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Full text of "Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido auf Grund der Psychoanalyse seelischer Störungen"



D^^ KARL ABRAHAM 



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auf Oruiia oer Psychoanalyse 




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INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 



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Neue Arbeiten zur ärztlichen Psychoanalyse 

Herausgegeben von Prof. Dr. Sigm. Freud 



Heft II 



Versuch einer 

Entwicklungsgeschichte der Libido 

auf Grund der Psychoanalyse seelischer Störungen 



Von 



Dr. Karl Abraham 



1924 

Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Leipzig / Wien / Zürich 




45 



Alle Rechte, 
insbesondere das der Übersetzung vorbehalten 

Copyright 1924 
by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m. b. H.", Wien 



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Gesellschaft fOr Graphische Industrie, Wien, 111., Rüdengässe Nr. Ii 






Erster Teil 

Die manisch-depressiven Zustände und 
die prägenitalen Organisationsstufen 

der Libido 



Einleitung 

Vor mehr als zehn Jahren habe ich zuerst den Versuch 
gemacht, die Entstehung der manisch-depressiven Krankheits- 
zustände auf psychoanalytischem Wege zu erklären. Der Un- 
vollkommenheit des Versuches und seiner Ergebnisse war ich 
mir wohl bewußt und bemühte mich, sie schon in der Über- ^ 

Schrift metner Veröffentlichung („Ansätze zur psychoanalytischen 
Erforschung" usw.) zum Ausdruck zu bringen. Man tut gut, 
sich daran zu erinnern, wie wenig umfangreich damals noch 
die gesamte psychoanalytische Literatur war. Vorarbeiten 
bezüglich der zirkulären Geistesstörungen aber gab es nur in 
besonders geringfügigem Maße. Die freie psychotherapeutische 
Praxis bot wenig Gelegenheit zur Analyse solcher Zustände, 
so daß es dem einzelnen Beobachter unmöglich war, eine größere 
Reihe vergleichbarer Erfahrungen zu sammeln. 

Waren somit die Resultate jener ersten Untersuchung auch 
unzulänglich und lückenhaft, so haben sie sich doch in wesent- 
lichen Beziehungen als richtig erwiesen. Die Auffassung, daß 
die Melancholie sich zum normalen Affekt der Trauer verhält 
wie die neurotische Angst zur Furcht, fand ihre Bestätigung 
in Freuds Aufsatz über „Trauer und Melancholie". Die psycho- 
logische Verwandtschaft der Melancholie mit der Zwangsneurose 
darf heute als feststehend gelten. Hinsichtlich der Abwendung 
der Libido des Patienten von der Objektwelt gilt das gleiche. 
Dagegen Heß sich über die Trennungsstelle der melan- 
cholischen und der zwanghaften Zustände nichts ermitteln, wie 
denn überhaupt die spezifische Verursachung der 
zirkulären Störungen völlig im Dunkeln blieb. 



Dr. Karl Abraham 






Ihr suchte ich auf den Grund zu kommen, nachdem Freud ^ 
dieLehre von den prägenitalen Organisationsstufen | 

der Libido aufgestellt hatte. Die Psychoanalyse der Zwangs- ^ 

neurose führte ihn zur Annahme einer prägenitalen Phase der | 

Libidoentwicklung, die er als die sadistisch-anale bezeichnete. | 

Etwas später beschrieb er in der dritten Auflage der „Drei | 

Abhandlungen zur Sexualtheorie" eine noch frühere Phase, die | 

orale oder kannibalische, in bestimmten Umrissen. An emem | 

umfangreichen empirischen Material konnte ich nun (1917) den | 

Beweis erbringen, daß gewisse Psychoneurosen dcudiche Spuren S- 

jener frühesten Organisationsstufe der Libido enthalten, durite 
zugleich aber die Vermutung äußern, daß das Krankheitsbild 
der Melancholie einem Regressionsvorgang entspringe, der die 
Libido des Kranken zu eben jenem frühen, oralen Stadmm 
zurückführe. Einen zwingenden Beweis für diese Annahme ließ 
das in dieser Hinsicht lückenhafte Tatsachenmaterial nicht zu. 
Fast zu gleicher Zeit griff Freud das Problem der Melan- 
cholie von einer anderen Seite her an. Er tat den entscheidenden 
Schritt zur Aufdeckung des melancholischen Mecha- 
nismus, indem er zeigte, wie der Kranke sein Liebesobjekt 
verliert, es hernach aber auf dem Wege der Introjektion 
in sich selbst aufnimmt, so daß beispielsweise die melancholischen 
Selbstanklagen eigentlich dem verlorenen Objekt gelten. 

Die seitherige Beobachtung hat. mir die Bedeutung beider 
Vorgänge - der Regression der Libido zur oralen Stufe sowohl 
als des Introjektionsprozesses - vollauf bestätigt, darüber 
hinaus aber ihre innige Zusammengehörigkeit erwiesen. Die 
Psychoanalysen, welche der voriiegenden Publikation zugrunde 
liegen, lassen in dieser Hinsicht keinen Zweifel übrig. Die 
Introjektion des Liebesobjektes ist, wie ausführiich nachgewiesen 
werden soll, ein Vorgang der Einverleibung, wie er einer 
Regression der Libido zur kannibalischen Stufe entspricht. 

Noch zweier Fortschritte unserer Erkenntnis ist zu gedenken, 
die sich wiederum an Freuds Namen knüpfen. Zunächst hat 
er dargelegt, daß beim Melancholiker der dem Krankheitsaus- 






Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 



bruch vorausgehende Objektverlust der fundamentale Vorgang 
sei, welcher der Zwangsneurose abgehe. Der Zwangsneurotiker 
befindet sich zwar in ausgeprägt ambivalenter Gefühlseinstellung 
zu seinem Liebesobjekt, ängstigt sich vor seinem Verlust, hält 
es aber letzten Endes fest. Der Nachweis dieses Unterschiedes 
in den beiden Krankheitsprozessen ist von großer Tragweite, 
die in den nachfolgenden Ausführungen erkennbar werden soll. 

Des weiteren aber hat Freud neuerdings auch noch dem 
Verständnis der manischen Exaltation bestimmtere Bahnen 
gewiesen.' Es wird später ersichtlich werden, welchen Fortschritt 
seine Aufstellungen gegenüber meinem ersten tastenden Versuch 
(1911) bedeuten. 

Als im Jahre 1920 der VI, psychoanalytische Kongreß vor- 
bereitet wurde, erging an mich -die Aufforderung, ein Referat 
über die manisch-depressiven Psychosen zu übernehmen. Ich 
mußte das Ersuchen ablehnen, weil mir kein neues Beobachtungs- 
material zur Verfügung stand. Seither ist es mir möglich gewesen, 
die Psychoanalyse zweier ausgeprägter Fälle von zirkulärer 
Erkrankung fast bis zum Ende durchzuführen und außerdem 
fragmentarische Einblicke in den Aufbau einiger anderer Krank- 
heitsfälle dieser Art zu gewinnen. Die Ergebnisse dieser Analysen 
bestätigen' in überraschender Weise Freuds Auffassung von 
der Struktur der melancholischen und manischen Erkrankungen. 
Außerdem aber erbringen sie eine Reihe neuer Aufklärungen, 
welche Freuds Aufstellungen in wichtigen Hinsichten ergänzen. 

Rücksichten der Diskretion legen mir eine weitgehende 
Zurückhaltung in der Mitteilung meiner Psychoanalysen auf. 
Insbesondere kann ich keine systematische Krankheitsgeschichte 
der beiden gründlich analysierten Fälle wiedergeben, sondern 
nur kurze Ausschnitte. Um diagnostischen Zweifeln im voraus 
zu begegnen, erwähne ich, daß beide Patienten wiederholt in 
Anstalten, beziehungsweise Sanatorien untergebracht waren, 
wo sie sich in Beobachtung geschulter Psychiater befanden, 



i) Vgl.. „Massenpsychologie", 192 1. 



g Dr. Karl Abraham 



1 



außerdem auch konsultativ von hervorragenden ^^^'^^^" ^" % 

untersucht worden sind. Das Krankheitsbild war in beiden l' .uien 
so typisch, der zirkuläre Verlauf so charakteristisch, daß in 
praxi bezüglich beider Fälle nie ein dia^ostischer Zweifel aut- 
gekommen ist. • 1 u K 

Eine gewisse Einseitigkeit meines Beobachtungsniaterials heoe 
ich selbst hervor, messe ihr freilich keine allzu große Bedeutung 
bei. Die manisch-depressiven Kranken, welche ich früher und 
auch neuerdings gründlich analysieren konnte, gehörten sämüich 
dem männlichen Geschlecht an. Weibliche Kranke dieser Art 
habe ich nur vorübergehend in psychoanalytischer Beobachtung 
gehabt, mit Ausnahme einer neueren, noch in Gang befindlichen 

Analyse. n • ¥ 

Ich kann nicht annehmen, daß die Analyse weiblicher Patienten 
grundsätzlich verschiedene Resultate ergeben würde, zumal wenn 
man in Betracht zieht, daß die Patienten beiderlei Geschlechts 
in ihren Symptomen eine auffallend betonte Biscxualität aul- 
weisen wodurch sie einander zweifellos angenähert werden. 

Als ich einen Teil der nachstehenden Ausführungen dem 
VII. psychoanalytischen Kongreß in Berlin (1922) vorlegte, zeigte 
sich die Aktualität der behandelten Fragen dann, daß die 
Vorträge anderer Referenten von völlig verschiedenen Ausgangs- 
punktenher zu gewissen, auffallend ähnlichen Resultaten gelangten. 
Besonders muß ich Roh ei ms bedeutungsvolle Untersuchung' 
erwähnen, die uns über die Psychologie des Kannibidismus 
weitgehende Aufklärung gebracht hat. 

Die .erste der beiden folgenden Abhandlungen wird gewisse 
Fragen der manisch-depressiven Zustände nur unvollständig 
erörtern, so besonders das Verhältnis des Kranken zum Liebes- 
Objekt während der Depression beziehungsweise Manie und im 
freien Intervall". Die zweite Untersuchung wird diese Fragen 
auf breiterer Grundlage behandeln, indem sie der gesamten 
Entwicklungsgeschichte der Objektliebe ihr Interesse zuwendet. 

I) „Nach dem Tode des Urvaters.« Imago, 1923, Heft i. 



ss^ 



Melancholie und Zwangsneurose 
Zwei Stufen der sadistisch-analen Entwicklungs- 
phase der Libido 

Zum Ausgangspunkt einer Untersuchung über die melan- 
cholische Seelenstörung eignet sich auch jetzt noch ein Vergleich 
mit der Zwangsneurose, die ihr in psychologischer Hinsicht 
verwandt ist, aber einen Teil ihrer Rätselhaftigkeit durch die 
psychoanalytische Forschung verloren hat. 

An übereinstimmenden Zügen im Bilde und Aufbau beider 
Zustände erwähnte ich schon 191 1 die Häufigkeit von bei- 
gemengten Zwangssymptomen in der Melancholie und die 
depressiven Verstimmungen der Zwangsneurotiker. Sodann hob 
ich hervor, daß beiden Krankheitsformen ein hohes Maß von 
Ambivalenz im gesamten Triebleben eigen sei; besonders 
komme dies zum Ausdruck in dem mangelnden Ausgleich 
zwischen Regungen der Liebe und des Hasses, zwischen 
heterosexuellen und homosexuellen Antrieben. 

Nach meinen neueren Erfahrungen scheinen mir nun Ähn- 
lichkeiten nicht nur in den ausgeprägten Krankheitserscheinungen 
der Zwangsneurose und der Melancholie zu bestehen; auch die 
Ruhezustände beider Krankheitsforraen weisen bemerkens- 
werte Vergleichspunkte auf. Mit anderen Worten: Die vor- 
liegende Untersuchung der Melancholie nimmt nicht das 
vollendete Krankheitsbild zu ihrem Ausgangspunkt, sondern 
das sogenannte „freie Intervall", welches sich zwischen zwei 
Krankheitsperioden einschiebt. 




lo Dr. Karl Abraham 

Für den klinischen Beobachter ist der Verlauf der manisch- 
depressiven Zustände intermittierend. Die Zwangszustände 
bieten demgegenüber im ganzen eine chronische Verlauf s- 
weise, lassen aber mit Deutlichkeit die Neigung zu erheblichen 
Remissionen erkennen. Ja, gewisse Fälle verlaufen m 
akuten Schüben, die den periodischen Krankheitsausbrüchen 
der Melancholie weitgehend ähneln. Die aufmerksame Beobach- 
tung durch längere Zeiträume läßt uns, wie auf so vielen 
anderen Gebieten, auch hier fließende Übergänge sehen, wo 
ursprüngHch schroffe Gegensätze vorzuliegen schienen. 

Die eingehende psychologische Untersuchung aber bestärkt 
uns noch weiter in dieser Auffassung. Der zu periodischen 
Depressionen und Exaltationen Neigende ist nämlich im „freien 
Intervall" nicht wirklich „gesund". Schon eine gründliche 
Befragung solcher Individuen ergibt, daß sie während eines 
langdauernden Intervalles gelegentlich Depressionen oder hypo- 
manischen Anwandlungen unterworfen sind. Der Psychoanalytiker 
aber muß besonderes Gewicht darauf legen, daß sich bei allen 
zyklisch Kranken im Intervall eine abnorme Charakter- 
bildung nachweisen läßt. Und diese fällt in unverkennbarer 
Weise mit derjenigen der Zwangsneurotiker zusammen. Nach 
meinen bisherigen Erfahrungen wenigstens ist eine bestimmte 
Sonderung des Charakters der MelanchoUker vom sogenannten 
„Zwangscharakter" nicht durchführbar. Wir finden bei unseren 
zirkulären Kranken im „Intervall" die gleichen Eigenheiten 
in bezug auf Ordnung und Reinlichkeit, die nämliche Neigung 
zu Eigensinn und Trotz im Wechsel mit abnormer Nachgiebig- 
keit und „Übergüte", dieselben Anomalien des Verhältnisses zu 
Geld und Besitz, die uns aus der Psychoanalyse der Zwangsneurose 
geläufig sind. Sie sind uns hier wie dort ein wichtiger Hinweis 
auf enge psychologische Beziehungen beider Krankheitszustände 
zu der gleichen prägenitalen Phase der Libidoentwicklung. 
Nehmen wir nun eine so weitgehende Übereinstimmung in der 
charakterologischen Konstitution der zur Melancholie und der 
zur Zwangsneurose neigenden Personen an so wird es uns 



HB 



Versuch einer Entwic klu ngsgeschichte de r Libido ii 

vollends unverständlich, wenn eine aus der nämlichen Charakter- 
bildung entspringende Erkrankung in einem Falle diesem, im 
anderen jenem Typus angehört. Wohl hat sich uns die Auf^ 
fassung ergeben, daß dem Melancholischen die psychosexuelle 
Beziehung zum Objekt verloren geht, während der Zwangs- 
neurotiker dieser Gefahr letzten Endes auszuweichen vermag. 
Allein wir begreifen dann wiederum nicht, warum bei dereinen 
Gruppe der Kranken die Objektbeziehungen so viel labiler sind 
als bei der anderen. 

Bis zu welcher Stufe der Organisation die Libido eines 
Individuums fortschreitet und bis zu welcher Stufe sie im Falle 
einer neurotischen Erkrankung regrediert, ist nach psycho- 
analytischer Auffassung abhängig von Fixierungspunkten, die 
sich im Laufe der Libidoentwicklung ergeben haben. Das gleiche 
gilt für das Verhältnis des Individuums zu/ Objektwelt; Hem- 
mungen auf dem Wege der Entwicklung und regressive Prozesse 
erweisen sich stets als determiniert durch frühe Fixierungs- 
vorgänge im Bereich der Libido. Zwangsneurose und Melancholie 
lassen nun trotz ihrer gemeinsamen Beziehung zur sadistisch- 
analen Organisationsstufe dennoch grundlegende Gegensätze 
erkennen, sowohl hinsichtlich der Phase, zu welcher die Libido 
bei Ausbruch einer Erkrankung regrediert, als auch hinsichtlich 
des Verhaltens zum Objekt, das vom Melancholiker aufgegeben, 
vom Zwangsneurotiker festgehalten wird. Wenn demnach von 
der sadistisch-analen Stufe dermaßen verschiedene pathologische 
Vorgänge ihren Ausgang nehmen können, so muß diese 
Stufe Gegensätze in sich schließen, die wir bisher 
nicht zu differenzieren wußten. Mit anderen Worten: 
Unsere Kenntnis von dieser Stufe der Libidoentwicklung muß 
in wesentlicher Hinsicht ungenügend sein. Zu dieser letzteren 
Auffassung bietet sich uns auch sonst reichlicher Anlaß. 

Wir sind bisher mit drei Organisationsstufen der Libido 
bekannt geworden, auf deren jeder die Vorherrschaft einer 
bestimiiiten erogenen Zone zu bemerken war; in zeitlicher 
Folge handelt es sich um die Mund-, After- und Genitalzone, 



; 



12 



Dr. Karl Abraham 



Die der Analerotik angehörigen libidinösen Regungen finden 
wir aber auf dieser Stufe eng und vielfach verknüpft mit 
sadistischen Antrieben. Ich habe schon einmal darauf verwiesen,' 
daß wir seit Freuds Entdeckung die enge Verbindung dieser 
beiden Triebgebiete ungezählte Male durch klinische Beob- 
achtung bestätigt haben, ohne aber die Frage nach der Herkunft 
dieses besonderen Verhältnisses zu stellen. 

Wir lernten in den Psychoanalysen der Neurotiker die 
sadistische Verwendung der Exkretionsvorgänge kennen und 
fanden sie in der Kinderpsychologie bestätigt. Wir haben auch 
erfahren, wie ein Charakterzug — beispielsweise der Trotz — 
sowohl sadistischen als analen Triebquellen entstammt. Aber wir 
können aus solchen und ähnlichen Beobachtungen keine 
Erklärung dieses Zusammenwirkens entnehmen. 

Um einen Schritt nähern wir uns der Lösung der Frage, 
wenn wir eine andere gesicherte Erfahrung der Psychoanalyse 
heranziehen, die ich in der bereits zitierten Schrift (Seite 35 f.) 
begründet habe. Sie besagt, daß sich eine volle Liebes- 
fähigkeit nur auf der genitalen Stufe der Libido- 
entwicklung einstellt. Das Zusammentreffen vo^ Äuße- 
rungen des Sadismus, insbesondere von gehässigen, feindseligen 
und objektzerstörenden Regungen mit analerotischen Vorgängen 
findet somit ein Gegenstück in der Verbindung objektfreundlicher 
Tendenzen mit der genitalen Erotik. 

Allein dies bedeutet, wie schon gesagt, nur eine Annäherung 
an die Lösung des Problems. Dieses selbst bleibt unaufgeklärt, 
solange wir nicht verstehen, warum auf einer bestimmten 
Entwicklungsstufe die sadistischen Antriebe eine besondere 
Affinität gerade zur Analerotik zeigen und nicht etwa zur 
Mund- oder Genitalerotik. Da vermag uns nun wiederum die 
psychoanalytische Empirie zu helfen. 
Sie lehrt uns nämlich: 

I.) daß die Analerotik zweierlei einander entgegen- 
gesetzte Lusttendenz en in sich birgt; 

I) „Ergänzungen zur Lehre vom Analcharakter." Zeitschr. 1923, Nr. i. 



■HB« 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 



13 



2.) daß eine ebensolche Gegensätzlichkeit im 

Bereich der sadistischen Impulse besteht. 
Die Entleerung des Darminhaltes ruft eine lustvolle Reizung 
der Analzone hervor. Zu dieser primitiven Form der Lust- 
gewinnung gesellt sich alsbald eine ihr entgegengesetzte: 
die Lust am Zurückhalten der Fäkalien. 

Unsere psychoanalytischen Erfahrungen zeigen nun mit einer 
Deutlichkeit, die jeden Zweifel ausschließt, daß auf der mittleren 
der drei Entwicklungsstufen der Libido die begehrte Person 
als Gegenstand des Besitzes aufgefaßt und dementsprechend 
mit der primitivsten Form des Besitzes, d. h. Körperinhalt, Kot, 
gleichgesetzt wird.' Während auf dergenitalen Stufe „Liebe** 
die Übertragung eines positiven Gefühls auf das Objekt bedeutet 
und eine psychosexuelle Anpassung an dieses in sich begreift, 
wird auf der vorhergehenden Stufe das Objekt als Besitztum 
behandelt. Und da nun in dieser Phase die Ambivalenz der 
Gefühlsregungen noch uneingeschränkt besteht, so äußert sich 
die positive Einstellung des Individuums zum Objekt als Fest- 
halten an seinem Besitz, die negative Einstellung dagegen als 
Ablehnung des Besitzes. Und somit bedeutet der Veriust des 
Objektes, der in der Zwangsneurose dem Patienten droht und 
in der Melancholie vollendete Tatsache ist, für das Unbewußte 
des Kranken eine Ausstoßung des Objektes im Sinne 
der körperlichen Ausstoßung des Kotes. 

Ich nehme an, daß jeder Psychoanalytiker diese Gleichsetzung 
aus seiner Erfahrung wird bestätigen können. Ich habe ihrer 
in der wiederholt zitierten Abhandlung^ ausführlicher gedacht. 
Hier möchte ich vor allem darauf hinweisen, daß manche 
Neurotische auf jeden Verlust — sei es ein Trauerfall, sei es- 
eme materielle Einbuße — anal reagieren. Je nach der unbewußten 
Emstellung zu dem Veriust, die entsprechend der Ambivalenz 
ihres Gefühlslebens natüriich auch wechseln kann, tritt Obstipation 
oder Diarrhoe auf. Der Veriust wird also mit Hilfe der uns. 



i) VergL meine zitierte Schrift („Ergänzungen« etc.). 



1 



14 



Dr. Karl Abraham 



bekannten „Organsprache" abgewehrt oder bekräftigt. Die 
rieht vom Tode eines nahen Angehörigen löst bei manchen 
Menschen ein heftig drängendes Gefühl im Darm aus, so als 
ob der ganze Darm hinausdränge oder als ob sich nn Innern 
etwas losrisse und auf analem Wege abgehen wolle. Ohne le 
Überdeterminiertheit einer derartigen Reaktionsweise zu ver- 
gessen, möchte ich hier nur die eine uns interessierende Ursache 
berücksichtigen. Wir müssen nämlich in diesem Verhalten eme 
vom Unbewußten festgehaltene archaische Form der Trauer 
erblicken. Sie verdient einem von Röheim erwähnten Ritus 
primitiver Völker an die Seite gestellt zu werden; dieser besteht 
darin, daß die Angehörigen auf dem Grabe eines soeben 
bestatteten Famihenmitgliedes ihren Kot entleeren. 

Es ist erwähnenswert, daß unsere Sprache die Gleichsetzung 
des Verlierens mit der Kotentleerung noch in deutlichen Spuren 
bewahrt. So bezeichnet die deutsche Sprache den Kot der 
Tiere als „Losung", die Verwandtschaft dieses Wortes mit „los" 
und dem englischen „lose" = „verlieren" ist leicht erkennbar. 

Ein sonderbares Zeremoniell einer neurotischen Frau, das uns in diesem 
Zusammenhange verständlich wird, habe ich am erwähnten Ort mitgeteilt. 
Eine Frau, welche die -analen Charakterzüge in stärkster Ausprägung darbot, 
war im allgemeinen unfähig, unbrauchbar gewordene Gegenstände fort- 
zuwerfen. Zuweilen zeigte sich aber bei ihr der Drang, sich dennoch 
eines solchen zu entäußern. Sie hatte nun eine Methode erfunden, um > 
sich gewissermaßen zu überlisten. Sie ging dann von ihrer Wohnung aus 
in den benachbarten Wald. Beim Verlassen des Hauses steckte sie den 
zu beseitigenden Gegenstand — etwa ein altes Kleidungsstück — mit dem 
Zipfel unter das Schürzenband an ihren Rücken. Auf dem Wege durch 
den Wald „verlor" sie ihn. Sie kehrte auf einem anderen Wege heim, 
um des Gegenstandes nicht wieder ansichtig zu werden. Um den Besitz 
eines Objektes aufzugeben, mußte sie es also an der Rückseite ihres 
Körpers fallen lassen. 

Doch nichts ist so beredt und in unserem Sinne beweisend 
wie die Äußerungen der Kinder. In einer Budapester 
Familie bedrohte ein kleiner Knabe seine Bonne mit den 
Worten: „Wenn du mich ärgerst, dann scheiße ich dich nach 
Ofen hinüb er."- (Ofen i st_dei^Stadt teil auf der anderen S eite 

i) Mitteilung von Dr. Ei s l e r In Budapest. 



I 

I 



I 



^rsuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 



15 



der Donau.) In der Denkweise des Kindes entledigt man sich 
einer Person, die man nicht mehr liebt, auf dem We^e der 
Defäkation! " 

Uns Erwachsenen ist diese ursprüngliche Gleichsetzung von 
Beseitigung und V^erlieren mit Defäkation entfremdet, ja so weit 
entfremdet, daß die Psychoanalyse in mühevoller Arbeit jene 
Spuren des primitiven Denkens aufdecken muß und dann 
noch bei den Menschen ein ungläubiges Kopfschütteln 
erregt. Gewisse psychologische Produkte lassen uns aber jene 
Denkform als unbewußtes Allgemeingut erkennen, so zum 
Beispiel Mythen, Folklore und Sprache. Ich erwähne 'nur einen 
verbreiteten Ausdruck der Studentensprache. Wird ein Student 
von seinen Kameraden wegen einer Verfehlung von ihren 
offiziellen Veranstaltungen ausgeschlossen, also gewissermaßen 
exkommuniziert, so heißt das in der herkömmlichen Bezeich- 
nung: „Er gerät in Verschiß.« Die Ausstoßung einer Person 
wird hier offensichdich mit der körperlichen Ausstoßung gleich- 
gesetzt. 

Auch im Sadismus als Partialtrieb der kindhchen Libido 
tritt uns der Gegensatz zweier Lusttendenzen entgegen. Die 
€ine strebt nach Vernichtung, die andere nach Beherr- 
schung des Objektes (oder der Objektwelt). Daß die 
letztere, konservative Tendenz, welche dem Objekt Schonung 
angedeihen läßt, durch den Prozeß der Verdrängung aus der 
ursprünglicheren destruktiven Triebrichtung entstanden ist, soll 
später ausführlich dargelegt werden. Hier mag es genügen, 
auf den Vorgang im allgemeinen hinzuweisen und nur vor- 
wegnehmend zu bemerken, daß wir durch die Psychoanalyse 
durchaus in den Stand gesetzt sind, diese frühen und die 
ihnen nachfolgenden Entwicklungsstadien der Objektliebe zu 
begreifen. Gegenwärtig interessiert uns nur die sadistische 
Tendenz, die sich gegen den Bestand des Objektes richtet. 
Die Beseitigung oder der Verlust eines Objektes kann also vom 
Unbewußten sowohl als sadistischer Vorgang der Vernichtung 
wie als analer Vorgang der Ausstoßung betrachtet werden. 



i6 



Dr. Karl Abraham 




Es mag hier der bemerkenswerten Tatsache gedacht werden, 
daß ' die verschiedenen Sprachen das „Verlieren" m zwei ver- 
schiedenen Arten auffassen, die vollkommen unseren psycho- 
analytischen Erfahrungen entsprechen. Das deutsche „Verlieren 
und das englische „lose" entsprechen der analen Auftassung ües 
Loslassens; so auch das lateinische amittere. Das griechische 
ditoUuvac und das spätlateinische perdere bedeuten hingegen 
verderben, vernichten". Nebenbei sei an Freuds Analyse 
des Verlierens als unbewußt motivierte Beseitigungstendenr 
erinnert; sie findet in den Sprachen, welche das Verlieren ohne 
weiteres mit Vernichten gleichsetzen, eine schöne Bestätigung. 
Wie nahe die analen und sadistischen Beseitigungstendenzen 
im menschlichen Unbewußten miteinander verbunden sind, 
lehrt uns ebenfalls ein Blick auf gewisse sprachliclie Aus- 
drucksformen. In den verschiedensten Sprachen findet sich die 
Tendenz, die dem menschlichen Sadismus entspringenden 
Handlungen durch nur andeutende Bezeichnungen auszudrücken. 
Diese aber werden denjenigen Tätigkeiten entnommen, welche 
wir auf Grund der psychoanalytischen Erfahrungen von 
ursprünglich analerotischen und koprophilen Antrieben her- 
leiten. Es braucht nur daran erinnert zu werden, wie diese 
Neigung während des verflossenen großen Krieges m den 
Heeresberichten aUer beteiligten Völker hervortrat. Da wurden 
Gebiete vom Feinde „gesäubert"; Schützengräben wurden 
- .aufgeräumt". In den französischen Berichten hieß das Gleiche 
nettoyer, in den englischen deaning up oder mopping up. 

Die Psychoanalyse der Neurosen zeigt uns^wie die kon- 
servativen Tendenzen analer und sadistischer Herkunft — 
Behalten und Beherrschen - miteinander in vielfache Ver- 
bindung treten und sich gegenseitig verstärken. Das gleiche 
ffilt für die destruktiven Strebungen aus beiden QueUen, 
d h die Antriebe zum Ausstoßen und Vernichten des 
Obiekts Ihr Zusammenwirken wird uns in der Psychologie 
der melancholischen Zustände besonders verdeutlicht; darauf 
wird später genauer einzugehen sein. 



!• 



V ersuch einer Entwicklu ngsgeschichte der Libido 17 



Dagegen bedarf es an dieser Stelle einer kurzen Würdigung 
des Zusammenwirkens der analen und sadistischen Trieb- 
Äußerungen im Zwangscharakter. Wir erklären uns den über- 
betonten Drang nach Reinlichkeit im Zwangscharakter aus 
emer Reaktionsbildung gegen koprophiie Tendenzen, die 
besondere Ordnungsliebe aus verdrängten oder sublimierten 
analerotischen Antrieben. Diese Auffassung, so unzweifelhaft 
richtig sie uns auf Grund reicher Empirie erscheint, ist in 
gewissem Sinne einseitig; sie trägt der Überdeterminierung 
psychischer Phänomene nicht genügend Rechnung. 

Im Ordnungs- und Reinlichkeitszwang unserer Patienten 
vermögen wir auch das Mitwirken sublimierter sadistischer 
Triebkräfte nachzuweisen. In meinem erwähnten Aufsatz habe 
ich bereits an Beispielen zu erweisen gesucht, wie der Ordnungs- 
zwang zugleich einer Herrschsucht des Neurotikers Ausdruck 
gibt. Den Dingen wird Gewalt angetan; sie werden in ein 
bestimmtes pedantisch eingehaltenes System gepreßt. Nicht 
selten aber werden auch Personen gezwungen, sich diesem 
System anzupassen. Denken wir etwa an den Reinigungszwang 
neurotischer Hausfrauen! Sie verfahren oftmals so, daß kein 
Gegenstand seine Ruhe haben darf. Die ganze Wohnung wird 
in Aufruhr versetzt, und andere Personen werden gezwungen, 
sich den krankhaften Trieben zu fügen. In ausgeprägten Fällen 
des Zwangscharakters, wie sie uns etwa in der Hausfrauen- 
neurose und im neurotisch gesteigerten Bureaukratismus ent- 
gegentreten, macht sich Herrschsucht in unverkennbarer 
Weise bemerkbar. Es mag noch auf die sadistischen Zuschüsse 
zu dem bekannten analen Charakterzug des Eigensinns verwiesen 
werden, um erkennen zu lassen, auf welchen Wegen anale 
und sadistische Triebkräfte zusammenfließen. 

Um nun den psychologischen Vorgang beim Ausbruch einer 
Zwangsneurose und einer Melancholie verständlicher zu machen, 
muß noch einmal auf die Zeiträume im Leben des Patienten 
zurückgegriffen werden, die wir als relativ symptonifrei 
bezeichneten. Die „Remission« beim Zwangsneurotiker, das 



i8 



Dr. Karl Abraham 



„Intervall" beim Manisch-Depressiven stellen sich uns als Zeiten 
geglückter Sublimierung analer und sadistischer^ Triebe dan 
Ruft nun ein bestimmter Anlaß die Gefahr des „Objcktverlustes« 
in dem früher erörterten Sinne hervor, so erfolgen bei ^den 
Kranken beider Gruppen heftige Reaktionen. Die ganze Kraft 
der positiven Fixierungen der Libido erhebt sich gegen das 
drohende Überhandnehmen der objektfeindlichcn Strömung. 
Wo nun die konservativen Tendenzen — das Behalten und 
Beherrschen — überwiegen, da ruft der KonOikt mit dem 
Liebesobjekt Erscheinungen des psychischen Zwanges hervor. 
Siegen dagegen jene anderen sadistisch-analen Tendenzen, welche 
das Objekt zu vernichten und auszustoßen trachten, dann gerät 
das Individuum in einen melancholischen Depressionszustand. 
Daß der Melancholie niclit selten Zwangssymptome, der 
Zwangsneurose depressive Gemütsveränderungen beigemischt 
sind, wird uns nicht verwunderlich erscheinen. In solchen r allen 
haben sich die destruierenden, beziehungsweise die konservieren- 
den Antriebe nicht mit vollkommener Einheitlichkeit durclisetzen 
können. Im allgemeinen aber sehen wir entweder die Tendenz 
zur manisch-depressiven Symptombildung oder diejenige zur 
Produktion von Zwangserscheinungen im Krankheitsbild durch- 
aus vorherrschend. Tiefere Einblicke in die Ursachen dieses 
gegensätzHchen Verhaltens können wir jedoch jetzt noch nicht 
gewinnen. 

Die tägliche psychoanalytische Erfahrung und die unmittel- 
bare Beobachtung der Kinder berechtigen uns zu der Auffassung, 
die auf Vernichtung und Ausstoßung des Objektes gerichteten 
Antriebe seien die ontogenetisch älteren. Die normale Ent- 
wicklung der Psychosexualität führt zu dem Ergebnis, daß das 
Individuum zur Objektliebe befähigt wird. Der Weg aber, der 
vom anfängliehen Autoerotismus des Kindes zur vollkommenen 
Objektiiebe führt, ist noch genauerer Untersuchung bedürftig. 
Doch so viel darf als erwiesen angesehen werden, daß die 
Libido des Kindes zunächst objektlos (autoerotisch) ist, dann 
im Ich ihr erstes Objekt findet und erst in einem weiteren 



_Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 



19 



Entwicklungsstadium den Objekten sich zuwendet. Aber diese 
Zuwendung trägt noch durch längere Zeit durchaus 'den 
Charakter der Ambivalenz und erst in einer verhältnismäßig 
späten Kmdheitsperiode wird das Individuum zu vollkommener 
Objektfreundlichkeit befähigt. 

Vergleichen wir die Schicksale der Libido in der Zwangs- 
neurose und der Melancholie, so kann' es für uns keinem 
Zweifel unterliegen, daß der Zwangskranke, trotz seiner 
Unsicherheit im Verhältnis zum Objekt, sich vom normalen 
Endziel der Entwicklung niemals so weit in regressiver Richtung 
entfernt wie der Melanchohker. Denn am Anfang der depressiven 
Erkrankung steht die vollständige Zerreißung der Objekt- 
beziehungen. 

Nötigte uns die psychoanalytische Erfahrung die Annahme 

einer prägenitalen, sadistisch-analen Entwickjungsphase der- 

Libido ab, so sehen wir uns nunmehr vor die Notwendigkeit 

gestellt, innerhalb dieser Phase zwei Stufen anzunehmen. 

Auf der späteren von beiden walten die konservativen Tendenzen 

des Festhaltens und Beherrschens vor, auf der früheren dagegen 

die objektfeindlichen Strebungen des Vernichtens und Verlierens. 

Die Regression zur späteren der beiden Stufen ermöglicht 

dem Zwangsneurotiker, die Fühlung mit dem Objekt 

aufrecht zu erhalten. In den ruhigen Zeiten der Remission 

gelingt ihm eine weitgehende Sublimierung der sadistischen 

und analen Triebkräfte, so daß sein Verhalten zur Objektwelt 

der oberflächlichen Betrachtung als normal erscheinen kann. 

Nicht anders bei der Melancholie, deren Ausgang in 

„Heilung«, d. h. psychische Gesundheit, sogar von der klinischen 

Psychiatrie behauptet wird. Denn auch dem Manisch-Depressiven 

gehngt eine ähnliche Triebunisetzung während seiner symptoiii- 

freien Zeiten. Gerät aber sein Ich in einen akuten Konflikt mit 

dem Liebesobjekt, so ist die Aufhebung der Beziehungen zum 

Objekt^ die nächste Folge. Und nun wird ersichüich, daß bei 

ihm die gesamten, dem „Zwangscharakter" so ähnlichen 

Sublimierungen und Reaktionsbildungen ihren Ausgang von 



20 Dr. Karl Abraham 



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t ' 



der tieferen Stufe der sadistisch-analeii Ent- 
wicklung sphase genommen hatten. 

Der Unterscheidung einer primitiven und einer späteren 
sadistisch-analen Stufe scheint eine erhebliche pn^^^'-'P^^^l^ 
Bedeutung zuzukommen. Denn an der Grenze beider tnt- 
wicklungsstadien setzt ein entscheidender Umschwung nn Ver- 
hältnis des Individuums zur Objcktwelt ein. Ja, wenn wir den 
Begriff „Objektliebe« in einem engeren Sinne fassen wollten, 
so dürften wir aussagen, sie beginne an eben dieser Grenze, 
weil von nun an die Tendenz zur Erhaltung des Objektes 

überwiegt. j- .• u 

Die Grenze zwischen den beiden Stufen der sadistisch- 
analen Organisation ist aber nicht bloß von theoretischem 
Interesse. Ihre Annahme gibt uns nicht allein ein klares liild 
einer bestimmten Periode der psychosexuellen Entwicklung des 
Kindes, sondern sie verhilft uns auch zu tieferen Einblicken 
in die regressiven Wandlungen der Libido im Bereich der 
Psychoneurosen. Es wird sich im weiteren herausstellen wie 
der Regressionsvorgang beim Melancholiker auf der früheren 
sadistisch-analen Stufe nicht halt macht, sondern unaufhaltsam 
den noch primitiveren Organisationszustünden der Libido 
zustrebt Es gewinnt somit den Anschein, daß die Über- 
schreitung jener Grenze besonders unheilvoll in ihren Aus- 
wirkungen ist. Die Auflösung der Objektbczichungen scheint 
die Libido in raschem Sturz von Stufe zu Stufe abwärts zu 

führen. ,. . , i^ 

Schätzen wir die Grenzscheide der beiden sad.st.sch-analen 

Stufen als so bedeutungsvoll ein, so befinden wir uns in gutem 
Einklang mit der herkömmlichen ärztlichen Erfahrung. Denn 
unsere aus der psychoanalytischen Empirie gewonnene Scheidung 
fällt praktisch zusammen mit der Abgrenzung von Neurosen 
und Psychosen in der klinischen Medizin. Nur werden wir 
nicht versuchen, eine starre Unterscheidung nervöser und 
geistiger Störungen durchzuführen. Vielmehr sind wir 
fewänig, daß die Libido eines Menschen in regressiver 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 



21 



Entwicklung die Grenze der beiden sadistisch-analen Stufen 
überschreiten werde, sobald ein entsprechender Krankheits- 
anlaß gegeben sei und wenn bestimmte, in der individuellen 
Entwicklung seiner Libido entstandene Fixierungspunkte dazu 
die Möglichkeit bieten. 



II 

Objektverlust und Introjektion in der normalen 
Trauer und in abnormen psychischen Zuständen 

Unsere Untersuchung -war vom „freien Tntervall" der 
periodischen Depressions- und Exaltationszustände ausgegangen. 
Sie darf sich nunmehr dem Vorgang zuwenden, der die eigent- 
liche melancholische Erkrankung einleitet, dem von Freud so 
genannten Objektverlust und dem mit ihm eng verbundenen 
Vorgang der Introjektion des verlorenen Liebesobjektes. 

Freud hat in seinem Aufsatz über „Trauer und Melan- 
cholie" den psychosexuellen Prozeß im Melancholiker in seinen 
Grundzügen geschildert, so wie er ihn in gclegentliciien Behand^ 
lungen depressiver Kranker intuitiv erfaßt hatte. Eine Belegung 
seiner Theorie mit ausreichenden kasuistischen Tatsachen fehlt 
bisher in der psychoanalytischen Literatur. Was im folgenden 
an solchem Material mitgeteilt wird, soll aber nicht nur zur 
Illustration der Theorie dienen, sondern den Grund zu einer 
eingehenden Würdigung des melancholischen Krankheits- 
prozesses wie auch der Trauer legen. Es wird sich zeigen, 
daß die Psychologie der Melancholie wie diejenige der Trauer 
uns bisher nur unzureichend bekannt sind.' 

Man begegnet hin und wieder Fällen von ausgeprägter 
melancholischer Depression, welche den Prozeß des Verlustes 

i) Was das mitzuteilende kasuistische Materia! betrifft, so schließen 
Gründe der Diskretion die Wiedergabe der mir zur Verfügung stehenden 
vollständigen Analysen aus. Ich beschränke mich also darauf, instruktive 
Ausschnitte aus verschiedenen Krankheitsfällen zu geben, wodurch übrigens 
der Vorteil größerer Übersichtlichkeit gewonnen wird. 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 23 



und der Introjektion des Liebesobjektes auch ohne Psycho- 
analyse erkennen lassen. Allerdings ist eine solche rasche 
Erfassung des psychologischen Zusammenhanges erst möglich 
geworden, seit Freud uns auf seine Grundzüge aufmerksam 
gemacht hat. Ein besonders instruktives Beispiel hat mir kürz- 
lich Herr Dr. Elekes in Klausenburg aus seiner^ psych- 
iatrischen Anstalts-Praxis mitgeteilt. Eine Patientin' wurde 
wegen einer melancholischen Depression eingeliefert. Sie 
äußerte wieder und wieder eine Selbstanklage: sie habe 
gestohlen. In Wirklichkeit hatte die Patientin keinen Diebstahl 
begangen. Wohl aber war ihr Vater, mit dem sie lebte und 
an dem sie als unverheiratete Tochter mit ganzer Liebe 
gehangen hatte, kurz zuvor wegen eines Diebstahls verhaftet 
worden. Im Anschluß an diesen Vorgang, der sie nicht nur 
im realen Sinn vom Vater trennte, sondern auch eine tiefe 
seehsche Reaktion im Sinne der Entfremdung vom Vater in 
ihr hervorrief, brach die melanchoHsche Störung aus. Dem 
Verlust der geliebten Person folgt die Introjektion unmittelbar 
nach. Nun ist die Patientin es selbst, die gestohlen hat, und wir 
können Freuds Auffassung nur bestätigen, nach welcher die 
melancholischen Selbstanklagen eigentlich Anklagen gegen die 
geliebte Person sind. 

Sind sowohl der Verlust als die Introjektion des Objektes 
in gewissen Fällen ohne Schwierigkeit zu erkennen, so ist 
doch darauf hinzuweisen, daß eine Einsicht, wie die vorstehend 
gegebene, durchaus oberflächlichen Charakter trägt, denn sie 
läßt jede Erklärung des Vorganges vermissen. Der Zusammen- 
hang des Objektverlustes mit den Tendenzen des Verlierens 
und Vernichtens auf der früheren anal-sadistischen Stufe wird 
erst durch regelrechte Psychoanalyse ersichtlich, ganz ebenso 
■wie der Charakter der Introjektion als orale Einverleibung. Ja^ 
der ganze, der Melancholie innewohnende Anibivalenzkonflikt 
bleibt einer solchen flüchtigen Betrachtungsweise verborgen. 
Ich hoffe, mit Hilfe des später mitzuteilenden Tatsachenmaterials 
diese Lücke unserer Kenntnis einigermaßen ausfüllen zu können. 




24 Dr. Karl Abraham 



Zunächst aber muß hier bemerkt werden, daß uns tiefere 
Einbhcke auch in den Vorgang der normalen Trauer insofern 
noch fehlen, als von der direkten psychoanalytischen Erforschung 
dieses Seelenzustandes bei Gesunden oder Neuroiischen (die 
Bezeichnung hier im Sinne der Übertragungsneurosen gebraucht!) 
nichts l^ekannt geworden ist. Wohl hat Freud uns den wert- 
vollen Hinweis gegeben, daß der schwere Anibivalenzkonflikt 
des Melancholikers dem Gesunden fehlt. Aber in welcher 
Weise die „Trauerarbeit" im Gesunden sich vollzieht, bleibt 
im einzelnen noch eine offene Frage. Eine Erfahrung der 
jüngsten Zeit hat mir nun den lange entbehrten Einblick in 
den normalen Vorgang der Trauer gegeben und mir gezeigt, 
daß auch dieser auf den realen Objektvcrlust eine zeitweise 
Introjektion der geliebten Person folgen läßt. 

Einer meiner Analysanden ^ hatte das Unglück, daß seine Ehefrau 
während seiner Behandlung schwer erkrankte, Sie befand sich in Erwar- 
tung ihres ersten Kindes. Die schwere Erkrankung machte schließlich die 
Unterbrechung der Gravidität durch KaiserschniU notwendig. Mein Analysand, 
der eiligst hinzugerufen wurde, kam nach geschehener Operation an. Die 
Operation aber rettete weder der Frau noch dem zu früh geborenen 
Kinde das Leben. Mein Analysand kehrte nach einiger Zeit nach Berlin 
zurück. Die Fortsetzung der Psychoanalyse, besonders abeV ein Traum 
aus der folgenden Zeit ließen keinen Zweifel daran bestehen, daß sich an 
den schmerzlichen Verlust ein Introjektionsvorgang von oral-kannibalischem 
Charakter angeschlossen hatte. 

Eine der auffälligsten seelischen Erscheinungen beim Analysanden 
bestand zu jener Zeit in einer wochenlant^en Unlust zur Nahrungs- 
aufnahme. Sie stand mit seinen sonstigen Lebensgewohnheiten in 
auffälligem Widerspruch, erinnerte dagegen an die Nahrungsverweigerung 
der Melancholiker. Eines Tages löste sich die Eüunlust, und am Abend 
hielt der Analysand eine ausgiebige Mahlzeit. In der nun folgenden Nacht 
träumte er, er wohne der Sektion der jüngst Verstorbenen bei. Der 
Traum hatte zwei miteinander kontrastierende Szenen. In der einen wuchsen 
die zerschnittenen Leichenteile wieder zusammen, die Tote begann wieder 
Lebenszeichen von sich zu geben, und der Träumer liebkoste sie unter 
Gefühlen höchsten Glückes. In der anderen Traumszene ändert der Anblick 
der Sektion seinen Charakter, und der Träumer wird an geschlachtete 
Tiere in einem Fleischhauerladen erinnert. 



i) Der Analysand hat mich aus eigenem wissenschaftlichen Interesse 
zur Verwendung der nachfolgenden Beobachtung autorisiert. 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 25 



Die im Traum zweimal dargestellte Sektion knüpfte an die Operation 
(Sectio Caesarea) an. In dem einen Traumbild geht sie in die W i e d e r- 
b e 1 e b u n g der Toten über, in dem anderen verknüpft sie sich mit 
kannibalischen Assoziationen. Unter den vom Träumer gegebenen 
erläuternden Einfällen ist besonders bemerkenswert, daß sich an den 
Anblick der Leichenteile die Erinnerung an die Mahlzeit des Vorabends 
assoziierte, besonders an ein genossenes Fleischgericht. 

Wir sehen also einen Vorgang im Traum zwei verschiedene 
Ausgänge nehmen, die nebeneinander gestellt sind, wie wir es 
so häufig finden, wenn der Traum ein „Gleichwie" zum Aus- 
druckbringen will. Das Verzehren des Fleisches der Verstorbenen 
wird mit ihrer Wiederbelebung gleichgesetzt. Nun haben 
wir aus Freuds Untersuchung des melancholischen Introjek- 
tionsprozesses erfahren, daß durch diesen das verlorene Objekt 
tatsächlich wiederbelebt wird: Es wird im Ich wieder auf- 
gerichtet. In unserem Falle hatte der Trauernde sich ein^ 
Zeitlang dem Schmerze überlassen, als ob es keinen Ausweg 
aus diesem gäbe. Die Unlust zur Nahrungsaufnahme schließt 
ein Spielen mit dem eigenen Tode in sich, als ob nach 
dem Tode des Liebesobjektes das eigene Leben seinen Reiz 
verloren hätte. Die Schokwirkung des Verlustes wird aus- 
geglichen durch den unbewußten Vorgang der Introjektion 
des verlorenen Objektes. Während dieser Prozeß sich voll- 
zieht, wird der Trauernde wieder in den Stand gesetzt, sich 
wie früher zu ernähren, und zugleich kündigt sein Traum 
das Gelingen der „Trauerarbeit" an. Die Trauer enthält den 
Trost: Das Liebesobjekt ist nicht verloren, denn 
nun trage ich es in mir und kann es niemals 
verlierenl 

Wir erkennen hier das gleiche psychische Geschehen wie im 
melancholischen Krankheitsprozeß. Es wird später darauf ein- 
zugehen sein, daß die Melancholie eine archaische Form der 
Trauer darstellt Die vorstehende Beobachtung aber läßt uns 
darauf schließen, daß die Trauerarbeit des Gesunden 
sich in tiefen psychischen Schichten ebenfalls 
in der archaischen Form vollzieht. 



26 Dr. Karl Abraham 



Während der Niederschrift dieser Abhandlung finde ich, daß f 

bereits ein anderer Autor der Erkenntnis des Introjektionsvor- 
ganges in der normalen Trauer nahe gekommen ist. In seinem j 

kürzlich erschienenen „Buch vom Es" (S. 124) führt Gr od deck 

das Ergrauen eines Patienten im Anschluß an den Tod des . 

Vaters auf die unbewußte Tendenz zurück, sich dem greisen 
Vater anzuähneln, ihn dadurch gleichsam in sich aufzunehmen 
und nun seinen Platz bei der Mutter zu gewinnen. j 

Ich sehe mich hier genötigt, aus eigenem Erleben einen Beitrag zu : 

dieser Frage zu liefern. Als im Jahre 1916 Freuds oft zitierter Aufsatz | 

über „Trauer und Melancholie" erschien, bemerkte ich an mir eine sonst f 

nicht erlebte Schwierigkeit, den Gedankengängen des Autors zu folgen. Ich l 

verspürte die Neigung, die „Introjektion des Liebesobjekts* zu verwerfen, ; 

trat aber dieser Neigung selbst entgegen, indem ich vermutete, die Ent- j 

deckung des Meisters auf diesem mich selbst so stark interessierenden | 

Gebiet rufe vielleicht ein affektbedingtes „Nein" bei mir hervor. Erst später \ 

erkannte ich, daß diesem nächstliegenden Motiv keine ausschlaggebende , 

Bedeutung zukommen konnte. 

Gegen Ende des vorangegangenen Jahres (igiS) war ich durch den Tod 
meines Vaters in Trauer versetzt worden ; diese verlief unter Erscheinungen, 
die ich damals nicht auf einen Prozeß der hitrojektion zurückzuführen 
vermochte. Die auffälligste Erscheinung war ein plötzliches starkes 
Ergrauen des Kopfhaares, dem nach einigen Monaten ein Wiederzunehmen ; 

des Haarfarbstoffes folgte. Ich begnügte mich damals mit der Erklärung 
des Phänomens aus der durchlebten Gemütsbewegung. Doch muü 
ich mich hinsichtlich des tieferen Zusammenhanges zwischen Trauer 
und Ergrauen der Haare G roddecks zitierter Anschauung durchaus 
anschließen. 1 

Ich hatte meinen Vater einige Monate vor seinem Tode zum letztenmal 
gesehen. Als Kriegsteilnehmer zu kurzem Urlaub in meiner Heimat weilend, 
fand ich ihn stark gealtert und sehr geschwächt; besonders prägte sich j 

mir der Anblick des fast weiß gewordenen Kopf- und Barthaares ein, das ' - 

während des Krankenlagers länger als sonst gewachsen war. Dieser letzte |^ 

Besuch bei meinem Vater blieb in der Erinnerung besonders innig mit ^ 

dem geschilderten Eindruck verknüpft. Begleitende Umstände und Erschei- f 

nungen, von deren Wiedergabe ich hier absehen muß, lassen mich das 
Phänomen des vorübergehenden Ergrauens bei mir selbst auf einen 
Introjektionsvorgang zurückführen. ' 

Als das wesentUche Motiv, aus welchem ich anfänglich der Freu d- : 

sehen Theorie des melancholischen Krankheitsprozesses ablehnend 
gegenüberstand, wird nunmehr meine eigene Neigung erkennbar, im J, 

Zustande der Trauer von dem nämUchen Mechanismus Gebrauch zu f 

machen. 






L 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 27 



Stimmt dieser Introjektionsvorgang in der Trauer des 
Gesunden (und des Neurotikers) mit dem melancholischen 
Introjektionsvorgang im Prinzip überein, so muß andererseits 
doch auf die wesentlichen Unterschiede hingewiesen werden. 
Beim Gesunden schließt sich der Vorgang an einen Realverlust 
(Todesfall) an und dient überwiegend der Tendenz, die Be- 
ziehung zü dem Verstorbenen zu konservieren oder — was das- 
selbe ist ~ den erlittenen Verlust zu kompensieren. Niemals 
wird das Bewußtsein von ihm in der Weise überwältigt, wie es 
beim Melancholiker geschieht. Der melancholische Introjektions- 
prozeß dagegen folgt auf eine fundamentale Störung der 
iibidinösen Beziehung zum Objekt. Er ist der Ausdruck eines 
schweren Ambivalenzkonfiiktes, dem das Ich sich nur dadurch 
zu entziehen vermag, daß es die dem Objekt geltende Feind- 
seligkeit auf sich selbst nimmt, 

Wir sind neuerdings, besonders durch die letzten Forschungen 
Freuds, darauf aufmerksam gemacht worden, daß der Vor- 
gang der Introjektion im menschlichen Seelenleben bedeutend 
weiter verbreitet ist als bisher angenommen wurde. Ich habe 
hier namentlich auf eine Bemerkung Freuds' zur Fs3rcho- 
anatyse der Homosexualität Bezug zu nehmen. Nach der 
Auffassung des Autors, die er ohne tatsächliche Belege erwähnt, 
würden gewisse Fälle der Homosexualität darauf zurückzuführen 
sein, daß das Individuum sich den gegengeschlechtlichen Eltern- 
teil introjiziert hat. Ein junger Mann wäre also in solchen 
Fällen männlichen Personen zugeneigt, weil er durch einen 
psychologischen Prozeß der Einverleibung die Mutter in sich 
aufgenommen hat und nun in ihrer Art auf männliche Personen 
reagieren muß. Wir hatten bisher hauptsächlich von einer 
anderen Entstehungsursache der Homosexualität Kenntnis 
erhalten. Wir erfuhren aus unseren Analysen Homosexueller 
in der Regel, daß eine Liebesenttäuschung den Sohn von der 
Mutter fort zum Vater trieb, dem gegenüber er sich nun mit der 



i) „Massenpsychologie" 192 1, Seite 73 f. 



20 I>r. Karl Abraham 



Mutter identifizierte, wie es sonst die Art der Tochter ist. Vor 
kurzem konnte ich mich nun durch eine meiner l'sychoanalysen 
von dem Vorliegen beider Entwicklung:smöglichkeiten im gleichen 
Fall überzeugen. Ein Patient mit bisexueller, iedoch zurzeit 
homosexueller Einstellung der Libido, hatte nämlich zweimal 
— zuerst in früher Kindheit und hernach im Pubertiltsalter — 
eine Wendung seiner Libido zur Homosexualität erlebt. Erst 
das zweite Mal ging mit einem Vorgang einher, den wir als 
eine vollkommene Introjektion bezeichnen müssen, weil das Ich 
des Patienten tatsächlich vom introjlzierten Objekt aufgezehrt 
wurde. Ich kann nicht umhin, hier einen Auszug seiner Psycho- 
analyse zu geben. Die mitzuteilenden Tatsachen erscheinen mir 
nicht nur bedeutungsvoll für unser Verständnis der Introjektion, 
sondern werfen auch ein Licht auf gewisse Erscheinungen der 

Manie und Melancholie. 

Der Patient war das jüngere von zwei Kindern und war in seinen 
ersten Lebensjahren ein in jedem Sinne verwöhntes Kind. Die MuUer 
stillte ihn noch während seines zweiten Lebensjahres -mit der Brust, 
gestattete ihm auf sein stürmisches Begehren diesen Genuß auch noch 
ziemlich oft im dritten Lebensjahre und entwöhnte ihn erst mit drei 
Jahren. Mit der Entwöhnung, die unter großen Schwierigkeiten erfolgte, 
traf nun zeitlich eine Reihe von Ereignissen zusammen, die den verwöhnten 
Knaben plötzlich seines Paradieses beraubten. Er war bisher der Liebling 
der Eltern, der um drei Jahr älteren Schwester und der Kinderfrau 
gewesen. Die Schwester starb, die Mutter zog sich in eine abnorm betonte 
und langdauernde Trauer zurück und gehörte nun dem Knaben noch 
weniger, als es schon durch die Entwöhnung bedingt war. Die Kinderfrau 
verließ die Familie. Die Eltern des Patienten aber ertrugen das Leben in 
dem bisherigen Hause nicht, da sie sich beständig an das verstorbene 
ältere Kind erinnert fühlten. Man zog in ein Hotel und später in ein 
neues Haus. Mein Patient hatte durch diese Verkettung von Umständen 
alles verloren, was ihm bis dahin an Mütterlichkeit zuteil geworden war. 
Die Mutter hatte ihm zuerst die Brust entzogen und sich dann in ihrer 
Trauer auch psychisch gegen ihn abgesperrt. Schwester und Kinderfrau 
waren nicht mehr da, und selbst das Haus — ein so wichtiges Symbol 
der Mutter — existierte nicht mehr. Es ist nicht zu verwundern, daß sich 
das Liebesbedürfnis des Knaben dem Vater zuwandte. Nach dem Einzug 
in das neue Haus neigte der Kleine sich außerdem einer freundlichen 
Nachbarin zu und bevorzugte sie ostentativ vor der Mutter. Die Spaltung 
der Libido, die sich teils dem Vater, teils einer Frau als Mutterersatz 
zuwandte, wird bereits hier sichtbar, In den folgenden Jahren aber 



SBnswt 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 29 



verband den Knaben ein starkes erotisches Interesse mit älteren Knaben, 
die körperlich dem Typus des Vaters angehörten. 

Eine Rückwendung der Libido vom Vater zur Mutter trat in der 
späteren Kindheit des Patienten ein, als sich der Vater mehr und mehr 
dem Trunife ergab. Diese Einstellung der Libido bUeb eine Reihe von 
Jahren vorherrschend. Im halberwachsenen Alter verlor der Patient seinen 
Vater durch den Tod und lebte nun mit der Mutter, der er jetzt liebevoll 
zugetan war. Aber nach kurzer Witwenschaft heiratete die Mutter wieder 
und ging mit ihrem Mann für längere Zeit auf Reisen. Sis stieß damit 
die Liebe des Sohnes aufs neue von sich ab, während der Stiefvater 
zugleich seinen Haß erregte. . 

Es folgte eine neue Welle von homosexueller Erotik. Aber nunmehr 
galt die Sympathie einem anderen Typus junger Männer, der körperlich 
in bestimmten Eigenschaften durchaus der Mutter des Patienten ent- 
sprach. Der früher bevorzugte und der jetzt geliebte Typus junger Männer 
repräsentierten vollkommen den Gegensatz, welcher zwischen Vater und 
Mutter des Patienten in den betreffenden körperlichen Beziehungen 
bestand. Hier ist zu bemerken, daß der Patient selbst in diesen Beziehungen 
durchaus der Mutter glich. Zu dieser zweiten Art von jungen Männern, 
die von nun an bevorzugte Objekte seiner Libido waren, verhielt er sich 
aber nach seiner eigenen Schilderung zärtlich-liebevoll und 
fürsorglichwieeincMutter, 

Nach einer Reihe von Jahren starb die Mutter des Patienten Er weilte 
während ihrer letzten Krankheit bei ihr und hielt die Sterbende in seinen 
Armen. Die starke Nachwirkung dieses Erlebnisses erklärt sich in tieferer 
Schicht daraus, daß es eine vollkommene Umkehrung der unvergessenen 
Situation darstellte, in welcher der Patient als kleines Kind in den Armen 
und an der Brust der Mutter gelegen hatte. 

Kaum war die Mutter gestorben, so eilte der Sohn in die benachbarte 
Stadt, in welcher er sonst lebte, zurück. Seine Affektlage aber war keines- 
wegs die eines Trauernden, sondern gehoben, glückselig. Er schildert, wie er 
von dem Gefühl beherrscht war, die Mutter nun für immer und unverlierbar 
in sich zu tragen. Eine innere Unruhe bezog sich nur auf die Beerdigung der 
Mutter. Es war, als störte ihn die Tatsache, daß der Körper der Mutter noch 
sichtbar im Sterbehause lag. Erst nach der Beerdigung konnte er sich dem 
geschilderten Gefühl des unverlierbaren Besitzes der Mutter hingeben. 

Wäre es mir möglich, noch weitere Einzelheiten aus dieser 
Psychoanalyse zu veröffentlichen, so würde der Vorgang der 
„Einverleibung" der Mutter noch evidenter zutage treten. 
Doch dürften die mitgeteilten Tatsachen bereits eine deutliche 
Sprache reden. 

Die Introjektion des Liebesobjektes hat in diesem Falle ein- 
gesetzt, als der Patient die Mutter durch ihre Wiederver- 



30 Dr. Karl Abraham 



heiratung verlor. Das Ausweichen der Libido zum Vater, wie 
es sich im vierten Lebensjahre des Patienten zugetragen hatte, 
konnte sich nicht wiederholen; der Stiefvater erwies sich als 
ungeeignet, die Libido des Patienten zu binden. Das letzte 
Objekt der infantilen Liebe, das dem Patienten noch geblieben 
war — nämlich die Mutter — war zugleich sein erstes. Er 
wehrte sich gegen diesen schwersten Verlust, der ihn betreffen 
konnte, auf dem Wege der Introjektion. 

Das Gefühl der Glückseligkeit, welches sich aus diesem 
Vorgang ergab, steht nun in einem erstaunlichen Kontrast zu 
der schweren seelischen Last, die sich für den Melancholiker 
aus dem analogen psychisclien Prozeß ergibt. Die Ver- 
wunderung weicht, wenn wir uns der Aufklärungen erinnern, 
die uns Freud bereits über den melancholischen Introjektions- 
vorgang gegeben hat. Seine Bemerkung, der „Schatten des 
verlorenen Liebesobjektes sei auf das Ich gefallen", brauchen 
wir nur ins Gegenteil zu verkehren. In dem soeben geschil- 
derten Fall hat sich nicht der Schatten, sondern der strahlende 
Glanz der geliebten Mutter dem Ich des Sohnes mitgeteilt. 
Dies konnte geschehen, weil nach dem realen Verlust des 
Liebesobjektes auch beim normalen Menschen die zärtlichen 
Gefühle mit Leichtigkeit die feindlichen Regungen beiseite 
drängen. Anders beim Melancholiker! Denn bei ihm finden 
wir im Bereich der Libido einen so schweren Ambivalenz- 
konflikt, daß jedes Liebesgefühl unmittelbar von gegensätz- 
lichen Regungen bedroht wird. Irgendeine „Versagung", eine 
Enttäuschung durch das Liebesobjekt, läßt eines Tages eine 
übermächtige Welle des Hasses entstehen, der die allzu labilen 
Liebesgefühle rasch erliegen. Die Aufhebung der positiven 
Besetzung führt hier zu der tiefgreifendsten Folge, d. h. zum 
Aufgeben des Objektes. In dem oben geschilderten, 
nicht melancholischen Falle hingegen ging der reale Ver- 
lust voraus und zog eine Libidoveränderung nach sich. 



1 



■*■ 



III 

Der Introjektionsvorgang in der Melancholie 
Zwei Stufen der oralen Entwicklungsphase 

der Libido 

Den weiteren Ausführungen über den Introjektionsvorgang 
bei der Melancholie möge ein besonders instruktives Beispiel 
vorausgehen. 

Der Patient, von welchem ich zu berichten habe, hatte bereits mehrere 
typische melancholische Erkrankungen hinter sich, als ich ihn kennen 
lernte. Er befand sich in der Rekonvaleszenz von einem solchen Zustand^ 
als wir seine Psychoanalyse begannen. Die vorausgegangene schwere 
Krankheitsperiode hatte unter bemerkenswerten Umständen begonnen. 
Der Patient stand seit längerer Zeit einem jungen Mädchen nahe und 
hatte sich mit ihr verlobt. Aus Anlässen, die hier nicht näher zu erörtern 
sind, hatte seine Zuneigung einem heftigen Widerstand Platz gemacht. 
Es kam zu einer völligen Abwendung vom Liebesobjekt — dessen Identi- 
fizierung mit der Mutter durch seine Psychoanalyse evident wurde ~ 
und zu einer Depression mit ausgeprägter Wahnbildung. In der Re- 
konvaleszenz geschah nun eine Wiederannäherung an die Verlobte, die 
trotz seiner Ablehnung zu dem Patienten gehalten hatte. Aber nach einiger 
Zeit erfolgte ein kurzdauernder Rückschlag, dessen Entstehen und Ver- 
schwinden ich als Analytiker vollkommen beobachten konnte. 

Der Widerstand gegen die Verlobte, der unverkennbar wieder zutage 
trat, äußerte sich unter anderem durch eine „passagere Symptombildung". 
Während der Tage, in welchen die Stimmung sich im depressiven Sinne 
verschlechterte, unterlag der Patient einem Zwang, seinen Darmschließ- 
muskel zu kontrahieren. Das Symptom erwies sich als mehrfach deter- 
miniert. Hier interessiert besonders seine Bedeutung im Sinne eines 
krampfhaften Festhaltens des Darrainhaltes, Von letzterem wissen wir, daß 
er für unser Unbewußtes das Prototyp des Besitzes darstellt. Jene 
passagere Erscheinung war also einem körperlichen Festhalten dessen 
gleichzusetzen, was ihm aufs neue verloren zu gehen drohte. Eine andere 
Determinierung sei hier nur nebenbei vermerkt. Es ist die passiv-homo- 



sexuelle Einstellung zum Vater, in welche der Patient jeticsnml zu geraten 
drohte, wenn er sich von der Mutter oder einem Mutterersatz abwandte. 
Die in dem Symptom liegende Abwehr richtet sich also Rlcicherraaßen 
gegen den Objektverlust wie gegen die Wendung zur Homosexuahtüt. 

Wir haben mit Freud angenoinmcn, daß sich beuii Melancho- 
liker an den Objektverlust ein Restitutionsversuch anschließt. 
Was in der Paranoia in einer spezifischen Weise durch den 
Prozeß der Projektion erreicht wird, gescliieht in der 
MelanchoUe mit anderem Erfolg auf dem Wege der Intro- 
jektion. Mit der soeben geschilderten Symptoinbildung im 
Beginn eines kurzdauernden Rezidivs war es bei dem Patienten 
nicht abgetan. Vielmehr berichtete er mir einige Tage später 
und wiederum völlig spontan von einem zweiten Symptora, 
welches das erstgeschilderte sozusagen abgelöst hatte. Auf der 
Straße war die zwanghafte Phantasie aufgetreten, herum- 
liegenden Kot zu essen. Sic erwies sich als Ausdruck der 
Tendenz, das als Kot ausgestoßene Liebesobjekt dem Körper 
in Gestalt von Kot wieder einzuverleiben. Hier ergibt sich uns 
also eine buchstäbliche Bestätigung unserer Annahme, daß 
das Unbewußte den Objektverlust als analen, die Introjektion 
als oralen Vorgang auffaßt und bewertet. 

Der Impuls zur Koprophagie scheint mir eine für die 
Melancholie typische Symbolik zu enthalten. Nach meinen 
übereinstimmenden Erfahrungen bei verschiedenen Patienten 
ist das Liebesobjekt die Zielscheibe bestimmter Impulse, wie 
sie der tieferen anal-sadistischen Organisationsstufe entsprechen; 
es sind die Antriebe zum (analen) Ausstoßen und zum Ver- 
nichten (Ermorden). Das Produkt der Ermordung — die Leiche 
— wird mit dem Produkt der Ausstoßung — dem Kot — 
identifiziert. Wir verstehen nunmehr den Antrieb zum Kot- 
essen als einen kannibalischen Impuls zum Verzehren 
des getöteten Liebesobjekts. Ich fand bei einem meiner 
Patienten die Vorstellung vom Kotessen verknüpft mit der 
Vorstellung der Strafe für schwere Schuld, und zwar mit 
psychologischem Recht, wie wir hinzufügen dürfen; mußte er 
doch auf diesem Wege ein Verbrechen wieder gut machen, 






Versuch e iner Entwicklungsgeschichte der Libido 



33 



dessen Identität mit der Ödipustat wir noch verstehen lernen 
werden.^ Schon hier sei aber auf die bemerkenswerten Mit- 
teilungen über Nekrophagie hingewiesen, welche Röheim auf 
dem Psychoanalytischen Kongreß 1922 machte. Sie legen uns 
die Auffassung nahe, daß die Trauer in ihrer archaischen 
Form im Verzehren des Getöteten ihren Ausdruck findet. 

Nicht immer offenbart sich die Bedeutung melancholischer 
Symptome im Sinne der Abstoßung und Wiedereinverleibung 
des Liebesobjektes so leicht und einfach wie in dem soeben 
geschilderten Beispiel. In welchem Maße diese Tendenzen 
unkenntlich gemacht sein können, möge eine Beobachtung 
zeigen, welche der Psychoanalyse eines anderen Patienten 
entstammt. 

Er berichtete mir eines Tages, daß er im Depressionszustand eine eigen- 
tümliche Neigung bei sich bemerkt habe. Im Beginn der Depression sei 
er stets mit gesenktem Kopf gegangen. Wenn seine Augen dann mehr 
dem Boden als den vorübergehenden Menschen 2ugewandt waren, so 
achtete er mit einem zwanghaften Interesse darauf, ob Perlmutterknöpfe 
auf der Straße lägen. Fand er einen solchen, so nahm er ihn und steckte 
ihn in die Tasche. Diesen öfter wiederholten Handlungen gab er die 
rationalisierende Begründung, er habe im Beginn der Depression ein 
solches Gefühl der Minderwertigkeit, daß er froh sein müsse, wenn er 
auch nur ein Knöpfchen auf der Straße finde. Er wisse ja nicht ob er je 
wieder fähig sein werde, auch nur so viel Geld zu verdienen, um sich die 
geringste Kleinigkeit kaufen zu können. In seinem elenden Zustande 
müßten ihm selbst derartige Gegenstände, die andere verloren hätten, noch 
als sehr wohl verwertbar erscheinen. 

Zu dieser Erklärung stand im Widerspruch, daß er andere Gegenstände, 
besonders aber Knöpfe aus sonstigem Material, mit einer gewissen Ver- 
achtung liegen ließ. Die freien Assoziationen führten allmählich zu den 
tieferen Determinierungen der absonderUchen Neigung. Sie zeigten, daß 
der Patient mit dem Material der Perlmutterknöpf chen die Vorstellung von 
„blank und sauber" und ferner diejenige eines besonderen We r t e s 
verband. Wir waren damit bei seinen verdrängten koprophilen 
Interessen angelangt. Ich brauche hier nur an Ferenczis schöne 
Ausführungen „Zur Ontogenese des Geldinteresses":* zu erinnern. Sie haben 

i) Nach einem Hinweis von Dr. J. Härnik findet sich auf ägyptischen 
Grabdenkmälern ein dem Toten zugeschriebenes Gebet: es möge ihm die 
Strafe des Kotessens erspart bleiben. Vergl. Er man, Relimon 
der Ägypter. ^ 

a) Zeitschrift für Psychoanalyse, Jahrg. H, 1914. 



3^ Dr. Karl Abraliani 



uns gezeigt, wie die infantile Lust von weichem, knetbarem zunächst zu 
hartem, körnigem Material, dann zu kleinen festen Gegenständen mit 
sauberer und glänzender Oberfläche übergeht. Im Unbewußten bleibt die 
Gleichsetzung dieser Objekte mit Kot bestehen. 

Die Perlmutterknöpfchen bedeuteten also Kot. Das Aufheben von der 
Straße erinnert uns an die ZwangsimpulBe in dem vorher geschilderten 
Falle, die sich unverhüllt auf das Aufheben und Verzehren von Kot von 
der Straße bezogen. Besonders ist hier eine Gleichsetzung hei-vorzuheben t 
Man verliert einen Knopf von der Kleidung, wie man Kot fallen läßt.' In 
beiden Fällen handelt es sich also um das Aufheben und Behalten eines 



verlorenen Objektes. 

In einer der folgenden Stunden nahm der Patient den Faden der 
Analyse wieder auf, indem er mir mitteilte, der geschilderte sei nicht der 
einzige befremdliche Antrieb, der sich während seiner Depressionszuständc 
geäußert habe. Während seiner ersten depressiven Erkrankung habe er 
sich in X. in der Klinik des Professors Y. befunden. Eines Tages hätten 
zwei Verwandte ihn zu einem Spaziergange abgeholl. Er habe sich für 
Parkanlagen, Gebäude und was man ihm sonst zeigte, gar nicht interessiert. 
Auf dem Rückwege zur Klinik sei er dagegen vor einem Laden stehen 
geblieben, in dessen Schaufenster er einige Stücke „Johannisbrot" erblickte. 
Ein sehnlicher Wunsch sei in ihm rege geworden, davon etwas zu kaufen, 
und er habe dem Wunsch nachgegeben. 

Dieser Erzählung folgte sogleich ein Einfall des Patienten In seinem 
kleinen Heimatsort befand sich, dem elterlichen Hause gegenüber, ein 
kleiner Laden, dessen Inhaberin eine Witwe war. Der Sohn dieser Frau 
war sein Spielgefährte. Der Patient erinnerte sich nun, wie die Frau ihm l 

Johannisbrot schenkte. Zu jener Zeit war im Leben des Patienten bereits 
das verhängnisvolle Erlebnis eingetreten, an das seine spätere Erkrankung 
anknüpfte: eine tiefgreifende Liebesenttäuschung durch die Mutter. Die 
Frau auf der anderen Straßenseite ist in den Kindheitserinnerungen des 
Patienten der „bösen Mutter" als Beispiel gegenübergestellt. Der automatisch 
auftauchende Impuls, Johannisbrot in einem Laden zu kaufen und zu 
essen, entspricht zunächst dem Begehren nach mütterlicher, füi-sorglicher 
Güte. Daß gerade das ' Johannisbrot als symbolisches Ausdrucksmittel 
gewählt ist, erklärt sich aus seiner an Kot erinnernden länglichen Form 
und braunen Farbe. So stoßen wir auch hier wieder auf den Antrieb zum 
Kotessen als Verkörperung der Sehnsucht nach dem verlorenen Liebesobjekt, 
Eine weitere Assoziation des Patienten gehört ebenfalls dem Bereich 
der Kindheitserinnerungen an. In seiner Heimatstadt wurden beim Bau 
einer Straße Muschelschalen ausgegraben, die auf der einen Seite von 
anhaftender Erde schmutzig aussahen, auf der anderen Seite dagegen emen 
schillernden Perimutterglanz zeigten. Abermals finden wir eine Beziehung 
zum Heimatort , der im Seelenleben des Patienten in unzweifelhafter Weise 

I) Bezüglich dieser Identifizierung vergleiche man den im ersten Kapitel 
geschilderten Fall, 






Versuch eine r Entwicklungsgeschichte der Libido 



35 



mit der Motter Identifiziert wurde. Die damals gefundenen Perlmutter- 
schalen smd die Vorläufer der aus solchem Material hergestellten Knöpfchen. 
Die Perlmutterschalen aber erwiesen sich in der Analyse als ein Mittel 
zur Darstellung der ambivalenten Einstellung des Sohnes zur Mutter. Das 
Wort „Perlmutter" enthält die hohe Schätzung der Mutter als „Perle". 
Aber die blanke, gleißende Seite trügt; die andere Seite der Mutter ist 
nicht so schön. Die „böse" Mutter, von der die Libido des Sohnes sich 
zurückziehen mußte, wird durch die Gleichsetzung mit Kot beschimpft und 
erniedrigt.' 

Die vorstehenden Beispiele mögen vorläufig genügen, um 
den Verlauf des melancholischen Prozesses in seinen zwei 
Phasen — Verlust und Wiedereinverleibung des Liebesobjektes 
— psychoanalytisch verständlicher zu machen. Jede dieser 
beiden Phasen bedarf aber noch einer gesonderten Unter- 
suchung. 

Wir haben die Tendenz zum Aufgeben des Liebesobjektes 
bereits aus einem Verharren der Libido auf der früheren anal- 
sadistischen Stufe erklärt. Neigt aber der Melancholiker dazu, 
selbst dieses Niveau mit dem noch primitiveren der oralen 
Organisationsstufe zu vertauschen, so müssen wir annehmen, 
es beständen in der Entwicklung seiner Libido besondere 
Fixierungspunkte auch aus jener Zeit, da sein Triebleben noch 
vorwiegend von der Mundzone beherrscht wurde. Die psycho- 
analytischen Ergebnisse rechtfertigen diese Erwartung durchaus; 
einige Beispiele mögen zum Beweis dienen. 

i) Zur Ergänzung dieser Analyse sei noch die im gesamten mensch- 
lichen Phantasieleben übliche Verwendung der Muschel als weibÜches 
Symbol herangezogen. 

Wir verdanken R ö h e i m den Hinweis auf die an vielen Orten übliche 
Verwendung der Muscheln als Geld. Auch dieser Gebrauch hängt mit 
ihrer weiblichen Genitalbedeutung zusammen. Bemerkenswert ist, daß man 
keine am Wohnort gefundenen Muscheln als Geld benützt, sondern daß 
sie von fern hergekommen sein müssen. Man muß in dieser Tatsache 
einen Ausdruck weit getriebener Inzestscheu erblicken, der der Vorschrift 
der Exogamie vergleichbar ist. Ein Weib vom eignen Stamme oder eine 
am eignen Strand gefundene Muschel repräsentiert das verbotene mütterliche 
Genitale. 

Übrigens werden Muscheln, weil vom Meere ausgeworfen, ebenfalls 
dem Kot gleichgesetzt, ähnlich wie Bernstein und dergleichen MaterjaUen 

(Diese Hinweise entstammen zum Teil einer Diskussion in der Berliner 
Fsychoanalytischen Vereinigung.) 

3* 



g Dr. Karl Abraham 

Wiederholt bin ich bei Melancholischen auf starke perverse 
Gelüste gestoßen, die in einer Verwendung des Mundes an 
Stelle des Genitales bestanden. Zum Teil wurden diese Wünsche 
in Gestalt des Cunnilinguus zur Erfüllung gebracht. Meist aber 
handelte es sich um äußerst lebhafte Pliantasien, die sich auf 
kannibalische Regungen bezogen. Die Patienten phantasieren 
vom Beißen in alle möglichen Körperteile des Liebesobjektes 
(Brust, Penis, Arm, Gesäß usw.). In den freien Assoziationen 
begegnete ich viele Male der Vorstellung des Verschlingens 
der geliebten Person oder des „Abbeißens" von ihrem Körper, 
andere Male wieder einem Spielen mit nekrophagen Vorstellungen 
— dies alles bald in kindlich-ungehemmter Weise, bald ver- 
steckt unter Ekel und Schrecken. Daneben wieder finden sich 
heftige Widerstände gegen den Gebrauch der Zähne. Em 
Patient sprach von seiner „Kaufaulheit" als besonderer 
Erscheinung seiner melancholischen Verstimmung. Es schemt, 
daß der Nichtgebrauch der Zähne geradezu Krankheits- 
erscheinungen am Gebiß herbeiführen kann. Daß die schwersten 
Grade der melanchohschen Nahrungsverweigerung cme Selbst- 
bestrafung für kannibalische Antriebe darstellten, habe ich 
schon früher (1917) gezeigt. In einer Sitzung der British Psycho- 
analytical Society hat kürzhch Dr. james Glover auf kanni- 
balische Antriebe in einem Fall von periodischer Melancholie 
hingewiesen und besonders ihre Umwandlung in Selbstmord- 
impulse analysiert.^ 

Krankheitssymptome, Tagträumereien und Träume üei 
Melancholiker bieten uns eine bunte Mannigfaltigkeit oral- 
sadistischer Tendenzen in bewußter und verdrängter Gestalt 
Sie sind eine hauptsächliche Quelle seelischen Leidens in der 

~ ■ ■ K ' " "" 

X) Einer meiner Patienten halte einen nahezu K^f^ll-^^f^T"! 
versuch durch einen tiefen Halsschmtt begangen J^as Smc d war ein 
Wüten eec^en das introjizierte Liebesob]ekt, untermischt mit t,eiDst 
^SanSendenEen In der Psychoanalyse kamen Phantasien zum Vor- 

Sohn zu opfern gedenkt. 



gaampip 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 37 



Melancholie, besonders wenn sie sich — als Tendenz zur 
Selbstbestrafung ~ gegen das eigene Ich des Kranken wenden. 
Wir bemerken hier einen Gegensatz zu gewissen neurotischen 
Zuständen, in welchen bestimmte Symptome als Ersatzbefrie- 
digungen der Oralzone erkennbar sind. Ich habe derartige 
Fälle in meiner Publikation über die früheste prägenitale 
Organisationsstufe beschrieben. Vollends stellt in gewissen 
Perversionen die Munderotik eine bedeutungsvolle Lust- 
quelle dar. Ohne den masochistischen Lustwert der melan- 
cholischen Symptome zu vernachlässigen, muß man doch den 
im Vergleich zu anderen Krankheitsformen sehr hohen Unlust- 
gehalt der Melancholie betonen. Folgt man aufmerksam den 
Ideengängen der Kranken, so erfährt man, daß dieses hohe 
Maß von Unlust mit der Stufe der Libidoentwicklung verknüpft 
ist, zu welcher der Melanchohsche nach dem Objektverlust 
regrediert ist. Wir bemerken aämlich bei unseren Kranken eine 
eigentümliche Sehnsucht nach einer Betätigung des Mundes, die zu 
den geschilderten Beiß- und Freßphantasien im Gegensatz steht. 

Ein Patient berichtete mir zur Zeit des Nachlassens seiner Depression 
von seinen Tagträumereien. In diesen war er zu Zeiten geneigt, sich den 
eigenen Körper als weibhch vorzustellen; er suchte sich durch allerhand 
Kun-tgriffe die Illusion eines weiblichen Busens zu geben und phantasierte 
besonders gern vom Säughng an seiner Brust. lEr spielte in diesen Phan- 
tasien die Rolle der stillenden Mutter, vertauschte sie aber zu anderen 
Zeiten gegen die des saugenden Kindes. Seine Fixierung an die Mutter- 
brust äußerte sich einerseits in mannigfaltigen Symptomen im Bereich der 
Mundzone, andererseits in einem auffälligen Bedürfnis, den Kopf an etwas 
Weiches, der Mutterbrust Ähnliches anzulehnen. So trieb er auch während 
der Analysenstunden ein sonderbares Spiel mit einem Kopfkissen. Statt 
es an seinem Platze zu belassen und seinen Kopf darauf zu legen, bedeckte 
er diesen mit dem Kissen. Auf assoziativem Wege wurde es deutlich, 
daß das Kissen die von oben her seinem Kopf genäherte Mutterbrust 
darsteUte. Die Szene wiederholte eine lustvolle Situation der frühen Kindheit. 
Er hatte übrigens später seinen jüngeren Bruder in dieser Lage bei der 
Mutter gesehen und eine intensive Eifersucht an diesen Eindruck geknüpft. 

In den Bereich der gleichen Wunschvorstellung gehört die Äußerung 
eines Melancholikers, er habe in der tiefsten Depression das Gefühl, daß 
die besondere mütterliche Güte einer Frau ihn von seinen Leiden befreien 
könnte. Die Bedeutung einer solchen Vorstellung habe ich wiederholt 
analysieren können. Ich kann mich auf die früher von mir gegebene Dar- 



38 Dr. Karl Abraham 



Stellung eines derartigen Falles berufen. Ein junger Mann, der an einer 
(nicht melancholischen) Depression litt, fühlte sich in wunderbarer Weise 
beruhigt durch den Genuß von Milch, welche seine Matter ihm darreichte. 
Die Milch vermittelte ihm das Gefühl des Warmen, Weichen und Süßen 
und erinnerte ihn an etwas Unbestimmtes, vor langer Zeit Gekanntes. Die 
Sehnsucht nach der Mutterbrust ist hier unverkennbar. 

Aus den bisherigen psychoanalytischen Erfahrungen muß 
ich schließen, daß der Melancholische den o r a 1 - s a d i s t i s c h e n 
Antrieben zu entkommen versucht. Unter diesen Impulsen, 
deren Äußerungen das Krankheitsbild beherrschen, lagert in 
der Tiefe das Verlangen nach lustvoUer, saugender 
Betätigung. 

Wir werden somit genötigt, ganz wie zuvor im Bereich der 
anal-sadistischen, jetzt auch im Bereich der oralen Entwicklungs- 
phase eine Stufung anzunehmen. Auf der primären Stufe ist 
die Libido des Kindes an den Saugeakt gebunden. Dieser ist 
ein Akt der Einverleibung, durch welchen aber die Existenz 
der nährenden Person nicht aufgehoben wird. Das Kind vermag 
noch nicht zwischen seinem Ich und einem Objekt außerhalb 
desselben zu unterscheiden. Ich und Objekt sind Begriffe, 
welche dieser Stufe überhaupt nicht entsprechen. Das saugende 
Kind und die nährende Brust (oder Mutter) stehen in keinem 
Gegensatz zueinander. Auf Seiten des Kindes fehlen sowolil 
die Regungen der Liebe wie die des Hasses. Der seelische 
Zustand des Kindes auf dieser Stufe ist demnach frei von den 
Erscheinungen der Ambivalenz. 

Die sekundäre Stufe ist von der primären unterschieden 
durch die Wendung des Kindes von der saugenden 
Mundtätigkeit zur beißenden. Ich muß hier einer 
privaten Mitteilung gedenken, die mir van Ophuijsen zur 
Verfügung gestellt hat. Sie liefert einen wichtigen Beitrag zum 
Verständnis des melancholischen Vorganges, ähnlich wie ein 
kleiner Aufsatz dieses Autors' die Beziehung der Paranoia zur 
anal-sadistischen Stufe geklärt hat. Durch psychoanalytische 
Erfahrung ist van Ophuijsen zu der Ansicht gelangt, daß 



i) Internat. Zeitschr. f. Psychoanalyse Jahrg. VI, 1920. 



■■ ' -'^ 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 39 

bestimmte neurotische Erscheinungen einer Regression 
auf das Alter d er Zahnb ildung entstammen, und 
fernerhin, daß das Beißen die Urform des sadisti- 
schen Impulses darstellt. Ohne Zweifel ist das Gebiß das 
Werkzeug, mit dessen Hilfe das Kind zuerst Zerstörungen in 
der Objektwelt anrichten kann, zu einer Zeit, da die Hände 
höchstens zu einer Hilfeleistung im Sinne des Ergreifens und 
Haltens brauchbar sind. Die von Federn^ gegebene Herleitung 
des Sadismus von genitalen Sensationen beruht zweifellos auf 
richtiger Beobachtung; doch kann es sich auf genitalem Gebiet 
nicht um so frühe Erscheinungen handeln wie auf oralem 
Gebiet. Die von uns so genannten sadistischen Antriebe ent- 
stammen eben einer Anzahl von verschiedenen Quellgebieten, 
unter welchem hier noch besonders das exkrementale erwähnt 
werden mag. Beachtung verdient weiter die enge Ver- 
bindung des Sadismus mit dem Muskelsystem. Es kann aber 
keinem Zweifel unterliegen, daß das Kind auf keinem anderen 
Muskelgebiet auch nur annähernd so große Kraftleistungen 
hervorbringt, wie im Bereich der Kaumuskulatur. Auch sind 
die Zähne die einzigen Organe von genügender Härte, um 
auf die Objekte der Außenwelt zerstörend einwirken zu können. 
Auf der Stufe der beißenden Mundtätigkeit wird das Objekt 
einverleibt und erleidet dabei das Schicksal der Vernichtung. 
Man braucht nur einem Kinde zuzusehen, um sich von der 
Intensität der Beißimpulse zu überzeugen, in welchen Nahrungs- 
trieb und Libido noch zusammenwirken. Es ist das Stadium 
der kannibalischen Antriebe. Folgt das Kind den Reizen des 
Objektes, so gerät es zugleich in die Gefahr, ja in die Not- 
wendigkeit, das Objekt zu vernichten. Damit beginnt die 
Ambivalenz, das Verhältnis des Ich zum Objekt zu beherr- 
schen. Die sekundäre, oral -sadistische Stufe bedeutet 
also in der Libidoentwicklung des Kindes den Anfang des 



i) „Beiträge zur Analyse des Sadismus und Masochismus." Internationale 
Zeitschr. f. Psychoanalyse Jahrg. I. 1913. 



40 Dr. Karl Abraham 



Ambivalenz konfliktes, während wir die primäre (Saug-) 
Stufe als vor ambivalent bezeichnen müssen. 

Dasjenige Stadium also, zu welchem die Libido des Melan- 
cholikers nach dem Eintritt des Objektv^erlustes regrediert,, 
birgt in sich den Ambivalehzkonflikt in primitivster und dem- 
entsprechend in besonders schroffer, krasser Form. Die Libido- 
droht dem Objekt Vernichtung durch Auffressen. Erst allmählich 
gewinnt der Ambivalenzkonflikt und zugleich das Verhältnis 
zum Objekt mildere Formen. Die Ambivalenz aber haftet 
den Regungen der Libido auch während der folgenden Ent- 
wicklungsstadien an. Ihre Bedeutung auf der anal-sadistischen 
Stufe ist bereits gewürdigt worden. Aber auch im Aufbau der 
Neurosen, die auf der genitalen Organisationsstufe entstehen, h 

tritt uns überall die Ambivalenz der Gefühlsregungen entgegen. 
Erst der normale Mensch, der sich von den infantilen Erschei- 
nungen der Sexualität relativ am weitesten entfernt hat, ist im 
wesentlichen am biv alenz frei. Seine Libido hat sozusagen 
ein nachambivalentes Stadium erreicht und damit die 
volle Fähigkeit zur Anpassung an die Objektwelt gewonnen. 

Es wird nunmehr deuüich, daß auch innerhalb der 
genitalen Organisationsphase zwei Stufen zu. 
unterscheiden sind, ganz wie im Bereich der beiden prä- 
genitalen Phasen, Ich komme damit zu einem Ergebnis, das 
sich mit Freud's^ kürzlich veröffentlichter Aufstellung einer 
„phalHschen", früh-genitalen Stufe vortrefflich zu decken scheint 
Wir hätten somit im Ganzen sechs Entwicklungsstufen anzu- 
nehmen. Ausdrücklich sei bemerkt, daß ich die obige Einteilung 
weder als endgültig noch als erschöpfend betrachte. Sie stellt 
nur eine Übersicht der fortschreitenden Organisation der 
menschlichen Libido dar, soweit die bisherigen psychoanalytischen 
Ergebnisse uns Einblicke in den langwierigen Prozeß ermöglicht 
haben. Ich muß aber betonen, daß der Übergang von der 
niederen zur höheren Stufe innerhalb jeder der drei großen 
Entwicklungsphasen keineswegs ein Vorgang von untergeordneter 



i) Internationale Zeitschr. f. Psychoanalyse Jahrg. IX, 1923. 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 



41 



Bedeutung ist. Der Wechsel der dominierenden erogenen Zone 
ist uns in seiner Bedeutung für die normale psychosexuelle 
Entwicklung und für die Charakterbildung längst geläufig. 
In jeder der drei Epochen spielt sich ein Vorgang ab, der 
für die allmähliche Erreichung der vollkommenen Objektliebe 
von großem Belang ist. Innerhalb der oralen Epoche vertauscht 
das Kind die konfliktfreie, vorarabivalente Einstellung seiner 
Libido gegen eine ambivalente und überwiegend objektfeind- 
liche. Der Schritt von der älteren zur jüngeren anal-sadistischen 
Stufe bedeutet einen Übergang zur Schonung des Objektes. 
Innerhalb der genitalen Epoche wird endlich die Ambivalenz 
überwunden und damit die volle sexuelle wie soziale Brauch- 
barkeit erzielt. 

Die Wandlungen im Verhältnis des Individuums zur Objekt- 
welt sind hiermit keineswegs erschöpfend behandelt; 'sie werden 
vielmehr späterhin den Gegenstand einer gründlichen Unter- 
suchung bilden. 



IV 
Beiträge zur Psychogenese der Melancholie 

Die vorstehenden Ausführungen haben uns verständlich 
werden lassen, warum die Ambivalenz des Trieblcbens für 
den Melancholiker besonders ernste Konflikte mit sich bringt, 
die sein Verhältnis zum Liebesobjekt bis in die Tiefe erschüttern. 
Die Abwendung von demjenigen Obiekt, um welches das 
gesamte Gefühlsleben des Patienten wie um ein Zentrum kreist, 
greift auf die Personen der engeren und weiteren Umgebung, 
ja auf die Menschheit im allgemeinen über. Selbst hier macht 
die Einziehung der Libido nicht halt, sondern sie teilt sich 
allem mit, woran der Kranke zuvor interessiert war; Beruf, 
Liebhabereien, Natur, wissenschaftliche und sonstige Interessen 
haben ihren Reiz für ihn verloren. Wir kennen eine ähnhch 
weitgehende Abwendung der Libido von der gesamten Außen- 
welt auch im Krankheitsbild der Dementia praecox (Schizo- 
phrenie), nur mit dem Unterschied, daß dort der Verlust aller 
Interessen mit stumpfer Gelassenheit aufgenommen wird, 
während der Melancholische diesen Verlust beklagt, ja mit 
Vorliebe seine Minderwertigkeitsgefühle mit ihm in Verbindung 
bringt. 

Ein tieferes Eindringen in das Seelenleben des Melan- 
cholischen läßt uns aber erkennen, daß derselbe Mensch, der 
im Depressionszustand den "Verlust aller Interessen beklagt, zu 
diesem Verlust prädisponiert war durch das besondere Maß 
von Ambivalenz in seinem Gefühlsleben. Seine Hingabe an 
Beruf, geistige Interessen usw. war lange Zeit vor dem ersten 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 43 

Ausbruch der Erkrankung von gewaltsamer, krampfhafter Art 
und trug somit die Gefahr eines plötzlichen Abbruches in 
sich. Doch die Wirkungen der Ambivalenz reichen im melan- 
cholischen Krankheitsprozeß noch weiter. Nachdem die Libido- 
besetzung vom Objekt zurückgezogen ist, wendet sie sich, wie 
wir bereits wissen, dem Ich zu, während gleichzeitig das 
Objekt dem Ich introjiziert wird. Das Ich hat nun alle Folgen 
dieses Vorganges zu tragen; es ist also fortan der Ambivalenz 
der libidinösen Antriebe schonungslos ausgesetzt. Nur ober- 
flächliche Betrachtungsweise läßt uns glauben, der Melan- 
cholische sei allein von einer quälenden Selbstverachtung ^i^d 
einer ausschließlichen Sucht zur Selbstverkleinerung durch- 
drungen. Ein aufmerksames Studium lehrt uns, daß wir von 
unseren Patienten mit gleichem Recht das Gegenteil aussagen 
dürfen. Es wird sich später zeigen, daß in dieser ambi- 
valenten Einstellung zum Ich die Möglichkeit 
zum Wechsel melancholischer und manischer 
Zustände gelegen ist. Für jetzt aber hat uns der Nach- 
weis der ambivalenten Einstellung zum Ich zu beschäftigen, 
wie sie sich während der melancholischen Phase zeigt; nur 
auf diesem Wege nähern wir uns dem Verständnis der melan- 
cholischen Symptome. 

Der klinischen Psychiatrie ist, soweit mir bekannt, diese 
wichtige psychologische Eigenart der Melancholie entgangen, 
Freud' hingegen hat sie erkannt. Wie er von den Patienten 
aussagt, sind sie ^weit davon entfernt, gegen ihre Umgebung 
die Demut und Unterwürfigkeit zu bezeugen, die allein so 
unwürdigen Personen geziemen würde, sie sind vielmehr im 
höchsten Grade quälerisch, immer wie gekränkt und als ob 
ihnen ein großes Unrecht widerfahren wäre". Die Tatsachen 
nötigen uns aber, über diese Feststellung noch hinauszugehen. 

Es handelt sich hier um Erscheinungen, die naturgemäß von 
Fall zu Fall verschieden ausgeprägt sind. Ganz allgemein aber 
darf man sagen, der Melancholiker trage ein Gefühl der Über- 

1) ^Trauer und Melancholie«, Zeitschrift Jahrg. IV, S. 293. 



44 Dr. Karl Abraham 



1 e g e n h e i t in sich, das sich selbst im freien Intervall erweisen 
läßt. Es richtet sich gegen seine Familie, Bekannte, Berufs- 
genossen, ja gegen die Gesamtheit der Menschen. Besonders 
fühlbar wird es dem behandelnden Arzte. Einer meiner 
Patienten betrat mein Sprechzimmer stets mit einer überlegenen 
Pose, die sich in Körperhaltung und Mienenspiel äußerte. 
Besonders gern wird gegenüber den Ergebnissen der Psycho- 
analyse eine überlegene Skepsis zur Schau getragen. Bei einem 
anderen Patienten wechselte dieses Verhalten mit einer über- 
triebenen Demut; in letzterer Gemütsverfassung gab er sich 
beispielsweise der Phantasie hin, vor mir niederzufallen, meine 
Kniee zu umfassen und mich flehentlich um meine Hilfe zu bitten. 

Bekannt ist die Unzugänglichkeit der Melancholischen für 
jeden Einspruch des Arztes gegen seine Ideengänge, besonders 
erweisen sich natürlich seine Wahnbildungen als resistent gegen 
solchen Einfluß. Ein Patient erklärte mir, er habe, wenn ihm 
von ärztlicher Seite Vorstellungen über das Unbegründete seiner 
Selbstanklagen gemacht worden seien, „nicht einmal die Worte 
gehört". Was eine Phantasie zur Wahnvorstellung macht, ist 
der rein narzißtische Charakter des Denkvorganges, mit welchem 
auch die Unkorrigierbarkeit des Wahnes zusammenhängt. Neben 
dieser Determinierung ist noch eine zweite für das Verhalten 
des Melancholischen maßgebend; die Geringschätzung der 
anderen Menschen, die an seine Ideen den Maßstab der Reali- 
tät anlegen. 

Eine der auffallendsten Einseitigkeiten der klinischen Psychiatrie 
besteht darin, daß sie die krankhaften Vorstellungen der Melan- 
choHschen als „Kleinheitswahn" zu charakterisieren liebt 
Tatsächlich schließt dieser „Kleinheitswahn" in sich eine 
ausgeprägte Selbstüberschätzung, namentlich hinsichtlich der 
Bedeutung und Wirkung der eigenen Gedanken, Affekte und 
Handlungen. Bezeichnend in diesem Sinne ist besonders die 
Vorstellung, der man bei manchem Melancholischen begegnet: 
er sei der größte Verbrecher, -ja er habe alle Verbrechen seit 
Anbeginn der Welt begangen. In jeder solchen Wahnidee ist 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 45 

neben der introjizierten, dem Liebesobjekt geltenden Anklage 
die Tendenz enthalten, den eigenen Haß als überwältigend 
groß, sich selbst als ein Ungeheuer darzustellen. 

So stehen im Bilde der Melancholie Ichl'iebe und Iclihaß, 
Selbstüberschätzung und Ünterschätzung, mit anderen Worten : 
Äußerungen eines positivenundeinesnegativen 
Narzißmus einander schroff und unvermittelt gegenüber. 
Wir haben auch bereits Gesichtspunkte gewonnen, die uns 
dieses auffällige Verhältnis von Libido und Ich allgemein 
verständlich machen. Es erwächst uns nun eine weitere Aufgabe, 
nämlich die Ursachen einer so schweren Abweichung von der 
seelischen Norm aus dem Erleben des Patienten zu erklären. 
Wir sollen die Frage beantworten, wie der von Freud . 
erschlossene psychologische Prozeß sich im Unbewußten des 
Patienten abspielt und welche Schicksale seine Libido auf 
diese Bahn gebracht haben. Mit anderen Worten: wir stehen 
vor dem Problem der Neurosen wähl, und wir haben uns zu 
fragen, warum unsere Kranken nicht Hysteriker oder Zwangs- 
neurotiker, sondern eben Manisch-Depressive geworden sind. 
Eine endgiltige Lösung des Problems zu erwarten, hieße freilich 
seine Schwierigkeit unterschätzen. Vielleicht aber dürfen wir 
eine gewisse Annäherung an das ferne Ziel erhoffen. 

Daß eine Liebesenttäuschung das Vorspiel zu einer melan- 
cholischen Depression bildet, daran kann kein Zweifel bestehen. -^ 
Die Ps3'^choanalyse solcher Patienten, die mehrere depressive 
Zeiten durchgemacht haben, lehrt uns, daß jede neue Erkrankung 
an ein derartiges Erleben anknüpft. Es bedarf kaum der 
Betonung, daß es sich nicht etwa bloß um Erlebnisse im Sinne 
der landläufigen „unglücklichen Liebe" handelt, sondern daß 
der Anlaß zum „Objektverlust" keineswegs so klar zutage zu 
liegen braucht. Erst eingehende Analyse enthüllt uns die 
Zusammenhänge zwischen Erlebnis und Erkrankung. Regel- 
mäßig erfahren wir dann, daß der Anlaß zur aktuellen 
Erkrankung nur darum eine pathogene Wirkung entfalten 
konnte, weil er vom Unbewußten des Patienten als eine 



46 Dr. Karl Abraham 



Wiederholung seines ursprünglichen traumatischen Erlebens 
in der Kindheit aufgefaßt und verwertet werden konnte. Die 
zwanghafte Tendenz zur Wiederholung des einmal Erlebten 
ist mir bei keiner anderen Neurosenform so stark erschienen 
wie bei der manisch-depressiven Erkrankung. Die Neigung zu 
häufigen Rückfällen der manischen oder depressiven Zustände 
legt einen deutlichen Beweis für die Macht des Wiederholungs- 
zwanges gerade bei unseren Kranken ab. 

Es kann nicht die Absicht dieser Untersuchung sein, auf 
Grund einer sehr beschränkten Zahl von Psychoanalysen 
Allgemeines und Endgültiges über die Psychogenese der zirku- 
lären Krankheitsformen festzustellen. Dennoch scheint das mir 
vorliegende Material gewisse Formulierungen zu gestatten, 
deren vorläufigen Charakter und UnvoUständigkeit ich mir 
nicht verhehle. Ich glaube mich berechtigt, eine Reilie von 
Faktoren herauszuheben, wobei ich betonen muß, daß erst ihr 
Zusammenwirken die spezifischen Erscheinungen der nielan- 
chohschen Depression hervorruft. Jeder für sich allein genommen, 
kann an der Entstehung einer beliebigen anderen Form der 
Psychoneurose mitwirken. Es kommen in Betracht: 

I.) Ein konstitutioneller Faktor. Gestützt auf 
klinisch-psychiatrische und besonders auf psychoanalytische 
Erfahrungen verstehe ich hierunter nicht eine direkte erbliche 
Übernahme der Neigung zu manisch-depressiver Erkrankung 
von der vorhergehenden Generation. Denn eine solche trifft 
nur für eine Minderheit von Krankheitsfällen zu. Unter den 
von mir analysierten Patienten mit melancholischen und 
manischen Zuständen im Sinne der strengen klinischen 
Diagnostik war kein einziger, in dessen Familie sich eine 
gleichartige psychische Störung ausgeprägter Art hätte nach- 
weisen lassen; Neurosen anderer Art dagegen waren reichlich 
vertreten. Ich neige .vielmehr zu der Annahme, daß eine 
konstitutionelle Verstärkung der Munderotik 
vorliegt; ähnlich wie in gewissen Familien die Analerotik 
primär überbetont zu sein scheint. Eine solche Anlage ermöglicht 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido , 47 



2.) die besondere Fixierung der Libido auf der 
oralen Entwicklungsstufe. Personen mit der an- 
genommenen konstitutionellen Verstärkung der Munderotik 
sind äußerst anspruchsvoll in Bezug auf die Befriedigung der 
bevorzugten erogenen Zone und reagieren auf jede Versagung 
in dieser Hinsicht mit großer Unlust. Ihre übergroße Sauge- 
lust erhält sich in mancherlei Formen auch späterhin. Das 
Essen, besonders die Kiefertätigkeit, ist abnorm lustbetont. 
Einer meiner Patienten schilderte spontan, welche Lust ihm das 
weite Aufsperren des Mundes bereite. Andre schildern die 
Kontraktion der Kiefermuskeln als speziell lustvoUen Vorgang. 
Die gleichen Patienten sind anspruchsvoll, ja unersättlich in 
Bezug auf den Austausch oraler Liebesbeweise. Einer meiner 
Patienten war als kleiner Knabe so stürmisch in dieser Hin- 
sicht, daß seine Mutter ihm nach längerer Duldung dieser 
Zärtlichkeiten ein Verbot gab, mit der ungeschickten Begründung, 
sie möge dergleichen nicht. Kurz darauf ertappte das wach- 
same Auge des Knaben sie beim Austausch von gleichen 
Zärtlichkeiten mit dem Vater. Dieses Erlebnis wirkte mit 
anderen Beobachtungen zusammen, um in dem Knaben ein 
ungeheures Maß von nachtragender Feindseligkeit zu erzeugen. 
Ein anderer Patient äußerte, beim Denken an seine Kindheit 
empfinde er immer einen faden Geschmack, wie von einer 
Schleimsuppe, die ihm damals sehr unsympathisch gewesen 
gei. In der Psychoanalyse ließ sich diese Geschmacksempfindung 
als ein Ausdruck seiner Eifersucht auf den nach ihm geborenen 
Bruder erkennen, den er an der Mutterbrust trinken sah, während 
er selbst zu jener Zeit Suppen und Brei genießen mußte. Diese 
ihm selbst verloren gegangene intime Beziehung zur Mutter 
war es, um die er den Bruder im tiefsten Grunde beneidete. 
In seinen Depressionszuständen trat eine in ihrer Stärke und 
Eigenart schwer beschreibliche Sehnsucht nach der Mutterbrust 
hervor. Verharrt die Libido im reifen Alter in solcher Fixierung, 
so ist damit eine der wichtigsten Vorbedingungen für die Ent- 
stehung melancholischer Depression gegeben. 



X' 



48 Dr. Karl Abraham 



3.) Schwere Verletzung des kindlichen Narzißmus 
durch zusammentreffende Liebesenttäuschungen. 
Wir sind gewohnt, aus der Kindheitsgeschichte Neurotischer 
über Vorgänge zu erfahren, durch welche das Individuum in 
seinem Liebesbegehren enttäuscht wurde. Derartige Erlebnisse 
sind aber für sich allein nicht geeignet, den Grund zu einer 
melancholischen Erkrankung zu legen. In mehreren meiner 
Psychoanalysen Melancholischer fand sich mit auffallender 
Übereinstimmung die gleiche Konstellation in dieser Beziehung. 
Der Patient, der sich zuvor als Liebling seiner Mutter gefühlt 
hatte und ihrer Liebe sicher gewesen war, erhtt durch sie 
eine Enttäuschung, von deren erschütternder Wirkung er sich 
nur schwer erholen konnte. Fernere Erfahrungen gleicher Art 
ließen ihm den Verlust als unwiederbringlich erscheinen, zumal 
sich auch keine geeignete weibliche Person fand, auf welche 
die Libido übergehen konnte. Des weiteren aber scheiterte 
auch der Versuch einer Wendung zum Vater entweder sogleich 
oder später. In dem Kinde entstand so der Eindruck des 
völligen Ver lassen s eins; an ihn knüpften sich 
die frühesten depressiven Anwandlungen, Eine 
später mitzuteilende Traumanalyse wird darüber volle Sicherheit 
bringen. Mit dieser Enttäuschung von zwei Seiten 
sind die immer wiederholten Versuche des Melancholikers, von 
einer Person des anderen Geschlechtes Liebe zu erlangen, aufs 
engste verknüpft. 

4.) Eintritt der ersten großen Liebesenttäuschung 
vor gelungenerBewältigung derÖdipuswünsche. 
Nach meinen übereinstimmenden Erfahrungen wirkt die 
geschilderte große Enttäuschung von selten der Mutter besonders 
schwer und nachhaltig auf den Knaben, wenn seine Libido das 
narzißtische Stadium noch nicht hinlänglich überwunden hat. 
Die Inzestwünsche sind rege geworden, die Empörung gegen 
den Vater ist in vollem Gange; aber noch hat die Verdrängung 
keine Gewalt über die Ödipusantriebe gewonnen. Wird der 
Knabe mitten in seinem ersten großen Anlauf zur Objektliebe 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 49 



von dem geschilderten seelischen Trauma überrascht, so sind 
die Wirkungen besonders ernst Und da die oral-sadistischen 
Triebregungen noch nicht ausgeschaltet sind, so kommt es zu 
einer dauernden assoziativen Verknüpfung des Ödipuskomplexes 
mit der kannibalischen Stufe der Libidoentwicklung. Hierdurch 
wird die nachherige Introjektion beider Liebesobjekte, das 
heißt in erster Linie der Mutter, sodann auch des Vaters, 
ermöglicht. 

5.) Wiederholung der primären Enttäuschung 
im späteren Leben bildet den Anlaß zum Ausbruch einer 
melancholischen Verstimmung, ^ 

Wenn nun, wie wir annehmen müssen, die Psychogenese 
der Melancholie so eng mit Enttäuschungen verknüpft ist, die 
der Patient in seinem Liebesleben in frühester Zeit oder später 
erlitten hat, so werden wir bei ihm mit Recht die stärksten 
feindseligen Regungen gegen alle Jene erwarten, die sein 
narzißtisches Liebesbegehren in so unheilvoller Weise gekränkt 
haben. Da aber allen späteren Enttäuschungen nur der Wert 
von Wiederholungen der ursprünglichen zukommt, so wird 
die gesamte Wut ob dieser Enttäuschungen im tiefsten Grunde 
einer Person gelten; derjenigen nämlich, die einmal dem 
Kinde die liebste war, dann aber aufhörte, in seinem Leben 
diese Rolle zu spielen. Seitdem uns Freud gezeigt hat, daß 
die auf das Ich des Melancholikers bezüglichen Vorwürfe im 
wesentlichen dem aufgegebenen Liebesobjekt gelten, werden 
wir darauf gefaßt sein, in der Selbstkritik des Melancholikers, 
besonders aber auch in seinen Wahnbiidungen, die Anklagen 
gegen dieses Objekt wiederzufinden. 

An dieser Stelle ist eines besonderen psychologischen Tat- 
bestandes zu gedenken, welcher dem Anschein nach die 
Melancholie in einen Gegensatz zu anderen Neurosen stellt. 
Die ambivalente Gefühlseinstellung der von mir analysierten 
männlichen Patienten wandte sich nämlich mit ihren feindselig- 
kannibalischen Regungen vorwiegend gegen die Mutter, 
wälirend doch in anderen neurotischen Zuständen vorzugsweise 



■aifc>MSji arTitiagTX.i;'?j^^AU.?*^ - ^)ih-.J.S^ 



50 Dr. Karl Abraham 



der Vater das Objekt feindlicher Tendenzen ist. Durch die 
bereits genauer charakterisierte Enttäuschung ist aber das zu 
jener Zeit noch stark ambivalente Gefühlsleben des Kindes so 
nachhaltig zuungunsten der Mutter beeinflußt worden, daß 
gegenüber dieser Feindschaft selbst die dem Vater geltende, 
aus Haß und Eifersucht entstandene Ablehnung verblaßt. Ich 
konnte bisher in jeder Psychoanalyse männlicher Melancholischer 
nachweisen, daß der K a s t r a t i o n s k o m p 1 e x ganz über- 
wiegend an die Mutter geheftet war, während sonst seine 
Beziehung zum Vater weit stärker betont zu sein pflegt. Aber 
diese Verbindung erwies sich als durchaus sekundärer Natur, 
auf einer Tendenz zur Umkehrung des Ödipuskomplexes 
beruhend. Die Feindschaft des Melancholischen gegen seine 
Mutter erweist sich bei gründlicher Analyse als dem Ödipus- 
komplex entnommen. Die Ambivalenz seiner Gefühle gilt in 
gleicher Weise beiden Eltern. Auch die Person des Vaters ist 
in den Prozeß der Introjektion einbezogen; in manchen 
Symptomen, wie z. B. in gewissen Selbstvorwürfen, ist die 
ursprüngliche Doppelbeziehung der Anklagen zu beiden Eltern 
erkennbar. Die früher getroffene Feststellung, daß der gesamte 
psychologische Vorgang in der Melancholie sich vorwiegend 
um die Mutter bewegt, wird hierdurch nicht geändert, sondern 
es wird nur die mehrfache Determinierung des Prozesses stärker 
hervorgehoben. 

Faßt man in der Psychoanalyse die Selbstkritik und die 
Selbstvorwürfe, besonders auch die wahnhaften Selbstanklagen 
unserer Patienten schärfer ins Auge, so kann man zwei Formen 
unterscheiden, in welchen der Introjektionsvorgang seinen 
Ausdruck findet 

I.) Der Patient hat sich das ursprüngliche Liebesobjekt, an 
welchem er sein I c h i d e a 1 gebildet hatte, introjiziert. Es über- 
nahm damit die Rolle des Gewissens in ihm, freilich eines 
pathologisch gestalteten. In vielen Einzelerscheinungen läßt sich 
nun erweisen, daß die krankhafte Selbstkritik 
gleichsam von der introji zierten Person aus- 



g^ _J,^,^I^^IB,,jgjgj^ 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 51 

geübt wir d.' Ein Patient pflegte sich selbst in unendlicher 
Wiederholung „abzukanzeln", wobei er sich in Tonfall und 
Ausdruck genau an die Vorwürfe hielt, die er in der Kind- 
heit von der Mutter oftmals gehört hatte. 

2.) Der Inhalt der Selbstvorwürfe stellt im Grunde eine 
schonungslose Kritik des intrajizierten Objektes 
dar. Ein Patient pflegte über sich selbst mit den Worten zu 
urteilen: „Meine ganze Existenz ist auf Betrug aufgebaut" Der 
Vorwurf erwies sich als determiniert durch gewisse Tatsachen 
im Verhältnis der Mutter zum Vater. 

Wie diese Äußerungsformen der Introjektion ineinandergreifen, mag 
.noch an einem Beispiel dargestellt werden. Der nämliche Patient erklärte 
sich selbst alc völlig untüchtig, für das praktische Leben unbrauchbar. Es 
wrar dies — nach dem Ergebnis der Analyse — eine übertreibende Kritik 
des stillen, wenig aktiven Wesens seines Vaters. Die Mutter galt ihm, im 
Gegensatz zum Vater, als Vorbild praktischer Tüchtigkeit. Er selbst fühlte 
sich dem Vater ähnlich. So bedeutet also jene Selbstkritik ein abfälliges 
Urteil der introjizierten Mutter über den introjizierten Vater. Ein lehrreiches 
Beispiel für den zweiseitigen Introjektionsvorgang! 

Unter dem nämlichen Gesichtspunkt wird eine von dem Patienten 
produzierte wahnhafte Selbstanklage verständlich. Als er während der 
letzten Depressionszeit in einer Anstalt untergebracht war, begann er 
eines Tages zu behaupten, er habe Läuse in die Anstalt eingeschleppt. 
Unter großer Aufregung, die ständig anwuchs, klagte er über die entsetzliche 
Verantwortung; das ganze Haus sei durch ihn verlaust worden. Er 
bemühte sich, dem Arzt Läuse zu demonstrieren; er erblickte solche in 
Jedem Stäubchen oder Fäserchen. In der Analyse dieser Wahnidee erwies 
sich die symbolische Bedeutung der Läuse als besonders wichtig. Kleine 
Tiere stellen in der Symbolik des Traumes und aller sonstigen Phantasie- 
gebilde kleine Kinder dar. Das Haus voller Läuse ist demnach das Haus 
(elterliche Haus des Patienten) voller Kinder. An die Geburt einer Reihe 
von jüngeren Geschwistern hatte sich in der Kindheit des Patienten der 
Entgang an mütterlicher Liebe angeschlossen. „Die böse Mutter, die sich 
anfänglich so liebevoll zu mir stellte, hat das ganze Haus voller Kinder 
gesetzt," — das ist eine der Determinierungen der introjizierten Anklage. 
Ziehen wir aber weiter in Betracht, daß das Haus zugleich ein Symbol 
der Mutter ist, dann wird der Vorwurf gegen den Vater wegen der Kinder- 



i) Kurz nach der Niederschrift dieses Teiles meiner Arbeit erschien 
„Das Ich und das Es" von Freud. In dieser Schrift findet sich eine so 
lichtvolle Darstellung des Vorganges, daß ich nur auf sie verweisen mag. 
Durch eine zusammenfassende Wiedergabe würde sie nur verlieren. 



4* 



52 Dr. Karl Abraham 



Zeugung erkennbar. So erscheinen auch in diesem Beispiel Anklagen 
gegen beide Eltern zu einer Selbstanklage verdichtet. 

Hier muß bemerkt werden, daß nicht alle dem Liebesobjekt 

geltenden Vorwürfe in introjizierter Form zum Ausdruck 

kommen. Vielmehr gibt es neben dieser für die Melancholie 

spezifischen Form noch andere Darstellungsmittel, die auch 

während des Intervalls Anwendung finden. 

Ein Patient war vor dem Ausbruch der ersten schweren Depression 
von einem zwanghaften Interesse für Prostituierte ergriffen; er brachte 
allnächtlich Stunden damit zu, die Mädchen auf den Straßen zu beobachten, 
ohne jemals in nähere Beziehungen zu ihnen zu treten. Nach dem Ergebnis 
der Analyse lag hier eine zwanghafte Wiederholung bestimmter Beob- 
achtungen vor, die er als Kind gemacht hatte. Die Dirne bedeutete eine 
herabsetzende Darstellung der Mutter, die dem Vater durch Bhcke und 
Gebärden ihre sexuellen Wünsche zu erkennen gab. Die Gleichsetzung 
mit der Dirne ist also eine Rache des enttäuschten Sohnes; der Vorwurf 
lautet: „Du bist nur das sinnliche Weib, aber nicht die liebevolle Mutter!* 
— Die nächtlichen Gänge in den Straßen bedeuteten andererseits ein 
Sich-Gleichsetzen des Patienten mit der Dirne (Mutter); hier begegnen 
wir wiederum dem Vorgang der Introjektion. 

In den Phantasien eines anderen Patienten wurde die Mutter als lieblos 
und grausam dargestellt. Die Verknüpfung des Kastrationskomplexes mit 
dem Weibe, das heißt mit der Mutter, war in diesem Fall besonders 
auffällig. So stellte der Analysand zum Beispiel in seinen Phantasien die 
Vagina als Rachen eines Krokodils dar — ein unzweideutiges Symbol der 
Kastration durch Beißen. 

Will man die ganze Feindseligkeit des Melancholischen gegen 

seine Mutter, will man die Eigenart seines Kastrationskomplexes 
verstehen, so muß man sich an Star ck es Ausführungen über 
die Entziehung der Brust als „Urkastration" erinnern. Die 
Rachsucht des Melancholischen verlangt, wie die Analyse vieler 
Symptome dartut, eine Kastration der Mutter, sei es an der 
Brust oder an dem ihr angedichteten Penis. Stets wählt seine 
Phantasie zu diesem Zweck den Weg des B e i ß e n s. Ent- 
sprechende Vorstellungen wurden bereits früher angeführt. 
Hier sei nur nochmals auf ihren ambivalenten Charakter 
verwiesen. Sie begreifen in sich die gänzliche oder teil- 
weise Einverleibung der Mutter, also einen Akt positiven 
Begehrens, und zugleich ihre Kastration oder Tötung, also 
Vernichtung. 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 53 

Wir haben bis hierher den Prozeß der Introjektion verfolgt 
und eine Anzahl seiner Folgeerscheinungen studiert. Wir dürfen 
zusammenfassend sagen, daß sich bei unseren Patienten an 
eine unerträgliche Enttäuschung durch das Liebesobjekt die 
Tendenz anschließt, es wie Körperinhalt auszustoßen und zu 
vernichten. Dann folgt die Introjektion, das Wiederfressen des 
Objektes, als spezifische Form der narzißtischen Identifizierung 
in der Melancholie. Die sadistische Rachsucht tobt sich nun 
in einer zum Teil lustvollen Selbstquälerei aus. Wir haben 
Grund anzunehmen, daß diese letztere so lange dauert, bis 
durch die Wirkung der Zeit und die allmähliche Sättigung des 
sadistischen Bedürfnisses die Gefahr der Vernichtung 
für das Liebesobjekt vorüber ist. Jetzt darf das Liebesobjekt 
sozusagen sein Versteck im Ich wieder verlassen; der Patient 
darf es in die Außenwelt zurückversetzen. 

Von nicht geringem psychologischen Interesse erscheint mir 
nun der Nachweis, daß auch diese Befreiung vom Objekt im 
Unbewußten als ein Entleerungsvorgang bewertet wird. 
Einer meiner Patienten hatte zu der Zeit, als das Nachlassen 
der Depression evident wurde, einen Traum, in welchem er unter 
lebhaftem Gefühl der Befreiung einen in seinem Anus steckenden 
Pfropfen ausstieß.' Dieser Ausstoßungsvorgang 
schließt den Prozeß der archaischen Trauer ab, 
^Is welchen wir die melancholische Erkrankung betrachten 
müssen. Man darf mit Recht sagen, daß im Laufe einer 
Melancholie das Liebesobjekt gleichsam den' psychosexuellen 
Stoffwechsel des Kranken passiere. 



i) Auf die Überdeterminierung des Symbols (im passiv-homosexuellen 
Siime) kann nur nebenbei verwiesen werden. 



V 

Das infantile Vorbild der melancholischen 

Depression 

Wenn die vorstehenden Untersuchungen den Nachweis 
erbracht haben, daß die melanchohsche Depression in ihren 
tiefsten Gründen auf verstimmende Eindrücke der Kindheit 
zurückgeht, so muß uns die ursprüngliche gemütliche Reaktion 
des Kindes auf jene Traumen besonders interessieren. Wir nehmen 
mit gutem Recht an, es müsse eine Verstimmung von traurigem 
Charakter gewesen sein, aber es fehlt ims bisher sozusagen die 
lebendige Anschauung dieses seelischen Zustandes im Kindes- 
alter. Besondere Umstände, von denen nunmehr die Rede sein 
soll, haben mir in einem Fall meiner Beobachtung erlaubt, 
einleuchtende Ergebnisse zu gewinnen. 

Mein Patient befand sich nach voraufgegangener Depression seit längerer 
Zeit im freien Intervall und hatte eine Neigung zu einem jungen Mädchen 
gefaßt, als gewisse Vorkommnisse in ihm die — sachlich unberechtigte — 
Befürchtung erweckten, er sei von einem neuen Liebesverlust bedroht. Zu 
dieser Zeit träumte er während mehrerer Nächte von einem Zahnausfall, 
einem für uns durchsichtigen symbolischen Vorgang, der zugleich die 
Angst vor der Kastration und vor dem Objektverlust (körperliche Aus- 
stoßung!) darstellte. In einer Nacht hatte er nun nach dem Zahntraum noch 
einen weiteren Traum folgenden Inhaltes: 

„Ich war irgendwie mit der Frau des Herrn Z. zusammen. Im Laufe 
des Traumes war ich irgendwie in einen Bücherdiebstahl verwickelt. Der 
Traum war lang. Besser als der hihalt ist mir die quälende Stimmung des 
Traumes erinnerlich." 

Herr Z., ein Bekannter des Patienten, ist periodischer Trinker. Seine 
Frau leidet sehr unter ihm, wovon mein Patient am Tage vor deni Traume 
wieder erfahren hatte. Dies ist der Anknüpfungspunkt des Traumes an das 
Tagesleben. Der Bücherdiebstahl ist ein Symbol des Raubes der Mutter, 



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Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido SS 



die dem sie quälenden Vater abgenommen wird, zugleich aber auch ein 
Symbol der Kastration des letzteren. Also ein einfacher Ödipustraum, 
der inhaltlich nur dadurch von einigem Interesse ist, weil der Diebstahl 
das aktive Gegenstück zum Verlust des Zahnes im anderen Traum der 
gleichen Nacht darstellt. Die Bedeutung des Traumes für die Analyse des 
Patienten lag nicht so sehr in seinem Inhalt an Ereignissen wie in der 
schon erw^ähnten Stimmung. Der Patient erklärte nämlich, nach dem 
Erwachen den Einfall gehabt zu haben, daß ihm diese Stimmung bekannt 
sei. Er kenne sie aus einem bestimmten Traume, den er im Alter von 
etwa fünf Jahren wiederholt geträumt habe. 

Bisher sei ihm während der langen Dauer der Psychoanalyse nie eine 
Erinnerung an diesen Traum gekommen. Jetzt aber sei er ihm ganz deutlich 
und falle ihm wiederum durch die entsetzlich quälende Stimmung auf. 
Der Traum wurde wie folgt erzählt: 

Ich stehe vor dem Hause meiner Eltern in meinem Geburtsort. Da 
komnit ein Zug von Lastwagen die Straße herauf, welche ganz still und 
menschenleer ist. Jeder der Wagen ist zweispännig. Neben den Pferden 
geht ein Fuhrmann, der mit der Peitsche schlägt. Der Wagen hat hohe 
Wände so daß sein Inhalt nicht zu sehen ist; er hat etwas Geheimnisvolles 
an sich. Unter dem Boden des Wagens aber hängt ein gefesselter Mann, 
der an einem Strick mitgeschleift wird. Er hat den Strick um den Hals 
und kann nur in großen Abständen mit Mühe ein wenig Atem holen. Der 
Anblick des Menschen, der nicht leben und nicht sterben kann, ergreift 
mich sehr. Mit Schrecken sehe ich dann, daß diesem ersten Wagen 
zwei weitere folgen, die dasselbe entsetzliche Schauspiel noch einmal 
darbieten.' 

Die Analyse dieses Traumes ging unter außerordenthchen "Widerständen 
vor sich und nahm während mehrerer Wochen unsere gesamte Zeit in 
Anspruch. Der Patient stand während dieses Teiles der analytischen Arbeit 
unter dem Eindruck der „quälenden Stimmung" des Traumes, welchen er 
einmal sehr bezeichnend eine „Höllenszene" nannte. 

Die Traumanalyse führte zunächst zur Erkennung des Fuhrmanns als 
Vertreter des Vaters, den der Patient immer als abweisend und hart 
geschildert hatte; das Schlagen der Pferde weist in dieser oberflächlichen 
Schicht auf die vielen erlittenen Züchtigungen hin. Im Traum möchte der 
Patient nach seiner eigenen Angabe Einspruch erheben, sowohl gegen das 
Schlagen der Pferde als gegen die schreckliche Behandlung des Gefesselten, 
fühlt sich aber zu sehr eingeschüchtert. Seine Anteilnahme verrät die 
Identifizierung der eigenen Person mit dem Unglücklichen. Es wird klar, 
daß der Träumer selbst mindestens in drei Gestalten dargestellt ist: als 
Zuschauer, als Pferd und als der Gefesselte. 

Hier brach die Deutung zunächst ab, weil in der folgenden Analysen- 
stunde ein neuer Traum die Aufmerksamkeit auf sich zog; er handelte von 
dem bereits erwähnten jungen Mädchen, das wir .E," nennen wollen. 
Er lautet: 



... j...,iiL,i[ijiiiiinffH 



56 Dr. Karl Abraham 



„Ich sehe einen Teil von E/s Körper nackt, und zwar nur den Leib; 
Brüste und Genitalgegend sind verdeckt. Der Leib bildet eine glatte Fläche, 
ohne Nabel. Da, wo der Nabel sein müßte, wächst auf einmal etwas hervor 
wie ein männliches Organ. Ich berühre es und frage E., ob es empfindlich, 
sei. Es schwillt nun etwas an. Darauf erwache ich mit Schrecken." 

Der Traum, dessen Analyse verschiedentlich unterbrochen und wieder 
aufgenommen wurde, stattet den weiblichen Körper wie den eines Mannes 
- aus; der Träumer erschrickt vor dem Anschwellen des weiblichen Penis. 
Als weitere Determinierung aber ergibt sich das Interesse an der Brust 
(der Leib mit dem anschwellenden Auswuchs [), so daß hier eine weibliche 
Person in ihrer körperlichen Gesamtheit als Brust dargestellt wird. Der 
Traum wird noch verständlicher, wenn man berücksichtigt, daß E. dem 
Patienten das Ideal der Mütterlichkeit bedeutet. So wird auch in diesem 
Falle die tiefe Sehnsucht des Melancholikers nachdem glücklichen Zustand 
an der Mutterbrust erkennbar. Andere Determinierungen des Traumes 
werden hier beiseite gelassen. 

Zu dem aus der Kindheit stammenden Traum zurückkehrend, vergleicht 
der Patient den Eindruck der Szene mit dem versteinernden Anblick des 
Medusenhauptes.i Die Schreckwirkung finden wir sowohl in diesem alten 
als auch in dem soeben kursorisch gedeuteten Traum. 

Über eine Serie von Kindheitseindrücken — darunter der Anblick eines 
Erhängten — führen die Assoziationen zu den schon früher analysierten 
Beobachtungen der Kindheit, die sich auf das Eheleben der Eltern bezogen. 
Es wird klar, daß der mit der Peitsche schlagende Fuhrmann den Vater 
im Verkehr mit der Mutter darstelU („Schlagen" in typischer Symbol- 
bedeutung), sodann aber stellt sich der Gehängte als ein Mensch heraus, 
der im Koitus in der Lage des Succubus erdrückt wird. (Atembeklemmung!) 
Die Umkehrung der beobachteten Situation (der Mann unten !j wird deutlich. 

In den folgenden Tagen war die Stimmung vielfach deprimiert und 
erinnerte an diejenige in dem alten Traum. Ohne von diesem vorher 
gesprochen zu haben, tat der Patient eines Tages die Äußerung, er komme 
sich vor, „wie ein fünfjähriger Knabe, der sich irgendwo verirrt hat," so 
als müsse er Schutz suchen und finde doch keinen. Gleich darauf nannte 
er die Depression „infernalisch", so wie er jenen alten Traum bereits als 
HöUenszene bezeichnet hatte. Die Wahl des Ausdruckes deutete 
aber nicht nur auf die Furchtbarkeit seines Leidens hin, sondern auf eine 
besondere Tatsache beim Ausbruch der letzten groöen Depression. Diese 
begann nämlich im unmittelbaren Anschluß an die Lektüre eines Buches, 
der „Hölle" von Barbusse, von dem hier nur erwähnt zu werden braucht, 
daß es die Beobachtung intimer Szenen enthält; diese spielen 
sich in einem Zimmer ab und werden vom Nachbarzim'mer aus 
gesehen. Damit war ein Hinweis auf die Situation gewonnen, an welche 
sich in der Kindheit des Patienten die großen Affektstürme angeschlossen 

i) Man vergleiche hierzu Freuds Analyse dieses Sagenstoffes, 



»Hn 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 57 



hatten. Wie sehr der Patient in jenen Tagen unter dem sich wiederholenden 
Eindruck des kindlichen Schreckens stand, mag ein kleines Vorkommnis 
beweisen. Er hörte seine Eltern ein paar Worte leise zueinander sagen. 
Er erschrak (und machte „automatisch" den Versuch, eine aufkommende 
Erinnerung ,an etwas Schreckliches" wegzudrängen. Das gleiche heftige 
Sträuben bemerkte er sodann bei jedem Gedanken an den Gebundenen 
im Traum. In den folgenden Tagen brachte die Analyse eine Anzahl jener 
verdrängten Beobachtungen ans Licht. Der Affekt milderte sich, besonders 
' nahm das Grauen vor dem Gefesselten ab. Und damit tauchte greifbar 
deutlich ein Gesamtbild der kritischen Kindheitsepoche auf. „Ich habe 
schon als Kind immer um etwas getrauert. Ich war immer ernst, nie 
unbefangen. Auf meinen Kinderbildern erscheine ich schon nachdenklich 
tmd traurig.* 

Unter Übergehung vieler Einzelheiten der Traumanalyse erwähne ich 
nur noch die folgenden : Zu dem „Gehängten" zurückkehrend, äußerte der 
Patient ein^ Tages: „Sein Kopf war in der Nähe des Nabels befestigt;" 
er wollte damit die Mitte des Wagens bezeichnen! Eine Reihe von 
Assoziationen ließ es nun evident werden, daß das Unbewußte des Patienten 
eine kindliche Sexualtheorie barg, nach welcher der vermutete Penis des 
Weibes im Nabel versteckt war. Nun konnte die Analyse auf den Traum 
vom weiblichen Leib ohne Nabel, aus dem dann ein Penis wuchs, 
zurückgreifen. Im Traum aber ließ sich als hauptsächlicher Antrieb 
der Wunsch erweisen: „Die Mutter soll dem Vater zurückgeben, was er 
ihr (durch den Koitus) und mir (durch die Prügel) getan hat. Sie soll sich 
auf ihn werfen, wie sonst er auf sie und soll ihren versteckten Penis dazu 
benützen, um den unter ihr Liegenden zu strangulieren. 

In den folgenden Tagen geschah es einmal, daß der Patient einen 
Verwandten sah, der für ihn aus bestimmten Gründen eine dem Vater 
ähnliche Bedeutung hatte. Plötzlich ertappte er sich bei der Phantasie, er 
könne diesen Mann in irgendeinen dunklen Hauseingang drängen und 
dort mit den Händen erwürgen — eine für uns durchsichtige Darstellung 
der Ödipustat und zugleich eine Anspielung auf die „Erstickung* im Koitus, 
in diesem Zusammenhang sei noch erwähnt, daß der Patient in der 
vergangenen Depression ernstliche Vorbereitungen getroffen hatte, um sich 
mit einem Strick zu erhängen. 

Soweit ein Ausschnitt aus der Analyse eines Traumes, der 
die Möglichkeit gab, die Stimmung des Patienten in dem frühen 
Alter von fünf Jahren in anschaulicher Weise zu rekonstruieren. 
Ich möchte von einer Urverstimmung sprechen, die dem 
Ödipuskomplex des Knaben entstammt. Die Sehnsucht des 
Kindes, die Mutter zur Bundesgenossin im Kampf gegen den 
Vater zu gewinnen, wird in eindrucksvoller Weise offenbar. 
Die Enttäuschung über die Zurückweisung der eigenen Zart- 



§8 Dr. Karl Abraham 



Hchkeit summiert sich zu den aufregendsten Eindrücken des 
elterlichen Schlafzimmers. Furchtbare Rachepläne gären in 
dem Knaben und sind doch durch die .Ambivalenz seiner 
Gefühle zur praktischen Aussichtslosigkeit verurteilt. Weder zu 
einer ganzen Liebe noch zu einem ungebrochenen Haß befähigt, 
verfällt das Kind einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit. In den 
folgenden Jahren macht das Kind immer erneute Versuche zu 
erfolgreicher Objektliebe. Jeder Mißerfolg auf diesem Wege 
zieht einen seelischen Zustand nach sich, der eine getreue 
Wiederholung der Urverstimmung darstellt. Es ist der Zustand, 
den wir als Melancholie bezeichnen. 

Ein Beispiel mag noch beleuchten, wie der Melancholische auch in den 
freien Zwischenzeiten stets gewärtig ist, von neuem enttäuscht, verraten 
oder verlassen zu werden. Ein Patient, der sich längere Zeit nach Ablauf 
einer Depression verheiratet hatte, erwartete — ohne jeden tatsächlichen 
Anlaß — die künftige Untreue seiner Frau als etwas Selbstverständliches. 
Als einmal von einem im gleichen Hause w^ohnenden Mann die Rede war, 
der um einige Jahre jünger w^ar als er selbst, w^ar seine erste Assoziation: 
Mit ihm wird mich meine Frau betrügen I Die Analyse erwies, daß die 
Mutter dem Patienten die Treue gebrochen hatte, indem sie den um einige 
Jahre jüngeren Bruder „bevorzugte", d. h. ihn an der Brust ernährte. 
Dieser Bruder nahm im Ödipuskomplex des Patienten die Stelle des 
Vaters ein. Die Einzelerscheinungen der verschiedenen depressiven Perioden 
des Patienten wiederholten getreulich alles, was an Haß, Wut und Resignation, 
an Gefühlen des Verlassenseins und der Hoffnungslosigkeit bereits der 
infantilen Urverstimmung ihr Gepräge gegeben hatte. 




VI 
Die Manie 

In der vorliegenden Untersuchung ist die manische Phase 
der zyklisch verlaufenden Erkrankungen bisher zurückgetreten 
gegenüber der melancholischen. Dies erklärt sich zu einem 
Teil aus dem mir zur Verfügung stehenden Material an 
Beobachtungen. Dazu kommt die Tatsache, daß die Melancholie 
auf psychoanalytischem Wege verständlich gemacht werden kann, 
ohne daß wir den psychischen Prozeß der Manie näher kennen. 
Die letztere dagegen dürfte uns ihre Geheimnisse nicht preis- 
geben, wenn wir nicht bereits im Besitze eines Schlüssels sind, 
den uns die Analyse der Depression geliefert hat. So erklärt 
sich auch wohl die Tatsache, daß in den Forschungen Freuds 
die depressiven Zustände vor den manischen eine recht weit- 
gehende Aufklärung gefunden haben. Ich muß im Voraus bekennen, 
daß ich in diesem Kapitel die von Freud gewonnenen Ein- 
sichten nur in einigen wenigen Beziehungen weiterführen oder 
vervollständigen kann. 

Der klinischen Psychiatrie hat sich immer der Vergleich der 
Manie mit einem Rauschzustand aufgedrängt, der alle vorher 
bestehenden Hemmungen beseitigt. In einer seiner neuesten 
Veröffenthchungen („Massenpsychologie") hat Freud dem' 
manischen Prozeß eine Erklärung gegeben, die zumindest sein 
Verhältnis zur melancholischen Depression verständlicher macht. 
Ein wesentlicher Unterschied beider Zustände liegt in dem 
abweichenden Verhältnis zum I c h i d e a 1. 

Das Ichideal wird nach Freud' s Darstellung gebildet, indem 
die Objekte der kindlichen Libido dem Ich des Kindes introjiziert 



6ö Dr. Karl Abraham 



werden. Sie bilden nun einen Bestandteil des Ich. Das Ichideal 
übernimmt jene das Verhalten des Ich kritisierenden Funktionen, 
die das Individuum zum sozialen Wesen machen; unter ihnen 
ist für den uns beschäftigenden Zusammenhang- besonders das 
Gewissen hervorzuheben. Das Ichideal gibt somit dem Ich 
alle Anweisungen für sein Tun und Lassen, die es einstmals 
von den erziehenden Personen empfing. 

Diese kritisierende Tätigkeit des Ichideals sehen wir in der 
Melancholie zu grausamer Härte gesteigert. In der Manie hin- 
gegen finden wir nichts von solch unerbittlicher Kritik am Ich. 
Im Gegenteil nehmen Selbstgefälligkeit und Kraftgefühl den 
Platz ein, an welchem wir vorher Minderwertigkeitsgefühle und 
Kleinheitswahn fanden. Einer meiner Patienten, der sich im 
Depressionszustand jede intellektuelle Fähigkeit, ja das einfachste 
praktische Können abgesprochen hatte, wurde im Beginn einer 
reaktiven Hypomanie alsbald zum Erfinder. Der Manische 
schüttelt somit die Herrschaft des Ichideals ab. Dieses letztere 
steht dem Ich nicht mehr kritisierend gegenüber, sondern es 
hat sich im Ich aufgelöst. Damit ist der Gegensatz zwischen 
Ich und Ichideal aufgehoben. In diesem Sinne hat Freud die 
manische Stimmung als einen Triumph über das einstmals 
geliebte, dann aufgegebene und introjizierte Liebesobjekt auf- 
gefaßt. Der „Schatten des Objektes", der auf das Ich gefallen 
war, ist wieder von ihm gewichen. Befreit atmet das Indivi- 
duum auf und gibt sich einem förmlichen Freiheitsrausch hin. 
Wir erinnern uns hier unserer früheren Ermittlung, daß der 
zirkuläre Kranke zum eigenen Ich in hohem Grade ambivalent 
eingestellt ist. Wir können Freud's Feststellung dahin ergänzen, 
daß die Einziehung des Ichideals dein Narzißmus gestattet, in 
eine positive, lustvolle Phase einzutreten. 

Wird das Ich nun nicht mehr vom einverleibten Objekt 
aufgezehrt, so wendet sich die Libido mit einer auffälligen Gier 
der Objektwelt zu. Vorbildlich für die mannigfachen Erschei- 
nungen dieser Urastimmung ist das gesteigerte orale 
Begehren, das ein Patient bei sich selbst mit „Freßsucht" 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido Öi 



bezeichnete. Es beschränkt sich nicht auf die Nahrungsauf- 
nahme; „verschlungen" wird alles, was dem Patienten in den 
Weg kommt. Die erotische Begehrhchkeit des Manischen ist 
bekannt. Aber mit gleicher Gier nimmt er neue Eindrücke in 
sich auf, denen er sich in der Melancholie verschlossen hatte. 
Fühlte sich der Patient in der depressiven Phase von der Objekt- 
weit wie ein Enterbter ausgeschlossen, so verkündet der Manische 
gleichsam, er könne alle Objekte in sich -aufnehmen. Dem 
lust vollen Aufnehmen neuer Eindrücke entspricht 
bezeichnenderweise aber auch ein ebenso rasches und lust- 
betontes Wiederausstoßen des kaum Aufgenommenen. 
Wer die Assoziationen eines Manischen beobachtet, erkennt 
die stürmisch verlaufende Aufnahme neuer Eindrücke und ihre 
Wiederausstoßung im ideenflüchtigen Rededrang. 
War in der Melancholie das eine introjizierte Objekt eine, 
einverleibte Speise, die endlich wieder ausgestoßen wurde, 
so sind nunmehr alle Objekte dazu bestimmt, in eiligem Tempo 
durch den „psychosexuellen Stoffwechsel" des Kranken hindurch 
zu gehen. Die Identifizierung der ausgesprochenen Gedanken 
mit Kot ist in den Assoziationen der Patienten unschwer 
festzustellen. 

Während Freud nun die psychologische Verwandtschaft 
der Melancholie mit der normalen Trauer hervorgehoben und 
IjeTündet hat, vermißt er im normalen Seelenleben einen 
Vorgang, der dem Umschlag der Melancholie in Manie ent- 
spricht. Ich glaube mich nun berechtigt, auf ein solches Analogen 
im normalen Seelenleben hinzuweisen. Es handelt sich um eine 
Erscheinung, die man in Fällen normaler Trauer beobachten 
kann, und deren allgemeine Gültigkeit ich vermute, ohne sie 
vorläufig erweisen zu können. Man beobachtet nämHch, daß der 
Trauernde, der mit Hilfe der „Trauerarbeit" aUmähhch seine 
Libido von dem Verstorbenen ablöst, zugleich mit dem 
Gehngen dieser Ablösung ein gesteigertes sexuelles 
Begehren spürt. Dieses kommt auch in sublimierter Form 
zum Ausdruck durch erhöhte Unternehmungslust, Erweiterung 



des geistigen Interessenkreises usw. Die Steigerung des libi- 
dinösen Begehrens kann, je nacli dem individuellen Ablauf der 
Trauerarbeit, kürzere oder längere Zeit nach dem erlittenen 
Objektverlust einsetzen. 

Auf dem Psychoanalytischen Kongreß (1922), dem ich unter 
anderem auch diese Auffassung vorlegte, machte Röheim 
seine inzwischen im Druck erschienenen Mitteilungen über 
primitive Trauerriten, ^ die keinen Zweifel darüber lassen, daß 
ethnologisch der Trauer ein Ausbruch der Libido folgt. Röheim 
hat in überzeugender Weise nachgewiesen, daß die Beendi- 
gung der Trauer in einem abermaligen symbolischen Töten 
(und Fressen) des Verstorbenen besteht,^ das aber nunmehr 
unter unverkennbarer und unverhohlener Lust erfolgt. Die 
Wiederholung der Ödipus-Untat beendet die Trauer der Primir 
tiven. 

Die der pathologischen Trauer — Melancholie — nachfolgende 
Manie enthält nun die nämliche Tendenz zu nochmaligem Ein- 
verleiben und Wiederausstoßen des Liebesobjektes, ganz wie 
Röheim sie in den primitiven Trauerriten nachwies. Die im 
Vorstehenden geschilderte Steigerung der libidinösen Strebungen 
am Schluß der normalen Trauer erscheint somit als eine blasse 
Wiederholung der archaischen Trauerbräuche. 

Bei einem meiner Patienten riefen in vorgeschrittenem Studium der 
Psychoanalyse gewisse Erlebnisse eine Verstimmung hervor, die bedeutend 
leichter als die früheren Depressionszustände verlief und in wesentlichen 
Zügen den Zwangszuständen angenähert^ war. Diesem Zustand folgte 
eine ganz leichte manische Schwankung. Als sie nach wenigen Tagen 
abgeklungen war, berichtete der Patient, er habe während dieser kurzen 
Periode das Bedürfnis nach einem Exzeß gespürt. „Ich hatte den Gedanken, 
ich müsse viel Fleisch essen, ja — mich einmal in Fleisch ganz satt und 
dumm essen!" Er habe sich das wie einen Rausch oder eine Orgie 
vorgestellt. 

Hier wird es ganz deutlich, daß die Manie im tiefsten Grunde eine Orgie 
von kannibalischen Charakter darstellt. Die Äußerung des Patienten ist ein 



i) „Nach dem Tode des Urvaters.'' Image 1923. 

2) Bezüglich solcher Umwandlungen entliält das folgende Kapitel einige 
weitere Angaben, 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 63 



schlagender Beweis zugunsten der Auffassung F r e u d ' s, nach welcher 
die Manie ein vom Ich gefeiertes Fest der Befreinung darstellt. Und dieses 
Fest wird in der Phantasie durch ein Schwelgen im Fleischgenuß begangen, 
dessen kannibaUsche Bedeutung nach den vorausgegangenen Erörterungen 
wohl kaum einem Zweifel unterliegen kann. 

Wie die Melancholie, so bedarf auch die reaktive, manische 
Verstimmung eines gewissen Zeitraumes, um sich auszutoben. 
Ganz allmählich sinken die narzißtischen Ansprüche des Ich, 
werden größere Libidoquantitäten zur Übertragung auf die 
Objektwelt freigegeben. Es kommt so nach Abklingen beider 
Phasen zu einer relativen Annäherung der Libido an die 
Objekte; daß sie unvollkommen bleibt, wurde im Kapitel über 
das Verharren der Libido auf der anal-sadistischen Stufe bereits 
eingehend nachgewiesen. 

Eine Frage, die schon mit Bezug auf die Melancholie erörtert 
wurde, muß auch hier noch einmal gestreift werden. Freud 
hat in einleuchtendem Vergleich die Manie als ein Fest dar- 
gestellt, welches vom Ich gefeiert wird. Er hat dieses Fest mit 
der Totem-Mahlzeit der Primitiven, d. h. also mit dem „Urver- 
brechen" der Menschheit in Verbindung gebracht, das in der 
Tötung und Verspeisung des Urvaters besteht. Ich muß nun 
darauf hinweisen, daß die kriminellen Phantasien in der Manie 
vorwiegend der Mutter gelten. In frappanter Weise kam das 
bei einem Patienten zum Ausdruck, der sich in der manischen 
Erregung mit dem Kaiser Nero wahnhaft identifizierte. Er gab 
später als Begründung an, daß Nero seine eigene Mutter getötet, 
übrigens auch den Plan gefaßt habe, die Stadt Rom — als, 
Symbol der Mutter — zu verbrennen. Es sei daher auch hier 
wieder bemerkt, daß diese der Mutter zugewandten Regungen 
des Sohnes sekundärer Natur sind; sie gelten primär dem Vater, 
wie sich in der betreffenden Analyse auch klar erweisen Ueß. 

Die der Melancholie folgende reaktive Exaltation wird uns 
somit zu einem Teil verständlich als ein lustvolles Sich-Hinweg- 
setzen über die vorher bestehende qualvolle Beziehung zum 
introjizierten Liebesobjekt. Wir wissen aber, daß eine Manie 
auch auftreten kann, ohne daß eine MelanchoUe vorausgegangen 



64 ' Dr. Karl Abraham 



ist. Wir vermögen auch diesem Hergang ein gewisses Ver- 
ständnis abzugewinnen, wenn wir uns nur der Ergebnisse des 
vorigen Kapitels erinnern. Es wurde nachgewiesen, daß sich 
an bestimmte seelische Traumen der frühen Kindheit ein Zustand 
anschließt, den wir als die „Urverstimmung" bezeichneten. Die 
„reine" Manie, welche sich oftmals periodisch wiederholt, scheint 
mir nun ein Abschütteln der Urverstimmung darzustellen, dem 
keine Melancholie im klinischen Sinne vorausging. Da ich über 
keine einschlägige Psychoanalyse verfüge, so vermag ich über 
diesen Vorgang selbst nichts näheres auszusagen. 

Diese Abhandlung ging vom Vergleich der Melancholie mit 
der Zwangsneurose aus. Zu unserem Ausgangspunkt noch ein- 
mal zurückkehrend, sind wir nunmehr in der Lage, den Unter- 
schied in der Verlaufsweise der beiden Krankheitszustände 
zu. erklären. Der akut einsetzende, intermittierende und rezi- 
divierende Verlauf der manisch-depressiven Zustände entspricht 
einer Ausstoßung des Liebesobjektes, die in gewissen Zeit- 
abständen wiederholt wird. Der mehr chronische und 
remittierende Verlauf der Zwangszustände entspricht der Über- 
wiegenden Tendenz zum Festhalten des Objektes. 

Im Sinne der Ausführungen von Freud und Röheim können 
wir sagen: Wir finden in den beiden Krankheitsformen eine 
verschiedenartige psychische Einstellung zur unterlassenen Be- 
gehung des Urverbrechens. In der Melancholie und Manie wird 
es von Zeit zu Zeit auf psychischem Gebiet zur Ausführung 
gebracht, ganz wie es bei den Totem-Festen der Primitiven 
in Form eines Zeremoniells geschieht In der Zwangsneurose 
beobachten wir ein ständiges Ankämpfen gegen die Begehung 
der Odipus-Untat. Die Angst des Zwangsneurotikers zeugt von 
seinen Impulsen zu ihrer Ausführung, zugleich aber auch von 
der stets wieder überwiegenden Hemmung dieser Imjyulse, 

Weder die Probleme der Melancholie noch diejenigen der j 

Manie haben im -Vorstehenden eine erschöpfende Lösung l 

erfahren. Die bisherige psychoanalytische Empirie gestattet uns [ 

eine solche noch nicht. Es sei aber daran erinnert, daß diese 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 65 

Abhandlung nicht in erster Linie der psychologischen Auf- 
klärung dieser beiden seelischen Störungen gewidmet ist. Sie 
versucht vielmehr, bestimmte, bei manisch-depressiven Kranken 
erhobene Befunde für die Sexualtheorie nutzbar zu machen. 
Dieses Kapitel möge also mit dem nochmaligen Zugeständnis 
schließen, daß das Problem der Neurosenwahl für die zirku- 
lären Zustände noch seiner endgiltigen Lösung harrt. 



MJ^tl^-lj-fl.- 



VII 

Die psychoanalytisclie Therapie der 
manisch-melancholischen Zustände 

Die Aufgabe einer idealen Therapie der Melancholie ist 
nach den vorausgegangenen Erörterungen leicht zu umschreiben. 
Sie bestände darin, die regressiven Antriebe der Libido auf- 
zuheben und an ihrer Statt eine Progression der Libido zur 
vollen Objekthebe und zur genitalen Organisation zu bewerk- 
stelligen. Ist diese Aufgabe in irgendeinem Umfange mit 
Hilfe der Psychoanalyse lösbar? Diese Frage zu beant- 
worten, soll hier versucht werden, lediglich unter Berufung 
auf die bereits vorliegenden Erfahrungen. Denn ein voreiliger 
therapeutischer Optimismus auf psychoanalytischer Seite wäre 
hier ebenso unangebracht wie der herkömmliche Nihilismus 
der klinischen Psychiatrie. . 

Schon 191 1 habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß die 
zum Erfolg der Therapie notwendige Übertragung beim 
Melancholiker wenigstens in gewissen Stadien, vornehmlich 
aber im freien Intervall, in einem Umfang herzustellen sei, der 
den Versuch der Therapie gestatte. Ich habe auch die letzten 
Psychoanalysen Melancholischer, einem Rate Freuds folgend^ 
begonnen, als sie sich im Übergangsstadium von der Depression 
zum freien Intervall befanden. Es ist also eine glatte Selbst- 
verständlichkeit, daß ich das weitere Abklingen der melan- 
cholischen Symptome nicht etwa der eingeleiteten Therapie 
zuschreiben werde. Dieser Vorgang, der sich in jedem Fall 
spontan abspielt, aber dem Patienten niemals die Erreichung 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido ^ 

voller Objektliebe — dieses Kriterium wirklicher psychischer 
Gesundheit — zum Geschenk macht, erscheint mir überhaupt 
nicht das Ziel psychoanalytischer Therapie zu sein. Ihre Auf- 
gabe habe ich bereits skizziert. Sie müßte dem Patienten in 
erster Linie eine Herstellung über das Ergebnis der einfachen 
Symptomheilung hinaus gewähren, zugleich aber ihm einen 
Schutz gegen erneute Erkrankung bieten. Die Erreichung des 
ersteren Zieles mtlßte sich durch vielerlei Veränderungen 
im gesamten Seelenleben des Patienten kundtun, wie sie zuvor 
im freien Intervall spontan nicht eintraten. In dieser Beziehung 
wäre also die Wirkung der Therapie objektiv festzustellen. 
Dagegen bedürfte man eines langen Zeitraumes und ständiger 
sorgfältiger Beobachtung, um aussagen zu können, ob die 
Verhütung neuer Erkrankung geglückt sei. 

Die neuerdings von mir ausgeführten Psychoanalysen 
Melancholischer sind noch nicht zum vollen Abschluß gelangt, 
so daß also eine Voraussage über, die Dauerwirkung der 
Therapie gänzlich entfällt. Ich kann also nur eine Aufzählung 
derjenigen Wirkungen geben, die mit unanfechtbarem Recht 
der Behandlung zuzuschreiben sind. Ich nenne in dieser 
Hinsicht: 

I.) Die Fähigkeit des Patienten zur „Übertragung" nimmt 
nianchmal sichtbar zu im Anschluß an ein bestimmtes Stück 
der Analyse. Bei dem Patienten, dessen Kindheitstraum ich im 
fünften Kapitel besprach, änderte sich unter dem Einfluß dieses 
Teiles seiner Analyse das gesamte Verhalten zum Arzt. Wir 4 

wissen aber, daß die geglückte Übertragung auf den Arzt eine 
Vorbedingung wichtiger Veränderungen ist. 

2.) Das narzißtisch-ablehnende Verhalten zu bestimmten 
Personen oder zur gesamten Umgebung und die heftige Reiz- 
barkeit dieser gegenüber treten in einer Weise zurück, die früher 
im Intervall nie erreicht wurde. 

3.) In einem Falle wurde die Einstellung zum weiblichen 
Geschlecht weitgehend geändert. Das obsedierende Interesse 
für Dirnen schwand. Die Libido konnte aUmählich in einer 



^8 Dr. Karl Abraham 



durchaus normalen Weise einer bestimmten Person zugewandt 
werden. Nach einer Menge mißglückter Versuche der erste 
Erfolg dieser Art im Leben des Patienten! 

4.) Der gleiche Patient hatte früher auch im Intervall die 
eigene Minderwertigkeit in selbstquälerischer Weise betont. 
Als die Analyse des Introjektionsvorganges zu einem großen 
Teil geglückt war, überraschte der Patient mich mit dem 
Zugeständnis einer großen Erleichterung; wie er sich aus- 
drückte, hatte er aufgehört, sich für ein „ Monstrum ** zu halten. 
Diese vor etwa dreiviertel Jahren eingetretene Veränderung ist 
seither bestehen geblieben. 

5.) Das wichtigste Kriterium scheinen mir die 
passageren Neubildungen von Symptomen darzu- 
stellen. Wie früher erwähnt, haben die Patienten im freien 
Intervall öfter leichte Verstimmungen, die aber alle wesent- 
lichen Kennzeichen der Melancholie, bezw. Manie aufweisen. 
Die zwei seit mehr als eineinhalb Jahren von mir behandelten 
Patienten waren nun wiederholt starken, von außen kommenden 
Gemütserschütterungen ausgesetzt, wie solche früher und auch 
in der ersten Zeit der Behandlung, stets ausgeprägte melan- 
cholische Folgeerscheinungen gezeitigt hatten. Mit einer Regel- 
mäßigkeit, die den Zufall aussehließt, beobachte ich seither, 
daß die gelegentlichen Neubildungen yon Symptomen aus 
solchem Anlaß einen veränderten Charakter tragen. Wieder- 
holt konnte ich beobachten, wie in dem Patienten etwas zur 
Erneuerung der melancholischen Depression drängte, wie 
zum Beispiel angesichts einer lebenswichtigen, praktischen Ent- 
scheidung die Neigung zur erneuten Flucht in die Krankheit 
hervortrat. Aber die Voraussetzung einer Melancholie, das Auf- 
geben des Objektes, trat nicht ein. Es kam zwar zur Neubildung 
eines Symptoms, aber es trug den Charakter des psychischen 
Zwanges, der Phobie oder der hysterischen Konversion. Ich 
konnte mich nicht dem Eindruck entziehen, daß der Patient 
keine echte Depression mehr zustande brachte. 
Die Hebung einer Psychoneurose vom melancholischen auf das 



hysterische Niveau erscheint mir als ein bemerkenswerter und 
bedeutungsvoller Vorgang. Die Tatsache, daß die Objektliebe 
des Patienten sich äußeren Einflüssen gegenüber resistenter 
zeigt als früher, ist zweifellos von erheblicher praktischer Trag- 
weite. In einem nächsten Aufsatz über die Entwicklung der 
Objektliebe werde ich bei dieser Frage länger verweilen und 
sie mit Beispielen belegen. 

Ich habe im vorstehenden vielerlei günstige Einzelwirkungen 
der Therapie nicht erwähnt, weil sie keine prinzipielle 
Bedeutung zu haben schienen. Dagegen will ich noch darauf 
hinweisen, daß ich mit besonders schwierigen, wiederholt 
rezidivierten Fällen zu arbeiten hatte. Mit aller Bestimmtheit 
gewann ich den Eindruck, daß sich' bei jüngeren Patienten, die 
sich noch nicht so häufig durch Erkrankung dem Leben ent- 
zogen haben, ein rascherer und greifbarer Erfolg sehr wohl 
wird erzielen lassen. Den obigen Bericht über den Verlauf der 
bisher behandelten Fälle werde ich später ergänzen. 

Da ich selbst keine genügenden Erfahrungen über die Dauer- 
wirkung der Therapie der Melancholie besitze, so ist es mir 
um so wertvoller, ein Urteil von berufener Seite anführen zu 
können. Nach privater Mitteilung von Prof. Freud verfügt er 
über zwei Fälle von dauernder Heilung; der eine ist seit mehr 
als zehn Jahren rückfallsfrei geblieben. 

Ich darf die Frage der Therapie nicht verlassen, ohne des 
subjektiven Wertes zu gedenken, den die psychoanalytische 
Behandlung gerade für depressive Patienten hat. Der Erfolg 
seelischer Entspannung ist oft eklatant und wird von den 
Patienten spontan hervorgehoben. Es darf nicht vergessen 
werden, daß gerade diese Kranken stets als die Unzugäng- 
lichsten, Unbeeinflußbarsten galten. 

Ich meine daher, daß man bei aller berechtigten Zurück- 
haltung in der Bewertung psychotherapeutischer Resultate doch 
nicht befugt sei, der Psychoanalyse eine Wirkung auf den 
Zustand des zirkulären Kranken abzusprechen. Ich glaube auch, 
daß eine Gefahr der Überschätzung unserer Erfolge kaum 



7© Dr. Karl Abraham 



gegeben ist. Denn die Psychoanalyse, die uns die Widerstände 
des Patienten in ihrer ganzen Stärke vor Augen führt und 
uivs zu viehnonatiger, mühevoller Arbeit im Einzelfalle nötigt, 
birgt in sich selbst den sichersten Schutz gegen einen zu weit 
gehenden therapeutischen Optimismus. 



# 



Zmeiter Teil 



Anfänge und Entwicklung 
der Objektliebe 



-"I I jia 



In der vorausgegangenen Abhandlung habe ich versucht, 
neben der Psychologie gewisser seelischer Krankheitszustände 
auch dieSexualtheorie ein Stück weiter zu fördern. Doch 
beschränkte ich mich in dieser Beziehung darauf, die Lehre 
von den prägenitalen Organisationsstufen der Libido 
auszubauen. Dieser Teil der Sexualtheorie umfaßt die Wand- 
lungen, welche während der psychosexuellen Entwicklung 
des Menschen hinsichtlich des Sexual ziel es vor sich gehen. 
Von ihnen aber sondern wir seit Freuds grundlegenden 
Untersuchungen'' diejenigen Vorgänge, welche das Verhältnis 
zum Sexualobjekt betreffen. Unsere bisherigen Annahmen 
über die Ontogenese der Objekdiebe werden den Tatsachen 
nicht in genügendem Umfang gerecht Besonders die Psycho- 
analyse der Krankheitszustände, welche wir mit Freud als 
narzißtische Neurosen' zusammenfassen, stellt uns einer Anzahl 
von psychosexuellen Erscheinungen gegenüber, welchen wir 
unsere Theorie anpassen müssen. Dieser Aufgabe ist der nach- 
folgende Versuch gewidmet. , 

Wenn das Verhältnis des Individuums zum 
Liebesobjekt einer gesonderten entwicklungsgeschichtlichen 
Betrachtung unterworfen werden soll, so bedeutet das keines- 
wegs eine Vernachlässigung der vielfachen und engen psycho- 
logischen Zusammenhänge mit dem Gegenstand der früheren 
Untersuchung. Im Gegenteil werden diese im folgenden klarer 
und übersichtlicher hervortreten als bisher. Und wie in dem 
früheren Aufsatz wichtige Phänomene der Objektrelationen, wie 
zum Beispiel die Ambivalenz im menschlichen Triebleben,. 

i) „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie", I. Axiflage, 1905, 



74 Dr. Karl Abraham 



bereits in weitem Umfang berücksichtigt worden sind, so kann 
auch jetzt eine Lostrennung einzelner Fragen nicht in Betracht 
kommen. Ja, eine gedrängte Zusammenfassung der Lehre von 
den Organisationsphasen der Libido wird uns am leichtesten 
erkennen lassen, welcher Ergänzungen die Entwicklungs- 
geschichte der Objektliebe bedarf. 

Wir erkannten im Bereich der anal-sadistischen Phase zwei 
verschiedenartige Lusttendenzen: eine primitivere des Aus- 
stoßens (Entleerens) und Vernichtens und eine spätere *des 
Festhaltens und Beherrschens. Wir wurden so auf empirischem 
Wege zur Annahme einer Stufung innerhalb der anal-sadistischen 
Phase geführt, die wir bisher als einheitlich betrachtet hatten. 
Der Melancholiker — so mußten wir schließen — regrediert 
^ur tieferen der beiden Stufen, bleibt aber auf ihr nicht stehen; 
seine Libido strebt einer noch primitiveren, der kannibalischen 
Stufe zu, auf welcher die Einverleibung des Objektes zum Ziel 
des Triebes wird. Das aufgegebene, verlorene Liebesobjekt 
wird vom Unbewußten mit dem wichtigsten körperlichen Aus- 
stoßungsprodukt — Kot — gleichgesetzt und durch den als 
Introjektion bezeichneten Vorgang dem Ich wieder einverleibt. 
Der MelanchoHker vermag aber durch dieses Maß von Regression 
dem Ambivalenzkonflikt nicht zu entrinnen, ja der letztere 
steigert sich sogar und läßt im Kranken die Sehnsucht nach 
einer noch älteren Entwicklungsstufe mit dem Sexualziel des 
Saugens aufkommen, die wir als vorambivalent bezeichnen 
mußten. Nachdem sich somit die Sonderung zweier Stadien in 
der oralen Phase ebenfalls als notwendig erwiesen hatte, 
gelangten wir endhch zu einer Unterscheidung zweier Stufen 
auch innerhalb der späten, genitalen Phase; erst die jüngere 
dieser beiden durften wir als ambivalenzfrei (nach-ambivalent) 
ansehen. 

Die Annahme zweier Stufen innerhalb jeder der drei großen 
Phasen scheint den empirisch erkannten Veränderungen hin- 
sichtlich des Sexualzieles vorläufig in ausreichender Weise 
Rechnung zu tragen. Auch gelang es uns, gewisse Krankheits- 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 75 



zustände in bestimmterer Weise als früher in einen genetischen 
Zusammenhang mit den Stufen der Libidoorganisation zu bringen/ 
Erhebliche Lücken, welche in dieser Hinsicht noch bestehen, 
sollen aber nicht verschwiegen werden. Beispielsweise fehlt 
uns bisher eine derartige Erkenntnis noch für die paranoischen 
Krankheitszustände; auf diesen Punkt wird später zurück- 
zukommen sein. 

Weit unvollkommener sind unsere bisherigen Einblicke in 
die Entwicklung der Objektliebe. Ganz wie wir bisher drei 
Organisationsstufen der Libido unterschieden hatten, so kannten 
wir auch drei Stadien in der Entwicklung des Verhältnisses 
Zürn Objekt Wir verdanken Freud die ersten fundamentalen 
Aufklärungen auch auf diesem Gebiete. Er unterschied einen 
autoerotischen, objektlosen Zustand, der in die früheste Kind-, 
heit fällt, ein narzißtisches Stadium, in welchem das Individuum 
sich selbst zugleich Liebesobjekt ist und ein drittes Stadium 
der Objektliebe im eigentlichen Sinne des Wortes. Die nach- 
folgende Untersuchung bemüht sich zu zeigen, inwieweit wir 
in der Lage sind, diesen Teil der Sexualtheorie zu ergänzen. 

Was ich zur Ausfüllung der Lücken in unserem Wissen 
glaube beitragen zu können, entstammt einem besonderen Teil 
der psychoanalytischen Empirie, nämlich der Beschäftigung mit 
den „narzißtischen" Neurosen und mit gewissen Neurosen der 
Objektstufe, die den narzißtischen in bestimmter Hinsicht nahe 
stehen. 

Die manisch-depressiven Krankheitsfälle, auf deren Analyse 
sich der frühere Teil dieser Abhandlung gründete, vermögen 
auch zur Lösung der uns nunmehr beschäftigenden Fragen 
erhebliche Beiträge zu liefern. Es fügte sich, daß ich zugleich 
mit jenen Patienten und ebenfalls durch einen langen Zeitraum 
zwei weibliche Kranke zu behandeln hatte, über deren neuro- 
tische Zustände ich hier in kurzem Auszug berichten muß, 
Sie unterscheiden sich im äußeren Krankheitsbild wesentlich 
von den melancholischen Kranken; warum ich sie diesen an die 
Seite stelle, wird alsbald ersichtlich werden. 



76 Dr. Karl Abraham 



Die erste dieser Patientinnen, die icli als „Fräulein X." bezeichne, bot 
ein kompliziertes Krankheitsbild, aus dem ich nur die hauptsächlichsten 
Züge heraushebe. Als ersten nenne ich eine seit dem sechsten Lebens- 
jahre bestehende, ausgeprägte Pseudologia phantastica, neben dieser schwere 
kleptomanische Impulse, dem gleichen Lebensalter entstammend. Drittens 
litt die Patientin unter Anfällen von verzweifelter Stimmung, die durch 
kleinste Anlässe ausgelöst werden konnten und in vielstündigem^ 
unbeherrschbarem Weinen ihren Ausdruck fanden. Ich erwähne sogleich 
die zwei hauptsächlichsten Determinationen dieses zwanghaften Weinens. 
Es ließ sich zunächst vom Kastrationskomplex herleiten und bezog sich 
auf den „Verlust" der Männlichkeit mit allen seinen Folgen, wie z. B. Neid 
auf den bevorzugten Jüngeren Bruder usw. Die geringste tatsächliche oder 
vermeintliche Zurücksetzung löste den stundenlangen Tränenstrom aus, 
ebenso aber eine Frage des Lehrers in der Schule und ähnliche Anlässe, 
die alle als Anzweiflung ihres Könnens, als Erinnerung an ihre weibliche 
Wunde wirkten. Während der Menstruation, die in typischer Weise den 
Kastrationskomplex zu erregen pflegte, erfuhr das Weinen^ kaum eine 
Unterbrechung. Die andere Determinierung des Weinens hing mit dem 
Verhältnis der Patientin zu ihrem Vater zusammen. Sie beweinte den 
Verlust des Vaters, aber nicht den realen, durch seinen Tod eingetretenen 
sondern den Verlust des Vaters im psychologischen Sinne, an den sich 
die frühesten Symptombildungen ihrer Neurose angeschlossen hatten. In 
ihrer Kindheit hatte sich früh eine besonders starke Übertragungsliebe zum 
Vater gebildet, die — nach dem Ergebnis der Psychoanalyse — in der 
ersten Hälfte des sechsten Lebensjahres in Ihrer Entwicklung jäh unter- 
brochen wurde. Die Patientin teilte damals, in der Rekonvaleszenz nach 
einer Krankheit, das Schlafzimmer der Eltern und hatte Gelegenheit zu 
Beobachtungen, die sich außer auf den ehelichen Verkehr der Eltern auch 
auf den Körper des Vaters erstreckten. Ihre Schaulust steigerte sich 
auflerordentlich, bis sie einer intensiven Verdrängung unterlag. Neben 
anderen, dem Psychoanalytiker bekannten Wirkungen der damaligen ■ 
Erlebnisse muß ich hier eine individuelle Folgeerscheinung hervorheben. 
Die Patientin klagte über den Verlust jedes persönlichen Gefühlskontaktes 
mit dem Vater, ja über eine Unfähigkeit, sich seine Person überhaupt 
gedanklich vorzustellen. Weder zärtlich-liebevolle noch sinnUche Regungen 
für den Vater kamen ihr zum Bewußtsein. Was sich nachweisen ließ, und 
zwar aus einer Fülle von neurotischen Erscheinungen, war ein ganz 
spezialisiertes, zwanghaftes Interesse für einen einzigen Körperteil des 
Vaters, für den Penis. Der Vater hatte aufgehört, für die Patientin als. 
ganzer Mensch zu existieren, nur ein einzelner Teil von ihm war übrig 
geblieben. Dieser bildete das Objekt eines Schauzw^anges der Tochter 
(Spähen nach den Umrissen der Genitalien durch die Kleidung des Vaters.) 

i) Daß die abundante Tränenproduktion dem unbewußten Wunsch 
entsprach, in männlicher Weise zu urinieren, sei nebenher erwähnt. 



Versuch einer Eutwieklungsgeschichte der Libido 77 

Außerdem aber identifizierte sie sich unbewußt bald mit dem Vater, bald*- 
mit seinem Genitale, welches ja für sie der eigentliche Repräsentant des 
Vaters geworden war. Ihre kleptomanen Antriebe entsprangen zum erheb- 
hchen Teil der aktiven, gegen den Vater gerichteten Kastrationstendenz. 
Dem Vater den geneideten Besitz rauben^ um diesen dann selbst zu haben 
oder sieh mit diesem zu identifizieren, war das unbewußte Ziel ihrer 
Diebstähle, deren Zusammenhang mit der Person des Vaters aus mancherlei 
Anzeichen zu entnehmen w^ar. Beispielsweise hatte sie einmal aus dem 
Schlafzimmer des Vaters ein Klystierrohr entwendet, das sie — als Surrogat 
des väterlichen Gliedes — zu analerotischen Praktiken benützte. Andere 
Formen der „Kastration" bestanden im Entwenden von Geld („Vermögen") 
aus der Börse des Vaters, im Stehlen von Federhaltern, Bleistiften und 
ähnUchen Symbolen der Männlichkeit, wie es uns auch aus anderen Fällen 
von Kleptomanie geläufig ist. 

Der Kastrationskomplex der Patientin erwies sich aber auch als eine 
wesentliche Quelle ihrer Pseudologie. Bedeutete die Kleptomanie; „Ich 
nehme mir mit List oder Gewalt, was mir vorenthalten (oder genommen) 
ist", so ließ eine hauptsächliche Determinierung des Lügens sich in der 
Formel ausdrücken: „Ich besitze den ersehnten Körperteil, ich bin dem 
Vater gleich." Von besonderem Interesse ist die Angabe der Patientin, 
daß sie beim Erzählen phantastischer Lügen einer starken sexuellen Erregung 
unterlag, zugleich aber einer Sensation, als wüchse an ihrem Unterleib 
etwas Schwellendes hervor. Diese Sensation verband sich mit einem Gefühl 
von körperlicher, vordringender Gewalt, ebenso wie ihr das Lügen selbst 
ein Gefühl der psychischen Macht, der geistigen Überlegenheit gab. 

Dem hier nur in groben Umrissen geschilderten Verhältnis der Patientin 
zum Vater war dasjenige zu den anderen Personen ihrer Umgebung 
ähnlich. Ein eigentlicher seelischer Kontakt fehlte durchaus. Das Lügen 
bedeutete für die Patientin durch viele Jahre die einzige Form geistiger 
Beziehung zur Außenwelt. 

Dieser Zustand entsprach also keinesfalls einer regelrechten, 
vollkommenen Objektliebe; wie erwähnt, war er ja auf dem 
Wege der Regression aus einer solchen hervorgegangen. Den- 
noch bestand eine gewisse Relation zu den Objekten, die 
überdies mit größter Zähigkeit festgehalten wurde. Die weitere 
Psychoanalyse der Kleptomanie in diesem und in einigen anderen 
Fällen gab aber Aufschluß über den Charakter dieser eigen- 
tümlichen, unvollkommenen Art der Objektliebe. Träume und 
Tagträumereien der Patientin enthielten in vielfacher Wieder- 
holung die Vorstellung der Kastration auf dem Wege des 
Beißens. Das Ziel der Phantasie war nicht die Einverleibung 
des Liebesobjektes in seiner Gesamtheit, sondern das 



78 Dr. Karl Abraham 



Abbeißen und Verschlingen eines Teiles, mit 

welchem die Patientin sich dann identifizierte. Dieser Vorgang- 

der partiellen Einverleibung scheint auch in anderen Fällen 

von Kleptomanie vor2uliegen. 

Eine andere Patientin, die ich als Fräulein Y. bezeichne, litt an einer 
schweren Neurose, deren aufdringlichstes Symptom ein schweres 
hysterisches Erbrechen bildete. Daneben bot sie ausgeprägte klepto- 
manische Neigungen. Die Determinierung von der Seite des Kastrations- 
komplexes war auch hier evident. Die Stehlneigung hatte sich aufgebaut 
auf eine unbezähmbare kindliche Neigung, mit den Händen alles auszu- 
rupfen, besonders Blumen und Haare. Dieser Antrieb aber war bereits die 
Umbildung des Dranges, alles „Hervorstehende" mit den Zähnen abzu- 
beißen. Vielfach tauchten bei der Patientin auch im erwachsenen Alter 
noch Phantasien dieses Inhalts auf. Sobald sie einen Mann kennen lernte 
stellte sich zwangsmäßig die Vorstellung ein, ihm den Penis abzubeißen,. 
Ihr neurotisches Erbrechen stand mit diesen oral-sadistischen Antrieben 
im engsten Zusammenhang. Im Phantasieleben dieser zweiten Patientin 
hatte ebenfalls der Vater als Mensch alle Bedeutung verloren. Das libidinöse 
Interesse war auf den Penis allein konzentriert. Als der Vater gestorben war, 
vermochte auch sie keine Trauer zu empfinden. Dagegen trat mit größter 
Lebhaftigkeit die Phantasie auf, den Toten durch Beißen des Penis zu 
berauben und diesen dann zu behalten. Vielfach phantasierte sie in Tag- 
träumereien vom Koitus mit einem Penis „ohne einen Mann daran". 

Die beiden Patientinnen glichen sich des v^eiteren darin,, 
daß auch die Mutter in ihren Vorstellungen durch einen 
einzelnen Körperteil repräsentiert wurde, nämlich durch die 
Brust, welche unverkennbar mit dem vom Kinde angenommenen 
Penis des Weibes identifiziert wurde, oder auch durch das 
Gesäß, das wiederum die Brust ersetzte. Die Beziehung zur 
Munderotik (Beißlust) war überdeuthch und ließe sich durch 
viele Beispiele • belegen. Ein einzelnes möge genügen. Die 
Patientin X. träumte einmal: „Ich fresse an einem Stück Fleisch^ 
indem ich mit den Zähnen daran zerre und es scWießHch auch 
verschlucke. Auf einmal merke ich, daß das Stück Fleisch, an 
dem ich fresse, das Rückenteil einer Pelzjacke ist, die der 
Frau N. gehört." 

Die Bezeichnung „Rückenteil" wird leicht verständlich als 
Folge einer Verlegung von vorn nach hinten. Im gleichen Sinne 
spricht die sehr häufige symbolische Verwendung des Pelzes 



als Anspielung auf das weibliche Genitale. Frau N. trägt tat- 
sächlich einen Tiernamen, und zwar den Namen derjenigen 
Tierart, welche in vielen Träumen der Patientin in der Bedeutung 
der Mutter erschienen war. 

Die „Verlegung nach hinten«" findet sich aber in den Vor- 
stellungen beider Patientinnen auch sonst vertreten. Beide 
empfanden einen Ekel vor der Mutter und jede setzte in ihren 
Phantasien und in gewissen Symptomen die Mutter mit dem 
Inbegriff des Ekels gleich, nämlich mit Kot. So wurde also in 
ihren Phantasmen die Mutter durch einen losgelösten Körper- 
teil (Penis, Kot) repräsentiert. 

In beiden Fällen trat eine dem Grad nach erhebliche 
Regression der Libido zum Narzißmus zutage. Doch lag keines- 
falls eine totale Regression vor; nur war die Objektliebe^ 
bevor durch die Psychoanalyse eine Wandlung erfolgte, in einem 
bestimmten Sinne unvollkommen zur Entwicklung 
gelangt oder durch Regression zu einem Stadium unvoll- 
kommener Entwicklung zurückgekehrt. Es mußte sich wohl um 
ein Übergangsstadium zwischen Narzißmus und Objektliebe 
handeln. In gleicher Richtung wies auch eine andere Erfahrung^ 
die ich mit beiden Patientinnen machte und später an anderen 
Personen wiedererlebte. Die Libido befand sich in einer unver- 
kennbar ambivalenten Einstellung zum Objekt mit starker 
Tendenz zu seiner Schädigung. Und dennoch war diese objekt- 
zerstörende Tendenz bereits eingeschränkt. Das Sexualziel 
mußte auf dieser Stufe darin bestehen, daß das Objekt eines 
Korpertei.es beraubt, also in seiner Integrität gestört wurde^ 
ohne aber seine Existenz im ganzen einzubüßen. Man wird an. 
das Kind erinnert, das einer Fliege ein Bein ausreißt, dann 
aber das Tier entkommen läßt. Auf die ausgeprägte Beteiligung 
der Beißlust an dieser uns bisher entgangenen Form der Objekt- 
relation muß noch einmal hingewiesen werden. 

Ganz entsprechende psychologische Vorgänge habe ich nun 
bei den beiden manisch-depressiven Patienten feststellen können, 
von welchen ich im ersten Teil dieser Schrift ausführhcher 



8o Dr. Karl Abraham 



berichtet habe. Aber die einschlägigen Erscheinungen traten 
erst mit dem Abklingen der schweren Krankheitserscheinungen 
hervor. Solange die letzteren dauerten, war die kannibalische, 
objektzerstörende Tendenz der Libido in vielfacher Form nach- 
weisbar. In der Rekonvaleszenz traten bei dem einen Patienten 
sehr häufige Wunschphantasien auf, einem ihm nahestehenden 
jungen Mädchen die Nase, das Ohrläppchen, die Brust abzu- 
beißen. Andere Male spielte er mit dem Gedanken, seinem 
Vater einen Finger abzubeißen. Als er einmal glaubte, ich 
wolle seine Behandlung nicht weiter führen, war blitzartig die 
gleiche Vorstellung in Bezug auf meine Person zur Stelle. Das 
Abbeißen eines Fingers wies eine Reihe von Determinierungen 
auf, unter welchen die Kastrationsbedeutung kaum der 
Erwähnung be4arf. Von Interesse ist an dieser Stelle vor allem 
der Ausdruck der Ambivalenz in jener Phantasie. Durch das 
Abbeißen eines Körperteiles wurde der Arzt — als Ersatz des 
Vaters — verstümmelt. Aber neben dieser objektfeindlichen 
Wirkung darf uns die objektfreundliche Tendenz nicht entgehen. 
Sie äußert sich in der Erhaltung des Objektes bis auf einen 
Teil, zugleich aber in dem Begehren, diesen Teil des Objektes 
z\im unverlierbaren Eigentum zu nehmen. Wir dürfen mit 
Recht von einem Antrieb zur partiellen Einverleibung 
des Objektes reden. Der Patient, von dem ich soeben berichtete, 
gebrauchte einmal den Ausdruck, er habe Lust, jenes Mädchen 
(das er mit seiner Mutter identifizierte) „bissenweise zu fressen**. 
Wie nahe ihm in diesem Stadium der Psychoanalyse die Vor- 
stellung des „Abbeißens" lag, mag folgender Vorfall verdeut- 
lichen. Der Patient sprach einmal über einen Vorgesetzten, der 
seinem Unbewußten zugleich Vater und Mutter repräsentierte 
und dem er äußerst ambivalent gegenüberstand. Wie auch 
sonst schon oft, so ging das freie Assoziieren bei ihm auch 
dieses Mal fließend in ein Phantasieren über, das durchaus 
bildhaften Charakter trug, zuweilen aber durch eine plötzliche 
affektive Sperrung unterbrochen wurde. So geschah es auch, 
als er von dem Vorgesetzten sprach. Zur Erklärung der ein- 



nn 



Versuch einer Entwicklungsgegchichte der Libido 8i 

getretenen Stockung seiner Assoziationen fügte der Patient 
spontan hinzu: „Ich muß ihm jetzt (d. h. in der augenblicklich 
phantasierten Situation) zuerst den Bart mit den Zähnen aus- 
gerissen haben; eher komme ich nicht weiter.« Nach dem 
selbstgeschilderten Eindruck des Patienten gab es also keine 
Möglichkeit des Ausweichens vor solchen sich aufdrängenden 
Phantasien. Ihr Charakter aber ist unverkennbar derjenige 
eines partiellen Kannibalismus. 

Der Totalkannibalismus ohne jede Einschränkung ist 
nur möglich auf Grund des uneingeschränkten Narzißmus. 
Auf dieser Stufe wird nur das Lustbegehren des Subjektes 
berücksichtigt. Das Interesse des Objektes findet überhaupt 
keine Beachtung; letzteres wird ohne jedes Bedenken zerstört. ^ 
Das im Obigen geschilderte Stadium des partiellen Kannibalismus 
trägt noch die klaren Zeichen der Abkunft vom totalen 
Kannibalismus an sich, unterscheidet sich aber von ihm auch 
in einschneidender Weise. Der erste Anfang einer Rücksicht- 
nahme auf das Objekt tritt hier in die Erscheinung. Diese 
teilweise Schonung aber dürfen wir als ersten Anfang der 
Objektliebe in einem engeren Sinne betrachten, weil sie den 
Beginn einer Überwindung des Narzißmus bedeutet. Fügen wir 
sogleich hinzu, daß das Individuum auf dieser Entwicklungsstufe 
noch weit davon entfernt ist, ein anderes Individuum als 
solches neben sich anzuerkennen und es körpedich oder 
psychisch in seiner Gesamtheit zu „lieben«! Das Begehren 
richtet s.ch nodi auf die Wegnahme eines Teiles vom Objekt 
zum Zvve-cke der Einvedeibung ; das bedeutet allerdings zu 
gleicher Zeit einen Verzicht auf das rein narzißtische Ziel des 
Totalkannibalismus. 

Ist unser Blick für gewisse frühe Entwicklungsvorgänge 
durch die obige Erörterung erst einmal geschä rft, so wird es 

I) Der uns bei primitiven Völkern bekannte Kannibalismus, nach welchem 
wir em Lntwicklungsstadium der infantilen Libido benennen, kann nicS 
als uneingeschränkt bezeichnet werden. Es wird keineswegs irgendein 
beliebiger Mensch von einem Beliebigen getötet und verspeis? sonder e" 
besteht eine ganz besümmte affektiv bedingte Auswahl. 



m 



;8a Dr. Karl Abraham 



an Bestätigungen durch direkte Beobachtung an Kindern gewiß 
nicht fehlen. 

Wenn man — wie es im vorstehenden geschah ^ — eine 
Strecke weit auf unbekannten Wegen gegangen ist, so muß 
man froh sein, irgendwo wieder eine Wegspur aufzufinden, 
die frühere Wanderer hinterlassen haben. An dieser Stelle nun 
können wir eine solche Spur aufnehmen. 

Vor mehreren Jahren haben zwei Autoren, deren Zuverlässig- 
keit als Beobachter außer Zweifel steht, unabhängig von- 
einander unsere Kenntnis von der Psychologie des paranoischen 
Verfolgungswahnes erweitert. Van Ophniisen"^ undStärcke=^ 
entdeckten nämlich in ihren Psychoanalysen, daß in d^r 
Paranoia der „Verfolger" sich zurückführen läßt auf die 
unbewußte Vorstellung von einem Scybalum im Darm des 
Kranken, welches von seinem Unbewußten mit dem Penis des 
„Verfolgers", d. h. des ursprünglich geliebten Wesens gleichen 
Geschlechtes, identifiziert wird. Der Verfolger ist also in der 
Paranoia repräsentiert durch einen ihm gehörigen Körperteil, 
den der Verfolgte in sich zu tragen wähnt; er möchte sich 
von dem Fremdkörper befreien, ist aber dazu nicht imstande. 

Ich gestehe, daß ich die ganze Bedeutung dieses Fundes 
der beiden Autoren seinerzeit nicht erkannt habe. Erstand allzu 
isoliert da, ohne sich in geläufige Zusammenhänge zwanglos 
einzureihen, obwohl die Beziehungen zwischen Paranoia und 
An'alerotik bereits vonFerenczi erkannt waren. Jetzt ordnet 
•die Entdeckung der beiden holländischen Autoren sich einem 
größeren Zusammenhang ein und gewinnt damit eine erhöhte 
Bedeutung für uns; 

Wenn der Paranoiker die Hbidinöse Beziehung zu seinem 
Objekt und zu den Objekten überhaupt verloren hat, so sucht 
er diesen Voi:gang, der ihm subjektiv als „Weltuntergang" 
erscheint, nach^ Möglichkeit zu kompensieren. Er schreitet, wie 



r) Internat. Zeitschrift für Psychoanalyse, Bd. VI, 1920, p. 68 f. 
2) ibid. Bd. V, 1919, p. 258, 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 83 

wir seit Freuds Analyse des Falles Schreber annehmen, 
zu. einer Rekonstruktion des verlorenen Objektes. Wir dürfen 
über diesen Prozeß der Rekonstruktion jetzt aussagen, daß 
der Paranoiker sich einen Teil des Objektes einverleibt. Er 
erleidet dabei ein ähnliches Schicksal wie der Melancholiker, 
wenn er sich das gesamte Objekt durch Einverleibung introjiziert 
hat. Auch er entgeht damit dem Ambivalenzkonflikt nicht. Und 
so trachtet auch er, sich des aufgenommenen Teiles wieder zu 
entledigen, und das kann auf dem Niveau seiner psychosexuellen 
Entwicklungsstufe wiederum nur auf analem Wege gedacht 
werden. Für den Paranoiker wird also das Liebesobjekt 
repräsentiert durch Kot, den er nicht ausstoßen kann. Der 
introjizierte Teil des Liebesobjektes will nicht wieder von ihm 
gehen^ so wie beim Melancholiker das in toto introjizierte Objekt 
seine tyrannische Herrschaft ausübt. 

Wir kommen somit zu der Auffassung, daß der Melancholiker 
sich das aufgegebene Liebesobjekt in toto wieder einverleibe, 
während der Paranoiker sich nur einen Teil des Objektes 
introjiziere. In letzterer Hinsicht ist allerdings noch einer 
doppelten Möglichkeit zu gedenken. Die partielle Introjektion 
braucht nicht auf dem oralen Wege vor sich zu gehen, 
sondern kann auch auf dem analen vorgestellt werden. Bis 
wir zu vollkommeneren Einblicken gelangen, dürfen wir — mit 
aller gebotenen Vorsicht — die Vermutung aussprechen, die 
Libido des Paranoikers regrediere hinsichtlich ihres Sexualzieles 
zur früheren der beiden sadistisch-analen Stufen; hinsichtlich 
ihrer Einstellung zum Objekt wende sie sich rückwärts zur 
Stufe der partiellen Introjektion, wobei wir die Frage offen 
lassen, ob solche auf analem oder oralem Wege erfolgt. Ahn- 
lichen Verhältnissen begegnen wir beim Melancholiker in der 
Rekonvaleszenz. Es bleibt eine offene Frage, warum bei diesem 
eine Wahnbildung im paranoischen Sinne ausbleibt. Teils 
dürfte sich der Gegensatz aus den verschiedenartigen Wir- 
kungen totaler oder partieller, oraler oder analer Introjektion 
erklären. Klarheit wird hier erst geschaffen werden können, 

6* 



84 Dr. Karl Abraham 



wenn wir in die Beteiligung des Ich an beiden Krankheits- 
prozessen eine noch tiefere Einsicht gewonnen haben. 

Bezüglich des introjizierten Teiles erscheint noch eine 
Bemerkung notwendig. Sie bezieht sich auf die regelmäßige 
Gleichsetzung des Penis mit der weiblichen Brust. Sekundär 
übernehmen andere Körperteile die Vertretung dieser beiden 
Organe, so z. B. Finger, Fuß, Haar, Kot, Gesäß. Belege für 
diese Erfahrung wurden bereits mitgeteilt.^ 

Nehmen wir in der Entwicklung der Objektliebe eine Stufe 
an, wie wir sie als „Partialliebe" geschildert haben, so entspringt 
daraus für uns noch ein weiterer Gewinn an Erkenntnis. Wir 
beginnen nämlich eine Eigentümlichkeit der sexuellen Perver- 
sionen zu verstehen, auf welche jüngst wieder von Sachs^ 
hingewiesen wurde, nämlich die Spezialisierung des Interesses 
am Objekt auf bestimmte Körperteile, deren Auswahl uns oft 
ganz seltsam anmutet. Am auffälligsten tritt diese Erscheinung 
beim Fetischisten hervor. Diesem ist der ganze Mensch 
oftmals nur ein irrelevantes Anhängsel eines einzelnen Körper- 
tciles, der allein ihn mit unwiderstehlicher Gewalt anzieht. Als 
ich vor längeren Jahrens den ersten Versuch machte, einen 
Fall von Fuß- und Korsettfetischismus psychoanalytisch zu 
durchdringen, schlug Freud mir die Einführung des neuen 
Begriffes der Partialverdrängung vor, um den in Frage 
stehenden Phänomenen gerecht zu werden. Der so bezeichnete 
psychologische Vorgang, der einen (den größten) Teil des 
Objektes zur Bedeutungslosigkeit herabsetzt, um einem anderen 
eine gewaltige Überschätzung zuteil werden zu lassen, erscheint 
uns jetzt als Ergebnis einer Libidoregression zu dem von uns 
angenommenen Stadium der Partialliebe. Zugleich hört er auf, 



i) Eine bemerkenswerte psychologische Parallele zur „Partialliebe" ist 
die von Freud („Massenpsychologie" S. 70) kurz skizzierte „partielle 
Identifizierung" des Individuums mit seinem Liebesobjekt. 

2) „Zur Genese der Perversionen". Internationale Zeitschrift für Psycho- 
analyse 1923. 

3) Vergl. meinen Aufsatz im Jahrbuch für psychoanalytische Forschungen 
HI, 1912 (Abdruck in .Künische Beiträge zur Psychoanalyse" 1920). 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 85 



eine vereinzelt dastehende Sonderbarkeit im Bereicii einer 
Krankheitsform zu sein und fügt sich einer großen Reihe 
verwandter psychologischer Phänomene ein. Ein genaueres 
Eingehen auf die Symptome des Fetischismus liegt nicht iii 
der Absicht dieser Untersuchung. Es sei aber der Hinweis 
gegeben, daß die Körperteile des Liebesobjektes, auf welche 
die fetischistische Neigung sich zu spezialisieren pflegt, die 
gleichen sind, die uns im Bereich der „Partialliebe" begegnen. 
Die klinische Beobachtung hat uns seit langem mit einem 
Entwicklungsstadium der Objektliebe bekannt gemacht, das 
dem Objekt bereits ein höheres Maß von Schonung zuteil 
werden läßt. Im Bereich der Neurosen tritt es uns als regressives 
Phänomen in der Sexualität der Zwangskranken entgegen. Auf 
dieser Stufe ist das Individuum noch nicht fähig, ein anderes 
im vollen Sinne des Wortes zu lieben, Noch bindet sich die 
Libido des Subjektes an einen Teil des Objektes. Aber die 
Tendenz zur Einverleibung dieses Teiles ist aufgegeben; an 
ihre" Stelle trat der Wunsch des Subjektes nach Herrschaft 
und Besitz. So weit auch die Libido auf dieser Stufe vom 
definitiven Ziel der Entwicklung entfernt bleibt, so ist doch 
ein grundsätzlicher Fortschritt dadurch erzielt, daß der Besitz 
sozusagen nach außen verlegt ist Eigentum ist nicht 
mehr, was das Individuum sich durch Verschlingen einverleibt 
hat; es besteht vielmehr jetzt außerhalb seines Körpers. Damit 
ist die Existenz des Objektes anerkannt und sichergestellt, und 
ein wichtiger Akt der Anpassung an die Außenwelt seitens 
des Individuums vollzogen. Diese Änderung ist von größter 
praktischer Bedeutung im sozialen Sinne; sie ermöglicht erst 
die Gemeinsamkeit eines Besitzes zwischen verschiedenen 
Personen, während das Verschlingen ihn einer einzigen Person 
ausschließlich sicherte. 

Ein Niederschlag dieser LibidoeinsteUung zum Objekt findet 
sich in verschiedenen Sprachen, wie zum Beispiel im deutschen 
„besitzen", im lateinischen possidere. Man sitzt auf dem Eigen- 
tum, man bleibt also noch in einem engen körperlichen 



86 Dr. Karl Abraham 



Kontakt mit ihm. Bei Kindern beobachten wir dies unmittelbar. 
Wir sehen vielfach, wie ein Kind einen ihm besonders lieben 
Gegenstand am Abend mit sich ins Bett nimmt und auf ihm 
liegt. Auch bei Tieren (Hunden) kann man feststellen, daß sie 
einen Besitz zu sichern trachten, indem sie ihn mit dem 
Körper decken. Ich beobachtete dies bei meinem Hunde; 
sobald tih. Fremder sich im Hause aufhielt, holte er seinen 
Maulkorb — also einen für ihn allein bestimmten Gegenstand 
— und legte sich auf diesen.^ 

Vermutlich könnte das psychoanalytische Studium der Zwangs- 
neurose uns weitere Aufschlüsse über dieses Entwicklungs- 
stadiuni der Objektliebe bringen. Die beson<lere Ausprägung 
der aktiven und passiven Kastrationsvorstellungen bei den 
Zwangskranken sowie ihre eigentümliche Einstellung zum 
Besitz lassen uns an einen Zusammenhang mit dem Stadium 
der Partialliebe denken. 

Die Psychoanalyse hat uns zu der Erkenntnis geführt, daß 
das Unbewußte des reifen Menschen vielerlei Spuren enthält, 
die den frühen Stadien seiner Psychosexualität entstammen. 
Solchen Residuen begegnen wir beim gesunden Menschen 
namentlich in seinen Träumen. Auch die Partialliebe hinterläßt 
derartige Spuren in unserem Unbewußten. 

Ich führe als Beispiel die allbekannten Träume vom Aus- 
fallen eines Zahnes an. Jedem Psychoanalytiker ist ihre mehr- 
fache symbolische Bedeutung bekannt. Der ausfallende Zahn 
ist einerseits ein Symbol der Kastration, andererseits bedeutet 
er eine dem Träumer nahestehende Person, deren Tod das 
Wunschziel des Traumes bildet. Ein Angehöriger wird also 
einem Körperteil gleichgesetzt, der ausgestoßen werden soll. 
Die Ähnlichkeit mit der Psychologie des Verfolgungswahnes 
liegt auf der Hand. Zu beachten ist die Ambivalenz der Gefühle, 



i) Man vergleiche hierzu die Phantasien des fünfjährigen Hans in 
Freud's „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben." Qahrbuch für 
psychoanalytische Forsch. 1909, S. 26.) Hans setzt sich auf die Giraffe, 
welche die Mutter vertritt, nachdem er sie dem Vater genommen hat. 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 87- 

die sich in der Identifizierung einer Person mit einem Teil 
unseres Körpers kundgibt. Die Gleichsetzung eines anderen 
Menschen mit einem Körperteil, der unsererseits einer beson- 
deren narzißtischen Schätzung unterliegt, ist zweifellos der 
Ausdruck besonderer Liebe. Im deutschen Sprachgebrauch, 
kennen wir die Anrede „mein Herz" an eine geliebte Person. 
Von einer Mutter sagen wir, sie hüte ihr Kind „wie ihren 
Augapfel". Die Gleichsetzung mit einem Zahn, wie sie im 
Traum so häufig geschieht, sagt in anspielender Form, daß 
man einen solchen Bestandteil zwar nicht gern aufgibt, aber 
ihn doch wohl entbehren kann, da man seinesgleichen ja in 
Menge besitzt. Oft fällt dem Träumer sogar die Schmerz- 
losigkeit des Zahnausfalles oder einer Extraktion auf ; der Ver- 
lust jenes Menschen, dem die Anspielung gilt, wäre also nicht 
gar so schmerzlich! Man darf ferner nicht vergessen, daß der 
symbolischen Kastration ein unbewußter Wunsch zugrunde 
liegt, der sich auf den Verlust desjenigen Körperteils bezieht,, 
welcher im Mittelpunkt des menschlichen Narzißmus zu stehen 
pflegt. Die feindselige Bedeutung tritt in der Gleichsetzung 
einer Person mit einem Teil unseres Körpers aber am deut- 
lichsten dann zutage, wenn dieser Körperteil Kot ist. 

So hat die Partialliebe auch im Seelenleben des Gesunden 
ihre Spuren hinterlassen. Das mit ambivalenten Gefühlen 
besetzte Liebesobjekt wird durch einen einzelnen Körperteil 
repräsentiert, der dem Körper des Subjekts introjiziert ist. 

Die Patientinnen X. und Y., über welche ich oben berichtete, 
näherten sich unter der Einwirkung der Psychoanalyse mehr 
und mehr einer normalen Ausbildung der Objekdiebe. Sie 
passierten auf diesem Wege ein Stadium, das als unmittelbare 
Weiterbildung des soeben beschriebenen erscheint. 

Die Patientin X. war früher beherrscht von einer phantasti- 
schen Vorstellung, die, wie erwähnt, in ihren Träumen und 
Symptomen beständig wiederholt und variiert wurde. Es 
handelte sich um die Vorstellung von der Übernahme des 
Penis ihres Vaters; es wird erinneriich sein, daß sie sich selbst 



88 Dr. Karl Abraham 



in toto mit diesem Körperteil identifizierte. In einem bestimmten 
Stadium der Besserung, in welchem die pseudologischen und 
kleptomanischen Antriebe praktisch' überwunden waren, nahmen 
die Phantasieprodukte der Patientin einen anderen Charakter 
an. Als besoliders auffälligen Beleg erwähne ich einen Traum, 
in welchen sie den Körper ihres Vaters sah und das Fehlen 
des Schamhaares an ihm konstatierte. Letzteres war in einer 
Anzahl früherer Träume stets in Genitalbedeutung aufgetreten. 
Sie träumte also jetzt vom Vater als ganzem Menschen, aber 
mit Ausschluß eines einzigen Teiles seines Körpers. Der Gegen- 
satz zu gewissen früher erwähnten Äußerungen ihrer Neurose 
ist bemerkenswert. Zur Zeit, als sie zwanghaft die Genital- 
gegend des Vaters ins Auge fassen mußte, war das Liebes- 
interesse von dem ganzen übrigen Menschen abgewandt. Jetzt 
war verdrängt, was früher im Bewußtsein eine Zwangsherrschaft 
ausgeübt hatte. 

. Träume der gleichen Art sind mir auch bei anderen Personen 
begegnet. Eine Patientin, die sich in stark ambivalenter Ein- 
stellung zu mir befand, produzierte als Ausdruck der Über- 
tragung einen Traum, in welchem sie mich ohne Genitalien 
darstellte. Die feindselige Tendenz (Kastration) ist hier leicht 
genug erkennbar. Eine andere Determinierung des Traumes 
lag aber in der Gleichsetzung meiner Person mit dem Vater, 
den sie zwar lieben, aber nicht im genitalen Sinne begehren 
durfte. Der Arzt, als Ersatzperson des Vaters, durfte nur unter 
Genitalausschluß geliebt werden; die Traumzensur hinderte in 
diesem Sinne die Überschreitung der Inzestschranke. 

Die erotische Bejahung des Objektes mit Ausschluß des 
Genitales erscheint als eine für die Hysterie typische Äußerung 
des Inzestverbotes. Freud wies schon in der ersten Auflage 
der „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" auf die Tatsache 
hin, daß bei den Hysterischen gerade das normale (genitale) 
Sexualziel der Ablehnung unterliege, während andere, „perverse" 
Wunschregungen dessen Stelle einzunehmen trachten. Mit 
dieser Feststellung Freuds stimmt die Annahme eines 



Stadiums der Objektliebe mit Genitalausschluß gut 
überein/ Die Ablehnung der Genitalzone erstreckt sich sowohl 
auf den eigenen Körper des Individuums als auf denjenigen 
des Objektes. Zwei besonders verbreitete und praktisch 
wichtige Symptome, die Impotenz des Mannes und die 
Frigidität des Weibes, erklären sich zu einem erheblichen 
Teil aus diesem Sachverhalt. Das neurotische Individuum kann 
das Objekt wegen seines Genitales nicht vollkommen lieben. 
Die Psychoanalyse der Neurotiker hat uns gelehrt, daß diese 
Hemmungen der Libido bei beiden Geschlechtern auf den 
Kastrationskomplex zurückzuführen sind. Beim männlichen 
Geschlecht üben die Angst um das eigene Genitale und das 
Grauen vor dem Fehlen eines entsprechenden Organes am 
weiblichen Körper die nämliche Wirkung aus, wie beim 
weiblichen Geschlecht der nicht verwundene Schmerz über 
die Genitalberaubung und die gegen den Mann gerichtete 
Kastrationslust. Wir müssen außerdem in Betracht ziehen, daß 
bei jedem Menschen das eigene Genitale stärker als irgendein 
anderer Körperteil mit narzißtischer Liebe besetzt ist. Dem- 
entsprechend darf am Objekt alles andere früher geliebt 
werden als das Genitale. Auf der von Freud so genannten 
„phallischen" Organisationsstufe der Libido ist dieser letzte 
große Schritt der Entwicklung offensichtlich noch nicht getan. 
Erst auf der höchsten, als eigentlich genital zu bezeichnenden 
Stufe ist dieser Erfolg eingetreten. So geht die Erreichung 
der höchsten Organisationsstufe der Libido mit einem 
abschließenden Entwicklungsakt im Bereich der Objektliebe 
Hand in Hand. 

Die folgende tabellarische Aufstellung soll dazu dienen, die 
Übersicht über die Stufen der sexuellen Organisation und die 

r) Die Objektliebe mit Genitalausschluß scheint als psychosexuelles 
Entwicklungsstadium zeitlich mit Freud's „phänischer Entwicklungsstufe" 
zusammenzufallen, mit ihr aber auch durch innere Verbindungen eng 
verknüpft zu sein. Die hysterischen Symptome hätten wir als das Negativ 
der libidinösen Regungen aufzufassen, die der Objektliebe mit Genital- 
ausschluß und der phallischen Organisation entsprechen. 



/ 



90 



Dr. Karl Abraham 



Entwicklungsstadien der Objektliebe zu erleichtern. Ich mache 
ausdrücklich auf den vorläufigen Charakter der hier zusammen- 
gestellten Resultate aufmerksam. Besonders sei betont, daß ich 
die Zahl der angenommenen Entwicklungsstadien keineswegs, 
auf sechs festlegen möchte. Man kann die Tabelle etwa mit 
dem Fahrplan eines Schnellzuges vergleichen, in welchem nur 
einige große Stationen verzeichnet sind; was zwischen diesen 
gelegen ist, muß in einer derartigen Übersicht unberücksichtigt 
bleiben. Endlich sei erwähnt, daß die in den beiden Haupt- 
kolonnen auf gleicher Höhe verzeichneten Stadien miteinander 
zeitlich nicht zusammenzufallen brauchen. 



Organisationssiufen 
der Libido: 



V. Frühe genitale (phalUsche) 
Stufe 

rV. spätere anal - sadistische 
Stufe 

ni. Frühere anal - sadistische 
Stufe 

II. Spätere orale (kanibalische) 
Stufe 

I. Frühere orale (Sauge-) 
Sttife 



Entwicklungsstufen 
der Objektliebe: 



VI. Endgültige genitale Stufe Objektliebe 



(nach-ambivalent) 



Objektliebe mit 
Genitalausschluß 

Partial liebe 



Partialliebe mit Ein- 
verleibung 

Narzißmus, Totaleinver- 
leibung des Objektes 



ambivalent 



Autoerotismus 
(objektlos) 



(vor-ambivalenü) 



Die Tabelle gibt einen summarischen Aufschluß über die 
psychosexuelle Entwicklung des Menschen nach zwei Richtungen 
hin; sie berücksichtigt die Wandlungen der Libido hinsichtlich 
des Sexualzieles und des Sexualobjektes. Neben anderen 
wichtigen Erscheinungen dieses Entwicklungsprozesses blieb 
besonders eine unberücksichtigt, nämlich die Ausbildung der 
Hemmungen des Triebes. So mag hier wenigstens ein kurzer 
bezüglicher Hinweis Platz finden. 



I 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 91 

Das früheste, autoerotische Stadium betrachten wir als noch 
frei von Triebhemmungen, entsprechend dem Fehlen eigent- 
licher Objektbeziehungen. Im Stadium des Narzißmus mit 
kannibahschem Sexualziel tritt als erste nachweisbare Trieb- 
hemmung die Angst auf. Die Überwindung des Kannibalismus 
ist eng verknüpft mit der Entstehung von Sc hui dgefü hl en, 
sie treten als typische Hemmungserscheinungen auf der dritten 
Stufe hervor. Die Einverleibung eines Teiles des Objektes bleibt 
als Sexualziel bestehen, bis Mitgefühl und Ekel der 
Libido diesen Weg der Betätigung verlegen. Der Objektliebe 
mit Genitalausschluß entspricht als Hemmungserscheinung das- 
Schamgefühl. Auf der höchsten Stufe der eigentlichen 
Objekthebe begegnen wir endlich den höheren sozialen 
Gefühlen als Regulatoren des Trieblebens. 

Diese wenigen, allgemein gehaltenen Bemerkungen mögen 
zeigen, daß die Entstehung der Hemmungen im Bereich der 
Libido weiterer Erforschung bedarf, daß uns aber die Psycho- 
analyse auch zu dieser Leistung in den Stand setzt. Ein kurzer 
Hinweis auf einen Einzelakt des komplizierten Prozesses sei 
hier noch angeschlossen. 

Im Stadium der „PartiaUiebe mit Einverleibung* wird, wie 
wir sahen, das Liebesobjekt durch einen Teil repräsentiert. Die 
Einstellung des Individuums zu diesem Teil (= Penis, Brust^ 
Kot usw.) ist ambivalent, also begehrend und ablehnend zu 
gleicher Zeit. Erst wenn die Einverleibungstendenz völlig auf- 
gehoben wird, wie es nach unserer Annahme im vierten Stadium 
geschieht, tritt eine mißachtende Einstellung zu jenem Teil in, 
die Erscheinung, die sich besonders gegenüber dem Kot 
bemerkbar macht. Der Kot repräsentiert im kindlichen Seelen- 
leben nun alles, was man nicht behalten will; die mit Ekel 
abgelehnte Person (in den Krankheitsfällen X. und Y.) wird 
daher mit Kot identifiziert. Fortan Ist die Einführung von Kot 
in den Mund schon als Gedanke der Inbegriff alles Ekelhaften* 
In gewissen Krankheitszuständen können wir einen tiefgreifen- 
den Regressions vor gang feststellen, der das Verschlingen von 



92 Dr. Karl Abraham 



Kot wiederum zum Sexualziel erhebt. Denn in unserem Unbe- 
wußten bleibt die ursprüngliche narzißtische Wertschätzung der 
Exkremente bestehen. 

Bereits früher {Zeitschrift VII, 1921, S. 394) habe ich ver- 
sucht, das Verhältnis der verschiedenen Formen psycho- 
neurotischer Erkrankung zu den Stufen der Libidoentwicklung 
entsprechend dem Stande unseres Wissens zu einer übersicht- 
lichen Darstellung zu bringen. Dieser Versuch war sehr unvoll- 
kommen und. weit davon entfernt, eine endgültige Klärung zu 
bedeuten. Auch jetzt gibt es im ganzen noch die gleichen 
Lücken in unserem Wissen. Eine Ergänzung kann mit aller 
Vorsicht gegenwärtig nur in zwei Hinsichten versucht werden. 
Wir dürfen annehmen, daß beim Melancholiker die 
Fähigkeit zur Objektliebe besonders unvollkommen ausgebildet 
sei, so daß im Erkrankungsfaile die Tendenz zur kannibalischen 
Einverleibung des Objektes die Oberhand gewinne, was mit 
einer Regression der Libido des Patienten zum zweiten Stadium 
des obigen Schemas zusammenfiele. 

Bei einer anderen KrankJieitsf orm, den paranoischen 
Zuständen, scheint die Regression im Stadium der .partiellen 
Einverleibung (III.) halt zu machen. Das Gleiche scheint auch 
für die kleptomanen Zustände zu gelten. Vielleicht besteht der 
wesentliche Unterschied des unbewußten Wunschgehaltes der 
beiden Krankheitsformen darin, daß der Kleptomane die orale 
Einverleibung, der Paranoiker die anale Einverleibung des 
begehrten Objektteiles zum unbewußten Sexualziel erhoben hat 

Nur konsequente und geduldige psychoanalytische Arbeit, 
besonders an den narzißtischen Formen der Psychoneurosen, 
kann uns allmählich vollständigere Einblicke in die psycho- 
sexuelle Entwicklung des Menschen eröffnen. Bis eine größere 
Anzahl gründlich durchgeführter Analysen die im Vorstehenden 
gegebenen Annahmen bestätigt und erweitert, mag es nicht 
überflüssig sein, ihr vorläufiges Fundament zu prüfen. 

An erster Stelle ist hier die rein empirische Gewinnung 
der Resultate dieser Untersuchung zu erwähnen. Ich glaube 



Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 95 

* 
jeder spekulativen Überschreitung des rein empirischen Bodens 
entsagt zu haben. Zum mindesten darf ich geltend machen, 
daß im vorstehenden nirgends versucht wurde, eine abge- 
rundete Theorie zu geben; im Gegenteil habe ich selbst an 
vielen Stellen auf Mängel und Lücken des Gebotenen auf- 
merksam gemacht. 

Sodann sei auf die Einfachheit des angenommenen Ent- 
wicklungsprozesses hingewiesen. Er spielt sich in gleichen 
Bahnen ab wie die Vorgänge der organischen Entwicklung; 
ein Teil wächst sich zum Ganzen aus, ein ursprüngliches 
Ganzes reduziert sich zu einem Teil, um schließlich ganz'an Be- 
deutung zurückzutreten oder nur noch im Rudiment fortzuleben. 

Die Parallele mit organisch-biologischen Vorgängen aber 
läßt sich erheblich erweitern. Wir haben längst das „bio- 
genetische Grundgesetz" von der organischen auf die psychische 
(psychosexuelle) Entwicklung des Menschen übertragen. Dem 
Psychoanalytiker bestätigt tägliche Erfahrung, wie das Indivi- 
duum auch auf seelischem Gebiet den Entwicklungsgang der 
Art wiederholt. Auf Grund reicher Empirie dürfen . wir 
aber noch eine besondere Regel der psychosexueUen Entwick- 
lung aufstellen, welche besagt, daß diese letztere der organischen, 
somatischen Entwicklung stets in weitem Abstand nachhinkt, 
wie eine späte Neuauflage oder Wiederholung des gleichen 
Prozesses. Das biologische Vorbild jenes Entwicklungsvorganges, 
dem die vorliegende Untersuchung gewidmet ist, spielt sich 
in frühester Embryonalzeit ab, während der uns beschäftigende 
psychosexuelle Prozeß sich über eine Reihe von Jahren des 
extrauterinen Lebens — vom ersten Lebensjahr bis zur Pubertät 
— ausdehnt. Werfen wir einen Blick auf das Gebiet der 
Embryologie, so ergibt sich zwanglos ein weitgehender 
Parallelismus des von uns beobachteten stufenweisen psycho- 
sexueUen Aufstieges mit dem organischen Entwicklungsprozeß 
in früher Embryonalzeit. 

Iii der ersten Periode des extrauterinen Lebens ist die 
Libido nach unserer Auffassung vorzugsweise an den Mund 



^ Dr. Karl Abraham 



als erogene Zone gebunden. Die früheste, lebenswichtige 
Relation des Kindes zui Außenwelt besteht darin, daß sein 
Mund einsaugt, was dazu geeignet und ihm zugänglich ist In 
der embryonalen Entwicklung ist das erste Organ, das sich 
in Anschluß an die frühesten Zellteilungen bildet, der sogenannte 
„U r m u n d", der bei der niederen Tiergruppe der Coelenteraten 
lebenslänglich erhalten und in Funktion bleibt. 

Im Leben des Kindes vergeht eine lange Zeit, bis die 
Geschlechtsorgane (im engeren Sinne des Wortes) eine leitende 
Rolle in der Sexualität übernehmen. Bis dieses Stadium erreicht 
wird, kommt dem Darmkanal, und besonders seiner Eintritts- 
und Austrittspforte, eine wichtige erogene Rolle zu. Bedeutende 
sexuelle Reizmengen strömen dem Nervensystem vom Darm- 
kanal aus zu. Dieser Zustand hat nun sein Vorbild in einer 
Einrichtung der frühen Embryonalzeit. Vorübergehend besteht 
nämHch eine offene Verbindung des Darmrohres (Enddarmes) 
mit dem kaudalen Teil des Nervenrohres (Canalis neurentericus). 
Der Weg der Reizübertragung vom Darmrohr auf das Nerven- 
system ist damit gewissermaßen organisch vorgezeichnet. 

Besonders klar aber tritt uns das biologische Vorbild der 
oral-sadistischen (kannibalischen) und der anal-sadistischen 
Phase entgegen. Auf diese Tatsache hat schon F r e u d ^ 
andeutungsweise aufmerksam gemacht; ich zitiere wörtlich : 
„Die sadistisch-anale Organisation ist leicht als Fortbildung der 
oralen zu erkennen. Die gewaltsame Muskelbetätigung am 
Objekt, die sie auszeichnet, findet ihre Stelle als vorbereitender 
Akt für das Fressen, das dann als Sexualziel ausfällt. Der vor- 
bereitende Akt wird ein selbständiges Ziel Die Neuheit gegen 
die vorige Stufe besteht wesentlich darin, daß das aufnehmende 
passive Organ, von der Mundzone abgesondert, an der Anal- 
zone ausgebildet wird." Der Autor spricht dann auch von 
biologischen Parallelvorgängen, ohne solche genauer anzugeben. 



i) Vgl „Geschichte einer infantilen Neurose" in „Kleine Schriften zur 
Neurosenlehre", Band IV, p. 578. 



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Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Libido 95 



Ich möchte nun auf eine frappante Übereinstimmung der 
psychosexuellen und der organischen Entwicklung hier einen 
besonderen Nachdruck legen. 

Der bereits erwähnte „Urmund" befindet sich anfänglich am 
vorderen Ende (Kopfende) des „ Primitivstreifens ". Man kann 
nun an den Embryonen gewisser Tierarten beobachten, wie 
sich die ursprüngliche Mundöffnung vom Kopfende her schließt, 
während sie sich nach dem Schwanzende zu erweitert Sie 
rückt so allmählich in die Gegend des sich ausbildenden 
Schwanzes und bleibt hier nach Beendigung ihrer Wanderung 
als After bestehen. Diese unmittelbare Herleitung 
des Anus vom Urmund erscheint als biologische Prä- 
iormation des psychosexuellen Vorganges, der sich in der von 
Freud geschilderten Weise etwa im zweiten Jahre nach der 

•Geburt abspielt. . 

Um die nämliche Zeit, in der beim Embrjro die Afterbildung 
stattfindet, sehen wir auch die Muskulatur des Körpers sich 
entwickeln, wobei die Kiefermuskulatur dem Bewegungsapparat 
■der Extremitäten weit vorauseilt. Die Bildung des Anus und 
diejenige der Freßwerkzeuge sind eng miteinander verbunden. 
Hier sei auch darauf hingewiesen, daß im extrauterinen Leben 
die Kiefermuskulatur weit früher zielgerechte und zugleich 
kraftvolle Bewegungen hervorbringt, als etwa die Muskulatur 
des Rumpfes oder der GUeder. 

In einem vierten Stadium der psychosexuellen Entwicklung 
erkannten wir als Sexualziel das Festhalten und Beherrschen 
des Objektes. Als sein Korrelat in der biologischen Ontogenese 
erscheint die Ausbildung der Vorrichtungen am Darmkanal, 
welche dem Festhalten des Aufgenommenen dienen. Da sind 
Verengerungen und Erweiterungen, ringförmige Einziehungen, 
blind endende Abzweigungen, vielfache Windungen, endlich 
am Ausgang die anwillkürlichen und willkürlichen Schließ- 
muskeln. Zur Zeit aber, da dieser vielgestaltige Retentions- 
apparat ausgebildet wird, fehlt noch jede Anlage der Uro- 
genital Werkzeuge. 



56 Dr. Karl Abraham 



Die Ausbildung der genitalen Organisation der Libido sahen 
wir sich in zwei Stadien vollziehen, welchen auch zwei Stufen 
in der Entwicklung der Objektliebe entsprachen. Auch hier 
weist die organische Entwicklung entsprechende Vorbilder auf." 
Die Anlage der Genitalorgane ist anfänglich „indifferent"; erst 
nach einer gewissen Zeit bilden sich männliche und weibliche 
Charaktere aus. Das gilt sowohl für die Keimdrüsen wie für 
die Organe, welche der Kopulation dienen. Eine entsprechende 
allmähliche Differenzierung aber haben wir auch auf psycho- 
sexuellem Gebiet kennen gelernt. 

Bis eine umfangreichere und vertiefte psychoanalytische 
Erfahrung uns zu gesicherten Schlußfolgerungen hinsichthch 
der hier behandelten psychosexuellen Entwicklungsvorgänge 
berechtigt, mag die soeben angeführte Reihe biologischer 
Parallelvorgänge dem Versuch einer Entwicklungsgeschichte der 
Objektliebe eine gewisse Stütze verleihen. 




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Theodor-Heuss-lJüchsre» 



Inhaltsverzeiclinis 

Erster Teil Seite 

Die manisch-depressiven Zustände und die prägenitalen 
Organisationsstufen der Libido 3 

Einleitung 5 

I. Melancholie und Zwangsneurose. Zwei Stufen der sadistisch- 
analen Entwicklungsphase der Libido , 9 

H. Objektverlust und Introjektion in der normalen Trauer und 

in abnormen psychischen Zuständen 22 

in. Der Introjektionsvorgang in der Melancholie. Zwei Stufen 

der oralen Entwicklungsphase der Libido 31 

rV. Beiträge zur Psychogenese der Melancholie 42 

V. Das infantile Vorbild der melancholischen Depression ... 54 

VI. Die Manie 59 

VII. Die psychoanalytische Therapie der manisch-melancholischen 

Zustände 66 

Zweiter Teil 
Anfänge und Entwicklung der Objektliebe ........ 71 



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der Libido auf Grund der Psychoanalsw* 
seelischer Störungen<, ; 

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Verl« 1924» 96 Sc 8*^" Spende 

(Neue Arbeiten zur ärztlichen Psyche^ 
analyse, Holle ) 

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