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Full text of "Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie"

SEPARAT ABDRUCK aus IMAGO, 

Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften. 

Herausgegeben von Prof. SIGM. FREUD, redigiert von Dr. OTTO RANK u. Dr. HANNS SACHS 

II. Jahrgang 1913, 2. Heft <ApriI>. Verlag von Hugo Heller 'S) Co. in Leipzig und Wien, I.Bauern- 

mar« 3. — Abonnementspreis ganjährig M. 15.— = K 18.—. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der 

Philosophie 1 . 

Von Dr. ALFR. Frh. v. WINTERSTEIN. 

»In der ,Kalewala', einem finnischen Epos, kehrt 
ein eigentümlicher Vorgang von auffallender und seit* 
sanier Bedeutung einigemale wieder. Der alte Held 
Wainämöinen unterwirft sich hier die elementarischcn 
Hindernisse, die er zu besiegen hat, nach vielen ver- 
geblichen Versuchen und Bemühungen endlich durch eine 
beschwörende Formel, die in jedem Fall von geradezu 
furchtbar bezwingendem Eindruck auf seine phantasti- 
sehen Gegner ist: er spricht ihnen nämlich die Drohung 
aus, ihren Ursprung zu singen.« 3 

Man wird gut tun, bei der Aufgabe, die ich mir auf den 
folgenden Blättern setze, ein Zweifaches zu unterscheiden: 
einerseits wird es sich darum handeln — ohne irgendwie 
ins Detail einzugehen — festzustellen, was für wesentliche Bestand- 
teile in den Lehren der Philosophen nicht durch objektive Erkenntnis 
gefordert, sondern durch unbewußte Wünsche bedingt erscheinen 
<diese Teiluntersuchung wird in die Frage auslaufen, welche Welt- 
anschauung sich auf dem Boden der Psychoanalyse mit Fug er- ' 
heben darf),- anderseits wird in einem zweiten Abschnitt, wenn 
auch sachgemäß nicht streng geschieden, der Versuch gemacht 
werden, die unbewußten Grundlagen der Persönlichkeit des Philosophen 
zu skizzieren. Vorab bemerke ich noch dieses: Festhaltend an dem 
von der Psychoanalyse vertretenen Prinzip der Schichtenbildung im 
Seelenleben, glaube ich keineswegs, mit dem Aufzeigen der untersten 
Schichte eine erschöpfende Konstitutionsformel <um einen Terminus 
aus der Chemie zu gebrauchen) des philosophischen Typus zu bieten/ 
ferner lege ich schon hier gegen den etwa erhobenen Einwand der 
Unvollständigkeit Verwahrung ein,- man wird von einem einzelnen 
nicht erwarten dürfen, daß er einen Urwald fällt, und sich zufrieden- 
geben müssen, wenn seine Axt da und dort eine Lichtung ge- 
schaffen hat, die einen freieren Ausblick ermöglicht. 

I. Die Systeme. 

Daß es im weiten Felde der Geschichte der Philosophie nur 
einige wenige, stets wiederkehrende Weltanschauungen — Vari- 
ationen im einzelnen abgerechnet — gibt, wird den nicht ver- 7 
wundern, der vom Studium des Unbewußten und seiner geringen • 
Anzahl pathogener Komplexe herkommt. 

Eine historische Übersicht über die Entwicklung des Problems 

1 In Erweiterung eines im Dezember 1912 in der »Wiener psychoanalytischen 
Vereinigung« gehaltenen Vortrages. 

. S , Zit ;^* L- z ' c &l e r' Der abendländische Rationalismus und der Eros. 
Diederichs, 1905, p. 216. 



INTERNATIONAL 

PSYCHOANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




176 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



eines Weltbegriffs und seiner Lösungen liefern, ja auch nur die aus 
dem Unbewußten stammenden Elemente in den einzelnen Systemen 
dartun, hieße den mir gesteckten Rahmen der Arbeit weit über^ 
schreiten,- ich will bloß bei einigen Philosophen, die typische Ver= 
treter einer bestimmten Weltanschauung zu sein scheinen, die Ver- 
mengung des Wunschmaterials mit dem Erkenntnismaterial 1 nach= 
weisen. Zunächst gilt es jedoch, ein verbreitetes Vorurteil zu zer- 
streuen: man neigt leicht dazu, einem philosophischen System, das 
logisch einwandfrei errichtet ist, deshalb auch den Wert der unbe= 
dingten Wahrheit zuzusprechen. Hier mag an Nietzsches aller= 
dings übertriebene Bemerkungen über die Bedeutung der Logik er- 
innert werden. Wir geben zwei bezeichnende Stellen aus »Jenseits von 
Gut und Böse« mit Vorbehalt wieder: »Hinter aller Logik und 
ihrer anscheinenden Selbstherrlichkeit der Bewegung stehen Wert= 
Schätzungen, deutlicher geredet, physiologische Forderungen zur 
Erhaltung einer bestimmten Art von Leben.« »Die Falschheit eines 
Urteils ist uns noch kein Einwand gegen das Urteil. Die Frage ist, 
wieweit es lebenfördernd, lebenerhaltend, vielleicht gar artzüchtend 
ist,- und wir sind grundsätzlich geneigt zu behaupten, daß die 
falschesten Urteile uns die unentbehrlichsten sind.« Das heißt: Logik 
ist ein Instrument, ein Mittel zu einem Zweck, oft nur ein will= 
fähriger Diener im Dienste einer Leidenschaft, eine »Laterne der 
Schritte des Willens« (Schopenhauer), nicht etwas in sich Be= 
ruhendes von unbedingtem Wert. Auch der Paranoiker, der Zwangs= 
neurotiker sind in ihren Folgerungen von großer logischer Treff= 
Sicherheit und dennoch spricht niemand ihren Produkten objektiv= 
realen Wert zu. Überscharfe Logizität ist manchmal — und hiemit 
berühren wir das Wesen der Scholastik — geradezu ein verdächtiges 
Symptom, Überkompensation eines gewissermaßen endopsychisch 
wahrgenommenen Mangels im Unterbau, der durch verdrängte 
Regungen geschaffen wurde. Man wird vielen in sich geschlossenen 
Systemen nicht leicht logische Fehler nachweisen können und braucht 
dennoch mit der Annahme nicht fehlzugehen, daß das Fundament 
des stolzen Baues nicht auf den Boden konkreter Tatsachen er= 
richtet ist, sondern von den Fluten der Leidenschaft getragen wird. 
Doch zurück zu der uns oben gestellten Aufgabe! 

Zwei Dinge sind es vor allem, die uns bei flüchtigster Durch= 
sieht der Philosophiegeschichte als metaphysische, nicht durch objek= 
tive Tatsachenbetrachtung, wohl aber durch eine Nötigung des Un= 
bewußten erforderte Dogmen erscheinen: der Begriff einer über= 
sinnlichen Welt und die Einführung Gottes in ein wissenschaftliches 
System. Übersinnlich ist »dasjenige, was prinzipiell nicht in die 

' H. Silberer, Phantasie und Mythos, Jahrb. II, 1910, p. 622. Unter 
Wunschmaterial verstehe ich hier — nicht ganz in Übereinstimmung mit Silberer, 
der darunter bloß infantile verdrängte Vorstellungen begreift — alle durch das 
Unbewußte des Subjekts, nicht aber durch objektive Erkenntnis geforderten 
Inhalte. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 177 

Sphäre des Sinnlichen hineingreift und daher prinzipiell nicht mit 
Sinnesorganen wahrgenommen werden kann«. <0. Ewald.) Nun 
sind viele täglich von uns im Munde geführte Begriffe übersinn^ 
liehe: die Materie ist etwas Übersinnliches ebensogut wie die Kraft 
oder das Ich als Bewußtseinssubjekt oder das Unbewußte. Man 
kann im Denken und Sprechen schlechtweg nicht auf Metaphysik 
verzichten. Verschieden von dieser gleichsam durch die Ökonomie 
unseres Denkens gebotenen Metaphysik ist die Annahme einer 
zweiten Welt, die häufig 1 einer durch unbewußte Motive be= 
bestimmten Tendenz zur Entwertung der gegebenen Realität ent^ 
springt, mag es sich nun beispielsweise um das Nirwana des 
Buddhismus, um die Ideenwelt Piatons oder um das Ding an 
sich Kants handeln. Mehr oder weniger verhüllt blickt der wahre 
psychologische Sachverhalt aus allen diesen Fiktionen hervor. 

Fassen wir zunächst das psychologische Phänomen, das im 
Laufe der Jahrtausende im Morgen* und Abendlande zu so ver* 
schiedenartigen Lehren geführt hat, näher ins Auge! 

Auf Grund der Forschungen Freuds und C. G. Jungs 
wissen wir, daß es in unserem Seelenleben zwei entgegengesetzte 
Strömungen-' gibt: die eine strebt vorwärts, von der Mutter, der 
Kindheit weg zur Eroberung der Außenwelt, durch sie löst sich 
der Heranwachsende, der das Realitätsprinzip auf seine Fahne ge= 
schrieben hat, von der Gemeinschaft mit dem unendlichen Leben, 
mit dem er im Mutterleib zusammenhing, los, um ein Individuum 
im höheren Sinne des Wortes zu werden. Nicht ohne schmerzliche 
Kämpfe vollzieht sich der Aufstieg zur Höhe des Lebens, doch den 
schlimmsten Feind trägt der Mensch in sich selbst, »die Sehnsucht 
nach rückwärts, nach dem eigenen Abgrund, dem Ertrinken in der 
eigenen Quelle, nach der Verschlingung in die Mutter. Sein Leben 
ist ein beständiges Ringen mit dem Tode, eine gewaltsame und 
vorübergehende Befreiung von der stets lauernden Nacht. Dieser 
Tod ist kein äußerer Feind, sondern ein eigenes und inneres Sehnen 
nach der Stille und tiefen Ruhe des Nichtseins, dem traumlosen 
Schlaf im Meere des Werdens und Vergehens«. 3 Die »Sehnsucht 
hin zur heiligen Nacht«, zur Mutter, wo der Unterschied zwischen 
Subjekt unef Objekt aufgehoben ist, ist die eine Quelle unserer 
Jenseitshoffnungen, sofern sie nicht, einem zähen Lebenswillen ent= 
Sprüngen, eine bloße Fortsetzung dieses Lebens voll Streit und 
Gefahr <mit einer leichten Korrektur) erstreben,- auch Kunst und 
Philosophie tragen in ihrem innersten Kern das Verlangen »nach 
dem Tode, der Bewegungslosigkeit, der Sättigung und der Ruhe«. 1 
Alle Entwicklung beruht auf einer Wechselwirkung dieser zwei 

1 Bezüglich der zweiten Quelle unserer Jenseitswünsche s. u. 
- Die bei Schopenhauer nicht recht hegreifliche Entzweiung des Willens 
wird durdi die Annahme zweier Richtungen in uns psychologisch verständlich. 

3 Jung: Wandlungen und Symbole der Libido, Jahrb. IV, 1912, p. 386. 

4 Jung: I, c. 

Imago H/2 12 



178 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



Strömungen. Der Schöpfer steigt immer wieder in die Tiefe seines 
Unbewußten herab, um Kraft zu neuen Werken und Taten zu ge- 
winnen. Jeder Fortschritt vollzieht sich in der Weise jener Echter* 
n acher Springprozession, bei der die Teilnehmer zwei Schritte vor* 
wärts und einen rückwärts machen müssen. 

Es liegt nahe, drei Typen von Menschen zu unterscheiden. 
Der eine, der Künstler, der Held, kehrt aus seinem eigenen Innern 
stets wiedergeboren herauf, »ein Antäus an Gemüte«, der den 
mütterlichen Ursprung berührt hat, der andere, der Neurotiker, 
ertrinkt in seiner eigenen Quelle, der dritte lebt ewig fremd seinem 
Unbewußten, aber auch ohne Außerordentliches zu vollbringen. 

Das Unbewußte ist das Typische, das Generelle, das Band, 
das uns mit der Geschichte unseres Geschlechtes und dadurch mit 
dem Leben des Alls überhaupt vereinigt, wohingegen das Bewußt* 
sein unseren eigensten Besitz, das wahrhaft Individuelle vorstellt. 
Wir verstehen von hier aus vielleicht, wie man immer wieder — 
auf dem Wege über die Tiefe unseres Ichs — als der Weisheit 
letzten Schluß die Ineinssetzung von Mikrokosmos und Makrokosmos, 
von innerstem Ich und zentraler Weltpotenz, von menschlichem 
Ätman und Atman des Universum verkündigt hat. Denn je weiter 
man in die Schichten seines Unbewußten hinabgelangt, je persön- 
licher die Tiefe zu werden scheint, desto mehr nähert man sich 
faktisch dem Allgemeinen. 

Wenn auch eine persönliche Unsterblichkeit unwahrscheinlich, 
ja ausgeschlossen ist, so leben wir doch gewiß in unseren Kindern, 
unseren Werken, in den Spuren unserer bildenden Tätigkeit fort. 
Das innere Erlebnis jedoch, das uns diesen Glauben eingibt, ist der 
im Unbewußten dunkel gefühlte Zusammenhang mit der Gene* 
rationskette, deren Glied wir sind. Ein solcher Glaube kann, falls 
er sich mit einer Entwertung dieses Lebens verbindet, »das Reich, 
das nicht von dieser Welt ist«, nur aus infantilem individuell* 
prähistorischem) Material aufbauen und entstammt einer rückwärts 
gerichteten Sehnsucht, deren Wurzel in Anpassungsschwierigkeiten 
<UnmögIichkeit des Verzichtes auf das Lustprinzip) begründet ist. 

In der dünnen Luftschicht allgemeinster Betrachtungen auf dem 
Berggipfel der platonischen Ideenlehre landend, haben wir uns 
zu fragen, welche unbewußten Kräfte an der Errichtung dieses 
hohen Baues schöpferisch tätig gewesen sein dürften. Doch ist 
Folgendes vorauszuschicken: Das ganz auf die Außenwelt gerichtete 
reine Auge des griechischen Volkes, das in seinen Philosophen von 
einem naiven Realismus zum Phänomenalismus <auf Grund des 
Mißtrauens in unsere sinnliche Wahrnehmung) übergegangen war, 
wendet sich erstmals mit Sokrates einer Betrachtung der Innenwelt 
zu. Diese für die Geschichte des abendländischen Denkens hoch be= 
deutsame und folgenschwere Tat, von Sokrates mehr als Forderung 
ausgesprochen denn erfüllt, vollzieht sich in großartiger Weise bei 
Plato, der dem Geist eine Richtung ins Transzendente wies, die man 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 179 

ganz allgemein als Piatonismus bezeichnen darf und in der das Christen^ 
tum durch zwei Jahrtausende schnurgerade weiterging. Die Wandlung, 
die sich seit dem siebenten und achten Jahrhundert allmählich in der 
griechischen Psyche vorbereitete, führte im fünften Jahrhundert im 
Gesamtleben des Volkes und im Leben des einzelnen zu tiefer^ 
gehenden Störungen: an die Stelle des geschlossenen Kampfes gegen 
den äußeren Feind, den Perser, trat der innere Zwist zwischen 
Stadt und Stadt, ja selbst innerhalb der einzelnen Stadt, die De= 
mokratie nimmt immer mehr überhand. In dieser Zeit, der Zeit des 
peloponnesischen Krieges, zeigt die Kunst ein ruhiges Antlitz von 
nie wieder erreichter Schönheit und verrät nichts von den Leiden= 
schaffen in der Brust der Künstler. Aber auch sie vermag nicht 
mehr die erregten Gemüter zu heilen, das Individuum wird asozial 
und sucht im Labyrinth seines eigenen Innern Trost und Zuflucht. 
Es beginnt die Geringschätzung der Außenwelt. Sokrates tritt auf 
und erklärt, er gehe nicht vor der Stadt spazieren, denn man könne 
von den Bäumen und Wiesen nichts lernen. Sein Fvi&rfhi aavtöv 
<die Forderung des delphischen Apollo) ertönt als eine ernste 
Mahnung in dem Getümmel der hellenischen Welt. 

Erst Pia ton hat den Bruch mit der Sinnenwelt vollzogen, 
nachdem bereits die Eleaten gelehrt hatten, daß hinter der Welt der 
Mannigfaltigkeit und des wechselnden Scheines das eine wahre Sein 
ruhe. Er, besser noch: Sokrates sind die Ahnherren des Ratio= 
nalismus, der die wahre Erkenntnis aus der Vernunft ableitet und 
das metaphysische An-sidi-sein der Dinge a priori und apodiktisch 
gewiß mittels intellektualer Anschauung zu erfassen vermeint. In 
dem schönen Buche von L. Ziegler »Der abendländische Ratio= 
nalismus und der Eros« wird gezeigt, wie das, was man später 
intellektuale Anschauung genannt hat, nichts anderes bedeutet wie 
den platonischen Eros, von dem im »Symposion« 1 die Rede ist. 
Der von Mystik fast ganz freie Rationalist Sokrates, bei dem das 
Daimonion, das Unbewußte nur warnenden, negativen, nicht positiv- 
schöpferischen Charakter trug, — hinter dem die Logik, um ein Bild 
Nietzsches in der »Geburt der Tragödie usw.« anzuziehen, wie 
ein Triebwerk stand, hinterließ seinem Schüler, in dessen Brust Be= 
wüßtes und Unbewußtes, Philosophie und Theologie ein Leben 
lang miteinander haderten, den Ausbau der Ideenwelt, die durch 
den »Begriff« gefordert wurde, als sein Vermächtnis. 

Diese Welt von übersinnlicher Reinheit, von unbewegter und 
unveränderter Hoheit ist bei Piaton nur auf künstliche weise mit 
der Welt der Erscheinungen in Einklang gebracht. Die Ideenwelt, 
das »Wesen«, öwcag ov, ovaia ist der Zweck des »Werdens«, ysvsoic, 
das, was in der Seele aus Anlaß der Wahrnehmung der Sinnen^ 
dinge unendliche Sehnsucht nach dem Urbild, nach der verlorenen 



1 Piatons Gastmahl. Ins Deutsche übertragen von Dr. Rudolf Kassner. 
Diederichs, p. 63 ff. 



12* 



180 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



Einheit erregt,- dieses Streben nach der Höhe, das auch in den zer= 
streuten und unvollständigen Erscheinungen waltet, aber ist der Eros, 
der philosophische Trieb, die platonische Liebe. 

Piatons metaphysischer Dualismus, unter dem Einfluß jener 
religiösen Strömung entstanden, die in den orphisch-dionysischen 
Mysterien ihren Ausdrude gefunden hat, ist eine Konsequenz seiner 
erkenntnistheoretischen Anschauung, die in dem Begriff etwas von der 
sinnlichen Wahrnehmung wesentlich Verschiedenes, und zwar quali- 
tativ Höheres, dem auch eine andere, wertvollere Wirklichkeit ent= 
sprechen müsse, erblickte. Diese jenseitige, immaterielle Welt aber 
ist nicht geistiger Art. Hatte bisher ein Strich Sinneswahrnehmung 
und Körperwelt getrennt, so wurde nun durch Plato die Grenz- 
linie zwischen diesen beiden als einer Einheit und dem Reich der 
Ideen, von dem sich nur die negative Eigenschaft des Immateriellen 
aussagen ließ, gezogen, wenn auch dieser Scheidung psycholo- 
gisch der Abfall des Geistes vom Körper, der Widerstreit von 
Bewußtem und Unbewußtem, mit einem wort: der anthropologische 
Dualismus 1 (man könnte beinahe von einem neurotischen Dua- 
lismus sprechen) zugrunde lag. 

Vor Plato mußte die bange Frage aufsteigen: Wie gelangen 
wir zur Kenntnis dieser unbewegt thronenden Ideenwelt, deren 
schwächster Abglanz im Menschen das logisch-sprachliche Abstrakt 
tum der Begriffe ist? Auf keine andere Weise, lautete die Antwort, 
als durch ein unmittelbar gewisses intellektuales Schauen, und diese 
Erwiderung entsprach völlig dem visuellen Typus des hellenischen 
Volkes. Die Induktion der Erfahrung konnte niemals ein unfehlbar 
sicheres Wissen um das A=priori=Sein verbürgen. 

Eine zusammenhängende Darstellung der Ideenlehre zu geben, 
ist nicht unsere Aufgabe,- es verlohnt sich aber, die intellektuelle 
Anschauung, den Eros, der in der folgenden Geschichte des Den- 
kens eine so wichtige Rolle gespielt hat, als unleugbar vorhandenes 
psychologisches Phänomen, das bloß eine falsche Deutung erfuhr, 
näher zu untersuchen. Leopold Ziegler hat in seinem oben er- 
wähnten Buch eine treffliche Schilderung dieser psychisch realen Er- 
fahrung — wir haben keinen Grund, an der Aussage so vieler be- 
deutender und wahrheitsliebender Männer zu zweifeln — unter- 
nommen und ist dabei dicht an die Grenze dessen, was die Psycho- 
analyse aufgezeigt hat, gelangt. Wir geben zunächst seine Gedanken 
gekürzt wieder <p. 66 ff.): Jede Konzentration des Bewußtseins 
auf einen einzigen Gegenstand hat ein erhöhtes Gefühl für die 
alleinige Wirklichkeit desselben zur Folge. Sucht der Mensch unter 
all dem Wandel der rastlosen Vorstellungszusammenhänge, die in 

1 Nietzsche hat im »Problem des Sokrates« die Behauptung aufgestellt: 
»Die Instinkte bekämpfen müssen — das ist die Formel der Dekadenz: solange 
das Leben aufsteigt, ist Glück gleich Instinkt.« Wir würden sagen: seine Triebe 
verdrängen müssen; aber darin liegt noch nicht einmal etwas Neurotisches, da die 
Neurose erst auf Grund der mißglückten Verdrängung entsteht. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur G esdiichte der Philosophie 181 

ihm auftaudien, eine einzige Vorstellung festzuhalten, so gelangt er 
bald dazu, diesem Objekt eine vergleichsweise höhere Wirklichkeit 
als der verschwindenden Gesamtheit der übrigen zuzuschreiben. Ist 
dieser Gegenstand auch noch durch seinen besonderen Inhalt von 
allen anderen verschieden, scheint er schon in sich durchaus aus- 
nehmend, unvergleichlich, beziehungslos und gewissermaßen absolut, 
so wird eine starke Konzentration auf dieses Objekt das Gefühl 
erwecken, als sei das gewöhnliche Dasein mit seinem gewohnten 
Geschehen verlassen, eine neue, schönere, über dem Weltgesetze 
der zeitlichen Kontinuität stehende Sphäre erreicht. Ein solches Ob= 
jekt »sui generis« finden wir in uns selbst vor, in der Betrachtung 
unserer reinen Innerlichkeit. Die Vorstellung des bei sich beharrenden 
Ichs ist, wie alle Objekte im psychologischen Sinn, frei von den 
Formen der Kausalität und der Räumlichkeit, hingegen verläuft sie 
in der Zeitlichkeit und besitzt eine gewisse Intensität <die Stärke 
der sie begleitenden Gefühle). Da aber eine jede Versunkenheit des 
Menschen in sich selbst, jeder Akt der Kontemplation eben dadurch 
ausgezeichnet ist, daß die Beziehungen zu allen übrigen Objekten 
außer dem eigenen Ich unterbrochen und aufgehoben sind, so fehlt 
auch die Möglichkeit, sich der Zeitlichkeit und Gefühlsstärke dieses 
Erkenntnisaktes bewußt zu werden, da alles Bewußtsein von diesen 
Dingen auf dem Vergleichen beruht und sofort aufhört, wo dieses 
unterbleibt. Aus dem subjektiven Gefühl nun, daß die Betracht 
tung des Ichs frei ist von den wichtigen kategorialen Gesetzen und 
Formen, denen unsere Vorstellungen unterworfen sind, wird die 
tatsächliche Unbedingtheit der Selbstbesinnung gefolgert und so 
aus dem uns nächsten Symbol des Ewigen das An=sich=seiende 
Ewige selbst gemadit. Der Anhänger des Eros vergißt, daß nur 
sein Gefühl im Augenblick der Selbstschau die Zeitlichkeit und 
Intensität seines Obje ctes aus dem Blickpunkt des Bewußtseins ver- 
loren hat, weil er aufhörte, seinen Zustand mit dem vorhergehenden 
und nachfolgenden zu vergleichen,- diese kategorischen Formen aber 
sind noch lange nicht in der Wirklichkeit aufgehoben, wenn sie sich 
dem beobachtenden Bewußtsein entzogen haben. Die selbstreflektierte 
Versunkenheit in das Ich wird zu einem tatsächlichen Verlassen der 
irdischen Welt und zu einem Verweilen im ewigen Ansich des 
metaphysischen Seins. Aus dem erscheinenden Abglanz des wahren 
Ansichs <?>, den wir gerade noch in glücklich-feierlidien Augen- 
blicken zu erhaschen vermögen, wird das Metaphysische an sich selber, 
aus dem angeschauten Ich der Urgrund der Welt, das »seiend 
Seiende«. 

Wir haben es hier, falls es sich um einen länger dauernden 
Zustand handelt, mit dem zutun, was Jung »Introversion« 
nennt. Die betreffenden Individuen schließen sich immer mehr von 
der Realität ab und versinken in ihre Phantasie, wobei in dem 
Maße, wie die Realität ihren Akzent verliert, die Innenwelt an 
Realität und determinierender Kraft zunimmt. Eine Folge ist, daß 



182 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



sich die Libido von den Objekten der Außenwelt auf das Ich zw 
rückzieht und sich in die Regression begibt, wobei die infantilen 
Imagines 1 wiederbelebt werden. Dieses Versinken in die eigene 
Tiefe, Heruntersteigen zu den »Müttern«, hat infolge der libidinösen 
Überbesetzung das ganz einzigartige Gefühl einer besonderen Wirk^ 
lichkeit zur Folge,- gegenüber dem Entstehen und Vergehen der 
Sinnenwelt, der wechselnden Libidobesetzung, herrscht hier Unver^ 
änderlichkeit, »Beharren« im Gegensatz zum »Heraustreten« und 
»Zurüddtehren« <ProkIus>. In dem Wesen der Libido, des Unbe^ 
wußten, wurzelt der Begriff der Ewigkeit, der nicht eine unendlidi 
lange Zeit vorstellt, sondern einer ganz anderen Bewußtseins^- 
dimension angehört. Die Ewigkeit fängt nicht erst an, wenn die 
Zeitlichkeit aufhört, sondern beide bestehen sozusagen überein^ 

ander. 

Die intellektuelle Anschauung besteht eigentlich in dem un= 
möglichen Verlangen eines dem visuellen Typus angehörenden Iridis 
viduums, sein eigenes Unbewußte, das Geheime, Verbotene zu 
schauen. Sobald man das Ineinanderfallen von Subjekt und Objekt 
nachgewiesen hat, verliert jeder Glaube an eine metaphysische Weit 
seine Berechtigung. Das erstrebte Schauen wird auf dem Höhepunkt 
der Ekstase beispielsweise bei Plotin durch eine grobsinnliche »Be= 
rührung« 2 , ein »lustvolles Erfassen des Absoluten« ersetzt und dieses 
Absolute selbst ist die eigene mütterliche Tiefe, das All=Eine, 
wo der Unterschied zwischen Subjekt und Objekt aufgehoben ist. 

Ziegler hat vergessen, seinen klaren Ausführungen hinzuzu- 
fügen, daß jede intensive Einkehr in sich selbst, jedes Zurückziehen 
von der äußeren Realität motiviert ist. Es ist jene früher be= 
schriebene regrediente Strömung des Seelenlebens, der wir uns vor 
allem im Falle der Versagung, d. h. bei einer Entbehrung im 
realen Leben, oder bei einer allgemeinen Libidosteigerung, die auf den 
bereits eröffneten Bahnen nicht befriedigt werden kann, überlassen. 
Die Libido, für die die Realität durch die hartnäckige Versagung 
oder Unmöglichkeit ihrer Befriedigung an Wert verloren hat, be= 
setzt unsere Gedankenbildungen, nun gilt nur mehr die von Freud 
sogenannte »neurotische Währung«, mit anderen Worten: die 
Übereinstimmung mit der äußeren Wirklichkeit wird gleichgiltig, die 
seelischen Vorgänge werden infolge ihrer Affektbetonung überschätzt. 
Doch nur mit einem Anteil seiner Persönlichkeit ist es dem Indi= 
viduum gelungen, auf die infantilen Bahnen zu regredieren, neue 
Wunschbildungen zu schaffen und die Spuren früherer, vergessener 
Wunschbildungen wieder aufzufrischen, der andere Anteil ist mit 
der Realität in Beziehung geblieben. Der daraus entstehende 
Konflikt wird Kompromißschöpfungen ins Leben rufen. Wenden wir 

1 Bezüglich der Bedeutung von »Imago« s. Jung, Wandlungen und Sym* 
bole der Libido, Jahrb. III, 1911, p. 164. 

2 Stammesgeschichtlich werden die Tastempfindungen als die ursprünglichen 
angesehen — eine phylogenetische Regression! 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 183 



uns nach diesen allgemein giltigen Erwägungen der platonischen 
Ideenlehre zu. 

Hatte schon bei Sokrates der Begriff gegenüber der sinn- 
lichen Wahrnehmung eine entschiedene Höherwertung erfahren, die 
mit einer Überschätzung der geistigen Realität zusammenhing und 
der Ausgangspunkt einer Problemstellung geworden ist, deren 
diarakteristisdie Äußerung der Universalienstreit des Mittelalters 
war, so wird bei PI ato die ganze Frage ungleich mehr vertieft und 
ins Metaphysische gewendet. Sokrates meinte, man gelange zu 
den Begriffen induktiv, an der Hand der Erfahrung. Hier war nur 
Wahrscheinlichkeit, nicht Gewißheit zu erreichen. PI ato hingegen, 
der der Erfahrung innerlich viel fremder 1 gegenüberstand, drang 
auf unmittelbare Gewißheit. In dem, was er bezeichnenderweise 
»Eros« nannte, in der intellektualen Anschauung, glaubte er die 
Methode gefunden zu haben, zur Kenntnis des An-sich-seins der 
Dinge vorzudringen. Diese Sehnsucht, das reine Urbild von neuem 
zu schauen und ihm im begrifflichen Denken ähnlich zu werden, 
projiziert Plato auch in das Sinnending selbst, dem er ein gleiches 
Streben nach dem Übersinnlichen, ein gleiches Verlangen, die Idee 
in sich darzustellen, zuschreibt. 

Indem sidi Plato aus Gründen, die wir bloß vermuten, nicht 
wissen können (verdrängte Homosexualität?), in die Innerlichkeit 
zurückzog, löste er sich von den sinnlichen Vorstellungen der Außen- 
welt los, um zu den allgemeinen Begriffen aufzusteigen. Dieses 
Allgemeine, das in der äußeren Realität nicht anzutreffen war, er» 
hielt nun aus der eben erwähnten Ursache eine intensive Gefühls- 
verstärkung, bot anderseits auch an und für sich infolge seiner 
Eigenschaft, vieles einzelne unter sich zu fassen, diesem über- 
geordnet zu sein wie der Vater seinen Kindern, die Möglichkeit, als 
eine Art Kompromißbildung zwischen den wiederbelebten infantilen 
Imagines des Unbewußten und dem in Relation zur Außenwelt ver- 
bliebenen Stüdt der Persönlichkeit zu gelten. Wem diese Auffassung 
des Begriffes unglaubhaft dünkt, sei daran erinnert, daß sich Vor- 
läufer der Platonischen Idee bei den Peruanern, den Irokesen 
Nordamerikas, den Bewohnern der samoanischen Inselgruppe und 
den Finnen gefunden haben: das einer Erklärung bedürftige Vor- 
handensein einer Anzahl gleichartiger Dinge wird auf die Erzeugung 
durch ein Urwesen zurückgeführt, das bald als ein älterer, den 
fraglichen Wesen an Kraft und Größe überlegener Bruder, bald als 
ihr im Land der Seelen wohnendes Urbild, bald als der auf einem 
Stern wohn hafte Gott oder Genius betrachtet wird 2 . 

1 Man wende mir nicht ein, daß Plato beständig vom Streben nach Ver= 
besserung der äußeren Welt geleitet wurde, also keineswegs bloß Theoretiker war. 
Eben in jenen mißglückten Reformversuchen verrät sich nur allzudeutlich der 
Glaube an die Allmacht seiner Gedanken. Auch die sokratische Gleichsetzung von 
Einsicht und (praktischer) Tugend ist für diese Überschätzung des rein Geistigen 
charakteristisch. 

2 Vgl. Gomperz, Griechische Denker, II., p. 320,573. 



184 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



Es klingt wie eine endopsychische Wahrnehmung der tat- 
sächlichen Determiniertheit des logisch-spradhiidien Abstraktums durch 
das Unbewußte bei Plato, wenn dieser in leidenschaftlichen Worten 
eine diesen blassen Ideen entsprechende höhere Wirklichkeit fordert. 
Als solche bot sich nur »das angst nicht mehr Vorhand'ne« — die 
»Mütter«, »umschwebt von Bildern aller Kreatur« 1 . Hätte uns nicht 
Goethe den Schlüssel zur Lösung des Geheimnisses in die Hände 
gespielt, wir fänden vielleicht einen bedeutsamen Hinweis auf die 
»Imagines« des Unbewußten in dem platonischen Vergleich der Idee 
des Guten mit der Sonne, die ein in der Mythologie sowohl als 
auch in der Psychose und Psychoneurose geläufiges Vatersymbol 
ist,- jene Sehnsucht nach der metapsychischen Wirklichkeit, »wo nicht 
Ort, noch weniger eine Zeit« <!>, heißt bei Piaton — Eros, Philo- 
sophieren ist ihm Sterbenwollen, d. h. der Wunsch, ins Unbe- 
wußte wieder einzugehen, zu introvertieren, an einer anderen Stelle 
wieder Erinnerung, und zwar an die infantile Präexistenz, von der 
der Erwachsene ja gewöhnlich durch gänzliche Amnesie ge= 
trennt ist. 

Die dem Unbewußten eigentümliche Veränderungslosigkeit der 
Imagines kommt in der von Plato den Ideen verliehenen starren 
Ruhe trefflich zum Ausdruck,- die Körperwelt dagegen ist die Welt 
der Unruhe, des Entstehens und Vergehens, das bedeutet die ewig 
wechselnde Libidobesetzung der Objekte, denn immer sucht man das 
verlorene Ideal, ohne es zu finden. Liebt man aber einmal einen 
irdischen Gegenstand, so liebt man ihn nur als Bild des intelligibeln. 
Erinnert das nicht an die Bemerkungen Freuds über die Reihen- 
bildung bei der Objektwahl nach dem Vorbild der Mutter? Der 
Begriff der platonischen Liebe, wie er heute verstanden wird, erhält 
in diesem Zusammenhang einen sehr guten Sinn: er bezeichnet eine 
libidinöse Gefühlseinstellung, deren Aktivierung wohl durch unbe- 
wußt-inzestuöse Phantasien <oft die Ursache der psychischen Im- 
potenz) verhindert wird. 

In großartiger Weise projiziert Plato den Eros in den ge- 
samten Lebensprozeß der sichtbaren Welt. Das ganze Weltall 
beherrscht der Trieb, in der unendlichen Reihe der sinnlichen Er- 
scheinungen die ewige Wahrheit und Schönheit der Idee zur Dar- 
stellung zu bringen. Die Idee ist das sehnsuchtweckende Bild und 
so Ziel und Zweckursache des irdischen Treibens. 

Wir haben oben flüchtig erwähnt, welch mächtigen Einfluß die 
orphisch-dionysische Religion auf Piatos Anschauungen von 
einem Jenseits ausgeübt hatte. In diesen Vorstellungskreis gehört auch 
die Auffassung, der Eros sei der Schmerz, womit der Dämon, 
der durch eigene rätselhafte Schuld in die Geburt gestürzt 2 

1 Denn woraus soll eine solche zweite wesensverschiedene Welt erbaut 
werden, wenn nicht aus dem prähistorischen Material des Individuums? 

8 Der Ausdruck »Sturz in die Geburt« findet sich nicht nur bei den 
Orphikern, sondern auch im Buddhismus. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 185 

sei, nach dem verlorenen Paradies seines reinen und eigentlichen 
Wesens zurückverlange. Es ist wiederum nichts anderes wie jene 
Sehnsucht nach der Kindheit, die also symbolisch verhüllt auftritt, 
das dunkle Sdiuldgefühl mag in längst verdrängten infantil=sexuellen 
Regungen und Todeswünschen wurzeln. Nicht nur hier, auch in der 
Denkweise primitiver Völker finden wir die Identifizierung des 
Eintrittes in die Pubertät, in das Stadium der verstärkten Sexuali- 
tät mit einer Geburt 1 . 

Ziehen wir die Summe. Die Ideenlehre Pia tos stellt sich uns 
ihrem letzten Grunde nach <wir sehen von dem intellektuellen Über» 
bau ab) als eine Libidotheorie dar, die eine Richtung unserer 
Psyche, jene »passion de la paresse« <La Rochefoucauld), von 
der Jung in seiner bedeutenden Arbeit »Wandlungen und Symbole 
der Libido« 2 handelt, in wundervoll durchgeistigter Weise zum 
Ausdruck bringt. Mit einem wissenschaftlichen Durchdringen der 
äußeren Wirklichkeit 3 hat sie freilich nichts zu tun. Das hindert aber 
nicht, daß sie den allergrößten Einfluß auf die folgenden Denker 
ausgeübt hat, wodurch sie ihre psychologisch^reale v7urzel in der 
menschlichen Natur bewährt. Mit Sokrates=Plato beginnt die Er« 
oberung der Innenwelt. Fast scheint es, als wäre in jenem Jahr« 
hundert die Neurose 4 des abendländischen Denkens ausgebrochen, 
von der wir uns heute noch nicht befreit haben. Das Christentum 
fällt unter den erweiterten Begriff des Piatonismus — das Jenseits 
als Wille zur Verneinung der Realität! »Aber an der Wirklichkeit 
leiden, heißt eine verunglückte Wirklichkeit sein.« 

Kehren wir noch einmal zu dem, was wir oben intellektuelle 
AnsöSauung nannten, zurück. 

Wir haben gesehen, daß sie in dem Verlangen bestand, das 
Metaphysische, wir dürfen dafür einsetzen: das Metapsychische, mit 
dem inneren Auge zu schauen s . Die unmittelbare Gewißheit, auf 
die das Individuum stürmisch drang, erinnert uns beinahe an die 
Zweifel der Zwangskranken und ihr Streben nach Sicherheit, indes 
die Betonung des Sehens einen Hinweis auf den sogenannten visu« 
eilen Typus enthält. Nicht ohne einiges Zögern werfe ich an dieser 
Stelle die Frage auf, inwieweit vielleicht ein Zusammenhang zwischen 
diesem »type visuel« und dem infantilen Schautrieb, den das Ver« 
botene zu schauen reizt, besteht. Über die Zusammenstellung der 
intellektuellen Anschauung mit diesem Schautrieb wird sich wohl 

1 Vgl. Frazer, Totemism and Exogamy, IV, p. 228 u. passim. 

2 Jahrb. III und IV, 1911 und 1912. 

3 »Er dringt in die Tiefen, mehr um sie mit seinem Wesen auszufüllen, 
als um sie zu erforschen.« Goethe über Plato. 

' Man darf vielleicht im übertragenen Sinn von Neurosen einer Massen» 
psyche sprechen. Der Vergleich ist natürlich nicht wörtlich aufzufassen. Und es ist 
— etwaigen Einwendungen gegenüber — hinzuzufügen, daß die Neurosen den 
Fortschritt machen helfen. 

5 Bei Fichte ist die intellektuelle Anschauung die unmittelbare Auffassung 
des reinen Ichs, das nichts anderes wie unser Unbewußtes bedeutet. 



186 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



nur derjenige entrüsten, der die Vorbildlichkeit des Sexuellen noch 
nicht kennen gelernt hat. Wie eine auf höherem Niveau erfolgende 
Wiederkehr der verpönten und verdrängten Schaulust — deren 
genauere Untersuchung uns tief in das Studium der infantilen 
Sexualität und speziell des Narzißmus hineinführen würde — mutet 
uns die infolge der Abkehr von der Realität libidinös überbesetzte 
Selbstbetrachtung des Denkers an, der, ein geistiger Narziß, seinem 
Denken förmlich zuschaut. Sein tiefstes Verlangen geht aber dahin, 
nicht mehr sein bewußtes psychologisches Ich, sondern sein Unbe- 
wußtes, den »Willen« Schopenhauers, das »Fünklein« Meister 
Eckharts zu erblicken. 

Freud hat einmal die Phasen einer Zwangsneurose ganz all- 
gemein folgendermaßen beschrieben: An Stelle des verdrängten 
Sexuellen tritt eine affektvoll akzentuierte Handlung, die möglichst 
weit davon entfernt ist, das Sexuelle setzt sich aber dann doch so= 
weit durch, daß es in der Zwangshandlung geradezu nachgeahmt wird. 
An diese Bemerkungen wird man erinnert, wenn man den Er= 
kenntnisprozeß bei einem Mystiker wie Eck hart beschrieben findet. 
»Das Erkennen«, heißt es dort, »setzt Gleichartigkeit voraus im 
Erkennenden und Erkannten. Schon das sinnliche Wahrnehmen be= 
deutet eine reale Vereinigung zwischen dem Wahrnehmenden und 
dem Wahrgenommenen.« Die Auffassung des Erkennens als einer 
geschlechtlichen Vermischung ist übrigens uralt und findet sich be= 
kanntlich schon in der Bibel. »Er erkannte sie«, d. h. er begattete 
sie, da die Erkenntnis ursprünglich vor allem auf das Sexual- 
geheimnis geht <auch im Englischen: »He new her«). Der Prozeß 
der Selbsterkenntnis, die an sich den idealen Fall der Gleichartigkeit 
um Subjekt und Objekt darstellt, ist, wenn sexualisiert, nicht nur 
durch seinen Inhalt, sondern auch durch die Tätigkeit des eigenen 
Denkens lustvoll <Funktionslust>. An irgendeiner Stelle spricht Freud 
von einem »Mißbrauch des Denkens« — ein Ausdruck, dem man 
angesichts mancher unfruchtbaren metaphysischen Spekulation nur 
zustimmen kann. Vielleicht paßt auch der Ausspruch Lessings in 
diesen Zusammenhang, daß ihm mehr am Suchen der Wahrheit als 
an ihr selbst gelegen sei. 

Es ist bedeutsam, daß der Mystiker Eckhart den Vorgang 
der Erkenntnis des eigenen Ichs als göttliche Dreieinigkeit 1 darstellt. 
Ich setze einige bezeichnende Stellen aus Eckhart hieher: »In dem 
klaren Spiegel der Ewigkeit, dem ewigen Sichselbstwissen des 
Vaters, da gestaltet er ein Abbild seiner Selbst, seinen Sohn. In 
diesem Spiegel bilden sich alle Begriffe ab und man erkennt sie 
darin,- freilich nicht als Kreaturen, sondern als Gott in Gott.« 
Außer Gott ist bei Eckhart die Kreatur ein lauteres Nichts. »Das 
reine Wissen als Beziehung der Seele auf sich selbst ist immateriell 
und hat mit Raum und Zeit nichts zu schaffen« <vgl. das oben über 

1 Schlegel hat einmal die Hegeische dialektische Methode die Methode 
der Dreieinigkeit genannt. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 187 

die intellektuelle Anschauung Gesagte). »Diabolus est Deus inversus« 
das Böse ist der verkehrte Wille des Guten. »Gott liebt nichts als 
sich selbst oder sein Gleichnis in allen Dingen« (hier wird der 
Narzißmus im Gegensatz zur Objektliebe deutlich ausgesprochen,- 
man denke auch an die Liebe Gottes bei Spinoza). 

»Durch den Akt des in sich selbst Reflektierens wird die Natur 
zur Person und als Person heißt die Natur , Vater'.« Schließlich: 
»Die Reflexion in sich ist das Wissen, der Vater ist also die reine 
Vernunft, die sich selbst vollkommen durchschaut. Das Objekt dieses 
Wesens ist der Sohn oder das Wort und die Liebe zwischen Vater 
und Sohn, als ihre ewige gegenseitige Beziehung aufeinander, ist 
der heilige Geist.« Hier wird Erzeugen und Sprechen gleichgesetzt. 
Aus diesen und ähnlichen Aussprüchen Eckharts geht auch her= 
vor, wie groß die Rolle des Narzißmus vornehmlich bei den My= 
stikern ist. So, wenn sie beispielsweise lehren, daß im Paradies ein 
jedes Ding sich im anderen spiegelt, der Baum im Menschen, der 
Mensch im Tiere usw 1 . 

Was hier als Vergleich gebraucht wird: das Bewußtseins= 
subjekt setzt das Bewußtseinsobjekt, der Geist erzeugt das Wort — 
so gebiert der Vater den Sohn, kann für uns, die wir keinen Zu= 
fall im Psychischen anerkennen, nicht ohne Bedeutung sein. Die Ver= 
mutung ist vielleicht nicht völlig abzuweisen, daß der an und für 
sich neutrale Akt der Selbstbetrachtung <der die psychologisch inter= 
essante Frage nahelegt, ob es sich dabei um eine tatsächliche 
Gliederung in Bewußtseinssubjekt und ^objekt handelt) dem Miß= 
brauch ausgeliefert wurde, »den die weggelogene und verdrängte 
Sexualität mit den höchsten seelischen Funktionen treibt» 2 . Gefühle, 
die dem Vater gegenüber unterdrückt werden mußten, steigen aus 
Tiefen der Verdrängung herauf und hypostasieren zwei Bestand= 
teile des Erkenntnisvorganges zu zwei Personen, wobei sie die 
Zweideutigkeit des Wortes »Erkennen« und seine erkenntnis= 
theoretische Auffassung <reelle Einigung mit dem Objekt) benützen, 
um libidinöse Beziehungen zwischen diesen zwei nicht scharf von- 
einander zu sondernden Gliedern des einen Aktes herzustellen. 
Möglich, daß die Relation zwischen Vater und Sohn, den PersonU 
fikationen von Bewußtseinssubjekt und =objekt, das unbewußte 
Motiv jenes Rückzuges vor der Außenwelt war, der den Narziß= 
mus und die Mißachtung der Kreatur als lauteren Nichts zur Folge 
hatte. Und die auch anderwärts ausgesprochene Meinung, daß ein 
tieferer Zusammenhang zwischen Narzißmus und Homosexualität 
bestehe, würde in diesem Falle wenigstens keinen Widerspruch er= 
fahren. Die älteste Form der Beziehung zwischen zwei gleiche 

1 Zit. nach R. Kassner: Der indische Gedanke, Inselverlag, 1913. — 
Nietzsche: »Im Grunde spiegelt sidi der Mensch in den Dingen, er hält alles 
für schön, was ihm sein Bild zurückwirft: das Urteil ,schön' ist seine Gattungs- 
eitelkeit.« 

* Jung, Jahrb. IV, p. 346. 



188 Alfr. Frh. v. Winterstein 



geschlechtlichen Individuen, die noch überdies einander oft sehr 
ähnlich sind, die Identifikation mit diesem väterlichen Sexualobjekt 
— und die beim Narzißmus vorhandene Identität mit dem Gegen- 
stand seiner Liebe: ich glaube, das spricht deutlich genug für eine 
Annäherung der zwei Phänomene. Sublimierte Homosexualität und 
geistiger Narzißmus sind bei Eckhart gewissermaßen auf einen 
Ausdruck gebracht 1 . 

Hinter Gott, der Einen göttlichen Natur, die sich »zu einer 
Dreiheit von Personen entfaltet, indem sie sich selbst erkennend sich 
anschaut als ein reales Objekt ihres Erkennens und sich in Liebe 
und Freude an diesem ihrem Tun immer wieder in sich zurüdtnimmt«, 
ruht das in sich selbst verborgene Absolute, die Gottheit. Wir 
dürfen wohl sagen: der kleinere Kreis des Bewußten und seiner 
Erkenntnistätigkeit ist vom größeren Kreis des Unbewußten einge- 
schlossen. Die sittliche Aufgabe besteht nach Eckhart darin, sich 
durch unmittelbare Anschauung mit dem Absoluten zu vereinigen 
und so die Gottheit lustvoll zu besitzen. Das heißt mit anderen 
Worten : man soll in die eigene Tiefe steigen und sich seiner infantil 
gebundenen Libido hingeben. Das Sollen drückt nur die für 
Eckhart natürliche Richtung der rückläufigen Strömung im Seelen- 
leben aus. Auch hier liegt dasselbe Mißverständnis wie bei dem 
oben erwähnten Begriff der Ewigkeit vor : etwas, was höchstens als 
Symbol des Absoluten gelten kann, der in der Mutter wurzelnde 
Urgrund des Individuums, wird für das Absolute selbst ausgegeben. 
Vergleichen wir Mystik und Rationalismus, so sehen wir, wie 
innig beide zusammenhängen 2 . Man könnte sagen: der Rationalis= 
mus ist eine aufgeklärte Mystik, die Mystik ein theologischer 
Rationalismus. Beim Rationalismus heißt das metaphysische An=sich- 
sein nicht mehr Gott, bei ihm überwiegt der Erkenntniszweck, indes 
der Mystiker vor allem die Vereinigung mit der Gottheit im Auge 
hat. Beide bedeuten einen Fortschritt gegenüber den Projektionen 
der Religion, indem sie das tiefste Geschehen in das menschliche 
Gemüt verlegen. Und von da ist der Weg nicht mehr allzuweit zu 
ihrer Interpretation als (verschobene und symbolisch verkleidete) 
Libidotheorien. Mag man über jene Entgötterung der Welt auch 
klagen : aber möge man nicht vergessen, daß noch genug des Rätsel- 
haften und Schicksalsmächtigen in der eigenen Seele bleibt. 

» Über den Mystiker hat L. Feuerbach in den Noten zum »Wesen des 
Christentum« <Kröners Volksausgabe, p. 181> nachstehende treffende Worte ge= 
sagt: »Sein Kopf ist stets umnebelt von den Dämpfen, die aus der ungelöschten 
Brunst seines begehrlichen Gemüts aufsteigen.« Ferner: »Er setzt sich einen Gott, 
mit dem er in der Befriedigung seines Erkenntnistriebes unmittelbar zugleich seinen 
Geschlechtstrieb, d. h. den Trieb nach einem persönlichen Wesen befriedigt. So ist 
auch nur aus der Unzucht eines mystischen Hermaphroditismus, aus einem wol- 
lüstigen Traume, aus einer krankhaften Metastase des Zeugungsstoffes in das 
Hirn das Monstrum der Schellingschen Natur in Gott entsprossen,- denn diese 
Natur repräsentiert, wie gezeigt, nichts weiter, als die das Licht der Intelligenz 
verfinsternden Begierden des Fleisches.« 

2 Vgl. auch L. Zieglers op. cit., p. 70. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Ge schichte der Philosophie 189 

Schon mehr als einmal war im Verlaufe dieser Arbeit vom 
Gotresbegriff die Rede. Bevor wir nun zur Besprechung der kosmo- 
gomschen Phantasien — denn das sind die philosophischen Systeme 
die üott an den Anfang setzen — übergehen, wollen wir einen 
Augenblick Halt machen und die möglichen Bedeutungen des Gottes- 
begriffes ganz flüchtig betrachten. Gott ist, abgesehen davon, daß er 
eine Erhöhung des Vaters 1 darstellt, eine Personifikation psychischer 
Phänomene. Er kann einmal — mit einigen Einschränkungen — 
als Projektion der wunscherfüllenden, allmächtigen, allweisen endo- 
psychischen Instanz des Unbewußten gelten, welch letztere während 
unseres ganzen Lebens das leistet, was der Vater nur dem be- 
wundernden Kind zu leisten schien. Auch der Kindern, Primitiven 
und gewissen Neurotikern eigentümliche Glaube an die »Allmacht 
der Gedanken« <Freud> erschafft sich, wenn ihn die Wirklichkeit eines 
anderen belehrt, in Gott eine Wunscherfüllung, vielleicht auf dem Um- 
wege über den Vater, unser erstes Ideal. Wir wissen, daß das Kind 
seinem Gotte die Züge des Vaters, des zornigen und des liebenden 
<AItes und Neues Testament), leiht und sich der Erwachsene in 
Momenten der Hilfsbedürftigkeit in den Schutz dieser infantilen 
Macht begibt. 

Der Teufel, »Deus inversus», der eine Personifikation unseres 
elementaren Trieblebens <Freud> vom Standpunkt des ablehnenden 
Bewußtseins <oder auch der entgegengesetzt gerichteten, regredienten 
Strömung im Seelenleben) ist, kann, wenn er als von Gott ab^ 
fallend dargestellt wird, die im Verhältnis zum Vater existierende 
Komponente des Hasses bedeuten, während Gott auch ein Symbol 
unseres Bewußtseins, unserer höchsten Sexualverdrängung, unserer 
sittlichen Persönlichkeit, kurz: unser Ideal ist. 

In der Auffassung des Verhältnisses Gottes zur Welt kann 
man zweierlei Systeme unterscheiden: das Emanation s- und das 
Kreationssystem 2 . Dem erstgenannten begegnen wir in der grie- 
chischen Philosophie zuerst bei Heraklit und dann bei den Stoikern 
Beide fassen das Wesen Gottes als feurige, erwärmende und 
bildende Kraft auf <Urfeuer bei Heraklit, löyog a^CEQfiariy.öc bei 
den Stoikern), die alles in der Welt in ewig erneutem Kreislauf 
aus sich hervorgehen und in sich zurückströmen läßt, wobei das 
Ganze das Beharrende, sich ewig neu Erzeugende ist <Schwegler). 
Die Welt ist also eine Ausstrahlung Gottes in der Art, daß die 
mittelbare oder entferntere Emanation einen geringeren Grad von 
Vollkommenheit besitzt als ihr Prinzip, daß demnach die Gesamt- 
heit des Seienden ein absteigendes Stufenverhältnis darstellt. Die 
ümanationslehre findet ihre großartige Ausgestaltung bei den Neu- 
platonikern, später bei Scotus Eriugena und Meister Eck- 
hart, in d er neuzeitlichen Philosophie kehrt sie beispielsweise bei 

projiziert.« D Fre?f MsbedeUtUng dö ***** ' St in Gott a,s äulkrliAe MaAl 
- Thomas von Aquino hat einen Mittelweg eingeschlagen. 



190 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



Jakob Böhme und Spinoza 1 (dessen Auffassung sich in vielen 
Punkten eng mit der stoischen berührt) wieder. Dem Kenner der Psycho= 
anaiyse erscheint diese ganze Theorie, die sich auch im Wahn* 
System des geistvollen Paranoikers Schreber 2 findet, als eine Pro* 
jektion gewissermaßen endopsychisch wahrgenommener Libidovor* 
gänge, als eine Darstellung der Emanation der beim Ich im 
Stadium des Narzißmus 3 verbleibenden Triebe, die zur Objekte 
besetzung führt, und der immer wieder zu diesem Ausgangspunkt 
erfolgenden Regression 4 . »Im Wechsel liegt Erholung«, sagtHeraklit. 
Ein solches Alternieren zwischen den zwei Strömungen gehört 
vielleicht zu den normalen Vorgängen in uns. Und der Unterschied 
im Rang, den beispielsweise ein Plotin zwischen dem »Unendlich* 
Einen«, wo die Entgegensetzung von Subjekt und Objekt aufge* 
hoben ist, und der sinnlichen Welt als der entferntesten Emanation 
macht (vovg und Seele sind eingeschobene Glieder dieses kosmo* 
logischen Prozesses), drückt auf recht bezeichnende Art die ver* 
schiedene Bewertung von eigenem Sexualsubjekt*Objekt und dem 
fremden Libidoobjekt aus. Auch das von Plotin angewendete 
Gleichnis des Lichtes, welches, ohne selbst an seinem Wesen einzu* 
büßen, in die Finsternis strahlt, deutet geradeso wie die »Gottes* 
strahlen« Schrebers auf ein Libidosymbol. Ich erinnere ferner an 
das, was ich oben über die intime Beziehung von Narzißmus und 
»Vaterimago« (Gott) gesagt habe. 

Der vom Neuplatonismus wie von aller Mystik erstrebte 
subjektive Zustand der Ekstase, wo das Subjekt »sich des Abso* 
luten innerhalb seiner selbst bemächtigt, es umarmt (!>, wo das 
innere mystische Schauen 5 einer Berührung (änlcoaig) des Absoluten 
gleichkommt, wo das Subjekt sich vom Absoluten erleuchtet und 
erfüllt fühlt«, ist uns ebenfalls seinem Wesen nach schon bekannt 
(gesteigerte Introversion,- die Vaterimago trinkt wie der Schatten in 
der griechischen Unterwelt gewissermaßen Blut und erwacht zu 
vollem Dasein). Der vermutete Zusammenhang zwischen Narziß* 
mus und infantiler, konstitutionell verstärkter Schaulust — Alfred 
Adler würde von einer Triebverschränkung sprechen — wird durch 
die große Bedeutung, die in den Plotinischen »Enneaden« dem 
»ftsooeZv« eingeräumt wird, bis zu einem gewissen Grade bestätigt. 

1 Welcher Unterschied freilich zwischen dem Urfeuer Heraklits und der 
abstrakten Substanz Spinozas! 

2 »Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken«, Leipzig 1903, Mutze, p. 19. 

3 Vgl. Freud, Psychoanalyt. Bemerkungen über einen autobiographisch be-> 
schriebenen Fall von Paranoia, Jahrb. III, 1911, p. 54. 

* Ich erinnere hier auch an die drei Momente des dialektischen Prozesses 
bei Proklos: Beharren, Heraustreten, Zurückkehren, Movi), Jt£)öoöoc, £ntazQO(pr). 

Das mystische Fühlen der Gottesnähe, das sogenannte persönliche innere 
Erlebnis. 

8 Die narzißtische Lust am eigenen Gliede ist mit der Lust, die Genitalien 
des anderen zu schauen, verschränkt. — Schreber macht auf p. 16 seines oben 
zitierten Buches folgende Bemerkung: »Die Seligkeit bestand in einem Zustand 
ununterbrochenen Genießens, verbunden mit der Anschauung Gottes.« 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Gesc hichte der Philosophie 191 

In der III. Enneade, Buch 8, antwortet die Natur jemandem auf 
die Frage: »Weswegen schaffst du?« »Weil ich eine schaulustige 
Natur bin.« Und über den Narzißmus, der unser aller Denkweise 
beherrscht, äußert sich Plotin in der V. Enneade, Buch 8, wie 
folgt: »Wir indessen, die nicht gewöhnt sind oder nicht verstehen, 
in das Innere zu schauen, jagen dem Äußeren nach, ohne zu 
wissen, daß es das Innere ist, was uns bewegt,- wir gleichen einem 
Menschen, der beim Anblidc seines eigenen Bildes nicht wüßte, wo-- 
her es kommt, und ihm nachjagte.« 1 

Wir sagen nichts Neues, wiederholen vielmehr nur mit 
anderen Worten schon Gehörtes, wenn wir dem Gedanken Aus= 
druck geben, daß dieses Absolute, mag es nun (mit deutlichem Hin= 
weis auf seinen Svmbolcharakter) Urfeuer, Gottheit, Erstes, Sub= 
stanz, Geist, Wille oder wie immer heißen, oft gegenüber der 
flüchtigen, veränderlichen Sinnenwelt die unveränderliche Libido 
gegenüber ihren ewig wechselnden Besetzungen bedeuten kann. Im 
»Rigveda« ist die Welt direkt als Libidoemanation aufgefaßt. In 
Wagners »Tristan und Isolde« kommt es auf dem Höhepunkt der 
Liebesraserei zu einem Weltuntergange. Indes hier das SexuaU 
objekt alle der Außenwelt geschenkten Besetzungen an sich zieht, 
saugt während des stürmischen Stadiums der Paranoia das Ich des 
Kranken selbst diese Besetzungen ein, wodurch die Weltkatastrophe 
herbeigeführt wird 2 . 

Das Versinken in die eigene Libidoquelle, das Verlangen, 
in die eigenen Eltern wieder einzugehen, den Weg von neuem zu 
betreten, der in die dunkelste, fernste Vergangenheit, ins Absolute 
zurückführt, drückt auch den Wunsch jener mächtigen Strömung 
in unserem Innern aus, zu einem neuen und anders beschaffenen 
Leben geboren zu werden. Wie hier kosmisches und egoistisches 
Gefühl durcheinanderspielen, läßt sich im einzelnen nicht mehr sagen. 
Im Absoluten ist der Unterschied zwischen Subjekt und Ob= 
jekt ausgelöscht. Dies wird von dem Individuum als lustvoll 
empfunden und ist unseres Erachtens von wesentlicher Bedeutung 
bei den ästhetischen Einfühlungsvorgängen. Vielleicht liegt darin 
eine Art Sehnsucht nach dem Zustande vor der Geburt 3 . 

Abschließend möchte ich noch die Emanationstheorie ' 
J. Böhmes mit wenigen Worten berühren. Da ist vorerst seine 
Lehre von der ewigen Natur in Gott. Der anthropologische Dualis= 
mus zwischen Materie, LInreinem, Finsternis auf der einen und 
Geist, Bewußtsein, Licht auf der anderen Seite wird in Gott, den 

' Nach einem alten Mythus war Bacchus, als er sich in einem Spiegel be= 
trachtete, j;o entzückt von seiner Schönheit, daß er die Natur nach seinem Bilde 
formte. (£,it. bei O. Kiefer, Die Enneaden des Plotin, Diederichs, 1905.) 

-' Freud, Psychoanalytisdie Bemerkungen über einen autobiographisch be- 
schriebenen Fall von Paranoia, Jahrb. III, p. 61. 

3 Vgl. Karl Joel, »Das Urerlebnis«. Zit. bei Jung, Jahrb. IV, p. 316. 

4 Eigentlich eine Verbindung von Emanation und Kreation. 



192 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



gemeinsamen Urgrund, als von Anfang an bestehend, verlegt — 
eine Umgehung, nicht eine Lösung des Problems von Körper und 
Geist. Hier wird der Widerstreit von Bewußtem und Unbewußtem 
unnötigerweise auf Gott übertragen, Gott ist bei Böhme nichts 
anderes wie eine Projektion seiner eigenen neurotischen Psyche. Es 
ist, als ob Böhme den Konflikt, dessen Lösung für ihn zu schwer 
war, vertrauensvoll seinem Vater übergeben hätte. Da ihm ein 
Machtspruch Gottes zum Verständnis der Schöpfung nicht genügte, 
suchte er nach einer natürlichen Erklärung der Natur und entdeckte 
so zwei letzte Qualitäten. Weil aber die Annahme von zwei 
selbständig existierenden Urelementen mit seiner religiösen Ge= 
sinnung unvereinbar gewesen wäre, setzte er diesen Gegensatz in 
Gott selbst — er unterschied ein sanftes, wohltätiges und ein 
grimmiges, verzehrendes Wesen <das vollkommenste Wesen und 
die böse Welt). Alles Feurige, Bittere, Herbe, Zusammenziehende, 
Finstere, Kalte kommt aus einer göttlichen Herbigkeit, Bitterkeit, 
Kälte und Finsternis, alles Milde, Glänzende, Erwärmende, Weiche, 
Sanfte, Nachgiebige aus einer milden, sanften, erleuchtenden Quali» 
tat in Gott 1 . Die Erscheinungswelt spaltet sich noch einmal in 
Gutes und Böses, Schönes und Häßliches, Wahrheit und Irrtum. 
Wir dürfen vielleicht sagen, daß die dem Vater gegenüber herr- 
schende ambivalente 2 Gefühlseinstellung auf Gott projiziert und auf 
sie alle Verschiedenheit in der Qualität der Dinge zurüdtgeführt 
wurde. Ich erinnere an dieser Stelle auch an Empedokles, der zwei 
Kräfte als Prinzipien der Bewegung annahm: die Liebe als das Vern- 
einende und den Haß als das Trennende. 

Im Gegensatz zu der Emanationstheorie, wo die Erscheinungs= 
weit aus dem Ding an sich emaniert <mit oder ohne Remanation), 
ist nach der Kreationsauffassung das Ding an sich von uns völlig 
wesensverschieden. Für Augustinus, den bedeutendsten Vertreter 
dieser Richtung, ist »mundus a deo ex nihilo creatus«. Über die 
Bedeutung des »nihil« ist viel gestritten worden,- einige nahmen ein 
totales Nichts an, andere meinten, das »nihil« heiße soviel wie 
wüste ungeformte Materie. In diesem Falle würde es sich um die 
stärkste Entwertung des gegenüber der Emanationstheorie immerhin 
wenigstens noch vorhandenen sexuellen Partners 3 handeln. 

Das anfängliche Befremden über diese Gleichstellung von 
letzten kosmischen Potenzen und den zwei Geschlechtern verliert ein 
gutes Stüdc seiner Berechtigung, wenn man sich vor Augen hält, 
daß die Menschheit in ihren urtümlichen Bildern überall den Körper, 
die Materie <vgl. den etymologischen Zusammenhang mit mater) 
als das weibliche, negative, gebärende, den Geist, das Erkennen 



1 Zit. nach L. Feuerbach, Das Wesen des Christentums, p. 58. 
Kröners Volksausgabe. 

"-' Nach einem treffenden Ausdruck von E. Bleuler. 

8 Bei einem Philosophen unserer Tage, O. Weininger, ist die Gleichung 
Weib-Nichts-Materie zu neuem Leben erwacht. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 193 

als das männliche, positive, zeugende Prinzip aufgefaßt hat. In der 
indischen Bhagavad Gita werden die Körper Kschetra (Gefäße, 
fruchttragender Boden, Mutterleib) genannt. Dasjenige, was <in dem= 
selben) Bewußtsein hat, heißt Kschetradschna <der Geist). Der 
höchste Weltgeist ist die erzeugende, befruchtende Kraft, die Welt= 
seele <Paramatma) in der ganzen Natur. Und in der Lehre des 
Buddhismus ist das Erkennen die formende Kraft, die aus den 
materiellen Elementen ein Wesen, das einen Namen trägt und mit 
einem Körper bekleidet ist, entstehen läßt 1 . Die chinesische Schrift 
besitzt für das Wort »Weib« und das Wort »Negation« 2 das 
gleiche Zeichen. Die Beispiele ließen sich natürlich vermehren. 

Hätte — um an das Frühere wieder anzuknüpfen — das 
»nihil« hingegen die Bedeutung eines völligen Nichts, so käme bei 
der Erschaffung der Welt etwas Ähnliches wie der früher erwähnte 
Glaube an die »Allmacht der Gedanken« 3 in Betracht. »Und 
Gott sprach' 1 : Es werde Licht. Und es ward Licht.« Gott ist 
hier der wunscherfüllenden endopsychischen Instanz gleichzusetzen. 

Zur Unterstützung dieser »sexualistischen« Interpretation führe 
ich folgende Sätze Jungs an: »Bei Anaxagoras handelt es sich 
darum, daß die lebendige Urpotenz des vovg der toten Urpotenz 
der Materie wie durch einen Windstoß die Bewegung erteilt. Dieser 
vovg, der dem späteren Begriff des Philo, dem ).öyog öttEQfianxög 
der Gnosis und dem paulinischen 3tvsv[xa sowie dem m'ev/.ia der 
nebenchristlichen Theologien schon recht ähnlich ist, hat die alte 
mythologische Bedeutung des befruchtenden Windhauchs, der die 
Stuten Lusitaniens und die ägyptischen Geier befruchtete.« 

Es ist im höchsten Grade bemerkenswert, daß die bei den 
Naturvölkern überaus verbreiteten Weltelternmythen, die sich indes 
auch in den Kosmogonien 5 der Kulturvölker finden, in den ent- 
wickelten Religions- und Philosophiesystemen zumeist den Schöpfungen 
der Welt durch Gott allein den Platz einräumen, was sich vielleicht 
dadurch erklärt, daß die Libidobesetzung der Mutter infolge von 
Inzestwiderständen schon sehr bald und in ausgiebiger Weise auf 
den Vater verschoben wurde, wodurch dessen beinahe pathologische 
Überbesetzung begreiflich wird. Ich hege überhaupt die Vermutung, 
daß die religionsbildende Kraft vom Sohne ausgeht, Religion hat der 
Sohn, indes der Vater <nach einer Äußerung Freuds) die Gesetze 
gibt. Der Gott der Juden ist ein strenger Gesetzgeber der Un= 
mündigen, das Christentum <wohl auch der Mithraskult) die Schöpfung 

1 Oldenberg, Buddha, p. 256. 

l-^ as am Weibe negiert wird, ist der Penis. Die Feststellung dieses 
Unterschiedes hat für das kindliche Denken die folgenreichste Bedeutung. 
3 Vgl. auch den bergeversetzenden Glauben des Christentums! 

* Wir haben an früherer Stelle Gelegenheit gehabt, auf die Identifikation 
von Sprechen und Zeugen hinzuweisen. 

* Unter den Gnostikern ist es namentlich Bardesanes, der dem »Vater 
des Lebens« eine weibliche Gottheit als empfangende Potenz bei der Weltbildung 
zur Seite gab. 

Imago II/2 j2 



194 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



des mündig gewordenen liebenden Sohnes. Das Alte Testament 
kennt nur den Begriff des Geredeten, nicht den des Heiligen wie 
die Jesus=Religion (Kassner). Der Heilige ist ein Mensch, der, um nicht 
eine Person lieben zu müssen, alle, ja alles liebt 1 und so auf eine 
archaische Stufe regrediert, wo die Sonne sein Bruder und der Mond 
seine Schwester ist <hl. Franciscus von Assisi, ähnlich manche 
Geisteskranken). Der Heilige hat ein exquisit infantiles Weltbild: es 
ist alles eine Familie, die Eltern sorgen schon für einen 2 . 

Einen Hinweis auf die der Verdrängung verfallene Bedeutung 
der Mutter können wir — wie oben festgestellt wurde — in der 
völlig zurücktretenden Rolle entdecken, die in einem System die 
Materie, aus der Gott die Welt schafft, gegenüber seiner Allmacht 
spielt. Es besteht ein tieferer Konnex zwischen der Tendenz zur 
Entwertung des Weibes, die aus der Sexualablehnung 3 resultiert, 
und dem neurotisch verstärkten Glauben an den besonderen RealU 
tätsgrad des Geistigen. Die zurüdigezogene Libido hat eine Über« 
besetzung des Denkens zur Folge. Aber »naturam si expellas furca, 
tarnen usque recurret«. Die blutlosesten Begriffsverhältnisse werden 
nun einmal nach dem Vorbild des Sinnlichen aufgefaßt. 

Allgemeinste Seinskategorien sollen die einzelnen Erscheinungen 
»erzeugen«, ihre Gesetze sollen sich Befolgung »erzwingen«' 1 . Noch 
die He gel sehe dialektische Methode, die die der Position zur Seite 
gestellte Negation zum Vehikel des dialektischen Fortschritts und der 
realen Entwicklung überhaupt macht, zeigt die Spuren dieser irdi- 
schen Herkunft. Selbst die höchsten intellektuellen Operationen sind 
also oft an die Vorbildlichkeit des Sexuellen gebunden. 

Die Annahme, daß die Erscheinungen durch Gott allein erzeugt 
werden, hat ihre Heimstätte in der Religion und geht wohl auf die 
früher erwähnte Abkehr von der Mutterlibido unef entsprechend ver« 
stärkte Besetzung der Vaterimago zurüdt. Der Glaube an die All« 
macht der Gedanken fließt ununterscheidbar in den Glauben an die 
Allmacht des Vaters über. In der christlichen Religion hat Gott 
seinem Sohn gegenüber direkt androgynen Charakter, indem er mit 
einer Gebärmutter versehen wird (Mißlungene Verdrängung des 
anderen Elternteils). Bei Petavius, de Trinitate lib. V. c. 7, § 4 
heißt es: »Ebenso sagt die Schrift, daß der Sohn aus der Gebär« 
mutter vom Vater erzeugt sei,- denn obgleich in Gott keine Gebär« 
mutter, überhaupt nichts Körperliches ist, so ist doch in ihm wahre 
Erzeugung, wahre Geburt, die eben mit dem Worte: Gebärmutter, 
angezeigt wird.« 

1 Vgl. die Worte: »Da sie (die Welt) ein Korn Staubes ist, nimm allen 
Staub an dein Herz! Da du einen Menseben nidit lieben darfst, liebe alle 
Menschen!« 

2 Wie ganz anders empfand die Antike mit ihrer Distanz zum Objekt, 
ihrem kriegerischen Hasse gegen die Feinde. 

3 Ihre Gründe sind inzestuöser Natur. 

4 Vgl. G. Simmel, Vom Wesen der Kultur, Osterr. Rundschau, XV. Bd. 

1908, p. 36. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 195 

Es ist nicht völlig ausgeschlossen, daß die Fiktion einer leib* 
liehen Abstammung vom Vater die Überkompensation eines infantilen, 
namentlich aber von Zwangskranken gehegten Zweifels, ob man der 
Sohn seines Vaters sei, J bedeutet. Nach der Anschauung der maz-- 
däischen Sekte Gajomarthija entstand Ahriman durch den Zweifel 
des Gottes Jazdans 2 . Man darf aber anderseits nicht vergessen, 
daß der Glaube an das Hervorgehen des Kindes aus dem Vater 
ein der primitiven Denkweise nicht fremder ist: er findet sich 
so gut bei Stämmen Südostaustraliens wie in den »Eumeniden« des 
Äschylus, in der Bibel u. a. a. O. 

Daß Gott gerade einen Sohn hat, findet möglicherweise eine 
<freilich nur partielle) Erklärung in der bekannten kindlichen und 
mythologischen Auffassung, daß die Mutter Töchter macht, der Vater 
Söhne. 

Im Vorübergehen sei nun bloß mit einigen Worten dreier 
Lehren Erwähnung getan, die im Laufe der Zeit immer wieder die 
Gedanken der Philosophen beschäftigt haben: ich meine den Glauben 
an eine Präexistenz, an die Seelen Wanderung und an »die ewige 
Wiederkehr des Gleichen«. Die erstgenannte Überzeugung hat wohl 
ihre individuelle Wurzel in dem bekannten Gefühl des »dejä vu«, 
das nach Freud 3 der Erinnerung an eine unbewußte Phantasie ent* 
sprechen soll. Die Präexistenz ist höchstens eine solche in bezug 
auf die Existenz des Erwachsenen, der infolge einer großen Lücke 
in seinem Gedächtnis seiner Kindheit ganz fremd geworden ist und 
sie als ein früheres, anderes Dasein empfindet. Charakteristisch hie* 
für ist der Ausspruch von Liebenden, die ihr Objekt unbewußt nach 
dem Vorbild der Mutter gewählt haben: Mir ist, als hätte ich sie 
schon vor Jahrtausenden gekannt, als hätten wir bereits auf einem 
anderen Stern zusammen gelebt, und so ähnlich" 1 . 

Die mit dem Glauben an eine Präexistenz verwandte Auf* 
fassung, daß die noch nicht geläuterten Seelen nach dem Tode einer 
Wanderung durch neue Menschen*, Tier* oder Pflanzenleiber unter* 
worfen sind, entspringt in erster Linie wohl ethisch*religiösen Motiven, 
vor allem dem Glauben an eine sittliche Weltordnung. Auch das 
Bewußtsein, daß unser innerstes Wesen mit seinen Begehrungen und 
Fähigkeiten in einem individuellen Dasein nie und nimmer erschöpft 
werden könne, mag bei der Entstehung dieses allerdings über* 
wiegend pessimistisch gefärbten Glaubens mitgewirkt haben. Eine 
Bestätigung schien dem Anhänger der Seelenwanderungslehre aus 
der Außenwelt entgegenzukommen: er konnte in einer Zeit, wo die 

1 Lichtenberg, »Ob der Mond bewohnt ist, weiß der Astronom ungefähr 
mit der Zuverlässigkeit, mit der er weiß, wer sein Vater war, aber nicht mit der, 
woher er weiß, wer seine Mutter gewesen ist«. <Zit. bei Freud, Bemerkungen 
über einen Fall von Zwangsneurose, Jahrb. I., 1909.) 

* Zit. bei J. Nelken, Analytische Beobachtungen über Phantasien eines 
Schizophrenen, Jahrb. IV, p. 536. 

3 F i eu i ? ur Psychopathologie des Alltagslebens. Berlin 1910, p. 139. 
1 »Das Geheimnis der Reminiszenz« im Sinne Schillers. 

13« 



196 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



ihn umgebenden Objekte noch mit Libido besetzt und zum Teil 
schon im Begriffe waren, Libidosymbole zu werden, oder auch später, 
wenn die Libido, von ihrem ursprünglichen Ziele aus irgendwelchen 
Gründen abgelenkt, sich an die Gegenstände der Natur heftete, in 
dem Blicke eines Hundes so gut wie im Wehen einer Pflanze eine 
ihm ähnliche Seele vermuten, die wie zur Strafe — denn der Mensch 
hatte sich schon als Krone der Schöpfung empfinden gelernt — in 
diese Gestalten gebannt zu sein schien. Nur seine untermenschliche 
Natur, seine bösen Triebe und Neigungen, personifizierte er nun in 
gewissen Tieren. Erhielt ein Tier den Charakter eines Libidosymbols, 
so setzte das einen Dualismus im Menschen, einen Widerstreit 
zwischen Bewußtem und Unbewußtem voraus. Auf diesem Boden 
erst waren ethisch=religiöse Wertungen entstanden, die, vom Stand= 
punkt des ablehnenden Bewußtseins aus vollzogen, die Existenz der 
Seele in einem solchen tierischen Symbol als Erniedrigung auffassen 
mußten. 

Die Seelen wandern also in dem Maße, als die Libido wandert. 
Ein auffallender Hinweis auf ihre Gleichstellung findet sich in der 
Schreberschen Biographie 1 . Auf p. 333 lesen wir: »Die Seelen 
gleichen kleinen Kindern, die auf ihre Naschware — die Seelen^ 
wollust — nicht einen Augenblick verzichten können oder wollen.« 

Die dritte der zu besprechenden Theorien, die Lehre von der 
ewigen Wiederkehr des Gleichen, ist uralt 2 , tritt bei den Orphikern, 
bei Pythagoras, Heraklit, Anaximander und Empedokles, 
dann bei Plato und den Stoikern auf und wir finden sie bei 
Nietzsche wieder (verwandte Anschauungen sprachen auch Herder 
und Goethe aus). So wie Nietzsche die Lehre von der »ewigen 
Wiederkunft« in der »fröhlichen Wissenschaft« 3 formuliert: »Jeder 
Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles 
unsäglich Kleine und Große dieses Lebens muß dir wiederkommen 
und alles in derselben Reihe und Folge — und ebenso diese Spinne 
und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen und ebenso dieser 
Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird 
immer umgedreht — und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!« — 
in dieser Übertreibung und Überschätzung des Augenblicks erscheint 
sie jeder realen Berechtigung entbehrend. Sie hat ihre Quelle in der 
Beobachtung äußerer und innerer Periodizität,- auch das bekannte un- 
heimliche Gefühl, genau dieselbe Situation schon einmal erlebt zu 
haben 4 — das oben zur flüchtigen Erörterung gelangte — mag 

1 Schreber erwähnt übrigens auch flüchtig die Seelenwanderung <f. c, p. 15): 
»Die betreffenden Menschenseelen wurden dabei (nämlich bei der Seelenwanderung) 
auf anderen Weltkörpern, vielleicht mit einer dunklen Erinnerung an ihre frühere 
Existenz, zu einem neuen menschlichen Leben gerufen, äußerlich vermutlich im 
Wege der Geburt, wie es sonst bei Menschen der Fall ist«. 

2 Assyrisch-babylonischen Ursprungs. 

3 Ähnlich dann auch im »Zarathustra«. 

4 »L'essentiel du ,dejä vu' est beaucoup plutot la negation du present que 
['affirmation du passe.« P. Janet, Les nevroses, Paris, Alcan, 1910. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 197 

seinen Anteil an der Entstehung dieses Glaubens haben. Es ist 
dann ferner der periodische, für alle Entwicklung im Menschen wesent- 
liche Wechsel in der progredienten und regredienten Strömung unseres 
Seelenlebens, der sich der endopsychischen Wahrnehmung bemerkbar 
macht und bei Heraklit eine durchsichtige symbolische Darstellung 
erfahren hat: im Weltgeschehen existieren zwei ewig alternierende 
Prozesse, der Weg des Urfeuers nach unten <6<5ög v.ävco), der Prozeß 
der Erstarrung, durch den die Einzeldinge <Natur> entstehen, — und 
das Übergehen ins Feuer, der Weg nach oben (ööög ävco). Ganz 
ähnlich lautet die stoische Lehre von der periodisdien »&t7CVQCöoi£« 
und »aaMyyeveoia« der Welt,- immer entstehen dieselben Menschen, 
die das gleiche Geschidc. erfahren. 

Ich erinnere hier auch an die Goetheschen Verse aus der 
»Legende« : »Immer wird es wiederkehren, immer steigen, immer sinken, 
sich verdüstern, sich verklären, so hat Brahma dies gewollt.« Im 
paranoischen System Schrebers findet gleichfalls diese Lehre »von 
dem ewigen Kreislauf der Dinge, der der Weltordnung zugrunde 
liegt«, Erwähnung. Auf p. 19 seiner »Denkwürdigkeiten usw.« lesen 
wir: »Indem Gott etwas schafft, entäußert er sich in gewissem Sinn 
eines Teiles seiner selbst oder gibt einem Teil seiner Nerven eine 
veränderte Gestalt. Der scheinbar hiedurch entstehende Verlust wird 
aber wiederum ersetzt, wenn nach Jahrhunderten und Jahrtausenden 
die selig gewordenen Nerven verstorbener Menschen, denen während 
ihres Erdenlebens die übrigen erschaffenen Dinge zur körperlichen 
Erhaltung gedient haben, als /Vorhöfe des Himmels' 1 ihm wieder 
zuwachsen.« Hier ist — wie auch aus anderen Stellen des Buches 
f U £ j t " Üge hervor S ent — d"as Aussenden und Wiedereinziehen der 
Libidobesetzungen in dinglicher Weise zur Darstellung gebracht. In 
endopsychisch wahrgenommenen Libidovorgängen können wir also 
die gemeinsame Grundlage der Emanations= (beziehungsweise Re= 
manations») Systeme und bis zu einem gewissen Grad auch der 
Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen erblidcen. Ewigkeit 
Zeitlosigkeit ist eine dem Unbewußten wesentliche Bestimmung. Eine 
psychoanalytische Untersuchung der buddhistischen und vorbuddhisti* 
sehen Spekulation würde wahrscheinlich eine Beziehung zwischen ihrer 
Verinnerlichungstendenz und der gering geschätzten Rolle, die der 
Zeitbegriff 2 in ihr spielt, aufdecken. 

Im folgenden gehen wir zu einem anderen Kapitel über: wir 
wollen nämlich die typischen Begriffe der Welt in aller Kürze vom 
Standpunkt der Psychoanalyse aus mustern, um festzustellen, welcher 
Weltbegriff einer solchen Prüfung standhält und sich nicht als durch 
unbewußte Motive bestimmt erweist. Die Aufgabe der Psychoana- 

1 Der Ausdruck »Vorhöfe des Himmeis« kommt auch bei Eckhart vor. 
8 D , a . s sdieim \ au * ■* Eigentümlichkeiten des indischen Volkseeistes zu^ 
TarÄibeV fÜf ^ Wann dCr DinSC " ie dn «*- °**™ SÄ 



198 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



lyse ist also eine rein negative. Was uns als wesentlich neurotische, 
infantile oder primitive Betrachtungsweise der Wirklichkeit erscheint, 
scheidet aus der Gruppe der Weltanschauungen, die auf objektiven 
Wert Anspruch erheben, aus, ohne daß die Psychoanalyse es als 
ihre Aufgabe erachten dürfte, innerhalb dieses Kreises selbst end= 
giltige Entscheidungen zu treffen. Als rein psychologisch orientierte 
Wissenschaft hat sie den Erkenntnisinhalt als psychischen Tatbestand 
hinzunehmen und zu versuchen, auf seine individuellen und generellen 
Entstehungsbedingungen zurückzugehen, eine erkenntnistheoretische 
Würdigung liegt ihr fern, sie kann nicht die Giltigkeit von Normen 
begründen,- denn aus der eindringendsten Kenntnis dessen, was ist 
und geschieht, leitet sich nicht mit innerer Notwendigkeit ab, was 
sein und geschehen soll. Wer sich für eine kritische Untersuchung, 
die den Erkenntnisinhalt seiner Geltung, seiner Bedeutung und Trag= 
weite nach nimmt, interessiert, möge die vorzügliche Arbeit eines 
Wiener Philosophen: Weltbegriff und Erkenntnisbegriff, von Dr. Viktor 
Kraft 1 einsehen. 

Gehen wir vorerst von der fundamentalen Einteilung der Welt= 
begriffe in monistische und dualistische 2 <eventuell pluralistische) aus, 
so werden wir auf der einen Seite die materialistische Auffassung 
den Weltbegriff der psychophysischen Identität, den idealistischen und 
positivistischen Weltbegriff, auf der anderen Seite den realistisch^ 
dualistischen Weltbegriff vorfinden. Ich füge hinzu, daß sich diese 
einzelnen Typen trotz des befremdenden, ja verdrehten Eindrucks, 
den dieser oder jener auf den sogenannten gesunden Menschenver= 
stand machen mag, schließlich nur als konsequente Fortbildungen der 
naiven, an inneren Widersprüchen reichen Weltansicht, eines »vagen 
Dualismus« {Jerusalem), herausstellen. 

Der Materialismus, die bequemste und plumpste Art, die Ver= 
schiedenheit von Seelischem und Körperlichem aufzuheben, ist ja 
seinem Wesen nach bekannt. Das Seelische mit einem Gehirnvorgang 
einfach zu identifizieren — wie es der primitive Materialismus tut — , 
ist offensichtlich falsch, dabei ist er aber doch eine der verbreitetsten 
Weltansichten. Es ist schon viel weniger grob, wenn man das Seeli* 
sehe als Resultat körperlicher Vorgänge auffaßt oder jenes an diese 
unlösbar geknüpft denkt. Hier ist bereits ein Dualismus, obzwar noch 
nicht auf dem Boden der Gleichberechtigung, angedeutet. 

Einer gewissen Beliebtheit erfreut sich in philosophischen 



1 Joh. Ambros Barth, Leipzig 1912. — Ich halte mich im nachstehenden an 
sein Schema. 

2 Diese Gliederung hat mit der metaphysischen Frage nach einem Jenseits, 
heiße es nun wahres Sein, Ideenwelt, Ding an sich oder Noumenon, unmittelbar 
nichts zu schaffen. Hier handelt es sich bloß um das psychophysische Problem : Zwei 
Wesenheiten oder eine? indes die Annahme eines Jenseits zumeist die Tendenz 
zur Entwertung der gegebenen körperlich-geistigen Welt voraussetzt. Es gibt frei- 
lich auch einen metaphysischen Idealismus, der beide Probleme zusammen erledigt. 
In Wirklichkeit fließen sie leicht ineinander über. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 199 

Kreisen der Begriff der psychophysischen Identität. Entweder werden 
Physisches und Psychisches als Erscheinungsweisen desselben unbe= 
kannten Wesens oder als eine zweifache Beschaffenheit des einen 
Absoluten, als zwei Arten von Eigenschaften, von »Attributen«, 
von »objektiven Realitätsformen«: angesehen. Kraft hat mit Recht 
darauf hingewiesen, daß die erste Auffassung ein Subjekt als 
1 räger eines Bewußtseins voraussetzt, indem sich das X »das eine 
Mal von innen, das andere Mal von außen, das eine Mal direkt 
in der Selbstwahrnehmung, das andere Mal indirekt, d. h. durch 
die Sinnesorgane« 1 darstellt. Wir stünden also wieder vor einer 
Dualität von Sein und Bewußtsein, vor einem Phänomenalismus. 
In der zweiten Fassung liegt ein wirklicher, allerdings metaphysischer 
Monismus vor. Diese Ineinsetzung jenseits der Erfahrung hat die 
deutlich empfundene Verschiedenheit von Geist und Materie zur 
Bedingung und ist ein bloß spekulativer Gedanke. 

Ein Monismus, wenn auch zumeist empirischer Art, ist die 
Lehre des Positivismus und Idealismus. Vorab eine kurze Be- 
merkung über die beiden Termini : sie sind keineswegs etwas Ein- 
deutiges. Man spricht von einem subjektiven, objektiven, absoluten, 
transzendentalen, metaphysischen, erkenntniskritischen, psychologischen^ 
ja »magischen« Idealismus, man unterscheidet den Positivismus 
Auguste Comtes, von dem eines J. St. Mill, Laas und Avena- 
rius. Beschränken wir uns auf diesen letzteren. Er erhebt das »Be- 
wußtsein zum übergeordneten Begriff, der sowohl Körperliches als 
Seelisches in völlig neutrale Erlebnisphänomene auflöst. Beide be- 
deuten nur eine bestimmte Zusammenhangsbeziehung innerhalb des 
Bewußten <Eingeordnetheit im Natur-, im Ich-Zusammenhang). 
Derselbe Erkenntnisinhalt kann je nach der Eingliederung, je nach 
der Betrachtungsweise als seelisch oder körperlich genommen werden« 2 . 
Diese Trennung gegenüber dem Idealismus, der Bewußtsein und 
Seelisches gleichsetzt, ist jedoch im letzten Grund nicht haltbar,- das 
Bewußte ist ja seiner Realitätsart nach nichts anderes wie' das 
Seelische und damit ordnen sich Positivismus und Idealismus der 
gleichen psychoanalytischen Betrachtung unter. 

Jeder Idealismus — der nach Krafts überzeugender Darlegung 
in seiner konsequenten Weiterbildung bewußtseinsimmanenter Sub- 
jektivismus werden muß — geht von einer unbewußten Tendenz zur 
Entwertung der materiellen Außenwelt aus. In der Gestalt des 
metaphysischen Idealismus beispielsweise läßt er neben der immateri- 

w"l der ^ een die niecIri S ere We,t der Körper und der 

Wahrnehmung bestehen, der Solipsist hingegen anerkennt überhaupt 
nur seinen individuellen Bewußtseinsinhalt: das Einzige, was 
existiert, sind seine Vorstellungen. Als eine Fortsetzung des vor- 
platonischen metaphysischen Gegensatzes von Erscheinung und 

1 Jodl, Lehrbuch der Psychologie, I. Bd., p. 91 
- Kraft, I. c. p. 122 ff. 



200 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



wahrem Sein erweist sich der transzendentale Idealismus oder 
Phänomenalismus, der uns bloß eine Erkenntnis der Phänomena, 
aber nicht der erfahrungsjenseitieen Noumena einräumt und in sich 
nun auch den Gegensatz 1 von Seelis<h=Bewußtem und Körperlichem 
einschließt. Auch diese Kantische Lehre leitet, energisch zu Ende 
gedacht, zum subjektiven Idealismus über. Der magische Idealismus 
eines Novalis — ohne nennenswerte wissenschaftliche Bedeutung 

fußt auf dem Glauben an die »Gedankenallmacht« : die Körper* 

weit soll durch den Geist willkürlidi beeinflußt werden, höchstes 
Ziel ist die faktische Aufhebung des Lebens durch den Willen. 

Auch andere Gestaltungen des Idealismus: die Monadenlehre 
Leibniz', die Theorien Berkeleys, der subjektive Idealismus 
Fichtes, der objektive Schellings, der absolute Hegels bieten 
der erkenntniskritischen Betrachtung ebensoviele verschiedene Prob* 
lemstellungen, für den Psychoanalytiker verschwimmen diese Unter* 
schiede gegenüber der ähnlichen psychischen Ausgangssituation, auf 
deren Beschreibung es mir hier ankommt. Es handelt sich nämlich 
in allen Fällen um das Verhältnis zur äußeren Realität, deren ob* 
jektiver Charakter vom Idealismus, wenn nicht aufgehoben, so doch 
mindestens graduell beeinträchtigt wird. Das Geistige, das von der 
naiven Wettansicht des Erwachsenen 2 überhaupt nicht als mit einem 
spezifischen Wirklichkeitsgrad versehen empfunden wird, erhält — 
wahrscheinlich infolge der von der Außenwelt zurückgezogenen 
Triebbesetzungen — ein ungewöhnliches, erhöhtes Realitätsgefühl. 
Ich habe den Ausdruck Triebbesetzungen gewählt, da ich mir vor* 
stelle, daß das Interesse, das wir der Außenwelt entgegenbringen, 
nicht nur aus libidinösen, zumindest nicht aus »rezentsexuellen« 3 
Quellen allein gespeist wird. Dabei ist folgender Unterschied zu 
beachten. Die Besetzungen, die von den Ichtrieben, namentlich vom 
Nahrungstrieb, ausgehen, sind infolge der besseren Befriedigung, die 
diesen Trieben gewöhnlich im Gegensatz zum Sexualtrieb gewähr* 
leistet ist, oft von geringer Intensität, ja, hier die Störungen des 
Kontaktes mit der Außenwelt viel seltener, da beispielsweise beim 
Nahrungstrieb eine halluzinatorische Besetzung des Erinnerungs* 
bildes des Nahrungsobjektes praktisch wertlos ist, indes beim 
Sexualtrieb die Besetzungen vor allem infolge der stärkeren Berück* 
sichtigung des Individuellen bei der Objektwahl und der größeren 

1 Der Dualismus von Körper und Seele hat seine Vorbereitung bereits in 
der späteren Stoa und dem Neupythagoräismus, seine Vollendung bei Augustm 
gefunden. R 

2 Beim Primitiven und beim Kinde ist das Denken noch in reichem Maße 
sexualisiert,- aus dieser Überbesetzung folgt der Glaube an die Alimacht der 
Gedanken <vgl. Freud, Über Animismus, Magie und Allmacht der Cjedanken, 

3 S. l'ung, Wandlungen und Symbole der Libido, Jahrb. IV, p. 171 ff,- an 
dieser Stelle wird einem genetischen Begriff der Libido das Wort geredet :, »der 
das Rezentsexuale um einen beliebig großen Betrag an desexuahs.erter Urlibido 
erweitert«. « 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 201 

Schwierigkeit der Bedürfnisstillung ihrer Intensität nach erhöht sind, 
Störungen leidit eintreten und jederzeit der Rückzug auf sich selbst, 
die Introversion und Wiederbelebung der infantilen Imagines durch» 
führbar ist. Mit Freud wird man die Möglichkeit von Rüd<» 
Wirkungen der Libidostörungen auf die Ichbesetzungen ebensogut 
zulassen dürfen wie die Umkehrung davon, die sekundäre oder 
induzierte Störung der Libidovorgänge durch abnorme Ver- 
änderungen im Ich. Da diese aber ziemlich selten sind, anderseits 
die Ichbesetzungen der Außenwelt auch im Falle einer Libido» 
Störung noch aufrechterhalten werden, kann man faktisch, die ge» 
störte Relation zur Umgebung auf den Ausfall des Libidointeresses 
allein zurückführen. Die endopsychische Wahrnehmung einer solchen 
Affektablösung (Differenzierung) kommt nun in dem Gefühl des 
Fremden 1 , Traumartigen zum Ausdrude. Diese Affektablösung kann 
nur eine gewünschte, eine vollkommene oder teilweise gelungene 
sein. Den möglichen Zusammenhang einer solchen psychischen 
Konstellation mit dem »idealistischen« Standpunkt des Philosophen 
ersieht man vielleicht aus einer {natürlich einseitigen) Bemerkung 
Schopenhauers: er bezeichnet nämlich geradezu die Gabe, daß 
einem zu Zeiten die Mensdien und alle Dinge als bloße Phantome 
oder Traumbilder vorkommen, als das Kennzeichen philosophischer 
Begabung 2 . Nun ist das sicherlich nicht die einzige Bedingung, um 
ein idealistischer Philosoph zu werden. Wir werden über einige 
weitere, wahrscheinlich notwendigen Voraussetzungen im zweiten Teil 
unserer Arbeit handeln. 

Ziehen wir die »Denkwürdigkeiten« Schrebers zu Rate, jenes 
geistvollen Paranoikers, der ein in sich geschlossenes theologisch» 
philosophisches System errichtete, so erfahren wir daraus, daß sein 
Verkehr mit übersinnlichen Kräften — von denen er sich sehr be» 
stimmte Vorstellungen macht — in dem Augenblick beginnt, wo 
die Libidoablösung von der Realität vollzogen wurde. Auch das 
dadurch bedingte Gefühl des Fremden fehlt hier nicht: 3 »In der 
Richtung des Bayrischen Bahnhofs sah ich über die Mauern der 
Anstalt hinweg nur einen sdunalen Streifen Landes, der mir einen 
durchaus fremdartigen, von der eigentlichen Beschaffenheit der mir 
wohlbekannten Gegend völlig abweichenden Eindruck machte,- man 
sprach zuweilen von einer ,heiligen Landschaft'.« Es klingt fast wie 
eine innere Wahrnehmung der Hand in Hand mit der Ablösung 



1 Stekel, Die Sprache des Traumes, Bergmann, 1911, p. 437. Ferner: 
Löwenfeld, Über traumartige und verwandte Zustände, Zentralbl. f. Nerven« 
heilk., 20. Bd., 1909. — Goethe: »Trocknet nicht, trocknet nicht, Tränen der 
ewigen Liehe,- Ach, nur dem halbgetrockneten Auge wie öde, wie tot die Welt 
ihm erscheint!« 

2 Siehe auch C. Ph. Moritz, Anton Reiser, Reklam, p. 96: Beobachtung 
»eines unserer größten jetzt lebenden Philosophen hinsichtlich der Verwechslung 



von 



Traur 



jnd Wachen.« 
72. 



c. p 



202 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



fehenden Introversion 1 der Libido, wenn Schieber sich an zwei 
teilen seines Buches 2 folgendermaßen äußert: »Ein anderes Mal 
durchquerte ich die Erde vom Ladogasee bis Brasilien und baute 
dort in einem schloßartigen Gebäude in Gemeinschaft mit einem 
Wärter eine Mauer zum Schutz der Gottesreiche gegen eine sich 
heranwälzende gelbliche Meeresflut — ich bezog es auf die Gefahr 
syphilitischer Verseuchung.« Und die zweite Vision lautet: »Ich habe 
ferner Erinnerungen, nach denen ich eine Zeitlang in einem Schlosse 
an irgendeinem Meere gewesen bin, das in der Folge wegen drohender 
Überflutung verlassen werden mußte und aus dem ich dann nach 
langer, langer Zeit in die Flechsigsche Anstalt zurückgekehrt bin, in 
der ich mich auf einmal in den von früher bekannten Verhältnissen 
wiederfand.« 

Es ist nicht ausgeschlossen, daß das in allen möglichen Mytho= 
logien und Kulten vorkommende uralte Motiv der Sintflut mit der 
Rettung eines einzigen Menschen neben anderen Determinanten audi 
auf die endopsychische Erkenntnis einer zum Stadium des Narzißmus 
regredierenden Strömung (wir gebrauchen noch immer das Bild!) der 
Libido zurückgeht. Wir werden also Schreber nicht widersprechen, 
wenn er findet, »daß in seinen Visonen Methode lag«. Und in 
der Sintflutsage selbst: der eine tugendhafte Mensch gegenüber den 
vielen Sündern — diese Fiktion verträgt sich sehr gut mit der 
narzißtischen Selbstüberschätzung, die sich bei Schreber in dem 
Glauben an eine unerhörte »Anziehungskraft auf die Gotresnerven« 
äußert. 

Wenden wir uns wieder zu unserem eigentlichen Thema 
zurück. Das Gefühl des Fremden, das beispielsweise Schreber in 
den Menschen »flüchtig hingemachte Männer« erblicken ließ, bedeutet 
nicht viel anderes wie jener Schopenhauersche Eindruck von den 
Menschen als bloßen Phantomen oder Traumbildern. 

Dieses Ineinanderfließen von Traum und Wirklichkeit scheint 
für die idealistischen Philosophen gewissermaßen von heuristischer 
Bedeutung für ihre Weltanschauung zu sein. Der Denker, der zu- 
erst in der neueren Philosophie die Frage aufgeworfen hat: Viel- 
leicht ist das Leben ein Traum? — Descartes schreibt in einem 
Brief 3 an seinen Freund Balzac vom Jahre 1631: »Ich schlafe hier 
jede Nacht zehn Stunden,- und nachdem der Traumgott meinen aller 
Sorge ledigen Geist lange durch verzauberte Wälder, Gärten und 
Paläste geführt hat, in denen ich alle Freuden genieße, die die 
Märchen geschildert haben, vermengen sich allmählich beim Erwachen 
die Träume des Tages mit denen der Nacht.« In den »Meditationes 

'Jung erklärt die Sintflut als Introversionssymbol. — Schon in der llias 
<XIV. Ges.) heißt es von Zeus, daß die Liebe seinen Sinn »rings umflutend 
bewältigt«. 

M. c. p. 74, 75. 

3 Rene Descartes Epistolae, Frankfurt 1692. Epistola CI ad Dominum 
Balzacium COfficii ergo). 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie "203 

de prima philosophia« stellt er eingangs die Behauptung auf, es 
lasse sich an allem zweifeln 1 , nur nicht daran, daß wir zweifeln 2 , 
also da das Zweifeln ein Denken ist, nicht daran, daß wir denken! 
Der von ihm gesuchte archimedische Punkt, der völlig gewisse und 
unzweifelhafte Satz ist dann für ihn das berühmte: Cogito ergo 
sum, ich denke und in diesem Denken besteht eben mein inneres 
Sein (Identität, nicht Folgerung). Das Denken ist die unmittelbar 
gewisse Tätigkeit in uns. Aber, fragt Descartes weiter, bin ich 
dessen auch wirklich sicher, könnte ich nicht von einem Dämon trotz 
der klaren und bestimmten Perzeption des Behaupteten getäuscht 
worden sein? Er geht nun zur Untersuchung des Daseins Gottes 
über und vermag im weiteren Verfolg nur durch Appellation an 
die Wahrhaftigkeit Gottes und seine Unfähigkeit zur Lüge die 
Realität der empirischen Welt zu beweisen. 

Wer jemals Einblick in die Gedankengänge und Eigentüm- 
lichkeiten eines Zwangsneurotikers gewonnen hat, dem muß die 
Ähnlichkeit mit den Descartessdien Erwägungen und Zweifeln 
eine auffällige dünken. Die Isolierung von der äußeren Wirklichkeit, 
die Überschätzung der Denkrealität, der Zweifel und vielleicht auch die 
Rolle des Vaters, beziehungsweise Gottes — hiemit sind die haupt=> 
sächlichsten Übereinstimmungen aufgezählt. Ich füge hinzu, daß der 
Vater im Leben Descartes von großem Einfluß gewesen ist. Wenn 
es wahr ist, daß das Verhältnis zum Vater von vorbildlicher Be= 
deutung für das religiöse Verhalten eines Menschen ist, so dürfen 
wir uns nicht wundern, den aufgeklärten Philosophen sein Leben 
lang in einem respektvollen Verhältnis zur Kirche stehen zu sehen. 
Für seine Beziehung zu Gott findet Descartes folgende schwär- 
merische Worte 3 : »Die Überzeugung von dem warmen und innigen 
Anteil, den das allerhöchste Wesen an unserem Geschick nimmt, 
wird uns nicht nur mit Dankbarkeit ihm gegenüber erfüllen, sie 
wird auch das Gefühl einer außerordentlichen unsagbar großen 
Liebe zu ihm in uns wachrufen, ein Gefühl, das so mächtig zum 
Ausdruck gelangen kann, daß ihm sogar nichts von der sinnlichen 
Lebhaftigkeit und Glut, mit der die Liebe zu einem irdischen 
Geschöpf verknüpft ist, zu fehlen braucht.« Die sinnliche Liebe zu 
Frauen scheint indes im Leben des Philosophen im allgemeinen 
keine allzugroße Rolle gespielt zu haben. »Les enchantemens de 
voluptez«, berichtet sein erster Biograph Bai lief 1 , »ne purent agir 

1 Es gebe auch kein zuverlässiges Kriterium, um zu entscheiden, ob wir in 
diesem Augenblick träumen oder wachen. 

- Ganz ähnlich schon August in: »Indem ich zweifle, weiß ich, daß ich der 
Zweifelnde bin«, und so erzeugt gerade der Zweifel die Überzeugung von der 
Realität des bewußten Wesens. An einer anderen Stelle: »Tu, qui vis' te nosse, 
scis esse te? Scio. linde scis? Nescio. Simplicem te scis an multiplicem? Nescio. 
Moveri te scis? Nescio. Cogitare te scis? Scio«. — Verwandt ist der Ausgangs- 
punkt des Philosophierens bei Occam und Campanella. 

3 Akademieausgabe, IV. Bd., p. 608 und 609. 

* A. Bautet, La vie de Mr. des Cartes, Paris 1691, Chap. VIII, p. 39. 



204 



Affr. Frh. v. Winterstein 



en luy que tres^foiblement contre les charmes de la philosophie et 
des mathematiques.« 

Es liegt vielleicht ein tiefer psychologischer Sinn darin, daß 
für Descartes die Realität der Außenwelt aus der Existenz jenes 
so persönlich gestalteten Gottes folgte. Ludwig Feuerbach hat den 
wahren Sachverhalt folgendermaßen formuliert: »Alle Gewißheit von 
Dingen außer uns ist uns vermittelt durch die Urtatsache von der 
Existenz anderer Menschen <,alter ego'>. Denn ,Ich' bin zugleich ein 
,Du' für den Nächsten.« 

Soll man es wagen, Einzelheiten aus der Lebensgeschichte des 
Descartes mit seiner Stellung zum Vater in Zusammenhang zu 
bringen? Es hat im Leben des Philosophen — bald nach dem Ab= 

fang von der Schule — eine Periode gegeben, in der eine mystische 
Jaturstimmung den anfänglichen Skeptizismus ablöste: es existiert, 
hieß es damals, nur eine lebendige Kraft in den Dingen, das ist die 
Liebe, das Mitgefühl und die Harmonie. Wie weit sind wir hier 
von jenem Zweifel an der Realität alles und jeden entfernt, der den 
ersten Abschnitt der »Meditationes« durchdringt! Muß es gerade ein 
Zufall sein, daß der junge Descartes nicht lange nach Ablauf 
dieser pantheistischen Epodie seines Denkens in die Dienste der 
aufstrebenden, freiheitlich gesinnten Niederlande trat und es vermied, 
an den inneren Kämpfen, die in seinem Vaterlande wüteten, teilzu- 
nehmen? Der auch äußerlich 1 dokumentierte Versuch, zur Unab= 
hängigkeit zu gelangen, droht ihn aber in seinem Denken der Rea^ 
lität der Außenwelt zu entfremden — worauf die einleitenden Sätze 
der »Meditationes« hinzudeuten scheinen 2 — , bis er auf dem Um= 
wege über Gott in alte Bahnen zurücklenkt und sein normales Ver- 
hältnis zur Umgebung wiedergewinnt. 

Der oben erwähnte Vergleich des Lebens mit einem Traum 
ist natürlich längst vor Descartes gemacht worden. Wir treffen 
ihn in den indischen Veden und Puranas, bei Plato, Sopho= 
kies, Shakespeare und Calderon, dessen bekannte Dichtung 
Schopenhauer »ein gewissermaßen metaphysisches Drama« nennt. 
Ich möchte schon jetzt 3 einem Mißverständnisse vorbeugen, 
das möglicherweise aus meiner Nebeneinanderstellung des Philosophen 
Descartes und eines beliebigen Zwangskranken entstanden sein 
könnte: es fällt mir nicht ein, zu behaupten, daß beide völlig 
identisch seien. Ein großer Denker, bei dem man ähnliche neurotische 
Züge nachweist, ist viel mehr, wenngleich er in manchen Fällen 

1 Descartes nahm Kriegsdienste in fremden Ländern. — Bezüglich der 
Reiselust des Philosophen verweise ich auf meinen Aufsatz »Zur Psychoanalyse 
des Reisens«, Imago, I, 5. 

2 »Quil falloit nier <aumoins pour quelque terns) qu'il y eüt un Dieu,- que 
Dieu pouvott nous tromper,- qu'il falloit revoquer toutes choses en doute/ quel'on 
ne devoit aucune creance aux sens,- que le sommeil ne pouvoit se distinguer de 
la veille« <Baillet>. 

s Man entschuldige die nun folgende längere Abschweifung, die in manchem 
wesentlichen Stück streng genommen in den zweiten Teil der Arbeit gehört. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte daß Philosophie 205 

auch ein Zwangsneurotiker ist. So wie wir mit dem pathologischen 
Experiment arbeiten, bedient sich vielleicht das Genie 1 gewissermaßen 
seines eigenen krankhaft veränderten Persönlichkeitsteiles, um mikro« 
skopisch vergrößert das zu schauen, was dem gesunden Menschen« 
verstand ewig entgeht. Ich will mich durch ein erfundenes Beispiel 
deutlicher machen. Die Tatsache der Determiniertheit des Willens 
ist wohl eine feststehende: aber der normale Mensch fühlt sie nicht, 
man wird ihm nicht leicht ausreden können, daß sein Wille völlig 
frei sei. Es mußte denkbarerweise ein einzelner kommen, der sich 
— was in der Neurose der Fall sein kann — nicht als den nach 
Willkür schaltenden Urheber seiner Handlungen empfindet, um den 
richtigen Tatbestand zu erraten 2 . Mit einem wort: Nervöse 
Störungen können einen heuristischen Wert besitzen,- indem sie 
den besonders befähigten Geist in eine bestimmte Richtung einstellen, 
ermöglichen sie es ihm, neue Seiten des Daseins zu entdedten. Man 
kann vielleicht die Behauptung wagen, daß die Neurosen den Fort- 
schritt machen,- es ginge jedoch entschieden zu weit, sie für den Fort« 
schritt zu erklären. 

So berechtigt es nun auch in manchen Fällen ist, die ver- 
drängten Triebkräfte des Unbewußten bloß als Agens — ohne 
nennenswerten inhaltlichen Einfluß auf die Denkprodukte des Philo« 
sophen — zu betrachten, so begründet ist in anderen Fällen die 
Annahme einer materialen Determinierung durch unbewußte Phanta- 
sien. Zwischen einer bloßen Steigerung der im Ichbetrieb vorhandenen 
Anlagen und einer stärkeren Vermengung mit dem Sexualtrieb im 
einzelnen Falle zu entscheiden, ist bisweilen fast unmöglich. Die 
größere oder geringere Anerkennung bei den anderen ist eben« 
falls kein zuverlässiges Kriterium in der Frage nach dem Anteils- 
verhältnis des Wunsch« und Erkenntnismaterials. Was subjektiven 
Wert für den Neurotiker besitzt, kann immer auch einen mehr oder 
weniger objektiven <Massen«> Wert darstellen, d. h. mehr oder 
minder allgemein giltig werden. Nicht ein <fiktiver?> Wert an sich 
spielt in den Augen der Mehrzahl eine Rolle, sondern die Frage, 
ob das betreffende Geistesprodukt die Gemütsbedürfnisse möglichst 
vieler Menschen befriedigt. Und da ist zu sagen, daß die söge« 
nannten interessanten Philosophen, ein Pia ton, ein Schopenhauer 
vielleicht weniger Erkenntnis« und mehr Wunschmaterial bieten als 
beispielsweise ein Locke, ein Spencer, ein Auguste Comte, dabei 

1 Man hat der Psychoanalyse — mit Unrecht, wie mir scheint — vorge- 
worfen, daß sie das Genie verdächtige und verkleinere. Sie hat bloß — was 
keineswegs selbstverständlich schien — nachgewiesen, daß auch der Genius nicht 
von oben kommt, sondern aus dunkler Tiefe nach oben geht. Sie hat ferner 
zwischen Echtem und Falschem oder sagen wir: zwischen objektiver Erkenntnis 
und subjektiver Phantasie unterscheiden gelehrt. Ihr Fehler war freilich bisweilen, 
die Dinge ohne die nötigen Einschränkungen und in allzu schroffer, einseitiger Form 
geschildert zu haben. 

5 Ich behaupte nun aber keineswegs, daß sich der Vorgang tatsächlich so 
abgespielt hat. 



206 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



aber viel weiter reichende Wirkungen erzielt haben. Sie heißen dem 
interessant, dessen gleichgestimmtes Unbewußte sie mitschwingen 
lassen. Die größere oder geringere Allgemeinheit der Komplexe 
und die Art ihrer Darstellung <die intellektuelle Blendung) entscheidet 
über ihre Aufnahme bei den anderen. 

Bei der zweiten Gruppe von Denkern, den nüchternen, handelt 
es sich nur zum geringsten Teil um das Ausleben der Komplexe 
und ein solches durch das Unbewußte nicht wesentlich gefälschte 
Weltbild verdankt seine Entstehung bloß einem kräftigen Forseher- 
trieb, zu dem sich eine in Wißbegierde sublimierte Libido als Ver- 
Stärkung gesellt. Der bei diesen Denkern nicht zu unterschätzende 
Anteil der Ichtriebe soll noch im Verlauf unserer Arbeit zur Sprache 

kommen. 

Auf dieser nicht mehr mythologischen Stufe des Erkennens 
hätte es keinen Sinn, das Unbewußte für die Forschungsresultate 
verantwortlich zu machen, da die Libido hier bloß als Motor des 
Denkens wirkt. Es wäre geradeso, wie wenn man aus dem Brenn* 
material der Lokomotive die Eigentümlichkeit der durchfahrenen 
Landschaft herleiten wollte. 

Die vorläufige Unterscheidung von nüchternen und mytholo- 
gischen Philosophen deckt sich ungefähr mit der von »Denkern« und 
»Schauern« (Chamber lain>, wozu ich bemerke, daß diese Bezeich= 
nungen nur ein Mehr oder Minder, d. h. eine vorwaltende Anlage 
des Geistes ausdrücken. Vielleicht sind eigentliche »Weltanschauungen« 
bloß die Schöpfungen dieses visuellen Typus, dem der Typus des 
Dichters so nahesteht 1 . Ich erinnere nur an Plato. Es sei mir ge- 
stattet, über dieses Vorbild eines idealistischen Philosophen noch 
Einiges zu sagen. 

Wenn wir ihn in die Nähe der Künstler stellen durften, so 
verdankt er dies nicht nur der hohen Kunst seiner Sprache, sondern 
auch seiner ganzen persönlichen Art, bildlich aufzufassen. Wer ent- 
sinnt sich nicht des glänzenden Vergleiches des irdischen Daseins mit 
dem Aufenthalt in einer unterirdischen Höhle am Anfang des sie- 
benten Buches der »Republik«? Wieder im »Phädros« erscheint 
Plato die Seele unter dem Bilde eines Gespannes. Der vernünf- 
tige Seelenteil (koytatmöv) ist der Lenker zweier geflügelter Rosse: 
eines edlen <des dvfioeiöig) und eines unedlen <der Mh/Mafr Im 
»Staate« endlich wird der begehrende Seelenteil mit einem Hunde 
verglichen. Es sind aus der Traumdeutung bekannte Symbole, teil- 
weise der funktionalen Kategorie 2 , die als unvergeßliche Eindrücke 
in uns haften. 

1 Der halluzinatorische Charakter des Unbewußten dürfte bei den »Schauern* 
ein gewichtiges Wort mitzureden haben. Man könnte vielleicht kurz und ungenau 
sagen: Bei diesen findet eine Regression von Gedanken zu Bildern statt, während 
umgekehrt der Dichter aus Bildern einen gedanklichen Zusammenhang zu gewinnen 
sucht. ■ . 

8 H. Silberer: Bericht über eine Methode, gewisse symbolische Halluzi- 
nationserscheinungen hervorzurufen und zu beobachten. Jahrb. I, p. 517. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 207 



Piaton der Künstler stellt in dem eben erwähnten Höhlenvergleich 
die Idee des Guten, die bei ihm wohl der Gottheit gleichkommt, 
durch das Bild der Sonne dar, bei deren Anblids. der aus der Höhle 
Tretende Schmerz empfände, kaum vermöchte er die Helligkeit der 
Flamme zu ertragen. Wer den Nachtrag zu der Arbeit Freuds 
über Seh reber 1 kennt, wird sich der Vermutung nicht erwehren 
können, daß das dort über das Verhältnis zur Sonne Gesagte denk- 
barerweise auch bei Plato seine Anwendung findet. Ich setze die 
bezeichnenden Stellen aus dem Aufsatz hieher: »Auf p. 48 2 er* 
wähne ich das besondere Verhältnis des Kranken zur Sonne, die 
ich für ein sublimiertes /Vatersymbol' erklären mußte. Die Sonne 
spricht zu ihm in menschlichen Worten und gibt sich ihm so als ein 
belebtes Wesen zu erkennen. Er pflegte sie zu beschimpfen, mit 
Droh worten anzuschreien,- er versichert auch, daß ihre Strahlen vor 
ihm erbleichen, wenn er gegen sie gewendet laut spricht. Nach seiner 
Genesung rühmt er sich, daß er ruhig in die Sonne sehen kann"' 
und davon nur in sehr bescheidenem Maße geblendet wird, was 
natürlich früher nicht möglich gewesen wäre < Anmerkung auf p. 139 
des Seh reber sehen Buches).« 

»An dieses wahnhafte Vorrecht, ungeblendet in die Sonne 
schauen zu können, knüpft nun das mythologische Interesse an. Man 
liest bei S. Reinach* <nach Keller, Tiere des Altertums), daß die 
alten Naturforscher dieses Vermögen allein den Adlern zugestanden, 
die als Bewohner der höchsten Luftschichten zum Himmel, zur 
Sonne und zum Blitze in besonders innige Beziehung gebracht 
wurden. Dieselben Quellen berichten aber auch, daß der Adler 
seine Jungen einer Probe unterzieht, ehe er sie als legitim erkennt. 
Wenn sie es nicht zustande bringen, in die Sonne zu schauen, ohne 
zu blinzeln, werden sie aus dem Nest geworfen.« 

Ȇber die Bedeutung dieser Tiermythos kann kein Zweifel 
sein. Gewiß wird hier den Tieren nur zugeschrieben, was bei den 
Menschen geheiligter Gebrauch ist. Was der Adler mit seinen Jungen 
anstellt, ist ein Ordale, eine Abkunftsprobe, wie sie von den ver= 
schiedensten Völkern aus alten Zeiten berichtet wird.« Folgen nun 
einige Beispiele. 

»Der Adler, der seine Jungen in die Sonne schauen läßt und 
verlangt, daß sie von ihrem Lichte nicht geblendet werden, benimmt 
sich also wie ein Abkömmling der Sonne, der seine Kinder der 
Ahnenprobe unterwirft. Und wenn Schreber sich rühmt, daß er 
ungestraft und ungeblendet in die Sonne schauen kann, hat er den 
mythologischen Ausdrudt für seine Kindesbeziehung zur Sonne 



1 Freud: Nachtrag zu dem autobiographisch beschriebenen Falle von 
Paranoia (Dementia paranoides). Jahrb. III, p. 588. 

2 Jahrb. III, p. 48. 

s Von mir im Druck hervorgehoben. 

• Cultcs, Mythes et Religions, T. III, 1908, p. 80 (Anmerkung Freuds). 



208 



Alfr, Frh. v. Winterstein 



wiedergefunden, hat uns von Neuem bestätigt, wenn wir seine Sonne 
als ein Symbol des Vaters auffassen.« 

Um zu unserem Ausgangspunkt zurückzukehren : drüdit mög= 
licherweise der Höhlenvergleich für den, der an keinen Zufall im 
Psychischen glaubt und die typischen Bilder des Unbewußten kennt, 
auch eine Mutterleibsphantasie 1 aus, so dürfen wir wiederum in der 
Sonne, der Idee des Guten, ein sublimiertes Vatersymbol vermuten 
und in der Unfähigkeit, anfangs ungeblendet in die Sonne zu schauen, 
könnten wir die mythologische Äußerung eines Zweifels an der Ab- 
stammung vom Vater erblicken. Im zweiten Teil dieser Abhandlung 
soll die Bedeutung eines derartigen infantilen Zweifels für die System- 
bildung der Philosophen erörtert werden. Der Aufstieg zur Welt der 
Ideen hingegen würde im Bilde einer Geburt die Verschiebung der 
Libidobesetzung von der Mutter zum Vater, eine Entwiddung 2 an- 
zeigen. Diese Überleitung scheint von großer Bedeutung für die 
Entstehung von Philosophie und Religion zu sein. 

Wir haben erst durch die Psychoanalyse die Vorbildlichkeit des 
Sexuellen für das Verhalten des Individuums erkennen gelernt. Kühle 
oder feindselige Einstellung zur Frau, die wieder in der Beziehung 
zur Mutter ihre Quelle haben dürfte, hat leicht die Neigung, sich 
zu verallgemeinern 8 und die Beurteilung der Sinnenwelt zu beein- 
flussen. Hieraus erwächst oft die allzu hohe Schätzung der rein geistigen 
Wirklichkeit. Die ganze sinnenfeindliche Position des Piatonismus, die 
in dem Christentum und seinem Willen zur Entwertung dergegebenen 
Realität zwei Jahrtausende nachklang, wurzelt nur zum Teil in den 
individuellen Lebensbedingungen ihres Urhebers, zum größeren 
Teil hat sie ihren Ursprung in den Libidowandlungen der griechischen 
Gesamtpsyche. Es wäre eine eines psychoanalytisch geschulten Kultur- 

1 Vgl. das orphische creö/m — a/j/ia! Plato ist durch die orphische Religion 
sehr beeinflußt. Bezüglich der Mutterleibsphantasie, deren Bedeutung und Häufigkeit 
verweise ich auf Freud <»Traumdeutung«, p. 198 und 199) und Stekel (»Die 
Sprache des Traumes«, p. 284 fF.>. — Um empörte gegnerische Stimmen zu be- 
schwichtigen, bemerke ich noch dies: Die Aufdeckung der tiefsten Schicht will 
nicht mit einer erschöpfenden Darstellung des möglichen Ideengehaltes jener 

Bilder verwechselt werden. 

2 Vielleicht lassen sich die nachstehenden Ausführungen Bachorens <»Das 
Mutterredit«, Stuttgart 1901, p. XXVII) als Ergänzung zu dem oben Gesagten 
auffassen: »In der Hervorhebung der Paternität liegt die Losmadiung des Geistes 
von den Erscheinungen der Natur, in ihrer siegreichen Durchführung eine br= 
hebung des menschlichen Daseins über die Gesetze des stoft liehen Lebens. Ist das 
Prinzip des Muttertums allen Sphären der tellurischen Schöpfung gemeinsam, so 
tritt der Mensch durch das Übergewicht, das er der zeugenden Potenz einräumt, 
aus jener Verbindung heraus und wird sich seines höheren Berufes bewußt. Über 
das körperliche Dasein erhebt sich das geistige und der Zusammenhang mit den 
tieferen Kreisen der Schöpfung wird nun auf jenes beschränkt. Das Muttertumje- 
hört der leiblichen Seite des Menschen an und nur für diese wird fortan sein z.u= 
sammenhang mit den übrigen Wesen festgehalten,- das väterlich-geistige Prinzip 
eignet ihm allein. . . Das siegreiche Vatertum wird ebenso entschieden 
an das himmlische Licht angeknüpft, als das gebärende Muttertum 
an die allgebärende Erde«. 

3 Vgl. den Ausdruck »Frau Welt«. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 209 



historikers würdige Aufgabe festzustellen, was die Ursache des mächtigen 
Verdrängungsschubes im achten und siebenten vorchristlichen Jahr- 
hundert, nach Rhode der wichtigsten Periode griediischer Entwicklung, 
gewesen sein mag. Möglich, daß die Verdrängungswelle von Ägypten 
herüberflutete. Seit dieser Zeit tritt in der griechischen Volksseele 
jener Zwiespalt zwischen Bewußtem und Unbewußtem, zwischen 
Apollinischem und Dionysischem — um die berühmte und völker- 
psychologische bedeutsame Unterscheidung Nietzsches in der »Ge- 
burt der' Tragödie usw.« zu gebrauchen — immer wieder auf. Die 
Bedeutung dieses Widerstreites für die griechische Ethik hoffe ich 
einmal in anderem Zusammenhang darlegen zu können. Die Seele ist 
vom Leibe zu reinigen als einem befleckenden Hindernisse — das ist 
das Ziel des in jener Epoche blühenden, an die Tendenzen anderer 
Reinheitsreligionen: des Brahmanismus oder Zoroastrismus, 
gemahnenden orp Irischen Geheimdienstes. Was hier gebändigt und 
geläutert wurde, strömte ursprünglich in wilden Wellen von den 
Bergen des Nordens herunter: ich meine den Dionysoskult thrakischer 1 
Herkunft. Seine Ergänzung findet der orphische Glaube im pytha- 
goräischen Geheimbund, dem auch der Leib ein Kerker der in ihn 
gebannten, aus höheren Regionen verirrten Seele ist. Ägyptisdie und 
vielleicht auch indische Einflüsse sind bei Pythagoras zu verspüren. 
Der Dienst des Dionysos und die Askese des großen Reformers 
bezwecken eigentlich dasselbe. Es gibt ja zwei Möglichkeiten, mit 
der lästigen Sexualität fertig zu werden: entweder man verdrängt 
seine Libido oder man entledigt sich ihrer durch fortgesetzte Real- 
Übertragung. Das zweite Verfahren, durch rücksichtslose Hingabe an 
die Natur ihrer überdrüssig zu werden, das Schwelgen »in impuris 
naturalibus« <Nietzsche> scheint dann wieder in der Schule der 
Kyniker aufzuleben. Diese will aber durchaus nicht den Menschen 
von der Welt ablösen, sondern nur den Einzelnen mitten in der 
Welt von deren Herrschaft über seinen Willen freimachen 2 . Der 
Zynismus entspringt nämlich im letzten Grunde nicht einer freudigen 
Wertschätzung der natürlichen Triebe, sondern einer Erniedrigungs- 
tendenz im Sinne einer Ablehnung. So paradox es auch klingt: der 
Überempfindliche wehrt sich oft durch Zynismen <ein Schutzcharakter 
des Schamhaften). So wie ein Feigling, wenn er gereizt wird, am 
gefährlichsten werden kann. 

Die uns überlieferten Aussprüche der Kyniker kommen unserer 
Auffassung stark entgegen. Antisthenes soll gesagt haben: »Könnte 
ich der Aphrodite habhaft werden, so würde ich sie erschießen«. 3 Von 
einem anderen wird berichtet, er habe sich geäußert: »Lieber will ich 
verrüdtt sein als genießen«. 4 

1 Der thrakische Ursprung ist nach neueren Untersuchungen nicht feststehend. 
- Siehe J. Burckhardt, Griechische Kulturgeschichte, II. Bd. 
s frg. 35 (Mull ach, Fragmenta philosophorum graecorum II. Paris, Didot 
1867, p. 274 ff.>. 

« frg. 65. Diog. Laert. VI, 3. 

Imago H/2 " 



210 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



Audi die hedonische Meß- und Rechenkunst, Ausdrude einer 
an Instinkten ärmer gewordenen Zeit, die mißtrauisch in die Zukunft 
blickt, zeigt immer mehr ihr wahres Gesicht: um sich gegen die Herrschaft 
der Triebe zu sichern, strebt sie Leidiosigkeit an, die Meeresstille 
des Gemüts,- Ruhe und Glüdt ist nur im Tode, lehrt Hegesias, 
der »netaidävatog«, wie der Verfasser der Schrift »Der Selbstmörder 
durch Nahrungsverzicht« <.•>■> änoxaoveQÖv«} genannt wurde. Die Ehe- 
losigkeit dieser Männer entspringt nicht minder dem neurotischen 
Dualismus von Bewußtem und Unbewußtem. 

In diesen Jahrhunderten der Verdrängung, wo die Seele dem 
Leibe entfliegen und sich mit der Gottheit vereinigen will, ist kein 
Platz für die Frau. In der harmonischen, hellen Welt Homers, viel- 
leicht viel später noch bei Herodot 1 , hören wir zum ersten- und 
zum letztenmal starke Gefühlstöne als Ausdruck der Beziehungen 
zwischen Mann und Weib. Um Helenas 2 willen kämpft man vor 
Troja, Hektor nimmt Abschied von Andromache. Diese Klänge ver- 
stummen fortan. Was an zärtlichen Regungen in der Seele des 
Mannes keimt, wird zur Knabenliebe 3 verwendet, die ihren sublimsten, 
leuchtendsten Ausdruck im »Gastmahl« des Plato 4 erhalten hat. Alle 
Wissenschaften und Künste stammen aus dem Eros, heißt es dort. 
Trotzdem wird Eros dem Menschen zum Feinde. Äußere Umstände 
gleicherweise wie innere führen zu einer immer größeren Isolierung 
des einzelnen, der Stoiker bedarf keiner Güter mehr, da er das 
Himmelreich in sich selber, in seines Unbewußten wunscherfüllender 
Instanz trägt. Die Ethik wird vollkommen individualistisch,- die 
Kyniker der vorchristlichen Zeit nehmen bereits die Anschauungen 
der Mönche des dritten und vierten Jahrhunderts vorweg: die Apo- 
litie, die Verachtung der Welt, die Freiheit von Menschen, Bedürf- 
nissen und Meinungen 5 . So sieht der Boden aus, der das Christen- 
tum vorbereitete. 

Schüchtern erst und dann mutiger wagt sich in diesem ein 
Marienkultus hervor, im mittelalterlichen Minnedienst findet dann der 
Mensch jene veredelten Beziehungen zur Frau wieder 6 , entwickelt 
sich jener Frauenkultus, in dem es die folgenden Jahrhunderte auf 
Kosten des homosexuellen Fühlens so weit gebracht haben. 
Schopenhauer bezeichnet eine vereinzelte Reaktion dagegen. 

Wenn wir im Auge behalten, daß die Homosexualität aus dem 

1 Vgl. Gomperz, »Griechische Denker«, II. Bd. 

2 Spätere griediisdie Schriftsteller haben sich bezeichnenderweise darüber lustig 
gemacht, daß die Ilias den Kampf um die Frau besang. 

3 Dorischen Ursprungs. Die Jonier haben eine abweichende Entwicklung 
durchgemacht. 

* In den »Gesetzen« wird die Knabenliebe aufs schärfste verurteilt! 

■- Vgl. jodl, Geschichte der Ethik, I. Bd. 

6 In der hellenistischen Periode spannen sich zwischen den Geschlechtern 
Fäden einer vergeistigten Sinnlichkeit an, die an das achtzehnte Jahrhundert er- 
innern. — Ich weiß sehr genau, daß das Verhalten der Römer zur Frau ein anderes 
wie das der Griechen war, bin aber mit Absicht hier nicht darauf eingegangen. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 211 

Verhältnis zum Vater ihre stärkste Anregung empfängt und eine 
ursprünglich intensive Fixierung bei der Mutter voraussetzt, werden 
wir nicht erstaunt sein, Plato durch den Mund des Sokrates, einer 
Neuauflage des väterlichen Ideals, sein Leben lang sprechen zu hören. 
Für die im »Symposion« gefeierte Knabenliebe 1 aber läßt sich fol- 
gende Erklärung geben: Wenn der Betreffende Vater wird <ich meine 
nicht: physischer Vater), identifiziert er sich mit seinem eigenen Er- 
zeuger und liebt, indem er die alte väterliche Rolle den Knaben 
fegenüber durchführt, eigentlich seine eigene Jugend, sich selbst. Jener 
Narzißmus hat dann bei Aristoteles in der Schilderung des sich selbst 
genießenden, ewig seligen Gottes großartigen Ausdruck gefunden — 
was wieder an aie Liebe erinnert, mit der sich Gott bei Spinoza 
selbst liebt. Auch die heterosexuelle Richtung verrät noch ihren Ein- 
fluß in der Liebe vorzugsweise zu solchen Knaben, deren Aussehen 
ein mädchenhaftes ist. 

Bei einem Individuum wie Plato, dem wir ein besonders 
hohes Maß von Sublimierungsfähigkeit werden zusprechen müssen, 
dürfen wir eine ebenso starke Ablehnung alles Grobsexuellen 
erwarten. Vieles deutet darauf hin: seine Seelenlehre, diese ganze 
Auffassung des Verhältnisses zwischen Leib und Seele, die Sehn- 
sucht der oeele nach ihrer wahren Heimat, der idealen Welt, der 
Unsterblichkeitsglaube 2 — der eigentlich im Widerspruch mit seiner 
Ideenlehre steht — , die nur scheinbar überbrüdcte Kluft zwischen dem 
göttlichen /.oyiorwov und dem vergänglichen kntd^^xizöv in der mensch- 
lichen Brust, endlich der Kultus der unsinnlichen Begriffe, der sich 
nach einem treffenden Worte Iherings einen Begriffshimmel errichtet. 

Furcht vor übermächtigen Sinnen — wir würden sagen: Ab= 
lehnung drängender Triebe — hielt auch Nietzsche 3 für den Grund 
des Idealismus Piatos, in dem der Künstler und der Theolog nie 
zur Versöhnung gelangten. Nur halbwegs gesicherte psychoanalytische 
Aufschlüsse über die Beziehung von Philosophie und psychosexueller 
Konstitution bei Plato zu geben — Plato selbst nennt den Eros 
den philosophischen Zeugungstrieb — , ist bei der nicht allzugroßen 
Ausführlichkeit der Nachrichten über sein Leben und der Ungeeignet- 
heit des Materials ein Ding der Unmöglichkeit. Wir sind daher hier 
wie anderwärts bloß auf Vermutungen angewiesen. 

Wir wissen, daß Plato nach dem Tode des Sokrates aus 
äußeren, politischen und wahrscheinlich auch aus inneren Gründen 
Athen verließ und erst nach beiläufig zehnjähriger Reise nach Athen 
zurückkehrte. In der Fremde mag die Sehnsucht nach dem verlorenen 
väterlichen Ideal des Lehrers den herangereiften Schüler zur Abkehr 
von der äußeren Welt und zu jener Vertiefung in sich selbst ver- 



1 Plato sagte, daß es gar keine platonische Philosophie geben würde, wenn 
es nicht so schöne Jünglinge in Athen gäbe. 

2 Zwischen Todesfurcht, die Unsterblichkeit fordert, und unbefriedigter Sexu- 
alität besteht ein Zusammenhang <die Wünsche sind das Unsterbliche). 

3 »Die fröhliche Wissenschaft«, p. 329. 



14* 



212 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



anlaßt haben, die die Voraussetzung einer Lehre war, in der die 
Ideen allein objektive Realitäten und Sitz aller Wesenheit und Wahr- 
heit, umgekehrt die Erscheinungen der Sinnenwelt unzulängliche Ab= 
bilder derselben sind. Die Erinnerungen seiner Jugendzeit scheinen 
bei Pia tos Heimkehr verstärkten Einfluß auf ihn gewonnen zu haben. 
Dafür spricht, daß die Schriften dieser Periode sich wieder mit Vor- 
liebe zur Persönlichkeit des Sokrates zurückwenden, die Überhand- 
nähme der mythischen Form verrät vielleicht auch eine größere Nähe 
des Unbewußten. letzt entsteht der »Phädros«, das »Symposion«, 
der »Phädon«, Werke, in denen die Erhebung zur Erkenntnis der 
Ideen, die Auffahrt der Seele zum überhimmlischen Ort ihre voll- 
endetste künstlerische Gestaltung erhalten hat. 

Nur scheinbar entflieht Plato auf den Flügeln der Seele ir= 
disdhen Begehrungen und Leidenschaften, in Wirklichkeit kehrt er auf 
den Gipfelpunkt seines Schaffens zum »tiefsten, allertiefsten Grund« 
zurück, »umschwebt von Bildern aller Kreatur«. Jeder Himmelsflug 
führt tatsächlich ins bodenlose Unbewußte hinab. »Versinke denn! 
Ich könnt' auch sagen: Steige! 's ist einerlei« 1 . 

Im »Staate« läßt Plato der Dreiteilung der Seele in ziemlich 
gezwungener Parallele die Dreiteilung der Stände entsprechen. Der 
Staat wiederum ist für den Philosophen eine Welt im kleinen. Ich 
habe dieses Beispiel angeführt, um den Übergang zu einer Behauptung 
zu finden: daß nämlich das ganze Altertum von der Voraussetzung 
ausging, der Mensch sei ein Mikrokosmos. Erst Schopenhauer 2 ist 
zu dem entgegengesetzten Bilde des Kosmos als Makranthropos ge- 
kommen, »sofern Wille und Vorstellung ihn wie sein Wesen er- 
schöpft«. Er hat insoweit recht, als der Mensch eigene bewußte und 
unbewußte Regungen in die Außenwelt projiziert,- der Mensch ist 
für sich tatsächlich das größte Hindernis, um zur Welt zu gelangen. 
In unzähligen Fällen stellt er, indem er ein Weltbild zu geben glaubt, 
nichts anderes wie sein eigenes Unbewußtes, eigene psychische Struktur- 
verhältnisse mit Hilfe des Materials der Außenwelt dar. Denn er 
weiß nichts von diesem Prozesse der Einfühlung, im Bilde kommt 
ihm bloß sein eigenes 3 Wesen entgegen. 

Der »Urmythos aller Mythen« <H. St. Chamberlain), die 
Annahme einer Identität von Geschautem und Gedachtem, Natur 
und Vernunft, Denken und Sein beruht in der einen seiner mög- 
lichen Gestaltungen auf dem Mißverständnis einer anthropomorphen, 

1 Vgl. Augustinus: »Ich werde midi also auch noch über diese Kraft 
meiner Natur erheben, schrittweise emporsteigend zu dem, der midi bereitet 
hat,- werde kommen zu den Gefilden und weiten Palästen meines Gedächtnisses«. 
<Bek. Buch X, Kap. VIII,- zit. bei Jung, Wandlungen und Symbole der Libido). 

* Die Welt als Wille und Vorstellung, II. Bd., Kap. 50. 

3 Novalis, Die Lehrlinge zu Sais: »Erkennen sie in der Natur nicht den 
treuen Abdruck ihrer selbst: Sie selbst verzehren sich in wilder Gedankenlosigkeit. 
Sie wissen nicht, daß ihre Natur ein Gedankenspiel, eine wüste Phantasie ihres 
Traumes ist. Jawohl ist sie ihnen ein entsetzliches Tier, eine seltsam abenteuerliche 
Larve ihrer Begierden«. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 213 

die eigene Libido projizierenden Anschauungsweise, die in dem Sein 
immer nur sich selber finden kann. So kam Schopenhauer, der 
auch hier angeführt werden muß, dazu, beispielsweise in der 
Schwerkraft eine Äußerung des »Willens« zu erblicken. Und für 
diese Art, die Dinge zu betrachten, gilt das Wort des Novalis: 
»Die Welt ist ein Universaltropus des Geistes, ein symbolisches 
Bild desselben.« Bei Fichte, Schelling und Hegel, auf die ich 
in diesem Zusammenhang nicht näher eingehen kann, ist jene 
Identitätstheorie in abstrakten Gedankenverknüpfungen wieder zu 
hohen Ehren gelangt. Es sind bei dieser Einhcitslehre zunächst 
zwei entgegengesetzte Schlußfolgerungen möglich. Wer in seinem 
Innern das Drängen von dumpfen Kräften verspürt und sich als 
Tätigkeitszentrum empfindet, wird nur allzuleicht geneigt sein, die 
Beseeltheit der Außenwelt zu überschätzen. Daher auch der 
Pantheismus der Jugend. Anders bei jenem, der, durch kein ge= 
schäftiges Weben der Seele gestört, die Dinge um sich mit leiden* 
schaftsTos spiegelndem Auge auffängt. Ihm wird das All zu einem 
leblosen, seelenlosen Mechanismus und sein eigenes Psychisches also 
auch. Natürlich ist der oben gebrauchte Ausdruck »Schlußfolgerungen« 
etwas irreführend: es handelt sich nicht um logische Konklusionen, 
sondern um einen gefühlsmäßigen Eindruck, der durch die Libido* 
konstellation des betreffenden Individuums mitbedingt ist. 

In archaischen Zeiten hat gewiß die erstere Anschauung allein 
geherrscht. Damals waren weitaus mehr Objekte der Außenwelt, 
lebendige und leblose, mit Libido primär besetzt als später,- die 
Sonne war nicht ein Vatersymbol, sondern etwas, dem eine — 
sagen wir — gleich starke Libido wie einem Vater entgegengebracht 
wurde. Nachträglich, mit zunehmender Exklusivität und Konzentration 
der Libido, konnte ein Libidostärkeäquivalent wie beispielsweise die 
Sonne oder die Erde als Vater* oder Mutrersymbol verwendet 
werden. Es eignete sich dazu, da es nicht mehr Libidobedeutung 
besaß. Um bei unserem Exempel zu bleiben: ich glaube auch, daß 
ursprünglich bereits oder wenigstens sehr frühe <in diesem Fall 
immerhin sekundär) der Sonne und der Erde eine differenzierte 
Libido infolge eines verschiedenen, sozusagen physischen Entgegen- 
kommens gewidmet wurde. Die Erde ist etwa in jener prähistori* 
sehen Zeit als wirkliche Urmutter, die Sonne als wirklicher Urvater 
verehrt worden. Im Verlaufe einer Entwicklung, deren Dauer wir 
nicht abzuschätzen vermögen, hat sich die Libido von vielen 
Objekten zurückgezogen, sich teils für die nunmehr als solche 
geltenden Liebesobjekte verstärkt, teils sublimiert und jetzt erst 
konnten die der Urlibido ledigen Objekte als Symbole — wie wir 
es noch immer im Traum, in der Dichtung, in der Neurose 1 und 



1 Freud deutete einmal den Angstanfall eines Patienten, den dieser bei einer 
Erdarbeit bekam, als die Sonne ihn beschien, nach den eigenen Angaben des 
Kranken dahin, daß er Angst vor dem zusehenden Sonnen^Vater hatte, der ihn 
beim Herumarbeiten in der Mutter^Erde überraschte. 



214 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



Psychose 1 erleben — gebraucht werden. Mit einem Wort: Vieles, 
was jetzt als Libidosymbol angesehen wird, war vielleicht 
einmal Libidoobjekt. : 

Der Mythos, das Unbewußte, ist die Regenbogenbrücke 
zwischen Innen und Außen, zwischen Geist und Natur 2 . Was ich 
in die Dinge projiziert habe, täuscht mir eine Ähnlichkeit ihres 
Wesens mit dem meinigen vor. Auf allen Pfaden des Denkens tritt 
ewig der Mensch nur sich selber entgegen s und erkennt sich nicht. 
Im Rigveda heißt es: »Im Herzen schuf Varuna den Willen, am 
Himmel die Sonne,- gleicherart sind beide«. 4 Und Jahrhunderte später 
lehrte Giordano Bruno, daß die Stufenleiter der menschlichen 
Gemütsbewegungen genau der Stufenleiter der Natur entspreche . 
In einem gewissen Sinn gilt von unserem gesamten Erkennen 
der Satz, daß jeder nur das findet, was er zu finden voraussetzt — 
kraft seiner eigentümlichen Beschaffenheit. Auch der Philosoph nur 
das, was sein Unbewußtes wünscht, sofern er dessen Herrschaft 
nicht eingedämmt hat. Die Forderung Ferenczis erscheint deshalb 
sehr berechtigt, daß jeder, der an die Behandlung philosophischer 
Probleme herangeht, sich vorher gründlich analysieren solle. 

Und so ist die Philosophie verwandt mit der Erdichtung von 
Mythen, ja ihre Tochter, wie schon Aristoteles bemerkt, der hinzu^ 
fügt, daß der Philomythos notwendig ein Philosophos sein müsse. 
Wir werden von unserem heutigen Standpunkte aus umgekehrt 
sagen, daß der Philosoph, der Metaphysiker, notwendig ein Freund 
von Wunschdichtungen sei. 

Eigentliche Philosophiegeschichte zu treiben, ist dieses Ortes 
nicht, aber wir verstehen von hier aus die verschiedenen Gabelungen, 
die in den entgegengesetztesten Systemen Vertretung gefunden haben. 
Die Kluft zwischen Geist und Natur, Denken und Ausdehnung 
schließt sich — dies ist eine Lösungsmöglichkeit — in einer trans- 
zendentalen Substanz, Gott genannt, zusammen. Jedoch ist das eine 
äußerliche Vermittlung, da diese beiden Attribute als dasjenige, was 
der Verstand an der Substanz als ihr Wesen ausmachend wahr- 
nimmt, Gott selbst gleichgiltig, da sie nicht immanente Unterschiede 
der Substanz sind. Gott ist hier wirklich nur ein Deus ex 
machina. Spinoza, ein Vernunftungeheuer, das die Prinzipien des 
Seins more geometrico zu demonstrieren unternahm und vermeinte, 
alles lasse sich »commodissime explicari« ü , konnte aus unmittelbarer 

• Siehe die Sonne als Vatersymbol bei Schreber. 

2 Inwieweit das Unbewußte tatsächlich als Vermittlung zwischen Psychischem 
und Somatischem aufgefaßt werden könne, soll späterhin dargelegt werden. 

3 »Einem gelang es — er hob den Schleier der Göttin zu Sais — Aber 
was sah er? Er sah — Wunder des Wunders, sich selbst.« 

* Die philosophische Ansicht des Rigveda erfaßt nach Jung Cjahrb. IV, 
p. 408) die Welt als eine Libidoemanation. 

5 Zit. nach Chamberlain, Immanuel Kant, p. 326 (2. Aufl.) 
« Zit. bei Chamberlain, 1. c, p. 392. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 215 

Anschauung niemals die Brücke finden. Sein Geist war zu sehr der 
sinnlichen Außenwelt entwachsen. Die Vernunft war zum Affekt 
geworden, der sich in Syllogismen auslebte. Dem kühlen Denker, 
der sich nach einem schwachen Anlauf zur Objektliebe bei der 
Tochter seines Lehrers, Clara Maria van den Ende, narziß- 
fisch auf sich selbst zurüdczog und in der abstrakten Persönlichkeit 
Gottes sich selbst liebte <Beziehung zwischen Narzißmus und Vater- 
imago), vermochte sich gefühlsmäßig ein Zusammenhang zwischen 
Außenwelt und mathematisch-nüchterner Gedankenwelt nur in 
dem Abgrund der göttlichen Substanz zu ergeben. Der »amor 
intellectualis«, mit dem der endliche Mensch, »Stäubchen vom 
Staube«, dem Versinken in die unendliche Tiefe zustrebt, ist ein 
Nachfahr jener Unterwürfigkeit, mit der sich Israel vor dem strengen 
Gott in den Staub warf 1 . Die innere Auflehnung Spinozas gegen 
seine Bitern, die wir aus seiner Biographie erschließen dürfen und 
die seinem Denken den Stempel der Unerschrockenheit aufgeprägt 
hat, war nicht imstande, die Bedeutung des Vaters für ihn zu 
mindern 2 . In der Rolle, die Gott in seinem System innehat, er- 
kennen wir sie wieder. Er wagt es nicht, von ihm für seine grenzen- 
lose Hingebung Liebe zu fordern,- »nicht Gott liebt uns, sondern 
wir, die wir Gott erkennen, lieben Gott. Weil aber alle Menschen 
zusammen einen Teil des unendlichen Verstandes bilden, welcher 
ein Attribut der ewigen Substanz ist, einen Teil jener Kraft, die 
allüberall Gott erkennt und Gott liebt, so kann gesagt werden, daß 
unsere Liebe ein Teil der Liebe ist, mit der Gott sidi selber liebt« 3 . 
Sollte nun mit der Vermittlung zwischen Innen und Außen 
ernst gemacht werden, so ergaben sich zwei Möglichkeiten: der 
Realismus <Empirismus, Sensualismus) und der Idealismus. Nur 
über diesen will ich noch einiges bemerken. Leibniz faßt die 
Substanz als lebendige Aktivität, als tätige Kraft auf,- die Substanz 
ist ihm ferner Einzelwesen, Monade,- es gibt eine Vielheit von 
Monaden, die alle psychischen Charakter haben. Sie sind die Grund- 
wesen des ganzen physischen wie geistigen LIniversums und unter- 
scheiden sich voneinander nur durch größere oder geringere Deut- 



1 Der masodüstische Zug rückt Spinoza in die Nähe der Mystiker. Es 
fehlen — was nicht erstaunlich ist — auch nicht sadistische Neigungen. Sein Bio- 
graph Colerus <1705> berichtet: »Wenn es ihm um irgendeinen anderen Zeit- 
vertreib zu tun war, so fing er einige Spinnen und ließ sie miteinander kämpfen,- 
oder er fing einige Fliegen, warf sie in das Netz der Spinne und sah diesem 
Kampfe mit großem Vergnügen, selbst mit Lachen zu.« Freudenthal merkt 
hiezu an: »Die Zusammenstellung dieser Angabe mit der nachfolgenden über 
Spinozas mikroskopische Untersuchungen beweist, daß er nicht aus Grausamkeit 
Spinnen und Fliegen miteinander kämpfen ließ, sondern um wissenschaftlicher 
Zwecke willen«. — Als ob das — nach den Erkenntnissen der Psychoanalyse — 
ein Widerspruch wäre! 

- Die Kinder des Hauses <bei Hendrik van der Spyk> ermahnte er zur 
Unterwürfigkeit und zum Gehorsam gegen die Eltern <Colerus>. 

3 Eth. V, Prop. 35 u. 36. Es soll — trotz der vorstehenden Ausführungen 
— nicht verkannt werden, welche Großartigkeit in der Auffassung Spinozas liegt. 



216 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



lichkeit der Erkenntnis. Aus den näheren Bestimmungen der 
Leibnizsdien Monaden geht hervor, daß wir in ihnen bloß 
Projektionen der eigenen seelischen Spontaneität in den gesamten 
Kosmos auf Grund eines Analogieschlusses zu erblidten haben. 
Hier haben wir es eigentlich mit einem wissenschaftlichen, atomistisch 
gefärbten » Animatismus« x zu tun. Die den einzelnen Monaden zu- 
geschriebene Unfähigkeit, aufeinander einzuwirken, gestattet viel* 
leicht Rückschlüsse auf einen ziemlich weitgehenden »Autismus« 2 
bei diesem Denker. Geradeso, wie in der Feststellung, daß in jeder 
Monade sich alles, was ist und geschieht, reflektiert 3 , aber durch 
ihre eigene spontane Kraft, die Interessebesetzung bei der Wahr- 
nehmung der Außenwelt möglicherweise ihren indirekten Aus- 
druck findet. Die Monade ist — nach dem Ausspruche Leibniz' 
— »parvus in suo genere deus«. Gott ist die Monade mit der 
distinktesten Erkenntnis. Der Gottesbegriff spielt im ganzen bei 
Leibniz eine durch sein Monadensystem in nichts gerechtfertigte, 
wohl durch Gefühlsmomente bedingte Rolle. 

Berkeley ist einen Schritt über den Idealismus Leibniz' 
hinausgegangen. Sein religiöses Gefühl allein hinderte ihn, in Solip- 
sismus auszuarten. Esse = pereipi,- es existieren nur Geister, d. h. 
denkende Wesen. Zur Erklärung des nicht spontan von uns Ge= 
setzten wird Gott herbeigezogen, der die sinnlichen Empfindungen 
in uns hervorbringt. Die Ideen, die er uns mitteilt, muß er konse- 
quenterweise auch in sich tragen,- diese Ideen in Gott heißen 
Archetype (Urbilder), diejenigen in uns Ektype (Abbilder). Die 
Entwertung der materiellen Außenwelt, die überragende Bedeutung 
Gottes, den man sich in Analogie mit dem in uns selbst Wirken- 
den zu denken hat — alles das spricht eine für den Psycho- 
analytiker durchsichtige Sprache 4 . 

Jeder Idealismus führt — wie Kraft in seiner früher zitierten 
Arbeit scharfsinnig darlegt — in folgerichtiger Weiterbildung zu 
einem Solipsismus, dem auch Nichtpsychoanalytiker pathologischen 
Charakter zuschreiben müssen. Ein idealistisches System wie das 
Fi cht es liegt trotz der Größe des Gedankens auf dem Wege 
dazu. Die Welt ist eine Schöpfung des reinen oder unendlichen 



1 Vgl. auch R. R, Marett, Preanimistic Religion, Folk-Lore, XI, London, 1900. 

2 Der Ausdrude stammt von E. Bleuler,- siehe auch dessen Arbeit: Das 
autistische Denken, Jahrb. IV, 1. 

3 Leibniz (Principes de la Nature et de la Gräce, § 3>: »Chaque 
monade est un miroir vivant, representatif de l'univers suivant son point 
de vue.« 

4 Im Leben war Berkeley ein warmherziger Philanthrop. 

5 Die Verneinung der objektiven Welt könnte als praktische Überzeugung 
»nur im Tollhaus gefunden werden« (Schopenhauer). Der englische Psycholog 
James Sully spricht an irgendeiner Stelle von dem »Solipsismus« oder »Berkeley* 
anismus« des Kindes und des Wilden. Der erste Ausdruck trifft nur teilweise zu, 
der zweite ist entschieden unrichtig, falls er das gleiche damit bezeichnen soll. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 217 



Ichs 1 ,- der schaffende Geist erzeugt das (empirische) Ich und Nichts 
Ich. Dem Ich tritt das Nicht*Ich als seine Beschränkung entgegen, 
aber von ihm als metaphysischem Daseinsgrund selbst gesetzt. Die 
wirkliche Welt ist das versinnlichte Material unserer Pflicht. Das 
Beispiel des Traumes mag die etwas unklar wirkende Behauptung 
von der Schöpfung der endlichen Ichs und ihrer Schranken verdeut- 
lichen. Im Traume erschafft das Ich unbewußt seine Traumwelt, die 
dem Ich im Traum als sinnlich=objektiv gegenübersteht. »Das ganze 
System unserer Vorstellungen«, heißt es in der »Wissenschafts* 
lehre«, »hängt von unserem Triebe und unserem Willen ab«. 
Dieses ursprüngliche Wirken aber ist bei Fichte das reine Ich als 
»Tathandlung«. Wenn er behauptet, die wahre Realität liege in 
dem (notwendigen, gesetzmäßigen) Wirken, das ohne unser Wissen 
das Weltbild in unserem Bewußtsein erzeugt, so hat er damit 
Schopenhauers Lehre vorweggenommen, die durch ihn mehr, als 
ihr Urheber zugestehen wollte, beeinflußt ist. 

Ohne die erkenntnistheoretische Berechtigung der Theorie 
Fichtes ausschöpfen zu wollen, bemerke ich, daß Fichte eine 
äußerst energische, geistige, selbstherrliche Natur war, die sich wohl 
vermögend fühlte, eine weit zu gebären, um an ihrem Widerstand 
ihre Kräfte zu proben. 

Sofern wir Schöpfung Interessebesetzung gleichstellen, besteht 
der Satz Fichtes zu Recht. In einem gewissen Sinne existiert ja 
wirklich die Außenwelt — freilich nur für uns — nicht, sofern wir 
sie nicht beachten. Bei Schopenhauer, der den Willen, die Libido 
als Urgrund des Seienden ansah, ist der Prozeß des Bewußtwerdens 
des — ich möchte sagen — metaphysischen Mechanismus schon weit 
fortgeschritten und liefert gewissermaßen eine Probe auf die Richtig* 
keit unserer Behauptungen 2 . Schopenhauer ist — nebenbei be* 
merkt — der erste atheistische Philosoph. Der irrationale Wille tritt 
an Stelle des höchst weisen Gottes. 

Über die unsterbliche Geistestat Kants, der die Metaphysik 
vom Throne jagte und ihren Platz der von der Psychoanalyse nicht 
anfechtbaren Erkenntnistheorie einräumte, — der den ganzen Apparat 
der übersinnlichen Welt in den Menschen verlegte, will und kann 
ich hier nicht reden, da dies den mir gesteckten Rahmen der Arbeit 
sprengen würde, möchte nur jeden, der die Absicht hat, Kant mit 
dem Rüstzeug der Psychoanalyse zu bearbeiten, zu allergrößter Vor* 



1 Dieses reine Ich, das bei Fichte die Rolle Gottes einnimmt, entspricht 
ungerähr dem Unbewußten. In einer späteren, mehr mystischen Periode lehrte 
Fichte, daß das unendliche Ich, dessen Erscheinung alles ist, selbst nur »die 
Erscheinung einer absoluten Realität, einer unendlichen Kraft, eines Lebens, eines 
Lichtes ist, das bloß in gebrochenen Strahlen in unser Bewußtsein gelangt«. 

- Was Schopenhauer über die Metaphysik der Geschlechtsliebe und den 
Wahnsinn sagt, stimmt auffällig mit Ergebnissen der Psychoanalyse überein. Vgl. 
O. Rank, Schopenhauer über den Wahnsinn. Zentralbl. f. Psychoan., I. Bd., 
1/2, und O. Juliusburger, Weiteres von Schopenhauer, ebenda, I. Bd., 4. 



218 



Affr. Frh. v. Winterstein 



sieht mahnen, will er sich nicht einer gröblichen Verwechslung von 
Erkenntnistheorie und Psychoanalyse schuldig machen. 

Es ist so gut wie eine Tautologie, wenn ich sage, daß der 
Idealismus, je energischer und konsequenter er entwickelt wird, um 
so mehr den Charakter des Asozialen annimmt. Was die Philosophen 
im allgemeinen unbewußt abhielt, diesen letzten Schritt, so sehr er 
durch die Logik geboten schien, zu vollziehen, war ein größerer oder 
geringerer Rest von sozialem Gefühl 1 , der sie neben anderem Unter= 
scheidendem von den vorwiegend asozialen Psychotikern (besonders 
die Dementia praecox) trennt. Übrigens ist beispielsweise die Para- 
noia, die uns im Wahnsystem des Senatspräsidenten Schreber so 
viel zur Erkenntnis der philosophischen Systembildung lieferte, keines^ 
wegs so asozial wie manche Neurose. In der Psychose können wir 
ebenso wie in Religion und Philosophie eine Umwandlungs=, An= 
passungs= und Heilungstendenz wahrnehmen, die vielleicht ihren mehr 
oder weniger sozialen Charakter erklärt. Auch der Paranoiker richtet 
wie der Philosoph den Wunsch an die Gesamtheit, anerkannt zu 
werden, er wirbt um den anderen,- der konsequente Idealist 2 freilich 
dürfte das nicht tun, er würde damit in Widerspruch mit seiner 
eigenen Lehre geraten, da es ja für ihn kein anderes Ich gibt. 

Ich möchte es an dieser Stelle als Vermutung aussprechen, daß 
in der Paranoia 3 sowohl als in der metaphysischen Systembildung 
der Anteil der Vaterimago ein überwiegend großer 4 ist und ihnen 
deshalb einen mehr oder weniger sozialen Charakter verleiht, indes 
in der Dichtkunst, je mehr sie sich der Lyrik nähert, und in den 
neurotischen Produktionen vielleicht der Anteil der Mutterimago vor= 
herrscht und das soziale Moment mehr in den Hintergrund rückt. 
Die Erklärung hiefür läge in der Tatsache, daß die erstrebte Rück^ 
kehr zur Mutter eine zunehmende Aufhebung des Unterschiedes 
zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Ich und Du herbeiführen 
würde, wohingegen der Vater einem von Anfang an als fremdes 
gleichgeschlechtliches Du gegenübertritt. Eine in den metaphysischen 

1 Die sublimierte Homosexualität, die nach Freud einen wichtigen Beitrag zur 
Konstituierung der sozialen Triebe liefert, soSeint bei den Philosophen eine gewisse 
Bedeutung zu haben,- ihre oft vorhandene Ehelosigkeit würde nicht dagegen sprechen. 

s Ein solcher Idealist steht dem neurotischen Tagträumer sehr nahe. 

3 Freud, Psychoanalyt. Bemerkungen über einen Fall von Paranoia usw., 
Jahrb. 111, 1. 

* Die Naturphilosophen — beispielsweise ein Giordano Bruno, ein 
Vanini —scheinen eine Ausnahme zu bilden. Die affektive Beziehung zur Mutter 
ist bloß auf die Natur übertragen, doch in ihrer Äußerung nicht unterdrückt. N o= 
valis hat für diese Sexualisierung der Natur folgende Worte gefunden: »Erfühlt 
sich in ihr <der Natur) wie am Busen seiner züchtigen Braut und vertraut auch 
nur dieser seine erlangten Einsiditen in süßen vertraulichen Stunden. Glücklich 
preis' ich diesen Sohn, diesen Liebling der Natur, dem sie verstattet, sie in ihrer 
Zweiheit, als erzeugende und gebärende Macht, und in ihrer Einheit, als eine un= 
endliche, ewig dauernde Ehe, zu betrachten. Sein Leben wird eine Fülle aller Ge- 
nüsse, eine Kette der Wollust und seine Religion der eigentliche, echte Naturalis- 
ums sein«. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 219 



Systemen manchmal nachzuweisende »Vaterleibsphantasie«, auf deren 
Existenz in Träumen Stekel und Silberer 1 hingewiesen haben und 
die ihrer Hauptbedeutung nach den Wunsch zum Inhalt hat, das 
gegenwärtige Leben los zu sein, spräche freilich für eine andere Auf- 
fassung des Verhältnisses,- doch ergibt sich diese Phantasie <die bei 
dem Mystiker in Gestalt eines Verlangens nach Vereinigung mit der 
Gottheit aufrauchen kann,- »ich wünsche mir allein in meines Heilands 
Schoß tief einversenkt zu sein,« heißt es bei Angel us Silesius) 
möglicherweise aus einer bloßen Verschiebung von der Mutter her, 
also als etwas Sekundäres. Der Neurotiker und der Künstler folgen 
offensichtlich dem Lustprinzip 2 , während der Philosoph das Realitäts- 
prinzip 2 zu beobachten glaubt,- freilich projiziert er oft, ohne es zu 
wissen, mehr oder weniger infantiles Wunschmaterial in seine W elt- 
anschauung. Je mythologischer diese ist, um so mehr nähern sich die 
»Begriffsdichtungen« Produkten der Kunst 3 . 

Eine Welt mehrfachen Individualbewußtseins, wie sie beispiels- 
weise die Monadenlehre Leibniz' annimmt, ist eine Halbheit, was 
hier nicht gründlicher erörtert zu werden braucht. Wir haben es also 
nur mit diesem letzten Gegensatz in den Weltbegriffen zu tun: 
mit dem Realismus, der die Welt aus einer objektiv für sich be- 
stehenden Natur neben den vielfachen Einheiten des Bewußtseins 
aufbaut, und der Philosophie der Bewußseinsimmanenz (Idealismus 
und Positivismus), die sie nur als ein begriffliches System von Ge- 
setzen für die Verknüpfung der Wahrnehmungen und »Vorstellungen« 

denken darf 4 . . 

Nicht nur, daß diese zweite Weltanschauung erkenntnistneore- 
tisch unhaltbar ist: wir konnten auch in bestimmten, durch Anpassungs- 
schwierigkeiten verursachten regressiven 5 Vorgängen der Libido, die 
zu einer Überschätzung der Denkrealität führen, ihre unbewußten 
Determinanten erkennen. Die Scho penhau ersehe Verneinung des 
Willens entspricht psychologisch einer solchen Introversion. »Wo kein 
Wille ist, da ist keine Realität,« hat Ludwig Feuerbach einmal 
gesagt- wir dürfen den Satz psychoanalytisch dahin erweitern: Wo 
keine vorwärts gerichtete Libido ist, da ist keine objektive Realität. 
Und an einer anderen Stelle äußert der große Denker, der manche 
Erkenntnis der Psychoanalyse schon vorweg genommen hat: »In der 
Tat, nicht der Verstand, nur die Liebe ist es, weldie Wesen außer 
sich setzt, und zwar nicht nur der Vorstellung nach, sondern wirklich, 
wahrhaft, leibhaftig, wie die Geschlechtsliebe sinnfällig beweist«". 

1 H. Silberer, Spermatozoenträume, Jahrb. IV. 

2 Freud, Formulierungen über die zwei Prinzipien des psych. Geschehens. 
Jahrb. III, 1. . . 

3 Die zweite Welt des Künstlers ist »die Realität noch einmal, nur in einer 
Verstärkung, Auswahl und Korrektur« (Nietzsche), indes die wahre Welt des 
Philosophen und Theologen eine Absage an die gegebene bedeutet. 

* Eit. nach Kraft, 1. c. p. 166. 

5 Die Regression reicht häufig bis zum Stadium des Narzißmus zurück. 

ü Kritik des Idealismus. Ausg. von Bolin und Jodl, X. Bd., p. 216. 



220 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



Schließlich möchte ich noch Fichte heranziehen, der in der »An= 
Weisung zum seligen Leben« bemerkt: »Die Liebe ist die Quelle 
aller Gewißheit und aller Wahrheit und aller Realität.« 

Wo die Realität gesucht und gefunden wird, das begründet 
nach Weininger 1 alle Unterschiede zwischen den Menschen. Das 
Erfassen der Wirklichkeit aber ist in der Hauptsache durch unsere 
Libidokonstellation bedingt. Ja, hinter unserem gesamten Denken 
stehen treibende Wünsche — es wäre sonst leer und unfruchtbar. 
Der Mensch ohne Binnenleben, für den das Geistige keine Realität 
vorstellt, wünscht gar nicht, zu einer anderen Weltanschauung als 
der materialistischen 2 zu gelangen, wohingegen der Phantasiemensch, 
»tatenarm und gedankenvoll,« regressiv Gedanken die unerfüllbaren 
Taten vertreten läßt, die objektive Realität entwertet und Idealist 
wird, scheinbar allerdings auf Grund scharfsinniger logischer Er- 
wägungen. 

Wollte man schließlich fragen, welcher Weltbegriff der Freude 
sehen Psychologie am gemäßesten erscheint, d. h., welcher ein Minimum 
von subjektiver oder mythologischer Betrachtungsweise und ein 
Maximum von Anpassung an die objektive Wirklichkeit aufweist, 
so muß man sich vor Augen halten, daß das eine Glied der oben 
dargelegten Alternative, der subjektive Idealismus, abgesehen von 
seiner erkenntnistheoretischen Unvollziehbarkeit 3 auch aus Gründen, 
die in ihm das Erzeugnis einer ganz bestimmten Libidokonstellation 
erkennen lassen, ausfallen muß. Bleibt also nur der realistisch^dualisti^ 
sehe Weltbegriff. Wie verhalten sich nun die Anschauungen Freuds 
dazu? 

Im Gegensatz zu der sonst vorwiegend üblichen Meinung hat 
dieser 4 uns gelehrt, daß es für das Bewußtsein ein zweifaches von 
ihm bloß erschlossenes Reales, das seiner inneren Natur nach un= 
bekannt bleiben muß, gibt: einerseits die sogenannte Außenwelt, d. h. 
genauer: der psychische Apparat, der mit dem Sinnesorgan der 
W*Systeme 5 der Außenwelt zugekehrt ist, ist selbst Außenwelt für 
das Sinnesorgan des Bw, — anderseits das eigentlich reale Psycho 
sehe, das Unbewußte {durch die Daten des Bewußtseins uns ebenso 



1 Vgl. Novalis: »Wo der Mensch seine Realität hinsetzt, was er fixiert, 
das ist sein Gott, seine Welt, sein Alles.« 

2 »Der Materialismus, der das Ich ganz in der Außenwelt aufgehen läßt, 
bezeichnet das Maximum der denkbaren Projektion,- der Solipsismus, der die ganze 
Außenwelt in das Ich aufnimmt, das Maximum der Introjektion«. <Ferenczi, 
Zur Begriffsbestimmung der Introjektion, Zentralbl. f. Psychoan., II. Bd., 4.) 

3 Siehe Kraft, 1. c. p. 164ff. 

* Traumdeutung, 2. Aufl., p. 380 ff. 

5 Nach Freud ist der seelische Apparat aus Instanzen oder Systemen zu- 
sammengesetzt und hat eine bestimmte Richtung vom sensiblen zum motorischen 
Ende. An jenem Wahrnehmungsende befindet sich das System W.,- das letzte der 
Systeme am motorischen Ende heißt das Vorbewußte <Vbw>, das System dahinter 
das Unbewußte, weil es keinen Zugang zum Bewußtsein hat, außer durch das 
Vorbewußte, bei welchem Durchgang sein Erregungsvorgang sich Abänderungen 
gefallen lassen muß. Vgl. Genaueres darüber in der Traumdeutung, p. 331 ff. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 221 



unvollständig gegeben wie die Außenwelt durch die Angaben unserer 
Sinnesorgane), das durch das System Vbw vom Bewußtsein abge- 
schlossen ist. Das Bewußtsein hat die Rolle eines Sinnesorgans zur 
Wahrnehmung psychischer Qualitäten. 

Gegen diese Aufstellungen muß ich jedoch persönlich folgenden 
Einwand erheben: Mit welchem Recht behauptet Freud, das Be- 
wußtsein sei ein Sinnesorgan zur Wahrnehmung psychischer Quali- 
täten,- und in demselben Zusammenhang: das Unbewußte sei das 
eigentliche Psychisch-Reale? So ausgedrückt, scheinen mir beide Sätze 
irreführend zu sein. Halte ich midi an die Bedeutung des Wortes 
»Sinnesorgan«, so heißt das, daß ein von mir bloß gedachter, aber 
nicht anschaulich vorstellbarer, realer Gegenstand des Bewußtseins 
mittels einer unbegreiflichen fistdßaotg elg ällo y&voq — und darum 
dreht sich ja die Streitfrage: Wie ist überhaupt eine Erkenntnis von 
etwas jenseits des Bewußtseins Liegendem, an sich Seiendem möglich? — 
zu einem Bewußtseinsinhalt wird. Ebenso sind nun beispiels- 
weise Träume oder Halluzinationen nidit Gegenstände des Be- 
wußtseins, sondern nur dessen Inhalte, von denen wir Psycho- 
analytiker auf ein determinierendes reales Unbewußtes mit dem 
gleichen Rechte schließen müssen (falls das Bewußtsein ein Sinnes- 
organ ist) wie von der Vorstellung 1 »Baum« auf die Existenz eines 
einem anderen Wirklichkeitsbereich angehörigen Gegenstandes »Baum« 
der Außenwelt. Warum sollte man nun dieses Unbewußte für das 
eigentlich Psychische ansehen? Das heißt nur, ein uns geläufiges Wort 
für ein tatsächliches X setzen, das, sofern man bei der Auffassung als 
Sinnesorgan verharrt, eher etwa dem Somatischen <Cerebrations- 
vorgängen) gleichzustellen wäre. 

Auch die Identifizierung der W-Systeme mit einer Außenwelt 
für das Sinnesorgan des Bw ist, wörtlich genommen, unrichtig. Das 
Bewußtsein bewirkt, daß das von den Sinnesorganen übermittelte 
Empfindungsdatum apperzipiert, begrifflich verstanden und dadurch 
zur Wahrnehmung werde, das Bewußtsein apperzipiert das Perzi- 
pierte, das bereits Psychisches, also nicht Außenwelt für das 
Apperzeptionsorgan ist. Mit einem Wort: Was Gegenstand des 
Bewußtseins ist, kann nichts Psychisches sein. 

Aber lassen wir diesen Vergleich des Bewußtseins mit einem 
Sinnesorgan zur Wahrnehmung psychischer Qualitäten, der vielleicht 
nicht streng durchgeführt werden sollte, fallen,- bescheiden wir uns 
bei der empirisch ziemlich gesicherten Annahme, daß es neben dem 
Bewußtpsychischen auch ein Unbewußtpsychisches gibt, das Freud 
im Sinne eines Wert-, nicht eines Existentialurteils das reale Psy- 
chische nennt. Die Bedeutung dieses Wortes weist wohl nicht auf 
einen der Art nach vom Bewußtsein verschiedenen Wirklichkeits- 
zusammenhang hin, sondern drückt nur den zur Ausfüllung von 
Lücken in der Kausalkette des seelischen Geschehens statuierten 

1 Vorstellung nicht im Sinn von Erinnerungsbild. 



222 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



Unterbau aus, den wir dem unmittelbar erlebten Zusammenhang 
der Bewußtseinserlebnisse als Träger zugrunde legen müssen. 

Schien es also vorhin nicht widerspruchsvoll, das Unbewußte 
etwa als eine Summe von Cerebrationsvorgängen der Korperwelt 
einzugliedern, so dürfen wir nach dem eben Gesagten das Unbe- 
wußte dieses qualitativ an sich völlig unbekannte Geschehen, in den 
Kreis 'des Psychischen — Subjektiv-Psychischen: damit wäre schon 
vielleicht zuviel gesagt — einbeziehen. 

Welche der beiden Auffassungen — die somatische oder die 
psychische - man sich auch zu eigen macht, - der realistisch- 
dualistische Weltbegriff wird dadurch nicht wesentlich berührt, sofern 
man nicht das Reale des Unbewußten als einen zwischen den beiden 
anderen Wirklichkeitszusammenhängen vermittelnden 1 dritten Keaii- 
tätszusammenhang betrachten wollte. Denn dies allein wäre ein 
monistischer Realismus. 

IL Die Persönlichkeit. 

»Kein Wunder, daß sich Stutzer so gern im Spiegel 
sehen: sie sehen sich ganz. Wenn der Philosoph einen 
Spiegel hätte, in welchem er sich so wie jene sehen 
könnte, er würde nie davon wegkommen.« 

Lichtenberg. 

Der bekannte Satz Fichtes: Was für eine Philosophie man 
wählt, hängt davon ab, was für ein Mensch man ist ■ hat erst durch 
die Lehren Freuds eine gesicherte wissenschaftliche Grundlage er- 
halten, nachdem bereits Nietzsche - um nur einen bedeutungs- 
vollen Namen zu nennen - tiefgehende Auskünfte zur Beant- 
wortung der Frage nach der psychologischen Abstammung des 
Philosophen gegeben hat. Es fehlt zwar auch sonst nicht an ge- 
legentlichen Selbstbekenntnissen der Denker - ich erinnere hier an 
Descartes, an Pascal - doch sind jene zu unvollständig und 
ermangeln zumeist der letzten Aufrichtigkeit, um für ^ehr denn als 
Winke in unserer Untersuchung dienen zu können. Auch Nietzsche 
hat keine zusammenhängende Darstellung geliefert,- die uns inter- 

» Einerseits psychische Gesetzmäßigkeit, anderseits nicht »BBettMiig 
ich gehörig, nicht subjektiv. - Ich halte bei dem gegenwärtigen Stande unserer 
Kenntnisse den Dualismus für die der Erfahrung am meisten a£f"*^f*£ 
schauung. Das Psychische ist etwas anderes wie das Kw*e-«J '* 
nichts über die Herkunft des Geistigen gesagt haben w.ll - und der Versuch, sie 
in einem völlig unbekannten Ding an sich zu vere.n.gen, bleibt jedem unbenommen, 
bedeutet aber einen Schritt ins Transzendente. 

Mn der »Ersten Einleitung in die Wissenschaftslehre« (1797> W ite 
weiteren ausgeführt: Ein philosophisches System ist kein lebloses Gerat, das man 
nach Belieben besitzen und veräußern kann- es entspringt aus der innersten Seele 
des Menschen. Die Wahl (zwischen Meagsmus^nd Dogmatotmg jA«*«* 
beruhen, ob das Selbständigkeits- und Tätigke.tsgefuhl oder d as Ahhangigkeits» ^ und 
Passivitätsgefühl die Oberhand in uns hat <zit. nach. Hoffding, Gesch. der neueren 
Philosophie, II. Bd., p. 157). 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 223 

essierenden Bemerkungen sind in bunter Fülle über alle seine Schriften 
verstreut. Aus der großen Zahl setzen wir in beliebiger Reihenfolge 
einige bezeichnende Aussprudle hieher. In der Einleitung zur 
»Fröhlichen Wissenschaft« spricht Nietzsche über das Verhältnis 
von Gesundheit und Philosophie und davon, »wenn die Notstände 
Philosophie treiben«. Ferner heißt es dort: »Die unbewußte Ver= 
klcidung physiologischer Bedürfnisse unter die Mäntel des Objektiven, 
Ideellen, Keingeistigen geht bis zum Erschrecken weit und oft genug 
habe ich mich gerragt, ob nicht, im großen gerechnet, Philosophie 
bisher überhaupt nur eine Auslegung des Leibes gewesen ist. Hinter 
den höchsten Werturteilen, von denen bisher die Geschichte des 
Gedankens geleitet wurde, liegen Mißverständnisse der leiblichen 
Beschaffenheit verborgen, sei es von Einzelnen, sei es von Ständen 
oder ganzen Rassen.« An einer anderen Stelle seiner Werke lesen 
wir, daß zum Entstehen des Gelehrten »eine Menge sehr mensch- 
licher Triebe und Triebchen zusammengegossen werden muß«,- das= 
selbe gilt vom Wesen des Philosophen. — »Jede Philosophie war 
bisher das Selbstbekenntnis ihres Urhebers und eine Art ungewollter 
memoires, es gibt an dem Philosophen ganz und gar nichts Unper- 
sönliches.« — »Wenn ich etwas vor allen Psychologen voraus habe, 
so ist es das, daß mein Bliok geschärfter ist für jene schwierigste und 
verfänglichste Art des Rückschlusses, in der die meisten Fehler ge- 
macht werden — des Rückschlusses vom Werk auf den Urheber, 
von der Tat auf den Täter, vom Ideal auf den, der es nötig hat, 
von jeder Denk- und Wertungsweise auf das dahinter komman= 
dierende Bedürfnis.« — »Auch die Segnungen und Beseligungen 
einer Philosophie, einer Religion beweisen für ihre Wahrheit nichts: 
ebensowenig als das Glück, welches der Irrsinnige von seiner fixen 
Idee her genießt, etwas für die Vernünftigkeit dieser Ideen beweist.« 

Im Denken sieht Nietzsche nur ein gewisses Verhalten der 
Triebe zueinander,- von den Philosophen sagt er: »Ihr Wille zur 
Wahrheit ist — Wille zur Macht.« Nietzsche selbst sucht nach 
Riehls 1 Worten das »Wehetuende der Erkenntnis« auf wie einen 
neuen Reiz, der von ihr ausgeht. »Neugierig bis zum Laster, 
Forscher bis zur Grausamkeit« hat er sich genannt und verheißen, 
man werde ihm eine »ausschweifende Redlichkeit« nachsagen, nach= 
rühmen. Das Wort: Don Juan der Erkenntnis, ist von ihm. »Er= 
kenntnis — eine Form des Asketismus,« schreibt Nietzsche im 
»Antichrist«. Endlich: »Die Wertschätzungen eines Menschen ver- 
raten etwas vom Aufbau seiner Seele und worin sie ihre Lebens- 
bedingungen, ihre eigentliche Not sieht.« 

»II n'v a pas de maladies,- il n'y a que des malades« — es 
gibt kein alleinseligmachendes philosophisches System, sondern nur 
verschiedene Philosophen mit sehr menschlicher Herkunft: dies ist die 
uns nicht m ehr fremde Einsicht. Aber es mußten sich noch die 

1 A. Riehl, Fr. Nietzsche, Der Künstler und der Denker, Dritte Aufl., 
Fromann, Stuttgart. 



224 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



grundlegenden Ergebnisse der Freudschen Forschungen zu einer 
Einheit zusammenschließen, um ein ungefähres Verständnis des 
geistigen Typus des Philosophen zu ermöglichen 

Der Trieb, den Kausalzusammenhang des Weltgeschehens im 
ganzen zu erforschen, und das Verhältnis zur Realität sind die 
wichtigsten Elemente in der Persönlichkeitsformei des Philosophen. 
Über beide Erscheinungen hat Freud 1 schon das meiste gesagt, so 
daß ich midi wohl begnügen darf, seine Auffassung ganz kurz zu 

wiederholen. . , 

Aus der durch einen Schub energischer Sexualverdrangung ab= 
geschlossenen Periode der infantilen Sexualforschung 2 erübrigen sich 
für das weitere Schicksal des Forschertriebes aus seiner frühzeitlichen 
Verknüpfung mit sexuellen Interessen drei Möglichkeiten, von denen 
wir die erste: die neurotische Hemmung <die erworbene Denk» 
schwäche leistet dem Ausbruch einer neurotischen Erkrankung Vor- 
schub), hier außer acht lassen können. Die zwei anderen Typen: der 
des neurotischen Grüblers 3 und des nicht neurotischen Forschers, 
mögen sich aber gleicherweise unter den Philosophen finden. In 
beiden Fällen wird das Forschen zum Zwang und Ersatz der 
Sexualbetätigung,- die intellektuellen Operationen sind beim Grübler 
mit der Lust und der Angst der eigentlichen Sexualvorgange betont 
und die Beschäftigung mit den ursprünglichen Komplexen der intan= 
tilen Sexualforsdiung macht sich noch bemerkbar, indes der zweite 
seinen kräftigen Forschertrieb, der bloß durch die sublimierte Libido 
eine Verstärkung erfahren hat, aber an sich nicht aus dem Sexuellen 
abstammt, frei im Dienste des intellektuellen Interesses betätigen 
wird. Der Sexualverdrängung trägt er insofern noch Rechnung, als 
er die Beschäftigung mit sexuellen Themen vermeidet. Die zugrunde 
liegenden psychischen Prozesse sind also verschieden: das eine Mal 
erfolgte ein Durchbruch aus dem Unbewußten, das andere Mal kam 
es zur »Sublimierung« - was freilich bloß ein Wort das eine 
große Lüdie in unseren Kenntnissen geschickt verdeckt Man hat 
sich etwa vorzustellen, daß im Ichbetrieb vorhandene Anlagen durch 
einen sexuellen Zuschuß gewissermaßen befruchtet, zur Aktualität 
erweckt werden <Fließ faßt das "Werk des Genies als ein Produkt 
der inneren Befruchtung des Bisexuellen auf). 

Was das Verhältnis zur Realität anbelangt, so hat schon vor 
Freud P. Janet 4 in einer Störung der »fonetion du reel«, in einer 
herabgesetzten psychologischen Spannung einen besonderen Charakter 
der »psychasthenie« zu erkennen geglaubt. Ich greife aus seinen 



i Freud: Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci, Schriften z. 
angew. Seelenk. I. Heft. — Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose, 
Jahrb. I. - Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Ue« 
schehens. Jahrb. III, 1 und passim. 

'-' Siehe die Arbeit über Leonardo, p. 15 ff. 

s Lichtenberg: »Der gesunde Gelehrte: der Mann, bei dem Nachdenken 
keine Krankheit ist.« 

* P. Janet, Les nevroses, Paris, Alcan, tWU, p. J31 tt. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 225 



interessanten Ausführungen einige wenige heraus: »Leurs fonctions 
psychologiques ne presentent aucun trouble dans les Operations qui 
portent sur l'abstrait ou sur l'imaginaire, elles ne presentent du 
desordre que lorsqu'il s'agit d'une Operation portant sur ia realite 
concrete et presente.« — »Quand ils conservent quelque activite, 
on voit qu'ils se complaisent dans les choses qui sont les plus 
eloignees de la realite materielle: ils sont quelquefois psychologues, 
ils aiment surtout la philosophie et deviennent de terribles metaphysi= 
ciens. Quand on a vu beaucoup de scrupuleux, on en arrive ä se 
demander avec tristesse si la speculation philosophique n'est pas une 
maladie de I'esprit humain.« — »Qui ne croirait ä premiere vue, 
qu'un raisonnement syllogistique demande plus de traveil celebral 
que la perception d'un arbre ou d'une fleur avec le sentiment de 
leur realite et cependant, je crois que ce point de sens commun se 
trompe. L'operation la plus difficile, Celle qui disparait le plus vite 
et le plus souvent, dans toutes les depressions, est celle dont on 
vient justement de reconnaitre l'importance, f'apprehension de la 
realite sous toutes ses formes.« — Freud selber erbliokt in der 
Tendenz zur Isolierung von der Realität einen für die Neurose 
wesentlichen Zug. Die Durchleuchtung der Genese und des feineren 
Mechanismus der Zwangsneurose, die uns unter anderem die Vorliebe 
der Kranken für den Zweifel und die Unsidierheit sowie ihren Glau=- 
ben an die Allmacht der Gedanken dargetan hat, und die Analysen 
einiger Wahnsysteme der Paranoia und Dementia praecox l , die eine 
überraschende Ähnlichkeit mit den metaphysischen Konstruktionen 
der Philosophen zeigen, schließen sich an die anderen Erkenntnisse an 
und gestatten uns, ein annähernd richtiges Bild von den unbewußten 
Grundlagen der philosophischen Produktion zu gewinnen. 

Wenn wir nun darangehen, in einem bestimmten Verhalten 
der Triebe ein entscheidendes Moment für die Entwicklung zum 
Denker herauszustellen, wollen wir nicht vergessen, vorher zu er= 
wähnen, daß wir uns nicht vermessen, eine Synthese der Elemente, 
die die Persönlichkeit irgendeines großen Philosophen konstituieren, 
zu geben,- denn wie Sexualtrieb und Ichtriebe im einzelnen zu* 
sammenwirken, wieviel auf Rechnung der angeborenen Anlage zu 
setzen oder den »Zufälligkeiten« des Erlebens zu verdanken ist, 
welches ferner der organische Hintergrund von Sublimierungsfähigkeit 
und Verdrängungstendenz sein mag und worin schließlich das 
Spezifische einer solchen Begabung beruht — alles das sind ebenso- 
viel ungelöste Probleme. 

Aber der Eindruck, den man aus den Analysen namentlich 
gewisser Zwangskranker und dann auch der Paranoiker erhält, 
stimmt so auffällig zu jenem, den man sich bei Betrachtung von 

1 Vor allem Freud, Psychoanalytische Bemerkungen über einen Fall von 
Paranoia usw., ferner J. Nelken, Analytische Beobachtungen über Phantasien 
eines Schizophrenen, Jahrb. IV und S. Spielrein, Über den psychologischen 
Inhalt eines Falles von Schizophrenie (Dementia praecox), Jahrb. III. 



Imago H/2 



15 



22(5 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



Lehre und Leben vieler Denker holt, daß man dieser Ähnlichkeit 
eine mehr als zufällige Bedeutung beimessen muß. »Denn wie der 
Baum mit lichtentfernten Wurzeln die etwa trübe Nahrung saugt 
tief aus dem Boden, so scheint der Stamm der Weisheit wird 
genannt, und der dem Himmel eignet mit den Asten, Kraft und 
Bestehn aus trübem Irdischen, dem Fehler nah Verwandten auf- 
zusaugen« 1 . _ . , , j ß . 

Wir haben an einem früheren Ort hervorgehoben daß eine 
besonders verstärkte infantile Wißbegierde 2 , die namentlich die Her- 
kunft der Kinder, die Beschaffenheit der Genitalien des anderen 
Geschlechts und die schwer zu ergründende Rolle des Vaters zum 
Gegenstand nimmt, sich aber im Verkehr mit Erwachsenen dieser 
speziellen Fragen zumeist enthält, um desto unermüdlicher über alle 
möglichen anderen Dinge Auskunft zu verlangen ein — soweit 
unsere Interessen in Betracht kommen - doppeltes Schicksal erfahren 
kann und das mächtigste Motiv für alle spätere Denkarbeit abgibt. 
Wir sind natürlich im allgemeinen bloß auf Vermutungen angewiesen, 
wenn es sich darum handelt, diese Besonderheit bei allen Individuen, 
die nad! den letzten Dingen forschen, durch biographische Details zu 
belegen. Um so willkommener ist es uns Descartes ersten Bio- 
graphen Baillet 3 berichten zu hören, daß der Vater des Philosophen 

> Griilparzer, Die Jüdin von Toledo, 1. Aufzug. ^ 

-• Einen sdiönen Nadweis für den Zusammenhang von Sexualtrieb und 
Forsdierfreüde - wenigstens in einem Falle - hat Dr. K. Furtmuller im 
Zentralb f Psychoan., I, 5/6, durch Anführung einiger Satze aus einem Briefe 
MuTtatul s erbracht. Die betreffende Stelle (Multatul ^Briefe, herausgegeben von 
W Spohr, 2 Bde., p. 72f.> lautet: .... Ich hoffe ich hoffe, eine : vereinfachte 
Methode für die Trigonometrie zu finden. Alle Schüler werden mi r dankbar sein 
W, habe noch viele Ldere Dinge von dieser Art z "untersuchen Es ist her khe 
Poesie, das Aufheben des keuschen Gewandes der Natur, das S , u * en n n J* t lh ; e " 
Formen, das Forschen nach ihren Verhältnissen, das Betasten ihrer Gejgfc das 
Eindringen in die Gebärmutter der Wahrheit. Siehe da d,e Wollust der 

ei Und - ich Tor - ich bin ihr Freund! Wahrlich, sie stößt mi<h nicht zurück 
ergibt sie sich gleich nicht mühelos. Just Mysterium genug « m .^ un ^ u " d r 
begehrt und angebetet zu bleiben. Nicht genug, um den , sturmis *f H X e f^ 
mutlos zu machen. Ich habe ihre Fußknöchel, ihre Knie Stehen, ,a die Hüft e und 
die Lenden, dann und wann . . . aber, aber, dann stoßt sie mich weg und flieht 
dahin, Daphne, die sie ist, Sylphe, die sie ist, Irrlicht Court.sane Jungfrau ... 
Und bei alledem die große, mächtige Isis, die Frau Jehoyah, ,di< : ist, war und sein 
wird, unveränderlich, unantastbar, unvernichtbar: das Sem, die Wahrheit « 

Ahnlich auch Schopenhauer in den »Fragmenten zur Geschichte der 
Philosophie«: »Als den eigentümlichen Charakter meines Philosophieren darf * 
anführen, daß ich überall den Dingen auf den Grund zu kommen suche, indem ich 
nicht ablasse, sie bis auf das letzte real Gegebene zu verfolgen Dies ge srfneht 
vermöge eines natürliAen Hanges, der es mir fast unmöglich macht, mich bei irgend 
noch allgemeiner und abstrakter, daher noch unbestimmter Erfcenntni , bei bloßen 
Begriffen, geschweige bei Worten zu beruhigen, sondern mi* weitertreibt bis ich 
die letzte Grundlage aller Begriffe und Sätze, die allemal anschaulich ist, nackt 
vor mir habe . . . « 

» Bailiet, 1. c. 1. chap. IV, p. 16. 




Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 227 

die Gewohnheit hatte, den kleinen Rene seinen Philosophen zu 
nennen, wegen der unersättlichen Neugier, mit der ihn dieser um 
die Ursachen und Wirkungen alles dessen, was ihm gerade durch 
den Kopf ging, befragte. Derselbe Descartes hat später in dem 
»Discours de la Methode« seinen Erfolg als Denker nicht seiner 
besonderen Genialität, sondern bloß unermüdlicher, harter und kon* 
sequenter Gedankenarbeit zugeschrieben. 

An dieser Stelle möchte ich eine kleine Einschiebung machen. 
Ich halte den Antrieb zum Denken bei den Menschen für durch* 
schnittlich recht gering,- man wundert sich wirklich oft, über wieviele 
Dinge sie sich nicht den Kopf zerbrechen, wieviel sie gedankenlos 
hinnehmen, und ich glaube, daß die Qualitätsunterschiede im Denken 
sich ziemlich häufig, wenigstens zum guten Teil, auf Intensitäts* 
differenzen <bei großer Intensität wird oft ein sexuelles Agens an* 
zunehmen sein) zurückführen lassen. In diesem Sinne behielte der 
Ausspruch: »Genie ist Fleiß«, recht gegen den Goethe'schen Satz: 
»Alles Denken in der Welt wird uns nicht auf Gedanken bringen.« 

Es muß entweder der Inhalt des Denkens oder die Tätig* 
keit des Denkens an sich lustvoll sein, um als Anreiz zum Forschen 
zu wirken. Was den ersten Faktor betrifft, so sind es gerade in 
der Metaphysik die alten infantilen Komplexe \ die in nur leicht zen* 
surierter Form immer wieder zur Bearbeitung gelangen. Mancher 
vertieft sich — nach den Worten Freuds — in die Wissenschaft, um 
die Leidenschaft in Wissensdrang umzuwandeln, um ein Ausleben 
der Komplexe zu ermöglichen und damit ihre Wirkung zu dämpfen. 

In dem sinnreichen Märchen des Novalis von Hyazinth und 
Rosenblütchen sehnt sich der junge Hyazinth, die unaussprechliche 
Natur zu umfassen. Er muß sie suchen gehen. »Ich wollt' euch 
gerne sagen, wohin, ich weiß selbst nicht, dahin wo die Mutter 
der Dinge wohnt, die verschleierte Jungfrau. Nach der ist 
mein Gemüt entzündet.« Er fahndet nach dem geheimnisvollen Auf* 
enthalt der Isis. Sein Vaterland und seine Geliebten verläßt er und 
achtet nicht im Drange seiner Leidenschaft auf den Kummer seiner 
Braut Rosenblütchen. Lange währt seine Reise. Endlich begegnet er 



i Vgl. auch die folgende, von E. Jones (Jahrb. IV, p. 583) mitgeteilte 
Phantasie eines Zwangsneurotikers: »Der Held, natürlich er selbst, verfolgt ein 
stets ausweichendes Etwas, das er nie erreicht und das ihm der wirkliche Sinn 
und Mittelpunkt des Lebens zu sein scheint. Nach jahrelangem Umherwandern 
kommt er wieder in die Nähe seiner alten Heimat, traumverloren in einen tiefen 
Teich starrend. Träumend malt er sich aus, wie er vor vielen hundert Jahren 
Maid Marion aus den Händen der Normannen befreite und zur Strafe eine große 
Anzahl derselben tötete. Er erwachte aus seinem Tagtraum und findet sich zur 
Seite seiner Cousine, von der er vor Jahren geschieden war, und weiß nun plötzlich, 
was er so lange gesucht hat.« »Der Patient war als Kind,« fügt Jones hinzu, 
>>sehr verliebt in eine erwachsene Cousine, natürlich als Ersatz rür die Mutter.« 
Derselbe Patient, bei dem die Analerotik eine große Rolle spielte, wollte über- 
haupt bei allem im Leben, sei es konkret oder abstrakt, zum »Mittelpunkt« oder 
auf den »Grund« gelangen. Sein Streben ging auch dahin, die zentrale Bedeutung 
des Lebens, des Weltalls usw. herauszufinden. 

15* 



228 



Alfr. Frh. v. Winterstein 






einem Quell und Blumen, die einen Weg für eine Geisterfamilie 
bereiten. Sie verraten ihm den Pfad zum Heiligtum. Er tritt ein 
und steht vor der himmlischen Jungfrau, da hebt er den leimten, 
glänzenden Schleier und — Rosenblütchen sinkt in seine Arme — 
Der tiefsinnige Dichter hat hier den Zusammenhang zwischen 
Verschobener) Mutterlibido und Forschungsdrang in deutlicher Weise 

ersichtlich gemacht. 

Die Frage nach dem Ursprung der Dinge geht auch aut das 
Grübeln über die eigene Herkunft zurück und der kindliche Zweifel an 
der Abstammung vom Vater {hinter dem sich vielleicht manchmal 
der feindselige Wunsch, keine Gemeinschaft mit dem Vater zu 
haben, dessen Rivale der Sohn bei der Mutter ist, birgt) erfährt 
mit der Verdrängung der inzestuösen Mutterlibido eine Art Über- 
kompensation durch Phantasien von der Geburt aus dem Vater 1 
und der Schöpfung der Welt durch Gott. Die aus unbewußten 
Gründen erfolgende Entwertung der Mutter» und Überbesetzung 
der Vaterimago (Ausnahmen haben wir früher erwähnt!) führt 
also zu exquisit männlichen Geburtsphantasien, die einerseits viel» 
leicht bisweilen auf die eben besprochene Unkenntnis betreffs des 
Anteils des Vaters hinweisen, anderseits gewisse infantile W üns ch e ' 
wie sie beispielsweise der kleine Hans in Freuds »Analyse der 
Phobie eines fünfjährigen Knaben« 2 äußert, nämlich in Identifizier 
rung mit der Mutter Kinder zu kriegen, zu wiederholen scheinen. 
Die manifeste Bedeutung des Vaters dünkt mir in manchen philo- 
sophischen Systemen von so überragender Bedeutung gegenüber 
der der Mutter zu sein, daß ihr wohl einige Bemerkungen ge- 
widmet werden müssen. Es ist vielleicht mehr als ein Zufall, daß 
so viele hervorragende Denker in Pfarrhäusern geboren wurden, 
eine sehr religiöse Erziehung genossen haben oder Theologen waren, 
ehe sie sich in Auflehnung gegen die religiöse und väterliche 
Autorität zur Unabhängigkeit des Geistes durchrangen. Auch jene 
mystische Stimmung, in die nicht selten diese Männer auf dem 
sich senkenden Stück Leben gerieten, wird begreiflich, wenn man 
bedenkt, daß das Alter, besonders bei unverheirateten Individuen, 
die Realübertragung zurücktreten und die infantilen Imagines 
regressiv wiederbeleben läßt. Vor den dräuenden Schatten des 
Todes flüchten sie wie einstmals als Kinder in den tiefsten Schoß 
des Friedens. 

Betrachtet man die Lebensgeschichte vieler Denker, so hat 
man wirklich den Eindruck, daß sie niemals von ihrem Vater» 
komplex — sei es in positivem oder negativem Verhalten — ganz 

1 Jung schreibt in seiner mehrfach zitierten hochbedeutsamen Arbeit 
»Wandlungen und Symbole der Libido«: »Ein Sohn darf natürlich denken, daß ein 
Vater ihn auf fleischlichem Wege erzeugt habe, nicht aber, daß er selber die Mutter 
befruchtet und so, sich selber gleich, zu neuer Jugend wiedergebaren lasse.« 
(Jahrb. IV, p. 269.) 

« Jahrb. I, p. 70/71. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 229 



losgekommen sind. Auf ihre negative Einstellung läßt sich bisweilen 
mit Recht der von einem französischen Soziologen geprägte Ausdruck 
»contre-imitation« anwenden. Die psychische Konstellierung durch 
den Vater kann sich nun auf die verschiedenste Art und Weise 
geltend machen. Entweder besteht die ambivalente Einstellung 
nebeneinander wie beispielsweise bei Descartes, der ein unab- 
hängiger Denker und zugleich ein ergebener Sohn der Kirche war, 
der im Lande der Freiheit, in Holland, lebte und jeden Meinungs- 
konflikt mit der Geistlichkeit ängstlich vermied 1 , oder sie verschmilzt 
zu eigenartigen Gestaltungen innerhalb des Systems. So kann dieses 
von charakteristischer Neuheit und Kühnheit sein und zugleich eine 
mystische Beziehung des Menschen zur Gottheit lehren. Ich darf 
hier wohl an Spinoza erinnern. Je stärker das konventionell- 
religiöse Moment bei einem solchen Denker betont erscheint, desto 
höher dürfen wir die Bedeutung der positiven Komponente der 
Vaterlibido gegenüber der negativen veranschlagen. Oder endlich die 
zwei Verhaltungsweisen lösen einander im Leben des Individuums 
ab,- die Abhängigkeit vom Vater wird sich in diesem Falle haupt- 
sächlich am Anfang und Ende des Lebens geltend machen. Fichte 
ist vielleicht der Vertreter eines solchen Typus. Es ist natürlich auch 
möglich, daß der Einfluß des Vaters schon frühzeitig und voll- 
ständig überwunden wurde, doch ist dies bei den Metaphysikern 
nicht eben wahrscheinlich. 

So interessant eine nähere Untersuchung der Mystiker und 
dann auch der Gnostiker wäre, in deren Lehre das sexuelle 
Fundament besonders unverhüllt durchschlägt, müssen wir doch des 
Raumes wegen davon absehen und begnügen uns nur mit der 
einen, aber, wie es scheint, nicht bedeutungslosen Bemerkung, daß 
alle Mystiker Masochisten* sind. Die alte passiv-homosexuelle Ein- 
stellung zum Vater, auf die möglicherweise dessen seinerzeitige 
Kastrationsandrohung von nachhaltiger Wirkung gewesen ist, kann 
sich in späteren Jahren im Rahmen eines Systems beispielsweise als 
Streben nach lustvollem Aufgehen im Absoluten 3 äußern. Die Ver- 
einigung 1 mit der Gottheit ist ja das Erlebnis und das zliel jedes 
Mystikers. Die Schleier heben sich, wenn man in den »Denk- 
würdigkeiten« des philosophischen Paranoikers Schreber liest, daß 
dieser von Gott entmannt und als Weib mißbraucht wurde. Natür- 
lich gehört das Verlangen des Mystikers und die Seh reber sehe 
Phantasie nicht demselben Dsychischen Niveau an. Der Mystiker 
gibt den ungeeignetsten Typus für eine nüchterne Tatsachen- 
forschung ab. Der Forscher hat — im Gegensatz auch zum 
Künstler — ein, man möchte sagen, feindliches, grausames Verhältnis 

1 Audi Leibniz gehört in diese Kategorie. 

2 Siehe auch die interessante Arbeit von O. Pfister, Hysterie und Mystik 
bei Margaretha Ebner. Zentralbl. f. Psychoan., I. Bd., 10/11. 

3 »Aber sich so verlieren, ist mehr sich finden« <Franciscus Ludovicus 

Blosius). 

* Die Berührung (änXoatg) des Absoluten! 



230 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



zur Außenwelt/ er will Macht, Herrschaft über die Dinge erlangen, 
und zwar durch Erkenntnis. »Wissen ist Macht« l . »Tantum possu= 
mus, quantum scimus.« Unter den Philosophen ist vor allem ein 
Bac'on, 2 ein Hegel zu nennen. Die eigentlichen Metaphysiker, die das 
Reich der Ahnungen mit Wunschmaterial ausbauen, sind dagegen wohl 
überwiegend Masochisten. Bezüglich der Gelehrten aber heißt es in 
Nietzsches Schrift »Schopenhauer als Erzieher« 3 : »Dazu füge 
man einen gewissen dialektischen Spür= und Spieltrieb, die jägerische 
Lust an verschmitzten Fuchsgängen des Gedankens, so daß nicht 
eigentlich die Wahrheit gesucht, sondern das Suchen gesucht wird 4 
und der Hauptgenuß in listigem Herumschleichen, Umzingeln, kunst^ 
mäßigem Abtöten besteht. Nun tritt noch der Trieb zum Widern 
spruch hinzu, die Persönlichkeit will, allen anderen entgegen, sich 
fühlen und fühlen lassen,- der Kampf wird zur Lust und der per^ 
sönliche Sieg ist das Ziel, während der Kampf um die Wahrheit 
nur der Vorwand ist« 

Man kann vielleicht geradezu die Philosophen in die zwei Typen 
des mystischen Masochisten und amystischen Sadisten — im Sinne 
einer vorläufigen Auskunft — einteilen. Bei dem ersten Typus dieser 
Gattung äußert sich die seinerzeitige Auflehnung gegen den Vater, 
dessen Überlegenheit man nicht mehr anerkannte, später in einer 
rücksichtslosen, unbefangenen Betrachtung der Dinge, eine Art ver=- 
feinerten Sadismus, eine gewisse intellektuelle Grausamkeit zeichnet 
diese Individuen aus. Sie gewähren dem Psychoanalytiker wegen des 
Vorherrschens des Realitätsprinzips weniger Interesse als der zweite 
Typus, dessen Denken in reicherem Maße nicht nur aus infantilen 
Quellen intensiv verstärkt, sondern ebenfalls material bestimmt ist. 
Um Mißverständnissen vorzubeugen, muß ich immer wieder bemerken, 
daß in Wirklichkeit die zwei eben skizzierten Typen nicht so scharf 
gegeneinander abgesetzt sind, wie ich es hier zu tun versucht habe, 

1 Vgl. Nietzsche über die Philosophen: »Ihr Wille zur Wahrheit ist 
Wille — zur Macht.« Der »Wille zur Macht« Nietzsches steht zwar in einer 
gewissen Beziehung zum Sadismus, ist aber mit ihm keineswegs identisch. Er Ist 
<nach einer mündlichen Äußerung des Wiener Philosophen Professor A. St oh r> 
eine gemeinsame Erscheinungsform aller Grundtriebe. Der Machtwille des einzelnen 
Triebes ist jedoch unseres Erachtens von dem Willen zur Macht des Individuums 
zu unterscheiden, der als Resultante eines bestimmten Verhältnisses der Triebe zu= 
einander gleichsinniges Zusammenwirken der konstitutionell verstärkten Triebe 
aktivitäten) die inhaltlichen Bestimmungen der betreffenden für das Individuum 
•charakteristischen Triebe gegenüber der formalen Eigentümlichkeit der Hemmungs= 
losigkeit, der Expansionssucht, der das fremde Individuum zur gleichgiltigen Sache 
wird, zurüdetreten läßt. Der Sadismus ist gewissermaßen als sexueller Repräsentant 
dieses »Willens zur Macht« anzusprechen. Wenn dem Fi cht eschen Ich die Welt 
das Material seiner Pflicht ist, so ist diese Welt dem »Willen zur Macht« ein 
Material seiner Machtgelüste. 

2 Nach O. Weininger eine Art Zauberer, Eroberer auf dem Gebiete der 
Wissenschaft. 

3 Nietzsches Werke, I. Bd., p. 455. Naumann, Leipzig 1903. 

* Vgl. Lessings Ausspruch, daß ihm mehr am Suchen der Wahrheit als 
an ihr selbst gelegen sei. Anmerk. d. Ref. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 231 



daß im Leben eines Denkers abwechselnd bald das eine, bald das 
andere Moment deutlicher vorklingen kann, daß ferner ja bekanntlich 
Sadismus und Masochismus nie ganz voneinander getrennt vor- 
kommen und sich schließlich von beiden Typen Fäden zu gemein- 
samen eigentümlichen Charakteren des Seelischen herüberspinnen. 

Über den Schautrieb und seine möglidie Beziehung zu Rationa- 
lismus und Mystik ist schon im ersten Teil der Arbeit in Ver- 
mutungen — und mehr können wir heute noch nicht geben — 
gesprochen worden. Wie wir bei diesem im einzelnen Fall einen 
Zusammenhang mit der infantilen Relation zum Vater (eventuell 
zu beiden Eltern) angenommen haben, so gilt das Gleiche auch vom 
Narzißmus <im geistigen Sinn), den wir als einen für die Philosophen 
wesentlichen Zug 1 anführen mußten. Nur die Funktionslust am 
Denken an und für sich erklärt jenen »Mißbrauch des Denkens«, 
der oft zu den abenteuerlichsten und unsinnigsten Spekulationen 
geführt hat. Die intellektuellen Operationen sind hier mit der Lust 
und Angst der eigentlichen Sexualvorgänge betont 3 . Die Überbesetzung 
des Denkens hat natürlich einen erhöhten Glauben an die Realität 
des Gedachten und eine Entwertung der transsubjektiven Wirklich- 
keit zur Folge. Die fortgesetzte Introversion kann einen völligen 
Abbruch der Beziehungen mit der Außenwelt bewirken. Das System, 
das in Anknüpfung an die Realität ein Ausleben uralter Komplexe 
ermöglicht, erinnert in bezug auf seine biologische Bedeutung bis- 
weilen an den mißlingenden kompensierenden Ubertragungsversucn 
mancher Geisteskranker im Aphelium ihrer Entfernung von der 
Außenwelt, wo ihnen die Abspaltung bewußt zu werden vermag. 
Betreffs des geistigen Narzißmus der Denker wage ich die Bemer- 
kung, daß der Übergang des Narzißmus vom Objekt auf die 
Funktion vielleicht die Brücke zur Sublimierung bildet. Die »Re- 
pression von Handeln aufs Denken« sowie einige andere, teilweise 
noch anzuführende Charaktere der Philosophen erinnern in so auf- 
fälliger Weise an Symptome der Zwangsneurose, daß man nicht 
umhin kann, die meisten Philosophen in die Nähe jenes Typus, den 
Freud als »Zwangstypus« bezeichnet, zu stellen. Der genannte 
Forscher hat in seinen tief schürfenden »Bemerkungen über einen 
Fall von Zwangsneurose« der Verdrängung des infantilen Hasses 
gegen den Vater die allergrößte Bedeutung für den Aufbau dieser 
Neurose zugesprochen. Der auf intellektuelle Probleme diffundierende 
Zweifel ist eigentlich der Zweifel an der Liebe die durch einen 
eben so starken Haß im Unbewußten gebunden wird. Das 

1 Fichte ist ein besonders schönes Beispiel dafür, der das Ich und die Er- 
kenntnis desselben in den Mittelpunkt der Weltbetrachtung stellt. 

» Vielleicht liegt darin eine Quelle der Behauptung einer Verwandtschaft 
zwischen Erkennen und Zeugen, welch letztere von Franz v. Baader in merk- 
würdiger Weise dargetan wurde. Selbstverständlich ist die Gegensatzrelation im 
Unbewußten auch an der Herstellung dieser Beziehung beteiligt. 

3 Vgl. j. Nelken, Analyt. Beobachtungen über Phantasien eines Schizo- 
phrenen. Jahrb. IV. 



232 Alfr. Frh. v. Winterstein 



stimmt sehr gut zu dem, was ich früher über die Bedeutung 
des Vaters für das Schicksal des Philosophen gesagt habe, und 
wenn wir mit Stekel den Zweifel einen negativen Glauben 1 
nennen wollen, verstehen wir auch das oft ein Leben lang währende 
Schwanken zwischen Atheismus und Glauben 2 und die endliche 
Flucht in die Religion. Das frühzeitige Auftreten des sexuellen 
Schau- und Wißtriebes sowie die Ausbildung der sadistischen 
Komponente 3 würden als von Freud festgestellte Eigentümliche 
keiten der Zwangskranken das Material für die oben erörterten 
Sublimierungen ergeben. Wenn Freud ferner hervorhebt, daß 
die Zwangshandlungen sich immer mehr, und je länger das 
Leiden dauert, infantilen Sexualhandlungen autoerotischen Charakters 
nähern, ist vielleicht im Rahmen dieser Krankheit auch Platz für den 
von uns so oft herangezogenen Narzißmus. Die ziemlich gleich= 
lautenden Aussprüche Äugustins und Descartes 4 , daß 'sie erst 
im Zweifel ihrer Existenz gewiß geworden seien, weisen offenbar 
auf die libidinöse Überbesetzung des Denkaktes hin, dem die sonst 
den Inhalten des Denkens gewidmete Lust und Angst verliehen 
wird. Wer den Aberglauben und das Phänomen des Todes in seiner 
Bedeutung für die Zwangsneurotiker kennen gelernt hat, wird auf= 
merksam, wenn Schopenhauer das Todesproblem 5 an den Ein= 
gang der Philosophie stellt. Ich weiß nun sehr genau, daß der Tod 
einerseits auch Nichtneurotiker zu philosophischen Betrachtungen an* 
regen kann, anderseits der Tod allein die Menschen nicht zur PhU 
losophie veranlaßt haben wird. Das »^av^d^siv« '', die Verwunderung 
über alles, in der Aristoteles die Quelle des Philosophierens 
erblickt, mahnt hinwiederum an den Verstehzwang, an die Vorliebe 
der Kranken für die Unsicherheit und den Zweifel. Auch der Philo* 
soph beschäftigt sich mit Problemen, die einer gesicherten Lösung 
widerstreben, so z. B. mit dem Ursprung der Welt und ähnlichen 
ihrer Natur nach schwebenden Fragen. Gewissermaßen als Ersatz 
für die fehlende Einsicht in die Determinierung des Innern regt sich 
bei Denkern und Zwangsneurotikern ein erhöhtes Kausalitätsbedürfnis 
der Außenwelt gegenüber, das mit treffender Anschaulichkeit, wenn 
auch in pathologischer Verzerrung, von Seh reber beschrieben worden 

1 »Ist doch der Glaube nur das Gefühl der Eintracht mit dir selbst.« Grille 
parzer. 

3 Auch Schreber war seiner eigenen Aussage nach vor Ausbruch seiner 
Krankheit ein Zweifler. 

3 Nach späteren Untersuchungen dürfte gleichfalls der Analerotik eine gewisse 
Bedeutung für die Zwangsneurose zukommen. 

4 Aus den vonBaillet <l.c, p. 81ff.> mitgeteilten Träumen des dreiundzwanzig^ 
jährigen Descartes geht das innere Schwanken des Philosophen zur Evidenz hervor. 

s Die Welt als Wille und Vorstellung, II., 4. Buch, 41. Kap.: »Der Tod 
ist der eigentliche inspirierende Genius oder der Musaget der Philosophie, weshalb 
Sokrates diese auch flavdrov ^ie?.£xr] definiert hat. Schwerlich sogar würde auch, 
ohne den Tod, philosophiert werden.« 

Aristoteles, Metaphysik: >Aiä yäg xö üavßä&iv ol äv&Qomoi Kai vvv 
■Aal xö hq&xov fig^avzo (pi?.oao<fiiv<. 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 233 



ist <1. c, p. 229>: »Gerade das zusammenhanglose Hineinwerfen 
der das Kausalitätsbedürfnis oder irgendwelche andere Beziehung 
ausdruckenden Konjunktionen in meine Nerven <warum nur usw.> 
hat mich zum Nachdenken über viele Dinge genötigt, an denen der 
Mensch sonst achtlos vorüberzugehen pflegt und dadurch zur Ver- 
tiefung meines Denkens beigetragen. Jede Vornahme irgendeiner 
menschlichen Tätigkeit in meiner Nähe, die ich sehe, jede Natur- 
Betrachtung im Garten oder von meinem Fenster aus regt gewisse 
Gedanken in mir an,- höre ich dann in zeitlichem Anschlüsse an diese 
Gedankenentwicklung ein in meine Nerven hineingesprochenes , Warum 
nur?' — so bin ich dadurch genötigt oder mindestens in ungleich 
höherem Grade, als andere Menschen veranlaßt, über den Grund 
oder Zweck der betreffenden Erscheinungen nachzudenken.« 

Und dieses Kausalitätsbedürfnis konstruiert sich — gleichsam 
als späte Wunscherfüllung für den unabschließbaren Charakter der 
Kinderforschung — beim Philosophen ein in sich geschlossenes 
System, wo die Beantwortung jeder quälenden Frage ihren Platz 
findet, eine Zufluchtsstätte der Sicherheit und Beruhigung. 

In Parenthese merke ich an, daß die pythagoräische Tafel 
der Gegensätze <die assyrisch-babylonischen Ursprungs ist) vielleicht 
denselben Zweck verfolgt,- gewissermaßen: Tertium non datur. Sie 
enthält unter anderem die Gegenüberstellung von Rechts und Links, 
Männlich und Weiblich, Licht und Finsternis, Gut und Böse und 
bringt die »antithetische Einheitsbeziehung zwischen Vorstellung und 
Gegenvorstellung« <Lipps> zum Ausdruck. Diese uns auch aus der 
Traumsymbolik <z. B. linker Weg — Weg des Unrechts) und dem 
Folklore geläufigen Entsprechungen finden sich zumTeil in der Zeugungs- 
theorie des Parmenides wieder, wo der männliche und weibliche 
Charakter des Individuums von der Lage des Embryo im Mutter* 
leib — ob rechts oder links — abhängig gemacht wird 1 . 

Von Freud ist die frühzeitige Scheidung der Gegensätze von 
Liebe und Haß beim Individuum als eine Bedingung der Ent- 
stehung der Zwangsneurose angesprochen worden. Die durch Ver- 
schiebung allgemein gewordene und durch den Zweifel stets lebendig 
erhaltene Empfindung »des scharfen Widerspruchs, des unerbitt- 
lichen Entweder-Oder« mag denkbarerweise ihren Anteil an der 
Errichtung der pythagoräischen Tafel der Gegensätze 2 haben. 

1 Der Biologe Fließ erblickt in der linken Hand den Index des Gegen- 
geschlechtlichen. Nach desselben Ansicht liegt, wie schon früher erwähnt, das 
Wesen des Genies im Hermaphroditischen,- das Werk ist ein Produkt der inneren 
Befruchtung des Bisexuellen. Vielleicht ist die »Sehnsucht, sich selbst zu gebären«, 
von der in einer j. Böhme nachempfundenen Schrift Schellings die Rede ist, 
ein Ausdruck dieser biologischen Verhältnisse. Schreber spricht auf p. 4 seiner 
Denkwürdigkeiten« eine hieher gehörige Beobachtung aus. Die Schule der Züricher 
Psychoanalytiker würde die Vorstellung der Selbstgeburt in Analogie mit den 
Vorstellungen vom Sterben und Wiedergeborenwerden wohl als den bloß mit 
archaischen Mitteln dargestellten Begriff von Umwandlung und Entwicklung auffassen. 

1 Vgl. die große Bedeutung des Gefühls für Symmetrie bei Kant, der sicher- 
lich dem Zwangstypus angehörte. 



234 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



Wer diese Verquickung von philosophischem Denker und 
Zwangskranken unangenehm und ungerechtfertigt findet, soll nicht 
außer acht lassen, daß einerseits schon einem gewöhnlichen Zwangs* 
neurotiker im Durchschnitt eine ziemlich große intellektuelle Begabung 
zugesprochen werden muß, anderseits der Denkzwang 1 — gute 
geistige Fähigkeiten vorausgesetzt — zu Resultaten führen kann, 
über deren Wert und Giltigkeit ihre Genese ja nicht ent* 
scheiden darr. 

Wenn ich vorhin einen sadistischen und masochistischen Typus 
beim Philosophen unterschied, so gilt für diese und für andere ahn* 
liehe Einteilungen der Satz, daß die Typen in Wirklichkeit nicht so 
streng voneinander getrennt sind, daß nur ein Mehr oder Weniger 
betont werden soll, daß mit einem Wort die Wissenschaft die Dinge 
einfacher sieht, als es der vielfachen Verschlungenheit und Kompli* 
kation der Erscheinungen entspricht. Auch der nüchterne Forscher 
wird nicht ganz frei von den Einwirkungen persönlicher Komplexe 
bleiben, so gut der mythologische Denker sich in den Schöpfungen 
seiner Phantasie nicht völlig vom Boden der Realität zu entfernen 
braucht. Mindestens den Wert des Psychologisch*Realen wird er 
für sein Werk beanspruchen dürfen. Wir wollen freilich nicht so 
weit wie Feuerbach gehen, dem alle Theologie und Philosophie 
nur Psychologie ist,- das müßte erst streng bewiesen werden. Die 
Psychoanalyse kann — um einen Einwand H. Höffdings 2 gegen 
Feuerbachs Religionsphilosophie modifiziert wiederzugeben — alle 
philosophischen Vorstellungen als psychologische Erzeugnisse er* 
klären,- daß sie aber wirklich nichts anderes und nicht mehr sein 
sollten, läßt sich nicht beweisen. Es ließe sich die Realität einer 

f)hilosophischen Idee denken, die dem tiefsten Trachten des mensch* 
ichen Gemüts entsprungen wäre. Ob hinter dieser Denkbarkeit sich 
allerdings nicht bloß ein schüchterner Wunsch verbirgt, ist nicht 
auszumachen. 

Ohne uns in eine Diskussion über den Anspruch auf objek- 
tiven Wert, der von der oder jener Weltauffassung erhoben werden 
könnte, einzulassen, stellen wir fest, daß viele Weltanschauungen 
Libidotheorien zu sein scheinen, die sich entweder als verschobene 
Bearbeitungen psychoanalytischer Erkenntnisse darstellen oder mit 
den Ergebnissen der Psychoanalyse direkt übereinstimmen. 

Es sei mir an dieser Stelle, bevor ich zu den Schlußgedanken 
übergehe, gestattet, in Form einer kleinen Einschiebung dem philo* 
sophischen Optimismus und Pessimismus einige wenige Betrach* 
tungen zu widmen. Man hat hier weit klarer als in anderen Fällen 
schon lange erkannt, daß ein philosophisches System, das sich auf 

1 Freud, I. c. p. 417: »Der Zwang ist ein Versuch zur Kompensation 
des Zweifels und zur Korrektur der unerträglichen Hemmungszustände, von denen 
der Zweifel Zeugnis ablegt.« 

2 H. Höffding, Geschichte der neueren Philosophie, II. Bd., Leipzig 1906, 
P . 311. 



* 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 235 



einer bestimmten Wertschätzung des Lebens autbaut, nur »der 
kosmische Ausdrudi eines bestimmten Temperamentes« ist. Nietz- 
sche* hat das Entscheidende gesagt: »Urteile, Werturteile über 
das Leben, für oder wider, können zuletzt niemals wahr sein: sie 
haben nur Wert als Symptome, sie kommen nur als oymptome in 
Betracht - an sich sind solche Urteile Dummheiten. Man muß 
durchaus seine Finger danach ausstrecken und den V ersuch machen, 
diese erstaunliche Finesse zu fassen, daß der Wert des Lebens 
nicht abgeschätzt werden kann. Von einem Lebenden nicht, weil ein 
solcher Partei, ja sogar Streitobjekt ist und nicht Richter,- von einem 
Toten nicht, aus einem anderen Grunde. Von selten eines Philo- 
sophen im Wert des Lebens ein Problem sehen, bleibt dergesta t 
sogar ein Einwurf gegen ihn, ein Fragezeichen an seiner Weisheit, 

eine Unweisheit.« .. c , 

Wenn sich auch eine Weltanschauung wie die Schopen- 
hauers die das Lebensgefühl eines einzelnen zu dem der ganzen 
Welt macht, gewiß nicht auf objektive Wahrheit berufen kann, so 
darf doch nicht verkannt werden, daß sein radikaler Pessimismus 
dazu beigetragen hat, gewisse uns manchmal abgewendete Facetten 
des Daseins in einem deutlicheren Lichte zu erb heken. Daß der 
Weltschmerz fast stets mit einer ganz bestimmten Lib.dokonstellation 
(Unfähigkeit zur Realübertragung, Fälle der Versagung, Unmöglich- 
keit der Befriedigung auf den bereits eröffneten Bahnen mfolge einer 
allgemeinen Libidosteigerung) einhergeht, ist wohl ™dent^ndes , ein 
übertriebener Optimismus stark an die Euphorie von Manischen 

* f 2 

" nnne im weiten Umkreise unserer Untersuchung konnten wir vor 
allem zwei Dinge in den Mittelpunkt stellen: den geistigen Narziß- 
mus der Philosophen und ihr Verhältnis zu den Eltern, jener ist 
ein doppelter: einerseits wird die oft zwangsmäßig 3 ausgeübte 
Denkfunktion förmlich zu einer autoerotischen Handlung, Jr Phi- 
losoph betrachtet mit Lust sein Denken, das bisweilen bloß um 
seinetwillen betrieben wird, unbekümmert um Erfahrung und Inhalt 
- wir haben traurige Beispiele dafür. Anderseits spiegelt sich der 
Denker im Kosmos? das Tiefste, was ihm von außen entgegen- 
tritt, wiederholt nur seine eigene innerste Natur, aber er erkennt es 

> Götzendämmerung, p. 69, Naumann, Leipzig 1895. 

■ hl der .Säurt der Tragödie usw.« wirft Nietzsche d,e Frage : auf : 
»I« Pessmismus notwendig ein Zeichen ?es Niedergangs Verfalls des M.ßraten. 
seins, der ermüdeten und geschwächten Instinkte? - Wie er es bei den Ind rn 
war/wie er es, allem Anschein nach, bei uns, den modernen iNnte und 
Europäern ist? Gibt es einen Pessimismus der Starke?« Vielleicht gehört die 
Schwermut der Jugend hieher, die auf einer aus äußeren oder inneren Gründen 
stattfindenden Triebstauung beruhen dürfte. Vgl. auch Nietzsches Ausspruch. 
»Carlyle: der Pessimist oder das zurückgetretene Mittagessen.« In dieser witzigen 
Form ist die physische Verursachung des Pessimismus gekennzeichnet. 

» Freud erblickt im Denkzwang häufig eine Reaktion gegen die Drohung 
oder Befürchtung, man werde durch sexuelle Betätigung, speziell durch Onanie, 
den Verstand verlieren. Vgl. die Arbeit über Schreber. 



236 



Alfr. Frh. v. Winterstein 



nicht als solche, sofern er nicht zuerst den umgekehrten Weg nach 
innen geschritten ist. Dann glaubt er, im Abgrund des Gemüts den 
Kern der Natur 1 entdeckt zu haben. 

Es ist das Verdienst des deutschen Volkes, nachdrücklich in 
jene Richtung gewiesen zu haben, aber die Frage wird wohl kaum 
je von der Philosophie beantwortet werden können, ob der Mittel^ 
punkt unseres Wesens wirklich eins sei mit dem, »was die Welt 
im Innersten zusammenhält«. Von unserem nicht egozentrischen 
Standpunkte aus möchten wir diese Lösung eher verneinen. 

Die Bedeutung der Eltern, namentlich des Vaters, scheint für 
das Schicksal des Metaphysikers von maßgebendstem Einflüsse zu 
sein. Die an die Eltern gerichtete Frage nach der Herkunft des 
kleinen Menschenkindes wiederholt der Erwachsene, wenn er sich 
an die Natur wendet, um das Geheimnis ihres Daseins zu er= 
forschen 2 und die Allmacht des Vaters überträgt er auf Gott, den 
er die Welt erschaffen läßt. Auch der Glaube an die Allmacht der 
Gedanken, hinter dem ein Stück kindlichen Größenwahns steckt, 
wird auf Gott projiziert. So heißt es bei Leibniz: »Dum deus 
calculat, fit mundus.« Im Erkennen des göttlichen Urgrundes liegt 
eine Art Vereinigung und das tiefste Streben des Denkers geht 
dahin, sich in den »Schoß des weltenschwangeren Nichts« 3 , des 
Einen, des Absoluten zu retten. Der von den Eltern ausgeübte 
Bann zeigt sich vielleicht auch noch in der Ehelosigkeit der meisten 
Philosophen,- in diesen Zusammenhang gehört gleichfalls die »Re= 
gression vom Handeln auf's Denken«. »Primum vivere, deinde 
philosophari« — einige aber haben von vornherein auf das Leben 
verzichten und grübeln müssen 1 . 

Damit wird keine Abdankung der Metaphysik verkündigt. Sie 
ist eine not wendige Erscheinung des menschlichen Geistes und wenn 

1 Goethe: »Ist nicht der Kern der Natur Menschen im Herzen ?« 
1 In einem »Philosoph« überschriebenen Gedichte von Fr. Langheinrich, 
das sich auf die beigegebene Radierung von Klinger bezieht, heißt es: 
»Natur, wie hab ich tief vor dir gekniet, 
Das dumpfe Haupt an deine Brust versunken: 
/Trink', sprachst du, ,daß dein Auge Klarheit sieht', 
Und Licht und Wunder hat mein Mund getrunken. 

Nun lehre mich, warum dies Dasein glüht, 

Die Seele, Mutter, gib mir deine Seele!« 
Die Aufklärung über das Sexualgeheimnis kann eventuell auch eine 
praktische sein. »Wenn dann,« schreibt Novalis in den ,Lehrlingen zu Sais', 
»jenes mächtige Gefühl, wofür die Sprache keine anderen Namen als Liebe und 
Wollust hat, sich in ihm ausdehnt, wie ein gewaltiger, alles auflösender Dunst 
und er bebend in süßer Angst in den dunkeln lockenden Schoß der 
Natur versinkt, die arme Persönlichkeit in den überschlagenden Wogen der Lust 
sich verzehrt und nichts als ein Brennpunkt der unermeßlichen Zeugungskraft, ein 
verschluckender Wirbel im großen Ozean übrig bleibt!« 

3 Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, II. Bd., 4. Kap. 4t. 
— Was als Vergleich gebraucht wird, ist hier das psychisch Zugrundeliegende. 

4 Schopenhauer, »Das Leben ist eine mißliche Sache,- ich habe mir vor= 
genommen, das meine mit dem Nachdenken darüber zuzubringen.« 



Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie 237 



sich auch ihre Anhänger über die Tragweite der dort gegebenen 
Aufschlüsse wahrscheinlich Täuschungen hingeben, sofern sie in 
ihnen objektive Wahrheiten erblicken, so ist anderseits nicht zu 
leugnen, daß wir durch die Weltanschauungen der Philosophen eine 
höchst wirksame Förderung in psychologischer Hinsicht erfahren, 
indem jene Schöpfer, oft mehr geniale Künstler als Forscher, be- 
deutsame Einsichten in unser eigenes Unbewußtes symbolisch zum 
Ausdruck gebracht haben. Gleichwie Feuerbach gegenüber Voltaire 
in der Auffassung der Religion einen Fortschritt darstellt, indem er 
die festgestellte Subjektivität religiöser Dogmen zu einer Verherr* 
lichung der menschlichen Natur benützt hat, werden wir in dem 
Umstände, daß der Philosoph sein Weltbild in Übereinstimmung 
mit unbewußten Kräften des eigenen Gemüts zusammenschaut, nur 
einen verstärkten Antrieb sehen, die Schöpferkraft der menschlichen 
Phantasie zu bewundern. Und bei aller Ähnlichkeit, die viele philo* 
sophische Systeme mit den kunstvollen Konstruktionen beispiels- 
weise der Paranoia auch aufweisen mögen, dürfen wir nicht das 
Spezifisch-Differenzierende gegenüber neurotischen und psy- 
chotischen Erscheinungen außer acht lassen: ich meine ganz all- 
gemein die intellektuelle Blendung, deren Vorbild die von Freud 
so genannte sekundäre Traumbearbeitung l ist. Je feiner und reicher 
die im Ichtrieb vorhandenen Anlagen des Individuums entwickelt 
sind und je größer seine Realitätsanpassung ist, umso starker treten 
in der Fassade eines philosophischen Gebäudes die subhminalen 
Mächte, die am Werke tätig waren und deren verhüllter Äußerung 
jene Fassade zunächst dienen sollte, zurüdt und das (jebaude 
erhält, gewissermaßen nach dem Gesetz der Heterogonie der 
Zwedve <Wundt>, eine seiner ursprünglichen Bestimmung fremde, 
selbständige Bedeutung. 

i Freud versteht darunter die in ihrem Ausmaß inkonstante Über- 
arbeitung des Trauminhalts durch das zum Teil geweckte Wachdenken wahrend 
der Traumbildung. Vgl. Traumdeutung, 2. Aufl., p. 302 ff.