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Full text of "vierte hilfe. Illustrierte Theorie fuer das Dienstleistungsproletariat, Winter 1997"

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Illustrierte Theorie für das Dienstleistunsproletariat 



Winter 1997 - DM 7 - öS 50 - SF 7 



- 






: 









■ 















02 













große Fabrik! 

„Niemand kann uns kränken, denn wir arbeiten. 

Niemand kann uns lächerlich machen, denn wir arbeiten. 

Niemand kann uns lächerlich machen, denn wir wissen, was wir wert sind. " 

(Viktor Schklowskij: Zoo, oder Briefe nicht über die Liebe, Moskau 1923) 












„Arbeitend leben, kämpfend 
sterben", riefen die Lyoner 
Seidenweber, als sie sich 
1831 gegen ihre Herren erho- 
ben. Weder noch, denkt sich 
heute ein jeder. In erster Linie 
kommt es doch darauf an, 
alle Bundesligaspiele sehen 
zu können, unverschlüsselt 
und im Sitzen. Es scheint, als 
hätte die Arbeit keine 
Bedeutung mehr für die Men- 
schen. Wichtig sind hingegen: 
Mode, Fußball, Familie, Auto, 
Reisen, Haus und Garten, 
Gesundheit, Probleme mit 
den Kindern, die Umwelt, die 
Sicherheit und die Sauberkeit. 
Nur bei Arbeitslosigkeit treten 
Phantomschmerzen auf. 

Arbeit ist kaum noch Gegen- 
stand des öffentlichen In- 
teresses. Bereich der „Selbst- 
verwirklichung"? Nicht unbe- 
dingt. Die Menschen in den 
Vorabendserien tragen 
Freizeitkleidung und kennen 
nur Beziehungprobleme. 



Doch auch im Abgrund der 
Fernsehdummheit liegt tief 
unten eine kleine Wahrheit 
begraben: In dem Maße, in 
dem sich das Regime der 
Fabrik und des Großraum- 
büros auflöst, wird die ganze 
Gesellschaft zur Fabrik und 
die Wohnung zum Heimbüro. 
Die Zeit der Menschen, bisher 
säuberlich aufgetrennt zwi- 
schen zwischen Arbeit und 
Feierabend, wird zu einem 
Kontinuum des permanenten 
Beschäftigtseins, in dem sich 
größtmögliche Effizienz (Ar- 
beit) mit größtmöglicher 
Lockerheit (Spiel) verbinden 
soll. Man braucht keinen 
Arbeitsplatz mehr, um ge- 
schäftig zu sein. Das gilt so- 
gar für die Arbeitslosen, die 
alle Hände voll damit zu tun 
haben, sich nicht gehen zu 
lassen. Die Arbeitskleidung 
von heute ist der Freizeit- 
dress, und in den neuen 
Medien- und Dienstleistungs- 
Berufen gilt der Imperativ: 
Handle so, als kämst du gera- 



de vom Tennisplatz. Arbeite 
so, als ob es keine Arbeit 
wäre. 



Angesichts dieser Vermi- 
schung der Sphären (Arbei- 
test du am Computer oder 
spielst du bloß? Ist das 
noch Sexualität oder ist das 
schon Beziehungsarbeit?), 
bleibt nur ein Kriterium, 
anhand dessen regelmäßig 
mit untrüglicher Sicherheit 
entschieden wird, ob es sich 
bei einer Tätigkeit um Arbeit 
handelt: Zahlt es sich aus 
oder nicht? Deshalb heißt z.B. 
der Aufwand, den wir in diese 
Zeitung stecken, nicht Arbeit, 
sondern „Wir-treffen-uns" 
oder „Ich-schreib'-gerade- 
was... oder „Ich-mach-die- 
Grafik-für...". Wirkliche 
Arbeit hingegen erkennt man 
daran, daß man Geld dafür 
kriegt. Bekanntlich ein trostlo- 
ses, aber außerordentlich rea- 
litätsmächtiges Kriterium. 



■ 







Hier 

ist es 1 

an der ^ 

Zeit, die 
Geschichte 
vom Nachbarn 
zu erzählen, der 
mein Schlafzimmer 
für eine Fabrik hält: Ich 
zitiere aus dem Brief sei- 
nes Rechtsanwalts: „Seit 
Ostern 1997 betreibt Herr 




in 

dem 
Zim- 
mer, das 
direkt 
über dem 
Schlafzimmer 
meines Mandan- 
ten liegt, eine um- 
fangreiche EDV- 
Anlage. So arbeitet Herr 
... ca. 3 mal wöchentlich je- 
weils von ca. 24.00 h nachts 
bis ca. 4.30 h morgens. 





Dienst 



leistungsproletariat! 

1998 wird das Jahr sein, in dem wir Kontakt aufnehmen: erstens wird es in der fünften hilfe end- 
lich eine Seite geben, auf der Eure Briefe abgedruckt werden. Und zweitens wird mit Wirkung 
vom fünften Dezember 1997 der wandernde hilfe-Sa\or\ eröffnet, zu dem Ihr alle herzlich eingela- 
den seid. Auftaktveranstaltung ist der „Alles-wird-gut"-Abend mit begeisternden Vorträgen, einem 
hinreißenden Film und faszinierenden Musikdarbietungen. Veranstaltungsort ist das bekannte 
Münchner Ladenlokal Sedan 20 (siehe Heftrückseite). Doch das ist noch nicht alles. Wer gerade 
in der Nähe ist, kann am 12. Dezember einer gelenkigen hilfe-Präsentation im Wiener „Depot" 
(Museumsquartier) beiwohnen; auch da wird nach dem Text Musik gemacht. Im Januar dann das 
legendäre hilfe-Fest mit Größen aus dem internationalen Showgeschäft, zu dem Ihr schon des- 
halb kommen müßt, weil wir damit diese Zeitschrift finanzieren. Beachtet bitte unsere Werbung in 
Presse, Funk und städtischem Weichbild. 






Während dieser Arbeitszeit 
ist ein deutliches Brummen 
und Dröhnen zu hören ... 
Wegen der erheblichen 
Lärmbelästigungen und der 
gewerblichen Nutzung durch 
Herrn ..., die meinen 
Mandanten und seine Ehefrau 
in unzumutbarer Weise beein- 
trächtigen, muß ich sie auffor- 
dern, dafür Sorge zu tragen, 
daß Herr ... wegen seiner 
nächtlichen Ruhestörungen 
gekündigt wird." Interessant 
ist in unserem Zusammen- 
hang nur eins: auf sympa- 
thisch altmodische Weise 
geht der Beschwerdeführer 
davon aus, daß jemand, der 
nachts brummt und dröhnt, 
ein Gewerbe ausübt. 



Diese kleine Geschichte zeigt, 
daß es nicht nur unterschied- 
liche Lebensrealitäten gibt, 
sondern auch unterschiedli- 
che Möglichkeiten, sie zu 
betrachten. Das gilt in glei- 
cher Weise für die äußerst 



verschiedenen Situationen, 
in denen Menschen arbeiten. 
Angesichts der Vielfalt und 
Widersprüchlichkeit dieser 
Realitäten lassen sich heute 
keine vereinheitlichenden 
Aussagen mehr über „die" 
Ausbeutung „des" Arbeiters 
oder „die" Entfremdung im 
Arbeitsprozeß fällen. Doch 
blitzt auch in diesem Heft 
gelegentlich die linke 
Sehnsucht nach klaren 
Fronten (Arbeit vs. Kapital, 
der Neoliberalismus gegen 
den Rest der Welt) und einer 
alles erklärenden Universal- 
theorie auf. Der Hang zu 
theoretischen Globalisie- 
rungen wird zwar reflektiert, 
aber nicht gebrochen. 

Konkrete Lebens- und 
Arbeitsverhältnisse in ihrer 
Unterschiedlichkeit wahrzu- 
nehmen, mehr Aufmerksam- 
keit für die jeweils besonde- 
ren Bedingungen von 
„Widerstand", „Organisier- 



ung", „Internationalismus" 
oder „Solidarität" zu ent- 
wickeln, - das ist etwas, das 
weitgehend noch zu tun 
bleibt. 

Um dazu wenigstens einen 
theoretischen Beitrag zu lie- 
fern, lassen wir die im ersten 
Heft begonnene Mikropolitik- 
Debatte wieder aufleben: Die 
These ist skandalös: „Wir 
leben schon im Kommunis- 
mus". Für Toni Negri, Theo- 
retiker der Arbeiterautonomie, 
kündigt sich in den neuen, 
„postfordistischen" Arbeits- 
verhältnissen ein Ende der 
Entfremdung und eine mögli- 
che Verwirklichung kommuni- 
stischer Kooperationsutopien 
an. Hier wie überhaupt geht 
es um die Frage: Gibt es ein 
richtiges Leben im falschen? 
Und wenn ja, wo spielt es 
sich ab? 



Richtiges Leben im falschen, 
bitte melden! 






2 - 3 Editorial 



6 - 8 Inhaltsverzeichnis 



6-8 



04 



9-11 



Modell Maquila - 
Das seltene Privileg 
ausgebeutet zu wer- 
den In den mittelameri- 
kanischen Ländern 
sind die „Freien Pro- 
duktionszonen" zur 
Normalität geworden. 
Im Kampf um Investitio- 
nen gilt die größtmög- 
liche Einschränkung 
der Arbeitsrechte als 
entscheidender Stand- 
ortvorteil. Es sind vor 
allem Frauen, die in 
den neuen Sweatshops 
Kleidung für den 
Weltmarkt produzieren. 

„Eine zufällige 
Ansammlung von 
Frauen" - Taktisches 
Understatement im 
Kampf um grundle- 
gende Arbeitsrechte 
Interview mit Sandra 
Ramas und Ligia 
Orozco aus Nicaragua. 
Die Organisation „Maria 
Elena Cuadra" ver- 
sucht, arbeitsrechtliche 
Verbesserungen in den 
Maquilas durchzuset- 
zen und verläßt dabei 
die Bahnen klassischer 
Gewerkschaftsarbeit. 
















12-15 Konzernwelt - 

Alles außerhalb des 
Dienstleistungskerns 
heißt „Biosphäre". 

Nike-Schuhe repräsen- 
tieren Straßensport und 
Freizeit-Hipness. Her- 
gestellt werden sie 
dort, wo die Arbeit am 
billigsten zu kaufen ist. 
Verschiedene Initiativen 
versuchen, gegen die 
unsäglichen Arbeits- 
bedingungen bei den 
südostasiatischen Nike- 
Herstellern vorzugehen. 



20-23 „Part-Time America 
Won't Work" Zwei 
Wochen lang bestreik- 
ten 185.000 Beschäf- 
tigte in den USA den 
Paketpostriesen United 
Parcel Service und 
zeigten, wie wirkungs- 
voll Streiks immer noch 
sein können. 



24-29 Antiglobalisierungs- 
hype - z.B. transgener 
Reis als 'technologi- 
sche Entwicklungshilfe' 
Hier wird an einem 
konkreten Fall unter- 
sucht, was „Globalisier- 
ung" heißen soll. Die 
Sache ist komplizier- 
ter als man denkt. 



16-19 „Sag mir, wo Du 
stehst" - Interview 
mit Arno Klönne zum 
Zustand der Ge- 
werkschaften 
Haben die Ge- 
werkschaften in 
der Bundesrepu- 
blik nichts besse- 
res zu tun, als mit 
national aufgela- 
dener Rhetorik 
den Standort zu 
verteidigen? 









30-37 Anorganische 
Intellektuelle - 
Cyborgs belauscht 
und erlebt Die wirkli- 
chen Cyborgs sitzen im 
Heimbüro. Eine 
Collage zur Ästhetik 
der virtuellen Topf- 
pflanze. 

Wir leben schon im 
Kommunismus, hat 
Toni Negri gesagt - 
MIKRO/ MAKRO, 
Teil II Fortsetzung der 




























Mikropoltik-Debatte: 
Sind in den postfordi- 
stischen Arbeitsbe- 
Ziehungen schon 
Elemente kommunisti- 
scher Vergesellschaf- 
tung vorweggenom- 
men? 

39-41 Kommunismus für 
Eliten - Toni Negris 
fröhlicher Opera- 
ismus Der Anti-Negri: 
Die Utopie des Cyborg 
Kommunismus wendet 
sich exklusiv an die 
dünne Schicht der 
technowissenschaftli- 
chen Intelligenz und 
vernachlässigt die fort- 
bestehende Realität 
von Ausbeutung und 
Arbeitsstumpfsinn. 






42-45 auto*matik - arbeit, 
nicht-arbeit, ersatz, 
happy oder unhappy 
lebensunterhalt 

Negris theoretische 
Intervention ist eine 
Provokation und als 
solche zu begrüßen. 
Immerhin führt sie 
dazu, daß einmal nach- 
gedacht wird, wie 
„Kommunismus" über- 
haupt ausschauen soll. 

47-49 G-G' - Die Arbeit des 
Geldes Daß Geld ar- 
beitet, diese mystische 
Anschauung, über die 
Marx sich genügend 
lustig gemacht hat, ist 
ungebrochen populär. 
Doch wo hat das arbei- 
tende Geld seinen 
Arbeitsplatz? 









50-53 Arbeit und ihre 
Nation - Der Wille 
zum Filmbild Wenn 
Filmemacher beschlie- 
ßen, ein Bild der Arbeit 
zu machen, wird es 
ernst. Die Darstellung 
von „arbeitenden Men- 
schen" ist auf merk- 
würdige Weise mit Ge- 
fühlen nationaler Feier- 
lichkeit aufgeladen. 

54-57 Die Erfindung des 

Art Strike - Interview 
mit Gustav Metzger 

Metzger hat versucht, 
ein aus der Tradition 
der Arbeiterbewegung 
bekanntes Kampfmittel 
in die Kunstwelt zu 
transplantieren. Das hat 
diese ihm sehr übel 






genommen. 



58-59 Du willst, du kannst. 

Was der Wachschutz- 
industrie die Angst vor 
dem Verbrechen, ist 
der Damenbindenin- 
dustrie die Angst vor 
den roten Flecken. In 
beiden Fällen führt die 
Sicherheitsobsession 
zu einer Einschränkung 
der Beweglichkeit im 
öffentlichen Raum. 



60-61 Elektrische Konver- 
sationen - Strom- 
kreis Wien Fernab 
vom derzeitigen Hype 
hat sich in Wien eine 
vielgestaltige Elektro- 
nikszene ausgebildet. 
Eine Konferenz der 
Eigenbrötler. 






62-64 trotz allem Zarte Kritik 
an der Kampagne 
„Aktiv gegen Männer- 
gewalt" und bittere 
Polemik zur Diskur- 
sivierung von sexuel- 
lern Mißbrauch. 

65-70 Lesehilfe Diverse 

Bücher: Privileg Blick, 
Milena Jesenskä, 
Thomas S. Szasz, 
Hysterische Epidemien, 
Arnos Vogel kehrt 
zurück 



71 Der Bahn unendliche 
Tristesse Das Tram- 
pen wechselt von der 
Straße auf die Schiene: 
Unseren Testfahrer hat 
die Reise mit der 
Deutschen Bahn in 
eine tiefe Depression 
gestürzt. 

72-74 Nach der Arbeit 

Termine für München, 
Tesarstreifen (comic), 
Impressum 







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Das seltene Privileg ausgebeutet zu werden 



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Vor der Nachtschicht. Maquila-Arbeiterlnnen in El Salvador 



Maquilas werden in Mittel- 
amerika von den dortigen 
konservativen Regierungen 
als das Erfolgsrezept für die 
wirtschaftliche Entwicklung 
der Länder angesehen. Die 
Idee, ausländische Investoren 
durch Steuer- und Zollvergün- 
stigungen ins Land zu holen, 
entstammt einem Konzept der 
Entwicklungshilfe-Organisa- 
tion US-AID aus den frühen 



70er Jahren. Damit sollten 
drei Ziele erreicht werden: 
Schaffung von Arbeitsplätzen, 
Technologietransfer und 
Deviseneinnahmen. Anfang 
der 90er Jahre hat diese In- 
dustrie in Zentralamerika Fuß 
gefaßt, und Fabriken sowie 
Freie Produktionszonen sind 
wie Pilze aus dem Boden 
geschossen. Von den beiden 
letzten Zielen, die US-AID 



angestrebt hat, ist relativ 
wenig zu spüren. Technolo- 
gietransfer findet so gut wie 
nicht statt, weil die transnatio- 
nalen Unternehmen lediglich 
die arbeitsintensiven und 
kapitalextensiven Produk- 
tionsschritte nach Mittel- 
amerika auslagern, um die 
niedrigen Lohnkosten auch 
ausnutzen zu können. Da sie 
weder Steuern für den im 



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„Wir könnten den Arbeiterinnen in den Maquilas in Mittel- 
amerika 20 Prozent mehr Lohn zahlen, wir könnten ihnen 
wahrscheinlich sogar 100 Prozent mehr Lohn zahlen und 
unsere Firma würde weiterhin sehr gewinnbringend sein. 
Aber wir werden es nicht machen, weil uns der Arbeits- 
markt vermittelt, daß wir es nicht müssen. " Diesen Stand- 
punkt vertritt ein US-amerikanischer Manager, der Textilien 
in El Salvador fertigen läßt. Dort zahlt er keine Zölle, keine 
Steuern, wird von der Regierung als heils-, da Arbeits- 
plätze bringender Unternehmer gefeiert und kann auf billi- 
ge Arbeitskräfte zählen, die sich so gut wie alles bieten 

lassen, weil sie bei einer Arbeitslosigkeit von 70 Prozent 
keine großartigen Alternativen haben. „Ausgebeutet zu 

werden ist hier mittlerweile ein Privileg", sagt Prof. Angel 
Ibarra, Rektor der Lutherischen Universität in El Salvador. 






Land geschaffenen Mehrwert 
noch Zölle für die ein- und 
ausgeführten Produkte bezah- 
len, bleiben auch die Devisen- 
einnahmen überschaubar. 
Lediglich die für die Löhne 
benötigten Dollars fließen ins 
Land und werden dann für die 
Bezahlung der Arbeiterinnen 
in die jeweilige Landeswäh- 
rung eingetauscht. 

Was die Maquila-Industrie 
jedoch sehr wohl für sich ver- 
buchen kann, ist die Schaf- 
fung von Arbeitsplätzen. In El 
Salvador und Honduras arbei- 
ten jeweils 75.000 Arbeiterin- 
nen in den Maquilas, in Nica- 
ragua sind es bisher „nur" 
8000, doch der neue Prä- 
sident Arnoldo Alemän folgte 
seinem Kollegen aus El 



Salvador mit der Prophe- 
zeiung, er werde aus dem 
ganzen Land eine einzige 
Freie Produktionszone 
machen. 



Zu 85 Prozent sind es Frauen, 
die in den Fabriken arbeiten - 
unter menschenunwürdigen 
Bedingungen. Offiziell gelten 
zwar in den Freien Produk- 
tionszonen und bei den 
Firmen, die außerhalb dieser 
Zonen unter den gleichen 
Vergünstigungen produzieren, 
die nationalen Gesetze, also 
auch das nationale Arbeits- 
gesetz. Aber der politische 
Wille, die Unternehmen im 
Land zu halten, ist stärker als 
die Fähigkeit zu ihrer gesetzli- 
chen Kontrolle. In den Län- 
dern Zentralamerikas spielt 






1 







sich die „Standortdebatte" auf 
einer Ebene ab, die für die 
Arbeiterinnen existenzbedro- 
hend sein kann: Wer zahlt die 
niedrigsten Löhne, wer ge- 
währt die meisten Freiheiten, 
wer bietet die investoren- 
freundlichsten Arbeitsbedin- 
gungen. So ist der Präsident 
der nicaraguanischen Freien 
Produktionszonen der Mein- 
ung, das Arbeitsgesetz müsse 
geändert werden, weil es für 
Investoren hohe und unnötige 
Lohnnebenkosten sowie völlig 
überzogene Entschädigungs- 
forderungen bei Entlassungen 
enthalte und daher Arbeits- 
losigkeit verursache. 

Für die Arbeiterinnen bedeu- 
tet das einen Arbeitstag von 
12 bis 14 Stunden für einen 
Lohn, der oft nicht einmal 
zum Überleben reicht. In vie- 
len Fabriken werden Arbeiter- 
innen nicht zur Sozialver- 
sicherung angemeldet, sie 
werden geschlagen oder in 
der Fertigungshalle einge- 
sperrt, bis die Produktions- 
zahlen erfüllt sind. Solche 
Fälle sind nicht selten. In 
manchen Betrieben werden 
Frauen gezwungen, Tabletten 
einzunehmen, die angeblich 
gegen Malaria wirken sollen, 
in Wirklichkeit jedoch ein 
Verhütungsmittel enthalten. 

Gewerkschaftliche Organi- 
sierung ist - da ja die nationa- 



Weltmarktfabriken, wie sie sich seit Anfang der 70er Jahre in Lateinamerika nieder- 
lassen, werden dort als Maquilas bezeichnet. Kennzeichnend für die Maquilas ist eine 
Produktion mit geringem Kapitaleinsatz und Beschäftigung von Arbeitskräften, die 
meist nur kurz angelernt werden. Maschinen, Roh-, Hilfs- und Halbfertigprodukte wer- 
den importiert und die Endprodukte anschließend exportiert - alles zoll- und steuerfrei. 
In Zentralamerika haben sich hauptsächlich Textilunternehmen angesiedelt. 
















- 



len Gesetze gelten - nicht ver- 
boten, wird aber mit Entlas- 
sung sanktioniert. Das ist ein 
wesentliches Argument gegen 
traditionelle Gewerkschafts- 
arbeit im Sinne einer Organi- 
sierung am Arbeitsplatz. Den 
Gewerkschaften in Mittel- 
amerika fällt es schwer, das 
zu akzeptieren. 1995 wurde in 
El Salvador als Reaktion auf 
einen Streik gegen schlechte 
Arbeitsbedingungen eine 
ganze Fabrik geschlossen 
und über Nacht nach Hon- 
duras verlagert. 2000 Arbeiter- 
innen standen auf der Straße. 

Die Arbeiterinnen haben - 
auch aufgrund von derartigen 
Niederlagen - kein Vertrauen 
mehr in die gewerkschaftliche 
Organisierung. Dieses Miß- 
trauen gegenüber Gewerk- 
schaften, das sich gleicher- 
maßen in El Salvador, Hon- 
duras, Nicaragua und Guate- 
mala zeigt, hat jedoch vor 
allem soziale Hintergründe. 
Bei den Arbeiterinnen, die für 
die Maquilas angeworben 
werden, handelt es sich mei- 
stens - außer vielleicht in 
Nicaragua - um Frauen, die 
zum ersten Mal im industriel- 
len Produktionsprozeß ste- 
hen, die aus ihrer Sozial- 
struktur herausgerissen wur- 
den und sich unvermittelt in 
einer neuartigen Lebens- 
situation wiederfinden, die 
von zahlreichen Wider- 



sprüchen geprägt ist. Für 
viele ist es das erste Mal, daß 
sie eigenes Geld verdienen 
und damit einen überlebens- 
wichtigen finanziellen Beitrag 
für die Familie leisten können. 
Doch neben einem neuen 
Selbstbewußtsein, das viel- 
leicht vor allem bei den jünge- 
ren Frauen entsteht, erleben 
die Arbeiterinnen einen star- 
ken psychischen Druck. Den 
ganzen Tag sind die Kinder 
nur unzureichend bis gar 
nicht betreut. In Honduras 
kommt hinzu, daß die Frauen 
ihre Dörfer verlassen müssen, 
um in den Maquilas, die nur 
im Norden des Landes ange- 
siedelt sind, arbeiten zu kön- 
nen. Sie leben in kleinen 
Baracken in den Vororten der 
Großstadt und müssen für 
Miete, Essen, Strom und 
Wasser so viel ihres Lohnes 
verwenden, daß nicht mehr 
viel für die Familie im Dorf 
übrigbleibt. Meist sind sie es, 
die die Verantwortung für das 
Überleben der Familie tragen 
und meist haben sie keine 
andere Alternative, als in der 
Maquila zu arbeiten. 
Den vielfältigen Schwierig- 
keiten und Bedürfnissen der 
Maquila- Arbeiterinnen begeg- 
nen die Gewerkschaften mit 
starren Konzepten und 
Losungen, die meist noch am 
Schema des klassenbewuß- 
ten Industrieproletariats und 
an der Figur des männlichen 



Familienernährers ausgerich- 
tet sind, eine Sichtweise, die 
den neuen Formen der 
Ausbeutung von vor allem 
weiblicher Erwerbsarbeit 
längst nicht mehr entspricht. 
Innerhalb des männlich 
bestimmten Bildes von Politik 
und Arbeitskampf haben es 
die Frauen, die durch 
Fabrikarbeit und familiäre 
Reproduktionsarbeit doppelt 
belastet sind, schwer, ihre 
eigenen Rechte und 
Bedürfnisse zu formulieren 
und einzufordern. Nur wenige 
haben den Mut, offensiv auf- 
zutreten. So werden die 
Arbeiterinnen, die in den 
Gewerkschaften auf der politi- 
schen Entscheidungsebene 
so gut wie nicht vertreten 
sind, vor allem als Manövrier- 
masse betrachtet. Für Kritik 
an dieser Aufgaben- und 
Machtverteilung darf man bei 
den Funktionären kein 
Verständnis erwarten, denn 
immerhin „machen wir keine 
Frauenarbeit, sondern 
Klassenkampf", wie es Pedro 
Ortega von der sandinisti- 
schen Gewerkschaftszentrale 
Nicaragua ausdrückt. 

Unabhängig voneinander 
haben Frauenorganisationen 
in den verschiedenen Ländern 
angefangen, sich um die 
Arbeiterinnen der Maquilas zu 
kümmern. Sie haben den 
Kontakt zu ihnen nicht in den 



Fabriken, sondern in den 
Stadtvierteln gesucht, sind 
von Haus zu Haus gegangen, 
um mit den Frauen zu spre- 
chen, eine Vertrauensbasis 
aufzubauen. Sie organisieren 
Kurse, in denen die Frauen 
ihre Arbeitsrechte kennenler- 
nen, in denen aber auch 
Gender-Arbeit geleistet und 
versucht wird, das Selbst- 
bewußtsein der Frauen zu 
stärken. Die Arbeiterinnen sol- 
len ein Netz in den Fabriken 
aufbauen und ihre Kenntnisse 
an ihre Kolleginnen weiterge- 
ben, damit auch diese bewußt 
entscheiden können, wie sie 
sich wehren wollen. Die 
Frauenorgansiationen aus 
Nicaragua, El Salvador, 
Guatemala und Honduras 
haben sich im Herbst letzten 
Jahres zu einem Netz von 
Frauen in Solidarität mit den 
Arbeiterinnen in den Maquilas 






Quality, Industriousness 
and Reliability Is What 

El Salvador Offers You! 



Rosa Martinez produces apparel for U.S. 
jrkets on her sewing machine in 
|dor. You can hire her for 

33-cents an hour*. 

tos« is rrtcre pan just cotorful. Srw and hef co-wortters a'O 
loMh/r indusinousness, reiiab'hty and qutck ieaming. 
They malte El Salvador one o* the best buys. 
In addition. El Salvador has oxcelenl road and sea 
transponabon (indudirg Central America's most modern airpot) 
. . . and there a/e no quolas 









\ c*r#tew*»eO ***^* ™*r «*y H f M| *W»fr| 9+ 4» ' 







Anti-GAP-Demonstration der Textilgewerkschaft Unite. USA 



Wer weitere Informationen zum Thema Freie Produktions- 
zonen, neue internationale Arbeitsteilung, mögliche Gegen- 
strategien etc. erhalten will, kann sich an das Ökumenische 
Büro für Frieden und Gerechtigkeit, Pariser Str. 13, 81667 
München, Tel. 089/4485945 wenden. 




08 



zusammengeschlossen und 
im April dieses Jahres mit 
einer politischen Kampagne 
zur Verbesserung der 
Arbeitsbedingungen in den 
Fabriken begonnen. Die 
Maquila-Betreiber sollen dazu 
gebracht werden, einen 
Ethikcode zu unterschreiben, 
der unter anderem folgende 
Punkte enthält: Schutz von 
schwangeren Frauen, Bezah- 
lung der Überstunden nach 
den gesetzlichen Maßstäben, 
Schutz vor Gewalt am Arbeits- 
platz, Recht auf Sozialver- 
sicherung. Die am Netz betei- 
ligten Gruppen wollen andere 
Organisationen, Institutionen 
aber auch Abgeordnete, dazu 
bewegen, sich hinter diese 
Forderungen zu stellen, damit 
im Falle der Nichteinhaltung 
gesellschaftlicher Druck auf 
die Betreiber ausgeübt wer- 
den kann. Die Frauengruppen 
suchen den Kontakt in 
Gesprächen, sie lancieren 
Zeitungsanzeigen und Radio- 
spots, um den Ethikcode 
publik zu machen. In 
Nicaragua beispielsweise hat 
die dortige Frauenorgani- 
sation auf der Straße 20.000 
Unterschriften gesammelt, die 
die Maquila-Betreiber dazu 
auffordern, den Ethikcode zu 
unterschreiben. Zwar fehlt das 
Geld hinten und vorne, doch 
sowohl in Nicaragua als auch 
in Guatemala sind die Frauen 



zuversichtlich, daß bis Ende 
des Jahres je zwei Betreiber 
unterschreiben werden. 

In der politischen Diskussion 
um die Verbesserung der 
Arbeitsbedingungen spielen 
zwischen Unternehmen und 
Arbeiterinnen bzw. ihren Ver- 
treterinnen ausgehandelte 
Abkommen und Verhaltens- 
kodizes eine sehr wichtige 
Rolle. Allerdings stellt sich 
immer die Frage, wie deren 
Einhaltung kontrolliert werden 
kann. Die bisher einzige, rela- 
tiv unabhängige Kontroll- 
instanz eines derartigen 
Abkommens existiert in der 
Maquila „Mandarin" in El 
Salvador. Dort lassen die US- 
Textilkette GAP und die zum 
Otto-Versand gehörende 
Marke „Eddie Bauer" produ- 
zieren. Mit Hilfe einer rufschä- 
digenden Kampagne, die ein 
Zusammenschluß von US- 
Gewerkschaften in den USA 
(nicht ohne Eigeninteressen) 
gegen GAP führte, ließ sich 
der Konzern dazu bringen, 
einen Code of Conduct zu 
unterzeichnen. Dieser Code 
wurde auch von den US- 
Gewerkschaften, dem Be- 
treiber der Maquila und den 
Vertreterinnen der Arbeite- 
rinnen unterzeichnet und gilt 
für die gesamte Maquila und 
nicht nur für die Marke GAR 
Zugesagt wurde ein unabhän- 



giges Monitoring, an dem 
unter anderem das Men- 
schenrechtsinstitut der salva- 
dorianischen Jesuiten- 
universität UCA teilnimmt. 
Bisher gab es - so versichert 
eine Mitarbeiterin der 
Monitoring-Gruppe - noch 
keine Beanstandungen wegen 
Nichteinhaltung des Codes. 
Falls es welche geben sollte, 
werden sie GAP gemeldet, 
der Konzern gibt den Druck 
an den Maquila-Betreiber wei- 
ter, indem er damit droht, die 
Aufträge zurückzuziehen. Die 
Öffentlichkeit soll erst dann 
eingeschaltet werden, wenn 
GAP sich zu nichts bewegen 
läßt. Solange das nicht der 
Fall ist, werden die Konflikte 
auf Konzernebene ausgetra- 
gen, die Gesellschaft be- 
kommt nichts davon mit, eine 
politische Diskussion wird 
damit a priori abgewürgt - 
alles ist prima. 

Nach ähnlichem Muster geht 
die europaweite Clean- 
Clothes-Campaign mit ihrer 
deutschen Sektion KSK 
(Kampagne für saubere 
Kleidung) vor. Mit dem Druck 
der Konsumentinnen (z.B. 
durch Postkartenaktionen) 
sollen Textilkonzeme wie Otto, 
C&A, H&M etc. dazu gebracht 
werden, einen Ethikcode zu 
unterschreiben, der soziale 
Mindeststandards enthält. Als 



Gegenleistung erhalten sie 
das CCC-Siegel, das ihnen 
dann erlaubt, das sogenannte 
soziale Marktsegement abzu- 
schöpfen. Die CCC über- 
nimmt auf diese Weise einen 
Teil der Werbung, denn Kon- 
zerne, die den Ethikcode 
unterschreiben, werden als 
Positivbeispiele in der Öffent- 
lichkeit gelobt - als Vorbild für 
die Konkurrenz. Die Kontrolle 
über die Einhaltung dieses 
Codes soll ein unabhängiges 
Institut übernehmen. Bisher 
ist noch nicht klar, wie dies 
ohne Einbeziehung der 
Gruppen im Süden (die bisher 
so gut wie nicht stattgefunden 
hat) funktionieren soll, die 
ersten Verhandlungen mit den 
Unternehmen laufen aber 
bereits. Bei diesen Abkom- 
men, noch dazu, wenn sie mit 
einem Siegel als Auszeich- 
nung für soziales Verhalten 
(zur Erinnerung, es handelt 
sich um absolute Mindest- 
standards) belohnt werden, ist 
es von wesentlicher Bedeu- 
tung, die Nichteinhaltung 
sanktionieren zu können. 
Noch gibt es jedoch keine 
Lösung, wie man die Unter- 
nehmen dazu zwingen kann, 
wenigstens die grundlegen- 
den Arbeitsrechte einzuhalten. 

Abgesehen davon, daß die 
Kontrolle eines weltweit ope- 
rierenden Konzerns nur 






schwer vorstellbar ist, stellt 
sich die grundsätzliche Frage, 
ob dies überhaupt der richtige 
Weg sein kann. Die Strategie 
der GAP-Kampagne, bisher 
aber auch der CCC, bezieht 
gesellschaftliches Handeln 
nur als „verantwortungvollen 
Konsum" bzw. als Drohung 
der Konsumverweigerung mit 
ein, klammert aber eine politi- 
sche Diskussion weitgehend 
aus und suggeriert, durch das 
Kaufen des richtigen Siegels 
könne jeder seinen Beitrag für 
eine gerechte Welt leisten. 

Die Art der Ausbeutung, wie 
sie die Arbeiterinnen in den 
Maquilas erfahren, wird indes- 
sen zu einem allgemein ver- 
breiteten Phänomen, das sich 
auch in nächster Nähe wie- 
derfinden läßt. In den Sweat- 
Shops der USA arbeiten ille- 
gale Migrantinnen, deren 
Rechtlosigkeit schamlos aus- 
genutzt wird, auf den 
Baustellen der BRD sieht die 
Situation nicht viel anders 
aus. In Ostdeutschland ver- 
dienen Arbeiterinnen in einer 
Textilfabrik sieben Mark in der 
Stunde. Wenn sie mehr for- 
dern, kommt auch hier der 
bekannte Satz: „Draußen gibt 
es genug, die für dieses Geld 
arbeiten." Aus diesem Grund 
gibt es in diesem Betrieb 
keine Gewerkschaft.A 










Sandra Ramas 



Ligia Orozco 






Taktisches 
Understatement 
im Kampf um 
grundlegende 
Arbeitsrechte 












Seit der Niederlage der sandi- 
nistischen Regierung ist 
Nicaragua einem strengen 
neoliberalen Wirtschafts- 
konzept unterworfen. Welche 
konkreten Auswirkungen hat 
dies auf die Arbeitsmarkt- 
situation in Nicaragua? 

Eine der Folgen der neolibe- 
ralen Wirtschaftspolitik, deren 
Grundlagen durch die uns 
aufoktroyierte IWF-Politik 
geschaffen wurden, war die 
Privatisierung vieler Betriebe. 
Nicaraguanische Textilfirmen 
wurden geschlossen, was vor 
allem den Verlust von Frauen- 
arbeitsplätzen nach sich zog. 
In Nicaragua existiert keine 
nationale Textilindustrie mehr. 
Das betrifft über 30.000 Textil- 
arbeiterinnen, die entlassen 
wurden. Für die transnationa- 
len Textilunternehmen war 
dies die Voraussetzung, um 
sich in Nicaragua niederlas- 



sen zu können. Inzwischen 
sind diese Unternehmen für 
viele Frauen die einzige 
Möglichkeit, Arbeit zu finden, 
schlecht bezahlte Arbeit. Des 
weiteren kam es zu einem 
Zusammenbruch der Metall- 
industrie. Inzwischen werden 
alle Produkte, die zur Metall- 
produktion nötig sind, aus 
anderen Ländern Zentral- 
amerikas importiert. Aus 
Guatemala, El Salvador oder 
Honduras. Langfristig geht die 
Entwicklung dahin, daß Nica- 
ragua sich zum reinen Kon- 
sumenten von Importgütern 
entwickelt. Gleichzeitig ist es 
für Nicaragua nur schwer 
möglich, sich wirtschaftlich 
dem Niveau seiner Nachbar- 
länder anzugleichen. Das 
Land mußte jahrelang unter 
einer von den USA verhäng- 
ten Wirtschaftsblockade lei- 
den. Auch der Krieg gegen 
die Contras führte zu einem 



Zusammenbruch der nationa- 
len Industrie. Der Stand der 
Produktion in Nicaragua muß 
als völlig veraltet eingestuft 
werden. Untersuchungen er- 
gaben, daß unser Land, ge- 
messen an modernen Stan- 
dards, mehr als 30 bzw. 40 
Jahre im Rückstand ist. In 
dem Maße, in dem die natio- 
nale Industrie zusammen- 
brach, kam es infolge der 
neoliberalen Wirtschaftspolitik 
zu einem sprunghaften An- 
stieg des informellen Sektors. 
Aufgrund der steigenden 
Arbeitslosigkeit (inoffiziell wird 
von 70% gesprochen, A.d.Ü.) 
versucht jeder, in diesem Be- 
reich sein Auskommen zu fin- 
den. Es gibt z.B. immer mehr 
illegale Taxifahrer. Irgendwann 
kommt der Tag, an dem die 
Nicaraguanerlnnen anfangen, 
sich um Arbeit zu prügeln. Die 
Arbeiterinnen in den Maquilas 
lauern den Kolleginnen, die 



Interview mit Sandra 
Ramas und Ligia Orozco 
vom Movimiento de 
Mujeres Trabajadoras y 
Desempleadas „Maria 
Elena Cuadra ", Nicaragua 




Die Situation auf dem Arbeitsmarkt zwingt immer mehr Männer, typische 

Frauenarbeitsplätze anzunehmen. 



zu schnell arbeiten, vor dem 
Werkstor auf und verprügeln 
sie. Der Betreiber würde ein 
schnelleres Arbeitstempo 
sofort zum Anlaß nehmen, um 



kredite vergeben. Frauen, die 
dem Arbeitstempo nicht mehr 
gewachsen sind, können als 
Alternative zum Arbeitsplatz in 
der Maquila ein eigenes klei- 



um die Frauen für ihre Rechte 
zu sensibilisieren. Auch 
haben wir in bereits fünf 
Maquilas regelmäßige Ge- 
spräche mit den Maquila- 
betreibern initiiert. Diese 
„Runden Tische" sollen noch 
in weiteren fünf Unternehmen 
eingerichtet werden. Unser 
Ziel ist es, dies in allen 18 
Maquilas durchzusetzen. 
Parallel dazu sind wir in Ver- 
handlungen mit dem Arbeits- 
minister, zur Durchsetzung 
von Arbeitsstandards (Codigo 
de Etica). Dies soll es uns 
erstmals ermöglichen, Ver- 
stöße gegen diese Arbeits- 
standards zur Anzeige zu 
bringen. Jedoch hat dies nur 
Sinn, wenn wir auf eine politi- 
sche Basis zurückgreifen kön- 
nen. Wir brauchen die staatli- 



offen auf Konfrontation gehen. 
Die Menschen hier haben ein 
solches Vorgehen satt. Wir 
konzentrieren uns auf be- 
stimmte Punkte und machen 
konstruktive Vorschläge. Aber 
natürlich müssen wir auch auf 
das Schlimmste gefaßt sein: 
daß man uns einfach auf die 
Straße wirft. 









Kann die Arbeit in den 
Maquilas für die Frauen auch 
mehr Selbstbewußtsein, mehr 
Selbstbestimmung bedeuten? 

Die Stärkung des Selbstbe- 
wußtseins wird vor allem 
durch finanzielle Unabhängig- 
keit erreicht. Für die Frauen 
bedeutet die Arbeit in den 
Maquilas, daß sie über ihren 
Wochenlohn unabhängig ent- 



die Arztrechnungen für die 
Kinder, die Schule usw. be- 
zahlt werden. Und dann soll 
noch was übrigbleiben, damit 
er sich ein paar Schnäpse lei- 
sten kann. Natürlich wäre es 
ideal, wenn mit beider Gehalt 
der Alltag der Familie bestrit- 
ten würde. Aber gleichzeitig 
bedeutet auch eine nur ge- 
ringfügige finanzielle Unter- 
stützung seitens des Mannes 
eine verstärkte Unterordnung 
der Frau. Der Kampf, daß die 
Männer mehr Verantwortung 
gegenüber der Familie tragen 
sollen, muß deshalb sehr 
geschickt geführt werden. 
Aber es gibt auch Erfolge. 
Früher hieß es, Hausarbeit ist 
nichts für Männer, wir sind 
doch keine Tunten, keine 
Schwulen. Inzwischen sieht 



10 



die Produktionsnorm zu er- 
höhen. Manche Frauen kön- 
nen diese Norm nicht mehr 
erfüllen. Für Frauen mit fünf 

* 

oder sogar sieben Kindern 
kann eine Entlassung aber 
bedeuten, daß sie ihre Kinder 
zum Betteln schicken müs- 
sen. Am meisten bekümmert 
uns aber, daß immer mehr 
Menschen nach dem Motto 
verfahren „Rette sich wer 
kann". Bewußtseinsarbeit 
muß verstärkt geleistet wer- 
den, so daß sich der einzelne 
nicht mehr als einsame Insel 
versteht. 



Wie sieht die konkrete Arbeit 
der Gruppe „Maria Elena 
Cuadra " mit den Arbeiterinnen 
in den Maquilas aus? 

Unser Schwerpunkt liegt in 
der Aufklärung der Frauen 
über ihre Arbeitsrechte und 
über die geschlechtsspezifi- 
schen Komponenten ihrer 
Situation. Zusätzlich werden 
für die Maquila-Arbeiterinnen 
alternative Sozialprojekte ent- 
wickelt. Es werden Klein- 



nes Geschäft eröffnen. Oder 
aber die Arbeiterinnen können 
zusätzlich zu ihrem Gehalt 
noch etwas dazu verdienen. 
Sie bitten um Kredite, damit 
sie vor dem Werkstor heißen 
Kaffee oder Kuchen und 
Tortillas verkaufen können. 
Diese Zeit muß dann natürlich 
noch irgendwie abgeknapst 
werden. Dies klingt für Außen- 
stehende oft ziemlich ver- 
rückt, aber für uns hier in die- 
sem Land bedeutet das eine 
Lebensnotwendigkeit. 

Ihr sucht zusammen mit den 
Frauen nach Alternativen, die 
außerhalb der Maquilas lie- 
gen? 

Wir suchen nach Alternativen 
innerhalb und außerhalb der 
Maquilas. Es ist nicht so, daß 
wir die Frauen dazu bewegen 
wollen, nicht mehr in den 
Maquilas zu arbeiten. Die 
Maquila ist der sicherste 
Arbeitsplatz. Zusätzlich zu 
dieser materiellen Unter- 
stützung betreiben wir jedoch 
vor allem Aufklärungsarbeit, 



chen Institutionen, um Aus- 
wege aufzeigen zu können. 
Bei unserer Gruppe handelt 
es sich jedoch um keine ge- 
werkschaftliche Gruppierung. 
Für uns ist das von Vorteil. 
Die Unternehmer sehen in 
uns nur eine zufällige An- 
sammlung von Frauen. 
Defensive, einfache Frauen, 
die Sorgen haben, denen 
geholfen werden muß. Diese 
Einschätzung erlaubt es uns, 
in den Maquilas zu arbeiten. 
Wir sind jedoch eine Gruppe, 
die man ernst nehmen muß, 
gleichzustellen mit den Ge- 
werkschaften, und wir verlan- 
gen, daß die Rechte der 
Frauen akzeptiert werden. Wir 
arbeiten nicht in klandestinen 
Zirkeln (1), sondern wir wollen 
offen nach außen auftreten. 
Aber wir machen unsere 
Unterstützung der Frauen 
auch nicht vom good will der 
Unternehmer abhängig. 
Trotzdem ist unsere stärkste 
Waffe in den Verhandlungen, 
daß wir keiner Partei ange- 
hören. Und unsere zweite tak- 
tische Waffe ist, daß wir nicht 



scheiden können. Es bedeu- 
tet aber auch schlicht, daß 
ihre Kinder überleben können. 



Sind Frauen, die mit ihrem 
Ehemann oder ihrem Partner 
leben, gezwungen, ihr Gehalt 
an die Männer abzugeben? 

Nein, in der Regel verfügen 
die Frauen selbst über ihr Ein 
kommen. Dadurch verschaf- 
fen sie sich natürlich einen 
um einiges größeren Frei- 
raum. Sie spielen plötzlich 
eine wichtige Rolle. Das trägt 
natürlich auch zu mehr Zu- 
friedenheit mit sich selbst bei. 

Bedeutet dies, daß Frauen in 
Nicaragua über eine relativ 
große ökonomische Unab- 
hängigkeit verfügen? 

Ja, jedoch bedeutet diese 
Unabhängigkeit eine gleich- 
zeitige Benachteiligung der 
Frau. Der Mann zeigt oft kein- 
erlei Verantwortung für die 
Familie. Er gibt vielleicht ein 
paar Pesos ab und erwartet 
dann, daß damit Licht, Strom, 



man auf den Märkten mehr 
Männer als Frauen, die ihre 
Waren anbieten. Für die 
Männer wird es ebenfalls 
immer schwieriger, einen 
fesen Arbeitsplatz zu finden. 
Und deswegen heißt es auch 
für die Männer, jede Arbeit, 
die sich bietet, zu akzeptie- 
ren. Auch in den Maquilas 
gibt es inzwischen Männer, 
die an den Nähmaschinen sit- 
zen. Aber das hat natürlich 
wenig mit einem bewußten 
Umdenkungsprozeß zu tun. 

Ich möchte noch einmal zur 
Arbeit Eurer Organisation 
zurückkehren. Gibt es eine 
internationale Zusammenarbeit 
zwischen dem Movimiento 
„Maria Elena Cuadra" und 
ausländischen Gewerk- 
schaften? 



Wir haben internationale 
Kontakte nicht nur zu anderen 
Frauengruppen, sondern 
auch zu Gewerkschaften, vor 
allem aus den USA und aus 
Kanada. Im Falle Kanadas 
handelt es sich sowohl um 









Das Movimiento de Mujeres Trabajadoras y Desempleadas „Maria Elena Cuadra" ist eine autonome 
Frauenorganisation, deren Mitglieder mehrheitlich aus dem Gewerkschaftsverband CST (sandinistischer 
Gewerkschaftsverband) kommen. Schwerpunkt ist der Kampf gegen die Diskriminierung von Frauen am 
Arbeitsplatz, zuhause und in der Gewerkschaft. Die Gruppe arbeitet auch zu den Themen Gesundheit, 
Menschenrechte und Technik, Geschlecht und Entwicklung. Schwerwiegende Arbeitsrechtsverletzungen und die 
Unterdrückung gewerkschaftlicher Aktivitäten in den „Freien Produktionszonen" veranlaßten die Organisation, 
sich für die Belange der Maquila-Frauen einzusetzen. 



einen inhaltlichen Austausch 
als auch um eine finanzielle 
Unterstützung. Sie finanzieren 

viele unserer Projekte. 

Bringt diese Zusammenarbeit 
nicht auch Probleme mit sich? 
Die Gewerkschaften in den 
USA verfolgen nicht selten 
eine sehr protektionistische 



Wirtschaftspolitik, die im 
Widerspruch steht zu den 
Interessen der nicaraguani- 
sehen Arbeiterinnen. 






Sicher, aber der ständige Aus- 
tausch mit diesen Gruppen 
ermöglicht es uns, solche 
Fragen zu diskutieren. Dies ist 
ein Teil unserer Arbeit. Wir 
müssen darüber aufklären, 
warum viele Menschen in der 
„Dritten Welt" die Nieder- 
lassung von Maquilas unter- 
stützen. Die Billiglöhne bei 
uns sind auch das Resultat 
einer neoliberalen Wirtschafts- 
politik. 

Eure Organisation hat ein sehr 
angespanntes Verhältnis zu 
den nicaraguanischen Ge- 
werkschaften. Ist das nicht ein 
Hindernis für die Zusammen- 
arbeit mit ausländischen 
Gewerkschaften? 

Für uns ist das Wichtigste 
gegenseitiger Respekt. Wir 
sind keine Gegnerinnen der 
Gewerkschaft. Aber unsere 
Arbeit stellt die Probleme der 



Frauen in den Mittelpunkt. Wir 
wurden deshalb oft als ge- 
werkschaftsfeindlich diffa- 
miert. Wir kommen selbst aus 
der Gewerkschaftsbewegung. 

Aber dieser Streit konnte 
unsere Beziehungen, die wir 









zu ausländischen Gewerk- 
schaften haben, nie beeinflus- 
sen. 



Ihr habt letztes Jahr viele 
Gruppen in Deutschland be- 
sucht, die zum Thema Frei- 



handelszonen arbeiten. Wie 
bewertet ihr deren Arbeit? 
Was muß Eures Erachtens 
eine sinnvolle Solidaritäts- 
arbeit beinhalten? 

Für uns war diese Rundreise 



sehr wichtig. Wir konnten uns 
über die Arbeit zu den Frei- 
handelszonen in Mittelamerika 
und über die verschiedenen 
Kampagnen, z.B. „Für saube- 
re Kleidung" informieren. 
Diese Gespräche können 
auch für unsere eigenen Kam- 
pagnen eine große Hilfe sein. 
Es muß ein ständiger Aus- 
tausch gewährleistet sein. Für 
uns ist es sehr wichtig, neue 
Kräfte für den Kampf der 
Maquila-Arbeiterinnen zu ge- 
winnen. Wir müssen deshalb 
verstärkt unsere Forderungen 
an die Gruppen im Ausland 
weitergeben. 

(1) Die sandinistische Gewerkschaft 

tritt in den Maquilas nicht offen auf, 

sondern arbeitet klandestin. 



























Alles außerhalb dfes Dienstleistungskerns heißt 



ike-Schuhe gemacht 











are 























In den 60er Jahren arbeitet in Nike Inc., als Lehrbeauf- entwirft eine seiner Studen- 



Phil Knight, Gründer und 
Chef von Blue Ribbon 



t ragte r für Betriebswirt- 
schaftslehre an der Port- 



tinnen, Caroline Davidson, 
den „Swoosh". Sie be- 



Shoes, später umbenannt land State University. 1971 kommt 35 $, Phil Knight 



ein Logo, das zur Ikone für 
Hipness wird. Die Kehrseite 
dieser Hipness heisst Lean 
Production und Ausbeutung 



südostasiatischer 
Arbeiterinnen. 



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Unterstützt Immigrantinnen in der Textilin 



Über den Nike-Kosmos 
hinausgehen, heisst die 
Gleichzeitigkeit der Unter- 



schiede im Kapitalismus zu 
erfahren: auf der einen Seite 
der „Nike World Campus". in 
Oregon, Konzernzentrale und 
Firmenstadt, eine 296.000 qm 
grosse Park- und Büroanlage 
für „junge Kreative'*, mit flexi- 
bilisierten Arbeitszeiten, 
hohen Gehältern und einer 
zum Kult-Ort aufgewerteten 



Arbeitsstelle; auf der anderen 



Seite die Fabrikanlagen in 
südostasiatischen Staaten, in 
denen auf getrennten Produk- 
tionsstrassen, aber oft noch in 
derselben Halle, Nike-. Ree- 
bok- und adidas-Schuhe im 
brutalen Takt des peripheren 
Taylorismus hergestellt wer- 
den: 12-Stunden-Arbeitstage, 
erzwungene Überstunden, 
Niedriglöhne und zum Teil 
paramilitärische Betriebs- 
führungen. 



Nike präsentiert sich selbst 
als neokapitalistischer Mythos 
und erzählt immer neue Ver- 
sionen seiner Vom-Teller- 
wäscher-zum-Millionär- 
Gründungsgeschichte. Diese 
Geschichte kreist um das 



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ideologische Versprechen: 
„Jeder kann's schaffen", also 



„Just do it": Zwei junge Sport- 



ler, Phil Knight, Mittelstrecken- 
läufer, und Bill Bowerman, 
Leichathletik-Trainer, lernen 
sich 1957 an der Universität 
kennen. Ihre freie Zeit widmen 



sie der Frage, wie bessere 



Sohlen Läuferinnen schneller 
machen können. Die ersten 
Schuhe werden im Keller von 
Phil Knights Eltern und aus 



em Kofferraum seines 
Plymouth Valiant verkauft. 
Soweit der Tellerwäscher-Teil 
des Märchens. Der Millionär- 
Teil beginnt damit, dass Wirt- 



schaftswissenschaftler Knight 
1962 eine Forschungsarbeit 
darüber schreibt, wie mit der 
Auslagerung der Produktion 
nach Japan die adidas-Hege- 
monie auf dem US-Sport- 
schuhmarkt beendet werden 
kann. Noch im selben Jahr 
fährt Knight nach Japan und 
beginnt eine Zusammenarbeit 
mit dem japanischen Schuh- 
hersteller Onitsuka Tiger. 
Nike/ Blue Ribbon Shoes 
demonstrieren so schon An- 
fang der 60er Jahre, wie eine 
postfordistisch erneuerte 
Arbeitsteilung aussehen kann: 



Zum Konzern selber gehören 
nur die planerischen und 



kommunikativen Bereiche wie 
Entwurf, Design, Marketing, 
Vertrieb. Die Produktion wird 
an Vertragspartner abgege- 
ben und zwar in Ländern, in 



denen die jeweils besten Aus- 



beutungsbedingungen herr- 
schen. Dabei avanciert ein 
kleiner Teil der Arbeitskräfte 
zu einer Art „Dienstleistungs- 
aristokratie". Um diesen Teil 



verbreitet Nike den elitären 
Mythos einer subkulturellen 
Corporate Posse: 



bei Nike, die mit einem kurzen 
Nicken oder Lächeln am Chef 
vorbeigingen, trug Schlips 
und Anzug wie der Boss, und 



einige der Männer hatten für 



Firmenkonventionen lange 
Haare. Die Welt außerhalb 
des World Campus nennen 
Nike-Angestellte die Bio- 



sphäre' oder auch 'die reale 
Weif. Außerhalb des 'Schutz- 
walls' - so heisst der kurz 
gemähte Gras-Wall im Firmen- 
jargon, auf dem man zu jeder 



Tageszeit Läufer entlang jog- 
gen sehen kann, - liegt 
Amerika. Innerhalb des Walls 






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mand rauchen darf, in der die 
Firma den Angestellten eine 
Zulage zahlt, wenn sie mit 
Rad oder Inline-Skate zur 
Arbeit kommen und in der es 
okay ist, wenn man 'rüber 
zum Bo Jackson Fitness 
Center geht und zur Mittags- 
zeit zwei Stunden trainiert." 
Das Buch „Just do it. The 
Nike spirit in the corporate 
world" des US-amerikani- 
schen Journalisten Donald 
Katz reproduziert noch an sei- 



nen wenigen kritischen 
Stellen eine kultische Ver- 
ehrung für den Konzern. 



hen gleichzeitig neue Arbeits- 
plätze, zuerst vor allem in der 
Leichtindustrie. Diese ausge- 
lagerten „Niedriglohnproduk- 
tionen" eröffnen dem Kapital 
eine weitere, „nachholende" 
Phase frühkapitalistischer 

Auspressung. 




... 

■ 






■ 



jedoch nicht nur diese „An- 
gestelltenaristokratie" hervor; 
- auch wenn die übrig geblie- 
benen Mindestbelegschaften 
den Stoff hergeben, mit dem 
die neuen Arbeitsverhältnisse 
als fröhliches Viel-Arbeiten in 
kreativen Teams angepriesen 
werden. Ein grösserer Teil der 
Arbeitskräfte wird in den indu- 
strialisierten Staaten in sog. 
„prekäre Arbeitsverhältnisse" 
und Arbeitslosigkeit entlas- 
sen. In den sog. „Schwellen- 
ländern" des Trikonts entste- 



Nike besass nie mehr als zwei 
eigene Fabrikanlagen in den 



USA, und zwar in Exeter/ New 
Hampshire und in Saco/ 
Maine. Beide sind inzwischen 
geschlossen, und die Produk- 
ion wird fast vollständig in 



Asien durchgeführt. In Zahlen 
ausgedrückt: Nike selbst be- 
schäftigt weltweit nur unge- 
fähr 5.300 Angestellte, wäh- 



rend in Asien über 200.000 



Leute in der Nike-Produktion 
arbeiten. Damit umgeht der 
Konzern den fordistischen Typ 
der Fabrik und vergibt seine 
Aufträge an Vertragspartner in 
Ländern, die frühkapitalisti- 
sche Lohn-Profit-Spannen 
erlauben. „Wettlauf nach 
unten" heisst diese Verfah- 
rensweise: immer weiter Fort- 
schreiten zu billigen Lohn- 
kosten und ungesicherten 
Arbeitsverhältnissen im Süden 
und Osten. Als im April dieses 



Jahres in Indonesien der 
Mindestlohn um 20 Cent auf $ 



2.45 am Tag angehoben 
wurde, reagierte Nike- 
Sprecher Jim Small mit dem 

Statement: Indonesien 

könnte einen Punkt erreichen, 



an dem es sich einfach aus 
dem Markt heraus verteuert". 



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Nikes „Wettlauf nach unten" 



setzte in den 70er Jahren ein. 



Die Firma suchte sich ausser- 
halb von Japan weitere Ver- 
tragspartner in den sog. asia- 
tischen Tigerstaaten Süd- 



korea, Taiwan, Hongkong und 



Singapur. 1980 wurden noch 
90% der Nikes in Südkorea 
und Taiwan produziert. Seit- 
dem dort die Löhne steigen 
und die Arbeitskämpfe zuneh- 
men, läßt Nike in der „zweiten 
Generation der Tigerstaaten" 
produzieren, in Malaysia, 
Thailand, Indonesien, den 
Philipinnen. Seit Anfang der 
90er ist die Karawane weiter- 
gezogen - in die „Wirtschafts- 
sonderzonen" der süd- und 
ostchinesischen Küstenregion 
und nach Vietnam. Periphere 
Taylorisierung und Niedrig- 
löhne sind damit in den (ehe- 
mals) realsozialistischen 



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Staaten Südostasiens ange- 
kommen. So vermischen sich 
in China inzwischen die 



Interessen eines autoritären 



und bürokratischen Staats- 
Sozialismus mit den Interes- 
sen des Kapitals, Lohnkosten 



zu produzieren, in dem ge- 
werkschaftliches Streik- und 
Koalitionsrecht nicht existiert. 
1996 kamen 34% der Nike- 



Produktion aus China, 36% 



aus Indonesien, 12 % aus 
Südkorea, 10 % aus Thailand, 
5 % aus Taiwan und 2% aus 
Vietnam. Der unsichtbar ge- 



machte Subtext der Nike- 



Millionärs-Geschichte ist die 
Ausbeutungs-Geschichte in 
Südostasien. 



Bei der Analyse dieses Kon- 
zerns geht es nicht darum, 
den Verlust „nationaler Ar- 
beitsplätze" in den Industrie- 
staaten, hier: in den USA, zu 
bedauern, sondern die ausdif- 
ferenzierten, sich immer wei- 
ter internationalisierenden 
Mechaniken der Ausbeutung 
zu studieren, - und die For- 
men bekannt zu machen, mit 
denen Arbeiterinnen sich 
gegen schlechte Produktions- 



bedingungen wehren. Die 
„Made in the USA"-Kampagne 
von 1992 ist jedoch ein Bei- 
spiel, wie Anti-Nike-Kampag- 
nen in nationale „Die Arbeits- 
plätze gehören uns"-Rhetori- 

ken verfallen. Kurz vor der 

Präsidentschaftswahl 1992 



starteten Gewerkschaften und 



US-Textilhersteller eine Kam- 
pagne unter dem Slogan 
„Just do it and bring Jobs 
back to the United States". 



Auf ihrer Massenpostsendung 



Knight, Spike Lee, Michael 
Jordan, and Bo Jackson are 
millionaires thanks to thou- 
sands of Americans who lost 
their Jobs". Vier Jahre später 
zeigt Pat Buchanan, Präsi- 
dentschaftskandidat und 
Rechtsaussen der Republi- 



kaner, noch einmal, was 



Kapitalismuskritik von rechts 
ist: Im Wahlkampf 1996 pole- 
misiert er gegen Freihandel 
und Deregulierung der Welt- 
wirtschaft, gegen NAFTA und 
die World Trade Organization 
(WTO) und fordert den Pro- 
tektionismus des nationalen 
Marktes. Das alles ist einge- 
bettet in seine rassistische 
Politik gegen Immigration, die 






14 







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auf das Ressentiment von 
kleinen Geschäftsleuten und 



Arbeiterinnen in unsicheren 



Beschäftigungsverhältniss 



spekuliert. 



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Nike ist nur ein Modell: Bei- 
spiel für ein Unternehmen, 



das immer schneller versucht, 



nationale Unterschiede bei 
Lohnkosten, sozialen Rechten 
und gewerkschaftlicher Or- 
ganisierung auszunutzen. 
Auch für den spektakulären 
Wiederaufstieg von adidas 



waren neben neuen 
Marketingstrategien und der 
Renaissance von Sportbe- 
kleidung als Street- und Club- 
wear vor allem die Schlies- 



sung von Produktionsbe- 
trieben in Europa und die Ver- 
lagerung von 60-70% nach 
Asien ausschlaggebend. Vor 
allem in den USA kann man 



eine doppelte Dynamik beob- 
achten: Die Textil-Massen- 
produktion wurde durchtech- 
nologisiert oder ausgelagert; 
gleichzeitig tauchte sie aber 
als sog. „informelle Arbeit" in 
Sweatshops. Hinterhof-Näh- 
stuben und als Heimarbeit im 
Land selber wieder auf. In die- 
sem informellen Sektor der 
Produktion, d.h jenseits aller 
arbeits- und tarifrechtlichen 
Regelungen, arbeiten vor 

allem Frauen, meist Immigran- 
tinnen. 



Seltsam zynische Effekte ent- 
stehen, wenn die unterschied- 



lichen Dynamiken des Kapi- 
talismus zusammengebracht 



werden, das Sichtbare mit 



dem Unsichtbaren, das spät- 
kapitalistische Hipness-Image 
von Nike mit den Ausbeu- 
tungspraktiken. Cicih 



Sukaesih, eine indonesische 



Arbeiterin, die nach einem 
Streik in einer Nike-Produk- 
tionsanlage entlassen wurde, 
sagte der Zeitung „Solidarity", 
sie habe immer gedacht, mit 



dem Nike-Spruch „Just do it!" 



sei so etwas angesprochen 
wie „Halt's Maul und arbeite!", 
bis sie eines Tages die Nike- 
Werbung sah: „Just do it! 



There's really no time to be 
afraid. So stop. Try something 
you've never tried. Risk it. 
Demand a raise." („Fordere 
eine Gehaltserhöhung.") Ein 
anderes Beispiel ist der para- 
militärische Firmen-Mythos 
der EKlNs (Nike rückwärts), 
den die Firma erfunden und in 
Umlauf gebracht hat. EKlNs 
sind die Aussendienstmit- 
arbeiterlnnen von Nike, also 
banale Vertreter, die Kauf- 
häuser über neue Nike-Pro- 
dukte informieren. Mit den 
EKlNs führt Nike eine Art von 
kapitalistischer Tribalismus- 
Show auf: Fit, durchtrainiert, 
fast alle mit einem „Swoosh"- 
Tattoo auf der Wade sollen die 
EKlNs den 9-Milliarden-Dollar- 
Jahresumsatz-Konzem mit 
dem Image individueller, „per- 
sönlicher" Beratung und 

kämpferischen Aussenseiter- 









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tums ausstatten. Das Motto in 



einem Ausbildungsvideo lau- 



tet: „Zieh los als sei Krieg." 
Während die Nike-Ange- 
stellten schon mal „young sol- 
diers" genannt werden, wen- 



den einige südostasiatische 



Vertragspartner von Nike das 
Militärische im Wortsinne an: 
Die US-amerikanische NGO 
(Nichtregierungsorganisation) 
„Vietnam Labor Watch" (VLW) 



fordert u.a., dass die quasi- 
militärischen Methoden in der 
Produktion abgeschafft wer- 
den. Arbeiterinnen werden 
geschlagen, müssen „zur 



Strafe" in der Sonne stehen, 
Kloputzen oder mit erhobenen 
Händen über den Boden krie- 
chen. 



Im März dieses Jahres be- 
suchten Mitarbeiterinnen von 
VLW vier der fünf Fabriken in 
Vietnam, in denen seit 1995 
Nike-Artikel produziert wer- 
den. 90 Prozent der Herstell- 
ung wird von Frauen ge- 
macht. Die meisten kommen 
vom Land und sind zwischen 
15 und 28 Jahren alt. Sie be- 
kommen durchschnittlich 20 
Cent in der Stunde. 
Textilarbeit ist klassische 
Frauenarbeit. Hier verstärken 
sich ökonomische und ge- 
schlechtliche Ausbeutung 
gegenseitig. Schwerpunkt des 
Besuchs von Vietnam Labor 
Watch war die Fabrik Sam 
Yang in Ho Chi Minh-Stadt, 
die einem südkoreanischen 



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New York City 1994. Demonstration der Chinese 

Staff and Workers Association, pro-gewerk- 

schaftliche Immigrantinnen-Organisation 



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Hersteller gehört: Der Ein- 
stiegslohn für das erste 
Vierteljahr beträgt $ 37 im 



Monat und liegt damit unter 
dem gesetzlich festgeschrie- 
benen vietnamesischen 
Mindestlohn von $ 45. Auch 
später reicht der Lohn oft 
nicht für Essen und Miete. In 
den Interviews erzählen 
Arbeiterinnen, dass sie fast 
alle von ihren Familien unter- 
stützt werden. Die Firmen- . 



leitungen legen die täglichen 
Arbeitsquoten so unrealistisch 
hoch, dass fast täglich Über- 
stunden anfallen. 60-Stunden- 
Wochen sind normal. 500 
Überstunden im Jahr der 



Durchschnitt. Das gesetzliche 
Höchstmass in Vietnam liegt 
bei 200. Die Gesundheits- 
und Sicherheitsstandards sind 
schlecht. Viele der 6.000 
Arbeiterinnen sprechen von 
Müdigkeit, Kopfschmerzen 
und Gewichtsverlust, seit sie 
bei Sam Yang arbeiten. Es 
kommt immer wieder vor, 
dass Frauen am Fliessband 
zusammenbrechen, weil sie 
erschöpft sind, die Hitze so 
gross ist und ein starker 
Geruch von Klebstoff und 
Farbe in der Luft liegt. Das 
Gesundheitsamt in Ho Chi 
Minh-Stadt hat in einem Be- 
richt darauf hingewiesen, 
dass bei Sam Yang der ge- 
setzlich zugelassene Lärm- 



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pegel und die erlaubte Kon- 
zentration von Toluol in der 
Luft überschritten wird. Die 
Betriebsführung ist autoritär 



und z.T. paramilitärisch. Die 



Arbeiterinnen dürfen nur ein- 
mal pro Schicht zur Toilette, 
und nur zweimal Wasser trin- 
ken. Immer wieder kommt es 
zu sexuellen Belästigungen 
durch Vorarbeiter und kollekti 



ven Bestrafungen von Arbei- 
terinnen. Doch auch der Aus- 
einandersetzungslevel in der 
vietnamesischen Nike-Pro- 
duktion ist recht hoch. Im 
März 1996 streikten 970 Ar- 
beiterinnen bei Sam Yang, 
nachdem ein Vorgesetzter 
mehrere Arbeiterinnen ge- 



schlagen hatte. Nach einem 
weiteren Streik im Oktober 96 
feuerte Sam Yang alle 
Technikerinnen und eine 













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Reihe weiterer Arbeiterinnen, 
stellte sie aber, unter Druck 
gesetzt, später wieder ein. Im 
März 97 traten knapp 300 Ar- 



beiterinnen bei Sam Yang in 
einen Bummelstreik. Die 
Arbeitskämpfe entzünden sich 
meist an willkürlichen Entlass- 
ungen, „Bestrafungen", er- 



zwungenen Überstunden und 
niedrigen Löhnen. 









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Vietnam Labor Watch ist Teil 
einer NGO-Kampagne, die 



eine unabhängige Kontrolle 
der Arbeitsbedingungen im 
Trikont, die Abschaffung der 
Sweatshops und die Einhal- 
tung der ILO-Arbeitsrechts- 

Standards fordert. Diese Kam- 
pagne ist in den USA (No 
Sweat) und in den Nieder- 
landen (Clean Clothes Cam- 
paign) ins Leben gerufen wor- 



den. Sie setzt auf Informa- 
tionspolitik und Imagebe- 
schmutzung. Die Konzerne 
sollen mit sog. „kritischem 
Konsum" unter Druck gesetzt 
werden. Weit über das bishe- 
rige Maß alternativen Ein- 
kaufens hinaus, bei dem 
Leute als Ausdruck ihrer „Soli- 
Haltung" zu den Befreiungs- 
bewegungen im Trikont Nica- 
Kaffee und Teekampagnen- 
Tee kauften, soll nun eine 
grosse Nachfrage nach sog. 
„fair produzierten Produkten" 
zu einem entsprechenden 
Angebot führen. Die Textil- 
Riesen der Industriestaaten 
wie The Gap, C&A, Levi- 



Strauss, Quelle usw. sollen 
darauf verpflichtet werden, 
bestimmte Arbeitsrechts- 
standards in einem Code of 
Conduct festzuschreiben und 

einzuhalten. Die Konsumen- 
tinnen sollen ihre „saubere 
Kleidung" im Kaufhaus an 
einem Etikett erkennen. 
Dieses „Social Labeling" wird 



inzwischen von < 

nationalen Arbeitsorganisation 








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Michael Jordan für Nike, Nike für America 's Youth 






unterstützt. Auf der diesjähn- 



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Generaldirektor Hansenne 
vor, die bisher weitgehend 
wirkungslose Politik der ILO- 



Interventionen durch ein wei- 
ches, marktkonformes Mittel 
zu ergänzen. Damit sollen 
„faire Produktionsbedingun- 
gen" selbst eine Ware darstel- 
len, für die Nachfrage besteht. 
Die diffuse politische Position 
der Kampagne lautet: Wir wol- 
len mehr oder minder „an- 
ständige" Arbeitsbedingungen 



auf der ganzen Welt. Ohne es 
zu wollen, verrät der US-ame- 
rikanische Kulturtheoretiker 
Andrew Ross, der sich für die 



No Sweat-Kampagne der 
Textilgewerkschaft UNITE ein- 
setzt, die Implikationen von 
politisch korrektem Konsum- 
bewusstsein: „Durch die 
Rückkehr der Sweatshops (..) 
wird der Anspruch der ent- 
wickelten Nationen auf ihre 
moralische Überlegenheit in 



Einschnitt in den sozialen 



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Vertrag (..) hat ein solches 



Entsetzen ausgelöst wie die 
Berichte darüber, (..) dass 
Kleidung, die in Familienkauf- 
häusern wie J.C. Pennex, 



Sears, Wal-Mart und Kmart 



verkauft wird, von Müttern 
und ihren minderjährigen 
Töchtern unter unmensch- 
lichen Arbeitsbedingungen 



genäht wurde. Wenn der 



Abscheu der Konsumen- 
ten gegen Produkte, die 
in Sklavenarbeit herge- 
stellt wurden, das Kauf- 
verhalten beeinflusst, ' 
bricht dieses System zu- 
sammen." 



Die Clean Clothes Cam- ' 



paign (CCC) will das 
„Exzessive" des Kapi- 
talismus, das „unmäßig 
Ausbeutende" beseitigen / 



und übersieht dabei, 



dass der Exzess We- 
sensmerkmal kapitalisti- 
scher Verhältnisse ist. 
Die Vorstellung eines ■ 



dauerhaft „gezähmten" 



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und „vernünftigen" Kapitalis- 
mus ist ein bürgerliches Mär- 
chen, das mit der Theorie der 
Zivilgesellschaft und den 
Praktiken der NGOs wieder 
Auftrieb bekommt. Aus die- 



sem Grund findet man in den 
Broschüren der Clean Clothes 
Campaign an erster Stelle 
eine Kritik an den „über- 
triebenen Verrücktheiten" des 



Systems. Ins Visier der Kam- 

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pagne gerät damit ein Sport- 
ler wie Michael Jordan, dem 
Nike Millionen-Beträge für 
Werbeverträge gezahlt. In fast 
jeder Broschüre stehen Sätzi 
wie dieser: „Würde Nike das 
Budget für Werbung und 
Promotion nur um 3,5 % sen- 
ken, könnte die Firma das 



Gehalt aller Arbeiterinnen in 



den Nike-Schuhe produzie- 
renden Unternehmen in China 
und Indonesien verdoppeln." 
(Agir Ici, Sportschuhkam- 
pagne. Frankreich). 





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Die CCC hat sich seltsam 
intensiv in die Verhältnisse 
verwickelt, die sie kritisieren 
will. In der letzten Zeit ist einer 
Reihe von Konzernen die 
Corporate Identity nach innen 
und das Image nach aussen 
immer wichtiger geworden. 



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Nike hat von 1985 bis 1993 j 
sein Werbevolumen von 20 I 
auf über 150 Millionen Dollar j 
jährlich angehoben. Darunter 
waren Kampagnen wie j 

N.E.A.T. = Nike Environmen- 
tal Action Team oder P.L.A.Y. 
= Participate in the Lives of 
America's Youth. Die CCC 
koppelt an diese Imagepro- 
duktionen an. Politik reduziert 



sich auf den kritischen Dialog 



mit Unternehmen und den 
symbolischen Angriff auf ihr 
Image. Die Unterschiede, die 
zwischen der Situation einer 
Arbeiterin in einem Sweat- 
shop in L.A., in einer Fabrik- 



anlage in El Salvador, einer 
Näh-Fabrik in der ehemaligen 
DDR oder der Sportschuhfer- 
tigung in Vietnam existieren, 
verschwinden damit tenden- 
ziell in einer One World des 
Shopping und der Global 
Players. Zentrum der politi- 
schen Auseinandersetzung 



wird ein Markenname und 
sein Ruf. Nike versucht, auf 
dieses „Einkaufen für eine 
bessere Welt" taktisch einzu- 



Imageproduktionen zu inte- 
grieren. Im September dieses 
Jahres kündigte der Konzern 
seine Verträge mit vier Unter- 



nehmen in Indo- 



nesien, angeblich 
weil sie Nikes An- 
Sprüche an faire Ar- 
I beitsbedingungen 
nicht erfüllten. Es 



liegt jedoch auf der 
Hand, dass es Nike 
nach China zieht, wo 
die Lohnkosten nied- 



riger sind. So ver- 
sucht das Unter- 
nehmen, sein Lohn- 
' dumping als Akt des 




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Amsterdam. Konsument liest Clean ClotheslFlugblatt 



duktion umzudeuten. 
„Reich, aber sauber" 
wird zur Marketing- 
strategie. A 





















16 




nterview mit Arno Klönne über den Zustand der Gewerkschaften 



Die marktradikalen Ver- 
schiebungen ziehen auch 
die Gewerkschaften in 
ihren Sog. Sozialdemon- 
tage, Ausverkauf der öff- 
entlichen Sektoren und 
lebensweltliche Entsolidari- 
sierungsprozesse engen 
traditionelle gewerkschaftli- 
che Handlungsfelder stark 
ein. Dem bisherigen, auf 
ein gewisses Maß an 
„ Sozial harmonie " hin ange- 
legten, westdeutschen 
Modell einer rechtlich-insti- 
tutionalisierten Konflikt- 
austragung zwischen 
Kapital und Lohnarbeit wird 
Schritt für Schritt der 
Boden entzogen. Bei all 
dem hat es den Anschein, 
als hätten die Gewerk- 



sen werden. Das Ende letz- 
ten Jahres - nach langwie- 
riger Debatte - verabschie- 
dete DGB-Grundsatz- 
programm verbleibt im 
Formelhaften, und die gera- 
de beschlossene Re- 
Organisierung zeugt haupt- 
sächlich von der allgemei- 
nen Unsicherheit im 
Apparat. Es werden aber 
auch andere, scharfe Töne 
laut. Gewerkschaftsfunk- 
tionäre, die der Ideologie 
der Verteilungskonflikte um 
nationale Positionsgewinne 
folgen, wenden sich nach 
rechts und denken - 
manchmal öffentlich - über 
Ausgrenzungspraktiken 
nach: Die kostbare 
Nationalressource Arbeit 



schatten den Charakter die- soll so erst einmal einer - 



ser Entwicklung in seiner 
Dramatik bisher nicht wirk- 
lich wahrgenommen. Sie 
reagieren eher orientie- 
rungslos oder lassen sich Gewerkschaften als vater- 



nach Herkunft und/oder 
Geschlecht neu zu bestim- 
mende Klientel - überlas- 
sen bleiben. 






auf Rückzugsgefechte ein. 
Die Preisgabe hart er- 
kämpfter sozialer Stand- 
ards gehört ebenso dazu, 
wie bereitwillige Kom- 
promißvorschläge 
(„Bündnis für Arbeit"), die 
von der Arbeitgeberseite, 
die ihre frühere Kon- 
zessionsbereitschaft nicht 
mehr nötig hat, zumeist 
einfach links liegengelas- 



ländische Mitkämpfer im 
weltweiten „Standort- 
Krieg"? Oder doch eine 
neue gesamtpolitische 
Perspektive ? Über Zustand 
und - wenn sie denn eine 
haben - Zukunft der Ge- 
werkschaften sprach die 
vierte hüte mit Arno Klönne, 
einem sehr guten Kenner 
gewerkschaftlicher Theorie 
und Praxis. 




Protestveranstaltung der Münchner Akkordarbeiter am 6. Mai 1968 



Die Gewerkschaften der 
Bundesrepublik waren ein 
integrierter Bestandteil des 
„ Rheinischen Kapitalismus ": 
Sie dienten sich als „Partner" 
an und schienen so die 
Garantie zu bieten für die 
sozalstaatliche Zähmung der 
kapitalistischen Dynamik. Jetzt 
verlieren ihre Organisationen 
an Mitgliedern und an Einfluß. 
Handelt es sich bei der Ge- 
werkschaft generell um ein 
auslaufendes Modell? 
Gegenwärtig ist nach meinem 
Eindruck die weitere Ent- 
Wicklung noch offen: Es kann 
sein, daß sich auch in der 
deutschen und dann europäi- 
schen Gesellschaft der Markt- 
radikalismus durchsetzt und 
die traditionelle, korporative 
Regulierung der wirtschaft- 
lich-sozialen Verhältnisse völ- 
lig an den Rand drängt. 
Möglich ist aber auch, daß die 
Bundesrepublik - und andere 
europäische Staaten - dem 



Verbandseinfluß, auch dem 
gewerkschaftlichen, weiterhin 
einigen Raum geben. Ge- 
werkschaftliches Co-Manage- 
ment als Standortvorteil auch 
für Kapitalinteressen - diese 
Option ist nicht auszu- 
schließen. In jedem Fall wer- 
den aber Grundlagen gewerk- 
schaftlicher Interessenver- 
tretung zunehmend unsicher. 
Viele der Voraussetzungen, 
unter denen die deutschen 
Gewerkschaften mit ihrer 
Mischung von Sozialpartner- 
schaft und Konfliktbereitschaft 
über einige Jahrzehnte hin 
ziemlich erfolgreich agierten, 
sind dahingeschwunden oder 
in Auflösung begriffen. 

Dem läßt sich aber entgegen- 
halten: Der Grundwiderspruch 
zwischen arbeitsorientierten 
und kapitalorientierten 
Interessen ist keineswegs ent- 
schärft - im Gegenteil: Er tritt 
im Kontext forcierter De- 



Arno Klönne, Jahrgang 1931, 
Professor für Sozialwissen- 
schaft an der Universität- 
Gesamthochschule Pader- 
born, hat bei Wolfgang 
Abendroth promoviert und ist 
Autor von Büchern über die 
Geschichte der Arbeiter- und 
Gewerkschaftsbewegung und 



über Nationalsozialismus/ 



Rechtsextremismus. In den 
60er Jahren einer der 
Sprecher der Ostermarsch- 
bewegung, Mitbegründer der 
Zeitschrift „links", langjährige 



Bildungsarbeit mit Betriebs- 
räten und gewerkschaftlichen 
Vertrauensleuten. 







regulierung und der soge- 
nannten Globalisierung wieder 
deutlicher hervor. Das müßte 
doch ein theoretisch-strategi- 
sches Umdenken und gewerk- 
schaftliche Organisierung 
befördern. 

Aus einer systemgebundenen 
gesellschaftlichen Konflikt- 
konstellation können höchst 
unterschiedliche Reaktionen 
hervorgehen, und die Unzu- 
friedenheit von Menschen, die 
abhängig arbeiten oder auf 
abhängige Arbeit angewiesen 
sind, mit ihrer Lage in der 
kapitalistischen Ökonomie 
führt nicht zwangsläufig zur 
Gewerkschaftsbewegung. 
Historisch betrachtet: Die 
Gewerkschaften sind groß 
geworden als Selbsthilfeor- 
ganisationen einer industriel- 




















len Arbeiterschaft, die ex- 
pandierte und sich ihrer Un- 
verzichtbarkeit für die wirt- 
schaftliche Entwicklung be- 
wußt wurde. Die unmittelbare 
Erfahrung gemeinsamer 
Interessen am Arbeitsplatz 
erleichterte den Zugang zum 
gewerkschaftlichen Verband. 
Alltägliche Gewöhnung an 
kollektive Verhaltensweisen 
auch außerhalb der Sphäre 
der Arbeit kam begünstigend 
hinzu, was nicht heißt, daß 
diese Kollektive idyllisch ge- 
wesen sind. Und die Gewerk- 
schaften waren eine Or- 
ganisationsform in einer viel- 
gestaltigen Bewegung, der es 
um die Existenz und die 
Rechte der Arbeiterschaft 
ging, lebensweltlich verknüpft 
mit politischen Parteien, Ge- 
nossenschaften, kulturellen 
Vereinen. Sozialistische, zum 
Teil auch sozialchristliche 
Ideen einer grundlegenden 
gesellschaftlichen Umge- 
staltung, für die Gewerk- 
schaften selbst nicht gerade 
typisch, vermittelten diesen 
einen „utopischen Stachel". 



Kommunistische oder anar- 
chosyndikalistische Arbeiter- 
organisationen setzten die 
eher reformerischen Gewerk- 
schaften unter Konkurrenz- 
druck. Von alledem ist kaum 
etwas übrig geblieben, was 
heißt: Die Gewerkschaften 
operieren heute in einem 
ganz anderen gesellschaftli- 
chen Umfeld als zu den 
Zeiten, in denen sich ihre 
Struktur herausbilden und 
festigen konnte. Entfallen ist 
ein weiterer, für den histori- 
schen Handlungsrahmen der 
Gewerkschaften wichtiger 
Faktor: Die staatssozialisti- 
schen System, solange ihr 
Desaster noch nicht so recht 
vorauszusehen war, verschaff- 
ten den Gewerkschaften in 
Westeuropa und in der (Alt-) 
Bundesrepublik einen Vorteil. 
Im Zeichen der „Systemkon- 
kurrenz" schienen Zugeständ- 
nisse an gewerkschaftlich- 
sozialstaatliche Forderungen 
geeignet, vor „östlichen" 
Versuchungen zu behüten. 






Man wird wohl kaum anneh- 












men können, daß demnächst 
irgendwo draußen in der Welt 
neue revolutionäre Experimen- 
te gemacht werden, um so 
den deutschen oder europäi- 
schen Gewerkschaften wieder 
mehr Spielraum für eine refor- 
mistische Politik zu verschaf- 
fen, und für die Chefs der 
DGB-Gewerkschaften wäre 
dies ja auch keine anheimeln- 
de Perspektive. Welche Kon- 
zepte verfolgen denn die 
Spitzen der Gewerkschafts- 
bürokratie zur Stärkung ge- 
werkschaftlicher Positionen? 
Die Organisationspolitik der 
deutschen Gewerkschaften ist 
zur Zeit durch den Gedanken 
der Fusion bestimmt, prak- 
tisch heißt das: Die großen 
Einzelgewerkschaften verlei- 
ben sich kleinere ein, und am 
Ende bleiben einige ganz 
große Organisationen übrig. 
So erhofften sich die Gewerk- 
schaftsvorstände mehr 
„Schlagkraft". Gleichzeitig ver- 
liert der Dachverband DGB 
gegenüber diesen großen 
Einzelgewerkschaften an poli- 
tischem Stellenwert, und er 
zieht sich aus der lokalen und 
regionalen Präsenz zurück. 
Gewerkschaftlich politisierend 
wirkt dies keineswegs. 
Organisationstechnische 
„Rationalisierung" innerhalb 
der Einzelgewerkschaften ver- 
ringert die Berührungspunkte 
zwischen den Hauptamtlichen 
und den Mitgliedern oder 
gewerkschaftlich Interes- 
sierten. Auch das wirkt entpo- 
litisierend. Um so mehr sind, 
wenn dieser Trend weiterläuft, 
die Gewerkschaften auf Ab- 
sprachen mit der Arbeit- 
geberseite angewiesen, auf 
tarifvertragliche, den Mit- 
gliedern vorzeigbare Resul- 
tate auf möglichst niedrigem 
Konfliktniveau. „Bündnisse für 
Arbeit" sollen in dieser Kon- 
sensstrategie der „Sozial- 



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partner" die Politiker einbezie- 
hen. Dabei geht es auch um 
Legitimation im folgenden 
Sinne: Wenn Gewerkschaften, 
Arbeitgeber und Regierungen 
gemeinsame Bemühungen 
um mehr Arbeitsplätze anstel- 
len, diese aber dennoch nicht 
Zustandekommen, dann han- 
delt es sich offenbar um 
„höhere Gewalt", etwa die der 
internationalen Konkurrenz, 
und der nationale Frieden 
bleibt gewahrt... 

So ordnen sich die Ge- 
werkschaften vollständig der 
herrschenden „Standort" - 
Logik unter und finden damit 
oftmals sogar Zustimmung bei 
den Belegschaften. Einzel- 
gewerkschaften, die erklärter- 
maßen „sozialpartnerschaftli- 
che " Politik machen - hier tut 
sich besonders die IG Chemie 
hervor - verweisen auf die 
Erfolge für ihre Mitglieder. Es 
gibt dort keinen Protest der 
Basis, die Vorstandspolitik 
wird durchweg akzeptiert. 
Gewerkschaftspolitik nur noch 
als Interessenvertretung einer 
Arbeitselite und der Stammbe- 
legschaften? 

Darin wird das Dilemma der 
zur Zeit vorherrschenden ge- 
werkschaftspolitischen 
Ideologie sichtbar. Diese gibt 
vor oder bildet sich ein, im 
Kompromiß mit den Arbeit- 
gebern den Wirtschaftsstand- 
ort Deutschland im Weltmarkt 
so fit machen zu können, daß 
sich für die deutsche Arbeit- 
nehmerschaft die heile Welt 
wiederherstellt - ansteigendes 
Lohnniveau, sichere Vollzeit- 
arbeit, solide soziale Ver- 
sorgung, am Ende gar wieder 
Vollbeschäftigung - mit dem 
nicht ausgesprochenen 
Hintergedanken, daß dies 
jedenfalls für männliche 
Arbeitnehmer und für Ein- 
heimische gelten soll. 



Bruno Köbele. Mitglied des Haupt- bzw. Bundesvorstandes der Gewerkschaft Bau-Steine- 
Erden (BSE) auf einem Lehrgang in Schwalbach. 1968 



Diese Erwartung ist voll von 
Illusionen. Der epochale 
Wandel in den Strukturen 
kapitalistischer Wirtschaft ist 
überhaupt nicht begriffen. Die 
räumlichen, zeitlichen und 
technischen Bedingungen 
von Kapitaleinsatz und Ka- 
pitalverwertung sind inzwi- 
schen in weiten Teilen der flo- 
rierenden wirtschaftlichen 
Sektoren so verändert, daß 
die Unternehmen an Inves- 
titionen mit massenhaftem 
Beschäftigungseffekt nicht 
mehr interessiert sind, und sie 
sind immer weniger auf große 
Stammbelegschaften mit 
einem „Normalarbeitsver- 
hältnis" angewiesen. 
Wirtschaftliches Wachstum 
verbindet sich auch einzelun- 
ternehmerisch mit dem Rück- 
gang der Arbeitsplätze. Mehr- 
wertschaffende Nutzung ab- 
hängiger Arbeit verliert an 
Stellenwert für die Gewinn- 
maximierung. Die Ausbreitung 
von Teilzeitarbeit, befristeter 
Arbeit, Werkvertragstätigkeit 
und Scheinselbständigkeit, 
also der Bedeutungsverlust 
von tarifvertraglich geregelten 
Vollzeitarbeitsverhältnissen, ist 
nicht konjunkturell bedingt, 
sondern Teil des Formen- 
wandels der kapitalistischen 
Ökonomie. Allerdings gibt es 
bestimmte Unternehmens- 
bereiche und Arbeitszusam- 






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menhänge, in denen „Normal- 
arbeitnehmer" weiterhin ihre 
Funktion haben, gewisser- 
maßen als „Arbeiteraristo- 
kratie". Gewerkschaften, die 
sich darauf konzentrieren, 
deren Interessen zu vertreten, 
können dies zeitweise mit 
Erfolg tun - die Frage ist nur, 
wie stabil diese Klientel ist 
und welchen zahlenmäßigen 
Umfang dann in Zukunft noch 
eine „Gewerkschaftsbasis" 
haben wird. 

Hinzu kommt, daß den Ge- 
werkschaften tendenziell die 
Partner auf der Kapitalseite 
abhanden kommen. Die 
Arbeitgeberverbände haben 
immer mehr Mühe, ihre Mit- 
glieder zusammenzuhalten. 
Die Verbandsstruktur ist auch 
hier in eine Erosion geraten. 
Betriebliche Vereinbarungen 
sind vielen Unternehmen weit- 
aus angenehmer als Tarif- 
verträge. Auch die formelle 
Aufgliederung von Unter- 
nehmen, die Ausgliederung 
von Teilen der Produktion 

oder Dienstleistung in schein- 
selbständige kleine Unter- 
nehmen entzieht den Gewerk- 
schaften den Boden. Den sel- 
ben Effekt hat die Privatisie- 
rung und Aufspaltung bisheri- 
ger öffentlicher Großbetriebe 



bis hin zur öffentlichen 
Verwaltung. 

Zwei Bastionen der traditio- 
nellen gewerkschaftlichen 
Organisierung, nämlich die 
industriellen Großunterneh- 
men und die öffentlichen 
Dienstleistungszentren, fallen 
auseinander. Und schließlich: 
Deregulierung, also der Rück- 
zug des Staates aus wirt- 
schaftlich-sozialen Gestal- 
tungsräumen, bedeutet auch 
den Wegfall mancher institu- 
tioneller Treffpunkte von Staat 
und Verbänden, mit denen 
gewerkschaftliche Tätigkeiten 
gerade in Deutschland bisher 
eng verknüpft waren. Die ge- 
werkschaftlichen Forderungen 
nach „Bündnissen für Arbeit" 
zielen auch darauf ab, den 
hier drohenden Verlust recht- 
zeitig zu kompensieren, nun- 
mehr in Gestalt „runder 
Tische" statt in rechtlich-admi- 
nistrativen Formen. 

* 

Solche national organisierten 
„partnerschaftlichen" 
Versuche müssen doch ins 
Leere laufen angesichts der 
multinationalen Konzerne und 
der europäischen Wirtschafts- 
integration? 

Gegenüber den weltweit agie- 
renden Konzernen ist ein ver- 




handlungsfähiger gewerk- 
schaftlicher Kontrahent nicht 
zu sehen. Hier kann es zu- 
nächst nur um die internatio- 
nale Zusammenarbeit von 
Betriebsräten innerhalb eines 
Konzerns gehen. Wie be- 
grenzt deren Einfluß bleibt, 
muß nicht eigens dargelegt 
werden. Immerhin sind in 
Einzelfällen international 
abgestimmte Protestaktionen, 
auf längere Sicht auch Streiks 
von Belegschaften bei den 
„Multis" möglich. 
Näher liegt zur Zeit die euro- 
päische Ebene. Es ist selbst- 
verständlich so, daß in einem 
integrierten Wirtschaftsraum, 
demnächst auch mit gemein- 
samer Währung, die Gewerk- 
schaften nicht national be- 
schränkt bleiben können. Nun 
haben die gewerkschaftlichen 
Organisationen in den Län- 
dern der Europäischen Union 
unterschiedliche Traditionen, 
Strukturen, Politikmuster, 
Einflußfelder. Diese Vielfalt 
läßt sich nicht durch Spitzen- 
gespräche vereinheitlichen, 
und eine bürokratische 
Zentralisation der Gewerk- 
schaften im Rahmen der EU 
wäre vermutlich eher das 
Ende der europäischen 
Gewerkschaftsgeschichte. 
Demgegenüber könnte eine 
längere, in Aktionen einge- 
bundene Suchbewegung 
nach neuen, nationale 
Grenzen durchbrechenden 
Formen von Betriebs- und 
Gewerkschaftsarbeit aus 
Sackgassen hinausführen. 
Dafür gibt es bescheidene 
Ansatzpunkte - immerhin. Die 
Öffnung des deutschen 
gewerkschaftlichen Denkens 
auf einen europäischen 
Horizont hin wird sich nach 
meiner Einschätzung produk- 
tiv auswirken, auch wenn in 
vielen anderen europäischen 
Ländern zur Zeit die Gewerk- 



schaften organisatorisch 
schwächer zu sein scheinen 
als in der Bundesrepublik. Es 
verändern sich die Maßstäbe 
für die Stärke von Gewerk- 
schaften. Gewerkschaftliche 
Konflikt- und Interventions- 
fähigkeit, auch ohne die 
deutschtraditionelle Vereins- 
meierei, wird im gewandelten 
Kapitalismus wichtiger sein 
als eine institutionalisierte Mit- 
bestimmung, die ihre Gegen- 
stände verliert. 

Das wird bei den Gewerk- 
schaftsbeamten, wie sie hier- 
zulande seit langem den Ton 
angeben, aber wenig Freude 
auslösen. 

Zweifellos. Aber die Gewerk- 
schaftsbürokratie als Abbild 
der Staatsverwaltung preu- 
ßischen Stils wird auch in 
Deutschland auf Dauer nicht 
mehr zu halten sein. Die jetzi- 
gen Organisationsreformen 
und Fusionen bei den Ge- 
werkschaften im DGB sind ein 
längerfristig untauglicher Ver- 
such, die Positionen gewohn- 
ter Hauptamtlichkeit zu retten. 
Angesichts des Wandels in 
der Wirtschafts- und Arbeits- 
verfassung empfiehlt es sich, 
an einen zukünftigen Gewerk- 
schaftsvorsitzenden als Teil- 
zeitbeschäftigten zu denken. 
Das muß den Gewerkschaften 
nicht schaden. 
Zur Zeit befinden sich die 
deutschen Gewerkschaften 
auf einem geordneten Rück- 
zug. Vernünftig wäre es, wenn 
sie den ungeordneten Vorstoß 
versuchen würden. Das setzt 
den Abschied von der struktu- 
rellen Verstaatlichung voraus, 
die lange Zeit hindurch die 
deutsche Gewerkschafts- 
organisation geprägt hat. Es 
gibt vielfältige Bedürfnisse 
und auch Ansätze einer orga- 
nisierten Selbsthilfe von 
Menschen, die der „Turbo- 




kapitalismus" in Bedrängnis 
bringt: Arbeitsloseninitiativen, 
Zusammenschlüsse von 
Teilzeitbeschäftigten, neuen 
Heimarbeiterinnen, Schein- 
selbständigen, Interessen- 
vertretungen im lokalen 
Konflikt um die Infrastruktur, 
auch genossenschaftliche 
Versuche. Die Gewerkschaf- 
ten haben, so meine ich, nur 
dann eine Zukunft, wenn sie 
sich als Teil eines Netzwerks 
verstehen, das kapitalistische 
Regeln durchbricht, und in 
dem sozialer Protest, alltägli- 
che Opposition, eigensinnige 
Vertretung von Interessen und 
materielle gegenseitige Unter- 
stützung ausprobiert werden 
können. In gewisser Weise 
muß der Weg, den die Ar- 
beiter- und Gewerkschaftsbe- 
wegung historisch gegangen 
ist, noch einmal neu begon- 
nen werden. Der „neue" 
Kapitalismus hat, auf einer 
höheren Stufe der techni- 























sehen und wirtschaftsstruktu- 
rellen Entwicklung, in sozialer 
Hinsicht viel Ähnlichkeiten mit 
dem Frühkapitalismus. Die 
Gegenwehr braucht Phantasie 
und Sinn für Experimente. Sie 
braucht übrigens auch ihre 
Gegenöffentlichkeit. 
Noch einmal zurück zu der 
Anfangsfrage: Ist die Gewerk- 
schaft ein Auslaufmodell? Da 
läßt sich resümieren: Selbst 
eine sozialpartnerschaftliche 
Politikrichtung der deutschen 
und europäischen Unterneh- 
menswirtschaft könnte die 
gewerkschaftlichen Organisa- 
tionen als Vertretungsform der 
abhängig Arbeitenden oder 
auf abhängige Arbeit ange- 
wiesenen Menschen nicht ret- 



ten - zu erhalten wäre auf 
diese Weise nur eine „gelbe" 
Gewerkschaft als Repräsen- 
tantin von privilegierten Ar- 
beitnehmern. Die Gewerk- 
schaften im Sinne sozialer 



Bewegung sind auf eine auto- 
nome Grundlage angewiesen. 
Schaffen sie es nicht, diese 
im „postindustriellen" und glo- 
balisierten Kapitalismus in 
einem Lernprozeß neu zu 



entwickeln, so werden andere 
Organisationsformen des 
gesellschaftlichen Konflikts an 
ihre Stelle treten. Auch in die- 
ser Hinsicht ist die Geschichte 
nicht zu Ende. 



In welchem Verhältnis steht 
linke Gewerkschaftstheorie zur 
heutigen krisenhaften gewerk- 
schaftlichen Realität? 

Da gibt es ein auf den ersten 
Blick erstaunliches Phä- 
nomen. Von der Überfülle 
intellektueller Beschäftigung 
mit dem Thema Gewerk- 
schaften in Westdeutschland 
zwischen den 60er und 80er 
Jahren ist kaum etwas übrig- 
geblieben. An den Hoch- 
schulen sind gewerk- 
schaftliche Fragestellungen 
out - bis auf einige struktur- 
funktionalistische Reste. 
Den noch verbliebenen 
akademisch-linken Interessen 
gelten die Gewerkschaften 
heute als langweilig, sie 
haben nicht gehalten, was sie 
dem Linksromantizismus zeit- 
weilig zu versprechen schie- 
nen. Dieser Verlust an exter- 
ner theoretisierender Zuwen- 
dung muß für die Gewerk- 
schaftsbewegung kein 
Schaden sein. Wer Elemente 
einer analytischen Betrach- 
tung von gewerkschaftlicher 
Tätigkeit sucht, kann fündig 
werden, wenn er weiter 
zurückgreift. Da ist aus Zeiten, 
in denen der Marxismus nicht 
flüchtige Mode war, viel zu fin- 
den, übrigens auch bei 
Anarchosyndikalisten.A 



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THE NEXT LEVEL 






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INNENSTADTAKTION 









Infothek, Konferenzraum, VkJeoraum.Splelzimmer und dein Raum 
























20 



„ The next time your managers teil you about 
their nlfty „offer", teil them it's like crap: 
the longer it sits around, the worse it smells. " 
(„Teamsters for a Democratic Union" zu dem 
Verhandlungsangebot von UPS) 



Zwei Wochen lang bestreikten 185.000 Beschäftigte in den USA den Paketpostriesen 
United Parcel Service und zeigten, wie wirkungsvoll Streiks immer noch sein können. 







Damals... 



Vor gut 100 Jahren schrieb 
die New York Times am 
29.6.1894 anläßlich eines 
Streiks bei Pullman (Eisen- 
bahnwagenfabrikation) in 
Chicago, der innerhalb kürze- 
ster Zeit fast die Form eines 
Generalstreiks annahm, daß 
der Streik „die Ausmaße der 
größten Schlacht zwischen 
Arbeit und Kapital angenom- 
men hat, die jemals in den 

Vereinigten Staaten stattge- 
funden hat." 

Dementsprechend wurde der 
Streik auch niedergeschlagen. 
Am 4.7.1894 marschierten 
Bundestruppen in Chicago 
ein und besetzten die Stadt 
und die Eisenbahnen 
(Chicago war damals der zen- 
trale Eisenbahnknotenpunkt 
in den USA). Bei den darauf- 
hin ausbrechenden Unruhen 
wurden 25 Arbeiter getötet 
und mindestens 60 schwer 
verletzt. In allen Teilen der 
USA kamen Truppen zum 
Einsatz. Auch in den folgen- 
den Jahrzehnten kam es 
immer wieder zu blutigen 
Niederwerfungen von Streiks 
und Arbeiterinnenaufständen, 
z.B. im „roten Sommer" 1919 
und in den 30er Jahren. In 
den 30er Jahren wurde an- 
fangs hauptsächlich gestreikt, 
um die Unternehmer zu zwin- 
gen, den 1933 verabschiede- 
ten „National Industrial Reco- 
very Act" anzuerkennen, der 
die Bildung von Gewerkschaf- 
ten ausdrücklich legitimierte. 
1934 erkämpfte sich auch die 






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Gewerkschaft der Teamsters 
(zu dieser Zeit rund 80.000 
Mitglieder) nach heftigen 
Streiks in Minneapolis ihre 
Anerkennung und Verbes- 
serungen der Arbeitsbedin- 
gungen für Fahrer bei den 
verschiedensten Unter- 
nehmen. Trotz des Einsatzes 
der Nationalgarde (bei der am 
„Bloody Friday" zwei Arbeiter 
getötet und mehrere Dutzend 
verletzt wurden), konnten sich 



Sie hatten die Aushandlung 
von Kollektivverträgen zum 
Ziel, oder - wie in der Stahl- 
industrie - die Anerkennung 
der Gewerkschaft. Millionen 
von Arbeiterinnen beteiligten 
sich an diesen Auseinander- 
Setzungen, die häufig mili- 
tärisch beendet wurden, so 
der Stahlarbeiterstreik (Little 
Steel) im Mai 1937, wo 18 
Arbeiter getötet wurden. Egal 
ob Sieg oder Niederlage, 







die Teamsters am Ende 
durchsetzen, und halfen so 
mit, den Weg für die Ent- 
stehung der großen Industrie- 
arbeiterinnengewerkschaft 
„Congress of Industrial Or- 
ganizations" (CIO) zu berei- 
ten. Der CIO verstand sich als 
Alternative zur 1886 gegrün- 
deten „American Federation 
of Labour" (AFL), in der die 
eher reformistisch orientierten 
Facharbeiterinnengewerk- 
schaften zusammengeschlos- 
sen waren. Später, im Winter 
1936/37, fanden ausgedehnte 
Streiks mit Besetzungen in 
der Kautschuk- (Goodyear), 
Automobil- (General Motors, 
Ford) und Stahlindustrie statt. 



Massenstreiks waren das 
Kampfmittel der Arbeiter- 
innen, ob zur Durchsetzung 
des Acht-Stundentages oder 
für Lohnerhöhungen. 



Heute... 












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Die Zeiten haben sich geän- 
dert, aber wer dachte, daß im 
modernem Dienstleistungs- 
kapitalismus großangelegte 
Streiks Schnee von gestern 
und nicht mehr möglich sind, 
wurde nun von dem Streik der 
Transportgewerkschaft „Inter- 
national Brotherhood of Team- 
sters" (Teamsters = LKW - 
Fahrerinnen) zumindest über- 






rascht. Die Gewerkschafter- 
innen in den USA feiern 
augenblicklich ihren ersten 
„großen Sieg" seit 25 Jahren 
und sprechen sogar von einer 
„Trendwende". Den letzten 
großen Streik hatten die Ge- 
werkschaften 1978 nach einer 
Intervention von Präsident 
Carter verloren (Bergarbeiter 
streikten drei Monate lang, bis 
der Streik verboten wurde). 
Auf den Fluglotsenstreik 1981 
antwortete Ronald Reagan mit 
der Entlassung der Streiken- 
den. Auch in den folgenden 
Jahren wurde immer wieder 
die Nationalgarde gegen 
Streikende eingesetzt. 
Präsident Clinton verhielt sich 
neutral, trotz Forderungen aus 
dem Management von UPS 
und einigen Gouverneuren, 
das „Taft-Hartley labor law" 
anzuwenden, um den Streik 
zu beenden. Das hätte bedeu- 
tet, den Streik zu einer „Be- 
drohung der nationalen 
Sicherheit" und damit für ille- 
gal zu erklären. Bill Clinton 
schickte stattdessen die 
Arbeitsministerin Alexis 
Herman zu den Verhandl- 
ungen, die beide Seiten dazu 
bewegen sollte, den Streik 
möglichst schnell beizulegen. 
Ein weiterer Grund für die 
Zurückhaltung Clintons wird 
wohl auch darin gelegen 
haben, daß die Teamsters 
unter ihrem aktuellen Vor- 
sitzenden Ron Carey (seit 
1991) zu den großzügigsten 
Sponsoren für Clintons Wahl- 
kampagne gehörten. Auch 
der Einsatz von Streikbrech- 












ern, der in den USA sonst in 
großem Maßstab üblich ist, 
blieb weitgehend aus. 












Am 20.8. einigten sich die 
Teamsters und das UPS 
Management und beendeten 
so 16 Streiktage, die dem 
Paketpostriesen UPS Um- 
satzeinbußen in der Höhe von 
650 Millionen Dollar bescher- 
ten. UPS kontrolliert 80 % des 
amerikanischen Paketpost- 
marktes. Mit 308.000 Ange- 
stellten werden täglich 12 
Millionen Pakete ausgeliefert. 
Bei einem Jahresumsatz von 
24,2 Milliarden Dollar macht 
der Konzern einen Profit von 
1,1 Milliarden Dollar. Der 
Streik der bei den Teamsters 
organisierten Gewerkschafts- 
mitglieder hat 90 Prozent des 
Betriebes lahmgelegt. 

Under 

Permanent 

Stress 






Die zentrale Forderung des 
Streiks war die Schaffung von 
mehr Vollzeitarbeitsplätzen 
und die Erhöhung der Ein- 
stiegslöhne für Teilzeitarbeiter- 
innen, die seit 1982 unverän- 
dert bei acht Dollar pro 
Stunde liegen. Durchschnitt- 
lich verdienen sie 11 Dollar in 
der Stunde, die Vollzeitbe- 
schäftigten 19.95 Dollar. 60 % 
der UPS-Arbeiterlnnen sind 
teilzeitbeschäftigt, das Gros 
unter ihnen stellen Sortierer- 
innen und Packerinnen, die in 



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Hansel Mieth Hagel: 

Landarbeiter bei einer nachtlichen 

Streikversammlung auf der Straße. 

San Joaquin Valley, Kalifornien. 1939 



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Sit-down Streik bei General Motors, Flint 1937 






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Nachtarbeitsschichten die 
LKWs beladen. Lade-Jobs 
bietet UPS nur in Teilzeit an, 
da eine Person lediglich fünf 
Stunden lang das Arbeits- 
tempo durchhalten könne, bei 
einer zehnminütigen Erho- 
lungspause pro Schicht. Das 
„Handelsblatt" bemerkte dazu 
am 20.8.: „Die Beschäftigten 
in den Verteilungszentren 
schuften wie die Galeeren- 
sklaven gegen die Uhr und 
gegen die ständigen Auf- 
forderungen über Laut- 
sprecher, noch schneller zu 
sortieren." Viele „part-timers" 
arbeiten trotzdem zwei 
Schichten hintereinander oder 
machen so viele Überstun- 
den, daß sie im Endeffekt auf 
40 Wochenstunden oder mehr 
kommen. Zwischen Voll- und 
Teilzeitbeschäftigten bestehen 
nicht nur bezüglich Arbeits- 
dichte und Lohnhöhe erhebli- 









che Unterschiede. Teilzeitbe- 
schäftigte arbeiten größten- 
teils ohne Sozialversiche- 
rungskarte, sind auf jeden Fall 
nicht krankenversichert und 
erhalten keine Lohnfortzah- 
lung im Krankheitsfall. Außer- 
dem bekommen sie keine 
Betriebsrenten und sind in 
den Gesundheitsförderungs- 
programmen von UPS nicht 
vertreten. Dazu kommt, daß 
der Arbeitsschutz bei UPS 
katastrophal schlecht ist. Die 
durchschnittliche Unfallrate 
liegt um 250 Prozent über 
dem Branchendurchschnitt. 
Die Fluktuationsrate unter den 
Teilzeitbeschäftigten beträgt 
jährlich 400 Prozent. Der 
Arbeitsdruck ist enorm: Auch 
die UPS-Fahrerlnnen unterlie- 
gen genauesten Unterwei- 
sungen des Managements, 
die allesamt das Ziel haben, 
verschiedenste Handgriffe 



zeitsparend zu koordinieren. 
So ist genau darauf zu ach- 
ten, wie und wann die Hand- 
bremse zu lösen ist, wie die 
Autoschlüssel zu halten sind, 
bis hin zum Problem, wie die 
Fahrerinnen aus ihren Trucks 
steigen sollen und mit wel- 
cher Laufgeschwindigkeit sie 
sich zum Kunden zu begeben 
haben (drei Schritte pro sek.). 
Damit die Paketübergabe so 
schnell wie möglich vor sich 
gehen kann, werden die 
Empfängerinnen gebeten, 
lediglich den Anfangsbuch- 
staben ihres Vornamens anzu- 
geben - für den vollen ist 
keine Zeit. Mit Hilfe elektroni- 
scher Überwachungstechni- 
ken kann das Management 
jederzeit feststellen, wo sich 
der/die Fahrer/in befindet und 
ob er/sie länger als die er- 
laubte Pause an einem Ort 
weilt oder nicht. „ Es ist so, 



als ob ständig der Boß neben 
dir säße", erklärt Gary Clark, 
UPSIer aus Pontiac. Ein ande- 
rer Fahrer berichtet, daß ein 
von der Firma eingesetzter 
Supervisor ihm gefolgt wäre 
und in die Hacken getreten 
hätte, um zu demonstrieren, 
welches Gehtempo der Fahrer 
einzuschlagen habe. 



Große 
Popularität 


















Am 31. Juli dieses Jahres lief 
der Tarifvertrag für die knapp 
200.000 Teamsters aus (UPS 
ist das größte gewerkschaft- 
lich organisierte Unternehmen 
in den USA, sonst sind in der 
Privatwirtschaft nur knapp 
zehn Prozent aller Beschäf- 
tigten organisiert). Am 15 Juli 
verkündete die Gewerkschaft, 
daß die Belegschaft mit der 



überwältigenden Mehrheit von 
95 Prozent beschlossen habe, 
in den Streik zu treten. Voran- 
gegangen war eine Phase von 
einem Jahr, in der die Team- 
sters den Streik vorbereiteten. 
Grundlage dafür war, daß die 
Gewerkschaft in den letzten 
Jahren Millionen für Re- 
formen, Fortbildung und die 
Werbung neuer Mitglieder in 
Dienstleistungsunternehmen 
ausgegeben hat. Ein Netz- 
werk von lokalen Basis- 
gruppen wurde aufgebaut, 
und der 1991 erstmals direkt 
gewählte Teamsters-Chef Ron 
Carey erhielt bei seinen Be- 
mühungen aktive Unter- 
stützung der kämpferischen 
Basisorganisation „Teamsters 
for a Democratic Union". 
Getragen wurde der Streik 
von einer ungewöhnlichen 
Popularität, was Umfragen in 
den USA bestätigten. Äußerst 











































































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wichtig war auch die gewerk- 
schaftliche Solidarität der 
Konkurrenzbetriebe von UPS. 
Die Kolleginnen der staatli- 
chen „US Postal Service" ver- 
hinderten, daß mit der An- 
stellung von Zeitarbeiterinnen 
die Produktionskapazitäten 
erhöht werden konnten. Bei 
„Federal Express" organisier- 
ten Arbeiterinnen Demonstra- 
tionen. Der Gewerkschafts- 
dachverband AFL/CIO sicher- 
te finanzielle Unterstützung 
zu. Trotzdem erhielten die 
185.000 Streikenden nur ein 
Streikgeld von 55 Dollar die 
Woche, also nicht mehr als 
den Lohn von fünf Arbeits- 
stunden. Symbolträchtig war 
auch ein gemeinsamer Auftritt 
der Teamsters in Philadelphia 
mit der lokalen Organisation 
der Sozialhilfebezieherlnnen. 
Beide forderten das UPS- 
Management ultimativ auf, 
gewerkschaftlich organisierte 
Arbeit nicht länger durch den 
Einsatz von Obdachlosen und 
Sozialhilfeabhängigen zu er- 
setzen. UPS hatte viele Teil- 
zeitkräfte von den Arbeits- 
ämtern rekrutiert und wurde 
dafür von Bill Clinton als „her- 
vorragendes Vorbild für alle 
amerikanischen Unter- 
nehmen" gelobt. 












„Free Speech Fights" in San Diego. 

1912 ging die Polizei in San Diego mit 

äußerster Brutalität gegen Wanderarbeiter 

vor, die sich bei den Jndustrial Workers of 

the World" (Wobblies) organisierten. 





















10.000 neue 
Vollzeitstellen 












und Lohn- 
erhöhungen 

versus 15.000 
Kündigungen 


















führt wird und das Geld vom 
Management verwaltet wird. 
Das wurde abgelehnt. Die 
Pensionszahlungen werden 
weiterhin an die größte der 
gewerkschaftlich geführten 
Kassen gehen. Auch jede Ver- 
änderung im Bereich der 
Arbeitsbedingungen muß 
zukünftig Gegenstand von 
Verhandlungen sein. Aller- 
dings kündigte UPS kurz 
nach Abschluß des Streiks 
15.000 streikbedingte 
Entlassungen an. 

Trendwende für 
die US-amerika- 
nische Gewerk- 
schaftsbewe- 



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Nach 16 Tagen Streik und 
Marathonverhandlungen zwi- 
sehen UPS-Managern und 
Teamstersbossen erreichten 
die Teamsters mit Abstrichen 
einige ihrer Ziele: UPS hat 
sich verpflichtet, in den näch- 
sten fünf Jahren 10.000 neue 
Vollzeitstellen zu schaffen und 
den Einstiegslohn um 4.10 
Dollar zu erhöhen (für Vollzeit- 
angestellte 3.10 Dollar). 
Weiterhin sicherten die Team- 
sters die Pensionskasse ab. 
Das UPS-Management hatte 
verlangt, daß eine betriebsei- 
gene Pensionskasse einge- 



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In den meisten Kommentaren 
wurde der Streik als „Trend- 
wende" bezeichnet. Die linke 
Basisorganisation „Teamsters 
for a Democratic Union" 
(TDU) schrieb: „Teamsters win 
big victory!". Sie sehen vor 
allem eine Veränderung im 
Vergleich zur früheren Praxis 
der Gewerkschaftsführung, 
der sie u.a. vorwerfen, vor 
zehn Jahren in Geheimver- 
handlungen mit UPS Ab- 
schlüsse getroffen zu haben, 
die von den Gewerkschafts- 




mitgliedern eigentlich abge- 
lehnt wurden. Die Teamsters 
galten als korrupte und reak- 
tionäre Gewerkschaft. In den 
70er Jahren wurden dem, 
unter mysteriösen Umständen 
verstorbenen, Ex-Teamsters- 
Chef Jimmy Hoffa Verbindun- 
gen zur Mafia nachgesagt. 
Ron Carey entmachtete 
besonders korrupte Funktio- 
näre und schaffte Privilegien 
der „alten Garde" ab. Aller- 
dings sind nach dem Ende 
des Streiks nun auch Vor- 
würfe gegen Ron Carey erho- 
ben worden. Er soll seine letz- 
te Wahlkampagne durch ille- 
gale Spenden finanziert 
haben. Wahrscheinlich müs- 
sen nun die Wahlen wieder- 
holt werden und Carey wird 
sich James R Hoffa stellen 
müssen, dem Sohn des ehe- 
maligen Chefs. In diesem 
Sinne wird sich der Streik, so 
hofft zumindest die TDU, auf 
die Wiederwahl Careys, den 
Reformprozeß in der Gewerk- 
schaft und auf die Attraktivität 
der Teamsters insgesamt 
positiv auswirken. Obwohl der 
materielle Erfolg des Streiks 
eigentlich relativ gering ist 
(weit mehr als die Hälfte der 
UPS Beschäftigten wird wei- 
terhin Teilzeit arbeiten und 
weiterhin zu deutlich schlech- 
teren Bedingungen als bei 
Vollzeit, ganz abgesehen von 
den Kündigungen), zeigte 
sich das US-Kapital sehr 
besorgt über den Abschluß. 
„UPS sieht sich mit einem rie- 
sigen Wachstum der Arbeits- 
kosten konfrontiert", titelte die 
Washington Post nach Ver- 
tragsabschluß am 20. August. 
Die New York Times schrieb 
am 16. August, „der Streik bei 
UPS könnte Investoren ab- 
schrecken, die wachsende 
Lohnforderungen der Gewerk- 
schaften, sinkende Profite und 
Inflationsdruck befürchten". 






Der „International Herald 
Tribüne" befürchtete in der 
Ausgabe vom 20. August, 
der neue Tarifvertrag sei „ein 
Signal dafür, daß das Mana- 
gement die Beschäftigten 
nicht mehr so einsetzen kann, 
wie es ihm paßt". Das Interes- 
sante an diesem Streik ist 
aber offensichtlich, daß auch 
im Zeitalter der „schlanken 
Produktion" und der deregu- 
lierten Arbeitsmärkte ein 
Streik sehr effektiv geführt 
werden kann. Der Zusammen- 
bruch des Pakettransportes 
konnte nicht anderweitig auf- 
gefangen werden, und auch 
der wirtschaftliche Druck zur 
Beendigung des Konfliktes 
war enorm. Eine weitere neue 
Qualität dieses Arbeitskamp- 
fes war auch sicherlich die 
Thematisierung der „McJobs", 
der miesen Arbeitsbedingun- 
gen der Teilzeitbeschäftigten 
im Jobwunderland USA. Ein 
Streik, der nicht nur die Löhne 
einer überwiegend weißen, 
festangestellten Facharbeiter- 
schicht zum Thema hatte, 
sondern die Solidarität mit 
den Teilzeitkolleginnen (der 
UPS-Streik war auch ein 
Streik jüngerer schwarzer und 
Latinoarbeiterlnnen), was 
natürlich auch die eigenen 
Interessen der Vollzeitbe- 
schäftigten betrifft: „Je mehr 
Leute um dich herum nur acht 
Dollar Stundenlohn bekom- 
men, desto eher kommen 
die Bosse in Versuchung, 
dich loszuwerden" , erklärt 
ein UPSIer dazu. Allerdings 
wird es schwierig sein, die 
Streikbedingungen bei UPS 
auf andere Sektoren zu über- 
tragen, denn immerhin wurde 
er von einer der weltweit 
größten Einzelgewerkschaften 
getragen, die noch dazu bei 
UPS einen ungewöhnlich 
hohen Organisationsgrad zu 
verzeichnen hat. » 












































































z.B. transgener Reis als 'tech- 
nologische Entwicklungshilfe' 



Schweiz - Philippinen 





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Fotografie des Gentechnologen Ingo 

Potrykus in der Broschüre ..Genforschung 

Schweiz", die die ^Schweizer Illustrierte" 

im Auftrag der Lobby-Organisation 

JorumGEN' veröffentlichte 



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l/or efn/a einem halben Jahr strahlte das Schweizer Fernsehen eine Wissenschäffsseih 
düng zum Thema 'transgener Reis' aus. Beschäftigte der Eidgenössischen Hochschule 
(ETH) in Zürich, unter ihnen der Gentechnologe Ingo Potrykus, hatten Indica Reispflanzen 
um ein synthetisch hergestelltes Bt-Gen verändert, das die Pflanze vor einem Schädling, 
der Larve des yellow stem borers, schützen soll. Diese Pflanzen, so der Plan, sollen zu- 
nächst auf den Philippinen erprobt und angebaut werden. Dazu arbeitet die ETH mit dem 
Internationalen Reisforschungsinstitut (IRRI) in Manila zusammen. Die Gentechnologie, 
so argumentierte Ingo Potrykus, könne dazu beitragen, das globale Ernährungsproblem 
zu lösen. Mit steigender Weltbevölkerung, vor allem in den Ländern des Südens, seien 
die Reisernten zu gering, neue Hochertragssorten daher notwendig. Mit Reis ließe sich 
zudem kein Profit machen, so daß die Forschung der ETH ein Beispiel dafür sei, daß Gen- 
technologie nicht in erster Linie kommerziell, sondern ethisch unverzichtbar sei. Das Bt- 
Gen habe die ETH beispielsweise gratis von dem Konzern Ciba/Novartis erhalten. 



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^merkenswert an dieser 
Sendung erschien mir vor 



Hern, daß ein Modell von 



'Entwicklung und 'Unterent- 



Länder, also einer Angleich- | 
ung von Industrialisierung, 
Produktion und Konsumtion 
an die reicheren Länder sich 



nicht mit den Analysen der 

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internationalen Konferenzen 
für Umwelt und Entwicklung 
vereinbaren lässt. Diese 
haben die zunehmende Ab- 



fallproduktion und Ressour- 
cenvernichtung schon seit 
1972 als 'globale Umwelt- 
krise' beschrieben. Der 
namentlich genannte Gen- 
technologe erhält die Mög- 
lichkeit, seine Sicht eines 
Zusammenhangs zwischen 
Gentechnologie und weltwei- 
ter Verteilung von Nahrungs- 
mitteln ausführlich darzustel- 



gibt, bleibt unerwähnt. 1995 
begründeten rund 50 philippi- 
nische Bauernorganisationen 
in einer Petition an das IRRI, 



warum sie keinen gentech- 
nisch veränderten Reis wol- 



wicklung' in der Darstellung len. Ihm wird nicht etwa ein/e 






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Gentechnisch veränderte Optik 



bruchlos fortgesetzt wird: Der 
Einsatz von Gentechnik erhält 
larin die Rolle einer techno- 
logischen Entwicklungshilfe', 
die durch ein verantwortungs- 
bewußtes reiches Industrie- 
land, in diesem Fall die 
Schweiz, an ein armes Agrar- 



weitergegeben wird. Das 
Wissen darüber, wie Armut 
und Hunger zu bekämpfen 
sind, sowie die geeignete 
Technologie werden in der 
Schweiz entwickelt. An der 
Idee einer Entwicklung durch 



Wissenschaftlerin der Univer- 
sität in Manila gegenüberge- 
stellt oder ein/e Vertreterin 



einer Widerstandsorganisa- 
tion, sondern - für wenige 
Sekunden - das Bild von 
Landarbeitern, die im Wasser 
eines Reisfeldes stehen. Sie 



keine Gelegenheit, sich zu 
äußern, wobei diese Anony- 
mität ihren Opferstatus, ihre 
Unterlegenheit und Armut 
repräsentiert. Daß es auf den 
Philippinen breiten Wider- 
stand gegen IRRI und ETH 



Als ich versuchte, die mir be- 
kannten Argumente gegen 
ein solches, hegemoniales 
Entwicklungsmodell und ins- 
besondere gegen einen Ein- 
satz von Gentechnologie in 



den Ländern des Südens 



'hohe Produktionskosten bis 



zum Verlust des Landes 
durch Abhängigkeit von 
Agrochemie und Saatguther- 
stellern; Produktion vor allem 



für den Export in Industrie- 



länder, Profit nur für wenige 
Konzerne usf.) auf den ge- 
schilderten Fall anzuwenden, 
erschienen mir diese als zu 
allgemein und schematisch, 
um daraus eine konkrete und 
dichte Argumentation gegen 
die Darstellung etwa in der 
erwähnten Fernsehsendung 



zu entwickeln. Zudem wurde 
meine erste Einschätzung, 
die industrialisierte Reispro- 
duktion nütze vor allem den 
Ländern des Nordens, im Ge- 



st 

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Vertreterinnen gentechnikkriti- 
scher Organisationen zurück- 
gewiesen: Reis werde auf 
den Philippinen vor allem für 
den Binnenmarkt produziert. 
Entgegen der Sichtweise, 
daß die als 'Globalisierung' 













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beschriebene Tendenz der 
Weltwirtschaft sich auf wenige 
wettbewerbsrelevante Fak- 



toren reduziere, spielen bei 
genauerer Untersuchung eine 
ganze Reihe von 'Akteuren' 
darin eine Rolle: Institutionen 
wie Internationale Agrarinsti- 
tute, Weltbank und Welthan- 
delsorganisation, die spezifi- 
schen Regulationsweisen, 
Abfallstoffe, Reis als Subsis- 
tenzprodukt und als Ware, 
Diskurse um 'Sachzwänge', 



'nachhaltige Entwicklung' 
oder 'global governance', die 
Bedingungen und Effekte der 
Technologie selbst, die Pro- 
duktions- und Lebensbedin- 



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Sache selbst hingestellt, so 
daß die Vereinfachungen und 
Ordnungsprinzipien als sol- 



che nicht mehr sichtbar sind. 
Gegenüber dem Versuch, die 
Weltwirtschaft als Ganzes zu 
begreifen, werden Wider- 



sprüchlichkeiten, Wider- 
stände, Fehlplanungen, offene 
Fragen, aber auch politische 
Perspektiven wie z.B. eine 
Veränderung von internationa- 
ler und auch geschlechtsspe- 
zifischer Arbeitsteilung 'zu- 



rückgestellt'. Daher handelt 
es sich bei vielen Texten zum 
Phänomen der 'Globali- 
sierung' um eine Beschrei- 



Gegner' global wird. Diese 
Okonomiemaschine' müsse 
in ihrem Universalismus, ihrer 
scheinbar 'notwendigen' Ver- 
zahnung weniger Elemente 
und in der Planbarkeit ihrer 
Effekte dekonstruiert werden. 



Die 'Grüne 
Revolution 



der Export von 



Gentechnologie 




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In einem von der Berliner 
Organisation 'Aktions- 
gemeinschaft Solidarische 
Welt' ausgerichteten Seminar 
zu 'Frauenarbeit und Globali- 
sierung' wurden auch kriti- 
sche/linke Texte zu 'Globali- 
sierung' dahingehend über- 
prüft, wie sehr sie eine Dar- 
Stellung mitproduzieren, die 
durch unzulässige Vereinfach- 
ungen und systemische Be- 
schreibung die 'Weltwirtschaft' 
als abstrakte, sich selbst 



reproduzierende Größe 
behandelt, der die 'unterlege- 
ne ' Seite einer linken Kritik 
kaum entgegentreten könne. 



uch Texte, 



re Darstellung versuchen, 
wie das umfangreiche Buch 
zu den „Grenzen der Globali- 
sierung" von Altvater/Mahn- 
köpf haben einen Hang zu 
ordnenden Eingriffen und 
behaupteter Objektivität (das 

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Überhandnehmen von Gra- 
phiken z.B.). Das entworfene 
Modell wird dabei als die 



onsweisen, anstatt um eine 
Dekonstruktion und eine poli- 
tisch motivierte Kritik der Mo- 
delle und Pläne, die diesen 
Funktionsweisen zugrundelie- 
gen. Entgegen ihren eigenen 
umfassenden Projekten, 

„Ökonomie, Ökologie und 
Politik in der Weltgesellschaft" 
(Altvater/Mahnkopf) und 
„Staat, Demokratie und Politik 
im globalen Kapitalismus" 
(Hirsch) zu analysieren, ver- 
treten Altvater/Mahnkopf aber 
auch die Ansicht, Fallstudien 
würden dem fragmentierten 
Zustand des Globus eher 
gerecht als die Versuche, eine 
real nicht mehr existente 
Einheitlichkeit theoretisch zu 



ert eine 'internationale 
Produktionsöffentlichkeit', die 
Informationen über For- 
schungsaktivitäten, Techno- 
logie- und Investitionsstra- 
tegien, über Lohn und Ar- 
beitsverhältnisse vor allem der 
internationalen Konzerne be- 
schafft und verbreitet (193). In 
dem Berliner Seminar wurde 
in einer abschließenden Dis- 
kussion die Frage aufgewor- 
fen, gegen wen sich eine 
linke, feministische Politik 
richten könne, wenn 'der 



Die ETH habe das Bt-Gen 
„gratis" von Ciba erhalten, so 



Ingo Potrykus und sein IRRI- 



Kollege Swapan K. Datta in 
verschiedenen Veröffentlich- 
ungen, die resistenten Sorten 
würden „dem IRRI in Manila 
kostenlos zur Verfügung ge- 
stellt", das IRRI „schenke sie 
den Reiszüchtern in der 
ganzen Welt weiter" und die 

„Bauern" könnten „den resis- 
tenten Reis gratis vermehren, 
solange sie wollen ". Das IRRI 
ist darüber hinaus wie alle 
Internationalen Agrarzentren - 
bisher - dem Prinzip der freien 
Verfügbarkeit von Technologie 
und Genmaterial verpflichtet. 



Innerhalb der Agrarkoordi- 
nation des Bundeskongresses 



entwicklungspolitischer Grup- 
pen (BUKO) entsteht zur Zeit 
eine Arbeitsgemeinschaft, die 
auf die entwicklungspolitische 
Rolle der Internationalen 
Agrarzentren aufmerksam 
machen will. Das IRRI ist eins 
von sechzehn dieser Zentren, 
die jeweils ein Mandat für 
bestimmte Nutzorganismen - 
Kulturpflanzen oder Aqua- 
kulturen - haben. Dreizehn 
von ihnen liegen in Ländern 
des Südens und waren seit 
den 60er Jahren entschei- 
dend an der Durchsetzung 
der sog. 'Grünen Revolution' 



beteiligt. Das IRRI (Inter- 
national Rice Research In- 
stitute) verbreitete auf den 
Philippinen mit Hilfe von 
Handelsdünger, Pestiziden 
und Bewässerungssystemen 
Hochertragsreissorten, deren 
Anbau, so die Kritik der Reis- 



bewirtschafterlnnen, sehr 
schnell Abhängigkeiten 
gegenüber Züchtern, agro- 
chemischer und agrotech- 
nischer Industrie mit sich 



brachte, die für viele zu Ver- 
schuldung und schließlich 
zum Verlust ihres Landes führ- 
ten. 
Das Programm der Inter- 



nationalen Agrarforschungs- 
zentren wird von einer Be- 
ratungsgruppe (CGIAR) be- 
stimmt, die ein Büro in 
Washington unterhält. Ihre 



Mitglieder werden aus den 
Reihen der Geldgeber - 
neben inzwischen 37 Ländern 

auch Organisationen wie die 
Weltbank - gewählt. Laut einer 
Selbstdarstellung haben sie 
die Aufgabe „langfristig die 
Ernährung für eine wachsen- 
de Weltbevölkerung sichern 
zu helfen." 

Während die Nichtkommer- 
zialität und Uneigennützigkeit 
des CGIAR-Systems jeweils 
betont wird, so die Kritik des 
Biologen Johannes Siemens, 



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hin durch klassische Züch- 



:ung und Selektion, was das 



Interesse der ETH (und der 
Ciba) an einer Zusammen- 
arbeit mit einem Institut wie 
dem IRRI erklärt, wo 78.000 
Reisvarietäten gelagert 
sind.(1) Die Erklärung von 
Ciba, den eigenen 
Patentschutz auszusetzen und 
das Bt-Gen kostenlos' wei- 
terzugeben, bezieht sich, wie 
ich einem 



Gentechnologen Swapan K. 
Datta entnehme, zudem nur 
auf die Länder des Südens 
und gilt ausdrücklich nicht für 



Nordeuropa, Japan, USA etc. 



Ich schließe daraus, daß ein 



Ionen der Industrielander, die 
entschädigungslos die geneti- 
schen Ressourcen des Sü- 
dens verwenden könnten. Die 
Veränderungen von Pflanzen, 
die gentechnisch hervorgeru- 
fen werden können, betreffen 



nämlich nur wenige ihrer 
Eigenschaften, neben dei 
Insektenfraßschutz vor allem 
Herbizid- und Virusresistenz. 
Genetisch komplexere Merk- 
male wie Kälteverträglichkeit, 
Vegetationszeit, Dürre- und 
Salztoleranz entstehen weiter- 



Vermarktung transgener Bt- 
Pflanzen sowieso nur in den 
Industrieländern erwartet wird 



Die Forschung der ETH und 
des IRRI, wäre dann eine 
'kostenlose' Subvention der 
Ciba für deren Handel im 
Norden. Das Interesse des 
Konzerns könnte darin liegen, 
sowohl die Forschung als 
auch die Erfahrung aus 
Freisetzungsversuchen und 
regulärer Aussaat für eine 
spätere Vermarktung in den 
Industrieländern zu nutzen. 
(2) Damit wird nicht nur die 
noch unklare Gesetzeslage 
auf den Philippinen ausge- 



t - die philippinische 



rechnet zwei Vertreter des 
IRRI zur Überarbeitung ihrer 
Richtlinien zur Freisetzung 

von Mikroorganismen und 
transgenen Pflanzen ein - 
sondern die entstehenden 
sozialen und ökologischen 
Folgen der gentechnischen 
Versuche werden darüberhin- 
aus an ein abhängiges Land 
ausgelagert: Gentechnik in 
der Landwirtschaft ist für 
Kleinbäuerinnen zu teuer und 
wird zu weiterer Konzentration 
der landwirtschaftlichen In- 






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Einsatz von Bt-Sorten werde 
das Verschwinden traditio- 
neller und wild wachsender 
Reissorten beschleunigen, so 
die Kritik der philippinischen 



rnorganisationen am 
"orschungsprogramm des 
IRRI, sowie Resistenzen der 
Schädlinge hervorrufen. Bt ist 



ein Bodenbakterium, das im 



ökologischen Landbau ver- 
wendet wird, weil es ein Gift 
gegen bestimmte Schädlinge 
erzeugt. Resistenzen der 



Schädlinge würden eine sol- 



che Anwendung unmöglich 
machen. Dem Bt-Reis wird ein 
Gen übertragen, das die 
Produktion dieses Giftes in 



setzen soll. Es sei daher nicht 
sicher, ob der Verzehr von Bt- 
Reis nicht gesundheitsschäd- 
lich sein könnte, denn es 



ache einen Unterschied, ob 



dieses biologische Gift als 
Düngemittel in den Boden 
gegeben werde oder in der 
Pflanze selbst vorhanden sei. 
Möglicherweise könne zudem 
Introgression, das heißt eine 
Übertragung der Gene auf 
andere, verwandte Pflanzen 
stattfinden. 

Vorteil der transgenen Reis- 
Sorten sei, so Ingo Potrykus, 
dass sie, anders als die im 
Zuge der 'Grünen Revolution' 
verbreiteten Sorten, keine 
Hybridpflanzen seien. Sie 
könnten daher von den 
Bauern selbst vermehrt wer- 
den. Potrykus erwartet 



zudem, das - anerkannter- 



maßen massive - Problem der 
Resistenzbildung durch die 
schrittweise Herstellung neuer 
Sorten mit zunächst zwei und 



dann bis zu vier verschie- 



denen Bt-Genen umgehen zu 
können. Das würde allerdings 
der kostenlosen Vermehrung' 



widersprechen: Die Reis- 



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bäuerlnnen müssten diese 



neuen Sorten doch jeweils 



ufen, sobald das Auf- 
treten einer Resistenz die wei- 
tere Anwendung des zuerst 
erworbenen transgenen 
Saatguts unmöglich macht. 



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Die Schulden- 




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Ausgangspunkt der schweize- 
risch-philippinischen Solida- 
ritäts-Konferenz 'Responding 
to Globalization' im vergange- 
nen Monat in Zürich waren 



Berichte über neuere solidari- 
sche Allianzen und Kampag- 
nen vor dem Hintergrund einer 



neoliberalen Politik. Diese ver- 
schärfe das Nord-Süd Ver- 
hältnis, aber erhöhe auch 
regional, im Norden wie im 
Süden, die Ungleichheiten in 
der Verteilung von Reichtum. 
Die sich verschlechternde 
ökonomische Situation der 
Philippinen wurde dabei nicht 



nur mit den ehrgeizigen 



Plänen der philippinischen 
Regierung erklärt, an die 
südostasiatischen 'Tiger- 
staaten' anzuschließen 



auch mit den Programmen, 
die den Philippinen durch IWF 
und Weltbank auferlegt wur- 
den, sowie den Verträgen des 
GATT/WTO. 




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Die Maßnahmen dieser Insti- 
tutionen stehen dem geschil- 
derten Projekt der ETH und 



des IRRI entgegen, laut eige- 
nen Angaben eine Steigerung 
der Reisproduktion und eine 
Verbesserung der zumindest 
lokalen/nationalen Wettbe- 
werbsfähigkeit dieses Produk- 
tes auf den Philippinen zu 
erreichen: 



Als zu Beginn der 80er Jahre 



viele verschuldete Länder des 
Südens vor allem aufgrund 



hoher Zinssteigerungen ihren 
Schuldendienst gegenüber 

privaten Geldvermögensbe- 
sitzern nicht mehr leisten 
konnten, erhielten die bereits 



seit 1944 bestehenden Insti- 
tutionen IWF und Weltbank 
eine neue zentrale Aufgabe: 
Sie sollten diese Länder um 
jeden Preis befähigen, ihren 



Schuldendienst zu bedienen, 
um damit Geld als Zahlungs- 
mittel international zu stabili- 
sieren. Die sog. 'Strukturan- 
passungsprogramme' zwan- 



gen die Philippinen, ihre Ex- 



porteinnahmen in erster Linie 



für den Schuldendienst zu 
verwenden, sie erzwangen die 
Privatisierung, also den Ver- 



tauf, rentabler Staatsbetriebe, 



die Deregulierung der Import- 
bestimmung und umfassende 



Steuerreformen: danach 

wurde die Steuer auf Grund- 
nahrungsmittel - wie Reis - 

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senkt; die Stützungspreise für 



Reis wurden abgeschafft. 
Maßnahmen, die dem extrem 
ungleichen Gläubiger- Schuld- 
ner Verhältnis entgegenwirken 
sollten, wurden damit nur für 
die ärmeren, nicht für die rei- 



mgesetzt (3). Die Verteilung 
von Kapital strukturiert hier 
ganz direkt die Verteilung von 

lacht: das Stimmrecht war 



und ist in den Institutionen 



IWF und Weltbank - entspre- 
chend der Höhe der einge- 
zahlten Beiträge - ungleich 
verteilt. 



Deregulierungen im Rahmen 
des - ebenfalls schon seit 
1948 bestehenden - Allgemei- 
nen Zoll und Handelsabkom- 






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ordnungspolitischen und 
ökonomischen Maßnahmen 
von IWF und Weltbank. Zen- 
trales Anlieaen des GATT und 



der 1995 ergänzend gegrün- 
deten Institution 'Welthandels- 



■ganisation' (WTO) ist der 
schrittweise Abbau handels- 
beschränkender Maßnahmen. 
Im GATT-Vertrag werden all 



Mitglieder als 'gleiche 
Vertragspartner' behandelt, 
'ungleiche' Import- und Zol 
bestimmungen sollen abge- 
schafft werden, während die 
ungleiche Verteilung von 
Kapital und Produktions- 
mitteln unter den Ländern 
nicht berücksichtigt wird: Die 
Anwendung von Ausnahme- 
regeln gegenüber den ärm- 
sten Ländern bedarf des 



Konsenses der Mitglieder. 
Soziale und ökologische Maß- 
nahmen gelten als Handels- 



hemmnisse. 

Obwohl Landwirtschaft e - 
in den USA oder der EU nur 
einen unwesentlichen Anteil 
am Bruttosozialprodukt aus- 
macht, führt die Deregu- 
lierung der Handelsbestim- 
mungen dazu, daß sie dii 
Länder des Südens mehr und 
mehr vom Weltmarkt verdrän- 
gen. Die überschußproduzie- 
rende Landwirtschaft des 
Nordens ist - entgegen der 
Deregulierung - zudem hoch 
subventioniert. Der Export von 
Reis ist auf den Philippinen 



jt dem FAO-Bericht des ver- 



gangenen Jahres inzwischen 
gegen gesunken, während 
eine relativ große Menge 
importiert wird. Kleinbauern 



der Philippinen können mit 
den Weltmarktpreisen nicht 
mehr konkurrieren. 



Verhältnis zu entsprechen 
scheinen, war ich überrascht, 

auf dem Zürcher Kongreß zu 
erfahren, daß die philippini- 
sche Regierung die Import- 
schranken inzwischen sogar 
weitgehender beseitigt als im 
Rahmen der Schuldenpolitik 
oder des GATT/WTO gefor- 
dert. Das macht auf die, in 
Diskussionen über das Nord- 
Süd-Verhältnis häufig verges- 
sene Selbstverständlichkeit 
aufmerksam, daß sich die phi 
lippinische Regierung, die 
ärmere Bevölkerung, die 
Widerstandsbewegung, die 



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tisch nicht als eine gemeinsa- 
me Grösse gegenüber einem 
'Land' des Nordens fassen 



lassen. 





Attraktive 



Entwicklun 



modelle 



Zum andern macht die 
Handelspolitik der philippini- 
schen Regierung deutlich, 
daß ein Entwicklungsmodell 



nicht immer ökonomisch oder 
militärisch aufgezwungen 
wird: Altvater/Mahnkopf spre- 



chen etwas vage von der 
'Attraktivität' eines Entwick- 
lungsmodells wie dem der 



nördlichen Industrieländer 
oder dem der Tigerstaaten' 
(83). Diese wird über öffentli- 
che Darstellungen kulturell 
breit verankert. Attraktiv ist 
dabei nicht nur Reichtum oder 
Wirtschaftswachstum, son- 
dern auch die Exklusivität 
bestimmter Eigenschaften: 



Ein solches Merkmal wäre 
das der Bildung, das den 
Schweizer Gentechnologen 
zugeschrieben, den Be- 




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Während die Maßnahmen von 
IWF/WB und GATT/WTO einem 
hegemonialen Nord-Süd- 



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runa nach vorn. 






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Globalisierungs- 



theoretiker 



Die EU und die Schweiz 
müssten die Entwicklung von 
Gentechnologie stützen, weil 
sich auf diesem Gebiet die 
Entwicklung von Arbeits- 



plätzen und die nationale 
Wettbewerbsfähigkeit ent- 
scheide. Die IWF und WB 
müssten die Länder des 
Südens zu einer Schulden- 



tilgung zwingen, weil sonst 
die Stabilität der Dollar- 
währung und damit die 
Weltwirtschaft bedroht sei. Die 
Darstellung der Weltwirtschaft 
in Sachzwängen erfaßt auci . 
linke Analysen: Das 'Diktat der 

I Finanzmärkte ' führe dazu, daß 
sich Unternehmen durch die 
'Brille der Börsen ' wahrneh- 
men müssten, oder: die 
Zeiten, in denen die Pro- 

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duktionsapparate inaktiv sind, 
würden sich als entscheiden- 
de Kostenfaktoren erweisen 
und müssten daher tendenzi- 



ell auf Null gebracht werden, 



so die Darstellung in einem 
Text zu 'Globalem Wettbewerb 
und lokaler Wettbewerbs- 
fähigkeit' von Mahn köpf/ 
Altvater in IZ3W (9/96). 



Der Technologietransfer von 
ETH/IRRI einerseits und die 
Schuldenpolitik sowie 
Handelsderegulierungen 
andererseits verfolgen unter- 
schiedliche Zielsetzungen, die 
sich nicht als eine Strategie 
beschreiben lassen. Diese 
Massnahmen tragen nach 
Darstellung der kritischen 
Bauernorganisationen insge- 
samt dazu bei, eine nachhalti- 



e Landwirtschaft und eine 
gerechte Verteilung von Land 
und Produktionsmitteln auf 
den Philippinen zu verhindern 



und haben damit für die phi- 
lippinische Reisbäuerinnen 
auch ganz konkrete Folgen 
(deren Geschlechtsspezifik 
ich bisher zu wenig kenne, 



um sie zu beschreiben. 



Zudem sind auch die ver- 
schiedenen Diskurse um Um- 
welt, Standort und Entwick- 
lung, die Repräsentationen 
des Südens und des Nordens 



sowie der Widerstand gegen 
diese Darstellungsweisen Teil 
der Weltmarktpolitik. Daraus 
folgern Altvater/Mahnkopf, 
Theorie angesichts der zuneh- 
menden 'Globalisierung' 
enstehe nur aus einem 
„eklektischen Durcheinander" 
verschiedener analytischer 
Ansätze (79). Die Autorinnen 



bauen aber - wie dies auch 



bei anderen Texten zum 
Thema 'Globalisierung' zu 
beobachten ist - die eher 
soziologischen Unter- 
suchungen häufig auf einer 



einfachen wenn-dann-Logik 
auf. Die entworfenen Modelle 
der Weltwirtschaft erhalten 
durch den Bezug etwa auf 



len Kosten' und 'Umwelt/co- 
sten gesprochen, obwohl es 
sich dabei um keine Geld- 



Aquivalente handelt: Sollte 
der Transfer von Gentechno- 



logie auf die Philippinen 



ungeplante ökologische 
Folgen haben, z.B. eine 
Resistenzbildung von Schäd- 
lingen und eine Zerstörung 
des ökologischen Reisanbaus 



nach sich ziehen oder einen 
vermehrten Einsatz von 
Agrochemie erfordern; oder 
führt er - wie von den 
Bauernorganisationen erwar- 
tet - tatsächlich zu Verlust des 
Landes und damit von 
Erwerbsmöglichkeit für weite- 
re Kleinbäuerinnen, so läßt 
sich dafür nicht mehr die 



Rechnung einer Fehl- 
investition aufmachen: Die 
'Schulden' dieser Investition 
sind nicht die der Institution 
oder des Unternehmens, sie 
werden unter den ärmeren 



Bewohnerinnen der Philip- 
pinen sozialisiert, sie lassen 
sich aber auf keinen Fall in 
Geldwert aufrechnen oder mit 



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nistische Theorie eine grosse- 
re Komplexität. Wenn diese 
jedoch letztlich wieder ökono- 
misch begründet und auf den 
'Sachzwang Weltmarkt' 



zurückgeführt werden, ge- 
schieht eine Vereinfachung, 
die zwar eine kohärente Sicht 
auf ineinandergreifende 

andlunqen und Entwick- 
lungen zu ermöglichen 
scheint, die aber inflationär 
blinde Flecken erzeugt, etwa 
hinsichtlich ethnischer, 



geschlechts- und klassenspe- 



zifischer oder kultureller 
Faktoren, sowie gegenüber 
Kritik und Widerstand. 
Entsprechend einer solchen 



Okonomisierung von The 

wird - selbst in soziologischen 
und technikkritischen 
Untersuchungen - von 'sozia- 




'zuruckkaufen . 



NGO'sun 
andere 







Der Vortrag, der auf dem 
Kongreß 'Responding to 



Globalization' auf größtes 
Interesse stieß, wurde von 
einem sympathischen, elegan- 
ten Herrn im dunklen Anzug 



gehalten, der etwas verspätet 



eintraf, weil sein Flugzeug aus 
Boston erst nach Beginn des 
Kongresses landete. Dr. 
Waiden Bello flog anschlie- 
ßend weiter nach Manila, wo 
er die Hälfte des Jahres an 
der Universität lehrt. Die zwei- 
te Hälfte arbeitet er in 



Bangkok als Vertreter der 
NGO 'Focus on the global 
south'. Diese kosmopolitische 
Gestalt kann man als einen 
Hinweis lesen, inwieweit die 
Globalisierung auch die 



Vertreterinnen linker Organi- 
sationen erfaßt hat. Man kann 
aber auch den Unterschied 
dieses Bildes zu Darstel- 



lungen wie der beschriebenen 
Fernsehsendung beleuchten. 



Die Bedeutung, die Nicht- 
regierungsorganisationen in 
den 90er Jahren über ihre 
Beteiligung an den großen 
Konferenzen zu Umwelt und 
Entwicklung und durch ihre 
öffentliche Darstellung erhal- 
ten haben, hat sicherlich dazu 

beigetragen, die Repräsenta- 
nz w» 

tion einiger sozialer Bewegun- 
gen des Südens zu verändern 
und ihre Forderungen, etwa 
auch die der kritischen 
Bauernorganisationen der 



Philippinen, zu veröffent- 



lichen. Während einerseits 
den Darstellungen anonymer 
Opfer etwas entgegengesetzt 



wird, treten die Bilder kosmo- 



politischer Kritikerinnen 
jedoch auch an die Stelle 
einer Repräsentation breiten 
militanten Widerstands, wie es 
ihn auf den Philippinen als 



Kampf um volksdemokra- 
tische Strukturen seit der 
Bekämpfung der Marcos- 
Diktatur zu Beginn der 70er 



Jahre gab. Zudem bestehen 



die unterschiedlichen Dar- 



stellungen 'unterentwickelter 
Länder' und hegemonial 
durchgeführte angebliche 



'Entwicklungsmaßnahmen' 
parallel dazu weiter. Die 
Globalisierungstheorien von 
Altvater/Mahnkopf und Hirsch 
werten aber NGO's und ihre 
globale Vernetzung als wich- 
tigste politische Perspektive. 
Vor allem Altvater/Mahnkopf 
betonen, mit den NGO's 



erhielten „Subjekte der 
Zivilgesellschaft" Zugang zu 
den Institutionen der globalen 
Regulation und würden neue - 
soziale und ökologische - 



(541 f). Trotz ihrer Betonung 
der Akkumulationszwänge in 
einer kapitalistischen 
Wirtschaftsordnung unter- 



stellen sie - auch mit dem 
Begriff der 'Zivilgesellschaft' - 
eine grundlegende Gleichheit 
der Teilnehmenden und die 

prinzipielle Möglichkeit eines 
mit Hilfe internationaler Netz- 



werke entstehenden ethi- 
schen Konsenses der 
'Weltgemeinschaft' etwa zu 
Fragen wie „Arbeitsmarkt- 
politik und Umweltzer- 
störung". Entsprechend wird 



von Altvater/Mahnkopf die 
UN-Konferenz für Umwelt und 
Entwicklung hervorgehoben, 
die 1992 in Rio zu einer 



euphorischen Beurteilung 



möglicher sozialer und ökolo- 
gischer Verbesserungen auf- 
grund der Beteiligung von 
NGOs an der dort entworfe- 



nen 'Agenda 21 geführt hatte. 



Bei der diesjährigen Nach- 
folgekonferenz 'Rio+5' in 
New York spielte allerdings 
der Optimismus in Richtung 
eines 'nachhaltiqen Wirtschaf- 



tens' schon deshalb eine 
untergeordnete Rolle, weil die 
1992 in Rio festgelegten Maß- 
nahmen zum Umweltschutz 



größtenteils nicht umgesetzt 



worden sind. Hoffnungsträger 



waren in diesem Jahr, so die 
Beobachtung von Achim 
Brunnengräber in IZ3W 



(9/97), weniger die NGOs als 

die Privatwirtschaft. 
Die Betonung von kritischen 
Netzwerken, einer 'Globali- 
sierung von unten' oder einer 
'global govemance', d.h. der 
Einrichtung einer soziale und 
ökologische Bedürfnisse 
regulierenden 'Weltordnungs- 





politik', nimmt dabei die 
Universalismen auf, die auch 
den vereinheitlichenden 



schaft zugrundeliegen. 
Konkrete Interessenskonflikte 
werden darin nicht berück- 



sichtigt. 

Während in dem hier be- 
schriebenen Beispiel um 
transgenen Reis abwertende 
Darstellungen der Philippinen 
und ihrer Bewohnerinnen 



Abgrenzung und Konkurrenz 



im Standortwettbewerb signa- 
lisieren, streben Institutionen 
wie die Internationalen Agrar- 
forschungsinstitute anderer- 



seits auch neue Formen von 



Zusammenarbeit und Allian- 
zen an und scheinen linke 
Politikinhalte, etwa in der 
Gender- und Umweltpolitik zu 
übernehmen. So hat das IRRI 



beispielsweise im letzten Jahr 

einen Preis für 'gender issues 

in rice-based farming' an eine 
Mitarbeiterin verliehen. Auch 



hinsichtlich einer Repräsen- 



tation des Widerstands ist es 



aber wichtig, wer diese regu- 
liert und wessen Forderungen 
damit umgesetzt werden. 






governance' und die Allianzen 
der NGO's mit Regierungs- 
und Wirtschaftsvertretern sind 






gerade deshalb realitätsmäch- 
tig, weil sie verhindern, daß 
die jeweils wirksamen Macht- 
verhältnisse hinsichtlich der 



Akteure, ihrer Verbindungen 
und der jeweils unterschiedli- 
chen Interessen ausreichend 



thematisiert werden. 

Um hier nicht in die eigene 



Falle eines allgemeinen Vor- 
schlags hinsichtlich besserer' 
Politikformen- und Inhalte zu 
gehen, möchte ich stattdes- 
sen den Aufruf zu Aktionen 



gegen die zweite WTO- 
Ministerkonferenz weiterge- 
ben, die vom 18. bis 20. Mai 
1998 in Genf stattfinden wird. 
Diese Konferenz wird mit 



einer offiziellen Feier zum 50. 
Jahrestag des multilateralen 
Handelssystems GATT/WTO 
verbunden. Eine Gruppe des 
AStA der RWTH Aache 



»ereitet dazu Informationen 
zu Handelsderegulierungen 
der WTO (Flugblätter und 
Broschüren), sowie eine 



Gegenkonferenz vor, die spä- 



testens im März ebenfalls in 



Genf stattfinden soll. 
Informationen über AStA der 
RWTH Aachen, Turmstrasse 



3, 52072 Aachen, Tel. 
+49.241.803792, Fax. 
49.241.876103, Email. 
asta@rwth-aachen.de * 



Literatur: 

Petition der philippinischen Bauernorgantsati- ! 
onen. in 'Materialienband zur Gen-Schutz- 
Initiative' der Schweizerischen Arbeitsgruppe j 
Gentechnologie, hrsg. von Florianne 
Koechlin, Daniel Ammann. -Ingo Potrykus. I 
Gentechnik mit Indica Reis, ein Beitrag der \ 
ETH Zürich zur Ernährungssicherung in 
Entwicklungsländern'. Vortrag an der ETH 
Zürich am 8., 9. Juli 1994 -Swapan K. Datta, 
Case Study: Transgenic Rice in the 
Philippines. Manila, ohne Datumsangabe 
-Johannes Siemens, 'Reis im Visier internatio- 
naler Agrariorschung' in: fokus: ökozid 12. 
'Unternehmen Zweite Natur' hrsg. von Ute 
Sprenger. Jürgen Knirsch, Kerstin Lanje, ! 

Gießen 1996, S. 140- 147 -Elmar Altvater, 
Birgit Mahnkopf, Grenzen der Globalisierung' 
- Ökonomie, Ökologie und Politik in der 
Weltgesellschaft'. Münster 1996 -Joachim 
Hirsch, Der nationale Wettbewerbsstaat • 
Staat, Demokratie und Politik im globalen 
\pitalismus', Berlin 1995 -Schwerpunkt 
Global Governance in IZ3W, Oktober 1997, 
hrsg. von Aktion Dritte Welt e.V., Freiburg - 
Schwerpunkt 'Offene Märkte - geschlossene 
Gesellschaft - Die WTO und die neuen Di- . 
mensionen im Welthandel' in IZ3W, Juni 1995 
-50 Jahre IWF.Weftbank in IZ3W. JulilAugust 
1994 -Schwerpunkt 'Gatt - Neuordnung des 
Weltagrarhandels' in IZ3W, September 1989 
1) Die Zentren selbst, so Johannes Siemens, 
haben diese Ressourcen zum Teil unter recht 
fragwürdigen Umständen erworben. So 
wurden in Indien angelegte Sammlungen 
traditioneller Reisvarietäten, mit deren Hilfe 
der einheimische Anbau ohne großen Einsatz 
von Dünger und Pestiziden langsam verbes- 
sert werden sollte, mit dem IRRI ..zwangsver- 



einigt". 

2) Die Produktion von Chemie und Biotechnik 
der Landwirtschaft konzentriert sich zur Zeit 
immer mehr auf nur wenige Konzerne, neben 
Novartis gehören Monsanto, Dow Chemical 
und Du Pont zu den größten. Diese kaufen 
u.a. Saatgutfirmen auf, wodurch sie neben 
Pflanzenplasma auch das Verkaufsnetz 
dieser Firmen und deren Versuchfelder über- 
nehmen. 

3) Es gibt auch Beispiele dafür, eine Stabili- 
sierung der internationalen Konkurrenz durch 
Maßnahmen sowohl auf der Gläubiger- als 
auch auf der Schuldnerseite anzustreben: 
Keynes hatte dies während der Verhandlun- 
gen um das internationale Währungssystem 
1944 vorgeschlagen und gefordert, dass 
Gläubigerländer ihre Wirtschaftspolitik dahin- 
gehend verändern müssten. Er konnte sich 
mit diesem Plan jedoch nicht durchsetzen. 



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„Cyborgs sind kybernetische 
Organismen, Hybride aas 
Maschine und Organismus, 
ebenso Geschöpfe der 
gesellschaftlichen Wirklichkeit 
wie der Fiktion. " 



Wenn der Cyborg halb 
Mensch, halb Maschine ist, 
wo hört die eine Hälfte auf, 
wo fängt die andere an? 




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Die Unterscheidung von 
Mensch und Maschine 
ist nicht leicht. Der 



Cyborg unserer Tage 
bewegt sich nicht mehr 
„mechanisch", er 
spricht nicht mehr ble- 
ehern, seiner Erschei- 



mg nach ist er „einer 
von uns". So bleiben als 
letzte populäre Mensch- 
lichkeitskriterien nur die 
„echten Gefühle" und 



die „echten Ermnerun- 
gen". Doch woran erken- 
nen wir das Echte? 
Selbst auf das typisch 
transhumane Flackern 



im Auge des 
Replikanten können wir 
uns nicht mehr verlas- 
sen. Cyborgs haben 



gelernt, menschliches 
Verhalten perfekt zu 
simulieren, perfekter als 
wir selbst es können. 
Are You a Cyborg, 



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,Doch da sehe ich zufällig 

vom Fenster aus Menschen 

auf der Straße vorbeigehen, 



von denen ich gewohnt bin zu 



sagen: ich sehe sie, und 
doch sehe ich nichts als die 
Hüte und Kleider, unter denen 
sich ja Maschinen verbergen 
könnten. Ich urteile aber, daß 
es Menschen sind. "* 



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* Rene Descartes: Meditationen über die 
Grundlagen der Philosophie (1641) 



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3. Der gesellschaftliche Cyborg 




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Körper-Automaten des 17. 

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Präzisionsuhr geschaffen, 

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und Frartkensteins Monster 



immer weniger 
von informationstechnischen 

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Funktionen trennen lassen, 

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dann repräsentiert der 
Cyborg tatsächlich, wie 
Donna Haraway sagt, nicht 




Phantasie 



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ideologischen Staatsapparat 
"Unterhaltungselektronik", 

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dessen technologische 

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Gadgets und elektronische 

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Diese Familie von Dienst- 



leistungsrobotern repräsen- 
tiert ein schlichtes und offen- 
sichtlich fröhliches Verhältnis 
zur Technik: freundliche, 



geschlechtsneutrale Idioten, 



die uns helfen sollen, beque- 
mer, sicherer und sauberer zu 
leben. Weil sie so gar nichts 
Menschliches haben, wird 
man sie zum Putzen schicken 




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Die „nächtliche" Seite unse- 
res Verhältnisses zur Technik 
äußert sich in der Vorstellung 



von durchgeknallten 
Supercomputern und wildge- 
wordenen Haushaltsgeräten , 
die, statt den Kuchenteig zu 
rühren, sich daran machen, 



uns zu zerfleischen. Dieser 



Technikpessimismus reprä- 
sentiert unsere geläufigen 
und keineswegs unbegründe- 
ten Ängste vor einer tscher- 



nobylesken Großtechnik, die 



„außer Kontrolle" geraten und 
eine verhängnisvolle Eigen- 
dynamik entwickeln kann. 



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können, ohne daß sie je 
gegen ihre Chefs und 
Chefinnen aufbegehen. Daß 
die Technik ein einfaches 
Werkzeug sei, das sich ohne 
Hintergedanken nach den 
vom Menschen gesetzten 
Zwecken richtet, ist unsere 
alltägliche, „aufgeklärte" 
Technikohilosophie. 







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Eine eindeutig sexuell markier 
te Maschine. Die geschlecht- 
liche Teilung des 
Arbeitsmarktes reflektiert sich 
in der Cyberwelt. Die Robot- 



Nixe bietet glänzendes Aus- 
sehen und sexuelle Verfüg- 
barkeit „rund um die Uhr". In 






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ästhetischer Hinsicht regiert 
hier der "Sex-Appeal des An- 
organischen": Schimmernde 
Oberflächen, wie wir sie sonst 



nur von unseren Automobilen 



kennen und Stromlinienformen, 
denen der menschliche Körper 
nur verzweifelt nacheifern kann. 



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Zu Recht wird bisweilen 
angenommen, daß die Form 



der Technik durch die Form 
der Gesellschaft bestimmt 
sein könnte, in der sie 
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Romantik des 
Cyberpunk immer- 
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Ahnung. auch 
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schnell mit den finsteren 



Intrigen machtbesessener 
Halbirrer identifiziert: 
Hier übt „die Corporation", 
die man sich als weltumspan- 
nenden militärisch-kulturindu- 
striellen Komplex vorzustellen 
hat, mit Hilfe ihres Medien- 
monopols und einer hoch- 

gerüsteten Uberwachungs- 






4 



technik unbeschränkte Kon- 
trolle über die Menschen aus. 



Totale Abhängigkeit und 
Fremdbestimmung ergeben 
sich hier nicht durch die 
Technik selbst, sondern durch 
ihre private, monopolisierte 
Aneignung. Der Cyborg prä- 
sentiert dabei jene ideale 
Subjekt-Version, die nicht ein- 
mal mehr kontrolliert und 
überwacht werden muß. weil 
sie schon nach den Zwecken 
der „Corporation" program- 
miert worden und in ihrer 
ganzen (an-)organischen 
Zusammensetzung ein unmit- 



telbares Produkt der Macht 
ist. Unvermutete 
Subjektivitätszeichen . 
(= Programm- 
abweichungen) ahn- | 
det die Firma durch 



sofortigen Ersatz- 
teilentzug. 












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Der dringendste Wunsch, den 



diese Kultur zu hegen 
scheint, ist der nach einem 
gestählten oder am besten 
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lichen 
Körper. An 
diesem 
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die körper- 
liche Aus- 



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stattung des Cyborgs noch 



die phantastischsten Ergeb- 
nisse des Bodybuilding in 
den Schatten. 
Als unaufhaltbare Kampf- 



maschine pflügt sich der 



Cyborg seinen Weg durc 
die postapokalyptische Land 
schaff, von nichts getrieben 
als von dem Auftrag, für den 



er von guten oder bösen 
Mächten programmiert 
worden ist. 



Die Weiterentwicklung der 
Cyberkultur ist heute einer 
bestimmten Klasse von 
Technik-Freaks überlassen, 
die nicht nur fast ausschließ- 
lich männlich, sondern auch 
überwiegend sehr jung sind. 
So ist es nicht erstaunlich, 
daß vielen Computer-Anwen- 
dungen (Spiele, 
Animationen, 
Morphing, VR- 
Applikationen, 
cybersexuelle 
Spielzeuge) ein deutlich 
pubertärer Zug anhaftet. Auf 
der Suche nach dem Cyborg 
trifft man auf den Nerd, jene 
mythische Gestalt der 
Computerkultur, wie sie 
Mark Dery in „Cyber" be- 
schreibt: 



„Das Musterbeispiel für einen 
Computerbesessenen ist der 
Hacker, eine archetypische 
Figur, die man sich gemeinhin 
als einen etwas verlotterten 
Teenager vorstellt, der mit sei- 
nem Terminal verhei- 
ratet ist und sich 
mit koffeinhaltiger 
Cola und Junk 
food bei Kräften 
hält, der vor allem 
aber in einer gerade- 
zu symbiotischen Beziehung 
mit seinem Computer lebt. 
Früher waren Com- 
putersüchtige 
Nerds, und was 
einen Nerd zu 
einem Nerd 
machte, mehr 
als seine 
Hochwasser- 
hosen und der 
Kugelschreiber in der Brust- 
tasche seines Karohemdes, 
war seine extreme Unbe- 
holfenheit im Umgang mit 
dem anderen Geschlecht. 










5. Cyborgs allein zuhause 



Nun kann ja eine gewisse 
sexuelle Umständlichkeit 
auch angenehme kulturelle 
Resultate zeitigen. Doch die 
Erwartung, daß die Hemmun- 
gen des Nerd einen ähnlichen 
Reichtum an Sublimations- 
leistungen erzeugen könnten 
wie beispielsweise Kafkas 
Verlobungsneurose, sieht sich 
bald enttäuscht. Der techni- 
schen Überinstrumentierung 
des elektronisch erweiterten 
Junggesellen entspricht die 
Ärmlichkeit 
seiner 
Imagina- 
tionen: 



echsen, steinzeitliche 
Barbaren, mittelalterliche 
Ritter, laserbewehrte 
Kampfidioten und keusch 
verpackte Astronauten. 



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Anstatt die sexuel- 
len Aggregats- 
zustände zu 
vervielfachen, 
scheint sich die 
technische 
Phantasie bisher 
vor allem auf neue 
Formen der Körper- 
und Charakter-Panzerung 
zu richten: urzeitliche Riesen- 



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6. Menschen am Schirm 






a) Optisch gibt die Kopp- 
lung von Mensch und 
Computer nicht viel her: 
Hand-Tastatur, Kopf-Bild- 
schirm. 

Der Unterkörper hat - 
anders als beim Auto- 
fahren - nichts zu tun. 



b) Die utopische Faszina- 
tion der Informationstech- 

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nologie verdichtet sich im 
Begriff „Cyberspace", f 
der reale Stumpfsinn, den 
sie hervorbringt, tritt im 
Wort „Bildschirmarbeits- 
platz" zu tage. m 










































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OSS = Organisatiöns-System-Schnitts 
SAS = System-Aufgaben-Schnittstelle 
MMS = Mensch-Maschine-Schnittstelle 



Prüfliste Bildschirm- 
arbeitsplätze 

D/e Bauhöhe der Tastatur, 
gemessen an der mittleren 
Buchstabenreihe, soll 30 mm 



1 %• 

für Tastaturen, die vor dem 
01.01.1985 im Einsatz waren) 
Die Neigung ist möglichst 



gering zu halten, kleiner als 
15oo (4.3.3 ZH 1/618) Bei 
Tastaturhöhen von mehr als 
30 mm Bauhöhe ist die 



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Berücksichtigung der 
Mindestbeinraumhöhe so zu 
gestalten, dafl eine mittlere 
Tastaturhöhe von 750 mm 
über dem Fussboden nicht 

{wesentlich überschritten wird. 

\4.6.8. ZH 1/618) (Abb.1) 

Bildschirme, Tastaturen und 
Konzepthalter sind so anzu- 
ordnen, dafl der Sehabstand 
zu allen Objekten 450 bis 800 
mm beträgt. (6.4 ZH 1/618) 
(Abb. 3a) Die Tastenfelder 
müssen innerhalb des kleinen 
Greifraumes und die vorder- 
ste Tastenreihe in einem 
Abstand von 50 bis 100 mm 
ivon der vordersten Tischkante 
\angeordnet sein. (4.8.4 ZH 



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my family... 














7. Vom Ärmelschoner zum Bilds 










Zur klassischen Trostkultur 
des Büromenschen gehören 
die kleinen Dinge, mit denen 
er/ sie den Arbeitsplatz aus- 
staffiert und sich ein wenig 
Privatsphäre verschafft: Das 
Bild von den Kindern, die 
Lieblingstasse, der launige 
Bürospruch, die Urlaubs- 
postkarten der Kolleginnen, 
der Kaktus am Fenster... 

Später kam der individuelle 
Bildschirmschoner dazu. Die 
Internetkultur hat dieses 
beschränkte Repertoire um 
eine Art virtueller Topfpflanze 
erweitert: die Homepage. 
Deren Gestaltung und fort- 
dauernde Pflege hat sich zu 
einem neuen, massenhaft 
betriebenen Kunsthandwerk 
entwickelt, das indirekt eini- 
ges über die „Subjekte der 
technowissenschaftlichen 
Arbeit" verrät: 






Meist handelt es sich um 
Angestellte von großen 
Konzernen, die von ihren 
Firmen die Erlaubnis erhal- 
ten, eine private Internet- 
Seite einzurichten, auf der sie 
sich selbst, ihre Familie und 
ihre Hobbies vorstellen kön- 
nen. Genau das tun sie 
dann auch: Hier 
sticht vor allem 

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die ungeheure 
Zahl der 40-50- 
jährigen techni- 
schen 

Angestellten, 
Ingenieure 
und EDV-Spe- 
zialisten her- 





























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my ftouse anc/ my car. 



vor, die das immer gleiche 
Photoalbum der mittelständi- 
schen Erungenschaften aus- 
breiten: „my house", „my 
car", „my family". 

Von Cyber-Euphorie keine 
Spur. Im Gegenteil: Diese 
extrem behäbigen Darstel- 
lungen scheinen eher die 
Funktion zu haben, das 
beruflich erforderte Ein- 
tauchen in den „Cyberspace" 
der CAD- und CAE-Program- 
me durch die Anrufung einer 
„wirklichen", familiär und ter- 
ritorial geerdeten Wirklichkeit 
wettzumachen. So geht es in 
diesen Homepages vor allem 
darum, Zeugnis vom „realen" 
Leben ihres Inhabers abzule- 
gen: Urlaubsbilder, Hoch- 
zeitsphotos, sogar einges- 
cannte Personalausweise die- 
nen als Existenzbeweis. Für 
die Versuchungen der „cybri- 
dity", beispielsweise einmal 
wenigstens virtuell das Ge- 
schlecht oder dergleichen zu 
wechseln, erweist sich diese 
hemdsärmelige Familienvater- 
und Ingenieurs-Mentalität als 
völlig unzugänglich. 












8. Die Reichsdatenbahn 



Als Standortmaßnahme hat 
der Ausbau der Informations- 
netze besonderes nationales 
Gewicht bekommen. 1993 
stellte der US-amerikanische 
Vizepräsident AI Gore das 
Projekt einer „Nationalen 
Informations-Infrastruktur" vor 
und belegte es mit dem 
Kosenamen „Information 



superhighway". Das war 
natürlich eine Herausforder- 
ung für deutsche Traditions- 
pflege: 

„Alle Welt redet von 
Multimedia und Information 
Highways, oder wie wir in 
Deutschland ruhig sagen soll- 
ten: Datenbahnen. " 

(Dr. Heinrich von Pierer, Siemens AG) 












9. Eine Frage der Flexibilität 









[DIE WELT] „Der Arbeitsmarkt 
steht vor einer Revolution 
Die Beschäftigungskrise hat 
tiefliegende Ursachen - Den 
Beruf fürs Leben gibt es 
immer seltener." 

* 

Von DOROTHEA SIEMS 
„ Wer heute arbeitslos wird, 
sollte nicht unbedingt darauf 
bauen, noch einmal in seinem 
Beruf eine Stelle zu finden. 



Die Chancen sind oftmals in 
einer anderen, zukunfts- 
trächtigen Sparte viel günsti- 
ger. Und auch wer in Lohn 
und Brot ist, muß Stillstand 
vermeiden. Immer neue 
Techniken erfordern von 
jedem die Bereitschaft zum 
lebenslangen Lernen. Wer 
sich gegen Neuerungen 
stemmt, läuft Gefahr, bald auf 
dem Abstellgleis zu landen. " 




































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10. Das virtuelle Biedermeier 





















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Manche Telearbeiterlnnen vermissen das 
kollegiale Gespräch am Arbeitsplatz. 












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1997: Die Brutalität der 
Großtechnik löst sich auf 
in der Behaglichkeit des 
Heimbüros. Die Apparate 
machen sich ganz klein, 
um dem Menschen mehr 



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Raum zu geben. Der putzi- 
ge Desktop-PC kuschelt 
sich in die Wohnzimmer- 
Anrichte und Papa muß 
nicht mehr mit dem stin- 
kenden Auto in die Arbeit 



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1 1 . Wir haben die Arbeit von unseren Cyborgs nur geborgt 






Der „Siegeszug" von Informa- 
tionstechnik und „Multimedia" 
hat nicht nur Millionen von 
Haushalten neue, elektroni- 
sche Mitbewohner beschert, 
er hat vor allem unsere 
Arbeitsverhältnisse nachhaltig 
verändert. Damit verbindet 
sich häufig die Vorstellung 
von einer Befreiung: Die Auto- 
matisierung ersetzt die müh- 
selige und repetitive Hand- 



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arbeit, de>Qomputer nimmt 
uns die langwelligen Routine- 
tätigkeiten ab und mactrt uns 
frei für koordinierende un 
kreative Aufgaben, die welt- 
weite elektronische Ver- 
netzung schafft ungeahnte 
Möglichkeiten der Koopera- 
tion und des Austauschs von 
Wissen. 

Patenonkel aller dieser fröhli- 
chen Technikutopien und 




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„Die Menschen werden 
plötzlich nomadische 
Informationssammler, und 
zwar so nomadisch wie- 
noch nie, so informiert 
wie noch nie, frei von 
hemmender Spezialisier- 
ung wie noch nie - aber 
auch wie noch nie in den 
ganzen Gesell- 
schaftsprozeß einbezo- 
gen, da wir ja mit der 
Elektrizität unser Zentral- 
nervensystem weltum- 
spannend erweitert haben 
und jede menschliche 
Erfahrung sinnvoll einord- 
nen können.." 

Marshall Mc Luhan: 
Understanding Media. 1964 



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Visionen vom Ende der Arbeit 
(wie wir sie kennen) ist der 
amerikanische Medien- 
theoretiker Marshall McLuhan. 

ein Klassiker „Understan- 
ding^Media. The Extensions 
of Man"^rS64) gab eine 
äußerst einflußrerclie Be- 
schreibung des Menschen als 
gesellschaftlichem Cyborg. 

Weil die technischen Erfin- 






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„Das grundlegende 
Kennzeichen der neuen 
Produktionsweise scheint in 
dem Faktum zu bestehen, 
daß die wichtigste Produktiv- 
kraft technowissenschaftliche 
Arbeit ist, als eine umfassen- 
de und qualitativ hochwertige 
Form der Synthese gesell- 
schaftlicher Arbeit- ... Dies 
läßt sich nicht auf einfache 
Arbeit zurückführen - im 
Gegenteil gibt es in der tech- 
nowissenschaftlichen Arbeit 
ein immer bedeutenderes 
Zusammenwirken künstlicher 
Sprachen, komplexer 
Artikulationen kybernetischer 
Instrumente, neuer epistemo- 
logischer Paradigmen, imma- 
terieller Bestimmungen und 
kommunikativer Maschin- 
erien. Das Subjekt dieser 
Arbeit, der gesellschaftliche 
Arbeiter, ist Cyborg, eine 
hybride Verbindung von 
Maschine und Organismus, 
die fortwährend die Grenzen 
zwischen materieller und 
immaterieller Arbeit über- 
schreitet." 

Antonio Negri I Michael Hardt: 
Labor of Dionysos, 1994 



düngen des Menschen nicht 
nur die Reichweite des Kör- 
pers über jede organische 
Dimension hinaus vergrößern, 
sondern auch seine Weltsicht 
determinieren, versprach sich 
McLuhan von der „elektri- 
schen Schaltungstechnik" 
eine regelrechte Revolution: 
die „Kybemation" sollte die 
^serielle", an der Technik des 
Lesensjjnd Schreibens 





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in Chimären, 
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aus Maschine und 

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Wir 







unsere Ontotogie. Sie 
unsere Politik. 

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Donna Haraway: Amanitesto§ 
for Cyborgs, 1985 

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Donna Haraway's „Manifeste 
for Cyborgs" macht den Ver- 
such, gegen die überwälti- 
gende Realität des militär- 
isch-industriellen Cyborg, 
gegen seine Verwirklichung 
als phallokratische, technizi- 
stische Herrschaft, einen iro- 
nischen Gegenmythos zu set- 
zen. „Cyborg"' dient hier vor 
allem als Metapher für neue, 
„postmoderne" feministische 
Assoziationsformen und Al- 
lianzen, die nicht mehr auf 
dem Prinzip des Einen, Ein- 
heitlichen, Ganzen und Natür- 
lichen beruhen, sondern in 
ähnlicher Weise nichtiden- 
; tisch und nichtursprünglich 
jsind wie ein kybernetischer 

{Organismus. Darüber hinaus 
verknüpft sich damit das Pro- 
gramm einer Aneignung der 
neuen biotechnologischen 



(„Gutenberg-Galaxis") orien- 
tierte Kultur durch eine ganz- 
heitliche Wahrnehmung erset- 
zen, die Informationen 
„gleichzeitig" aufnehmen und 
miteinander verknüpfen kann. 
Als unmittelbare „Erweiterung 
des Zentralnervensystems" 
schafft die Informationstech- 
nologie ein Universum, in 
dem alles jederzeit präsent 
ist, im Gegensatz zur Welt der 








und reproduktionsmedizini- 
schen Techniken für eine Be- 
freiung der Frauen von der 
ihnen zugeschriebenen „na- 
türlichen Weiblichkeit". Lust- 
volle Identitätsdiffusion in 
einer Cyborg-Existenz, die- 
sen „hybriden" Mythos setzt 
Haraway gegen feministi- 
sche Identitätspolitik und 
technikfeindliche Naturver- 
ehrung. 

Nur die „Frauen im integrier- 
ten Schaltkreis", denen in der 
Chip-Industrie die untersten 
Stellen der Lohn- und Ar- 
beitshierarchie zugewiesen 
werden, würden sich wahr- 
scheinlich wundern, welch 
schicke Subjekttheorie hier 
an ihrem Beispiel demon- 
striert wird.- 


















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Mechanik, die auf dem Nach- 
einander in der Zeit und der 
Zerstückelung von Tätigkeiten 
beruht. So besiegt der Elek- 
tronenrechner" das Fließ- 
band, an die Stelle der lokali- 
sierten und spezialisierten 
Routinearbeit tritt die unge- 
bundene Existenz des 
Informations-Nomaden: 



„Wie die Maschine und das 
Auto die Pferde ablösten und 
sie dem Sport und Vergnügen 
zuführten, macht die Automa- 
tion das mit dem Menschen." 
Glückliche Pferde, die im 
Kreis herumlaufen: Der Zweck 
ist ihnen nicht ganz klar, aber 
die Sache ist weniger an- 
strengend als die Arbeit auf 



dem Feld oder das Kutschen- 
Ziehen. 

Hinter dem Glück der Pferde 
bleibt das menschliche aller- 
dings weit zurück: Während 
die technische Entwicklung 
im Fall Pferd dazu geführt hat, 
daß die Tiere endlich etwas 
Ruhe haben, sorgt sie beim 
Menschen für seine vollstän- 



dige Inbetriebnahme als Teil 
einer Wissensmaschine, die 
ihm "lebenslanges Lernen" 
und technologisches Up-to- 
date-Sein abverlangt. So 
zeichnet sich eine Spaltung 
ab zwischen der „virtuellen 
Klasse", die „informiert wie 
noch nie" den Rhythmus der 
Produktinnovationen und 



technologischen Verwertungs- 
zyklen diktiert, und jenen 
bedauerlichen Uniformierten, 
die, wie einst die Ackergäule, 
die verbleibende Drecksarbeit 
oder jene stumpfsinnigen 
Routinetätigkeiten („data 
entry") erledigen, die sich aus 
dem alten in das neue 
Arbeitsregime gerettet haben. 















12. Technowissenschaftlicher Kommunismus 






















Techniker der Telekom repariert Lichtwellenleiter. 



Antonio Negri, Theoretiker in 
der Tradition der autonomia 
operaia, nimmt den Cyborg- 
Mythos auf und macht aus 
ihm eine revolutionäre Er- 
zählung. Negri bezieht sich 
auf die neuen gesellschaftli- 
chen Subjekte, die, gemein- 
sam mit „schlankeren" Be- 
trieben, aus der postfordisti- 
schen Neuorganisation der 
Produktion (Ersetzung des 



Fließbandes durch Produkti- 
onsinseln, Teamwork statt 
Taylorismus) hervorgegangen 
sind. Die technowissenschaft- 
liche Arbeit dieser „Intel- 
ligenzija der Cyborgs und 
Hacker" schafft neue Formen 
der Kooperation und organi- 
siert sich unabhängig vom 
fordistischen Fabrikregime. 
Mit der zunehmenden Selbst- 
organisation und Befreiung 



der Arbeit^om kapitalisti- 
schen Kommando ist, so 
Negri, der Kommunismus in 
greifbare Nähe gerückt: 

„Zu jedem früheren Zeitpunkt 
in der Entwicklung der kapita- 
listischen Produktionsweise 
hat das Kapital die Form der 
Kooperation beherrscht. (...) 
In der gegenwärtigen Epoche 
hat sich die Situation jedoch 



vollständig gewandelt. 
Kooperation oder die Asso- 
ziation der Produzenten ergibt 
sich unabhängig von der 
organisierenden Fähigkeit 
de>^apitals; Kooperation und 
Subjektivität der Produzenten 
haben einen Berührungs- 
punkt außerhalb de>Machen- 
schaften des Kapitals gel 
den. Das Kapital verwandelt 
sich in eine bloße Maschi- 



nerie des Raubs, ein Phan- 
tasma, einen Fetisch. Um es 
herum bewegen sich radikal 
autonome Prozesse der 
Selbstverwertung, Grund- 
lagen einer möglichen alter- 
nativen Entwicklung und einer 
neuen Konstitution." 




Zur Diskussion dieser Thesen 
egeben Sie sich bitte auf die 
folgenden Seiten. 









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MIKRO/ MAKRO, Teil 



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hat Toni Negri 

Anfang der 60er Jahre wird 
das Verhältnis Mensch/ 
Maschine, Arbeiterklasse/ 
Technologie zu einem wichti- 
gen Thema der italienischen 
Linken. Raniero Panzieri leitet 
diese theoretische Wende mit 
einem Kommentar zu Marx' 
"Fragment über die Maschi- 
nen" (aus den „Grundrissen") 
ein. Die Zeitschrift „Quaderni 
Rossi", die Panzieri mither- 
ausgibt, verwirft den Pro- 
duktivitätsfetisch des orthodo- 
xen Marxismus. Kapitalisti- 
sche Rationalität, Disziplin, 
.Fließbandarbeit werden als 
Herrschaftsformen begriffen; 
gleichzeitig eskalieren in den 
Fabriken die Auseinander- 
setzungen. Erstmals organi- 
sieren nicht nur ältere kom- 
munistische Fabrikkader, 
Facharbeiter und Gewerk- 
schafter die Streiks, sondern 
sog. "Massenarbeiter", junge, 
oft nur angelernte, aus dem 
Süden immigrierte Leute. Die 
"Saison der Autonomie" kün- 
digt sich an, das "Wir wollen 
alles" - vor allem das Recht, 
nicht zu arbeiten. Die Kon- 
flikte explodieren. Frauen grei- 
fen die patriarchalen Verhält- 
nisse in der politischen Bewe- 
gung an. Schulbesetzungen 
folgen, Universitätsstreiks. 
Ende der 70er wird die "anta- 
gonistische Bewegung" durch 
staatliche Repression zer- 
schlagen. Gleichzeitig werden 
die Fabriken als Reaktion auf 
die Arbeitskämpfe umstruktu- 
riert. Fiat führt sog. "Produk- 
tionsinseln" ein, in denen die 
tayloristischen Arbeitsabläufe 







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aufgehoben sind und selbst- 
verantwortlich im Team gear- 
beitet wird. Diese neuen "Ko- 
operationen" führen nach 
Ansicht des italienischen 
Theoretikers Antonio Negri zu 
einer emanzipatorischen 
Wiederaneignung von Arbeit. 
Negri untersucht u.a. in dem 
vor kurzem auf deutsch 
erschienenen Buch "Arbeit 
des Dionysos" das Phänomen 
der "immateriell Arbeitenden". 
Damit meint er die neuen 
Formen „selbständiger" 
Arbeit, die nicht mehr dem 
Fabrikregime und dem klassi- 
schen Lohnverhältnis unter- 
worfen sind: "Kulturarbeiterin- 
nen", freiberufliche Kranken- 
schwestern, Software- 
Expertinnen, - alle, die ihre 



soziale oder technische 
Kompetenz in wechselnden 
Konstellationen als „Dienst- 
leistung" verkaufen müssen 
(Steuerberatung, Lohnabrech- 
nung, Design, Multi-Media- 
Consulting usw.) oder als 
(schein-)selbständige 
Kleinunternehmer ausgelager- 
te Produktionstätigkeiten 
übernehmen (Automobil-Teile, 
Maschinenbau, Textil). 
Während alle über die Ent- 
garantierung von Arbeit, 
Arbeitslosigkeit und den 
Angriff auf erkämpfte Rechte 
reden, will Negri über den 
Kommunismus sprechen, der 
"aufgrund dieser tiefen, weit- 
reichenden Reform der pro- 
duktiven Arbeit" in greifbare 
Nähe gerückt sei." Wir 



begrüßen diese Provokation, 
mit der die Frage nach dem 
"Wie" und "Wozu" gesell- 
schaftlicher Veränderung 
gestellt ist. Denn wir wollen 
nicht nur wissen, wie der 
Kapitalismus funktioniert, son- 
dern wie er zerstört werden 
kann. So nehmen wir die 
Thesen Negris zum Anlaß für 
die Fortsetzung der MIKRO/ 
MAKRO-Debatte aus der 
ersten hilfe: Was kennzeich- 
net die "immaterielle Arbeit": 
Technowissenschaftlicher 
Corpsgeist? cKbe Werbung? 
Die Selbsttäuschung kreativer 
Autonomie? Das Delirium der 
Überarbeitung? Oder das 
Ende von Disziplinierung und 
Anweisung? Selbstverwer- 
tung? Faites vos jeux! o 



Antonio Negri, Professor an 
der soziologischen Fakultät 
der Universität Padua, 
wurde 1979 verhaftet. Ihm 
wurde vorgeworfen, zu den 
"theoretischen Köpfen" der 
Roten Brigaden zu gehören. 
1983 nutzte er die 
Immunität als Abgeordneter 
des „Partito Radicale". um 
nach Paris zu fliehen. Im 

■ 

Sommer 1997 kehrte Negri 
freiwillig aus dem französi- 
schen Exil zurück - ein 
offensiver Einsatz in der 
Debatte um die Amnes- 
tierung Hunderter von 
Aktivistinnen, die in den 
70er Jahren zu hohen 
Gefängnisstrafen verurteilt 
oder ins Exil getrieben 
wurden. 




























Drei Jahre vor dem ersten 
Weltkrieg schrieb der Anar- 
chist Gustav Landauer, daß 
der Marxismus eine Art 
moderne Magie sei, bei der 
nicht mehr aus dem Kaffee- 
satz, sondern aus dem Dampf 
gelesen werde: „Der Vater 
des Marxismus ist der 
Dampf." (1) Diese Mischung 
aus Gehässigkeit und Hohn 
kann nur nachfühlen, wer sich 
die Auswirkungen einer 
Ideologie der Produktivkraft- 
entwicklung vor Augen führt, 
der Marxismus und Sozial- 
demokratie anhingen: eine 
mit Passivität sich ergänzende 
Fortschrittsgläubigkeit. Das 
Subjekt der Arbeit und der 



Fabrik - das für eine gesell- 
schaftliche Umwälzung an- 
geblich nur infrage kommen- 
de revolutionäre Subjekt - war 
zum Abwarten verdammt. 
Drei Jahre vor der Jahr- 
tausendwende müßte 
Landauer sein Urteil nur 
geringfügig abändern. Post- 
moderne Marxisten prophe- 
zeien nicht mehr aus dem 
Dampf. Sie lesen aus der 
funktionalen Anordnung elek- 
tronischer Bauteilchen. 
Und noch etwas hat sich im 
Vergleich zum traditionellen 
Marxismus geändert: der oft 
verblüffende Gebrauch der 
Vorzeichen - eine italienische 
Spezialität, die der Operais- 



* 



mus der vergangenen Jahr- 
zehnte beigesteuert hat. In 
Zeiten real stattfindender 
Kämpfe mag das eine wech- 
selseitige Ermutigung einer 
exaltierten Theorie und einer 
Praxis der Verweigerung 
gewesen sein, mag das auf 
eine wohltuende Selbstbe- 
stätigung revoltierender 
Haltungen hinausgelaufen 
sein: Nicht die Herren, nein, 
die Arbeiter produzieren die 
Krise, nieder mit der Arbeit, 
Arbeitslosigkeit ist eine 
Chance, kein Unglück, nicht 
ihr schmeißt uns raus, wir 
sind es, die hier abhauen etc. 
Heute befinden wir uns in 
einer Zeit, in der ein zumeist 






gar nicht so bewußt herbeige- 
führter Exodus (2) für die 
Mehrheit der ziemlich ohn- 
mächtig in entgarantierten 
Verhältnissen lebenden 
Figuren der realen Arbeitswelt 
als Zersplitterung Tatsache 
geworden ist. In dieser Situa- 
tion ist eine Verkehrung der 
Vorzeichen, mit der die Sub- 
jekte als fortschrittliche 
Akteurinnen der Krise darge- 
stellt werden, entweder 
Selbstbetrug oder bereits ein 
Baustein zur Entwicklung 
einer Theorie der Eliten. 
Diesen Schluß läßt eine neu- 
zeitlich gewagte Interpretation 
operaistischer Begrifflichkeit 
vermuten. Sie beruft sich auf 









■ 



Marx, wenn sie als hauptsäch- 
lichen Stützpfeiler der Pro- 
duktion nicht mehr die residu- 
elle Arbeit, sondern die 
Wissenschaft, die Informatik, 
die soziale Kooperation und 
das Wissen im allgemeinen, 
also den general intellect (3) 
ausgemacht hat. Der rote 
Faden, der diese Inter- 
pretation mit der zu Beginn 
der sechziger Jahre einset- 
zenden Geschichte der italie- 
nischen Arbeiterautonomie 
verbindet, ist der Kampf 
gegen die Arbeit. Dieser ging 
damals mit der Artikulation 
von Bedürfnissen zusammen, 
die die Grenzen der bürgerli- 
chen Ökonomie aufsprengen 
mußte, da sich der Autonomie 
beanspruchende Lohnknecht 
anschickte, einen größeren 
Anteil am Konsum einzufor- 
dern, als ihm sein Platz in der 
Produktionskette zugestand. 
Diese Verweigerungsbewe- 
gung stand für eine Auf- 
kündigung der Kooperation 
und der Einbindung der Lohn- 
arbeit in das System kapitali- 
stischer Arbeitsorganisation. 
Auf die offensive Sabotage- 
fähigkeit der Massenarbei- 
terinnen antwortete das 
Kapital mit einer technologi- 
schen Umwälzung der 
mechanisierten Produktions- 
systeme: Ganze Arbeitskreis- 
läufe wurden durch den 
Einsatz der Informatik abge- 
schafft oder die darin bisher 
notwendige menschliche 
Arbeit auf ein Mindestmaß 
reduziert. Parallel dazu bildete 
die staatliche Pflichtschule ein 
Heer von Anwärterlnnen auf 
einen sozialen Aufstieg aus, 
der durch die längst erfolgte 
Entwertung geistiger Arbeit 
und ihre reale Subsumtion 
unter das Kapitalverhältnis 
prekär geworden war. Diese 
sozialen Subjekte, die intellek- 
tuellen Massenarbeiterinnen, 












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wurden zu Protagonistinnen 
der Revolte von 77. Mit ihren 
freien Radios und dem Vor- 
haben einer horizontalen 
Kommunikation erscheinen 
sie im nachhinein als eine 
bessere vorweg genommene 
Skizze einer dann so schlecht 
wie nur möglich ausgeführten 
und zum Alptraum geworde- 
nen Postmoderne. 
Der Aufstand von 77 wurde 
als Selbstermächtigung be- 
griffen, als Selbstverwertung 
der nun als gesellschaftlich 
assoziiert begriffenen Arbei- 
terinnen (bei Negri: soziale 
Arbeiter) und dadurch als 
konsequente Fortführung des 
Kampfes gegen die Arbeit. 
An diesem Punkt scheiden 
sich nun die Geister: Ein Teil 
der Autonomie folgt weiterhin 
dem Hohelied der Selbst- 
verwertung und begreift die 
neue, postfordistische Form 
der Kooperation „als lebendi- 



ge Arbeit, die sich unabhän- 
gig von der kapitalistischen 
Arbeitsorganisation organi- 
siert" (Negri). Dieser Teil sieht 
das Kapital nur mehr als 
Raubmaschinerie, um die 
herum „sich radikal autonome 
Prozesse der Selbstverwer- 
tung bewegen" (Negri). Ein 
anderer Teil lehnt den Mythos 
von einem general intellect 
ab, der bereits im Schöße der 
heutigen die kommende kom- 
munistische Gesellschaft kon- 
stituieren soll. Die intellektuel- 
le Arbeit wird von diesem in 
der Klassentradition verbliebe- 
nen Teil der Autonomie (labo- 
ratorio critico, vis-ä-vis etc.) 
als genauso der Maschine 
untergeordnet, repetitiv und 
berechenbar angesehen wie 
vordem die Handarbeit am 
Fließband. Im neuen System, 
das vom Verhältnis geistiger 
Arbeit und informatischer 
Maschinerie geprägt ist, wird 



demnach nicht mehr nur der 
Körper, sondern zusätzlich 
der Geist der Arbeiterinnen 
normiert, kolonialisiert und 
der Verwertung dienstbar 
gemacht. 

Doch selbst, wenn wahr wäre, 
daß die in Selbstverwertung 
organisierte lebendige, vor- 
wiegend immaterielle Arbeit 
heute als prinzipieller Agent 
gesellschaftlicher Produktion 
auftreten sollte; der gültige 
Parameter, um sozialen 
Reichtum und Fortschritt zu 
messen, ist immer noch der 
Diebstahl von Leben in Form 
entwendeter Arbeitszeit als 
Schicksal und Verhängnis für 
die meisten. 

Die neuen proletarischen oder 
subproletarischen Klassen- 
lagen stehen heute ohne 
soziale und politische Ver- 
tretungen da. Sie sind gegen- 
einander ausmanövrierbar 
und konkurrieren sich im 




Kampf um Arbeit und Ein- 
kommen nieder. Wer dies 
dennoch, als linker Revolu- 
tionär, versteht sich, ohne 
Zynismus, in einem verständ- 
lichen Abscheu vor dem De- 
saster des realen Sozialismus 
und seiner Parteien und Ge- 
werkschaften, als Chance 
begreifen will, als Raum für 
Befreiung, müßte eigentlich 
wie weiland Rudolf Rocker im 




Londoner Eastend Seite an 
Seite mit den heutigen Ent- 
garantierten leben und unter 
ihnen für die Ziele einer ge- 
rechten und egalitären Gesell- 
schaft missionieren. 
Was uns Negri mit seiner 
„Genealogie eines konstitu- 
ierenden Subjekts, das in der 
gegenwärtigen postmodernen 
Welt anzutreffen ist", stattdes- 
sen vorschlägt, ist eine Ver- 
klärung eines aus der immate- 
riellen und assoziiert produkti- 
ven Arbeit hervorgegangenen 
Zwitterwesens (4): Dieses 
Wesen kann sich gegen seine 
Subsumtion unter das 
Kapitalverhältnis entziehen 
wehren, da es seine mit dem 
general intellect gleichgesetz- 
ten kognitiven und kooperati- 
ven Fähigkeiten ja bereits 
außerhalb des Kapitalver- 
hältnisses entwickelt hat - 
autonom im Kampf gegen die 
Erneuerung des kapitalisti- 
schen Kommandos. Das 
heizt, daß mit der beginnen- 
den Selbstverwertung der 
intellektuellen Massen- 
arbeiterinnen neue Koopera- 
tionen entstanden sind, die 
jetzt unter dem Kommando 
des „gesellschaftlichen 
Arbeiters" stehen. Das Kapital 
findet diese Kooperationen 
sozusagen bereits vor und 
versucht sie sich nachträglich 
anzueignen. 
































































Man mag nun unwillkürlich 
einwenden, daß die integrier- 
ten neuen technologischen 
Formen wohl nicht aus- 
schließlich in den Garagen 
einer aus dem Verwertungs- 
prozeß ausgetretenen 
Massenintelligenz (5) zusam- 
mengebastelt worden sind. 
Umgekehrt haben nämlich 
staatliche Vorleistungen, die 
entweder in einem früheren 
Klassenkompromiß erkämpft 
worden oder die einfach nur 
für eine fortlaufende Ver- 
wertung unumgänglich sind - 
etwa das Schulwesen und die 
Bereitstellung einer gehobe- 
nen Infrastruktur aus Ver- 
kehrswegen, Gesundheits- 
fürsorge und Sozialleistungen 
-, mindestens genauso zum 
entstehen einer „virtuellen 
Klasse" geistiger Arbeiter bei- 
getragen. Auch der Bedeu- 
tung des staatlich mitfinan- 
zierten militärisch-industriellen 
Komplexes wird die voluntari- 
stische Behauptung einer 
Selbstverwertung der Mas- 
senintelligenz kaum gerecht. 
Welche unabhängig von der 
organisierenden Fähigkeit des 
Kapitals operierenden Formen 



der sozialen Kooperation 
gäbe es denn dann noch? 
Offensichtlich treten sie dort 
in Erscheinung, wo die Öko- 
nomie der Nichtarbeit (6) seit 
jeher die stillschweigende 
Voraussetzung für soziale 
Reproduktion gebildet hat. 
Also dort, wo Aktivitäten statt- 
finden, deren Ziel nicht in 
erster Linie in der Verwertung 
von Waren, einschließlich der 
Ware Arbeitskraft, bestehen, 
sondern in der Produktion 
und Reproduktion jenes Rests 
an Gesellschaftlichkeit, ohne 
den überhaupt niemand 
befähigt wäre, in die Ökono- 
mie der Lohnarbeit einzutre- 
ten. Diese unverzichtbaren 
sozialen Aktivitäten produzie- 
ren sowohl für Verwertung als 
auch - bedingt - für gesell- 
schaftliche Emanzipation 
taugliche Individuen und 
schwächen manche erlittene 
Beschädigungen ab. Das war 
und ist schon immer der einzi- 
ge Raum, in den sich ein 
Exodus flüchten konnte, und 
vielleicht kann man ihn strate- 
gisch ausweiten: Genossen- 
schafts-, Siedlungsbewegun- 
gen, gegenseitige Hilfe, mora- 



lische Ökonomie und ähnli- 
ches deuten die Richtung an. 
Doch ich glaube, das meint 
Negri nicht mit seinen radikal 
autonomen Prozessen der 
Selbstverwertung - oder 
doch? Und die Autonomie 

des general intellect? Voraus- 
gesetzt, er ist tatsächlich 
hauptsächliche soziale Pro- 
duktivkraft geworden, muß 
dann nicht um seine Wieder- 
aneignung erst noch ge- 
kämpft werden? 
Läßt man Science Fiction und 
esoterische Marxauslegung 
beiseite, so sind schließlich 
im Verwertungsprozeß auf der 
einen Seite immer noch 
Geräte, informatische Maschi- 
nen vorhanden, deren Einsatz 
weniger auf eine Reduzierung 
der Arbeit abzielt als vorran- 
gig auf die Realisierung höhe- 
rer Profite. Auf der anderen 
Seite stehen weiterhin Men- 
schen, von denen man sich 
nur schwerlich vorstellen 
kann, das sie sans organes 

(7) vollends in die materielle 
Produktion eingegangen und 
dadurch zum fixen Kapital 
mutiert sind. Vielleicht muß 
man dazu erst ein besonders 
gewiefter Dialektiker sein. 
Diese working class im Inter- 
net , deren subjektives Bemü- 
hen es vielleicht ist, immer 
ganz nahe an der Maschine 

(8) zu sein, wird in der Arbeit 
verschlissen. Das ist das Pech 
produktiver Arbeiterinnen, von 
dem Marx (9) gesprochen hat. 
Geködert wird diese neue 
working class mit den Privile- 
gien einer „Arbeiteraristo- 
kratie". Gegenüber denen, die 
der Maschine und dem dort 
inkorporierten Wissen entfern- 
ter stehen, weiter unter in 
einer sozialen Hierarchie, die 
sich im übrigen wieder zuneh- 
mend entlang ethnischer und 
rassistischer Abstufungen auf- 
baut, verfügen diese neuen 












(1) Gustav Landauer, Aufruf zum Sozialismus, S. 98, 1967 

(2) Exodus meint in der italienischen Diskussion den 
Ausstieg aus den sozialen Beziehungen im Kapitalismus 
und den Aufbau einer Alternativgesellschaft. 

(3) general intellect meint das allgemeine soziale Wissen, 
die kollektive Intelligenz einer Gesellschaft in einem 
bestimmten historischen Moment. 

(4) „...diese hybride Subjektivität wird gegenwärtig 
zunehmend an der Schnittstelle von Mensch und 
Maschine hervorgebracht Subjektivität, all ihrer schein- 
bar organischen Eigenschaften entledigt, erwächst heute 
aus der gesellschaftlichen Fabrik als erstaunliches 
Produkt technologischer Montage. " Negril Hardt, Arbeit 
des Dionysos, S. 19 ff., 1997 

(5) Massenintelligenz bedeutet in der italienischen 
Diskussion auch ein unbestimmtes Muster kognitiver und 
kommunikativer Verhaltensweisen, das allen möglichen 
Tätigkeiten, Berufen und Venvaltungsobliegenheiten 
gemein ist, die in die sog. „immaterielle Arbeit" mit 
neuen Technologien eingebunden sind. Heute muß 
gesagt werden, daß in Italien nicht die Linke, sondern 
die korporative Rechte, regional (Lega Nord) wie national 
(Forza Italia), die erste ideelle Massenintellektualität 
geworden ist 

(6) Ökonomie der Nichtarbeit, vgl. Kalender der 
Nichtarbeit oder der anziehenden Arbeit von Franco 
Piperno aus II Tallone del Cavaliere, 1994; dt. in: Die 
Aktion 1451147, 1995 

(7) sans organes, vgl. Negril Hardt, s.o. S.19 ff. 

(8) vgl. Ellen Ullmann, Reflexionen über das 
Programmiererleben, in: Die Aktion, 165/169, 1997 

(9) Karl Marx, Das Kapital, Bd.1, S. 532, MEW Bd. 23, 
Berlin 1962 

(10) T.S.Eliot, The Rock, in: Selected Poems, S. 107, 
London 1961 
























Arbeiterinnen potentiell immer 
noch über eine relative Ver- 
handlungsmacht. Sie könnten 
sich immerhin über die eigene 
Klassenlage miteinander ver- 
ständigen, subjektive Tren- 
nungen überwinden und, da 
sie im Zentrum der Dialektik 
von Kapital und Arbeit stehen, 
Kämpfe führen. Leider hört 
man kaum etwas von Streiks 
im virtuellen Sektor. Irgendwie 
sind alle miteinander verbun- 
den und wissen doch so 
wenig voneinander. Das liegt 
wohl im Wesen der funktiona- 
len Integration (bei Marx Ein- 
verleibung) begründet, die 
nur einen technowissenschaft- 
lichen Korpsgeist zuläßt. Im 
Verein mit Überarbeitung und 
mit der Verinnerlichung algo- 
rythmischer Codes läßt er den 
Blick für eigene soziale 
Realitäten abstumpfen - 
where is the wisdom we have 
lost in knowledge - where is 
the kowledge we have lost in 
Information (10). 
Die Voraussetzung und Reife 
der Arbeitskooperation schon 



für die Ermöglichung des 
Kommunismus zu halten, 
ohne deren funktionelle Unter- 
werfung unter die Zielsetzung 
kapitalistischer Innovation zu 
sehen, das ist wahrer Instant- 
kommunismus oder eher 
noch ein Kapitalismus mit 
menschlichem Antlitz. Schon 
Landauer hat das als Appell 
an „ein sich Ergeben und 
Geschehenlassen" gehaßt. 
Das ist die leicht schizophre- 
ne Verwechslung des Modells 
Benetton mit der „freien As- 
soziation freier Produzenten". 
Und zugleich ist das eine sehr 
optimistische Rechtfertigung 
der bestehenden Regionali- 
sierung, aus deren be- 
schränkten, elitären Gesichts- 
kreis herausgefallen ist, daß 
die Koexistenz, die Gleich- 
zeitigkeit des Ungleichzeitigen 
- einerseits Rassismus, Skla- 
verei, Aussonderung und 
andererseits Hightech und 
Cyberspace - den Januskopf 
der kapitalistischen Utopie 
darstellt. • 

Egon Günther 







vielleicht war es nie wirklich 
so, aber nachträglich 
erscheint es so, als wenn 
früher eine Vorstellung von 
arbeit vorgeherrscht hätte, in 
der beruf eine entscheidung 
war, die in der folge konstan- 
tes leben bedeutete: wie der 
prototypische beamte, der 
oder die einfach das tut, tag 
für tag, was getan werden 
muss + punkt, das wars. 
andre gorz hat anfang der 
80er jähre das ende der arbeit 
zu analysieren versucht, in 
dem ironisch betitelten buch 
„wege ins paradies" geht es 
um das ende jeder gesell- 
schaftlichen Verpflichtung auf 
Vollbeschäftigung + um die 
„mikroelektronische revoluti- 
on", die neue anforderungen 
an arbeit stellen würde, oder 



arbeit - tendenziell - überflüs- 
sig machen könnte, es ist 
interessant zu sehen, wie 
ganze textpassagen so klin- 
gen, als seien sie heute 
geschrieben, genauso interes- 
sant sind aber auch gorz' 
fehleinschätzungen. denn 
zum ende der arbeit ist es auf 
eine widersprüchliche art + 
weise nicht gekommen + 
doch gekommen, bezahlte 
(produktive) arbeit ist heute 
für viele ein schwer zu errei- 
chendes „Objekt" geworden, 
das keine Selbstverständlich- 
keit mehr hat. gesellschaftli- 
che Produktivität ist in vielen 
branchen nicht proportional 
zur quantität geleisteter 
menschlicher arbeit. Wirt- 
schaftswachstum hängt im 
gegenteil oftmals nicht von 



arbeitsleistung ab, sondern 
von „verschlankung'V "lean 
production", d.h. massenent- 
lassungen. andererseits lebt 
globalisierung gerade von 
arbeit, nämlich von extremer 
billig-arbeit. armut spielt hier 
auf der einen seite eine eben- 
so grosse rolle wie Währungs- 
unterschiede + Wohlstand 
(kaufkraft + kauflust) auf der 
anderen seite. für die industri- 
elle Produktivität ist intensiver 
konsum zwingend notwendig, 
ebenso notwendig ist eine 
ausreichend grosse Spannung 
zwischen niedrigen Produkti- 
onskosten + einem realtiv 
höheren Verkaufspreis, dass 
diese Spannung akzeptiert 
wird, muss aufwendig herge- 
stellt werden, denn die mei- 
sten waren fallen nicht gerade 









arbeit, nicht-arbeit, ersatz, 

happy oder unhappy lebensunterhalt 






arbeiten-zu-müssen ist wie ein Staubsauger: es saugt an. 
alles kommt immer wieder auf den punkt zurück, nicht nur 
geld verdienen zu müssen - irgendwie -, sondern auch die 
eigene Organisation oder disziplinierung darauf abzustellen, 
etwas klarzukriegen, aufzuräumen, nicht zurückzufallen, 
abzusacken in die nicht geleisteten aufgaben oder plane. 






durch ihre notwendigkeit auf. 
der anteil an nutzgegenstän- 
den ist nicht gross, + über- 
haupt, sind autos nutzgegen- 
stände? das „zwingende" am 
kauf von waren muss also 
„erfunden" oder produziert 
werden. 

im Oktober ist in frankreich 
„miseres du present. richesse 
du possible" erschienen, 
andre gorz spricht in seinem 
neuen buch weniger vom 
ende der arbeit, als von 
aneignung: aneignung von 
arbeit + aneignung von 
arbeitslosigkeit. „Es ist diese 
zentrale Figur des Prekären, 
die potentiell die unsere ist; 
sie muss zivilisiert und im I 

■ 

doppelten Sinne (an)erkannt 

■ ■ ■ 

werden, damit sie gegebe- 
nenfalls eine freiwillig gewähl- 
te, erstrebenswerte, sozial 
bewältigte und wertgeschätzte 

■ ■ 

Lebensweise werden kann, 

... . . ... 

eine Quelle kultureller, eman- 
zipatorischer und sozialer 
Neuerungen: damit es das 

f ■ ■ .■ 

Recht aller werden kann, die 
Unterbrechungen ihrer Arbeit 
zu wählen, ohne Unter- 

. ■ . ■ ■ . ■ ■ . . L x - L 

brechungen ihres Einkorn- 

■ ■ ■ 

f M 

mpnc 
I I lOI IO - 

diese halb-halb-bejahung 

.... ■ ■. " ; 

— 

sogenannter , 






arbeitsverhältnisse" macht 
den kern eines Streits aus, wie 
er seit einigen monaten durch 
den italienischen theoretiker 
antonio negri auch hier aus- 
gelöst wurde, negri betonte in 
verschiedenen Interviews 
anlässlich seiner rückkehr ins 
italienische gefängnis positive 
Seiten an den Veränderungen 
der arbeitsverhältnisse + 
spricht in seinem kürzlich 
deutsch erschienenen buch 
„die arbeit des dionysos" 
sogar von den „subjektiven 
Vorbedingungen des kommu- 
nismus": „Der Kommunismus 
fällt nicht vom Baum wie eine 
eife Birne, wenn es an der 

■ L L ' ' L 

Zeit ist. Er ist möglich unter 

■ 

der Hegemonie der 'immateri- 
eilen Arbeit' und der Koopera- 

■ ■ 

tion. Der Kommunismus hat 
sich genähert aufgrund dieser 

^^^^^H ... 

tiefen, weitreichenden Reform 
der produktiven Arbeit. Ich 
sage das, was ich seit den 
Siebzigern immer schon 
gedacht habe: Wir leben 
schon im Kommunismus. Das 

■ ' . ■ ■ ' , ■ '* 

ist so ähnlich wie in der 

. ■ 

Französischen Revolution, 
fast natürlich, fast offensicht- 
lich." (Beute 4/96, s. 106). 
damit nimmt negri - ebenso 
wie qorz - den vollen anti- 






■ 



;::■ 





















































































augenschein in kauf, denn 
dass im zuge von „deregulie- 
rung" bindende arbeitsverträ- 
ge, festanstellungen etc. 
abgebaut werden, das ist kei- 
neswegs im sinne der arbeit- 
nehmer/innen, sondern im 
sinne des kapitals, das sich 
brutal der arbeitskräfte 
bedient + deren soziale absi- 
cherung nicht mehr garantie- 
ren will, damit werden er- 
kämpfte rechte der arbeiter/in- 
nen-bewegung zurückgedreht 
+ das erfüllt insofern alle 
bedingungen eines back- 
lashs. 

für antonio negri + die bewe- 
gung der italienischen auto- 
nomia operaia war arbeit 
jedoch nie etwas zu bejahen- 
des, arbeit ist für sie ein 
Zwangsverhältnis + arbeits- 
verweigerung das erste mittel, 
um sich arbeit als positives 
element des seine-zeit-ver- 
bringens wiederaneignen zu 
können, entsprechend konnte 
für die autonomia operaia 
auch das erkämpfen der 
arbeitsrechte niemals ziel an 
sich sein, schon 1977 hielt 
toni negri die Vorstellung vom 
fabrikarbeiter als eigentlicher 
arbeitsrealität für überholt + 
meinte, er müsse durch den 






begriff eines „gesellschaftlr- 

...,■■■■■ 

chen arbeiters" ersetzt wer- 

. ■. . ■ 

den: „Die Tatsache, dass die 
mehrwertproduzierende 
in nicht mehr bedeutendem 
Ausmass in den grossen 
Fabriken geleistet wird, das§ 
sich die Produktionsweis 
gesellschaftlich ausweitete, 
dass sich die Gesellschaft 

gleichzeitig mit ' 
und mit einer riesigen Menge 
mehr oder weniger versteck- 
ter produktiver Arbeit aufge- 
füllt hat, mit Schwarzarbeit, 
mit dezentralisierter Arbeit, mit 
Heimarbeit usw. - all dies 
meinten die Gruppen und 
Gewerkschaften übersehen zu 
können. Im Gegensatz dazu 
entdeckt und organisiert die 
Arbeiterautonomie diese neue 
gesellschaftliche Basis der 
produktiven Arbeit im Kampf. 
Von diesem Standpunkt aus 
ist sie tatsächlich die 'andere' 
Arbeiterbewegung: sie ist es 
durch ihre Fähigkeit, die 
ganze Kraft des gesellschaft- 
lich verteilten Proletariats, 
beschäftigt und arbeitslos, 
männlich und weiblich, jung 
und alt, Arbeiter und/oder 
Studenten gegen die ent- 
wickeltesten Momente der 
kapitalistischen 



:P. 



















und zu vereinigen." (vorwort 
in: negri, massenautonomie 

■ ■ ■ ■ . . . ... ■ ■ 

gegen den historischen kom- 
promiss, 1977) 
20 jähre später ist negris 
bezug auf eine „neue arbeiter 
bewegung" historisch schwer 

angt-schlagen. zuweilen wer- 

neue 






: ; 



■ 






durch die französischen 
Streiks im öffentlichen dienst 

■ ■ ■ 
. t . . . . ......... 

in den letzten jähren, negris 
bewertung dieser Streiks zeigt 
seine hohen erwartungen an ! y 

■ > 

neue Subjektivitätsmuster, die 
sich aus den neuen arbeitsbe- 
dingungen ergäben + auch 
im sprunghaften + diskontinu- 
ierlichen Charakter der Streiks 
zu tage träten, 
solche deutung des heikel- 
werdens von arbeit ist gleich- 
zeitig falsch -»- nicht-falsch ist. 
sie ignoriert eklatant, dass 
jede Chance, die sich aus 
„prekärer" arbeit ergibt, nur 
für wenige eine Chance sein 
kann, sie gilt in erster linie für 
eine mittelschicht, die nicht 
zum neuen dienstleistungs- 
subproletariat abrutscht, im 
falle der arbeiterinnen einer 
textilfirma in Südkorea oder 
einer kassiererin im discount- 





lebensmittelladen von „aneig- 
nung von arbeit" oder sogar 
von „selbstverwertung der 
arbeiter/innen" zu sprechen 
wäre absurd, bei der müllab- 
fuhr als städtischer angestell- 
ter arbeiten, war niemals ein 
toller + mut machender job + 
ist es entgarantiert unter dem 
regime eines Subunterneh- 
mers noch weniger, anonym- 
es lohnschreiben für den 
spiegel + x-andere Journale 
auch nicht. 

andererseits gibt es jedoch 
3inen typ von arbeit, der - bis 
zu einem gewissen grade - 
unter die deutung von gorz 
oder auch von negri fättt es 
gibt arbeit, die anders organi- 
siert ist, in der der gang an 

.... 

den arbeitsplatz nicht das 

L l ■ d . . r-j . ..■. ■.. 

gesamte leben strukturiert, 
das heisst ganz + gar nicht, 
§s gäbe an sich tolle Jobs, 

:■ ► ■ 

sondern nur, dass es inner- 
halb der Jobs einen zug gibt, 

■ ■ ... . . 

der nischen möglich + auch 
nötig macht, das hat damit zu 
tun, dass nicht nur in bezug 

■ 

auf Computerheimarbeit pri- 

■ ■ ■ ■ ... . ■ . 

vatieben die Produktivität mit- 
gestaltet, sondern dass in vie- 
len tätigkeiten kulturelles wis- 
sen auch die Chancen 
bestimmt, irgendwelche wei- 
leren anstellungen für zeitar- 
beit finden zu können, in die- 
sem bereich mischt sich frei- 
willige „arbeit" oder Weiterbil- 
dung mit Jobs, es kommt in 
dieser grauzone zu dem, was 
feministische ökonominnen 
wie maria mies auf anderer 
ebene analysierten, dass 
nämlich die gesellschaftliche 
Produktivität auf einem 
wesentlich grösseren anteil 
an unbezahlten tätigkeiten 
beruht: die reproduktion, die 
hausarbeit, das aufziehen von 
kindern, das psychische „ver- 
sorgen", was alles traditionell 
„verdeckte arbeit" von frauen 
war. dazu kommt aber noch 



eine weitere dimension: das 
aufrechterhalten von motivati- 
on, von arbeits/kauflust, von 
sich-auf-den-stand-bringen; 
es gibt heute keine Werbung, 
die nicht erlernt werden 
muss, es muss der punkt 
erneuert werden, sie zu ver- 
stehen, irgendwie geniessen 
zu können, es gäbe keinen 
internet-hype, wenn dieses 
gefallen am trash, an den 
nicht-körperlichen Phantas- 
men von cyber-unsinn nicht 
trainiert worden wäre, das ist 
alles arbeit gewesen, 
reflexartig ist negri (wie in der 
jungle world) verdächtigt wor- 
den, die subjektiven Chancen, 
die er im prekär-werden von 
arbeit habe entdecken wollen, 
bewiesen lediglich sein arran- 
gement mit der aktuellen Ver- 
sion avancierten kapitalismus. 
das übersieht aber nicht nur, 
dass negri ebenso wie gorz 
immer wieder schreibt, dass 
die fabrik nun auf die gesam- 
te gesellschaft übergegangen 
ist + dass es heute zu neuen 
formen der „Versklavung" 
kommt (negri verwirft insge- 
samt das kapitalistische re- 
gime + spricht im Zusammen- 
hang von neoliberaler politik 
in oberitalien auch von „kali- 
fornischem faschismus"). ent- 
scheidender ist jedoch, dass 
sich in der Verdächtigung 
eine verkennung wiederholt, 
die ein grundsätzliches Pro- 
blem linker politik durch 
nicht-sehen lösen will: wer + 
warum will + kann „wider- 
stand"? 

negri geht strategisch mit der 
diskussion um. er lehnt das 
kapitalistische regime ab + 
spricht gleichzeitig den Verän- 
derungen in der gesellschaft- 
lichen Produktion von Subjek- 
tivität emanzipative qualitäten 
zu, überspitzt diese einschät- 
zung noch dadurch, dass er 
provokativ von den „subjekti- 






. T * V ' '-.-'■'--■ 




14 



ven Vorbedingungen" v 
Kommunismus spricht, kras 




... ■ . . ...... . ■ . ■ ^ . , ■ , ■ ■ ..■■. 

ser gehts nicht, diese operati- 

^ ■ ' 



Is 






■ 
■ 



sie darin sinn machen - 
, an etwas heranzukommen, 

' ' . ' . . ' '.". ... : ' . ■ ■ ■ ■ ..... 

das schwer in den blick zu 

i _ ^ • «. _i ■*•■-■ *■•■ * 










. . . . . ■ ■ ■ ■ 

die ablehnung der Verhältnis- 

von etwas 
Kann, das teil der 

ff*.' ""■ 

Verhältnisse ist. aber nicht 
nur, um die verwickeltheit mit 
den Verhältnissen anzuzeigen, 

... . 

um momente 

— . . .... 

- ■ . . ■ ■ ■ ■ ■■ - ■ 

subjektiver 
x zu 
was gibt es denn in 
denen, die wir selbst sind, die 

L X L L , ' L~ ' L .' 

■■■■.■ ' ■ ' ■ ' 

keine revo- 

■ ■ !■ . ! 

lution machen + nichts bes- 

L ■ ■ ■ 
L . ■ L . . L . L . . ■ ■ 

seres zu tun haben, als uns in 

: : : 

psycho-kisten zuzunageln? 
„Wir verstehen in der Krise, 
besser als wir es im Kampf 
konnten, wie wir selbst die 
Gefängniszellen der Macht 
konstituiert haben, die unsere 
Existenz umgeben und sie 
der parasitären Existenz der 
Bourgeoisie überantworten. 
Wir sehen die allgemeinen 
Umrisse eines sowohl theore- 
tischen als auch praktischen 
Problems, das unmittelbar ins 
Sein reicht. Die ontologische 
Konstitution der Realität wird 
uns deutlich, und alles, was 
nicht nach ihren Masstäben 
konstruiert ist, bleibt undurch- 
sichtig. Das Verhältnis von 
Klarheit und Undurchsichtig- 
keit hängt nun von unserer 
Fähigkeit ab, unsere Hoff- 
nung, oder besser, unser 
kommunistisches Begehren 
der konstituierenden Intelli- 
genz und der produktiven 
Imagination anzuvertrauen." 
(negri, arbeit des dionysos 
s.153) 



es wird immer falsch, wenn es 
Ifoezeichnet wird: tom, der sei- 

.x'.Vx. 

-■ L V, 

nen fahrerjob geschmissen 
hat - keine lust — ; bobby, der 

.■ ■ . . . . 

in einer firma, die lichtdeko 
macht für den messebau, 

■ . . . 

ganz unabdingbar geworden 

... 

ist; + anne ist bereichsleiterin 
für den vertrieb von Videos für 
bastel-do-it-yourselfs in 
bau markten. 

das Szenario ist mittelstands- 
kinderkitsch oder eine soap 
(marienhof). oder wie die süd- 
deutsche zeitung ulrich beck 
über globalisierung + die 
neue generation schreiben 
lässt: „Der späte Wohlfahrts- 
staats-Lebenskünstler ist in 
einem bestimmten Sinne 
Unternehmer, aber nicht in 
dem Sinne, wie er als Kapita- 
lismuskritik in den Köpfen her- 
umschwirrt. Er mag - stati- 
stisch — 'arbeitslos' sein, ist 
aber rund um die Uhr be- 
schäftigt. Er ist unendlich viel- 
seitig, aber eben doch von 
bornierter Einseitigkeit, wenn 
es darum geht, seinen 
Lebenszweck, das Gesamt- 
kunstwerk Ich zu gestalten. Er 
oder sie steckt voller Ideen, 
aber die Märkte und die 
Bürokratien verweigern deren 
Anerkennung [was der neoli- 
beralismus sicher verbessern 
wird, anm.d.a.]. Er schöpft 
aus Geldquellen und lebt in 
und von Unterstützungsnetz- 
werken, die vor allem die zu 
Unrecht missachtete Kunst- 
fertigkeit des Schmarotzer- 
tums zu neuen Ehren kom- 
men lassen." (24.9.97) 

die Wirklichkeit fühlt sich 
wahrscheinlich anders an, 
schlechter gelaunt, weniger 
relaxt oder leger angezogen, 
die ängste, die sich darin 
befinden, sind banaler + 
grundsätzlicher zugleich + 
gefährden die personen in 



verschiedenster weise - mehr 
+ anders als es darstellbar 
ist. 

die Wirklichkeit ist auch weni- 
ger jugendlich + weniger 
städtisch: neoliberales wirt- 
schaftliches boomen spielt 
sich in regionen ab, in denen 
es eine gute infrastruktur gibt, 
viele kleine neuen zuliefererfir- 
men entstehen, was kurzfristi- 
ge anstellungen ermöglicht + 
mobilität (das „jobwunder" in 
usa). in diesen regionen 
kommt zu den bestehenden 
arm-reich-strukturen eine 
zusätzliche geldmittelschicht 
hinzu, die sich mit den neuen 



ästhetischen angeboten von 
trash + chic identifiziert 
(cKbe-werbung annimmt), 
sich die weit imaginär aneig- 
net (geld in der südsee aus- 
gibt), die aber gleichzeitig 
Schützenfeste feiert + aus 
pragmatischen gründen die 
kirche besucht, familienwerte, 
alkoholisierter ultimativer 
machismo + generation-X-sig- 
nale laufen da parallel, neue 
sozial-formen, wie gorz sie als 
möglich anvisiert, sind nicht 
zu erkennen, was nicht heisst, 
es gäbe gar keine Verände- 
rungen: da, wo gesellschaftli- 
che gruppen, die bisher vom 
geld-verdienen tendenziell 



ausgeschlossen waren, neue 
Zugangsmöglichkeiten zu 
arbeit + geld haben (weil sie 
flexibilitätsförderungen besser 
entsprechen), da kommt es 
auch zu darstellungsformen 
dieser gruppen auf der Stras- 
se oder in der disco + diese 
gruppen sind auch besser in 
der läge, ihre interessen 
durchzusetzen (kindergrup- 
pen für alleinerziehende 
berufstätige können dann 
selbst auf dem lande realisiert 
werden). 

zum bild der produktiven 
regionen gehören aber eben- 
so die unproduktiven regio- 






















































































nen, die hohe arbeitslosigkeit 
haben + sich in der spirale 
nach unten bewegen, hier ist 
jeder do-it-yourself-optimis- 
mus zynisch + unpraktikabel. 






für toni negri ist der italieni- 
sche norden ein prototyp 
neuer Produktivität, viele der 
aus den fabriken entlassenen 
arbeiter/innen haben sich in 
kleinfirmen zusammenge- 
schlossen + ein netz von 
mini-produktionsstätten gebil- 
det. 

prototyp ist der italienische 
norden aber auch aus einem 
anderen grund. denn - wie 
negri ähnlich wie der theoreti- 
ker maurizio lazzarato anneh- 
men -, es ist gerade eine sol- 
che gegend, in der phänome- 
ne wie der kleidungsfabrikant 
benetton entstehen konnten, 
benetton verfügt über nur 
wenige eigene angestellte, die 
meisten bereiche sind ausge- 

■ 

sourced, d.h. sie werden von 
kleinen selbständigen subun- 
ternehmer/innen ausgeübt, 
auch alle benetton-läden, die 



die weltweite präsenz von 
benetton-ware garantieren, 
sind selbständige geschäftsin- 
haber/innen - oder neuspra- 
che: franchising- 
nehmer/innen, die enorme 
Produktivität von benetton 
baut daher auf einem neuen 
Verständnis von marketing 
auf, in der eben nicht nur kon- 
sument/innen überredet wer- 
den, den je spezifischen 
quatsch statt eines anderen 
zu kaufens, sondern in dem - 
wie lazzarato sich ausdrückt - 
Subjekte produziert werden, 
das klingt erstmal als eine 
Übertreibung (+ ist es auch 
irgendwie), denn nur weil 
eine/r sich benetton kauft, ist 
noch lange keine Subjektivität 
mitgemacht, c&a, h&m oder 
benetton - was solls? negris 
und lazzaratos clou wird erst 
vor dem horizont verständlich, 
dass konsumtion insgesamt 
(+ nicht speziell für benetton) 
produziert werden muss. der 
ganze „reichtum" an Wer- 
bung, an mtv, an neuen Zei- 
tungen, femsehmagazinen 
(neuen „formaten") hat eine 



selbstverstärkende funktion: 
gleichermassen müssen kon- 
sument/innen all das erlernen, 
den fun an den neuen „forma- 
ten", den sinn des internet, 
den widersprüchlichen kick, 
der von trash ausgeht (+ der 
heute bereits teil von banken- 
werbung geworden ist): alle 
müssen sich positiv an das 
gefühl im magen gewöhnen, 
das von neuen banken, 
neuen wünschen, neuen hoff- 
nungen auf (spekulatives) 
geld ausgelöst wird, von der 
bewegung, eben der ima- 
ginären schaukel, die höher 
als alle anderen schaukeln, 
an die wir uns gewöhnt 
haben, schaukelt. Produktion 
+ konsumtion ist die fabrik, 
die produziert. 






bill gates wäre nicht einer der 
reichsten MÄNNER der weit, 
gäbe es nicht diese Produkti- 
on. - coca cola oder nike 
wären lediglich getränke-her- 
steller oder schuster. 









das ist der hintergrund für 
negris manöver. hier kommt 
es zu einer auf der schneide 
stehenden bewegung von 
selbstverwertung von arbeit + 
der kapitalistischen Verwer- 
tung von selbstverwertung. 
negris eigene beispiele sind 
eigenartig moralisch + pro- 
blematisch, ohne das 
geschlechtsspezifische seiner 
beispiele zu markieren, redet 
er von den krankenschwe- 
stern + ihrer arbeit, die „die 
zum grossen Teil von Frauen 
verrichtet wird und spezifische 
Werte voraussetzt, hervor- 
bringt und reproduziert; bes- 
ser gesagt, die Konzentration 
auf diese Arbeit hebt eine 
Dimension im Wertbildungs- 
prozess hervor, in der glei- 
chermassen die hochtechno- 
logisierte wie die affektiv-sor- 
gende Seite der verausgabten 


















Arbeit wesentlich und uner- 
setzlich im gesellschaftlichen 
Produktions- und Reproduk- 
tionsprozess geworden zu 
sein scheinen. Die Kranken- 
pflegerinnen haben im Verlauf 
ihrer Kämpfe nicht allein ihre 
Arbeitsbedingungen themati- 
siert, sondern gleichzeitig die 
besondere Qualität ihrer 
Arbeit zum Gegenstand 
gemacht: ihre Stellung zu den 
Patienten, wo sie mit den 
Bedürfnissen eines menschli- 
chen Wesens angesichts von 
Krankheit oder Tod konfron- 
tiert sind, ebenso wie ihre 
Stellung zur Gesellschaft, 1 
wenn sie die Technologien J 
der modernen Medizin hand- 

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haben." (s. 18) 



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lieh wiederum nur bei perso- 
nen, die über ein System der 
Sozialfürsorge oder privater 
geldversorgung verfügen 
(geld-verdienende partner/in, 
familiengeld oder schlau im 
ausnutzen von Sozialfürsorge, 
wo es sie noch gibt). + es ist 
eben das besondere des 
Spätkapitalismus, dass diese 
formen der selbstverwertung 
wiederum für das ökonomi- 
sche system nützlich sind, es 
sind die puffer, wo leute kultu- 
rell neue nischen entwickeln, 
kulturellen vorsprung der 
industrieregionen miterarbei- 
ten, originelle Verausgabun- 
gen etc. 









zu solcher „selbstverwertung" 
kommt es aber überall da, wo 

personen sich entscheiden; 
nicht zu arbeiten, wenig zu 

arbeiten (um andere dinge zu 

tun) oder aber in der arbeit 

andere kriterien anzuwenden 

als geld-verdienen. das ist 

möglich + ist der fall, sicher- 



ob sich daraus eine das 
system-überwindende dyna- 

. - . . 

mik ergibt, ist als frage schief. 

■ 

vorher ist entscheidend, die- 
ses moment nicht zu verken- 
nen, es zu produzieren + sei- 
nen verlauf zu betrachten: ob 

* 

es sich ausweitet oder zurück- 
weist auf eine angstbesetzte 
Verteidigung des imaginären 
„eigenen". ♦ 










Delicatessen / Ladengaleric 




























Ristorantino - Vinoteca - Caffeteria 



Ausustenstr. 7 80333 München 089-595917 

































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l/l//e 1987, nach dem schwersten 

........_. ^er Nachkriegszeit, 

scheinen auch die derzeitigen Turbulenzen 

auf den weltweiten Geld- und Finanzmärkten 



die globale Hegemonie des Finanzkapitals 
nicht besonders zu beeinträchtioen. 



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//77 Gegenteil: Mit der Verleihung des 

Ökonomie-Nobelpreises an die zwei Finanzmarkt 

Experten Scholes und Merton wird der 



Finanzwelt wissenschaftliche Anerkennung 

zuteil, während gleichzeitig 
der Run auf die Telekom-"Volks"-Aktie 



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Mitte Juli dieses Jahres 
mußten sich selbst die sonst 
so hektischen Trader des 
London International Financial 
Futures and Options Ex- 
change (LIFFE) in der City 
von London etwas moderater 
benehmen. Denn die Verwal- 
tungsbehörde Corporation of 
London ließ ihnen zu Ehren 
inmitten der City eine Statue 
errichten, um „dem frischen 
Blut in der Finanzwelt eine 
Hommage" zu erweisen, wie 
es in der Presseaussendung 
hieß. 

Das Denkmal, das einen hek- 
tischen Händler inklusive 
Handy darstellt, erzählt nicht 
nur vom Sieg der jüngeren 
City-Population über die 
Traditionalisten der ehrwürdi- 
gen Londoner Bankenwelt, 
sondern auch von der kultu- 
rellen und politischen Domi- 
nanz der seit der Börsen- 
deregulierung von 1986 (Big 
Bang) expandierenden 
Generation von Finanz- 
kapitalisten. 

Diese Aufbruchstimmung von 
1986, die auch durch den 
schlimmsten Börsensturz der 
Nachkriegszeit von 1987 nicht 
aufgehalten werden konnte, 
spiegelte sich bereits im be- 






















rüchtigten Londoner „Archi- 
tekturstreit" wider, in der eine 
„Bewahrer"-Fraktion von alt- 
ehrwürdigen Bankern, Mon- 
archie (Prince Charles) und 
Kleinkrämerläden in der City 
gegen eine (post-)modeme 
Yuppie- und Architektenclique 
antrat, um über bauliche Ver- 
änderungen im Herzen Lon- 
dons zu verhandeln. Daß letz- 
tere sich vermehrt durchsetz- 
ten, lag nicht zuletzt an der 
Stärkung, die sie von der kon- 
servativen Regierung That- 
cher erhielten. Mit einem raffi- 
nierten Diskurs, der die Ele- 
mente „Modernität" und „Tra- 
dition" geschickt vermischte, 
war Margaret Thatcher Ende 
der 70er Jahre angetreten, 
aus einem als „abgewirtschaf- 
tet" bezeichneten England 
eine neue weltweite Wirt- 
schaftsmacht zu etablieren 
und ein neoliberales, moneta- 
ristisches Experiment zu initi- 
ieren, daß sich weniger aus 
tiefen wirtschaftspolitischen 
Einsichten nährte als vielmehr 
aus neuen, modischen öko- 
nomischen Ideen und der 
bereits erwähnten Aufbruchs- 
euphorie. Im Film Empire 
State, einer Parabel auf die 
Thatcher- und Reagan- 
Revolution jener Jahre, läßt 
der Regisseur Ron Peck sei- 




nen Protagonisten bei einem 
Hubschrauber-Rundflug über 
London diese Euphorie zu- 
sammenfassen: „Vergiß' alles, 
was hier vorher war. 
Es gibt einen neuen briti- 
schen Geist: fit, wettbewerbs- 
hungrig, schlank, bereit sich 
in den Arenen der Finanzwelt 
durchzusetzen. Eine neue 
Nation braucht eine neue 
Stadt, also bauen wir sie." 
Diese Verzahnung von kultu- 
rellen, politischen und ökono- 
mischen Faktoren, die sich 
vor allem in den USA und 
Großbritannien ausmachen 
läßt, zählt mit zum Versuch, 
ein neues Akkumulations- 
modell unter der Hegemonie 
des Finanzwesens zu etablie- 
ren, das im wesentlichen auf 
den im Film-Zitat beschriebe- 
nen Kriterien beruht: Flexibel, 
energisch, dynamisch. 

Diese Reorganisation des 
Kapitals war vor dem Hinter- 
grund einer Krise notwendig 
geworden, die sich in den 
frühen 70ern auszuweiten 
begann: Die Massenmärkte 
waren weitgehend gesättigt 
und die Werktätigen wurden 
in ihren Ansprüchen immer 
vorlauter. Dieser ungemütli- 
chen Situation versuchte das 
Kapital in zunehmendem 
























































Maße zu entfliehen: In neue 
Organisationsformen, neue 
Branchen, neue Märkte. Das 
brachte uns lean production, 
flexible Spezialisierung, das 
Wachsen des Dienstleistungs- 
sektors und die Globalisie- 
rung. Die Finanzmärkte sind 
idealtypische Zufluchtsorte. 
Sie sind flexibel und global: 
Eine IBM-Aktie kann in weni- 
gen Augenblicken in ein Yen- 
Guthaben oder eine Bundes- 
anleihe getauscht werden - 
das alles zum Spartarif, denn 
für Großkunden sind die Kom- 
missionen vernachlässigbar 
gering, und Umsatzsteuern 
sind weitgehend inexistent. 
Letzteres gilt für staatliche 
Eingriffe ganz allgemein: Die 
Regulierungsdichte ist so 
gering wie nirgendwo sonst. 
Und das beste: Man braucht 
sich nicht mehr mit lästigen 
Arbeiterinnen im Produktions- 
prozeß herumschlagen. Der 
mühselige Umweg G-W-G' - 
also die kapitalistische Grund- 
figur nach Marx: 1) Geld vor- 
schießen, 2) damit Waren pro- 
duzieren, 3) diese gegen 
mehr Geld verkaufen - wird 
radikal zusammengekürzt. 

Was bleibt, ist 
das Wesent- 
liche: G-G\ 
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mehr Geld 






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verwandeln - durch Zinsen, 
Dividenden, spekulative 
Gewinne. So wurden und 
werden Gewinne nun aus 
dem Halten von Aktien (auf 
Unternehmensgewinnen beru- 
hende Dividendenausschüt- 
tungen), Staatsschuldpa- 
pieren (Zinszahlungen, die 
durch Steuern finanziert wer- 
den), Krediten (Zinszahlungen 
von privaten oder staatlichen 
Schuldnern) oder Fremdwäh- 
rungseinlagen (Zinszahlungen 

ausländischer Banken) gezo- 
gen; oder aus deren Kauf und 
Verkauf zum richtigen Zeit- 
punkt. Die letztere Option ist 
natürlich die bevorzugte, da 
sie die geringste Wartedauer 
erfordert. Durch die Deregu- 
lierung und Internationalisier- 
ung sind die Möglichkeiten, in 
diverse Anlageformen ein- 
und blitzschnell wieder auszu- 
steigen, enorm gewachsen. 

Das war lange Zeit nicht mög- 
lich, da in der Nachkriegszeit 
die Finanzmärkte in den Indu- 
strieländern einem strikten 
Regulierungskorsett unterwor- 
fen wurden. Zinsbegrenzun- 
gen und die Kontrolle interna- 
tionaler Kapitalströme verhin- 
derten ein Freispielen der 
Finanzmärkte. Anfang der 
70er Jahre drehte sich im Zu- 
ge der monetaristischen Re- 
volution der Wind, und ange- 
führt von Staaten wie den 
USA und Großbritannien 
begann ein Land nach dem 
anderen, die Beschrän- 
kungen aufzuheben. Es 
kam zu einem regel- 
rechten Deregu- 
lierungswettlauf. 



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ziehungskraft nicht verfehlen: 
Kein Sektor hat Zuwachsraten 
wie das Finanzwesen. Dieser 
Markt ist der einzige, auf dem 
das Globalisierungs-Etikett 
eine Berechtigung hat. Er be- 
steht aus de facto staatenlo- 
sem Geld, weitgehend inte- 
grierten Märkten für Finanz- 
dienstleistungen (Kredite, 
Versicherungen u.a.) und 
Finanzprodukten (Währ- 
ungen, Aktien, Staatsanleihen 
etc.) sowie globalen finanzka- 
pitalistischen Akteuren 
(Banken, Versicherungen, 
Pensions- und Investment- 
fonds). 

Aber dort geht es nicht nur 
ums Verdienen. Mittlerweile 
kommt diesem Markt eine 
strategische Rolle zu: Er ist 
der zentrale Hebel für die Um- 
strukturierung und die Durch- 

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Setzung besserer Verwer- 
tungsbedingungen für das 
Kapital im allgemeinen. Ange- 
sichts der hohen öffentlichen 
Verschuldung und der inter- 
nationalen Handelsverflech- 
tung unter den Bedingungen 
freien Kapitalverkehrs wird 
den Nationalstaaten kontinu- 
ierlich nahegelegt, sehr sensi- 
bel darauf zu achten, zwei 
zentrale Anforderungen zu 
erfüllen: Diszipliniert sein (in 
der Wirtschaftspolitik) und 
Disziplinieren (die Bevölker- 
ung) anstatt Umverteilen und 
ins Wirtschaftsleben Ein- 
mischen. Wer sich daran nicht 
hält, so die Drohung, wird mit 
Kapitalflucht und daraus 
resultierenden Währungs- 
krisen bestraft, darüberhinaus 
als schlechter Schuldner ein- 
gestuft und muß höhere Zin- 
sen für Staatsschulden zah- 
len. In Europa haben das eini- 
ge offenbar eine Zeitlang 
noch nicht richtig verstanden. 




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Darum hat man es ihnen mit 
den Maastrichter Konvergenz- 
kriterien noch ein bißchen 
deutlicher gesagt. 

Der kombinierte Effekt von 
Bedeutungszuwachs der 
Finanzinteressen, schwachem 
Wachstum der Investitionen in 
neue Produktionsanlagen und 
Abbau öffentlicher Defizite ist 
natürlich Druck auf die Werk- 
tätigen. Die müssen Hunger- 
löhne (USA) oder Arbeitslo- 
sigkeit (EU) in Kauf nehmen, 
weil die Jobs immer weniger 
werden. Womit sich der ge- 
wünschte Erfolg (Disziplinie- 
rung, Umverteilung nach 
oben) einstellt. 

Eine etwas paradoxe Reaktion 
auch mancher Linker auf 
diese Entwicklung ist die Kla- 
ge gegen böse Finanzkapi- 
talisten, die den armen Unter- 
nehmen im Realsektor das 
Leben schwer machen. Nicht 
nur ist das „Schweinerei, kei- 
ner will uns mehr ausbeuten "- 
Gejammer etwas grotesk, es 
beruht zudem auf einer fal- 
schen Dichotomie. Natürlich 
gibt es im einzelnen solche 
Interessensgegensätze (das 
ist das Wesen der Konkur- 
renz), aber die momentane 
Offensive stützt sich auf eine 
Koalition, die weit über die 
Finanzinstitutionen hinaus- 
geht. Viele der großen Pro- 
duktionsunternehmen erwirt- 
schaften einen bedeutenden 
Anteil ihrer Gewinne (und mit- 
unter auch Verluste) aus 
Finanzanlagen. In Frankreich 
beispielsweise war der Unter- 
nehmenssektor im letzten 
Jahr Netto-Gläubiger! 

Die an die Nazi-Unterschei- 
dung von „schaffendem" und 
„raffendem" Kapital erinnern- 
de Gegenüberstellung von 



fleißigen Unternehmen und 
gierigem anonymen Finanz- 
kapital {Shareholder value) 
dient den Firmen auch als 
willkommene Ausrede, um im 
Betrieb endlich kräftig durch- 
zulüften oder beim Staat um 
Investitionsvergünstigungen 
vorstellig zu werden. 






Vielmehr ist das Finanzkapital 
heute die Avantgarde, das 
Leitbild und die strategische 
Waffe des neuen kapitalisti- 
schen Akkumulationsmodells. 
Die schon erwähnte Rhetorik 
der Flexibilität (...in zwei Se- 
kunden um den Globus...), 
der Effizienz (...jede Arbitrage- 
möglichkeit ausnutzend....), 
der Technikorientierung (...per 
Knopfdruck...) und der 
unbeeinflußbaren Allmacht 
(...1,3 Billionen täglich. ..) i st 
Ausdruck und Vehikel eines 
Bestrebens, die gesamte 
Ökonomie nach diesem 
Modell zu organisieren. Dazu 
muß man Verbündete in der 
Bevölkerung finden - Hege- 
monie erlangen. 

* 

Ein in letzter Zeit an Bedeu- 
tung gewinnender For- 
schungsstrang, die soge- 
nannte International Political 
Economy (IPE) verweist ge- 
nau auf die Relevanz dieser 
hegemonialen Auseinander- 
setzungen rund um das 
Finanzkapital in den letzten 
zwanzig Jahren. Gramscia- 
nisch inspiriert, lehnen sie 
sowohl eine ökonomistische 
Erklärung des Wachstums der 
Finanzmärkte ab und stellen 
gleichzeitig die vielzitierte 
Allmacht des Finanzkapitals 
infrage. Vielmehr verweisen 
sie auf die Brüchigkeit des 
neoliberalen Projekts, auf 
dessen institutionelle Be- 
dingtheit und Abhängigkeit 
von zahlreichen Akteuren im 



„integralen Staat". Sowohl 
Nationalstaaten wie auch Teile 
der Zivilgesellschaft glieder- 
ten sich in den vergangenen 
Jahrzehnten in diesen neuen 
hegemonialen Kompromiß ein 
und ermöglichten so erst des- 
sen Durchsetzung. Als Para- 
debeispiele können wiederum 
Großbritannien und die USA 
dienen, deren Regierungen 
am vehementesten die Dere- 
gulierung und Liberalisierung 
des Finanzkapitals vorantrie- 
ben. Gleichzeitig sind es auch 
jene Länder, in denen der 
Yuppie-Mythos der 80er Jahre 
am kräftigsten blühte. 

Es lohnt sich, noch einmal auf 
die eingangs erwähnten 
LIFFE-Trader zurückzukom- 
men, um die Popularisierung 
und Diffusion von Yuppie- 
Werten zu veranschaulichen: 
Im Zuge des Amtsantritts von 
Margaret Thatcher kam es zu 

einer zunehmenden Verun- 
glimpfung von Gewerkschaf- 
ten und implizit auch der Ar- 
beiterklasse. Der fordistische 
Nachkriegskonsens und Klas- 
senkompromiß zwischen Ar- 
beit und Kapital erodierte. 
Doch das Erscheinen der 
LIFFE-Trader konnte zumin- 
dest für einen Teil der Arbei- 
terschaft eine Identifikations- 
funktion übernehmen sowie 
Klassendifferenzen über- 
brücken und übertünchen. 
Denn der vor allem für kurzfri- 
stige Optionen- und Termin- 
geschäfte zuständige LIFFE- 
Markt wird heute von den 
sog. Essex Boys beherrscht, 
denen in den britischen Me- 
dien in den vergangenen 
Jahren besonderes Wohl- 
wollen bis Faszination zuteil 
wurde. Die besonders masku- 
linen und „bullish" Essex Boys 
kommen nämlich häufig aus 
proletarischen Familien und 







































sorgten zunächst für helle 
Aufregung am Londoner 
Parkett, als sie Ende der 80er 
Jahre mit grellen Hemden 
und legeren Anzügen in der 
City auftauchten. Bis dahin I 
galt nämlich der dunkle An- | 
zug als unumgänglicher 
Dresscode in Banken und an 
der Börse: „Wer keinen 
schwarzen Anzug trägt, wird 
wohl der Fahrradkurier mit 
den Sandwiches sein"- so die 
jahrzehntelange Abgren- 
zungsfloskel der Banker und 
Trader von ihrem „clerical 
staff" und anderen City-Exo- 
ten. Aristokratische und elitäre 
Ignoranz wurde jedoch weni- 
ger opportun in einer Gesell- 
schaft, die verlorenen Welt- 
ruhm via finanzkapitalistischer 
Revolution wiedergewinnen 
wollte. Dem „gentlemanly nar- 
rative" der alten Banken- 
Aristokratie, wie es der briti- 
sche Geograph Nigel Thrift 
nennt, folgte nun die kulturelle 
Hegemonie einer neuen Yup- 
pie-Generation, die aggressiv- 
proletarische Werte nicht nur 
nicht ausschloß, sondern 
durchaus förderte. Nicht unin- 
teressant in diesem Zusam- 
menhang ist auch die Tat- 
sache, daß der von Charlie 



Sheen verkörperte Broker im 
Film „Wall Street" Sohn eines 
Gewerkschaftsfunktionärs ist 
und daraus resultierende 
Identitätsprobleme zugleich 
Gegenstand des Films sind 
(und zuguterletzt befriedigend 
für beide Seiten gelöst wer- 
den). 

Derartige Erzählungen veran- 
schaulichen jedenfalls die 
Prozeß- und Projekthaftigkeit 
des finanzkapitalistischen 
Hegemoniebestrebens. Die 
Durchsetzung bestimmter In- 
teressen hängt wesentlich von 
den Kompromissen und 

Koalitionen ab, die im Zuge 
der Auseinandersetzungen 

geschlossen werden. Die 
Akteure der Finanzwelt über- 
nahmen in ihnen ex post be- 
trachtet die Rolle von organi- 
schen Intellektuellen, die im 
Sinne Gramscis als Organisa- 
toren eines Diskurses auftra- 
ten und damit ideelle Kon- 
strukte sowie einen nachhalti- 
gen Konsens schufen. 












Die bislang etwas lahmeren 
Staaten holten in punkto De- 
regulierung und Liberalisie- 
rung in den letzten Jahren 
ziemlich auf, was sie aufgrund 
anderer gesellschaftlicher 



Kräfteverhältnisse als in den 
USA oder Großbritannien in 
den letzten Jahren „versäumt" 
hatten. 

Ein wichtiger - wenn auch 
nicht ganz gelungener - 
Schritt in diese Richtung war 
das Anheizen der Budgetpa- 
nik im Vorfeld der Europäi- 
schen Währungsunion. An- 
geblich stellen demnach 
Staatsschulden eines Landes, 
die über einem jährlichen 
Zuwachs von 3% und insge- 
samt 60% des Bruttosozial- 
Produkts liegen, eine Gefahr 
für die anderen Teilnehmer- 
innen an der Währungsunion 
dar. Zwar gibt es dafür keine 
plausiblen Argumente, aber 
die EU-Staaten begannen 
nichtsdestotrotz den Versuch, 
mit aller Gewalt Staatsaus- 
gaben zurückzuschrauben. 
Der Widerstand der Bevöl- 
kerung ist aber nach wie vor 
groß. Ihre Fortsetzung findet 
diese Auseinandersetzung 
deshalb in der geschürten 
Angst vor einem weichen 
Euro. Seit Jahren ist die In- 
flation in der EU zwar tot, aber 
Sparerverbände und rechte 
Politikerinnen haben immer 
noch nicht genug. Genußvoll 
warnt man vor dem zügello- 



sen Italiener, der in der Wäh- 
rungsunion wild die Noten- 
presse betätigen und damit 
die Inflation im ganzen Wäh- 
rungsraum anheizen wird. 
Dieser Diskurs hat absehbare 
Folgen: Die nach dem Modell 
der Bundesbank ausgestalte- 
te Europäische Zentralbank 
wird eine knallharte Hochzins- 
politik fahren, um diese Äng- 
ste zu beruhigen und sich 
eine Reputation als Scharf- 
macherin aufzubauen. Das ist 
zwar gut für Vermögensbesit- 
zerinnen und Gläubigerinnen, 
aber schlecht für Schuldner- 
Innen und Gift für die Kon- 
ljunktur. Arbeitslosenwachstum 
garantiert. 



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Die gleiche Bündnispolitik von 
oben steckt hinter Versuchen, 
private Ersparnisse an die 
Börse zu locken (siehe Tele- 
kom-"Volks"-Aktie) und der 
(Verbreitung von Mitarbei- 
|terlnnen-Beteiligungsmodel- 
len. Grandiose Vision: Mit- 
arbeiterinnen stimmen der 
eigenen Entlassung mit Blick 
auf ihre steigenden Dividen- 
den freudig zu. Der nächste 
Schritt ist dann das Bemühen 
um die Demontage der öffent- 
lichen Rentenvorsorge (an- 



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geblich plötzlich unfinanzier- 
bar - trotz steigenden Brutto- 
sozialprodukts) und die Um- 
stellung auf private Pensions- 
kassen in Europa. 









Wo soll das alles hinführen? 
Müssen wir fordern, endlich 
wieder „voll beschäftigt" zu 
werden? Eigentlich kann es 
uns recht sein, wenn das 
Kapital keine Mitarbeit mehr 
braucht, um Profite zu erwirt- 
schaften. Nur würden wir ger- 
ne daran teilhaben. Deshalb: 
Kapital besteuern, und zwar 
ordentlich! Geht nicht? Na 
gut, dann eben abschaffen. S 



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Nun, 20 Jahre später, gibt es 
einen neuen Willen zum Film- 
bild der Arbeit. Niemand weiß, 
wie die Arbeiter arbeiten. Das 
Filmfestival Arbeit - Nat i on 
(Veranstalter: FilmX), das 
Ende Oktober und Anfang 
November in München statt- 
fand, hat die erste Neugier 
beargwöhnt und die eiligsten 
Erwartungshaltungen ent- 
täuscht. Auf dem Spiel der 






Neugierde stand nämlich das 
vermeintlich Unentfremdete. 
Filmbilder der Arbeit sollen, 
so geht das Wunschdenken, 
das Eigene der Tätigkeit, sol- 
len das Wahre der Wirklichkeit 
bezeugen - und wenn es 
durch das Gegenteil wäre. 

Die gute (und die schlechte) 
Arbeit). Von Anschauung ist 
da keine Spur. Dann nämlich 



müßte die Dauer des Vor- 
gangs der Arbeit für die Be- 
trachtung zugänglich ge- 
macht werden. Zudem hat 
solche ins Filmbild von Arbeit 
gesteckte Heilserwartung 
ideologisch fragwürdige Impli- 
kationen. Wie die Programm- 
zusammenstellung deutlich 
gemacht hat, ist die filmbild- 
nerische Repräsentation der 
guten-schlechten Arbeit fast 



durchgängig an Nationalstaat- 
lichkeit geknüpft: entweder 
garantiert die Nation die Ar- 
beit oder sie verpflichtet zur 
Arbeit oder aber sie dient der 
Legitimation von Arbeit. 

Harun Farocki war es, der seit 
den 70er Jahren immer wie- 
der das Bild der Arbeit ge- 
sucht hat. In und vor den 
Fabriken, in den Versuchs- 



anstalten, Labors usw. Der Ort 
der Arbeit, vorzugsweise die 
Fabrik, war als der eigentliche 
(oder: der geschichtliche) Ort 
des Menschen gesetzt. In 
dem Film Die führende Rolle 
(D 1994) untersucht Farocki 
erstens die Berichterstattung 
des DDR-Fernsehens und 
zweitens die des ZDF über 
die Ereignisse des Oktober 
1989. Das DDR-Fernsehen 


























































































gibt sich in diesen Oktober- 
tagen Mühe, den „reformeri- 
schen" Schulterschluss der 
SED-Führung mit ausgesuch- 
ten Arbeitern in den Betrieben 
darzustellen. Dies hat den 
Geschmack verzweifelten und 
doch schon matten Gegen- 
lenkens: „Auseinandersetz- 
ungen müssen im Betrieb 
stattfinden, nicht auf der 
Straße", wünscht sich Werner 
Eberlein, Politbüromitglied. 
Das ZDF-Fernsehen erkennt 
hingegen nur einen öffentli- 
chen Ort an: die Straße. Dort 
sucht es nach dem in der Luft 
liegenden demokratischen Im- 
puls, der, erst einmal auf Sen- 
dung, den Westbürgern ihr 
Ich-Ideal vorspiegeln würde. 
Das ZDF wird fündig. 

Farocki macht die Gegen- 
überstellung der beiden Sze- 
narien zu einer ritterlichen Be- 
gegnung zweier TV-Giganten, 







und zu einem wehmütig 
gestimmten Chronogramm 
des Übergangs: der Durch- 
schnittsmensch sozialistischer 
Geschmacksrichtung, der 
männliche, deutsche Stahl- 
kocher, kippt zögerlich-stetig 
in die farblos zufriedengestell- 
te Arbeiter-Konsumenten- 
Masse. Es sei, so der Kom- 
mentar, mit der Wende die 
Erfahrung gegeben, daß im 



Westen Kräfte wirksam sind, 
denen man nichts entgegen 
stellen könne. Schon über- 
haupt nicht eine Berichter- 
stattung, die ihre Szenerie im 
letztlich auch in der DDR ge- 
schlossenen Raum der Pro- 
duktion hat. Nach 1989 wurde 
allmählich evident, daß der 
Arbeitsplatz seine Dimension 
als geschichtlicher Ort verlo- 
ren hatte. 















Das Bild, dem Farocki nach- 
trauert, basiert auf zwei 
Grundlegungen: erstens 
konnte das polizeilich ver- 
bürgte Monopol des staatli- 
chen Filmbildes seine Szener- 
ien ohne querschießenden 
säkularisierten Gebrauch des 
Mediums nach Belieben set- 
zen. Die Fabrik war ein inhalt- 
lich höchst angemessener 



ich das des DDR-Fernsehen 
hier gleichsetze) immer auch 
eine Sehnsucht zum Aus- 
druck: die der Allianz von 
Filmemacher und Arbeiter. 
Diese Sehnsucht machte in 
ihrer autorenfilmerischen 
Spielart vor allem von Mitteln 
der Anbiederung Gebrauch 
(Godard um 1970, Farocki bis 
?). Die reale Tätigkeit des 
Filmarbeiters, die beim DDR- 
Fernsehen und die bei jedem 
Fernsehen der Welt, bleibt 
solchen Träumen äußerlich. 
Die Tore der Fabrik sind der 
Allgemeinheit wieder ver- 
schlossen, es regiert das part- 
nerschaftliche Produktivitäts- 
kalkül. Nur der dem frei beob- 
achtenden Auge des Passan- 
ten verborgene und dem 
streng disziplinierenden Auge 
des Chefs/ des Teamgeistes 







und in formaler Hinsicht aus 
reichend theatralischer Ort. 
Die Arbeiter-und-Bauern- 
Staatslogik brauchte notwen 
digerweise einheitlich konsti 
tuierte (und das sind laut 
Farocki eben auch bessere) 
Subjekte mit kompakten 
Identitätskonturen. 









Zweitens kam im traditionellen 
Filmbild der Arbeit (mit dem 



exponierte Arbeiter ist effizi- 
ent. Seine Öffentlichkeit ist, 
nicht zuletzt aus der inneren 
Logik des Produktionsprozes- 
ses heraus, irrelevant. 

Das Bild der DDR-Fabrik war 
entlang der Maßgabe volks- 
wirtschaftlicher Direktiven, 
also nationaler Produktion 
ausgerichtet. Entgegen den 
nominalen Vorgaben war von 






der Einlösung des völker- 
freundschaftlichen Schulter- 
schlusses keinesfalls die 
Rede. Im Gegenteil zeigt der 
Film ...viele habe ich 
erkannt (Medienwerkstatt 
Freiburg, 1992) die gesell- 
schaftliche Situation der aus- 
ländischen Kontraktarbeiter in 
der DDR. Diese wurden unter 
der Vorgabe eines Studien- 
platzes ins Land gelockt, 
kaserniert und unter zwangs- 
arbeitsähnlichen Arbeitsum- 
ständen zur Einhaltung des 
Plansolls herangezogen. Ihr 
Alltag war lange vor dem 
Pogrom in Hoyerswerda von 
rassistischer Diskriminierung 
dominiert. Nach der Wende, 
und dem Zeichen des 
Pogroms folgend, wurden 
18.000 Mogambiquaner de- 
portiert. Bei Bedarf wird sich 
der nationale Arbeitsmarkt, 
darüber läßt der Film keine 
Zweifel aufkommen, wieder in 
den dann entsprechenden 
Weltregionen bedienen. Einst- 
weilen gibt man sich satt. 

Go West and Win (D 1996) 
ist eine Auftragsarbeit des 
Ministeriums für Arbeit. Dar- 
gestellt werden in dieser 
Erfolgsstory Training, Fahnen- 
schwung und letztlich Tri- 
umph eines KFZ-Lehrlings aus 
den Neuen Bundesländern 
bei der Handwerksolympiade 
in Lyon 1995. Platz zwei für 
Südkorea, Platz drei, surprise, 
für Australien. An diesem 
Video wird der kleine aber 
feine Unterschied zur soziali- 
stischen Ikonographie vermit- 
telt: neben deutscher 
Wertarbeit rangiert die 
Bereitschaft zur ewigen Fertig- 
keitsnachrüstung unter den 
kapitalistischen Primärpflich- 
ten obenan. Instruiert wird die 
Parole: „Du wirst NIEMALS 
auslernen!" Die von unserem 
Helden errungene Arbeits- 



trophäe, sie vergoldet deut- 
sche Werktugend, wird freilich 
als Dienst am Standort ver- 
rechnet. Das für den halböf- 
fentlichen Einsatz in Berufs- 
schulen produzierte Video 
gibt indes auch konkrete 
Anweisungen über die Rich- 
tung, die das Selbstverständ- 
nis eines jungen Arbeitneh- 
mers heute nehmen sollte: 
Herr Kohl empfiehlt bei einem 
Stehachterl Riesling den 
glanzvollen Olympioniken 
aufs Eindringlichste, sich 
ehebaldigst selbständig zu 
machen. 












Eine Zusammenschau solcher 
halböffentlicher Filme verdeut- 
licht die streng nationalisti- 
sche Grundlegung der einge- 
spielten Rede von der Arbeit. 
Auch ein Kulturfilm aus dem 
Jahr 1960 steht hierfür ein - er 
macht jeder Ambivalenz des 
Bildes der Gewerkschaften in 
Deutschland ein Ende. 
Perspektiven Nr. 9: Ent- 
wicklungshilfe trumpft mit 
markigen Sprüchen folgender 
Art auf: „Es ist ein Aberglaube 
anzunehmen, daß die Men- 
schen in Afrika bei guter Ge- 
sundheit sind." Sogleich wird 
der engagierte deutsche Ge- 
werkschafter von der Ver- 
nunftkraft seiner Interessens- 
vertretung überzeugt. Über 
Landschaftsbildern und sol- 
chen von Dorffesten wird der 
Traum sanitärer Einrichtungen 
vorgeschwärmt - in der film- 
bildnerischen Synthese ergibt 
das, man staune, Gewerk- 
schaftsmitglieder am Bade- 
strand. „Der DGB hält es für 
eine seiner nobelsten(l) Auf- 
gaben, den schaffenden Men- 
schen von Afrika, Asien und 
Lateinamerika nach besten 
Kräften zu helfen." Wer solch 
paternalistische Töne spuckt 
ist Willi Richter, der damalige 
Vorsitzende des DGB. 















52 



deutschen Gewerkschaf- 
ten, die sich traditionell an die 
Elite der Facharbeiter wen- 
den, haben eines im Sinn: 
den Standort Deutschland. 
Diese Grundlegung hat Konti- 
nuität. Daher kommt die auf- 
geschreckte und deshalb 
beliebte These der Renatio- 
nalisierung der Politik ein bis- 
schen überraschend. In 
Deutschland, das über 15 
Jahre einen importierenden 
Arbeitsmarkt hatte, war diese 
Ausrichtung, das räumt man 



Der von dem Chicagoer Film- 
kollektiv labor beat produzier- 
te Dokumentarfilm South of 
the Border (USA 1991) unter- 
sucht die seit den 60er Jahren 
an der Grenze zwischen 
Mexico und USA errichtete 
Zollsonderzone, in der ar- 
beitsintensive Produktions- 
stätten eingerichtet wurden, 
sogenannte Maquiladoras. 
Produzenten konnten (und 
können) zollfrei ganze Fabrik- 
anlagen importieren, um den 
lokalen Arbeitsmarkt auszu- 




ein, medial unterschlagen. 
Verstockte Träume vom deut- 
schen Eigenbau (z.B. IG Bau) 
haben nun bessere Sende- 
zeiten. Der Eigendünkel fühlt 
sich aufgestöbert und greift 
zur Tat. Die Gewaltausbrüche 
sind bloß deutlichere Zeichen 
der Bereitschaft, das Natio- 
nale, unter welches letztlich 
Arbeit subsumiert wird, kei- 
nesfalls preiszugeben. 



beuten. Umweltauflagen: 
keine. Infrastruktur: nur hin- 
sichtlich der Produktion. Ein- 
zige Einschränkung: die Pro- 
dukte durften nicht in Mexiko 
abgesetzt werden. Dieser letz- 
te Passus ist mit der Einrich- 
tung der NAFTA erst vor weni- 
gen Jahren gefallen. Diese 
mehr oder weniger rechtlose 
Zone (abgesehen vom Straf- 
recht) erlaubt im Schatten 



rascher Veränderung massive 
Ausbeutung, die durch Green 
Card- und Konsumträume 
und genauer: schlicht durch 
die Aussicht, die Familie er- 
nähren zu können, Leute an- 
ziehen. 

Der Film South of the border 
verweigert übrigens jedes 
direkte Bild der Maquiladoras 
und der Grenzzone. Er wider- 
steht damit unmittelbar der 
Forderung eines im Film ge- 
zeigten Personalmanagers, 
der in Chicago neue Führ- 
ungskräfte für eine auszu- 
lagernde Fabrik instruiert. 
Anläßlich der Produktion 
eines Lehrvideos, das die kul- 
turellen Differenzen zugunsten 



der Banker und der Bauern, 
was, wie der Film suggeriert, 
dasselbe ist. Ein Mann stellt 
die Frage nach der Möglich- 
keit des Widerstands. Dies 
steht in groteskem Wider- 
spruch zu seinem sehr spezi- 
fischen Beruf: er ist internatio- 
naler Devisenkurier. Die von 
ihm zusammengeführten radi- 
kalen, aber unernsten 
Freunde fallen alsbald wieder 
von ihm ab. Als er letztendlich 
versucht, einige Landwirte zu 
einer gerechten und sinnvol- 
len Wirtschaftsordnung zu 
bekehren, wird er von ihnen 
in einer Viehtränke ersäuft. 




„Mini Hand" zeichnet ein Bild 
der Schweizer Doppelrolle: 

global player und ge- 
schlossene 
Veranstaltung. Als 
einer der ersten 
Wirtschaftsplätze der 



maßes möglich. Diese folgen 
einem allgemeinen ideologi- 
schen Einverständnis bezüg- 
lich der Rolle der Land- 
wirtschaft: Nationalbildpflege. 

West-Berlin war in den 80er 
Jahren ein Ort gesetzlicher 
Sonderlichkeiten, die auf kul- 
turwirtschaftliche Weise ver- 
wertet wurden. In dieser Zeit 
geriet die Stadt - ob ihres ver- 
meintlichen Mehrwerts als 
Non-Site - auf eine besondere 
Weise ins Blickfeld der inter- 
nationalen Jugendhochkultur: 
Die vor solcher Kulisse emp- 
fohlenen Träume wurden in 
einem neuen Typus von Spiel- 
film vorgefertigt: Arnos Poe, 
Sara Driver und andere erfan- 
den den „Jarmusch-Film", der 
die Figur des Flaneurs, 
Bohemiens, des Edelarbeits- 
losen aus den Bücherregalen 
der Weltliteratur reaktivierte 




des Nordens glätten soll, ver 
langt dieser nämlich am 
Schneidetisch mehr Som- 
breros, mehr Tequila, und 
noch mehr Kakteen. Nichts 
davon, wie gesagt, in South 
of the border. 



Im schweizer Spielfilm 
Hand wärdid immer rucher 

(CH/D 1997, Regie: Rudolf 
Barmettier) spielt im Milieu 



Welt ist hier die Trennung zwi- 
schen Produktion und 
Dienstleistung weit gediehen. 
Das öffentliche Erscheinungs- 
bild der Produktion ist das der 
Agrarwirtschaft, was dem 
Land den Anschein versor- 
gungstechnischer Autonomie 
verleiht. Die in internationalem 
Maßstab unrentable Agrar- 
struktur ist durch regionale 
Subventionen hohen Aus- 



Berlin galt da als ideal-ima- 
ginäre Szenerie. Die Situation 
des Arbeitslosen wurde als 
passive Privatresistenz ästhe- 
tisiert. Einerseits also Anstren- 
gungen der Industrie, die Ar- 
beitsplätze zu ästhetisieren. 
Andererseits die Konter- 
ästhetisierung der Arbeits- 
losen durch die Kultur- 
boheme. Der durchschlagen- 
de Erfolg dieses Typus mach- 








































































te ihm selbst, ob zunehmend 
mangelnder Glaubwürdigkeit 
angesichts der realen Situ- 
ation der Taugenichtse, den 

Garaus. 






Der Film Fuck Hamlet (D 

1996, Regie: Cheol-Mean 
Whang) appliziert diesen 
Typus des cineastischen Ur- 
banismus noch einmal auf 
Berlin, die nunmehr vereinte 
Reichshauptstadt. Der Held 
des Films, ein arbeitsloser 
Schauspieler, hat sich der 
Rolle des Hamlet verschrie- 
ben. Er übt die Rolle Tag und 
Nacht, in der doppelten Hoff- 
nung sie zu verstehen und 
sie vor großem Publikum 
darbringen zu dürfen. So 
streift er durch die Stadt auf 
der Suche nach einem mögli- 
chen Regisseur. 
Der ganze Film ist auf gewis- 
se Weise aus den Fugen: 
seine Szenerie paßt nicht zum 
Genre. Die ehedem geschütz- 
te Zeit-Enklave Berlin mit 
ihren lokalen Spielregeln und 
ihren schwarz-bunten Retro- 
effekten gibt es so nicht mehr. 
Dementgegen ist alles von 
einer ebenso einmütigen wie 
ziellosen Aufregung erfaßt. 
Die Streifzüge des elenden 
Dilettanten finden daher in 
völliger Reibungslosigkeit zu 
einer ihm leer werdenden 
Umgebung statt. Was bleibt, 
ist das Panorama einer nur 
auf verbindliche Bewegungen 
und auf konkreten Umsatz ge- 
faßten Stadt. Die Figur des 
Aussenstehenden ist jeden 
Schicks und jeder Vorstellung 
von einer möglichen Position 
hier entkleidet. Fuck Hamlet 
ist der Abschlußfilm des 
Regisseurs Cheol-Mean 
Whang an der dffb. Whang 
hat Deutschland verlassen. 

Wie das aktuelle Filmbild der 
Arbeit aussehen könnte, wel- 






ches nicht bloß einem begriff- 
lichen Arrangement folgt, 
zeigt der Film Well Done, 
(Thomas Imbach, CH 1994). 
Der Film untersucht u.a. einen 
modernen, ja „postmodernen" 
Finanzdienstleistungsbetrieb 
in Zürich. Anstelle jedoch die 
Organisationszusammen- 
hänge und Inhalte des hier 
praktizierten angeblich neuen 
Typus von Arbeit zu analysie- 
ren, rekonstruiert Imbach die 
mimische Routine des Büro- 
betriebs. In schnell geschnit- 
tenen Grossaufnahmen der 
Mitarbeiter folgen motivische 
Serien telematischer Tätigkeit: 
das Nennen von Preisen, 
Übersetzung, Begrüssung, 
strategische Aggression, 
ewige Wiederkehr standardi- 
sierter Rhetorik. Aus zeitknap- 
per Büroeuphorie werden Mo- 
mente der Motivation abge- 
fangen; diese treiben, wie 
sichtbar wird, die kollektive 
Motorik voran. In ihrer Serial- 
ität verschwindet das sonst so 
hervorgekehrte Individuelle 
des einzelnen Arbeitnehmers. 
Es bleibt ein überpersonelles 
Bild des Prozesses: Team- 
work als Verrichtung eines 
randlosen, elitebeweglichen 
Monsters. Der Individualisier- 
ung und dem Konkurrenz- 
druck der Teammitglieder 
untereinander steht die Ein- 
geschworenheit gegen den 
Kunden und für die Effizienz 
gegenüber. Die Unverträglich- 
keit ihrer Selbstphantasien mit 
der Bilanz ihrer Verrichtungen 
wird augenscheinlich. Die 
Euphorie des Erfolges, das 
Selbstgefühl der Tüchtigkeit 
deckt die Begleitumstände 
dieser Art Produktion und ihre 
Beziehungen zur Gesellschaft 
vollkommen zu. 

Der Film Der Auftritt (Harun 
Farocki, D 1994) beobachtet 
die Präsentation einer bei 



einer Werbeagentur in Auftrag 
gegeben Werbelinie für 
Brillengestelle namens eye- 
dentity. Der Film entzündet 
sein Interesse, scheinbar 
ohne besonderes Dokumen- 
tationsvorhaben, am bloßen 
Ereignis des (fast vollständig 
wiedergegeben) Verkaufsge- 
sprächs. Der Film nascht 
nebenbei an der dramaturgi- 
schen Strategie und drohen- 
den Verzweiflung des Werbe- 
teams mit. Man merkt: es 
geht um die Wurst. Was dabei 
aber in den Blick kommt ist 
eine genaue Bestimmung von 
Kreativität - als Glitzern im 
Auge des Auftraggebers. 
Dieser mischt wahlweise auf 
dem institutionalisierten Feld 
ökonomischer Kreativität mit 
oder tritt auf seine angestam- 
mte Position des abwägenden 
Auftraggeber zurück. Solche 
Arbeit macht, wie klar wird, 
Spaß. Werbefachmänner und 
ihr Team verkaufen genau die- 
sen Effekt auf dem Antlitz des 
Kunden: Der freie Vollzug der 
Kreativität sei die Domäne 
des Herren. Der nämlich hat 
die Handhabe, sie zu bewer- 
ten. Der Auftritt hat etwas von 
einem Instruktionsvideo. Mit 
kleiner Schwerpunktverschie- 
bung aber stellen sich hier die 
Bilder nicht zu Schulungs- 
zwecken bereit, sondern 
offenbaren das schweissge- 
triebenes Dramolett ritueller, 
kreativer Bürokratie. 

Farocki, der in Berlin lebt und 
an dessen Filmen sich die 
Geschichte der filmischen 
Repräsentation der Arbeit wie 
in einem Brennglas untersu- 
chen läßt, hat erst kürzlich, 
und wie es scheint unwillig, 
von seiner ungebrochenen 
Vorliebe für den guten Fach- 
arbeiter abgelassen. Als er 
1983 Passion von Godard 
sah, ließ er sich noch zu un- 



zweideutigen Worten hinreis- 
sen: Godard sei „ein Autor, 
wie eine Nation. Eine Nation 
prägt den Dingen einen eige- 
nen Ausdruck auf. Stalin defi- 
nierte: zu einer Nation braucht 
es gemeinsame Sprache, Ge- 
schichte, gemeinsamen 
Markt. Besonders seit mehr 
als 150 einzelne zu den Ver- 
einten Nationen gezählt wer- 
den, ist es zweifelhaft, ob es 
so viele eigene Ausdrücke 
geben kann und ob das nicht 
eine lächerliche Rhetorik ist, 
die mit einer Vielzahl von 
Synonymen die wenigen 
Tatsachen zu bezeichnen 
sucht." (1) 

Numero Deux (F 1975, 
Regie: Jean-Luc Godard, 
Anne Mieville) war, wie Well 
Done, auf Video gedreht und 
von Überlegungen wie diesen 
begleitet: „Ich weiß zum Bei- 
spiel nicht, wie die Arbeiter 
arbeiten. Es gibt dort keine 
Kameras, die das so gut zei- 
gen, wie zum Beispiel ein 
Fußballspiel gezeigt wird." (2) 
(Godard hatte damals zu- 
gleich das Projekt, ein Spiel 
von Bayern München zu fil- 
men) Das Bemerkenswerte an 
diesem Film ist, daß sein poli- 
tischer Anspruch nicht bloß 
der Formel „politisch Filme 
drehen" folgt. Diese für die 
späten 60er und 
frühen 70er Jahre 
kanonische Attitüde 
ersetzt Godard 
durch beschei- 
denere lokale 
Ansätze. Gefragt 
wird, wer im arbeits- 
teiligen Produktions- 
prozeß der Medien 
welche Rolle über- 
nimmt, und wo die 
Bildmaschine auf 
welche Weise wirkt. 
Statt historische Dia- 
lektik am Objekt des 












Arbeiters zu exerzieren, wer- 
den zwecks der Sinnfindung 
endlos vage Wortspiele mit- 
einander verwoben. Le 
machin (Das Dingsda) und la 
machine (die Maschine). 
Paysage (Landschaft, männ- 
lich) und usine (Fabrik, weib- 
lich). Die Geschlechterdiffe- 
renz wird an der Teilbarkeit 
der Arbeit festgemacht. Wie 
ehedem, als es hieß: Ich jage, 
und du kochst. So wird aus 
einer konkreten Ausgangs- 
lage eine wortbildreiche 
Unschärfezone, irgendwo zwi- 
schen weiblich/männlich. Kein 
Zweifel, daß Godard eben 
bloß ein halbernstes Filmspiel 
treibt; immerhin mit der 
Vorgabe, nicht mit Reprä- 
sentationskanonen die (ge- 
schichtlichen) Prozesse für 
die Anschauung zu er- 
schießen. Solche Kunst 
jedoch ist zwecklos und fun- 
giert in diesen Filmtagen als 
cineastischer Aufputz; einer 
Filmwoche, die das Unver- 
söhnte in der Gesellschaft 
dort ausmacht, wo alle Na- 
tionalpolitik am Effizientesten 
ist: im Verwalten, im (De-) Re- 
gulieren von Arbeit. Es ist ge- 
plant, diese Filmreihe auf 
Tournee zu schicken. A 

(1) in: Filmkritik 319, Juli 1983 
(2) in: Filmkritik 242, Februar 1977 






Gerhard Fried! 
































Das bekannte kultursoziolo- 









54 



gische Modell: Künstlerin- 
nen provozieren, attackle- 
ren und werden entspre- 
chend verkannt, um nach 
einer bestimmten Zeit des 
Aufschubs, der Phase der 



Revolte, ihre verdienten 
Lorbeeren in Form von aka- 



demischen Titeln, Preisen 
oder Verkäufen einzuheim- 
sen, funktioniert nicht in 



allen Fällen. Bisweilen ist 
die oppositionelle Haltung 
der Künstlerinnen zu stark 



und die Bereitschaft 
Kompromisse einzugehen 
zu gering, als daß sie in die 
kapitalistische Gesellschaft 
integriert werden könnten. 
Dann folgt trotz aller 
Credibility der Ausschluß 
und damit häufig Armut und 
Isolation. Diese Erfahrung 
mußte der 71jährige, in 
London lebende Gustav 
Metzger machen, auch 
wenn seine Arbeiten im 



M 



Repolitisierung der 
Kunstszene wieder als bei- 
spielgebend für oppositio- 



nelle Kulturarbeit begriffen 




Metzgers Produktion ist eng 
mit seiner Biographie verbun- 
den. Als Sohn polnisch-jüdi- 
scher Eltern war seine Kind- 
heit in Nürnberg, dem Ort der 
Parteitage der NSDAP, von 
rassistischen Diskriminie- 
rungen und Ausschreitungen 
geprägt. Den Holocaust vor- 
ausahnend schickten ihn 
seine Eltern mit zwölf Jahren 
in Begleitung seines Bruders 
nach Großbritannien. Wäh- 
rend sie beide den Faschis- 
mus überlebten, kam fast die 
ganze Familie in NS-Vernich- 
tungslagem um. Daß Metzger 
auf die englische Staats- 
bürgerschaft verzichtete und 
bis heute staatenlos blieb, 
läßt sich auch als symboli- 
scher Verweis darauf verste- 
hen, daß er diese Erfahrung 
nicht vergessen will. 

Gustav Metzger setzte sich 
sowohl politisch als auch 
künstlerisch mit den in Politik, 
Ökonomie und Technologie 
angelegten Zerstörungs- 
tendenzen auseinander. Seit 
den 50er Jahren engagierte er 
sich gegen die atomare 
Aufrüstung, gegen Umwelt- 
schäden als Folge der tech- 
nisch-wirtschaftlichen Ent- 
wicklung, sowie gegen die 
kommerzielle Verwüstung des 
städtischen Raums. Parallel 
zu seinen politischen Aktivi- 



täten - wegen einer Demon- 
stration des „Committee of 
100" wurde er inhaftiert - ent- 
wickelte er 1959 das Konzept 
der Autodestruktiven Kunst. 
Er wollte Arbeiten herstellen, 
die Zerstörung als soziales 
Phänomen sichtbar machten. 
So konzipierte er Monumente 
im öffentlichen Raum, die im 
Laufe der Zeit zerfallen und 
verschwinden. Auch über eine 
sich selbst auflösende Archi- 
tektur in ökologisch gefährde- 
ten Gebieten wie dem 
Regenwald dachte er nach. 
Die Autodestruktive Kunst 
wandte sich zudem gegen 
den konventionellen Künstler- 
und Werkbegriff. Im Gegen- 
satz zum spontanen, angeb- 
lich genialen Handeln der 
damals den Kunstmarkt domi- 
nierenden Abstrakten Expres- 
sionisten nahm Metzger die 
Rolle des Künstlers bewußt 
zurück. Dieser sollte nur eine 
Dispositon liefern und einen 
Vorgang auslösen, während 
sich die künstlerische Arbeit 
in einem Destruktionsakt, z.B. 
einem chemischen Prozeß, 
selbst herstellte. Nach diesem 
Prinzip funktionierten auch 
seine Experimente mit 
Flüßigkristallen, auf denen 
seine Light Shows 1966 für 
die Musikgruppen The Cream, 
The Move und The Who 
basierten. Im gleichen Jahr 



initiierte er das Destruction In 
Art Symposium in London, 
um die Destruktion als mögli- 
chen Faktor der kulturellen 



Produktion zu diskutiere 



Zahlreiche Personen aus bil- 
dender Kunst, Literatur, Film 
und Psychologie - von den 
holländischen Provos über 
Peter Weibel bis zu Yoko Ono 



- nahmen an dieser Veranstal- 
tung teil. 



Gänzlich unzufrieden mit der 
Position der Kunst in der 
Gesellschaft nahm Gustav 
Metzger an Aktionen der 
International Coalition for the 
Liquidation of Art teil, bei- 
spielsweise 1970 an einer 
Demonstration vor der Täte 
Gallery. Im Jahr 1974 verfaßte 
er im Rahmen der Ausstellung 
„Art Into Society/Society Into 
Art" im ICA London, an der 



neben Metzger sechs weitere 
Künstler (u.a. Hans Haacke, 
Joseph Beuys, Klaus Staeck) 
teilnahmen, einen program- 
matischen Text, der zu einem 
Kunststreik von drei Jahren 
aufrief. In den achtziger 
Jahren wurde diese Idee von 
dem Neoisten, Kulturakti- 
visten, Schriftsteller und 
Punkmusiker („Teenage 
Bricks") Stewart Home wieder 
aufgegriffen und verbreitet. 
Geplant war ein Art Strike für 
die Jahre 1990-1993. Für die- 



sen Zweck wurden Aktions- 
komitees in Großbritannien, 
Irland und den USA gegrün- 
det. Die Medienresonanz war 
groß, aber der Streik selbst 
blieb wenig mehr als eine 
Geste. 

Im November 1996 traf ich 
Gustav Metzger in dem 
selbstorganisierten Aus- 
stellungsraum „City Racing" 
in London und sprach mit ihm 
über die Erfindung des „Art 
Strike". 



Justin Hoffmann: Wie kamen 
Sie auf den Idee des Art 
Strike? Gab es dafür einen 
persönlichen Anlaß, war es 
eine Reaktion auf Vorgänge 
im Kunstbetrieb, od auf Vor- 
gänge im Kunstbetrieb, oder 
stand im Vordergrund ein 
gesellschaftlicher, politischer 
Gedanke? 

Gustav Metzger: Alle diese 
Aspekte sind darin enthalten. 
Direkt war es die Einladung 
für die Ausstellung „Art Into 
Society/ Society Into Art". Ich 
war überhaupt nicht sicher, ob 
ich daran teilnehmen sollte. 
Im Gegenteil, meine 
Einstellung war aus einer 
Reihe von Gründen sehr 
negativ dazu. Die Ausstellung 
war ja zunächst als „Seven 
German Artists " geplant. Ich 
bin ja kein German artist. Ich 































komme aus Germany, aber 
meine Eltern sind polnische 
Juden. Und wie jeder weiß, 
wurden wir von Germany ver- 
folgt und hinausgeschmissen. 
Zunächst wollte ich gar nicht 
mitmachen. Es gab deswegen 
mindestens zwei Gespräche 
mit Christos Joachimides. 






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JH: War er der Kurator der 
Ausstellung? 
GM: Er und Norman Rosen- 
thal. Es war also ein langes 
Gespräch mit Christos. Und 
ich habe ihm, glaube ich, mit- 
geteilt: ich will gar nicht teil- 
nehmen. Mehrere Gespräche 
später, im Sommer 1974, da 
konnte ich mich immer noch 

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nicht entscheiden. Und dann 



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habe ich nach irgendeinem 
Treffen zu Norman gesagt: 
Gut, ich werde mitmachen, 
aber ohne auszustellen. Jeder 
Künstler hatte im Katalog acht 
Seiten zur Verfügung. Ich 
nehme die acht Seiten. Zudem 
werde ich die Ausstellung 
besuchen und Kontakt zu den 
Künstlern halten. Ich war ja 
tatsächlich an den anderen 







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Künstlern interessiert. 

JH: Mit welchen Argumenten 
haben Sie den Kuratoren 
erklärt, dass Sie nicht ausstel- 
len wollen? 

GM: Mit meiner Distanz 
gegenüber der ganzen 
Ausstellungsmacherei. Im Jahr 
1972 war ich beschäftigt wie 






















Ausstellungen teilgenommen, 
inklusive der documenta, wo 
eine Arbeit geplant war, aber 
nicht ausgeführt wurde. Das 
war jetzt 1 1/2 Jahre später, 
und ich hatte so eine 
Aufwallung von Wut gegen 
den ganzen Betrieb. Und ich 
wollte persönlich nicht mehr 
mitmachen. Im tieferen 
Grunde war mir die ganze 



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Sache too much. Und das ist 
die Erklärung für meinen 
Katalogbeitrag, der mit einem 
Aufruf zum Art Strike anfängt. 
Ich habe den Text nie so 
bezeichnet. Die Überschrift 
„Art Strike " ist von Stewart 
Home und seinen Freunden \ 
erst später hinzugefügt wor- j 
den. Ich dagegen verwendete 
den Begriff „years without art" 
von 1977 bis 1980. Dahinter j 
stand eine Zusammenballung 
von Wut und Überlegungen. \ 
Die anderen Seiten benutzte I 
ich, um den Kunstbetrieb I 
direkt zu attackieren, für eine 
Bibliographie über den \ 

Kunsthandel. Eine Reihe von j 
Seiten, chronologisch ange- i 
ordnete Texte, die ich ver- \ 
schiedenen Zeitschriften wie ; 
Artforum entnommen habe, in 
denen ich Artikel über Castelli 
(1) oder wen auch immer \ 
gelesen habe. Artikel über 
den Kunstbetrieb, Interviews, \ 
Biographisches etc. Den 
Kunstbetrieb wollte ich - von j 
mir aus natürlich kritisch gese- 
hen - so darstellen, daß ande- 
re da einsteigen und weiterre- 
cherchieren könnten. j 

JH: An sich waren diese . ; 
Artikel, als sie erschienen, | 
affirmativ gedacht, erst im j 
Kontext des von Ihnen voran- 
gestellten Textes wirkten sie I 

... 

gegenteilig. \ 

GM: Man sollte sie kritisch '' 
lesen. Dann gab es einige . 
Seiten Illustrationen, z.B. Chris 
Burdens „ The Shooting in the 
Arm" (2). Daneben schrieb j 
ich, daß es Zeit wird, daß die 
Künstler aufhören, sich im j 
Interesse des Kunstbetriebs 
zu zerstören. j 



JH: Wenn Sie rückblickend 
betrachten, was aus Ihrem 
Text gemacht wurde und in 
Sachen Kunststreik passierte 





Group (3) oder Stewart Home 
- gibt es denn Unterschiede 
zwischen dem, was 
Sie damals woll- 
ten und dem, 
was später 
proklamiert 
wurde. 
Hatte sich 
die his- 
torische 
Situation 
grundlegend 
verändert? 
GM: Der Art Strike 
war ein anderer, als 
der, den ich mir im Aufruf 
1974 vorgestellt habe. Später 
waren es ja viel jüngere Leute, 
und die Zeiten hatten sich 
geändert. Im Grunde finde ich 
es aber sympathisch, was die 
Leute daraus gemacht haben, 
der Versuch, so etwas zu 
erreichen. Der Versuch, den 
ich machte, war ja total 
mißlungen. Es gab keinen 
Streik. Aber die haben ihn 
durchgeführt, drei Jahre lang, 
hauptsächlich in den USA. 

JH: Wie groß war die Gruppe, 
die sich für den Art Strike 
1990-1993 engagierte? 
GM: Es waren auf jeden Fall 
hunderte von Menschen. 
Vielleicht waren es nicht hun- 
derte, die drei Jahre lang 
gestreikt haben, aber die sich 
damit beschäftigten. Aber als 
ich ihn ausrief, setzte sich 
kein einziger damit auseinan- 
der. Das ist doch vergleichs- 
weise ein Riesenerfolg. 

JH: Viele, die den Art Strike- 
Text zum ersten Mal lesen, 
denken sofort: er klingt ziem- 
lich illusionär. Wie realistisch 
ist nun wirklich der 
Streikgedanke, vor allem, 
wenn man bedenkt, daß der 
Beruf des Künstlers, so wie er 
heute in weiten Teilen aus- 
geübt wird, auf Individualis- 









mus und der Kategorie der 
Originalität beruht, was in der 

herrschenden 
Kunstpraxis zu 
einem extre- 
men Kon- 
kurrenzver- 
halten führt 
und ein 
solidari- 
sches Ver- 
nalten 

schwerer als 
in anderen 
Berufszweigen 
macht? Dachten Sie 
wirklich, Sie könnten Solida- 
rität unter den Künstlern errei- 
chen? Bedarf es dazu nicht 
einer bestimmten gesell- 
schaftlichen Situation? 
GM: Ich dachte 1974 nie 
daran, daß ich grundlegende 
Veränderungen bei den 
Künstlern bewirken könnte. 
Nein, das erwartete ich auch 
nicht. Der Hauptgedanke war, 
nicht die Künstler zu ändern, 
sondern den Kunstbetrieb zu 
zerstören. 

JH: Aber braucht man hierzu 
nicht die Solidarität unter den 
Künstlern? 

GM: Ja, man braucht 
Solidarität, aber nicht in einem 
tieferen Sinne, denn in drei 
Jahren sind Menschen nicht 
zu ändern. Das Ziel war 
begrenzt, indem man für drei 
Jahre nicht ausstellte. Ich 
wollte auch die Künstler ver- 
ändern, in der Weise - das 
steht auch in dem Text -, daß 
sie sich mehr mit Theorie 
beschäftigten, d. h. zu denken, 
zu forschen, zu recherchieren, 
anstatt nur zu machen. 
Recherchieren besonders im 
Bereich des Kunstbetriebs. 
Für drei Jahre, nur für drei 
Jahre. Wenn sich viele daran 
beteiligten, würde sich auch 
in bezug auf Solidarität und 
Courage etwas ändern. 



JH: Wenn man Ihre Idee 
durchspielt, wen trifft der Art 
Strike zuerst, wer spürt die 
Auswirkungen zuerst, sind es 



dann nicht gerade die weni- 



ger kommerziellen, sagen wir 
progressiven Galerien, die 
zuerst schließen müßten, 
während die Museen und eta- 
blierten Galerien überleben 
würden? 

GM: Nun, Sie müssen beden- 
ken, daß es im Jahr 1974 
einen ganz anderen Kunstbe- 
trieb als jetzt gab. Da waren 
nicht diese vielen kleinen, al- 
ternativen Ausstellungsräume, 
die wir jetzt kennen. Es gab 
nur sehr wenige. Wir haben 
jetzt eine völlig andere Szene. 

JH: Was halten Sie von Ste- 
wart Homes Behauptung, der 
Art Strike bringe den Klassen- 
kampf in das Kunstsystem? 
GM: Ich habe das Wort 
„Klassenkampf" nie benützt. 



JH: Er hat es aber mehrfach 
verwendet. Abgesehen davon, 
ist der Art Strike auf jeden Fall 



eine gewisse Anlehnung an 
eine Aktionsform der Arbeiter- 
bewegung. 
GM: Das sage ich ja auch in 



meinem Aufruf: „the refusal to 
labour is the Chief weapon of 
workers fighting: artists can 
use the same weapon". In die- 
sem Sinne stelle ich einen 
Zusammenhang her. 

JH: In Ihrem Text gibt es eine 
Stelle, die besagt, daß sich 
Künstler, wenn sie es nicht 
lassen können, Kunst herzu- 
stellen, in einem Lager zu- 
sammenfinden sollten, und 
die Arbeiten, die sie dort pro- 
duzierten, nach einer Weile 
vernichtet würden. 
GM: Ich habe das Wort 
„Konzentrationslager" nie 
benützt. 




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JH: Das habe ich auch nicht 
gesagt. 

GM: Aber es wurde erst vor 
kurzem wieder in einer 
Diskussion in Schottland 
zusammen mit Stewart Home 
behauptet. Diese Passage war 
auch ein Grund, warum sovie- 
le Leute gegen mich waren. 
Da wurde gesagt: da ist ein 
Deutscher, der macht bei die- 
ser Ausstellung deutscher 
Künstler mit, und er will uns in 
Konzentrationslager stecken. 
Da entstand eine ungeheure 
Kampagne gegen mich. 

JH: Wurde Ihr Text also 
bewußt mißinterpretiert? 
GM: Ja, aber ich kann es ver- 
stehen. Ich spreche in dem 
Text von „camps", was man 
mit einem diktatorischen Re- 
gime in Verbindung bringen 
kann. (...) Das Ganze war na- 
türlich spielerisch gemeint, 
ganz klar. Aber diese Textstelle 
hat sehr dazu beigetragen, 
mich auszuschließen. Kein 
Zweifel. Nach dieser 
Veröffentlichung war ich total 
isoliert, und zwar jahrelang. 

JH: Weil Sie direkt Galerien 
und andere Kunstinstitutionen 
angriffen? 

GM: Nicht nur das. Weil eben 
viele Leute dachten, dies sei 
ein häßlicher und aggressiver 
Text. Und die wollten einfach 
nichts mit mir zu tun haben. 
Wie Sie wissen, wollen Leute 
Sachen mißverstehen. Und so 
war es auch hier. Es gab 
einen Diskussionsbend kurz 
nach der Eröffnung der 
Ausstellung, wo alle beteilig- 
ten Künstler auf dem Podium 
waren. Beuys war in London, 
und das ICA war überfüllt. Der 
britische Künstler Stuart 
Brisley (4) beklagte bei dieser 
Gelegenheit, daß Norman 
Rosenthal am Ende seines 
Katalogbeitrags schrieb, daß 
























































































































Gustav Metzger fast im 
Alleingang diese soziale politi- 
sche Richtung in die Kunst 
einführte, es gäbe doch auch 
seine Gruppe etc. Norman 
Rosenthal hat auf diese Kritik 
nicht reagiert. Ich auch nicht. 
Da man Brisley nicht anworte- 
te, dachten die meisten Leute, 
er hat Recht: da ist Gustav 
Metzger, der wird ungerechter 
Weise als Pionier hochgeju- 
belt. In dem einen Monat im 
Jahr 1974 kam vieles zusam- 
men. Und am Ende war ich 
kein Mensch mehr. Ich hatte 
keinen Platz in der englischen 
Kunstszene. Es hat Jahre 
gedauert. Erst jetzt geht die 
Welle zurück. 






JH: Noch zu Ihrem Text. Ist 
nicht die Voraussetzung für 
einen Streik eine Organisation 
z.B. in der Art einer Ge- 
werkschaft. Hätte man sich 
nicht parallel zum Streikge- 
danken Überlegungen zum 
Aufbau einer Künstleror- 
ganisation machen müssen? 
GM: Es ist nie soweit gekom- 
men. Nachdem der Katalog 
erschienen war - und er 
wurde tausendfach verkauft -, 
kam kein einziger Mensch auf 
mich zu, auch keiner der sie- 
ben deutschen Künstler, um 
zu diskutieren, wie man so 
einen Streik in Gang bringen 
könnte. Da wußte ich, es 
würde nicht gehen. Die 
Organisation wäre spontan 
entstanden, wenn Leute darü- 
ber gesprochen und zusam- 
mengekommen wären. Aber 
es kam nicht dazu. 






JH: Hinter dem Art Strike 
steckt doch im Wesentlichen 
ein utopischer Gedanke? 
GM: Unbedingt 

JH: Was aber nicht so deut- 
lich wird: Was kommt nach 
den drei Jahren? Was ist das 





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Ziel des Streiks? i 

GM: Die Vertiefung in Theorie 
allgemein, das Recherchieren, 
um die Gesellschaft besser 
verstehen und kritisch be- 
trachten zu können. Ziel war 
es. die kritischen Potentiale 
innerhalb von drei Jahren auf- 
zubauen, so daß die Künstler 
am Ende des Streiks ein ande-\ 
res Verständnis, einen ande- 
ren Platz in der Gesellschaft 
hätten. 

JH: Wenn das Kunstsystem 
zerstört worden wäre, was 
hätten Sie sich z.B. an Stelle ' 
der Galerien vorgestellt? 
GM: Dann hätte man das 
haben können, was inzwi- 
schen existiert: artists ' Spaces. 



Ich war in diesen Dingen vor- 
aus. Aber jetzt fangen die 
Leute an, das, was ich 
anstrebte, zu verstehen. Jahre 
voraus sagte ich, die Künstler 
müssen sich selbst organisie- 
ren. Jetzt tun sie es. Jetzt wird 
es als letztes, schickes 
Moment in der Kunstszene 
dargestellt. Das hätte schon 
viel früher entstehen können 
und eindeutiger und besser. ♦ 

( 1) Gemeint ist der New Yorker Kunsthändler 
Leo Castelli, (* 1907), der so prominente 
Künstlerinnen wie Jasper Johns, Robert 
Rauschenberg, Cy Twombly, Frank Stella, 
Donald Judd, Joseph Kosuth, Roy 
Lichtenstein oder Andy Warhol vertrat. 

(2) Für die Aktion mit dem offiziellen Titel 
„Shoot" ließ sich der kalifornische Künstler 
Chris Bürden (* 1946) im Jahr 1971 von 
einem Freund aus vier Metern Entfernung in 
den linken Oberarm schießen, was Gustav 
Metzger als Konzession an die Nachfrage 



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nach Sensationen im Kunstbetrieb wertete. 

(3) Praxis Group nennt sich ein Kollektiv briti- 
scher Kulturaktivistinnen um Stewart Home, 
das sich in der zweiten Hälfte der 80er Jahre 
im Kontext des Kunststreiks 1990-93 bildete 
und dem im Art Strike Handbook die Mani- 
feste m Desire in Ruins" sowie „The Art of 
ideology and the Ideology of Art" zugeschrie- 
ben werden. 

(4) Der Londoner Künstler Stuart Brisley (* 
1933) hatte zunächst an der Münchner Kunst- 
akademie Malerei studiert, bevor er sich nach 
einem mehrjährigen USA- Auf enthalt der 
Aktionskunst zuwandte. Die Darstellung von 
Zeitstrukturen stand im Zentrum seiner häufig 
mit anderen Personen im Außenraum ausge- 
führten Handlungen. 1971 wurde er Mitglied 
der Performance Art Cooperative der briti- 
schen Artist Union. 



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Literatur: 

Gustav Metzger, Manifeste, Schriften, 
Konzepte, Silke Schreiber Verlag, München 
1997 

Gustav Metzger, damaged nature, auto- 
destructive art, coracle @ workfortheeyetodo, 
London 1996 



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(DOCUMCNTATIOH E XH*TlON . KTTE« 800KS.SerT-0CT 
IIAM-aPIH) 



Stewart Home (Hg.). Art Strike Handbook, 
Sabotage Editions, London 1989 

Stewart Home (Hg.). The Art Strike Papers. 
AK Press, Stirling 1991 

Stewart Home. Neoism. Plagiarism & Praxis. 
AK Press. Edinburgh, San Francisco 1995 



















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den Tagen", „bevor Du Deine 
erste Periode bekommst", „an 
Deinen leichten Tagen" 

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wer zweifelt noch daran „Tag 
für Tag". Die Slipeinlage (1) 
sorgt für eine a 
Kontrolle: Der öffentliche 
Raum gehört der trockenen, 
täglich gewindelten Frau. 

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Auch wenn heute in den 
Medien blutige Geschehnisse, 
schwer verletzte Unfallopfer, 
Kriegsgemetzel und Tote zur 
Schau gestellt werden, wird 

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die Menstruation weiterhin mit 




gen. Der urbane Raum reprä- 
sentiert hier die Gefahr, der 
die Mädchen jedoch „frei" 
und „sicher" begegnen kön- 
nen. Egal ob im Minikleid auf 
Inline-Skates durch eine süd- 
ländische Stadt, immen- 
schenleeren Park, auf der 
Rolltreppe im ausgestorben 
scheinenden U-Bahn-Bereich 
oder allein durch europäische 
Großstädte reisend: Diese 

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jungen Frauen sind aktiv, 
adrett und selbstsicher. ^ 

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Andere' Passantinnen, Kundin- 
nen oder Spaziergängerinnen 



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lasse ich mich nicht aus dem 

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Konzept bringen*, also „In der 

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gut". 



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Aufstehen bis zurr! 

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jungen Mädchen logisch. 

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Während jedoch in der 

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Illusionswelt der Menstrua 

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sich auch die Werbestrategen 

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Nutzung des öffentlichen 

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Raumes durch Mädchen und 

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Jungen durchaus bewußt 
sind. Sie verwerten die vor- 
handenen Wünsche der Mäd- 

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che" nach Aneignung des 
städtischen Raums für ihre 
ökonomischen Interessen. 
Wenn man bedenkt, daß die 



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Mädchen nur bestimmte 

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Konsumartikel benötigen, um 
die Diskrepanzen in einer 
geschlechtshierarchischen 
Gesellschaft zu überwinden, 

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sehen die Barrieren in der 

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Realität anders aus. 

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Die Ursachen für geschlechtlj- 

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che Differenzen liegen in der 
unterschiedlichen Soztafi- 
sation und in den ungleich 
verteilten Aufgaben. Aufgrund 
anderer Spielformen bilden 
sich geschlechtstypische 



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Beginn der Pubertät vergrö- 
ßern sich die Unterschiede, 

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weil Eltern das Verhalten ihrer 

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Töchter nunmehr stärker kon- 
trollieren als das ihrer Söhne. 
Mädchen lernen, daß die Welt 
draußen von „diffuser Gefähr- 
lichkeit" ist und daß ihr Körper 
ihnen nicht Schutz vor An- 
griffen bietet, sondern diese 
im Gegenteil provoziert. Auch 
wenn mittlerweile vielfach be- 
legt wurde, daß die Stadt oder 
das triste Wohnumfeld nicht 
der Auslöser für sexuellen 
Mißbrauch von Mädchen sind, 
sondern daß Frauen im priva- 
ten Umfeld (über 80%) am 



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einerseits seltener in öffentli- 

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chen Räumen als Jungen 
und andererseits ist tier v 
ihnen benutzte RaumlT 
Während jüngere Mädchei 
überwiegend auf den Höfen 
oder Spielplätzen in unmittel- 
barer Wohnnähe spielen, be- 

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Vorzügen ältere häufig die 
Intimiät des eigenen Zimmers. 
Auch in der Art, wie Mädchen 
und Jungen mit Räumen um- 
gehen, gibt es Unterschiede. 
So erkunden Mädchen ihr 
Umfeld häufig auf dem Weg 
zu einem Ziel, z.B. auf dem 
Weg zur Tanzstunde, während 






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außer 
Haus vor allem Spazieren- 

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gehen mit und ohne Hund, 

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Reiten, Fahrradfahren, Singen 
im Chor, Tanzen in der Tanz- 
schule, Shopping in der 
Stadt, kreative Tätigkeiten in 
einer Mädchenorganisation, 
Volleyball im Verein oder In- 
line-Skaten angegeben. Ein 
16jähriges Mädchen, das sich 
als Punk bezeichnet, hängt 



für Jungen das Herumstreifen mit ihren Freundinnen in 
r ein Selbstzweck ist. So einem großen Einkaufszen- 















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Mädchen in Sportarten, 
die Aneignung von Raum und 
die Eroberung neuer Dimen- 
sionen, sowie Experimentier- 



trum ab. Zwar wurden auch 
typische, von Jungen domi- 
nierte Sportarten wie Taekwon 
Do oder Fußball genannt, 



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schon einmal das 

ist sie in 
Umfeld aber das einzig 
aktive Mädchen, denn Mäd- 
chen werden meist nur als 

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bewundernde Zuschauerin- 
nen akzeptiert. Sie definiert 
den Unterschied zwischen 
Inline-Skaten bei Jungen und 
Mädchen folgendermaßen: 
„Viele Mädchen fahren mit 
ihren Inline-Skates nur so 
über die Straße, während 
beim Halfpipe-Skaten kaum 
Mädchen mitmachen." In der 
Schule bemühte sich Johanna 
um einen Unterricht im Fuß- 
ballspielen, doch es gab 
keine Lehrkraft, die die Mäd- 
chen darin unterrichten durfte; 
außerdem waren zu wenige 
ihrer Mitschülerinnen an Fuß- 



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vor allem im Freien 

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schon ein bißchen durch- 

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habe, dann ist es egal, ob ich 
ein Junge oder ein Mädchen 

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(1) In einem aktuellen Aufklärungsbuch für 
Mädchen muß so bereits vor dem ständi> 
Slipeinlagen-Tragen gewarnt werden: 
„Achtung: Es ist Unsinn, Slipeinlagen dauen 
zu tragen, denn die Plastikfolie speichert die 

.... . ■ 

Flüssigkeit, und es kann leichter zu 
Pilzinfektionen kommen. (..) 'Hat es jemals 
solche Wäscheschoner für Männer gege- 
ben?"' 

(2) Wenn von m Mädchen H die Rede ist, is9 
keine einheitliche Kategorie gemeint, sondern 
eine Hilfskonstruktion, die unterschiedliches 
Alter, soziale und ethnische Herkunft und 

Wohngegend umfaßt 'iJB^^m 

(3) Nach einer Untersuchung von 1989 
(Rauschenbach/ Wehland) mit über 2000 
Kindern. Nach einer Studie von 1992 
(Hessisches Ministerium für Frauen) lag der 
Mädchenanteil bei allen Kindern über 12 
Jahren auf öffentlichen Spielflächen nur bei 
19 Prozent 

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Siehe auch das Programm der 
Mädchenzimmer-Reihe auf 
Seite 74 



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Es hat lange gedauert, bis 
es sich rumgesprochen 
hat. Doch spätestens seit 
U2 bei Kruder und Dorf- 
meister, den verdienten 
Großmeistern verhatschter 
Kaffeehaus-Beats, anklopf- 
ten und um einen Remix 
baten, ist der shmoove 
Wien-Sound zum geflügel- 
ten Wort geworden. Daß 
fernab des derzeitigen 
Hypes in der Donaumetro- 
pole eine vielgestaltige 
Elektronikszene am Werk 
ist, gerät dabei leicht in 
Vergessenheit. 

Easy Listening 

„Das allererste woran ich 
mich erinnere," sagt Curd 
Duca zurückblickend, „sind 
Sachen wie Bert Kaempfert. 
Das war die Musik, mit der ich 
groß wurde, die man im Radio 
und Fernsehen hörte, bevor 
die Popmusik überhaupt ent- 
standen ist." Kein Wunder 
also, daß leichte Unterhal- 
tungsmusik zum zentralen 
Bezugspunkt in Ducas musi- 
kalischer Welt werden sollte. 
Mit 1 2 Jahren führt er „erste 
elektro-akustische Experimen- 
te mit einem Philips-Kasset- 
tenrekorder" durch. Später, 
Anfang der 80er Jahre, da 
ging er bereits auf die 30 zu, 
gründete er die New Wave 
Band „Auch Wenn Es Seltsam 
Klingen Mag", die jedoch nur 
lokale Berühmtheit erlangte. 
Schließlich legte er sich 
Computer und Sampler zu 
und besann sich auf die 
Musik, die ihm sozusagen in 
die Wiege gelegt worden war 
- ohne dabei zu vergessen, 
daß Techno gerade seinen 
Siegeszug antrat. Seitdem hat 
er fünf Platten veröffentlicht, 
die alle den programmati- 
schen Titel „Easy Listening" 
tragen. Daß gerade dieses 



Genre ein schier unglaubli- 
ches Revival erleben sollte, 
konnte damals noch nie- 
mand ahnen. Dabei ist 
Duca, der sich selbst als 
„Oberdigitalrat" bezeichnet, 
eher an Sounds und 
Grenzüberschreitungen inter- 
essiert als an Kaufhausmusik 
an sich, die er eigentlich 
„ungenießbar" findet. Die exi- 
stiert in seinem Kopf nur noch 
als verklärte Vision und 
Baukasten: „Als ich begonnen 
hab' meine Platten so zu nen- 
nen, hatte ich diese Musik 
Jahrzehnte lang nicht gehört. 
Doch als ich sie dann wieder- 
entdeckte, hat sie mir plötz- 
lich überhaupt nicht mehr 
gefallen. In meiner Erinnerung 
war sie viel toller und ständig 
dachte ich: das kann man 
besser machen, hier gehört 
ein Synthesizer hin etc. 
Meistens gefällt mir nur eine 
gewisse Melodie oder ein 
spezieller Rhythmus, den ich 
dann weiterverarbeite." Das 
Ergebnis solch eklektizisti- 
scher Sublimationsarbeit ist 
ein eigenwilliges Destillat, das 
nach gestern 
riecht und doch 
absolute Zukunfts- 
musik ist. Mit 
Eleganz und 
Stilbewußtsein rollt 
Duca samtene 
Ambientteppiche 
aus, arrangiert 
seltsam verscho- 
bene Lounge- 
Interieurs und 
Elektronik-Foyers, 
ohne dabei in die 
Retrofalle zu tap- 
pen. Zur Zeit pen- 
delt Duca zwi- 
schen Wien und 
seinem zweiten 
Wohnsitz Miami 
hin und her. Dort 
stöbert er in Thrift 
Stores nach inter- 



fiteWfi 



essanten Platten, sampelt in 
seinem Home-Studio ein 
bißchen herum und fliegt 
dann wieder zurück, um in 
Wien den Feinschliff anzule- 
gen. Demnächst folgen Re- 
mixe für die Merricks und 
Tipsy sowie ein Beitrag für 
eine Mille Plateaux-Compila- 
tion. 

Sabotageland 

lim Gegensatz zum eher 
introvertierten Eigenbrötler 
Duca, strahlt Robert Jelinek, 
seines Zeichen Labelchef von 
Sabotage Communications, 
die energetische Aura eines 
ständig unter Strom stehen- 
den Machers aus. Jelinek 
kommt, wie er selbst anmerkt, 
aus der „Kunstecke" - auf die 
Idee ein Label zu gründen, 
kam er erst vor zwei Jahren. 
Vorher sabotierte er als 
Aktionskünstler und Kommu- 








nikationsguerillero 
öffentliche Räume, 
pappte z.B. 
„Reservierf'-Aufkleber 
auf U-Bahn-Sitze oder 
versah Telefonzellen 
mit „Nicht Stören"- 



Schildem. Naturgemäß hat er 
dieses subversive Moment 
auch auf seine Labelphilo- 
sophie übertragen: „Ich wollte 
nicht nur ein neues Publikum 
erreichen, sondern auch ver- 
suchen, meine Konzepte über 



















einen neuen Formatträger zu 
vermitteln. D.h. auch, wie ver- 
packt man's, wie kann man 

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irritieren und interaktiv arbei- 
ten?" Das Label verfolgt daher 
auch weniger eine stringente 
musikalische Linie - auf 
Sabotage tummeln sich so 
unterschiedliche Acts wie der 
Frequenzterrorist Pomassl, 
die Detroiter Elektro-Crew Le 
Car oder der Wiener House- 
produzent Don Summer -, 
sondern eine subtile Strategie 
der Verunsicherung. 
Beispielsweise schreckte man 
nicht davor zurück, virusinfi- 
zierte CD-Roms in Umlauf zu 
bringen, was dem Label erbo- 
ste Anrufe einbrachte. Die 
wenigsten hingegen bemerk- 
ten offenbar, daß der einzige 
Unterschied zwischen 
Pomassls „Skeleton"-Album 
und dessen Nachfolger 
„Skeleton 2" das Cover ist. 
Daß man neben diesen 
Störmanövern nicht vergaß, 
beste Musik unter die Leute 
zu bringen, zeigen zwei 
äußerst empfehlenswerte 
Sabotage-Compilations: mit 
„Five" (A. Huber, A. Burger, 



Pomassl u.a.) 
legte man eine 
gelungene 
Schnittmenge 
der Wiener 
Elektronik- 
schule vor - 
mit „Austrian 
Flavor Vol. 2" 
(DJ DSL, DJ 
Cutex u.a.) ein 
Meisterwerk 
hiesiger Break- 
beat- und Mix- 
kunst. Rob 
Jelinek hat 
noch große 
Pläne - dem- 
nächst wird er 
ein Parfüm auf 
den Markt wer- 
fen und, so 
sagt er fest entschlossen, sein 
eigenes Land gründen, 
irgendwo in der Niemands- 
zone zwischen den 
Grenzlinien von Österreich 
und Deutschland. 






Fridge Tracks 

In Wien Meidling-Heizendorf, 
gut versteckt in einer Art 
Lagerhalle eines brachliegen- 
den Fabrikgeländes, befindet 
sich der Hauptsitz des Labels 
und Internetprojekts Mego. 
Musikalisch betrachtet ist 
Mego das experimentellste 
Label der hiesigen Elektronik- 
szene. Leute wie der vom 
Jazz kommende Avantgardist 
Christian Fennesz oder Bands 
wie Farmers Manual und 
General Magic stehen für ein 
Musikverständnis jenseits gel- 
tender Parameter, das die 
Grenzen zum Geräusch aus- 
lotet. Ramon Bauer, Mego- 
Kopf und eine Hälfte von 
General Magic, zählt zu den 
wichtigsten Grundregeln sei- 
nes Labels die, daß es keine 
festen Regeln gibt: „Entschei- 



dend ist, daß man sich inten- 
siv mit der Materie und dem 
Medium auseinandersetzt, 
daß es eine klare Sache ist." 
Konkreter wird es, wenn 
Ramon über sein eigenes 
musikalisches Schaffen er- 
zählt: „General Magic, das bin 
ich in Wien und Andi Pieper in 
Berlin. Zwischen uns gibt es 
lange Prozesse, in denen 
jeder unabhängig Ideen 
zusammenträgt - Grund- 
material sammeln nennen wir 
das. Dann setzen wir uns 
zusammen und machen in 
relativ kurzer Zeit Stücke dar- 
aus, auch um die Spontanität 
zu bewahren. Wir arbeiten vor 
allem mit dem Computer. 
Wenn wir uns mit externen 
Geräten beschäftigen, dann 
bleiben wir stets bei einem. 
Wir versuchen dann aus der 
Maschine etwas heraus- 
zulocken, für das sie gar nicht 
geschaffen ist. Am spannend- 
sten finden wir die kleinen 
Hoppalas." Auf „Fridge 
Tracks" etwa kann man das 
gesampelte und verfremdete 
Stromdröhnen und Gefrier- 
rauschen von Kühlschränken 
hören. Auch die Zugfahrten 
zwischen Berlin und Wien, 
erzählt Ramon, bieten immer 
wieder Gelegenheit, Material 
zusammenzutragen. Wer 
genau hinhört, erkennt viel- 
leicht den tschechischen 
Schaffner, der sich auf 
„Frantz", General Magics 
elektronischer Hommage an 
den Skihelden Frantz Klam- 
mer, verbirgt. 

Web Headz 

Das zweite Standbein von 
Mego ist das Internet. Unter 
http://www.icf.de/mego/ kann 
der interessierte Surfer nicht 
nur exklusive Elektronik- und 
Techno-Platten über den gut- 
sortierten Direct Order Service 



(M.DOS) bestellen, sondern 
diese sogar vorher via Real 
Audio anhören. Ein Klick wei- 
ter befindet sich der „Mego- 
mat" - ein Sequenzer samt 
einem ganzen Katalog diver- 
ser Samples, mit dem man 
seine eigenen Tracks bauen 
kann. Zudem strahlt die 
Mego-Zentrale regelmäßig 
digitale Radiosendungen live 
übers Netz aus. Die Selbst- 
verständlichkeit, mit der hier 
Technologieversiertheit an 
den Tag gelegt wird, ist ver- 
blüffend. Bestes Beispiel ist 
der Mego-Act Farmers 
Manual. Ihr Studio im Bezirk 
Margarethen ist ein einziges 
Sammelsurium vernetzter 
Rechner und ratternder 
Modems jeglichen Baualters, 
die den Raum in dichten 
Digitalsmog tauchen. „Vor ein 
paar Jahren" sagt Chef-Nerd 
Oswald Berthold, der dem 
Aussehen nach gerade die 
Matura hinter sich gebracht 
hat, lapidar, „haben wir 
begonnen, Netzseiten zu 
machen, die dann immer wei- 
ter wucherten. Mittlerweile 
betreiben wir hier vier Server 
und machen zweimal pro 
Woche eine Internet Radio 
Show. Über das Netz ergeben 
sich ganz neue Distributions- 
und Produktionsmöglich- 
keiten - man kann viel mehr 
Menschen erreichen bzw. mit 
ihnen in Kontakt treten. 
Unsere Gäste in der Show 
müssen z.B. gar nicht bei uns 
physisch anwesend sein, son- 
dern nur einen Netzzugang 
haben. Unser Hörerkreis ist 
zwar klein, aber dafür rund 
um den Globus verteilt. Vor 
kurzem meldete sich jemand 
aus Mikronesien..." Farmers 
Manual pflegen, wie sie es 
nennen, einen „elektronischen 
Lebenstil", der naturgemäß 
auch auf ihre Musik rückwirkt. 
Die Tracks auf der CD-Rom 






„No Backup" etwa sind 
Mitschnitte nächtelanger 
Rechnersessions: bizarre 
elektronische Landschaften, 
die eine Geistesverwandt- 
schaft zu Soundtüftlern wie 
Aphex Twin oder Square- 
pusher erahnen lassen. 

Vorsprung durch 
Interaktion 

Die Wiener Elektronikszene ist 
relativ klein, dafür jedoch 
umso produktiver, und das, 
was sie vielleicht am meisten 
auszeichnet, ist der Aus- 
tausch untereinander. Dies 
zeigen nicht nur die ständig 
wechselnden Kooperationen 
der Musiker, sondern vor 
allem die Veröffentlichungs- 
politik der einzelnen Labels, 
die eher auf Freundschaften 
und Interessenskoalitionen 
beruht als auf vertraglicher 
Bindung oder Genrevor- 
gaben. Leute wie Gerhard 
Potuznik, Patrick Pulsinger 
oder DJ DSL veröffentlichen 
auf den unterschiedlichsten 
Wiener Labein. Letzterer etwa, 
zuvor auf Sabotage, wird 
demnächst auf Mego eine Hip 
Hop-Ode an Toni Polster her- 
ausbringen. Die Stärke der 
Wiener Szene liegt in eben 
dieser Heterogenität und den 
Netzwerken der Protagoni- 
sten, oder wie Werner Geier, 
Radio DJ (FM4) und Chef von 
Uptight Records, anmerkt: 
„Die Leute haben alle lang- 
sam und stur an ihrer Hand- 
schrift gearbeitet und zwangs- 
läufig fand da immer schon 
Austausch statt. In Wien hat 
sich ja auch nie eine Rave- 
Gesellschaft durchgesetzt. 
Die Aktiven hier haben unab- 
hängig voneinander eine 
Distanz zu diesem Phänomen 
entwickelt. Jeder kam da auf 
eine eigene Lösung und Um- 
setzung. Für mich ist es das, 
was uns alle hier verbindet."*. 


















62 



Zarte Kritik an der Kampagne „Aktiv gegen Männergewalt 
Polemik zur Diskursivierung von sexuellem Mißbrauch. 




Der Tatort „Bombenstimmung" fängt gerade an, als die Nachspeise vom Tisch ist. Die Bullen 
zwar nett und spleenig - fahren Ferrari und tragen Cowboystiefel - aber diese blödsinnige 
sind wie Du-Art" von Sympatisantenwerbung ist ja heute Standard. Tatort ist der Schulhof. 
Ein soeben vom Verdacht des sexuellen Übergriffs freigesprochener Lehrer ist in die in 
die Luft gesprengt worden. 



Ins Visier der Ermittlungen ge- 
rät eine Schülerin, hübsch 
und nicht auf den Mund gefal- 
len. Sie hatte den Lehrer an- 
gezeigt. Am Ende zeigt sich: 
Das vermeintliche Opfer wird 
zum Täter - aus Rache. Sie 
war verliebt, aber er ließ sich 
korrekterweise nicht becircen. 
Ermordet hat sie ihn aber 
nicht. Das war ein korrupter 
Journalist, der sie für seine 
gefälschten TV-Berichte funk- 
tionalisiert hat. Die kleine Lo- 
lita überlebt dann noch ihren 
Selbstmordversuch und ist 
geläutert. Der nette Polizist 
bringt Blumen ans Kranken- 
bett, Ende gut, alles gut. 

Was haben wir gelernt? Unser 



Rechtsstaat ist weise und ge- 
recht, Mädchen in der Puber- 
tät sind raffinierte Biester - 
glauben darf mann ihnen 
nichts, aber mann soll sie 
trotzdem mögen. Die Medien 
sind korrupt und einflußreich, 
und nur der gute Onkel von 
der Polizei kann mit einem 
Mix aus Härte und Verständ- 
nis jene Gefahr bannen, die 
allen gutsituierten und korrek- 
ten Mittelschichts-Männern 
überall droht: Verleumdung 
bis hin zum Mord, bekannt 
auch als der sogenannte 
„Mißbrauch mit dem Miß- 
brauch". 

Tatsächlich aber zeigt uns die- 
ses Musterbeispiel medialer 



Diskursabrahmung vor allem 
eines: Nachdem sich Femi- 
nistinnen jahrzehntelang 
darum bemühten, sexuelle 
Gewalt gegen Mädchen und 
Frauen in die gesellschaftliche 
Diskussion zu bringen, hat 
dieses Thema nun tatsächlich 
seinen Weg ins öffentliche 
Bewußtsein gefunden. Miß- 
brauch, der real in jeder fünf- 
ten Frauenbiographie vor- 
kommt, ist inzwischen auch in 
den Medien ständig präsent 
und läßt sich (siehe Tatort) 
problemlos zur besten 
Familien-Sendezeit abhan- 
deln. Fragt sich nur, wie. Zur 
Zeit scheint der reaktionäre 
Gebrauch zu überwiegen. 
Spätestens seit den Ereignis- 




sen in Belgien, seit Kim, 
Natalie und all den anderen, 
ist Mißbrauch regelmäßig in 
den Schlagzeilen. Die Bot- 
schaft lautet immer gleich: 
Unsere (jeweils national ge- 
faßten) Kinder (so als ob 
Mädchen und Jungen 
gleichermaßen betroffen 
wären) sind in Gefahr: Der 
psychopathisch-triebhafte 
Wiederholungstäter geht um. 
Die Berichterstattung über 
unzählige Einzelschicksale, 
über die Tat, die Fahndung, 
das Leid der Angehörigen, 
den Schock der Bevölkerung, 
die Versprechen der Politiker 
blieb nicht ohne Konsequen- 
zen - zumindest auf der Re- 
präsentationsebene. Reporta- 



gen, Talkshows, Erlebnisbe- 
richte und Krimis eigneten 
sich das Thema an. 

Gewalt gegen Mädchen und 
Frauen wird heute meist unter 
zwei verschiedenen Gesichts- 
punkten verhandelt: Einerseits 
wird im Kontext der Debatte 
um „Innere Sicherheit" die 
Sicherheitsverwahrung und 
chemische Kastration von 
fehlgeleiteten Triebtätern dis- 
kutiert. Dieser Argumenta- 
tionsstrang, der letztlich unter 
anderem die frohe Botschaft 
verkündet: „Weiberleuf 
bleibt's daheim - draußen ist 
es zu gefährlich, da schleicht 
ein böser Fremder durch den 
dunklen Park", ist im Grunde 


































so sehr auf den „perversen" 
Täter konzentriert (seine 
schlimme Sozialisation: selbst 
mißbraucht, alkoholabhängig, 
arbeitslos, Mehrfachtäter...), 
sondern mehr auf das 
schmerzhafte Erinnern des 
Opfers. 



uralt und vielfältig funktionali- 
sierbar. Der Mensch/Mann ist 
ein Wolf. Für das Überleben 
unter Wölfen bieten inzwi- 
schen sogar die Männer von 
der Polizei Selbstverteidi- 
gungskurse für Frauen an. 
Und auch der eine oder ande- 
re Kampfsportverein hat die 
Marktlücke Gewaltprävention 
für Frauen erkannt und macht 
den feministischen Selbst- 
verteidigungsprojekten der 
ersten Stunde Konkurrenz. 
Diese jedoch behandeln das 
Problem gerade nicht als indi- 
viduelles Dilemma, sondern 
als strukturell verankerte Nor- 
malität einer Gesellschaft, in 
der die meisten Männer mehr 
Macht als Frauen haben. 
Frauen, die es nicht nur auf 
den Handkantenschlag gegen 
den Fremden im Park abgese- 
hen haben, sollten sich lieber 
an Gruppen wenden, die von 
Frauen für Frauen angeboten 
werden (in München z.B. das 
Wen Do-Projekt). Hier ist näm- 



lich auch Gewalt im soge- 
nannten sozialen Nahraum 
Thema. 






Diese Form von Gewalt ist die 
zweite Diskursebene. Mittels 
kontinuierlicher Arbeit, Stich- 
wort „Wir glauben Euch", 
haben Frauen die Alltäglich- 
keit sexueller Gewalt in 
Schule, Büro, am Fließband 
oder in der Familie in die 
öffentliche Debatte eingeführt. 
Die öffentliche Darstellung 
von Mißbrauch in Familie und 
Verwandtschaft folgte anderen 
Regeln als die reißerische 
Berichterstattung über Gewalt 
gegen Frauen im Parkhaus 
etc. In beiden Fällen steht der 
Einzelfall im Vordergrund. 
Medial wird auch der familiäre 
Mißbrauch meist wie ein Gru- 
selroman inszeniert: das Böse 
lauert überall, diesmal sogar 
im Kinderzimmer. Der Unter- 
schied ist jedoch, daß sich 
Darstellung des familiären 
Mißbrauchs von Kindern nicht 



























Das hat seine Logik, denn 
würde auch hier der Täter in 
den Mittelpunkt gestellt wer- 
den, müßten Mann und Frau 
festgestellen, daß das Täter- 
profil nicht den gängigen klas- 
sistischen Vorurteilen ge- 
horcht. Am häufigsten pas- 
siert Mißbrauch in den Fa- 
milien. Der Täter ist der ganz 
normale Mann von nebenan. 
Ehemann, Opa, Vater, Bruder, 
Onkel, Nachbar, Kollege. Ein 
Jedermann. Und weil es in 
der Regel der normale Ge- 
störte und nicht der längst als 
„gestört" Pathologisierte ist, 
müßten sich alle fragen: Wie 
ist das möglich? Was für eine 
Gesellschaft ist das, in der 
Männer völlig normal, ange- 
paßt und oft sogar erfolgreich 
sind und trotzdem Täter sein 
können? Und wir würden zu 
der simplen Antwort kommen: 
daß in einer patriarchalen Ge- 
sellschaft jeder Mann ein 
potentieller Vergewaltiger ist. 

Dieser Satz ist so alt wie um- 
stritten. Man hört ihn nicht 
mehr allzu oft, - wie man auch 
kaum noch von der feministi- 
sehen Gesellschaftsanalyse 
hört, die ihm zugrundeliegt. 
Stattdessen werden wir heute 
über „Fälle" informiert. Zwar 
gibt es immer weniger Men- 
schen, die eine Frau für mit- 
schuldig halten, wenn sie ver- 
gewaltigt wurde (was zieht sie 
sich auch so an, was hat sie 
denn um die Zeit da zu 

■ 

suchen, sie hat doch auch 
geflirtet...). Und die Familie 
wird nicht mehr so einmütig 






als Ort der heiligen Unschuld 
betrachtet. Dies ist der Erfolg 
von Feministinnen, denen es 
gelungen ist, die Wahrneh- 
mung von gesellschaftlichen 
Tabuthemen - vom sexuellen 
Übergriff am Arbeitsplatz bis 
zum sexuellen Mißbrauch in 
der Familie - zu erzwingen. 
Doch auf dem Weg hin zum 
öffentlichen Diskurs ist leider 
etwas abhanden gekommen: 
radikale, feministische Gesell- 
schaftsanalyse und Patriarch- 
atskritik findet nicht mehr 
statt. Und in der Hitze des 
„Zum-Thema-Machens" und 
im Taumel des öffentlichen 
Erfolgs wird dieser Verlust an- 
scheinend gar nicht mehr als 
Verlust wahrgenommen. 

Wie der Wille zum gesell- 
schaftlichen Kompromiß aus- 
sehen kann, war jüngst bei 
der Eröffnung der Münchner 
Kampagne „Aktiv gegen 
Männergewalt" zu beobach- 
ten. Der Carl-Orff-Saal im 




Gasteig war ausverkauft, als 
Bürgermeisterin Gertraud 
Burkert die Kampagne eröff- 
nete. „Z - Zero Tolerance of 
Violence against Women" 
hieß es in Edinburgh und 
nach diesem Vorbild wird nun 
auch in München ein Jahr 















lang mit Infomaterial, Plakat- 
aktionen und zahlreichen 
Veranstaltungen für die 
Kampagne geworben. Seit 
drei Jahren bereiten Frauen 
aus den Münchner Frauen- 
projekten diese Kampagne 
vor und fanden Mitstreiterin- 
nen auch bei der Stadt- 
verwaltung. Ganze Referate 
verpflichteten sich zur 
Mitarbeit. Die Kampagnen- 
Zeitung nennt die Ziele der 
Aktion: „Vermittlung von 
Handlungsbereitschaft und - 
kompetenz, stadtteilbezogene 
Veranstaltungen und Maß- 
nahmen, flächendeckende 
Thematisierung durch Beteili- 
gung aller gesellschaftlichen 
Bereiche und Ebenen." Dies 
scheint allein aufgrund der 
enormen Zahl von 160 Unter- 
stützerlnnegruppen nicht ab- 
wegig und ist durchaus wün- 
schenswert. 






Interessant ist aber, wer da 
alles mitwünscht. Eine Frau 
vom Allgemeinen Sozialdienst 
berichtete aus den Amtsstu- 
ben: Kollegen formieren sich 
zu Diskussionsrunden. Nicht 
übel - vor allem wenn frau von 
der oftmals beschämenden 
Behandlung der Mißbrauchs- 
opfer in diesen Amtsstuben 
weiß. Typisch jedoch, daß sie 
dann das Problem auf die 
„Risikofamilien" reduziert, 
deren „infrastrukturelle Pro- 
bleme" es aufzufangen gelte. 









Doch es kam noch härter. 
Plötzlich sinken von oben 
zwei Transparente nieder, von 
linksaußen tritt eine blonde 
Schönheit hervor. Als die kurz 
eingespielte Musik verstummt, 
hebt sie das Mikrofon wie 
beim verpaßten Playback- 
einsatz. Wir erfahren, daß die 
soeben gehörte Sängerin seit 
kurzem tot ist, ein Gewalt- 
opfer. Sie selbst ist die 
















































64 



Frauenbeauftragte der Polizei 
und kennt die Problematik, 
was sie mit dramatischen 
Zahlenspielen unter Beweis 
stellt. Sie kommt dann zu fol- 
gendem Schluß: „Wir von der 
Polizei" würden ja gerne hel- 
fen, aber wir können nicht, 
wie wir wollen, weil „ihr" (wir 
Frauen? die Männer? die ille- 
galen ausländischen Arbeiter- 
innen?) uns nicht genug ver- 
traut. Noch, denn der heutige 
Abend ist der Beginn einer 
wunder baren Freundschaft: 
„Danke", sagt sie, „danke, 
daß ich hier sprechen durfte, 
was ja in früheren Zeiten nicht 
immer möglich war". Ach - die 
guten alten Zeiten. 

Nach der Pause leistete eine 
ergreifende Tanz-Performance 
die künstlerische Bearbeitung 
des Themas „Frau und Ge- 
walt". Als Dreingabe dann et- 
was Wissenschaftliches. Eine 
Professorin für Kriminologie 
erklärte euphorisch: Die Zeit 
ist reif, Frauenbewegung rein 
in die Institutionen und diese 
mit Frauenpower demokrati- 
sieren. Rechts-Links-Denken 
ist beim Thema Gewalt gegen 
Frauen obsolet. Als dann Lisa 
Fitz noch was vom Ostroge- 
narsch der Frau schwafelte, 



den diese immer wieder nicht 
hochkriegt, nahm ich mir dies 
zu Herzen und bin gegangen. 

Ein Lichtblick an diesem 
Abend, weil politisch, konkret 
und offensiv, war der Vortrag 
von Feyza Palacek, Mitarbei- 
terin bei Donna Mobile und 
dem Ausländerbeirat 
München. Kurz und knapp 
legte sie dar, daß ausländi- 
sche Frauen doppelt diskrimi- 
niert sind, weil sie nicht nur 
mit Sexismus, sondern auch 
mit dem deutschen institutio- 
nellen wie alltäglichen 
Rassismus konfrontiert sind. 
Sie forderte dazu auf, die 
strukturellen Gewalt- 
verhältnisse zu bekämpfen. 
Als erste Schritte nannte sie 
unter anderem ein eigenstän- 
diges Aufenthaltsrecht für 
Migrantinnen unabhängig von 
ihrem Mann, sowie ein 
Aufenthaltsrecht für Frauen 
mit Gewalterfahrung. Sie ver- 
urteilte die gängige Praxis der 
Abschiebung von ausländi- 
schen Prostituierten, die weil 
oftmals illegal, sozusagen 
vogelfrei, den Zuhältern und 
der Polizei völlig ausgeliefert 
sind. 

Jetzt sitze ich am Computer, 



kann keine doofen Krimis an- 
sehen und überlege, was 
mich so wütend machte. Da 
ist zunächst mal zu klären: 
Auch ich bin in ein Projekt im 
Rahmen dieser Kampagne 
involviert; auch ich hoffe sehr, 
daß diese Arbeit Früchte trägt, 
daß dieses ganze Thema ir- 
gendwann mal kein Thema 
mehr sein wird, daß es aus 
dem Leben aller Frauen ver- 
schwindet. Aller Frauen! Aber 
wer sind diese Frauen, die da 
als ein kollektives Opfer ange- 
sprochen werden? Ist es nicht 
gerade die Stärke einer femi- 
nistischen Gesellschafts- 
analyse (gewesen?), die Un- 
terordnung von Sexismus und 
Rassismus unter den großen 
Hauptwiderspruch des 
Kapitals zu kritisieren? Einer 
radikalen feminisischen Kritik 
sollte es darum gehen, Ethni- 
zität, Klasse und Geschlecht 
als ineinandergreifende Ver- 
hältnisse, die sich gegenseitig 
stabilisieren, zu begreifen und 
sie dementsprechend auch 
verknüpft zu bekämpfen. 
Nichts dergleichen habe ich 
bei der Eröffnung gehört. Im 
Gegenteil. 

Wie sinnvoll, wie effektiv kann 
ein politischer Ansatz sein, 
der einen erneuten Haupt- 



widerspruch, nämlich Männer- 
macht, lediglich in Form von 
Männergewalt, aufbaut und 
dies mit der Vernachlässigung 
anderer Gewaltverhältnisse 
erkauft? Eine solche Ein- 
punktpolitik, die ein homoge- 
nes WIR FRAUEN konstruiert, 
vernachläßigt die Differenzen 
unter uns. Mir geht es hier 
nicht um Rechthaberei und 
Partikularismus um seiner 
selbst willen. Viel mehr denke 
ich, daß gerade wegen der 
vielfältigen Formen von 
Gewalt, mit denen Frauen bis 
heute leben müssen, ein 
Gegenschlag so effektiv wie 
möglich sein sollte. Da ist es 
zu wenig, nur auf die falsche 
Sozialisation von Jungen hin- 
zuweisen und ansonsten die 
Widersprüche zu glätten. 
Widersprüche, die anschei- 
nend unhinterfragt auf einer 
Bühne repräsentiert werden. 
Ein Beispiel: die Aufgabe der 
Polzei ist es, dafür zu sorgen, 
daß in diesem Land alles so 
funktioniert, wie es soll: also, 
um an Feyza Palacek anzu- 
knüpfen, abgelehnte Asyl- 
bewerberinnen oder gehan- 
delte Frauen abzuschieben, 
Obdachlose (zunehmend 
auch Frauen) durch die Stadt 
zu scheuchen und trotz der 



organisierten Verarmung wer 
ter Teile der Bevölkerung, 
Ladendiebinnen festzuneh- 
men und Finanzminister lau- 
fen zu lassen. 






Wir, die wir gegen Gewalt an 
Mädchen und Frauen kämp- 
fen, können den Backlash in 
allen gesellschaftlichen Be- 
reichen nicht unter den 
Teppich kehren, nicht nur, weil 
gerade die Überlebenden des 
sexuellen Mißbrauchs davon 
besonders hart betroffen sind, 
sondern auch weil Teile der 
Frauenbewegung somit wie- 
dermal zu Handlangerinnen 
jener patriarchalen Gesell- 
schaft werden, welche es so 
gut versteht „Protestpotentiale 
abzuspalten und einzubinden 
und einen Gutteil ihrer Korn- 
petenzen für Innovationen am 
System zu nutzen." Einem 
System, das Gewalt gegen 
Frauen als Mittel ihrer Unter- 
drückung hervorbringt. Diese 
ist für dieses System existenti- 
ell, und deshalb ist es nicht 
zu reformieren. Trotz allem 
der Kampagne viel Erfolg - 
auf daß sie sich überflüssig 
macht. %> 



* .Trotz allem" und „Zart bin ich, bitter war's" 
sind bekannte Klassiker zum Thema 





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Nebelscheinwerfer 



























■ 














































Aufgefordert, in 30 Sekunden 
zu sagen, was ein Bild ist, 
bezögen sich heute die mei- 
sten Antworten vermutlich auf 
Pixel in Informationsströmen, 
visuelle Gegenstände der 
Warenzirkulation, vorprodu- 
zierte Phantasien etc. Der 
„Blick" hat einen besonderen 
Zugang zum gesellschaftlich 
Imaginären, etwas, was man 
nicht erst über die Psycho- 
analyse mitbekommt. In ein- 
schlägigen Klassikern zur 



Kulturgeschichte steht die 
Funktion des Sehens für das 
humanistische Programm des 
Idealismus und des Rationa- 
lismus. Die in diesem Jahr 
von dem Wiener Kunstkritiker 
Christian Kravagna herausge- 
gebene Auf satzsammlung 
Privileg Blick, Kritik der visuel- 
len Kultur beschäftigt sich 
ebenso mit solchen akademi- 
schen Altlasten wie auch mit 
gegenwärtigen visuellen 
Phänomenen: Daß geläufige 



wahrnehmungsästhetische 
und technikgeschichtliche 
Ansätze die ökonomische, 
soziale und politische Bedeu- 
tung des Blicks nicht erfas- 
sen, ist Ausgangspunkt des 
vorliegenden Bandes. Allein 
das Inhaltsverzeichnis zeigt, 
daß hier keine Evolutions- 
theorie des Sehens geliefert 
wird, die sich etwa von Piaton 
bis zum Bildschirmtelefon 
hangelt. Wenn von „Blick" 
statt von „Sehen" oder 



„Wahrnehmung" die Rede ist, 
dann, weil den meisten Bei- 
trägen das Lacansche Modell 
des Blicks in der Doppel- 
bedeutung von Sehen und 
Gesehenwerden, von Aner- 
kennen und Anerkanntwerden 
zugrundeliegt. Blicktheorie - 
davon zeugen mehr als 2/3 
der Beiträge - ist nicht zuletzt 
ein klassisch feministisches 
Thema - etwas, das von den 
hiesigen (männlichen) Reprä- 
sentanten der Kunstwissen- 



Immer siehst du mich da, wo ich nicht bin: 
Cindy Sherman: Untitled Film Still #3, 1977 






schaft zumeist ignoriert wird: 
Der Blick, der nach der psy- 
choanalytischen Lehre in 
direkter Beziehung zum sexu- 
ellen Privileg der Männer 
steht, war in den 70er Jahren 
zentrales Thema der feministi- 
schen Film- und Kunstana- 
lyse. Heute ist die differenz- 
feministische These vom 
„männlichen Blick" in die 
Kritik geraten: In Irritierte 
Männlichkeit: Repräsentation 
in der Krise führt die Kunst- 
historikerin Abigail Solomon- 
Godeau z.B. anhand der 
Calvin Klein-Werbung vor, daß 
die Konjunktur verweiblichter 
Männlichkeitsdarstellungen 
vereinheitlichenden Annah- 
men über den „männlichen 
Blick" widerspricht. Zugleich 
zeigt sie jedoch anhand von 
Beispielen französischer 
Revolutionsmalerei, daß die 
„Krise" phallisch orientierter 
Männlichkeit weniger 
Bedrohung als Untermaue- 
rung patriarchaler Macht- und 
Produktionsverhältnisse 
bedeutet. Gegen die angebli- 
che Homogenität des männli- 
chen Blicks argumentiert auch 
die Filmwissenschaftlerin 
Linda Williams in Pornografi- 
sche Bilder und die „Kör- 
perliche Dichte des Sehens". 
Der im 19. Jahrundert vollzo- 
gene „Bruch zwischen Wahr- 
nehmung und ihrem Objekt" 
widerlegt ihrer Meinung nach 
die Annahme einer voyeuristi- 
schen Zentralperspektive auf 
das Objekt Frau. Sowohl in 
der vorimpressionistischen 
Malerei als auch in der An- 






>Lesehilfe< 



66 



kopplung des Betrachters an 
optische Illusionsmaschinen, 
durch die pornografische 
Bilder zunächst Verbreitung 
fanden, sieht Williams eine 
körperliche Verschmelzung 
der Betrachtung mit ihrem 
Gegenstand. Ob das Modell 
des „körperlich dichten 
Sehens" aber nun Anlaß gibt, 
Pornografie getrennt von sexi- 
stischen Machtverhältnissen 
zu betrachten, scheint eher 
fraglich. Williams' Beweis- 
führung, daß Pornografie 
weder als „Realismusexzeß" 
noch als „Perversion" angese- 
hen werden kann, welche 
nicht selber in der modernisti- 
schen Blicklogik angelegt 
sind, ist hingegen schlagend. 
Die Pomografie-Debatte läßt 
sich mit der Frage verallge- 
meinern, die der Literatur- 
und Kunstwissenschaftler 
W.J.T. Mitchell auf einer 
grundlegenden methodischen 
Ebene stellt. Seiner Meinung 
nach wissen wir „in einer Zeit, 
die oft als Zeitalter des „Spek- 
takels" (Debord), der „Über- 
wachung" (Foucault) und 
einer alles durchdringenden 
Bilderproduktion charakteri- 
siert wird, immer noch nicht 
genau (...), was Bilder sind, in 



welchem Verhältnis sie zur 
Sprache stehen, wie sie sich 
auf Beobachter und die Welt 
auswirken, wie ihre Geschich- 
te zu verstehen ist und was 
mit ihnen bzw. gegen sie 
gemacht werden kann." Das 
stimmt und stimmt auch wie- 
der nicht: Schließlich gibt es 
ein paar Dinge, die „wir" von 
der Kulturindustrie gelernt 
haben. Vermutlich könnte 
jedeR zweite mainstreamkriti- 
sche Konsumentin erklären, 
warum kommerzielle Images 
gut gemacht sind und wie sie 
wirken. Der sog. „eigene" 
Blick ist auch in der Kritik der 
visuellen Kultur der archimedi- 
sche Punkt: Wer sieht wen 
oder was mit welchen 
Interessen? In der Verbindung 
von Althussers Ideologie- 
theorie mit Erwin Panofskys 
Ikonologie erkennt W.J.T. 
Mitchell eine Methode, das 
Verhältnis von Betrachterin 
und Bild einer materialisti- 
schen Analyse zu unterzie- 
hen. Mitchells Projekt der „kri- 
tischen Ikonologie" basiert auf 
der Annahme, daß nach dem 
„linguistic turn" nun der „pic- 
torial turn" die Entwicklung 
der Kulturwissenschaften 
bestimme. Beweismaterial 



gegen die „Annahme, (...) daß 
das Modell der Sprache Basis 
für die Analyse von Bedeu- 
tung ist", findet Mitchell in der 
Welt der Theorie (bei Foucault 
genauso wie bei Goodman, 
Peirce, Derrida, Adorno/Hork- 
heimer und Wittgenstein). 
Die Behauptung Christian 
Kravagnas, daß die in Privileg 
Blick zusammengetragenen 
Beiträge Mitchells These 
bestätigten, indem sie sich 
weniger auf das linguistische 
Modell als auf die Bilder sel- 
ber konzentrieren, kann ich in 
dieser Trennschärfe nicht tei- 
len: So liefert der wohl bün- 
digste Aufsatz - Täuschungs- 
manöver „Fötus" von Carol A. 
Stabile - den besten Beweis 
für die Unmöglichkeit der 
Unterscheidung von „Diskurs" 
und „Bild". Die Einwirkung 
von Visualisierungstechno- 
logien auf die Abtreibungs- 
debatte untersuchend, zeigt 
Stabile, daß neue Formen der 
Pränataldiagnostik eine vom 
weiblichen Körper abgekop- 
pelte Autonomie des Fötus 
suggerieren; d.h. daß „Bilder" 
immer gleichzeitig durch die 
politischen Diskurse struktu- 
riert sind, zu deren Legitima- 
tion sie dienen. O 




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- Milena Jesenskä: Alles ist Leben. Feuilletons und 
Reportagen 1919-1939. FfM: Verlag Neue Kritik, 1996 

- Marie Jiräskovä: Kurzer Bericht über drei Entschei- 
dungen. Die Gestapo-Akte Milena Jesenskä. FfM: Verlag 
Neue Kritik, 1996 






Als „Freundin von Kafka", als 
eine seiner, weil unglückli- 
chen, als „romantisch" dekla- 
rierten Affären ist Milena 
Jesenskä in die Literaturge- 
schichte eingegangen. Diese 
Beziehung, die sich um nur 
zwei persönliche Begegnun- 
gen rankte, ist vor allem 
durch Kafkas „Briefe an 
Milena" überliefert; die Briefe 
in umgekehrter Richtung sind 
nicht erhalten geblieben. So 
wissen wir nicht, was Milena 
Jesenskä geantwortet hat, als 
Kafka ihr am 14. September 
1920 schrieb: „Auch ist es 
nicht eigentlich Liebe, wenn 
ich sage, daß Du mir das 
Liebste bist; Liebe ist, daß Du 
mir das Messer bist, mit dem 
ich in mir wühle." Wie aus 
ihrem Briefwechsel mit Max 
Brod hervorgeht, hat Milena 
Jesenskä es jedoch schließ- 
lich vorgezogen, nicht das 
Messer zu sein, mit dem ge- 
wühlt wird. 

Die im Verlag Neue Kritik er- 
schienene Auswahl von 
Feuilletons und Reportagen 
bietet Gelegenheit, die 
„Milena ohne Kafka" kennen- 






zulernen: eine emanzipierte 
Frau, prominente Journalistin 
und Kämpferin gegen die 
deutsche Okkupation. Ihre 
ersten journalistischen Ar- 
beiten fallen in die Zeit unmit- 
telbar nach dem ersten Welt- 
krieg. Milena Jesenskä lebt, 
von ihrem Vater verstoßen, 
mit ihrem Mann Oskar Pollak 
in Wien und hält sich mit dem 
Schreiben von Feuilletons 
und Modekolumnen für Pra- 
ger Zeitungen über Wasser. 
Sie beschreibt den Hunger im 
Nachkriegs-Wien, sie philoso- 
phiert über das Kino, über 
Kaffeehäuser und die „Bio- 
graphien bedeutender Leute", 
sie stellt kleine, phänomeno- 
logische Betrachtungen an 
über die Beziehung von 
Dingen und Menschen, über 
die Jugend, die Freundschaft 
und das Reisen. 
„Ein Traum. Anywhere - out of 
the world" heißt eine Feuille- 
ton-Erzählung aus dem Jahr 
1921, deren „kafkaeske" 
Stimmung sich wohl nicht nur 
der literarischen Nähe zu 
Kafka verdankt, sondern 
einem ähnlich intuitiven Er- 


















































































































schrecken vor den Mächten, 
die das Leben des Staats- 
bürgersubjekts regieren und 
bedrohen: Bürokratie und 
Über-Ich. Sind es bei Kafka 
die „Türhüter" des „Ge- 
setzes", die den Einganz zum 
Leben und zur Erkenntnis ver- 
barrikadieren, so sind es bei 
Milena Jesenka - weit weniger 
metaphorisch - die Zöllner 
und Grenzbeamten, die im 
Jahrhundert der Lager und 
Kontrollen über Leben oder 
Tod entscheiden: 
„Ein Zollbeamter trat zu mir 
und forderte die Papiere. Die 
Sekunden wurden zur Unend- 
lichkeit. Ich faltete den Zettel 
auseinander. Der Beamte, 
ungeduldig auf der Stelle 
tretend, steckte die Hand 
danach aus. Er schien ent- 
schlossen zu sein, mich nicht 
durchzulassen. Ich blickte auf 
den Zettel. Darauf stand in 
zwanzig Sprachen: 'Zum 
Tode verurteilt.'" 
Nach Prag zurückgekehrt, 
verfaßt Milena Jesenskä vor 
allem Mode- und Gelegen- 
heits-Artikel für die Frauen- 
Seite, und verfährt dabei ge- 
mäß ihrer eigenen Bemer- 
kung, daß jede Frage auf der 
Welt sich nicht nur zu gesell- 
schaftlichem Geschwätz, son- 
dern auch zur philosophi- 
schen Abhandlung eigne. 
Doch indem sie sich den klei- 
nen Dingen des Lebens wid- 
met, um ihnen eine „philoso- 
phisch interessante" Seite 
abzugewinnen, beugt sie sich 
auch der geschlechtsspezi- 
fischen jounalistischen Ar- 
beitsteilung: Männer schrei- 
ben über große Politik und 
hohe Kultur, Frauen kümmern 






sich um Fragen der Mode, 
der Ehe, des Haushalts, der 
Alltagsästhetik und Massen- 
unterhaltung. 

Schließlich, als ihre journali- 
stische Laufbahn schon in der 
Produktion von Lifestyle- 
Artikeln zu versanden scheint, 
wird sie 1937 Mitarbeiterin der 
liberal-demokratischen 
Wochenzeitschrift Pritomnost 
(Gegenwart) und bekommt 
Gelegenheit, eine Serie von 
politischen Reportagen zu 
veröffentlichen: sie beschreibt 
das Schicksal der politischen 
Emigranten in Prag, berichtet 
aus dem Sudetenland, wo die 
Henlein-Partei nationalsoziali- 
stische Agitation betreibt, sie 
begibt sich in das „Niemands- 
land" zwischen den Grenzen, 
wo tausende von jüdischen 
Flüchtlingen herumirren, 
wütend kommentiert sie das 
Münchner Abkommen, und in 
einer der letzten Ausgaben 
von Pritomnost erscheint ihr 
Artikel über „Prag, am Mor- 
gen des 15. März 1939", den 
Tag, an dem die deutschen 
Truppen in Prag einmar- 
schieren. 

Marie Jiräskoväs „Kurzer 
Bericht über drei Entschei- 
düngen" setzt dort ein, wo 
Milena Jesenskäs journalisti- 
sche Laufbahn endet, zumin- 
dest ihre offizielle: Denn 
während sie für Pritomnost, 
deren komissarische Leiterin 
sie nach der Verhaftung des 
Chefredakteurs wird, nur 
noch unverfängliche Artikel 
verfassen kann, beginnt sie 
für die illegale Zeitschrift V 
Boy (In den Kampf) zu schrei- 
ben und nimmt Kontakt mit 
Untergrundgruppen auf. 


















Marie Jiräskovä hat Milena 
Jesenskäs Gestapoakte in 
einem Archiv des tschechi- 
schen Innenministeriums 
gefunden und daraus eine 
dokumentarische Erzählung 
gemacht, die noch zwei 
weitere Personen mit einführt 
und ihre Lebensentschei- 
dungen in einer geschickten 
Parallelmontage mit Milenas 
Geschichte verknüpft: Der 
Arzt Joachim von Zedtwitz, 
ein deutschböhmischer 
Antifaschist, arbeitet gemein- 
sam mit Milena Jesenskä in 
einer Gruppe, die Juden und 
gefährdeten Oppositionellen 
zur Flucht verhilft; sie ver- 
steckt die Flüchtlinge in ihrer 
Wohnung, er bringt sie über 
die Grenze. 

Jaroslav Nachtmann schließ- 
lieh ist ein tschechischer 
Hilfspolizist, der sich gleich 
nach der Besetzung zur 
Gestapo meldet und als 
Geheimdienst-Spitzel eine 
entscheidende Rolle bei der 
Zerschlagung des tschechi- 
schen Widerstandes spielen 
wird. Er ist es, der am 12. 
November 1939 Milena 
Jesenskäs Wohnung durch- 
sucht und ihre Verhaftung in 
die Wege leitet. Milena 
Jesenskä, wurde, nachdem 
die deutsche Justiz ihre 
Untergrundtätigkeit nicht 
nachweisen konnte, von der 
Gestapo in „Schutzhaft" 
genommen und ins KZ 
Ravensbrück verschleppt, wo 
sie 1944 umkam. Der Gesta- 
po-Spitzel Nachtman konnte 
1974 in die Bundesrepublik 
einreisen und lebte bis zu 
seinem Tod 1995 unbehelligt 
in Bayern. • 







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Kaja Silverman und Harun Farocki über „Alpha- 
ville" von Godard; Interview mit Jean-Marie 
Straub und Daniele Huillet von Isabelle Graw; 
„Form als Selbstunterlaufting": Stefan Germer 
interviewt Christoph Menke; Juliane Rebentisch 
über Sprechakttheorie bei Judith Butler; Christian 

■ ■ ■ — 

Höller zur PO Debatte; Tom Holen über Sigmar 
Polke; Astrid Wege und Holser Kühe Ventura über 
die documenta X. 



November 1997 
7. Jahrgang Nr. 28 




Bei den kunstkritischen Analysen dieser Ausgabe 
liegt der Schwerpunkt auf der Frage der jeweiligen 
Methode: Whitney Davis plädiert für eine „Gen- 
der"- Perspektive, Anke Kempkes untersucht Renee 
Greens Arbeiten im Hinblick auf „Ortspezifik" und 
„Subjekt", mit Rainald Goetz debattieren wir über 
einige Polemiken in seinen Texten und Isabelle 
Graw forscht nach Systematiken und Themen im 






>Lesehilfe< 



Aus der Krankheit 
einen Deal machen! 



68 



Thomas S. Szasz: Grausames Mitleid. 

Über die Aussonderung unerwünschter Menschen. 

Frankfurt am Main: Fischer, 1997 



Ein Buch wie aus einer ande- 
ren Zeit. Thomas S. Szasz 
hatte bereits in den 60er Jah- 
ren die traditionelle Psychia- 
trie und ihre Behandlungs- 
und Verwahrungspraktiken 
aufs Schärfste kritisiert. Damit 
war er zum Idol der Antipsy- 
chiatrie-Bewegung in den 
USA geworden, zu der Szasz 
allerdings auf Distanz ging. 
Sie war ihm zu politisch, zu 
feministisch und zu „kommu- 
nistisch". Ihm ging es stets 
darum, die „psychische 
Krankheit" bzw. den „Wahn" 
zu dekonstruieren und nicht 
als Kunst, revolutionär-schi- 
zoide Wunschmaschine oder 
als „Waffe" aufzuladen. Auch 
heute argumentiert er von 
einer humanistisch-liberalen 
Position aus, die als weitge- 
hend entpolitisierte Kritik an 
der sozialen Repression der 
Psychiatrie nur mehr teilweise 
akzeptabel ist. Als „Summe 
eines streitbaren Forscher- 
lebens" kündigt der Verlag 
das neue Buch an. Darin 
rekonstruiert Szasz noch ein- 
mal den Mythos psychischer 
Krankheit (The Myth of Mental 
lllness, 1961), sowie die 
paternalistische Bevormun- 
dungsstruktur der Psychiatrie 
und anderer „helfender" 
Berufe, und verläuft sich 
schließlich im Irrgarten einer 
vermeintlichen „politischen 
Ökonomie der Psychiatrie". 
Teil 1 des Buches beschreibt 
eindrucksvoll die Geschichte 



der „Aussonderung uner- 
wünschter Menschen". Als 
Arme, Schuldnerinnen, 
Epileptikerinnen, Kinder oder 
Alte und vor allem als 
Obdachlose oder Süchtige 
weichen sie von den bürgerli- 
chen Normen wie Eigentum 
und Eigenheim, Gesundheit, 
Arbeit und rationaler Verhal- 
tenskontrolle ab und bilden 
so das soziale Resevoir, aus 
dem die Psychiatrie ihre 
„Geisteskrankheiten" schöpft. 
Die Armen, von Jeremy 
Bentham im frühen 19. 
Jahrhundert noch als kriminell 
apostrophiert, werden später 
als Bedürftige betreut, ver- 
sorgt und wie/als Kranke 
geführt. Auch die Schuld- 
nerinnen wurden zunehmend 
wie Geisteskranke behandelt. 
Und den Epileptikerinnen 
wurde bis in die 40er Jahre 
dieses Jahrhunderts noch 
Mordlust unterstellt; sie wur- 
den in Epileptikerkolonien 
eingesperrt. Die Obdachlosen 
und Süchtigen hingegen 
seien schizophren, weil sie, 
so Szasz, die bürgerliche 
Ordnung nicht respektierten. 
Da das Hauptproblem der 
Psychiatrie die unfreiwillige 
Hospitalisierung sei, die den 
betroffenen Menschen ihrer 
Freiheitsrechte beraubten, 
hielt Szasz schon in den 70er 
Jahren die Schizophrenie, 
jenes „heilige Symbol der 
Psychiatrie" für ein Woh- 
nungsproblem. Damals lobte 



auch Foucault Szasz dafür, 
nicht von Krankheiten, son- 
dern von Machttechniken zu 
sprechen: nicht der Irre trage 
das Erbe der Hexe in sich, 
sondern der Psychiater sei 
der Nachfahre des Inquisitors, 
der soziale Devianz in Kate- 
gorien geistiger Erkrankung 
uminterpretiere. 
Die Geschichte der Psychia- 
trie behandelt Szasz in die- 
sem Band speziell seit den 
50er Jahren. Im Gefolge der 
neuen, ambulanten und medi- 
kamentösen Behandlungen 
kommt es zur ersten Ent- 
hospitalisierungswelle. Die 
„Mammutklapsmühlen" ver- 
schwinden, mit ihnen jedoch 
nicht die Geschichten der 
Lobotomie (Gehirnopera- 
tionen), der Insulin- und der 
Elektroschocks. Die neuen 
Antidepressiva und Neuro- 
leptika (Thorazin z.B.) dämp- 
fen die Patientinnen derart, 
daß sie massenhaft in 
Pflegeheime verlegt werden 
können. Die, die die Pillen 
wegwerfen, landen häufig auf 
der Straße. Als in den 80er 
Jahren noch einmal unter 
dem Vorzeichen von Sozial- 
abbau massiv enthospitalisiert 
wurde, begann gleichzeitig 
der konservative „Krieg" 
gegen Arme, Obdachlose und 
Drogenkonsumentlnnen. 
Szasz und die Antipsychiatrie 
waren plötzlich als Schuldige 
der Enthospitalisierung aus- 
gemacht, während deren 



Vorzüge immer noch den 
Psychopharmaka zugeschrie- 
ben wurden. Er sei vor allem 
gegen die Ausübung von 
Zwang bei der Hospita- 
lisierung gewesen und plädie- 
re auch heute für die 
Abschaffung der auf 
Zwangsmaßnahmen basieren- 
den Psychiatrie, antwortet 
Szasz in seinem Buch. 
Respekt, Freiheit und Verant- 
wortlichkeit sind die Katego- 
rien, die Szasz für die 
Patientinnen der Psychiatrie 
geltend machen will. Anstelle 
von Mitleid, das grausam sei 
und und auf Zwang beruhe. 
Die Theorie des Liberalismus 
liefert ihm die Freiheits- und 
Subjektbegriffe sowie das 
optimistische Vertrauen in 
eine marktbezogene Selbst- 
regulation von Behandlung 
und Wohnungsbeschaffung. 
Da gerät einiges durcheinan- 
der: Die geforderte humane 
gesellschaftliche Anerken- 
nung psychiatrisierter Men- 
schen geht einher mit einer 
Argumentation gegen jede 
soziale Wohlfahrt. Szasz gibt 
bezüglich der Obdachlosig- 
keit nun der Mietpreisbindung 
neben Gentrifizierung und 
Enthospitalisierung die 
Schuld. Mises, Hayek und 
Friedman (1) zitierend outet 
sich Szasz nun als Markt- 
radikaler und erkennt einen 
fundamentalen Widerspruch 
zwischen freiem Markt und 
bevormundender Psychiatrie. 



Bucher von Thomas S. Szasz in deut- 
scher Übersetzung: 

- Geisteskrankheit, ein moderner 
Mythos? Grundzüge einer Theorie 
des persönlichen Verhaltens, Ölten? 
Freiburg i. Br: Walter. 1972 

- Die Fabrikation des Wahnsinns, 
Ölten/ Freiburg i. Br.: Walter 1974 

- Schizophrenie - Das heilige Symbol 
der Psychiatrie. Wien/ München 
1973 

- Das Psychiatrische Testament. 
Berlin: Peter Lehmann 
Antipsychiatneverlag. 1987 

weiterführend: 

- Kerstin Kempker'Peter Lehmann 
(Hg.) Statt Psychiatrie. Berlin 1993. 
Peter Lehmann Antipsychiatneverlag 



Soziale Perspektiven stehen 
gar nicht zur Diskussion. Es 
geht nur darum, Freiheit an 
Eigentum und Leben auch 
wirklich auszuhalten. Das 
zieht sich durch das gesamte 
Buch hindurch und macht 
diesen, von der Sache her 
wichtigen Band, oft nur mit 
Mühe lesbar. 11 

Anm.: 

(1) Ludwig von Mises, Fried- 
rich August Hayek, Milton 
Friedman: neoliberale Ökono- 
men, die selbst bzw. deren 
Rezeption ab Mitte der 70er 
Jahre die neoliberale „ Wende " 
beeinflußten und damit 

Vordenker von Thatcherismus, 
Reaganomics, Kohlwirtschaft, 
Deregulierung, 

Austeritätspolitik, Globalisie- 
rung, Freihandel, Monetaris- 
mus, Herrschaft des Finanz- 
kapitals und anderer, vielfach 
in diesem Heft abgehandelter, 
Termini wurden. 









>LeseniiTe< 































































Hyste 







Es lebe die 



Elaine Showalter: Hystorien. Hysterische Epidemien 
im Zeitalter der Medien. Berlin: Berlin Verlag, 1997 










Ein Besuch in der Salpetriere, 
wo Professor Charcot vor 
großem Publikum seine 
Hysterie-Fälle demonstrierte, 
gehörte zum Pflichtprogramm 

des gehobenen Paris-Touris- 
mus, in Photobänden wurden 
die theatralischen Verren- 
kungen der Patientinnen zur 
Schau gestellt, und Dutzende 
von Romanen und Bühnen- 
stücken schössen sich auf 
den Typus der „hysterischen", 
„exaltierten", „nymphomanen" 
oder „neurasthenischen" Frau 
ein. Ursprünglich eine Ver- 
legenheitsdiagnose ähnlich 
der heutigen „vegetativen 
Dystonie", avancierte die 
Hysterie in den 1880er Jahren 
zu einer epidemisch verbreite- 
ten Modekrankheit. Ein paar 
Jahre später war der kurze 
Sommer der Hysterie auch 
schon wieder vorbei, die 
Krankheit wurde immer selte- 
ner diagnostiziert, und seit 
den 60er Jahren des 20. Jahr- 
hunderts spricht man von 
ihrem völligen Verschwinden. 
Die früher zur Hysterie gezähl- 
ten Symptome werden seit- 



dem den Angst- oder 
Zwangsneurosen zugeschla- 
gen, wahlweise als Depres- 
sion, dissoziative Identitäts- 
störung oder Borderline- 
Syndrom klassifiziert. 
Angesichts solcher Verschie- 
bungen liegt der Verdacht 
nahe, daß die unterschiedli- 
chen Benennungen die 
Realität der Krankheit nicht 
nur abbilden, sondern auch 
hervorbringen. Weil hier 
nichts „natürlich", vielmehr 
alles konstruiert erscheint, hat 
die erste Blütezeit der Hyste- 
rie in besonderem Maße das 
Interesse der kulturwissen- 
schaftlichen Forschung auf 
sich gezogen. Eine ganze 
Reihe von Studien hat „The 
Making of Hysteria", die 
Erfindung des hysterischen 
Subjekts im Zusammenspiel 
von viktorianischer Sexual- 
moral, Unterdrückung weibli- 
cher Lebensäußerung und 
patemalistischer Altherren- 
psychiatrie nachgezeichnet. 
Auch Elaine Showalters Buch 
über Hysterie untersucht 
zunächst deren klassische 



Periode vom Ende des letzten 
Jahrhunderts. Hier bleibt die 
Darstellung allerdings merk- 
würdig uninteressiert. Keine 
der seriell aneinanderge- 
knüpften Vermutungen über 
die kulturelle und gesell- 
schaftlichen Determination 
dieser ersten Hysterie-Welle 
wird weiterverfolgt, bis auf die 
verführerisch einfache These, 
daß es sich um ein mediales 
Kunstprodukt gehandelt habe, 
eine Diskurs-Krankheit, die im 
Zusammenspiel von medizini- 
scher Benennungsmacht, 
weiblicher Opferinszenierung 
und feuilletonistischer Neugier 
ihre dramatische Verlaufsform 
fand. Auf diese Weise wird für 
Showalter die Hysterie, inso- 
fern ihr eine hysterische story 
(„hystory") zugrundeliegt, 
zum Modell jener vielfältigen 
Krankheiten, die sich nicht 
durch Viren, sondern durch 
Weitererzählen fortpflanzen. 
Daran knüpft sich schließlich 
die effektvolle Behauptung, 
die Hysterie sei heute keines- 
wegs ausgestorben, sondern 
- im Zeitalter dichtgeknüpfter 



Informationsnetze - so leben- 
dig (und so ansteckend) wie 
nie zuvor. 

Als Beispiele für „hysterische 
Epidemien im Zeitalter der 
Medien" führt Showalter an: 
Das „Chronische Müdigkeits- 
syndrom", das „Golfkriegs- 
syndrom", den Boom von 
Techniken der „Wiedergewon- 
nenen Erinnerung", Phänome- 
ne der Multiplen Persönlich- 
keit, Entführungen durch 
Außerirdische. Auf der glei- 
chen Wellenlänge könnte man 
noch jene Unglücklichen er- 
wähnen, denen neuerdings 
Prinzessin Diana erscheint. 
Was daran „hysterisch" sein 
soll, ist offensichtlich nicht die 
Symptomatik (die ja in diesen 
Fällen noch stärker variiert als 
innerhalb der klassischen 
Hysterie), sondern allein die 
Weise, in der sich diese Phä- 
nomene verbreiten. Showalter 
nimmt an, daß bei der Ent- 
stehung einer derartigen „Epi- 
demie" immer drei Beteiligte 
im Spiel sind: Patientinnen, 
die unklare Symptome ent- 
wickeln und zur Erklärung 
ihres Leidens auf kulturell le- 
gitimierte Erzählungen zu- 
rückgreifen, Ärzte, die ent- 
sprechende Krankheitsbilder 
zur Identifikation anbieten, 
und last not least die Medien, 
die diese „Hystorien" weiter- 
verbreiten und verstärken. Auf 
diese Weise glaubt dann bald 
die halbe Welt, an Chronischer 
Müdigkeit zu leiden, gähn. 
Es ist kaum zu bezweifeln, 
daß es diese Art medialer 
Ansteckung gibt. Völlig unklar 
ist allerdings, warum Show- 
alter die sehr verschiedenen 
Weisen, mit denen sich die 
unterschiedlichsten Menschen 
unter den unterschiedlichsten 
Bedingungen mit den unter- 
schiedlichsten Symptomen 
identifizieren, hier vereinheit- 
lichend mit dem Namen der 



Hysterie belegt. Wenn es sich 
um ein diffuses Krankheits- 
bedürfnis handelt, könnte 
man ebensogut (und mit der 
gleichen Unscharfe) auch von 
„Hypochondrie" reden, wenn 
eine ultrageheime „conspi- 
racy" für die eigenen Leiden 
verantwortlich gemacht wird, 
auch von politischer Paranoia. 
Mit dem Privattheater der 
klassischen Hysterie hat das 
alles wenig zu tun. Seltsam ist 
es auch, wenn das psycho- 
therapeutische Verfahren der 
Wiedererinnerung an kindli- 
chen Mißbrauch, das eine 
sehr viel differenziertere 
Auseinandersetzung erfordern 
würde, in einer Reihe mit anti- 
semitischem („satanischer 
Ritualmißbrauch") und ufolo- 
gischem Blödsinn als hysteri- 
sches Phänomen abgehan- 
delt wird. 

Wie die Psychoanalyse ge- 
zeigt hat, sind die Wege der 
Symptomproduktion bis zur 
Unentwirrbarkeit verschlun- 
gen. Das bringt manche 
Menschen dazu, den Einfluß 
bisher unbekannter Viren oder 
sogar grüner Männchen für 
ihr Leiden verantwortlich zu 
machen. Showalter tritt auf als 
radikale Aufklärerin, die 
solchen Priestertrug entlarvt 
und seine Verbreitungswege 
offenlegt. Doch zugleich 
ersetzt sie das Dickicht hypo- 
chondrischer Gerüchte nur 
durch ein neues Meta-Ge- 
rücht, das den Begriff der 
„kulturellen Produziertheit" 
von Symptomen auf seinen 
alleroberflächlichsten Sinn 
eingeengt: Krankheit als Me- 
dieneffekt. So läßt sich viel- 
leicht die Beliebtheit bestimm- 
ter Symptome erklären, aber 
nicht, warum sie überhaupt 
hervorgebracht werden. Was 
mich angeht, ich habe meine 
Hysterie nicht aus dem Fern- 
sehen. Die ist echt. . 















ROTE 

ARMEE 

FRAKTIO 



Texte und 
Materialien zur 
Geschichte 
der RAF 

540 Seiten, 49,80 DM 
ISBN 3-89408-065-5 




>Lesehilfe< 



"^ ' " 






Renato Curcio 
Mit offenem 
Blick 

Ein Gespräch zur 
Geschichte der 
Roten Brigaden in 
Italien von 
Mario Scialoja 
208 Seiten 
Klappenbroschur, 

ca. 32 - DM I 

ISBN 3-89408-068-X 




* 









Die Beute 

Nr. 15/16 

»Humanismus und 
Terror«. 

Texte von Diede-' 
richsen, Dellwo, 
K.H.Roth, Cur- 
cio, Seibert, Faniz 
deh, Ganßloser, 
Paroli u.a., 

192 Seiten, 28 DM 




Ömer Erzeren 

Der lange Abschied von Atatürk 

Türkei - ein Land in der Zerreißprobe 

180 Seiten, 20,- DM ISBN: 3-89408-069-8 



tabubreaker 

Arnos Vogel kehrt zurück 





Nicht immer geht der Zensor so plump zur Sache: James Broughton: The Pleasure Garden, GS 1953 



Arnos Vogel: Film als subversive Kunst. Kino wider die Tabus - von Eisenstein bis Kubrick. 

St. Andrä: Hannibal Verlag, 1997. Mit tausend skandalösen Filmstills. 



„Film as a Subversive Art", 
1974 in den USA und etwas 
später - unter dem Titel „Kino 

wider die Tabus" - auch in 
deutscher Übersetzung er- 
schienen, wurde bald zur 
Bibel der unabhängigen Film- 
clubs und der sich ausbrei- 
tenden Off-Kinos. Weil die 
Auflage bald vergriffen war, 
zirkulierte das Buch jahrelang 
nur in photokopierter Form. 
Jetzt ist unter dem ursprüngli- 
chen Titel „Film als subversive 
Kunst" ein Reprint erschienen, 
in dem auch das hervor- 
ragend kommentierte Bild- 
material wieder zur Geltung 
kommt. 

Wie gesagt, das Buch stammt 
aus den frühen 70er Jahren. 
Das erklärt den erfrischenden, 
nur aus der Perspektive der 



heutigen Apathie und zyni- 
schen Verblödung naiv wir- 
kenden Elan, mit dem Arnos 
Vogel allem zu Leibe rückt, 
was das Leben und Film- 
schaffen des Menschen ein- 
zuengen droht: politische 
Repression, Verdinglichung 
der gesellschaftlichen Be- 
ziehungen, Verkümmerung 
des Ausdrucksvermögens, 
sexuelle Verelendung, 
Todesverdrängung und bür- 
gerliche Doppelmoral. Das 
erklärt aber auch die affirmati- 
ve Haltung zu Tabubruch und 
Transgression, die man heute, 
nachdem „Sexualbefreiung" 

■ ■ 

und permanente Überschrei- 
tung der Geschmacksgrenzen 
in der Pornoindustrie und im 
sturzbachartigen Sexpalaver 
der Bekenntnis-Shows aufge- 



gangen sind, kaum noch 
als „subversiv" bezeichnen 
würde. Doch auch wenn 
Vogel damals Foucaults Kritik 
der „Repressionshypothese" 

noch nicht kennen konnte, so 
hat ihn doch Marcuses Begriff 
der „repressiven Toleranz" 
bereits dazu geführt, die 
größte Gefahr für die Sub- 
version nicht in der Unter- 
drückung des unabhängigen 
Films, sondern in seiner 
ideologischen Vereinnahmung 
und kommerziellen Ein- 
ebnung zu sehen. 
Ein historisches Dokument 
der Gegenkultur. Ein groß- 
artiges Bilderbuch für alle 
Altersstufen. Eine Trost- und 
Stärkungsfibel für die er- 
matteten Opfer der Bilder- 
industrie. 



ID- Verla 












Der Bahn unendliche Tristesse 

































Zumindest beim Bahnfahren 
kannte die deutsche Nach- 
kriegsgesellschaft nur zwei 
Klassen: die erste und die 
zweite. Wem die Bundesbahn 
zu teuer war, schaffte sich ein 
Auto an oder stellte sich an 
die Straße. Heute bringt die 
postmoderne Ausdifferen- 
zierung von Klassenlagen 
eine erstaunliche Diversifizie- 
rung der Angebote hervor. Mit 
dem Wochenendticket für 35 
Mark wollte die Bahn AG ur- 
sprünglich vor allem Familien, 
Betriebsausflugs- und Ver- 
einsgruppen usw. in die ver- 
waisten Regionalzüge locken. 
Überrascht vom Erfolg des 
Tickets stellte sie jedoch bald 
fest, daß das Angebot auch 
unkonventionelle Gebrauchs- 
weisen hervorrief. Leute, die 
viel Zeit und kein Geld haben, 
fahren damit durch das ganze 
Land, z.B. mit 9 mal Umstei- 
gen in 14 Stunden von Mün- 
chen nach Hamburg, wobei 
sich der ohnehin niedrige 
Preis auch auf Null reduzieren 
läßt, indem man auf dem 
Ticket von Mitreisenden mit- 
fährt. Mit diesem sogenannten 
Bahntrampen, das einige 
Geduld und eine gewisse 
Planung des Reisewegs erfor- 
dert (hier ist jede DB-Auskunft 
gerne behilflich, oder fragt 
http://bahn.hafas.de/), hat die 
Bahn, allerdings ohne es wirk- 
lich zu wollen, eine Art dritter 
bzw. vierter Wagenklasse wie- 



dereingeführt: garantiert kom- 
fortfrei, aber unschlagbar bil- 
lig und zudem parfümiert mit 
jenem Ruch der Ungebunden 
heit, der nach dem Ende des 

automobilen 

Trampens von 
der Straße auf die 
Schiene über- 
gewechselt ist. 
Aufgeschreckt 
von dem Ge- 
rücht, daß in den 
nunmehr vollbe- 
setzten Geister- 
zügen der Bahn 
AG allwöchentlich 
das untere Drittel 
der Gesellschaft 
seine beinahe 
kostenlose Mo- 
bilität feiere, soll 
das Ticket ab 1 . 
Januar 1998 nur 
noch der Familie, 
dieser anerkann- 
ten Keimzelle der 
Gesellschaft, zur 
Verfügung ste- 
hen. Da hat sogar 
die „Schüler 
Union" protestiert 
und darauf hinge- 
wiesen, daß 
„Schönes 
Wochenende" 
inzwischen „ein echtes Stück 
Jugendkultur" geworden sei. 
Dies zu überprüfen begab ich 
mich Anfang Oktober auf die 
Reise nach Chemnitz. Als ich 
mich am Münchner Haupt- 



bahnhof verabschieden und 
photographieren ließ, war ich 
tatsächlich noch „gut drauf", 
und voller Spannung harrte 
ich der Dinge, die in den 



zu stürzen und vergnügten 
Menschen zu begegnen, die 
sich an dem diebischen Ge- 
fühl weideten, eine Ware/ 
Dienstleistung zum radikal 



losigkeit der Reise tief depri- 
miert - nur das Gespräch mit 
einer jungen Frau, die ich zwi- 
schen Plauen und Chemnitz 
kennenlernte, konnte den 




K3|QHHBDPHBBBB*iH^^BBVPI^PPiPBP«^fl||H|^V^PPilPpf||(aq|0 



■ ■ 



nächsten 9 Stunden kommen 
sollten. Das Trampen war kein 
Problem: gleich die erste 
Passagierin nahm mich mit. 
Doch die Erwartung, auf die- 
ser Reise von Party zu Party 







reduzierten Preis erworben zu 
haben, war wohl der in mei- 
nem Hirn herumgeisternden 
Sozialromantik geschuldet. 
Ich will den jugendlichen 
Freund, der mir all diese lusti- 
gen Geschichten über seine 
Fahrten mit Regional- und 
Städteexpress zu erzählen 
wußte, nicht der Lüge oder 
Prahlerei bezichtigen. 
Möglicherweise ist sein Talent, 
spontane Parties zu veranstal- 
ten, ausgeprägter als meines. 
Als ich jedoch an meinem 
Reiseziel war, durch die Trost- 






Sprung aus dem Zugfenster 
verhindern -, stand für mich 
fest: Reisende aller Länder 
vereinigt Euch zu Schwarz- 
fahrgemeinschaften, ignoriert 
RE, SE, IR und wie der ganze 
langsamfahrende Schmarrn 
den Eisenbahn noch heißen 
mag, entert den ICE und 
besetzt den Speisewagen - 
feiert schnell und heftig! 
Sofortige Abschaffung statt 
der halbherzigen Einschrän- 
kung des Wochenendtickets! 

Freie Fahrt den Räten! ® 






72 




Veranstaltungen und Termine, München 




Berechnung und 
Beschwörung - 
Kritik einer Debatte 










Am 2. Dezember 97 laden 
die Basis Buchhandlung 
und die vierte hilfe zu einer 
Veranstaltung zu dem Thema 
Überbevölkerung und Bevöl- 
kerungspolitik in die Münch- 
ner Seidlvilla (Beginn 20 Uhr). 
Susanne Heim und Ulrike 
Schaz stellen ihr Buch 
Berechnung und Beschwö- 
rung. Überbevölkerung - Kritik 
einer Debatte vor: Überbevöl- 
kerung ist ein Passepartout- 
Begriff, mit dem vermeintliche 
oder tatsächliche Mißstände 
benannt werden, die sich je- 
weils auch anders definieren 
ließen: beispielsweise als Ar- 
beitslosigkeit, Hunger oder 
Flucht, als Konkurrenz um 
Ressourcen, als Wasser- 
knappheit oder als Woh- 
nungsmangel. Letztlich läßt 
sich jede politische oder öko- 
nomische Krise in ein Bevöl- 
kerungsproblem umdefinie- 
ren. Auf diese Weise wird die 
Suche nach Lösungen umge- 
lenkt. Egal, wie die Frage lau- 
tet, immer erscheint die Re- 
gulierung oder Reduzierung 
der Bevölkerungszahl als die 
'richtige' Antwort." Die Vor- 
stellung, daß die Welt über- 
bevölkert sei, hat sich tief in 
das Alltagsdenken eingegra- 
ben. Der Erfolg dieser Idee 
basiert auf einer Mischung 
aus Lobbyarbeit, aggressiver 
Werbestrategie und ideolo- 
gisch aufgeladenem Zeitgeist 
vor dem Hintergrund eines 
neoliberalen, weichgespülten 
Rassismus. 



Die Macht der 
Beschreibung - 
Rassismus und 
Antisemitismus im Film 

Anläßlich des europäischen 
Jahres gegen Rassismus, 
Antisemitismus und Fremden- 
feindlichkeit zeigt das Film- 
museum vom 11.11.1997 
bis 19.12.1997 eine Film- 
reihe, die sich mit der Ge- 
schichte und der Gegenwart 
„ethnisch" motivierter Aus- 
grenzung in Europa befaßt. 
„Während man früher „ras- 
sisch" wertvolle Menschen 
von zu eliminierenden „Unter- 
menschen" unterschied, 
schafft man heute durch die 
Trennung zwischen legal und 
illegal existierenden Men- 
schen erneut verheerende 
Unterschiede", so Hito 
Steyerl in der Ankündigung 
im Kinomagazin off. Um nur 
zwei Filme kurz zu nennen: In 
Das falsche Wort (1987) von 
Melanie Spitta und Katrin 
Seybold wird zum ersten Mal 
zusammenhängend die 
Verfolgung der deutschen 
Zigeuner in der Nazizeit aus 
der Sicht der Sinte erzählt, 
und Rex Bloomstein beschäf- 
tigt sich in seinem Film The 
Longest Hatred mit der Ge- 
schichte der antisemitischen 
Stereotypen über die Jahr- 
hunderte bis heute. 



Der Mann muß vor Gericht 
gestellt werden 

In seinem Buch „Haus 
Deutschland" hatte Peter 
Finkelgruen den Mord an sei- 
nem Großvater in Theresien- 
stadt im Dezember 1942 ge- 
schildert und seine vergebli- 
chen Bemühungen, den Mör- 
der, den SS-Mann Anton 
Malloth, in Deutschland vor 
Gericht zu bringen. Malloth 
war einer der grausamsten 
Aufseher im Thersesien- 
städter Gestapogefängnis 
„Kleine Festung". Der heute 
85-jährige NS-Verbrecher 
wohnt inzwischen in einem 
Altenheim in Pullach bei 
München. 40 Jahre lebte 
Malloth unbehelligt in Meran. 
Erst 1988 wies ihn die italieni- 
sche Regierung aus. Malloth 
ist nach wie vor auf der 
Kriegsverbrecherliste der 
UNO zur Fahndung ausge- 
schrieben. Doch hier wurde 
das Verfahren gegen ihn ein- 
gestellt, obwohl Finkelgruen 
der „Zentralstelle für die 
Bearbeitung von nationalso- 
zialistischen Massenverbre- 
chen" in Dortmund umfang- 
reiches Material zukommen 
ließ. Die Beschäftigung mit 
dem Mord an seinem Groß- 
vater wurde für Peter Finkel- 
gruen zur Suche nach seiner 
Herkunft. 1996 machte er 
sich mit Dietrich Schubert auf 
den Weg zu den wichtigsten 
Stationen seines Lebens - 
Shanghai, Prag, Haifa, Köln - 
und es entstand der Film 
Unterwegs als sicherer 
Ort. Ab 20.11.1997, täglich 
um 17.30 im Maxim, Lands- 
huter Allee 33. 



Filmgruppe Haidhausen 

Die Gruppe zeigt einmal im 
Monat einen Film (auf Video) 
im Laden im Erdgeschoß der 
Breisacherstraße 12 (Be- 
ginn 20.00). Am 20.11.97 

steht Business as usual oder 
Die Arroganz der Macht (60 
min, 1997) der Gruppe 2 aus 
München auf dem Programm. 
Als General Sani Abacha am 
10. November 1995 den nige- 
rianischen Schrifsteller, Um- 
welt- und Menschrechtsakti- 
vist Ken Saro-Wiwa und acht 
weitere Angehörige des 
Ogonivolkes hinrichten ließ, 
gab sich die zivilisierte Erste 
Welt düpiert. Informationen 
über die rücksichtslose Um- 
weltzerstörung im Nigerdelta, 
der Heimat der Ogoni, durch 
den multinationalen Olkon- 
zern Shell, der seine Interes- 
sen mithilfe der Militärdiktatur 
durchsetzt, ließ sich plötzlich 
nicht mehr verschweigen. Der 
Film beschreibt die „nigeriani- 
schen Verhältnisse" und zieht 
Bilanz. Am 18.12.97 läuft Der 
unsichtbare Aufstand (Uru- 
guay 1979) von Costa 
Gavras. Der Spielfilm handelt 
von der ersten Stadtguerilla- 
bewegung der Welt, den 
Tupamaros in Uruguay. Der 
Film beschreibt die 
Wechselwirkung zwischen 
politischer Aktion und 
Repression und staatlichem 
Terror. Bereits im neuen Jahr 
am 15.1.98 wird Alle Juden 
raus - Judenverfolgung in 
einer deutschen Kleinstadt 
1933-1945 von Emanuel 
Rund gezeigt. 



hilfe-Vertriebsstellen 
in München 

Buchhandlungen: 
Akadem. B., Leopoldstr. 11a 
Basis, Adalbertstr. 41b-43 
Büchergalerie, Ligsalzstr. 25 
Büchergilde, Rumfordstr. 48 
Buchh. Amalienstraße 67 
Colibris, Leonrodstr. 19 
Glockenbach, H-Sachs-Str. 
Hueber, Amalienstr. 77-79 
Sussmann's Presse am 
Hauptbahnhof, Ostbahnhof 
und Bahnhof Pasing 
außerdem bei: Optimal, 
Infoladen, Kunstverein, 
Kunstraum, Sedan 20, 
Lebascha, Werkstattkino, 
Froh und Munter, Cafe Virus, 
K.O. Back. 
sowie an einigen Kiosken. 






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ascWstlsche Infoblatt 

erscheint seit 1987 fünf Mal 
Im Jahr mit ca. 50 SeJten.Die 

aktuelle Ausgabe bekommt 
Ihr gegen 5.- plus 2.- Porto. 
Ein Abo über 5 Ausgaben 

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^ % täten der Nazis in der BRD 
D« \ und international 

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IstdneVe »New Rechte. & 
nicht- \ Braunzone 

kommer- \ • Antifaschismus 

***** \ • Nationalismus, 

Zeitung, die v Rassismus, neue 
von aktiven \ Großmacht 
Arrafasdiistinnen V rolle 

iraEigeomiag v 



herausgegeben 
wird. *♦•* 



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Antifa Infoblatt 

Gneisenaustr. 2a 

10961 Berlin 



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Bankverbindung: 
jUhmann, Wo-Nr; 411 
BIZ 100 100 10, Po$1 



105 









„Feierabend" (DDR 1964, Regie: Karl Gass) 















































Zeitschrift für raumgestalten 

Coming soon heft #1 «elektrizität» 
(100 Seiten, ats 40.-, Jahreswechsel 97/98) 





















tesarstreifen 







DDR-Filmdokumentarist 
Karl Gass im 

Werkstattkino zu Gast 




Das Münchner Werkstattkino 
zeigt vom 14. bis 20.11.97 

Filme aus dem Werk von Karl 
Gass, einem der produktiv- 
sten und innovativsten 
Filmdokumentaristen der ehe- 
maligen DDR: Nach seiner 
Entlassung aus der britischen 
Gefangenschaft geht Gass 
(*1917) zunächst als 
Wirtschaftsredakteur zum 
Nordwestdeutschen 
Rundfunk. Im Februar 1948 
siedelt er nach Berlin über. 
1951 beginnt er dort für die 
Wochenschau der DEFA zu 
arbeiten. 1955 ist er Mitbe- 
gründer der Leipziger Doku- 
mentär- und Kurzfilmwoche, 
ein von Beginn an renom- 
miertes Festival mit internatio- 
nalen Beiträgen trotz des 
„eisernen Vorhangs". Er dreh- 
te u.a. zwei einzigartige 
Dokumentationen über den 
Arbeits(AII-)tag in der DDR: 
(vAsse - eine Reportage zwi- 
schen Elbe und Oder, 1966) 
und den unvermeidlichen 
Feierabend (1964). Helmut 
Färber in der Filmkritik: „Sein 
endlich herausgekommener 
Langfilm „Asse" über eine 
Brigade Montagearbeiter in 
der Erdölraffinerie Schwendt 
wird, wie sein Vorläufer 
Feierabend wieder denen 












nicht passen, die mit ihrem 
zynischen Aufbaugejubel auf 
die Wirklichkeit pfeifen wollen 
und auf jene, die sich mitten 
in dieser Wirklichkeit ab- 
rackern müssen. Gass fälscht 
diese gewöhnliche Wirklich- 
keit nicht zum interessanten 
und verwendbaren Stoff, auch 
nicht zum Lied der Arbeit, 
sondern beobachtet sie: die 
Menschlichkeit eines Doku- 
mentarfilms beweist sich nicht 
in seinen Parolen, sondern in 
seiner Aufmerksamkeit, und 
daran läßt es Gass nicht feh- 
len." Das Werkstattkino 
(Fraunhoferstraße) zeigt u.a. 
noch die Filme Turbine 1 
(1953), über die Schnellrepa- 
ratur einer Turbine, entstan- 
den in Zusammenarbeit mit 
dem Joris-Ivens-Schüler Joop 
Huisken; Vom Alex bis zum 
Eismeer (1954), in dem das 
Filmteam eine Fischfangflotte 
begleitet; Schaut auf diese 
Stadt (1962), eine polemische 
Auseinandersetzung mit der 
politischen Entwicklung in 
West-Berlin; Am Tag Danach 
(1984), in dem Aufnahmen 
aus dem letzten Kriegsjahr 
mit Zitaten aus Schülerauf- 
Sätzen von 1945 kommmen- 
tiert werden. Karl Gass wird 
am 17. und 18. November 
anwesend sein und seinen 
Film Nationalität: Deutsch 
(1990) und ein Kurzfilmpro- 
gramm vorstellen. 









74 




50 Jahre später... 



Das Madchenzimmer 
Ausstellung & Veranstal 
tungen 

Mit Julie Doucet, Pia 
Lanzinger, Cornelia Schmidt- 
Bleek und vielen Mädchen. 
kunstraum manchen, 
Goethestr. 34, Tel. 54379900. 
Eröffnung: 27.11.97, 18 h 
Ausstellungsdauer: 28.11.97 
- 14.2.98, Di+Mi 15-18 h, Do 
15-20.30 h, Sa 11-14 h 

29.11.97, 19 Uhr: 
Julie Doucet präsentiert ihr 
neues Comic-Heft; Ole 
Frahm und Jens Balzer 
(Hamburg) halten einen 
Vortrag zum Thema: 
„Immer Ärger mit der Identität. 
Frau, Subjekt, Blick und 
Boheme in den Comics von 
Julie Doucet" 

09.01 und 10.01.1998, 

jeweils 19 h: 

When I was just a little 
girl... Auswahl der Filme und 
Einführung von Stefanie 
Schulte Strathaus (Berlin) 

1. Programm: Filme von 
Su Friedrich 
SINKORSWIM, USA 1990 
HIDE AND SEEK, USA 1996 

2. Programm: 
Dreammachine 
BUGSY MALONE mit Jodie 
Foster, R: Allan Parker, 

GB 1976 

JODIE (Pratibha Parmar, 
GB 1996) (UKB DM 8,-/ 
erm. DM 5,-) 

29. 01 .98, 1 9 h 
Das Lesbennest 

Die Gruppe junger lesbischer 
Frauen des RAGAZZA stellt 
sich out. Gemischtes 
Programm. 



05.02.1998, 19 Uhr 
Zwischen Prüderie und 
Emanzipation 
Die Repräsentation von 
Mädchen und ihrer 
Sexualität in den Medien 
Diskussionsabend mit Margit 
Tetz (Bravo, Dr.-Sommer- 
Team), Kathrin Tsainis (Young 
Miss), Defma Cherif (Azubi), 
Muriel Herrmann (Schülerin), 
Andrea Loebell (Initiative 
Münchner Mädchenarbeit), 
Monika Schmidt (Projekt für 
Mädchen und junge Frauen, 
Güllstraße), Moderation: 
Justin Hoffmann, Barbara U. 
Schmidt 

13.02.98, 16-21 Uhr und 
14.02.98, 12-17 Uhr 
DJane Workshop 

in Kooperation mit OHURA - 
Musikerinnenprojekt Bayern 
veranstaltet von DJ T-INA 
(Berlin). (UKB DM 25,-, 
Anmeldung erforderlich) 

14. 02.98, 20 Uhr 
Valentine's Day Party 

u.a. mit DJ T-INA, den 
Backstreet Girls, den 
Workshopteilnehmerinnen, 

Projektionen, Videos... 
(UKB DM 5,-) 



Nr. 64 



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Zutictuitt lur dm Rnt 



Nr. 15 Coming soon 

SIE BESSEREN DEUTSCHEN: 

Die Unke und Ihre Versuche, mit Goldhagen fertig zu werden 

SEX AFTER SEXMimr : 

Von der Sexologie zum Post -Strukturallsmus 

GLOBALISIERUNG, STMT UND NATIONALISMUS: 

Arbeiter und Unternehmer verteidigen den .Standort 
Deutschland" 

GÖTTERDÄMMERUNG NACH 51 JAHREN: 

Grell Marcus in Deutschland 

SPORTIVITÄT: 

Die Karriere eines neuen Leitwertes 

MIT ÜBERSICHTSGRAFIK ZUM HERAUSNEHMEN: 

Die linksradikale Presse und ihre privaten Scharmützel 

UND VIELES MEHR 

1/ €. c/o Buchhandlung im Schanzen viertel, Schulterblatt 55, 
20357 HH. Einzelpreis: 7,50 DM + Porto (1.50 DM), Abos: 4 
Nummern: 30,- DM. Förderabos: ab 100,- DM. V. Schmidt, 
Sonderkonto, Kto-Nr. 713990-200, Postgiro HH (BLZ 200 100 20) 



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STADTPLANUNG NR. 2 

Brasilien: öffentlicher Raum und 
soziale Säuberung 
Los Angeles - Berlin, das neue 
Gesicht der Stadt 

Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet 
Kolumbien - Interview mit Manuel 
Perez von der ELN 
Freundeskreis - ein Interview 

und vieles mehr 



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erscheint 



November 




ca! 



c/o Buchladen Schwarze Risse, 
Gneisenaustr. 2a, 10961 Berlin 

• Konto-Nr. 1840872900, 

BLZ 100 200 00 



für 6 Mark 



in jeder guten Buchhandlung 






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Impressum 

Winter 1997 98 

Herausgeber: 

..Das ist die moderne Welt" e.V. 
Daiserstr. 34, 81371 München 

Redaktion: 

Katja Diefenbach. Helmut Draxler. 
Stephan Gregory. Roya Jacoby. 
Wolfgang Krause. Pia Lanzinger, 
Ingrid Schert (V.i.S.d.R), Hartwig 
Tesar. Boris Werschbisky 

Postanschrift: 

Daiserstr. 34, 81371 München 
Tel. (089)74 79 12 78 
Fax. (089) 74 79 12 77 
e-mail: s.gregory@link-m.de 

Graphische Gestaltung: 

Eva Dr.anaz. Susi Klocker 

Mitarbeiterinnen dieser 
Ausgabe: 

Thomas Bärnthaler. Sabeth 
Buchmann, Gabi Fischer. Gerhard 
Friedl. Hedwig Fuß, Stephan 
Geene, Egon Günther. Mike 
Hartwig, Justin Hoffmann. Renate 
Lorenz, Vanessa Redak. Martin 
Rühlemann, Antje Schuhmann, 
Beat Weber 

Dank an: 

Münir Derventli (Druck): Annette 
Müller (Repro): Jochen Fill (Cover. 
Fotos. Scans + Hilfe) 



Anzeigen: 

Tel. (089) 74 79 12 -78 (Fax :- 77) 
Es gilt Preisliste Nr. vom 1.5.97 



Druck: 

Druckwerk München 

Vertriebsstellen in München 

siehe Seite 72 

Vertrieb in anderen ! 
Basel Brisantkiosk 
Berlin b-boox. Schwarze Risse 
Frankfurt Uni-Buch 
Freiburg Jos Fritz 
Göttingen Rote Straße 
Hamburg B. in der Osterstraße, 
Buchh. im Schanzenviertel, 
Hannover Internation. -Buchladen 
Köln Der andere Buchl.. Infoladen 
Mannheim Stoffwechsel 
Marburg Roter Stern 
Stuttgart Infoladen Heslach 
Wien Kolisch, Winter. Depot, 
Infoladen 10, Zentralbuchhdlg. 
Zürich Shedhalle 







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Literaturhandlung Moths 

Büchergilde Gutenberg 
Künstlergrafik, Typografie, Multiples 
Rumfordstr. 48 (Isartorplatz) - 
80469 München 
Tel. 089-29161326 Fax 089-29161552 



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nstaltungen zu Typografie und 
?sign siehe „Literaturblatt" - 

jsen Sie sich in unseren 
laufnehmen. 







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1. Intro: Präsentation der „vierten hilfe" 2. Film: Jean-Luc Godard/ Jean-Pierre Gorin: Tout va bien. F/l 1971 
3. Text: „Nutzlose Verausgabung oder die Magie der Herrschaftsfüllwörter" (Tom Waibel, Wien) 4. Musik: hilfe-Autorlnnen legen Platten auf 









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Freitag, 5. Dezember 1997, 20.00 h, Sedanstr. 20, München-Haidhausen