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Full text of "Verwahrloste Jugend. Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung"

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Die Psyckoanalyse in der llursotgeerzieliuixg 

Mit eräcm Geleit-wort von 

Prof. Sigm. Freud 



Internationale Psycnoanaly-tiscLe BiUiotkek XIX 



uj/u/x LiSt^-ViC^ , 




INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




INTERNATIONALE PSYCHOANALYTISCHE BIBLIOTHEK 

Nr. XIX 



Verwahrloste Jugend 

Die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung 

Zehn Vorträge zur ersten Einführung 



von 



August Aidihorn 

Mit einem Geleitwort 
von 

Prof. Dr. Sigm. Freud 



1925 
Internationaler Psychoanalytischer Verlag 

Leipzig, Wien, Zürich 



Alle Rechte, 
insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten 

Copyright 1925 

by „Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 

Ges. m. b. H.*, Wien 



Gesellschaft für graphische Industrie Wien, III. 



Geleitwort 



Prof. Dr. Sigm. Freud 

Von allen Anwendungen der Psychoanalyse hat keine soviel 
Interesse gefunden, soviel Hoffnungen erweckt und demzufolge 
soviele tüchtige Mitarbeiter herangezogen wie die auf die Theorie 
und Praxis der Kindererziehung. Dies ist leicht zu verstehen. 
Das Kind ist das hauptsächliche Objekt der psychoanalytischen 
Forschung geworden ; es hat in dieser Bedeutung den Neuro- 
tiker abgelöst, an dem sie ihre Arbeit begann. Die Analyse 
hat im Kranken das wenig verändert fortlebende Kind auf- 
gezeigt wie im Träumer und im Künstler, sie hat die Trieb- 
kräfte und Tendenzen beleuchtet, die dem kindlichen Wesen 
sein ihm eigenes Gepräge geben und die Entwicklungswege 
verfolgt, die von diesem zur Reife des Erwachsenen führen. 
Kein Wunder also, wenn die Erwartung entstand, die psycho- 
analytische Bemühung um das Kind werde der erzieherischen 
Tätigkeit zugute kommen, die das Kind auf seinem Weg zur 
Reife leiten, fördern und gegen Irrungen sichern will. 

Mein persönlicher Anteil an dieser Anwendung der Psycho- 
analyse ist sehr geringfügig gewesen. Ich hatte mir frühzeitig 
das Scherzwort von den drei unmöglichen Berufen — als da 
sind: Erziehen, Kurieren, Regieren — zu eigen gemacht, war 



Sigm. Freud 



auch von der mittleren dieser Aufgaben hinreichend in An- 
spruch genommen. Darum verkenne ich aber nicht den hohen 
sozialen Wert, den die Arbeit meiner pädagogischen Freunde 
beanspruchen darf. 

Das vorliegende Buch des Vorstandes A. Aichhorn be- 
schäftigt sich mit einem Teilstück des großen Problems, mit 
der erzieherischen Beeinflussung der jugendlichen Verwahr- 
losten. Der Verfasser hatte in amtlicher Stellung als Leiter 
städtischer Fürsorgeanstalten lange Jahre gewirkt, ehe er mit 
der Psychoanalyse bekannt wurde. Sein Verhalten gegen die 
Pflegebefohlenen entsprang aus der Quelle einer warmen An- 
teilnahme an dem Schicksal dieser Unglücklichen und wurde 
durch eine intuitive Einfühlung in deren seelische Bedürfnisse 
richtig geleitet. Die Psychoanalyse konnte ihn praktisch wenig 
Neues lehren, aber sie brachte ihm die klare theoretische Ein- 
sicht in die Berechtigung seines Handelns und setzte ihn in 
den Stand, es vor anderen zu begründen. 

Man kann diese Gabe des intuitiven Verständnisses nicht bei 
jedem Erzieher voraussetzen. Zwei Mahnungen scheinen mir 
aus den Erfahrungen und Erfolgen des Vorstandes Aichhorn 
zu resultieren. Die eine, daß der Erzieher psychoanalytisch ge- 
schult sein soll, weil ihm sonst das Objekt seiner Bemühung, 
das Kind, ein unzugängliches Rätsel bleibt. Eine solche 
Schulung wird am besten erreicht, wenn sich der Erzieher selbst 
einer Analyse unterwirft, sie am eigenen Leibe erlebt. Theo- 
retischer Unterricht in der Analyse dringt nicht tief genug und 
schafft keine Überzeugung. 

Die zweite Mahnung klingt eher konservativ, sie besagt, daß 
die Erziehungsarbeit etwas suigeneris ist, das nicht mit psychoana- 



Geleitwort 



lytischer Beeinflussung verwechselt und nicht durch sie ersetzt 
werden kann. Die Psycho ana lyse des Kindes ban n von der 
Erziehung als Hilfsmittel herangezogen werden. Aber sie ist 
nicht dazu geeignet, an ihre Stelle zu treten. Nicht nur prak- 
tische Gründe verbieten es, sondern auch theoretische Über- 
legungen widerraten es. Das Verhältnis zwischen Erziehung 
und psychoanalytischer Bemühung wird voraussichtlich in nicht 
ferner Zeit einer gründlichen Untersuchung unterzogen werden. 
Ich will hier nur Weniges andeuten. Man darf sich nicht durch 
die übrigens vollberechtigte Aussage irreleiten lassen, die Psycho- 
analyse des erwachsenen Neurotikers sei einer Nacherziehung 
desselben gleichzustellen. Ein Kind, auch ein entgleistes und 
verwahrlostes Kind, ist eben noch kein Neurotiker und Nach- 
erziehung etwas ganz anderes als Erziehung des Unfertigen. 
Die Möglichkeit der analytischen Beeinflussung ruht auf ganz 
bestimmten Voraussetzungen, die man als „analytische Situation" 
zusammenfassen kann, erfordert die Ausbildung gewisser psy- 
chischer Strukturen, eine besondere Einstellung zum Analytiker. 
Wo diese fehlen, wie beim Kind, beim jugendlichen Verwahr- 
losten, in der Regel auch beim triebhaften Verbrecher, muß 
man etwas anderes machen als Analyse, was dann in der Ab- 
sicht wieder mit ihr zusammentrifft. Die theoretischen Kapitel 
des vorliegenden Buches werden dem Leser eine erste Orien- 
tierung in der Mannigfaltigkeit dieser Entscheidungen bringen. 
Ich schließe noch eine Folgerung an, die nicht mehr für die 
Erziehungslehre, wohl aber für die Stellung des Erziehers be- 
deutsam ist. Wenn der Erzieher die Analyse durch Erfahrung 
an der eigenen Person erlernt hat und in die Lage kommen 
kann, sie bei Grenz- und Mischfällen zur Unterstützung seiner 



Sigm. Freud: Geleitwort 



Arbeit zu verwenden, so muß man ihm offenbar die Ausübung 
der Analyse freigeben und darf ihn nicht aus engherzigen Mo- 
tiven daran hindern wollen. 



ERSTER VORTRAG 

Einleitung 

Ayfeine Damen und Herren! Es sind Ihnen zehn Vorträge 
**- über die Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung an- 
gekündigt, von denen Sie sich aber nicht zu viel erwarten 
dürfen, weil sich in zwanzig Stunden nur ein erster orien- 
tierender Einblick vermitteln läßt. 

Ich darf wohl annehmen, daß Ihnen das Wort Psychoanalyse, 
von dem man jetzt schon so viel im Alltag hört, nicht mehr 
fremd ist. Für den Ausdruck Fürsorgeerziehung wird diese 
Voraussetzung nicht zutreffen; er wird noch nicht lange im 
Sprachgebrauche verwendet, hat in seiner Anwendung einen 
ganz bestimmten, nicht mehr leicht abzuändernden Inhalt be- 
kommen und ist nur einem kleinen Kreise von Fachleuten 
geläufig. Es wäre für Sie vielleicht ermüdend und fiele auch 
aus dem Rahmen der Vorträge, die durchaus nicht systematisch 
sein werden, heraus, wenn ich Ihnen nun eine Erklärung des 
Wortes gäbe. Ich begnüge mich daher mit einer kurzen In- 
haltsangabe, nehme aber im ersten Teil der uns heute zur 
Verfügung stehenden Zeit Ihre Geduld für eine Vorfrage 
in Anspruch. Fürsorgeerziehung ist ohne gesetzliche Bestim- 
mungen unmöglich, ich kann es Ihnen weder ersparen, das 
Wichtigste davon kennen zu lernen noch auch zu hören, wann 
sie an deren Unzulänglichkeit scheitert. 

Die Fürsorgeerziehung ist, wie schon das Wort sagt, ein be- 
sonderer Zweig der Erziehung, gleichzeitig aber auch, was 



Erster Vortrag 



dem ferner Stehenden nicht sofort auffallen wird, ein Teil der 
Jugendfürsorge. Betrachten wir sie von beiden Standpunkten 
aus, so lernen wir verschiedene Seiten ihres Wesens verstehen. 
Obwohl ich mich hauptsächlich mit der Fürsorgeerziehung als 
besonderem Zweig der Erziehung beschäftigen werde, müssen 
wir sie doch auch von der Jugendfürsorge aus ansehen, weil 
die Voraussetzungen zu ihrer Einleitung unter Gesichtspunkten 
zu suchen sind, die die Jugendfürsorge gibt und erst ihre 
Durchführung von erzieherischen Erwägungen abhängt. 

Das ziemlich ausgedehnte Gebiet der Jugendfürsorge umfaßt 
auch die Erziehungsfürsorge, von der wieder die Fürsorge- 
erziehung ein Teil ist. Wir begegnen recht häufig Jugendfürsorge- 
maßnahmen und Jugendfürsorgeeinrichtungen und doch ist 
nicht jede Fürsorge für die Jugend gleichzeitig auch „Jugend- 
fürsorge". Begrifflich könnte mit diesem Worte weit mehr 
verbunden werden, als tatsächlich der Fall ist. 

Der Anlaß, Jugendfürsorge zu betreiben, ist gegeben, wenn 
die Jugend voraussichtlich in Notstand geraten wird, oder 
dieser schon eingetreten ist und wenn die Verhältnisse so 
liegen, daß sich die Familie aus eigenem nicht zu helfen ver- 
mag. Dann erst greifen einzelne Personen, Organisationen oder 
öffentliche Faktoren ein. Träger der Fürsorge sind also die 
Gesellschaft selbst und deren staatliche sowie autonome 
Körperschaften. Die Hilfe, welche die Allgemeinheit durch sie 
dem Einzelnen angedeihen läßt, erscheint daher in eine private 
und öffentliche geteilt, so daß man von privater und amtlicher 
Jugendfürsorge spricht. Sie entsprang früher einem gewissen 
charitativem Empfinden und war eine freiwillige Leistung. 
Gegenwärtig ist sie aus einem sich immer mehr vertiefenden 
sozialen Empfinden heraus zur Pflicht geworden, aus der 
Anerkennung des Rechtes, das der Einzelne an die Gesellschaft 
hat. In der Zukunft wird sie nicht mehr durch das 
Empfindungsleben diktiert, sondern durch ein ökonomisches 



Einleitung 



Prinzip bedingt werden : durch die Erkenntnis von der Zweck- 
mäßigkeit des rechtzeitigen Eingreifens. Sie wird dann so 
selbstverständlich sein, wie es etwa heute schon der Volks- 
schulunterricht ist. 

Wenn im allgemeinen Jugendfürsorge bei vorauszusehendem 
oder schon vorhandenem Notstande Minderjähriger einsetzt, 
so wird im besonderen Fürsorgeerziehung bei drohendem oder 
bereits eingetretenem Erziehungsnotstande erforderlich. Sie 
bedeutet daher so wie die Jugendfürsorge überhaupt auch 
einen Eingriff außenstehender Faktoren in das Familienleben, 
der nicht immer widerspruchslos hingenommen wird. 

Wenn der zur Erziehung verpflichtete Vater der Fürsorge- 
erziehung keinen Widerstand entgegensetzt, so wird ihr das 
Kind ohne besondere Schwierigkeiten zugeführt werden können, 
vorausgesetzt, daß die dazu notwendigen Mittel vorhanden 
sind. Wehrt er sich gegen diesen Eingriff in seine väterlichen 
Rechte, so kann mit Zwangsmaßnahmen vorgegangen werden, 
wenn er seine Gewalt mißbraucht, oder die damit verbundenen 
Pflichten vernachlässigt, oder sich eines ehrlosen oder unsitt- 
lichen Lebenswandels schuldig gemacht hat. Der § 178 a. b. 
G. B. bietet die Handhabe dazu. Die väterliche Gewalt wird 
ihm zeitweilig eingeschränkt oder vorübergehend entzogen und 
ein Kurator zur Veranlassung der Fürsorgeerziehung bestellt. 

Ein Eingreifen der Staatsgewalt durch das Vormundschafts- 
gericht ist aber ausgeschlossen, wenn der Erziehungsnotstand 
nicht durch ein Verschulden der Eltern gegeben ist, sondern 
aus einer wirtschaftlichen Notlage oder einer nicht normalen 
Geistesbeschaffenheit des Kindes erwächst. 

Wir sehen hier eine jener Lücken in der Gesetzgebung, durch 
die die Fürsorgeerziehung von vorneherein unmöglich gemacht 
werden kann. 

Mit der Einschränkung oder Entziehung der väterlichen Ge- 
walt ist, wenn das Kind weiter in der Familie verbleibt, zu- 



10 Erster Vortrag 



meist fürsorgeerzieherisch nicht viel gewonnen. Die Umgebung 
wirkt wie bisher weiter schädigend ein, so daß eine gesicherte 
Entwicklung nur durch eine anderwärtige Unterbringung 
sicherzustellen ist. Sind die Eltern vermögend, dann wird die 
Deckung der Unterhaltskosten auf keine Schwierigkeiten stoßen 
und es kann entsprechend vorgesorgt werden ; fehlen ihnen 
aber die Mittel und findet sich niemand, der den Minder- 
jährigen freiwillig, ohne Gegenleistung, übernimmt, oder das 
Geld zur Verfügung stellt, so wird Fürsorgeerziehung wieder 
unmöglich werden. Es wäre denn, daß die Gemeinden, die 
nach dem Heimatgesetz für diese Kosten aufkommen müssen, 
das notwendige Kapital zur Verfügung stellen und sich 
nicht bloß bereit erklären, den Verwahrlosten oder Gefährdeten 
in die Gemeinde zu übernehmen. Daß die Überstellung in eine 
Heimatgemeinde, der Fürsorgeerziehungseinrichtungen fehlen, 
nicht die Gewähr zur Behebung eines Erziehungsnotstandes 
bietet, ist ohneweiters klar. 

Außer diesen Fällen gibt es noch eine Reihe anderer, in 
denen Fürsorgeerziehung unterbleibt, weil die gesetzlichen Be- 
stimmungen nicht ausreichen. Es kann nicht meine Aufgabe 
sein, sie hier erschöpfend aufzuzählen. Sie werden sich daher 
mit einer beispielsweisen Anführung begnügen müssen. Ich 
schalte vorher aber noch ein, daß wir gegenwärtig in Öster- 
reich nur eine einzige gesetzliche Form der Fürsorgeerziehungs- 
anstalt, und zwar die Besserungsanstalt, haben. 

Der § 16 des Gesetzes wider Arbeitsscheue und Landstreicher 
bestimmt, daß außer den, in diesem Gesetze festgelegten Fällen 
niemand in eine Besserungsanstalt gebracht werden darf, ohne 
daß die Pflegschaftsbehörde einem diesbezüglichen Antrage 
des gesetzlichen Vertreters zugestimmt hat. Stellt dieser den 
Antrag nicht, und liegt auch kein Grund vor, gegen ihn mit 
dem § 178 des a. b. G. B. vorzugehen, so ist es unmöglich, 
jugendliche Personen einer Nacherziehung in einer Besserungs- 



Einleitung n 



anstalt zuzuführen, auch wenn es für sie noch so notwendig 
wäre. 

Ein anderer Fall: Kinder unter zehn Jahren können ohne 
Zustimmung des gesetzlichen Vertreters überhaupt nicht, und 
Jugendliche, das sind Vierzehn- bis Achtzehnjährige, nur dann 
in eine Besserungsanstalt gebracht werden, wenn sie wegen 
einer Übertretung des Landstreichergesetzes verurteilt worden 
sind. Sonst ist, wie bereits erwähnt, die Antragstellung des 
gesetzlichen Vertreters notwendig. 

In den Erläuterungen zum Entwürfe eines Fürsorgeerziehungs- 
gesetzes für Österreich vom Jahre 1917 heißt es unter anderem: 
„Das Gesetz schützt zum Teile die schlechten Kinder guter 
Eltern, es gibt aber nicht immer die Mittel, die noch guten 
Kinder schlechter Eltern vor der drohenden Gefahr zu behüten; 
dazu kommt, daß auch Zahl und Einrichtung der Besserungs- 
anstalten zum Teile zu wünschen übrig lassen und daß in 
mehreren Ländern solche überhaupt nicht bestehen." Und 
an anderer Stelle: „Schließlich kennt das Gesetz nur ein 
Erziehungsmittel, die Verweisung in eine Bessserungsanstalt. 
Die Erziehung in der Besserungsanstalt ist nun allerdings bei 
undisziplinierten oder sittlich hochgradig verwahrlosten Jugend- 
lichen nicht zu entbehren, sie ist aber nicht am Platze bei 
geistig nicht normalen Zöglingen oder als einleitender Schritt 
zur Nacherziehung behufs genauer Beobachtung des Zöglings 
im allgemeinen. Für diese Zwecke bedarf es der Anhaltung in 
einer Erziehungs- oder Beobachtungsanstalt." 

Jugendfürsorgekreise haben wiederholt die Aufmerksamkeit 
der Öffentlichkeit auf das Unzulängliche in der Gesetzgebung 
gelenkt. Dr. Heinrich Reicher brachte bereits Ende der acht- 
ziger Jahre des vorigen Jahrhunderts im steirischen Landtage 
und im September 1901 im österreichischen Abgeordnetenhause 
den Antrag ein, ein Gesetz über die Fürsorgeerziehung zu 
erlassen. Die Kinderschutzkongresse in Wien und Salzburg haben 



12 Erster Vortrag 



sich eingehend mit der Frage der Fürsorgeerziehung beschäf- 
tigt. Gesetzentwürfen begegnen wir 1908 im Herrenhause, 1910 
und 1917 im Abgeordnetenhause. Auch nach dem Kriege kam 
es darüber noch zu Beratungen. Vertreter der einzelnen 
Bundesländer vereinigten sich zu einer Besprechung, um ein 
den geänderten Verhältnissen Rechnung tragendes Fürsorge- 
erziehungsgesetz zu ermöglichen; im Oktober des Vorjahres 
bildete es neben dem Jugendstrafrechte Gegenstand einer von 
der Zentralstelle für Kinderschutz und Jugendfürsorge veran- 
stalteten Tagung. Wir müssen aber immer noch Fürsorge- 
erziehung mit nicht ausreichenden gesetzlichen Bestimmungen 
betreiben. 

Fassen wir kurz zusammen! 

Fürsorgeerziehung ist die von amtswegen angeordnete Er- 
ziehung unter öffentlicher Aufsicht, auf öffentliche Kosten. 

Der Anlaß, Fürsorgeerziehung zu betreiben, ist gegeben, wenn 
ein Erziehungsnotstand vorliegt, also Kinder sowie Jugend- 
liche zu verwahrlosen drohen oder bereits verwahrlost sind. 

Der Träger der Fürsorgeerziehung ist die Öffentlichkeit, die 
auch die Mittel zur Verfügung stellt. 

Die Fürsorgeerziehung ist infolge unzureichender gesetzlicher 
Bestimmungen und Mittel nicht auf alle in Betracht kommenden 
Verwahrlosten anwendbar. 

Nehmen wir die Fürsorgeerziehung nun nicht mehr als 
einen Teil der Jugendfürsorge, sondern als besonderen Zweig 
der Erziehung, so drängt sich uns die Frage nach deren Auf- 
gabe auf. 

Was sie zu leisten hat und was sie vermag, darüber gibt es 
verschiedene Auffassungen. Die mir bekannten extremsten sind 
von der Erziehung aus gesehen die, die sich auf der Grund- 
lage des schärfsten Pessimismus und auf der des ungehemmten 
Optimismus aufbauen. Für die einen ist die Erziehung zweck- 
los, ein den Idealisten gemachtes, nicht ernst zu nehmendes 



Einleitung 13 



Zugeständnis; sie ist überflüssig, weil sich das Kind so ent- 
wickelt, wie es durch seine Erbanlage bedingt ist und auch die 
beste Erziehung daran nichts zu ändern vermag. Für die 
anderen bedeutet wieder die Erbanlage nichts; die Erziehung 
kann alles, sie muß nur richtig gestaltet werden, dann über- 
windet sie jedwede Schwierigkeiten, auch die aus der Erb- 
anlage kommenden Hindernisse. 

Ehe wir uns zu dieser oder jener Richtung bekennen oder 
uns sonstwie entscheiden, wird es sich empfehlen, eine seit 
langem bekannte Entwicklungstatsache anzusehen. Wir ver- 
mögen uns leicht eine Zeit vorzustellen, in der es noch nicht 
viel Kulturarbeit zu leisten gab, sondern das Leben des Ein- 
zelnen und das der Gemeinschaft sich nahezu in dem Streben, 
das „Ich" gegenüber anderen Lebewesen, gewissen Natur- 
erscheinungen und Naturkräften durchzusetzen, erschöpfte. 
Wer eine gewisse primitive Realitätsfähigkeit erwarb, behaup- 
tete sich, der andere ging zugrunde. So formte das Leben 
selbst schon in der Urzeit den Menschen entsprechend den 
Anforderungen der Wirklichkeit und ermöglichte ihm, im 
Kampfe mit seiner Umgebung zu bestehen. 

Gilt diese Tatsache auch im Psychischen? Die Menschen 
lernten Vieles und Verschiedenes, auch Lustgewinn aufzu- 
schieben, auf Lustgewinn zu verzichten, Unlust zu ertragen, 
und Triebregungen, die sich nicht immer durchsetzen konnten, 
von primitiven Zielen immer mehr auf höhere abzulenken; auf 
einem Jahrtausende langen Wege entwickelt sich eine Kultur- 
gemeinschaft, innerhalb derer die Menschen mit ihren tech- 
nischen Errungenschaften stets fortschreitend die Natur be- 
herrschen und unausgesetzt künstlerische, wissenschaftliche 
und soziale Kulturwerte schaffen. 

Daraus folgt, daß die niedrigere Kulturstufe einer geringeren 
Einschränkung unmittelbarer Triebbefriedigungen, oder was 
dasselbe ist, dem Primitiveren entspricht, und daß die Ursprung- 



^4 Erster Vortrag 



liehe primitive Realitätsfähigkeit sich mit der kulturellen Ent- 
wicklung steigert. Diese erhöhte Realitätsfähigkeit fassen wir als 
das Vermögen des Individuums, an der Kulturgemeinschaft seiner 
Zeit teilhaben zu können, auf und nennen sie die Kulturfähig- 
keit. Sie kann als variable Größe genommen werden — für jede 
Kulturstufe in einem bestimmten Ausmaß — die die ursprüng- 
liche primitive Realitätsfähigkeit als Konstante enthält. Wie ist 
das zu verstehen? Lassen wir diese Frage vorläufig un erörtert 
und sehen wir uns das Kind in seinem Heranwachsen an. Je 
jünger es ist, desto weniger vermag es auf die Erfüllung der 
Wünsche aus seinem Triebleben zu verzichten und den Not- 
wendigkeiten, die sich aus dem Zusammenleben mit anderen 
ergeben, zu entsprechen. Erst nach und nach lernt es, unter 
dem Drucke der realen Unlusterlebnisse, sich Triebeinschrän- 
kungen aufzuerlegen und ohne innere Konflikte ganz selbst- 
verständlich den Forderungen der Gesellschaft nachzukommen : 
es wird sozial. Der Weg, den das Kind von der unwirklichen 
Lustwelt seiner Säuglingszeit bis in die Sozietät seiner Gegen- 
wart zurückzulegen hat, läuft im allgemeinen parallel dem der 
Menschheit vom Primitiven bis zu ihm, ist länger oder kürzer 
je nach deren eigener Kulturstufe, muß aber vom Kinde in den 
wenigen Jahren seines Heranreifens zum Erwachsenen zurück- 
gelegt werden. Was in der phylogenetischen Entwicklung an 
Zeit zur Verfügung stand, muß in der (Mitogenetischen 
durch Intensität an innerer Arbeit ersetzt werden. Wenn an 
dem Neugeborenen auch die Erlebnisse seiner Vorfahren nicht 
spurlos vorübergegangen sind und er dadurch gewisse Vorbe- 
dingungen für diese erhöhte Leistung mitbringt, sind doch 
vermehrte Anregungen zu deren Vollzug notwendig. Das Leben 
allein, mit seinen das Einzelindividuum recht wenig berück- 
sichtigenden Konstellationen, reicht dazu nicht aus, es bedarf 
noch jener Einflußnahme von seiten der Erwachsenen, die 
Erziehung heißt. 



Einleitung 15 



So betrachtet, wird der Mensch durch die Einwirkungen des 
Lebens und der Erziehung kulturfähig. Könnten wir in der 
Ontogenese das Leben ebenso wirksam sehen wie in der 
Phylogenese, dann ließe sich mit einigen Einschränkungen eine 
schematische Arbeitsteilung vornehmen. (Wir kommen im 
neunten Vortrag noch des Näheren darauf zu sprechen.) Diese 
schematische Scheidung sähe dann so aus: Das Leben selbst 
erzwingt mit seinen Anforderungen die primitive Realitätsfähig- 
keit, die Erziehung erweitert diese zur Kulturfähigkeit. Diese sich 
in jedem Individuum wiederholende Entwicklung ergibt in der 
primitiven Realitätsfähigkeit den konstanten Faktor der Kultur- 
fähigkeit, die als solche individuelle Gradunterschiede aufweist. 

Nun sehen wir wirklich, daß das Leben auch heute noch 
den Menschen zur Selbstbehauptung oder primitiven Realitäts- 
fähigkeit führt. Ich mache Sie zunächst nur auf zwei Ihnen 
allen bekannte Tatsachen aufmerksam. Ein Kind steigt unge- 
schickt auf einen Stuhl, fällt herunter und schlägt sich eine 
Beule. Es hat sich selbst gefährdet und wird durch die mit 
dem Schmerze verbundene Unlust ohne jedwede Anleitung 
oder bewußte Einflußnahme vorsichtiger. Oder, ein anderes 
Kind ißt unreifes Obst und bekommt Magendrücken. Wieder 
ist Unlust die Folge einer Selbstgefährdung, die zur Anregung 
wird, in Zukunft eine Triebregung zu unterdrücken. In diesem 
Zusammenhange verstehen wir auch das Sprichwort: „Das 
gebrannte Kind fürchtet das Feuer". Die Menschen fühlen, daß 
im Leben des Einzelnen eine Tendenz herrscht, die ihn ganz 
zwangsläufig in die Richtung zum Einleben in die Wirklichkeit 
drängt. Es lassen sich im heranwachsenden Kinde auch 
deutlich zwei Abschnitte erkennen, natürlich ohne scharfe 
Grenzen und mit Übergängen: der erste, mit der im Vorder- 
grunde stehenden Absicht, zur primitiven Selbstbehauptung zu 
kommen, der zweite, spätere, der dem Hineinwachsen in die 
Kulturgemeinschaft dient. 



16 Erster Vortrag 



Bleiben wir in der angegebenen Denkrichtung, so haben wir 
schon die Grenze festgestellt, unter der die Erziehung wirkungs- 
los bleiben muß: fehlen einem Individuum in der Erbanlage 
die Vorbedingungen für die primitive Realitätsfähigkeit, so steht 
auch die Erziehung vor einem unlösbaren Problem. Für diese 
Gruppe stimmt die Auffassung der Pessimisten, an ihr scheitern 
aber auch die Erziehungsversuche der Optimisten. 

Wir können nun unsere Stellungnahme zu den einzelnen 
Auffassungen über die Erziehung festlegen. Die Erbanlage wird 
der Erziehung ihre Grenzen vorschreiben, innerhalb dieser gibt 
es aber Entwicklungsmöglichkeiten auf breiter Basis. Dabei 
dürfen wir aber nicht außer acht lassen, daß die Erziehung nur 
erhöhte Anregungen zum Vollzug einer Leistung auszulösen 
hat, daß sie also nicht mehr ist, als die Vermittlerin zur Ent- 
faltung bereits vorhandener Bereitschaften, und nicht vermag, 
dem Individuum Neues hinzuzufügen. So könnte wahrscheinlich 
auch nicht mit Hilfe der Erziehung einem Kinde der Urzeit, 
ohne den Niederschlag seiner Generationen in sich, die Kultur- 
fähigkeit der Gegenwart vermittelt werden; im besten Falle 
gelänge eine Kulturdressur. Wüchse ein Kind mit normaler 
Erbanlage ohne Erziehung heran, so käme es nach aller Vor- 
aussicht wohl ein Stück über die ursprünglichste primitive 
Realitätsfähigkeit hinaus, aber nicht zur Kulturfähigkeit, und 
deswegen mit der Gesellschaft in Konflikt. Sie dürfen das nicht 
als eine unbeweisbare Konstruktion auffassen. Die Verwahr- 
losten, bei denen infolge einer unzureichenden Erziehung ein 
Entwicklungsrückstand auftritt, zeigen ein ganz ähnliches Ver- 
halten, das uns demnächst mehr beschäftigen wird. 

Und nun eine allererste Annäherung an die Fürsorge- 
erziehung ! Wir haben eingangs bemerkt, daß die Fürsorge- 
erziehung einsetzt, wenn ein Erziehungsnotstand vorliegt. In der 
nun gewonnenen Ausdrucksweise heißt das, wenn es der Er- 
ziehung nicht gelungen ist, dem Kinde oder Jugendlichen die 



Einleitung 17 



seiner Alterstufe normal entsprechende Kulturfähigkeit zu ver- 
mitteln. Die Fürsorgeerziehung unterscheidet sich daher dem 
Zwecke nach nicht von der Erziehung im allgemeinen; denn 
beide haben die Jugend kulturfähig zu machen. Der Fürsorge- 
erziehung fällt aber jedenfalls die Aufgabe einer Nachentwick- 
lung zu. Sie sondert sich von der Erziehung, wie wir schon 
wissen, durch den Anlaß und den Träger, als den wir die 
Öffentlichkeit kennen gelernt haben. Ich möchte noch ein 
Drittes hinzufügen: die Erziehungsmethoden. Diese sind 
wesentlich andere, als die der allgemeinen Erziehung. 

Da ich von der Fürsorgeerziehung komme und als Fürsorge- 
erzieher zu Ihnen spreche, werden sich meine Mitteilungen 
vorwiegend auf methodischem Gebiete bewegen und die an- 
deren Fragen der Fürsorgeerziehung ziemlich unberührt lassen. 
Aus dem Titel der Ankündigung meiner Vorträge läßt sich 
entnehmen, daß ich mir auch da noch bedeutende Einschrän- 
kungen auferlegen werde. Ich will Ihnen aus meiner eigenen 
Erfahrung zeigen, wie wir mit Hilfe psychoanalytischer Kennt- 
nisse in einzelnen Fällen Verwahrlosungserscheinungen auf 
ihre Ursachen zurückzuführen und zu beheben versuchen. Er- 
schöpfende Ausführungen über Ursachen und Arten der Ver- 
wahrlosung, ein Lehrgebäude über psychoanalytische Behand- 
lung Verwahrloster, oder gar Psychoanalysen von Fürsorge- 
erziehungszöglingen werden Sie nicht zu hören bekommen. 
Ich greife nur Einzelheiten aus dem Betriebe von Fürsorge- 
erziehungsanstalten und aus der Erziehungsberatung der offenen 
Jugendfürsorge heraus, zusammenhangslos, ohne jedweden 
systematischen Aufbau, mit dem Minimum an Theorie, das 
zum Verständnis des vorliegenden Falles unerläßlich ist. Ich 
werde auch versuchen, Ihnen zu zeigen, wie ich mithelfe, da- 
mit der Dissoziale sich selbst wieder in die Gesellschaft ein- 
reihe, beabsichtige aber nicht, Ihnen wissenschaftliche Vorträge 
zu halten. Als ausübender Erzieher will ich Ihnen einen ersten 

Aichhorn, Verwahrloste Jugend 2 



18 Erster Vortrag 



orientierenden Einblick in mein Arbeitsgebiet geben, um Sie 
zu eigener Arbeit anzuregen. 

Wir haben heute schon manches über die Fürsorgeerziehung 
gehört, sehen wir uns nun auch ein wenig die Psychoanalyse 
an. Auf Beziehungen zwischen ihr und der Fürsorgeerziehung 
werden wir erst später eingehen. Ich habe, wie schon eingangs, 
der Meinung Ausdruck gegeben, daß Ihnen allen das Wort 
Psychoanalyse bekannt sein dürfte. Wenn wir aber von ihr 
sonst noch nichts gehört hätten, könnten wir leicht zur Ansicht 
kommen, die Psychoanalyse sei nur eine Methode zur Zer- 
legung seelischer Erscheinungen und Vorgänge in ihre Elemente. 
Dem ist aber nicht so. Die Psychoanalyse ist weit mehr. Ihren 
Inhalt werden wir verstehen lernen, wenn wir etwas von 
ihrem Werden gehört haben. 

Die Psychoanalyse wurde von Prof. Sigm. Freud ge- 
schaffen und ist auf medizinischem Boden erwachsen. Als ihr 
Vorläufer gilt ein Heilverfahren, das Katharsis genannt wird. 
Die Worterklärung schenke ich mir, weil sie Ihnen nichts 
sagen würde. Ich schildere es Ihnen kurz. 

Der Wiener Arzt Joseph Breuer behandelte in den Jahren 
1880— 1882 ein 21 jähriges Mädchen, das an schwerer Hysterie 
litt. Sie haben gewiß schon von hysterischen Krankheits- 
erscheinungen oder hysterischen Symptomen, wie diese auch 
genannt werden, und von hysterischen Personen gehört, mög- 
licherweise selbst solche gesehen. Die Hysterie ist eine nervöse 
Erkrankung funktioneller Natur, d. h. eine Erkrankung, bei 
welcher organische Veränderungen nicht nachweisbar sind. Es 
kommt zu krankhaft verstärkten und auch ihrer Natur nach 
ungewöhnlichen Gemütserscheinungen, Bewegungs- und Ge- 
fühlsstörungen, Lähmungen, Krämpfen, Störungen der Drüsen- 
tätigkeit usw. 

Lassen Sie mich Ihnen nun die Erfahrungen, die Breuer an 
diesem Krankheitsfalle machte, mitteilen. Er hypnotisierte die 



Einleitung ig 



Patientin und rief ihr bereits vergessene Erlebnisse ins Be- 
wußtsein. Darunter waren auch solche, die seinerzeit mit 
heftigen Gemütserschütterungen verbunden waren, affektive Er- 
lebnisse, die sie in der Hypnose mit dem damaligen Affekt 
wiederholte. Jedesmal nach dem Erwachen war ein hysterisches 
Symptom verschwunden. Auf diese Weise hörten die Krank- 
heitserscheinungen nach und nach auf. Das Mädchen erlitt 
keinen Rückfall mehr, es blieb dauernd gesund. Dieser ver- 
blüffende Heilerfolg fand seine Erklärung, als der Zusammen- 
hang der hysterischen Symptome mit den affektiven Erlebnissen 
aufgeklärt worden war. Breuer und Freud entdeckten deren 
Abhängigkeit von der Art der Affekterledigung. Kommt es zu 
bestimmten, mit plötzlichen, heftigen Gemütserschütterungen 
verbundenen (traumatischen) Erlebnissen, so muß die Affekt- 
abfuhr nicht immer auf normale Weise erfolgen. Jede heftige 
Gemütserregung, die uns ergriffen hat, drängt nach Entladung. 
Dazu stehen verschiedene Wege zur Verfügung. Eingeschlagen 
wird immer der, der den geringsten Widerstand bietet. 
Laufen einem die Tränendrüsen rasch über, so beginnt er zu 
weinen, er entledigt sich des Affektes durch Absonderung, 
sekretorisch. Ein anderer, der leicht bewegliche Mundwerk- 
zeuge hat, klagt oder schimpft, er kommt sprechmotorisch 
wieder ins Gleichgewicht. Ein Dritter mit losem Handgelenk 
schlägt zu oder zerschlägt den erst besten erreichbaren Gegen- 
stand, leistet sich eine motorische Affektabreaktion. Und noch 
ein anderer kommt über seine Gefäßnerven, vasomotorisch, 
aus der Affektlage. Dem modernen Kulturmenschen stehen 
diese normalen Wege zur Affektabfuhr nicht immer zur Ver- 
fügung. Er muß sehr oft die Zähne zusammenbeißen und die 
Gemütserregung in sich behalten. Wir hatten vor noch nicht 
lange entschwundner Zeit ein geflügeltes Wort, wenn wir ge- 
zwungen waren einen bestimmten Affekt zu unterdrücken: 
„Maul halten und weiter dienen!" Das drückt so recht die 

2* 



20 Erster Vortrag 



Gewalt aus, die man sich selbst anhaben muß, um eine be- 
wußte Affektäußerung nicht aufkommen zu lassen. Wir ver- 
meinen mit der in uns vorhandenen Erregungsgröße fertig ge- 
worden zu sein, wenn wir nicht mehr daran denken, sie aus 
dem Bewußtsein schieben, wenn wir das machen, was die 
Psychoanalyse „Verdrängung" heißt. Breuer und Freud haben uns 
eines Besseren belehrt. Der verdrängte Affekt kann unter be- 
stimmten Voraussetzungen sich ins Körperliche umsetzen, 
körperliche Bahnen einschlagen. Diese nicht normale Um- 
setzung von Affekten, deren Endergebnis die hysterischen 
Symptome sind, nennt Freud Konversion. 

Wir werden, wenn auch vielleicht nicht im Verlaufe dieser 
Vorträge, so doch später Gelegenheit haben, über andere Formen 
abnorm erledigter Affekte zu sprechen. Bei anderen Voraus- 
setzungen können verdrängte Affekte Verwahrlosungserschei- 
nungen und einzelne Formen von Schwererziehbarkeit hervor- 
rufen. 

Freud veranlaßte im Jahre 1893 Breuer zur Veröffentlichung 
seines Krankheitsfalles aus den Jahren 1880—1882. In einer 
gemeinsamen Arbeit gründeten die beiden Forscher auf dessen 
Phänomenen die Theorie: „Die hysterischen Symptome ent- 
springen einer abnormen Verwendung nicht erledigter Affekt- 
größen." Es entwickelte sich daraus jenes Heilverfahren, 
das ich Ihnen schon als „Katharsis" genannt habe: dem Kranken 
werden in der Hypnose die vergessenen Traumen in Erinnerung 
gerufen, von ihm mit den bereits einmal erlebten Affekten 
reproduziert. Im affektiven Aussprechen kommt der bisher nicht 
erledigte „eingeklemmte" Affekt zur Entladung, „Abreaktion". 

Die Katharsis bedeutete einen Fortschritt in der Behandlung 
gewisser funktioneller Nervenerkrankungen, Neurosen, ist aber 
noch nicht Psychoanalyse. Als deren Beginn müssen wir den 
Zeitpunkt nehmen, in dem Freud bei derselben therapeutischen 
Zielsetzung auf die Verwendung der Hypnose verzichtete, dafür 



Einleitung 21 



die „freien Assoziationen" einführte und das so gewonnene 
Material einem eigenen Deutungsverfahren unterzog. Was in 
der Psychoanalyse unter freien Assoziationen verstanden wird, 
bedarf einer kurzen Erklärung. Der Kranke hat in Gegenwart 
des Arztes alles auszusprechen, was ihm durch den Kopf geht, 
darf aber dabei nicht nachdenken; er muß sich bereitwillig den 
frei aufsteigenden Gedanken, Gefühlen und Impulsen hingeben 
und sie sagen. Er hat an der Oberfläche des Bewußtseins 
hinzugleiten, jede Kritik seiner Einfälle zu unterlassen, und 
nichts zu verschweigen, auch das nicht, was ihm un- 
wesentlich vorkommt, nicht zur Sache gehörend erscheint, 
unangenehm oder peinlich ist. Das Deutungsverfahren werden 
wir verstehen lernen, sobald wir selbst uns mit Verwahrlosungs- 
erscheinungen beschäftigt haben. 

Freud fand auch die Abhängigkeit der freien Assoziationen von 
seelischen Vorgängen, die dem Kranken nicht bewußt wurden, 
also unbewußt blieben, kam dazu, ein unbewußtes Seelisches 
anzunehmen und erkannte auch die Bedeutung, welche dabei 
den jeweiligen Gefühlsbeziehungen des Patienten zum Arzte, 
die er „Übertragung" hieß, zufällt: Die Qualität und Quantität 
der sich einstellenden Assoziationen ist sehr abhängig von der 
augenblicklichen Stellung, die der Kranke innerlich zum Arzte 
einnimmt. Da die Übertragung in der Fürsorgeerziehung so 
bedeutungsvoll ist, werden wir ihr einen besonderen Vortrag 
widmen. 

Die Annahme eines unbewußten Seelischen hat vielfachen 
Widerspruch ausgelöst, obwohl sie nur auf der Anerkennung 
bisher vernachlässigter Tatsachen aufgebaut ist. „Sie ist not- 
wendig, weil die Daten des Bewußtseins in hohem Grade 
lückenhaft sind. Sowohl bei Gesunden als bei Kranken 
kommen häufig psychische Akte vor, die zu ihrer Erklärung 
andere Akte voraussetzen, die aber dem Bewußtsein ent- 
schwunden sind. Solche Akte sind nicht nur die Fehlhandlungen 



und dieTräumebei Gesunden, alles, was manpsychische Symptome 
und Zwangserscheinungen heißt, bei Kranken — unsere persön- 
lichste tägliche Erfahrung macht uns mit Einfällen bekannt, 
deren Herkunft wir nicht kennen, und mit Denkresultaten, 
deren Ausarbeitung uns verborgen geblieben ist. Alle diese 
bewußten Akte blieben zusammenhangslos und unverständlich, 
wenn wir den Anspruch festhalten wollten, daß wir auch alles 
durch Bewußtsein erfahren müssen, was an seelischen Akten 
in uns vorgeht, und ordnen sich in einen aufzeigbaren 
Zusammenhang ein, wenn wir die erschlossenen unbewußten 
Akte interpolieren. Gewinn an Sinn und Zusammenhang ist 
aber ein vollberechtigtes Motiv, das uns über die unmittelbare 
Erfahrung hinausführen darf. Zeigt es sich dann noch, daß wir 
auf die Annahme des Unbewußten ein erfolgreiches Handeln 
aufbauen können, durch welches wir den Ablauf der bewußten 
Vorgänge zweckdienlich beeinflussen, so haben wir in diesem 
Erfolg einen unanfechtbaren Beweis für die Existenz des An- 
genommenen gewonnen. Man muß sich dann auf den Stand- 
punkt stellen, es sei nichts anderes als eine unhaltbare An- 
maßung zu fordern, daß alles, was im Seelischen vorgeht, auch 
dem Bewußtsein bekannt werden müsse. 

Man kann weiter gehen und zur Unterstützung eines un- 
bewußten psychischen Zustandes anführen, daß das Bewußtsein 
in jedem Momente nur einen geringen Inhalt umfaßt, so daß 
der größte Teil dessen, was wir bewußte Kenntnis heißen, 
sich ohnedies über die längsten Zeiten im Zustande der Latenz, 
also in einem Zustande von psychischer Unbewußtheit befinden 
muß. Der Widerspruch gegen das Unbewußte würde mit Rück- 
sicht auf alle unsere latenten Erinnerungen völlig unbegreiflich 
werden. Wir stoßen dann auf den Einwand, daß diese latenten 
Erinnerungen nicht mehr als psychisch zu bezeichnen seien, 
sondern den Resten von somatischen Vorgängen entsprechen, 
aus denen das Psychische wieder hervorgehen kann. Es liegt 



Einleitung 23 



nahe zu erwidern, die latente Erinnerung sei im Gegenteil ein 
unzweifelhafter Rückstand eines psychischen Vorganges". „Immer- 
hin ist es klar, daß die Frage, ob man die unabweisbaren 
latenten Zustände des Seelenlebens als unbewußte seelische 
oder als physische auffassen soll, auf einen Wortstreit hinaus- 
zulaufen droht. Es ist darum ratsamer, das in den Vorder- 
grund zu rücken, was uns von der Natur dieser fraglichen 
Zustände mit Sicherheit bekannt ist. Nun sind sie uns nach 
ihren physischen Charakteren vollkommen unzugänglich ; keine 
physiologische Vorstellung, kein chemischer Prozeß kann uns 
eine Ahnung von ihrem Wesen vermitteln. Auf der anderen 
Seite steht fest, daß sie mit den bewußten seelischen Vorgängen 
die ausgiebigste Berührung haben; sie lassen sich mit einer 
gewissen Arbeitsleistung in sie umsetzen, durch sie ersetzen 
und sie können mit all den Kategorien beschrieben werden, 
die wir auf die bewußten; Seelenakte anwenden, als Vorstellun- 
gen, Strebungen, Entschließungen u. dgl. Ja, von manchen 
dieser latenten Zustände müssen wir aussagen, sie unterscheiden 
sich von den bewußten eben nur durch den Wegfall des Bewußt- 
seins. Wir werden also nicht zögern, sie als Objekte psycho- 
logischer Forschung und im innigsten Zusammenhange mit den 
bewußten seelischen Akten zu behandeln. 

Die hartnäckige Ablehnung des psychischen Charakters der 
latenten seelischen Akte erklärt sich daraus, daß die meisten 
der in Betracht kommenden Phänomene außerhalb der Psycho- 
analyse nicht Gegenstand des Studiums geworden sind. Wer 
die pathologischen Tatsachen nicht kennt, die Fehlhandlungen 
der Normalen als Zufälligkeiten gelten läßt, sich bei der alten 
Weisheit bescheidet, Träume seien Schäume, der braucht dann 
nur noch einige Rätsel der Bewußtseinspsychologie zu vernach- 
lässigen, um sich die Annahme unbewußter seelischer Tätig- 
keit zu ersparen. Übrigens haben die hypnotischen Experi- 
mente, besonders die posthypnotische Suggestion, Existenz 



^4 Erster Vortrag 



und Wirkungsweise des seelisch Unbewußten bereits vor der 
Zeit der Psychoanalyse sinnfällig demonstriert." (Freud, Das 
Unbewußte, Sammlung kleiner Schriften, IV. Folge, Seite 297 
ff., Ges. Schriften, V. 482 ff.) 

Je tiefer Freud bei seinen Forschungen in das unbewußte 
Seelenleben eindrang, desto mehr klärten sich ihm die gegen- 
seitigen Beziehungen der seelischen Vorgänge, deren Abläufe 
und die sie bedingenden Ursachen. Er fand eine so fest ge- 
fügte Abhängigkeit der seelischen Erscheinungen voneinander, 
daß er jeden Zufall, ja auch jede Willkürlichkeit ausschalten 
mußte: „Die psychischen Vorgänge determinieren sich gegen- 
seitig. " 

Er kam auch dazu, alles Psychische durch eine Kräftewirkung 
verursacht zu sehen. Jeder dieser Vorgänge und jede jeweils 
gegebene psychische Situation ist das Ergebnis eines psy- 
chischen Kräftespieles. Diese Betrachtungsweise seelischer Vor- 
gänge, deren sich die Psychoanalyse durch Freud bedient, 
nannte er eine „dynamische". Die Berechtigung dazu ergibt 
sich von selbst. Sie wissen, daß in der Sprache der Physik 
Dynamik nur im strengen Sinne genommen Theorie der Kräfte 
bedeutet, daß das Wort vielfach aber auch weniger streng in An- 
wendung gebracht wird, im Sinne der durch Kräfte hervor- 
gebrachten Bewegungen. Es steht dann der Statik gegenüber. 
Freud hat nun eine für physische Kräfte längst gebräuchliche 
Betrachtungsweise für das Psychische übernommen. 

Übernimmt der Fürsorgeerzieher diese Art der Auffassung 
psychischer Vorgänge, so sichert er sich dadurch einen Vorteil. 
Er erhält die Möglichkeit, hinter den psychischen Vorgängen, 
die eine dissoziale Äußerung oder Handlung bedingen, noch 
ein Kräftespiel zu erkennen, das er vielleicht durch erzieherische 
Maßnahmen beeinflussen kann. Ein Zustandbild wird für den 
Fürsorgeerzieher erst dann von Bedeutung, wenn er weiß, 
durch welche Kräftewirkung es zustandegekommen ist. Wir 



Einleitung 25 



haben weder von der erblichen Belastung noch vom ange- 
borenen Vagantentum, die uns als Diagnose für unsere Arbeit 
gegeben werden, etwas gewonnen, wenn wir dazu nicht 
Mechanismen erhalten, die erzieherische Angriffspunkte bieten. 

Kehren wir nach dieser Abschweifung wieder zur Psycho- 
analyse zurück. 

Grundlegende Tatsachen des Seelenlebens, die Freud durch 
die Analyse von Träumen erschloß, hat er in seinem Werke 
„Die Traumdeutung" niedergelegt, deren Studium Ihnen 
unerläßlich ist, wenn Sie sich näher mit den Problemen der 
Psychoanalyse beschäftigen wollen. 

Bei der Behandlung von Neurotikern ergab sich, daß diese, 
so sehr sie auch durch ihre Krankheit gequält wurden, sich doch 
energisch gegen das Aufgeben ihrer Krankheitssymptome 
wehrten, ohne daß sie eine Ahnung davon hatten. Dadurch 
erschwerten sie die Herstellung eines normalen Ablaufes in 
ihren seelischen Vorgängen oder machten sie unmöglich. Diese 
Erfahrungen und das Ergebnis von Traumanalysen führten 
Freud dazu, die Lehre vom „Widerstände" und der „Ver- 
drängung" zu schaffen. Wir wissen von der Verdrängung schon, 
daß sie eintritt, wenn etwas im Bewußtsein nicht bestehen bleiben 
darf, weil es den Menschen sonst in einen Konflikt mit sich 
selbst brächte. Dieselbe Kraft, die das im Bewußtsein Un- 
zulässige wegschiebt, setzt sich als Widerstand dem Bewußt- 
werden des Verdrängten entgegen. 

Wir werden im Verlaufe unserer Besprechungen noch wieder- 
holt auf den Widerstand, die Verdrängung, das Unbewußte, 
die Übertragung und noch andere Ergebnisse psychoanalytischer 
Forschungsarbeit zurückkommen und dann mehr von alledem 
hören. Für heute wollen Sie sich mit diesen dürftigen Andeutungen 
begnügen, aber zur Kenntnis nehmen, daß Freud in seiner 
Geschichte der psychoanalytischen Bewegung die Verdrängungs- 
lehre den Grundpfeiler nennt, auf dem das Gebäude der Psycho- 



analyse ruht, und daß er nur denjenigen Arbeitsmethoden den 
Namen „Psychoanalyse" zuerkennt, für die auch „Übertragung" 
und „Widerstand" wesentliche Faktoren sind. 

Wir wissen nun schon einiges von der Psychoanalyse; vor 
allem ist uns bekannt, daß sie ein Heilverfahren für gewisse 
nervöse Erkrankungen ist. Sie bewirkt die Gesundung, indem 
sie unbewußte, die Krankheit bedingende psychische Vorgänge 
bewußt macht. Wie das geschieht und warum durch das 
Bewußtwerden Heilung eintritt, gehört nicht hierher. Begnügen 
wir uns zu wissen, daß es so ist. 

Obwohl ich Ihnen bis jetzt nicht mehr als eine ganz flüchtige 
Andeutung über die Grundelemente Freudscher Psychoanalyse 
gegeben habe und noch nichts von der Entwicklung und Ver- 
tiefung mitteilte, die sie bis in die Gegenwart genommen hat, 
wird sich Ihnen vielleicht doch schon die Frage aufdrängen, 
wozu Sie soviel über eine Therapie nervöser Erkrankungen 
hören müssen, da uns doch nicht ärztliche Angelegenheiten, 
sondern Fragen der Fürsorgeerziehung interessieren. Anderer- 
seits erscheint es mir aber auch nicht unmöglich, daß der eine 
oder andere von Ihnen denkt, in der Psychoanalyse sei ein für 
die Fürsorgeerziehung wertvolles Verfahren gefunden worden. 
Ist doch so manche Dissozialität mit nervösen Störungen ver- 
bunden. Wer von Ihnen recht hat, können wir erst entscheiden, 
bis uns das Wesen der Psychoanalyse verständlicher geworden ist. 
Weil die Psychoanalyse über ihr ärztliches Anwendungsgebiet 
hinausgewachsen ist, nimmt sie unser Interesse auch noch von 
einer anderen Seite her in Anspruch. Vom Studium der Träume 
und den ihnen zugrunde liegenden Mechanismen ausgehend, 
erkannte Freud, daß vieles für das kranke Seelenleben Gültige 
auch für das gesunde in Betracht kommt. Seit dieser Erkenntnis 
entwickelte sich immer mehr eine psychoanalytische Psychologie, 
die sich wesentlich von der bisherigen Bewußtseinspsychologie 
unterscheidet. Sie wissen doch, daß Psychologie und Lehre 



r 



Einleitung 27 



vom Bewußtseinsinhalt immer identisch gesetzt worden sind. 
Nun hat Freud das Unbewußte erschlossen und die Abhängig- 
keit des Bewußtseins von diesem aufgedeckt, wodurch eine 
Umwälzung in den bisherigen Auffassungen hervorgerufen 
wurde. Dann kamen die übrigen Ergebnisse psychoanalytischer 
Forschungsarbeit und eine andere Betrachtungsweise psychischer 
Vorgänge, die dynamische, an Stelle der deskriptiven, beschrei- 
benden, dazu. Damit war für Freud aber die Forschungsrichtung 
nicht abgeschlossen. Um von den seelischen Akten das ihm 
wesentlich Erscheinende aussagen zu können, führte er auch 
topische und ökonomische Gesichtspunkte in die Psychologie 
ein. Was ist damit gemeint? 

Topik bezieht sich immer auf Örtlichkeiten. Die psychische 
Topik verfolgt die psychischen Erscheinungen auch nach dem 
Orte, das heißt, sie will angeben, innerhalb oder zwischen 
welchen der drei „psychischen Systeme", Unbewußtes, Vor- 
bewußtes, Bewußtes, sie ablaufen. Wegen dieses Bestrebens 
hat die Psychoanalyse auch den Namen einer Tiefenpsychologie 
erhalten. Das von der psychischen Topik Gesagte darf aber 
nicht so aufgefaßt werden, als ob sie darauf ausginge, zu unter- 
suchen, an welcher Stelle im Körper sich die psychischen 
Vorgänge abspielen; sie hat mit Anatomie nichts zu tun, sondern 
hält sich nur an Regionen des Seelischen. 

Ökonomische Betrachtungen beschäftigen sich mit Mengen. 
Die psychische Ökonomie hat es daher mit Quantitäten von 
psychischen Energien zu tun, mit dem Schicksale der von außen 
und innen an das Seelische herantretenden Reizmengen; sie 
stützt sich dabei auf eine Annahme der psychoanalytischen 
Theorie, daß der Ablauf der seelischen Vorgänge jedesmal 
durch eine unlustvolle Spannung angeregt wird und dann eine 
solche Richtung einschlägt, daß sein Endergebnis mit einer 
Herabsetzung dieser Spannung, also mit einer Verminderung 
von Unlust oder Erzeugung von Lust zusammenfällt. Die ökono- 



2 ° Erster Vortrag 



mischen Untersuchungen gehören mit zu den schwierigsten 
Aufgaben der psychoanalytischen Forschung und werden uns 
nicht beschäftigen. Die Bemerkungen darüber, sowie die über 
Topik und Dynamik sollen Sie nur aufmerksam machen, daß 
die Psychoanalyse das verborgene Seelische viel gründlicher 
enthüllt als jede andere Art von Psychologie. 

Die von Freud erschlossenen Tatsachen haben auch dazu 
geführt, die Psychoanalyse auf verschiedene Geistesgebiete 
anzuwenden. Mit deren Methoden wurden Mythen und Märchen 
in ihrem Aufbau und Entstehen, das dichterische Schaffen, 
Dichter- und Künstlerpersönlichkeiten behandelt, sprachwissen- 
schaftliche, historische, religionspsychologische, völkerpsycho- 
logische, ästhetische und auch pädagogische Probleme unter- 
sucht. Immer gelang es, weiter als bisher vorzudringen und 
zu ganz neuen Ergebnissen zu gelangen. 

Uns interessiert vor allem, was sie der Fürsorgeerziehung 
gebracht hat. Natürlich auch vertiefte psychologische Erkennt- 
nisse, aber was besonders wichtig ist, genaueren Einblick in 
die Struktur des Ichs und damit die Möglichkeit, die Beziehungen 
der Verwahrlosung zu dessen Strukturveränderungen zu stu- 
dieren; dann, sicheres Erfassen der durch die Fürsorgeerziehung 
zu lösenden Aufgaben und schließlich erhöhtes technisches 
Können. Sie kommt daher für den Fürsorgeerzieher vornehmlich 
in dreifachem Belange in Betracht: als Forschungsrichtung, 
psychoanalytische Psychologie und methodisches Hilfsmittel. 

Bedient sich der ausübende Erzieher der psychoanalytischen 
Psychologie, so vermag er beispielsweise aus der Art und 
Stärke psychischer Reaktionen auf die psychische Situation des 
Beobachteten zu schließen, Erziehungseinwirkungen aus dem 
darauf erfolgten Benehmen zu kontrollieren, Erziehungsschwierig- 
keiten aus der psychischen Konstellation zu beurteilen usw; er 
kommt durch sie auch zu erhöhter Menschenkenntnis und damit 
zu viel gründlicherem Erfassen der Zöglingsindividualitäten. 






Einleitung 2 9 



Läßt er außerdem die Psychoanalyse nicht vor seiner Person 
haltmachen, sondern auf sich selbst, sein Seelisches wirken, 
so weiß er seine eigenen Reaktionen zu beurteilen und kann 
dadurch die Fehlerquelle in der Beurteilung seiner Zöglinge 
beträchtlich herabsetzen. 

Es ist zweifellos sichergestellt, daß eine Reihe von Verwahr- 
losungen auf neurotischer Grundlage entstehen, in anderer Aus- 
drucksweise: neurotische Veränderungen der Ich-Struktur 
kommen zusammen mit solchen der Verwahrlosung vor; noch 
anders gesagt: es gibt neurotische Grenzfälle mit Verwahr- 
losungserscheinungen und Verwahrlosungsgrenzfälle mit neuro- 
tischen Erscheinungen. Je mehr die Verwahrlosung mit Neurose 
kombiniert auftritt, desto weniger wird man mit den bisherigen 
Erziehungsmitteln das Auslangen finden und bedarf desto mehr 
des durch die Psychoanalyse zu erwerbenden erhöhten tech- 
nischen, pädagogischen Könnens, der pädagogischen Analyse; 
je mehr die Neurose in Verwahrlosung ausläuft, desto weniger 
wird mit der Psychoanalyse allein das Auslangen zu finden 
sein, desto mehr Erziehung muß dazutreten. 

Die Behebung der Verwahrlosung als Angelegenheit der Er- 
ziehung zu reklamieren, erschiene überflüssig, wenn es nicht 
den Anschein hätte, als ob man in neuerer Zeit bemüht wäre, 
sie für eine Domäne des Arztes zu reservieren. Dem Fürsorge- 
erzieher wird seine erzieherische Gewissenhaftigkeit vor- 
schreiben, einen psychoanalytisch gebildeten Arzte zu Rate zu 
ziehen, um Krankhaftes nicht zu übersehen, im übrigen aber 
wird er sich die Berechtigung nicht absprechen lassen, von der 
Psychoanalyse in der Fürsorgeerziehung soweit Gebrauch zu 
machen, als es erforderlich ist. 

Ich will nun in Ihnen durchaus nicht den Eindruck hervor- 
rufen, als ob ich der Meinung wäre, wir hätten in der Anwen- 
dung der Psychoanalyse das Allheilmittel für die Fürsorge- 
erziehung gefunden. Sie ist zwar eine außerordentlich wertvolle 



_ 



30 



Erster Vortrag 



Hilfe, wenn wir aber im Überschwang der Begeisterung unsere 
Kritik verlieren würden, täten wir manchem tüchtigen Fürsorge- 
erzieher, den es auch schon vor der Psychoanalyse gegeben 
hat, unrecht; Erzieh en-Können ist eine Kunst, so wie jede 
andere. Und von der Fürsorgeerziehung gilt in erhöhtem Aus- 
maße, was von der Erziehung überhaupt gilt: je intuitiver der 
Erzieher den Zögling erfaßt und je künstlerischer er arbeitet 
desto Erfolgreicheres wird er leisten. Er bedarf dazu allerdings 
Hilfsmittel und Techniken, die er hernehmen wird, wo sie zu 
bekommen sind; daß er sie in der Psychoanalyse findet, erhöht 
deren Anwendungsbereich. Zuzugeben ist auch, daß das künst- 
lerische Schaffen bis zu einem gewissen Grade ersetzt werden 
kann durch ein technisches Können, das aus dem Wissen des 
gesetzmäßigen Ablaufes im- seelischen Geschehen hervorgeht 
Sind dem Erzieher die durch die Psychoanalyse aufgedeckten 
psychischen Mechanismen nicht mehr fremd, so wird sein 
intuitives Erfassen des Zöglings zum bewußten sicheren 
Erkennen werden. 

Aus all dem folgt, wie sich der Wirkungsbereich der Psycho- 
analyse in der Fürsorgeerziehung begrenzt: 

Als Forschungsrichtung in dem Material, das zu verarbeiten 
ist; 

als Behandlungsmethode nur anwendbar kombiniert mit 
Erziehung; 

als psychoanalytische Psychologie soweit die Psychologie für 
die Fürsorgeerziehung überhaupt in Betracht kommt. 

Der Erzieher überschätzt sehr häufig die Bedeutung der 
Psychologie m der Fürsorgeerziehung und übersieht leicht die 
Entwicklung, die die Pädagogik seit Herbart genommen hat. 
Sie laßt sich seit langem nicht mehr auf Ethik und Psychologie 
allein gründen. Sie ist ein recht verzweigtes Gebiet 
geworden, das sich von einer Seite allein, auch von der psy- 
chologischen nicht mehr erklären läßt. Der Fürsorgeerzieher 



Einleitung 3t 



der nicht erkennt, wie viele psychiatrische, soziologische, kultur- 
politische, staatswissenschaftliche Probleme, um nur einige zu 
nennen, außer den psychologischen mit der Fürsorgeerziehung 
verwoben sind, und sich ausschließlich psychologischen oder 
psychoanalytischen Studien widmet, wäre zweifellos seiner 
Aufgabe nicht gewachsen. 

Ich bin bei dem flüchtigen Überblick, den ich ihnen heute 
über die Fürsorgeerziehung und die Psychoanalyse gab, an 
vielen Stellen sehr andeutungsweise geblieben und habe mich 
oft mit recht unbestimmten Ausdrücken begnügt. Wollte ich 
Ihnen Glauben aufzwingen und Sie nicht dazu bringen, Wissen 
zu erwerben, so hätte ich Ihnen manches bereits gesicherte 
Ergebnis der Psychoanalyse als Tatsache anführen können; Sie 
sollen aber selbst prüfen, sich in eine Denkrichtung einleben 
und beurteilen lernen, ob der psychoanalytisch geschulte Er- 
zieher neue Wege finden oder die alten mit mehr Erfolg gehen 
kann, als der andere, dem die Psychoanalyse nichts sagt, oder 
der von ihr nichts weiß. 



ZWEITER VORTRAG 

Eine Symptomanalyse 

jyjeine Damen und Herren! Wir haben bei unserem ersten 
Zusammensein schon so weit allgemein einführende 
Gesichtspunkte gewonnen, daß wir die Aufgabe der Fürsorge- 
erziehung andeutungsweise kennen und uns auch die Psycho- 
analyse nicht mehr ganz fremd ist. Wir könnten nun Voraus- 
setzungen für unsere Arbeit zusammentragen, um erst später, 
gut vorbereitet, mit Untersuchungen und Überlegungen zu' 
beginnen. Unsere Besprechungen würden sich dann in einen 
allgemeinen Teil, der die Grundlagen schafft und in einen 
besonderen, in dem diese an Erziehungsnotständen zur An- 
wendung kommen, gliedern. Der Vorteil dieses Vorganges wäre 
ein mehrfacher: durch die vorhergehende systematische Ein- 
führung in die Psychoanalyse, — allerdings nur so weit es für 
unsere Zwecke erforderlich ist, — wären Sie in eine Denkrichtung 
eingelebt, so daß Ihnen die in der Anwendung notwendigen 
Schlußfolgerungen nicht mehr „unerhört", „weit hergeholt«, 
oder wie sonst die aus mangelnder Sachkenntnis hervorgehenden 
Redewendungen lauten, erscheinen; dann brauchten wir auch 
nicht den Zusammenhang bei der Darstellung von Ursachen 
und Behebung dissozialer Erscheinungen durch theoretische 
Einschaltungen zu zerreißen, weil immer eine Bezugnahme auf 
bereits Bekanntes möglich wäre; schließlich hätten wir damit 
auch einen jeden Sprung vermeidenden, lückenlos fortschreiten- 
den, ziemlich bequemen Weg vor uns. Und doch schlage ich 
Ihnen einen anderen vor; vielleicht nur deswegen, weil mir 



Eine Symptomanalyse 33 



selbst eine wissenschaftliche systematische Darstellung so gar 
nicht liegt. Ich stehe mitten in der Erziehungsarbeit und will 
Ihnen Hilfe für Ihre geben; da erscheinen mir theoretische 
Auseinandersetzungen, von denen man solange nicht weiß, 
wozu sie angestellt werden, nicht am Platze. Ich setze mich 
lieber Ihrem Widerspruche und der Gefahr aus, durch theore- 
tische Einschaltungen den Zusammenhang loser zu machen, 
nehme den Vorwurf einer unwissenschaftlichen Darstellung auf 
mich, aber ich stelle Sie sofort ins wirkliche Leben hinein, 
bringe Ihnen ohne weitere Vorbereitung Erziehungsnotstände, 
wie sie durch die Verhältnisse geworden sind, nichts Zuge- 
richtetes, oder eine einer Erklärung angepaßte Konstruktion. 
(Daß gewisse unwesentliche Einzelheiten aus gebotener Dis- 
kretion abgeändert werden müssen, ist wohl selbstverständlich.) 
Wir werden ja sehen, was wir uns zu jedem Falle an 
psychoanalytischen oder sonstigen Kenntnissen holen müssen. 

Gehen wir nun in die Erziehungsberatung, — den Anstalts- 
besuch heben wir uns für ein andermal auf, — nehmen aber 
nicht gleich den erstbesten Jungen vor, sondern wählen für die 
erste Einführung einen ziemlich durchsichtigen Fall aus. 

Frau S. kommt mit ihrem 13jährigen Jungen Ferdinand, 
beklagt sich über seine Schlechtigkeit und will ihn durchaus 
in eine Besserungsanstalt bringen. In Abwesenheit des Jungen 
macht sie ihre Angaben stellenweise zusammenhängend, dann 
wieder auf direktes Befragen. Ich teile Ihnen aus der Unter- 
redung nur das heute für uns Wesentliche mit. 

Am Mittwoch wollte Frau S . . . von der Waschküche in die 
Wohnung gehen, um mit Ferdinand, der ihr nicht lange vorher 
Seife, Soda und eine Tageszeitung dorthin gebracht hatte, das 
Mittagessen einzunehmen. Die Wohnung war aber versperrt, 
der Schlüssel von ihm bei einer Nachbarin hinterlegt worden 
und er selbst verschwunden. „Da er ohne jede Ursache, er 
wird sehr gut gehalten, schon einige Male von zu Hause fort- 

Aichhorn, Verwahrloste Jugend 3 



34 Zweiter Vortrag 



gelaufen ist, dachte ich sofort an ein Durchgehen", sagte 
FrauS... und fuhr fort: „Aus meiner Geldtasche, in der etwas 
über 100.000 Kronen waren und die auf dem Tische im Zimmer 
lag, fehlte nichts. Auch das ersparte Geld meines Mannes war 
unberührt. Der Junge kennt den Aufbewahrungsort — die 
Innentasche eines alten, nicht mehr im Gebrauche stehenden 
Rockes im Kleiderschrank, der offen stand — . Erst später ent- 
deckte ich, daß er 7000 Kronen aus der Lade des Küchentisches 
und 6000 Kronen aus der Sparkasse seiner Schwester entwendet 
hatte. Als Ferdinand auch abends nicht nach Hause kam, erstattete 
ich die Abgängigkeitsanzeige. Am Freitag nachmittags, ich kehrte 
gerade mit einer neuen Arbeit zurück, trat er mir in der Nähe des 
Wohnhauses entgegen, ganz verstockt und trotzig, aber frisch 
gewaschen, mit reiner Wäsche und umgezogen. Er war schon 
in der Wohnung gewesen. Er sprach nichts; trotz wiederholten 
Fragens konnte ich aus ihm nicht herausbringen, wo er gewesen 
war und was er mit dem Gelde angefangen hatte. Ich weiß es 
auch jetzt noch nicht. Ich habe nicht geschimpft mit ihm, ihn 
auch nicht geschlagen, aber da er gar so schlecht ist, muß er 
in eine Besserungsanstalt kommen." 

Über ihre Familienverhältnisse spricht sie ganz offen. Sie ist 
seit 15 Jahren verheiratet, lebt in guter Ehe und durchaus 
geordneten Verhältnissen. Ihr Mann ist Werkführer in einer 
Maschinenfabrik, sie arbeitet für ein Stadtgeschäft Kunst- 
stickereien. Auf meine Frage, ob es nie eheliche Zwistigkeiten 
gebe, entgegnete sie: „Na ja, so Kleinigkeiten, wie sie eben 
überall vorkommen." Die Beziehungen zwischen ihr und dem 
Jungen scheinen recht gute zu sein. „Mich hat er sicher lieber 
als den Vater, der ist viel zu gut mit ihm, läßt ihm alles 
angehen und straft ihn fast nie. Ich ärgere mich immer darüber, 
aber es nützt nichts. Sage ich etwas, dann geht der Mann fort 
und kommt stundenlang nicht nach Hause. Mit den Kindern 
können wir uns nicht viel beschäftigen. Wir stehen den ganzen 




Eine Symptomanalyse 35 



Tag in Arbeit, und Sonntags, Sie müssen wissen, daß mein 
Mann passionierter Fischer ist, da nimmt er sein Fischzeug 
und fährt nach Tulln. Ferdinand darf öfter mitkommen. Ich 
und meine Tochter, die Lina, bleiben zuhause und da wird das 
Notwendigste gestopft und geflickt." 

Die Wohnung besteht aus Zimmer, Kabinett und Küche. Die 
Eltern und die Tochter schlafen im Zimmer, der Junge im 
Kabinett. Von Lina gibt die Mutter an, daß diese 11 Jahre alt 
ist, in die Bürgerschule geht, sehr gut lernt, keinen Anlaß zu 
Klagen gibt, weil sie auch bei den häuslichen Arbeiten fleißig mit- 
hilft, und Ferdinand, wenn Streitigkeiten vorkommen, mehr nach- 
gibt als wünschenswert ist. Frau S . . . schließt ihre Mitteilungen, 
indem sie noch angibt, daß es mit dem Jungen vor seinem Davon- 
laufen zu keinerlei Auseinandersetzungen gekommen sei, daß er 
eine Strafe nicht zu befürchten hatte und auch nicht durch irgend 
etwas verängstigt gewesen sein könne. Sein Weggehen ist der 
Mutter unerklärlich, da auch eine Verleitung durch Freunde nicht 
in Frage kommt; er verkehrt nur mit einem einzigen Jungen 
aus sehr anständiger Familie und ist fast nie auf der Gasse. 

Zu den Angaben der Frau S . . . trage ich noch nach: Vater 
und Mutter sind gesund, weder in seiner noch in ihrer Familie 
sind Trinker oder Geisteskranke, bei keinem Verwandten ist 
ein Zug zum Vagantentum oder zur Kriminalität bemerkbar. 
Die Entwicklung Ferdinands war eine vollständig normale, er 
hatte in der Kindheit weder Krämpfe noch Fraisen und zeigt 
auch jetzt keinerlei Äußerungen, die auf einen Dämmerzustand 
oder eine psychische Erkrankung schließen lassen. 

Als von der Mutter nichts mehr zur Aufhellung der dissozialen 
Äußerungen Ferdinands Erforderliches zu erfragen war, ver- 
suchte ich durch eine abgesonderte Befragung des Jungen 
weitere Einzelheiten über seine Handlungsweise aufzudecken. 
Die Mutter wurde gebeten, das Ergebnis abzuwarten, um ihr 
die erforderlichen Maßnahmen bekanntgeben zu können. 



30 Zweiter Vortrag 



Der erste Eindruck von Ferdinand ist ein recht sympathischer. 
Nicht die Spur der typischen Erscheinung des Verwahrlosten; 
im Gegenteil, das Aussehen eines gut gehaltenen, gepflegten, 
wohlerzogenen Kindes aus bürgerlicher Familie. Hochauf- 
geschossen, dabei nicht schwächlich, zeigt er ein heiteres 
Lächeln im kindlich weichen, ovalen Gesicht. Die brünetten 
Haare sind gescheitelt, Antlitz und Hände nicht nur gewaschen, 
sondern gescheuert. Besonders stark betont ist das „große Kind" 
durch linkische, verlegene Bewegungen und durch seine Gewan- 
dung: frischgewaschenes weißes Matrosengewand mit langer 
Hose und in Neuheit glänzende Sandalen. 

Nach der üblichen Begrüßung und einigen einleitenden Fragen, 
deren Art wir besprechen werden, wenn wir uns mit der Her- 
stellung der Gefühlsbeziehung zwischen Zögling und Erzieher 
beschäftigen, setzen Ferdinand und ich uns an den im Sprech- 
zimmer stehenden Tisch und es entwickelt sich ein Gespräch, 
das ich Ihnen, soweit es für uns heute in Frage kommt, teils 
nur inhaltlich, teils in Rede und Gegenrede mitteilen will. Vorher 
bemerke ich aber noch, daß die Aussprachen in der Erziehungs- 
beratung sowohl mit den Eltern als auch mit den Minder- 
jährigen unter vier Augen stattzufinden haben. Es ist schon 
der Sache nicht dienlich, wenn ab und zu der eine oder 
andere zuhört, untunlich aber, wenn es zur Regel gemacht wird, 
daß Eltern und Kinder einem Auditorium vorgeführt werden. 
Ferdinand schildert die gegenseitigen Beziehungen seiner 
Eltern im Gegensatze zur Mutter so, daß daraus ziemliche 
Disharmonie zu entnehmen ist. Vater und Mutter verstehen 
einander nicht sehr gut. Wenn die Mutter böse ist und es zu 
Zank kommt, geht der Vater fort. Er bleibt dann stundenlang 
weg und die Mutter ärgert sich. Am Samstag vor acht Tagen 
hatte es wieder einmal eine Auseinandersetzung gegeben; der 
Vater fuhr mit seinem Fischzeug nach Tulln und kam nicht 
wie gewöhnlich, sondern erst am Sonntag spät nachts zurück. 



Eine Symptomanalyse 37 



Darüber ängstigte sich die Mutter sehr, weil sie einen Unfall 
befürchtete. Ferdinands Stellung zu den Eltern ist „ambivalent", 
schwankt zwischen Zuneigung und Ablehnung. Ist die Mutter 
zu strenge, so geht er zum Vater, nimmt dieser ihn nicht nach 
Tulln mit, beklagt er sich bei jener; die Mutter liebt er mehr, 
dem Vater gibt er recht, daß er sich unangenehmen Aus- 
einandersetzungen durch Entfernen entzieht. Die Schwester ist 
nicht sehr zärtlich zu ihm; er muß sich oft über sie ärgern. 
Sie wird manchmal von der Mutter bevorzugt. Am Dienstag 
abends, vor seinem Weggehen, gab ihr die Mutter 6000 Kronen 
in die Sparkasse, damit sie sich für Schuhdoppeln spare, er 
erhielt nichts, obwohl er neue Schuhe notwendiger brauchte. Die 
Mutter wollte das nicht einsehen, als er sich darüber aufregte. 

Von der Schule bringt die Schwester bessere Noten nach 
Hause als er. Vom Schulgehen ist er überhaupt kein Freund; 
er wäre schon lieber nicht mehr dort und möchte Mechaniker 
werden. Viel Umgang mit Kameraden hat er nicht. Einen 
Jungen gleichen Alters liebt er sehr. Auf der Gasse mag er 
nicht sein, außer mit seinem Freunde, der ihn ab und zu zum 
Spazierengehen abholt. Manchmal besucht er mit ihm auch das 
Kino. Er zieht Stücke vor, die durch die ganze Welt führen, 
liest auch gerne Reiseberichte und wird Mechaniker nur, weil 
die Eltern ihn nicht zur See gehen lassen. 

Über sein Davonlaufen entwickelt sich mit ihm ein Gespräch, 
das ich Ihnen, soweit es zur Aufhellung der Dissozialität er- 
forderlich ist, wörtlich wiedergebe. Wesentliche Erinnerungs- 
fälschungen können nicht unterlaufen sein, da ich es gleich 
nach seinem Weggehen stenographisch fixierte. 

„Wann bist Du von zu Hause durchgegangen?" 

„Am Mittwoch." 

„Wann bist Du weggelaufen, in der Früh, mittags, nachmittags oder 
am Abend?" 

„Ich weiß nicht genau, wie spät es war, aber gegen Mittag, noch vor 
dem Essen." 



3^ Zweiter Vortrag 



„Bist Du von zu Hause oder von der Straße weggelaufen?" 

„Ich war in der Wohnung und bin von dort weg." 

„War außer Dir noch jemand in der Wohnung?" 

„Nein! Ich war allein." 

„Wo waren die anderen?" 

„Die Mutter war in der Waschküche, der Vater in der Fabrik und die 
Schwester in der Schule." 

„Erinnerst Du Dich, ob vorher etwas los war? Hast Du Dich gefürchtet, 
Angst gehabt oder vielleicht geärgert'" 

„Nein!" 

„Vielleicht war am Dienstag abends etwas"' 

„Nein!" 

„Was hast Du Dienstag abends gemacht?" 

„Ich war einkaufen. Meine Mutter hat mir fünfzigtausend Kronen ge- 
geben ... Ich habe dreizehntausend Kronen zurückgebracht ... Die hat 
die Mutter in der Küche in die Tischlade gelegt." 

„Denk einmal nach, ob die Mutter oder der Vater am Dienstag abends 
oder am Mittwoch auf Dich böse waren?" 

„Nein!" 

„War mit dem Vater irgend etwas?" 

„Nein!" 

„Mit der Schwester?" 

„Nein ! Ja schon. ... Ich habe mich geärgert über sie, weil sie sich 
früher ihre Schuhe doppeln lassen kann, als ich neue krieee " 

„Wieso?" S ' 

„Die Mutter hat ihr sechstausend Kronen geschenkt und die Lina hat 
sie in ihre Sparkasse gegeben." 
„Warum?" 

„Das weiß ich nicht. Die Mutter hat sie von der Küchenlade heraus- 
genommen." 

„Hast Du Dir schon am Dienstag abends gedacht, daß Dudavonlaufen wirst 1 ?" 

„Nein!" 

„Wann denn?" 

„Erst am Mittwoch und dann bin ich gleich fort." 

„Was hast Du vorher gemacht?" 

„Ich habe der Mutter Soda, Seife und eine Zeitung in die Waschküche 
gebracht. Dann bin ich in die Wohnung gegangen." 

„Hast Du in die Zeitung hineingeschaut' 

„Ja!" 

„Was hast Du gelesen?" 

„Daß die Marchart auf der Rax verschwunden ist." 

„Wie Du der Mutter die Sachen in die Waschküche gebracht hast war 
da irgend etwas los ?" ' 



Eine Symptomanalyse 39 



„Die Mutter war grantig wegen der Briefmarken." 

„Wegen welcher Briefmarken?" 

„Meinem Freunde sind Briefmarken weggekommen und sie glauben, 
daß ich sie habe." 

„Wer sind die ,sie' ?" 

„Alle, aber auch die Mutter." 

„Hast Du Dich über die Mutter geärgert?" 

„Freilich, ich habe mir gedacht : das ist mir schon zu dumm." 

„Du bist von der Waschküche in die Wohnung gegangen, was hast Du 
dort gemacht?" , 

„Ich habe mir ein Schmalzbrot aufgestrichen und gegessen." 

„Bist Du dabei im Zimmer oder in der Küche gewesen?" 

„Ich habe im Zimmer beim Fenster hinunter geschaut." 

„Ist Dir auf der Gasse etwas aufgefallen?" 

„Ich hab' ja in den Hof hinunter geschaut. Da ist ein Hund unten ge- 
wesen und dem hab' ich von meinem Schmalzbrot etwas hinuntergeworfen." 

„Zeige mir wie Du beim Fenster gestanden bist!" 

(Der Junge lehnt sich daraufhin an die Platte des Tisches, an dem wir 
bisher beisammen gesessen sind. Ich lasse ihn in der Folge, um das 
Erinnern zu erleichtern, in dieser Stellung.) 

„Was war, nachdem Du dem Hunde von Deinem Schmalzbrote 
hinuntergeworfen hast ?" 

„Dann bin ich durchgegangen." 

„Halt ! Nicht so rasch ! Du bist am Fensterbrett gelehnt . . . hast 
Dein Schmalzbrot gegessen . . . dem Hunde davon hinuntergeworfen . . . 
denk einmal nach, ob Du Dich erinnerst, warum Du auf einmal durch- 
gegangen bist !" 

„Nein !" 

„Ist Dir der Gedanke während des Essens gekommen?" 

„Ich war schon fertig und habe mir gedacht, ich fahre nach Tulln." 

„Warum gerade nach Tulln?" 

„Weil ich in den Wald gehen wollte." 

„Gibt es denn nur in Tulln einen Wald ?" 

„Nein ! Aber ich wollte der Mutter Kirschen bringen." 

„Warum gerade von Tulln ?" 

„Weil der Vater dort Kirschenbäume gekauft hat." 

„Woher weißt Du das ?" 

„Weil ich mit war. Ich bin schon oft mit meinem Vater in Tulln ge- 
wesen, wenn er fischen gegangen ist." 

„Also, Du hast Dir gedacht nach Tulln zu fahren, um der Mutter 
Kirschen zu bringen, was war dann ?" 

„Auf dem Fensterbrett sind auch Kirschenkerne gelegen. Dann bin ich 
in die Küche gegangen und habe mir vier Schmalzbrote aufgestrichen." 



40 Zweiter Vortrag 



„Was hast Du noch gemacht ?" 

„Von der Mutter die dreizehntausend Kronen und eine Tasche ge- 
nommen." ° 

„Wo hast Du das Geld weggenommen?" 

„Aus der Lade in der Küche." 

„Stimmt das?" 

Ja!" 

„Denk einmal nach!" 

„Ich habe nur siebentausend Kronen aus der Tischlade genommen Es 
war nicht mehr drin." 

„Woher hast Du die sechstausend Kronen ?" 

„Von der Lina ihrer Sparkasse." 

„Wo war die Sparkasse?" 

„In der Kredenz im Zimmer." 

„War die zugesperrt?" 

„Ja, aber der Schlüssel war in der Mutter ihrer Geldtasche." 

„Wo war die Geldtasche?" 

„Auf dem Tisch im Zimmer." 

„War da auch Geld darin?" 

„Ja!" 

„Wieviel?" 

„Das weiß ich nicht." 

„Hast Du alles Geld aus der Sparkasse der Schwester genommen oder 
noch etwas übrig gelassen?" 

„Ich habe nicht alles genommen." 
„Warum nicht?" 

„Ich habe nicht mehr gebraucht für die Fahrt." 
„Was kostet die Fahrt?" 
„Sechstausend Kronen." 

„Dann hast Du doch nicht dreizehntausend gebraucht." 
„Ich habe ja auch zurückfahren müssen." 
„War in der Wohnung noch anderswo Geld?" 

„Ja! Im Kasten. Da hat der Vater einen alten Rock hängen. In einer 
alten Brieftasche hat er da sein Geld." 
„War dieser Kasten auch zugesperrt?" 
„Ja, aber der Schlüssel ist gesteckt." 
„Hast Du auch eine Sparkasse?" 
Ja!" 

„Wieviel Geld hast Du erspart?" 
„Gegen achttausend Kronen." 

„Warum hast du nicht das Geld von Dir genommen ?" 
„Das wollte ich mir sparen." 
„Warum hast Du gerade das Geld von der Schwester genommen?" 



Eine Symptomanalyse 41 



„Willst Du mir das nicht sagen?* 



„Du hast das Geld aus der Sparkassa der Schwester genommen, was 
war dann ?" 

„Ich habe die Schmalzbrote in die Tasche gegeben und die Wohnung 
zugesperrt." 

„Hast Du die Wohnungschlüssel mitgenommen ?" 

„Nein, die habe ich zu einer Nachbarin gegeben. Und dann bin ich 
fortgegangen." 

„Hast Du nicht Angst gehabt, daß Dich die Mutter auf der Stiege treffen 
könnte?" 

„Nein! Sie hat mir gesagt, daß sie sich recht tummeln muß, damit sie 
noch vor dem Essen fertig wird." 

„Was hätte sie denn dann gemacht?" 

„Das weiß ich nicht. Ich hätte das Essen wärmen sollen." 

„Hast Du das gemacht ?" 

„Nein!" 

„Wohin bist Du von der Wohnung gegangen ?" 

„Auf den Franz -Josefs-Bahnhof." 

„Zu Fuß oder mit der Straßenbahn?" 

„Zu Fuß und dann habe ich zwei Stunden warten müssen." 

„ Was hast Du auf dem Bahnhof gemacht ? 

„Ich bin gesessen und habe ein Schmalzbrot gegessen." 

„Hat der Vater auch immer etwas mitgenommen, wenn ihr zusammen 
nach Tulln gefahren seid? 

„Ja, und das habe ich tragen müssen." 

„Hast Du auf dem Bahnhof Angst gehabt, daß man Dich erwischen wird ?" 

„Nein! Es kommt ja niemand von uns hin." 

„Hast Du gewußt, wo Du aussteigen mußt?" 

„Ja, ich kenne den Bahnhof sehr gut." 

„Was hast Du gemacht, wie Du in Tulln ausgestiegen bist?" 

„Nichts." 

„Bist Du auf dem Bahnhof geblieben ?* 

„Nein, ich bin gleich in den Wald gegangen." 

„Dann hast Du ja doch etwas gemacht !" 

„Das schon, aber ich habe geglaubt, ob ich etwas angestellt hab'." 

„Was hast Du im Wald gemacht ? 

„Ich bin zu den Kirschenbäumen gegangen.' 

„Hast Du Kirschen gepflückt ?" 

„Die waren ja noch nicht reif und da hab' ich Angst vor zu Hause be- 
kommen." 

„Was hast Du dann gemacht ?" 



43 Zweiter Vortrag 



„Ich bin im Walde herumgegangen." 

»Warum?" 

„Weil ich mir Erdbeeren gesucht habe. Es waren auch noch andere 
Kirschenbäume da. Die haben reife Kirschen gehabt. Ich habe mir ge- 
nommen und gegessen." 

»Hast Du auch für die Mutter von diesen Kirschbäumen genommen?" 

»Nein!" 

„Wie lange bist Du im Walde geblieben ?" 

„Bis es ganz finster war. Es hat auch angefangen zu regnen." 

„Wohin bist Du am Abend gegangen?" 

„Ich hab> in einem Stadel (Scheune) übernachtet." 

Ferdinand beschreibt nun dieSituation seines Nachtlagers näher, 
auch wie vorsichtig er am Abend sein mußte, damit die Bauers- 
leute ihn nicht bemerkten. Er erzählt von seiner gedrückten 
Stimmung, als er so allein hoch oben im Heu schlafen sollte, 
zuerst sich ängstigte, daß er am Morgen nicht rechtzeitig er- 
wachen und vom Bauern könnte erwischt werden, dann überhaupt 
nicht einschlafen konnte und als der Tag kaum zu grauen 
begann, sich davonmachte. Obwohl es tagsüber fortgesetzt, 
wenn auch leicht regnete, blieb er, um nicht gesehen zu werden, 
im Walde. Viel Gedanken über zu Hause machte er sich nicht. 
Seine einzige Sorge war nur, ob es ihm wieder möglich sein 
werde, in derselben Scheune zu übernachten. Er wartete den 
Eintritt der Dunkelheit ab, schlich sich zur Scheune vom Tage 
vorher und kam wieder unbemerkt auf sein Heulager. Diesmal 
verbrachte er eine sehr gute Nacht und erwachte erst, als es 
schon heller Tag war. Er mußte zuwarten, bis der Bauer das 
Haus verlassen hatte und lief dann schleunigst in den Wald 
zurück. Vom restlichen Fahrgeld hatte er für andere Zwecke 
nichts verwendet, sondern es für die Rückreise aufgespart, 
gelebtvonErdbeeren, Kirschen und seinen drei Schmalzbroten. Das 
letzte aß er am Freitag früh, als es schon ganz hart geworden 
war. Nach Hause trieb ihn der Hunger. Er fuhr ohne besondere 
Gewissensbisse nach Wien. Erst beim Haustor erfaßte ihn 
wieder große Angst, die er aber überwand. In der Wohnung 



Eine Symptomanalyse 43 



traf er die Mutter nicht an, sondern nur die Schwester, die 
ihm mitteilte, daß die Eltern über sein Davonlaufen sehr böse 
seien, und die Mutter gleich vom Geschäft zurückkommen werde. 
Ferdinand wusch sich gründlich, zog frische Wäsche, auch 
andere Kleider an und ging der Mutter entgegen. Auf der 
Straße traf er sie. Sie machte ihm nicht viele Vorwürfe, schlug 
ihn auch nicht, sagte ihm aber, weil er ein so schlechter Kerl 
sei, müsse er in eine Besserungsanstalt. 

In einer nochmaligen kurzen Rücksprache mit der Mutter 
ließ sich die Richtigkeit der Angaben Ferdinands feststellen. 
Ihr erschien der Diebstahl und die Fahrt nach Tulln sehr ent- 
schuldbar, als sie hörte, wie der Junge diese begründete. Sie 
konnte sich nur nicht erklären, warum er ihr das nicht selbst 
gesagt hatte. 

Ob die Sache wirklich so einfach liegt, wie Frau S . . . meint? 
Dazu müssen wir uns die Diebstahlshandlung des Jungen und 
sein Durchgehen, sagen wir besser sein Nichtnachhausezurück- 
kehren doch noch näher ansehen. Schon ein ganz oberflächliches 
Eingehen läßt ganz deutlich zwei getrennte Abschnitte, die aus 
wesentlich verschiedenen psychischen Situationen kommen, er- 
kennen. Der Junge selbst gibt uns an, wo die eine endet und 
die andere beginnt: vor den Kirschbäumen, als er sah, daß die 
Kirschen noch nicht reif waren. „Die Kirschen waren noch 
nicht reif und da habe ich Angst vor zu Hause bekommen." 
Lassen wir den zweiten Teil heute unberücksichtigt und kehren 
wir zum Ausgangspunkte zurück. Ich meine, daß wir für die anzu- 
stellenden Überlegungen von vornherein Verschiedenes, das 
als Ursache dieser dissozialen Äußerungen in Betracht kommen 
könnte, ausschließen dürfen. Krankhaftes liegt nicht vor, auch 
kein angeborenes Vagantentum, kein Wandertrieb, kein 
Dämmerzustand. Es fehlen auch jedwede Anhaltspunkte, sie 
auf Furcht vor Strafe zurückzuführen oder als Angstreaktion 
zu erklären. 



44 _^^^ Zweiter Vortrag 



Eines steht fest : er selbst begründet sie uns mit der Absicht, 
der Mutter Kirschen zu bringen. 

Gehen wir an die Erörterung diese Falles vorläufig ohne 
jedwede psychoanalytische Überlegung. 

Zunächst, der Junge ist nicht einwandfrei, somit erscheint 
seinen Angaben gegenüber Vorsicht geboten. Wir wissen noch 
nicht, hat er die Wahrheit gesprochen, oder mich angelogen. 
Ich möchte Ihnen bei dieser Gelegenheit überhaupt empfehlen, 
Mitteilungen Verwahrloster ohne eingehende Nachprüfung 
nicht ohneweiters als stichhältig anzunehmen. Wir werden 
gewöhnlich mehr angelogen als uns lieb ist, haben es, wie die 
Psychoanalyse sagen würde, nicht nur mit unbewußten, sondern 
recht häufig mit sehr deutlich bewußten „Widerständen" zu 
tun. Weil wir das wissen, regen wir uns darüber nicht auf, 
sondern rechnen mit dieser Tatsache und richten uns darauf 
em, aber ohne uns etwas anmerken zu lassen. Ertappen wir 
den Dissozialen während einer Aussprache bei einer Lüge, so 
beschämen wir ihn nicht. Wir werden Redewendungen wie: 
„Du hast gelogen«, „Du mußt bei der Wahrheit bleiben", „lüge 
nicht", oder „lügen darf man nicht" vermeiden. Es ist viel 
zweckmäßiger, sich so zu benehmen, als ob eine nicht beab- 
sichtigte Erinnerungsfälschung vorläge. Das erreichen wir 
beispielsweise durch die Frage: „Stimmt das, was Du jetzt 
gesagt hast?« oder durch die Aufforderung: „Denk' einmal 
nach!" „Laß Dir Zeit, wiederhole mir das nochmals!" usw. 

Wie steht es mit Ferdinand? Hat er wirklich der Mutter von 
Tulln Kirschen bringen wollen, oder gebraucht er dies vor 
mir nur als Ausrede und das Motiv zu seinen dissozialen 
Äußerungen ist anderswo zu suchen? Wir werden es mit ab- 
soluter Sicherheit nicht feststellen können, sondern uns mit 
einer größeren oder geringeren Wahrscheinlichkeit, zu der wir 
aus seinem sonstigen Verhalten kommen, begnügen müssen. 
Ob er mich angelogen hat? Möglicherweise! Er hat der Mutter 



Eine Symptomanalyse 45 



bisher nichts eingestanden, weiß, daß er von ihr zu mir gebracht 
worden ist, um durch mich in eine Besserungsanstalt zu kommen. 
Die Entscheidung hängt daher von dem Eindruck ab, den er 
auf mich macht. „Operiere ich geschickt", so könnte sich der 
Junge gedacht haben, „dann komme ich glatt aus dieser unan- 
genehmen Geschichte heraus." Wenn er sein Benehmen auf 
diese Überlegung aufgebaut hat, dann kannte er seine Mutter 
genau. Siehaben jagehört, wierasch dieseihrenStandpunktänderte, 
als sie hörte, daß Ferdinands Tat sich durch ein zärtliches Motiv 
erklären ließe. Berechtigt uns auch das sonstige Verhalten des 
Jungen zu der Annahme, daß es so hätte gewesen sein können? 
Ja! Denn er hat zuerst angegeben, nach Tulln in den Wald 
fahren zu wollen und kam erst später auf die Kirschbäume. 
Erinnern Sie sich an diese Stelle der Unterredung mit ihm? 
Nach längerem Herumtasten, wann in ihm die Absicht nach 
Tulln zu fahren aufgetaucht sei, lautete unser Gespräch folgen- 
dermaßen: „Ist Dir der Gedanke (nach Tulln zu fahren) während 
des Essens gekommen?" — „Ich war schon fertig und hab' mir 
gedacht, ich fahre nach Tulln." — „Warum gerade nach 
Tulln?" — „Weil ich in den Wald gehen wollte." — 
Erst auf die Frage: — „Gibt es denn nur in Tulln einen 
Wald?" — fällt ihm ein: — „Nein! aber ich wollte der 
Mutter Kirschen bringen." — „Warum gerade von 
Tulln"? — „Weil der Vater dort Kirschbäume 
gekauft hat." 

Prüfen wir nun ohne Voreingenommenheit, ob auch die 
Annahme möglich wäre, daß er die Wahrheit gesprochen hat. 
Die Wahrscheinlichkeit wird eine sehr große, wenn wir seine 
Angaben mit denen der Mutter, die sicher nicht im Einver- 
ständnis mit ihm spricht, vergleichen. Was nachprüfbar ist, 
stimmt, abgesehen von den verschiedenen Gesichtswinkeln 
beider, vollständig überein. Einen Zug von Aufrichtigkeit verrät 
auch seine Mitteilung über den Kirschendiebstahl in Tulln von 



46 Zweiter Vortrag 



fremden Bäumen, die er ohne Aufforderung und auch ohne 
besondere Nötigung macht, obwohl er wissen konnte, daß das 
für ihn nicht sehr vorteilhaft sei. Dazu kommt noch, daß er 
wirklich eine Tasche zur Unterbringung der Kirschen mitnimmt, 
von dem leicht erreichbaren Geld nicht mehr entwendet, als 
die Fahrtauslagen ausmachen, nichts für sich verbraucht, sondern 
den Rest für die Rückfahrt aufspart und von Angst erfaßt 
wird, als er in Tulln wegen Unreife der Kirschen seine Absicht 
nicht ausführen kann: „Die Kirschen waren noch nicht reif und 
da hab' ich Angst vor zu Hause bekommen." Geben wir noch 
den Eindruck, den die ganze Unterredung mit ihm machte, dazu, 
so können wir die Behauptung, daß er mich anlügen wollte, 
nicht aufrecht erhalten. 

Und doch befriedigt uns die Annahme, daß er die Wahrheit 
gesprochen hat, auch nicht. Es war doch gar kein Anlaß vor- 
handen, besonders liebevoll an die Mutter zu denken. Im 
Gegenteil: am Abend vorher der Ärger über sie, daß die 
Schwester früher als er Schuhe bekommen werde, unmittelbar 
vor dem Davonlaufen der Groll wegen der Briefmarken: „Ich 
hab' mir gedacht, das ist mir schon zu dumm." 

Aber vielleicht ist er das gute Kind, war über den Ärger 
hinweggekommen, vom Essen des Schmalzbrotes satt ge- 
worden, die in der Waschküche arbeitende Mutter, die 
nichts hatte, wurde von ihm bemitleidet: das Kirschenholen 
war eine Versöhnungshandlung. Diese Überlegung wäre 
ohneweiters zulässig, wenn nicht etwas anderes sie aus- 
schlösse. Er entwendete der Mutter und aus der Spar- 
kasse der Schwester Geld, Handlungen in ganz entgegen- 
gesetztem Sinne. Wäre es ihm wirklich nur darum zu tun 
gewesen, der Mutter Kirschen zu bringen, so hätte er es doch 
viel einfacher machen können: sie von seinen Ersparnissen 
beim nächsten Greisler kaufen. Es wäre auch nicht notwendig 
gewesen, unverrichteter Sache nach Hause zu kommen; so wie 



Eine Symptomanalyse 47 

er für sich von fremden Kirschbäumen gepflückt hatte, hätte 
er auch die Tasche für die Mutter füllen können. 

Also hat er doch gelogen? Wir sind noch nicht genötigt, 
das anzunehmen. Vielleicht war seine eigene Naschhaftigkeit, 
ohne daß er es wußte, die Ursache. Das heißt, sein Brot war 
aufgegessen, er wollte noch etwas haben, sah die Kirschkerne 
auf dem Fensterbrett liegen und nun tauchte aus irgend einer 
von unserer Fragestellung noch nicht aufgedeckten Ursache die 
Vorstellung auf, der Mutter Kirschen zu bringen. Die Lust, 
diese selbst zu essen, kleidete sich in die Vorstellung, der 
Mutter welche zu bringen. Sein Diebstahl wird ihm zur sozial 
entschuldbaren Handlung, wenn er von dem Gelde für sich 
selbst nichts verwendet. Von den mitgebrachten Kirschen be- 
kommt er doch auch, ohne an sich denken zu müssen. 

Aber wenn seine Naschlust so groß war, daß sie zum Dieb- 
stahl führte, dann vertrug ihre Befriedigung nicht einen stunden- 
langen Aufschub, wie er durch das Warten auf dem Bahnhofe 
und die Fahrt nach Tulln bedingt war. Er hätte ihr früher 
nachgegeben und irgendwo Einkäufe gemacht. Es wäre ihm 
auch ein Leichtes gewesen, mehr Geld mitzunehmen, um vor- 
handene Gelüste zu befriedigen. Er hat auch, wie wir wissen, 
zwei Tage von Waldfrüchten, Erdbeeren und seinen drei 
Schmalzbroten gelebt: „Wie ich das letzte gegessen habe, war 
es schon ganz hart," weder von seinem noch vorhandenen Geld 
etwas für Lebensmittel ausgegeben noch anderswo gestohlen. 
Die Hemmungen, deren Fehlen uns in anderen Fällen den 
Diebstahl aus dem Freßtriebe heraus erklären lassen, waren 
bei ihm vorhanden. 

Daß ich von Ferdinand angelogen worden war, läßt sich 
nicht gut sagen. Daß er die Wahrheit gesprochen hätte, will 
uns nach dem jetzt dagegen Gehörten auch nicht mehr richtig 
erscheinen. Gefühlsmäßig würden wir am liebsten ein Kom- 
promiß eingehen, halb auf halb: er hat die Unwahrheit ge- 



48 Zweiter Vortrag 



sprochen, ist aber vom Gegenteil überzeugt. Gibt es so etwas 
überhaupt und läßt sich auf einer derart unsicheren Voraus- 
setzung eine Untersuchung aufbauen? Die Unsicherheit ver- 
größerte sich noch, wenn ich eine bisher absichtlich unter- 
lassene Erörterung andeute: warum der Junge das Geld aus 
der Sparkasse der Schwester entwendete und weder von 
seinen, noch von den leicht erreichbaren Ersparnissen des 
Vaters, noch von der Geldtasche der Mutter nahm. 

Ich bin der Meinung, daß wir in unseren Überlegungen 
nun an einer Stelle angelangt sind, von der wir nicht mehr 
recht weiter können. Vielleicht fallen Ihnen noch andere Mög- 
lichkeiten ein, die für das Tun des Jungen in Betracht zu 
kommen scheinen, möglicherweise werden Sie aber ungeduldig 
und fragen, wozu ein so Langes und Breites, weil einer ge- 
stohlen hat und von zu Hause fortgelaufen ist? Darauf müßte 
ich Ihnen entgegnen: da wir uns einmal die Untersuchung 
dieser dissozialen Äußerung zur Aufgabe gestellt haben, können 
wir unmöglich abbrechen, wenn wir noch so unbefriedigt sind. 

Es scheint, daß wir ohne Psychoanalyse nicht auslangen. Ich 
schlage Ihnen daher Hilfe vor, die von dort zu bekommen ist. 

Diebstahl und Fahrt nach Tulln als Zufallshandlungen auf- 
zufassen, ist schon ausgeschlossen, sobald wir unsere Unter- 
suchung unter psychoanalytischen Gesichtspunkten weiterführen. 
Die Zuneigung Ferdinands zur Mutter, oder seine eigene Nasch- 
haftigkeit scheinen auch nicht die Ursache zu sein. Wo ist 
also das Motiv zu suchen? Wir haben uns bisher mit einer 
einzigen Äußerung des Jungen beschäftigt. Nehmen wir, wenn 
uns diese nicht weiter führt, eine andere vor. 

Als er der Mutter Seife, Soda und eine Zeitung in die 
Waschküche gebracht hatte, machte diese eine Bemerkung 
über die dem Freunde weggekommenen Briefmarken; er war 
sehr verärgert, daß der Verdacht auf ihn fiel und dachte sich : 
„Das ist mir schon zu dumm!" In gut wienerischer, dem 



Eine Syinptomanalyse 49 



Jungen nicht unbekannter Ausdrucksweise würde dasselbe so 
lauten: „Habt's mi gern, i geh'!" Womit eine auf das Weg- 
gehen gerichtete Tendenz ausgedrückt wird. Woher diese? 
Ferdinand hat sich am Abend vorher, weil die Schwester Geld 
für Schuhe bekam, und nochmals in der Waschküche über 
die Mutter geärgert. Er befindet sich in einer durch diese ver- 
ursachten unangenehmen Situation, zu deren Erledigung es 
ihn treibt. Ein Impuls davonzulaufen wäre daher möglich. 
Dieser erklärt uns aber nicht, warum er den Diebstahl beging, 
nur Mutter und Schwester Geld wegnahm, gerade nach Tulln 
fuhr und angibt, die Absicht gehabt zu haben, der Mutter 
Kirschen zu bringen. Lassen wir uns dadurch nicht beirren, 
ja, gehen wir sogar noch einen Schritt weiter und entschließen 
wir uns zuzugeben, daß Ferdinand über die Absichten oder 
Tendenzen seines Handelns im Unklaren sein könne, diese 
gar nicht wisse. Wir bewegen uns dann in der Ihnen vor- 
geschlagenen psychoanalytischen Denkrichtung und dürfen 
erwarten, daß wir zu uns befriedigenden Aufklärungen 
kommen werden. 

Wenn Ferdinand die Determinanten für sein Tun nicht weiß, 
dann sind sie in seinem Bewußtsein nicht auffindbar; wir 
können sie von ihm nicht erfragen, aber nicht, weil er sie uns 
nicht sagen will, sondern weil er selbst sie nicht kennt; sie 
sind ihm nicht bewußt, müssen im Unbewußten gesucht 
werden. 

Wir haben schon von der dynamischen Betrachtungsweise 
gesprochen, das heißt von der Möglichkeit, psychische Vor- 
gänge als Wirkungen psychischer Kräfte aufzufassen. Ferdinands 
Fahrt nach Tulln mit allen ihren Begleitumständen wäre dann 
auch das Ergebnis solcher. In kurzer Ausdrucksweise: irgend 
ein psychischer Antrieb muß da sein. Ob nun eine einzelne 
Kraft ihn bedingt, oder ob mehrere sich zu einer Resultieren- 
den vereinigen müssen und welche, ehe er zustande kommt, 

Aichhorn, Verwahrloste Jugend 4 



50 Zweiter Vortrag 



wissen wir noch nicht. Wir behaupten nur, daß er unbewußt 
ist und setzen folgerichtig fort, daß ein zweiter Antrieb vor- 
handen sein muß, der das Bewußtwerden des ersten verhindert. 
Die Klarstellung der dissozialen Handlung läuft daher letzten 
Endes auf die Aufdeckung dieses psychischen Kräftespieles 
hinaus. Wir können uns dieser Aufgabe erst unterziehen, bis 
wir etwas mehr von den ihn bedingenden psychischen Vor- 
gängen wissen. Wir brechen daher vorläufig die Besprechung 
der besonderen Angelegenheit ab und wenden uns mehr all- 
gemeineren Betrachtungen psychischer Vorgänge zu. 

Da wir uns zum erstenmal mit einem schwierigeren Problem 
der Psychoanalyse beschäftigen, mache ich Sie aufmerksam, 
daß Sie im Verlaufe meiner Vorträge nie erschöpfende Aus- 
führungen erwarten dürfen. Sie werden sich immer mit der 
Mitteilung von Einzelheiten, die gerade ausreichen, das zu be- 
leuchten, worauf es im gegebenen Falle ankommt, begnügen 
müssen; und noch etwas wollen Sie zur Kenntnis nehmen. 
Wenn wir die zu uns gebrachten verwahrlosten Kinder und 
Jugendlichen sprechen lassen und mit ihnen reden, so ist das 
keine psychoanalytische Behandlung. Wir ziehen aus ihren 
Mitteilungen und sonstigen Äußerungen Schlüsse, denen wir 
dann unseren Erziehungsvorgang anpassen. Sie wissen schon, 
daß wir in der Psychoanalyse Hilfen suchen, wie sonst in der 
Psychologie; die Psychoanalyse ist ein Heilverfahren, das hier 
ebensowenig zur Besprechung kommen wird, als Sie durch mich 
zum Psychoanalytiker ausgebildet werden. 

Kehren wir nach dieser kurzen Einschaltung zu unserem 
Thema zurück. Wir wollen uns ein wenig über die unbe- 
wußten Vorgänge orientieren. Was uns berechtigt, das Vor- 
handensein eines Unbewußten anzunehmen, habe ich Ihnen 
im einleitenden Vortrag mit Freuds Worten mitgeteilt. Wir 
haben uns das Unbewußte nicht als Hilfsmittel zur Erklärung 
seelischer Vorgänge vorzustellen, sondern als wirklich vor- 



Eine Symptomanalyse 51 



handen, ebenso wie das Bewußtsein, und können dann ver- 
stehen, daß es auch seine besondere Bedeutung und seine 
bestimmten Funktionen hat. Wenn wir an das Bewußte und 
das Unbewußte denken, dürfen wir aber nicht meinen, daß es 
irgendwo in uns zwei voneinander getrennte Fächer gibt, die 
so benannt werden ; die seelischen Vorgänge als solche scheiden 
sich im allgemeinen in zwei Zustandsphasen und diese werden 
unterschieden, je nachdem man von ihnen weiß oder nicht. 
Im Unbewußten ist mancherlei eingebettet und es hat ver- 
schiedene Aufgaben zu erfüllen. Von ihm gehen beispielsweise 
die Trieb- und Wunschregungen aus, auch unsere Gefühls- 
beziehungen zu den Personen und Dingen der Umgebung. 
Was wir die Zuneigung zum anderen nennen, ist im Unbewußten 
viel früher da, als wir uns im Bewußtsein darüber Rechen- 
schaft geben. Wenn wir die Reaktionen des neugeborenen 
Kindes auf seine organischen Bedürfnisse und die von außen 
kommenden Eindrücke beobachten, so wird uns verständlich, 
daß Freud die unbewußten seelischen Vorgänge als die ur- 
sprünglichen erkannt hat; denn von bewußten ist wirklich 
nicht viel zu sehen. Erst im Heranwachsen wird dem Kinde 
sein eigener Körper deutlich, kommt es zu bewußten Körper- 
empfindungen, wird ihm das durch die Sinnesorgane Auf- 
genommene auffällig und baut sich aus dem Unbewußten und 
über dem Unbewußten das Bewußtsein auf. Jenes verschwindet 
aber nicht, wird nur teilweise eingeschränkt, bleibt in manchen 
Belangen bestehen und auch beim reifen Menschen mächtig. 
Es gibt auch im Erwachsenen noch genug dem Unbewußten 
angehörende psychische Abläufe. 

Was wir gewohnt sind, beim Kinde den Nachahmungstrieb 
zu nennen, ist auch eine Funktion des Unbewußten. Ohne daß 
das Kind davon weiß, entstehen in ihm zärtliche Beziehungen zu 
den Eltern. Dadurch gefällt ihm Vieles, was diese tun und einzelne 
ihrer Züge macht es sich zu eigen. Wir sagen: es identifiziert sich 



52 Zweiter Vortrag 



mit ihnen. Nachahmen ist dann, in der Identifizierung das tun, was 
die anderen machen. Wenn das kleine Mädchen mit der Puppe so 
spielt, wie es die Mutter mit dem kleinen Geschwisterchen tun 
sieht, mit seinem Kochgeschirr die Kochtätigkeit der Mutter 
ausführt, so ist das eine Identifizierung mit der Mutter. Wenn 
der kleine Junge den Hut des Vaters aufsetzt, dessen Stock 
nimmt und gravitätisch durch das Zimmer spaziert, abends sich 
nicht zu Bett bringen lassen will, weil der Vater auch noch 
nicht schlafen geht, so identifiziert er sich mit seinem Vater. 
Solchen Identifizierungen begegnen wir auf Schritt und Tritt, 
wenn wir das Verhalten der Kinder genauer beachten. Sie 
*i^^Ü2£ r JE:J^iLJ^^ sondern auch 

SHLZlS^-ÜBä manchmal mit leblosen Objekten; so werden 
beispielsweise auch Spielgeräte in "den Kreis der Objekte 
einbezogen, die Züge zur Identifizierung liefern. 

Warum ich mich jetzt gerade mit der im Kinde gegebenen 
Identifizierungstendenz beschäftige? Weil uns dieser allgemeine 
Zug Ferdinands Tun zwar noch nicht erklärt, aber doch schon 
zeigt, auf welchem Wege er eine Konfliktssituation mit der 
Mutter erledigt. Auch der Vater geht und bleibt eine Zeitlang 
weg, wenn ihm Auseinandersetzungen mit der Mutter sehr unan- 
genehm werden. Identifiziert er sich mit ihm, macht er es also 
wie dieser, so entgeht er inneren und äußeren Bedrängnissen. 
Fährt er nach Tulln und bleibt er dort, so wiederholt er nur, 
was der Vater erst am vergangenen Samstag ausgeführt hat. 
Dazu kommt noch, daß e r der Mutter Auf regung verursacht, 
wie sie ihm. In der Zeitung hat er kurz vorher vom Verschwinden 
der Marchart gelesen, um die sich sicherlich jemand sorgt, was 
auch die Mutter seinetwegen tun wird, wenn er nicht recht- 
zeitig, zurückkehrt. Er kann ihr etwas antun, verstärkt, wenn 
er ihr und der Schwester Geld entwendet; er hebt deren Bevor- 
zugung vom Tage vorher auf; denn ist das Geld weg, dann 
kann sie nicht früher Schuhe bekommen als er. 



Eine Symptomanalyse 53 



Vielleicht, obwohl ich dessen nicht ganz sicher bin, stimmen 
einige von Ihnen meinen Schlußfolgerungen zu, soweit sich 
Ferdinands Handeln aus seiner Identifizierung mit dem Vater 
ableiten läßt. Möglicherweise halten mir diese aber entgegen, 
daß sich nicht einsehen läßt, warum er dann die Identifizierung 
nicht eingesteht, etwa sagt: Ich habe mich über die Mutter 
geärgert und bin fortgegangen, sondern ein zärtliches Motiv 
(der Mutter Kirschen zu bringen) vorschiebt und woher er die 
anderen Züge für sein dissoziales Handeln nimmt? Der Vater 
hat doch nichts gestohlen! Dieser Einwand wäre noch der 
ungefährlichere, aber was fange ich an, wenn jemand die Frage 
aufwirft, ob denn, wie ich es voraussetze, ein allem Anscheine 
nach doch verhältnismäßig harmloser Junge so raffiniert denken 
könne? Ich müßte augenblicklich die Berechtigung dieser 
Zweifel anerkennen, zugeben, daß ich an dieser Stelle noch 
nicht in der Lage bin, die Einwände zu widerlegen. Bei der 
Kompliziertheit der seelischen Vorgänge kommen wir in der 
Ergründung der Motive von Ferdinands Tun nur schrittweise 
vorwärts. Und solange Ihnen die seelischen Abläufe nicht 
durchsichtiger sind, werden Sie unbefriedigt bleiben. 

Ich komme Ihnen gegenüber aber sofort in eine günstigere 
Situation, wenn wir nicht weiter darauf bestehen, für den 
Diebstahl und das Davonlaufen nur eine einzige Absicht finden 
zu wollen, sondern die Möglichkeit nicht ausschließen, daß 
mehrere Tendenzen sich vereinigt haben, um das zustande zu 
bringen, was in Erscheinung getreten ist. Dazu ist aber not- 
wendig, daß wir wieder vorübergehend Ferdinand verlassen und 
uns aus der Psychoanalyse ein weiteres Stück Einsicht holen. 

Stellen wir uns vor, daß im Unbewußten eine Trieb- oder 
Wunschregung wach wird und zum Handeln drängt, etwa: 
Auf dem Küchentisch liegt in einer Schale Zucker. Ein kleiner 
Junge steht daneben und in ihm regt es sich, ein Stück davon 
zu essen. Er hat nie gehört, daß es unstatthaft ist, ohne zu 



54 Zweiter Vortrag 



fragen zu nehmen. Er wird zugreifen und sich konfliktlos be- 
friedigen. Hier steht einer Wunschregung kein Verbot gegen- 
über. Ein anderer Junge, der dieses Verbot zwar kennt, dem 
es aber nicht sehr deutlich bewußt ist, wird aus einem un- 
bestimmten Gefühl heraus zögern, dann aber essen und ohne 
besondere Gewissensbisse bleiben. Einer Wunschregung steht 
ein zu schwaches Verbot gegenüber. Ein dritter, dem das 
Unerlaubte recht deutlich bewußt ist, dessen Wunschregung 
aber übermächtig wird, nimmt und ist hinterher von Schuld- 
gefühl gepeinigt. Eine Wunschregung hat die Tendenz über- 
wältigt, die sonst unrechtes Tun verhindert. Wir können uns 
noch verschiedene Möglichkeiten denken, sicher aber auch die, 
daß die durch die Erziehung festgewurzelte Tendenz, du sollst 
Zucker nicht nehmen, eine auftauchende Wunschregung sofort 
wieder ins Unbewußte zurückdrängt, ja sie gar nicht ins 
Bewußtsein durchläßt, auch wenn sie im Unbewußten da ist. 
Wir können nun ganz allgemein sagen: Gerät eine Wunsch- 
regung mit religiösen, moralischen oder sonstwie durch die 
Erziehung gewordenen bewußten Grundsätzen in Widerspruch, 
so geht von diesen eine Tendenz aus, die Wunschregung von 
vornherein verdrängt zu halten, oder, wenn sie bewußt 
geworden ist, wieder zu verdrängen. Am Mechanismus der 
Verdrängung sind daher immer zwei Tendenzen beteiligt, eine 
unbewußte, die sich durchsetzen will, und eine bewußte, die 
deren Durchsetzung zu verhindern trachtet, oder anders gesagt, 
eine verdrängte und eine verdrängende. Das Endergebnis dieser 
beiden widerstreitenden Tendenzen ist von vornherein nicht 
ausgemacht. Es kann die verdrängte stärker sein und in der 
Überwältigung der verdrängenden sich durchsetzen, es ist aber 
auch der umgekehrte Fall möglich. Stellen wir uns nun einmal 
den Sachverhalt so vor, daß keine von beiden quantitativ aus- 
reicht, die andere vollständig zu überwältigen, so muß das auch 
irgendwie sichtbar werden. Dazu ein Beispiel aus dem Alltag: 



I 



Wir haben im Berufsleben Anlaß, uns so zu ärgern, daß wir 
in heftigen Affekt kommen, der zur Entladung drängt. Es wäre 
uns eine wesentliche Erleichterung, wenn wir kräftig losdonnerten. 
Die Tendenz zu schimpfen steigt auf. Im selben Augenblick 
rührt sich der gut erzogene Mensch in uns mit der anderen 
Tendenz, das tut man nicht. Nun sind zwei Tendenzen aus- 
gelöst, die einander widerstreiten, die eine, die will, und die 
andere, die verbietet. Überwiegt die eine, so brechen wir mit 
einem Donnerwetter los, bekommt die andere die Oberhand, 
so schweigen wir. In dem Falle, den ich im Auge habe, trat 
keines von beiden ein, sondern der Betreffende bekam im ent- 
scheidenden Moment einen heftigen Hustenanfall. Was hatte 
der zu bedeuten? Er war ein Kompromiß der zwei Tendenzen, 
von denen sich keine ganz durchzusetzen vermochte. Schimpfen 
ist eine sprechmotorische Affektabfuhr; durch den Hustenanfall 
werden die von der einen Tendenz innervierten Muskelpartien 
in einer Weise betätigt, gegen die die andere Tendenz nichts 
einzuwenden hat; denn Husten ist kein Schimpfen, daher erlaubt. 
Die Vereinigung zweier, einander widerstreitender Tendenzen 
zu einer Äußerung, wie hier zum Husten anf all, nennt die 
Psychoanalyse ein Symptom. Wir sehen, daß am Zustande- 
kommen dieses Symptoms beide Tendenzen beteiligt sind, 
oder, wie Freud sagt, daß es von beiden Seiten gehalten wird, 
von der verdrängenden und der verdrängten. 

Solche Symptombildungen treten häufig als neurotische 
Krankheitsäußerungen auf, und so manche Handlung auch des 
gesunden Menschen läßt sich auf denselben Mechanismus 
zurückführen. Freud hat eine Gruppe davon genau untersucht, 
sie sind in der Psychoanalyse als Fehlhandlungen oder Fehl- 
leistungen bekannt. 

Das Ihnen mitgeteilte Beispiel einer Symptombildung zeigt 
Ihnen nicht nur ganz allgemein den Aufbau des Kompromisses 
zwischen zwei widerstreitende Tendenzen, es vermittelt uns auch 



den Übergang zurück zu unserem dissozialen Jungen. Dürfen wir 
aus dem durch seine Handlung gegebenen Sachverhalt den 
Schluß ziehen, daß ihr derselbe Mechanismus zugrunde liegt? 
Spielen zwei Tendenzen gegeneinander, von denen sich keine 
ganz durchsetzt und treffen sich beide im Symptom? Wenn 
das so ist, müßten wir die verdrängte und die sie verdrängende 
Tendenz finden und auch angeben können, welches das Symptom 
ist, das sie miteinander bilden. 
Sehen wir einmal nach! 

Es steht sicher außer Zweifel, daß der Junge, bevor er den 
Diebstahl beging und davonlief, zur Mutter in Gegensatz ge- 
kommen war. Ich brauche Ihnen die darauf bezüglichen Angaben 
nicht mehr zu wiederholen. Nehmen wir nun an, daß ihn die 
Vorstellung beherrschte, fortzugehen, es so zu machen wie der 
Vater, daß diese Vorstellung die eine Tendenz beinhalte. Dann 
darf sie entweder bewußt bestehen bleiben, oder sie wird ver- 
drängt, wenn sich ein inneres, im Innern des Jungen selbst 
aufrichtendes Verbot, die zweite Tendenz, dem Fortlaufen 
widersetzt. Im ersten Falle wäre er nach Tulln gefahren und 
hätte gewußt warum. Eine verdrängende Tendenz, etwa die: 
ein anständiger Junge läuft nicht davon, oder, wenn ich weg- 
laufe, bekomme ich Schläge, die stärker gewesen wäre als der 
Impuls zum Weggehen, hätte ihn zu Hause zurückgehalten. 
Aus seinem Tun ersehen wir das Gegenteil. War sie wirklich 
da, so ist sie überwältigt worden, also weder ein Kompromiß 
zwischen beiden noch eine Erklärung für Diebstahl an Mutter und 
Schwester noch für die Angabe, daß er Kirschen holen wollte. 
Versuchen wir die verdrängte und die verdrängende Tendenz 
aus einem etwas anderen Zusammenhange zu erkennen und 
damit zu dem zu kommen, was Aufgabe unserer heutigen 
Untersuchung bildete. Durch den Ärger über die Mutter am 
Tage vorher und kurz vor dem Diebstahl ist in ihm eine Ab- 
lehnung der Mutter entstanden, die sich immer mehr verstärkte, 



Eine Symptomanalyse 57 



bis sie schließlieh in den Rachegedanken einmündete, ihr etwas 
anzutun. Damit ist die eine Tendenz gegeben, die aber im 
Bewußtsein nicht bestehen bleiben darf, ja vielleicht zum Be- 
wußtsein gar nicht zugelassen wird, weil die andere, durch die 
Erziehung geschaffene, „Die Mutter muß man lieben", sie ver- 
drängt. Was geschieht, wenn im Jungen tatsächlich diese beiden 
Tendenzen vorhanden sind? Überwiegt die Rachetendenz die 
moralische, so begeht er den Diebstahl und läuft davon, weiß 
aber auch, warum er seine Handlung vollführt hat. Ist die 
moralische Tendenz die stärkere, so unterbleibt die dissoziale 
Handlung, wie wir schon früher gesehen haben. Setzt sich 
keine ganz durch, so hätten wir die schon bekannten Bedin- 
gungen zur Symptombildung vor uns. 

Ein Symptom, gebildet aus Rachetendenz und moralischer 
ist möglich, wenn beide in einer einzigen Handlung zu ver- 
einigen sind, das heißt, wenn es eine Handlung gibt, in der 
beide zum Teil realisierbar sind. (Denken Sie an den Husten- 
anfall!) Tulln mit seine reifenden Kirschbäumen ist das geeignete 
Ziel. Die Fahrt nach Tulln ermöglicht ihm, beide widerstreitende 
Tendenzen zu vereinigen, das Symptom zu bilden. Die Zeit, 
während er das Schmalzbrot ißt und dem Hunde davon hinunter 
wirft, können wir uns ausgefüllt denken durch den Wider- 
streit beider, der beendet ist, als er die Kirschenkerne auf dem 
Fensterbrett liegen sieht. 

Warum ? 

Die Rachetendenz, die uns in der Art ihrer Realisierung aus 
all dem, was wir bereits gehört haben, verständlich geworden 
ist und in der Identifizierung des Jungen mit seinem Vater 
ihre Erklärung findet, ermöglicht es ihm, den Vater nachzu- 
ahmen, es so zu machen wie dieser und der Mutter um seine 
Person die gleiche Sorge und Aufregung zu bereiten, die sie 
am vergangenen Sonntag um den Vater empfand, als dieser 
nicht rechtzeitig heimkehrte. 



5§ Zweiter Vortrag 



Die moralische Tendenz, die von der Erziehung kommende, 
vermag nun nicht, die dissoziale Handlung aufzuhalten. Sie 
fügt dem Rachegedanken das zärtliche Motiv hinzu, Sie 
benützt die vorbewußt vorhandene Vorstellung von den 
Kirschen, um sie mit der anderen Absicht zu verknüpfen, und 
bewußt wird: „ich will der Mutter Kirschen bringen": das 
Symptom ist fertig gebildet. Nach dieser Verhüllung wird 
erst die Tat möglich und wie wir sehen folgt auch sofort 
die Ausführung. 

Um wie vieles stärker die Rachetendenz an der Symptom- 
bildung beteiligt war, zeigt die Ausführung des Diebstahles an 
der Mutter und Schwester, deren Bevorzugung, früher als er 
Schuhe zu bekommen, er dadurch rückgängig macht. 

Aus dem Gefüge des neurotischen Symptoms fehlt uns hier 
das Gefühl des Unangenehmen, die Unlustbetonung, die dem 
Neurotiker das Kranksein erst bewußt werden läßt und ihn zur 
Behandlung reif macht. Welcher Unterschied in den beiden 
Mechanismen das bedingt, kann ich Ihnen heute noch nicht 
sagen, wohl aber, daß darin eine der wesentlichen Schwierig- 
keiten für eine analytische Behandlung Dissozialer liegt. 

Wir haben nun in recht mühevoller Arbeit eine dissoziale 
Handlung auf einen Mechanismus zurückgeführt, wie er ähnlich 
beim neurotischen Symptom regelmäßig zu erkennen ist. Wenn 
wir nicht zu sehr verallgemeinern, sehr vorsichtig sind und 
nicht meinen, daß jeder dissozialen Äußerung derselbe zugrunde 
liegen müsse, so haben wir heute schon einiges für die Diagnostik 
Verwahrloster erfahren. Wir haben aber auch schon etwas für 
die Therapie gelernt. 

Der Fürsorgeerzieher darf sich nicht begnügen, zu hören, 
ein junge habe gestohlen und sei durchgegangen, er muß den 
genauen Sachverhalt wissen. 

Zur Aufdeckung der wirklichen Zusammenhänge reicht es 
nicht aus, die Eltern, den Jungen und seine Umgebung auszu- 



Eine Symptomanalyse 59 



fragen, weil allen diesen das, worauf es ankommt, gar nicht 
bewußt zu sein braucht. 

Der Fürsorgeerzieher ist ohne psychoanalytische Schulung 
nicht in der Lage, den verborgenen Vorgängen nachzugehen. 

Erzieherische Erfolge sind in diesem Falle weder mit guten 
Worten noch mit Strenge, mit der wir den Jungen immer mehr 
in seine Haßregungen hineintrieben, zu erreichen. Diese dis- 
soziale Äußerung läuft ganz zwangläufig ab, und wir können 
eine Änderung nur erzielen, wenn es uns gelingt, das Kräftespiel, 
durch das sie bedingt wurde, anders zu richten. Die gewöhn- 
lichen Erziehungsmittel, Milde und Güte und Strenge, Lohn 
und Strafe reichen nicht mehr aus, die Verankerung im Un- 
bewußten muß gelöst werden. 



DRITTER VORTRAG 

Einige Ursachen der Verwahrlosung 

jyjeine Damen und Herren! Wir sind schon aufmerksam 
gemacht, daß uns das Ergebnis einer einzigen Symptom- 
analyse noch nicht zu der Annahme berechtigt, alle Verwahr- 
losungserscheinungen seien auf ein und denselben Mechanis- 
mus zurückzuführen. Wir müssen uns besonders in acht 
nehmen, weil die sehr verbreitete Tendenz zu verallgemeinern 
gerade für den Fürsorgeerzieher eine beständige Gefahr be- 
deutet. Die Freude über zutreffende Überlegungen und ge- 
lungene Erziehungsmaßnahmen wirkt nach und verleitet ihn 
leicht, bei ähnlichen Äußerungen verschiedener Zöglinge Ana- 
logieschlüsse zu machen. Er merkt oft erst nach Wochen aus 
der Erfolglosigkeit seines Bemühens, daß er sich die Schluß- 
folgerungen nicht aus den Reaktionen des Zöglings geholt hat, 
sondern ganz unbewußt diesen jene anpaßte und vernachlässigte,' 
was nicht in seinen theoretischen Aufbau hineinstimmen 
wollte. 

Ich halte es auch nicht für überflüssig, Ihnen zu sagen, daß 
Sie den Verwahrlosten voraussetzungslos gegenübertreten 
müssen, und auch nicht bei jedem eine besondere psycho- 
analytische Angelegenheit vermuten dürfen. Nicht jeder Dis- 
soziale ist das gesuchte „interessante Problem«. Versuchen Sie 
immer vom Anfang an mit den einfachsten Hilfsmitteln auszu- 
kommen. Wenn Sie die Wirkung Ihrer Erziehungsmaßnahmen 
gut beobachten, kommen Sie im Verlaufe der Erziehung ganz 
von selbst in jene Tiefen, die aufzuhellen sind. Erschrecken 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 6l 



Sie nicht, wenn nicht alles lösbar ist; es^gibt auch für den 
psychoanalytisch durchgebildeten .Erzieher heute^nochjoft dichteste 
Undurchdringlichkeit. 

Es scheint mir weniger zweckmäßig zu sein, schon in diesem 
Kurse durch Vorführung ähnlich laufender Verwahrlosungs- 
erscheinungen eine Vertiefung der Auffassung zu erzielen, als 
vielmehr wichtig, durch Aufzeigen von Verschiedenartigem, 
Ihnen das Vielgestaltige des Dissozialenproblems anzudeuten. 

Fragen wir aber vorher noch, ob aus den bisher erschlossenen 
Tatsachen schon eine allgemeingültige Formel aufgestellt 
werden kann, die auch neuer Erkenntnis standzuhalten vermag. 

Es läßt sich der Versuch wagen, wenn wir uns begnügen, 
einem Sachverhalt näher als bisher gekommen zu sein und 
nicht verlangen, gleich besonderen Einblick in tiefe Zusammen- 
hänge zu erhalten. 

Fassen wir alles Handeln als Wirkung ps}7chischer Kräfte- 
abläufe im Sinn der Psychoanalyse auf, so ist auch das dissoziale 
durch solche bedingt, und wir hätten die gesuchte Formel in 
dem einfachen Satze: B Die_Vejwahrlosungsäußerungen sind die 
Anzeichen, daß in einem Individuum die das soziale Handeln 
bedingenden Mechanismen nicht mehr normal ablaufen." Diese 
recht allgemeine Aussage, die übrigens auch von einem Wert- 
urteil ausgeht, das aus dem jeweiligen Gesellschaftsideal kommt, 
ermöglicht uns doch schon, das Verwahrlosungsproblem zum 
Teile psychoanalytisch zu fassen und die Richtung anzugeben, 
in der dessen Lösung zu suchen sein wird. Die Verwahrlosungs- 
äußerung hat einen dynamischen Ausdruck erhalten; sie ist die 
auf psychische Kräftewirkungen zurückgeführte jedesmalige 
Erscheinungsform der Verwahrlosung, die, ein irgendwie ge- 
wordener Zustand, durch sie bemerkbar wird. So sind bei- 
spielsweise Diebstahl und Durchgehen unseres Jungen vom 
letztenmal die Verwahrlosungsäußerungen, die Wirkungen 
nicht mehr sozial gerichteter psychischer Kräfteabläufe, oder 



~ Dritter Vortrag 



Symptome, daß der Minderjährige sich in einem vom normalen 
abweichenden Zustande befindet: verwahrlost ist. 

Trennen wir die Verwahrlosungsäußerung oder das Verwahr- 
losungssymptom so von der Verwahrlosung, dann haben wir 
zwischen beiden dieselbe Beziehung hergestellt, wie sie zwischen 
Krankheitssymptom und Krankheit auch besteht. Aus dieser 
Parallele erkennen wir zum Beispiel, daß Schulstürzen und 
Vagieren, Stehlen und Einbrechen nur Verwahrlosungssymptome 
sind, wie etwa Fieber, Entzündungen, Rasselgeräusche, empfind- 
liche Druckstellen Krankheitssymptome sind. 

Beschränkt sich der Arzt auf die Beseitigung der Krank- 
heitssymptome, leitet er eine symptomatische Behandlung ein, 
so ist damit nicht immer auch schon die Krankheit geheilt, es 
kann noch die Fähigkeit, neue zu bilden, zurückgeblieben sein. 
Das schließt er aus, wenn er sich nicht nur die Aufgabe stellt, 
Symptome zu entfernen, sondern die Krankeit zu heilen. An die 
Stelle der einen Symptome können dann nicht mehr andere treten. 
In der Erziehung des Verwahrlosten kommt es analog auch 
nicht auf die Beseitigung der Verwahrlosungserscheinungen, 
sondern auf die Behebung der Verwahrlosung an. Man sollte 
das als selbstverständlich voraussetzen und doch werden die 
Zusammenhänge vielfach nicht erfaßt. Wir erleben sowohl in 
der Erziehungsberatung als auch in der Fürsorgeerziehungs- 
anstalt immer wieder, daß Verwahrlosungssymptom und Ver- 
wahrlosung gleich gesetzt werden. Was Eltern gewöhnlich 
unternehmen, und worauf schließlich unser Strafvollzug auch 
hinausläuft, ist letzten Endes doch nur die Schaffung eines 
psychischen Zustandes, in dem eine dissoziale Äußerung unter- 
drückt gehalten wird. 

Weil diese nicht mehr da ist, wird die Aufgabe als gelöst 
betrachtet und übersehen, daß sie bei günstiger Gelegenheit 
wieder zum Vorschein kommen kann. Eine Verwahrlosungs- 
äußerung zum Verschwinden bringen, ist nicht notwendig 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 63 

gleichbedeutend mit Behebung der Verwahrlosung. Wird einem 
psychischen Kräfteablauf bloß eine Äußerungsmöglichkeit unter- 
bunden, bleiben aber die ihn bedingenden psychischen Energien 
in ihrem Zusammenhange bestehen, so kann er in der Linie 
eines geringeren Widerstandes eine neue Richtung einschlagen 
und in unserem Falle statt der unterdrückt gehaltenen Ver- 
wahrlosungsäußerung eine andere zutage treten: möglicher- 
weise entsteht ein nervöses Symptom. Weit häufiger aber hat 
es den Anschein, als ob von irgendwoher Verstärkungen heran- 
gezogen werden würden; denn nach einer Zeit vollständigen 
Sozialseins erscheint die ursprüngliche Verwahrlosungsäußerung 
wieder, nun aber fester verankert, tiefer fundiert, ausgeprägter 
und verstärkt. In der Fürsorgeerziehung haben wir es gewöhn- 
lich schon mit einer zweiten Auflage solcher Verwahrlosungs- 
erscheinungen zu tun. Es wird Ihnen nun auch verständlich 
sein, warum und weswegen ich Verwahrlosungssymptom und 
Verwahrlosung so strenge voneinander geschieden wissen 
möchte. 

Die Verwahrlosungsäußerungen haben nur diagnostische Be- 
deutung, zu behandeln ist die Verwahrlosung. 

Durch die dynamische Betrachtungsweise, zu der uns die 
Psychoanalyse geführt hat, sehen wir nun schon deutlicher und 
werden gleich auch in der Lagesein, einehäufiggemachte Verwechs- 
lung richtig zu stellen. Wenn ich Eltern Dissozialer frage, wie sie 
sich erklären, daß ihr Kind verwahrloste, bekomme ich regel- 
mäßig als Ursache die schlechten Freunde, die Gefahren der 
Straße, die günstige Gelegenheit angegeben. Irgendwie stimmt 
das, und doch, tausend andere Kinder wachsen unter den- 
selben ungünstigen Bedingungen auf und verwahrlosen nicht. 
Es muß gewiß etwas im Kinde selbst vorhanden sein, damit 
das Milieu im Sinne der Verwahrlosung wirksam werden kann. 
Nennen wir dieses uns noch unbekannte Etwas vorläufig die 
Disposition zur Verwahrlosung, so haben wir den Faktor, 



6 4 Dritter Vortrag 



dessen Fehlen selbst ungünstigste Einflüsse der Umgebung 
machtlos macht. 

Im Begriffe der Disposition liegt eine Bereitschaft, die wir 
gerne aus der Erbanlage gegeben annehmen. Die Psychoanalyse 
hat uns gezeigt, daß die Erbanlage nicht immer alles ausmacht, 
sondern für gewisse nervöse Erkrankungen die ersten Kind- 
heitserlebnisse sehr mitbestimmend werden. Unsere Erfahrungen 
in der Fürsorgeerziehung erlauben uns, auch hier wieder eine 
Parallele zu ziehen. Auch die Verwahrlosungsdisposition ist 
noch nicht durch das vom Kinde bei seiner Geburt Mitgebrachte 
fertig; die Gefühlsbeziehungen, in die es durch seine erste 
Umgebung gedrängt wird, also erste Kindheitserlebnisse, legen 
sie endgültig fest. Das heißt aber nicht, daß sich jede Disposition 
zur Verwahrlosung auch in Verwahrlosung auswachsen müsse. 
Zu dazu Erforderlichem gehören zweifellos die schlechte Gesell- 
schaft, die Gefahren der Straße und manch anderes, das in 
derselben Richtung liegt. Alles das ist aber nicht, wie viele 
meinen, die Ursache, sondern nur der unmittelbare oder mittel- 
bare Anlaß zur Verwahrlosung. 

Mit dieser Richtigstellung sind wir ein kleines Stück vorwärts 
gekommen, aber noch nicht dort angelangt, wohin ich Sie heute 
noch führen möchte. Der Verwahrloste setzt sich durch sein Tun 
immer wieder der Gefahr aus, darauffolgende Unlusterlebnisse 
ertragen zu müssen (Strafe!). Warum er sich trotzdem nicht 
ändert, interessiert uns noch nicht, sondern nur, daß sein Be- 
nehmen mit den Forderungen der Wirklichkeit im Widerspruch 
steht. Das überrascht den Psychoanalytiker nicht, er weiß, daß 
der Neurotiker seine eigene Realität hat und auch der Psycho- 
tiker, warum soll nicht auch der Verwahrloste seine besondere 
haben? Damit rückt aber die Verwahrlosung in ein anderes 
Licht, wird psychoanalytischen Untersuchungsmethoden zugäng- 
lich, und wir können psychoanalytische Termini (Fachausdrücke) 
verwenden. Dort wird verschiedentlich das Wort „manifest" 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 65 



für das Sichtbarwerden von Äußerungen gebraucht, „latent", 
wenn derselbe Zustand ohne diese besteht. 

Scheiden wir durch Einführung dieser beiden Begriffe die 
Verwahrlosung in zwei Phasen, die latente und manifeste, so 
ist die der manifesten gegeben, wenn es zu Verwahrlosungs- 
äußerungen kommt. Der Junge, der die Schule schwänzt, vagiert, 
stiehlt, einbricht, ist manifest verwahrlost ; der andere, bei dem 
diese Art der Realitätsäußerungen, also die Verwahrlosungs- 
symptome, fehlen, der aber die dazu notwendigen psychischen 
Mechanismen vorgebildet hat, ist in der Phase der latenten 
Verwahrlosung. Es bedarf dann nur mehr des entsprechenden 
Anlasses, um die latente in die manifeste überzuführen, die 
psjrchischen Mechanismen zum Ablauf zu bringen. Das gewöhnlich 
als Ursache Angeführte (Gesellschaft, Straße) erscheint damit 
zur Verwahrlosung ins richtige Verhältnis gebracht. 

Die Ursache der Verwahrlosung aufsuchen, heißt dann auch 
nicht, nachsehen, was die latente Verwahrlosung zur manifesten 
macht, sondern ergründen, was die latente hervorruft. Die 
Behebung der Verwahrlosung kann dann nicht darin bestehen, 
durch eine symptomatische Behandlung, etwa durch Anwendung 
von Strafmitteln, die Verwahrlosungsäußerung zu beseitigen, die 
latente Verwahrlosung aber bestehen zu lassen, sondern sie 
muß auf die die Verwahrlosung verursachenden Momente ein- 
gehen und dadurch auch die latente Verwahrlosung beheben. 
Die Fürsorgeerziehung wird ihrer Aufgabe um so mehr gerecht 
werden, je mehr sie die Neigung zu Verwahrlosungsäußerungen 
zum Schwinden bringt, ihr der Abbau der latenten Verwahr- 
losung gelingt. Daß dies gleichbedeutend mit einer Änderung 
der Ichstruktur ist, werden wir erst im Verlaufe der Vorträge 
erkennen können. 

Wenn wir bedenken, daß Anlaß zur Verwahrlosung mit 
Ursache verwechselt wird, die Verwahrlosungserscheinung für 
die Verwahrlosung selbst genommen wird, so ist uns die 

Aichhorn, Verwahrloste Jugend 



66 Dritter Vortrag 



vielfach falsche Auffassung, was mit Verwahrlosten zu geschehen 
hat, begreiflich; wir wundern uns auch nicht mehr über die 
Mängel in den Lösungsversuchen des Dissozialenproblems. 

Die Behebung der Verwahrlosung ist ohne vorherige Er- 
gründung der sie bedingenden Ursachen eine Zufallsleistung, 
wertvoll für den einen, zwecklos für die vielen, die der Hilfe 
bedürfen. Die erste Aufgabe einer systematisch vorgehenden 
Fürsorgeerziehung ist daher in der Aufsuchung der Verwahr- 
losungsursachen gegeben. Die Ursache aufdecken heißt die 
Kräftekonstellation auffinden, die zur latenten Verwahrlosung 
geführt hat. Das sind aber, wie Ihnen nicht mehr unbekannt 
ist, dynamische, ökonomische und topische Probleme der 
Psychoanalyse. 

Was ich Ihnen heute an Verwahrlosungserscheinungen vor- 
zuführen beabsichtige, stammt mit einer Ausnahme aus der 
Fürsorgeerziehungsanstalt. Dieser eine Fall liegt vier Jahre 
zurück, die anderen wurden vor einem halben Jahre in die 
Erziehungsberatung gebracht. Nicht unmittelbar zu unserem 
Thema gehört es, wenn ich erwähne, daß die Fürsorgeerziehungs- 
zöglinge aus der Anstalt geheilt entlassen wurden und fort- 
laufende, bis in die allerletzte Zeit reichende Mitteilungen von 
durchaus einwandfreiem Verhalten berichten. 

Anfangs 1919 wurde uns ein damals noch nicht sechzehn- 
jähriger Jugendlicher überstellt, wie der Terminus lautet. Zu 
Ihrer Orientierung diene, daß mit jedem Fürsorgeerziehungs- 
zögling dessen wichtigste Dokumente und auch ein Auszug 
aus dem Erhebungsbogen mitkamen. Der Erhebungsbogen ist 
eine Drucksorte, die zur Aufnahme aller wichtigen Daten dient, 
die zur Kenntnis des Jugendamtes gelangen; das meiste davon 
erfährt die Fürsorgerin bei ihren Hausbesuchen. 

Aus dem Auszuge für diesen Jugendlichen war unter anderem 
zu entnehmen, daß er nach dem Ableben der Mutter zur ver- 
heirateten Schwester gekommen war, dort ohne Aufsicht blieb 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 67 



und durch Herumtreiben auf der Straße verwahrloste. Besonders 
wurde ihm Vagieren und Lehrflucht zur Last gelegt. 

Das Gutachten der heilpädagogischen Abteilung der Wiener 
Kinderklinik, wo jeder vor seiner Unterbringung bei uns unter- 
sucht werden mußte, war sehr kurz, es lautete: „Für Ober- 
Hollabrunn geeignet." (Die Fürsorgeerziehungsanstalt befand 
sich in einem ehemaligen Flüchtlings-Barackenlager in Ober- 
Hollabrunn in Niederösterreich.) Das Fehlen besonderer Angaben 
mußte einen tieferen psychischen Defekt als ausgeschlossen 
erscheinen lassen. Der Leiter der heilpädagogischen Abteilung — 
gleichzeitig auch unser psychiatrischer Konsulent — hätte es 
nicht unterlassen, auf Wichtiges aufmerksam zu machen. 

Das Abgangszeugnis aus der IL Klasse der Bürgerschule wies 
im Sitten 1, Fleiß 2 und Fortgang 2 auf. Infolge verspäteten 
Schuleintrittes war der Jugendliche, ohne eine Klasse wiederholt 
zu haben, nicht in die III. Klasse gekommen. Nach dem Lern- 
erfolge konnte zumindest normale Intelligenz angenommen 
werden. Aus der Sittennote war zu ersehen, daß es zum 
Vagieren erst nach dem Austritte aus der Schule gekommen 
sei; denn dieses hätte sich als „Schulstürzen", eigenmächtiges 
Fernbleiben von der Schule, bemerkbar gemacht und eine 
schlechtere Sittennote nach sich gezogen. Bei der mit ihm 
vorgenommenen Intelligenzprüfung wurde auch tatsächlich 
normale Intelligenz festgestellt. Auffällig war nur der schlechte 
Aschaffenburg. Was der Aschaffenburg ist, wird Ihnen bekannt 
sein, wenn nicht: der Prüfling hat mit geschlossenen Augen 
rasch die ihm einfallenden Wörter zu sagen; 'das Ergebnis 
wird durch drei Minuten, halbminutenweise, festgehalten. Für 
unsere Verhältnisse galten 65 in der vorgeschriebenen Zeit 
gesprochene als mittlerer Durchschnitt. Der Junge blieb mit 16, 
sehr langsam, zögernd und in Pausen gebrachten, weit darunter. 
Diesem außerordentlich gehemmten Vorstellungsablauf entsprach 
auch sein Gesamteindruck: körperlich recht gut entwickelt, 



68 Dritter Vortrag 



groß, kräftig, von nicht unangenehmem Äußern, dabei sehr 
träge Bewegungen, höfliches Benehmen, doch ungemein zurück- 
haltend, zurückgezogen, verschlossen, ohne Mitteilungsbedürfnis, 
eine mehr 'passive Natur. Allem Anscheine nach ein guter 
Mensch, ein harmloser Verwahrloster, jedenfalls einer, der 
wenig Führungsschwierigkeiten erwarten ließ. 

Aus seinen Mitteilungen, die sich natürlich auf Monate er- 
streckten und das Verschiedenste betrafen, führe ich Ihnen 
nur das für uns heute Wesentliche an: „Mein Vater war Hilfs- 
arbeiter und ist am . . . in . . . spital an . . . gestorben" (das 
Sterbedatum erinnert er genau und gleich als wir zum ersten- 
mal auf den Tod des Vaters zu sprechen kamen). „Die Mutter 
hat mir sehr erbarmt, weil sie nun allein war." „Ich habe eine 
um fünfzehn Jahre ältere Schwester; vier Geschwister sind 
gestorben, die habe ich aber nicht gekannt." „Wir haben 
Zimmer und Küche gehabt, ich habe in der Mitte zwischen 
Vater und Mutter geschlafen, die Schwester auf dem Di van." 
„Wie sie geheiratet hat, war ich zwölf Jahre alt; ich bin aber 
bei den Eltern liegen geblieben." „Wie der Vater gestorben 
ist, habe ich mich in sein Bett gelegt und mich viel mehr um 
die Mutter gekümmert." „Ich habe die Wohnung aufgeräumt, 
eingeheizt und zum Kochen hergerichtet gehabt, wenn die 
Mutter von der Fabrik nach Hause gekommen ist." „Im 
Jahre 1918 ist die Mutter gestorben." 

Die ersten Mitteilungen vom Tode der Mutter geschahen 
ganz gleichmütig, ohne Bewegung, als etwas ihn scheinbar 
gar nicht Berührendes. Es fehlten auch alle näheren Angaben 
über die Todesart. Die Einzelheiten wurden erst im Laufe der 
Zeit, wohl unter Weinen, aber ohne wirklich starke Affekt- 
äußerung nachgetragen. Auch das Sterbedatum erinnerte er 
erst verhältnismäßig spät. Die Mutter hatte ein entsetzliches 
Ende genommen. Sie war von einer Maschine erfaßt und 
gräßlich verstümmelt, getötet worden. 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 69 

Der Junge erhielt die Nachricht davon ganz unvermittelt : 
„Ich war zu Mittag in der Wohnung, und da ist eine Frau 
gekommen und hat gesagt, daß die Mutter in der Fabrik 
ohnmächtig geworden ist." „Ich bin sofort mit der Schwester 
in die Fabrik gefahren und in der Kanzlei haben sie uns ganz 
genau erzählt, wie die Mutter verunglückt ist; mir ist so 
schlecht geworden, daß ich zusammengefallen bin." „Wie ich 
wieder zu mir gekommen bin, ist die Schwester neben mir 
gestanden und hat mir gesagt, daß sie schon in der Toten- 
kammer gewesen sei und wir sind nach Hause gefahren. " „Sie 
ist in der Nacht bei mir aufgeblieben, weil ich mich so ge- 
fürchtet habe; zum Leichenbegängnis haben sie mich nicht 
mitgehenlassen." „Ich habe mich mit meinem Matador gespielt, 
weil ich nicht habe weinen können und die Mutter immer so 
große Freude gehabt hat, wenn etwas schön geworden ist." 
„Ich bin dann zu meiner Schwester gezogen, die Wohnungs- 
einrichtung ist verkauft worden und wir haben geteilt; sie hat 
sich von mir nichts bezahlen lassen, aber wenn ich verdiene, 
bekommt sie alles zurück." „Im Juli bin ich zu einem Mechaniker 
in die Lehre gekommen, dort war ich zwei Monate." „Ich habe 
keine Freude gehabt ; ich habe immer an meine Mutter denken 
müssen, wie sie nach dem Unfall ausgeschaut hat, da bin ich 
von der Lehre davongelaufen." „Dann bin ich zu einem Wirte 
auf dem Lande gekommen, wir haben selber abgestochen, da 
haben mir die Tiere so erbarmt, daß ich es nicht habe sehen 
können, und ich bin wieder davon." „Dann war ich bei einem 
Tischler, dort hat es mich aber gleich nicht gefreut; mein 
Vormund war sehr böse auf mich und hat gesagt, ich bin 
arbeitsscheu und er wird mich in eine Besserungsanstalt geben." 
„Ich habe mir dann selbst eine Lehre gesucht, bin aber auch 
dort nicht lange geblieben; ich weiß nicht warum, ich habe 
es nicht ausgehalten." „Ich war die meiste Zeit im Praterund 
habe zugesehen, wie die Soldaten exerziert haben; es haben 



7° Dritter Vortrag 



viele Leute zugeschaut und das hat mir sehr gut gefallen; am 
schönsten war es, wenn die Militärmusik vor den Soldaten 
marschiert ist, da bin ich immer mitgegangen." „Mein Vormund 
und meine Schwester haben mir zugeredet, ich soll doch etwas 
lernen ; ich bin deswegen auch nicht mehr nach Hause schlafen 
gegangen, bin über Nacht unter der Reichsbrücke gelegen." 
„Die Polizei hat mich öfters aufgegriffen und auf die Elisabeth- 
promenade gebracht.« (Polizeigefangenhaus.) „Mein Vormund 
hat gesagt, daß er nicht länger mehr zuschaut, wie aus mir 
ein Gauner wird und einmal ist er mit mir aufs Jugendamt 
gegangen, die haben mich aber nicht dort behalten; wir sind 
wieder nach Hause gegangen; nach einer Woche ist ein Herr 
gekommen, der hat mich geholt und auf den Nordwestbahnhof 
geführt; dort waren schon andere Buben und Mädchen und 
wir sind alle daher gefahren." 

Von seinem Aufenthalte bei uns berichte ich Ihnen noch, 
daß er sich weder an seine Mitzöglinge noch an seinen Erzieher 
besonders anschloß. Er kam auch zu mir in kein auffallend 
inniges Verhältnis, obwohl er bei seinen öfteren Aussprachen 
mit mir nach und nach sehr mitteilsam wurde. — Eine psycho- 
analytische Behandlung wurde nicht gemacht, es fehlte uns der 
Analytiker. — Seine Einstellung zu den Kameraden und 
Erziehern zeigte sich am deutlichsten, wenn sich ein Zögling 
Unzukömmlichkeiten zuschulden kommen ließ. Er richtete bei 
der Austragung sein Verhalten immer so ein, daß er niemandem 
weh tat, die Erzieher sich nicht ärgerten oder kränkten und 
der Zögling ohne Strafe davon kam. Trotz seiner höheren 
Intelligenz im Verhältnis zu den Arbeitskameraden in der Land- 
wirtschaft, wo er zugeteilt war, versuchte er nie, eine Führer- 
rolle zu erreichen. Stolz war er auf seine Kenntnisse in seinem 
Fache, als seinen ärgsten Fehler empfand er seine große Ver- 
geßlichkeit. Während seines Aufenthaltes in der Anstalt schwand 
seine depressive Stimmung bis auf einen kleinen Rest. Seine 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 7* 



Vergeßlichkeit nahm wesentlich ab, seine Arbeitswilligkeit zu, 
aber seine Arbeitsgeschwindigkeit hob sich nicht bedeutend, 
und nach wie vor machte sich ein besonderes Anschlußbedürfnis 
nicht bemerkbar. Er blieb bei uns bis zur Auflösung des 
Jugendheimes, wie die Fürsorgeerziehungsanstalt offiziell hieß, 
kam dann in einen größeren Landwirtschaftsbetrieb und hat 
seither nicht mehr die geringste Verwahrlosungserscheinung 
gezeigt, so daß er als geheilt betrachtet werden muß. 

Wenn wir nun versuchen wollen, die Ursache der Verwahr- 
losung dieses Jungen festzustellen, müssen wir unshüten, nicht auch 
Verwahrlosungserscheinung mit Verwahrlosung und Anlaß mit 
Ursache zu verwechseln. Rufen wir uns daher heute darüber schon 
Gehörtes in Erinnerung. Die Verwahrlosungserscheinungen 
oder -äußerungen sind nur die Symptome eines nicht mehr 
sozial gerichteten Kräfteablaufes im Individuum. Sie haben nur 
diagnostische Bedeutung. Ehe es zu den Verwahrlosungs- 
erscheinungen kam, war schon ein Zustand vorgebildet, den 
wir latente Verwahrlosung genannt haben. In diesem sind die 
Verwahrlosungsmechanismen bereits ausgebildet, das Individuum 
hat nun die Neigung zu Verwahrlosungsäußerungen. Es bedarf 
nur mehr eines entsprechenden Anlasses, um die Mechanismen 
so zum Ablauf zu bringen, daß das bisher verborgen Gebliebene, 
scheinbar nicht Vorhandene, nun deutlich sichtbar in Erschei- 
nung tritt. Die latente Verwahrlosung wird zur manifesten, zu 
dem Zustande, den man gewöhnlich als Verwahrlosung bezeichnet. 
Der Anlaß zur Verwahrlosung bedingt nur die manifeste, er 
hat aber keinen Einfluß auf das Werden der latenten. Am 
Zustandekommen der latenten Verwahrlosung sind mehrere 
Faktoren beteiligt, die man als Ursache der Verwahrlosung 
zusammenfassen könnte. Zunächst die aus der Erbanlage 
gegebene Konstitution, dann soweit wir es, bis jetzt schon zu 
übersehen vermögen, erste Kindheits- und sonstige Erlebnisse, 
die ähnlich denen sein müssen, die für die Ätiologie (Ursache) 



der Neurose und Psychose von Bedeutung sind. Inwieweit 
Unterschiede bestehen, ist noch aufzuklären. Wir werden daher 
zur Auffindung der Verwahrlosungsursachen, soweit exogene 
Faktoren, äußere, aus der Umgebung stammende, in Frage 
kommen, die Psychoanalyse, ihre Forschungsart und ihre Er- 
gebnisse mit Vorteil verwerten. Wir werden aber auch wie 
diese, dieselbe Sorgfalt und Vorsicht in unserer Sonderarbeit 
walten lassen und gar nicht mit der Erwartung an unsere 
Untersuchung gehen, daß es uns im ersten Anlauf gelingen 
könnte, zu restlos befriedigenden Ergebnissen zu kommen. 

Brechen wir hier ab, um uns ein klein wenig Verständnis 
für die Neurosenpsychologie zu erwerben. Es kommt vor, daß 
einzelne Menschen nicht imstande sind, ein schreckhaftes, 
stark affektbetontes Erlebnis zu erledigen. Sie vermögen nicht, 
in der zur Verfügung stehenden Zeit den Reizzuwachs, so wie 
es normalerweise notwendig wäre, aufzuarbeiten. Der plötzliche 
Energieüberschuß, der das darauf völlig unvorbereitete Indivi- 
duum trifft, wirkt stoßartig und schädigt psychische Mechanismen 
derart, daß sie dauernd gestört bleiben. Zeitigt ein stark affekt- 
betontes Erlebnis solche Folgen, so sagen wir, es hat traumatisch 
gewirkt, sprechen auch von einem traumatischen Erlebnis oder 
einem psychischen Trauma. Unter bestimmten Voraussetzungen 
führen dann solche in die Neurose, auf die hier einzugehen, 
von der uns gestellten Aufgabe wegführen würde. Ich führe Ihnen 
nur eine Stelle aus Freuds „Vorlesungen" (Ges. Schriften VII. 
S. 284) an: „Die traumatischen Neurosen geben deutliche An- 
zeichen dafür, daß ihnen eine Fixierung an den Moment des 
traumatischen Unfalles zugrunde liegt.« „Es ist so, als ob diese 
Kranken mit der traumatischen Situation nicht fertig geworden 
wären, als ob diese noch als unbezwungene aktuelle Aufgabe 
vor ihnen stünde." 

Kehren wir nun zu dem verwahrlosten Jungen zurück. Was 
zeigt sich? An Verwahrlosungserscheinungen: Vagieren, Lehr- 



flucht und Äußerungen, die als allgemeine Verwahrlosung 
zusammengefaßt sind. Diese werden als Grund der Überstellung, 
als Ursache das unbeaufsichtigte Herumlaufen auf der 
Gasse angegeben. 

Die Verwahrlosungserscheinungen treten nach dem Tode der 
Mutter, bald nach der Übersiedlung zur Schwester auf und 
verstärken sich zusehends bis zu seiner Unterbringung in der 
Fürsorgeerziehungsanstalt. 

Nach unserer Auffassung mußte schon, ehe er zur Schwester 
kam, beziehungsweise ehe die Verwahrlosungserscheinungen 
auftraten, die latente Verwahrlosung bestanden haben; denn 
sonst hätte sie nicht durch die Einflüsse der Straße, die doch 
nur der Anlaß und nicht die Ursache sind, manifest werden 
können. Die Ursachen, die die latente Verwahrlosung bedingten, 
haben wir in der Konstitution, in Kindheits- und anderen 
Erlebnissen zu suchen, wie sie ähnlich sonst in die Neurose 
führen. Von der Konstitution wissen wir nichts Normabweichendes, 
von ersten Kindheitserlebnissen vermögen wir nichts auszu- 
sagen, weil wir keine Psychoanalyse gemacht haben. Aber 
etwas wissen wir: ohne jedwede Vorbereitung wurde ihm die 
schreckliche Art vom Tode der Mutter erzählt. Das Entsetzen 
darüber warf ihn buchstäblich zu Boden. „Mir ist so schlecht 
geworden, daß ich zusammengefallen bin." Die Schwester mußte 
auch des Nachts bei ihm aufbleiben, weil er sich fürchtete. 
Daß man ihn nicht zum Leichenbegängnis mitgehen ließ, zeigt 
ganz deutlich, wie sehr seine Umgebung das Abnorme seines 
Zustandes erkannte. Es ist auch aus dem Spielen mit dem 
Matadorbaukasten, während man den Leichnam der Mutter zu 
Grabe trug, — für einen vierzehnjährigen Jungen gewiß .nicht 
normal — zu ersehen. Er hatte im Fabrikskontor ein psychisches 
Trauma erlitten, das psychischen Mechanismen eine dauernde 
Störung brachte. Daß seine Lehrflucht damit zusammenhängt, 
sagt er uns selbst: „Ich habe keine Freude gehabt, ich habe 



74 Dritter Vortrag 



immer an meine Mutter denken müssen, wie sie nach dem 
Unfälle ausgeschaut hat." Freilich verdrängt er dann später 
alles, was mit dem Tode der Mutter zusammenhängt. Wir 
ersehen es, wie er sich in den Aussprachen erst nach und nach 
der Einzelheiten erinnert. Dafür schreitet seine Verwahrlosung 
weiter fort. 

Wir können uns denken, daß dieses traumatische Erlebnis 
allein die latente Verwahrlosung nicht hätte hervorbringen 
können, weil es gewiß möglich ist, daß das gleiche Erlebnis 
andere Jugendliche in eine Neurose geführt hätte, ebenso, daß 
andere ohne dauernde Schädigung davongekommen wären. 
Wir können aber annehmen, daß das psychische Trauma 
das letzte Glied in einer Kette war, daß durch frühe 
Kindheitserlebnisse der Boden schon vorbereitet war. Wir 
können aber unmöglich für diese Verwahrlosung die ganz 
gleiche Ätiologie annehmen wie für die traumatische 
Neurose. Es sieht aus, als ob sein Vagieren für eine Neurose 
stünde, vielleicht entging er dadurch auch einer Melancholie. 
Welche Zusammenhänge aufgedeckt werden müssen, um zu 
einem vollen Verständnis dieser Verwahrlosung zu kommen, 
läßt sich gegenwärtig noch nicht sagen. Ob in solchen Fällen 
eine Psychoanalyse imstande wäre, die Verwahrlosung zu 
beheben, wissen wir noch nicht, dürfen es aber annehmen; 
sicherlich hätte sie uns aber Einblick in die sie verursachenden 
Kindheitserlebnisse oder sonstigen Zusammenhänge gebracht 
und wir blieben nicht auf Vermutungen angewiesen. Es drängt 
sich uns die Annahme auf, daß die traumatischen Wirkungen 
des Unfalles nicht eingetreten wären, wenn der Junge seine 
Mutter weniger geliebt hätte. Es mag für den ersten Augen- 
blick sehr paradox klingen, eine Verwahrlosungsursache in 
zu großer Zuneigung zu suchen. Das Verhältnis beider 
zueinander und auch das des Jungen zum Vater war wirklich ein 
sehr inniges; wir erfahren es aus seinen Mitteilungen; es wird 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 75 

uns auch erklärlich, wenn wir die Familiensituation überschauen. 
Von sechs Kindern sind nur zwei am Leben geblieben, das 
älteste, die um fünfzehn Jahre ältere Schwester und er, der 
Jüngste. Er wird verzärtelt, schläft in der Mitte zwischen Vater 
und Mutter, die Schwester auf dem Divan. Dieser wird, als er 
zwölf Jahre alt ist, frei, weil die Schwester heiratet; er benützt 
ihn nun nicht, sondern bleibt bei den Eltern liegen. Nach des 
Vaters Tod nimmt er sich dessen Bett und umsorgt die Mutter 
recht sehr. Er sagt mir selbst: »Wie der Vater gestorben ist, 
habe ich mich in sein Bett gelegt und mich mehr um die 
Mutter gekümmert." „Ich habe die Wohnung aufgeräumt, ein- 
geheizt und zum Kochen hergerichtet gehabt, wenn die Mutter 
von der Fabrik nach Hause gekommen ist. " Diese Beziehungen 
dauern bis zum Tode der Mutter an. 

Aus dem Tun des Jungen erkennen wir eine übermäßige 
Identifizierung mit dem Vater und auch eine über das Normale 
hinausgehende Beziehung zur Mutter. Er hat m it ihr gelebt, als wäre 
er der Vater. Sie dürfen mich hier aber nicht mißverstehen, 
als ob ich meinte, es wäre zwischen beiden auch zu unerlaubten 
Beziehungen gekommen. Wir gewinnen aber doch aus der Art 
seiner Reaktion auf die Mitteilung vom Tode der Mutter den 
Eindruck, als wäre ihm mehr entrissen worden als nur die 
Mutter. Die abnormen Beziehungen zu ihr dürften Teil daran 
gehabt haben, daß in seinem psychischen Kräfteablauf jene 
Störungen eingetreten sind, aus denen sich dann später die Ver- 
wahrlosung ergab. 

Wir werden in den weiteren Vorträgen noch mehrmals 
Gelegenheit haben zu hören, daß frühzeitig übermäßig zärtliche 
Beziehungen zu den Eltern oder Geschwistern später in die 
Verwahrlosung führen können. Für heute merken wir uns nur 
ganz allgemein : zärtliche Zuneigung des Kindes zu den Familien- 
angehörigen gehört zu den normalen Entwicklungsbedingungen. 
Diese Zuneigung darf aber nur soweit gehen, daß sie sich in 



der Pubertät zu lockern vermag; denn in diesem Zeitpunkt 
muß der Heranwachsende die libidinösen Objekte innerhalb der 
Familie aufgeben und gegen solche außerhalb der Familie ein- 
zutauschen vermögen. Gelingt das nicht, waren die zärüichen 
Beziehungen zu stark, kam es zu einer libidinösen Fixierung, 
so ist der Weg in die Neurose, manchmal auch in die Verwahr- 
losung, wie wir bei unserem Jungen annehmen dürfen, offen. 
_ Wir wollen uns nun anschließend mit der Verwahrlosung 
einer beinahe vierzehnjährigen Bürgerschülerin beschäftigen, 
mit der ich in der Erziehungsberatung zu tun hatte, weil von 
der Schule die Mitteilung einlangte, daß das Kind zu Hause 
mißhandelt werde. Wir werden natürlich wieder den Versuch 
machen, die Verwahrlosungsursache aufzudecken. Dazu müssen 
Sie vorher aber vom Sachverhalt, soviel als notwendig ist, wissen. 
Die Minderjährige, nennen wir sie Leopoldine, ist Vollwaise 
und bei dem verheirateten Bruder ihrer Mutter, einem kleinen 
Geschäftsmann eines äußeren Wiener Gemeindebezirkes, in 
Pflege. Sie besucht die zweite Klasse der Bürgerschule. Um 
einen ersten Einblick zu gewinnen, lasse ich mir die Pflegemutter 
mit dem Mädchen kommen. Diese macht durchaus keinen 
ungünstigen Eindruck und es scheint mir, daß nicht eine 
Kindermißhandlung im gewöhnlichen Sinne vorliegt, sondern 
irgendwelche noch nicht klar sichtbare Zusammenhänge gesucht 
werden müssen. Ich spreche in Abwesenheit des Kindes zuerst 
mit der Tante. Sie klagt, daß Leopoldine, die beinahe vierzehn 
Jahre alt, gesund, und kräftig entwickelt ist, ihnen nur Sorgen 
und Unannehmlichkeiten macht, statt dankbar anzuerkennen 
was Onkel und Tante für sie tun. Ihre beiden Eltern sind 
gestorben; sie würde heute bei fremden Leuten herumgestoßen 
werden, wenn der Mann sie nicht aus dem tschechischen 
Heunatsdorfe geholt hätte. Daß kein materielles Interesse dazu 
den Anlaß gab, sei klar; denn niemand gebe ihnen irgend 
etwas zur Erhaltung des Kindes. Ihr Mann habe aber seiner 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 77 

Schwester versprochen, sich um Leopoldine anzunehmen, und 
das tun beide nun auch: sie werde in der Familie wie das eigene 
Kind gehalten. Zu keinerlei häuslichen Arbeiten sei sie zu 
gebrauchen, stehe oder sitze, wenn sie aus der Schule nach 
Hause komme, beschäftigungslos herum, müsse unaufhörlich 
angetrieben oder ermahnt werden; sei unpünktlich, trotzig, 
unverläßlich und verlogen. Nicht einmal zur Versorgung des 
dreieinhalbjährigen Kindes sei sie verwendbar, weil auch da 
befürchtet werden muß, daß sie in ihrer Verlorenheit einmal 
dem Kinde etwas geschehen lasse. Wie gefühllos sie sei, 
erkenne man daraus, daß sie sich um die verstorbenen Eltern 
gar nicht kränkt, daß sie beim Leichenbegängnis nicht geweint 
habe und sich auch jetzt nicht aufrege, wenn die Rede auf die 
Eltern kommt. 

Aus der Schilderung der Verhältnisse im Elternhaus ist zu 
entnehmen, daß der Vater in einem kleinen tschechischen Dorfe 
dasselbe Gewerbe betrieb wie der Onkel in Wien, in durchaus 
geordneten materiellen Verhältnissen lebte, aber Trinker und 
tuberkulös war. Das Kind ist im Elternhause immer liebevoll 
behandelt und gut gehalten worden. Nach dem Tode des Vaters 
hatte die Mutter das Geschäft verkauft, aber sehr bald ein- 
gesehen, wie sehr sie dadurch materiell zu Schaden gekommen 
war. Sie wollte es wieder zurück haben, konnte das aber nicht 
durchsetzen und starb infolge der Aufregungen ein halbes Jahr 
nach dem Vater. 

Zum Schluß betont die Tante nochmals, daß von einer lieb- 
losen Behandlung keine Rede sein könne, man aber begreiflich 
finden müsse, daß ihr bei dem garstigen Verhalten des Mädchens 
manchmal die Geduld ausgehe. Sie gibt auch ohneweiters zu, 
daß sie Leopoldine körperlich gezüchtigt hat, wenn Ermahnungen 
ergebnislos geblieben waren, aber Mißhandlungen seien nie 
vorgekommen. 

Alle Angaben machte die Frau affektlos, überzeugt, daß es 



sich nur um ein Mißverständnis handeln könne, durchaus nicht 
aus dem Gefühl heraus, sich verantworten zu müssen. 

Ich stelle Ihnen nun den Angaben der Tante die des Kindes 
gegenüber, mit dem ich kurz darauf, natürlich auch unter vier 
Augen, sprach. 

Leopoldine kommt sofort auf die Schule zu sprechen und 
berichtet, daß sie diese sehr gerne besucht, besondere Zu- 
neigung zur Klassenlehrerin empfindet (von dieser ging auch 
die Mißhandlungsanzeige aus), sonst aber nicht viel Anschluß 
hat, von keiner Schulkameradin sagen kann, daß sie ihr 
besonders befreundet sei. Obwohl sie vom Tschechischen ins 
Deutsche umlernen mußte, gebe es für sie keine besonderen 
Schwierigkeiten. 

Über die häuslichen Verhältnisse berichtet sie nur vorsichtig 
und ängstlich zögernd, obwohl sie von der Mißhandlungsanzeige 
Kenntnis hat und weiß, daß die Berufung aufs Jugendamt eine 
Maßregel zu ihren Gunsten ist. Sie erwähnt die körperliche 
Züchtigung nicht, wohl aber, daß die Tante sehr viel herum- 
zankt. Auf die Frage, warum die Tante so häufig zankt, schweigt 
sie einige Zeit und sagt dann: „Ich muß sehr viel an das Zu- 
hausesein bei den Eltern denken." 

Ihr bisheriger verlegener Gesichtsausdruck bekommt in diesem 
Augenblick etwas krampfhaft Verzerrtes und verrät, daß mit 
der Frage eine wunde Stelle getroffen worden war. Ich sehe 
mich daher veranlaßt, mich mit dieser Andeutung eingehender zu 
beschäftigen und erfahre nun, daß sie unter ständigem Heimweh 
leidet, gezwungen ist, sich das Leben im Elternhause in immer 
wiederkehrenden Phantasien vorzustellen, die sich ganz un- 
gewollt aufdrängen, daß sie von angstvollen Träumen gequält 
wird und insbesondere die Sterbestunde der beiden Eltern 
immer wieder vor sich sieht. 

Sie schildert nun sehr genau, wie der Vater im letzten 
Stadium der Tuberkulose, als sie mit ihm allein war, von ihr 



Einige Ursadien der Verwahrlosung 79 



Wasser zu trinken verlangte, wie sie ihm das Glas reichte, er 
trank, einen Hustenanfall bekam, der sich in einen Erstickungs- 
anfall fortsetzte, von dem er sich nicht mehr erholte, sondern 
tot in die Kissen zurückfiel. Es kam niemand herein, obwohl 
sie schrecklich um Hilfe rief; sie wagte nicht hinauszulaufen, 
sondern sah den Todeskampf mit an. Erst später erschien 
die Mutter. 

Ein halbes Jahr später, am Ostersonntagmorgen, schickte die 
Mutter sie in die Kirche. Wie sie sich von ihr verabschiedete, 
stand diese am Fenster und hantierte mit einem Staubtuch. 
Ein dabei entstehendes Klappern veranlaßte Leopoldine, noch- 
mals zur Mutter zurückzugehen, ihr das Tuch aus der Hand 
zu nehmen und nachzusehen, woher das Geräusch kommt. Sie 
fand darin einen Strick. Weil die Mutter sich schon einmal 
mit einem Sacktuch erwürgen wollte, nahm das Kind den Strick 
zu sich und warf ihn dann weg. Als es von der Kirche nach 
Hause kam, hing die Mutter tot am Fensterkreuze. 

Als ihr vor mir diese Szenen in Erinnerung kamen, nahm 
sie ein ganz eigenartiges Verhalten an. Sie saß mit ineinander 
geschlagenen Händen, den Kopf seitwärts gesenkt, und über- 
ließ sich, den Blick zu Boden gerichtet, ihren Gedanken. Dabei 
schien sie der Wirklichkeit entrückt und hatte Mühe, sich 
nachher zurückzufinden. Auf die Frage, ob sie im Hause der 
Pflegemutter auch öfter so sitze, erhielt ich zur Antwort, daß 
sie dieser oft nicht ins Gesicht sehe, mit abgewendetem Kopfe 
zuhöre; denn dann könne sie antworten und sich trotzdem 
mit ihren eigenen Gedanken beschäftigen, ohne diese ver- 
scheuchen zu müssen. Werde sie aber laut angerufen, so er- 
schrecke sie und könne dann nicht sofort zu den anderen 
zurückkommen. Wenn sie nachmittags allein in der Wohnung 
gelassen wird, um diese aufzuräumen, lege sie sich im Halb- 
dunkel gerne aufs Sofa, um besser träumen zu können. 
Störungen überhöre sie leicht, die Pflegemutter sage ihr oft, 



80 Dritter Vortrag 



daß sie schon eine halbe Stunde an der Wohnungstüre ange- 
läutet habe. Dieser getraue sie sich nichts zu sagen, gebrauche 
dann allerlei Ausreden, die als solche durchschaut werden 
und sie als verlogen erscheinen lassen, was sie aber nicht 
sei, nur wisse man das nicht. Die Gedanken, die von 
selbst kommen und sich nicht immer verscheuchen lassen, 
seien nicht immer schreckhaft, sondern machen ihr oft auch 
Freude, weil sie frohe Erlebnisse aus dem Heimatdorfe in der 
Tschechoslowakei in Erinnerung bringen. Diese kommen mit 
großer Genauigkeit, stellen sich auch während der Arbeit ein, 
während des Spieles mit dem Kinde und drängen sich auch 
auf der Gasse auf, besonders des Morgens, oft nach Träumen; 
nur in der Schule nicht, wo sie sie absichtlich verscheucht, 
was ihr dort auch möglich sei. Die häuslichen Arbeiten freuen 
sie nicht, auch mit dem Kinde spiele sie nicht gerne, weil sie 
immer Verdruß mit der Pflegemutter habe, wenn dieses raunzig 
sei oder weine. Aus Ärger darüber spreche sie nichts, die 
Pflegemutter werde dann sehr böse, es komme zu recht unan- 
genehmen Auseinandersetzungen, die damit enden, daß sie ver- 
stockt, trotzig und boshaft genannt werde. 

Die Angaben des Kindes scheinen mir um so eher vollständig 
glaubhaft, weil sein ganzes Verhalten durchaus den Eindruck 
der Wahrhaftigkeit machte. 

Um ein möglich abgerundetes Bild zu erhalten, sah ich mich 
veranlaßt, auch noch von der Bürgerschule einen Bericht ein- 
zuholen. Dort verhielt sich Leopoldine vollständig anders als 
zu Hause. Die Klassenlehrerin schildert sie als fleißig und auf- 
merksam, verläßlich und gewissenhaft in ihren Aufgaben, bei 
den Mitschülerinnen als gefällige und gutmütige Kameradin 
beliebt. Das Mädchen hatte sich auch nur bei Mitschülerinnen 
über die Mißhandlung beklagt und diese haben der Lehrerin davon 
Mitteilung gemacht, worauf die Mißhandlungsanzeige erstattet 
worden sei. 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 81 

Sie haben jetzt die Mitteilungen der Pflegemutter, des Kindes 
und der Schule gehört und sind gewiß mit mir einer Meinung, 
daß wir trotz der Ausführlichkeit, mit der wir jedes von diesen 
zu Worte kommen ließen, noch nicht wissen, welche Maß- 
nahmen von unserer Seite zu ergreifen sind. 

Vergleichen wir die Schilderungen der Pflegemutter mit dem 
von Leopoldine Gehörten, so läßt sich eine Kindermißhandlung 
im gewöhnlichen Sinne des Wortes tatsächlich nicht feststellen. 
Zu Hause erscheint sie boshaft, trotzig, verlogen, zu keinen 
häuslichen Arbeiten zu gebrauchen, unzuverlässig, zeigt also 
ausgesprochen Verwahrlosungserscheinungen, die von ihr, ohne 
es direkt zu sagen, doch zugegeben werden. In der Schule 
dagegen ist ihr Verhalten vollständig einwandfrei. 

Nach dem uns über die Verwahrlosung bereits Bekannten 
erscheint es nicht mehr verwunderlich, daß auch hier von der 
Pflegemutter Verwahrlosungserscheinung und Verwahrlosung 
miteinander verwechselt werden, und diese versucht, durch 
strenges Vorgehen, mit Beseitigung der Anzeichen, auch den 
Zustand zu beheben. 

Lassen wir vorläufig unerörtert, ob die dissozialen Äußerungen 
des Mädchens tatsächlich aus einer Verwahrlosung hervor- 
gehen, sondern nehmen wir an, daß es so sei, dann erschwert 
sich das Problem gegenüber dem heute schon besprochenen, 
in welchem das aufsichtslose Herumtreiben auf der Gasse der 
Anlaß war, die latente Verwahrlosung zur manifesten zu 
machen, die dann dauernd bestehen blieb. Bei Leopoldine 
sehen wir einen latenten Zustand sich nur zeitweilig, zu Hause, 
manifestieren, in der Schule nicht. Das stört uns aber; denn 
wir sind nur vorbereitet, daß ein psychisches Trauma mit zu 
jenen Ursachen gehört, die ganz eindeutig einen latenten Ver- 
wahrlosungszustand zum manifesten machen. Obwohl ein 
solches vorliegt, das schreckhafte Erleben des in so entsetz- 
licher Weise erfolgten Todes beider Elternteile, kommt es doch 

Aichhorn, Verwahrloste Jugend 6 



82 Dritter Vortrag 



nur zeitweise zur Bildung von Verwahrlosungserscheinungen, 
wie aus dem so widersprechenden Verhalten zu Hause und 
in der Schule hervorgeht. Dieses müssen wir uns zunächst zu 
erklären versuchen. 

Die Verwahrlosungserscheinungen zu Hause verdecken 
zweierlei : daß Leopoldine durch die unfreiwillige Wiederkehr 
schreckhafter Vorstellungen gequält wird und in lustbetonte 
Erinnerungen versinkt, wofür wir eine Bezeichnung haben: 
Tagträumereien. 

Was Tagträume sind, dürfte Ihnen bekannt sein. Jeder von 
uns hat Augenblicke in seinem Leben, in denen er, unbefriedigt 
von der ihn umgebenden Wirklichkeit, sich in eine schönere 
Phantasiewelt zurückzieht, seine Luftschlösser baut. Wir sagen 
in psychoanalytischer Ausdrucksweise, daß wir in solchen 
Momenten ein Stück unseres Interesses, unserer Libido, von 
der Realität abgezogen haben. Wir geben Objektbesetzungen 
auf und überbesetzen in der Phantasie vorhandene Vorstellungen, 
die dadurch erhöhte Bedeutung gewinnen. Solange dadurch 
unsere Beziehungen zur Umwelt nicht gestört werden, bleibt das 
ein ganz normaler Vorgang. Eine Störung tritt erst dann ein, 
wenn zu viel an Interesse oder Libido dem wirklichen Leben 
entzogen und für diese Tagträume verwendet wird. Es ergibt 
sich dann, daß die Tagträume ein Stück der Realität ersetzen, daß 
sie Energien verbrauchen, die sich im realen Leben auswirken 
sollten, und daß das lustbetonte Erleben in der Phantasie die 
Anpassung an die rauhe Realität erschwert. Sie wissen, daß all 
das bei uns Normalen noch nicht der Fall ist. Wir sind jeder- 
zeit in der Lage, das schönste Luftschloß zusammenfallen zu 
lassen, wenn die Erfordernisse des täglichen Lebens, die Realität 
dies verlangen, und sind gewohnt, uns dadurch in der Erledigung 
der Tagesaufgaben nicht stören zu lassen, uns die Tagträume 
für unbenutzte Augenblicke, etwa auf Spaziergängen, Fahrten 
auf der Straßenbahn, vor dem Einschlafen vorzubehalten. 



Einige Ursadhen der Verwahrlosung 83 

Können Sie sich vorstellen, daß es Menschen gibt, bei denen 
sich diese Tagträume aufdrängen, wenn die Unlust in der 
Realität zu groß wird, und daß diese es nicht in der Hand 
haben, nicht immer bereit sind, sich von ihren Phantasien zu 
befreien? Wir würden psychoanalytisch sagen, daß diese Menschen 
schon ein größeres Quantum Libido von der Außenwelt abge- 
zogen haben, als normal zulässig ist. 

Können Sie sich nun noch weiter vorstellen, daß das Inter- 
esse für das wirkliche Leben so gut wie verloren gehen 
kann, daß es Menschen gibt, für welche die Phantasiewelt 
solche Bedeutung gewinnt, daß sie in den Mittelpunkt des 
Lebens tritt? Wir haben dann den pathologischen Fall vor 
uns; die gesamte Libido ist von der Realität abgezogen. 

Kehren wir von dieser theoretischen Abschweifung zu 
Leopoldine zurück. Sie wissen bereits, daß schreckhafte Er- 
lebnisse zu psychischen Traumen führen können, die eine Störung 
im Ablaufe psychischer Mechanismen so nach sich ziehen, daß 
unter bestimmten Voraussetzungen, die wir allerdings noch 
nicht kennen, die latente Verwahrlosung hervorgerufen wird. 
Das psychische Trauma ist nur die letzte der Ursachen, die in 
ihrer Gesamtheit die Verwahrlosung zustande bringen. 
Leopoldine erledigt nun das psychische Trauma nicht so wie 
der Jugendliche, ja wir können sehen, daß sie sich erst auf dem 
Wege zur endgültigen Erledigung befindet. Ihm gelingt die 
Verdrängung des psychischen Traumas ; die Versetzung in das 
andere Milieu ermöglicht ihm den Lustbezug aus seinen dis- 
sozialen Handlungen. Warum das so ist, vermögen wir nicht 
zu sagen, wir vermuten, daß ganz bestimmte Kindheitserleb- 
nisse dabei in Frage kommen. Sie steht noch auf halbem 
Wege. Die schreckhaften Erlebnisse sind noch nicht vergessen, 
sie drängen sich noch immer als angstvolle Erinnerungen auf. 
Ihr nimmt die Versetzung in das andere Milieu alle vertrauten 
Menschen, die lieben Freundinnen und Bekannten, trennt sie 

6* 



84 Dritter Vortrag 



von ihr liebgewordenen Dingen und der Heimat. Sie erfährt 
eine ungemein starke äußere Versagung, die sie in den lust- 
betonten Tagträumen wieder rückgängig zu machen sucht. Es 
ist sehr wahrscheinlich, daß ihr diese auch die Möglichkeit 
bieten, das psychische Trauma endgültig zu erledigen. Wir 
sehen auch, wie das Kind für Stunden in seine Tagträume 
versinkt, schon jetzt gelegentlich schwer den Rückweg in die 
Wirklichkeit findet und in der Realität des häuslichen Lebens 
als verwahrlost erscheint. Wir würden schon jetzt das Vor- 
handensein einer schweren psychischen Störung annehmen 
müssen, wenn das Kind nicht in der Schule ein ganz anderes 
Verhalten zeigte. Dort ist es, nach eigener Aussage, imstande, 
die auftauchenden Phantasien abzuweisen und sich nicht von 
ihnen stören zu lassen. 

Es besteht wohl kein Zweifel mehr, wie dieses Kind auf- 
zufassen ist : es befindet sich auf dem Wege zu einer ernst- 
haften psychischen Erkrankung, die weitab von Verwahr- 
losung liegt. Gelingt es nicht, diesen Tagträumen Einhalt zu 
gebieten, so wird das Kind immer mehr den Anschluß an die 
Wirklichkeit verlieren und schließlich nach Abziehen der ge- 
samten Libido von der Realität in eine Phantasiewelt versinken. 

Für uns ergibt sich die Frage, was wir zu veranlassen haben! 
Leopoldine zeigt uns mit ihrem Verhalten den Weg dazu. Sie 
benimmt sich normal, wo sie sich wohl fühlt, ein Stück des 
lustbetonten Lebens in der Heimat real reproduzieren und ihr 
Anschlußbedürfnis befriedigen kann. Sie benimmt sich abnorm, 
wo ihr das unmöglich wird. Das eine ist in der Schule, das 
andere zu Hause der Fall. Dort ist sie bei Lehrerinnen und 
Mitschülerinnen beliebt, gerne gesehen und gewinnt ein Stück 
des heiteren, geselligen Lebens der Heimat wieder. Im Hause 
der Pflegeeltern dagegen ist sie wenig mehr als geduldet, findet 
nicht sehr viel Entgegenkommen und hat statt der ehemaligen 
bevorzugten Stellung des einzigen Kindes im Elternhause die 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 85 

des Kindermädchens für die dreieinhalbjährige Cousine. Dazu 
kommt noch die vollständige Verständnislosigkeit, — Bös- 
willigkeit liegt sicher nicht vor, — mit der namentlich die Pflege- 
mutter dem ganzen Wesen des Kindes gegenübersteht. 

Es ist sehr wahrscheinlich, daß es uns nicht gelingen wird, 
dieser Pflegemutter die Richtigkeit unserer Überlegungen be- 
greiflich zu machen und sie dadurch zu einem geänderten Ver- 
halten dem Kinde gegenüber zu veranlassen. Da wir außerdem 
keinen Einfluß auf die sonstigen Verhältnisse in der Pflege- 
stelle nehmen können, wird sich die Notwendigkeit als zwin- 
gend herausstellen, Leopoldine anderswo unterzubringen. Eine 
Unterredung mit den Pflegeeltern bestätigte unsere Annahme 
und es war nun noch zu überlegen, wohin mit dem Kinde? Es 
erschien uns nicht zweckmäßig, das Mädchen einer anderen 
Familie zu übergeben, weil das für eine so schwierige psychische 
Situation erforderliche Verständnis in Pflegefamilien kaum zu 
finden ist und der gute Wille allein hier nicht mehr ausreicht. 
Sie kam in die Hand einer verständnisvollen, psychoanalytisch 
geschulten Erzieherin, die ihr durch Aussprachen die Möglich- 
keit verschafft, sich von den Nachwirkungen der traumatischen 
Erlebnisse zu befreien, außerdem in eine Umgebung, die ihr 
im Zusammenleben mit Gleichaltrigen ein reicheres Erleben als 
bisher sichert. Wir nahmen an, daß so die von der Realität 
gebotene Lust erfolgreich mit der des Tagtraumes in Wider- 
streit treten werde. Ich kann Ihnen auch mitteilen, daß diese, 
Leopoldine gebotenen günstigen Entwicklungsbedingungen, im 
Verlaufe von mehr als einem Jahre schon solche Veränderungen 
in ihr hervorgerufen haben, daß wir sehr beruhigt die weitere 
Entwicklung abwarten können. Obwohl bei Leopoldine trotz 
der Verwahrlosungserscheinungen zu Hause, eine Verwahrlosung 
nicht bestand, habe ich Ihnen doch davon berichtet, weil Sie 
aufmerksam werden sollen, daß uns manch Krankhaftes auch 
als Verwahrlosung gebracht wird. Der Fürsorgeerzieher, der 



86 Dritter Vortrag 



gelernt hat, Anzeichen nicht mit einem Zustande zu ver- 
wechseln, wird sehr vorsichtig sein und immer mit der Möglich- 
keit rechnen, Verwahrlosungserscheinungen gegenüber zu stehen, 
die aus krankhafter Disposition erwachsen sind. 

Die Auswirkung schreckhafter früherer Erlebnisse kann sich 
auch in Führungsschwierigkeiten einzelner Fürsorgeerziehungs- 
zöglinge in der Anstalt zeigen. Ich führe Ihnen dazu zwei Fälle 
an. Als ersten ein Mädchen aus einer Gruppe Schulentlassener, 
das immer verträglich, fleißig und sehr verwendbar war, 
plötzlich und scheinbar ganz unmotiviert aber ein gänzlich an- 
deres Verhalten zeigte. [Als zweites, ein zwölfjähriges Schul- 
mädchen, das dadurch unangenehm auffiel, daß es vom Tage 
seiner Überstellung an fortwährend versuchte, seine Kame- 
radinnen zu schrecken. 

Die Erzieherin der jugendlichen Mädchen versuchte alles mög- 
liche, um über die so ganz unerwartete und unerklärliche Führungs- 
schwierigkeit hinwegzukommen. Je mehr sie sich mit der Minder- 
jährigen beschäftigte, desto unverträglicher, störrischer und 
arbeitsunwilliger wurde diese, so daß schließlich mit der so 
vollständig aus dem Gleichgewicht Geratenen in der Gruppe 
nichts mehr anzufangen war. 

Zu mir gebracht, brach das Mädchen nach verhältnismäßig 
kurzer Zeit in heftiges Weinen aus, ohne daß die Ursache 
gleich zu ersehen gewesen wäre. Sie erzählte noch unter 
Schluchzen, daß sie seit einigen Tagen immer vom selben 
Traum gequält werde und dabei große Angst ausstehe. Er ist 
kurz folgender: Aus einer Ecke des Schlafsaales kommt die 
bereits verstorbene Mutter auf sie zu, setzt sich auf den Bett- 
rand, hebt langsam die Hände zu ihrem Hals und würgt sie. 
Jedesmal, bevor sie ganz tot ist, wird sie wach und hört sich 
noch aufschreien. Ich frage sie nach der Erzählung des Traumes, 
wie sie sich zu Hause aufgeführt habe und ob die Mutter mit ihr 
immer zufrieden gewesen sei. Sie schildert das Zusammen- 






Einige Ursachen der Verwahrlosung 87 

leben mit der Mutter so, daß anzunehmen gewesen wäre, es 
gäbe keine bessere Tochter als sie. Die überschwengliche 
Darstellung des Verhältnisses zur Mutter ließ aber gerade das 
Gegenteil vermuten. Auf die Frage, ob sie der Mutter niemals 
Kummer bereitet habe, wurde sie auffallend stille. Ich begann 
nun von anderem zu sprechen und kam dann unmerklich 
wieder auf die Mutter zurück. Sie erwähnte jetzt, daß die 
Mutter vor ihrem Tode lange bettlägerig gewesen war und 
so ganz nebenbei, daß sie dieser einmal Wäsche gestohlen 
habe. Ich begnüge mich nicht mit dieser Andeutung, sondern 
dringe auf eine genauere Darstellung des Diebstahles. Sie 
erzählt nun folgendes : Die Mutter liegt auf dem Sterbebette. 
Sie selbst steht abends mit einer Freundin beim Haustor und 
diese drängt mit dem Hinweise auf das Ungefährliche einer 
Entwendung, der Mutter Wäsche zu stehlen. Nach deren Ab- 
leben wisse niemand, wieviel vorhanden war, es könne daher 
nie etwas aufkommen. Am nächsten Vormittag steht unser 
Zögling beim Küchenherd und kocht, als die Freundin kommt, 
die gestohlene Wäsche zu holen. Diese liegt noch im Kasten. 
Das Mädchen hatte sich zum Diebstahl nicht entschließen 
können und wehrt sich auch jetzt noch gegen den Einfluß der 
Verführerin; sie will nicht stehlen. Die Freundin wird immer 
dringlicher. Endlich gelingt es ihr, die Bedenken zu zerstreuen, 
als sie auf die Leichtigkeit hinweist, mit der der Diebstahl 
auszuführen wäre: „Der Wäschekasten ist von der Küchen türe 
aus zu sehen ; man braucht nur auf den Zehenspitzen zu gehen, 
vorsichtig aufzutreten und nirgends anzustoßen, dann den Kasten 
leise aufzusperren, so werde die Mutter, deren Bett zwar dem 
Kasten gegenübersteht, die aber mit dem Gesicht zur Wand 
liegt, nichts merken." Der Widerstand ist überwunden und das 
Mädchen geht, doch immer noch zögernd, in das Zimmer. Die 
Freundin bleibt in der Küchentüre stehen und nickt der nicht 
ganz Entschlossenen Mut zu, als sie auf halbem Weg umkehren 



88 



Dritter Vortrag 



will. Nun erst unterliegt sie dem Einflüsse der Freundin. Beim 
Kasten angelangt, merkt sie, daß dieser nicht versperrt ist, sie 
daher überflüssigerweise den Schlüssel mitgenommen hat. Im 
Aufmachen knarrt die Kastentür und sie läßt in größtem Schreck 
den Schlüssel fallen. Sie hat entsetzliche Angst, daß die 
sterbende Mutter sich umwenden und sie bemerken könnte. 
In höchstem Affekt rafft sie zusammen, was rasch erreichbar 
ist, stürzt in die Küche zurück und gibt der lachenden Freundin 
die entwendeten Wäschestücke. Diese nun befriedigt, entfernt 
sich, nachdem die beiden Mädchen noch eine Zusammenkunft für 
den nächsten Tag vereinbart hatten; die Freundin übernimmt 
den Verkauf. Sie kommen wirklich zusammen ; der Erlös wird 
aber nicht geteilt, sondern ein gemeinsamer Ausflug in den 
Prater beschlossen. Sie fahren Ringelspiel, mit dem Riesenrade, 
gehen in die verschiedentlichen Schaubuden und vergeuden 
den letzten Rest des Geldes in einem Pratergasthaus. An die 
Mutter wird nicht gedacht, im Gegenteil, sie unterhalten sich 
prächtig. Als das Mädchen spät am Abend nach Hause 
kommt, ist die Mutter tot. Das macht ihr nichts; sie ärgert 
sich nur, daß Verwandte, die in der Wohnung anwesend sind, 
ihr Vorwürfe machen. Sie wird mit diesen frech, weil man 
wissen will, wo sie den ganzen Nachmittag gewesen sei. Über 
den Diebstahl macht sie sich keinerlei Gewissensbisse, auch 
dann nicht, als Angehörige, die doch über den Wäschestand 
unterrichtet waren, den Vormund verdächtigen, er hätte Wäsche 
fortgeräumt. 

Das Mädchen teilte mir diese Vorgänge stockend, in ab- 
gerissenen Sätzen, mit, weint außerordentlich heftig und gerät 
dabei in höchste Erregung. Sie spricht das erstemal über diese 
Dinge, die sie auch noch nicht lange quälen. In der Aussprache mit 
mir meint sie, daß es anfing, ihr unerträglich zu werden, seit 
die Tante, so wurde die Erzieherin genannt, sie liebgewonnen 
hatte. Sie sagte mir auch wörtlich: „Ich wollte alles schon so 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 89 

oft der Tante sagen, habe mich aber gefürchtet, daß sie mich 
dann nicht mehr mag. Wenn sie weiß, was ich für ein Luder 
bin, kann sie mich nicht mehr gerne haben." Wir sprachen 
hernach beide gemeinsam mit der Erzieherin, die sich mit 
großem Verständnis in die gegebene Situation hineinfand. Sie 
ging mit der sehr erleichterten Jugendlichen in die Gruppe 
zurück. Das Mädchen begab sich sofort zur Arbeit und jede 
Widerspenstigkeit der Erzieherin und den Mitzöglingen gegen- 
über war verschwunden. Für die Erzieherin blieb aber noch 
manches zu tun. Sie beschäftigte sich durch einige Zeit intensiver 
vor dem Schlafengehen mit ihr. Sie gedachten in den Aus- 
sprachen immer noch der verstorbenen Mutter. Es kam viel 
zutage und das Mädchen selbst zur Einsicht, daß es aus 
seiner großen Schuld der Liebe der Erzieherin nicht würdig 
gewesen sei. Daß solches Verhalten wirklich aus diesem 
Zusammenhange hervorgehen kann, werden wir im letzten 
Vortrag, beim „Verbrecher aus Moral", besprechen. Ihre Angst 
vor dem Traume schwand, je mehr sich ihr Schuldgefühl ver- 
ringerte und sich durch die fortschreitende Identifizierung mit 
der Erzieherin eine immer mehr sich ändernde Einstellung 
zum Leben ergab. 

Als zweiten Fall, daß Führungsschwierigkeiten in der Anstalt 
durch schreckhafte Erlebnisse bedingt sein können, habe ich 
Ihnen schon das Schulmädchen angekündigt, das immer wieder 
versuchte, seine Kameradinnen zu schrecken. Auffällig war, daß 
das zwölfjährige Kind dazu nur ganz bestimmt rot gefärbte 
Dinge, die sich zu Gesichtslarven oder ängstigendem Kopfputz 
eigneten, verwendete. Es entwickelte auch eine ganz besondere 
Sucht und ungemeine Geschicklichkeit, sich rotfarbige Sachen 
anzueignen. Was als Schreckmittel dienen konnte, wurde auch 
dazu benützt: Papier, Tuch, Bänder usw. 

Es währte ziemlich lange, bis wir mit der Aufdeckung der 
dem Kinde mit ganz geringen Schwierigkeiten klar zu machenden 



90 Dritter Vortrag 



Ursache diese Führungsschwierigkeit beseitigen konnten. Zuerst 
deckten wir auf, daß das Mädchen, als es in die erste Volks- 
schulklasse ging, sehr erschreckt worden war. Am Nikolotage 
holte es wie gewöhnlich dem Lebensgefährten der Mutter vom 
benachbarten Gasthause Bier und traf in der Dämmerung auf 
der Stiege einen Krampus mit roter Gesichtslarve. Im ersten 
Schrecken ließ es das Glas fallen und lief laut schreiend in die 
Wohnung zurück. Der Krampus sprang hinter ihm nach, schlug 
es mit der Rute und ließ auch in der Wohnung von ihm nicht 
ab, trotzdem es sich hinter das Bett flüchtete. Die Kleine 
erinnert sich noch, daß der Krampus sie hervorholte. Was 
weiter war, weiß sie nicht mehr. 

Dieses Erlebnis wurde in den Aussprachen sehr affektiv zur 
Reproduktion gebracht, ohne daß nachher eine Änderung im 
Verhalten zu bemerken gewesen wäre. Erst als es gelang, ein 
noch früheres aufzudecken, ergab sich ein Erfolg. 

Als Vierjährige, dieses Alter konnte einwandfrei festgestellt 
werden, weil unmittelbar nachher die Ehetrennung der Eltern 
erfolgte, trug sie die Mutter auf dem Arme zu einer rothaarigen 
Frau. Zwischen beiden kam es zu einer heftigen Auseinander- 
setzung und nachher zu einem Raufhandel, in dessen Verlauf 
die Mutter die Rothaarige so bei den Haaren riß, daß sich die 
Frisur löste. Das Kind, das im Verlaufe der Streiterei neben 
die Mutter gestellt worden war, kam zu Falle und schlug sich 
das Gesicht blutig. Der Streit endete damit, daß die beiden, 
Mutter und Kind, aus der Wohnung der anderen Frau hinaus- 
geworfen wurden. Der letzte Eindruck, den die Kleine von 
diesem Auftritt hat, ist ein blutiges, von roten Haaren um- 
rahmtes Gesicht, das der Frau, die sie aus der Wohnung 
hinausgeworfen hat. Als sie nach Hause kamen, entstand zwischen 
den Eltern nach vorherigem großem Schreien der Mutter eine 
Rauferei. Das Kind weiß, daß es den Vater dann nicht mehr 
gesehen hat. Wir wissen, daß der erste Raufhandel zwischen 



" 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 9* 

der Mutter und der Geliebten des Vaters sich abgespielt hatte 
und daß unmittelbar nachher die Mutter vom Vater wegzog. 
Ich kann heute auf eine Erläuterung, warum das Mädchen 
den erlittenen Schrecken nun anderen zufügen will, noch nicht 
eingehen, weil wir dazu Vorbereitungen brauchen, die ich Ihnen 
erst später geben werde. Das zu erkennen, ist augenblicklich 
auch nicht unsere Aufgabe. Wir sollen zur Erkenntnis kommen, 
daß schreckhafte Erlebnisse zu psychischen Traumen und da- 
durch zur Verwahrlosung oder zu Verwahrlosungserscheinungen 
führen können. 



VIERTER VORTRAG 

Einige Ursachen der Verwahrlosung 

(Fortsetzung) 
jV/Teine Damen und Herren! Wir haben zur Untersuchung 
■*•▼•*■ von Verwahrlosungsäußerungen eine Ihnen noch nicht 
geläufige Betrachtungsweise gewählt, und trotzdem ist es uns 
schon gelungen, einige tiefere seelische Zusammenhänge zu 
erkennen. Daß wir noch weitab vom Ziele stehen, liegt nicht 
an ihr, sondern in unserer bisnun unzulänglichen Erkenntnis. 
Und doch besteht kein Anlaß zur Unzufriedenheit. Wir halten 
bei aller Vorsicht in der Verallgemeinerung von Einzelergeb- 
nissen bei einer wesentlichen Einsicht: Die Verwahrlosungs- 
äußerungen sind auch nur eine von der Norm abweichende 
Erscheinungsform psychischer Akte und deswegen darf eine 
Lösung des Verwahrlostenproblems ohne vorhergehendes Er- 
fassen seines psychologischen Inhaltes nicht erwartet werden. 
Verbleiben wir in der psychoanalytischen Denkrichtung, dann 
führt uns diese Auffassung vom Wesen der Verwahrlosungs- 
äußerung dazu, in ihr das wohldeterminierte Ergebnis psychischer 
Abläufe zu erkennen, an denen jedesmal auch irgendwie Er- 
regungsgrößen, Affektbeträge, beteiligt sind. Das Schicksal 
dieser Besetzungsenergien bedingt mit, wohin sich das Individuum 
entwickelt: ob es psychisch normal bleibt, irgendwie nervöse 
Störungen oder Erkrankungen aufweist oder auch ins Dissoziale 
ausweicht. Unsere Fragestellungen bei der Untersuchung von 
Verwahrlosungserscheinungen werden daher dynamische Vor- 
gänge und quantitative Unterschiede, Verschiebungen, Ver- 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 93 

dichtungen, Aufstauungen und Entladungen psychischer Energie- 
mengen betreffen. Das sind aber die Untersuchungs- 
voraussetzungen der psychoanalytischen Psychologie oder mit 
ein Teil der Freudschen Metapsychologie, die daher für unsere 
Arbeit von allergrößter Bedeutung ist. 

Warum ich Ihnen bereits Gesagtes mit etwas anderen Worten 
und ein wenig vollständiger wiederbringe? Weil ich dieBef ürchtung 
hege, daß Sie sich eine recht schwierige Sache zu leicht vor- 
stellen. Die bisher angestellten Überlegungen und Schluß- 
folgerungen erscheinen Ihnen durch ihr Ergebnis vielleicht als 
selbstverständlich und sehr einfach, so daß Sie die Notwendigkeit 
eines gründlichen Studiums der psychoanalytischen Wissen- 
schaft unterschätzen. Es wäre auch nicht ausgeschlossen, daß 
sich Ihnen die Meinung aufdrängt, man könne mit einigen 
psychoanalytischen Überlegungen Fürsorgeerziehung betreiben, 
da man bisher ohne sie ausgekommen ist. Wenn Sie sich davon 
leiten ließen, steuerten Sie einem wilden Dilettantismus zu, 
mit dem Sie mehr Schaden anrichteten, als wenn Sie von 
Psychoanalyse nie etwas gehört hätten. 

Wenn auch nicht jeder Verwahrloste das interessante psycho- 
analytische oder neurotische Problem ist, werden doch die ein- 
zelnen Verwahrlosungserscheinungen durch die Vielheit von Deter- 
minierungsmöglichkeiten so kompliziert, daß wir ohne gründ- 
liche theoretische Vorbereitung bei unseren Untersuchungen in 
einer Sackgasse landen müßten. Ich will Sie aber auch nicht 
ängstlich, sondern nur aufmerksam machen, daß jede Ober- 
flächlichkeit und Voreiligkeit vermieden werden muß, wenn wir 
nicht Gefahr laufen wollen, an irgendeiner Stelle zu scheitern. 
Bleiben wir außerdem immer recht vorsichtig und bescheiden, 
so können wir den Versuch, die Ursachen von Verwahrlosungs- 
erscheinungen aufzudecken, fortsetzen. 

Ich werde Ihnen zunächst von einem Verwahrlosten berichten, 
der mir privat gebracht wurde, der aber mit einem anderen, 



94 Vierter Vortrag 



fast gleichzeitig amtlich behandelten nahezu dieselben Deter- 
minanten aufwies. 

Um nicht am Pathologischen, das zum Arzt und nicht zum 
Erzieher gehört, vorüberzugehen, empfahl ich der Mutter, ihren 
achtzehnjährigen Sohn zuerst auf der heilpädagogischen Ab- 
teilung der Wiener Kinderklinik untersuchen zu lassen. Dort 
wurde festgestellt, daß die Arbeitsscheu und die argen Exzesse 
des Jugendlichen zu Hause, wegen welcher Erscheinungen die 
Mutter zu mir kam, auf einen Familienkonflikt zurückzuführen 
seien und daß krankhafte psychische Störungen nicht vorliegen. 

Sehen wir uns zuerst wieder die Familienkonstellation an: 
Die Mutter ist Witwe, der Vater vor vier Jahren gestorben. 
Er war Werkmeister in einem größeren Fabriksbetrieb, sie bis 
dahin zu Hause. Nach seinem Tode übernahm die Mutter eine 
Stelle als Kontoristin, die ihr und den Kindern nur ein kärg- 
liches Auskommen ermöglichte. Seit einem halben Jahre geht 
es besser, weil die älteste, um ein Jahr jüngere Tochter als 
der Sohn, ihren Arbeitsverdienst beisteuert. Diese ist ausgelernte 
Damenschneiderin und arbeitet gegenwärtig in einem größeren 
Wiener Modesalon. Außer den beiden genannten Kindern 
besteht die Familie noch aus drei Mädchen im Alter von fünf- 
zehn, dreizehn und zehn Jahren. 

Ich nehme, als Mutter und Sohn nach der ärztlichen Unter- 
suchung wieder zu mir kommen, zuerst den Jugendlichen vor 
und lasse die Mutter in einem anderen Räume warten. 

Er zeigt stark femininen Habitus, verlegenes, ängstliches, 
schüchternes Benehmen und ist anfänglich in seinen Mitteilungen 
recht zurückhaltend. Man würde diesem Jungen so arge Exzesse 
nicht zutrauen; sie können auch unmöglich der Ausdruck eines 
brutal veranlagten Menschen sein, sondern müssen als momentane 
Affektäußerungen gewertet werden. 

Die Unterredung mit ihm währte ziemlich lange. Das für 
uns heute Wesentliche aus seinen Mitteilungen: 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 95 



Er besuchte die Volks- und Bürgerschule in Wien, trat mit 
gutem Abgangszeugnis aus der dritten Bürgerschulklasse 
aus und konnte nicht, was beabsichtigt war, die Mittelschule 
besuchen, weil der Vater bald darauf starb. Bis gegen Weih- 
nachten suchte er eine geeignete Anstreicherlehre, fand nichts 
und trat, um zu verdienen, bei einem Drogisten als Laufbursche 
ein. Da die Mutter wollte, daß er ein Gewerbe lerne, verließ 
er nach einigen Wochen diese Stelle und kam bald darauf in 
eine Tischlerei als Lehrling. Dort fühlte er sich recht wohl und 
blieb über ein Jahr, bis er erfuhr, daß sein Lehrherr nicht das 
Meisterrecht besaß und daher Lehrlinge nicht freisprechen 
konnte. Darüber verärgert, lehnte er eine Zeitlang Tischler- 
lehren ab, bis es der Mutter doch gelang, ihn zum Eintritte in 
eine andere Werkstätte desselben Gewerbes zu bewegen. 
Dreiviertel Jahre später sagte die Firma Konkurs an, der 
Betrieb wurde gesperrt und unser Jugendlicher war neuerlich 
ohne Lehrstelle. Er hatte, wie er selbst sagt, nun von der 
Tischlerei endgültig genug. Als gutes Zureden der Mutter nichts 
vermochte, versuchte sie, ihn durch Schläge zu einer Änderung 
seines Entschlusses zu bringen. Alles war vergeblich, der 
Widerstand nicht zu überwinden, er wollte nicht mehr, wollte 
überhaupt kein Gewerbe mehr lernen, suchte wochenlang nach 
einer passenden Arbeitsgelegenheit, bis er abermals als Lauf- 
bursche, diesmal in ein Papiergeschäft, eintrat. Nach sechs 
Wochen wurde er entlassen: er führte einen Auftrag, der 
seinem Empfinden zuwiderlief, nicht aus. Nun nahm sich ein 
Verwandter seiner an, denn die Mutter erklärte, sie behalte 
ihn nicht mehr. Er kam von Wien weg in eine Drechslerlehre, 
war aber nach acht Wochen bei der Mutter zurück. Zwischen 
seinen früheren Lehr- und Dienstplätzen hielt er sich immer 
nur einige Wochen zu Hause auf. Diesmal blieb er ein halbes 
Jahr beschäftigungslos, bis er nun zum drittenmal eine Stelle als 
Laufbursche in einem Wirkwarengeschäft übernahm. Dort hielt er 



Vierter Vortrag 



sich aber wieder nur ganz kurze Zeit, und als er zu mir gebracht 
wurde, war er schon wieder über einen Monat ohne Arbeit. 

Er gibt zu, daß er, der gesunde, kräftige Junge, der Mutter 
nicht zur Last fallen könne, wehrt sich aber, als gewöhnlicher 
Hilfsarbeiter zu gehen, wozu ihn die Mutter zwingen will. 
Er wäre einverstanden, die Tischlerei auszulernen, wenn sich 
jemand bemühe, daß ihm das erste Jahr Lehrzeit eingerechnet 
werde, aber darum habe sich bisher niemand gekümmert. 

In den beschäftigungslosen Zeiten hatte er der Mutter in 
den häuslichen Arbeiten, die ihm viel Vergnügen machen, 
geholfen. Am liebsten wäscht er Geschirr ab und reibt die 
Wohnung aus. Die freien Stunden verbringt er mit Lesen von 
Büchern. In der Wahl seiner Lektüre ist er nicht sehr an- 
spruchsvoll. Er hat keine besondere Vorliebe für bestimmte 
Bücher, sondern liest, was ihm unterkommt. 

Beim Besprechen seiner Beziehungen zu den Familien- 
angehörigen wird er sehr erregt, namentlich als die Rede 
auf die älteste Schwester, Leopoldine, die seinen ganzen 
Haß auf sich gezogen hat, kommt. Man erfährt von ihm, 
daß seine Wutausbrüche und Angriffe zumeist ihr gelten. 
Er empfindet es als Schmach, von den Schwestern nicht voll- 
wertig genommen zu werden, betont nachdrücklichst, daß man 
ihn immer auslache, Leopoldine dabei die Anführerin sei und 
die Mutter, statt für ihn einzutreten, auf Seite der Mädchen 
stehe. Er setzt mir in ziemlichem Affekt auseinander, daß in 
einer Familie nicht nur die Schwestern zu reden haben, sondern 
er auch wer sei. Am liebsten ist ihm die Mutter, die Schwestern 
folgen in der Reihenfolge ihres Alters, die jüngste zuerst. 
Leopoldine mag er gar nicht, weil sie immer so ekelhaft ist 
und meine, es müsse alles nach ihrem Kopfe gehen. 

Die Schwestern sind in ihrer äußeren Erscheinung von- 
einander sehr verschieden ; Leopoldine höher gewachsen als er, 
mit länglichem Gesicht, blauen Augen und lichtblondem Haar. 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 97 



Sie sieht der Mutter ähnlich, die anderen haben mehr Ähn- 
lichkeit mit dem Vater. 

Mutter und Schwestern sind sehr religiös, er nicht, ist sozial- 
demokratisch gesinnt, hat darüber mit seinen Familienangehörigen 
noch nie gesprochen. Diese verkehren nur in streng katholischen 
Kreisen und Vereinen. Er wird immer mitgenommen, ohne daß 
man seinen Widerwillen ahnt. Seinen Konflikt über den 
Gegensatz in den Weltanschauungen wagt er der Mutter nicht 
mitzuteilen. In einer der mütterlichen Gesellschaften gefällt es 
ihm, weil er dort ein Mädchen kennen gelernt hat, für das er 
schwärmt, obwohl sonst auch dort unausstehliche Menschen sind. 

Auf die Frage, ob ihm schon einmal ein Mädchen gefallen 
habe, wird er äußerst verlegen, gibt dann aber freimütig zu, 
daß er als Dreizehnjähriger eine Schulkameradin der Leopoldine, 
die viel bei ihnen war, sehr geliebt habe. Er hat sie als der 
Schwester sehr ähnlich sehend in Erinnerung, nur waren ihre 
Haare dunkler blond und die Augen blaugrau. Als ich wissen 
wollte, ob er auch gegenwärtig verliebt sei, errötet er sehr 
stark, spricht aber dann sehr begeistert von dem schon er- 
wähnten Mädchen aus dem Gesellschaftskreise der Mutter. Ob 
er sie schon einmal geküßt habe? „Das tut man doch nicht", 
entgegnete er unter abermaligem Erröten sehr verlegen. Er 
schildert sie, ohne daß es ihm aufgefallen wäre, in ihrem 
Wesen und der äußeren Erscheinung der Poldi ganz entgegen- 
gesetzt. Obwohl sie um zwei Jahre älter ist als diese, hat sie 
nicht seine Körpergröße erreicht, und die älteste Schwester ist 
noch größer als er. Außerdem sind ihre Haare schwarz und 
die Augenfarbe dunkelbraun. Über Aufforderung, mir zu sagen, 
ob er aus seiner Kindheit solche Haare und Augen erinnere, 
nennt er die jüngste Schwester. 

Über Kindheitserinnerungen befragt, gibt er einige an, davon 
zwei: 

Die eine : Das „Wunsch- Auf sagen" zu festlichen Anlässen, war 

Aichhorn, Verwahrloste Jugend 



98 Vierter Vortrag 



in der Familie immer eine besondere Angelegenheit. Einmal, er be- 
suchte damals die Schule noch nicht, kam es zwischen ihm und 
Poldi zu einem Konkurrenzkampf. Der Vater versprach demjenigen 
von beiden ein Bilderbuch, der den „Geburtstagswunsch" schöner 
sage. Dem Vater gefiel Poldis Vortrag besser und sie erhielt 
die Prämie. Das ärgerte den Jungen so sehr, daß er das 
Bilderbuch zerriß. Die Erinnerung an diesen Vorfall stellte 
sich so ein, daß er zuerst schildert, wie er vom Vater für 
diese Untat über das Knie gelegt und fest gezüchtigt wurde. 

Die andere: Er und Poldi spielen sehr häufig und gerne 
„Vater und Mutter", die jüngste Schwester war bei diesem 
Spiele immer ihr Kind. 

Die Mutter, die ich nun vornahm, war vom langen Warten 
in etwas gereizter Stimmung, und gleich nachdem sie Platz 
genommen hatte, setzte sie mir recht entrüstet auseinander, 
daß sie nicht begreifen könne, wozu eine so lange Unter- 
redung mit dem Jungen notwendig gewesen sei. Warum sie 
meine Hilfe in Anspruch nehme, wisse ich ohnehin seit 
unserem ersten, kurzen Zusammensein, ehe ich sie zum Arzte 
schickte. Es war ganz deutlich zu erkennen, daß sie sich in 
ihrer mütterlichen Autorität beeinträchtigt fühlte. Sie ist eine 
hagere, mittelgroße Frau mit scharf geschnittenem Gesicht und 
harten Augen. Aus ihrem Auftreten gewinnt man den Eindruck, 
es mit einem energischen, sicher im Leben stehenden Menschen 
zu tun zu haben. Das Leben hat ihr arg mitgespielt, schon in 
der eigenen Kinderstube, dann später in der Ehe und nach 
dem Tode des Mannes. In der Ehe hatte sie ein materiell sehr 
gesichertes Leben, aber nicht die richtigen Beziehungen zu 
ihrem Manne, nachher sehr schwer zu kämpfen, um sich und 
ihre fünf Kinder erhalten zu können, bis Poldi zum Verdienen 
kam, die außerordentlich brav ist und den ganzen Arbeits- 
verdienst abliefert. Jetzt ginge es soweit, aber nun wird es 
mit dem Jungen immer ärger. 



Eini ge Ursachen der Verwahrlosung 09 

Sie ist eine tiefere Natur, deren Lebensbedürfnissen der 
Gatte nie Verständnis entgegengebracht hatte. Er war ein 
heiterer Mensch, der das Leben von der schönen Seite nahm, 
sich unterhielt, wo immer es ging, und dabei nicht wählerisch 
war, auch nicht mit Frauen. Obwohl es nie zu offenen 
Differenzen kam, entfremdete sie sich ihm immer mehr. „Ich 
mußte stets abseits vom Leben gehen," sagt die Frau, „bin 
sehr religiös erzogen worden, habe dann später einen Wider- 
spruch des Lebens mit den mir anerzogenen Grundsätzen ge- 
sehen und mich jahrelang gequält, bis ich endlich innerlich 
mit mir ins Reine gekommen bin." 

Von ihrem Sohne spricht sie sehr geringschätzig, und so, als ob 
er ihr nichts mehr bedeutete. „Er ist kein Mann, ein eigensinni- 
ger, dummer Bub, und dabei will er der Gescheite sein. Wenn 
er mit den Schwestern allein zu Hause ist, kehrt er den Herrn 
heraus; das lassen sich die Mädchen natürlich nicht gefallen. 
Er schimpft und redet dabei einen rechten Unsinn zusammen, 
die Schwestern lachen ihn aus, er wird brutal und geht nament- 
lich auf die Poldi wie ein wildes Tier los. Ich muß ihn von 
zu Hause -wegbringen, sonst geschieht noch ein Unglück. Mir 
gegenüber ist er gefügig und wagt es nicht sich aufzubäumen, 
weil ich ihn sonst trotz seiner achtzehn Jahre noch züchtige. 
Hat er etwas angestellt, dann benimmt er sich wie ein kleines 
Kind, ist besonders brav und macht die Wohnung ganz außer- 
gewöhnlich nett. Er ist zwar ein ordnungsliebender Mensch, 
hat seinen Kasten schöner eingeräumt als seine Schwestern; 
es gibt viel Zank, wenn diese ihm seine Ordnung stören, aber 
auf sich selbst hält er nichts. Er steht wohl eine Stunde vor 
dem Spiegel, kämmt und bürstet die Haare, damit der Scheitel 
nur schön und die Krawatte gut gebunden ist, aber ich muß 
nachsehen, ob er Ohren und Hals gewaschen hat. Das halten 
ihm natürlich seine Schwestern auch vor. Er ist ein Egoist, hat 
nur sich selbst gerne, steht in der Frühe nicht auf und putzt 



100 Vierter Vortrag 



sich seine Schuhe nicht. Er hat überhaupt nicht den Trieb, 
selbst etwas zu machen. Zu Hause in der Wirtschaft mithelfen 
und Bücher lesen, das möchte er; das ist aber keine Be- 
schäftigung für einen so alten Jungen, er muß endlich in eine 
geordnete Beschäftigung hinein. Ich erhalte ihn nicht länger, 
ich habe kein Geld für ihn, er muß begreifen, daß wir uns 
nicht mehr für ihn plagen werden. Er ist auch nicht ehrlich. 
Wenn ich ihn einkaufen schicke, macht er mir kleine Ver- 
untreuungen und vernascht das Geld, wie ein Schulbub. Ich 
sehe dem absolut nicht weiter zu, er muß weg und soll sich 
als Hilfsarbeiter sein Brot selbst verdienen." 
-. Sie können sich an dieser Stelle der Erörterung gewiß nicht 
des Eindruckes erwehren, daß die Klagen der Mutter der Be- 
rechtigung nicht entbehren und daß sie mit Recht Hilfe sucht, 
um ihren erwachsenen Sohn in geregelte Arbeitsverhältnisse, 
zum Verdienen und in ein mögliches Verhältnis zum Hause zu 
bringen. 

Was haben wir zu tun? Vielleicht erscheint es Ihnen richtig, 
nun, da beide streitende Parteien angehört wurden, Mutter 
und Sohn gemeinsam vorzunehmen, um einen Mittelweg zur 
Verständigung zu finden; dem einen und dem anderen zuzu- 
reden, ein wenig nachzugeben, und so etwas wie ein Kompromiß 
herzustellen zu versuchen. Ein solches Vorgehen wäre ebenso- 
wenig am Platz, als eine moralische Wertung der Tat des 
Verwahrlosten. Der Fürsorgeerzieher ist weder Friedensrichter, 
noch hat er den Jugendlichen zu verurteilen oder freizusprechen. 
Ihm obliegt eine andere, uns schon bekannte Aufgabe. 

Er hat vor allem die Ursachen, die zur Verwahrlosung ge- 
führt haben, aufzudecken, muß daher die psychische Situation, 
aus der heraus das Handeln erfolgte, erfassen und hinter diesem 
den Kräfteablauf, der die Dissozialität bedingte, auffinden. Sie 
werden verstehen, daß wir in diesem Abschnitte unserer Arbeit 
uns nur um die psychischen Reaktionen der Verwahrlosten küm- 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 101 

mern müssen. Von Bedeutung ist daher nicht der objektive, sondern 
der subjektive Tatbestand. Und alles, was wir vom Dissozialen 
selbst oder sonstwie hören, dient nur dazu, diesen festzustellen. 
Daraus folgt aber, daß wir uns ganz eindeutig auf Seite des 
Verwahrlosten stellen. Weil ja auch alles Psychische deter- 
miniert ist, sagen wir uns: er hat recht, das heißt, es müssen 
Gründe für sein Tun vorhanden sein. Sollten Sie Zweifel 
hegen, ob diese Auffassung richtig ist, dann wollen Sie über- 
legen, was zur Aufdeckung einer Verwahrlosungsursache ge- 
wonnen ist, wenn wir uns über den Verwahrlosten moralisch 
entrüsten, oder auf das Empfinden jener eingehen, die sich 
durch ihn beeinträchtigt fühlen. Soziale, moralische oder ethische 
Werturteile helfen uns ebensowenig wie die Parteinahme für 
Eltern und Gesellschaft. Freilich ist auch das Verhalten der 
näheren Umgebung eines Verwahrlosten und das der Gesell- 
schaft ihm gegenüber determiniert. Das kommt aber erst 
später in Frage, wenn zu überlegen ist, welche Erziehungs- 
maßnahmen zur Behebung der Verwahrlosung einzuleiten sind. 

Wir sind durch diese allgemeinen Auseinandersetzungen 
etwas von unserem Jugendlichen abgekommen. Beschäftigen 
wir uns zunächst mit seinem unangenehmsten Zuge, der Bru- 
talität zu Hause, namentlich gegen seine älteste Schwester. 

Sie darf also weder als schlecht aufgefaßt noch sonst irgend- 
wie gewertet werden, sondern muß als das gelten, was sie 
tatsächlich ist: eines der Anzeichen, daß ein latent längst vor- 
gebildeter Zustand sich jeweils manifestiert; oder in dynami- 
scher Ausdrucksweise, daß der psychische Kräfteablauf nicht 
mehr die soziale Richtung einhält. 

Diese den Jungen dissozial in Erscheinung bringenden 
psychischen Mechanismen könnten die Folgen einer natür- 
lichen brutalen Veranlagung sein, mithin sich konstitutionell 
begründen. Wäre das anzunehmen, so käme eine weitere Unter- 
suchung dieser Verwahrlosungserscheinung nicht in Frage und 



102 Vierter Vortrag 



wir hätten uns nur mehr mit seiner Arbeitsscheu zu befassen. 
Diese Annahme ist aber nicht zu halten. Ich habe eingangs 
der Besprechung erwähnt, daß schon der erste Eindruck vom 
Jungen kaum die Meinung aufkommen lasse, daß es sich hier 
um Akte einer brutalen Veranlagung handle. Wir haben dann 
von der Mutter einzelne Züge des Jugendlichen geschildert 
bekommen, die eine solche vollständig ausschließen. Was der 
Junge selbst uns mitteilt und angibt, läßt seine Aggressionen 
viel eher als momentane Affektausbrüche erscheinen, und als 
solche nehmen sie unser Interesse in Anspruch. 

Wir finden, daß diese Ausbrüche sich vorwiegend gegen die 
älteste Schwester richten, und der Haß gegen sie ist auch aus 
seinen eigenen Äußerungen deutlich zu erkennen. Die eine der 
Kindheitserinnungen, die der Junge spontan bringt, könnte uns 
den Weg zur Entstehung dieser Haßgefühle weisen. Er hat 
schon als kleiner Junge ihn schwer kränkende Zurücksetzungen 
erfahren. Die Szene mit dem Bilderbuch am Geburtstage 
des Vaters ist Ihnen gewiß noch erinnerlich. Wir dürfen aus 
den bei der psychoanalytischen Behandlung Kranker gewonnenen 
Erfahrungen annehmen, daß in weiteren Unterredungen, bei 
einer gründlicheren Ausforschung oder gar bei einer Psycho- 
analyse, hinter dieser einen Erinnerung noch andere, ähnlich 
laufende zum Vorschein kämen. Wir sehen den Vater sehr 
unvorsichtig handeln, sich um die zärtlichen Strebungen seines 
Buben nicht kümmern, für die er allem Anscheine nach über- 
haupt kein Verständnis hat. Wahrscheinlich hat der Junge nicht 
nur subjektiv recht, daß die kleinen Töchter auf seine Kosten 
bevorzugt wurden. Wir könnten daher sagen, daß die Ab- 
lehnung der in solcher Überzahl vorhandenen Schwestern auf 
seine in der Kindheit erfahrene Zurücksetzung durch den Vater 
zurückzuführen ist, und uns mit der Erklärung zufrieden geben, 
daß der Haß gegen die älteste Schwester in deren besonderen 
Bevorzugung durch den Vater motiviert wird. 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 103 

Wir haben es in dieser Familie tatsächlich mit einer Kon- 
stellation zu tun, wie wir sie recht oft finden. Der Vater hat 
seine Töchter lieber, die Mutter kein besonderes Bedürfnis 
nach Zärtlichkeitsbezeigungen und der Sohn kommt nicht auf 
seine Rechnung. Dadurch ergeben sich für ihn Kindheitserleb- 
nisse, die erfahrungsgemäß sehr oft mit die latente Verwahr- 
losung herbeiführen. Wir werden in einem späteren Kurse, 
bei genauerem Eingehen auf die Bedingungen zur latenten 
Verwahrlosung, mehr darüber hören und auch, daß Töchter 
unter denselben ungünstigen Entwicklungsbedingungen auf- 
wachsen können, wenn die angedeuteten Beziehungen zwischen 
Mutter und Sohn bestehen. 

Ich möchte an dieser Stelle eine allgemeine Bemerkung nicht 
unterlassen. Wer als Vater, Mutter oder Erzieher Einblick in 
das Leben der Kinderstube hat, der wird in der Praxis des 
täglichen Lebens unaufhörlich mit einer Erscheinung zusammen- 
stoßen, die trotz eifrigsten Bemühens der Erwachsenen nicht 
zu vermeiden ist. In jeder Kinderstube mit mehreren Kindern 
stören Regungen von Neid und Eifersucht das gute Einver- 
nehmen der Kinder untereinander, auch wenn die Eltern noch 
so sehr bestrebt sind, jede Bevorzugung eines der Kinder zu 
unterlassen. Alle Vorsicht ist vergeblich, auch wenn tatsächlich 
jede Ungerechtigkeit vermieden wird. Die Psychoanalyse lehrt 
uns in dieser Beziehung, was wir aus eigener Beobachtung 
leicht hätten selbst finden können: Jedes Kind betrachtet seine 
Geschwister argwöhnisch als gefährliche Konkurrenten, mit 
denen es um den so wichtigen „ersten" Platz in der Liebe der 
Eltern zu kämpfen hat. Dieser Kampf bleibt für die Entwick- 
lung der Kinder ungefährlich, wenn vernünftige Eltern der 
jeweiligen Situation Rechnung tragen. Viele Mütter treffen da 
ganz gefühlsmäßig das Richtige, andere tappen immer daneben, 
ohne daß sie die leiseste Ahnung davon haben. In solchen 
Fällen bleibt häufig für das spätere Leben eine gewisse Kühle 



in den Beziehungen der Geschwister untereinander bestehen. 
Je ungünstiger sich die Verhältnisse gestalten, desto mehr An- 
lässe zu Erlebnissen, die in die Verwahrlosung führen können, 
ergeben sich. 

Für unseren verwahrlosten Jungen bestand in der Kinder- 
stube eine recht ungünstige Konstellation. Wir brauchen uns 
nur neben diesen Vater auch noch die zwar lebenskluge, aber 
harte Mutter vorzustellen. Und trotzdem können wir die 
Erklärung, daß am Zustandekommen der latenten Ver- 
wahrlosung die tiefempfundene Zurücksetzung stark mitbeteiligt 
war, nicht annehmen. 

Warum nicht? Weil uns eine andere der gebrachten Kind- 
heitserinnerungen dies verwehrt. 

Wir hörten, daß die Schwester, weit entfernt davon, ihm 
schon vom Anfange an verhaßt zu sein, durch Jahre hindurch 
seine bevorzugte Spielgefährtin war, was uns unmöglich 
erschiene, wenn der Gegensatz schon zu dieser Zeit zwischen 
ihnen bestanden hätte. Wir könnten noch eine ambivalente Ge- 
fühlseinstellung annehmen, wenn die Kinder nicht gerade Vater 
und Mutter miteinander gespielt hätten, was er uns aber selbst 
sagt, noch mit der Bemerkung, daß dabei die Jüngstgeborene 
ihr Kind war. Wir wissen zwar nicht, wie lange das Ver- 
hältnis der Kinder in dieser Form andauerte, können aber 
sicherlich auch hier, so wie bei der anderen Kindheitserinnerung, 
hinter dieser zahlreiche ähnliche annehmen. 

Was fangen wir damit an? Sie soll uns helfen, eine der 
Verwahrlosungsursachen zu finden. Dazu stellen wir die Behaup- 
tung auf, daß der Haß gegen die Schwester sich aus einer 
unbewußten erotischen Bindung an diese determiniert. 

Sie sind psychoanalytisch noch so wenig orientiert, daß es 
Ihnen vielleicht ungeheuerlich erscheint, dort von einer erotischen, 
wenn auch unbewußten Bindung zu sprechen, wo so deutlich 
ärgster Haß in Erscheinung tritt. Der Wahrscheinlichkeitswert 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 105 

dieser Annahme wäre, auf die Kindheitserinnerung allein ge^ 
stützt, auch sehr gering, wenn wir nicht noch andere Anzeichen 
hätten, die ihn wesentlich erhöhen ; aber davon später. 

Warum wir überhaupt auf so unsicheren Voraussetzungen 
eine Behauptung gründen, da wir doch aus der psycho- 
analytischen Erfahrung wissen, daß erste Bekenntnisse durch 
später hinzukommendes, tiefer gelegenes Material erst erläutert, 
oft in andere Richtung gedrängt, ja nicht selten auch völlig 
umgestoßen werden? Weil unsere Tätigkeit eine andere ist als 
die des Psychoanalytikers. Wir sind nicht in der Lage, zuwarten 
zu können; wir haben immer möglichst rasch irgend etwas zu 
veranlassen und sind daher gezwungen, uns aus einer oder 
wenigen Unterredungen ein Bild zu machen. Wir wissen, daß 
unsere Schlußfolgerungen nur einen größeren oder geringeren 
Wahrscheinlichkeitswert beanspruchen dürfen, müssen uns mit 
dieser Unsicherheit abfinden und abwarten, ob der Erziehungs- 
verlauf die Richtigkeit der Überlegungen erhärtet. Wir werden, 
um diese zu verringern, nach möglichst vielen Anhaltspunkten 
Umschau halten. Was für unseren Jugendlichen in dieser 
Beziehung in Frage kommt, werden wir heute noch hören. 

Wir haben uns vorher aber noch klar zu werden, was wir 
unter unbewußter erotischer Bindung verstehen. Wir dürfen 
wohl, ohne fehlzugehen, annehmen, daß Bruder und Schwester 
bei diesen Spielen ein starkes Erleben miteinander geteilt 
haben. Wir wissen heute, daß dieses kindliche Tun nicht immer 
so harmlos ist, und daß die Kinder oft mehr in dieses Spiel 
hineinlegen als für gewöhnlich vermutet wird, daß die Kinder es 
häufig auf ein wirkliches Mann-und-Frau-Spielen abgesehen haben, 
daß es dabei zum Beschauen und Betasten, also zur Befriedigung 
des kindlichen Forschungstriebes kommt. Wir haben in unserer 
Praxis auch sehr oft Gelegenheit zu sehen, daß in diesen 
Spielen nachgemacht wird, was die Kinder von den Eltern zu 
sehen bekommen. Als ich mich vor nicht sehr langer Zeit in 



106 Vierter Vortrag 



einer ähnlich laufenden Angelegenheit mit einem Vater über 
die Unmöglichkeit des Fortbestehenlassens einer Situation, 
die die Kinder zu Zuschauer des elterlichen Geschlechts- 
verkehrs machte, besprach, entgegnete dieser, daß er sich sein 
Recht nicht nehmen lasse, man möge ihm eine größere Woh- 
nung zuweisen. Wer in der Fürsorgearbeit steht, wird wissen, 
daß das nicht die Meinung eines Einzelnen ist. Und doch haben 
wir es nicht notwendig zu sagen, daß uns diese Verhältnisse 
erzieherische Arbeit unmöglich machen. Es gibt auch da Mittel 
und Wege zu erfolgreicher Tätigkeit, und die Psychoanalyse 
gibt uns wichtige Winke. Ich käme von der heute zu erledigenden 
Aufgabe zu weit ab, wenn ich mich auf dieses Problem ein- 
ließe. Ich wollte Ihnen nur, weil wir gerade darauf zu sprechen 
kamen, andeuten, daß die Erziehung nicht erstarren darf, 
sondern sich den stets ändernden Bedürfnissen immer gleich 
anzupassen und neue Kräfte und Gegenkräfte zu mobili- 
sieren hat. 

Kehren wir zu dem Kinderspiel des Jungen zurück, dann 
müssen wir sagen, daß es für das Kind zu einer Quelle von 
Erregungen wird, die wir im psychoanalytischen Sinne nur 
als Sexualerregungen bezeichnen können, wobei das Wort sexuell 
viel weiter, als dies gewöhnlich geschieht, aufzufassen ist. Die 
zurückbleibenden Erinnerungen verursachen eine starke Bindung 
der Spielgefährten aneinander, die um so größer wird, je ge- 
fühlsbetonter die Erlebnisse waren. Die begangenen Handlungen 
und die sie begleitenden Gefühlserregungen lernt das Kind 
durch den Einfluß der Erziehung als unerlaubt empfinden, 
ohne daß es dazu unbedingt erforderlich wäre, die Kinder bei 
derartigen Spielen zu überraschen. 

Es ergibt sich auf alle Fälle ein Widerspruch zwischen dem 
lustbetonten, gewollten Spiel und dem, dem braven Kinde Er- 
laubten oder unter Strafandrohung Gestellten. Bleibt das lust- 
betonte Streben stärker, so wird das Spiel fortgesetzt, über- 






Einige Ursadien der Verwahrlosung 107 

wiegt die andere Tendenz, so setzt die „Verdrängung" ein, weil 
eine Erledigung des Konfliktes im Bewußtsein, eine Verur- 
teilung des verpönten Spieles, noch nicht möglich ist. 
Das Kind bemüht sich, von dem, was war, nichts mehr zu 
wissen, es will nicht mehr daran denken, seinen eigenen An- 
teil am Spiel und alles damit in assoziativem Zusammenhang 
Stehende vergessen, namentlich auch seine zärtlichen Beziehungen 
zum Spielpartner, weil diese die größte Gefahr sind, wieder 
zum selben Tun zu kommen. Durch den Verdrängungsvorgang 
werden wohl dem Verdrängten die bisherigen Äußerungs- und 
Entwicklungsmöglichkeiten gesperrt, es bleibt aber im Un- 
bewußten bestehen und wird dort, der Kontrolle des Bewußt- 
seins entzogen, anderen Kräftewirkungen ausgesetzt; es ist zu 
dem gekommen, was die Psychoanalyse eine „Fixierung" nennt. 
Wir können unschwer erkennen, daß damit die Beziehungen 
zum Spielpartner nicht gelöst, sondern nur verschoben worden 
sind (unbewußte erotische Bindung). 

Die Gefahr, daß diese Bindung wieder bewußt wird, ver- 
mindert sich, wenn die Gefühlsbeziehungen mit dem negativen 
Vorzeichen versehen werden, das heißt, im Bewußtsein sich 
die Liebe als Haß äußert. 

•: Wir wissen nun im allgemeinen, was wir unter unbewußter 
erotischer Bindung verstehen, wenn es auch nicht leicht ist, 
dieses Ergebnis psychoanalytischer Forschung gleich zu ver- 
arbeiten. Aber für die Behauptung, daß auch der Haß unseres 
Jungen gegen die Schwester sich so determiniert, haben wir noch 
keinen anderen Beweis erbracht, als die Möglichkeit seiner Ent- 
wicklung aus dem Kinderspiel. Wenn wir das annehmen, so 
machen wir einen Analogieschluß vom Neurotiker, bei dem 
wiederholt diese Haßquelle aufgedeckt wird, auf den Verwahr- 
losten und ich muß dann gefaßt sein, Sie könnten den Einwand 
machen, daß der Junge ein Verwahrloster und kein Neurotiker 
ist, der Analogieschluß daher nicht ohneweiters zulässig sei. 



*°8 Vierter Vortrag 



Ich habe mir diesen Einwand selbst gemacht und ihn auch 
angedeutet, als ich sagte, daß unsere Behauptung, gestützt auf 
die Kindheitserinnerung allein, nur sehr geringen Wahrschein- 
lichkeitswert hat, daß wir erhöhte Sicherheit erst erlangen, 
wenn es uns gelingt, noch von anderswoher Anhaltspunkte 
zu gewinnen, weil wir auf die direkte Mitarbeit des Jugend- 
lichen nicht warten können. 

Woher sind diese zu nehmen? 

Wir werden es gleich hören. Ich will nur noch ausdrücklich 
wiederholen, daß nicht die Richtigkeit, sondern nur die 
hohe Wahrscheinlichkeit des Richtigseins unserer Behauptung 
zu beweisen ist. Halten wir fest, daß der Fürsorgeerzieher 
stets durch die Verhältnisse, in denen er seine Arbeit leistet, 
in eine unvermeidbare Unsicherheit hineingezwungen ist, die 
erst im Erziehungsverlauf schwindet, weil ihm zum Zuwarten 
| keine Zeit gelassen wird. Gestatten Sie hier auch eine nicht 
ganz überflüssige Einschaltung. Ich werde im Anschluß an in 
der Tagespresse veröffentlichten Gerichtsverhandlungen wieder- 
holt gefragt, welches die Ursache dieser Verwahrlosung und 
jener verbrecherischen Handlung sei. Ich lehne jedesmal eine 
Beantwortung ab. Es ist ganz unmöglich, auf Zeitungsberichte 
hin, ohne genaue Kenntnis des Falles, einen Schluß auf die 
verursachenden Determinanten zu ziehen, dessen Wahrschein- 
lichkeitswert hoch genug wäre, ihn ernstlich zu diskutieren, 
geschweige denn, von ihm ableiten zu können, was mit dem 
Angeklagten zu geschehen hätte. 

Sie wollen jetzt sicherlich schon unsere übrigen Anhalts- 
punkte kennen lernen. Ich muß Sie noch um ein wenig Geduld 
bitten, weil es zu deren richtigem Erfassen noch einer theore- 
tischen Überlegung bedarf. 

Welche Entwicklungsphase des Menschen die Pubertät ge- 
nannt wird, ist Ihnen bekannt. Im allgemeinen wird aber an- 
genommen, daß nur physiologische Vorgänge in Frage kommen, 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 1(X> 

daß in ihr der männliche Organismus befähigt wird, Samen- 
zellen und der weibliche Eizellen zu produzieren. Nun besteht 
die Tatsache, daß eine Reihe von Menschen, trotzdem ihr Ge- 
schlechtsapparat vollständig normal entwickelt ist, nicht im- 
stande sind, ihre Arterhaltungsaufgabe zu erfüllen. Es gelingt 
ihnen nicht, die dazu notwendigen Gefühlsbeziehungen zum 
anderen Geschlecht aufzubringen, oder sie sind aus ihrer 
psychischen Konstellation heraus gezwungen, ihre ge- 
schlechtliche Lustbefriedigung anderswie als normal zu suchen. 

Freud hat uns gezeigt, daß die Pubertät nicht richtig erfaßt 
werden kann, wenn nur ihre physiologische Seite gesehen und 
die psychologische übersehen wird. Er hat uns tiefen Einblick 
in jene seelische Entwicklung verschafft, die in der Pubertät 
ihren normalen Abschluß findet, und erforscht, was eintritt, 
wenn es da und dort an den erforderlichen Entwicklungs- 
bedingungen fehlt. 

Für uns kommt zunächst folgendes Ergebnis in Betracht: 

Der Jugendliche hat in der Pubertät seine ersten Liebes- 
objekte innerhalb der Familie aufzugeben und sie durch andere 
Objekte außerhalb der Familie zu ersetzen. Dasselbe in psycho- 
analytischer Ausdrucksweise : Die infantil libidinösen Besetzungen 
müssen gelöst werden, um Libido für Objektbesetzungen 
außerhalb der Familie frei zu bekommen. 

Sind zu stark libidinöse Beziehungen, Fixierungen, an Familien- 
mitglieder vorhanden, so wird deren Lösung in der Pubertät 
erschwert, möglicherweise unmöglich gemacht. 

Jetzt sind wir so weit, nach einem weiteren Anhaltspunkt für 
unsere Beweisführung Ausschau zu halten. 

Unser Jugendlicher steht dem Weibe in einer Art gegen- 
über, die uns ganz deutlich zeigt, daß ihm die der Pubertät 
gestellte Aufgabe zwar nicht mißlungen, wohl aber sehr er- 
schwert wird, was, wie wir jetzt wissen, dann der Fall ist, 
wenn eine infantil libidinöse Fixierung an ein Familienmitglied 



HO Vierter Vortrag 



vorliegt. Der Achtzehnjährige hat nicht normale Beziehungen 
zur Frau, wenn er, befragt, ob er schon ein Mädchen geküßt 
hat, unter Erröten sehr verlegen sagt: „Das tut man doch 
nicht." 

Es gibt uns daher dieser Zug im Wesen des Jugendlichen, 
ganz unabhängig von der Kindheitserinnerung, einen Anhalts- 
punkt für unsere Behauptung. Ich kann mir aber leicht denken, 
daß diese, doch erst dem schärferen Beobachter in die Augen 
springende Tatsache für Sie nicht sehr beweiskräftig ist, und 
daß Sie, um nicht zu unsicher zu bleiben, gerne einen auf- 
fälliger in Erscheinung tretenden Anhaltspunkt sehen wollen. 
Der ist auch zu finden, wenn wir beachten, was uns der 
Jugendliche über seine Liebesobjekte mitteilt. 

Das erste, den Dreizehnjährigen begeisternde Mädchen kommt 
aus dem Freundinnenkreis der Schwester Poldi, besucht mit 
ihr dieselbe Schulklasse und ist ihr gleichaltrig; im Aussehen 
und Wesen beider sind nicht viele Unterschiede, nur Haar- 
und Augenfarbe zeigen eine verschiedene Schattierung. Das 
Liebesobjekt ist noch ganz die Schwester, und doch ist 
sie es nicht mehr selbst. Seine gegenwärtige Liebe hat mit 
der Schwester nur den Beruf gemeinsam. Ähnlichkeit ist nicht 
mehr vorhanden. Im Gegenteil, sie sieht gerade entgegen- 
gesetzt aus. 

Was sagt uns das? 

Wir wissen schon, daß mit der Verdrängung des verpönten 
Kinderspieles auch damit in assoziativer Verbindung Stehendes 
der Verdrängung anheimfällt, womit aber die Zuneigung zur 
Schwester nicht gelöst, sondern nur ins Unbewußte verschoben 
wird und die Gefahr, daß sie sich wieder in die Wirklichkeit 
durchsetzt, bestehen bleibt. Nun setzt in der Pubertätszeit der 
große Libidovorstoß ein, der den heranreifenden Knaben erst 
sexuell angriffsfähig macht, und die Gefahr, daß diese Angriffe 
sich auf die Schwester richten, wird größer. Sie wird ver- 



mindert, wenn bewußter Haß eine Annäherung unmöglich 
macht, oder wenn die Schwester durch irgend einen Vorgang 
als Sexualobjekt verlassen wird, oder wenn beides eintritt. 

Wir können uns jetzt auch erklären, warum die verdrängte 
Libido das Schicksal der Verkehrung ins Gegenteil erfahren 
mußte, die Verwandlung der Liebe in Haß eingetreten ist. 
Eine das Ich des Jungen schützende Tendenz hat diesen Vor- 
gang herbeigeführt. Der bewußte Haß ist eine Sicherung. Er 
muß solange bestehen bleiben, als die unbewußte, erotische 
Bindung nicht gelöst wird, und deren Durchbruch aus dem 
Unbewußten verhindern. 

Es kommt nun noch in Frage, ob im Heranwachsen des Jungen 
eine Tendenz wirksam war, die zu einem Verlassen der Schwester 
als Sexualobjekt führt, und welches dieser Vorgang ist. 

Aus den Forschungen Freuds wissen wir, daß die Knaben 
in der Pubertätszeit neben dem großen Libidovorstoß auch eine 
Verdrängungswelle über sich ergehen lassen müssen, die, wenn 
sie auch lange nicht so mächtig ist wie die bei den Mädchen, 
doch die ersten infantilen Liebesobjekte ergreift, wodurch diese 
als Sexualobjekte nicht mehr in Frage kommen, sie scheiden als 
solche aus. Die Psychoanalyse sagt, die Inzestschranke richtet 
sich auf. Zur Erklärung des Wortes Inzest, wenn Ihnen diese 
nicht ohnehin bekannt ist: der Geschlechtsverkehr der Familien- 
mitglieder untereinander. 

Wie wirksam in unserem Falle die Verdrängung arbeitete, 
erkennen wir aus den Mitteilungen des Jugendlichen. Wir sehen 
förmlich, wie sich im Dreizehnjährigen die Inzestschranke auf- 
zurichten beginnt, für die Schwester die ihr so sehr ähnliche 
Freundin eingetauscht wird. Wir entnehmen aus seinen gegen- 
wärtigen Liebesbeziehungen aber noch mehr. Die Inzest- 
schranke legt auch ein Verbot auf den Typus, dem die Schwester 
angehört, und macht ihn dadurch ebenfalls sexuell nicht mehr 
annehmbar. 



Und doch bleibt unser Junge innerhalb der Familie haften, 
nur entnimmt er die Züge bei der Wahl seiner Liebesobjekte 
dort, wo die geringere Bindung bestanden hat : von der jüngsten 
Schwester. 

Fassen wir, um den Überblick nicht zu verlieren, die bis- 
herigen Ergebnisse zusammen. Wir haben einen achtzehn- 
jährigen Jugendlichen mit argen Aggressionen zu Hause, 
ärgsten Angriffen gegen seine älteste Schwester vor uns. Aus 
einer brutalen Veranlagung kommen diese nicht. Die erste An- 
nahme, daß tiefempfundene Zurücksetzung durch den Vater 
und besondere Bevorzugung der ältesten Schwester sie ver- 
ursachen, ist nicht haltbar. Eine mitgeteilte Kindheitserinnerung 
weist uns die Richtung, die Determinanten in einer unbewußten 
erotischen Bindung zu suchen, was wir auch behaupten. Wir 
treten den Wahrscheinlichkeitsbeweis mit einem Analogieschluß 
vom Neurotiker her an, erkennen diesem aber nicht ausschlag- 
gebende Bedeutung zu. Wir finden unabhängig von diesem 
und von der Kindheitserinnerung noch andere Anhaltspunkte: 
Eine Erschwerung der der Pubertät gestellten Aufgabe, er- 
kennbar an der unter Erröten sehr verlegen vorgebrachten 
Äußerung: „Das tut man doch nicht", und als stärkstes Beweis- 
mittel die deutlich wahrnehmbare Tatsache, daß die Inzest- 
schranke nicht nur die Schwester, sondern auch den Typus, 
dem die Schwester angehört, als Sexualobjekt ausschaltet. 

Ich habe Ihnen gerade diesen Verwahrlosten (?) gebracht, 
weil wir für eine erste Einführung in der Aufdeckung der 
Determinanten genügend tief vordringen und Sie trotzdem 
ersehen konnten, wie der Fürsorgeerzieher, ohne auf die direkte 
Mitwirkung des Zöglings zu warten, sichtbaren Spuren nach- 
geht und sich daraus ein Bild macht, das die Unsicherheit, der 
er immer ausgesetzt ist, möglichst weitgehend verringert. 

Sie werden mir gewiß auch zugeben, daß es zur Einleitung 
von Erziehungsmaßnahmen nicht gleichgültig ist, ob eine der 



' 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 113 



den Haß determinierenden Komponenten einer Zurücksetzung 
entspringt, oder ob dieser die Folge einer wenn auch unbewußten 
starken Liebe ist. 

Wenn Sie erinnern wollen, daß die Ursachen der Verwahr- 
losung aufdecken heißt, auffinden, was in die latente Verwahr- 
losung geführt hat, so ist uns ein Teil dieser Absicht schon 
gelungen. Die unbewußte erotische Bindung ist eine der Kräfte- 
konstellationen, die den Mechanismus vorbilden, der, einmal 
voll ausgebildet, nur mehr des entsprechenden Anlasses bedarf, 
um abzulaufen. 

Fahren wir nun in unserer Untersuchung fort und nehmen wir 
einen anderen Ausspruch der Mutter des Jugendlichen vor : „Er 
ist kein Mann, ein eigensinniger dummer Bub." Ob uns dieser 
Satz etwas sagt? Vergleichen wir damit: „Mir gegenüber ist 
er gefügig und wagt es nicht sich aufzubäumen, weil ich ihn 
sonst, trotz seiner achtzehn Jahre, noch züchtige. Hat er etwas 
angestellt, dann ist er besonders brav und macht die Wohnung 
ganz außergewöhnlich nett." Daß er kein Mann ist, scheint zu 
stimmen, er benimmt sich wirklich nicht wie ein solcher. 

Ob aber die Meinung vom eigensinnigen dummen Buben zu- 
trifft? Sein Verhalten weist in eine andere Richtung. Er unter- 
zieht sich nicht nur widerspruchslos, sondern sehr gerne 
häuslichen Arbeiten, die sonst die Frau verrichtet; er hat seinen 
Kasten schöner in Ordnung als die Schwestern ; steht stunden- 
lang vor dem Spiegel, kämmt, bürstet und bindet die Krawatte; 
ist ängstlich und schüchtern wie ein Mädchen. Er zeigt also 
eine Menge weiblicher Züge, denen auch sein Habitus entspricht. 
Wir sehen in ihm einen Jugendlichen, der vermutlich infolge 
einer gewissen erblichen Veranlagung und des Heranwachsens 
ohne Vater, nur mit Mutter und Schwestern, ein gut Stück 
Weib in sich entwickelt hat. In allen Mitteilungen kamen immer 
nur die vier Schwestern und deren Freundinnen vor, von 
Knaben ist nie die Rede. Wir finden übrigens recht häufig den 

Aichhorn, Verwahrloste Jugend 8 



114 Vierter Vortrag 



starken weiblichen Einschlag bei Männern im Aufwachsen in 
ausschließlich weiblicher Umgebung begründet. Aber sei dem, 
wie ihm sei; in unserem Jungen ist das Stück Weib da. Wir 
erkennen es nicht nur aus dem, was die Mutter von ihm sagt, 
und aus seinen eigenen Äußerungen, es geht auch aus seinem 
ganzen Wesen so deutlich hervor, daß wir daran nicht vorbei- 
sehen können. Was die Mutter an ihrem erwachsenen Sohn 
unangenehm empfindet, was sie als Bub bezeichnet, ist das 
Stück Weib in ihm, das sich einmal äußert, ohne ihn selbst 
zu stören, mit dem er aber in Konflikt gerät, wenn er ganz 
Mann sein soll. Dieser Konflikt entlädt sich in Affekthandlungen 
nach außen und ergibt uns die zweite Komponente für sein 
Verhalten. 

Ob das richtig ist? Wir müssen uns zur Erklärung wieder 
neue Einsichten bei der Psychoanalyse holen. Wir wissen 
bereits, daß durch die zärtlichen Beziehungen des Kindes zu 
seinen Eltern jene psychischen Vorgänge möglich sind, die in 
der Psychoanalyse Identifizierung genannt werden, auch daß 
die Zuneigung übermäßig stark werden und dann zu einer 
anormalen Entwicklung, manchmal auch zur Verwahrlosung 
führen kann. Um das zu verstehen, betrachten wir, was bei 
der normalen Entwicklung im Seelischen vorgeht. Zur Er- 
leichterung der Darstellung werden wir nur den beim Knaben 
gegebenen Sachverhalt besprechen und analoge Verhältnisse 
beim Mädchen annehmen. 

Die ersten Personen, die in den Erlebenskreis des kleinen 
Kindes eintreten, sind gewöhnlich die Eltern, und was sich an 
Zuneigung zu regen beginnt, sich verstärkt, vertieft, gilt im 
allgemeinen ganz gleichmäßig diesen beiden. Die gleichzeitig 
libidinösen Strebungen zu Vater und Mutter laufen neben- 
einander her, stören anfänglich das kleine Wesen nicht, beide 
sind ihm gleich lieb. Nach und nach verstärkt sich die Zu- 
neigung zur Mutter, und trotzdem die Beziehungen zum Vater 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 115 

bestehen bleiben, ergeben sich Situationen, die dem Knaben 
den Vater unliebsam empfinden lassen. Schon einem Drei- 
jährigen können die Zärtlichkeiten des Vaters zur Mutter so 
unangenehm werden, daß er ihn weg haben will, damit diese 
ihm allein gehört. Die Gefühlseinstellung zum Vater, die früher 
ganz eindeutig war, wechselt nun mit dessen zeitweiliger Ab- 
lehnung. Der Junge ist, wie die Psychoanalyse sagt, zu ihm in 
ein ambivalentes Verhältnis gekommen. 

Freud hat, um dieses ganz deutlich erkennbare Entwicklungs- 
stadium zu charakterisieren, eine Bezeichnung gewählt, die so 
vielfa ch mißverständlich, aufgefaßt wird. Er Hennt es in An- 
lehnung an eine Sage des klassischen Altertums die Odipus- 
situation. Es ist Ihnen bekannt, daß Ödipus die Mutter heiratete, 
nachdem er den Vater erschlagen hatte, ohne daß beide von 
dem Verwandtschaftsverhältnis wußten. Der kleine Junge 
will den Vater weg haben, um die Mutter allein zu besitzen. 
Und nun erhebt sich das große Geschrei aller jener, die 
psychoanalytische Denkweise nicht verstehen wollen: Man denke 
nur, die Beziehungen Ödipus zu seiner Mutter und den noch 
so kleinen Jungen! Welche Unmöglichkeit! Zur Aufklärung 
dieser, wenn Sie sich aufklären lassen wollen: So wenig er 
den Vater erschlagen hat, wie jener es tatsächlich tat, — nur da 
sein soll er nicht, ist der Wunsch — ebensowenig kann er den 
Geschlechtsverkehr mit der Mutter beabsichtigen, weil dazu ja 
seine ganze geschlechtliche Organisation noch nicht vorgebildet 
ist; bezeichnet wird damit die auf diese infantile Entwicklungs- 
stufe übersetzte gleiche Tendenz, von der sich das Kind keine 
Rechenschaft gibt. Wir werden übrigens ein andermal hören, 
daß die Psychoanalyse durch ihre Forschungsarbeit zu einer 
viel weiteren, umfassenderen und dabei vertiefteren Auffassung 
des Begriffes Sexualität gekommen ist, als es vor ihr mög- 
lich war. 

Mit dem Fortschreiten der Entwicklung des Kindes und dem 



116 Vierter Vortrag 



Fortbestehenbleiben der zärtlichen Beziehungen zum Vater wird 
die ihn ablehnende Tendenz mit den Bewußtseinsinhalten unver- 
einbar, darf daher nicht bewußt bleiben und erleidet das 
Schicksal der Verdrängung. Die reale Ödipussituation wird zum 
Ödipuskomplex mit allen seinen Wirkungen aus dem Un- 
bewußten. Geht dann alles ohne Störung weiter, so treten 
verschiedene Umstände ein, die ungefähr im Beginne des Lern- 
alters zu einer Überwindung des Ödipuskomplexes führen. Mit 
seinem Untergange, wie Freud sagt, ist so recht der Zeitpunkt 
gekommen, in dem die Identifizierungen mit den Eltern erfolgen, 
ein Angleichen an deren Wesen eintritt. 

Aus den zärtlichen Beziehungen zur Mutter ergibt sich der 
positive Ödipuskomplex, aus denen zum Vater der negative. 
Aus dem einen positive Beziehungen zur Mutter und negative 
zum Vater, aus dem anderen positive zum Vater und negative 
zur Mutter. Die positiven Strebungen aus den beiden Richtungen 
des Ödipuskomplexes, in jedem Individuum verschieden beein- 
trächtigt durch die negativen, legen sich zu einer Vater- und 
einer Mutteridentifizierung zusammen, und im weiteren Verlaufe 
des Heranwachsens werden dadurch Züge der Eltern dem 
Wesen des Kindes einverleibt. 

Kommt es nicht zur normalen Entwicklung, wird beispiels- 
weise durch die Erbanlage oder durch die Verhältnisse, unter 
denen das Kind aufwächst, die Identifizierung mit der Mutter 
übermäßig, das normale Maß überschreitend, so gelangen in 
das Wesen des Knaben zu viel weibliche Züge und sein Cha- 
rakter erhält einen femininen Einschlag. Je stärker die Mutter- 
identifizierung ausfällt, desto mehr wird, wenn nicht besondere 
Umstände eintreten, die Vateridentifizierung beeinträchtigt und 
eine desto größere Schwächung erfahren auch alle in der Rich- 
tung der männlichen Entwicklung gelegenen Tendenzen. Dem 
Jungen fehlt so ein Stück Männlichkeit, er wird dadurch auch 
mit seiner Pubertät später fertig werden. 






Einige Ursachen der Verwahrlosung 117 

Im allgemeinen hat das nicht viel zu sagen, hilft uns nur, 
verschiedene Männerindividualitäten zu erklären. Für unseren 
Jugendlichen, den Sie gewiß trotz der jetzt gemachten Einschal- 
tungen noch nicht aus dem Auge verloren haben, wird das 
aber katastrophal. Es stirbt ihm der Vater, als er, kaum vierzehn 
Jahre alt, aus der Schule austritt. Er ist der älteste, nun der 
einzige Mann in der Familie, als die Aufgabe an ihn herantritt, 
den Vater zu vertreten. Das könnte er, wäre er der richtige 
Junge. Nun zwingen ihn die äußeren Verhältnisse doch zu einer 
zeitweiligen Vateridentifizierung, die aber immer wieder miß- 
lingt. Wir ersehen das aus Angaben der Mutter: „Wenn er 
mit den Schwestern allein zu Hause ist, kehrt er den Herrn 
heraus; das lassen sich die Mädchen natürlich nicht gefallen. 
Er schimpft und redet dabei einen rechten Unsinn zusammen ; 
die Schwestern lachen ihn aus, er wird brutal." Er selbst er- 
klärt in ziemlichem Affekt, daß er auch wer sei und in einer 
Familie nicht nur die Schwestern zu reden haben. Die Unfähig- 
keit, als Mann aufzutreten bringt ihn in Konflikt, über den er durch 
brutales Auftreten hinwegzukommen trachtet. Die Schwestern 
fühlen, daß ihnen nicht der kraftvolle Mann, sondern das keifende 
Weib gegenübersteht, lachen ihn aus, bis er in unsinnigsten 
Affekt gerät. Damit hätten wir seine Aggression von einer zweiten 
Seite her, aus der immer wieder mißlingenden Identifizierung 
mit dem Vater, verstehen gelernt. Was ihn da stört, ist offenbar 
die Identifizierung mit der Mutter. 

Er wird aber noch durch einen Konflikt aus dem Gleich- 
gewichte gebracht, der mit sein Verhalten determiniert. Dieser 
ergibt sich aus dem Widerstreit seiner eigenen sozialistischen 
Weltanschauung und dem Zwange, dem er durch die streng 
katholische Gesinnung seiner Familienangehörigen fortwährend 
ausgesetzt ist. Er will diese nicht anerkennen, sie schon gar 
nicht für seine eigene Person annehmen, und ist doch zu schwach, 
sich der Mutter gegenüber durchzusetzen; er versucht es gar 



1*8 Vierter Vortrag 



nicht, er spricht nicht einmal darüber, so daß diese davon 
nichts weiß. Er entlädt aber seinen Groll mit in den Aggressionen. 
Nach jedem dieser Ausbrüche bricht er zusammen und immer 
wieder unterordnet er sich der mütterlichen Autorität. Nur 
in einem bleibt er fest: Hilfsarbeiter wird er nicht. Dieser 
Widerstand wird nicht nur aus seiner Einstellung zur Mutter, 
sondern auch von einer anderen Quelle her gespeist. Er will, 
wie er mir sagte, dem Mädchen, das er liebt, zeigen, daß aus 
ihm etwas wird, und Hilfsarbeiter zu sein, das ist nichts. Solange 
er das nicht ist, wenn er auch sonst nichts macht, kann er immer 
noch etwas werden. 

Wir haben nun die Determinanten der Aggressionen dieses 
Jugendlichen, soweit diese zur Einleitung von Erziehungs- 
maßnahmen erforderlich sind, aufgefunden und damit auch die 
Ursachen der Verwahrlosung zum großen Teil kennen gelernt. 
Wären wir psychoanalytisch schon geschulter, so hätten wir 
da und dort viel tiefer eindringen können. Die Arbeitsscheu, 
von der uns auch berichtet wird, ist eigentlich keine. Er befindet 
sich aus den gemachten schlechten Erfahrungen und infolge 
der Gegeneinstellung zu Hause in einem Zustande, der sich 
sofort wesentlich bessern wird, wenn er zur Mutter und zu 
den Schwestern in ein anderes Verhältnis kommt und ihm 
bezüglich der Arbeit ein ihm gangbarer Weg gezeigt wird. 
Wenden wir uns nun den einzuleitenden erzieherischen Maß- 
nahmen zu: Vor allem erscheint es sehr wichtig und auch 
verhältnismäßig einfach, die immer wieder mißlingenden Vater- 
identifizierungen überflüssig zu machen, indem ich selbst für 
einige Zeit in dieser Familie die Vaterstelle übernehme. An- 
erkennt sie der Junge, dann braucht er nicht mehr der Vater 
zu sein und eine der Konfliktsursachen wird ausgeschaltet. In 
der Folge hat er dann durch mich und über mich in ein 
richtiges Verhältnis zu seinen Familienangehörigen zu kommen. 
Es ist aber noch etwas erreicht, wenn ich keine Fehler mache, 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 1*9 



seine Schwestern nicht von vornherein in Oppositionsstellung 
zu mir bringe, sondern das richtige Übertragungsverhältnis zu 
mir herstelle. Ihr Verhältnis zum Bruder, das sich durch sein 
Verhalten schon in günstigem Sinne verändern muß, wird 
durch mein Dasein und das Wissen, daß ich jederzeit auf der 
Bildfläche erscheine, wenn es erforderlich ist, aus der richtigen 
Vaterautorität heraus, auch von ihrer Seite wesentlich gebessert 
werden. Und noch eins: Die Mutter, die durch die vielen, ihr 
vom Jungen bereiteten Unannehmlichkeiten schon ganz die 
Orientierung verloren hat, nicht mehr weiß, was für ihn und 
seine Zukunft das Beste ist, wird durch mich zur entsprechen- 
den Einstellung ihrem Sohne gegenüber gebracht werden 
können. Ich weiß, daß ich damit nur ganz oberflächlich andeute 
und nur die äußere Situation skizziert habe, die sich ergibt, wenn 
der Fürsorgeerzieher in solchen Fällen nicht als der Erzieher 
im gewöhnlichen Sinne, sondern als Vater auftritt. Auf mehr 
als diese Änderung des Familienbildes kommt es aber auch 
für den Anfang nicht an. Es ist selbstverständlich, daß die 
einzelnen Familienmitglieder nicht ahnten, was ich vor hatte. 
Ich sprach darüber natürlich nicht, sondern richtete nur mein 
Verhalten darnach ein. 

Schon die erste Unterredung gab die Möglichkeit, die Über- 
tragungen in diesem Sinne einzuleiten. Beim Jungen war sie 
sofort da, als er fühlte, mit jemandem zu sprechen, der seinen 
ganzen Jammer verstand. Bei der Mutter trug viel dazu bei, 
daß sie sich einmal gründlich aussprechen konnte, sich damit 
wesentliche Erleichterung verschaffte und mit der Überzeugung 
weg ging, jemanden gefunden zu haben, der helfen wolle und auch 
helfen könne. Sie gab auch schon in der ersten Unterredung 
den Plan auf, daß der Junge Hilfsarbeiter werden müsse, und 
erkannte, daß er nicht vom Hause zu entfernen sei. Es liegt 
auch wirklich kein Grund dazu vor. Er wird das Tischler- 
gewerbe auslernen, weil es mir gelungen ist, die Hindernisse, 



die der Anrechnung des einen Jahres Lehrzeit entgegenstanden, 
aus dem Wege zu räumen. Er ist seit einem halben Jahre, 
vierzehn Tage, nachdem ich mit ihm das erstemal zusammen- 
traf, bei einem Tischlermeister untergebracht und wird in 
einem weiteren halben Jahre freigesprochen werden, weil er 
sich tadellos hält. Von Arbeitsscheu ist keine Spur zu sehen. 

Der Konflikt: sozialistische Weltanschauung hier und streng 
katholische Gesinnung dort, war schon nach der ersten Woche 
erledigt, als wir zu dritt, er, die Mutter und ich, uns in 
einer offenen Aussprache einigten, daß ihm vollständige Frei- 
heit gewährt werde und er machen könne, was er wolle. Seit 
dieser Zeit geht er nur mehr zu jenen Zusammenkünften, bei 
denen auch das schon mehreremal erwähnte Mädchen anzu- 
treffen ist. 

Ich wäre nun verpflichtet, Ihnen zu sagen, welchen Plan ich 
mir für die Behebung aller seiner Verwahrlosungsäußerungen 
zurecht gelegt habe. Ich muß Ihnen aber gestehen, daß ich das 
nicht kann. Ich weiß nicht, ob das überhaupt jemals 
möglich sein wird. Meine Erfahrungen sind dazu noch zu 
gering. Ich stehe immer noch dort, wo ich seit Jahren stehe, 
sich ergebende günstige Situationen auszunützen, und wo sich 
solche schaffen lassen, sie zu schaffen, gefühlsmäßig und mit 
Überlegung, wie es sich jeweilig ergibt. Es ist das freilich, über 
das Bewußtsein betrachtet, eine sehr unsichere Sache, aber 
vielleicht — ich kann es Ihnen natürlich nicht sagen, ob es so 
lst ~ ^Les__solche Beziehungen zwischen dem Unbewußten des 
analysierten Erziehers und dem Unbewußten seines Zöglings, 
da ß dadurch ganz exaktes Arbeiten ermöglicht wird. 

Von dem eben besprochenen Fürsorgeerziehungsfall ist es 
noch ganz interessant, mitzuteilen, daß der Junge im ersten 
Abschnitte der Behandlung sich gründlich über die Schwestern 
„ausschimpfte", wenn wir allein beisammen waren, und den 
ruhigen, überlegt handelnden großen Bruder spielte, der mir 



Einige Ursachen der Verwahrlosung 121 

verständnisvoll zunickte, ob ich nicht sehe, wie blöde die 
Mädchen sind, wenn alle vereinigt waren. In der Familie kehrte 
schon nach einigen Wochen ziemliche Ruhe ein, und wie 
sich die einzelnen früher in ihrer Gereiztheit gegenseitig 
herunterbrachten, hoben sie sich nun gegenseitig durch 
das Ruhigerwerden hinauf. Dabei nahm keines seinen eigenen 
Anteil daran wahr. Ich hatte keine Ursache, sie darauf auf- 
merksam zu machen. Als ich in dieser Zeit die Mutter fragte, 
wie es nun geht, sagte sie: „Viel, viel besser; er ist merklich 
ruhiger und vernünftiger geworden." Der Junge, dem ich am 
selben Tage die Frage vorlegte, warum es jetzt zu Hause 
besser gehe, meinte, weil die Poldi nicht mehr so ekelhaft 
ist und die Mutter ganz auf meiner Seite steht. Die Mutter 
hatte schon eine leise Ahnung von dem, was die Konflikte 
herbeiführten, und das empfand der Junge, als die Mutter ganz 
auf seiner Seite stehend. Ich habe Ihnen nun nicht mehr viel 
zu sagen. Ich traf mich mit dem Jungen zwei- bis dreimal in 
der Woche, nicht sehr oft zu Hause. Die ersten vier Monate 
kam es noch häufig zu Aggressionen, die aber nicht mehr die 
frühere Höhe erreichten und allmählich abflauten; in den 
letzten zwei Monaten sind sie vollständig ausgeblieben. Es 
gibt nicht mehr Differenzen, als sie eben sonst auch in Familien 
vorkommen. Bei unseren Zusammenkünften waren seine Wut- 
ausbrüche zu Hause unser vorwiegender Gesprächsstoff, so 
daß auch er einen Großteil der Zusammenhänge erfassen 
konnte. 

Ob mir noch Überraschungen bevorstehen und welche, und 
ob ich diesen dann gewachsen sein werde, weiß ich nicht im 
vorhinein zu sagen. 

Damit ist, was ich heute mitzuteilen beabsichtigte, abge- 
schlossen. 



FÜNFTER VORTRAG 

Ursachen der Verwahrlosung (Schluß) 
Eine Ausheilung in der Übertragung 

Ti/leine Damen und Herren! Nicht immer bedarf es zur Auf- 
deckung von Ursachen dissozialer Äußerungen so weit- 
gehender Schlußfolgerungen, wie bei den im letzten Vortrage 
besprochenen Aggressionen des Jugendlichen. Es ist auch zur 
Einleitung zweckmäßiger Erziehungsmaßnahmen nicht erforder- 
lich, bis auf die letzten Zusammenhänge zu kommen. Für das 
erste genügt es, die Richtung, in der sie liegen, festzustellen; 
der Erziehungsverlauf führt dann selbst in die notwendige Tiefe. 

Ich werde Ihnen jetzt von einem Jugendlichen aus der Fürsorge- 
erziehungsanstalt berichten, bei dem es nur einer einzigen, 
allerdings aus psychoanalytischer Einsicht kommenden Über- 
legung bedurfte, um dem Fürsorgeerzieher ein genügend klares 
Bild zu geben. Wollen Sie aber beachten, daß ich bei dieser 
Mitteilung nicht beabsichtige, Ihnen auch den Verwahrlosungs- 
anlaß und die Verwahrlosungsursache streng auseinander- 
gehalten zu geben. Das wäre in diesem Falle für uns noch zu 
schwierig und ist aus dem Wenigen, das Sie hören werden, 
auch gar nicht möglich. Sie sollen nur ersehen, aus welcher 
Situation sich der Fürsorgeerzieher manchmal seine Überlegung 
holt. 

Kommen wir nun ohne weitere einleitende Worte zur Sache! 
In der Fürsorgeerziehungsanstalt langt noch vor dem Zögling 
dessen Erhebungsbogen ein. Ein siebzehnjähriger Tischlergehilfe 
wird demnächst überstellt werden. Was der Erhebungsbogen 






Eine Ausheilung in der Übertragung 123 

ist, wissen Sie bereits. Aus diesem ist unter anderem zu ent- 
nehmen, daß der Jugendliche vor einigen Monaten in der Werk- 
stätte des Vaters das Tischlergewerbe ausgelernt hat und dort 
als Gehilfe weiter verblieben ist. Als Einlieferungsgrund wird 
angegeben: Fortgesetzte Diebstähle aus der Werkstätte und 
vom Holzlagerplatz des Vaters. Er hatte im Laufe der Zeit 
nicht unbeträchtliche Mengen Spiritus, der stets in großen 
Quantitäten zur Herstellung von Politur vorhanden war, und 
gehobelte sowie auch ungehobelte Bretter entwendet. Weder 
durch Ermahnungen, noch, als diese erfolglos blieben, durch 
ganz ungewöhnliche Strenge des sehr rechtlich denkenden Vaters 
konnte er zur Einstellung der Diebstähle gebracht werden. Die 
besorgten Eltern erhofften sich durch einen Aufenthalt bei uns 
eine Besserung des Jungen. 

Auf dem Erhebungsbogen fiel mir die Bemerkung auf, daß 
er, um die Spiritusentnahme zu verdecken, in die Flasche 
urinierte. Man kann an dieser Tatsache vorübergehen, sie als 
etwas Zufälliges auffassen, sich mit der Erklärung zufrieden 
geben, daß ihm diese Art der Ersetzung bequem und ungefähr- 
lich erschien, daß er im Urin ein Mittel hatte, nicht nur die 
entnommene Menge, sondern auch die Farbe des denaturierten 
Spiritus wieder zu bekommen, man kann bei einigem Nach- 
denken gewiß noch einige andere Möglichkeiten finden, warum 
er es gerade so und nicht anders machte, und wird doch nicht 
auf den Sinn dieses Tuns kommen, wenn Erkenntnisse unbe- 
rücksichtigt bleiben, welche die Psychoanalyse erschlossen hat. 

Ich erinnerte während des Lesens, welche Deutung ähnliche 
Handlungen während einer Psychoanalyse erfahren, und kam 
auf den Gedanken, daß das dissoziale Tun des Jungen vielleicht 
auch nichts anderes sei, als ein uns beim Neurotiker ver- 
ständliches Handeln, deutete also das In-die-Flasche-Urinieren 
als einen Racheakt an dem Vater, ausgeführt mit demselben 
Organ, durch das er sich von diesem beeinträchtigt fühlte. 



Möglicherweise errege ich damit Ihren Widerspruch und Sie 
verwerfen diese Annahme ohne weiter nachzudenken als zu 
absurd oder ganz unannehmbar. Sie sollen sich nicht von 
vornherein auf einen ablehnenden Standpunkt stellen. Wenn 
Sie später einmal gelernt haben werden, Dinge auch anders 
zu sehen als bisher, werden Sie weniger abwehren und sich 
sagen, daß es so sein könnte. Ob wirklich, wissen wir noch 
nicht, dazu müssen wir erst den Jungen selbst in der Anstalt 
haben. 

Mir erscheint ein anderes, grundsätzliches Bedenken gegen 
die Deutung viel wichtiger, nicht gerade gegen diese, sondern 
gegen die Deutung von Einzelzügen und daraus gezogenen 
Schlußfolgerungen überhaupt. Wenn wir uns eine eingehendere 
Ausforschung des Zöglings ersparen wollen, werden wir ver- 
leitet, Tatsächliches zu übersehen, kommen dadurch zu leicht 
in eine falsche Richtung und handeln der wichtigen Regel ent- 
gegen, daß wir dem Verwahrlosten vorurteilsfrei, ohne Vor- 
eingenommenheit, ohne bestimmte Erwartung entgegenzutreten 
haben und lediglich darauf vorbereitet sein müssen, ihn mit 
allen seinen Äußerungen auf uns wirken zu lassen. Daß ich 
bei dieser dissozialen Äußerung wirklich auf einen Zusammen- 
hang, wie er in der Analyse von Neurotikern oft zu finden ist, 
traf, war wahrlich nicht mein Verdienst. 

Als der Minderjährige, ein kräftiger, weit über sein Alter 
hinaus entwickelter junger Mann, kam, übernahm ich ihn so 
wie jeden neu eintretenden Zögling selbst, um ihn dann durch 
einige Zeit nicht besonders zu beachten. Warum ich das so 
machte, werden wir hören, bis wir von der Herstellung der 
Gefühlsbeziehungen zwischen Fürsorgeerzieher und Fürsorge- 
erziehungszögling sprechen werden. Nach ungefähr vierzehn 
Tagen, zu einer Zeit, während der ich mich noch nicht besonders 
viel mit ihm abgegeben hatte und es zu einer eingehenden 
Aussprache mit ihm noch nicht gekommen war, ich aber durch 



Eine Ausheilung in der Übertragung 125 

den Erzieher genau von seinem Tun und Lassen wußte, erschien 
eine etwa vierundzwanzig- bis fünfundzwanzigjährige hübsche 
Frau und erkundigte sich nach ihm. Ich vermutete in ihr seine 
Schwester. Es stellte sich aber sofort heraus, daß ich es mit 
seiner Stiefmutter zu tun hatte. Vom Erzieher seiner Gruppe 
wußte ich auch, daß er seinen Mitzöglingen sehr viel von der 
Stiefmutter erzählte und ihr auch bereits zwei Briefe geschrieben 
hatte. Deren Inhalt war mir unbekannt, weil es bei uns keine 
Briefzensur gab und die Zöglinge schreiben durften, wann und 
was sie wollten. Die Frau machte eingehende Mitteilungen über 
ihren Stiefsohn und sprach trotz der vielen durch ihn ver- 
ursachten Unannehmlichkeiten recht einsichtsvoll von ihm. 
Als sie auf die Nachbarinnen zu sprechen kam, die sie für die 
Verwahrlosung des Jungen verantwortlich machten, — weil das 
ja bei Stiefmüttern immer so sei, — wurde sie sehr erregt, 
weinte und wehrte affektiv ab, daß ihr die Schuld gegeben 
werden könne. Sie sei keine böse Stiefmutter, behandle den 
Jungen gut, er werde das selbst angeben; denn er habe sie sehr 
gerne. Ich fragte sie, woher sie wisse, daß ihr Stiefsohn sie 
gerne habe. Daraufhin wurde sie etwas verlegen und zögerte 
mit der Antwort. Auf mein Drängen, doch zu sprechen, meinte 
sie, man werde so leicht mißverstanden, ich könnte mir etwas 
denken, wozu kein Grund vorhanden sei. Ich versicherte sie, 
daß ich mir nichts denken, sondern nur zuhören werde, daß 
ihre Mitteilungen mir aber möglicherweise zur richtigen Er- 
fassung ihres Jungen sehr wichtig sein können. Daraufhin gab 
sie den Widerstand auf: „Wenn wir zusammen auf der Gasse 
gingen, wendete er sich oft mit der Äußerung zu mir: ,Schau 
Mutter, wie uns die Leute nachschauen.' Dabei hatte ich immer 
das Empfinden, daß er sich ganz als Mann fühlte. Er hat mir 
auch zwei Briefe geschrieben, ihn hier zu besuchen, und in 
beiden verlangt er, daß ich mein braunes Kleid anziehe, damit 
die Buben schauen." Ich wollte wissen, ob sie das gewünschte 



*2Ö Fünfter Vortrag 



Kleid anhabe. „Ja, ich muß ihm doch eine Freude machen." 
Wir sprachen dann von anderem, auch von ihren eigenen 
Beziehungen zum Jungen und dessen Vater, ihrem Manne ; diese 
sind durchaus normal gute. Sie kam aber wieder auf die Be- 
ziehungen des Jungen zu ihr zu sprechen. Es fiel ihr ein, daß 
sie der Junge wiederholt aufforderte, ihm zu sagen, wenn sie 
Geld brauche; er werde dem Vater Bretter nehmen und ihr 
das dafür erlöste Geld bringen. Sie hatte nie etwas von ihm 
genommen, lange Zeit von den Diebstählen nichts gewußt, 
sondern war der Meinung gewesen, daß er die Aufforderung, 
ihm zu sagen, wann sie Geld brauche, spaßhaft gemacht habe. 
Sie war aber doch die erste, die von seinen Unredlichkeiten 
erfuhr. Alle ihre Einwirkungen, ihn zu bessern, waren erfolglos 
geblieben, so daß sie sich endlich entschloß, dem Vater 
Mitteilung zu machen. Dieser vermochte nichts auszurichten, 
weder im Guten noch mit Strenge. Der Junge trieb es immer 
ärger, wurde auch gegen den Vater so brutal, daß er in die 
Anstalt gegeben werde mußte, weil bei einem anderen Meister 
zu befürchten gewesen wäre, daß er auch diesen bestehlen 
werde. Die Frau gewann im Verlaufe der Unterredung so viel 
Zutrauen, daß sie ganz spontan mitteilte, sie hätte immer gefühlt, 
daß der Junge mehr für sie übrig habe, als Kinder sonst für 
die Stiefmutter aufbringen; es sei ihr aber gerade deswegen 
unerklärlich, daß er ihren Ermahnungen sein Benehmen zu 
ändern, nicht Folge leistete. Sie wurde dann später irre, ob er 
sie wirklich lieb habe. Zu intimeren Beziehungen zwischen 
beiden war es nie gekommen, das ging aus dem ganzen 
Eindruck, den die Frau machte und auch aus der Art ihrer 
Mitteilungen deutlich hervor. 

Mit dem Vater unseres Zöglings ist sie seit drei Jahren ver- 
heiratet. Sie war eine Freundin der verstorbenen Mutter und 
kam schon lange vor ihrer Verehelichung sehr häufig zur Freundin 
ins Haus. Der Junge war zwölf Jahre alt, als sie sich mit der 



Eine Ausheilung in der Übertragung 127 

Mutter anfreundete. Schon damals trat er ihr als der auf- 
merksame, gefällige Junge gegenüber, der auch manche kind- 
liche Zärtlichkeit aufbrachte. 

Wir können uns leicht den Konflikt vorstellen, in dem er 
sich befindet. In der Pubertätszeit taucht im Hause ein Mädchen 
auf, das nicht so viel älter ist, um als Liebesobjekt ausge- 
schaltet zu bleiben. Er wendet ihr tatsächlich seine libidinösen 
Strebungen zu. Zwei Jahre dauern die Beziehungen ungestört 
an, sie enthalten nichts Unerlaubtes, sind die ganz normalen 
Schwärmereien des werdenden Mannes. Wäre die Mutter am 
Leben geblieben, so ist anzunehmen, daß die nachmalige Stief- 
mutter für ihn nur eine Entwicklungsphase bedeutet hätte. So 
nimmt sie der Vater zur Frau, als sie noch im Mittelpunkte 
der jugendlichen Liebesregungen steht, von denen wir wissen, 
daß die unbewußte erotische Betonung sehr nahe am Durch- 
bruch ins Bewußtsein steht. Diese wird nun unerlaubt und daher 
verdrängt gehalten und der Junge kommt in eine ganz unmög- 
liche Stellung zum Vater. Dieser hat ihm die Geliebte nicht 
nur weggenommen, sondern zwingt sie ihm auch noch als 
Mutter auf. Gegen ihn richtet sich daher der ganze Haß und 
das Tun des Jungen wird uns verständlich, auch in der Art 
der Durchführung. 1 

Die Nachbarinnen der Frau haben recht, die „Stiefmutter" 
ist wirklich mit die Ursache der Verwahrlosung des Jugend- 
lichen; aber natürlich in einem ganz anderen Sinne, als diese 
es vermeinen, in einem Sinne, den weder sie noch die 
Beteiligten ahnen. 

Ich schließe damit die Besprechung über Verwahrlosungs- 
ursachen ab, da wir diesen nicht zu viel Zeit zuwenden dürfen, 
wenn wir auch noch andere Fragen der Fürsorgeerziehung 
erörtern wollen. 

i) Die dissoziale Handlung dieses Jungen läßt sich also ähnlich werten, wie 
ein von unbewußten sexuellen Wünschen verursachtes neurotischesSymptom. 



Ich werde Ihnen nun aber, abweichend von der bisherigen 
Gepflogenheit, immer gleich theoretische Einschaltungen zu 
machen, über einen Jugendlichen vom Zeitpunkte, in dem er 
zu mir gebracht wurde, bis zu seinem Wieder-sozial-werden 
berichten, und was an theoretischen Überlegungen notwendig 
ist, am Schlüsse anführen. Den Verwahrlosungsursachen werden 
wir nicht sehr weit nachgehen, sondern uns mehr den Aus- 
heilungsvorgang ansehen. 

In der Erziehungsberatung erscheint der leitende Beamte 
eines Fabriksbetriebes mit seinem siebzehnjährigen Sohne, 
einem Schuhmachergehilfen, und ersucht, diesen in einer Anstalt 
unterzubringen, weil er ihn infolge seiner Aufführung nicht 
mehr in Freiheit belassen könne. Aus dem Gespräche mit dem 
Vater ergeben sich folgende wesentliche Einzelheiten. Sein 
Sohn Hans war bis zum Sommer des Vorjahres ein sehr 
braver Junge gewesen, der weder zu Hause noch auf dem 
Arbeitsplatze Anlaß zu Klagen gegeben hatte. Eines Tages bat 
er den Vater um 70.000 Kronen, da er bei seinem Meister ein 
Stück Leder auf Schuhe und das nötige Zubehör billiger 
bekommen könne, um davon in der Werkstätte für sich ein 
paar Schuhe anzufertigen. (Der Junge war um diese Zeit noch 
Lehrling.) Er erhielt den Betrag, kam abends nicht nach Hause 
und eine Anfrage am nächsten Tage beim Meister ergab, daß 
er der Arbeitsstätte ferne geblieben war. Da er sich noch nie 
so aufgeführt hatte, wurde die Familie außerordentlich besorgt, 
befürchtete einen Unfall und hielt auch ein Verbrechen an ihm 
nicht für ausgeschlossen. Die Abgängigkeitsanzeige wurde 
erstattet und täglich bei der Polizei Erkundigung eingezogen. 
Am sechsten Tage erhielt die Mutter die Auskunft, daß er 
mittellos in Graz aufgegriffen worden und schon auf dem Wege 
nach Wien sei. Die Wiedersehensfreude war groß, aber infolge 
seines sehr geänderten Benehmens rasch vorüber. Der Junge 
blieb wortkarg und als der Vater wissen wollte, warum er 



r 



Eine Ausheilung in der Übertragung 129 

nicht in der Arbeit gewesen war, und wo er die Woche über 
sich aufgehalten habe, nahmen Verstocktheit und Trotz zu, 
mehr als daß er in Graz gewesen sei, war aus ihm überhaupt 
nicht herauszubekommen. Der Vater wurde darob so erregt, 
daß es zu einer heftigen Szene kam, an deren Ende Hans 
körperlich schwer gezüchtigt wurde. Von diesem Tage an ging 
es mit ihm rasch weiter abwärts. Er war schwieriger zur 
Arbeit zu bringen, blieb zunehmend weniger zu Hause, trieb 
sich tagelang auf der Gasse herum oder saß in Kaffeehäusern, 
bis man schließlich halbe Nächte lang auf ihn warten mußte. 
Nicht genug daran ; er lockte auch noch dem Vater und dem Meister 
Geld heraus. Der Vater versuchte zuerst mit stetig steigender 
Strenge den Jungen wieder auf den rechten Weg zu bringen. 
Da er es daraufhin weit ärger trieb und die Familie noch mehr 
ablehnte, nahm sich die Mutter seiner an und brachte auch den 
Vater dazu, recht gütig mit ihm zu sein. Die milde Behandlung 
bewirkte eine Besserung nur auf einige Tage, dann war wieder 
nichts mehr mit ihm anzufangen. Er wollte nicht anständig 
werden, so daß die Mutter die Vergeblichkeit ihres Bemühens 
einsah und der Vater mit erhöhter Strenge vorging. Die 
Anwendung von äußerster Strenge und Nachgeben wechselten 
einigemal und dabei sank Hans immer tiefer. Der Vater schloß 
seinen Bericht mit den Worten: „Sie können sich keine Vor- 
stellung machen, wie arg es ist, und was wir alles versucht 
haben, mit guten Worten und mit Nachgeben, mit Strenge und 
ausgiebigen Schlägen, aber alles ganz ohne Erfolg. Wir wissen 
uns nun nicht mehr anders zu helfen, als ihn in eine Anstalt 
zu geben. Vielleicht wird dort noch etwas aus ihm." 

Bis hieher hatte sich der Vater auf die Anführung der Ver- 
wahrlosungsäußerungen und die Versuche, diese zu beheben, 
beschränkt, aber keinerlei nähere Angaben über sich selbst, 
die Familienangehörigen und sonstigen Verhältnisse gemacht. 
Darüber orientiert zu sein, gehört aber zu den unerläßlichen 

Aichhorn, Verwahrloste Jugend 9 



130 Fünfter Vortrag 



Voraussetzungen erzieherischen Eingreifens und ich bringe des- 
wegen das Gespräch darauf. 

Im Haushalte leben Hans, der Vater, die Stiefmutter, ein um 
zwei Jahre älterer Bruder, der in der nächsten Zeit maturieren 
wird, und eine fünfjährige Schwester. Der Vater ist seit zwölf 
Jahren zum zweitenmal verehelicht, das Mädchen Kind aus 
zweiter Ehe. Die Beziehungen der Gatten zueinander sind 
ungetrübt, die wirtschaftliche Situation ist gut. Daß ein Gefühl 
der Zurücksetzung des jüngeren dem älteren Bruder gegen- 
über vorhanden sein könne, hält der Vater für ausgeschlossen, 
weil beide ganz gleich gehalten worden waren und sich des- 
wegen auch seit jeher sehr gut vertrugen. Zu Mißhelligkeiten und 
Zwiespalt kam es, als Hans auf die schiefe Bahn geriet und 
erst in der letzten Zeit vertieft sich die Kluft zwischen beiden 
merklich. Auch Eifersucht wegen Bevorzugung der Stief- 
schwester kann nicht in Frage kommen. Das Kind ist um so 
viele Jahre jünger. Hans kümmert sich nicht sehr viel um sie, 
ist weder besonders liebevoll mit ihr noch ablehnend gegen 
sie. Der Vater ist sehr verbittert und beklagte sich auch, daß 
die Veränderung des Jungen ihr schönes, einträchtiges Familien- 
leben vollständig zerstört habe. Während früher die Familien- 
mitglieder Abend für Abend beisammen saßen, aus ver- 
schiedenen Schriftstellern vorgelesen oder musiziert worden 
war, sei er jetzt verärgert, wenn er beim Nachhausekommen 
hört, was Hans wieder angestellt hat, oder bis spät nachts 
unterwegs, um den Jungen zu suchen. 

Der Schuhmacherei hatte sich Hans gegen den väterlichen 
Willen zugewendet. Er war in der dritten Realschulklasse 
durchgefallen und wollte nicht weiter in die Schule gehen, war 
nicht zu einer Wiederholung der Klasse zu bewegen. Alles 
Zureden und Drängen blieb vergeblich; er setzte es durch, 
Schuhmacher zu werden, wie der Vater der Stiefmutter. Ich 
wollte nun auch wissen, ob vielleicht Beziehungen des doch 



Eine Ausheilung in der Übertragung 131 

schon erwachsenen Jungen zu Mädchen die Ursache seines 
ersten Davonlaufens sein könnten. Der Vater hält dies bei der 
ihm genau bekannten Einstellung seines Sohnes zum weib- 
lichen Geschlecht für unmöglich. Als ich dann fragte, ob er 
sich schon eine Erklärung für das so plötzlich veränderte Ver- 
halten seines Jungen zurecht gelegt habe, sagte er mir wört- 
lich: „Entweder ist der böse Geist in ihn hineingefahren oder er 
ist verrückt geworden." „Dann gehört er doch nicht in die 
Besserungsanstalt," meinte ich darauf. „Sie dürfen das nicht 
so wörtlich nehmen, aber alles ist so plötzlich gekommen." 

Ich sprach dann in Abwesenheit des Vaters auch mit Hans. 
Er ist ein hagerer, gut gekleideter junger Mann, der etwas 
älter als siebzehn Jahre aussieht. Ich werde Ihnen nun einen 
Teil unseres Gespräches dem Wortlaute nach wiedergeben. 

„Wissen Sie, wo Sie jetzt sind?" 

„Nein!" 

„Im Jugendamte." 

„So? Ja, mein Vater will mich in eine Besserungsanstalt geben." 

„Ihr Vater hat mir erzählt, was alles vorgefallen ist, und ich will Ihnen 
helfen." 

„Das geht nicht." (Dazu ein Zucken mit den Schultern und eine voll- 
ständig ablehnende Miene.) 

„Wenn Sie nicht wollen, dann sicherlich nicht!" 

„Sie können mir nicht helfen." 

„Ich begreife, daß Ihnen das Vertrauen fehlt; wir sind uns noch zu fremd." 

„Das nicht, aber es geht doch nicht!" (Wieder die sehr ablehnende 
Miene.) 

„Wollen Sie mit mir reden?" 

„Warum nicht?" 

„Ich muß Sie um Verschiedenes fragen und mache Ihnen dazu einen 
Vorschlag!" 

„Welchen?" (Der Tonfall zeigt sehr zuwartende Haltung.) 
„Mir auf jede Frage, die Ihnen unangenehm ist, die Antwort zu ver- 
weigern." 

„Wie meinen Sie das?" (Das wird erstaunt und ungläubig gefragt.) 
„Auf die Fragen, die Sie nicht beantworten wollen, dürfen Sie schweigen 
wenn Sie wollen, mir darauf auch sagen, daß mich das nichts angeht." 
„Warum erlauben Sie mir das?" 
„Weil ich weder Untersuchungsrichter noch Polizeiagent bin, daher 

9* 



132 Fünfter Vortrag 



nicht alles wissen muß, und weil Sie mir auf unangenehme Fragen ohne- 
hin nicht die Wahrheit sagen würden." 

„Woher wissen Sie das?" 

„Weil das alle Leute so machen, und Sie auch keine Ausnahme sind. 
Ich selbst würde einem Menschen, dem ich zum erstenmal gegenüber 
sitze, auch nicht alles sagen." 

„Wenn ich aber doch rede und Sie anlüge, kennen Sie das?" 

„Nein! Es wäre aber schade. Und Sie haben es nicht notwendig, weil 
ich Sie nicht zwingen werde, mir zu antworten." 

„Zu Hause haben sie mir auch immer gesagt, es geschieht mir nichts, 
und wenn ich dann geredet habe, war es noch ärger. Ich habe mir das 
Reden abgewöhnt." 

„Hier ist's doch bißl anders. Mir genügt, was Sie wirklich sagen wollen. 
Allerdings muß ich sicher sein, daß ich nichts Unwahres zu hören 
bekomme." 

„Nun gut." 

„Sie sind also einverstanden?" (Ich halte ihm die Hand hin, in die er 
kräftig einschlägt.) 

„Einverstanden !" 

Warum ich diese Einleitung gerade so machte, und was ich 
damit bezweckte, werden wir erörtern, wenn ich auf die Her- 
stellung der Gefühlsbeziehung zwischen Zögling und Fürsorge- 
erzieher zu sprechen komme. Wie gut der Gefühlskontakt her- 
gestellt war, werden Sie bald bemerken. Jetzt erst beginnt 
eigentlich unser Gespräch, das ich nun mit „Du" einleite, wie 
immer, sobald die Gefühlsbeziehung hergestellt ist. 

„Aus welcher Schulklasse bist du ausgetreten?" 

„Aus der dritten Klasse der Realschule." 

„Warum bist du nicht weiter in die Schule gegangen?" 

„Ich bin in drei Gegenständen durchgefallen und da wollte ich nicht 
mehr weiter lernen." 

„War denn der Vater so ohne weiteres damit einverstanden?" 

„Ihm wäre es lieber gewesen, wenn ich die Klasse repetiert hätte." 

„Wieso bist du gerade auf die Schuhmacherei gekommen?" 

„Mein Großvater ist Schuhmachermeister und ich wollte auch einer 
werden." 

„Da du Realschüler gewesen bist, kennst du die Geschichte von der 
schiefen Ebene; wenn man auf der sitzt, ruscht man herunter. Mich inter- 
essiert daher gar nicht, was alles war, sondern nur der Anfang. Warum 
bist du nach Graz gefahren?" 

„Das weiß ich nicht!" 



Eine Ausheilung in der Übertragung 133 

„Es muß doch einen Grund gehabt haben, warum du gerade nach Graz 
gefahren bist. Du hättest ja geradeso gut nach Linz oder Salzburg fahren 
können, warum also nach Graz?" 

„Ich weiß es wirklich nicht!" 

„Es ist doch noch nicht gar so lange her, nicht einmal ein Jahr. Denke 
einmal nach, vielleicht fällt es dir doch ein?" 

„Vielleicht, weil mein Bruder im Vorjahr mit einer Ferienkolonie in 
Graz gewesen ist . . ." (Hier zögert er merklich, bleibt aber schweigsam.) 

„Willst du mir nicht noch etwas sagen?" (Diese Frage stelle ich erst 
nach einigem Zuwarten, als ich merke, daß ein innerer Kampf nicht zum 
Abschluß kommen will.) 

„Wenn Sie mir versprechen, daß Sie das, was ich Ihnen jetzt sagen 
werde, nicht dem Vater sagen, dann sage ich Ihnen etwas!" (Das spricht 
er, unterbrochen von heftigem Schluchzen, nachdem er mir auf die vor- 
hergehende Frage einen Augenblick voll ins Gesicht gesehen hat, mit zur 
Erde geneigtem Kopf.) 

„Da hast du meine Hand darauf, daß darüber nicht gesprochen wird." 
(Er nimmt sie und drückt sie heftig.) 

„Ich habe mich umbringen wollen." 

„Wann?" 

„Voriges Jahr im Sommer." 

„Bevor du dem Vater die 70.000 Kronen herausgelockt hast oder 
nachher?" 

„Vorher." 

„Warum ?" 

„Mein Bruder ist mit der Mutter zu einer Tante in die Tschechoslowakei 
gefahren und ich bin doch nur der Schuhmacherlehrling und habe da- 
bleiben müssen. Ich bin noch acht Tage in die Arbeit gegangen, dann 
drei Tage nicht mehr und habe Angst bekommen, daß es mein Vater 
erfahren wird. Da habe ich mich umbringen wollen." 

„Hast du einen Selbstmordversuch gemacht?" 

„Nein! Ich habe mir gedacht, ich fahre fort und komme nicht mehr 
zurück, habe mir vom Vater das Geld geholt und bin nach Graz gefahren. 
Wie das Geld weg war, habe ich nicht gewußt, was ich machen soll und bin 
wieder nach Hause gefahren. Zu Hause hat es dann einen fürchterlichen 
Krach gegeben und seit dieser Zeit freut mich nichts mehr." 

„Wie verträgst du dich mit deinem Bruder?" 

„Ganz gut; jetzt die letzte Zeit weniger, weil er immer zum Vater hält." 

„Bist du zu Hause zurückgesetzt worden?" 

„Nein!" 

„Macht dir das nichts, daß dein Bruder studiert und du der Schuh- 
macher bist?" 



134 Fünfter Vortrag 



Aus seinen sonstigen Mitteilungen erwähne ich noch Folgendes : 
Der Junge war vier Jahre alt, als die Mutter starb. Der Vater blieb 
nur ein Jahr verwitwet. Der Großvater, Schuhmachermeister, 
ist der Vater der Stiefmutter. Zwischen diesen beiden besteht 
ein sehr schönes Verhältnis ; sie hängt mit kindlicher Zärtlichkeit 
an ihm und er muß nach den Schilderungen des Jungen ein 
außerordentlich verständiger Mann sein. Die zärtliche Zuneigung 
zur leiblichen Mutter hatte Hans sehr bald auf die Stiefmutter 
übertragen, so daß nicht das gewöhnliche Stiefmutterverhältnis 
besteht. Auch die Beziehungen zum Vater waren bis zum Vor- 
jahre recht gute. Trotz seiner jetzigen Gegeneinstellung schildert 
er ihn als guten Familienvater, der sich um alles sorgt, viel 
zu Hause ist, weder Gast- noch Kaffeehäuser besucht und sich 
viel um seine Kinder kümmert. Die materielle Situation ist eine 
vollständig geordnete. Nicht uninteressant ist, wie Hans sich 
die Berechtigung zur Herauslockung der 70.000 Kronen moti- 
viert. Der Vater hat dem Bruder Geld zur Reise mit der 
Mutter gegeben, und folglich ist auch er berechtigt, solches zu 
verlangen. Hätte er dem Vater den wahren Zweck angegeben, 
so wäre es ihm verweigert worden. Deswegen mußte er ihn 
belügen. Augenblicklich bleibt uns wohl unverständlich, daß er 
nun den Vater verantwortlich macht, Schuhmacher geworden 
zu sein. Er sagt: „Der Vater hätte gescheiter sein müssen als 
ich. Ich war ein dummer Bub. Als Vierzehnjähriger weiß man 
noch nicht, was man werden will. Der Vater hätte darauf 
bestehen müssen, mich zwingen sollen; dann hätte ich schon 
die dritte Realschulklasse wiederholt. Wäre er nur energisch 
darauf bestanden, dann hätte ich ihm schon gefolgt und wäre 
heute auch der Student." 

Nach seinen Mitteilungen frage ich ihn, ob er es für möglich 
halte, daß es zwischen ihm und dem Vater zu einer Verständi- 
gung kommen könnte. Ich erkläre mich auch bereit, dabei 
mitzuwirken. Er wehrt nicht mehr ab, wie am Anfange unseres 



~~ 



Eine Ausheilung in der Übertragung 135 

Zusammenseins, ist aber sehr skeptisch. Er meint: „Ich habe 
wiederholt mit dem Vater gesprochen und es war ganz zweck- 
los. " Ich setze ihm nun auseinander, daß ihn der Vater solange 
nicht verstehen könne, als er nicht wisse, was in ihm vorgeht. 
Er müsse mir daher erlauben, diesem von dem mir Gesagten 
Mitteilung zu machen. Er entbindet mich ohneweiters meiner 
Schweigepflicht. 

Der Junge geht in den Nebenraum und schickt mir nochmals 
den Vater, mit dem ich sehr lange beisammensitze, bis ich ihm 
begreiflich machen konnte, daß er, ohne es zu wissen und zu 
wollen, bisher neben und nicht mit seinem Sohne gelebt, und 
was der arme Junge gelitten hat. Er hört zuerst erstaunt zu, 
schüttelt dann ungläubig den Kopf, wird entrüstet, kommt sehr 
langsam zum Verstehen und schließlich in solche Rührung, 
daß er die Tränen nicht mehr zurückhalten kann. Darob ent- 
schuldigt er sich verschämt, daß er, der seit seiner Kindheit 
nicht mehr geweint hat, sich nun nicht beherrschen kann. Ich 
erkläre ihm seine Erregung als eine ganz natürliche Reaktion 
auf meine Mitteilungen und für mich als Beweis, daß er seinen 
Jungen wirklich liebe. Er beruhigt sich nun etwas und bleibt 
in sehr versöhnlicher Stimmung, so daß mir der Zeitpunkt 
geeignet erscheint, zwischen Vater und Sohn eine erste Ver- 
ständigung anzubahnen. 

Es bedarf hier einer kleinen Einschaltung, um ein immerhin 
mögliches Mißverständnis nicht aufkommen zu lassen. Ich 
habe Ihnen letzthin gesagt, es wäre falsch, in Konfliktssitua- 
tionen ein Kompromiß herzustellen, dem einen und dem anderen 
zuzureden, daß er ein wenig nachgebe. Was ich hier mit Vater 
und Sohn versuche, widerspricht dem nicht. Die gegenseitige 
Aussprache verfolgt den Zweck, dem Vater die Motive des 
Handelns seines Sohnes von diesem selbst sagen zu lassen, 
dem Sohne dadurch die verlorenen Beziehungen zum Vater 
wieder zu verschaffen und so das früher zwischen beiden 



136 Fünfter Vortrag 



bestandene gute Verhältnis nun auf einer sicheren Basis auf- 
zubauen. 

Also, Hans wird gerufen! Ich vermittle den Beginn einer 
Aussprache und entferne mich aus dem Gefühl heraus, daß 
die beiden jetzt allein sein müssen und ein Dritter nur stören 
würde. Nach ungefähr zwanzig Minuten komme ich zurück, 
finde Vater und Sohn verweint und stumm nebeneinandersitzen. 
Der Vater beantwortet meinen erstaunt fragenden Blick: „Es 
nützt nichts, er redet nicht." — Ich weiß, daß der Erzieher 
sich nicht ärgern darf und daß ich auch die Affektsituation des 
Vaters hätte begreifen müssen, aber was läßt sich machen, 
mich packte Wut gegen den Vater; nahezu zwei Stunden hatte 
ich mich mit ihm abgeplagt, ihm eingehendst auseinander- 
gesetzt, worauf es ankomme, ihm gezeigt, wie er es machen 
müsse, damit der arme Bursche wieder ins Gleichgewicht kommen 
könne, und nun dieses ungeschickte Verhalten. — Ohne den 
Vater zu beachten, gehe ich auf den Jungen zu, streiche ihm 
mit der Hand über den Kopf und sage zu ihm: „Gelt, Hans, 
es muß doch nicht immer gesprochen werden ; zwei Menschen 
können einander auch verstehen, ohne ein einziges Wort mit- 
einander zu reden." Daraufhin bricht Hans in erschütterndes 
Weinen aus. Ich weiß nun nicht, hat das den Vater so ergriffen 
oder ist der Junge als erster aufgesprungen, aber im nächsten 
Augenblicke lagen die beiden einander in den Armen und 
küßten sich gegenseitig ab. (Ich gestehe Ihnen ganz offen, daß 
ich selbst von dieser Szene nicht unberührt blieb.) Als sie sich 
ein wenig beruhigt hatten, wollte ich den Jungen auf kurze 
Zeit entfernen, weil ich den Vater noch auf Wichtiges auf- 
merksam machen mußte. Mir erschien es am unauffälligsten, 
Hans um Zigaretten für mich wegzuschicken. Dem Vater setzte 
ich nun rasch auseinander, — der Junge war ja in der kürzesten 
Zeit zurückzuerwarten, — daß solche erste Versöhnungen noch 
lange nicht das Ende des Konfliktes bedeuten. Er müsse sich 



■ 



Eine Ausheilung in der Übertragung 137 

gefaßt machen, daß es Hans in der nächsten Zeit noch weit 
ärger treiben werde. Da ich mich auf eine lange Besprechung 
nicht einlassen konnte, forderte ich ihn nur noch auf, sofort 
zu mir zu kommen, wenn Hans etwas anstelle, um sich mit 
mir zu beraten, was zu unternehmen sei. Wir einigten uns 
noch auf Anregung des Jungen, daß der Vater gleich von mir 
weg mit ihm zum Meister gehen werde, damit er schon am 
Nachmittag wieder die Arbeit aufnehmen könne. Hans war 
sehr erleichtert und schien froh zu sein, sofort wieder in die 
Werkstätte zu kommen. Vater und Sohn schieden von mir 
Arm in Arm, gingen so von mir weg, als ob dauernde Ein- 
tracht hergestellt wäre. 

Schon am nächsten Morgen erwartete mich der Vater beim 
Haustor des Amtsgebäudes. Er war trostlos, niedergeschlagen, 
ganz verzweifelt. Ich mußte einen Wortschwall über mich er- 
gehen lassen : „Alles ist vergebens. Mit dem Jungen ist nichts 
zu machen. Er muß in die Anstalt. Sie haben gesehen, wie 
zerknirscht er gestern gewesen war, und nun wieder die alte 
Geschichte. In Güte geht es schon gar nicht mit ihm." „Was 
ist denn los?" frage ich ganz ruhig den Vater. Sie werden 
verstehen, daß ich mich nicht besonders erregte ; hatte ich ihm 
doch am Tage vorher gesagt, daß wieder etwas kommen wird. 
Nicht ganz verständlich war mir nur die Raschheit, mit der 
das erwartete Ereignis eintrat. Der Vater fährt fort : „Wir 
sind ganz versöhnt miteinander fortgegangen. Am Wege habe 
ich ihm dann noch recht gut zugeredet, er soll von jetzt an 
anständig bleiben, da ich ihm doch alles verziehen habe. Er 
hat mich angehört und nichts gesprochen, so daß ich Mühe hatte, 
mich nicht gleich wieder zu ärgern. Beim Meister war nichts 
Besonderes, ich gab ihm auch keinerlei Aufklärungen, weil er 
der Meinung ist, Hans sei krankheitshalber der Arbeit fern- 
geblieben. Statt nun, wie vereinbart, nachmittags zu beginnen, 
trieb sich der Junge wieder bis spät nachts im Kaffeehaus herum. " 



138 Fünfter Vortrag 



Ich möchte hier ganz kurz bemerken: Sie erinnern, daß ich 
den Jungen um Zigaretten weggeschickt hatte, damit ich den 
Vater auf einen zu erwartenden Rückfall aufmerksam machen 
könne. Der war nun tatsächlich da. Obwohl der Vater nach 
dem ihm Gesagten darauf hätte vorbereitet sein müssen, war 
er doch fassungslos, hatte dem Sohne heftigste Vorwürfe ge- 
macht und damit alles am Vortage Erreichte wieder sehr in 
Frage gestellt. Es ist begreiflich, daß ihm infolge der eigenen 
starken Affektbeteiligung die Deutung „vom undankbaren 
Sohne" näher liegt als die richtige, die wir gleich hören 
werden. Solche kritische Situationen werden von den Eltern 
regelmäßig, von Erziehungspersonen manchmal, falsch aufge- 
faßt und weil der wirkliche Vorgang selten richtig erkannt 
wird, kommt es zu Entgleisungen, die erzieherisch die größte 
Gefahr bedeuten. 

Was da im Verwahrlosten vorgeht, hat sehr viel mit unbe- 
wußtem Schuldgefühl zu tun, über das wir aber jetzt noch 
nicht sprechen können. Wir vermögen uns trotzdem einen 
Teil der Determinierung durch ganz einfache Überlegungen 
klar zu machen. Leicht begreiflich ist, daß ein Junge, der als 
Folge seiner Verwahrlosungsäußerungen immer strenge Be- 
handlung von seiner Umgebung erfuhr, mißtrauisch werden 
muß, wenn dieselben Personen — in unserem Falle der 
Vater — plötzlich ein vollständig geändertes Verhalten zeigen. 
Die Gesinnungsänderung wird nicht geglaubt und daher durch 
neue Streiche erprobt. Erst wenn die Strafe dauernd ausbleibt, 
ist sie wirklich eingetreten. Der Dissoziale gibt sich daher 
nicht zufrieden, wenn die in Frage Kommenden anfänglich 
milde und verzeihend sind, er reizt sie durch ärgere Verwahr- 
losungsäußerungen. Statt das zu verstehen, nehmen es die 
Eltern als Beweis, daß durch Güte nichts zu erreichen ist. Mit 
der nun wieder einsetzenden strengen Behandlung ist der alte 
Zustand hergestellt und niemals Besserung zu erwarten. Ist 



Eine Ausheilung in der Übertragung 139 

aber beispielsweise der Vater verständig, läßt er sich nicht 
irre machen und nicht in die alte Einstellung zurückzwingen, 
so ergibt sich für den Verwahrlosten eine kritische Situation. 
Die dissozialen Äußerungen haben dann — wenn sie sich aus 
einer Gegeneinstellung zum Vater determinieren — keinen 
Sinn mehr. Das darf aber nicht sein, weil sonst der Dissozia- 
lität die Grundlage fehlte. Und wenn anfänglich das Anschwellen 
der Verwahrlosungsäußerungen der Ausdruck des Mißtrauens 
ist, wird es später zur Aufforderung : „Sei so zu mir, wie du 
früher warst!" Dies wird Ihnen viel deutlicher werden, wenn 
wir im achten Vortrage von den „Aggressiven" sprechen. Erst 
wenn alle Provokation vergeblich bleibt, bricht der Aufbau, 
der die Verwahrlosung hält, zusammen und nach und nach 
kommt es zu einem wellenförmigen Ablaufen der Verwahr- 
losungserscheinungen. Die Zeitdauer ist verschieden, je nach 
der Tiefe der unbewußten Verankerung. Wir haben es hier 
mit einem Vorgange zu tun, den ich recht oft beobachten konnte, 
dessen theoretische Begründung ich Ihnen aber hier nicht 
geben kann. Er wird sich vollständig einwandfrei überhaupt 
erst feststellen lassen, wenn genug Analysen solcher Fälle vor- 
liegen werden. 

Kehren wir nun zum Jugendlichen zurück. Ich sehe, daß 
der Vater infolge seiner eigenen Gefühlskonstellation nicht in 
der Lage ist, erzieherisch erfolgreiche Arbeit zu leisten, muß 
ihn daher als Heilfaktor ausschalten und versuchen, ohne ihn 
auszukommen. Auf meine Frage, wo der Junge jetzt sei, er- 
halte ich zur Antwort: „In der Werkstätte bei seinem alten 
Meister." Ich ersuche den Vater, er möge mir Hans um sieben Uhr 
abends an einen bestimmten Ort schicken, weil ich einiges 
mit ihm besprechen möchte. 

(Ich bestelle mir häufig Jugendliche, die tagsüber von der 
Arbeit nicht abkommen können, abends und spreche mit ihnen 
auf dem Wege von der Erziehungsberatung nach Hause.) 



HO Fünfter Vortrag 



Hans erwartete mich pünktlich und begrüßte mich sehr herz- 
lich, das Gespräch war nicht sehr wortreich. Er redet über- 
haupt nicht viel, gehört zu den Menschen, die sich schon wohl 
fühlen, wenn sie den anderen nur neben sich wissen. Ich er- 
kundigte mich nach seinem Befinden, nach seiner gestrigen 
und heutigen Arbeit. Er log mir mit einer bewunderungs- 
würdigen Sicherheit vor, was er alles am Vortage gearbeitet 
hatte, an dem er, wie wir wissen, gar nicht in der Werkstätte 
war. Ich ließ mir natürlich nicht anmerken, daß ich es besser 
wußte. Wir kamen auch auf den Vater zu sprechen. Dabei 
machte er wie nebenbei die Bemerkung, daß ich diesen 
doch nicht richtig kenne. Auf mein: „Woher weißt das?" Er: 
„Weil Sie ihn für viel besser halten, als er wirklich ist." „Ist 
er denn schlecht?" „Nein, aber nicht gut zu mir. Er hat mich 
gestern beim Nachhausegehen die ganze Zeit sekkiert, ich soll 
nun doch, da er mir alles verziehen hat, anständig bleiben." 
Wir haben hier sicherlich einen Anhaltspunkt, warum der 
Junge so rasch wieder zu dissozialen Handlungen zurückkehrte. 
Für ihn ist der Vater mit seinem eifrigen Auf-ihn-Einreden 
doch nicht der verständige Mensch, als der er bei mir erschienen 
ist. Er zwingt ihn schon wieder in eine unangenehme Situation 
hinein. 

Während unseres Gespräches gingen wir langsam durch 
die Straßen. Es regnete leicht, darum wollte ich schließlich 
die Straßenbahn zum Nachhausekommen benützen. Meine Ver- 
abschiedung, da er in einer anderen Fahrtrichtung wohnt, ließ 
er aber nicht zu. Er könne mich ein Stück begleiten und von 
einer Umsteigstelle auch nach Hause kommen. Er fuhr mit; 
wir sprachen unter anderem auch von der Musik. Dabei ging 
er etwas aus sich heraus und teilte mir mit, daß seine Ange- 
hörigen sehr musikalisch seien, der Vater die Violine, der 
Bruder Klavier spiele und er die Flöte blase. Als wir zur Um- 
steigstelle kamen, ließ er sich nicht bewegen, nach Hause zu 



Eine Ausheilung in der Übertragung 141 

fahren, sondern blieb neben mir sitzen mit den Worten : „Jetzt 
begleite ich Sie schon ganz." Unmittelbar vor dem Aussteigen 
fragte er mich, wann wir wieder zusammenkommen könnten. 
Ich gab ihm den drittnächsten Tag an. „Das ist zu lange, ist 
es nicht früher möglich?" „Ja, morgen, wenn du mich um 
7 Uhr in der . . . straße erwarten willst." Er ging dann noch 
bis zum Haustor mit und verabschiedete sich mit den Worten : 
„Richten Sie mir einen schönen Handkuß an die gnädige Frau 
aus." Wir hatten von meiner Frau, überhaupt daß ich ver- 
heiratet sei, kein Wort gesprochen, das nahm er jedenfalls als 
selbstverständlich an. Ich blieb beim Haustor stehen. Nach unge- 
fähr fünfzig Schritten wendete er sich um und schwenkte grüßend 
den Hut, was ich erwiderte. Das wiederholte sich noch 
mehreremal, bis er bei der etwa dreihundert Schritte ent- 
fernten Straßenbahnhaltestelle einstieg. Am nächsten Abend 
war er pünktlich zur Stelle. Er schlug vor, zu gehen und nicht 
zu fahren, weil wir sonst zu rasch von einander gingen. Der 
Weg zu Fuß währt ungefähr eine Stunde. Es wurde wieder 
nicht besonders viel gesprochen. Er lud mich aber ein, ihn zu 
Hause zu besuchen, er werde einen Musikabend veranstalten. 
Es sei zwar nicht sicher, daß der Vater mitspielen werde, 
aber sein Bruder habe schon zugesagt, ihn auf dem Klavier zu 
begleiten. Ich bedeutete ihm, daß ich ein sehr kritischer, schwer 
zu befriedigender Zuhörer sei und daß er und sein Bruder 
ein Vortragsprogramm gut durchstudiert haben müssen, ehe 
ich zuhören komme. Mir war natürlich darum zu tun, eine von 
ihm ausgehende Anregung erzieherisch zu verwerten, ihn bei 
einer ihn interessierenden Beschäftigung während längerer Zeit 
zu Hause festzuhalten. 

Da ich damals sehr stark beschäftigt war, konnte ich mich 
dem Jungen wöchentlich höchstens dreimal je eine halbe bis 
eine Stunde widmen und auch da nur auf der Gasse abends 
auf dem Wege nach Hause. Wenn ich unter diesen ungünstigen 



j 42 Fünfter Vortrag 



Verhältnissen erzieherische Erfolge erzielen wollte, mußten 
seine Gefühlsbeziehungen zu mir sehr stark sein. Ihn darüber 
zu befragen, ging nicht an. Um mich von deren Intensität zu 
überzeugen, mußte ich ihn einer Belastungsprobe aussetzen 
und zuwarten, ob er diese aushielt. Ich bestellte ihn daher so, 
daß ich selbst erst zwei Stunden später eintreffen konnte. Als 
ich kam, war er fort. Ich erfuhr aber, daß er mehr als einund- 
einhalb Stunden ausgeharrt hatte. Er war nicht verärgert fort- 
gegangen, sondern hatte das Ersuchen zurückgelassen, ihn zu 
verständigen, wann und wo wir uns wieder sehen werden. 

Wir trafen uns schon am nächsten Tag und ich nahm mir 
vor, ihn bei der ersten sich darbietenden Gelegenheit für 
seine Ausdauer zu belohnen, überzeugt, daß sich bald ein 
Anlaß ergeben werde. Dieser ließ, wie Sie gleich hören 
werden, auch tatsächlich nicht lange auf sich warten. 

Bei der Begrüßung war er freundlich wie immer, machte 
mir keinerlei Vorwürfe, fand im Gegenteil sehr begreiflich, daß 
ich, da ich sehr viel zu tun habe, nicht immer getroffene Ver- 
einbarungen einhalten könne. Wir gingen wieder zu Fuß. Er 
erzählte von seinem Meister und so freudig von Spezialarbeiter 
die ihm seit neuerer Zeit übergeben werden, daß deutlich sein 
gehobenes Selbstgefühl durchschimmerte. Er sprach aber auch 
von Unangenehmem in der Werkstätte. Auch von einem Gehilfen, 
der ihm diese Bevorzugung neide, grantig sei und nicht hören 
könne, wenn er ein Liedchen vor sich hin pfeife, was ihm seit 
neuerer Zeit großes Vergnügen mache. Als das Werkstätten- 
thema erschöpft war, kamen auch Mitteilungen von zu Hause. 
Besonders eingehend verbreitete er sich über das musikalische 
Vortragsprogramm. Sehr zufrieden ist er mit dem Bruder, der 
willig auf seine Wünsche eingeht. Damit wies er mir die 
Richtung, in der ich seine Belohnung zu suchen hatte. — Mein 
Besuch! — Ich setzte mit ihm den Termin fest. Da ich ihn 
aber noch einige Zeit mit einer bestimmten Zielsetzung zu 



Eine Ausheilung in der Übertragung 143 



Hause festhalten wollte, vereinbarten wir als Besuchstag den 
zweitnächsten Sonntagnachmittag. Der Junge war sehr glücklich, 
nun schon den Tag meines Kommens zu wissen, und nicht 
ungeduldig, daß er noch so lange zuwarten müsse. 

Wir gingen dann schweigsam nebeneinander; er ganz in 
Gedanken verloren, ich ihn beobachtend. Nach einiger Zeit 
fragte ich ihn, woran er denke. Er wehrte zuerst ab und 
wurde recht verlegen. Auf mein Drängen gab er endlich seinen 
Widerstand auf, es sei eigentlich zu dumm, nicht zu reden, es 
war nichts Besonderes, an das er dachte, ich werde ihn viel- 
leicht auslachen, wenn er es jetzt mitteile: aber das gehe ihm 
immer so. Zuerst erscheine ihm etwas als eine besondere 
Sache, er könne nicht richtig davon sprechen, und mache des- 
wegen nur eine Andeutung. Gebe der andere nicht nach, so 
werde ihm selbst plötzlich klar, daß er zu viel Aufhebens 
gemacht habe, schäme sich und könne dann erst recht nicht 
den Mund aufmachen. Ich machte ihm begreiflich, daß ich gar 
nichts Besonderes erwarte und er, wenn es ihn Überwindung 
koste, schweigen möge. Wir gingen dann nur noch einige 
Schritte weiter und recht zaghaft kam heraus: „Wenn mein 
Vater so zu mir wäre, wie Sie, hätte ich das alles nicht 
gemacht." Ich nehme das zum Anlaß, um einiges über sein 
Verhältnis zum Vater mit ihm zu besprechen. Was er sagte, 
deckt sich im wesentlichen mit dem Ihnen bereits Mitgeteilten. 

Von den drei nächsten Zusammenkünften ist zu berichten, 
daß unser Gespräch sich vorwiegend im Rahmen seiner Bezie- 
hungen zu den einzelnen Familienmitgliedern bewegte und 
manches in seiner Stellung zum Vater geklärt würde. 

Als wir uns nach einer Pause von fast acht Tagen an einem 
Samstag wieder trafen, kam er strahlend auf mich zu. Sein 
Wochenlohn war um ein Drittel erhöht worden. Das kam um so 
überraschender, weil er bereits die beiden vorhergehenden Wochen 
kleinere Lohnerhöhungen erhalten hatte. Aus der mir schon 



144 Fünfter Vortrag 



früher mitgeteilten Zuteilung der schwierigeren Arbeit und der 
beträchtlichen Steigerung des Arbeitslohnes dürfen wir wohl 
den Schluß ziehen, daß Hans nun ein ganz anderes Verhältnis 
zur Arbeit gefunden hatte. Wir sehen, daß es auch wirtschaft- 
lich von Vorteil ist, innerlich in Ordnung zu kommen; denn 
der Meister entschloß sich sichedich nicht aus Liebe zum Jungen 
oder aus erzieherischen Rücksichten zu einer um so viel 
besseren Bezahlung als früher; zudem wußte er auch gar nicht, 
daß sich jemand erzieherisch mit Hans beschäftigte. — Ich 
bemerke dazu, daß ich mich grundsätzlich nicht an die Lehr- 
herren der Jugendlichen wende. So wertvoll es oft wäre, ich 
kann es doch nicht wagen, weil die Jungen dadurch zu leicht 
in schiefe Situationen kommen. Meister, Gehilfen und Mitlehr- 
linge erfahren Dinge, die bei den kleinsten Vorkommnissen in 
der Werkstätte gegen ihn ins Treffen geführt werden. 

Und nun zum Besuchssonntag! 

Die Familie war vollzählig versammelt. Hans in merklicher 
Aufregung, die ich dadurch zu vermindern suchte, daß ich zum 
Vortrag drängte. Es wurde recht gut musiziert, für den Haus- 
gebrauch mehr als ausreichend. Hans war mit Feuereifer 
dabei. Ich gab meine Zufriedenheit deutlich, aber nicht über- 
mäßig zu erkennen. Jedenfalls sah er, daß ich mich freute. Es 
war nichts Gemachtes in dem Zusammensein. Alle waren inner- 
lich froh, das war jedem Familienmitgliede aus dem Gesichte 
abzulesen, förmliches Wohlbehagen atmete mir entgegen. 

In den kurzen Pausen saßen wir um den Tisch herum, 
sprachen über Verschiedenes, über Tagesereignisse, die Sorgen 
der Mutter um den Haushalt, über den Beruf des Vaters, dessen 
Unannehmlichkeiten, aber nicht über das frühere Verhalten 
Hansens und sein jetziges Benehmen. Es vergingen nahezu drei 
Stunden angenehmen Beisammenseins für alle. 

Der Vater begleitete mich eine Strecke Weges, glücklich 
über die günstige Wendung. So verzweifelt er noch vor ein 



Eine Ausheilung in der Übertragung 145 



paar Wochen war, so begeistert zeigte er sich jetzt. Und wie 
ich ihn damals aufrichten mußte, weil doch noch nicht alles 
verloren wäre, so mußte ich nun eindämmen, weil möglicher- 
weise noch nicht alles gewonnen sein konnte, unangenehme 
Überraschungen noch nicht ausgeschlossen waren. Der Vater 
sagte unter anderem: „Wenn ich mir vorstelle, daß ich den 
Jungen in eine Besserungsanstalt geben wollte, weil wir schon 
so zermürbt waren und uns nicht mehr zu helfen wußten, so 
kommt mir das jetzt wie ein Traum vor. Es ist bei uns wieder 
so, wie es ehedem war. Hans geht regelmäßig in seine Arbeit. 
Der Meister hat mich rufen lassen, er ist recht zufrieden mit 
ihm. Am Abend kommt er pünktlich nach Hause, das Instrument 
wird hervorgeholt und die beiden Buben musizieren stundenlang 
miteinander. Sie sind wieder ein Herz und ein Sinn wie früher. 
Ich kann ihnen nicht sagen, wie froh ich bin, daß alles wieder 
in Ordnung ist." 

Am Abend des nächsten Tages kam ich wieder mit Hans 
zusammen. Für ihn blieb mir nicht viel Zeit, da ich in einer 
Elternversammlung zu sprechen hatte. Er begleitete mich auf 
der Straßenbahn dorthin und besprach Einzelheiten meines 
Besuchs und schloß mit den Worten: „Ich habe mich bald 
schlafen gelegt und mußte mir noch einmal alles vorstellen; 
es war wirklich sehr schön." 

Wir trafen uns dann noch einige Wochen, immer wieder 
abends an den bestimmten Tagen. Er begleitete mich jedesmal 
bis nach Hause, aber nie bis in meine Wohnung, weil ich das 
absichtlich vermeiden wollte. Unsere Zusammenkünfte wurden 
durch meinen Urlaub unterbrochen, den ich nicht in Wien ver- 
brachte. Es darf Sie nun nicht überraschen, daß ich während 
dieser Zeit namentlich mit Jugendlichen die angeknüpften Be- 
ziehungen nicht aufgebe, sondern mit ihnen in brieflichem 
Verkehr bleibe. Ich bemühe mich, alles zu vermeiden, was die 
Übertragung zu einer Zeit, in der sie noch erzieherisch wirk- 

Aichhorn, Verwahrloste Jugend 10 



146 Fünfter Vortrag 



sam sein muß, besonders schwächen könnte. Dazu gehört auch 
eine längere räumliche Trennung, die ohne schriftliche Ver- 
bindung bleibt. Daß später die Ablösung des Erziehungszöglings 
erfolgen muß, ist selbstverständlich. Das gehört aber nicht 
hieher, sondern in ein anderes Kapitel. Hans erhielt daher, so 
wie einige andere, meine Urlaubsanschrift. Er war ein besonders 
eifriger Schreiber. Es langte von ihm wöchentlich ein und, wenn 
ich gleich antwortete, auch ein zweiter Brief ein. In einem dieser 
Briefe teilte er mir auch mit, daß Mutter und Schwester zu den 
Verwandten in die Tschechoslowakei gefahren seien. Eine Be- 
dienerin, die die Mutter aufnehmen wollte, habe er als über- 
flüssig abgelehnt, weil er selbst die Wohnung in Ordnung halte. 
Er erging sich in den Briefen auch in Schilderungen über die 
Junggesellenwirtschaft, in die sich Vater und Bruder nach 
seinen Anordnungen fügen müssen. Werde die Ordnung durch- 
brochen, so mache er Spektakel und der Vater füge sich viel 
rascher als der Bruder. Mit dem müsse er besonders energisch 
sein. Nach und nach wurde der Ton in seinen Briefen merklich 
kühler, ohne daß diese sich zahlenmäßig und in ihrem Umfange 
verringerten. Ich zeigte ihm meine Rückkunft nach Wien an, 
er war auch zur Stelle und bei der Begrüßung von der alten 
Herzlichkeit; erkundigte sich nach Persönlichem und schien 
sehr erfreut, als ich mit ihm für den zweitnächsten Tag am ge- 
gewöhnlichen Orte und zur gewöhnlichen Zeit eine Zusammen- 
kunft vereinbarte. Er kam aber nicht, entschuldigte sich schrift- 
lich und schlug mir ein Zusammensein in weiteren zwei Tagen 
vor, auf das ich einging. Er erschien aber wieder nicht und 
ließ sich, ohne Entschuldigung, überhaupt nicht mehr sehen. 
Sein Fernbleiben machte mich nicht böse. Ich kann auch nicht 
sagen, daß ich mich über den Erziehungserfolg und die so gut 
gelungene Ablösung von mir freute. Ich war anderweitig wieder 
so sehr beschäftigt, daß er mir einige Zeit nicht abging. Als 
ich mich nach ungefähr zwei Wochen seiner erinnerte, wurde 



I 



Eine Ausheilung in der Übertragung 147 



mir ein wenig bange. Ich brachte sein Nichtkommen mit einem 
Rückfall in Zusammenhang, war weit davon entfernt, einen 
dauernden Erfolg anzunehmen. Ich schrieb ihm und erhielt 
sofort Antwort. Er teilte mir mit, daß er sich sehr wohl fühle, 
jetzt Überstunden mache, weil sehr viel zu tun sei, und es ihm 
daher nicht möglich sei, abends zu kommen. In einigen Wochen 
wäre das Ärgste vorüber und er freue sich, mich dann wieder 
aufsuchen zu können. Bei einem zufälligen Zusammentreffen 
mit dem Vater sprach sich dieser sehr befriedigt über das 
tadellose Verhalten seines Sohnes aus und gab der Hoffnung 
Ausdruck, daß es nun auch in Zukunft so bleiben werde. 

Der Junge ließ sich auch in einigen Wochen nicht sehen. 
Zu Weihnachten kam er, zu Neujahr schickte er eine Karte, 
dann hörte ich wochenlang nichts. Wir trafen uns im Früh- 
jahr zufällig auf der Straßenbahn. Er war in bester Verfassung. 
Von da an langte durch eineinhalb Jahre ab und zu eine 
schriftliche Nachricht von ihm, namentlich zu größeren Feier- 
tagen, ein. Da seit drei Jahren alles in schönster Ordnung ist, 
wird ein Rückfall kaum mehr eintreten. Erzieherisch haben 
wir vorläufig nichts mehr zu tun, für uns ist die Angelegen- 
heit befriedigend zur Erledigung gekommen. Zweifellos hat 
das Leben selbst hier noch manches zu richten, namentlich 
dem Jungen den Weg frei zu machen, der ihn zu den rich- 
tigen Beziehungen zum anderen Geschlechte führt. 

Ich habe Ihnen nun über diese Erziehungsangelegenheit viel 
Wesentliches bis zu ihrem Abschlüsse berichtet, mußte aller- 
dings, um den Rahmen nicht zu überschreiten, manche interes- 
sante und lehrreiche Einzelheit weglassen, und werde nunmehr 
Überlegungen, die uns einen Einblick in ursächliche Zusammen- 
hänge vermitteln sollen, anschließen. Ich muß Sie aber gerade 
in diesem Falle noch vielmehr als ich es bisher immer getan 
habe, aufmerksam machen, daß wir, ohne den Jungen zu ana- 
lysieren, nie die tatsächlichen Abhängigkeiten von einander 

10* 



148 Fünfter Vortrag 



werden klar erkennen können. Wir bleiben ohne Analyse auf 
Wahrscheinlichkeitsschlüsse angewiesen. Das Überraschende 
und ohne Analyse sicher nicht überzeugend zu Erklärende ist 
der rasche und auch nach der Loslösung andauernde Heil- 
erfolg, der, für den Psychoanalytiker klar, nur ein Heilerfolg in 
der Übertragung sein kann. Zweifel, ob so Dauererfolge zu 
erzielen sind, werden wir im letzten Vortrag beheben. 

Ich habe Ihnen schon eingangs der Besprechung mitgeteilt, 
daß es mir diesmal nicht darauf ankommt, ursächlichen Zu- 
sammenhängen besonders weit nachzugehen. Ich müßte mich 
auch für die Wahrscheinlichkeitsschlüsse auf theoretische Aus- 
einandersetzungen einlassen, die für eine erste Einführung zu 
weit gingen. Wir werden daher ziemlich an der Oberfläche 
bleiben müssen. Daß es sich hier um einen Racheakt des Jungen 
gegen seinen Vater handelt, erscheint nach der Sachlage ziem- 
lich klar. Er fühlt sich gegen den älteren Bruder zurückgesetzt, 
weil dieser als Student Vorteile hat, die ihm als Lehrling ver- 
sagt bleiben. Und doch ist uns nicht recht begreiflich, warum 
er als Siebzehnjähriger dem Vater Vorwürfe macht, ja ihm 
geradezu die Verantwortung dafür aufhalst, Schuhmacher ge- 
worden zu sein, da er doch als Vierzehnjähriger dem Drängen 
des Vaters, Student zu bleiben, so hartnäckigen Widerstand 
entgegengesetzt hat. Wir wissen vom Vater und von Hans, 
daß jenem der Schuhmacherlehrling nicht angenehm war. Es 
muß ein starker Impuls vorhanden gewesen sein, nicht mehr 
in die Schule zu gehen, sondern Schuhmacher zu werden, der 
Jahre später verschwunden war. 

Wir müssen jetzt schon ins Auge fassen, daß der Sechzehn- 
jährige nicht mehr in derselben psychischen Verfassung ist, 
wie der Vierzehnjährige, und wollen daher versuchen, uns zu- 
nächst einmal einen Teil der psychischen Situation des Jungen am 
Beginne seiner Lehrzeit zu rekonstruieren. Vielleicht gibt uns 
den Ausgangspunkt dazu eine, wie mir scheinen will, nicht 



Eine Ausheilung in der Übertragung 149 

unwichtige Äußerung des Minderjährigen. Erinnern Sie, daß 
er beim Haustor, als wir zum erstenmal auseinandergingen, 
sagte: „Richten Sie mir einen schönen Handkuß an die gnädige 
Frau aus!" Zufall kann es nicht sein; es als Höflichkeits- 
äußerung aufzufassen, liegt auch kein Grund vor. Wir hatten 
von meiner Frau kein Wort gesprochen, es kann ihm nur mein 
Ehering aufgefallen sein, oder er hat mein Verheiratetsein als 
etwas Selbstverständliches vorausgesetzt. Für ihn war es auf 
jeden Fall gegeben, sonst wäre sein Auftrag unmöglich. Diese 
Selbstverständlichkeit ist auch selbstverständlich ; denn er hatte 
mich ja an Vaters Stelle gesetzt. Wir wissen das aus einer 
späteren Äußerung: „Wenn mein Vater so zu mir wäre wie 
Sie, hätte ich das alles nicht gemacht." In diesem Zusammen- 
hange gelten aber die mir aufgegebenen Grüße der Mutter. 
Wenn sich nun ohne jedweden direkten äußeren Anlaß solche 
Beziehungen aus dem Unbewußten äußern, dann müssen sie 
irgendwie sehr stark affektbetont sein. Ob sich so starke Be- 
ziehungen zur Mutter behaupten lassen? Diese ist doch seit 
Jahren tot und im Familienverbande lebt die Stiefmutter ! Wir 
wagen diesen Wahrscheinlichkeitsschluß, weil wir Anhalts- 
punkte dazu vorfinden. Zunächst derselbe feminine Habitus, 
das ängstliche, schüchterne, weibische Benehmen, das uns schon 
einmal auf eine infantil inzestuöse Bindung aufmerksam ge- 
macht hat. Dann die sehr guten Beziehungen zur Stiefmutter, 
die wir vom Vater angegeben bekommen, von Hans selbst 
hören und zu sehen Gelegenheit hatten. Die Liebe zur leib- 
lichen Mutter erscheint restlos auf die Stiefmutter übertragen. 
Die infantil inzestuöse Bindung wirkt nach, die Verdrängungs- 
welle in der Pubertät ist weit stärker, als normal, das heißt 
das Aufgeben der Liebesobjekte innerhalb der Familie und die 
Wahl anderer außerhalb der Familie gelingt nicht. Wir sehen 
auch bei Hans, so wie früher bei einem anderen Jugendlichen, 
dieselbe Einstellung zur Frau: er lehnt sie ab. In solchen 



150 Fünfter Vortrag 



Fällen bleibt der Vater der bewußt nicht eingestandene Kon- 
kurrent in der Liebe zur Mutter. Seine Ablehnung wird ver- 
drängt, weil man ja den Vater lieben muß. Wenn er aus dieser 
durch Verdrängung unbewußt gewordenen oder unbewußt ge- 
bliebenen Ablehnung des Vaters nicht studiert, so trifft er ihn, 
den Privatbeamten in leitender Stellung, der seine Söhne einem 
Intelligenzberuf zuführen will, und erledigt damit ein Stück un- 
bewußter Rache. Er begnügt sich aber nicht mit dem Nicht- 
studieren-Wollen, sondern will Schuhmacher werden. Er er- 
greift denselben Beruf, den der Vater der Stiefmutter hat. 
Wir wissen, daß diese jenem mit großer Zärtlichkeit zugetan 
ist. Wird auch er Schuhmacher, dann zwingt er die Stiefmutter, 
ihn noch über den Vater zu stellen und ihn so lieb zu haben 
wie ihren Vater, seinen Großvater. Wir können daraus wohl 
schließen, daß das Bemühen des Vaters, ihn beim Studium zu 
halten, vergeblich sein mußte, selbst wenn wir die reale Unlust 
des durchgefallenen Schülers vernachlässigen. 

Zwei Jahre später, als die dissozialen Äußerungen auftraten, 
war er in einem wesentlich anderen psychischen Zustande. 
Wir können uns schon denken, daß das affektiv gehaltene 
Motiv, das ihn in die Schuhmacherei führte, durch die vielen 
Unlusterlebnisse, die das Lehrlingsein für das Kind aus dem 
Beamtenmilieu mit sich bringt, geschwächt werden mußte. Der 
Knabe aus diesen Verhältnissen fühlt sich deklassiert, noch dazu 
wenn er aus der Mittelschule kommt wie Hans. Dazu bleibt 
ihm die fortwährende Vergleichsmöglichkeit mit dem Student 
gebliebenen Bruder. Dieser hat außerdem noch mancherlei 
andere Vorteile, geht auch in den Ferien auf das Land und 
er muß dableiben. Die Ferienkolonie in Graz macht außer- 
ordentlich tiefen Eindruck auf Hans. Und auch das der Stief- 
mutter gebrachte Opfer — für sie wurde er Schuhmacher — 
ist zwecklos geworden ; sie nimmt nicht ihn, sondern den anderen 
zu den Verwandten mit. Es wäre uns nun zweifellos begreif- 



Eine Ausheilung in der Übertragung 151 



lieh, wenn in Hans Haß gegen die Stiefmutter auftauchen und 
sich in Aggressionen gegen die Stiefmutter Luft machen würde. 
Davon ist aber nichts zu bemerken. Wir müssen deswegen 
daran denken, daß der Junge von seinem zwei Jahre früher 
erfolgten Eintritte in die Schuhmacherlehre bis zu seiner Fahrt 
nach Graz als Sechzehnjähriger einen weiteren Teil seiner 
Pubertät erledigt hat und uns deswegen auch in einer anderen 
Entwicklungsphase gegenübersteht. Ist die Verdrängungswelle 
auch noch so stark, so muß doch der Libidovorstoß die männ- 
liche Aggression verstärkt haben. Wir haben schon gehört, 
daß bewußter Haß gegen die Stiefmutter nicht vorhanden ist, 
der zweifellos da wäre, wenn sich die inzestuöse Bindung an 
diese nicht gelockert hätte. Ist diese Lockerung aber eingetreten, 
dann muß sie in einer Annäherung zum Vater in Erscheinung 
treten. Wir ersehen auch den Versuch einer Rückkehr zum 
Vater. Er lockt ihm 70.000 Kronen heraus und begründet dies 
damit, daß der Bruder auch Reisegeld erhalten hat. Er will 
dem Vater in derselben Situation erscheinen wie der Bruder. 
Daß er dazu den falschen Weg wählt, ändert an der Tatsache 
nichts. Er erkennt den falschen Weg nicht, sieht nur das Miß- 
lingen des Versuches einer Annäherung und alles bricht zu- 
sammen. Wir müssen uns nur den Kampf vorstellen, der im 
Unbewußten und im Bewußtsein des Jungen tobt: die Unlust- 
erlebnisse in der Lehre, die Zurücksetzung durch den Vater, 
weil er Schuhmacher geworden ist, der Vater als Objekt der 
Liebe, der diese aber ablehnt und gleichzeitig der Konkurrent 
um die Liebe der Stiefmutter; das unnütz der Stiefmutter 
gebrachte Opfer und schließlich der versperrte Rückweg zum 
Vater. Es braucht uns nicht zu wundern, daß Hans, der nun 
auch seinen ganzen Lebensplan zerstört sieht, sich Selbstmorden 
will. Daß er den Selbstmord nur symbolisch in der Fahrt 
nach Graz ausführt, verdankt er seiner Selbstliebe, seinem 
Narzißmus, in psychoanalytischer Sprechweise, der ihm nach 



einigem Schwanken noch einen Ausweg aus seinen Qualen 
ermöglicht. 

Damit hätten wir, ohne auf sehr tiefe Zusammenhänge ein- 
zugehen, im wesentlichen besprochen, was an ursächlichen Zu- 
sammenhängen ohne direkte Analyse zu erfahren ist. Die 
theoretischen Zusammenhänge des Ausheilungsvorganges, die 
auch unser Interesse in Anspruch nehmen, werden uns' teil- 
weise klarwerden, wenn wir im nächsten Vortrage einiges 
von der „Übertragung" zu hören bekommen. Ich habe diesen 
Ausdruck heute schon wiederholt gebraucht, gehe aber infolge 
der vorgeschrittenen Zeit auf nicht mehr ein, als Ihnen zu sagen, 
was wir uns darunter vorzustellen haben : Die Gefühls- 
beziehungen, die sich zwischen dem Analytiker und dem Analy- 
sanden herstellen. Wenn Sie erinnern wollen, habe ich davon 
andeutungsweise schon im ersten Vortrage gesprochen. 



SECHSTER VORTRAG 

Die Übertragung 

A/f eine Damen und Herren! Wir haben schon öfter den Aus- 
druck Übertragung gebraucht und bei der letzthin ge- 
schilderten Verwahrlosung sogar von einer Ausheilung in der 
Übertragung gesprochen, ohne bisher viel mehr als bloß das 
Wort zu kennen. 

Wir wollen daher heute etwas näher auf jene Gefühls- 
beziehungen eingehen, die so benannt werden. Während einer 
Psychoanalyse räumt der Analysierte dem Analytiker eine 
hervorragende Rolle in seinem Gefühlsleben ein, die zwar 
nach Abschluß der Kur wieder zm-ückgenommen wird, für 
deren Verlauf aber von der allergrößten Bedeutung ist. Vom 
Patienten spinnen sich Gefühle der Zuneigung und Ablehnung 
zu dem ihn Behandelnden, die in ihrer wechselnden und hoch 
anschwellenden Intensität das normal zu erwartende Maß so 
weit überschreiten, daß sie seit langer Zeit auch das theore- 
tische Interesse der Psychoanalytiker auf sich gezogen haben. 
Freud selbst hat diese Phänomene eingehend studiert, auf- 
gehellt und sie unter dem Namen „Übertragung" zusammen- 
gefaßt. Warum er gerade diese Bezeichnung wählte, werden wir 
noch hören. 

Ich kann Ihnen die theoretischen Untersuchungen Freuds 
über die Übertragung nicht in ihrer Gänze mitteilen, sondern 
muß mich auf das für uns Wesentliche beschränken. 

Wenn wir in der Fürsorgeerziehung von der Übertragung 
sprechen, so meinen wir damit die Gefühlsbeziehung des Für- 



154 Sechster Vortrag 



sorgeerziehungszöglings zu seinem Erzieher, ohne daß behauptet 
wäre, es handle sich genau um dasselbe wie in der psycho- 
analytischen Situation. Die „Gegenübertragung" sind dann die 
Gefühlsbeziehungen des Fürsorgeerziehers zu seinem Zögling. 
Die Gefühlsbeziehungen, die der Fürsorgeerziehungszögling zu 
seinem Erzieher gewinnt, basieren natürlich auch auf bereits 
früher einmal bestandenen Beziehungen zu irgend jemandem. 
Und wenn wir jene studieren wollen, müssen wir diese kennen. 
Nun sind uns die zärtlichen Beziehungen, aus denen sich das 
Liebesleben des Kindes zusammensetzt, nicht mehr fremd, es 
ist uns schon manches in den vorhergehenden Vorträgen be- 
kannt geworden. Wir haben gesehen, wie der kleine Knabe 
Vater und Mutter als Liebesobjekte nimmt, und verfolgten die 
Strebungen, die sich aus diesem Verhältnis ergeben, über die 
Ödipussituation, den Ödipuskomplex bis zu dessen Untergang 
mit seinen in eine Vater- und Mutteridentifizierung auslaufen- 
den Wirkungen. Wir hatten aber auch schon Gelegenheit, das 
Verhältnis von Geschwistern untereinander kennen zu lernen, 
wie sich die ursprüngliche Konkurrenzneigung zueinander unter 
dem Drucke der gleichen Zuneigung zu den Eltern in Ge- 
schwisterliebe umbildet, und schließlich gehört, daß der Knabe 
in der Pubertät seine Libido von den ersten Objekten inner- 
halb der Familie lösen und normalerweise auf fremde, außen- 
stehende Personen übertragen muß. 

Unsere heutige Aufgabe ist es, die Wirkungen dieser ersten 
Erlebnisse von einer ganz bestimmten Seite her ins Auge zu 
fassen: Die Anknüpfung, der Bestand und der Untergang der 
Liebesbeziehungen des Kindes innerhalb der Familie wirkt 
nicht nur in der besprochenen Weise als starkes Erlebnis, das 
in der Identifizierung ganz bestimmte inhaltliche Resterschei- 
nungen zurückläßt, es bestimmt gleichzeitig auch die Form 
für den Ablauf aller Liebesbeziehungen der Zukunft. 

Freud vergleicht diese Formen, ohne dabei an völlig unver- 



Die Übertragung 155 



änderlich Erstarrtes zu denken, mit abdruckfähigen Klischees 
und hat durch seine Untersuchungen nachgewiesen, daß wir 
im späteren Leben in unseren Gefühlsbeziehungen zum anderen 
im wesentlichen nichts anderes machen, als immer wieder das 
eine oder das andere in der Kinderstube gewonnene und 
bereit gehaltene Klischee abdrucken. Somit wird die Art, wie 
sich das Liebesleben unserer Kindheit gestaltet, zur Schicksals- 
frage; denn sie bleibt für das ganze Leben bestehen. Es wird 
Ihnen nun nicht mehr schwer fallen, zu verstehen, warum 
Freud gerade den Ausdruck Übertragung für die Gefühls- 
beziehungen des Analysierten zum Analytiker gewählt hat. Es 
werden eben nur längst bestehende Gefühle von anderswoher 
auf den Analytiker verlegt, übertragen. Und für den Fürsorge- 
erzieher ist die Kenntnis der Übertragungsmechanismen unent- 
behrlich, weil auch er seinen Zögling in die Übertragungs- 
situation bringen muß, um die Verwahrlosung beheben zu 
können. 

Das Studium der Übertragung beim Verwahrlosten zeigt 
uns regelmäßig in dessen erster Kindheit ein gestörtes Liebes- 
leben dadurch, daß sein Liebesbedürfnis zu wenig befriedigt 
oder übersättigt worden ist. 

Zu den Bedingungen des Sozial- Werdens gehören eine dazu 
befähigende Erbanlage und auch ein erstes Liebesleben, das 
sich innerhalb gewisser Grenzen bewegt. Diese werden im 
allgemeinen durch die jeweilige Gesellschaftsordnung ebenso 
bedingt, wie die Formen, die das erste kindliche Liebesleben 
ausprägt. Für die gegenwärtige entwickelt sich das Kind 
normal, • — • es wird zum Einleben in die Sozietät kommen — 
wenn es in seiner Kinderstube solche Liebesbeziehungen pflegen 
kann, daß es diese in der Schule und dann weiter in einer 
sich stetig vergrößernden persönlichen Umwelt fortzusetzen 
vermag, wenn die Einstellung zu den Eltern auf den Lehrer, 
die zu den Geschwistern auf die Mitschüler paßt und sich für 



156 Sechster Vortrag 



neu auftauchende Personen, entsprechend deren autoritativer 
oder dem Heranwachsenden gleichwertiger Stellung, immer 
wieder eine bereits vorher gemachte Beziehung zu Wieder- 
holung ohne oder mit ganz geringen Abweichungen findet. 
Solche Menschen haben dann auch keine Schwierigkeiten im 
Ablaufe ihrer Gefühle zum anderen : sie vermögen Beziehungen 
anzuknüpfen, zu vertiefen und konfliktlos wieder zu lösen, 
wenn es die Notwendigkeit erfordert. 

Wir werden nun auch unschwer erkennen, woher sich der 
psychische Widerstand gegen die Umformung der gegenwärtig 
geltenden Gesellschaftsordnung determiniert und wo ein radi- 
kaler Verfechter einer anderen den Hebel anzusetzen hätte. 
Unsere Einstellung zu den einzelnen Mitgliedern der Sozietät 
und zu dieser selbst, hat eine ganz bestimmte Norm. Deren 
wesentliche Züge erhalten wir durch die Struktur der Familie 
und die Gefühlsbeziehungen, die wir in ihr gewonnen haben. 
Dabei kommt den Eltern und namentlich dem Vater hervor- 
ragende Bedeutung für die soziale Orientierung des Kindes zu. 
Die nachhaltigen, nicht mehr auszulöschenden libidinösen 
Beziehungen in der Kindheit sind Tatsachen, mit denen jeder 
Sozialreformer zu rechnen hat. Wenn daher, was ja wirklich 
auch der Fall ist, die Familie die beste Vorbedingung für die 
gegenwärtige Gesellschaftsordnung darstellt, so müßte zur 
Gewinnung und Sicherung einer neuen dieser Grundpfeiler 
zertrümmert und durch eine andere persönliche Umwelt des 
kleinen Kindes ersetzt werden. Zu besprechen, wie diese zu 
gestalten wäre, fällt aus dem Rahmen unserer Vorträge, ist 
übrigens Aufgabe derer, die die neue Struktur der Gesellschaft 
anstreben. Wir sind Fürsorgeerzieher, haben diese soziologischen 
Zusammenhänge zu erkennen, können uns für unsere Person 
zu irgend welcher Ordnung bekennen, haben aber einen streng 
vorgezeichneten Weg vor uns: die heutige dissoziale Jugend 
zur sozialen Einordnung zu führen. 



Die Übertragung 157 



Wird das erste kindliche Liebesleben durch schwere Ent- 
täuschungen erschüttert oder im Übermaße ausgelebt, so kommt 
es nicht zur Bildung der richtig abdruckfähigen Klischees, um 
ein Bild Freuds weiter zu gebrauchen. Diese sind unvollständig 
geworden, wurden beschädigt, oder sind zu wenig widerstands- 
fähig, weil sie zu feine Züge erhalten haben. Auf alle Fälle 
ermöglichen sie aber später nicht jene libidinösen Objekt- 
besetzungen, die das Gesellschaftsideal als die normalen an- 
erkennt. Aus dem Wegfallen dieses Teiles der Vorbereitung 
für das spätere Leben — Einregulierung der unbewußten und 
der bewußten libidinösen Strebungen, Schaffung libidinöser 
Erwartungs Vorstellungen, die vom normalen Maße nicht zu 
sehr abweichen — ergibt sich nicht nur die größte Unsicher- 
heit in den Beziehungen zu den Nebenmenschen, sondern sehr 
oft auch eine der ersten und wichtigsten Vorbedingungen für 
die latente Verwahrlosung. So gesehen, sind die ersten Ver- 
wahrlosungsursachen in der frühen Kindheit zu suchen, dort, 
wo sich die von der Norm abweichenden ersten objektlibidinösen 
Bindungen hergestellt haben. Die Verwahrlosung selbst ist 
dann nur der Ausdruck für Beziehungen zu Personen und 
Dingen, die andere sind, als die Sozietät sie dem Einzelnen 
zubilligt. 

Der Verwahrloste — wir sehen hier von Einzelfällen ab und 
halten uns an Typisches — läßt natürlich durch die Art seiner 
Verwahrlosungsäußerungen nicht sofort erkennen, aus welchen 
Störungen seines kindlichen Liebeslebens seine Dissozialität 
erwachsen ist. Solange wir noch keine auf psychoanalytischer 
Grundlage aufgebaute Beschreibung der Verwahrlosungsformen 
haben, möge es Ihnen genügen, zu hören, daß sich diese im 
allgemeinen in zwei Hauptgruppen teilen lassen : die neurotischen 
Grenzfälle mit Verwahrlosungserscheinungen und Verwahr- 
losungen, bei denen in jenem Teile des Ichs, aus dem die 
Verwahrlosung entstammt, neurotische Züge nicht nachweisbar 



158 Sechster Vortrag 



sind. In den Fällen des ersten Typus befindet sich das Kind 
oder der Jugendliche in einem durch die Art seiner Liebes- 
beziehungen gewordenen inneren Konflikt: eine eigene Ab- 
wehrinstanz in ihm selbst — wir kommen im letzten Vortrage 
des näheren darauf zu sprechen — belegt in gewissen 
Situationen Liebesstrebungen mit einem Verbot. In der Reaktion 
darauf kommt die Verwahrlosung zustande. In den Fällen 
des zweiten Typus befindet sich der Dissoziale mit einem 
Teile oder der gesamten persönlichen Umwelt in offenem 
Konflikte; die in der ersten Kindheit unbefriedigt gebliebenen 
Liebesstrebungen haben dazu geführt. 

Diese wesentlichen Unterschiede in den Verwahrlosungsformen 
sind aus vielfachen Gründen sehr zu beachten. Für uns augen- 
blicklich wegen der Herstellung der Übertragung, die in beiden 
Fällen auf verschiedenem Wege erreicht wird. 

Wir wissen alle, daß sie sich beim normalen Kinde durch 
eine wohlwollende Aktivität des Erziehers sofort wie von 
selbst ergibt. Er wiederholt durch solches Verhalten dem Kinde 
längst bekannte Situationen und ruft in diesem dadurch elter- 
liche Beziehungen zu seiner Person hervor. Er hält diese nicht 
nur aufrecht, sondern vertieft sie noch, wenn er weiter in der 
elterlichen Situation verbleibt. 

Kommt ein neurotisches Kind mit Verwahrlosungserscheinungen 
in die Fürsorgeerziehung, so steht die Tendenz, elterliche 
Beziehungen auf den Fürsorgeerzieher zu übertragen, im Vorder- 
grund. Der Fürsorgeerzieher wird sich zu einem ähnlichen Ver- 
halten wie dem normalen Kinde gegenüber entschließen und es in 
positive Übertragung bringen, wenn er seine eigene Aktivität 
beträchtlich herabsetzt, um zu verhindern, daß sich mit ihm 
jene Situation wiederholt, die zum inneren Konflikte geführt 
hat. — Für die analytische Behandlung ist gerade die Wieder- 
holung dieser Situation von Wichtigkeit. — Der Fürsorge- 
erzieher wird der Vater, die Mutter sein und doch nicht ganz ; er 






Die Übertragung 159 



wird deren Forderungen vertreten und doch nicht so wie 
diese; er wird im richtigen Augenblicke dem Verwahrlosten 
zu erkennen geben, daß er ihn durchschaut hat und doch 
nicht dieselben Konsequenzen ziehen wie die Eltern; er wird 
dem Strafbedürfnis entgegenkommen und es doch nicht ganz 
befriedigen. 

Anders wird er sich benehmen, wenn er dem im offenen 
Konflikte befindlichen' Verwahrlosten gegenübersteht. Mit 
diesem wird er sich zuerst verbünden, begreifen, daß er recht 
hat, mit seinem Verhalten einverstanden sein und in schwierigsten 
Fällen ihm gelegentlich sogar auch zu verstehen geben, daß 
er, der Erzieher, es auch nicht anders machen würde. Ich 
bemerke hier andeutungsweise, daß das Schuldgefühl, das der 
neurotische Grenzfall mit Verwahrlosungserscheinungen so 
deutlich zeigt, auch in diesen Fällen nicht fehlt. Es stammt 
aber nicht aus dem „Verwahrlosten -Ich", sondern kommt von 
anderswoher. 

Wir fragen uns, warum der Fürsorgeerzieher sich bei diesem 
zweiten Typus Verwahrloster so ganz anders benimmt? Er hat 
ja auch diese Zöglinge in die positive Übertragung zu drängen 
und was beim normalen Kinde und dem neurotisch Verwahr- 
losten anwendbar und angezeigt ist, würde hier das Gegenteil 
bewirken. Der Erzieher zöge den ganzen Haß des Verwahrlosten 
gegen die Gesellschaft auf sich, brächte ihn statt in die positive, 
in die negative Übertragung und damit in einen Zustand, der 
für die Fürsorgeerziehung unbrauchbar ist. 

Was ich Ihnen nun an theoretischen Erwägungen mitgeteilt 
habe, beleuchtet zwar einen Sachverhalt nur in den alleräußersten 
Konturen, dürfte aber für eine erste Einführung ausreichen. Wer 
sich in die Probleme einer psychoanalytisch orientierten 
Fürsorgeerziehung vertiefen will, wird sich allerdings mit diesem 
sehr wichtigen Kapitel eingehend zu beschäftigen haben. 

In der Praxis stößt die Anwendung der gewonnenen Einsicht 



l6o Sechster Vortrag 



auf große Schwierigkeiten, weil wir es zumeist mit Mischformen, 
zu tun haben, wodurch das Verhalten des Erziehers nicht so 
einheitlich, wie ich es Ihnen schilderte, bleiben kann. Die 
einzelnen Verwahrlosungsformen sind aber noch zu wenig 
beschrieben, um in Einzelheiten gehende Anweisungen geben 
zu können. Was sich an allgemeinen Regeln aufstellen läßt, 
ist auch bald erschöpft, so daß derzeit ein richtiges Vorgehen 
ohne intuitives Erfassen der Individualität des Verwahrlosten 
kaum zu erreichen sein wird. 

Vor allem ist der Zögling in die positive Übertragung zu 
bringen. Der Fürsorgeerzieher wird sich dabei nicht von Zufällig- 
keiten abhängig machen, sondern bewußt so benehmen, daß in 
seinem Zögling Gefühle der Zuneigung zu ihm entstehen und 
vorbereitet sein, daß wirksame Erziehungsarbeit so lange un- 
möglich ist, als diese fehlen. Für den Fürsorgeerzieher ist in 
dieser ersten Phase des Zusammenseins mit dem Dissozialen das 
Wichtigste, daß er dessen psychische Situation erfaßt; denn 
nur dann kann er sein eigenes Verhalten zweckentsprechend 
gestalten. Da ergibt sich eine neue Schwierigkeit aus dem 
Benehmen des Verwahrlosten, der sich bemüht, sein wahres 
Wesen zu verbergen, sich verstellt und lügt. Daß er sich nicht 
so zeigt, wie er wirklich ist, müssen wir als eine begreifliche 
Tatsache hinnehmen. 

Das darf uns weder überraschen noch aus dem Gleichgewichte 
bringen. Bedenken Sie nur: der Verwahrloste kommt nicht freiwillig 
zu uns, sondern wird gegen seinen Willen gebracht ; gewöhnlich 
mit der Drohung : „Du wirst schon sehen, was dir jetzt 
geschieht!" Es ist so ähnlich, wie Eltern ihre Kinder mit der 
Schule schrecken, nur noch viel ärger. In der Regel suchen 
diese die Erziehungsberatung erst dann auf, wenn schon alles 
mögliche und unmögliche vergeblich versucht worden ist, 
gewöhnlich wenn auch stärkste körperliche Züchtigung 
wirkungslos geblieben war. Ich bin dann für den Verwahr- 



Die Übertragung l6l 



losten ein gegen ihn in Anwendung gebrachtes verstärktes 
Mittel, sein Gegner, vor dem er sich mit besonderer Vorsicht 
wappnen und ganz außerordentlich auf der Hut sein muß, und 
nicht der, der ihm helfen will. Es ist ein recht großer Unter- 
schied zwischen der ersten psychoanalytischen und der fürsorge- 
erzieherischen Situation. Der Patient kommt freiwillig zum 
Analytiker, der soll ihn von seiner Krankheit befreien, er ist 
sein Helfer. Ich bin dem Verwahrlosten eine Gefahr, im 
gegebenen Augenblicke sogar die größte, weil ich ihm den 
Repräsentanten jenes Teiles der Gesellschaft darstelle, mit dem 
er in Konflikt lebt. Und gegen dieses momentan größte Übel 
schützt er sich naturgemäß durch besondere Vorsicht in seinen 
Äußerungen, dem Bestreben, sich nur ja keine Blöße zu geben. 
Manchmal ist er außerdem noch sehr schwer zum Reden zu 
bringen, bleibt je nach seiner individuellen Eigenart verstockt 
und trotzig. Und eines haben sie alle gemeinsam : sie lügen l 
Zuweilen ungeschickt dumm, manchmal erbarmungswürdig 
dumm, aber je älter sie sind, um so raffinierter. Daran ändert 
nichts, wenn einmal einer besonders unterwürfig kommt, sehr 
elegant, jovial auftritt oder scheinbar von Aufrichtigkeit über- 
fließt, dann ist er besonders schwer zugänglich. 

Dieses Verhalten der Verwahrlosten ist uns so bekannt, daß 
wir weder erstaunt noch entrüstet sind, immer wieder dasselbe 
bestätigt zu finden. Der Anfänger ärgert sich leicht, nament- 
lich dann, wenn die Lügen recht durchsichtig sind. Das muß 
er sein lassen. Der Verwahrloste merkt dies sofort. Ohne dem 
Verwahrlosten zu sagen, daß er dieses Verhalten kennt, muß 
er seine ersten Maßnahmen treffen. 

Es ist im Benehmen des Dissozialen auch wirklich nichts 
besonderes. Was in dieser Richtung zutage tritt, unterscheidet 
sich nur quantitativ vom Verhalten des Sozialen. Auch dieser 
verbirgt sehr viel von seinem wahren Wesen, verbraucht einen 
großen Teil seiner psychischen Energie dazu, um seinem 

Aichhorn, Verwahrloste Jugend n 



1Ö2 Sechster Vortrag 



Nebenmenschen zu zeigen, wie er „nicht" ist. Auch er läuft 
den ganzen Tag mit einer Maske herum, dicht oder weniger 
dicht, je nach Notwendigkeit, hinter der es anders aussieht, 
als der „liebe Nächste" zu sehen bekommt. Nur ganz Aus- 
erwählten wird Einblick in das gewährt, was wirklich in uns 
vorgeht. Die meisten Menschen erleben schon von der Kinder- 
stube an die Notwendigkeit, sich so zu geben, wie es die 
Umgebung verlangt, und dadurch bildet sich die Maske, die 
dann fürs Leben von unbewußten und bewußten Kräften 
gehalten wird. 

Wer halbwegs in die Kinderstube Einblick hat, muß bemerken, 
wie sich die Kinder sofort verstellen, wenn der Erwachsene 
eintritt. Den meisten Kindern gelingt auch, sich so 
| zu benehmen, wie sie meinen, daß es erwartet wird. Durch 
solches Verhalten weichen sie Gefahren aus, so formen sich 
aber auch Gesichter und Äußerungen dauernd zur Schablone. 
Wie viele Eltern kümmern sich wirklich, was dahinter das wahre 
Leben des Kindes ist? Und diese Maske muß etwas Notwendiges 
für das Leben sein? Ich weiß es nicht, aber es scheint, daß der, 
dem die Kindheit die geschickte Maske aufgezwungen hat, der 
realitätsfähigere ist als der andere. Wir erleben es im Alltag 
so oft, daß der Schiffbruch leidet, der sich offen gibt. 

Warum sind wir also erstaunt, daß der Verwahrloste sich 
noch mehr maskiert und die bewußten Anteile daran weit 
größere sind, als beim Nicht- Verwahrlosten? Er zieht nur die 
Konsequenzen aus den gemachten bösen Erfahrungen. Streifen 
wir unsere Heuchelei ein wenig ab, warum soll gerade er und 
gerade vor mir, dem Vertreter aller ihm unangenehm 
gewordenen Autoritäten, aufrichtig sein? Ein sehr unbilliges 
Verlangen ! 

Ich muß Sie auch hier auf Unterschiedliches zwischen 
Erziehungs- und analytischer Situation aufmerksam machen. 
Der Analytiker erwartet von seinem Patienten unbewußte 



Die Übertragung 163 



Widerstände, die ihn hindern, aufrichtig zu sein, höchstens 
noch ein absichtliches Verschweigen, er stellt aber die Be- 
handlung als zwecklos ein, wenn der Erkrankte beharrlich lügt. 
Für den Fürsorgeerzieher ist aber die anfänglich immer 
gegebene und nicht zu umgehende Situation die, daß er 
angelogen wird. Den Zögling deswegen wegschicken, hieße 
aber, als Fürsorgeerzieher kapitulieren. Wir müssen trotz dieser 
Schwierigkeit ausharren und eben versuchen, hinter die Maske 
zu kommen, die den wahren psychischen Zustand verdeckt. 
In der Anstalt hat es nicht viel zu bedeuten, wenn das erst 
ein wenig später gelingt, es wird sich nur die Herstellung der 
Übertragung hinausschieben. Nicht mehr belanglos ist es aber 
in der Erziehungsberatung. Wie Sie schon gesehen haben, 
genügt nicht immer eine Beratung, es schließt sich recht häufig 
eine Erziehungsmaßnahme an. Nun bekommen wir in der Regel 
den Verwahrlosten nur einigemal zu sehen, haben oft schon 
nach der ersten oder nach wenigen Unterredungen irgendwie 
einzugreifen und sind daher gezwungen, uns möglichst rasch 
ein Bild vom psychischen Zustande des Verwahrlosten zu 
machen, beziehungsweise die Übertragung möglichst rasch 
herzustellen, das heißt aber, noch rascher hinter die Maske 
kommen, sie zumindest ein wenig zu lüften. Noch ein Übel- 
stand zwingt uns zur rascher Arbeit. Ist der Verwahrloste 
nicht anstaltsbedürftig, so kehrt er von uns jedesmal wieder 
in die alte Umgebung zurück und bleibt den Milieu-Einflüssen, 
die seine Dissozialität mitbedingt hatten, weiterhin ausgesetzt. 
Da ist es nun auch nicht mehr gleichgültig, wie lange die 
Übertragung auf sich warten läßt. Wir haben ein Interesse, 
sie in möglichst kurzer Zeit herzustellen, die Gefühle der 
Zuneigung, die sich im Zusammensein mit uns zu uns zu regen 
beginnen, rasch zu einer solchen Intensität zu steigern, daß 
sie durch die alten Einflüsse nicht mehr leicht zerstört werden 
können. 

11* 



1Ö4 Sechster Vortrag 



Es ist ziemliche Erfahrung in der Behandlung Verwahrloster 
erforderlich und der Fürsorgeerzieher muß mit vielen von 
ihnen zu tun gehabt haben, ehe er die schwierige Aufgabe der 
Erziehungsberatung übernehmen kann. 

Brechen wir unsere theoretischen Erörterungen hier ab und 
sehen wir, wie der Fürsorgeerzieher in der Praxis versucht, 
die psychische Situation des Kindes oder Jugendlichen zu 
erfassen, um dann die Übertragung herzustellen, beziehungs- 
weise wie sie sich schon von selbst während des Lüftens der 
Maske einstellt. Ich bin zwar nicht in der Lage, Ihnen angeben 
zu können, wie andere versuchen, die Übertragung herzustellen; 
das weiß ich nicht. Ich werde versuchen, Ihnen zu zeigen, wie 
ich mich gewöhnlich und nicht ganz erfolglos verhalte. 

Versetzen Sie sich in die Erziehungsberatung, und nun tritt 
; ein Verwahrloster herein, dem auf dem ersten Blick der brutale 
Gewaltsmensch anzusehen ist. Wenn Sie dem mit der ihm 
bisher gewohnten Strenge entgegentreten, so lehnt er sich 
sofort auf und die Übertragung stellt sich nicht her. Sind Sie 
entgegenkommend, freundlich, liebenswürdig, so wird er durch 
Ihr ihm ungewohntes Benehmen mißtrauisch und lehnt Sie aus 
diesem Grunde ab, oder er nimmt Sie für den Schwächeren 
und reagiert mit erhöhter Brutalität. 

Fassen Sie den intellektuell Hochwertigeren strenge an, so 
fühlt er sich sofort als Herr der Situation, er steht auf ihm 
bekannten Boden, so kommen ihm so und so viele draußen 
im Leben entgegen. Bei wohlwollendem Entgegenkommen 
hält er Sie für den besonders Schlauen und ist noch weit 
mehr auf der Hut als sonst. 

Die Ängstlichen, Verschüchterten sind bei schärferem Anpacken 
leicht geneigt zu weinen oder in die Verfassung zu kommen, 
die mit Trotz zu verwechseln ist. 

Wie sollen wir uns nun benehmen, wenn das eine und das 
andere nicht geeignet ist, den Verwahrlosten in die erforder- 



liehen Gefühlsbeziehungen zu bringen? Wenn der Verwahrloste 
gebracht wird, erfolgt meinerseits ein erster Moment freund- 
licher Beachtung : das eine Mal nur ein Blick, ein andermal ein 
Begrüßungswort oder ein stummer Händedruck, dann wieder 
eine Bemerkung, daß von mir nichts zu fürchten sei, daß er 
in mir weder einen Polizeiagenten noch einen Untersuchungs- 
richter vor sich habe. Mitunter leitet auch ein Scherzwort 
unser Bekanntwerden ein. Zuweilen erfolgt auch ein prüfendes 
Messen. Immer aber lasse ich den Dissozialen zu mir setzen und den 
Jugendlichen spreche ich mit „Sie" an, bis sich die Übertragung 
hergestellt hat, um dann mit „Du" fortzufahren. Was von dem 
Gesagten im konkreten Falle zu machen ist, oder wie sonst 
noch dieses erste Umfassen und Erfassen der Persönlichkeit 
zur Einleitung der Übertragung erfolgt, überlasse ich dem 
Augenblicke, das muß ich fühlen, wenn der Verwahrloste bei 
der Türe hereintritt. 

Ich halte diesen ersten Augenblick der Begegnung für außer- 
ordentlich wichtig, es ist mehr als ein orientierendes Abtasten und 
muß mit einer gewissen Sicherheit erfolgen, auch raschestens 
beendet sein, weil es in den meisten Fällen den Ausschlag 
für die erste Gestaltung unserer Beziehungen gibt. Sie dürfen 
nicht übersehen, daß der Verwahrloste bei seinem Hereintreten 
mit mir dasselbe macht, wie ich mit ihm. Auch er versucht, 
sich möglichst bald klar zu werden, wen er vor sich hat. 
Kinder sind in dem Bemühen, sich rasch zu orientieren, zumeist 
recht ungeschickt. Der Jugendliche entwickelt zuweilen ein 
unglaubliches Raffinement. Man merkt oft ein Aufblitzen im 
Auge, das sofort wieder einem gleichmäßigen Ausdruck Platz 
macht, ein kaum erkennbares Verziehen des Mundes, eine 
unwillkürliche Geste, dann zuwartende Haltung, aber zweifel- 
los in Kampfstellung, je älter er ist, desto schwieriger zu 
erkennen, wenn er sich nicht sofort in die Situation des Trotzes 
oder der offenen Auflehnung begibt. Besondere Schwierigkeiten 



166 Sechster Vortrag 



sind gegeben, wenn einer mit der Maske liebenswürdiger Auf- 
richtigkeit oder gleißender Unterwürfigkeit kommt. Auf diese 
gehe ich sofort ein und nehme sie für wahr, wodurch sich der 
Verwahrloste sofort über mir fühlt, trotzdem er aus der Art 
meines Anfassens ein Stück Aktivität spürt. 

Nach dem in Bruchteilen von Sekunden erledigten Sich- 
gegenseitig-Erkennenwollen beginnt ein Kampf um die Vor- 
herrschaft, der oft nur kurz währt, manchmal aber sehr zähe fort- 
gesetzt wird und aus dem ich, wie ich Ihnen ganz offen ein- 
gestehe, nicht immer als Sieger hervorgehe. Sie dürfen sich 
mein und des Verwahrlosten Bemühen aber nicht als ein Auf- 
einanderprallen nur bewußter Kraftäußerungen vorstellen; es 
sind viele unbewußte Anteile daran beteiligt, man fühlt mehr 
was vorgeht, als man unter intellektuelle Kontrolle stellt. 

Mein Benehmen läßt dem Verwahrlosten im ersten Augen- 
blick unseres Zusammenseins in mir eine ihm überlegene Kraft 
fühlen. Dadurch wird seine Erwartung, einer Gefahr entgegen 
zu gehen, bestätigt. Er befindet sich nicht in einer ihm neuen 
Situation, er hat diese so und so oft erlebt. Ich bin auch nicht 
anders als die anderen: Vater, Mutter, Lehrherr, Lehrer. Ist 
er der neurotische Grenzfall mit Verwahrlosungserscheinungen 
oder steht bei Mischformen diese Seite im Vordergrund, so 
bleibe ich in der elterlichen Situation, nur verhalte ich mich, 
wie ich Ihnen schon gesagt habe, im weiteren Verlaufe etwas 
anders als diese. Ist er der Verwahrloste im offenen Konflikt 
und erwartet nun den Angriff, so erfolgt dieser nicht. Ich frage 
ihn nicht, was er angestellt hat, dringe nicht in ihn, mir zu 
sagen, warum das oder jenes vorgekommen sei, will von ihm 
nicht, so wie bei der Polizei oder beim Jugendgericht, Dinge 
wissen, die preiszugeben er absolut nicht geneigt ist. Ja ich 
sage in Fällen, wo gerade diese Fragen von ihm gewünscht 
werden, um in die richtige Oppositionsstellung kommen zu 
können, daß er alles verschweigen dürfe, was er nicht sagen 



r 



Die Übertragung 167 



wolle; daß ich seine Vorsicht einem Menschen gegenüber, den 
er zum erstenmal sieht, begreife. Wenn ich dann noch hinzu- 
füge, ich würde es auch nicht anders machen als er, geht er 
mir gewöhnlich willig auf ein Gesprächsthema ein, das 
weitab von seiner dissozialen Handlung liegt, aber aus seinem 
Interessenkreise sich ergibt. Wenn ich Ihnen mein Verhalten 
nach dem Moment, in dem der Junge ein Stück Aktivität in 
mir gespürt hat, mit einem Worte erklären könnte, so würde 
ich sagen, ich werde passiv und um so passiver, je mehr der 
Verwahrloste den Angriff von mir erwartet. Dessen Ausbleiben 
läßt ihn erstaunen, dann unsicher werden, er weiß sich auf 
einmal nicht mehr zurechtzufinden und fühlt mehr als er 
erkennt, ich bin nicht der Erwachsene, nicht die zu bekämpfende 
Autorität, sondern der verständnisvolle Verbündete. Ich 
vermeide absichtlich das Wort Freund, denn diesen hat er nicht, 
er geht mit dem anderen nur zusammen, wenn es die Erreichung 
eines bestimmten Zweckes gilt. 

Wenn ich mit Wiener verwahrlosten Jugendlichen zu tun habe, 
dann fange ich natürlich auch von Dingen zu sprechen an, die ihrem 
Interessenkreise angehören, aber weitab von ihren dissozialen 
Handlungen liegen. Unter zehn solcher sind mindestens acht, 
bei denen ein Zugang über das Fußballspiel zu finden ist. Man 
muß nur über die einzelnen Fußballvereine, deren erste Spieler, 
die letzten Matches, den letzten Stand in den Meisterschaftsspielen 
usw. gut orientiert sein. Über die Lektüre kommt man ihnen 
seltener näher, im Mittelpunkte des Interesses stehen Percy 
Stuart, der kühne Abenteurer, und Stuart Webbs, der Meister- 
detektiv. Weit eher gelingt es, über das Kino, und da vorwiegend 
über das Detektivdrama, die Vorsicht in der Rede zum Ver- 
schwinden zu bringen. 

Bei kleinen Mädchen sind Märchen, die sie kennen und das 
kindliche Spiel Anknüpfungsmöglichkeiten. Man braucht aber 
nicht immer sehr weit auszuholen, vielfach leitet schon eine 



168 



Sechster Vortrag 



Bemerkung, die ich über die bunte Kopfmasche, das Jäckchen, 
die Ohrringe mache, das Gespräch ein, das dann fließend 
weitergeht. 

Wenn ich mir von halbwüchsigen Mädchen die neueste 
Schuhform und die Preise von Toiletteartikeln angeben lasse, 
Interesse für die gegenwärtig in Mode stehende Strumpffarbe 
und in neuester Zeit auch für den „Bubikopf" zeige, geht es 
auch da weiter. 

Komme ich bei den Kleinsten, die gar nicht reden wollen, 
darauf zu fragen, was sie am liebsten essen, und von der Mehl- 
speise, die sie besonders vorziehen, auf die Schokolade zu 
sprechen, so entwickelt sich auch mit ihnen in der kürzesten 
Zeit eine Unterhaltung, deren Kosten das Kind trägt, wie in 
den anderen Fällen der oder die Jugendliche. Es findet sich 
dann einmal leichter, ein andermal schwieriger, aber regel- 
mäßig die Möglichkeit, ganz unmerklich auf das zu kommen, 
was ich eigentlich wissen will. Zumeist stellt sich schon beim 
ersten Zusammensein die Übertragung so weit her, daß ich 
Aufklärung erhalte und Einfluß gewinne. 

Wir müssen uns in der Erziehungsberatung auch möglichst 
rasch über die Stellung des Verwahrlosten zu den Personen 
seiner nächsten Umgebung orientieren, müssen wissen, welche 
Beziehungen er zu Vater, Mutter, den Geschwistern und sonst 
noch in Frage kommenden Personen hat. Jugendliche geben 
uns auf direktes Fragen in den meisten Fällen die richtige 
Antwort, nicht so Kinder, um so weniger, je jünger sie sind. 
Sie beantworten solche Fragen überhaupt nicht oder in einer 
für uns vollständig wertlosen Art. Wir müssen es daher auf 
einem Umwege erfahren; die Lektüre und das kindliche Spiel 
ermöglichen uns solchen. 

Ein zehnjähriges Mädchen fragte ich, ob es gerne lese? Nach 
Bejahung dieser Frage wollte ich wissen, wofür es besondere 
Vorliebe habe. 



Die Übertragung 169 



„Für Märchen." 

„Sage mir nun rasch, ohne nachzudenken, ein Märchen, das dir einfällt, 
ganz gleichgültig welches!" 

„Schneewittchen." 

„Welche Stelle von Schneewittchen?" 

„Wie die alte Hexe dem Schneewittchen den vergifteten Apfel verkauft." 

„Waren in deinem Märchenbuche Bilder?" 

„Ja." 

„War auch ein Bild von der Hexe?" 

„Ja." 

„Beschreibe mir nun einmal die Hexe, aber nicht so wie sie auf dem 
Bilde war, sondern so, wie du sie dir vorstellst!" 

Die Hexe wurde nun in allen ihren Einzelheiten besprachen, 
Körpergröße, Haarfarbe, Aussehen des Gesichtes, Mund, Zähne, 
Kleidung usw. Aus der Beschreibung und dem Abfragen, 
woher sie die einzelnen Details der Hexe genommen habe, 
ergab sich, daß diese eine Mischfigur von Personen war, die 
das Kind ablehnte. Ich muß Sie aber aufmerksam machen, daß 
wir damit nicht eine allgemein gültige Regel gefunden haben. 
Nicht immer stimmt eine aus ähnlichen Märchen oder Ge- 
schichtensituationen gewonnene Mischfigur mit der tatsächlichen 
Stellung des Kindes zu den Personen seiner Umgebung überein. 
In einer großen Anzahl von Fällen habe ich durch die Nach- 
prüfung dasselbe Ergebnis wie in dem besprochenen Falle 
gefunden, in anderen Fällen deckte sich die Mischfigur nicht 
mit den abgelehnten Personen der Umgebung. Wann die Über- 
einstimmung zu konstatieren ist und wann nicht, bedürfte 
einer besonderen Auseinandersetzung. 

Ein anderes, etwas jüngeres Mädchen fragte ich, womit es 
sehr gerne spiele, und erhielt zur Antwort, mit Puppen. Ich 
ließ mir nun von ihm eine Puppe beschreiben, die ihm sehr 
gut gefallen würde. Die Beschreibung mußte aber bis in die 
kleinsten Einzelheiten gehen. Das Abfragen dieser, der Vergleich 
mit Personen aus der Umgebung ergab wieder eine Misch- 
figur, diesmal aber nicht von solchen, die abgelehnt, sondern 
solchen, die geliebt wurden. 



Ein zwölfjähriges Schulmädchen sitzt vor mir. Weder der 
Gesichtsausdruck noch eine Bewegung oder ein Wort lassen 
die Stimmung, überhaupt die Gefühlskonstellation, in der es 
sich augenblicklich befindet, erkennen. 

Ich frage das Kind, welche Farbe ihm sehr gut gefällt, und 
erhalte zur Antwort: „Rot." Ich fahre fort: „Wenn ich mir 
eine Farbe vorstelle, so sehe ich sie immer an einem Gegen- 
stande, an welchem siehst du die rote Farbe?" „An dem vor- 
dersten Wagen der Grottenbahn im Prater," ist die Entgegnung. 
„Nun gut, aber sage mir jetzt, welche Farbe du gar nicht 
magst ! " 
„Schwarz." 

„Woran siehst du die schwarze Farbe?" 
„An Ihren Schuhen und Ihrer Krawatte." 
„Die schwarze Farbe kommt aber sicher auch noch anders 
wo vor, wo denn?" 

„Das Loch, in das die Grottenbahn im Prater hineinfährt, ist 
auch so schwarz." 

Was das alles bedeuten könnte, kommt in diesem Augen- 
blick nicht in Frage, sondern nur das eine, daß eine Verschiebung 
der ängstlichen Erwartung vor dem Antritte der Fahrt auf der 
Grottenbahn im Prater auf meine Person stattgefunden hat. 
Die Kleine sitzt in derselben ängstlichen Spannung, wie 
damals im Wagen der Grottenbahn vor mir. Sie mag sich 
die Frage vorlegen: „Was wird jetzt kommen?" Woraus ist 
das zu erkennen ? Meine Krawatte, die in Wirklichkeit dunkel- 
grau war, und meine Schuhe haben für das Kind die Farbe, 
die sie nicht mag, die auch das Loch zeigt, in das die 
Grottenbahn fährt ! ' Sie sehen, wie rasch man hier auf einige 
Fragen Antworten erhielt, die mit absoluter Sicherheit einen 
Schluß auf die vorhandene psychische Situation des Kindes 
zuließen. Auf eine direkte Frage hätte ich sicherlich eine un- 
befriedigende Antwort erhalten; denn es ist anzunehmen, daß 



Die Übertragung 171 



das Kind, selbst wenn es die Wahrheit zu sagen bereit gewesen 
wäre, nichts über seine Gefühlssituation zu sagen gewußt hätte. 

Solange nun diese ängstliche Stimmung anhält, ist erzieherisch 
nichts zu machen. Ich weiß nun nicht, wie sie damals verlief, 
lasse mir daher die Fahrt auf der Grottenbahn erzählen. Es 
waren, im geheimnisvollen Dunkel grell beleuchtete Bilder auf- 
getaucht, Teufel, die im höllischen Feuer die armen Seelen 
brieten, Zwerge, die tief im Inneren der Erde nach Schätzen 
gruben und noch manch andere Dinge. Etwas Unheimliches 
hat während der ganzen Fahrt angehalten und zu richtiger 
Lustigkeit war es nicht gekommen. Wir wanderten daher in 
der Erinnerung in den Wurstelprater, von einer Schaubude 
zur anderen, fuhren auf verschiedenen Ringelspielen und unter 
Lachen erzählte sie vom komischen Bauchredner, der auch die 
Zukunft vorhersagen kann. Als ich dann noch fragte, welches 
lustigste Erlebnis sie erinnere, erzählte sie nochmals begeistert 
von einer Praterfahrt anläßlich ihrer Firmung. Damit war ein 
vollständiger Stimmungsumschwung ins Positive erreicht, aber 
auch schon das Stück Übertragung da, das für eine erste 
Unterredung notwendig ist. Jetzt war sie auch für Fragen zu- 
gänglich, die das betrafen, worauf es eigentlich ankam. Ich 
brauche wohl nicht besonders aufmerksam zu machen, daß 
das Kind selbst keine Ahnung von meiner Absicht hatte. 

Manchmal aber blitzt auch tiefes Mißtrauen auf. Vielleicht 
habe ich da etwas nicht richtig gemacht, oder es ist wieder 
eine besondere Art von Menschen. Da muß ich es dann wieder 
anders machen. Ich teile Ihnen gleich einen solchen Fall mit, 
und wie es mir gelang, nicht nur das Mißtrauen zum Schwinden 
zu bringen, sondern in der kürzesten Zeit mitten in das hinein- 
zukommen, worauf es ankam. 

Ein sechzehnjähriges Mädchen, das früher nach seinem 
Benehmen, der Kleidung, Haartracht den Eindruck erweckt 
hatte, der geheimen Prostitution ergeben zu sein, zeigte sich 



*72 Sedister Vortrag 



plötzlich vollständig verändert. Der freche Gesichtsausdruck 
war verschwunden, Kleidung und Benehmen waren das eines 
gesitteten, anständigen Mädchens geworden. Die Fürsorgerin 
wollte von mir wissen, was da vorgegangen war. Das konnte 
ich natürlich nicht ohne weiteres wissen, sondern verlangte die 
Jugendliche zu sehen. Wir setzten uns nach der Ihnen nun 
schon bekannten Einleitung, die ganz deutlich zu erkennendes 
Mißtrauen ausgelöst hatte, zusammen. Ich fragte sie, wie es 
ihr zu Hause gehe, und erhielt keine Antwort. Ob sie gerne 
lese? Keine Antwort. Woran sie jetzt denke? Keine Antwort. 
Ob sie mir nicht einen Traum erzählen wolle? Wieder Still- 
schweigen. Daraufhin lachte ich und sagte: „Nicht wahr, es 
erscheint Ihnen gefährlich, nur irgend etwas zu sagen, das 
begreife ich. Aber nicht wahr, es ist doch gewiß ganz un- 
gefährlich, wenn Sie mir ein Kinostück erzählen." Sie ging mit 
Lachen auf den Scherz ein und begann ein Stück von einem 
Kinodrama zu erzählen: Ein Zirkusakrobat, der auf hoch- 
schwebendem Reck durch eine brennende Kugel fliegen muß, 
wird von zwei Mädchen geliebt, von denen das eine aus Eifer- 
sucht die Seile durchschneidet und so verursacht, daß der 
Mann, statt durch die brennende Kugel zu fliegen, in diese 
hineinfällt. Das zweite Mädchen rettet ihn vor dem Ver- 
brennungstode, geht aber dabei selbst zugrunde. Dies der kurze 
Inhalt ihrer Erzählung, von der ich Ihnen nebenbei verrate, 
daß sie mit dem wirklichen Inhalte des Kinodramas gar nicht 
übereinstimmte, sondern in wesentlichen Einzelheiten eine 
höcht persönliche Verarbeitung von Gesehenem darstellte. Ich 
fragte sie, was ihr in diesem Kinostück am besten gefallen 
habe, und erhielt die vermutete Antwort, daß sich das Mädchen 
für den Geliebten opferte. Ich wollte nun wissen, ob sie 
noch erinnere, wie der Akrobat auf dem Kinofilm ausgesehen 
habe. Auf das Ja forderte ich sie auf, ihn mir so zu be- 
schreiben, wie er aussehen müsse, damit er ihr sehr gut gefalle. 



Die Übertragung 173 



Sie beschrieb ihn als einen jungen, schlanken, kräftigen, 
brünetten, bartlosen Mann mit hellen Augen. Und nun forderte 
ich sie auf: „Sagemir, wie sieht der Franzi aus!" Sie verstand 
mich sofort, daß ich damit ihren Geliebten meine, wurde einen 
Augenblick verlegen und beschrieb ihn dann so, wie eben den 
Helden im Kino. Sie erzählte sofort, ohne weitere Aufforderung, 
daß er Student der Chemie sei, die Mutter ihr aber den Ver- 
kehr mit ihm verbiete. Es war ganz deutlich zu erkennen, daß 
die wesentliche Änderung des jungen Mädchens in der Richtung 
zum Besseren, der Konzentrierung ihrer Zuneigung auf einen 
Mann zugeschrieben werden muß. Es gelang hier, durch das 
Eingehen auf das Mißtrauen verhältnismäßig rasch über den 
Widerstand hinwegzukommen. 

Daß mir die Übertragung auch dazu verhelfen kann, auf 
tieferliegende Ursachen dissozialer Äußerungen aufmerksam zu 
werden, möchte ich Ihnen an einem besonderen Falle zeigen. 

Eine Bürgerschule zeigte an, daß einer ihrer dreizehnjährigen 
Schüler seit einigen Monaten regelmäßig an Dienstagen und 
Freitagen dem Schulunterrichte fernbleibt. Die Erhebungen 
ergaben, daß er, statt in die Schule zu gehen, den Pferde- 
markt besucht, dort aber kein materielles Interesse befriedigt, 
etwa durch kleine Hilfeleistungen zu sogenannten Trinkgeldern 
kommt, sondern sich nur unter den Pferdeverkäufern herum- 
treibt. Nach der Schulanzeige lag also ein Schulschwänzen an 
bestimmten Tagen vor. Ich sehe nun, wie ich Ihnen schon 
einmal angedeutet habe, nicht jede der aus der Norm heraus- 
fallenden Äußerungen als eine wer weiß wie tief begründete 
Sache an, sondern versuche zuerst immer mit den einfachsten 
Hilfsmitteln auszukommen. Da ich bei Schulschwänzern wieder- 
holt recht gute Erfahrungen machte, wenn ich nach hergestellter 
Übertragung ihnen zeigte, daß mir ihr regelmäßiger Schul- 
besuch Freude macht, so versuchte ich das auch bei diesem 
Jungen. Sie müssen wissen, daß sich bei einer nicht unbeträcht- 



liehen Anzahl von Kindern zu Hause niemand um den Schul- 
besuch kümmert, daher sehr oft keine Motive vorliegen, Unlust- 
situationen der Schule zu ertragen. Weiß so ein Junge, daß er 
mir Freude macht, wenn er nicht mehr die Schule meidet, 
kommt er die erste Zeit wöchentlich einmal, dann nur jede 
zweite Woche und später in immer größeren Zeitabständen; 
findet er bei mir ein williges Ohr für die schönen und unan- 
genehmen Erlebnisse der abgelaufenen Schulwoche, so lebt er 
sich nach und nach wieder in der Schule ein und die 
Schwänzerei ist erledigt. Auch bei unserem Pferdemarktjungen 
war die Übertragung bereits beim ersten Zusammensein her- 
gestellt. Er kam die nächste Woche darauf und auch die 
übernächste mit den Mitteilungen, wie sie mir von anderen 
bekannt waren. Am Dienstag der dritten Woche erschien gleich 
nach seinem Weggehen die Mutter und berichtete, daß er jetzt 
zwar regelmäßig die Schule besuche, aber zweimal in der 
Woche mittags gar nicht nach Hause komme, sondern erst 
abends. An dem seinen Kleidern entströmenden Gerüche nehme 
sie wahr, daß er sich in einem Pferdestalle herumgetrieben habe. 
Wir sehen hier, daß die Übertragung einem Symptom den 
Weg zur Äußerung versperrt hat, die es bedingende Kraft 
aber fortwirkt und ein neues zustande bringt. Unser Junge 
kann infolge der Gefühlsbeziehungen zu mir von der Schule 
nicht mehr wegbleiben. Und nun zeigt es sich ganz deutlich, 
daß nicht ein Schulschwänzen im gewöhnlichen Sinne des 
Wortes vorliegt. Irgend etwas zieht ihn zu Pferden, Schulzeit 
und Pferdemarkt fallen nur zufällig zusammen. Die Übertragung 
ist hier zum Hilfsmittel geworden, um zu erkennen, daß doch eine 
tiefer liegende Ursache vorhanden sein müsse. Diese wird auf 
psychoanalytischem Wege zu beheben sein. 

Ich kann Ihnen nicht mehr als diese kurzen Andeutungen 
machen, weil ich die uns noch zur Verfügung stehende Zeit 
verwenden möchte, Ihnen doch auch einiges von der Her- 



Die Übertragung 175 



Stellung der Übertragung in der Fürsorgeerziehungsanstalt mit- 
zuteilen. Aus dem Ihnen bisher Gesagten dürfen Sie aber nicht 
den Schluß ziehen, daß ich schon zu feststehenden Regeln 
gekommen sei, deren Anwendung Ihnen in allen Fällen die 
Erschließung der psychischen Situation und die Herstellung 
der Übertragung ermöglicht. Ich will Sie mit meinen Andeu- 
tungen in Ihrer Praxis nur vor den allergröbsten Fehlern 
bewahren. 

Stehen wir dem Fürsorgeerziehungszögling in der Anstalt 
gegenüber, so sind wir nicht gezwungen, uns auf eine rascheste 
Herstellung der Übertragung einzustellen. Wir können zuwarten, 
kümmern uns daher, wenn es sich nicht um den neurotischen 
Grenzfall mit Verwahrlosungserscheinungen handelt, bei seinem 
Eintritte nicht sehr viel um ihn, sind zwar freundlich, zeigen 
aber kein besonderes Interesse für ihn und sein Schicksal und 
drängen uns ihm schon gar nicht auf. Es berührt uns weder 
sein Mißtrauen, seine offene oder stille Opposition, seine vor- 
nehme Überlegenheit noch die stille Verachtung, die er uns 
entgegen bringt. Die Vorbereitungen zur Einleitung der Über- 
tragung übernehmen die Zöglinge der Ein- und Auslauf gruppe. 
Mit den Altersgenossen kommt er in der Regel sehr rasch in 
Kontakt. Nicht, daß er sich diesen so gäbe, wie er wirklich ist, 
oder deren Freundschaft suchte, Freunde braucht er nicht, wie 
wir schon wissen. Auch diesen eröffnet er sein wahres Wesen 
nicht, spricht von sich nicht, oder erzählt von den Vergehungen 
und Verbrechen mit viel Übertreibungen, erfindet gelegentlich 
ganz besondere Sachen, wenn ihm nicht genug imponierende 
tatsächliche zur Verfügung stehen. Aber erfahrungsgemäß 
erkundigt er sich sofort näher um die Einzelheiten des Betriebes 
und um die Personen, mit denen er in Berührung kommt. So 
ist beispielsweise die erste Frage, ob der Erzieher ein „fescher 
Kerl" sei und ob und wie dieser sich „pflanzen" läßt. Ich kann 
Ihnen diese Ausdrücke nicht ins Hochdeutsche übersetzen, sie 



L 



176 Sechster Vortrag 



verlieren dabei zu viel an Inhalt. Von den zur Entlassung 
bereits reifen Zöglingen erfährt er nun vieles. Diesen sind 
auch die Eigenheiten der Erzieher nicht fremd geblieben. Was 
er zu hören bekommt, ist wirkliches Leben, geschildert so, wie 
es die einzelnen sehen. Er erhält dadurch nicht erste Eindrücke, 
die ihn durch spätere Erfahrungen enttäuschen, lernt nicht eine 
Autorität kennen, über die er sich, innerlich lachend, hinweg- 
setzt, oder die er mit Zähneknirschen erträgt, weil er keine 
Wahl hat, um sich dann später in der Freiheit wieder zu 
rächen. 

Die Übertragung auf den Erzieher ergibt sich dann, wenn 
das Milieu seine Schuldigkeit getan hat, im Zusammenleben 
mit diesem, auf die eine oder andere Art, indem der Er- 
zieher sich nach und nach aus seiner Passivität herauslocken 
läßt, bei gleichmäßig freundlichem Ton den „Neuen" einmal 
mehr, ein andermal etwas weniger beachtet. Dieser Wechsel 
zwischen deutlichem Sehen und weniger deutlichem Erkennen 
läßt den Zögling nicht gleichgültig. Wird er mißtrauisch, weil 
ihn der Erzieher heute mehr beachtet hat, als seiner Meinung nach 
am Platze war, so schwindet diese Auffassung, wenn er morgen 
nicht aus der Masse herausgehoben wird, der Erzieher, ohne 
von ihm besonders Notiz zu nehmen, vorübergeht. Er gerät 
aber in unschwer zu erkennenden Erregungszustand, wenn er 
am übernächsten Tag einen Blick des Erziehers auffängt, aus 
dem er spürt, daß dieser seine ungeputzten Stiefel wenig 
freudig bemerkt hat und doch darüber nicht spricht. Sie glänzen 
dann mehr oder werden noch schmieriger, je nach der Art der 
sich regenden Übertragung, oder bleiben unverändert, wenn 
diese noch nicht unterwegs ist. Dann heißt es eben zuwarten. 
Was ich von den Schuhen gesagt habe, läßt sich an einer 
Menge anderer Kleinigkeiten des Alltags auch bemerken. Der 
Erzieher muß nur scharf hinsehen. Er bedarf dann allerdings 
eines feinen Gefühles, um die Ambivalenz, den Wechsel 



Die Übertragung 177 



zwischen Zuneigung und Ablehnung, in den Beziehungen des 
Zöglings zu ihm zu erkennen. Es läßt sich dafür wieder keine 
allgemein gültige Unterweisung geben. Man muß es miterleben, 
wie der tüchtige Erzieher diese Wellenbewegung dirigiert, das 
Wellental immer mehr zum Verflachen bringt und zielbewußt 
einem Wellenberge, einem Höhepunkt zustrebt. Dessen Er- 
reichung ist dann so auffällig, daß er auch dem ungeschulten 
Auge nicht entgehen kann. Die Gefühle der Zuneigung brechen 
mit einer Vehemenz durch und haben für den Zögling derart 
zwingende Kraft, daß er, ganz gleich, ob Kind oder Jugend- 
licher, den Erzieher hochgespannt erwartet, sich so benimmt, 
daß er diesem auffällig werden muß, ihm ununterbrochen über 
den Weg läuft, immer etwas zu tun hat, um in seiner Nähe 
zu bleiben. Der ungeschickte Erzieher wird die Bedeutung 
dieses Momentes nun nicht erkennen, den auf einmal so auf- 
dringlich Gewordenen abwehren und nicht bemerken, daß er 
durch sein Verhalten die Zuneigung des Zöglings zu sich in 
Haß gegen sich verwandelt. Im Gegenteil, wenn die Haßreak- 
tionen eintreten, wird er hocherfreut darauf hinweisen, daß er 
den Heuchler, der erst jetzt sein wahres Gesicht zeigt, immer 
durchschaut hat. Wenn wir ihm dann sein ungeschicktes Ver- 
halten begreiflich machen wollen, predigen wir tauben Ohren; 
denn es ist ihm nicht begreiflich zu machen, daß das Wirkung 
ist, was er für die Ursache hält. 

Wie schwierig manchmal die Übertragung bei stark narziß- 
tischen, das heißt in sich selbst sehr verliebten Zöglingen her- 
zustellen ist, möchte ich Ihnen an einem Zögling des Erziehungs- 
heimes in Oberhollabrunn zeigen. 

Es handelte sich um einen siebzehnjährigen Lebemann und 
Spieler, der sich zuerst als Börsenspekulant und dann als 
Schleichhändler sehr hohe Beträge verdiente. Seine Laufbahn 
begann er als Kontorist, kam als Fünfzehnjähriger zu einem 
Winkelbankier, der den intelligenten, sehr verwendbaren 

Aichhorn, Verwahrloste Jugend I2 



178 Sechster Vortrag 



Jungen mit Börsenaufträgen betraute und ihm ermöglichte, 
Geschäfte auch auf eigene Rechnung zu machen. So brachte 
er 35.000 Kronen zusammen, mit denen er sich selbständig 
machte. Für das Jahr 191 7 war das ein bedeutendes Betriebs- 
kapital. Er fuhr nach Galizien und brachte von dort Lebens- 
mittel mit, die er im Schleichhandel weitergab. Das Geschäft 
warf reichen Gewinn ab. In Wien führte er ein lockeres Leben, 
trieb sich in Nachtlokalen herum, hielt zweifelhafte Damen aus 
und verbrachte viel Zeit mit Kartenspiel, das er leidenschaftlich 
betrieb. Gewinn und Betriebskapital verschwanden. Um sich 
dieses wieder zu verschaffen, räumte er seiner Mutter den 
Wäschekasten aus. Diese, nach äußerst trauriger Ehe verwitwet, 
hatte wiederholt versucht, den mittlerweile siebzehn Jahre 
alt Gewordenen zu einem ordentlichen Lebenswandel zu 
bringen. Da es ihr nicht gelang, nahm sie die Hilfe einer 
Jugendfürsorgeorganisation in Anspruch, die den Jungen zu 
uns brachte. 

Er war einer von denen, die keine besonderen Schwierig- 
keiten machen, solange man sich mit guter Aufführung in der 
Anstalt begnügt. Solche Zöglinge sind höflich und zuvor- 
kommend, recht anstellig und zu leichteren Kanzleiarbeiten 
gut zu gebrauchen. Bei ihren Mitzöglingen wissen sie sich 
ohne Reibungen einzuleben und erlangen doch bald eine 
gewisse Führerrolle. Wenn man sich aber näher mit ihnen 
beschäftigt, wird man die Schwierigkeiten gewahr. Innerlich 
verkommen, äußerlich aalglatt, geben sie keine Angriffsfläche 
zu erzieherischen Einwirkungen. Ihr Gehaben ist Maske, zwar 
eine sehr gute, aber doch nur Maske. Dem Erzieher schließen 
sie sich nicht an und verhindern auch jeden Annäherungs- 
versuch desselben. Die Übertragung, die gerade bei ihnen sehr 
stark sein muß, ehe auch nur daran gedacht werden kann, 
erzieherisch auf sie einzuwirken, ist fast nicht herzustellen. Sie 
gehören eben zu denen, die sich in der Anstalt nichts zu- 



Die Übertragung 179 



schulden kommen lassen und sehr bald den Eindruck machen, 
geheilt zu sein. Sobald sie aber wieder ins freie Leben zurück- 
kommen, sind sie die alten. Bei ihnen ist daher äußerste 
Vorsicht geboten. 

Auch unser Lebemann wußte sich jeder Einflußnahme zu 
entziehen. Er war schon einige Monate bei uns, ohne daß sich 
eine Übertragung im Sinne der Psychoanalyse hergestellt hatte. 
Man konnte aber doch bemerken, daß das Oberhollabrunner 
Milieu nicht ohne Wirkung auf ihn geblieben war. Ich wollte 
ihn auf ganz kurze Zeit von uns weghaben, damit ihn die 
negative Lustbetonung eines anderen Milieus das wohltuende 
Milieu von Oberhollabrunn recht deutlich empfinden lasse und 
er vielleicht dadurch behandlungsreif würde. Dazu durfte er 
aber nicht zwangsweise fortgebracht werden, sondern mußte 
selbsthandelnd bleiben. Natürlich war zu vermeiden, daß er 
diese Absicht auch nur ahnte. Als geeignetes Mittel, diese 
Voraussetzung zu erfüllen, war die Stimmungsbeeinflussung 
sehr naheliegend. Das eigenmächtige Verlassen der Anstalt, 
das „Durchgehen" erfolgt in vereinzelten Fällen infolge eines 
plötzlichen Affektes oder eines Traumes und ist dann gewöhn- 
lich schwer zu verhindern. In den weitaus meisten Fällen 
bereitet es sich tagelang vor und darf dem geschulten Auge 
des aufmerksamen Erziehers nicht entgehen. Wir halten es — 
abgesehen von unserer ablehnenden Stellungnahme gegen die 
Strafe in Besserungsanstalten überhaupt — für eine vollständige 
Verkennung der Zusammenhänge, wenn in den Satzungen von 
Besserungsanstalten Rutenstreiche für rückeingelieferte Durch- 
gänger vorgesehen sind. Das Durchgehen erfolgt, wenn das 
„Draußen" stärker lustbetont ist als das „Drinnen". Gelingt es 
in dieser Konfliktstimmung, den Zögling zu einer Aussprache 
zu bringen, so wird es unschwer möglich sein, ohne seine 
Durchgeh- Absicht auch nur zu berühren, ihm das „Drinnen" 
stärker lustbetont zu machen. Er bleibt dann. Den anderen, der 

12* 



180 Sechster Vortrag 



I dableiben will, zieht es hinaus, wenn ihm das „Draußen" von 
'uns stärker lustbetont in Erinnerung gerufen wird. 

Es genügte auch tatsächlich eine halbstündige Aussprache 
mit entsprechender Stimmungsbeeinflussung und nach einer 
weiteren halben Stunde kam vom Erzieher seiner Gruppe die 
Nachricht, daß er durchgegangen sei. Der erste Teil der „Er- 
ziehungshandlung" war geglückt, den Zögling hatte es unwider- 
stehlich hinausgezogen. Der Erzieher wußte nicht, daß das 
Durchgehen von mir provoziert worden war. (Ich mache 
während eines Versuches dem Erzieher nur dann davon Mit- 
teilung, wenn ich seiner Mithilfe bedarf, da es im ständigen Zu- 
sammenleben mit den Zöglingen sehr schwierig ist, unbefangen 
zu bleiben. Ist der Versuch gelungen oder auch ergebnislos 
verlaufen, so gibt er Anlaß zu lebhaftem Meinungsaustausch.) 
Bei unserem siebzehnjährigen Lebemann und Spieler war das 
geglückte Provozieren zum Durchgehen der Auftakt zur Her- 
stellung der Übertragung. Ich vermutete seine Rückkehr schon 
am zweiten Tage. Als der achte Tag vorüber war und er 
noch immer nicht erschien, fürchtete ich, mit meinem Eingreifen 
einen Fehlgriff getan zu haben. 

Am zehnten Tage um halb zehn Uhr abends klopfte es an 
meiner Wohnungstüre. Franz (nennen wir ihn so) war da. Er 
war körperlich ermattet und seelisch derart in Spannung, daß 
ich vermutete, nun erzieherisch viel mehr leisten zu können, 
als ich bei der Provokation seines Durchgehens beabsichtigt 
hatte. Ich machte ihm keinerlei Vorwürfe wegen seines Durch- 
gehens, die er allem Anscheine nach erwartet hatte, sah ihn 
einen Augenblick ernst an und fragte ihn dann sofort : „Wann 
hast du zum letztenmal gegessen?" — „Gestern abends." 
Ich nahm ihn in meine Wohnung, setzte ihn an meinen Tisch, 
wo die Familie gerade beim Abendessen war und ließ auch 
ihm anrichten. Franz, der auf alles andere eher gefaßt war, 
kam dadurch so aus dem Gleichgewicht, daß er nicht essen 



Die Übertragung l8l 



konnte. Trotzdem ich das sah, fragte ich : „Warum ißt du 
nicht?" — „Ich kann nicht, darf ich draußen essen?" „Ja, geh 
in die Küche." Er bekam seinen Teller so lange nachgefüllt, 
bis er satt war. Es war mittlerweile zehn Uhr geworden. Ich 
ging zu ihm in die Küche und wandte mich an ihn mit den 
Worten: „Es ist schon zu spät, du kannst heute nicht mehr 
in deine Gruppe gehen, du wirst bei mir schlafen." Ich 
bereitete ihm im Vorzimmer ein Lager, Franz legte sich schlafen, 
ich strich ihm über den Kopf und wünschte ihm eine gute 
Nacht. Am nächsten Morgen war die Übertragung da, so daß 
es erzieherisch recht gut mit ihm vorwärts ging. Wie stark 
sie war, erkannte ich aus einem Fehler, den ich viel später in 
St. Andrä machte. Ich gab ihm, ohne es zu wissen, Anlaß zu 
begründeter Eifersucht, dadurch, daß ich ihm einen seiner 
Mitzöglinge in gewissen Kanzleiarbeiten, tabellarische, rechnungs- 
mäßige Zusammenstellungen, die er nicht fehlerlos erledigte, 
als nachprüfendes Rechnungsorgan beiordnete. Aus einem 
Racheakte mir gegenüber wurde mir die Unvorsichtigkeit klar. 
Es gelang unserem Verwalter, dem er zugeteilt war, durch 
richtiges Eingehen auf diese ganz besonders schwierige Indivi- 
dualität, die Scharte auszuwetzen. Bald darauf wurde er betraut, 
Lebensmittel und andere Waren, Millionenwerte, von Wien mit 
dem Lastenauto zu bringen. Er ließ sich nichts mehr zuschulden 
kommen, wurde als Kaufmann freigesprochen und ist seit Jahren 
als Kommis in einem großen Betriebe zur vollsten Zufrieden- 
heit tätig. 

Zur Herstellung der Übertragung bedarf es natürlich nur 
selten so besonderer Kunstgriffe. In der Regel genügt der 
Ihnen angegebene Vorgang. Ich habe Ihnen den vorliegenden 
Fall nur deswegen mitgeteilt, weil Sie auch hier wieder erkennen 
sollen, daß es ganz unmöglich ist, feststehende Regeln zu geben. 



- 



SIEBENTER VORTRAG 

Von der Fürsorgeerziehungsanstalt 1 

"liyfeine Damen und Herren! Um eine vorhandene Verwahr- 
J - VA losung zu beheben, reicht oft das, was in der Erziehungs- 
beratung geleistet werden kann, nicht aus; der Minderjährige 
muß in eine Erziehungsanstalt gebracht werden, bei sehr arger 
Verwahrlosung in eine Eürsorgeerziehungsanstalt, von der es, 
wie ich Ihnen bereits im ersten Vortrage mitgeteilt habe, in Öster- 
reich nur eine einzige gesetzliche Form, die Besserungsanstalt, 
gibt. Wir würden eine erste Orientierung über die Psycho- 
analyse in der Fürsorgeerziehung nicht gewinnen, wenn wir beim 
einzelnen Verwahrlosten blieben und uns Dissoziale nicht auch 
in der Besserungsanstalt ansähen, also dort, wo sie in größerer 
Anzahl beisammen sind. Daß uns die Psychoanalyse wertvollste 
Dienste leistet, wenn individuelles Eingehen erforderlich wird, 
ist Ihnen nun nicht mehr neu. Wie ist es aber in der Fürsorge- 
erziehungsanstalt? Sie werden heute noch hören, daß auch 
dort der psychoanalytisch geschulte Fürsorgeerzieher in seiner 
Arbeit viel weiter kommt, als der, dem diese Einsicht fehlt. 

Davon aber später, jetzt wollen wir nachsehen, ob uns die 
psychoanalytische Theorie auch organisatorisch brauchbare 
Gesichtspunkte liefert. 

Ob wir in eine Besserungsanstalt, also Fürsorgeerziehungs- 
anstalt alten Stiles, oder in eine moderne eintreten, überall 
werden wir die Zöglinge in größeren oder kleineren Gruppen 

i) „Über die Erziehung in Besserungsanstalten", Imago, Bd. IX (1923). 



Von der Fürsorgeerziehungsanstalt 183 

mit einem Aufseher oder Erzieher beisammen finden, und die 
Zöglingsgruppierung zieht vor allem unsere Aufmerksamkeit 
auf sich. 

In den Anstalten alten Stiles ist jede einzelne Gruppe eine 
Sammlung sämtlicher Formen, die die Pathologie des Kindes 
überhaupt nur aufzutreiben imstande ist. Daß man eine so zu- 
sammengesetzte Gesellschaft nicht erziehen kann, sondern nur 
mit den äußersten Gewaltmitteln im Zaume zu halten vermag, 
ist einleuchtend. Dies mag auch eine der Ursachen sein, daß 
man sich in den Besserungsanstalten nicht entschließen kann, 
von der körperlichen Züchtigung Abstand zu nehmen. 

In den modernen Fürsorgeerziehungsanstalten stehen zwei 
Strebungen im Vordergrunde : die Zöglinge in möglichst kleine 
Gruppen zu vereinigen und jede einzelne Gruppe so zu ge- 
stalten, daß schon das Leben in ihr, ohne besondere Er- 
ziehungsmaßnahmen, die Verwahrlosung behebend wirkt. Der 
Tendenz, auch zu einer weitgehend individuellen Behandlung 
zu kommen, wird durch die derzeitigen Einrichtungen kaum 
entsprochen. Dem Fürsorgeerzieher, der sich in diesem Sinne 
bemüht, wird durch die äußeren Verhältnisse sehr rasch ein 
Halt zugerufen. Darüber müssen wir uns klar sein, daß es in 
der Fürsorgeerziehungsanstalt nicht nur praktisch ganz un- 
durchführbar ist, jedem Zögling einen Erzieher zuzuweisen, 
sondern daß dies auch gar nicht das Ideälziel einer Anstalts- 
organisation sein dürfte. Die Erziehung in der Fürsorge- 
erziehungsanstalt ist und bleibt eine Massenerziehung, inner- 
halb derer allerdings den besonderen Umständen, die sich durch 
die Verwahrlostentypen ergeben, entsprochen werden muß. 
Begreiflich erscheint es uns, daß die Erzieher möglichst 
kleine Gruppen verlangen, die Erhalter der Fürsorgeerziehungs- 
anstalten oder deren Verwaltungsorgane aus Verbilligungs- 
gründen möglichst große. In diesen Streit sich einzumengen, 
ist nicht erforderlich, weil keine von den beiden Parteien zum 



vollen Siege kommt. Und ob in dem zustande kommenden 
Kompromiß die von den Erziehern vertretene Zulässigkeits- 
grenze oder die von der Verwaltung geforderte Zahl angenähert 
wird, ist ziemlich gleichgültig. In dem einen Fall werden im 
allgemeinen fünfundzwanzig Zöglinge oder einige weniger, im 
anderen Falle einige mehr als fünfundzwanzig in einer Gruppe 
beisammen sein. Dort, wo schwierige und schwierigste Fälle in 
Betracht kommen, gibt es ohnehin heute keine öffentliche Ver- 
waltung mehr, der die Einsicht für die Notwendigkeit einer 
noch beträchtlicheren Verringerung der Zöglingszahl in diesen 
Gruppen fehlte. Damit ist aber nicht gesagt, daß schon in 
allen Anstalten für Verwahrloste die einer Gruppe zuzuweisende 
Anzahl von Zöglingen zu einem Problem geworden wäre; 
denn es gibt auch heute noch „alte" Besserungsanstalten, 
die zwar schon ihren Namen gewechselt haben, sonst aber 
noch unter vorwiegend fiskalischen Gesichtspunkten geführt 
werden. Personen, die diese Richtung vertreten, mit psycho- 
logischen oder gar psychoanalytischen Überlegungen zu kommen, 
wäre vergebliches Bemühen. 

Für den Gruppierungsgedanken, das heißt die Grundsätze, 
nach denen die Zöglinge in der Fürsorgeerziehungsanstalt 
zusammenzufassen sind, hat die Psychopathologie durch ihre 
Forschungsarbeiten seit langem vorgearbeitet. Die Arbeiten 
Birnbaums („Die psychopathischen Verbrecher", Berlin, Langen- 
scheidt, 1914), Kraepelins („Lehrbuch der Psychiatrie"), Gregors 
(„Die Verwahrlosung", Berlin, Karger, 1918), Sieferts („Psychia- 
trische Untersuchungen über Fürsorgeerziehungszöglinge", Halle, 
Marhold, 1912), Gruhles („Die Ursachen der Jugendlichen- 
verwahrlosung und Kriminalität", Berlin, Springer, 1912) und 
schließlich des Leiters der heilpädagogischen Abteilung der 
Wiener Kinderklinik Dozenten Dr. Erwin Lazar hatten eine 
Menge wertvoller Aufschlüsse gebracht. Man glaubte sogar 
schon daran, die Fälle so genau diagnostizieren zu können, daß 



Von der Fürsorgeerziehungsanstalt 185 

mit den fertigen Diagnosen auch zu wirklichen Gruppierungen 
zu gelangen sei. 

Soweit waren in Fachkreisen die Ansichten gediehen, als im 
Dezember 1918 die Gemeinde Wien im ehemaligen Flüchtlings- 
lager Oberhollabrunn ein Erziehungsheim für verwahrloste 
Kinder und Jugendliche beiderlei Geschlechtes errichtete, dessen 
Leitung ich übernahm. Als die Ungunst der Verhältnisse uns 
nach etwas mehr als zweijähriger Tätigkeit zwang, dort die 
Arbeit einzustellen, übersiedelten wir nach St. Andrä an 
der Traisen in Niederösterreich, um bis zum 15. Juli 1922 
dort zu bleiben. Mit diesem Tage wurde auch diese Anstalt 
aufgelöst, weil die Zöglinge in der durch die Gemeinde Wien 
vom Lande Niederösterreich übernommenen Fürsorgeerziehungs- 
anstalt in Eggenburg untergebracht worden waren. 

Ich habe diese kleine Einschaltung gemacht, weil sich das, 
was ich Ihnen im folgenden von Fürsorgeerziehungsanstalten 
berichten werde, auf diese beiden von mir geleiteten bezieht. 

Dozent Lazar, unser damaliger psychiatrischer Konsulent, kam 
mit der Absicht nach Oberhollabrunn, im Sinne der genannten 
Diagnostik zu gruppieren. Wie er in „Heilpädagogische 
Gruppierung in einer Anstalt für verwahrloste Kinder" (Zeit- 
schrift für Kinderheilkunde, Band XXVII, Heft 1 — 2, Berlin, 
Julius Springer 1920), selbst auseinandersetzt, mußte er diesen 
Plan als undurchführbar aufgeben, weil die einzelnen Formen, 
die diagnostisch zusammengefaßt waren, erzieherisch viel zu 
weit auseinander fielen. Er machte es sich aus diesem Grunde 
zur Aufgabe, eine Gruppierung vorzunehmen, die in erster 
Linie Temperament und Führungsmöglichkeit berücksichtigte. 

Für diese Arbeit war im Erziehungsheim Oberhollabrunn 
der Boden schon vorbereitet. Die Zöglinge, die ursprünglich 
nur nach dem Geschlechte und nach Schulkindern und Schul- 
entlassenen getrennt worden, sonst aber, wie sie der Zufall der 
Einlieferung gebracht hatte, beisammen geblieben waren, zeigten 



Siebenter Vortrag 



sehr bald solche Führungsschwierigkeiten, daß etwas unter- 
nommen werden mußte. Da vom Anfange an jede brutale 
Gewalt verpönt war, nahmen wir einzelne Zöglinge aus den 
Gruppen heraus und verschoben sie solange, bis ein Auskommen 
mit ihnen gefunden werden konnte. So erwuchs aus dem 
Bedürfnis, zu einem zunächst äußerlich geordneten Betrieb zu 
gelangen, die erste Gruppierung. Beisammen waren mit einer 
einzigen Ausnahme, auf die wir in einem gesonderten Vortrage 
zu sprechen kommen werden, schließlich nur die, die sich selbst 
aneinanderschlossen. Die dann Neuangekommenen brauchten 
wir nicht mehr die verschiedenen Gruppen durchwandern zu 
lassen, um die ihnen entsprechende zu finden, weil einer unserer 
Erzieher, Martin Krämer, einen ganz ausgezeichneten Blick für 
die Differenzierung der Zöglinge hatte, so daß er die zusammen- 
passenden herausfand. 

Aus der Untersuchung des so Gewachsenen fand Lazar, daß 
die Gruppierung eine organische geworden war, die nach ge- 
ringen Abänderungen dem Schema entsprach, das er nach 
Bearbeitung des Materiales entwarf. 

Mit Berücksichtigung der intellektuell Minderwertigen hatte 
Lazar für die Knaben folgende Gruppierung aufgestellt: 

I) Intellektuelle Defekte; 

II) soziale Mängel, die unter dem Einfluß der neuen 
Umgebung ohne besondere Schwierigkeiten zu überwinden 
sind; 

III) soziale Mängel, die tiefer gegriffen haben und fester 
verankert sind; neben dem Einflüsse der neuen Umgebung ist 
aktive Erziehung notwendig; 

IV) charakterologische Fehler neben den sozialen Mängeln 
bei höherer Intelligenz. 

V) Gleichgewichtsstörungen mit gelegentlicher, motivierter 
Aggression neben charakterologischen Fehlern und sozialen 
Mängeln; 



Von der Fürsorgeerziehungsanstalt 187 

VI) Aggression verschiedenster Form, die unmotiviert zum 
Ausbruch kommt, neben den früher genannten Fehlern und 
Mängeln. 

Durch diese Gruppierung hatten wir ziemlich gleichartige 
Zöglinge beisammen, deren typische Eigenart dem Erzieher 
schon durch die Vervielfältigung zum Bewußtsein kommen 
mußte, und denen er sich aus diesem Grunde auch anpassen 
konnte. Es war ihm auch möglich geworden, gleichartige Er- 
ziehungsmaßnahmen anzuwenden, weil er in der Gruppe nicht 
mehr so stark von einander abweichende Fälle hatte. Durch 
die Art ihrer Zusammenfassung fanden die Zöglinge innerhalb 
der Gruppe ihnen entsprechende Verhältnisse mit für ihre 
Entwicklung und Ausheilung günstigen Bedingungen, so daß 
der Gruppierungsgedanke ökonomisch und gleichzeitig Heilungs- 
prinzip geworden war. 

Was ich nun von unserer Zöglingsgruppierung in Oberholla- 
brunn mitgeteilt habe, geschah nicht zu dem Zwecke, Ihnen 
ein ausgereiftes, nachahmenswertes Beispiel zu geben; Sie sollten 
nur sehen, wie, aus dem Bedürfnisse erwachsend, sich ein 
erster Versuch gestaltete. Auch psychoanalytische Überlegungen 
kamen dabei nicht in Frage. Wenn wir nachsehen wollen, ob 
die Psychoanalyse uns dazu Hilfen geben kann, müssen wir 
uns zuerst über die Bedeutung der Gruppierung klar sein. Es 
wird damit, wie schon gesagt, ein ökonomisches Prinzip ver- 
folgt. Je mehr das Zusammenleben der Zöglinge in der Gruppe 
allein, ohne weitere erzieherische Maßnahmen, die Dissozialität 
ausheilend wirkt, desto besser ist die Gruppierung. Und die 
Frage hat zu lauten : Welche Verwahrloste müssen zusammen- 
gebracht werden, um die aus dem bloßen Zusammenleben 
gegebenen besten Vorbedingungen zum Wieder-sozial- Werden 
zu schaffen? 

Was wir bisher von der Verwahrlosung unter dem Gesichts- 
winkel der Psychoanalyse gehört haben, erwies uns, daß nicht 






188 Siebenter Vortrag 



die Verwahrlosungsäußerungen das Wichtige sind, sondern die 
psychischen Mechanismen, die sie bedingen. Diese müssen 
bekannt sein, ehe sich ausprobieren läßt, welche von ihnen in 
einer Gruppe zusammengebracht, durch gegenseitige Beein- 
flussung am raschesten wieder sozial gerichtet werden. Mit 
anderen Worten, wir werden von der Psychoanalyse auch für 
die Gruppierung Gewinn haben, wenn sie uns bei einer ge- 
nügend großen Anzahl von Verwahrlosten die ihrem Handeln 
zugrunde liegenden psychischen Mechanismen aufgedeckt hat. 
Das darf aber nicht mit einer durch eine psychoanalytische 
Behandlung etwa anzustrebenden Behebung der Verwahrlosung 
verwechselt werden; was hier gemeint ist, bezieht sich ledig- 
lich auf diagnostische Momente. 

So lange diese Einzelanalysen nicht vorliegen, müssen wir 
jenen den Vortritt lassen, denen die Konstitution Einteilungs- 
grund abgibt. 

Das Zusammenbringen einander entsprechender, im Sinne 
der Ausheilung aufeinander wirkender psychischer Mechanismen 
macht aber die Gruppierung noch nicht aus. Es müssen noch 
andere, außerhalb der einzelnen Zöglingsindividualitäten liegende 
Bedingungen erfüllt werden. In diesen Belangen haben wir es 
nicht mehr nötig zuzuwarten, sondern können schon jetzt richtig 
Vorsorgen und Zweckmäßiges veranlassen, wenn wir uns Ein- 
sichten zu eigen machen, die Freud insbesondere in „Massen- 
psychologie und Ich-Analyse" erschlossen hat. Ich gehe in diesen 
Vorträgen nicht sehr darauf ein, weil ich mir nicht die Aufgabe ge- 
stellt habe, Ihnen die Fürsorgeerziehung als ein massenpsycholo- 
gisches Problem auseinanderzusetzen, das werde ich mir für 
spätere Erörterungen vorbehalten. Aber ich bespreche auf Grund 
psychoanalytischer Erwägungen die Gestaltung jener äußeren 
Bedingungen, die allgemein als Milieu bekannt sind. Für den 
Fürsorgeerziehungszögling sind nicht nur die mit ihm in der 
Gruppe zusammenlebenden Kameraden wichtig, sondern auch 



Von der Fürsorgeerziehungsanstalt 189 

seine sonstige persönliche, dingliche und räumliche Umwelt 
und die Verhältnisse in der Anstalt, in deren Rahmen die 
Gruppe eingeschachtelt ist, kurz gesagt das Gruppenmilieu und 
das weitere der Anstalt. 

Machen wir, ehe wir uns dieser Aufgabe zuwenden, noch zwei 
Besuche in Anstalten für Verwahrloste, einer alten Besserungs- 
anstalt und einer modernen Fürsorgeerziehungsanstalt, um das 
in diesen geschaffene Milieu auf uns wirken zu lassen. 

Kommen wir in die erste, so fällt uns vor allem das mürrische, 
verschlossene Wesen der Zöglinge auf. Überall nur scheue, 
haßerfüllte Blicke von unten herauf. Nirgends ein offenes, 
freies Ins-Gesicht-Schauen. 

Das fröhliche, oft kraftüberschäumende Wesen der normalen 
Jugend fehlt vollständig. Was an Heiterkeit zu sehen ist, stimmt 
den Besucher traurig. Lebensfreudige Äußerungen sehen ganz 
anders aus. Man kann sich eines Schauers über den vielen 
Haß, der in diesen jungen Menschen aufgespeichert ist, kaum 
erwehren. Er kommt in diesen Anstalten nicht zur Lösung, 
verdichtet sich noch mehr, um später in der Gesellschaft ent- 
laden zu werden. 

Der Verwalter einer solchen Anstalt machte mich gelegentlich 
eines Rundganges auf die seit zwanzig Jahren in Verwendung 
stehenden Blech Waschbecken aufmerksam und war sehr stolz auf 
die bei ihm herrschende Ordnung: trotz des langen Gebrauches 
waren die Waschschüsseln nicht deformiert und glänzten wie 
neu poliert. In den Schlafsälen standen links und rechts vom 
Mittelgang je fünfundzwanzig Betten, ausgerichtet wie eine 
Reihe Soldaten, keines einen Millimeter vor- oder zurückgerückt, 
ebenso standen die Nachtkästchen ; die Bettdecken waren in scharf 
umgrenzte Rechtecke zusammengelegt und auf den Betten so 
liegend, daß ihre Schmalseiten wieder schnurgerade Linien 
bildeten; dieselbe peinliche Ordnung herrschte überall auch in 
den Tagräumen, auch auf Stiegen und Gängen. Wenn Sie zu 



L 



190 Siebenter Vortrag 



all dem noch dazugeben, was ich über das Verhalten von 
Zöglingen in Besserungsanstelten im allgemeinen sagte, und 
das auch für diese Anstalt gilt, so wird Ihnen ohne nähere 
Erklärung deutlich, welche Gewalt da Tag für Tag aufgewendet 
werden mußte, um einen Zustand aufrecht zu erhalten, der 
kindlichem Empfinden so zuwiderläuft, dem dissozialer Jugend 
um so mehr. Den Zwang des sozialen Lebens haben sie nicht 
ertragen und durch solchen Anstaltszwang sollen sie wieder 
sozial werden? 

Nun ein anderes Bild! Wenn Sie an einem besonders guten 
Tag in eine der von mir geleiteten Fürsorgeerziehungsanstalten 
zu Besuch gekommen wären, hätten Sie leicht etwa folgendes 
erleben können: Noch ehe Sie den Bereich der Anstalt betreten, 
treffen Sie auf einen Ortseinwohner, der ganz unverhohlen 
seinem Unmute darüber Ausdruck gibt, daß die Verwahrlosten 
statt eingesperrt gehalten und in Reihen von Aufsehern spazieren 
geführt zu werden, hier so frei herumgehen dürfen. Weil Sie 
näheres von der Anstalt wissen wollen, fragen Sie ihn, warum 
er denn gar so erbost sei? Weil durch die Art, wie hier die 
Verwahrlosten gehalten werden, allem Unfug Tür und Tor 
geöffnet ist. Sie hören ihm weiter zu und erfahren, daß er sich 
eben zum Leiter beschweren geht, weil Zöglinge statt anständig 
und gesittet nach Hause zu gehen, sich gebalgt und in seinem 
Wohnhause eine Fensterscheibe eingeschlagen haben. Sie 
können bei mir nicht gleich vorkommen, weil ich schon in An- 
spruch genommen bin. Vor Ihnen will noch ein Gendarm vor- 
gelassen werden. Aus meinem Zimmer hören Sie eine sehr 
erregte Stimme: der Besitzer eines Obstgartens duldet nicht, 
daß Zöglinge seinen Bäumen einen Besuch abstatten. Ich lasse 
Sie nun gleichzeitig mit dem Gendarm eintreten, mache 
keinerlei Geheimnis vor Ihnen und Sie werden nun Zeuge der 
Schilderung eines Vorfalles vom Tage vorher: Zwei Jugendliche 
haben im benachbarten Walde am offenen, von ihnen selbst 



Von der Fürsorgeerziehungsanstalt 191 

angefachten Feuer eine Forelle gebraten, die sie nur aus dem 
unweit vorüberfließenden Werkbach gefischt haben können. 
Kaum ist der Anzeiger weg, und wir sind eben im Begriff, den 
von Ihnen gewünschten Rundgang zu beginnen, stürzt die 
Anstaltsköchin in höchster Erregung bei der Tür herein und 
erklärt empört, daß sie die Buchteln richtig abgezählt habe; 
wenn jetzt in der einen Gruppe fünf Stück fehlen, so haben 
sie die Essenträger verschwinden lassen. Sie leisten momentan 
auf die Besichtigung der Anstalt Verzicht, es war zu viel, was 
da an ersten Eindrücken auf Sie eingestürmt ist. 

Überlegen wir, ob ein derartiger Zustand in einer Erziehungs- 
anstalt zulässig ist, oder ob diese, wenn es so zugeht, je eher 
desto besser zu sperren ist? 

Wir wissen bereits von der Erziehungsberatung her, daß 
der Fürsorgeerzieher auf den Defekt des Verwahrlosten ein- 
geht und ihm anfänglich keine Widerstände entgegenstellt, den 
Zeitpunkt abwartet, bis er mit Versagungen einsetzt. Es ist 
nicht einzusehen, warum das in der Anstalt anders sein sollte, 
damit, daß dort mehr und ärger Verwahrloste beisammen 
und die Schwierigkeiten größere sind, läßt sich ein geänderter 
Vorgang doch nicht begründen. 

Typisch für jeden Verwahrlosten ist die geringe Fähigkeit; 
Triebregungen unterdrücken und von primitiven Zielen ablenken 
zu können, sowie die ziemliche Wirkungslosigkeit der für die 
Gesellschaft geltenden sittlichen Normen; dazu kommt für den 
weitaus größten Prozentsatz der Fürsorgeerziehungszöglinge ein 
offener Konflikt mit der Gesellschaft als Folge eines in der 
Kindheit unbefriedigt gebliebenen Zärtlichkeitsbedürfnisses. In 
Erscheinung tritt sehr gesteigerter Lusthunger, primitive Form 
der Triebbefriedigung, Hemmungslosigkeit und verdecktes, aber 
desto größeres Verlangen nach Zuneigung. Soll die Verwahr- 
losung behoben und nicht nur deren Äußerungen unterdrückt 
werden, so bleibt nichts, als zuerst auf die Bedürfnisse der 



1Q2 Siebenter Vortrag 



Dissozialen einzugehen, auch wenn es im Anfange ein wenig 
wüst zugeht und „verständige Menschen" darüber den Kopf 
schütteln. Wir wurden auch tatsächlich vielfach nicht verstanden ; 
Ängstliche waren entsetzt, die nächsten Nachbarn nahmen 
uns manches sehr übel; jedesmal, wenn einer über die Stränge 
geschlagen hatte, war großes Geschrei. Wir ließen uns aber 
trotzdem nicht irre machen, für uns war es wie in einer psycho- 
analytischen Behandlung: Verwertung der täglichen Konflikte 
zur Erreichung des Erziehungszweckes. Wir gewährten den 
Verwahrlosten im lustbetonten Milieu unsere Zuneigung, be- 
dienten uns also der Liebesprämie, um einen versäumten 
Entwicklungsprozeß nachzuholen: den Übergang von der un- 
wirklichen Lustwelt in die wirkliche Realität. 

Es war uns von allem Anfange an rein gefühlsmäßig klar, 
daß wir Knaben und Mädchen und jungen Menschen im Alter 
von vierzehn bis achtzehn Jahren vor allem Freude zu bereiten 
hatten. Keinem von uns war je eingefallen, in ihnen Verwahr- 
loste oder gar Verbrecher zu sehen, vor denen die Gesellschaft 
geschützt werden müsse; für uns waren es Menschen, denen 
das Leben eine zu starke Belastung gebracht hatte, deren 
negative Einstellung und deren Haß gegen die Gesellschaft 
berechtigt war; für die daher ein Milieu geschaffen werden 
mußte, in dem sie sich wohl fühlen konnten. Und es war dann 
auch tatsächlich ganz von selbst gegangen. Frohe Gesichter bei 
Erzieherinnen und Erziehern, freudiges Lachen aus Kinder- 
augen, auch aus Achtzehnjährigen — das waren eben die großen 
Kinder. — Ich erinnere mich noch der Spannung, mit der wir 
den ersten Zögling erwarteten, und seines Behagens, als wir 
uns auf ihn stürzten, um ihn zu verwöhnen. Wir haben später 
freilich manches Zuviel abgestreift, aber zur Beruhigung kann 
ich mitteilen, daß auch dem ersten die anfängliche arge Ver- 
wöhnung nicht geschadet hat. Er ist vollständig in Ordnung, 
seit Jahren im Erwerbsleben tätig. 



Von der Fürsorgeerziehungsanstalt 193 



Wir betrieben so, ohne es damals zu wissen, schon durch 
die Milieuschaffung eine praktische Psychologie der Versöhnung, 
von der wir heute sagen können, daß sie für die überwiegende 
Mehrheit der gegenwärtig in Besserungsanstalten untergebrachten 
Zöglinge anzuwenden ist. 

Es ist übrigens recht eigentümlich, daß dieselben Verwahr- 
losungsformen, die uns zur Freundschaft, Milde und Güte ver- 
anlaßten, das Personal in den alten Besserungsanstalten zu 
oppositioneller Einstellung provozierten und das ganze Anstalts- 
leben auf das uns so wohlbekannte sado-masochistische Niveau 
herabdrückten, oder wenn Sie wollen, steigerten. Ich habe seit 
Oberhollabrunn für einen bestimmten Typus Verwahrloster 
diese Einstellung nicht zu ändern gebraucht, sie immer wieder 
als richtig erkennen können; ich werde mich zu einer anderen 
Auffassung erst entschließen, nicht wenn es eine unverständige 
Umgebung will, sondern wenn ich durch neue Erkenntnis 
dazu genötigt werden sollte. Es gibt freilich auch Verwahrloste, 
und das darf nicht übersehen werden, die erzieherisch unbe- 
einflußbar blieben, wenn ihnen gegenüber das eben skizzierte 
Verhalten eingehalten werden würde. Welche das sind, 
und wie mit diesen umzugehen ist, werden wir ein andermal 
hören. 

Ich habe mich durch die eben gemachte Einschaltung ein 
wenig von der Milieuschilderung abbringen lassen. Für die 
allgemeine Erziehung in der Anstalt kommt es nicht so sehr auf 
einzelne Erziehungsmaßnahmen an, sondern vielmehr darauf, aus 
der richtigen Einstellung zum Zögling diesen zu Erlebnissen zu 
führen. Wenn die Zöglinge etwas erleben sollen, so müssen sie 
ins Leben und nicht in die lebensfremde, wenn auch noch so 
schöne Anstalt gesteckt werden. Je weniger daher das Milieu 
Anstaltscharakter trägt und je mehr es sich dem einer freien 
Siedlung lebensbejahender Menschen nähert, desto weniger ist 
der Dissoziale dem wirklichen Leben entfremdet, desto sicherer 

Aichhorn, Verwahrloste Jugend I3 



- 



194 Siebenter Vortrag 



seine Ausheilung und desto sicherer später sein Wiedereintritt 
in die Gesellschaft zu erwarten. In der Anstalt ist auch die 
Gefahr, daß die Individualität des Einzelnen nicht zur Entwick- 
lung kommt, eine außerordentlich große; nur zu leicht bildet 
sich für die Erziehungshandlungen eine Schablone heraus und 
der Zögling wird nur zu oft infolge administrativer Notwendig- 
keiten, die leicht überwuchern, zur Nummer. 

Erinnern wir uns doch auch an unsere eigene Kindheit: 
Was bedeutete uns eine Schublade, ein Kastenfach, eine 
Schachtel, ein Plätzchen, das uns ganz allein gehörte, wo wir 
unsere Geheimnisse vor Eltern und Geschwistern verbergen 
konnten, wo wir Ordnung machten, wenn es uns paßte, wo 
wir aber auch nach Herzenslust schlampig sein konnten! Und in der 
Anstalt? — Überall die der Einheitlichkeit wegen aufgezwungene 
Ordnung und Lebensweise! Nicht ein ausschließlich dem Ein- 
zelnen reserviertes Plätzchen! Anstaltsmauern schließen das Kind 
auch vom Leben ab und drängen es in ungesunde Phantasie- 
erlebnisse, verhindern den rechtzeitigen Ausgleich zwischen 
Lust und Realität! Wie ganz anders, wenn der Verwahrloste 
in einer Siedlung wohnt, in der alle die kleinen und kleinsten 
Erlebnisse sich abspielen können, in der aber auch die sonst 
so sehr vermißte Bewegungsfreiheit gewährt werden kann. Das 
war in Oberhollabrunn durch das Wohnen jeder Gruppe in 
einer primitiven Baracke gegeben, und wenn uns auch im 
Winter wegen der schlecht schließenden Fenster der Schnee 
auf die Bettdecken flog, was machte das, wir waren mit einem 
Sprung im Freien und weder Gitter noch Mauer schieden uns 
von der übrigen Welt. In St. Andrä stellten sich manche 
äußere Hindernisse entgegen, aber doch hatte jede Gruppe 
ihre gesonderten Räume für sich und bildete im Anstaltsgefüge 
eine geschlossene Einheit. In Anstalten mit Pavillonsystem läßt 
sich die günstige räumliche Umwelt ohne besondere Schwierig- 
keiten schaffen. 



Von der Fürsorgeerziehungsanstalt 195 



Sie dürfen nun aber nicht meinen, daß bei uns die Dissozialen 
sofort nach ihrer Einlieferung vom Zauber des Milieus gefangen 
genommen worden sind. Manche blieben lange Zeit erstaunt, 
mißtrauisch, ungläubig; viele, die innerlich Verrohten, die sich 
draußen nur mehr gebeugt hatten, wenn die Brutalität des 
anderen sie unwiderstehlich bezwungen hatte, haben in uns die 
Schwächlinge gesehen, die sich an sie nicht heranwagten; noch 
andere, die intellektuell Hochwertigeren, haben uns als die 
Dummen genommen, die sich zum besten halten lassen. So war 
von der brutalen Opposition bis zur stillen Verachtung alles 
vertreten gewesen. 

Weil wir das gewußt hatten, war es uns nie eingefallen, die 
Zöglinge beim Eintritte durch Worte für uns gewinnen zu 
wollen. Wir ließen die Umgebung auf sie einwirken und 
warteten den geeigneten Zeitpunkt ab. Erst bis der „Neue" 
sich in das Milieu eingelebt hatte, dachten wir an besondere 
erzieherische Maßnahmen für ihn. 

An dieser Stelle auch ein Wort zur Verköstigung, weil ich 
sonst nicht mehr darauf zu sprechen käme. Ethische Werte 
haben für den Verwahrlosten anfangs keine Zugkraft; zu nehmen 
ist er aber bei seinem Freßtrieb. Er verlangt eine ausgiebige Kost, 
legt nicht besonderen Wert auf Abwechslung, wichtig ist ihm 
im allgemeinen die Quantität, Feinschmecker ist er nur in 
Ausnahmsfällen. Aber daß sein Erzieher mit ihm lebt und für 
ihn ist, begreift keiner, wenn er Maisgrieß bekommt und für 
den Erzieher Gulyas gekocht wird. In der Fürsorgeerziehungs- 
anstalt ist die Einheitskost, gekocht auf einem Herde und in 
denselben Töpfen, eine erzieherische Grundbedingung. Die aus 
der verschiedenen Verköstigung von Erziehern und Zöglingen 
hervorgehende Unlust löst starkes Mißtrauen gegen den Erzieher 
aus, das sich auf das ganze Verhältnis überträgt. Der Dissoziale 
glaubt dem Erzieher seine Liebe nicht mehr. 

Der Geist, der die Besserungsanstalt erfüllt, muß vom 

13* 



196 Siebenter Vortrag 



Personal ausgehen. Die eigene positive Einstellung des Erziehers 
zum Leben, jene glückliche Lebensauffassung, die Heiterkeit 
und Freude um sich verbreitet, bringt die Atmosphäre, in der 
ohne besondere Anstrengung das Erziehungswerk gelingt. Dann 
sind die Erzieher auch befähigt, sich ihren Zöglingen so zu 
nähern, daß diese in allen Handlungen Zuneigung verspüren 
und immer empfinden, verstanden zu werden. Die meisten 
Dissozialen sind nie zur Befriedigung ihres kindlichen Zärtlich- 
keitsbedürfnisses gekommen. Viele haben die schöne, noch das 
spätere Leben verklärende Märchenzeit nie erlebt und die Stunden 
innigen Zusammenseins von Mutter und Kind nie kennen 
gelernt. Diesen muß viel gegeben werden und es ergibt sich 
eine wichtige Forderung an die Persönlichkeit des Erziehers: 
er bedarf sehr hoher Einfühlungsfähigkeit, damit es ihm gelingt, 
das Richtige zu treffen; denn die Erziehungswissenschaft läßt 
ihn hier im Stiche. Es genügt nicht, des Zöglings Reden und 
Tun zu erfassen, der Erzieher muß sich in ihn so hineinleben 
können, daß dessen Erleben zum eigenen wird. 

Hier noch eine Bemerkung zur Erzieherin. Die Erfahrung, 
die wir in Oberhollabrunn und St. Andrä machen konnten und 
die mit dem übereinstimmt, was die Psychoanalyse über die 
libidinösen Vorgänge erschlossen hat, läßt es angezeigt er- 
scheinen, schulpflichtige Knaben im Alter der Vorpubertät 
nicht ausschließlich unter männlichen Einfluß zu stellen; am 
vorteilhaftesten ist es, wenn in der Zöglingsgruppe Erzieherin 
und Erzieher gemeinsam tätig sind. Beim männlichen Jugend- 
lichen ist der weibliche Einfluß in dieser Form nicht mehr 
zweckmäßig; es empfiehlt sich für sämtliche Jugendlichengruppen, 
einer Frau die Obsorge für alle pflegerische Angelegenheiten, 
Wäsche, Schuhe, Überprüfung von Ordnung und Reinlichkeit 
in Tag- und Schlafräumen usw. zu übertragen. Diese darf sich 
aber dann natürlich nicht darauf beschränken, rechtzeitig 
gereinigte Wäsche und gestopfte Socken zur Verfügung zu 



- 



Von der Fürsorgeerziehungsanstalt 197 



stellen, sondern wird in Erfüllung ihrer äußerlichen Verpflich- 
tungen immer wieder Gelegenheit nehmen, bei den einzelnen 
Zöglingen zu erzieherischen Einwirkungen zu gelangen. 

Die Behebung der Verwahrlosung ist, was immer in Frage 
kommen mag, letzten Endes ein libidinöses Problem, das heißt, 
das Wichtigste bleiben die Gefühlsbeziehungen des Zöglings 
zum Erzieher, oder allgemeiner gesagt, zu den Personen seiner 
Umgebung. Das muß für den Anstaltsbetrieb erkannt werden, 
weil sonst grobe Fehler unvermeidlich sind. Wie wir versuchten, 
die Gefühlsbeziehungen der Jugend zu uns anzubahnen, zu 
festigen und auszuwerten, habe ich Ihnen schon mitgeteilt. 
Trotz allem hatten wir aber auch bei uns nicht das Paradies 
gehabt und es ging nicht immer ohne Konflikte und negative 
Stimmungen ab. Die erste Beobachtung nach dieser Richtung 
machte ich bald nach Beginn unserer Tätigkeit in Ober- 
hollabrunn. Mir war aufgefallen, daß namentlich in Zöglings- 
gruppen, die von Erzieherinnen geleitet wurden, deren schlechte 
Stimmung sich sofort auf die Gruppe übertrug, dann verstärkt 
auf diese zurückwirkte und so immer hin und her, bis es zum 
offenen Konflikt kam. Das richtige Verständnis für die befreiende 
Wirkung einer Aussprache hatte ich damals zwar noch nicht, 
aber doch bemerkte ich, wie sich das Bild der Gruppe voll- 
ständig umkehrte, wenn es gelungen war, die Stimmung der 
Erzieherin zu heben. Durch die wiederholten Aussprachen mit 
jedem einzelnen vom Erziehungspersonale, bei denen auch recht 
oft auf Persönliches eingegangen wurde, kam ich nach und 
nach in ein Freundschafts- und Vertrauensverhältnis zu meinen 
Mitarbeitern. Die gegenseitige Art dieses Verkehres übertrug 
sich nach und nach auch auf die Zöglinge, so daß später nur 
ein Ton den ganzen Betrieb beherrscht hat. Wir hatten dadurch 
nichts an Autorität eingebüßt, den Zöglingen aber die Angst 
vor uns genommen und so ihr Vertrauen gewonnen. 

Der durch die Psychoanalyse aufgedeckte Mechanismus der 



198 Siebenter Vortrag 



Übertragung erklärte mir später den Erfolg unserer Erziehungs- 
arbeit; er sagte mir auch, weshalb über Erziehungsfragen so 
leicht zu reden ist, Erziehenkönnen aber erlebt werden muß. 
Was beim ersten Erzieher gut ausfällt, kann beim zweiten, der 
es nachmacht, schlecht sein. Ich halte erfolgreiche Arbeit des 
Personals in der Besserungsanstalt ohne starke Bindung an 
den Führer für unmöglich, weil ich mir das Sozialwerden des 
Verwahrlosten ohne vorherige starke Bindung an einen Menschen 
seiner Umgebung nicht denken kann, und weil sich aus der 
Einstellung des Erziehers zum Führer von selbst die richtigen 
Beziehungen zwischen Zögling und Erzieher herstellen. 

Ich habe Ihnen jetzt ohne viel psychoanalytische Theorie 
einen kleinen Ausschnitt aus dem Milieu der Fürsorgeerziehungs- 
anstalt gegeben. Es ließen sich an jede Einzelheit eine Reihe 
von theoretischen Überlegungen anschließen, die ich aber unter- 
lasse, weil ich mich heute vorwiegend mit der Praxis des 
Anstaltserziehers beschäftigen will. Ich bleibe daher in den 
beiden Anstalten Oberhollabrunn und St. Andrä und berichte 
Ihnen davon weiter. 

Sie werden in der Fürsorgeerziehungsliteratur sehr häufig 
statt Erziehung in Besserungsanstalten den Terminus Zwangs- 
erziehung finden. Dieser bezieht sich nicht auf die Erziehungs- 
form, die dem zu Erziehenden aufgezwungen wird, wie man 
nach dem von den Besserungsanstalten bekannten Zwang anzu- 
nehmen in der Lage wäre. Zwangserziehung bezieht sich auf 
den zur Erziehung Verpflichteten, ist also eine Erziehung gegen 
den Willen der Eltern. Obwohl diese Aufklärung streng 
genommen mit unserem heutigen Thema nichts zu tun hat, 
mußte ich doch davon sprechen, weil Sie vor mißverständlicher 
Auffassung bewahrt werden sollen. 

Ehe ich fortfahre, Ihnen von der Fürsorgeerziehungsanstalt 
zu berichten, erscheint es mir wichtig, Sie vor einer immerhin 
möglichen Übereiltheit zurückzuhalten. Wir haben bisnun schon 



Von der Fürsorgeerziehungsanstalt 199 

manches über verwahrloste Kinder und Jugendliche gehört, und 
die Versuchung liegt nahe, Schlußfolgerungen, die für diese 
richtig sind, auch auf die normale Jugend anzuwenden. Wenn 
auch zweifellos innige und tiefe Beziehungen zwischen der 
Erziehung beider bestehen, sind wir doch noch lange nicht 
so weit, mit Sicherheit sagen zu können, wo diese gleichartig 
verlaufen. So wie unter unseren Zöglingen Grenzfälle und 
fließende Übergänge zur Neurose und Psychose vorkommen 
und wir uns daher in unserer Arbeit im Grenzgebiete mit der 
Psychiatrie berühren, stoßen wir auch auf Grenzfälle und 
fließende Übergänge zur normalen Jugend und berühren uns 
dadurch in unserer Tätigkeit auch mit der Familienerziehung, 
den erzieherischen Strebungen in der offenen Jugendfürsorge 
und denen der freien Jugendbewegung. Unsere Hauptarbeit wird 
sich aber immer auf gesondertem Wege entwickeln müssen. 

Wir konnten in Oberhollabrunn und St. Andrä, mochte die 
tiefer hegende Ursache der Verwahrlosung welche immer 
gewesen sein, fast ausnahmslos feststellen, daß die Dissozialen 
zerstörtem, zerrüttetem oder unharmonischem Familienmilieu 
entstammten. Es hat den Anschein, als ob die Stöße, die das 
soziale Leben dem Einzelnen gibt, nur dann zu ertragen seien, 
wenn dieser einen Ruhepunkt findet, der für unsere Gesell- 
schaftsordnung normalerweise in der Familie liegt. Ist dieser 
vorhanden, so bewegen sich die Äußerungen des Trieblebens 
innerhalb sozial erträglicher Grenzen; fehlt er, so wird der 
ohnehin nicht sehr stabile Gleichgewichtszustand noch leichter 
gestört. 

Diese Gleichgewichtsstörungen rufen Dauerwirkungen hervor, 
die, wenn sie als Verwahrlosung in Erscheinung treten, die 
Fürsorgeerziehung zu beheben hat. Die Art ihrer Einflußnahme 
auf den Zögling muß sich daher, namentlich in der ersten Zeit, 
wesentlich von der Erziehung des normalen Kindes unter- 
scheiden. 



200 Siebenter Vortrag 



Und nun zur Anstalt zurück! 

Sie hörten bereits, daß die Art und Stärke der libidinösen 
Bindungen des Kindes an die Objekte seiner ersten Umgebung 
richtunggebend für das ganze spätere Leben bleibt. Damit 
scheint nun auch zu stimmen, daß wir unsere nicht unbeträcht- 
lichen Erfolge in der Behebung der Verwahrlosung einer Ein- 
flußnahme auf das spätere Schicksal der Libido im Sinne der 
Sublimierung und Kompensierung verdanken. Wie wir das 
auffassen, möchte ich Ihnen an zwei Beispielen aus dem 
Jugendheime St. Andrä zeigen: an einem Sechzehnjährigen, 
der vom psychiatrischen Konsulenten als leichte Form der 
Schizophrenie bezeichnet wurde, und an einem siebzehnjährigen 
Homosexuellen. 

Der Sechzehnjährige, ein Junge aus sehr gutem bürgerlichen 
Milieu, wurde der Fürsorgeerziehung wegen fortgesetzter häus- 
licher Diebstähle übergeben. Er kam zu uns, nachdem seine 
Unterbringung in mehreren anderen Anstalten erfolglos 
geblieben war. Wie arg er es trieb, ist daraus zu ersehen, daß 
sein Vater, als er ihn brachte, zu mir sagte: „Der Junge hätte 
uns ruiniert, wäre er noch länger zu Hause geblieben. " Er war 
sehr schwierig zu führen, äußerst reizbar, bildete sich zeit- 
weilig ein, daß die anderen ihn ablehnen, ja, ihn körperlich 
bedrohen, und leistete sich dann arge Aggressionen gegen seine 
Mitzöglinge, Erzieher und andere Personen seiner Umgebung. 
So rächte er sich auch einmal an dem Anstaltsverwalter, von 
dem er sich beleidigt glaubte, dadurch, daß er in einer Nacht 
vor dessen Wohnungstür defäzierte. Sein Größenwahn lebte 
sich in der Idee aus, Einbrecherkönig zu werden. Er hatte sich 
in Wien auch eine „Platte" gebildet gehabt, die er zu beherr- 
schen wähnte, von der sein Vater aber gerade das Gegenteil 
berichtete. Sein Verhalten bei uns und die wiederholten Aus- 
sprachen mit ihm bestätigten die oben erwähnte Diagnose. 
Dem körperlich kräftigen, intellektuell unternormalen Jungen 



Von der Fürsorgeerziehungsanstalt 20t 

war unter Ausnützung der so deutlich aggressiven und analen 
Komponente eine Beschäftigung zuzuweisen, bei der er körper- 
lich etwas leisten konnte, ohne dabei infolge der mangelnden 
Intelligenz beschämenden Vergleichen ausgesetzt zu sein. Bei 
uns war da nur die Gemüsegärtnerei mit ihrem Wühlen in 
Dung und Erde in Frage gekommen. Die Zuweisung in die 
Gärtnerei erwies sich auch tatsächlich als die beste Berufswahl. 

Der Siebzehnjährige wurde in die Schneiderwerkstätte 
gegeben, weil anzunehmen war, daß die Anfertigung von 
Männerkleidern eine Sublimierung seiner homosexuellen Stre- 
bungen ermöglichen werde. Damit soll aber keineswegs gesagt 
sein, daß wir der Meinung seien, jeder homosexuelle Dissoziale 
müsse, um sozial zu werden, das Schneidergewerbe erlernen. 
Nur die besondere Art im Wesen dieses Jungen veranlaßte 
mich, den Versuch zu wagen. Er erlernte in fünf Monaten, was 
normalerweise erst in drei Jahren erlernt wird. Der Werk- 
meister bezeichnete ihn als Schnei dergenie; in der ganzen Zeit 
kam nur ein Rückfall vor, der Versuch, einen Mitzögling zu 
homosexuellen Handlungen zu verleiten. Durch die Auflösung 
unserer Anstalt mußten wir ihn früher als beabsichtigt ent- 
lassen. Er kam in ein größeres Schneideratelier, lernte dort 
aus und wurde bis jetzt nicht rückfällig. 

Wir sind nun der Meinung, daß die Berufsberatung für diese 
beiden Jungen aus unserer psychoanalytischen Einstellung her- 
aus richtig erfolgt war. Dem ökonomischen Gesichtspunkte der 
Psychoanalyse war entsprochen worden, sie fanden in ihrer 
täglich achtstündigen gewerblichen Arbeit die besten Vor- 
bedingungen für den „automatisch" durch das Lustprinzip 
regulierten Ablauf ihrer seelischen Vorgänge. Wie das zu ver- 
stehen ist, kann ich Ihnen heute nicht näher ausführen, ich 
verweise Sie auf den neunten Vortrag, in dem ich mehr über 
das Lustprinzip sagen werde. Wenn Sie aber überlegen, daß 
wir erzieherisch nicht in der Lage sind, die Kraftquellen, aus 



202 Siebenter Vortrag 



denen der Homosexuelle die Energien für sein psychisches Leben 
bezieht, zu ändern, so werden Sie verstehen, daß wir bemüht 
waren, die Kraftäußerung ins Soziale zu richten. Wir rechneten 
damit, daß gerade durch die Arbeit in der Schneiderwerkstätte 
seine perverse Libido in nützlicher Verwendung abreagiert 
werde, statt ihn mit der Polizei in Konflikt zu bringen. 
Erwähnen möchte ich noch, daß der Junge gegen seinen Willen 
und energischen Protest der Schneiderei zugewiesen worden 
war, und daß er sich dort monatelang sehr unbehaglich fühlte. 
Als unsere Anstalt aufgelöst wurde und er uns verließ, kam 
ich mit ihm auf seine Leistungen in der Schneiderei zu sprechen. 
Er war zu der Zeit schon mit großer Begeisterung Schneider- 
lehrling und entgegnete mir: „Es ist doch gut, wenn einem 
nicht immer sein Wille gelassen wird." 

In beiden Fällen war die psychoanalytische Beurteilung der 
dissozial verwendeten Libidokomponente und der normalen 
Libidoverwertung bei den Handwerken in der Berufswahl zur 
Behebung der Verwahrlosung benützt worden. 

Eine eingehende Psychoanalyse hätte wahrscheinlich ein 
sicheres Ergebnis gebracht. Das war damals nicht möglich und 
auch in Zukunft wird in den Besserungsanstalten aus prak- 
tischen und theoretischen Gründen nicht jeder Zögling einer 
Analyse zugeführt werden können. Sie muß grundsätzlich aber 
für alle jene neurotisch Verwahrlosten verlangt werden, die 
solche Führungsschwierigkeiten bieten, daß sie jede Zöglings- 
gruppe ablehnt. 

Wenn für den Jugendlichen auch die Berufsausbildung, die 
täglich achtstündige Arbeit innerhalb der Anstalt von aller- 
größter Bedeutung ist und eine psychoanalytisch orientierte 
Fürsorgeerziehung der Berufswahl besondere Aufmerksamkeit 
zuwenden wird, so macht sie doch zur Behebung der Ver- 
wahrlosung nicht alles aus. Sie ist wieder nur ein Teil von 
Maßnahmen, von denen wir einige schon besprochen haben, 



Von der Fürsorgeerziehungsanstalt 203 

über die wir heute aber noch mehr hören werden, und die 
erst in ihrer Gesamtheit die richtig organisierte Fürsorge- 
erziehungsanstalt bilden. So wie in den beiden angeführten 
Fällen die richtige Arbeitszuteilung für die Ausheilung aus- 
schlaggebend wurde, ist es uns manchmal gelungen, durch 
herzhaftes Zugreifen bei akutem Konflikt oder durch Herbei- 
führung eines solchen die Behebung der Dissozialität anzu- 
bahnen. Was damit gemeint ist, wie sich solche Gelegenheiten 
herstellen lassen, habe ich Ihnen an dem siebzehnjährigen Lebe- 
mann gezeigt, bei dem es mir um die Herstellung der Über- 
tragung zu tun war. Sie haben dabei auch gesehen, wie mir 
der Zufall der Art seiner Rückkehr zu Hilfe kam, der mir weit 
mehr zu leisten ermöglichte, als ich ursprünglich beabsichtigt 
hatte. 

In einem Diebstahlsfall innerhalb der Anstalt verwertete ich 
die gegebenen Umstände nicht gefühlsmäßig, sondern schuf 
mit Überlegung die erforderliche Situation. Wie das zuging, 
werde ich Ihnen, da es mir recht instruktiv erscheint, mitteilen. 
Sie können daraus auch wieder ersehen, daß sich der Fürsorge- 
erzieher von jeder Schablone freimachen muß. 

Während einer Fahrt von Oberhollabrunn nach Wien las 
ich Dr. Ranks Buch: „Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage. " 
An einer Stelle führt er die Aristotelische Lehre von der 
Katharsis an. Dabei kam mir die Überlegung, ob nicht Konflikts- 
situationen, in denen sich Fürsorgeerziehungszöglinge so oft 
befinden, zur Einleitung 'der Katharsis ausgenützt werden 
könnten, das heißt, ob es in solchen Fällen möglich wäre, den 
Zögling selbst zum Helden eines „Dramas" zu machen. Als 
zum ersten Versuch geeignet erschienen mir Diebstahlskonflikte. 
Die Gelegenheit dazu ergab sich sehr bald. 

Wir hatten einen achtzehnjährigen Zögling, der wegen 
Kameradschaftsdiebstählen aus der Kadettenschule ausge- 
schlossen worden war und der sich auch Haus- sowie Fremd- 



204 Siebenter Vortrag 



diebstähle hatte zuschulden kommen lassen. Ich übertrug ihm 
nach einigen Monaten Aufenthaltes bei uns absichtlich die Ver- 
waltung der Tabakkassa. (In diese bezahlten die Angestellten 
die Beträge zur gemeinsamen Behebung ihrer Tabakfassungen.) 
Der Gesamtbetrag, der allwöchentlich einlief, betrug 700 bis 
800 Kronen, für die damalige Zeit verhältnismäßig viel Geld. 
Den Kassier hatte ich ersucht, den Jungen so zu beobachten, 
daß dieser davon nichts merke, und mir Mitteilung zu machen, 
wenn ein Abgang vorkommen sollte. Nach ungefähr vier 
Wochen wurde mir das Fehlen von 450 Kronen gemeldet. Mir 
schien nun die Gelegenheit gekommen, den Zögling der 
Erschütterung und Rührung auszusetzen, um so die Katharsis 
zu versuchen, obwohl ich noch keine Ahnung hatte, wie das 
anzufangen wäre. Ich wollte vorerst Zeit gewinnen, ersuchte 
den Kassier, mir den Zögling erst nachmittags in die Kanzlei zu 
schicken und ihm nicht zu sagen, daß der Abgang bemerkt 
worden sei. 

Der Junge kam, ich war mir noch immer nicht klar, was 
ich tun sollte. Ich wollte ihn vorläufig eine Zeitlang um mich 
haben und machte ihm den Vorschlag, mir beim Abstauben 
und Ordnen meiner Bücher zu helfen. Was war zu tun? 

Es mußte versucht werden, eine Handlung zu gestalten, in 
deren Mittelpunkt er selbst steht und die sich so zu entwickeln 
hat, daß sein ausgelöster Angstaffekt bis zur Unerträglichkeit 
gesteigert wird ; im Augenblick der unvermeidlich scheinenden 
Katastrophe dieser eine so entgegengesetzte Wendung zu geben, 
daß die Angst plötzlich in Rührung umschlagen muß. Die 
durch diesen Affektkontrast hervorgerufene Erregung hat die 
Ausheilung zu bringen oder einzuleiten. 

Im vorliegenden Falle spielte sich das „Drama" folgender- 
maßen ab: Wir beginnen zu arbeiten. Ich frage ihn um sein 
Ergehen, um dies und jenes und komme nach und nach auch 
auf die Tabakkasse zu sprechen. „Wieviel Geld nimmst du 



Von der Fürsorgeerziehungsanstalt 205 

wöchentlich ein?" — „700 bis 800 Kronen." Wir räumen weiter 
Bücher ein. Nach einiger Zeit: „Stimmt dir deine Kasse auch 
immer?" Ein zögerndes „Ja", von dem ich aber weiter nicht 
Notiz nehme. Wieder nach einiger Zeit: „Wann hast du den 
größten Parteienverkehr?" — „Vormittags." — Und etwas 
später: „Ich muß mir doch einmal deine Kasse ansehen." Der 
Junge wird merklich unruhiger, ich sehe es nicht, sondern 
arbeite mit ihm weiter, lasse aber nicht locker, sondern komme 
immer wieder auf die Tabakkasse zu sprechen. Als sich sein 
Unbehagen derart gesteigert hat, daß ich den Zeitpunkt für 
gekommen erachte, stelle ich ihn plötzlich vor die Ent- 
scheidung: „Du, wenn wir hier fertig sind, werde ich mir 
deine Kasse ansehen." (Seit unserem Zusammensein sind 
ungefähr fünf Viertelstunden vergangen.) Er steht mit dem 
Rücken zu mir vor dem Bücherkasten, nimmt ein Buch heraus, 
um es abzustauben und — läßt es fallen. Jetzt sehe ich seine 

Erregung. „Was ist dir?" — „Nichts!" — „ Was fehlt 

dir in deiner Kasse?" — — — Ein angstverzerrtes 
Gesicht, zögerndes Stammeln: „450 Kronen." Ohne ein Wort 
zu sprechen, gebe ich ihm diesen Betrag. Er sieht mich mit 
einem unbeschreiblichen Blick an und will sprechen. Ich lasse 
ihn nicht reden, aus dem Gefühl heraus, daß mein Tun auf 
ihn noch wirken müsse, und schicke ihn mit einem freund- 
lichen Kopfnicken und einer entsprechenden Handbewegung 
weg. Nach ungefähr zehn Minuten kommt er zurück, legt mir die 
450 Kronen auf den Schreibtisch mit den Worten: „Lassen 
Sie mich einsperren, ich verdiene nicht, daß Sie mir helfen, 
ich werde ja doch wieder stehlen ! " Diese in höchster Erregung 
hervorgestoßenen Worte werden vonheftigem Schluchzenabgelöst. 
Ich lasse ihn niedersetzen und spreche mich mit ihm aus, 
halte ihm keine Moralpredigt, sondern höre teilnahmsvoll an, 
was aus ihm herausquillt; seine Diebereien, seine Stellung zur 
Familie, zum Leben überhaupt und vieles, das ihn beschwert. 



Der anfänglich überaus starke Affekt wird unter Erzählen und 
Weinen allmählich schwächer. Schließlich gebe ich ihm das 
Geld neuerdings, indem ich ihm sage, ich glaube nicht, daß er 
nochmals stehlen werde, er sei mir die 450 Kronen wert. Und 
im übrigen schenke ich sie ihm nicht, er möge weniger rauchen 
und mir nach und nach den Betrag zurückzahlen. Damit 
niemand etwas merke, solle er den Betrag in die Kasse 
zurücklegen. Den Kassier mache ich aufmerksam, daß der 
Schaden gutgemacht sei und daß er sich von der Sache nichts 
zu wissen machen möge. Nach ungefähr zwei Monaten hatte ich 
tatsächlich mein Geld zurückbekommen. 

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die große Spannungs- 
differenz zwischen der Angst, was geschehen würde, wie er 
sah, daß ich vom Diebstahl wußte, und der Rührung, wie sich 
die Situation ganz anders als erwartet entwickelt hatte, die 
Lösung brachte. Praktisch war der Erziehungsfall erledigt, da 
sich der Junge die kurze Zeit, die er noch bei uns verblieb, 
sehr gut aufführte. Er ist seit zweieinhalb Jahren als Zeichner 
in einer großen Möbelfabrik angestellt und hält sich sehr brav. 
Es gelang, einen starken Affekt hervorzurufen und ihn 
erzieherisch zu verwerten. Weiteren Erfahrungen muß es vor- 
behalten bleiben, inwieweit und für welche Fälle sich daraus 
eine besondere Technik entwickeln läßt. 

Als ich in Erinnerung dieses Falles erklärte, ich halte es für 
selbstverständlich, daß Zöglinge auch noch in der Anstalt 
stehlen, ja, daß in manchen Fällen geradezu die erzieherische 
Notwendigkeit bestehe, dem Zögling die Möglichkeit zum 
Stehlen zu geben, erhielt ich von sonst ernst zu nehmender 
Seite zur Antwort, daß es, wenn auch begreiflich, so doch 
bedauerlich sei, wenn in einer Anstalt zur Erziehung Dis- 
sozialer gestohlen wird; daß es aber irrsinnig sei, den Dieb- 
stahl für erzieherisch notwendig zu halten. 
Nach der Lösung solcher Konflikte stellt sich eine sehr 



Von der Fürsorgeerziehungsanstalt 207 



intensive Übertragung ein, die für den weiteren Verlauf der 
Fürsorgeerziehung eine besondere Bedeutung gewinnt und 
Erziehungserfolge gefährdet, wenn der Erzieher nicht dafür 
sorgt, daß sich die zärtlichen Beziehungen wieder lockern. Es 
ist ja auch leicht einzusehen, daß bei besonders starker Zu- 
neigung des Zöglings zu seinem Erzieher eifersüchtige 
Regungen recht sehr in den Vordergrund treten und dann 
dissoziale Äußerungen aus dieser Ursache wieder zum Vor- 
schein kommen. Ist die Übertragung auch das wichtigste Hilfs- 
mittel des Erziehers, so kann sie doch bei nicht genügendem 
Verständnis der sie bedingenden Mechanismen statt des 
gewünschten den entgegengesetzten Effekt erzielen. 

Wie in der Erziehungsberatung, so kann auch in der Für- 
sorgeerziehungsanstalt die individuelle Heilerziehung erst be- 
ginnen, wenn die Übertragung da ist. Erzogen wird aber nicht 
durch Worte, Reden, Ermahnen, Tadel oder Strafen, sondern 
djurch_JEjrlebnisse. Durch das bei uns geschaffene Milieu und 
durch die Art der Führung ergaben sich für jeden einzelnen 
täglich so viele Gelegenheiten zu großen, kleinen und kleinsten 
Erlebnissen, deren tiefgehende Wirkungen die Verwahrlosung 
behoben. Wie oft benützten wir auch vorhandene Stimmungen 
oder schufen Situationen, um die gerade notwendige Stimmung 
herzustellen, und verwendeten die im Dissozialen so stark 
betonte Räuberromantik als Anknüpfungspunkte zur Einleitung 
von Erziehungsmaßnahmen. Ein allgemein gültiges Rezept kann 
ich dem Erzieher nicht geben. Jeder muß versuchen, aus seiner 
Persönlichkeit heraus das Richtige zu treffen. Er kann dies, 
wenn die Befähigung vorhanden ist, durch vieles Beobachten, 
fleißige Arbeit und ernstes Studium erlernen. Allerdings läßt sich 
nicht auf jede beliebige Persönlichkeit die des Erziehers auf- 
pfropfen und durch Dilettantismus wird in der Erziehung des 
Dissozialen ebensoviel Schaden angerichtet, wie durch Berufs- 
erzieher, die zum Erzieher nicht berufen sind. 



208 Siebenter Vortrag 



Vielleicht erscheint Ihnen die Auffassung, mit der wir den 
Zöglingen in der Anstalt gegenüber gestanden sind, als ganz 
selbstverständlich. Ich möchte dazu aber bemerken, daß sie 
uns sehr oft vor die schwersten Anforderungen an uns selbst 
stellte; vergessen Sie nicht den weiten Weg von dem Erkennen 
der Richtigkeit eines Handelns bis zur eigenen Lebens- 
einstellung darauf. 

Wenn ich von den beiden Anstalten Oberhollabrunn und 
St. Andrä spreche, werde ich immer wieder gefragt, welche 
besonderen Erziehungsmittel wir in Anwendung gebracht 
haben. Ich komme da jedesmal in die größte Verlegenheit, 
weil wir keine hatten. Bei Roheitsakten, Diebstählen und 
sonstigen größeren Vergehen, die nicht immer zu vermeiden 
waren, ließ ich den Missetäter zu mir kommen und auch den Ge- 
schädigten. Die Aussprache mit ihnen und mildes Verzeihen bis 
zur äußersten Grenze hatten wir immer als das wertvollste Erzie- 
hungsmittel kennen gelernt. Sie leistete uns deswegen so gute 
Dienste, weil wir das Vertrauen der Zöglinge besessen hatten. 
Sie kamen mit Schwierigkeiten, die sie allein nicht über- 
winden konnten, mit Unklarheiten und Beschwerden, Hoffnungen 
und Bestrebungen; mit tausend Fragen nach all dem Unbe- 
kannten, das sie quälte und auch mit ihren manchmal schwer 
errungenen Erkenntnissen und Vorstellungen suchten sie uns 
auf. Viele ganz innere Zweifel tauchten auf; quälendes Miß- 
verstehen religiöser Wahrheiten, dumpfer Druck des Unbegreif- 
lichen, Ablehnung jeder kirchlichen Handlung, Verspottung 
jeder, auch der eigenen Glaubensempfindung, ja oft Haß gegen 
alles, das Religion heißt, aber manchmal auch viel Tieferes, 
echtes und wahres religiöses Empfinden. Sorgsam mußten wir 
da erklären, manchmal viel wegräumen und auflösen, aber immer 
vorsichtig, ohne unsere eigene Überzeugung aufzuzwingen. 

Sie kamen zögernd, mit heißen Wangen und flackernden 
Blicken, um stockend von ihren ersten Schwärmereien, ihren 






feinsten Liebesregungen zu sprechen und ihre phantasierten 
Liebeserlebnisse zu erzählen, aber auch um das Schöne oder 
Unerträgliche wirklicher Liebe mitzuteilen; sie zeigten sich 
als Don Juan und Ritter Toggenburg; sie kamen in ihrer 
sexuellen Not, mit ihren Leiden und Lastern. Wir führten das 
Gespräch nur in ganz vereinzelten, notwendigen Fällen selbst auf 
ihre sexuellen Erlebnisse und Regungen. Vielleicht interessiert 
es Sie noch zu hören, daß in unseren Aborten die bekannten 
Zeichnungen und Inschriften vollständig fehlten. 

Die Ergebnisse der Aussprachen ließen auch eine organisa- 
torische Auswertung zu. Man konnte aus dem Verhalten der 
Zöglinge, so verschieden es auch immer schien, doch einige 
Hauptrichtungen erkennen. 

Die intellektuell Minderwertigen fallen sofort heraus. Aber 
nicht nur die Intellektvariationen stechen hervor, sondern auch 
die Einstellung des Einzelnen zur Umgebung. Eine Reihungs- 
grundlage gäben beispielsweise zwei ganz deutlich unterscheid- 
bare Haßtypen. Die einen bringen ihrer Umgebung ganz 
offensichtlich Haß entgegen, ohne ihn irgendwie zu verbergen. 
Er ist freilich quantitativ außerordentlich variiert, manchmal 
nur leise angedeutet als Ablehnung zu spüren, dann wieder 
als offene Auflehnung bis zum tödlichen Haß. Stellt man die 
einzelnen Formen dieser Reihe zusammen, dann merkt man 
das Verwandte, die Zusammengehörigkeit. 

Der zweite Haßtypus ist weniger verbreitet. Der Haß dieser 
Zöglinge tritt nicht offen zutage, wie bei den dem ersten 
Typus Zugehörigen; er ist verdeckt und daher schwieriger zu 
erkennen. Diese Hasser sind liebenswürdig bis zur Aufdring- 
lichkeit, freundlich bis zur unangenehmen Intimität, selbst- 
bewußt bis zur Arroganz, verlogen und hinterlistig, entpuppen 
sich als Tyrannen ihrer Mitzöglinge und Aufwiegler im geheimen. 
Alle ihre Äußerungen werden aber sofort verständlich, wenn 
man sie als Haßreaktionen erkennt. 

A i c h h o r n, Verwahrloste Jugend 



210 Siebenter Vortrag 



Ich habe immer gefunden, daß die Haßäußerungen die 
Reaktion auf ein nicht richtig befriedigtes Liebesbedürfnis waren. 
In vielen Fällen konnte das auch objektiv festgestellt werden, 
in sehr vielen Fällen entsprang es aber bloß dem subjektiven 
Empfinden des Kindes. Beim ersten Typus handelt es sich 
wahrscheinlich um ein Zuwenig an empfangener Liebe, um 
eine brutale Ablehnung des Kindes seitens der Erwachsenen. 

In allen Fällen des zweiten Typus zeigte die Aussprache 
mit den Eltern immer wieder dasselbe Bild: zu wenig Gatten- 
liebe, Flucht zum Kinde. Dieses muß die Liebe als nicht seinet- 
wegen gegeben empfunden haben und reagierte mit einem sich 
dissozial äußernden Wesen darauf. 

Typisch für die beiden oben geschilderten Zöglingsreihen ist 
die Art ihrer Haßäußerung: offene Widersetzlichkeit bis zum 
brutalen Totschlag bei den einen, hinterlistiges Anstiften bis 
zum feigen Mord aus dem Hinterhalte bei den anderen. 

Ich muß nun zum Schlüsse meiner heutigen Mitteilungen 
über das Anstaltsgetriebe noch die unter den Fürsorge- 
erziehungszöglingen vertreten gewesenen „abnormen" streifen. 
Damit sind aber keineswegs pathologische Fälle gemeint, 
sondern nur Grenzfälle zur Neurose und Psychose, Zöglinge 
mit abnormen Affektabläufen, die aber doch nicht so weit 
gekommen waren, daß sie einer nervenärztlichen Behandlung 
hätten zugeführt werden können. Sie sind die heilerzieherisch 
schwierigsten Fälle und ich kann auf die Besprechung ihrer 
Behandlung bei einer ersten Einführung in die Fürsorge- 
erziehung nicht eingehen. Nur so viel mögen Sie zur Kenntnis 
nehmen, daß uns die bei der psychoanalytischen Behandlung 
von Neurotikern gewonnene Erfahrung und die psychoanalytische 
Theorie viel beachtenswerte Hinweise auch für diese Arten 
Verwahrloster gegeben hat. 



ACHTER VORTRAG 

Die Aggressiven 

A/feine Damen und Herren! In der Fürsorgeerziehungsanstalt 
wird um so ökonomischer erzieherische Arbeit geleistet 
werden können, je mehr das Zusammenleben der Zöglinge in 
den Gruppen schon an sich, das heißt ohne besondere Erziehungs- 
maßnahmen, die Verwahrlosung zu beheben geeignet ist. Wir 
vermögen ohne weiters einzusehen, daß dann der Aufwand an 
Erziehern, deren Inanspruchnahme und das Bedürfnis an 
Erziehungsmitteln ein weit geringeres sein muß. 

Der Gedanke als solcher ist sicher richtig, fraglich bleibt 
nur, ob er nicht von unrichtiger Voraussetzung ausgehend zu- 
stande gekommen ist. Wissen wir doch, von welch unangenehmer 
Bedeutung für das Werden der Verwahrlosung gerade der 
Einfluß bereits verwahrloster Altersgenossen wird, der, wenn 
wir ihm auch nicht mehr ursächlichen Wert zuerkennen, so 
doch den Anlaß bildet, um latente Verwahrlosung manifest zu 
machen. Wir bekommen ja auch so und so oft zu hören, daß 
der oder jener nur auf die schiefe Bahn gekommen sei, weil 
ihn der Zufall in eine bereits dissoziale Gesellschaft geführt 
hat. Von dieser Seite gesehen, ist das Zusammenleben Ver- 
wahrloster in Gruppen innerhalb der Anstalt geradezu ein 
Übel, vielleicht ein nicht zu vermeidendes, weil aus praktischen 
Gründen nicht jeder einzelne Verwahrloste für sich der Für- 
sorgeerziehung zugeführt werden kann. Aber ganz unmöglich 
erscheint es, gerade aus dem Zusammensein mehrerer Positives, 
für die Behebung der Verwahrlosung Wertvolles zu gewinnen. 



212 Aditer Vortrag 



Dieser Argumentation stimmen meistens die Eltern zu. Viele 
wehren sich, ihr Kind einer Fürsorgeerziehungsanstalt zu über- 
geben; denn, sagen sie: „Was er noch nicht weiß, das lernt er 
dort." Und die Erfahrung gibt ihnen recht, er lernt wirklich 
manches, von dem er früher nichts gewußt hat. 

Also bleibt die Überlegung, daß das Gruppenleben für sich 
erzieherisch bedeutungsvoll werden könnte, theoretische 
Phantasterei? Sehen wir genauer nach! 

Von beiden Seiten wird zugegeben, daß gegenseitige Beein- 
flussung der Zöglinge stattfindet. Was die beiden Ansichten 
unterscheidet, ist deren Art, aber diese ist das Wichtige. 
Während die einen beweisende Tatsachen anführen, daß in der 
Gruppe die Verwahrlosung gefördert wird, behaupten die 
anderen, das Zusammenleben könne zur Behebung der Ver- 
wahrlosung ausgenützt werden. 

Eine Meinung muß doch falsch sein? Ich kann mir denken, 
daß Sie der pessimistischen Auffassung zuneigen und die 
andere nicht gelten lassen wollen. Vielleicht aber haben beide 
recht, und es kommt nur auf die besonderen Umstände an, 
unter denen die Verwahrlosten zusammengebracht werden? 
Dem Fürsorgeerzieher braucht nicht bewiesen zu werden, daß 
verkommene Freunde eine Gefahr bedeuten; er weiß das und 
gibt Schädigungen durch diese auch rückhaltslos zu; anerkennt 
die Gefährdung aber nicht mehr in ihrer Gänze für die in der 
Fürsorgeerziehungsanstalt Untergebrachten und behauptet das 
gerade Gegenteil, wenn die Zöglingsgruppe nicht durch Willkür 
oder Zufall zustande kommt, sondern durch Auslese gebildet 
wird. Ob diese der Erzieher vornimmt oder die Gruppe sich, 
irgendwie psychologisch fundiert, selbst bildet, weil Zöglinge 
beisammen bleiben, die sich zusammen gefunden haben, ist 
eine andere Frage. 

Entstammte diese Behauptung einem Einfall in der Studier- 
stube, so fiele es schwer, für den nicht analytisch Denkenden 



r 



Die Aggressiven 213 



Argumente von genügender Beweiskraft zu finden. So formte 
sie sich aber, als in der Fürsorgeerziehungsanstalt Tatsachen 
zwangen, über ein Warum Klarheit zu gewinnen. Und diese 
Tatsachen will ich Ihnen zunächst mitteilen. 

Erinnern Sie eine das letztemal gemachte Bemerkung: In 
Oberhollabrunn legten wir anfänglich der Zöglingsgruppierung 
nicht besonders viel Bedeutung bei. Sie zog unsere Aufmerk- 
samkeit auch nur insoweit auf sich, als wir trachteten, in die 
einzelnen Gruppen nicht mehr als 25 Zöglinge zu geben und 
die verschiedenen Geschlechter sowie die Schulpflichtigen 
von den Schulmündigen zu trennen. Im übrigen ließen wir 
aber die Eingelieferten so beisammen, wie sie uns der Zufall 
gebracht hatte. Es entstand dadurch ein Zustand, der den 
Erzieherinnen und Erziehern ungemein viel zu schaffen machte. 
In jeder Gruppe gab es Elemente, die sich nicht wohl fühlten, 
und die, da jedwede Gewaltmaßnahme verpönt war, solche 
Führungsschwierigkeiten boten, daß sich der erzieherischen 
Arbeit die größten Schwierigkeiten entgegenstellten. Es begann 
die Zeit der Zöglingsverschiebungen, des großen Wanderns 
von einer Gruppe in die andere, bis schließlich nur mehr die 
beisammen waren, die sich selbst aneinandergeschlossen 
hatten. Daß wir damit eine Gruppierung erreichten, die ziem- 
lich einheitlich geartet erscheinende Zöglinge zusammenfaßte, 
habe ich Ihnen schon mitgeteilt, aber noch nicht berichtet, daß 
uns zwölf Schulknaben übrig geblieben waren, die infolge 
ihrer argen Unverträglichkeit in keiner Gruppe geduldet 
wurden. Was sollten wir nun mit diesen anfangen? Wir 
machten aus der Not eine Tugend, gaben diese auch zusammen 
und errichteten die Gruppe der Aggressiven oder Sechser 
(siehe das Gruppenschema im 7. Vortrage), wie sie auch noch 
genannt wurden. Ich werde Ihnen heute ausführlich über sie 
berichten, muß vorher nur noch eine Bemerkung zur Gruppie- 
rung überhaupt machen. 



214 Achter Vortrag 



Überall, wo ich bisher darüber sprach, daß in unseren 
Gruppen gleichartige Zöglinge zusammengekommen waren, 
wurde mir entgegengehalten, daß doch entgegengesetzte Formen 
weit günstigere Entwicklungsbedingungen versprechen müßten. 
Ich mache Sie daher nochmals ganz besonders auf das bereits 
bei der Gruppierung Gesagte aufmerksam. (Siehe Seite 187, 
Absatz 2.) 

Und nun zu den Aggressiven! 

Ich betone, daß es durchwegs Kinder mit ärgsten Aggres- 
sionen, also schwierigste Fälle waren. Es kam oft ganz unver- 
mittelt zu unglaublichen Skandalszenen. Nicht selten sah man sie 
mit Tischmessern aufeinander losgehen, sich die Suppenteller 
gegenseitig an den Kopf schleudern. Auch der Ofen wurde 
umgeworfen, um einen Feuerbrand als Angriffswaffe zu erhalten. 
Was aber als Affektäußerungen in Erscheinung trat, waren 
ausschließlich quantitativ abgestufte Zornausbrüche, so daß 
unsere „Sechser" doch auch eine gewisse Einheitlichkeit in 
ihren psychischen Reaktionen aufwiesen. An uns trat die Auf- 
gabe heran, für diese Jungen die erzieherisch richtige Ein- 
stellung und die zweckmäßigste Art der Behandlung zu finden. 
Für die übrigen Gruppen, die sich eigentlich von selbst gebil- 
det hatten, stand auch weiterhin die einmal gewählte, wohl- 
wollende, jede Gewaltmaßnahme vermeidende Behandlung fest. 
Zu einem recht lebhaften Meinungsaustausch gaben aber die 
Aggressiven Anlaß. Wir hatten doch, von dem bei den übrigen 
Zöglingen eingehaltenen Vorgange abweichend, die zwölf, 
ohne sie zu fragen, durch die Verhältnisse gezwungen, in eine 
Gruppe zusammengestellt. Und die Überlegung, daß diese 
künstliche Masse nur durch Gewalt werde zusammenzuhalten 
sein, konnte gewiß nicht von vornherein abgelehnt werden, 
wenn man bedenkt, daß jeder einzelne von ihnen seine frühere 
Gruppe in größte Unordnung gebracht hatte, und daß nun die 
ärgsten Störenfriede alle beisammen waren. 



Die Aggressiven 215 



Das Erziehungspersonal und auch unser psychiatrischer Kon- 
sulent Dozent Dr. Lazar vertraten die Ansicht, daß für diese 
Zöglinge schärfere Zucht und viel körperliche Betätigung am 
Platze sei. Ich war anderer Meinung, der sich nur unser 
Anstaltspsychologe Winkelmayer anschloß. Von dessen wert- 
voller Mitarbeit bei Lösung des Problems werde ich noch zu 
berichten haben. 

Das nächste Mal komme ich auf die Bedeutung des Lust- 
Unlustprinzips in der Verwahrlosung zu sprechen und habe 
dabei auch näher darauf einzugehen, daß ein Stück Entwick- 
lung in die Realität nicht gemacht wird, wenn das Kind durch 
ein „Zuviel" an Strenge zur Haßeinstellung gegen seine per- 
sönliche Umwelt gebracht . wird. Solche Menschen bleiben 
dann häufig mit einem Teil ihres Ichs Kinder. Die Aggressionen 
als Haßreaktionen aufgefaßt, zusammen mit den sonstigen 
Äußerungen, die dieses Kindlichsein zeigen, wären dann nur die 
Folgen eines Impulses gegen eine übermäßige Strenge des 
Vaters oder anderer Erwachsener in der Kindheit. Wenden 
nun die Erzieher verschärfte Zucht an, so machen sie es wie 
die anderen, mit denen die Kinder in Konflikt stehen, und der 
ohnehin verhandene Gegenimpuls muß sich verstärken, die 
Verwahrlosung vertiefen, statt behoben zu werden. Richtig 
kann daher nur ein gerade entgegengesetztes Verhalten des 
Erziehers sein. Ich würde nicht wahrheitsgemäß berichten, 
wenn ich in Ihnen die Meinung aufkommen ließe, daß mir das 
eben Gesagte schon damals, als ich mich gegen die Auffassung 
meiner Mitarbeiter wehrte, klar gewesen war. Ich hatte wirk- 
lich keine richtige Erkenntnis von den psychischen Zusammen- 
hängen und ließ mich nur von einem, wie es mir schien, sehr 
sicheren Gefühle leiten. Die Determinanten sah ich erst viel 
später und da auch nur nach und nach. 

Die Erzieher waren für das schärfere Anfassen, ich setzte 
mich für die milde Behandlung ein und übernahm daher selbst 



216 Aditer Vortrag 



die Gruppe als Erzieher mit zwei für den Dienst in dieser 
Gruppe sich freiwillig meldenden Erzieherinnen. 

Über die Familienverhältnisse der Aggressiven und die 

Bedingungen ihres Aufwachsens hatten wir nur jene allgemeine 

Orientierung, die uns der Erhebungsbogen, den Sie ja schon 

kennen, gab. Ich wies schon mehreremal darauf hin, daß wir 

uns zur Aufhellung von Verwahrlosungserscheinungen ganz 

einseitig und eindeutig auf die Seite des Zöglings stellen, das 

heißt, daß es uns sehr wichtig ist, von ihm selbst zu erfahren, 

wie er dem Leben gegenübersteht, wie es sich in ihm spiegelt. 

Wir fragen daher vor allen ihn selbst, und grämen uns nicht, 

wenn er uns anlügt; denn, Sie wissen, das gehört dazu! Was 

uns die Personen seiner Umwelt erzählen, dient nur dazu, um 

seine eigene Einstellung noch deutlicher zu ersehen. Wir fassen 

sein uns geschildertes Handeln oder Unterlassen als ganz 

natürliche und selbstverständliche Reaktion auf gegebene Reize 

auf, die wir kennen müssen, ehe wir an die Behebung der 

Verwahrlosung denken können. 

Wichtig war daher, jeden einzelnen der zwölf Aggressiven 
vorzunehmen, um in eingehenderen Aussprachen zu einem 
Einblick in seinen seelischen Zustand zu kommen. 

In ihrer körperlichen Konstitution wiesen sie recht große 
Verschiedenheiten untereinander auf. Neben ganz kleinen, 
schwächlichen, unterernährten Jungen gab es normal kräftige 
und robuste, weit über ihr Alter hinaus entwickelte. 

Die Familienkonstellation erschien nach den Erhebungen in 
keinem der Fälle einwandfrei. Die Eltern lebten untereinander 
in Haß und Zwietracht, Schimpf- und Raufszenen standen auf 
der Tagesordnung; oder die Eltern waren geschieden, beide 
wieder verheiratet, im Konkubinat lebend, das Kind wuchs bei 
Stiefmutter oder Stiefvater auf, oder auch das Kind war in 
fremder, nicht einwandfreier Familienpflege herumgewandert, 
weil die Eltern nicht mehr lebten. Bei allen stellte die ärztliche 



Die Aggressiven 217 






Untersuchung neuropathische Konstitution fest. Alle wiesen 
Schulrückstände, die bis zu drei Jahren gingen, auf. An Delikten 
lagen vor: Schulschwänzen, unmögliche Aufführung in der 
Schule, Familien- und Fremddiebstähle, ärgste Aggressionen 
zu Hause, in der Schule und auf der Gasse. 

In den Aussprachen wurde alles Erhebungsmaterial bestätigt 
und noch viel mehr mitgeteilt. In allen Fällen war es tatsäch- 
lich zu schwersten Konflikten der Eltern oder Pflegeeltern 
untereinander oder mit dem Kinde, oder solcher des Kindes 
mit ihnen gekommen und dieses dadurch zur Stellungnahme 
gezwungen, sich für Vater oder Mutter oder auch gegen beide 
zu entscheiden: In der Folge die Haßreaktionen gegen den 
einen oder die andere oder beide. Alle waren sehr lieblos 
behandelt worden, hatten unter unvernünftiger Strenge und 
Brutalität zu leiden gehabt. Bei keinem der Kinder war das 
Zärtlichkeitsbedürfnis befriedigt worden; in einzelnen der Fälle 
war die Liebe vom Menschen vollständig auf das Tier ver- 
schoben. Sie sprachen beispielsweise von ihren Kaninchen in 
Ausdrücken größter Zärtlichkeit, um unmittelbar darnach ihre 
Kameraden tätlich zu bedrohen. Alle waren fürchterlich 
geprügelt worden, prügelten wieder und griffen dort an, wo 
sie sich als die Stärkeren fühlten. In allen Fällen war die 
Entwicklung der starken Haßkomponente ganz deutlich zu 
verfolgen. 

Nach diesen Ergebnissen stand zweifellos fest, daß wir es 
in den Aggressiven mit Verwahrlosten zu tun hatten, denen 
die für die Entwicklung so notwendige Liebe der Erwachsenen 
nicht zuteil geworden war. 

Damit ist aber auch schon der Fürsorgeerziehung der ein- 
zuschlagende Weg vorgezeichnet. Zunächst muß das große 
Defizit an Liebe ausgeglichen werden und erst dann ist nach 
und nach und sehr vorsichtig mit stärkerer Belastung vorzugehen. 
Schärfere Zucht anzuwenden, wäre vollständig verfehlt. 



. 



Die Art der für die „Sechser" in Betracht kommenden Behand- 
lung läßt sich daher durch folgenden Satz charakterisieren: 
„Absolute Milde und Güte; fortwährende Beschäftigung und 
viel Spiel, um auch den Aggressionen vorzubeugen; fortgesetzte 
Aussprachen mit jedem Einzelnen." 

Diese „absolute Milde und Güte" ist dahin zu verstehen, daß 
Erzieherinnen und Erzieher den Zöglingen keinerlei Widerstand 
entgegenstellen durften und wenn sich solche aus der Natur 
der Sache nicht vermeiden ließen, diese milderten. Wollte 
beispielsweise einer etwas tun, das aus dem Rahmen der 
jeweiligen Beschäftigung herausfiel, so war das zu erlauben, 
ohne zu fragen, warum er sich von den anderen absondert.' 
Behagte einem zweiten das Sitzen beim Mittagstische nicht, so 
durfte er sich mit seinem Teller auch in irgendeine Ecke des 
Tagraumes begeben. War einem dritten das Spielen unangenehm, 
so konnte er es abbrechen. Es gab wohl festgesetzte Zeiten: 
für das Aufstehen, das Essen, das Spiel, Schlafengehen usw. 
Diese waren aber für den einzelnen dieser Gruppe nicht 
bindend. Die Devise war: soweit nur immer möglich, gewähren 
lassen. Erzieherinnen und Erzieher hatten sich zu bemühen, 
durch noch so arge Überschreitungen nicht aus der Fassung 
zu kommen. Bei Streit-, Rauf- und Wutszenen war nur zu 
trachten, Unglück zu verhüten, dabei aber jedwede Parteinahme 
für einen der streitenden Teile zu unterlassen. 

Vielleicht denken Sie nun, daß die Kinder sich in diesem 
Paradiese, das ihnen ein hemmungsloses Ausleben ermöglichte, 
außerordentlich wohl gefühlt hätten und ihren Dank dafür durch 
tadelloses Verhalten abstatteten. Das war nun keineswegs der 
Fall. Die Aggressionen vermehrten sich und nahmen an Inten- 
sität zu. Wir können auch verstehen, warum gerade entgegen- 
gesetztes Verhalten eintrat. Diese Kinder, die, bevor sie zu 
uns kamen, für jede Überschreitung vom Vater, Erwachsenen 
oder Stärkeren die Faust zu fühlen bekommen hatten, waren 



Die Aggressiven 219 



gar nicht imstande, die geänderten Verhältnisse auf eine andere 
als die bisher erlebte Art zu erfassen. Wenn der ihnen früher 
entgegengestellte brutale Widerstand jetzt ausbleibt, gibt es für 
sie nur eine Wertungsmöglichkeit : Wir sind die Schwächeren, 
die Angst vor ihnen haben, denen gegenüber man sich alles 
erlauben darf, Den guten Menschen hatten sie doch nie kennen 
gelernt, daß auch andere als brutale Menschen leben, ist ihnen 
ebenso unbekannt wie etwa uns das Leben der Marsbewohner. 
Die brutale Gewalt war bisher nur ausgeblieben, geschlagen 
wurden sie nur dann nicht, wenn man sie als die Stärkeren 
fürchtete. Die Aggressionen wurden daher häufiger und ver- 
stärkten sich. Eine zweite Determinante dieses Verhaltens 
werden wir später einmal verstehen lernen, bis wir vom 
unbewußten Schuldgefühl und dem unbewußten Strafbedürfnis 
etwas kennen gelernt haben. Außer den schon eingangs ge- 
schilderten Angriffen, die sehr arg wurden, kam es zur Zer- 
trümmerung von Barackeninventar, eingeschlagenen Fenster- 
scheiben, mit Füßen eingetretenen Türfüllungen usw. Es 
ereignete sich auch, daß einer durch das doppelt geschlossene 
Fenster sprang, unbekümmert um etwaige Verletzungen durch 
die dabei zerbrechenden Glasscheiben. Der Mittagstisch blieb 
schließlich unbesetzt, weil jeder sich irgendeinen Winkel im 
Tagraum suchte, um dort auf dem Boden kauernd, sein Essen 
zu verzehren. Schreien und Heulen hörte man von weitem, die 
Baracke sah aus, als ob sie eine Schar Tobsüchtiger beherbergte. 
Die beiden Erzieherinnen waren der Verzweiflung nahe, da 
ich fortgesetzt darauf bestand, die Aggressionen auswirken zu 
lassen, nur zu verhindern, daß den Zöglingen körperlicher 
Schaden erwachse, dabei aber jede Parteinahme für den einen 
oder anderen unbedingt zu vermeiden, durch fortgesetzte Be- 
schäftigung und viel Spiel für Ablenkung zu sorgen, mit allen 
gleichmäßig nett zu sein, sich absolut nicht aus der Ruhe 
bringen zu lassen, kurz den Ruhepunkt darzustellen, um den 



sich dieses Chaos formen könne. Die zwei Erzieherinnen Ida 
Leibfned und Grete Schmid, die Außerordentliches leisteten 
waren schließlich so erschöpft, daß sie abgelöst werden mußten' 
Sie wurden durch zwei andere, Gerta Grabner und Valerie 
Kremer, ersetzt, die sich wieder freiwillig gemeldet hatten und 
die, wenn möglich, mit noch größerer Opferwiliigkeit und Be- 
geisterung mitwirkten. Ihrem tapferen Durchhalten ist eigentlich 
die Losung des Problems zu verdanken. Das unheimliche An- 
schwellen der Aggressionen läßt sich auch noch von einer 
anderen Seite her erklären. Das lieblose Verhalten der früheren 
Umgebung hat zu der Haßeinstellung und später zur Ver- 
wahrlosung geführt. Jeder Lustentgang, jede aufgezwungene 
Unlust W1 rd mit einer dem anderen Unlust bringenden Hand- 
lung quittiert und dadurch für das Kind selbt lustbetont. In 
der neuen Umgebung rufen die bisher genügend starken 
Aggressionen die gewohnte Reaktion nicht hervor, es bleibt 
etwas als sicher Erwartetes und Gewünschtes aus. Der Ton 
liegt hier auf dem „Gewünschten«. Kommen muß es; denn 
etwas anderes ist nach den bisherigen Erfahrungen unmöglich 
Wenn es auf sich warten läßt, können nur die Aggressionen 
zu gering gewesen sein, daher deren Anschwellen, die bei 
genügender Intensität doch die unbewußt gewünschte Brutalität 
des Erziehers herbeiführen werden. Diese, oder anders gesagt, 
die unbewußt gesuchte Ohrfeige darf nicht ausbleiben, denn 
sonst hätte der Haß keine Berechtigung mehr, was aber nicht 
sein darf, weil sonst die bisherige Einstellung zum Leben, die 
doch richtig war, zusammenstürzte. 

Wir können uns vorstellen, daß die Aggressionen nur bis 
zu einem bestimmten Grade steigerungsfähig sind. Wenn wir 
ihren Verlauf nicht hemmen, muß irgend etwas eintreten 
wenn diese Höchstgrenze erreicht worden ist. Da wir uns 
trotz des jeder Beschreibung spottenden Verhaltens der Jungen 
nicht zur oppositionellen Einstellung bringen ließen, war an- 



Die Aggressiven 221 






zunehmen, daß bei unseren Aggressiven diese äußerste Grenze 
erreicht werden müsse. Wir konnten auch ganz deutlich deren 
Überschreiten erkennen. Die Aggressionen bekamen auf einmal 
ganz anderen Charakter, obwohl sie in unverminderter Zahl 
und Heftigkeit anhielten. Die Wutausbrüche, das gegenseitig 
Aufeinanderlosgehen, waren nun nicht mehr wirklicher Affekt, 
sondern wurden zwar gut, aber doch vor uns gespielt. Man 
konnte sehr deutlich die Scheinaggression erkennen. Ich 
erinnere aus dieser Zeit einen sehr arg erscheinenden Vorfall. 
In meiner Gegenwart stürzte sich ein Zögling mit geschwungenem 
Brotmesser auf einen anderen, setzte ihm das Messer an die 
Kehle und brüllte dabei: „Hund! i erstich di!" Ich stand 
ruhig daneben, ohne abzuwehren, ja auch nur von der Gefahr, 
in der der andere scheinbar schwebte, Notiz zu nehmen. Mir 
war die Scheinaggression und daher die Ungefährlichkeit 
sehr deutlich. Weil ich so gar nicht aus der Fassung und in 
Aufregung kam, vielleicht auch, weil ich ihm nicht das Messer 
aus der Hand riß und eine tüchtige Ohrfeige versetzte, 
schleuderte der Messerheld dieses mit Wucht von sich, stampfte 
wütend mit dem Fuß auf den Boden und stieß einen un- 
artikulierten, brüllenden Schrei aus, der sich in heftigstem 
Weinen fortsetzte. Dieses nahm ihn schließlich derart her, daß 
er vor Erschöpfung einschlief. Ähnliche Szenen erlebten wir 
bei jedem der Zwölf. Jeder geriet durch das Nichtbeachten der 
Scheinaggressionen in heftigsten Affekt, der sich zumeist in 
Wutweinen erledigte. Nach der Zeit des Wutweinens kam die 
der starken Labilität. Zeitweilig waren die Kinder brav, sehr 
brav sogar, untereinander so verträglich, daß man an ihrer 
Aufführung Freude haben konnte, dann plötzlich trat wieder 
ein Umschwung mit Wutausbrüchen und erhöhten Führungs- 
schwierigkeiten ein. Die Zornanfälle erreichten aber nach und 
nach nicht mehr die frühere Intensität. In dieser Zeit war es 
schon zu stärkeren Gefühlsbeziehungen der Zöglinge zu den 



222 Aditer Vortrag 



Erzieherinnen und mir gekommen. Da wir uns schon an die 
brutalen Affektausbrüche gewöhnt hatten, war dieser Abschnitt 
eigentlich der für uns unangenehmste. Die Kinder waren 
ungemein empfindlich geworden und zeigten nun alle Äußerungen 
des Ihnen schon bekannten Konkurrenzkampfes in der Kinder- 
stube, aber in erhöhtem Ausmaße. Jetzt hieß es besonders 
vorsichtig sein. Seit Beginn unseres Versuches waren bisher 
etwas mehr als drei Monate vergangen. Wenn auch die Zeit- 
räume des Bravseins immer größere wurden, so waren wir 
doch ganz offensichtlich an einem Totpunkte angelangt. 

Wir alle wissen nun, welch tief schürfende Wirkungen Affekt- 
erlebnisse nach sich ziehen, und ich vertrete die Ansicht, daß 
wir einmal die Aufenthaltsdauer in den Fürsorgeerziehungs- 
anstalten wesentlich werden abkürzen können, bis es uns 
gelingen wird, die richtigen Affekterlebnisse für die Zöglinge 
zu schaffen und in den Dienst der Erziehung zu stellen. Wir 
sind da noch viel zu ängstlich und weichen diesen viel zu sehr 
aus. Wie ich das meine, haben Sie bei dem siebzehnjährigen 
Lebemann gesehen, bei dem Jungen, dem ich das aus der 
Kasse entwendete Geld zurückgab und bei der Nichtbeachtung 
der Scheinaggressionen. Da die Zeit der Labilität für unsere 
zwölf Aggressiven schon einige Wochen angehalten hatte, und 
wir, wie gesagt, nicht recht von der Stelle kamen, hielt ich 
nach einem geeigneten Anlaß, um einen starken Freudenaffekt 
hervorzurufen, Ausschau. Das Weihnachtsfest, das vor der 
Türe stand, erschien mir dazu recht geeignet. So wie jede 
Gruppe, erhielten auch die „Sechser" ihren gesonderten Weih- 
nachtsbaum und ihre Geschenke. Es war erfreulich zu sehen, 
wie diese Kinder, die noch nie Weihnachten gefeiert hatten^ 
diesen Abend erlebten. Noch Wochen nachher war in den 
Aussprachen die tief innerliche Wirkung, die diese Feier her- 
vorgerufen hatte, zu ersehen. Einige Tage nach Weihnachten 
verließen wir die devastierte Baracke, die Zeuge des unschönen 



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Die Aggressiven 223 



Lebens gewesen war, und übersiedelten in eine andere, voll- 
ständig neu eingerichtete, um dort ein neues Leben zu beginnen. 
Die Umkehr war wirklich da. Trotz Kopfschütteins so mancher, 
daß der ehedem wüstesten Gesellschaft im ganzen Erziehungs- 
heim nun neue Gelegenheit gegeben werde, zu zertrümmern 
und zu devastieren, ließen wir uns doch nicht beirren. Und 
wir behielten recht. Die zwölf Aggressiven waren zu einer 
homogenen Masse zusammengeschweißt, die nicht mehr größere 
Schwierigkeiten machte als jede andere Gruppe. Ich habe schon 
des verdienstvollen Wirkens der Erzieherinnen gedacht, aber 
noch nicht der ganz ungewöhnlichen Hilfe unseres Anstalts- 
psychologen Winkelmayer. Er übernahm nach mir die Stelle, 
des Erziehers, in einer Zeit, in der die Jungen recht empfind- 
lich waren, und hatte die schwierige Aufgabe, sie nun zu jenen 
Reaktionen und zu der Abhärtung zu führen, die das Leben 
erfordert. Es bedurfte einer ganz besonders vorsichtigen und 
äußerst fein differenzierten Behandlung. Er traf das viel besser, 
als ich es zustande gebracht hätte, indem er die Zöglinge nach 
und nach immer stärkeren Belastungen aussetzte, absichtlich 
nicht immer gleichmäßig ruhig und freundlich blieb, Ungeduld, 
Unzufriedenheit, schlechte Stimmung usw. zeigte, kurz sie all 
den Einflüssen aussetzte, die sich normalerweise im Leben 
auch ergeben. 

Die ehemaligen Aggressiven sind besonders anhängliche 
Zöglinge geworden. Nicht uninteressant ist es auch, daß mit 
dem Abflauen der Aggressionen einzelne von ihnen bedeutend 
erhöhte intellektuelle Leistungen zeigten und Schulrückstände 
einholten. Da wir am Ende des Schuljahres nicht selbst die 
Prüfungen vornahmen, sondern diese von dem Lehrkörper einer 
Wiener Bürgerschule und dem der Übungsschule der Lehrer- 
bildungsanstalt in Oberhollabrunn vorgenommen wurden, sind 
die Prüfungsergebnisse wohl als einwandfrei zu werten. Dieses 
libidinöse Problem müßte wohl noch näher untersucht werden. 



22 4 Aditer Vortrag 



Wir haben auch getrachtet, uns den Ausheilungsvorgang zu 
erklären. Ich wiederhole kurz: Während die übrigen Gruppen 
sich dadurch bildeten, daß wir die Zöglinge beisammen ließen, 
die sich selbst zusammenschlössen, stellten wir die zwölf 
Aggressiven notgedrungen in eine Gruppe zusammen. Wie 
auch aus der Auffassung des Erziehungspersonales hervorgeht, 
war zu erwarten, daß diese künstliche Masse nur durch Gewalt 
zusammenzuhalten sein würde; wir erlebten aber das Gegen- 
teil. Die Tatsache steht fest, daß die Gruppe Bestand hatte 
und die Zöglinge in ihr zur Sozialität kamen, trotzdem jede 
Gewalt verpönt war. 

Wir stellen uns den Vorgang im Anschluß an die Aus- 
führungen in Freuds „Massenpsychologie und Ichanalyse" so 
vor, daß es nach der Zeit des Anschwellens der Aggressionen 
zu starken Gefühlsbindungen an die Erzieherinnen, an mich 
und später auch an den Anstaltspsychologen kam. Diese inten- 
sive Objektbindung der einzelnen an die gleichen Führer- 
personen bahnte im weiteren Verlauf eine Identifizierung dieser 
einzelnen untereinander an, rief also eine Gefühlsbindung der 
Zöglinge untereinander hervor. Diese bildete den Kitt der 
Gruppe, da jedes gewaltsame Verhindern eines etwaigen Aus- 
einanderfallens, wie schon erwähnt, ausgeschlossen war. 

In den Aggressionen wird Libido, aus welcher Quelle sie 
immer kommen mag, zu ähnlichen Dissozialitätsäußerungen ver- 
braucht. Es wäre auch zu untersuchen, wie diese sich nach 
der Ausheilung äußert. 

Wir haben gehört, daß die Erzieherinnen und Erzieher durch 
die Aggressionen der Zöglinge nicht zu oppositioneller Ein- 
stellung zu bringen waren, daß sich bei den Zöglingen zuerst 
ein Gefühl, stärker als diese zu sein, auslöste, das sich in ver- 
stärkten und häufigeren Aggressionen äußerte, daß es im 
weiteren Verlauf zum Wutweinen, einer starken Labilität und 
schließlich zum Bravwerden kam. 







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Beilage zu Seite 22Q ff 



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Die Aggressiven 225 



Die Affektentladung im Wutweinen war ein Abreagieren. 
Dadurch erfolgte eine Auflockerung in dem bisher festen 
Gefüge der Aggressionen und eine Verminderung der sado- 
masochistischen Regungen gegen die Erzieherin. Die verdrängte 
normale, zärtliche Libido fand nach jeder solchen Entladung 
geringeren Widerstand und konnte sich so nach und nach 
durchsetzen und das geeignetste Objekt, die Erzieherin, besetzen. 
War die Übertragung hergestellt, so kam es auch nach und 
nach zu Gefühlsbindungen (Identifizierung) mit den in Bändigung 
begriffenen Mitzöglingen. Wir hatten so das Schauspiel vor 
uns, wie ein bisher alleinstehender Dissozialer sich allmählich 
affektiv einer sozialen Gesellschaft (Masse) einzuordnen beginnt. 
Der explosionsartig weiterschreitende Auflockerungsprozeß läßt 
fortgesetzt bisher dissozial verwendete Libido frei werden, 
normalen Zielen zuwenden, und den Zögling so für das Leben 
in der Gruppe sozial werden. Wir wissen aber nicht, ob genug 
der früher verderblich verwendeten Libido sublimiert worden 
ist, um ein Wieder-Dissozialwerden aus dem alten Konflikte 
als ausgeschlossen annehmen zu können, wenn der Zögling in 
das frühere Milieu zurückkehrt. Wir haben ihn ja nicht nur 
zu heilen, sondern auch immun zu machen, ehe wir ihn in die 
Infektionszone, die alten Verhältnisse, zurückbringen. Wir 
müßten ihn also noch innerhalb der Anstalt verschiedenen 
Milieueinflüssen aussetzen. Dies könnte nur durch ein kürzeres 
oder längeres Verweilen in den verschiedenen Zöglingsgruppen 
geschehen. Das läßt sich nicht durchführen, da sonst fort- 
während Zöglinge auf der Wanderschaft wären und die Gruppen 
nie zur Ruhe und damit nicht zur Erledigung ihrer besonderen 
Aufgabe kämen. Ein Ausweg läßt sich in der bereits erwähnten 
Ein- und Auslaufgruppe finden. 

Ich schließe damit den Bericht über einen Versuch zur 
Lösung des Problems „Behandlung schwierigster Aggressiver« 
in Besserungsanstalten. Bei Nachprüfung dieser Lösung darf 

Aichhorn, Verwahrloste Jugend 



226 Aditer Vortrag 



nicht übersehen werden, dieselben Bedingungen herzustellen, 
unter denen wir den Versuch machten. 

Es fragt sich, ob wir nicht dasselbe oder ein noch weit 
besseres Ergebnis hätten auf einem anderen Weg erzielen 
können. Wenn wir viele uns ähnlich erscheinende Fälle einer 
Psychoanalyse unterzögen, gewönnen wir die Möglichkeit, zu 
einer Basis zu kommen, von der aus die Gruppierungsversuche 
einwandfrei variiert werden könnten: wir würden alles 
erfahren, was wir brauchen, um die Gruppierung auf psycho- 
logische Einsicht zu gründen und erst dadurch den Gruppierungs- 
gedanken entwicklungsfähig machen. Damit sind wir aber wieder 
dort angelangt, von wo wir das letztemal ausgegangen sind, 
beim Gruppierungsgedanken, den uns die Psychoanalyse ein- 
mal wird finden helfen müssen, weil wir wirklich erst dann 
systematisch darauf hinarbeiten können, die Zöglingsgruppen 
so zu gestalten, daß sie immer erzieherisch-ökonomischer werden. 
Wollen Sie auch noch beachten, daß bei der Ausheilung 
der Aggressiven die libidinösen Beziehungen zu den Er- 
zieherinnen sehr in Frage kamen. Wenn wir da nicht mit 
psychoanalytisch geschulter Einsicht die richtige Einstellung 
zu den Zöglingen finden, kann die wertvollste Hilfe für die 
Behandlung zu einem unüberwindlichen Hindernis werden. 
Durch ungeschicktes Verhalten der Erzieherinnen und des 
Erziehers können jene infantil libidinösen Bindungen eintreten, 
die jenen ähnlich sind, die wir als Ödipuskomplex bereits 
kennen, und jenen, die möglicherweise zu einer Entfremdung 
dem anderen Geschlechte gegenüber führen. 
, Was Sie aus meinen Schilderungen des Erziehungsvorganges 
izur Ausheilung der Aggressiven bisher nicht zu entnehmen 
j vermochten, ist, daß wir auch Fehler, manchmal sogar sehr 
'bedeutende Fehler machten. Es ist außerordentlich schwierig 
zu verhindern, selbst auch einmal in Affekt zu kommen, die 
hauptsächlichste Fehlerquelle für erzieherisch nicht einwand- 



Die Aggressiven 227 



freies Verhalten. Es bedurfte vieler Selbsterziehung, bis wir 
zu der für unser Tun notwendigen Selbstbeherrschung auch 
wirklich kamen. Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß 
noch ein weiter Weg von dem als richtig Erkannten bis zur 
eigenen Lebenseinstellung darauf ist. Parteilos zu bleiben, 
wenn sich zwei prügeln, nicht dem Schwächeren bei- 
springen, ist keine so leichte Sache; sich nicht ärgern, 
wenn drei oder vier in der Frühe in den Betten liegen 
bleiben, man beim Mittagstisch allein sitzt und noch dazu 
gehänselt wird, ist für den Anfang eine ganz gehörige 
Kraftleistung, die nicht immer gelingt. Es bedarf sehr viel, 
bis der Erzieher sich selbst so in die Hand bekommt, 
daß er den ruhenden Pol in dem chaotischen Gewirr bilden 
kann. Dazu kam für uns aber noch etwas ganz Besonderes. 
Niemand hatte uns gesagt, daß unser Verhalten, überhaupt 
unser ganzes Bemühen richtig sei. Wir hatten aus einem 
Gefühl heraus eine Einstellung gewonnen und einen Weg ein- 
geschlagen, von dem wir nicht sicher wußten, ob er auch zum 
Ziele führen werde. Wir waren, da wir einmal gegen die 
Meinung der anderen begonnen hatten, gezwungen, durchzu- 
halten oder unser Unvermögen einzugestehen. Dadurch 
wurde uns natürlich auch erschwert, in die erforderliche 
Ruhe zu kommen. Ich erinnere noch ganz deutlich, wie wir 
alle, die wir an der Lösung des Problems beteiligt waren, 
siegesfroh und hoch erhobenen Hauptes durch das Erziehungs- 
heim schritten, als nach Wochen schrecklichen Wütens die 
erste vollständig aggressionsfreie kam, und wie betrübt wir 
waren, als es in der nächsten Woche wieder „drunter und 
drüber" ging. Vielleicht verdanken wir den Erfolg auch zum Teile 
unserem Wagemute, einem Stück Unerschrockenheit und auch 
dem Umstände, daß wir uns von unserer Umgebung nicht 
kleinkriegen ließen, uns auch nicht scheuten, unsere Jungen 
groß werden zu lassen. 

15* 



Die besonderen Schwierigkeiten, denen wir beständig gegen- 
überstanden, machten innigsten Kontakt der beteiligten 
Erziehungspersonen und eingehende Besprechungen über Ein- 
drücke, Vorfälle, Mutmaßungen, Erziehungsmaßnahmen usw. 
erforderlich. Es war auch oft unzweifelhaft zu erkennen, daß 
ungeschicktes Verhalten des einen oder anderen von uns 
Zöglingsaffekte gesteigert, deren Abflauen verhindert hatte und 
mit Ursache war, wenn ein zweiter oder dritter Zögling, der 
sonst unbeteiligt geblieben wäre, mit hineingezogen wurde. Da 
mußte dann beraten werden, wie dieses zu machen und jenes 
zu vermeiden sei. Wir kamen aus der Schwierigkeit, nach 
Affektausbrüchen eine klare Darstellung geben zu können, bald 
dazu, genaue Aufzeichnungen zu machen und diese in graphi- 
schen Darstellungen zu verwerten. Als geeignet erschien uns 
die graphische Darstellung im rechtwinkeligen Koordinaten- 
system. Auf der Abszisse trugen wir die Zeiten, auf der 
Ordinate die Affektquantitäten auf, wobei wir uns für den 
ansteigenden Ast an folgende Bezeichnung hielten: o = normale 
Stimmungslage, i = verärgert, a = gereizt, 3 = zornig, 
4 = Angriffsabsicht, 5 = Angriff, 6 = Angriff auf die Erzieherin. 
Für den absteigenden Ast fanden wir keine uns geeignet 
erscheinenden Ausdrücke, so daß wir uns zurück bis zur 
Abszisse der positiven, unterhalb der negativen Zahlen bedienten. 
Ich weiß sehr wohl, daß den so entstandenen Aggressionskurven 
keinerlei Anspruch auf Wissenschaftlichkeit zukommt, weil 
nicht einmal die einzelnen Affektlagen objektiv feststellbar 
waren. Wir verfolgten auch keinen wissenschaftlichen Zweck, 
sondern wollten nur ein praktisch ausreichendes Hilfsmittel für 
unsere Erörterungen haben und dazu reichten die Kurven aus: 
sie gaben uns übereinander und nebeneinander liegende Bilder, 
wenn zwei oder mehrere Zöglinge gleichzeitig oder nach- 
einander in Affekt gerieten; die Neigung der Kurvenäste gab 
Aufschluß über die Raschheit und die Art des Affektverlaufes, 



1 






Die Aggressiven 




229 


deren Höhen- 


und 


Tiefenpunkte 


das Maximum 


der 


Erregung 



usw. Wiederholt konnten wir aus den Kurvenkrümmungen auch 
erkennen, wie oft unser gute Wille eben nur guter Wille 
geblieben war und was wir selbst noch brauchten, um die als 
notwendig erkannten Bedingungen auch wirklich zu erfüllen. 

Ich will Ihnen jetzt noch an der Hand solcher Aggressions- 
kurven 1 von einem der Affektabläufe berichten, an dem sechs 
Zöglinge, also die halbe Gruppe aktiv, die anderen mehr oder 
weniger als Mitläufer beteiligt waren und die eines Tages, um 
vier Uhr nachmittags beginnend, bis zum nächsten Tage 
mittags anhielt. Sie sollen daraus ein Stück der Schwierigkeit 
unserer Arbeit ersehen und auch, wie dem Erzieher unter- 
laufende Fehler den Verlauf der Aggressionen ungünstig 
beeinflussen. Ich werde nur berichten und die kritische 
Beurteilung, wie wir sie immer gaben, Ihnen überlassen. 

Die Zöglinge sind in der Baracke beisammen. Die eine 
Erzieherin ist unpäßlich und liegt dienstunfähig zu Bett, so daß 
in der Gruppe nur die zweite anwesend ist. Diese teilt die 
Jause, bestehend aus Kakao und einem Stück Brot, für jeden 
aus. Den Kakao gießt sie mit einem Portionenlöffel, damit 
jeder die gleiche Menge bekommt, von einem Topf in die 
Schalen der Kinder, das Brot entnimmt sie einem neben ihr 
stehenden Korb. 

4 Uhr: Der Zögling L . . ., der der Aufforderung, zur Jause zu 
kommen, zuerst nicht Folge geleistet hat und beim Spieltisch 
sitzen geblieben war, kommt, stellt sich zum Brotkorb, sucht 
das größte Brotscherzel heraus und nimmt es an sich, ohne 
von der Erzieherin daran gehindert zu werden. (Brotscherzel, 
das sind die Anschnitte eines Brotlaibes, waren immer größer als 
die anderen Stücke und deswegen sehr beliebt. Jeden Tag 
kamen nur einige in die Gruppe, und um Unfrieden nach 

1) Siehe Beilage zwischen Seite 224 und 225. 



Möglichkeit zu vermeiden, war ein „Scherzelturnus" eingeführt 
worden, dessen Einhaltung von den Zöglingen argwöhnisch 
überwacht wurde.) Die Erzieherin hatte L . . .s Tun, da sie 
etwas abgewendet stand, nicht bemerkt. 

Die Gruppe wird unruhig, die Erzieherin aufmerksam und 
spricht nun mit L . . ., der das Ungehörige seines Benehmens 
nicht einsieht, sondern verärgert in das Zimmer der erkrankten 
Erzieherin geht. Die übrigen Zöglinge bleiben beisammen, ver- 
zehren ihre Jause und begeben sich wieder zum Spieltisch. 
Beim Speisetisch ist nur der „Austeiler" dieser Woche, Seh . . ., 
zurückgeblieben. (Austeiler zu sein, war ein wöchentlich 
wechselndes Ehrenamt, Helfer der Erzieherin bei den Mahl- 
zeiten.) 

4 Uhr 20 : L . . . kommt in verschlechterter Stimmung, die 
aber nicht bemerkt wird, zurück und legt, ohne daß es jemand 
sieht, das Brotscherzel in den Korb. Er macht es der erkrankten 
Erzieherin zuliebe, die ihn dazu bewogen hatte, ist aber selbst 
damit nicht einverstanden. 

In ansteigender Verärgerung trinkt er seine auf dem Tisch 
stehen gebliebene Schale Kakao, will sich eine zweite, die er 
sonst immer bekommt, einschenken, findet aber den Topf 
leer. 

4 Uhr 25: Darüber wird er derart gereizt, daß er den 
Portionenlöffel mit Wucht in den Topf schleudert und als das nicht 
beachtet wird, seine Kakaoschale mehreremal klirrend auf den 
Tisch aufschlägt. 

4 Uhr 30: Dabei sieht er den Austeiler Seh . . ., der eben 
sein Brotscherzel mit dem Brotmesser durchschneidet und 
beginnt diesen, immer gereizter werdend, zu hänseln. Weil 
dieser nicht hinhört, sondern ruhig weiter ißt, beginnt er immer 
ärger zu schimpfen. 

4 Uhr 40: Plötzlich springt L . . . auf, dringt auf Seh . . . 
mit den Fäusten ein, läßt aber sofort von ihm ab, als dieser 



Die Aggressiven 231 



sich zur Wehr setzt, kehrt zu seinem ursprünglichen Platz 
zurück, nimmt Kakaoschalen und bewirft Seh . . . damit. Dieser, 
zornig geworden, als L . . . auf ihn zugestürzt, hat sich sofort 
wieder beruhigt, so daß er auf das Bewerfen gar nicht 
reagiert. 

5 Uhr: Der Erzieherin ist es gelungen, L . . . so weit zu 
besänftigen, daß er in einer Ecke des Tagraumes Späne für den 
Ofen macht. 

R . . . und D . . ., besondere Freunde des L . . ., haben dem 
Auftritte von ferne zugesehen, zwar nicht eingegriffen, sind 
aber durch den Affekt ihres Kameraden verstimmt geworden. 
R . . . scheint es nicht recht zu sein, daß L . . . nachgegeben 
hat und Späne macht; denn jetzt übernimmt er in stetig 
ansteigender Gereiztheit die Rolle des renitenten Jungen. Er 
geht zum Brennholz und wirft Holzstücke durch den Tagraum, 
wird immer gereizter, weil er darüber nicht zur Rede gestellt 
wird. Was er beabsichtigt, ist ganz deutlich zu sehen, als die 
Holzstücke in immer größerer Nähe der Erzieherin zu Boden 
fallen. 

5 Uhr io: Als die Erzieherin ernstlich gefährdet erscheint, 
sich aber trotzdem nicht kümmert, weist G . . ., ohne sich selbst 
zu erregen, R . . . zurecht. 

R . . . wird darüber zornig, stellt aber das Werfen ein, weil 
L . . . vom Spänemachen aufspringt und auf G . . . zustürzt. 
Dieser läßt sich in einen Raufhandel nicht ein, sondern verläßt 
ruhig die Baracke. 

5 Uhr 15: L . . . geht verärgert zum Spänemachen zurück, 
bei R . . . zittert die Erregung noch nach und er wird trotzig. 

5 Uhr 30: Die Erzieherin reinigt die Kakaoschalen, was 
Arbeit des R . . . wäre, der aber in seinem Trotze sich ganz 
abseits, aber unweit von L . . . auf einen Stuhl gesetzt hat, 
ohne mit diesem zu sprechen. 

Mittlerweile sind einige Zöglinge aus einer anderen Baracke 



232 Achter Vortrag 



zu Besuch gekommen. Diesen und dem Zögling W . . . aus der 
„Sechsergruppe" paßt es nicht, daß die Erzieherin, statt sich 
mit ihnen zu beschäftigen, die Arbeit des R . . . auf sich 
genommen hat. Einer von den Besuchern weist so laut, daß 
es R... hören muß, auf seine Gruppe hin, in der die 
Erzieherin sich nie um die Geschirreinigung zu kümmern 
braucht. Als R . . . ungerührt bleibt, werden die Besucher und 
auch W... deutlicher; als dies auch nichts fruchtet, sagen sie 
dem R..., er soll sich schämen. 

5 Uhr 40: L... hört beim Spänemachen die Zurechtweisung 
seines Freundes und stürzt sich, als die Besucher und W . . . 
R . . . direkt apostrophieren, auf den Hauptsprecher aus der 
anderen Gruppe und wirft ihn aus der Baracke. 

5 Uhr 50: Ich komme in die Baracke, um nachzusehen, was 
sichereignete, weil Seh... undG... zu mir mit der Mit- 
teilung gelaufen kamen, daß L . . . einen fremden Zögling 
hinausgeworfen habe. Der Erzieherin hatten wohl die beiden 
gefehlt, sie wußte aber nicht, daß sie mich holten. Die Gruppe 
war noch immer aus dem Gleichgewichte, D . . . besonders 
verstimmt, R... nach wie vor trotzig und L..., der mittler- 
weile die Späne in die Zimmer der beiden Erzieherinnen 
getragen hatte, noch immer in Angriffsbereitschaft. 

In einer Aussprache mit L . . . kommt es nochmals zu einem 
heftigen Anschwellen des Affektes. Dabei sagte er unter 
anderem: „Ich habe die Gier, seine Knochen krachen zu hören." 
Damit meinte er W..., der vorher R..., weil er nicht das 
Geschirr reinigte, zur Rede gestellt hatte. Durch die Aus- 
sprache ist ein Abflauen der Erregung eingeleitet. Um L . . . 
vollständig zu beruhigen, schlage ich ihm vor, mit mir in die 
Kanzlei zu gehen und dort einige Stereoskopbilder anzusehen. 
Erbittet auch, seine beiden Freunde R .. . undD... mitzu- 
nehmen und es schließen sich auch noch zwei andere Zög- 
linge an. 



Die Aggressiven 233 



6 Uhr 30: Ich verlasse mit den fünf die Baracke. 

6 Uhr 30: L..., R... und D . . ., die anfänglich beim 
Stereoskopkasten noch recht „unverdaulich" waren, kommen 
rasch in die normale Stimmungslage. 

In der Baracke stellt sich nach unserer Entfernung heraus, 
daß sich durch die Vorfälle am Nachmittag zwei Parteien 
gebildet hatten, von denen die eine nun mit mir fort war. (In 
der graphischen Darstellung durch Farben kenntlich gemacht.) 

6 Uhr 35 : Die Erzieherin merkt, daß namentlich bei G . . . 
und W . . ., die sich nachmittags so ruhig verhalten hatten, die 
Stimmung schlechter wird. 

6 Uhr 40: Die Zurückgebliebenen gehen in das Zimmer der 
erkrankten Erzieherin und beklagen sich, daß nur die anderen 
haben mitgehen dürfen. G . . ., W . . . und Seh . . . machen 
dieser die heftigsten Vorwürfe, daß auch sie zur Gegenpartei 
halte, und verschieben den ganzen Groll von mir auf sie. W... 
kommt rasch in Zorn, der ziemlich lange anhält (7-20), dann 
aber sich ebenso rasch vermindert. G . . . und Seh . . . werden 
nur verärgert. Dieser erreicht das Maximum seines Affektes 
zu einer Zeit, in der W . . . und Seh . . . schon beginnen, 
ruhiger zu werden. 

7 Uhr 50: Der Erzieherin ist es nach einer langen Aus- 
einandersetzung gelungen, den sieben bei ihr im Zimmer Ver- 
sammelten zu beweisen, daß ihre Annahme falsch gewesen sei. 
G . . ; und W . . . sind über das der Erzieherin zugefügte 
Unrecht bestürzt und so gerührt, daß sie zu weinen beginnen, 
beruhigen sich aber bald, als die Erzieherin mit ihnen weiter 
spricht. 

8 Uhr: Die Gegenpartei kommt von der Besichtigung der 
Stereoskopbilder zurück. 

8 Uhr: Als L... und seine vier Kameraden in das Zimmer 
der Erzieherin eintreten, sehen sie die anderen sehr friedlich 
und in guter Stimmung beieinander sitzen. Das stört sie in 



234 Aditer Vortrag 



ihrer Siegerstimmung; denn sie wollten triumphieren, daß die 
anderen nicht mitgewesen waren. D... beginnt deswegen 
auch die Gegner zu hänseln. Es gelingt ihm aber nicht, diese 
aus ihrer Ruhe zu bringen. 

Die Erzieherin versucht mit Vernunftgründen zu bewirken, 
daß die Zurückgekommenen ihre Sticheleien aufgeben und 
sich friedlich zu den übrigen gesellen. 

8 Uhr 20: Sie erreicht das Gegenteil. L... sieht die 
Erzieherin, bei der anderen Partei, geht gereizt aus ihrem 
Zimmer und setzt sich im Tagraum nieder. D . . ., der zornig 
geworden ist, und R . . ., der wieder in seine Trotzeinstellung 
zurückverfällt, folgen ihm nach. 

8 Uhr 35: Alle übrigen gehen schlafen, die drei haben 
mittlerweile im Tagraum eingeheizt und erklären, die Nacht 
über aufbleiben zu wollen. Die eine Erzieherin vermag nichts 
auszurichten. 

9 Uhr: Die Erkrankte steht auf, die drei sagen ihr, daß sie 
im Tagraum übernachtet hätten und nun nur ihr zuliebe zu 
Bette gehen. Sie verlangen, daß die Erzieherin warten müsse, 
bis sie selbst eingeschlafen seien und legen sich vertrotzt 
nieder. 

9 Uhr vormittags am nächsten Tage: L... kommt in das 
Zimmer der erkrankt gewesenen und nunmehr wieder dienst- 
fähigen Erzieherin unter dem Vorwande, seine vergessene 
Halsbinde holen zu wollen. Er lehnt sich an das Bett und 
weint heftig. Die Erzieherin, über diesen Gefühlsausbruch 
überrascht, geht zu ihm hin und er verspricht spontan, nicht 
mehr gegen seine Kameraden loszugehen, weil er die 
Erzieherin nicht kränken wolle. Es kommt zu einer voll- 
ständigen Beruhigung L . . .s, der lachend und freudestrahlend 
in den Tagraum eintritt. Als R . . . und D . . . die gute Laune 
ihres Freundes sehen, wird auch deren Stimmung, die beim 
Aufstehen noch sehr labil gewesen war, eine gleichmäßig 



Die Aggressiven 235 



ruhige und freundliche. Aber erst gegen Mittag zeigte die 
Gruppe vollständige Ausgeglichenheit. Ich nehme an, daß Sie 
sich trotz Unterlassung besonderer Hinweise im Graphikon 
zurechtgefunden haben und daß Ihnen die Affektabläufe bei 
den einzelnen Zöglingen durch den Vergleich meiner Dar- 
stellung mit den Aggressionskurven deutlich geworden sind, so 
daß ich nichts mehr hinzuzufügen brauche. 

Ich habe Ihnen absichtlich diese Begebenheit aus einer Zeit 
mitgeteilt, in der wir in unserem Verhalten den Zöglingen 
gegenüber noch recht ungeschickt waren, weil ich mir vor- 
stelle, daß sie gerade an den Fehlern, die wir damals gemacht 
hatten, recht viel für ihre eigene praktische Erziehungsarbeit 
lernen können. 



NEUNTER VORTRAG 

Die Bedeutung des Realitätsprinzips für das 
soziale Handeln 

JV/f eine Damen und Herren! Als wir im ersten Vortrage von 
der Erziehung sprachen, habe ich Ihnen auch über die ihr 
zukommende Aufgabe einige Andeutungen gemacht und dabei 
angekündigt, daß ich im neunten Vortrage nochmals darauf zurück- 
kommen werde. Wir erklärten uns das Kulturfähigwerden aus 
der Entwicklung von Bereitschaften, die in der Erbanlage des 
Kindes vorhanden sind, und gaben der Meinung Ausdruck, 
daß zu deren Entfaltung sowohl das Leben selbst als auch 
die Erziehung eine bestimmte Leistung zu vollbringen haben. 
Damit wurde keine neue theoretische Annahme gemacht, 
sondern nur eine Tatsache, die jederzeit zu sehen ist, ange- 
führt; denn immer sind beide am Werke: das Leben und die 
Erziehung. 

Wir haben dem Leben jene Arbeit überlassen, die geleistet 
werden muß, um den Menschen zur Selbstbehauptung zu be- 
fähigen, primitiv realitätsfähig zu machen, und der Erziehung 
die ergänzende Tätigkeit zugewiesen, die die primitive Realitäts- 
fähigkeit zur Kulturfähigkeit erweitert. (Was wir unter Kultur- 
fähigkeit verstehen, wurde bereits ausgeführt.) Obwohl wir 
wissen, daß in Wirklichkeit das Leben und die Erziehung in 
ihren Einwirkungen auf das heranwachsende Kind einander 
nicht nur ergänzen, sondern auch ineinander spielen und 
gegenseitig übergreifen, nahmen wir diese Arbeitsteilung doch 



r 



Die Bedeutung des Realitätsprinzips für das soziale Handeln 237 

vor, weil sich dadurch mit annäherungsweiser Richtigkeit von 
der Erziehung etwas aussagen läßt, das uns später den Sinn 
der Fürsorgeerziehung in einem ihrer Belange aufhellen wird. 
Festzuhalten haben wir nur, daß diese Scheidung bloß eine 
schematische ist. 

Erweitern wir unsere im ersten Vortrage gewonnene Auf- 
fassung noch durch die Einschaltung, daß der Erziehung auch 
die Verhinderung der Entwicklung kulturwidriger Bereitschaften 
obliegt, so haben wir genug vorbereitende Bemerkungen 
gemacht, um nun unsere Aufmerksamkeit jenen psychischen 
Vorgängen zuwenden zu können, die das nahezu ausschließlich 
seinen Triebbefriedigungen lebende kleine Kind so entwickeln, 
daß es nach und nach in eine Kulturgemeinschaft hineinwächst. 

Freud wirft bei der Untersuchung des verschiedenen Ver- 
haltens von Trieben (Vorlesungen zur Einführung in die 
Psychoanalyse, Ges. Schriften Bd. VII. S. 569) die Frage auf, ob in 
der Arbeit unseres seelischen Apparates eine Hauptabsicht zu er- 
kennen sei, und beantwortet diese in erster Annäherung damit, 
daß er eine auf Lustgewinn gerichtete Absicht sieht. Es er- 
scheint ihm, daß die gesamte Seelentätigkeit darauf hinzielt, 
Lust zu erwerben und Unlust zu vermeiden. Er führt auch 
des näheren aus, daß das seelische Geschehen automatisch 
durch eine Tendenz reguliert wird, die er Lustprinzip nennt. 

Wenn wir den Satz vom Lustprinzip zum erstenmal hören, 
sind wir geneigt, zu widersprechen, erfahren wir doch in unserem 
eigenen Erleben nur zu oft, daß das Endergebnis eines seelischen 
Ablaufes mit Unlust verbunden ist. Wir werden mit unserer 
Kritik aber nicht zu voreilig sein, sondern vorerst versuchen 
zu verstehen, wie Freud das meint. Dazu haben wir nicht mehr 
zu tun, als seinen Überlegungen zu folgen. Durch ihn wissen 
wir schon, daß das Unbewußte das Ursprünglichste alles See- 
lischen ist und daß in ihm sowohl Wunsch- als auch Trieb- 
regungen eingebettet sind. Merken wir uns weiter, daß im 



238 Neunter Vortrag 



Unbewußten ausschließlich das Lustprinzip herrscht. Was 
heißt das? Freud hat erkannt, daß alles vom Unbewußten 
Ausgehende auf Lustgewinn gerichtet ist. Nun kümmert sich 
die das Individuum umgebende Außenwelt nicht um dessen 
Bedürfnis nach Lustgewinn, liefert diesen einmal und versagt 
ihn ein andermal, wie es sich eben aus der vorhandenen 
Konstellation ergibt. Dadurch kommt es aber häufig zu Situa- 
tionen, die dem Streben nach Lustgewinn nicht entsprechen, 
wiederholt diesem gerade zuwiderlaufen. Sehen wir uns darauf- 
hin bloß den Säugling an. Noch ganz beherrscht von seinen 
unbewußten Funktionen, wird er in seinem psychischen Ruhe- 
zustand vor allem schon durch die gebieterischen Forderungen 
seiner inneren, aus dem Triebleben kommenden Bedürfnisse 
gestört, die er, um Unlust zu entgehen, zu befriedigen versucht. 
Er lebt daher ganz der Entsprechung seiner Triebregungen, 
die ihn, da sie ausschließlich auf Lustgewinn gerichtet sind, 
in eine der Wirklichkeit nicht entsprechende Lustwelt stellen. 
Die Folge davon sind für das kleine Kind wiederholt sehr 
unangenehme Enttäuschungen: erwartete Befriedigung bleibt 
aus; statt Lust wird Unlust erlebt. Damit ist es aber nicht 
abgetan; im Individuum selbst gehen Veränderungen vor sich. 
Der psychische Apparat wird gezwungen, sich den realen Ver- 
hältnissen anzupassen, jene Veränderungen anzustreben, die 
das Ich weniger gefährden. Diese Umgestaltung ist natürlich 
nicht auf einmal erreichbar, sondern Aufgabe einer Entwick- 
lung. Aus dem Unbewußten organisiert sich das Bewußtsein 
mit Funktionen, die dem Ich nicht nur genauere Kunde geben 
von seinen Körperbedürfnissen und über die Sinnesorgane von 
dem, was in der Außenwelt vorgeht, sondern es auch nach 
und nach befähigen, den Notwendigkeiten des Lebens zu ent- 
sprechen. Dazu gehört ganz besonders, daß das Streben nach 
Lustgewinn modifiziert wird. Schwierigkeiten, die sich der Be- 
friedigung von Triebregungen entgegenstellen, die Unmöglich- 



Die Bedeutung des Realitätsprinzips für das soziale Handeln 239 

keit, diese zu befriedigen, die jedesmal eintretende Unlust, wenn 
eine von der Wirklichkeit verpönte Lustbefriedigung erfolgt 
ist, veranlassen zum Aufschub von Lustgewinn, zum Verzicht 
auf solchen und führen dadurch zur Unterdrückung von Trieb- 
regungen. Die Aufgabe, Unlust zu vermeiden, stellt sich für 
das Ich sehr bald fast gleichwertig neben die, Lust zu gewinnen. 
Durch die realen, unvermeidlichen Versagungen wird die Ein- 
setzung einer zweiten Tendenz erzwungen, die vom Bewußt- 
sein aus das Ich nötigt, das aus seinem Unbewußten kommende 
ungezügelte Drängen nach Lustgewinn zu regulieren, es so zu 
gestalten, daß ihm aus der Triebbefriedigung kein Schaden 
erwächst. Diese zweite Tendenz, die mit den real gegebenen 
Verbältnissen rechnet, nennt Freud das Realitätsprinzip. Mit 
dessen Einsetzung ist der wichtigste Fortschritt in der seelischen 
Entwicklung gemacht. Von da an beherrschen die beiden 
Tendenzen, Lust- und Realitätsprinzip, die seelischen Abläufe : 
neben dem Lustprinzip im Unbewußten ist das Realitäts- 
prinzip im Bewußtsein wirksam. Wenn das Lust-Ich nur nach 
Lustgewinn arbeitet und Unlust ausweicht, so strebt das Real- 
Ich nach Nutzen und sichert sich vor Schaden. Je mehr sich 
das Realitätsprinzip entwickelt und stärkt, desto weniger wehr- 
los wird das Ich seinen Triebregungen ausgeliefert sein, weil 
desto sicherer rechtzeitig gemeldet wird, wenn dem Individuum 
aus dem Widerspruch einer Triebregung mit den Forderungen 
der Wirklichkeit Gefahr droht, um so realitätsfähiger wird der 
Mensch. 

Wenn wir diese Überlegungen Freuds verstanden haben, 
erkennen wir, daß das Realitätsprinzip das Kind während 
seines Heranwachsens immer mehr aus seiner unwirklichen 
Lustwelt in die Wirklichkeit führt, ihm An- und Ausgleichung 
zwischen dem lustvoll Gewünschten und den Forderungen des 
Lebens herzustellen ermöglicht. Je kleiner das Kind ist, je 
schwächer daher in ihm noch das Realitätsprinzip zur Wirkung 



240 Neunter Vortrag 



kommt, desto mehr wird das Ich nach sofortiger Triebbefrie- 
digung verlangen, desto weniger kann es auf den daraus zu 
erzielenden Lustgewinn verzichten und Unlust ertragen. Wir 
könnten ganz gut die verschiedenen kindlichen Altersstufen 
aus dem Grade der Vorherrschaft des Lustprinzips über das 
Realitätsprinzip beschreiben. Wir dürfen aber nicht in den 
Irrtum verfallen, daß das Realitätsprinzip, als eine Sicherungs- 
tendenz des Ichs, auf Lustgewinn verzichtet. Es strebt diesen 
letzten Endes auch an, nimmt aber Rücksicht auf die Wirk- 
lichkeit, begnügt sich mit aufgeschobener oder verminderter 
Lust, wenn es diese nur sicher erhält. 

Nun vermögen wir den scheinbaren Widerspruch zwischen 
dem tatsächlichen Erleben von Unlust und der Herrschaft 
des Lustprinzips aufzuklären. Die Behauptung Freuds, daß die 
Arbeit des seelischen Apparates darauf gerichtet ist, Lust zu 
erwerben und Unlust zu vermeiden, bleibt aufrecht, sie sagt 
aber nicht, daß sich diese Tendenz immer durchsetzt. Mög- 
licherweise ist die erlebte Unlust durch das Realitätsprinzip 
veranlaßt worden, um später desto sicherer Lust zu gewinnen, 
oder sie ist infolge eines noch zu wenig „verständigen" Ichs 
eingetreten, aus einem Zusammenstoß mit der Realität hervor- 
gegangen, das heißt, das Lustprinzip in einem noch nicht 
genügend realitätsfähigen Individuum hat unzeitgemäß einen 
Durchbruch erfahren, oder schließlich, was ich Ihnen aber noch 
nicht verdeutlichen kann, die bewußte Unlust ist nur das 
Gegenstück gleichzeitiger unbewußter Lust. 

Der Erzieher muß besonders klar erkennen, daß die Ein- 
setzung und weitere Entwicklung des Realitätsprinzips aus 
solchen realen Versagungen erfolgt, die das Kind zu Trieb- 
einschränkungen veranlassen. Nehmen wir aber an, daß das 
Realitätsprinzip um so mächtiger wird, je mehr und stärkere 
Versagungen dem Kinde auferlegt werden, so sähen wir nur 
die an seinem Zustandekommen beteiligten äußeren Faktoren 



Die Bedeutung des Realitätsprinzips für das soziale Handeln 241 

und übersähen die inneren, im Kinde selbst gelegenen. Nicht 
nur die von der Außenwelt stammenden Hindernisse kommen 
in Frage, sondern zu beachten ist auch noch, inwieweit diese 
als solche empfunden und anerkannt werden. Versagungen, die 
für das eine Kind bedeutungsvoll werden, hinterlassen mög- 
licherweise in einem anderen keinerlei Spuren : beide reagieren 
infolge ihrer verschiedenen Erbanlage voneinander abweichend. 
Das darf nun aber wieder nicht so aufgefaßt werden, als 
ob man es für ein bestimmtes Kind in der Hand hätte, die 
realen Versagungen beliebig zu steigern oder zu vermindern, 
um dadurch die Einsetzung des Realitätsprinzips frühzeitiger 
oder später, wirksamer oder weniger wirksam als es der 
Altersstufe entspricht zu erzielen. Bis zu einem gewissen Aus- 
maße wird das wohl möglich sein, was aber darüber hinaus- 
geht oder darunter bleibt, wirkt schädigend. Wir werden bei 
Besprechung der Entwicklungsstörungen, die in die Verwahr- 
losung führen, zu hören bekommen, was eintreten kann, wenn 
das Kind zu frühzeitig einen krassen Zusammenstoß mit der 
Realität erlebt oder deren Einwirkungen zu sehr entzogen 
wird. An dieser Stelle will ich einschalten, wie sich ein normal 
entwickelndes Individuum für den durch die äußere Not auf- 
gezwungenen Lustverlust schadlos zu halten versucht. Das Ich 
unterwirft sich nicht ohneweiters den Ansprüchen der Realität, 
wenn diese zu hohe Anforderungen stellt. Es wird eine Art 
von Denktätigkeit abgespaltet, auf die das Realitätsprinzip 
keinen Einfluß gewinnt, die ausschließlich der Herrschaft des 
Lustprinzips unterworfen bleibt. Ich kann mir denken, daß Sie 
schon wissen, auf welchen seelischen Vorgang ich hinziele : auf die 
Phantasietätigkeit, die Ihnen als solche allen bekannt ist, die 
schon mit dem kindlichen Spiele beginnt und sich später in 
Tagträumen fortsetzt. Wenn der Mensch mit der kargen Be- 
friedigung, die er dem Leben abzuringen vermag, sein Aus- 
langen nicht findet, genießt er in der Phantasie die Freiheit 

Aichhorn, Verwahrloste Jugend 16 



2 4 2 Neunter Vortrag 



vom äußeren Zwange weiter, auf die er in Wirklichkeit längst 
verzichtet hat. 

Wir haben heute bereits andeutungsweise gehört, daß zur 
Entfaltung von Bereitschaften, die in der Erbanlage des Kindes 
gegeben sind, Leben und Erziehung eine bestimmte Leistung 
vollbringen müssen und wollen nun etwas näher darauf eingehen. 
Vom ersten Vortrage her wissen wir schon einiges : das biologisch 
vorgezeichnete Werden, dem durch das Realitätsprinzip nur 
Ausdruck verliehen wird, führt zunächst zur primitiven Realitäts- 
fähigkeit, das heißt, für das Individuum zur Möglichkeit, sich 
in gewissem Sinne in der Wirklichkeit behaupten zu können; 
durch die Maßnahmen, die von der Erziehung ausgehen, erfolgt 
deren Weiterentwicklung zur Kulturfähigkeit. Erst mit deren 
Erreichung ist der Mensch befähigt, die Forderungen der 
Gesellschaft zu verstehen und anzuerkennen, sich ihnen zu 
unterwerfen und an der Erhaltung sowie Vermehrung der 
Kulturgüter mitzuarbeiten. Wieweit sich die primitive Realitäts- 
fähigkeit bildet und diese in der Richtung zur Kulturfähigkeit 
fortentwickeln läßt, hängt nicht allein von den Einwirkungen des 
Lebens und den Erziehungsfaktoren ab, sondern wesentlich auch 
vom Individuum selbst. Ebensowenig wie die primitive Realitäts- 
fähigkeit einfach das Ergebnis der dem Ich aufgezwungenen 
Versagungen ist, sich vielmehr aus dessen Reaktionen darauf 
bildet, vermag der Erzieher eine gegebene Individualität zu 
der ihm geeignet erscheinenden Kulturfähigkeit zu bringen, 
wenn in ihr die Vorbedingungen dazu fehlen. Er kann im 
günstigsten Falle die äußeren Umstände und seine Einwirkungen 
so gestalten, daß sie die besten Entwicklungsbedingungen dar- 
stellen; was aber wird, hängt dann nicht mehr von ihm ab, 
sondern ist nur die Folge individueller Verarbeitung des 
Gegebenen. 

Es ist gewiß nicht schwierig zu erkennen, daß mit Kultur- 
fähigkeit eine der jeweiligen Kulturstufe entsprechende erhöhte 



Die Bedeutung des Realitätsprinzips für das soziale Handeln 243 

Realitätsfähigkeit gemeint ist. Daraus ergibt sich, daß die 
Erziehung zur Nachhilfe bei einem Entwicklungsprozesse wird, 
den das Ich durch die Bedingungen des Lebens zum Teile 
ganz zwangsläufig macht und daß diese Nachhilfe darin 
besteht, erhöhte Anregungen zur Überwindung des Lustprinzips 
und dessen Ersetzung durch das Realitätsprinzip auszulösen. 
Wir können auch leicht verstehen, daß der jahrtausendlange 
Weg, den die Menschheit zurücklegen mußte, um auf die 
gegenwärtige Kulturstufe zu kommen, vom Kinde in der kurzen 
Zeit seines Heranwachsens nicht durchmessen werden könnte, 
wenn die durch die Erziehung veranlaßten erhöhten Anregungen 
fehlen würden. 

Was diese erhöhten Anregungen zu bewirken haben, wissen 
wir schon : Das Realitätsfähigwerden ist an Versagungen ge- 
bunden; erhöhte Realitätsfähigkeit daher an vermehrte Ver- 
sagungen. Der Erzieher wird, um diese zu erreichen, ganz 
konform mit dem Leben vorgehen und so wie dieses Dämme 
aufstellen, die die momentane Triebbefriedigung erschweren 
oder unmöglich machen. Dadurch veranlaßt er das Kind zu 
vermehrter Unterdrückung von Triebregungen, Aufschub von 
Lustgewinn oder Verzicht auf diesen und Ertragung von Unlust. 
Dieser Erziehungsvorgang scheint mit einer jetzt sehr ver- 
breiteten Meinung, daß gute Erziehung und das Kind 
gewähren lassen gleichzusetzen sind, im Gegensatz zu stehen. 
Dieser ergibt sich aber nur, wenn die Aufgabe der Erziehung 
mit den Mitteln, deren sie sich zur Erreichung dieser Aufgabe 
bedient, verwechselt wird oder wenn wir aus dem eigenen 
Erleben zu einer affektiven Einstellung zur Erziehung gekommen 
sind. Esj.st_durchaus nicht richtig, daß Erziehen ein Gewähren- 
lassen bedeutet. Jeder, der in einer Kinderstube zu tun hat, 
weiß, daß Verwehren, Untersagen und Verbieten momentaner 
Wunschregungen auf der Tagesordnung stehen, so daß das 
Kind fortwährend Freiheitsbeschränkungen unterworfen wird. 

16* 



2 44 Neunter Vortrag 



Wir fragen uns: Hat das Kind wirklich so viele Wünsche, die 
ihm verwehrt werden müssen? Kann man es nicht unbeschränkt 
gewähren lassen? Was würde beispielsweise ein zweijähriges 
Kind alles unternehmen, wenn man ihm nicht von Augenblick 
zu Augenblick hindernd entgegenträte!? Nur beispielsweise: 
jetzt vom Tisch die Decke herabziehen, auch wenn das darauf 
stehende Geschirr zerklirrt, dann auf Sessel und Tisch steigen, 
ohne zu erfassen, daß es herunterstürzen und sich verletzen 
könnte. Was gibt es nicht alles an Äußerungen aus dem Freß-, 
Forschungs-, Zerstörungs-, Beobachtungstrieb, was man unmöglich 
voll ausleben lassen kann? Wo bliebe unter anderem auch die 
Erziehung des Kindes zur Reinlichkeit, wenn man die Wider- 
stände, die sich der Körperpflege entgegenstellen, nicht über- 
wände? Diese beständigen Freiheitsbeschränkungen sind nach 
unserer Auffassung im Interesse des Kindes gelegen, wenn sie 
von diesem auch zweifellos anders, als gewaltsamer Versuch, 
ihm die Befriedigung seiner Triebregungen zu beschränken 
oder zu verhindern, empfunden werden. Naturgemäß wird das 
Kind den Weg von der Lustwelt in die Realität, den es dadurch 
zurücklegen muß, nicht widerspruchlos gehen, aber machen 
muß es ihn, um kulturfähig zu werden, das ist klar. Der 
Erzieher, der weiß, daß dem noch ganz unter der Vorherrschaft 
des Lustprinzips stehenden Kinde der momentane Lustgewinn 
das Natürliche ist, wird ihm seinen Entwicklungsweg nach 
Möglichkeit erleichtern, wird es auch zeitweilig gewähren 
lassen, dabei aber wissen, daß er in solchen Momenten nicht 
erzieht, weil er da keine Impulse, die Lustwelt zu verlassen, 
schafft. Daß ein Gewährenlassen innerhalb gewisser Grenzen 
in der Kindheit auch für das spätere Leben von Bedeutung 
ist, werden wir hören, wenn wir im nächsten Vortrage von 
den Stufen innerhalb des Ichs sprechen. 

Forderungen, die in Versagungen einmünden, werden erst 
dann wirksam, wenn sie das Kind als solche anerkennt, das 



Die Bedeutung des Realitätsprinzips für das soziale Handeln 245 

heißt, wenn in ihm eine Tendenz vorhanden ist, ihnen zu ent- 
sprechen. Um diese in Funktion zu setzen, stehen dem Erzieher 
zwei Möglichkeiten zur Verfügung: Entweder er läßt das Kind 
nach einer nicht erlaubten Triebbefriedigung erhöhte Unlust 
erleben oder er gewährt an Stelle des durch die Unterlassung 
einer Triebbefriedigung ausgebliebenen Lustbezuges eine 
Ersatzlust. Aber in beiden Fällen zwingt er das Kind, auf lust- 
voll Gewünschtes zu verzichten, sich eine Versagung aufzuerlegen; 
das einemal durch die Strafe, die dem Nichtaufgeben folgt, 
das anderemal durch seine Anerkennung und Liebe, die es für 
das Aufgeben erhält. Es wird so das Gleiche durch zwei ein- 
ander vollständig entgegengesetzte Mittel, Furcht vor Strafe 
und Liebesprämie, erreicht. Und daraus ergibt sich für manche 
die Verwechslung. Das Kind statt durch Strafandrohung durch 
eine in Aussicht gestellte Liebesprämie zu einer für seine 
Entwicklung notwendigen Triebeinschränkung zu veranlassen, 
ist aber kein Gewährenlassen in lustvoll Gewünschtem. 

Es gibt also im allgemeinen zwei Erziehungsverfahren. Das 
eine arbeitet mit Liebesprämien, das zweite mit Strafandrohung. 
Wenn wir nicht absichtlich Tatsachen übersehen wollen, müssen 
wir zugeben, daß auf beiden Wegen Erfolge erzielt werden. 
So und so viele Menschen sind aus Furcht vor der Strafe und 
so und so viele andere durch die ihnen gewährte Liebe kultur- 
fähig geworden. Ebenso richtig bleibt aber auch, daß beide 
zu Mißerfolgen führen können. 

Hätten wir uns mit der Erziehung und nicht mit der Für- 
sorgeerziehung zu beschäftigen, so wäre unsere nächste Auf- 
gabe, nicht affektiv zu entscheiden, welches der beiden 
Erziehungsmittel uns sympathischer anmutet, sondern zu unter- 
suchen, welches im konkret gegebenen Falle das ökonomischere 
ist; denn darauf kommt es letzten Endes an. So aber werden 
wir unsere Anfmerksamkeit anderem zuwenden. 

Das Mißlingen der Erziehungsaufgabe interessiert den Für- 



sorgeerzieher, weil es, wenn nichts anderes, so den Verwahr- 
losten zeitigt. 

Dem sehr naheliegenden Einwände, daß die Verwahrlosung 
doch nicht immer auf eine mißglückte Erziehung zurückgeführt 
werden könne, möchte ich damit begegnen, daß ich auf das 
bereits im ersten Vortrage Gesagte verweise und nochmals her- 
vorhebe, daß alle Feststellungen nur annäherungsweise An- 
spruch auf Richtigkeit machen. Was genauer abzugrenzen und 
einzuschränken ist, behalte ich mir für spätere Auseinander- 
setzungen vor, auch darauf einzugehen, daß Schicksalskon- 
stellationen so wirken können, als ob Fehler in der Erziehung 
gemacht worden seien. 

Es wäre anzunehmen, daß der Erziehung die Lösung ihrer 
Aufgabe auf dem ersten Weg um so sicherer gelingen wird, 
je mehr Liebesprämien das Kind vom Erzieher (Vater, Mutter) 
erhält, und auf dem zweiten, je mehr es diese Personen fürchtet. 
Das stimmt innerhalb gewisser Grenzen. Werden diese über- 
schritten, so wird sowohl die Liebesprämie als auch die Strafe 
nicht nur wirkungslos, sondern beide erzielen vielfach gerade das 
Gegenteil. Übersehen wir nicht, daß die Liebesprämie nur als 
Anregung, auf lustvoll Gewünschtes zu verzichten, dienen soll 
oder als Belohnung für einen solchen Verzicht gegeben werden 
darf. Gewährt sie der Erzieher, ohne vom Kinde dafür eine 
Gegenleistung zu verlangen, gibt er sie also als freiwilliges 
Geschenk, statt damit zuzuwarten, bis sie durch den Verzicht 
auf eine Triebbefriedigung erworben worden ist, so besteht 
für das Kind keine Notwendigkeit, sich anzustrengen. Es ist 
der Liebesprämie sicher und braucht nicht erst auf die aus der 
Triebbefriedigung sich ergebende Lust zu verzichten, dem 
Lust-Ich Wünsche zu versagen, um dadurch den Weg in die 
Realität zu machen: es erhält, ohne sich anzustrengen, doppelte 
Lust. 

Welches wird in diesem Falle, der uns durch das einzige, 



r 



Die Bedeutung des Realitätsprinzips für das soziale Handeln 247 

verwöhnte Kind nur zu gut bekannt ist, das Entwicklungs- 
ergebnis sein? Das Kind wird an Jahren zunehmen, körperlich 
heranreifen und dabei der Herrschaft des Lustprinzips in einer 
Weise unterworfen bleiben, die einer viel früheren, kindlicheren 
Entwicklungsstufe entspricht. Überwunden wird das Lustprinzip 
nur soweit werden, als das Leben mit seinen nicht aus- 
zuschaltenden Unlusterlebnissen Versagungen erzwungen und 
der Erzieher ab und zu die Liebesprämie nicht absolut gegen- 
leistungslos gewährt hat. Ist das irgendwie von Bedeutung? 

Sehen wir uns vorerst noch das zweite Verfahren an, das 
unerwünschte Triebbefriedigung unter Strafandrohung stellt. 
Häufen sich die Unlusterlebnisse durch zu viele Strafen oder 
ein Übermaß an Strenge und erhält das Kind keine Ersatzlust 
durch die Liebe des Erziehers, so wird es in eine Gegen- 
einstellung zu diesem gedrängt und hat dann keine Ursache 
mehr, die durch ihn vertretenen Anforderungen der Realität 
anzuerkennen, sich dem Realitätsprinzip zu unterwerfen. Seine 
Hauptaufgabe wird darin erschöpft werden, sich dem Erzieher 
gegenüber durchzusetzen. Die Auflehnung gegen Erzieher und 
Gesellschaft, die Behauptung seines Ichs diesen gegenüber wird 
ihm ebenso zur Lustquelle, wie ihn das Verharren bei den 
direkten und unmittelbaren Triebbefriedigungen die durch den Er- 
zieherverwehrte Lust dennoch beziehen läßt. Hier führt ein Gegen- 
impuls zum Kindlichbleiben oder, was wahrscheinlicher ist, eine 
spätere Auflehnung zur Rückgängigmachung einer anfänglich 
gelungenen Erziehungsabsicht. 

Wenn die beiden Erziehungsverfahren auf die eben 
angedeuteten Abwege geraten, müssen sie zu Fehlergebnissen 
führen. In den so „nicht" erzogenen Individuen wird das über- 
mächtig herrschende Lustprinzip psychische Reaktionen bewir- 
ken, die sie sehr von ihren normal entwickelten Altersgenossen 
unterscheiden. Sie werden durch die Art ihres Verhaltens 
mehr oder weniger auffällig werden. Schon ihr Benehmen gibt 



uns die Möglichkeit, sie zu sondern und aus ihnen die heraus- 
zugreifen, die als Verwahrloste für die Fürsorgeerziehung in 
Betracht zu ziehen sind. Wir werden uns ihrer dann annehmen, 
wenn sie ihr ungezügelter Lusthunger zu gesellschaftswidrigem 
Handeln veranlaßt. Das große Lustbedürfnis der Verwahrlosten 
ist uns schon einigemal aufgefallen und nun haben wir die 
Erklärung dafür in dem Stück „Kind" gefunden, das jeder von 
ihnen noch unüberwunden mit sich herumträgt. 

Die Ähnlichkeit des Verwahrlosten mit dem Kinde ist also 
darin zu erkennen, daß auch er momentanen Triebbefriedi- 
gungen nachgeht und nicht imstande ist, unsichere Lust auf- 
zugeben, um später gesicherte Lust zu erwerben: Trieb- 
äußerungen, die für frühere kindliche Entwicklungsstufen nor- 
mal wären, lassen ihn abnormal, dissozial erscheinen, weil er 
sich durch sie zur Gesellschaft in Gegensatz stellt. Sehen wir 
uns nun verschiedene, für den Verwahrlosten typische Einzel- 
züge an, so werden wir nicht mehr überrascht sein. In der 
Fürsorgeerziehungsanstalt, wo wir sie ja in größerer Anzahl 
beisammen haben, gibt es, wie in der Kinderstube, unauf- 
hörlich Ausbrüche von Neid und Mißgunst, Unverträglichkeit 
und Streitsucht, und nicht nur bei den Schulpflichtigen, die 
Jugendlichen sind womöglich noch viel ärger, das Lebensalter 
kommt da gar nicht in Frage. Ein Großteil verhält sich auch 
zu den Forderungen der Körperpflege genau so ablehnend wie 
die Kinder; ungekämmte Haare, ungereinigte Kleider und 
Schuhe stören sie nicht sonderlich. Vieles, was Verwahrloste 
zeigen, ist als kindliches Verhalten, wenn auch mit stark 
verzerrten Zügen, zu deuten; sie sind genau so wenig wie 
Kinder längere Zeit mit Interesse bei ein und derselben 
Beschäftigung zu halten, haben in vielen Belangen genau die- 
selbe geringe Urteilsfähigkeit wie die Kinder, reagieren auf 
Reize so unmittelbar wie diese, sind in ihrem Handeln auch 
von augenblicklichen Eingebungen geleitet und entladen ihre 



Die Bedeutung des Realitätsprinzips für das soziale Handeln 249 

Affekte ganz ungehemmt. Wieviel in ihnen trotz aller Ver- 
wahrlosung aber auch noch unverdorbenes Kind geblieben 
war, konnten wir in Oberhollabrunn und St. Andrä wiederholt 
beobachten. So zum Beispiel mit welch tief innerer Wirkung 
auch die ältesten und verwahrlostesten Jugendlichen eine 
Märchenstunde erlebten. 

Es sieht aus, als ob die Verwahrlosten ohne Übergang einen 
Sprung von der unbewußten Lustwelt des kleinen Kindes in 
die rauhe Wirklichkeit hätten machen müssen, der ihnen nur 
mit einem Teil ihres Ichs gelungen ist. Warum ich meine, 
daß sie nur mit einem Teil ihres Ichs Kinder geblieben sind? 
Weil sie mit einem anderen Teil des Ichs die ihrer Alters- 
stufe entsprechende Reife zeigen, mit diesem manchmal noch 
über das normale Maß hinaus entwickelt sind. Diese Spaltung 
des Ichs, wenn wir das Fehlen der einheitlichen Ich-Entwick- 
lung so nennen wollen, zeigt jeder Verwahrloste. Wir sehen 
verwahrloste Kinder und Jugendliche nach der einen Seite 
ihres Wesens einem übermächtigen Lustprinzip unterjocht sein 
und dann wieder manches tun, was sonst erst Erwachsene 
machen: sie benehmen sich in gewissen Situationen in der 
Schule und im Leben so, als ob sie nicht verwahrlost wären; 
Jugendliche disponieren oft wie Männer, mitunter ganz hervor- 
ragend; sie behaupten sich im Existenzkampf sehr geschickt 
dort, wo die Realität nur die nackte Selbstbehauptung fordert. 
Auch in ihrem Sexualleben zeigt nur ein ganz bestimmter 
Typus einen Entwicklungsrückstand, die anderen sind normal 
entwickelt, manchmal noch über das hinausgehend, was ihrer 
Altersstufe entspricht und dabei sind sie durchaus nicht per- 
vers oder invertiert, sondern zeigen nur erhöhte Potenz. 

Wir vermögen den Verwahrlosten nun als ein Individuum 
aufzufassen, das infolge von Entwicklungsstörungen in einem 
Teil seines Ichs durch ein übermäßig vorherrschendes Lust- 
prinzip dirigiert wird. Die Ursachen dieser Entwicklungs- 



Störungen kennen wir auch schon, aber noch nicht deren Art. 
Ein Analogieschluß, den wir vom Neurotiker her machen, 
gibt uns eine allgemeine Aufklärung. Zwei Möglichkeiten 
kommen in Betracht. In dem einen Fall sind durch die 
unrichtigen Erziehungsmaßnahmen Entwicklungsphasen nicht 
richtig durchlaufen worden, bezw. psychische Funktionen oder 
Anteile von solchen sind dauernd auf einer früheren Entwick- 
lungsstufe zurückgehalten worden, wir sprechen von einer 
„Entwicklungshemmung". Im zweiten Falle haben Anteile von 
psychischen Funktionen, die schon auf einer höheren Stufe 
angelangt waren, aus irgend einer Ursache eine rückläufige 
Bewegung angetreten, so daß sie auf einer niedrigeren Ent- 
wicklungsstufe zur Wirkung gelangen, als ob sie diese nie 
verlassen hätten; es ist eingetreten, was wir eine „Regression" 
nennen. In kurzer Ausdrucksweise läßt sich sagen: Die Ver- 
wahrlosung ist die Folge einer Entwicklungshemmung oder 
Regression — eines Zurückgeblieben- oder Zurückgeworfen- 
worden-Seins — auf dem Wege von der primitiven Realitäts- 
fähigkeit zur Kulturfähigkeit. Wie das gemeint ist, würde noch 
deutlicher werden, wenn wir neben die Verwahrlosung, die 
nach und nach, allmählich, wie natürlich wachsend entsteht, 
jene stellten, die mehr oder wenig plötzlich bei einem bisher 
sich vollständig normal verhaltenden Individuum zum Aus- 
bruche kommt. Daß ich die Verwahrlosungsursachen in eine 
Störung auf dem Wege zur Kulturfähigkeit verlege, wird 
Ihnen nach dem Vorhergesagten um so weniger verwunder- 
lich erscheinen, je mehr Sie Ihnen allen Bekanntes erinnern: 
jeder Verwahrloste ist primitiv realitätsfähig, wenn wir darunter, 
so wie bisher, die Selbstbehauptungsfähigkeit verstehen 
wollen. Was ihn mit der Gesellschaft in Konflikt bringt, ist 
nur die nicht kulturfähige Art, mit der er seine Selbstbehaup- 
tungstendenz durchzusetzen bemüht ist. 
Da es sich in diesen Vorträgen bloß um eine erste Orien- 



Die Bedeutung des Realitätsprinzips für das soziale Handeln 251 

tierung handelt, untersuchen wir jetzt nicht einzelne Verwahr- 
losungen daraufhin! ob sie sich aus einer Entwicklungs- 
hemmung oder einer Regression ergeben haben, das muß ich 
mir wieder für spätere Zeit vorbehalten. Etwas näher, wenn 
auch nicht besonders eingehend, werden wir uns die aus den 
Verwahrlosungsformen besonders herausfallenden beiden Typen 
„Verwahrloste aus zu viel Liebe" und „Verwahrloste aus zu 
großer Strenge" ansehen, um dann darauf zu sprechen zu 
kommen, was die Fürsorgeerziehung in diesen Fällen zu tun 
hat. 

Der Typus „Verwahrloster aus zu viel Liebe" kommt uns 
in der Fürsorgeerziehungsanstalt nicht zu häufig unter. Er ist 
aber im bürgerlichen Milieu unverhältnismäßig oft zu finden 
und dort die Quelle uneingestandener Sorgen und Verzweif- 
lung. In die Erziehungsberatung werden mir diese Fälle weit 
häufiger gebracht, so daß ich Ihnen aus eigener Beobachtung 
von zweiunddreißig „einzigen" Kindern, zumeist Jugendlichen, 
berichten kann. Die Verwahrlosung war in allen Fällen durch 
ein Übermaß an Zärtlichkeit verursacht, einwandfrei nachzu- 
weisen. Es wäre wohl zu erwarten gewesen, daß die Ver- 
zärtelung der natürlichen elterlichen Sorge um das „einzige" 
Kind entsprungen gewesen sei, oder etwa, daß eine zur Witwe 
gewordene Mutter ihre ganze Liebe dem Kinde zugewendet 
habe, oder daß geschiedene Gatten, um das Kind für sich zu 
gewinnen, sich gegenseitig in Liebesbeweisen zum Kinde über- 
boten hatten. All das hatte bei den Zweiunddreißig das Zu- 
viel an Liebe nicht determiniert. In neunundzwanzig Fällen 
fühlte sich die Mutter vom Vater zu wenig geliebt, teils berech- 
tigt, teils nur aus einem normalerweise nicht zu befriedigenden 
übermäßigen Liebesbedürfnis. In den restlichen drei Fällen 
heirateten Frauen mit einem außerehelichen Kinde (Mädchen) 
nicht den Kindesvater, sondern einen anderen Mann. Der 
Stiefvater widmete sich mit besonderer Zärtlichkeit seiner 



252 Neunter Vortrag 



Stieftochter. Alle drei Ehen waren kinderlos geblieben, zu 
Differenzen zwischen den Ehegatten war es deswegen nicht ge- 
kommen, aber die Frauen waren doch untröstlich, mit diesem Manne 
kein Kind zu haben. Sie sagten mir übereinstimmend, fast mit 
denselben Worten, wie sehr sie sich nach einem Kinde 
sehnen, wie glücklich der Mann sein müßte, ein eigenes Kind 
zu haben, da er doch schon seine Stieftochter so sehr liebe. 
Sie erklärten auch, daß sie die Tochter nur des Gatten wegen 
so verzärteln. 

Wir sehen hier und auch sonst bei diesem Typus Verwahr- 
loster das Erziehungswerk mißlingen, weil mit den wenigen 
Ausnahmen, bei denen auch der Vater in Frage kommt, die 
Mutter ihrer Erziehungsaufgabe nicht gewachsen ist. Die 
Ursachen lassen wir unerörtert, sie sind sehr verschieden, be- 
wirken aber immer nahezu dasselbe: eine solche Schwäche der 
Mutter dem Kinde gegenüber, daß von Erziehung nicht mehr 
die Rede sein kann. Mütter dieser Art sind Ihnen gewiß 
bekannt und unschwer zu charakterisieren. Da sie bereit sind, 
alles zu tun, um ein dem Liebling nur entfernt drohendes 
Unbehagen abzuwehren, vermögen sie ihm schon gar nicht 
Versagungen aufzuerlegen, die zu den notwendigen Triebein- 
schränkungen führen. Die für ihn damit verbundene Uulust 
stört sie viel mehr als selbst erlebte. Voll geschäftiger Sorge 
sind sie auch ununterbrochen um sein Wohlergehen bemüht 
und nicht imstande, von ihm Lustaufschub oder Lustverzicht 
zu verlangen. Was das Leben an Härten und Hindernissen 
bringt, an denen sich das Kind stoßen müßte und die es zu 
überwinden hätte, um später im Leben bestehen zu können, 
wird aus dem Wege geräumt, so daß ängstliches Wachen und 
ruheloses Aufhalten, was das eigene Gewähren beeinträch- 
tigen könnte, den Tag ausfüllt und den Nächten den Schlaf 
raubt. Launen des Kindes werden mit nie endender Geduld 
ertragen, Unarten als Ausdruck besonderer Individualität 



Die Bedeutung des Realitätsprinzips für das soziale Handeln 253 

ge wertet und bewundert, Einwände dagegen schmerzhaft als 
persönliche Kränkung empfunden. Aber fremden Kindern sind 
sie überstrenge Richter, insbesondere wenn sie als Spiel- 
gefährten des „Einzigen" sich gegen dessen schrankenloses 
Ausleben wehren. 

Das Kind steht im Mittelpunkt des Interesses und lebt unge- 
hemmt den Wünschen seines Lust-Ichs; die wirkliche Realität 
ist nicht da, die Mutter schaltet sie immer wieder aus. Das 
Kind entfernt sich immer mehr von der Realität, weil es zur 
Modifikation seines Lustprinzips nicht kommt. Und doch gibt 
es auch für diese Kinder Versagungen, aber gerade an der 
unrichtigen Stelle. Es wird von der Mutter in den Äußerungen 
seines Spiel-, Betätigungs- und Forschungstriebes dann 
gehindert, wenn nur die leiseste Möglichkeit einer körperlichen 
oder gesundheitlichen Gefährdung besteht. Was darf so ein 
einziges Kind alles nicht tun, weil es sich anstoßen, hinfallen, 
eine Beule schlagen, sich erkälten, den Magen verderben, 
einen Schnupfen oder Kopfweh bekommen könnte ! Aus diesen 
Versagungen, die so im Widerspruche mit dem sonstigen 
Gewährenlassen stehen und die das Kind unmöglich begreifen 
kann, ergeben sich auch die ersten Auflehnungen, denen die 
Mutter wieder nicht mit der richtigen Einsicht des Erziehers 
gegenübersteht. Sie sucht sie mit Zärtlichkeitserpressungen zu 
bekämpfen oder durch noch mehr Gewähren an anderer Stelle 
weniger schmerzhaft fühlbar zu machen. Das verfängt natürlich 
bald nicht mehr; die Auflehnungen vermehren sich. Das Kind 
stellt schließlich auch Forderungen, die die Mutter nicht mehr 
erfüllen kann, weil sie nicht uneingeschränkt über die Realität 
gebietet. Die Realität selbst mit ihren unerbittlichen Ansprüchen 
kann endlich auch nicht mehr vom Kinde ferngehalten werden 
und was bei normaler Entwicklung allmählich an das Kind 
herantritt und nach und nach bewältigt wird, stürzt nun plötz- 
lich mit vehementer Gewalt herein. Führt dieser Zusammen- 



2 54 Neunter Vortrag 



stoß nicht zum inneren Zusammenbruch und damit zu nervösen 
Erkrankungen, so flammt eine Auflehnung gegen das Lust- 
hindernis auf, der man im Elternhause nicht mehr Herr wird, 
die sich auch in dissözialen Äußerungen der verschiedensten 
Art auslebt. 

Ich muß hier einschalten: Ich weiß sehr wohl, daß sich die 
Verwahrlosung dieses Typus nicht restlos aus dem nicht über- 
wundenen Lustprinzip erklären läßt, daß auch nicht normal 
erledigte, besondere libidinöse Beziehungen der Kindheit mit- 
spielen. Ich gehe aber darauf absichtlich nicht ein, weil ich 
mir vorgenommen habe, heute die Verwahrlosung nur ganz 
einseitig vom Lustprinzip her anzusehen. 

Der in die Fürsorgeerziehung viel häufiger kommende Typus 
ist der zweite, Verwahrlosung infolge zu großer, durch die 
Erziehungspersonen ausgeübten Strenge und ein dritter, ihm 
ähnlicher, den wir aus Familien stammend beobachten konnten, 
in denen beide extreme Erziehungsverfahren gleichzeitig in 
Anwendung gekommen waren. Das scheint für den ersten 
Augenblick nicht gut möglich zu sein, wird aber sofort ver- 
ständlich, wenn wir beachten, daß zwei Personen, Vater und 
Mutter, an der Erziehungsarbeit beteiligt sind. Gewöhnlich 
war der Vater zu strenge und die Mutter verzärtelte das 
Kind. 

Bei der Wichtigkeit kindlicher Erlebnisse für das spätere 
Leben können wir ganz gut verstehen, was der normal strenge 
Vater und die normal gütige Mutter bedeuten. Der Vater, in 
der Regel der, der die strengen Forderungen der Realität ver- 
tritt, die Mutter, deren Form mildernd und dadurch weniger 
unlustbetonte Durchführung ermöglichend, bewirken, daß das 
sich normal entwickelnde Kind später die Forderungen der 
Realität weniger kraß empfinden und, was Unangenehmes 
kommt, leidloser ertragen wird. 

Steht der übermäßigen Strenge des Vaters eine Verzärtelung 



Die Bedeutung des Realitätsprinzips für das soziale Handeln 255 

durch die Mutter gegenüber, so werden die Forderungen des 
Vaters durch die Mutter nicht nur der Form, sondern auch 
dem Inhalte nach Abänderungen erfahren und das Kind ver- 
mag sich diesen auch durch die Flucht zur Mutter ganz zu 
entziehen. Kommt die Mutter mit Forderungen, die, wie wir 
schon gehört haben, körperliche und gesundheitliche Gefährdung 
abzuwehren haben, deren Erfüllung aber dem Lustprinzip ent- 
gegenläuft, so ist deren Ablehnung dem Kinde durch die 
Flucht zum Vater möglich. Jetzt entspricht das Kind den 
Forderungen des Vaters, leistet sich damit aber keine Trieb- 
einschränkung, im Gegenteil, es entspricht weiter dem Lust- 
prinzip. Je nachdem es sich dem Vater oder der Mutter 
zuwendet, vermag es dem Realitätsprinzip auszuweichen, das 
lustvoll Gewünschte zu erreichen und damit weiter ungehindert 
im Lustprinzip zu verharren. Gleichzeitig führt aber ein solches 
Verhalten der Eltern das Kind auch zur Auflehnung gegen 
jenen Teil, der gerade bemüht ist, Forderungen durchzusetzen. 
Auf einem ähnlichen, wie den bereits vorher geschilderten 
Weg kommt dann schließlich das Kind zur Verwahrlosung. 
Der diesen Verwahrlosten typische Zug, der sich etwa durch 
den Satz ausdrücken läßt: „Was immer ich anstelle, es kann 
mir nichts geschehen", erklärt sich ganz eindeutig aus dieser 
Art des Heranwachsens. 

Tritt Verwahrlosung aus einem Übermaß an Strenge ein, so 
muß dieses nicht immer notwendigerweise auch objektiv da 
sein. Oft empfindet ein Kind das ruhige, kalte, wortkarge, 
äußerer Zärtlichkeiten entbehrende Benehmen schon so arg, 
wie ein anderes übermäßige körperliche Züchtigung. Obwohl 
wir wissen, daß für das Entstehen der Verwahrlosung sub- 
jektive Reaktionen ausschlaggebend sind, mußte ich Sie doch 
auf diesen Umstand nochmals aufmerksam machen, weil wir 
sehr leicht zu Fehlschlüssen gelangen, wenn wir bei der Unter- 
suchung eines Verwahrlosungsfalles übermäßige Strenge nicht 



256 Neunter Vortrag 



finden, der objektive Tatbestand uns keine Anhaltspunkte 
liefert. 

Wird das Kind übermäßig strenge behandelt oder erfolgt 
durch Schicksalskonstellationen zu frühzeitig ein krasser Zu- 
sammenstoß mit der Realität, so wird damit nicht eine vor- 
zeitige Anpassung an die Wirklichkeit erreicht. Es kommt nicht 
zur Einsetzung eines einer höheren Altersstufe entsprechenden 
Realitätsprinzips, sondern, wie wir schon gehört haben, sehr 
häufig nach einem zeitweiligen Gelingen der Erziehungsabsicht 
zu einer darauffolgenden Regression in Form der Verwahr- 
losung. Damit ist aber wieder ein Lustprinzip zur Herrschaft 
gelangt, das einer früheren Altersstufe entspricht. Dessen Ein- 
dämmung wird nun erfahrungsgemäß ein viel stärkerer Wider- 
stand entgegengestellt als bei der normalen Entwicklung. Dieses 
weicht auch der brutalen Gewalt immer weniger. Die Brutalität 
der Erziehungspersonen und auch die des Lebens, die früher 
geduldig ertragen worden waren, führen nun zu einer ganz 
bewußten Gegeneinstellung, die häufig als Auflehnung in 
Erscheinung tritt. Kommt sie zustande, dann bewegt sie sich 
in der Richtung offener Widersetzlichkeit und steigert sich bei 
Jugendlichen zu ganz bewußten brutalsten Roheitsakten. 

Auch die Verwahrlosungsformen der beiden letzten Typen ließ en 
sich unter dem Gesichtspunkte infantil-libidinöser Beziehungen 
betrachten wie die des ersten Typus und wir würden durch 
ein Eingehen darauf auch über sie manchen Aufschluß gewinnen, 
was aber nicht zu unserer heutigen Aufgabe gehört. 

Wenn wir aus dem wenig und nur ganz kursorisch Ange- 
führten diese drei Verwahrlosungstypen auch nicht voll zu 
erfassen vermögen, können wir doch daraus schon einige allge- 
meine Richtlinien für die Fürsorgeerziehung ableiten. 

Zunächst stellen wir fest, daß die Fürsorgeerziehung in allen 
drei Fällen vor derselben Aufgabe steht: sie hat dem Zögling 
jene fehlende Entwicklung zu vermitteln, durch die er die 



[ 



Die Bedeu tung des Realitätsprinzips für das soziale Handeln 257 

kindliche Altersstufe mit dem vorherrschenden Lustprinzip 
überwindet und gegen die eintauscht, auf der ein seiner Alters- 
stufe entsprechendes Realitätsprinzip wirksam ist. Der Fürsorge- 
erzieher wird die Verwahrlosten so zu führen haben, daß sie 
verständig werden, das heißt ein Realitätsprinzip entwickeln, 
das vor der Tat imstande ist zu entscheiden: Sofortiger 
Lust gewinn, spätere Unlus ter duldung oder Auf- 
schub, Verzicht, späterer gesicherter Lustbezug. 
Die Verwahrlosten werden im Verlaufe der Fürsorgeerziehung 
erleben müssen, daß die Summe des Lustgewinnes im sozial 
gerichteten Leben der Anstalt größer ist, als die Summe der 
Teillustgewinne einzelner dissozialer Handlungen mit der Summe 
der darauffolgenden Unlust. 

Und eine zweite Feststellung erscheint mir noch sehr wichtig, 
weil dadurch manche Fehler in der Beurteilung einer Ver- 
wahrlosung vermieden werden können. Wir sind nicht 
gezwungen, in jedem Verwahrlosten unbedingt ein neuro- 
tisches Problem sehen zu müssen. Es kann ein Stück normaler 
Erziehung fehlen. Genügend Impulse, die Realität anzuerkennen, 
sind nicht ausgelöst worden, ein Ausweichen vor der Unlust 
der Wirklichkeit war möglich oder es ist zu Gegenimpulsen 
gekommen und die notwendige Entwicklung wurde nicht 
gemacht oder ist wieder aufgegeben worden. Wir müssen nicht 
immer annehmen, daß beispielsweise dem Verwahrlosten das 
Ertragen der unangenehmen Folgen nach einem Diebstahl 
immer unbewußte Lust bringen müsse, daß er jedesmal unbe- 
wußtem Schuldgefühl entspringt usw. Es ist sehr wohl mög- 
lich und in vielen Fällen auch wahrscheinlich, daß der Dis- 
soziale noch unter der Herrschaft eines übermäßigen Lust- 
prinzips steht und daher triebhaft, rein automatisch die Lust- 
befriedigung sucht: Er wird vom Lust-Ich getrieben, 
für ihn existiert im Momente der Tat die Reali- 
tät mit ihren späteren unangenehmen Folgen 

Aichhorn, Verwahrloste Jugend 17 



258 Neunter Vortrag 



nicht. Möglicherweise löst diese nur ganz kurz angedeutete 
Auffassung Widerspruch aus. Sie ist aber nur die notwendige 
Folge der vorangegangenen Überlegungen, die sich wieder aus 
Erfahrungstatsachen aufdrängten. Ich meine damit aber durch- 
aus nicht, daß die Verwahrlostenerziehung nur das Nachholen 
der versäumten, normalen Erziehung sei, sie ist ein viel kom- 
plizierteres Problem. Was ich in einer ersten Annäherung anzu- 
deuten versuchte, ist nur der Weg, auf dem wir die Verwahr- 
losung auch als einen Entwicklungsrückstand erkennen können. 

Wenn zum Kulturfähigwerden ein gewisses Maß an Ein- 
schränkung der direkten Triebbefriedigungen notwendig ist, 
das durch das richtige Maß an äußerer Versagung erzwungen 
wird, so folgt daraus, daß bei einem Zuviel oder Zuwenig 
dieser äußeren Versagung auch die erforderliche Triebein- 
schränkung nicht zustande kommt. Die Aufgabe der Fürsorge- 
erziehung ist dann, diese hervorzurufen. 

Haben wir uns entschieden zuzugeben, daß die Fürsorge- 
erziehung den Zöglingen zu Triebeinschränkungen zu veran- 
lassen hat, so ist auch nicht mehr schwierig anzugeben, welcher 
Vorgang für die einzelnen Typen einzuschlagen sein wird, um 
die erforderlichen Anregungen dazu auszulösen. 

Der erst- und zweitangeführte Typus ist zu genügenden 
Triebeinschränkungen nicht gekommen, weil für ihn die 
Notwendigkeit nicht gegeben war, der dritte verweigerte sie 
aus einer Gegenreaktion; das gibt dem Fürsorgeerzieher die 
Richtung für sein Beginnen. 

Wer bisher der Liebe des Erziehers (Vater, Mutter) immer 
sicher war, oder von einem zum anderen ausweichen konnte und 
daher verwahrloste, wird in der Fürsorgeerziehungsanstalt bei 
allem Wohlwollen des Fürsorgeerziehers doch unter einem 
gewissen inneren Zwange gehalten werden müssen, der ihn zu 
Leistungen anspornt und zu Überwindungen veranlaßt. Dieser 
innere Zwang stellt sich natürlich nicht sofort ein, wird vom 



Die Bedeutung des Realitätsprinzips für das soziale Handeln 259 

geschickten Erzieher aus der Art des Üb ertragungs Verhältnisses 
entwickelt werden, normalerweise aber aus jenem äußeren 
Zwange entstehen, der eine Gegenleistung des Erziehers ohne 
vorherige Leistung des Zöglings von vornherein ausschließt. 
Das bisher so verwöhnte Kind, dem alles gestattet war und 
dem jedes Hindernis aus dem Wege geräumt worden ist, wird 
sich gegen jeden äußeren Zwang wehren, jede, auch die kleinste 
Einschränkung und leichtest zu erfüllende Forderung des 
Erziehers ablehnen, wenn sie den Wünschen seines Lust-Ichs 
nicht entsprechen. Das ist an sich nicht auffällig oder bedenk- 
lich, sondern eine durch die neue Umgebung bedingte, natür- 
liche Reaktion. Man könnte zuwarten, bis durch die Über- 
tragung auch die Überwindung von Schwierigkeiten jene Lust- 
betonung erhält, die notwendig ist, um zu einem wirklichen 
Abbau der Vorherrschaft des Lustprinzips und nicht zu dessen 
Unterdrückung zu gelangen, wenn dadurch nicht in vielen 
Fällen der Erziehungserfolg in Frage gestellt wäre. Es erwachsen 
im Anstaltsbetriebe vielfach unüberwindliche, vom Zögling 
selbst und vom Elternhaus ausgehende Schwierigkeiten. Dem 
Zögling, der gegen seinen Willen in die Anstalt gebracht 
worden ist, genügen die anfänglichen Unlusterlebnisse, so daß 
er keinen Anlaß hat, die Auswirkung der Erziehungsmaßnahmen 
abzuwarten. Er protestiert je nach Veranlagung und zu Hause 
geübter Taktik, was natürlich wirkungslos bleibt. Nun läuft er 
aus der Anstalt davon, oder, was viel häufiger geschieht, er 
wendet sich mit der schriftlichen Bitte, aus der Anstalt ge- 
nommen zu werden, an die Eltern. Dem Brief wird ein Bericht 
über das Gräßliche, das er in der Anstalt zu leiden hat und 
über die herrschenden krassen Mißstände beigeschlossen. Am 
überzeugendsten klingen die Schilderungen über die schlechte 
Verköstigung, seinen herabgekommenen Gesundheitszustand 
und die Lieblosigkeit der Erzieher sowie sein Versprechen, nun 
ein gehorsamer, braver Sohn zu sein, der keinen Anlaß zu 

17* 



200 Neunter Vortrag 



Klagen mehr geben werde. Als letztes und wirksamstes Mittel 
wird dann noch die Drohung sich zu töten, wenn man nicht 
komme, ihn zu holen, verwendet. Die Eltern sind bestürzt, ent- 
setzt über den Mißgriff, den sie mit der Wahl gerade dieser 
Anstalt begangen haben und erscheinen in höchster Auf- 
regung, ob denn der Liebling noch lebe oder sich schon 
selbstgemordet habe. Tritt er ihnen nun lebendig und nicht 
abgemagert entgegen, so wird er geherzt und geküßt, und dann 
entlädt sich die Empörung, aber nicht über ihn, sondern über 
uns, inhaltlich nahezu immer gleich, abweichend nur in der 
Form. Den Eltern das Unsinnige der Behauptungen ihres 
Sohnes beweisen zu wollen, ist unmöglich, sie sind vernünftigen 
Überlegungen und Erklärungen unzugänglich. Namentlich 
Müttern ist in dieser Situation nicht begreiflich zu machen, daß 
die Verzärtelung zu Hause zur Dissozialität geführt hat und 
daß das Kind durch Mitteilung von Unrichtigkeiten und maß- 
losen Übertreibungen über den Anstaltsbetrieb die ihm 
bekannte Sorge der Eltern wachrufen will, um seinen Zweck, 
aus der Anstalt genommen zu werden, zu erreichen. Das 
glauben die Eltern nicht, sind überzeugt, daß der Liebling 
unverstanden, in ganz unmöglicher Umgebung und für ihn 
untauglichen Verhältnissen leben muß. „Aus der Luft können 
seine Mitteilungen nicht gegriffen sein", bekommt man regel- 
mäßig zu hören. Vater und Mutter sind nicht zu überzeugen, 
daß diese nur der Ausfluß einer ganz natürlichen Reaktion 
auf die unvermeidliche Unlust sind, die entstehen mußte, weil 
das Kind nun nicht mehr hemmungslos seinen Triebbefriedi- 
gungen nachgehen darf. Der Junge triumphiert; denn er wird 
gleich mit nach Hause genommen. Daß er in kürzester Zeit in 
der Familie wieder so unmöglich ist, wie vor seiner Abgabe 
in die Fürsorgeerziehungsanstalt, wissen in diesem Augenblicke 
weder die Eltern noch das Kind. 

Der aus übermäßiger Strenge der Erziehungspersonen zum 



Die Bedeutung des Realitätsprinzips für das soziale Handeln 261 

Fürsorgeerziehungszögling Gewordene, kommt aus einem 
Milieu, das ihm seinem subjektiven Empfinden nach und 
zumeist auch objektiv stimmend nichts als Widerstände geboten 
hat. Demgegenüber werden wir zu einer ganz anderen Ein- 
stellung kommen müssen, als zu den eben geschilderten Ver- 
wahrlosten. Hier muß eine Versöhnung auf breiter Basis ange- 
strebt werden, ein großes Defizit an Liebe ist auszugleichen. 
Alles, was wir letzthin über die Milieugestaltung in der Anstalt 
gehört haben, über die reale Lustwelt, in die der Fürsorge- 
erziehungszögling hineinzustellen ist, gilt vorwiegend für ihn; 
er braucht den positiv eingestellten, lebensfrohen Erzieher, 
eine Umgebung, die dem jugendlichen Lustbedürfnis Rechnung 
trägt, und die erst nach und nach, und dann sehr vor- 
sichtig, so gestaltet wird, daß sie der realen Wirklichkeit mit 
ihren Unlusterlebnissen entspricht. 

Sie können nun ganz gut verstehen, daß, grob ausgedrückt, 
jeder dieser Typen in der Fürsorgeerziehungsanstalt gerade 
die entgegengesetzten Bedingungen finden muß, als er sie in 
seiner früheren Umgebung hatte. Beachten wir den Erziehungs- 
vorgang in den Besserungsanstalten alten Stiles. Sie versuchen 
den Zögling durch Zwang, Furcht vor Strafe, ohne Liebes- 
prämien zu sozialen Menschen zu machen. Da sie es vorwiegend 
mit dem letztangeführten Typus zu tun haben, taten sie in 
erhöhtem Ausmaße, was Vater und Mutter schon früher getan 
hatten und mußten daher erfolglos arbeiten. 

Wenn die modernen Fürsorgeerziehungsanstalten heute den 
anderen Weg gehen, so ist das nicht besonders rühmlich 
hervorzuheben. Er ist durch die geänderte Auffassung des 
Kindes in der Familie dem Erzieher mit Naturnotwendigkeit der 
näherliegende und ist richtig, so weit er für den letzten Typus 
begangen wird, aber ebenso falsch für den ersten, wie der 
andere in den alten Besserungsanstalten für den letzten. 

Ich möchte nur noch betonen, daß Sie aus meinen heutigen 



I 



2Ö2 Neunter Vortrag 



Ausführungen ja nicht den Schluß ziehen dürfen, ich hätte Sie 
mit einer Theorie der Verwahrlosung bekanntgemacht. Ich 
habe nicht mehr getan, als einen einzigen Zug, der mir bei 
Verwahrlosten auffällig geworden war, herauszugreifen und 
diesen unter einem einzigen Gesichtspunkt soweit besprochen, 
als es mir für eine erste Annäherung notwendig erschien. 

Sich die Verwahrlosung allein vom Lust- Unlustprinzip her 
anzusehen, ist sicher sehr einseitig und nicht ausreichend. Ich 
habe mich heute aber bewußt auf diesen Standpunkt gestellt, 
weil ich der Meinung bin, daß ich Ihnen dadurch ganz bestimmte 
neue Einsichten vermitteln konnte. Ich werde im nächsten 
Vortrag einen anderen Standpunkt einnehmen und Ihnen dadurch 
die Möglichkeit geben, die Verwahrlosung von einer neuen 
Seite her zu betrachten. 



ZEHNTER VORTRAG 

Die Bedeutung des Ichideals für das soziale 

Handeln 

TV/feine Damen und Herren! Bei den Überlegungen, die uns 
dazu geführt haben, im Verlaufe der Verwahrlosung zwei 
Phasen zu erkennen, die latente und die manifeste, habe ich 
Ihnen auch eine Beobachtung mitgeteilt, die jeder, der mit 
Verwahrlosten zu tun hat, macht: die sittlichen Normen der 
Gesellschaft haben für die Dissozialen nicht die zwingende 
Bedeutung wie für den sozialen Menschen. Wenn sie in ihren 
Verwahrlosungsäußerungen auch noch so sehr voneinander 
abweichen, weisen sie in diesem Belange doch nur quantitative 
Unterschiede auf, die mitunter allerdings so weit gehen können, 
daß völlige Wirkungslosigkeit der anerkannten moralischen 
Grundsätze in Erscheinung tritt. 

Ich selbst konnte diese Beobachtung sowohl in der Fürsorge- 
erziehungsanstalt als 'auch in der Erziehungsberatung immer 
wieder machen. Ihnen ist ein klein wenig davon bekannt 
geworden, als wir einen ersten Besuch in einer modernen 
Fürsorgeerziehungsanstalt machten. Mehr werden Sie sehen, 
wenn wir den damals unterlassenen Rundgang heute fortsetzen. 
Wir brauchen uns dabei nur die Zöglinge anzusehen, die neu 
gekommen sind Sie fallen uns sofort durch ganz bestimmte 
Einzelzüge auf. Der „Neue" wird als solcher unverkennbar. Zum 
„Alten", das bitte ich zu beachten, macht ihn nicht die Zeit- 
dauer seines Aufenthaltes, sondern sein Einleben in das 
Anstaltsgefüge. 



2Ö4 Zehnter Vortrag 



Also gehen wir durch die Gruppen! Wir finden bei den 
Schulkindern und auch bei den Jugendlichen genug „Neue". 
Gesicht und Hände sind ungewaschen, die Haare zerwühlt, 
ungekämmt, Kleider und Schuhe nicht gereinigt und auch 
zerrissen. Sie stehen abseits, gedrückt oder mit überlegenem 
Lächeln oder auch mitten im dichtesten Gewühl, auffallend 
durch ihr wildes Gehaben. Sprechen wir sie an, so halten sie 
den Blick zu Boden gesenkt, bleiben stumm, trotzig, wider- 
willig oder lachen uns frech ins Gesicht, oder wenden sich 
auch um und zeigen uns den Rücken. Von den Erziehungs- 
personen erfahren wir, daß sie sich an die herrschende 
Ordnung nicht halten, wenn sie sich ins Unrecht gesetzt ver 
meinen, mit offener Auflehnung darauf reagieren oder auch 
ihre Wut verhalten, die aber dann bald irgendwie zum Durch- 
bruche kommt; wenn der eine zum Spiel mit seinen Kameraden 
herangezogen, der andere als Spielgefährte abgelehnt, einem 
dritten die Führerrolle, die er sich aneignen will, nicht zuge- 
billigt wird, verhaltenes Weinen, Trotz, Händelsucht bis zur 
offenen Aggression, die das gute Einvernehmen in der Gruppe 
stören. Die Schulpflichtigen unter ihnen empfinden ihre Schul- 
requisiten, die Jugendlichen ihre Arbeitsgeräte als so lästige An- 
hängsel, daß sie sich ihrer sehr rasch und gründlichst, nicht mehr 
auffindbar, entledigen. Bei den Mahlzeiten beobachten sie arg- 
wöhnisch, ob ihnen die größte Portion zugeteilt wird und 
werden sehr unruhig, wenn das nicht der Fall zu sein scheint. 
Freude machen ihnen primitive, rohe Vergnügungen. Schön 
ist es, wenn gerauft wird, wenn man selbst rauft, beim Raufen 
zusehen oder die anderen dazu anstiften kann. Entschließen 
sich einige, einmal als dramatische Darsteller aus dem Stegreif 
aufzutreten, dann wird „geblödelt", es werden markierte oder 
wirkliche Ohrfeigen ausgeteilt, die Inhalte der Darstellungen 
sind Rauf-, Diebstahls-, mitunter auch Selbstmord- und Mord- 
szenen. Ich könnte Ihnen noch weit mehr Einzelzüge dieser 



Die Bedeutung des Ichideals für das soziale Handeln 265 

Art anführen, von denen jeder „Neue" so viele in sich ver- 
einigt, daß er auch dem Ungeschulten sofort in der Gruppe 
auffällt, meine aber, daß wir zur Illustrierung der eingangs 
gemachten Bemerkung schon genug haben. 

Dieses Verhalten der neu eingetretenen Verwahrlosten wird 
nun als gegebene Tatsache hingenommen, fordert in den 
Besserungsanstalten alten Stiles die ganze Strenge des Per- 
sonales heraus und veranlaßt in den modernen Fürsorge- 
erziehungsanstalten zur Milde und Güte. Wir fragen uns, ob 
man sich wirklich nur auf die eine oder andere Art damit 
abfinden muß oder ob nicht gerade dieser so typische Zug 
zu verstehen ist. Vielleicht ist er sogar einer Auffassung 
zugänglich, die uns etwas zur Aufhellung des Verwahrlosten- 
problemes gewinnen läßt? 

Versuchen wir es ! 

Bei der Vorsicht, die wir immer walten lassen, wenn wir 
zum erstenmale an einen Sachverhalt herankommen, werden 
wir auch diesmal nicht gleich besonders weit vordringen, 
sondern mit Einsichten zufrieden sein, die sich für spätere 
Beobachtungen fruchtbar erweisen. Zweifellos müssen wir 
früher zur Klarheit gekommen sein, warum sich die Mehrzahl 
der Menschen den sittlichen Normen der Gesellschaft wider- 
spruchslos unterwirft, ehe wir daran denken dürfen, zu unter- 
suchen, was die Verwahrlosten jenseits dieser Grenze stellt. 

Eines ist sicher, ich habe es Ihnen auch schon angedeutet: 
die sozialen Menschen folgen einer inneren Stimme, einer 
kritischen Instanz in ihnen, die ein unsoziales Handeln unmög- 
lich macht, einem kategorischen Imperativ, der ein bestimmtes 
Tun vorschreibt, zu Unterlassungen, zur Unterdrückung von 
Gedanken und Impulsen zwingt. Wir fühlen es ganz deutlich, 
daß sich in uns etwas dem handelnden Ich scharf beobachtend 
gegenüberstellt, es aneifert, zurückhält, mit ihm zufrieden, 
unzufrieden ist, es lobt, tadelt, verurteilt. Nennen wir dieses 



266 Zehnter Vortrag 



uns noch unbekannte Etwas vorläufig das kritische Ich, und 
erlauben Sie mir ein Bild zu gebrauchen, das Ihnen in der 
Zeit des Radio gewiß nicht unverständlich bleibt: Die Gesell- 
schaft sendet ständig auf Welle „mn" ihre Richtlinien durch 
ihren Bereich. Unser kritisches Ich ist der Empfänger, das 
handelnde Ich sitzt am Telephon, Aufträge und Warnungen 
entgegen zu nehmen, ausführendes Organ seiner höheren 
Instanz. Bei ungenauer oder falsch eingestellter Wellenlänge 
spricht der Empfänger unrichtig oder überhaupt nicht an und 
der Auftragnehmer erhält schlechte oder keine Weisungen; er 
bleibt sich selbst überlassen, schwankt unsicher stolpernd und 
fallend dahin, schlägt sich eine Beule nach der anderen und 
gerät in blinde Wut. 

Aber verlassen wir dieses Bild und halten wir uns an Tat- 
sächliches. Das handelnde Ich bleibt in der Gesellschaft wirk- 
lich führerlos, wenn sein kritisches Ich nicht auf die Forderungen 
der Sozietät abgestimmt ist, und sozial sein heißt dann ganz 
allgemein, eine solche Ichinstanz haben und sich ihr konflikt- 
los unterordnen. 

Sobald wir diese Differenzierung im Ich erkannt haben, muß 
notwendigerweise die Frage, warum die sittlichen Normen von 
den einen nicht und von den anderen erkannt werden oder 
diese sozial und jene dissozial sind, anders gestellt und auf die 
Stufen innerhalb des Ichs bezogen werden. Uns interessiert dann 
die kritische Instanz, das handelnde Ich, jedes für sich und in 
ihren gegenseitigen Beziehungen sowie Abhängigkeiten. 

Ich kann mir denken, daß Sie, ehe wir uns damit beschäftigen, 
wissen wollen, was das Ich ist, um nicht von etwas reden zu 
hören, von dem Sie sich keine Vorstellung machen können. Ist 
das Ich ein Gebilde oder eine Funktion des Intellekts oder 
des Seelischen oder des Körperlichen? Hat es sich aus zweien 
davon oder aus allen dreien gebildet, und dann aus welchen 
Anteilen von jedem? 



Die Bedeutung des Idaideals für das soziale Handeln 267 

Ich fürchte, Ihnen auf diese Frage, wie schon öfter, die Ant- 
wort schuldig bleiben zu müssen. Es wäre sehr schön, wenn wir 
etwa folgendes sagen dürften: Trotz der Millionen Teilchen, 
die unseren Organismus aufbauen, trotz des Vielgestaltigen und 
der verschiedensten Abläufe in uns, haben wir doch das ganz 
bestimmte Bewußtsein, nicht nur ein, sondern gerade das eine 
Individuum zu sein, und dieses Bewußtsein bekommen wir vom 
Ich. Nun ist das unzulässig, wir müssen auch die Vorstellung 
vom Ich als das Bewußtsein einer einheitlichen Organisation 
der seelischen Vorgänge in uns aufgeben, seit Freud die Ent- 
deckung gemacht hat, daß auch vom Ich manches un- 
bewußt ist. 

Zur Erklärung des Ichs bedürfte es tieferer psychoanalytisch- 
theoretischer Vorbildung, die ich Ihnen im Rahmen dieser Vor- 
träge nicht vermitteln kann. Ich verzichte daher auf eine 
Erklärung und appelliere an Ihr gesundes, individuelles Gefühl, 
das Ihnen eine, wenn auch nicht ganz klare Vorstellung von 
Ihrem Ich ermöglicht, und meine, daß manches deutlicher werden 
wird, wenn wir uns den Weg ansehen, auf dem sich das Ich 
bildet. 

Wir haben andeutungsweise schon vom kritischen und vom 
handelnden Ich gesprochen. Das werden wir jetzt sein lassen 
und eine Zeitlang nicht an irgend eine Stufe im Ich denken, 
sondern nur das Ich als solches im Auge haben. Erst wenn 
wir genügend vorbereitet sind, werden wir auf die Unterschiede 
innerhalb des Ichs eingehen. Daß es solche gibt, ist Ihnen nicht 
erst seit heute möglich erschienen, es ist Ihnen nicht mehr neu, 
seit wir vom Lust-Ich und vom Real-Ich gesprochen haben. 

Für die Bildung des Ichs werden innere und äußere 
Bedingungen in Frage kommen, im Individuum selbst gelegene 
und von der Außenwelt herrührende. Eine bestimmende Rolle 
wird daher auch den Reaktionen jener, auf Eindrücke, die von 
dieser ausgehen, zugeschrieben werden müssen. 



268 Zehnter Vortrag 



Wir haben dieselben Bedingungen und Beziehungen schon 
einmal als wirksam erkannt. Erinnern Sie, was ich Ihnen über 
die Gefühlsbeziehungen des kleinen Kindes mitteilte, wie sich 
im Unpersönlich-Psychischen, im unselbständigen Säugling, mit 
dessen Entwicklung ein ganz bestimmtes erstes Liebesleben, in 
der für das spätere Leben andauernden Form bildet. 

Das damals Besprochene wird uns heute Ausgangspunkt 
und Grundlage der Erörterungen abgeben. Aus den Unter- 
suchungen Freuds wissen wir, daß der Säugling, noch ehe er 
zu einer persönlichen Umwelt kommt, in Anlehnung an die 
Befriedigung seiner großen organischen Bedürfnisse, seinen 
eigenen Körper als Lustquelle benützt. Er braucht, um zu einer 
vollständigen Lustbefriedigung zu kommen, die Außenwelt 
nicht. Sein eigener, ihm ohne Schwierigkeiten erreichbarer 
Körper genügt vollständig. In der Selbstverwechslung seines 
Ichs mit der Umwelt ist ihm dieser, also er sich selbst, die Welt. 
Die Psychoanalyse sagt: die infantile Sexualität betätigt sich 
„autoerotisch". Ich muß hier ganz besonders betonen, hätte es 
schon früher an anderer Stelle hervorheben können, daß 
ich das Wort Sexualität immer nur in dem von der Psycho- 
analyse festgelegten, erweiterten Sinne gebrauche und daß es 
nicht mit Genitalität verwechselt werden darf. Wird außerhalb 
der Psychoanalyse von Sexualität gesprochen, so meint man 
sie immer an die Geschlechtsorgane gebunden und durch diese 
in Erscheinung gebracht. 

Nach der Zeit der autoerotischen Betätigung werden dem 
Kinde die Personen seiner Umgebung auffällig. Es wendet 
ihnen seine Aufmerksamkeit, sein Interesse, seine Libido zu. 
Wir nennen diesen Vorgang in dynamischer Ausdrucksweise 
eine „Objektbesetzung" und meinen damit, das Kind sei dazu 
gelangt, einen Teil seiner Libido von der Verwendung als 
Eigenliebe abzuziehen und Objekten der Außenwelt zuzu- 
wenden, „narzißtische Libido" in „Objektlibido" zu verwandeln. 



Die Bedeutung des Ichideals für das soziale Handeln 269 

Freud schildert uns das Schicksal solcher Objektbesetzungen, 
deren das Kind während seines Heranwachsens eine ganze 
Reihe macht, wieder aufgibt und für andere eintauscht. 
Diese seelischen Prozesse gehen an dem Kinde nicht spurlos 
vorüber. Eine Objektbesetzung, das heißt die Zuneigung zu 
einer bestimmten Person, kann nicht, ohne ganz bestimmte 
Nachwirkungen zu hinterlassen, aufgegeben werden. Was 
geschieht regelmäßig? Züge der geliebten Person werden dem 
eigenen Wesen einverleibt und bewahren so die Erinnerung 
an das einstmals geliebte Objekt. Wir nennen das eine durch- 
geführte „Identifizierung". 

Es könnte in Ihnen nun das Bedenken aufsteigen, ob ein 
Objekt aufgegeben sein muß, ehe es zu einer Identifizierung 
kommen kann, weil wir doch aus Erfahrung wissen, daß 
beispielsweise die Liebe zu den Eltern auch nach der Identi- 
fizierung mit ihnen fortbestehen kann. 

Dazu möchte ich zweierlei Bemerkungen machen. Zuerst : 
Nicht immer muß die Identifizierung der Liebe zum Objekt 
nachfolgen, beide können auch zeitlich zusammenfallen. Jeden- 
falls aber wird die Identifizierung mit einer bestimmten Person 
die Objektliebe zu ihr überdauern und sozusagen, wie schon 
bemerkt, die Erinnerung an sie bewahren. Dann, worauf Sie 
besonders achten müssen und worüber Sie sich gewiß noch 
keine Rechenschaft gegeben haben : Die libidinösen Strebungen 
gehen vom Unbewußten aus, besetzen ein Objekt der Außen- 
welt und sind damit befriedigt. Mit der fortschreitenden Identi- 
fizierung rückt vom Objekt so viel in das eigene Ich, daß 
schließlich dieses selbst sich dem Unbewußten als Liebes- 
objekt repräsentiert, und was Ihnen als Liebe zum Objekt 
erscheint, ist oft schon Liebe zu sich selbst. Objektlibido wurde 
in narzißtische zurückverwandelt. Wollen Sie sich noch merken, 
daß es auch eine Identifizierung ohne vorhergehende Objekt- 
besetzung gibt. Freud hat gefunden, daß das kleine Kind, ehe 



270 Zehnter Vortrag 



es seine ersten Objektbesetzungen macht, eine Phase der 
direkten und unmittelbaren Identifizierung mit dem Vater 
durchlebt. Er nennt diese Identifizierung die primäre, die durch 
die späteren Vorgänge nur eine Verstärkung erfährt. Sie erklärt 
uns auch die besondere Stellung des Vaters im Leben des 
Einzelindividuums und der Gesamtheit. 

Ich muß Sie aber noch auf einen immerhin möglichen 
Irrtum aufmerksam machen, um Sie davor zu bewahren. Das 
Aufgeben, Überwinden einer Objektbesetzung heißt nicht, nun 
das ehemals geliebte Objekt hassen. Wir haben ja im vierten 
Vortrage in dem gewiß noch erinnerlichen Fall des Jungen 
mit den argen Aggressionen gegen die Schwester gesehen, daß 
der Haß durch eine inzestuöse Bindung an diese verursacht 
wurde, also die Folge der nicht gelungenen Überwindung einer 
normalerweise zum Untergange bestimmten Objektbesetzung 
war. In diesem Falle handelte es sich um eine Verdrängung, 
für unsere heutigen Überlegungen um ein wirkliches Ver- 
lassen des Objektes. 

Wenn jede der durch Identifizierung aufgegebenen Objekt- 
besetzungen dem Wesen des Kindes neue Züge einverleibt, so 
wird verständlich, daß sich dieses im Heranwachsen ständig 
ändern muß. Wir verstehen dann auch, was Freud meint, wenn 
er sagt, daß der Charakter des Individuums ein Niederschlag 
der aufgegebenen Objektbesetzungen ist, die Geschichte dieser 
Objektwahlen enthält. Dabei dürfen wir aber nicht denken, 
daß diese Züge einfach auf- oder ineinander gelegt werden und 
daher irgend eine Art von Summe darstellen. Die Einordnung 
hängt wesentlich davon ab, wie das Kind auf die Einflüsse 
aus diesen Objektwahlen reagiert, sie annimmt oder abwehrt. 

Für den Grad der Umbildung des kindlichen Ichs wird 
es nicht gleichgültig sein, in welchem Lebensalter die Identi- 
fizierungen erfolgen. Wir können uns leicht vorstellen, daß sie 
um so wirksamer werden, je frühzeitiger sie eintreten, und daß 



Die Bedeutung des Idiideals für das soziale Handeln 271 

die ersten die bedeutungsvollsten sein müssen. Wir werden 
hier aufmerksam, daß für die Untersuchung der Ichgestaltung 
nicht nur die Erbanlage des Kindes und das Milieu in Frage 
kommen, sondern auch die Objektbesetzungen mit den daraus 
sich ergebenden Identifizierungen in ihrer zeitlichen Aufeinander- 
folge, und daß von diesen die ersten die nachhaltigsten Wir- 
kungen hervorrufen. Es ist ja auch ganz klar, daß diese sich 
in dem noch ganz schwachen und unselbständigen Ich am 
stärksten ausprägen werden. Nun erfolgen die ersten Objekt- 
besetzungen in der Außenwelt, wie wir schon wissen, zur 
Pflegeperson, normalerweise zur Mutter und zum Vater. Geht 
alles seinen natürlichen Weg, so sind es die leiblichen Eltern, 
die jene bedeutungsvollsten Identifizierungen ermöglichen. 

Wir haben die libidinösen Strebungen zu den Eltern und 
deren Schicksal schon ein Stück weit verfolgt. Zuerst im zweiten 
Vortrage bei dem Jungen, der nach Tulln fuhr, um seiner 
Mutter Kirschen zu bringen; dann im dritten Vortrage bei dem, 
der den schrecklichen Tod der Mutter durch den Trans- 
missionsriemen traumatisch erlebte, und schließlich im vierten 
Vortrage. Dort kamen wir zum erstenmal auf den Ödipuskom- 
plex zu sprechen und erledigten, was für die damaligen 
Untersuchungen zu wissen wichtig war. Ich schloß die darauf 
bezüglichen Mitteilungen mit den Worten ab: „Im weiteren 
Verlaufe der Entwicklung werden dadurch Züge der Eltern 
dem Wesen des Kindes einverleibt." 

Wir können dasselbe nun genauer aussprechen und ver- 
mögen auch dem Ödipuskomplex weiter nachzugehen. Sein 
Schicksal ist besiegelt, wenn sich das Kind ohne Störung ent- 
wickelt. Er ist in der normalen Entwicklung zum Untergange 
bestimmt. Er beherrscht nur die erste Sexualperiode des Kindes, 
die es mit seiner Zertrümmerung überwindet. Auf sie, das Stadium 
der „infantilen Sexualität", folgt ein zweites, in der normalerweise 
Sexualstrebungen nicht in Erscheinung treten, die Latenzzeit. 



■^— 



2 72 Zehnter Vortrag 



Mit dem Untergange des Ödipuskomplexes werden die ihn 
bedingenden Objektbesetzungen aufgegeben und es muß, wie 
wir heute gehört haben, eine Identifizierung mit dem Vater und 
mit der Mutter sich ergeben. Die Strebungen aus den beiden 
Richtungen des Ödipuskomplexes, des positiven und des nega- 
tiven, legen sich in der uns schon von früher her bekannten 
Weise zusammen. 

Freud hat auch gefunden, daß diese besonderen, durch die 
Ödipussituation sich ergebenden Anforderungen an das Kind 
und infolge der Frühzeitigkeit dieser Identifizierungen auch 
ein ganz bestimmtes Ergebnis gezeitigt wird. Welches? Die 
aus ihm stammenden, irgendwie miteinander vereinbarten Iden- 
tifizierungen rufen nicht nur eine Veränderung des Ichs hervor, 
so wie alle später sich ergebenden, sondern sie sondern sich 
auch noch vom übrigen Ich ab, bilden eine besondere Stufe 
innerhalb des Ichs, erhalten eine Sonderstellung, so wie Vater 
und Mutter sie früher auch außerhalb hatten. Sie stellen sich 
als dieselbe kritische Instanz im Ich den anderen Inhalten 
des Ichs gegenüber, wie seinerzeit die Eltern außerhalb dem 
Kinde sich repräsentiert hatten. Freud nennt sie das „Ober- 
Ich" oder auch das „Ichideal". Zu den beiden Namen ist 
nicht viel zu bemerken. Über-Ich deutet die höhere Stufe 
innerhalb des Ichs an; Ichideal ist das vom Ich anzu- 
strebende. 

Wir können uns das Werden des Ichideals auch so vor- 
stellen: Vater und Mutter werden geliebt, sie gewähren und 
erlauben. Beide, namentlich aber der Vater, sind auch als 
autoritative Instanzen anerkannt. Sie sind real da und erzwingen 
vom Kinde die Einschränkung seiner Triebbefriedigung aus 
Zuneigung oder Furcht. Der Vater hält nicht nur die auf die 
Mutter gerichteten libidinösen Strebungen des Jungen auf, er- 
zwingt dadurch eine Zielablenkung, sondern wird auch durch 
die verschiedensten Gebote und Verbote, die in Versagungen 



Die Bedeutung des Ichideals für das soziale Handeln 273 

einmünden, auffällig. Er stellt eine Reihe von Forderungen, die 
zu erfüllen sind: „So (wie der Vater) sollst du sein." Aber auch: 
„So (wie der Vater) darfst du nicht sein, daß heißt, nicht alles 
tun, was er tut; manches bleibt ihm vorbehalten." Und so zu 
„werden" wie er ist, wird zum Impuls, löst das Streben aus, 
groß werden zu wollen. Der Vater, der auch die Forderungen 
der Gesellschaft dem Kinde gegenüber vertritt, zwingt es, in 
der Identifizierung mit ihm diese Forderungen zu erfüllen, was 
nur möglich ist, wenn es sich Triebbefriedigungen versagt, Triebe 
von den primitiven Zielen ablenkt und auf höhere richtet. Anders 
gesagt: den Weg über die Kultur macht. So gibt der Vater mit 
den geforderten Versagungen den Anstoß zur höheren Entwick- 
lung des Psychischen. Was er (die Mutter) real an Forderungen 
aufstellte, bleibt auch nach der Identifizierung mit ihm (ihr) 
bestehen, auch was an ihm (ihr) so anstrebenswert erschien, 
daß es zur gebieterischen Forderung wurde. Alles das richtet 
sich nach Inhalt und Form, mit durchgeführter Identifizierung 
als Ichideal im Kinde auf, das zu erreichen, dem nachzueifern 
ist, das realisiert werden will, weil man es liebt, aber auch mit 
seinen Forderungen fürchtet. 

In seiner Sonderstellung hat das Ichideal die Fähigkeit, das 
Ich zu meistern. „Es ist das Denkmal einstiger Schwäche und 
Abhängigkeit des Ichs und setzt seine Herrschaft auch über 
das reife Ich fort. Wie das Kind unter dem Zwange stand, 
seinen Eltern zu gehorchen, so unterwirft es sich später dem 
kategorischen Imperativ des Ichideals." „Und je stärker der 
Ödipuskomplex war und je beschleunigter (unter dem Ein- 
flüsse von Autorität, Religionslehre, Unterricht, Lektüre) seine 
Verdrängung erfolgte, je energischer und stärker die auf- 
gezwungene Versagung ausfiel, desto stärker wird später das 
Ichideal über das Ich herrschen." 

Wenn wir in der psychoanalytischen Literatur lesen, daß 
die Entwicklung des Kindes im fünften oder sechsten Lebens- 

Aichhorn, Verwahrloste Jugend 18 



274 Zehnter Vortrag 



jähr in seinen Hauptzügen abgeschlossen ist, so darf das nicht 
mißverstanden und dahin ausgelegt werden, daß es von diesem 
Zeitpunkte an nicht mehr erziehungsfähig sei. Damit soll nur 
gesagt sein, daß die Eindrücke aus den eben geschilderten 
Beziehungen des Kindes zu seinen Eltern die nachhaltigste 
Wirkung auf die Bildung seines Charakters haben, der dadurch 
in seinem Kerne festgelegt wird. Wichtige Züge erhält das 
Ichideal noch im weiteren Verlaufe der Entwicklung des Kindes 
vom Lehrer, autoritativen Personen, die die Vaterrolle fort- 
führen, von den das Kind begeisternden Helden der Lektüre 
usw. So mancher Mensch könnte sich im Leben nicht behaupten, 
wenn sein Ichideal auf das Ergebnis der Elternbeziehungen 
allein angewiesen bliebe. 

Wir haben nun das Ichideal als jene Stufe im Ich kennen 
gelernt, von der die kritische Beurteilung des übrigen Ichs 
ausgeht. Wir brauchen nicht nach Worten zu suchen, um zu 
benennen, wodurch das Ichideal die moralische Zensur ausübt. 
Uns ist diese innere Stimme längst als das Gewissen bekannt. 

„Wir sehen daher, daß sich die Psychoanalyse auch um das 
Höhere, Moralische, Überpersönliche im Menschen kümmert, 
daß es auch für sie ein höheres Wesen im Menschen gibt. 
Dieses Höhere in ihm ist das Ichideal, die Repräsentanz 
unserer Elternbeziehungen. Als kleine Kinder haben wir diese 
höheren Wesen gekannt, geliebt, bewundert, gefürchtet, später 
sie in uns selbst aufgenommen." 

Ich wiederhole: „Das Ichideal verdankt seine besondere 
Stellung im und zum Ich einem Moment, das von zwei Seiten 
her eingeschätzt werden muß; erstens, daß es die erste Iden- 
tifizierung ist, die vorfiel, als das Ich noch schwach war, und 
zweitens, daß es der Erbe des Ödipuskomplexes ist, also die 
großartigsten Objektbesetzungen ins Ich einführt." Es ist aber 
nicht unveränderlich, starr, sondern späteren Einflüssen zu- 
gänglich und bewahrt die vom Vater übernommene Fähigkeit, 



Die Bedeutung des Ichideals für das soziale Handeln 275 

sich dem Ich entgegen zu stellen, es zu führen und zu 
meistern. Wir müssen auch beachten, daß im sozial empfin- 
denden und handelnden Vater dem Kinde dje Forderungen 
der Gesellschaft in Erscheinung gebracht werden, daß es 
infolgedessen durch ihn und an ihm seine soziale Orientierung 
gewinnt: das Ichideal nimmt dadurch Züge auf, die später ein 
unsoziales Handeln ausschließen. 

Auf einen für das Zusammenleben [der Menschen außer- 
ordentlich wichtigen und ebenfalls ganz automatisch ab- 
laufenden Vorgang muß ich Sie an dieser Stelle aufmerksam 
machen. In Familien mit mehreren Kindern, in Schulklassen, 
Horten, Tagesheimstätten, Erziehungsanstalten kommt es not- 
wendigerweise dazu, daß die einzelnen Kinder gleiche Züge 
vom Vater, Lehrer, Erzieher übernehmen. Je gleichartigere 
Züge sie aufnehmen, desto weniger wird das Ichideal des 
einen von dem des anderen abweichen. Die Kinder müssen 
dadurch untereinander zu Beziehungen kommen, die bedingen, 
daß sie sich auch gegenseitig Züge entlehnen; in Erscheinung 
tritt gegenseitiges Verstehen, Nachgiebigkeit, Verträglichkeit, 
Eindämmung der Befriedigung eigener Triebbedürfnisse, Ein- 
ordnung. Zur Entwicklung gelangt, was wir soziale Gefühle 
heißen. Es läßt sich daher ganz allgemein sagen, „die sozialen, 
Gefühle gehen aus der Identifizierung mit anderen auf Grund, 
des gleichen Ichideals hervor". 

Wir haben nun in ganz groben Umrissen die eingangs 
gestellte Frage, wieso es zum sozialen Handeln kommt, be- 
sprochen und vermögen uns jetzt den Verwahrlosten zuzu- 
wenden, also jenen, die von ihrer Umgebung als dissozial 
empfunden werden. Es ist nicht schwierig zu sehen, in welcher 
Richtung sich unsere Untersuchungen werden bewegen müssen. 
Es kann sich bei den Verwahrlosten nur um ein Ichideal, ein 
Ich oder Beziehungen dieser zueinander handeln, die anders 
sind, als bei den übrigen Menschen. 

18* 



— „___ 



276 Zehnter Vortrag 



Ich halte es nicht für überflüssig, einzuschalten, daß unsere 
nunmehr anzustellenden Überlegungen natürlich wieder nicht 
viel mehr als eine allgemeine Orientierung bringen können, die 
Anleitung, einen Sachverhalt sich von einer anderen Seite, 
als der bisher gewohnten anzusehen. 

Was Sie vom Ich und seiner Differenzierung gehört haben, 
bezog sich auf die normale Entwicklung beider, so daß einem 
normal fordernden Ichideal ein ebensolches Ich gegenübersteht, 
das die geforderten Leistungen als berechtigt anerkennt und 
auch erfüllt. Es muß aber nicht immer so sein. 

Wir werden für manche Verwahrlosungsäußerungen eine 
Begründung finden, wenn wir erkannt haben, daß dem Ich- 
ideal selbst jene Züge fehlen können, die dem Ich gesell- 
schaftsrichtiges Handeln vorschreiben oder daß das Ichideal 
solche Forderungen nicht oder auch gerade im entgegen- 
gesetzten Sinne aufstellt. Ein Kind braucht nur in einer Um- 
gebung heranzuwachsen, die selbst durch unsoziales Tun aus- 
gezeichnet ist, verwahrloste oder verbrecherische Eltern zu haben 
und sich mit diesen zu identifizieren, so wird sein Ichideal es 
ebenso kategorisch zum gesellschaftswidrigen Handeln treiben, 
wie das sozialgerichtete den anderen ausgeglichen innerhalb der 
Sozietät hält. In solchen Fällen sind Ich und Ichideal an sich 
und in ihren gegenseitigen Beziehungen vollständig normal, 
nur die Stellung beider zur Außenwelt ist eine von der Norm 
abweichende. Daß das wirklich so ist, läßt sich ersehen, wenn 
Individuen dieser Art sich zu einer Zwecksgemeinschaft ver- 
einigen, verwahrloste Platten, Verbrecherbanden bilden. Inner- 
halb dieser sind sie so lange vollständig sozial, bis sie ihren 
Zweck erreicht haben. 

Den extremsten Fall dieser Gruppe nennt man sehr oft 
fälschlich den geborenen Verbrecher. Man spricht von Ver- 
brecherfamilien, ja von ganzen Verbrechergenerationen und 
meint, daß sich die verbrecherischen Anlagen, von denen man 



Die Bedeutung des Idiideals für das soziale Handeln 277 

sich keine oder nur sehr vage Vorstellungen macht, immer 
wieder von den Eltern auf die Kinder vererben. Vielleicht ist 
das so, aber der Fürsorgeerzieher wird eine andere Möglich- 
keit nicht ausschließen, auch wenn man ihm sagt, daß bereits 
Vater und Großvater seines Zöglings Verbrecher waren. Er 
kennt die Vorgänge der Objektbesetzung und Identifizierung, 
die zwingende Kraft der von den Eltern ins eigene Ichideal 
übernommenen- Züge, die ihn tun heißen, was er als Kind den 
Vater tun gesehen hat. Auch ohne jedwede verbrecherische 
Anlagen können so Verbrechergenerationen zustande kommen. 
Lesen Sie die von Robert Bartsch aus den Archiven 
des Wiener Landesgerichtes veröffentlichte Lebensbeschreibung 
des berüchtigten Räuberhauptmannes Grasel, so werden Sie 
aus Graseis Munde selbst die Bedeutung seiner Kindheits- 
erlebnisse für seine späteren Schandtaten erkennen und nicht 
annehmen müssen, daß er zum Verbrecher wurde, weil seine 
verbrecherischen Eltern ihm ihre Anlagen vererbten. 

Es soll natürlich nicht bestritten werden, daß sich ab und zu 
aus Gründen der Erbanlage ein Ichideal mit solch strukturellen 
Mängeln bilden könne, daß Verwahrlosung entsteht. In anderer 
Ausdrucksweise wäre das der Verwahrloste aus angeborenen 
Defekten. In den anlagebereit gegebenen Faktoren für die 
Mechanismen der Objektbesetzung und Identifizierung wäre 
dann etwas nicht in Ordnung. Was es ist, ob irgendwelche 
Qualitäten oder Quantitäten nicht ausreichen, Objektbesetzungen 
oder Identifizierungen oder beide zum Teile mißlingen können, 
müßte erst untersucht werden. Fraglich bleibt es aber, ob die 
Mängel in der Erbanlage so groß sein können, daß man 
den Verbrecher von Geburt aus annehmen darf. 

Fürsorgeerzieherisch werden wir in Verwahrlosungsfällen, 
die auf Defekte in der Erbanlage zurückgehen, nicht viel aus- 
richten können, weil ja Konstitutionelles erzieherischen Einwir- 
kungen unzugänglich ist. Wir werden diesen Typus Dissozialer 



278 Zehnter Vortrag 



zu jenen kulturunfähigen Elementen rechnen müssen, die aus 
der Fürsorgeerziehung auszuscheiden sind. 

Wenn der psychische Apparat des Kindes in Ordnung ist, 
also die Mechanismen für die Objektbesetzung und Identifi- 
zierung richtig ablaufen, Objektbesetzungen und Identifizierung 
sich in der richtigen Weise herstellen können, so ist damit die 
Bildung eines normalen, sozial gerichteten Ichideals noch immer 
nicht gewährleistet. Einen Fall von normalem Ichideal, das 
aber unsozial gerichtet ist, weil sozialwidrige Züge von den 
Eltern her aufgenommen worden sind, haben wir schon be- 
sprochen. Es gibt noch eine ganze Reihe anderer äußerer Um- 
stände, die die Aufrichtung eines sozial gerichteten Ichideals 
erschweren oder unmöglich machen können. Zur beispiels- 
weisen Anführung genügen wohl einige. 

Der Vater ist ein brutaler Mensch, der neben seinem Willen 
keinen anderen duldet. Wer sich nicht widerspruchslos fügt, 
wird mit Gewalt zur Unterordnung gezwungen. Mutter und 
Kinder fürchten den Tyrannen, der auch vor schwerster körper- 
licher Züchtigung aller Familienmitglieder, auch der Mutter 
nicht zurückschreckt. 

Oder das gerade Gegenteil: der Vater ist ein Schwächling, 
inkonsequent in seinen Handlungen, haltlos, immer augenblick- 
lichen Impulsen unterworfen, ein Spielball seines eigenen Un- 
bewußten und der äußeren Verhältnisse. 

Oder auch: der Vater ist ein Trinker mit all den Äußerungen 
zu Hause, wie sie ein seiner Sinne beraubter Mensch 
begeht, widerliche Zärtlichkeiten bis zum Koitus vor den 
Kindern, Zornaffekte bis zur Zertrümmerung der Wohnungs- 
einrichtung und Flucht der Familie zu den Wohnungsnach- 
barn. 

Und noch ein anderer Fall: das Kind wächst in einem 
Elternkonflikt heran. Der Vater ist einer von den eben ge- 
schilderten Sorten, die Mutter ein zänkisches, unverträgliches, 



Die Bedeutung des Ichideals für das soziale Handeln 279 

keifendes Weib, mehr Mann als Weib, dazu Streit und Rauf- 
szenen der Eltern. 

Und schließlich folgende Konstellation: die geschiedenen 
Eltern sind durch die Wohnungsnot gezwungen, noch in der- 
selben Wohnung nebeneinander zu leben oder getrennt lebende 
Eheleute spielen das Kind bei den gerichtlich gestatteten 
Besuchen gegeneinander aus. 

Sie werden aus Ihrer eigenen erzieherischen Erfahrung 
gewiß ähnliche oder noch anders geartete Familienverhältniss e 
kennen, die Ihnen nach dem nunmehr Gehörten ganz 
individuelle Züge bei den Verwahrlosten aus deren Identifi- 
zierungen mit den Eltern erklären werden. 

Die Bildung eines normalen, sozial gerichteten Ichideals 
kann aber auch mißlingen, wenn der Kern des Ichideals, der, 
wie Sie wissen, sich aus den ersten großen Liebesobjekten 
bildet, gar nicht oder nur schwächlich zustande kommt. Objekt- 
besetzungen und Identifizierungen sind Funktionen der Zeit, 
das heißt sie brauchen eine bestimmte Zeitdauer, bis sie sich 
erledigt haben. Stellen wir uns beispielsweise ein außerehe- 
liches, ein als ganz kleines Kind elternlos gewordenes oder 
ein unerwünscht zur Welt gekommenes Kind vor, das fort- 
während von einer Pflegestelle zur anderen wandert. Ehe eine 
richtige Objektbesetzung durchgeführt oder eine richtige Iden- 
tifizierung gemacht werden konnte, ist es schon wieder auf 
der Wanderschaft, in neuer Umgebung, bei anderen Menschen. 
Im Ablaufe begriffene Mechanismen werden dadurch fort- 
während unterbrochen und können nicht zu Ende geführt 
werden. Was sich bildet, kann nichts Festgefügtes sein, bleibt 
schwache Andeutung, reicht als richtunggebend für das 
spätere Leben nicht aus. Kommt noch lieblose Behandlung 
auf den verschiedenen Pflegestellen hinzu, so haben wir einen 
noch schwächeren Kern des späteren Ichideals zu erwarten. 

Nehmen wir dazu noch einen anderen Fall: Ein außerehe- 



2 8o Zehnter Vortrag 



liches Kind lebt mit seiner Mutter allein oder dem ehelichen 
stirbt der Vater zu frühzeitig. Ein anderer Mann, der an seine 
Stelle treten würde, ist nicht da und die Mutter ist eine weiche, 
sehr nachgiebige Frau. Dem Ichideal des, heranwachsenden 
Jungen werden alle jene Züge fehlen, die später den katego- 
rischen Imperativ gegenüber dem Ich ausmachen, wenn er sie 
sich nicht noch später aus Identifizierungen mit anderen auto- 
ritativen, die Vaterrolle außerhalb der Familie übernehmenden 
Personen holt. 

Der Fürsorgeerzieher muß aus diesen Tatsachen einige 
praktische Folgerungen für sein Vorgehen ableiten. Er wird in 
seinen Erkundigungen über das Vorleben des Kindes recht 
weit zurückgehen, auf recht genaue Erhebungen und in Einzel- 
heiten gehende Angaben dringen und sich nicht zufrieden 
geben, wenn er erfahren hat, wann das Kind geboren worden 
ist, wann es zu sprechen, zu gehen angefangen, ob es Krämpfe, 
Fraisen oder dergleichen gehabt hat. Von wesentlichem Inter- 
esse werden ihm auch die libidinösen Beziehungen seines 
Zöglings in der ersten Kindheit sein. Dazu gewinnt er wichtige 
Anhaltspunkte, wenn er die verschiedenen Pflegestellen weiß, 
hört, wie lange das Kind auf den einzelnen Pflegeplätzen unter- 
gebracht war, wie es dort behandelt wurde, zu welchen Per- 
sonen es besondere Zuneigung gewann, welche es ablehnte 
usw. 

Von den Möglichkeiten, die die Ichidealbildung so ungünstig 
beeinflussen, daß Dissozialität in Erscheinung treten kann, habe 
ich Ihnen einige ganz kursorisch aufgezählt. Ich möchte die 
Besprechung darüber nicht abschließen, ehe ich Ihnen nicht 
noch eine ganz besonderer Art angeführt habe. Sie ergibt 
sich dann, wenn die Mechanismen der Objektbesetzung und 
Identifizierung, die wir uns normalerweise nacheinander, neben- 
einander oder ineinander ablaufend denken müssen, einmal 
gegeneinander spielen. Diese so gearteten dynamischen Vor- 



Die Bedeutung des Idiideals für das soziale Handeln 281 

gänge sich vorzustellen, ist recht schwierig, weil sie in ihren 
Einzelheiten beim Verwahrlosten noch nicht untersucht sind. 
Wir werden daher zufrieden sein, wenn wir sie vorläufig 
schematisch richtig erfassen: die Objektbesetzungen gehen vom 
Unbewußten aus und stellen sich vorerst ohne jedwede Ein- 
flußnahme des bewußten Ichs her. Erhebt sich dann in diesem 
dagegen ein Widerstand, so muß er in der Identifizierung und 
schließlich irgendwie als Mangel im Ichideal sich auswirken. 
Dazu ein Beispiel: In der Familie des oben angeführten 
brutalen Vaters wird das Kind Vater und Mutter libidinös 
besetzen. In der Identifizierung mit der Mutter kann deren 
brutale Behandlung durch den Vater vom Kinde so unangenehm 
empfunden werden, daß ein Impuls gegen den Vater ausgelöst 
wird. Dieser wird natürlich die Identifizierungstendenz mit dem 
Vater beeinträchtigen und die Folge ist ein strukturell nicht 
mehr der Norm entsprechendes Ichideal mit Beziehungen zum 
Ich, die möglicherweise das Kind dissozial machen. 

Die von einander unabhängig betrachteten inneren und 
äußeren Entwicklungsstörungen bei der Bildung des Ichideals 
können in irgendeiner Form und in irgendeinem Mischungs- 
verhältnis auch gemeinsam wirksam werden, wahrscheinlich 
sind auch in jedem einzelnen Verwahrlosungsfall mehrere 
qualitativ und quantitativ unterschiedliche innere und äußere 
Anteile nachweisbar und erklären uns so die feineren indivi- 
duellen Unterschiede innerhalb der typischen Verwahrlosungs- 
formen. Hier ist noch ein weites Gebiet unerledigter Forschungs- 
arbeit für Sie, wenn Sie erst einmal durch intensives Studium 
der Psychoanalyse dazu gelangt sein werden, die psychischen 
Vorgänge in ihren tieferen Zusammenhängen zu erkennen. 

Besprechen wir nun den Fall, daß das Ich sich den Forde- 
rungen seines Ichideals zu entziehen versucht. Das Ichideal 
verlangt zu viel, das Ich ist zu schwach, zu tun, was es soll, 
oder es wehrt ab. 



Schweigt das Ichideal dazu, läßt es sich das gefallen oder 
wie verhält es sich? Es schweigt nicht, seine moralische Zensur, 
das Gewissen, mahnt und drängt zur Unterwerfung. Bleibt das 
Ich dennoch hartnäckig, so gibt das Ichideal den Kampf noch 
immer nicht auf, es löst im Ich aus, was uns als Schuldgefühl 
bekannt ist. Um zu verstehen, wie der Konflikt zwischen beiden 
weiter verläuft, müssen wir die bisherige ganz populäre Dar- 
stellung verlassen und uns mehr den psychologischen Vorgang 
vorstellen. 

Es ist uns schon geläufig, daß das Ichideal die kritische 
Instanz für das Tun des Ichs ist und dessen Gedanken sowie 
Impulse einer Beurteilung unterzieht. Diese Kritik der höheren 
Instanz wäre gegenstandslos, wenn sie nicht zur Kenntnis des 
Ichs gelangte, das heißt von diesem wahrgenommen werden 
würde. Besteht zwischen dem, was vom Ichideal diktiert wird, 
und dem, was vom Ich getan, gedacht oder als Impuls gefühlt 
wird, keine Spannung, befinden sich Ich und Ichideal mitein- 
ander in Übereinstimmung, so wird die Wahrnehmung davon 
keinerlei Konflikt im Ich hervorrufen. Anders, wenn es zu 
einer Verurteilung des Ichs durch sein Ichideal kommt. Diese 
wird in der Reaktion des Ichs darauf als Schuldgefühl wahr- 
genommen. Wir können leicht begreifen, daß das Ich in eine 
um so ärgere Konfliktslage gerät, je härter und strenger das 
Ichideal bemüht ist, seine Forderungen durchzusetzen, je mehr 
daher das Gewissen mahnt und droht, je stärker das auftretende 
bewußte Schuldgefühl peinigt. Der Konflikt wäre sofort behoben, 
wenn sich das Ich endlich den Forderungen des Ichideals unter- 
wirft. Das ist auch wiederholt der Fall. Nur steht das für uns 
nicht zur Diskussion. Wir haben zu untersuchen, was geschieht, 
wenn sich das Ich den Forderungen seines Ichideals entziehen 
will. Dazu steht ihm ein Abwehrmechanismus zur Verfügung, 
der Ihnen aus einem anderen Zusammenhange her bekannt ist. 
Beginnt das Schuldgefühl unerträglich zu werden, so erwehrt 



Die Bedeutung des Ichideals für das soziale Handeln 283 

sich das Ich seiner so, wie auch anderer Inhalte, die mit dem 
Bewußtsein unvereinbar geworden sind. Diese werden ver- 
drängt und damit unbewußt, so auch das Schuldgefühl, von 
dem das Ich dann nichts mehr weiß. „Wir wissen, daß sonst 
das Ich die Verdrängung im Dienste und Auftrage seines Ich- 
ideals vornimmt, hier ist aber der Fall, wo es sich derselben 
Waffe gegen seinen gestrengen Herrn bedient." 

So wie aber alles übrige ins Unbewußte Geschobene oder 
von vornherein unbewußt Gehaltene nicht erledigt ist, sondern 
nur der Kontrolle des bewußten Ichs entzogen bleibt, aber 
weiter wuchert, ist das Ich auch vom Schuldgefühl nicht frei- 
geworden, wenn es dieses ins Unbewußte gezwungen hat. Es 
kann dann zu psychischen Erkrankungen kommen, es kann 
aber auch zur Dissozialität, ja, bei einer Steigerung des „unbe- 
wußten Schuldgefühles" zum Verbrechen führen. Die daraus 
möglicherweise entstehenden Krankheitserscheinungen kommen 
für unsere heutigen Besprechungen nicht in Betracht. Den 
Fürsorgeerzieher interessieren verwahrloste oder verbreche- 
rische Kinder und Jugendliche. Er will wissen, ob es zu erkennen 
ist, wenn einer dissozialen Äußerung oder Handlung unbe- 
wußtes Schuldgefühl zugrunde liegt und woran er das ersieht. 
Ganz allgem ein muß dazu gesagt werden, daß dissozialen 
Handlungen weit häufiger unbewußtes Schuldgefühl zugrunde 
hegt, als gewöhnlich angenommen wird. Dem psychoanalytisch 
geschulten Fürsorgeerzieher wird das damit Hand in Hand 
gehende erhöhte unbewußte Strafbedürfnis nicht entgehen. 

Jetzt haben wir zum unbewußten Schuldgefühl gar noch ein 
unbewußtes Strafbedürfnis bekommen, so daß wir bald nicht 
mehr wissen werden, was mit all den neuen Begriffen anzu- 
fangen ist.' Lassen Sie mir statt jeder weiteren Erläuterung 
einige Beispiele anführen. 

Erinnern Sie, was ich Ihnen von dem Mädchen sagte, das 
der sterbenden Mutter Wäsche aus dem Kasten stahl, das dafür 



284 Zehnter Vortrag 



erhaltene Geld mit der Freundin im Prater verjubelte, bei uns 
in der Anstalt, von Angstträumen gequält, unbotmäßig wurde, 
so haben Sie gleich einen Fall, in dem dissoziale Äußerungen 
auf unbewußtes Schuldgefühl oder unbewußtes Strafbedürfnis 
zurückgehen. 

Denken Sie an die in Oberhollabrunn untergebracht gewesenen 
Aggressiven, die mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln 
die Ohrfeige herbeizuführen bemüht waren. Das unbewußte 
Schuldgefühl läßt die Liebe der Erzieherin nicht zu und will 
die Ohrfeige erzwingen. Das Mädchen und die Aggressiven 
benahmen sich so, daß nach den Erfahrungen des bisherigen 
Lebens Strafe erfolgen mußte. 

Ein anderer Fall: Ein Jugendlicher stiehlt zu Hause K 200.000 
und kauft sich für diesen Betrag eine Kappe. Obwohl er weiß, 
daß es auffallen muß, kommt er, sie auf dem Kopf tragend, 
nach Hause zurück. Wir werden in der Aufdeckung der Deter- 
minanten dieses Diebstahles den sichersten Weg gehen, wenn 
wir das Vorhandensein unbewußten Schuldgefühles annehmen. 

Nicht anders war es bei dem Jungen, der, um bei der 
Beichte nur ja nichts zu vergessen, seine Sünden auf einen 
Zettel aufschrieb, darunter auch die, daß er dem Vater K 30.000 
gestohlen hatte, und diesen Zettel dann so in das Schulheft 
hineinlegte, daß ihn der Vater finden mußte, wenn er die 
letzte Schularbeit, die auf „sehr gut" gemacht war, unter- 
schreibt. Die ihm in der Beichte auferlegte Sühne war zu gering. 

Wenn Kinder, was sehr häufig geschieht, Geld entwenden, 
um es dann wieder zu verschenken, so mag auch hier unbe- 
wußtes Schuldgefühl die dissoziale Handlung mit determinieren. 

So manche Verbrecher, die ihre Tat lächerlich ungeschickt, 
gerade nur um erwischt zu werden, ausgeführt hab'en, andere, 
die trotz der ihnen bekannten, drohenden Gefahr zum Tat- 
orte zurückkehren, sind nur ihrem unbewußten Strafbedürfnis 
erlegen. 



Die Bedeutung des Idiideals für das soziale Handeln 285 

Möglicherweise macht Ihnen diese Auffassung Schwierig- 
keiten, wenn Sie sich aber mehr mit Verwahrlosten beschäftigt 
haben werden, so wird Ihnen das Walten des unbewußten 
Schuldgefühles, gegen das der Dissoziale machtlos ist, unver- 
kennbar. Freud hat uns aufmerksam gemacht, „daß bei vielen, 
namentlich jugendlichen Verbrechern, ein mächtiges Schuld- 
gefühl nachweisbar ist, welches vor der Tat bestand, also nicht 
deren Folge, sondern deren Motiv ist, als ob es als Erleichterung 
empfunden werden würde, das unbewußte Schuldgefühl an 
etwas Reales und Aktuelles anknüpfen zu können". 

Verwahrloste des eben besprochenen Typus sind wahrhaftig 
die Opfer ihrer Moral. Sie wollten sich den zu strengen An- 
forderungen ihres Ichideals entziehen und werden dafür bestraft. 

Wir brauchen aber gar nicht bis zu den Verwahrlosten zu 
gehen, um Äußerungen des unbewußten Schuldgefühles beob- 
achten zu können. Es erklärt uns manche Unbotmäßigkeit in 
der Kinderstube und Disziplinwidrigkeit in der Schule. Wir 
fallen den Kindern gewöhnlich herein, indem wir mit Strafe 
vorgehen. Erfolgt diese, so kommen wir dem Kinde nur ent- 
gegen. Es befriedigt sein Strafbedürfnis für den Augenblick 
und eine Änderung des Verhaltens wird nicht erreicht. Das 
unbewußte Schuldgefühl kann ja an Reales anknüpfen und die 
Strafe bedingt dadurch statt Unlust Lust, für den Moment 
Erleichterung und damit das Verbleiben des Kindes bei den 
Unbotmäßigkeiten oder Disziplinwidrigkeiten. Mit den gewöhn- 
lichen Erziehungsmitteln kann dann das Auslangen nicht 
gefunden werden. Ohne Aufdeckung des unbewußten Schuld- 
gefühles ist in solchem Falle weder beim normalen Kinde noch 
beim Verwahrlosten erzieherisch etwas zu erreichen. 

Nur der Vollständigkeit halber deute ich Ihnen noch, ohne 
mich auf weitere Erörterungen einzulassen, einen recht kompli- 
zierten Sachverhalt an. Bei Verwahrlosungsäußerungen, denen 
unbewußtes Schuldgefühl zugrunde liegt, muß dieses nicht 







286 Zehnter Vortrag 



naturnotwendig irgendwann einmal bewußt gewesen sein. Ein 
Stück davon kann auch von vorneherein unbewußt bleiben; 
denn die Entstehung des unbewußten Schuldgefühles ist innig 
an den Ödipuskomplex gebunden, der selbst dem Unbewußten 
angehört. Diese schwierige Angelegenheit kommt deswegen für 
den Fürsorgeerzieher weniger in Betracht, weil er mit einem 
Jugendlichen, dessen Tat sich von dorther determiniert, nicht 
viel wird anzufangen wissen. Das ist eine Aufgabe für den 
Psychoanalytiker. 

Wir können nun diesen Teil unserer Überlegungen ab- 
schließen und werden uns merken: Viele Verwahrlosungs- 
äußerungen kommen zustande, weil sich ein Individuum den 
zu strengen Anforderungen seines Ichideals entziehen will, 
wodurch unbewußtes Schuldgefühl zum treibenden Motiv wird. 

Ich mache hier wieder eine kleine Einschaltung. Es gibt 
natürlich auch Veränderungen in der Stellung des Ichs zu 
seinem Ichideal, die durch psychische Erkrankungen hervor- 
gerufen werden. Freud hat uns gezeigt, daß sich zwischen Ich- 
ideal und Ich alle jene mannigfaltigen Beziehungen und Störungen 
ergeben können, die uns die Psychoanalyse für das Verhältnis 
des Ichs zur Außenwelt aufgedeckt hat. Auf diese Krankheits- 
störungen komme ich selbstverständlich nicht, aber auch nicht 
auf Verwahrlosungsäußerungen, die aus solchen hervorgehen, 
zu sprechen. Um das tun zu können, müßte ich Ihnen viel 
mehr von der Psychoanalyse sagen, als mir im Rahmen unserer 
Vorträge gestattet ist. 

Wir haben heute recht viele Überlegungen gemacht und sind 
zu so neuen Einsichten gekommen, daß Sie vielleicht vergessen 
haben, was uns gerade in diese Gedankenrichtung drängte. 
Erinnern Sie, ich habe zu Beginn des heutigen Vortrages eine 
Frage gestellt: „Müssen wir uns auf die eine oder andere Art 
damit abfinden, daß sich die Verwahrlosten über die Schranken, 
die die sittlichen Normen der Gesellschaft aufstellen, hinweg- 



Die B edeutung des Ichideals für das soziale Handeln 287 

zusetzen vermögen, oder können wir aus dem Verstehen dieses 
typischen Zuges Brauchbares zur Ausheilung des Verwahr- 
losten gewinnen?" 

Wenn Sie das heute Gehörte überblicken, werden Sie finden, 
daß die Frage, ob die Verwahrlosten so strenge zu behandeln 
sind wie in den alten Besserungsanstalten, oder so milde wie 
in den modernen Fürsorgeerziehungsanstalten, das Problem gar 
nicht trifft. Sie geht aus einander entgegengesetzten affektiven 
Einstellungen zum Verwahrlosten hervor und berücksichtigt 
nicht, daß möglicherweise der eine Verwahrloste durch Strenge, 
4?L J ndere d . urc n Milde zum gesellschaftsrichtigen Handeln 
g ebr acht werden könne, beim dritten weder Strenge noch Milde 
am Plat ze s ind, sondern die gewöhnlichen Erziehungsmittel 
überhaupt nicht mehr ausreichen. 

Worauf kommt es an? 

Soziales Handeln ist gewährleistet durch ein Ichideal, das bei 
unsozialem Handeln das normale, bewußte Schuldgefühl aus- 
löst. Beim Verwahrlosten ist das nicht der Fall. Es ist entweder 
verdrängt, kommt nur schwach oder überhaupt nicht zustande. 
Ist das Ichideal übermäßig strenge, wie etwa beim neurotischen 
Grenzfall mit Verwahrlosungserscheinungen, so wird durch 
Milde und Güte des Erziehers, durch Gewährenlassen eine 
Herabminderung der Forderungen und in der Folge die Aus- 
heilung des Dissozialen erfolgen. Ist der Verwahrloste der 
hemmungslose Triebmensch, der den Weg von der Lustwelt 
in die Realität nicht gemacht hat, weil die Triebeinschränkungen 
zu geringe waren, so wird der Erzieher mit erhöhten For- 
derungen einsetzen müssen, und so wird jeder Typus Verwahr- 
loster eine besondere Art der Behandlung nötig machen. In 
allen Fällen aber handelt es sich um eine Nachentwicklung zur 
Bildung des Ichideals und die Frage muß so gestellt werden: 
Wie stelle ich die Fürsorgeerziehung in den Dienst individueller 
Charakterkorrektur? 



288 



Zehnter Vortrag 



Alle meine Vorträge bewegten sich in dieser Richtung, was 
Sie erkennen werden, da ich Sie nun besonders darauf auf- 
merksam gemacht habe. Sie dürfen dabei aber nicht übersehen, 
daß ich Ihnen nur eine allgemeine Einführung vermittelte, 
daher das meiste bloß allgemein streifte, auf manches nur 
andeutungsweise zu sprechen kam und anderes überhaupt nicht 
berührte. 

Ich kann meine Vorträge nicht abschließen, ohne Sie in 
diesem Zusammenhange noch auf die ganz besondere Bedeutung 
der Persönlichkeit des Erziehers in der Fürsorgeerziehung auf- 
merksam gemacht zu haben. 

Nach all dem, was Sie jetzt wissen, ist eine Charakter- 
korrektur des Verwahrlosten gleichbedeutend mit einer Ver- 
änderung seines Ichideals. Diese wird eintreten, wenn neue 
Züge aufgenommen werden. Das vornehmlichste Objekt, von 
dem solche entnommen werden, ist der Fürsorgeerzieher. Er 
ist das wichtige Objekt, an dem das verwahrloste Kind und 
der verwahrloste Jugendliche die fehlenden oder mangelhaft 
durchgeführten Identifizierungen nachholen werden, alles das 
erledigen, was sie am Vater nicht oder nur schlecht erledigen 
konnten. Durch ihn, an und über ihn gewinnt der Fürsorge- 
erziehungszögling auch zu seinen Mitzöglingen die notwendigen 
Gefühlsbeziehungen, die das Überwinden der Dissozialität erst 
ermöglichen. Das Wort vom „Ersatz- Vater", das ich so oft 
gebrauche, wenn ich vom Fürsorgeerzieher spreche, gewinnt 
bei dieser Auffassung seiner Aufgabe erst den richtigen Inhalt. 

Welches ist nun des Fürsorgeerziehers wichtigstes Hilfsmittel 
bei der Ausheilung des Verwahrlosten? Die Übertragung! Und 
von ihr jenes Stück, das uns schon als die positive Über- 
tragung bekannt ist. Die zärtlichen Beziehungen zum Erzieher 
sind es in erster Linie, die dem Zögling den Antrieb geben, 
zu tun, was dieser zu tun vorschreibt, zu unterlassen, was 
dieser verbietet. Der Fürsorgeerzieher liefert aber als libidinös 



Die Bedeutung des Idiideals für das soziale Handeln 289 

besetztes Objekt dem Zögling auch Züge zur Identifizierung, 
bewirkt eine dauernde Veränderung in der Struktur seines 
Ichideals und damit ein dauernd geändertes Verhalten des 
ehemals Verwahrlosten. Denn als Fürsorgeerzieher können wir 
uns einen unsozialen Menschen nicht vorstellen, das Ichideal 
des Zöglings muß daher eine Korrektur im Sinne der Aner- 
kennung der Gesellschaftsforderungen erfahren, im Zusammen- 
leben mit dem Erzieher sich nach und nach ein Einleben in 
die Sozietät ergeben, die Aufgabe der Fürsorgeerziehung so 
gelöst werden. 

Es bleibt nun nur mehr ein Zweifel zu beheben, der auf- 
tauchen könnte, wenn man die Fürsorgeerziehung mit einer 
psychoanalytischen Behandlung vergleicht. Dort spricht man 
von Übertragungserfolgen, wenn im Stadium der positiven 
Übertragung eine Besserung im Befinden des Kranken eintritt, 
und weiß, daß diese nicht sehr hoch zu werten ist, weil das Wohl- 
befinden wieder schwindet, wenn sich die Übertragung lockert. 
Müssen wir nun tatsächlich annehmen, daß die Erfolge, die 
wir in der Fürsorgeerziehung erzielen, nichts anderes sind, als 
solche „Übertragungserfolge"? Ich meine, der Vergleich des 
erzieherischen mit dem analytischen Bemühen ist hier nicht richtig 
gestellt; die Ähnlichkeit zwischen beiden ist an anderer Stelle 
zu suchen. Hier wie dort verwenden wir die Übertragung zum 
Vollzug einer ganz bestimmten, in beiden Fällen verschiedenen 
Arbeit. Der Neurotiker, der sich einer psychoanalytischen 
Behandlung unterzieht, soll ja aus der Übertragung nicht eine 
flüchtige Besserung seines Zustandes, sondern die Kraft schöpfen, 
eine ganz bestimmte Leistung zu vollziehen, unbewußtes 
Material in bewußtes zu verwandeln und damit Dauerver- 
änderungen seines Wesens zustande bringen. 

In ähnlicher Weise dürfen wir uns in der Fürsorgeerziehung 
nicht mit jenen vorübergehenden Erfolgen begnügen, die in 
der ersten, frischen Gefühlsbindung des Zöglings an den Er- 

Aichhorn, Verwahrloste Jugend iq 






290 



Zehnter Vortrag 



zieher sich ergeben. Wie in der psychoanalytischen Arbeit muß 
es uns ebenfalls gelingen, den Zögling unter dem Drucke der 
Übertragung zu einer ganz bestimmten Leistung zu nötigen. 
Wir kennen diese Leistung bereits. Sie besteht in einer wirk- 
lichen Charakterveränderung, im Aufrichten des sozial gerich- 
teten Ichideals, das heißt im Nachholen jenes Stückes der indivi- 
duellen Entwicklung, das dem Verwahrlosten zur vollen 
Kulturfähigkeit gemangelt hat. 



INHALTSVERZEICHNIS 



Seite 

Geleitwort von Prof. Dr. Sigm. Freud 3 

I) Einleitung 7 

II) Eine Symptomanalyse 32 

III) Einige Ursadren der Verwahrlosung 60 

IV) Einige Ursachen der Verwahrlosung (Fortsetzung) 92 

V) Einige Ursadien der Verwahrlosung (Sdiluß). Eine Ausheilung 

in der Übertragung 122 

VI) Die Übertragung 153 

VII) Von der Fürsorgeerziehungsanstalt 182 

VIII) Die Aggressiven 211 

IX) Die Bedeutung des Realitätsprinzips für das soziale Handeln . . 236 

X) Die Bedeutung des Idrideals für das soziale Handeln 263 



■^MM 



Anwendung der Psychoanalyse auf 
Pädagogik und Jugendpsychologie 

Dr. Oskar Pfister 

Pfarrer in Zürich 

Zum Kampf um die Psychoanalyse 

Geheftet M. 13—, Halbleinen 15.— 

Dr. Siegfried Bernfeld 
Vom Gemeinschaftsleben der Jugend 

Geheftet M. 10.—. Halbleinen 12.— 

Dr. Siegfried Bernfeld 
Vom dichterischen Schaffen der Jugend 

Geheftet M. 12.—, Halbleinen 14.—, Ganzleinen 15 — 

Dr. Siegfried Bernfeld 
Sisyphos oder Die Grenzen der Erziehung 

Geheftet M. 5.—, Ganzleinen 6.50 

Dr. G. H. Graber 
Die Ambivalenz des Kindes 

Geheftet M. 3.50, Halbleinen 7.50, Halbleder 10.— 

Vera Schmidt 
Psychoanalytische Erziehung in Sowjetirußland 

Geheftet M. 1.— 

Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens 

Herausgesehen von Dr. Hermine Hug = Hellmuth 

Auf holzhält. Papier geheftet M. 4.-, Pappband 5.—. Auf holzfreiem Papier Ganzleinen 9.—, Halbleder 12.— 



Prospekte über 

Sigm. Freud, Gesammelte ScbriÄen 

versendet auf Verlangen der 

Internationale Psychoanalytische Verlag 

Wien, VII. Andreasgasse 3 








August xxicnnorn 



V 



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J ueend 



erwanrioste «tilgen* 

Die P5ycnoatialyse in der furaotgeersieliuag 



Mit etacm Geleüwoirt von. 

Prof. Sigm. Freud 



Internationale PsycLoanalyiiscne BiUlotkek XDC