif sie wirkt, anstatt sie zur Scham zu 
leiten. Sie lachen, springen herum, schlagen sich auf den Leib, die 
Mutter oder wer dabei ist, verweist es ihnen, sagt: Pfui, das ist eine 
Schande, das darf man nicht. Die Kinder zeigen häufig Exhibitions- 
gelüste; man kann kaum durch ein Dorf in unseren Gegenden gehen, 
ohne daß man einem zwei- bis dreijährigen Kleinen begegnete, welches 
vor dem Wanderer, vielleicht ihm zu Ehren, sein Hemdchen hochhebt. 
Einer meiner Patienten hat in seiner bewußten Erinnerung f.ine^Szeno 
aus seinem achten Lebensjahre bewahrt, wie er nach der Entkleiduag 
vor dem Schlafengehen im Hemde zu seiner kleinen Schwester im 
nächsten Zimmer hinaustanzen will, und wie die dienende Pex'son 
es ihm verwehrt. In der Jugendgeschichte von Neurotikern spielt die 
Entblößung vor Kindern des anderen Geschlechtes eine große iloUe; 
in der Paranoia ist der Wahn, beim An- und Auskleiden beobachtet 
zu werden, auf diese Erlebnisse zurückzuführen; unter den pervers 
Gebliebenen ist eine Klasse, bei denen der infantile Impuls zum 
Zwang erhoben worden ist, die der Exhibitionisten. 

Diese der Scham entbehrende Kindheit erscheint unserer Rück- 
schau später als ein Paradies, und das Paradies selbst ist nichts 
anderes als die Massenphantasie von der Kindheit des einzelnen. 
Darum sind auch im Paradies die Menschen nackt und schämen sich 
nicht vor einander, bis ein Moment kommt, in dem die Scham und 
die Angst erwachen, die Vertreibung erfolgt, das Geschlechtsleben 
und die Kulturarbeit beginnt. In dieses Paradies kann uns nun der 
Traum allnächtlich zurückführen; wir haben bereits der Vermutung 
Ausdruck gegeben, daß die Eindrücke aus der ersten Kindheit (der 
prähistorischen Periode bis etwa zum vollendeten vierten Jahre) an 
und für sich, vielleicht ohne daß es auf ihren Inhalt weiter ankäme, 
nach Reproduktion verlangen, daß deren Wiederholung eine Wunsch- 
erfüUung ist. Die Nacktheitsträume sind also Exhibi tions träume*. 

Den Kern des Exhibitionstraumes bildet die eigene Gestalt, die 
nicht als die eines Kindes, sondern wie in der Gegenwart gesehen 
wird, und die mangelhafte Bekleidung, welche durch die (; berlagerung 
BO vieler späterer Ncgligecrinnerungcn oder der Zensur zu Liebe un- 
deutlich ausfällt; dazu kommen nun die Personen, vor denen man 
sich schämt. Ich kenne kein Beispiel, daß die tatsächlichen Zu- 
schauer bei jenen infantilen Exhibitionen im Traume wieder auftreten. 
Der Traum ist eben fast niemals eine einfache Erinnerung. Merk- 
würdigerweise werden jene Personen, denen unser sexuelles Interesse 
in der Kindheit galt, in allen Reproduktionen des Traumes, der 
Hysterie und der Zwangsneurose ausgelassen; erst die Paranoia setzt 
die Zuschauer wieder ein und schließt, obwohl sie unsichtbar ge- 
blieben sind, mit fanatischer Überzeugung auf ihre Gegenwart. Was 
der Traum für sie einsetzt, „viele fremde Leute", die sich nicht um 
das gebotene Schauspiel kümmern, ist geradezu der Wunschgegen- 
satz zu jener einzelnen, wohlvertrauten Person, der man die Ent- 

* Eine Anzahl interessanter Nacktheits träume bei Frauen, die sich ohne 
Bchwierigkeiten auf die infantile Exhibitionslust zurückführen ließen, aber in 
mlanchen Zügen von dem oben behandelten „typischen'* Nackt hei ts trau m ab- 
weichen, hat Ferenczi mitgeteilt. 



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]^70 ^« ^^ Traammaterial and die Traamqaellen, 

Wößung bot. „Viele fremde Leute" finden sich in Träumen übrigens 
aiidi häufig in beliebigem anderen Zusammenhang; sie bedeuten 
immer als Wunschgegensatz „Geheimnis"*. Man merkt, wie auch 
die Restitution des alten Sachverhaltes, die in der Paranoia vor sich 
geht, diesem Gegensatze Rechnung trägt. Man ist nicht mehr allein, 
man wird ganz gewiß beobachtet, aber die Beobachter sind i„viele, 
fremde, merkwürdig unbestimmt gelassene Leute". 

Außerdem kommt im Exhibitionstraume die Verdrängung zur 
Sprache. Die peinliche Empfindung des Traumes ist ja die Reaktion 
-des zweiten psychischen Systems dagegen, daß der von ihr ver- 
worfene Inhalt der Exhibitionsszene dennoch zur Vorstellung gelangt 
ist. Um sie zu ersparen, hätte die Szene nicht wieder belebt werden 
dürfen. 

Von der Empfindung des Gehemmtseins werden wir später 
mochmals handeln. Sie dient im Traume vortrefflich dazu, den 
.Willenskonflikt, das Nein, darzustellen. Nach der unbewußten 
Absicht soll die Exhibition fortgesetzt, nach der Forderung der^Zensur 
^terbrochen werden. 

Die Beziehungen unserer typischen Träiune zu den Märchen 
und anderen Dichtungsstoffen sind gewiß weder vereinzelte noch zu- 
fällige. Gelegentlich hat ein scharfes Dichterauge den Umwandlungs- 
prozeß, dessen Werkzeug sonst der Dichter ist, analytisch erkannt (und 
ihn in umgekehrter Richtung verfolgt, also die Dichtung auf den 
Traum zurückgeführt. Ein Freund macht mich auf folgende Stelle 
AUS G. Kellers „Grünem Heinrich" aufmerksam: „Ich wünsche 
Ilinen nicht, lieber Lee, daß Sie jemals die ausgesuchte pikante 
Wahrheit in der Lage des Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm 
l)edeckt vor Nausikaa und ihren Gespielen erscheint, so recht aus 
Erfahrung empfinden lernen! Wollen Sie wissen, wie das zugeht? 
Halten wir das Beispiel einmal fest. Wenn Sie einst getrennt von 
Ihrer Heimat und allem, was Ihnen lieb ist, in der Fremde umher- 
schweifen und Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben 
Kummer und Sorge, sind wohl gar elend und verlassen, so wird es 
Ihnen des Nachts unfehlbar träumen, daß Sie sich Ihrer Heimat 
nähern; Sie sehen sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben, 
holde, feine und liebe Gestalten treten Ihnen entgegen; da (Entdecken 
Sie plötzlich, daß Sie zerfetzt, nackt und staubbedeckt umhergehen. 
■Eine namenlose Scham und Angst faßt Sie, Sie suchen sich zu be- 
<lecken, zu verbergen und erwachen im Schweiße gebadet. Dies ist, 
fiolange es Menschen gibt, der Traum des kummervollen, umher- 
'geworfenen Mannes, und so hat Homer jene Lage aus dem tiefsten 
und ewigen Wesen der Menschheit herausgenommen." 

Das tiefste und ewige Wesen der Menschen, auf dessen Er- 
weckung der Dichter in der Regel bei seinen Hörern baut, das sind 
Jene Regungen des Seelenlebens, die in der später prähistorisch ge- 
wordenen Kinderzeit wurzeln. Hinter den bewußtseinsfähigen und 
einwandfreien Wünschen des Heimatlosen brechen im Traume die 
unterdrückten und unerlaubt gewordenen Kinderwünsche hervor, und 

* Dasselbe bedeutet, aus begreiflichea Gründen, im Traume die Anwesen- 
heit der „ganzen Familie'*. 



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Der Nacktbeitfitraam. 17X 

<larum schlägt der Traum, den die Sage von der Kaüsikaa objektiviert, 
Tegelmäßig in einen Angsttraum um. 

Mein eigener, auf 8. 165 erwähnter Traum von dem Eilen über 
•die Treppe, das sieh bald nachher in ein An-den-Stufen-Kleben ver- 
wandelt, ist gleichfalls ein Exhibitionstraum, da er die wesentlichen 
Bestandstücke eines solchen aufweist. Er müßte sich also auf Kinder- 
Erlebnisse zurückführen lassen, und die Kenntnis derselben müßte 
-einen Aufschluß darüber geben, inwiefern das Benehmen des Dienst- 
mädchens gegen mich, ihr Vorwurf, daß ich den Teppich »schmutzig 
gemacht habe, ihr zur Stellung verhilft, die sie im Traume einnimmt. 
Ich kann die gewünschten Aufklärungen nun wirklich beibringen. 
In einer Psychoanalyse lernt man die zeitliche Annäherung auf sach- 
lichen Zusammenhang umdeuten; zwei Gedanken, die, anscheinend 
zusammenhanglos, unmittelbar aufeinanderfolgen, gehören zu einer 
Einheit, die zu erraten ist, ebenso wie ein a ,und ein b, die ich neben- 
einander hinschreibe, als eine Silbe: ab ausgesprochen werden sollen. 
Ähnlich mit der Aufeinanderbeziehung der Träume. Der erwähnte 
Traum von der Treppe ist aus einer Traumreihe herausgegriffen, 
deren andere Glieder mir der Deutung nach bekannt sind. Der von 
ihnen eingeschlossene Traum muß in denselben Zusammenhang ge- 
liAJren. Nun liegt jenen anderen einschließenden Träumen die Er- 
innerung an eine Kinderfrau zu Grunde, die mich von irgend einem 
Termin der Säuglingszeit bis zum Alter von 2^/2 Jahren betreut hat, 
von der mir auch eine dunkle Erinnerung im Bewußtsein geblieben 
ist. Nach den Auskünften, die ich unlängst von meiner .Mutter ein- 
geholt habe, war sie alt und häßlich, aber sehr klug und tüchtig; 
nach den Schlüssen, die ich aus meinen Träumen ziehen darf, hat 
sie mir nicht immer die liebevollste Behandlung angedeihen und mich 
harte Worte hören lassen, wenn ich der Erziehung zur Reinlichkeit 
kein genügendes Verständnis entgegenbrachte. Indem also das Dienst- 
mädchen dieses Erziehungswerk fortzusetzen sich bemüht, erwirbt sie 
den: Anspruch, von mir als Inkarnation der prähistorischen Alten im 
Traume behandelt zu werden. Es ist wohl anzunehmen, daß das 
Kind dieser Erzieherin, trotz ihrer schlechten Behandlung, seine Liebe 
geschenkt hat*. 

ß) Die Träume vom Tod teurer Personen:. 

Eine andere Reihe von Träumen, die typisch genannt werden 
dürfen, sind die mit dem Inhalte, daß ein teurer Verwandter, Eltern 
oder Geschwister, Kinder usw. gestorben ist. Man muß sofort von 
diesen Träumen zwei Klassen unterscheiden, die einen, bei welchen 
man im Traume von Trauer unberührt bleibt, so daß man sich nach 
dem Erwachen über seine Gefühllosigkeit wundert, die anderen, bei 
denen man tiefen Schmerz über den Todesfall empfindet, javihn selbst 
in heißen Tränen während des Schlafes äußert. 



* Eine Überdeufcung dieses Traumes: Auf der Treppe spucken, das führte, 
da „Spuken** eine Tätigkeit der Geister ist, bei loser Übersetzung zum „esprit 
d'escalier**. Treppenwitz heißt soviel als Mangel an Schlagfertigkeit. Den habe 
ich mir wirklich vorzuwerfen. Ob aber die Kinderfrau es an „Schlagf ertig» 
keit" hat fehlen lassen? 



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272 ^^' ^^ Traammaterial and die Traamqaellen. 

Dio Träume der ersten Gruppe dürfen wir bei Seite lassen; 
eia haben keinen Anspruch, als typisch zu gelten. Wenn man sie 
analysiert, findet man, daß sie etwas anderes bedeuten, als sie ent- 
halten, daß sie dazu bestimmt sind, irgend einen anderen Wunsch 
zu verdecken. So der Traum der Tante, die den einzigen Sohn ihrer 
Schwester aufgebahrt vor sich sieht (S. 107). Das bedeutet nicht, daß 
sie dem kleinen Neffen den Tod wünscht, sondern verbirgt nur, wie 
wir erfahren haben, den Wunsch, eine gewisse geliebte Person nach 
langer Entbehrung wieder zu sehen, dieselbe, die sie früher einmal 
nach ähnlich langer Pause bei der Leiche eines anderen Neffen wieder- 
gesehen hat. Dieser Wunsch, welcher der eigentliche Inhalt des 
Traumes ist, gibt keinen Anlaß zur Trauer, und darum wird auch 
im Traume keine Trauer verspürt. Man merkt es hier, daß die im 
Traume enthaltene Empfindung nicht zum manifesten Trauminhalt 
gehört, sondern zum latenten, daß der Affektinhalt des Traumes von 
der Entstellung frei geblieben ist, welche den Vorstellungsinhalt be- 
troffen hat. 

Anders die Träume, in denen der Tod einer geliebten verwandten 
Porson vorgestellt und dabei schmerzlicher Affekt verspürt wird- 
Diese bedeuten, was ihr Inhalt besagt, den *Wunsch, daß die betreffende 
Person sterben möge, und da ich hier erwarten darf, daß sich die 
Gefühle aller Leser und aller Personen, die Ähnliches ge'träumt haben, 
gegen meine Auslegung sträuben werden, muß ich den Beweis auf der 
breitesten Basis anstreben. 

Wir haben bereits einen Traum erläutert, aus dem wir lernen 
konnten, daß die Wünsche, welche sich in Träumen als erfüllt dar- 
stellen, nicht immer aktuelle Wünsche sind. Es können auch ver- 
flossene, abgetane, überlagerte und verdrängte Wünsche sein, denen 
wir nur wegen ihres Wieder auf tauchens im Traume doch eine Art 
von Fortexistenz zusprechen müssen. Sie sind nicht tot wie die 
Verstorbenen nac'h unserem Begriffe, sondern wie die Schatten der 
Odyssee, die, sobald sie Blut getrunken haben, zu einem gewissen 
Leben erwachen. In jenem Traume vom t-oten Kinde in der Schachtel 
(S. 108) handelte es sich um einen Wunsch, der vor 15 Jahren 
aktuell war und von damals her unumwunden eingestanden wurde. 
Es ist vielleicht für die Theorie des Traumes nicht gleichgültig, wenn 
ich hinzufüge, daß selbst diesem Wunsche eine Erinnerung aus der 
frühesten Kindheit zu Grunde liegt. Die Träumerin hat als kleines 
Kind — wann, ist nicht sicher festzustellen — gehört, daß ihre Mutter 
in der Schwangerschaft, deren Frucht sie wurde, in einelschwere Ver- 
stimmung verfallen war und dem Kinde in ihrem Leibe sehnlichst den 
Tod gewünscht hatte. Selbst erwachsen und gravid geworden, folgte 
sie nur dem Beispiele der Mutter. 

Wenn jemand unter Schmerzensäußerungen davon träumt, sein 
Vater oder seine Mutter, Bruder oder Schwester seien gestorben, jso 
werde ich diesen Traum niemals als Beweis dafür verwenden, daß 
er ihnen jetzt den Tod wünscht. Die Theorie des Traumes fordert 
nicht so viel; sie begnügt sich zu schließen, daß er ihnen — irgend 
einmal in der Kindheit — den Tod gewünscht habe. Ich fürchte 
aber, diese Einschränkung wird noch wenig zur Beruhigung der 



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Der Egoismui) des Kindes. |75 

Beschwerdeführer beitragen; diese dürften ebenso energisch die Mög- 
]{ichkeit beetreiten, daß sie je so gedacht haben, wie sie sich sicher 
fühlen, nicht in der Gegenwart solche Wünsche zu hegen. Ich muß 
darum ein Stück vom untergegangenen Kinderseelenleben nach den 
Zeugnissen, die noch die Gegenwart aufweist, wieder herstellen*. 

Fassen wir zunächst das Verhältnis der Kinder zu ihren Ge- 
€chwistern ins Auge. Ich weiß nicht, warum wir voraussetzen, es 
müsse ein liebevolles sein, da doch die Beispiele von Geschwister- 
feindschaft unter Erwachsenen in der Erfahrung eines jeden sich 
ilrängen, und wir so oft feststellen können, diese Entzweiung rühre 
noch aus der Kindheit her, oder habe von jeher bestanden. Aber auch 
«ehr viele Erwachsene, die heute an ihren Geschwistern zärtlich hängen 
und ihnen beistehen, haben in ihrer Kindheit in kaum unterbrochener 
Feindschaft mit ihnen gelebt. Das ältere Kind hat das jüngere miß- 
landelt, angeschwärzt, es seiner Spielsachen beraubt; das jüngere hat 
fiich in ohnmächtiger Wut gegen das ältere verzehrt, es beneidet und 
gefürchtet, oder seine ersten liegungen von Freiheitsdrang und Rechts- 
bewußtsein haben sich gegen den Unterdrücker gewendet. Die Eltern 
sagen, die Kinder vertragen sich nicht, und wissen den Grund hiefür 
nicht zu finden. Es ist nicht schwer zu sehen, daß der Charakter auch 
des braven Kindes ein anderer ist, als wir ihn .bei einem Erwachsenen 
zu finden wünschen. Das Kind ist absolut egoistisch, es empfindet 
seine Bedürfnisse intensiv und strebt rücksichtslos nach ihrer Befriedi- 
gung, insbesondere gegen seine Mitbewerber, andere Kinder, und in 
erster Linie gegen seine Geschwister. Wir heißen das Kind aber 
darum nicht „schlecht", wir heißen es „schlimm"; es ist unverant- 
wortlich für seine bösen Taten vor unserem Urteil wie vor dem 
Strafgesetz. Und das mit Recht; denn wir dürfen erwarten, daß noch 
innerhalb .von Lebenszeiten, die wir der Kindheit zurechnen, in 
dem kleinen Egoisten die altruistischen Regungen und die Moral er- 
wachen werden, daß, mit Meynert zu reden, ein sekundäres Ich 
das primäre überlagern und hemmen wird. Wohl entsteht die Mora- 
lität nicht gleichzeitig auf der ganzen Linie, auch ist die Dauer der 
morallosen "Kindheitsperiode T^ei den einzelnen Individuen verschieden 
lang. Psychoanalytische Untersuchungen haben mir gezeigt, daß ein 
sehr frühzeitiges Einsetzen der moralischen Reaktionsbildung (vor 
dem dritten Jahr), also ein sehr rasches „Bravwerden" des Kindes, zu 
den für die spätere Ausbildung einer Neurose disponierenden Momen- 
ten gerechnet werden muß. Wo die Entwicklung dieser Moralität aus- 
bleibt, sprechen wir gern von „Degeneration"; es handelt sich offen- 
lar um eine Entwicklungshemmung. Wo der primäre Charakter durch 
die spätere Entwicklung bereits überlagert ist, kann er durch die Er- 
krankung an Hysterie wenigstens partiell wieder freigelegt .werden. 
Die t'bcrcinstimmung des sogenannten hysterischen Charakters mit 
dem eines schlimmen Kindes ist geradezu auffällig. Die Zwangs- 
neurose hingegen entspricht dem Durchbruch einer Übermoralität, die 

* Vgl. hiezu: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben im Jahrbuch 
für psycheanalytische und psychopathologische Forschungen, Bd. 1, 1909, und 
„Ober infantile Sexualtheorien" in Sammlung kleiner Schriften zur Neurosen- 
lehre, zweite Folge. 

Orfg fnal f no m 



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174 ^* ^^ Traammaterlal and die Traamqaelien. 

als verstärkende Belastung dem sich immer wieder regenden primären 
Charakter auferlegt war. 

Viele Personen also, die heut/c ihre Geschwister lieben und ßich- 
durch ihr Hinsterben beraubt fühlen würden, tragen von früher her 
böse Wünsche gegen dieselben in ihrem Unbewußten, welche sich in 
Träumen zu realisieren vermögen. Es ist aber ganz besonders inter- 
essant, kleine Kinder bis zu drei Jahren oder wenig darüber in 
ihrem Verhalten gegen jüngere Geschwister zu beobachten. Das Kind 
war bißher das einzige, nun wird ihm angekündigt, daß der Storch 
ein neuer» Kind gebracht hat. Das Kind mustert den \ Ankömmling und 
äußert dann entschieden: „Der Storch soll es wieder mitnehmen*.'*^ 

Ich bekenne mich in allem Ernst zur Meinung, daß das Kind 
abzuschätzen weiß, welche Benachteiligung es von dem Fremdling zu 
erwarten hat. Von einer ihir nahestehenden Dame, die sich heute 
mit ihrer um vier Jahre jüngeren Schwester sehr gut verträgt, weiß»- 
ich, daß sie die Nachricht von deren -^nkunft mit dem Vorbehalt 
beantwortest hat: „Aber meine rote Kappe werde ich ihr doch nicht, 
geben." Sollte das Kind erst später zu dieser Erkenntnis kommen^ 
so wird seine Feindseligkeit in diesem Zeitpunkte erwachen. Ich 
kenne einen Fall, daß ein nicht dreijähriges Mädchen den Säugling 
in der Wiege zu erwürgen vereuchte, von dessen weiterer uVnwesen- 
heit ihr nichts Gutes ahnte. Der Eifersucht sind Kinder um diesem 
Lebenszeit in aller Stärke und Deutlichkeit fähig. Oder das kleine 
Geschwisterchen ist wirklich bald wieder verschwunden, das Kind hat 
wieder alle Zärtlichkeit im Hause auf sich vereinigt, nun kommt ein 
neues vom Storche geschickt; ist es da nicht korrekt, daß unseif 
Liebling den Wunsch in sich erschaffen sollte, der neue Konkurrent 
möge dasselbe Schicksal haben wie der frühere, damit es ihm wieder 
flo gut gehe wie vorhin und in der Zwischenzeit**? Natürlich ist 
dieses Verhalten des Kindes gegen die Nachgeborenen in normalen 
Verhältnissen eine einfache Funktion des Altersunterschiedes. Bei 
einem gewissen Intervall werden sich in dem älteren Mädchen bereits- 
die mütterlichen Instinkte gegen das hilflose Neugeborene regen. 

Empfindungen von Feindseligkeit gegen die Geschwister müssea 
im Kindesalter noch weit häufiger sein, als sie der stumpfen Beob- 
achtung Erwachsener auffallen***. 

* Der 3V2Jährige Hans, dessen Phobie Gegenstand der Analyse in der Tor- 
hin erwähnten Veröffentlichung ist, ruft im Fieber kurz nach der Geburt einer 
Schwester: Ich will aber kein Schwesterchen haben. In seiner Neurose, li/j Jahre- 
später, gesteht er den Wunsch, daß die Mutter das Kleine beim Baden in die- 
Wanno fallen lassen möge, damit; es sterbe, unumwunden ein. Dabei ist Hans 
ein gutartiges, zärtliches Kind, welches bald auch diese Schwester liebgewinnt 
nnd sie besonders gern protegiert. 

♦* Solche in der Kindheit erlebte Sterbefälle mögen in der Familie bald 
vergessen worden sein, die psychoanalytische Erforschung zeigt doch, daß sie 
für die spätere Neurose sehr bedeutungsvoll geworden sind. 

*** Beobachtungen, die sich auf das ursprünglich feindselige Verhalten voa 
Kindern gegen Gescliwister imd einen Elternteil beziehen, sind seither in großer 
Anzahl gemacht und in der psychoanalytischen Literatur niedergelegt worden.. 
Besonders echt und naiv hat der Dichter Spitteler diese typische kindliche 
Einstellung aus seiner frühesten Kindheit geschildert: „Übrigens war noch eia 
«weiter Adolf da. Ein kleines Geschöpf, von dem man behauptete, er wäre meia 
Bruder, von dem ich aber nicht begriff, wozu er nützlich sei; noch weniger^ 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n al f ro m 

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IMe Febdaeligkeit des Kindes gegen Geschwister. X7& 

Bei "meinen eigenen Kindern, die einander rasch folgten, liabe 
ich die Gelegenheit zu solchen Beohachtiingen versäumt; ich hole sie 
jetzt bei meinem kleinen Neffen nach, dessen Alleinherrschaft nach 
15 Monaten durch das Auftreten einer Mitbewerberin gestört wurde^ 
Ich höre zwar, daß der junge Mann sich sehr ritterlich gegen das 
Schwesterchen benimmt, ihr die Hand küßt und sie streichelt; ich 
überzeuge mich aber, daß er schon vor seinem vollendeten zweiten 
Jahre seine Sprachfähigkeit dazu benützt, um Kritik an der ihm doch 
nur überflüssig erscheinenden Person zu üben. So oft die llede auf 
sie kömmt, mengt er sich ins Gespräch und ruft ,unwillig : Zu k(l)ein^ 
zu k(l)ein. In den letzten Monaten, seitdem das Kind sich durch 
vortreffliche Entwicklung dieser Geringschätzung entzogen hat, weiß 
er seine Mahnung, daß sie soviel Aufmerksamkeit nicht verdient, an- 
ders zu begründen. Er erinnert bei allen geeigneten Anlässen .däi'a^i^ • 
Sie hat keine Zähne*. Von dem ältesten Mädchen einer anderen 
Schwester haben wir alle die Erinnerung bewahrt, wie das damals, 
sechsjährige Kind sich eine halbe Stunde lang von allen Tanten be- 
ßitätigen ließ : „Nicht wahr, das kann die Lucie noch nicht ver- 
citehen?" Lucie war die uin 2^/2 Jahre jüngere Konkurrentin. 

Den^ gesteigerter Feindseligkeit entsprechenden Traum vom Tode 
der Geschwister habe ich z. B. bei keiner meiner Patientinnen ver- 
mißt. Ich fand nur eine Ausnahme, die sich leicht in eine Bestäti- 
gung der Regel umdeuten ließ. Als ich einst einer Dame während 
einer Sitzung diesen Sachverhalt erklärte, der mir bei dem SymptoAi 
an der Tagesordnung in Betracht zu kommen schien, antwortete sio 
mir zu meinem Erstaunen, sie habe solche Träume nie gehabt. Ein 
anderer Traum fiel ihr aber ein, der angeblich damit nichts zu 
schaffen hatte, ein Traum, den sie mit vier Jahren, zuerst als damals 
Jüngste, und dann wiederholt geträumt hatte. „Eine Menge Kinder, 
alle ihre Brüder, Schwestern, Cousins und Cousinen tum- 
melten eich auf einer Wiese. Plötzlich bekamen sie Flü- 
gel, flogen auf und waren weg." Von der Bedeutung'dcs Traumes 
hatten sie keine Ahnung ; es wird uns nicht schwer fallen, einen Traum 
vom Tode aller Geschwister in seiner ursprünglichen, durch die 
Zensur wenig beeinflußten Form darin zu erkennen. Ich getraue mich 
folgende Analyse unterzuschieben. Bei dem Tode eines aus der 
Kinderachar — die Kinder zweier Brüder wurden in diesem Falle 
in geschwisterlicher Gemeinschaft aufgezogen — wird unsere noch 
nicht vierjährige Träumerin eine weise, erwachsene Person gefragt 
haben: Was wird denn aus den Kindern, wenn sie t-ot sind? Die 
Antwort wird gelautet haben: Dann bekommen sie Flügel und wer- 
den Engerl. Im Traume nach dieser Aufklärung haben nun die Ge- 

weswegeu man solch ein Wesen ans ihm mache wie von mir selber. Ich genügte 
für mein Bedürfnis, -was brauchbo ich einen Bruder? Und nicht bloß nnnüta 
war er, sondern mitunter sogar hinderlich. Wenn ich die Großmutter belästigte, 
wollte er sie ebenfalls belästigen, wenn ich im Kinderwagen gefahren wurde, 
saß er gegenüber und nahm mir die Hälfte Platz weg, so daß wir uns mit dea 
Füßen stoßen mußten." 

♦ In die nämlichen Worte kleidet der 3V2Jährige Hans die vernichtende 
Kritik seiner Schwester (1. c). Er nimmt an, daß sie wegen des Mangels der 
2ahne nicht sprechen kann. 

Orfg fnal f no m 



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J76 ^* ^^ T^ftammaterial tutd die IVaamqiieUeii. 

öohwister alle Flügel wie die Engel und — was die Hauptsache ist — 
sie fliegen weg. Unsere kleine Engelmacherin bleibt allein, man ^denke» 
das einzige nach einer solchen Schar! Daß sich die Kinder auf einer 
Wiese tummeln, von der sie wegfliegen, deutet kaum mißverständlich 
auf Schmetterlinge hin, als ob dieselbe G^ankenverbindung das Kind 
geleitet hätte, welche die Alten bewbg, die Psyche mit Schmetterlings- 
ilügeln zu bilden. 

Vielleicht wirft nun jemand ein, die feindseligen Impulse der 
Kinder gegen ihre G^eschwister seien wohl zuzugeben, aber wie käme 
das Kindergemüt zu der Höhe von Schlechtigkeit, dem Mitbewerber 
oder stärkeren Spielgenossen gleich den Tod zu wünschen» als ob alle 
Vergehen nur durch die Todesstrafe zu sühnen seien? Wer so spricht, 
esrw&f^ nicht, daß die Vorstellung des Kindes vom „Totsein'' mit der 
iinserigen das Wort und dann nur noch wenig anderes gemein hat. 
Daß Kind weiß nichts von den Greueln der Verwesung, ;vom Frieren 
im kalten Gr^be, vom Schrecken des endlosen Nichts, das der Er- 
wachsene,, wie alle Mythen vom Jenseits zeugen, in seiner tVorstellung 
80 schlecht verträgt. Die Furcht vor dem Tode ist ihm fremd, darum 
ßpielt es mit dem gräßlichen Worte und droht einem anderen Kinde: 
„Wenn du das noch einmal tust, wirst du sterben, wie der Franz 
gestorben ist," wobei es die arme Mutter schaudernd überläuft, die 
vielleicht nicht daran vergessen kann, daß die größere Hälfte der 
cirdgeborenen Menschen ihr Leben nicht über die Jahre der Kindheit 
brinfft. Noch mit acht Jahren kann das Kind, von einem Gango 
durch das Naturhistorische Museum heimgekehrt, seiner Mutter sagen : 
,3Iama, ich habe dich so lieb ; wenn du einmal 'stirbst, lasse ich dich 
ausstopfen und stelle dich hier im Zimmer auf, damit ich dich immer, 
immer sehen kann!** So wenig gleicht die kindliche Vorstellung vom 
Gestorbensein der unserigen*. 

Gestorben sein heißt für das Kind, welchem ja überdies ^ie 
Szenen des Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird, so viel als 
„fort sein**, die Überlebenden nicht mehr störea. Es unterscheidet 
nicht, auf welche Art diese Abwesenheit zu Stande kommt, ob durch 
Verreisen, Entfremdung oder Tod**. Wenn in den prähistorischen 
Jahren eines Kindes seine Kinderfrau weggeschickt worden und einige 

• Von einem hochbegabten zehnjährigen Knaben hörte ich nach dem plotz. 
liehen Tode seines Vaters zn raoinem Erstaunen folgende Äußerung: I)aU der 
Vater gestorben ist, verstehe ich, aber warum er nicht zum Nachtmahl nach 
Hause kommt, kann ich mir nicht erklären. — Weiteres Material zu diesem 
Thema findet sich in der von Frau Dr. v. Hug-Hellmuth redigierten Rubrik 
„Kinderseele*' von „Imago**, Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf 
die Geisteswissenschaften, Bd. I-— V, 1912—1918. 

** Die Beobachtung eines psychoanalytisch geschulten Vaters erhascht auch 
den Moment^ in dem sein geistig hochentwickeltes vierjähriges Tochterohen den 
Unterschied zwischen „fortsein** und „totsein** anerkennt. Das Kind machte 
Schwierigkeiten beim Essen und fühlte sich von einer der Aufwärterinnen in 
der Pension unfreundlich beobachtet. „Die Josefine soll tot sein**, äußerte sie 
darum gegen den Vater. Warum gerade tot sein?, fragte der Vater beschwich- 
tigend. Ist es nicht genug, wenn sie weggeht? „Nein,** antwortete das Kind, 
„r&inn kommt sie wieder." — Für die uneingeschränkte Eigenliebe (den Nar- 
zißmus) des Kindes ist jede Störung ein crimen laesae majestatis, und wie dio 
drakonische Gesetzgebung setzt das Gefühl des Kindes auf alle solche Vergeben 
nur die eine nicht doslcrbare Strafe. 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f no m 

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Todeswttnsche ge^en Geschwister aud Eltern. ^77 

Zeit darauf seine Mutter gestorben ist, so liegen für seine Erinnerung, 
wie man eie in der Analyse aufdeckt, beide Ereigtiisse in einer Iteilie 
übereinander. Daß das Kind die Abwesenden nicht sehr intensiv ver- 
mißt, hat manche Mutter zu ihrem Schmerze erfahren, wenn sie nach 
mehrwöchiger Sommerreise in ihr Haus zurückkehrte und auf ihre 
Erkunidigung hören mußte: Die Kinder haben nicht ein einziges 
Mal jiach ider Mama gefragt. Wenn sie aber wirklich in jenes „un- 
ejitdeckte Land" verreist ist, „von des Bezirk kein Wanderer wieder- 
kehrt", so scheinen die Kinder sie zunächst vergessen zu haben und 
erst aachträglich beginnen sie, sich an die Tote zu erinnern. 

"Wejin das Kind also Motive hat, die Abwesenheit eines aiideren 
Kindes zu wünschen, so mangelt ihm jede Abhaltung, diesen Wunsch 
in die Form zu. kleiden, es möge tot sein, und die psychische Beak 
tion auf den Todestvunschtraum beweist, daß trotz aller Verschiodenr 
heit im Inhalt der Wunsch beim Kinde doch irgendwie das nämliche 
ist wie der gleichlautende Wunsch des Erwachsenen. 

Wenn nun der Todeswimsch des Kindes gegen seine Geschwister er- 
klärt wird durcfh den Egoismus des Kindes, der sie die Greschwister 
als Mitbewerber auffassen läßt, wie soll sich der Todeswunsch gegen 
die Eltern erklären, die für das Kind die Spender yon Liebe und 
ErfüUer seiner Bedürfnisse sind, deren Erhaltung es gerade aus ego- 
istischen Motiven wünschen sollte? 

Zur Lösung dieser Schwierigkeit leitet uns die Erfahrung, daß 
die Träume vom Tode der Eltern überwiegend häufig den Teil des 
Eltempaares betreffen, der das Geschlecht des Träumers teilt, daß 
also der Mann zumeist vom Tode des Vaters, das ,Weib vom Tode der 
Mutter träumt. Ich kann das nicht als regelmäßig hinstellen, aber 
das Überwiegen in dem angedeuteten Sinne ist so deutlich, daß es 
eine Erklärung durch ein Moment von allgemeiner Bedeutung fordert. 
Es verhält sich — grob ausgesprochen — so, als ob eine sexuelle 
Vorliebe sich frühzeitig geltend machen würde, als ob der Knabe im 
Vater, das Mädchen in der Mutter den Mitbewerber in der Xiiebe 
erblickte, durch dessen Beseitigung ihm nur Vorteil erwachsen kaim. 

Ehe man diese Vorstellung als ungeheuerlich verwirft, möge 
man auch hier die realen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern 
ins Auge fassen. Man hat zu, sondern, was die Kulturforderung der 
Pietät von diesem Verhältnis verlangt, und was die tägliche Beob- 
achtung als tatsächlich ergibt. In der Beziehung zwischen Eltern 
und Kindern liegen mehr als nur ein Anlaß zur Feindseligkeit ver- 
borgen; die Bedingungen für das Zustandekommen von Wünschen, 
welche vor der Zensur nicht bestehen, sind im reichsten Ausmaße 
gegeben. Verweilen wir zunächst bei der Relation zwischen Vater 
und Sohn. Ich meine, die Heiligkeit, die wir den Vorschriften des 
.Dekalogs zuerkannt haben, stumpft unseren Sinn für die Wahr- 
nehmung der Wirklichkeit ab. Wir getrauen uns vielleicht kaum zu 
merken, daß der größere Teil der Menschheit sich über die Befolgung 
des vierten Gebotes hinaussetzt. In den tiefsten wie in den höchsten 
Schichten der menschlichen Gesellschaft pflegt die Pietät gegen die 
iBlteni vor anderen Interessen zurückzutreten. Die" dunklen Nach- 
richten, die in Mythologie und Sage aus der Urzeit der menschlichen 

yrcTid, Traumdeatnoir 5. Aafl. tS 

C^ f\n n 1 i> Orf g In a I f ro m 

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2Jg V. Da« Traammaterial imd die Traom^aelleii. 

Gesellschaft axif uns gekommen sind, geben von der Machtfülle des 
Vaters und von der Kücksichtslosigkeit, mit der sie gebraucht wurde, 
eine unerfreuliche A'orstellung. Kronos verschlingt seine Kinder, 
etwa wie der Eber den Wurf des Mutterschweines, und .Zeus ent- 
mannt den Vater* und setzt sich als Herrscher an seine Stelle. Ja 
unumschränkter der Vater in der alten Familie herrschte, desto mehr 
muß der Soha als berufener Nachfolger in die Lage des Feindes ge* 
rückt, desto größer muß seine üngedulid geworden sein, durch den 
Tod des Vaters selbst zur Herrschaft zu gelangen!. Noch in unserer 
bürgerlichen Familie pflegt der Vater durch die Verweigerung der 
Selbstbestimmung und der dazu nötigen Mittel an den Sohn dem 
natürlichen Keime der Feindschaft, der in dem Verhältnisse liegt, zur 
Entwicklung zu verhelfen. Der Arzt kommt oft genug in »die Lage zu 
bemerken, daß der Schmerz über den Verlust des Vaters beim Sohne 
die Befriedigung über die endlich erlangte Freiheit nicht unter- 
drücken kann. Den Best der in unserer heutigen Gesellschaft arg 
antiquierten potestas patris familias pflegt jeder Vater krampfhaft 
festzuhalten, und jeder Dichter ist der Wirkung sicher, der den uralten 
Kampf zwischen Vater und Sohn in den Vordergrund seiner fabeln 
rückt. Die Anlässe zu Konflikten zwischen Tochter und Mutter er- 
geben sich, wenn die Tochter heranwächst und in der Mutter die 
AVächterin findet, während sie nach sexueller Freiheit begehrt, die 
Mutter aber durch das Aufblühen der Tochter gemahnt wird, daß 
für sie die ^eit gekommen ist, sexuellen Ansprüchen zu entsagen. 

Alle diese Verhältnisse liegen offenkundig da vor jedermanns 
Augen. Sie fördern uns aber nidit bei der Absicht, die Träume vom 
Tode der Eltern zu erklären, welche sich bei Personen binden, denen 
die Pietät gegen die Eltern längst etwas Unantastbares geworden Sst. 
Auch sind wir durch die vorhergehenden Erörterungen darauf vor- 
bereitet, daß sich der Todeswunseh gegen die Eltern aus Sler frühestea 
Kindheit ableiten wird. 

Mit einer alle Zweifel ausschließenden Sicherheit bestätigt sicK 
diese Vermutung für die Psychoneurotiker bei den mit ihnen »vor- 
genommenen Analysen. Man lernt hiebei, daß sehr frühzeitig die 
sexuellen "Wünsche des Kindes erwachen — soweit sie im keimenden 
Zustand diesexi Namen verdienen — , und daß die erste Neigung des 
Mädchens dem Vater, die ersten infantilen Begierden des Knaben der 
Mutter gelten. Der Vater wird somit für den Knaben, Üie Mutter 
für daß Mädchen zur störenden Mitbewerber, und wie wenig für daa 
Kind dazu gehört, damit diese Empfindung zum Todeswunsch führe, 
haben wir bereite für den Fall der Greschwister ausgeführt. Die 
jsexuelle Auswahl macht sich in der Regel bereits bei den Eltern 
geltend; ein natürlicher Zug sorgt dafür, daß der Mann die kleinen 
Töchter verzärtelt, die Frau den Söhnen die Stange hält, während 
beide, wo der Zauber des Geschlechtes ihr Urteil nicht verstör1>, mit 

♦ Wenigstens in eini^n mythologischen Darstellungen. Nach anderen wird 
die Entmanming nur von Kronos an seinem Vater Uranos vollzogen. 

Über die mythologische Bedeutung dieses Motivs vgl. Otto Kank: Der 
Mythus von dor Geburt des Helden, 6. Heft der „Schriften zur aagew. Seelen- 
kuude, 1909" und ,.JDas Inzeetmotiv in Dichtung und S^e", 1912, Kap. IX. 2. 



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Die.Qaellen des Todettwunücbes gegen die £lteru. 179 

Strenge für die Erziehung der Kleinen wirken. Das Kind bemerkt 
die Bevorzugung sehr wohl und lehnt sich gegen den Teil des Eltern- 
paares auf, der sich ihr widersetzt. Liebe bei dem Erwachseneu zu 
finden, ist ilmi nicht nur die Befriedigung eines besonderen Bedürf- 
^ nisses, sondern bedeutet auch, daß in allen anderen Stücken seinem 

^ Willen nachgegeben wird. So folgt es dem eigenen sexuellen Triebe 

und erneuert gleichzeitig die von den Eltern ausgehende Anregung, 
wenn es seine Wahl zwischen den Eltern im gleichen Sinne wie 
diese trifft. 

Von den Zeichen dieser infantilen Neigungen seitens der Kinder 
pflegt man die meisten zu übersehen; einige kann man auch ^acli 
den ersten Kinderjahren bemerken. Ein achtjähriges Mädchen meiner 
Bekanntschaft benutzt die Gelegenheit, wenn die Mutter vom Tische 
abberufen wird, um sich als ihre Nachfolgerin zu proklamieren. „Jetzt 
will ich die Mama sein: Karl, willst du noqh Gemüse? Nimm doch, 
ich bitte dich" usw. Ein besonders begaibtes^ und lebhaftes Mädchen 
von nicht vier Jahren, an dem dies Stück Kinderpsychologie besonder^ 
durchsichtig ist, äußert direkt: „Jetzt kann das Muatterl einmal fort* 
gehen, dann muß das Vaterl mich heiraten, und ich will seine Frau 
sein." Im Kinderleben schließt dieser Wunsch durchaus nicht aus, 
daß das Kind auch seine Mutter zärtlich liebe. Wenn der kleine 
Knabe neben der Mutter schlafen darf, sobald der Vater verreist ist, 
und nach dessen Bückkehr ins Kinderzimmer zurück muß zu einer 
Person, die ihm weit weniger gefällt, so mag sich leicht der Wunsch 
bei ihm gestalten, daß der Vater immer abwesend sein möge, damit 
er seinen Platz bei der lieben, schönen Mama behalten kann, und ein 
Mittel ssnr Erreichung dieses Wunsches ist es offenbar, wenn der 
Vater tot ist, denn das eine hat üin seine Erfahrung gelehrt : „Tote" 
Leute, wie der Großpapa z. B., sind immer abwesend, kommen nie 
wieder. 

Wenn sich solche Beobachtungen an kleinen Kindern der vor* 
geschlagenen Deutung zwanglos fügen, so ergeben sie allerdings nicht 
die volle Überzeugung, welche die Psychoanalysen erwachsener Neuro- 
tiker dem Arzte auf<&ängen. Die Mitteilung der betreffenden Träume 
erfolgt hier mit solchen Einleitungen, daß ihre Deutimg als Wunsch- 
trfiume unausweichlich wird. Ich finde eines Tages eine Dame betrübt 
und verweint. Sie sagt : „Ich will meine Verwandten nicht mehr sehen, 
es muß ihnen ja vor mir grausen." Dann erzählt sie fast ohne Über- 
gang, daß sie sich an einen Traum erinnert, dessen Bedeutung sie 
natürlich nicht kennt. Sie hat ihn mit vier Jahren geträumt, er lautet 
folgendermaßen: Ein Luchs oder Fuchs geht auf dem Dache 
spazieren, dann fällt etwas herunter oder sie fällt her- 
unter, und dann trägt man die Mutter tot aus dem Hause, 
5P wobei sie schmerzlich weint. Ich habe ihr kaum mitgeteilt, aaJJ dieser 

Traum den Wunsch aus ihrer Kindheit bedeuten muß, die Mutter tot 
zu sehen, und daß sie dieses Traumeä wegen meinen muß, die Ver- 
wandten grausen sich vor ihr, so liefert sie bereits etwas Material, 
den Traum aufzuklären. „Luchsaug" ist ein Schimpfwort, mit dem sie 
einmal als ganz kleines Kind von einem Gassenjungen belegt wurde; 

12» 

Orfg fnal f no m 



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280 V*. Das Traummatarial and die Tnarnquellen. 

ihrer Mutter ist, als das Kind drei Jahre alt war, ein Ziegelstein vom 
Dache auf den Kopf gefallen, so daß sie heftig geblutet hat. 

Ich hatte einmal Gelegenheit, ein junges Mädchen, das ver- 
ßchiodene psychische Zustände durchmachte, eingehend zu studieren. 
In einer tobsüchtigen Verworrenheit, mit der die Krankheit begann» 
zeigte die Kranke eine ganz besondere Abneigung gegen ihre Mutter, 
ßchlug und beschimpfte sie, sobald sie sich dem Bett näherte, während 
eie gegen eii;ie um vieles ältere Schwester zu derselben Zeit liebevoll 
und gefügig blieb. Dann folgte ein klarer, aber etwas apathischer 
Zustand mit sehr gestörtem Schlafe; in dieser Phase begann ich die 
Behandlung und analysierte ihre Träume. Eine Unzahl derselben 
handelte mehr oder minder verhüllt vom Tode der Mutter; bald 
wohnte sie dem Leichenbegängnis einer alten Frau bei, bald sah sie 
sich und ihre Schwester in Trauerkleidern bei Tische sitzen; es blieb 
über den Sinn dieser Träume kein Zweifel. Bei noch weiter fort- 
schreitender Besserung traten hysterische Phobien auf; die quälendste 
darunter war, daß der Mutter etwas geschehen sei. Von wo sie immer 
sich befand, mußte sie dann nach Hause eilen, um sich zU überzeugen, 
daß die Mutter noch lebe. Der Fall war nun, zusammengehalten .mit 
meinen sonstigen Erfahrungen, sehr lehrreich;, er zeigte in gleichsam 
mehrsprachiger Übersetzung verschiedene Reaktionsweisen des psychi- 
schen Apparates auf dieselbe erregende Vorstellung. In der Verworren- 
heit, die ich als Überwältigung der zweiten psychischen Instanz 
durch die sonst unterdrückte frste auffasset wurde die unbewußte 
Feindseligkeit gegen die Mutter moterisch mächtig ; als dann die 
erste Beruhigung eintrat, der Aufruhr unterdrückt, die Herrschaft der 
Zensur wieder hergestellt war, blieb dieser Feindseligkeit nur mehr 
das Gebiet des Träumenis offen, um den Wunsch nach ihrem Tode zu 
verwirklichen; als das Normale sich noch weiter gestärkt hatte, schuf 
es als hysterische Gegensatzreaktion und Abwehrerscheinung die über- 
mäßige Sorge um die Mutter. In diesem Zusammenhange ist es nicht 
mehr unerklärlich, warum die hysterischen Mädchen so oft überzärt- 
lich an ihren Müttern hängen. 

Ein andermal, hatte ich Gelegenheit, tiefe Einblicke in da» un- 
bewußte Seelenle'ben eines jungen Mannes zu tun, der durch Zwangs- 
neurose fast existenzunfähig, nicht auf die Straße gehen konnte, weil 
ihn die Sorge quälte, er bringe alle Leute, die an ihm vorbeigingfen» 
um. Er verbrachte seine Tage damit, die Beweisstücke für sein Alibi 
in Ordnung zu halten, falls die Anklage wegen eines der in der Stadt 
vorgefallenen Morde gegen ihn erhoben werden sollte. Überflüssig zu 
bemerken, daß er ein ebenso moralischer wie fein gebildeter Mensch 
war. Die — übrigens zur Heilung führende — Analyse deckte jals 
die Begründung dieser peinlichen Zwangsvorstellung Mordimpulse 
gegen seinen etwas überstrengen Vater auf, die sich, als er sieben tJahre 
alt war, zu^ seinem Erstaunen bewußt geäußert hatten, aber natürlich 
aus weit früheren Kindes jähren stammten. Nach der qualvollen Krank- 
heit und dem Tode des Vaters trat im 31. LebensjjJire der Zwangs- 
vorwurf aiuf, der sich in Form jener Phobie auf Fremde übertrug. 
Wer im Stande war, seinen eigenen Vater von einem Berggipfel in 
den Abgrund steßen zu wollen, dem ist allerdings zuzutrauen, daß 



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Die Sage vom König Odiput». 281 

er auch das Leben Fernerstehender nicht schone; der tut darum redit 
daran, sich in seine Zimmer einzuschließen. 

^ach meinen bereits zahlreichen Erfahrungen spielen die Eltern 
im Kinderseelenleben aller späteren Psychoneurotiker die Hauptrolle, 
und Verliebtheit, gegen den einen, Haß gegen den anderen Teil des 
Elternpaaies gehören zum eisernen .Bestand des in jener Zeit gebildeten 
und Mr die Symptomatik der späteren Neui'ose so bedeutsamen Ma- 
tmals an psychischen Regungen. Ich glaube aber nichi» daß die 
Psychoneurotiker sich hierin von anderen, normal verbleibtnden Men- 
schenkindern scharf sondern, indem sie absolut Neues und ihnen 
Eigentümliches zu schaffen vermögen. Es ist bei weitem wahrschein- 
licher und wird durch gelegentliche Beobachtungen an normalen 
Kindern unterstützt, daß sie auch mit diesen verliebten und feinde 
seligen Wünschen gegen ihre Eltern uns nur durch die Vergröflearung 
kenntlich machen, was minder deutlich und weniger intensiv in der 
Seele der meisten Kinder vorgeht. Das Altertum hat uns zur Unter- 
stützung dieser Erkenntnis einen Sagenstoff überliefert, dessen durch- 
greifende und allgemeingültige Wiikisamkeit nur durch eine ähnliche 
Allgemeingtltigkeit der besprochenen Voraussetzung aus der Kinder- 
psychologie verständlich wird. 

Ich meine die Sage vom König Odipus und das gleichnamige 
Drama des Sophokles. Odipus, der Solin des Lai'os, Königs 
von Theben, und der Jo käste, wird als Säugling ausgesetzt, weil ein 
Orakel dem Vater verkündet hatte, der noch ungeborene Sohn ^verde 
Bein Mörder sein. Er wird gerettet und wächst als Königssohn an 
einem fremden Hofe auf, bis er, seiner Herkunft unsicher, selbst das 
Orakel befragt und von ihm den Rat erhält, die Heimat zu meiden, 
weil er der Mörder seines Vaters und der Ehegemahl seiner Mutter 
werden müßte. Auf dem Wege von seiner vermeintlichen Heimat weg 
trifft er mit König Laios zusammen und erschlägt ihn in rasch ent- 
branntem Streite. Dann kommt er vor Theben, wo er die Rätsel 
der den Weg sperrenden Sphinx Iget und zum Dank dafür von den 
Thebanem zum König gewählt und mit Jokastes Hand beschenkt 
wh'd. Er regiert lange Zeit in Fried^i und Würde und zeugt mit der 
ihm unbekannten Mutter zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest 
ausbricht, welche eine neuerliche Befragung des Orakels von Seite 
der Thebaner veranlaßt. Hier setzt die Tragödie des Sophokles 
ein. Die Bot^n bringen den Bescheid, daß die Pest aufhören werde, 
wenn der Mörder des Lai'os aus dem Lande getrieben sei. Wo aber^ 
w^ilt der? 

„Wo findet sich 
die sehwererkennbar dunkle Spur der alten Schuld?" 

(Üb«n«tziuig Ton Donner, t. 109.) 

Die Handlung des Stückes besteht nun in nichts anderem als in 
der schrittweise gesteigerten und kunstvoll verzögerten Enthüllung — 
der Arbeit einer Psychoanalyse vergleichbar — , daß Odipus selbst 
der Mörder des Laios, aber auch der Sohn des Ermordeten und der 
Jokaste ist. Durch seine umvis«ientlich verübten Greuel erschüttert, 

r^f\nnli> Original from 

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]52 ^' ^^ Traammaterial ond die Traamquellen. 

• 
blendet sich ödipus und verläßt die Heimat Der Orakelspruch ist 
erfüllt. 

König ödipus ist eine sogenannte Schicksalstragödie; ihre 
tragische Wirkung soll auf dem Gegensatz zwischen dem über- 
mäohiigon Willen der Götter und dem vergeblichen Sträuben der vom 
Unheil bedrohten Menschen beruhen; Ergebung in den Willen der 
Gottheit, Einsicht in die eigene Ohnmacht soll der tief ergriffene 
ZuechaMer aus dem Trauerspiele lernen. Folgerichtig haben moderne 
Dichter eB versucht, eine ähnliche tragische Wirkung zu erzielen, in- 
dem sie dein nämlichen Gegensatz mit einer selbsterfundenen Fabel 
verwoben. Allein die Zuschauer haben ungerührt zugesehen, wie trotz 
alles SträrUbens schuldloser Menschen ein Fluch oder Orakelspruch 
sich an ihnen vollzog; die späteren Schidksalstragödien sind ohne 
Wirkung geblieben. 

Wenn der König ödipus den modernen Menschen nicht minder 
zu erschüttern weiß als den zeitgenössischen Griechen, so kann die 
Lesung w^hl nur darin liegen, daß die Wirkung der griechischen 
Tragödie nicht auf dem Gegensatz zwischen Schicksal und Menschen- 
willen ruht, sondern in der Besonderheit des Stoffes zu suchen ist, 
an welchem dieser Gegensatz erwiesen wird. Es muß eine Stimme in 
ta-serem Innern geben, welche die zwingende Gewalt des Schicksals 
im' Ddipus anzuerkennen bereit ist, während wir Verfügungen wie 
in der „Ahnfrau** oder in anderen Schicksalstragödien als willkürliche 
zurückzuweisen vermögen. Und ein solches Moment ist in der Tat 
in der Geschichte des Königs ödipus enthalten. Sein Schicksal er- 
greift uns nur darum, weil es auch das unserige hätte werden können, 
weil das Orakel vor unserer Geburt denselben Fluch über uns ver- 
hängt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht war es beschieden, die 
erste sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten Haß und gewalt- 
tätigen Wunsch gegen den Vater zu richten; unsere Träume über- 
zeugen uns davon. König ödipus, der seinen Vater Laios er- 
achlagen und seine Mutter Jokaste geheiratet hat, ist nur die Wunsch- 
erfüUung unserer Kindheit. Aber glücklicher als er, ist es uns seitdem, 
insofern wir nicht Psychoneurotiker geworden sind, gelungen, unsere 
sexuellen Regungen von unseren Müttern abzulösen, unsere Eifersucht 
gegen unsere Väter zu vergessen. Vor der Person, an welcher pich 
jener urzeitliche Kindheitswunsch erfüllt hat, schaudern wir zurück 
mit dem ganzen Betrag der Verdrängung, welche diese Wünsche in 
unserem Innern seither erlitten haben. Während der Dichter in jener 
Untersuchung die Schuld des ödipus ans Licht bringt, nötigt er ups 
zur Erkenntnis unseres eigenen Innern, in dem jene Impulse, wenn 
auch unterdrückt, noch immer vorhanden sind. Die Gegenüberstellung, 
mit der uns der Chor verläßt, 

„ . . . sehet, das ist ödipus. 

der entwirrt die hohen Rätsel und der erste war an Machte 
dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten; 
Seht, in welches Mißgeschicke^ grause Wogen er versank !** 

diese Mahnung trifft uns selbst und unseren Stolz, die wir seit den 
Kindes jähren so weise und 00 mächtig geworden sind in unserer 

f^ /^f^ (-1 1 ^ Orrg f n al f no m 

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Der Odipaakomplex. XSt3 

Schätzimg. Wie ödipus leben wir in Unwissenheit der die Moral 
beleidigenden .Wünsche, welche die Natur uns aufgenötigt hat, und 
nach deren Enthüllung möchten wir wohl alle den Blick abwenden 
voÄ den Szenen unserer Kindheit*. 

Daß die Sage vott ödipus einem uralten lltaumstoffe entsprossen 
ist, welcher jene peinliche Störung des Verhältnisses zu den Eltern 
durch die ersten Regungen der Sexualität zum Inhalt hat, dafür findet 
eich im Texte der Sophokleischen Tragödie selbst ein nicht miß- 
zuverstehender Hinweis. Jo käste tröstet den noch nicht aufgeklärten, 
aber durch die Erinnerung der Orafcelsprüche besorgt gemachten 
Odipuß durch die Erwähnung eines Traumes, den ja so viele Men- 
schen träumen, ohne daß er, meint sie, etwas' bedeute: 

„Denn viele Menschen sahen auch in Träumen scKon 
955. Sich zugesellt der Mutter: Doch wer alles dies 
für nichtig achtet, trägt die La^t des Lebens leicht/^ 

Dei' Traum, mit der Mutter s^exuell zu verkehren, wird ebenso 
wie damals auch heute vielen! Menschen zu teil, die ihn empört und 
verwundert erzählen. Er ist, wie begreiflich, der Schlüssel der Tra- 

födie tind das Ergänzungsstück zum Traume vom Tode des Vaters, 
^ie Odipusfabel ist die Reaktion der Phantasie auf diese beides 
typischen Träume, und wie die Träume vom Erwachsenen mit Ab- 
lehnungsgefühlen erlebt werden, so muß die Sage Schreck und Selbst- 
beetrafung in ihren Inhalt mit aufnehmen. Ihre weitere Gestaltung 
rührt wiederum von einer mißverständlichen sekundären Bearbeitung 
deä Stoffes her, welche ihn einer theologisierenden Absicht dienstbar 
zu machen sucht. (Vgl. den Traumstoff von der Exhibition S. 167 f.) 
Der Versuch, die göttliche Allmacht mit der menschlichen Verant- 
wortlichkeit zu vereinigen, muß natürlich an diesem Material wie an 
Jedem anderen mißlingen. 

Auf demselben Boden wie „König Odipus" wurzelt eine andere 
der großen traschen Dichterschöpfungen, der Hamlet Shake- 
speares. Aber in der veränderten Behandlung des nämlichen Stoffes 
offenbart sich der ganze Unterschied im Seelenleben der beiden weit 
Auseinanderliegenden Kulturperioden, das säkulare Fortschreiten der 
Verdrängung im Gemüteleben der Menschheit. Im ödipus wird die 
zu Grunde liegende Wunschphantasie des Kindes wie im Traume ans 
Licht gezogen und realisiert; im Hamlet bleibt sie verdrängt, und wir 
erfahren von ihrer Existenz — dem Sachverhalt bei einer Neurose 
ähnlich — nur durch die von ihr ausgehenden Hemmungswirkungen. 

* Keine der Ermittlnngen der psychoanalytischen Forschung hat so er« 
bitter ten Widerspruch, ein so gprimmi^es Sträaben und — so ergötzliche Ver- 
renkungen der Kritik hervorgerufen wie dieser Hinweis aaf die kindlichen, im 
Unbewußten erhalten gebliebenen Inzestneigunffen. Die letzte Zeit hat selbst 
einen Versuch gebracht^ den Inzest» allen Srfalirangen trotzend, nur als „sym- 
bolisch" gelten zu lassen. Eine geistreiche Überdeutung des Odipusmythus 
gibt, mai einer Briefstelle Sohopenhauers fußend, Ferenozi in der Imagol, 
1912. — Der hier zuerst in der „Traumdeutung" berührte „Ödipuskomplex" hat 
duroh weitere Studien eine ungeahnt ^oße Bedeutung für das Verständnis dar 
MexliBchheitsgeschichte und der Entwicklung von Beligion und Sittlichkeit ge- 
wonnen. S. Totem und Tabu, 1913. 



C^ f\n n I i> Orf g f n a I f no m 

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1^4 ^' ^** Traummateriiü un4 die TraQmqaeiitti. 

^fit der überwältigenden AVirkung des moderneren Dramas hat es sich 
eigoi;tümlicherweise als vereinbar gezeigt, daß man über den Charakter 
des Helden in voller Unklarheit verbleiben könne. Das Stück ist auf 
di^ Zögerung Hamlets ^baut, die ihm zugeteilte Aufgabe der Rache 
zu erfüllen: welches die Gründe Sd^r Motive dieser Zögerung sind^ 
gesteht der Text nicht ein; die vielfältigsten Deutungsversuche haben 
es nicht anzugeben vermocht. Nach der heute noch herrschenden, 
durch Goethe begründeten Auffassung stellt Hamlet den Typus des 
Menschen dar, dessen frische Tatkraft durch die überwuchernde Ent- 
wicklung der Gedankentätigkeit gelähmt wird („Von des Gedankens 
Blässo angekränkelt'')* Nach anderen hat der Dichter einen krank* 
haften, unentschlossenen, in das Bereich der Neurasthenie fallenden 
Charakter zu schildern versucht. Allein die Fabel des Stückes lehrt» 
daß Hamlet uns keineswegs als eine Person erscheinen soll, die des 
Handelns überhaupt unfähig ist. Wir sehen ihn zweimal handelnd auf- 
treten, das einemal in rasch auffahrender Leidenschaft, wie er den 
Lauscher hinter der Tapete niederstößt, ein anderesmal planmäßig, 
ja selbst arglistig, indem er mit der vollen Unbedenklichkeit des 
Renaissanoe-JPrinzen die zwei Höflinge in den ihm selbst zugedachten 
Tod schickt. Was hemmt ihn also bei der Erfüllung der Aufgabe, die 
der Geist seines Vaters ihm gestellt hat? Hier bietet sich wieder die 
Auskunft, daß es die besondere Natur dieser Aufgabe ist Hamlet 
kann alles, nur nicht die Bache an dem Manne vollziehen, der seinen 
Vater beseitigt und bei seiner Mutter dessen Stelle eingenommen hat, 
an dem Manne, der ihm die Realisierung seiner verdrängten Kinder- 
wünsche zeigt. Der Abscheu, der ihn zur Bache drängen sollte, ersetzt 
sich so bei ihm durch Selbstvorwürfe, durch Gewissensskrupel, die 
ihm vorhalten, daß er, wörtlich verstanden, selbst nicht besser sei 
als der von ihm zu strafende Sünder. Ich habe dabei ins Bewußte 
übersetzt, was in der Seele des Helden unbewußt bleiben muß; wenn 
jemand Hamlet einen Hysteriker nennen will, kann ich es nur als 
Folgerung aus meiner Deutimg anerkennen. Die Sexualabneigung 
stimmt sehr wohl dazu, die Hamlet dann im Gespräch mit Ophelia 
äußert, die nämliche Sexualabneigung, die von der Seele des Dichters 
in den nächsten Jahren immer mehr Besitz nehmen sollte, bis zu ihren 
Gipfeläußerungen im Timon von Athen. Es kann natürlich nur das 
eigene Seelenleben des Dichters gewesen sein, das uns im Hamlet 
entgegentritt; ich entnehme dem Werke von Georg Brandes über 
Shakespeare (1896) die Notiz, daß das Drama unmittelbar nach dem 
Tode von Shakespeares Vater (1601), also in der frischen Trauer um 
ihn, in der Wiederoelebung, dürfen wir annehmen, der auf den Vater 
bezüglichen Kindheitsempfindungen gedichtet worden ist. Bekannt 
ist auch, daß Shakespeares früh verstorbener Sohn den Namen 
Hamnet (identisch mit Hamlet) trug. Wie Hamlet das Verhältnis 
des Sohnes zu den Eltern behandelt, so ruht der in der Zeit nahe- 
stehende Macbeth auf dem Thema der Kinderlosigkeit. Wie übrigens 
jedes neurotische Symptom, wie selbst der Traum, der Überdeutung 
fähig ist, ja dieselbe zu seinem vollen Verständnis fordert, so wird 
auch jede echte dichterische Schöpfung aus mehr als aus einem Motiv 
und einer Anregung yi der Seele des Dichters hervorgegangen sein 

Orfg fnal f no m 



C^ f\n n 1 i> On g i n al f no m 

^y ^UiJgH^ UNIVERSIir OF MICHIGAN 



Shakesp«areii Hamlet 185 

und mehr als eine Deutung zulassen. Ich habe hier nur die Deutung- 
der tiefsten Schicht von Regungen in der Seele des schaffenden Dich- 
ters versucht*. 

Ich kann die typischen Träume vom Tode teurer Verwandten 
nicht verlassen, ohne daß ich deren Bedeutung für die Theorie de» 
Traumes überhaupt noch mit einigen Worten beleuchte. Diese Träume 
zeigen uns den recht ungewöhnlichen Fall verwirklicht, daß der durch 
den verdrängten Wunsch gebildete Traumgedanke jeder Zensur ent- 
geht und unverändert in den Traiun übertritt. Es müssen besondere 
Verhältnisse sein, die solches Schicksal ermöglichen. Ich finde die 
Begünstigung für diese Träume in folgenden zwei Momenten: Erstens 
gibt es keinen Wunsch, von dem wir uns ferner glauben ; wir meinen, 
das i^ wünschen könnte „uns auch im Traume nicht einfalle'S und 
darum ist die Traumzensur gegen dieses Ungeheuerliche nicht ge- 
rüstet, ähnlich etwa wie die Gesetzgebung So Ions keine Strafe für 
dem Vatermord aufzustellen wußte. Zweitens aber kommt dem ver- 
drängten und nicht geahnten Wunsche gerade hier besonders häufig 
ein Tagesrest entgegen in Gestalt einer Sorge um das Leben der 
teuren Person. Diese Sorge kann sich nicht anders in den Traum ein- 
tragen, als indem sie sich des gleichlautenden Wunsches bedient; der 
Wunsch, aber kann sich mit der am Tage rege gewordenen Sorge 
maskieren. Wenn man meint, daß dies alles einfacher zugeht, daß 
man eben bei Nacht und im Traume nur fortsetzt, was man bei Tag^ 
angesponnen hat, so läßt man die Träume vom Tode teurer Personen 
außer allem Zusammenhang mit der Traumerklärung und hält eia 
sehr wohl reduzierbares Rätsel überflüssigerweise fest. 

Lehrreich ist es auch, die Beziehung dieser Träume zu den 
Angstträumen zu verfolgen. In den Träumen vom Tode teurer Per- 
sonen hat der verdrängte Wunsch einen Weg gefunden, auf dem er 
fiich der Zensur — und der durch sie bedingten Entstellung — ent- 
ziehen kann. Die nie fehlende Begleiterscheinung ist dann, daß 
schmerzliche Empfindungen im Traume verspürt werden. Ebenso^ 
kommt der Angsttraum nur zu stände, wenn die Zensur ganz oder 
teilweise überwältigt wird, und anderseits erleichtert es die Über- 
wältigung der JZensur, wenn Angst als aktuelle Sensation aus somati- 
schen Quellen bereits gegeben ist. Es wird so handgreiflich, in welcher 
Tendenz die Zensur ihres Amtes waltet, die Traumentstellung ausübt; 
es geschieht, um die Entwicklung von Angst oder anderen. 
Formen peinlichen Affektes zu verhüten. 

Ich habe im vorstehenden von dem Egoismus der Kinderseele 
gesprochen und knüpfe nun daran mit der Absicht, hier einen Zu- 
Bammenhang ahnen zu lassen, daß die Träume auch diesen Charakt<*x 
bewahrt' haben. Sie sind sämtlich absolut egoistisch, in allen tritt 

* Die obenstehenden Andeutungen zum analytischen Verständnis des Ham-^ 
let hat dann E. Jones vervoUstSndigt und gegen andere in der Literatur nie^ 
dergelegte Auffassungen verteidigt. (I>m Problem des Hamlet und der Ödipus- 
komplex 1911.) — Weitere Bemühungen um die Analyse des Macbeth in mei- 
nem Aufsatze „Einige Chamktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit*', Imago 
lY, 1918, und bei L. Jekels, Shakespeares Macbeth, Imagu Y, 1918. 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f ro m 

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286 ^' ^*^ Traummatorial asd die Traarnquellen. 

^as liebe Ich auf, wenn aucK verkleidet. Die Wünsche, die in ihnen 
erfüllt werden, sind regelmäßig Wünsche dieses Ichs; es ist nur ein 
täuschender Anschein, wenn je das Interesse für einen anderen einen 
Traum hervorgerufen haben sollte. Ich will einige Beispiele, welche 
dieser Behauptung widersprechen, der Analyse unterziehen. 

I. Ein noch nicht vierjähriger Knabe erzählt: Er hat eine 
große garnierte Schüssel gesehen, woraufein großes Stück 
Fleisch gebraten war, und das Stück war auf einmal ganz 
— nicht zerschnitten — aufgegessen. Die Person, die es 
gegessen hat, hat er nicht gesehen*. 

Weit mag der fremde Mensch sein, von dessen üppiger Fleisch- 
mahlzeit unser Kleiner träumt? Die Erlebnisse des Traum tages müssen 
uns darüber aufklären. Der Knabe bekommt seit einigen Tagen nach 
■ärztlicher Vorschrift Milchdiät; am Abend des Traumtages war er aber 
unartig, und da wurde ihm zur Strafe die AbendmaUzeit entzogen. 
£r hatte schon früher einmal ein6 solche Hungerkur durchgemacht und 
sich sehr tapfer dabei benommen. Er wußte, daß er nichte bekommen 
werde, getraute sich aber auch nicht, mit einem Worte anzudeuten, 
4aß er Hunger habe. Die Erziehung fängt an, bei ihm zu wirken; sie 
äußert sich bereits im Traume, der einen Anfang von Traumentetel- 
lung zeigt. Es ist kein Zweifel, daß er selbst die Person ist, .deren 
Wünsche auf eine so reiche Mahlzeit, und zwar eine Bratenmahlzeit, 
zielen. Da er aber weiß, daß diese ihm verboten ist, wagt er es nicht, 
wie die hungrigen Kinder es im Traume tun (vgl. den ^rdbeertraum 
meiner kleinen Anna, S. 91), sich, selbst zur Mahlzeit hinzusetzen. 
Die Person bleibt anonym. 

II. Ich träume einmal, daß ich in der Auslage einer Buchhand- 
lung ein neues Heft jener Sammlung im Liebhabereinband sehe, die 
ich sonst zu kaufen pflege (Künstlermonographien, Monographien zur 
Weltgeschichte, berühmte Kunststätten usw.). Die neue Sammlung 
nennt sich: Berühmte Redner (oder Reden) und das Heft I 
-derselben trägt den Namen Dr. Lecher. 

In der Analyse wird es mir unwahrscheinlich, daß mich der 
Ruhm Dr. Lechers, des Dauerredners der deutschen Obstruktion 
im Parlament, während meiner Träume beschäftigte. Der Sachverhalt 
ist der, daß ich vor einigen Tagen neue Patienten zur psychischen 
Kur aufgenommen habe, und nun zehn bis elf Stunden täglich ;zu 
sprechen genötigt bin. Ich bin also selbst solch ein Dauerredner. 

III. Ich träume ein andermal, daß ein mir bekannter Lehrer an 
unserer Universität sagt : Mein Sohn, der Myop. Dann folgt ein 
Dialog, aus kurzen Reden und Gegenreden bestehend. Es folgt aber 
dann ein drittes Traumstück, in dem ich und meine Söhne vorkom- 
men, und für den latenten Trauminhalt sind Vater und Sohn, Pro- 

* Auch das Großem überreiche, Übermaßige und Übertrieben© der Träumo 
konnte ein Kindheitschaiakter sein. Das Kind kennt keinen sehnlicheren Wunsch, 
als groß zu werden, von allem so viel zu bekommen wie die Großen; es isti 
schwer zu befriedigen, kennt kein Genug, verlangt unersättlich nach Wieder- 
holung dessen, was ihm gefallen oder geschmeckt hat. Maß halten, sich be- 
flcheiden, resignieren lernt es erst durch die Kultur der Erziehung. Bekanntlich 
neigt auch der Neurotiker zur Maßlosigkeit und Unmaßi^keit. 

(^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f no m 

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Der Egoismus der Träume. Ig7 

fessor M.. nur Strohmänner, die mich und meinen Ältesten decken. 
Ich werde diesen Traum wegen einer anderen Eigentümlichkeit noch 
weiter unten behandeln. 

IV. Ein Beispiel von wirklich niedrigen egoistischen Gefühlen, 
•die sich hinter zärtlicher Sorge verbergen, gibt folgender Traum: 

Mein Freund Otto schaut schlecht aus, ist braun im 
Gesichte und hat vortretende Augen. 

Otto ist meia Hausarzt, in dessen Schuld ich hoffnungslos ver- 
bleibe, weil er seit Jahren die Gesundheit meiner Kinder überwacht, 
sie erfolgreich behandelt, wenn sie erkranken, und sie überdies zu 
allen Gelegenheiten, die einen Vorwand abgeben können, beschenkt. 
Er war am Traumtage zu Besuch, ujid da bemerkte meine Frau, daß 
er müde und abgespannt aussehe. Nachts kommt mein Traum und 
leiht ihm -einige der Zeichen der Basedowschen Krankheit. Wer 
sich in der Traumdeutung von meinen Regeln freimacht, der wird 
diesen Traum so verstehen, daß ich um die Gesundheit meines Freun- 
4es besorgt bin, und daß diese Besorgnis sich im Traume realisiert. 
Es wäre ein Widerspruch nicht nur gegen die Behauptung, daß der 
Traum eine Wunscherfüllung ist, sondern auch gegen die andere, daß 
^r nur egoistischen Regungen zugänglich ist. Aber wer so deutet, 
möge mir erklären, warum ich bei Otto die Basedowsche Krank- 
heit befürchte, zu welcher Diagnose sein Aussehen auch nicht den 
leisesten Anlaß gibt? Meine Analyse liefert hingegen folgendes Ma- 
terial aus einer Begebenheit, die sich vor sechs Jahren zugetragen hat. 
Wir fuhren, eine kleine Gesellschaft, in der sich auch Professor R. 
befand, in tiefer Dunkelheit durch den Wald von N., einige Stunden 
weit von unserem Sommeraufenthalt entfernt. Der nicht ganz nüch- 
terne Kutscher warf uns mit dem Wagen einen Abhang hinunter, und 
-es war noch glücklich, daß wir alle heil davon kamen. Wir waren 
aber genötigt, im nächsten Wirtshause zu übernachten, wo die Kunde 
von unserem Unfall große Sympathie für uns erweckte. Ein Herr, 
der die unverkennbaren Zeichen des MorbusrBasedowii an sich trug, 
— übrigens nur Bräunung der Q^esichtshaut und vortretende Augen, 
ffanz wie im Traume, kein Struma — stellte sich ganz zu unserer Ver- 
fügung und fragte, was er für uns tun könne. Professor R. in seiner 
bestimmten Art antwortete : Nichts anderes, als daß Sie mir ein 
Nachthemd leihen. Darauf der Edle: Das tut mir leid, das kann ich 
nicht, und ging von dannen. 

Zur Fortsetzung der Analyse fällt mir ein, daß Basedow nicht 
nur der Name eines Arztes ist, sondern auch der eines berühmten 
Pädagogen. (Im Wachen fühle ich mich jetzt dieses Wissens nicht 
recht sicher.) Freund Otto ist aber diejenige Person, die ich gebeten 
habe, für den Fall, daß mir etwas zustößt, die körperliche Erziehung 
meiner Kinder, speziell in der Pubertätszeit (daher das Nachthemd), 
:2U überwachen. Indem ich nun Freund Otto im Traume mit den 
Krankheitssymptomen jenes edlen Helfers sehe, will ich offenbar 
togen: Wenn mir etwas zustößt, wird von ihm ebensowenig etwas für 
die Kinder zu haben sein, wie damals von Herrn Baron L. trotz seiner 

{^^j"i(t|^ Original from 

^y ^UU^H^ 'UNIVERSIir OF MICHIGAN 



2gg T. Das Traammaterial and die Traumqaenen. 

liebenswürdigen Anerbietungen. Der egoistische Einschlag dieses Trau- 
mes dürfte nun wohl aufgedeckt sein*. 

Wo steckt aber hier die Wunscherfüllung? Nicht in der Hache 
an Freund Otto, dessen Schicksal es nun einmal ist, in meüieüo. 
Träumen schlecht behandelt zu werden, sondern in folgender Bezie- 
hung. Indem ich Otto als Baron L. im Traume darstelle, habe ich 
gleichzeitig meine eigene Person mit einer anderen identifiziert, näm- 
lich mit der des Professors R., denn ich fordere ja etwas von Otto,- 
wie in jener Begebenheit R. vom Baron L. gefordert hat. Und daran 
liegt es. Professor R. hat ähnlich wie ich seinen Weg außerhalb der 
Schule selbständig verfolgt und ist erst in späten Jahren zu dem 
längst verdienten Titel gelangt. Ich will also wieder einmal Professor 
werden I Ja selbst das „in späten Jahren" ist eine Wunscherfüllung, 
denn es besagt, daß ich lange genug lebe, um meine Knaben selbst 
durch die Pubertät zu geleiten. 

T) Der Prüfungstraum. 

Jeder, der mit der Maturitätsprüfung seine Gymnasialstudiea 
abgeschlossen hat, klagt über die Hartnäckigkeit, mit welcher der 
Angsttraum, daß er durchfallen werde, die Klas«»e \viederholen müsse 
u. dgl. ihn verfolgt. Für den Besitzer eines akademischen Grades er- 
setzt sich dieser typische Traum durch einen anderen, der ihm vor- 
hält, daß er die rigorosen Prüfungen abzulegen habe, und gegen 
den er vergeblich noch im Schlafe einwendet, daß er ja schon seit 
Jahren praktiziere, Privatdozent sei oder Kanzleileiter. Es sind die 
unauslöschlichen Erinnerungen an die Strafen, die wir in der Kind- 
heit für verübte Untaten erlitten haben, die sich so an den beiden 
Knotenpunkten unserer Studien, an dem „dies irae, dies illa'^ der 
strengen Prüfungen in unserem Inneren wieder geregt haben. Auch 
die „Prüfungeangst'' der Neurotiker findet in dieser Kinderangst ihre 
Verstärkung. Nachdem wir aufgehört haben Schüler zu sein, sind 
es nicht mehr wie zuerst die Eltern und Erzieher oder später die 
Lehrer, die unsere Bestrafung besorgen; die unerbittliche Kausal- 
verkettung des Lebens hat unsere weitere Erziehung: übernommen^ 
und nun träumen wir von der Matura oder von dem ßigorosum, — 
und wer hat damals nicht selbst als Gerechter gezagt? — so oft wir 
erwarten, daß der Erfolg uns bestrafen werde, weil wir etwas nicht 
recht gemacht, nicht ordentlich zu Stande gebracht haben, so oft wir 
den Druck einer Verantwortung fühlen. 

Eine weitere Aufklärung der Prüfungsträume danke ich einer 
Bemerkung von Seite eines kundigen Kollegen, der einmal in einer 
wissenschaftlichen Unterhaltung hervorhob, daß seines Wissens der 
Maturatraum nur bei Personen vorkomme, die diese Prüfung be? 
Btanden haben, niemals bei solchen, die an ihr gescheitert sind. Der 

* Als Ernest Jones in einem wissenschaftlichen Vortrag vor einer amerika- 
nischen Gesellschaft vom Egoismus der Träume sprach, erhob eine gelehrte Dam» 
gegen diese unwissenschaftliche Verallgemeinerung den Einwand, der Autor könne 
doch nur über die Träume von Österreichern urteilen und dürf« über die Träume 
von Amerikanern nichts aussagen. Sie sei für ihre Person sicher, daß alle ihre 
Traume streng altmistisch seien.' 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f no m 

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^ Der PrttfaDgstraum. 189 

^gstliche Prüfungstraum, der, wie sich immer mehr bestätigt, dann 
auftritt, weinn man vom nächsten Tage eine verantwortliche Leistung 
und die Möglichkeit einer Blamage erwartet, würde also eine Gelegen- 
iieit aus der Vergangenheit herausgesucht haben, bei welcher sich die 
große Angst als unberechtigt erwies und durch den Ausgang wieder- 
legt wurde. Es wäre dies ein sehr auffälliges Beispiel von Mißver- 
:«tändnis des Trauminhaltes durch die wache Instanz. Die als Em- 
pörung gegen den Traum aufgefaßte Einrede: Aber ich bin ja schon 
Doktor u. dgl., wäre in Wirklichkeit der Trost, den der Traum spen- 
det, und der also lauten würde: Fürchte dich doch nicht vor morgen; 
'denke daran, welche Angst du vor der Maturitätsprüfung gehabt 
hast, lind es ist dir doch nichts geschehen. Heute bist du ja schon 
Doktor usw. Die Angst aber, die wir dem Traume anrechnenj stammte 
«AIS den Tagesresten. 

Die Proben auf diese Erklärung, die ich bei mir und anderen 
anstellen konnte, wenngleich sie nicht zahlreich genug waren, haben 
gut gestimmt. Ich bin z. B. als Bigorosant in gerichtlicher Medizin 
durchgefallen; niemals hat dieser Gegenstand mir im Traume zu 
schaffen gemacht, während ich häufig genug in Botanik, Zoologie 
oder Chemie geprüft wurde, in welchen Fächern ich mit gut be- 
gründeter Angst zur Prüfung gegangen, der Strafe aber durch Gunst 
des Schicksals oder des Prüfers entgangen bin. Im Gymnasialprüfungs- 
traume werde ich regelmäßig aus Geschichte geprüft, wo ich damals 
glänzend bestanden habe, aber allerdings nur, weil mein liebens- 
würdiger Professor — der einäugige Helfer eines anderen Traumes, 
vgl. S. 12 — nicht übersehen hatte, daß auf dem Prüfungszettel, den 
ich ihm zurückgab, die mittlere von drei Fragen mit dem Fingernagel 
-durchgestrichen war, zur Mahnung, daß er auf dieser Frage nicht 
bestehen solle. Einer meiner Patienten, der von der Matura zurück- 
getreten war und sie später nachgetragen hatte, dann aber bei der 
Offiziersprüfung durchgefallen und nicht Offizier geworden ist, be- 
richtet mir, daß er oft genug von der ersteren, aber nie von der 
letzteren Prüfung träumt. 

Die Prüfungsträume setzen der Deutung bereits jene Schwierig- 
ieit entgegen, die ich vorhin als charakteristisch für die meisten der 
typischen Träume angegeben habe, Das Material an Assoziationen, 
welches uns der Träumer zur Verfügung stellt, reicht für die Deutung 
mur selten aus. Man muß sich das bessere Verständnis solcher Träume 
aus einer größeren Beihe von Beispielen zusammentragen. Vor kurzem 

gwann ich den sicheren Eindruck, daß die Einrede: Du bist ja schon 
)ktor u. dgl. nicht nur den Trost verdeckt, sondern auch einen Vor- 
"Wurf andeutet. Derselbe hätte gelautet: Du bist jetzt schon so alt, 
«chon so weit im Leben, und machst Äoch immer solche Dummheiten, 
Kindereien. Dies Gemenge von Selbstkritik und Trost würde dem 
latenten Inhalt der Prüfungsträume entsprechen. Es ist dann nicht 
weiter ' auf fällig, wenn die Vorwürfe wegen der „Dummheiten" und 
^»Kindereien" sich in den zuletzt analysierten Beispielen auf die 
"Wiederholung beanständeter sexueller Akte bezogen. 



C^ f\n n 1 i> Un g I n al f no m 

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VI. 
Die Traumarbeit. 

Alle andereii bisherigen Versuche, die Traiunprobleme ru er- 
ledigen, faiüpften direkt an den in der Erinnerimg gegebenen mani- 
festen Trauminhalt an xmd bemühten sich, aus diesem die Traum- 
deutung zu gewinnen, oder, wenn sie auf eine Deutung verzichteten, 
ihr Urteil über den Traum durch den Hinweis auf den Trauminhalt 
zu begründen. Nur wir allein stehen einem anderen Sachverhalt 
gegenübcar; für uns schiebt sich zwischen den Trauminhalt und die 
Resultate unserer Betrachtung ein neues psychisches Material ein: 
der durch unser Verfahren gewonnene latente Trauminhalt oder 
die Traumgedanken. Aus diesem letzteren, nicht aus dem manifesten 
Trauminhalt, entwickelten wir die Lösung des Traumes. An uns tritt 
darum auch als neu eine Aufgabe heran, die es vordem nicht ge- 
geben hat, die Aufgabe, die Beziehungen des manifesten Trauminhaltes 
zu den latenten Traumgedanken zu untersuchen und nachzuspüren, 
durch welche Vorgänge aus den letzteren der erstere geworden ist. 

Traumgedanken und Trauminhalt liegen vor uns wie zwei Dar» 
Stellungen desselben Inhaltes in zwei verschiedenen Sprachen, oder 
besser gesagt, der Trauminhalt erscheint uns als eine Übertragung 
der Traumgedanken in eine andere Ausdrucksweise, deren Zeichen 
UÄd Fügungsgesetze wir durdi die Vergleichung von Original und 
Über^tzung kennen lernen sollen. Die Traumgedanken sind uns ohne 
weiteres verständlich, sobald wir sie erfahiin haben. Der Traum^ 
Inhalt ist gleichsam in einer Bilderschrift gegeben, deren Zeichen 
einzeln in die Sprache der Traumgedanken zU übertragen: sind. Man 
würde offenbar in die Irre gefü£*t, wenn man diese Zeichen pach 
ihrem Bilderwerte anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen wollte^ 
Ich habe etwa ein Bilderrätsel (Eebus) vor mir: ein* Haus, auf dessen 
Dach ein Boot zu sehen ist, dann ein einzelner Buchstabe, dann 
eine laufende Figur, deren Kopf wegapostrophiert ist u. dgl. Ich! 
könnte nun in die Kritik verfallen, diese Zusammenstellung und 
dereß Bestandteile für unsinnig zu erklären. Ein Boot gehört nicht, 
auf das Dach eines Hauses, und eine Person ohne Kopf kann nicht 
laufen; auch ist die Person größer als das Haus, und wenn das 
Ganze eine Landschaft darstellen soll, so fügen sidi die einzelnen 
Buchstaben nicht ein, die ja in freier Natur nicht vorkommen. iDie 
richtige Beurteilung dee Rebus ergibt sich offenbar erst dann, wenn 
ich gegen das Ganze und die Einzelheiten desselben keine splchen 
Einsprüche erhebe, sondern mich bemühe, jedes Bild durch eine 
Silbe oder ein Wort zu ersetzen, welches nach irgend welcher Be- 
ziehung durch das Bild darstellbar ist. Die "Worte, die sich so zu- 
sammenfinden, sind nicht mehr sinnlos, sondex^i können den schönsten^ 



C^ f\n n 1 i> Orf g f n a I f no m 

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Di© Verdichtnng. 191^ 

und sinnreichsten Dichterspruch ergeben. Ein solches Bilderrätsel ist 
nun der Traum, und unsere Vorgänger auf dem Gebiete der Traum- 
deutung haben den Fehler begangen, den Kebus als zeichnerische 
Komposition zu beurteilen. Als solche erschien er ihnen unsinnig 
und wertlos. 

a) Die Verdichtungsarbeit. 

Das erste, was dem Untersucher bei der Vergleichung von 
jTrauminhalt und Traumgedanken klar wird, ist, daß hier eine groß- 
artige Verdichtungsarbeit geleistet wurde. Der Traum ist knapp, 
armselig, lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur Beich- 
haltigkeit der Traumgedanken. Der Traum füllt niedergeschrieben eine 
halbe Seite; die Analyse, in der die Traumgedanken enthalten sind, 
bedarf das Sechs-, Acht-, Zwölffacho an Schriftraum. Die Helation 
ist für verschiedene Träume wechselnd; sie ändert, soweit ich es 
kontrollieren konnte, niemals ihren Sinn. In der Eegel unterschätzt 
man das Maß der statthabenden Kompression, indem man die ans 
Licht gebrachten Traumgedanken für das vollständige Material hält, 
während weitere Deutun^arbeit neue, hinter dem TYaume versteckte 
Gedanken enthüllen kann. Wir haben bereite anführen müssen, daß> 
man eigentlich niemals sicher ist, einen Traum vollständig gedeutet 
zu haben; selbst wenn die Auflösung befriedigend und lückenlos- 
erscheint, bleibt es doch immer möglich, daß sich noch ein anderer 
Sinn durch denselben Traum kundgibt. Die Verdick tungs quo te ist 
also — streng genommen — unbestimmbar. Man könnte gegen die 
Behauptung, daß aus dem Mißverhältnis zwischen Trauminhalt und 
Traumgedanken der Schluß zu ziehen sei, eä finde eine ausgiebige 
Verdichtung des psychischen Materials bei der Traumbiidung statt, 
einen Einwand geltend machen, der für den ersten . Eindruck recht 
bestechend scheint. !Wir haben ja so oft die Empfindung, daß wir 
sehr vieles, die ganze Nacht hindurch, geträumt und dann das meiste 
wieder vergesiseni haben. Der Traum, den wir beim Erwachen erinnern, 
wäre dann bloß ein Eest der gesamten Traumarbeit, welche wohl den 
Traumgedanken an Umfang gleichkäme, wenn wir sie eben voll- 
ständig erinnern könnten. Daran ist ein Stück sicherlich richtig; man 
kann sich nicht mit der Beobachtung täuschen, daß ein Traum am 
getreuesten reproduziert wird, wenn man ihn bald nach dem Er- 
wachen zu erinnern versucht, und daß seine Erinnerung gegen den 
Abend hin immer mehr und mehr lückenhaft wird. Zum anderen Teil 
aber läßt sich erkennen, daß die Empfindung, man habe sehr viel: 
mehr geträumt, als man reproduzieren kann, sehr häufig auf einer 
Illusion beruht, deren Entstehung späterhin erläutert werden soll. 
Die Annahme einer Verdichtung in der Traumarbeit wird überdies 
von der Möglichkeit des Traumvergessens nicht berührt, denn sie 
wird durch die Vorstellungsmassen erwiesen, die zu den einzelnen 
erhalten gebliebenen Stücken des Traumes gehören. Ist tatsächlich 
ein großes Stück des Traumes für die Erinnerung verloren gegangen, 
BO bleibt uns hindurch etwa der Zugang zu einer neuen Reihe yon 
Traumgedanken versperrt. Es ist eine durch nichts zu rechtfertigende 
Erwartung, daß die untergegangenen Traumstücke sfch gleichfalls 



C n,n n 1 i> Orf g f n a I f no m 

v.:-UUgH^ UNIVERSlirOF MICHIGAN 



192 VI. Die Traamarbeit 

nur auf jene Gedanken bezogen hätten, die wir bereita ans der .4Lnalyse 
der erhalten gebliebenen kennen*. 

Angesichts der üb^reichen Menge von Einfällen, welche die 
Analyse zu jedem einzelnen Element des Trauminhultes beibringt, 
wird sich bei jedem Leser der prinzipielle Zweifel regen, ob man 
denn all das, was einem bei der Analyse nachträglich einfällt, ^ 
den Traumgedanken rechnen darf, d. h. annehmen darf, all diese Ge- 
ctanken seien schon während des Schlafzustandes tätig gewesen und 
hätten an der Traumbildung mitgewirkt? Ob nicht vielmehr während" 
des Analysierens neue Gedankenverbi»dungen entstehen, die an der 
Traumbildung unbeteiligt waren? Ich kann diesem Zweifel nur bedingt 
beitreten. Daß einzelne Gedankenverbindungen erst während der Ana- 
lyse entstehen, ist allerdings richtig; aber man kann sich jedesmal 
überzeugen, daß solche neue Verbindungen sich nur zwischen Gedan- 
ken herstellen, die schon in den Traumgedanken in anderer Weise 
verbunden sind; die neuen Verbindungen sind gleichsam Nebenschlie- 
ßungen, Kurzschlüsse, ermöglicht durch den Bestand anderer 'ind tiefer 
liegender Verbindungswege. Für die überzahl der bei der Analyse 
aufgedeckten Gedankenmassen muß man zugestehen, daß sie schon 
bei der Traumbildung tätig gewesen sind, denn wenn man sich durch 
«ine Kette solcher Gedanken, die außer Zusammenhang mit der Traum- 
bildung scheinen, durchgearbeitet hat, stößt man dann plötzlich auf 
einen Gedanken, der, im Trauminhalt vertreten, für die Traumdeutung 
unentbehrlich ist und doch nicht anders als durch jene Gedanken- 
kette zugänglich war. Man vergleiche hiezu etwa den Traum von 
der botanischen Monographie, der als das Ergebnis einer erstaunlichen 
Verdichtungsleistung erscheint, wenngleich ich seine Analyse nicht 
vollständig mitgeteilt habe- 

Wie soll man sich aber dann den psychischen Zustand während 
des Schlafens, der dem Träumen vorangeht, vorstellen? Bestehen alle 
die Traumgedanken nebeneinander, oder werden sie nacheinander 
durchlaufen oder werden mehrere gleichzeitige Gedankengänge von 
verschiedenen Zentren aus gebildet, die dann zusammentreffen? Ich 
meine, es liegt noch keine Nötigung vor, sich von dem psychischen 
Zustand bei der Traumbildung eine plastische Vorstellung zu schaffen. 
Vergessen wir nur nicht, daß es sich um unbewußtes Denken handelt, 
und daß der Vorgang leicht ein anderer sein kann als der, welchen 
wir beim absichtlichen, von Bewußtsein begleiteten Nachdenken in 
uns wahrnehmen. 

Die Tatsache aber, daß die Traumbildung auf einer Verdichtung 
beruht, steht unerschütterlich fest. Wie kommt diese Verdichtung nun 
2M Stande? 

Wenn man erwägt, daß von den aufgefundenen Traumgedanken 
nur die wenigsten durch eines ihrer Vorstellungselemente im Tratime 
vertreten sind, so sollte man schließen, die Verdichtung geschehe auf 
dem Wege der Auslassung, indem der Traum nicht eine getreu- 

* Hinweise auf die Verdichtung im Traume finden sich bei zahlreichen 
Autoren. Du Prel äußert an einer Stelle (p. 85), es sei absolut sicher, öaB 
ein Verdichtungsprozeß der Vorstellungsreihe stattgefunden habe. 



C^ f\n n 1 i> Orf g f n a I f no m 

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Die Verdichtang* im Traam von der botauischen Monographie. ^93 

liehe Übersetzung oder eine Projektion Punkt für Punkt der Traum- 
gedanken, dondem eine höchst unvollständige und lü kenhafte Wieder- 
gabe derselben sei^ Diese Einsicht ist, wie wir bald finden werden, 
eine sehi' mangelhafte. Doch fußen wir zunächst auf ihr und fragen 
uns weiter: Wenn nur wenige Elemente aus den Traumgedanken in 
den Trauminhalt gelangen, welche Bedingungen bestimmen die Aus- 
wahl derselben? 

Um hierüber Aufschluß zu bekommen, wendet man nun seine 
Aufmerksamkeit den Elementen des Trauminhaltes zu, welche die 
gesuchten Bedingungen ja erfüllt haben müssen. Ein Traum, zu 
dessen Bildung eine besonders starke Verdichtung beigetragen, wird 
für diese Untersuchung das günstigste Material sein. Ich wähle den 
auf S. 118 mitgeteilten Traum von der botanischen Monographie. 

Trauminhalt: Ich habe eine Monographie über eine 
(unbestimmt gelassene) Pflanzenart geschrieben« Das 
Buch liegt vor mir, ich blättere eben eine eingeechla* 
gene farbige Tafel um. Dem Exemplar ist ein getrock- 
netes Spezimen der Pflanze beigebunden. 

Daß augenfälligste Element dieses Traumes ist die botanische 
Monographie. Diese stammt aus den Eindrücken des Traumtages; 
in einem Schaufenster einer Buchhandlung hatte ich tatsächlich eine 
Monographie über die Gattung „Zyklamen" gesehen. Die 
Erwähnung dieser Gattung fehlt im Trauminhalt, in dem nur die 
Monographie und ihre Beziehung zur Botanik übrig geblieben sind. 
Die „botanische Monographie" erweist sofort ihre Beziehung zu der 
Arbeit über Kokain, die ich einmal geschrieben habe; vom Ko- 
kain aus geht die Gedankenverbindung einerseits zur Festschrift und 
zu gewissen Vorgängen in einem Universitätslaboratorium, anderseits 
zu meinem Freunde, dem Augenarzte Dr. Königstein, der an der 
I Verwertung des Kokains seinen Anteil gehabt hat. An die Person 
des Pr. K. knüpft sich weiter die Erinnerung an das unterbrochene 
Gespräch, das ich abends zuvor mit ihm geführt, und die vielfältigen 
Gedanken über die Entlohnung ärztlicher Leistungen unter Kollegen. 
Dieses Gespräch ist nun der eigentliche aktuelle Traumerreger; die 
Monographie über Zyklamen ist gleichfalls eine Aktualität, aber in- 
differenter Natur; wie ich sehe, erweist sich die „botanische Mono- 
graphie" des Traumes als ein mittleres Gemeinsames zwischen 
beiden Erlebnissen des Tages, von dem indifferenten Eindruck un- 
verändert übernommen, mit dem psychisch bedeutsamed Erlebnis durch 
ausgiebigste Assoziationsverbindungen verknüpft. 
. Aber nicht nur die zusammengesetzte Vorstellung „botanische 
Monographie", sondern auch jedes ihrer Elemente „botanisch" 
und „M onographie" gesondert geht durch mehrfache Verbindungen 
tiefer und tiefer in das Gewirre der Traumgedanken ein. Zu „bo- 
tanisch" gehören die (Erinnerungen an die Person des Professors 
Gärtner, an seine blühende Frau, an meine Patientin, die Flora 
heißt, und an die Dame, von der ich die Geschichte mit den ver- 
gessenen Blumen erzählt habe. Gärtner führt neuerdings auf das 
Laboratorium und auf das Gespräch mit Königstein; in dasselbe 
Gespräcli gehört die Erwähnung der beiden Patientinnen. Von der 

Fs«ud, Treumdentnng, &• Aufl. 18 

-L i ii • '^ n I ^ Orf g f n al f ro m 

■y K.:-UU^H^ UNIVERSIir OF MICHIGAN 



194 VX Die Tnwmarbeit. 

Frau mit den Blumen zweigt ein Gedanken weg zu den Lieblings- 
blumen meiner Frau ab, defisen anderer Ausgang im Titel der bei 
Tag flüchtig geeehenen Monographie liegt. Außerdem erinnert „bo-^ 
tanisch^' an eine Gymnasialepisode und an ein Examen der Uni- 
versitätszeit, und ein neues in jenem Gespräche angeschlagenes Thema,, 
das meiner Liebhabereien, knüpft sich durch Vermittlung meiner scherz- 
haft sogenannten Lieblingsblume, der Artischocke, an die von 
den vergessenen Blumen ausgehende Gedankenkette an; hinter „Arti- 
schocke" steckt die Erinnerung an Italien einerseits und an eine 
Kinderszene anderseits, in der ich meine seither intim (^wordenen 
Beziehungen zu Büchern eröffnet habe. „Botanisch" ist also ein 
wahrer Knotenpunkt, in welchem für den Traum zahlreiche Gedan- 
kengänge zusammentreffen, die, wie ich versichern kann, in jenem 
Gespräche mit Fug und Becht in Zusammenhang gebracht worden 
sind. Man befindet sich hier mitten in einer Gedankenfabrik, in der 
wie jja .Weber-Meisterstück 

„Ein Tritt tausend Fäden regt, 

Die Schifflein herüber, hinüber schießen, 

Die Fäden ungesehen fließen, 

Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt." 

„Monographie" im Traume rührt wiederum an zwei Themata^ 
an die Einseitigkeit meiner Studien und an die Kostspieligkeit meiner 
Liebhabereien. 

Aus dieser ersten Untersuchung holt man sich den Eindruck, 
daß die Elemente „botanisch" und „Monographie" 4d'rum in den Traum- 
inhalt Aufnahme gefunden haben, weil sie mit den meisten Traum- 
gedanken die ausgiebigsten Berührungen aufweisen können, also Kno- 
tenp unkte darstellen, in denen sehr viele der TraumgedaDien zu- 
sammentreffen, weil sie mit Bezug auf die Traumdeutung vieldeutig 
sind. Man kann die dieser Erklärung zu Grunde liegende Tatsache 
auch anders aussprechen und dann sagen: Jedes der Elemente des 
Trauminhaltes erweist sich als überdeterminiert, als mehrfach 
in den Traumgedanken vertreten. 

Wir erfahren mehr, wenn wir die übrigen Bestandteile des 
Traumes auf ihr Vorkommen in den Traumgedanken prüfen. Die far- 
bige Tafel, die ich aufschlage, geht (vgl. die Analyse S. 120) auf 
ein neues Thema, die Kritik der Kollegen an meinen Arbeiten, und 
auf ein bereits im Traume vertretenes, meine Liebhabereien, außer- 
dem auf die Kindererinnerung, in der ich ein Buch mit farbigen. 
Tafeln zerpflücke; das getrocknete Exemplar der Pflanze rührt an 
das Gymnasialerlebnis vom Herbarium und hebt die«e Erinnerung^ 
besonders hervor. Ich sehe also, welcher Art die Beziehung zwischen 
Trauminhalt und Traumgedanken ist : Nicht nur die Elemente des 
Traumes sind durch die Traumgedanken n^ehrfach determiniert^ 
sondern die einzelnen Traumgedanken sind auch im Traume durch, 
mehrere Elemente vertreten. Von einem Element des Traumes führt 
der Aßsoziationsweg zu mehreren Traumgedanken; von einem Traum- 
gedanken zu mehreren Traumelementen. Die Traumbildung erfolgt 
also nicht so, daß der einzelne Traumgedanke oder eine Gruppe von 

Orfg fnal f no m 



C^ f\n n 1 i> On g i n al f no m 

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Übeideterminierang der Traumelemeote. 195 

ßolchen eine Abkürzung für den Trauminhalt liefert, und dann der 
nächste Traumgedanke eine nächste Abkürzung als Vertretung, etwa 
wie aus einer Bevölkerung Volksvertreter gewählt werden, sondern 
die ganze Masse der Traumgedanken unterliegt einer gewissen Be- 
arbeitung, nach welcher die meist- und bestunterstützten Elemente 
sich für den Eintritt in den Trauminhalt herausheben, etwa der AVahl 
durch Listenskrutinium analog. Welchen Traum immer ich einer ähn- 
lichen Zergliederung unterziehe, ich finde stets die nämlichen Grund- 
sätze bestätigt, daß die Traumelemente aus der ganzen Masse der 
Traxungedanken gebildet werden, und daß jedes von ihnen in Bezug 
auf die Traumgedanken mehrfach determiniert erscheint. 

Es ist gewiß nicht überflüssig, diese Eelation von Trauminhalt 
und Traumgedanken an einem neuen Beispiel zu erweisen, welches 
sich durch besonders kunstvolle Verschlingung der. wechselseitigen Be- 
ziehungen auszeichnet. Der Traum rührt von eiuem Patienten her, 
den ich wegen Claustrophobie (Angst in geschlossenen Bäumen) be- 
handelte. iS wird sich bald ergel^n, weshalb ich mich veranlaßt 
finde, diese ausnehmend geistreiche Traumleistung in folgender Weise 
zu überschreiben: 

II. „Ein schöner Traum.'* 

Er fährt mit großer Gesellschaft in die X-Straße, in 
der sich ein bescheidenes Einkehrwirtshaus befindet (was 
nicht richtig ist). In den Räumen desselben wird Theater ge- 
spielt; er ist bald Publikum, bald Schauspieler. Am Ende 
heißt es, man müsse sich umziehen, um wieder in die Stadt 
zu kommen. Ein Teil des Personals wird in die Parterre- 
r&ume verwiesen, ein anderer in die des ersten Stockes. 
Dann entsteht ein Streit. Die oben ärgern sich, daß die 
unten nochnicht fertigsind, sodaßsie nicht herunter kön- 
nen. Sein Bruder ist oben, er unten und er ärgert sich über 
den Bruder, daß man so gedrängt wird. (Diese Partie unklar.) 
Es war übrigens schon beim Ankommen bestimmt und ein- 
geteilt, wer oben und wer unten sein soll. Dann geht er 
allein über die Anhöhe, welche die X-Straße gegen die 
Stadt hin macht, und geht so schwer, so mühselig, daß 
er nicht von der Stelle kommt. Ein älterer Herr ge- 
sellt sich zu ihm und schimpft über den König von 
Italien. Am Ende der Anhöhe geht er dann viel leichter. 

Die Beschwerden beim Steigen waren so deutlich, daß er nach 
dem Erwachen eine Weile zweifelte, ob es Traum oder Wirklich- 
keit war. 

Dem manifesten Inhalt nach wird man diesen Traum kaum loben 
können. Die Deutung will ich regelwidrig mit jenem Stücke beginnen, 
welches vom Träumer als das deutlichste bezeichnet wurde. 

Die geträumte und wahrscheinlich im Traume verspürte Be- 
ichwerde, das mühselige Steigen unter Dyspnoe, ist eines der Sym- 
ptome, die der Patient vor Jahren wirklich gezeigt hatte, und wurde 
damals im Vereine mit anderen Erscheinungen auf eine (wahrschein- 
lich hysterisch vorgetäuschte) Tuberkulose bezogen. Wir kennen be- 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f no m 

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Xyg VI. Die Traamarbait 

rcits dieso dem Traume eigentümliche Sensation der Grehhemmung aus 
den Exhibitionsträumen und finden hier wieder, daß sie als ein alle- 
zeit bereit liegendes Material zu Zwecken irgend welcher anderen 
Darstellung verwendet wird. Das Stück des Trauminhaltes, welches 
beschreibt, wie das Steigen anfänglich schwer war, und am Ende der 
Anhöhe leicht wurde, erinnerte mich bei der Erzählung des Traumes 
an die bekannte meisterhafte Introduktion der „Sappho" von A. Dau- 
det. Dort trägt ein junger Mann die Greliebte die Treppen hinauf, an- 
fänglich wie federleicht ; aber je weiter er steigt, desto schwerer lastet 
sie auf seinen Armen, und diese Szene ist vorbildlich für den Verlauf 
des Verhältnisses, durch dessen Schilderung Daudet die Jugend 
mahnen will, eine ernstere Neigung nicht an Mädchen von niednger 
Herkunft und zweifelhafter Vergangenheit zu verschwenden*. Ob- 
wohl ich wußte, da-ß mein Patient vor kurzem ein Liebesverhältnis 
mit einer Dame vom Theater unterhalten und gelöst hatte, erwartete 
ich doch nicht, meinen Deutungseinfall berechtigt zu finden. Auch 
war es ja in der „Sappho" umgekehrt wie im Traume; in letzterem 
war das Steigen anfänglich schwer und späterhin leicht; im Boman 
diente es der Symbolik nur, wenn das, was zuerst leicht genommen 
wurde, sich am Ende als eine schwere Last erwies. Zu meinem Er- 
staunen bemerkte der Patient, die Deutung stimme sehr wohl zum 
Inhalt des Stückes, das er am Abend vorher im Theater gesehen. Das 
Stück hieß: „Rund um Wien" und behandelte den Lebenslauf eines 
Mädchens, das zuerst anständig, dann zur Demimonde übergeht, Ver- 
hältnisse mit hochstehenden Personen anknüpft, dadurch „in die 
Höhe kommt", endlich aber immer mehr „herunter kommt". 
Das Stück hatte ihn auch an ein anderes, vor Jahren gespieltes, er- 
innert, welches den Titel trug: „Von Stufe zu Stufe", und auf 
dessen Ankündigung eine aus mehreren Stufen bestehende Stiege 
zu sehen war. 

Nun die weitere Deutung. In der X- Straße hatte die Schau- 
spielerin gewohnt, mit welcher er das letzte, beziehungsreiche Ver- 
hältnis unterhalten. Ein Wirtshaus gibt es in dieser Straße nicht. 
Allein, als er der Dame zuliebe einen Teil des Sommers in Wien ver- 
brachte, war er in einem kleinen Hotel in der Nähe abgestiegen. 
Beim Verlassen des Hotels sagte er dem Kutscher: „Ich bin froh, 
daß ich wenigstens kein Ungeziefer bekommen habe" (übrigens auch 
eine seiner Phobien). Der Kutscher darauf: „Wie kann man aber 
da absteigen! Das ist ja gar kein Hotel, eigentlich nur ein Einkehr- 
wirtshaus." 

An das Einkehrwirtshaus knüpft sich ihm sofort die Erinnerung 
eines Zitats: 

„Bei einem Wirte wundermild. 
Da war ich jüngst zu Gaste." 

Der Wirt im U hl and sehen Gedichte ist aber ein Apfelbaum. 

Nun setzt ein zweites Zitat die Gedankenkette fort: 



* Man denke zur Würdigung dieser Darstellung des Dichters an die im 
Abschnitt über Symbolik mitgeteÜte Bedeutung der St legen traame. 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g in a I f no m 

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Ein ^schöner** Traum. I97 

Fau«t (mit der Jungen tanzend): 
Einst hattV ich einen schönen Traum; 
Da sah ich einen Apfelbaum, 
Zwei schöne Äpfel glänzten dran, 
Sie reizten mich, ich stieg hinan. 

Die Schöne. 

Der Äpfelchen begehrt ihr sehr. 
Und schon vom Paradiese her. 
Von Freuden fühl' ich mich bewegt, 
Daß auch mein Garten solche trägt. 

Es ist nicht der leiseste Zweifel möglich, was unter dem Apfel- 
baume und dem Äpfelchen gemeint ist. Ein schöner Busen stand 
auch obenan unter den Reizen, durch welche die Schauspielerin meinen 
Träumer gefesselt hatte. 

Wir hatten nach dem Zusammenhang der Analyse allen Grund 
anzunehmen, daß .der Traum auf einen Eindruck aus der Kindheit 
zurückgehe. Wenn dies richtig war, so mußte er sich auf die Amme 
des jetzt bald dreißigjährigen Mannes beziehen. Für das Kind ist 
der Busen der Amme tatsächlich das Einkehrwirtshaus. Die Amme 
sowohl als die „Sappho** Daudets erscheinen als Anspielung auf 
die vor kurzem verlassene Geliebte. 

Im Trauminhalt erscheint auch der (ältere) Bruder des Patienten, 
und zwar ist dieser oben, er selbst unten. Dies ist wieder eine 
Umkehrung des wirklichen Verhältnisses, denn der Bruder hat, 
wie mir bekannt ist, seine soziale Position verloren, mein Patient 
sie erhalten. Der Träumer vermied bei der Reproduktion des Traum- 
inhaltee zu sagen: Der Bruder sei oben, er selbst „parterre" gewesen. 
Es wäre eine zu deutliche Äußerung geworden, denn man sagt bei 
uns von einer Person, sie ist „parterre", wenn sie Vermögen und 
Stellung eingebüßt hat, also in ähnlicher Übertragung, wie man 
,4i eruntergekommen" gebraucht. Es muß nun einen Sinn haben, 
daß an dieser Stelle im Traume etwas umgekehrt dargestellt ist. Die 
ümkehrung muß auch für eine andere Beziehung zwischen Traum- 
gedanken und Trauminhalt gelten. Es liegt der Hinweis darauf vor, 
wie diese Umkehrung vorzunehmen ist. Offenbar am Ende des Trau- 
mes, wo es sich mit dem Steigen wiederum umgekehrt verhält wie 
in der „Sappho". Dann ergibt sich leicht, welche Umkehrung ge- 
meint ist: In der „Sappho" trägt der Mann das zu ihm in .sexuellen 
Beziehungen stehende Weib; in den Traumgedanken handelt es sich 
also umgekehrt um ein Weib, das den Mann trägt, imd da dieser 
Fall sich nur in der Kindheit ereignen kann, bezieht er sich wieder 
auf die Ajnme, die schwer an dem Säugling trägt. Der Schluß des 
Traumes trifft es also, die „Sappho" und die Amme in der näm- 
lichen Andeutung darzustellen. 

Wie der Name „Sappho" vom Dichter nicht ohne Beziehung 
auf eine lesbische Gewohnheit gewählt ist, so deuten die Stücke des 
Traumes, in denen Personen oben und unten beschäftigt sind, auf 
Phantasien sexuellen Inhaltes, die den Träumer beschäftigen und als 



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298 ^^- I^® Traumarbeit 

unterdrückte Gelüste nicht außer Zusammenhang mit seiner Neurose 
stehen. Daß es Phantasien und nicht Erinnerungen der tatsächlichen 
Vorgänge sind, die so im Traume dargestellt werden, zeigt die Traum- 
deutung selbst nicht an; dieselbe liefert uns nur einen G^edajiken- 
inhalt und überläßt es uns, dessen Realitätswert festzustellen. Wirk- 
liche und phantasierte Begebenheiten erscheinen hier — und nicht 
nur hier, auch bei der Schöpfung wichtigerer psychischer Gebilde 
als der Träume — zunächst als gleichwertig. Große Gesellschaft be- 
deutei^ wie wir bereits wissen, Geheimnis. Der Bruder ist nichts 
anderes als der in die Kindheitsszene durch „Zurückphantasieren" 
eingetragene Vertreter aller späteren Nebenbuhler beim Weibe. Die 
Episode von dem Herrn, der auf den König von Italien schimpft, be- 
zieht sich durch Vermittlung eines rezenten und an sich gleichgültigen 
Erlebnisses wiederum auf das Eindrängen von Personen niederen 
Standes in höhere Gesellschaft. Es ist, als ob der "Warnung, welche 
Daudet dem Jüngling erteilt, eine ähnliche, für das säugende Eond 
gültige, an die Seite gestellt werden sollte*. 

Um ein drittes Beispiel für das Studium der Verdichtung bei der 
Tratunbildung bereit zu haben, teile ich die partielle Analyse eines 
anderen Traumes mit, den ich einer älteren, in psychoanalytischer 
Behandlung stehenden Dame verdanke. Den schweren Angstzuständen 
entsprechend, an denen die Kranke litt, enthielten ihre Träume über- 
reichlieh sexuelles G^dankemnaterial, dessen Kenntnisnahme sie an- 
fangs ebenso sehr überraschte wie erschreckte. Da ich die Traum- 
deutung nicht bis ans Ende führen kann, scheint das Traummaterial 
in mehrere Gruppen ohne sichtbaren Zusammenhang zu zerfallen. 

HI. Trauminhalt: Sie besinnt sich, daß sio zwei Mai 
käfer in einer Schachtel hat, denen sie die Freiheit geben 
muß, weil sie sonst ersticken. Sie öffnet die Schachtel, die 
Käfer sind ganz matt; einer fliegt zum geöffneten Fenster 
hinaus, der andere aber wird vom Fensterflügel zer- 
quetscht, während sie das Fenster schließt, wie irgend 
jemand von ihr verlangt (Äußerungen des Ekels). 

Analyse: Ihr Mann ist verreist, die vierzehnjährige Tochter 
schläft im .Bette neben ihr. Die Kleine macht sie am Abend auf- 
merksam, daß eine Motte in ihr Wasserglas gefallen ist; sie ver- 
säumt es iaber, sie herauszuholen, und bedauert das arme Tierchen am 
Morgen. In ihrer Abendlektüre war erzählt, wie Buben eine Katze 
in siedendes Wasser werfen, und die Zuckungen des Tieres ge- 
schildert. Das sind die beiden an sich gleichgültigen Traumanlässe. 
Das Thema von der Grausamkeit gegen Tiere beschäftigt sie 
weiter. Ihre Tochter war vor Jahren, als sie in einer gewissen Ge- 
gend zum Sommer wohnten, sehr grausam gegen das Getier. Sie legte 
sich eine Schmetterlingsammlung an und verlangte von ihr Arsenik 

'*' Die phantastische Natur der auf die Amme des Träumen bezüglichen 
Situation wird durch den objektiv erhobenen Umstand erwiesen, daß die Amme 
in diesem Falle die Mutter war. Ich erinnere übrigens an das auf S. 142 er- 
wähnte Bedauern des jungen Hannes der Anekdote, die Situation bei seiner 
Amme nicht besser ausgenutzt su haben, welches wohl die QueUe dieses Trau- 
mes ist. 



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Der Käfertraom. 199 

ZBT Tötung der Schmetterlinge. Einmal kam es vor, daß ein Nacht- 
falter mit der Nadel durch den Leib noch lange im Zimmer herum- 
flog; ein andermal fanden sich einige Baupen, die zur Verpuppüng 
aufbewahrt wurden, verhungert. Dasselbe Kind pflegte in noch zar- 
terem Alter Käfern und Schmetterlingen die JFlügel auszureißen; 
heute würde sie vor all diesen grausamen Handlungen zurückschrecken, 
sie ist sehr gutmütig geworden. 

Dieser Widerspruch beschäftigt sie. Er erinnert an einen an- 
deren "Widerspruch, den zwischen Aussehen und Gesinnung, wie er 
in Adam Bede von der Eliot dargestellt ist. Ein schönes, aber 
eitles und ganz dummes Mädchen, daneben ein häßliches, aber edles. 
Der Aristokrat, der das Gänschen verführt; der Arbeiter, der 
adelig fühlt und sich ebenso benimmt. Man kann das den Leuten 
nicht ansehen. Wer würde ihr ansehen, daß sie von sinnlichen 
Wünschen geplagt wird? 

In demselben Jahre, als die Kleine ihre Schmetterlingsammlung 
anlegte, litt die Gegend arg unter der Maikäfer plage. Die Kinder 
wüteten gegen die Käfer, zerquetschten sie grausam. Sie hat 
damals einen Menschen gesehen, der den Maikäfern die Flügel ausriß 
und die Leiber dann verspeiste. Sie selbst ist im Mai geboren, hat 
auch im Mai geheiratet. Drei Tage nach der Hochzeit schrieb sie 
den Eltern einen Brief nach Hause, wie glücklieh sie sei. Sie war 
es aber keineswegs. 

Am Abend vor dem Traume hatte sie in alten Briefen gekramt 
und verschiedene ernste und komische Briefe den Ihrigen vorgelesen, 
so einen höchst lächerlichen Brief eines Klavierlehrers, der ihr als 
Mädchen den Hof gemacht hatte, auch den eines aristokratischen 
Verehrers*. 

Sie macht sich Vorwürfe, daß eine ihrer Töchter ein schlechtes 
Buch von Maupassant in die Hand bekommen**. Der Arsenik, 
den ihre Kleine verlangt, erinnert sie an die Arsenikpilleny die 
dem Duc de Mora im Nabab die Jugendkraft wiedergeben. 

Zu „Freiheit geben'' fällt ihr die Stelle aus der Zauberflöte ein: 

„Zur Liebe kann ich dich nicht zwingen» 
Doch geh' ich dir die Freiheit nicht." 

Zu den ,3iaikäfern" noch die Bede des Eäthchens***: 

„Verliebt ja bist du wie ein Käfer mir." 

Dazwischen Tannhäuser: „Weil du von böser Lust beseelt — ^ 
Sie lebt in Angst und Sorge um den abwesenden Mann. Die 
Furcht, daß ihm auf der Beise etwas zustoße, äußert sich in zahl- 
reichen Phantasien des Tages. Kurz vorher hatte sie in ihren un- 
bewußten Gedanken während der Analyse eine Klage über seine 
„Greisenhaftigkeit" gefunden. Der Wunschgedanke, welchen dieser 

* Dies ist der eigentliche Tranmerreger. 

^* Zu ereänzeu: Solche Lektüre sei Gift für ein junges HädolMo. Sie 
telbst hatte ui ihrer Jugend Tiel aus verbotenen Büchern geschöpft. 

*** Ein weiterer Gedankengang führt zur Penthesileia desselben Dich- 
ters: Grausamkeit gegen den Geliebten. 



C^ f\n n 1 i> Orf g f n a I f no m 

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200 VI. Die TraomArbelt. 

Traum verhüllt, läßt sich vielleicht am beeten' erraten, wenn ich er- 
zähle, daß sie mehrere Tage vgr dem Traume plötzlich mitten in 
ihren Beschäftigungen durch den gegen ihren Mann gerichteten Im- 
perativ erschreckt wurde: Häng' dich auf. Es ergab sich, daß sie 
einige Stunden vorher irgendwo gelesen hatte, beim Erhängen stelle 
sich eine kräftige Erektion ein. Es war der Wunsch nach dieser 
Erektion, der in dieser schreckenerregenden Verkleidung aus der 
Verdrängung wiederkehrte. „Häng' dich auf," besagte soviel als 
„Verschaff dir eine Erektion um jeden Preis." Die Arsenikpillen 
des Dr. Jenkins im Nabab gehören hieher; es war der Patientin 
aber auch bekannt, daß man das stärkste Aphrodisiakum, Kantha- 
riden, durch Zerquetschen von Käfern bereitet (sogenannte 
spanische Fliegen). Auf diesen Sinn zielt der Hauptbestandteil dea 
Rauminhaltes. 

Das Fenster öffnen und -schließen ist eine der ständigen Dif- 
ferenzen mit ihrem Manne. Sie selbst schläft aerophil, ihr Mann 
aerophob. Die Mattigkeit ist das Hauptsymptom, über das sie 
in diesen Tagen zu klagen gehabt hat. 

In allen drei hier mitgeteilten Träumen habe ich durch die 
Schrift hervorgehoben, wo eines der Traumelemente in den Traum- 
gedanken wiederkehrt, um die mehrfache Beziehung der ersteren 
augenfällig zu machen. Da aber für keinen dieser Träume die Ana- 
lyse bis ans Ende geführt ist, verlohnt es sich wohl, auf einen Traum 
mit ausführlicher mitgeteilter Analyse einzugehen, um die Über- 
determinierung des Trauminhaltes an ihm zu erweisen. Ich wähle 
hiefür den Traum von Irmas Injektion. Wir werden an diesem Bei- 
spiel mühelos erkennen, daß die Verdichtungsarbeit bei der Traum- 
bildung eich mehr als nur eines Mittels bedient. 

Die Hauptperson des Trauminhaltes ist die Patientin Irma, die 
mit den ihi* im Leben zukommenden Zügen gesehen wurde und also 
zunächst sich selbst darstellt. Die Stellung aber, in welcher ich sie 
beim Fenster untersuche, ist von einer Erinnerung an eine andere 
Pereon hergenommen, von jener Dame, mit der ich meine Patientin 
vertauschen möchte, wie die Traumgedanken zeigen. Insofern Irma 
einen diphtheritischen Belag erkennen läßt, bei dem die Sorge um 
meine älteste Tochter erinnert wird, gelangt sie zur Darstellung die- 
ses meines Kindes, hinter welchem, durch die Namensgleichheit mit 
diesem verknüpft, sich die Person einer durch Intoxikation verlorenen 
Patientin verbirgt. Im weiteren Verlaufe des Traumes wandelt sich 
die Bedeutung von Irmas Persönlichkeit (ohne daß ihr im Traume 
gesehenes Bild sich änderte); sie wird zu einem der Kinder, die 
wir in dar öffentlichen Ordination des Kinderkrankeninstitutes unter- 
suchen, wobei meine Freunde die Verschiedenheit ihrer geistigen An- 
lagen erweisen. Der Übergang wurde offenbar durch die Vorstellung 
meiner kindlichen Tochter vermittelt. Durch das Sträuben beim Mund- 
öffnen wird dieselbe Irma zur Anspielung auf eine andere, einmal von 
mir untersuchte Dame, femer in demselben Zusammenhang auf meine 
eigene Frau. In den krankhaften Veränderungen, die ich in ihrem 
Halse entdeckte, habe ich überdies Anspielungen auf eine ganze Beihe 
von noch anderen Personen ziisammengetragen. 



C^ r^rs n I i> Un g i n al f no m 

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SammelpersoDen und MiscbpereoneD. 201 

All diese Personen, auf die ich bei der Verfolgung von „Irma*^ 
gerate, treten im Traume nicht leibhaftig auf; sie verbergen sich 
hinter der Traumperson „Irma", welche so zu einem Sammelbild mit 
allerdings widerspruchsvollen Zügtn ausgestaltet wird. Irma wird zur 
Vertreterin dieser anderen, bei der Verdichtungsarbeit hingeopfertea 
Personen, indem ich an ihr all das vorgehen lasse, was mich Zug 
für Z^g an diese Personen erinnert. 

Ich kann mir eine Sammelperson auch auf andere Weise 
für die Traumverdichtung herstellen, indem ich aktuelle Züge zweier 
oder mehrerer Personen zu einem IVaumbilde vereinige. Solcher Art 
ist der Dr. M. meines Traumes entstanden, er trägt den Namen des 
Dr. M., spricht und handelt wie er; seine leihliche Charakteristik 
und sein Leiden sind die einer anderen Person, meines ältesten 
Bruders; ein einziger Zug, das blasse Aussehen, ist doppelt deter- 
miniert, indem er in der Realität beiden Personen gemeinsam ist- 
Eine ähnliche Mischperson ist der Dr. R. meines Onkeltraumes. Hier 
aber ist das Traumbild noch auf andere Weise bereitet. Ich habe 
nicht Züge, die ^em einen eigen sind, mit Zügen des anderen vereinigt 
und dafür das Erinnerungsbild eines jeden um gewisse Züge ver- 
kürzt, sondern ich habe das Verfahren eingeschlagen, nach welchem 
Galton seine Familienporträts erzeugt, nämlich beide Bilder aufein- 
ander projiziert, wobei die gemeinsamen Züge verstärkt hervortreten» 
die nicht zusammenstimmenden einander auslöschen und im Bilde 
undeutlich werden. Im Onkeltraxime hebt sich so als verstärkter Zug 
aus der zwei Personen gehörigen und darum verschwommenen Phy- 
siognomie der blonde Bart hervor, der überdies eine Anspielung 
auf meinen Vater und auf mich enthält, vermittelt durch die Be- 
ziehung zum Ergrauen' 

Die Herstellung von Bammel- und Mischpersonen ist eines der 
Hauptarbeitsmittel der Traumverdichtung. Es wird sich bald der 
Anlaß ergeben, sie in einem anderen Zusammenhange zu behandeln. 

Der Einfall „Dysenterie" im Injektionstraume ist gleichfalls 
mehrfach determiniert, einerseits durch den paraphasischen Gleich- 
klang mit Diphtherie, anderseits durch die Beziehung auf den von mir 
in den Orient geschickten Patienten, dessen Hysterie verkannt wird. 

Als ein interessanter Fall von Verdichtung erweist sich auch die 
Erwähnung von „Propylen" im Traume. In den Traumgedanken 
war nicht „Propylen", sondern „Amylen" enthalten. Man könnte 
meinen, daß hier bei der Traumbildung eine einfache Verschiebung 
Platz gegriffen hat. So ist es auch, allein diese Verschiebung dient 
den Zwecken der Verdichtung, wie folgender Nachtrag zur Traum- 
analyse zeigt. Wenn meine Aufmerksamkeit bei dem Worte „Pro- 
pylen" noch einen Moment haltmacht, so fällt mir der Gleichklang 
mit dem Worte „Propyläen" ein. Die Propyläen befinden sich 
aber nicht nur in Athen, sondern auch in München. In dieser Stadt 
habe ich ein Jahr vor dem Traume meinen damals schwerkranken 
Freund aufgesucht, dessen Erwähnung durch das bald auf Propy- 
len folgende Trimethylamin des Traumes unverkennbar wird. 

Ich gehe über den auffälligen Umstand hinweg, daß hier und 
anderswo bei der Traumanalyse Assoziationen von der verschieden- 



C^ f\n n 1 i> Un g I n al f no m 

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20^ VI. Die Traamarbeit 

«ten Wertigkeit wie gleichwertig zur Gedankenverbindung benutzt 
werden, und gebe der Versuchung nach, mir den Vorgang bei der 
Ersetzung von Amylen in den Traumgedanken durch Propylen 
in dem Trauminhalt gleichsam plastisch vorzustellen. 

Hier befinde sich die Vorstellungsgruppe meines Freundes Otto, 
der mich nicht versteht, mir Unrecht gibt und mir nach Amylen 
duftenden Likör schenkt; dort durch Gegensatz verbunden die meines 
Freundes Wilhelm, der mich versteht, mir Recht geben *^rde, und 
dem ich so viel wertvolle Mitteilungen, auch über die Chemie der 
Sexualvorgänge, verdanke. 

Was aus der Gruppe Otto meine Aufmerksamkeit besonders er- 
regen soll, ist durch die rezenten, den Traum erregenden Anlässe 
bestimmt; das Amylenc gehört zu diesen: ausgezeichneten, für den 
Trauminhalt prädeetiniertäi Elementen. Die reiche Vorstellungs- 
,gruppe „Wilhelm" wird geradezu durch den Gegenßatz zu Otto be- 
lebt imd die Elemente in ihr hervorgehoben, welche an die bereits 
erregten in Otto anklingen. In diesem ganzen Traume rekurriere idi 
ja von einer Person, die mein Mißfallen erregt, auf eine andere, die 
ich ihr nach Wunsch entgegenstellen kann, rufe ich Zug für Zug 
den Freund gegen den Widersacher auf. So erweckt das Amylen bei 
Otto auch in der anderen Gruppe Erinnerungen aus dem Kreise der 
Chemie ; das Trimethylamin, von mehreren Seiten her unterstützt, 
gelangt in den Trauminhalt. Auch „Amylen'^ könnte unverwandelt 
in den Trauminhalt kommen, es unterliegt aber der Einwirkung der 
Gruppe „Wilhelm", indem aus dem ganzen Erinnerungsumfang, den 
dieser Name deckt, ein Element hervorgesucht wird, welches eine 
doppelte Determinierung für Amylen ergeben kann. In der Nähe von 
Amylen liegt für die Assoziation „Propylen"; aus dem Elieise 
„Wilhelm" kommt ihm München mit den Propyläen entgegen. In 
Propylen-Propyläen treffen beide Vorstellungskreise zusammen. 
Wie durch einen Kompromiß gelangt dieses mittlere Element dann 
in den Trauminhalt. Es iat hier ein mittleres Gemeinsames 
geschaffen worden, welches mehrfache Determinierung zuläßt. Wir 
greifen so mit Händen, daß die mehrfache Determinierung das Durch- 
dringen in den Trauminhalt erleichtem muß. Zum Zwecke dieser 
Mittelbildung ist unbedenklich eine Verschiebung der Aufmerksamkeit 
von dem eigentlich Gemeinten zu einem in der Assoziation nahe 
Liegenden vorgenommen worden. 

Das Studium des Injektionstraumes gestattet uns bereits, einige 
Übersicht über die Verdichtungsvorgänge bei der Traun^bildung zu 
gewinnen. Wir konnten die Ausw^l der mehrfach in den Traum- 
gedanken vorkommenden Elemente, die Bildung neuer Einheiten 
(Sammelpersonen, Mischgebilde) und die Herstellung von mittleren 
Gemeinsamen als Einzelheiten der Verdichtungsarbeit erkennen. Wozu 
die Verdichtung dient xmd wodurch sie gefordert wird, werden wir 
uns erst fragen, wenn wir die psychischen Vorgänge bei der Traum- 
bildung im Zusammenhange erfassen wollen. Begnügen wir uns jetzt 
mit der Feststellung der Traum Verdichtung als einer bemerkens- 
werten Relation zwischen Traumgedanken tmd Trauminhalt. 



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Wort- und Namenrerdichtan^en. 203 

Am greifbarsten wird die Verdichtungsarbeit des Traumes, wenn 
sie Worte und Namen zu ihren Objekten gewählt hat. Worte werden 
vom Traume überhaupt häufig wie Dinge behandelt und erfahren 
dann dieselben Zusammensetztingen, Verschiebungen, Ersetzungen und 
also auch Verdichtungen wie die Dingvorstellungen. Komische und 
seltsame Wortschöpfungen sind das Ergebnis solcher Träume. Als 
mir einmal ein Kollege einen von ihm verfaÜten Aufsatz überschickte, 
in welchem eine physiologische Entdeckung der Neuzeit nach meinem 
Urteil überschätzt und vor allem in überschwenglichen Ausdrücken 
abgehandelt war, da träumte ich die nächste Nacht einen Satz, der 
sich offenbar auf diese Abhandlung bezog: „Das ist ein wahrhaft 
norekdaler S t i L" Die Auflösung des Wortgebildes bereitete mir 
anlänglich Schwierigkeiten; es war nicht zweifelhaft, daß es den 
Superlativen „kolossal, pyramidal" parodistisch nachgeschaffen war; 
aber woher es stammte, war nicht leicht zu sagen. Endlich zerfiel 
mir das Ungetüm in die beiden Namen Nora und Ekdal aus zwei 
bekannten Schauspielen von Ibsen. Von demselben Autor, dessen 
letztes Opus ich im Traume also kritisierte, hatte ich vorher einem 
Zeitungsaufsatz über Ibsen gelesen- 

n. Eine meiner Patientinnen teilt mir einen kurzen Traum mit, 
der in eine unsinnige Wortkombination ausläuft. Sie befindet sich 
mit ihrem Manne bei einer Bauernfestlichkeit und sagt dann: Das 
wird in einen allgemeinen „Maistollmfitz" ausgehen. Dabei im 
Traume der diinkle Gredanke, das sei eine Mehlspeise aus Mais, eine 
Art Polenta. Die Analyse zerlegt das Wort inMais — toll — manns- 
toll — Olmütz, welche Stücke sich sämtlich als Reste einer Kon- 
versation bei Tisch mit ihren Verwandten erkennen lassen. Hinter 
Mais verbargen sich außer der Anspielung auf die eben eröffnete 
Jubiläumsausstellung die Worte: Meißen (eine Meißner Porzellan- 
figur, die einen Vogel darstellt), Miß (die Engländerin ihrer Ver- 
wandten war nach Olmütz gereist), mies = ekel, übel im scherz- 
haft gebrauchten .jüdischen Jargon, und eine lange Kette von Ge- 
danken und Anknüpfungen ging von jeder der Silben des Wort- 
klumpens ab. 

ni. Ein junger Mann, bei dem ein Bekannter spät abends an- 
geläutet hat, um eine Besuchskarte abzugeben, träumt in der darauf- 
folgenden Nacht: Ein Geschäftsmann wartet spät abends, um 
den Zimmertelegraphen zu richten. Nachdem er weg- 
gegangen ist, läutet es noch immer nicht kontinuier- 
lich, sondern nur in einzelnen Schlägen. Der Diener 
holt den Mann wieder, und er sagt: Es ist doch merk- 
würdig, daß auch Leute, die sonst tatelrein sind, solche 
Angelegenheiten nicht zu behandeln verstehen* 

Der indifferente Traumanlaß deckt, wie man sieht, nur eines 
der Elemente des Traumes. Zur Bedeutung ist er überhaupt nur ge- 
kommen, indem er sich an ein früheres Erlebnis des Träumers )an- 
gereiht hat, das, an sich auch gleichgültig, von seiner Phantasie mit 
stellvertretender Be^leutung ausgestattet wurde. Als Knabe, der mit 
seinem Vater wohnte, schüttete er einmal schlaftrunken ein Glas Wasser 
AUf den Boden, so daß das Kabel des Zimmertelegraphen durchtränkt 



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.-• 



204 VI. Die Timainmrbeit 

wurde und das kontinuierliche Läuten den Vater im Schlafe- 
störte. Da das kontinuierliche Läuten dem Naßwerden entspricht, so 
werden dann „einzelne Schläge" zur Darstellung des Tropfen- 
f allens verwendet. Das Wort „tutelrein" zerlegt sich aber nach 
drei Bichtungen und zielt damit auf drei der in den Tranmgedankea 
vertretenen Materien : „T u t e 1" = K u r a t e 1, bedeutet Vormundschaft ; 
Tutel (vielleicht „Tuttel") ist eine vulgäre Bezeichnung der weib- 
lichen Bruflt, und der Bestandteil „rein" übernimmt die ersten Silben, 
des Zimmert^legraphen, um „Zi mm er rein" zu bilden, was mit dem 
Naßmachen des Fußbodens viel zu tun hat und überdies an einen der 
in der Familie des Träumers vertretenen Namen anklingt*. 

IV. In einem längeren wüsten Traume von mir, der eine Schiffs- 
reise zum scheinbaren Mittelpunkte hat, kommt es vor, daß die nächste 
Station Hearsing heißt, die nächst weitare aber Fließ. Letzteres 
ist der Name meines Freundes in B., der oft das Ziel meiner .Heise 
gewesen ist. Hearsing aber ist kombiniert aus den Ortsnamen un- 
serer Wiener Lokalstrecke, die so häufig auf ing ausgehen: Hiet- 
zing, Li es ing, Mödling (Medelitz, „meae deliciae" der alte Name, 
also „meine Freud'") und dem englischen Hearsay = Hören- 
sagen, was auf Verleumdung deutet und die Beziehung zu dem in* 
differenten Traumerreger des Tages herstellt, einem Oedichte in den 
„Fliegenden Blättern" von einem verleumderischen Zwerge: „Sagter 
Hatergesagt". Durch Beziehung der Endsilbe „ing" zum Namen 
Fließ gewiimt man „Vlissingen^S wirklich die Station der See- 
reise, die mein: Bruder berührt, wenn er von England zu uns auf 
Besuch kommt. Der englische Name von Vlissingen lautet aber 
Flushing, was in englischer Sprache Erröten bedeutet und an die 
Patienten mit „Errötensangst" mahnt, die ich behandle, auch an eine 
rezente Publikation Bechterew» über diese Neurose, die mir An- 
laß zu ärgerlichen Empfindungen gegeben hat. 

V. Ein anderes Mal habe ich einen Traum, der aus zwei ge- 
sonderten Stücken besteht. Das erste ist das lebhaft erinnerte Wort 
i^ntodidasker", das andere deckt sich getreu mit einer vor Tagen 

* Die namliohe Zerlegung und Zusammensetzung der Silben — oine wahre 
Silbenchemie — dient uns im Wachen zu mannigfacbsn Scherzen. ,,Wie gewinnt 
man auf die billigste Art Silber? Man begibt sich in eine Allee, in der Silber- 
pappeln stehen, gebietet Schweigen, dann hört das «Pappeln* (Schwätzen) auf, 
und das Silber wird frei.** Der erste Leser und Kritiker dieses Buches hat mir 
den Einwand gemacht, den die spateren wahrscheinlich wiederholen weiden, ,.daß 
der Träumer oft zu witzig erscheine". Das ist richtig, solange es nur auf den 
Träumer bezogen wird, involviert einen Vorwurf nur dann, wenn es auf den 
Tranmdeuter überojreifen soll. In der wachen Wirklichkeit kann ich wenig An- 
spruch auf das Prädikat „witzig" erheben; wenn meine Träume witzig erscheinen, 
so liegt es nicht an meiner Person, sondern an den eigentümlichen psycholo- 
gischen Bedingungen, unter denen der Tiuum gearbeitet wird, und hängt mit 
der Theorie des Witzigen und Komischen intim zusammen. Der Traum wird witzig, 
weil ihm der gerade und nächste Weg zum Ausdruck seiner Gedanken gesperrt 
ist; er wird es notgedrungen. Die Leser können sich überseagen, daß die Träume 
meiner Patienten den Eindruck des Witzigen (Witzelnden) im selben und im 
höheren Grade machen aJs die meinen. Immerhin gab mir dieser Vorwurf Anlaß, 
die Technik des Witzes mit der Tiaumarbeit zu vergleichen, was in dem l'.)05 
veröffentlichten Buche .,Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten** go- 
söhehen ist (2. Aufl. 1912). 



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• Wortueabildang-eiJ. 205 

produzierten, kurzen und harmlosen Phantasie des Inhaltes, daß ich' 
dem Professor N., wenn ich ihn nächstens sehe, sagen muß: „Der 
'Patient, über dessen Zustand ich Sie zuletzt konsultiert habe, leidet 
wirklich nur an einer Neurose, ganz wie Sie vermutet haben." Das 
neugebildete „Autodidasker" hat nun nicht nur der Anforderung 
izu genügen, daß es komprimierten Sinn enthält oder vertritt, es soll 
aucli dieser Sinn in gutem Zusammenhange mit meinem aus dem 
Wachen Wiederholten Vorsatze stehen, dem Professor N. jene Genug* 
tuung zu geben. 

Nun zerlegt sich Autodidasker leicht in Autor, Auto- 
didakt imd Lasker, an den sich dex Name Lassalle schließt. 
Die ersten dieser Worte führen zu der — dieses Mal bedeutsamen 
— Veranlassung des Traumes. Ich hatte meiner Frau mehrere Bände 
eines bekannten Autors mitgebracht, mit dem mein Bruder befreundet 
ist, und der, wie ich erfahren habe, aus demselben Orte stammt wie 
ich (J.J.David). Eines Abends sprach sie mit mir über den tiefen 
Eindruck, deü ihr die ergreifend traurige Geschichte eines verkom- 
menen Talentes in einer der David sehen Novellen gemacht hatte, 
vnd unsere Unterhaltung wendete sich darauf den Spuren von Be- 
gabung zu, die wir an unseren eigenen Kindern wahrnehmen. Unter 
der Herrschaft des eben Gelesenen äußerte sie eine Besorgnis, die 
sich auf die Kinder bezog, und ich tröstete sie mit der Bemerkung, 
daß gerade solche Gefahren durch die Erziehung abgewendet werden 
können. In der Nacht ging mein Gedankengang weiter, nahm die 
Besorgnisse meiner Frau auf und verwob allerlei anderes mit. Eine 
Äußerung, die der Dichter gegen meinen Bruder in Bezug auf das 
Heiraten getan hatte, zeigte meinen Gedanken einen Nebenweg, der 
zur Darstellung im Traume führen konnte. Dieser Weg leitete nach 
'Breslau, wohin eine uns sehr befreundete Dame geheiratet hatte. Für 
die Besorgnis, am Weibe zu Grunde zu gehen, die den Kern meiner 
Traumgedanken bildete, fand ich in Breslau die Exempel Lasker 
und Lassalle auf, die mir gleichzeitig die beiden Arten dieser 
Beeinflussung zum Unheil darzustellen gestatteten*. Das „Cherchez 
la femme'S in dem sich diese Gedanken zusammenfassen lassen, bringt 
mich in anderem Sinne auf meinen noch unverheirateten Bruder^ der 
Alexander heißt. Nun merke ich, daß Alex, wie wir den Namen 
abkürzen, fast wie eine Umstellung von Lasker klingt, und daß 
dieses Moment mitgewirkt haben muß, meinen Gedanken die Umweg- 
richtung über Breslau mitzuteilen. 

Die Spielerei mit Namen und Silben, die ich hier treibe, ent- 
hält aber noch einen weiteren Sinn. Sie vertritt den Wunsch eines 
glücklichen Familienlebens für meinen Bruder, und zwar auf fol- 
gendem Wege. In dem Künstlerroman L'oeuvre, der meinen Traum- 
gedanken inhaltlich nahe liegen mußte, hat der Dichter bekanntlich 
sich selbst und sein eigenes Familienglück episodisch mitgeschildert 
und tritt darin unter dem Namen Sandoz auf. Wahrscheinlich hat 

er bei der Namensverwandlung folgenden Weg eingeschlagen. Zola 
' • 

* Lasker starb an progressiver Paralyse, also an den Folgen der beim 
Weibe erworbenen Infektion (Lues); Lassalle, wie bekannt, im Du^ wegen 
lincr Dame. 

Orfg fnal f no m 



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206. ^'I- ^'^ Traamarbed. 

gibt umgekehrt (wie die Kinder so gern zu tun pflegen) Aloz. Dos 
war ihm wohl noch zu unverhüllt; darum ersetzte sich ihm die 
Silbe AI, die auch den Namen Alexander einleitet, durch die dritte 
Silbe deseelben Namens sand, und so kam Sandoz zu Stande. So 
ähnlich entstand also auch mein Autodidasker. 

Meine Phantasie, daß ich Professor N. erzäiile, der von uns 
beiden gesehene Kranke leide nur an einer Neurose, ist auf folgende 
iWeific in den Traum gekommen. Kurz vor Schluß meines Arbeits- 
jahres bekam ich einen Patienten, bei dem mich meine Diagnostik 
im Stiche ließ. Es war ein schweres organisches Leiden, vielleicht eine 
Bückenmarksveränderung, anzunehmen, aber nicht zu beweisen. Eine 
Neurose zu diagnostizieren wäre verlockend gewesen und hätte allen 
Schwierigkeiten ein Ende bereitet, wenn nicht die sexuelle Anamneser 
ohne die ich keine Neurose anerkennen will, vom Kranken so (ener- 
gisch in Abrede gestellt worden wäre. In meiner Verlegenheit rief 
ich den Arzt zu Hilfe, den ich menschlich am meisten, verehre (wie 
andere auch), und vor dessen Autorität ich mich am ehesten lieuge. 
Er hörte meine Zweifel an, hieß sie berechtigt und meinte danni 
„Beobachten Sie den Mann weiter, es wird eine Neurose bein." Da 
ich weiß, daß er meine Ansichten über die Ätiologie der Neurosen 
nicht teilt, hielt ich meinen Widerspruch zurück, verbarg aber nicht 
meinen Unglauben. Einige Tage später machte ich dem Kranken die 
Mitteilung, daß ich mit ihm nichts anzufangen wisse, und riet ihmr 
sich an einen anderen zu wenden. Da begann er zu meiner höchsten 
Überraschung, mich um Verzeihung zu bitten, daß er mich belogen 
habe; er habe sich so sehr geschämt, und nun enthüllte er mir ^&- 
rade das Stück sexueller Ätiologie, das ich erwartet hatte, und dessen 
ich zur Annahme einer Neurose bedurfte. Mir war es eine Erleich* 
terung, aber auch gleichzeitig eine Beschämung; ich mußte mir zu- 
gestehen, daß mein Konsiliarius, durch die Berücksichtigung der Anar 
nmese unbeirrt, richtiger gesehen hatte. Ich nahm mir vor, es ihm 
zu sagen, wenn ich ihn wiedersehe, ihm zu sagen, daß er Becht ^ge- 
habt habe und ich Unrecht. 

Gerade dies tue ich nun im Tipaume. Aber was für Wunsch- 
erfüllung soll es denn sein, wenn ich bekenne, daß ich Unrecht habe? 
Gerade das ist mein Wunsch; ich möchte Unrecht haben mit meinen 
Befürchtungen, respektive ich möchte, daß meine Frau, deren Be- 
fürchtungen ich in den Traumgedanken mir angeeignet habe, Un- 
i-echt behält. Das Thema, auf welches sich das Eecht- oder Unrecht- 
behalten im Traume bezieht, ist von dem für die Traumgedanken 
wirklich Interessanien nicht weitab gelegen. Dieselbe Alternative 
der organischen oder der funktionellen Schädigung durch das Weiby 
eigentlich durch das Sexualleben : Tabesparalyse oder Neurose, an welch 
letztere sich die Art des Unterganges von Lassalle lockerer anreiht. 

Professor N. spielt in diesem festgefügten (und bei sorgfältiger 
Deutung ganz durchsichtigen) Traume nicht nur wegen dieser Ana- 
logie und wegen meines Wunsches, Unrecht zu behalten, eine Bolle 
— auch nicht wegen seiner nebenher ^henden Beziehungen zu 
Breslau und zur Familie unserer dorthin verheirateten Freundin — r 
sondern auch wegen folgender kleinen Begebenheit, die sich an un* 

{^^j^nlp. Orfgfnalfnom 

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Wortneubildangen. 20 Z 

Bcre Konsultation anschloß. Nachdem er mit jener Vermutung die 
ärztliche Aufgabe erledigt hatte, wandte sich sein Interesse per- 
eönlichen Dingen zu. „Wieviel Kinder haben Sie jetzt?" -^ „Sechs." 

— Eine Gebärde von Eespekt und Bedenklichkeit. — „Mädel, Buben ?**^ 

— „Drei und drei, das ist mein Stolz und mein Reichtum." — •„Nun^ 
geben Sie acht, mit den Mädeln geht es ja gut, aber die Buben machen 
einem später Schwierigkeiten in der Erziehung." — Ich wendete ein, 
daß sie bis jetzt recht zahm geblieben wären; offenbar behagte mir 
diese zweite Diagnose über die Zukunft meiner Buben ebensowenig 
wie die früher gefällte, daß mein Patient nur eine Neurose habe.^ 
Diese beiden Eindrücke sind also durch Kontiguität, durch das Er- 
leben in einem Zuge verbunden, und wenn ich die Geschichte von der 
Neurose in den Traum nehme, ersetze ich durch sie die Eede lüber 
die Erziehung, die noch mehr Zusammenhang mit den Traumgedanken 
Aufweist, da sie so nahe an die später geäußerten Besorgnisse meiner 
Frau rührt. So findet selbst meine Angst, daß N. mit den Bemer- 
kungen über die Erziehungsschwierigkeiten bei den Buben Kecht be- 
halten möge, Eingang in den Trauminhalt, indem sie sich hinter der 
Darstellung meines Wunsches, daß ich mit solchen Befürchtungen 
Unrecht haben möge, verbirgt. Diese Phantasie dient unverändert 
der Darstellung beider gegensätzlichen Glieder der Alternative. 

VI. Marcinowski: „Heute früh erlebte ich zwischen Traum 
und .Wachen eine sehr hübsche Wortverdichtung. Im Ablauf einer 
Fülle von kaum erinnerbaren Traumbruchstücken stutzte ich ge- 
wissermaßen über ein Wort, das ich halb wie geschrieben, halb wie 
gedruckt vor mir sehe. Es lautet : ^erzefilisch' und gehört zu einem 
Satz, der außerhalb jedes Zusammenhanges völlig isoliert in mein be- 
wußtes Erinnern hinüberglitt; er lautete: ,Das wirkt erzefilisck 
Auf die Geschlechtsempfindung.* Ich wußte sofort, daß les eigent- 
lich »erzieherisch^ heißen solle, schwankte auch einige Male hin und 
her, ob es nicht richtiger ,erzifilisch* hieße. Dabei fiel mir das Wort 
Syphilis ein, und ich zerbrach mir, noch im Halbschlaf zu analysieren 
beginnend, den Kopf, wie das wohl in meinen Traum hineinkäme, 
da ich weder persönlich noch von Berufs wegen irgend welche Be- 
rührungspunkte mit dieser Krankheit habe. Dann fiel mir ein ,er- 
zehlerischS das e erklärend, und zu gleicher Zeit erklärend, daß 
ich gestern abend von unserer ,Erzieherin* veranlaßt wurde, über 
das Problem der Prostitution zu sprechen, und ich hatte ihr dabei 
tatsächlich, um ,erzieherisch' auf ihr nicht ganz normal entwickeltes 
Empfindungsleben einzuwirken, das Buch von Hesse ,Über die Pro- 
stitntion* gegeben, nachdem ich ihr mancherlei über das Problem 
erzählt hatte. Und nun wurde mir auf einmal klar, daß das Wort 
,Syphilis* nicht im wörtlichen Sinne zu nehmen sei, sondern für 
Gift stand, in Beziehung natürlich zum Geschlechtsleben. Der Satz 
lautet also in der Übersetzung ganz logisch: ,Durch meine Erzäh- 
lung habe ich auf meine Erzieherin erzieherisch auf deren 
Empfindungsleben einwirken wollen, aber habe die Befürchtung, daß 
es zu gleicher Zeit vergiftend wirken könne.* Erzef ilisch =^ 
erzäh — (erzieh — ) (er zifi lisch)." 



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208 ^*^* ^® Tnumarboit 

Die Wortverbildungen des Traumes ähneln aehr den bei der Para- 
noia bekannten, die aber auch bei Hysterie und Zwangsvorstellungen 
nicht vermißt werden. Die Sprachkünste der Kinder, die zu gewissen 
Zeiten die Worte tatsächlich wie Objekte behandeln, auch neue Spra- 
chen und artefizielle Wortfügungen erfinden, sind für den Traum 
wie für die Psychoneurosen hier die gemeinsame Quelle. 

Die Analyse unsinniger Wortbildungen im Traume ist besonders 
dazu geeignet, die Verdichtungsleistung der Traumarbeit aufzuzeigen. 
Man möge aus der hier verwendeten geringen Auswahl von Beispielen 
nicht den Schluß ziehen, daß solches Material selten oder gar nur 
ausnahmsweise zur Beobachtung kommt. Es ist vielmehr sehr häufig, 
allein die Abhängigkeit der Traumdeutung von der psychoanalyti- 
schen Behandlung hat die Folge? daß die wenigsten Beispiele ange- 
merkt und mitgeteilt werden, und daß die mitgeteilten Analysen meist 
nur für den Kenner der Neurosenpathologie verständlich sind. So 
«in Traum von Dr. v. Karpinska (Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse II, 
1914), der die sinnlose AVortbildung „Svingnum elvi" enthält. 
Erwähnenswert ist noch der Fall, daß im Traum ein an sich nicht 
bedeutungsloses Wort erscheint, das aber, seiner eigentlichen Bedeu- 
tung entfremdet, verschiedene andere Bedeutungen zusammenfaßt, zu 
denen es sich wie ein „sinnloses" Wort verhält. Dies ist in dem 
Traum von der „Kategorie" eines zehnjährigen Knaben der Fall, den 
V. Tausk (Zur Psychologie der Kindersexualität, Internat. Zeitschr. 
für Psych. I, 1913) mitteilt. „Kategorie" bedeutet hier das weib- 
liche Genitale und „kategorieren" soviel wie urinieren. 

AVo in einem Traume Reden vorkommen, die ausdrücklich als 
«olche von Gedanken unterschieden werden, da gilt als ausnahmslose 
Regel, daß Traumrede von erinnerter Rede im Traummaterial ab- 
stammt. Der Wortlaut der Rede ist entweder unversehrt erhalten oder 
leise im Ausdruck verschoben ; häufig ist die Traumrede aus ver- 
schiedenen Redeerinnerungen zusammengestückelt; der Wortlaut dabei 
das sich gleich Gebliebene, der Sinn womöglich mehr- oder anders- 
-deutig verändert. Die Traumrede dient nicht selten als bloße An- 
spielung auf ein Ereignis, bei dem die erinnerte Rede vorfiel*. 

6) Die Verschiebungsarbeit. 

Eine andere, wahrscheinlich nicht minder bedeutsame Relation 
mußte uns bereits auffallen, während wir die Beispiele für die Traum- 
verdichtung sammelten. Wir konnten bemerken, daß die Elemente, 
welche im Trauminhalt sich als die wesentlichen Bestandteile hervor- 
drängen, in den Traumgedanken keineswegs die gleiche Rolle spielen. 
Als Korrelat dazu kann man auch die Umkehrung dieses Satzes aus- 
sprechen. Was in den Traumgedanken offenbar der wesentliche Inhalt 
ist, braucht im Traume gar nicht vertreten zu sein. Der Traum ist 

• Bei einem an Zwangsvorstellungen leidenden jungen Manne, mit übriffena 
intakten nnd hochentwickelten intellektuellen Funktionen, fand ich unlängst dio 
einzige Ausnahme von dieser Regel. Die Reden, die in seinen Träumen vorkamen« 
stammen nicht von gehörten oder selbst gehaltenen Reden ab, sondern ent- 
sprachen dem unent«tellten Wortlaute seinei: Zwangsgedanken, die ihm im Wachon 
nur abgeändert zum Bewußtsein kamen. 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f no m 

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Die Tatsache der Verschiebung im Traumen 208 

gleichsam anders zentriert, sein Inhalt um andere Elemente als 
Mittelpunkt geordnet als die Traumgedanken. So z. B. ist im Traume 
von der "botanischen Monographie Mittelpunkt des Trauminhaltes offen- 
bar das Element „botanisch"; in den Traumgedanken handelt es sich 
um die Komplikationen und Konflikte, die sich aus verpflichtenden 
Leistungen zwischen Kollegen ergeben, in weiterer Folge um den 
Vorwurf, daß ich meinen Liebhabereien allzu große Opfer zu bringen 
pflege, und das Element „botanisch" findet in diesem Kerne der 
Traumgedanken überhaupt keine Stelle, wenn es nicht durch eine 
Gegensätzlichkeit locker damit verbunden ist, denn Botanik ' hatte 
niemals einen Platz unter meinen Lieblingsstudien. In dem Sappho- 
traume meines Patienten, Ist das Auf- und Niedersteigen, Oben- 
und üntensein zum Mittelpunkte gemacht; der Traum handelt aber 
von den Gefahren sexueller Beziehungen zu niedrig stehenden Per- 
sonen, so daß nur eines der Elemente der Traumgedanken, dies aber 
in ungebührlicher Verbreiterung, in den Trauminhalt eingegangen 
flcheint. Ähnlich ist im Traume von den Maikäfern, welcher die Be- 
ziehungen der Sexualität zur Grausamkeit zum Thema hat, zwar 
das Moment der Grausamkeit im Trauminhalt wieder erschienen, aber 
in andersartiger Verknüpfung und ohne Erwähnung des Sexuellen, 
also aus dem Zusammenhang gerissen und dadurch zu etwas Frem- 
dem umgestattet. In dem Onkel träume wiederum scheint der blonde 
Bart, der dessen Mittelpunkt bildet, außer aller Sinnbeziehung zu den 
Größenwünschen, die wir als den Kern der Traumgedanken erkannt 
haben. Solche Träume machen dann mit gutem Rechte einen „ver- 
schobenen" Eindruck. Im vollen Gegensatz zu diesen Beispielen 
zeigt dann der Traum von Irmas Injektion, daß bei der Traumbildung 
die einzelnen Elemente auch wohl den Platz behaupten können, den 
sie in den Traumgedanken einnehmen. Die Kenntnisnahme dieser neuen, 
in ihrem Sinne durchaus inkonstanten Relation zwischen Traumgedan- 
ken und Trauminhalt ist zunächst geeignet, unsere Verwunderung zu 
erregen. Wenn wir bei einem psychischen Vorgang des Normallebens 
finden, daß eine Vorstellung aus mehreren anderen herausgegriffen 
wurde und für das Bewußtsein besondere Lebhaftigkeit erlangt hat, 
so pflegen wir diesen Erfolg als Beweis dafür anzusehen, daß der 
siegenden Vorstellung eine besonders hohe psychische Wertigkeit (ein 
gewisser Grad von Interesse) zukommt. Wir machen nun die Erfah- 
rung, daß diese Wertigkeit der einzelnen Elemente in den Traum- 
gedanken für die Traumbildung nicht erhalten bleibt oder nicht in 
Betracht kommt. Es ist ja kein Zweifel darüber, welches die höchst- 
wertigen Elemente der Traumgedanken sind; unser Urteil sagt es uns 
unmittelbar. Bei der Traumbildung können diese wesentlichen, mit 
inteneivJem Interesse betonten Elemente nun so behandelt werden, als 
ob sie minderwertige wären, und an ihre Stelle treten im Traume 
andere Elemente,, die in den Traumgedanken sicherlich minderwertig 
waren. Es macht zunächst den Eindruck, als käme die psychische In- 
tensität* der einzelnen Vorstellungen für die Traumauswahl überhaupt 

♦ Psychische Intensität, Wertigkeit Interessebetonung .einer Vorstellung 
Ist natürlich von sinnlicher Intensität, Intensität des Vorgestellten, jresondert 
kn halten. 

14 



Freud, TtAiimdeniaiig, 5* Aufl. 



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210 VI. Die Traumarbeit 

nicht in Betracht, eondem bloß die mehr oder minder vielseitige 
Determinierung derselben. Nicht was in den Traumgedanken wichtig 
ist, kommt in den Traum, sondern was in ihnen mehrfach enthalten, 
könnte man meinen ; das Verständnis der Traumbildung wird aber 
durch diese Annahme nicht sehr gefördert, demi von vornherein wird 
man nicht glauben können, daß die beiden Momente der mehrfachen 
Determinierung und der eigenen Wertigkeit bei der Traumauswahl 
andters als gleichsinnig wirken können. Jene Vorstellungen, welche 
in den Traumgedanken die wichtigsten sind, werden wohl auch die 
am Käufigsten in ihnen wiederkehrenden sein, da von ihnen wie von 
Mittelpunkten die einzelnen Traumgedanken ausstrahlen. Und doch 
kann der Traum diese intensiv betonten und vielseitig unterstützten 
Elemente ablehnen und andere Elemente, denen nur die letztere Eigen- 
schaft zukommt, in seinen Inhalt aufnehmen. 

Zur Lösung dieser Schwierigkeit wird man einen anderen Ein- 
druck verwenden, den man bei der Untersuchung der Überdeter- 
minierung des Trauminhaltes empfangen hat. Vielleicht hat schon 
mancher Leser dieser Untersuchung bei sich geurteilt, die Über- 
determinierung der Traumelemente sei kein bedeutsamer Fund, weil 
sie ein selbstverständlicher ist. Man geht ja bei der Analyse von den 
Traumelementen aus und verzeichnet alle Einfälle, die sich an die- 
selben knüpfen ; kein Wunder dann, daß in dem so gewonnenen Ge- 
dankenmaterial eben diese Elemente sich besonders häufig wieder- 
finden. Ich könnte diesen Einwand nicht gelten lassen, werde aber 
selbst etwas ihm ähnlich Klingendes zur Sprache bringen: Unter den 
Gedanken, welche die Analyse zu Tage fördert, finden sich viele, die 
dem Kern des Traumes femerstehen, und die sich wie künstliche 
Einschaltungen zu einem gewissen Zweck ausnehmen. Der Zweck 
derselben ergibt sich leicht ; gerade sie stellen eine Verbindung, oft 
eine gezwungene und gesuchte Verbindung, zwischen Trauminhalt 
und Traumgedanken her, und wenn diese Elemente aus der Analyse 
ausgemerzt würden, entfiele für die Bestandteile des Trauminhaltes 
oftmals nicht nur die Uberdeterminierung, sondern überhaupt eine 
genügende Determinierung durch die Traumgedanken. Wir werden so 
zum Schlüsse geleitet, daß die mehrfache Determinierung, die für 
die Traumauswahl entscheidet, wohl nicht immer ein primäres Moment 
der Traumbildung, sondern oft ein sekundäres Ergebnis einer uns noch 
unbekannten psychischen Macht ist. Sie muß aber bei alledem für 
das Eintreten der einzelnen Elemente in den Trainn von Bedeutung 
sein', denn wir können beobachten, daß sie mit einem gewissen Auf- 
wand hergestellt wird, wo sie sich aus dem Traummaterial nicht ohne 
Nachhilfe ergibt. 

Es liegt ntm der Einfall nahe, daß bei der Traumarbeit eine 
psychische Macht sich äußert, die einerseits die psychisch hochwer- 
tigem Elemente ihrer Intensität entkleidet und anderseits auf dem 
Wege der Uberdeterminierung aus minderwertigen neue Wertig- 
keiten schafft, die dann in den Trauminhalt gelangen. Wenn das so 
zugeht, so hat bei der Traumbildung eine Übertragung und Ver- 
ischiebung der psychischen IntensitäTten der einzelnen Ele- 
mente stattgefunden, als deren Folge die Textverschiedenheit von 

f^ /^f^ (-1 1 p. Or[g f n al f no m 

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TerhaitDiB von Verschiebaog and überdetcrmimeniL^. 211 

Trauminhalt und Traumgedanken erscheint. Der Vorgang, den wir ßo 
öupponieren, ist geradezu das wesentliche Stück der Traumarbeit; er 
verdient den Namen der Traumverschiebung. Traum Verschie- 
bung und Traumverdichtung sind die beiden Werkmeister, deren 
Tätigkeit wir die Gestaltung des Traumes hauptsächlich zuschreiben 
dürfen. 

Ich denke, wir haben es auch leicht, die psychische Macht, die 
eich in den Tatsachen der Traumverschiebung äußert, zn erkennen. 
Der Erfolg dieser Verschiebung ist, daß der Trauminhalt dem Kerne 
der Traumgedanken nicht mehr gleich sieht, daß der Traum nur eine 
Entstellung des Traumwunsches im Unbewußten wiedergibt. Die 
T^aumentstellung aber ist uns bereits bekannt; wir haben sie auf 
die Zensur zurückgeführt, welche die eine psychische Instanz im Ge- 
dankenleben gegen eine andere ausübt. Die Traumverschiebung ist 
eines der Hauptmittel zur Erzielung dieser Entstellung. Is fecit, 
cui profuit. Wir dürfen annehmen, daß die Traumverschiebung durch 
den Einfluß jener Zensur, der endopsychischen Abwehr, zu Stande 
kommt*. 

In welcher Weiee die Momente der Verschiebung, Verdichtung 
und Überdeterminierung bei der Traumbildung ineinander spielen, 
welches der übergeordnete und welches der nebensächliche Faktor 
wird, das würden wir späteren Untersuchungen vorbehalten. Vorläufig 
können wir als eine zweite Bedingung, der die in den Traum ge- 
langenden Elemente genügen müssen, angeben, daß sie der Zen- 

* Da ich die Zurückführung der Tiuumentstellung auf die Zensur als den 
Kern meiner Traumauffassung bezeichnen darf, schalte ich hier das letzte Stuck 
jener Erzählung ,.Träumen wie Wachen** aus den „Phantasien eines Rear 
listen'' von Lynkeus (Wien, 2. Aufl., 1900) ein, in dem ich diesen Ilaupt* 
chamkter meiner Lehre wiederfinde: 

„Von einem Manne, der die merkwürdige Eigenschaft hat, niemals Unsinn 
ta tiaumon." 

„Deine herrliche Eigenscliaft^ zu träumen wie zu wachen, beruht auf deinen 
Tugenden, auf deiner Güte, deiner Gerechtigkeit, deiner Wahrheitsliebe; es ist 
die moralische Klarheit deiner Natur, die mir alles an dir verständlich macht/' 

„Wenn ich es aber recht bedenke," erwiderte der ändere, „so glaube ich 
beinahe, alle Menschen seien so wie ich beschaffen, und gar niemand träume 
jemals Unsinn 1 Ein Traum, an den man sich so deutlich erinnert, daß man ihn 
nacherzählen kann, der also kein Fiebertraum ist, hat immer Sinn und es kann 
auch gar nicht anders seinl Denn was miteinander in Widerspruch steht, könnte 
sich ja nicht zu einem Ganzen gruppieren. Daß Zeit und Raum oft durch- 
einander gerüttelt werden, benimmt dem wahren Inhalt des Traumes gar nichts, 
denn sie sind beide gewiß ohne Bedeutung für seinen wesentlichen Inhalt gewesen. 
Wir machen es ja oft im Wachen auch so; denke an das Mäi'chen, an so viele 
kühne und sinnvolle Phantasiegebilde, zu denen nur ein Unverständiger sagen 
würde: ,Da8 ist widersinnig I Denn das ist nicht möglichM" 

„Wenn man nur die Träume immer richtig zu deuten wüßte, so wie du das 
eben mit dem meinen getan hastr* sagte der Freund. 

„Das ist gewiß keine leichte Aufgabe, aber es müßte bei einiger Aufmerk- 
samkeit dem Träumenden selbst wohl immer gelingen, — Warum es meistens 
nicht gelingt? Es scheint bei Euch etwas Verstocktes in den Träumen zu liegen. 
etwas Unkeusches eigener und höherer Art, ein^ gewisse Heimlichkeit in Eurem 
Wesen, die schwer auszudenken ist; und darum scheint Euer Träumen so oft 
ohne Sinn, sogar ein Widersinn zu sein. Es ist aber Im tiefsten Grunde durch- 
aus nicht so; ja, es kann gar nicht so sein, denn es ist immer derselbe Mensch, 
ob er wacht oder träumt.** 

i . ^'* 

C^r%r\n\t> Orfgrnaffronn 

.yvjuugu^ UNIVERSIWOF MICHIGAN 



212 VI. Die Traomarbeit 

ßur des Widerstandes entzogen seien. Die Traumverschiebunff 
aber wollen wir von nun an als unzweifelhafte Tatsache bei der 
Traumdeutung in Rechnung ziehen. 

c) Die Darstcllungsmi ttel des Traumes. 

Außer den beiden Momenten der Traumverdich tung tind 
Traum Verschiebung, die wir bei der Verwandlung des latenten 
Gedankenmateriala in den manifesten Trauminhalt als wirksam auf- 
gefunden haben, w^erden wir bei der Fortführung dieser Untersuchung 
noch zwei weiteren Bedingungen begegnen, die unzweifelhaften Ein- 
fluß auf die Auswahl des in den Traum gelangenden Materials üben. 
Vorher möchte ich, selbst auf die Gefahr hin, daß wir auf unserem 
Wege halt zu machen scheinen, einen ersten Blick auf die Vorgänge 
bei der Ausführung der Traumdeutung werfen. Ich verhehle mir 
nicht, daß es am ehesten gelingen würde, dieselben klarzustellen und 
ihre Zuverlässigkeit gegen Einwendungen zu sichern, wenn ich einen 
einzelnen Traum zum Muster nähme, seine Deutung entwickle, wie 
ich es im Abschnitt II bei dem Traume von Irmas Injektion gezeigt 
habe, dann aber die Traumgedanken, die ich aufgedeckt habe, zu- 
ft^ammenstelle, und nun die Bildung des Traumes aus ihnen rekon- 
struiere, also die Analyse der Träume durch eine Synthese derselben 
ergänze. Diese Arbeit habe ich an mehreren Beispielen zu meiner 
eigenen Belehrung vollzogen; ich kann sie aber hier nicht aufnehmen, 
weil mannigfache und von jedem billig Denkenden gutzuheißende 
Rücksichten auf das psychische Material zu dieser Demonstration mich 
daran verhindern. Bei der Analyse der Träume störten diese Bück- 
eichten weniger, denn die Analyse durfte unvollständig sein und be- 
hielt ihren Wert, wenn eie auch nur ein Stück weit in das Gewebe 
des Traumes hineinführte. Von der Synthese wüßte ich es nicht an- 
ders, als daß sie, um zu überzeugen, vollständig sein muß. Eine voll- 
ständige Synthese könnte ich nur von Träumen solcher Personen geben, 
die dem lesenden Publikum unbekannt sind. Da aber nur Patienten, 
Neurotiker, mir dazu die Mittel bieten, so muß dies Stück Darstel- 
lung des Traumes einen Aufschub erfahren, bis ich — an anderer 
Stelle — die psychologische Aufklärung der Neurosen so weit führea 
kann, daß der Anschluß an unser Thema herzustellen ist*. 

Aus meinen Versuchen, Träume aus den Traumgedanken synthe- 
tisch herzustellen, weiß ich, daß das bei der Deutung sich ergebende 
Material von verschiedenartigem AVerte ist. Den einen Teil desselben 
bilden die wesentlichen Traumgedanken, die also den Traum voll er- 
setzen und allein zu dessen Ersatz hinreichen würden, wenn es für 
den Traum keine Zensur gäbe. Dem anderen Teil ist man gewohnt, 
geringe Bedeutung zuzuschreiben. Man legt auch keinen Wert auf 
die Behauptung, daß alle diese Gedanken an der Traumbildung be- 
teiligt gewesen seien, vielmehr können sich Einfälle unter ihnen finden, 

* Ich habe die vollständige Analyse und Synthese zwei.^r Träume seither 
in dem „Bruchstück einer Hystericanalyse', 1905, gegeben. Als die vollständigst« 
Deutung eines längeren Traumes muß die Analyse von O. Baak „Ein Traum, der 
sich selbst deutet'* anerkannt werden. 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f ro m ' 

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Die DarstellaDg der loschen Kelationeu. 21«) 

welche an Erlebnisse nach dem Traume, zwischen den Zeitpunkten 
des Träumens und des Deutens, anknüpfen. Dieser Anteil umfaßt 
alle die Verbindungswege, die vom manifesten Trauminhalt bis zu 
den latenten Traumgedanken geführt haben, aber ebenso die vermit- 
telnden und annähernden Assoziationen, durch welche man während 
der Deutungearbeit zur Kenntnis dieser Verbindungswege gekommen ist. 

Uns interessieren an dieser Stelle ausschließlich die wesentlichen 
Traumgedanken. Diese enthüllen sich zumeist als ein Komplex von 
Gedanken und Erinneiiingen vom allerverwickeltsten Aufbau mit 
allen! Eigenschaften der uns aus dem Wachen bekannten Gedanken- 
gänge. Nicht selten sind es Gedankenzüge, die von mehr als einem 
Zentrum ausgehen, aber der Berührungspunkte nicht entbehren; fast 
regelmäßig steht neben einem Gedankengang sein kontradiktorisches 
WiderspieL durch Kontrastassoziation mit ihm verbunden. 

Die einzelnen Stücke dieses komplizierten Gebildes stehen natür- 
lich in den mannigfaltigsten logischen Relationen zueinander. Sie 
bilden Vorder- und Hintergrund, Abschweifungen und Erläuterungen, 
Bedingungen, Beweisgänge und Einsprüche. Wenn dann die ganze 
Masse dieser Traumgedanken der Pressung der Traumarbeit unter- 
liegt, wobei die Stücke gedreht, zerbröckelt und zusammengeschoben 
werden, etwa wie treibendes Eis, so entsteht die Frage, was aus den 
logischen Banden wird, welche bishin das Gefüge gebildet hatten* 
Welche Darstellung erfahren im Traume das „Wenn, weil, gleichwies 
•obgleich, entweder — oder" und alle anderen Konjunktionen, ohne 
die wir Satz und Rede nicht verstehen können? 

Man muß zunächst darauf antworten, der Traum hat für diese 
logischen Relationen unter den Traumgedanken keine Mittel der Dar- 
stellung zur Verfügung. Zumeist läßt er all diese Konjunktionen un- 
berücksichtigt und übernimmt nur den sachlichen Inhalt der Traum- 
gedanken zur Bearbeitung. Der Traumdeutung bleibt es überlassen, 
den Zusammenhang wieder herzustellen, den die Traumarbeit ver- 
nichtet hat. 

Es muß am psychischen Material liegen, in dem der Traum ge- 
arbeitet ist, wenn ihm diese Ausdrucksfähigkeit abgeht. In einer 
ähnlichen Beschränkung Jbefinden sich ja die darstellenden Künste, 
Malerei und Plastik, im Vergleich zur Poesie, die sich der Rede be- 
dienen kann, und auch hiör liegt der Grund des Unvermögens in dem 
Material, durch dessen Bearbeitung die beiden Künste etwas zum 
Ausdruck' zu bringen streben. Ehe die Malerei zur Kenntnis der für 
sie gültigen Gesetze des Ausdruckes gekommen war, bemühte sie sich 
noch, diesen Nachteil auszugleichen. Aus dem Munde der gemalten 
Personen ließ man auf alten Bildern Zettelchen heraushängen, welche 
als Schrift die Rede brachten, die im Bilde darzustellen der Maler 
verzweifelte. 

Vielleicht wird sich hier ein Einwand erheben, der für den 
Traum den Verzicht auf die Darstellung logischer Relationen bestreitet. 
Es gibt ja Träume, in welchen die kompliziertesten Geistesoperationen 
vor eich gehen, begründet und widersprochen, gewitzelt und verglichen 
wird wie im wachen Denken. Allein auch hier trügt der Schein; 
wenn man auf die Deutung solcher Träume eingeht, erfährt man, 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f no m 

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214 "^^ ^« Traumarbeit. 

daß dies alles Traummaterial ist, nicht Darstellung in- 
tellektueller Arbeit im Traume. Der Inhalt der Traum- 
gcdankcn ist durch das scheinbare Denken de^ Traumes wiedergegeben, 
nicht die Beziehungen der Traum ge danken zueinander, 
in deren Feststellung das Denken besteht. Ich werde hiefür Beispiele 
erbringen. Am leichtceten ist es aber zu konstatieren, daß alle Reden, 
die in Träumen vorkommen und die ausdrücklich als solche bezeichnet 
werden, unveränderte oder nur wenig modifizierte Nachbildungen von 
Beden sind, die sich ebenso in den Erinnerungen des TraAimmateriaLs 
vorfinden. Die Rede ist oft nur eine Anspielung auf ein in den 
Traumgedanken enthaltenes Ereignis; der Sinn des Traumes ist eia 
ganz anderer. 

Allerdings werde ich nicht bestreiten, daß aucTi kritische Denk- 
arbeit, die nicht einfach Material aus den Traumgebilden wiederholt* 
ihren Anteil an der Traumbildung nimmt. Den Einfluß dieses Fak- 
tors werde ich zu Endo dieser Erörterung beleuchten müssen. Es 
wird sich dann ergeben, daß diese Denkarbeit nicht durch die Traum- 

fedanken, sondern durch den in gewissem Sinne bereits fertigen Traum 
ervorgerufen wird. 

Es bleibt also vorläufig dabei, daß die logischen Relationen 
zwischen den Traumgedanken im Traume eine besondere Darstellung 
nicht finden. Wo sich z. B. AViderspruch im Traume findet, da ist es 
€mtweder Widerspruch gegen den Traum oder Widerspruch aus dem 
Inhalt eine« der Traumgedanken ; einem Widerspruch zwischen dem 
Traum gedanken entspricht der Widerspruch im Traume nur in höchst 
indirekt vermittelter Weise. 

Wie es aber endlich der Malerei gelungen ist, wenigstens die 
Redeabsiebt der dargestellten Personen, Zärtlichkeit, Drohung, Ver- 
warnung u. dgl. anders zum Ausdruck zu bringen als durch dem 
flatternden Zettel, so hat sich auch für den Traum die Möglichkeit 
ergeben, einzelnen der logischen Relationen zwischen seinen Traum- 
gedanken durch eine zugehörige Modifikation der eigentümlichcB 
Traumdarstellung Rücksicht zuzuwenden. Man kann die Erfahrung 
machen, daß die verschiedenen Träume in dieser Berücksichtigung 
verschieden weit gehen ; während sich der eine Traum über das 
logische Gefüge seines Materials völlig hinaussetzt, sucht ein anderer 
dasselbe möglichst vollständig anzudeuten. Der Traum entfernt sich 
hierin mehr oder weniger weit von dem ihm zur Bearbeitung Vor- 
liegenden Text. Ähnlich wechselnd benimmt sich der Traum übrigens 
auch gegen das zeitliche Geftige der Traumgedanken, wenn ein solches 
im Unbewußten hergestellt ist (wie z. B. im Traume von Trmas Injektion). 

Durch welche Mittel vermag aber die Traumarbeit die schwer 
darstellbaren Relationen im Traummaterial anzudeuten? Ich werde 
versuchen, sie einzeln aufzuzählen. 

Zunächst wird der Traum dem unleugbar vorhandenen Zu- 
sammenhang zwischen allen Stücken der Traumgedanken dadurch im 
ganzen gercxjht, daß er dieses Material in einer Zusammenfass*ang als 
Situation oder Vorgang vereinigt. Er gibt logischen Zusammen- 
hang wieder als Gleichzeitigkeit; er verfährt darin ähnlich 
wie der Maler, der alle Philosophen oder Dichter zum Bilde einer 



C^ f\n n 1 i> Orfg f n a I f no m 

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Zasammenhan^, Kansalbeziehnu^. 21Ö 

Schule von Athen oder des Parnaß zusiunmenstellt, die niemals 
in einer Halle oder auf einem Berggipfel beisammen gewesen sind, 
wohl aber für die denkende Betrachtung eine Gremeinschaft bilden. 

Diese Darstellungsweise setzt der Traum ins einzelne fort. So 
oft er zwei Elemente nahe beieinander zeigt, bürgt er für einen be- 
sonders innigen Zusammenhang zwischen ihren Entsprechenden in 
den Traumgedanken. Es ist wie in unserem Schriftsystem: ab be- 
deutet, daß die beiden Buchstaben in einer Silbe ausgesprochen wer- 
den sollen, a und b nach einer freien Lücke läßt a als den letzten 
Buchstaben des einen Wortes und b als den ersten eines anderen 
."Wortes erkennen- Demzufolge bilden sich die Traumkombinationen nicht 
aus beliebigen, völlig disparaten Bestandteilen des Traummaterials, 
Bondern aus solchen, die auch in den Traumgedanken in innigerem 
Zusammenhang stehen. 

Die Kauflaibeziehungen darzustellen, hat der Traum zwei 
Verfahren, die im Wesen auf dasselbe hinauslaufen. Die häuiigerö 
Darstellungsweise» wenn die Traumgedanken etwa lauten: Weil dies 
so und so war, mußte dies und jenes geschehen, besteht darin, Vien 
Nebensatz als Vortraum zu bringen und dann den Hauptsatz als 
Haupttraum anzufügen. W^enn ich recht gedeutet habe, kann die Zeit- 
folge auch die umgekehrte sein. Stets entspricht dem Hauptsatz der 
l)reiter ausgeführte Teil des Traumes. 

Ein schönes Beispiel von solcher Darstellung der Kausalität hat 
mir einmal eine Patientin geliefert, deren Traum ich späterhin voll- 
ständig mitteilen werde (s. u. Symbolik). Er bestand aus einem kurzen 
Vorspiel und einem sehi- weitläufigen Traumstück, das in hohem Grade 
zentriert war und etwa überschrieben werden konnte : Durch die Blume. 
Der Vortraum lautete so: Sie geht in die Küche zu den beiden 
Mägden und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden „mit 
dem Bissei Essen". Dabei sieht sie sehr viel grobes 
Küchengeschirr zum Abtropfen umgestürzt in der Küche 
stehen, und zwar in Hau fen auf einander gestellt. Die 
beiden Mägde gehen Wasser holen und müssen dabei 
wie in einen Fluß steigen, der bis ans Haus oder in 
denHofreicht. 

Dann folgt der Haupttraum, der sich so einleitet: Sic steigt 
von hoch herab, über eigentümlich gebildete Geländer, 
und freut sich, daß ihr Kleid dabei nirgends hängen 
bleibt usw. Der Vortraum bezieht sich nun auf das elterliche Haus 
der Dame. Die Worte in der Küche hat sie wohl oft so von ihrer 
Mutter gehört. Die Haufen von rohem Geschirr stammen aus der 
einfachen Geschirrhandlung, die sich in demselben Hause befand. Der 
zweite Teil des Traumes enthält eine Anspielung auf den Vater, der 
sich viel mit Dienstmädchen zu schaffen machte und dann l)öi einer 
Überschwemmung — das Haus stand nahe am Ufer des Flusses — 
sich eine tödliche Erkrankung holte. Der Gedanke, der sich hinter 
diesem Vortraume verbirgt, heißt also: Weil ich aus diesem Hause, 
aus so kleinlichen und unerquicklichen Verhältnissen stamme. Der 
Haupttraum nimmt denselben Gedanken wieder auf und bringt ihn 
ÜL durch Wunscherfüllung verwandelter Form: Ich bin von hoher 



C^ f\n n 1 i> On g i n al f no m 

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216 VI. Die Traamarbeit. 

Abkunft. Eigentlich also: Weil ich von so niedriger Abkunft bin, 
war mein I^ebenslauf so und so. 

Soviel ich sehe, bedeutet eine Teilung des Traumes in zwei un- 
gleiche Stücke nicht jedesmal eine kausale Beziehung zwischen den 
Gedanken der beiden Stücke. Oft scheint es, als ob in den beiden 
Träumen dasselbe Material von verschiedenen Gresichtspunkten aus 
dargeetellt würde; sicherlich gilt dies für die in eine Pollution aus- 
laufende Traumreihe einer Nacht, in welcher das somatische Bedürfnis 
sich einen fortschreitend deutlicheren Ausdruck erzwingt. Oder die 
beiden Träume sind aus gesonderten Zentren im Traummaterial hervor- 
gegangen und überschneiden einander im Inhalt, so daß in dem einen 
Traum Zentrum ist, was im anderen als Andeutung mitwirkt und 
umgekehrt. In einer gewissen Anzahl von Träumen bedeutet aber die 
Spaltung in kürzeren Vor- und längeren Nachtraum tatsächlich kau- 
sale Beziehung zwischen beiden Stücken. Die andere Darstellungs- 
weise des Kausalverhältnisses findet Anwendung bei minder umfang- 
reichem Material und besteht darin, daß ein Bild im Traume, sei es 
einer Person oder einer Sache, sich in ein anderes verwandelt. Nur wo 
wir diese Verwandlung im Traume vor sich gehen sehen, wird der 
kausale Zusammenhang ernstlich behauptet; nicht wo wir bloß mer- 
ken, es sei an Stelle des einen jetzt das andere gekommen. Ich sagte, 
die beiden Verfahren, Kausalbeziehung darzustellen, liefen auf das- 
selbe hinaus ; in beiden Fällen wird die Verursachung dargestellt 
durch ein Nacheinander, einmal durch das Aufeinanderfolgen der 
Träume, das andere Mal durch die unmittelbare Verwandlung eines 
Bildes in ein anderes. In den allermeisten Fällen freilich wird die 
Kausalrelation überhaupt nicht dargestellt, sondern fällt unter das 
auch im Traumvorgang unvermeidliche Nacheinander der Elemente. 

Die Alternative „Entweder — Oder" kann der Traum überhaupt 
nicht ausdrücken; er pflegt die Glieder derselben wie gleichberechtigt 
in einen Zusammenhang aufzunehmen. Ein klassisches Beispiel hiefür 
enthält der Traum von Irmas Injektion. In dessen latenten Gedanken 
heißt es offenbar: Ich bin unschuldig an dem Fortbestand von Irmas 
Schmerzen; die Schuld liegt entweder an ihrem Sträuben gegen 
die Annahme der Lösung oder daran, daß sie unter ungünstigen 
sexuellen Bedingungen lebt, die ich nicht ändern kann, oder ihre 
Schmerzen sind überhaupt nicht hysterischer, sondern organischer 
Natur. Der Traum vollzieht aber alle diese einander fast ausschlie- 
ßenden Möglichkeiten und nimmt keinen Anstoß, aus dem Traum- 
wunsch eine vierte solche Lösung hinzuzufügen. Das Entweder — 
Oder habe ich dann nach der Traumdeutung in den Zusammenhang 
der Traumgedanken eingesetzt. 

Wo aber der Erzähler bei der Eeproduktion des Traumes ein 
Entweder — Oder gebrauchen möchte: Es war entweder ein Garten 
oder ein Wohnzimmer usw.,! da kommt in den Traumgedanken nicht 
etwa eine Alternative, sondern ein „und", eine einfache Anreihung, 
vor. Mit Entweder — Oder beschreiben wir zumeist einen noch auf-' 
lösbaren Charakter von Verschwommenheit an einem Traumelement. 
Die Deutungsregel für diesen Fall lautet: Die einzelnen Glieder der 
Bcheinbaxen Alternative sind einander gleich zu setzen und durch 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f no m 

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yenxraachang, Alternative. 217 

„und" zu vertinden. Ich träume z. B., nachdem ich längere Zeit ver- 
geblich auf die Adresse meines in Italien weilenden Freundes gewartet 
habe, daß ich ein Telegramm erhalte, welches mir diese Adresse mit- 
teilt. Ich sehe sie in blauem Druck auf den Papierstreifen des Tele- 
grammes ; das erste Wort ist verschwommen, 

etwa via, 

oder Villa, das zweite deutlich: Sezerno. 
oder sogar (Casa). 

Das zweite Wort, das an italienische Namen anklingt und mich 
an unsere etymologischen Besprechungen erinnert, drückt auch meinen 
Ärger aus, daß er seinen Aufenthalt so lange vor mir geheim 
gehalten; jedes der Glieder aber des Temavorschlages zum ersten 
Worte läßt sich bei der Analyse als selbständiger und gleichberech- 
tigter Ausgangspunkt der Gedankenverkettung erkennen. 

In der Nacht vor dem Begräbnis meines Vaters träume ich von 
einer bedruckten Tafel, einem Plakat oder Anschlagzettel — etwa 
wie die daa Rauchverbot verkündenden Zettel in den Wartesälen der 
Eisenbahnen — , auf dem zu lesen ist, entweder: 

Man bittet, die Augen zuzudrücken. 

oder 
Man bittet, ein Auge zuzudrücken, 

was ich in folgender Form darzustellen gewohnt bin: 

uie 

Man bittet, -r- Auge(n) zuzudrücken, 
em ö ^ ^ 

Jede der beiden Fassungen hat ihren besonderen Sinn und führt 
in der Traumdeutung auf besondere Wege. Ich hatte das Zeremoniell 
möglichst einfach gewählt, weil ich wußte, wie der Verstorbene über 
solche Veranst'^ltungen gedacht hatte. Andere Familienmitglieder v/aren 
aber mit solch puritanischer Einfachheit nicht einverstanden ; sie mein- 
ten, man werde sich vor den Trauergästen schämen müssen. Daher 
bittet der eine Wortlaut des Traumes, „ein Auge zuzudrücken", d. h. 
Nachsicht tu üben. Die Bedeutung der Verschwommenheit, die wir 
mit einem Entweder — Oder beschrieben, ist hier besonders leicht 
zu erfassen. Es ist der Traumarbeit nicht gelungen, einen einheitlichen,^ 
aber dann zweideutigen Wortlaut für die Traumgedanken herzustellen. 
So sondern sich die beiden Hauptged'ankenzüge schon im Trauminhalt 
voneinander. 

In einigen Fällen drückt die Zweiteilung des Traumes in zwei 
gleich große Stücke die schwer darstellbare Alternative aus. 

Höchst auffällig ist das Verhalten des Traumes gegen «lie Kate- 
gorie von Gegensatz und Widerspruch. Dieser wird schlechtweg 
vernachlässigt, das „Nein** scheint für den Traum nicht zu existieren. 
Gegensätze werden mit besonderer Vorliebe zu einer Einheit zusam- 
mengezogen oder in einem dargestellt. Der Traum nimmt sich ja auch 
die Freiheit, ein beliebiges Element durch seinen Wunschgegensatz 
darzustellen, so daß man zunächst von keinem eines Gegenteils fähigen 
Elemente weiß, ob es in den Traumgedanken positiv oder negativ ent* 

Orfg fnal f no m 



C^ f\n n 1 i> Un g I n al f no m 

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218 VI. Die Traomarbett. 

halten ist*. In dem einen der letzterwähnten Träume, dessen Vorder- 
satz wii* bereits gedeutet haben („weil ich von solcher Abkunft bin"), 
steigt die Träumerin über ein Geländer herab und hält dabei einen 
blühenden Zweig in den Händen. Da ihr zu diesem Bilde einfällt, 
wie der Engel einen Lilienstengel auf den Bildern von Maria Ver- 
kündigung (sie heiÄt ^selbst Maria) in der Hand trägt, und wie die 
weißgekleideten Mädchen bei der Fronleichnamsprozession gehen, wäh- 
rend die Straßen mit grünen Zweigen geschmückt sind, so ist der 
blühende Zweig im Traume ganz gewiß eine Anspielung auf sexuelle 
Unschuld. Der Zweig ist aber dicht mit roten Blüten besetzt, von 
denen jede einzelne einer Kamelie gleicht. Am Ende ihres Weges, 
heißi> es im Traume weiter, sind die Blüten schon ziemlich abgefallen; 
dann folgen unverkennbare Anspielungen auf die Periode. Somit ist 
der nämliche Zweig, der getra^2n wird, wie eine Lilie und wie von 
einem unschuldigen Mädchen, gleichzeitig eine Anspielung auf die 
Kameliendame, die, wie bekannt, stets eine weiße Kamelie trug, zur 
Zeit der Periode aber eine rote. Der nämliche Blütenzweig („deß 
Mädchens Blüten" in den Liedern von der Müllerin bei Goethe) 
fiteilt die sexuelle Unschuld dar und auch ihr Gegenteil. Der näm- 
liche Traum auch, welcher die Freude ausdrückt, daß es ihr gelungen, 
unbefleckt durchs Leben zu gehen, läßt an einigen Stellen (wie an 
"der vom Abfallen der Blüten) den gegensätzlichen Gedankengang 
durchschimmern, daß sie sich verschiedene Sünden gegen die sexuelle 
Reinheit habe zu Schulden kommen lassen (in der Kindheit nämlich). 
iWir können bei der Analyse des Traumes deutlich die beiden Ge- 
dankengänge unterscheiden, von denen der tröstliche oberflächlich, 
der vorwurfsvolle tiefer gelagert scheint, die einander schnurstracks 
zuwiderlaufen, und deren gleiche aber gegenteilige Elemente durch 
die nämlichen Traumelemente Darstellung gefunden haben. 

Einer einzigen unter den logischen Ilelationen kommt der Me- 
chanismus der Traumbildung im höchsten Ausmaße zu gute. Es ist 
dies die Eelation der Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Berührung, das 
,rGleichwie*S die im Traume wie keine andere mit mannigfachen 
Mitteln dargestellt werden kann**. Die im Traummaterial vorhandenen 
Deckungen oder Fälle von „Gleichwie" sind ja die ersten Stützpunkte 
<ier Traumbildung, und ein nicht unbeträchtliches Stück der Traum- 
arbeit besteht darin, neue solche Deckungen zu schaffen, wenn die 
vorhandenen der Widerstandszensur wegen nicht in den Traum ge- 
langen können. Das Verdichtungsbestreben der Traumarbeit kommt der 
Darstellung der Ähnlichkeitsrelation zu Hilfe. 

* Aus einer Arbeit von K. Abel, Der Gegensinn der ürworte, 1884 (siehe 
mein Referat im Jahrbuch f. Ps.-A. II, 1910) erfuhr ich die überraschende, auch 
von anderen Sprachforschem bestätigte Tatsache, daß die ältesten Sprachen sich 
in diesem Punkte ganz ähnlich benehmen wie der Traum. Sie haben anfÖJiglich 
nur ein Wort für die beiden Gegmsätze an den Enden einer Qualitäten- oder 
Tätigkeitsreihe (starkschwach, altjung, fernnah, binden-trennen) und bilden ge- 
sonderte Bezeichnungen für die beiden Gegensätze erst .sekundär durch leichte 
Modifikationen des gemeinsamen Urwortes. Abel weist diese Verhältnisse im 
großen Ausmaße im Altägyptischen nach, zeigt aber deutliche Reste derselben 
JEntwicklung auch in den semitischen und indogermanischen Sprachen auf. 

** Vgl. die Bemerkung des Aristoteles über die Eignung isum Traum- 
tleuter (S. 68, Anmkg.**). 



C^ f\n n 1 i> Orf g f n a I f no m 

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GegevisatsB uad Gleicbstellan;-. 219 

Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Gemeinsamkeit wird 
^om Traume ganz allgemein dargestellt durch Zusammenziehung zu 
•einer Einheit, welche entweder im Traummaterial bereits vorgefun- 
den oder neu gebildet wird. Den ersten Fall kann man als IdentP 
fizierung, den zweiten als Mischbildung benennen. Die Identi- 
fizierung kommt zur Anwendung, wo es sich um Personen handelt; 
die Mischbildung, wo Dinge das Material der Vereinigung sind, doch 
werden Mischbildungen auch von Personen hergestellt. Ortlichkeiten 
v^erden oft wie Personen behandelt. 

Die Identifizierung besteht darin, daß nur eine der durch ein 
Gemeinsames verknüpften Personen im Trauminhalt zur Dai'stellung 
gelangt, während die zweite oder die anderen Personen für den Traum 
unterdrückt scheinen. Diese eine deckende Person geht aber im 
Traume in alle die Beziehungen und Situationen ein, welche sich von 
ihr oder von den gedeckten Personen ableiten. Bei der Mischbildung, 
die sich auf Personen erstreckt, sind bereits im Traumbild Züge, die 
•den Personen eigentümlich, aber nicht gemeinsam sind, vorhanden, 
so daß durch die Vereinigung dieser Züge eine neue Einheit, eine 
Mischperson, bestimmt erscheint. Die Mischung selbst kann auf ver- 
schiedenen Wegen zu Stande gebracht werden. Entweder die Traum- 
pe son hat von der einen ihrer Beziehungspersonen den Namen — 
wir wissen dann in einer Art, die dem Wissen im Wachen ganz analog 
ist, daß diese oder jene Person gemeint ist — , während die visuellen 
Zügo der anderen Person angehören; oder das Traumbild selbst ist 
aus visuellen Zügen, die sich in 'Wirklichkeit auf beide verteilen, 
zusammengesetzt. Anstatt durch visuelle Züge kann der Anteil der' 
zweiten Person auch vertreten werden durch die Gebärden, die man 
ihr zuschreibt, die Worte, die man sie sprechen läßt, oder die Situation, 
in welche man sie versetzt. Bei der letzteren Art der Kennzeichnung 
beginnt der scharfe Unterschied zwischen. Identifizierung und Misch- 
personbildung sich zu verflüchtigen. Es kann aber auch vorkommen, 
daß die Bildung einer solchen Mischperson mißlingt. Dann \^drd die 
Szene des Traumes der einen Person zugeschrieben und die andere 
— in der Regel wichtigere — tritt als sonst unbeteiligte Anwesende 
daneben hin. Der Träumer erzählt etwa: Meine Mutter war auch 
dabei (St ekel). Ein solches Element des Trauminhaltes ist dann einem 
Determinativum In der Hieroglyphenschrift zu vergleichen, welches 
nicht zur Aussprache, sondern zur Erläuterung eines anderen Zeichens 
bestimmt ist. 

Das Gemeinsame, welches die Vereinigung der beiden Personen 
rechtfertigt, d. h. veranlaßt, kann im Traume dargestellt sein oder 
fehlen. In der Regel dient die Identifizierung oder Mischpersonbildung 
oben dazu, die Darstellung dieses Gemeinsamen zu ersparen. Anstatt 
zu wiederholen: A ist mir feindlich gesinnt, B aber auch, bilde ich 
im Traume eine Mischperson aus A und B, oder stelle mir A vor 
in einer andersartigen Aktion, welche sonst B charakterisiert. Die so 

fewonnene Traumperson tritt mir im Traume in irgend welcher neuen 
'erknüpfung entgegen, und aus dem Umstand, daß sie sowohl A als 
auch B bedeutet, schöpfe ich dann die Berechtigung, in die betreffende 
SiMle der Traumdeutung einzusetzen, was den beiden gemeinsam ist| 



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220 ^ ^** TroamarbeiL 

nämlich das feindselige Verhältnis zu mir. Auf solche Weise erziele 
ich oft eine ganz außerordentliche Verdichtung für den Trauminhalt; 
i^h kann mir die direkte Darstellung sehr komplizierter Verhältnisse, 
die mit einer Person zusammenhängen, ersparen, wenn ich zu dieser 
Person eine andere gefunden habe, die auf einen Teil dieser Bezie- 
hungen den gleichen Anspruch hat. Es ist leicht zu verstehen, in- 
wiefern diese Darstellung durch Identifizierung auch dazu dienen kann, 
die Widerstandszensur zu umgehen, welche die Traumarbeit unter so 
harte Bedingungen setzt. Der Anstoß für die Zensur mag gerade in 
jenen Vorstellungen liegen, welche im Material mit der einen Person 
verknüpft sind; ich finde nun eine zweite Person, welche gleichfalls- 
Beziehungen zu dem beanstandeten Material hat, aber nur z^^ einem 
Teile desselben. Die Berührung in jenen nicht zensurfreien Punkte 
gibt mir jetzt das Recht, eine Mischperson zu bilden, die nach beiden 
Seiten hin durch indifferente Ziig^ charakterisiert ist. Diese Misch- 
und Identifizierungsperson ist nun als zensurfrei zur Aufnahme in 
den Trauminhalt geeignet, und ich habe durch Anwendung der Traum-^ 
Verdichtung den Anforderungen der Traumzensur genügt. 

AVo im Traume auch ein Gemeinsames der beiden Personen dar* 
gestellt ist, da ist dies gewöhnlich ein Wink, nach einem iuidcren 
verhüllten Gemeinsamen zu suchen, dessen Darstellung durch die 
Zensur unmöglich gemacht wird. Es hat hier gewissermaßen zu Gun- 
sten dei' Darstellbarkeit eine Verschiebung in Betreff des Gemeinsamea 
stattgefunden. Daraus, daß mir die Mischperson mit einem indifferenten 
Gemeinsamen im Traume gezeigt wird, soll ich ein anderes keineswegs 
indifferentes Gemeinsame in den Traumgedanken erschließen. 

Dio Identifizierung oder Mischpersonbildung dient demnach im 
Traume verschiedenen Zwecken, erstens der Darstellung eines beiden 
Personen Gemeinsamen, zweitens der Darstellung einer verschobenen 
Gemeinsamkeit, drittens aber noch, um eine bloß gewünschte Gemein- 
samkeit zum Ausdrucke zu bringen. Da das Herbeiwünschen einer Ge- 
meinsamkeit zwischen zwei Personen häufig mit einem Vertauschen 
derselben zusammenfällt, so ist auch diese Relation im Traume durch 
Identifizierung ausgedrückt. Ich wünsche im Traume von Irmas In- 
jektion diese Patientin mit einer anderen zu vertauschen, wünsche 
also, daß die andere meine Patientin sein möge, wie es die eine ,ist; 
der Traum trägt diesem Wunsche Rechnung, indem er mir eine Person 
zeigt, die Irma heißt, die aber in: einer Position untersucht wird, wie 
ich sie nur bei der anderen zu sehen Gelegenheit hatte. Im Onkel- 
traume ist diese Vertauschung zum Mittelpunkte des Traumes gemacht; 
ich identifiziere mich mit dem Minister, indem ich meine Kollegen 
nicht besser als er behandle und beurteile. 

Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden 
habe, daß jeder Traum die eigene Person behandelt. Träume sind 
absolut egoistisch. Wo im Trauminhalt nicht mein Ich, sondern nur 
eine fremde Person vorkommt, da darf ich ruhig annehmen, daß mein 
Ich durch Identifizierung hinter jener Person versteckt ist. Ich darf 
mein Ich ergänzen. Andere Male, wo mein Ich im Traume erscheint^ 
lehrt mich die Situation, in der es sich befindet, daß hinter dem Ich 
eine andere Person sich durch Identifizierung verbirgt. Der Traum 



C^ f\n n 1 i> Orf g f n a I f no m 

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Verwertanof der Mtocbbndangen. 221 

soll mich dann mahnen, in der Traumdeutung etwas, was dieser Person 
anhängt, das verhüllte Gemeinsame, auf mich zu übertragen. Es gibt 
a,uch Träume, in denen mein Ich nebst anderen Personen vorkommt, 
die sich durch Lösung der Identifizierung wiederum als mein Ich ent- 
hüllen. Ich soll dann mit meinem Ich vermittels dieser Identifizierun- 
gen gewisse Vorstellungen vereinigen, feegen deren Aufnahme sich die 
^ensui' erhoben hat. Ich kann also mein Ich in einem Traume mehr- 
fach darstellen, das einemal direkt, das anderemal vermittels der 
Identifizierung mit fremden Personen. Mit mehreren solchen Identi- 
fizierungen läßt sich ein ungemein reiches Gedankenmaterial ver* 
dichten*. 

Durchsichtiger noch als bei Personen gestaltet sich die Auf- 
lösung der Identifizierungen bei mit Eigennamen bezeichneten örtlich- 
keiten, da hier die Störung durch das im Traume übermächtige Ich 
«ntfällt. In einem meiner Romträume (S. 135) heißt der Ort, an 
dem ich mich befinde, Hom; ich erstaune aber über die Menge von 
deutschen Plakaten an einer Straßenecke. Letzteres ist eine Wunsch- 
erfüllung, zu der mir sofort Prag einfällt; der Wunsch selbst mag 
aus einer heute überwundenen deutschnationalen Periode der Jugend- 
zeit stammen. Um die Zeit, da ich träumte, war in Prag ein] Zusam- 
mentreffen mit einem Freunde in Aussicht genommen; die Tdentifizie- 
xung von Eom und Prag erklärt sich also durch eine gewünschte Ge- 
meinsamkeit ; ich möchte meinen Freund lieber in Rom treffen als 
in Prag, für dic^e Zusammenkunft Prag und Rom vertauschen. 

Die Möglichkeit, Mischbildungen zu schaffen, steht obenan unter 
den Zügen, \i'elche den Träumen so oft ein phantastisches Gepräge 
verleihen, indem durch sie Elemente in den Trauminhalt eingeführt 
werden, welche niemals Gegenstand der Wahrnehmung sein konnten. 
Der psychische Vorgang bei der Mischbildung im Traume ist offenbar 
der nämliche, wie wenn wir im Wachen einen Zentauren oder Drachen 
uns vorstellen und nachbilden. Der Unterschied liegt nur darin, daß 
"bei der phantastischen Schöpfung im Wachen der beabsichtigte Ein- 
druck des Neugebildes selbst das Maßgebende ist, während die Misch- 
hildung des Traumes durch ein Moment, welches außerhalb ihrer 
Gestaltung liegt, das Gemeinsame in den Traumgedanken, determiniert 
wird. Die Mischbildung des Traumes kann in sehr mannigfaltiger 
Weise ausgeführt werden. In der kunstlosesten Ausführung werden 
nur die Eigenschaften des einen Dinges dargestellt, und diese Dar- 
istellung ist von einem Wissen begleitet, daß sie auch für ein anderes 
Objekt gelte. Eine sorgfältigere Technik vereinigt Züge des einen 
wie des anderen Objektes zu einem neuen Bilde und bedient pich 
dabei geschickt der etwa in der Realität gegebenen Ähnlichkeiten 
zwischen beiden Objekten. Das Neugebildete kann gänzlich absurd 
ausfallen oder selbst als phantastisch gelungen erscheinen, je nach- 
dem Material und Witz bei der Zusammensetzung es ermöglichen. 



* Wenn ich im Zweifel bin, hinter welcher der im Traume auftretcndea 
Personen ich mein Ich zu suchen habe, so halte ich mich an folgende Regel: 
Die Person, die im Traume einem Affekt unterlieg-t, den ich als Schlafender 
verspüre, die verbirgt mein Ich* 

Original f no m 



C^ f\n n 1 i> Ong in al f no m 

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222 ^- ^^® Traamarbelt. 

Sind dio Objekte, welche zu einer Einheit verdichtet werden sollen r 
gar zu disparat, so begnügt sich die Traumarbeit oft damit, ein Misch- 
gebilde mit einem deutlicheren Kerne zu schaffen, an den sioh undeut- 
lichere Bestimmungen anfügen. Die Vereinigung zu einem Bilde ist 
hier gleichsam nicht gelungen; die beiden Darstellungen überdecken 
einander und erzeugen etwas wie einen Wettstreit der visuellen Bilder» 
Wenn man sich die Bildung eines Begriffes aus individuellen Wahr- 
nehmungsbildem vorführen wollte, könnte man zu ähnlichen Darstel- 
lungen in einer Zeichnung gelangen. 

Fß wimmelt natürlich in den Träumen von solchen Mischgebil- 
den; einige Beispiele habe ich in den bisher analysierten Träumen 
bereits mitgeteilt; ich werde nun weitere hinzulügen. In dem Traume 
auf S. 215, welcher den Lebenslauf der Patientin „durch die Blume** 
oder „verblümt" beschreibt, trägt das Traum-Ich einen blühendea 
Zweig in der Hand, der, wie wir erfahren haben, gleichzeitig Un- 
schuld und sexuelle Sündigkeit bedeutet. Der Zweig erinnert ^urch 
dio Art, wie die Blüten stehen, außerdem an Kirschblüten; die 
Blüten selbst, einzeln genommen, sind Kamelien, wobei dazu das 
Ganze noch den Eindruck eines exotischen Gewächses macht. Das 
Gemeinsame an den Elementen dieses Mischgebildes ergibt sich 9us 
den Traumgedanken. Der blühende Zweig ist aus Anspielungen an 
Geschenke zusammengesetzt, durch welche sie bewogen wurde oder 
werden sollte, sich gefällig zu erweisen. So in der Kindheit die 
Kirschen, in späteren Jahren ein Kamelienstock; das Exotische ist 
eine Anspielung auf einen vielgereisten Naturforscher, welcher mit 
einer Blumenzeichnung um ihre Gunst werben wollte/ Eine andere 
Patientin schafft sich im Traume ein Mittelding aus Badekabinen 
im Seebade, ländlichen Ab ort bauschen und den Bodenkammern 
unserer städtischen Wohnhäuser. Den beiden ersten Elementen ist 
die Beziehung auf menschliche Nacktheit und Entblößung gemeinsam ; 
es läßt sich aus der Zusammensetzung mit dem dritten Element 
schließen, daß (in ihrer Kindheit) auch die Bodenkammer der Schau- 
platz von Entblößung war. Ein Träumer schafft sich eine Misch- 
lokalität aus zwei örtlichkeiten, in denen „Kur" gemacht wird, aus 
meinem Ordinationszimmer und dem öffentlichen Lrokal, in dem er 
zuerst seine Frau kennen gelernt "hat. Ein Mädchen träumt, nach- 
dem der ältere Bruder versprochen hat, sie mit Kaviar zu regalieren, 
von diesem Bruder, daß dessen Beine von den schwarzen Kaviar- 
perlen übersät sind. Die Elemente „Ansteckung" im moralischen 
Sinne und die Erinnerung an einen Ausschlag der Kindheit, der 
die Beine mit roten anstatt mit schwarzen Pünktchen übersät er- 
scheinen ließ, haben sich hier mit den Kaviarperlen zu einem 
neuen Begriff vereinigt, dessen „was sie von ihrem Bruder 
bekommen ha t". Teile des menschlichen Körpers werden in diesem 
Traume behandelt w4e Objekte, wie auch in sonstigen Träumen. In 
einem von Ferenczi mitgeteilten Traume kam ein Mischgebilde vor, 
das aus der Person eines Arztes und aus einem Pferde zusammen- 
gesetzt war und überdies ein Nachthemd anhatte. Das Gemein- 
same dieser drei Bestandteile ergab sich aus der Analyse, nachdem 
das Nachthemd als Anspielung auf den Vater der Träumerin in einer 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f ro m 

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rmgekebrt, fm Gegentefle. ^23 

Kindheiteszene erkannt war. Es handelte sieh in allen drei Fällen 
um Objekte ihrer geschlechtlichen Neugierde. Sie war als Kind von 
ihrer Kindsfrau öfters in das militärische Gestüt mitgenommen wor- 
den, wo sie Gelegenheit hatte, ihre — damals noch ungehemmte — 
Neugierde ausgiebig zu befriedigen. 

Ich habe vorhin behauptet, daß der Traum kein Mittel hat, die 
Relation des Widerspruches, Gegensatzes, das „Nein" auszudrücken. 
Ich gehe daran, dieser Behauptung zui^i erstenmal zu widersprechen» 
Ein Teil der Fälle, die sich als „Gegensatz" zusammenfassen lassen^ 
findet seine Darstellung einfach durch Identifizierung, wie wir ge- 
sehen haben, wenn nämlich mit der Gegenüberstellung ein Vertauschen, 
an die Stelle setzen, verbunden werden kann. Davon haben wir wieder- 
holt Beispiele erwähnt. Ein anderer Teil der Gegensätze in den Traum- 
gedanken, der etwa unter die Kategorie „Umgekehrt, im Gegen- 
teil" fällt, gelangt zu seiner Darstellung im Traume auf folgende 
merkwürdige, beinahe witzig zu nennende Weise. Das „Umgekehrt" 
gelangt nicht für sich in den Trauminhalt, sondern äußert seine An- 
wesenheit im Material dadurch, daß ein aus sonstigen Gründen nahe 
liegendes Stück des schon gebildeten Trauminhaltes — gleichsam 
nachträglich — umgekehrt wird. Der Vorgang ist leichter zu 
illustrieren, als zu b^chreiben. Im schönen Traume von „Auf und 
Nieder" (S. 195) ist die Traumdarstellung des Steigens umgekehrt 
wie das Vorbild in den Traumgedanken, nämlich die Introduktions- 
szene der „Sappho" Daudets; es geht im Traume anfangs schwer, 
später leiclbt, während in der Szene das Steigen anfangs leicht, später 
immer schwerer wird. Auch das „Oben" und „Unten" in Bezug auf 
den Bruder ist im Traume verkehrt dargestellt. Dies deutet auf eine 
Belation von Umkehrung oder Gegensatz, die zwischen zwei Stücken 
des Materials in den Traumgedanken besteht, und die wir darin ge- 
funden haben, daß in der Kindheitsphantasie des Träumers er von 
seiner Amme getragen wird, umgekehrt wie im Roman der Held die 
Geliebte trägt. Auch mein Traum von Goethes Angriff gegen 
Herrn M. (s. unten) enthält ein solches „Umgekehrt", das erst redressiert 
werden muß, ehe man auf die Deutung des Traumes gelangen kann- 
Im Traume hat Goethe einen jungen Mann, Herrn M., angegriffen; 
in der Realität, wie sie die Traumgedanken enthalten, ist ein be- 
deutender Mann, mein Freund, von einem unbekannten jungen Autor 
angegriffen worden. Im Traume rechne ich vom Sterbedatum Goe- 
thes an; in der Wirklichkeit ging die Rechnung vom Geburtsjahre 
des Paralytikers aus. Der Gedanke, der in dem Traummaterial maß- 
gebend, ist, ergibt sich als der Widerspruch dagegen, daß Goethe 
behandelt werden soll, als sei er ein Verrückter. Umgekehrt, sagt 
der Traum, wenn du das Buch nicht verstehst, bist du der Schwach- 
sinnige, nicht der Autor. In all diesen Träumen von Umkehrung^ 
scheint mir überdies eine Beziehung auf die verächtliche Wendung 
(„einem die Kehrseite zeigen") enthalten zu sein (die Umkehrung 
in Bezug auf den Bruder im „Sappho"-Traum). Es ist ferner be- 
merkenswert, wie häufig die Umkehrung gerade in Träumen be- 
nötigt wird, die von verdrängten homosexuellen Regungen eingegeben 
werden- 

Orfg fnal f no m 



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224t y^' ^'^ Traomarbelt. 

Die Umkehrung, Verwandlung ins Gregenteil, ist übrigens cinei 
der beliebtesten, der vielseitigsten Verwendung fähigen Darstellungs- 
mittel der Traumarbeit. Sie (Uent zunächst dazu, der Wunscherfüllung 
^egen ein bestimmtes Element der Traumgedanken Geltung zu ver- 
schaffen. Wäre es doch umgekehrt gewesen! ist oftmals der beste 
Ausdruck für die Beaktion des Ichs gegen ein peinliches Stück Er- 
innerung. Ganz besonders wertvoll wird die Umkehrung aber im 
Dienste der Zensur, indem sie ein Maß von Entstellung des Dar- 
zustellenden zu Stande bringt, welches das Verständnis des Traumes 
zunächst geradezu lähmt. Man darf darum, wenn ein Traum seinen 
Sinn hartnäckig verweigert, jedesmal den Versuch der Umkehrung 
mit bestimmten Stücken seines manifesten Inhaltes wagen, worauf 
nicht selten alles sofort klar wird. 

Neben der inhaltlichen Umkehrung ist die zeitliche nicht zu 
übersehen. Eine häufige Technik der Traumentstellung besteht darin, 
den Ausgang der Begebenheit oder den Schluß des Gedankenganges 
2U Eingang des Traumes darzustellen und am Ende desselben die 
Voraussetzungen des Schlusses oder die Ursachen des Geschehenis nach- 
zutrageai. Wer nicht an dieses technische Mittel der Traumentstellung 
gedacht hat, steht dann der Aufgabe der Traumdeutung ratlos gegen- 
über*. 

Ja in manchen Fällen erhält man den Sinn des Traumes erst, 
wenn man an dem Trauminhalt eine mehrfache Umkehrung, nach 
verschiedenen Relationen, vorgenommen hat. So z. B. verbirgt sich 
im Traume eines jungen Zwangsneurotikers die Erinnerung an den 
inf antuen Todeswunsch gegen den gefürchteten Vater hinter folgendem 
Wortlaut: Sein Vater schimpft mit ihm, weil er so spät 
nach Hause kommt. Allein der Zusammenhang der psychoana- 
lytischen Kur und die Einfälle des Träumers beweisen, daß es zu^ 
nächst lauten muß: Er ist böse auf den Vater und sodann, daß 
ihm der Vater auf alle Fälle zu früh (d. h. zu bald) nach Hause 
kam. Er hätte es vorgezogen, daß der Vater überhaupt nicht nach 
Hause gekommen wäre, was mit dem Todeswunsch gegen den Vater 
identisch ist (v. S. 176). Der Träumer hatte sich nämlich als kleiner 
Knabe während einer längeren Abwesenheit des Vaters eine sexuelle 
Aggression gegen eine andere Person zu Schulden kommen lassen und 
war mit der Drohung gestraft worden: Na wart*, bis der Vater zu- 
rückkommt ! 

* Derselben Technik der zeitlichen Umkehrung bediont sich manchmal der 
hysterische Anfall, um seinen Sinn dem Zuschauer zu verberjren. Ein hysterisches 
Mädchen hat z. B. in einem Anfalle einen kleinen Roman darzustellen, den sie sich 
im Anschluß an eine Begegnung in der Stadtbahn im Unbewußten phantasiert hat. 
Wie der Betreffende, durch die Schönheit ihres Fußes angezogen, sie, während 
«ie liest, anspricht, wie sie dann mit ihm geht und eine stürmische liiebesszene 
erlebt. Ihr ioifall setzt mit der Darstellung dieser Liebesszene durch die Körper- 
zuckungon ein (dabei Lippenbewegungen fürs Küssen, Yerschrankung der Arme 
für die Umarmung), darauf eilt sie ins andere Zimmer, setzt sich auf einen Stuhl, 
hebt das Kleid, um den Fuß zu zeigen, tat, als ob sie in einem Buche lesen würden 
und spricht mich an (gibt mir Antwort). Vgl. hiezu die Bemerkung des Artemi- 
dorus: „Bei der Auslegung von Traumgeschichten muß man sie einmal vom An- 
fang gegen das Ende, öslb andere Mal vom Ende gegen den Anfang hin ins 
Auge fsLSsen. . . ,** 



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Die Qualitäten der Lebhaftigkeit und der Deutlichkeit 221 

Will man die Beziehungen zwischen Trauminhalt und Traum- 
gedanken weiter verfolgen, so nimmt man jetzt aiji besten den Traiun 
selbst zum Ausgangspunkte und stellt sich die Frage, was gewisse 
formal*^ Charaktere der Traumdarstellung in Bezug auf die Traum- 
gedanken bedeuten. Zu diesen formalen Charakteren, die uns im 
Traume auffallen müssen, gehören vor allem die Unterschiede in der 
sinnlichen Intensität der eiiizelnen Traumgebilde und in der Deutlich- 
keit einzelner Traumpartien oder ganzer Träume untereinander ver- 
glichen. Die Unterschiede in der Intensität der einzelnen Traum- 
gebilde umfassen eine ganze Skala von einer Schärfe der Ausprägung, 
die man — wiewohl ohne Grewähr — geneigt ist, über die der Bealität 
2U stellen, bis zu einer ärgerlichen Verschwommenheit, die man als 
charakteristisch für den Traum erklärt, weil sie eigentlich mit keinem 
der Grade der Undeutlichkeit, die wir gelegentlich an den Objekten 
der Realität wahrnehmen, vollkommen zu vergleichen ist. Gewöhnlich 
bezeichnen wir überdies den Eindruck, den wir von einem undeut- 
lichen Traumobjekt empfangen, als „flüchtig**, während wir von den 
deutlicheren Traumbildern meinen, daß sie auch durch längere Zeit 
der Wahrnehmung standgehalten haben. Es fragt sich nun, durch 
welche Bedingungen im Traummaterial diese Unterschiede in der 
Lebhaftigkeit der einzelnen Stücke des Trauminhaltes hervorgerufen 
werden. 

Man hat hier zunächst gewissen Erwartungen entgegenzutreten, 
die sich wie unvermeidlich einstellen. Da zu dem Material des Traumes 
auch wirkliche Sensationen während des Schlafes gehören können, 
wird man wahrscheinlich voraussetzen, daß diese oder die von ihnen 
a,bgeleiteten Traumelemente im Trauminhalt durch besondere Intensität 
hervorstechen, oder umgekehrt, daß, was im Traume ganz besonders 
lebhaft ausfällt, auf solche reale Schlafsensationen zurückführbar sein 
wird. Meine Erfahrung hat dies aber niemals bestätigt. Es ist nicht 
richtig, daß die Elemente des Traumes, welche Abkömmlinge von 
realen Eindrücken während des Schlafes (Nervenreizen) sind, sich vor 
den anderen, die aus Erinnerungen stammen, durch Lebhaftigkeit aus- 
zeichnen. Das Moment der Realität geht für die Intensitätsbestimmung 
der Traumbilder verloren. 

.Ferner könnte man an der Erwartung festhalten, daß die sinn- 
liche Intensität (Lebhaftigkeit) der einzelnen Traumbilder eine Be- 
ziehung habe zur .psychischen Intensität der ihnen entsprechenden 
Elemente in den Traumgedanken. In den letzteren fällt Intensität 
mit psychischer Wertigkeit zusammen ; die intensivsten Elemente sind 
keine anderen als die bedeutsamsten, welche den Mittelpunkt der Traum- 
gedanken bilden. Nun wissen wir zwar, "daß gerade diese Elemente der 
Zensur wegen meist keine Aufnahme in den Trauminhalt finden. Aber 
es könnte doch sein, daß ihre sie vertretenden nächsten Abkömmlinge 
im Traume einen höheren Intensitätsgrad aufbringen, ohne daß sie 
darum das Zentrum der Traum4arstellung bilden müßten. Auch diese 
Erwartung wird indes durch die vergleichende Betrachtung von Traum 
und Traiunmaterial zerstört. Die Intensität der Elemente hier hat 
mit der Intensität der Elemente dort nichts zu schaffen; es findet 
zwischen Traummaterial und Traum tatsächlich eine völlige „üm- 



Vfud, Tmundentung, 6. Aufl. 



16 



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Orrgfnaf f rom 



UNIVERSIWOF MICHIGAN 



226 VI- ^'« Traamarbeit 

Wertung aller psychischen Werte** statt. Gerade in einem 
flüchtig hingehauchten, durch kräftigere Bilder verdeckten Element 
des Traumes kann man oft einzig und allein einen direkten Abkömm- 
ling dessen entdecken, was in den Traumgedanken übermäßig dominierte- 

Dic Intensität der Elemente des Traumes zeigt sich anders deter- 
miniert, und zwar durch zwei voneinander unabhängige Momente. 
Zunächst ist es leicht zu sehen, daß jene Elemente besonders intensiv 
dargestellt sind, durch welche die Wunscherfüllung sich ausdrückt- 
Dann aber lehrt die Analyse, daß von den lebhaftesten Elementen 
des Traumes auch die meisten Gedankengänge ausgehen, daß die leb- 
haftesten gleichzeitig die bestdeterminierten sind. Es ist keine Än- 
derung des Sinnes, wenn wir den letzten empirisch gewonnenen Satz 
in nachstehender Form aussprechen: Die größte Intensität zeigen jene 
Elemente des Traumes, für deren Bildung die ausgiebigste Verdich- 
tungsarbeit in Anspruch genommen wurde. Wir dürfen dann er- 
warten, daß diese Bedingung und die andere der Wunscherfüllung 
auch in einer einzigen Formel ausgedrückt werden können. 

Das Problem, das ich jetzt behandelt habe, die Ursachen der 
größeren oder geringeren Intensität oder Deutlichkeit der einzelnen 
Traumelemente, möchte ich vor Verwechslung mit einem anderen Pro- 
blem schützen, welches sich auf die verschiedene Deutlichkeit ganzer 
Träume oder Traumabschnitte bezieht. Dort ist der Gegensatz von 
Deutlichkeit: Verschwommenheit, hier Verworrenheit. Es ist aller- 
dings unverkennbar, daß in beiden Skalen die steigenden und fallenden 
Qualitäten einander im Vorkommen begleiten. Eine Partie des Trau- 
mes, die uns klar erscheint, enthält zumeist intensive Elemente; ein 
unklarer Traum ist im Gegenteil aus wenig intensiven Elementen 
zusammengesetzt. Doch ist das Problem, welches die Skala vom an- 
scheinend Klaren bis zum Undeutlich -Verworrenen bietet, weit kom- 
plizierter als das der Lebhaftigkeitsschwankungen der Traumelemente ; 
ja ersteres entzieht sich aus später anzuführenden Gründen hier noch 
der Erörterung. In einzelnen Fällen merkt man nicht ohne "Über- 
rajBchung, daß der Eindruck von Klarheit oder Undeutlichkeit, den 
man von einem Traume empfängt, überhaupt nichts für das Traum- 
gefügc bedeutet, sondern aus dem Traummaterial als ein Bestandteil 
desselben herrührt. So erinnere ich mich an einen Traum, der mir 
nach dem Erwachen so besonders gut gefügt, lückenlos und klar er- 
schien, daß ich noch in der Schlaftrunkenheit mir vorsetzte, eine 
neue Kategorie von Träumen zuzulassen, die nicht dem Mechanismus 
der Verdichtung und Verschiebung unterlegen waren, sondern als 
„Phantasien während des Schlafens" bezeichnet werden durften. Nähere 
Prüfung ergab, daß dieser rare Traum dieselben Risse und Sprünge 
in seinem Gefüge zeigte wie jeder andere; ich ließ darum die Kate- 
gorie der Traumphantasien auch wieder fallen. Der reduzierte Inhalt 
des Traumes war aber, daß ich meinem Freunde eine schwierige und 
lange gesuchte Theorie der Bisexual i tat vortrug, und die wunscher- 
füllende Kraft des Traumes hatte es zu verantworten, daß uns diese 
Theorie (die übrigens im Traume nicht mitgeteilt wurde) klar und 
lückenlos erschien. Was ich also für ein Urteil über den fertigen Traum 
gehalten hatte, war ein Stück, und zwar das wesentliche Stück des 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f ro m 

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murstellung voa Traaminhalt durch die Form des Traume**. 221 

Trauminhaltes. Die Traumarbeit griff hier gleichsam in das erste 
wache Denken über und übermittelte mir als Urteil über den Traum 
jenes Stück des Traummaterials, des:en genaue Darstellung im Traume 
ihr nicht gelungen war. Ein vollkommenes Gegenstück hiezu erlebte 
ich einmal bei einer Patientin, die einen in die Analyse gehörigen 
Traum zuerst überhaupt nicht erzählen wollte, !,weil er so undeutlich 
und verworren eei", und endlich unter wiederholten Protesten gegen 
die Sicherheit ihrer Darstellung angab, es seien im Traume mehrere 
Personen vorgekommen, sie, ihr Mann und ihr Vater, und vis ob sie 
nicht gewußt hätte, ob ihr Mann ihr Vater sei oder wer eigentlich 
ihr Vater sei, oder so ähnlich. Die Zusammenstellimg dieses IVaumes 
mit ihren Einfällen in der Sitzung ergab als unzweifelhaft, daß 
es sich um die ziemlich alltägliche Geschichte eines Dienstmädchens 
handle, welches bekennen mußte, daß sie ein Kind erwarte, und nun 
Zweifel zu hören bekomme, „wer eigentlich der Vater (des Kindes) 
sei"*. Die Unklarheit, die der Traum zeigte, war also auch liier ein 
Stück aus dem tranmerregenden Material. Ein Stück dieses Inhaltes 
war in der Form des Traumes dargestellt worden. Die Form des 
Traumes oder des Träumens wird in ganz überraschen- 
der Häufigkeit zur Darstellung des verdeckten In- 
haltes verwendet. 

Glossen über den Traum, anscheinend harmlose Bemerkungen zu 
demselben di?nen oft dazu, ein Stück des Geträumten in der raffi- 
niertesten Weise zu verhüllen, während sie §s doch eigentlich verraten. 
So z. B. wenn ein Träumer äußert: Hier ist der Traum verwischt^ 
und die Analyse eine infantile Reminiszenz an das Belauschen einer 
Person ergibt, die sich nach der Defäkation reinigt. Oder in einem 
anderen Falle, der ausführliche Mitteilung verdient. Ein junger Mann 
hat einen sehr deutlichen Traum, der ihn an bewußt gebliebene Phan- 
tasien seiner Knabenjahre mahnt: Er befindet sich abends in einem 
Sommerhotel, irrt sich in der Zimmernummer und kommt in einen 
Baum, in dem sich eine ältere Dame und ihre zwei Töchter entkleiden, 
um zu Bette zu gehen. Er setzt fort: Dann sind einige Lücken 
im Traum, da fehlt etwas, und am Ende war ein Mann im 
Zimmer, der mich hinauswerfen wollte, mit dem ich ringen maßte. 
Er bemüht sich vergebens, den Inhalt und die Absicht jener knaben- 
haften Phantasie zu erinnern, auf die der Traum offenbar anspielt. 
Aber man wird endlich aufmerksam, daß der gesuchte Inhalt durch 
die Äußerung über die undeutliche Stelle des Traumes bereits gegeben 
ist. Die „Lücken" sind die Genitalöffnungen der zu Bette gehenden 
Frauen; „da fehlt etwas" beschreibt den Hauptcharakter des weib- 
lichen Genitales. Er brannte in jenen jungen Jahren vor Wißbegierde, 
ein weibliches Genitale zu sehen, und war noch geneigt, an der infan- 
tilen Sexualtheorie, die dem Weibe ein männliches Glied zuschreibt, 
festzuhalten. 

In ganz ähnliche Form kleidete sich eine analoge Reminiszenz 
eines anderen Träumers ein. Er träumt: Ich gehe mit Frl. K. in 

* Begleitende hysterische Symptome: Ausbleiben der Periode und große Ver- 
Btimmung, das Hauptleiden dieser Krauken. 

Orfg fnal f no m 



C r\rs n \ ^ * Un g i n al f no m 

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228 ^^* ^^« TniiMnarbelt 

das Volksgartenrestauraut . . . dann kommt eine dunkle Stelle^ 
eine Unterbrechung . . . dann befinde ich mich in einem Bor- 
dellsalon, in dem ich zwei oder drei Frauen sehe, eiae 
in Hemd und Höschen. 

Analyse: Frl. K. ist die Tochter seines früheren Chefs, wie 
er selbst zugibt, ein Schwesterersatz. Er hatte nur selten Gelegenheit, 
mit ihr zu sprechen, aber einmal fiel eine Unterhaltung zwischen 
ihnen vor, in der „man sich gleichsam in seiner Geschlechfclichkeit 
erkannte, als ob man sagen würde: Ich bin ein Mann und du «ein 
Weib". Im angegebenen Restaurant war er nur einmal in Begleitung 
der Schwester seines Schwagers, eines Mädchens, das ihm vollkommen 
gleichgültig war. Ein andermal begleitete er eine Geeellschaft von 
drei Damen bis zum Eingange in dieses Bestaurant. Die Damen waren 
seine Schwester, seine Schwägerin und die bereits erwähnte Schwester 
seines Schwagers, alle drei ihm höchst gleichgültig, aber alle drei 
der Schwesterreihe angehörig. Ein Bordell hat er nur selten 'besucht, 
vielleicht zwei- oder dreimal in seinem Leben. 

Die Deutung stützte sich auf die „dunkle Stelle", „Unter- 
brechung" im Traume und behauptete, daß er in knabenhafter Wiß- 
begierde einigemale, allerdings nur selten, das Genitale seiner nin 
einige Jahre jüngeren Schwester inspiziert habe. Einige Tage später 
stellte sich die bewußte Erinnerung an die vom Traume angedeutete 
Untat ein. 

Alle Träume derselben Nacht gehören ihrem Inhalt nach zu dem 
nämlichen Ganzen; ihre Sonderung in mehrere Stücke, deren Grup- 

Sierung und Anzahl, all das ist sinnreich uhd darf als ein Btüdc 
litteilung aus den latenten Traumgedanken aufgefaßt werden. Bei 
der Deutung von Träumen, die aus mehreren Hauptstüoken bestehen, 
oder überhaupt solchen, die derselben Nacht angehören, darf man 
auch an die Möglichkeit nicht vergessen, daß diese verschiedenen nnd 
aufeinanderfolgenden Träume dasselbe bedeuten, die nämlichen Ke- 
gungen in verschiedenem Material zum Ausdruck bringen. Der zeitlich 
vorangehende dieser homologen Träume ist dann häufig der ent- 
stelltere, 8chücht<»rne, der nachfolgende ist dreister und deutlicher. 
Schon der -biblische Traum des Pharao von den Ähren und von 
den Kühen, den Josef deutete, war von dieser Art Er findet eich 
bei Josophus (Jüdische Altertümer, Buch ET, Kap. 5 und 6) ausführ- 
licher als in der Bibel berichtet. Nachdem der König den ersten Traum 
erzählt hat, sagt er: „Nach diesem ersten Traumgesicht wachte ich 
beunruhigt auf und dachte nach, was dasselbe wohl bedeuten möge, 
sehlief jedoch hierüber allmählich wieder ein und hatte nun einen 
noch viel seltsameren Traum, der mich noch mehr in Furcht und Ver- 
wirrung gesetzt hat." Nach Anhören der Traumerzählung sagt Josef: 
vDein Traum, o König, ist dem Anschein nach wohl ein zweifacher» 
allein beide Gesichte haben nur eine Bedeutung." 

Jung, der in seinem „Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes" 
erzählt, wie der versteckt erotische Traum eines Schulmädchens von 
ihren Freundinnen ohne Deutung verstanden und in Abänderungen 
weitergeführt wurde, bemerkt zu einer dieser Traumerzählungen, „daß 
der Schlußgedanke einer langen Reihe von Traumbildern genau das 

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Fortschreitende Deatiichkeit aafemanderfolgender Träame. 22S 

enthält, was schon im ersten Bild der Serie darzustellen versucht 
worden war. Die Zensur schiebt den Komplex so lange wie möglich 
weg durch immer wieder erneute symbolische Verdeckungen, Ver- 
schiebungen, Wendungen ins Harmlose usw." (1. c p. 87). 'Scherner 
hat diese Eigentümlichkeit der Traumdarstellung gut gekannt und 
lieschreibt sie im Anschluß an seine Lehre von den Organreizen als 
<in besonderes Gesetz (p. 166). „Endlich aber beobachtet die Phan- 
tasie in allen von bestimmten Nervenreizen ausgehenden symbolischen 
Traumbildungen das gemeingültige Gesetz, daß sie bei Beginn des 
Traumes nur in den fernsten und freiesten Andeutungen des Beiz- 
objektes malt, am Schlüsse aber, wo der malerische Erguß sich er- 
schöpft hatte, den Reiz selbst, respektive sein betreffendes Organ 
oder dessen Funktion in Nacktheit hinstellt, womit der Traum seinen 
organischen Anlaß selbst bezeichnend, das Ende erreicht — — — .** 

Eine echöne Bestätigung dieses S eherner sehen Gesetzes hat 
Otto Bank in seiner Arbeit: „Ein Traum, der sich sdlbst deutet*' 
geliefert. Der von ihm dort mitgeteilte Traum eines Mädchens setzte 
sich aus zwei auch zeitlich gesond^erten Träumen einer Nacht zu- 
sammen, von denen der zweite mit einer Pollution abschloß. Dieser 
Pollutionstraum gestattete eine bis ins einzelne durchgeführte Deutung 
unter weitgehendem Verzicht auf die Beiträge der Träumerin, tind die 
Fülle der Beziehungen zwischen den bsiden Trauminhalten ermöglichte 
es zu erkennen, daß der erste Traum in schüchterner Darstellung das- 
selbe zum Ausdruck bringe wie der zweite, so daß dieser, der Pol- 
hitionstraum, zur yollen Aufklärung des ersteren verhelfen hatte. 
Bank erörtert von diesem Beispiele aus jnit gutem Recht die Be- 
deutung der Pollutionsträume für die Theorie des Träumens überhaupt- 

In solche Lage, Klarheit oder Verworrenheit des Traumes auf 
Sicherheit oder Zweifel im Traummaterial umdeuten zu können, 
kommt man* aber nach meiner Erfahrung nicht in allen Fällen. Ich 
werde späterhin den bisher nicht erwähnten Faktor bei der Traum- 
bildung aufzudecken haben, von dessen Einwirkung diese Qualitäten- 
skala des Traumes wesentlich abhängt. 

In manchen Träumen, die ein Stück weit eine gewisse Situation 
und Szenerie festhalten, kommen Unterbrechungen vor, die mit fol- 
genden Worten beschrieben werden: „Es ist dann aber, als wäre es 
gleichzeitig ein anderer Ort, und dort ereignete sich dies und jenes.". 
was in solcher Weise die Haupthandlung des Traumes unterbricht, 
die nach einer Weile wieder fortgesetzt werden kann, das stellt sich 
im Traummaterial als ein Nebensatz, als ein eingeschobener Gedanke 
heraus. Die Konditicm in den Traumgedanken wird im Traume durch 
Gleichzeitigkeit dargestellt (wenn — wann); 

Was bedeutet die so häufig im Traume erscheinende Sensation 
der gehemmten Bewegung, die so nahe an Angst streift? Man will 
gehen und kommt nicht von der Stelle, will etwas verrichten und 
stößt fortwährend auf Hindernisse. Der Eisenbahnzug will 5iich in 
Bewegung setzen und man kann ihn nicht erreichen; man hebt die 
Hand, lun eine Beleidigung zu rächen, und sie versagt usw. Wir 
sind dieser Sensation im Traume schon bei den Exhibitionsträumen 
begegnet, haben ihre Deutung aber noch nicht ernstlich versucht. 

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^30 ^^' J^e Traumarbelt 

Es ist bequem aber unzureichend, zu antworten, im Schlafe bestehe 
motorische Lähmung, die sich durch die erwähnte Sensation bemerkbar 
macht. Wir dürfen fragen: Warum träumt man dann nicht beständig 
von solchen gehemmten Bewegungen? und wir dürfen erwarten, daß 
diese im Schlafe jederzeit hervorzurufende Sensation irgend welchen 
Zwecken der Darstellung diene und nur durch das im Traummaterial 
gegebene Bedürfnis nach dieser Darstellung erwexjkt werde. 

Das Nichlzustandebringen tritt im Traume nicht immer als 
Sensation, sondern auch einfach als Stück des Trauminhaltes auf. 
Ich halte einen solchen Fall für besonders geeignet, uns über die 
Bedeutung dieses Traumrequisites aufzuklären. Ich werde verkürzt 
einen Traum mitteilen, in dem ich der Unredlichkeit beschuldigt er- 
scheine. Die Ortlichkeit ist ein Gemenge aus einer Privat- 
heilanstalt imd mehreren anderen Lokalen. Ein Die- 
nererscheint, um mich zu einer Untersuchung zu rufen. 
Im Traume weiß ich, daß etwas vermißt wird, und daß 
die Untersuchung wegen des Verdachtes erfolgt, daß 
ich mir das Verlorene angeeignet. Die Analyse zeigt, 
daß Untersuchung zweideutig zu nehmen ist und ärzt- 
liche Untersuchung mit einschließt. Im Bewußtsein 
meiner Unschuld und meiner Konsiliarfunktion in 
diesem Hause gehe ich ruhig mit dem Diener. An einer 
Tür empfängt uns ein anderer Diener und sagt, auf 
mich deutend: Den haben Sie mir mitgebracht, der ist 
ja ein anständiger Mensch. Ich gehe dann ohne Diener 
in einen großen Saal, in dem Maschinen stehen, der 
mich an ein Inferno mit seinen höllischen Strafauf- 
gaben erinnert. An einem Apparat sehe ich einen Kol- 
legen eingespannt, der allen Grund hätte, sich um mich 
zu bekümmern; er beachtet mich aber nicht. Es heißt 
dann, daß ich jetzt gehen kann. Da finde ich meinen, 
Hut nicht und kann doch nicht gehen. 

Es ist offenbar die AVunscherfüllung des Traumes, daß ich als 
ehrlicher Mann anerkannt werde und gehen darf; in den Traum- 
gedanken muß also allerlei Material vorhanden sein, welches den 
Widerspruch dagegen enthält- Daß ich gehen darf, ist das Zeichen 
meiner Absolution; wenn also der Traum am Ende ein Ereignis 
"bringt, das mich im Gehen aufhält, so liegt es wohl nahe zu 
schließen, daß durch diesen Zug das unterdrückte Material des Wider- 
spruches sich zur Geltung bringt. Daß ich den Hut nicht finde, 
"bedeutet also: Du bist doch kein ehrlicher Mensch. Das Nichtzu- 
standebringen des Traumes ist ein Ausdruck des Widerspruches, 
ein vNein", wonach also die frühere Behauptung zu korrigieren ist, 
daß der Traum das Nein nicht auszudrücken vermag*. 

* Eine Boyiehiing zu einem Kindheitserlebnis erg^ibt sich in der vollstAft- 
digen Analyse dur«"h folgende Vermittlung: — Der Mohr hat seine Schuldigkeit 
getan, der Mohr kann gehen. Und dann die Scherzfrage: Wie alt ist der Mohr, 
wenn er seine Schuldigkeit getan hat? Ein Jahr, dann kann er gehen. (Ich soll 
so viel wirres schwarzes Haar mit zur Welt gebracht haben, daß mich die junge 
Mutter für einen kK>inen Mohren erklarte.) — Da3 ich den Hut nicht finde, iit 



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Die Traurahemmun^. Der Traum im Traume. 231 

Li anderen Träumen, welche das Nichtzustandckommen der Be- 
wegung nicht bloß als Situation, sondern als Sensation enthalten, ist 
derselbe Widerspruch durch die Sensation der Bewegungshemmung 
kräftiger ausgedrückt als ein Wille, dem ein Gregenwille sich wider- 
setzt. Die Sensation der Bewegungshemmung stellt also einen W i 1- 
lenskonflikt dar. Wir werden später hören, daß gerade die mo- 
torischo Lähmung im Schlafe zu den fundamentalen Bedingungen 
des psychischen Vorganges während des Träumens gehört. Der auf 
die motorischen Bahnen übertragene Impuls ist nun nichts anderes 
als der Wille, und daß wir sicher sind, im Schlafe diesen Impuls als 
gehemmt zu empfinden, macht den ganzen Vorgang so überaus ge- 
eignet zui- Darstellung des Wollens und des „Nein", das sich ihm 
entgegensetzt. Nach meiner Erklärung der Angst begreift es sich 
auch leicht, daß die Sensation der Willenshemmung der Angst so nahe 
steht und sich im Traume so oft mit ihr verbindet. Die Angst ist 
ein libidinöser Impuls, der vom Unbewußten ausgeht und vom Vor- 
bewußten gehemmt wird. Wo also im Traume die Sensation der 
Hemmung mit Angst verbunden ist, da muß es sich um ein Wollen 
handeln, das einmal fähig war, Libido zu entwickeln, um eine sexuelle 
Kegung. 

Was die häufig während eines Traumes auftauchende Urteils- 
äußerung: „Daß ist ja nur ein Traum" bedeute, und welcher psy- 
chischen Macht sie zuzuschreiben sei, werde ich an anderer Stelle 
(s. u.) erörtern. Ich nehme hier vorweg, daß sie zur Entwer- 
tung des Geträumten dienen soll. Das in der Nähe liegende, 
interessante Problem, was dadurch ausgedrückt wird, wenn ein ge- 
wisser Inhalt im Traum selbst als „geträumt" bezeichnet wird, das 
Rätsel des „Traumes im Traume" hat W. Stekel durch die Analyse 
einiger überzeugender Beispiele in ähnlichem Sinne gelöst. Das „Ge- 
träumte" des Traumes soll wiederum entwertet, seiner Realität be- 
raubt werden ; was nach dem Erwachen aus dem „Traum im Traume" 
weiter geträumt wird, das will der Traumwunsch an die Stelle der 
ausgelöschten Realität setzen. Man darf also annehmen, daß das „Ge- 
träumte" die Darstellung der Realität, die wirkliche Erinnerung, 
der forlset^endü Traum im Gegenteil die Darstellung des bloß vom 
Träumer Gewünschten enthält. Der Einschluß eines gewissen Inhaltes 
in einen „Traum im Traume" ist also gleichzusetzen dem Wunsche, 
daß das so als Traum Bezeichnete nicht hätte geschehen sollen. Mit 
anderen Worten: wenn eine bestimmte Begebenheit von der Traum- 
arbeit selbst in einen Traum gesetzt wird, so bedeutet dies die ent- 
schiedenste Bestätigung der Realität dieser Begebenheit, die stärkste 
Bejahung derselben. Die Traumarbeit verwendet das Träumen selbst 
als eine Form der Ablehnung und bezeugt damit die Einsicht, daß 
der Traum eine Wunscherfüllung ist. 

ein mehrsinnig verwertetes Tageserlebnis. Unser im Aufbewahren geniales Stuben- 
madchen hatte ihn versteckt. — Auch die Ablehnung trauriger Todesgedanken 
verbirgt sich hinter diesem Traumende: Ich habe meine Schuldigkeit noch lange 
nicht getan; ich darf noch nicht gehen. — Geburt und Tod wie in dem kurz 
vorher erfolgten Traume von Goethe und dem Paralytiker (s. u.). 



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232 ^ ^^ Tiaomtibeit 

d) Die Eücksicht auf Darstcllbarkeit 

.Wü* haben es bisher mit der Untersuchung zu tun gehabt, wie 
der Traum die Relation zwischen den Traumgedanken darstellt, 
griffen dabei aber mehrfach auf das weitere Thema zurück, welche 
Veränderung das Traummaterial überhaupt für die Zwecke der Traum- 
bildung erfährt. Wir wissen nun, daß das Traummaterial, seiner Rela- 
tionen zum guten Teile entblößt, einer Kompression unterliegt, w&hrend 
gleichzeitig Intensitätsverschiebungen zwischen seinen Elementen eine 
psychische Umwertung dieses Materials erzwingen. Die Verschiebun- 
gen, die wir berücksichtigt haben, erwiesen sich als Ersetzungen einer 
bestimmten Vorstellung durch eine andere ihr in der Assoziation irgend- 
wie nahestehende, und sie wurden der Verdichtung dienstbar gemacht^ 
indem auf solche Weise anstatt zweier Elemente ein mittleres Ge- 
meinsames zwischen ihnen zur Aufnahme in den Traum gelangte. Von 
einer anderen Art der Verschiebung haben wir noch keine Erwähnung 
getan. Aus den Analysen erfälirt man aber, daß eine solche "besteht, 
und daß sie sich in einer Vertauschung des sprachlichen 
Ausdruckes für den betreffenden Gedanken kundgibt. Es handelt 
sich beidemale um Verschiebung längs einer Assoziationskette, aber 
der gleiche Vorgang tijidet in verschiedenen Sphären statt, und das. 
Ergebnis dieser Verschiebung ist das einemjal, daß ein Element durch 
ein anderes substituiert wii'd, während im anderen Falle ein Element 
seine Wortfassung gegen eine andere vertauscht. 

Diese zweite Art der bei der Traumbildung vorkommenden 
Verschiebungen hat nicht nur großes theoretisches Interesse, sondern 
ist auch besonders gut geeignet, den Anschein phantastischer Ab* 
surdität. mit dem der Traum sich verkleidet, aufzuklären. Die Ver- 
schiebung erfolgt in der Regel nach der Bichtung, daß ein farbloser 
und abstrakter Ausdruck des Traumgedankens gegen einen bildliehen 
und konkreten eingetauscht wird. Der Vorteil und somit die Absicht 
dieses Ersatzes liegt auf der Hand. Das Bildliche ist für den Traum, 
darstellungs fähig," läßt sich in eine Situation einfügen, wo der 
aostrakte Ausdruck der Traumdarstellung ähnliche Schwierigkeiten 
bereiten würde wie etwa ein politischer Leitartikel einer Zeitung der 
Illustration. Aber nicht nur die Darstellbarkeit, auch die Interessen 
der Verdichtung und der Zensur können bei diesem Tausche gewinnen. 
Ist erst der abstrakt ausgedrückt«, unbrauchbare Traumgedanke in 
eine bildliche Sprache umgeformt, so ergeben sich zwischen diesem 
neuen Ausdruck und dem übrigen Traummaterial leichter als vorher 
die Berührungen und Identitäten, welcher die Traumarbeit bedarf,- 
und die sie schafft, wo sie nicht vorhanden sind, denn die konkreten 
Termini sind in jeder Sprache ihrer Entwicklung zufolge -.anknüpf ungs- 
reicher als die begrifflichen. Man kann sich vorstellen, daß ein gutes 
Stück der Zwischenarbeit bei der Traumbilduug, ^velche die geson- 
derten Traumgedanken auf möglichst knappen und einheitlichen Aus- 
druck im Traume zu reduzieren sucht, i auf solche Weise, durch 
passende sprachliche Umformung der einzelnen Gedanken vor sfeh 
geht. Der eine Gedanke, dessen Ausdruck etwa aus anderen Gründen 
feststeht, wird dabei verteilend und auswählend auf die Ausdracks- 



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Die fiUckflicht aaf Darstellbarkeit 23ii 

möglichkeiten des anderen einwirken und dies vielleicht von vorn- 
herein, ähnlich wie bei der Arbeit des Dichters. Wenn ein Gedicht 
in Beimen entstehen soll, so ist die zweite Beimzeile an zwei Be- 
dingungen gebunden; sie muß den ihr zukommenden Sinn ausdrücken) 
und ihr Ausdruck muß den Gleichklang mit der Reimzeile finden. Die 
besten Gedichte sind wohl die, wo man die Absicht, den Reim zu 
finden, nicht merkt, sondern wo beide Gedanken von vornherein durch 
gegenseiöge Induzierung den sprachlichen Ausdruck gewählt haben, 
der mit leichter Nachbearbeitung den Gleichklang entstehen läßt. 

lu einigen Fällen dient die Ausdrucksvertauschung der Traum- 
verdichtung noch auf kürzerem Wege, indem sie eine Wortfügung 
finden läßt, welche als zweideutig mehr als einem der Traumgedanken 
Ausdruck gestattet. Das ganze Gebiet des AVortwitzes wird so der 
Traumarbeit dienstbar gemacht. Man darf sich über die Rolle, welche 
dem Worte bei der Traumbildung zufällt, nicht wundern. Das AVort, 
als der Knotenpunkt mehrfacher Vorstellungen, ist sozusagen eine prä- 
destinierte Vieldeutigkeit, und die Neurosen (Zwangsvorstellungen, Pho- 
bien) benutzen die Vorteile, die das Wort so zur Verdichtung und 
Verkleidung bietet, nicht minder ungescheut wie der Traum*. Daß 
die Traumverstellung bei der Verschiebung des Ausdruckes mitprofi- 
tiert, ist leicht zu zeigen. Es ist ja irreführend, wenn ein zweideu- 
tiges Wort anstatt zweier eindeutiger gesetzt wird ; und der Ersatz 
der alltäglich nüchternen Ausdrucksweise durch eine bildliche hält 
unser Verständnis auf, besonders da der Traum niemals aussagt, ob 
die von ihm gebrachten Elemente wörtlich oder im übertragenen Sinne 
zu deuten sind, direkt od3r durch Vermittlung eingeschobener Redens- 
arten auf das Traummaterial bezogen werden sollen. Es ist im all- 
gemeinen bei der Deutung eines jeden Traumclementes zweifelhaft, 
ob es: 

a) im positiven oder negativen Sinne genommen werden soll (Gegen- 
satzrelation) ; 

6) histerisch zu deuten ist (als Reminiszenz); 

c) symbolisch oder ob 

d) seine Verwertung vom Wortlaute ausgehen soll. 

Trotz dieser Vieldeutigkeit darf man sagen, daß die Darstellung 
der Traumärbeit, die ja nicht beabsichtigt, verstanden zu 
werden, dem Übersetzer keine größeren Schwierigkeiten zumutet als 
etwa die alten Hieroglyphenschreiber ihren Lesern. 

Beispiele von Darstellungen im Traume, die nur durch Zwei* 
deutigkeit des Ausdruckes zusammengehalten werden, habe ich be- 
reits mehrere angeführt („Der Mund geht gut auf" im Injektions- 
traume; „Ich kann noch nicht gehen" im letzten Traume, S. 230 
Usw.). Ich werde nun einen Traum mitteilen, in dessen Analyse die 
Verbildlichung des abstrakten Gedankens eine größere Rolle spielt. 
Der Unterschied solcher Traumdeutung von der Deutung mittels Sym- 
bolik wie im Altertum läßt sich noch immer scharf bestimmen; bei 
der symbolischen Traumdeutung wird der Schlüssel der Symbolisierung 

♦ Vgl. Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, 1905 (2. Aufl. 1912X 
*— und die „Vrort 1. rücken* in den Lö^jungen neurotischer Symptome 



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234 



VL Die TraomArbeit 



vom Traumdeuter gewählt; in unseren Fällen von sprachlicher Ver- 
kleidung sind diese Schlüssel allgemein bekannt und durch fest- 
stehende Sprachübung gegeben. Verfügt man über den richtigen Ein- 
fall zui- rechten Gelegenheit, so kann man Träume dieser Art auch 
unabhängig von den Angaben des Träumers ganz oder stückweise 
-auflösen. 

Eine mir befreundete Dame träumt: Sie befindet sich in 
der Oper. Es ist eine Wagnervorstellung, die bis Vi^ Uhr 
morgens gedauert hat. Im Parkett und Parterre stehen 
Tische, an .denen gespeist und getrunken wird. Ihr eben 
von der Hochzeitsreise heimgekehrter Vetter sitzt an 
einem solchen Tische mit seiner jungen Frau; neben 
ihnen ein Aristokrat. Von diesem heißt es, die junge 
Prau habe sich ihn von der Hochzeitsreise mitgebracht, 
ganz offen, etwa wie man einen Hut von der Hochzeits- 
reise mitbringt. Inmitten des Parketts befindet sich 
ein hoher Turm, der oben eine Plattform trägt, die 
mit einem eisernen Gitter umgeben ist. Dort hoch oben 
ist der Dirigent mit den Zügen Hans Richters; er läuft 
beständig hinter seinem Gitter herum, schwitzt furcht- 
bar und leitet von diesem Posten aus das unten um die 
Basis des Turmes angeordnete Orchester. Sie selbst 
sitzt mit einer (mir bekannten) Freundin in einer Loge. 
Ihre jüngere Schwester will ihr aus dem Parkett ein 
großes Stück Kohle hinaufreichen mit der Motivie- 
rung, sie habe doch nicht gewußt, daß es so lange dauern 
werde, und müsse jetzt wohl erbärmlich^frieren. (Etwa 
als ob die Logen während der langen Vorstellung ge- 
heizt werden müßten.) 

Der Traum ist wohl unsinnig genug, obwohl sonst gut auf eine 
Situation gebracht. Der Turm mitten im Parkett, von dem aus der 
Dirigent das Orchester leitet; vor allem aber die Kohle, die ihr die 
Schwester hinaufreicht! Ich habe von diesem Traume absichtlich keine 
Analyse verlangt ; mit etwas Kenntnis von den persönlichen Be- 
ziehungen der Träumerin gelang es mir, Stücke von ihm selbständig 
zu deuten. Ich wußte, daß sie viel Sympathie für einen Musiker 
gehabt hatte, dessen Laufbahn vorzeitig durch Geisteskrankheit unter- 
brochen worden war. Ich entschloß mich also, den Turm im Parkett 
wörtlich zu nehmen. Dann kam heraus, daß der Mann, den sie 
an Hans Richters Stelle zu sehen gewünscht hätte, die übrigen 
Mitglieder des Orchesters turmhoch überragt. Dieser Turm ist als 
ein Mischgebilde durch Apposition zu bezeichnen; mit seinem 
Unterbau stellt er die Größe des Mannes dar, mit dem Gitter oben, 
hinter dem er ,wie ein Gefangener oder wie ein Tier im Käfig (An- 
spielung auf den Namen d?s Unglücklichen) herumläuft, das spätere 
Schicksal desselben. „Narrenturm" wäre etwa das Wort, in dem die 
beiden Gedanken hätten zusammentreffen können. 

Nachdem so die Darstellungsweise des Traumes aufgedeckt war, 
konnte man versuchen, die zweite scheinbare Absurdität, die mit den 



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Die yertchiebang des sprachlicl^j Aosdnicks. 235 

Sohlen, die ihr von der Schwester gereicht werden, mit demselben 
Schlüssel aufzulösen. „Kohle'' mußte „heimliche Liebe'' bedeuten. 

„Kein Feuer, keine Kohle 
Kann brennen so heiß, 
Als wie heimliche Liebe, 
Von der niemand was weiß." 

Sie selbst und ihre Freundin waren sitzen geblieben; die 
jüngere Schwester, die noch Aussicht hat zu heiraten, reicht ihr die 
Kohle hinauf, „weil sie doch nicht gewußt habe, daß es so lange 
dauern wird". Was so lan^e dauern wird, ist im Traume nicht 
gesagt; in einer Erzählung würden wir ergänzen: die Vorstellung; 
im Traume dürfen wir den Satz für sich ins Auge fassen,. ihn für 
irweideutig erklären und hinzufügen, „bis sie heiratet". Die Deutung 
„heimliche Liebe" wird dann unterstützt durch die Erwähnung des 
Vetters, der mit seiner Frau im Parkett sitzt, und durch die dieser 
letzteren angedichtete offene Liebschaft. Die Gegensätze zwischen 
heimlicher und offener Liebe, zwischen ihrem Feuer und der Kälte 
der jungen Frau beherrschen den Traum. Hier wie dort übrigens ein 
„Hochstehender" als Mittelwort zwischen dem Aristokraten und 
dem zu großen Hoffnungen berechtigenden Musiker. 

Mit den vorstehenden Erörterungen haben wir endlich ein drittes 
Moment aufgedeckt, dessen Anteil bei der Verwandlung der Traum- 
gedanken in den Trauminhalt nicht gering anzuschlagen ist: Die 
üücksicht auf die Darstellbarkeit in dem eigentümlichen 
psychi sehen Material, des sen sich der Traum bedient, also 
zumeist in visuellen Bildern. Unter den verschiedenen Nebenanknüp- 
fungen an die wesentlichen Traumgedanken wird diejenige bevorzugt 
werden, welche eine visuelle Darstellung erlaubt, und die ^Praum- 
arbeit scheut nicht die Mühe, den spröden Gedanken etwa zuerst in 
eine andere sprachliche Form umzugießen, sei diese auch die un- 
gewöhnlichere, wenn sie nur die Darstellung ermöglicht und so der 
psychologischen Bedrängnis des eingeklemmten Denkens ein Ende 
macht. Diese Umleerung des Gedankeninhaltes in eine andere Form 
kann sich aber gleichzeitig in den Dienst der Verdichtungsarbeit stellen 
und Beziehungen zu einem anderen Gedanken schaffen, die sonst nicht 
vorhanden wären. Dieser andere Gedanke mag etwa selbst zum Zwecke 
des Entgegenkommens vorher seinen ursprünglichen Ausdruck ver- 
ändert haben. ^ 

Herbert Silberer hat einen guten Weg gezeigt, wie man die 
bei der Traumbildung vor sich gehende Umsetzung der Gedanken in 
Bilder direkt beobachten und somit dies eine Moment der Traumarbeit 
isoliert studieren kann. Wenn er sich im Zustande der Ermüdung 
und Schlaftrunkenheit eine Denkanstrengung auferlegte, so ereigneto 
es sich ihm häufig, daß ihm der Gedanke entschlüpfte und dafür 
ein Bild auftrat, in dem er nun den Ersatz des Gedankens erkennen 
konnte. Si Iberer nennt diesen Ersatz nicht ganz zweckmäßig einen 
,taT tosymboüscVen". Ich gebe hier einig2 Beispiele aus der Arbeit 
von Silberer wieder, auf welche ieh wegen gewisser Eigenschaften 



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236 ^^' ^® Traamarbeit 

der "beobachteten Phänomene noch an anderer Stelle zurüctk'ommeÄ 
»werde. 

„Beispiel Nr. 1. Ich denke daran, daß ich vorhabe, in einont 
Aufsatze eine holprige Stelle auszubessern. 

Symbol: Ich sehe mich, ein Stück Holz glatt hobeln; 

Beispiel Nr. 5. Ich suche mir den Zweck gewisser metaphysischer 
Studien, die ich eben zu betreiben vorhabe, zu vergegenwärtigen. 
Dieeer Zweck besteht darin, so denke ich mir, daß man sich auf 
der Suche nach den Daseinsgründen zu immer höheren Bewußtseins- 
formen oder Daseinsschichten durcharbeitet. 

Symbol: Ich fahre mit einem langen Messer unter eine Torte^ 
wici um ein Stück davon zu nehmen. 

Deutung: Meine Bewegung mit dem Messer bedeutet das ,Durch- 
arbeiten*, von dem die Rede ist. . . . Die Erklärung des Symbol- 
grundes ist die folgende: Es fällt mir bei Tisch hie und da .daa 
Zerschneiden und Vorlegen einer Torte zu, ein Geschäft, welches ich 
mit einem langen biegsamen Messer verrichte, was einige Sorgfalt er- 
heischt. Insbesondere ist das reinliche Herausheben der geschnittenen 
Tortenteile mit gewissen Schwierigkeiten verbunden; das Messer mu& 
behutsam unter die betreffenden Stücke geschoben werden (da» 
langsame ^Durcharbeiten*, um zu den Gründen zu gelangen). E» 
liegt aber noch mehr Symbolik in dem Bild. Die Torte des Sym- 
bols war nämlich eine Dobos-Torte, also eine Torte, bei welcher daa 
schneidende Messer durch verschiedene Schichten zu dringen hai 
(die Schichten des Bewußtseins und Denkens). 

Beispiel Nr. 9. Ich verliere in einem Gedankengang den Paden^ 
Ich gebe mir Mühe, ihn wieder zu finden, muß aber erkennen, daü 
mir der Anknüpfungspunkt vollends entfallen ist. 

Symbol: Ein Stück Schriftsatz, dessen letzte Zeilen herausge- 
fallen sind.** 

Angesichts der Rolle, welche Witzworte, Zitate, Lieder und 
Sprichwörter im Gedankenleben der Gebildeten spielen, wäre es voll- 
kommen der Erwartung gemäß, wenn Verkleidungen solcher Art 
überaus häufig für Darstellung der Traumgedanken verwendet wer- 
den sollten. Was bedeuten z. B. im Traume Wagen, von denen jeder 
mit anderem Gemüse angefüllt ist? Es ist der Wunschgegensatz voa 
„Kraut und Rüben**, also „Durcheinander** und bedeutet demnach 
„Unordnung**. Ich habe mich gewundert, daß mir dieser Traum nur 
ein einziges Mal berichtet worden ist. Nur für wenige Materien hat 
eich eine allgemein gültige Traumsymbolik herausgebildet, auf Grund 
allgemein bekannter Anspielungen und Wortersetzungen. Den größten 
Teil dieser Symbolik hat übrigens der Traum mit denPsychoneurosen, 
den Sagen und Volksgebräuchen gemeinsam. 

Ja, wenn man genauer zusieht, muß . man erkennen, daß die 
Traumarbeit mit dieser Art von Ersetzung überhaupt nichts Originelles 
leistet. Zur Erreichung ihrer Zwecke, in diesem Falle der zensur- 
freien üarstellbarkeit, wandelt sie eben nur die Wege, die sie im 
unbewußten Denken bereits gebahnt vorfindet, bevorzujB:t sie jene Um- 



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Die TraumsymboUk. 237 

-Wandlungen des verdrängten Materials, die als Witz und Anspielung 
a^uch bewußt werden dürfen, und von denen alle Phantasien der. 
JNeurotiker erfüllt sind. Hier eröffnet sich dann plötzlich ein Ver- 
fitändnis für die Traumdeutungen Scherners, deren richtigen Kern 
ich an anderer Stelle verteidigt habe. Die Phantaaiebeschäftigung 
mit dem eigenen Körper ist keineswegs dem Traume allein eigen- 
tümlich oder für ihn charakteristisch. Meine Analysen haben mir 
j^ezeigt, daß sie im unbewußten Denken der Neurotiker ein regel- 
mäßiges Vorkommnis ist und auf die sexuelle Neugierde zurückgeht, 
<leren Gegenstand die Genitalien des anderen, aber doch auch die des 
eigenen Geschlechtes, für den heranwachsenden Jüngling oder für die 
Jungi'rau werden. Wie aber Scherner und Volkelt ganz zutref- 
fend hervorheben, ist das Haus nicht der einzige Vorstellungskreis, 
der zur Symbolisierung der Leiblichkeit verwendet wird — im Traume 
so wenig wie im unbewußten Phantasieren der Neurose. Ich kenne 
Patienten, die allerdings die architektonische Symbolik des Körpers 
und der Genitalien (reicht doch das sexuelle Interesse weit über das 
Gebiet der äußeren Genitalien hinaus) beibehalten haben, denen Pfei- 
ler und Säulen Beine bedeuten (wie im Hohen Lied), die jedes Tor 
an eine der Körperöffnungen („Loch")» die jede Wasserleitung an 
den Harnapparat denken läßt usw. Aber ebenso gern wird der Vor- 
fitellungskreis des Pflanzenlebens oder der Küche zum Versteck sexu- 
eller Bilder gewählt*; im ersteren Falle hat der Sprachgebrauch, der 
Niederschlag von Phantasievergleichungen ältester Zeiten, reichlich 
vorgearbeitet (der „Weinberg" des Herrn, der „Samen", der „Garten** 
des Mädchens im Hohen Lied). In scheinbar harmlosen Anspielungen 
an die Verrichtungen der Küche lassen sich die häßlichsten wie die 
intimsten Einzelheiten des Sexuallebens denken und träumen, und die 
Symptomatik der Hysterie wird geradezu undeutbar, wenn man ver- 
gißt, daß sich sexuelle Symbolik hinter dem Alltäglichen und Un- 
auffälligen als seinem besten Versteck verbergen kann. Es hat seinen 
guten sexuellen Sinn, wenn neurotische Kinder kein Blut imd kein 
rohes Fleisch sehen wollen, bei Eiern und Nudeln erbrechen, wenn 
die dem Menschen natürliche Furcht vor der Schlange beim Neurotiker 
eine ungeheuerjiche Steigerung erfährt, und überall wo die Neurose 
fiich solcher Verhüllung bedient, wandelt sie die Wege, die einst in 
alten Kulturperioden die ganze Menschheit begangen hat, und von 
deren Existenz unter leichter Verschüttung heute noch Sprachge- 
brauch, Aberglaube und Sitte Zeugnis ablegen. 

Ich füge hier den angekündigten Blumentraum meiner Patientin 
ein, in dem ich alles, was sexuell zu deuten ist, unterstreiche. Der 
schöne Traum wollte der Träumerin nach der Deutung gar nicht 
mehr gefallen. 

a) Vortraum: Sie geht in die Küchezu den beiden Mäd- 
chen und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden „mit 
dem Bissei Essen", und sieht dabei so viel umgestürztes 
Geschirr zum Abtropfen stehen, grobes Geschirr in 



• Reichliches Belegmaterial hiezu in den drei Ergänzungsbänden von Ed. 
Fuchs* „lUustr. Sittengeschichte" (Privatdrucke bei A. Langen, München). 



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238 ^^ ^® TrAomarbcit. 

Haufen zusammengostell t. Späterer Zusatz: Die beiden 
Alädchen gehen Wasser holen und müssen dabei wie 
in einen Fluß steigen, der bis ins Haus oder in d^en. 
Hof reicht*. 

h) Hauptlraum** : Sie steigt von hoch herab*** über 
eigentümliche Geländer oder Zäune, die zu großen Karos 
vereinigt sind und aus Flechtwerk von kleinen Quar 
draten bestehent. Es ist eigentlich nicht zum Steigen 
eingerichtet; sie hat immer Sorge, daß sie Platz für 
den Fuß findet, und freut sich, daß ihr Kleid dabei nir- 
gends hängen bleibt, daß sie im Gehen so anständige 
bleibttt. Dabei trägt sie einen {i^roßen Ast in der Handtttr 
eigentlich wie einen Baum, der dick mit roten Blüten 
besetzt ist, verzweigt und ausgebreite t§. Dabei ist 
die Idee Kirsch blüton, sie sehen aber auch aus wie ge- 
füllte Kamelien« die freilich nicht auf Bäumen wach- 
sen. Während des Herabgehens hat sie zuerst einen, 
dann plötzlich zwei, später wieder einen§§. Wie sie un- 
ten anlangt, sind die unteren BlQten schon ziemlich 
abgefallen. Sie sieht dann, unten angelangt, einen Haus- 
knecht, der einen eben solchen Baum, sie möchte sagen 
— kämmt, d. h. mit einem Holze dicke Haarbüschel, die 
wie Moos von ihm herabhängen, rauft. Andere Arbeiter 
haben solche Äsle aus einem Garten abgehauen und auf 
die Straße geworfen, wo sie herumliegen, so daß viele Leute 
sich davon nehmen. Sie fragt aber, ob das recht ist, ob 
man sich auch einen nehmen kann§.^§. Im Garten steht 
ein junger Mann (von ihr bekannter Persönlichkeit, ein Frem- 
der), auf den sie zugeht, um ihn zu fragen, wie man 
solche Äste in ihren eigenen Garten umsetzen könne*t* 
Er umfängt sie, worauf sie sich sträubt und ihn fragt, 
was ihm einfällt, ob man sie denn so umfangen darf. 
Er sagt, das ist kein Unrecht, das ist erlaubt**!- Er er- 
klärt sich dann bereit, mit ihr in den anderen Garten 
zu gehen, um ihr das Einsetzen zu zeigen, und sagt 
ihr etwas, was sie nicht recht versteht: Es fehlen mir 



* Zur Deutung dieses als „kausal** zu nehmenden Vortraumes sielie S. 215. 
** Ihr Lebenslauf. 
*** Hohe Abkunft^ Wunschgejrensatz zum Vortraume. 

t Mischgebilde, das zwei Lokalitäten vereinigt, den sogenannten Boden des 
Vaterhauses, auf dem sie mit dem Bruder spielte, dem Gegenstand ihrer späteren 
Phantasien, und den Hof eines schlimmen Onkels, der sie zu necken pflegte. 

tt -Wunschgesrensatz zu einer realen Erinnerung vom Hofe des Onkels, daß 
sie sich im Schlafe zu entblößen pflegte. 

ttt Wie der Engel in der Verkündis^ung Maria einen Lilienstengel. 

§ Die Erklärung dieses Mischgebildes siehe S. 218: Unschuld, Periode, Ea- 
meliendame. 

g§ Auf die Mehrheit der ihrer Phantasie dienenden Personen. 
§p Ob man sich auch einen herunterreißen darf, i. e. masturbieren. 
^t Der Ast hat längst die Vertretung des männlichen Genitales übernommen^ 
enthält übrigens eine sehr deutliche Anspielung auf den Familiennamen. 
**\ Bezieht sich wie das Nächstfolgende auf eheliche Vorsichten. 



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Ein Beispiel von Symbolik des Sexuellen. 23) 

ohnedies drei Meter — (später sagt sie: Quadratmeter) oder 
drei Klafter Gruad. Es ist, als ob er für seine Bereit- 
willigkeit etwas von ihr verlangen würde, als ob er 
die Absieht hätte, sich in ihrem Garten zu entschädigen, 
oder als wollte er irgend ein Gesetz betrügen, einen 
Vorteil davon haben, ohne daß sie einen Schaden hat. 
Ob er ihr dann wirklich etwas zeigt, weiß sie nicht*. 
Ich habe natürlich gerade an solchem Material Überfluß, aber 
dessen Mitteilung würde zu tief in die Erörterung neurotischer Ver- 
hältnisse führen. Alles leitete zum gleichen Schluß, daß man keine 
besondere symbolisierende Tätigkeit der Seele bei der Traumarbeit 
anzunehmen braucht, sondern daß der Traum sich solcher Symboli- 
sierungen, welche im unbewußten Denken bereits fertig enthalten 
sind, bedient, weil sie wegen ihrer Darstellbarkeit, zumeist auca 
wegen ihrer Zensurfreiheit, den Anforderungen der Traumbildung 
besser genügen. 

e) Die Darstellung durch Symbole im Traume. 
Weitere typische Träume. 

"Wenn man sich mit der ausgiebigen Verwendung der Symbolik 
für die Darstellung sexuellen Materials im Traume vertraut gemacht 
hat, muß man sich die Frage vorlegen, ob nicht viele dieser Symbole 
wie die „Sigel" der Stenographie mit ein für allemal festgelegter 
Bedeutung auftreten, und sieht sich vor der Versuchung, ein neues 
Traumbuch nach der Chiffriermethode zu entwerfen. Dazu ist zu 
bemerken: Diese Symbolik gehört nicht dem Traume zu eigen an, 
sondern dem unbewußten Vorstellen, speziell des Volkes, und ist im 
Folklore, in den Mythen, Sagen, Redensarten, in der Spruchweisheit 
und in den -umlaufenden Witzen eines Volkes vollständiger als im 
Traume aufzufinden. Wir müßten also die Aufgabe der Traumdeutung 
weit überschreiten, wenn wir der Bedeutung des Symbols gerecht 
werden und die zahlreichen, großenteils noch ungelösten Probleme 
erörtern wollten, welche sich an den Begriff des Symbols knüpfen**. 
Wir wollen uns hier darauf beschränken zu sagen, daß die Dar- 
stellung durch ein Symbol zu den indirekten Darstellungen gehört, 
daß wir aber (iurch allerlei Anzeichen gewarnt werden, die Symbol- 
darstellung unterschiedslos mit den anderen Arten indirekter Dar- 
stellung zusammenzuwerfen, ohne noch diese unterscheidenden Merk- 
male in Jbegrifflicher Klarheit erfassen zu können. In einer Reihe 
von Fällen ist das Gemeinsame zwischen dem S/mbol und dem Eigent- 

♦ Ein analoger „biographischer" Traum ist der anter den Beispielen zmt 
Tmumsymbolik als dritter mitgeteilte; ferner der von Kank ausführlich mit- 
geteilte „Traum, der sich selbst deutet"; einen anderen, der .»verkehrt** gelesen 
werden muß, siehe bei Stekel p. 486. 

•* Vgl. die Arbeiten von Bleuler und seinen Züricher Schülern Maeder^ 
Abraham u. a. über Symbolik, und die nicht ärztlichen Autoren, auf welche sie 
»ich beziehen (Eleinpaul u. a.). Das Zutreffendste, was über diesen Gegen- 
stand geäußert worden ist, findet sich in der Schrift von 0. Kank und H. Sachs, 
Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften, 1913« Kap. L 



r^onnlp^ Original from 

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240 ^^ ^^ Tnamirbeit 

liehen, für welches es eintritt, offenkundig; in anderen ist es ver- 
steckt; die Wahl des Symbols erscheint dann rätselhaft. Gerade diese 
Fälle müssen auf den letzten Sinn der Symbolbeziehung Licht werfen 
können; sie weisen darauf hin, daß dieselbe genetischer Natur ist. 
.Was heute symbolisch verbunden ist, war wahrscheinlich in Urzeiten 
durch begriffliche und sprachliche Identität vereint. Die Symbol- 
beziehung scheint ein Best und Merkzeichen einstiger Identität. Dabei 
kann man beobachten, daß die Symbolgemeinschaft in einer Anzahl 
von Fällen über die Sprachgemeinschaft hinausreicht, wie bereits Schu- 
bert (1814) behauptet hat*. Eine Anzahl von Symbolen ist so alt 
wie die Spraehbildung überhaupt, andere werden aber in der Gegen- 
:wart fortlaufend neugebildet (z. B. das Luftschiff, der Zeppelin). 

Der Traum bedient nun sich dieser Symbolik zur verkleideten 
Darstellung seiner latenten Gedanken. Unter den so verwendeten 
Symbolen sind nun allerdings viele, die regelmäßig oder fast regel- 
mäßig das nämliche bedeuten wollen. Nur möge man der eigentüm- 
lichen Plastizität des psychischen Materials eingedenk bleiben. Ein 
Symbol kann oft genug im Trauminhalt nicht symbolisch, sondern 
in seinem eigentlichen Sinne zu deuten sein; andere Male kann ein 
Träumer sich aus speziellem Erinnerungsmaterial das Recht schaffen, 
alles mögliche als Sexualsymbol zu verwenden, was nicht allgemein 
80 verwendet wird. Wo ihm zur Darstellung eines Inhaltes mehrere 
Symbole zur Auswahl bereit stehen, wird er sich für jenes Symbol 
entscheiden, das überdies noch Sachbeziehungen zu seinem sonstigen 
Gedankenmaterial aufweist, also eine individuelle Motivierung neben 
der typisch gültigen gestattet. 

Wenn die neueren Forschungen über den Traum seit Scherner 
die Anerkennung der Traumsymbolik unabweisbar gemacht haben 
— selbst H. Ellis bekennt sich dazu, es sei ein Zweifel nicht 
möglich, daß unsere Träume von Symbolik erfüllt seien — , so ist 
doch zuzugeben, daß die Aufgabe einer Ti^aumdeutung durch die 
Existenz der Symbole im Traume nicht nur erleichtert, sondern auch 
erschwert wird. Die Technik der Deutung nach den freien Ein- 
fällen des Träumers läßt uns für die symbolischen Elemente des 
Trauminhaltes meist im Stich ; eine Rückkehr zur AYillkür des Traum- 
deuters, wie sie im Altertum geübt wurde und in den verwilderten 
Deutungen von S t e k e 1 wieder aufzuleben scheint, ist aus Motiven 
wissenschaftlicher Kritik ausgeschlossen. Somit nötigen uns die im 
Trauminhalt vorhandenen symbolisch aufzufassenden Elemente zu einer 
kombinierten Technik, welche sich einerseits auf die Assoziationen 
des Träumers stützt, anderseits das Fehlende aus dem Symbolverständ- 
nis des Deuters einsetzt. Kritische Vorsicht in der Auflösung der 
Symbole und sorgfältiges Studium derselben an besonders durchsich- 
tigen Traumbeispielen müssen zusammentreffen, um den Vorwurf der 

• So tritt z. B. das auf dem Wasser fahrende Schiff in den Harn träumen 
iinfrarischer Träumer auf, obwohl dieser Sprache die Bezeichnung „schiffen" für 
^, urinieren" fremd ist (Ferenczi; vgl. auch S. 251). In den Träumen von Fran- 
zosen und anderen Romanen dient das Zimmer zur symbolischen Darstellung der 
l'rau, obwohl diese Völker nichts dem deutschen „Frauenzimmer" Analoges kennen. 



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Beispiele typiacher Sjmbole. 241 

Willkürlichkeit in der Traumdeutung zu entkräften. Die Unsicher- 
heiten, die unserer Tätigkeit als Deuter des Traumes noch anhaften, 
rühren zum Teil von unserer unvollkommenen Erkenntnis her, die 
durch weitere Vertiefung fortschreitend gehoben werden kann, zum 
anderen Teil hängen sie gerade von gewissen Eigenschaften der Traum- 
syml)ole ab. Dieselben sind oft viel- und mehrdeutig, so daß, wie 
in der chinesischen Schrift, erst der Zusammenhang die jedesmal rich- 
tige Auffassung ermöglicht. Mit dieser Vieldeutigkeit der Symbole 
verbindet sich dann die Eignung des Traumes, Ü^rdeutungen zuzu- 
lassen, in einem Inhalt verschiedene, oft ihrer Natur nach sehr ab- 
weichende Gedankenbildungen und Wunschregungen darzustellen. 

Nach diesen Einschränkungen und Verwahrungen führe ich an: 
Der Kaiser und die Kaiserin (König und Königin) stellen wirklich 
zumeist die Eltern des Träumers dar, Prinz oder Prinzessin ist er 
selbst. Dieselbe hohe Autorität wie dem Kaiser wird aber auch gro- 
ßen Männern zugestanden, darum erscheint in manchen Träumen z. B. 
Goethe als Vatersymbol. (Hitschmann.) — Alle in die Länge 
reichenden Objekte, Stöcke, Bauüistämme, Schirme (des der Erektion 
vergleichbaren Aufspannens wegen I), alle länglichen und scharfen Waf- 
fen: Messer, Dolche, Piken, wollen das männliche Glied vertreten. 
Ein häufiges, nicht recht verständliches Sjnnbol desselben ist die 
Nagelfeile (des Reibens und Schabens wegen?). — Dosen, Schachteln, 
Kästen, Schränke, Öfen entsprechen dem Frauenleib, aber auch Höh- 
len, Schiffe und alle Arten von Gefäßen. — Zimmer im Traume 
sind zumeist Frauenzimmer, die Schilderung ihrer verschiedenen Ein- 
gänge und Ausgänge, macht an dieser Auslegung gerade nicht irre*. 
Das Interesse, ob das Zimmer „offen" oder „verschlossen" ist, wird 
in diesem Zusammenhange leicht verständlich. (Vgl. den Traum Doras 
im „Bruchstück einer Hysterieanalyse".) Welcher Schlüssel das Zim- 
mer aufsperrt, braucht 'dann nicht ausdrücklich gesagt zu werden; 
die Symbolik von Schloß und Schlüssel hat U hl and im Lied vom 
„Grafen Eberstein" zur anmutigsten Zote gedient. — Der Traum, 
durch eine Flucht von Zimmern zu gehen, ist ein Bordell- oder Harems- 
traum. Er wird aber, wie H. Sachs an schönen Beispielen gezeigt 
hat, zur Darstellung der Ehe (Gegensatz) verwendet. — Eine inter- 
essante Beziehung zur infantilen Sexualforschung ergibt sich, wenn 
der Träumer von zwei Zimmern träumt, die früher eines waren, oder 
ein ihm bekanntes Zimmer einer Wohnung im Traume in zwei geteilt 
sieht, oder das Umgekehrte. In der Kindheit hat man das weibliche 

"^ „Ein ia einer Pension wohnender Patient träumt, er begegne jemand vom 
Dienstpersonal und frage sie, welohe Nummer sie habe; sie antwortet zu seiner 
Überraschung : 14. Tatsächlich hat er Beziehungen zu dem in Rede atehendea 
Mädchen angeknüpft nnd auch mehrmals Zusammenkünfte mit ihr in seinem 
Schlafzimmer gehabt. Sie befürchtet« begreiflicherweise, daß die Wirtin sie im 
Terdacht habe, und machte ihm am Tage yor dem Traum den Vorschlag, sich 
mit ihr in einem der unbewohnten Zimmer zu treffen. In Wirklichkeit hatte 
dieses Zimmer die Nummer 14, während im Traum das Weib diese Nummer trägt. 
Ein deutlicherer Beleg für die Identifizierung von Frau und Zimmer läßt sich 
kaum denken." (Ernest Jones, Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse II, 1914.) (Vgl. 
Artemidorus, „Symbolik der Träume** [übersetzt von F. S. Krauß, Wien 
18S1. p. 110]: ,,So z. B. bedeutet die Schlafstube die Gattin, falls eine solche 
im Hause ist.**) 

Vrcnd. Trmumdixntuoff. 5. Anfl. 1^ 



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Orrgfnaf from 
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242 '^ ^« Tnmmarbeil 

Genitale (den Pope) für einen einzi^n Raum gehalten (die infantil» 
Kloakentheorie) und erst später erfahren» daß diese Körperregion zwei 
geeonderte Höhlungen und Offnungen umfaßt. — Stiegen, Leitern, 
Treppen, respektive das Steigen auf ihnen, und zwar sowohl aufwärts 
als abwärts, sind symbolisdie Darstellungen des Greschlechtsaktes*. — 
Glatte Wände, über die man klettert, Fassaden von Häusern, an denen 
man sich — häufig unter starker Angst — herabläßt, ontsprechei^ 
aufrechten menschlichen Körpern, wiederholen im Traum wahrschein- 
lich die Erinnerung an das Emporklettem des kleinen Kindes an 
Eltern und Pflegepersonen. Die „glatten'* Mauern sind Männer; 
den „Vorsprtlngen*' der Häuser hält man sich nicht selten in der 
Traumangst fest* — Tische, gedeckte Tische und Bretter sind gleich- 
falls Frauen, wohl des G^ensatzes wegen, der hier die Körperwölbun- 
gen aufhebt. „Holz^' scheint überhaupt nach seinen sprachlichen Be- 
ziehungen ein Vertreter des weiblichen Stoffes (Materie) zu sein. Der 
Name der Insel Madeira bedeutet im Portugiesischen: Holz. Da 
„Tisch und Bett'^ die Ehe ausmachen, wird im Traume häufig der 
erstere für das letztere gesetzt, und soweit es angeht, der ßexuelle 
Vorstellungskomplex auf den Eßkomplex transponiert. — Von Klei- 
dungsstücken ist der Hut einer Frau sehr häufig mit Sicherheit als 
Genitale, und zwar des Mannes, zu deuten. Ebenso der Mantel, wobei 
es dahingestellt bleibt, welcher Anteil an dieser Symbolverwendung 
dem Wortanklang zukommt. In Träumen der Männer findet man 
häufig die Kravate als Symbol des Penis, wohl nicht nur darum» 
weil sie lange herabhängt unä für den Mann charakteristisch ist, 
sondern auch, weil man sie nach seinem Wohlgefallen auswählen kann, 
eine Freiheit, die beim Eigentlichen dieses Sjrmbols von der Natur 
▼erwehrt ist**. Personen, die dies Symbol im Traume verwenden, treiben 
im Leben oft großen Luxus mit Kravaten und besitzen förmliche 

* loh wiederhole hierüber, was ich an anderer Stelle (Die zukünttigeA 
Chancen der psychoanalytischen Therapie, Zentralbl. f. Psychoanalyse I, Nr. 1/2, 
1910) ffe&oßert habe: „Vor einiger Zeit wurde es mir bekannt daß ein nun ferner 
stehender Psychologe sich an einen von uns mit der Bemerkung gewendet, wir 
überschitcten doch gewiß die geheime sexuelle Bedeutung der Träume. Sein häu- 
figster Traum sei, eine Stiege hinaufzusteigen, und da sei doch gewiß nichts 
Sexuelles dahinter. Durch diesen Einwand aufmerksam gemacht haben wir dem 
Vorkommen von Stiegen, Treppen, Leitern im Tiaum Aufmerksamkeit geschenkt 
und konnten bald feststellen, daß die Stiege (und was ihr analog ist) ein sicheres 
Koittissymbol darstellt. Die Grundlage der Vergleichung ist nicht schwer auf- 
zufinden; in rhythmischen Absatzen, unter zunehmender Atemnot kommt man 
auf eine Höhe und kann dann in ein paar raschen Sprüngen wieder unten sein. 
So findet sich der Rhythmus des Koitus im Stiegensteigen wieder. Vergessen 
wir nicht, den Sprachgebrauch heransuziehen. Er zeigt uns. daß das ,,St^igea'' 
ohne weiteres als Ersatzbezeiohnung der sexuellen Aktion gebraucht wird. Man 
pflegt z\^ sagen, der Mann ist ein „Steiger**, „nachsteigen**. Im Fraazösischen 
heißt die Stufe der Treppe la marohe; „un rieux marcheor" deckt sich ganz mit 
unserem „ein alter Steigert 

♦♦ Vgl. im Zbl. ffir Ps.-A. II, 676 die Zeichnung einer 19j»hrigen Manischen: 
ein Mann mit einer Schlange als Kravate, die sich einem Mädchen entgegeoi- 
wendet. Dazu die Geschichte „Der Schamhaftige** (Anthrop. VI, HZi): In eine 
Badestube trat eine Dame ein, und dort befand sich ein Herr, der kaum das 
Hemd anzulegen vermochte; er war sehr beschämt, deckte sich aber sofort den 
Hals mit dem Vorderteil des Hemdes zu und sagte: „Bitte am Verzeihung, bin 
ohne Kravate/' 



C^ f\n n 1 i> Un g I n al f no m 

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Typische sexuelle Sjmbole. 243 

• 

Sammlungen von ihnen. — Alle komplizierten Maschinerien und Ap- 
parate der Träume sind mit großer Wahrscheinlichkeit Genitalien — 
in der Regel männliche — , in deren Beschreibung sich die Traumsym- 
bolik so unermüdlich wie die Witzarbeit erweist. Ganz unverkennbar 
ist es auch, daß alle Waffen und Werkzeuge zu Symbolen des männ- 
lichen Gliedes verwendet werden: Pflug, Hammer, Flinte, Revolver, 
Dolch, Säbel usw. — Ebenso sind viele Landschaften der Tz'äume, 
besonders solche mit Brücken oder mit bewaldeten Bergen, unschwer 
als Genitalbeschreibungen zu erkennen. Marcinowski hat eine 
Roihe von Beispielen gesammelt, in denen die Träumer ihre Träume 
durch Zeichnungen erläuterten, welche die darin vorkommenden Land- 
schaften und Räumlichkeiten darstellen sollten. Diese Zeichnungen ma- 
chen den Untei*schied von manifester und latenter Bedeutung im Traume 
sehr anschaulich. Während sie arglos betrachtet Pläne, Landkarten 
u. dgl. zu bringen scheinen, enthüllen sie sich einer eindringlicheren 
Untersuchung als Darstellungen des menschlichen Körpers, der Geni- 
talien usw. und ermöglichen erst nach dieser Auffassung das Verständ- 
nis des Traumes. (Vgl. hiezu Pf ist er s Arbeiten über Kryptographie 
und Vexierbilder.) Auch darf man bei unverständlichen Wortneubildun- 
gen an Zusammensetzung aus Bestandteilen mit sexueller Bedeutung 
denken. — Auch Kinder bedeuten im Traume oft nichts arideres als' 
Genitalien, wie ja Männer und Frauen gewohnt sind, ihr Genitale 
liebkosend als ihr „Kleines" zu bezeichnen. Mit einem kleinen Kinde 
spielen, den Kleinen schlagen usw. sind häufig Traumdarstellungen 
der Onanie. — Zur symbolischen Darstellung der Kastration dient 
der Traumarbeit : die Kahlheit, das Haarschneiden, der Zahnausfall 
und das Köpfen. Als Verwahrung gegen die Kastration ist es auf- 
zufassen, wenn eines der gebräuchlichen Penissymbole im Traume 
i« Doppel- oder Mehrzahl vorkommt. Auch das Auftreten der 
Eidechse im Traume — eines Tieres, dem der abgerissene Schwanz 
nachwächst — hat dieselbe Bedeutung. (Vgl. den Eidechsentraum 
S. 7.) — Von den Tieren, die in Mythologie und Folklore als Genital- 
symbolo vexwendet werden, spielen mehrere auch im Traum diese 
Rolle: der Fisch, die Schnecke, die Katze, die Maus (der Genital- 
behaarung wegen), vor allem aber das bedeutsamste Symbol des männ- 
lichen Gliedes, die Schlange. Kleine Tiere, Ungeziefer, sind die Ver- 
treter von kleinen Kindern, z. B. der unerwünschten Geschwister; 
mit Ungeziefer behaftet sein, ist oft gleichzusetzen der Gravidität. 
— Als ein ganz rezentes Traumsymbol des männlichen Genitales 
ist das Luftschiff zu erwähnen, welches sowohl durch seine Be- 
ziehung zum Fliegen wie gelegentlich durch seine Fonn solche Ver- 
wendung rechtfertigt. — Eine Reihe anderer, zum Teil noch nicht 
genügend verifizierter Symbole hat Stekel angegeben und durch Bei- 
spiele belegt. Die Schriften von Stekel, besonders sein Buch: ,,Die 
Sprache des Traumes", enthalten die reichste Sammlung von Symbol- 
auflösningen, die zum Teil scharfsinnig erraten sind und sich bei der 
Nachprüfung als richtig erwiesen haben, z. B. in dem Abschnitt über 
die Symbolik des Todes. Die mangelhafte Kritik des Verfassers und 
seine Neigung zu Verallgemeinerungen um jeden Preis machen aber 
andere seiner Deutungen zweifelhaft oder unverwendbar, so daß bei 

i i\i\n\£^ Original from ^^* 

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244 - ^^ ^^ Traomarbeit 

dem Gebrauch dieser Arbeiten Vorsicht dringend anzuraten ist. Ich 
beschränke mich darum auf die Hervorhebung weniger Beispiele. 

Hechts und Links sollen nach Stekel im Traum ethisch auf- 
zufassen sein. „Der rechte Weg bedeutet immer den Weg des Rech- 
tes, der linke den des Verbrechens. So kann der linke Homosexuali- 
tät, Inzest, Perversion, der rechte die Ehe, Verkehr mit einer Dirne 
usw. darstellen. Immer gewertet von dem individuell moralischen 
Standpunkt dc-s Träumers" (L c. p. 466). Die Verwandten überhaupt 
spielen im Traume meistens die Rolle von Grenitalien (p. 173). Hier 
kann ich in dieser Bedeutung nur den Sohn, die Tochter, die jüngere 
Schwester bestätigen, soweit also das Anwendungsgebiet des „Kleinen" 
reicht. Dagegen erkennt man an gesicherten Beispielen die Schwe- 
stern als Symbole der Brüste, die Brüder als solche der großen 
Hemisphären. Das Nichte inholen eines Wagens löst Stekel als 
das Bedauern über eine nicht einzuholende Altersdifferenz (p. ITS). Das 
Gepäc k, mit dem man reist, sei die Sündenlast, von der man gedrückt 
wird (ibid.). Gerade das Reisegepäck erweist sich aber häufig als un- 
verkennbares Symbol der eigenen Genitalien. Auch den häufig in 
Träumen vorkommenden Zahlen hat Stekel fixierte Symbolbedeutun- 
gen zugewiesen, doch erscheinen diese Auflösungen weder genügend 
sichergestellt, noch allgemein gültig, wenngleich die Deutung im ein- 
zelnen Falle meist als wahrscheinlich anerkannt werden darf. Die Drei- 
zahl ist übrigens ein mehrseitig, sichergestelltes Symbol des männlichen 
Genitales. Eine der Verallgemeinerungen, welche Stekel aufstellt, 
bezieht sich auf die doppelsinnige Bedeutung der Genitalsymbole. 
„Wo gäbe es ein Symbol, das — wenn es die Phantasie nur einiger- 
maßen erlaubt — nicht männlich und weiblich zugleich gebraucht 
werden könnte!" Der eingeschobene Satfe nimmt allerdings viel von 
der Sicherheit dieser Behauptung zurück, denn die Phantasie er- 
laubt es eben nicht immer. Ich halte es aber doch für nicht über- 
flüssig, auszusprechen, daß nach meinen Erfahrungen der allgemeine 
Satz S t e k e 1 8 vor der Anerkennung einer größeren Mannigfaltigkeit 
zurückzutreten hat. Außer Symbolen, die ebenso häufig für das männ- 
liche wie für das weibliche Genitale stehen, gibt es solche, die vor- 
wiegend oder fast ausschließlich eines der Geschlechter bezeichnen, 
und noch andere, von denen nur die männliche oder nur die weibliche 
Bedeutung bekannt ist. Lange, feste Gegenstände und Waffen als 
Symbole des weiblichen Genitales zu gebrauchen oder hohle (Kasten, 
Schachteln, Dosen usw.) als Symbole des männlichen, gestattet eben 
die Phantasie nicht. 

Es ist richtig, daß die Neigung des Traumes und der unbewußten 
Phantasien, die Sexualsymbole bisexuell zu verwenden, einen archai- 
schen Zug verrät, da in der Kindheit die Verschiedenheit der Genitalien 
unbekannt ist und beiden Geschlechtem das nämliche Genitale zu- 
gesprochen wird. 

Die Grenitalien können auch im Traum durch andere Körperteile 
vertreten werden, das männliche Glied durch die Hand oder den Fuß, 
die weibliche Genitalöffnung durch den Mund, das Ohr, selbst das 
Auge. Die Sekrete des jnenschlichen Körpers — Schleim, Träneix, 
Harn, Sperma usw. — können im Traum für einander gesetzt werden. 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n al f no m 

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Beispiele sezaeller Symbolik. — Der Hut 245 

Diese im Ganzen richtige Aufstellung von W. St ekel hat eine be- 
rechtigte kritische Einschränkung durch Bemerkungen von K. Keit* 
1er erfahren. (Int. Zeitschr. für Psych. I, 1913.) Es handelt ßich 
im weeentlichen um Ersetzung der bedeutungsvollen Sekrete wie des 
Samens durch ein indifferent^. 

Diese in hohem Grade unvollständigen Andeutungen mögen ge- 
niigen, um andere zu sorgfältigerer Sammelarbeit anzuregen*. Eine 
w eit ausführlichere Darstellung der Traumsymbolik habe ich in meinen 
5,\'orlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, 1916/17" versucht. 

Ich werde nun einige Beispiele von der Verwendung solcher 
Symbole in Träumen anfügen, welche zeigen sollen, wie unmöglich 
es wird, zur Deutung des Traumes zu gelangen, wenn man sich der 
Traumsymbolik verschließt, wie unabweisbar sich aber eine solche 
auch in vielen Fällen aufdrängt. An derselben Stelle möchte ich 
aber nachdrücklich davor warnen, die Bedeutung der Symbole für 
die Traumdeutung zu überschätzen, etwa die Arbeit der Traumüber- 
setzung auf Symbolübersetzung einzuschränken, und die Technik der 
Verwertung von Einfällen des Träumers aufzugeben. Die beiden Tech- 
niken der Trauipdeutung müssen einander ergänzen; praktisch wie 
theoretisch verbleibt aber der Vorrang dem zuerst beschriebenen Ver- 
fahren, das den Äußerungen des Träumers die entscheidende Bedeutung 
beilegt, während die von uns vorgenommene Symbolübersetzung als 
Hilfsmittel hinzutritt. 

1. Der Hut als Symbol des Mannes (des männlichen 

Genitale s)**. 

(Teilstück aus dem Traum einer jungen, infolge von Versuchungs- 
angst agoraphobischen Erau.) 

„Ich gehe im Sommer auf der Straße spazieren, trage einen 
Strohhut von eigentümlicher Form, dessen Mittelstück nach oben 
aufgebogen ist, dessen Seitenteile nach abwärts hängen (Beschreibung 
hier stockend), und zwar so, daß der eine tiefer steht als der andere. 
Ich bin heiter und in sicherer Stimmung, imd wie ich an einem 
Trupp junger Offiziere vorbeigehe, denke ich mir: Ihr könnt mir 
alle nichts anhaben.^' 

Da sie zu dem Hut im Traume keinen Einfall produzieren kann, 
sage ich ihr: Der Hut ist wohl ein männliches Genitale mit seinem 
emporgerichteten Mittelstück und den beiden herabhängenden Seiten- 
teilen. Daß der Hut ein Mann sein soll, ist vielleicht sonderbar, aber 
man! sagt ja auch: „Unter die Haube kommen!" Absichtlich enthalte 
ich mic£ der Deutung jenes Details über das ungleiche Herabhängen 
der beiden Seitenteile, obwohl gerade solche Einzelheiten in ihrer 

* Bei aller Verschiedenheit der S eherner sehen Auffassung von der Tranm- 
symbolik und der hier entwickelten, muß ioh doch hervorheben, daß Scherner 
als der eigentliche Entdecker der Symbolik im Traume anerkannt werden sollte^ 
und daß die Erfahrungen der Psychoanalyse sein für phantastisch gehaltenes, 
vor rund 50 Jahren veröffentlichtes Buch nachträglich zu Ehren gebracht haben. 
** Aus „Nachtrage zur Traumdeutung", Zentral blatt für Psychoanalyse I, 
Xr. 6/6, 1911. 



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246 ^* ^^® TnuunAibeit 

Determiniening der Deutung den Weg weisen müssen. Ich setze fort: 
\Vcnn sie also einen Mann mit so prächtigem Genitale hat, braucht 
sie sich vor den Offizieren nicht zu fürchten, d. h* nichts von ihnen 
zu wünschen, da sie sonst wesentlich durch ihre Versuchungsphantasien 
vom Gehen ohne Schutz und Begleitung abgehalten wird. Diese letz- 
tere Aufklärung ihrer Angst hatte ich ihr schon zu wiederholten 
Mal^i, auf anderes Material gestützt, geben können. 

Es ist nun sehr beachtenswert, wie sich die Träumerin nach 
dieser Deutung benimmt. Sie zieht die Beschreibung des Hutes zurück 
und will nicht gesagt haben, daß die beiden Seitenteile nach abwärts 
hingen Ich bin des Gehörten zu sicher, um mich beirren zu lassen, 
und beharre dabei. Sie schweigt eine Weile und findet dann den 
Mut zu fragen, was es bedeute, daß bei ihrem Manne ein Hode 
tiefer stehe alö der andere, und ob es bei allen Männern so sei 
Damit war dies sonderbare Detail des Hutes aufgeklärt und die ganze 
Deutung von ihr akzeptiert. 

Das Hutsymbol war mir längst bekannt, als mir die Patienlin 
diesen Traum mitteilte. Aus anderen, aber minder durchsichtigen 
Fällen glaubte ich zu entnehmen, daß der Hut auch für ein weib- 
liches Genitale stehen kann*. 

2. Das Kleine ist das Genitale — das C berfahrenwerden 
ißt ein Symbol des Geschlechts Verkehres. 

(Ein anderer Traum derselben agoraphobischen Patientin.) 

„Ihre Mutter schickt ihre kleine Tochter weg, damit sie allein 
gehen muß. Sie fährt dann mit der Mutter in der Eisenbahn \ind 
sieht ihre Kleine direkt auf den Schienenweg zugehen, so daß sie 
überfahren werden muß. Man hört die Knochen krachen (dabei ein 
unbehagliche Gefühl, aber kein eigentliches Entsetzen). Dann sieht 
sie sich aus dem Waggonfenster um, ob man nicht hinten die Teile 
sieht. Dann macht sie ihrer Mutter Vorwürfe, daß sie die Kleine 
allein hat gehen lassen.*' Analyse. Die vollständige Deutung des 
Traumy ist hier nicht leicht zu geben. Er stammt aus einem Zyklus 
von Ti^umen und kann nur im Zusammwhange mit diesen anderen 
voll verstanden werden. Es ist eben nicht leicht, das für den Erweis 
der Symbolik benötigte Material genügend isoliert zu bekommen. — 
Die Kranke findet zuerst, daß die Eisenbahnfahrt historisch zu deuten 
ist, als Anspielimg auf eine Fahrt von einer Nervenheilanstalt weg, 
in deren Leiter sie natürlich verliebt war. Die Mutter holte sie von 
dort ab, der Arzt erschien auf dem Bahnhof und überreichte ihr 
einen Strauß Blumen zum Abschied ; es war ihr unangenehm, daß 
die Mutter Zeugin dieser Huldigung sein mußte. Hier erscheint also 
die Mutter als Störerin ihrer Liel^bestrebungen, welche Rolle der 
strengen Frau während ihrer- Mädchenjahre wirklich zugefallen war. 
— Der nächste Einfall bezieht sich auf den Satz: sie sieht sich um, 

* Vgl. ein solches Beispiel in der Mitteilung von Kirchgraber (Zentnlbl. 
f. Ps.-A. III, 1912, p. 95). Von ßtekel (Jahrbuch, Bd. I, p. 475) wird ein Traum 
mitgeteilt, in welchem der Hut mit schief stehender Feder in der Mitte den (impo- 
tenten) Mann symbolisiert. 



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Das „Kleine* als Genitolsymbol. 247 

ob man nicht dio Teile von hinten sieht In der Traumfassade müßte 
man natürlich an die Teile des überfahrenen und zermalmten Töchter- 
chcna denken. Dei* Einfall weist aber nach ganz anderer Äichtung. 
Sic erinnert, daß sie einmal den Vater im Badezimmer nackt von 
rückwärts gesehen, kommt auf die Geschlechtsunterschiede zu sprechen 
und hebt hervor, daß man beim Manne die Genitalien noch von rück- 
wärts sehen könne, beim Weibe aber nicht. In diesem Zusammenhange 
deutet sie nun selbst, daß das Kleine das Genitale sei, ihre Kleine 
(sie hat eine vierjährige Tochter) ihr eigenes Genitale. Sie macht 
der Mutter den Vorwurf, daß sie verlangt hätte, sie solle so leben, 
als ob sie kein Genitale hätte, und findet diesen Vorwurf in dem 
einleitenden Satz des Traumes wieder: Die Mutter schickte ihre Kleine 
weg, damit sie allein gehen mußte. In ihrer Phantasie bedeutet daa 
Alleingehen auf der Straße keinen Mann, keine sexuelle Beziehung 
haben (coire = zusammengehen), und das mag sie nicht. Nach allen 
ihren Angaben hat sie wirklich als Mädchen unter der Eifersucht 
der Mutter infolge ihrer Bevorzugung durch den Vater gelitten. 

Die tiefere Deutung dieses Traumes ergibt sich aus einem an- 
deren Traum derselben Nacht, in dem sie sich mit ihrem Bruder 
identifiziert. Sie war wirklich ein bubenhaftes Mädel, mußte oft hören, 
daß an ihr ein Bub verloren gegangen sei. Zu dieser Identifizierung 
mit dem Bruder wird es dann besonders klar, daß das „Kleine'' das 
Genitale bedeutet. Die Mutter droht ihm (ihr) mit der Kastration, 
die nichts anderes als Bestrafung für das Spielen mit dem Gliede 
sein kann, und somit zeigt die Identifizierung, daß sie selbst als Kind 
onaniert hat, was ihre Erinnerung bisher nur vom Bruder bewahrt 
hatte. Eini» Kenntnis des männlichen Genitales, die ihr später ver- 
loren ging, muß sie nach den Angaben dieses zweiten Traumes damals 
früh erworben haben. Ferner deutet der zweite Traum auf die in- 
fantile Sexualtheorie hin, daß die Mädel durch Kastration aus Buben 
hervorgehen. Nachdem ich ihr diese Kindermeinung vorgetragen, fin- 
det sie sofort eine Bestätigung hiefür in der Kenntnis der Anekdote, 
daß der Bub das Mädel fragt: Abgeschnitten? worauf das Mädel 
antwortet: Nein, immer so gVest. 

Da« Wegschicken der Kleinen, des Genitales im ersten Traum, 
bezieht sich also auch auf die Kastrationsdrohung. Schließlich grollt 
sie der Mutter, daß sie sie nicht als Knaben geboren hat. 

Daß das „Überfahrenwerden" sexuellen Verkehr symbolisiert, 
würde aus diesem Traume nicht evident, wenn man es nicht aus zahl- 
reichen anderen Quellen sicher wüßte. 

3. Darstellung des Genitales durch Gebäude, Stiegen, 

Schach t e. 

(Traum eines durch seinen Vaterkomplex gehemmten jungen Mannes.) 

,^Er geht mit seinem Vater an einem Ort spazieren, der gewiß 
der Prater ist, denn man sieht die Rotunde, vor dieser einen klei- 
neren Vorbau, an dem ein Fesselballon angebracht ist, der 
aber ziemlich schlaff scheLat. Sein Vater fragt ihn, wozu das 

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248 ^^' ^^^ Tratimarbeit. 

allee ist ; er wundert sich darüber, erklärt es ihm aber. Dann kommen 
ßie in einen Hof, in dem eine große Platte von Blech ausgebreitet 
liegt. Sein Vater will sich ein großes Stück davon abreißen, sieht 
sich aber vorher um, ob es nicht jemand bemerken kann. Er .sagt 
ihm, er braucht es doch nur dem Aufseher zu sagen, dann kann er 
eich ohne weiteres davon nehmen. Aus diesem Hof führt eine Treppe 
in einen Schacht hinunter, dessen Wände weich ausgepolstert sind, 
etwa wie ein Lederfauteuil. Am Ende dieses Schachtes ist eine Via* 
gere Plattform und dann beginnt ein neuer Schacht. . /• 

Anal3'8e. Dieser Träumer gehörte einem therapeutisch nicht 
günstigen Typus von Beranken an, die bis zu einem gewissen Piinkt 
der Analyse überhaupt keine "Widerstände machen und sich von da 
an fast unzugänglich erweisen. Diesen Traum deutete er fast selb- 
ständig. Die Eotunde, sagte er, ist mein Genitale, der Fesselballon 
davor niein Penis, über dessen Schlaffheit ich zu klagen habe. Man 
darf also eingehender übersetzen, die Rotunde sei das — vom Kind 
regelmäßig zum (Jenitale gerechnete — Gtesäß, der kleinere Vorbau 
der Hodensack. Im Traum fragt ihn der Vater, was das alles ist, 
d. h. nach Zweck und Verrichtung der Grenitalien. Ee liegt nahe, 
diesen Sachverhalt umzukehren, so daß er der fragende Teil wird. 
Da eine solche Befragung des Vaters in Wirkliclikeit nie stattgefunden 
hat, muß man den Traumgedanken als Wunsch auffassen oder ihn 
etwa bonditionell nehmen: „Wenn ich den Vater um sexuelle Auf- 
klärung gebeten hätte." Die Fortsetzung dieses Gfedankens werden 
wir bald an anderer Stelle finden. 

Dei' Hof, in dem daß Blech ausgebreitet liegt, ist nicht in erster 
Linie symbolisch zu fassen, sondern stammt aus dem Geschäftslokal 
des Vaters* Aus Gründen der Diskretion habe ich das „Blech" für 
das andere Material, mit dem der Vater handelt, eingesetzt, ohne sonst 
etwas am Wortlaut des Traumes zu ändern. Der Träumer ist in das 
Geschäft des Vaters eingetreten und hat an den eher unkorrekten 
Praktiken, auf denen der Gewinn zum guten Teil beruht, gewaltigen 
Anstoß genommen. Daher dürfte die Fortsetzung des obigen Traum- 
gedankens lauten: („Wenn ich ihn gefragt hätte), würde er mich be- 
trogen haben, wie er seine Kunden betrügt." Für das Abreißen, 
welches der Darstellung der geschäftlichen Unredlichkeit dient, gibt 
der Träumer selbst die zweite Erklärung, es bedeute die Onanie. Dies 
ist uns nicht nur längst bekannt (siehe oben S. 238), sondern stimmt 
auch sehr gut dazu, daß das Geheimnis der Onanie durch das Gegen- 
teil ausgedrückt ist (man: darf ee ja offen tun). Es entspricht dann 
allen Erwartungen, daß die onanistische Tätigkeit wieder dem Vater 
zugeschoben wird, wie die Befragung in der ersten Traumszene. Den 
Schacht deutet er sofort unter Berufung auf die weiche Polsterung 
der Wände als Vagina. Daß das Herabsteigen wie sonst das Auf- 
steigen den Koitusverkehr in der Vagina beschreiben will, setze ich 
aus anderer Kenntnis ein (vgl. meine Bemerkung im Zentralblatt für 
Psychoanalyse, I, 1, 1910; siehe oben S. 242 Note). 

Die Einzelheiten, daß auf den ersten Schacht eine längere Platt- 
forni folgt und dann ein neuer Schacht, erklärt er selbst biographisch. 

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C^ f\n n 1 i> On g I n al f no m 

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Symbolische Örtlichkeiten. Kastrationstrilume. 249 

Er hat eine Zeitlang koitiert, dann den Verkehr infolge von Hem- 
mungen aufgegeben und hofft ihn jetzt mit Hilfe der Kur wieder 
aufnehmen zu können. Der Traum wird aber gegen Ende undeutlicher, 
und dem Kundigen muß es plausibel erscheinen, daß sich schon in 
der zweiten Tfaumszene der Einfluß eines anderen Themas gelte^nd 
mache, auf welches das Geschäft des Vaters, sein betrügerisches Vor- 
gehen, die erste als Schacht dargestellte Vagina . deuten, so daß man 
eine Beziehung auf die Mutter annehmen kann. 

4. Das männliche Genitale durch Personen, das weili- 
liehe durch eine Landschaft symbolisiert.. 

(Traum einer Frau aus dem Volke, deren Mann Wachmann ist, mit- 
geteilt von B. Dattner.) 

. . . Dann sei jemand in die Wohnung eingebrochen und sie 
habe angstvoll nach einem Wachmanne gerufen. Dieser aber sei jmi 
zwei „Pülchern" einträchtig in eine Kirche* gegangen, zu der meh- 
rere Stufen** emporführten; hinter der Kirche sei ein Berg*** ge- 
wesen und oben ein dichter Wald f. Der Wachmann sei mit einem 
Helm, Ringkragen und Mantel ff versehen gewesen. Er habe einen 
braunen Vollbart gehabt. Die beiden Vaganten, die friedlich mit dem 
Wachmann gegangen s^ien, hätten sackartig aufgebundene Schürzen 
um die Lenden gehabttff. Vor der Kirche habe zum Berg ein Weg 
geführt. Dieser sei beiderseits mit Gras und Gestrüpp verwachsen 
gewesen, das immer dichter wurde und auf der Höhe des Berges 
ein ordentlicher Wald geworden sei. 

5. Kastrationsträume bei Kindern. 

a) Ein Knabe von drei Jahren und fünf Monaten, dem die 
Wiederkehr des Vaters aus dem Felde sichtlich unbequem ist, er- 
wacht eines Morgens verstört und aufgeregt und wiederholt immer- 
fort die Frage: Wanun hat Papi seinen Kopf auf einem Teller ge- 
tragen? Heute nacht hat Papi seinen Kopf auf einem Teller getragen. 

b) Ein heute an schwerer Zwangsneurose leidender Student er- 
innert, daß er im sechsten Lebensjahr wiederholt folgenden Traum 
gehabt hat. Er geht zum Friseur, um sich die Haare schnfeideni zu 
lassen. Da kommt eine große Frau mit strengen Zügen auf ihn zu 
und schlägt ihm den Kopf ab\ Die Frau erkennt er als die Mutter. 

6. Zur Harnsymbolik. 

Die hier reproduzierten Zeichnungen stammen aus einer Beihe 
von Bildern, die Ferenczi in einem ungarischen Witzblatt („Fidi- 

* Oder Kapelle = Va-gina. 
** Symbol des Koitus. 
♦** Mons veneris. 
t Crines pubis. 

tt Dämonen in Mänteln nnd Eapusen sind nach der Aufklärung eines Fach« 
tnannes phallischer Natur. 

ttt Die beiden Häuften des Hodonsackes. 



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250 ^^' ^^® Traamarbeit. 

busz^O aufgefunden und in ihrer Brauchbarkeit zur Illustration der 
Traumtheorie erkannt hat. O. Rank hat das nebenstehende als 
„Traum der französischen Bonne" überschriebene Blatt bereits 
in seiner Arbeit übor die Symbolschichtung im Wecktraum usw. 
(p. 99) verwertet. 

Erst das letzte Bild, welches da^j Erwachen der Bojine infolge 
•des Geschreis des Kindes enthält, zeigt uns, daß die früheren sieben 
die Phasen eines Traumes darstellen. Das erste Bild anerkennt den 
Beiz, der zum Erwachen führen sollte. Der Knabe hat ein Bedürfnis 
geäußert und verlangt die entsprechende Hilfeleistung. Der Traum 
vertauscht aber die Situation im Schlafzimmer mit der eines Spazier- 
ganges. Im zweiten Bild hat sie den Knaben bereits an eine Straßen- 
ecke gestellt, er uriniert und — sie darf weiterschlafen. Der Weck- 
reiz hält aber an, ja er verstärkt sich: der Knabe, der sich nicht be- 
achtet findet, brüllt immer kräftiger. Je dringender er das Erwachen 
und die Hilfeleistung seiner Bonne fordert, desto mehr steigert deren 
Traum seine Versicherung, daß alles in Ordnung sei und daß sie 
nicht zu erwachen brauche. Er tibersetzt dabei den Weckreiz in die 
Dimensionen des Symbols. Der Wasserstrom, welchen der urinierende 
Knabe liefert, wird immer mächtiger. Im vierten Bilde trägt er be- 
reits einen Kahn, dann eine Gondel, ein Segelschiff, endlich ein großes 
Dampfschiff! Der Kampf zwischen dem eigensinnigen Schlafbedürfnis 
und dem unermüdlichen Weckreiz ist hier in geistreichster Weise von 
einem mutwilligen Künstler verbildlicht. 

7. Ein Stiegentraum. 
(Mitgeteilt und gedeutet von Otto Rank.) 

Demselben Kollegen, von dem der (unten S. 281 f., Anmkg.) au- 
fgeführte Zahnreiztraum herrührt, verdanke ich den folgenden ahn- 
lich durchsichtigen Pollutionstraum: 

„Ich jage im Stiegenhaus die Treppe hinunter einem kleinen 
Mädchen, das mir irgend etwas getan hat, nach, um es zu bestrafen» 
Unten am Ende der Stiege hält mir jemand (eine erwachsene weib- 
liche Person?) das Kind auf; ich fasse es, weiß aber nicht, ob ich 
es geschlagen habe, denn plötzlich befand ich mich mitten auf der 
Stiege, wo ich das Kind (gleichsam wie in der Luft) koitierte. 
Eigentlich war es "kein Koitus, sondern* ich rieb nur mein Genitale 
an ihrem äußeren Genitale, wobei ich dieses sowie ihren seitwärts 
zurückgelegten Kopf überaus deutlich sah. Während des Sexualaktes 
sah ich links ober mir (auch wie in der Luft) zwei kleine v&em&lde 
kängen, Landschaften, die ein Haus im Grünen darstellten. Auf dem 
einen kleineren stand unten an Stelle der Namenssignatur des Malers 
mein eigener Vorname, als wäre es für mich zum Geburtstagsgeschenk 
bestimmt. Dann hing noch ein Zettel vor beiden Bildern, worauf 
stand, daß billigere Bilder auch zur Verfügung stehen; (ich sehe 
mich dann höchst undeutlich so wie oben auf dem Treppenabsatz 
im Bette liegen und) erwache durch die Empfindung der Nässe, welche 
Ton der erfolgten Pollution herrührt." 



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252 • ^'L ^^ Traumarbeit. 

Deutung: Der Träumer war am Abend des Traumtag^ iuk 
Laden eine© Buchhändlers gewesen, wo er während der Wartezeit- 
einige der auggestellten Bilder besichtigt hatte, die ähnliche Motive 
wie die Traumbilder darstellten. Bei einem kleinen Bildchen, das ihm 
besonders gefallen hatte, trat er näher und sah nach dem Namen des 
Malers, der ihm jedoch völlig unbekannt war. 

Am selben Abend hatte er später in Gesellschaft von einem 
böhmischen Dienstmädchen erzählen gehört, das sich gerühmt hatte, 
ihr außereheliches Kind sei „auf der Stiege gemacht worden". Der- 
Träumer hatte sich nach dem Detail dieses nicht alltäglichen Vor- 
kommnisses erkundigt und erfahren, daß das Dienstmädchen mit ihrem 
Verehrer nach Hause in die Wohnung ihrer Eltern gegangen war, wo 
zu geschlechtlichem Verkehr keine Grelegenheit gewesen wäre, und daß- 
dei' erregte Mann den Koitus auf der Stiege vollzogen hatte. Der 
Träumer hatte dazu in scherzhafter Anspielung aui den boshaften 
Ausdruck für Weinfälscherei geäußert: das Kind sei wirklich „auf 
der Kellenrtiege gewachsen". 

Dies die Tagesanknüpfungen, die ziemlich aufdringlich im Traum- 
inhalt vertreten sind und vom Träumer ohne weiteres reproduziert 
werden. Ebenso leicht produziert er aber ein altes Stück infantiler 
Erinnerung, das ebenfalls im Traume Verwendung gefunden hat. Das 
Stiegenhaus ist das jenes Hauses, in welchem er den größten Teil 
seiner Kinder jähre verbracht und wo er insbesondere die erste be* 
wußte Bekanntschaft mit den Sexualproblemen gemacht hatte. In 
diesem Stiegenhaus hatte er häufig gespielt und war dabei unter 
anderem auch rittlings längs des Oeländers hinuntergerutscht, wbbei 
er sexuelle Erregung verspürt hatte. Im Traume eilt er nun eben- 
falls ungemein rasch über die Stiege hinunter, so rasch, daß er nach 
eigener deutlicher Angabe die einzelnen Stufen gar nicht berührt,, 
sondern, wie man zu sagen pflegt, „hinunter fliegt" oder rutscht. 
Mit Beziig auf das infantile Erlebnis scheint dieser Beginn des Traumes 
den Moment der sexuelle^ Erregung darzustellen. — In diesem Stiegen- 
haus und der dazugehörigen Wohnung hatte der Träumer aber auch 
mit den Nachbarskindem häufig sexuelle Raufspiele getrieben, wobei 
er sich in ähnlicher Weise befriedigt hatte, wie es im Traume geschieht. 

Weiß man aus Freuds sexualsymbolischen Forschungen (siehe 
2ientralblatt f. Ps.-A., Heft 1, p. 2 f.), daß die Stiege und das Stiegen- 
steigen im Traume fast regelmäßig den Koitus symbolisieren, so wird 
der Traum völlig durchsichtig. Seine Triebkraft ist, wie ja auch sein 
Effekt, die Pollution, zeigt, rein libidinöser Natur. Im Schlafzustand 
erwacht die sexuelle Erregung (im Traume dargestellt durch das 
Hinuntereilen — rutechen — über die Stiege), deren sadistischer- 
Einschlag auf Grund der Raufspiele in der Verfolgung und Über- 
wältigung des Kindes angedeutet ist. Die libidinöse Erregimg stei- 
gert sich und drängt zur sexuellen Aktion (dargestellt im Traume 
durch das Fassen des Kindes und seine Beförderung in die Mitte der 
Stiege). Bis daher wäre der Traum rein sexualsymbolisch und für den 
wenig geübten Träumdeuter völlig undurchsichtig. Aber der über- 
etarken libidinösen Erregung genügt diese symbolische Befriedigung 
nicht, welche die Euhe des Schlafes gewährleistet hätte. Die Erregung- 

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Stiegentiilame. — Das Wirklichkeitsgemhl. 253 

führt zum Orgasmus und damit wird die ganze Stiegensymbolik als 
Vertretung des Koitus entlarvt. — Wenn Freud als einen der Gründe 
für die sexuelle Verwertung des Stiegensymbols den rhythmischen 
Ohai'akter beider Aktionen hervorhebt, so scheint dieser Traum beson- 
ders deutlich dafür zu sprechen, da nach ausdrücklicher Angabe dcis 
Träumers die Khythmik seines Sexualaktes, das Auf- und Nieder- 
reiben, das im ganzen Traum am deutlichsten ausgeprägte Element 
gewesen war. 

Noch eine Bemerkung über die beiden Bilder, die, abgesehen 
Ton ihrer realen Bedeutung auch in symbolischem Sinne als „Weibs- 
bilder" gelten, was schon daraus hervorgeht, daß es sich um ein 
großes und ein kleines Bild handelt, ebenso wie im Trauminhalt ein 
großes (erwa<;hsenes) und ein kleines Mädchen vorkommen. Daß auch 
billigere Bilder zur Verfügung stehen, führt zum Prostituierten- 
iomplex, wie anderseits der Vorname des Träumers auf dem kleinen 
Bilde und der Gedanke, es sei ihm zum Geburtstag bestimmt, auf den 
Elternkomplex hinweisen (auf der Stiege geboren = im Koitus er- 
zeugt). 

Die undeutliche Schlußszene, wo der Träumer sich selbst oben 
auf dem Treppenabsatze im Bette liegen sieht und Nässe verspürt, 
scheint über die infantile Onanie hinaus noch weiter in die Kindheit 
zurückzuweisen, und vermutlich ähnlich lustvolle Szenen von Bett- 
nässen zum Vorbild zu haben." 

8. Ein modifizierter Stiegentraum. 

löh mache eiijem meiner Patienten, einem schwerkranken Absti- 
nenten, dessen Phantasie an seine Mutter fixiert ist, und der wieder- 
holt vom Treppensteigen in Begleitung der Mutter geträumt hat, die 
Bemerkung, daß mäßige Masturbation ihm wahrscheinlich weniger 
schädlich wäre als seine erzwungene Enthaltsamkeit. Diese Beein- 
flussung provoziert folgenden Traum: 

„Sein Klavierlehrer mache ihm Vorwürfe, daß er sein Klavier- 
spiel vernachlässige, die Etüden von Moscheies sowie den Gradug 
ad Parnassum von Clementi nicht übt." 

Er bemerkt hiezu, der Gradus sei ja auch eine Stiege und die 
Klaviatur selbst sei eine Stiege, weil sie eine Skala enthalte. 

Man darf sagen, es gibt keinen Vorstellungskreis, der sich der 
Darstellung sexeuller Tatsachen und Wünsche verweigern Avürde. 

9. Wirklichkeitsgefühl und Darstellung der 

Wiederholung. 

Ein jetzt 35jähriger Mann erzählt einen gut erinnerten Traum, 
den er mit vier Jahren gehabt haben will: Der Notar, bei dem 
das Testament des Vaters hinterlegt war, — er hatte 
den Vater im Alter von drei Jahren verloren — , brachte zwei 
große Kaiserbirnen, von denen er eine zum Essen be- 
kam. Die andere lag auf dem Fensterbrett des Wohn- 
zimmers. Er erwachte mit der Überzeugung von der Realität des 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f ro m 

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254 VI. Die TnraniArMt 

Geträumten und verlangte hartnäckig von der Mntter die zweite 
Birne ; sie liege doch auf dem Fensterbrett. Die Mutttr lachte darüber* 

Analyse. Der Notar war ein jovialer alter Herr, der, wie er 
fiich zu erinnern glaubt, wirklich einmal Birnen mitbrachte. Das Fen- 
sterbrett war so, wie er es im Traume sah. Anderes will ihm dazu 
nicht einfallen ; etwa noch, daß die Mutter kürzlich ihm einen Traum 
erzählt. Sie hat sswei Vögel auf ihrem Kopfe sitzen, fragt ßich, 
wann sie fortfliegen werden, aber sie fliegen nicht fort, sondern der 
eine fliegt zu ilmem Mund und saugt aus ihm. 

Das Versagen der Einfälle des Träumers gibt uns das Hecht, 
die Deutung durch Sjrmbolersetzung zu versuchen. Die beiden Birnen 
— pommes ou poires — sind die Brüste der Mutter, die ihn genährt 
hat; das Fensterbrett der Vorsprung des Busens, analog den Bai- 
konen im Häusertraum (vgl. S. 242). Sein Wirklichkeitsgefühl nach 
dem Erwachen hat Recht, denn die Mutter hat ihn wirklich gesäugt, 
eogar weit über die gebräuchliche Zeit hinaus, und die Mutterbrust 
wäre noch immer. zu haben« Der Traum ist zu übersetzen: Mutter, 
gib (zeigO mir die Brust wieder, an der ich früher einmal getrunken 
habe. Das „früher*' wird durch das Essen der einen Birne dargestellt, 
daö „wieder** durch das Verlangen nach der anderen. Die zeitliche 
tWiederholung eines Aktes wird im Traum regelmäßig zur zah- 
lenmäßigen Vermehrung eines Objektes. 

Es ist nattlrlich sehr auffällig, daß die Symbolik bereite im 
Traumo eines Vierjährigen eine Rolle spielt, aber dies ist nicht Aus- 
nahme, sondern Regel. Man darf sageii, der Träumer verfügt über 
die Symbolik von allem Anfang an. 

wie frühzeitig sich der Mensch, auch außerhalb des Traum- 
lebens, der symbolischen Darstellung bedient, mag folgende unbeein- 
flußte Erinnerung einer- jetzt 27jährigen Dame lehren: Sie ist zwi- 
seihen drei und vier Jahre alt. Das Kindsmädchen treibt sie, ihren 
um elf Monate jüngeren Bruder und eine im Alter zwischen beiden 
stehende Cousine auf den Abort, damit sie dort vor dem Spazier- 
gang ihre kleinen Geschäfte verrichten. Sie setzt sich als die älteste 
auf deJi Sitz, die beiden anderen auf Töpfe. Sie fragt die Cousine: 
Hast du auch ein Portemonnaie? Der Walter hat ein Würst- 
chen, ich haV ein Portemonnaie. Antwort der Cousine: Ja, ich 
hab' auch ein Portemonnaie. Das Kindsmädchen hat lachend zugehört 
und erzählt die Unterhaltung der Mama, die mit einer scharfen Zu- 
rechtweisung reagiert. 

Es sei hier ein Traum einffeschaltet, dessen hübsche Symbolik 
eine Deutung mit geringer Nachhilfe der Träumerin gestattete: 

10. „Zur Frage der Symbolik in den Träumen Gesunder"*. 

,.Ein von den Gegnern der Psychoanalyse häufig — zuletzt auch 
von Havelock Ellis** — vorgebrachter Einwand lautet, daß die 
Traumsymbolik vielleicht ein Produkt der neurotischen Psyche sei, 
aber keineswegs für die normale Gültigkeit habe. Während nun die^ 

* Alfred Robitsek im Zentralblatt f. Ps.-A. II, 1911, p. 340. 
♦♦ .,The World of Dreams**, London 1911, p. 168. 



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Symbolik in Träameu Gesunder. 25ä 

ps^^clioanalytische Forschung zwischen normalem und neurotischem 
t^'eelenleben überhaupt keine prinzipiellen, sondern nur quantitative 
Unterschiede kennt, zeigt die Analyse der Träume, in denen ja bei 
Ueeunden und Kranken in gleicher AVeise die verdrängten Komplexe 
wirksam sind, die volle Identität der Mechanismen, wie der Symbolik. 
Ja die unbefangenen Träume Gesunder enthalten oft eine viel ein- 
fachere, durchsichtigere und' mehr charakteristische Symbolik als dia 
neurotischer Personen, in denen sie infolge der stärker wirkendea 
Zensur und der hieraus resultierenden weitergehenden Traumentstel* 
lung häufig gequält, dunkel und schwer zu deuten ist. Der in fol- 
gendem mitgeteilte Traum diene zur Illuatrierung dieser Tatsache. 
Er stammt von einem nicht neurotischen Mädchen von eher prüdem 
und zmnickh^ltendem Wesen; im Laufe des Gespräches erfahre ich^ 
daß sie verlobt ist, daß sich aber der Heirat Hindernisse entgegen- 
stellen, die sie zu verzögern geeignet sind. Sie erzählt mir ßpontaa 
folgenden Traum: 

.,1 arrange the centre of a table with flowers for a 
birthday.** (Ich richte die Mitte eines Tisches mit Blumen für 
einen Geburtstag her.) Auf Fragen gibt sie an, sie sei im Traume 
wie in ihrem Heim gewesen (das sie zurzeit nicht besitzt) und habe 
ein Glücksgefühl empfunden. 

„Die .populäre* Symbolik ermöglicht mir, den Traum für mich 
zu übersetzen. Er ist der Ausdruck ihrer bräutlichen Wünsche : der 
Tisch mit dem Blumenmittelstück ist symbolisch für sie selbst und 
das Genitale; sie stellt ihre Zukunftswünsche erfüllt dar, indem sie- 
eich bereits mit dem Gedanken an die Geburt eines Kindes beschäftigt? 
die Hochzeit liegt also längst hinter ihr. 

„Ich mache sie darauf aufmerksam, daß ,the centre of a table* 
ein Ungewöhnlicher Ausdruck sei, was sie zugibt, kann hier aber na- 
türlich nicht direkt weiter fragen. Ich vermied es sorgfältig, ihr die 
Bedeutung der Symbole zu suggerieren und fragte sie nur, was ihr zu 
den einzelnen Teilen des Traumes in den Sinn komme. Ihre Zurück- 
haltung wich im Verlaufe der Analyse einem deutlichen Interesse an 
der Deutung und einer Offenheit, die der Ernst des Gespräches er- 
hiöglichte. — Auf meine Frage, was für Blumen es gewesen seien^ 
Antwortete sie zunächst: ,expensive flowers; one has to pay 
for them* (teuere Blumen, für die man zahlen muß), dann, es seien 
,lilies of the Valley, violets and pinks or carnations' 
gewesen (Maiglöckchen, wörtlich Lilien vom Tale, Veilchen und Nel- 
ken). Ich nahm an, daß das Wort Lilie in diesem Traume in seiner 
populären Bedeutung als Keuschheitssymbol erscheine; sie bestätigte 
diese Annahme, indem ihr zu ,Lilie* ,purity* (Reinheit) einfiele 
jValley* das Tal, ist ein häufiges weibliches Traumsymbol ; so wird 
das zufällige Zusammentreffen der beiden Symbole in dem englischen 
Xamen für Maiglöckchen zur Traumsymbolik, zur Betonung ihrer 
kostbaren Jungfräulichkeit — expensive flowers, one has to pay for 
them — verwendet und zum Ausdruck der Erwartung, daß der Mann 
ihren Wert zu würdigen wissen werde. Die Bemerkung .expensive 
flowers etc.* hat, wie sich zeigen wird, bei jedem der drei Blumen- 
Bymbole eine andere Bedeutung. 

Qrfg fnal f no m 



C^ f\n n 1 i> Qn g I n al f no m 

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266 



VI. Die Traumarbeit. 



„Den geheimen ^nn der scheinbar recht asexuellen ,v i o I e t s* 
suchte ich mir — recht kühn, wie ich meinte — mit einer unbe- 
wußten Beziehung zum französischen ,vior zu erklären. Zu meiner 
Überraschung assoziierte die Träumerin ,v i o 1 a t e*, das englische 
Wort für vergewaltigen. Die zufällige große Wortähnlichkeit von 
V i 1 e t und v i o 1 a t e — in der englischen Aussprache unterscheiden 
sie sich nur durch eine Akzentverschiedenheit der letzten Silbe 
— wird vom Traume benutzt, um ,durch die Blume* den Gedanken 
an die Gewaltsamkeit der Defloration (auch dieses Wort benutzt die 
Blumensymbolik), vielleicht auch einen masochistischen Zug des Mädchens 
zum Ausdruck zu bringen. Ein schönes Beispiel für die Wortbrücken, 
über welche die Wege zum Unbewußten führen. Das ,one has to pay 
for them* bedeutet hier das Leben, mit dem sie das Weib- und Mutter- 
werden bezahlen muß. 

„Bei »pinksS die sie dann »carnations* nennt, fällt mir die 
Beziehung dieses Wortes zum ,Fleischlichen* auf. Ihr Einfall dazu 
lautete aber ,colour* (Farbe). Sie fügte hinzu, daß. camations die 
Blumen seien, welche ihr von ihrem Verlobten häufig und in 
großen Mengen geschenkt werden. Zu Ende des Gespräches gesteht 
sie plötzlich spontan, sie habe mir nicht die Wahrheit gesagt, es sei 
ihr nicht ,colourS sondern »inkarnation* (Fleischwerdung) ein- 
gefallen, welches Wort ich erwartet hatte ; übrigens ist auch ,colour' 
als Einfall nicht entlegen, sondern durch die Bedeutung von car- 
nation — Fleischfarbe, also durch den Komplex determiniert. 
Diese Unaufrichtigkeit zeigt, daß der W^iderstand an dieser Stelle am 
grüßten war, entsprechend dem Umstand, daß die Symbolik hier am 
durchsichtigsten ist, der Kampf zwischen Libido und Verdrängung bei 
diesem phallischen Thema am stärksten war. Die Bemerkung, daß diese 
Blumen häufige Geschenke des Verlobten seien, ist neben der Doppel- 
l)edeutung von cariiation ein weiterer Hinweis auf ihren phallischen 
Sinn im Traume. Der Tagesanlaß des Blumengeschenkes wird benutzt 
um den Gfedanken von sexuellem Geschenk und Gegengeschenk aus- 
zudrücken : sie schenkt ihre Jungfräulichkeit und erwartet dafür ein 
reiches Liebesleben. Auch hier dürfte das »expensive flowers, ono 
has to pay for them* eine — wohl wirklich finanzielle — Bedeutung 
haben. — Die Blumensymbolik des Traiimes enthält also das jung- 
fräulich-weibliche, das männliche Symbol und die Beziehung axif die 
gewaltsame Defloration. Es sei darauf hingewiesen, daß die sexuelle 
Blumensymbolik, die ja auch sonst sehr verbreitet ist, die menschlichen 
Sexualorgane durch die Blüten, die Sexualorgane der Pflanzen sym- 
bolisiert; das Blumenschenken unter Liebenden hat vielleicht übei^ 
haupt diese unbewußte Bedeutung. 

„Der Geburtstag, den sie im Traume vorbereitet, bedeutet wohl 
die Geburt eines Kindes. Sie identifiziert sich mit dem Bräutigam, 
stellt ihn dar, wie er sie für eine Geburt herrichtet, also koitiert. «Der 
latente Gedanke könnte lauten: Wenn ich er wäre, würde ich nicht 
warten, sondern die Braut deflorieren, ohne sie zu fragen, Gewalt 
brauchen; darauf deutet ja auch das violate. So kommt auch die 
sadistische Libidokomponente zum Ausdruck. — 



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Träame vou Ahnuugslodcn. 257 

„In einer tieferen Schichte des Traumes dürfte das J arrange etc.* 
eine autoerotische, also infantile Bedeutung haben. 

„Sie hat auch eine nur im Traume mögliche • Erkenntnis ilirer 
körperlichen Dürftigkeit: sie sieht sich flach wie einen Tisch; um 
80 mehr wird die Kostbarkeit des ,centre* (sie nennt es ein ander- 
mal ,a centrepiece of f lowers*)» ihre Jungfräulichkeit, hervor- 
gehoben. Auch daß Horizontale des Tisches dürfte ein Element ziun 
Symbol beitragen. — Beachtenswert ist die Konzentration des Trau- 
mes; nichts ist überflüssig, jedes Wort ist ein Symbol. 

„Sie bringt später einen Nachtrag zum Traume: ,1 decorate 
ihe flowers with green crinkled paper.* (Ich verziere die 
Blumen mit grünem, gekräuseltem Papier.) Sie fügt hinzu, es sei 
jfancy paper* (Phantasiepapier), mit dem man die gewöhnlichen 
Blumentöpfe verkleide. Sie sagt weiter: ,to hide untidy things, 
whatever was to be seen, which was not pretty to the eye; 
there is a gap, a little space in the flowers.' Also: ,um un- 
saubere Dinge zu verbergen, die nicht hübsch anzusehen sind ; ein 
Spalt, ein kleiner Zwischenraum in den Blumen.* ,The paper looks 
like velvet or moss* (,das Papier sieht wie Samt oder Moos aus'). 
Zu ,decorate* assoziiert sie »decorumS wie ich es erwartet hatte. 
Die grüne Farbe sei vorherrschend; sie assoziiert dazu ,hope' (Hoff- 
nung), wieder eine Beziehung zur Gravidität. — In diesem Teile des 
Traumes herrscht nicht die Identifizierung mit dem ilanne, sondern 
es kommen Gedanken von Scham und Offenheit zur Geltung. Sie macht 
«ich schön für ihn, gesteht sich körperliche Fehler ein, deren sie sich 
schämt und die sie zu korrigieren sucht. Die Einfälle Samt. 
Moos sind eiü deutlicher Hinweis, daß es sich um die crines pubis 
handelt. 

„Der Traum ist ein Ausdruck von Gedanken, die das wache Den- 
ken des Mädchens kaum kennt; Gedanken, die sich mit der Sinnen- 
Kebe und ihren Organen beschäftigen; sie wird ,für einen Geburts- 
tag zugerichtet*, d. h. koitiert; die JPurcht vor der Defloration, viel- 
leicht auch das lustbetonte Leiden kommen zum Ausdruck; sie ge- 
steht sich ihre körperlichen Mängel ein, überkompensiert diese durch 
Cberschätzung des Wertes ihrer Jungfräulichkeit. Ihre Scham ent- 
schuldigt die sich zeigende Sinnlichkeit damit, daß diese ja das Kind 
zum Ziel hat. Auch materielle Erwägungen, die der Liebenden fremd 
sind, finden ihren Ausdruck. Der Affekt des einfachen Traumes — 
das Glücksgefühl — zeigt an, daß hier starke Gefühlskomplexe ihre 
Befriedigung gefunden haben.** 

Ferenczi hat mit Eecht darauf aufmerksam gemacht, wie leicht 
gerade „Träume von Ahnungslosen" den Sinn der Symbole und die 
Bedeutung der Tjräume erraten lassen. (Int. Zeitschr. f. Psych. IV, 
1916/17.) 

Die nachstehende Analyse des Traumes einer historischen Per- 
sönlichkeit unserer Tage schalte ich hier ein, weil in ihm ein Gegen- 
stand, der sich auch sonst zur Vertretung des m&nnlicheÄ Gliedes 
eignen würde, durch eine hinzugefügte Bestimmung aufs deutlichste 

Freud, Traumdeutung, 6. Aufl. 1< 

.C i:\r\cA€> Orrgmaffrom 

.yx^:.uugn^ UNIVERSIWOF MICHIGAN 



258 V^« ^** Trunmarbelt. 

ieJfi phallisches Symbol gekennzeichnet wird. Die „unendliche ^^e^- 
längerung** einer Reitgerte kajin nicht leicht anderes als die Erektion 
bedeuten. Überdieö gibt dieser Traum ein schönes Beispiel dafür, wie 
ernsthafte und dem Sexuellen femabliegende Gedanken durch infan- 
tÜHBexuellee Material zur Darstellung gebracht werden. 

11. Ein Traum Bismarcks. 

(Von Dr. Hanns Sachs.) 

„In seinen „Gedanken und Erinnerungen" teilt Bismarck (Bd. II 
der Volksausgabe, p. 222) einen Brief mit, den er am 18. Dezember 
1881 an Kaiser Wilhelm schrieb. Dieser Brief enthalt folgende Stelle: 
„Eurer Majestät Mitteilung ermutigt mich zur Erzählung eines Trau- 
mes, den ich Frühjahr 1863 in den schwersten Konfliktstagen hatte, 
aus denen ein menschliches Auge keinen gangbaren Ausweg sah. ^lir 
träumte und ich erzählte es sofort am Morgen meiner Frau und an- 
deren Zeugen, daß ich auf einem schmalen Alpenpfad ritt, rechts 
Abgrund, Snks Felsen; der Pfad wurde schmäler, so daß das Pferd 
sich weigerte und Umkehr und Absitzen wegen Mangel an Platz un- 
möglich; da schlug ich mit meiner Gerte in der linken Hand gegen 
die glatte Felswand und rief Gott an; die Gerte wurde unendlich 
lang, die Felswand stürzte wie eine Kulisse und eröffnete einen brei- 
ten Weg mit dem Blick auf Hügel und Waldland wie in Böhmen, 
preußische Truppen mit Fahnen und in mir noch im Traum der Ge- 
danke, wie ich das schleunig Eurer Majestät melden könnte. Dieser 
Traum erfüllte sich und ich erwachte froh und gestärkt aus ihm." 

„Die Handlung des Traumes zerfällt in z wei Abschnifte : im ersten 
Teil gerät der Träumer in Bedrängnis, aus der er dann im zweiten 
auf wunderbare Weise erlöst wird. Die schwierige Lage, in der sich 
Roß und Reiter befinden, ist eine leicht kenntliche Traumdarstellung 
der kritischen Situation des Staatsmannes, die er am Abend vor dem 
Traume, über die Probleme seiner Politik nachdenkend, besonders bitter 
empfunden haben mochte. Mit der zur Darstellung gelangten gleich- 
nisweisen Wendung schildert Bismarck selbst in der oben wieder- 
gegebenen Briefstelle die Trostlosigkeit seiner damaligen Position; sie 
war ihm also durchaus geläufig und naheliegend. Nebstdem haben 
wir wohl auch ein schönes Beispiel von Silberers „funktionalem 
Phänomen" vor uns. Die Vorgänge im Geiste des Träumers, der bei 
jeder von seinen Gedanken versuchten Lösung auf unübersteigliche 
Hindernisse stößt, seinen Geist aber trotzdem nicht von der Beschäf- 
tigung mit den Problemen losreißen kann und darf, sind sehr tref- 
fend durch den Reiter gegeben, der weder vorwärts noch rückwärts 
kann. Der Stolz, der ihm verbietet, an ein Nachgeben oder Zurück- 
treten zu denken, kommt im Traume durch die Worte „Umkehren 
oder absitzen .... unmöglich*' zlim Ausdruck. In seiner Eigenschaft 
als stets angestrengt Tätiger, der sich für fremdes Wohl plagt, lag 
es für Bismarck nahe, sich mit einem Pferde zu vergleichen, und 
er hat dies auch bei verschiedenen' Gelegenheiten getan, z. B. in seinem 
bekannten Ausspruch: „Ein wackeres Pferd stirbt in seinen Sielen." 



I 



C r^n n \ f> Un g i n al f no m 

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£iD Traam Bismarckfi. 259. 

8o ausgelegt "bedeuten die "Worte, daß „dae Pferd sicli weigerte", ' 
nichti? anderes, als daß der Übermüdete das Bedürfnis empfinde, sich 
von den Sorgen der Gegenwart abzuwenden, oder anders ausgedrückt, 
daß er im Begriffe stehe, sich von den Fesseln des Realitätsprinzips 
durch Schlaf und Traum zu befreien. Der Wunscherfüllung, <lie dann 
im zweiten Teil so stark zu Wort kommt, wird dann auch hier schon 
präludiert durch das Wort „Alpenpfad". Biemarck wußte damals 
wohl schon, daß er seinen nächsten Urlaub in den Alpen — nämlich 
in Gastein — zubringen werde; der Traum, der ihn dahin versetzte, 
befreite ihn also mit einem Schlage von allen lästigen Staats- 
geechäften. , 

„Im zweiten Teil werden die Wünsche des Träumers auf dop- 
pelte Weise — unverhüUt und greifbar, daneben noch symbolisch — 
als erfüllt dargestellt. Symbolisch durch das Verschwinden des hem- 
menden Felsens, an dessen Stelle ein breiter Weg — also der gesuchte 
Ausweg in bequemster Form f— erscheint, unverhüllt durch den An- 
blick der voiTückenden preußischen Truppen. Man braucht zur Er- 
klärung dieser prophetischen Vision durchauus nicht mj'^stische Zusam- 
menhänge zu konstruieren; die Freudsche WunscherftiUungstheorie 
genügt vollständig. Bismarck ersehnte schon damals als den besten 
Ausgang aus den inneren Konflikten Preußens elaen siegreichen Krieg 
mit Österreich. Wenn er die preußischen Truppen in Böhmen, also 
in Feindesland, mit ihren Fahnen sieht, so stellt ihm der Traum da- 
durch diesen Wunsch als erfüllt dar, wie es Freud postuliert. Indi- 
viduell bedeuttam ist es nur, daß der Träumer, mit dem wir unsi^ier 
beschäftigen, sieh mit der Traumerfüllung nicht begnügte, sondern 
auch die reale zu erzwingen wußte. Ein Zug, der jedem Kenner der 
psychoanalytischen Deutungstechnik auffallen muß, ist die Eeitgerte, 
die „unendlich lang** wird. Gerte, Stock, Lanze und Ähnliches sind 
uns als phallische Symbole geläufig; wenn aber diese Gerte noch 
die auffallendste Eigenschaft des Phallus, die Ausdehnungsfähigkeit 
besitzt, SQ kann kaum ein Zweifel bestehen. Die Übertreibung des 
Phänomens durch die Verlängerung ins „Unendliche** scheint ai5 die 
infantile Übersetzung zu deuten. Das in-die-Hand-Nehmen der Gerte 
ist eine deutliche Anspielung auf die Masturbation, wobei natürlich 
nicht an die aktuellen Verhältnisse des Träumers, sondern an weit 
zurückliegende Kinderlust zli denken ist; Sehr wertvoll ist hier die 
von Dr. St ekel gefundene Deutung, nach der links im Traume 
das Unrecht, das Verbotene, die Sünde bedeutet, was auf die gegen 
ein Verbot betriebene Kinderonanie sehr gut anwendbar wäre. Zwi' 
sehen dieser tiefsten, infantilen Schicht und der obersten, die sich 
mit den Tagesplänen des Staatsmannes beschäftigt, läßt sich noch 
eine Mittelschicht nachweisen, die mit beiden anderen in Beziehung 
steht. Der ganze Vorgang der wunderbaren Befreiung aus einer Not 
durch das Schlagen auf den Fels mit der Heranziehung Gottes als 
Helfer erinnert auffällig an eine biblische Szene, nämlich wie Moses 
für die dürstenden Kinder Israels aus dem Felsen Wasser schlägt. 
Die genaue Bekanntschaft mit dieser Stelle dürfen wir bei dem aus 
einem bibelgläubigen, protestantischen Hause hervorgegangenen Bis- 
marck ohne weiteres annehmen. Mit dem Anführer Moses, dem das 

17* 

. C r%rs n 1 i> Orf g f n a I f no m 

■y V.:- V?i-Jgl^ UNIVERSIir OF MICHIGAN 



2G0 V'- ^»« Traamärbeit. 

Volk, das er befreien will, mit Auflehnung, Haß und Undank lohnt, 
konnte sich Bismarck in der Konfliktszeit unschwer vergleichen. 
Dadurch wäre also die Anlehnung an die aktuellen Wünsche gegeben. 
Anderseits enthält die Bibelstelle manche Einzelheiten, die für die 
Masturbationsphantasie sehr gut verwertbar sind. Gegen das Gebot 
Gottes greift Moses zum Stock und für diese Übertretung straft ihn 
der Herr, indem er ihm verkündet, daß er sterben müsse, ohne das 
gelobte Land zu betreten. Das verbotene Ergreifen des — im Traume 
unzweideutig phallischen — Stockes, das Erzeugen von Flüssigkeit 
durch das Schlagen damit und die Todesdrohulig — damit haben wir 
alle Hauptmomente der infantilen Masturbation beisammen. Inter- 
essant ist die Bearbeitung, die jene beiden heterogenen Bilder, von 
denen eines aus der Psyche des genialen Staatsmannes, das andere 
Ans den Hegungen der primitiven Kinderseele stammt, durch Ver- 
mittlung der Bibelstelle zusammengeschweißt hat, wobei es ihr ge- 
lungen ist, alle peinlichen Momente wegzuwischen. Daß das ik-greifen 
des Stockes eine verbotene, aufrührerische Handlung ist, wird nur 
mehi' durch die linke Hand, mit der es geschieht, symbolisch angedeutet. 
Im manifesten Trauminhalt wird aber dabei Gt)tt angerufen, wie um 
recht ostentativ jeden Gedanken an ein Verbot oder eine Heimlichkeit 
abzuweisen. Von den beiden Verheißungen Gottes an Moses, daß er 
das verheißene Land sehen, nicht betreten werde, wird die eine sehr 
deutlidi als erfüllt dargestellt (Blick auf Hügel und Waldland), die 
andere, höchst peinliche, gar nicht erwähnt. Das Wasser ist wahr- 
scheinlich der sekundären Bearbeitung, welche die Vereinheitlichung 
dieser Szene mit der vorigen erfolgreich anstrebte, zum Opfer gefallen, 
statt dessen stürzt der Fels selber. 

„Den Schluß einer infantilen Masturbationsphantasie, -in der das 
Verbotsmotiv vertreten ist, müßten wir so erwarten, daß das Kind 
wünscht, die Autoritätspersonen seiner Umgebung möchten nichts von 
dem Greechehenen erfahren. Im Traume ist dieser Wunsch durch das 
Gegenteil, den Wunsch, das Vorgefallene dem König sogleich zu mel- 
den, ersetzt. Diese Umkehrung schließt sich aber ausgezeichnet und 
ganz unauffällig der in der obersten Schicht der Traumgedanken und 
in einem Teile des manifesten Trauminhaltes enthaltenen Siegesphan- 
tasie an. Ein solcher Sieges- und Eroberungstraum ist oft der Deck- 
mantel eines erotischen Eroberungs Wunsches ; einzelne Züge des Trau- 
meß, wie z. B., daß dem Eindringenden ein Widerstand entgegengesetzt 
wird, nach Anwendung der sich verlängernden Grerte aber ein breiter 
Weg erscheint, dürften dahin deuten, doch reichten sie nicht hin, 
um daraus eine bestimmte, den Traum durchziehende Gedanken- und 
Wunschrichtung zu ergründen. Wir sehen hier ein Musterbeispiel 
einer durchaus gelungenen Traumentstellung. Das Anstößige wurde 
überai'beitet, daß es nirgends über das Gewebe hinausragt, das als 
schützende Decke darübergebreitet ist. Die Folge davon ist, daß jede 
Entbindung von Angst hintertrieben werden konnte. Es ist ein Ideal- 
fall von gelungener Wunscherfüllung ohne Zensurverletzung, »o daß 
wir begreifen können, daß der Träumer aus solchem Traume froh 
und gestärkt erwachte.'* 



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Traum einee Chemikers. 2C1 

» 

Ich schließe mit dem 

12. Traum eines Chemikers, 

eines jungen Mannes» der sich bemühte, seine onanistischen Gewohn- 
heiten gegen den Verkehr mit dem Weibe aufzugeben. 

Vorbericht. Am Tage vor dem Traume hat er einem Stu- 
denten Aufschluß über die Grignardsche Reaktion gegeben, bei 
welcher Magnesium unter katalytischer Jodeinwirkung in absolut 
reinem Äther aufzulösen ist. Zwei Tage vorher gab es bei der näm- 
lichen Beaktion eine Explosion, bei der sich ein Arbeiter die Hand 
verbrannte. 

Traum: I. Er soll Phenylmagnesiumbromid machen, sieht die 
Apparatur besonders deutlich, hat aber sich selbst fürs Magnesium 
substituiert. Er ist nun in eigentümlich schwankender Verfassung, 
sagt sich immer: Es ist das nichtige, es geht, meine Füße lösen sich 
schon auf, meine Kniee werden weich. Dann greift er hin, fühlt an 
seine Füße, nimmt inzwischen (er weiß nicht wie) seine Beine ß.us 
dem Kolben heraus, sagt sich wieder: Das kann nicht sein. — Ja 
doch, es ist richtig gemacht. Dabei erwacht er partiell, wiederholt sich 
den Traum, weil er ihn mir erzählen will. Er fürchtet sich direkt vor 
der Auflösung des Traumes, ist während dieses Halbschlafes sehr erregt 
und wiederholt sich beständig: Phenyl, Phenyle 

11. Er ist mit seiner ganzen Familie in ***ing, soll um ^1^2 Uhr 
beim Bendezvous am Schottentor mit jener gewissen Dame sein, 
wacht abei* erst um Va^^ ^^^ ^^- ^^ ^^S^ sich: Es ist jetzt zu spät; 
biß du hinkommst, ist es ^/gl Uhr. Im nächsten Moment sieht er die 
ganze Familie um den Tisch versammelt, besonders deutlich die Mutter 
und das Stubenmädchen mit dem Suppentopf. Er sagt sich dann: 
Nun, wenn wir schon essen, kann ich ja nicht mehr fort. 

Analyse: Er ist sicher, daß schon der erste Traum eine 
Beziehung zur Dame seines Bendezvous hat (der Traum ist in der 
Nacht vor der erwarteten Zusammenkunft geträumt)- Der Student, 
dem er die Auskunft gab, ist ein besonders ekelhafter Kerl; er sagte 
ihm: Das ist nicht das Bichtige, weil das Magnesium noch ganz un- 
berührt war, und jener antwortete, als ob ihm gar nichts daran läge: 
Das ist halt nicht das Bichtige. Dieser Student muß er selbst sein; 
— er ist so gleichgültig g^ge^OL seine Analyse, wie jener für seine 
Synthese — ; das Er im Traume, das die Operation vollzieht, aber 
ich. Wie ekelhaft muß er mir mit seiner Gleichgültigkeit gegen den 
Erfolg erscheinen! 

Anderseits ist er dasjenige, womit die Analyse (Synthese) ge^ 
macht wird. Es handelt sich um das Gelingen der Kur. Die Beine 
im Traume erinnern an einen Eindruck von gestern abends. Er traf 
in der Tanzstunde mit einer Dame zusammen, die er erobern will; 
er drückte sie so fest an sich, daß sie einmal aufschrie. Als er mit 
dem Druck gegen ihre Beine aufhörte, fühlte er ihren kräftigen 

C €\r\ n 1 ^ Orf g f n a I f no m 

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262 ^^- ^i« Traamarbeit. 

Gegendruck auf seinen Unterschenkeln bis oberhalb der Knie, an den 
im Traume erwähnten Stellen. In dieser Situation ist also das Weib 
das Magnesium in der Betörte, mit dem es endlich geht. Er ist 
feminin gegen mich, wie er viril gegen das Weib ist. Geht es mit 
der Dame, so geht es auch mit der Kur. Das Sichbefühlen und die 
.'V\^ahrn6hmungen an seinen Knien deuten auf die Onanie und ent- 
sprechen seiner Müdigkeit vom Tage vorher. — Das Rendezvous war 
wirklich für ^/2l2 Uhr verabredet. Sein Wunsch, es zu verschlafen 
und bei den häuslichen Sexualobjekten (d. h. bei der Onanie) zn 
bleiben, entspricht seinem Widerstände. 

Ziu* Wiederholung des Namens Phenyl berichtet er: Alle diese 
Radikale auf yl haben ihm immer sehr gefallen, sie sind sehr bequem 
zu gebrauchen: Benzyl, Azetyl usw. Das erklärt nun nichts, aber 
als ich ihm das Radikal: Schlemihl vorschlage, lacht er sehr und 
erzählt, daß er während des Sommers ein Buch von Prevost ge- 
lesen, und in diesem war im Kapitel: Les exclus de Pamour aller- 
dings von den „Schiemi lies" die Rede, bei deren Schilderung er sich 
sagte: Da,«:* ist mein Fall. — Schlemihlerei wäre es auch gewesen, 
wenn er das Rendezvous versäumt hätte. 

Es scheint, daß die sexuelle Traumsymbolik bereits eine direkte 
experimentelle Bestätigung gefunden hat. Phil. Dr- K. Schrötter 
hat 1912 über Anregung von H. Swoboda bei tief hypnotisierten 
Personen Träume durch einen suggestiven Auftrag erzeugt, der einen 
großen Teil des Trauminhaltes festlegte. Wenn die Suggestion den 
Auftrag brachte, vom normalen oder abnormen Sexualverkehr zu 
träumen, so führte der Traum diese Aufträge aus, indem er an Stelle 
des sexuellen Materials die aus der psychoanalytischen Traumdeutung 
bekajmieii Symbole einsetzte. So z. B. erschien nach der Suggestion, 
vom homosexuellen Verkehr mit einer Freundin zu träumen, im Traume 
diese Freundin mit einer schäbigen Reisetasche in der Hand, worauf 
ein Zettel klebte, bedruckt mit den Worten: „Nur für Damen.*' Der 
Träumerin war angeblich von Symbolik im Traume und Traumdeutung 
niemak etwas bekanntgegeben worden. Leider wird die Einschätzung 
dieser bedeutsamen Untersuchung durch die unglückliche Tatsache ge- 
stört, daß Dr. Schrötter bald nachher durch Selbstmord endete. 
Von seinen Traumexperimenten berichtet bloß eine vorläufige Mit- 
teilung im „Zentralblatt für Psychoanalyse". 



Erst nachdem wir die Symbolik im Traume gewürdigt haben, 
können wir in der S. 189 abgebrochenen Behandlung der typischen 
Träume fortfahren. Ich halte es für gerechtfertigt, diese Träume im 
droben in zwei Klassen einzuteilen, in solche, die wirklich jedesmal 
den gleichen Sinn haben, und zweitens in solche, die trotz des gleichen 
oder ähnlichen Inhaltes doch die verschiedenartigsten Deutungen er- 
fahren müssen. Von den typischen Träumen der ersten Art habe ich 
den Prüfungstraum bereits eingehender behandelt. 

AVegen des ähnlichen Affekteindruckes verdienen die Träume 
vom Nichterreichen eines Eisenbahnzuges den Prüfungsträumen ange- 
reiht zu werden. Ihre Aufklärung rechtfertigt dann diese Annäherung. 



C^ f\n n 1 i> Un g I n al f no m 

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Zahiirei2trftame. 263 

Es sind Trostträume gegen eine andere im Schlaf empfundene Angst- 
regung, die Angst zu sterben. „Abreisen" ist eines der häufigsten 
und am besten zu begründenden Todessymbole. Der Traum sagt dann 
tröstend: Sei ruhig, du wii*st nicht sterben (abreisen), wie der Prüfungs- 
traum beschwichtigte: Fürchte nichts; es wird dir auch diesmal nichts 
geschehen. Die Schwierigkeit im Verständnis beider Arten von Trätunen 
rührt daher, daß die Angstempfindung gerade an den Ausdruck des 
Trostes geknüpft ist. 

Der Sinn der „Zahnreiz träume", die ich bei meinen Pa- 
tienten oft genug zu analysieren hatte, ist mir lange 2Jeit entgangem, 
weil sich zu meiner Überraschung der Deutung derselben regelmäßig 
allzu große Widerstände entgegenstellten. 

Endlich ließ die übergroße Evidenz keinen Zweifel daran, daß 
bei Männern nichts anderes als das Onaniegelüste der Pubertätszeit 
die IViebkraft dieser Träume abgebe. Ich will zwei solcher Träume 
analysieren, von denen einer gleichzeitig ein „Flugtraum" ist. Beide 
rühren von derselben Person her, einem jungen Manne mit starker, 
aber im Leben gehemmter Homosexualität: 

Er befindet sich bei einer „Fidelio"-Vorstellung im 
Pa^rkett der Oper, neben L., einer ihm sympathischen Per- 
sönlichkeit, deren Freundschaft er gern erwerben möchte. 
Plötzlich fliegt er schrtlg hinweg über das Parkett 
bis ans Ende, greift sich dann in den Mund und zieht 
sich zwei Zähne, aus. 

Den Flug beschreibt er selbst, als ob er in die Luft „geworfen" 
würde. Da es sich um eine Vorstellung des „Fidelio" handelt, liegt 
das Dichterwort nahe: 

„Wer ©in holdes Weib errungen — " 

Aber das Erringen auch des holdesten Weibes gehört nicht zn 
den Wünschen des Träumers. Zu diesen stimmen zwei andere Verse 
besser: 

„Wem der große Wurf gelungen, 

Eines Freundes Fröund zu sein. . ." 

Dei' Traum enthält nun diesen „großen Wurf", der .aber nicht 
allein Wunscherfüllung ist. Es verbirgt sich hinter ihm auch die pein- 
liche Überlegung, daß er mit seinen Werbungen um Freundschaft 
schon so oft Unglück gehabt hat, „hinausgeworfen" wurde, und die 
Furcht, dieses Schicksal könnte sich bei dem jungen Manne, neben dem 
er die „Fidelio"-Vorstellung genießt, wiederholen. Und nun schließt 
sich daran das für den feinsinnigen Träumer beschämende G^tändnis 
an, daß er einst nach einer Abweisung von Seite eines Freundes aus 
Sehnsucht zweimal hintereinander in sinnlicher Erregung onaniert hat 

Der andere Traum: Zwei ihm bekannte Universitäts- 
professoren behandeln ihn an meiner Statt. Der eine tut 
irgend etwas an seinem Gliede; er hat Angst vor einer 
Operation. Der andere stößt mit einer eisernen Stange 
gegen seinen Mund, so daß er ein oder zwei Zähne ver- 
liert. Er ist mit vier seidenen Tüchern gebunden. ^ 



C^ f\n n 1 i> Orf g f n al f no m 

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264 ^^ ^^ Traamarbdt. 

Der sexuelle Sinn dieses Traumes ist wohl nicht ^zweifelhaft. 
Die seideiien Tücher entsprechen einer Identifizierung mit einem ihm 
bekannten Homosexuellen. Der Träumer, der niemals einen Koitus aus- 
geführt, auch nie in der Wirklichkeit geschlechtlichen Verkehr mit 
\rännem gesucht hat, stellt sich den sexuellen Verkehr nach dem 
Vorbilde der ihm einst vertrauten Pubertätsonanie vor. 

Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen des typischen 
Zahnreiztraumes, z. B. daß ein anderer dem Träumer den Zahn aus- 
zieht und ähnliches, durch die gleiche Aufklärung verständlich wer- 
den*. Bätselhaft mag es aber scheinen, wieso der „Zahnreiz'' zu dieser 
Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier auf die so häufige Ver- 
legung von unten nach oben aufmerksam, die im Dienste der Sexual- 
verdrängung steht, imd vermöge welcher in der Hysterie allerlei Sen- 
sationen und Intentionen, die sich an den Genitalien abspielen sollten, 
wenigstens an anderen einwandfreien Körperteilen realisiert werden 
können. Ein Fall von solcher Verlegung ist es auch, wenn in der 
Symbolik des iinbewußten Denkens die Genitalien durch das Ange- 
sicht ersetzt werden. Der Sprachgebrauch tut dabei mit, indem er 
vHinterbacken" als Homol<?ge der Wangen anerkennt, „Schamlippen" 
neben den Lippen nennt, welche die Mundspalte einrahmen. Die Käse 
wird in zahlreichen Anspielungen dem Penis gleichgestellt, die Be- 
haarung hier und dort vervollständigt die Ähnlichkeit. Nur ein Ge- 
bilde steht außer jeder Möglichkeit von Vergleichung, die Zähne, und 
gerade dies Zusammentreffen von Übereinstimmung und Abweichung 
macht die Zähne für die Zwecke der Darstellung unter dem Drucke 
der Sexualverdrängung geeignet. 

Ich will nicht behaupten, daß -nun die Deutung des Zahnreiz- 
traumee als Onanietraum, an deren Berechtigung ich nicht zweifeln 
kann, voll durchsichtig geworden ist*'^. Ich gebe so viel, als ich zur 
Erklärung weiß, und muß einen Best imaufgelöst lassen. Aber ich 
muß auch auf einen anderen im sprachlichen Ausdruck enthaltenen 
Zusammenhang hinweisen. In unseren Landen existiert eine unfeine 
Bezeichnung für den masturbaterischen Akt: sich einen ausreißen 
oder sich einen herunterreißen***. Ich weiß nicht zu sagen, woher 
diese Bedeweisen stammen, welche Verbildlichung ihnen zu Grunde 
liegt, aber zur ersteren von den beiden würde sich der „Zahn" sehr 
gut fügenf« 

* Das Ausreißen eines Zahnes durch einen anderen ist zumeist als Kastration 
zu deuten (ähnlich wie das Haareschneiden durch den Friseur; Stekel). Es ist 
zu untorscheiden zwischen Zahnreiz träumen und Zahnarztträumen überhaupt, wie 
solche z. B. Coriat (Zentralbl. f. Fs.-A. III, 440) mitgeteilt hat. 

** Nach einer Mitteilung von CG. Jung haben die Zahnreizlr&nme bei 
Flauen die Bedeutung von Greburtstraumen. E. Jones hat eine gute Bestätigung 
Mefur erbracht. Das Gemeinsame dieser Deutung mit der oben vertretenen liegt 
dario, daß es sich in beiden Fällen (Kastration — ^^ Geburt) um die Ablösung eines 
Teiles vom Körperganzen handelt. 

*** Vgl. hiezu den „biographischen" Traum auf S. 238. 

t Da die Träume vom Zahnziehen oder SSahnausfall im Volksglauben auf 
den Tod eines Angehörigen gedeutet werden, die Fsychoaual yse ihnen aber solche 
Bedeutung höchstens im oben angedeuteten parodistischen Sinn zugestehen kann, 
»schalte ich hier einen, von Otto Bank zur Verfügung gestellten ^Zahnreiz- 
traum'* ein: 



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Zuhnreiz und Onanie. 2(55, 

Zur zweiten Gruppe von typischen Träumen gehören die, in 
denen man fliegt oder schwebt, fällt, schwimmt u. dgl. Was bedeuten 
diese Träume? Das ist allgemein nicht zu sagen. Sie bedeuten, wie 
wir hören werden, in jedem Falle etwas anderes, nur das Material, 
an Sensationen, das sie enthalten, stammt allemal aus derselben Quelle- 

Au* den Auskünften, die man durch die Psychoanalysen erhält, 
muß man schließen, daß auch diese Träume Eindrücke der Kinder- 
zeit wiederholen, nämlich sich auf die Bewegungsspiele beziehen, die 

„Zum Thema der Zahnreiz träume ist mir von einem Kollegen, der sich seit 
einiger Zeit für die Probleme der Traumdeutung lebhafter zu interessieren be- 
ginnt, der folgende Bericht zugekommen: 

,Mir träumte kürzlich, ich sei beim Zahnarzt, der mir einen, 
rückwärtigen Zahn des Unterkiefers ausbohrt. Er arbeitet si> 
lange herum, bis der Zahn unbrauchbar geworden ist. Dann faßt 
er ihn mit der Zange und zieht ihn mit einer spielenden Leich- 
tigkeit heraus, die mich in Verwunderun.g setzt. Er sagt, ich 
solle mir nichts daran s machen, denn das sei gar nicht der eigent- 
lich behandelte Zahn und legt ihn auf den Tisch, wo der Zahn, 
(wie mir nun scheint, ein oberer Schneidezahn) in mehrere Schich- 
ten zerfällt. Ich erhebe mich vom Operationsstuhl, trete neu- 
gierig näher und stelle interessiert eine medizinische Frage. 
Der Arzt erklärt mir, während er die einzelnen Teilstücke des 
auffallend weißen Zahnes sondert und mit einem Instrument 
zermalmt (pulverisiert), daß das mit der Pubertät zusammen« 
hängt, und daß die Zähne nur vor der Pubertät so leicht heraus- 
gehen; bei Frauen sei das hiefür entscheidende Moment die Ge- 
burt eines Kindes. — Ich merke dann (wie ich glaube im Halb- 
schlaf), daß dieser Traum von einer Pollution begleitet war, 
die ich aber nicht mit Sicherheit an eine bestimmte Stelle des 
Traumes einzureihen weiß; am ehesten scheint sie mir noch beim. 
Herausziehen des Zahnes eingetreten zu sein. 

Ich träume dann weiter einen mir nicht mehr erinnerlichen 
Vorgang, der damit abschloß, daß ich Hut und Rock in der Hoff- 
nung, man werde mir die Kleidungsstücke nachbringen, irgend- 
wo (möglicherweise in der Garderobe des Zahnarztes) zurück^ 
lassend und bloß mit dem Überrook bekleidet mich beeilte, einen 
abgehenden Zug noch zu erreichen. Es gelang mir auch im letztext 
Moment^ auf den rückwärtigen Waggon aufzuspringen, wo be* 
reits jemand stand. Ich konnte jedoch nicht mehr in das Innere 
des Wagens gelangen, sondern mußte in einer unbequemen Stel- 
lung, aus der ich mich mit schließliohem Erfolg zn befreien 
▼ ersuchte, die Reise mitmaohen. Wir fahren durch ein großea 
Tunnel, wobei 'in der Gegenrichtung zwei Züge wie durch un- 
seren Zug hindurchfahren, als ob dieser das Tunnel wäre. Ich. 
schaue wie von außen durch ein Waggonfenster hinein.' 

Als Material zu einer Deutung dieses Traumes ergeben sich folgende Er^ 
lebnisse und Gedanken des Vortages: 

I. loh stehe tatsächlich seit kurzem in zahnärztlicher Behandlung und habe- 
zur Zeit des Traumes kontinuierlich Schmerzen in dem Zahn des Unterkiefers, 
der im Traume angebohrt wird, und an dem der Arzt auch in Wirklichkeit- 
sehen länger herumarbeitet, als mir lieb ist. Am Vormittag des Traumtages war 
ich neuerlich wegen der Schmerzen beim Arzt gewesen, der mir nahegelegt hatte, 
einen anderen als den behandelten Zahn im selben Kiefer ziehen zu lassen, von 
dem wahrscheinlich der Schmerz herrühren dürfte. Es handelte sich um einen, 
eben durchbrechenden , Weisheitszahn*. Ich hatte bei der Gelegenheit aaoh eine 
darauf bezügliche Frage an sein ärztliches Gewissen gestellt. 

II. Am Nachmittag desselben Tages war ich genötigt, einer Barne gegen* 
über meine üble Laune mit den Zahnschmerzen entschuldigen zu müssen, woi*auf 

Orfg fnal f no m 



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266 ^'I- J^ie Traumarbeit, 

für das Kind eine so außerordentliche Anziehung haben. Welcher 
Onkel bat nicht schon ein Kind fliegen lassen, indem er die Armo 
ausstreckend durchs Zimmer mit ihm eilte, oder Fallen mit ihm ge- 
spielt, indem er es auf den Knien schaukelte und das Bein plötzlich 
streckte, oder es hoch hob und plötzlich tat, als ob er ihm die Un- 
terstützung entziehen wollte. Die Kinder jauchzen dann und verlan- 
g(^n unermüdlich nach Wiederholung, besonders wenn etwas Schreck 
und Schwindel mit dabei ist; dann schaffen sie sich nach Jahren die 



sie mir erzahlte, sie liabe Furcht, sich eine Wurzel ziehen zu lassen, deren Krone 
fast gänzlich abgebröckelt sei. Sie meinte, das Ziehen wäre bei den Augenzäkaea 
besonders schmerzhaft und gefährlich, obwohl ihr anderseits eine Bekannte gesagt 
habe, daß es bei den Zähnen des Oberkiefers (um einen solchen iiandelte es sich, 
bei ihr) leichter gehe. Diese Bekannte habe ihr auch erzälilt, ihr sei einmal in 
der Narkose ein falscher 2^hn gezogen worden^ eine Mitteilung, welche ihre Scheu 
vor der notwendigen Operation nur vermehrt habe. Sie fragte mich dann, ob 
tinter Augenzähnen Backen- oder Eckzähne zu verstehen seien, und was über diese 
bekannt sei. Ich machte sie einerseits auf den abergläubischen Einschlag in all 
diesen Meinungen aufmerksam, ohne jedoch die Betonung des richtigen Kernes 
mancher volkstümlicher Anschauungen zu versäumen. Sie weiß darauf von einem 
ihrer Erfahrung nach sehr alten und allgemein bekannten Volksglauben zu be- 
richten, der behauptet: Wenn eine Schwangere Zahnschmerzen hat, 
so bekommt sie einen Buben. 

III. Dieses Sprichwort interessierte mich mit Rücksicht auf die von Freud 
in seiner Traumdeutung (2. Aufl., p. 193 f.) mitgeteilte typische Bedeutimg der 
Zahnreizträume als Onanieersatz, da ja auch in dem Volksspruch der Zahn und 
das männliche Genitale (Bub) in eine gewisse Beziehung gebracht werden. Ich 
las also am Abend desselben Tages die betreffende Stelle in der Traumdeutung 
nach und fand dort unter anderem die im folgenden wiedcrgegebenen Ausführun* 
gen. deren Einfluß auf meinen Traum ebenso leicht; zu erkennen ist wie die Ein- 
wirkung der beiden vorgenannten Erlebnisse. Freud sclireibt von den Zahnreiz- 
träumen, ,daQ bei Männern nichts anderes als das Onaniegelüste der Pubertäts- 
zeit die Triebkraft dieser Träume abgebe', (p. 193). Ferner: ,Ich meine, da6 
auch die häufigen Modifikationen des typischen Zahnreiz traumes, z. B. daß ein 
anderer dem Träumer den Zahn auszieht und ähnliches, durch die gleiche Auf- 
klärung verständlich werden. Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso der Zaha- 
reiz zu dieser Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier auf die so häufige 
Verlegung von unten nach oben (im vorliegenden Traume auch vom Unter- 
kiefer in den Oberkiefer) aufmerksam, die im Dienste der Sexualverdrängung steht 
und vermöge welcher in der Hysterie allerlei Sensationen und Intentionen, die 
sich an den Genitalien abspielen sollten, wenigstens an anderen einwandfreien 
Körpersteilen realisiert werden können' (p. 194). ,Aber ich muß auch auf einen 
anderen im sprachlichen Ausdruck enthaltenen Zusammenhang hinweisen. In un- 
seren Landen existiert eine unfeine Bezeichnung für den masturbatorischen Akt: 
sich einen ausreißen oder sich einen herunterreißen' (p. 195). Dieser Ausdruck 
war mir schon in früher Jugend als Bezeichnung für die Onanie geläufig xmd 
von hier aus wird der geübte Traumdeuter unschwer den Zugang zum Kindheits- 
mat^rial, das diesem Traume zu Grunde liegen mag, finden. loh erwähne nur noch, 
daß die Leichtigkeit mit der im Traume der Zahn, der sich nach dem Ziehen in 
einen oberen Schneidezahn verwandelt^ herausgeht, mich an einen Vorfall meiner 
Kinderzeit erinnert, wo ich mir einen wackligen oberen Vorderzahn leicht 
und schmerzlos selbst ausriß. Dieses Ereignis, das mir heute noch in allen 
seinen Einzelheiten deutlich erinnerlich ist, fällt in dieselbe frühe Zeit, in die 
bei mir die ersten bewußten Onanieversuche zurückgehen (Deckerinnerung). 

Der Hinweis Freuds auf eine Mitteilung von CG. Jung, wonach die 
Zahnreizträume bei Frauen die Bedeutung von Geburt s träumen haben 
(Traumdeutung S. 194 Anmkg.), sowie der Volksglaube von der Bedeutung des 
SJahnschmerzes bei Schwangeren haben die Gegenüberstellung der weiblichen Be- 
deutung gegenüber der männlichen (Pubertät) im Traume veranlaßt. Dazu er* 



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Fliegen und Schwebeu. 267 

.Wiederholung im Traume, lassen aber im Träume die Hände weg*, 
die sie gehalten haben, so daß sie nun frei sehweben und fallen. Die 
Vorliebe aller kleinen Kinder für solche Spiele wie für Schaukeln 
und Wippen ist bekannt ; wenn sie dann gymnastische Kunststücke im 
Zirkus sehen, wird die Erinnerung von neuem aufgefrischt. Bei man- 
chen Knaben besteht dann der hysterische Anfall nur aus Keproduk- 
tioiien solcher Kunststücke, die sie mit großer Geschicklichkeit aus- 
führen. Nicht selten sind bei diesen an sich harmlosen Bewegungs- 

innere ich mich eines früheren Traumes, wo mir, bald nachdem ich aus der Be- 
handlang eines Zahnarztes entlassen worden war. träumte, daß mir die eben einge- 
setzten Goldkronen herausfielen, worüber ich mich wegen des bedeutenden Kosten- 
Aufwandee, den ich damals noch nicht ganz verschmerzt hatte, im Traume sehr 
ärgert«. Dieser Traum wird mir jetzt im Hinblick auf ein gewisses Erlebnis als 
Alnpreisung der materiellen Vorzüge der Masturbation gegenüber der in jede» 
Form ökonomisch nachteiligeren Objektliebe verstandlich (Goldkronen) und ich 
glaube, daß die Mitteilung jener Dame über die Bedeutung des Zahnschmer/ 
bei Schwangeren, diese Gedankengänge in mir wieder wachrief.'* 

So weit die ohne weiteres einleuchtende und, wie ich glaube^ auch einwand- 
freie Deutung des Kollegen, der ich nichts hinzuzufügen habe als etwa den Hin- 
weis auf den wahrscheinlichen Sinn des zweiten Traumteiles, der über die Wort- 
brücken: Zahn-(ziehen-Zug ; reißen-reisen) den allem Anschein nach unter Schwie- 
rigkeiten vollzogenen Übergang des Träumers von der Masturbation zum Ge- 
schlechtsverkehr (Tunnel, durch den die Züge in verschiedenen Richtungen hinein- 
und herausfahren) sowie die Gefahren desselben (Schwangerschaft; Überzieher) 
darstellt. 

Dagegen scheint mir der Fall theoretisch nach zwei Richtungen interessant. 
Erstens ist es beweisend für den von Freud aufgedeckten Zusammenhang, daß 
die Ejakulation im Traume beim Akt des Zahnziehens erfolgt. Sind wir doch 
genötigt, die Pollution, in welcher Form immer sie auftreten mag, als eine mastur- 
batorische Befriedigung anzusehen, welche ohne Zuhilfenahme mechanischer Rei- 
zungen zu Stande kommt. Dazu kommt, daß in diesem Falle die poUutionis tische 
Befriedigung nicht wie sonst an einem, wenn auch nur imaginierten Objekte er- 
folgt^ sondern objektlos, wenn man so sagen darf, rein autoerotisch ist und höch- 
stens einen leisen homosexuellen Einschlag (Zahnarzt) erkennen läßt. 

Der zweite Punkt, der mir der Hervorhebung wert erscheint, ist folgender: 
„Es liegt der Einwand xiahe, daß die Freu d sehe Auffassung hier ganz überflüssiger- 
weise geltend gemacht zu werden suche, da doch die Erlebnisse des YoTtBiges 
allein vollkommen hinreichen, uns den Inhalt des Traumes verständlich su machen. 
Der Besuch beim Zahnarzt^ das Gtespräch mit der Dame und die Lektüre der 
Traumdeutung erklärten hinreichend, daß der auch nachts durch Zahnschmerzen 
beunruhigte Schläfer diesen Traum produziere; wenn man durchaus wolle, sogar 
zur Beseitigung des schlaf störenden Schmerzes (mittels der Vorstellung von der 
Entfernung des schmerzenden Zahnes bei gleichzeitiger ÜbertÖnung der gefürch- 
teten Schmerzempfindung durch Libido). Nun wird man aber selbst bei den 
weitestgehenden Zugeständnissen in dieser Richtung die Behauptung nicht omst« 
haft vertreten wollen, daß die Lektüre der Freud sehen Aufklärungen den Zu- 
sammenhang von Zahnziehen und Masturbationsakt in dem Träumer hei^estellt 
oder auch nur wirksam gemacht haben könnte, wenn er nicht, wie der Träumer 
selbst eingestanden hat (,sioh einen ausreißen') längst vorgebildet gewesen wäre. 
Was vielmehr diesen Zusammenhang neben dem Gespräch mit der Dame belebt 
haben mag, ergibt die spätere Mitteilung des Träumers, daß er bei der Lektüre 
der Traumdeutung aus begreiflichen Gründen an diese typische Bedeutung der 
Zahnreizträume nicht recht glauben mochte und den Wunsch hegte, zu wissen, 
ob dies für alle derartigen Träume zutreffe. Der Traum bestätigt ihm nun das 
wenigstens für seine eigene Person und zeigt ihm so, waram er daran zweifeln 
mußte. Der Traum ist also auch in dieser Hinsicht die Erfüllung eines Wunsches« 
nämlich sich von der Tragweite und der Haltbarkeit dieser Freudschen Auf- 
fassung zu überzeugen.'* 

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268 '^ I^« Traamarbelt. 

epielen auch sexuelle Empfindungen wachgerufen worden*. Um es 
mit einem hei uns gehräuchlichen, all diese Veranstaltungen decken- 
den Worte zu sagen: es ist das „Hetzen" in der Kindheit, welches 
die Träume vom Fliegen, Fallen, Schwindeln u. dgl. wiederholen, dessen 
Lustgefühle jetzt in Angst verkehrt sind. Wie aber jede Mutter weißs 
ifit aucli das Hetzen der Kinder in der Wirklichkeit häufig genug- 
in Zwist und Weinen ausgegangen. 

Ich habe also guten Orund, die Erklärung abzulehnen, daß der 
Zustand unserer Hautgefühle wahrend des Schlafes, die Sensationen 
von der Bewegung unserer Lungen u- dgl. die Träume vom Fliegen 
und Fallen hervorrufen. Ich sehe, daß diese Sensationen selbst au» 
der Erinnerung reproduziert sind, auf welche der Traum sich be- 
zieht, daß sie also Trauminhalt sind und nicht Traumquellen. 

Dieses gleichartige und aus der nämlichen Quelle stammende 
Material von Bewegungeempfindungen wird nun zur Darstellung der 
aliermannigfaltigst^ Tfiraumgedanken verwendet. Die meist lustbeton- 
ten Träume vom Fliegen oder Schweben erfordern die verschiedensten 
Deutungen, ganz spezielle bei einigen Personen, Deutungen von selbst 
typischei' Natur bei anderen. Eine meiner Patientinnen pflegte sehr 
häufig zu träumen, daß sie über die Straße in einer gewissen Höhe 
schwebe, ohne den Boden zu berühren. Sie war sehr klein gewashsen 
und scheute jede Beschmutsning, die der Verkehr mit Menschen mit 
sich bringt. Ihr Schwebetraum erfüllte ihr beide Wünsche, indem er 
ihre Füße vom Erdboden abhob und ihr Haupt in höhere Regionen 
ragen ließ. Bei anderen Träumerinnen hatte der Fliegetraum die Be- 
deutung der Sehnsucht: Wenn ich ein Vöglein war'; andere wurden 
80 nächtlicherweise zu Engeln in der Entbehrung, bei Tage so ge- 
nannt zu werden. Die nahe Verbindung des Fliegens mit der Vor- 
stellung des Vogels macht es verständlich, daß der Fliegertraum bei 
Männern meist eine grobsinnliche Bedeutung hat. Wir werden uns 
auch nicht verwundem, zu hören, daß dieser oder jener Trlumer 
jedesmal sehr stolz auf sein Fliegenkönnen ist. 

Dr. Paul Federn (Wien) hat die bestechende Vermutung aiia- 
gesprochen, daß ein guter Teil der Fliegeträume Erektionsträume sindr 
da das merkwürdige und die menschliche Phantasie unausgesetzt be» 
sehäftigende Phänomen der Erektion als Aufhebung der Schwerkraft 
imponieren muß. (Vgl. hiezu die geflügelten Philen der Antike.) 

Rs ist bemerkenswert, daß der nüchterne und eigentlich jeder 
Deutung abgeneigte Traumexperimentator Mourly Vold gleichfalls 
die ergtische Deutung der Fliege- (Schwebe-) Träume vertritt (Bd. 11, 
p. 791). Er nennt die Erotik das „wichtigste Motiv zum Schwebe- 

* Ein junger, von Nervosität freier Kollege teilt mir hiem mit: „loh weiß 
aus eigener Erfahrung, daß ich früher beim Schaukeln, und zwar in dem Moment, 
wo die Abwärtsbewegung die größte Wucht hat, ein eigentümliches Gefühl in den. 
Genitalien bekam, das ich, obwohl es mir eigentlich nicht angenehm war, doch 
als l^iiHtgefühl bezeichnen muß." — Von Patienten habe ich oftmals gehört, daß 
die ersten Erektionen mit Lustgefühl, die sie erinnern, in der Knabeoizeit beim 
Klettern aufgetreten sind- — Aus den Psychoanalysen ergibt sich mit aller Sicher* 
heit, daß häufig die ersten sexuellen Begangen in den Eauf- und Ringspielen der 
Kinderjabre \Mirzeln. 



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Fallen, Schwimipen. FeaertHUune. 269 

träum", beruft sich auf das starke Vibrationsgefühl im Körper, wel- 
<5hes diese Träume begleitet, und auf die häufige Verbindung solcher 
Träume mit ErektioJ^n oder Pollutionen. 

Die Träume vom Fallen tragen häufiger den Angstcharakter. 
Ihre Deutung unterliegt bei Frauen keiner Schwierigkeit, da sie fast 
regelmäßig die symbolische Verwendung des Fallens akzeptieren, wel- 
sches die Nachgiebigkeit gegen eine erotische Versuchung umschreibt. 
Die infantilen Quellen des Falltraumes haben wir noch nicht erschöpft ; 
fast alle Kinder sind gelegentlich gefallen und wurden dann auf- 
gehoben und geliebkost; wenn sie nachts aus dem Bettchen gefallen 
-waren, von ihrer Pflegeperson in ihr Bett genommen. 

Personen, die häufig vom Schwimmen träumen, mit großem 
Bfchagen die Wellen teilen usw., sind gewöhnlich Bettnässer gewesen 
und ^wiederholen nun im Traume eine Lust, auf die sie seit Janger 
Zeit zu verzichten gelernt haben. Zu welcher Darstellung sich die 
Träume vom Schwimmen leicht bieten, werden wir bald an dem einen 
oder dem anderen Beispiele erfahren. 

Die Deutung der Träume vom Feuer gibt einem Verbot der 
^Blinderstube Recht, welches die Kinder nicht „zündeln" heißt, damit 
^sie nicht nächtlicherweile das Bett nässen sollen. Es liegt nämlich 
rauch ihnen die Reminiszenz an die Enuresis nocturna der Kinder- 
jahre zu Grunde. In dem „Bruchstück einer Hysterieanalyse" 1905* 
habe ich die vollständige Analyse und Synthese eines soldien Feuer- 
traumes im Zusammenhange mit der Krankengeschichte der Träumerin 
g^göt^i^ "^^d gezeigt, zur Darstellung welcher Regungen reiferer Jahre 
sich dieses infantile Material verwenden läßt. 

Man könnte noch eine ganze Anzahl von „typischen" Träumen 
.anführen, wenn man darunter die Tatsache der häufigen Wiederkehr 
-des gleichen manifesten Trauminhaltes bei verschiedenen Träumern 
versteht, so 2. B. : Die Träume vom Gehen durch enge Gassen, vom 
Oehen durch eine ganze Flucht von Zimmern, die Träume vom nächt- 
lichen Räuber, dem auch die Vorsichtsmaßregeln der Nervösen vor 
dem Schlafengehen gelten, die von Verfolgung durch wilde Tiere 
•(Stiere, Pferde) oder von Bedrohung mit Messern, Dolchen, Lanzen, 
die beide letztere für den manifesten Trauminhalt von Angstleidenden 
charakteristisch sind u. dgl. Eine Untersuchung, die sich speziell mit 
•diesem Material beschäftigen würde, wäre sehr dankenswert. Ich habe 
an ihrer Statt zwei Bemerkungen zu bieten, die sich aber nicht aus- 
schließlich auf typische Träume beziehen. 

I. Je mehr man sich mit der Lösung von Träumen beschäftigt, 
•desto bereitwilliger muß man anerkennen, daß die Mehrzahl der Träume 
Erwachsener sexuelles Material behandelt und erotische Wünsche zum 
Ausdruck bringt. Nur wer wirklich Träume analysiert, d. h. vom 
manifesten Inhalt derselben zu den latenten Traumgedanken vordringt, 
kann sich ein Urteil hierüber bilden, nie wer sich damit begnügt, 
den manifesten Inhalt zu registrieren (wie z. B. Näcke in seinen 
Arbeiten über sexuelle Träume). Stellen wir gleich fest, daß diese 
Tatsache uns nichts Überraschendes bringt, sondern in voller Über- 

* Sammlung kl. Schriften a. Neurosenlehre. Zweite Folge, rj09. 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n al f ro m 

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270 ^'^- ^** Traamarbeit. 

einßtiminung mit unseren Grundsätzen der Traumerklärung steht. Kern 
anderer Trieb hat seit der Kindheit so viel Unterdrückung erfahren 
müssen wie der Sexualtrieb in seinen zahlreichen Komponenten*, von 
keinem anderen erübrigen so viele und so starke unbewußte Wünsche, 
die nun im Schlafzustande traumerzeugend wirken. Man darf bei 
der Traumdeutung diese Bedeutung sexueller Komplexe niemals ver« 
geßsen, darf sie natürlich auch nicht zur Ausschließlichkeit übertreiben. 

An vielen Träumen wird man bei sorgfältiger Deutung feststellen 
können, daß sie selbst bisexuell zu verstehen sind, indem »ie eine 
unabweisbare Überdeutung ergeben, in welcher sie homosexuelle, d. h. 
der normalen Geechlechtsbetätigung der träumenden Person entgegen- 
gesetzte Begungen realisieren. Daß aber alle Träiime bisexuell zu 
deuten seien, wie W. Stekel** und Alf. Adler*** behaupten,, 
scheint mir eine ebenso unbeweisbare wie unwahrscheinliche Verall- 
gemeinerung, welche ich nicht vertreten möchte. Ich wüßte vor allem 
den Augenschein nicht wegzuschaffen, daß es zahlreiche Träume gibt, 
welche andere als — im weitesten Sinne — erotische Bedürfnisse 
befriedigen, die Hunger- und Dursttraume, Bequemlichkeitsträume usw. 
Auch die ähnlichen Aufstellungen, „daß hinter jedem i Traum die 
Todesklausel zu finden sei" (Stekel), daß jeder Traum ein „Fort- < 
schreiten von der weiblichen zur männlichen Linie" erkennen lasse 
(Adler), scheinen mir das Maß des in der Traumdeutung Zulässigen 
weit zu überschreiten. — Die Behauptung, daß alle Träume 
eine sexuelle Deutung erfordern, gegen welche in der Li- 
teratur unermüdlich polemisiert wird, ist meiner „Traumdeutung" 
fremd. Sie ist in fünf Auflagen dieses Buches nicht zu finden und 
steht in greifbarem Widerspruch zu anderem Inhalt desselben. 

Daß die auffällig harmlosen Träume durchwegs grobe ero- 
tische .Wünsche verkörpern, haben wir bereits an anderer Stelle be- 
hauptet und könnten wir durch zahlreiche neue Beispiele erhärten. 
Aber auch viele indifferent scheinende Träume, denen man nach keiner 
Kichtung etwas Besonderes anmerken würde, führen sich nach der 
Analyse auf unzweifelhaft sexuelle Wunschregungen oft vinerwarteter- 
Art zurück. Wer würde z. B. bei nachfolgendem Traume einen se- 
xuellen Wunsch vor der Deutungsarbeit vermuten? Der Träumer er- 
zählt: Zwischen zwei stattlichen Palästen steht etwas 
zurücktretend ein kleines Häuschen, dessen Tore ge- 
schlossen sind. Meine Frau führt mich das Stück der- 
Straße bis zu dem Häuschen hin, drückt die Tür ein, 
und dann schlüpfe ich rasch und leicht in das Innere 
eines schräg aufsteigenden Hofes. 

AVer einige Übung im Übersetzen von Träumen hat, wird aller- 
dings sofort daran gemahnt werden, daß das Eindringen in enge Il4ume^ 
das Offnen verschlossener Türen zur gebräuchlichsten sexuellen Sym- 
bolik gehört, und wird mit Leichtigkeit in diesem Traume eine Dar-- 

* Vgl. des Verf. „Drei Abliandlungen zur Sexual theorie*, 1905, 3. Aufl. 1916.. 
** Die Sprache des Traumes, 1911. 
•♦* Der psychische Hermaphrodit Ismus im Leben und in der Xeuröse, Fort- 
6chritte der Medizin 1910, Nr. 16, und spätere Arbeiten im Zentralblatt für Psycho^ 
Bnalyse I, 1910/11. 



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Vorwiegen Bexadler Wünsche in den latenten Traumgedankeu. 271 

ei-ellung eines Koitusversuchee von rückwärts (zwischen den beiden 
ÄtÄttlicheu Hinterbacken des -weiblichen Körpers) finden. Der enge, 
'fechräg aufsteigende Gang ist natürlich die Scheide; die der Frau des 
Träumerc; zugeschobene Hilfeleistung nötigt zur Deutung, daß in Wirk- 
lichkeit nur die Eücksicht auf die Ehefrau die Abhaltung von einem 
fiplchen Versuche besorgt, und eine Erkundigung ergibt, daß am 
Ifraumtag ein junges Mädchen in den Haushalt des Träumers ein- 
getreten ist, welches sein AVohlgefallen erregt und ihm den Eindruck 
gemacht hat, als würde es sich gegen eine derartige .Annäherung 
nicht zu sehr sträuben. Das kleine Haus zwischen den zwei Palästen 
]£t von einei* Beminiszenz an den Hradschin in Prag hergenommen und 
T^eist somit auf das nämliche aus dieser Stadt stammende Mädchen hin. 
Wenn ich gegen Patienten die Häufigkeit des Odipustraumes, 

Jiit dei' eigenen Mutter geschlechtlich zu verkehren, betone, so be- 
omme ich zur Antwort: Ich kann mich anleinen solchen Traum 
laicht erinnern. Gleich darauf steigt aber die Erinnerung an einen 
Anderen, unkenntlichen und indifferenten, Traum auf, der sich bei dem 
"Betreffenden häufig wiederholt hat, und die Analyse zeigt, daß dies 
ein Traum des gleichen Inhaltes, nämlich wiederum ein ödipustraum 
|3t. Ich kann versichern, daß die verkappten Träume vom Sexual- 
terkehre mit der Mutter um ein Vielfaches häufiger sind als die 
aufrichtigen*. 

Es gibt Träume von Landschaften oder Ortlichkeiten, bei denen 
im Traume noch die Sicherheit betont wird: Da war ich schon ein- 
irial. Dieses „Deja vu" hat aber im Traum eine besondere Bedeutung. 
Diese Ortlichkeit ist dann immer das Genitale der Mutter; in der 
!rat kann man von keiner anderen mit solcher Sicherheit behaupten, 
äaß mau „dort schon einmal war". Ein einziges Mal brachte Imich 
fin Zwangsneurotiker durch die Mitteilung eines Traumes in Ver- 

' * Ein typisches Beispiel eines solchen verkappten Odipustraumes habe ich 
in Nr. 1 des Zentpalblattes für Psychoanalyse veröffentlicht; ein anderes mit aus- 
führlicher Dentnng O. Rank ebendort in Nr. 4. Über andere verkappte ödipüs- 
Iraume, in denen die Symbolik des Auges hervortritt, siehe Bank (Internat. 
Zeitschrift für Psychoanalyse I, 1913). Daselbst auch Arbeiten über „Augenträume** 
%ind Angensymbolik von Eder, Ferenczi, Reitler. Die Blendung in der ödipus- 
>age wie anderwärts als Stellvertretung der. Kastration. Den Alten war übrigens 
buch die symbolische Deutung der unverhüllten ödipus träume nicht fremd. (VgL 
Jo. Bank, Jahrb. II, p. 534): „So ist von Julias Cäsar ein Traum vom g^chlecht- 
FL, laichen Verkehr mit der Mutter überliefert, den die Traumdeuter als günstiges 
^t' Vorzeichen für die Besitzergreifung der Erde (Mutter-Erde) auslegten. Ebenso. 
k ibekannt ist das den Tarquiniern gegebene Orakel, demjenigen von ihnen werde 
«die Herrschaft Borns zufallen, der zuerst die Mutter küsse (osculum matri 
^ulerit), was Brutus aJs Hinweis auf die Mutter*Erde auffaßte (terram osculo 
fcontigit^ scilicet quod ea oommunia mater omnium mortalium esset. Livius I, 
XXI). Vgl. hiezu den Traum des Hippias bei Herodot VI, 107: „Die Barbaren 
^-kber führte Hippias nach Marathon, nachdem er in der vergangenen Nacht fol- 
gendes Tianmgesicht gehabt: Es deuchte dem Hippias, er schliefe bei seiner 
^»eigenen Mutter. Aus diesem Tiaume schloß er nun, er würde heimkommen nach 
.Uien tind seine H^rschaft wieder erhalten und im Vater lande sterben in seinen 
Iten Tagen.** Diese Mythen und Deutungen weisen auf eine richtige psycho- 
^logische Erkenntnis hin. Ich habe gefunden, daß die Personen, die sich von der 
TMutter bevorzugt oder aasgezeichnet wissen, im Leben jene besondere Zuversicht 
ii%n sich selbst^ jenen unerschütterlichen Optimismus bekunden, die nicht selten 
lKIs heldenhaft erscheinen und den wirklichen Erfolg erswiDgen. 



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1^72 



VI. Die Tranmarbeit. 



e 



legenheit, in dem es hieß, er besuche eine Wohnujtig, in der er sch( 
zweimal gewesen sei. Gerade dieser Patient hatte mir aber langej 
Zeit vorher als Begebenheit aus seinem sechsten Lebensjahre erzähl 
er habe damals einmal das Bett der Mutter geteilt und die Gelegenhej 
<iazu mißbraucht, den Finger ins Genitale der Schlafenden cinzuführej 

Einer großen Anzahl von Träumen, die häufig angsterfüllt sin( 
oft daß Passieren von engen Räumen oder den Aufenthalt im Was« 
zum Inhalt haben, liegen Phantasien über das Intrauterinleben, dj 
Verweilen im Mutterleibe und den Geburtsakt zu Grunde. Im 
genden gebe ich den Traum eines jungen Mannes wieder, der in d< 
rhantasie schon die intrauterine Gelegenheit zur Belauschung ei"' 
Koitus zwischen den Eltern benutzt. 

Er befindet sich in einem tiefen Schacht, in de 
ein Fenster ist wie im Semmeringtunnel. Durch dies' 
43ieht er zuerst leere Landschaft und dann komponier] 
^r ein Bild hinein, welches dann auch sofort da ist un 
die Leere ausfüllt. Das Bild stellt einen Acker da 
der vom Instrument tief aufgewühlt wird, und di 
schöne Luft, die Idee der gründlichen Arbeit, die d 
bei ist,- die blauschwarzen Schollen machen einen schöne 
Eindruck. Dann kommt er weiter, sieht eine Pädagogi 
:auf geschlagen . . . und wundert sich, daß den sexue 
ien Gefühlen (des Kindes) darin soviel Aufmerk'sa 
icit geschenkt wird, wobei er an mich denken muß." 

Ein schöner Wassertraum einer Patientin, der zu einer beson^ 
'deren Verwendung in der Kur gelangte, ist folgender: 

In ihrem Sommeraufenthalt am ^'^See stürzt sie sie 
ins dunkle Wasser, dort, wo sich der blasse Mond 
Wasser spiegelt. 

Träume dieser Art sind Geburtsträume; zu ihrer Deutung 
langt man, wenn man die im manifesten Traume mitgeteilte Tatsache 
umkehrt, also anstatt : sich ins Wasser stürzen, — aus dem Wafilsei 
herauskommen, d. h. : geboren werden'*'. Die Lokalität, aus der manl 
geboren wird, erkennt man, wenn man an den mutwilligen Sinn vonl 
„la lune/* im Französischen denkt. Der blasse Mond ist dann der weißoL .. 
Popo, aus dem das Kind hergekommen zu sein bald errät. Was sollB v* 
•-es nun heißen, daß die Patientin sich wünscht, in ihrem Sommer-F " 
aufenthalt „geboren zu werden"? Ich befrage die Träumerin, die ohne 
zu zögern antwortet: Bin ich nicht durch die Kur wie neugeboren?] 
So wird dieser Traum* zur Einladung, die Behandlung an jenem 
Sommerorto fortzusetzen, d. h. sie dort zu besuchen; er enthält viel- 
leicht auch eine ganz schüchterne Andeutung des "Wunsches, selbst 
Mutter zu werden**. 



^ über die mythologische Bedeutung der Wassergeburt siehe Rank: Der 
ICythus von der Geburt des Helden, 1909. 

** Die Bedeutung der Phantasien und unbewußten Gedanken über das Lobon 
im Ifutterleibe habe ich erst spät wiirdig^n gelernt. Sie enthalten sowohl die 
Aufklarung für die sonderbare Angst so vieler Menschen, lebendig begraben zu 
werden, als auch die tiefste unbewußte Begründung des Glaubens an ein Fort- 



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Gebartsträame. 273 

Einen anderen Geburtstraum entnehme ich samt seiner Deutung 
einer Arbeit von E.Jones: „Sie stand am Meeresufer und 
beaufsichtigte einen kleinen Knaben, welcher der ihrige 
zu sein schien, während er ins Wasser watete. Dies tat 
er so weit, bis das Wasser ihn bedeckte, so daß sie 
nur noch seinen Kopf sehen konnte, wie er sich an der 
Oberfläche auf und nieder bewegte. Die Szene ver- 
wandelte sich dann in die gefüllte Halle eines Ho- 
tels. Ihr Gatte verließ sie, und sie ,trat in ein Ge- 
spräch mit* einem Fremden." 

„Die zweits Hälfte des Traumes enthüllte sich ohne weiteres bei 
der Analyse als Darstellung einer Flucht von ihrem Gatten und An- 
knüpfung intimer Beziehungen zu einer dritten Person. Der erste 
Teil des Traumes war eine offenkundige Geburtsphantasie. In den 
Träumen wie in der Mythologie wird die Entbindung eines Kindes 
aus dem Fruchtwasser gewöhnlich mittels Umkehrung als Eintritt 
des Kinde«« ins Wasser dargestellt; neben vielen anderen bieten die 
Geburt des Adonis, Osiris, Moses und Bacchus gut bekannte Beispiele 
hiefür. Das Auf- und Niedertauchen des Kopfes im Wasser erinnert 
die Patientin sogleich an die Empfindung der Kindesbewegungen, 
welche sie während ihrer einzigen Schwangerschaft kennen gelernt 
hatte. Der Gedanke an den ins Wasser steigenden Knaben erweckt 
eine Träumerei, in welcher sie sich selbst sah, wie sie ihn aus- dem 
AVasser herauszog, ihn in die Kinderstube führte, ihn wusch und 
kleidete und schließlich in ihr Hans führte. 

„Die zweite Hälfte des Traumes stellt also Gedanken dar, welche 
das Fortlaufen betreffen, das zu der ersten Hälfte der verborgenen 
Traumgedanken in Beziehung steht; die erste Hälfte des Traumes ent- 
spricht dem latenten Inhalt der zweiten Hälfte, der Geburtsphantasie. 
Außer der früher erwähnten Umkehrung greifen weitere Umkehrungen 
in jeder Hälfte des Traumes Platz. In der ersten Hälfte geht das Kind 
in das' Wasser und dann baumelt sein Kopf; in den zu Grunde 
liegenden Traumgedanken tauchen erst die Kindesbewegungen auf 
und dann verläßt da» Kind das Wasser (eine doppelte Umkehrung). 
In der zweiten Hälfte verläßt ihr Gatte sie; in den Traumgedanken 
verläßt sie ihren Gatten." (Übersetzt von O. Bank.) 

Einen weiteren^ Geburtstraum erzählt Abraham von einer jun- 
gen, ihrer ersten Entbindung entgegensehenden Frau. Von einer Stelle 
des Fußboden^ im Zimmer führt ein unterirdischer Kanal direkt ins 
Wasser (Geburtsweg — • Fruchtwasser). Sie hebt eine Klappe im Fuß- 
boden auf und sogleich erscheint ein in einen bräunlichen Pelz ge- 
kleidetes Geschöpf, das beinahe einem Seehund gleicht. Dieses Wesen 
entpuppt sich als der jüngere Bruder der Träumerin, zu dem sie 
von jeher in einem mütterlichen Verhältnis gestanden hatte. 

Rank hat an einer Reihe von Träumen gezeigt, daß die Geburts- 
träume sich derselben Symbolik bedienen wie die Harnreizträume. 

leben nach dem Tode, welches nur die Projektion in die Zukunft dieses unheim- 
lichen Lebens vor der Geburt darstellt. Der Geburtsakt ist übrigens das 
erste Angsterlebnis und somit Quelle und Vorbild des Angst- 
affektes. 

Pr«ud, Tranmdtntang, 6* A fl. • 18 

.1 iw'kill^ Orfgrnaffrom 

.yv.:.uugn^ UNIVERSIWOF MICHIGAN 



274 ^ ^* ^^ Tnomarbert. 

Der erotische Reiz wird in ihnen als Harnroiz dargestellt; die Schich- 
tung der Bedeutung in diesen Träumen entspricht einem Bedeutungs- 
wandel des Symbols seit der Kindheit. 

Wir dürfen hier auf das Thema zurückgreifen, das wir S. 16& 
abgebrochen hatten, auf die Bolle organischer» schlafstörender Beize, 
für die Traumbildung. Träume, die unter diesen Einflüssen zu Stande 
gekommen sind, zeigen uns nicht nur die WunscherfüUimgstendcnz 
und den Bequemlichkeitscharakter ganz oTfen, sondern sehr häufig* 
auch eine völlig durchsichtige Symbolik, da nicht selten ein Beiz 
zum Erwachen führt, dessen Befriedigung in symbolischer 
Einkleidung im Traume bereits vergeblich versucht 
worden war. Dies gilt für die Pollutionsträume wie für die durck 
Harn und Stuhldrang ausgelösten. Der eigentümliche Charakter der 
FoUutionsträume gestattet uns nicht nur gewisse, bereits als typisch' 
erkannte, aber doch heftig bestrittene Sexualsymbole direkt zu ent- 
larven, sondern vermag uns auch za überzeugen, daß manche schein- 
bar harmlose Traumsituation auch nur das symbolische Vorspiel einer 
grob sexuellen Szene ist, die jedoch meist nur in den relativ seltenen 
Pollutionsträumen zu direkter Darstellung gelangt, während sie oft 
genug in einen Angsttraum umschlägt, der gleichfalls zum Erwachen 
führt. 

Die Symbolik der Harnreizträume ist besonders durchsichtige 
und -seit jeher erraten worden. Schon Hippokrates vertrat die 
Auffassung, daß es eine Störung der Blase bedeutet, wenn man von 
Fontänen und Brunnen träumt (H. Ellis). Scherner hat die Man- 
nigfaltigkeit der Hamreizsymbolik studiert und auch bereits behaup- 
tet, daß „der stärkere Harnreiz stets in die Reizung der Geschlechts- 
sphäre und deren symbolische Gebilde umschlägt .... Der Ham- 
reiztraum ist oft der Repräsentant des Geschlechtstraumes zugleich"» 
O. Rank, dessen Ausführungen in seiner Arbeit über die .,Sym- 
bolsehichtung im Wecktraum" ich hier gefolgt bin, hat es sehr wahr- 
scheinlich gemacht, daß eine große Anzahl von „Hamreizträumen'^ 
eigentlich durch sexuellen Reiz verursacht werden, der sich zunächst 
auf dem Wege der Regression in der infantilen Form der ürethral- 
erotik zu befriedigen sucht. Besonders lehrreich sind dann jene Fälle^ 
in denen der so hergestellte Hamreiz zum Erwachen und zur Blasen- 
entleerunp^ führt, worauf aber trotzdem der Traum fortgesetzt wird 
und sein Bedürfnis nun in unverhüllten erotischen Bildern äußert*. 

In ganz analoger Weise decken die Darmreizträume die 
dazugehörige Symbolik auf und bestätigen dabei den auch völker- 
psychologisch reichlich belegten Zusammenhang von Gold und Kot**. 

♦ „Die gleichen Symboldarst eilungen, die im infantilen Sinne dem vesikalen. 
Traume zu Grunde Heften, erscheinen im „rezenten" Sinne in exquisit sexucUer 
Bedeutung: Wasser = Urin s= Sperma = Geburtswasser ; »Schiff = „schiffen" (uri- 
nieren) «=■ Fruchtbelialter (Kasten); naß werden = Enuresis = Koitus = Gravi- 
dität; «ohwimmen = Urinfülle = ^ufentlialt des Ungeborenen; Regen == Uri- 
nieren = Befruchtungssymbol; RdHen (fahren =s Aussteisren) = Aufstellen au» 
dem Bett = GeschlechtÜeh verkehren („fahren**, Hochzeitsreise); Urinieren «» 
sexuelle Entleerung (Pcllulion)". (Rank 1. c.) 

** Freud, Charakter und Analerotik; Rank, Die Symbolschichtung etc.; 
Pattner, Intern. Zeitschr. f. Psych. I, 1913; Reik, Intern. Zeitachr. III, 1915. 



C^ f\n n 1 i> Orf g in al f no m 

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* 



Hara- UDd Darmreiz. — Rettougs- nnd Säuberträume. ^ 275 

t,So träumt 2. B. eine Frau ztir Zeit, da sie wegen einer Darm- 
etörung in ärztlicher Behandlung steht, von einem Schatzgräber, 
der in dei* Nähe einer kleinen Holzhütte, die wie ein ländlicher Abort 
aussieht, einen Schatz vergräbt. Ein zweiter Teil des Traumes hat 
zum Inhalt, wie sie ihrem Kind, einem kleinen Mäderl, das ßich 
beschmutzt hat, den Hintern abwischt." 

Den Geburtsträumen schließen sich die Träume von „Ret- 
tungen*' an. Betten, besonders aus dem Wasser retten, ist gleich- 
l>edeutend mit gebären, wenn es von einer Frau geträumt wird, modi- 
fiziert aber diesan Sinn, wenn der Träumer ein Mann ist. (Siehe einen 
ßolcheii Traum bei P f i s t e r : Ein Fall von psychoanalytischer Seel- 
Borge und Seelenheilung. Evangelische Freiheit, 1909.) — Über das 
Symbol des „Bettens" vgl. meinen Vortrag: Die zukünftigen Chancen 
der psychoanalytischen Therapie. Zentralblatt f. Psychoanalyse, Nr. 1, 
1910, sowie: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens, I. Über einen 
bef?ondereii Typus der Objektwahl beim Manne, Jahrbuch f. Ps.-A., 
Bd. II, 1910*. 

Die Bäubcr, nächtlichen Einbrecher und Gespenster, vor denen 
man sich vor dem Zubettgehen fürchtet, und die auch [gelegentlich 
den Schlafenden heimsuchen, entstammen einer und derselben infan- 
tilen Reminiszenz. Es sind die nächtlichen Besucher, die das Kind 
aus dem Schlafe geweckt haben, um es auf den Topf zu setzen, damit 
es das Bett nicht nässe, oder die die Decke gehoben haben, um sorg- 
sam nachzuschauen, wie es während des Schlafens die Hände hält. 
Ayäs den Analysen einiger dieser Angstträume habe ich noch die 
Person des nächtlichen Besuchers zur Agnoszierung bringen können. 
Der Räuber war jedesmal der Vater, die Gespenster werden wohl eher 
weiblichen Personen im weißen N ach tge wände entsprechen. 

/) Beispiele von Darstellungen. — Rechnen und Reden 

im Traume. 

Ehe ich nun das vierte der die Traumbildung beherrschenden 
Momente an die ihm gebührende Stelle setze, will ich aus meiner 
Traumsammlung einige Beispiele heranziehen, welche teils das Zu- 
sammenwirken der drei uns bekannten Momente erläutern, teils Be- 
weise für frei hingestellte Behauptungen nachtragen oder unabweisbare 
Folgerungen aus ihnen ausführen können. Es ist mir ja in der vor- 
stehenden Darstellung der Traumarbeit recht schwer geworden, meine 
Ergebnisse «m Beispielen zu erweisen. Die Beispiele für die einzelnen 
Sätze sind nur im Zusammenhange einer Traumdeutung beweiskräftig ; 
aus dorn Zusammenhange gerissen, büßen sie ihre Schönheit ein, und 
eine auch nur wenig vertiefte Traumdeutung wird bald so umfang- 
reich, daß sie den Faden der Erörterung, zu deren Illustrierung pie 
dienen soll, verlieren läßt. Dieses technische Motiv mag entschuldigen, 
wenn ich nun allerlei aneinanderreihe, was nur durch die Beziehung^ 
auf den Text des vorstehenden Abschnittes zusammengehalten wird. 

♦ Ferner Rank, Belege zur Rettungsphantasie (Zentralblatt f. Ps.-A. T, 1910, 
p. 331); Reik, Zur Rettungssymbolik (ebenda, p. 499); Rank, Die „Geburts- 
rettungsphantasie" in Traum und Dichtung (Intern. Zeitschr. f. Psych. IT, 1914). 

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276 ^'^ ^'^ TnmmArbeit 

Ziiiiachei einige Beispiele von besonders eigentümlichen oder von 
tmgewöhnlichon Darstellungsweisen im Traume. Im Traume einer Dama 
heißt es: Ein Stubenmädchen steht auf der Leiter w'ie 
zum Fensterputzen und hat einen Schimpansen und 
eine Gorillakatze (später korrigiert: Angorakatze) bei sich. 
tSie wirft die Tiere auf die Träumerin; der Schimpanse 
schmiegt sich an die letztere an, und da^s ist sehr ekel* 
haft. Dieser Traum hat seinr^n Zweck durch ein höchst einfaches 
Mittel erreicht, indem er nämlich eine Bedensart wörtlich nahm und 
nach ihrem AVortlaute darstellte. „Affe" wie Tiemamen überhaupt 
sind Schimpfwörter, und die Traumsituation besagt nichts anderes 
als „mit Schimpf Worten um sich werfen". Diese selbe, Samm- 
lung wird alsbald weitere Beispiele für die Anwendung dieses ein- 
fachen Kunstgriffes bei der Traumarbeit bringen. 

Ganz ähnlich verfährt ein anderer Traum > Eine Frau mit 
einem Kinde, das einen auffällig mißbildeten Schädel 
bat; von diesem Kinde hat sie gehört, daß es durch 
die Lage im Mutterleibe so geworden. Man könnte den 
Schädel, sagt der Arzt, durch Kompression in eine 
bessere Form bringen, allein das würde dem Gehirn 
schaden. Sie denkt, da es ein Bub ist, schadet es ihm 
weniger. — Diöser Traum enthält die plastische Darstellung des 
atbtrakten Begriffes: „Kindereind rücke", den die Träumerin in 
den Erklärungen zur Kur gehört hat. 

Einen etwas anderen Weg schlägt die Traumarbeit im folgenden 
Beispiel ein. Der Traum enthält die Erinnerung an einen Ausflug 
zum Hilmteich bei Graz: Es ist ein schreckliches Wetter 
draußen: ein armseliges Hotel, von den Wänden tropft das 
Wasser, die Betten sind feucht. (Letzteres Stück des Inhaltes 
ist minder direkt im Traume, als ich es bringe.) Der Traum bedeutet 
„überflüssig**. Das Abstraktum, das sich in den Traumgedankcn 
fand, ist zunächst etwas gewaltsam äquivok gemacht worden, etwa 
durch „überfließend" ersetzt oder durch „flüssig und überflüssig*', 
inid dann durch eine Häufung gleichartiger Eindrücke zur Dar- 
stellung gebracht. Wasser draußen, Wasser innen an Jen Wänden, 
Wasser als Feuchtigkeit in den Betten, alles flüssig und „über"- 
fltifcsig. — Daß zu Zwecken der Darstellung im Traume die Ortho- 
graphie weit hinter dem Wortklang zurücktritt, wird uns nicht gerade 
wundernehmen, wenn sich z. B. der Beim ähnliche Freiheiten ge- 
statten darf. In einem weitläufigen von Bank mitgeteilten und sehr 
eingehend analysierten Traum eines jungen Mädchens wird erzählt, 
daß sie zwischen Feldern spazieren geht, wo sie schöne Gerste- und 
Koniähren abschneidet. Ein Jugendfreund kommt ihr entgegen, imd 
sie will es vermeiden, ihn anzutreffen. Die Analyse zeigt, daß es 
sich um einen Kuß in Ehren handelt (Jahrb. II, p. 491). Die 
Ähren» die nicht abgerissen, sondern abgeschnitten werden sollen, 
dienen in diesem Traum als solche und in ihrer Verdichtung ^it 
Ehre. Ehrungen zur Darstellung einer ganzen Beihe von aa- 
dei-en Gedanken. 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n al f no m 

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Beispiele von Darstellnng^eu im Traame. 277 

Dafür hat die Sprache in anderen Fällen dem Traume die Dar- 
ßtellimg seiner Gedanken sehr leicht gemacht, da sie über eine ganze 
Beihe von Worten verfügt, die ursprünglich bildlich und konkret ge- 
meint waren und gegenwärtig im abgeblaßten, abstrakten Sinne ge- 
braucht werden. Der Traum braucht diesen Worten nur ihre frühere 
volle Bedeutung wiederzugeben oder in den Bedeutungswandel des 
Woricß ein Stück weit herabzusteigen. Z. B. es träumt jemand, daß 
eein Bruder in ein im Kasten steckt; bei der Deutungsaxbeit ersetzt 
sich der Kasten durch einen „Schrank" und der Tra.umgedanke 
lautet nun, daß dieser Bruder sich „einschränken" solle, an seiner 
Statt nämlich. Ein anderer Träumer steigt auf einen Berg, von dem 
aus er eine ganz außerordentlich weite Aussicht hat. Er identifiziert 
sich dabei mit einem Bruder- der eine „Rundschau" herausgibt, 
welche eich mit den Beziehungen zum fernsten Osten beschäftigt. 

In einem Traum des „Grünen Heinrich" wälzt sich ein über- 
mütige*« Pferd im schönsten Hafer, von dem jedes Korn aber „ein 
süßer Mandelkern, eine Rosine und ein neuer Pfennig" ist, „zu- 
sammen in rote Seide gewickelt und mit einem Endchen wSchweins- 
börste eingebunden". Der Dichter (oder der Träumer) gibt uns sofort 
die Deutung dieser Traumdarstellung, denn das Pferd fühlt sich an- 
genehm gekitzelt, eo daß es ruft: Der Hafer sticht mich. 

Besundci*s ausgiebigen Gebrauch vom Redensart- und Wortwitz- 
traum macht (nach Henzen) die altnordische Sagaliteratur, in der 
sicili kauDi ein Traumbeispiel ohne Doppelsinn oder Wortspiel findet. 

Es wäre eine besondere Arbeit, solche Darstellungsweisen äu 
sammebi und nach den ihnen zu Grunde liegenden Prinzipien zu 
ordnen. Manche dieser Darstellungen sind fast witzig zu nennen. 
Man hat den Eindruck, daß man sie niemals selbst erraten hätte, wenn 
der Träumer sie nicht mitzuteilen wüßte: 

1. Ein Mann träumt, man frage ihn nach einem Namen, to 
den er sich aber nicht besinnen könne. Er erklärt selbst, das Avolle 
heißen: Es fällt mir nicht im Traume ein. 

2. Eine Patientin erzählt einen Traum, in welchem alle han- 
delnden Personen besonders groß waren. Das will heißen, setzt si? 
hinzu, daß es sich um eine Begebenheit aus meiner frühen Kindheit 
handeln muß, denn damals sind mir natürlich alle Erwachsenen so 
ungeheuer groß erschienen. Ihre eigene Person trat in diesem Traum- 
inhalt nicht auf. 

Die Verlegung in die Kindheit wird in anderen Träumen auch 
anders ausgedrückt, indem Zeit in Raum übersetzt wird. Man sieht 
die betreffenden Personen imd Szenen wie weit entfernt am Ende 
eines langen Weges oder so, als ob man sie mit einem verkehrt ge- 
richteten Opernglas betrachten würde. • 

3. Ein im Wachleben zu abstrakter und unbestimmter Ausdruck'sf- 
weise geneigter Mann, sonst mit gutem Witz begabt, träumt in ge- 
wissem Zusammenhange, daß er auf einen Bahnhof gehe, wie eben 
ein Zug ankomme. Dann werde aber der Perron an den stehen- 
den Zug angenähert, also eine absurde Umkehrung des wirk- 
lichen Vorganges. Dieses Detail ist auch nichts anderes als ein In- 
dex, der daran mahnt, daß etwas anderes im Trauminhalt umge- 



C^ f\n n 1 i> Orf g f n a I f ro m 

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278 ^^' ^^® Traamarbclt 

kehrt werden solle. Die Analyse desselben Traumes führt zn Erin- 
nerungen an Bilderbücher, in denen Männer dargestellt waren, die 
auf dem Kopfe standen und auf den Händen gingen. • 

4. Derselbe Träumer berichtet ein anderes Mal von einem kurzen 
Traum, der fast an die Technik eines Rebus erinnert. Sein Onkel 
gibt ihm im Automobil einen Kuß. Er fügt unmittelbar die Deutung 
hinzu, die ich nie gefunden hätte, das heiße: Autoerotismus. Ein 
Scherz im Wachen hätte ebenso lauten können. 

5. Der Träumer zieht eine Frau hinter dem Bett hervor. Das 
heißt : Er gibt ihr den Vorzug. 

G. Der Träumer sitzt als Offizier an einer Tafel dem Kaiser 
gegenüber: Er bringt sich in Gegensatz zum Vater. 

7. Dei* Träumer behandelt eine andere Person wegen eines 
Knochenbruches. Die Analyse erweist diesen Bruch als Darstel 
hing eines Ehebruches u. dgl. 

8. Die». Tageszeiten vertreten im Trauminhalt sehr häufig Lebens- 
zeilen der Kindheit. So bedeutet z. B. um ^/^6 Uhr früh bei einem 
Träumer das Alter von 5 Jahren 3 Monaten, den bedeutungsvollen 
Zeitpunkt dei Geburt eines jüngeren Bruders. 

0. Eine andere Darstellung von Lebenszeiten im Traume : 
Eine Frau geht mit zwei kleinen Mädchen, die l^/^ Jahre auseinander 
sind. — Die Träumerin findet keine Familie ihrer Bekanntschaft, 
für die das zuträfe. Sie deutet selbst, daß beide Kinder ihre eigene» 
Person darstellen, und daß der Traum sie mahnt, die beiden traumati- 
schen Ereignisse ihrer Kindheit seien um soviel voneinander entfernt. 
(31/2 und 43/, J,) 

10. Es ist nicht zu verwundem, daß Personen, die in psycho- 
analytischer Behandlung stehen, häufig von dieser träumen und alle 
dio öedanken und Erwartungen, die sie erregt, im Traume aUwsdrücken 
müssen. Da« für die Kur gewählte Bild ist in der Regel das einer 
Fahrt, meist im Automobil, als einem neuartigen und kompli- 
zierten Vehikel; im Hinweis auf die Schnelligkeit des Automobils 
kommt dann der Spott des Behandelten auf seine Rechnung. Soll das 
».Unbewußte" als Element der Wachgedanken im Traume Dar- 
f tellung finden, so ersetzt es sich ganz zweckmäßigerweise durch 
„unterirdische" Lokalitäten, die andere Male, ganz ohne Be- 
ziehung zur analytischen Kur, den Frauen leib oder den Mutterleib 
bedeutet hatten. „Unten" im Traume bezieht sich sehr häufig auf 
die Genitalien, das gegensätzliche „oben" auf Gesicht, Mund 
oder Brust. Mit wilden Tieren symbolisiert die Traumarbeit in 
der Regel leidenschaftliche Triebe, sowohl die des Träumers als auch 
die anderer Personen, vor denen der Träumer sich fürchtet, also mit 
einer ganz geringfügigen Verschiebung die Personen selbst, welche 
die Träger dieser Leidenschaften sind. Von hier ist es nicht weit 
zu der an den Totemismus anklingenden Darstellung des gefürcJi- 
teten Vaters durch böse Tiere, Hunde, wilde Pferde. Man könnte 
sagen, die wilden Tiere dienen zur Darstellung der vom Ich ge- 
fürchtetcn, durch Verdrängung bekämpften Libido. Auch die Neu- 
rose selbst die ., kranke Person'*, wird oft vom Träumer abgespalten 
und als selbständige Person im Traume veranschaulicht. 

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BciMpiele von Dsjrstellangen im Traume. 279 

11. (H. Sachs.) „Aus der »Traumdeutung* wissen wir, daß die 
Traumarbeit verschiedene Wege kennt, um ein Wort oder eine Rede- 
wendung sinnlich-anschaulich darzustellen. Sie kann sich z. B. den 
Umstand, daß der darzustellende Ausdruck zweideutig ist, zunutze 
machen und, den Doppelsinn als »Weiche* benutzend, statt der ersten, 
in den Txaumgedanken vorkommenden Bedeutung, die zweite in den 
manifesten Trauminhalt aufnehmen. 

„Dies ist bei dem kleinen, im folgenden mitgeteilten Traume ge- 
schehen, und zwar unter geschickter Benutzung der dazu tauglichen 
rezenten Tageseindrücke als Darstellungsmaterial. 

Ich hatte am Traumtage an einer Erkältung gelitten und des- 
halb am Abend beschlossen, das Bett, wenn irgend möglich, während 
der Nacht nicht zu verlassen. Der Traum ließ mich scheinbar mir 
meine Tagesarbeit fortsetzen; ich hatte mich damit beschäftigt, Zei- 
tungsausschnitte in ein Buch zu kleben, wobei ich bestrebt war, jedem 
Ausschnitt den passenden Platz anzuweisen. Der Traum lautete: 

,Ich bemühe mich, einen Ausschnitt in das Buch zu 
kleben; er geht al)er nicht auf die Seite, was mir großcL! 
Schmerz verursacht.* 

Ich erwachte und mußte konstatieren, daß der Schmerz des 
Traumes als realer Leibschmerz andauere, der mich denn auch zwang, 
meinem Vorsatz untreu zu werden. Der Traum hatte mir als ,Hüter 
des Schlafes* die Erfüllung meines Wunsches, im Bette zu bleiben, 
durch die Darstellung der Worte ,er geht aber nicht auf die Seite* 
vorgetäuscht.** 

Man darf geradezu sagen, die Traumarboit bediene sich zur visu- 
ellen Darstellung der Traumgedanken aller ihr zugänglichen Mittel, 
ob sie der Wachkritik erlaubt oder unerlaubt erscheinen mögen, und 
setzt sich dadurch dem Zweifel wie dem Gespött aller jener aus, 
die von Traumdeutung nur gehört und sie nicht selbst geübt haben. 
An solchen Beispielen ist besonders das Buch von Stekel, „Die 
Sprache des Traumes** reich, doch vermeide ich es, von dort die 'Be- 
lege zu entnehmen, weil die Kritiklosigkeit und technische Willkür 
des Autors auch den nicht in Vorurteilen Befangenen unsicher macht. 

12. Aus einer Arbeit von V. Tausk, Kleider und Farben im 
Dienste der Traumdarstellung (Int. Zeifechr. f. Ps.-A., II, 1914): 

a) A. träumt, er sehe seine frühere Gouvernante im schwarzen 
Lü sterkleid, das über dem Gesäß straff anliegt. — Das heißt, 
er erklärt diese Frau für lüstern. 

l) C. sieht im Traum auf der X-er Landstraße ein Mädchen, von 
weißem Licht umflossen und mit einer weißen Bluse 1)ekleidet. 
Der Träumer hat auf jener Landstraße mit einem Fräulein 
Weiß die ersten Intimitäten ausgetauscht. 

c) Frau D. träumt, sie sehe den alten. Blase 1 (einen 80jährigen 
Wiener Schauspieler) in voller Rüstung auf dem Divan 
liegen. Dann springt er über Tische und Stühle, zieht seinen 
Degen, sieht ?ich dabei im Spiegel und fuchtelt mit dem Degeui 
in der Luft herum, als kämpfe er gegen einen eingebildeten 
Feind. 



C f\n n I i^ Orf g f n a I f no m 

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280 ^'^- ^^e Traamarbeit, 

Deutung. Die Träumerin hat ein altes Blasenleiden. 
Sie liegt bei der Analyse auf dem Divan und wenn sie sich im 
Spiegel sieht, dann kommt sie sich insgeheim trotz ihrer Jahre und 
ihrer Krankheit noch sehr rüstig vor. 

13. Die „große Leistung** im Traume. 

.Der männliche Träumer sieht sich als gravides Weib im Bette 
liegend. Der Zustand wird ihm sehr beschwerlich. Er ruft aus: Da 
will ich doch lieber ... (in der Analyse ergänzt er, nach einer Er- 
innerung an eine Pflegeperson: Steine klopfen). Hinter seinem Bett 
hängt eine Landkarte, deren unterer Rand durch eine Holzleiste 
gespannt erhalten wird. Er reißt diese Leiste herunter, indem er 
sie an beiden Enden packt, wobei sie aber nicht quer bricht, sondern 
in zwei Längshälften zersplittert. Damit hat er sich erleichtert und 
auch die Geburt befördert. 

Er deutet ohne Hilfe das Hcrunterroiß3n der Leiste als eine 
große „Leistung**, durch welche er sich aus seiner anbehaglichen 
Situation (in der Kur) befreit, indem er sich aus seiner weiblichen 
Einstellung herausreißt. . . . Das absurde Detail, daß die Holzleiste 
nicht nur bricht, sondern der Länge nach splittert, findet seine Er- 
klärung, indem der Träumer erinnert, daß die Verdoppelung im Ver- 
ein mit der Zerstörung eine Anspielung auf die Kastration enthält. 
Der Traum stellt sehr häufig die Kastration im trotzigen Wunsch- 
gegensatz durch das Vorhandensein von zwei Penissymbolen dar. Die 
„Leiste** ist ja auch eine den Genitalien naheliegende Körperregion. 
Er fügt dann die Deutung zusammen, er überwinde die Kastrations- 
drohung, welche ihn in die weibliche Einstellung gebracht hat*. 

14. In einer von mir französisch durchgeführten Analyse ist ein 
Traum zu deuten, in dem ich als Elefant erscheine. Ich muß natür- 
lich fragen, wie ich zu dieser Darstellung komme. „Vous me trom- 
pez**, antwortet der Träumer, (trompe = Rüssel.) 

Der Traumarbeit gelingt oft auch die Darstellung von sehr ^ 
sprödem Material, wie es etwa Eigennamen sind, durch <rezwungene 
Verwertung sehr entlegener Ecziehungen. In einem meiner Träume 
hat mir der alte Brücke eine Aufgabe gestellt. Ich 
fertige ein Präparat an und klaube etwas heraus, was 
wie zerknülltes Silberpapier aussieht. (Von diesem Traume 
noch später mehr.) Der nicht leicht auffindbare Einfall dazu ergibt: 
„Staniol**, und nun weiß ich, daß ich den Autornamen Stanniua 
meine, den eine von mir in früheren Jahren mit Ehrfurcht betrachtete 
Abhandlung über das Nervensystem der Fische trägt. Die erste wis- 
senschaftliche Aufgabe, die mir mein Lehrer gestellt, bezog sich wirk- 
lich auf das Nervensystem eines Fisches, des Ammocoetes. Letzterer 
Namo war im Bilderrätsel offenbar gar nicht zu gebrauchen. 

Ich will mir nicht versagen, hier noch einen Traum mit sonder- 
barem Inhalt einzuschalten, der auch noch als Kindertraum bemerkens- 
wert ist und sich durch die Analyse sehr leicht aufklärt. Eine Dame 
erzählt: Ich kann mich erinnern, daß ich als Kind wiederholt ge- 
träumt habe, der liebe Gott habe einen zugespitzten Pa- 

• Intern. Zeitschr. f. Psych. II, 1914. 

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Zahlen und B^cluiaiigen im Traame. 281 

pierhut auf dem Kopfe. Einen solchen Hut pflegte man mir 
nämlich sehr oft bei Tische aufzusetzen, damit ich nicht auf die 
Teller der anderen Kinder hinschauen könne, wieviel sie von dem 
betreffenden Gericht bekommen haben. Da ich gehört habe, Gott sei 
allwissend, so bedeutet der Traum, ich wisse alles auch trotz de» 
aufgesetzten Hutes. 

Worin die Traumarbeit besteht, und wie sie mit ihrem Material^ 
den Traumgedanken, umspringt, läßt sich in lehrreicher Weise an 
den Zahlen und Rechnungen zeigen, die in Träumen vor- 
kommen. Geträumte Zahlen gelten überdies dem Aberglauben als be- 
sonders verheißungsvoll. Ich werde also einige Beispiele solcher Art 
aus meiner Sammlung heraussuchen. 

I. Aus dem Traume einer Dame, kurz vor Beendigung ihrer Kur : 
Sie will irgend etwas bezahlen; ihre Tochter nimmt 

ihr 3 fL 65 kr. aus der Geldtasche; sie sagt aber: Was tust 
du? Es kostet ja nur 21 kr. Dieses Stückchen Traum war mir 
durch die Verhältnisse der Träumerin ohne weitere Aufklärung ihrer- 
seits verständlich. Die Dame war eine Fremde, die ihre Tochter 
in einem Wiener Erziehungsinstitut untergebracht hatte und meine 
Behandlung fortsetzen konnte, solange ihre Tochter in Wien blieb- 
In drei Wochen war deren Schuljahr zu Ende und damit endete auch 
die Kur. Am Tage vor dem Traume hatte ihr die Institutsvorsteherin 
nahegelegt, ob sie sich nicht entschließen könnte, das Kind noch ein 
weiteres Jahr bei ihr zu lassen. Sie hatte dann offenbar bei sich diese 
Anregung dahin fortgesetzt, daß sie in diesem Falle auch die Be- 
handlung um ein Jahr veriängern könnte. Darauf bezieht sich nun 
der Traum, denn ein Jahr ist gleich 365 Tagen, die drei Wochen 
bis zum Abschluß des SchuljahrcG und der Kur lassen sich ersetzen 
durch 21 Tage (wenngleich nicht ebenso viele Behandlungsstundcn). 
Die Zahlen, die in den Traumgedanken b?i Zeiten standen, werden 
im Traume Geldwerten beigesetzt, nicht ohne daß damit ein tieferer 
Sinn zum Ausdruck käme, denn „Time is money", Zeit hat Geld- 
wert. 365 Kreuzer sind dann allerdings 3 Gulden 65 Kreuzer, Die 
Kleinheit der im Traume erscheinenden Summen ist offenkundige 
Wunscherfüllung; der Wunsch hat die Kosten der Behandlung wie 
des Lehrjahres im Institut verkleinert. 

II. Zu komplizierteren Beziehungen filhren die Zahlen in einem 
anderen Traume. Eine junge, al>er schon seit einer Reihe von Jahren 
verheiratete Dame erfährt, daß ein3 ihr fast gleichalterige Bekannte^ 
Elise L., sich eben verlobt hat. Daraufhin träumt gie: Sie sitzt 
mit ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parketts 
ist ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und 
ihr Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber 
nur schlechte Sitze bekommen, 3 für 1 fl. 50 kr., und die 
konnten sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch 
kein Unglück gewesen. 

Woher rühren die 1 £!• 50 kr.? Aus einem eigentlich indiffe- 
renten Anlaß des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne 
150 fl. zum Geschenk bekommen und sich beeilt, sie los zu werden^ 
indem sie sich einen Schmuck dafür kaufte. Wir wollen anmerken^ 



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282 ^I- ^^^ Traumarbeit 

daß 150 fl. 100 mal mehr als 1 fl. 50 kr. ist. Woher die 3, die bei dea 
Theatersitzen steht? Dafür ergibt sich nur die eine Anknüpfung, 
daß die Braut um ebensoviel Monate — di*ei — jünger ist als sie. 
Zur Auflösung des Traumes führt dann die Erkundigung, was der 
Zug im Traume, daß eine Seite tles Parketts leer bleibt, bedeuten 
kann. Derselbe ist eine unveränderte Anspielung auf eine kleine 
Begebenheit, die ihrem Mann guten Grund zur Neckerei gegeben hat. 
Sie hatte sich vorgenommen, zu einer der angekündigten Theater- 
vorstellungen der Woche zu gehen, und war so vorsorglich, mehrere 
Tage vorher Karten zu nehmen, für die sie Vorkaufsgebühr zu zahlen 
hatte. Als sie dann ins Theater kamen, fanden sie, daß die eine 
Seite des Hauses fast leer war; sie hätte es nicht nötig gehabt, .sich 
so sehr zu beeilen. 

Ich werde jetzt den Traum durch die Traumgedanken ersetzen: 
„Ein Unsinn war es doch, so früh zu heiraten, ich hätte es nicht 
nötig gehabt, mich so zu beeilen; an dem Beispiele der Elise L. 
«che ich, daß ich noch immer einen Mann bekommen hätte. Und 
zwar einen hundertmal besseren (Mann, Schatz), wenn ich nur ge- 
wartet hätte (Gegensatz zu dem Beeilen der Schwägerin). Drei 
solche Männer hätte ich für das Geld (die Mitgift) kaufen können!" 
,Wir werden darauf aufmerksam, daß in diesem Traume die Zahlen 
in weit höherem Grade Bedeutung und Zusammenhang verändert 
haben ak im vorher behandelten. Die Umwandlungs- und Entstel- 
lungsarbeit des Traumes ist hier ausgiebiger gewesen, was wir so 
deuten, daß diese Traumgedanken bis zu ihrer Darstellung ein be- 
sonders hohes Maß von innerpsychischem Widerstand zu überwinden 
hatten. Wir wollen auch nicht übersehen, daß in diesem Traume ein 
absurdes Element enthalten ist, nämlich daß zwei Personen drei 
Sitze nehmen sollen. Wir greifen in die Deutung der Absurdität im 
Traume über, wenn wir anführen, daß dieses absurde Detail des 
'JVauminhalte*? den meistbetonten der Traumgedanken darstellen soll: 
Ein Unsinn war es, so früh zu heiraten. Die in einer ganz ueben- 
fiächlicheu Beziehung der beiden verglichenen Personen enthaltene 
3 (3 Monate Unterschied im Alter) ist dann geschickt aur Produktion 
des für deji Traum erforderlichen Unsinns verwendet worden. Die 
Verkloinerunfr der realen 150 fl. auf 1 fl. 50 kr. entspricht der Ge- 
riagschätzung des Mannes (oder Schatzes) in den unterdrückt,en 
Gedanken der Träumerin. 

JJI. Ein anderes Beispiel führt uns die Rechenkunst des Traumes 
vor, die ihm soviel Mißachtung eingetragen hat. Ein Mann träumt: 
Er sitzt bei B... (einer Familie seiner früheren Bekanntschaft) 
und sagt: Es war ein Unsinn, daß Sie mir die Mali 
nicht gegeben haben. Darauf fragt er das Mädchen: 
Wie alt sind Sie denn? Antwort: Ich bin 1882 geboren. 
— Ah, dann sind Sie 28 Jahre alt. 

Da der Traum im Jahre 1898 vorfällt, so ist das offenbar 
schlecht gerechnet, und die ßechensch wache des Träumers darf der 
des Paralytikers an die Seite gestellt werden, wenn sie sich etwa 
nicht anders aufklären läßt. Mein Patient gehörte zu jenen Personen, 
•deren Gedanken kein Frauenzimmer, das sie sehen, in Ruhe lassen 

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Zahlen and Rechncuigen im Tiaame. . 283 

"künnen. Seine Nachfolgerin in meinem Ordinationszimmer war einige 
Monate hindurch regelmäßig eine junge Dame, der er begegnete, 
nach der er sich häufig erkundigte, und mit der er durchaus höflich 
sein wollte. Diese war es, deren Alter er auf 28 Jahre schätzte. 
Soviel zur Aufklärung des Resultates der scheinbaren Rechnung- 
1882 war aber das Jahr, in dem er geheiratet hatte. Er hatte «es nicht 
unterlassen können, auch mit den beiden anderen weiblichen Personen, 
die er bei mir traf, Gespräche anzuknüpfen, den beiden keineswegs 
jugendlichen Mädchen, die ihm abwechselnd die Türe zu öffnen 
pflegten, und als er die Mädchen wenig zutraulich fand, sich die 
Erklärung gegeben, sie hielten ihn wohl für einen älteren „ge- 
hetzten" Herrn. 

IV. Einen anderen Zahlentraum, der durch durchsichtige De- 
1;erminierung oder vielmehr Überdeterminierung ausgezeichnet ist, ver- 
danke ich mitsamt seiner Deutimg Herrn B. Dattner: 

„Mein Hausherr, Sicherheits Wachmann in Magistratsdiensten, 
träumt, er stünde auf der Straße Posten, was eine Wunscherfüllung 
ist. Da kommt ein Inspektor auf ihn zu, der auf dem Ringkragen 
die Nummer 22 und 62 oder 26 trägt. Jedenfalls aber seien mehrere 
Zweier draufgewesen. Schon die Zerteilung der Zahl 2262 bei der 
Wiedergab^ des Traumes läßt darauf schließen, daß die Bestandteile 
■eine gesonderte Bedeutung haben. Sie hätten gestern im Amt über 
die Dauer ihrer Dienstzeit gesprochen, fällt ihm ein. Ursache gab 
ein Inspektor, der mit 62 Jahren in Pension gegangen sei. JDer 
Träumer hat erst 22 Dienstjahre und braucht noch 2 Jahre 2 Monate, 
um eine 90 o/o ige Pension zu erreichen. Der Traum spiegelt ihm nun 
zuerst die Erfüllung eines langgehegten Wunsches, den Inspektors- 
jang, vor. Der Vorgesetzte mit der 2262 auf dem Kragen ist er 
selbst, er versieht seinen Dienst auf der Straße, auch ein Lieblings- 
ivunsch, hat seine 2 Jahre und 2 Monate abgedient und kann nun 
wie der 62iährige Inspektor mit voller Pension aus dem Amt^ 
scheiden*". 

Wenn wir diese und ähnliche (später folgende) Beispiele zu- 
sammenhalten, dürfen wir sagen c Die Traujnarbeit rechnet überhaupt 
nicht, weder richtig noch falsch; sie fügt nur Zahlen, die in den Traum- 
gedanken vorkommen und als Anspielungen auf ein nicht darstellbares 
Material dienen können, in der Form einer Rechnung zusammen. Sie 
behandelt dabei die Zahlen in genau der nämlichen Weise als Material 
zum Ausdruck ihrer Absichten wie allo anderen Vorstellungen, wie 
auch die Namen und die als Wortvorstellungen kenntlichen Heden. 

Denn die Traumarbeit kann auch keine Rede neu schaffen. 
Soviel von Rede und Gegenrede in den Träumen vorkommen mag, 
die an sich sinnig oder unvernünftig sein können, die Analyse zeigt 
uns jedesmal, daß der Traum dabei nur Bruchstücke von wirklich 

* Analysen von anderen Zahlen träumen siehe bei Jung, Marcinowski 
XL. Ä. Dieselben setzen oft sehr komplizierte Zahlenoperationen voraus, die aber 
vom Traumer mit verblüffender Sicherheit vollzogen werden. Vgl. auch Jones, 
„rber unbewußte Zahlenbehandlung" (ZentraJbl. f. Ps.-A. II, 1912, p. 241 f.). 



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284 "VL Die Traamarbeit 

geführten oder gehörten Beden den Traumgedanken entnommen hat 
und höchst willkürlieh mit ihnen verfahren ist. Er hat sie nicht nur 
aus ihrem Zusammenhango gerissen ..und zerstückt, das eine Stück 
aufgenommen, das andere verworfen, sondern auch oft neu zusammen- 
gefügt, so daß die zusammenhängend scheinende Traumrode bei der 
Analyse in drei oder vier Brocken zerfällt Bei dieser Neuverwendung- 
hat er oft den Sinn, den die Worte in den Traumgedanken hatten,, 
bei Seite gelassen, und dem Wortlaute einen völlig- neuen Sinn ab- 
gewonnen*. Bei näherem Zusehen unterscheidet man an der Traum- 
rede deutlichere, kompakte Bestandteile von anderen, die als Binde- 
mittel dienen und walirschcinlich .ergänzt worden sind, wie wir aus- 
gelassen« Buchstaben und Silben beim Lesen ergänzen. Die tTraum- 
rede hat so den Aufbau eines Brecciengesteins, in dem größere Brocken 
verschiedenen Materials durch eine erhärtete Zwischenmasse zusam- 
mengehalten werden. 

Im voller Strenge richtig ist diese Beschreibung allerdings nur 
für jene Eeden im Traume, die etwas vom sinnlichen Charakter der 
Itedo liaben und als „Reden" beschrieben werden. Die anderen, die 
nicht glcftchsam als gehört oder als gesagt empfunden werden (keine 
akustische oder motorische Mitbetonung im Traume haben), sind 
einfach Oedanken, wie sie in imserer wachen Denktätigkeit vor- 
kommen und unverändert in viele Träume übergehen. Für das in- 
different gehaltene Redematerial des Traumes scheint auch die Lektüre 
eine reich fließende und schwer zu verfolgende Quelle abzugeben» 
Alles aber, was im Traume als Rede irgendwie auffällig hervortritt, 
unterwirft sich der Zurückführung auf reale, selbst gehaltene oder 
gehörte Rede. 

Beispiele für die Ableitung solcher Traumreden liaben wir 
bereits bei der Analyse von Träumen gefunden, die zu anderen 
Zwecken mitgeteilt worden sind. So in dem ..hsirmlosen Markt- 
traum" auf S. 128, in dem die Rede: Das ist nicht mehr zu 

♦ In der gleichen Weise wie der Traam verfahrt auch die Neurose. loh 
kenne eine Patientin, die daran leidet, daO.sie Lieder oler Stücke von aolchen 
unWiUkürlioh und widerwiUig hört (halluziniert), ohne deren Bedeutung für ihr 
Seelenleben verstehen zu können. Sie ist übrigens gewiß nicht paranoisch. Die 
Analyse zeigt dann, daß sie den Text dieser Lieder mittels gewisser Lizenzen miß* 
bsäuchlich verwendet hat. „Leise, leise, fromme Weise*'. Das bedeutet für ihr 
Unbewußtes: Fromme Waise, und diese ist sie selbst. .,0 du selige, o du fröh- 
liche" ist der Anfang eines Weihnachtsliedes; indem sie es nicht bis zu „Weih- 
nBchtszeit" fortsetzt, macht sie daraus ein Brautlied u. dgl. — Derselbe Ent* 
stellungsmechanismus kann sich übrigens auch ohne Halluzination im bloßen £in- 
faXl durchsetzen. Warum wird einer meiner F&tienten von der Erinnerung an eia 
Gedicht heimgesucht, das er in Jungen Jahren lernen mußte: 

„NS^htlich am Busento lispeln ...?'* 
Weil sich 8#jine Phantasie mit einem Stück dieses Zitats: 

„Nächtlioh am Busen'* begnügt. 
Es ist bekannt^ daß der parodistische Witz auf dieses Stüokohen Technij^ 
nicht verzichtet hat. Die „Fliegenden Blätter* brachten einst unter iliren Illastrai- 
tionen zu deutschen „Klassikern** auch ein Bild zum Schi Her sehen „Siegesfest**, 
zu dem das Zitat vorzeitig abgeschlossen war. 

„Und des frisch erkämpften Weibes 
Freut sich der Atrid und strickt**. 
(Fortsetzung: Um den Reiz des schönen Leibes 
Seine Arme hochbeglückt^. 



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Reden im Traum. 2?^5 

Laben, dazu dient, mich mit dem Fleischhauer zu identifizieren, 
ivährend ein Stück der anderen Rede: Das kenne ich nicht, das 
nehme ich nicht, geradezu die Aufgabe erfüllt, den Traum harm- 
los zu machen. Die Träumerin hatte nämlich ^m Vortage irgend 
welche Zumutung ihrer Köchin mit den Worten zurückgewiesen: 
Das kenne ich nicht, benehmen Sie sich anständig, und nun 
T^on dieser Rede das indifferent klingende erste Stück in den Traum 
genommen, um mit ihm auf das spätere Stück anzuspielen, das in 
die Phantasie, welche dem Traume zu Grunde lag, sehr wohl gepaßt, . 
aber dieselbe auch verraten hätte. 

Ein ähnliches Beispiel an Stelle vieler, die ja alle das nämliche 
ergeben: 

Ein großer Hof, in dem Leichen verbrannt werden. 
ÜT sagt: Da geh' ich weg, das kann ich nicht sehen. (Keine 
deutliche Rede.) Dann trifft er zwei Fleischhauerbuben und 
fragt: „Na, hat's geschmeckt?" Der eine antwortet: Na, 
not gut war's. Als ob es Menschenfleisch gewesen wäre. 

Der harmlose Anlaß dieses Traumes ist folgender: Er macht 
nach deöi Nachtmahl mit seiner Frau einen "Besuch bei den braven, 
aber keineswegs appetitlichen Nachbarsleuten. Die gastfreundliche 
alte Dame befindet sich eben bei ihrem Abendessen und nötigt 
ihn (man gebraucht dafür scherzhaft unter Männern ein zusammen- 
gesetztes, sexuell bedeutsames Wort) davon zu kosten. Er lehnt ab, 
«er habe keinen Appetit mehr. „Aber gehen's weg, das werden Sie 
noch vertragen" oder so ähnlich. Er muß also kosten und rühmt 
dann das Gebotene vor ihr. „Das ist aber gut.*' Mit seiner Frau 
wieder allein, schimpft er dann sowohl über die Aufdringlichkeit 
der Nachbarin als auch über die Qualität der gekosteten Speise. 
„Das kann ich nicht sehen," das auch im Traume nicht als eigent- 
liche Rede auftritt, ist ein Gedanke, der sich auf die körperlichen 
Reize der einladenden Dame bezieht, und zu übersetzen 'wäre, daß 
er diese zu schauen nicht begehrt. 

Lehrreicher wird sich die Analyse eines anderen Traumes ge- 
stalten, den ich wegen der sehr deutlichen Rede, die seinen Mittel- 
punkt bildet, schon an dieser Stelle mitteile, aber erst bei der Wür- 
digung der Affekte im Traume aufklären werde. Ich träume sehr 
ilar: Ich bin nachts ins Brtickesche Laboratorium ge- 
gangen und öffne auf ein leises Klopfen an der Tür 
dem (verstorbenen) Professor Fleischl, der mit mehreren 
Fremden eintritt und sich nach einigen Worten an 
seinen Tisch setzt. Dann folgt ein zweiter Traum: Mein Freund 
Fl. ist im Juli unauffällig nach Wien gekommen; ich 
l)egegne ihm auf der Straße im Gespräche mit meinem 
^verstorbenen) Freunde P. und gehe mit ihnen irgendwohin, 
wo sie einander wie an einem kleinen Tische gegenüber- 
sitzen, ich an der schmalen Seite des Tischchens vorn. 
PI. erzählt von seiner Schwester und sagt: In drei- 
viertel Stunden war sie tot, und dann etwas wie: Das 
ist die Schwelle. Da P. ihn nicht versteht, wendet sich 
Fl. an mich und fragt mich, w'ioviel von seinen Dingen 



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286 VL Die Tnuimarbeit 

ich P. denn mitgeteilt habe. Darauf ich, von merkwür- 
digen Affekten ergriffen, Fl. mitteilen will, daß P» 
(ja gar nichts wissen kann, weil er) gar nicht am Lehen 
ist. Ich sage aber, den Irrtum selbst bemerkend: Noa 
vixit. Ich sehe dann P. durchdringend an, unter mei-^ 
nem Blicke wird er bleich, verschwommen, seine Augen 
werden krankhaft blau — und endlich löst er sich auf. 
Ich bin ungemein erfreut darüber, verstehe jetzt, daß 
auch Ernst Fleischl nur eine Erscheinung, ein Revenant 
war, und finde es ganz wohl möglich, daß ome solche- 
Person nur so lange besteht, als man es mag, und daß 
sie durch den Wunsch des anderen beseitigt werden kann. 

Dieser schöne Traum vereinigt so viele der am Trauminhalt 
rätselhaften Charaktere, — die Kritik während des Traumes selbst, 
daß ich meinen Irrtum, Non vixit zu sagen anstatt Non vivit, selbst 
bemerke; den unbefangenen Verkehr mit Verstorbenen, die der Traum 
selbst für verstorben erklärt; die Absurdität der Schlußfolgerung und 
die hohe Befriedigung, die dieselbe mir bereitet, — daß ich .,für mein 
Leben gern" die volle Lösung dieser Kätscl mitteilen möchte. Ich 
bin aber in Wirklichkeit unfähig, das zu tun — was ich nämlich im 
Traume tue — die Rücksicht auf so teure Personen meinem Ehrgeiz 
aufzuopfern. Bei jeder Verhüllung wäre aber der mir wohlbekannte 
Sinn des Traumes zu Schanden geworden. So begnüge ich mich denn^ 
zuerst hier, und dann an späterer Stelle einige Elemente des Traumes 
zur Deutung herauszugreifen. 

Das Zentrum des Traumes bildet eine Szene, in der ich P- 
durch einen Blick vernichte. Seine Augen werden dabei so merk- 
würdig und unheimlich blau, und dann löst er sich auf. Diese Szene 
ist die unverkennbare Nachbildung einer wirklich erlebten. Ich war 
Demonstrator am physiologischen Institut, liatte den Dienst in den 
Frühstunden, und Brücke hatte erfahren, daß ich einigemal zu spät 
ins Schülerlaboratorium gekommen war. Da kam er einmal pünkt- 
lieh zui' Eröffnung und wartete mich ab. AVas er mir sagte, war karg 
und bestimmt; es kam aber gar nicht auf die Worte an. Das .Über- 
wältigende waren die fürchterlichen blauen Augen, mit denen er 
mich ansah, und vor denen ich verging — wie P. im Traume, der 
zu meiner Erleichterung die Rollen verwechselt hat. Wer sich an 
die bis ins hohe Greisenalter wunderschönen Augen des großen 
Meisters erinnern kann und ihn je im Zorne gesehen hat, wird sich 
in die Affekte des jugendlichen Sünders von damals leicht versetzen 
können. 

Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das „Non vixit" ab- 
zuleiten, mit dem ich im Traume jene Justiz übe, bis ich mich be- 
sann, daß diese zwei Worte nicht als gehörte oder gerufene, sondern 
als gesehene so hohe Deutlichkeit im Traume besessen hatten. Dann 
wußte ich sofort, woher sie stammten. Auf dem Postament des Kaiser 
Josef-Denkmalg in der Wiener Hofburg sind die schönen Worte zu 
lesen : 

Saluti patriae vixit 
non diu sod totus. 

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Der Traum „Non viicit*. 287 

Aus dieser Inschrift hatte ich herausgeklaubt, was zu der einen feind- 
seligen Gedankenreihe in meinen Traumgedanken paßte, und was 
heißen sollte: Der Kerl hat ja gar nichts dreinzureden, er lebt ja 
gar nicht. Und nun mußte ich mich erinnern, daß der Traum wenige 
Tage nach der Enthüllung des Fl eischl- Denkmals in den Arkaden 
der Universität geträumt worden war, wobei ich das Denkmal 
Druckes wiedergesehen hatte und (im Unbewußten) mit Bedauern 
erwogen haben muß, wie mein hochbegabter und ganz der Wissen- 
schaft ergebener Freund P. durch einen allzufrühen Tod seinen be- 
gründeten Anspruch auf ein Denkmal in diesen Räumen verloren. 
So setzte ich ihm dies Denkmal im Traume; mein Freund P. hleü 
mit dem Vornamen Josef*. 

Nach den Regeln der Traumdeutung wäre ich nun noch immer 
nicht berechtigt, das non vivit, das ich brauche, durch n o n v i x i t, 
das mir die Erinnerung an das Josefs-Monumeat zur Verfügung stellt, 
zu ersetzen. Ein anderes Element der Traumgedanken muß dies durch 
seinen Beitrag ermöglicht haben. Es heißt mich nun etwas darauf 
achten, daß in der Traumszene eine feindselige und eine zärtliche 
Gedankenströmung gegen meinen Freund P- zusammentreffen", die 
crstere oberflächlich, die letztere verdeckt, und in den nämlichen 
Worten: Non vixit ihre Darstellung erreichen. Weil er sich um 
die Wissenschaft verdient gemacht hat, errichte ich ihm ein Denlt- 
mal; aber weil er sich eines bösen Wunsches schuldig gemacht hat 
(der am Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichtete ich 
ihn. Ich habe da einen Satz von ganz besonderem Klange gebildet, 
bei 'dem mich ein Vorbild beeinflußt haben muß. Wo findet sich nur 
eine ähnliche Antithese, ein solches Nebeneinanderstellen zweier ent- 
gegengesetzter Reaktionen gegen dieselbe Person, die beide den An- 
spruch erheben, voll berechtigt zu sein, und doch einander nicht 
stören wollen? An einer einzigen Stelle, die sich aber dem Leser 
tief einprägt; in der Rechtfertigungsrede des Brutus in Shake- 
speares Julius Cäsar: „Weil Cäsar mich liebte, wein' ich um 
ihn ; weil er glücklich war, freue ich mich ; weil er tapfer war, ,ehr' 
ich ihn, aber weil er herrschsüchtig war, erschlug ich ihn." Ist das 
nicht der nämliche Satzbau und Oedankengegensatz wie in dem 
Traumgedanken, den ich aufgedeckt habe? Ich spiele also den Brutus 
im Traume. Wenn ich nur von dieser überraschenden KoUateral- 
verbindung noch eine andere bestätigende Spur im Trauminhalt auf- 
finden könnte! Ich denke, dies könnte folgendes sein: Mein Freund 
Fl. kommt im Juli nach Wien. Diese Einzelheit findet gar keine 
Stütze in der Wirklichkeit. Mein Freund ist im Monat .Juli meines 
Wissens niemals in Wien gewesen. Aber der Monat Juli ist nach 
Julius Cäsar benannt und könnte darum sehr wohl die von mir 
gesuchte Anspielung auf den Zwischengedanken, daß ich den "Brutus 
spiele, vertreten**. 

* Als Beitmj? zur Überdeterminierung : Meine Entschuldijyung für raoia Zu- 
Ppätkommeu lag darin, daß ich nach laager Nachtarbeit am Morgen den weiten 
Weg von der Kaiser Josef -Straße in die Wäliringerstraße zu machen hatte. 
♦* Dazu noch Cäsar- Kaiser. 

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288 ^'- ^® Traumarbe.t. 

Merkwüi'digerweise habe ich nun wirklich einmal den Brul'is 
gespielt. Ich hal>3 die Szene Brutus und Cäsar aus Schillers Ge- 
dichten vor einem Auditorium von Kindern aufgeführt, und zwar 
als 14iähriger Knabe im Verein mit meinem um ein Jahr [iltercu 
Neffen, der damals aus England zu uns gekommen war, — auch so 
ein Bevenant — denn es war der Gespiele meiner ersten Kinder- 
jahre, der mit ihm wieder auftauchte. Bis zu meinem vollendeten . 
dritt/Cn Jahre waren wir unzertrennlich gewesen, hatten einander ge- 
liebt und miteinander gerauft, und diese Kinderbeziehung hat, wie 
ich schon einmal angedeutet, überall meine späteren Gefühle im 
Verkehre mit Altersgenossen entschieden. Mein Neffe John hat seit- 
her sehr viele Inkarnationen gefunden, die bald diese, bald jene Seite 
seines in meiner unbewitQten Erinnerung unauslöschlich fixierten 
Wesens wiederbelebt<^n. Er muß mich zeitweilig sehr schlecht be- 
handelt haben, und ich muß Mut bewiesen haben gegen meinen Ty- 
rannen, denn es ist mir in späteren Jahren oft eine kurze Becht- 
fertigungsredc wiedererzählt worden, mit der ich mich verteidigte, 
als mich der Vater — sein Großvater — zur Rede sto»llte: Warum 
schlägst du den John? Sie lautete in der Sprache des noch nicht 
Zw^eijährigen : Ich habe ihn ge(sch)lagt, weil er mich ge- 
(seh) lagt hat. Di^e Kinderszene muß es sein, die non vivit zum 
non vixii ablenkt, denn in der Sprache späterer Kinderjahre heißt 
ja das Schlagen — • Wichsen: die Traumarl^eit verschmäht es 
nicht, sich solcher Zusammenhänge zu bedienen. Die in der Realität 
so wenig begründete Feindseligkeit gegen meinen Freund P., der mir 
vielfach überlegen war und dirum auch eine Nmiausgabe iles Kinder- 
gespielen abgeben könnte, geht sicherlich auf die komplizierte in- 
fantile Beziehung zu John zurück. 

Ich werde also auf diesen Traum noch zurückkommen. 

^), ^Jb.ijju£de_T räume. Die intcl.lekt uel len I^i'i^tun^cn im 

Traume. 

Bei unseren bisherigen Traumdeutungen sind wir so oft auf das 
Element der Absurdität im Trauminhalt gestoßen, daß wir die 
Untersuchung nicht länger aufschieben wollen, woher dasselbe rührt, 
und was eft etwa bedeutet. Wir erinnern uns^ ja, daß die Absurdität 
der Träume den Gegnern der Traumschätzung ein Haupt argument bot, 
um im Traume nichts andf^res als c'n sinnloses Produkt einer redu- 
zierten und zerbröckelten Geistestätigkeit zu sehen. 

Ich Ixjginne mit einigen Beispielen, in denen die Absurdität des 
Trauminhai tcs nur ein Anschein ist, der bei besserer Vertiefung in 
den Sinn des Traumes sofort verschwindet. Es sind einige Träume, 
die — wie man zuerst meint, zufällig — vom toten Vater handeln- 

I. Der Traum des Patienten, der seinen Vater vor sechs Jahren 
Terloren : 

Dem Vater ist ein großes Unglück widerfahren. Er 
ist mit dem Na cht zu ge gefahren^ da ist eine Entgleisung- 
erfolgt, die Sitze sind zusammengekommen, und ihm ist 
der Kopf quer zusammengedrückt worden. Er sieht ihn 

{^^j^(-l|p. Original from 

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I 



Absaide Trftome. 289 



dann auf dem Bette liegen, mit einer Wunde über dem 
Augenbrauenrand links, die vertikal, verläuft. Er wun- 
dert sich darüber, daß der Vater verjunglückt ist (da 
er doch schon tot ist, wie or bei der Erzählung ergänzt). Die 
Augen sind so klar. 

Nach der herrschenden Beurteilung der Träume hätte man sich 
diesen Trauminhalt so aufzuklären: Der Träumer hat zuerst, während 
er sich den Unfall seines Vaters vorstellt, vergessen, daß dieser schon 
seit Jahren im Grabe ruht ; im weiteren Verlaufe des Träumens wacht 
diese Erinnerung auf und bewirkt, daß er sich über den eigenen 
Traum noch selbst träumend verwundert. Die Analyse lehrt aber, 
daß es vor allem überflüssig ist, nach solchen Erklärungen zu greifen. 
Der Träumer hatte bei einem Künstler eine Büste des Vaters be- 
stellt, die er zwei Tage vor dem Traume in Augenschein genommen 
hat. Diese ist es, die ihm verung^lückt vorkommt. Der Bild- 
hauer hat den Vater nie gesehen, er arbeitet nach ihm vorgelegten 
Photographien. Am Tage vor dem Traume selbst hat der pietätvolle 
Sohn einen alten Diener der Familie ins Atelier geschickt, ob auch 
der dasselbe Urteil über den marmornen Kopf fällen Wird, -nämlich 
daß er zu schmal in der Querrichtung von Schläfe zu Schläfe 
ausgefallen ist. Nun folgt das Erinnerungsmaterial, das xum Auf- 
bau dieses Traumes beigetragen hat. Der Vater hatte die Gewohn- 
heit, wenn geschäftliche Sorgen oder Schwierigkeiten in der Familie 
ihn quälten, sich beide Hände gegen die Schläfen zu drücken, als ob 
er seinen Kopf, der ihm zu weit würde, zusammenpressen wollte. — 
Als Kind von vier Jahren war unser Träumer zugegen, wie das 
Losgehen, einer zufällig geladenen Pistole dem Vater die Augen 
t??hwärzte (die Augen sind so klar). — An der Stelle, wo der 
Traum die Verletzung des Vaters zeigt, trug der Lebende, wenn er 
nachdenklich oder traurig war, eine tiefe Längsfurche zur Schau. 
Daß diese Furche im Traume durch eine Wunde ersetzt ist, deutet 
auf die zweite Veranlassung des Traumes hin. Der Träumer hatte 
sein kleines Töchterchen photographiert ; die Platte war ihm aus der 
Hand gefallen und zeigte, als er sie aufhob, einen Sprung, der wie 
eine senkrechte Furche über die Stirn der Kleinen lief und bis zum 
Augenbrauenbogen reichte. Da konnte er sich abergläubischer Ahnun- 
gen nicht erwehren, denn einen Tag vor dem Tode der Mutter war 
ihm die photographische Platte mit deren Abbild gesprungen. 

Die Absurdität dieses Traumes ist also bloß der Erfolg einer 
Nachlässigkeit des sprachlichen Ausdruckes, der die Büste und die 
Phofcographie von der Person nicht unterscheiden will. Wir pind alle 
gewohnt so zu reden: Findest du den Vater nicht getroffen? Freilich 
wäre der Anschein der Absurdität in diesem Traume leicht zu ver- 
meiden gewesen. Wenn man schon nach einer einzigen Erfahrung 
urteilen dürfte, so möchte man sagen, dieser Anschein von Absurdität 
ist ein zugelassener oder gewollter. 

II. Ein zweites, ganz ähnliches Beispiel aus meinen eigenen 
Träumen (ich habe meinen Vater im Jahre 1896 verloren): 

Der Vater hat nach seinem Tode eine politische 
Rolle bei den Magyaren gespielt, sie politisch ge- 

rT«ud, TraQi»<Utttttnf, 6. Aufl. 19 




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Orfgrnaf f rom 
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290 VI. Die TraamArbeit 

einigt, wozu ich ein kleines undeutliches Bild sehe: eine Men- 
ßcheumenge wie im Reichstage; eine Person, die auf 
einem oder auf zwei Stühlen steht, andere um ihn her- 
um. Ich erinnere mich daran, daß er auf dem Totenbette 
Garibaldi so ähnlich gesehen hat, und freue mich, daß 
diese Verheißung doch wahr geworden ist. 

Das ist doch absurd genug. Es ist zur Zeit geträumt, da die 
Ungarn durch parlamentarische Obstruktion in den gesetzlosen 
Zustand gerieten und jene Krisq durchmachten, aus der Koloman 
Szell sie befreite. Der geringfügige Umstand, daß die im Traume 
gesehene Szene aus so kleinen Bildern besteht, ist nicht ohne Be- 
deutung für die Aufklärung dieses Elements. Die gewöhnliche visuelle 
Traumdarstellung unserer Gedanken ergibt Bilder, die uns etwa den 
Eindruck der Lebensgröße machen; mein Traumbild ist aber die 
Reproduktion eines in den Text einer illustrierten Geschichte Öster- 
reichs eingeschobenen Holzschnittes, der Maria Theresia auf dem 
Reichstage von Preßburg darstellt, die berühmte Szene des „Moriamur 
pro rege nostro"*. Wie dort Maria Theresia, so steht im Traume der 
Vater von der Menge umringt; er steht aber auf einem oder zwei 
Stühlen, also als Stuhlrichter. (Er hat sie geeinigt; — liier ver- 
mittelt die Redensart: Wir werden keinen Richter brauchen.) Daß 
er auf dem Totenbette Garibaldi so ähnlich sah, haben wir Um- 
stehenden wirklich alle bemerkt. Er hatte postmortale Temperatur- 
steigerung, seine Wangen glühten rot und röter . . . unwillkürlich 
setzen wir fort : Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine lags was uns 
alle bändigt, das Gemeine. * 

Diese Erhebung unserer Gedanken bereitet uns darauf vor, daß 
wir gerade mit dem „Gemeinen" zu tun bekommen sollen. Das „post- 
mortale" der Temperaturerhöhung entspricht den Worten „nach 
seinem Tode" im Trauminhalt. Das Quälendste seiner Leiden war 
die völlige Darmlähmung (Obstruktion) der letzten Wochen ge- 
wesen. An diese knüpfen sich allerlei unehrerbietige Gedanken an. Einer 
meiner Altersgenossen, der seinen Vater noch als Gymnasiast verlor, 
bei welchem Anlaß ich ihm dann tief erschüttert meine Freundschaft 
antrug, erzählte mir einmal höhnend von dem Schmerze einer Ver- 
wandten, deren Vater auf der Straße gestorben und nach Hause ge- 
bracht worden war, wo sich dann bei der Entkleidung der Leiche 
fand, daß im Moment des Tode^ oder postmortal eine Stuhl- 
entleerung stattgefunden hatte. Die Tochter war so tief unglücklich 
darüber, daß ihr dieses häßliche Detail die Erinnerung an den Vater 
stören mußte. Hier sind wir nun zu dem Wunsche vorgedrungen, 
der sich in diesem Traume verkörpert. Nach seinem Tode rein 
und groß vor seinen Kindern dastehen, wer möchte das 
nicht wünschen? Wohin ist die Absurdität dieses Traumes geraten? 

♦ Ich weiß nicht mehr, bei welchem Autor ich einen Traum erwähnt ge- 
funden liabe, in. dem es von ungewöhnlich kleinen Gestalten wimmelte, und als 
dessen Quelle sich einer der Stiche Jacques Callots herausstellte^ die der 
Träumer bei Tag betrachtet hatte. Diese Stiche enthalten allerdings eine Unzahl 
sehr kleiner Figuren; eine Reihe derselben behandelt die Greuel des Dreißig- 
jährigen Krieges. 



C^ f\n n 1 i> Orf g in al f no m 

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Absurde Tiäume yom toten Vatar. 201 

Ihr Anschein ist nur dadurch zu Stande gekommen, daß eine völlig 
zulässige Redensart, bei welcher wir gewohnt sind, über die Absur- 
dität hinwegzusehen, die zwischen ihren Bestandteilen vorhanden sein 
mag, im Traume getreulich dargestellt wird. Auch hier können wir 
den Eindruck nicht abweisen, daß der Anschein der Absurdität ein 
gewollter, absichtlich hervorgerufener ist*. 

III. In dem Beispiel, das ich jetzt anführe, kann ich die Traum- 
arbeit dabei ertappen, wie sie eine Absurdität, zu der im Material 
gar kein Anlaß ist, absichtlich fabriziert. Es stammt aus dem Traume, 
den mir die Begegnung mit dem Grafen Thun vor meiner Ferial- 
reise eingegeben hat. Ich fahre in einem Einspänner und 
gebe Auftrag, zu einem B'ahnhofe zu fahren. „Auf der 
Bahnstrecke selbst kann ich natürlich nicht mit Ihnen 
fahren", sage ich, nachdem er einen Einwand gemacht, 
als ob ich ihn übermüdet hätte; dabei ist es so, als 
wäre ich schon eine Strecke mit ihm gefahren, die man 

* Die Häufigkeit, mit welcher im Traume tote Persoaen wie lebend auf- 
treten, handeln und mit uns verkehren, hat eine ungebührliche VerwunderunÄT 
hervorgerufen und sonderbare Erklärungen erzeugt^ aus denen unser Unverständnis 
für den Traum sehr auff«arig erhellt. Und doch ist die Aufklärung dieser Träume 
eine sehr naheliegende. Wie oft kommen wir in die Lage uns zu denken: Wenn 
(Ter Vater noch leben würde, was würde er dazu sagen? Dieses Wenn kann der 
Traum nicht anders darstellen als durch die Gegenwart in einer bestimmten 
Situation. So träumt z. B. ein junger Mann, dem sein Großvater ein großes Erbe 
hinterlassen hat, bei einer Gelegenheit von Vorwurf wegen einer bedeutenden Geld- 
ausgabe, der Großvater sei wieder am • Leben und fordere Rechenschaft von ihm. 
Was wir für die Auflehnung gegen den Traum halten, der Einspruch aus unserem 
besseren Wissen, daß der Mann doch schon gestorben sei, ist in Wirklichkeit der 
Trostgedanke, daß der Verstorbene das nicht zu erleben brauchte, oder die Be- 
friedigung darüber, daß er nichts mehr dreinzureden hat. 

Eine andere Art von Absurdität, die sich in Träumen von toten Angehörigen 
findet, drückt nicht Spott und Hohn aus, sondern dient der äußersten Ablehnung, 
der Darstellung eines verdrängten Gedankens, den man gerne als das Allwundenk- 
barste hinstellen möchte. Träume dieser Art erscheinen nur auflösbar, wenn man 
sich erinnert, daß der Tnium zwischen Gewünschtem und Realem keinen Unter- 
schief macht. So träumt z. B. ein Mann, der seinen Vater in dessen Krankheit 
gepflegt und unter dessen Tod schwer gelitten hatte, eine Zeit nachher folgenden 
unsinnigen Traum: Der Vater war wieder am Leben und sprach mit 
ihm wie sonst^ aber (das Merkwürdige war), er war doch gestorben, 
und wußte es nur nicht. Man versteht diesen Traum, wenn man nach „er 
war doch gestorben" einsetzt : infolge des Wunsches des Träumers und 
zu „er wußte es nicht* ergänzt: daß der Träumer diesen Wunsch hatte. 
Der Sohn hatte während der Krankenpflege wiederholt den Vater tot gewünscht, 
d. h. den eigentlich erbarmuugsvollen Gedanken gehabt, der Tod möge doch 
endlich dieser Qual ein Ende machen. In der Trauer nach dem Tode wurde 
selbst dieser Wunsch des Mitleidens zum unbewußten Vorwurf, als ob er durch 
ihn wirklich beigetragen hätte, das Leben des Kranken zu verkürzen. Durch Er- 
weckung der frühinfantilsten Regungen gegen den Vater wurde es möglich, diesen 
Vorwurf als Traum auszudrücken, aber gerade wegen der weltenweiten Gegensätz- 
lichkeit zwischen dem Traumerreger und dem Tagesgedanken mußte dieser Traum 
so absurd ausfallen. (Vgl. hiezu: Formulierungen über die zwei Prinzipien des 
seelischen Geschehens. Jahrbuch f. Ps.-A. III, 1911.) 

Die Träume von geliebten Toten stellen der Tiaumdeutung überhaupt schwie- 
rige Aufgaben, deren Lösung nicht immer befriedigend gelingt. Den Grund hiefür 
mag man in der besonders stark ausgeprägten Gefühlsambivalenz suchen, welche 
das Verhältnis des Träumers zum Toten beherrscht. Es ist selir gewöhnlich, daß 
in solchen Träumen der Verstorbene zunächst als lebend behandelt wird, daß es 

10» 

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392 VI. Die Traamarbett. 

sonst mit der Bahn fährt. Zu diese»* verwt>rrenen und un- 
sinnigen Geschichte gibt die Analyse folgende Aufklärungen: Ich 
hatte, am Tage einen Einspänner genommen, der mich nach Dom- 
bach in eine entlegene Straße führen sollte. Er kannte aber den 
Weg nicht und fuhr nach Art dieser guten Leuto immer weiten 
bis ich es merkte und ihm den Weg zeigte, wobei ich ihm einige 
spöttische Bemerkungen nicht ersparte. Von diesem Kutscher spinnt 
sich eine Gedankenverbindung zu den Aristokraien an» mit der ich 
später noch zusammentreffen werde. Vorläufig nur die Andeutung, 
daß uns bürgerlichem Plebs die Aristokratie dadurch auffällig wird, 
daß sie sich mit Vorliebe an die Stelle des Kutscher* setzt. Graf 
Thun lenkt ja auch den Stsatswagen von Österreich. Der nächste 
Satz im Traume bezieht sich aber rfuf meinen Bruder, den ich also 
mit dem Einspännerkutscher identifiziere. Ich hatte ihm heuer die 
gemeinsame Italienfahrt abgesagt (,Auf die Bahnstrecke selbst kann 
ich mit Ihnen nicht fahren"), und diese Absage war eine Art Be- 
strafung für seine sonstige Klage, daß ich ihn auf diesen Reisen 
zu übermüden pflege (was unverändert in den Traum gelangt), 
indem ich ihm zu rasche Ortsveränderung, zu viel des Schönen an 
einem Tage, zumute. Mein Bruder hatte mich an diesem Abend zum 
Bahnhofe begleitet, war aber kurz vorher bei der Stadtbahnstation 
Westbahnhof ausgesprungen, um mit der Stadtbahn nach Purkersdorf 
zu fahren. Ich hatte ihm bemerkt, er könne noch eine Weile länger 
bei mir bleiben, indem er nicht mit der Stadtbahn, sondern mit der 
Westbahn nach Purkersdorf fahre. Davon ist in den Traum gekom- 
men, daß ich mit dem Wagen eine Strecke gefahren bin, die man 
sonst mit der Bahn fährt. In Wirklichkeit war es umgekehrt 
(und „Umgekehrt ist auch gefahren**); ich hatte meinem 
Bruder gesagt: Die Strecke, die du mit der Stadtbahn: fährst, kannst 
du auch in meiner Gesellschaft in der Westbahn fahren. Die ganze 
Traumverwirrung richte ich dadurch an, daß ich anstatt „Stadtbahn'' 
— „Wagen" in den Traum einsetze, was allerdings zur Zusammen- 
ziehung des Kutschers mit dem Bruder gute Dienste leistet. Dann 
bekomme ich etwas Unsinnige^ heraus, was bei der Erklärung kaum 
entwirrbar scheint, und beinahe einen Widerspruch mit einer früheren 
Bede von mir (,vA.uf die Bahnstrecke selbst kann ich mit Ihnen nicht 
fahren") herstellt. Da ich aber Stadtbahn vaxi Einspännerwagen über- 

dann plötzlich heißt, er sei tot, und daß er in der Fortaetzung^ des Traumes docU 
Tvieder lebt. Das wirkt verwirrend. Ich habe endiioh erraten, daß dieser Wechsel 
Ton Tod und Leben die Gleichgültigkeit des Träumers dafeteUen soU (»»Es 
ist mir dasselbe^ ob er lebt oder gestorben ist'^. Natürlich ist diese Gleich- 
gültigkeit keine reale, sondern eine gewünschte, sie soll die sehr intensiven, 
<^ß gegensätzlichen Gefühlseinstellungen des Traumen verleugnen helfen, und 
wird so zur Tiaumdarstellung seiner Ambivalenz. Für andere Traume, in 
denen man mit Toten verkehrt, hat oft folgende Regel orientierend gewirkt: 
Wenn im Traume nicht daran gemahnt wird, daß der Tote — tot ist, so stellt 
eich der Träumer dem Toten gleich, er träumt von seinem eigenen Tod. Dia 
plötzlich im Tiaume auftretende Besinnung oder Verwunderung: Aber der ist 
ja längst gestorben, ist eine Verwahrung gegen diese Gemeinsohaft und lehnt 
die Todesbddeutung für den Träumer ab. Aber ich gestehe den Eindruck %u, 
daß die Traumdeutung Traumen dieses Inhaltes noch lange nicht alle ihre Ge- 
heimnisse entlockt hat. 



C^ f\n n 1 i> Orf g f n a I f no m 

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Die Abbicht der AbaarJität. 293 

liaupt nicht zu verwechsein brauche, muß ich diese ganze rätselhafte 
Geschichte im Traume absichtlich so gestaltet haben. 

In welcher Absicht aber? Wir sollen nun erfahren, was die 
Absurdität im Traume bedeutet, und aus welchen Motiven sie zuge- 
lassen oder geschaffen wird. Die Lösung des Geheimnisses im vor- 
liegenden Falle ist folgende: Ich brauche im Traume eine Absurdität 
und etwaa Unverständliches in Verbindung mit dem „Fahren", weil 
ich in den Traumgedanken ein gewisses Urteil habe, das nach Dar- 
stellung verlangt. An einem Abend bei jener gastfreuÄdlichen und 
geistreichen Dame, die in einer anderen Szene des nämlichen Traumes 
als „Haushälterin** auftritt, hatte ich zwei Rätsel gehört, die ich 
nicht auflösen konnte. Da sie der übrigen Gesellschaft bekannt waren, 
machte ich mit meinen erfolglosen Eemühungen, die Lösung zu 
finden, eine etwas lächerliche Figur. Es waren zwei Äquivoke mit 
»^Nachkommen" und „Vorfahren". Sie lauteten, glaube ich, so: 

Der Herr befiehlt's, 
Der Kutscher tut's. 
Ein jeder hat's, 
Im Grabe ruht's. 

(Vorfahren.) 

Verwirrend wirkte es, daß das zweite Rätsel zur einen Hälft« 
identisch mit dem ersten war: 

Der Herr befiehlt's, 
Der Kutscher tut's. 
Kicht jeder hat's. 
In der Wiege ruht's. 

CNa oh kommen'.) 

Als ich nun den Grafen ThuTi so großmäeht ig vorfahren 
sah, in die „Figaro"-Stimmung geriet, dh das VerJijnst der hohen 
Herren darin findet, daß sie sich die Mühe gegeben haben, geboren 
zu werden (Nachkommen zu sein), wurden diese beiden Rätsel zu 
Zwischengedanken für die Traumarbeit. Da man Aristokraten leicht 
mit Kutschern verwechseln kann, und man dem Kutscher früher 
einmal in unseren Landen „Herr Schwager" zu sagen pflegte, konnte 
die Verdichtungsarbeit meinen Bruder in dieselbe Darstellung ein- 
beziehen. Der Traumgedanke aber, der dahinter gewirkt hat, lautet: 
Es ist ein Unsinn, auf seine Vorfahren stolz zu sein. 
Lieber bin ich selber ein Vorfahr, ein Ahnherr. Wegen 
dieses Urteils: Es ist ein Unsinn, also der Unsinn im Traume. Jetzt 
löst sich wohl auch das letzte Rätsel dieser dunklen Traumstelle, daß 
ich mit dem Kutscher schon vorher gefahren, mit ihm schon 
Torgefahren. 

Der Traum wird also dann absurd gemacht, wenn in den Traum- 
gedanken als eines der Element? des Inhaltes das Urteil vorkommt: 
Das ist ein Unsinn, wenn überhaupt Kritik und Spott einen der 
unbewußten Gedankenzüge des Träumers motivieren. Das Absurde 
wird somit eines der Mittel, durch welches die Traumarbeit den 
iWiderspruch darstellt, wie die Umlichrung einer Materialbeziehung 

f^ /^f^ (-1 1 p. Or[g f n a I f ro m 

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2\)4i \ I. Die Traumarbeit. 

zwischen TraumgedaiiLen und Trauminhalt, wie die Verwertung der 
motorischen Hemmungsempfindung. Das Absurde des Traumes ist 
aber nicht mit einem einfachen „Nein" zu übersetzen, sondern soll 
die Disposition der Traumgedanken wiedergeben, gleichzeitig mit 
dem Widerspruch zu höhnen oder zu lachen. Nur in dieser Absicht 
liefert die Traumarbeit etwas Lächerliches. Sie verwandelt hier wie- 
derum ein Stück des latenten Inhaltes in eine manifeste 
Form*. 

Eigentlich sind wir einem überzeugenden Beispiel von solcher 
Bedeutung eines absurden Traumes schon begegnet. Jener ohne Ana- 
lyse gedeutete Traum von der Wagner Vorstellung, die bis morgens 
3/48 Uhr dauert, bei der das Orchester von einem Turme aus dirigiert 
wird usw. (siehe S. 234), will offenbar besagen : Das ist eine ver- 
drehte Welt und eine verrückte Gesellschaft. Wer's verdient, 
den trifft es nicht, und wer sich nichts daraus macht, der hat's, 
womit sie ihr Schicksal im Vergleiche zu dem ihrer Cousine meint. 
— Daß sich uns als Beispiele für die Absurdität der Träume zu- 
nächst solche vom toten Vater dargeboten haben, ist auch keines- 
wegs ein Zufall. Hier finden sich die Bedingungen für die Schöp- 
fung absurder Träume in typischer Weise zusammen. Die Autorität, 
die dem Vater eigen ist, hat frühzeitig die Kritik des Kindes hervor- 
gerufen; die strengen Anforderungen, die er gestellt, haben das Kind 
veranlaßt, zu seiner Erleichterung auf jede Schwäche des Vaters 
scharf zu achten; aber die Pietät, mit der die Person des Vaters 
besonders nach seinem Tode für unser Denken umgeben ist, verschärft 
die Zensur, welche die Äußerungen dieser Kritik vom Bewußtwerden 
abdrängt. 

IV. Ein neuer absurder Traum vom toten Vater: 
Ich erhalte eine Zuschrift vom Gemeinderat meiner 
Geburtsstadt betreffend die Zahlungskosten für eine Un- 
terbringung im Spital im Jahre 1851, die wegen eines An- 
falles bei mir notwendig war. Ich mache mich darüber 
lustig, denn erstens war ich 1851 noch nicht am Leben, 
zweitens ist mein Vater, auf den es sich beziehen kann, 
schon tot. Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer, wo er auf 
dem Bette liegt, und erzähle es ihm. Zu meiner Über- 
raschung erinnert er sich, daß er damals 1851 einmal 
betrunken war und eingesperrt oder verwahrt werden 
mußte. Es war, als er für das Haus T. . . . gearbeitet. 
Du hast also auch getrunken, frage ich. Bald darauf 
hast du geheiratet? Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren 
bin, was mir als unmittelbar folgend vorkommt. 

♦ Die Traiimarbeit jarodiert also den ihr als lächerlich bezeichneten Ge- 
danken, indem sie etwas Lächerliches in Beziehung mit ihm erschafft. So ahn- 
licli verfährt Heine, wenn er die schlechten Verse des Bayerkönigs venpottea 
will. Er tut es in noch schlechteren: 

Herr Ludwig ist ein großer Poet, 

Und singt er, so stürzt Apollo 

Vor ihm auf die Knie und bittet und fleht, 

„Halt ein, ich werde sonst toll oh!" 

f^ /^f^ (-1 1 p. Orf g f n a I f no m 

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Absurdität drückt Spott und Hohn aas. 2db 

Die Aufdringlichkeit, mit welcher dieser Traum seine Absur- 
ditäten zur Schau trägt, werden wir nach den letzten Erörterungen 
uns als Zeichen einer besonders erbitterten und leidenschaftlichen 
Polemik in den Traumgedanken übersetzen. Mit um so größerer Ver- 
wunderung konstatieren wir aber, daß in diesem Traume die Po- 
lemik offen betrieben und der Vater als diejenige Person bezeichnet ist, 
die zum Ziele des Gespöttes gemacht wird. Solche Offenheit scheint 
unseren Voraussetzungen über die Zensur bei der Traumarbeit zu 
widersprechen. Zur Aufklärung dient aber, daß hier der Vater nur 
eine vorgeschobene Person ist, während der Streit mit einer anderen 
geführt wird, die im Traum© durch eine einzige Anspielung zum Vor- 
schein kommt. Während sonst der Traum von Auflehnung gegen an- 
dere Personen handelt, hinter denen sich der Vater verbirgt, ist es 
hier umgekehrt; der Vater wird ein Strohmann zur Deckung anderer, 
und der Traum darf (Jarum so un verhüllt sich mit seiner sonst ge- 
heiligten Person beschäftigen, weil dabei ein sicheres Wissen mit- 
spielt, daß nicht er in Wirklichkeit gemeint ist. Man erfährt diesen 
Sachverhalt aus der Veranlassung des Traumes. Er erfolgte nämlich, 
nachdem ich gehört hatte, ein älterer Kollege, dessen urteil für un- 
antastbar gilt, äußere sich abfällig und verwundert darüber, daß einer 
meiner Patienten die psychoanalytische Arbeit bei mir jetzt schon 
ins fünfte Jahr fortsetze. Die einleitenden Sätze des Traumes 
deuten in durchsichtiger Verhüllung darauf hin, daß dieser Kollege 
eine Zeitlang die Pflichten übernommen, die der Vater nicht mehr 
erfüllen konnte (Zahlungskosten, Unterbringung im Spital); 
und als unsere freundschaftlichen Beziehungen sich zu lösen begannen, 
geriet ich in denselben Empfindungskonflikt, der im Falle einer Miß- 
helligkeit zwischen Vater und Sohn durch die Rolle und die früheren 
Leistungen des Vaters erzwungen wird. Die Traumgedanken wehren 
sich nun erbittert gegen den Vorwurf, daß ich nicht schneller 
vorwärts komme, der von der Behandlung dieses Patienten her 
sich dann auch auf anderes erstreckt. Kennt er denn jemanden, der 
das schneller machen kann? Weiß er nicht, daß Zustände dieser Art 
sonst überhaupt unheilbar sind und lebenslang dauern? Was sind 
vier bis fünf Jahre gegen die Dauer eines ganzen Lebens, zumal, 
wenn dem Kranken die Existenz während der Behandlung so sehr 
erleichtert worden ist? 

Das Gepräge der Absurdität wird in diesem Traume zum guten 
Teil dadurch erzeugt, daß Sätze aus verschiedenen Gebieten der 
Traumgedanken ohne vermittelnden Übergang aneinander gereiht wer- 
4e<n. So verläßt der Satz: Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer usw. 
das Thema, aus dem die vorigen Sätze geholt sind, und reproduziert 
getreulich die Umstände, unter denen ich dem Vater meine eigen- 
mächtige Verlobung mitgeteilt habe. Er will mich also an die vor- 
nehme TTneigennütz'gkeit mahnen, die der alte Mann damals bewies^ 
und diese m Gegensatz zu dem Benehmen eines anderen, einer neuen 
Person bringen. Ich merke hier, daß der Traum darum den Vater 
verspotten darf, weil er in den Traumgedanken in voller Anerkennung 
anderen als Muster vorgehalten wird. Es liegt im Wesen jeder Zensur, 
daß man von den unerlaubten Dingen das, was unwahr ist, eher sagen 



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296 VI. Die TAamnrbeit. 

darf als die Wahrheit. Der nächste Satz, daß er sich erinnert, e i n- 
tnal betrunken und darum eingesperrt gewesen zu sein, ent- 
hält nichts mehr, was sich in der 'Realität auf den Vater bezieht- 
Die von ihm gedeckte Person ist hier niemand geringerer als der 
größte — Meynert, dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung ge- 
folgt bin, und dessen Benehmen gegen mich nach einer kurzen Periode 
der Bevorzugung in unverhüllte Feindseligkeit umschlug. Der Traum 
erinnert mich an seine eigene Mitteilung, er habe in jungen Jahren, 
einmal der Gewohnheit gefrönt, sich mit Chloroform zu be- 
rauschen, und habe darum die Anstalt aufsuchen müssen, und 
an ein zweites Erlebnis mit ihm kurz vor seinem Ende. Ich hatte 
einen erbitterten literarischen Streit mit ihm geführt in Sachen der 
männlichen Hysterie, die er leugnete, und als ich ihn als Todkranken 
besuchte und nach seinem Befinden fragte, verweilte er bei dor Be- 
schreibung seiner Zustände und schloß mit den Worten: „Sie wissen, 
ich war immer einer der schönsten Fälle von männlicher Hysterie.** 
So hatte er zu meiner Genugtuung und zu meinem Erstaunen 
zugegeben, wogegen er sich so lange hartnäckig gesträubt. Daß ich 
aber in dieser Szene des Traumes Meynert durch meinen Vater 
verdecken kann, hat seinen Grund nicht in einer zwischen beiden 
Personen aufgefundenen Analogie, sondern ist die knappe, aber völlig 
zureichende DaTötollung eine? Konditionalsatzes in den Traumgedanken, 
der ausführlich lautet: Ja, wenn ich zweite Generation, der Sohn eines 
Professors oder Hofrates, wäre, dann wäre ich freilich rascher 
vorwärts gekommen. Im Traume mache ich nun meinen Vater 
zum Hofrat und Professor. Die gröbste und störendste Absurdität 
des Traumes liegt in der Behandlung der Jahreszahl 1851, die mir 
von 1856 gar nicht verschieden vorkommt, als würde die Diffe- 
renz von fünf Jahren gar nichts bedeuten. Gerade die^ soll 
aber aus den Traumgedanken zum Ausdruck gebracht werden. Vier 
bis fünf Jahre, das ist der Zeitraum, während dessen ich die 
Unterstützung des eingangs erwähnten Kollegen genoß, aber o.uch die 
Zeit, während welcher ich meine Braut auf die Heirat warten ließ» 
und durch ein zufälliges, von den Traumgedanken gern ausgenutztes 
Zusammentreffen auch die Zeit, während welcher ich jetzt meinen 
vertrautesten Patienten auf die völlige Heilung warten lasse. „AVas 
sind fünf Jahre?'* fragen dift Traumgüdanken. „Das ist für mich 
keine Zeit, das kommt nicht in Betracht. Ich habe Zeit g^- 
nug vor mir, und .wie jenes endlich geworden ist, was Ihr ^oich 
nicht glauben wolltet, so werde ich auch dies zu Stande bringen." 
Außerdem aber ist die Zahl 51, vom Jahrhundert abgelöst, noch 
anders, und zwar im gegensätzlichen Sinne determiniert; sie kommt 
darum auch mehrmals im Traume vor. 51 ist das Alter, in dem der 
Mann besonders gefährdet erscheint, in dem ich Kollegen plötzlich 
habe sterben sehen, darunter einen, der nach langem Harren einige 
Tage vorher zum Professor ernannt worden war. 

V. Ein anderer absurder Traum, dor mit Zahlen spielt. 

Einer meiner Bekannten, Herr M., ist von keinem Ge- 
ringeren als von Goethe in einem Aufsatze anjfe^riffen 



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Ein absurder Guethetraam. 297 

worden, wie wir alle meinen, mit unrgerechtfertigt großer 
Heftigkeit. Herr M. ist durch diesen Augriff natürlich 
vernichtet. Er beklagt sich darüber bitter bei einer Tisch- 
gesellschaft; seine Verehrung für Goethe hat aber unter 
dieser persönlichen Erfahrung nicht gelitt;en. Ich suche 
mir die zeitlichen Verhältnisse, die mir unwahrschein- 
lich vorkommen, ein wonig aufzuklären. Goethe ist 
1832 gestorben; da sein Angriff auf M. natürlich früher 
erfolgt sein muß, so war Herr M. damals ein ganz jun- 
ger Mann. Es kommt mir plausibel vor, daß er 18 Jahre 
alt war. Ich. weiß aber nicht sicher, welches Jahrwir 
gegenwärtig schreiben, und so versinkt die ganze Be- 
rechnung im Dunkel. Der Angriff ist übrigens in dem 
bekannten Aufsatze von Goethe „Natui?" enthalten. 

Wir werden bald die Mittel in der Hand haben, den Blödsinn 
dieses Traumes zu rechtfertigen. Herr M., den ich aus einer Tisch- 
gesellschaft kenne, hatte mich unlängst aufgefordert, seinen 
Bruder zu untersuchen, bei dem sich Zeichen von paralytischer 
Geistesstörung bemerkbar machten. Die Vermutung war richtig; 
es ereignete sich bei diesem Besuche das Peinliche, daß der Kranke 
ohne jeden Anlaß im Gespräche den Bruder durch Anspielung auf 
dessen Jugendstreiche bloßstellte. Den Kranken hatte ich nach 
seinem Geburtsjahre gefragt und ihn wiederholt zu kleinen Be- 
rechnungen veranlaßt, um seine Gedächtnisschwächung klarzulegen; 
Proben, die er übrigens noch recht gut bestand. Ich merke schon, 
daß ich mich im Traume benehme wie ein Paralytiker. (Ich weiß 
nicht sicher, welches Jahr wir schreiben.) Anderes Material 
des Traumes stammt aus einer anderen rezenten Quelle. Ein mir 
befreundeter Eedakteur einer medizinischen Zeitschrift hatte eine 
höchst ungnädige, eine „vernichtende" Kritik über das letzte 
Buch meines Freundes Fl. in Berlin in sein Blatt aufgenommen, die 
ein recht jugendlicher und wenig urteilsfähiger Referent verfaßt 
hatte. Ich glaubte ein Recht zur Einmengung zu haben und stellte 
den Redakteur zur Rede, der die Aufnahme der Kritik lebhaft be- 
dauerte, aber eine Remedur nicht versprechen wollte. Daraufhin 
brach ich meine Beziehungen zur Zeitschrift ab und hob in meinem 
Absagebriefe die Erwartung hervor,- daß unsere persönlichen 
Beziehungen unter diesem Vorfalle nicht leiden würden. 
Die dritte Quelle dieses Traumes ist die damals frische Erzählung 
einer Patientin von der psychischen Erkrankung ihres Bruders, der 
mit dem Ausrufe ,.Natur, Natur" in Tobsucht verfallen war. Die 
Arzte hatten gemeint, der Ausruf stamme aus der ' Lektüre jenes 
schönen Aufsatzes von Goethe und deute auf die Überarbeitung 
des Erkrankten bei seinen naturphilosophischen Studien. Ich zog es 
vor, an den sexuellen Sinn zu denken, in dem auch die Minder- 
gebildeten bei uns von der „Natur" reden, und daß der Unglück- 
liche sich später an den Genitalien verstümmelte, schien mir wenig- 
stens nicht Unrecht zu geben. 18 Jahre war das Alter dieses Kran- 
ken, als jener Tobsuchtsanfall sich einstellte. 



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298 ^'^* ^^ Traomarbeit 

Wenn ich noch hinzufüge, daß das so hart kritisierte Buch 
meines Freundes („Man fragt sich, ist der Autor verrückt oder ist 
man es selbst", hatte ein anderer Kritiker geäußert) sich mit den 
zeitlichen Verhältnissen des Lebens beschäftigt und auch 
Goethes Lebensdauer auf ein Vielfaches einer für die Biologie be- 
deutsameii Zahl zurückführt, so ist es leicht einzusehen, daß ich 
mich im Traume an die Stelle meines Preundes setze. (Ich suche 
mir die zeitlichen Verhältnisse .... ein wenig aufzu- 
klären.) Ich benehme mich aber wie ein Paralytiker und der 
Traum schwelgt in Absurdität. Das heißt also, die Traumgedanken 
sagen ironisch: „Natürlich, er ist der Narr, der Verrückte, und 
Ihr seid die genialen Leute, die es bosser verstehen. Vielleicht aber 
doch umgekehrt?** Und diese Umkehrung ist nun ausgiebig im 
Trauminhalt vertreten, indem Goethe den jungen Mann ngegriffen 
hat, was absurd ist, während leicht ein ganz junger Mensch noch 
heute den unsterblichen Goethe angreifen könnte, und indem ich 
vom Sterbejahre Goethes an rechne, während ich den Para- 
lytiker von seinem Geburtsjahre an rechnen ließ. 

Ich habe Mer auch versprochen zu zeigen, daß kein Traum 
von anderen als egoistischen Regungen eingegeben wird. Somit muß 
ich es rechtfertigen, daß ich in diesem Traume die Sache meines 
Freundes zu der meinigen mache und mich an seine Stelle setze. 
Meine kritische Überzeugung im Wachen reicht hiefür nicht aus. 
Nun spielt aber die Geschichte des 18jährigen Kranken und die ver- 
schiedenartige Deutung seines Ausrufes „Natur" auf den Gegensatz 
an, in den ich mich mit meiner Behauptung einer sexuellen Ätiologie 
für die Psychoneurosen zu den meisten Ärzten gebracht habe: Ich 
kann mir sagen: So wie deinem Freunde, so wird es auch dir mit 
der Kritik ergehen, ist dir zum Teil auch bereits so ergangen, und 
nun darf ich das „Er" in den Traumgedanken durch ein .,Wir*' er- 
setzen. „Ja, Ihr habt Recht, wir zwei sind die Narren." Daß „mea 
res agitur", daran mahnt mich energisch die Erwähnung des kleinen, 
unvergleichlich schönen Aufsatzes von Goethe, denn der Vortrag 
dieses Aufsatzes in einer populären Vorlesung war es, der mich 
schwankenden Abiturienten zum Studium der Naturwissenschaft 
drängte. 

VI. Icli bin es schuldig geblieben, noch von einem anderen 
Traume, in dem mein Ich nicht vorkommt, zu zeigen, daß er ego- 
istisch ist. Ich erwähnte auf S. 186 einen kurzen Traum, daß Pro- 
fessor M. sagt: „Mein Sohn, der Myop. . ." und gab an, das 
sei nur ein Vortraum zu einem anderen, in dem ich eine Rolle .spiele. 
Hier ist der fehlende Haupttraum, der uns eine absurde und im- 
vcrständliche Wortbildung zur Aufklärung biet.ct: 

Wegen irgend welcher Vorgänge in der Stadt Rom ist 
es notwendig, die Kinder zu flüchten, was auch geschieht. 
Die Szene ist dann vor einem Tore, Doppeltor nach an- 
tiker Art (die Porta romana in Siena, wie ich nocli 
im Traume weiß). Ich sitze auf dem Rande eines Brun- 
nens und bin sehr betrübt, weine fast. Eine weibliche 
Person — Wärterin, Nonne — brinirt die zwei Knaben 

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„Geseres und Ungeseres.** 299 

"heraus und übergibt sie dem Vater, der nicht ich bin. 
Der ältere der beiden ist deutlich mein Ältester, das 
Gesicht des anderen sehe ich nicht; die Frau, die den 
Knaben bringt, verlangt zum Abschied einen Kuß von 
ihm. Sie zeichnet sich durch eine rote Nase aus. Der 
Knabe verweigert ihr den Kuß, sagt aber, ihr zum Ab- 
schied die Hand reichend: Auf Geseres und zu uns bei- 
den (oder zu einem von uns): Auf Ungeseres. Ich. habe 
die Idee, daß letzteres einen Vorzug bedeutet. 

Dieser Traum baut sich auf einem Knäuel von Gedanken auf, 
die durch ein im Theater gesehenes Schauspiel „Das neue Ghetto" 
angeregt wurden. Die Judenfrage, die Sorge um die Zukunft der 
Kinder, denen man ein Vaterland nicht geben kann, die Sorge, sie 
so zu erziehen, daß sie freizügig werden können, sind in den zu- 
gehörigen Traumgedanken leicht zu erkennen. 

„Au den Wässern Babels saßen wir und weinten." — 
Siena ist wie Rom diArch seine schönen Brunnen berühmt; für Rom 
muß ich im Traume (vgl. S. 135) mir irgend einen Ersatz aus be-^ 
kannten örtlichkeiten suchen. Nahe der Porta romana von Siena 
sahen wir ein großes, hell erleuchtetes Haus. Wir erfuhren, daß es 
das Manicomio, die Irrenanstalt, sei. Kurz vor dem Traume hatte ich 
gehört, daß ein Glaubensgenosse seine mühselig erworbene Anstellung 
an einer staatlichen Irrenanstalt hatte aufgeben müssen. 

Unser Interesse erweckt die Rede: Auf Geseres, wo man 
nach der im Traume festgehaltenen Situation erwarten müßte: Auf 
Wiedersehen, und ihr ganz sinnloser Gegensatz: AufUngeseres. 

Geseres ist nach den Auskünften, die ich mir bei Schrift- 
gelehrten geholt habe, ein echt hebräisches Wort, abgeleitet von 
einem Verbum „goiser" und läßt sich am besten durch „anbefohlene 
Leiden, Verhängnis", wiedergeben. Nach der Verwendung des Wortes 
im Jargon sollte man meinen, es bedeute „Klagen und Jammern". 
Ungeseres ist meine eigenste Wortbildung und zieht meine Auf- 
merksamkeit zuerst auf sich, macht mich aber zunächst ratlos. Die 
kleine Bemerkung zu Ende des Traumes, daß Ungeseres einen Vorzug 
gegen Geseres bedeute, öffnet den Einfällen und damit dem Verständ- 
nis die Pforten. Ein solches Verhältnis findet ja beim Kaviar statt; 
der ungesalzene wird höher geschätzt als der gesalzene. Kaviar 
fürs Volk, „noble Passionen" : darin liegt eine scherzhafte Anspielung 
an eine der Personen meines Haushaltes verborgen, von der ich hoffe, 
daß sie, jünger als ich, die Zukunft meiner Kinder in acht nehmen 
wird. Dazu stimmt es dann, daß eine andere Person meines Haus- 
haltes, unsere brave Kinderfrau, in der Wärterin (oder Nonne) vom 
Traume wohl kenntlich gezeigt wird. Zwischen dem Paar gesalzen- 
ungesalzen und Geseres-Ungeseres fehlt es aber noch an einem 
vermittelnden Übergang. Dieser findet sich in „gesäuert und un- 
gesäuert"; bei ihrem fluchtartigen Auszug aus Ägypten hatten 
die Kinder Israels nicht die Zeit, ihren Brotteig gären zu lassen, 
und essen zur Erinnerung daran noch heute ungesäuertes Brot zur 
Osterzeit. Hier kann ich auch den plötzlichen Einfall unterbringen, 
der mir während dieses Stückes der Analyse gekommen ist. Ich er- 

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300 VL Die Trauiuaibeit 

innertc mich, wie wir in den letzten Oster tagen in den Straßen der 
uns fremden Stadt Breslau herumepazierten, mein Freund aus Berlin 
und ich. Ein kleines Mädchen fragte mich um den Weg in eine ge- 
wisso Straße; ich mußte mich entschuldigen, daß ich ihn nicht wisse, 
und äußerte dann zu meinem Freunde: Hoffentlich beweist die Kleine 
später im Leben mehr Scharfblick bei der Auswahl der Personen, 
von denen sie sich leiten läßt. Kurz darauf fiel mir ein Schild .in 
die Augen: Dr. Her ödes, Sprechstunde... Ich meinte: Hoffent- 
lich ist dei' Kollege nicht gerade Kinderarzt Mein Freund hatte mir 
unterdessen seine Ansichten über die biologische Bedeutung der T)i- 
lateralen Symmetrie entwickelt und einen Satz mit der Einleitung 
begonnen: „Wenn wir das eine Auge mitten auf der Stirn trügen wie 
der Kyklop. . ." Das führt nun zur Rede des Professors im Vor- 
traume: Mein Sohn, der Myop. Und nun bin ich zur Haupt- 
quelle für das Geseres geführt worden. Vor vielen Jahren, als 
dieser Sohn des Professors M., der heute ein selbständiger Denker ist, 
noch auf der Schulbank saß, erkrankte er ai^ einer Augcnaffektion, 
die der Arzt für besorgniserregend erklärte. Er meinte, solange sie 
einseitig bleibe, habe sie nichts zu bedeuten, sollte sie aber auch 
auf das andere Auge übergreifen, so wäre es ernsthaft. Das Leiden 
heilte auf dem einen Auge schadlos ab; kurz darauf stellten sich aber 
die Zeichen für die Erkrankung des zweiten wirklich ein. Die ent- 
setzt<^ Mutter ließ sofort den Arzt in die Einsamkeit ihres Land- 
aufenthaltes kommen. Der schlug sieh aber jetzt auf die andere 
Seite. „Was machen Sie für Geseres?" herrschte er die Mutter 
an. ,.Ist es auf der einen Seite gut geworden, so wird es. auch 
auf der anderen gut werden." Und so ward es auch. 

Und nun die Beziehungen zu mir und den meinigen. Die Schul- 
bank, auf der der Sohn des Professors M. seine erste Weisheit er- 
lernt, ist durch Schenkung der Mutter in das Eigentum meines 
Ältesten übergegangen, dem ich im Traume die Abschieds werte in den 
Mund lege. Der eine der Wünsche, die sich an diese Übertragung" 
knüpfen lassen, ist nun leicht zu eiTaten. Diese Schulbank soll aber 
auch durch ihre Konstruktion das Kind davor schützen, kurzsich- 
tig und einseitig zu werden. Daher im Traume Myop (dahinter 
Kyklop) und die Erörterungen über Bilateralität. Die Sorge um 
die Einseitigkeit ist eine mehrdeutige; es kann neben der körper- 
liehen Einseitigkeit di? der intellektuellen Entwicklung gemeint sein^ 
Ja, scheint es nicht, daß die Traumszene in ihrer Tollheit gerade 
dieser Sorge widerspricht? Nachdem das Kind nach der einen 
Seite hin sein Abschiedswort gesprochen, ruft es nach der an- 
deren hin das Gegenteil davon, wie um das Gleichgewicht her- 
zustellen. Es handelt gleichsam in Beachtung der bi- 
lateralen Symmetrie! 

So ist der Traum oft am tiefsinnigsten, wo er am tollsten er* 
scheint. Zu allen Zeiten pflegten die, welche etwas zu sagen hatten 
und es nicht gefahrlos sagen konnten, gern die Narrenkappe aufzu- 
setzen. Der Hörer, für den die untersagt<5 Rede bestimmt war, duldete 
sie eher, wonn er dabei lachen und sich mit dem Urteil schmeicheln 
konnte, daß das Unliebsame offenbar etwas Närrisches sai. Ganz so 



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Keine Urteilsleistang^ der Traamarbeit. gQl 

^e in Wirklichkeit der Traiun, verfährt im Schauspiel "der Prinz, 
'der sich zum Narren verstellen muß, und darum kann man auch vom 
Traume aussagien, was Hamlet, wobei er die eigentlichen Bedingun- 
gen durch witzig-unverständliche ersetzt, von sich behauptet: „Ich 
bin nui' toll bei Nord-Nord- West ; weht der Wind aus Süden, feo 
iann ich einen Reiher von einem Palken unterscheiden*." 

Ich habe also das Problem der Absurdität des Traumes dahin 
aufgelöst, daß die Traumgedanken niemals absurd sind — wenigstens 
micht von den Träumen geistesgesunder Menschen — , und daß die 
'Traumarbeit absurde Träume und Träume mit einzelnen absurden 
Elementen produziert, wenn ihr in den Traumgedanken Kritik, Spott 
und Hohn zur Darstellung in ihrer Ausdrucksform vorliegen. Es liegt 
mir nun daran zu zeigen, daß die Traumarbeit überhaupt durch das 
^Zusammenwirken der drei erwähnten Momente — und eines vierten 
noch zu erwähnenden — erschöpft ist, daß sie sonst nichts leistet ab 
•eine obersetzung der Traumgedanken unter Beachtung der vier ihr 
vorgeschriebenen Bedingungen, und daß die Frage, ob die Seele im 
Traume mit all ihren geistigen Fähigkeiten arbeitet oder nur mit 
-einem Teile derselben, schief gestellt ist und an den tatsächlichen 
Verhältnissen abgleitet. Da es aber reichlich Träume gibt, in deren 
Inhalt geurteilt, kritisiert und anerkannt wird, in denen Verwunderung 
über ein einzelnes Element des Traumes auftritt, Erklärungsversuche 
gemacht und Argumentationen angestellt werden, muß ich die Ein- 
v^endungen, die sich aus solchen Vorkommnissen ableiten, roi aus- 
gewählten Beispielen erledigen. 

Meine Erwiderung lautet: Alles, was sich als scheinbare 
Betätigung der Ürteilsf unktion in den Träumen vor- 
findet, ist nicht etwa als Denkleistung der Traum- 
arbeit aufzufassen, sondern gehört dem Material der 
Trauragedanken an und ist von dorther als fertiges 
Gebilde in den manifesten Trauminhalt gelangt. Ich 
kann meinen Satz zunächst noch überbieten. Auch von den Urteilen, 
die man nach dem Erwachen über den erinnerten Traum fällt, 
den Empfindungen, die die Eeproduktion dieses Traumes in uns her- 
vorruft, gehört ein guter Teil dem latenten Trauminhalt an und ist 
in die Deutung des Traumes einzufügen. 

I. Ein auffälliges Beispiel hiefür habe ich bereits angeführt. 
Eine Patientin will ihren Traum nicht erzählen, weil er zu unklar 
ist. Sie hat eine Person im Traume gesehen und weiß nicht, ob es 
der Mann oder der Vater war. Dann folgt ein zweites Traum- 
stück, in dem ein „Misttrügerl" vorkommt, an das folgende Erinne- 
rung sich anschließt. Als junge Hausfrau äußerte sie eiamal scherz- 
haft vor einem jungen Verwandten, der im Hause verkehrte, daß ihre 



* Dieser Traum gibt auch ein gutes Beispiel für den allgemein gültigen 
'Satz, daß die Träume derselben Nacht, wenngleich in der Erinnerung gesondert, 
«luf dem Boden des nämlichen Gedankenmaterials erwachsen sind. Die Traum- 
Situation, daß ich meine Kinder aus der Stadt Rom fluch i, ist übrigens durch 
<üe Rückbeziehung auf einen analogen, in meine Kindheit fallenden Vorgang ent- 
stellt. Der Sinn ist, daß ich Verwandte beneide, denen sich bereits vor vielen 
Jahren ein Anlaß geboten hat^ ihre Kinder auf einen anderen Boden zu versetzen. 

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302 ^'^« ^^ Traumarbeit. 

nächste Sorge die Anschaffung eines neuen Misttrügeiis sein müsse. 
.Sie bekam am nächsten Morgen ein solches zugeschickt, das aber mit 
Maiglöckchen gefüllt war. Dieses Stück Traum dient der Darstellung 
der Redensart „Nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen". Wenn 
Juan die Analyse vervollständigt, erfährt man, daß es sich in den 
Traumgedanken um die Nachwirkung einer in der Jugend /rehörtea 
Geschichte handelt, daß ein Mädchen ein Kind bekommen, von dem 
es unklar war,